—x—— 12 — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„—„ 3„—„ 4„—. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Laden erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene r defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. eeee 1 7 6 1 5 3— K Ho. ſe 3 ſ ſ 4 8 4L 4 4 — e— — Die Wölſinnen von Machecoul. Epiſode aus dem Krieg der Vendée im Jahr 1832 von Alexander Dumas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Büchele. Zweiter Band. —enn Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung⸗ 1858. 1 ½ 2 2△ — 4 8 — Druck der K. Hofbuchdruckerei Zu Guttenberg in Stuttgart. ——— ——,———„ ᷣ— XIX. Der Markt von Montaigu. Die ausbrechende Gährung im Weſten Frank⸗ reichs traf die Regierung nicht unvorbereitet. Die politiſche Treue und Redlichkeit war zu lau geworden, als daß eine Inſurrection, welche ſich über ein ſo großes Gebiet erſtreckte, als daß ein Complott, welches jo viele Verſchworene vorausſetzte, lange Zeit ein Geheimniß blieb. Lang vor dem Erſcheinen von Madame an der Küſte von Marſeille war man in Paris über die ſich vorbereitende Bewegung unterrichtet geweſen; Maß⸗ regeln zu ſchneller und kräftiger Unterdrückung der⸗ ſelben waren beſprochen worden; im Augenblick, wo es offenbar wurde, daß die Prinzeſſin ſich nach den weſtlichen Provinzen gewendet hatte, handelte es ſich nur darum, ſie in Ausführung zu bringen, die Leitung davon zuverläſſigen und geſchickten Männern anzuvertrauen. Die Departements, deren Erhebung man fürchtete, waren in ebenſo viel militäriſche Arrondiſſements eingetheilt, als ſie Unterpräfecturen zählten. Jedes dieſer Arrondiſſements, von einem Batail⸗ lons⸗Chef befehligt, war der Mittelpunkt mehrerer 1 ſekundärer Cantonnirungen, die von Kapitänen be⸗ fehligt wurden; um ſie zogen ſich noch ſchwächere, von Lieutenants oder Unterlieutenants befehligte Detachements, welche als Hauptwache dienten und ſoweit als die Leichtigkeit der Communicationen nicht darunter litt, in's Innere der Gegenden vorge⸗ ſchoben wurden. Montaigu, im Arrondiſſement von Cliſſon gele⸗ gen, hatte ſeine Garniſon, die aus einer Compagnie des 32ſten Linienregiments beſtand. An dem Tage, wo ſich die eben erzählten Ereig⸗ niſſe zutrugen, war dieſe Garniſon durch zwei Bri⸗ gaden Gendarmerie, die Morgens von Nantes ankamen, und durch zwanzig Jäger zu Pferd ver⸗ ſtärkt worden. Die berittenen Jäger hatten einem General der Garniſon von Nantes, welcher zur Inſpection der Detachements eine Rundreiſe machte, zur Eſcorte gedient.— Der General war Dermoncourt. Als die Inſpection der Garniſon von Montaigu vorüber war, dachte Dermoncourt, ein alter ebenſo intelligenter, als energiſcher Soldat, es würde nicht unpaſſend ſein, auch eine Inſpection derer vorzu⸗ nehmen, welche er ſeine alten Freunde, die Vendéer nannte, und welche er in ſo dicht gedrängten Reihen auf dem Platze und in den Straßen von Montaigu geſehen hatte. Er entledigte ſich alſo ſeiner Uniform, legte bürgerliche Kleidung an und begab ſich mitten unter die Menge, begleitet von einem Mitgliede der Civil⸗ 5— 15— —,,— —— △ ⏑ ☛ 8— 8—— 0O A— S 2—. 1 B N N —₰ N 5 Verwaltung, welches ſich zu gleicher Zeit mit ihm zu Montaigu befand. Wiewohl immer düſter, blieb die Haltung des Volks doch ruhig. Die Haufen öffneten ſich, um den beiden Herrn Platz zu machen, und wiewohl die martialiſche Tournure des Generals, ſein dichter ſchwarzer Schnurrbart, ſein narbenbedecktes Geſicht ihn der ſcharfen Neugierde der Menge kennbar und ſeine Verkleidung beinahe unnütz machten, ſo wurde doch weder durch Geſchrei, noch feindliche Kundgebung ſein Spaziergang auffällig bezeichnet. „Ei, ei,“ ſprach der General,„meine alten Freunde, die Vendéer haben ſich nicht ſehr verändert, und ich finde ſie wieder ebenſo wenig mittheilſam, als ich ſie vor bald achtunddreißig Jahren verlaſſen habe.“ „Es ſcheint mir eine Gleichgültigkeit von guter Vorbedeutung,“ bemerkte der Civilbeamte mit wich⸗ tigem Ton.„Die beiden Monate, die ich eben in Paris zubrachte und während derer es jeden Tag einen Volksauflauf gab, haben mir einige Erfahrung in dergleichen Dingen verſchafft und ich glaube ver⸗ ſichern zu können, daß das hier nicht die Bewe⸗ gungen eines Volkes ſind, das ſich zu einer Inſur⸗ rection vorbereitet. Sehen Sie doch, mein lieber General, wenig oder keine Gruppen, nicht ein ein⸗ ziger Redner im Freien; kein Leben, kein Lärm, vollkommene Ruhe. Gehen Sie doch! Dieſe Leute denken an ihren Kleinverkehr und an nichts Anderes; dafür ſtehe ich Ihnen.“ „Sie haben Recht, mein werther Herr, und ich bin vollkommen Ihrer Meinung: dieſe braven Leute, 6— —— . „ — wie Sie dieſelben nennen, denken durchaus nur an ihren Kleinverkehr; aber dieſer Verkehr iſt die vor⸗ theilhafteſte Art, die Bleikugeln und Säbelklingen einzeln abzuſetzen, welche für den Augenblick die Hauptwaare der Buden bilden und welche ſie ſo bald als möglich an uns zu verſuchen die Erwartung hegen.“ „Glauben Sie?“ „Ich glaube es nicht, ich bin deſſen gewiß. Fehlte zu großem Glück für uns das religiöſe Ele⸗ ment bei dieſer neuen Schilderhebung nicht, und ließe mich nicht denken, daß dieſelbe keine allgemeine ſein kann, ſo würde ich Ihnen kühn antworten, daß es nicht einen von den Schelmen, die Sie hier in grobem Wollenwamms, in Leinenhoſen und Holz⸗ ſchuhen ſehen, gibt, der nicht ſeinen Poſten, ſeinen Rang, ſeine Nummer in den Inſurrections⸗Bataillo⸗ nen hat.“ „Wie, auch dieſe Bettler?“ „Ja dieſe Bettler insbeſondere. Was dieſen Krieg charakteriſirt, mein werther Herr, iſt der Um⸗ ſtand, daß wir es mit einem Feind zu thun haben, der überall und nirgends iſt. Sie ſuchen ihn und bemerken nur einen Bauern, wie dieſe hier, der Sie grüßt, einen Bettler, der Ihnen die Hand ent⸗ gegenſtreckt, einen Hauſirkrämer, der Ihnen ſeine Waare anbietet, einen Muſikanten, der Ihnen mit ſeiner Trompete die Ohren zerreißt, einen Charla⸗ tan, der Ihnen ſeine elenden Heilmittel anpreist, einen Hirten, der Ihnen zulächelt, eine Mutter, die auf der Schwelle ihrer Hütte ihr Kind ſäugt, einen vollkommen ehrlichen, vollkommen harmloſen Buſch, der ſich über den Weg herein neigt. Sie gehen A. 7 ohne Mißtrauen vorbei, nun! der Bauer, Hirt, Bettler, Muſikant, Charlatan, Hauſirer ſind ebenſo viele Gegner; der Buſch ſelbſt iſt einer. Die Ei⸗ nen, unter dem Ginſter kampirend, werden Ihnen wie Ihr Schatten folgen, ihr Handwerk als uner⸗ müdliche Spione erfüllen, und bei dem geringſten verdächtigen Manöver diejenigen, welchen Sie nach⸗ ſtellen, lang ehe man ihnen auf den Hals kommen kann, warnen; die Andern werden in einem Graben, unter den Brombeerſträuchen, in einer Furche, un⸗ ter dem Gras des Brachfeldes eine lange, roſtige Flinte aufgerafft haben, und, wenn es mit Ihnen der Mühe werth iſt, Ihnen folgen, gleich den Er⸗ ſten, bis ſie die Gelegenheit gut und die Partie günſtig finden. Sie ſind ſehr geizig mit ihrem Pul⸗ ver. Der Buſch ſchickt Ihnen eine Flintenkugel zu, und geſchieht es glücklicher Weiſe für Sie, daß der Buſch ſeine Ziel verfehlt, und unterſuchen Sie die Tiefen, ſo finden Sie nichts als einen Buſch, das heißt, Zweige, Dornen und Blätter. So harmlos ſind die Leute in dieſem Lande, mein werther Herr.“ „Uebertreiben Sie nicht ein wenig, mein guter General?“ fragte der Civilbeamte, mit einem Lächeln des Zweifels. „Pardieu! wir können die Erfahrung davon machen, Herr Unterpräfect; wir befinden uns da mitten unter einem friedlichen Haufen. Wir haben nichts um uns als Franzoſenfreunde, Landsleute; nun, laſſen Sie nur einmal einen dieſer Leute feſt⸗ nehmen.“ „Was würde geſchehen, wenn ich ihn feſtnähme?“ „Es würde geſchehen, daß einer von denen, die —A wir nicht kennen, vielleicht dieſer Burſche da in dem blauen Wamms, vielleicht dieſer Bettler, der mit ſo gutem Appetit auf jener Thürſchwelle ißt, und in dem ſich, aufrecht, ein Jambes⸗d'Argent Bras⸗de⸗ Fer*) oder irgend ein anderer Häuptling der Bande finden könnte, aufſtände und ein Zeichen machte; daß auf dieſes Zeichen die zwölf oder fünfzehnhun⸗ dert Stöcke, die da herumlaufen, ſich über unſern Köpfen erhöben, und ehe meine Escorte uns zu Hülfe käme, wir wie zwei Getreidegarben unter dem Dreſchflegel zerſchlagen wären. Sie ſcheinen mir nicht überzeugt. Nun ernſtlich, machen Sie ſelbſt die Erfahrung.“ „Wahrhaftig! ja, ich glaube Ihnen, General,“ rief der Unterpräfect lebhaft;„keinen ſchlechten Spaß, zum Teufel. Seitdem Sie mich über deren Abſichten aufgeklärt haben, ſcheinen mir alle dieſe Geſichter um die Hälfte finſterer geworden; ich finde eine wahre Schurkenmiene an ihnen.“ „Nun wohl! es ſind brave Leute, ſehr brave Leute; nur muß man ſie zu faſſen wiſſen, und un⸗ glücklicher Weiſe iſt das nicht allen gegeben, die man zu ihnen ſchickt,“ ſagte der General mit ſchlauem Lächeln.„Wollen Sie jetzt ein Muſter von ihrer Unterhaltung haben? Sie ſind oder waren Advokat oder mußten es geweſen ſein. Ich wette, daß Sie nie unter Ihren Collegen einem Schelm begegnet ſind, der ſo geſchickt war, mit Worten nichts zu ſagen, wie dieſe Leute hier.“ „He, Burſche!“ fuhr der General fort, ſich an *) Silberbein, Eiſenarm. — A einen Bauern von fünfunddreißig bis vierzig Jah⸗ ren wendend, welcher ſich in ihrer Nähe befand, während er einen Brotkuchen in ſeiner Hand neugie⸗ rig unterſuchte;„he, Burſche, zeigt mir einmal an, wo man dieſe ſchönen Kuchen verkauft, die Ihr da habt, und deren bloßes Ausſehen mich lüſtern macht.“ „Man verkauft ſie nicht, mein Herr, man ſchenkt ſie.“ „So, ſo! das beſtimmt mich eben, ich will einen davon.“ „Es iſt ſehr ſonderbar,“ bemerkte der Bauer; „es iſt ebenſo ſonderbar, daß man gute Kuchen von ſchönen Korn herſchenkt, die man ſo gut verkaufen önnte.“ „Ja, das iſt ziemlich ſonderbar, aber nicht we⸗ niger, daß das erſte Individuum, auf welches wir ſtoßen, nicht allein auf unſere Fragen antwortet, ſondern denen, welche wir an ihn richten könnten, noch zuvorkommt. Zeigt mir doch Euren Kuchen, mein braver Mann!“ Der General unterſuchte nun ſeinerſeits den Gegenſtand, welchen ihm der Bauer überreichte. Es war ein einfacher Kuchen von Mehl und Milch; nur hatte man vor dem Backen mit einem Meſſer ein Kreuz und vier parallele Striche auf die Kruſte gemacht. 3 „Teufel! aber man hat nur um ſo mehr Ge⸗ fallen daran, ein ſolches Geſchenk zu erhalten, wel⸗ ches das Nützliche mit dem Angenehmen vereinigt; das muß ein Rebus ſein, dieſe hübſche kleine Zeich⸗ nung. Sagt mir doch, mein braver Mann, wer hat Euch dieſen Kuchen geſchenkt?“ „Man hat mir ihn nicht geſchenkt, man traut mir nicht.“— „Ahl Ihr ſeid ein Patriot?“ „Ich bin Maire in meiner Gemeinde, ich halte zur Regierung. Ich ſah, wie eine Frau dergleichen an die Leute von Machecoul vertheilte, und dieß, ohne daß man ſie begehrte, ohne daß man ihr etwas dafür anbot. Da habe ich ſie denn gebeten, mir einen zu verkaufen; ſie wagte nicht, es mir abzuſchlagen. Ich nahm zwei davon; einen habe ich vor ihr gegeſſen, und den andern hier in meine Taſche geſteckt.“ „Und wollt Ihr mir denſelben abtreten, mein braver Mann? Ich ſammle mir Rebus, und dieſer hier intereſſirt mich.“ „Ich kann Ihnen denſelben ſchenken oder ver⸗ kaufen, wie Sie wollen.“ „Ah! ah!“ ſagte der General, den Sprechenden mit mehr Aufmerkſamkeit betrachtend, als bisher geſchehen war,„ich glaube zu verſtehen. Du kannſt alſo dieſe Hieroglyphen erklären?“ „Vielleicht, und ganz gewiß Ihnen andere Nach⸗ weiſungen liefern, die nicht zu verachten ſind.“ „Aber Du willſt, daß man Dich bezahle?“ „Ohne Zweifel,“ antwortete der Bauer frech. „So dienſt Du alſo der Regierung, welche Dich zum Maire ernannt hat?“ „Parbleu! die Regierung hat auf meine Meierei kein Ziegeldach geſetzt, hat deren Lehmmauern nicht in Steinmauern verwandelt. Sie iſt mit Stroh gedeckt, von Holz und Erde gebaut. Das entzün⸗ det ſich plötzlich, brennt ſchnell und nichts als Aſche & öu—O¶ʒ—— 11 bleibt zurück. Wer viel riſkirt, muß auch viel ge⸗ winnen; denn das Alles, Sie verſtehen wohl, kann in einer Nacht verbrannt ſein.“ „Du haſt Recht. Wohlan, mein Herr Beamter, das gehört in Ihren Bereich. Ich bin, Gott ſei Dank, nur Soldat, und die Waare muß bezahlt ſein, wenn man mir dieſelbe liefert. Zahlen Sie alſo und liefern Sie mir dieſelbe.“ „Machen Sie ſchnell,“ ſagte der Pächter,„denn man beobachtet uns von allen Seiten.“ Wirklich waren die Bauern allmälig näher zu der von den beiden Herrn und ihrem Landsmann gebildeten Gruppe herangetreten, ohne einen andern ſcheinbaren Beweggrund, als die Neugierde, welche immer Fremde erregen. Sie hatten damit geendet, einen ziemlich dichten Kreis um die drei Perſonen zu ſchließen. Der General bemerkte es. „Mein Lieber,“ ſprach er ganz laut zu dem Unterpräfecten gewendet,„ich muthe Ihnen nicht zu, auf das Wort dieſes Mannes zu vertrauen: er verkauft Ihnen zweihundert Säcke Hafer, zu neun⸗ zehn Francs den Sack, es fragt ſich nur noch, ob er ſie Ihnen liefern wird. Geben Sie ihm Drauf⸗ geld und er ſoll Ihnen ſein Verſprechen unter⸗ zeichnen.“ „Aber ich habe weder Papier noch Bleiſtift,“ antwortete der Unterpräfect, welcher die Abſicht des Generals begriff. „Gehen Sie in den Gaſthof, Morbleu! Wir wollen ſehen,“ fuhr der General fort,„ob es noch — Andere hier gibt, die Hafer zu verkaufen haben. Wir haben Pferde zu unterhalten.“ Ein Bauer antwortete zuſtimmend, und wäh⸗ rend der General über den Preis mit ihm verhan⸗ delte, konnten der Unterpräfect und der Mann mit dem Brotkuchen ſich entfernen, ohne allzu große Aufmerkſamkeit zu erregen. Dieſer Mann war, wie unſere Leſer ſich denken mußten, kein anderer als Courtin. Verſuchen wir die Manöver zu erklären, welche Courtin ſeit dem Morgen ausgeführt hatte. Nach der mit ſeinem jungen Herrn gepflogenen Unterhaltung hatte ſich Courtin die Sache lang überlegt. Es ſchien ihm, als ob eine einfache bloße De⸗ nunciation nicht das wäre, was ſeinen Intereſſen den größten Vortheil bringen konnte. Es war möglich, daß die Regierung dieſen Dienſt eines ihrer untergeordneten Beamten ohne Beloh⸗ nung ließ. Der Act blieb gefährlich, ohne Nutzen, denn Courtin zog ſich die Feindſchaft der in dieſem Bezirk ſo zahlreichen Royaliſten zu. Darauf entwarf er den kleinen Plan, von wel⸗ chem wir ihn Jean Oullier Mittheilung machen ſahen. Er hoffte, indem er der Leidenſchaft des jungen Barons diente und einen artigen Vortheil daraus zog, ſich das Wohlwollen des Marquis von Sou⸗ day zu gewinnen, deſſen ganzes Beſtreben, wie er dachte, auf eine ſolche Heirath gehen mußte, und vermittelſt dieſes Wohlwollens dahin zu gelangen, daß ihm ein Stillſchweigen ſehr theuer bezahlt würde, welches den Kopf ſchirmte, der, wenn er ſich nicht 13 getäuſcht hatte, für die royaliſtiſche Partei ſo koſt⸗ bar ſein mußte. Wir haben geſehen, wie Jean Oullier das Ent⸗ gegenkommen Courtins aufnahm. Und nun hatte der letztere beim Mißlingen Deſſen, was ihm als ein vortreffliches Geſchäft vorkam, den Entſchluß ge⸗ faßt, ſich mit einem beſcheidenern zu begnügen, und ſich wieder auf die Seite der Regierung gewandt. XX. Der Aufſtand. Eine halbe Stunde nach der Beſprechung des Unterpräfecten und Courtins eilte ein Gendarme durch die Gruppen, um den General zu ſuchen, den er ſehr vertraulich mit einem reſpectabeln, lumpen⸗ bedeckten Bettler ſchwatzend fand; der Gendarme ſagte dem General einige Worte in's Ohr, und dieſer kehrte ſchleunigſt nach dem Gaſthof zum „Weißen Roß“ zurück. Der Unterpräfect erwartete ihn an der Thüre. „Nun?“ fragte der General, als er die ver⸗ gnügte Miene des Staatsbeamten erblickte. „Ah! General, eine große Neuigkeit und eine gute Neuigkeit,“ antwortete dieſer. „Wir wollen einmal ſehen.“ „Der Mann, mit dem ich zu thun gehabt habe, iſt in der That ſehr kundig.“ „Die ſchöne Neuigkeit! kundig ſind ſie alle ſehr; der einfältigſte Junge unter ihnen würde das Herrn von Talleyrand gegenüber darlegen; was hat er Ihnen geſagt, der ſehr kundige Mann?“ „Er ſah vorgeſtern Abend auf Schloß Souday den Grafen von Bonneville als Bauer verkleidet ankommen, und mit ihm einen andern kleinen Bauern, der ihm eine Frau zu ſein ſchien.“ „Nun, und hernach?“ „Nun, General, es iſt kein Zweifel...“ „Vollenden Sie, Herr Unterpräfect; Sie ſehen Nene Ungeduld,“ ſagte der General im ruhigſten on. „Nun, meiner Meinung nach iſt kein Zweifel, daß dieſe Frau diejenige iſt, welche man uns ſigna⸗ liſirt hat, das heißt, die Prinzeſſin.“ „Es mag kein Zweifel für Sie ſein, wohl; aber für mich iſt es zweifelhaft.“ „Wie ſo, General?“ „Weil auch ich vertrauliche Mittheilungen er⸗ halten habe. „Freiwillig oder unfreiwillig?“ Aa man darüber etwas bei dieſen Leuten?“ „Bah!“ „Aber kurz, was hat man Ihnen geſagt?“ „Man hat mir nichts geſagt.“ „Nun, dann?“ „Nun dann, habe ich meinen Haferhandel fort⸗ geſetzt.“ „Ja, hernach?“ „Hernach? Der Bauer, an den ich mich wandte, forderte Draufgeld von mir; es war nicht mehr als billig; ich meinerſeits forderte von ihm einen Empfangſchein; das war noch billiger; er wollte —,— IV 15 bei einem Kaufmann denſelben ſchreiben. Ach was! ſagte ich zu ihm, hier iſt ein Bleiſtift, Ihr habt gewiß ein Stück Papier bei Euch; mein Hut wird Euch als Tiſch dienen.: Er zerriß einen Brief, gab mir ſeinen Empfangſchein und hier iſt er.“ Der Unterprafect nahm denſelben und las: „Empfangen, von Herrn Jean Louis Robier die Summe von 50 Francs auf Rechnung von 30 Säcken Hafer, welche ich ihm auf den 28. dieſes zu liefern mich verpflichte. „Den 14. Mai 1832. F. Terrien.“ „Nun?“ fragte der Unterpräfect,„ich ſehe keine weitere Aufklärung da.“ „Drehen Sie gefälligſt das Papier um.“ Das Papier, welches der Staatsbeamte hielt, war die Hälfte eines mitten entzwei geriſſenen Briefs; auf der Rückſeite las er folgende Zeilen: —————— arquis —————— im Augenblick die Nachricht —————— die, welche wir erwarten, —————— zu Beaupays, den 26. Abends —————— Officiere Ihrer Diviſion ——=Y——— vorgeſtellt Madame ——=——— Ihre Welt unter der Hand ———————— reſpectvoll —————————— vux.“ „Ah, Teufel,“ ſprach der Unterpräfect,„das iſt ganz einfach die Anzeige einer Waffenerhebung, die Sie mir da mittheilen; denn es iſt leicht, das Feh⸗ lende zu ergänzen.“ „Nichts leichter,“ ſagte der General. „Vielleicht ſogar nur zu leicht.“ „Aber was ſagten Sie mir doch,“ bemerkte der Staatsbeamte,„von der Schlauheit dieſer Leute; ſie ſcheinen mir im Gegentheil von einer Unſchuld, die mich verwirrt.“ „Warten Sie doch,“ antwortete der General, „das iſt nicht Alles.“ „Ah! ah!“ „Nachdem ich meinen Haferhändler verlaſſen hatte, redete ich einen Bettler an, eine Art von blödſinnigem Burſchen; ich ſprach mit ihm von dem guten Gott, der h. Jungfrau, vom Buchweizen, der Apfelernte, bemerken Sie, daß die Apfelbäume in der Blüthe ſtehen, und fragte ihn ſchließlich, ob er uns nicht als Führer nach Lorveux dienen wollte, wohin wir— Sie erinnern ſich deſſen— eine Tour machen müßten.„Ich kann nicht,“ antwortete mir mein Blödſinniger mit hämiſcher Miene. „Warum nicht?“ fragte ich ihn mit dem dumm⸗ ſten Geſicht, das ich machen konnte. „Weil ich Befehl habe, antwortete er, ‚eine ſchöne Dame und zwei Herren wie Sie von Puy⸗ Laurent nach Flocetidre zu führen.“ „Ah! Teufel, das verwickelt ſich, ſcheint mir.“ „Im Gegentheil, es hellt ſich auf.“ „Erklären Sie.“ „Die vertraulichen Eröffnungen, welche kommen, ohne daß man nach ihnen ruft, ſcheinen mir in die⸗ ſem Lande, wo es ſo ſchwer iſt, ſie zu erlangen, allzu grobe Fallen, als daß ein alter Fuchs gleich mir hinein geht. Die Herzogin von Berry kann, wenn es eine Herzogin von Berry hier gibt, nicht 17 zugleich in Souday, in Beaupays und in Puy⸗ Laurent ſein; laſſen Sie ſehen, was Sie davon halten, mein werther Unterpräfect?“ „Wahrhaftig,“ antwortete der Staatsbeamte, ſich hinter dem Ohr kratzend,„ich glaube, ſie konnte und kann wohl der Reihe nach an den drei Orten ſein; und meiner Treu, ohne nach dem Quartier, wo ſie war, oder nach dem Quartier, wo ſie ſein wird, zu laufen, ginge ich geraden Wegs nach La Flocetidre, das heißt, nach dem Ort, wo ihr Blödſinniger ſie heute ſignaliſirt.“ „Sie ſind ein ſchlechter Spürhund, mein Lieber,“ antwortete der General;„die einzige genaue Nach⸗ weiſung, welche wir erhalten haben, iſt die jenes Schelms, der uns Brodkuchen gegeben, und den Sie hieher gebracht haben.“ „Aber die anderen?“ „Ich will meine Generals⸗Epauletten gegen die eines Unterlieutenants wetten, daß die andern uns von einigen Schlauköpfen zugeſchickt wurden, welche den Herrn Maire mit uns ſchwatzen ſahen und ein Intereſſe dabei hatten, uns auf die falſche Fährte zu bringen. Zur Jagd alſo, meine werther Unter⸗ präfect, und bemächtigen wir uns Souday's, wenn wir nicht das Neſt leer finden wollen.“ „Bravo!“ rief der Unterpräfect,„ich fürchtete bereits, einen dummen Streich gemacht zu haben.“ „Was haben Sie gethan?“ 8 „Nun, dieſer Maire, ich habe da ſeinen Namen; er heißt Courtin und iſt Maire eines kleinen Dorfes Namens La Logerie.“ Dumas, Wölfinnen von Machecoul. II. 2 unddreißig Jahren beinahe Charrette gehängt.“ „Nun, dieſer Mann hat mir ein Individuum be⸗ zeichnet, das uns als Führer dienen könnte und deſſen ſich zu verſichern unter allen Umſtänden rath⸗ ſam war, damit er nicht zum Schloß zurückkehre, um Lärm zu machen.“ „Und dieſer Mann....“ „Iſt der Hausmeiſter des Marquis, ſein Wild⸗ hüter; hier iſt ſein Signalement.“ Der General nahm ein Papier und las: „Gräuliche, kurze Haare; niedere Stirn; ſchwarze, lebhafte Augen; ſtruppige Augbraunen; Naſe mit einer Warze, Haar in den Naſenlöchern; runder Hut; Sammtwamms; Weſte und Hoſen deßgleichen; lederne Kamaſchen und Gürtel. Beſondere Kenn⸗ zeichen: ein Spürhund von guter Zucht, auf den Ruf Pataud gehend; über den Kleidern eine Waid⸗ taſche auf dem Rücken; der zweite Schneidezahn links zerbrochen.“ 4 „Gut!“ rief der General,„mein Haferhändler Zug für Zug; Meiſter Terrien, der eben ſo wenig Terrien heißt, ich ſtehe dafür, als ich Barrabas.“ „Nun, General, Sie können ſich davon ſogleich überzeugen.“ „Wie ſo?“ „Im Augenblick wird er hier ſein.“ „Hier?“ „Ohne Zweifel.“ „Er kommt hierher?“ „Er kommt hierher.“ „Freiwillig?“ „Ich kenne es; wir hätten dort vor bald ſieben⸗ eben⸗ 74 m be⸗ und rath⸗ , um Wild⸗ varze, e mit under ichen; Kenn⸗ fden Waid⸗ links indler wenig as.“ gleich ☚ 19 „Freiwillig oder gezwungen.“ „Gezwungen?“ „Ja; ich habe Befehl gegeben, ihn zu verhaften, und dieß muß in dem Augenblick, da ich mit Ihnen rede, geſchehen ſein.“ „Tauſend Donnerwetter!“ Und damit ſchlug er mit der Fauſt ſo heftig auf den Tiſch, daß der Beamte von ſeinem Seſſel aufſprang;„Tauſend Donnerwetter, was haben Sie gethan?“ „Es ſcheint mir, General, wenn es ein ſo gefähr⸗ licher Mann war, wie man ihn mir ſchildert, ſo blieb nur eine Mapregel zu ergreifen, nämlich ihn feſt zu nehmen.“ „Gefährlich! gefährlich! Er iſt jetzt viel gefähr⸗ licher, als er vor einer Viertelſtunde geweſen wäre.“ „Aber wenn er verhaftet iſt?“ „Es wird nicht ſo ſchnell geſchehen ſein, glauben Sie mir, daß er nicht Zeit gehabt hätte, die War⸗ nung ergehen zu laſſen; die Prinzeſſin wird gewarnt ſein, ehe wir eine Meile von hier ſind; noch ſehr glücklich, wenn Sie nicht dieſes ganze Lumpenvolk auf die Beine gebracht haben, ſo daß wir keinen Mann von der Garniſon wegnehmen können.“ „Aber vielleicht iſt es noch Zeit,“ rief der Un⸗ terpräfect nach der Thüre ſtürzend. „Ja, laufen Sie! ah, tauſend Donnerwetter! es iſt nicht mehr Zeit!“ Wirklich war ein dumpfer Lärm von außen zu vernehmen, ſich von Sekunde zu Sekunde vergrößernd, bis es den Umfang jenes ſchrecklichen Conzerts er⸗ reicht hatte, das die Menge aufführt, wenn ſie zum Kampfe präludirt. 4 . 2 5 — Der General öffnete das Fenſter. Er ſah hundert Schritte pon dem Gaſthaus die Gendarmen, welche Jean Oullier gebunden in ihrer Mitte führten.. Der Haufen umgab ſie heulend und drohend; die Gendarmen rückten nur langſam und mit Mühe vor.. Indeſſen hatten ſie noch keinen Gebrauch von ihren Waffen gemacht; aber es war keine Zeit zu verlieren. „Wohlan! Der Wein iſt gezapft, man muß ihn trinken,“ ſprach der General, ſeines Rocks ſich ent⸗ ledigend und ſchnell wieder ſeine Uniform anziehend. Dann verlangte er nach ſeinem Sekretär: „Ruſconi, mein Pferd, mein Pferd!“ rief er,— „Sie, Unterpräfect, ſuchen Sie die Nationalgarden zu ſammeln, wenn es hier gibt; aber daß kein Schuß ohne Ordre von mir geſchieht.“ Ein Kapitän, von dem Sekretär geſchickt, trat ein. „Sie, Kapitän,“ fuhr der General fort,„ver⸗ ſammeln Ihre Leute im Hof; meine zwanzig Jäger ſteigen zu Pferd; zwei Tage Proviant und fünf⸗ undzwanzig Patronen für den Mann; und halten Sie ſich bereit, auf das erſte Zeichen, das ich gebe, vorzugehen.“ Der alte General, der ſein ganzes Jugendfeuer wieder gefunden hatte, ſtieg in den Hof hinab und befahl, indem er alle Philiſter zum Teufel wünſchte, das Einfahrtsthor, das auf die Straße führte, zu öffnen. „Wie!“ rief der Unterpräfect,„Sie wollen ſich 21 allein dieſen Wüthenden zeigen? Sie denken doch nicht daran, General?“ „Im Gegentheil, ich denke nur daran; Morbleu! muß ich nicht meinen Leuten heraushelfen? wohlan! Platz, Platz; es iſt jetzt nicht der Augenblick, den Gefühlvollen zu ſpielen.“ 4 Und wirklich, ſobald die beiden Flügel geöffnet waren und das Thor, in ſeinen Angeln ſich drehend ihm Raum gab, befand ſich der General, zweimal dem Pferde kräftig den Sporn gebend, mit dem erſten Sprung des Thiers mitten auf der Straße und im dichteſten Gedränge. Die plöͤtzliche Erſcheinung eines alten Soldaten von energiſchem Geſichte, hoher Geſtalt, in der ge⸗ ſtickten und mit Dekorationen bedeckten Uniform, die wunderbare Kühnheit, von der er den Beweis lieferte, brachten auf die Menge den Eindruck einer elektri⸗ ſchen Bewegung hervor. Das Geſchrei hörte wie durch Zauber auf, die erhobenen Stöcke ſenkten ſich, die dem General zu⸗ nächſt befindlichen Bauern legten die Hand an ihre Hüte, die dichteren Reihen öffneten ſich, und der Soldat von Rivoli und den Pyrenäen konnte zwanzig Schritte in der Richtung gegen die Gendarmen hin vordringen. „Ei! was geht denn mit Euch vor, Burſchen?“ rief er mit ſo ſtarker Stimme, daß man ſie bis in die an den Platz grenzenden Straßen vernahm. „Es geht mit uns vor, daß man ehen Jean ullier verhaftet hat,“ ſagte eine Stimme. „Und Jean Oullier iſt ein braver Mann,“ rief eine zweite, 22 „Uebelthäter verhaftet man und nicht ehrliche Leute,“ ſagte ein Dritter. „Darum werden wir Jean Oullier nicht feſt⸗ nehmen laſſen,“ ſetzte ein Vierter hinzu. „Still!“ rief der General in ſo gebieteriſchem Commandoton, daß alle Stimmen ſchwiegen. Nach einer Pauſe: „Iſt Jean Oullier ein braver Mann, ein ehr⸗ licher Mann, woran ich nicht zweifle, ſo wird Jean Oullier wieder freigelaſſen. Iſt er einer von denen, welche Euch zu betrügen, Eure guten und recht⸗ ſchaffenen Geſinnungen zu mißbrauchen ſuchen, ſo wird Jean Oullier geſtraft. Glaubt Ihr denn, daß es ungerecht ſei, die zu ſtrafen, welche das Land wieder in jenes ſchreckliche Unglück zu ſtürzen ſuchen, von welchem die Alten zu den Jungen nur mit Thränen ſprechen?“ „Jean Oullier iſt ein friedfertiger Mann und meint es mit Niemand böſe,“ ſagte eine Stimme. „Was fehlt Euch denn?“ fuhr der General fort, ohne ſich durch die Unterbrechung aufhalten zu laſſen; „Eure Prieſter, man achtet ſie; Eure Religion, es iſt die unſrige. Haben wir den König getödtet, wie 1793, Gott abgeſchafft wie 1794? Iſt es auf Eure Güter abgeſehen? nein, ſie ſtehen unter dem Schutz des gemeinſchaftlichen Geſetzes. Nie iſt Eure Gemeinde ſo blühend geweſen.“ 3 „Das iſt wahr,“ ſagte ein junger Bauer. „Höret nicht auf die ſchlechten Franzoſen, welche zur Befriedigung ihrer ſelbſtſüchtigen Leidenſchaften ſich nicht ſcheuen, auf das Land alle Schrecken des Bürgerkriegs herabzurufen. Erinnert Ihr Cuch nicht mehr, welcher Art ſie ſind, und muß man ſie Euch 23 in’s Gedächtniß zurückrufen? Muß ich Euch daran mahnen, wie Eure Greiſe, Eure Mütter, Eure Weiber, Eure Kinder maſſakrirt, Eure Häuſer unter die Füße getreten, Eure Hütten in Brand geſteckt wurden, Tod und Verderben an jedem Herde von Euch wüthete!“ „Die Blauen haben das alles gethan!“ rief eine Stimme. „Nein, nicht die Blauen,“ fuhr der General fort,„ſondern die, welche Euch zu dieſem wahn⸗ ſinnigen Kampf getrieben haben, wahnſinnig da⸗ mals, und heut zu Tage gottlos, einem Kampf, der in jener Zeit wenigſtens ſeinen Vorwand hatte, aber gegenwärtig keinen mehr hat.“ Und während er ſo ſprach, trieb der General ſein Pferd in der Richtung gegen die Gendarmen vorwärts, welche ihrerſeits ſich möglichſt anſtrengten, bis zum General zu gelangen. d Das ließ ſich für ſie um ſo eher ausführen, als ſeine Worte, ganz ſoldatiſcher Art, einen ſichtbaren Eindruck auf einige Bauern machten. Die Einen ſenkten den Kopf und blieben ſtumm, die Andern theilten den Nachbarn ihre Betrachtungen mit, welche nach der Miene, womit ſie gemacht wurden, bei⸗ fälliger Natur ſein mußten. Aber in dem Maße, als der General dem Kreiſe nahe kam, welcher die Gendarmen und ihren Ge⸗ fangenen umgab, fand er die Phyſiognomien dem Ausſehen nach weniger günſtig disponirt. Die allernächſten waren völlig drohend. Die Träger dieſer Phyſiognomien waren offen⸗ bar die Führer, die Häupter der Bande, die Kapi⸗ täne der Kirchſpiele.. Bei ihnen war es unnütz, ſich mit ſeiner Be⸗ redtſamkeit in Unkoſten zu ſetzen; bei ihnen war es ausgemacht, nicht zu hören, und die Andern am Hören zu hindern; ſie ſchrieen nicht, ſie heulten. Der General begriff ſeine Lage und entſchloß ſich, den Leuten durch einen jener Acte körperlicher Stärke, welche ſo viel Gewalt über die Menge ha⸗ ben, zu imponiren. Alain Courtejoie ſtand in der erſten Reihe der Meuterer. Mit der Gebrechlichkeit, die wir an ihm kennen, wird dieß anfangs unvereinbar ſcheinen. Aber Alain Courtejoie hatte ſeinen zwei ſchlech⸗ ten hölzernen Beinen für den Augenblick zwei gute Beine von Fleiſch und Knochen ſubſtituirt; Alain Courtejoie hatte ſich aus einem Bettler von coloſ⸗ ſaler Geſtalt ein Reitthier gemacht. Er ſaß rittlings auf den Schultern des Bettlers, welcher vermittelſt der Riemen, womit die falſchen Beine des Schenkwirths gebunden waren, denſelben ſo feſt in dieſer Poſitur hielt, als der General ſich in ſeinem Sattel hielt. So hoch aufſitzend, reichte Courtejoie bis an die Epauletten des Generals und verfolgte ihn mit ſei⸗ nen wahnſinnigen Ausrufen und drohenden Geberden. Der General ſtreckte nun ſeine Hand aus, packte hinweg, hielt ihn einige Zeit über der Menge em⸗ por und ſchleuderte ihn dann einem Gendarmen mit den Worten zu: ihn an ſeinem Wammskragen, riß ihn mit der Fauſt f ergriff den C andert ₰ Kapi⸗ 4 Be⸗ ar es am en. ſchloß licher 2 ha⸗ der mnen, lech⸗ gute llain oloſ⸗ lers, ſchen elben ſich n die ſei⸗ den. ackte Fauſt em⸗ mit 25 „Haltet mir dieſen Pickelhäring feſt; er würde mir am Ende Kopfweh machen.“ Der Bettler, ſeines Reiters entledigt, hatte den Kopf erhoben, und der General erkannte den Blöd⸗ ſinnigen, mit dem er ſich am Morgen unterhalten hatte; nur ſchien er jetzt vernünftig wie irgend einer. Die Handlung des Generals hatte die Heiter⸗ keit der Menge erregt, aber dieſe Heiterkeit dauerte nicht lange. Wirklich befand ſich Alain Courtejoie unter den Händen des Gendarmen, an deſſen linker Seite Jean Oullier ſtand. Er zog ſachte ſein völlig bloßes Meſſer aus der Taſche und ſtieß es dem Gendarmen bis an's Heft in'’s Herz, mit dem Rufe: „Es lebe Heinrich V rette Dich, Oullier, mein Junge!“ Zu gleicher Zeit duckte ſich der Bettler, welcher in einem legitimen Gefühl der Nacheiferung ohne Zweifel auf den athletiſchen Act des Generals eine würdige Antwort geben wollte, unter deſſen Pferd, ergriff mit einer raſchen und kräftigen Bewegung den General am Stiefel und warf ihn von der andern Seite hinab. Der General und der Gendarme fielen zu glei⸗ cher Zeit; man hätte ſie beide für todt halten können. Aber der General erhob ſich ſogleich und ſetzte ſich mit ebenſo viel Kraft als Geſchicklichkeit wieder in den Sattel. Und ſich in dem Sattel zurechtſetzend, gab er dem Bettler einen ſo kräftigen Fauſtſchlag auf den Kopf, daß dieſer, ohne einen Laut auszuſtoßen, zu Boden ſiel, als ob ihm der Schädel eingeſchlagen worden wäre. Weder der Gendarme noch der Bettler ſtanden wieder auf; der Bettler war ohnmächtig, der Gen⸗ darme todt. Seinerſeits verſetzte Oullier, wiewohl ihm die Hände gebunden waren, dem zweiten Gendarmen einen ſo plötzlichen Stoß mit der Schulter, daß der⸗ ſelbe taumelte. b f Jean Oullier ſprang über den Körper des tod⸗ ten Soldaten, und warf ſich in die Menge. Aber der General hatte ſein Auge überall, ſelbſt 3 auf das, was hinter ihm vorging. Er ließ ſein Pferd eine Volte machen; dieſes ſprang mitten in die lebendige See, er ſelbſt packte Jean Oullier mit der Fauſt, wie er es Alain Courte⸗ 1 1 joie gethan hatte und legte ihn quer über ſein Roß. Jetzt begann es Steine zu regnen und die Bauern nahmen ihre feindſelige Stellung wieder ein. Die Gendarmen hielten ſich wacker; ſie umring⸗ ten den General und ſchloſſen einen Kreis, indem ſie ihre Bajonette der Menge entgegen hielten, die, nicht mehr wagend, ſie Mann gegen Mann anzu⸗ greifen, ſich damit begnügte, mit Wurfgeſchoſſen ihnen zuzuſetzen. So kamen ſie bis auf zwanzig Schritt dem Gaſt⸗ haus nahe. Dort angelangt, wurde die Lage des Generals und ſeiner Leute kritiſch. Die Bauern, welche entſchloſſen ſchienen, Jean d Oullier nicht in der Gewalt ſeiner Feinde zu laſſen, zeigten ſich immer kühner in ihrem Angriff. 27 Bereits hatten einige Bajonette ſich mit Blut gefärbt und doch war die Hitze der Meuterer im Wachſen begriffen. Glücklicher Weiſe konnte bei der Entfernung, in welcher die Soldaten aufgeſtellt waren, die Stimme des Generals bis zu ihnen gelangen. „Zu mir, Grenadiere vom 32.!“ rief er. In demſelben Augenblick öffneten ſich die Thore des Gaſthauſes und die Soldaten ſtürzten mit dem Bajonet vor und warfen die Bauern wieder zurück. Der General und ſeine Escorte konnten in den Hof einrücken. Der General fand daſelbſt den Unterpräfecten, ſeiner wartend. „Da iſt Ihr Mann,“ rief er, Jean Oullier ihm wie einen Pack zuwerfend,„er iſt uns theuer zu ſtehen gekommen; wolle Gott, daß er uns ſeinen Preis wieder einbringt!“ In dieſem Augenblick vernahm man ein wohl unterhaltenes Kleingewehrfeuer, das vom Ende des Platzes herkam. „Was iſt das?“ fragte der General, mit allen Sinnen horchend. „Ohne Zweifel die Nationalgarde,“ antwortete der Unterpräfect,„der ich Befehl gegeben habe, ſich zu ſammeln, und die meinen Inſtructionen zufolge die Meuterer im Rücken angreifen ſollte.“ „Und wer hat derſelben den Befehl gegeben, zu feuern?“ „Ich, General, ich mußte Ihnen doch wohl her⸗ aushelfen.“. „Ei, tauſend Donnerwetter! Sie ſehen doch, daß ich mir ganz allein herausgeholfen habe,“ ant⸗ wortete der alte Soldat. Dann den Kopf ſchüttelnd, ſagte er: „Mein Herr, merken Sie ſich das wohl: in ei⸗ nem Bürgerkrieg iſt alles unnütz vergoſſene Blut mehr als ein Verbrechen, es iſt ein Fehler.“ Eine Ordonnanz gallopirte in den Hof. „General,“ ſprach der Officier,„die Inſurgenten fliehen nach allen Seiten, die Jäger kommen an; ſoll man dieſelben verfolgen?“ „Niemand rühre ſich,“ antwortete der General, „laßt die Nationalgarde machen, das ſind Freunde; ſie werden ſich unter einander verſtändigen.“ Wirklich verkündigte eine zweite Salve, daß die Bauern und die Nationalgarden ſich verſtändigten. Dieß war das doppelte Geknall, welches zu La Logerie Baron Michel gehört hatte. „Ah!“ fuhr der General fort,„jetzt handelt es ſich ganz einfach darum, dieſen traurigen Tag vor⸗ theilhaft zu benutzen.“ Dann auf Jean Oullier deutend: „Wir haben nur einen möglichen Glücksfall für uns, nämlich daß dieſer Mann allein um das Ge⸗ heimniß wüßte: hat er, Gendarme, ſeitdem Sie ihn verhafteten, irgend Jemand ſich mitgetheilt?“ „Nein, General, nicht durch ein Zeichen, ſofern ihm die Hände gebunden ſind.“ „Haben Sie ihn eine Geberde mit dem Kopf machen, ein Wort ſprechen ſehen? Sie wiſſen, bei den Schelmen hier genügt eine Geberde, ein Wort ſagt alles.“ „Nein, General.“ 29 „Nun dann, laſſen wir es darauf ankommen; ant⸗ ſorgen Sie, daß Ihre Leute eſſen, Kapitän; in ei⸗ ner Viertelſtunde machen wir uns auf den Marſch; die Gendarmen und die Nationalgarde werden aus⸗ n ei⸗ reichen, das Dorf zu behaupten. Ich nehme meine Blut zwanzig Jäger mit, um die Route abzuſuchen.“ Der General kehrte in das Innere des Gaſt⸗ hauſes zurück. enten Während dieſer Zeit ſaß Jean Oullier auf ei⸗ an; nem Stein mitten im Hofe, von zwei Gendarmen ſcharf bewacht. eral, Sein Geſicht bewahrte ſeine gewöhnliche Unem⸗ nde; pfindlichkeit; er ſchmeichelte mit den zuſammenge⸗ bundenen Händen ſeinem Hund, der ihm gefolgt die war und den Kopf auf die Kniee ſeines Herrn legte, gten. indem er von Zeit zu Zeit die Hände leckte, womit 1 La er ihm geſchmeichelt hatte, wie um den Gefangenen zu erinnern, daß er in ſeinem Unglück noch einen t es Freund behalten habe. vor⸗ Jean Ounllier ſtreichelte ihn ſanft mit einer Wild⸗ entenfeder, die er im Hofe aufgerafft hatte, ſchob dann, einen Moment benützend, wo die beiden Gen⸗ für darmen ihn gerade nicht anblickten, dieſe Feder dem Ge⸗ Thiere zwiſchen die Zähne, machte ihm ein Zeichen ihn des Verſtändniſſes und ſtand auf, indem er ganz 1 leiſe ſagte: fern„Geh, Pataud.“ Der Hund entfernte ſich langſam, von Zeit zu opf Zeit nach ſeinem Herrn ſchauend, ſprang dann, am bei Thore angekommen, hinaus, ohne von Jemand be⸗ vort merkt zu werden, und verſchwand. „Gut!“ ſprach Jean Oullier bei ſich,„ſehen wir, was weiter kommen wird.“ n Zum Unglück waren die Gendarmen nicht allein, 9 um den Gefangenen zu bewachen. 1 n XXI. 1 Jean Oullier's Rettungsmittel. Es gibt noch heut zu Tage in der ganzen Vendée f nur ſehr wenige ſchöne Straßen, und die wenigen, h die es daſelbſt gibt, ſind erſt ſeit 1832, das heißt, ſ ſeit dem Zeitraum angelegt worden, wo die Ereig⸗ niſſe, die wir zu erzählen unternehmen, vorfielen. ſt Hauptſächlich die Abweſenheit von Communi⸗ 1 cationsſtraßen war es, welche die Stärke der In⸗ ſurgenten in dem großen Krieg ausgemacht hatte. u Hier nur ein Wort von denen, welche damals ſc exiſtirten, wobei wir uns allein an die auf dem nte linken Ufer halten. 9 Es ſind zwei an der Zahl. ei Die erſte geht von Nantes nach Rochelle über Montaigu. at Die zweite von Nantes nach Paimboeuf über n Peldrin, beinahe immer den Ufern der Loire zur T Seite bleibend.. A u Außer dieſen Straßen erſten Ranges gibt es C nur luße einige ſchlechte Neben⸗ oder Querſtraßen; S ſie gehen von Nantes nach Baupréau über Vallet; von Nantes nach Mortagne, Chollet und Breſſuire 9 über Cliſſon; von Nantes nach Sable d'Olonne über Légé; von Nantes nach Challons über Machecoul. — 31 ſehen Um von Montaigu nach Machecoul zu gelangen, war es, indem man dieſen Straßen folgte, durch⸗ llein,V aus nothwendig, einen beträchtlichen Umweg zu machen. Man mußte in der That bis nach Légé marſchiren, von da auf die Straße von Nantes nach Sable d'Olonne ablenken, derſelben bis zu dem Punkt folgen, wo ſie die von Challons ſchnei⸗ det, und ſofort nach Machecoul aufwärts ziehen. Der General begriff zu gut, daß der ganze Er⸗ 2ndee folg ſeiner Expedition von der Geſchwindigkeit ab⸗ igen, hing, womit ſie ausgeführt wurde, um ſich zu einem heißt, ſo langen Marſch zu entſchließen. 1. ereig⸗„Außerdem waren dieſe Straßen um nichts gün⸗ ben. ſtiger für militäriſche Operationen, als die Quer⸗ nuni⸗ wege... In⸗ Von langen und tiefen Gräben, von Gebüſch atte. und Bäumen begrenzt, die meiſte Zeit mit Durch⸗ mals ſchnittsgräben verſehen, zwiſchen zwei heckenbekrön⸗ dem ten Böſchungen eingeſenkt, ſind ſie beinahe ihrer zunäen Länge nach für einen Hinterhalt ſehr ge⸗ eignet. über Der geringe Vortheil, den ſie gewährten, wog auf keine Weiſe deren Beſchwerden auf; der Ge⸗ über neral entſchloß ſich alſo, den Querweg, der über zur Vieillevique nach Machecoul führte und den Marſch 3 um etwa anderthalb Meilen verkürzte, einzuſchlagen. t es Das Syſtem der vom General eingeführten ßen; Cantonnirung hatte die Folge gehabt, daß es die allet⸗ Soldaten mit dem Lande vertraut machte und ihnen ſuire venfcuene Kenntniß von den ſchlechten Fußpfaden . ver af e. 4 Aher Bis zum Fluſſe Boulogne kannte der Kapitän, welcher das Detachement Infanterie commandirte, die Route, da er ſie täglich erforſcht hatte. War man dort angekommen, ſo ſollte man, indem Jean Oullier ſich offenbar weigern würde, den Weg wei⸗ ter zu zeigen, einen von Courtin abgeſchickten Führer finden, da der letztere nicht gewagt hatte, offenkun⸗ dig der Expedition ſeinen Beiſtand zu leihen.* Während aber der General ſich dazu entſchloß, die Querſtraße einzuſchlagen, traf er zugleich ſeine Vorſichtsmaßregeln, um nicht überraſcht zu werden. Zwei Jäger marſchirten, die Piſtole in der Fauſt, voran und machten reinen Weg für die Co⸗ lonne, welche auf beiden Seiten von einem Dutzend Mann flankirt wurde, indem ſie das Buſchwerk und den Ginſter durchſtöberten, wovon die Straße ſtets eingeſchloſſen und zuweilen beherrſcht war. Der General marſchirte an der Spitze ſeiner kleinen Truppe, in deren Mitte er Jean Oullier ſeinen Platz angewieſen. Den alten Vendéer hatte mit gebundenen Händen ein Jäger hinter ſich auf's Pferd genommen; ein Gurt, der ihm mitten um den Leib ging, war zu größerer Sicherheit dem Reiter an die Bruſt ge⸗ ſchnallt worden, ſo daß Jean Oullier, auch wenn es ihm gelungen wäre, ſich der Bande an ſeinen Händen zu entledigen, doch dem Soldaten nicht ent⸗ wiſchen konnte. Zwei andere Jäger marſchirten rechts und links von dem erſten und waren ſpeciell beordert, den Gefangenen zu überwachen. Es war etwas über ſechs Uhr Abends, als man von Montaigu abging; man hatte fünf Meilen zu 33 machen, und angenommen, daß dieſe fünf Meilen fünf Stunden wegnahmen, mußte man ſich gegen elf Uhr auf Schloß Souday befinden. Dieſe Stunde ſchien dem General ſehr günſtig, ſeinen Handſtreich auszuführen. War Courtin's Bericht genau und hatten ihn ſeine Vorausſetzungen nicht getäuſcht, ſo mußten die Häupter der vendéeiſchen Bewegung in Souday ver⸗ ſammelt ſein, um mit der Prinzeſſin ſich zu beſpre⸗ chen, und es war möglich, daß ſie ſich noch nicht zurückgezogen hatten, wenn man vor dem Schloß ankam. War dieß der Fall, ſo konnte nichts hin⸗ dern, ſie alle in demſelben Netz zu fangen. Nach einem halbſtündigen Marſch, das heißt eine halbe Meile von Montaigu, und als die kleine Co⸗ lonne über den Kreuzweg von Saint⸗Corentin ging, betete eine alte Frau in Lumpen auf den Knien vor einem Calvarienbilde. Beim Geräuſch, welches die Truppe machte, drehte ſie den Kopf um, ſtand, wie von Neugierde getrieben, auf und ſtellte ſich an den Rand der Straße, um ſie vorbeimarſchiren zu ſehen; dann begann ſie, als ob der Anblick des geſtickten Rocks vom General ſie auf den Gedanken gebracht hätte, eines jener Gebete zu murmeln, vermittelſt deren die Bettler ein Almoſen begehren. Officiere und Soldaten, in andere Betrachtungen vertieft und düſterer werdend, je mehr der Tag ſich ſelbſt verfinſterte, marſchirten vorüber, ohne die alte Frau zu beachten. „Hat denn Euer General dieſes Bettelweib nicht Dumas, Wölfinnen von Machecoul. II. 3 ⸗. geſehen?“ fragte Jean Oullier den Jäger zu ſeiner Rechten. „Warum ſagt Ihr das?“ „Weil er ihr ſeine Börſe nicht geöffnet hat; er nehme ſich in Acht; wer die offene Hand zurückſtößt, muß die geſchloſſene fürchten. Es wird Euch Un⸗ glück widerfahren.“ „Wenn Du dieſe Weiſſagung für Dich nehmen willſt, mein guter Mann, ſo glaube ich, kannſt Du das ſagen, ohne Beſorgniß, Dich zu täuſchen, inſo⸗ fern von uns allen, ſcheint mir, Du derjenige biſt, welcher die größte Gefahr läuft.“ „Ja, deßwegen möchte ich. dieſelbe auch be⸗ ſchwören.“ „Wie ſo?“ „Sucht in meiner Taſche und nehmt ein Geld⸗ ſtück heraus.“ „Wozu das?“ „Um es dieſer Frau zu geben, und ſie wird zwiſchen mir, der ihr das Almoſen gegeben hat, und Euch, der mir hiezu behülflich geweſen iſt, ihre Ge⸗ bete theilen.“ Der Jäger zuckte die Achſeln; aber Aberglauben iſt beſonders anſteckend, und der, welcher ſich an die Vorſtellung von Mildthätigkeit knüpft, noch mehr als ein anderer. Der Soldat glaubte alſo, ſo ſehr er über der⸗ gleichen Kindereien erhaben zu ſein behauptete, doch Jean Oullier den Dienſt nicht verweigern zu dür⸗ fen, welcher von ihm begehrt wurde und auf ſie beide den Segen des Himmels herabrufen mußte. Die Truppe machte in dieſem Augenblick Rechts⸗ ————-—— k um nach dem Hohlweg, der nach Vieillevique führte. Der General hatte ſein Pferd angehalten, um ſeine Soldaten vorbeimarſchiren zu laſſen und ſich mit eigenen Augen zu überzeugen, daß alle von ihm anbefohlenen Dispoſitionen gut befolgt worden wa⸗ ren. Er bemerkte, daß Jean Oullier mit ſeinem Nachbar ſprach und ſah die Geberde des Soldaten. „Warum läſſeſt Du den Gefangenen ſich mit den Vorbeigehenden in Communikation ſetzen?“ fragte er den Jäger. Der Jäger erzählte dem General, was geſchehen war. „Halt!“ rief der General,„ergreift dieſes Weib und ſucht ſie aus.“ Man gehorchte auf der Stelle, fand aber bei der Bettlerin nichts als einige Geldſtücke, welche der General mit der größten Sorgfalt unterſuchte. Aber er mochte ſie umdrehen wie er wollte, er konnte nichts Verdächtiges daran entdecken. Nichts deſto weniger ſteckte er das Geld in ſeine Taſche und gab der Alten dafür ein Fünffrankenſtück. Jean Oullier ſah dem General mit ſchlauem Lächeln zu. „Nun, ſeht Ihr,“ ſagte er halb laut, aber doch d, daß die Bettlerin keines ſeiner Worte verlor, „das geringe Almoſen des Gefangenen(er legte einen Nachdruck auf dieſes Wort) wird Euch Glück gebracht haben, Mutter, und iſt ein Grund mehr, daß Ihr mich in Euren Gebeten nicht vergeſſet. Ein Dutzend Ave⸗Maria's, für einen armen Teufel dargebracht, können zu ſeinem Heil ausnehmend dienlich ſein.“ 3* Jean hatte ſeine Stimme erhoben, als er die letzten Worte ausſprach. „Mein guter Mann,“ ſprach der General, zu Jean Oullier gewendet, als die Colonne ſich wieder auf den Marſch begeben hatte,„von nun an müßt Ihr Euch an mich halten, wenn Ihr ein Werk der Mildthätigkeit thun wollt; ich werde Euch den Ge⸗ beten derer empfehlen, welchen Ihr Unterſtützung reichen wollt; meine Vermittlung wird Euch dort oben nicht ſchaden und kann Euch hienieden eine Menge Unannehmlichkeiten erſparen.“ „Und ihr Andere,“ fuhr der General mit ſtren⸗ ger Stimme zu den Reitern gewendet fort,„vergeßt in Zukunft meine Befehle nicht, denn das könnte für Euch, auf mein Wort, unglücklich ausfallen.“ Zu Vieillevique machte man eine Viertelſtunde Halt, um das Fußvolk ausruhen zu laſſen. Der Vendéer wurde mitten in das Carré ge⸗ ſtellt, um ihn von den Dorfbewohnern, die herbei⸗ geeilt waren und h neugierig um die Soldaten drängten, entfernt zu halten. Das Pferd, welches Jean Oullier trug, hatte ein Hufeiſen verloren und war von ſeiner doppelten Laſt ſehr ermüdet; der General beſtimmte zum Er⸗ ſatz dafür dasjenige von der Escorte, welches ihm am kräftigſten ſchien. Dieſes Pferd gehörte einem Reiter im Vortrab, welcher trotz der Gefahr, welcher er als eine Art verlorener Schildwache ausgeſetzt war, doch nur ſehr ungern den Poſten ſeines Kamaraden zu überneh⸗ men ſchien. 1 Dieſer Reiter war ein kleiner, unterſetzter, kräf⸗ — 8 28— 0à 88& die zu eder nüßt der Ge⸗ ung dort eine ren⸗ geßt unte 1 inde ge⸗ bei⸗ aten atte lten Er⸗ ihm rab, Art ſehr neh⸗ räf⸗ 37 tiger Mann mit ſanftem, verſtändigem Geſicht und zeigte in ſeinem Ausſehen nichts von jener Wind⸗ beutelei, welche ſeine Kamaraden auszeichnete. Während der Vorkehrungen zu dieſer Subſtitu⸗ tion beim Schein der Laterne, welche man herzu⸗ gebracht hatte(es war jetzt ganz Nacht geworden), welche man herzugebracht hatte, ſagen wir, um zu unterſuchen, ob die Gurten und Bande in gutem Stand waren, konnte Jean Oullier die Züge deſſen wahrnehmen, mit welchem er den Weg machen ſollte; ſeine Augen begegneten denen des Soldaten, und er bemerkte, daß derſelbe bei ſeinem Anblick er⸗ röthete. Man trat den Marſch wieder an, unter Ver⸗ dopplung der Vorſichtsmaßregeln, denn je weiter man vorrückte, deſto bedeckter und folglich für einen Angriff günſtiger wurde das Land. Die Ausſicht auf die Gefahr, die ihrer vielleicht wartete, die Strapazen, denen ſie auf Wegen aus⸗ geſetzt waren, welche die meiſte Zeit nichts als mit ungeheuren Steinen bedeckte Schluchten ſind, hatten keinen Einfluß auf die Fröhlichkeit der Soldaten, welche ſich aus der Gefahr eine Unterhaltung zu machen anfingen und, nachdem ſie beim Anbruch der Nacht kurze Zeit Stillſchweigen beobachtet hat⸗ ten, ſich mit jener Sorgloſigkeit, welche bei den Franzoſen ſich zwar augenblicklich ändern kann, aber immer wiederkehrt, dem Plaudern unter einander überließen.. Nur der Huſar, deſſen Reitpferd Jean Oullier theilte, blieb auffallend düſter und nachdenklich. „Sacredié, Thomas!“ ſagte der Reiter rechts, ſich zu ihm wendend,„Du biſt zwar gewöhnlich nie ſonderlich heiter, aber heute ſiehſt Du, auf Ehre, aus, als ob Du den Teufel zu Grabe trügeſt.“ „Ei!“ entgegnete der Huſar links,„trägt er den Teufel nicht zu Grabe, ſo ſieht er mir wohl aus, als trüge er ihn auf dem Kreuze.“ „Bilde Dir ein, Thomas, es ſei eine Lands⸗ männin, die Du auf dem Kreuze haſt, ſtatt eines Landsmannes.“ „Das iſt wahr,“ antwortete der erſte,„weißt Du, daß Du ein halber Chouan biſt, Thomas?“ „Sage doch, daß er ein ganzer Chouan iſt; geht er nicht alle Sonntage zur Meſſe?“ Der Jäger, an welchen dieſe Sticheleien gerich⸗ tet waren, hatte keine Zeit zu antworten; die Stimme des Generals gebot die Reihen aufzulöſen und hin⸗ ter einander zu marſchiren, da der Fußpfad ſo ſchmal geworden war, die Böſchungen ſich einander ſo ſehr genähert hatten, daß unmöglich zwei Reiter neben einander den Weg machen konnten. Während des Augenblicks der Verwirrung, welche dieſes Manöver nothwendig verurſachte, be⸗ gann Jean Oullier ganz leiſe das bretagniſche Lied zu pfeifen, deſſen Worte ſo anfingen: „Der Chouan iſt ein Biedermann...“ Beim erſten Wort des Liedes fuhr der Reiter unwillkürlich zuſammen. Jetzt, da die beiden Huſaren, der eine vorn, der andere hinten waren, näherte Jean Oullier, von ihrer Wachſamkeit befreit, ſeine Lippen dem Ohr des ſchweigſamen Reiters. 3 „Ah! Du haſt gut ſchweigen,“ ſprach er, nich 7 ,,—9,—— Sͤ—9 8— 39 habe Dich den erſten Augenblick erkannt, Thomas Tinaug wie Du mich gleichfalls ſogleich erkannt haſt.“ Der Soldat ſtieß einen Seufzer aus und machte eine Bewegung mit der Schulter, welche zu ſagen ſchien, daß er gegen ſeinen Willen handle. Aber er gab noch keine Antwort. „Thomas Tinguy,“ fuhr Jean Oullier fort, „weißt Du, wohin Du gehſt? Weißt Du, wohin Du den alten Freund Deines Vaters führſt? zur Plünderung und Verwüſtung des Schloſſes Souday, deren Herren zu allen Zeiten die Wohlthäter Deiner Familie geweſen ſind.“ Thomas Tinguy ſtieß einen neuen Seufzer aus. „Dein Vater iſt todt,“ ſprach Jean Oullier weiter. Thomas antwortete nicht, aber es ſchauderte ihn auf ſeinem Sattel; die einzige Sylbe, die ſeinem Munde entſchlüpfte und nur von Jean Oullier ge⸗ hört wurde, war: „Todt!“. „Ja, todt,“ flüſterte der Wildhüter;„und wer wachte an ſeinem Bette mit Deiner Schweſter Roſine, als der Alte ſeinen letzten Seufzer aushauchte? die beiden jungen Fräulein von Souday, die Du wohl kennſt: Mlle. Bertha und Mlle. Mary, und dieß mit Lebensgefahr, weil Dein Vater an einem ge⸗ fährlichen Fieber ſtarb; da ſie ſein Daſein nicht verlängern konnten, haben ſie gleich zwei Engeln, die ſie auch ſind, ſeinen Todeskampf gemildert. Wo iſt Deine Schweſter jetzt, die kein Aſyl mehr hatte? Auf Schloß Souday. Ah, Thomas Tinguy, ich will lieber der arme Jean Oullier ſein, den man in einem Winkel vielleicht bald erſchießt, als der, welcher ihn gebunden zur Richtſtätte führt.“ „Schweige, Jean, ſchweige,“ antwortete Thomas mit ſchluchzender Stimme;„wir ſind noch nicht an⸗ gekommen... man wird ſehen.“ Während dieß zwiſchen Jean Oullier und Tin⸗ guy's Sohne vorging, hatte die Schlucht, in welcher die kleine Truppe marſchirte, einen plötzlichen Ab⸗ ſturz genommen. Man ſtieg nach einer der Furten der Boulogne hinab. Die Nacht war eingebrochen, eine düſtere, fin⸗ ſtere Nacht, ohne einen Stern am Himmel; und dieſe Nacht, die auf der einen Seite den Ausgang der Expedition begünſtigen mochte, konnte auf der andern Seite für deren Marſch in dieſer wilden, unbekannten Gegend eine Quelle ſchweren Unge⸗ machs werden. Am Ufer des Fluſſes angekommen, fand man daſelbſt die beiden Huſaren, welche, die Piſtole in der Fauſt, warteten. Sie hatten Halt gemacht und waren unruhig. Wirklich hatten ſie anſtatt eines hellen, durch⸗ ſichtigen, über Kieſel hinhüpfenden Waſſers, wie man es gewöhnlich an durchwatbaren Punkten ſieht, vor ſich eine ſchwarze ſtagnirende Waſſermaſſe ge⸗ funden, welche weich an die Felsränder ſchlug, zwi⸗ ſchen welchen die Boulogne eingeſenkt iſt. Man hatte gut nach allen Seiten umzuſchauen; man ſah nichts von dem Führer, welchen Courtin zu ſchicken verſprochen hatte. 41 Der General ſtieß einen Appelruf aus. „Wer da?“ antwortete man von der andern Seite des Fluſſes. „Souday,“ ſagte der General. „Dann habe ich mit Euch zu thun,“ rief die Stimme. „Sind wir an der Furt der Boulogne?“ fragte der General. „Ja.“ „Warum iſt das Waſſer ſo hoch?“ „Es iſt in Folge der letzten Regen ſehr geſtiegen.“ „Iſt der Uebergang trotz dieſes Steigens möglich?“ „Wahrhaftig, ich habe den Fluß nie ſo hoch ge⸗ ſehen; ich glaube wohl, es wäre klüger...“ Die Stimme des Führers ſtockte plötzlich und ſchien ſich in einem dumpfen Seufzer zu verlieren. Dann hörte man das Geräuſch eines Kampfes, wie von mehreren Menſchen, welche die Kieſelſteine unter ihren Füßen zum Weichen bringen. „Tauſend Donnerwetter!“ rief der General, „man ermordet unſern Führer.“ Ein Schrei der Angſt und Todesqual antwortete auf dieſen Ausruf des Generals und beſtätigte ihn. „Ein Grenadier auf's Pferd hinter jedem freien Reiter; der Kapitän hinter mir, die beiden Lieute⸗ nants hieher mit dem Reſt der Truppe; der Ge⸗ fangene und ſeine drei Jäger von der Wache. „Allons und raſch!“ In einem Augenblick hatte jeder der ſiebzehn Jäger einen Grenadier hinter ſich. Vierundzwanzig Grenadiere und die zwei Lieute⸗ nants, der Gefangene und die drei Jäger, Tinguy unter ihnen, blieben auf dem rechten Ufer der Boulogne. Die Ordre wurde mit der Schnelligkeit des Ge⸗ dankens vollzogen, und der General, gefolgt von ſeinen zwanzig Jägern, nun durch ebenſo viel Gre⸗ nadiere verdoppelt, ſtieg in das Bett des Fluſſes. Zwanzig Schritte vom Ufer verloren die Pferde den Grund, aber ſie ſchwammen nun einige Augen⸗ blicke und erreichten ohne Unfall das jenſeitige Ufer. Kaum dort angekommen, ſtiegen die Fußſoldaten wieder ab. „Seht Ihr nichts?“ ſagte der General, indem er die Finſterniß, welche die kleine Gruppe umgab, zu durchdringen ſuchte. „Nein, General,“ antworteten die Soldaten mit einer Stimme. „Und doch iſt es jetzt gut,“ erwiderte der Ge⸗ neral, wie mit ſich ſelbſt redend,„daß der brave Mann uns geantwortet hat; durchſucht das Gebüſch, aber ohne Euch von einander zu entfernen; viel⸗ leicht findet Ihr ſeinen Leichnam.“ Die Soldaten gehorchten und ſuchten in einem Kreiſe von fünfzig Metern um ihren Befehlshaber herum, kehrten aber nach einer Viertelſtunde zurück, ohne etwas entdeckt zu haben und ziemlich beſtürzt über das plötzliche Verſchwinden ihres Führers. „Ihr habt nichts gefunden?“ fragte der General. Ein einziger Grenadier trat mit einer baum⸗ wollenen Mütze in der Hand näher. „Ich habe dieſe baumwollene Mütze gefunden,“ ſprach er. „Wo?“ ——-⸗ℳ-ℳ-⸗õ——————,— nem ber ück, ürzt ral. im⸗ „„ n, 43 „An einem Dornbuſch hängend.“ „Es iſt die Mütze unſeres Führers,“ ſagte der General. „Wie ſo?“ fragte der Kapitän. „Weil,“ antwortete ohne Zögern der General, „die Leute, welche ihn angegriffen haben, Hüte tra⸗ gen mußten.“ Der Kapitän ſchwieg, da er weiter zu fragen nicht wagte; aber es war offenbar, daß die Erklä⸗ rung des Generals ihm die Sache um nichts deut⸗ licher gemacht hatte. Der General verſtand ſein Stillſchweigen. „Das iſt ganz einfach,“ fuhr er darum fort; „die Leute, welche eben unſern Führer ermordeten, folgen uns augenſcheinlich, ſeitdem wir Montaigu verlaſſen haben, und dieß mit dem Verlangen, un⸗ ſern Gefangenen uns zu entreißen; es ſcheint, das Gebot iſt wichtiger, als ich Anfangs dachte; die Leute, welche uns folgten, waren auf dem Markte und mußten, wie es gewöhnlich geſchieht, wenn ſie nach der Stadt gehen, Hüte tragen; während hin⸗ gegen der Führer, unverſehens in ſeinem Bett über⸗ raſcht, von dem Mann aufgeweckt, welcher uns den⸗ ſelben ſchicken ſollte, die erſte beſte Kopfbedeckung, die ihm in die Hände fiel, ergreifen, oder vielmehr die behalten mußte, welche er auf dem Kopf hatte; daher die baumwollene Mütze.“ „Und Sie denken, General,“ fragte der Kapitän, „daß die Chouans ſich ſo nahe an unſere Colonne herangewagt haben?“ „Sie marſchiren ſeit Montaigu hinter uns her und haben uns nicht einen Augenblick aus dem Ge⸗ ſicht verloren. Mordien! man klagt immer über die Unmenſchlichkeit, welche in dieſem Krieg herrſcht, und bei jeder Gelegenheit bemerkt man zu ſeinem eigenen Schaden, daß man noch nicht unmenſchlich genug iſt. Dummkopf, der ich bin!“ „Ich verſtehe Sie immer weniger, General,“ ſagte der Kapitän lachend. „Sie erinnern ſich jener Bettlerin, die ſich beim Abgang von Montaigu an uns machte?“ „Ja, General.“ „Nun, dieſes ſaubere Weibsbild hat uns die Bande auf den Hals geſchickt. Ich wollte ſie unter Escorte nach dem Dorfe zurückführen laſſen; ich habe Unrecht gethan, meiner erſten Eingebung nicht zu folgen, ich hätte dieſem armen Teufel das Leben gerettet. Ah! da bin ich jetzt; die Ave⸗Maria's, welchen Ihr Gefangener ſeine Rettung vor der An⸗ kunft in Souday anbefahl, wir haben eben davon den Kirchengeſang gehört.“ „Glauben Sie alſo, ſie werden uns anzugreifen wagen?“ 4 „Hätten ſie die Kraft dazu, ſo wäre es bereits neichehen: ſie ſind höchſtens fünf oder ſechs Mann ſtark.“ „Wollen Sie, daß ich die an dem andern Ufer gebliebenen Leute herüber kommen laſſe?“ „Warten Sie; unſere Pferde haben den Grund verloren, unſere Fußſoldaten würden ertrinken. Es muß in der Gegend eine practikablere Furt geben.“ „Glauben Sie, General?“ „Parbleu! ich weiß es gewiß.“ „Sie kennen alſo den Fluß?“ 45⁵ „Nicht im Geringſten.“ „Nun, dann?“ „Ah, Kapitän, man ſieht wohl, daß Sie nicht gleich mir den großen Krieg mitgemacht haben, jenen Krieg von Wilden, wo man ohne Unterlaß nach einer Reihenfolge von Schlüſſen vorrücken mußte. Dieſe Leute da lagen auf dieſer Seite des Ufers nicht im Hinterhalt zur Zeit, da wir uns auf der andern zeigten. Das iſt klar.“ „Für Sie, General.“ „CEi, mein Gott! für die ganze Welt. Wären ſie auf dieſem Ufer geweſen, ſo hätten ſie den Füh⸗ rer, der ohne Mißtrauen ſeines Weges ging, kom⸗ men hören und nicht unſere Ankunft abgewartet, um ſich ſeiner Perſon zu bemächtigen oder ihn zu tödten. Die Bande marſchirte alſo auf unſern Flü⸗ geln, flankirte unſere Plänkler.“ 3 „Wirklich, General, das iſt wahrſcheinlich.“ „Sie mußten einen Augenblick vor uns an den Ufern der Boulogne ankommen; nun war der Zeit⸗ raum, welcher den Moment, wo wir anlangten und Halt machten, von dem, wo unſer Mann überfallen wurde, trennt, zu kurz, als daß ſie einen langen Um⸗ hes hätten machen können, um einen Uebergang zu uchen.“ „Warum hüätten ſie nicht an derſelben Stelle, wie wir, überſetzen können?“ „Weil die meiſten Bauern, beſonders im Innern des Landes, nicht ſchwimmen können. Dieſer Ueber⸗ gang muß ſich alſo hier ganz in der Nähe befinden. Vier Mann gehen jetzt fünfhundert Schritte am Fluß hinauf und vier Mann hinunter. Allans und raſch. Es handelt ſich darum, hier nicht zu ſterben. Zudem ſind wir durchnäßt!...“ Nach zehn Minuten kehrte der Officier zurück. „Sie haben vollkommen Recht, General,“ ſagte er,„dreihundert Schritte von hier liegt ein Inſel⸗ chen mitten im Fluß; ein Baum verbindet daſſelbe mit dem linken Ufer; ein anderer Baum geht von ihm auf das jenſeitige Ufer.“ „Bravo!“ ſagte der General,„der Reſt unſerer Mannſchaft kann herüber kommen, ohne eine Pa⸗ trone naß zu machen.“ Dann zu dem kleinen, auf dem andern Ufer zu⸗ rückgebliebenen Corps gewendet: „Ohe! Lieutenant!“ rief er,„gehen Sie an der Boulogne hinauf, bis Sie einen quer uͤber den Fluß geworfenen Baum finden; und wachen Sie über dem Gefangenen.“ Ungefähr fünf Minuten marſchirten die beiden kleinen Abtheilungen parallel an beiden Ufern des Fluſſes hinan. Endlich rief der General, an der von dem Ka⸗ pitän bezeichneten Stelle angekommen,„Halt!“ „Ein Lieutenant und vierzig Mann voran!“ Vierzig Mann und ein Lieutenant ſtiegen in den Fluß hinab und ſchritten hinüber, wobei ihnen zwar das Waſſer bis an die Schulter ging, ſie jedoch ihre Musketen und Patronen über den Fluß empor⸗ halten konnten, ſo daß dieſelben nicht naß wurden. Die vierzig Soldaten ſtiegen an's Land und ſtellten ſich in Schlachtordnung auf. „Jetzt,“ rief der General,„laßt den Gefangenen überſetzen.“ 47 Thomas Tinguy ſtieg in's Waſſer, rechts und links von einem Huſaren flankirt. „Wahrhaftig, Thomas,“ ſprach Jean Qullier zu ihm mit leiſer, eindringlicher Stimme,„an Deiner Stelle würde ich etwas fürchten, es möchte nämlich das Geſpenſt meines Vaters vor mir aufſteigen, darum daß ich das Blut ſeines beſten Freundes gegen einen elenden Gurt, um deſſen Losſchnallung es ſich handelt, auf die Wagſchale gelegt habe.“ Der Jäger fuhr mit der Hand nach der in Schweiß gebadeten Stirne und machte das Zeichen des Kreuzes. In dieſem Augenblick waren die drei Reiter mitten im Fluß angekommen, aber die Strömung hatte ſie ein wenig von einander getrennt. Auf einmal lieferte ein lautes Geräuſch, begleitet von einem Aufſpritzen des Waſſers den Beweis, daß Jean Oullier vor dem armen bretagniſchen Soldaten nicht vergeblich das verehrte Bild deſſen, pelcer ihm das Leben gegeben, heraufbeſchworen atte. Der General täuſchte ſich nicht einen Augenblick bütr die Urſache des Geräuſches, das er gehört atte. „Der Gefangene entwiſcht!“ rief er mit Donner⸗ ſtimme.„Zündet die Fackeln an und vertheilt Euch am Ufer, und Feuer auf ihn, wenn er ſich zeigt.“ „Was Dich betrifft,“ ſetzte er gegen Thomas Tinguy gewendet hinzu, der zwei Schritte von ihm ſich aufſtellte, ohne nur einen Augenblick einen Flucht⸗ verſuch gemacht zu haben,„was Dich betrifft, ſo wirſt Du nicht mehr weit gehen.“ Und er zog eine Piſtole aus dem Holfter. „So ſterben alle Verräther!“ Er gab Feuer. Thomas Tinguy, gerade in die Bruſt getroffen, ſiel todt zu Boden. XXII. Apporte, Pataud, apporte. Die Soldaten, mit einer Schnelligkeit gehorchend, welche deutlich von der Kenntniß zeugte, die ſie von dem Ernſt ihrer Lage hatten, waren wirklich den Fluß entlang geſtürzt, um der Strömung deſſelben zu folgen. . Ein Dutzend angezündete Fackeln, ſowohl auf dem rechten als linken Ufer, warfen ihren blutigen Schein auf das Waſſer. Jean Oullier, ſeiner vornehmſten Feſſel in dem Augenblick entledigt, da Thomas Tinguy eingewilligt hatte, den Gurt, der ihn hielt, loszuſchnallen, hatte ſich vom Pferd herabgleiten laſſen und in den Fluß geſtürzt, indem er zwiſchen den Beinen des Pferdes zur Rechten durchging.. Nun wird man uns fragen, wie Jean Oullier es anſtellte, um mit gebundenen Händen zu ſchwimmen. Jean Oullier rechnete ſo ſicher auf den Erfolg, den ſeine Beredtſamkeit bei dem Sohne ſeines alten Kamaraden haben mußte, daß er ſeit Einbruch der Nacht die ganze Zeit, die er nicht gebrauchte, Tho⸗ mas zur Ueberzeugung zu bringen, dazu anwandte, fen, nd, von den ben auf gen 49 den Strick, womit ſeine Handgelenke gebunden wa⸗ ren, mit den Zähnen zu durchnagen. Jean Oullier hatte gute Zähne. So hielt der Strick bei der Ankunft an der Boulogne nur noch an einem Faden. Einmal im Waſſer, reichte wirklich die geringſte Anſtrengung hin, ſich deſſelben vollſtändig zu ent⸗ ledigen. Nach einigen Sekunden mußte Jean Oullier Athem holen; es war alſo unvermeidlich, ſich an der Oberfläche des Waſſers zu zeigen; aber in dem⸗ ſelben Augenblick knallten zehn Schüſſe auf dem ei⸗ nen wie dem andern Ufer und ebenſo viel Kugeln trieben den Schaum um den Schwimmer auf. Durch ein Wunder traf ihn keine; aber er hatte auf ſeinem Geſicht das ſcharfe Pfeifen der Geſchoſſe gefühlt. Es war nicht klug, zum zweiten Mal das Glück zu verſuchen, denn dießmal wäre nicht das Glück, ſondern Gott verſucht geweſen. Er tauchte wieder unter; aber da er Grund fand, ſtieg er, anſtatt den Fluß hinunter, wie er von Anfang gethan hatte, denſelben hinauf, indem er das, was in der Jägerei ein Hourvari genannt wurde, verſuchte. Warum ſollte, was zuweilen einem Haſen, ei⸗ nem Fuchs oder Wolf, auf den er Jagd machte, gelang, nicht auch ihm gelingen? Jean Oullier machte alſo ein Hourvari, ſtieg den Fluß aufwärts, den Athem anhaltend, bis ihm faſt die Bruſt zerſprang, und beim Wiedererſcheinen ſich wohl hütend, in die Linie des Lichtes zu treten, Dumas, Wölfinnen von Machecvul. II. 4 welches die Fackeln von beiden Seiten des Ufers warfen. Das Manöver täuſchte wirklich ſeine Feinde. Nicht vermuthend, daß er eine neue Schwierig⸗ keit zu derjenigen füge, welche ſeine Flucht an ſich zeigte, ſuchten die Soldaten ihn fortwährend an der Boulogne hinab, indem ſie ihre Musketen gleich Jägern hielten, welche das Wild erwarten und zu feuern bereit ſind, ſobald es zum Vorſchein kommt. Darum daß das Wild ein Menſch war, wurde die Aufmerkſamkeit nur lebhafter und hitziger. Nur ein halb Dutzend Grenadiere ſuchten an den obern Ufern der Boulogne hin; aber ſie hatten nur eine einzige Fackel bei ſich. Das Geräuſch ſeines Athemholens ſo gut als möglich erſtickend, erreichte Jean Qullier endlich eine Weide, deren Zweige ſich über den Fluß vorſtreckten und mit den äußerſten Spitzen die Oberfläche des Waſſers berührten. Der Schwimmer faßte einen dieſer Zweige, nahm ihn zwiſchen die Zähne, und hielt ſich, den Kopf rückwärts gebeugt, ſo, daß Mund und Naſe allein aus der Boulogne hervorragten. Er hatte kaum wieder Athem gewonnen, als er von der Stelle aus, wo die Colonne Halt gemacht hatte und er in den Fluß getreten war, ein kläg⸗ liches Geheul vernahm. Dieſes Geheul, er kannte es. d „Pataud!“ murmelte er,„Pataud hier! Pataud, den ich nach Souday geſchickt habe; es muß ihm ein Unfall zugeſtoßen ſein, daß er nicht dahin ge⸗ langt iſt. O mein Gott! mein Gott!“ ſetzte er mit 51 unglaublicher Inbrunſt und höchſter Zuverſicht hin⸗ zu,„wie nothwendig iſt es jetzt, daß dieſe Leute mich nicht wieder ergreifen!“ Die Soldaten, welche Jean Oullier's Hund im Hofe des Gaſthauſes geſehen hatten, erkannten ihn auch. „Da iſt ſein Hund! da iſt ſein Hund!“ riefen ſie. „Bravo!“ ſagte ein Sergent,„der Hund wird uns helfen, den Herrn zu finden.“ Und er verſuchte, Pataud zu faſſen. Aber ſo ſchwer der Gang des armen Thieres ſchien, ſo entſchlüpfte ihm Pataud und warf ſich, nachdem er gegen die Strömung zu die Luft einge⸗ zogen hatte, in den Fluß. „Hieher Kamaraden, hieher,“ rief der Sergent den Soldaten, welche die Ufer des Fluſſes abſuch⸗ ten, zu, indem er den Arm nach der Richtung, welche der Hund genommen hatte, ausſtreckte,„wir werden den Hund beim Stehen finden. Schön, Pataud, ſchön!“ Jean Oullier hatte im Augenblick, da er Pa⸗ taud am Laut erkannte, auf alle Gefahr hin den Kopf aus dem Waſſer hervorgeſtreckt. Er ſah den Hund, welcher in diagonaler Linie den Fluß durchſchnitt und gerade auf ihn zuſchwamm. Er begriff, daß er verloren war, wenn er nicht einen äußerſten Entſchluß faßte. Nun war ſeinen Hund aufzuopfern für Jean Dulier gerade ſo viel als einen äußerſten Entſchluß aſſen. * Hätte es ſich nur um ſein Leben gehandelt, Jean Oullier würde ſich für verloren gegeben oder 4 5² mit ſeinem Hund gerettet, oder wenigſtens gezögert haben, ſich auf Koſten von Patauds Leben zu retten. Er zog alſo ſachte die ziegenhärene Kaſacke aus, welche er über ſeinem Wamſe trug und ließ ſie mit dem Waſſer treiben, indem er ſie gegen die Mitte der Strömung ſtieß. Pataud war nur noch fünf oder ſechs Schritte von ihm entfernt. „Such! Apporte!“ ſagte Jean Oullier leiſe zu ihm, indem er ihm die zu nehmende Richtung an⸗ deutete. Dann, als der Hund, ohne Zweifel die Ab⸗ nahme ſeiner Kräfte fühlend, zu gehorchen zögerte, ſprach Jean Oullier in gebietendem Ton: „Apporte, Pataud! Apporte.“ Pataud ſtürzte ſich gerade in die Furche, welche der Haarkörper zurückließ, der ihm ſchon zwanzig Schritte voraus war. Als Jean Oullier ſah, daß ſeine Liſt gelang, zog er einen Vorrath von Luft ein und tauchte von Neuem unter, gerade in dem Augenblick, wo die Soldaten am Fuß der großen Weide ankamen. Einer von ihnen erkletterte raſch den Baum und beleuchtete, die Fackel ausſtreckend, das ganze Bett der Boulogne. Man ſah nun die Kaſacke ſchnell von der Strö⸗ mung fortgeriſſen und Pataud hinter derſelben her⸗ ſchwimmen, indem er winſelte und ſtöhnte, als wollte er die Unmöglichkeit beklagen, in welche ihn die Erſchöpfung ſeiner Kraft verſetzte, den Befehl ſeines Herrn zu vollziehen. 3 Die Soldaten, welche dem Manöbver des Thiers 53 folgten, ſtiegen wieder am Fluß hinab und entfern⸗ ten ſich ſo von Oullier; und als einer von ihnen e Kaſacke, die auf dem Waſſer trieb, erblickte, rief er: „Hier, meine Freunde, hier, hier! der Räuber!“ Und er gab Feuer auf die Kaſacke. Grenadiere und Jäger liefen tumultuariſch an den beiden Ufern entlang, indem ſie ſich mehr und mehr von dem Punkt entfernten, wohin Jean Oul⸗ lier ſich geflüchtet hatte, und mit ihren Kugeln wie ein Sieb das Ziegenfell durchlöcherten, welchem Pataud, ſich mehr und mehr erſchöpfend, beharrlich nachſchwamm. Einige Minuten wurde das Feuer ſo lebhaft unterhalten, daß es der Fackeln nicht mehr bedurfte; die entzündeten Schwefelblitze, welche aus den Mus⸗ keten ſprangen, erleuchteten den wilden Winkel, wo die Boulogne dahin rollt, und die Felſen, den Don⸗ ner des Knallens zurückwerfend, verdoppelten den des Kleingewehrfeuers. Der General bemerkte zuerſt den Irrthum ſeiner Soldaten. „Laſſen Sie das Feuer einſtellen,“ ſagte er zu dem Kapitän, der an ſeiner Seite marſchirte,„dieſe Dummköpfe haben um des Schattens willen die Beute fahren laſſen.“ In dieſem Augenblick zuckte ein Blitz auf dem amm eines an den Fluß ſtoßenden Felſens, ein ſcharfes Pfeifen ließ ſich über dem Haupt der bei⸗ den Officiere vernehmen und eine Kugel ſchlug zwei chritte vor ihnen in den Baumſtamm. „Ah! ah!“ ſagte der General mit der größten Kaltblütigkeit,„unſer Schelm hat nur ein Dutzend Ave⸗Maria begehrt, mir kommt es vor, als wollten ſeine Freunde noch freigebiger verfahren.“ Wirklich ließen ſich drei oder vier neue Schüſſe hören und Kugeln prallten über dem Fluß auf; ein Mann ſtieß einen Schrei aus. „Trompeter!“ rief er,„blast zur Sammlung, und ihr andern löſcht die Fackeln aus.“ Dann ganz leiſe zu dem Kapitän: „Laſſen Sie die vierzig Mann vom jenſeitigen Ufer die Furt paſſiren; wir werden vielleicht ſogleich unſere ganze Mannſchaft nöthig haben.“ In einem Augenblick hatten ſich die Soldaten, durch dieſen nächtlichen Angriff beunruhigt, um ihren Führer gruppirt. Fünf oder ſechs Blitze, von entfernten Punkten da oder dort kommend, zuckten noch von dem Kamm der Schlucht hervor und erleuchteten das ſchwarze Himmelsgewölbe. Ein Grenadier ſiel todt nieder; das Pferd eines Jägers bäumte ſich und ſtürzte auf ſeinen Reiter; eine Kugel hatte es in die Bruſt getroffen. „Vorwärts, tauſend Donnerwetter! und ſehen wir, ob dieſe Nachtvögel uns zu erwarten wagen.“ Und ſich an die Spitze ſeiner Soldaten ſtellend, begann er, die Böſchung der Schlucht in einem ſo lebhaften Anlauf zu erklettern, daß trotz der Fin⸗ ſterniß, welche das Hinaufſteigen erſchwerte, trotz der Kugeln, welche mitten unter den Soldaten auf⸗ prallten und noch zwei Mann verwundeten, die kleine Truppe in einem Augenblick die Anhöhe be⸗ ſetzt hatte. 5⁵ Das Feuer der Feinde erloſch jetzt wie durch einen Zauber, und hätten nicht einige Ginſterbüſche, die noch hin und her wogten, die unmittelbare Ge⸗ genwart der Chouans bezeugt, es wäre zu glauben geweſen, ſie haben ſich in den Schooß der Erde verſenkt. „Trauriger Krieg! trauriger Krieg!“ murmelte der General.„Und jetzt muß unſere Expedition nothwendig mißlingen. Macht nichts, verſuchen wir ſie; überdieß liegt Souday auf der Route von Machecoul, und nur in Machecoul können wir un⸗ ſere Leute ausruhen laſſen.“ „Aber ein Führer, General,“ ſagte der Kapitän. „Ein Führer? Sehen Sie jenes Licht, fünf⸗ hundert Schritte von hier?“ „Ein Licht?“ „Ja, dort.“ „Nein, General.“ „Nun, ich ſehe es. Dieſes Licht zeigt eine Hütte an, eine Hütte zeigt einen Bauern an, und Mann, Weib oder Kind, der Bewohner dieſer Hütte muß uns durch den Wald führen.“ Und in einem Ton, der von ſchlimmer Vorbe⸗ deutung für den Bewohner der Hütte, wer es auch ſein mochte, war, gebot der General, ſich wieder auf den Marſch zu machen, nachdem er Sorge ge⸗ tragen hatte, die Linien der Scharfſchützen und Plänkler ſo weit auszudehnen, als die individuelle Sicherheit ſeiner Leute es ihm geſtattete. Der Genexal hatte, gefolgt von ſeiner kleinen Truppe, die Höhe noch nicht verlaſſen, als ein Mann aus dem Waſſer heraus kam, einen Augenblick ſtill hielt, um hinter dem Stamm einer Weide zu horchen, und dann an den Büſchen hinſchlich, in der augenſcheinlichen Abſicht, dieſelbe Route wie die Sol⸗ daten einzuſchlagen. Als er einen Buſch Heidekraut faßte, um den Felſen zu erklettern, ließ ſich einige Schritte von ihm ein leiſes Winſeln vernehmen. Jean Oullier, denn der Mann war kein anderer als unſer Flüchtling, ging nach der Seite zu, wo er das Winſeln gehört hatte. In dem Maße, als er näher kam, nahmen dieſe Klagen einen ſchmerzlichen Ton an. Er bückte ſich, ſtreckte ſeine Hand aus und fühlte, daß eine weiche, warme Zunge über ſeine Hand fuhr. „Pataud! mein armer Pataud!“ flüſterte der Vendéer. Es war wirklich Pataud, welcher, den Reſt ſeiner Kräfte benützend, das Ziegenfell ſeines Herrn an das Ufer gebracht und ſich jetzt niedergelegt hatte, um darauf zu ſterben. Jean Oullier zog ſein Gewand unter dem Hund hervor und rief Pataud. Pataud ſtieß einen langen Seufzer aus, aber rührte ſich nicht. Jean Oullier nahm den Hund in ſeine Arme, um ihn fortzutragen, aber der Hund machte keine ewegung mehr. Die Hand, womit der Vendéer das Thier hielt, benetzte ſich mit einer lauwarmen klebrichen Flüſ⸗ ſigkeit. Der Vendéer brachte dieſe Hand an ſeinen Mund und erkannte den faden Geſchmack des Blutes. —— —— 57 Er verſuchte die Zähne des Thiers aufzubrechen, aber es gelang ihm nicht. Pataud war bei der Rettung ſeines Herrn, den der Zufall herbeigeführt hatte, um ſeine letzte Lieb⸗ koſung in Empfang zu nehmen, geſtorben. Aber war er durch eine der Kugeln von den Soldaten getödtet worden, oder bereits verwundet, als er ſich ins Waſſer geworfen, um wieder zu Jean Oullier zu gelangen? Der Vendoer neigte ſich der letztern Meinung zu; dieſes Anhalten Patauds an dem Fluſſe, die Schwäche, womit er ſchwamm, Alles führte Jean Oullier auf den Glauben an eine frühere Ver⸗ wundung. „Gut,“ ſprach er bei ſich,„morgen iſt auch ein Tag, und wehe Dem, der Dich getodtet hat, mein armer Hund.“ Mit dieſen Worten legte er Patauds Körper in einen Schößlingsbuſch, eilte die Anhöhe hinauf und verſenkte ſich unter den Ginſter. XXIII. Wem die Hütte gehörte. Die Hütte, deren Fenſter der General in der Finſterniß hatte blinken ſehen und worauf er den Kapitän aufmerkſam machte, war von zwei Haus⸗ haltungen bewohnt. An der Spitze der zwei Haushaltungen ſtanden zwei Brüder. Dieſe zwei Brüder hießen der ältere Joſeph, der jüngere Paſcal Picaut. Der Vater der beiden Picaut hatte ſeit 1792 den erſten Zuſammenrottungen in der Landſchaft Retz beigewohnt. Er hatte ſich an den blutdürſtigen Souchet gehängt, wie der Saug⸗ fiſch an den Hai, der Schakal an den Löwen ſich hängt, und an ſchrecklichen Metzeleien, welche die Anfänge des Aufſtands bezeichneten, ſeinen Theil genommen. Als Charrette jenen Charrier mit der weißen Kokarde vor Gericht ſtellte, ſchmollte Picaut, deſſen Blutgier geweckt worden war, mit dem neuen Chef, der in ſeinen Augen ſchweres Unrecht hatte, daß er nur auf dem Schlachtfeld Blut vergießen wollte, verließ deſſen Diviſion und ging zu der über, welche der ſchreckliche Joly, der alte Wundarzt von Mache⸗ coul, befehligte. Dieſer wenigſtens ſtand auf der Höhe von Picauts Exaltation. Aber Joly ſtellte ſich, das Bedürfniß der Einig⸗ keit erkennend und das militäriſche Genie des Chefs der Niedervendée ahnend, unter Charrette's Fahnen, und Picaut, der nicht befragt worden war, dispen⸗ ſirte ſich jetzt auch von der Befragung ſeines Com⸗ mandanten, um von Neuem ſeine Kamaraden zu verlaſſen.* Müde endlich dieſes beſtändigen Wechſels, tief überzeugt, daß die Zeit nichts gegen den Groll ver⸗ mochte, welchen er gegen Souchets Mörder hegte, ſuchte er einen General, welchen die Thaten Char⸗ rette's nicht verführen könnten, und fand nichts Beſſeres als Stofflet, deſſen Antagonismus gegen. den Helden der Landſchaft Retz ſich ſchon bei mancher Gelegenheit offenbart hatte. ———y —f— 4₰ 59 Am 25. Februar 1796 wurde Stofflet auf dem Pachthof Poitevinidre mit zwei Adjutanten und zwei Jägern, die er bei ſich hatte, gefangen genommen. Man erſchoß den Vendéer Häuptling und die beiden Officiere und ſchickte die beiden Bauern in ihre Hütten zurück. Es waren zwei Jahre, daß Picaut, einer von dieſen Jägern Stofflets, ſein Haus nicht mehr ge⸗ ſehen hatte. Bei der Ankunft daſelbſt bemerkte er auf der Schwelle zwei große junge Leute, kräftig und wohl gebaut, welche ſich an ſeinen Hals warfen und ihn umarmten. Es waren ſeine Söhne. Der ältere war ſiebzehn, der andere ſechzehn Jahre alt. Picaut überließ ſich gutwillig ihren Liebkoſungen, dann begann er, als ſie geendet hatten, mit ſicht⸗ barem Wohlgefallen ihren Bau, ihre athletiſche Schulterbreite zu betrachten, ihre muskulöſen Glieder zu betaſten. Picaut hatte zwei Knaben zu Hauſe gelaſſen; er fand zwei Soldaten wieder. Alllein wie er, waren dieſe beiden Soldaten waf⸗ fenlos. Die Republik hatte wirklich Picaut den Kara⸗ biner und Säbel genommen, welche er der engliſchen Freigebigkeit verdankte. Nun rechnete nicht allein Picaut darauf, daß die Republik ihm dieſelben zurückgeben, ſondern auch, daß ſie generös genug ſein würde, ſeine beiden Söhne zur Entſchädigung für das Unrecht, das ſie ihm an⸗ gethan hatte, zu bewaffnen. 60 Es iſt wahr, daß er ſie deßhalb zu befragen nicht gedachte. In Folge davon gebot er am andern Tage den zwei jungen Burſchen, ihre holzapfelbäumenen Stöcke zu nehmen, und machte ſich nach Torfou auf den Marſch. In Torfou lag eine Halbbrigade Infanterie. Als Picaut, der bei Nacht marſchirte und die gebahnten Wege verſchmähend quer über die Felder ging, auf eine halbe Meile von ſich eine Anhäu⸗ fung von Licht wahrnahm, welche ihm die Stadt verkündigte und andeutete, daß er dem Ziel ſeiner Reiſe nahe war, befahl er ſeinen zwei Söhnen, ihm weiter zu folgen, aber alle ſeine Bewegungen nach⸗ zuahmen und unbeweglich auf der Stelle, wo ſie ſich befänden, zu bleiben, ſo bald ſie das Gezwitſcher der vom Schlafe aufgeſchreckten Amſel vernähmen. Es gibt keinen Jäger, der nicht weiß, daß die vom Schlaf aufgeſchreckte Amſel ſich davon macht, indem ſie drei oder vier raſche und wiederholte Laute ausſtößt, die nur ihr angehören. Nun aber begann er, anſtatt aufrecht zu gehen, wie er bisher gethan, zu kriechen, wobei er immer dem Schatten der Hecken folgte, ſich um das Städt⸗ chen wandte und von zwanzig zu zwanzig Schritten mit größter Aufmerkſamkeit ſich erhob. Endlich gelangte das Geräuſch eines langſamen, gemeſſenen, einförmigen Schritts zu ihm. Dieſer Schritt war der eines einzelnen Mannes. Picaut legte ſich platt auf den Bauch und rückte wieder in der Richtung des Geräuſches vor, indem er ſich mit Ellbogen und Knieen hob. agen e den Stöcke den je. d die elder häu⸗ Stadt einer ihm nach⸗ ſich ſcher men. die acht, aute hen, imer ädt⸗ itten nen, nes. ückte dem 61⸗ Seine Söhne ahmten ihn nach. Am Ende des Feldes, dem er folgte, öffnete Picaut halb die Hecke, ſchaute hindurch, machte ſich, befriedigt von ſeiner Inſpection, ein Loch, ſteckte den Kopf durch und ſchlüpfte, ohne ſich viel um die Dornen zu kümmern, welche ſeinen Körper trafen, wie eine Schlange durch die Zweige. Auf der andern Seite angekommen, machte er das Pfeifen einer aufgeſcheuchten Amſel nach. Dieß war das mit ſeinen beiden Söhnen ver⸗ abredete Signal. Sie hielten an, der empfangenen Weiſung ge⸗ horſam; aber ſich aufrichtend, um über die Hecke zu ſchauen, folgten ſie mit den Augen dem Manöver ihres Vaters. Das auf der andern Seite der Hecke ſich aus⸗ dehnende Feldſtück, welches Picaut betreten hatte, war eine Wieſe, deren hohes dichtes Gras nach der Jahrszeit hin und her wogte. Am Ende der Wieſe, d. h. etwa fünfzig Schritte davon, bemerkte man die Straße. Auf dieſer Straße ging eine Schildwache auf und ab, die ihren Poſten hundert Schritte von einem Hauſe hatte, das als Hauptwache diente und an deſſen Thüre eine zweite Schildwache ſich befand. Als Picaut nur noch zwei Schritte von der Straße entfernt war, machte er hinter einem kleinen Gebüſch Halt. Der Soldat ging der Länge nach auf und ab und ſo oft er auf ſeinem Gang dem Städtchen den Rücken wandte, ſtreiften ſeine Kleider und Waffen die Zweige des Buſches. Jedesmal bebten die beiden jungen Leute für ihren Vater. Plötzlich und im Augenblick, da der Wind ſich mit einer gewiſſen Stärke erhob, führte der nach ihrer Seite gewandte Luftzug ihnen einen erſtickten Schrei zu; dann bemerkten ſie mit dem ſcharfen Blick von Leuten, die bei Nacht zu ſehen gewohnt ſind, auf der weißen Linie der Straße etwas wie eine ſchwärzliche zappelnde Maſſe. Dieſe Maſſe beſtand aus Picaut und der Schildwache. Picaut hatte derſelben einen Stoß mit dem Meſſer verſetzt und erdroſſelte ſie vollends. Einen Augenblick darauf kehrte der Vendéer zu ſeinen beiden Söhnen zurück, und wie die Wölfin nach dem blutigen Kampf den Raub mit ihren Jungen theilt, ſo theilte Picaut mit den Seinen die Mus⸗ kete, den Säbel und die Patrontaſche des Soldaten. Mit dieſer Muskete, dieſem Säbel und dieſer Patrontaſche war die zweite Ausrüſtung ſich leichter zu verſchaffen als die erſte und die dritte leichter als die zweite. Aber Picaut genügte es nicht, nur Waffen zu haben, er mußte auch Gelegenheit finden, ſich deren zu bedienen; er ſchaute um ſich und fand in den Herren von Autichamps, von Scepeaux, von Puyſay und Bourmont, welche noch im Felde ſtanden, nur Royaliſten von Roſenwaſſer, die nicht nach ſeinem Geſchmack Krieg führten und von denen keiner nur von fern Souchet glich, welcher das Muſterbild Deſſen, was Picaut in einem Chef ſuchte, geblieben war. Daraus folgte, daß Picaut, anſtatt ſchlecht com⸗ 8 1 2— S— — 63 mandirt zu werden, ſich lieber entſchloß, ſelbſt ſich zum Chef zu machen und Andere zu commandiren. r rekrutirte einige Unzufriedene gleich ihm und wurde das Haupt einer Bande, welche, obwohl gering an Zahl, doch nicht unterließ, ihre Gefühle des Haſſes gegen die Republik an den Tag zu legen. Picauts Taktik war höchſt einfacher Art. Er machte die Wälder zu ſeiner Wohnung. Bei Tag ließ er ſeine Leute ausruhen. Bei Einbruch der Nacht rückte er aus dem Walde hervor, der ihm zum Aſyl diente, legte ſeine kleine Truppe längs der Hecken in Hinterhalt; dann wenn ein Convoi oder ein Poſtwagen vorüberkam, griff er ihn an oder hob ihn auf; waren die Convois ſelten oder die Poſtwägen zu gut escortirt, entſchä⸗ digte ſich Picaut an den Vorpoſten, welche er nieder⸗ ſchoß, oder an den Meierhöfen der Patrioten, welche er in Brand ſteckte. Nach einer oder zwei Expeditionen hatten ſeine Genoſſen ihm den Namen Sans⸗Quartier*) gege⸗ ben, und Picaut, dem es darum zu thun war, dieſen Titel gewiſſenhaft zu verdienen, ermangelte nicht, alle Republikaner, männlich oder weiblich, Bürger oder Militärs, Greiſe oder Kinder, die in ſeine Hände fielen, hängen, erſchießen oder niederſtoßen zu laſſen. Er ſetzte ſeine Operationen bis zum Jahr 1800 ort; aber da um dieſe Zeit Europa dem erſten Conſul einen Augenblick Ruhe ließ oder der erſte Conſul Europa einen Augenblick Ruhe ließ, ſo ent⸗ ———— *) Ohne Pardon ſchloß ſich Bonaparte, der ohne Zweifel die Thaten von Picaut Sans⸗Quartier hatte rühmen hören, ſeine freie Zeit ihm zu widmen und gegen ihn nicht ein Armee⸗Corps, ſondern zwei von der Straße Je⸗ ruſalem ausgehobene Chouans und zwei Gendar⸗ merie⸗Brigaden abzufertigen. Picaut nahm ohne Mißtrauen die zwei falſchen Brüder in ſeine Bande auf. Einige Tage nachher gerieth er in eine Falle. Man ergriff ihn und den beſten Theil ſeiner Bande. 5 Picaut bezahlte den blutigen Ruf, den er ſich erworben, mit ſeinem Kopfe; da er mehr ſich auf Landſtraßen herumtrieb und Poſtwägen anhielt als Soldat war, ſo wurde er nicht zum Erſchießen, ſondern zur Gulllotine verurtheilt. Er beſtieg übrigens muthig das Schaffot, Andere eben ſo wenig um Pardon bittend, als er es ſelbſt gegeben hatte. Joſeph, ſein älterer Sohn, wurde mit den Andern in das Bagno geſchickt; was Paſcal betraf, der dem Hinterhalt entgangen war und ſich wieder nach den Wäldern gerettet hatte, ſo trieb er mit dem Reſt der Bande das Gewerbe des Chouan wie zuvor. Aber dieſes wilde Leben wurde ihm bald ver⸗ haßt; er näherte ſich den Städten und betratzeines ſchönen Tages Beaupréau, übergab dem erſten Sol⸗ daten, dem er begegnete, ſeinen Säbel und ſeine Flinte und ließ ſich zu dem Commandanten der Stadt führen, dem er ſeine Geſchichte erzählte. Dieſer Commandant, der Chef einer Dragoner⸗ brigade war, intereſſirte ſich für den armen Teufel EE 6⁵ und bot ihm in Betracht ſeiner Jugend und der vertrauensvollen Einfalt, womit er gegen ihn ge⸗ handelt hatte, an, in ſein Regiment einzutreten. Im Fall der Weigerung war er genöthigt, ihn der richterlichen Behörde zu überliefern. Gegenüber einer ſolchen Alternative konnte Paſcal Picaut, dem es, nachdem er das Schickſal ſeines Vaters und Bruder erfahren hatte, nicht mehr um Rückkehr in ſeine Heimath zu thun war, nicht zau⸗ dern, und zauderte auch nicht. Er legte alſo die Uniform an. Vierzehn Jahre ſpäter fanden ſich die beiden Söhne von Sans⸗Quartier wieder, als ſie von dem kleinen Erbe, das ihr Vater ihnen hinterlaſſen, Be⸗ ſitz nehmen wollten. Die Rückkehr der Bourbonen hatte Joſeph die Thore des Bagno's geöffnet und Paſcal, der aus einem Räuber der Vendée ein Räuber an der Loire geworden war, den Abſchied verſchafft. Joſeph, aus dem Bagno kommend, kehrte in ſeine Hütte zurück, exaltirter, als ſein Vater je ge⸗ weſen, brennend vor Begier, ſowohl den Tod ſeines Vaters, als die Qualen, die er ſelbſt erduldet hatte, zugleich im Blut der Patrioten zu rächen. Paſcal hingegen kehrte dahin zuruͤck, mit Ge⸗ danken, ganz verſchieden von ſeinen urſprünglichen Ideen, und verändert durch die neue Welt, die er geſehen hatte, und hauptſächlich durch ſeine Berüh⸗ rung mit Leuten, für welche der Haß gegen die Bourbonen eine Pflicht, der Sturz Napoleons eine Betrübniß, der Einmarſch der Alliirten eine Schande war, ein Gefühl, welches durch den Anblick des Dumas, Woͤlfinnen von Machecoul. II. 5 Kreuzes, das er auf ſeiner Bruſt trug, in ſeinem Herzen unterhalten wurde. Inzwiſchen hatten ſich trotz der Verſchiedenheit der Anſichten, welche häufige Streitigkeiten herbei⸗ führte, trotz der gewöhnlichen Mißhelligkeit, welche unter ihnen herrſchte, die beiden Brüder nicht ge⸗ trennt, ſondern fortwährend in Gemeinſchaft das ihnen von ihrem Vater hinterlaſſene Haus bewohnt und die Hälfte der Felder, welche es umgaben, angebaut. Beide waren verheirathet: Joſeph mit der Toch⸗ ter eines armen Bauern; Paſcal, dem ſein Kreuz und ſeine kleine Penſion ein gewiſſes Anſehen in der Gegend gaben, hatte die Tochter eines Bürgers zu Saint⸗Philibert, eines Patrioten, wie er ſelbſt war, geheirathet. Die Gegenwart der zwei Frauen in dem ge⸗ meinſchaftlichen Hauſe, Frauen, welche beide, die eine aus Neid, die andere aus Groll, die Gefühle ihrer Männer ſteigerten, vermehrte die Stimmung zur Zwietracht; doch lebten die zwei Brüder bis zum Jahr 1830 zuſammen. Die Juli⸗Revolution, welche Paſcal beifällig aufgenommen hatte, weckte wieder die ganze fana⸗ tiſche Exaltation Joſephs; auf der andern Seite wurde der Schwiegervater ſeines Bruders Maire von St. Philibert, und der Vendéer und ſeine Frau ſpieen ſo viele Schmähworte gegen die Patauds*) aus, daß Madame Paſcal erklärte, ſie wolle nicht **) Pataud bezeichnet bald einen tappigen Hund, balb einen groben, vierſchrötigen Lümmel; hier erſcheint es als ein Schimpf⸗ wort für die Anhänger der Regierung. . b. —„— — 67 länger mit raſenden Leuten zuſammen leben, unter denen ſie nicht mehr ſicher wäre. Der alte Soldat hatte keine Kinder; er war darum denen ſeines Bruders beſonders zugethan; namentlich gab es da einen kleinen Jungen mit aſchblonden Haaren und Wangen voll und roth gleich einem Taubenapfel, von dem er ſich nicht trennen konnte; ſeine größte, ſeine einzige Unter⸗ haltung war, den kleinen Burſchen Stunden lang auf ſeinen Knieen hüpfen zu laſſen. Paſcal drückte der Gedanke, ſich von ſeinem Adoptivſohn zu tren⸗ nen, das Herz ab; trotz der Kränkungen von Seiten Joſephs hatte er nicht aufgehört, ſeinen Bruder zu lieben; er ſah, wie derſelbe durch die Koſten, welche der Unterhalt einer zahlreichen Familie verurſachte, in Armuth gerieth, und fürchtete, ſeine Trennung würde ihn dem Elend preisgeben; er lehnte alſo das Verlangen ſeiner Frau ab. Allein man hörte auf, gemeinſchaftlich zu eſſen; da das Haus aus drei Gemächern beſtand, ſo über⸗ ließ Paſcal zwei davon ſeinem Bruder und zog ſich in das dritte zurück, nachdem er die Thüre, welche nach jenen führte, hatte vermauern laſſen. Am Abend des Tages, wo man Jean Oullier gefangen genommen hatte, war die Frau Paſcal Picaut ſehr unruhig. Ihr Mann hatte das Haus gegen vier Uhr, das heißt, in dem Augenblick, wo die Colonne des Ge⸗ nerals von Montaigu aufbrach, verlaſſen; Paſcal mußte ſeiner Ausſage nach ausgehen, um eine Rech⸗ nung mit Courtin von La Logerie abzumachen und 5* 68 war, obwohl beinahe um acht Uhr, noch nicht zu⸗ rückgekehrt. Aber ihre Unruhe wurde zur Bangig⸗ keit, als ſie dreihundert Schritte von ihrem Hauſe die verſchiedenen Flintenſchüſſe an den Ufern der Boulogne ertönen hörte. Frau Paſcal wartete, ein Raub lebhafter Angſt, auf ihn und verließ von Zeit zu Zeit ihr im Win⸗ kel des Kamins aufgeſtelltes Spinnrad, um an der Thüre zu horchen. Als das Geknall erloſch, hörte ſie nichts mehr als das Rauſchen des Windes, welcher die Gipfel der Bäume bewegte, oder den Laut eines Hundes, welcher in der Ferne ein klagendes Geheul ausſtieß. Der kleine Pierre, das Kind, zu dem Paſcal eine ſo große Liebe hatte, kam ſeinerſeits bei dem Knall der Flintenſchüſſe, um ſich zu erkundigen, ob ſein Onkel noch nicht heimgekehrt ſei; aber kaum hatte er ſeinen kleinen roſigen Blondkopf an der Thüre gezeigt, als er auf die Stimme ſeiner Mut⸗ ter, welche ſich zärtlich des Sohnes erinnerte, wie⸗ der verſchwand. Seit einigen Tagen war Joſeph übermüthiger, drohender geworden, und hatte noch am Morgen, ehe er auf den Markt von Montaigu abging, mit ſeinem Bruder eine Scene gehabt, welche ohne die Geduld des alten Soldaten gewiß zu einem Zank geworden wäre. Frau Paſcal wagte alſo nicht, ihre Beſorgniſſe ihrer Schwägerin mitzutheilen. Auf einmal hörte ſie den Laut geheimnißvoll flüſternder Stimmen in dem Obſtgarten, welcher vor der Hütte lag; ſie ſprang ſo eilig auf, daß ſie ihr Spinnrad umwarf. 69 In demſelben Augenblick ging die Thüre auf und Joſeph Picaut erſchien auf der Schwelle. XXIV. Wie Marianne Picaut ihren Gatten beweinte. Die Gegenwart ihres Schwagers, den Marianne in dieſem Augenblick ſo wenig erwartete, eine un⸗ beſtimmte Ahnung von Unglück, die ſie bei ſeinem Schrecken auf ihren Stuhl zurückſank. Inzwiſchen trat Joſeph langſam und ohne ein ort zu ſprechen, auf ſeines Bruders Frau zu, welche ihn mit Augen anſah, als ob ſie eine Er⸗ ſcheinung gehabt hätte. ei dem Kamin angekommen, nahm Joſeph, immer noch ſtumm, einen Stuhl, ſetzte ſich und be⸗ gann die Aſche des Herdes mit dem Stock, den er in der Hand hielt, wieder aufzuſchüren. ls er in den Kreis des vom Herde ausgehen⸗ den Lichtes eingetreten war, konnte Marianne ſehen, daß auch ihr Schwager ſehr blaß war. „Im Namen Gottes! Joſeph, was fehlt Euch denn?“ fragte ſie. „Wer ſind die Patauds, Marianne, die heute Abend zu Euch gekommen ſind?“ fragte der Chouan, ihre Frage durch eine andere Frage erwidernd. „Es iſt Niemand dageweſen,“ antwortete ſie, den Kopf ſchüttelnd, um ihrer Erklärung mehr Nach⸗ druck zu geben. 70 Darauf fragte ſie ihrerſeits: „Joſeph, ſeid Ihr Eurem Bruder nicht begegnet?“ „Wer hat ihn den aus ſeinem Hauſe weggeführt?“ fuhr der Chouan fort, der entſchloſſen ſchien, Fra⸗ gen zu machen, ohne eine Antwort zu geben. „Noch einmal, Niemand; ich ſage Euch nur, er hat gegen vier Uhr Nachmittags das Haus verlaſ⸗, ſen, um dem Maire von La Logerie das Heidekorn zu bezahlen, welches er vorige Woche ihm für Euch abgekauft hat.“ „Der Maire von La Logerie?“ erwiderte Joſeph Picaut ſtirnrunzelnd.„Ach ja, Meiſter Courtin; auch ein rechter Räuber, der! Und doch habe ich ſchon lange Paſcal geſagt und ihm noch dieſen Mor⸗ gen wiederholt, verſuche Gott nicht, den Du ver⸗ läugneſt, ſonſt wird Dir Unglück widerfahren.“ „Joſeph! Joſeph!“ rief Marianne,„wagt Ihr, den Namen Gottes unter die Worte des Haſſes gegen Euren Bruder zu miſchen, der Euch ſo ſehr liebt, Euch und die Eurigen, der ſich das Brot vom Munde wegnehmen würde, um es Euren Kindern zu geben? Wenn das Unglück will, daß es bürgerliche Zwietracht in unſerem Lande gibt, iſt das ein Grund für Euch, ſie bis in unſere Hütte einzuführen? W⸗ haltet Eure Meinung, mein Gott, und laßt ihm die ſeinige: die ſeinige iſt harmlos, die Eurige iſt es nicht; ſeine Flinte hängt noch in der Hütte, miſcht ſich in keine Intrigue und droht keiner Partei, wäh⸗ rend ſeit ſechs Monaten kein Tag vergeht, wo Ihr nicht bewaffnet bis an die Zähne ausgegangen ſeid, während es ſeit ſechs Monaten keine Drohung gibt, die Ihr nicht gegen die Leute in den Städten, wo 71 ich meine Verwandten habe, oder ſelbſt gegen uns ausgeſtoßen habt.“ „Es iſt beſſer, mit der Flinte in der Fauſt aus⸗ zugehen, es iſt beſſer, den Patauds die Stirne zu bieten, wie ich thue, als feige diejenigen zu ver⸗ rathen, unter welchen man lebt, als die neuen Blauen uns herbeizubringen, als ihnen zum Führer zu die⸗ nen, wenn ſie ſich über unſere Felder verbreiten, um die Schlöſſer derer zu plündern, welche die Treue bewahrt haben!“ „Wer hat den Soldaten als Führer gedient?“ „Paſcal.“ „Wann? Wie ſo?“ „Dieſen Abend, an der Furt von Pontfarcy.“ „Großer Gott! von der Furt kamen alſo die Flintenſchüſſe,“ rief Marianne. Auf einmal wurden die Augen der armen Frau ſtarr und graß. Sie weilten auf den Händen Joſephs. „Ihr habt Blut an den Händen!“ rief ſie. „Von wem iſt dieſes Blut, Joſeph, ſagt es mir, von wem iſt dieſes Blut?“ Die erſte Bewegung des Chouan war geweſen, ſeine Hände zu verbergen, aber er ſuchte mit Kühn⸗ heit den Angriff abzuhalten. „Dieſes Blut,“ antwortete Joſeph, deſſen Ge⸗ ſicht von der Bläſſe in Purpurroth übergegangen war,„dieſes Blut iſt das eines Verräthers an ſei⸗ nem Gott, an ſeinem Lande, an ſeinem König, es iſt das Blut eines Mannes, der vergeſſen hat, daß die Blauen ſeinen Vater auf das Schaffot, ſeinen 72 Bruder in das Bagno geſchickt haben, und der ſich nicht ſcheute, den Blauen zu dienen.“ 1 „Ihr habt meinen Mann getödtet! Ihr habt Euren Bruder ermordet!“ rief Marianne, ſich vor Joſeph mit wilder Heftigkeit erhebend. „Nein, ich nicht,“ ſagte Joſeph. „Du lügſt!“— „Ich ſchwöre Euch, daß ich es nicht bin.“ „Dann, wenn Du ſchwörſt, daß Du es nicht biſt, ſo ſchwöre mir auch, daß Du mir ihn zu rächen helfen wirſt.“ „Euch helfen, ihn zu rächen! ich, ich Joſeph Picaut! nein, nein,“ antwortete der Chouan mit düſterer Stimme,„denn wiewohl ich die Hand nicht gegen ihn erhoben, billige ich es doch von denen, welche ihn ſchlugen, und wäre ich an ihrer Stelle geweſen, ich ſchwöre, obgleich er mein Bruder war, bei Gott dem Herrn, ich hätte ihn geſchlagen, wie ſie.“ „Wiederhole das noch einmal, was Du eben geſagt haſt!“ rief Marianne,„denn ich glaube falſch gehört zu haben.“ Der Chouan wiederholte Wort für Wort daſſelbe. „So ſei verflucht dann, wie ich jene verfluche!“ rief Marianne,-mit einer ſchrecklichen Geberde die Hand über dem Haupte ihres Schmagers erhebend, „und dieſe Rache, deren Du Dich weigerſt und in welche ich Dich einſchließe, Brudermörder der Ab⸗ ſicht, wenn nicht der That nach, zu erfüllen, ſind wir beide noch da, Gott und ich, und wenn Gott mich verläßt, nun, ſo werde ich allein dazu genügen.“ Dann fuhr ſie mit einer Energie, welche den Chouan völlig beherrſchte, fort: 73 „Und nun, wo iſt er? Was haben die Mörder mit ſeinem Körper gemacht? Sprich, ſo ſprich doch! Du wirſt mir wohl ſeinen Leichnam zurückgeben, nicht wahr?“ „Als ich bei dem Knall der Flintenſchüſſe an⸗ kam,“ antwortete Joſeph,„athmete er noch; ich nahm ihn in meine Arme, um ihn hieher zu brin⸗ gen, aber er ſtarb unterwegs.“ „Und Du haſt ihn dann in einen Graben ge⸗ worfen, wie einen Hund, nicht wahr, Cain? O, daß ich nie daran glauben wollte, wenn ich es in der Bibel las!“ „Nein,“ ſagte Joſeph,„ich habe ihn im Obſt⸗ garten hingelegt.“ „Mein Gott! mein Gott!“ rief die arme Frau, deren ganzer Körper von einem convulſiviſchen Zit⸗ tern bewegt wurde,„mein Gott! vielleicht haſt Du Dich getäuſcht, Joſeph, vielleicht athmet er noch, vielleicht kann man ihn bei gehöriger Sorgfalt und Hülfe noch retten. Komm mit mir, Joſeph, komm, wenn wir ihn noch am Leben finden, nun, ſo will ich Dir verzeihen, daß Du den Mördern Deines Bruders befreundet biſt.“ Sie machte die Lampe los und ſtürzte gegen die Thüre. Aber anſtatt ihr zu folgen, wartete Joſeph Pi⸗ caut, der ſeit einigen Augenblicken auf ein von außen kommendes Geräuſch horchte, und nun merkte, daß dieſes Geräuſch offenbar von einer auf dem Marſch begriffenen Truppe herrührend, näher kam, nur ab, bis der Widerſchein der Lampe, welche ſeine Schwägerin trug, nicht mehr die Hausthüre erhellte, 74 ging dann zu dieſer Thüre hinaus, wandte ſich um das Gebäude, ſtieg über die Hecken, welche es von den Feldern trennten, und eilte dem Walde von Machecoul zu, deſſen ſchwarze Maſſen ſich fünfzig Schritte von da abzeichneten. Die arme Marianne ihrerſeits lief im Garten hin und her; außer ſich, halb wahnſinnig leuchtete ſie mit der Lampe bald da, bald dorthin, und ver⸗ geſſend, daß ihre Blicke ſich in dem Lichtkreiſe con⸗ centriren mußten, welcher auf den Raſen geworfen wurde, glaubte ſie, ihre Augen würden, um den Leichnam ihres Gatten zu finden, die Finſterniß durchdringen. Plötzlich, an einer Stelle vorübergehend, die ſie ſchon zwei⸗ oder dreimal berührt hatte, ſtrauchelte ſie, fiel beinahe um, und bei dieſer Bewegung ſtie⸗ ßen ihre Hände, nach dem Boden greifend, auf einen menſchlichen Körper, der gegen den Zaun ge⸗ lehnt war. Sie ſtieß einen ſchrecklichen Schrei aus, ſtürzte ſich auf den Leichnam, umſchlang ihn feſt, nahm ihn dann in ihre Arme, wie ſie unter andern Um⸗ ſtänden mit einem Kinde gethan hätte, trug ihn in die Hütte hinein und legte ihn auf das Bett nieder. Welches auch die Mißhelligkeit war, die zwiſchen den beiden Brüdern herrſchte, die Frau Joſephs ſtand auf und eilte auf Paſcal zu. Als ſie den Leichnam ihres Schwagers er⸗ blitte⸗ fiel ſie ſchluchzend neben dem Bett auf die niee. 1 Marianne nahm das Licht, welches ihre Schwä⸗ 75⁵ gerin mitgebracht, denn ſie hatte das ihrige auf der Stelle gelaſſen, wo ſie Paſcal gefunden, Ma⸗ rianne ergriff das Licht und fuhr damit über das Geſicht ihres Gatten hin. Paſcal Picaut hatte Mund und Augen offen, als lebte er noch. Marianne legte lebhaft ihre Hand auf ſein Herz; es ſchlug nicht mehr. Dann gegen ihre Schwägerin ſich wendend, die noch immer weinte und betete, rief Paſcal Picauts Wittwe, deren Augen roth und flammend wie ein Feuerbrand auf dem Herde geworden waren: „Sieh', das haben die Chouans meinem Mann gethan, ſieh', das hat Joſeph ſeinem Bruder ge⸗ than. Nun, auf dieſe Leiche ſchwöre ich, mir weder Ruhe noch Raſt zu gönnen, bis die Mörder den Preis des Blutes bezahlt haben.“ „Und Ihr ſollt nicht lange warten, arme Frau! oder ich will meinen Namen dabei verlieren,“ ſprach die Stimme eines Mannes hinter den beiden Frauen. Beide wandten ſich um und erblickten einen Of⸗ ficier, in einen Mantel gehüllt. Der Officier war eingetreten, ohne daß ſie es gehört hatten. An der Thüre ſah man im Schatten Bajonette funkeln. Man hörte die Pferde wiehern, welche mit dem Luſtzug den Geruch des Blutes einathmeten. „Wer ſeid Ihr?“ fragte Marianne. „Ein alter Soldat, wie Euer Gatte, ein Mann, der genug von Schlachtfeldern geſehen, um das Recht zu haben, Euch zu ſagen, daß man über das 76 Loos derer, welche wie er für das Vaterland fallen, nicht ſeufzen, ſondern ſie rächen muß.“ „Ich ſeufze nicht, mein Herr,“ antwortete die Wittwe, den Kopf erhebend und ihre zerſtreuten Haare ſchüttelnd;„was führt Euch in unſere Hütte zugleich mit dem Tode?“ „Euer Gatte ſollte uns als Führer bei einer wichtigen Expedition für das Wohl Eures unglück⸗ lichen Landes dienen: dieſe Expedition hätte ver⸗ hindern können, daß nicht Ströme von Blut für eine verlorene Sache fließen; könntet Ihr uns nicht Jemand zu ſeinem Erſatz geben?“ „Werdet Ihr auf Chouans bei Eurer Expedi⸗ tion ſtoßen?“ fragte Marianne. „Wahrſcheinlich,“ antwortete der Officier. „Nun dann werde ich Euer Führer ſein,“ rief die Wittwe, die Muskete ihres Gatten, die am Ka⸗ minmantel hing, herunternehmend.„Wohin wollt Ihr gehen? Ich führe Euch, Ihr werdet mich mit Patronen bezahlen.“ „Wir gehen nach Schloß Souday.“ „Wohl; ich werde Euch dahin führen; ich kenne die Wege.“ Und einen letzten Blick auf den Leichnam ihres Gatten werfend, trat die Wittwe Paſcal Picauts zuerſt aus dem Hauſe, gefolgt von dem General. Die Frau Joſephs blieb im Gebet bei dem Kör⸗ per ihres Schwagers. 77 XXV. Wo die Liebe politiſche Anſichten denen verleiht, welche dergleichen nicht haben. Wir verließen den jungen Baron Michel auf dem Punkte, einen wichtigen Enſchluß zu faſſen. Nur hatte er in dem Augenblick, da er denſel⸗ ben faßte, Schritte auf dem Corridor gehört. Er hatte ſich dann auf ſein Bett geworfen, mit geſchloſſenem Auge, aber offenem Ohre. Jene Schritte waren an ſeiner Thüre vorüber und gleich darauf wieder zurückgegangen, ohne da⸗ ſelbſt anzuhalten. Es waren nicht die Schritte ſeiner Mutter; es war nicht ſeine Perſon, dem ſie galten. er junge Baron öffnete die Augen wieder, nahm eine halbvertikale Lage an und begann auf ſeinem Bette ſitzend zu überlegen. Die Ueberlegung war ernſter Natur. Er mußte entweder mit ſeiner Mutter brechen, deren geringſter Wunſch für ihn Geſetz war, auf ie ehrgeizigen Gedanken verzichten, welche ſie für ihren Sohn hegte, und welche für Augenblicke auch auf die ſchwankende Einbildungskraft des jungen Barons nicht ohne verführeriſche Wirkung geblieben waren; er mußte den Auszeichnungen Lebewohl ſagen, wo⸗ mit das Juli⸗Königthum gegen den jungen Millio⸗ när nicht karg ſich zu zeigen verſprochen hatte, in ein verwegenes Unternehmen ſich ſtürzen, welches unzweifelhaft blutig ſein, Verbannung, Güterconſis⸗ kation, den Tod im Gefolge haben konnte und doch, 78 wie Michel ungeachtet ſeiner Jugend einzuſehen ver⸗ ſtändig genug war, machtlos bleiben mußte. Er mußte dieß Alles oder ſich darein ergeben, Mary zu vergeſſen. Sagen wir es, Michel überlegte einen Augen⸗ blick, aber zauderte nicht. Starrſinn iſt die erſte Folge der Schwäche; ſie treibt bisweilen zu wildem Trotz. Allzuviele Gründe ſtachelten überdieß das Ver⸗ langen des Barons, als daß er widerſtehen konnte; die Ehre machte es ihm zur Pflicht, den Grafen von Bonneville vor den Gefahren zu warnen, die ihm drohen konnten, ihn und die Perſon, welche er begleitete. Und in dieſem Punkt, wenn er ſich etwas vor⸗ warf, war es, zu lang gezögert zu haben. So war nach einigen Sekunden Ueberlegung ſein Entſchluß gefaßt. 1 Ungeachtet der Vorſichtsmaßregeln ſeiner Mutter hatte der junge Baron Michel Romane genug ge⸗ leſen, um zu wiſſen, wie für den Fall der Noth ein Paar Leintücher zu einer ſehr befriedigenden Leiter werden können; und daran hatte er natürlich zuerſt gedacht; aber fürs Erſte waren die Fenſter ſeines Zimmers gerade über denen der Küchenſtube, von wo man ihn unfehlbar zwiſchen Himmel und Erde ſchwebend ſehen mußte, wenn er ſeine Nieder⸗ fahrt vollführte, obgleich die Nacht, wie wir bereits geſagt haben, niederzufallen begann. Außerdem fürchtete der junge Baron, es wie die Nacht zu machen, und von ſeinem Zimmer bis zum Boden war es ſo weit, daß trotz ſeines Entſchluſſes, das ver⸗ den, gen⸗ ſie Jer⸗ ate; afen die lche vor⸗ ung tter ge⸗ Coth den lich ſter übe, und der⸗ eits dem zu den das 79 Herz derer, welche er um den Preis von tauſend Gefahren liebte, zu erobern, unſer junger Mann bei dem Gedanken, ſich an einem ſo gebrechlichen Bande über einem ſolchen Abgrund hängen zu ſehen, fühlte, wie ein kalter Schweiß über ſeinen ganzen Körper ging. Vor ſeinen Fenſtern befand ſich eine ungeheure kanadiſche Pappel, deren Aeſte ſich auf vier oder fünf Fuß dem Balkon näherten. An der Pappel hinunterzuſteigen, ſchien Michel, ſo ungewohnt ihm auch körperliche Uebungen waren, ein Leichtes; aber man mußte der Aeſte vorher habhaft werden, und der junge Mann rechnete nicht ſicher genug auf die Elaſticizät ſeiner Kniekehlen, um den Verſuch zu wagen. Die Noth machte ihn ſcharfſinnig. Er fand beim Herumſtöbern in ſeinem Zimmer ein vollſtändiges Fiſcherei⸗Geräthe, deſſen er ſich einſt bedient hatte, um gegen die Karpfen und Weiß⸗ iſche des Sees von Grandlieu zu Felde zu ziehen, ein unſchuldiges Vergnügen, welches die mütterliche Beſorgniß, ſo übertrieben ſie auch war, geſtatten zu müſſen geglaubt hatte. Er nahm eine ſeiner Angelruthen, welche er mit einer an dem Fiſchbein hängenden Angel verſah. Die Angelruthe ſtellte er aufrecht an das Fenſter. Er ging an ſein Bett und nahm ein Leintuch. In das Ende des Leintuchs knüpfte er einen Leuchter. Er bedurfte eines Gegenſtandes von einem gewiſſen Gewicht; ein Leuchter fiel ihm unter die Hand, er nahm einen Leuchter. Er warf ſeinen Leuchter ſo, daß er auf der 80 andern Seite eines der ſtärkſten Aeſte der Pappel niederfallen mußte. Dann faßte er mit der an der Spitze ſeiner Leine befindlichen Angel den hin und herwogenden Zipfel und zog ihn an ſich. Darauf band er die beiden Zipfel an dem Git⸗ tergeländer ſeines Fenſters feſt; eine Art hängen⸗ der Brücke von einer jede Probe aushaltenden So⸗ lidität befand ſich ſo zwiſchen dem Fenſter und der Pappel hergeſtellt. Der junge Mann ſetzte ſich rittlings auf die Brücke wie ein Matroſe auf ſeine Raa, und hatte, langſam vorrückend, bald den Aſt, dann den Baum, dann die Erde erreicht. Dann lief er unbekümmert, ob man ihn ſähe oder nicht, über den Raſenplatz und nahm ſeine Richtung Souday zu, wohin er jetzt den Weg beſſer als irgend Jemand kannte.. Als er auf der Höhe von La Roche⸗Servidre war, hörte er ein Kleingewehrfeuer, das ſich ihm zwiſchen Montaigu und dem See von Grandlieu zu. entladen ſchien. Seine Aufregung war lebhaft und tief. Jeder Knall, den ihm der Luftzug zuführte, er⸗ zeugte eine ſchmerzliche Bewegung, die in ſeinem Herzen widerhallte und in Wirklichkeit vielleicht die Gefahr, vielleicht ſogar die Todesnoth derer an⸗ zeigte, die er liebte, und dieſer Gedanke jagte ihm einen eiskalten Schrecken ein; dann füllten ſich, als er gedachte, Mary könnte ihn anklagen, ihm das Unglück zuſchreiben, das er von ihrem und dem Haupte ihrer Schweſter, ihres Vaters und ihrer 81 Freunde nicht abzuwenden gewußt hatte, ſeine Au⸗ gen mit Thränen. So dachte er, weit entfernt, bei dem Knall die⸗ ſer Schüſſe ſeinen Schritt zu verkürzen, nur daran, ſeine Geſchwindigkeit zu verdoppeln; vom Geſchwind⸗ ſchritt ging er zum Schnelllauf über und langte bald bei den erſten Bäumen des Waldes von Machecoul an. Hier warf er ſich, anſtatt der Straße zu folgen, welche ſeine Ankunft um einige Minuten ver⸗ zögerte, auf einen Fußpfad, welchen er mehr als einmal in derſelben Abſicht, ſeinen Weg zu verkür⸗ zen, eingeſchlagen hatte. Unter dem dunkeln Gewölbe der Bäume, von Zeit zu Zeit in einen Graben fallend, an einem Stein ſich ſtoßend, an eeinem Buſch anprallend, ſo dicht war die Finſterniß, ſo ſchmal der Pfad, ge⸗ langte er endlich in das ſogenannte Teufelsthal. Er überſchritt den Bach, der in der Tiefe da⸗ hin fließt, als ein Mann, plötzlich hinter einem Ginſterbuſch hervorſtürzend, ſich auf ihn warf und ihn ſo heftig packte, daß er ihn rückwärts in das ſchlammige Bett des Baches riß, worauf er ihm den kalten Lauf einer Piſtole an die Schläfe ſetzte. „Nicht einen Laut, nicht ein Wort, oder Du biſt des Todes!“ ſagte er zu ihm. Dieſe für den jungen Mann ſchreckliche Lage verlängerte ſich bis zu einer Minute, die ihm ein Jahrhundert ſchien. Der Mann hatte ihn zu Boden geworfen, ihm ein Knie auf die Bruſt geſetzt und blieb ſelbſt un⸗ beweglich, wie wenn er Jemand erwartete. Dumas, Wölfinnen von Machecoul. II. 6 82 Endlich als er ſah, daß dieſer Jemand nicht kam, ſtieß er einen Schrei aus wie eine Nachteule. Ein ähnlicher Schrei, aus dem Innern des Gehölzes kommend, antwortete ihm; dann ließ ſich der raſche Schritt eines Mannes hören, und eine neue Perſon trat auf den Schauplatz. „Biſt Du es, Guérin,“ fragte der Mann, wel⸗ cher den jungen Baron unter ſeinem Knie hielt. „Nein, nicht Guérin,“ antwortete der Mann, „ich bin es.“ „Wer, Du?“ „Ich, Jean Oullier,“ antwortete der neue An⸗ kömmling. „Jean Oullier!“ rief der erſte mit ſolcher Freude, daß er ſich halb erhob und es ſeinem Ge⸗ fangenen um eben ſo viel leichter machte;„wahr⸗ haftig, biſt Du es? wahrhaftig, biſt Du den Roth⸗ hoſen entwiſcht?“ „Ja, Dank Euch, meine Freunde, aber wir haben keine Minute zu verlieren, wenn wir großes Unheil vermeiden wollen.“ „Was iſt zu thun? jetzt, da Du frei und bei uns biſt, wird Alles gut gehen.“ „Wie viel Mann haſt Du bei Dir?“ „Wir waren beim Abgang von Montaigu zu acht; die Burſchen von Vieille⸗Vigne haben ſich uns mgeſchloſſen;z wir müſſen jetzt fünfzehn bis achtzehn ein.“ „Und Flinten?“ „Alle damit verſehen.“ „Gut; wo haſt Du ſie aufgeſtellt?“ „Am Saume des Waldes.“ 8 83 „äan muß alle zuſammennehmen.“ a.“ „Du kennſt den Kreuzweg von Rayhons?“ „Wie meine Taſche.“ „Du erwarteſt dort die Soldaten; nicht im Hinterhalt, offen; Du kommandirſt Feuer, wenn ſie zwanzig Schritte von Deinen Leuten ſind; Du tödteſt ſo viel als möglich; es iſt dann immer die⸗ ſes Lumpengeſindels weniger.“ „Wohl; und hernach?“ „Sobald die Flinten abgeſchoſſen ſind, trennt hr Euch in zwei Banden: Die eine flieht auf dem Fußpfad von la Cloutidre, die andere auf dem Weg von Bourgineux; Ihr flieht unter Geplänkel, wohlverſtanden; man muß ihnen Luſt machen, Euch zu folgen.“ „Um ſie von ihrer Route abzubringen, wie?“ „Es iſt ſo, Gusrin, ganz ſo.“ „Ja, aber Ihr?“ „Ich laufe nach Souday; ich muß in zehn Mi⸗ nuten dort ſein.“ „O, o! Jean Oullier,“ ſprach der Bauer mit zweifelnder Miene. „Nun, hernach, Jean Oullier? mißtraut man mir etwa zufällig?“ „Man ſagt nicht, daß man Dir nicht traut, man ſagt, daß man keinem Andern traut.“ „Ich muß in zehn Minuten in Souday ſein, ſage ich Dir, und wenn Jean Oullier ſagt Ich muß“ ſo muß er; Du wirſt die Soldaten eine halbe Stunde beſchäftigen; das iſt Alles, was ich von Dir verlange.“ 6* 84 „Jean Oullier! Jean Oullier!“ „Was?“ „Nun, wenn es den Burſchen einfiele, die Roth⸗ hoſen nicht offen erwarten zu wollen?“ „Du wirſt es ihnen im Namen Gottes gebieten.“ „Wäreſt Du da, es ihnen zu gebieten, ſie wür⸗ den gehorchen; aber mir.... zudem daß Joſeph Picaut da iſt, und Du weißt wohl, daß Joſeph Picaut nur nach ſeiner Manier thut.“ „Aber wenn ich nicht nach Souday gehe, wer wird ſtatt meiner gehen?“ „Ich, wenn Ihr wollt, Herr Jean Oullier,“ ſprach eine Stimme, welche aus der Erde zu kom⸗ men ſchien. „Wer ſpricht da?“ fragte der Wildhüter. „Ein Gefangener, den ich eben gemacht habe,“ antwortete der Chouan. „Wie heißt er?“ „O, ich habe nicht nach ſeinem Namen gefragt.“ „Euer Name?“ fragte Jean Oullier rauh. „Ich bin der Baron de La Logerie,“ erwiderte der junge Mann, indem es ihm gelang, ſich auf⸗ recht zu ſetzen, denn die Eiſenhand des Vendéers hatte ihn losgelaſſen und ihm ſomit die Freiheit gegeben, und er benützte ſie, Athem zu holen. „Ah! der junge Michel; wiederum hier,“ mur⸗ melte Jean Oüllier halb laut und in wildem Tone. „Ja; als Herr Guérin mich feſtnahm, war ich gerade auf dem Wege nach Souday, um meinen Freund Bonneville und Petit Pierre zu benachrich⸗ tigen, daß ihr Zufluchtsort bekannt ſei.“ 1 dA=ͤO— — RU 8⁵ „Und wie erfuhren Sie das?“ „Ich hörte geſtern Abend einer Unterredung meiner Mutter mit Courtin zu.“ „Wie, und bei ſo ſchönen Abſichten haben Sie es ſo lang anſtehen laſſen, Ihren Freund zu war⸗ nen,“ entgegnete Jean Oullier mit einem Ton des Zweifels und der Ironie. „Weil die Baronin mich in meinem Zimmer eingeſchloſſen hatte, das im zweiten Stock liegt und das ich erſt dieſen Abend verlaſſen konnte, und zwar durch das Fenſter, auf die Gefahr, den Tod davon zu haben.“ Jean Oullier überlegte einige Sekunden; ſeine Vorurtheile gegen Alles, was von La Logerie kam, waren ſo ſtark, ſein Haß gegen Alles, was den Namen Michel trug, ſo tief, daß es ihm zuwider ging, den geringſten Dienſt von dem jungen Manne anzunehmen; denn trotz des Tones ſeiner naiven Offenheit fragte ſich der mißtrauiſche Vendéer gleich⸗ wohl, ob ſeine gute Geſinnung nicht einen ſchönen Verrath berge. Inzwiſchen begriff er, daß Guérin Recht hatte, daß nur er im äußerſten Fall den Chouans ſo viel Vertrauen auf ſich ſelbſt einflößen könnte, um ſich von ihren Feinden angreifen zu laſſen; daß nur er die nöthigen Maßregeln ergreifen könnte, um deren Marſch aufzuhalten. Auf der andern Seite ſagte er ſich, daß Michel beſſer als einer der Bauern dem Grafen von onneville die Gefahr erklären könnte, welche ihn bedrohte, und noch immer eine ſaure Miene ma⸗ chend, ergab er ſich darein, gegen den jungen 86 Sprößling der Familie Michel eine Verpflichtung auf ſich zu laden.. RAber auch das geſchah nicht, ohne daß er mur⸗ melte. „Ah! junger Wolf! es läßt ſich nicht anders machen, meinetwegen!“ „Nun, ſo ſei es,“ ſagte er,„gehen Sie denn; aber haben Sie Beine, zum wenigſten?“ „Von Stahl.“ „Hum!“ ſagte Jean Oullier. „Wenn Mademoiſelle Bertha hier wäre, würde ſie es Euch beſtätigen.“ „Mademoiſelle Bertha,“ erwiderte Jean Oullier, die Stirne runzelnd. „Ja, ich habe den Arzt für Vater Tinguy ge⸗ holt und nur fünfzig Minuten gebraucht, um einen Weg von zwei und einer halben Meile hin und zurück zu machen.“ Jean Oullier ſchüttelte den Kopf, gleich einem Mann, der noch weit entfernt iſt, ſich überzeugen zu laſſen. „Beſchäftigt Euch mit Euren Feinden,“ ſagte Michel,„und zählt auf mich; Ihr würdet zehn Minuten brauchen, um nach Souday zu gelangen; ich werde in fünf daſelbſt ſein, ich ſtehe Euch dafür.“ Und der junge Mann ſchüttelte den Koth ab, womit er bedeckt war, und machte ſich fertig, ab⸗ zugehen. 8 „Kennen Sie zum Mindeſten den Weg?“ fragte ihn Jean Oullier. „Ob ich ihn kenne? Wie die Wege im Park von La Logerie.“ ung ur⸗ ers in; rde ier, ge⸗ nen und em gen gte ehn en; r.“ ab, ab⸗ gte ark 87 Und in der Richtung des Schloſſes Souday fort⸗ ſtürzend, rief er dem Vendéer zu: „Gut Glück, Herr Jean Oullier!“ Jean Oullier blieb einen Augenblick träumeriſch ſtehen; die Kenntniß, welche der junge Baron von den Umgebungen des Schloſſes ſeines Gebieters hatte, war ihm äußerſt zuwider. „Gut! gut!“ ſagte er endlich brummend,„wir wollen das Alles in Ordnung bringen, wenn wir Zeit dazu haben.“ Dann zu Gusrin: „Wohlan, rufe Deine Leute.“ Der Chouan zog einen ſeiner Holzſchuhe aus, brachte ihn an ſeinen Mund und blies in der Weiſe hinein, daß er damit das Geheul eines Wolfes nachahmte. „Glaubſt Du, daß ſie es hören?“ fragte Jean ullier. „Ganz ſicher; ich habe den Vortheil des Win⸗ des genommen, um ſie nach Bedürfniß zu ſammeln.“ „Dann iſt es unnütz, ſie hier zu erwarten, eilen wir nach dem Kreuzweg von Rayhons, Du kannſt ſie unterwegs an Dich ziehen, und damit iſt eben ſo viel Zeit gewonnen.“ „Wie viel Zeit haben wir ungefähr vor den Soldaten voraus?“ fragte Guérin, ſich hinter Jean Oullier in das Dickicht werfend. „Eine gute halbe Stunde; ſie haben auf der Meierei la Pichardidre Halt gemacht.“ „La Pichardidre?“ bemerkte Gusrin nachdenklich. „Gewiß; Paſcal Picaut, den ſie geweckt haben 88 werden, wird ihnen als Führer dienen; iſt er nicht der Mann dazu?“ „Paſcal Picaut wird Niemand mehr als Füh⸗ rer dienen; Paſcal Picaut wird nicht mehr erwa⸗ chen,“ antwortete Gusrin mit düſterer Stimme. „Ah! ah!“ erwiderte Jean Oullier;„vor⸗ hin.... er war es alſo?“. „Ja, er war es....“ „Und Du haſt ihn getödtet?“ „Er wehrte ſich, er rief um Hülfe, die Solda⸗ ten waren auf halbe Schußweite von uns; es mußte geſchehen.“ „Armer Paſcal!“ ſprach Jean Oullier. „Ja,“ entgegnete Gusrin,„obgleich Pataud, war er ein braver Mann.“ „Und ſein Bruder?“ fragte Jean Oullier. „Sein Bruder?“ „Ja, Joſeph?“ „Er ſah es mit an,“ erwiderte Gusrin. Jean Oullier ſchüttelte ſich gleich einem Wolf, der eine Ladung Rehpoſten in die Seite bekommt; dieſe ſtarke Natur hatte alle Folgen eines ſchreckli⸗ lichen Kampfes, wie es gewöhnlich die Kämpfe in Bürgerkriegen ſind, ſich in Rechnung gebracht, aber er hatte dieſe nicht vorausgeſehen, und ſie jagte ihm Schauder ein. Um ſeine Bewegung Guérin zu verbergen, be⸗ ſchleunigte er nunmehr ſeinen Schritt, durchdrang die Finſterniß, ſprang über die Baumſtumpen mit jener Geſchwindigkeit, die er anwandte, wenn er ſeine Hunde anfeuerte. Guérin, der nebenbei von Zeit zu Zeit anhielt, üh⸗ wa⸗ vor⸗ ißte 89 um in ſeinen Holzſchuh zu blaſen, hatte Muͤhe, ihm zu folgen.. Auf einmal hörte er, wie er leiſe pfiff, um ihn anzuhalten. In dieſem Augenblick war er an einer Stelle des Waldes angekommen, welche den Namen Saut⸗ de⸗Baugé führt. Sie war von dem Kreuzwege von Rayhons nur wenig entfernt. XXVI. Der Saut⸗de⸗Baugsé. Durch den eben erwähnten Pfiff herbeigerufen, fül Guérin auf Jean Oullier zu, den er zögernd and. Nennen wir die Urſache ſeines Zögerns. Der Saut⸗de⸗Baugs iſt ein Sumpf, über welchen der nach Souday führende Weg beinahe ſenkrecht aufſteigt. 4 Es iſt eine der ſteilſten Böſchungen in dieſem ſo unebenen Walde. Die Colonne der Rothhoſen, wie Gusrin ſie nannte, mußte zuerſt dieſen Sumpf überſchreiten und dann jenen abſchüſſigen Hang erklettern. Jean Oullier war auf dem Punkt der Straße angekommen, wo der Weg mit Hülfe von Faſchinen ſich quer über den Sumpf erſtreckt, um hernach am Hügel hinauf zu ſteigen. Wir haben geſagt, dort angekommen, hatte er Gusrin gepfiffen, der ihn überlegend fand. 90 „Nun!“ fragte Gusrin,„woran denkſt Du?“ „Ich denke,“ anwortete Jean Oullier,„hiet möchte es wohl beſſer ſein als am Kreuzwege Ray⸗ hons.“ „Um ſo eher,“ bemerkte Guérin,„da hier ein Karren ſteht, hinter dem man ſich in Hinterhalt legen könnte.“ Jean Oullier, der denſelben nicht geſehen oder nicht beachtet hatte, unterſuchte nun den Gegenſtand, auf den ihn ſein Begleiter aufmerkſam machte. Es war ein ſchweres, mit Holz beladenes Fuhr⸗ werk, das man am Rande des Sumpfes für die Nacht hatte ſtehen laſſen, weil man ohne Zweifel, von der Dunkelheit überraſcht, ſich nicht auf den ſchmalen Weg, welcher gleich einer Brücke durch das ſchlammige Moor führte, gewagt hatte. „Ich habe eine Idee,“ ſprach Jean Oullier, wechſelsweiſe den Karren und den Hügel anſchauend, der ſich gleich einem finſtern Wall auf der einen Seite des Moores erhob,„allein nothwendig..“ Und Jean Oullier ſchaute um ſich. „Was nothwendig?“ „Müßten die Burſchen da ſein.“ 1 „Hier ſind ſie,“ ſagte Guérin.„Schau, da iſt Patry, da ſind die beiden Brüder Gambier, da, da die Leute von Vieille⸗Vigne und da Joſeph Picaut. Jean Oullier wandte ſich ab, um dieſen nicht zu ſehen. Wirklich kamen die Chouans von allen Seiten an; hinter jeder Hecke trat einer hervor, hinter jedem Buſch erhob ſich einer. Bald waren alle beiſammen. SnͤSOSe 91 „Meine Jungen,“ ſprach Jean Oullier zu ihnen, „ſeitdem die Vendée Vendeée iſt, das heißt, ſeitdem ſie ſich ſchägt, haben ihre Kinder nie mehr als heute ſich verpflichtet gefunden, ihr Herz und ihren Glauben zu zeigen; halten wir die Soldaten von Louis Philipp nicht auf, ſo geſchieht, glaube ich, ein großes Unglück, ein ſolches Unglück, meine Kinder, daß aller Ruhm, womit unſer Land ſich bedeckt hat, dadurch verloren geht. Was mich betrifft, ſo bin ich entſchloſſen, meine Gebeine in Saut⸗de⸗Baugé zu laſſen, ehe ich zugebe, daß dieſe hölliſche Colonne weiter vorrückt.“ „Wir auch, Jean Oullier!“ ſagten alle Stimmen. „Wohl; ich erwartete nicht weniger von Män⸗ nern, die mir ſeit Montaigu nachgegangen ſind, um mich zu befreien, und die es auch ausgeführt haben. Sehen wir zum Anfang: würde es Euch erſchrecken, mir dieſen Karren bis auf die Höhe des Abhangs ſchieben zu helfen?“ be„Wir wollen es verſuchen,“ ſprachen die Ven⸗ er. Jean Oullier ſtellte ſich an ihre Spitze, und das ſchwere Fuhrwerk, welches die einen an den Rädern, die andern von hinten ſchoben, während acht oder zehn an der Gabeldeichſel zogen, gelangte ohne Hinderniß über den Sumpf und wurde auf den Gipfel der Böſchung mehr hinaufgehißt als geſchleift. Nachdem Jean Oullier ihm Steine untergelegt hatte, damit er nicht, durch ſein eigenes Gewicht fortgeriſſen, den Abhang, den man ſo mühevoll mit ihm erklettert hatte, wieder herablaufe, ſprach er: 92 „Jetzt legt Ihr Euch auf jeder Seite des Moors in Hinterhalt, die eine Hälfte rechts, die andere links; und wenn es Zeit iſt, das heißt wenn ich rufe: Feuer! ſchießt Ihr; kehren die Soldaten um und folgen Euch, wie ich hoffe, ſo zieht Ihr Euch kämpfend langſam nach der Seite von Grandlieu zurück, immer ſo, daß Ihr ſie zur Verfolgung treibt und von Souday, welches das Ziel ihres Marſches iſt, abführt. Setzen ſie hingegen ihren Weg ſchleu⸗ nig fort, ſo wollen wir Alle unſererſeits ſie am Kreuzwege Rayhons erwarten; dort handelt es ſich darum, Stand zu halten und auf ſeinem Poſten zu ſterben.“— Die Chouans nahmen ihre Stellung zu beiden Seiten des Moors, Jean Oullier blieb allein mit Gusrin zurück.— 3 Dann warf er ſich auf den flachen Bauch und hielt das Ohr an den Boden. „Sie kommen heran,“ ſagte er,„ſie verfolgen den Weg nach Souday, wie wenn ſie damit bekannt wären. Welcher Teufel kann ſie führen, da Paſcal todt iſt?“ „Sie werden auf der Meierei einen Bauern ge⸗ funden haben, den ſie dazu zwangen.“ „Dann iſt alſo noch einer da, den man im tief⸗ ſten Walde von Machecaul ihnen abnehmen muß. Ohne Führer wird Keiner von ihnen nach Montaigu zurückkehren.“ „Wohl!, aber Du haſt keine Waffen, Jean Oullier?“ „Ich,“ erwiderte der alte Vendeer leiſe lachend, nich habe eine, welche mehr als Dein Karabiner 93 zu Fall bringen wird, und in zehn Minuten, ſei ruhig, wenn Alles geht wie ich hoffe, werden die Musketen am Saut⸗de⸗Baugé hin nicht ſelten ſein.“ Nach dieſen Worten erhob ſich Jean Oullier, ſtieg den Abhang hinauf, an dem er halb herunter gegangen war, um ſeine Leute ihre Dispoſitionen zum Kampf treffen zu laſſen, und trat wieder zu dem Karren. Es war Zeit; als er auf der äußerſten Höhe anlangte, hörte er auf dem entgegengeſetzten Abhang das Geräuſch von Steinen, welche unter den Füßen der Pferde wegrollten, und ſah zwei oder drei Funken, welche ihre Eiſen aus den Kieſeln ſchlugen. Die Luft war außerdem mit jenem Brauſen und Beben verſetzt, welches in der Nacht die Annähe⸗ rung einer bewaffneten Truppe verkündigt. „Fort, ſchließe Dich wieder den Leuten an,“ ſprach er zu Guérin,„ich bleibe hier.“ „Wozu?“ „Du wirſt es ſogleich ſehen.“ Guérin gehorchte. Jean Oullier ſchlüpfte unter den Wagen und wartete. Kaum hatte Guérin ſeinen Poſten bei ſeinen Genoſſen eingenommen, als die beiden Jäger des Vortrabs am Rande des Moors anlangten. Da ſie die Schwierigkeit des Terrains bemerkten, blieben ſie zögernd ſtehen. „Gerade aus,“ rief eine feſt accentuirte Stimme, wiewohl mit einem weiblichen Klang,„gerade aus!“ Die beiden Jäger beſchritten den Sumpf und kamen, Dank dem durch die Faſchinen abgeſtochenen 94 Weg, ohne Unfall hinüber; darauf begannen ſie die Anhöhe hinaufzuklettern, indem ſie ſich dem Karren und folglich Jean Oullier immer mehr näherten. Als ſie nur noch zwanzig Schritte von ihm ent⸗ fernt waren, ſchlüpfte Jean Oullier unter den Karren, hing ſich mit den Händen an die Achſen, mit den Füßen an die vordere Radſtange und blieb ſo un⸗ beweglich. Bald kamen die beiden Jäger auf der Höhe des Karrens an, ſetzten aber, da ſie nichts, was Miß⸗ trauen erregen konnte, wahrnahmen, ihren Weg fort. Die Hauptmaſſe der Colonne war jetzt am Rande des Moors; die Wittwe voran, dann der General, hernach die Jäger. Hinter den Jägern kam die Infanterie. Man überſchritt das Moor in dieſer Ordnung. Aber im Augenblick, als man den Fuß des Ab⸗ hangs erreichte, erfolgte ein dem Rollen des Don⸗ ners ähnliches Krachen von der Höhe der Böſchung, welche die Soldaten erklettern wollten; der Boden zitterte unter ihren Schritten und eine Art Lawine ſtürzte mit der Schnelligkeit des Blitzes von dem Hügel herab. „Macht Platz!“ rief der General mit einer Stimme, welche dieſes ſchreckliche Getöſe übertönte. Und die Wittwe am Arm faſſend, gab er ſeinem Pferde den Sporn, das einen Satz machte und ſich in die Büſche warf. Der General hatte vor allen Dingen an ſeinen Führer gedacht: er war für dieſen Augenblick das Koſtbarſte, was er beſaß. Sein Führer und er waren gerettet.„ ——— 95⁵ Aber die Soldaten hatten größtentheils nicht Zeit, den Befehl ihres Chefs zu vollziehen; gelähmt durch das ſeltſame Geräuſch, das ſie hörten, nicht wiſſend, mit welchem neuen Feind ſie zu thun hatten, geblendet durch die Finſterniß, ſich von der Gefahr umringt fühlend, blieben ſie mitten im Weg, und der Karren, denn dieſen hatte Jean Oullier die ab⸗ ſchüſſige Straße hinabgelaſſen, durchbrach ihre Maſſe, wie nur eine ungeheure Kugel es vermocht hätte, und ſchlug mitten unter ihnen nieder, diejenigen tödtend, welche ſich unter ſeinen Rädern fanden, diejenigen verwundend, welche er mit ſeinen Trüm⸗ mern bedeckte. Ein Augenblick der Betäubung folgte dieſer Ka⸗ taſtrophe, aber ſie vermochte dem General nichts anzuhaben, der mit ſtarker Stimme rief: „Vorwärts, Soldaten! vorwärts! ſuchen wir aufs Schnellſte aus dieſer Mördergrube herauszu⸗ kommen.“ In demſelben Moment rief eine Stimme nicht minder ſtark als die des Generals: „Feuer, ihr Burſchen!“ Ein Blitz zuckte aus jedem Buſch des Moors hervor und ein Regen von Kugeln praſſelte um die kleine Colonne her. Die Stimme, welche Feuer commandirte, hatte ſich vor der Colonne hören laſſen, die Schüſſe knallten hinter ihr; der General, ein alter Kriegs⸗ wolf, ſo verſchlagen wie Jean Oullier, verſtand das Mansöver. Man wollte ihn von ſeinem Wege abbringen. 96 „Vorwärts!“ rief er,„verliert Eure Zeit nicht, darauf zu antworten. Vorwärts! vorwärts!“ Die Truppe ſchlug den Geſchwindſchritt an und erreichte trotz des Gewehrfeuers die Spitze des Hügels. Zu derſelben Zeit, da der General und ſeine Soldaten ihre Bewegung nach oben vollbrachten, ſtieg Jean Hullier, ſich hinter dem Heidekraut deckend, raſch den Hügel hinunter und befand ſich wieder mitten unter ſeinen Genoſſen. „Bravo!“ ſagte Guerin zu ihm.„Ah! hätten wir nur zehn Arme wie die Eurigen und einige Holzkarren, wie dieſen da, noch in dieſer Stunde wären wir von den verwünſchten Soldaten befreit.“ „Bah!“ antwortete Jean Oullier,„ich bin nicht ſo befriedigt wie Du; ich hoffte, ſie werden ſich rückwärts wenden, und es iſt nichts; ich hoffte, ſie werden plötzlich wieder umkehren, und ſie ſehen mir ganz aus, als wollten ſie ihren Marſch fortſetzen. Zum Kreuzwege Rayhons alſo! und ſo ſchnell, als unſere Beine uns dahin zu tragen vermögen.“ „Wer behauptet denn, daß die Rothhoſen ihren Marſch fortſetzen?“ fragte eine Stimme. Jean Oullier näherte ſich der lichteren Stelle im Moor, von wo dieſe Stimme hergekommen war, und erkannte Joſeph Picaut. Der Vendéer leerte, ein Knie auf der Erde und ſeine Flinte neben ſich, gewiſſenhaft die Taſchen von drei Soldaten, welche das ungeheure Wurf⸗ geſchoß Jean Oulliers zu Boden geſtreckt und zer⸗ malmt hatte. Der alte Wildhüter wandte ſich mit Eckel ab. 97 „Höre auf Joſeph,“ flüſterte Gusrin leiſe Jean Oullier ins Ohr,„höre auf ihn, denn er ſieht bei Nacht wie eine Katze, und ſein Rath iſt nicht zu verachten.“ „Und ich behaupte,“ fuhr Joſeph Picaut fort, ſeine Beute in einen Zwerchſack ſteckend, den er immer bei ſich trug,„ich behaupte, daß die Blauen, ſeitdem ſie auf dem Gipfel des Berges angekommen ſind, ſich nicht von der Stelle gerührt haben. Habt Ihr denn keine Ohren, Ihr andern, daß Ihr ſie nicht da oben wie Schöpſe im Pferch trappeln hört? Nun, wenn Ihr ſie nicht hört, ſo höre ich ſie wenigſtens.“ „Man muß Gewißheit davon haben,“ ſagte Jean Oullier zu Gusrin, es vermeidend, Joſeph eine Antwort zu geben. „Ihr habt Recht, Jean Oullier, und ich will ſelbſt hingehen,“ erwiderte Guérin. Der Vendéer überſchritt das Moor, warf ſich in das Schilf, kletterte die Hälfte des Abhangs hinauf, warf ſich, dort angekommen, auf den plat⸗ ten Bauch, kroch wie eine Schlange längs der Fel⸗ ſen hin und ſchlüpfte ſo ſachte zwiſchen dem Heide⸗ kraut durch, daß dabei kaum die Spitze deſſelben in Bewegung geſetzt wurde. b S gelangte er auf zwei Drittel den Hügel inauf. Als er nur noch dreißig Schritte von dem Gipfel entfernt war, richtete er ſich, ſtatt in der Lage zu verharren, in welcher er vorgerückt war, wieder auf, ſetzte ſeinen Hut auf einen Zweig und ſchüt⸗ telte denſelben über ſeinem Haupte. Dumas, Wölfinnen von Machecoul. II. 7 98 Sogleich erfolgte ein Schuß von der Höhe und riß Guérins Hut zwanzig Schritte von ſeinem Eigen⸗ thümer hinweg. „Er hat Recht,“ ſprach Jean Oullier, der unten den Knall gehört hatte,„aber wie kommt es, daß ſie ihr Vorhaben aufgeben? Iſt ihr Führer ge⸗ tödtet worden?“ „Ihr Führer iſt nicht getödtet worden,“ ſagte Joſeph Picaut mit Unheil verkündender Miene. „Du haſt ihn alſo geſehen?“ fragte eine Stimme, denn Jean Oullier ſchien entſchloſſen, das Wort nicht an Picaut zu richten. „Ja,“ antwortete der Chouan. „Erkannt?“ „Ja.“ „Dann,“ murmelte Jean Oullier, mit ſich ſelbſt redend,„haben ſie die Schluchten nicht gern, und die Sumpfluft ſcheint ihnen ungeſund; hinter dieſen Felſen ſind ſie vor unſern Kugeln ſicher und ſie bleiben ohne Zweifel bis zum Morgen dort.“ Wirklich bemerkte man, wie um dem Vendéer Recht zu geben, anfangs einen ſchwachen Lichtſchim⸗ mer auf der Höhe. Allmälig belebte, vergrößerte ſich dieſer Schimmer, und vier oder fünf Feuer be⸗ leuchteten mit ihren blutigen Reflexen die mageren Gebüſche, welche in den Zwiſchenräumen der Felſen hervortrieben. „Das iſt ſehr ſonderbar, wenn ihr Führer noch bei ihnen iſt,“ ſprach Jean Oullier.„Nun, es iſt immerhin möglich, und da ſie, wenn ihnen auch ein anderer Gedanke kommt, doch immer den Kreuzweg von Rayhons paſſiren müſſen, ſo..“ er ſchaute 99 um ſich und fuhr, als er Guérin erblickte, der wie⸗ der ſeinen Platz neben’ihm eingenommen hatte, fort: „Du begibſt Dich mit Deinen Leuten dahin, Guérin.“ „Gut,“ erwiderte dieſer. „Setzen ſie ihren Marſch fort, ſo weißt Du, was zu thun iſt. Haben ſie dagegen entſchieden ihr Bivouak am Saut⸗de⸗Baugé ſich zurecht gemacht, ſo kannſt Du ſie nach ihrer Bequemlichkeit eine Stunde am Feuer ſchnattern laſſen; es wäre un⸗ nütz, ſie anzugreifen.“ „Warum das?“ fragte Joſeph Picaut. Direct nun als Chef und auf einen von ihm gegebenen Befehl angeſprochen, war Jean Oullier genöthigt, eine Antwort zu geben. „Weil es,“ ſprach er,„ein Verbrechen iſt, das Leben braver Leute unnütz auszuſetzen.“ „Sagt es ganz offen, Jean Oullier...“ „Was?“ fragte der alte Wildhüter, Joſeph Pi⸗ caut lebhaft ins Wort fallend. „Sagt, weil meine Herren, die Edeln, denen ich diene, des Lebens dieſer braven Leute nicht mehr bedürfen, und dießmal werdet Ihr die Wahrheit ſagen, Jean Oullier.“ „Wer behauptet, daß Jean Oullier jemals ge⸗ logen hat?“ fragte der alte Wildhüter die Stirne runzelnd. „Ich,“ erwiderte Joſeph Picaut. Jean Oullier biß die Zähne übereinander, hielt ſich aber zurück; er ſchien entſchloſſen, mit dem Galeerenſträfling ſich weder in Freundſchaft noch in Gefahr einzulaſſen. 7* „Ich,“ wiederholte die r,„ich bin es, der be⸗ hauptet, daß Ihr nicht aus Sorge für unſere Per⸗ ſon es wehren wollt, unſern Sieg zu benützen, ſondern weil Ihr uns nur in den Kampf gebracht habt, die Rothhoſen von der Plünderung des Schloſſes Souday abzuhalten.“ „Joſeph Picaut,“ antwortete Jean Oullier ruhig, „wiewohl wir dieſelbe Kokarde trugen, gehen wir doch nicht dieſelben Wege und ſtreben nicht nach demſelben Ziele. Ich habe immer gedacht, daß, welches auch die Meinungen, die Menſchen doch Brüder ſeien, und es gefällt mir nicht, das Blut meines Bruders unnütz vergießen zu ſehen. Was die Beziehungen zu meinen Herren betrifft, ſo habe ich immer Demuth als das erſte Geſetz eines Chriſten betrachtet, beſonders wenn dieſer Chriſt nur ein armer Bauer iſt wie Ihr und ich; endlich habe ich immer Gehorſam als die erſte Pflicht eines Solda⸗ ten angeſehen. Ich weiß, daß Ihr nicht alſo denkt; um ſo ſchlimmer für Euch. Unter andern Umſtänden hätte ich Euch vielleicht bereuen laſſen, was Ihr eben geſagt habt, aber in dieſem Augenblick gehöre ich nicht mir ſelbſt an... dankt Gott dafür!“ „Wohl,“ ſagte Joſeph Picaut höhniſch,„wenn Ihr wieder Eigenthümer Eurer Perſon geworden ſeid, ſo wißt Ihr, wo ich zu finden bin, nicht wahr, Jean Oullier? und Ihr werdet mich nicht lange ſuchen.“ Dann fuhr er, gegen die kleine Truppe ſich um⸗ wendend, fort: „Jetzt wenn Jemand unter Euch iſt, der denkt, es ſei thöricht, den Haſen auf dem Anſtand zu er⸗ 1 be⸗ Per⸗ tzen, racht des ihig, wir nach daß, doch Blut Was habe iſten ein e ich lda⸗ nkt; nden Ihr höre venn rden ahr, ange um⸗ enkt, er⸗ 2191 warten, wenn man ihn im Lager haben kann, ſo komme er mit mir.“ Und er machte eine Bewegung, ſich zu entfernen. Niemand rührte ſich, Niemand gab ihm auch nur eine Antwort. Joſeph Picaut machte, als er das allgemeine Stillſchweigen, womit ſein Vorſchlag aufgenommen wurde, wahrnahm, eine zornige Geberde und ver⸗ tiefte ſich in das Dickicht. Jean Oullier nahm ſeine Worte für bloße Prah⸗ lerei und begnügte ſich, die Achſel zu zucken. „Fort! fort! Ihr Andern,“ ſprach Jean Oul⸗ lier zu den Chouans,„nach dem Kreuzwege Ray⸗ hons, und ſchnell folgt dem Bette des Baches bis zum Hau von Quatre⸗Vents, und in einer Viertel⸗ ſtunde werdet Ihr dort ſein.“ „Und Ihr, Jean Oullier?“ fragte Guérin. „Ich,“ antwortete der alte Wildhüter,„laufe nach Souday; ich will mich verſichern, daß dieſer Michel ſeinen Auftrag ausgerichtet hat.“ Die kleine Truppe entfernte ſich gehorſam, indem ſie, wie Jean Oullier geſagt hatte, dem Lauf des Baches folgte, den ſie hinabſtieg. Der alte Wildhüter blieb allein zurück. Er horchte einige Augenblicke auf das Plätſchern des Waſſers, welches die Chouans auf ihrem Marſch in Bewegung ſetzten; aber bald vermiſchte ſich dieſes Geräuſch mit dem der kleinen Cascaden und Jean Oullier drehte den Kopf nach den Soldaten um.. Die Felſen, auf welchen die Colonne Halt ge⸗ macht hatte, bildeten eine kleine Kette, welche in 10² der Richtung von Souday von Oſten nach Weſten ging. Im Oſten endete ſie etwa zweihundert Schritte von der Stelle, wo die eben erzählte Scene vorge⸗ fallen war, mit einem ſanften Abhang, der an den Bach ſtieß, den die Chouans hinaufgegangen waren, um das Lager der Soldaten zu umgehen. 3 Auf der Weſtſeite verlängerte ſie ſich etwa eine halbe Meile und wurde, je näher ſie Souday kam, deſto ſchroffer, deſto höher, an ihren Flanken zer⸗ riſſener und von Vegetation entblößter. Auf dieſer Seite endete ſie mit einem wahrhaften Abſturz, von ungeheuern ſenkrechten Felſen gebildet, welche über den deren Fuß netzenden Bach herein⸗ hingen. Ein⸗ oder zweimal vielleicht in ſeinem Leben hatte Jean Oullier, um dem Wildſchwein vorzu⸗ kommen, das die Hunde verfolgten, es gewagt, den Abſturz hinunterzuſteigen. Dieſer Niedergang war auf einem unter Ginſter⸗ büſchen verlorenen, kaum einen Fuß breiten Pfad, den man viette des Biques, das heißt Geißſteig, nannte, bewerkſtelligt worden. Dieſer Pfad war nur einigen Jägern bekannt. Aber Jean Oullier ſelbſt war ihn mit ſolchen Schwierigkeiten und im Angeſicht ſo großer Gefahren 5 hinabgeſtiegen, daß es ihm unmöglich ſchien, es werde Jemand während der Nacht auf den Gedanken kommen, dieſe Paſſage zu benützen. Wolte der Führer der feindlichen Colonne ſeine angreifende Bewegung gegen Souday fortſetzen, ſo mußte er entweder dieſen Weg verfolgen und dann 103 am Kreuzweg des Rayhons auf die Chouans ſtoßen, oder ſich nach dem gangbaren Abhang wenden, das heißt ſogleich wieder umkehren und dem Bach folgen, den die Vendéer eben hinaufgeſtiegen waren. Aber der Bach empfing einige Schritte von da einen beträchtlichen Zufluß, er wurde zu einem Waldſtrom, zu einem tiefen und reißenden Strom, ſeine Ufer waren mit Brombeergeſträuch beſetzt, welche dieſelben undurchdringlich machten. Es war alſo von dieſer Seite keine Gefahr zu befürchten. Und doch blieb Jean Oullier, wie in Folge einer gewiſſen Ahnung, nicht ruhig. Es ſchien ihm ganz außerordentlich, daß der Wille des alten Generals vor dem erſten Angriff gewichen ſein und er ſo plötzlich und leicht ſeinem Barhaßem nach Souday zu marſchiren, entſagt haben ollte. Anſtatt alſo, wie er geſagt hatte, ſich zu ent⸗ fernen, ſchaute er mit nachdenklichem und unruhigem Auge nach den Höhen, als es ihm vorkam, die Feuer verlieren an Lebhaftigkeit und Helle, und das Licht, welches ſie auf die Felſen warfen, die ihnen zum Schutz dienten, werde immer bläſſer. Jean Oullier hatte ſchnell ſeinen Entſchluß ge⸗ faßt und warf ſich auf denſelben Weg, den Gusrin genommen hatte, und mit Anwendung derſelben Taktik, wie jener, nur daß er nicht auf zwei Dritteln der Anhöhe hielt, ſondern fortkroch, bis er am Fuß der Steinblöcke war, welche die oberſte Fläche wie mit einem einzigen Gürtel umſäumten. Dann horchte er, vernahm aber kein Geräuſch. Dann ſtellte er ſich langſam auf die Füße, ſchaute 104 durch eine Spalte, welche zwei ungeheure Felſen zwiſchen ſich ließen, aber bemerkte nichts. Der Platz war öde, die Feuer verlaſſen und die Ginſterzweige, womit man ſie bedeckt hatte, zer⸗ kniſterten nur, in der Stille erlöſchend. Jean Oullier erkletterte eine Abdachung der Felſen, ließ ſich auf die andere hinabgleiten und fiel an der Stelle nieder, wo er die Soldaten ver⸗ muthet hatte. Die Soldaten waren verſchwunden. Jetzt ſtieß er einen ſchrecklichen Schrei aus, einen Schrei der Wuth und des Anrufs an ſeine Gefährten, und ſtürzte mit der Leichtigkeit eines verfolgten Dam⸗ hirſches längs der Felskette hin in der Richtung nach Souday fort. Es war nicht mehr zu zweifeln, der unbekannte oder vielmehr nur Joſeph Picaut bekannte Führer hatte die Soldaten nach dem Geißſteig geleitet. Welches auch die Schwierigkeiten waren, welche die Beſchaffenheit des Terrains Jean Oulliers Marſch entgegenſtellten: über flache Felſen hingleitend, die im Mooſe gleich eben ſo vielen Grabſteinen gelagert waren, an Granitblöcke ſtoßend, die ſich gleich Schild⸗ wachen über das Haidekraut erhoben, die Füße in den Brombeerbüſchen verwickelnd, welche ihm das Haar zerriſſen, brauchte er nicht mehr als zehn Minuten, um über den Hügel, ſeiner ganzen Länge nach, hinzulaufen. An deſſen Ende angekommen, erſtieg er eine letzte Spitze, welche den Thaleinſchnitt beherrſchte, und erblickte die Soldaten. Sie waren beinahe ſchon am Fuß des Abhangs 105 angekommen, ſie hatten ſich wider alles Erwarten auf den Geißſteig gewagt und beim Schimmer der Fackeln, die ſie angezündet, um ihnen zu ihren Schritten zu leuchten, ſah man die fadenförmige Linie derſelben längs des Abgrundes ſich hin⸗ ſchlängeln. Jean Oullier umklammerte den ungeheuren Stein⸗ block, den er erſtiegen hatte, und rüttelte an dem⸗ ſelben, in der Hoffnung, ihn loszureißen und auf deren Häupter hinunterzuwälzen. Aber die Anſtrengungen dieſer thörichten Wuth waren unmächtig, und ein höhniſches Gelächter ant⸗ wortete den Verwünſchungen, womit er ſie beglei⸗ tete. Jean Ounllier drehte ſich um, in der Meinung, Satan allein könne ſo lachen. Der Lacher war Joſeph Picaut. „Nun, Meiſter Jean,“ ſprach er, hinter einem Einſterbuſch hervortretend,„ich bin der Meinung, daß mein Anſtand mehr werth war als der Eurige; nur habt Ihr mich Zeit verlieren laſſen, ich bin zu ſpät gekommen, und das kann Eure Freunde wohl noch gereuen.“ „Mein Gott! mein Gott!“ rief Jean Ounllier, ſich mit vollen Händen in das Haar greifend,„wer hat ſie auf den Geißſteig führen können?“ „In jedem Fall,“ ſprach Joſeph Picaut,„wird Die, welche ſie dahin geführt hat, ſie weder auf dieſem, noch einem andern Weg zurückführen. Schaue ſie jetzt wohl an, Jean Oullier, wenn es Dir darum zu thun iſt, ſie noch lebend zu ſehen.“ Jean Oullier bückte ſich von Neuem hinab. 106 Die Soldaten hatten den Bach überſchritten und formirten ſich wieder um den General: mitten unter ihnen, kaum hundert Schritte entfernt, aber von den beiden Männern durch einen Abgrund getrennt, bemerkte man eine Frau mit fliegenden Haaren, welche dem General mit dem Finger den Weg an⸗ deutete, den er einſchlagen mußte. „Marianne Picaut!“ rief Jean Oullier. Der Chouan antwortete nicht, aber legte ſeine Flhnt⸗ auf die Schulter und ſuchte langſam ſein iſier. Jean Oullier hatte ſich bei dem Geräuſch, das der Hahn im Spannen machte, umgedreht. Im Augenblick, wo der Schütze losdrücken wollte, ſchlug er raſch den Flintenlauf in die Höhe. „Unglücklicher!“ ſagte er zu ihm,„laß ihr we⸗ nigſtens Zeit, Deinen Bruder zu beerdigen.“ Der Schuß ging in die Luft, die Kugel verlor ſich ins Weite. „Da!“ rief Joſeph Picaut wüthend, indem er ſeine Flinte am Laufe faßte und mit dem Kolben einen ſchrecklichen Schlag auf den Kopf Jean Oul⸗ liers führte, der dieſen Angriff nicht erwartet hatte. „Da! Weiße wie Du behandle ich wie Blaue!“ Trotz ſeiner herkuliſchen Stärke fiel der alte Vendéer zuerſt auf die Kniee, und rollte dann, als er ſich auch in dieſer Stellung nicht behaupten konnte, den Felſen hinab; während des Sturzes wollte er ſich an einem Buſch Heidekraut, den ſeine Hand inſtinctartig ergriffen hatte, halten, aber all⸗ mälig fühlte er, wie derſelbe unter dem Gewicht ſeines Körpers nachgab. N o 80— 88 0 107 So betäubt Jean Oullier war, hatte er doch ſeine Beſinnung nicht ganz verloren, und jeden Au⸗ genblick erwartend, die ſchwachen Zweige, welche ihn über dem Abgrund hielten, zwiſchen ſeinen Fingern zerbrechen zu ſehen, empfahl er Gott ſeine Seele. In dieſem Augenblick hörte er den Knall von Feuerwaffen über der Haide ertönen und ſah durch eide halbgeſchloſſenen Augenlider es wie Funken itzen. In der Hoffnung, es ſeien die Chouans, die unter der Führung Guörins angekommen, verſuchte er zu ſchreien, aber es kam ihm vor, als wäre ſeine Stimme in der Bruſt eingekerkert und er außer Stande, die Art von bleierner Hand, welche den Athem auf ſeinen Lippen zurückhielt, wegzubringen. Er glich einem Menſchen, der von einem ſchreck⸗ lichen Alpdrücken befallen iſt, und der Schmerz, den ihm dieſes Harren verurſachte, war ſo heftig, daß er uneingedenk des Schlags, den er erhalten hatte, den blutigen Schweiß von der Stirne auf ſeine Bruſt herabrinnen zu ſehen glaubte. Allmälig wichen ſeine Kräfte, ſeine Finger lie⸗ ßen nach, ſeine Muskeln erſchlafften, und die Angſt, die er empfand, wurde um ſo ſchrecklicher, als er ſich einbildete, freiwillig die Zweige los zu laſſen, welche ihn noch über dem leeren Raume hielten. Bald ſchien es ihm, er werde wie durch eine unwiderſtehliche Kraft in den Abgrund hinabgezo⸗ gen und ſeine Finger verließen ihren letzten Halt. Aber gerade in dem Augenblick, da er bei ſei⸗ nem Sturze die Luft wirbeln und pfeifen zu hören meinte, da er zu fühlen meinte, wie die ſcharfen Felſenſpitzen ſeinen Körper zerriſſen, ergriffen ihn kräftige Arme und brachten ihn auf eine kleine Plattform, die ſich einige Schritte von dem Ab⸗ grund ausdehnte. Er war gerettet. Nur ſchüttelten ihn dieſe Arme gar zu roh für Freundesarme. XXVII. Wo der Herr Marquis von Souday ſich nicht die Mühe gibt, 5 ſeinen Zorn zu verbergen. Den Tag nach der Ankunft des Grafen von Bonneville und ſeines Begleiters auf Schloß Souday war der Marquis von ſeiner Expedition oder viel⸗ mehr von ſeiner Conferenz zurückgekehrt. Beim Abſteigen vom Pferde offenbarte der wür⸗ dige Edelmann eine mörderiſche Laune. Er ſchalt auf ſeine Töchter, daß ſie ihm nicht wenigſtens bis zum Thor entgegengekommen waren, er ſchimpfte auf Jean Oullier, daß er ſich die Frei⸗ heit genommen hatte, auf den Markt von Montaigu zu gehen, er zankte mit der Köchin, die in Ermang⸗ lung ſeines Majordomus herbeigeeilt war, ihm den Steigbügel zu halten, daß ſie, anſtatt den rechts zu nehmen, aus aller Kraft an dem Steigriemen links zog, wodurch der Marquis genöthigt wurde, auf der entgegengeſetzten Seite von der Freitreppe abzuſteigen. Beim Eintritt in den Salon fuhr Herr von Souday noch fort, ſeinem Zorn durch einſylbige 109 Worte Luft zu machen, welche ſo kräftiger Art wa⸗ ren, daß Mary und Bertha, ſo ſehr ſich ihre Ohren an die ſprachlichen Freiheiten, welche der alte Emi⸗ grant ſich erlaubte, gewöhnt hatten, nicht wußtén, welche Haltung ſie dabei bewahren ſollten. Umſonſt verſuchten ſie ihre ſüßeſten Liebkoſun⸗ gen, um die ſorgenvolle Stirne ihres Vaters aufzu⸗ heitern; nichts wirkte, und während er ſeine Füße an dem Kaminfeuer wärmte, fuhr der Marquis fort, mit der Reitpeitſche, welche er in der Hand hielt, auf ſeine großen Stiefel zu klopfen, wie es ſchien, in tiefer Verzweiflung, daß beſagte Stiefel nicht die Herren So und So waren, welchen er zu derſelben Zeit, da er mit dem Handgriff ſeiner Reit⸗ peitſche ſpielte, die anſtößigſten Beiworte ertheilte. Entſchieden war der Marquis von Souday wahnſinnig. Wirklich fühlte er ſeit einiger Zeit Ueberdruß an den Jagdvergnügungen; er hatte ſich überraſchen laſſen, wie er beim Whiſt gähnte, das unwandelbar alle Abende beſchloß. Die Genüſſe des Großthuns ſchienen ihm fade und der Aufenthalt zu Souday Eckel erregend. Zugleich hatten aber ſeit zehn Jahren ſeine Beine nie ſo viel Elaſticität gehabt, nie hatte ſeine Bruſt ſo frei geathmet, nie war ſein Kopf ſo unter⸗ nehmend geweſen. Er trat in ſeinem ſogenannten Spätſommer in jene Epoche, wo der Geiſt noch einen lebhafteren Glanz wirft, ehe er erbleicht, wo der Körper alle ſeine Kräfte ſammelt, wie um ſich für den letzten Kampf vorzubereiten; und der Marquis, ſich mun⸗ 110 terer und aufgeweckter, als er ſeit langen Jahren geweſen war, ſich unbehaglich findend bei ſeinen gewöhnlichen, ihm ungenügend gewordenen Beſchäf⸗ tigungen, fühlend, daß die Langeweile über ihn die Oberhand gewinne, hatte gedacht, die Aufregungen einer neuen Vendée würden wunderbar zu ſeiner neuen Jugend paſſen, und keinen Augenblick daran gezweifelt, in dem wechſelnden Leben eines Partei⸗ gängers jene tiefen Genüſſe wieder zu finden, deren bloße Erinnerung in ſeinen alten Tagen ihn ent⸗ zückte. Er hatte alſo mit Begeiſterung die Kunde von einer Waffenerhebung aufgenommen, und eine po⸗ litiſche Bewegung dieſer Art, gerade recht gekommen, diente ihm zu einem neuen Beweis für das, was er in ſeinem ruhigen und naiven Egoismus ſich ſchon ſehr oft eingebildet hatte: die ganze Welt ſei nur dazu geſchaffen worden und im Gange, um einem ſo würdigen Edelmann, wie der Herr Marquis von Souday war, die vollkommenſte Befriedigung zu gewähren. Aber er hatte bei ſeinen politiſchen Glaubens⸗ genoſſen eine Lauheit und Neigung zum Zögern gefunden, die ihm großen Verdruß verurſachten. Die Einen hatten behauptet, der öffentliche Geiſt ſei noch nicht reif, die Andern, es ſei unklug, etwas zu unternehmen, ohne eines Abfalls in der Armee verſichert zu ſein; wieder Andere eingewendet, der religiöſe und politiſche Enthuſiasmus ſei bei den Bauern ſo auffallend erkaltet, daß es ſchwer hielte, ſie in den Kampf zu führen, und der heroiſche Mar⸗ quis, der nicht begreifen konnte, daß nicht ganz ͤͤ ———-—— — 3 8 Bee A— 111 Frankreich bereit wäre, ſobald eine kleine Campagne ihm ein ganz angenehmer Zeitvertreib ſchien, Jean Oullier ſeinen beſten Karabiner geputzt, ſeine Töch⸗ ter ihm eine Schärpe und ein blutendes Herz ge⸗ ſtickt, hatte raſch mit ſeinen Freunden gebrochen und war in ſein Schloß zurückgekehrt, ohne von der Sache weiter hören zu wollen. Mary, welche wußte, bis zu welchem Punkte ihr Vater die Ueberlieferung der Gaſtfreundſchaft achtete, benützte eine Steigerung der übeln Laune bei dem würdigen Edelmann, um ihm gelaſſen die Gegenwart des Grafen von Bonneville auf Schloß Souday anzukündigen, in der Hoffnung, dem Grimm, welchen der reizbare Alte an den Tag legte, eine Diverſion zu bereiten. „Bonneville! Bonneville! Wer iſt das, Bonne⸗ ville?“ brummte der Marquis von Souday,„irgend ein Kohlkopf oder ein Advokat; einer jener Officiere, denen man in einer Stunde zu den Epauletten ver⸗ holfen hat, oder einer jener Schwätzer, die nie an⸗ ders, als mit der Zunge Feuer gegeben haben; ein Zierbengel, der uns beweiſen will, daß man zu⸗ warten, Philipp ſeine Popularität abnutzen laſſen muß! Als ob es, eine Popularität überhaupt als nothwendig vorausgeſetzt, nicht viel einfacher und leichter wäre, dergleichen unſerem König zu ge⸗ winnen.“ „Ich ſehe, daß der Herr Marquis für eine unmittelbare Waffenerhebung iſt,“ ſprach eine kleine ſanfte Flötenſtimme neben dem Marquis von Souday. Dieſer wandte ſich um und bemerkte einen ganz jungen, als Bauer gekleideten Mann, der gleich ihm auf den Kamin geſtützt, gleich ihm die Füße am Herd ſich wärmte. 3 Der Fremde war ohne Geräuſch durch eine Seitenthüre eingetreten, und der Marquis, der ihm überdieß im Augenblick ſeines Eintritts den Rücken zukehrte, hatte, von der Hitze ſeiner Verwünſchungen fortgeriſſen, die Zeichen nicht beachtet, durch welche ihn ſeine Töchter von der Gegenwart eines ihrer Gäſte in Kenntniß ſetzen wollten. Petit⸗Pierre, denn er war es, ſchien ſechszehn bis ſiebzehn Jahre alt, war aber ſehr klein und ſehr ſchwächlich für ſein Alter. Sein Geſicht war blaß, und lange ſchwarze Locken, welche es umrahmten, ließen es noch weißer erſcheinen; ſeine großen blauen Augen leuchteten von Intelligenz und Muth; ſein Mund, fein und in den Winkeln leicht aufgezogen, war von einem mali⸗ tiöſen Lächeln belebt; ſein Kinn, ſtark vorragend, zeigte eine nicht ſehr gewöhnliche Willenskraft an. Endlich vervollſtändigte eine leicht gebogene Naſe eine Geſichtsbildung, deren Diſtinction ſeltſam mit ſeinem Coſtüme contraſtirte. „Monſieur Petit⸗Pierre,“ ſprach Bertha, die Hand des neuen Ankömmlings faſſend und ihn ihrem Vater vorſtellend. Der Marquis machte eine tiefe Verbeugung, welche der junge Bauer auf die graziöſeſte Weiſe erwiderte. Der alte Emigrant ließ ſich nur wenig durch das Coſtume und den Namen Petit⸗Pierre beirren; der große Krieg hatte ihn an dergleichen Spott⸗ 33ͤſͤſͤͤͤͤͤͤͤͤͤͤͤͤͤͤſö. —„— =— 113 namen, unter welchen Leute von der höchſten Ab⸗ kunft dieſe Eigenſchaft verbargen, und an Verklei⸗ dungen, unter welchen ſie ihre angeborne Diſtinction zu maskiren ſuchten, gewöhnt; aber was ihn vor⸗ zugsweiſe beſchäftigte, war die ausnehmende Jugend ſeines Gaſtes. „Die Fräulein von Souday haben mir geſagt, mein Herr, daß ſie ſo glücklich geweſen ſind, Ihnen und Ihrem Freunde, dem Herrn Grafen von Bon⸗ neville geſtern Abend von einigem Nutzen ſein zu können; ich muß darum doppelt bedauern, von Hauſe entfernt geweſen zu ſein; ohne das unange⸗ nehme Geſchäft, das jene Herren mir auferlegten, würde ich die Ehre gehabt haben, ſelbſt Ihnen mein armes Schloß aufzuthun; nun, ich hoffe, dieſe Plau⸗ dertaſchen werden begriffen haben, daß es ihre Pflicht war, mich gehörig zu vertreten, und daß nichts, was unſere beſchränkte Lage mit ſich bringt, geſpart worden iſt, dieſen widerwärtigen Aufenthalt für Sie erträglich zu wachen.“ „Ihre Gaſtfreundſchaft, Herr Marquis, konnte nur dadurch gewinnen, daß ſie von ſo anmuthigen Vermittlerinnen ausgeübt wurde,“ erwiderte Petit⸗ Pierre galant. „Hum!“ bemerkte der Marquis, die Oberlippe ver⸗ längernd,„zu andern Zeiten als die gegenwärtigen, hätten ſie ſich ziemlich gut darauf verſtanden, für ihre Gäſte eine Zerſtreuung zu ſuchen; Bertha hier weiß ſehr geſchickt einen Bruch wieder aufzufinden, und umgeht das Lager der Sau wie irgend Jemand; ary dagegen hat nicht Ihresgleichen, wenn es ſich um Kenntniß der ſumpfigen Schlupfwinkel handelt, Dumas, Wölfinnen pon Machacoul. II. 114 welche die Schnepfen heimſuchen. Aber mit Aus⸗ nahme einer gewiſſen Force im Whiſt, die ſie von mir haben, halte ich ſie für ganz und gar unfähig, die Honneurs eines Salons zu machen, und für einige Zeit ſind wir nun auf uns allein mit unſern Klötzen beſchränkt,“ ſetzte der Marquis von Souday hinzu, indem er die beſagten auf dem Herde mit einem Fußtritt anſtieß, welcher die Fortdauer ſeines Zorns bezeugte. 1 „Ich glaube, daß ſehr wenige Damen vom Hofe ſo viel Grazie und Diſtinction wie die Fräulein hier beſitzen, und verſichere Sie, daß dort keine ſind, welche dieſe Eigenſchaft mit dem Adel des Her⸗ zens und Gefühls vereinigen, wovon Ihre beiden Tichter, Herr Marquis, uns Beweiſe gegeben aben.“ „Vom Hof?“ bemerkte der Marquis mit fragen⸗ dem Erſtaunen und einem Blick auf Petit⸗Pierre. Petit⸗Pierre erröthete lächelnd, wie ein Schau⸗ ſpieler, der vor einer wohlwollenden Zuhörerſchaft in einen Irrthum geräth. „Ich ſpreche aus Muthmaßung, Herr Marquis,“ erwiderte er in einer Verlegenheit, zu tief, um nicht erkünſtelt zu ſein;„ich ſage Hof, weil Ihr Name dort Ihren beiden Töchtern den Platz angewieſen hat; kurz weil ich ſie dort ſehen möchte.“ Der Marquis von Souday erröthete auch, dar⸗ um, daß er ſeinen Gaſt zum Erröthen gebracht hatte; beinahe unwillkürlich hatte er das Incognito berührt, in welchem dieſer noch beharrte, und die ausgeſuchte Artigkeit des alten Edelmanns machte ſich bittere Vorwürfe wegen dieſes Fehlers, — 8 Bb—- Sͤ—— ——α ⁵ +„1——— ☛△ 0 115 Petit⸗Pierre beeilte ſich wieder das Wort zu nehmen. „Ich ſagte Ihnen, Herr Marquis, als die Fräu⸗ lein hier mir die Ehre anthaten, mich Ihnen vor⸗ zuſtellen, daß Sie mir zu denen zu gehören ſchienen, welche eine unmittelbare Schilderhebung wünſchen.“ „Ventrebleu! Ich darf es Ihnen wohl geſtehen, mein Herr, da Sie nach dem, was ich ſehe, einer der Unſrigen ſind.“ Petit⸗Pierre nickte mit dem Kopf zum Zeichen der Zuſtimmung. „Ja, ſo meine ich,“ fuhr der Marquis fort, „aber ich werde gut reden und thun haben, man wird dem alten Edelmann nicht glauben, der ſeine Haut dem ſchrecklichen Feuer ausgeſetzt hat, das dieſes Land von 1793 bis 1797 verzehrte; man wird auf einen Haufen Schwätzer, Advokaten ohne Pro⸗ ceß, ſchöner Herrchen hören, die ſich fürchten, unter freiem Himmel zu ſchlafen, ihre Kleider im Gebüſch zu verderben, naſſer Hühnchen und...“ ſetzte der Marquis hinzu, indem er wüthend auf die Klötze wieder zu ſtampfen anfing, welche ſich dadurch räch⸗ ten, daß ſie Tauſende von Funken auf ſeine Stiefel ſchleuderten. „Vater,“ ſprach Mary, welche ein Petit⸗Pierre entſchlüpftes Lächeln bemerkt hatte, ſanft,„Vater, beruhige Dich.“ „Nein, ich will mich nicht beruhigen,“ erwiderte der ungeſtüme Alte;„Alles war bereit; Jean Oul⸗ lier hatte mir verſichert, daß meine Abtheilung vor Begeiſterung brüllte, und am 14. Mai da ſind wir auf den Nimmertag vertröſtet worden.“ 116 „Geduld, Herr Marquis!“ ſprach Petit⸗Pierre, „die Stunde wird ſchlagen.“ „Geduld! Geduld! das iſt für Sie leicht zu ſa⸗ gen,“ entgegnete der Marquis ſeufzend;„Sie ſind jung, Sie haben Zeit; aber ich! wer weiß, ob Gott mir ſo lange noch das Leben ſchenken wird, um die alte Fahne entfalten zu ſehen, für welche ich ſo freudig mich geſchlagen habe.“ Die Klage des alten Mannes rührte Petit⸗Pierre. „Aber haben Sie nicht gleich mir ſagen hören, Herr Marquis,“ fragte er,„daß die Schilderhebung wegen der Ungewißheit, in der man ſich über die Ankunſt der Prinzeſſin befand, verſchoben worden ſei?“ Dieſe Worte ſchienen die üble Laune des Mar⸗ quis zu verdoppeln. „Laſſen Sie mich doch in Ruhe, junger Mann,“ ſprach er in ergrimmtem Ton,„kenne ich etwa die⸗ ſen alten Spaß nicht? Hat man die fünf Jahre, da ich in der Vendée Krieg geführt habe, aufgehört, uns jenen königlichen Degen zu verſprechen, der alle ehrgeizigen Beſtrebungen um ſich vereinigen ſollte? Bin ich nicht einer von denen geweſen, welche am 2. October den Grafen von Artois an der Küſte auf Ile⸗Dieu erwarteten? Wir werden von der Prinzeſſin im Jahr 1832 nicht mehr ſehen, als wir von dem Prinzen 1796 geſehen haben; dieß ſoll mich jedoch nicht abhalten, für ſie in den Tod zu gehen.“ „‚Herr Marquis von Souday,“ ſprach Petit⸗ Pierre mit auffallend erregter Stimme,„ich ſchwöre Ihnen, daß die Frau Herzogin von Berry, hätte 117 ſie nur eine Nußſchale zu ihrem Dienſt gehabt, über das Meer geſetzt wäre, um unter der Fahne, welche Charrette mit ſo edler und kräftiger Hand trug, ſich zu rächen; ich ſchwöre Ihnen, daß ſie heute kommen wird, mit denen, welche ſich erheben, um die Rechte ihres Sohnes zu vertheidigen, wenn nicht zu ſiegen, doch zu ſterben.“ Es lag ſo viel Energie in dieſem Tone und es war ſo außerordentlich, dergleichen Worte aus dem Munde eines kleinen Bauern von ſechszehn Jahren zu vernehmen, daß der Maxquis von Souday mit tiefer Ueberraſchung ſeinen Gegenredner betrachtete. „Aber, wer ſind denn Sie?“ fragte er, ſeinem Erſtaunen nachgebend,„wer ſind denn Sie, um von den Entſchließungen Ihrer Königl. Hoheit alſo zu ſprechen und ſich für dieſelbe zu verbürgen, junger Mann oder vielmehr... Knabe?“ „Ich glaube, Herr Marquis, die Fräulein von Souday haben, als Sie mich Ihnen vorſtellten, mir die Chre angethan, meinen Namen zu nennen.“ „Das iſt richtig, Herr Petit⸗Pierre,“ entgegnete der Marquis ganz verwirrt;„ich bitte tauſendmal um Verzeihung, mein Herr, aber,“ fuhr er mit noch größerem Intereſſe an ſeinen Gegenredner ſich wen⸗ dend, den er für den Sprößling irgend einer hohen Standesperſon hielt, fort,„ſollte es indiscret ſein, Sie um Ihre Meinung rückſichtlich der Rechtzeitig⸗ keit der Waffenerhebung zu befragen? Wie auch Ihre Jugend ſei, Sie ſprechen ſo vernünftig, daß ich Ihnen meinen Wunſch, dieſelbe kennen zu ler⸗ nen, nicht verberge.“ „Dieſe Meinung werde ich Ihnen um ſo gerner 8 6 118 mittheilen, Herr Marquis, da ſie der Ihrigen ſehr nahe kommt.“ „Wahrhaftig!“ „Meine Meinung, wenn ich mir erlauben darf, eine ſolche auszuſprechen...“ „Ei, ja wohl! Neben den armſeligen Herren, die ich dieſe Nacht habe ſchwatzen hören, ſcheinen Sie mir einer der ſieben Weiſen Griechenlands.“ „Sie ſind allzu nachſichtig. Nach meiner An⸗ ſicht alſo, Herr Marquis, iſt es ſehr unglücklich, daß wir nicht, wie es ausgemacht war, in der Nacht vom 13. auf den 14. Mai aus unſerem Kämmer⸗ chen hervortreten konnten.“ „Sehen Sie!... was werde ich denſelben ſa⸗ gen? Und Ihre Gründe, mein Herr?“ „Meine Gründe, da ſind ſie: die Soldaten ſind auf dem Dorfe cantonnirt, bei den Einwohnern einquartirt, zerſtreut, von einander entfernt, ohne Leitung, ohne Fahne; nichts war leichter, als ſie zu überraſchen und in dem erſten Augenblick der Ueberraſchung zu entwaffnen.“ „Das iſt ſehr richtig, während jetzt?“ „Jetzt, ſeit zwei Tagen iſt die Ordre gegeben, die kleinen Kantonnirungen zu verlaſſen, das mili⸗ täriſche Netz, welches dieſes Land bedeckt, zuſammen⸗ zuziehen, ſich nicht mehr compagnie⸗, ſondern batail⸗ lon⸗, regimentsweiſe zu gruppiren. Heute bedarf es für uns einer ordentlichen Schlacht, um das Reſultat zu erlangen, das uns eine Schlafnacht ge⸗ geben hätte.“ „Das iſt bündig!“ rief der Marquis mit Be⸗ geiſterung;„was mich zur Verzweiflung bringt, iſt, ſr 119 daß ich bei den ſechsunddreißig Gründen, die ich meinen Gegnern angegeben, daran nicht gedacht habe! Aber fahren Sie fort, dieſe Ordre an die Truppen, wiſſen Sie gewiß, mein Herr, daß ſie er⸗ laſſen worden iſt?“ „Ganz gewiß, mein Herr,“ antwortete Petit⸗ Pierre mit dem beſcheidenſten Ausdruck, den er ſei⸗ ner Phyſiognomie zu geben vermochte. Der Marquis betrachtete ſeinen Gaſt wie be⸗ täubt. „Das iſt verdrießlich,“ erwiderte er,„ſehr ver⸗ drießlich; nun aber iſt es, wie Sie ſagten, mein junger Freund, erlauben Sie mir, Ihnen dieſen Titel zu geben, das Beſte, Geduld zu haben und 2 warten, bis die neue Maria Thereſia ſich in die itte ihrer neuen Ungarn begibt, und in Erwar⸗ tung dieſes Tages auf die Geſundheit ihres könig⸗ lichen Sprößlings und der unbefleckten Fahne zu trinken. Dazu dürfte es aber nothwendig ſein, daß dieſe Fräulein ſich herablaſſen, mit unſerem De⸗ jeuner ſich zu beſchäftigen, da Jean Oullier abge⸗ reist iſt; da irgend Jemand,“ ſetzte er, einen halb⸗ ergrimmten Blick auf ſeine Töchter werfend, hinzu, „ſich erlaubt hat, ihn ohne mein Gebot nach Mon⸗ taigu zu ſenden.“ „Dieſer irgend Jemand bin ich, Herr Marquis,“ ſprach Petit⸗Pierre, mit einem Ton, der bei aller Höflichkeit nicht frei von Feſtigkeit war,„und ich bitte Sie um Verzeihung, daß ich auf ſolche Art über einen Ihrer Leute verfügt habe; aber es war für uns dringend nothwendig zu erfahren, woran wir uns in Bezug auf die Dispoſitionen der auf 120 dem Markte zu Montaigu verſammelten Bauern zu halten hätten!“ Es lag in dieſer ſanften und wohllautenden Stimme ein ſolcher Accent leichter und natürlicher Sicherheit, ein ſolches Bewußtſein von der Supe⸗ riorität des Sprechenden, daß der Marquis ganz beſtürzt blieb; und in ſeinem Gehirn alle die hohen Perſonen, die er ſonſt gekannt hatte, paſſiren laſ⸗ ſend, um zu errathen, weſſen Sprößling der junge Mann ſein möchte, konnte er nur einige Worte ſeiner Zuſtimmung hervorbringen. Der Graf von Bonneville trat dieſen Augenblick in den Salon. In ſeiner Eigenſchaft als alter Bekannter des Marquis nahm Petit⸗Pierre die Ehre in Anſpruch, ſelbſt ſeinen Freund ihrem Wirth vorſtellen zu dürfen. Die offene, freie und heitere Phyſiognomie des Grafen nahm den Marquis, der ſchon von ſeinem jungen Begleiter ſehr entzückt war, ſogleich ein; er entſagte ſeiner übeln Laune, ſchwor, an das, was er die Memmenhaftigkeit ſeiner künftigen Waffenge⸗ noſſen nannte, ſo wenig als an die leeren Neſter vom vergangenen Jahr zu denken; nur verſprach er ſich, während er ſie einlud, in den Speiſeſaal voranzu⸗ gehen, alle ſeine Geſchicklichkeit anzuwenden, es bei dem Grafen von Bonneville dahin zu bringen, daß er ihm das Incognito dieſes ſonderbaren Petit⸗ Pierre verrathe. Inzwiſchen kehrte Mary zurück und meldete ihrem Vater, daß ſervirt ſei. — 121 XXVIII. Wo der Marquis von Souday in Verzweiflung geräth, daß Petit⸗Pierre kein Edelmann iſt. Die beiden jungen Leute, welche der Marquis von Souday vor ſich herſchob, machten auf der Schwelle des Speiſeſaals Halt. Der Anblick des Saals war in der That furchtbar. In der Mitte deſſelben erhob ſich, wie eine alterthümliche, die ganze Stadt beherrſchende Cita⸗ delle, eine majeſtätiſche Wildſchwein⸗ und Rehpa⸗ ſtete; ein Hecht von fünfzehn Pfund, drei oder vier geſchmorte Hühner, ein wahrer babyloniſcher Thurm von Coteletten, eine Pyramide von Kaninchen in grüner Sauce flankirten dieſe Citadelle im Norden, Süden, Oſten und Weſten, und gleichſam als vor⸗ geſchobene Poſten zu dienen, hatte die Köchin des Herrn von Souday ſie mit einem dichten Cordon Schüſſeln umgeben, welche hart an einander ſtießen und die Belagerungswerke mit Nahrungsmitteln aller Art garnirten: Beigerichte, Vor⸗ und Zwi⸗ ſchenſpeiſen, Hülſenfrüchte, Salate, Obſt und Mus, dieß alles in einer wenig maleriſchen Confuſion beinahe zuſammengedrängt und auf einander gehäuft, aber doch voll Reizes für einen Appetit, der durch die zehrende Luft der Wälder der Landſchaft von Mauges geſchärft worden war. „NPotz Blitz!“ rief Petit⸗Pierre, wie bereits an⸗ gegeben, beim Anblick aller dieſer Mundvorräthe zurückweichend,„Sie behandeln wahrhaftig arme — 12² Bauern mit viel zu viel Cerimonien, Herr von Souday.“ „O was das betrifft, ſo habe ich dabei nichts zu thun, mein junger Freund, dabei nichts zu thun, und man darf mir deßhalb weder etwas anhaben noch dankbar ſein. Das geht die Mädchen hier an; aber ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, nicht wahr, daß ich mich glücklich ſchätzen werde, wenn Sie der Mahlzeit eines armen Landedelmannes Ehre anthun.“. Und der Marquis ſchob Petit⸗Pierre vor ſich her, um an der Tafel Platz zu nehmen, welcher er, wie es ſchien, ſich zu nähern zögerte. Petit⸗Pierre gab dem Druck nach, aber indem er zugleich Verwahrung einlegte. „Ich möchte nicht ſchwören, dem, was Sie von mir erwarten, Herr Marquis, würdig entſprechen zu können,“ ſagte der junge Mann,„denn ich will Benbnen demüthig geſtehen, ich bin ein ſchlechter ſſer.“ „Ich verſtehe,“ entgegnete der Marquis,„Sie ſind an delikatere Schüſſeln gewöhnt. Was mich be⸗ trifft, ſo bin ich ein wahrer Bauer und ziehe allen den Leckereien großer Tafeln die ſubſtantiellen und ſaftreichen Speiſen vor, welche die geſchwächten Kräfte des Magens wieder gehörig ſtärken.“ „Ich habe darüber ſehr ernſte Verhandlungen,“ ermiderte Petit⸗Pierre,„zwiſchen König Ludwig XVIII. und dem Marquis von Avaray gehört.“ Der Graf von Bonneville ſtieß Petit⸗Pierre mit dem Ellbogen an. „Sie haben Ludwig XVIII, und den Marquis on ts in, en ier cht nn es er, vie em on hen vill ter Sie be⸗ len und ten n,“ III. mit uis 123 von Avaray gekannt?“ fragte der alte Edelmann vor Erſtaunen außer ſich und mit einem Blick auf Petit⸗Pierre, als wollte er ſich verſichern, daß er nicht mit ihm ſeinen Spott treibe. „In meiner Jugend; ja, viel,“ antwortete Petit⸗ Pierre einfach. „Hum!“ bemerkte der Marquis,„ſo mag es denn ſein!“ Man hatte an der Tafel Platz genommen, und begann ſämmtlich, Bertha und Mary wie die An⸗ dern, das furchtbare Dejeuner anzugreifen. Aber der Marquis von Souday hatte gut ſei⸗ nem jungen Gaſt alle die Schüſſeln anbieten, welche den Tiſch belaſteten; Petit⸗Pierre lehnte ſie ab und erklärte, wenn ſein Wirth es geſtatten wollte, mit einer Taſſe Thee und zwei friſchen Eiern von den Hühnern ſich zu begnügen, welche er am Mor⸗ gen ſo munter locken gehört hatte. „Was die friſchen Eier betrifft,“ antwortete der Marquis,„ſo wird das leicht zu machen ſein, und Mary ſoll ſie ſelbſt ganz warm aus dem Hühner⸗ ſtall holen, aber Thee, beim Teufel, beim Teufel! ich zweifle, ob ſolcher im Hauſe iſt.“ Mary hatte nicht gewartet, bis ſie den Auftrag erhielt, womit ihr Vater ſich auf ſie verließ, um aufzuſtehen und zum Weggehen ſich anzuſchicken, aber bei dem von dem Marquis in Bezug auf den Thee ausgedrückten Zweifel hatte ſie ſo verlegen wie er wieder Halt gemacht. Offenbar fehlte es an Thee. Petit⸗Pierre ſah die Verlegenheit ſeiner Wirthe. „O!“ ſprach er,„beunruhigen Sie ſich deßhalb . 124 nicht, Herr von Bonneville wird die Güte haben, aus meinem Neceſſaire ein paar Finger voll Thee zu holen. Da ich die ſchlechte Gewohnheit dieſes Getränks angenommen habe, führe ich immer da⸗ von bei mir.“ Und er übergab dem Grafen von Bonneville einen kleinen Schlüſſel, den er von einem an gol⸗ dener Kette hängenden Bund herauszog. Der Graf von Bonneville beeilte ſich, auf der einen Seite abzugehen, während Mary auf der an⸗ dern abging. „Zum Teufel!“ rief der Marquis, ein unge⸗ heures Stück Wildpret verſchlingend,„Sie ſind ein wahrhaftes Weibsbild, mein junger Freund, und ohne die Anſicht, die Sie vorhin ausgeſprochen ha⸗ ben und die zu tief iſt, um aus einem weiblichen Gehirn zu kommen, möchte ich faſt an Ihrem Ge⸗ ſchlecht zweifeln.“ Petit⸗Pierre lächelte. „Bah!“ ſprach er,„Sie werden mich am Werke ſehen, Herr Marquis, wenn wir auf die Soldaten Philipps treffen, und dann, hoffe ich, von der ſchlechten Meinung, die ich Ihnen dieſen Augenblick einflöße, zurückzukommen.“ „Wie, Sie werden zu unſeren Banden gehören?“ fragte der Marquis immer mehr erſtaunt. „Ich hoffe es,“ antwortete der junge Mann. „Und ich,“ ſagte Bonneville, zurückkehrend und Petit⸗Pierre den von ihm empfangenen Schlüſſel wieder übergebend,„bürge Ihnen dafür, daß Sie ihn ſtets an meiner Seite ſehen.“ „Ich werde darüber entzückt ſein, mein junger en, hee ſes da⸗ ille ol⸗ der an⸗ ge⸗ ein ind ha⸗ hen Ge⸗ erke ten der lick 12“ und ſſel Sie ger 125 Freund;“ erwiderte der Marquis,„aber Das hat nichts Erſtaunliches für mich. Gott hat den Muth nicht nach den Körpern bemeſſen, welchen er ihn gibt, und ich habe in dem großen Krieg eine der Frauen, welche Herrn von Charrette folgten, ſehr tapfer die Piſtole handhaben ſehen.“ In dieſem Augenblick kehrte Mary zurück; ſie hielt in der einen Hand die Theekanne, und in der andern die zwei weichgeſottenen Eier auf einem Teller. „Danke, mein ſchönes Kind,“ ſprach Petit⸗Pierre mit einem Tone galanter Gönnerſchaft, der Herrn von Souday an die Seigneurs des alten Hofes er⸗ innerte,„und bitte tauſendmal um Entſchuldigung wegen der Mühe, die ich Ihnen gemacht habe.“ „Sie ſprachen ſo eben von Sr. Majeſtät, Lud⸗ wig XVIII.,“ ſagte der Marquis von Souday,„und ſeinen culinariſchen Anſichten. Ich habe wirklich oft ſagen hören, daß er in Bezug auf ſein Mahl mehrfach einen äußerſt zarten Geſchmack hatte.“ „Das iſt wahr,“ antwortete Petit⸗Pierre;„der gute König hatte eine Art, Ortolane und Cotelettes zu eſſen, die nur ihm eigenthümlich war.“ „Es ſcheint mir jedoch,“ ſagte der Marquis von Souday, indem er mit den Zähnen wacker in eine Cotelette einhieb, mit der er auf einen Biß fertig wurde,„es gibt nur eine Art, Cotelettes und Or⸗ tolane zu eſſen.“ „Die, welche Sie in Anwendung bringen, nicht wahr, Herr Marquis?“ bemerkte Bonneville lachend. „Ja, meiner Treu! Was die Ortolane betrifft, wenn zufällig Bertha und Mary ſich mit dem klei⸗ 126 nen Krieg unterhalten und zwar nicht Ortolane, aber Lerchen und Feigendroſſeln heimbringen, ſo faſſe ich ſie am Schnabel, beſtreue ſie leicht mit Pfeffer und Salz und führe ſie dann ganz in den Mund und breche ihnen mit den Zähnen den Schna⸗ bel dicht unter den Augen ab. Nur ſo iſt es vor⸗ trefflich; man braucht davon zwei oder drei Dutzend für die Perſon.“ Petit⸗Pierre fing zu lachen an. Es erinnerte ihn an die Geſchichte von Cent⸗Suiſſe, der gewettet hatte, ein ſechswöchiges Kalb zu ſeinem Diner eſſen zu wollen. „Ich habe Unrecht gehabt, zu ſagen, daß Lud⸗ wig XVIII. eine beſondere Art, Ortolane und Cote⸗ lettes zu eſſen, hatte,“ antwortete er;„ich hätte ſagen ſollen, eine Art, ſie zubereiten zu laſſen; das wäre genauer geweſen.“ 3„Nun, wahrhaftig!“ erwiderte der Marquis von Souday,„es ſcheint mir, daß die Ortolane am Spieß, die Cotelettes auf dem Roſt gebraten werden.“ „Das iſt wahr,“ antwortete Petit⸗Pierre, der ſich offenbar an dieſen Erinnerungen ergötzte,„aber Seine Majeſtät Ludwig XVIII. hatte über das Braten viel nachgegrübelt. Was die Cotelettes be⸗ trifft, ſo trug der Haushofmeiſter in den Tuilerien Sorge dafür, diejenigen, welche, wie er ſagte, die Ehre haben ſollten, von dem Könige geſpeist zu werden, zwiſchen zwei andern Cotelettes braten zu laſſen; ſo daß die Cotelette in der Mitte im Saft der beiden andern briet. Gerade ſo war es mit den Ortolanen. Die, welche die Ehre haben ſoll⸗ ten, von dem König geſpeist zu werden, wurden in 127 eine Droſſel geſteckt, welche ihrerſeits wieder in einer Schnepfe ſtack. War der Ortolan gebraten, ſo war die Schnepfe nicht mehr genießbar; aber die Droſſel war excellent und der Ortolan ſuperfein.“ „Aber wahrhaftig, junger Mann,“ ſprach der Marquis ſich umdrehend und Petit⸗Pierre mit höch⸗ ſtem Erſtauuen anſchauend,„man möchte ſagen, Sie haben zugeſehen, wie der gute König Lud⸗ wig XVIII. alle ſeine gaſtronomiſchen Heldenthaten vollbrachte.“ „So iſt es auch wirklich,“ antwortete Petit⸗ Pierre. „Sie bekleideten alſo eine Stelle am Hofe?“ fragte der Marquis lachend. „Ich war Page.“ antwortete Petit Pierre. „Ah! das erklärt mir Alles,“ rief der Mar⸗ quis.„Pardieu! Sie haben in der That für Ihr Alter viel geſehen.“ „Ja,“ antwortete Petit⸗Pierre mit einem Seuf⸗ zer,„nur zu viel geſehen.“ Die beiden Mädchen warfen einen Blick tiefer Theilnahme auf den jungen Mann. Wirklich war, hätte man nach reiflicher Prü⸗ fung geſagt, über dieſes Geſicht, das auf den erſten Anblick noch ſo jung erſchien, ſchon eine gewiſſe Anzahl von Jahren gegangen und hatte das Un⸗ glück ſeine Spur in deren Folge zurückgelaſſen. Der Marquis machte zwei oder drei Verſuche, die Converſation wieder zu beleben. Doch Petit⸗ Pierre, in ſeine Gedanken vertieft, ſchien Alles ge⸗ ſagt zu haben, was er zu ſagen hatte, aber ſei es, daß er auf die verſchiedenen Theorieen nicht hörte, 128 welche der Marquis über ſchwarzes und weißes Fleiſch*), über die Verſchiedenheit der Säfte bei dem Wildpret der Waldungen und dem des Geflü⸗ gelhofs aufſtellte, ſei es, daß es ihm nicht gelegen ſchien, ſie zu billigen oder zu verwerfen, er beob⸗ achtete ein beharrliches Stillſchweigen. Trotz dieſer Schweigſamkeit war, als man ſich von der Tafel erhob, der Marquis von Souday, den die Befriedigung ſeines Appetits ſehr mittheil⸗ jam gemacht hatte, von ſeinem jungen Freund ent⸗ zückt. Man kehrte in den Salon zurück; aber anſtatt den beiden Mädchen, dem Grafen von Bonneville und dem Marquis von Souday am Kamin ſich an⸗ zuſchließen, wo ein Feuer brannte, welches anzeigte, daß, Dank der Nachbarſcha ft des Waldes, das Holz auf Schloß Souday im Ueberfluß vorhanden war, ging Petit⸗Pierre, immer bekümmert oder nachdenk⸗ lich, wie man will, gerade auf das Fenſter zu uud lehnte ſeine Stirne an die Scheibe. Einen Augenblick nachher, als der Marquis von Souday gerade dem Grafen von Bonneville viele Complimente über ſeinen jungen Begleiter machte, wurde der Name des jungen Edelmanns mit kur⸗ zer Stimme und gebieteriſchem Ton ausgeſprochen, ſo daß dieſer plötzlich zuſammenfuhr. Es war Petit⸗Pierre, der ihn rief. Jener drehte ſich raſch um und ging oder viel⸗ mehr lief auf den jungen Bauern zu. *) Schwarzes Fleiſch, d. h. von Haſen, S meyfen, wilden Schweinen; weißes Fleiſch von Geflügel. 4 Sch u. ————— ,——— 212 ßes bei lü⸗ gen ob⸗ ſich ay, eil⸗ ent⸗ ratt ille an⸗ gte, olz ar, nk⸗ nud von iele hte, ur⸗ den, iel⸗ ilden 129 Dieſer ſprach einige Augenblicke ganz leiſe mit demſelben, und wie wenn er ihm Befehle ertheilte. Bei jeder Phraſe Petit⸗Pierre's verbeugte ſich Bonneville zum Zeichen der Zuſtimmung. Als Petit⸗Pierre geendet hatte, nahm Bonne⸗ ville ſeinen Hut, grüßte und entfernte ſich. Petit⸗Pierre trat dann auf den Marquis zu. „Herr von Souday,“ ſagte er,„ich habe eben den Grafen von Bonneville verſichert, daß Sie es nicht übel deuten würden, wenn er eines Ihrer Pferde nähme, um einen Rundgang auf den Schlöſ⸗ ſern der Umgegend zu machen und dieſen Abend denſelben Männern, mit welchen Sie ſich heute morgen in einen Kampf eingelaſſen haben, ein Ren⸗ dezvous auf Souday zu geben. Man wird dieſel⸗ ben ohne Zweifel noch zu Saint⸗Philbert vereint finden. Deßwegen habe ich ihm auch eingeſchärft, ſich zu beeilen.“ 1 „Aber,“ entgegnete der Marquis,„vielleicht werden einige jener Herren noch einen Groll gegen mich hegen in Folge der Art und Weiſe, in der ich dieſen Morgen mit ihnen geſprochen habe, und viel⸗ leicht Schwierigkeiten machen, zu mir zu kommen.“ „Eine Ordre wird diejenigen zum Entſchluß brin⸗ gen, welche eine Einladung ſäumig finden dürfte.“ „Eine Ordre von wem?“ fragte der Marquis erſtaunt. „Ci, von der Frau Herzogin von Berry, von der Herr von Bonneville gänzliche Vollmacht hat. Doch,“ fragte Petit⸗Pierre mit einer gewiſſen Be⸗ denklichkeit,„fürchten Sie vielleicht, daß eine ſolche Verſammlung auf Schloß Souday verderbliche Fol⸗ Dumas, Wolfinnen von Machecoul. II. 9 4 1 3 1 1 — 130 gen für Sie und Ihre Familie haben dürfte? In dieſem Fall, Marquis, ſprechen Sie nur ein Wort, der Graf von Bonneville iſt noch nicht abgegangen.“ „Corbleu!“ rief der Marquis,„er mag ziehen und im Galopp, und ſollte mein beſtes Pferd dar⸗ über zu Grunde gehen.“ Noch hatte der Marquis dieſe Worte nicht vollendet, als der Graf von Bonneville, wie wenn er ſie gehört hätte und von der ihm gegebenen Er⸗ laubniß Gebrauch machte, im ſchnellſten Laufe an den Fenſtern des Salons vorüberſprengte und auf die Straße von Saint Philbert zuſtürzte. Der Marquis trat an das Fenſter gegenüber, um ihm länger mit den Augen zu folgen und wandte ſich nicht eher um, als bis er ihn aus dem Geſicht verloren hatte. Darauf ſuchte er mit ſeinem Blick Petit⸗Pierre, aber Petit⸗Pierre war verſchwunden, und als der Marquis ſich bei ſeinen Töchtern nach ihm erkun⸗ digte, gaben ſie ihm zur Antwort, der junge Mann habe ſich mit den Worten zurückgezogen, er wolle ſich auf ſein Zimmer begeben und ſeine Correſpon⸗ denz abmachen. „Ein ſeltſamer kleiner Mann!“ murmelte der Marquis von Souday. XXIX. Die Vendéer. 4 Noch an demſelben Tag, um fünf Uhr Nach⸗ mittags war der Graf von Bonneville zurück. Er hatte fünf der vornehmſten Chefs geſehen In vort, en.“ ehen dar⸗ nicht denn Er⸗ an auf ber, und dem rre, der kun⸗ ann olle von⸗ der ach⸗ hen 131 und ſie mußten zwiſchen acht und neun Uhr auf dem Schloſſe ſein. 1 Der Marquis, immer gaſtfreundlich, gebot ſei⸗ ner Köchin, darauf zu denken, wie es mit Geflügel⸗ hof und Speiſekammer ſtände, aber jedenfalls das reichlicſte Souper, das möglich wäre, bereit zu halten. Die fünf Chefs, die der Graf getroffen und die am Abend eine Zuſammenkunft halten ſollten, waren Louis Renaud, Paſcal, Coeur⸗de⸗Lion, Gaspard und Achille. Diejenigen unſerer Leſer, welche mit den Ereig⸗ niſſen des Jahres 1832 etwas vertraut ſind, wer⸗ den leicht die Perſonen wieder erkennen, von denen hier die Rede iſt, und die ſich unter jenen verſchie⸗ denen angenommenen Namen verbargen, welche be⸗ ſtimmt waren, ſie den Augen der Obrigkeit un⸗ kenntlich zu machen, im Fall irgend eine Botſchaft aufgefangen würde. In Folge davon wurde um acht Uhr Abends, da Oullier zu großer Verzweiflung des Marquis nicht zurückgekehrt war, das Thor des Scoahloſſes Mary anvertraut, welche nur denen öffnen ſollte, die auf eine beſtimmte Art anklopfen würden. Der Salon mit geſchloſſenen Fenſterläden und herabgezogenen Vorhängen wurde zur Beſprechung beſtimmt. Von ſieben Uhr Abends warteten vier Perſonen im Salon: es waren der Marquis von Souday, der Graf von Bonneville, Petit⸗Pierre und Bertha. Mary machte, wie geſagt, den Wächter in einer Art kleiner Loge, die nach der Hauptſtraße zu in 9* 132 ein Fenſter gebrochen war, durch deſſen Gitterſtan⸗ gen man jeden Anklopfenden ſehen konnte, ſo daß man erſt öffnete, wenn man ſich von der Identität des Beſuchers überzeugt hatte. Unter den Perſonen im Salon war am unge⸗ duldigſten Petit⸗Pierre, bei dem Ruhe keine vor⸗ herrſchende Tugend zu ſein ſchien. Obgleich die Uhr kaum halb acht Uhr geſchlagen hatte und das Stell⸗ dichein auf acht Uhr feſtgeſetzt worden war, ging er unaufhörlich nach der halb offenen Thüre, um zu horchen, ob nicht irgend ein Geräuſch die Gegen⸗ wart von einem der erwarteten Edelleute anzeige. Endlich, gerade um acht Uhr hörte man an die Thüre klopfen und man erkannte an drei auf be⸗ ſtimmte Art abgemeſſenen Schlägen, daß es einer der zuſammengerufenen Chefs ſein mußte. „Ah!“ rief Petit⸗Pierre, eilig nach der Thüre gehend. 3 Aber der Graf von Bonneville hielt ihn mit einer Geberde und reſpectvollem Lächeln zurück. „Es iſt wahr,“ ſprach der junge Mann. Und er verlor ſich in dem dunkelſten Winkel des Salons. „Herr Henri Renaud,“ ſagte der Graf von Bon⸗ neville laut genug, daß Petit⸗Pierre es hörte und nach dem angenommenen Namen auch den wirklichen zu erkennen vermochte. Der Marquis von Souday trat dem jungen Mann mit um ſo größerem Eifer entgegen, als er in ihm einen Derjenigen erkannt hatte, welche gleich ihm ſelbſt für eine unmittelbare Schilderhebung ge⸗ weſen waren. 3 133 „Ahl kommen Sie, mein theurer Graf,“ ſagte er zu ihm,„Sie ſind der Erſte, der eingetroffen, das iſt ein gutes Vorzeichen.“ „Wenn ich zuerſt komme, mein theurer Marquis,“ antwortete Louis Renaud,„ſo geſchieht Das, wie ich überzeugt bin, nicht darum, daß ich mich mehr als meine Genoſſen beeilt hätte, ſondern nur, weil ich Ihnen näher bin und einen kürzern Weg zu machen habe.“ Und nach dieſen Worten ſtellte ſich Derjenige, welcher ſich unter dem Namen Louis Renaud ankün⸗ digte, wiewohl nur in das einfache Coſtüme eines bretagniſchen Bauern gekleidet, mit einer ſo vollkom⸗ menen jugendlichen Grazie vor und grüßte Bertha mit ſo ariſtokratiſcher Leichtigkeit, daß dieſe beiden Eigenſchaften, zu Fehlern geworden, ihm beträcht⸗ lich geſchadet haben würden, wäre er genöthigt ge⸗ weſen, ſelbſt nur auf Augenblicke die Manieren und Sprache der ſocialen Rechte, von der er das Coſtüme geborgt hatte, anzunehmen. Nachdem dieſe Pflichten der Höflichkeit gegen den Hausherrn und gegen Bertha erfüllt waren, kam der Graf von Bonneville an die Reihe. Aber dieſer, die Ungeduld Petit⸗Pierre's begrei⸗ fend, der dafür, daß er in ſeinem Winkel verſteckt war, dennoch ſeine Gegenwart durch Bewegungen merklich machte, die der Graf von Bonneville allein auslegen zu können ſchien, redete ihn frei heraus mit der Frage an: 1 „Mein theurer Graf!“ ſprach er zu Louis Re⸗ naud,„Sie kennen die Ausdehnung meiner Voll⸗ macht, Sie haben den Brief von Madame Königl. 6 V — — 134 Hoheit geleſen und wiſſen, daß ich wenigſtens für den Augenblick deren Vermittler bei Ihnen bin. Welches iſt Ihre Anſicht über die Lage?“ „Meine Anſicht, theurer Graf, habe ich dieſen Morgen geſagt, vielleicht nicht ſo, wie ich ſie hier ſagen will. Aber hier, wo ich weiß, daß ich bei einem ſo eifrigen Anhänger von Madame bin, kann ich die ganze völlige Wahrheit riskiren.“ „Ja, die ganze völlige Wahrheit,“ erwiderte Bonneville;„dieſe muß Madame vor Allem wiſſen, und was Sie mir ſagen werden, mein theurer Graf, Sie zweifeln nicht daran, wird gerade ſo ſein, als ob ſie es ſelbſt gehört hätte.“,„ „Nun wohl, mein Rath wäre, vor der Ankunft des Marſchalls nichts anzufangen.“ „Des Marſchalls!“ rief Petit⸗Pierre.„Iſt er nicht in Nantes?“ Louis Renaud, der bis jetzt den jungen Mann nicht bemerkt hatte, ſchaute nach ihm um, als er dieſe Unterbrechung hörte, grüßte und antwortete: „Erſt heute habe ich bei der Rückkehr nach Hauſe gehört, daß der Marſchall auf die Nachricht von den Ereigniſſen im Süden Nantes verlaſſen, und Nie⸗ mand wußte weder die Straße, die er eingeſchlagen, noch den Entſchluß, den er gefaßt hatte.“ Petit⸗Pierre ſtampfte ungeduldig mit dem Fuße. „Aber,“ rief er,„der Marſchall war doch die Seele des Unternehmens, ſeine Abweſenheit wird der Erhebung ſchaden, das Vertrauen des Soldaten mindern; in ſeiner Abweſenheit werden alle Rechte gleich ſein, und wir ſehen unter den Chefs wieder jene Eiferſüchteleien entſtehen, welche für die roya⸗ bin. eſen hier bei ann erte ſen, daf, als inft er inn er te: uſe den ie⸗ en, ße. die ird en gte der a⸗ liſtiſche Partei in den erſten Kriegen der Vendée ſo verhängnißvoll waren.“ Als der Graf von Bonneville ſah, daß Petit⸗ Pierre ſich der Unterredung bemächtigt hatte, wich er ſelbſt zurück, dem jungen Mann Platz machend, der zwei Schritt vorwärts und damit in den Kreis des von der Lampe geworfenen Lichtes trat. Louis Renaud betrachtete mit Erſtaunen den jungen Mann, der, beinahe noch ein Knabe, mit ſolcher Zuverſicht und Beſtimmtheit geſprochen hatte. „Das iſt ein Aufſchub, mein Herr,“ ſagte er, „und nichts weiter; zweifeln Sie nicht daran, daß, ſobald der Marſchall von der Gegenwart von Ma⸗ dame in der Vendée verſichert iſt, er Eile haben wird, ſich auf ſeinen Poſten zu begeben.“ „Hat Ihnen denn Herr von Bonneville nicht geſagt, daß Madame ungerwegs iſt und ſich unver⸗ züglich in der Mitte Ihrer Freunde einfinden wird?“ „Ja wohl, mein Herr, und dieſe Nachricht hat mir meines Theils große Freude verurſacht.“ „Ein Aufſchub! ein Aufſchub!“ murmelte Petit⸗ Pierre;„ich habe immer ſagen hören, ſcheint mir, daß jede Erhebung in Ihrem Lande in den erſten vierzehn Tagen des Mai ſtattfinden müſſe, um deſto leichter über die Landbewohner verfügen zu können, die ſpäter mit ihren Arbeiten beſchäftigt ſind. Nun ſind wir am 14., alſo ſind wir bereits zurück. Was die Chefs betrifft, ſie ſind doch zuſammengerufen, nicht wahr?“ „Ja, mein Herr,“ antwortete Louis Renaud mit einem gewiſſen traurigen Ernſt;„ich ſage mehr, 4, 136 daß Sie nämlich ſogar nur auf die Chefs rechnen dürfen.“ Dann ſetzte er mit einem Seufzer hinzu: „Und nicht einmal auf ſie alle, wie der Herr Marquis von Souday dieſen Morgen ſehen konnte.“ „Was ſprechen Sie mir da, mein Herr,“ rief Petit⸗Pierre,„von der Lauheit in der Vendée, da unſere Freunde von Marſeille, und ich darf füglich darüber reden, ich komme davon her, wüthend gegen ſich ſelbſt ſind und nur Revanche zu nehmen trachten.“ Ein ſchwaches Lächeln glitt über die Lippen des jungen Chefs. „Sie ſind aus dem Süden, mein Herr,“ ſagte er zu dem jungen Mann,„wiewohl Sie nicht den Accent von dort haben.“ „Wahr,“ bemerkte Petit⸗Pierre.„Nun, hernach!“ „Man darf, mein Herr, den Süden nicht mit dem Weſten, den Marſeiller nicht mit dem Vendéer vermiſchen. Eine Proclamation bringt den Süden zur Erhebung, eine Schlappe wirft ihn nieder. Die Vendée iſt hingegen, und verweilen Sie erſt einige Zeit hier, werden Sie die Wahrheit deſſen, was ich ſage, zu ſchätzen wiſſen, die Vendée iſt hin⸗ gegen ernſt, kalt, ſchweigſam; jedes Project wird langſam, mühevoll erörtert, jede Möglichkeit des Erfolgs oder Mißlingens wird der Reihe nach be⸗ leuchtet; dann, wenn die Ausſicht auf Erfolg zu überwiegen ſcheint, ſtreckt die Vendée die Hand aus, ſagt Ja, und ſtirbt, wenn es nöthig iſt, ihr Ver⸗ ſprechen zu erfüllen. Aber da ſie weiß, daß Ja und Nein Lebens⸗ und Todesworte für ſie ſind, iſt ſie langſam, dieſelben auszuſprechen. ———— 137 „Aber die Begeiſterung, mein Herr!“ rief Petit⸗ Pierre. Der junge Chef lächelte. „Ja, die Begeiſterung,“ antwortete er,„ich habe in meiner Jugend davon ſprechen hören; das iſt eine Gottheit des vorigen Jahrhunderts, die von ihrem Altar heruntergeſtiegen, ſeitdem unſern Vä⸗ tern ſo viele Verſprechungen gemacht und nicht ge⸗ halten worden ſind. Wiſſen Sie, was dieſen Mor⸗ gen zu Saint⸗Philbert geſchehen iſt?“ „Theilweiſe, ja, der Marquis hat es mir geſagt.“ „Aber nach der Abreiſe des Marquis?“ „Nein.“ „Nun, von zwölf Chefs, welche die zwölf Di⸗ viſionen befehligen ſollten, haben ſieben im Namen ihrer Leute proteſtirt und müſſen zu dieſer Stunde dieſelben wieder nach Hauſe geſchickt haben, und dieß alle ſieben mit der Erklärung, unter allen Um⸗ ſtänden und für die eigene Perſon ſtehe ihr Blut Madame zu Dienſten, bereit für ſie ſich zu vergießen, aber ſie wollen vor Gott nicht die furchtbare Ver⸗ antwortlichkeit auf ſich nehmen, ihre Bauern in ein verfehltes Unternehmen zu verwickeln, das dem An⸗ ſchein nach blutig enden müſſe.“ „Dann wird man aber,“ entgegnete Petit⸗Pierre, „jeder Hoffnung, jedem Verſuch entſagen müſſen?“ Daſſelbe traurige Lächeln ging über die Lippen des jungen Mannes. „Jeder Hoffnung, ja vielleicht; jedem Verſuch nein. Madame hat uns ſchreiben laſſen, daß ſie durch das dirigirende Comité von Paris angetrie⸗ ben worden ſei; Madame hat uns verſichern laſſen, daß ſie Verzweigungen in der Armee habe; laſſen * * 138 wir es darauf ankommen; vielleicht wird ein Auf⸗ ſtand in Paris, vielleicht eine Deſertion unter den Soldaten ihr Recht gegen uns geben. Wenn wir nichts für ſie unternähmen, ſo würde Madame bei ihrem Rückzug des Glaubens ſein, hätte man einen Verſuch gemacht, ſo wäre ein Gelingen möglich ge⸗ weſen, und Madame darf darüber keinen Zweifel hegen.“ „Sie ſind alſo keiner von Denen, welche ihre Leute heimgeſchickt haben?“ fragte Petit⸗Pierre. „Gewiß, mein Herr, aber ich bin von Denen, welche geſchworen haben, für Ihre Königl. Hoheit zu ſterben. Ueberdieß,“ fuhr der junge Mann fort,„vielleicht iſt es ſchon zu einem Anſtoß gekom⸗ men und wir haben kein anderes Verdienſt, als der Bewegung zu folgen.“ „Wie ſo?“ fragten zu gleicher Zeit Petit⸗Pierre, Bonneville und der Marquis. „Es hat heute Flintenſchüſſe auf dem Markte von Montaigu gegeben.“ „Und man ſchießt in dieſem Augenblick an der Furth der Boulogne,“ ſprach eine unbekannte Stimme, von der Thüre herkommend, in deren Rahmen eine neue Perſon zum Vorſchein kam. XXX. Der Alarm. Derjenige, den wir eben im Salon des Mar⸗ quis von Souday einführten, war der General⸗Com⸗ miſſär der künftigen Vendéer⸗Armee, der ſeinen im N—— 13³9 Gerichtshofe von Nantes ſehr wohl bekannten Na⸗ men mit dem Pſeudonym Paſcal vertauſcht hatte. Mehrmals war er zu Beſprechungen mit Ma⸗ dame außer Landes geweſen und kannte dieſelbe vollkommen. Es war kaum zwei Monate, daß er eine letzte Reiſe nach Genua gemacht und Ihrer Königl. Hoheit Nachrichten aus Frankreich über⸗ bringend, im Austauſch dafür Verhaltungsbefehle für ſich empfangen hatte. Er war nach der Vendée zurückgekehrt, um ihr zu ſagen, ſich bereit zu halten. „Ah, ah,“ ſprach der Marquis von Souday mit einer gewiſſen Bewegung der Lippen, welche andeutete, daß er für die Advokaten keine unbeſtrit⸗ tene Bewunderung hegte,„der Herr General⸗Com⸗ miſſär Paſcal.“ „Der Ihnen, wie es ſcheint, Neues mitbringt,“ ſagte Petit⸗Pierre, mit der leicht erkennbaren Ab⸗ ſicht, die ganze Aufmerkſamkeit des Ankömmlings auf ſich zu ziehen. Wirklich fuhr bei dem Ton der Stimme, welche eben dieſe Worte ausſprach, der Civil⸗Commiſſär zuſammen und drehte ſich nach Petit⸗Pierre um, der ihm mit Augen und Lippen ein unmerkliches Zeichen machte, das übrigens hinreichend ſchien, ihm anzudeuten, was er zu thun hatte. „Neues... ja,“ wiederholte er. „Gut oder ſchlecht?“ fragte Louis Renaud. „Unter einander, aber wir wollen mit dem Guten anfangen.“ „Sprechen Sie.“ „Ihre Königl. Hoheit hat glücklich die Reiſe 140 durch den Süden zurückgelegt und iſt geſund und wohl in der Vendée angekommen.“ „Sind Sie deſſen gewiß?“ fragten der Marquis und Louis Renaud zugleich. „So gewiß, als ich Sie alle fünf geſund in dieſem Salon ſehe,“ antwortete Paſcal;„gehen wir jetzt zu dem Andern über.“ „Haben Sie etwas von Montaigu erfahren?“ „Man hat ſich heute daſelbſt geſchlagen,“ ſagte Paſcal;„einige Schüſſe ſind von der National⸗ Garde gefallen; einige Bauern getödtet und ver⸗ wundet.“ „Aber aus welchem Grunde?“ fragte Petit⸗ Pierre. „In Folge eines auf dem Markte ausgebroche⸗ nen Zankes, der in einen Volksaufſtand ausge⸗ artet iſt.“ „Wer befehligt zu Montaigu?“ fragte Petit⸗ Pierre. „Ein einfacher Kapitän,“ antwortete Paſcal, „aber heute hatten ſich in Betracht des Marktes der Unterpräfect und der commandirende General der militäriſchen Unter⸗Diviſion dahin begeben.“ „Kennen Sie den Namen dieſes Generals?“ fragte Petit⸗Pierre. „General Dermoncourt.“ „Wer iſt dieſer General Dermoncourt?“ „Ein Mann von ſechzig bis zweiundſechzig Jah⸗ ren, von jenem eiſernen Stamm, der alle Kriege der Revolution und des Reichs mitgemacht hat. Er wird Tag und Nacht zu Pferde ſein und uns keinen Augenblick Ruhe laſſen.“ .. ,„ d S — 8 ◻ — 2 141 „Gut,“ antwortete Louis Renaud lachend,„man wird ihn müde zu machen ſuchen, und da wir im Mittel und halb ſo alt ſind, als er, ſo müßten wir viel Unglück oder viel Ungeſchick haben, wenn es uns nicht gelänge.“ „Und deſſen Charakter?“ „O, was den betrifft, die Loyalität ſelbſt; er iſt weder ein Amadis noch ein Galaor, aber ein Ferragus, und wenn Madame je das Unglück hätte, in ſeine Hände zu fallen...“ „Wie! was ſagen Sie da, Herr Paſcal?“ rief Petit⸗Pierre. „Ich bin Advokat, mein Herr,“ antwortete der Civil⸗Commiſſär, und in meiner Eigenſchaft als Ad⸗ vokat nehme ich alle Möglichkeiten eines Proceſſes in Vorausſicht. Ich wiederhole alſo, wenn je Ma⸗ dame das Unglück hätte, ihm in die Hände zu fal⸗ len, ſo könnte ſie ſelbſt über ſeine Courtoiſie ur⸗ theilen.“ „So iſt es,“ ſprach Petit⸗Pierre,„ein Feind, wie Madame ihn ſelbſt gewählt hätte, ſtark, tapfer und loyal. Meine Herrn, wir haben Glück; aber Sie ſprachen von Flintenſchüſſen an der Boulo⸗ gner Furth.“ „Ich vermuthe wenigſtens, daß die, welche ich eben hörte, auf der nahen Straße nach...“ „Vielleicht,“ fiel der Marquis ein,„wäre es gut, wenn Bertha auf Entdeckung ausginge und horchte. Sie wird uns Rechenſchaft geben von Allem, was vorgeht.“ Bertha ſtand auf. „Wie,“ ſprach Petit⸗Pierre,„Mademoiſelle?“ „Warum nicht?“ fragte der Marquis „Weil es mir das Geſchäft eines Mannes, und nicht einer Frau zu ſein ſcheint.“ „Mein junger Freund,“ antwortete der alte Edelmann,„bei ſolchen Dingen verlaſſe ich mich nur auf mich, nach mir auf Jean Oullier, und nach Jean Oullier auf Bertha oder Mary. Ich wünſche die Ehre zu haben, Ihnen Geſellſchaft zu leiſten; mein Schelm Jean Oullier läuft auf den Feldern herum; laſſen Sie alſo Bertha machen.“ Bertha ging ſofort auf die Thüre zu; aber unter derſelben ſtieß ſie auf ihre Schweſter, welche ganz leiſe einige Worte mit ihr wechſelte. „Da iſt Mary,“ ſagte Bertha. „Ah!“ rief der Marquis,„haſt Du jene Schüſſe gehört, Kleine?“ „Ja, Vater“ antwortete Mary,„man ſchlägt ſich.“ „Und wo?“ „Am Saut de Baugé?“ „Ja, nun kommen die Schüſſe vom Sumpf.“ „Sie ſehen,“ antwortete der Marquis,„das iſt genau. Wer hütet das Thor in Deiner Abweſenheit?“ „Roſine Tinguy.“ „Horch;“ ſprach Petit⸗Pierre. „Teufel!“ rief der Marquis,„das iſt keiner von den Unſern.“ Man horchte aufmerkſamer. „Oeffnet!“ rief eine Stimme,„es iſt keine Zeit zu verlieren.“ „Das iſt ſeine Stimme,“ ſagte Mary lebhaft. „Seine Stimme?“ wiederholte der Marquis. „Ja, die Stimme des jungen Baron Michel,“ 6 143 ſprach Bertha, welche gleich ihrer Schweſter dieſelbe erkannt hatte. „Und was will dieſer Kohlſchößling hier?“ ſagte der Marquis, einen Schritt nach der Thüre ma⸗ chend, als wollte er ſich deſſen Eintritt widerſetzen. „Laſſen Sie ihn kommen, Marquis, laſſen Sie ihn kommen!“ rief Bonneville.„Er iſt nicht zu fürchten, und ich bürge für ihn.“ Kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, als man das Geräuſch eines ſchnellen Schrittes, der auf den Salon zuſtürzte, vernahm und den jungen Ba⸗ ron erſcheinen ſah, blaß, keuchend, mit Koth bedeckt, von Schweiß triefend, kaum noch ſo viel Athem habend, um zu ſagen: „Kein Augenblick zu verlieren! flieht, ſie kom⸗ men.“ Und er ſank auf ſeine Kniee, indem er ſich mit einer von ſeinen Händen auf den Boden ſtützte. Der Athem ging ihm aus, ſeine Kräfte waren er⸗ ſchöpft. Wie er Jean Oullier verſprochen, hatte er mehr als eine halbe Meile in ſechs Minuten gemacht. Es gab im Salon einen Augenblick äußerſter Unruhe und Verwirrung. „Zu den Waffen!“ rief der Marquis. Und auf ſeine Flinte zueilend, deutete er mit dem Finger nach einem Geſtell in der Ecke des Sa⸗ lons, an dem drei oder vier Karabiner und Jagd⸗ flinten hingen. Der Graf von Bonneville und Paſcal warfen ſich mit einer und derſelben Bewegung vor Petit⸗ Pierre, um ihn zu vertheidigen. Mary ſtürzte auf den jungen Baron zu, um ihn aufzurichten und ihm, wenn es nöthig wäre, Bei⸗ ſtand zu leiſten. Bertha eilte nach dem Fenſter, welches auf den Wald hinausging, und öffnete es. Man hörte einige Flintenſchüſſe noch näher, aber dennoch in einer gewiſſen Entfernung. „Sie ſind an dem Geißſteig,“ ſagte Bertha. „Geh doch,“ entgegnete der Marquis,„unmöglich verſuchen ſie einen ſolchen Weg.“ „Sie ſind dort, Vater,“ verſicherte Bertha. „Ja, ja,“ flüſterte Michel,„ich habe ſie geſehen, ſie hatten Fackeln; eine Frau führte ſie, voran⸗ ſchreitend; ihr zunächſt folgte der General.“ „O verwünſchter Jean!“ rief der Marquis, „warum biſt Du nicht hier?“ „Er ſchlägt ſich, Herr Marquis,“ antwortete der junge Baron,„er hat mich hergeſchickt, da er ſelbſt nicht kommen konnte.“ 3 „Er!“ ſprach der Marquis. „Aber ich kam, Mademoiſelle, ich kam aus eige⸗ nem Antrieb. Seit geſtern weiß ich, daß man das Schloß angreifen will, aber ich war Gefangener, ich bin durch das Fenſter des zweiten Stocks her⸗ abgeſtiegen.“ „Großer Gott!“ ſprach Mary erblaſſend. „Bravo!“ ſprach Bertha. „Meine Herrn,“ ſagte Petit⸗Pierre ruhig,„ich glaube, es handelt ſich darum, einen Entſchluß zu faſſen. Schlagen wir uns? In dieſem Fall müſſen wir uns bewaffnen, die Schloßthore ſchließen und 145 unſere Poſten einnehmen. Fliehen wir? Ich glaube dazu iſt noch weniger Zeit zu verlieren.“ „Vertheidigen wir uns!“ ſprach der Marquis. „Fliehen wir!“ entgegnete Bonneville.„Wenn Petit⸗Pierre in Sicherheit iſt, wollen wir uns ver⸗ theidigen.“ „Gut!“ ſagte Petit⸗Pierre,„was ſagen Sie dazu, Graf?“ „Ich ſage, es iſt noch nichts bereit und wir können uns nicht ſchlagen, nicht wahr, meine Herren.“ „Mann kann ſich immer ſchlagen,“ ließ ſich die junge, nachläſſige Stimme eines neuen Ankömm⸗ lings vernehmen, halb an die, welche im Salon waren, halb an zwei andere junge Leute gerichtet, welche ihm folgten und ohne Zweifel an der Thüre von ihm erkannt worden waren. „Ah, Gaspard! Gaspard!“ rief Bonneville. Und auf den neuen Ankömmling zuſtürzend, ſagte er ihm einige Worte ins Ohr. „Meine Herrn,“ ſagte Gaspard,„der Graf von Bonneville hat vollkommen Recht, zum Rückzug!“ Dann ſich an den Marquis wendend: „Hat Ihr Schloß eine geheime Pforte, einen beſondern Ausgang, Marquis? Die letzten Flinten⸗ ſchüſſe, die wir am Thore hörten, Achille Coeur de Lion und ich, waren nur fünfhundert Schritte von hier entfernt.“ „Meine Herrn,“ ſprach der Marquis von Sou⸗ day,„Sie ſind in meinem Hauſe; ich habe die Ver⸗ antwortlichkeit für Alles zu uͤbernehmen. Still! man höre mich und gehorche mir heute, morgen werde ich meinerſeits gehorchen.“ Dumas, Woͤlfinnen von Machecoul. II. 10 146 Es trat tiefe Stille ein. „Mary,“ fuhr der Marquis fort,„laß das Thor ſchließen⸗ jedoch ohne es zu ſperren, damit man es auf den erſten Schlag, der erfolgt, öffnen kann. Bertha, in das Souterrain, ohne einen Augenblick zu verlieren; ich und meine beiden Töchter werden den General empfangen und die Honneurs des Schloſſes machen, und morgen wollen wir, wo Sie auch ſind, zu Ihnen ſtoßen; nur laſſen Sie es mich wiſſen.“ Mary ſtürzte aus dem Zimmer, um ihres Va⸗ ters Befehl zu vollziehen, während Bertha Petit⸗ Pierre ein Zeichen machend, ihr zu folgen, durch die entgegengeſetzte Thüre ging, über den Hof ſchritt, in die Kapelle trat, zwei Kerzen vom Altar nahm, an einer Lampe anzündete, Bonneville und Paſcal in die Hand gab, und dann auf eine Feder drückend, welche vorn am Altar ſich um ſich ſelbſt drehte, eine Treppe blicken ließ, welche nach der Gruft führte, die einſt den Seigneurs von Souday zum Begräbniß diente. „Sie können nicht irre gehen,“ ſetzte Bertha hinzu,„Sie finden die Thüre am andern Ende und der Schlüſſel ſteckt innen. Dieſe Thüre führt auf das Feld.“ Petit⸗Pierre ergriff Bertha's Hand, drückte ſie lebhaft, und ſtieg dann raſch in das Souterrain hinab, hinter Bonneville und Paſcal, welche voran leuchteten. Louis Renaud, Achille Coeur de Lion und Gas⸗ pard folgten Petit⸗Pierre.. Bertha ſchloß die Thüre hinter ihnen. 147 Sie hatte bemerkt, daß Baron Michel nicht un⸗ ter den Flüchtlingen war. XXXI. Gevatter Loriot. Der Marquis von Souday ließ, nachdem er den Flüchtlingen mit den Augen gefolgt war, bis ſie alle in der Kapelle verſchwanden, eine jener Ausrufungen hören, welche anzeigen, daß die Bruſt einer gewiſſen Laſt entledigt iſt, und kehrte in den Hausflur zurück. Aber anſtatt von dem Hausflur in den Salon zu treten, wandte er ſich von da in die Küche. Ganz gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit, zum großen Erſtaunen der Köchin, näherte er ſich dem Herde, hob den Deckel von jeder Caſſerole, ver⸗ ſicherte ſich, ob kein Ragout unten angebacken war, ließ die Spieße zurückſchieben, damit nicht noch„in extremis“**) die Braten beim Nachſchüren verderben, ſtieg dann wieder in den Hausflur hinauf, ſah nach den Flaſchen, ließ ihre Reihen verdoppeln, ſchaute, ob die Tafel regelmäßig gedeckt war, und kehrte dann zufrieden mit dem, was er geſehen hatte, in den Salon zurück. Er fand dort ſeine beiden Töchter wieder, da das Schloßthor Roſine anvertraut war, deren ganze Function ſich jedoch darauf beſchränkte, beim letzten Hammerſchlag, der ertönte, die Schnur zu ziehen. Beide ſaßen, jede in einer Ecke am Feuer; Mary war unruhig, Bertha nachdenklich. *) Zu allerletzt. A. 10 d. U. 148 Beide dachten an Michel. Mary ſetzte voraus, der junge Baron ſei dem Grafen von Bonneville und Petit⸗Pierre gefolgt, und beſchäftigte ſich lebhaft mit den Strapatzen, die er durchmachen, mit den Gefahren, denen er ſich ausſetzen ſollte. Bertha war ganz berauſcht von jenem ſtechen⸗ den Genuſſe, welcher der Enthüllung der Liebe des geliebten Weſens folgt. Sie glaubte in den Blicken des jungen Barons die Gewißheit geleſen zu haben, daß der arme Junge, ſo furchtſam, ſo ſchüchtern, ſo zögernd, um ihretwillen ſeine Schwäche über⸗ wunden und wirklichen Gefahren Trotz geboten habe; ſie bemaß die Größe der Liebe, welche ſie bei ihm vorausſetzte, nach dem Anfang der Revolution, welche dieſe Liebe im Charakter des jungen Mannes hervorgebracht hatte. Sie baute tauſend Luftſchlöſſer und machte ſich bittere Vorwürfe, daß ſie ihm nicht die Rückkehr in das Schloß verwehrt hatte, als ſie bemerkte, daß er denen nicht folgte, welche durch ſeine Aufopferung gerettet worden waren. Dann lächelte ſie, denn auf einmal fuhr ihr ein Gedanke durch den Kopf, daß er nämlich auf dem Schloß geblieben ſei, daß er ſich in irgend einem Winkel verſteckt habe, um ſie verſtohlener Weiſe zu ſehen, daß er, wenn ſie etwa zufällig nach den Höfen oder dem Park ſich begeben wollte, plötzlich vor ihr ſich erheben und ihr zurufen würde: „Siehe, weſſen ich fähig bin, um einen Blick von Dir zu erhalten.“ Der Marquis hatte kaum in ſeinem Seſſel Platz genommen und noch nicht einmal Zeit gehabt, die ————j— Bo 8nN== 88 N — +8 SES8SNSN △— 10 149 Geiſtesabweſenheit ſeiner beiden Töchter, die er in⸗ deſſen einer ganz andern Urſache zuſchreiben konnte, zu bemerken, als ein Klopfen an dem Thor ſich hören ließ. Der Marquis von Souday fuhr zuſammen, nicht, als ob ihm dieſes Anſchlagen des Klopfers uner⸗ wartet gekommen wäre; aber es war nicht ſo, wie er es ſich vorgeſtellt hatte. In der That war dieſes Klopfen ſchüchtern, bei⸗ nahe überhöflich, hatte folglich nichts Militäriſches. „O, o!“ rief der Marquis,„was iſt das?“ „Man hat geklopft, glaube ich,“ ſprach Bertha, aus ihrer Träumerei erwachend. „Ja, einmal,“ ſetzte Mary hinzu. Der Marquis ſchüttelte den Kopf, als ein Mann, der ſagen will: das iſt es nicht, aber gleichwohl in der Meinung, unter ſolchen Umſtänden ſelbſt überall nachſehen zu müſſen, ſich entſchließt, perſönlich zu unterſuchen, was es wäre. Er verließ alſo den Salon, ſchritt über den Hausflur und trat bis auf die erſte Stufe der Frei⸗ treppe vor. Aber anſtatt der Säbel und Bajonette, welche er in der Dunkelheit funkeln zu ſehen erwartete, anſtatt der ſchnurrbärtigen Soldatengeſichter, mit welchen er Bekanntſchaft zu machen glaubte, erblickte der Marquis von Souday nichts Anderes, als die Kuppel eines ungeheuren Regenſchirms von blauem Leinenzeug, der ſich ihm mit der Spitze vorwärts näherte, Stufe um Stufe die Freitreppe erſteigend. Als dieſer Regenſchirm, der ſich immer gleich dem Rückenſchild einer Schildkröte vorwärts bewegte, 150 ihm mit der Spitze ſeines Centrums, wie mit der eines antiken Schildes ein Auge auszuſtechen drohte, hob der Marquis die Scheibe dieſes Schildes auf, fand ſich der Schnauze eines Hausmarders gegen⸗ über, überragt von zwei kleinen wie Karfunkel leuch⸗ tenden Punkten und bedeckt von einem, der Form nach ſehr hohen, den Krämpen nach ſehr ſchmalen Hute, ſo oft gebürſtet und wieder gebürſtet, daß er im Schatten glänzte, als ob er lackirt wäre. „Tauſend Höllenteufel!“ rief der Marquis von Souday,„es iſt Gevatter Loriot.“ „Bereit, Ihnen ſeine geringen Dienſte zu wid⸗ men, wenn Sie ihn deſſen würdig erachten,“ ent⸗ gegnete der Letztere mit einer Falſett⸗Stimme, die ganz lückenhaft klang, ſo einſchmeichelnd ſuchte ſie deren Eigenthümer zu machen. „Sie ſind ſehr willkommen in Souday, Meiſter Loriot,“ ſagte der Marquis in jovialem Ton und wie wenn er ſich von der Anweſenheit deſſen, den er mit einem herzlichen Gruß empfing, irgend eine Freude verſpräche,„ich erwarte dieſen Abend zahl⸗ reiche Geſellſchaft, und in Ihrer Eigenſchaft als Notar des Hausherrn werden Sie mir helfen, die Honneurs zu machen; kommen Sie, die Fräulein zu begrüßen.“ Und der alte Edelmann ſchritt mit einer Unge⸗ zwungenheit, welche bewies, bis zu welchem Grad eer von dem Abſtand, der zwiſchen einem Marquis von Souday und einem Dorfnotar exiſtirte, durch⸗ drungen war, ſeinem Gaſt in den Salon voran. Es iſt wahr, Meiſter Loriot trug ſo umſtändliche Sorge, ſeine Füße an der vor der Thüre dieſes 8 1= 8— 8 — 8ρÆNRX 88 OÆᷣ—B— ⁸ 151 Heiligthums liegenden Strohdecke abzuwiſchen, daß die Höflichkeit, welche der Marquis damit, daß er hinter ihm blieb, demſelben zu erweiſen für gut gefunden hätte, zu einem wahren Frohndienſt ausgeartet wäre. Benützen wir den Augenblick, wo er, beleuchtet durch die halbe Oeffnung der Thüre ſeinen Regen⸗ ſchirm ſchließt und ſeine Füße abreibt, um ſein Por⸗ trait zu ſkizziren, wenn anders das Unternehmen unſere Kräfte nicht überſteigt. Meiſter Loriot, Notar zu Machecoul, war ein kleiner Alter, mager und ſchwächlich, noch um die Hälfte kleiner ausſehend in Folge der Gewohnheit, die er angenommen hatte, nie anders als in tief gebückter und reſpectvollſter Haltung zu ſprechen. Eine lange, ſpitzige Naſe vertrat bei ihm die Stelle des Geſichts; indem die Natur dieſen Theil ſeiner Phyſiognomie übermäßig entwickelt hatte, war es ihre Abſicht geweſen, ſich bezüglich des Reſtes wieder freie Hand zu behalten, und mit unglaubli⸗ cher Kargheit hatte ſie ihm Alles, was nicht zu jener hervorſpringenden Partie des Geſichts gehörte, zubemeſſen, ſo daß man ſehr nahe und ſehr lang hinſehen mußte, um ſich zu überzeugen, daß Meiſter Loriot Augen und einen Mund wie die andern Menſchen hatte; aber wenn man ſo weit gekommen war, bemerkte man auch, daß dieſe Augen voll Leb⸗ haftigkeit waren und dieſer Mund der Feinheit nicht ermangelte. Wirklich erfüllte auch der Meiſter Loriot, oder der ſchlaue Gevatter*) Loriot, wie ihn der Mar⸗ *) Compore ſchließt in der familiären Sprache den, Bagrif ſchlauer Fuchs ein. 1⁵² quis von Souday nannte, welcher in ſeiner Eigen⸗ ſchaft als gewaltiger Jäger auch ein wenig Orni⸗ tholog war, der ſchlaue Gevatter Loriot erfüllte, ſagen wir, alle Verheißungen ſeines phyſiognomi⸗ ſchen Proſpectus und war geſchickt genug, auf einer Land⸗Amtsſtube, wo ſeine Vorgänger mit großer Mühe ihr Leben gefriſtet hatten, den Leuten ſo ein dreißigtauſend Francs abzuſchweißen. Um zu dieſem bis auf ihn für unmöglich gehal⸗ tenen Reſultat zu gelangen, hatte Loriot nicht blos das Geſetzbuch, ſondern auch die Menſchen ſtudirt; er hatte aus ſeinen Studien den Schluß gezogen, daß Eitelkeit und Hochmuth deren vorherrſchende Stimmungen ſeien, er hatte darum dieſen beiden Fehlern ſich angenehm zu machen geſucht, und es dauerte nicht lang, ſo war er denen, welche daran litten, nothwendig geworden. Bei Meiſter Loriok ſtreifte in Folge dieſes Sy⸗ ſtems die Höflichkeit beinahe an Speichelleckerei; er grüßte nicht, er warf ſich zu Boden, und hatte gleich den indiſchen Fakirs ſeinen Körper zu gewiſſen Ma⸗ növern ſo zugerichtet, daß ihm dieſe Haltung buch⸗ ſtäblich Gewohnheitsſache war. Es ſchien eine immer offene, nie geſchloſſene Parentheſe, in welcher ſich alle Titel ſeiner Clienten, bei jeder Phraſe in un⸗ verſieglicher Fülle wiederkehrend, anreihten; war auch derjenige, der mit ihm redete, nur Baron oder Chevalier oder bloßer Junker, nie hätte der Notar zu ihm anders als in der dritten Perſon geſprochen. Endlich zeigte er eine ebenſo demüthige als um⸗ faſſende Dankbarkeit für die leutſelige Herablaſſung gegen ihn, und da er zugleich eine geſteigerte Auf⸗ — N —— —. 8 —— 8— —₰ 85 A ͤnu— a 153 opferung für die ihm anvertrauten Intereſſen an den Tag legte, hatte er ſich ſo viel Lobſprüche zu verdienen gewußt, daß er in den Beſitz einer be⸗ trächtlichen Clientel unter dem Adel der Umgegend gekommen war. Was beſonders zu dem Erfolg von Meiſter Lo⸗ riot in dem Departement der Nieder⸗Loire und ſelbſt in den benachbarten Departements beigetragen hatte, war die Exaltation ſeiner politiſchen Anſichten. Meiſter Loriot gehörte zu denen, von welchen man ſagen konnte: „Mehr königlich geſinnt, als der König.“ Sein kleines graues Auge funkelte, wenn er den Namen eines Jakobiners ausſprechen hörte, und für ihn waren alle liberalen Fractionen von Herrn von Chateaubriand bis auf Herrn von Lafayette Jakobiner. 3 Nie hatte er das Juli⸗Königthum anerkennen wollen und nie nannte er Louis Philipp anders als Herzog von Orleans, indem er ihm nicht ein⸗ mal den Titel Königliche Hoheit zugeſtand, welchen Carl X. demſelben eingeräumt hatte. Meiſter Loriot war einer der regelmäßigſten Beſucher auf Schloß Souday. Er begann ſeine Taktik damit, mit dem tiefſten Reſpect für jene erlauchten Trümmer der alten ſo⸗ cialen Ordnung, der ſocialen Ordnung, die er von ganzem Herzen bedauerte, Parade zu machen, und hatte die Ehrerbietung ſo weit getrieben, daß er ſelbſt zu einigen Anlehen ſich hergab, für welche der Marquis von Souday ſehr nachläſſig, wie ſchon 154 erwähnt worden, in Geldſachen, ganz regelmäßig ihm die Zinſen zu bezahlen verſäumte. Der Marquis von Souday empfing den Gevat⸗ ter Loriot gern, fürs Erſte wegen der eben bemerk⸗ ten Anlehen; dann weil die Hochmuthsfiber des alten Edelmanns für Schmeichelei nicht unempfind⸗ licher als eine andere war; hernach nahm er, weil die Kälte, in welcher der Beſitzer von Souday mit ſeiner Nachbarſchaft lebte, ihn ſehr iſolirt hatte, Alles, was die Einförmigkeit ſeines Lebens unter⸗ brechen ſollte, mit Freuden auf. Als der kleine Notar ſich überzeugt glaubte, daß an ſeiner Fußbekleidung keine Spur von Straßenkoth mehr zurückgeblieben war, trat er in den Salon. Er begrüßte von Neuem den Marquis, der in ſeinem Seſſel bereits wieder Platz genommen hatte, und begann die beiden Mädchen zu becomplimentiren. Aber der Marquis ließ ihm keine Zeit, ſeine Complimente zu vollenden. „Loriot,“ ſprach er zu ihm,„ich werde immer entzückt ſein, Sie zu ſehen.“ Der Notar verneigte ſich bis auf die Erde. „Nur,“ fuhr der Marquis fort,„erlauben Sie mir, Sie zu fragen, nicht wahr, was Sie um halb zehn Uhr Nachts und bei ſolchem Wetter zu uns führen kann? Ich weiß wohl, daß, wenn man ei⸗ nen Regenſchirm, wie den Ihrigen, hat, das Him⸗ melsgewölbe immer blau iſt.“ Loriot hielt es für ſchicklich, den Scherz des Marquis nicht vorübergehen zu laſſen, ohne darüber zu lachen und zu murmeln: ͤͤ 15⁵ „Ahl ſehr gut, ſehr gut!“ Dann, beſtimmt antwortend: „Nun,“ ſprach er,„ich war auf dem Schloß de La Logerie, das ich ſehr ſpät verließ, da ich auf eine erſt um zwei Uhr erhaltene Ordre der Beſitze⸗ rin genannten Schloſſes Geld zu bringen hatte; ich kehrte nach meiner Gewohnheit zu Fuß zurück, als ich im Walde Unheil verkündendes Geräuſch hörte, wodurch Dasjenige, was ich bereits von dem Volks⸗ aufſtand zu Montaigu hörte, ſeine Beſtätigung er⸗ hielt. Ich fürchtete, wenn ich weiter ginge, den Soldaten des Herzogs von Orleans unterwegs zu begegnen, und dachte, der Herr Marquis würden ſchon die Gnade haben, mich für eine Nacht gaſt⸗ lich aufzunehmen.“. Bei dem Namen de La Logerie hatten Bertha und Mary den Kopf erhoben, wie zwei Roſſe, welche in der Ferne plötzlich den Klang der Trom⸗ pete hören. „Sie kommen von La Logerie?“ fragte der Marquis. „Wie ich dem Herrn Marquis zu ſagen die Ehre gehabt habe,“ erwiderte Meiſter Loriot. „Ei! eil ſieh doch! wir haben ſchon Jemand von La Logerie dieſen Abend hier gehabt.“ „Den jungen Baron vielleicht?“ antwortete der Notar. „Jg. „Ihn ſuche ich gerade.“ „Loriot,“ ſprach der Marquis,„ich bin erſtaunt, von Ihnen zu ſehen, den ich als einen Mann von ſoliden Grundſätzen betrachte, ich bin erſtaunt, ſage 156 ich, zu ſehen, daß Sie einen Titel, den Sie ge⸗ wöhnlich reſpectiren, durch Anfügung an den Namen dieſer Michel alſo proſtituiren.“ Als ſie ihren Vater dieſe Phraſe mit der äußer⸗ ſten Geringſchätzung ausſprechen hörten, wurde Bertha purpurroth, Mary erblaßte. Der Eindruck, den die von ihm ausgeſprochenen Worte auf ſeine Töchter gemacht hatten, wurde von dem Marquis nicht bemerkt, entging aber dem klei⸗ nen grauen Auge des Notars nicht; er wollte reden, aber der Edelmann machte ihm mit der Hand ein Zeichen, daß er noch nicht Alles geſagt hatte. „Dann,“ fuhr er fort,„warum glauben Sie, Gevatter, den wir mit Güte, mit Wohlwollen be⸗ handeln, warum glauben Sie einer Ausflucht ſich bedienen zu müſſen, um unſer Haus zu betreten?“ „Herr Marquis...“ ſtammelte Loriot. „Sie kommen hieher, Michel zu ſuchen, nicht wahr, nichts weiter, warum lügen?“ „Möge der Herr Marquis die Gnade haben, meine unterthänigſten Entſchuldigungen zu genehmi⸗ gen. Die Mutter dieſes jungen Mannes, die ich unter die Zahl meiner Clienten aufzunehmen ge⸗ nöthigt war, zumal ſie ein Vermächtniß meines Vorgängers iſt, befindet ſich in großer Unruhe. Auf die Gefahr, ſich den Hals zu brechen, iſt ihr Sohn aus dem Fenſter des zweiten Stocks herabgeſtiegen und hat ihrem mütterlichen Wunſche zum Trotz die Flucht ergriffen, ſo daß Madame Michel mich be⸗ auftragte...“ „Ah! ah!“ rief der Marquis von Souday,„das hat er alles gethan?“ 157 „Buchſtäblich, Herr Marquis.“ „Ei! das verſöhnt mich wieder mit ihm, nicht ganz, verſtehen wir uns wohl, aber ein wenig.“ „Wollte der Herr Marquis mir angeben, wo ich die Hand auf ihn legen könnte,“ ſprach Loriot weiter,„ſo werde ich ihn nach La Logerie zurück⸗ führen.“ „Ol was das betrifft, ſo will ich des Teufels ſein, wenn ich weiß, wie oder wohin er entwiſcht iſt. Laßt ſehen, wißt Ihr es?“ fragte der Mar⸗ quis, ſich an ſeine Töchter wendend. Bertha und Mary machten beide ein verneinen⸗ des Zeichen.. „Sie ſehen, mein armer Gevatter, wir können Ihnen von keinem Nutzen ſein. Aber warum beim Teufel hat Mutter Michel auf die Perſon ihres Sohnes Beſchlag gelegt?“ „Es ſcheint,“ antwortete der Notar,„daß der junge Michel, bis heute ſo ſanft, ſo gelehrig, ſo gehorſam, auf einmal verliebt geworden iſt.“ „Ah! ahl er hat die Stange zwiſchen die Zähne genommen,“ rief der Marquis.„Ich kenne das. Vohl, Gevatter Loriot, wenn Sie zu Rath gezogen worden ſind, ſo ſagen Sie der Mutter, ſie ſolle ihm den Zügel laſſen und freies Feld geben, das iſt beſſer, als der Sprungriemen. Im Grund iſt er mir nach dem, was ich von ihm geſehen habe, wie eine gute, ehrliche Haut vorgekommen.“ „Ein vortreffliches Herz, Herr Marquis, und dazu der einzige Sohn, mehr als hunderttauſend Livr. Renten,“ entgegnete der Notar. „Hum!“ bemerkte der Marquis,„wenn nur das, 158 ſo iſt es immer ſehr wenig, um den ſchmutzigen Namen, den er trägt, wieder gut zu machen.“ „Vater!“ rief Bertha, während. Mary ſich zu ſeufzen begnügte,„Du vergiſſeſt den Dienſt, welchen er uns dieſen Abend geleiſtet hat.“ „Ei! ei!“ dachte Loriot, mit einem Blick auf Bertha,„ſollte die Baronin Recht haben? meiner Treu! Das gäbe einen ſchönen Contract zu machen.“ Und er begann zu überſchlagen, was ihm der Heiraths⸗Vertrag des Baron Michel de La Logerie mit Mlle. Bertha von Souday an Gebühren ab⸗ werfen könnte. „Du haſt Recht,“ ſagte der Marquis;„laſſen wir alſo Loriot Mutter Michels Kätzchen ſuchen, und beunruhigen uns nicht weiter deßhalb.“ Dann wieder zum Notar gewendet: „Beginnen Sie alſo Ihre Nachforſchung, Herr Gerichtsſchreiber.“ „Wenn Sie mir gütigſt erlauben wollten, Herr Marquis, ſo würde ich vorziehen. „So eben,“ fiel der Marquis ein,„gebrauchten Sie als Vorwand gegen mich Ihre Beſorgniß, den Soldaten zu begegnen; Sie fürchten ſich alſo ſehr, Morbleu! Was iſt das? Sie, einer der Unſrigen?“ „Ich fürchte mich nicht,“ erwiderte Loriot,„der Herr Marquis kann mir glauben; aber die ver⸗ wünſchten Blauen flößen mir ſo tiefen Abſcheu ein, daß wenn ich eine ihrer Uniformen erblicke, mein Magen ſich verſtopft und ich vierundzwanzig Stun⸗ den nichts zu eſſen vermag.“ „Das erklärt mir Ihre Magerkeit, Gevatter; 159 aber was noch trauriger iſt, es zwingt mich, Sie vor die Thüre zu ſetzen.“ „Der Herr Marquis will auf Koſten ſeines unterthänigen Dieners lachen.“ „Nicht im Geringſten, nur will ich nicht Ihren Tod, Gevatter.“ „Wie ſo?“ „Verurſacht der Anblick eines Soldaten Ihnen vierundzwanzig Stunden Magenſchwäche, ſo müſſen Sie auf der Stelle Hungers ſterben, wenn Sie eine ganze Nacht ſich unter demſelben Dach mit einem ganzen Regiment befinden.“ „Einem Regiment!“ „Gewiß; ich habe ein Regiment zum Souper auf dieſen Abend nach Souday eingeladen, und die Freundſchaft, die ich für Sie habe, Gevatter, nö⸗ thigt mich, Sie ſo ſchnell als möglich das Haus räumen zu laſſen; nur gebrauchen Sie einige Vor⸗ ſichtsmaßregeln, denn dieſe Schelme könnten, wenn man Sie zu einer ſolchen Stunde über die Felder, oder vielmehr durch den Wald laufen ſieht, Sie leicht für das nehmen, was Sie nicht ſind, oder viel⸗ mehr für das, was Sie ſind.“ „Je nun?“ „Nun! in dieſem Fall würden dieſelben nicht ermangeln, Sie mit einigen Flintenſchüſſen zu be⸗ ehren, und die Flinten des Herzogs von Orleans ſind mit Kugeln geladen.“ Der Notar wurde ſehr blaß und ſtammelte einige unverſtändliche Worte. „Wohlan! entſcheiden Sie ſich; Sie haben die Wahl, vor Hunger oder von einem Schuß zu ſter⸗ 8 1 1 160 ben; Sie haben keine Zeit zu verlieren; denn dieß⸗ mal höre ich den Schritt einer ganzen Truppe; und halt, aller Wahrſcheinlichkeit nach klopft der General ſelbſt an die Thüre.“ Und wirklich erklang der Klopfer; aber dießmal kräftig, und ſo wie es ſich für den Gaſt ſchickte, deſſen Ankunft er verkündigte. „In Geſellſchaft des Herrn Marquis,“ bemerkte Loriot,„fühle ich die Kraft in mir, meinem Wider⸗ willen, ſo unüberwindlich er iſt, Gewalt anzuthun.“ „Gut; ſo nimm dieſe Fackel und komm den von mir Eingeladenen entgegen.“ „Den von Ihnen Eingeladenen? Aber in Wahr⸗ heit, Herr Marquis, ich kann nicht glauben...“ „Kommt, kommt, Thomas Loriot; Ihr ſollt ſehen und dann glauben.“ Und der Marquis von Souday ergriff ſelbſt eine Fackel und begab ſich nach der Freitreppe. Bertha und Mary folgten ihm: Mary nach⸗ denklich, Bertha unruhig, beide tief in den Schatten auf dem Hofe hineinſchauend, um ſich zu überzeu⸗ gen, ob ſie denjenigen nicht entdeckten, an welchen ſie unaufhörlich dachten. XXXII. Wo der General ein Mahl einnimmt, das nicht für ihn gerichtet war. 3 Den von Mary an Roſine überbrachten Inſtruc⸗ tionen zufolge wurde den Soldaten bei dem erſten Ton des Klopfers das Thor geöffnet; ſobald dieß 8 C⸗ ·8 161 geſchehen, hatten ſie den Hof beſetzt und beeilten ſich, das Haus einzuſchließen. Im Augenblick, wo der alte General vom Pferde ſtieg, bemerkte er die beiden Fackelträger und zur Seite von ihnen, hinter ihnen, halb im Schatten, halb im Licht, die beiden Mädchen. Dieje alle traten nun mit einem halb geſchäfti⸗ gen, halb graziöſen Weſen, das ihn überraſchte, auf ihn zu. „Meiner Treu, General!“ rief der Marquis, bis auf die letzte Treppe herabſteigend, um ſich ſo weit als möglich der Beobachtung des Generals auszuſetzen,„ich verzweifelte beinahe, Sie zu ſehen, wenigſtens noch dieſe Nacht.“ „Sie verzweifelten, ſagen Sie, Herr Marquis?“ fragte der General ganz erſtaunt über dieſe Ein⸗ leitung. „Ich verzweifelte, Sie zu ſehen, ich wiederhole es; um welche Stunde ſind Sie von Montaigu ab⸗ gegangen? gegen ſieben Uhr?“ „Präcis ſieben Uhr.“ „Nun wohl, ſo iſt es; ich hatte berechnet, daß Sie etwas über zwei Stunden brauchen, hieher zu kommen; ich erwartete Sie alſo gegen ein Viertel auf zehn, gegen halb zehn Uhr, aber jetzt iſt es über Zehn; ich wollte mich bereits fragen: Mein Gott, ſollte es ein Unglück gegeben haben, das mich der Ehre beraubt, einen ſo braven und ſchätzbaren Officier zu empfangen?“ „So, Sie erwarteten mich, mein Herr?“ „Pardieu! ich denke mir, die verwünſchte Furth von Pontfarcy hat Sie aufgehalten; was für ein Dumas, Wolfinnen von Machecoul. II. 11 162 abſcheuliches Land, General: Bäche, die beim ge⸗ ringſten Regen zu unpaſſirbaren Waldſtrömen wer⸗ den; Straßen, man nennt dergleichen Straßen, ich nenne ſie Schluchten; übrigens wiſſen Sie ſchon Etwas davon; denn ich ſtelle mir vor, daß Sie nicht ohne einige Schwierigkeit den verwünſchten Saut⸗de⸗Baugé überſchritten haben, ein Kothmeer, wo man bis an den Gürtel einſinkt, wenn es nicht gar über den Kopf geht; aber geſtehen Sie, daß dieß alles nichts iſt neben dem Geißſteig, auf den in meiner früheſten Jugend ich, ein wüthender Jäger, mich ohne zu zittern nicht wagte; wahr⸗ haftig General, wenn ich an alle die Mühen und Strapazen denke, welche Sie die mir erzeigte Ehre gekoſtet hat, ſo weiß ich nicht, wie ich Ihnen meine Dankbarkeit bezeugen ſoll.“ Der General ſah, daß er es für den Augenblick mit einem Mann, der noch ſchlauer als er war, zu thun hatte; er entſchloß ſich alſo, ohne Umſtände aus der Schüſſel zu eſſen, welche der Marquis ihm vorſetzte. „Glauben Sie mir, Herr Marquis,“ antwortete er,„es iſt mir leid, daß ich ſo lang habe warten laſſen, und die Schuld der Verzögerung, welche Sie mir vorwerfen, liegt durchaus nicht an mir; in jedem Fall werde ich mich beſtreben, aus der Lehre, welche Sie mir zu geben die Güte haben, Nutzen zu ziehen, und ein anderes Mal trotz Furthen, Päſſen und Steigen nach den ſtrengſten Regeln der Höflichkeit mich einfinden.“ In dieſem Augenblick näherte ſich ein Officier dem General, um ſeine Befehle rückſichtlich der 163 im Schloſſe vorzunehmenden Nachſuchung zu em⸗ pfangen. „Wie ſo! wie ſo!“ rief der Marquis,„doch, Befehl oder nicht, mein Schloß ſteht ganz zu Ihrer Dispoſition, General; gebrauchen Sie daſſelbe, wie wenn es Ihnen gehörte.“ „Das Anerbieten iſt zu gütig, als daß ich es abweiſen könnte,“ antwortete der General ſich ver⸗ beugend. „Ei! wie ſeid Ihr ſo unbedacht, Mädchen,“ rief der Marquis von Souday, ſich an ſeine Töchter wendend;„Ihr macht mich nicht aufmerkſam, daß ich dieſe Herren an dem Thor aufhalte und bei einem Wetter, wie jetzt; Leute, welche die Furth von Pontfarcy überſchritten haben; aber treten Sie Doch ein, General; treten Sie doch ein, meine Herren; ich habe ein vortreffliches Feuer im Salon machen laſſen, ein Feuer, an dem Sie Ihre Kleider trocknen können, welche das Waſſer der Boulogne unwohnlich machen muß.“ „Wie kann ich Ihnen je für die zarte Rückſicht in Ihrem Benehmen danken!“ erwiderte der Ge⸗ neral, ſich auf den Schnurrbart und ein wenig mit auf die Lippen beißend. „O! Sie ſind der Mann dazu, um mir Das wieder wett zu machen, General,“ erwiderte der Marquis, den Officieren voranſchreitend, denen er in den Salon leuchtete, während der kleine Notar, beſcheidener, ſein Licht auf den Flanken der Colonne hielt;„aber, erlauben Sie mir,“ ſetzte er hinzu, ſeinen Candelaber auf den Kamin ſtellend, ein Ma⸗ növer, das in allen Punkten Meiſter Loriot nach⸗ 11 164 ahmte,„erlauben Sie mir, eine Förmlichkeit zu erfüllen, womit ich vielleicht hätte beginnen ſollen, indem ich Ihnen meine beiden Töchter, Bertha und Mary von Souday vorſtelle.“ „Meiner Treu, Marquis,“ antwortete der Ge⸗ neral galant,„der Anblick ſo anmuthiger Geſichter war es wohl werth, daß wir riskirten, beim Ueber⸗ gang über die Furth von Pontfarcy uns den Schnu⸗ pfen zu holen, am Saut⸗de⸗Baugé in den Koth zu ſenken und am Geißſteig den Hals zu brechen.“ „Wohlan Mädchen,“ ſprach der Marquis,„um dieſe ſchönen Augen zu benützen, ſeht einmal nach, daß das Diner, nachdem es dieſe Herren erwartet hat, nun nicht auch auf ſich warten laſſe.“ „Wahrhaftig, Marquis,“ erwiderte der General, ſich zu ſeinen Officieren umdrehend,„wir ſind ver⸗ wirrt über Ihre Güte und die Schuld unſeres Dankes...“ „Wird abgetragen durch die Unterhaltung, welche Ihr Beſuch uns verſchafft; Sie begreifen, General, ich, an die anmuthigen Geſichter gewöhnt, welchen Sie ſo huͤbſche Complimente gemacht haben; ich, überdieß deren Vater, finde manchmal den Auf⸗ enthalt auf meinem armen kleinen Schloſſe ſehr unſchmackhaft und einförmig; urtheilen Sie alſo, wie groß meine Freude war, als ein Kobold von meiner Bekanntſchaft ankam und mir ins Ohr flüſterte: General Dermoncourt iſt um ſieben Uhr Abends von Montaigu abgegangen, um mit ſeinem Stab in Souday einen Beſuch zu machen.“ „Ein Kobold hat Ihnen alſo die Nachricht gebracht?“ 2 165 „Gewiß; gibt es nicht dergleichen in jedem Schloß, in jeder Hütte dieſes Landes? Kurz, die Ausſicht auf den vortrefflichen Abend, den ich Ih⸗ nen verdanken ſollte, General, hat mir eine Reg⸗ ſamkeit gegeben, die ich ſeit langer Zeit nicht mehr gekannt habe; ich trieb an Jedermann; ich ſetzte den Hühnerhof in Contribution; ich nahm hier die Fräulein von Souday in Anſpruch; ich hielt Ge⸗ vatter Loriot, Notar zu Machecoul, zurück, damit er das Vergnügen habe, Ihre Bekanntſchaft zu ma⸗ chen; am Ende habe ich, Gott verdamme mich, ſelbſt bei der Paſtete Hand angelegt, und, wohl oder übel, haben wir es dahin gebracht, das Diner zu richten, welches Sie erwartet, und das, womit Ihre Sol⸗ daten bedient werden ſollen, die ich, ſelbſt ein alter Soldat, nicht zu vergeſſen Sorge trug.“ „Sie haben gedient, Herr Marquis?“ fragte der General. „Vielleicht nicht in denſelben Reihen; auch hätte ich, anſtatt zu ſagen, ich habe gedient, einfach ſagen ſollen, ich habe mich geſchlagen.“ „In dieſem Lande?“ „Ganz richtig; unter dem Befehl von Charrette.“ „Ah! ah!“ „Ich war ſein Adjutant.“ „Dann iſt es nicht das erſte Mal, daß wir ein⸗ ander begegnen, Marquis.“ „Wahrhaftig?“ 5 „Gewißz ich habe die beiden Feldzüge von 1795 und 1796 in der Vendée gemacht.“ „Ah, bravo! das entzückt mich,“ rief der Mar⸗ quis.„Wir wollen beim Deſſert von den Helden⸗ 3 166 thaten unſerer Jugend ſprechen. Ah, General,“ fuhr der Marquis mit einer gewiſſen Melancholie fort,„in einem Lager wie dem andern machen ſich diejenigen allmälig ſelten, welche ſich von jenen Feldzügen unterhalten können. Aber da ſind die Mädchen, die uns ankündigen wollen, daß das Sou⸗ per nach uns begehrt. General, wollen Sie der Cavalier der einen von ihnen ſein; der Kapitän wird ihn bei der andern machen.“ Dann ſich zu den zwei Officieren wendend: „Meine Herren, wollen Sie dem General fol⸗ gen und ſich nach dem Speiſeſaal begeben?“ Man ſetzte ſich zu Tiſche: der General zwiſchen Mary und Bertha, der Marquis zwiſchen den beiden Officieren. Meiſter Loriot ſetzte ſich an Bertha's Seite. Er gab die Hoffnung nicht auf, während des Sou⸗ pers ganz leiſe ein Wort über den jungen Michel anbringen zu können. Er hatte für ſich ſelbſt entſchieden, daß der Hei⸗ rathscontrakt auf ſeinem Bureau abgeſchloſſen wer⸗ den ſolle.* Einige Augenblicke vernahm man nichts als das Geräuſch der Teller und Gläſer; jeder blieb ſtill. Die Officiere gaben ſich, durch das Beiſpiel ihres Generals angetrieben, willfährig der uner⸗ warteten Entwickelung ihrer Expedition hin. Der Marquis, der gewöhnlich um fünf Uhr dinirte und ſich um beinahe ſechs Stunden im Rück⸗ ſtand befand, entſchädigte ſeinen Magen für dieſes lange Warten. Rary und Bertha, ganz nachdenklich, that es ,——2— ————,——.——+ 167 nicht leid, in dem Abſtoßenden, was die dreifarbi⸗ gen Kokarden für ſie hatten, einen Vorwand zu fin⸗ den, ſich zu ſammeln. Der General überlegte offenbar, wie er Revanche nehmen könnte. Er begriff ſehr wohl, daß Herr von Souday von ſeiner Annäherung benachrichtigt worden war. Ge⸗ übt in dieſem Krieg, kannte er die Leichtigkeit und Geſchwindigkeit, womit ſich Mittheilungen zwiſchen einem und dem andern Dorfe machen. Anfänglich erſtaunt über die bereitwillige Aufnahme, welche ihm der Marquis von Souday hatte angedeihen laſſen, bekam er allmälig ſeine Kaltblütigkeit wie⸗ der und fand, zurückgekehrt zu ſeiner gewöhnlichen ſcharfen Beobachtung, in Allem, was um ihn vor⸗ ging, in dem geſchäftigen Eifer ſeines Wirthes, wie in der verſchwenderiſchen Fülle dieſes Mahls, zu ſplendid, um für Feinde gerichtet worden zu ſein, Etwas, das ſeinen Verdacht beſtätigte; aber gedul⸗ dig, wie jeder gute Menſchen⸗ und Wildjäger ſein muß, überzeugt, daß es in der Dunkelheit, wenn die erlauchte Beute, nach der ihn gelüſtete, die Flucht ergriffen hätte, wie Alles ihn glauben ließ, vergeblich wäre, ſich in eine Verfolgung einzulaſſen, entſchloß er ſich, auf ſpäter zu warten, um ernſte Nachforſchungen zu beginnen, und ſich bis dahin keines der Anzeichen entſchlüpfen zu laſſen, welche er in dem, was um ihn vorging, entdecken konnte. Er brach alſo zuerſt das Stillſchweigen. „Herr Marquis,“ ſprach er, ſein Glas erhebend, „die Wahl eines Toaſtes dürfte für Sie, wie für uns ziemlich ſchwer ſein; aber es gibt einen, wel⸗ 4 1 1 “ 168 cher Niemand in Verlegenheit ſetzen wird und allen andern vorangehen muß. Wollen Sie mir erlau⸗ ben, die Geſundheit der Fräulein von Souday aus⸗ zubringen, zum Dank für deren Güte, an der zu⸗ vorkommenden Aufnahme, womit Sie uns beehren, ſich zu betheiligen.“ „Meine Schweſter und ich danken Ihnen, Herr General,“ antwortete Bertha,„und wir ſchätzen uns glücklich, daß wir Ihnen gefällig ſein konnten, in⸗ dem wir dem Willen unſeres Vaters nachkamen.“ „Das will ſagen,“ erwiderte der General lächelnd, „daß Sie uns auf Befehl ein freundliches Geſicht machen und wir dem Herrn Marquis allein dank⸗ bar ſein müſſen. So iſts recht, ich liebe dieſe ganz militäriſche Freimüthigkeit, welche mich antreiben würde, aus dem Lager Ihrer Bewunderer in das Ihrer Freunde überzugehen, wenn ich glaubte, mit der Kokarde, die ich trage, könne man daſelbſt auf⸗ genommen werden.“ „Die Lobſprüche, die Sie eben meiner Freimü⸗ thigkeit ertheilen, ermuthigen mich, mein Herr,“ entgegnete Bertha,„und eben dieſe Freimüthigkeit wagt es, Ihnen zu geſtehen, daß Ihre Farben nicht diejenigen ſind, welche ich gern an meinen Freun⸗ den ſehe; aber wenn Sie wirklich nach dieſem Titel ſtreben, ſo werde ich denſelben Ihnen gern in der Hoffnung einräumen, daß ein Tag kommen wird, wo Sie die meinige tragen können.“ „General,“ ſagte ſeinerſeits der Marquis, ſich hinter dem Ohr kratzend,„Ihre Bemerkung von vorhin war vollkommen richtig. Wie ſoll ich, ohne uns gegenſeitig zu compromittiren, Ihren gütigen 169 Toaſt auf meine Töchter beantworten? Haben Sie eine Frau?“ Der General beharrte darauf, den Marquis in Verlegenheit zu ſetzen. „Nein,“ ſagte er. „Eine Schweſter?“ „Nein.“ „Eine Mutter vielleicht?“ „Ja,“ ſagte der General, welcher ſich in Hin⸗ terhalt gelegt zu haben und dort den Marquis zu erwarten ſchien,„ich habe Frankreich, unſere gemein⸗ ſchaftliche Mutter.“ „Ei, bravo! ich trinke auf Frankreich, und mö⸗ gen die acht Jahrhunderte des Ruhmes und der Größe, welche es ſeinen Königen verdankt, für daſ⸗ ſelbe fortdauern!“ „Und erlauben Sie mir beizuſetzen,“ ſprach der General,„das halbe Jahrhundert der Freiheit, welche es ſeinen Kindern verdankt!“ „Das iſt nicht bloß ein Beiſatz,“ entgegnete der Marquis,„ſondern eine Modifikation.“ 3 Dann nach einem augenblicklichen Stillſchweigen: „Meiner Treu, ich nehme dieſen Toaſt an. Weiß oder dreifarbig, Frankreich iſt immer Frank⸗ Alle Gäſte ſtreckten ihre Gläſer aus, und ſelbſt Meiſter Loriot, durch das Beiſpiel des Marquis hingeriſſen, ließ dem von dem General modiſicirten Toaſt des Hausherrn Recht widerfahren und leerte ſein Glas. 1 Einmal an dieſe Lehne gebracht und in ſolcher Fülle benetzt, nahm die Unterhaltung einen ſo un⸗ 170 ſtäten Gang, daß Bertha und Mary bei zwei Drit⸗ teln des Diners begreifend, ſie wären nicht mehr im Stande, ihr bis zum Deſſert auf dergleichen Sei⸗ tenſprüngen zu folgen, ſich von der Tafel erhoben und in den Salon begaben. Meiſter Loriot, der, wie es ſchien, ebenſo ſehr gekommen war, mit den Mädchen, als mit dem Marquis Geſchäfte abzumachen, erhob ſich gleich⸗ falls und folgte ihnen. XXXIII. Wo es nicht ausgeht, wie Mary und Michel vorausgeſetzt hatten. Meiſter Loriot benützte ſogleich das Beiſpiel, das ihm die Fräulein von Souday gaben, ſtand, es dem Marquis und ſeinen Gäſten überlaſſend, ganz nach Bequemlichkeit die Erinnerungen an den Krieg der Rieſen hervorzurufen, ganz ſachte vom Tiſch auf und folgte den beiden Mädchen in den Salon. Er ſchritt vorwärts, einen Bückling nach dem andern machend und ſich fröhlich die Hände reibend. „Ahl ah!“ ſagte Bertha,„Sie ſcheinen ſehr ver⸗ gnügt, Herr Notar.“ „Meine Damen, ich habe,“ antwortete Meiſter Loriot mit halber Stimme,„mein Möglichſtes ge⸗ than, die Kriegsliſt Ihres Herrn Vaters zu unter⸗ ſtützen. Ich hoffe, daß Sie im Nothfall ſich nicht weigern werden, die Schlauheit und Kaltblütigkeit, von der ich in dieſem Fall den Beweis geliefert habe, zu bezeugen.“ - S. B0 — NNRN 171 „Von welcher Kriegsliſt ſprechen Sie, werther Herr Loriot?“ antwortete Mary lachend.„Weder Bertha noch ich wiſſen, was Sie ſagen wollen.“ „Mein Gott!“ erwiderte der Notar,„ich kenne dieſelbe ſo wenig als Sie; aber ich denke, der Herr Marquis muß mächtige und ernſte Gründe haben, um die abſcheulichen Kriegsknechte, welche er an ſeinem Tiſch zugelaſſen hat, gleich alten Freunden und ſelbſt noch beſſer, als es zuweilen mit alten Freunden geſchieht, zu behandeln. Die Zuvorkom⸗ menheiten, womit er dieſe ſklaviſchen Diener des Uſurpators überhäuft, ſchienen mir ſo ſonderbar, daß ich mir vorſtellte, ſie üſſen einen Zweck haben.“ „Und welchen?“ fragke Bertha. „Nun wahrhaftig den, ihnen ſolche Sorgloſigkeit einzuflößen, daß ſie die Rückſicht auf ihre Sicherheit vergeſſen, und dieſe Unbedachtſamkeit zu benützen, ihnen ein Loos zu bereiten wie dem.. 4 „Wem?“ „Ein Loos wie dem...“ wiederholte der Notar. „Ein Loos wie wem?“ Der Notar machte die Geberde des Kopfab⸗ ſchneidens. „Des Holofernes vielleicht?“ rief Bertha, laut lachend. „So iſt es,“ antwortete Meiſter Loriot. Mary ſchloß ſich ihrer Schweſter bei der ge⸗ räuſchvollen Exploſion an, worin ihr dieſe zuvor⸗ gekommen war. Die Vorausſetzung des kleinen Notars hatte die beiden Mädchen über alle Maßen ergötzt. „So beſtimmen Sie uns alſo die Rolle der 172 Judith?“ fragte Bertha, ihrer Heiterkeit zuerſt ein Ziel ſetzend. „Ja wohl, meine Fräulein.“ „Herr Loriot, wäre mein Vater hier, ſo könnte er ſich vielleicht darüber ärgern, daß Sie bei ihm die Fähigkeit vorausgeſetzt haben, ein Verfahren einzuſchlagen, das meines Erachtens ein wenig all⸗ zu bibliſch iſt; aber ſeien Sie ruhig, wir werden es ihm ebenſo wenig ſagen, als dem General, der gewiß ſeinerſeits ſehr wenig von dem Enthuſiasmus ſich geſchmeichelt fühlen würde, womit Sie unſere Aufopferung acceptirten.“ „Mademoiſelle,“ erwiderte Meiſter Loriot,„ver⸗ zeihen Sie mir, wenn mein politiſcher Eifer, wenn mein Abſcheu vor allen Anhängern jener unglück⸗ lichen Doctrinen mich ein wenig zu weit geführt hat.“ „Ich verzeihe Ihnen, Herr Loriot,“ antwortete Bertha, die, ſofern ſie ihres offenen und entſchie⸗ denen Charakters wegen einen Verdacht am meiſten gerechtfertigt hatte, auch am meiſten zu vergeben hatte,„ich verzeihe Ihnen, und damit Sie ſich nicht mehr ähnlichen Mißgriffen ausſetzen, will ich Sie mit der Situation auf das Laufende bringen. Wiſſen Sie alſo, daß General Dermoncourt, den Sie als den Antichriſt betrachten, ganz einfach gekommen iſt, um auf dem Schloß eine Hausſuchung in der Weiſe anzuſtellen, wie ſolche auf den benachbarten Schlöſ⸗ ſern vorgenommen worden iſt.“ „Aber warum dann,“ fragte der kleine Notar, dem die betreffende Lage immer mehr den Kopf verwirrte,„ſie mit ſolchem... meiner Treu, ich 5 173 will das Wort ſagen, mit ſolchem Gepränge behan⸗ deln. Das Geſetz ſpricht deutlich genug.“ „Wie, das Geſetz?“ „Ja; es verbietet Magiſtraten, Civil⸗ und Mi⸗ litärbeamten, die mit der Vollſtreckung des Gebots der richterlichen Autorität beauftragt ſind, irgend einen Gegenſtand außer den in beſagtem Mandat bezeichneten, zu ergreifen, wegzunehmen und ſich anzueignen. Was thun dieſe Leute mit den Ge⸗ richten, den Fleiſchſpeiſen, den Weinen aller Art, womit ſie die Tafel des Herrn Marquis von Sou⸗ day belaſtet gefunden haben? dieſelben ſich an... eig... nen.“ „Aber es ſcheint mir, werther Herr Loriot,“ ſagte Mary,„daß es meinem Vater ganz frei ſteht, zur Tafel zu laden, wen er will.“ „Selbſt Leute, die in der Abſicht kommen, bei ihm... eine tyranniſche und verhaßte Macht... auszuüben.. zu repräſentiren, gewiß, Mademoiſelle. Aber Sie werden mir erlauben, dieß als etwas wenig Natürliches betrachten und eine Urſache oder einen Zweck dabei vorausſetzen zu dürfen.“ „Das heißt, Herr Loriot, Sie ſehen hier ein Geheimniß, in das Sie ganz einfach einzudringen ſuchen.“ „O, Mademoiſelle!“ „Nun wohl, ich will es Ihnen anvertrauen oder ſo ungefähr, werther Herr Loriot, denn ich weiß, daß man auf Sie rechnen darf, wenn Sie dagegen Ihrerſeits mich in Kenntniß ſetzen wollen, wie es kommt, daß Sie bei der Aufgabe, Herrn Michel de 174 La Logerie aufzuſuchen, geradezu nach Schloß Sou⸗ day ſich begeben haben?“ Bertha hatte dieſe Worte mit feſter, accentuirter Stimme geſprochen, und der Notar, an den ſie ge⸗ richtet waren, vernahm ſie mit viel mehr Verlegen⸗ heit, als die empfand, welche mit ihm redete. Was Mary betraf, ſo war ſie auf ihre Schwe⸗ ſter zugetreten, hatte den Arm unter den von ihr geſteckt, ihren Kopf auf deren Schulter geſtützt und erwartete mit einer Neugierde, die ſie nicht zu ver⸗ heimlichen ſuchte, die Antwort von Meiſter Loriot. „Nun, weil Sie das Warum zu viſſen begeh⸗ ren, Mademoiſelle...“ Der Notar machte eine Pauſe, als ob er der Aufmunterung bedürfte. Bertha machte wirklich zu dieſem Zweck ein Zeichen mit dem Kopfe. „Ich bin hieher gekommen,“ fuhr Meiſter Loriot fort,„weil die Frau Baronin de La Logerie mir Schloß Souday als den Ort bezeichnet hatte, wohin ihr Sohn ſehr wahrſcheinlich ſich nach ſeiner Flucht zurückgezogen haben würde.“ „Und worauf ſtützte Frau de La Logerie ihre Vermuthungen?“ fragte Bertha mit demſelben for⸗ ſchenden Blick, derſelben feſten, accentuirten Stimme. „Mademoiſelle,“ erwiderte der Notar immer verlegener,„nach dem, was ich ſo eben Ihrem Vater geſagt habe, weiß ich trotz der Anerkennung, die Sie meiner Freimüthigkeit gezollt haben, in der That nicht, ob ich den Muth haben werde, es zu Ende zu bringen.“ „Warum nicht, Herr Notar?“ fuhr Bertha mit —o 175 derſelben Sicherheit fort.„Wollen Sie, daß ich Ihnen helfe? es kommt daher, daß ſie nach Ihren Worten glaubt, der Gegenſtand der Liebe ihres Herrn Sohnes befinde ſich auf Schloß Souday.“ „Ganz richtig, Mademoiſelle.“ „Gut, aber was ich noch zu wiſſen wünſchte, und woran mir viel gelegen, iſt, welche Anſicht Frau de La Logerie von dieſer Liebe hat.“ „Ihre Anſicht iſt derſelben nicht poſitiv günſtig, Mademoiſelle,“ antwortete der Notar,„das muß ich allerdings geſtehen.“ „Alſo ſchon ein Punkt, worin mein Vater und die Baronin ſich verſtehen,“ bemerkte Bertha lachend. „Aber,“ fuhr der Notar mit Abſicht fort,„Herr Michel wird in einigen Monaten volljährig, dem⸗ nach frei in ſeinem Thun, Herr ſeines ungeheuren Vermögens.“ „In ſeinem Thun,“ ſprach Bertha,„um ſo beſſer, das kann ihm dienlich ſein.“ „Wozu, Mademoiſelle?“ fragte der Notar bos⸗ haft. „Den Namen, den er trägt, wieder zu Chren zu bringen, die traurigen Erinnerungen, die ſein Vater im Lande zurückgelaſſen hat, vergeſſen zu machen. Was das Vermögen betrifft, ſo würde ich, wenn ich diejenige wäre, welche Herr Michel mit ſeiner Zuneigung beehrt, ihm rathen, davon einen ſolchen Gebrauch zu machen, daß es in der Provinz bald keinen ehrbarern und geehrteren Namen gäbe, als den ſeinigen.“ „Was rathen Sie ihm alſo, Mademoiſelle?“ fragte der Notar ganz erſtaunt. 176 „Dieſes Vermögen denen zurückgeben, welchen ſein Vater, wie man behauptet, es entriſſen hat, die Nationalgüter, welche Herr Michel gekauft hat, ihren Eigenthümern reſtituiren.“. „Aber in dieſem Fall,“ bemerkte der kleine No⸗ tar immer erſtaunter,„würden Sie den zu Grunde richten, welcher die Ehre hätte, Sie zu lieben.“ „Was macht das, wenn ihm die allgemeine Ach⸗ tung und die Zärtlichkeit derjenigen bliebe, welche ihm dieſes Opfer gerathen hat!“ In dieſem Augenblick erſchien Roſine an der Thüre, den Kopf zwiſchen den beiden Flügeln her⸗ einſtreckend. 5 „Mademoiſelle,“ ſagte ſie, ohne ſich beſonders weder an Mary noch an Bertha zu wenden,„wol⸗ len Sie gefälligſt kommen?“ Bertha war es darum zu thun, die Unterhal⸗ tung mit dem Baron fortzuſetzen; ſie war vielleicht noch begieriger, von den Geſinnungen, welche Frau de La Logerie gegen ſie hegte, als von denen ihres Sohnes ſich Kenntniß zu verſchaffen; außerdem fühlte ſie ſich glücklich, über Plane, welche ſeit eini⸗ ger Zeit das unwandelbare Thema ihrer Betrach⸗ tungen bildeten, ſich, ſo unbeſtimmt es auch ſein mochte, zu unterhalten; ſie forderte alſo Mary auf, nachzuſehen, um was es ſich handle. Aber auch Mary verließ ihrerſeits nur mit Be⸗ dauern den Salon; ſie hatte ſich darüber entſetzt, zu ſehen, bis zu welchem Punkt Bertha's Liehe zu Michel ſich ſeit einigen Tagen entwickelt hatte; jedes Wort ihrer Schweſter widerhallte ſchmerzlich in ihrer Seele; ſie glaubte ſicher zu ſein, daß Michels Liebe =ͤ— SS 8= 177 gänzlich ihr gehöre, und dachte mit Schrecken an Bertha's Verzweiflung, wenn ſie wahrnähme, daß⸗ ſie ſich ſo ſeltſam getäuſcht hätte; dann war, da trotz der unendlichen Zuneigung Mary's zu Bertha bereits die Liebe einen kleinen Tropfen Selbſtſucht, wovon dieſe Empfindung immer begleitet iſt, in ihr Herz gegoſſen hatte, Mary in anderer Hinſicht nur zu glücklich über das, was ſie hörte; ſie behielt ſich ganz leiſe die Rolle vor, welche ihre Schweſter der von Michel geliebten Frau vorzeichnete. So mußte ihr alſo Bertha zum zweiten Mal wiederholen, nach⸗ zuſehen, aus welchem Grunde Roſine eine von ihnen rufe. „Geh, meine Liebe,“ ſagte Bertha, ihre Lippen auf Mary's Stirne drückend,„geh, und beſchäftige Dich zugleich mit Herrn Loriot's Zimmer, denn ich fürchte, bei dieſem Durcheinander hat man vergeſſen, ihm ein Lager zu bereiten.“ Mary hatte die Gewohnheit zu gehorchen: ſie gehorchte, von beiden war ſie die ſanfte, lenkſame Natur. Sie fand Roſine an der Thüre. „Was willſt Du von uns?“ fragte ſie. Dieſe gab keine Antwort, ſondern zog, als ob ſie befürchtet hätte, vom Speiſeſaal aus gehört zu werden, wo der Marquis in dieſem Augenblick den letzten Tag von Charrette erzählte, Mary am Arm und fuͤhrte ſie unter die Treppe, welche ſich am andern Ende der Hausflur befand. „Mademoiſelle,“ ſprach ſie,„er hat Hunger.“ „Er hat Hunger?“ wiederholte Mam. Dumas, Wöoͤlfinnen von Macheroul. II. 12 178 „Ja, er hat es mir dieſen Augenblick ſelbſt geſagt.“. 3 „Aber von wem redeſt Du, und wer hat denn Hunger?“ „Er, der arme Junge.“ „Wer, er?“ „Herr Michel alſo.“ „Wie! Iſt Herr Michel hier?“ „Wiſſen Sie es nicht?“ „Nein.“ „Vor zwei Stunden, nachdem Mademoiſelle Ihre Schweſter in den Salon zurückgekehrt war, kurz ehe die Soldaten ankamen, iſt er in die Küche getreten.“ „Erriſ alſo nicht mit Petit⸗Pierre abgegangen?“ „Nein.“ 47” Du ſagſt, daß er in die Küche gekommen i t 2* „Ja; er war ſo müde, daß es Mitleid erregte. „‚Herr Michel,“ habe ich ihm da geſagt, ‚warum gehen Sie denn nicht in den Salon?“ „„Ei ja wohl, liebe Roſine,“ antwortete er mit ſeiner ſo ſanften Stimme, ‚„weil man nicht einge⸗ laden hat, zu bleiben.“ 3 „Dann wollte er in Machecoul ein Nachtlager ſuchen, denn nach La Logerie zurückzukehren, kann ihn in aller Welt nichts bewegen; es ſcheint, daß ſeine Mutter ihn nach Paris mitnehmen will; ich ließ ihn nicht ſo in der Nacht davon laufen.“ „Du haſt wohl daran gethan, Roſine. Und wo iſt er?“ „Ich habe ihn nach dem Thurmzimmer gebracht; aber da die Soldaten das Erdgeſchoß des Thurmes —=——— öſt nn „— — 179 in Beſitz genommen haben, kann man nur über dem Corridor am Ende des Speichers dahin gelangen, und ich wollte Sie um den Schlüſſel dazu bitten.“ Mary's erſte Bewegung war, ihre Schweſter zu benachrichtigen: das war die gute; aber dieſer erſten Bewegung folgte alsbald eine zweite, und dieſe war, man muß es geſtehen, die minder edle. Es war die, Michel allein und zuerſt zu ſehen. Roſine lieferte ihr überdieß einen Vorwand, derſelben zu folgen. „Hier iſt der Schlüſſel,“ ſagte Mary. „O, Mademoiſelle,“ erwiderte Roſine,„kommen Sie mit mir, ich bitte Sie ſehr; es ſind ſo viel Leute im Schloß, daß ich mich nicht allein dahin wage, und ich würde vor Jurcht ſterben, da hinauf zu ſteigen, während vor Ihnen, der Tochter des Herrn Marquis, Jedermann Reſpect haben wird.“ „Aber die Mundvorräthe?“ „Hier ſind ſie in dem Korbe.“ „So komm.“ Und Mary eilte mit der Leichtigkeit von einem der Rehe, die ſie unter den Felſen des Forſtes von Machecoul verfolgte, auf die Treppe zu. XXXIV. Fortſetzung. Im zweiten Stock angekommen, hielt Mary vor dem Zimmer, welches Jean Oullier im Schloß ein⸗ nahm; in dieſem Zimmer fand ſich der Schlüſſel, welcher ihr nöthig war. 127 2 180 Dann öffnete ſie eine Thüre, welche von dieſem Stock nach einer Wendeltreppe ging, auf welcher man in den obern Theil des Thurms gelangte, und einige Schritte Roſine voraus, ſetzte ſie raſch ihre ziemlich gefährliche Aſcenſion fort, denn die Treppe dieſes kleinen, halbverlaſſenen Thurms war in einem Zuſtand des ausgeſprochenſten Alters und Verfalls. Auf der Spitze dieſes Thurms, in einer kleinen, unter dem Dach gelegenen Kammer hatten Roſine und die Köchin, zu einem Berathungs⸗Comité ver⸗ eint, den jungen Baron de La Logerie unterge⸗ bracht. War die Abſicht der beiden guten Mädchen vor⸗ trefflich geweſen, ſo hatte die Ausführung doch kei⸗ neswegs ihrem guten Willen entſprochen, denn es war unmöglich, ſich ein ärmlicheres Lager, kurz einen Ort vorzuſtellen, wo es ſchwerer hielt, von einer Strapatze, ſo gering ſie auch ſein mochte, aus⸗ zuruhen. Dieſe Kammer diente in Wirklichkeit Jean Oullier dazu, um die kleinen Garten⸗Sämereien und den für ſeine Functionen als Haus⸗Factotum nothwendigen Schreiner⸗Handwerkszeug aufzubewahren. Die Mau⸗ ern waren buchſtäblich mit Bohnen⸗, Kohl⸗, Lattich⸗ und Zwiebelſtengeln, in Körner aufgeſchoſſen, ver⸗ palliſadirt, das Ganze in verſchiedenen Varietäten der Luft ausgeſetzt, damit der Samen den ge⸗ hörigen Grad der Reife und Trockenheit erlan⸗ gen könnte. Zum Unglück hatten dieſe botani⸗ ſchen Muſter ſeit dem halben Jahr, da ſie den Au⸗ genblick, in die Erde gebracht zu werden, erwarte⸗ ten, eine ſolche Menge Staub eingeſchluckt, daß bei — 8 S— 28—e ͤ— — — ί△&ᷣ 8 SS S——.— n S 181 der geringſten Bewegung, die man in der engen Kammer ausführte, Tauſende von Atomen ſich von dieſer Maſſe Gemüſepflanzen losmachten und die Atmosphäre unangenehm verdichteten. Statt aller Geräthe hatte dieſes kleine Gemach eine Hobelbank; dieß war, wie man ſieht, kein ſehr bequemer Sitz; auch ſäumte Michel, der darauf verzichtete, ihn in dieſer Eigenſchaft zu nehmen, nicht, denſelben gegen einen Haufen Haber von einer neuen Art, der ſeiner Seltenheit wegen die Ehren des für werthvolle Sämereien beſtimmten Cabinets verdient hatte, zu vertauſchen. Er ſetzte ſich mitten in den Haufen und fand hier wenigſtens, einige Beſchwerde abgerechnet(welcher Sitz, ſo comfortabel er auch ſein mag, hat deren nicht) Elaſticität genug, um von der Ermattung, die ihm Gliederſchmerzen verurſachte, ein wenig auszuruhen. Aber bald wurde Michel es müde, ſich auf die⸗ ſem beweglichen und ſtechenden Sopha auszuſtrecken. Als Guérin ihn in den Bach geworfen hatte, war eine ziemlich beträchtliche Quantität Koth auf der Oberfläche ſeiner Kleider zurückgeblieben und die Feuchtigkeit in das Innere gedrungen; daraus er⸗ gab ſich, daß ſein Verweilen an dem Küchenherd ihm ſehr kurz vorgekommen, ſo kurz, daß die Feuch⸗ tigkeit, die er einen Augenblick entfernt gedacht hatte, durchdringender als je zurückgekehrt war; er hatte dann angefangen, in ſeinem Thurm in die Länge und Breite auf und abzugehen, ein Manöver, das er vollbrachte, gleichzeitig ſeine einfältige Schüchtern⸗ heit verwünſchend, welche ihm dieſe Kälte, dieſe Ermüdung und überdieß alles dieſen Hunger ein⸗ trug, den er allmälig fühlte, und welche ihn, was das Schmerzlichſte war, der Gegenwart von Mary beraubte. Er ſchalt ſich aus, daß er, was ſo mu⸗ thig unternommen worden war, nicht zu benützen gewußt hatte, und daß im Augenblick ihm das Herz fehlte, das zu vollenden, was er ſo gut angefangen. Fügen wir ſogleich bei, um nicht bezüglich des unſerem Helden verliehenen Charakters zu lügen, daß das Bewußtſein ſeines Fehlers ihn nicht tapfe⸗ rer machte und ihm mitten unter den Vorwürfen, die er an ſich richtete, nicht einen Augenblick der Gedanke kam, hinabzuſteigen und freimüthig von dem Marquis die Gaſtfreundſchaft zu erbitten, welche nicht die geringſte der Ausſichten geweſen war, die ihn zur Flucht beſtimmt hatten. Die Soldaten waren inzwiſchen angekommen, und Michel, den der Lärm, den ſie beim Einmarſch machten, an das ſchmale Dachfenſter, das nach der Rückſeite des Schloſſes ging, gezogen hatte, ſah in den Sälen des Hauptgebäudes die Fräulein von Souday, den General, die Officiere, und den Mar⸗ quis an den glänzend erleuchteten Fenſtern hin und her gehen. Als er darauf Roſine am Fuß des kleinen Thurms, deſſen Giebel er einnahm, bemerkte, hatte er es für paſſend erachtet, das Intereſſe, welches neue Gäſte ganz beſonders von ſeiner Perſon ab⸗ gezogen, wieder auf ſich zurückzuleiten, und mit aller Beſcheidenheit ſeines Charakters die neue Tiſchge⸗ noſſin von Schloß Souday um ein Stück Brot ge⸗ beten, eine Bitte, die keineswegs in Harmonie mit dem Hunger ſtand, den die heftigen Antriebe ſowohl 183 moraliſcher als phyſiſcher Schwierigkeiten, die er empfand, allmälig zum Heißhunger geſteigert hatten. Als er nun auf der Treppe einen leichten Schritt, der ſich ſeinem Kerker nahte, vernahm, fühlte er eine lebhafte Dankbarkeit. In Wirklichkeit kündigte ihm dieſer Schritt zwei Thatſachen an, die eine gewiß, die andere wahr⸗ ſcheinlich. Gewiß, daß er ſeinen Hunger ſtillen ſollte. Wahrſcheinlich, daß er von Mary reden hören ſollte. „Biſt Du es, Roſine?“ fragte er, als er eine Hand, welche die Thüre zu öffnen ſuchte, hörte. „Nein, nicht Roſine, Herr Michel; ich bin es.“ Michel erkannte Mary's Stimme, aber konnte ſeinen Ohren nicht glauben. Die Stimme fuhr fort: „Ja ich, und zwar ganz wüthend über Sie.“ Aber da der Ton mit der Stimme in Wider⸗ ſpruch ſtand, erſchrack Michel nicht allzuſehr über dieſe Wuth. „Mademoiſelle Mary!“ rief er,„Mademoiſelle Mary! mein Gott!“ Und er lehnte ſich an die Wand, um nicht zu allen. Indeſſen öffnete das Mädchen die Thüre. „Sie!“ rief Michel,„Sie Mademoiſelle Mary! o, wie glücklich bin ich!“ „O! nicht ſo ſehr, als Sie ſagen.“ „Wie ſo? „Weil Sie mitten in Ihrem Glück geſtehen, vor Hunger zu ſterben.“ 1 „Ahl Mademoiſelle, wer hat Das geſagt?“ 184 ſtammelte Michel, bis ins Weiße der Augen er⸗ röthend. „Roſine. Nun kommen Sie! Roſine,“ fuhr Mary fort,„fange damit an, Deine Laterne auf dieſe Hobelbank zu ſtellen, und öffne geſchwind Deinen Korb; ſiehſt Du nicht, daß Herr Michel ihn mit den Blicken verſchlingt?“ Dieſe Worte der zum Scherzen aufgelegten Mary beſchämten den jungen Baron ein wenig wegen des gemeinen Bedürfniſſes, das er ſeiner Milchſchweſter ausgedrückt hatte. Er dachte wohl, Roſinens Korb zu ergreifen, die Eßwaaren, die bereits daraus hervorgekommen und von dem Mädchen auf den Tiſch ausgekramt worden waren, wieder hineinzuſtecken; ihn auf die Gefahr des Todtſchlags an einem Soldaten zum Fenſter hinauswerfen, vor dem Mädchen auf die Kniee zu fallen und beide Hände auf dem Herzen mit pathetiſcher Stimme ihr zu ſagen:„kann ich an meinen Magen denken, wenn mein Herz ſo glücklich iſt?“ würde eine ziemlich galante Declaration ſein. Aber dergleichen Ideen hätten Michel Jahre lang nach einander kommen können, ohne daß er es gewagt hätte, je dergleichen cavaliermäßige Manie⸗ ren in Ausübung zu bringen. Er ließ ſich alſo von Mary als Roſinens wahrhaftiger Milchbruder tractiren. Auf ihre Einladung nahm er ſein Haber⸗ Kanapé wieder ein und fand es ſehr angenehm, die Stücke, welche ihm die weiße Hand des Mädchens abſchnitt, zu verzehren. „O, was ſind Sie doch für ein Kind,“ ſprach Mary zu ihm;„warum nicht, nachdem Sie eine & D R SS 1 185⁵ ſo tapfere That vollbracht haben, nachdem Sie zu uns gekommen ſind, um uns auf die Gefahr, Hals und Bein zu brechen, einen Dienſt von ſolcher Wich⸗ tigkeit zu leiſten, warum nicht, wie es doch ſo na⸗ türlich war, meinem Vater ſagen:„mein Herr, es dürfte mir unmöglich ſein, dieſe Nacht noch zu mei⸗ ner Mutter zurückzukehren, haben Sie die Güte, mich bis morgen früh zu behalten.“ „O, ich hätte es nie gewagt,“ rief Michel, die Arme rechts und links ſinken laſſend, wie ein Menſch, dem man einen Vorſchlag macht, an den zu denken er ſich noch nie erkühnt hat. „Warum nicht?“ fragte Mary. „Weil Ihr Herr Vater mir ungemeine Scheu einflößt.“ „Mein Vater? aber er iſt der beſte Menſch von der Welt; und dann, ſind Sie nicht ein Freund von uns?“ „O, wie gut Sie ſind, Mademoiſelle, mir dieſen Titel zu geben.“ Dann ſich einen Schritt vorwagend, fragte der junge Baron: „Aber iſt es wahr, habe ich ihn ſchon verdient?“ Mary erröthete leicht. Wenige Tage zuvor hätte ſie nicht gezögert, Michel zu antworten, er wäre ſo gewiß ihr Freund, als es wenige Augenblicke bei Tag und ſelbſt bei Nacht gäbe, wo ſie nicht an ihn dächte; aber ſeit dieſen wenigen Tagen hatte die Liebe ihre Empfin⸗ dungen auffallend modificirt und von ihren erſten Regungen an ihr eine inſtinctmäßige Scham, von der ſie in ihrer Unſchuld bisher keine Ahnung gehabt, 186 in dem Maaße verliehen, als ſie ſich durch die Offen⸗ barung von Gefühlen, die ihr bisher unbekannt geweſen, als Frau fühlte; ſie hatte vollkommen be⸗ griffen, daß die Ma lieren, die Gewohnheiten, die Sprache, das Reſultat der ſeltſamen Erziehung, die ſie genoſſen, etwas Ungewöhnliches an ſich trugen, und ſich mit der intuitiven Begabung, welche die Frauen charakteriſirt, ſich genaue Rechenſchaft dar⸗ über gegeben, was ſie ſich noch ſeitens der Zurück⸗ haltung anzueignen hatte, um zu den Eigenſchaften zu gelangen, die ihr noch mangelten und deren Nothwendigkeit das ihre Seele beherrſchende Gefühl erkennbar machte. So begriff Mary, der es bis dahin nicht in den Sinn gekommen war, einen einzigen ihrer Gedanken zu verhehlen, allmälig, daß ein junges Mädchen zu⸗ weilen wenn nicht lügen, doch wenigſtens ausweichen müſſe, und ſo verhüllte ſie die Antwort, die ſie hätte geben mögen, unter einer Trivialität. „Aber es ſcheint mir,“ erwiderte ſie dem jungen Baron,„Sie haben dafür genug gethan.“ Dann fuhr ſie, ohne ihm Zeit zu laſſen, auf einen Gegenſtand zurückzukommen, der die Unterhal⸗ tung auf ein für ſie mit großer Verlegenheit ver⸗ bundenes Terrain führte, fort: „Nun laſſen Sie einmal ſehen, beweiſen Sie den guten Appetit, deſſen Sie ſich ſo eben rühmten, da⸗ durch, daß Sie noch dieſen Hühnerflügel eſſen.“ „Aber Mademoiſelle,“ antwortete Michel offen⸗ herzig,„ich erſticke.“ „O, was ſind Sie für ein geringer Eſſer; wohl⸗ 187 an, gehorchen Sie, wo nicht, ſo gehe ich fort, da ich nur hier bin, um Ihnen vorzulegen.“ „O, Mademoiſelle,“ rief Michel, gegen Mary beide Hände ausſtreckend, von denen die eine mit einer Gabel bewaffnet, die andere mit einem Stück Brot ausgerüſtet war,„Mademoiſelle, Sie werden nicht ſo grauſam ſein; ol wenn Sie wüßten, wie traurig und unglücklich dieſe zwei Stunden waren, da ich in dieſer Einſamkeit mich befinde.“ 1 „Das iſt leicht erklärlich,“ antwortete Mary la⸗ chend,„Sie hatten Hunger.“ „O nein, nein, nein, es war nicht einzig das; ſtellen Sie ſich vor, daß ich Sie von hier aus mit allen den Officieren hin und her gehen ſah. „Das iſt Ihr eigener Fehler; anſtatt ſich in dieſen alten Thurm gleich einer Nachteule zu flüch⸗ ten, hätten Sie im Salon bleiben, uns in den Speiſeſaal folgen und auf einem Seſſel und an einem Tiſch als ein an Leib und Seele verwahrlos⸗ ter Menſch ſpeiſen können; Sie hätten meinen Va⸗ ter und General Dermoncourt von Großthaten er⸗ zählen hören, daß Sie eine Gänſehaut bekommen, und unſern Gevatter Loriot, wie ihn mein Vater nennt, eſſen ſehen, was nicht minder zum Er⸗ ſchrecken iſt.“ „Ach, mein Gott!“ rief Michel. „Was?“ fragte Mary erſtaunt über den Aus⸗ ruf des jungen Mannes;„Meiſter Loriot von Machecoul!“ „Meiſter Loriot von Machecoul!“ wiederholte Mary. „Der Notar meiner Mutter!“ — 4 4 1 188 „Ach ja, es iſt wahr,“ bemerkte Mary. „Iſt er hier?“ fragte der junge Mann. „Gewiß iſt er hier, und gerade zu rechter Zeit,“ fuhr Mary lachend fort,„wiſſen Sie, was er hier will oder vielmehr wollte?“ „Nein.“ „Er wollte Sie ſuchen.“ „Mich?“ „Ganz einfach, im Auftrag der Baronin.“ „Aber Mademoiſelle,“ ſagte Michel erſchreckt,„ich will nicht nach Logerie zurückkehren.“ „Warum?“ „Weil man mich dort einſperrt, weil man dort Beſchlag auf meine Perſon legt, weil man mich dort fern halten will von.... meinen Freunden.“ „Aber Logerie iſt nicht fern von Souday. „Nein, aber Paris iſt fern von Souday, und die Baronin will mich nach Paris bringen; haben Sie ihm geſagt, daß ich hier bin, dem Notar? „Ich habe mich wohl gehütet.“ „O Mademoiſelle, wie danke ich Ihnen!“ „Man braucht mir deßhalb keinen Dank zu wiſſen; ich habe nicht gewußt... „Aber jetzt, da Sie es wiſſen....“ Michel zögerte. „Nun?“ „Muß man es ihm nicht ſagen, Mademoiſelle,“ antwortete Michel, ſich ſeiner eigenen Schwäche ſchämend. „Ah! meiner Treu, Herr Michel,“ ſagte Mary, „ich will Ihnen etwas bekennen.“ 1, er ty, 189 6„Ah! bekennen Sie, Mademoiſelle, bekennen ie l⸗ „Nun, es ſcheint mir, daß wenn ich ein Mann wäre, in keinem Fall Meiſter Loriot mich viel in Verlegenheit ſetzen könnte.“ Michel ſchien ſeine ganze Kraft zu ſammeln, um einen Entſchluß zu faſſen. „Wohlan! Sie haben Recht,“ ſagte er,„und ich will ihm erklären, daß ich nie nach Logerie zurückkehren werde. 3 In dieſem Augenblick fuhren die beiden Kinder zuſammen. Die Köchin rief laut ſchreiend nach Roſine. „O mein Gott!“ ſprachen ſie zugleich, Eines bei⸗ nahe zitternd wie das Andere. „Hören Sie, Mademoiſelle?“ ſagte Roſine. „Ja.“¹ „Man ruft mich.“ „Mein Gott!“ bemerkte Mary, ſich aufrichtend und völlig bereit, die Flucht zu ergreifen; ſollte man vermuthen, daß wir hier ſind?“ „Ei, und wenn wan es vermuthete; wenn man es ſogar wüßte,“ antwortete Roſine,„ſo wäre das kein ſo großes Uebel.“ „Gewiß.... aber....“ „Aber nein; halt,“ ſagte Roſine,„hören Sie....“ Es erfolgte einen Augenblick Stille; die Stimme der Köchin entfernte ſich. „Sehen Sie,“ fuhr Roſine fort,„da ruft ſie im Garten.“ Und Roſine machte ſich bereit, hinunter⸗ zuſteigen. „Du wirſt mich doch nicht verlaſſen,“ ſagte 190 Mary zu ihr,„Du wirſt mich hier nicht allein laſ⸗ ſen, hoffe ich.“. „Aber,“ ſagte Roſine naiv,„es ſcheint mir, Sie ſind nicht allein, da Sie bei Herrn Michel ſind.“ „Nein, aber um in's Haus zurückzukehren,“ ſtammelte Mary. „Ei was! Mademoiſelle,“ rief Roſine erſtaunt, „ſind Sie zufällig ſo zaghaft geworden; Sie, ge⸗ wöhnlich ſo ſtark, Sie, die bei Nacht wie bei Tag durih di⸗ Wälder ſtreifen? Ich erkenne Sie nicht mehr!“ „Macht nichts; bleibe, Roſine.“ „So! Für das, wozu ich ſeit einer halben Stunde, daß ich hier bin, Ihnen diene, kann ich wohl gehen.“ „Ja, gewiß, Roſine; auch iſt es nicht das.“ „Was denn?“ „Ich wollte es Dir ſagen...“ „Was?“ „Nun.... nun daß dieſes unglückliche Kind hier die Nacht nicht zubringen kann.“ „Ei!“ fragte Roſine,„wo ſoll er ſie denn zu⸗ bringen?“ „Ich weiß es nicht; aber man muß für ihn ein Zimmer ausfindig machen.“ „Ohne es dem Herrn Marquis zu ſagen?“ „Das iſt wahr; und mein Vater weiß es nicht; mein Gott, mein Gott! was machen; ach! Herr Michel, an allem dem ſind Sie ſchuld.“ „Mademoiſelle,“ ſprach Michel,„ich bin bereit zu gehen, wenn Sie es verlangen.“ j ſ J 1 2 ſ 1 ——— 1— 191 „Wer ſagt Ihnen das?„erwiderte Mary leb⸗ haft,„nein, bleiben Sie, im Gegentheil.“ „Eine Idee, Mademoiſelle Mary,“ rief Roſine. „Was für eine?“ fragte das Mädchen. „Wenn ich mit Mademoiſelle Bertha ſpräche?“ „Nein,“ antwortete Mary mit einem Eifer, worüber ſie ſelbſt erſtaunte;„nein, hilft nichts; ich werde es ihr ſogleich, wenn ich hinabkomme, ſelbſt ſagen, ſobald Herr Michel mit ſeinem unglücklichen kleinen Souper fertig iſt.“ „Dann gehe ich,“ ſagte Roſine. Mary wagte nicht, ſie länger aufzuhalten. Roſine entfernte ſich alſo und ließ die beiden jungen Leute allein. XXXV. Endet ganz anders, als Marie erwartete. Das kleine Zimmer war nur durch den Wieder⸗ ſchein der Laterne erhellt, deren Licht wie das eines Reflectors ſich ganz auf die Eingangsthüre warf und das übrige Zimmer, wenn man anders eine Art Taubenſchlag, wo unſere beiden jungen Leute ſich befanden, Zimmer nennen kann, ganz oder bei⸗ nahe im Finſtern ließ. 3 Michel ſaß noch immer auf dem Haberhaufen; Mary kniete vor ihm und ſuchte in allen Ecken des Korbs, mit mehr Verlegenheit vielleicht, als Näch⸗ ſtenliebe, ob ſie nicht irgend eine Leckerei fände, welche das von Roſine für den armen Eingeſchloſſe⸗ nen improviſirte Mahl beſchließen könnte. 19² Aber es war ſo viel vorgegangen, daß Michel keinen Hunger mehr hatte. Den Kopf auf die Hand geſtützt, die wiederum auf ſeinen Knieen ruhte, betrachtete er liebevoll das ſanfte, liebliche Geſicht, das ſich ihm in einer Ver⸗ kürzung darſtellte, welche den Reiz dieſer netten Züge verdoppelte, und athmete mit Entzücken die duftigen Ausflüſſe ein, die ihm von den langen blonden Locken zukamen, welche der Luftzug vom Fenſter leicht bewegte und zuweilen bis an ſeine Lippen hob; bei dieſer Berührung, dieſem Parfüm, dieſem Anblick kreiste ſein Blut raſch in den Adern; er empfand einen Schauder, der ihm durch alle Glieder ging, um ſich in ſeinem Gehirn zu fixiren; unter der Herrſchaft dieſer für ihn ſo neuen Ein⸗ drücke fühlte der junge Mann ſein Herz belebt von unbekannten ſehnſüchtigen Beſtrebungen; er lernte zu wollen. Was er wollte, fühlte er im Grunde ſeines Herzens; ingend ein Mittel, Mary zu ſagen, daß er ſie liebte.. Er ſuchte, welches er anwenden ſollte; aber er hatte gut ſuchen, er fand, das es das einfachſte war, ihre Hand zu faſſen und an ſeine Lippen zu führen. Dieß that er auch auf der Stelle, ohne nur einmal das Bewußtſein von dem zu haben, was er that. „Herr Michel, Herr Michel,“ ſagte ihm Mary mehr erſtaunt, als zornig,„was machen Sie denn?“ Und das Mädchen ſtand ſchnell auf. 193 Michel begriff, daß er zu weit gegangen war und nun Alles ſagen müßte. Er nahm alſo ſeinerſeits die Stellung an, welche Mary eben verlaſſen hatte, das heißt, er fiel auf die Kniee und es gelang ihm bei dieſer Bewegung, die ihm entſchlüpfte Hand wieder zu faſſen. Es iſt wahr, die Hand ſuchte ihm nicht zu ent⸗ ſchlüpfen. „O, ſollte ich Sie beleidigt haben?“ rief der junge Mann,„o, dann wäre ich ſehr unglücklich und würde Sie demüthig auf den Knieen um Verzei⸗ hung bitten.“ „Herr Michel,“ rief das Mädchen, ohne zu wiſſen, was ſie ſagte. Aber der Baron hatte aus Furcht, die kleine Hand möchte ihm entſchlüpfen, ſie mit ſeinen bei⸗ den umſchloſſen, und da er ſeinerſeits auch nicht ſehr wußte, was er ſagte, fuhr er fort: „O, wenn ich die Güte mißbraucht hätte, die Sie für mich gehabt haben, Mademoiſelle, ſagen Sie mir, ich beſchwöre Sie, daß Sie mir nicht böſe ſind.“ „Ich will es Ihnen ſagen, mein Herr, wenn Sie aufgeſtanden ſind,“ ſagte Mary, eine ſchwache Anſtrengung machend, ihre Hand zurückzuziehen. Aber die Anſtrengung war ſo ſchwach, daß ſie keinen andern Zweck hatte, als Michel den Beweis zu liefern, daß die Gefangenſchaft dieſer Hand nicht ganz erzwungen war. „Nein,“ antwortete der Baron, unter der Herr⸗ ſchaft jener zunehmenden Exaltation, welche die all⸗ mälig in Gewißheit verwandelte Hoffnung bewirkt, Dumas, Wölſinnen von Machecoul. II. 3 194 „nein, laſſen Sie mich vor Ihren Knieen. O, wenn Sie wüßten, wie oft ich, ſeit ich Sie kenne, ge⸗ träumt habe, daß ich ſo zu Ihren Füßen liege; wenn Sie wüßten, daß dieſer Traum, ſo ſehr es auch nur ein Traum war, in mir ſo ſüße Empfin⸗ dungen, ſo köſtliche Herzensbeklemmungen erzeugte, ol Sie würden mich dieſes Glück genießen laſſen, welches in dieſem Augenblick eine Wirklichkeit iſt.“ „Aber, Herr Michel,“ antwortete Mary mit einer Stimme, über welche die Gemüthserregung mehr und mehr die Oberhand gewann, denn ſie fühlte, daß ſie dem Augenblick nahe kam, wo für ſie kein Zweifel mehr über die Natur der Zuneigung bliebe, welche der junge Mann gegen ſie hegte;„aber, Herr Michel, man kniet ſo nur vor Gott und den Heiligen.“ „Wahrhaftig,“ antwortete der junge Mann,„ich weiß nicht, weder vor wem man kniet, noch warum ich vor Ihnen knie. Was ich empfinde, iſt ſo weit entfernt von dem, was ich je empfand, ſelbſt von der Zärtlichkeit, die ich gegen meine Mutter hege, daß ich nicht weiß, woran ich das Gefühl knüpfen ſoll, das mich Sie anbeten läßt; es iſt etwas, das, wie Sie eben ſagten, aus der Verehrung ſtammt, womit man ſich vor Gott und den Heiligen nieder⸗ wirft. Für mich begreifen Sie die ganze Schöpfung, und indem ich Sie anbete, ſcheint es mir, als bete ich jene in ihrem ganzen Umfang an.“ „O, Gnade, mein Herr, hören Sie doch auf ſo mit mir zu reden! Michel, mein Freund!“ „O, nein, nein! laſſen Sie mich, wie ich bin; laſſen Sie mich Sie anflehen, mir zu geſtatten, daß ich mich Ihnen mit unbeſchränkter Hingebung weihe. 4 195 Ach! ich fühle es, und glauben Sie mir, ich täuſche mich nicht, ſeitdem ich nur flüchtig Solche geſehen habe, die warhaft Männer ſind, daß die Ergeben⸗ heit eines armen, ſchwachen und furchtſamen Kindes wie ich ſehr wenig iſt, und doch kommt es mir vor, es müſſe ein ſo großes Glück darin liegen, für Sie zu leiden, ſein Blut zu vergießen, ja, wenn es ſein müßte, zu ſterben, daß ich, um daſſelbe zu erringen, die Kraft und den Muth, die mir fehlen, finden würde.“ „Warum von Leiden und Tod ſprechen?“ er⸗ widerte Marie mit ihrer ſanften Stimme.„Glau⸗ ben Sie, Tod und Leiden ſeien abſolut nothwendig, um zu beweiſen, daß eine Zuneigung wahrhaftig iſt?“ „Warum ich davon, rede, Mademoiſelle Mary, warum ich ſie zu meinem Beiſtand anrufe? Weil ich kein anderes Glück zu hoffen wage, weil glück⸗ lich, ruhig und friedlich an Ihrer Seite im Beſitz Ihrer Zärtlichkeit zu leben, kurz Sie meine Frau zu nennen, mir als ein über alles menſchliche Hoffen erhabener Traum erſcheint, und weil ich mir nicht einbilden kann, daß es mir nur geſtattet ſei, einem ſolchen Traum mich hinzugeben.“ „Armes Kind!“ ſagte Mary mit einer Stimme, in welcher wenigſtens ebenſo viel Mitleid als Zärt⸗ lichkeit lag,„Sie lieben mich alſo ſehr?“ „O, Mademoiſelle Mary, was hilft's, es Ihnen zu ſagen, es Ihnen zu wiederholen, ſehen Sie es nicht mit Ihren eigenen Augen und mit Ihrem Herzen? Legen Sie Ihre Hand auf meine in Schweiß gebadete Stirne, legen Sie dieſelbe auf mein heftig aufgeregtes Herz; ſehen Sie des Zit⸗ 196 tern, das meinen ganzen Körper durchdringt, und fragen Sie noch, ob ich Sie liebe.“ Die fieberhafte Exaltation, welche den jungen Mann ſo plötzlich umgewandelt, hatte ſich auch Mary mitgetheilt; ſie war nicht weniger bewegt, nicht weniger zitternd als er; ſie hatte Alles ver⸗ geſſen, den Haß ihres Vaters gegen den Namen, den Michel trug, und den Widerwillen der Frau de La Logerie gegen ihre Familie, und ſelbſt die Illuſionen, welche Bertha ſich über Michels Liebe gemacht und welche zu achten ſie ſich ſelbſt ernſtlich verſprochen hatte; das leidenſchaftliche Feuer dieſer kräftigen und primitiven Natur hatte die Oberhand über die Zurückhaltung gewonnen, welche ſich auf⸗ zulegen ſeit einiger Zeit von ihr für ſchicklich er⸗ achtet worden war. Sie war im Begriff, der Zärt⸗ lichkeit ſich hinzugeben, welche ihr Herz überſtrömte; ſie war im Begriff, dieſer leidenſchaftlichen Liebe durch eine vielleicht noch leidenſchaftlichere Liebe zu antwor⸗ ten, als ein leichtes Geräuſch, welches ſie an der Thüre vernahm, ſie den Kopf umzudrehen veranlaßte. Da gewahrte ſie Bertha, welche aufrecht und unbeweglich auf der Schwelle ſtand. Wie bereits angegeben, war die Oeffnung der Laterne gerade gegen die Thüre gerichtet, ſo daß das hievon ausſtrömende Licht ſich auf Berthas Ge⸗ ſicht völlig concentrirte. Mary konnte alſo urtheilen, wie blaß ihre Schweſter war, wie viel Schmerz und Zorn auf dieſer gerunzelten Stirne, auf dieſen ſo heftig zu⸗ ſammengezogenen Lippen aufgehäuft war. Sie erſchrak über dieſe unerwartete und beinahe 2 8* 197 drohende Erſcheinung ſo ſehr, daß ſie den jungen Mann, deſſen Hand die ihrige noch nicht hatte fah⸗ ren laſſen, zurückſtieß und ſich ihrer Schweſter näherte. Dieſe aber trat in den Thurm, hielt ſich nicht bei Mary auf, ſondern ging, deren Hand, als ob ſie ein müſſiges Hinderniß für ſie geweſen wäre, bei Seite ſchiebend, gerade auf Michel zu. „Mein Herr,“ ſprach ſie zu ihm mit vibrirender Stimme,„hat meine Schweſter Ihnen nicht geſagt, daß Herr Loriot, der Notar der Frau Baronin, in deren Auftrag Sie ſucht und zu ſprechen wünſcht?“ Michel ſtammelte einige Worte. „Sie werden ihn im Salon finden,“ fuhr Bertha mit derſelben Stimme fort, in welcher ein Befehl ausgefertigt worden wäre. Michel, wieder in ſeine ganze Aengſtlichkeit, in alle ſeine Schreckniſſe verfallen, richtete ſich wan⸗ kend auf und ſo verwirrt, daß er nicht ein Wort zur Erwiderung finden konnte. Er begab ſich nach der Thüre gleich einem Kinde, das über einem Fehler ertappt worden iſt und nun gehorcht, ohne den Muth zu einer Erklärung zu haben. Mary ergriff das Licht, um dem armen Jungen zu leuchten, aber Bertha riß es ihr aus der Hand und ſteckte es in die des jungen Mannes, ihm ein Zeichen machend, ſich zu entfernen. „Aber Sie, Mademoiſelle?“ brachte endlich Michel heraus. „Wir kennen das Haus,“ antwortete Bertha. Dann, vor Ungeduld mit dem Fuße ſtampfend, ue ſe Michel einen Blick auf Mary werfen ſah, rief ſie: 198 „Gehen Sie, ſo gehen Sie doch!“ Der junge Mann verſchwand, die beiden Mäd⸗ chen ohne ein anderes Licht zurücklaſſend, als den blaſſen Schimmer, der durch das kleine Fenſter in den Thurm drang und von den Strahlen eines kränklichen, jeden Augenblick von Wolken verſchleier⸗ ten Mondes herkam. Allein bei ihrer Schweſter geblieben, machte ſich Mary darauf gefaßt, deren Vorwürfe über ſich er⸗ gehen zu laſſen, Vorwürfe, auf das Unſchickliche eines Geſprächs unter vier Augen, deſſen ganze Tragweite ſie erſt in dieſem Augenblick recht er⸗ kannte. Mary irrte ſich. Sobald Michel einige Stufen der ſchneckenförmi⸗ gen Treppe hinabgeſtiegen war und Bertha, das Ohr an die Thür haltend, ſich von deſſen weiterer Entfernung überzeugt hatte, ergriff ſie die Hand ihrer Schweſter, drückte ſie mit einer Kraft, welche die Heftigkeit ihrer Empfindungen bezeugte, und fragte mit erſtickter Stimme: „Was hat er Dir auf den Knieen geſagt?“ Aber ſtatt aller Antwort warf ſich Mary an den Hals ihrer Schweſter, ſchloß ſie trotz aller An⸗ ſtrengungen derſelben, ſie zurückzuſtoßen, in ihre Arme und benetzte Berthas Geſicht mit den Thrä⸗ nen, die ihr in die Augen traten. „Warum biſt Du böſe über mich, liebe Schwe⸗ ſter?“ fragte ſie. „Es handelt ſich nicht von Böſeſein über Dich, Mary, ſondern von der Frage, was der junge α☛˙ 0◻ 8 8 RK 199 Mann, der auf den Knieen mit Dir ſprach, Dir geſagt hat.“ „Aber redeſt Du gewöhnlich ſo mit mir?“ „Was liegt bei dem, was ich Dich frage, an der Art, wie ich rede; was ich will, was ich ver⸗ lange, iſt, daß Du mir antworteſt.“ „Bertha! Bertha!“ „Ol laß ſehen, ſprich, was ſagte er Dir? Ich frage Dich, was ſagte er Dir?“ rief dieſe, die Hand ihrer Schweſter ſo heftig ſchüttelnd, daß Mary einen Schrei ausſtieß und wie ohnmächtig in ſich ſelber zuſammenbrach. Dieſer Schrei gab Bertha ihre ganze Kaltblütig⸗ keit wieder. Dieſe ungeſtüme und heftige aber vorherrſchend gute Natur ſchmolz beim Ausdruck des Schmerzes und der Verzweiflung, welche ſie ihrer Schweſter verurſachte; ſie ließ dieſelbe nicht zu Boden fallen, ſondern empfing ſie in ihren Armen, hob ſie empor, wie ſie mit einem Kinde gethan hätte, und legte ſie auf die Hobelbank, ſie noch immer feſt umſchlungen haltend. Endlich bedeckte ſie die⸗ ſelbe mit ihren Küſſen, und einige Thränen ſpran⸗ gen aus ihren Augen, wie Funken aus einer Koh⸗ lenpfanne, und fielen auf Marys Wange. Bertha weinte nach Art von Maria Thereſia; auſtatt aus ihren Augen zu fließen, ſchoßen ihre Thränen wie Blitze hervor. „Arme Kleine! Arme Kleine!“ ſagte Bertha, mit ihrer Schweſter wie mit einem Kinde redend, das man aus Unachtſamkeit verletzt hat;„verzeihe mir, ich habe Dir wehe gethan, ich habe Dir 200 Schmerz gemacht, was noch viel ſchlimmer iſt; ver⸗ zeihe mir!“ Dann in ſich ſelbſt gehend, ſetzte ſie hinzu: „Verzeihe mir, es iſt auch mein Fehler. hätte Dir vollſtändig mein Herz öffnen ſollen, ehe ich Dich ſehen ließ, daß die ſeltſame Liebe, die ich für dieſen Menſchen empfinde, für dieſes Kind,“ fügte ſie mit einem Anſtrich von Geringſchätzung hinzu,„ſo ganz und gar die Herrſchaft über mich zu gewinnen wußte, daß ſie mich eiferſüchtig auf die machen konnte, welche ich am meiſten in der Welt, mehr als mein Leben, mehr als ihn liebe, mich auf Dich eiferſüchtig machen konnte; o wenn Du wüß⸗ teſt, meine arme Mary, wie viel Schmerzen dieſe unſinnige und, wie ich erkenne, meiner unwürdige Liebe ſchon in ihrem Gefolge gehabt hat; wenn Du alle die Kämpfe wüßteſt, die ich vor dem Unter⸗ liegen beſtand, und wie bitter ich meine Schwäche beweint habe. Er hat nichts von dem, was ich achte, er hat nichts von dem, was ich liebe, weder den Glanz der Abſtammung, noch den Glauben, noch das Feuer, noch die unzähmbare Kraft, noch den unzähmbaren Muth, und trotz allem, was Du willſt, liebe ich ihn, habe ihn beim erſten Anblick geliebt, liebe ihn ſo ſehr, ſiehſt Du, daß ich, in Schweiß gebadet, keuchend, außer mir, eine Beute unſäglicher Angſt, manchmal, wie wenn ich wahn⸗ ſinnig wäre, ausrufe: Mein Gott! laß mich ſter⸗ ben, aber laß mir ſeine Liebe. Seit den wenigen Wochen, da wir zu meinem Unglück ihm begegnet ſind, hat das Andenken an ihn mich nicht einen Augenblick verlaſſen. Ich empfinde für ihn etwas Seltſames, was ganz gewiß Das ſein muß, was eine Frau für ihren Geliebten empfindet, aber was noch mehr dem Herzenserguß einer Mutter für ihren Sohn gleicht. Jeden Tag ſammelt, concentrirt ſich mein Leben mehr in ihm; darauf beziehen ſich nicht nur alle meine Gedanken, ſondern auch alle meine Träume, alle meine Hoffnungen, Ach, Mary, Mary! ſo eben bat ich Dich, mir zu verzeihen, jetzt ſage ich Dir, beklage mich, Schweſter, Schweſter! habe Mitleid mit mir!“ Und ganz außer ſich drückte Bertha ihre Schwe⸗ tha feſt in ihre Arme. Die arme Mary hatte ganz zitternd den Aus⸗ druck der beinahe wilden Leidenſchaft angehört, welche eine ſo mächtige und herriſche Organiſation wie die Berthas empfinden mußte; jeder ihrer Aus⸗ rufe, jedes ihrer Worte, jede ihrer Reden riß die ſchönen, roſigen Wolken in Stücke, welche ſie einige Augenblicke in ihrer Zukunft flüchtig geſchaut hatte, und der ungeſtüme Ton ihrer Schweſter fegte die Trümmer hinweg, wie der Orkan es mit den Dunſt⸗ floclen thut, welche nach dem Sturm in der Luft wogen. Bei jedem Wort floſſen ihre Thränen bit⸗ terer, reichlicher, aber bei jedem Wort fühlte ſie auch, wie ihre Liebe zu Bertha das Opfer, das ſie ſchon mehr als einmal geahnt hatte, ohne doch zu wagen, mit ihren Gedanken dabei zu verweilen, zu einer gebieteriſchen Pflicht machte. Aber ihr Schmerz und ihre Verwirrung waren ſelbſt während der letzten Worte Berthas ſo groß, daß nur das Stillſchweigen von ihr andeutete, ſie habe eine Antwort zu geben. 20² Sie that ſich alſo zuerſt Zwang an und ver⸗ ſuchte ihr Schluchzen zu unterdrücken. „Mein Gott!“ ſagte ſie,„theure Schweſter, es bricht mir das Herz, Dich ſo zu ſehen, und mein Schmerz iſt um ſo lebhafter, da alles, was dieſen Abend geſchieht, theilweiſe meine Schuld iſt.“ „Ei nein!“ rief Bertha mit ihrer gewöhnlichen Heftigkeit,„ich hätte mich darum bekümmern ſollen, was aus ihm geworden, als ich die Kapelle verließ. Aber noch einmal,“ fuhr ſie mit jener Beſtändig⸗ keit des Gedankens fort, welche ſtark ergriffene Leute charakteriſirt,„was ſagte er Dir, warum lag er vor Dir auf den Knieen?“ Mary fühlte, daß Bertha, als ſie die letzten Worte ausſprach, am ganzen Körper ſchauderte; ſie ſelbſt war ein Raub der ſchmerzlichſten Beklem⸗ mung; ſie dachte an das, was ſie antworten ſollte, und es kam ihr vor, als ob jedes Wort, womit ſie Bertha das eben Vorgefallene erklären ſollte, von dem Herzen kommend ihr auf den Lippen bren⸗ nen würde.— „Laß ſehen,“ ſprach Bertha weiter, mit Thrä⸗ nen, welche Mary mehr rührten, als es der Zorn ihrer Schweſter gethan hätte,„laß ſehen, rede, mein liebes Kind, habe Mitleid mit mir; die Angſt, in der ich mich befinde, iſt hundertmal grauſamer, als der Schmerz ſelbſt ſein würde. Sage, ſage, ſprach er mit Dir nicht von Liebe?“ Mary konnte nicht lügen oder hatte wenigſtens die Ergebenheit ſie noch nicht die Lüge gelehrt. „So iſt es,“ antwortete ſie. „O mein Gott! mein Gott!“ rief Bertha, ſich 203 von Marys Bruſt losreißend und mit offenen aus⸗ geſtreckten Armen gerade gegen die Mauer werfend. Es lag ein ſolcher Ton der Verzweiflung in dieſem doppelten Ausruf, daß Mary ſich darüber entſetzte; ſie vergaß Michel, ſie vergaß ihre Liebe, ſie vergaß alles, um nur an ihre Schweſter zu den⸗ ken. Das Opfer, vor dem ihr Herz zögerte ſchon ſeit jenem Augenblick, da ſie erfuhr, daß Bertha Michel liebe, ſie brachte es muthig und mit der höchſten Selbſtverleugnung, ſofern ſie mit gebroche⸗ nem Herzen lächelte. „Thörin, die Du biſt!“ rief ſie, ſich an Berthas Hals ſtürzend,„laß mich doch ausreden.“ „O! haſt Du mir nicht geſagt, daß er mit Dir von Liebe ſprach?“ erwiderte die verwundete Wölfin. „Allerdings, aber ich habe Dir nicht geſagt, wer der Gegenſtand dieſer Liebe ſei.“ „O Mary, Mary! habe Mitleid mit meinem armen Herzen!“ 1 „Bertha! theure Bertha!“ „Er ſprach alſo mit Dir von mir?“ Mary hatte nicht die Kraft, mit der Stimme zu antworten, aber ſie nickte bejahend mit dem Kopf. Bertha athmete laut auf, fuhr mehrmals mit der Hand über ihre brennende Stirne. Die Er⸗ ſchütterung war zu heftig geweſen, als daß ſie ſo⸗ gleich in ihren normalen Zuſtand zurückkehren konnte. „Mary,“ ſprach ſie zu ihrer Schweſter,„was Du mir eben geſagt haſt, erſcheint mir ſo ſtark, ſo unmöglich, ſo unſinnig, daß ich einer eidlichen Ver⸗ ſicherung von Dir bedarf. Schwöre mir...“ Das arme Mädchen zauderte. 204 „Alles, was Du willſt, Schweſter,“ ſprach ſie endlich, ſelbſt beeilt, zwiſchen ihrem Herzen und ihrer Liebe einen unüberſteiglichen Abgrund zu legen. „Schwöre mir, daß Du Michel nicht liebſt und Michel Dich nicht liebt...“ Und ſie legte ihr die Hand auf die Schulter. „Schwöre mir bei dem Grabe unſerer Mutter.“ „Bei dem Grabe unſerer Mutter,“ ſprach Mary entſchloſſen und feierlich,„ich werde nie Michel angehören!“ Und ſie warf ſich in die Arme ihrer Schweſter, in den Liebkoſungen derſelben den Lohn für ihr Opfer ſuchend. Wäre die Dunkelheit der Nacht nicht ſo tief ge⸗ weſen, Bertha hätte nach den zerſtörten Zügen Marys urtheilen können, was ſie der eben abge⸗ legte Eid koſtete. Dieſer Eid ſchien Bertha vollſtändig zu beruhi⸗ gen, und dießmal ſeufzte ſie leiſe, als ob ihrem Herzen eine ſchwere Laſt abgenommen wäre. „Dank,“ ſagte ſie,„o Dank! Dank! Jetzt laß uns hinabgehen.“ Aber unterwegs fand Mary einen Vorwand, um ſich nach ihrem Zimmer zu begeben. Sie ſchloß ſich ein, um zu beten und zu weinen. Man war noch nicht vom Tiſch aufgeſtanden, und über den Hausflur gehend, um nach dem Salon zu gelangen, konnte Bertha die lauten Stimmen der Gäſte hören. Sie trat in den Salon. Herr Loriot beſprach ſich dafelbſt unter vier Augen mit dem jungen Baron, den er zu überzeugen leg 3 Bert Seit emp lich — tigke mög an Bert gen aust Maꝛ Frö 2⁰⁵ verſuchte, daß es ſein Wohl erfordere, nach La Lo⸗ gerie zurückzukehren. Aber das verneinende Stillſchweigen war ſo be⸗ redt, daß Loriot ſich am Ziele ſeiner Gründe befand. Es iſt wahr, er ſprach ſeit einer halben Stunde. Michel war ohne Zweifel nicht weniger in Ver⸗ legenheit, als ſein Gegenredner, denn er empfing Bertha wie ein ins Carré geſtelltes, von allen Seiten eingeſchloſſenes Bataillon das Hülfscorps empfängt, welches ihm beim Durchbrechen behülf⸗ lich ſein ſoll. Er ſprang auf das Mädchen mit einer Lebhaf⸗ tigkeit zu, welche viel von der Unruhe über das mögliche Reſultat ſeines Zwiegeſprächs mit Mary an ſich hatte. Zu ſeiner großen Ueberraſchung reichte ihm Bertha, unfähig, nur eine Sekunde ihre Empfindun⸗ gen zu verbergen, die Hand und druͤckte die ſeinige ausdrucksvoll. Sie hatte ſich über die Bewegung des jungen Mannes getäuſcht, und ihre Zufriedenheit war zur Fröhlichkeit geworden. Michel, der etwas ganz anderes erwartet hatte, fühlte ſich nicht ſehr behaglich, doch nahm er ſogleich wieder das Wort, um Meiſter Loriot zu ſagen: „Antworten Sie meiner Mutter, mein Herr, daß ein Mann von Herz in ſeinen politiſchen An⸗ ſichten wahrhafte Pflichten findet, und daß ich ent⸗ ſchloſſen bin, für die Erfüllung der meinigen, wenn ees ſein muß, zu ſterben.“ Armes Kind, das ſeine Pflicht mit ſeiner Liebe verwechſelt!. — 206 XXXVI- Die Kobolde des Generals. Es war beinahe zwei Uhr Morgens, als der Marquis von Souday ſeinen Gäſten den Vorſchlag machte, in den Salon zurückzukehren. Man hatte ſich vom Tiſche in jenem befriedi⸗ genden Zuſtand erhoben, welcher immer einem wohl angeordneten Mahle folgt, wenn der Hausherr lie⸗ benswürdig iſt, die Eingeladenen guten Appetit haben und endlich ein intereſſantes Geſpräch die Zwiſchenacte der Hauptbeſchäftigung ausgefüllt hat. Bei dem Vorſchlag, in den Salon zu ehen⸗ hatte der Marquis wahrſcheinlich keine andere Ab⸗ ſicht gehabt, als die Atmoſphäre zu ändern, denn er hatte beim Aufſtehen Roſine und der Köchin Be⸗ fehl gegeben, ihm mit den Liqueurflaſchen zu folgen und dieſelben, begleitet von Gläſern, in hinreichen⸗ der Zahl auf der Tafel des Salons aufzuſtellen. Dann das große Lied von Richard Löwenherz vor ſich herträllernd, ohne darauf zu achten, daß der General ihm mit der Schlußſtrophe der Mar⸗ ſellaiſe antwortete, welche das edle Täfelwerk des Schloſſes Souday aller Wahrſcheinlichkeit nach zum erſten Mal hörte, machte der alte Edelmann, nach⸗ dem er die Gläſer wieder gefüllt hatte, Anſtalten, eine intereſſante Controverſe bezüglich des Vertrags von Saunais wieder aufzunehmen, von dem der General behauptete, daß er beſtimmte Artikel nicht enthalte, als dieſer mit dem Finger auf die Uhr deutete. der hlag jedi⸗ vohl lie⸗ petit die hat. hen, b⸗ in er Be⸗ olgen ichen⸗ len. nherz daß Mar⸗ ck des h zum nach⸗ talten, rtrags m der l nicht ie Uhr Kartätſchen führte er ſeine Diviſion zum Sturm und 207 Er gab ihm lachend zu verſtehen, er hahe den würdigen Edelmann im Verdacht der Abſicht, ſeine Feinde in den Lüſten eines neuen Capua's einzu⸗ ſchläfern, und dieſer, den Scherz mit unendlichem Tact und gutem Geſchmack aufnehmend, beeiferte ſich, dem Wunſch ſeiner Gäſte zu entſprechen und ſie in die ihnen beſtimmten Gemächer zu geleiten, worauf er ſelbſt ſich auf ſein Zimmer zurückzog. Der Marquis von Souday, erhitzt durch die kriegeriſche Stimmung ſeines Geiſtes und die Unter⸗ haltung, welche den Abend erheitert hatte, träumte von Nichts als Kämpfen. Er wohnte einer Schlacht bei, neben welcher die von Borfou, Laval und Saumur nur Kinderſpiele waren. Mitten unter einem Hagel von Kugeln und pflanzte die weiße Fahne mitten unter den feind⸗ lichen Verſchanzungen auf, als ein Klopfen an ſei⸗ ner Zimmerthüre ihn von ſeinen Heldenthaten abrief. Während des Halbſchlummers, der den Ueber⸗ gang zum Erwachen bildete, dauerte der Traum noch fort, und das Geräuſch an der Thüre ſchien ihm nichts geringeres als die Stimme der Kanone; dann verwiſchte ſich allmälig Alles in Nebel, der würdige Edelmann öffnete die Augen, und anſtatt des Schlachtfeldes, bedeckt mit zerbrochenen Lafetten, zuckenden Pferden, Leichen, über welche er zu mar⸗ ſchiren glaubte, fand er ſich wieder auf ſeinem ſchmalen Lager von angeſtrichenem Holz, zwiſchen ſeinen beſcheidenen Vorhängen von weißem, roth eingefaßtem Perkal. — 208 In dieſem Augenblick klopfte man von Neuem. „Herein!“ rief der Marquis, ſich die Augen reibend. 3 „Ah, meiner Treu, General!“ fuhr er fort, „Sie kommen eben recht; zwei Minuten weiter, und Sie waren todt.“ „Wie ſo?“ „Da, ich durchbohrte Sie mit einem Degenſtoß.“ „Auf Wiedervergelten, mein würdiger Freund,“ ſprach der General, ihm die Hand reichend. „So wie ich es auch verſtehe; aber Sie ſchauen mit erſtauntem Auge mein armes Zimmer an, ſeine Aermlichkeit überraſcht Sie. Ja, es iſt ein weiter Abſtand zwiſchen dieſem rohen und nackten Gemach, dieſen Roßhaarſtühlen, dieſem Fußboden ohne Tep⸗ pich und zwiſchen den Appartements, in welchen Ihre vornehmen Pariſer Herren leben. Was wollen Sie? ich habe ein Drittheil meines Lebens im La⸗ ger zugebracht, ein anderes Drittheil in Dürftigkeit, und dieſes Lager mit ſeiner winzigen Roßhaar⸗ Matratze kommt mir wie ger Luxus vor. Aber laſſen Sie ſehen, was führt Sie ſo frühe her, mein theurer General? denn es ſcheint mir, es iſt nicht mehr als eine Stunde über Tagesanbruch.“ „Ich will Ihnen Lebewohl ſagen, mein theurer Wirth,“ antwortete der General. „Schon! So iſt das Leben; ſehen Sie, ich ge⸗ ſtehe Ihnen heute, ich hatte geſtern bei Ihrer An⸗ kunft alle mögliche böſe Vorurtheile gegen Sie.“ „Wahrhaftig; und Sie machten mir ein ſo fre undliches Geſicht!“ ein meines Alters würdi⸗ n. en 209 „Bah!“ antwortete der Marquis lachend;„Sie ſind in Aegypten geweſen; haben Sie denn znie von Flintenſchüſſen in einer ganz friſchen, ganz hei⸗ tern Oaſe gehört?“ „Wahrhaftig ja; die Araber halten ſie für die beſten Poſitionen zu einem Hinterhalt.“ „Nun, ich klage mich an, geſtern Abend ein wenig Araber geweſen zu ſein; ich ſtimme alſo „Mea culpa“*) an und bedaure es um ſo mehr, als ich dieſen Morgen wahren Kummer empfinde, wenn ich daran denke, daß Sie mich ſo ſchnell ver⸗ laſſen haben.“ „Weil Ihnen noch übrig bleibt, den geheimniß⸗ vollſten Winkel Ihrer Oaſe mich kennen zu lehren?“ „Nein, weil Ihre Offenheit, Ihre Loyalität, jene Gemeinſchaft der in entgegengeſetzten Lagern beſtandenen Gefahren mir, ich weiß nicht wie, aber alsbald eine tiefe und aufrichtige Freundſchaft ein⸗ geflößt haben!“ „Auf das Wort eines Edelmanns?“ „Auf das Wort eines Edelmanns und Sol⸗ daten!“ „Wohlan, ich biete Ihnen eben ſo viel, mein werther Feind,“ antwortete der General.„Ich er⸗ wartete einen alten Emigré zu finden, ſchneeweiß gepudert, trocken, voll ſteifen Anſtandes und mit gothiſchen Vorurtheilen ausgeſtopft.“ „Und Sie haben erkannt, daß man den Puder ohne die Vorurtheile tragen kann?“ „Ich habe ein offenes, loyales Herz erkannt, *) Meine Schull. Dum as, Wölfinnen von Machecoul. II. 14 210 einen liebenswürdigen.... Bah! ſprechen wir das Wort aus, einen jovialen Charakter erkannt, mit den liebenswürdigen Manieren, welche gewöhnlich dieß alles auszuſchließen ſcheinen, und es folgt dar⸗ aus, daß Sie den Brummbart verführt haben, und daß er Sie von ganzem Herzen liebt.“ „Ei! was Sie mir da ſagen, freut mich. Laſſen Sie einmal ſehen, ohne Hintergedanken, bleiben Sie heute bei mir.“ „Unmöglich!“ „Gegen dieſes Wort läßt ſich nichts einwenden; aber geben Sie mir wenigſtens Ihr Wort, mich nach dem Frieden wieder zu beſuchen, wenn wir beide noch auf dieſer Welt ſind.“ „Wie, nach dem Frieden? Sind wir denn im Krieg?“ fragte der General lachend. „Wir ſind zwiſchen Krieg und Frieden.“ „Ja, im Juste-milieu.“ „Nun, ſetzen wir nach dem Juste-milieu.“ „Ich gebe Ihnen mein Wort.“ „Und ich halte Sie dabei.“ „Aber nun, reden wir einmal vernünftig,“ fuhr der General fort, einen Stuhl nehmend und am Fuß vom Bette des alten Emigré ſch niederſetzend. „Ich verlange nichts Beſſeres,“ antwortete die⸗ ſer,„einmal iſt keinmal.“ „Sie lieben die Jagd, nicht wahr?“ „Leidenſchaftlich.“ „Welche?“ „Jede Art von Jagd.“ „Aber es gibt doch eine, welcher Sie den Vor⸗ zug geben.“ die⸗ Vor⸗ 211 „Der Jagd auf Wildſchweine; ſie erinnert mich an die Jagd auf die Blauen.“ „Danke.“ „Wildſchweine und Blaue haben denſelben Hieb.“ „Und die Fuchsjagd, was ſagen Sie dazu?“ „Pfui!“ rief der Marquis, die Unterlippe gleich einem Prinzen vom Hauſe Oeſtreich vorwerfend. „Ahl das iſt eine ſchöne Jagd, Marquis.“ „Ich überlaſſe ſie Jean Oullier, der einen wun⸗ derbaren Takt und eine außerordentliche Geduld hat, um dieſelben auf dem Anſtand anzugreifen.“ „Sagen Sie doch, Marquis, er ſteht noch auf Anderes, als auf Füchſe an, Ihr Jean Oullier.“ „Hel Hel er übt ſeine Kunſt wirklich auf ziem⸗ lich angenehme Weiſe an allem Wildpret.“ „Marquis, ich möchte bei Ihnen ſehen, daß Sie Geſchmack an der Fuchsjagd bekämen.“ „Warum das?“ „Weil ſie beſonders in England ſehr rührig iſt und weil, ich weiß nicht warum, ich allen Grund zu glauben habe, daß die Luft in England zu dieſer Stunde für Sie und Ihre beiden Töchtern vortreff⸗ lich ſein würde.“ „Bah!“ rief der Marquis halb aus dem Bett fahrend und ſich aufrecht ſetzend. „Es iſt, wie ich die Ehre habe Ihnen zu ſagen, mein Wirth.“ „Das bedeutet, Sie rathen mir eine zweite Emi⸗ gration; danke.“ „Wenn Sie eine kleine Vergnügungsreiſe Emi⸗ gration nennen wollen, ſo ſei es.“ „Mein lieber General, ich kenne dieſe kleinen 14* 212 Reiſen; es iſt ſchlimmer als eine Fahrt um die Welt; man weiß nicht, wann ſie anfangen und wann ſie aufhören. Und dann gibt es noch etwas, was Sie vielleicht nicht glauben werden.“ „Was?“ „Sie haben geſtern und noch dieſen Morgen geſehen, daß ich trotz meines Alters mich eines or⸗ dentlichen Appetits erfreue, und ich kann Sie ver⸗ ſichern, daß ich noch der erſten Indigeſtion gewärtig bin; ich eſſe Alles, ohne davon Beſchwerde zu „Nun, dieſen verteufelten engliſchen Nebel habe ich nie verdauen können; das iſt doch ſeltſam?“ „So gehen Sie in die Schweiz, gehen Sie nach Spanien, gehen Sie nach Italien, gehen Sie, wo⸗ hin Sie wollen, aber verlaſſen Sie Souday, ver⸗ laſſen Sie Machecoul, verlaſſen Sie die Vendée.“ „Ah!l ahl ah!“ „Ja. „Wir ſind alſo compromittirt?“ fragte der Mar⸗ quis halblaut, ſich luſtig die Hände reibend. „Wenn Sie es noch nicht ſind, ſo werden Sie es nicht lang anſtehen laſſen.“ „Endlich!“ rief der alte Edelmann ganz erfreut, denn er dachte, die Iniative der Regierung würde ohne Zweifel ſeine Glaubensgenoſſen zur Ergreifung der Waffen beſtimmen. „Spaſſen wir nicht,“ ſagte der General, wirklich eine ernſte Miene annehmend,„würde ich nur auf meine Pflicht hören, mein lieber Herr Marquis, ſo verberge ich Ihnen nicht, daß Sie zwei Wachen an auf den erſten Sprung um unſer Frühſtück zu ſpie⸗ — 213 Ihrer Thüre und einen Unterofficier hier ſitzend, wo ich mich jetzt befinde, hätten.“ „Hum, ſo?“ bemerkte der Marquis ein wenig ernſthafter. „Ach, mein Gott, ja; es iſt ſo, aber ich begreife Alles, was ein Mann Ihres Alters, gewohnt wie Sie an das thätige Leben, an die Luft der Wälder, in der engen Umkreiſung eines Kerkers zu leiden hätte, wo die Herrn vom Parkett*) Sie wahrſchein⸗ lich einſperren würden, und ich gebe Ihnen einen Beweis der theilnehmenden Freundſchaft, von der ich ſo eben ſprach, indem ich mich mit der Strenge meiner Pflichten abzufinden ſuche.“ „Aber wenn man Ihnen aus dieſer Abfindung ein Verbrechen machte, General?“ „Bah! glauben Sie denn, daß es mir an Ent⸗ ſchuldigungen fehlt? Ein ſiecher, halb ausgemergel⸗ ter, gelähmter Graubart, der die Colonne auf ihrem Marſch aufgehalten hätte.“ „Von wem ſprechen Sie und wen nennen Sie einen Graubart?“ fragte der Marquis. „Nun von Ihnen.“ „Ich, ein ſiecher, halb ausgemergelter, gelähm⸗ ter Graubart!“ rief der Marquis von Souday, mit ſeinem knochigen Bein halb unter der Decke vor⸗ fahrend;„ich weiß nicht, woran es hält, daß ich Ihnen nicht vorſchlage, einen der beiden Degen, die dort an der Wand hängen, herunterzunehmen und **) d. h. Staatsanwälte. ☛⏑——— 214 len, wie wir vor fünfundzwanzig Jahren gethan haben, als ich unter den Pagen war.“ „Ei, alter Knabe, Sie gehen ſo raſch darauf los, mich von dem Fehler, den ich begehe, zu über⸗ zeugen, daß ich genöthigt ſein werde, die beiden Soldaten zu rufen.“ 3 Und der General machte Miene ſich zu erheben. „Nicht doch,“ ſagte der Marquis,„nicht doch, Peſt! ich bin ſiech, ausgemergelt, nicht halb, ſondern ganz gelähmt; kurz, ich bin Alles, was Sie wollen.“ „ So laſſe ich mirs gefallen.“ „Aber wohlan, wollen Sie mich jetzt wiſſen laſ⸗ ſen, wie und wodurch ich mich compromittirt finden ſoll?“ „Fürs erſte durch Ihren Diener.“ „Ja.“ „Den Mann für die Füchſe.“ „Ich verſtehe wohl.“ „Ihr Diener, Jean Oullier, hat, was ich Ihnen geſtern Abend zu ſagen unterlaſſen habe, ſofern ich vorausſetzte, Sie wiſſen es ſo gut wie ich, Ihr Die⸗ ner Jean Oullier hat an der Spitze einer aufrühre⸗ riſchen Zuſammenrottung die Colonne, welche das Schloß umringen ſollte, auf dem Marſch aufzuhalten verſucht; in dieſem Verſuch hat er verſchiedene Colli⸗ ſionen herbeigeführt, wobei ich drei Mann verloren habe, ohne den zu rechnen, welchem ich ſein Recht angethan habe, und von welchem ich ſtark vermuthe, daß er aus Ihrer Gegend war.“ „Wie hieß er?“ „Francois Tinguy.“ „Still, General! reden Sie nicht ſo laut, aus vie Mitleid, ſeine Schweſter iſt hier, das junge Mäd⸗ chen, das uns bei Tiſch bedient hat; und ihr Vater iſt kaum unter dem Boden.“ „Ah! der Teufel hole die Bürgerkriege,“ ſagte der General;„macht nichts, ich hatte ihn ergriffen, Ihren Jean Ounllier, und er hat ſich gerettet.“ „Woran er wohl that, geſtehen Sie.“ „Ja, aber daß er mir nicht mehr unter die Klauen komme!“ „O, es hat keine Gefahr; nun er gewarnt iſt, ſtehe ich Ihnen für denſelben.“ „Um ſo beſſer, denn in Bezug auf ſeine Perſon bin ich nicht zur Nachſicht geneigt, wir haben nicht zuſammen über den großen Krieg geſprochen, wie mit Ihnen.“ „Er hat ihn jedoch mit mir durchgemacht und noch dazu tapfer, ich bürge Ihnen dafür.“. „Um ſo mehr Grund; es iſt ein Rückfall.“ „Aber General,“ fuhr der Marquis fort,„ich ſehe nicht ein, in wiefern das Benehmen meines Forſthüters mir ſo weit zur Laſt fällt.“ „Warten Sie doch; Sie haben mir geſtern Abend von Kobolden geſprochen, die Ihnen Alles erzählten, was ich von ſieben bis zehn Uhr gethan habe.“ „Ja.— „Nun, auch ich habe Kobolde, und die ſelbſt ſo viel werth als die Ihrigen ſind.“ „Daran zweifle ich.“ „Sie haben mir erzählt, was geſtern den ganzen Tag in Ihrem Schloß vorgegangen iſt.“ „Wir wollen ſehen,“ ſprach der Marquis mit ungläubiger Miene,„ich höre.“ 216 „Sie haben ſeit vorgeſtern auf Schloß Souday zwei Perſonen empfangen.“ „So, da halten Sie mehr, als Sie verſprochen haben; Sie verſprachen nur von geſtern auszugehen und fangen mit vorgeſtern an.“ „Dieſe zwei Perſonen waren ein Mann und eine Frau.“ Der Marquis ſchüttelte verneinend den Kopf. „Es ſei; ſetzen wir zwei Männer, wiewohl der eine derſelben von unſerem Geſchlecht nur die Klei⸗ der hatte.“ Der Marquis ſchwieg; der General fuhr fort: „Von dieſen zwei Perſonen hat die eine, die kleinere, den ganzen Tag im Schloß zugebracht; die andere iſt in der Umgegend herumgelaufen, um für den Abend ein Stelldichein verſchiedenen Edelleuten zu geben, deren Namen, wenn ich indiscret wäre, ich Ihnen angeben könnte, wie ich Ihnen beiſpiels⸗ weiſe den des Marquis von Bonneville nenne.“ Der Marquis ſchwieg; er mußte geſtehen oder lügen.— „Hernach?“ fragte er. „Jene Edelleute kamen einer nach dem andern; man verhandelte mehrere Fragen, deren wohlwol⸗ lendſte keineswegs den größten Ruhm, das größte Glück, die längſte Dauer der Juli⸗Regierung zum Zweck hatte.“ „Nun wohl! und wenn ich einige Nachbarn bei mir empfangen, wenn ich zwei Fremde aufgenommen hätte, wo iſt das Vergehen, General?“ „Das Vergehen beſteht nicht darin, daß Nachbarn zu Ihnen gekommen ſind; aber ein Vergehen iſt, 9.,·-——.—, 1: die die für ten ire, els⸗ dder ern; vol⸗ ößte zum bei men barn iſt, 217 daß dieſe Nachbarn eine Winkelverſammlung eröff⸗ net haben, bei welcher die Frage der Schilderhebung verhandelt wurde.“ „Wer wird es beweiſen?“ „Die Gegenwart der beiden Fremden.“ „Bah!“ ¹ „Ganz gewiß; denn von den beiden Fremden iſt der kleinere, der als Blondin oder vielmehr Blon⸗ dine nothwendiger Weiſe eine ſchwarze Perücke tra⸗ gen muß, weil er ſich verkleidet, nichts weniger als die Prinzeſſin Marie Caroline, welche Sie die Reichsregentin nennen, oder Ihre königliche Hoheit, der Frau Herzogin von Berry, wenn Sie dieſelbe nicht Petit⸗Pierre nennen.“* Der Marquis machte einen Satz in ſeinem Bett; der General war beſſer unterrichtet, als er ſelbſt, und was er ihm eben geſagt hatte, ein Lichſtrahl; er kannte ſich nicht mehr vor⸗ Freude darüber, daß er die Ehre gehabt hatte, die Frau Herzogin von Berry in ſeinem Schloſſe zu empfangen; aber zum Unglück war er, wie keine Freude auf dieſer Welt vollkommen iſt, genöthigt, ſein Vergnügen zurück⸗ zuhalten. „Hernach?“ fragte er. „Nun, hernach, während Sie an dem intereſ⸗ ſanteſten Theil der Unterhaltung waren, kam ein junger Menſch, dem man in Ihrem Lager zu be⸗ gegnen nicht erwarten durfte, um Ihnen zu melden, daß die Truppe gegen Ihr Schloß marſchire. Dann machten Sie, Herr Marquis, den Vorſchlag, Wider⸗ ſtand zu leiſten; läugnen Sie es nicht, ich weiß es gewiß; aber bald trat man der entgegengeſetzten 218 Anſicht beiz Ihre Fräulein Tochter, die welche bru⸗ nett iſt... „Bertha.“ „Fräulein Bertha ergriff eine Fackel, ging hin⸗ weg, und Jedermann außer Ihnen, Herr Marquis, der es wahrſcheinlich für geeignet hielt, ſich im Vor⸗ aus mit den neuen Gäſten zu beſchäftigen, welche der Himmel Ihnen ſchickte, Jedermann entfernte ſich mit ihr: ſie ſchritt über den Hof und der Kapelle zu; ſie öffnete die Thüre, ſie ging zuerſt hinein; ſie drückte rechts vom Altar auf eine Feder, welche in der linken Klaue des an der Vorderſeite des Altars eingehauenen Lammes verborgen iſt; ſie ſuchte eine Fallthüre ſpielen zu laſſen; die Feder, die wahr⸗ ſcheinlich ſeit langer Zeit ihren Dienſt nicht mehr gethan hatte, leiſtete Widerſtand; dann nahm ſie die Klingel, die zum Meſſeleſen dient, und deren Hand⸗ griff von Holz iſt und drückte ſie auf den Stahl⸗ knopf; das Täfelwerk wich dann aus einander und ließ eine Treppe ſehen, die in das Souterrain führte; Mademoiſelle Bertha nahm ſofort zwei Al⸗ tarkerzen, zündete ſie an und gab ſie zwei von ihren Begleitern; als Ihre Gäſte durch die Fall⸗ thüre eingetreten waren, ſchloß ſie dieſelbe über ihnen, und kehrte zurück, wie auch eine andere Per⸗ ſon, die jedoch nicht unmittelbar wieder ins Haus trat, ſondern vielmehr im Park herumirrte.“ „Und nun gehen wir zu den Flüchtlingen über.“ „Am Ende des Souterrains, das in die Ruinen jenes alten Schloſſes, welches man von hier erblickt, ausgeht, hatten ſie einige Mühe, ſich einen Weg durch die Steine zu bahnen; der eine von ihnen u⸗ 219 fiel ſogar; endlich ſtiegen ſie nach dem Hohlweg hinab, welcher ſich um den Park krümmt, und hiel⸗ ten eine Berathung; drei von ihnen ſchlugen wie⸗ der die Straße von Nantes nach Machecoul ein; zwei wandten ſich nach dem Querpfade, der nach Légé führt, und der ſechste und ſiebente haben ſich ab⸗ oder vielmehr aufgedoppelt.“ „Ei wohl, das iſt ein blaues Mährchen, das Sie mir da erzählen, General.“ „Warten Sie doch; Sie unterbrechen mich gerade an der intereſſanteſten Stelle; ich habe Ihnen alſo geſagt, daß der ſechste und ſiebente ſich aufdoppel⸗ ten, das heißt, der Größere nahm den Kleineren auf die Schultern und marſchirte bis zu einem klei⸗ nen Waſſerſtreifen, der ſich in den großen am Fuß der Geißſteige hinfließenden Bach ſtürzt, und meiner Treu, er iſt es, dem ich den Vorzug gebe, auf den ich demnach meine Hunde loslaſſen werde.“ „Aber noch einmal, General,“ rief der Marquis von Souday,„ich wiederhole Ihnen, das alles hat nur in Ihrer Einbildung exiſtirt.“ „Laſſen Sie doch, mein alter Feind; Sie ſind Weiſaagermaiſter nicht wahr?“ „ q.“* „Wohl, wenn Sie auf weichem Boden den net⸗ ten, gut ausgeſprochenen Fuß eines Keilers, eine blutige Fährte, wie es bei Ihnen heißt, ſehen, ſind Sie etwa geneigt, ſich überreden zu laſſen, daß die⸗ ſer Keiler nur ein Phantom von einem Wildſchweine iſt? Wohl, Das alles habe ich geſehen, Marquis, oder vielmehr geleſen.“ „Ah! Pardieu!“ rief der Marquis, ſich in ſeinem 220 Bett umdrehend, mit der bewundernden Neugierde eines Liebhabers,„Sie ſollen mir mittheilen, wie das zuging.“ „Sehr gern,“ antwortete der General;„wir haben noch eine halbe Stunde vor uns; laſſen Sie mir ein Stück Paſtete und eine Flaſche Wein her⸗ aufbringen und ich will Ihnen Alles zwiſchen zwei Biſſen erzählen.“ „Unter einer Bedingung.“ „Welcher?“ „Daß ich mit Ihnen halte.“ „So früh?“ „Weiß der wahre Appetit, was eine Uhr iſt?“ Der Marquis ſprang von ſeinem Bett herab, zog ſtehend ſeine Multonhoſen an, ſchlüpfte in ſeine Pantoffeln, klingelte, ließ einen Tiſch decken, auftra⸗ gen und ſetzte ſich dann mit fragender Miene vor den General. Der General, auſgefordert, ſeine Beweiſe vor⸗ zulegen, begann mit folgenden Worten und wie er geſagt hatte, zwiſchen zwei Biſſen. Er war ein guter Erzähler, aber noch ein beſſe⸗ rer Eſſer, der General. XXXVII. Worin bewieſen wird, daß die Spinnengewebe nicht blos für die Mücken falſch und gefährlich ſind. „Sie wiſſen, mein lieber Marquis,“ ſprach der General in Form einer Einleitung,„daß ich Ihnen durchaus nicht Ihre Geheimniſſe abfrage, und ich vie vir Sie er⸗ vei bin ſo vollkommen gewiß, ſo tief überzeugt, Alles iſt vorgegangen, wie ich behaupte, daß ich Ihnen erlaſſe, mir zu ſagen, ob ich mich täuſche oder nicht. Es liegt mir blos daran, Ihnen zu beweiſen, aus Eigenliebe, daß wir eine ebenſo feine Naſe in un⸗ ſerem Lager, als Sie in Ihren Banden haben; eine kleine eitle Satisfaction, die ich mir geben will, das iſt Alles.“ „Nun, machen Sie ſchnell, ſchnell,“ rief der Marquis, ſo ungeduldig, als wenn Jean Oullier ihm ſagen wollte, bei ſchönem Schnee, daß er die Spur eines Wolfs aufgefunden habe. „Beginnen wir mit dem Anfang. Ich wußte, daß der Graf von Bonneville in der vorgeſtrigen Nacht bei Ihnen angekommen war, gefolgt von einem kleinen Bauern, welcher wie eine als Mann verkleidete Frau ausſah und unſerer Vermuthung nach Madame war. Das iſt einé Extrahoffnung, die ich in meinem Inventar nicht figuriren laſſe,“ ſetzte der General hinzu. „Sie haben Recht. Puh!“ ließ der Marquis hören. „Aber indem ich in eigener Perſon hier an⸗ kam, wie wir ſagen, wir Militärs in unſerem Bul⸗ letin⸗Franzöſiſch, hatte ich, ohne im Mindeſten durch den Sturm von Höflichkeiten, dem Sie uns aus⸗ ſetzten, aufgehalten zu ſein, bereits, wie Sie geſte⸗ hen werden, zwei Dinge bemerkt.“ „Laſſen Sie ſehen, welche?“ „Fürs Erſte waren von den zehn Couverts, die aufgelegt wurden, fünf Servietten bereits zuſammen⸗ gewickelt, als gewöhnlichen Gäſten des Schloſſes an⸗ gehörig, was im Fall eines Proceſſes, mein lieber 222 Marquis, vergeſſen Sie das nicht, ein außerordent⸗ lich mildernder Umſtand wäre.“ „Wie ſo?“ „Ganz gewiß; hätten Sie die wirkliche Bedeu⸗ tung Ihrer Gäſte gekannt, würden Sie geduldet haben, daß dieſelben ihre Servietten, zuſammen⸗ wickeln, wie einfache Landnachbarn? Nein, nicht wahr? Die Nußbaumſchränke vom Schloß Souday ſind nicht ſo dürftig mit Leinwand verſehen, daß die Frau Herzogin von Berry nicht bei jedem Mahl ihre friſche Serviette haben könnte. Ich bin alſo verſucht zu glauben, daß die blonde, unter einer ſchwarzen Perücke vermummte Dame nichts weiter als ein kleiner brauner Junge war.“ „Nur zu, immer zu,“ ſprach der Marquis, ſich einem Scharfſinn gegenüber, der dem ſeinigen ſo überlegen war, auf die Lippen beißend. „Aber ich gedenke nicht, mich länger dabei zu verweilen,“ erwiderte der General.„Ich bemerkte alſo fünf zuſammengewickelte Servietten, was mir den Beweis lieferte, daß das Diner nicht ſo ſehr für uns gerichtet war, wie Sie uns wohl gkauben laſſen wollten, ſondern daß Sie uns ganz einfach unter Anderem die Schüſſeln des Herrn von Bon⸗ neville und ſeines Begleiters, welche nicht für gut fanden, uns zu erwarten, vorgeſetzt hatten.“ „Und nun die zweite Bemerkung?“ fragte der Marquis. „Iſt die, daß Mademoiſelle Bertha, die ich für ein reinliches und ſorgfältiges Mädchen halte und auch wirklich nehme, ſonderbarer Weiſe, als ich die Chre hatte, ihr vorgeſtellt zu werden, mit Spinnen⸗ geweben bedeckt war; ſie hatte dergleichen ſogar in ihren ſchönen Haaren.“ „Dann?“ „Dann ſuchte ich, überzeugt wie ich war, daß ſie dieſen Kopfſchmuck nicht aus Koketterie angenom⸗ men hatte, dieſen Morgen ohne Weiteres nach dem Ort im Schloſſe, der am reichlichſten mit den Ar⸗ beitserzeugniſſen dieſer intereſſanten Inſecten ver⸗ ſehen war.“ „Und Sie haben ihn entdeckt?“ „Meiner Treu! es macht Ihren religiöſen Em⸗ pfindungen, wenigſtens in deren Praxis, keine Ehre, mein lieber Marquis, denn ich habe entdeckt, daß dieß gerade die Thüre Ihrer Kapelle war, die Thüre, woran ich ein Dutzend bemerkte, die mit unglaub⸗ lichem Eifer daran arbeiteten, die Verwüſtung zu beſeitigen, welche man vergangene Nacht in ihren Netzen angerichtet hatte, ein Eifer, der ihnen durch das Vertrauen eingeflößt wurde, daß die Oeffnung der Thüre, wo ſie ihre Werkſtätte aufgeſchlagen hatten, nur ein Zufall war, der zu keiner Annahme einer Erneurung berechtigte.“ „Das ſind, wie Sie zugeben werden, mein lie⸗ ber General, ein wenig unbeſtimmte Indicien.“ „Ja; aber wenn Ihr Spürhund die Naſe im Wind trägt, indem er leicht am Hängeſeil zieht, iſt es nicht noch ein unbeſtimmteres Anzeichen, nicht wahr? Und doch ſtreifen Sie auf dieſes Anzeichen hin ſorgfältig und ſelbſt ſehr ſorgfältig durch das Gehölz!“ „Gewiß,“ ſagte der Marquis, der ſich immer mehr für die Handlung intereſſirte. 224 „Nun wohl, das iſt auch mein Syſtem, und in Ihren Alleen, wo der Sand weſentlich fehlt, Mar⸗ quis, entdeckte ich ſehr bedeutſame Spuren.“ „Schritte von Männern und Frauen,“ entgeg⸗ nete der Marquis,„ſo! dergleichen gibt es überall.“ „Nein, und es gibt nicht überall Schritte, ge⸗ rade nach der Zahl der Schauſpieler, die ich in dieſem Augenblick auf der Scene vermuthete, ange⸗ häuft, und Schritte von Leuten, die nicht gehen, ſondern welche laufen und gleichzeitig laufen.“ „Aber woran haben Sie erkannt, daß dieſe Perſonen liefen?“ „Ah, Marquis! das iſt das ABC des Hand⸗ werks.“ „Nun, ſagen Sie es immer.“ „Weil ſie die Fußſpitze mehr als die Ferſe ein⸗ ſenkten und weil die Erde hinten zurückgeworfen war. Iſt es ſo, Herr Wolfsjägermeiſter?“ „Gut!“ erwiderte der Marquis mit Kennermiene. „Darauf unterſuchte ich dieſe Abdrücke; es wa⸗ ren Männerfüße von allen Formen: Stiefel, Halb⸗ ſtiefel, genagelte Schuhe, dann mitten unter allen dieſen Mannstritten ein winziger und feiner Frauenfuß, ein Aſchenbrödelfuß, ein Fuß, zum Kaſendwerden für die Andaluſierinnen von Cordova bis Cadix, trotz der Nagelſchuhe, welche ihn ein⸗ ſchloßen.“ „Machen Sie weiter, weiter!“ „Und warum?“ „Weil Sie ſich, wenn Sie noch einen Augen⸗ blick dabei ſtehen bleiben, in dieſen Nagelſchuh ver⸗ lieben werden.“ ——————,————— — meiner geringen Kenntniß Parade machen zu laſſen. Der famoſe kleine Fuß mit dem Nagelſchuh, der kleine Fuß, den ich ſo ſehr in Affection genommen habe, der mir weder Raſt noch Ruhe laſſen will, bis ich ihn wieder gefunden habe, dieſer hübſche kleine Fuß, nicht länger als ein Kinderfuß, nicht breiter als meine zwei Finger, ich habe bei ihm noch nicht Hourvari gemacht wie bei dem von Ma⸗ demoiſelle Bertha; ich ſah ihn im Souterrain, dann wieder in dem Hohlweg hinter den Ruinen, auf der Stelle, wo man Halt machte und ſich berieth, was an dem zerſtampften Boden leicht zu erkennen war; er zeigt ſich noch einmal in der Richtung nach dem kleinen Bach, dann verſchwand er auf einmal an einem großen Stein, welchen der Regen hätte wa⸗ ſchen müſſen, den ich aber im Gegentheil mit Koth befleckt fand. Von dieſem Augenblicke ſetze ich, da die Hippogryphen unſerem Jahrhundert nicht mehr angehören, voraus, daß Herr von Bonneville ſei⸗ nen jungen Begleiter auf die Schulter nahm; über⸗ dieß hat der Schritt des beſagten Herrn von Bonne⸗ ville ſich ſehr ſchwer gemacht. Es iſt nicht mehr der⸗ jenige eines jungen, friſchen, fröhlichen Mannes, wie wir in ſeinem Alter waren, Marquis. Sie erinnern ſich doch der Bachen, wenn dieſelben trächtig ſind und ihr Gewicht durch das, welches ſie tragen, vermehrt iſt? nun wohl, ihre Schaalen legen ſich, anſtatt in die Erde zu ſtechen, platt und gehen aus einander. Von dem Steine an iſt es gerade ſo mit dem Fuße des Herrn von Bonneville.“ „Aber Sie haben etwas vergeſſen, General.“ „Ich glaube nicht.“ 15* 228 „O! ich laſſe Ihnen keinen Buchſtaben davon nach. Was kann Ihnen glaublich machen, daß Herr von Bonneville den ganzen Tag herumgelau⸗ fen iſt, um Nachbarn zur Berathung zu berufen?“ „Sie haben mir ſelbſt geſagt, daß Sie nicht ausgegangen ſind.“ „Nun wohl?“ „Wohl, Ihr Pferd, Ihr Lieblingspferd, nach dem, was mir das artige Mädchen, das den Zügel des meinigen aufnahm, geſagt hat, Ihr Lieblingspferd, das ich im Stall ſah, als ich dorthin ging, um mich zu überzeugen, daß mein Bucephalus ſein Futter habe, war bis zum Widerriſt herauf mit Koth bedeckt. Nun haben Sie Ihr Pferd Niemand anvertraut als einem Mann, für den Sie alle Ach⸗ tung hatten.“ „Gut; noch eine Frage!“ „O, nur zu; ich bin da, Ihnen zu antworten.“ „Was läßt Sie annehmen, daß der Begleiter des Herrn von Bonneville die erhabene Perſon ſei, die Sie ſo eben bezeichneten?“ „Fürs Erſte, weil man dieſelbe überall und im⸗ mer den Andern vorangehen läßt und die Steine wegräumt, daß ſie gehen kann.“ „Erkennen Sie auch am Fuß, ob der oder die Vorübergehende blond oder brunett iſt?“ „Nein; aber ich erkenne es an etwas Anderem.“ „Woran? laſſen Sie ſehen, das ſoll meine letzte Frage ſein, und wenn Sie darauf antworten, gut, ſo..“ „Gut... was?“ „Nichts. Fahren Sie fort.“ 229 „Nun, mein lieber Marquis, Sie haben mir die Ehre angethan, gerade das Zimmer, welches geſtern der Begleiter des Herrn von Bonneville inne hatte, mir anzuweiſen.“ „Ja, ich habe Ihnen dieſe Ehre angethan. Hernach?“ „Eine Ehre, wofür ich vollkommen dankbar bin; und hier iſt ein hübſcher, kleiner Schildkrotkamm, den ich am Fuß des Bettes gefunden habe. Geſtehen Sie, lieber Marquis, daß dieſer Kamm zu kokett iſt, um einem kleinen Bauern anzugehören; außer⸗ dem enthielt er und enthält noch aſchblondes Haar, das nicht im Geringſten das Goldblond Ihrer zwei⸗ ten Tochter iſt, der ‚einzigen Blondine, die es in Ihrem Hauſe gibt.“ „General!“ rief der Marquis von ſeinem Stuhl aufſpringend und ſeine Gabel in das Zimmer wer⸗ fend,„General, laſſen Sie mich verhaften, wenn es Ihnen gut dünkt, aber ich ſage Ihnen einmal für hundert Mal, einmal für tauſend Mal, ich gehe nicht nach England. Nein, nein, ich gehe nicht.“ „Ol o! Marquis, welche Fliege ſticht Sie?“ „Nein; Sie haben meinen Nacheifer angeſpornt, meine Eigenliebe geſtachelt; zum Teufel! wenn Sie nach dem Feldzug nach Souday kommen, wie Sie mir verſprachen, ſo habe ich Ihnen nichts zu er⸗ zählen, das Ihren Geſchichten zum Seitenſtück die⸗ nen könnte.“ „Hören Sie, mein alter guter Feind,“ ſprach der General,„ich habe Ihnen mein Wort gegeben, Sie nicht feſtzunehmen, dießmal wenigſtens; dieſes Wort werde ich, was Sie auch thun oder vielmehr 230 gethan haben, halten; aber ich beſchwöre Sie um der Theilnahme willen, die Sie mir einflößen, um Ihrer reizenden Töchter willen, handeln Sie nicht mehr unbedachtſamer Weiſe, und wenn Sie Frank⸗ reich nicht verlaſſen wollen, ſo halten Sie ſich we⸗ nigſtens ruhig zu Hauſe.“ „Und warum?“ „Weil die Erinnerungen an die beroſcen Zei⸗ ten, welche Ihnen das Herz klopfen machen, nichts als Erinnerungen ſind; weil Sie die Aufregungen edler und großer Thaten, die Sie wieder aufleben zu ſehen wünſchen, nicht mehr finden werden; weil die Zeit großer Degenſtöße, unbedingter Aufopfe⸗ rungen, erhabener Todesarten vorüber iſt. O! ich habe ſie gekannt und gut gekannt, dieſe ſo lang unzähmbare Vendée, ich kann es ſagen,“ fuhr der General fort, an ſeine Uniform ſchlagend,„ich, den ſie mit ihrem Schwert glorreich an der Bruſt ge⸗ zeichnet hat, und ſeit einem Monat, da ich wieder mitten in ihr und bei Ihnen bin, da ſuche ich ſie vergeblich und finde ſie nicht wieder. Zählen Sie, mein armer Marquis, zählen Sie die wenigen jun⸗ gen Leute mit abenteuerlichem Herzen, welche den Gefahren eines Kampfes mit gewaffneter Hand die Stirne bieten wollen, zählen Sie die heroiſchen Alten, welche gleich Ihnen finden, daß, was 1793 eine Pflicht war, es noch 1832 iſt, und ſehen Sie, ob ein ſo ungleicher Kampf nicht ein unſinniger Kampf iſt.“ „Er wird darum, weil er thöricht iſt, nicht we⸗ niger ruhmvoll ſein, mein lieber General,“ rief der Marquis mit einer Exaltation, welche ihn die ͤSͤ Sͤ S ͤA& SNASSSSS ſ N AN.— 8——y X8*NA A—— aK——— 80 N — N politiſche Stellung ſeines Gegenredners gänzlich ver⸗ geſſen ließ. „Nein, er wird nicht einmal ruhmvoll ſein Alles was geſchieht, Sie werden ſehen, erinnern Sie ſich deſſen, was ich Ihnen vorausſage, ehe etwas angefangen hat, Alles was geſchieht, wird blaß, matt, armſelig, verkrüppelt ſein, und das, mein Gott! bei uns wie bei Ihnen; bei uns wer⸗ den Sie Niederträchtigkeiten, unedle Verräthereien finden; auf Ihrer Seite egoiſtiſche Vergleiche, klein⸗ liche Feigheiten, die Ihnen einen Stich ins Herz geben, die Sie tödten werden, Sie, den die Kugeln der Blauen reſpectirt haben.“ „Sie ſehen die Dinge als Parteigänger der be⸗ ſtehenden Regierung an, General,“ erwiderte der Marquis;„Sie vergeſſen, daß wir ſelbſt in Ihren Reihen Freunde zählen, und daß auf ein Wort, das wir ſagen, das ganze Land ſich wie ein Mann erheben wird.“ Der General zuckte die Achſeln. „Zu meiner Zeit, mein alter Kamarad,“ ſprach er,„erlauben Sie mir, Ihnen dieſen Titel zu geben, war Alles, was blau war, blau, Alles was weiß war, weiß. Es gab auch Rothes, aber das war nur der Henker und die Guillotine; reden wir nicht davon. Sie hatten keine Freunde in unſeren Reihen, wir zählten deren in den Ihrigen, und darum waren wir gleich ſtark, gleich groß, gleich ſchrecklich. Auf ein Wort von Ihnen wird ſich die Vendée erheben, ſagen Sie? Falſch; die Vendée, die ſich 1795 in der Hoffnung auf die Ankunft eines Prinzen, an deſſen Wort ſie glaubte und der 232 ihr nicht Wort hielt, den Hals abſchneiden ließ, wird ſich ſelbſt beim Anblick der Herzogin von Berry nicht rühren. Ihre Bauern haben den politiſchen Glauben verloren, der die Menſchencoloſſe empor⸗ hebt, gegen einander treibt, auf einander ſtoßt, bis ſie in Blutmeeren untergehen; jenen religiöſen Glauben, der die Märtyrer erzeugt und fortpflanzt. Wir andern, mein armer Marquis, wir andern be⸗ ſitzen nothwendiger Weiſe ebenſo wenig mehr jenen Feuereifer für Freiheit, Fortſchritt und Ruhm, wel⸗ cher die alte Welt erſchüttert und die Helden groß⸗ zieht. Der Bürgerkrieg, welcher beginnen wird, wenn es anders ein Bürgerkrieg iſt, wenn er an⸗ ders beginnt, wird ein Krieg ſein, in welchem der Rechenknecht die Taktik vorzeichnet, ein Krieg, wo ſich nothwendig der Sieg auf die Seite der größten Bataillons und der vollſten Geldſäcke ſtellen wird, und deßhalb ſagte ich Ihnen, zählen Sie wohl, zählen Sie lieber zweimal als einmal, ehe Sie ſich an jener glänzenden Thorheit betheiligen.“ „Sie irren ſich, noch einmal, Sie irren ſich, General; die Soldaten werden uns nicht fehlen, und glücklicher als einſt, werden wir ein Oberhaupt haben, deſſen Geſchlecht die Furchtſamſten elektriſiren, alle Aufopferungen vereinigen, allen ehrgeizigen Beſtrebungen Stillſchweigen auferlegen wird.“ „Arme tapfere junge Frau, armer poetiſcher Geiſt,“ ſprach der alte Soldat mit einem Accent tiefen Mitleids und die benarbte Stirne auf die Bruſt ſinken laſſend;„im nächſten Augenblick wird ſie keinen ergrimmteren Feind haben, als mich; aber während ich noch in dieſem Zimmer, auf dieſem ——ͤ. ͤͤ—————— ‿ᷣ ² 2— — 8NS — 8⁸——8SuXAN AR —— — ————— —.— 233 neutralen Terrain bin, laſſen Sie mich Ihnen ſa⸗ gen, wie ſehr ich deren Entſchloſſenheit, deren Muth, deren Beharrlichkeit und Feſtigkeit bewundere, aber wie ſehr ich ſie zu gleicher Zeit beklage, daß ſie in einer Zeit geboren iſt, die zu ihrem Wuchs nicht mehr taugt. Sie iſt vorüber, Marquis, die Zeit, wo Johanna von Montfort nur mit ihrem beſporn⸗ ten Fuß auf den alten Boden der Bretagne zu ſtampfen brauchte, um völlig bewaffnete Kämpfer hervorſpringen zu laſſen. Marquis, behalten Sie es wohl, um es der armen Frau wieder zu ſagen, wenn Sie dieſelbe ſehen, was ich ihr heute voraus⸗ verkündige. Dieſes edle Herz, muthiger noch, als das der Gräſin Johanna war, wird zum Preiſe für ihre Verleugnung, ihre Energie, ihre Aufopferung, den erhabenen Aufſchwung der Empfindungen der Fürſtin und Mutter nichts als Gleichgültigkeit, Un⸗ dank, Feigheit, Widerwillen, Treuloſigkeit aller Art erndten.... und nun, mein lieber Marquis, Ihr letztes Wort?“ „Mein letztes Wort iſt dem erſten gleich.“ „Dann wiederholen Sie es.“ „Ich gehe nicht nach England.“ „Laſſen Sie einmal ſehen,“ fuhr der General fort, dem Marquis in das Weiße der Augen ſchau⸗ end und ihm die Hand auf die Schulter legend, „Sie ſind ſtolz wie ein Gaſconier und ein vollkom⸗ mener Vendéer; Ihre Einkünfte ſind gering, ich weiß es. O, halt! runzeln Sie nicht die Stirne und laſſen Sie mich vollenden, was ich zu ſagen habe. Zum Teufel! Sie wiſſen wohl, daß ich Ih⸗ 234 nen Nichts anbieten würde, als was ich ſelbſt an⸗ nähme.“ Die Phyſiognomie des Marquis nahm ihren er⸗ ſten Ausdruck wieder an. „Ich ſagte alſo, Ihre Einkünfte ſeien gering, und in dieſem verwünſchten Lande iſt Einkünfteha⸗ ben, ſie ſeien gering oder beträchtlich, noch nicht alles, man muß ſie auch zum Eingehen bringen. Nun! laſſen Sie einmal ſehen, wenn es Geld iſt, was Ihnen fehlt, um über den Kanal zu ſetzen und in einem Winkel Englands ein hübſches, kleines Landhaus zu beziehen, ich bin nicht reicher, ich habe nur meinen Sold, aber er hat mir dazu gedient, einige hundert Louisdor auf die Seite zu ſchaffen; von einem Kamaraden läßt ſich Das annehmen; wollen Sie dieſelben? Nach dem Frieden, wie Sie ſagen, geben Sie mir dieſelben zurück.“ „Genug, genug,“ ſprach der Marquis,„Sie kennen mich erſt ſeit geſtern und behandeln mich wie einen Freund ſeit zwanzig Jahren.“ Der alte Vendéer kratzte ſich hinter dem Ohr und fragte dann, wie mit ſich ſelbſt redend: „Wie, zum Teufel! kann ich mich je für das, was Sie für mich thun, erkenntlich beweiſen?“ „Sie nehmen alſo an?“„ „Nein, nein; ich lehne es ab.“ „Aber Sie reiſen?“ „Ich bleibe.“ „Dann behüte Sie Gott und erhalte Sie geſund!“ ſprach der alte General, der mit ſeiner Geduld am Ziele war.„Nun iſt es wahrſcheinlich, daß der Zufall, der Teufel hole ihn! uns noch einmal ein⸗ 23⁵ ander gegenüber ſtellt, wie es vor Jahren geſche⸗ hen; nur kenne ich Sie jetzt; und wenn es ein Handgemenge gibt, wie vor ſechsunddreißig Jahren das bei Laval, ha! ſo werde ich Sie ſuchen, ich ſchwöre es Ihnen.“ „Und ich auch!“ rief der Marquis.„Hal ich verſpreche Ihnen, daß ich Sie mit aller Kraft mei⸗ ner Lungen rufen werde; ich werde ebenſo erfreut als ſtolz ſein, allen dieſen Gelbſchnäbeln zu zeigen, was die Männer des großen Krieges waren.“ „Horch, da ruft die Trompete; Adieu alſo, Marquis, und Dank für Ihre Gaſtfreundſchaft.“ „Auf Wiederſehen, General, und Dank für eine Freundſchaft, die ich, wie mir noch zu beweiſen ſteht, theile.“ Die beiden Alten drückten ſich die Hand; der General ging ab. Der Marquis kleidete ſich an und ſah durch das Fenſter die kleine Colonne vorbeimarſchiren, welche die Allee hinauf nach dem Walde zog; hundert Schritte vom Schloß commandirte der General rechts um! dann ſein Pferd anhaltend, warf er noch einen letzten Blick nach den kleinen ſpitzigen Thürmchen der Wohnung ſeines neuen Freundes; er bemerkte dieſen, warf ihm mit der Hand ein letztes Lebewohl zu und ſchloß ſich dann umwendend ſeinen Solda⸗ ten an. Im Augenblick, wo der Marquis von Souday, nachdem er ſo lang als möglich das kleine Detache⸗ ment und deſſen Commandirenden mit den Augen verfolgt hatte, ſich vom Fenſter zurückzog, hörte er leicht an einer Thüre, welche in ſeinen Alkov ging 236 und durch ein Cabinet mit der Geſindetreppe in Verbindung ſtand, kratzen. b Teufel kann da kommen?“ fragte er ſich elbſt. Und er ging hin, um den Riegel zurückzuſchieben. Die Thüre ging ſogleich auf und er erkannte Jean Oullier. „Jean Oullier!“ rief er mit einem Ton wahr⸗ hafter Freude,„Du, da biſt Du, mein braver Jean Oullier; ha! meiner Treu, der Tag kündigt ſich un⸗ ter glücklichen Auſpicien an.“ Und er ſtreckte beide Hände dem alten Wildhü⸗ ter entgegen, der ſie mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck von Dankbarkeit und Reſpect drückte. Dann ſuchte Jean Oullier, ſeine Hand losma⸗ chend, in ſeiner Taſche und überreichte ihm ein gro⸗ bes, aber in Form eines Briefs zuſammengefaltetes Papier. Der Marquis von Souday nahm es, öffnete und las. Je weiter er las, deſto mehr erhellte ſich ſein Geſicht in unausſprechlicher Freude. „Jean Oullier,“ ſprach er,„rufe die Mädchen; verſammle alle Welt; nein verſammle Niemand, aber putze meinen Degen, meine Piſtolen, meinen Karabiner, mein ganzes Kriegszeug; gib Triſtan Hafer; der Feldzug eröffnet ſich, mein lieber Jean Hullier, er eröffnet ſich! Bertha! Mary! Bertha!“ Auf den Ruf des Marquis waren die beiden Nädchen herbeigeeilt. Mary hatte rothe und geſchwollene Augen. Bertha war ſtrahlend. — RK Oo N A „Mädchen, Mädchen,“ ſprach der Marquis,„hier ſeht Ihr, hier; kommt mit mir; les't, les't lieber.“ Und er reichte Bertha den Brief, den er eben von Jean Oullier empfangen hatte. Dieſer Brief lautete folgendermaßen: „Herr Marquis von Souday!.. „Es iſt in der Sache von König Heinrich V. von Nutzen, daß Sie den Augenblick der Waffener⸗ greifung um einige Tage beſchleunigen; wollen Sie alſo ſo viel als möglich ergebene Männer in der Diviſion, wo Sie das Commando haben, ſammeln und ſich wie jene, aber vornehmlich ſich zu meiner unmittelbaren Dispoſition bereit halten.. „Ich glaube, daß zwei Amazonen mehr in un⸗ ſerer kleinen Armee die Liebe und das Selbſtge⸗ fühl unſerer Freunde zugleich anſpornen könnten, und ich bitte Sie, Herr Marquis, mir gefälligſt Ihre beiden ſchönen und reizenden Jägerinnen als Adjutanten zu geben. Ihr wohlaffectionirter. Petit⸗Pierre.“ „Alſo brechen wir auf?“ fragte Bertha. „Parbleu!“ entgegnete der Marquis.. „Dann erlaube mir, Vater,“ ſagte Bertha,„Dir einen Rekruten vorzuſtellen.“ „Immer.“ Mary blieb ſtumm und unbeweglich.. Bertha ging hinaus und kehrte nach einigen Minuten mit Michel an der Hand zurück. „Der Herr Baron Michel de La Logerie,“ ſprach das Mädchen, dieſen Titel betonend;„welcher Dir, Vater, zu beweiſen begehrt, daß Seine Majeſtät Ludwig XVIII. keinen Fehlgriff that, als den Adel zuerkannte.“ Der Marquis, welcher bei dem Namen Michel die Stirne gerunzelt hatte, ſuchte eine freundlichere Miene anzunehmen. „Ich werde mit Intereſſe den Beſtrebungen fol⸗ gen, welche M. Michel anwendet, um zu dieſem Ziele zu gelangen,“ antwortete er endlich. Und er ſprach dieſe nuchternen Worte in einem Ton aus, wie ihn etwa Napoleon am Vorabend der Schlacht von Marengo oder Auſterlitz hätte an⸗ nehmen können. Ende des zweiten Theils. ffffffffffen 14 15 16