) 4 2 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmaun in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfe fangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für mochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 1— 9— 5. Auswärtige Abonnenten haben für 8 n⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Ge fahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Iſt es Dir einmal zufällig, lieber Leſer, begeg⸗ net, eine Reiſe von Nantes nach Bourgneuf zu machen, ſo haſt Du bei der Ankunft in Saint⸗Phil⸗ bert, ſo zu ſagen, die ſüdliche Ecke des See's von Grandlieu abgeſtoßen und im Verfolg Deines Wegs nach ein⸗ oder zweiſtündigem Marſche, je nachdem Du zu Fuß oder Wagen wareſt, die erſten Bäume des Waldes von Machecoul erreicht. Hier mußteſt Du links am Wege in einer gro⸗ ßen Baumgruppe, die zu dem Walde zu gehören ſcheint, wovon ſie nur durch die Landſtraße geſchie⸗ den iſt, die ſcharfen Spitzen zweier dünnen Thürm⸗ chen und das gräuliche Dach eines kleinen, mitten unter den Blättern verlorenen Schloſſes wahr⸗ nehmen. Die riſſigen Mauern dieſes Cdelſitzes, ſeine zer⸗ brochenen Fenſter, ſeine von wilden Schwertlilien und Schmarotzermooſen zernagte Bedachung geben ihm ungeachtet ſeiner feudalen Pretentionen und der beiden es flankirenden Thürme ein ſo ärmliches Ausſehen, daß es gewiß bei keinem derer, welche es im Vorbeigehen betrachten, einen lüſternen Wunſch erregen würde, ohne ſeine köſtliche Lage im 1 Angeſicht der hundertjährigen Stämme des Waldes von Machecoul, deſſen grüne Wogen, ſo weit das Auge reicht, zum Horizont emporſteigen. Im Jahr 1831 war dieſes kleine Schloß Eigen⸗ thum eines alten Edelmannes, Namens Marquis von Souday, und hieß nach ſeinem Beſitzer Schloß Souday. Machen wir die Bekanntſchaft des Eigenthümers, nachdem wir das Schloß kennen gelernt haben. Der Marquis von Souday war der einzige Re⸗ präſentant und letzte Erbe eines alten, erlauchten Hauſes der Bretagne, denn der See Grandlieu, der Wald Machecoul, die Stadt Bourgneuf, in der Ge⸗ gend Frankreichs gelegen, die heutzutage das De⸗ partement der Nieder⸗Loire begreift, bildeten ſonſt einen Theil der Provinz Bretagne, ehe Frankreich in Departements getrennt wurde. Seine Familie war einſt einer jener feudalen Bäume mit uner⸗ meßlichen Aeſten geweſen, deren Schatten ſich über eine ganze Provinz erſtreckte. Aber die Vorfahren des Marquis hatten, ſich in Koſten ſtürzend, um mit Würde in die Karroſſen des Königs ſteigen zu können, ihn allmälig mit ſolchem Erfolg abgeäſtet, daß das Jahr 1789 ſehr gelegen kam, um den Um⸗ ſturz des wurmſtichigen Throns durch die Hand eines Huiſſier zu verhindern, indem es ihm ein ſei⸗ nes Ruhmes würdigeres Ende vorbehielt. Als die Stunde der Baſtille ſchlug, als der alte Kerker der Könige, den Einſturz des Königthums ſelbſt weiſſagend, zu Boden ſank, war der Marquis von Souday bereits Erbe, wenn nicht der Güter, denn es war davon nichts als der kleine, von uns — 5 erwähnte Edelſitz übrig geblieben, doch des Namens ſeines Vaters, erſter Page Seiner Königl. Hoheit, des Grafen von Provence. Mit 16 Jahren, dieß war das Alter, worin da⸗ mals der Marquis ſtand, ſind die Ereigniſſe nichts als Zufälligkeiten: außerdem war es ſchwer, an dem epikuräiſchen, voltairiſchen und conſtitutionellen Hof von Luxembourg, wo der Egoismus ſich nach Belieben ausdehnen konnte, nicht in tiefe Sorgloſig⸗ keit zu verſinken. Es war der junge Marquis, welcher auf den Grdve⸗Platz geſandt worden, um den Moment ab⸗ zupaſſen, wo der Henker Favras den Strick um den Hals legen und wo dieſer, ſeinen letzten Seufzer ausſtoßend, damit Seiner Königlichen Hoheit die einen Augenblick geſtörte Ruhe wieder geben würde. Er war eiligen Laufs nach dem Luxembourg zu⸗ rückgekehrt, um zu melden: „Monſeigneur, es iſt geſchehen!“ Und Monſeigneur hatte mit ſeiner hellen und ſchwächlichen Stimme geſagt: „Zur Tafel, meine Herren, zur Tafel.“ Und man hatte ſoupirt, als ob nicht eben ein braver Edelmann, der freiwillig das Leben für Seine Hoheit geopfert hatte, wie ein Mörder und Vaga⸗ bond gehängt worden wäre. Dann waren die erſten düſtern Tage der Re⸗ volution, die Veröffentlichung des rothen Buchs, der Rücktritt Neckers, der Tod Mirabeau's gekommen. Eines Tags, den 22. Februar 1791, war eine große Volksmenge herbeigeſtrömt und hatte das Luxembourg umringt. Es handelte ſich von umlaufenden Gerüchten; Monſieur, ſagte man, wolle fliehen und ſich an die Emigranten, welche ſich am Rhein ſammelten, an⸗ ſchließen. Aber Monſieur zeigte ſich auf dem Balkon und legte einen feierlichen Eid ab, den König nicht zu verlaſſen. Und wirklich, am 21. Juni reiste er mit dem Könige ab, ohne Zweifel um ſeinem gegebenen Wort, bei demſelben zu bleiben, nicht untreu zu werden. Er verließ ihn jedoch und zu ſeinem Glück, denn er kam ruhig mit ſeinem Reiſegeſellſchafter, dem Marquis von Avaray, an der belgiſchen Grenze an, während Ludwig XVI. zu Varennes verhaftet wurde. Unſer Page hielt zu ſehr auf den Ruf eines jungen Mannes nach der Mode, um in Frankreich zu bleiben, wo doch die Monarchie ihrer eifrigſten Vertheidiger bedürfen ſollte. Er emigrirte alſo ſei⸗ nerſeits auch und langte, da Niemand auf einen Pagen von 18 Jahren achtete, ohne Unfall zu Coblenz an und half den Cadre der Musketiere, welche ſich jenſeits des Rheins unter dem Commando des Marquis von Montmorin wieder bildeten, ver⸗ vollſtändigen. Während der erſten Gefechte hielt er ſich wacker mit den drei Condé und wurde vor Thionville verwundet. Dann erfuhr er, nach vielen Täuſchungen, die ſchwerſte von allen, durch Verab⸗ ſchiedung der Corps der Emigrirten, eine Maßregel, welche ſo vielen armen Teufeln ſammt ihren Hoff⸗ nungen das Soldatenbrot, ihr letztes Hilfsmittel, raubte. Es iſt wahr, dieſe Soldaten dienten gegen 4 4 Frankreich, und dieſes Brot war von der Hand der Fremden geknetet. Der Marquis von Souday wandte dann ſeine Augen nach der Bretagne und Vendée, wo man ſeit zwei Jahren ſich ſchlug. Sehen wir, wie es mit der Vendée ſtand: alle die erſten Häupter des Aufſtandes waren gefallen oder getödtet. Cathelineau war zu Vannes getödtet worden. Lescure war zu Tremblaye getödtet worden, Bon⸗ champs war zu Chollet getödtet worden, d'Elbée war zu Noirmoutier bereits erſchoſſen, oder ſtand es ihm gerade bevor. Endlich war die ſogenannte Große Armee zu Mans vernichtet worden. Sie hatte zu Fontenay, zu Saumur, zu Torfou, zu Laval und zu Dol geſiegt. Sie hatte in ſechzig Gefechten die Oberhand behalten, ſie hatte allen Streitkräften der Republik, welche der Reihe nach Biron, Kleber, Weſtermann, Marceau anvertraut worden waren, die Spitze geboten. Sie hatte, die Unterſtützung Englands zurückweiſend, ihre Hütten in Brand ſtecken, ihre Kinder niedermetzeln, ihre Väter erwürgen ſehen; ſie hatte Cathelineau, Henri de La Rochejaquelein, Stofflet, Bonchamps, Fore⸗ ſtier, d'Elbée, Lescure, Marigny und Talmont zu Führern gehabt; ſie hatte treu zu ihrem König ge⸗ halten, als das übrige Frankreich ihn verließ; ſie hatte ihren Gott angebetet, als Paris proklamirte, daß es keinen Gott mehr gebe. Sie hatte es mit einem Wort verdient, daß Napoleon einſt die Vendée das Land der Rieſen nannte. 5 Charrette und La Rochejaquelein waren beinahe allein geblieben. Charrette jedoch hatte eine Armee, La Rochejaquelein hatte keine mehr. Das heißt, während die Große Armee ſich zu Mans vernichten ließ, hatte Charrette, zum com⸗ mandirenden General von Nieder⸗Poitou ernannt und von dem Chevalier de Coëtus und Jolly unter⸗ ſtützt, eine Armee geſammelt. Charrette, an der Spitze dieſer Armee, und La Rochejaquelein, nur von zehn Mann begleitet, tra⸗ fen bei Maulevrier auf einander. Charrette begriff, beim Anblick La Rochejaque⸗ lein's, daß ein General zu ihm kam und nicht ein Soldat. Er hatte Selbſtbewußtſein, er wollte ſein Commando nicht theilen. Er blieb kalt und ſtolz. Er ging zum Frühſtück; er lud nicht einmal La Rochejaquelein ein, mit ihm zu frühſtücken. Noch an demſelben Tage trennten ſich achthun⸗ dert Mann von Charrette’'s Armee und gingen zu La Rochejaquelein über. Am andern Tag ſprach Charrette zu La Roche⸗ jaquelein: „Ich gehe nach Mortagne ab; Sie werden mir folgen.“ „Ich war bis jetzt nicht gewohnt, zu folgen,“ antwortete La Rochejaquelein,„ſondern mir folgen zu laſſen.“ Und La Rochejaquelein brach für ſich auf und lieh harrelie ſeinerſeits operiren, wie er es ver⸗ ſtände. Dieſen wollen wir begleiten, als den Einzigen, deſſen letzte Gefechte und endliche Erſchießung auf unſere Geſchichte Bezug haben. Ludwig XVII. war todt und den 26. Juni 1795 Ludwig XVIII. im Hauptquartier von Belleville als König von Frankreich ausgerufen worden. Den 15. Auguſt, das heißt, in nicht ganz zwei Monaten nach dieſer Proclamation brachte ein jun⸗ ger Mann Charrette einen Brief des neuen Königs. Dieſer Brief, von Verona aus geſchrieben und vom 8. Juli 1795 datirt, übertrug Charrette das ordentliche Commando über die royaliſtiſche Armee. Charrette wollte dem König durch denſelben Boten antworten und ihm für die erwieſene Gunſt danken, aber der junge Mann erwiderte, er ſei nach Frankreich zurückgekehrt, daſelbſt zu bleiben und zu kämpfen, und drückte den Wunſch aus, die von ihm überbrachte Depeſche möchte ihm als Em⸗ pfehlung bei dem Obergeneral dienen. Charrette knüpfte ihn denſelben Augenblick an ſeine Perſon. Der junge Mann, welcher den Brief gebracht hatte, war kein anderer, als der ehemalige Page Monſieurs, der Marquis von Souday. Als er ſich zurückzog, um von den letzten zwan⸗ zig Meilen, die er zu Pferd gemacht hatte, ein wenig auszuruhen, fand der Marquis auf ſeinem Weg einen Burſchen, etwa drei oder vier Jahre älter als er ſelbſt, der ihn, den Hut in der Hand, mit liebevollem Reſpect betrachtete. Er erkannte den Sohn von einem der Pächter ſeines Vaters, mit dem er in jüngern Jahren ge⸗ jagt, und dieß um ſo gerner gethan hatte, da Nie⸗ mand es beſſer verſtand das Lager des Wildſchweins zu umgehen, oder die Hunde anzufeuern, wenn das Thier umgangen war. „He! Jean Oullier,“ rief er,„biſt Du es?“ „Ich ſelbſt leibhaftig, Ihnen zu dienen, Herr Marquis,“ antwortete der junge Bauer. „Meiner Treu, Freund, das laſſe ich mir gern gefallen. Und Du biſt immer noch ein guter Jäger?“ „Ja, ja, Herr Marquis, nur jagen wir jetzt ein anderes Wild.“ „Hat nichts zu bedeuten; willſt Du, ſo jagen wir dieſes zuſammen, wie einſt das andere.“ „Mit Freuden, ja wohl, Herr Marquis,“ ant⸗ wortete Jean Oullier. Und von dieſem Augenblick hielt ſich Jean Oul⸗ lier an den Marquis von Souday, wie der Mar⸗ quis von Souday an Charrette: das heißt, Jean Dullier war der Adjutant des Adjutanten vom kommandirenden General. Neben ſeinen waidmänniſchen Talenten war Jean Oullier bei dieſem Lagerleben ein koſtbarer Menſch und zu Allem gut, und der Marquis von Souday hatte ſich mit Nichts zu beſchäftigen: in den ſchlimm⸗ ſten Tagen fehlte es dem Marquis nie an einem Stück Brot, einem Glas Waſſer und an einem Bund Stroh, was in der Vendée ein Luxus war, deſſen ſich ſelbſt der Obergeneral nicht immer zu erfreuen hatte. Wir fühlen uns faſt verſucht, Charrette, und demnach unſerem jungen Helden bei einigen jener abenteuerlichen Expeditionen zu folgen, welche von dem Obergeneral unternommen wurden und ihm den Namen des erſten Parteigängers der Welt ver⸗ dienten. Aber die Geſchichte iſt eine der täuſchend⸗ ſten Sirenen, und wenn man die Unklugheit hat, dem von ihr gegebenen Zeichen zu folgen, ſo weiß man nicht, wohin ſie uns führt. Wir werden demnach unſern Bericht ſo viel möglich vereinfachen, indem wir einem Andern die Sorge überlaſſen, die Expedition des Grafen von Artois nach Noirmoutier und Ile⸗Dieu zu erzählen, und zu erklären, wie der Prinz drei Wochen im Angeſicht der franzöſiſchen Küſte blieb, ohne daſelbſt zu landen, und wie die royaliſtiſche Armee ent⸗ muthigt wurde, als ſie ſich von denen verlaſſen ſah, für welche ſie ſeit mehr als zwei Jahren kämpfte. Charrette errang nichtsdeſtoweniger einige Zeit nachher den ſchrecklichen Sieg von Quatre⸗Chemins; es war der letzte. Verrath miſchte ſich darein. Als Opfer eines hinterliſtigen Ueberfalls, wurde Couötus, Charrette's rechter Arm, ſein zweites Ich ſeit dem Tode Jolly's, erſchoſſen. In den letzten Zeiten ſeines Lebens konnte Char⸗ rette keinen Schritt mehr thun, ohne daß ſein Geg⸗ ner, wer es auch war, Hoche oder Travot, davon in Kenntniß geſetzt wurde. Umringt von republikaniſchen Truppen, abge⸗ ſchnitten von allen Seiten, verfolgt Tag und Nacht, aufgejagt von Gebüſch zu Gebüſch, kriechend von Graben zu Graben, ſich bewußt, daß er ein wenig früher oder ſpäter in irgend einem Gefecht getödtet, oder wenn man ihn lebend ergriffe, unbarmherzig erſchoſſen werden müſſe, ohne Aſyl, vom Fieber verzehrt, ſterbend vor Hunger und Durſt, nicht wagend, auf den Pachthöfen, an denen er vorüber kam, etwas Brot oder Waſſer oder Stroh zu be⸗ gehren, hat er nur noch zweiunddreißig Mann bei ſich, zu welchen der Marquis von Souday und Jean Oullier gehören, als ihm den 17. März 1795 gemeldet wird, daß vier republikaniſche Colonnen gegen ihn im Anmarſch ſeien. „Gut,“ ſprach er,„ſo muß man ſich alſo hier bis auf den Tod ſchlagen und ſein Leben theuer verkaufen.“ Es war zu Prelinidre, im Kirchſpiel Saint Sulpice. Aber mit ſeinen zweiunddreißig Mann begnügt ſich Charrette nicht, die Republikaner zu erwarten, er marſchirt ihnen entgegen; zu Guyonnidre ſtößt er auf General Valentin an der Spitze von zwei⸗ hundert Grenadieren und Jägern. Charrette findet eine gute Stellung und ver⸗ ſchanzt ſich daſelbſt. Hier hält er drei Stunden die Angriffe und das Feuer von zweihundert Republikanern aus. Zwölf von ſeinen Leuten fallen um ihn her. Die Armee, welche vierundzwanzigtauſend Mann zählte, als der Graf von Artois auf Ile⸗Dieu war, beſteht jetzt nur noch aus zwanzig. Dieſe zwanzig Mann halten ſich zu ihrem Ee⸗ neral und nicht einer denkt daran, zu fliehen. Zuletzt faßt, um der Sache ein Ende zu machen, General Valentin eine Muskete und greift, 13 an der Spitze von hundertachzig Mann, die ihm noch bleiben, mit dem Bajonnet an. Bei dieſem Angriff wird Charrette von einer Kugel am Kopf verwundet, und drei Finger der linken Hand verliert er durch einen Säbelhieb. Er iſt im Begriff, gefangen zu werden, als ein Elſäſſer, Namens Peffer, der für Charrette mehr als Ergebenheit, eine religiöſe Verehrung hat, deſ⸗ ſen mit einem Federbuſch geſchmückten Hut ergreift, ihm den ſeinigen gibt und ſich links ſtürzend ihm zuruft: „Retten Sie ſich rechts, mich werden ſie ver⸗ folgen.“ Und wirklich heften ſich die Republikaner an ſeine Ferſen, während Charrette mit den fünfzehn letzten Mann, die ihm noch bleiben, ſich nach der entgegengeſetzten Seite ſtürzt. Charrette erreichte das Gehölz von Chabotterie, als die Colonne des Generals Travot erſcheint. Ein neuer, ein letzter Kampf entſpinnt ſich, bei welchem Charrette kein anderes Ziel im Auge hat, als ſich tödten zu laſſen. Aber aus drei Wunden blutend, wankt er und iſt am Umſinken. Ein Vendéer, Namens Roſſard, nimmt ihn auf ſeine Schultern und trägt ihn dem Walde zu. Vor der Ankunft daſelbſt fällt er, von einer Kugel durchbohrt, zu Boden. Ein zweiter, Laroche Davo, folgt ihm, macht fünfzig Schritte und fällt gleichfalls in den Graben, welcher das Gehölz von der Ebene trennt. Der Marquis von Souday nimmt ihn ſofort in die Arme und wirft ſich, während Jean Oullier mit ſeinen zwei Flintenſchüſſen die zwei republikaniſchen Soldaten tödtet, welche demſelben am härteſten zuſetzen, mit ſeinem General und ſieben Mann, die ihm bleiben, in den Wald. Fünfzig Schritte vom Saume deſſelben ſcheint Charrette ſeine Kraft wieder zu gewinnen. „Souday,“ ſpricht er,„vernimm meine letzte Ordre.“ Der junge Mann macht Halt. „Lege mich am Fuße dieſer Eiche nieder.“ Er zögerte zu gehorchen. „Ich bin noch immer General,“ fuhr Charrette mit gebietender Stimme fort,„gehorche mir alſo.“ Der junge Mann gehorcht gezwungen und legt ſeinen General am Fuße der Eiche nieder. „So. Jetzt,“ ſagte Charrette,„merke wohl auf. Der König, der mich zu ſeinem kommandirenden General gemacht hat, muß wiſſen, wie derſelbe ge⸗ ſtorben iſt. Kehre zu Sr. Majeſtät Ludwig XVIII. zurück und erzähle ihm, was Du geſehen haſt. Ich will es.“ Charrette ſprach mit ſolcher Feierlichkeit, daß es dem Marquis von Souday, den Charrette zum erſten Mal duzte, nicht in den Sinn kam, ungehorſam zu ſein. Er ließ alſo ſeinen General am Fuße der Eiche nieder und lehnte ihn gegen den Stamm. „Jetzt,“ fuhr Charrette fort,„haſt Du keine Minute zu verlieren; fliehe, da ſind die Blauen.“ Wirklich erſchienen die Republikaner am Saum des Waldes. Sonday ergriff die Hand, welche Charrette ihm bot. 15 „Umarme mich,“ ſprach dieſer. Er umarmte ihn. „Genug,“ ſagte der General,„gehe.“ Souday warf einen Blick auf Jean Oullier. „Kommſt Du?“ fragte er ihn. Aber dieſer ſchüttelte mit düſterer Miene den Kopf. „Was wollen Sie, daß ich da unten thun ſoll, Herr Marquis,“ ſagte er,„während hier...“ „Was wirſt Du hier thun?“ „Ich will es Ihnen einſt ſagen, wenn wir uns wiederſehen, Herr Marquis.“ Und er ſandte ſeine zwei Kugeln den beiden nächſten Republikanern. Die beiden Republikaner fielen. Der eine von ihnen war ein Oberofficier. Die Republikaner drängten ſich um ihn her. Jean Oullier und der Marquis von Souday benützten dieſe Friſt, um ſich in die Tiefe des Wal⸗ des zu verſenken. Allein nach fünfzig Schritten fand Jean Oullier ein dichtes Gebüſch und ſchlüpfte, dem Marquis von Souday ein Zeichen des Lebewohls machend, wie eine Schlange hinein. Der Marquis von Souday ſetzt ſeinen Weg fort. II. Die Dankbarkeit der Könige. Der Marquis von Souday gewann die Ufer der Loire und fand einen Fiſcher, der ihn nach der Spitze Saint⸗Gildas führte. Eine Fregatte kreuzte in Sicht; es war eine engliſche Fregatte. Für einige Louisd'or weiter führte der Fiſcher den Marquis bis zu der Fregatte. Dort angekommen, war er gerettet. Einige Tage ſpäter rief die Fregatte einen Drei⸗ maſter⸗Kauffahrer an, der auf den Kanal zuſteuerte. Es war ein holländiſches Fahrzeug. Der Marquis von Souday wünſchte an Bord deſſelben zu gehen; der engliſche Kapitän ließ ihn dahin führen. Der holländiſche Dreimaſter ſetzte ihn zu Rotter⸗ dam an's Land. Von Rotterdam begab ſich der Marquis nach Blankenburg, einer kleinen Stadt im Herzogthum Braunſchweig, welche von Ludwig XVIII. zu ſeinem Aufenthalt gewählt worden war. Er hatte ſich de letzten Aufträge Charrette’s zu entledigen.. Ludwig XVIII. ſaß an der Tafel; die Eßſtunde war eine feierliche Stunde für ihn. Der Expage mußte warten, bis Seine Majeſtät dinirt hatte. Nach dem Diner wurde er eingeführt. Er erzählte die Ereigniſſe, die er unter ſeinen Augen ſich hatte abrollen ſehen, und hauptſächlich die letzte Kataſtrophe mit ſolcher Beredtſamkeit, daß Seine Majeſtät, die inzwiſchen für Eindrücke ziemlich unempfänglich war, ſo ſehr gerührt wurde, um ihm zu ſagen: „Genug, genug, Marquis; ja, der Chevalier de Charrette war ein braver Diener, wir danken ihm.“ ☛SͤÁn DSABBG 17 . Hun er machte ihm ein Zeichen, ſich zurückzu⸗ iehen. Der Bote gehorchte, aber im Hinausgehen hörte er den König mit verdrießlichem Tone ſagen: „Wie einfältig von dieſem Souday, mir der⸗ gleichen Dinge nach dem Diner zu erzählen; das wäre im Stande, meine Verdauung zu ſtören.“ Der Marquis war empfindlich; er fand, daß es ein geringer Dank ſei, ſich, nachdem er ſechs Mo⸗ nate lang ſein Leben ausgeſetzt hatte, gerade von dem, für welchen es ausgeſetzt worden war, ein⸗ fältig nennen zu laſſen. Es blieben ihm noch hundert Louisd'or in der Taſche; er verließ noch an demſelben Abend Blan⸗ kenburg, indem er ſagte: „Hätte ich gewußt, daß ich auf ſolche Weiſe em⸗ pfangen würde, ich hätte mir nicht ſo viel Mühe zu kommen gegeben.“ Er kehrte nach Holland zurück und ging von Holland nach England. Hier begann eine neue Phaſe der Exiſtenz für den Marquis von Souday; er war einer von jenen Menſchen, welche von den Umſtänden nach Bedürf⸗ niß ſich formen laſſen, welche ſtark oder ſchwach, entſchloſſen oder kleinmüthig ſind, je nach dem Ort, wohin der Zufall ſie wirft. Sechs Monate lang hatte er ſich auf der Höhe jener ſchrecklichen Epopée gehalten, welche Napoleon den Krieg der Rieſen nannte; er hatte mit ſeinem Blut die Gebüſche und Haiden von Ober⸗ und Nieder⸗Poitou gefärbt; er hatte mit ſtoiſchem Gleichmuth nicht allein die ſchlech⸗ Dumas, Wölfinnen von Machecoul. I. 2 △ ten Ausſichten eines Kampfes ohne Dank, ſondern auch die zahlloſen Entbehrungen, welche mit jenem Guerillaskrieg verbunden waren, ertragen, bivoua⸗ kirend im Schnee, herumirrend ohne Brot, ohne Kleider, ohne Aſyl, in den Wäldern der Vendée, und dieß ohne einen Gedanken für Bedauern, ein Wort für Klage zu haben. Und nun fand er ſich nach allen dieſen Ante⸗ cedentien einſam, haltlos in jener großen Stadt London, wo er die Tage des Kampfes zurückwün⸗ ſchend herumirrte, ohne Energie am Tage des Mü⸗ ßiggangs, ohne Standhaftigkeit der Langeweile, ohne Kraft dem Elend gegenüber, das ihn im Erxil er⸗ wartete. Der Mann, welcher den Verfolgungen hölliſcher Colonnen getrotzt hatte, konnte den böſen Eingebun⸗ gen der Trägheit nicht widerſtehen; er ſuchte das Vergnügen überall und um jeden Preis, um die Leere auszufüllen, die in ſeinem Daſein entſtanden war, ſeitdem er ſich nicht mehr mit den plötzlichen Wechſelfällen eines vernichtenden Kampfes zu be⸗ ſchäftigen hatte. Was nun die Vergnügungen betrifft, auf welche der Verbannte ausging, ſo war er zu arm, um ſie aus hohem Stande zu wählen; ſo verlor er nach und nach jene Eleganz des Edelmanns, welche das Gewand eines Bauern, das er mehr als ſechs Mo⸗ nate getragen, nicht hatte vermindern können, und mit jener Eleganz die Diſtinction ſeines Geſchmacks; er hielt Ale und Porter gegen Champagner und wandte ſeine Aufmerkſamkeit jenen bebänderten Mäd⸗ chen von Grosvenor und Haymarket zu, er, welcher 19 für ſeine erſten Liebſchaften unter Herzoginnen hatte wählen können. Bald verleiteten ihn die Leichtigkeit ſeiner Grund⸗ ſätze und die unaufhörlich wieder erwachenden Be⸗ dürfniſſe des Lebens zu Zugeſtändniſſen, wobei ſich ſein Ruf ſchlecht befand. Er nahm an, was er nicht bezahlen konnte, er machte zu ſeinen Freunden Ge⸗ noſſen der Ausſchweifung aus einer niedrigeren Claſſe; die Folge davon war, daß ſeine Kameraden aus der Emigration ſich von ihm abwandten; und nach der natürlichen Neigungslinie der Dinge ver⸗ ſenkte ſich der Marquis von Souday, je einſamer es um ſeine Perſon wurde, deſto tiefer in die ſchlechte Lebensweiſe, welche er angenommen hatte. Zwei Jahre dauerte dieſe Exiſtenz, als der Zu⸗ fall ihm in einer Kneipe der City, zu deren eifrig⸗ ſten Gäſten er gehörte, eine junge Arbeiterin ent⸗ gegen führte, welche von einer jener abſcheulichen Creaturen, die in London wuchern, aus ihrer Man⸗ ſarde geriſſen und zum erſten Mal producirt wurde. Nitten unter den Veränderungen, welche das Mißgeſchick über denſelben gebracht, erkannte das arme Mädchen doch einen Reſt von Nobleſſe an ihm; ſie warf ſich weinend ihm zu Füßen und flehte ihn an, ſie von dem ehrloſen Leben zu retten, das ihr zugedacht und wozu ſie nicht geſchaffen wäre, da ſie ſich bisher ſittſam betragen hätte. Das Mädchen war ſchön; der Marquis bot ihr an, ſie mit ſich zu nehmen. Das Mädchen warf ſich ihm an den Hals und verſprach ihm ſeine ganze Liebe zu ſchenken, ſeine ganze Ergebenheit zu weihen.— 2* Ohne im Mindeſten die Abſicht zu haben, ein gutes Werk zu thun, brachte der Marquis alſo die auf Eva's Schönheit gebaute Spekulation zum Scheitern. Das unglückliche Kind hieß Eva. Sie hielt Wort, das arme ehrliche Mädchen, das ſie war. Der Marquis war ihre erſte und letzte Liebe. Kurz, der Augenblick war glücklich für Beide; der Marquis fing an, der Hahnenkämpfe, der ſau⸗ ren Bierdünſte, der Händel mit den Conſtablern und der Erfolge auf Kreuzwegen müde zu werden; die Zärtlichkeit jenes Mädchens beruhigte ſein Gemüth, der Beſitz jenes Kindes, weiß wie die Schwanen, welche das Attribut Großbritanniens, ihres Vater⸗ lands, geweſen ſind, befriedigte ſeine Eigenliebe: allmälig änderte er alſo ſein Thun und Treiben, und ohne zu den Gewohnheiten eines Mannes von ſeinem Rang zurückzukehren, wurde wenigſtens das Leben, welches er nunmehr führte, das eines recht⸗ ſchaffenen Mannes. Er zog ſich mit Eva in eine Manſardwohnung von Piccadilly zurück; das Mädchen konnte ſehr gut nähen, es fand Arbeit bei einer Weißzeughänd⸗ lerin; der Marquis gab Fechtſtunden. Von dieſem Augenblick an lebten ſie von dem mäßigen Erwerb der Lectionen des Marquis und den Arbeiten Eva's, noch mehr von dem Glück, welches ſie in einer Liebe fanden, die mächtig genug geworden war, ihnen die Noth zu verſüßen. Und doch ſtumpfte ſich dieſe Liebe, wie alles Menſchliche, mit der Länge der Zeit ab. Zum Glück für Eva hatten die Aufregungen des ein auf ern. hen, e. de; au⸗ und die ith, ien, ter⸗ be: ben, von das ꝛicht⸗ ung ſehr ind⸗ dem und lück, nug alles 21 Vendée⸗Kriegs und die zügelloſen Genüſſe der Lon⸗ doner Höllen die üppigen Säfte, die ihr Geliebter haben mochte, verſchlungen; er war vor der Zeit gealtert. In der That hatte an dem Tage, da der Mar⸗ quis von Souday die Wahrnehmung machte, daß ſeine Liebe zu Eva eine wenn nicht erloſchene, doch dem Erlöſchen nahe Flamme war, daß die Kunſt⸗ griffe oder die Küſſe der jungen Frau unmächtig waren, nicht ihn zu ſättigen, ſondern zu erwecken, die Gewohnheit ſolche Gewalt über ſeinen Geiſt erlangt, daß er, ſelbſt wenn er dem Verlangen, außerhalb Zerſtreuung zu ſuchen, nachgegeben hätte, weder Kraft noch Muth in ſich fand, eine Verbin⸗ dung zu löſen, in welcher ſeine Selbſtſucht die ein⸗ förmigen Vergnügungen eines Tags nach dem an⸗ dern zu treffen gewiß war. Der ehemalige Lebemann, deſſen Vorfahren drei Jahrhunderte hindurch das Recht der hohen und niedern Gerichtsbarkeit in ihrer Grafſchaft gehabt hatten, der Ex⸗Brigand, der Adjutant und Ge⸗ noſſe des Brigand Charrette, trug ſo zwölf Jahre lang die traurige, armſelige, karge Exiſtenz eines beſcheidenen Unterbeamten oder noch beſcheidenern Handwerkers. Der Himmel hatte lange ſich nicht entſchieden, dieſe ungeſetzliche Verbindung zu ſegnen, aber end⸗ lich wurden die Wünſche, welche Eva ſeit zwölf Jahren hegte, erhört: die arme Frau wurde ſchwan⸗ ger und gab zwei Zwillingsmädchen das Leben. Aber Eva genoß nur einige Stunden das Glück, welches ſie ſo ſehr gewünſcht hatte; das Milchfieber raffte ſie hinweg. Ihre Zärtlichkeit für den Marquis von Souday war nach den zwölf Jahren ebenſo lebhaft und tief wie in den erſten Tagen ihrer Vereinigung; indeſſen hatte ihre Liebe, ſo groß ſie auch war, ihr doch die Erkenntniß nicht verbergen können, daß Frivoli⸗ tät und Selbſtſucht den Grundcharakter ihres Ge⸗ liebten ausmachten. So ſtarb ſie getheilt zwiſchen dem Schmerz, dem ſo geliebten Mann ein ewiges Lebewohl zu ſagen, und dem Schrecken, die Zukunft lhrer beiden Kinder in dieſen frivolen Händen zu ſehen. Dieſer Verluſt machte auf den Marquis einen Eindruck, den wir genau darlegen wollen, weil er uns einen Maßſtab für die Perſon an die Hand zu geben ſcheint, welche eine wichtige Rolle in der von uns begonnenen Erzählung zu ſpielen beſtimmt iſt. Er begann damit, ernſthaft und aufrichtig ſeine Gefährtin zu beweinen, weil er nicht umhin konnte, ihren Eigenſchaften zu huldigen und das Glück zu erkennen, welches er ihrer Zuneigung zu verdanken gehabt hatte, weil endlich immer eine kleine Wunde im Herzen zurückbleibt, ſo hart und von Selbſtſucht gepanzert es auch ſein mag, wenn es zwiſchen ſich und das Herz, welches lange Zeit alle Pulsſchläge mit ihm theilte, die Ewigkeit treten ſieht. Hierauf, als dieſer erſte Schmerz ſich beſänftigt hatte, empfand er Etwas von der Freude eines Schülers, der ſich ſeiner Feſſeln entledigt ſieht. Eines oder des andern Tages hätten ſein Name, ſein Rang, ſeine Geburt ihm den Bruch dieſes Bandes ber day tief ſſen doch oli⸗ Ge⸗ chen ges unft zu nen lher zu von iſt. eine nte, zu aken inde ucht ſich läge ftigt ines ieht. ame, 23 nothwendig machen können. Der Marquis war alſo mit der Vorſehung nicht allzu unzufrieden, daß ſie ſich mit dieſer Aufgabe, welche für ihn grauſam geweſen wäre, befaßt hatte. Aber dieſe Befriedigung war kurz: Eva's Zärt⸗ lichkeit, die fortdauernden kleinen Sorgen, deren Gegenſtand er geweſen, hatten den Marquis ver⸗ wöhnt, und da dieſe kleinen Sorgen ihm nun auf einmal fehlten, erſchienen ſie ihm nothwendiger, als ſie ihm ſonſt ſüß vorgekommen waren. Die Man⸗ ſardenwohnung wurde für ihn von dem Augenblick, wo die reine und friſche Stimme der Engländerin nicht mehr da war, um ſie zu beſeelen, das, was ſie in Wirklichkeit war, zu einer elenden Dachkam⸗ mer; deßgleichen war von dem Augenblick an, wo er das ſeidene Haar ſeiner Freundin, in blonden, üppigen Wellen ſich ausbreitend, vergeblich auf ſeinem Kiſſen ſuchte, ſein Bett nichts mehr als ein wahrer Speicher. Wo ſollte er jetzt die ſüßen ſchmeichelnden Lieb⸗ koſungen, die zärtlichen Zuvorkommenheiten finden, womit Eva zwölf Jahre lang ihn umgeben hatte? Bei dieſer Periode ſeiner Vereinſamung ange⸗ kommen, begriff der Marquis, daß er ſie vergeblich ſuchen würde; er beweinte alſo ſeine Maitreſſe von Neuem und erſt recht; und als er ſich von ſeinen beiden Töchterchen trennen mußte, die er in Pflege nach Yorkſhire gab, fand er in ſeinem Schmerz Ausbrüche von Zärtlichkeit, welche die Bäurin, die ſie mitnahm, ſehr lebhaft rührten. . Als er ſich ſo von Allem getrennt hatte, was ihn an die Vergangenheit knüpfte, unterlag der 9 1 6 1 3 d Marquis von Souday unter der Laſt ſeiner Ein⸗ ſamkeit; er wurde düſter und ſchweigſam, der Lebensüberdruß bemächtigte ſich ſeiner, und da ſein religiöſer Glaube nicht von beſonderer Feſtigkeit war, hätte er aller Wahrſcheinlichkeit nach mit einem Sprung in die Themſe geendigt, wäre nicht die Kataſtrophe von 1814 ſehr zu rechter Zeit einge⸗ treten, ſeine traurigen Gedanken zu zerſtreuen. In ſein Vaterland zurückgekehrt, das er nicht mehr zu ſehen hoffte, begehrte der Marquis von Souday ganz natürlich von Ludwig XVIII., den er während der ganzen Zeit ſeines Exils um Nichts angegangen, den Preis des Bluts, das er für ihn vergoſſen hatte; aber die Fürſten ſuchen oft nur einen Vorwand, um ſich undankbar zu zeigen, und Ludwig XVIII. hatte deren drei: Fürs Erſte die unzeitige Art, womit ſein ehema⸗ liger Page ihm Charrette's Tod angekündigt hatte, eine Ankündigung, wodurch wirklich ſeine Verdauung geſtört worden war. Fürs Zweite ſeine unſchickliche Abreiſe von Blan⸗ kenburg, eine Abreiſe die von noch unſchicklicheren Worten, als jene ſelbſt, begleitet geweſen war. Endlich Drittens die Unregelmäßigkeit ſeines Lebens während der Emigration. Man ertheilte der Bravour und Ergebenheit des Marquis große Lobſprüche, machte ihm aber ganz ſachte begreiflich, daß bei ſolchen Aergerniſſen, wie er ſich vorzuwerfen hatte, er auf die Bekleidung eines öffentlichen Amtes doch wohl keine Anſprüche erheben werde. Der König war nicht mehr abſoluter Herr, Ein⸗ der ſein gkeit nem die nge⸗ nicht von n er ichts ihn nur und ma⸗ atte, ung lan⸗ eren ines des ganz wie ung üche 25 ſagte man ihm; er hatte der öffentlichen Meinung Rechenſchaft abzulegen; er folgte auf eine Regierung der Immoralität und mußte das Beiſpiel einer neuen und ſtrengen Epoche geben. Man ſtellte ihm vor, wie ſchön es ſeinerſeits wäre, ein Leben der Entſagung und Ergebenheit damit zu krönen, daß er der Nothwendigkeit der Situation ſeine ehrgeizigen Neigungen aufopferte. Endlich brachte man ihn ganz ſachte dahin, ſich mit dem Kreuz des heiligen Ludwig, dem Grad und Rückzugsgehalt eines Escadron⸗Chefs zu be⸗ gnügen und hinzugehen und das Brot des Königs auf ſeinem Beſitzthum Souday zu eſſen, dem ein⸗ zigen Strandgut, welches der arme Emigrirte aus dem unermeßlichen Vermögen ſeiner Vorfahren ge⸗ ſammelt hatte. 3 Das Schöne dabei war, daß dieſe Täuſchun⸗ gen den Marquis von Souday nicht hinderten, 1815 ſeine Pflicht zu thun, indem er zum zweiten Mal ſein ärmliches Schloß verließ, als Napoleon ſeine wunderbare Rückkehr von der Inſel Elba bewerk⸗ ſtelligte. Nach dem zweiten Fall Napoleons kehrte der Marquis von Souday zum zweiten Mal im Gefolge der legitimen Fürſten zurück. Aber jezt klüger als das erſte Mal, begnügte er ſich bei der zweiten Reſtauration damit, die Stelle des Wolfsjägermeiſters im Arrondiſſement von Machecoul zu begehren, welche ihm auch, da ſie tunentgeldlich war, bereitwilligſt übertragen wurde. Seine ganze Jugendzeit eines Vergnügens beraubt, das man immer mit ererbter Leidenſchaft in ſeiner Familie geliebt hatte, begann der Marquis von Sou⸗ day ſich mit Wuth der Jagd hinzugeben; immer trau⸗ rig bei dem einſamen Leben, wofür er nicht geſchaffen war, und noch menſchenfeindlicher geworden in Folge ſeiner neulichen politiſchen Widerwärtigkeiten, fand er in dieſer Beſchäftigung die momentane Vergeſſenheit ſeiner bittern Erinnerungen; ſo verurſachte ihm der Beſitz einer Wolfsjägermeiſterei, welche ihm das Recht gewährte, unentgeldlich die Staatsforſten zu durchſtreifen, mehr Befriedigung, ſo gering von An⸗ fang an die Gunſt ſelbſt denen vorgekommen ſein mochte, welche ſie oktroirt hatten, als er beim Em⸗ pfang des Ludwigskreuzes und ſeines Patentes als Escadronchef aus der Hand des Miniſters empfun⸗ den hatte. So lebte nun der Marquis von Souday ſeit zwei Jahren auf ſeinem kleinen Schloß, Tag und Nacht die Wälder mit ſeinen ſechs Hunden durch⸗ ſtreifend, dem einzigen Jagdgefolge, welches ihm ſein geringes Einkommen geſtattete, ſeine Nachbarn nur ſo weit ſehend, als nöthig war, um nicht gerade für einen Bären zu gelten, und ſo wenig als möglich an die Trübſal wie an den Ruhm der Vergangen⸗ heit denkend, als er eines Morgens, da er aus⸗ ging, den nördlichen Theil des Forſtes von Mache⸗ coul auszuſpüren, auf ſeinem Weg mit einer Bäurin zuſammentraf, welche auf jedem Arm ein Kind von drei bis vier Jahren trug. Der Marquis von Souday erkannte die Bäurin und erröthete bei ihrem Wiederſehen. das rege und bei bei ſang So⸗ der nich die blie und län ſein ſein teſi bil Fu ein da der Pe nig nie aübt, ner ou⸗ au⸗ fen lge der heit der das zu An⸗ ſein em⸗ als un⸗ ſeit und rch⸗ ihm arn ade lich gen⸗ us⸗ che⸗ mner ein 27 Es war die Amme aus NYorkſhire, welcher er ſeit drei und einem halben Jahr und noch länger das Koſtgeld für ihre beiden Pfleglinge zu bezahlen regelmäßig vergaß. Die brave Frau war nach London gekommen und hatte ſehr verſtändiger Weiſe Erkundigungen bei der Geſandtſchaft eingezogen. Sie erſchien alſo bei ihm durch Vermittlung des franzöſiſchen Ge⸗ ſandten, welcher nicht zweifelte, der Marquis von Souday werde nur allzu glücklich ſein, ſeine Kin⸗ der wieder zu finden. Das Außerordentliche dabei war, daß er ſich nicht ganz getäuſcht hatte. Die kleinen Kinder riefen ihm ſo vollkommen die arme Eva zurück, daß den Marquis eine augen⸗ blickliche Rührung anwandelte; er umarmte ſie mit unverſtellter Zärtlichkeit, gab ſeine Flinte der Eng⸗ länderin zu tragen, nahm die beiden Kinder in ſeine Arme und brachte dieſe unerwartete Beute in ſein Schloß zurück, zum großen Erſtaunen der nan⸗ teſiſchen Köchin, welche ſeine ganze Dienerſchaft bildete und ihn mit Fragen wegen des ſonderbaren Funds, den er gemacht hatte, überhäufte. Dieſes Verhör jagte dem Marquis Schrecken ein. Er war erſt neun und dreißig Jahre alt und dachte unbeſtimmt daran, ſich zu verheirathen, in⸗ dem er ees als eine Pflicht betrachtete, in ſeiner Perſon nicht ein ſo erlauchtes Haus, wie das Sei⸗ nige war, ausſterben zu laſſen. Es wäre ihm gar nicht unlieb geweſen, die Sorgen der Haushaltung, die ihm verhaßt waren, von ſich auf eine Frau abzuladen. Nun aber wurde die Ausführung ſeines Pro⸗ jects ſchwer, wenn die beiden kleinen Mädchen un⸗ ter ſeinem Dach blieben. Er begriff das, bezahlte die Engländerin reich⸗ lich und ſorgte am andern Tag für ihre Abreiſe. Während der Nacht hatte er einen Entſchluß gefaßt, der ihm Alles auszugleichen ſchien. Welches war dieſer Entſchluß? Das werden wir im nächſten Kapitel ſehen. III. Die Zwillinge. Der Marquis von Souday hatte ſich zu Bette gelegt, indem er jenen alten Satz bei ſich wieder⸗ holte: Ueber Nacht kommt Rath. In dieſer Hoffnung war er hernach eingeſchla⸗ n. Im Schlaf hatte er geträumt. Wovon? Von ſeinen alten Kriegen in der Vendée mit Charrette, deſſen Adjutant er geweſen war, und namentlich von jenem wackern Sohn eines Pächters ſeines Vaters, der bei ihm Adjutant geweſen. Er hatte geträumt von Jean Oullier, an den er bisher nie gedacht, den er ſeit dem Tage nicht mehr geſehen, wo ſie ſich, während Charrette dem ette der⸗ la⸗ mit ind ers den icht em 29 Tode nahe war, im Walde von Chabotterie von einander getrennt hatten. So weit er ſich erinnern konnte, wohnte Jean Oullier, ehe er ſich Charrette's Armee anſchloß, im Dorfe Chevrollidre nahe beim See Grandlieu. Der Marquis von Souday ließ einen Mann von Machecoul, der ihm gewöhnlich ſeine Commiſ⸗ ſionen beſorgte, zu Pferde ſteigen, ſchrieb einen Brief und ſchickte jenen damit nach Chevrollidre, um ſich zu erkundigen, ob ein Mann Namens Jean Oullier noch am Leben ſei und im Dorfe wohne. Lebte er noch und wohnte im Dorfe, ſo ſollte der Bote von Machecoul ihm den Brief einhändi⸗ gen, welchen er bei ſich trug, und ihn wo möglich mitbringen. Wohnte er in der Umgegend, ſollte er ſich dahin begeben, wo er wäre. War er zu entfernt, um ihn aufzuſuchen, ſo ſollte er Erkundigung über die Lokalität einziehen, wo er ſich befand. War er todt, ſo ſollte er zurückkommen und ihm dieſes melden. Jean Oullier war nicht todt, Jean Oullier war nicht in einer fernen Gegend, Jean Oullier war nicht einmal in der Umgebung von Chevrollière. Jean Oullier war in Chevrolliere ſelbſt. Sehen wir, was ſich ſeit der Trennung von dem Marquis von Souday begeben hatte. Er war in dem Gebüſch verſteckt geblieben, wo er, ohne geſehen zu werden, ſehen konnte. Er hatte geſehen, wie General Travot Charrette gefangen nahm und ihn mit allen den Rückſichten 30 behandelte, welche ein Mann, wie General Travot für Charrette haben konnte. Aber es ſchien, als wäre dieß nicht Alles, was er ſehen wollte, da er, auch als Charrette auf eine Sänfte gelegt und weggetragen wurde, gleichwohl noch verweilte. Es iſt wahr, ein Officier und ein Poſten von zwölf Mann waren in dem Walde geblieben. Eine Stunde, nachdem der Poſten aufgeſtellt worden, war ein Vendder Bauer zehn Schritte an Jean Oullier vorübergegangen und hatte auf das Wer da? der blauen Wache mit Gut Freund geant⸗ wortet, eine ſonderbare Entgegnung im Munde eines königlich geſinnten Bauern gegenüber von republikaniſchen Soldaten. Dann hatte er ein Loſungswort mit der Wache gewechſelt, welche ihn paſſiren ließ. Hernach hatte er ſich dem Officier genähert, der ihm mit einem Ausdruck unmöglich zu beſchreiben⸗ den Ekels eine volle Geldbörſe übergab. Darauf verſchwand der Bauer. Aller Wahrſcheinlichkeit nach waren der Officier und die zwölf Mann nur hieher geſchickt worden, um dieſen Bauern zu erwarten, denn kaum war er verſchwunden, ſo hatten ſie ſich zuſammengezogen und gleichfalls den Ort verlaſſen. Aller Wahrſcheinlichkeit nach weiter hatte Jean Oullier geſehen, was er gewollt, denn er kam nun aus dem Gebüſch hervor, wie er hineingedrungen war, das heißt auf allen Vieren; er ſtellte ſich auf die Füße, riß die weiße Kokarde von ſeinem Hut und vertiefte ſich mit der Sorgloſigkeit eines Man⸗ ru er avot was eine vohl von ſtellt an das ant⸗ unde von ache der ben⸗ icier den, r er ogen Jean nun ngen auf Hut Nan⸗ nes, der ſeit drei Jahren täglich ſein Leben auf eine Kugel ſetzte, in den Wald. Dieſelbe Nacht kam er in Chevrollidre an. Er ging geraden Wegs auf den Ort zu, wo er ſein Haus zu finden glaubte. An der Stelle ſeines Hauſes war eine rauchge⸗ ſchwärzte Ruine. Er ſetzte ſich auf einen Stein und weinte. Er hatte in dieſem Hauſe eine Frau und zwei Kinder gelaſſen. Jean Oullier hörte ein Geräuſch von Schritten; er erhob den Kopf. Ein Bauer ging vorüber; Jean Oullier erkannte ihn in der Dunkelheit. Er rief:„Tinguy!“ Der Bauer trat näher. „Wer biſt Du,“ fragte er,„der Du mich an⸗ rufſt?“ „Ich bin Jean Oullier,“ antwortete der Chouan. „Gott behüte Dich!“ antwortete Tinguy. Und er wollte weiter gehen. Jean Oullier hielt ihn zurück. „Du mußt mir antworten,“ ſprach er. „Biſt Du ein Menſch?“ „Ja.“ „Dann frage, ich werde antworten.“ „Mein Vater?“ „Todt.“ „Mein Weib?“ „Todt.“ „Meine beiden Kinder?“ „Todt.“ 32 „Danke.“ enn Oullier ſetzte ſich nieder; er weinte nicht mehr. Einen Augenblick nachher ſank er auf die Knie und betete. Es war Zeit, er wollte gerade in Gottes⸗ läſterungen ausbrechen. Er betete für die, welche todt waren. Dann, geſtärkt durch den tiefen Glauben, ſie in einer beſſern Welt wieder zu finden, bivouakirte er auf jenen traurigen Ruinen. Am andern Morgen war er mit Tagesanbruch an der Arbeit, ſo ruhig, ſo entſchloſſen, wie wenn ſein Vater immer am Pflug, ſeine Frau vor dem Kamin, ſeine Kinder vor ſeiner Thüre geweſen wären. Allein und ohne Jemand um Hülfe anzuſpre⸗ chen, baute er ſeine Hütte wieder auf. Er lebte daſelbſt von ſeiner niedrigen Taglöh⸗ nerarbeit, und wer Jean Oullier gerathen hätte, von den Bourbons den Preis für das, was er mit Recht oder Unrecht als ſeine Schuldigkeit betrachtete, zu begehren, der würde ſehr riſkirt haben, die er⸗ habene Einfalt des armen Bauern gegen ſich auf⸗ zureizen. Man begreift, daß bei einem ſolchen Charakter Jean Oullier, als er einen Brief von dem Mar⸗ quis von Souday erhielt, der ihn ſeinen alten Kama⸗ raden nannte und ihn bat, im Augenblick auf das Schloß zu kommen, man begreift, daß Jean Oullier nicht auf ſich warten ließ. Er ſchloß die Thüre ſeines Hauſes, ſteckte den —„— 33 den Schlüſſel in die Taſche und ging, da er bei ſeinem einſamen Leben Niemand deßhalb eine An⸗ zeige zu machen hatte, augenblicklich ab. Der Bote wollte ihm das Pferd abtreten, oder ihn wenigſtens hinten aufſitzen laſſen. Aber Jean Oullier ſchüttelte den Kopf. „Gott ſey Dank,“ ſprach er,„die Beine ſind gut.“ Und ſeine Hand auf den Hals des Pferdes ſtützend, deutete er ſelbſt durch eine Art gymnaſti⸗ ſchen Schritts den Gang, welchen das Thier einhalten konnte, an. Es war ein kleiner Trott von zwei Meilen auf die Stunde. Am Abend war Jean Oullier auf dem Schloſſe Soudagy. Der Marquis empfing ihn mit ſichtbarer Freude; den ganzen Tag war er von dem Gedanken gequält murden, Jean Oullier möchte abweſend oder todt ein. Es bedarf kaum der Bemerkung, daß dieſe Ab⸗ weſenheit oder dieſer Tod ihn nicht um Jean Oullier's, ſondern um ſeiner ſelbſt willen quälte. Wir haben unſere Leſer bereits aufmerkſam gemacht, daß der Marquis von Souday ein gelin⸗ der Egoiſt war. Das Erſte, was der Marquis that, war, daß er Jean Oullier bei Seite nahm und ihm ſeine Lage und die Verlegenheiten, welche für ihn dar⸗ aus entſprangen, anvertraute. Jean Oullier, dem ſeine beiden Kinder nieder⸗ gemezelt worden waren, begriff nicht recht, daß ein Dumas, Wölfinnen von Machecoul. I. 3 Vater ſich freiwillig von ſeinen beiden Kindern trennen könne. Er nahm jedoch den Vorſchlag an, welchen ihm der Marquis von Souday machte, ſeine beiden Kinder ihm zur Erziehung zu geben, bis ſie das Alter, um in eine Penſion zu gehen, erreicht hätten. Er ſollte zu Cheprollidre oder in der Umgegend eine brave Frau ſuchen, welche Mutterſtelle bei ihnen verträte, wenn anders irgend etwas Waiſen die Stelle der Mutter erſetzen kann. Wären die Zwillinge ſelbſt häßlich und unange⸗ nehm geweſen, Jean Oullier hätte ſie angenom⸗ men; nun aber waren ſie ſo artig, ſo einnehmend, ſo graziös, ihr Lächeln ſo gewinnend, daß der gute Mann ſie ſogleich lieb gewann, wie ſolche Leute zu lieben verſtehen. Er behauptete, mit ihren weißen und roſigen Geſichtchen und ihren langen, gelockten Haaren erinnern ſie ihn ſo ſehr an die Engel, welche, ehe man ſie verbrannt hatte, die Madonna des Hoch⸗ altars von Grandlieu umgaben, daß es ihm bei ihrem Anblick in den Sinn gekommen ſei, ſich auf die Kniee zu werfen. Es wurde alſo entſchieden, daß Jean Oullier am andern Tag die beiden Kinder mit ſich nehme. Zum Unglück hatte es die ganze Zeit, welche zwiſchen der Abreiſe der Amme und der Ankunft Jean Oullier's verfloſſen war, geregnet. Der Marquis, auf ſein Schloß beſchränkt, hatte gemerkt, daß er ſich allmälig langweile. Sich langweilend hatte er ſeine beiden Mädchen gerufen und begann mit ihnen zu ſpielen. 3⁵ Das eine rittlings auf ſeinen Hals, das andere auf ſeine Lenden ſetzend, marſchirte er gleich dem Béarner auf allen Vieren im ganzen Gemach herum. Allein er hatte über die Ergötzlichkeiten, welche Heinrich IV. ſeinen Sprößlingen bereitete, noch mehr nachgedacht; mit ſeinem Munde ahnte der Marquis von Souday nacheinander den Ton des Waldhorns und das Hundegebell einer ganzen Meute nach. Dieſe Jagd daheim hatte dem Marquis von Souday ungemeines Vergnügen gemacht. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß die Kinder ihrer⸗ ſeits nie ſo ſehr gelacht hatten. Außerdem hatten ſie Geſchmack an der Zärtlich⸗ keit gewonnen, welche von Leckereien aller Art be⸗ gleitet war, womit ihr Vater während dieſer weni⸗ gen Stunden ſie überhäuft hatte, um aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit die Vorwürfe zu beſchwichtigen, welche ihm ſein Gewiſſen wegen dieſer Trennung machte, die ſo plötzlich auf eine lange Abweſenheit folgte. Die beiden Mädchen bezeugten alſo dem Mar⸗ quis eine wilde Anhänglichkeit und eine für ſeine Projecte gefährliche Dankbarkeit. So begannen ſie um acht Uhr Morgens, als die Kutſche an der Freitreppe des Schloſſes vor⸗ fuhr und es ihnen nun deutlich wurde, daß man ſie fortnehmen wolle, ein verzweifeltes Geſchrei aus⸗ zuſtoßen. Bertha warf ſich auf ihren Vater, umſchlang eines ſeiner Beine und flocht, ſich an die Kniebän⸗ der des Herrn, der ihr ſo viel Bonbons gegeben und ſo gut das Pferd gemacht hatte, anklammernd, ihre Händchen mit ſolcher Kraft in zieſelben, doß * der arme Marquis ihr die Gelenke zu zerbrechen fürchtete, als er ſie loszumachen verſuchte. Was Mary betraf, ſo hatte ſie ſich auf eine Staffel geſetzt und begnügte ſich zu weinen, aber mit einem ſolchen Ausdruck des Schmerzes zu wei⸗ nen, daß Jean Oullier ſich mehr von dieſem ſtum⸗ men Kummer als von der geräuſchvollen Verzweif⸗ lung des andern Mädchens gerührt fühlte. Der Marquis von Souday wandte alle ſeine Beredtſamkeit an, die beiden kleinen Mädchen zu überreden, wenn ſie in den Wagen ſtiegen, würden ſie vielmehr Leckereien und Vergnügen haben, als wenn ſie bei ihm blieben: aber je mehr er ſprach, deſto mehr ſchluchzte Mary, deſto mehr ſtampfte Bertha und drückte ſich wüthend an ihn. Die Ungeduld begann den Marquis zu über⸗ mannen, und da er ſah, daß Ueberredung nichts ausrichtete, wollte er eben Gewalt anwenden, als er die Augen aufſchlug und ſein Blick auf Jean Oullier haftete. Zwei große Thränen rollten über die bronzirten Wangen des Bauern und verloren ſich in dem dich⸗ ten Ring des rothen Backenbarts, der ſein Geſicht umrahmte. Dieſe Thränen waren zu gleicher Zeit eine Bitte an den Marquis und ein Vorwurf für den Vater. Er machte Jean Oullier ein Zeichen, das Pferd auszuſpannen und flüſterte, während Bertha, welche dieſes Zeichen verſtanden hatte, vor Freuden auf der Freitreppe herumtanzte, dem Pächter in's Ohr: „Du wirſt morgen abgehen.“ Da der Tag ſich ſehr ſchön machte, wollte der 37 Marquis den Aufenthalt Jean Oulliers benützen, indem er auf die Jagd ging und ſich von ihm be⸗ gleiten ließ: er nahm ihn alſo auf ſein Zimmer, um ihm bei Anlegung ſeines Feldcoſtümes behülflich u ſein. 3 der Bauer wurde betroffen von der ſchrecklichen Unordnung, welche in dem kleinen Zimmer ſeines Gebieters herrſchte, und dieß gab dem Marquis Gelegenheit, ſeine vertraulichen Geſtändniſſe zu vollenden, indem er ſich über ſein weibliches Fac⸗ totum im Hauſe beklagte, das zwar ganz brauchbar vor dem Ofen wäre, aber bei allen andern Ange⸗ legenheiten des Haushalts, und beſonders, was die Toilette des Marquis betraf, eine abſcheuliche Gleich⸗ gültigkeit an den Tag lege. Der letztere brauchte mehr als zehn Minuten, ehe er eine Weſte fand, die nicht alle ihre Knöpfe eingebüßt hatte, oder ein paar Hoſen, die nicht in einem gar zu unſchicklichen Zuſtand der Auflöſung begriffen waren. Endlich war man damit fertig. Der Marquis, ſo ſehr er auch Wolfsjäger war, litt doch zu große Armuth, um ſich den Luxus eines Rüdenknechts zu geſtatten; er führte alſo ſein klei⸗ nes Jagdzeug ſelbſt, und da er ſolchergeſtalt ge⸗ nöthigt war, ſich zwiſchen der Sorge für Auffindung der Spur und den Voranſtalten zum Schuß zu theilen, ſo geſchah es ſelten, daß er nicht unver⸗ richteter Sache zurückkehrte. Mit Jean Oullier war es etwas ganz Anderes. Der rüſtige Bauer, in der ganzen Stärke des Alters, kletterte über die ſteilſten Abhänge des Forſtes mit der Kraft und Leichtigkeit eines Rehes; er ſprang über einen Buſch, wenn es ihm zu lang war, denſelben zu umgehen, und wich, Dank ſeinen Kniekehlen von Stahl, von den Hunden nicht um eines Fußes Länge. Endlich feuerte er bei zwei oder drei Gelegenheiten dieſelben mit ſolchem Glück an, daß das Wildſchwein, welches ſie jagten, be⸗ greifend, es könne ſich durch die Flucht ihrer nicht entledigen, dießmal zuletzt ſie erwartete und ihnen in einem Dickicht die Spitze bot, wo der Marquis die Freude hatte, daſſelbe ſtehenden Fußes zu tödten, was ihm bisher noch nie paſſirt war. Der Marquis kehrte, vor Freude entzückt und Jean Oullier für den köſtlichen Tag, den er ihm bereitet hatte, dankend, nach Hauſe zurück. Beim Diner war er in der heiterſten Laune und erfand neue Spiele, um die kleinen Mädchen in dieſelbe Stimmung mit ihm zu verſetzen. Abends, als er ſich in ſein Zimmer begab, fand der Marquis von Souday Jean Oullier in einer Ecke mit unterſchlagenen Beinen nach türkiſcher oder Schneider⸗Art ſitzen. Er hatte einen Berg von Kleidungsſtücken vor ſich und hielt ein Paar alte Sammthoſen in der Hand, an welchen die Nadel wüthend hin und her fuhr. „Was Teufels machſt Du da?“ fragte ihn der Marquis. „Der Winter iſt kalt in dieſer flachen Gegend, beſonders wenn es vom Meere her bläst, und bei mir zu Hauſe würde es mich in die Beine frieren, wenn ich nur daran denke, daß der Nordwind durch ſolche Löcher an die Ihrigen gelangen kann,“ ant⸗ — — 8☛ᷣ* ¹—X½—————— 39 wortete Jean Oullier, indem er ſeinem Herrn in den Hoſen, die er ausbeſſerte, einen Schlitz zeigte, der vom Knie bis zum Gürtel ging. „Ah ſo! Du biſt alſo Schneider?“ fragte ihn der Marquis. „Ach!“ erwiderte Jean Oullier,„muß man nicht von Allem etwas wiſſen, wenn man ſeit mehr als zwanzig Jahren allein lebt; überdieß iſt man nie in Verlegenheit, wenn man'Soldat geweſen.“ „Ah ſo! bin ich das nicht auch geweſen?“ fragte der Marquis. „Nein, Sie ſind Officier geweſen, und das iſt etwas Anderes. 9 Der Marquis von Souday betrachtete Jean Oullier mit Bewunderung und legte ſich nieder, ſchlief ein und ſchnarchte, ohne daß dieß im minde⸗ ſten die Arbeit des alten Chouan unterbrach. Mitten in der Nacht wachte der Marquis auf. Jean Oullier arbeitete noch immer fort. Der Berg von Kleidern hatte ſich noch nicht merklich vermindert. „Aber Du wirſt nicht fertig, und wenn Du bis in den Tag hinein arbeiteſt, armer Jean!“ ſagte der Marquis zu ihm. „Ach ja! ich fürchte ſehr.“ „Dann lege Dich nieder, alter Kamarad, Du ſollſt nicht fortgehen, bis Du unter dieſen abge⸗ legten Plunder etwas Ordnung gebracht haſt, und morgen wollen wir noch einmal jagen.“ Wie auf eine Stunde zu dem Marquis kommend, Jean Oul⸗ lier ſich noch daſelbſt befände, wenn der Marquis und er nicht ſeit zehn Jahren todt wären. Am Morgen vor dem Abgang zur Jagd kam der Marquis auf den Gedanken, ſeine Kinder zu umarmen. Er ſtieg alſo in ihr Zimmer hinauf und war ſehr erſtaunt, den aller Orten brauchbaren Jean Oullier zu finden, der ihm zuvorgekommen war und die beiden kleinen Mädchen mit dem Bewußt⸗ eingund der Beharrlichkeit der beſten Erzieherin wuſch. Und der arme Mann, dem dieſe Beſchäftigung die Kinder, welche er verloren hatte, zurückrief, ſchien dabei eine vollſtändige Befriedigung zu em⸗ pfinden. Die Bewunderung des Marquis verwandelte ſich in Reſpect. Acht Tage lang folgten ſich die Jagden ohne Unterbrechung, die eine immer ſchöner und erfolg⸗ reicher als die andere. Während dieſer acht Tage war Jean Oullier, wechſelsweiſe Piqueur und Hauswirth, in dieſer letztern Eigenſchaft einmal heimgekehrt, arbeitete unermüdet daran, die Toilette ſeines Herrn zu ver⸗ jüngen und fand noch Zeit, das Haus von oben bis unten in Ordnung zu bringen. Der Marquis von Souday, jetzt weit entfernt davon, auf ſeine Abreiſe zu dringen, dachte nur 41 mit Schauder daran, daß er ſich von einem ſo koſt⸗ baren Diener trennen müſſe. 1 Vom Morgen bis zum Abend und manchmal vom Abend bis zum Morgen überlegte er hin und her in ſeinem Kopfe, welche von den Eigenſchaften des Vendéers diejenige wäre, welche den fühlbarſten Eindruck auf ihn machte. Jean Oullier hatte die feine Naſe eines Spür⸗ hundes, um einen Wiedergang an dem Bruch von Brombeerſtauden oder auf dem von Thau befeuch⸗ teten Gras zu entdecken. Auf den trockenen und ſteinigten Wegen von Machecoul, Bourgneuf und Aigrefeuille beſtimmte er ohne Zögern Alter und Geſchlecht des Wild⸗ ſchweins, deſſen Fährte unmerklich erſchien. Nie hatte ein berittener Piqueur die Hunde an⸗ gefeuert, wie Jean Oullier, auf ſeinen beiden lan⸗ gen Beinen ſtehend, es verſtand. Endlich war er an den Tagen, wo man aus Erſchöpfung der kleinen Meute Ruhe gönnen mußte, ohne Gleichen, um die ſchnepfenreichſten Plätze auf⸗ zufinden und ſeinen Herrn dahin zu führen. „Ha! meiner Treu, zum Teufel mit der Hei⸗ rath,“ rief zuweilen der Marquis ganz laut, wenn man ihn mit ganz andern Gedanken beſchäftigt glaubte;„was ſoll ich auf dieſer Galeere thun, mit der ich ſchon die ehrlichſten Leute ſo traurig habe ſteuern ſehen? Gott's Tod! ich bin nicht mehr ganz jung; ich komme bereits in meine vierzig Jahre, ich mache mir keine Illuſionen mehr, ich rechne nicht darauf, durch meine perſönlichen Reize eine Erobe⸗ rung zu machen; ich kann alſo auf nichts anderes hoffen, als ein altes Dämchen mit meinen dreitau⸗ ſend Livres Rente, von denen die Hälfte mit mir erlöſcht, zu verſuchen; ich werde eine zänkiſche, lau⸗ niſche, beißige Marquiſe von Souday haben, die mir vielleicht die Jagd, wozu mir der wackere Jean ſo nützlich iſt, verbietet und ſicherlich die Haushal⸗ tung nicht ſchöner in Stand hält, als es von ihm geſchieht.“ „Und dennoch,“ nahm er wieder das Wort, ſich aufrichtend und den Oberkörper wiegend,„ſind wir in einem Zeitraum, wo es geſtattet iſt, die vorneh⸗ men Geſchlechter, die natürlichen Stützen der Mo⸗ narchie, ausſterben zu laſſen? Wäre es nicht für mich ſehr ſüß, durch meinen Sohn das Haus wieder zu Ehren gebracht zu ſehen? Bei mir dagegen, wo man nie von einer Frau, wenigſtens von einer geſetzmäßigen gewußt hat, was werden meine Nach⸗ barn von der Gegenwart der beiden kleinen Mäd⸗ chen im Hauſe ſagen?“ Dieſe Betrachtungen, wenn ſie ſich einſtellten, und dieß geſchah gewöhnlich an Regentagen, wenn das ſchlechte Wetter ihn hinderte, ſich ſeinem Lieb⸗ lingsvergnügen hinzugeben, verſetzten zuweilen den Marquis von Souday in grauſame Verwirrung. Er ging daraus hervor, wie alle unentſchiedenen Temperamente, alle ſchwachen Charaktere, alle Men⸗ ſchen, welche keinen Entſchluß zu faſſen wiſſen, aus ähnlicher Lage hervorgehen. Indem er in dem Proviſorium beharrte. Bertha und Mary hatten 1831 ihr ſiebzehntes Jahr erreicht, als dieſes Proviſorium noch immer fortdauerte. 43 Und doch hatte, wiewohl man es kaum glauben ſollte, der Marquis von Souday ſich noch nicht poſitiv entſchieden, ſeine Töchter bei ſich zu behalten. Jean Oullier, der den Schlüſſel zu ſeinem Hauſe in Chevrollidre an einen Nagel gehängt hatte, war ſeit vierzehn Jahren nicht auf den Einfall gekom⸗ men, ihn von da wegzunehmen. Er hatte geduldig gewartet, daß ſein Herr ihm Befehl gebe, nach Hauſe zurückzukehren, und da ſeit ſeiner Ankunft im Schloß dieſes ſauber und nett war, da der Marquis ſich nicht ein einziges Mal über das Unangenehme des Mangels der Knöpfe zu be⸗ klagen hatte, da ſeine Jagdſtiefel immer gehörig geſchmiert, da die Gewehre ſo gut wie nur in der erſten Waffenſchmiede in Nantes gehalten waren; da Jean Oullier vermittelſt gewiſſer Zwangsmaß⸗ regeln, deren Ueberlieferung er von einem ſeiner Kamaraden in der Brigands⸗Armee beſaß, all⸗ mälig der Köchin abgewöhnt hatte, den Herrn ihre üble Laune fühlen zu laſſen; da die Hunde beharr⸗ lich in gutem Zuſtande waren, glänzend von Haar, weder zu fett, noch zu mager, fähig, viermal in der Woche einen tüchtigen Lauf von acht bis zehn Mei⸗ len auszuhalten und ebenſo oft mit einem Hallali zu beendigen; da zudem das Geplauder und die Artigkeit der Kinder, ihre mittheilſame Zärtlichkeit die Monotonie ſeines Daſeins unterbrachen; da ſeine Geſpräche und Unterhaltungen mit Jean Oul⸗ lier über den ehemaligen, bereits der Tradition anheimgefallenen Krieg(ſie ſtieg zu fünfunddreißig bis ſechsunddreißig Jahren auf) die Monotonie ſei⸗ nes Daſeins unterbrachen und die langen Abende und Regentage verkürzten, ſo hatte der Marquis, die freundliche Sorgfalt, die ſüße Ruhe, das ſtille Glück, das er bei der armen Eva genoſſen, und noch dazu mit der berauſchenden Luſt der Jagd wieder⸗ findend, es von Tag zu Tag, von Monat zu Mo⸗ nat, von Jahr zu Jahr unterlaſſen, den Zeitpunkt der Trennung feſtzuſetzen. Was Jean Oullier betraf, ſo hatte er ſeinerſeits Gründe, eine Entſcheidung nicht herbeizurufen; er war nicht allein ein tapferer, er war auch ein bra⸗ ver Mann. Wie wir bereits erwähnten, hatte er ſogleich eine Zuneigung für Bertha und Mary gefaßt; dieſe Zuneigung hatte ſich in dem armen, ſeiner eigenen Kinder beraubten Herzen raſch in Zärtlichkeit ver⸗ wandelt, und mit der Zeit war dieſe Zärtlichkeit zur Schwärmerei geworden; er hatte ſich von An⸗ fang an keine genaue Rechenſchaft von dem Unter⸗ ſchied gegeben, den der Marquis zwiſchen ihrer Lage und derjenigen legitimer Kinder machte, welche er aus irgend einer Verbindung zur Fort⸗ pflanzung ſeines Namens in Nieder⸗Poitou zu er⸗ halten hoffte; wenn man einem braven Mädchen Kummer gemacht hat, ſo weiß man nur ein einziges Mittel der Rückerſtattung der Ehre, die Heirath. Jean Oullier fand es vernunftgemäß, weil ſein Herr ſeine Verbindung nicht legitimiren konnte, wenigſtens die Vaterſchaft, die Eva ihm ſterbend vermacht hatte, nicht abzuläugnen. So hätte nach zweimonatlichem Aufenthalt auf dem Schloß, nachdem dieſe Betrach⸗ tungen angeſtellt, von ſeinem Geiſt erwogen, von ſeinem Herzen bekräftigt worden waren, der Vendéer — — 2——— ————, 45 einen Befehl zur Abreiſe ſehr mißfällig aufgenom⸗ men, und der Reſpect, den er vor dem Marquis von Souday hatte, ihn nicht abgehalten, in dieſem äußerſten Fall ſeine Empfindungen herzhaft an der Stelle dieſes Kapitels auseinander zu ſetzen. Zum Glück weihte der Letztere ſeinen Diener nicht in die Ausflüchte ſeines Geiſtes ein, ſo daß Jean Oullier das Proviſorium für ein Definitivum nehmen und glauben konnte, der Marquis betrachte die Gegenwart ſeiner kleinen Töchter auf dem Schloß als ein Recht für ſie und zugleich als eine Pflicht für ſich. Im Augenblick, wo wir aus dieſen vielleicht ein wenig langen Präliminarien herauskommen, waren alſo Bertha und Mary zwiſchen ſiebzehn und acht⸗ zehn Jahren alt. Die Reinheit des Stamms des Marquis von Souday hatte, ſich in dem vollſäftigen Blut der plebejiſchen Sächſin wieder kräftigend, Wunder ge⸗ than: die Kinder Eva's ſind beide prächtige junge Mädchen von feinen, zarten Zügen, leichtem und ſchlankem Wuchs und einer Tournure voll Adel und Diſtinction. Sie gleichen ſich wie alle Zwillinge ſich gleichen; nur war Bertha brünett wie ihr Vater, Mary blond wie ihre Mutter. Unglücklicher Weiſe hat ſich die Erziehung, welche die beiden ſchönen Weſen erhielten, während ſie deren phyſiſche Vorzüge ſo viel als möglich ent⸗ wickelte, nicht genügend mit den Bedürfniſſen ihres Geſchlechts beſchäftigt. Da ſie Tag für Tag in der Nähe ihres Vaters lebten, da der Letztere die Sachen gehen ließ, wie ſie gingen, und ſeinen Entſchluß gefaßt hatte, den heutigen Tag zu genießen, ohne ſich um den mor⸗ genden zu kümmern, ſo konnte es auch unmöglich anders ſein. Jean Oullier war der einzige Lehrer von Eva's Kindern geweſen, wie er auch ihre einzige Gouver⸗ nante gemacht hatte. Der würdige Vendéer hatte ſie Alles gelehrt, mwas er wußte: leſen, ſchreiben, rechnen, mit zarter und tiefer Innigkeit zu Gott und der heiligen Jungfrau zu beten, hernach die Wälder zu durch⸗ ſtreifen, die Felſen zu erklettern, Stechpalmen⸗, Brombeer⸗ und Dornbüſche zu überſpringen, dieß Alles ohne Anſtrengung, Furcht und Schwäche; mit der Kugel einen Vogel im Flug, ein Reh im Laufe niederzubringen, endlich jene unzähmbaren Pferde von Mellerault, ſo wild auf ihren Wieſen oder Haiden, wie die Pferde der Gauchos auf ihren Pampas, ohne Sattel zu reiten. Der Marquis von Souday hatte Alles mit an⸗ geſehen, ohne nur einen Verſuch zu machen, der Erziehung ſeiner Töchter eine andere Direction zu geben, ohne auch nur auf den Gedanken zu gera⸗ then, Einſprache gegen den Geſchmack, den ſie an dieſen männlichen Beſchäftigungen fanden, zu erhe⸗ ben. Der würdige Edelmann war zu glücklich, an ihnen tapfere Jagdgefährten zu finden, welche mit einer achtungsvollen Zärtlichkeit für ihren Vater eine Heiterkeit, einen Frohſinn und eine Jagdluſt vereinigten, wodurch alle ſeine Partieen, ſeitdem ſie 47 an denſelben Antheil nahmen, nur einen gedoppel⸗ ten Reiz erhielten. Inzwiſchen müſſen wir, um gerecht zu ſein, noch anführen, daß der Marquis zu den Lectionen Jean Oullier's etwas aus dem Schatz ſeines eigenen Wiſ⸗ ſens hinzugefügt hatte. Als Bertha und Mary vierzehn Jahre alt geworden waren, als ſie anfin⸗ gen, ihren Vater auf ſeinen Wald⸗Expeditionen zu begleiten, verloren die kindlichen Spiele, welche ſonſt die Abende im Schloß ausfüllten, alle ihre Anzie⸗ hungskraft. Um nun die daraus entſpringende Leere auszu⸗ füllen, hatte der Marquis von Souday Bertha und Mary Whiſt gelehrt. Ihrerſeits hatten die beiden Kinder, ſo gut ſie vermochten, den moraliſchen Theil der Erziehung, die durch Jean Oullier vom phyſiſchen Geſichtspunkt aus ſo gut gefördert worden war, vervollſtändigt; ſie hatten, da ſie im Schloß Verſteckens ſpielten, ein Zimmer entdeckt, welches aller Wahrſcheinlichkeit nach ſeit dreißig Jahren nicht geöffnet worden war. Es war die Bibliothek. Hier hatten ſie etwa ein Tauſend Bände ge⸗ funden. Jede hatte unter dieſen Bänden nach ihrem Geſchmack gewählt. Die ſentimentale und ſanfte Mary hatte den Romanen, die ungeſtüme Bertha der Geſchichte den Vorzug gegeben. Dann hatten ſie Alles mit einander verſchmol⸗ zen: Mary, indem ſie Bertha von Amadis, von Paul und Virginie erzählte. —————— 48 Bertha, indem ſie Mary über Mezeray und Vely berichtete. Aus dieſer verſtümmelten Lectüre waren für die beiden jungen Mädchen ziemlich falſche Vorſtellun⸗ gen von dem wirklichen Leben und den Gewohn⸗ heiten und Anforderungen einer Welt, die ſie nie geſehen, von der ſie kaum reden gehört hatten, entſprungen. Bei der erſten Communion der beiden Mädchen hatte der Pfarrer von Machecoul, der ſie um ihrer Frömmigkeit und Herzensgüte willen liebte, einige Bemerkungen über die ſeltſame Exiſtenz, die man ihnen durch eine ſolche Erziehung bereitete, gewagt; aber dieſe freundſchaftlichen Warnungen brachen ſich an der egoiſtiſchen Gleichgültigkeit des Marquis von Souday. So war die von uns beſchriebene Erziehung fortgeſetzt worden und aus dieſer Erziehung eine Reihe von Gewohnheiten entſprungen, welche, Dank ihrer bereits ſo falſchen Stellung, Bertha und ihre Schweſter in der ganzen Gegend in einen ſehr ſchlimmen Ruf gebracht hatten. Und wirklich war der Marquis von Souday von Edelleuten umgeben, welche ihn um den Ruhm ſeines Namens beneideten und nur nach einer Ge⸗ legenheit begehrten, ihn die Geringſchätzung fühlen zu laſſen, welche die Ahnen des Marquis wahrſchein⸗ lich gegen die Ihrigen an den Tag gelegt hatten; ſo begann man, bei der Wahrnehmung, daß er die Früchte einer ungeſetzlichen Verbindung in ſeiner Wohnung behielt und ſeine Töchter nannte, das Leben, das er in London geführt, auszupoſaunen; 49 man vergrößerte ſeine Fehler; man machte aus der armen Eva, welche ein Wunder der Vorſehung ſo rein erhalten hatte, ein Straßenmädchen; und bald wandten ſich die Krautjunker von Beauvoir, von Saint⸗Leger, von Bourgneuf, von Saint Philibert und Grandlieu von dem Marquis unter dem Vor⸗ wand ab, daß er den Adel herabwürdige, um den ſie, mit Rückſicht auf die bürgerliche Geburt der meiſten von ihnen, ſich große Sorge zu machen ſo geneigt geweſen waren. Bald waren es nicht mehr die Männer, welche das derzeitige Betragen des Marquis von Souday mißbilligten und ſein vergangenes Betragen ver⸗ läumdeten; die Schönheit der beiden Schweſtern hetzte alle Mütter und alle Töchter zehn Meilen in der Runde gegen ſie auf, und dieß wurde ſofort un⸗ endlich bedenklicher. Wäre Bertha und Mary häß⸗ lich geweſen, das Herz dieſer menſchenfreundlichen Damen und frommen Mädchen, von Natur zu chriſtlicher Nachſicht geneigt, hätte vielleicht dem ar⸗ men Teufel von Schloßherrn die unſchickliche Vater⸗ ſchaft verziehen; ſo aber mußte man ſich nothwendig empört fühlen, wenn man ſah, wie dieſe beiden thieriſchen Geſchöpfe mit ihrer Diſtinction, mit ihrer Nobleſſe und den Reizen ihres Aeußern die jungen Fräulein aus den beſten Familien der Umgegend zermalmten. Eine ſolche unverſchämte Superiorität verdiente weder Gnade noch Mitleid. Der Unwille gegen die beiden armen Kinder war ſo allgemein, daß, hätten ſie auch der Medi⸗ ſance oder Verläumdung mit Nichts Stoff gegeben, Dumas, Wölfinnen von Machecoul I. 4 Mediſance und Verläumdung ſie doch noch mit der Flügelſpitze berührt haben würden; man urtheile demnach, was bei den männlichen und exeentriſchen Gewohnheiten der beiden Schweſtern geſchehen mußte und wirklich geſchah.. Es gab alſo bald ein allgemeines und vor⸗ wurfsvolles Zetergeſchrei, das vom Departement der Nieder⸗Loire ſich in die Departements der Ven⸗ dée und der Maine⸗ und Loire verbreitete. Ohne das Meer, welches die Küſten der Nieder⸗ Loire begrenzt, würde ſich dieſer Tadel ganz gewiß gegen Weſten einen Weg gebahnt haben, wie es dem Süden und Oſten zu der Fall war. Bürger und Edelleute, Stadt⸗ und Landbewoh⸗ ner, alle Welt miſchte ſich darein. Die jungen Leute, welche Mary und Bertha kaum begegnet waren, ſie kaum geſehen hatten, ſprachen von den Töchtern des Marquis von Souday mit einem übermüthigen Lächeln voll von Hoffnung, wenn nicht voll von Erinnerung. Die alten Jungfern bekreuzten ſich, wenn man ihren Namen ausſprach; die Wärterinnen bedroh⸗ ten die kleinen Kinder mit ihnen, wenn ſie nicht ordentlich waren. Die Nachſichtigſten beſchränkten ſich darauf, den Zwillingen die drei Tugenden des Harlekins zu lei⸗ hen, welche man gewöhnlich den Jüngern des hei⸗ ligen Hubertus, deren Geſchmack ſie zur Schau ſtellten, zuweist: das heißt, Liebe, Spiel und Wein; aber andere verſicherten ernſthaft, das kleine Schloß von Souday ſei jeden Abend der Schauplatz von Orgien, deren Tradition ſich nur in den Memoiren —— XN S3A Sg 51 der Regentſchaft wiederfinde; einige Romantiker wollten abſolut, ſich vor allen auszeichnend, in einem der kleinen Thürme, der den unſchuldigen Lieb⸗ ſchaften von etwa zwanzig Tauben überlaſſen war, eine Reminiſcenz von dem berüchtigten Thurm von Nesle, ſchwelgeriſchen und todtſchlägeriſchen Anden⸗ kens, erkennen. Kurz, man ſprach ſo viel über Bertha und Mary, daß ſie, wie auch die Reinheit ihres Lebens und die Unſchuld ihres Thuns bisher ſein mochte und in Wirklichkeit noch war, ein Gegenſtand des Abſcheus für das ganze umliegende Land wurden. Durch die Schloßdiener, durch die Arbeiter, welche mit den Bürgern in Berührung kamen, durch die Leute ſogar, welchen die Mädchen zu ſchaffen gaben, oder auch einen Dienſt leiſteten, drang die⸗ ſer Haß ſo ſehr in die Bevölkerung ein, daß mit Ausnahme einiger armen Blinden, oder einiger alten, ſchwachen Frauen, welchen die Waiſen direc⸗ ten Beiſtand leiſteten, daß das ganze Volk in Blouſe und Holzſchuhe zum Echo für die albernen Mährchen diente, die von den Vornehmſten der Umgegend erfunden worden waren, und es keinen Holzhacker, keinen Holzſchuhmacher in Machecoul, keinen Feldarbeiter in Saint⸗Philibert oder Aigre⸗ feuille gab, der es nicht für einen Schimpf gehalten hätte, vor ihnen den Hut zu ziehen. Endlich hatten, um es kurz zu ſagen, die Bauern Bertha und Mary einen Spottnamen gegeben, und derſelbe war, von unten herauf gekommen, in den obern Regionen, da er die Triebe und das unor⸗ dentliche Leben, welches man den Mädchen zuſchrieb, 4 vollkommen ccharakteriſirte, mit Beifall aufgenom⸗ men worden. Man nannte ſie: Die Wölfinnen von Mache⸗ coul. V. Ein Wurf junger Wölfe. Der Marquis von Souday blieb ganz und gar gleichgültig bei dieſen Manifeſtationen öffentlicher Mißbilligung; noch mehr, er ſchien nicht einmal zu ahnen, daß ſie überhaupt exiſtirte, und als er wahrnahm, daß man die ſeltenen Beſuche nicht mehr erwiederte, welche er je von Zeit zu Zeit ſei⸗ nen Nachbarn zu machen ſich verpflichtet hielt, rieb er ſich freudig die Hände, indem er jetzt von Frohndienſten befreit zu ſein glaubte, die er haßte und niemals verrichtete, ohne von ſeinen Töchtern oder Jean Oullier dazu getrieben oder gezwungen worden zu ſein. Es kamen ihm wohl hie und da einige Ver⸗ leumdungen zu Ohren, welche auf Rechnung von Bertha oder Mary cirkulirten; aber er war ſo glücklich zwiſchen ſeinem Factotum, ſeinen Töchtern und ſeinen Hunden, daß er der Anſicht war, es hieße das Glück, deſſen er genoß, auf's Spiel ſetzen, wenn er dieſem albernen Geſchwätz einige Aufmerk⸗ ſamkeit ſchenken würde, ſo daß er nach wie vor jeden Tag ſeine Haſen trieb, bei wichtigen Veran⸗ laſſungen ſeine Wildſchweine trieb und jeden Abend in Geſellſchaft der beiden armen Verläumdeten ſein Whiſt machte. 53 Jean Oullier war weit entfernt, ſich ſo philo⸗ ſophiſch wie ſein Herr zu ergeben; zugleich muß man ſagen, daß ſofern ſeine Stellung weit weniger imponirend war, er auch mehr davon erfuhr. Seine Zärtlichkeit für die beiden Mädchen war zur Schwärmerei geworden. Er brachte ſein Leben damit zu, ſie anzuſehen: ſei es, daß ſie ſanft lächelnd im Salon des Schloſſes ſaßen, ſei es, daß ſie, über den Hals ihrer Pferde geneigt, die Augen funkelnd, das Geſicht belebt, ihre ſchönen Haare im Vinde flatternd unter ihren Filzhüten mit breiter Krempe und wallender Feder, Seite an Seite hin⸗ galoppirten. Wenn er ſie in ſo ſtolzer Vollkommen⸗ heit und zugleich ſo gut und zärtlich gegen ihren Vater und gegen ihn ſah, hüpfte ſein Herz vor Stolz, Hochgefühl und Glück; er hielt ſich ſelbſt bei Entwicklung dieſer bewundernswürdigen Geſchöpfe für einigermaßen betheiligt und fragte ſich, wie es möglich ſei, daß das Weltall nicht vor ihnen die Kniee beuge. So wurden die Erſten, die es wagten, ihn von den Gerüchten zu unterhalten, welche durch die Gegend liefen, ſo nachdrücklich zurechtgewieſen, daß dieß den Andern die Luſt hiezu benahm; aber, der eigentliche Vater von Bertha und Mary, hatte Jean Oullier nicht nöthig, daß man ihm davon ſprach, um zu wiſſen, was man von den beiden Gegen⸗ ſtänden ſeiner Zärtlichkeit dachte. Aus einem Lächeln, einem Blick, einer Geberde, einem Zeichen errieth er die boshaften Gedanken eines Jeden, und dieß mit einem Scharfſinn, der ihn wahrhaft unglücklich machte. Die Verachtung, welche Arme wie Reiche gegen⸗ über von den Waiſen zu verbergen ſich nicht die Mühe nahmen, betrübte ihn tief; hätte er den Bewegungen ſeines Blutes nachgegeben, er würde mit jeder Phyſiognomie, die ihm reſpectswidrig vor⸗ gekommen wäre, Streit angefangen und dergleichen Leute mit Fauſtſchlägen eines Beſſern belehrt, an⸗ dere in die Schranken des Kampfplatzes gefordert haben. Aber ſein geſunder Verſtand machte ihm begreiflich, daß Bertha und Mary einer andern Rehabilitirung bedurften und daß ausgetheilte oder empfangene Schläge zu deren Rechtfertigung nicht im Mindeſten beitragen; er fürchtete außerdem, und dieß machte ihm das größte Bedenken, es möchten in Folge einer von dieſen Scenen, die er ſo gerne herbeigeführt hätte, die Mädchen von der öffentli⸗ chen Meinung bezüglich ihrer Perſon Kunde erhalten. Der arme Jean Oullier krümmte ſich unter die⸗ ſem ungerechten Tadel, und große Thränen und heiße Gebete zu Gott, dem höchſten Rächer der Kränkungen und Ungerechtigkeiten der Menſchen, waren die einzigen Zeugen ſeines Kummers. Er nahm darüber einen tiefen Menſchenhaß an; da er rings um ſich nichts als Feinde ſeiner geliebten Kinder ſah, konnte er nicht anders als die Menſchen verabſcheuen, und rüſtete ſich, von lauter künftigen Revolutionen träumend, ihnen Böſes mit Böſem zu vergelten. Die Revolution vom Jahr 1830 war ausge⸗ brochen, ohne Jean Oullier, der ein wenig darauf rechnete, Gelegenheit zur Ausführung ſeiner ſchlim⸗ men Vorſätze zu geben. Aber da der Aufruhr, der täglich in den Straßen von Paris grollte, ſich wohl bei gegebe⸗ ner Zeit in der Provinz entladen konnte, ſo war⸗ tete er zu. Nun jagten an einem ſchönen Septembermorgen der Marquis von Souday, ſeine Töchter, Jean Oullier und die Meute, die ſich zwar mehrmals, ſeit wir deren Bekanntſchaft machten, erneut, aber darum an Zahl nicht vergrößert hatte, im Forſte von Machecoul. Es war ein von dem Marquis mit Ungeduld erwarteter Tag, von dem er ſich ſchon ſeit drei Monaten großen Jubel verſprach. Es handelte ſich ganz einfach darum, einen Wurf junger Wölfe auf⸗ zuheben, deren Lager Jean Oullier entdeckt hatte, als ſie noch blind waren, und die er ſeitdem als würdiger Piqueur eines Wolfsjägermeiſters, der er war, in Acht nahm, hegte und pflegte. Dieſer letzte Satz bedarf für Diejenigen, welche mit der edlen Kunſt des Waidwerks nicht vertraut ſind, vielleicht einiger Erklärung. Noch als Knabe ſagte der Herzog von Biron, im Jahr 1602 auf Befehl Heinrichs IV. enthaup⸗ tet, zu ſeinem Vater: „Gib mir fünfzig Mann Reiterei und dort ſind zweihundert Mann, die auf Fourragirung ausgehen und durch mich vom Erſten bis zum Letzten vernich⸗ tet werden ſollen; ſind dieſe zweihundert Mann wen, ſo wird die Stadt genöthigt ſein, ſich zu er⸗ geben.“ „Und hernach?“ „Nun hernach wird die Stadt übergeben ſein.“ „Und der König unſerer nicht mehr bedürfen; man muß nothwendig bleiben, einfältiger Junge.“ Die zweihundert Mann Fourrageurs wurden nicht getödtet, die Stadt nicht genommen, und Biron und ſein Sohn blieben nothwendig. Das heißt, ſo lang ſie nothwendig waren, blie⸗ ben ſie in der Gunſt und im Sold des Königs. Nun mit den Wölfen iſt es wie mit jenen Fourrageurs, welche Biron's Vater ſchonte. Hätte es keine Wölfe mehr gegeben, würde es auch keinen Wolfsjägermeiſter mehr gegeben haben; man muß alſo Jean Oullier, dem Gehülfen bei der Wolfsjägermeiſterei verzeihen, daß er eine Art von Zärtlichkeit gegen die jungen Pfleglinge der Wölfin bewies und ſie nicht ſammt deren Mutter mit all der Strenge tödtete, welche er gegen einen alten Wolf männlichen Geſchlechts an den Tag gelegt hätte. Das iſt nicht Alles. So unthunlich die Jagd eines alten Wolfes mit dem Loslaſſen der Jagdhunde, ſo langweilig und einförmig ſie im Treiben, ſo leicht angenehm und unterhaltend iſt die eines jungen Wolfes von fünf bis ſieben Monaten. So hatte alſo Jean Oullier, um dieſen köſtli⸗ chen Zeitvertreib ſeinem Herrn zu verſchaffen, als er den Wurf entdeckte, ſich wohl gehütet, die Wöl⸗ fin zu beunruhigen oder zu erſchrecken; er hatte ſelbſt nicht auf einige Hämmel in der Nachbarſchaft 57 Rückſicht genommen, welche die Mutter unvermeid⸗ lich mit ihren Jungen während ihres Wachsthums theilen mußte; er hatte ſie mit rührender Theil⸗ nahme beſucht, um ſich zu verſichern, daß Niemand eine reſpectswidrige Hand an ſie lege und war, meiner Treu, hoch erfreut an dem Tage, wo er das Lager leer fand und daraus ſchloß, daß die kluge Mutter ſie auf ihre Excurſionen mitgenommen hatte. Endlich trieb er ſie eines Tags, als er ſie für reif zu dem Zweck erachtete, den er mit ihnen hatte, in einen Holzſchlag von einigen hundert Hectaren Umfang und ließ die ſechs Hunde des Marquis von Souday auf einen derſelben los. Das arme Wölflein, das nicht wußte, was dieſes Gebell und dieſes Waldhornblaſen zu bedeuten habe, verlor den Kopf und entwich ſogleich aus der Umkreiſung, wo er ſeine Mutter und ſeine Brüder ließ und wo er noch, um ſeine Haut zu retten, die Hunde von der Verfolgung ſeiner Spur abzubringen Ausſicht hatte; er gewann einen an⸗ dern Hau, in welchem er ſich eine halbe Stunde treiben ließ, indem er wie ein Haſe im Ring herum eilte; hernach, als er von dieſem erzwungenen Lauf, den er nicht gewöhnt war, ſich erſchöpft und ſeine dicken Pfoten wie erſtarrt fühlte, ſetzte er ſich naiv auf ſeinen Schwanz und wartete. Er wartete nicht lang, um zu erfahren, was man von ihm wollte, denn Domino, der Leithund des Marquis, ein Vendéer mit harten, gräulichen Haaren, kam beinahe unmittelbar darauf zur Stelle und zerbrach ihm mit einem Griff des Rachens das Kreuz. —— Jean Oullier nahm ſeine Hunde zurück, führte ſie wieder den Brüchen nach und zehn Minuten ſpäter war der Vater des Geſtorbenen auf der Fährte und die Koppel hart hinter ihm her. Dieſer, klüger, verließ die Umgebungen nicht; ſo verzögerten die häufigen Wechſel der Spur, bald durch die überlebenden jungen Wölfe, bald durch die Wölfin, welche ſich freiwillig den Hunden dar⸗ bot, verurſacht, den Augenblick ſeines Abſcheidens. Aber Jean Oullier kannte ſein Handwerk zu gut, um den Erfolg durch dergleichen Irrthümer auf's Spiel ſetzen zu laſſen. Sobald die Jagd den leb⸗ haften und directen Gang annahm, welcher die Fährten eines alten Wolfs charakteriſirt, rief er die Hunde ab, führte ſie an die Stelle zurück, wo die Spur verſchlagen worden war, und brachte ſie wie⸗ der auf die rechte Fährte. Endlich verſuchte das arme Wölfchen, von ſei⸗ nen Verfolgern zu ſehr bedrängt, es mit einem Hourvari: es kehrte auf demſelben Wege wieder um, und trat ſo naiv aus dem Gehölz hervor, daß es auf den Marquis und ſeine Töchter ſtieß. Ueberraſcht, den Kopf verlierend, wollte es ſich zwi⸗ ſchen den Beinen der Pferde verbergen, aber Herr von Souday bückte ſich über den Hals ſeines Pfer⸗ des hinab, faßte es feſt am Schwanz und warf es den Hunden zu, welche ihm auf ſeiner Umkehr gefolgt waren. Dieſe beiden erfolgreichen Hallali's hatten den Schloßherrn von Souday ausnehmend unterhalten, aber er wollte es dabei nicht bewenden laſſen; er beſprach ſich mit Jean Oullier, um ſich zu erkundigen, uEdoR 8— —— 59 ob man umkehre, um gegen den Wind anzujagen, oder ob man die Hunde unter demſelben nach Be⸗ lieben gehen laſſe, da, was noch von jungen Wöl⸗ fen übrig war, auf der Fährte ſein müßte. Aber die Wölfin, welche wahrſcheinlich vermu⸗ thete, daß man dem Reſte ihrer Nachkommenſchaft noch zu Leibe gehen wolle, kreuzte den Weg zehn Schritte von den Hunden, gerade mitten in der Discuſſion zwiſchen Jean Oullier und dem Mar⸗ quis. Beim Anblick des Thieres ſtieß die kleine Meute, welche man wieder anzukoppeln verſäumt hatte, nun ein Gebell aus und ſtürzte ſich, trunken von Leidenſchaft, auf deren Spur. Appel, verzweifeltes Rufen, Hauen mit der Peit⸗ ſche, nichts konnte ſie zurückhalten, nichts vermochte ſie zum Stehen zu bringen. Jean Oullier lief über Hals und Kopf, um ſie einzuholen, der Marquis und ſeine Töchter ſetzten ihre Pferde in Galopp, um ſie zum Stehen zu bringen. Aber es war kein furchtſames, zögerndes Wölf⸗ chen, welches die Hunde vor ſich hatten; es war ein kühnes, ſtarkes, unternehmendes Thier, das unbe⸗ ſorgt marſchirte, wie wenn es in ſein Lager wieder⸗ kehrte, gerade durchbrechend, ohne ſich um Niederungen, Felſen, Berge, Waldbäche, die es auf ſeiner Route fand, zu bekümmern, und dieß ohne Schrecken, ohne Uebereilung, von Zeit zu Zeit umringt von der kleinen Meute, welche es verfolgte, mitten unter den Hunden dahintrabend, und ſie durch die Gewalt ſeines ſchiefen Blicks und hauptſächlich durch das Knir⸗ 60 ſchen ſeiner furchtbaren Kinnladen in Reſpect er⸗ haltend. Die Wölfin rückte, nachdem ſie drei Viertel des Waldes durchkreuzt hatte, auf die Ebene heraus, als ob ſie ihre Richtung nach dem Wald der großen Haide nehmen wollte. Jean Oullier hielt ſeine Diſtanz und blieb, Dank der Elaſticität ſeiner Beine, auf drei⸗ bis vierhundert Schritte bei den Hunden, wegen der Böſchungen genöthigt, den Linien und Wegen zu folgen; der Marquis und ſeine Töchter waren dahinten geblieben. Als die letzteren nun am Saume des Waldes angekommen waren und den Hügel erklettert hatten, welcher das Dörfchen de la Marne beherrſcht, erblick⸗ ten ſie eine halbe Meile vor ſich, zwiſchen Machecoul und la Ballardidre, mitten unter dem Stechginſter zwiſchen dem Dorfe und dem Brachfeld Jean Oullier, ſeine Hunde und ſeine Wölfin immer in demſelben Gang und der geraden Linie unter denſelben Um⸗ ſtänden folgend. Die Scene der beiden erſten Jag⸗ den, die Geſchwindigkeit des Laufs hatten das Blut des Marquis von Souday ſehr erhitzt. „Mordien!“ rief er, nich gäbe zehn Tage meines Lebens darum, wenn ich in dieſem Augenblick zwiſchen Saint⸗Etienne⸗de⸗mes⸗Morts und La Guimaridre wäre, um dieſer ſchurkiſchen Wölfin eine Kugel zuzu⸗ ſenden.“ „Sie begibt ſich ganz ſicher nach dem Wald der großen Haiden.“ „Ja,“ ſagte Bertha,„aber unfehlbar kehrt ſie zum Auftreiben zurück, ſo bald ihre Jungen ſie nicht — 61 verlaſſen haben; ſie kann nicht fortwährend ſich ſo in's Weite verlaufen.“ „In der That wäre es beſſer, zum Auftreiben umzukehren, als noch weiter zu jagen,“ ſagte Mary. „Erinnere Dich, Vater, daß wir voriges Jahr einen großen Wolf verfolgten, der uns zehn Stunden und fünfzehn Meilen herumgeführt hat, und das für Nichts; ſo daß wir mit unſern verſchlagenen Pfer⸗ den, unſern lendenlahmen Hunden und der Schmach eines leeren Neſtes nach Hauſe zurückkehrten.“ „Ta, ta, ta,“ erwiderte der Marquis,„Dein Wolf war nicht unſere Wölfin. Kehret um, wenn Ihr wollt, zum Auftreiben, Mädchen; aber ich feuere die Hunde an, Corbleu! und man ſoll nicht ſagen, daß ich zu einem Hallali es an mir habe fehlen laſſen.“ „Wir gehen, wohin Du gehſt, Vater,“ ſprachen die beiden Mädchen zu gleicher Zeit. „Nun, alſo voran!“ rief der Marquis, ſeine Worte mit zwei kräftigen Sporenſtößen bekräftigend und ſein Pferd am Abhang davon jagen laſſend. Der Pfad, auf welchem der Marquis hingalop⸗ pirte, war ſteinigt und von ungangbaren Fahrge⸗ leiſen durchſchnitten, deren Ueberlieferung Nieder⸗ Poitou gewiſſenhaft bewahrt hat. Jeden Augen⸗ blick ſtolperten die Pferde, würden bei jedem Schritt, wenn ſie nicht kräftig gehalten worden wären, geſtürzt ſein, und es war unmöglich, wel⸗ chen Seitenweg man auch einſchlagen mochte, vor der Jagd bei dem Walde auf der großen Haide anzulangen. Herr v. Souday, beſſer beritten als ſeine Töch⸗ 62 ter, konnte ſeinem Thier mehr als ſie zumuthen und hatte einen Vorſprung von einigen hundert Schritten. Ungeduldig über die Schwierigkeiten des Wegs und ein offenes Feld wahrnehmend, jagte er mit ſeinem Pferd dahin und, ohne ſeinen Kindern etwas davon zu ſagen, quer über die Ebene. Bertha und Mary ſetzten, immer in der Mei⸗ nung, ihrem Vater zu folgen, ihren gefährlichen Marſch auf dem Pfade fort. Es war ungefähr eine Viertelſtunde, daß ſie ge⸗ trennt von ihrem Vater dahin ſprengten, als ſie ſich an einer Stelle befanden, wo der Weg zwiſchen zwei Abhängen, begrenzt von Hecken, deren Zweige ſich über ihrem Haupte kreuzten, tief eingeſchnitten war. Hier machten ſie plötzlich Halt, indem ſie das wohlbekannte Gebell ihrer Hunde in geringer Ent⸗ fernung zu hören glaubten. Beinahe in demſelben Augenblick knallte ein Flintenſchuß einige Schritte von ihnen, und ein großer Haſe, mit blutbefleckten hängenden Löffeln kam aus der Hecke hervor und ſtürzte auf den Weg, während der wüthende Ruf:„Nach! nach! Hunde, ho, ha, ho!“ von dem Felde, welches den ſchmalen Fußpfad beherrſchte, ſich vernehmen ließ. Die beiden Schweſtern glaubten in die Jagd von einem ihrer Nachbarn gerathen zu ſein und waren eben im Begriff, ſich beſcheiden zurückzuziehen, als ſie an der Stelle, wo der Haſe durch die Hecke gebrochen war, heulend aus vollem Halſe Ruſtaud, einen der Hunde ihres Vaters, hinter ihm Faraud, dann Bettau, hernach Domino und endlich Fanfare zum Vorſchein kommen ſahen; alle ſich ohne Unter⸗ ——O eͤͤ— S—— u—6— dEndN 63 brechung folgend, alle den unglücklichen Haſen ja⸗ gend, als ob ſie den ganzen Tag von einem edleren Wild gar keine Kunde gehabt hätten. Aber kaum war der Schwanz des ſechsten Hun⸗ des aus dem engen Loch heraus, als daſſelbe von einem menſchlichen Kopf wieder ausgefüllt wurde. Dieſer Kopf war das Geſicht eines jungen Man⸗ nes, bleich, verſtört, mit wirren Haaren, graſſen Augen, der übermenſchliche Anſtrengungen machte, um ſeinen Körper durch den engen Paß nachzuzie⸗ hen, und unter dem Kampfe mit den Brombeer⸗ ſträuchen und Dornen ſein Ho, ha, ho ausſtieß, das Bertha und Mary bei dem vor fünf Minuten erfolgten Flintenſchuß gehört hatten. VI. Ein angeſchoſſener Haſe. Aber bei den Hecken von Nieder⸗Poitou, welche vermittelſt umgebogener und in einander verflochte⸗ ner Laßreiſer einige Aehnlichkeit mit bretagniſchen Hecken haben, iſt kein Grund anzunehmen, daß weil ein Haſe hindurchgekommen iſt, daß neil ſechs ſprin⸗ gende Hunde hinter einem Haſen durchgekommen ſind,— iſt kein Grund, ſagen wir, anzunehmen, daß ein Loch, das ihnen den Durchgang geſtattet hat, zu einem Einfahrtsthor werde. So hatte der un⸗ glückliche junge Mann, eingezwängt wie in der Lucke einer Gulllotine, gut ſchreien, ſich Hülfe geben, ſich abmühen, ſich Hände und Geſicht blutig reißen; 64 es war ihm unmöglich, einen Zoll vorwärts zu kommen. Inzwiſchen verlor der junge Jäger den Muth nicht. Er ſetzte verzweifelt den Kampf fort, als plötzlich laut ſchallendes Gelächter ihn bei ſeiner Beſchäftigung unterbrach. Er drehte den Kopf und bemerkte zwei über den Hals ihrer Pferde gebeugte Amazonen, welche weder über ihre Heiterkeit, noch über den Grund davon einen Zweifel zuließen. Ganz beſchämt darüber, zwei hübſchen Perſonen ſo ſtarke Urſache zum Lachen gegeben zu haben, und wohl begreifend, was ſeine Lage Groteskes haben mußte, wollte der Jüngling— er war kaum zwanzig Jahre alt— ſich ſchnell zurückwerfen; aber es iſt bereits geſagt worden, daß dieſe unglückliche Hecke ſelbſt bei ſeinem Rückzug ihm verhängnißvoll ſein mochte; die Dornen hatten ſich ſo ſehr in ſeine Kleider, und die Zweige in ſeine Waidtaſche ver⸗ flochten, daß Rückwärtsweichen eine Unmöglichkeit war, und er blieb in ſeiner Hecke wie in einer Falle gefangen, und dieſes zweite Mißgeſchick ſteigerte die Fröhlichkeit der beiden Zuſchauerinnen faſt zu einem convulſiviſchen Grade. Jetzt verſuchte der arme Junge nicht mehr mit der kräftigen Energie, die wir an ihm geſehen ha⸗ ben, ſondern mit einer gewiſſen Wuth, ja Raſerei, von Neuem ſich loszumachen; und bei dieſer neuen und äußerſten Anſtrengung nahm ſeine Phyſiognomie einen ſolchen Ausdruck der Verzweiflung an, daß Mary zuerſt ſich davon gerührt fühlte. zu uth als ner den der bon nen ind den zig iſt icke ein ine er⸗ eit lle die em nit ha⸗ ei, en nie aß 65 „Laß uns ſchweigen, Bertha,“ ſagte ſie zu ihrer Schweſter,„Du ſiehſt wohl, daß wir ihn kränken.“ „Allerdings,“ antwortete Bertha,„aber was willſt Du? das iſt zu viel für mich.“ Und unter fortgeſetztem Lachen ſprang ſie vom Mferde und eilte dem armen Jungen Beiſtand zu eiſten. „Mein Herr,“ ſagte Bertha zu dem jungen Mann,„ich glaube, daß ein wenig Hülfe Ihnen nicht unnütz ſein wird, da herauszukommen. Wollen Sie den Beiſtand annehmen, den ich und meine Schweſter Ihnen zu leiſten bereit ſind?“ Aber das Lachen der beiden Mädchen hatte der Eigenliebe deſſen, an den ſie ſich wandten, noch weher gethan, als die Dornen, die ſeine Hand zer⸗ riſſen, ſo daß, ſo artig auch Bertha's Worte ſein mochten, ſie den unglücklichen Gefangenen die Spöt⸗ tereien nicht vergeſſen ließen, deren Gegenſtand er geweſen war. Deßhalb gab er keine Antwort, ſondern verſuchte als ein Mann, der entſchloſſen iſt, ſich ohne jeglichen Beiſtand aus der Affaire zu ziehen, eine letzte An⸗ ſtrengung. Er ſtützte ſich alſo auf ſeine Fauſtgelenke und ſtrebte ſich vorzudrücken, indem er dem vordern Theil des Körpers jene diagonale Kraft lieh, welche den Thieren von der Gattung der Schlangen vorwärts hilft; zum Unglück ſtieß er bei dieſer Bewegung mit der Stirne gegen ein Stück Aſt von einem wilden Apfelbaum, welches die Hippe des Bauern, von dem dieſe Hecke gezogen wurde, mit ſcharfer, ſchnei⸗ Dumas, Wöoͤlfinnen von Machecoul. I. 5 dender Kante abgeſtutzt hatte. Der Aſt zerſchnitt die Haut, wie wenn es von dem feinſten Raſir⸗ meſſer geſchehen wäre. Der junge Mann ſtieß, als er ſich ernſtlich verwundet fühlte, einen Schrei aus, und das Blut, das ſogleich ſtark nachfloß, bedeckte ihm das ganze Geſicht. Beim Anblick dieſes Unfalls, zu dem ſie ſehr unfreiwillig Veranlaſſung gegeben hatten, ſtürzten die beiden Schweſtern auf den jungen Mann zu, faßten ihn an den Schultern, und indem ſie ihre Kräfte mit einem Nachdruck, wie ihm bei gewöhn⸗ lichen Frauen noch nie vorgekommen war, vereinig⸗ ten, gelang es ihnen, denſelben aus der Hecke her⸗ auszuziehen und auf der Böſchung hinzuſetzen. Da ſie ſich von der in Wirklichkeit geringen Be⸗ deutung der Wunde keine Rechenſchaft zu geben vermochte und dieſelbe nach dem äußern Schein be⸗ urtheilte, begann Mary zu erbleichen und zu zittern; was Bertha betraf, ſo verlor ſie, weniger für jeden Eindruck empfänglich, als ihre Schweſter, keinen Augenblick den Kopf. „Laufe zu jenem Bach,“ ſprach ſie zu ihrer Schweſter,„und mache Dein Taſchentuch naß, damit wir dem Unglücklichen das Blut, welches ihn am Sehen hindert, abwaſchen können.“ Dann wandte ſie ſich, während Mary nach ihrer Anweiſung that, wieder zu dem jungen Mann. „Leiden Sie ſehr, mein Herr?“ fragte ſie. „Verzeihen Sie, Mademoiſelle,“ antwortete der junge Mann,„aber in dieſem Augenblick wirken ſo viele Dinge auf mich ein, daß ich nicht weiß, thut mir der Kopf von innen oder außen weh.“ thut 67 Dann brach er in ein Schluchzen aus, das er bisher mit vieler Mühe unterdrückt hatte. „Ach!“ rief er,„der liebe Gott ſtraft mich da⸗ für, daß ich Mama ungehorſam geweſen bin!“ Wiewohl der, welcher alſo ſprach, noch ſehr jung zu ſein ſchien, da er, wie bereits erwähnt, kaum in das zwanzigſte Jahr getreten war, ſo lag doch in den ſeltſamen Worten, die er eben ausge⸗ ſprochen, ein kindlicher Ton, der mit ſeinem Wuchs, ſeinem Jagdaufzug in ſo komiſchem Widerſpruch ſtand, daß die Mädchen ungeachtet des Mitleids, welches ſeine Verwundung in ihnen erregte, doch einen neuen Ausbruch des Lachens nicht zurückhal⸗ ten konnten. Der arme Junge ſchleuderte den beiden Schwe⸗ ſtern einen vorwurfsvollen und zugleich bittenden Blick zu, während zwei große Thränen an ſeinen Augenlidern perlten. Zu gleicher Zeit riß er mit einer Bewegung der Ungeduld das in friſches Waſſer getauchte Taſchen⸗ tuch herab, welches Mary ihm um die Stirne ge⸗ bunden hatte. „Nun!“ fragte Bertha,„was machen Sie denn?“ „Laſſen Sie mich!“ rief der junge Mann,„ich bin durchaus nicht geneigt, Beweiſe von Sorgfalt anzunehmen, welche man mich mit Spöttereien über meine Perſon bezahlen läßt. O! ich bedauere jetzt ſehr, daß ich nicht meinem erſten Gedanken nachge⸗ geben habe, nämlich zu fliehen, ſelbſt auf die Ge⸗ fahr hin, mich hundertmal ſchwerer zu verwunden.“ „Ja, aber da es nun ziemlich vernünftig von Ihnen geweſen iſt, daß Sie es nicht gethan⸗ ant⸗ 5 wortete Mary, ſo ſeien Sie auch jetzt ſo vernünftig, ſich dieſe Binde wieder um die Stirne legen zu laſſen.“ Und das Taſchentuch wieder zuſammenlegend, trat ſie auf den Verwundeten mit einem ſolchen Ausdruck von Theilnahme zu, daß der junge Mann, den Kopf nicht zum Zeichen der Weigerung, ſondern b der Niedergeſchlagenheit ſchüttelnd, antwortete: „Thun Sie, was Sie wollen, meine Fräulein.“ „O! o!“ rief Bertha, der die Bewegungen in der Phyſiognomie des jungen Mannes nicht ent⸗ gangen waren,„für einen Jäger ſind Sie, mein werther Herr, ſehr empfindlich.“ „Vor allen Dingen, mein Fräulein, bin ich kein Jäger, und nach dem, was mir eben zugeſtoßen iſt, weniger als je geneigt, es zu werden.“ „Da muß ich um Verzeihung bitten,“ erwiderte Bertha mit demſelben Ton des Scherzes, welcher den jungen Mann bereits aufgebracht hatte,„aber nach der Wuth, womit ſie gegen die Brombeer⸗ und Dornſträuche ankämpften, und vornehmlich nach dem Feuereifer zu urtheilen, womit Sie unſere Hunde hhetzten, durfte ich ſchon vermuthen, daß Sie wenig⸗ ſtens auf jenen Titel Anſprüche machen.“ „O nein, Mademoiſelle, ich habe einer Lockung nachgegeben, die ich jetzt bei kaltem Blute nicht be⸗ greife und die, wie mir wohl einleuchtet, meine Mutter alles Recht hatte, lächerlich und barbariſch zu nennen, eine Erhplung, welche darin beſteht, aus dem Todeskampf und Verenden eines vertheidigungs⸗ loſen Thieres Vergnügen zu ſchöpfen und einen Grund zur Eitelkeit herzuleiten.“ 69 „Nehmen Sie ſich in Acht, mein werther Herr,“ entgegnete Bertha,„für uns, die wir die Lächerlich⸗ keit und Barbarei haben, san dieſer Erholung Ge⸗ fallen zu finden, gleichen Sie faſt dem Fuchs in der Fabel.“ In dieſem Augenblick machte ſich Mary, die ihr Taſchentuch wieder in den Bach getaucht hatte, fertig, es zum zweiten Mal dem jungen Mann um die Stirne zu binden. Aber dieſer ſtieß ſie zurück, indem er rief: „Um's Himmels willen, mein Fräulein, ver⸗ ſchonen Sie mich mit Ihrer Sorgfalt, ſehen Sie nicht, daß Ihre Schweſter ſich noch immer über mich luſtig macht?“ „Laſſen Sie doch, ich bitte Sie,“ ſagte Mary mit ihrer ſanfteſten Stimme. Aber dieſer richtete ſich, ohne der Sanftheit dieſer Stimme Folge zu leiſten, auf das Knie auf, in der leicht erkennbaren Abſicht, hinwegzugehen. Dieſer Eigenſinn, welcher mehr dem eines Kin⸗ des, als eines Mannes glich, brachte die reizbare Bertha auf; und ihre Ungeduld gab ſich, wenn ſie auch von einem ſehr achtbaren Gefühl der Menſch⸗ lichkeit eingeflößt war, darum nicht minder in Aus⸗ drücken kund, die für ihr Geſchlecht ein wenig zu energiſch waren. „Morbleu!“ rief ſie, wie ihr Vater unter ähn⸗ lichen Umſtänden gethan haben würde,„das unar⸗ tige Bübchen will alſo keine Vernunft annehmen; beſchäftige Du Dich damit, ihn zu verbinden; ich werde ihm die Hände halten, und will des Teufels ſein, wenn er ſich rührt.“ ——— Und wirklich gelang es Bertha, die Fauſtgelenke des Verwundeten mit einer Muskelkraft faſſend, welche alle ſeine Anſtrengungen, ſich loszumachen, lähmte, Mary die ihr zugefallene Aufgabe zu er⸗ d 8 1 leichtern, ſo daß ſie nun das Taſchentuch feſt auf die Wunde legen konnte. Als nun von ihr mit einer Geſchicklichkeit, welche einem Zöglig Dupuytren's oder Jobert's Chre gemacht hätte, der Verband vollendet worden war, ſprach Bertha: „Jetzt, mein Herr, ſind Sie ſo ziemlich im Stand, ſich nach Hauſe zu begeben, Sie können alſo auf Ihren erſten Gedanken zurückkommen und uns den Rücken zukehren, ohne nur„ich danke“ zu ſagen; Sie ſind frei.“ 3 Aber trotz der ertheilten Erlaubniß, trotz der wiedergegebenen Freiheit blieb der junge Mann unbeweglich. 1 Der arme Junge ſchien zu gleicher Zeit außer⸗ ordentlich erſtaunt und tief gedemüthigt, zwei ſo ſtarken Frauen, er ſelbſt ſo ſchwach, in die Hände gefallen zu ſein; ſeme Blicke wandten ſich von Bertha zu Mary und von Mary zu Bertha, ohne daß er ein Wort zur Erwiderung finden konnte. Endlich blieb ihm kein anderes Mittel, ſeiner Ver⸗ legenheit zu entgehen, als indem er ſein Geſicht in den Händen verbarg. „Mein Gott!“ ſagte Mary unruhig,„ſollten Sie ſich übel befinden?“ Der junge Mann gab keine Antwort. Bertha zog ſanft die Hände weg, womit er ſich das Geſicht bedeckte, und als ſie bemerkte, daß er 71 weinte, wurde ſie ſogleich ebenſo ſanft und mitleidig wie ihre Schweſter. „Sie ſind alſo ſchwerer verwundet, als es den Anſchein hatte, und Ihre Schmerzen ſehr heftig, daß Sie ſo weinen?“ fragte Bertha;„in dieſem Fall beſteigen Sie mein oder meiner Schweſter Pferd und Mary und ich wollen Sie nach Haus begleiten.“ Aber der junge Mann ſchüttelte zum Zeichen der Verneinung lebhaft den Kopf. „Ei ſehen Sie doch,“ ſagte Bertha dringend, „das iſt kindiſch; wir haben Sie beleidigt, aber konnten wir vermuthen, daß wir unter Ihrem Jagd⸗ kleide die Haut eines jungen Mädchens finden wür⸗ den? Wie dem aber ſei, wir haben Unrecht ge⸗ habt, wir erkennen es an und entſchuldigen uns deßhalb gegen Sie. Vielleicht finden Sie darin nicht alle die erforderlichen Formalitäten, aber Sie müſſen auf die Seltſamkeit der Lage Rückſicht neh⸗ men und ſich geſtehen, daß Aufrichtigkeit Alles iſt, was man von zwei Mädchen erwarten kann, welche der Himmel in ſeiner Ungnade damit geſtraft hat, daß ſie alle ihre Zeit jener lächerlichen Zerſtreuung widmen, welche Ihrer Frau Mutter zu mißfallen das Unglück hat; nun, haben Sie noch einen Groll auf uns?“ „Nein, Mademoiſelle, gegen mich allein,“ ant⸗ morkete der junge Mann,„daß ich ſo übler Laune in.“ „Warum das?“ „Ich kann es Ihnen nicht ſagen; vielleicht iſt es die Scham, ſchwächer als Sie geweſen zu ſein, der ich doch ein Mann bin; vielleicht bin ich ganz einfach von dem Gedanken gequält, nach Hauſe zu⸗ rückzukehren. Was ſoll ich meiner Mutter ſagen, um ihr dieſe Verwundung zu erklären?“ Die beiden Mädchen ſchauten ſich an; ſie, die Frauen waren, hätten um einer ſolchen Kleinigkeit willen nicht verlegener ſein können; aber dießmal verſagten ſie ſich das Lachen, ſo ſehr ſie auch Luſt dazu haben mochten, da ſie ſahen, mit welcher ner⸗ vöſen Empfindlichkeit derjenige begabt war, mit dem ſie es zu thun hatten. „Nun denn,“ ſprach Bertha,„wenn Sie uns keinen Groll bewahren, ſo geben Sie mir einen Handſchlag, und verlaſſen wir uns als neue, aber als gute Freunde.“ Und ſie bot dem Verwundeten die Hand, wie ein Mann gegenüber einem Mann gethan haben würde. Dieſer ſeinerſeits war ohne Zweifel im Begriff, mit derſelben Geberde zu erwidern, als Mary ein Zeichen machte, wie Jemand, der Aufmerkſamkeit begehrt, indem ſie den Finger erhob. „Bſt!“ ließ nun Bertha vernehmen. Und ſie horchte, wie ihre Schweſter, indem ſie ihre Hand auf halbem Wege der des jungen Man⸗ nes entgegenhielt. Man hörte aus der Ferne, aber raſch näher rückend, lebhaftes, ungeſtümes, verlängertes Gebell. Es kam von Hunden, welche merken, daß das Jägerrecht bevorſteht. Es war die Koppel des Marquis von Souday, welche ſich, da ſie nicht dieſelben Gründe, wie die Mädchen hatte, auf dem Kreuzweg zu bleiben, zur 73 Verfolgung des angeſchoſſenen Haſen aufgemacht hatte und ihn jetzt, hart hinter ihm her, zurück⸗ brachte. Bertha ſprang auf die Flinte des jungen Man⸗ nes zu, deren rechter Lauf in Ruhe und abgeſchoſ⸗ ſen war. Dieſer machte eine Geberde, als wollte er einer Unvorſichtigkeit vorbeugen; das Lächeln des Mäd⸗ chens beruhigte ihn wieder. Sie ſtieß ſchnell den Ladſtock in den geladenen Lauf, wie jeder vorſichtige Jäger thut, wenn er im Begriff iſt, ſich einer Flinte zu bedienen, die er nicht ſelbſt geladen hat, und als ſie bemerkte, daß die Waffe in gutem Zuſtande war, machte ſie einige Schritte vorwärts, indem ſie die Flinte mit einer Leichtigkeit handhabte, welche von der Gewohnheit, die ſie darin hatte, Zeugniß gab. So ſchnell ihre Bewegung geweſen war, hatte Bertha doch zu zielen Zeit gehabt; ſie gab Feuer, und das getroffene Thier rollte die Böſchung hinab und blieb mitten auf dem Wege todt liegen. Inzwiſchen hatte Mary ihrer Schweſter Platz eingenommen und bot dem jungen Mann die Hand. Einige Sekunden blieben die jungen Leute, in Lrwordung deſſen, was geſchehen ſollte, Hand in and. Bertha holte den Haſen und ſprach, als ſie zu⸗ rückkam, zu dem Unbekannten, der noch immer Mary's Hand hielt: „Hier, mein Herr, iſt Ihre Entſchuldigung.“ „Wie ſo?“ fragte er. „Sie werden erzählen, daß der Haſe vor Ihren 74 Füßen aufgeſprungen, Sie werden ſagen, daß die Flinte in Ihrem übergroßen Eifer gegen Ihren Willen losgegangen iſt, und Ihrer Frau Mutter öffentliche Abbitte thun, indem Sie ſchwören, wie Sie ſo eben bei uns gethan haben, daß es nicht mehr geſchehen ſoll. Der Haſe wird zu Gunſten der mildernden Umſtände reden.“. Der junge Mann ſchüttelte verzagt den Kopf. „Nein“, ſagte er,„ich würde es nie wagen, meiner Mutter zu geſtehen, daß ich ihr ungehorſam geweſen.“ „Sie hat Ihnen alſo das Jagen beſtimmt ver⸗ boten?“ „Ich glaube wohl.“ „Und Sie wildern?“ ſagte Bertha,„Sie fan⸗ gen gerade da an, womit man aufhört, geſtehen Sie wenigſtens, daß Sie Beruf dazu haͤben.“ „Scherzen Sie nicht, mein Fräulein, Sie ſind ſo gut gegen mich geweſen, daß ich mich nicht mehr über Sie erzürnen könnte, ſelbſt wenn Sie mir doppelten Kummer anthun würden.“ „Nun, ſo haben Sie nur noch eine Wahl, mein Herr,“ nahm Mary das Wort,„lügen, das wollen Sie nicht, und vor Allem wollen wir Ihnen das nicht rathen; ſo geſtehen Sie ganz offen die Wahr⸗ heit; glauben Sie mir, was auch Ihre Frau Mut⸗ ter von der Unterhaltung, die Sie ſich ohne deren Gutheißen gemacht haben, denken mag, Ihre Offen⸗ heit wird dieſelbe entwaffnen; alles wohl überlegt, iſt der Tod eines Haſen kein ſo großes Verbrechen.“ „O! Ihre Frau Mutter iſt demnach ſo ſchreck⸗ lich?“ ſetzte Bertha hinzu. 1—— N8 8 ͤ— —— N 75 „Nein, Mademoiſelle, ſie iſt ſehr gut, ſehr zärt⸗ lich, ſie kommt allen meinen Wünſchen entgegen, kommt ſelbſt allen meinen Launen zuvor; aber wenn es ſich darum handelt, mich eine Flinte anrühren zu laſſen, iſt ſie unbeugſam, und das verſteht ſich,“ ſetzte der junge Mann mit einem Seufzer hinzu, „mein Vater iſt auf der Jagd getödtet worden.“ Die beiden Mädchen erſchracken. „Dann, mein Herr,“ ſprach Bertha, nun ebenſo ernſt geworden, wie derjenige, den ſie anredete, „war unſer Scherz nur um ſo weniger am Platze, und unſer Bedauern iſt nur um ſo lebhafter; ich hoffe darum, daß Sie unſere Scherze vergeſſen und nur unſeres Bedauerns gedenken werden.“ „Ich werde, mein Fräulein, an nichts gedenken, als an die freundliche Sorgfalt, welche Sie mir zu erweiſen die Güte hatten, und ich bin es, der hofft, daß Sie meine kindiſchen Beſorgniſſe und meine einfältige Empfindlichkeit vergeſſen werden.“ „Recht ſo, wir wollen uns deſſen erinnern, mein Herr,“ ſagte Mary,„um uns nicht gegenüber von einem Andern daſſelbe Unrecht zu Schulden kommen zu laſſen, das wir gegen Sie begangen haben und deſſen Folgen ſo betrübend geweſen ſind.“ Während Mary antwortete, war Bertha wieder zu Pferd geſtiegen. Der junge Mann bot zum zweiten Mal Mary ſchüchtern die Hand. Mary berührte ſie mit der Fingerſpitze und ſchwang ſich dann gleichfalls leicht in den Sattel. Dann ihre Hunde herbeirufend, die ſich bei dem Ton ihrer Stimme ſogleich um ſie ſammelten, ſporn⸗ ten ſie ihre Pferde an, die ſich raſch entfernten. Der Verwundete ſah ihnen einige Zeit nach, ſtumm und unbeweglich, bis ein Winkel des Fuß⸗ pfads ſie ſeinen Blicken entzog. Dann ließ er den Kopf auf die Bruſt fallen und blieb nachdenklich. Verweilen wir ein wenig bei dieſer neuen Per⸗ ſon, mit der wir genauere Bekanntſchaft machen müſſen. VII. Monſieur Michel. Die eben vorgefallenen Ereigniſſe hatten auf den jungen Mann einen ſo lebhaften Eindruck gemacht, daß es ihm vorkam, als erwache er, als die beiden Mädchen verſchwunden waren, aus einem Traum. Wirklich befand er ſich damals in jenem Lebens⸗ abſchnitt, wo ſelbſt die, welche ſpäter entſchiedene Männer zu werden beſtimmt ſind, der Romantik ihren Tribut zahlen, und die Begegnung jener bei⸗ den Mädchen, ſo verſchieden von denen, die er ge⸗ wöhnlich ſah, verſetzte ihn in die phantaſtiſche Welt der erſten Träumereien, wo ſeine Einbildungskraft ſich nach Muße ergehen und jene von Feenhand erbauten Schlöſſer ſuchen konnte, welche nach beiden Wegſeiten zuſammenſtürzen, je nachdem wir im Leben ihnen näher kommen. Wir wollen inzwiſchen damit nicht ſagen, es ſei irgend dahin gekommen, daß er für die eine oder andere 77 der Amazonen Liebe empfand, aber er fühlte ſich von der äußerſten Neugierde geſtachelt, ſo ganz außerordentlich ſchien ihm dieſe Miſchung von Diſtinc⸗ tion, Schönheit, eleganten Manieren und cavalier⸗ mäßigen, männlichen Gewohnheiten. Er wollte alſo, verſprach er ſich, ſie wieder zu ſehen ſuchen, oder wenigſtens ſich erkundigen, wer ſie wären. Der Himmel ſchien einen Augenblick ſeine Neu⸗ gierde unmittelbar befriedigen zu wollen, denn als er ſich auf den Weg machte, um nach Hauſe zurück⸗ zukehren, begegnete er ungefähr fünfhundert Schritte von der Stelle, wo die Scene zwiſchen ihm und den beiden Mädchen ſtattgefunden hatte, einem Indivi⸗ duum in großen ledernen Kamaſchen, mit einem Jagdhorn und einem Karabiner kreuzweiſe über der Blouſe und einer Peitſche in der Hand. Er marſchirte ſchnell und ſchien ſehr übler Laune zu ſein. Es war offenbar irgend ein Jagdpiqueur, welcher den beiden Mädchen folgte. 1 So nahm der junge Mann ſeine graziöſeſte Miene und ſein gewinnendſtes Lächeln zu Hülfe, um ihn anzureden. 1 „Mein Freund,“ ſagte er zu ihm,„Ihr ſucht wahrſcheinlich zwei Fräulein, nicht wahr? die eine auf einem Rothbraunen, die andere auf einer Grau⸗ ſchimmel⸗Stute reitend.“ „Fürs Erſte bin ich nicht Ihr Freund, mein Herr, ſofern ich Sie nicht kenne; hernach ſuche ich nicht zwei Fräulein, ich ſuche meine Hunde,“ ant⸗ wortete der Mann in der Blouſe grob,„meine Hunde, welche ſo eben ein Dummkopf von der Fährte eines Wolfs, auf der ſie waren, abgeleitet hat, um ſie auf die Spur eines Haſen zu bringen, den er als ein Stümper, der er iſt, gefehlt hat.“ Der junge Mann bhiß ſich in die Lippen. Der Mann in der Blouſe, in welchem unſere Leſer ohne Zweifel Jean Oullier erkannt haben, fuhr fort: 4 „Ja, ja, ich ſah Alles von den Höhen von Benate, als ich nach dem Hourvari unſeres Thieres hinabſtieg, und hätte gern auf das Jägerrecht, das mir der Herr Marquis bewilligt, verzichtet, wenn ich in dieſem Augenblick auf zwei oder drei Peit⸗ ſchenlängen dem Rückgrath jenes ungezogenen Bur⸗ ſchen nahe geweſen wäre.“ Derjenige, mit welchem er ſprach, hielt es nicht für geeignet, auf irgend eine Weiſe bei Entwicklung dieſer Scene die Rolle, die er ſich anfänglich entwor⸗ fen hatte, in Anſpruch zu nehmen, und faßte von der ganzen Apoſtrophe Jean Oullier's, die er vorüber⸗ gehen ließ, als ob er durchaus nichts darauf zu antworten hätte, nur ein Wort auf: „Ah!“ ſagte er,„Ihr gehört dem Marquis von Souday.“ Jean Oullier ſchaute den unglücklichen Frager von der Seite an. „Ich gehöre mir ſelbſt,“ antwortete der alte Vendéer,„ich führe die Hunde des Herrn Marquis von Souday, aber dieß iſt Alles, und es geſchieht eben ſo ſehr zu meinem als zu ſeinem Vergnügen.“ „Ei,“ ſagte der junge Mann, wie mit ſich ſelbſt redend,„ſeit den ſechs Monaten, daß ich wieder bei 79 Mama bin, habe ich nie gehört, daß der Herr Mar⸗ quis von Souday verheirathet ſei.“ „Nun wohl,“ fiel Jean Oullier ein,„ſo will ich es Ihnen ſagen, mein werther Herr, und wenn Sie etwas darauf zu erwidern haben, ſo will ich Sie noch ganz andere Dinge lehren, verſtehen Sie.“ Und nachdem er dieſe Worte mit einem drohen⸗ den Ton, welchen der Gegenredner nicht zu begrei⸗ fen ſchien, ausgeſprochen hatte, drehte ihm Jean Oullier, ohne ſich weiter um die Seelenſtimmung, worin er ihn zurückließ, zu bekümmern, den Rücken und ſetzte ſomit der Unterhaltung ein Ziel, indem er raſch auf dem Wege nach Machecoul weiter marſchirte. Allein geblieben, machte der junge Mann noch einige Schritte auf der von ihm, ſeitdem er von den beiden Mädchen ſich getrennt hatte, verfolgten Linie, wandte ſich dann links und trat auf ein Feld. Auf dieſem Feld führte ein Bauer den Pflug. Dieſer Bauer war ein Mann von etwa vierzig Jahren, der ſich von den Bewohnern Poitou's, ſeinen Landsleuten, durch jene feine und ſchlaue Phyſiognomie unterſchied, welche ganz beſonders dem Normannen eigenthümlich iſt; er ſah blutroth aus, hatte ein lebhaftes, durchdringendes Auge und ſeine einzige Beſchäftigung ſchien darin zu beſtehen, die Kühnheit derſelben durch ein beſtändiges Blinzeln zu ſchwächen oder vielmehr zu verbergen; er hoffte ohne Zweifel durch ein ſolches Verfahren den Aus⸗ druck der Dummheit oder Gutmüthigkeit zu gewin⸗ nen, welche bei dem Geſpräch das Mißtrauen läh⸗ men, aber ſein pfiffiger Mund mit ſtark angedeu⸗ 80 teten, und nach Art eines antiken Pan aufgeſchla⸗ genen Winkeln, verkündigte trotz ſeines Beſtrebens eines der merkwürdigſten Producte einer Kreutzung zwiſchen Maine und Normandie. Wiewohl der junge Mann ganz augenſcheinlich auf ihn zuſchritt, unterbrach der Landmann auf keine Weiſe ſeine Arbeit; er wußte, wie ſchwer ſeine Pferde ſich in's Geſchirr legen mußten, um bei die⸗ ſem harten, lehmigen Boden das unterbrochene Werk wieder aufzunehmen. Er handhabte alſo ſeine Pflugſchaar, wie wenn er allein geweſen wäre, und erſt am Ende der Furche, als er mit ſeinem Ge⸗ ſpann Rechtsumkehrt gemacht und ſein Werkzeug gerichtet hatte, um von Neuem anzufangen, erſt in dieſem Augenblick, ſagen wir, zeigte er ſich geneigt, ſich in eine Unterhaltung einzulaſſen, wäh⸗ rend ſeine Thiere ausſchnauften. „Nun,“ ſprach er in einem beinahe vertraulichen Ton zu dem Ankömmling,„ſind wir auf der Jagd geweſen, Monſieur Michel?“ Der junge Mann nahm, ohne eine Antwort zu. geben, ſeine Waidtaſche von der Schulter und ließ ſie vor den Füßen des Bauern zur Erde fallen. Dieſer bemerkte durch das dichte Netzgewebe den gelblichen, ſeidenartigen Balg des Haſen. „O, o,“ rief er,„ein Kapuziner. Sie halten ſich nicht übel bei Ihrem erſten Verſuch.“ Darauf zog er das Thier aus der Taſche, nahm es aus der Hand, unterſuchte es mit Kenner⸗ miene, und drückte ihm leicht den Bauch, als ob er bezüglich der Erhaltung des Wildprets nur geringes Vertrauen auf die Vorſichtsmaßregeln geſetzt hätte, — — 81 welche ein ſo junger und unerfahrener Jäger, wie ſcheinbar Monſieur Michel war, hätte treffen ſollen. „Ah! Sapredienne!“ rief er, nachdem er mit ſeiner Unterſuchung des Thiers fertig war,„es iſt drei Francs zehn Sous wie einen Pfennig werth; das iſt ein ſchöner Schuß, den Sie da gethan haben, wiſſen Sie, Monſieur Michel, und Sie mußten fin⸗ den, daß es unterhaltender iſt, die alten Scharteken zuſammenzuwickeln, als ſie zu leſen, wie Sie vor einer Stunde, als ich Ihnen begegnete, gethan haben.“ „Meiner Treu nein, Vater Courtin,“ antwortete der junge Mann,„meine Bücher ſind mir lieber, als Eure Flinte.“ „Sie haben vielleicht Recht, Monſieur Michel,“ antwortete Courtin, über deſſen Geſicht eine Wolke der Unzufriedenheit zog;„hätte Ihr verſtorbener Vater wie Sie gedacht, es wäre vielleicht beſſer für ihn geweſen; wäre ich nicht ein armer Teufel, der zwölf Stunden von vierundzwanzig arbeiten muß, ich würde etwas Beſſeres thun, als meine Nächte auf der Jagd zubringen.“ „Ihr geht alſo immer auf den Anſtand, Cour⸗ tin?“ fragte der junge Mann. „Von Zeit zu Zeit, Monſieur Michel, ja, um mich zu zerſtreuen.“* „Ihr werdet Euch mit den Gensdarmen zu ſchaf⸗ fen machen.“ „Bah! das ſind Nichtsthuer, Ihre Gensdarmen, und ſie müſſen früher aufſtehen, um mich zu fangen.“— Dann ſeinem Geſicht den ganzen Ausdruck von Dumas, Wölfinnen von Machecoul I. 6 82 Schlauheit laſſend, welchen er gewöhnlich daraus zu verbannen ſuchte, ſagte er: „Ich weiß davon mehr, als jene, gehen Sie, Monſieur Michel; es gibt keine zwei Courtin im Lande, und das einzige Mittel, mich daran zu hin⸗ dern, auf den Anſtand zu gehen, wäre, mich zum Wildhüter zu machen, wie Jean Oullier.“ Aber Michel gab auf dieſen indirecten Vorſchlag keine Antwort, und da der junge Mann nicht wußte, wer Jean Oullier war, ſo gab er eben ſo wenig auf den zweiten, als auf den erſten Theil des Satzes eine Antwort. „Da iſt Eure Flinte, Courtin,“ ſagte er, dem Bauern das Gewehr reichend,„ich danke Euch da⸗ für, daß Ihr den Einfall hattet, mir einen ſolchen Vorſchlag zu machen; Eure Abſicht war gut, und es iſt nicht Euer Fehler, wenn ich mich mit der Jagd nicht wie alle Welt zerſtreuen kann.“ „Man muß noch einmal den Verſuch machen, Monſieur Michel, es erſt koſten; die beſten Hunde ſind diejenigen, die ſich am ſpäteſten erklären; ich habe Liebhaber, die dreißig Dutzend Auſtern zu ihrem Frühſtück eſſen, ſagen hören, daß ſie bis in ihr zwanzigſtes Jahr dieſelben nicht anſehen konn⸗ ten. Gehen Sie vom Schloß, wie Sie dieſen Mor⸗ gen gethan haben, mit einem Buche weg, die Frau Baronin wird kein Mißtrauen haben, ſuchen Sie den Vater Courtin daheim auf, ſein Schießprügel wird ſtets zu Ihrer Dispoſition ſtehen, und wenn die Arbeit nicht zu ſehr preſſirt, werde ich Ihnen durch das Gebüſch treiben; inzwiſchen will ich dieſes Werkzeug wieder in den Gewehrkaſten legen.“ aus Sie, im hin⸗ zum lag ßte, enig tzes dem da⸗ hen und der en, nde ich zu in nn⸗ or⸗ au Sie gel nn ien ſes 83 Der Gewehrkaſten Vater Couxtins war ganz einfach die Hecke, welche ſein Feld von dem ſeines Nachbars trennte. Dort ſteckte er die Flinte hinein, verbarg ſie unter dem Gras und zog die Brombeer⸗ und Dorn⸗ büſche wieder ſo darüber her, um ſie den Blicken der Vorübergehenden zu entziehen, während er ſie zugleich vor Regen und Feuchtigkeit ſchützte, zwei Dinge, durch welche übrigens ein wahrhafter Wil⸗ derer ſich nicht ſonderlich in Verlegenheit bringen laſſen wird, ſo lang es noch Lichtſtumpen und Lein⸗ wandfetzen gibt. „Courtin,“ nahm Michel wieder das Wort, in⸗ dem er den Ton der tiefſten Gleichgültigkeit affec⸗ tirte,„wußtet Ihr, daß der Marquis von Souday verheirathet war?“ „Nein, meiner Treu!“ antwortete der Bauer, „ich wußte es nicht.“ Michel ließ ſich von ſeiner ſcheinbaren Gut⸗ müthigkeit bethören. „Und daß er zwei Töchter hat?“ fuhr er fort. Courtin, der ſeine Operation damit ſchloß, daß er einige rebelliſche Brombeerzweige in einander flocht, erhob lebhaft den Kopf und ſchaute den jun⸗ gen Mann ſo feſt und fragend an, daß dieſer, wie⸗ wohl jene Frage nur von einer unbeſtimmten Neu⸗ gierde dictirt war, bis in's Weiße der Augen er⸗ röthete. „Sollten Sie den Wölfinnen begegnet ſein?“ fragte Courtin,„wirklich, ich habe das Waldhorn des alten Chouan gehört.“ 2 6* 84 „Wen meint Ihr mit den Wölfinnen?“ fragte Michel. „Nun, ich meine die Wölfinnen, die Baſtard⸗ töchter des Marquis.“ „Jene beiden jungen Mädchen nennt Ihr Wöl⸗ finnen?“ „Ei! ſo heißen ſie in der Gegend; aber Sie kommen von Paris, Sie können das nicht wiſſen.“ Die Grobheit, womit Meiſter Courtin, indem er von den beiden Mädchen ſprach, ſich ausdrückte, brachte den ſchüchternen jungen Mann in ſolche Ver⸗ legenheit, daß er, ohne zu wiſſen warum, mit einer Lüge antwortete. „Nein,“ ſagte er,„ich bin ihnen noch nicht be⸗ gegnet.“. Die Art und Weiſe, wie Michel antwortete, machte es Courtin zweifelhaft. „Um ſo ſchlimmer für Sie,“ antwortete er, „denn es ſind ein paar Mädchen von hübſchem Schlag, gut zum Sehen und angenehm, ihnen bei⸗ zukommen.“ Dann fuhr er, Michel mit ſeinem gewöhnlichen Blinzeln anſehend, fort: „Man ſagt, daß ſie ein wenig allzu gern lachen, aber ſo etwas iſt nothwendig für die guten Kinder, nicht wahr, Monſieur Michel?“ Ohne daß er ſich von dem wirklichen Beweg⸗ grund dieſer Empfindung Rechenſchaft zu geben ver⸗ mochte, fühlte der junge Mann ſein Herz mehr und mehr ſich zuſammenziehen, als er den groben Bauer die beiden reizenden Amazonen, die er unter dem Eindruck der Bewunderung und ziemlich lebhafter ——— 8⁵ Dankbarkeit verlaſſen hatte, mit einer ſo beleidigen⸗ den Nachſicht behandeln ſah. Sein Verdruß ſpiegelte ſich auf ſeiner Phyſiog⸗ nomie ab. Courtin zweifelte nicht, daß Michel den Wöl⸗ finnen, wie er ſie nannte, begegnet war, und das Abläugnen dieſer Begegnung ließ ihn bezüglich der Reſultate, welche dieſelbe hatte haben können, noch weit über die Wirklichkeit hinausgehen. Er wußte gewiß, daß der Marquis von Souday vor wenigen Stunden in der Umgegend von la Logerie geweſen war; darum ſchien es ihm mehr als wahr⸗ ſcheinlich, daß Michel Mary und Bertha hatte ſehen müſſen, die, wenn es ſich um die Jagd handelte, ſelten ihren Vater verließen. Vielleicht hatte ſelbſt der junge Mann ſie mehr als nur blos geſehen; vielleicht hatte er mit ihnen geſprochen, und, Dank der Meinung, die man von den beiden Schweſtern in der Gegend hatte, ein Geſpräch mit den Fräu⸗ lein von Souday konnte nur die Einleitung zu einer Intrigue ſein. Von Folgerung zu Folgerung gelangte Meiſter Courtin, der ein logiſcher Mann war, zu dem Schluß, daß ſein junger Herr auf dieſem Punkte ſtand. Wir ſagen, ſein junger Herr, weil Courtin den halben Antheil an einem Michel gehörigen Meierhof zur Nutznießung hatte. Aber dieß war nicht das Geſchäft, welches Cour⸗ tin behagte; es war das Gewerbe eines beſondern Aufſehers bei Mutter und Sohn, wornach ſein Ehr⸗ geiz trachtete. Nun ſann der ſchlaue Bauer auf alle möglichen 86 Mittel, um irgend ein Solidarverhältniß zwiſchen ſeinem jungen Herrn und ſich zu Stande zu bringen. Er war eben mit dem Verſuch geſcheitert, ihn zum Ungehorſam gegen die mütterlichen Vorſchriften in Bezug auf die Jagd aufzureizen; das Geheimniß ſeiner Liebſchaften zu theilen, ſchien ihm eine ganz geeignete Rolle zur Förderung ſeiner Intereſſen und ſeines kleinen Ehrgeizes; auch merkte er an der Wolke des Mißvergnügens, welche ſich über Michel's Geſicht verbreitet hatte, daß er den unrech⸗ ten Weg eingeſchlagen, indem er ſich zum Echo des allgemeinen Uebelwollens rückſichtlich der beiden jun⸗ gen Amazonen machte, und ſuchte darum, das ver⸗ lorene Terrain wieder zu gewinnen. Wir haben ſchon geſehen, wie er von der ſchlech⸗ ten Meinung, die er anfangs ausgeſprochen hatte, wieder umkehrte. Er ging nun auf demſelben Wege weiter. „Am Ende,“ ſprach er alſo mit aller Gutmüthig⸗ keit, deren er fähig war,„ſagt man immer, und beſonders über die Mädchen viel mehr, als wirklich daran iſt, Fräulein Bertha und Fräulein Mary...“ „Mary und Bertha heißen ſie?“ fragte der junge Mann lebhaft. „Mary und Bertha, ja; Fräulein Bertha iſt die Brünette und Fräulein Mary die Blondine.“ Und wie er nun Michel mit der ganzen Schärfe, deren ſein Blick fähig war, anſchaute, kam es ihm vor, als wäre der junge Mann bei dem Namen Mary leicht erröthet. „Ich habe ſchon geſagt,“ fuhr der beharrliche Bauer fort,„daß Fräulein Mary und Fräulein —„..— ——— 87 Bertha die Jagd, die Hunde, die Pferde lieben; aber das hindert ſie nichty rechtſchaffen zu ſein, und der verſtorbene Pfarrer von Benate, der ein ſchlauer Wilddieb war, hat nicht die ſchlechteſten Meſſen ge⸗ leſen, weil ſein Hund in der Sakriſtei und ſeine Flinte am Altar lag.“ „Tatſache iſt,“ entgegnete Michel, uneingedenk, daß er ſeiner erſten Behauptung widerſprach,„That⸗ ſache iſt, daß ſie ein ſanftes und gutes Ausſehen haben, beſonders Fräulein Mary.“ „Sie ſind ſanft und gut, Monſieur Michel, wahrhaftig; vergangenes Jahr, während der feuch⸗ ten Hitze, als jene Art Sumpffiebers, woran ſo viele arme Teufel geſtorben ſind, in der Gegend herrſchte, wer hat die Kranken gepflegt, und noch dazu ohne zu murren, ſobald die Aerzte und Apo⸗ theker und all das zitternde Volk bis auf die Thier⸗ ärzte herab davon gelaufen waren? Die Wölfinnen, wie ſie Alle ſagen, ah! ſie predigen nicht von Mild⸗ thätigkeit auf der Kanzel, ſondern beſuchen im Ver⸗ borgenen die Häuſer der Unglücklichen, ſie ſtreuen Almoſen aus und erndten Segensſprüche; auch darf man, wenn die Reichen ſie haſſen und die Adeligen ſie mit Eiferſucht betrachten, keck ſagen, daß die Armen für ſie ſind.“ „Woher kommt es aber dann, daß ſie ſo übel angeſehen ſind?“ fragte Michel. „So! weiß man das? fragt man ſich das? gibt man ſich davon Rechenſchaft? Die Menſchen, ſehen Sie, Monſieur Michel, ſind, das heißt ohne Vergleichung, wie die Vögel; iſt einer von ihnen krank und in der Mauſe, ſo kommen alle, ihm die 88 Federn auszureißen; ſo viel iſt, Alles ſtreng ge⸗ nommen, ſicher, daß die von ihrem Rang ihnen den Rücken kehren und ſie mit Steinen werfen; nun, zum Beiſpiel, Ihre Mama iſt gut, nicht wahr, Monſieur Michel? und doch bin ich überzeugt, wür⸗ den Sie mit ihr von denſelben reden, ſie würde Ihnen antworten:„Es ſind ſchlechte Dirnen!““ Aber ungeachtet der Frontveränderung Courtins ſchien Michel keine beſondere Luſt zu haben, in ein vertrauteres Geſpräch ſich einzulaſſen; was Mei⸗ ſter Courtin anbelangt, ſo dachte er ſeinerſeits, für eine einzige Sitzung habe er ſich den Weg zu dem gehofften Vertrauen genugſam vorbereitet. Darauf, als Michel ſich zu entfernen geneigt ſchien, führte er ihn bis an das Ende ſeines Feldes. Allein während dieſes Gangs bemerkte er, daß die Blicke des jungen Mannes ſich ſehr oft den düſtern Maſſen des Waldes von Machecoul zu⸗ wandten. VIII. Die Baronin de la Logerie. Meiſter Courtin ſchob reſpectvoll vor ſeinem jun⸗ gen Herrn die Schranke, die ſein Feld ſchloß, hin⸗ weg, als eine Frauenſtimme, Michel rufend, ſich hinter der Hecke vernehmen ließ. Bei dieſer Stimme fuhr der junge Mann zu⸗ ſammen und hielt ſtill. In demſelben Augenblick erſchien die Perſon, ——,,—,.,— —— 2————,— — 2=822 ——————.— 89 welche gerufen hatte, vor dem Zaun, welcher dem Felde Meiſter Courtins zur Communication mit dem ſeines Nachbars diente. Dieſe Perſon, dieſe Dame mochte vierzig bis fünfundvierzig Jahre alt ſein. Verſuchen wir, ſie unſern Leſern zu ſchildern. Ihr Geſicht war unbedeutend und ohne andern Charakter, als einer Miene affectirten Hochmuths, welcher mit ihrer gemeinen Tournure in Wider⸗ ſpruch ſtand; ſie war klein und dick; ſie trug ein ſeidenes Gewand, allzu reich für Jemand, der auf dem Felde herumläuft, und ohne ihren Hut, deſſen roher, wallender Batiſt auf ihr Geſicht und ihren Hals zurückfiel, Jätte man glauben können, ſo ge⸗ ſucht war der Reſt ihrer Toilette, daß ſie eben einen Beſuch in der Chauſſée d'Antin oder im Faubourg St. Honoré gemacht habe. Es war die Perſon, deren künftige Vorwürfe zum Voraus dem armen jungen Mann eine ſo große Beſoraniß einzuflößen geſchienen hatten. „Ei wie! Du biſt hier, Michel? Wahrhaftig, mein Freund, Du haſt ſehr wenig Vernunft und ſehr wenig Rückſicht für Deine Mutter; vor mehr als einer Stunde hat die Glocke des Schloſſes Dich zum Diner gerufenz Du weißt, wie ſehr ich das Warten verabſcheue, wie ſehr ich auf ein gut ge⸗ regeltes Mittagsmahl halte, und da finde ich Dich ruhig mit dieſem Bauern ſchwatzen.“ e Michel begann eine Entſchuldigung zu ſtammeln, aber beinahe in demſelben Augenblick bemerkte das Auge ſeiner Mutter das, was Courtin entgangen war, oder worüber er keine Erklärung hatte ver⸗ 90 langen wollen, das heißt, daß um den Kopf des jungen Mannes ein Taſchentuch gebunden war und daß dieſes Taſchentuch Blutflecken hatte, welche ſein Strohhut, ſo breitrandig er auch war, nur unvoll⸗ kommen verbarg. „Ach, mein Gott!“ rief ſie, eine Stimme hören laſſend, die ſchon in ihrem gewöhnlichen Umfang zu hoch war,„Du biſt verwundet! Was iſt Dir denn begegnet? Rede, Unglücklicher! Du ſiehſt ja, daß ich vor Unruhe ſterbe.“ Und nun ſtieg die Mutter des jungen Mannes mit einer Ungeduld und namentlich mit einer Leich⸗ tigkeit, die man von ihrem Alter und ihrer Corpu⸗ lenz nicht erwartet hätte, über den Zaun, trat auf ihn zu und riß ihm, ehe er ſich widerſetzen konnte, Hut und Taſchentuch ab. Die Wunde, durch das Abreißen des Verbands erneuert, begann wieder zu bluten. Monſieur Michel, wie ihn Courtin nannte, war ſo wenig darauf vorbereitet, die gefürchtete Ent⸗ wicklung ſo raſch eintreten zu ſehen, daß er ganz beſtürzt blieb und nichts zu antworten wufte. Meiſter Courtin kam ihm zu Hülfe. Der verſchmitzte Bauer hatte aus der Verlegen⸗ heit ſeines jungen Herrn erkannt, daß derſelbe, ohne geſtehen zu wollen, wie er mit ſeinem Jagdverſuch ihr ungehorſam geweſen, gleichwohl zauderte, ſich durch eine Lüge zu rechtfertigen; er hatte nicht die⸗ ſelben Bedenklichkeiten wie der junge Mann und belaſtete entſchloſſen ſein Gewiſſen mit der Sünde, welche Michel in ſeiner Einfalt nicht zu begehen wagte. — SO——.———:—.——— —————— des und ein oll⸗ ren ung Dir ja, nes ich⸗ pu⸗ auf te, ds ar nt⸗ nz n⸗ ne ich ch e⸗ nd h, en 91 „O! darüber darf die Frau Baronin ſich nicht beunruhigen; es iſt Nichts, durchaus nichts!“ „Aber wie iſt es denn zugegangen? Antwortet für ihn, Courtin, da der junge Herr ſich zu ant⸗ worten weigert.“ Und wirklich blieb der junge Mann noch immer ſtumm. „Sie ſollen es ſogleich erfahren, Frau Baronin,“ antwortete Courtin;„ich muß Ihnen ſagen, daß ich hier ein Büſchel Reiſig vom Herbſt⸗Baumausputz hatte, es war zu ſchwer für mich, als daß ich es ganz allein auf meine Schulter heben konnte; Mon⸗ ſieur Michel hat die Güte gehabt, mir dabei zu helfen, und ein Zweig des verwünſchten Büſchels hat ihm da dieſe Schramme an der Stirne gemacht, wie Sie ſehen.“ „Aber das iſt mehr als eine Schramme, und Ihr hättet ihm das erſparen können. Ein anderes Mal, Meiſter Courtin, ſucht Leute Eures Gleichen, um Eure Reiſigbüſchel aufzuladen. Außerdem, daß Ihr das Kind hättet zum Krüppel machen können, iſt es ſehr unſchicklich, was Ihr da gethan habt.“ Meiſter Courtin beugte demüthig das Haupt, als ob er den ganzen Umfang ſeiner Miſſethat er⸗ kannt hätte, aber das hinderte ihn nicht, als er die Waidtaſche, welche auf dem Raſen liegen ge⸗ blieben war, bemerkte, mit geſchickt berechnetem Fußtritt den Haſen der Flinte in der Hecke beizugeſellen. „Nun, kommen Sie, Monſieur Michel,“ ſagte die Baronin, deren üble Laune durch die Unter⸗ würfigkeit des Bauern nicht beſänſtigt ſchien,„kom⸗ 92 men Sie, wir wollen Ihre Wunde durch den Arzt unterſuchen laſſen.“ Aber ſie wandte ſich, nachdem ſie einige Schritte gemacht hatte, noch einmal um. „Apropos, Meiſter Courtin,“ ſagte ſie,„Ihr habt Euern Zins auf St. Johannis noch nicht be⸗ zahlt, und doch erlöſcht Euer Pacht auf Oſtern; denket daran, denn ich bin entſchloſſen, Pachtleute, die in ihren Verpflichtungen unpünktlich ſind, nicht zu behalten.“ Meiſter Courtins Phyſiognomie wurde noch kläg⸗ licher, als ſie einige Minuten zuvor geweſen war; doch heiterte ſie ſich wieder auf, als der junge Mann, während ſeine Mutter mit ungleich größerer Schwierigkeit, als das erſte Mal über die Paliſade ſtieg, ihm ganz leiſe zuflüſterte: „Morgen.“ So griff er ungeachtet der eben gehörten Dro⸗ hung wieder ſehr munter zu ſeiner Pflugſterze und fuhr damit durch die Furche, während die Herrſchaft nach dem Schloß zurückkehrte, und den ganzen übrigen Abend trieb er ſeine Pferde damit an, daß er ihnen die Pariſienne, jene patriotiſche Hymne, die damals ſehr in der Mode war, vorſang. Während Meiſter Courtin die eben genannte Hymne zur großen Befriedigung ſeines Geſpanns ſang, wollen wir einige Worte über die Familie Michel ſagen. Du haſt den Sohn geſehen, lieber Leſer, Du haſt die Mutter geſehen. Die Mutter war die Wittwe eines jener Liefe⸗ ranten, welche es verſtanden hatten, auf Koſten des 93 Staats ſich im Gefolge der kaiſerlichen Armeen ein ſchnelles und beträchtliches Vermögen zu erwerben, und die von den Soldaten mit dem ſprechenden und charakteriſtiſchen Spottnamen Reißbrodſalz bezeichnet wurden. Dieſer Lieferant hieß mit ſeinem Familiennamen Michel; er ſtammte aus dem Departement der Mayenne, der Sohn eines einfachen Bauern, Neffe eines Dorfſchulmeiſters, welcher dadurch, daß er einige Begriffe von Arithmetik dem Leſe⸗ und Schreibeunterricht, den er ihm unentgeldlich gab, beifügte, die Zukunft ſeines Neffen entſchied. Bei dem erſten Aufgebot vom Jahr 1791 aus⸗ gehoben, kam Michel der Bauer zur zweiundzwan⸗ zigſten Halbbrigade mit ſehr geringem Enthuſiasmus; der Mann, der ſpäter ein ſo ausgezeichneter Rech⸗ nungsbeamter werden ſollte, hatte bereits die Chan⸗ cen berechnet, die ſich ihm darboten, getödtet zu werden, oder es zum General zu bringen. Da nun das Reſultat dieſer Berechnung ihn nur gering be⸗ friedigte, ſo machte er mit vielem Geſchick die Schön⸗ heit ſeiner Handſchrift geltend, um auf das Bureau des Quartiermeiſters genommen zu werden; er er⸗ langte dieſe Gunſt und bezeugte darüber ſo viel Vergnügen als ein Anderer bei einem Avancement gethan hätte. So machte alſo Michel der Vater die Feldzüge von 1792 und 1793 beim Depot mit. Um die Mitte dieſes Jahrs kam zufällig Gene⸗ ral Roßignol, welcher abgeſchickt worden war, um die Vendée zu paciſiciren oder zu vertilgen, auf den Bureaus in Berührung mit dem Commis Michel, 94 und als er erfuhr, daß er aus dem inſurgirten Lande ſei und alle ſeine Freunde in den Reihen der Vendéer habe, gedachte er, eine ſolche Fügung der Vorſehung ſich zu Nutzen zu machen. Er ließ Michel einen definitiven Abſchied ausfertigen und ſchickte ihn nach Hauſe zurück, unter der einzigen Bedingung, Dienſte bei den Chouans zu nehmen und von Zeit zu Zeit das für ihn zu thun, was Herr von Maurepas für Seine Majeſtät, Ludwig XVI. gethan hatte, das heißt, ihm die Neuigkeiten des Tages mitzutheilen. Michel, der bei dieſer Verpflichtung großen Vor⸗ theil fand, erfüllte dieſelbe mit ſkrupulöſer Treue, nicht allein in Rückſicht auf General Roßignol, ſon⸗ dern ſelbſt auf ſeine Nachfolger. Michel war gerade in dieſer anekdotiſchen Corre⸗ ſpondenz mit den republikaniſchen Generalen begrif⸗ fen, als an General Travot die Reihe kam, in die Vendde geſandt zu werden. Man kennt die Reſultate der Operationen von General Travot: ſie bildeten den Gegenſtand eines der erſten Kapitel dieſes Buchs; dazu hier das Reſumé: Die Vendéeiſche Armee geſchlagen, Jolly getöd⸗ tet, Ducoötus ergriffen in einem Hinterhalt, der ihm von einem unbekannt gebliebenen Verräther gelegt worden war; endlich Charrette zum Gefan⸗ genen gemacht im Walde von Chabotterie und auf dem Platz Viarme zu Nantes erſchoſſen. Welche Rolle ſpielte Michel bei den auf einan⸗ der folgenden Entwicklungen dieſes ſchrecklichen Drama's? Das werden wir vielleicht ſpäter erfah⸗ ſi 95⁵ ren; ſo viel iſt gewiß, daß Michel einige Zeit nach dieſer blutigen Epiſode, immer empfohlen durch ſeine ſchöne Handſchrift und ſeine unfehlbare Arith⸗ metik, in der Eigenſchaft eines Commis in das Bureau eines vielberufenen Proviantverwalters trat. Er machte daſelbſt ſeinen Weg ſehr geſchwind; denn im Jahr 1805 finden wir ihn auf eigene Rechnung einen Theil der Lieferungen für die deutſche Armee übernehmend. Im Jahr 1806 hatten ſeine Schuhe und Ka⸗ maſchen thätigen Antheil an der heldenmüthigen Campagne von Preußen. Im Jahr 1809 erhielt er die vollſtändige Ver⸗ pflegung der Armee, welche in Spanien einrückte. Im Jahr 1818 heirathete er die einzige Tochter eines ſeiner Collegen und verdoppelte ſo ſein Ver⸗ mögen. Ueberdieß verlängerte er ſeinen Namen, was für alle Leute, die einen etwas kurzen Namen hat⸗ ten, der größte Ehrgeiz jener Zeit war. Sehen wir, auf melche Weiſe dieſer lang er⸗ ſtrebte Zuwachs von Statten ging. Der Vater von Michels Frau hieß Baptiſt Du⸗ laud; er war aus dem kleinen Dorfe La Logerie, und zum Unterſchied von einem andern Dulaud, dem er mehrmals auf ſeinem Weg begegnet war, ließ er ſich Dulaud de La Logerie nennen. Dieß war wenigſtens der Vorwand, den er da⸗ zu nahm. Er hatte ſeine Tochter in einem der beſten Pen⸗ ſionate in Paris erziehen laſſen, wo ſie bei ihrem 96 Eintritt unter dem Namen: Stephanie Dulaud de La Logerie eingeſchrieben worden war. Einmal mit der Tochter ſeines Collegen verhei⸗ rathet, fand der Proviantverwalter Michel bald, daß der Name ſeiner Frau ſehr gut am Ende des ſeinigen ſtände und ließ ſich Michel de La Logerie nennen. 2 Endlich erlaubte ihu bei der Reſtauration ein Beſtallungsbrief des heiligen Reichs, mit ſchöner, klin⸗ gender Münze erkauft, ſich Baron Michel de La Logerie zu nennen und ſo zugleich ſeinen Platz in der finan⸗ ziellen wie Territorial⸗Ariſtokratie des Augenblicks zu bezeichnen. Einige Jahre nach der Rückkehr der Bourbons, das heißt gegen 1819 oder 1820 verlor der Baron Michel de La Logerie ſeinen Schwiegervater, Meſſire Baptiſt Dulaud de La Logerie. Er hinterließ ſeiner Tochter und folglich ſeinem Tochtermann ſein Gut de La Logerie, wie man aus den in den vorangehenden Kapiteln gegebenen Details abnehmen konnte, fünf bis ſechs Meilen vom Wald von Machecoul gelegen. Der Baron Michel de La Logerie entſchloß ſich, als guter Grundherr, der er war, von ſeinen Län⸗ dereien Beſitz zu nehmen und sSch ſeinen Vaſallen zu zeigen. Baron Michel war ein Mann von Geiſt; er wünſchte in die Kammer zu gelangen; dieß war nur möglich durch Wahl und die Wahl des Baron Michel hing von der Popularität ab, deren er im Departement der Nieder⸗Loire genoß. Er war von Geburt ein Bauer, er hatte bis de hei⸗ ald, des erie ein lin⸗ erie an⸗ licks ns, ron ſire nem aus nen llen ich, än⸗ llen er var ron im bis 97 zu ſeinem fünfundzwanzigſten Jahr, mit Ausnahme der zwei oder drei Jahre, die er auf den Bureaus zugebracht, unter Bauern gelebt, er wußte alſo, wie man mit Bauern umgehen mußte. Er hatte überdieß es dahin zu bringen, daß man ihm ſein Glück verzieh. Er war, was man ſo ſagt, eine gute Haut; fand da wieder einige Kamaraden aus den alten Kriegen der Vendée, drückte ihnen die Hand, ſprach mit Thränen in den Augen von dem armen Jolly, von dem theuren Ducoëtus und dem würdigen Charrette; erkundigte ſich nach den Bedürfniſſen der Gemeinde, die er nicht kannte, ließ eine Brücke bauen, welche die wichtigſte Verbindung zwiſchen dem Departement der Nieder⸗Loire und dem der Vendée herſtellte, drei Vicinalwege wieder in Stand ſetzen und eine Kirche reſtauriren, begabte ein Waiſenhaus und ein Hoſpital für alte Leute, erntete eine Menge Segensſprüche und gefiel ſich in der patriarchaliſchen Rolle, die er übernommen, ſo ſehr, daß er ankündigte, er werde fernerhin nur die eine Hälfte des Jahrs in der Hauptſtadt, die andere auf ſeinem Schloß de La Logerie verleben. Endlich beſchloß Baron Michel, den dringenden Bitten ſeiner Frau nachgebend, welche dieſe heftige Liebe zum Lande, die ſich ſeiner bemächtigt hatte, nicht begreifen konnte und, um ſeine Rückkehr zu beſchleunigen, Brief auf Brief ſchrieb, dieſe Rück⸗ kehr ſollte am nächſten Montag ſtattfinden, indem der Sonntag zuvor noch einem anzuſtellenden großen Treibjagen auf Wölfe im Walde von Pauvraire und Dumas, Wölfinnen von Machecoul, I. 7 98 im Forſte der großen Haiden, die von dieſen Thie⸗ ren unſicher gemacht wurden, geweiht werden ſollte. Es war noch ein menſchenfreundliches Werk, das der Baron Michel de La Logerie vollbringen wollte. Bei dieſem Treibjagen endlich ſetzte Baron Michel die Rolle des reichen Mannes fort; in ſei⸗ ner Gutmüthigkeit ſorgte er für Erfriſchungen, ließ dem Trieb zwei Stückfäſſer Wein auf Karren nach⸗ führen, wovon trinken konnte, wer wollte; ordnete für die Rückkehr ein wahrhaftes Waidmannsmahl) an, lehnte den Ehrenpoſten, den man ihm bei dem Treibjagen angeboten hatte, ab und begehrte, daß für ihn, wie für den geringſten Schützen das Loos entſcheide, und nahm, da der Zufall ihm ſeinen Poſten am Ende der Linie anwies, dieſes Mißge⸗ ſchick mit ſo guter Laune an, daß Jedermann davon entzückt war. Das Treibjagen war prächtig; aus jeder Um⸗ kreiſung kam es mit Thieren heraus; von jeder Linie folgte ein ſo gut unterhaltenes Feuer, daß man an einen kleinen Krieg hätte glauben können:. die Wölfe und die Wildſchweine häuften ſich allmälig auf den Karren neben den Stückfäſſern des Barons mächtig auf, ohne das verbotene Wildpret wie Haſen und Rehe zu rechnen, die man bei dieſem Treibjagen geſchoſſen hatte, wie man ſie bei jedem Treibjagen unter dem Vorwande ſchädlicher Thiere ſchießt, und bedachtſam in der Abſicht verbarg, ſie bei Einbruch der Nacht mitzunehmen. *) repas de Gamache Gamaſcken⸗Mahl; es wurde dem Sinn nach überſetzt. hie⸗ llte. derk, agen ron ſei⸗ ließ ach⸗ nete hl') dem daß Loos inen ßge⸗ won Um⸗ eder daß nen:. lälig rons wie eſem dem ſiere ſie Sinn 99 Der freudige Taumel über den Erfolg war ſo groß, daß man den Helden des Tags darüber ver⸗ gaß. Erſt nach den letzten Trieben machte man die Bemerkung, daß Baron Michel ſeit dem Mor⸗ gen nicht mehr zum Vorſchein gekommen war; man erkundigte ſich nach ihm; Niemand hatte ihn ſeit jenem Trieb, wo der Zufall der Nummer ihn auf einen ſo entfernten Punkt geſtellt, wieder geſehen; man vermuthete, daß er von dieſer Unterhaltung gelangweilt, oder die Sorge für ſeine Gäſte allzu⸗ weit treibend, nach dem kleinen Dorfe Légé zurück⸗ gekehrt war, wo man das Mahl nach ſeiner Vor⸗ ſchrift bereitet hatte. Aber bei der Ankunft zu Légé fanden die Jäger ihn nirgends; Einige, gleichgültiger als die Andern, ſetzten ſich ohne ihn zu Tiſch, aber fünf oder ſechs, von düſtern Ahnungen ergriffen, kehrten zu dem Walde von Pauvraire zurück und begannen mit Fackeln und Loternen ihn zu ſuchen. Nach zwei Stunden fruchtloſen Suchens fand man ihn in dem Graben der zweiten Umkreiſung, wo man ihm ſeinen Poſten angewieſen hatte. Es war nicht eine Spur von Leben mehr in ihm; eine Kugel war ihm mitten durch das Herz gegangen. Dieſer Todesfall machte großen Lärm; der Ge⸗ richtshof von Nantes unterſuchte die Sache; der unmittelbar unter dem Baron ſtehende Jäger wurde verhaftet; er erklärte, fünfhundert Schritte von dem Baron entfernt, habe er nichts geſehen und nichts gehört; es wurde nächſtdem erwieſen, daß die Flinte des zur Unterſuchung gezogenen Bauern den 7 100 Tag über gar nicht abgeſchoſſen worden war; überdieß konnte der Jäger auf dem Punkte, wo er aufgeſtellt war, ſeinem Opfer nur von der rechten Seite beikommen und Baron Michel war auf der linken Seite getroffen. Die Vorunterſuchung blieb alſo hiebei ſtehen. Man war genöthigt, den Tod des Baron Michel dem Zufall zuzuſchreiben und nahm an, eine ver⸗ irrte Kugel habe, wie es bei Treibjagen ſo oft geſchieht, ihn ohne eine ſchlimme Abſicht von Seiten deſſen, dem ſein Gewehr losgegangen war, getroffen. Inzwiſchen erhielt ſich doch in der Gegend ein unbeſtimmtes Gerücht von einer Handlung der Rache. Man ſagte, aber man ſagte ganz leiſe, wie wenn jeder Ginſterbuſch noch die Flinte eines Chouan hätte verbergen können, man ſagte, einer der alten Soldaten von Jolly, Ducoötus und Charrette habe an dem unglücklichen Lieferanten die Sühne für ſeinen Verrath und den Tod der drei berühmten Führer vollzogen; aber es gab zu viele bei dem Geheimniß intereſſirte Leute, als daß man eine directe Anklage je darauf hin hätte formuliren können. Die Baronin Michel de La Logerie blieb alſo Wittwe mit ihrem einzigen Sohne. Die Baronin Michel war eine jener Frauen mit negativen Tugenden, wie man ſie in der ganzen Welt trifft; von Laſtern beſaß die Frau Baronin nicht den Schatten; von Leidenſchaften hatte ſie bis jetzt ſelbſt den Namen noch nicht gekannt; mit ſieb⸗ zehn Jahren in den Pflug der Ehe geſpannt, war ſie in der ehelichen Furche fortgegangen, ohne zur —9—. ——jjy44ü—.„. Sͤ 18 101 Rechten oder zur Linken abzuweichen, und ohne ſich nur zu fragen, ob es nicht einen andern Weg gebe; nie war ihr der Gedanke in den Kopf getommen, daß eine Frau wider den Stachel ausſchlagen könne; befreit aus dem Joch hatte ſie Furcht wegen ihrer Freiheit und ſuchte inſtinctmäßig neue Ketten. Dieſe neuen Ketten beſtanden in einer übertriebenen Andächtelei, welche ihr dieſelben anlegte, und mie alle beſchränkten Geiſter, begann ſie nun in einer falſchen, überſpannten und doch gewiſſenhaft geüb⸗ ten Frömmigkeit zu vegetiren. Die Frau Baronin Michel hielt ſich ganz ein⸗ fach für eine Heilige; ſie war regelmäßig bei dem Gottesdienſt, gehorſam dem Faſtengebot, treu den Vorſchriften der Kirche; und wer ihr geſagt hätte, daß ſie täglich ſiebenmal ſündige, mürde ſie in großes Erſtaunen verſetzt haben. Und doch war nichts richtiger; es war gewiß, daß man, um nur bei der Anklage der Demuth der Baronin de La Logerie ſtehen zu bleiben, ſie jeden Augenblick des Tags auf friſcher That bei dem Ungehorſam gegen die Lehren des Erlöſers der Menſchen ertappen konnte; denn ſie trieb, ſo ſchlecht oder ſo wenig er auch gerechtfertigt ſein mochte, den Adelsſtolz bis zur Narrheit. Auch haben wir geſehen, daß unſer verſchla⸗ gener Bauer, Meiſter Courtin, der ohne Umſtände den Sohn Monſieur Michel genannt, nicht ein ein⸗ ziges Mal unterlaſſen hatte, der Mutter den Titel Baronin zu geben. Natürlicher Weiſe hatte Frau de La Logerie einen Abſcheu vor der Welt und dem Jahrhundert; 10² ſie las niemals einen Rechenſchaftsbericht der Zucht⸗ polizei in ihrem Journal, ohne beides, Welt und Jahr⸗ hundert, der ſchwärzeſten Immoralität anzuklagen; wenn man ſie hörte, datirte das Zeitalter des Auf⸗ ruhrs von 1800; auch war ihre größte Sorge ge⸗ weſen, ihren Sohn vor der Berührung mit den Ideen des Tags zu bewahren, indem ſie ihn fern von der Weltund ihren Gefahren erzog. Nie wollte ſie für ihn von einer öffentlichen Erziehung hören; ſelbſt die Jeſuiten⸗Anſtalten waren ihr verdächtig, wegen der Leichtigkeit, womit die guten Väter ſich den ſocialen Verpflichtungen der jungen Leute, die man ihnen anvertraute, akkommodirten; und wenn der junge Michel einige Lectionen von Fremden er⸗ hielt, zu welchen man wegen der zur Erziehung eines jungen Mannes unentbehrlichen Künſte und Wiſſenſchaften ſeine Zuflucht nehmen mußte, ſo ge⸗ ſchah dieß nie anders als in Gegenwart ſeiner Mut⸗ ter und nach einem von ihr genehmigten Programm, welche es allein auf ſich nahm, die Richtung zu be⸗ ſtimmen, die ſeinen Ideen, ſeinen Arbeiten und vornehmlich dem moraliſchen Theil jener Erziehung zu geben war. Es bedurfte einer ziemlich ſtarken Gabe von Intelligenz, welche Gott in dieſen jungen Kopf ge⸗ legt hatte, daß er geſund und wohlbehalten die Tortur überſtand, der er ſeit zehn Jahren unter⸗ worfen war. Er überſtand ſie, aber wie wir geſehen haben, ſchwach und unentſchieden und ohne etwas von jener Stärke und Entſchloſſ enheit zu beſitzen, welche den N NXN ̈—8 8B8SXLAAU —0 ᷣ ⁸½ ᷣ˖ X — N N S GK 103 Mann, das heißt den Repräſentanten der Kraft, Entſchiedenheit und Intelligenz charakteriſiren. IX. Galon d'Or und Allegro. Wie Michel wohl geahnt und beſonders gefürch⸗ tet hatte, war er von ſeiner Mutter ſtark gefaßt worden. Sie hatte ſich durch die Erzählung Meiſter Cour⸗ tins nicht hinter's Licht führen laſſen; die Wunde, welche ihr Sohn am Kopf hatte, war keine von einem Dorn verurſachte Schramme. So begnügte ſie ſich, nicht wiſſend, welches In⸗ tereſſe ihr Sohn haben konnte, die Urſache dieſer Wunde zu verbergen, und überzeugt, daß ſie ſelbſt wenn ſie ihn befragte, nicht auf die Wahrheit komme, von Zeit zu Zeit die Augen auf dieſe geheimnißvolle Stelle zu heften, indem ſie dabei einen Seufzer ausſtieß und ihre mütterliche Stirne runzelte. Der junge Mann fühlte ſich während des ganzen Diners ſehr unbehaglich, ſchlug die Augen nieder und aß kaum, aber man muß geſtehen, das unab⸗ läſſige Forſchen ſeiner Mutter war nicht das Ein⸗ zige, was ihn beunruhigte. Zwiſchen den geſenkten Augenlidern und dem Blick ſeiner Mutter ſah er beſtändig gleichſam zwei Schatten ſchweben. Dieſe zwei Schatten bildete die Erinnerung an Bertha und Mary. Er dachte an Bertha mit einer gewiſſen Unge⸗ 104 duld, das iſt richtig. Was war denn dieſe Amazone, die eine Flinte wie ein Jäger von Profeſſion hand⸗ habte, die Wunden wie ein Chirurg verband, und die, als ſie Widerſtand bei dem Patienten fand, mit ihren weißen Frauenhänden ihm die ſeinigen ſo feſt drückte, wie es nur Jean Oullier mit ſeinen ſchwieligen Mannshänden hätte thun können. Aber wie war auch Mary ſo reizend mit ihren langen blonden Haaren und ihren großen blauen Augen; wie war ihre Stimme ſo ſanft, ihr Ton ſo einſchmeichelnd; mit welcher Zartheit hatte ſie die Wunde berührt, das Blut abgewaſchen, die Binde feſtgeknüpft.— Wirklich bedauerte Michel ſeine Wunde nicht, indem er berechnete, ohne dieſe Wunde würde kein Grund vorhanden geweſen ſein, daß die beiden Mädchen das Wort an ihn richteten und ſich mit ihm beſchäftigten. Es iſt wahr, es gab noch etwas von ganz an⸗ derer Wichtigkeit als die Wunde; die üble Laune, die er ſeiner Mutter verurſacht hatte und die Be⸗ denklichkeiten, die ſie bei ihm zurücklaſſen konnte; aber der Zorn ſeiner Mutter würde vorüber gehen, das was nicht vorüber ging, war der Eindruck, den jene wenigen Sekunden, da er Mary's Hand in der ſeinigen gehalten, in ſeinem Herzen hinterlaſſen hatten. So war wie bei jedem Herzen, das zu lieben anfängt, aber noch an ſeiner Liebe zweifelt, das größte Bedürfniß, welches der junge Mann empfand, die Einſamkeit. Die Folge davon war, daß er ſogleich nach dem Diner, den Augenblick benützend, wo ſeine Mutter mit einem Diener ſprach, ſich entfernte, ohne auf das, was ſeine Mutter ihm ſagte, zu achten, oder vielmehr ſich von den an ihn gerichteten Worten Rechenſchaft zu geben. Dieſe Worte hatten indeſſen ihre Wichtigkeit. Die Baronin de la Logerie verbot ihrem Sohne, ſeinen Weg nach St. Chriſtoph du Ligneron zu nehmen, wo nach der Ausſage ihres Domeſtiken ein böſes Fieber herrſchte. Dann empfahl ſie, daß ein Samitäts⸗Cordon ſich um de la Logerie organiſire, damit kein Einwohner des heimgeſuchten Dorfes im Schloſſe aufgenommen würde. Das Gebot ſollte in demſelben Augenblick mit Rückſicht auf ein junges Mädchen, das für ihren von einem erſten Fieberanfall ergriffenen Vater die Baronin de la Logerie um Beiſtand bitten wollte, vollzogen werden. Ohne Zweifel hätte Michel, wäre ihm der Kopf nicht ſo voll geweſen, auf die Worte ſeiner Mutter Acht gegeben, denn der Kranke war der Ehemann ſeiner Amme, der Pächter Tinguy, und die Haus⸗ hälterin, welche um Beiſtand anſuchte, ſeine Milch⸗ ſchweſter Roſine, für welche er eine große Zunei⸗ gung bewahrt hatte. Aber in dieſem Moment waren ſeine Augen gegen Souday gerichtet, und diejenige, an welche er dachte, war die reizende Wölfin, genannt Mary. So hatte er ſich bald in den tiefſten und dich⸗ teſten Theil des Parks verloren. Er hatte gewiſſermaßen Anſtands halber ein Buch mitgenommen, aber wiewohl es den Anſchein trug, als leſe er, bis er am Saume der großen Bäume angekommen war, würde doch derjenige, 106 welcher ihn nach dem Titel ſeines Buchs gefragt hätte, ihn in große Verlegenheit gebracht haben. Er ſetzte ſich auf eine Bank, und begann nach⸗ zudenken. Worüber dachte Michel nach? Die Antwort iſt leicht. Wie er Mary und ihre Schweſter wieder ſehen könnte. Der Zufall hatte ihm gedient, indem er ſie ihm das erſte Mal in den Weg führte, aber erſt ein halbes Jahr nach ſeiner Rückkehr in die Gegend. Der Zufall hatte ſich alſo Zeit dazu genommen. Beliebte es dem Zufall, es wieder ein halbes Jahr anſtehen zu laſſen, ohne dem jungen Baron eine zweite Begegnung mit ſeinen Nachbarinnen zu verſchaffen, ſo wäre das ein wenig ſehr lang für den Zuſtand, worin ſich ſein Herz befand. Auf der einen Seite war es nichts Leichtes, ſich Communikationen mit Schloß Souday zu eröffnen. Es beſtand keine große Sympathie zwiſchen dem Marquis von Souday, dem Emigrirten vom Jahr 1790, und dem Baron Michel de la Logerie, emem Edeln des Reichs. Auf der andern Seite hatte Jean Oullier nach den wenigen Worten, die er dem jungen Mann ge⸗ ſagt, kein ſehr großes Verlangen durchblicken laſſen, ſeine Bekanntſchaft zu machen. Blieben die beiden Mädchen, welche ihm jenes Intereſſe bezeugt hatten, heftig bei Bertha, ſanft bei Mary; aber wie an die Mädchen kommen, welche zwei oder dreimal in der Woche jagten, 107 aber nie jagten, als in Geſellſchaft ihres Vaters und Jean Oullier's. Michel gelobte ſich, alle Romane nacheinander, welche er in der Bibliothek des Schloſſes finden würde, zu leſen, in der Hoffnung, in einem der⸗ ſelben irgend ein ſcharfſinniges Mittel zu finden, das, wie er zu fürchten begann, ſein Geiſt, auf die eigenen Inſpirationen angewieſen, ihm nicht lieferte. In dieſem Augenblick fühlte er, daß man ihn ſanft an der Schulter berührte; er fuhr zuſammen und wandte ſich um. Es war Meiſter Courtin. Das Geſicht des würdigen Pächters drückte eine Befriedigung aus, die er ſich keine Mühe zu ver⸗ bergen gab. „Ich bitte um Entſchuldigung, Monſieur Michel,“ ſprach der Pächter,„aber da ich Sie ſo unbeweglich wie einen Stock ſah, glaubte ich, es ſei Ihre Statue und nicht Sie ſelbſt.“ „Und Du ſiehſt, daß ich es bin.“ „Darüber bin ich recht froh, Monſieur Michel; ich war unruhig, zu erfahren, wie es zwiſchen Ihnen und der Frau Baronin abgelaufen ſei.“ „Sie hat ein wenig geſchmählt.“ „O, das kann ich mir wohl vorſtellen; haben Sie mit ihr von dem Haſen geſprochen?“ „O, davor habe ich mich wohl gehütet.“ „Und den Wölfinnen?“ „Welchen Wölfinnen?“ fragte der junge Mann, dem es nicht unlieb war, das Geſpräch auf dieſen Punkt zurückzuführen. 108 „Von den Wölfinnen von Machecoul: ich glaubte Ihnen geſagt zu haben, daß man die Fräulein von Souday alſo nenne.“ „Noch weniger; Du verſtehſt wohl, Courtin: ich glaube, daß die Hunde der Souday und der de la Logerie, wie man ſagt, nicht zuſammen jagen.“ „Auf alle Fälle,“ antwortete Courtin mtt jener ſchlauen Miene, welche er trotz ſeiner Bemühungen nicht immer zu verbergen vermochte,„wenn Ihre Hunde nicht zuſammen jagen, können Sie mit den Hunden jener jagen.“ „Was nillſt Du ſagen?“ „Schauen Sie,“ erwiderte Courtin, indem er zwei Hunde, die in der Koppel liefen und von ihm am Hetzriemen gehalten wurden, an ſich zog und gewiſſermaßen auf die Scene brachte. „Was iſt das?“ fragte der junge Baron. „Was das iſt? nun Galon d'Or und Allegro.“ „Aber ich weiß nicht, wer dieſer Galon d'O und Allegro iſt.“. „Das ſind die Hunde dieſes Banditen Jean Oullier.“ „Warum haſt Du ihm ſeine Hunde genommen?“ „Ich habe ſie ihm nicht genommen; ich habe ſie ihm ganz einfach gepfändet.“ 88 „Und mit welchem Recht?“ „Mit doppeltem: für's Erſte als Grundbeſitzer, und für's Zweite als Maire.“ Courtin war Maire des Dorfes de la Logerie, das aus etwa zwanzig Häuſern beſtand, und ſehr ſtolz auf dieſen Titel. „Willſt Du mir Deine Rechte erklären, Courtin?“ 109 „Zuerſt, Monſieur Michel, confiscire ich ſie als Maire, weil ſie zu verbotener Zeit jagen.“ „Ich habe nicht geglaubt, daß es für die Wolfs⸗ jagd eine verbotene Zeit gebe, und da Herr von Souday Wolfsjägermeiſter iſt, ſo...“ „Sehr gut. Iſt er Wolfsjägermeiſter, ſo jage er ſeine Wölfe im Forſt von Machecoul und nicht auf der Ebene; auferdem haben Sie wohl geſehen,“ ſetzte Meiſter Courtin mit ſeinem verſchmitzten Lä⸗ cheln hinzu,„haben Sie wohl geſehen, daß es kein Wolf war, den ſie jagten, weil es ein Haſe war, und daß ſelbſt dieſer Haſe von einer der Wölfinnen geſchoſſen wurde.“ Der junge Mann war auf dem Punkt, Courtin zu erklären, daß der Name Wölfinnen, auf die Fräulein von Souday angewendet, ihm unangenehm ſei, und er ihn bitte, ſich deſſen fernerhin nicht mehr zu bedienen; aber er wagte nicht, ſeinen Ge⸗ danken auf eine ſo klare Weiſe darzulegen. „Fräulein Bertha hat ihn getödtet, Courtin,“ ſagte er,„aber ich habe ihn angeſchoſſen; alſo bin ich der Schuldige.“ „So! So! So! Wie verſtehen Sie das? würden Sie nach ihm geſchoſſen haben, wenn die Hunde ihn nicht aufgetrieben hätten? nein; es iſt alſo der Fehler der Hunde, wenn Sie nach ihm ſchoſſen und wenn Fräulein Bertha ihn tödtete; es ſind alſo die Hunde, die ich als Maire dafür ſtrafe, daß ſie unter dem Vorwand der Wolfsjagd in der verbotenen Zeit einen Haſen gejagt haben; aber dieß iſt nicht Alles: nachdem ich ſie als Maire ge⸗ ſtraft, lege ich wieder die Hand an ſie als Grund⸗ 110 beſitzer; oder habe ich den Hunden des⸗Herrn Mar⸗ quis die Jagd auf meinem Grund und Boden ge⸗ ſtattet?“ „Auf Deinem Grund und Boden, Courtin?“ ſprach Michel lachend;„es ſcheint mir, Du biſt im Irrthum, und ſie jagten auf dem meinigen oder vielmehr auf dem meiner Mutter.“ „Das iſt ganz daſſelbe, Herr Baron, weil ich Ihren Grund und Boden in Pacht habe; nun, Herr Baron, wir ſind nicht mehr in den Zeiten von 1789, wo die großen Herren das Recht hatten, mit ihren Koppeln über die Erndten der Bauern wegzumar⸗ ſchiren und Alles niederzutreten, ohne etwas zu bezahlen. Nein, nein, heute ſind wir im Jahr 1832, Monſieur Michel, jeder iſt Herr in ſeinem Eigen⸗ thum, und das Wildpret gehört dem, der es ernährt; demnach iſt der von den Hunden des Herrn Mar⸗ quis gejagte Haſe mein, weil er das Getreide frißt, das ich auf dem Grund und Boden von Madame Michel geſäet habe, und darum muß ich den von Ihnen angeſchoſſenen und von der Wölfin getödte⸗ ten Haſen eſſen.“ Michel machte eine Bewegung, welche Courtin noch aus einem Augenwinkel auffing; indeſſen wagte er nicht, ſein Mißfallen kund zu geben. „Etwas erregt dabei mein Erſtaunen,“ ſagte der junge Mann,„daß dieſe Hunde, die ſo ſtark an ihrem Strick ziehen und die mit ſo viel Widerſtre⸗ ben zu folgen ſcheinen, ſich von Dir fangen ließen.“ „O!“ antwortete Courtin,„das hat mir nicht viel Mühe gemacht; als ich Ihnen und der Frau Baronin den Zaun ausgehoben hatte und wieder 2 — 8 2 05 111 zurückkehrte, habe ich dieſe Herrn an der Tafel gefunden.“ „An der Tafel.“ „Ja, an der Tafel in dem Heu, wo ich den Haſen verborgen; ſie hatten ihn gefunden und hiel⸗ ten ihre Mahlzeit; es ſcheint, daß ſie auf Schloß Souday nicht ſehr gut gehalten ſind und auf eigene Rechnung jagen; da, ſehen Sie, wie dieſelben mit meinem Haſen umgegangen ſind.“ Bei dieſen Worten zog Courtin aus der unge⸗ heuren Taſche ſeines Wammſes den Hinterbug des Thieres, welches das Hauptſtück des Vergehens bildete. Der Kopf und Vorderbug waren vollſtändig verſchwunden.. „Und wenn man bedenkt,“ fuhr Courtin fort, „daß ſie dieſen ſchönen Streich da ausführten, zur Zeit, da ich Ihnen das Geleite gab. Ahl ihr wer⸗ det uns, meine ſaubern Burſche, behülflich ſein müſſen, deren einige zu ſchießen, wenn ich dieſen da vergeſſen ſoll.“ „Courtin, laß mich Dir etwas ſagen,“ ſprach der junge Baron. „O, ſprechen Sie nur, geniren Sie ſich nicht, Monſieur Michel.“ „Als Maire biſt Du doppelt verpflichtet, das Geſetz zu achten.“ „Das Geſetz, ich trage es in meinem Herzen; Freiheit, öffentliche Ordnung, haben Sie dieſe drei Worte nicht an der Mairie angeſchrieben geſehen, Monſieur Michel?“ „CEi, um ſo mehr Grund, Dir zu ſagen, daß 112 was Du hier thuſt, nicht geſetzlich iſt und Du Frei⸗ heit und öffentliche Ordnung antaſteſt.“ „Wie?“ ſagte Courtin,„ſtören die Hunde der Wölfinnen nicht die öffentliche Ordnung, indem ſie in der verbotenen Zeit auf meinem Grund und Boden jagen, und ſteht es mir nicht frei, ſie zu pfänden?“. „Sie ſtören die öffentliche Ordnung nicht, Cour⸗ tin, ſie verletzen Privatintereſſen, und Du haſt kein Recht, ſie zu pfänden, ſondern nur, es zu Protokoll zu nehmen.“ „Ahl das Alles iſt ſehr lang, und wenn man die Hunde jagen laſſen und ſich damit begnügen muß, es gegen ſie zu Protokoll zu nehmen, ſo ſind nicht mehr die Menſchen frei, ſondern die Hunde.“ „Courtin,“ ſprach der junge Mann mit jenem kleinen Anflug von Amtswürde, der mehr oder weniger bei jedem Menſch, der einen Geſetzes⸗Codex durchgeblättert hat, vorkommt,„Du begehſt hier denſelben Irrthum, wie viele Leute, Du verwech⸗ ſelſt Freiheit mit Unabhängigkeit; Unabhängigkeit iſt die Freiheit der Menſchen, welche nicht frei ſind, mein Freund.“ 3 „Aber was iſt dann die Freiheit, Monſieur Michel?“ „Die Freiheit, mein lieber Courtin, beſteht dar⸗ in, daß Jeder zum Nutzen Aller auf ſeine perſön⸗ liche Unabhängigkeit verzichtet; aus dieſem allge⸗ meinen Fonds von Unabhängigkeit ſchöpft ein ganzes Volk oder jeder Bürger ſeine Freiheit; wir ſind frei und nicht unabhängig, Courtin.“ „O!“ erwiderte Courtin,„das Alles verſtehe 30 8 3 8 rei⸗ der dem ind zu ur⸗ ein koll nan gen ind e.“ lem der der ier ich⸗ keit nd, eur ar⸗ ön⸗ ge⸗ zes ind ehe 113 ich nicht; ich bin Maire und Grundeigenthümer, ich halte die zwei beſten Hunde von der Koppel des Marquis, Galon d'Or und Allegro, und laſſe ſie nicht los; er mag ſie holen und ich will ihn fragen, was er bei den Zuſammenkünften von Torfou und Montaigu thun will.“ „Was willſt Du ſagen?“ „O, ich weiß es ſchon.“ „Ja, aber ich weiß es nicht.“ „Es iſt auch nicht nöthig, daß Sie es verſtehen; Sie ſind nicht Maire.“ „Ja, aber ich bin ein Bewohner der Gegend, und habe ein Intereſſe, zu erfahren, was hier vor⸗ geht.“ „O, was hier vorgeht, iſt nicht ſchwer zu ſehen: es geht nur das vor, daß die Herrn ſich wieder in eine Verſchwörung einlaſſen.“ „Die Herrn?“ „Ei ja, die Adeligen.... jene.... ich ſchweige, obgleich Sie nicht zu jenem Adel gehören.“ Michel erröthete bis in das Weiße der Augen. „Du ſagſt, daß die Adeligen ſich verſchwören, Courtin?“ „Und warum ſollten ſie denn ſonſt nächtliche Verſammlungen halten? Sie ſollen bei Tag zuſam⸗ men kommen, um zu eſſen und zu trinken, die Faul⸗ lenzer, ſehr wohl, das iſt erlaubt, und die Obrig⸗ keit hat nicht darnach zu ſehen; aber kommt man bei Nacht zuſammen, ſo geſchieht das nicht in guter Abſicht; aber ſie ſollen ſich wohl in Acht nehmen, ich habe ein Auge auf ſie; ich bin Maire, und habe ich nicht das Recht, die Hunde zu pfänden, ſo habe 8 Dumas, Wölfinnen von Machecoul I. 114 ich wenigſtens das, die Leute ins Gefängniß zu ſetzen; in dieſer Beziehung kenne ich das Geſetz⸗ „Und Du behaupteſt, Herr von Souday beſuche dieſe Verſammlungen?“ „Ja wohl! das wäre ſchön, wenn er ſie nicht beſuchte, ein alter Chouan, ein Adjutant von Char⸗ rette; er komme nur und fordere ſeine Hunde zu⸗ rück; er ſoll nur kommen, und ich ſchicke ihn nach Nantes, ihn und ſeine Wölfinnen; ſie ſollen erklä⸗ ren, warum ſie im Walde herumſtreichen, wie es bei ihnen in der Nacht vorkommt.“ „„Aber,“ ſagte Michel mit einer Lebhaftigkeit, worüber man ſich nicht täuſchen konnte,„Du haſt mir ſelbſt geſagt, Courtin, wenn ſie bei Nacht im Walde herumgehen, ſo geſchehe dieß, um armen Kranten Beiſtand zu leiſten.“ Courtin wich einen Schritt zurück, und rief dann, den Finger gegen ſeinen jungen Herrn mit ſeinem gewöhnlichen Lächeln erhebend: „Ahl jetzt habe ich Sie!“— „Mich?“ fragte der junge Mann erröthend, „und wozu?“ „Sie liegen Ihnen am Herzen.“ „Mir?“ „Ja, ja, ja. Ahl ich gebe Ihnen nicht Unrecht; im Gegentheil, wiewohl es Fräulein ſind, werde ich doch gewiß nicht ſagen, daß ſie nicht hübſch ſeien. Ei was, werden Sie nicht ſo roth, Sie kommen nicht aus dem Seminar, Sie ſind weder Prieſter, noch Diacon, noch Vikar, Sie ſind ein ſchöner Junge von zwanzig Jahren, Vorwärts, Monſieur Michel, ien. ſter, unge chel, 115 ſie würden ſehr heikel ſein, wenn dieſelben Sie nicht nach ihrem Geſchmack fänden, da ſie Ihrem Ge⸗ ſchmack zuſagen.“ „Aber, mein lieber Courtin,“ erwiderte Michel, „wenn dieß meine Abſicht wäre, wie ſie es nicht iſt, kenne ich ſie denn? lenne ich den Marquis? Iſt es genug, zwei jungen Mädchen zu Pferd begeg⸗ net zu ſein, um ſich ihnen vorzuſtellen?“ „Ach ja, ich begreife,“ antwortete Courtin mit ſpöttiſcher Miene,„das iſt keinen Heller werth, aber geht in großem Styl; man bedarf einer Ge⸗ legenheit, eines Beweggrundes, eines Vorwandes. Suchen Sie, Monſieur Michel, ſuchen Sie; Sie ſind ein Gelehrter, Sie ſprechen Latein und Grie⸗ chiſch; Sie haben das Geſetzbuch ſtudirt, Sie müſ⸗ ſen das finden.“ Michel ſchüttelte den Kopf. „Ach!“ ſagte Courtin,„Sie haben geſucht und nicht gefunden.“ „Ich ſage das nicht,“ erwiderte lebhaft der junge Mann. „Ach ja! aber ich ſage es; man iſt mit vierzig Jahren noch nicht ſo alt, um ſich der Zeit nicht mehr zu erinnern, wo man zwanzig zählte.“ Michel ſchwieg und ließ den Kopf hängen; er fühlte das Auge des Bauern, das auf ihm ruhte. Dann begreifend, daß er ſich eben ſeinen geheim⸗ ſten Gedanken hatte entſchlüpfen laſſen, rief er, die Achſeln zuckend: „Aber wo zum Teufel haſt Du geſehen, daß ich auf das Schloß wollte?“ „Und das Mittel,“ fuhr Courtin fort, als ob 116 ſein Herr zu läugnen gar nicht verſucht hätte,„das Mittel, hier iſt es.“ Michel nahm eine zerſtreute, gleichgültige Miene an, war aber ganz Ohr. „Sie ſprechen zu Vater Courtin:„Vater Cour⸗ tin, Ihr irrt Euch über Eure Rechte, weder als. Maire, noch als Grundeigenthümer ſteht es Euch zu, die Hunde des Marquis von Souday zu pfän⸗ den; Ihr habt das Recht auf Schadloshaltung, aber dieſe Schadloshaltung wollen wir auf gütlichem Wege ordnen.“ Darauf antwortet Vater Courtin: „O, mit Ihnen, Monſieur Michel, rechne ich nicht, wir kennen Ihre Generoſität.“ Worauf Sie hin⸗ zufügen:„Courtin, Du überläſſeſt alſo mir die Hunde, das Uebrige iſt meine Sache.“ Ich ſage zu Ihnen:„Hier ſind die Hunde, Monſieur Michel; was die Schadloshaltung betrifft, ei nun! mit einem oder zwei Goldvögelchen wird man Wunder ſehen; man will nicht den Tod des Sünders.“ Dann, verſtehen Sie, ſchreiben Sie ein kleines Billet an den Marquis: Sie haben ſeine Hunde wieder be⸗ kommen und ſchicken ihm dieſelben, befürchtend, er möchte deßhalb unruhig ſein, durch Rouſſeau oder durch La Belette wieder zurück. Dann kann er nicht umhin, Ihnen zu danken und Sie zu einem Beſuch einzuladen, für den Fall, daß Sie ihm nicht, was noch ſicherer wäre, ſelbſt ſie ihm wieder zufüh⸗ ren wollten.“ „Gut, gut, Courtin!“ ſagte der junge Baron, „laßt mir die Hunde, ich will ſie dem Marquis zu⸗ rückſchicken, nicht, damit er mich auf das Schloß einlade, denn es iſt kein wahres Wort an allem 117 dem, was Ihr vorausſetzt, ſondern weil man unter Nachbarn ſich gute Lebensart ſchuldig iſt.“ „Nun ſo nehmen wir an, daß ich nichts geſagt habe. Aber das iſt gleich, es ſind ein paar Mäd⸗ chen von ſchönem Schlag, die Fräulein von Souday, und was die Schadloshaltung betrifft, ſo....“ „Halt,“ ſagte der junge Baron lächelnd,„das iſt nicht mehr als billig, für den Verluſt, welchen die Hunde Dir dadurch zugefügt haben, daß ſie über meinen Grund und Boden liefen und die Hälfte von dem Haſen, den Bertha ſchoß, gefreſſen haben.“ Und er gab dem Pächter, was er bei ſich hatte, das heißt drei oder vier Louisdor. Und es traf ſich ſehr glücklich, daß er nicht mehr hatte, denn der junge Mann war ſo zufrieden, durch Courtin das vergeblich geſuchte Mittel gefun⸗ den zu haben, daß er ihm das Zehnfache gegeben haben würde, wäre gerade ſo viel in ſeiner Taſche geweſen. Courtin warf einen ſchätzenden Blick auf die paar Louisdor, die er eben unter dem Titel einer Schad⸗ loshaltung erhalten hatte, und entfernte ſich, den Koppelriemen dem jungen Baron in die Hände gebend. Aber nach einem Schritte drehte er ſich wieder um und ſprach, zu ſeinem Herrn zurückkehrend: „Es hat nichts auf ſich, Monſieur Michel, aber laſſen Sie ſich mit jenen Leuten nicht allzu ſehr ein; Sie wiſſen, was ich Ihnen über die Verſamm⸗ lung der Meſſieurs zu Torfou und Montaigu erzählt habe; ich ſage Ihnen, Monſieur Michel, ehe vierzehn Tage vergehen, gibt es einen Hader.“ 118 Und dießmal entfernte er ſich im Ernſte, die Pariſienne ſingend, für deren Worte und Melodie er eine wahrhafte Vorliebe hatte. Der junge Mann blieb mit den beiden Hunden allein zurück. X. Die Dinge gehen nicht ganz ſo, wie Baron Michel ſich geträumt hatte. 3 Der junge Mann hatte Anfangs daran gedacht, Courtin's Rath zu folgen, das heißt, die Hunde nach Schloß Souday durch Rouſſeau oder La Belette zurückzuſchicken, zwei Diener, welche halb an den Pachthof, halb an das Schloß gebunden waren und die Spottnamen*), unter welchen ſie Courtin eben unſern Leſern vorſtellte, der Erſte der etwas imper⸗ tinenten Farbe ſeiner Haare, der Zweite der Aehn⸗ lichkeit ſeines Geſichts mit der Schnauze jenes Thiers verdantten, deſſen Feiſtigkeit Lafontaine in einer ſeiner hübſcheſten Fabeln verherrlicht hat. Aber während er ſich die Sache weiter überlegte, ſiel ihm ein, der Marquis von Souday könnte ſich mit einem einfachen Dankſagungsſchreiben ohne wei⸗ tere Einladung begnügen. Wenn der Marquis unglücklicher Weiſe alſo verfuhr, ſo mar die Gelegenheit verfehlt, man mußte eine andere abwarten, und dergleichen würde ſich nicht alle Tage darbieten. *) Rousseau etwa rother Fuchs, Belette Wieſel. ie ie en ht, nde ttte den ind ben her⸗ hn⸗ ers ner gte, ſich vei⸗ alſo ußte ſich 119 Brachte er hingegen die Hunde ſelbſt zurück, ſo wurde er unfehlbar angenommen; man läßt nicht ſechs oder ſieben Kilometer einen Nachbar machen, der die Gefälligkeit hat, in eigener Perſon Hunde zurückzubringen, welche man verloren glaubt und auf welche man viel hält, ohne eine Einladung, einzutreten, einen Augenblick auszuruhen, oder ſo⸗ gar, wenn es ſpät iſt, die Nacht im Schloſſe zuzu⸗ bringen. Michel zog ſeine Uhr, ſie zeigte einige Minuten über Sechs. Wir glauben bemerkt zu haben, daß die Baronin hichel die Gewohnheit, um vier Uhr zu ſpeiſen, beibehalten, wir ſollten ſagen, angenommen hatte. Bei dem Vater der Baronin Michel ſpeiste man um Mittag. Der junge Baron hatte alſo Zeit genug, nach dem Schloß zu gehen, wenn er ſich hiezu entſchloß. Aber das war ein großer Entſchluß, nach dem Schloß zu gehen. Nun war Entſchiedenheit keine vorherrſchende Tugend bei Michel, wie wir dem Leſer ſchon angedeutet haben. Er verlor alſo eine Viertelſtunde mit Zögern; aber in den erſten Tagen des Mai geht die Sonne erſt um acht Uhr unter, er hatte alſo noch andert⸗ halb Stunden Tag. 1 Ueberdieß konnte er bis neun Uhr ohne Indiſcre⸗ tion ſich vorſtellen. Aber konnten ſich an einem Jagdtag die Mäd⸗ chen nicht frühzeitig zu Bett begeben haben? Nun wünſchte der junge Baron nicht den Mar⸗ 120 quis von Souday zu ſehen; ihm perſönlich zulieb, hätte er keine ſechs Kilometer gemacht. Um Mary wieder zu ſehen; wären ihm, meinte er, hundert Meilen nicht zu viel geweſen. Er entſchloß ſich alſo ohne Aufſchub abzugehen. Allein jetzt bemerkte der junge Mann, daß er keinen Hut hatte. Aber um ſeinen Hut zu holen, mußte er auf das Schloß zurückkehren, riskiren, ſeiner Mutter zu begegnen; und dann die Fragen, wohin er ginge, wem die Hunde gehörten? Er bedurfte des Huts nicht; der Hut oder viel⸗ mehr die Abweſenheit des Huts konnte auf Rech⸗ nung der Eile geſetzt werden, der Wind konnte ihn mitgenommen, ein Zweig ihn in eine Schlucht ge⸗ worfen haben, ohne daß die Hunde es ihm erlaub⸗ ten, demſelben nachzulaufen. Die Schwierigkeit war viel größer, der Baronin unter die Augen zu treten. Der junge Mann ging alſo ohne Hut fort, die beiden Hunde am Seil führend. Kaum hatte er einige Schritte gemacht, als er erkannte, daß er nach Souday keine fünfundſechzig Minuten brauche, wie er gerechnet hatte. Im Augenblick, da die Hunde die von ihrem Führer eingeſchlagene Richtung erkannten, war es nicht mehr nöthig, ſie zu ziehen, ſondern ſie zurück⸗ zuhalten. Sie witterten den Stall und zogen an dem Strick mit aller Kraft; an ein leichtes Fuhrwerk geſpannt, hätten ſie es Baron Michel möglich ge⸗ macht, den Weg in einer halben Stunde zurückzulegen. 121 Zu Fuß und mit ihrer Hülfe mußte der junge Mann, wenn er einen kleinen Trab anſchlug, ihn in drei Viertelſtunden machen. Nun, da die Ungeduld der beiden Hunde ganz mit der ſeinigen übereinſtimmte, war der angenom⸗ mene Gang ein kurzer Trab. Nach zwanzig Minuten deſſelben war man im Walde von Machecoul, den man, um den Weg ab⸗ zukürzen, zu einem Drittheil ſeiner Größe abſtoßen mußte. Beim Eintritt in den Wald bot ſich gleich eine ziemlich ſtarke Anhöhe dar. Der junge Baron ſtieg in gymnaſtiſchem Schritt hinan, allein auf dem Gipfel angekommen, fühlte er das Bedürfniß, auszuſchnaufen. Nicht ſo war es bei den Hunden, welche im Gehen Athem holten. Die Hunde offenbarten das Verlangen, ihren Weg fortzuſetzen. Ihr Führer widerſetzte ſich dieſem Verlangen, indem er ſich aus aller Macht anſtemmte und rück⸗ wärts zog, mährend ſie vorwärts zogen. 3 Zwei gleiche Kräfte neutraliſiren ſich, begründen die erſten Prinzipien der Mathematik. Der junge Baron war an Kraft überlegen, er brachte es alſo noch weiter als nur zur Neutrali⸗ ſirung der Kraft der beiden Hunde. Als die Gruppe einmal in Ruhe war, benützte er dieſen Halt, um ſein Taſchentuch herauszuziehen und ſich die Stirn abzutrocknen. Während er ſich die Stirn trocknete und ſich völlig dem Genuß jener ſanften Friſche überließ, 122 welche der unſichtbare Mund des Abends ihm in das Geſicht wehte, kam es ihm vor, als ob ein Appellruf, vom Winde fortgetragen, bis zu ihm gelangte. Die Hunde hörten dieſen Ruf gleich ihm; allein ſie antworteten nur darauf mit jenem traurigen und langen Geheul, welches verlorene Hunde aus⸗ ſtoßen. 4 Dann begannen ſie wieder mit erneuerter Kraft an dem Strick zu ziehen. IFyr Führer hatte ausgeruht, ſich die Stirn ab⸗ getrocknet, es war alſo kein Grund mehr vorhan⸗ den, ſich dem Verlangen zu widerſetzen, das Galon d'Or und Allegro offenbarten, ſich wieder auf den Weg zu machen; anſtatt ſich alſo rückwärts zu beu⸗ gen, neigte er ſich vorwärts und nahm ſeinen un⸗ terbrochenen kurzen Trab wieder auf. Er hatte noch keine dreihundert Schritte gemacht, als ein zweiter Ruf, nur jetzt näher und folglich deutlicher als der erſte, ſich hören ließ. Die Hunde beantworteten ihn durch ein ver⸗ längertes Geheul und einen noch kräftigeren Zug. Der junge Mann erkannte, daß irgend Jeman mit Aufſuchen der Hunde beſchäftigt ſei und ſie haulirte.*) Wir bitten unſere Leſer um Verzeihung, daß wir in die geſchriebene Sprache ein ſo wenig akademi⸗ ſſches Wort einführen; aber es iſt dasjenige, deſſen ſich unſere Bauern für jenes beſondere Geſchrei *) haulait. bedienen, womit der Jäger ſeine Hunde ruft: es 123 in hat den Vortheil, ziemlich ausdrucksvoll zu ſein; ein dann kenne ich, und dieß der letzte und höchſte hm Grund, kein anderes. Nach einem weitern halben Kilometer ließ ſich ein daſſelbe Geſchrei zum dritten Mal von Seiten des gen ſuchenden Mannes und der geſuchten Thiere hören. us⸗„ Dießmal zogen Galon d'Or und Allegro mit ſolcher Macht, daß ihr Führer genöthigt war, ein⸗ raft mal von ihnen fortgeriſſen, von dem kurzen zu dem ſtarken Trab und von dieſem zum Galopp überzu⸗ ab⸗ gehen. an⸗ Er hielt dieſen Gang kaum fünf Minuten ein, alon als ein Mann am Saum des Waldes erſchien, über den den Graben ſprang, und ſich mit dieſem einzigen beu⸗ Sprung mitten auf der Straße befand und dem un⸗ jungen. Mann den Weg verſperrte. Dieſer Mann war Jean Oullier. acht,„Ah! ah!“ rief er,„alſo Sie ſind es, mein ſau⸗ lglich beres Herrchen, der nicht allein meine Hunde vom Wolf, den ich jage, abführt, um ſie auf die Fährte ver⸗ des Haſen zu bringen, den Sie jagen, ſondern ſich Zug. auch noch die Mühe gibt, ſie anzukoppeln und am mand Hetzriemen zu führen.“ d ſie„Mein Herr,“ ſagte der junge Mann ganz außer Athem,„wenn ich die Hunde gekoppelt und an den ß wir Riemen gelegt habe, ſo geſchah es, um die Ehre zu demi⸗ haben, ſie ſelbſt dem Herrn Marquis von Souday deſſen zurückzubringen.“. 4 eſchrei„Ach ja! ſo, ſo, ohne Hut, ohne Umſtände; t: es geben Sie ſich keine Mühe, mein werther Herr, nun, da ich Ihnen begegnet bin, werde ich ſie wohl ſelbſt zurückführen.“ 3 4 124 Und ehe der junge Baron ſich widerſetzen oder nur ſeine Abſicht errathen konnte, hatte er ihm den Strick aus der Hand geriſſen und den Hunden über den Hals geworfen, gerade wie man es mit dem Zaum bei einem Pferde macht. Als die Hunde ſich frei fühlten, eilten ſie in vollem Lauf in der Richtung des Schloſſes dahin, gefolgt von Jean Oullier, der nicht minder ſchnell auf den Beinen war, während er mit ſeiner Peitſche knallte und rief: „In den Stall! in den Stall!“ Dieſe Scene war ſo raſch vor ſich gegangen, daß die Hunde und Jean Oullier ſchon ein Kilo⸗ meter von dem jungen Baron ſich entfernt hatten, ehe dieſer nur von ſeinem Erſtaunen zu ſich kam. Er blieb vernichtet auf dem Wege ſtehen. So verharrte er etwa zehn Minuten, mit offe⸗ nem Munde, die Augen feſt nach der Richtung ge⸗ wendet, wo Jean Oullier und die Hunde verſchwun⸗ den waren, als die ſchmeichelnde und ſanfte Stimme eines Mädchens zwei Schritte von ihm folgende Worte vernehmen ließ: „Jeſus, mein Gott! Herr Baron, was thun Sie um dieſe Stunde hier, barhaupt und auf der Straße?“ Was er hier that? Der junge Mann wäre in großer Verlegenheit geweſen, dieß anzugeben; er folgte ſeinen Hoffnungen, die vom Schloſſe ausflo⸗ gen, und denen er nicht nachzuſetzen wagte. Er drehte ſich um, zu ſehen, wer das Wort an ihn richtete. 125 Er erkannte ſeine Milchſchweſter, die Tochter der des Pächters Tinguy. ym„Ah! Du biſt es, Roſine,“ ſagte er,„und wo⸗ den her kommſt denn Du?“ nit„Ach! Herr Baron,“ antwortete das Mädchen, mit von Thränen unterbrochener Stimme,„ich komme in vom Schloſſe de la Logerie, wo ich von der Baronin in, übel empfangen worden bin.“ iell„Wie ſo, Roſine? Du weißt wohl, daß meine ſche Mutter Dich liebt und beſchützt.“ „Ja, in gewöhnlichen Zeiten, aber heute nicht.“ „Wie, heute nicht?“ ſen,„Ja, vor einer Stunde, kaum ſo lang, hat ſie ilo⸗ mich vor die Thüre ſetzen laſſen.“ ten,„Warum haſt Du nicht nach mir gefragt?“ 1.„Ich habe es gethan, Herr Baron, aber man hat mir geantwortet, Sie ſeien nicht zu Hauſe.“ offe⸗„Wie, ich war nicht auf dem Schloß? und ich ge⸗ komme davon her. Nun, ſo flink Du auch geweſen pun⸗ ſein magſt, ſo ſchnell wie ich haſt Du doch nicht nme gemacht, dafür ſtehe ich.“ ende„Ach ja, das iſt möglich, Herr Baron, weil mir, ſehen Sie, als ich von Ihrer Frau Mutter abge⸗ Sie wieſen wurde, der Gedanke kam, die Wölfinnen der aufzuſuchen, aber ich war hiezu nicht gleich ent⸗ ſchloſſen.“ e in„Und was haſt Du denn bei den Wölfinnen er zu ſuchen?“. gflo⸗ Michel zwang ſich, dieſes Wort auszuſprechen. „Das, was ich bei der Frau Baronin ſuchen t an wollte, Hülfe für meinen armen Vater, der ſehr krank iſt.“ 126 „Krank, woran?“ „An einem ſchlimmen Fieber, von dem er in den Sümpfen befallen wurde.“ „An einem ſchlimmen Fieber?“ wiederholte Vhicher„Iſt es bösartig, ein Wechſel⸗ oder Typhus⸗ eber?“ „Ich weiß es nicht, Herr Baron.“ „Was hat der Arzt geſagt?“ „Ei, ja wohl, Herr Baron! Der Arzt wohnt zu Légé und rührt ſich um weniger als hundert Sou nicht von der Stelle und wir ſind nicht reich genug, um für einen Beſuch des Arztes hundert Sou zu zahlen. „Und meine Mutter hat Dir kein Geld gegeben?“ „Aber wenn ich Ihnen ſage, daß ſie mich nicht ſehen wollte.„Ein böſes Fieber!“ rief ſie,„ſie wagt es, auf das Schloß zu kommen, wenn ihr Vater an einem böſen Fieber krank iſt! Man jage ſie fort!“ „Das iſt unmöglich!“ „Ich habe es gehört, Herr Baron, ſo laut ſchrie ſie. Ueberdieß iſt Beweis davon, daß man mich fortgejagt hat.“ „Warte, warte“ ſagte der junge Mann lebhaft, „ich will Dir Geld geben.“ Und er ſuchte in ſeinen Taſchen. Aber er hatte, wie man ſich erinnert, Alles, was er bei ſich trug, Courtin gegeben. „Ach, mein Gott! ich habe nicht einen Sou bei mir, mein armes Kind; komm mit mir auf das Schloß, Roſine, und ich will Dir geben, was Du brauchſt. „O nein,“ antwortete das Mädchen,„nicht um r in holte hus⸗ at zu Sou nug, u zu en?“ nicht wagt r an Srt ſchrie mich haft, Ulles, t bei das Du t um 127 alles Gold der Welt möchte ich wieder in das Schloß zurückkehren; nein, da nun einmal mein Entſchluß gefaßt iſt, um ſo ſchlimmer, ſo will ich mich an die Wölfinnen wenden; ſie ſind mitleidig, und werden ein armes Kind, das ſie um Beiſtand für einen ſterbenden Vater anruft, nicht vor die Thüre ſetzen. „Aber, aber“, erwiderte der junge Mann ſtockend,„man ſagt, ſie ſeien nicht reich.“ „Wer ſo?“ „Die Fräulein von Souday.“ „O, es iſt nicht Geld, um was man ſie bittet; es iſt nicht ein Almoſen das ſie geben; ſie thun etwas Beſſeres, der liebe Gott weiß es.“ „Was thun ſie denn?“. „Sie gehen ſelbſt hin, wo die Krankheit herrſcht, und wenn ſie den Kranken nicht heilen können, ſo unterſtützen ſie den Sterbenden und weinen mit den Ueberlebenden.“ „Ja,“ ſagte der junge Mann,„wenn es eine gewöhnliche Krankheit iſt, aber bei einem gefährlichen Fieber?“ „Was ſehen ſie darauf? gibt es gefährliche Fieber für die guten Herzen? Sie ſehen wohl, ich gehe hin, nicht wahr?“ „Ja.“ „Nun gut, in zwanzig Minuten werden Sie, wenn Sie hier bleiben, mich mit einer oder der andern der beiden Schweſtern zurückkommen ſehen, und ſie begleitet mich, um meinen armen Vater zu pflegen. Auf Wiederſehen, Monſieur Michel. O, ich hätte das niemals von der Frau Baronin geglaubt. Die 128 Tochter derer, welche Ihnen Nahrung gegeben hat, wie eine Diebin fortjagen zu laſſen.“ Und das Mädchen entfernte ſich, ohne daß der junge Mann ihr ein Wort zu erwidern wußte. Aber Roſine hatte ein Wort geſagt, das ihm im Herzen geblieben war. Sie hatte geſagt: „In zwanzig Minuten, wenn Sie hier bleiben, werden Sie mich mit einer der beiden Schweſtern zurückkommen ſehen.“ Er war alſo entſchieden, zu bleiben; die auf eine Weiſe verfehlte Gelegenheit konnte ſich auf die andere wieder erwiſchen laſſen. Wenn der Zufall es fügte, daß es Mary wäre, die mit Roſine ausging? Aber wie durfte man annehmen, ein Mädchen von achtzehn Jahren, die Tochter des Marquis von Souday, werde um acht Uhr Abends ausgehen, um anderthalb Meilen von Hauſe entfernt einen armen Bauern, der von einem gefährlichen Fieber ergriffen war, Beiſtand zu leiſten. Es war nicht wahrſcheinlich, ja nicht möglich. Roſine machte die beiden Schweſtern beſſer, als ſie waren, wie die andern ſie ſchlechter machten. Außerdem, wie war es denkbar, daß ſeine Mutter, eine ſo fromme Seele, die auf alle Tugenden An⸗ ſpruch hatte, ſich in dieſem Fall auf die ganz ent⸗ gegengeſetzte Weiſe benommen haben ſollte, als die beiden Madchen, denen man im ganzen Kanton ſo viel Schlimmes nachſagte. Ging es ſo, wie Roſine vorausgeſagt hatte, —. — 2——₰ 8 8SSS— 129 würden dann nicht die Mädchen die wahren Seelen nach dem Herzen Gottes ſein? Aber gewiß kam weder die eine noch die andere. Er wiederholte ſich dieß zum zehnten Mal ſeit einer Viertelſtunde, als er an der Straßenecke, wo Roſine verſchwunden war, zwei Schatten von Mäd⸗ chen wieder erſcheinen ſah. Trotz der Finſterniß erkannte er Roſine, bei der andern war dieß nicht möglich, ſie hatte ſich in einen dunkeln Mantel gehüllt. Sein Geiſt war ſo verwirrt und namentlich ſein Herz ſo gerührt, daß ihm die Beine den Dienſt ver⸗ ſagten, um den Mädchen entgegenzugehen, und er wartete, bis ſie zu ihm kamen. „Nun, Herr Baron,“ begann Roſine ganz ſtolz, „was habe ich geſagt?“ „Was haſt Du ihm denn geſagt?“ fragte die junge Perſon im Mantel. Michel ſtieß einen Seufzer aus; an ihrem feſten und entſchiedenen Ton hatte er Bertha erkannt. „Ich habe ihm geſagt,“ antwortete Roſine,„daß man es mir bei Ihnen nicht wie auf dem Schloß de La Logerie machen, daß man mich nicht fortjagen werde.“ „Aber,“ entgegnete Michel,„Du haſt Fräulein von Souday vielleicht nicht geſagt, welche Art von Krankheit Dein Vater hat?“ „Den Symptomen nach zu ſchließen,“ erwiderte Bertha,„kommt es mir ganz wie ein typhusartiges Fieber vor; eben darum wird es gut ſein, keine Minute zu verlieren. Das iſt eine Krankheit, der man zu guter Zeit beikommen muß. Kommen Sie mit uns, Monſieur Michel?“ Dumas, Wölfinnen von Machecoul. I. 9 130 „Aber, Fräulein,“ antwortete der junge Mann, „das thyphusartige Fieber iſt anſteckend.“ „Die Einen behaupten, die Andern läugnen es,“ erwiderte Bertha gleichgültig. „Aber,“ fuhr Michel dringender fort,„das Typhusfieber iſt tödtlich.“ „In vielen Fällen; doch gibt es einige Beiſpiele von Geneſung.“ Der junge Mann zog Bertha bei Seite: „Und Sie gehen hin, ſich einer ſolchen Gefahr auszuſetzen.“ „Ohne Zweifel.“ „Für einen Unbekannten, einen Fremden.“ „Der, welcher für uns fremd iſt,“ antwortete Bertha mit unübertrefflicher Sanftmuth,„iſt für andere menſchliche Weſen ein Vater, ein Bruder, ein Gatte. Es gibt keinen Fremden in dieſer Welt, Monſieur Michel, und iſt dieſer Unglückliche für Sie ſelbſt nicht auch Etwas?“ „Er iſt der Mann meiner Amme,“ ſtammelte Michel. „Sehen Sie wohl,“ erwiderte Bertha. „Auch hatte ich Roſine angeboten, mit mir auf das Schloß zu kommen; ich hätte ihr Geld gegeben, einen Arzt zu holen.“ „Und Du haſt es abgelehnt und vorgezogen, Dich an uns zu wenden?“ ſagte Bertha;„dank, Roſine.“ Der junge Mann war verwirrt; er hatte viel von Menſchenliebe reden gehört, aber ſie noch nie geſehen; und nun erſchien ſie ihm plötzlich mit den Zügen Bertha's. 131 Er folgte den beiden Mädchen nachdenklich und mit geſenktem Kopf. „Wenn Sie mit uns kommen, Monſieur Michel,“ ſagte Bertha,„ſo haben Sie die Cüte, uns dieſe kleine Schachtel zu tragen, welche Heilmittel enthält.“ „Ja,“ ſagte Roſine,„aber der Herr Baron geht nicht mit uns; er kennt die Furcht, welche Frau de La Logerie vor böſen Fiebern hat.“ „Du irrſt Dich, Roſine,“ erwiderte der junge Mann,„ich gehe.“ Und er nahm aus Bertha's Händen die Schach⸗ tel, welche ſie ihm reichte. Eine Stunde nachher kamen alle drei in der Hütte von Roſinen's Vater an. XI. Sie lag nicht im Dorfe ſelbſt, ſondern etwa einen Flintenſchuß außerhalb deſſelben, und ſtieß an ein kleines Gehölz, mit welchem ſie durch eine Hinter⸗ thüre in Verbindung ſtand. 3 Der gute alte Tinguy, wie man Roſinens Vater gewöhnlich nannte, war ein Chouan von altem Schrot und Korn: beinahe noch ein Kind, hatte er den erſten Krieg in der Vendée mit Männern wie Jolly, Ducoötus, Charrette und La Rochejaquelein mitgemacht. Er hatte ſich verheirathet und zwei Kinder be⸗ kommen: das erſte war ein Sohn, den er wieder verlor. 4 Das zweite war Roſine. 9* 132 Zu jedem von ihnen hatte ſeine Frau, wie es bei armen Bauern gebräuchlich iſt, einen Säugling genommen. Der eine war der letzte Sprößling einer edeln Familie aus Anjou; er hieß Henri de Bonneville; er wird bald in dieſer Geſchichte erſcheinen. Der andere war Michel de La Logerie, welcher in derſelben eine der Hauptrollen ſpielt. Henri de Bonneville war zwei Jahre älter als Michel; die beiden Kinder hatten ſehr oft auf der Schwelle eben der Thüre mit einander geſpielt, welche Michel im Gefolge von Roſine und Bertha zu überſchreiten im Begriff war. Später hatten ſie ſich zu Paris wieder geſehen; Frau de La Logerie hatte dieſe Freundſchaft ihres Sohnes mit einem jungen Mann, der in den weſt⸗ lichen Provinzen durch Vermögen und ariſtokratiſche Geburt eine hohe Stellung einnahm, ſehr aufge⸗ muntert. 1 Die beiden Pfleglinge hatten einigen Wohlſtand in das Haus gebracht; aber der Vendéiſche Bauer iſt ſo, daß er nie ſeinen Wohlſtand eingeſteht. Tin⸗ guy machte ſich darum arm auf Koſten ſeines eigenen Lebens und würde ſich, ſo krank er war, wohl ge⸗ hütet haben, von Légé einen Arzt holen zu laſſen, deſſen Beſuch ihn drei Francs gekoſtet hätte. Außerdem glauben die Bauern und die Vendéer Bauern noch mehr als die andern, weder an Arznei noch an Aerzte; ſo kam es, daß Roſine ſich zuerſt nach Schloß de La Logerie gewendet, wo ihr als Milchſchweſter Michels der Zutritt völlig offen ſtand, —.——o—— ———,— — SSSS=Sg 133 und hernach, vom Schloß vertrieben, ihre Zuflucht zu den Fräulein von Souday genommen hatte. Bei dem Geräuſch, das die drei eintretenden jungen Leute machten, richtete ſich der Kranke mit Mühe auf, ſiel aber ſogleich wieder auf ſein Bett zurück, indem er einen Schmerzensſchrei ausſtieß. Es brannte eine gelbe Wachskerze, das Bett erhellend, den einzigen Theil des Zimmers, der im Lichte war, während alles Uebrige im Finſtern lag; dieſes Licht zeigte auf einer Art von Schragen einen Mann von etwa vierzig Jahren, im Kampfe mit dem ſchrecklichen Dämon des Fiebers. Er war beinahe bleifarbig⸗bleich, das Auge gläſern und niedergeſchlagen, und von Zeit zu Zeit ſchüttelte es ihn vom Kopf bis zu den Füßen, wie wenn man ihn mit einer galvaniſchen Säule in Berührung gebracht hätte. Der junge Mann ſchauderte bei dieſem Anblick und begriff, daß ſeine Mutter, wenn ſie eine Anſchau⸗ ung von dem Zuſtand hatte, worin der Kranke ſich befand, zauderte, Roſine einzulaſſen, da das Mädchen, wie ſie wußte, alle jene Fieber⸗Miasmen in ſich aufgenommen hatte, die, ſichtbare Atome, in irgend einer Art um das Bett des Sterbenden und in dem Lichtkreis, der es einſchloß, herumwogten. Er dachte an Kampfer, an Chlor, an Spitzbuben⸗ Eſſig,*) kurz an alle Präſervative, welche den ſich wohlbefindenden Menſchen von dem Kranken iſoliren können; und da er weder Eſſig, noch Chlor, noch Kampfer hatte, ſo blieb er wenigſtens nahe bei der ) Ein pharmaceutiſches Mittel, womit der Sane nach vier Diebe während der letzten Peſt in Marſeille vor Anſteckung be⸗ wahrt blieben. A, d. U. 134 Thüre, um ſich mit der äußern Luft in Communi⸗ kation zu erhalten. Was Bertha betraf, ſo dachte ſie an nichts der⸗ gleichen, ſondern ging gerade auf das Bett des Kran⸗ ken zu und faßte ſeine von Fieber brennende Hand. Der junge Mann machte eine Bewegung, um ſie abzuhalten, öffnete den Mund, um einen Schrei aus⸗ zuſtoßen, aber fühlte ſich gewiſſermaßen verſteinert von dieſer kühnen Menſchenliebe und verharrte unter dem Gewicht eines bewundernden Schreckens. Bertha befragte den Kranken; wir wollen ſehen, wie es ihm zu Muth geweſen war. Am Morgen Tags zuvor, eben da er aufſtehen wollte, hatte er ſich ſo ermüdet gefühlt, daß ihm beim Ausſteigen aus dem Bett die Beine den Dienſt verſagten; es war eine Warnung, welche ihm die Natur gab, aber die Bauern befolgen ſelten die Rath⸗ ſchläge der Natur. Anſtatt ſich wieder zu Bette zu legen und einen Arzt holen zu laſſen, hatte Tinguy ſich angekleidet und war, unter angeſtrengtem Verſuch, das Uebel zu beſiegen, in den Keller hinabgeſtiegen und mit einem Kruge Obſtmoſt wieder heraufgekommen, dann hatte er ein Stück Brod abgeſchnitten; nach ſeiner Anſicht handelte es ſich darum, ſich zu ſtärken. Er hatte ſeinen Krug Moſt mit wahrer Luſt ge⸗ trunken, war äber nicht im Stande geweſen, von ſeinem Stück Brod nur einen Biſſen hinunterzu⸗ würgen. Hernach war er an ſeine Feldarbeit gegangen. Unterwegs hatte ihn ein heftiges Kopfweh be⸗ fallen, die Mattigkeit war zur Schwere in den 135 Gliedern geworden, zwei⸗ oder dreimal war er ge⸗ zwungen geweſen, ſich zu ſetzen, er war auf zwei Quellen geſtoßen und hatte an denſelben gierig ge⸗ trunfen; aber anſtatt Linderung zu gewähren, war der Durſt ſo heftig geworden, daß er zum dritten Mal in einem Fahrgeleiſe getrunken hatte. Endlich war er auf ſeinem Felde angekommen, hatte aber hier nicht die Kraft gehabt, den erſten Spaten⸗ ſtich an der Tags zuvor angefangenen Furche zu thun, einige Augenblicke hatte er ſich, geſtützt auf ſein Werkzeug, aufrecht gehalten, allein dann ein Wirbeln im Kopf empfunden und ſich niedergelegt, oder war vielmehr in völliger Erſchöpfung zu Boden gefallen. In dieſem Zuſtand war er bis ſieben Uhr Abends geblieben, und würde wohl die ganze Nacht ſo ge⸗ blieben ſein, hätte nicht der Zufall einen Bauern aus dem Dorfe⸗ Légé einige Schritte an ihm vorü⸗ bergeführt. Der Bauer ſah einen Menſchen daliegen, er rief ihn an; der Mann gab keine Antwort, aber machte eine Bewegung; der Bauer näherte ſich und erkannte Tinguy. Mit großer Mühe war es ihm gelungen, den Kranken nach Hauſe zu bringenz dieſer war ſo ſchwach, daß er mehr als eine Stunde gebraucht hatte, um eine Viertelmeile zu machen. Roſine wartete ungeduldig; erſchreckt beim Anblick ihres Vaters, wollte ſie in den Flecken laufen und einen Arzt holen, jener aber verbot es ihr beſtimmt und legte ſich mit der Erklärung zu Bette, es habe nichts zu bedeuten und am andern Morgen werde er wieder geſund ſein; aber da ſein Durſt, anſtatt 136 abzunehmen, ſich immer mehr ſteigerte, befahl er Roſine, einen Krug Waſſer auf einen Stuhl neben ſein Bett zu ſtellen. So hatte er, vom Fieber verzehrt, die Nacht hin⸗ gebracht, ohne Unterlaß trinkend„ohne doch das Feuer, das in ihm brannte, löſchen zu können; am Morgen hatte er aufzuſtehen verſucht, aber kaum ſich aufrecht zu ſetzen vermocht; der Kopf, worin er ſchreckliches Stechen fühlte, ſchwindelte ihm und er klagte über heftigen Schmerz in der rechten Seite. Roſine hatte von neuem darauf gedrungen, Herrn Roger— dieß war der Name des Arztes zu Légé— zu holen, aber wiederum hatte es ihr der Vater be⸗ ſtimmt verboten. Das Kind war dann bei dem Bett geblieben, bereit, ſeinen Wünſchen zu willfahren und ihm bei ſeinen Bedürfniſſen Beiſtand zu leiſten. Sein heftigſtes Bedürfniß war zu trinken; von zehn zu zehn Minuten begehrte der Kranke Waſſer. So verweilte ſie bis 4 Uhr Abends. Um dieſe Zeit ſprach der Kranke kopfſchüttelnd: „Nun, ich ſehe wohl, ich bin von einem böſen Fieber befallen, man muß bei den guten Schloß⸗ frauen um ein Heilmittel anſuchen.“ Wir haben das Reſultat dieſer Entſchließung ge⸗ ſehen. Nachdem Bertha dem Kranken den Puls gefühlt und dieſen Bericht, den er mit großer Mühe und erſtickker Stimme abſtattete, angehört hatte, während ſie bis auf hundert Pulsſchläge in der Minute zählte, erkannte ſie, daß der gute alte Tinguy einen hef⸗ tigen Fieberanfall habe. 137 er„Aber von welcher Art war dieſes Fieber? um 2n djen hu entſcheiden, kannte ſie zu wenig von der edizin. n⸗ Aber da der Kranke nichts als beſtändig rief: 8„Trinken, trinken!“ zerſchnikt ſie eine Citrone, ließ m ſie in einem großen Kaffeetopf ſieden, nahm etwas h weniges Zucker dazu und gab dieſe Limonade anſtatt r des bloßen Waſſers dem Kranken. r Im Augenblick, da ſie das Waſſer zuckern wollte, hatte ſie von Roſine die Antwort erhalten, es ſei n kein Zucker im Hauſe. 16 Zucker iſt für den Vendéer Bauern das Höchſte 5 des Luxus. Bertha hatte etwas der Art vermuthet und eine 3 Quantität davon in die Schachtel gelegt, worin ihre 8 ; kleine Apotheke enthalten war; ſie ſchaute um ſich, um die Schachtel zu ſuchen. Sie erblickte ſie unter dem Arme des jungen Mannes, welcher ſich noch immer an der Thüre hielt., Sie machte ihm ein Zeichen, herbeizukommen; aber ehe er ſich von der Stelle gerührt hatte, machte ſie ihm ein zweites Zeichen, welches ihm dagegen andeuten ſollte, zu bleiben. Sie ſelbſt kam nun auf ihn zu, indem ſie einen Finger auf den Mund legte. Und ganz leiſe, damit der Kranke es nicht höre, ſprach ſie: „Der Zuſtand des Mannes iſt ſehr bedenklich, und ich wage nichts auf mich zu nehmen; ein Arzt iſt durchaus nothwendig, und ich fürchte, er möchte nur zu ſpöt kommen; während ich dem Kranken einige beruhigende Mittel geben will, laufen Sie nach Légé, werther Herr Michel, und bringen Sie den Doctor Roger mit.“ „Aber,“ fragte der junge Mann,„wenn das Fie⸗ ber anſteckend iſt?“ „Was dann,“ erwiderte Bertha. „Laufen Sie denn nicht Gefahr, es auch zu be⸗ kommen?“ „Aber, mein werther Herr,“ antwortete Bertha, „wenn man an dergleichen Dinge dächte, ſo würde die Hälfte unſerer Bauern ohne Beiſtand ſterben; gehen Sie und überlaſſen Sie Gott die Sorge, über mich zu wachen.“ Und ſie reichte dem Boten die Hand. Der junge Mann ergriff dieſe Hand, welche Bertha ihm reichte, und drückte, hingeriſſen von Bewunderung, welche ihm bei einer Frau dieſer ebenſo einfache als erhabene Muth erregte, deſſen der Mann ſich unfähig fühlte, dieſe Hand mit einer Art Leidenſchaft an ſeine Lippen. Dieſe Bewegung war ſo raſch und unerwartet, daß Bertha zuſammenfuhr, ſehr blaß wurde und einen Seufzer ausſtieß, während ſie ſagte: „Gehen Sie, Freund, gehen Sie.“ Sie hatte dießmal nicht nöthig, den gegebenen Befehl zu wiederholen. Michel ſtürzte aus der Hütte hinaus. Eine unbekannte Flamme kreiste durch ſeinen ganzen Körper und verdoppelte ſeine Lebenskraßt; er empfand in ſich eine ſeltſame Stärke, er war im Stande, Unmögliches zu vollbringen. Er bedauerte nur, daß es etwas ſo Leichtes war, was Bertha von ihm begehrt hatte; er hätte gern 139 Pidertihe etwas Schweres, ſelbſt Unmögliches gehabt. Welchen Dank konnte ihm Bertha dafür wiſſen, daß er fünf Viertel Meilen zu Fuß machte, um einen Arzt zu holen? Es waren nicht zwei und eine halbe Meile, die er gern zurückgelegt hätte; er wäre bis ans Ende der Welt gegangen. Man dbegreift, daß in dem Zuſtand von Exalta⸗ tion, worin der junge Baron ſich befand, er an keine Ermüdung dachte. Die fünf Viertel Meilen, welche ihn von Légé trennten, wurden alſo in weni⸗ ger als einer halben Stunde gemacht. Doctor Roger war einer der Freunde vom Schloß de La Logerie, von dem Légé kaum eine Meile entfernt war. Der junge Baron durfte alſo nur ſeinen Namen nennen, ſo ſprang der Doctor, ohne noch zu wiſſen, daß der Kranke ein einfacher Bauer war, vom Bett herab und rief durch die Thüre ſeines Schlafzimmers hinaus, er werde in fünf Minuten bereit ſein. In fünf Minuten war er wirklich zur Stelle, und fragte bei dem jungen Baron nach der Urſache dieſes unerwarteten nächtlichen Beſuchs. Mit zwei Worten hatte Michel den Doctor von den betreffenden Umſtänden in Kenntniß geſetzt, und da derſelbe erſtaunt war, den jungen Baron ein ſo lebhaftes Intereſſe an einem Bauern nehmen zu ſehen, daß er zu Fuß, in der Nacht, mit bewegter Stimme, Schweiß auf der Stirne, ihn holte, um dieſem Bauern Beiſtand zu leiſten, ſo ſchrieb er dieſe ganze Theilnahme, welche er für den Kranken 140 an den Tag legte, auf Rechnung des Mannes ſei⸗ ner Amme. 6 Hierauf wiederholte er, von dem Doctor über die Symptome des Uebels befragt, getreulich das, was er gehört hatte, indem er den Doctor bat, die d nöthigen Arzneimittel mitzunehmen, da das Dorf, ſ welches Tinguy bewohnte, noch nicht ſo weit in den 9 Kreis der Civiliſation eingetreten war, um einen Apotheker zu beſitzen. I Als der Doctor den jungen Baron von Schweiß triefen ſah und erfuhr, daß er zu Fuß gekommen R war, änderte er den bereits gegebenen Befehl, ſein ſc Pferd zu ſatteln und wollte es an ſein Cariol di ſpannen laſſen. Michel wollte dieſe Aenderung ſchlechterdings nicht zugeben und blieb dabei, daß er zu Fuß ſchneller als der Doctor mit ſeinem Pferde vorwärts da komme; er fühlte ſich ſtark in jener feurigen Kraft V Pr der Jugend und des Herzens, und wäre, wie er verſicherte, eben ſo ſchnell zu Fuß wie der Doctor ſte zu Pferd, wenn nicht noch ſchneller vorwärts ge⸗ gej kommen. der Der Doctor beſtand darauf, Michel wehrte ſich; Do der junge Mann beendete den Streit damit, daß er— hinausſprang, indem er dem Doctor zurief: beſt „Kommen Sie ſo ſchnell als möglich, ich gehe voraus und melde Sie an.“ art, Der Doctor glaubte, der Sohn der Frau Ba⸗ auf ronin de La Logerie ſei närriſch geworden. Bri Er dachte bei ſich, er werde ihn ſchnell genug Alle einholen und beharrte bei ſeinem Befehl, das Pferd anſpannen zu laſſen. bein 141 Der Gedanke, vor den Augen des Mädchens in einem Cariol wieder zu erſcheinen, war unſerem Verliebten zuwider. Es ſchien ihm, als würde Bertha ihm ganz an⸗ dern Dank für ſeine Geſchwindigkeit wiſſen, wenn ſie ihn in vollem Laufe zurückkommen und mit dem Rufe:„da bin ich, der Doctor folgt mir,“ die Thüre der Hütte öffnen ſähe, als wenn er mit dem Doctor in einem Cariol anläme. Er hätte ſich noch einen Ritt au Renner, Mähne und Schweif im ſchnaubend aus den Nüſtern und durch Wiehern ankündigend, gefal Aber in einem Cariol! Hundertmal beſſer war es zu Fuß. Es iſt etwas ſo Poetiſches um die erſte Liebe, daß ſie einen tiefen Haß gegen Alles hegt, was Proſa iſt. Und was würde Mary ſagen, wenn ihre Schwe⸗ ſter ihr erzählte, ſie haben den jungen Baron fort⸗ geſchickt, den Doctor Roger zu Légé zu holen und der junge Baron ſei in einem Cariol mit dem Doctor zurückgekommen. Wir haben geſagt, es war zehn⸗ beſſer, zu Fuß zurückzukehren. Der junge Mann begriff, daß bei dieſer inſtinct⸗ artigen Inſcenirung einer erſten Liebe der Schweiß auf der Stirne, die glühenden Augen, die keuchende Bruſt, die vom Wind zurückgeworfenen Haare, Alles recht ſei, Alles ſich gut mache. Was den Kranken betraf, ei mein Gott! er war f einem ſchönen Winde, Feuer ſeine Ankunft len laſſen. „ zwanzigmal beinahe ganz vergeſſen. Geſtehen wir es, mitten 142 unter dieſer fieberhaften Aufregung gedachte Michel nicht an ihn, ſondern an die beiden Schweſtern; nicht für ihn lief er mit einer Geſchwindigkeit, um drei Meilen in einer Stunde zu machen, ſondern für Bertha und Mary. Die Haupturſache bei dieſem phyſiologiſchen Tropfbad, das bei unſerem Helden vor ſich ging, war zu einer Nebenſache geworden. Sie war nicht mehr ein Zweck, ſie war ein Vorwand. Hätte Michel Hippomenes geheiſen und Atalante den Preis des Wettlaufs ſtreitig gemacht, es wäre für ihn nicht nöthig geweſen, zur Erringung des Siegs die goldenen Aepfel auf ihren Weg fallen zu laſſen. Er lachte geringſchätzig bei dem Gedanken, der Doctor werde ſein Pferd antreiben, in der Hoff⸗ nung, ihn einzuholen; es wandelte ihn ein Gefühl unendlichen Vergnügens an, als er empfand, wie der kalte Nachtwind den Schweiß auf ſeiner Stirne zum Erſtarren brachte.. Von dem Doctor eingeholt! Lieber ſterben, als ſich einholen laſſen! Herwärts hatte er den Weg in einer halben Stunde gemacht: zurück vollendete er ihn in fünf⸗ undzwanzig Minuten. 1 Als ob Bertha dieſe unmögliche Schnelligkeit errathen hätte, erwartete ſie ihren Boten auf der Thürſchwelle; ſie wußte wohl, daß er vernünftiger Weiſe höchſtens in einer halben Stunde zurück ſein könne, und doch horchte ſie. Es kam ihr vor, als höre ſie das Geräuſch von Schritten, aber unmerklich, in der Ferne. Es war unmöglich, daß dieß ſchon der junge 143 Mann ſei, und doch zweifelte ſie keine Sekunde, daß er es war. Und wirklich ſah ſie ihn einen Augenblick nachher auftauchen, zum Vorſchein kommen, ſich in der Dunkelheit abzeichnen, zu derſelben Zeit, da er ſelbſt, das Auge auf die Thüre gerichtet, aber ſei⸗ nen Augen mißtrauend, ſie ſeinerſeits entdeckte, un⸗ beweglich daſtehend und die Hand auf ihr Herz gelegt, das ſie zum erſten Mal mit ungewohnter Heftigkeit ſchlagen hörte. Als er bei Bertha ankam, war der junge Mann, wie der Grieche von Marathon, ohne Stimme, ohne Hauch, ohne Athem, und es fehlte wenig, ſo wäre er gleich jenem umgefallen, wenn nicht todt, ſo doch ohnmächtig. Er hatte nicht die Kraft, auszuſprechen: „Der Doctor folgt mir.“ Dann ſtützte er ſich mit der Hand, um nicht zu fallen, an die Mauer. Hätte er ſprechen können, er würde gerufen haben: „Sie werden Fräulein Mary ſagen, daß ich ihr und Ihnen zu lieb zwei und eine halbe Meile in fünfzig Minuten gemacht habe.“ Aber er konnte nicht reden, ſo daß Bertha glauben mußte und glaubte, ihr Abgeſandter habe einzig aus Liebe zu ihr ein ſo ſchweres Stück Ar⸗ beit vollbracht. Sie lächelte vor Freude, als ſie ihr Taſchentuch hervorzog. „O mein Gott,“ ſagte ſie, ihm ſanft das Ge⸗ ſicht abtrocknend und Sorge tragend, ſeine Stirn⸗ wunde nicht zu berühren,„wie leid thut es mir, 144 daß Sie meine Aufforderung, zu eilen, ſich ſo ſehr zu Herzen genommen haben: da ſind Sie in einem ſchönen Zuſtand.“ ann ſetzte ſie gleich einer ſchmählenden Mutter mit einem Ton unendlicher Sanftmuth und die Achſel zuckend, hinzu: „Was ſind Sie doch für ein Kind!“ Das Wort Kind! war mit einem Ton ſo un⸗ ausſprechlicher Zärtlichkeit geſprochen, daß er Michel erbeben machte. Er ergriff Bertha's Hand. Sie war feucht und zitternd. In dieſem Augenblick hörte man das Raſſeln der Räder des Cariols auf der Straße. „Ah! da kommt der Doctor!“ ſagte Bertha, Michels Hand zurückſtoßend. Er ſah ſie erſtaunt an: warum ſtieß ſie ſeine Hand zurück? Es war ihm unmöglich, ſich von Dem, was in dem Herzen des Mädchens vorging, Rechenſchaft zu geben, aber er fühlte inſtinktmäßig, daß wenn das Mädchen ſeine Hand zurückgeſtoßen hatte, es weder aus Haß, noch Widerwillen, noch Zorn geſchah. Bertha trat wieder ein, ohne Zweifel um dem Kranken die Ankunft des Arztes anzuzeigen. Michel blieb an der Thuͤre, um ihn zu erwarten. Als er ihn in dieſem Korbwägelchen, das ihn ſo poſſirlich hin und herſchüttelte, kommen ſah, be⸗ glückwünſchte ſich Michel mehr als je zu dem gefaß⸗ ten Entſchluß, zu Fuß zurückzukehren. Es iſt wahr, wäre Bertha bei dem Geräuſch der Räder wieder hineingegangen, wie ſie es eben 145 gethan hatte, würde ſie den jungen Mann nicht in dem gemeinen Fuhrwerk geſehen haben.. Aber hätte ſie Michel nicht geſehen, würde nicht gewartet haben, bis er ihr zu Geſicht kam. Michel ſagte bei ſich ſelbſt, dieß ſei mehr als wahrſcheinlich, und fühlte in ſeinem Herzen, wenn nicht die feurige Befriedigung der Liebe, wenigſtens das Kitzeln des Stolzes. ſie XII. Adel verpflichtet. Als Doctor Roger in das Zimmer des Kranken trat, hatte Bertha ihren Platz an dem Kopfkiſſen des Bettes wieder eingenommen. Das Erſte, was ihm auffiel, war jene graziöſe Geſtalt, ähnlich den Engeln der deutſchen Legenden, welche ſich herniederbeugen, um die Seelen der Sterbenden zu empfangen. Aber zu gleicher Zeit erkannte er das Mädchen; es geſchah ſelten, daß er die Hütte eines armen auern beſuchte, ohne ſie oder ihre S Schweſter zwi⸗ ſchen dem Sterbenden und dem Tode zu finden, „ Doctor,“ rief ſie,„kommen Sie, kommen Sie ſchnell, da iſt der arme rium liegt.“ Und wirklich offenbarte der Kranke die lebhaf⸗ teſte Aufregung. Der Doctor näherte ſich ihm. Dumas, Wölfinnen von Machecoul. I. 10 146 „Ei, mein Freund,“ ſprach er zu ihm,„be⸗ ruhigt Euch.“ „Laßt mich,“ antwortete der Kranke,„laßt mich; ich muß aufſtehen, man erwartet mich zu Montaigu.“ „Nein, mein lieber Tinguy,“ ſagte Bertha zu ihm,„nein, man erwartet Euch.... noch.... nicht.“ „Doch, Mademoiſelle, doch, in dieſer Nacht; wer ſoll von Schloß zu Schloß gehen, um die Bot⸗ ſchaft zu bringen, wenn ich es nicht bin?“ „Schweigt, Tinguy, ſchweigt,“ erwiderte Bertha, „und bedenkt, daß Ihr krank ſeid und Doctor Ro⸗ ger an Eurem Bett ſteht.“ „Der Doctor Roger iſt von den Unſrigen, Ma⸗ demoiſelle, wir können alſo vor ihm Alles ſagen; er weiß, daß man mich erwartet, er weiß, daß ich ohne Zögern aufſtehen muß, er weiß, daß ich nach Montaigu gehen muß.“ Doctor Roger und das Mädchen wechſelten einen raſchen Blick. „Maſſa,“ ſprach der Doctor. „Marſeille,“ antwortete Bertha. Und beide boten und drückten ſich in Folge einer unwillkürlichen Bewegung die Hand. Bertha kehrte zu dem Kranken zurück. „Ja, es iſt wahr,“ ſagte ſie, ſich zu ſeinem Ohr hinunter beugend,„ja, Doctor Roger iſt einer von den Unſrigen, aber es iſt noch Jemand hier, wel⸗ cher nicht dazu gehört;“ ſie ſprach noch leiſer, da⸗ mit Tinguy ſie allein hören konnte,„und dieſer Jemand,“ ſetzte ſie hinzu,„iſt der junge Baron de La Logerie.“ 147 „Ah! das iſt wahr, er iſt nicht dabei, nein: ſagen Sie ihm nichts; Courtin iſt ein Verräther; aber wenn ich nicht nach Montaigu gehe, wer wird gehen?“ „Jean OuGllier, Tinguy; ſeid ruhig.“ „O, wenn Jean Oullier hingeht,“ antwortete der Kranke,„wenn Jean Oullier hingeht, brauche ich nicht zu gehen; er hat gute Beine, ein gutes Auge und ſchießt gut.“ Und er brach in ein Ge⸗ lächter aus. Aber mit dieſem Ausbruch des Lachens ſchien er ſeine ganze Kraft erſchöpft zu haben und ſiel auf ſein Bett zurück. Der junge Baron hatte dieſes ganze Zwiege⸗ ſpräch mit angehört, wovon er übrigens nur Ein⸗ zelnes aufgefaßt hatte, ohne Etwas davon zu ver⸗ ſtehen. Er hatte nur gehört:„Courtin iſt ein Verrä⸗ ther,“ und nach der Richtung des Auges von dem Mädchen, das mit dem Kranken ſprach, hatte er errathen, daß von ihm die Rede war. Er näherte ſich mit beklemmtem Herzen; es gab hier ein Geheimniß, von dem er ganz und gar nichts wußte. „Mademoiſelle,“ ſagte er zu Bertha,„wenn ich ie jetzt genire, oder wenn Sie nur meiner nicht mehr bedürfen, ſo ſprechen Sie nur ein Wort, und ich ziehe mich zurück.“ Es lag ein ſolcher Ton der Traurigkeit in die⸗ ſen mWeniihen Worten, daß Bertha davon gerührt wurde. „Nein,“ antwortete ſie,„mein, bleiben Sie; im 10 148 Gegentheil, wir brauchen Sie noch; Sie ſollen Ro⸗ ſine helfen, die Recepte des Doctors zu machen, während ich mit ihm über die einzuhaltende Be⸗ handlung ſprechen werde.“ Dann zu dem Doctor: „Doctor,“ ſagte ſie ganz leiſe,„beſchäftigen Sie dieſelben, Sie werden mir ſagen, was Sie wiſſen, und ich werde Ihnen ſagen, was ich weiß.“ Dann wandte ſie ſich wieder zu Michel: „Nicht wahr, mein Freund,“ ſagte ſie mit der ſanfteſten Stimme,„nicht wahr, Sie wollen Roſine wohl helfen?“ „Alles, was Ihnen beliebt, Mademoiſelle,“ ant⸗ wortete der junge Mann,„befehlen Sie, und es ſoll Ihnen gehorcht werden.“ „Doctor, Sie ſehen,“ fuhr Bertha fort,„Sie werden hier zwei Gehülfen voll guten Willens haben.“ Der Doctor eilte nach ſeinem Fuhrwerk und holte von da eine Flaſche Seidlitzer Waſſer und einen Sack mit Senfmehl. „Hier,“ ſprach er zu dem Mann, ihm die Flaſche reichend,„entpfropfen Sie dieſes und laſſen Sie den Kranken von zehn zu zehn Minuten ein halbes Glas davon trinken.“ Dann zu Roſine, ihr den Sack mit Senfmehl übergebend,„rühre mir dieß mit ſiedendem Waſſer an, es muß Deinem Vater auf die Füße gelegt werden.“ Der Kranke war in die Atonie wieder verfallen, welche dem Augenblick der Aufregung vorangegan⸗ gen und von Bertha durch das Verſprechen gelindert 149 worden war, Jean Oullier ſolle ſeinen Platz ein⸗ nehmen. Der Doctor warf einen Blick auf ihn und da er ſah, daß man ihn momentan, Dank der Er⸗ ſchöpfung, in welche er gefallen war, der Sorge des jungen Barons überlaſſen könne, trat er lebhaft auf Bertha zu. „Nun wohl, Mademoiſelle de Souday,“ ſagte er zu ihr,„da wir uns als Leute von derſelben Ge⸗ ſinnung erkannt haben, was wiſſen Sie?“ „So viel, daß Madame den 21. April von Maſſa abgereist iſt und daß ſie am 29. oder 30. zu Marſeille landen mußte; nun iſt es heute der 6. Mai, Madame muß ſich ausgeſchifft haben und der Süden in vollem Aufſtand begriffen ſein.“ „Iſt das Alles, was Sie wiſſen?“ fragte der octor. „Ja, Alles,“ antwortete Bertha. „Sie haben die Abendzeitungen vom 3. nicht geleſen?“ Bertha lächelte. „Wir empfangen keine Zeitungen auf Schloß Souday.“ „Nun,“ fuhr der Doctor fort,„Alles iſt fehl⸗ geſchlagen.“ 1 „Wie! Alles fehlgeſchlagen?“ „Madame iſt vollkommen geſcheitert.“ „Unmöglich. Ach, mein Gott, was ſagen Sie mir da?“ „Die völlige Wahrheit. Madame ſtieg nach einer glücklichen Fahrt auf dem Carlo Alberto an der Küſte ans Land; ein Führer, der ſie erwartet 150 hatte, brachte ſie in ein iſolirtes, von Wald und Felſen umgebenes Haus; Madame hatte nur ſechs Perſonen bei ſich.“ „Ich höre, ich höre.“ „Sie ſandte ſogleich eine Perſon nach Marſeille ab, um dem Haupt des Complots zu melden, daß ſie ans Land geſtiegen ſei und den Erfolg der Ver⸗ ſprechungen erwarte, durch welche ſie nach Frank⸗ reich gezogen worden ſei.“ „Hernach?“ 3 „Am Abend kehrte der Bote mit einem Billet zurück, welches der Prinzeſſin zu ihrer glücklichen Ankunft Glück wünſchte und ihr meldete, am näch⸗ ſten Tag werde Marſeille ſich erheben.“ „Nun?“ „Nun, am andern Tag erfolgte die Erhebung, aber Marſeille nahm keinen Theil daran, ſo daß ſie vollkommen ſcheiterte.“ „Und Madame?“ „Man weiß nicht, wo ſie iſt; man hofft, ſie habe ſich auf dem Carlo Alberto wieder einge⸗ ſchifft.“ „Die Feiglinge!“ murmelte Bertha.„O, ich bin nur eine Frau, aber wenn Madame in die Vendée gekommen väre, ich ſchwöre bei Gott, ich hätte gewiſſen Leuten ein Beiſpiel gegeben; Adieu, Doctor, und Dank!“ „Sie verlaſſen uns?“. „Es iſt wichtig, daß mein Vater dieſe Details erfährt; es war dieſen Abend Zuſammenkunft auf Schloß Montaigu; ich kehre nach Souday zurück; ich empfehle Ihnen meinen armen Kranken, nicht 151 wahr? Laſſen Sie in gehöriger Form Verhaltungs⸗ befehle zurück, eine von uns, ich oder meine Schweſter wird, wenn nicht neue Ereigniſſe eintreten, die kom⸗ mende Nacht bei ihm zubringen.“ „Wollen Sie mein Gefährt nehmen? Ich werde zu Fuß gehen, und morgen können Sie mir daſſelbe durch Jean Oullier oder ſonſt Jemand ſchicken.“ „Danke, ich weiß nicht, wo Jean Oullier morgen ſein wird; ich gehe lieber, ich fühle mich etwas beengt, das Gehen wird mir gut thun.“ Bertha reichte dem Doctor die Hand, drückte die ſeinige mit männlicher Kraft, warf ihren Mantel über die Schulter und entfernte ſich. Aber an der Thüre fand ſie Michel, der, ohne die Unterredung zu hören, das Mädchen keinen Au⸗ genblick aus dem Geſicht verloren und errathend, daß ſie weggehen wolle, vor ihr die Thüre gewonnen hatte.. „Ach! Mademoiſelle,“ fragte Michel,„was geht denn vor und was haben Sie erfahren?“ „Nichts,“ ſagte Bertha. „O nichts; hätten Sie nichts erfahren, würden Sie nicht ſo davon gegangen ſein, ohne ſich mit mir zu beſchäftigen, ohne mir Adieu zu ſagen, ohne mir ein Zeichen zu machen.“ „Warum ſollte ich Ihnen Adieu ſagen, da Sie mich heimbegleiten; am Thore des Schloſſes Souday wird es Zeit dazu ſein.“ „Wie! Sie erlauben?“ „Was? daß Sie mich begleiten; aber nach Allem, was ich Sie dieſe Nacht habe thun laſſen, iſt es 152 Ihr Recht, mein werther Herr, wenigſtens für den Fall, daß Sie nicht allzuſehr ermüdet ſind.“ „Ach, Mademoiſelle, ermüdet, wenn es ſich da⸗ rum handelt, Ihnen zu folgen! Mit Ihnen oder Mlle. Mary würde ich bis an's Ende der Welt gehen. Ermüdet! o, niemals!“ Bertha lächelte, dann flüſterte ſie, Baron von der Seite betrachtend: „Wie unglücklich, daß er nicht von den Unſrigen iſt 1² Aber bald ſprach ſie wieder mit einem Lächeln: „Bah! Bei einem Charakter wie dieſer wird er ein, wie man ihn haben will.“ „Es ſcheint, daß Sie mit mir ſprechen,“ bemerkte Mihe nund doch verſtehe ich nicht, was Sie mir agen.“ de ieß kommt daher, daß ich ganz leiſe mit Ihnen rede.“ „Warum reden Sie ganz leiſe mit mir?“ „Weil das, was ich Ihnen ſagen will, ſich nicht laut ausſprechen läßt, wenigſtens in dieſem Augenblick.“ „Aber ſpäter?“ fragte der junge Mann. „Ah ſpäter vielleicht!“ Seinerſeits bewegte nun der junge Mann die Lippen, aber ohne daß er einen Ton hervorbrachte. „Nun,“ fragte Bertha,„was bedeutet dieſe Pan⸗ tomime?“ „Daß ich meinerſeits leiſe mit Ihnen ſpreche, nur mit dem Unterſchied, daß ich das, was ich ganz leiſe ſage, Ihnen ganz laut und in dieſem Augen⸗ blick wieder ſagen würde, wenn ich es wagte.“ „Ich bin keine Frau, wie die andern,“ ſagte den jungen Bertha mit einem beinahe verächtlichen Lächeln, und was man mir ganz leiſe ſagt, kann man mir auch ganz laut ſagen. „Nun, was ich Ihnen ganz leiſe ſagte, war, daß ich mit tiefem Bedauern ſah, wie Sie ſich in eine gewiſſe, ebenſo gewiſſe als unnütze Gefahr ſtürzen. „Von welcher Gefahr ſprechen Sie, werther Nach⸗ bar?“ fragte das Mädchen mit etwas ſpöttiſchem Tone. „Von der, worüber Sie eben Herr Doctor Roger unterhielt; es ſoll eine Erhebung in der Vendée geben.“ „Wahrhaftig!“ „Sie werden es nicht läugnen, hoffe ich.“ „Ich? und warum ſoll ich es läugnen?“ „Ihr Vater und Sie werden daran Theil nehmen?“ „Sie vergeſſen meine Schweſter,“ ſagte Bertha lachend. „O nein, ich vergeſſe Niemand,“ erwiderte Michel mit einem Seufzer. „Nun weiter?“ „Nun, laſſen Sie mich Ihnen als zärtlicher Freund, als ergebener Freund ſagen, daß Sie Unrecht haben.“ „Und warum habe ich Unrecht, mein zärtlicher, mein ergebener Freund?“ fragte Bertha, mit einer Schattirung von Spott, die ſie nicht ganz aus ihrem Charakter verbannen konnte. „Weil die Vendée im Jahr 1832 nicht mehr iſt, was ſie 1793 war„ oder vielmehr, weil es keine Vendée mehr gibt.“ „Um ſo ſchlimmer für die Vendée, aber zum Glück gibt es immer einen Adel, mein Herr, gibt 154 es Etwas, was Sie vielleicht noch nicht kennen, aber was Ihre Nachkommen in fünf oder ſechs Genera⸗ tionen kennen werden, nämlich daß Adel verpflichtet.“ Der junge Mann machte eine Bewegung. „Jetzt,“ fuhr Bertha fort,„reden wir von etwas Anderem, wenn es Ihnen gefällig iſt, denn über dieſen Punkt werde ich Ihnen nicht mehr antworten, weil Sie, wie mir der arme Tinguy ſagte, nicht von unſerer Partei ſind.“ „Aber,“ fragte der junge Mann in Verzweiflung über Bertha's Strenge in Bezug auf ſeine Perſon, „wovon wollen Sie, daß ich ſpreche?“ „Wovon ich will, daß Sie ſprechen? Von allem in der Welt: die Nacht iſt herrlich, reden Sie mir von der Nacht; der Mond ſcheint, reden Sie mir von dem Monde; die Sterne flammen, reden Sie mir von den Sternen: der Himmel iſt rein, reden Sie mir von dem Himmel.“ Und das Mädchen blieb ſtehen, den Kopf erho⸗ ben und die Augen auf das transparente Azur des Firmaments geheftet. Michel ſtieß einen Seufzer aus und ſchritt, ohne etwas zu ſprechen, neben ihr her. Was hätte er ihr ſagen ſollen, er, der Mann der Städte und Bücher, im Angeſicht dieſer ſchönen Natur, welche ihr Reich zu ſein ſchien? War er gleich Bertha ſeit ſeiner Kindheit mit allen Wundern der Schöpfung in einer Berührung geweſen? Hatte er gleich ihr alle die Gradationen geſehen, welche die Morgen⸗ röthe, die entſteht, und die Sonne, die untergeht, durchläuft? Kannte er gleich ihr alle die geheimniß⸗ vollen Stimmen der Nacht? Wenn die Lerche zum N N N8—O d — nĩA 155 Wieder⸗Erwachen der Natur anſchlug, wußte er, was die Lerche ſagte? Wenn die Nachtigall das Dunkel mit Harmonie erfüllte, wußte er, was die Nachtigall ſagte? Nein; er verſtand alle Dinge der Wiſſenſchaft, die Bertha fremd waren, aber Bertha verſtand alle Dinge der Natur, die Michel fremd waren. O, wenn das Mädchen hätte ſprechen wollen, wie andächtig würde er zugehört haben. Aber Bertha ſchwieg; ſie hatte das Herz voll von jenen Gedanken, welche dem Herzen entſchlüpfen, nicht in Laut und Worten, ſondern in Blicken und Seufzern. Er ſeinerſeits träumte. Er ſah ſich neben der ſanften Mary hingehen, anſtatt mit der rauhen und ſtrengen Bertha einher⸗ zumarſchiren: anſtatt jener Iſolirung, welche Bertha aus ihrer Kraft ſchöpfte, fühlte er wie Mary all⸗ mälig ermattete und ſich auf ſeine Arme ſtützte. O! Da ſchien ihm das Sprechen leicht; da hätte er tauſend Dinge ihr zu ſagen gehabt, von der Nacht, dem Mond, den Sternen und dem Himmel. Bei Mary wäre er der Lehrer und der Herr ge⸗ weſen. Bei Bertha war er der Schüler und der Sklave. ie beiden jungen Leute gingen ſo ſeit etwa einer Viertelſtunde neben einander her, beide ſtill⸗ ſchweigend, als plötzlich Bertha ſtehen blieb, indem ſie Michel ein Zeichen gab, zu halten. Der junge Mann gehorchte: bei Bertha war ſeine Rolle zu gehorchen. „Hören Sie?“ fragte Bertha. „Nein,“ ſagte Michel kopfſchüttelnd. 15⁵6 „Ich höre,“ entgegnete das Mädchen, mit glän⸗ zendem Auge und angeſtrengtem Ohr. Und ſie horchte mit neuer Aufmerkſamkeit. „Aber was hören Sie?“ „Den Schritt von meinem und von Mary's Pferde; man ſucht mich, es gibt etwas Neues.“ Sie horchte wieder. „Es iſt Mary, die mich ſucht,“ ſagte ſie. „Aber woraus erkennen Sie das?“ fragte der junge Mann. „Aus der Art, wie die Pferde galoppiren; ver⸗ doppeln wir unſere Schritte, wenn es Ihnen ge⸗ fällig iſt.“ Das Geräuſch näherte ſich raſch, und nach fünf Minuten ſah man eine Gruppe in der Finſterniß ſich abſcheiden. Sie beſtand aus zwei Pferden und einer Frau, welche auf einem derſelben ritt und das andere an der Hand führte. „Ich ſagte Ihnen ja, daß es meine Schweſter iſt,“ rief Bertha. Wirklich hatte der junge Mann Mary erkannt, weniger an der Geſtalt des in der Finſterniß ſichtbar gewordenen Mädchens, als an den beſchleunigten Schlägen ſeines Herzens. Mary hatte ihn gleichfalls erkannt, wie ſich aus der Geberde des Erſtaunens, die ihr entſchlüpfte, leicht erkennen ließ. Es war offenbar, daß ſie ihre Schweſter allein oder mit Roſine, aber nicht mit dem jungen Baron wieder zu finden erwartete. län⸗ 157 Michel bemerkte den durch ſeine Gegenwart her⸗ vorgebrachten Eindruck und trat näher. „Mademoiſelle,“ ſagte er zu Mary,„ich begeg⸗ nete ihrer Schweſter, als ſie Tinguy Beiſtand bringen wollte, und habe ſie, damit ſie nicht allein ſei, be⸗ gleitet.“ „Und Sie haben vollkommen recht gethan, mein Herr,“ antwortete Mary. „Du verſtehſt nicht,“ antwortete Bertha lachend; „er glaubt, es ſey nöthig, mich oder vielleicht ſich ſelbſt zu entſchuldigen; man muß ihm ein wenig zu gut halten; der arme Junge, er wird ſchön von Mama geſcholten werden.“ Dann fragte ſie, auf Mary's Sattelbogen ge⸗ ſtützt: „Was gibt es denn, Blondine?“ „Der Verſuch in Marſeille iſt geſcheitert.“ „Ich weiß es; Madame hat ſich wieder einge⸗ ſchifft.“ „Hier liegt der Irrthum.“ „Wie, in wiefern liegt hier der Irrthum?“ „Ja, Madame hat erklärt, nun, da ſie in Frank⸗ reich ſei, werde ſie es nicht mehr verlaſſen. „Wahrhaftig!“ „So daß ſie zu dieſer Stunde unterwegs nach der Vendee iſt, wenn nicht bereits daſelbſt angekommen.“ „Und woher wißt Ihr das?“ „Durch einen Boten, der dieſen Abend auf'Schloß Montaigu während der Zuſammenkunft und im Au⸗ genblick, da Jedermann verzweifelte, angekommen iſt.“ „Tapfere Seele!“ rief Bertha in ihrem Enthu⸗ ſiasmus. 158 „So daß der Vater in vollem Galopp zurück⸗ kehrte, und als er erfuhr, wo Du wareſt, mir befahl, die Pferde zu nehmen und Dich zu holen.“ „O, da bin ich,“ rief Bertha. Und ſie ſetzte den Fuß in den Steigbügel. „Wie,“ fragte ſie Mary,„Du ſagſt Deinem armen Cavalier nicht einmal Lebewohl?“ „Gewiß.“ Sie reichte dem jungen Mann, der ſich langſam und traurig näherte, die Hand. „Ach Mademoiſelle Bertha,“ flüſterte er, ihre Hand faſſend,„ich bin ſehr unglücklich.“ „Und warum?“ fragte ihn Bertha. „Daß ich nicht Einer der Ihrigen bin, wie Sie eben geſagt haben.“ „Und wer hindert Sie, es zu werden?“ fragte ihn Mary, ihm ihrerſeits die Hand reichend. Der junge Mann ſtürzte ſich auf dieſe Hand, welche man ihm bot, und küßte ſie mit der doppelten Leidenſchaft der Liebe und Dankbarkeit. „O ja, ja!“ flüſterte er, leiſe genug, daß Mary allein ihn hörte:„für Sie und mit Ihnen.“ Aber Mary's Hand wurde durch die plötzliche Bewegung, welche ihr Pferd machte, gewiſſermaßen den Händen des jungen Mannes entriſſen. Bertha hatte, indem ſie ihr Pferd mit der Ferſe antrieb, dem ihrer Schweſter mit der Reitgerte einen Hieb auf das Kreuz gegeben. Pferde und Reiterinnen galoppirten davon und verſenkten ſich gleich Schatten in die Dunkelheit. Der junge Mann blieb allein und unbeweglich mitten auf der Straße ſtehen. 159 „Adieu!“ rief ihm Bertha zu. „Auf Wiederſehen!“ rief Mary. „Ach ja, ja,“ antwortete er, die Arme gegen beide Flüchtlinge ausſtreckend,„auf Wiederſehen! auf Wiederſehen!“ Die beiden Mädchen ſetzten ihren Weg fort, ohne ein einziges Wort zu wechſeln. Allein an dem Thor des Schloſſes angekommen, ſagte Bertha: „Mary, Du wirſt Dich wohl über mich luſtig machen?“ „Warum das?“ fragte Mary, unwillkürlich er⸗ bebend. „Ich liebe ihn,“ ſagte Bertha. 8 Ein Schmerzensſchrei entſchlüpfte beinahe Mary's ruſt. Sie hatte die Kraft, ihn zu erſticken. „Und ich habe ihm zugerufen, auf Wiederſehen? wolle Gott, daß ich ihn nicht mehr ſehe!“ XIII. Die Couſine fünfzig Meilen von hier. Den Tag, nachdem die eben erzählten Ereigniſſe vorgefallen waren, das heißt, den 7. May 1832, gab es eine große Verſammlung auf dem Schloſſe Vouillé. Man feierte den Geburtstag der Frau Gräfin don Vouillé, welche eben ihr 24. Jahr zurückgelegt atte. Man hatte ſich eben an die Tafel geſetzt; und 160 an dieſer Tafel von fünfundzwanzig oder ſechsund⸗ zwanzig Couverts hatten der Präfect von Poitiers, der Maire von Chatellerault, Verwandte von Frau von Vouillé nähern oder entferntern Grads Platz genommen. Man war an der Suppe, als ein Diener, ſich zu dem Ohre des Herrn von Vouillé neigend, ihm ganz leiſe einige Worte ſagte. Herr von Vouillé ließ ſich dieſelben Worte zwei⸗ mal von dem Diener wiederholen Dann ſprach er, zu ſeinen Gäſten gewendet: „Wollen Sie mich einen Augenblick entſchuldigen, aber am Gitter befindet ſich eine Dame, die mit der Poſt ankommt und wie es ſcheint, nur mit mir allein ſprechen will. Habe ich ſoweit Urlaub, mich zu erkundigen, was dieſe Dame von mir will? Die Erlaubniß wurde dem Grafen einſtimmig gegeben; allein Frau von Vouillé folgte ihrem Gatten mit den Augen in einer gewiſſen Unruhe bis zur Thüre. Herr von Vouillé eilte nach dem Gitter; ein Wagen hielt wirklich am Thore. Er enthielt zwei Perſonen: eine Frau und einen ann. Ein Diener in himmelblauer Livrée mit ſilbernen Treſſen ſaß neben dem Poſtillon. Als derſelbe Herrn von Vouillé, den er mit Ungeduld zu erwarten ſchien, erblickte, ſprang er raſch von ſeinem Sitz zu Boden. „Aber komm doch, Trändler,“ rief er ihm zu, ſobald er glaubte, daß jener ihn hören könnte. err von Vouillé blieb erſtaunt, nein mehr als das, betäubt ſtehen * —— [A 161 Wer war wohl der Diener„ der ſich erlaubte, ihn auf ſolche Weiſe anzureden? Er näherte ſich, um dem Schelm den Kopf zu waſchen. Aber plötzlich brach er in ein Gelächter aus: „Wie Du biſt es, Luſſac?“ fragte er. „Gewiß bin ich es.“ „Was bedeutet dieſe Maskerade 2“ Der falſche Domeſtike öffnete den Wagen und bot der Dame ſeinen Arm, um ihr beim Ausſteigen behülflich zu ſein. „Mein theurer Graf,“ ſprach er dann zu ihm, gich habe die Ehre, Dir die Frau Herzogin von Berry vorzuſtellen.“ Dann ſich an die Herzogin wendend: „Frau Herzogin, der Herr Graf von Vouillé, einer meiner beſten Freunde und einer Ihrer treueſten iener.“ Der Graf wich zwei Schritte zurück. „Die Frau Herzogin von Berry!“ rief er be⸗ täubt,„Ihre königliche Hoheit!“ „„Sie ſelbſt, mein Herr,“ ſprach die Herzogin. „Biſt Du nicht glücklich und ſtolz, ſie zu empfan⸗ gen?“ fragte de Luſſac. „So glücklich und ſtolz, als ein feuriger Royaliſt ſein kann. Aber.. „Wie! gibt es ein Aber?“ fragte die Herzogin. „Aber es iſt heute der Geburtstag meiner Frau, und ich habe fünfundzwanzig Perſonen bei Tiſche.“ „Nun, mein Herr, da ein franzöſiſches Sprich⸗ wort ſagt, wo für zwei da iſt, da reicht es auch für Dumas, Wölfinnen von Machecoul. I. 11 162 drei, ſo werden Sie wohl dem Sprichwort die Aus⸗ dehnung geben, daß es heißt, wo für fünfundzwanzig da iſt, reicht es auch für achtundzwanzig, denn ich mache Sie darauf aufmerkſam, daß der Herr Baron de Luſſac, ſo ſehr er für den Augenblick mein Domeſtik iſt, doch darauf rechnet, an der Tafel zu ſpeiſen.“ „Ol aber ſei ruhig, ich werde meine Livrée ab⸗ legen,“ ſagte der Bäron. Herr von Vouillé griff mit beiden Händen ſich in die Haare, ganz bereit, ſie ſich auszuraufen. „Aber wie es machen? wie es machen?“ „Laßt uns einmal ſehen,“ entgegnete die Herzogin, „reden wir vernünftig.“ „O ja, reden wir vernünftig,“ antwortete der Graf,„der Moment iſt gut gewählt, ich bin halb wahnſinnig.“ „Nicht vor Freude, ſcheint es mir?“ bemerkte die Herzogin. „Aus Schrecken, Madame.“ „O, Sie übertreiben die Situation.“ „Aber begreifen Sie doch, Madame, daß ich den Präfecten von Poitiers und den Maire von Cha⸗ tellerault an meiner Tafel habe.“ „Nun! Sie werden mich denſelben vorſtellen.“ „Unter welchem Titel, guter Gott!“ „Unter dem Titel Ihrer Couſine; Sie haben wohl eine Couſtne, welche fünfzig Meilen von hier entfernt wohnt?“ „O, welche Idee, Madame?“ „Gehen Sie doch!“ „Ja, ich habe zu Toulouſe eine Couſine, Frau de La Myre.“ er lb au 163 „Das paßt ſich vortrefflich, ich bin Frau de La Myre.“ Dann ſich nach dem Wagen umwendend und einem alten Herrn von ſechzig bis fünfundſechzig Jahren, der um ſich zu zeigen, nur wartete, bis die Discuſſion beendigt war, den Arm reichend, ſprach ſis: „Wohlan, kommen Sie, Herr de la Myre, es iſt eine Ueberraſchung, die wir unſerem Couſin be⸗ reiten, daß wir gerade am Geburtstage ſeiner Frau ankommen; wohlan, mein Couſin,“ ſprach die Her⸗ zogin. Und ſie ſteckte fröhlich ihren Arm unter den des Grafen von Vouillé.„ „Wohlan,“ antwortete Herr von Vouillé, ent⸗ ſchloſſen, das Abenteuer zu wagen, welches die Her⸗ zogin ſo heiter einleitete,„wohlan!“ 4 „Und ich?“ rief der Baron de Luſſac, welcher in den Wagen geſtiegen, den er in ein Toilettenzimmer verwandelte, ſeinen Livréerock von Himmelblau gegen einen ſchwarzen Rock vertauſchte,„vergißt man mich hier zufällig?“. „Aber, was zum Teufel wirſt denn Du ſein?“ fragte Herr von Vouillé. „Bei Gott! ich werde Baron von Luſſac, und wenn Madame es erlaubt, der Couſin Deiner Cou⸗ ſine ſein.“ „Hallo! Hallo! Herr Baron,“ ſagte der alte Herr, welcher die Herzogin begleitete,„es ſcheint mir, Sie nehmen ſich viele Freiheiten.“ „Bah! auf dem Lande,““) bemerkte die Herzogin. *) à la camnagne; en campagne. Das Wortſpiel läßt ſich nicht genau überſetzen. A. d. U. 11 ¾ 164 „Im Felde, wollen Sie ſagen,“ entgegnete Luſſac. Und nachdem er ſeine Umwandlung vollendet hatte, ſprach er jetzt:„wohlan!“ Und Herr von Vouillé, der ſich an der Spitze der Colonne befand, ſchritt muthig auf den Speiſe⸗ ſaal zu. Die Neugierde der Gäſte und die Unruhe der Frau des Hauſes waren in demſelben Grade erregt worden, als die Abweſenheit ſich ungebührlich ver⸗ längert hatte; ſo wandten ſich, als die Thüre wie⸗ der aufging, alle Blicke gegen die neuen Ankömm⸗ linge. Aber ſo ſchwierig die Rolle war, welche ſie zu ſpielen hatten, die Schauſpieler kamen nicht außer Faſſung. „Liebe Freundin,“ ſprach der Graf zu ſeiner Frau,„ich habe mit Dir oft von einer Couſine von mir geſprochen, welche in der Umgegend von Tou⸗ louſe wohnt.“ „Frau de La Myre,“ fiel lebhaft die Gräfin ein. „Frau de La Myre, ſo iſt es. Nun ſie geht nach Nantes und wollte am Schloß nicht vorüber, ohne Bekanntſchaft mit Dir zu machen. Der Zufall will, daß ſie an einem Feſttage ankommt; ich hoffe, daß es ihr Glück bringt.“ „Theure Couſine!“ ſprach die Herzogin, Frau von Vouillé die Arme öffnend. Die beiden Frauen umarmten ſich. Was die beiden Männer betraf, ſo begnügte ſich Herr von Vouillé mit lauter Stimme zu ſagen: „Herr de La Myre, Herr de Luſſac.“ 8 0O O S&&&—S— 165 Man verneigte ſich. „Nun,“ fuhr Herr von Vouillé fort,„handelt es ſich nur darum, Plätze für die Ankömmlinge zu fin⸗ den, die mir nicht verborgen haben, daß ſie vor Hunger ſterben.“ Es entſtand eine Bewegung, die Tafel war groß, die Gäſte ſaßen ſehr bequem; es war nicht ſchwer, drei Plätze zu finden. „Haben Sie mir nicht geſagt, lieber Couſin, daß Sie den Herrn Präfecten von Poitiers beim Mahle haben?“ fragte die Herzogin. „Ja, Madame; es iſt jener ehrliche Bürger, den Sie zur Rechten der Gräfin ſehen, mit Brille, einer weißen Halsbinde, und die Schleife eines Offi⸗ ciers der Ehrenlegion im Knopfloch.“ „O, ſtellen Sie mich ihm vor.“ Herr von Vouillé war kühn in die Komödie eingegangen; er dachte, er müſſe ſie bis ans Ende durchführen. Er näherte ſich alſo dem Präfecten, der ſich majeſtätiſch auf ſeinen Stuhl lehnte. „Herr Präfect,“ ſprach er,„meine Couſine hier iſt in ihrem traditionellen Reſpect für geſetzliche Autorität der Anſicht, eine allgemeine Vorſtellung ſei gegenüber von Ihnen ungenügend, und wünſcht deßhalb, Ihnen noch ganz beſonders vorgeſtellt zu werden.“ zund ſogar officiell, mein Couſin,“ bemerkte die räfin. „Allgemein, beſonders und officiell,“ antwortete der galante Staatsbeamte;„Madame wird immer willkommen ſein.“ 166 „Ich nehme die Vorbedeutung an, mein Herr,“ ſagte die Herzogin. „Und Madame geht nach Nantes?“ ſagte der Präfect, um etwas zu ſagen. „Ja, mein Herr, und von da nach Paris, hoffe ich wenigſtens.“ „Es iſt nicht das erſte Mal, daß Madame in die Hauptſtadt geht?“ „Nein, mein Herr, ich habe zwölf Jahre daſelbſt gewohnt.“ „Und Madame hat ſie verlaſſen?“ „O ſehr wider meinen Willen, ich ſchwöre es Ihnen.“ „Seit wie lang?“ „Im Monat IJuli ſind es zwei Jahre.“ 5„Ich begreife, daß wenn man in Paris gewohnt at.... „Man wieder dahin zurückzukehren wünſcht; es freut mich ſehr, daß Sie das begreifen.“ „O, Paris! Paris!“ rief der Beamte. „Sie haben Recht, es iſt das Paradies der Welt,“ erwiderte die Herzogin. Und ſie wandte ſich raſch um, denn ſie fühlte, daß eine Thräne ihr Augenlid netzte. „Wohlan, gehen wir zur Tafel,“ ſagte Herr von Vouillé. „d mein theurer Couſin,“ ſagte die Herzogin, einen Blick auf den ihr beſtimmten Platz werfend, „laſſen Sie mich bei dem Präfecten, ich bitte Sie; er hat eben ſo gut gemeinte Wünſche für das, was mir das Theuerſte auf Erden iſt, ausgeſprochen, daß 167 er ſich mit einem Mal unter die Zahl meiner Freunde geſchrieben hat.“ 5 Der Präfect, entzückt von dem Compliment, rückte lebhaft ſeinen Stuhl, und Madame wurde zu ſeiner Linken eingereiht, zum Nachtheil der Perſon, wel⸗ cher dieſer Ehrenplatz zugefallen war. Die beiden Männer ſetzten ſich ohne Einwendung auf die ihnen beſtimmten Plätze, und beſchäftigten ſich bald, beſonders Herr von Luſſac, damit, dem Mahle, als ob ſie ſich hiezu verpflichtet hätten, alle Ehre anzuthun. Jeder folgte dem von Herrn de Luſſac gegebe⸗ nen Beiſpiele; es erfolgte einer jener Augenblicke feierlicher Stille, welche ſich beim Anfang ungeduldig erwarteter Diners finden. Madame war die Erſte, welche das Stillſchweigen brach. Ihr abenteuerlicher Geiſt war wie ein See⸗ vogel, der ſich vornehmlich im Sturm wohl fühlte. „Nun,“ begann ſie,„es ſcheint mir, daß unſere Ankunft das Geſpräch unterbrochen hat; nichts iſt ſo traurig wie ein ſtummes Diner; ich verabſcheue dergleichen Diners; ich kann Ihnen ſagen, mein theurer Graf, ſie gleichen cerimoniöſen Eſſen, jenen Mahlzeiten in den Tuilerien, wo man nicht redete, hieß es, als bis der König den Anfang gemacht hatte; man ſprach vor unſerer Ankunft, wovon denn?“ „Theure Couſine,“ erwiderte Herr von Vouillé, „der Herr Präfect hatte die Güte uns die officiellen Details über das tollkühne fehlgeſchlagene Unter⸗ nehmen*) von Marſeille mitzutheilen.“ *) échauffourée. 168 „Tollkühnes, fehlgeſchlagenes Unternehmen!“ fragte die Herzogin. „Dieß ſind die Worte, deren er ſich bedient hat.“ „Und ſind auch wahrhaftig diejenigen, welche der Sache gehören; verſtehen Sie eine Expedition die⸗ ſer Art, wozu die Dispoſitionen ſo nachläſſig getrof⸗ fen waren, daß es an einem Unter⸗Lieutenant des 13. Linien⸗Regiments, welcher einen Führer der Zu⸗ ſammenrottung verhaftet, genügte, um den ganzen Handſtreich zu Waſſer werden zu laſſen?“ „Ei, mein Gott! Herr Präfect“, ſagte die Her⸗ zogin melancholiſch,„es gibt bei den großen Ereig⸗ niſſen immer einen äußerſten Augenblick, wo das Schickſal der Fürſten und Reiche ſchwankt, wie ein Blatt im Winde. Wenn zum Beiſpiel zu Lamure, als Napoleon den wider ihn geſchickten Soldaten entgegentrat, ihn irgend ein Unter⸗Lieutenant am Collet gefaßt hätte, ſo wäre auch die Rückkehr von der Inſel Elba nichts als ein tollkühnes, fehlgeſchla⸗ genes Unternehmen geweſen.“ Es erfolgte Stillſchweigen, in ſo bewegtem Tone hatte Madame dieſe Worte geſprochen. Sie ſelbſt nahm zuerſt wieder das Wort. „Und die Herzogin von Berry,“ fragte ſie,„weiß man, was unter dieſen Umſtänden aus ihr gewor⸗ den iſt?“ „Sie hat den Carlo Alberto wieder erreicht und ſich eingeſchifft.“ „Ah!“ „Es war das einzige Vernünftige, was ſie thun konnte, wie mir ſcheint,“ ſetzte der Präfect hinzu. „Das war auch meine Anſicht,“ ſagte der alte EEEEEEEEE 8 N — Bo N N n 169 Herr, welcher Madame begleitete, und jetzt zum er⸗ ſten Male ſprach,„und wenn ich die Chre gehabt hätte, bei Ihrer Hoheit zu ſein und mir einige Au⸗ torität eingeräumt worden wäre, würde ich ihr ganz aufrichtig denſelben Rath gegeben haben.“ „Man redet nicht mit Ihnen, mein Herr Gemahl,“ entgegnete die Herzogin;„ich rede mit dem Herrn Präfecten und frage ihn, ob er überzeugt iſt, daß Ihre Königliche Hoheit ſich eingeſchifft hat.“ „Madame,“ ſagte der Präfect mit einer jener Geberden der Verwunderung, welche eine entgegen⸗ geſetzte Anſicht nicht zulaſſen,„die Regierung hat officielle Nachrichten.“ „Ah!“ bemerkte die Herzogin,„wenn die Regie⸗ rung officielle Nachrichten hat, ſo iſt dagegen nichts einzuwenden; aber,“ ſetzte ſie, ſich auf ein noch ſchlüpfrigeres Terrain, als das bisher betretene wagend, hinzu,„ich habe anders ſagen hören.“ „Madame!“ rief der alte Herr mit einem leich⸗ ten Ton des Vorwurfs. „Was haben Sie ſagen hören, Couſine?“ fragte Herr von Vouillé, der jetzt gleichfalls an der Situa⸗ tion das Intereſſe eines Spielers zu nehmen ſchien. „Ja, was haben Sie ſagen hören?“ drängte der Präfect. „O, Sie begreifen, mein Herr Beamter,“ erwi⸗ derte die Herzogin,„daß ich Ihnen nichts Officielles gebe; ich rede von Gerüchten, die vielleicht keinen vernünftigen Sinn haben.“ „Frau de La Myre!“ rief der alte Herr. „Ah! Herr de La Myre,“ bemerkte die Herzogin. „Wiſſen Sie, Madame,“ drängte der Präfect, 170 „daß Ihr Herr Gemahl mir ſehr zum Widerſpruch geneigt zu ſein ſcheint; ich wette, daß er Sie nicht nach Paris zurück laſſen will.“ „Ganz richtig; aber ich hoffe, ſelbſt gegen ſeinen Willen dahin zu gelangen; was eine Frau will....“ „O, die Frauen, die Frauen!“ rief der Staats⸗ beamte. „Was?“ fragte die Herzogin. „Nichts,“ antwortete der Präfect,„ich erwarte, daß Sie die Güte haben, uns jene Gerüchte, von welchen Sie ſo eben geſprochen, mitzutheilen.“ „O mein Gott, das iſt ſehr einfach; ich habe ſagen hören, aber merken Sie wohl, daß ich die Sache nur als Gerücht gebe, ich habe im Gegentheil ſagen hören, die Herzogin von Berry habe ſich allen dringenden Bitten widerſetzt und ſich beharrlich ge⸗ weigert, nach dem Carlo Alberto zurückzukehren.“ „Nun, aber wo wäre ſie denn jetzt?“ fragte der Präfect.. „In Frankreich.“ „In Frankreich! aber was in Frankreich thun?“ „Aber Sie wiſſen wohl, Herr Präfect,“ ſagte die Herzogin,„daß das Hauptziel Ihrer Königlichen Hoheit die Vendée war.“ „Ohne Zweifel; aber im Augenblick, da ſie im Süden geſcheitert iſt.“ „Ein Grund mehr, in der Vendée einen Erfolg zu verſuchen.“ Der Präfect lächelte geringſchätzig. „Sie glauben alſo an die Wiedereinſchiffung von Madame?“ „Ich kann Sie verſichern,“ antwortete der Prä⸗ — B⁸ 171 fect,„daß ſie dieſen Augenblick in den Staaten des Königs von Sardinien iſt, von dem Frankreich Er⸗ klärungen fordern wird.“ „Armer König von Sardinien! er wird eine ſehr einfache geben.“ „Welche?“ „Ich wußte wohl, daß meine Couſine eine Närrin hur⸗ aber nicht ſo weit, um zu thun, was ſie gethan at.“ „Madame! Madame!“ bemerkte der alte Herr. „Ei was!“ entgegnete die Herzogin,„ich hoffe doch, Herr de La Myre, daß wenn Sie auch meine Neigungen beſchränken, Sie mir doch den Gefallen erweiſen, meine Anſichten zu reſpectiren, welche überdieß, wie ich überzeugt bin, diejenigen des Herrn Präfecten ſind. Nicht wahr, Herr Präfect?“ „Die Thatſache iſt,“ erwiderte lachend der Be⸗ amte,„daß Ihre Königliche Hoheit nach meiner An⸗ ſicht in dieſer Affaire mit großem Leichtſinn gehan⸗ delt hat.“ „Nun aber, ſehen Sie,“ fuhr die Herzogin fort, „was wird geſchehen, wenn das Gerücht ſich ver⸗ wirklicht und Madame ſich nach der Vendée begibt.“ „Aber wohin würde ſie ſich wenden?“ fragte der Präfect. „Eil in die Präfectur Ihres Nachbars, in die Ihrige; man beſagt, ſie ſei zu Toulouſe in dem Augenblick, da ſie vor dem Thore der Poſt die Pferde wechſelte, in einem offenen Wagen geſehen und er⸗ kannt worden.“ „Nun,“ rief der Präfect,„das wäre zu ſtark.“ 172 „Zu ſtark! nein,“ erwiderte die Herzogin,„aber ſehr ſtark!“ „So ſtark,“ ſetzte der Graf hinzu,„daß der Prä⸗ fect nichts davon glaubt.“ „Nicht ein Wort,“ entgegnete der Beamte, jedes der drei einſilbigen, eben ausgeſprochenen Worte be⸗ tonend. In dieſem Augenblick ging die Thüre auf und einer der Diener des Grafen meldete, ein Huiſſier der Präfectur wünſche dem erſten Beamten des De⸗ partements eine dieſen Augenblick von Paris ange⸗ kommene telegraphiſche Depeſche zu überreichen. „Sie erlauben, daß er eintritt?“ fragte der Prä⸗ fect den Grafen von Vouillé. „Ja wohl,“ antwortete dieſer. Der Huiſſier trat ein und übergab eine verſie⸗ gelte Depeſche dem Präfecten, der ſich zur Entſchul⸗ digung gegen die Gäſte verbeugte, wie er es gegen den Herrn des Hauſes gethan hatte. Es herrſchte tiefes Stillſchweigen und alle Augen waren auf den Beamten gerichtet. Madame wechſelte Zeichen mit Herrn von Vouillé, der ganz leiſe lachte, mit Herrn von Luſſac, der ganz laut lachte, und ihrem falſchen Gatten, der einen unſtörbaren Ernſt behauptete. „Potz tauſend!“ rief auf einmal der Staatsbe⸗ amte,„Madame hat uns in Bezug auf Ihre König⸗ liche Hoheit die Wahrheit geſagt; Ihre Königliche Hoheit hat Frankreich nicht verlaſſen, ſondern nimmt ihren Weg nach der Vendée über Toulouſe, Libourne und Poitiers.“ Und bei dieſen Worten ſtand der Präfect auf. 173 „Aber wohin wollen Sie denn, Herr Präfect?“ ſragte die Herzogin. „Meine Pflicht thun, Madame, ſo peinlich ſie iſt, und den Befehl geben, daß Ihre Königliche Hoheit verhaftet wird, wenn ſie, wie die Depeſche von Paris beſagt, die Unklugheit hat, mein Departement zu paſſiren.“ „Thun Sie es, Herr Präfect, thun Sie es,“ er⸗ widerte Frau de La Myre;„ich kann Ihrem Eifer nur meinen Beifall ertheilen und verſpreche Ihnen, mich bei Gelegenheit deſſen zu erinnern.“ Und ſie bot dem Präfecten die Hand, der ſie ga⸗ lant küßte, nachdem er mit einem Blick Herrn de La Myre um Erlaubniß gebeten hatte, welche ihm die⸗ ſer auf gleiche Weiſe bewilligte. XIV. Petit⸗Pierre. Den Tag, nach dem die eben erzählten Ereigniſſe auf Schloß Vouillé ſich zugetragen hatten, finden wir Bertha und Michel wieder am Lager des armen Tinguy. Obwohl durch die Beſuche, welche Doctor Roger dem Kranken zu machen verſprochen, die Gegenwart des Mädchens an dieſem peſtilentialiſchen Herd ganz unnütz wurde, hatte Bertha doch, Mary's Bemerkungen zuwider, die Abſicht ausgedrückt, ihre Sorge für den Vendéer fortzuſetzen. Chriſtliche Nächſtenliebe war vielleicht nicht mehr die einzige Triebfeder, die ſie nach der Hütte des Pächters zog. 174 Wie dem auch ſein mochte, war Michel durch ein natürliches Zuſammentreffen der Umſtände, ſeine Furcht abſchwörend, Fräulein von Souday zuvor⸗ gekommen und hatte es ſich bereits in der Hütte zurecht gemacht, als Bertha daſelbſt erſchien. War es wohl Bertha, auf welche Michel gerech⸗ net hatte? Wir möchten nicht dafür bürgen. Viel⸗ leicht hatte er gedacht, Mary habe heute bei den Functionen einer barmherzigen Schweſter ihren Tag. Vielleicht hoffte er unbeſtimmt, die letztere werde ſich die Gelegenheit nicht entſchlüpfen laſſen, ſich ihm zu nähern, und ſein Herz ſchlug heftig, als er auf dem Thürladen der Hütte ſich eine Silhouette abzeichnen ſah, welche durch den Schatten noch unentſchieden erſchien, aber ihrer Eleganz nach nur einer der Töch⸗ ter des Marquis von Souday angehören konnte. Als er Bertha erkannte, fand Michel ſich in ſeiner Erwartung ein wenig getäuſcht; aber konnte Michel, der vermöge ſeiner Liebe die größte Zärtlichkeit gegen den Marquis von Souday, die größte Sympathie gegen den ſauertöpfiſchen Jean Oullier, das größte Wohlwollen gegen deren Hunde empfand, anders als Mary's Schweſter lieben? Mußte nicht die Zuneigung von dieſer ihm die von jener zurückrufen? Mußte es nicht ein Glück für ihn ſein, ſie von der reden zu hören, welche ab⸗ weſend war? Er war alſo voll Zuvorkommenheit und Auf⸗ merkſamkeit für Bertha, und das Mädchen antwortete ihm mit einem Vergnügen, welches ſie zu verbergen ſich nicht die Mühe nahm. — ——— 175 Unglücklicherweiſe für Michel war es ſchwer, ſich mit etwas anderem, als dem Kranken zu beſchäftigen. Tinguy's Zuſtand verſchlimmerte ſich von Stunde zu Stunde. Er war in jenen Zuſtand der Erſtarrung und Ge⸗ fühlloſigkeit verfallen, welcher von den Aerzten Coma⸗) genannt wird und bey Entzündungskrankheiten die dem Tod vorangehende Periode charakteriſirt. Er ſah nicht mehr, was um ihn vorging; er ant⸗ wortete nicht mehr, wenn man das Wort an ihn richtete; ſeine Pupille, ſchrecklich erweitert, blieb ſtarrz er war beinahe ganz unbeweglich. Nur von Zeit zu Zeit verſuchten ſeine Hände die Decke vor ſein Geſicht zu ziehen, oder eingebildete Gegenſtände, die er auf ſeinem Bett wahrzunehmen glaubte, ſich näher zu bringen. Bertha, die trotz ihrer Jugend mehr als einmal ſolchen traurigen Scenen beigewohnt hatte, konnte ſich keinen Illuſionen über den Zuſtand des armen Bauern hingeben; ſie wollte Roſine die Qualen beim Anblick des Todeskampfes ihres Vaters erſparen, eines Todes⸗ kampfes, deſſen Beginn ſie von einem Augenblick zum andern erwartete, und befahl ihr, den Doctor Roger zu holen. „Aber, wenn Sie wollten, Mademoiſelle,“ ſagte Michel,„ſo könnte ich dieſen Gang machen; ich habe beſſere Beine als das Kind, überdieß iſt es nicht ſehr klug, ſie auf Straßen der Nacht auszuſetzen.“ „Nein, Herr Michel; Roſine läuft keine Gefahr und ich habe Gründe dafür, Sie in meiner Nähe zu behalten. Iſt das Ihnen denn unangenehm?“ *) Schlafſucht. 176 „O, Mademoiſelle, das iſt nicht Ihr Ernſt! Aber ich bin ſo glücklich, Ihnen nützlich ſein zu können, daß ich darauf halte, mir nie eine Gelegenheit hiezu ent⸗ ſchlüpfen zu laſſen.“ „Beruhigen Sie ſich, wahrſcheinlich werde ich in Kurzem mehr als einmal Ihre Ergebenheit auf die Probe ſtellen müſſen.“ Roſine war kaum zehn Minuten fort, als bei dem Kranken auf einmal eine fühlbare und ganz außer⸗ ordentliche Beſſerung einzutreten ſchien: ſeine Augen verloren ihre Starrheit, das Athemholen wurde leichter, ſeine zuſammengezogenen Finger dehnten ſich aus; er fuhr mit ihnen mehrmals über die Stirne, um ſich den Schweiß, in dem ſie ſchwamm, abzutrocknen. „Wie befindet Ihr Euch, Vater Tinguy,“ fragte das Mädchen den Bauern. „Beſſer,“ antwortete er mit ſchwacher Stimme. „Sollte der liebe Gott wollen, daß ich nicht vor dem Kampf deſertire?“ ſetzte er hinzu, indem er zu lächeln verſuchte. dereleich da Ihr auch für ihn in den Kampf gehet.“ Der Bauer ſchüttelte traurig den Kopf, indem er einen tiefen Seufzer ausſtieß. „Herr Michel,“ ſprach Bertha zu dem jungen Mann, denſelben in eine Ecke des Zimmers ziehend, ſo daß ihre Stimme nicht bis zu dem Kranken ge⸗ langte,„Herr Michel, eilen Sie zu dem Pfarrer, er ſoll kommen, und wecken Sie ſeine Nachbarn.“ „Geht es denn nicht viel beſſer, Mademoiſelle? Er ſagte es Ihnen gerade.“ —— aͤ 10Q 177 „Ei was für ein Kind! Haben Sie niemals eine Lampe erlöſchen ſehen? Ihre letzte Flamme iſt immer die lebhafteſte; ſo iſt es auch mit unſerem elenden Körper. Laufen Sie ſchnell; wir werden keinen Todeskampf haben; das Fieber hat die Kräfte des Unglücklichen erſchöpft; die Seele wird ohne Kampf, hne Anſtrengung und ohne Erſchütterung davon eilen.“ „Und Sie wollen allein bei ihm bleiben?“ „Gehen Sie ſchnell und beunruhigen ſie ſich mei⸗ netwegen nicht.“ Michel entfernte ſich und Bertha trat wieder zu Tinguy's Bett, der ihr die Hand reichte. „Danke, mein braves Fräulein,“ ſagte der Bauer. „Dank wofür, Tinguy?“ „Dank zuerſt für Ihre bisherige Sorgfalt und bonn für die Idee, den Herrn Pfarrer holen zu aſſen.“ „Ihr habt alſo gehört?“ Tinguy lächelte dießmal wirklich. „Ja,“ antwortete er,„wiewohl Sie ſehr leiſe ge⸗ ſprochen haben.“ „Aber Ihr braucht Euch wegen der Anweſenheit des Pfarrers nicht einzubilden, daß Ihr ſterben müſſet, mein guter Tinguy, ſeid deßhalb ohne Furcht!“ „Furcht!“ rief der Bauer, indem er ſich aufzu⸗ richten verſuchte, Furcht! Und warum ſollte ich mich fürchten? ich habe die Alten geehrt und die Kleinen geliebt; ich habe getragen ohne Murren, ich habe gearbeitet ohne mich zu beklagen, lobte Gott, wenn der Hagel mein kleines Feld verwüſtete, pries ihn, wenn das zur Ernte reife Getreide dicht ſtand. Dumas, Wölfinnen von Machecoul. 1. 178 Nie habe ich den Bettler abgewieſen, welchen die heilige Anna an meinen armen Herd ſandte. Ich habe die Gebote Gottes und der Kirche befolgt. O nein, Mademoiſelle, es iſt ein ſchöner Tag für uns, die wir arme Chriſten ſind, dieſer Tag des Todes; ſo unwiſſend ich bin, ſo verſtehe ich doch, daß er es iſt, der uns allen den Großen, allen den Glücklichen der Erde gleich macht. Iſt er für mich gekommen, dieſer Tag, ruft Gott mich zu ſich, ſo bin ich bereit und werde vor ſeinem Richterſtuhl voll Hoffnung auf ſeine Barmherzigkeit erſcheinen. Tinguy's Geſicht hatte ſich verklärt, als er dieſe Worte ausſprach; aber die letzte fromme Begeiſte⸗ rung des armen Bauern erſchöpfte vollends ſeine Kräfte. Er fiel ſchwer auf ſein Bett zurück und ſtammelte nur noch einige unverſtändliche Worte, unter welchen man noch Blaue, Kirchſpiel, den Namen Gottes und der heiligen Jungfrau unterſchied. Der Pfarrer trat in dieſem Augenblick ein, Bertha zeigte ihm den Kranken und der Prieſter, auf der Stelle begreifend, was ſie von ihm erwartete, begann ſogleich die Gebete für Sterbende. Michel flehte Bertha an, ſich zurückzuziehen, und da das Mädchen einwilligte, gingen ſie beide hinaus, nachdem ſie ein letztes Gebet zu den Häupten des armen Tinguy geſprochen hatten. Die Nachbarn kamen nach einander an; jeder kniete nieder und wiederholte nach dem Prieſter die Sterblitaneien. Zwei kleine gelbe Wachslichter, neben einem kupfer⸗ nen Crucifix aufgeſtellt, erhellten dieſe traurige Scene. —— 2 0— 179 Plötzlich und in einem Augenblick, wo der Prieſter und die Anweſenden in Gedanken das Ave Maria wiederholten, übertönte ein Nachteulenſchrei, aus geringer Entfernung von der Hütte kommend, ihr eintöniges Geſumſe. Alle Bauern fuhren zuſammen. Bei dieſem Schrei erhob der Sterbende, deſſen Augen ſchon ſeit einigen Minuten verſchleiert, deſſen Athemzüge pfeifend geworden waren, wieder das Haupt. „Da bin ich!“ rief er,„da bin ich!... Ich mache den Führer.“ Dann verſuchte er zur Antwort auf den gehör⸗ ten Schrei das Krächzen der Eule nachzuahmen. Er vermochte es nicht mehr, ſein Hauch wurde nur zu einer Art von Schluchzen, ſein Kopf bog ſich rückwärts, ſeine Augen öffneten ſich weit; er war todt! Jetzt trat ein junger Fremder in die Hütte. Es war ein junger bretagniſcher Bauer, mit breitkrämpigem Hut, rother Weſte mit verfilberten Knöpfen, blauem, rothgeſticktem Wamms und hohen Lederkamaſchen; in der Hand trug er einen jener eiſenbeſchlagenen Stöcke, deren ſich die Landleute auf der Reiſe bedienen. Er ſchien überraſcht von dem Schauſpiel, das er vor Augen hatte, doch richtete er an Niemand eine Frage. Er kniete nieder und betete; dann näherte er ſich dem Bett, betrachtete aufmerkſam das blaſſe und entfärbte Geſicht Tinguy's; zwei große Thränen rollten über ſeine Wangen, er trocknete ſie ab und ging ebenſo ſtill hinaus, als er kingetrelen war. 1 180 Die Bauern, an eine religiöſe Praxis gewöhnt, welche nicht zugibt, daß Jemand an der Wohnung eines Todten vorübergehe, ohne ein Gebet für ſeine Seele und einen Segen für ſeinen Körper zu ſprechen, waren über die Gegenwart des Fremden nicht erſtaunt und gaben auf ſeine Entfernung nicht Acht. Jener geſellte ſich einige Schritte von da zu einem andern Bauern, kleiner und jünger als er und anſcheinend ſein Bruder. Der Letztere ſaß auf einem nach der Mode des Landes angeſchirrten Pferde. „Nun, Rameau d' Or,“ fragte der kleine Bauer, „was gibt es denn?“ „Nichts, als daß in dem Hauſe nicht Platz für uns iſt; ein Gaſt iſt angekommen, der es ganz in Beſchlag nimmt.“ „Wer?“ „Der Tod.“ „Wer iſt todt?“ „Der ſelbſt, welchen wir um Gaſtfreundſchaft anſprechen wollten. Ich will Dir etwas ſagen: be⸗ nützen wir dieſen Todesfall zu unſerem Schutze, verbergen wir uns unter dem Zipfel des Leichentuchs, das Niemand aufheben wird; aber ich habe ſagen hören, Tinguy ſei an einem thyphusartigen Fieber geſtorben, und wiewohl die Aerzte eine Anſteckung läugnen, möchte ich Dich doch einer ſolchen Gefahr nicht ausſetzen.“ „Du fürchteſt nicht, geſehen und erkannt worden zu ſein?“ „Unmöglich! Es waren acht oder zehn Perſonen da, Männer und Weiber, welche an dem Lager beteten; ich trat ein, kniete nieder, betete wie die t, ng ne n, nt zu er uf de. r, ür in rft be⸗ ze, 8, en er ng hr en en 181 Andern; das iſt, was in ſolchem Fall jeder Bauer aus der Bretagne oder Vendée thut.“ „Aber was ſollen wir jetzt thun?“ fragte der jüngere der beiden Bauern. „Ich habe es Dir ſchon geſagt: wir hatten uns zwiſchen dem Schloß meines Kameraden und der Hütte des armen Bauern, der unſer Führer ſein ſollte, zu entſcheiden; zwiſchen den Süßigkeiten des Luxus und einer fürſtlichen Wohnung mit mäßiger Sicherheit, und der engen Hütte, dem ſchlechten Bett, dem Buchweizenbrod mit völliger Sicherheit. Der liebe Gott hat die Frage abgeſchnitten, wir haben keine Wahl mehr, wir müſſen uns alſo mit dem Comfortabeln begnügen.“ „Aber das Schloß iſt nicht ſicher, haſt Du mir geſagt?“ „Das Schloß gehört einem meiner Freunde aus den Kinderjahren, deſſen Vater von der Reſtauration zum Baron gemacht worden iſt. Der Vater iſt todt; es iſt zu dieſer Stunde von ſeiner Wittwe und ſeinem Sohn bewohnt. Wäre der Sohn allein da, ſo würde ich ruhig ſein. Obgleich ſchwach, iſt er ein ehrliches Herz; aber ſeine ſelbſtſüchtige und ehr⸗ geizige Mutter beunruhigt mich unaufhörlich.“ „Bah! für eine einzige Nacht; Du biſt kein Freund von Abenteuern.“ „O ja, auf meine eigene Rechnung; aber ich bin Frankreich,, oder wenigſtens meiner Partei verant⸗ wortlich für die Tage von....“ „Petit⸗Pierre, willſt Du ſagen? Ach! Rameau d'Or, die zwei Stunden, da wir auf dem Marſche 182 ſind, iſt dieß ſchon das zehnte Pfand, das Du mir ſchuldig biſt.“ „Es wird das letzte ſein, Mad.... Petit⸗ Pierre, wollte ich ſagen; von nun an kenne ich Sie unter keinem andern Namen, als dieſem; ich weiß von keinem andern Verhältniß, als daß Sie mein Bruder ſind.“ „Wohlan, gehen wir auf das Schloß, ich fühle mich ſo ermüdet, daß ich vor dem des Währwolfs vom Mährchen um ein Nachtlager bitten würde.“ „Wir wollen einen Querweg einſchlagen, wodurch wir in zehn Minuten dahin gelangen,“ entgegnete der junge Mann;„ſetze Dich ſo bequem als möglich in den Sattel, ich gehe zu Fuß und Du brauchſt mir nur zu folgen, ſonſt möchten wir den kaum kennbaren Weg leicht verlieren.“ „Warte,“ ſagte Petit⸗Pierre. Und er ließ ſich nun vom Pferde gleiten. „Wo gehſt Du hin?“ fragte Rameau d' Or unruhig. „Du haſt Dein Gebet am Lager des niedrigen Bauern geſprochen,“ antwortete er,„an mir iſt es jetzt, dieß gleichfalls zu thun.“ „Woran denkſt Du?“ „Es war ein braves, ehrliches Herz,“ fuhr Petit⸗Pierre dringend fort;„wäre er am Leben ge⸗ weſen, er hätte dieſes für uns gewagt; ich bin ſei⸗ nem Leichnam wohl ein geringes Gebet ſchuldig.“ Rameau d'Or lüpfte den Hut und trat bei Seite, um ſeinen jungen Gefährten vorüberzulaſſen. Wie Rameau d'Or gethan hatte, trat der kleine Bauer in die Hütte, nahm einen Buchsbaumzweig, 183 tauchte ihn in geweihtes Waſſer und ſchwang ihn über dem Leichnam hin und her, kniete dann nieder, verrichtete ſein Gebet am Fuß des Bettes und ging wieder ab, ohne daß ſeine Anweſenheit mehr bemerkt worden wäre, als es mit der ſeines Begleiters ge⸗ ſchehen. Nun kehrte er zu Rameau d'Or zurück, wie dieſer fünf Minuten zuvor bei ihm gethan hatte. Der junge Mann half ihm beim Aufſteigen auf das Pferd, dann ſchlugen Beide, der jüngere im Sattel, der ältere zu Fuß, ſtillſchweigend quer über die Felder den beinahe unſichtbaren Pfad ein, der, wie bereits angegeben, in einer kürzern Linie nach Schloß de La Logerie führte. Kaum hatten ſie fünfhundert Schritte über die Grundſtücke gemacht, ſo hielt Rameau und brachte auch Petit⸗Pierre’s Pferd zum Stehen. „Was gibt es noch weiter?“ „Ich höre ein Geräuſch von Schritten,“ antwor⸗ tete der junge Mann, drücken Sie ſich in dieſes Gebüſch, ich bleibe hinter dem Baume hier; der⸗ jenige, welcher uns in den Weg kommt, wird höchſt wahrſcheinlich vorübergehen, ohne uns zu ſehen. Die Schwenkung geſchah mit der Schnelligkeit eines ſtrategiſchen Manövers, zum Glück für die beiden Reiſenden, denn der Ankommende näherte ſich ſo raſch, daß er ungeachtet der Dunkelheit in demſelben Augenblick zum Vorſchein kam, da jeder ſeinen Poſten eingenommen hatte: Petit⸗Pierre neben der Hecke, Rameau d'Or hinter ſeinem Baum. Der, welchem ſie eben Platz gemacht hatten, be⸗ fand ſich bald im Angeſicht von Rameau d'Or, deſſen Augen, bereits an die Dunkelheit gewöhnt, allmälig einen jungen Mann von zwanzig Jahren unterſchieden, der in derſelben Richtung wie ſie mehr lief als ging. Er hatte ſeinen Hut in der Hand, und was ein Erkennen noch mehr erleichterte, war der Umſtand, daß ſeine vom Wind zurückgeworfenen Haare das Geſicht vollkommen frei ließen. Rameau d'Or entſchlüpfte ein Ausruf der Ueber⸗ raſchung, aber wie wenn er noch im Zweifel ſtände, hielt er ſeinen Wunſch zurück, ließ den jungen Mann drei Schritte an ſich vorbeigehen und rief erſt, als derſelbe ihm völlig den Rücken zugekehrt hatte: „Michel!“ Der junge Mann, der nicht erwartete, ſeinen Namen mitten in der Finſterniß und an dieſem ein⸗ ſamen Orte erſchallen zu hören, ſtieß einen Schrei der Ueberraſchung aus, ſprang zur Seite und fragte mit einer vor Aufregung zitternden Stimme: „Wer ruft mich?“ „Ich,“ antwortete Rameau d'Or, ſeinen Hut und eine Perrücke abnehmend, die er an den Fuß des Baumes hinwarf, und auf ſeinen Freund ohne andere Verkleidung als das vollſtändige bretagniſche Coſtüme, das übrigens an ſeiner Phyſiognomie nichts ändern ſollte, zutretend. „Henri de Bonneville!“ rief Baron Michel auf dem Gipfel des Erſtaunens. „Ich ſelbſt, aber ſprich meinen Namen nicht ſo laut aus, wir ſind in einer Gegend und einem Zeit⸗ punkt, wo die Gebüſche, die Gräben und Bäume NSͤBͤ—— 185 mit den Mauern das Privilegium, Ohren zu haben, theilen.“ „Ach ja!“ ſagte Michel erſchreckt.„Und dann...“ „Ja. Und dann...“ wiederholte der Graf. „Dann kommſt Du vielleicht wegen der Erhe⸗ bung, von der man redet.“ „Ganz richtig. Doch laß uns ſehen, mit zwei Worten, was Du biſt? „Ich 20 „Ja, Du.“ „Mein Freund,“ antwortete der junge Baron, „ich habe noch keine ganz feſtgeſtellte Meinung: aber ich will Dir ganz leiſe geſtehen...“ „So leiſe, als Du willſt, aber beeile Dich, es zu geſtehen.“ „Nun, ich will Dir ganz leiſe geſtehen, daß ich mich auf die Seite von Heinrich V. neige.“ „Wohl, mein lieber Michel,“ ſagte der Graf fröhlich,„wenn Du Dich auf die Seite von Hein⸗ rich V. neigſt, ſo iſt dieß alles, was ich bedarf.“ „Erlaube; ich bin noch nicht völlig entſchieden.“ „Um ſo beſſer, ſo werde ich das Vergnügen ha⸗ ben, Deine Bekehrung zu vollenden, und damit ich ſie mit deſto größerer Ausſicht auf Erfolg unter⸗ nehme, ſo beeile Dich, mir und einem meiner Freunde, der mich begleitet, ein Nachtlager auf Deinem Schloß anzubieten. „Wo iſt er, Dein Freund?“ „Hier,“ ſprach Petit⸗Pierre, näher kommend und den jungen Mann mit einer Ungezwungenheit und Anmuth grüßend, welche mit dem Coſtüme, das er trug, ſeltſam contraſtirten. 186 Michel ſchaute einige Augenblicke den kleinen Bauern an, dann ſich an Rameau d'Or oder viel⸗ mehr den Grafen von Bonneville erinnernd, fragte er dieſen: „Henri, wie heißt Dein Freund?“ „Michel, Du verfehlſt Dich gegen die Traditio⸗ nen der antiken Gaſtfreundſchaft. Du haſt die Odyſſée vergeſſen, mein Lieber, und das betrübt mich. Was kümmert Dich der Name meines Freun⸗ des? Iſt es für Dich nicht genug, zu wiſſen, daß es ein Mann von vollkommen guter Geburt iſt?“ „Weißt Du gewiß, daß es ein Mann iſt?“ Der Graf und Petit⸗Pierre brachen in ein lau⸗ tes Gelächter aus. „Du beſtehſt alſo, mein armer Michel, entſchieden darauf, zu erfahren, wen Du in Dein Haus auffüimmſt.“ „Nicht meinetwegen, guter Henri, nicht meinet⸗ wegen, aber es iſt wegen des Schloſſes de La Logerie...“ „Wie, wegen des Schloſſes de La Logerie?“ „Nicht ich bin daſelbſt Herr.“ „Wohl, die Baronin, Michel, iſt daſelbſt Herrin, ich habe meinen Freund Petit⸗Pierre bereits darauf aufmerkſam gemacht; aber anſtatt einen längern Aufenthalt zu nehmen, wollen wir nur eine Nacht daſelbſt bleiben. Du führſt uns auf Dein Zimmer, ich mache einen Beſuch in Keller und Speiſekammer, das alles iſt noch an demſelben Platz, mein junger Begleiter wirft ſich auf Dein Bett, wo er wohl oder übel ſchläft und morgen mit Tagesanbruch ſuche ich ein Quartier auf, und iſt dieſes einmal ge⸗ funden, ſo befreien wir Dich von unſerer Gegenwart.“ ANA— 187 „Es iſt unmöglich, Henri; glaube nicht, daß ich meinetwegen meine Mutter fürchte, aber es hieße Deine Sicherheit auf’s Spiel ſetzen, wollte ich Dich in das Schloß eindringen laſſen.“ „Wie ſo?“ „Sie iſt noch wach, davon bin ich überzeugt, ſie erwartet meine Rückkehr, ſie ſieht uns eintreten, für Deine Verkleidung können wir, glaube ich, einen Grund finden, aber wie werden wir für die Deines Begleiters, welche mir nicht entgangen iſt, einen Grund finden?“ „Er hat Recht,“ ſagte Petit⸗Pierre. „Aber was dann machen?“ „Und,“ fuhr Michel fort,„es handelt ſich nicht allein um meine Mutter.“ „Um wen handelt es ſich denn?“ „Merke auf,“ antwortete der junge Mann, einen unruhigen Blick um ſich werfend,„ontfernen wir uns weiter von dieſer Hecke und dieſem Gebüſch.“ „Teufel!“ „Es handelt ſich um Courtin.“ „Um Courtin, wer iſt das?“ „Erinnerſt Du Dich nicht des Pächters Courtin?“ „Ah, ja wohl, ein guter Kerl, der ſtets gegen eedermann und ſelbſt gegen Deine Mutter mit Dir gleicher Meinung war. „Richtig; nun Courtin iſt Maire, ein wüthen⸗ der Philippiſt; ſähe er Dich bei Nacht, in die⸗ ſem Coſtüme über die Felder laufen, er ließe Dich ohne allen Proceß verhaften.“ „Das verdient Ueberlegung,“ ſprach Henri, ern⸗ ſter geworden,„was denkt Petit⸗Pierre davon?“ 188 „Ich denke nichts, mein werther Rameau d'Or, ich laſſe Dich für mich denken.“ „Und das Reſultat davon iſt, daß Du uns Deine Thüre verſchließeſt,“ ſagte Bonneville. „Was liegt Euch daran,“ erwiderte Baron Mi⸗ chel, deſſen Augen von einem Hoffnungsſtrahl zu leuchten begannen,„was liegt Euch daran, wenn ich Euch eine andere öffne, und eine ſicherere als die von Schloß de La Logerie.“ „Wie, was uns daran liegt! Es liegt uns im Gegentheil fehr viel daran. Was ſagt mein junger Begleiter dazu?“ „Ich ſage, daß, wenn ſich nur eine Thüre öff⸗ net, dieß alles iſt, was ich nöthig habe; ich falle vor Ermüdung um, ich muß es geſtehen.“ „Dann folgt mir,“ ſagte der Baron. „Höre, iſt es weit?“ „Eine Stunde, kaum fünf Viertel Meilen.“ „Fühlt Petit⸗Pierre ſich ſtark genug dazu?“ fragte Henri. „Petit⸗Pierre wird Stärke dazu finden,“ ant⸗ wortete der kleine Bauer lachend.„Folgen wir alſo Baron Michel.“ „Folgen wir Baron Michel,“ wiederholte Bonne⸗ ville,„voran, Baron.“ Und die kleine, ſeit zehn Minuten unbewegliche Gruppe legte ihre Unbeweglichkeit ab und machte ſich, geführt von dem jungen Mann, wieder auf den Weg. Aber kaum hatte Michel fünfzig Schritte zurück⸗ gelegt, als ſein Freund ihm die Hand auf die Schulter legte.. 189 „Wohin führſt Du uns?“ „Sei ruhig.“ „Ich bin es, wenn Du mir verſprichſt, daß Petit⸗Pierre, der, wie Du ſiehſt, ziemlich zarter Na⸗ tur iſt, ein gutes Souper und ein gutes Bett findet.“ „Er wird Alles haben, was ich ihm ſelbſt an⸗ bieten zu können wünſchte. Die beſte Schüſſel aus der Speiſekammer, den beſten Wein vom Keller, das beſte Bett des Schloſſes.“ Man ſetzte ſich wieder in Marſch. „Ich eile voraus, daß Ihr nicht warten dürft,“ begann Baron Michel wieder. 9 ZLinen Augenblick,“ fragte Henri,„wohin eilſt u 2 „Nach Schloß Souday.“ „Wie, nach Schloß Souday?“ „Ja, Du kennſt wohl Schloß Souday mit ſei⸗ nen ſpitzigen, ſchiefergedeckten Thürmchen, links an der Straße, gegenüber vom Walde Machecoul?“ „Das Schloß der Wölfinnen?“ „Der Wölfinnen, wenn Du willſt.“ „Und dahin führſt Du uns?“ „Dahin führe ich Dich.“ „Haſt Du wohl überlegt, was Du thuſt, Michel?“ „Ich ſtehe für Alles.“ Und überzeugt, daß ſein Freund hinlänglich unterrichtet war, ſtürzte der junge Baron in der Richtung von Schloß Souday davon, mit jener Ge⸗ ſchwindigkeit, von welcher er eine ſo unwiderlegliche Probe an dem Tage oder vielmehr in der Nacht, wo er für den ſterbenden Tinguy den Arzt von Palluau holte, gegeben hatte. 190 „Nun,“ fragte Petit⸗Pierre,„was thun wir?“ „Ei, da wir keine andere Wahl haben, müſſen wir ihm folgen.“ „In das Schloß der Wölfinnen?“ „In das Schloß der Wölfinnen. 4 „Dann ſollſt Du, mein lieber Rameau d'Or, um mir wenigſtens den Weg etwas zu verkürzen, mir erzählen, wer die Wölfinnen ſind.“ „Ich will Dir wenigſtens ſagen, was ich davon weiß.“ „Das iſt Alles, was ich von Dir erwarten kann.“ Dann erzählte der Graf Bonneville, die Hand auf den Sattelbogen geſtützt, Petit⸗Pierre jene Art von Legende, welche im Departement der Nieder⸗ Loire und in den angrenzenden über die beiden wilden Erbinnen des Marquis von Souday umlief, über ihre Jagden bei Tag, über ihre Fahrten bei Nacht, über die Koppeln mit phantaſtiſchem Gebell, mit welchen ſie auf Pferden einhergallopirend die Wölfe und Wildſchweine hetzten. Der Graf war gerade an dem beſonders dra⸗ matiſchen Theil der Legende, als er auf einmal die Thürmchen von Schloß Souday bemerkte, und in ſeiner Erzählung kurz abbrechend, kündigte er ſei⸗ nem Begleiter an, ſie ſeien am Ziel ihres Marſches angelangt. Petit⸗Pierre, überzeugt, er werde Etwas gleich den Hexen von Macbeth ſehen, nahm allen ſeinen Muth zuſammen, um vor dem fürchterlichen Schloß anzulegen, als er bei einer Wendung der Straße ſich vor einem offenen Thor fand und vor dieſem Thor zwei weiße Schatten bemerkte, welche, beleuch⸗ A SA N— o X&8ᷣ——— ð&——— A———— — 191 tet von einer Fackel, die hinter ihnen ein Mann mit rauhem Geſicht und in bäuriſcher Kleidung trug, zu warten ſchienen. Petit⸗Pierre warf einen furchtſamen Blick auf Bertha und Mary, denn ſie waren, von dem jun⸗ gen Baron unterrichtet, den beiden Reſſenden ent⸗ gegen gegangen. Er ſah zwei anbetungswürdige Mädchen, die eine blond, mit blauen Augen und einem Engels⸗ angeſichte. Die andere mit ſchwarzen Augen und Haaren, mit ſtolzer, entſchloſſener Phyſiognomie. Beide mit edler, lächelnder Miene. Der junge Begleiter Rameau d'Or's ſtieg vom Pſerde und beide traten auf die Mädchen zu. „Mein Freund, Baron Michel, läßt mich hoffen, Fräulein, daß der Herr Marquis von Souday, Ihr Vater, uns wohl gaſtlich aufnehmen werde.“ „Mein Vater iſt abweſend, mein Herr,“ antwor⸗ tete Bertha,„er wird bedauern, dieſe Gelegenheit verloren zu haben, eine Tugend zu üben, die man in unſern Tagen wenig in's Werk zu ſetzen findet.“ „Aber ich weiß nicht, ob Michel Ihnen geſagt hat, daß dieſe Gaſtfreundſchaft nicht ohne Gefahr ſein könnte: mein junger Begleiter und ich gleichen beinahe Geächteten; Verfolgung kann vielleicht der Preis des Aſyls ſein, welches Sie uns bieten.“ „Sie kommen im Namen einer Sache, welche die unſrige iſt, mein Herr; als Fremde würden wir Sie aufgenommen haben; als Geächtete, als Roya⸗ liſten ſind Sie willkommen, ſelbſt wenn der Tod und der Untergang unſeres armen Hauſes mit Ihnen 192 einzögen. Mein Vater, wäre er da, würde zu Ihnen gerade ſo ſprechen, wie ich.“ „Baron Michel hat Ihnen ohne Zweifel meinen Namen geſagt, es iſt nur noch übrig, daß ich Ihnen den meines jungen Begleiters ſage.“ „Wir fragen nicht darnach, mein Herr, Ihre Eigenſchaft gilt uns mehr als Ihr Name, welches er auch ſei; Sie ſind Royaliſten und Geächtete einer Sache wegen, für welche wir, ſind wir auch nur Frauen, gern unſer Blut geben würden. Treten Sie in dieſes Haus ein; iſt es nicht reich, nicht prächtig, werden Sie es wenigſtens discret und treu finden.“ Und mit einer Geberde des höchſten Adels deu⸗ tete Bertha den jungen Leuten auf die Thüre, ſie einladend, die Schwelle zu überſchreiten. „Der heilige Julian ſei geprieſen,“ ſagte Petit⸗ Pierre dem Grafen Bonneville in's Ohr,„da ſind das Schloß und die Hütte, zwiſchen welchen Sie mich wählen laſſen wollten, zu einem und demſelben Quartier vereint. Sie gefallen mir vollkommen, Ihre Wölfinnen.“ Und ſie ſchritt durch die Seitenpforte, indem ſie den beiden Mädchen eine leichte und graziöſe Ver⸗ beugung machte. Der Graf von Bonneville folgte ihr. Mary und Bertha machten Michel ein freundliches Zeichen des Lebewohls und die letztere bot ihm die Hand. Aber Jean Oullier ſtieß die Thüre ſo grob zu, daß der arme junge Mann nicht Zeit hatte, ſie zu faſſen.. Er betrachtete einige Augenblicke die Thürmchen 193 des Schloſſes, welche ſich ganz ſchwarz auf dem dunkeln Grund des Himmels abzeichneten, die Fen⸗ ſter, welche ſich nach einander erhellten, und ent⸗ fernte ſich. Als er verſchwunden war, zertheilte ſich das Ge⸗ büſch und ließ einer Perſon Raum, welche aus ei⸗ nem von dem der andern Schauſpieler ganz abwei⸗ chenden Intereſſe dieſer Scene beigewohnt hatte. Dieſe Perſon war Courtin, welcher, nachdem er ſich verſichert hatte, daß Niemand in der Nähe war, denſelben Weg einſchlug, auf welchem ſein junger Herr verſchwunden war, um nach La Logerie zu⸗ rückzukehren. XV. Es war ungefähr zwei Uhr Morgens, als der junge Baron Michel am Ende der Allee eintrof, durch welche man auf Schloß La Logerie gelangte. Die Luft war ruhig, die majeſtätiſche Stille der Nacht, welche nur von dem Rauſchen der Blätter der Zittereſche unterbrochen wurde, hatte ihn in tiefe Träumerei verſenkt. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß die beiden Schwe⸗ ſtern der Gegenſtand dieſer Träumerei waren, aber diejenige von beiden, welcher der Baron mit eben ſo viel Reſpect und Liebe folgte, wie in der Bibel der junge Tobias dem Engel, war Maty. Aber als er fünfhundert Schritte von ſich an der Grenze der dunkeln Linie von Bäumen, unter deren grünem Gewölbe er hinmarſchirte, die Fenſter Dumas, Wölfinnen von Machecoul. I. 13 — 194 des Schloſſes, die in den Strahlen des Mondes funkelten, erblickte, verſchwanden die reizenden Träume, denen er ſich hingab, und ſeine Gedanken nahmen unmittelbar eine beſtimmtere Richtung an. Anſtatt der beiden reizenden Geſichter der Mäd⸗ chen, welche bis dahin ihm zur Seite gewandelt waren, zeigte ihm ſeine Einbildungskraft das ſtrenge und drohende Profil ſeiner Mutter. Man weiß, welche tiefe Furcht die Bardnin Michel ihrem Sohn einflößte. Der junge Mann hielt an. Hätte er in der Umgegend auf eine Meile weit ein Haus oder eine Schenke, wo ein Nachtlager zu finden geweſen wäre, gekannt, ſo würde er, ſo leb⸗ haft waren ſeine Beſorgniſſe, erſt am Morgen in das Schloß zurückgekehrt ſein. Es war zum erſten Mal, nicht daß er außer dem Hauſe ſchlief, ſondern daß er ſo ſpät daran war, und er fühlte inſtinct⸗ mäßig, daß man um ſeine Abweſenheit wiſſe und daß ſeine Mutter wache. Und was ſollte er auf die ſchreckliche Frage antworten? „Woher kommſt Du?“ Courtin allein konnte ihm eine Freiſtätte ge⸗ währen, aber wenn er Courtin darum bat, mußte er ihm Alles ſagen, und der junge Mann fühlte die ganze Gefahr, die damit verbunden war, einen Mann wie Courtin zum Vertrauten zu machen. Er entſchloß ſich alſo, dem mütterlichen Grimm Trotz zu bieten, aber wie der Verurtheilte ſich ent⸗ ſchließt, dem Schaffot zu trotzen, das heißt, weil er nicht anders kann, und ſetzte ſeinen Marſch fort. G — 19⁵ Aber je mehr er ſich dem Schloß näherte, deſto mehr fühlte er ſeinen Entſchluß wanken. Als er ſich an der Grenze der Allee befand, als er offen über den Grasplatz hinſchreiten ſollte, als er das Zimmer von ſeiner Mutter Gemach er⸗ blickte, welches ſich düſter von der Façade abhob, und dieſes Fenſter allein geöffnet war, da ſank ihm das Herz gänzlich. Seine Ahnungen hatten ihn alſo nicht getäuſcht; die Baronin paßte auf die Rückkehr ihres Sohnes. Die Entſchloſſenheit des jungen Mannes ver⸗ ſchwand jetzt, wie geſagt, völlig, und die Furcht, welche die Hülfsmittel ſeiner Einbildungskraft ent⸗ wickelte, gab ihm den Gedanken ein, es mit einer Liſt zu verſuchen, welche wenn nicht den Zorn ſei⸗ ner Mutter beſchwören, ſo doch wenigſtens deſſen Exploſion verzögern könnte. Er warf ſich alſo links, folgte einem im Schat⸗ ten liegenden Hagebuchengang, erreichte die Mauer des Gemüſegartens, die er erkletterte, durchſchritt ihn ſeiner ganzen Länge nach und trat durch das Verbindungsthor des Küchengartens in den Park. Einmal da konnte er, Dank dem dichten Gehölz, bis unter die Schloßfenſter hinſchlüpfen; bis hieher war ihm die Operation vortrefflich gelungen; aber das Schwerſte, oder vielmehr das am meiſten im Ungewiſſen Liegende war noch zu vollbringen. Es handelte ſich darum, ein Fenſter zu finden, welches die Nachläſſigkeit irgend eines Domeſtiken offen ge⸗ laſſen hatte, und durch welches er in das Haus ge⸗ langen und ſein Zimmer erreichen konnte. Das Schloß de La Logerie beitand me einem 196 viereckigen Hauptgebäude, flankirt von vier ebenſo geſtalteten Thürmchen. Die Küche und die Geſindezimmer befanden ſich im Souterrain, die Empfangsgemächer im Erdge⸗ ſchoß, die der Baronin im erſten Stock, die ihres Sohnes im zweiten. Michel ging auf drei Seiten des Schloſſes her⸗ um, rüttelte leiſe an allen Thüren und allen Fenſtern, drückte ſich hart an die Mauern, ging auf den Ze⸗ henſpitzen und hielt die Ohren an. Weder Thüre noch Fenſter bewegten ſich. So blieb die Facade noch zu erforſchen. Das war die zum Beikommen gefährlichſte Par⸗ tie. Die Fenſter der Baronin waren, wie bereits angegeben, an dieſer von Gebüſch, welches das übrige Schloß umgab, entblößten Facade erhellt, und das eine dieſer Fenſter, das des Schlafzimmers, ſtand offen. Inzwiſchen beſchloß Michel, in der Meinung, wenn es einmal geſcholten ſein müſſe, könne dieß ebenſo gut außen als innen geſchehen, das Aben⸗ teuer zu verſuchen. Er ſtreckte alſo den Kopf gegen den Thurm vor und war eben im Begriff, ihn links zu wenden, als er einen Schatten, der über den Grasplatz hin⸗ ſchlich, bemerkte. 3 Dieſer Schatten ſetzte einen Körper voraus. Michel hielt an und richtete ſeine ganze Auf⸗ merkſamkeit auf den neuen Ankömmling. Er erkannte, daß es ein Mann war und daß die⸗ ſer Mann den Weg verfolgte, den er ſelbſt hätte 197 einſchlagen müſſen, wenn es ſeine Abſicht geweſen wäre, direct in das Schloß zurückzukehren. Der junge Mann wich wieder in die Dunkelheit zurück und deckte ſich in dem durch den Vorſprung des Thürmchens geworfenen Schatten. Inzwiſchen kam der Mann näher. Als derſelbe nur noch fünfzig Schritte vom Schloß entfernt war, hörte Michel am Fenſter die trockene Stimme ſeiner Mutter ertönen. „Biſt Du es endlich?“ fragte die Baronin. „Nein, Madame, nein,“ antwortete eine Stimme, welche der junge Mann nicht ohne ein mit Furcht gemiſchtes Erſtaunen für die des Pächters erkannte, „Sie thun dem armen Courtin zu viel Ehre an, ihn für den Herrn Baron zu nehmen.“ „Großer Gott“ rief die Baronin,„was führt Euch um dieſe Stunde hieher?“ „Ah! Sie können ſich wohl denken, daß es etwas Wichtiges ſein muß, nicht wahr, Frau Baronin?“ „Sollte meinem Sohn ein Unglück zugeſtoßen ein?“ Der Ton tiefer Seelenangſt, womit ſeine Mut⸗ ter dieſe Worte ausgeſprochen hatte, rührte den jun⸗ gen Mann ſo lebhaft, daß er ſich vorſtürzen wollte, um ſie zu beruhigen. Aber die Antwort Courtins, welche er beinahe unmittelbar darauf hörte, lähmte dieſen guten Vorſatz. Michel trat alſo in den Schatten zurück, der ihm zum Verſteck diente. „O nein, Madame,“ antwortete der Pächter, nder junge Burſche iſt, wenn ich dieſen Ausdruck 198 vom Herrn Baron gebrauchen darf, ſo geſund wie der Fiſch im Waſſer, wenigſtens bis jetzt.“ „Bis jetzt!“ fiel die Baronin ein.„Iſt er alſo auf dem Punkte, irgend Gefahr zu laufen?“ „Ei, ei,“ antwortete Courtin,„ja wohl; es könnte ihm Schaden zuſtoßen, wenn er ſich länger durch Bilder locken läßt, welche die Hölle vermengt, und gerade dieſem Unglück vorzubeugen, habe ich mir die Freiheit genommen, Sie mitten in der Nacht aufzuſuchen, da ich ohnedieß nicht daran zweifelte, daß Sie die Abweſenheit des Herrn Barons bemerkt und ſich darum nicht zur Ruhe begeben haben.“ „Und Ihr habt wohl daran gethan, Courtin; aber wo iſt denn das unglückliche Kind, wißt Ihr es?“ Courtin ſchaute um ſich. „Ich bin meiner Treu erſtaunt, daß er noch nicht zurückgekehrt iſt,“ antwortete er;„ich habe abſichtlich den Vicinalweg eingeſchlagen, um ihm den Fußpfad frei zu laſſen, und dieſer iſt um eine gute Viertelmeile kürzer als der Vicinalweg.“ „Aber woher kommt er denn? wo war er? warum läuft er Nachts bis zwei Uhr auf den Fel⸗ dern umher, unbekümmert um meine Beſorgniſſe, uneingedenk, daß er ſeine und meine Geſundheit auf's Spiel ſetzt?“ „Frau Baronin,“ erwiderte Courtin,„finden Sie nicht ſelbſt, daß es zu viel Fragen ſind, um darauf unter freiem Himmel zu antworten?“ Dann fuhr er mit leiſerer Stimme fort: „Das, was ich der Frau Baronin zu erzählen habe, iſt ſo wichtig, daß ſie, um mich anzuhören, ſelbſt in ihrem Zimmer nicht allzu ſicher iſt; ohne ————,, ͤͤ —₰— 199 zu rechnen, daß wenn der junge Herr noch nicht auf dem Schloß iſt, er bald zurückkommen muß,“ ſetzte der Pächter, von Neuem um ſich ſchauend, hinzu,„und daß es mich nicht am wenigſten küm⸗ mern würde, wüßte er, daß ich ihn belaure, wenn es auch nur zu ſeinem Beſten und vornehmlich da⸗ zu geſchieht, Ihnen einen Dienſt zu leiſten.“ „Tretet alſo ein,“ rief die Baronin,„Ihr habt Recht, tretet ſchnell ein.“ „Entſchuldigen Sie, Frau Baronin, aber wie, wenn es Ihnen gefällig iſt?“ „Wirklich“, erwiderte die Baronin,„die Thüre iſt geſchloſſen.“ „Wenn die Frau Baronin mir den Schlüſſel herabwerfen wollte.“ „Er iſt innen und ſteckt in der Thüre.“ „Ah wahrhaftig!“ „Da ich vor meinen Leuten die Aufführung meines Sohnes verbergen wollte, ſo habe ich ſie zu Bett geſchickt; aber wartet, ich will meiner Kam⸗ merfrau klingeln.“ „Ei thun Sie nichts dergleichen,“ erwiderte Courtin,„es iſt unnütz, Jemand in unſere Geheim⸗ niſſe einzuweihen. Außerdem ſind die Umſtände meiner Anſicht nach zu ernſt, als daß Madame ſich um die Etikette kümmerte. Man weiß wohl, daß die Frau Baronin nicht dazu geſchaffen iſt, einem armen Bauern die Thüre zu öffnen; aber einmal macht noch keine Gewohnheit. Wenn Alles im Schloß ſchläft, um ſo beſſer, wir werden dann wenigſtens vor Neugierigen ſicher ſein. „Ihr erſchreckt mich wahrhaftig, Courtin,“ ſagte 200 die Baronin, wirklich durch ein Gefühl kindiſchen Stolzes, der dem Pächter keineswegs entgangen war, zurückgehalten,„und ich zögere nicht mehr.“ Die Baronin zog ſich vom Fenſter zurück und einige Augenblicke nachher hörte Michel den Schlüſſel ſich drehen und die Riegel der Thüre knarren. Er horchte zuerſt in großer Angſt, aber merkte bald, daß ſeine Mutter und Courtin die Thüre, die ſich eben mit ſo großer Schwierigkeit öffnete, in ihrem Eifer wieder zu ſchließen vergeſſen hatten. Der junge Mann wartete einige Sekunden, um ihnen Zeit zu laſſen, nach dem obern Stock zu ge⸗ langen, ſchlich dann längs der Mauer hin, ſtieg die Außentreppe hinauf, drückte die Thüre zurück, die ſich ohne Geräuſch in ihren Angeln drehte, und befand ſich im Veſtibule.— Sein erſter Vorſatz war geweſen, in ſein Schlafzimmer zurückzukehren und dort, indem er ſich ſchlafend ſtellte, die Ereigniſſe abzuwarten; in die⸗ ſem Fall ließ ſich die Stunde ſeiner Heimkehr nicht genau beſtimmen; er hatte noch die Möglichkeit, durch eine kühne Lüge ſich aus dem ſchlimmen Han⸗ del zu ziehen. Aber die Umſtände hatten ſich, ſeitdem er jenen erſten Entſchluß gefaßt, ſehr geändert. Courtin war ihm nachgegangen, Courtin hatte ihn geſehen, Courtin kannte ohne Zweifel den Zu⸗ fluchtsort des Grafen von Bonneville und ſeines Gefährten. Michel vergaß ſich einen Augenblick ſelbſt, um nur an die Sicherheit ſeines Freundes zu denken, Baronin, daß es ſehr hart für mich, der ich Sie 201 welchen der Pächter bei den Anſichten, die Michel bei ihm wußte, beſonders compromittiren konnte. Anſtatt alſo in den zweiten Stock hinaufzuſtei⸗ gen, hielt der junge Mann im erſten an; anſtatt ſich auf ſein Zimmer zu begeben, ſchlich er mit dem Schritt eines Wolfes in den Corridor. Dann blieb er vor der Thüre ſeiner Mutter ſtehen und horchte. „So, Ihr glaubt alſo, Courtin,“ fragte die Baronin,„Ihr glaubt im Ernſte, daß mein Sohn ſich an der Leimruthe von einer jener Unglücklichen hat fangen laſſen?“ „Ja wohl, Madame, was dieß anbelangt, bin ich meiner Sache gewiß, und ſo gut gefangen, daß Sie ſogar große Mühe haben werden, fürchte ich, ihm die Flügel loszumachen.“ „Mädchen ohne einen Sou.“ „Ci, ſie ſtammen aus dem älteſten Blut des Landes, Frau Baronin,“ ſagte Courtin, der das Terrain ſondiren wollte,„und für Sie, die andern Edeln, macht das, wie es ſcheint, ſchon Etwas aus. Ohne dem ſchuldigen Reſpect zu nahe zu treten, Frau Baronin, iſt meine Anſicht, daß Monſieur Michel ſich das Alles noch nicht überlegt hat und ſich vielleicht ſelbſt von dem Gefühl nicht Rechen⸗ ſchaft gibt, welches er für die Dirnen empfindet; aber wovon ich überzeugt bin, iſt, daß er auf eine andere Weiſe, auf eine ernſthaftere Weiſe in raſche⸗ ſtem Zug iſt, ſich zu compromittiren.“ „Was wollt ihr ſagen, Courtin?“ „Ei!“ entgegnete Courtin,„wiſſen Sie, Frau 20²2 liebe und achte, ſein würde, meinen jungen Herrn in Verhaft nehmen zu laſſen?“ Michel erbebte auf dem Corridor; inzwiſchen war es die Baronin, welche darüber in die heftigſte Auf⸗ regung gerieth. „Michel in Verhaft nehmen!“ bemerkte ſie, ſich aufrichtend,„es ſcheint mir, Ihr vergeßt Euch, Meiſter Courtin.“ Mein, Frau Baronin, ich vergeſſe mich nicht.“ 17 och!“ „Ich bin Ihr Pächter, das iſt wahr,“ fuhr Courtin fort, indem er mit der Hand der ſtolzen Dame ein Zeichen machte, ſich zu beruhigen;„ich bin verpflichtet, Ihnen genaue Rechenſchaft über die Ernten zu geben, wovon Sie die Hälfte haben, und auf Tag und Stunde meine Gülten zu zahlen, was ich trotz der harten Zeiten nach beſten Kräften thue; aber ehe ich Ihr Pächter bin, bin ich Bürger, und, was noch weiter iſt, Maire, und von dieſer Seite aus habe ich auch Pflichten, welche ich erfüllen muß, Frau Baronin, ſo ſchwer es auch meinem armen Herzen fällt.“ „Welchen Galimathias ſchwazt Ihr da mir vor, Meiſter Courtin, und welche Beziehung kann zwiſchen meinem Sohn, Eurer Eigenſchaft als Bürger und Eurem Maire'stitel ſtattfinden?“ „Die Beziehung beſteht darin, Frau Baronin, daß Ihr Herr Sohn Bekanntſchaften mit den Feinden des Staats unterhält.“ „Ich weiß wohl,“ antwortete die Baronin,„daß er Marquis von Souday ſehr überſpannte Mei⸗ nungen hegt, aber die Libelei Michels mit einer —=——Nͤ 203 oder der andern ſeiner Töchter dürfte, ſcheint mir, kein Vergehen für ihn ausmachen.“ „Dieſe Liebeleien werden ihn weiter führen, als Sie glauben, Frau Baronin, das ſage ich Ihnen; ich weiß wohl, daß er erſt die Schnabelſpitze in das trübe Waſſer taucht, das man um ihn her macht, aber dieß reicht hin, ihm die Ausſicht zu verfinſtern.“ „Nun genug mit dergleichen Metaphern; erklärt Euch, Courtin.“ „Wohl, Frau Baronin, da iſt die ganze Erklä⸗ rung. Dieſen Abend, nachdem er bei dem Tode dieſes alten Chouan, Tinguy geweſen, auf die Gefahr hin, das gefährliche Fieber auf das Schloß zu bringen, nachdem er die ältere der beiden Wölfinnen nach Hauſe geführt, hat der Herr Baron den Führer für zwei Bauern gemacht, die ſo wenig Bauern ſind, als ich ein Herr bin, und ſie nach Schloß Souday geleitet.“ „Wer ſagt Euch das, Courtin?“: „Meine zwei Augen, Frau Baronin; ſie ſind gut und ich glaube ihnen.“ „Aber wer waren Eurer Meinung nach die beiden Bauern?“ „Die beiden Bauern?“ „Ja.*. „Der eine, darauf will ich meine Hand in's Feuer legen, war der Graf von Bonneville, ein vollen⸗ deter Chouan; man darf mir nicht nein ſagen, er iſt lang genug in der Gegend geweſen und ich habe ihn erkannt. Was den andern betrifft....“ „Nun, vollendet.“ 204 „Was den andern betrifft, ſo iſt er, täuſche ich mich nicht, noch mehr als das.“ „Aber wie, nennt ihn, Courtin.“ „Genug, Frau Baronin, wenn es nöthig iſt, und es wird wahrſcheinlich nöthig werden, ſo will ich ihn dem nennen, der ein Recht dazu hat.“ „Der ein Recht dazu hat; Ihr wollt alſo meinen Sohn denunciren,“ rief die Baronin betäubt von dem Ton des Pächters, der ſonſt ihr gegenüber ſo demüthig war. „Gewiß, Frau Baronin,“ antwortete Courtin mit Feſtigkeit. „Ach daran denkt Ihr nicht, Courtin.“ „Ich denke ſo ſehr daran, Frau Baronin, daß ich ſchon unterwegs nach Montaigu oder ſogar nach Nantes wäre, wenn ich mir nicht vorgenommen hätte, Sie vorher zu warnen, damit Sie darauf ſinnen, Monſieur Michel in Sicherheit zu bringen.“ „Aber angenommen, Michel ſei in die Affaire nicht verwickelt,“ entgegnete lebhaft die Baronin, „ſo compromittirt Ihr mich vor meinen Nachbarn, und zieht vielleicht, wer weiß, ſchreckliche Repreßalien auf La Logerie herab.“ „Ei, wir werden La Logerie vertheidigen, Frau Baronin.“ „Courtin....“ „Ich habe den großen Krieg geſehen, Frau Ba⸗ ronin, ich war noch ganz klein, aber ich erinnere mich deſſen, und es iſt mir wahrhaftig nicht darum zu thun, ihn noch einmal zu ſehen; es iſt mir nicht darum zu thun, meine zwanzig Morgen Feldes zum Kampfplatz für zwei Parteien dienen, meine Ernten 205 von den Einen aufgezehrt, von den Andern ver⸗ brannt zu ſehen; es iſt mir noch weniger darum zu thun, die Hand wieder an die Nationalgüter legen zu ſehen, was nicht ausbleiben wird, wenn die Weißen obenan ſind. An meine zwanzig Morgen, ich habe fünf davon von Emigranten ehrlich gekauft, ehrlich bezahlt; das iſt der vierte Theil von meinem Vermögen; kurz, kurz! Die Regierung zählt auf mich, und ich will das Vertrauen der Regierung rechtfertigen.“ „Aber Courtin,“ erwiderte die Baronin, bereit, ſich zum Bitten herabzulaſſen,„es iſt nicht ſo ernſt, als Ihr vorausſetzt, ich bin davon überzeugt.“ „Pardieu, Frau Baronin, es iſt ſehr ernſt; ich bin nur ein Bauer, aber das hindert mich nicht, mein Wiſſen ſo weit auszudehnen, als ein Anderer, wenn ich nur viel höre und ein feines Ohr habe; die Gegend von Retz iſt am Aufwallen, das Feuer noch ein Bischen geſchürt, und die Brühe läuft über.“ „Courtin, Ihr irrt Euch.“ „Nein, Frau Baronin, nein; ich weiß, was ich weiß, mein Gott; die Edeln ſind ſchon dreimal zu⸗ ſammengekommen, wie: einmal bei dem Marquis von Souday, einmal bei dem, welchen ſie Louis Renaud nennen, und einmal bei dem Grafen von Saint Arnaud; alle die Verſammlungen riechen nach Pulver, Frau Baronin; und eben was das Pulver betrifft, ſo liegen zwei Centner davon und Säcke mit Kugeln nicht wenig bei dem Pfarrer von Montbers; kurz, es iſt ſehr ernſt.... und, weil man nun es einmal ſagen muß, ſo wird die Her⸗ zogin von Berry im Lande erwartet; und wie meine 206 Meinung iſt, nachdem was ich eben geſehen habe, könnte es ſich wohl machen, daß man ſie nicht lang „ erwartet.“ „Warum das?“ „Weil ich glaube, daß ſie ſchon da iſt.“ „Wo denn, großer Gott?“ „Nun, auf Schloß Souday.“ „Auf Schloß Souday.“ „Ja; wohin Monſieur Michel ſie dieſen Abend geführt hat.“ „Michel! Ach, das unglückliche Kind; aber Ihr ſchweigt, nicht wahr, Courtin? Ich will es, ich gebiete es Euch. Aber nein, die Regierung hat Maßregeln, und wenn ſie verſuchen würde, in die Vendée zu kommen, würde ſie, ehe ſie daſelbſt an⸗ langt, ergriffen werden.“ „Trotz allem dem... wenn; ſie iſt doch da, Frau Baronin.“. „Grund mehr, daß Ihr ſchweigt.“ „Ja, ja; und der Ruhm und Gewinn einer Priſe wie ſie werden mir entgehen, ohne zu rechnen, daß bis dahin, wo der Fang durch einen andern erfolgt, wenn ich ihn nicht vollziehe, das Land in Feuer und Blut ſtehen wird; nein, Frau Baronin, nein, das geht nicht.“ „Aber, was thun! großer Gott, was thun?“ „Hören Sie, Frau Baronin,“ antwortete Cour⸗ tin,„was geſchehen muß, iſt Folgendes: „Redet, Courtin, redet.“ „Da es mein Wille iſt, ungeachtet ich ein guter Bürger bin, auch Ihr treuer und eifriger Diener zu bleiben, wie ich hoffe, daß man zum Danke fuͤr be, ang 207 das, was ich für Sie gethan babe, mir mein Pacht⸗ gut unter annehmbaren Bedingungen laſſen wird, ſo werde ich Monſieur Michels Namen nicht aus⸗ ſprechen; Sie werden nur dafür ſorgen, daß er in Zukunft ſich nicht mehr in ein ſolches Weſpenneſt ſteckt; er iſt darin, das iſt wahr, aber für dießmal iſt es noch Zeit, ihn herauszuziehen.“ „Seid ruhig, Courtin.“ „Aber.... ſehen Sie, Frau Baronin,“ fuhr der Pächter fort.“ „Nun was?“ „Ei, ich wage der Frau Baronin keinen Rath —zu geben; das gehört nicht zu meiner Befugniß.“ „Sprecht, Courtin, ſprecht.“ „Wohl, das beſte Mittel hiezu wäre, meiner Meinung nach, ihn auf irgend eine Weiſe, ſei es mit Bitten oder Drohen, zu beſtimmen, daß er La Logerie verläßt, und nach Paris abreist.“ „Ja, Courtin, ja.“ „Ja; aber das wird er nicht wollen.“ „Wenn ich darüber entſchieden habe, Courtin, muß er wollen.“ „Er wird in zwölf Monaten einundzwanzig Jahre alt, er iſt beinahe majorenn. „Und ich ſage Euch, Courtin, daß er abreiſen wirdz aber was iſt Euch?“ 4 Wirklich hielt Courtin das Ohr an die Thüre. „Es ſcheint mir, als ob man auf dem Corridor ginge,“ ſagte Courtin. „Seht.“ Courtin nahm das Licht und ſtürzte nach dem Corridor. 208 „Es iſt Niemand da,“ ſagte er zurückkehrend, „und doch kam es mir vor, als hörte ich Schritte.“ „Aber wo denkt Ihr, daß um dieſe Stunde das unglückliche Kind iſt?“ „Ja wirklich!“ erwiderte Courtin,„er iſt viel⸗ leicht in meinem Hauſe, um auf mich zu warten; der junge Baron hat Vertrauen zu mir und es wäre nicht das erſte Mal, daß er zu mir gekom⸗ men, um mir ſeine kleinen Kümmerniſſe zu erzählen.“ „Ihr habt Recht, Courtin, das iſt möglich; kehrt nach Hauſe zurück und vergeßt Euer Verſprechen nicht.“ „Und Sie nicht das Ihrige, Frau Baronin; kommt er zurück, ſo ſchaffen Sie ihn bei Seite; laſſen Sie ihn nicht mit den Wölfinnen in Com⸗ munikation treten; denn ſieht er ſie wieder...“ „Nun, Courtin?“ „Nun, ſo würde es mich durchaus nicht Wunder nehmen, wenn ich erführe, daß er an einem der nächſten Tage im Ginſtergebüſch ſeinen Flintenſchuß thut.“ „O! er wird mich zu Tod betrüben; welche un⸗ glückliche Idee iſt es von meinem Mann geweſen, in dieſes verwünſchte Land zurückzukehren.“ „Unglückliche Idee; ja, Frau Baronin, für ihn hauptſächlich.“ Die Baronin ſenkte traurig den Kopf bei der von Courtin eben hervorgerufenen Erinnerung; die⸗ ſer entfernte ſich, nachdem er die nächſte Umgebung erforſcht und ſich überzeugt hatte, daß Niemand ihn bei ſeinem Abgang von Schloß La Logerie ſehen könnte. 209 XVI. Diplomatie Courtin's. Courtin hatte kaum zweihundert Schritte auf em nach ſeiner Meierei führenden Weg gemacht, als er ein Kniſtern in dem Gebüſch, an dem er vorüberging, vernahm. „Wer geht da?“ fragte er, ſich zurückziehend und mit dem Stock, den er in der Hand hielt, zur Wehr ſetzend. „Freund,“ antwortete eine jugendliche Stimme. Und der, welchem dieſe Stimme angehörte, er⸗ ſchien am Rande des Fußpfades. „Wahrhaftig, der Herr Baron,“ rief der Pächter. „Er ſelbſt, Courtin.“— „Aber wohin gehen Sie denn um dieſe Stunde, großer Gott? Wenn die Frau Baronin wüßte, daß Sie mitten in der Nacht auf den Feldern herum⸗ laufen, was würde ſie ſagen?“ fuhr der Pächter fort, den Ueberraſchten ſpielend. „So iſt es eben, Courtin.“ „Ja wohl!“ erwiderte der Pächter mit ſchlauer iene;„es iſt vorauszuſetzen, daß der Herr Baron ſeine Gründe hat.“ „Ja, und Du ſollſt ſie erfahren, Courtin, wenn wir bei Dir zu Hauſe ſind.“ „Bei mir! Sie kommen alſo zu mir!“ rief Courtin erſtaunt. „Weigerſt Du Dich, mich aufzunehmen?“ fragte eer junge Mann. „Gerechter Gott! ich mich weigern, Sie in einem Dumas, Wölfinnen von Machecoul. I. 14 210 Hauſe aufzunehmen, das im Grunde genommen Ihnen gehört!“ „Dann verlieren wir, da es ſpät iſt, keine Zeit; gehe voran, ich folge Dir.“ Courtin, ziemlich unruhig über den gebieteriſchen Ton ſeines jungen Herrn, gehorchte; nach etwa hundert Schritten ſtieg er eine Treppe hinauf, ſchritt durch einen Baumgarten und befand ſich an der Thüre ſeiner Meierei. Einmal eingetreten in das Gemach im Erdge⸗ ſchoß, welches zugleich zum gemeinſchaftlichen Wohn⸗ zimmer und zur Küche diente, raffte er einige zer⸗ ſtreute Holzüberreſte auf dem Herde zuſammen, blies auf ein Skück davon, das ſich noch glühend erhal⸗ ten hatte, und zündete damit ein gelbes Wachslicht an, das er am Kamin aufſteckte. Jetzt erſt und beim Schein dieſer Kerze ſah er, was er im Mondlichte nicht hatte ſehen können, daß Michel blaß wie der Tod war! „Ach, Herr Baron,“ rief Courtin,„Jeſus, mein Gott, was fehlt Ihnen denn?“ „Courtin,“ antwortete der junge Mann, die Stirne runzelnd,„ich habe Deine Unterredung mit meiner Mutter gehört.“. 1hi ſo,“ erwiderte der Pächter ein wenig über⸗ raſcht.. Aber ſich ſogleich wieder faſſend, fragte er: „Nun, und hernach?“ „Du wünſcheſt ſehr, Deinen Pachtvertrag im nächſten Jahr erneuert zu ſehen?“ „Ich, Herr Baron?“ „Du, Courtin, und noch viel mehr, als Du ſagſt.“ 211 „Wahrlich, es würde mir nicht leid thun, Herr aron, inzwiſchen, wenn es ein Hinderniß gäbe, würde man darum nicht ſterben.“ „Courtin, ich werde Deinen Pacht erneuern,“ erwiderte der junge Mann,„denn im Augenblick der Unterzeichnung bin ich majorenn.“ „Es iſt ſo, wie Sie ſagen, Herr Baron.“ „Aber, Du begreifſt wohl, Courtin,“ fuhr der junge Mann fort, dem ſein Verlangen, den Grafen von Bonneville zu retten und in Mary's Nähe zu bleiben, eine Entſchloſſenheit gab, die ſonſt ſeinem Charakter ganz fremd war,„Du begreifſt wohl, nicht wahr, daß, wenn Du das thuſt, was Du dieſe Nacht geſagt haſt, das heißt, wenn Du meine Freunde denuncirſt, ich den Pacht eines Denuncianten nicht erneuern werde.“ „O!l o!“ entgegnete Courtin. „Es iſt ſchon ſo; einmal von der Meierei weg, Courtin, mußt Du derſelben Lebewohl ſagen, Du kehrſt nicht mehr dahin zurück.“ „Aber die Regierung; die Frau Baronin?“ „Das alles geht mich nichts an, Courtin; ich heiße Baron Michel de La Logerie, der Grund und Boden und das Schloß de La Logerie gehören mir durch Abtretung meiner Mutter vom Augenblick meiner Volljährigkeit an; ich bin in eilf Monaten volljährig und Dein Pacht erliſcht in dreizehn.“ „Aber wenn ich meinem Vorhaben entſage, Herr aron,“ bemerkte der Pächter mit duckmaͤuſeriſcher Miene. „Wenn Du Deinem Vorhaben entſagſt, Cour⸗ tin, ſo ſollſt Du Deinen Pacht haben.“ 14* 212 „Unter denſelben Bedingungen, wie zuvor?“ „Unter denſelben Bedingungen wie zuvor.“ „Ach! Herr Baron, wäre es nicht aus Beſorg⸗ niß, Sie zu compromittiren,“ ſagte Courtin, indem er in dem Schiebfach einer Truhe ein Fläſchchen mit Tinte ſuchte und ein Blatt Papier ſammt Feder auf den Tiſch legte. „Was bedeutet das?“ fragte der junge Mann. „Ei! wenn der Herr Baron die Gefälligkeit ha⸗ ben wollte, das was er eben geſagt hat, niederzu⸗ ſchreiben; man weiß nicht, wie man lebt oder ſtirbt, und ich meinerſeits, hier iſt ein Chriſtus, wohl! auf den Chriſtus will ich einen Eid ablegen.“ „Ich bedarf Deiner Eide nicht, Courtin, denn wenn ich von hier weggehe, kehre ich nach Souday zurück, und warne Jean Oullier, auf ſeiner Hut zu ſein, und Bonneville, ein anderes Quartier zu ſuchen.“ „Nur um ſo mehr Grund alſo,“ ſagte Courtin, ſeinem jungen Herrn die Feder reichend. Michel nahm die Feder aus der Hand des Päch⸗ ters und ſchrieb auf das Papier: „Ich der Unterzeichnete, Auguſt Franz Michel, Baron de La Logerie, verpflichte mich, den Pacht Courtin's unter denſelben Bedingungen, wie er ihn gegenwärtig hat, zu erneuern.“ Und als er das Datum beiſetzen wollte, ſiel der Pächter ein: „Nein, laſſen Sie es weg, mein junger Herr, wenn es Ihnen gefällig iſt; wir wollen es vom Tage Ihrer Volljährigkeit datiren. „Es ſei,“ ſagte Michel. 3 Und er begnügte ſich, es zu unterzeichnen, indem 213 er zwiſchen der Zuſage und Unterſchrift Raum für ein Datum ließ. „Wenn der Herr Baron mit etwas mehr Be⸗ quemlichkeit als auf dieſem Schemel der Ruhe pfle⸗ gen wollte und nicht darauf dächte, vor Tagesan⸗ bruch auf das Schloß zurückzukehren,“ nahm Cour⸗ tin wieder das Wort,„ſo würde ich dem Herrn Baron ſagen: ich habe oben zu ſeinen Dienſten ein Bett, das nicht allzu ſchlecht iſt.“ „Nein,“ ſagte Michel.„Haſt Du nicht gehört, daß ich Dir ſagte, ich werde nach Souday zurück⸗ kehren?“ „Warum das? da der Herr Baron das Ver⸗ ſprechen beſitzt auf das Wort Courtins, daß nichts geſagt werden ſoll, ſo hat es wohl Zeit.“ „Das, was Du geſehen, Courtin, kann auch ein Anderer geſehen haben, und wenn Du ſchweigſt, weil Du das Verſprechen gegeben haſt, ſo kann ein Anderer, der nichts verſprach, reden. Auf Wieder⸗ ſehen, Courtin.“ „Der Herr Baron wird thun, was er vill,“ erwiderte Courtin;„aber er hat Unrecht, wahrhaf⸗ tig Unrecht, in dieſe Mausfalle zurückzukehren.“ „Gut, Courtin, ich danke Dir für Deinen Rath; aber es freut mich, daß Du weißt, ich ſei in einem Alter, um zu thun, was ich will.“ Courtin folgte ihm mit den Augen, bis die Thüre geſchloſſen war, dann faßte er ſchnell nach dem Pachtverſprechen, überlas es, legte es ſorgfäl⸗ tig zuſammen und verſchloß es in ſeiner Brieftaſche. . ann trat er, da es ihm vorkam, als höre er in der Nähe der Meierei ſprechen, an das Fenſter, —;:——õè 214 zog halb den Vorhang weg und ſah den jungen Baron Auge in Auge vor ſeiner Mutter. „Ah, ah! mein junger Hahn“, ſagte er,„bei mir haſt Du zu laut gekräht, aber hier iſt eine Frau Henne, die Dir das Maul ſtopfen wird.“ Wirklich war die Baronin, als ſie ihren Sohn nicht zurückkehren ſah, auf den Gedanken gekommen, was Courtin geſagt hatte, könnte wohl wahr ſein und es läge nichts Außerordentliches darin, wenn ihr Sohn bei dem Pächter ſich befände. Sie hatte einen Augenblick zwiſchen Stolz und Furcht, bei Nacht auszugehen, geſchwankt, aber end⸗ lich trug mütterliche Unruhe den Sieg davon und ſich in einen großen Shawl hüllend, ſchlug ſie den Weg nach der Meierei ein. Bei der Thüre ankommend, ſah ſie ihren Sohn heraustreten. Jetzt wich alle Beſorgniß, da ſie den jungen Mann geſund und wohl erblickte, und ihr herrſch⸗ ſüchtiger Charakter gewann wieder die Oberhand. Er hingegen wich, als er ſeine Mutter gewahr wurde, in völliger Beſtürzung einen Schritt zurück. „Folgen Sie mir, mein Herr,“ ſprach ſie zu ihm,„es iſt nicht zu bald, in's Schloß zurückzu⸗ kehren.“ Michel kam es weder in den Sinn, dagegen zu proteſtiren, noch zu fliehen; er folgte ſeiner Mutter, gehorſam und leidend wie ein Kind. Nicht ein Wort wurde auf dem ganzen Wege zwiſchen der Baronin und ihrem Sohne gewechſelt. Im Ganzen war Michel dieſes Schweigen noch lieber als ein förmlicher Ausſpruch, wobei ſein kind⸗ wahr rrück. ie zu ckzu⸗ en zu utter, Wehe chſelt. noch kind⸗ 215 licher Gehorſam oder vielmehr ſeine Charakterſchwäche ihn nothwendig in Nachtheil gebracht hätte. Als beide in das Schloß zurückkehrten, begann der Tag anzubrechen. Die Baronin, immer ſtumm, führte den jungen Mann auf ſein Zimmer. Er fand daſelbſt einen Tiſch gedeckt. „Du mußt hungrig und müde ſein,“ ſagte ihm die Baronin. Und nach einander auf den Tiſch und das Bett deutend, ſagte ſie: „Hier iſt etwas für den Hunger, und dort für den Schlaf.“ Und ſie zog ſich zurück, die Thüre hinter ſich ſchließend. Der junge Mann hörte ſchaudernd zweimal den Schlüſſel ſich im Schloſſe drehen. Er war Gefangener. Er fiel vernichtet auf einen Seſſel. Die Ereigniſſe ſtürzten wie eine Lawine heran, und hätten eine ſtärkere Organiſation als die von Baron Michel zum Wanken bringen können. Ueberdieß hatte er nur ein gewiſſes Maaß von Energie und dieß war eben bei Courtin erſchöpft worden. Vielleicht hatte er ſeiner Kraft zu viel zugetraut, als er gegen Courtin äußerte, nach Schloß Souday zurückkehren zu wollen. Wie ſeine Mutter geſagt hatte, war er müde und hungrig. Im Alter des jungen Mannes iſt die Natur 216 eine gebieteriſche Mutter und nimmt ſo auch ihre Rechte in Anſpruch.— Und dann erzeugte ſich eine gewiſſe Ruhe im Geiſte des jungen Mannes. Die Worte ſeiner Mutter, als ſie auf den Tiſch und das Bett deutete: „Hier iſt etwas für den Hunger, und dort für den Schlaf,“ zeigten an, daß ſie nicht daran dachte, in das Zimmer ihres Sohnes zurückzukehren, ehe er gegeſſen und geſchlafen hatte. Es waren immer einige Stunden Ruhe vor der Erklärung. Michel aß eilig und nachdem er an der Thüre geweſen war und ſich verſichert hatte, daß er wirk⸗ lich Gefangener ſei, legte er ſich nieder und ſchlief ein. Er erwachte gegen zehn Uhr Morgens. Die Strahlen einer herrlichen Maiſonne dran⸗ gen fröhlich durch die Scheiben in ſein Gemach. Er öffnete die Fenſter und nicht blos die Strah⸗ len der Sonne, ſondern auch ihre milde Wärme gelangte zu ihm. Die Vögel ſangen in den mit ihren jungen, grünen und zarten Blättern bedeckten Zweigen, die erſten Roſen öffneten ſich, die erſten Schmetterlinge flatterten in der Luft. Es ſchien an einem ſo ſchönen Tag, als ob das Unglück gefangen wäre und Niemand erreichen könnte. Der junge Mann ſchöpfte eine gewiſſe Kraft aus dieſer Wiederbelebung der Natur und erwartete ruhiger ſeine Mutter. Aber die Stunden verfloſſen, es ſchlug Mittag, die Baronin erſchien nicht. Michel bemerkte mit einer gewiſſen Unruhe, daß auf dem Tiſch ſo viel aufgetragen war, um nicht nur für das Diner von geſtern, ſondern auch für das Dejeuner, ja das Diner von heute auszu⸗ reichen. Er begann jetzt zu fürchten, ſeine Gefangenſchaft möchte länger dauerm als er geglaubt hatte. Dieſe Beſorgniß verſtärkte ſich, als der junge Mann es nach einander Zwei, Drei Uhr werden ſah. In dieſem Augenblick und da er aufmerkſam auf das geringſte Geräuſch horchte, glaubte er von Montaigu her ein Knallen zu vernehmen. Dieſes Knallen hatte die Regelmäßigkeit von einer Pelotonſalve. Und doch war es unmöglich zu beſtimmen, ob daſſelbe wirklich von einem Kleinge⸗ wehrfeuer herkam. Montaigu war etwa zwei Meilen von La Loge⸗ rie gelegen; ein entfernter Sturm konnte ungefähr ein ähnliches Geräuſch hervorbringen. Indeſſen war der Himmel rein. Jenes Knallen dauerte ungefähr eine Stunde, dann wurde Alles wieder ſtill. Die Unruhe des Barons war ſo groß⸗ daß er außer dem Dejeuner am Morgen das Eſſen völlig vergeſſen hatte. Endlich hatte er einen Entſchluß gefaßt, nämlich, wenn die Nacht eingebrochen und Jedermann im Schloß zu Bette wäre, das Schloß des Zimmers mit ſeinem Meſſer aufzubrechen, und hernach nicht durch das Thor, das wahrſcheinlich auch geſchloſſen —— 218 ſein würde, ſondern durch irgend ein Fenſter davon zu gehen. Die Möglichkeit der Flucht machte dem Gefan⸗ genen⸗Appetit. Er ſpeiste wie ein Menſch, der eine ſtürmiſche Nacht durchzumachen ſich beſtimmt glaubt und ſich Kräfte ſammelt, um allen Ereigniſſen dieſer Nacht gewachſen zu ſein. Michel hatte etwa um ſieben Uhr ſein Mahl be⸗ endet; die Nacht brach in einer halben Stunde her⸗ ein. Er warf ſich auf ſein Bett, um zu warten. Er hätte ſehr gern geſchlafen; der Schlaf hätte ihm das Warten weniger lang gemacht, aber er war zu unruhig; er hatte gut die Augen ſchließen; ſein Ohr, beharrlich horchend, vernahm das geringſte Geräuſch. Ein Umſtand erregte beſonders ſein Erſtaunen: er hatte ſeine Mutter ſeit dem Morgen nicht geſe⸗ hen; ſie mußte ihrerſeits vorausſetzen, der Gefan⸗ gene werde mit Einbruch der Nacht alles Mögliche zur Flucht verſuchen. Ohne Zweifel hatte ſie etwas vor; aber was konnte es ſein? Plötzlich glaubte der junge Mann den Klang von Schellen zu hören, welche man Poſtpferden um den Hals hängt. Er eilte an das Fenſter. Auf der Straße, von Montaigu glaubte er eine Gruppe zu bemerken, die ſich ziemlich raſch im Schatten bewegte und ihre Richtung auf das Schloß de La Logerie zunahm. ⁴̈88 ONN Mit dem Klang der Schellen vermiſchte ſich der Trab von zwei Pferden. In dieſem Augenblick knallte der Poſtillon, der von dem einen Pferde abſtieg, mit der Peitſche, um aller Wahrſcheinlichkeit nach ſeine Ankunft zu verkündigen. Es ließ ſich nicht länger zweifeln, es war ein Poſtillon, der mit zwei Pferden kam. Zu gleicher Zeit warf der Baron mit einer in⸗ ſtinckartigen Bewegung ſeine Augen auf die Neben⸗ gebäude. Er ſah die Diener aus der Remiſe die Reiſe⸗ kaleſche ſeiner Mutter herausziehen. Jetzt ging ihm ein Licht auf. Die Poſtpferde von Montaigu, der Poſtillon, der mit der Peitſche knallte, die Reiſekaleſche, die man aus der Remiſe zog: es war kein Zweifel, ſeine Mutter reiſte ab und nahm ihn mit. Deß⸗ wegen hatte ſie ihn eingeſchloſſen, deßwegen hatte ſie ihn gefangen gehalten; ſie würde ihn im Au⸗ genblick holen, ihn mit ſich in den Wagen ſteigen laſſen, und fahr zu, Poſtillon. Sie kannte ihren Einfluß auf den jungen Mann gut genug, um gewiß zu ſein, daß er ihr nicht Widerſtand zu leiſten wagte. Dieſer Gedanke der Abhängigkeit, von der ſeine Mutter eine ſo beſtimmte Ueberzeugung hatte, er⸗ bitterte den jungen Mann eben ſo ſehr, als er deren ganze Wirklichkeit empfand. Es war ihm ſelbſt offenbar, daß er einmal im Angeſicht der Baronin es nicht wagen würde, ihr die Lanze am Viſir zu zerbrechen. 220 Aber Mary zu verlaſſen, dieſem Leben der Auf⸗ regung zu entſagen, in das ihn die beiden Schwe⸗ ſtern eingeweiht hatten, nicht Theil zu nehmen an dem Drama, das eben in der Vendée der Graf von Bonneville und ſein unbekannter Gefährte ſpielten, ſchien ihm etwas Unmögliches und haupt⸗ ſächlich Entehrendes. Was würden die beiden Mädchen von ihm denken? Der junge Mann blieb einen Augenblick nach⸗ denklich; es war augenſcheinlich, daß er einen har⸗ ten Kampf in ſeinem Innern beſtand. Endlich ſchien er ſeinen Entſchluß gefaßt zu ha⸗ ben, trat zu ſeinem Schreibtiſch, nahm eine beträcht⸗ liche Summe in Gold heraus und füllte damit ſeine Taſchen. In dieſem Augenblick glaubte er Schritte auf dem Corridor zu hören. Er ſchloß raſch ſeinen Schreibtiſch, warf ſich auf das Bett und wartete. Nur an der nicht ſehr gewöhnlichen Feſtigkeit ſeiner Geſichtsmuskeln, ließ ſich erkennen, daß er über ſein Vorhaben im Reinen war. Welches war dieſes Vorhaben? Das werden wir aller Wahrſcheinlichkeit nach ſpäter erfahren. XVII. Die Schenke von Alain Courtejoie. Es war offenbar, daß ein Aufſtand in der Bre⸗ tagne und Vendee ſich vorbereitete. 221 Trotz der allgemeinen Gährung, vielleicht gerade wegen dieſer Gährung, verſprach der Jahrmarkt von Montaigu glänzend zu werden. Wiewohl dieſer Markt in der Regel nur von mäßiger Bedeutung iſt, war doch der Zulauf der Bauern dahin beträchtlich; die Leute aus den Gegen⸗ den von Mangis und Retz ſtießen mit den Bewoh⸗ nern des Waldgebiets und der Ebene daſelbſt zu⸗ ſammen und was ſchon zum Anzeichen kriegeriſcher Stimmung unter dieſer Volksmenge diente, war, daß man mitten unter dieſem Wald von breitkräm⸗ pigen Hüten und langbehaarten Köpfen wenig Hauben wahrnahm. Wirklich waren die Frauen, welche gewöhnlich bei ſolchen commerciellen Zuſammenkünften die Mehr⸗ zahl bilden, an dem heutigen Tag nicht auf den Markt von Montaigu gekommen. Wirklich fanden ſich, und dieß wäre genug ge⸗ weſen, auch minder Hellſehende dieſe Art revolutio⸗ närer Volksverſammlung erkennen zu laſſen, zwar die Kunden auf dem Markte von Montaigu zahl⸗ reich ein, aber die Pferde, die Kühe, die Hämmel, die Butter und Körnerfrüchte, womit man in der Regel daſelbſt handelt, fehlten vollſtändig. Was für Bauern auch von Beaupréau, von Mortagne, von Breſſuire, von Saint⸗Fulgens oder Machecoul gekommen waren, anſtatt der gewöhnli⸗ chen Victualien, welche ſie auf den Markt führten, hatten ſie nur ihre lederbeſchlagenen Stöcke von Kornelkirſchbaum mitgebracht und nach der Art, wie ſie dieſelben in die Hände ſchloſſen, ſchien es wenig 122 wahrſcheinlich, daß ſie die Abſicht hatten, damit Handel zu treiben. Der Platz und die große und einzige Straße von Montaigu, welche zum Marktlokal diente, hatten ein ernſtes, beinahe drohendes, aber zugleich un⸗ fehlbar feierliches Anſehen, wie es ſonſt bei der⸗ gleichen Verſammlungen nicht vorkommt. Einige Gaukler, einige Krämer mit ungeſunden Specereiwaaren, einige Zahnbrecher hatten gut ihre türliſchen Trommeln ſchlagen, ihre meſſingnen In⸗ ſtrumente zu blaſen, ihre Cymbeln ertönen zu laſſen, ihre witzigſten Späſſe preiszugeben; es gelang ihnen nicht, die ernſten Geſtalten aufzuheitern, welche an ihnen vorübergingen, ohne daß ſie es der Mühe werth hielten, ſtillzuſtehen und auf deren Muſik oder Geſchwätz zu hören. Wie die Bewohner der Bretagne, ihre Nachbarn im Norden, ſprechen die Vendéer in der Regel we⸗ nig; aber heute ſprachen ſie noch weniger. Die meiſten von ihnen ſtanden da, mit dem Rücken an die Häuſer, die Gartenmauern oder die hölzernen Schranken, welche den Platz umſchloſſen, gelehnt und blieben ſo unbeweglich, die Beine über einander geſchlagen, den Kopf unter ihren großen Hüten gebückt und die Hände auf ihre Stöcke ge⸗ ſtützt, gerade wie eben ſo viel Statuen. Andere waren zu kleinen Gruppen vereinigt, und dieſe kleinen Gruppen, welche zu warten ſchie⸗ nen, waren ſeltſamer Weiſe nicht weniger ſchweig⸗ ſam als die vereinzelten Individuen. In den Schenken war der Zulauf groß; der & ᷣ& SᷣSZR Z —& ⁵ — 223 Cider, der Branntwein und der Kaffé floßen in un⸗ geheurer Menge. Aber das Temperament des Vendéer Bauern iſt ſo robuſter Art, daß die enormſten Quantitäten verſchluckter Flüſſigkeiten weder auf ihre Geſichter, noch ihre Charaktere einen merkbaren Einfluß aus⸗ übten. Die Farbe der Trinker war belebter, ihr Auge etwas glänzender, aber die Leute blieben um ſo mehr Herr ihrer ſelbſt, als ſie im Allgemeinen ſowohl gegen die, welche die Schenken hielten, als die Städter, welchen ſie daſelbſt begegnen konnten, Mißtrauen hegten. Bei der Ankunft auf dem Markte von Montaigu waren die Landbewohner, während das Centrum der Volksmenge in dieſem Augenblick von einer mobilen Colonne von etwa hundert Menſchen ein⸗ genommen wurde, in die Mitte ihrer Gegner ein⸗ gedrungen; ſie faßten hier vollkommen Stand; dennoch bewahrten ſie unter ihrem friedlichen Aeußern die Zurückhaltung und Wachſamkeit, welche ein Sol⸗ dat unter den Waffen bewahrt. Eine einzige der zahlreichen Schenken von Mon⸗ taigu war von einem Mann gehalten, auf welchen die Vendéer rechnen und welchem gegenüber ſie ſich demnach jedes Zwangs entäußern konnten. Dieſe Schenke lag im Centrum des Dorfes, auf dem Marktlokal ſelbſt, in der Ecke des Platzes, längs eines Gäßchens, das nicht in eine andere Straße, nicht nach den Feldern, ſondern nach dem Fluß Maine auslief, welcher ſich im Südweſten um das Städtchen krümmt. 224 Dieſe Schenke hatte keinen Schild. Ein dürrer Stechpalmenzweig, horizontal in eine Mauerſpalte geſteckt, einige Aepfel, die man durch ein Fenſterwerk wahrnahm, das ſo mit Staub be⸗ laſtet war, daß er für einen Vorhang gelten konnte, zeigten dem Conſumenten die Beſchaffenheit des Etabliſſements an. Was die gewöhnlichen Gäſte betraf, ſo bedurf⸗ ten ſie keines Anzeichens. Der Eigenthümer dieſer Schenke hieß Alain Courtejoie. Alain war ſein Familienname; Courtejoie war der Spottname, den er der ſpaßhaften Verſchwen⸗ dung ſeiner Freunde verdankte. Sehen wir, bei welcher Veranlaſſung ſie ihm denſelben gegeben hatten. So gering die Rolle ſein mag, welche Alain Courtejoie in dieſer Geſchichte ſpielt, legt ſie uns doch die Verpflichtung auf, ein Wort über ſeine Ver⸗ gangenheit zu ſagen. Mit zwanzig Jahren war Alain ſo gebrechlich, ſo ſchwach, ſo elend, daß er bei der Conſeription von 1812 als untüchtig verworfen wurde. Aber 1814 war dieſelbe Conſcription, um zwei Jahre im Alter vorgerückt, weniger ſchamhaft ge⸗ worden. In Folge davon wurde Alain ausgehoben. Aber Alain, welchen die urſprünglich an den Tag gelegte Geringſchätzung gegen ſeine Perſon dem Militärdienſt abgeneigt gemacht hatte, beſchloß, der Regierung zu ſchmollen, und kraft dieſes Beſchluſſes lief er davon und flüchtete ſich unter eine Bande ' Widerſpenſtiger, welche in der Gegend das Feld hielten. Je ſeltener die Männer wurden, deſto unbarm⸗ herziger zeigten ſich die Regierungsbeamten gegen die Ungehorſamen. Alain, welchen die Natur nicht mit einer beſon⸗ ders großen Geckenhaftigkeit begabt hatte, würde ſich nie ſo nothwendig für die Regierung erachtet haben, wenn er nicht mit eigenen Augen die Mühe, welche die Regierung ſich gab, ihm bis mitten in die Wälder der Bretagne und die Sümpfe der Vendée nachzuſpüren, geſehen hätte. Die Gendarmen verfolgten eifrig die Ausreißer. Bei einem der Zuſammenſtöße, welche aus dieſen Verfolgungen entſprangen, hatte Alain ſeine Muskete mit einer Bravour und Beharrlichkeit gebraucht, welche bewieſen, daß die Conſcription von 1814 nicht ſo ganz Unrecht gehabt hatte, wenn ſie ihn unter ihre Auserwählten zählen wollte. Bei einem dieſer Zuſammenſtöße, ſagen wir, war Alain von einer Kugel getroffen und für todt mitten auf der Straße gelaſſen worden. Gerade an dieſem Tag verfolgte eine Frau aus Ancenis die Straße, welche am Fluß hinläuft und von Ancenis nach Nantes geht. Dieſe Frau war auf ihrem Wägelchen und es konnte zwiſchen acht und neun Uhr Abends ſein, das heißt, es war völlig Nacht. Bei dem Todtenkörper angekommen, begann das Pferd zu zittern, und weigerte ſich beharrlich, vor⸗ wärts zu gehen. Die Frau hieb auf ihr Pferd, das Thier bäumte ſich. Dumas, Wölfinnen von Machecoul. I. 15 Sie trieb immer mehr, das Thier drehte ſich geradezu um und wollte mit aller Gewalt wieder nach Ancenis zurück. Die Frau, die nicht gewohnt war, von ihrem Pferde ähnliche Poſſen zu ſehen, ſtieg von ihrem Wägelchen ab. Alles erklärte ſich ihr; es war der Körper Alains, der den Weg verſperrte. Die Frau erſchrak nicht wenig; ſie band ihr Pferd an einen Baum und ſchickte ſich an, den Körper Alains in einen Graben zu ziehen, um nicht allein für ihr Fuhrwerk, ſondern auch für alle andern, die demſelben folgen konnten, Platz zu machen. Aber als ſie den Körper anruͤhrte, bemerkte ſie, daß er noch warm war. Die Bewegung, die ſie mit ihm machte, vielleicht der Schmerz, welchen ihm dieſe Bewegung verur⸗ ſachte, entriß Alain ſeiner Ohnmacht; er ſtieß einen Seufzer aus und bewegte die Arme. Das Reſultat war, daß die Frau denſelben, anſtatt in den Graben zu werfen, auf ihr Wägelchen brachte, anſtatt ihren Weg nach Nantes fortzuſetzen, nach Ancenis zurückkehrte. Die Dame war eine Royaliſtin und Fromme; die Sache, um deren willen Alain verwundet worden war, das Scapulier, das ſie auf ſeiner Bruſt fand, intereſſirten ſie ſogleich. Sie ließ einen Wundarzt holen. Dem Unglücklichen waren beide Beine durch eine Kugel zerſchmettert worden; man mußte ihm beide abnehmen. Die Frau pflegte Alain, wachte über ihn mit 227 der Aufopférung einer barmherzigen Schweſter; ihr gutes Werk knüpfte ſie, wie dieß beinahe immer geht, an den, welcher deſſen Gegenſtand geweſen, und als Alain wiederhergeſtellt war, bot die Frau dem armen Invaliden zu ſeinem großen Erſtaunen Herz und Hand an. Es braucht nicht geſagt zu werden, daß dieß Alain annahm. So wurde Alain zur Verwunderung der ganzen Gegend einer der kleinen Grundeigenthümer des Bezirks. Aber ach! Alains Glück war nicht von langer Dauer; ſeine Frau ſtarb nach einem Jahr; in einem Teſtament, das ſie zu machen die Vorſicht gehabt hatte, hinterließ ſie ihm ihr ganzes Vermögen, aber die geſetzlichen Erben von Frau Alain griffen das Teſtament wegen eines Formfehlers an, und da ihnen der Gerichtshof von Nantes in der Sache Recht gab, ſo fand ſich der arme Ausreißer wieder als einen eben ſolchen Schmalhans wie zuvor. Wir irren uns: Schmalhans hatte wenigſtens zwei Beine. Mit Rückſicht auf die kurze Zeit, die Alains Wohl⸗ ſtand dauerte, geſchah es, daß die Einwohner von Montaigu, die, wie man ſich wohl denken kann, ihn mit Neid nicht verſchont hatten und ſich nun über das Unglück freuten, das ſo plötzlich auf ſein un⸗ glaubliches Glück gefolgt war, ſeinem Namen Alain noch witziger Weiſe den Spottnamen Courtejoie*) beifügten. *) Kurze Freude. 15*½ —— 228 Nun huldigten die Erben, welche die Nichtigkeits⸗ W erklärung des Teſtaments betrieben hatten, liberalen wo Anſichten; Alain konnte alſo nichts Geringeres thun, als auf die ganze Partei den Zorn üͤbertragen, ſch welchen der Verluſt ſeines Prozeſſes in ihm erregte. H˙ Das that er auch wirklich und gewiſſenhaft. die Verbittert durch ſeine Gebrechlichkeit, noch mehr Be gereizt durch das, was ihm als eine ſchreckliche Uun- ger gerechtigkeit erſchien, warf Alain Courtejoie auf alle die, welchen er ſein Unglück ſchuld gab, Gegner, we Richter und Patrioten einen wilden Haß, welcher mae von den Ereigniſſen genährt wurde und nur auf wr einen günſtigen Augenblick wartete, um ſich in in Thaten umzuwandeln, die ſein düſterer und rach⸗ gle ſüchtiger Charakter furchtbar zu machen drohte. be Bei ſeiner doppelten Gebrechlichkeit war es für V Alain unmöglich, daran zu denken, ſeine alten Feld⸗ die arbeiten wieder aufzunehmen und Pächter zu werden, zig wie es ſein Vater und Großvater geweſen waren. I die Mit den Trümmern ſeines vergänglichen Wohle ſtandes nahm alſo Alain ſeine Wohnung mitten die unter denen, welche er haßte, in Montaigu ſelbſt, ſo und in der Schenke, wo wir ihn achtzehn Jahre nach 4 li den eben erzählten Ereigniſſen wieder finden. Die royaliſtiſche Partei hatte im Jahre 1832 be keinen ergebeneren, enthuſiaſtiſcheren Anhänger und Se Diener, als Alain Courtejoie. un Dieſer Partei dienen, war das am Ende nicht ſar eine perſönliche Rache, die er vollzog? Ungeachtet ſeiner beiden hölzernen Beine war ga alſo Alain Courtejoie das thätigſte und verſtändigſte B Werkzeug für die ſich vorbereitende Bewegung ge⸗ worden. Als eine mitten in das feindliche Lager vorge⸗ ſchobene Wache, unterrichtete Alain Courtejoie die Häupter, der Vendée von allen Rüſtungen, welche die Regierung zu ihrem Schutze nicht allein in dem Bezirk von Montaigu, ſondern auch in den umlie⸗ genden traf.— Die nomadiſchen Bettler, jene Eintagsgäſte, welchen Niemand einen Werth beilegt, gegen welche man nie Mißtrauen hegt, waren in ſeiner Hand wunderbare Hülfstruppen, welche er auf zehn Meilen in der Ronde ausgreifen ließ; ſie dienten ihm zu⸗ gleich als Spione und Unterhändler mit den Land⸗ bewohnern. Seine Schenke war alſo das natürliche Stell⸗ dichein für alle, die man Chouans nannte, das ein⸗ zige, wo ſie ſich nicht gezwungen glauben durften, die Ausbrüche ihres Royalismus zu unterdrücken. Am Markttage von Montaigu ſchien anfänglich die Schenke von Alain Courtejoie von Gäſten nicht ſo beſucht, wie man mit Rückſicht auf den beträcht⸗ lichen Zulauf der Landleute hätte erwarten können. Im erſten der beiden Gemächer, woraus dieſelbe beſtand, einem düſtern, ſchwarzen Raume, mit einem Schenktiſch von kaum gehobeltem Holz, einigen Bänken und Schemeln ſaßen höchſtens zehn Bauern bei⸗ ſammen. An der Sauberkeit, wir möchten faſt ſagen Ele⸗ ganz ihres Coſtüms war leicht zu ſehen, daß dieſe Bunbe der wohlhabenden Claſſe der Pächter ange⸗ örten. 230 Dieſes erſte Gemach war von dem zweiten durch einen großen Glasverſchlag mit kattunenen roth⸗ und blaukarrirten Vorhängen getrennt. Das zweite Gemach diente zugleich als Küche, Speiſeſaal, Schlafzimmer, Privatkabinet Alain Cour⸗ tejoies und wurde bei wichtigen Veranlaſſungen ſelbſt zu einem Anhängſel des gemeinſchaftlichen Wirthszimmers; man empfing daſelbſt die Freunde. Die Meublirung dieſes Gemachs hatte Bezug auf ſeine dreifache Beſtimmung. Im Hintergrund befand ſich ein ſehr niedriges Bett mit Himmel und Vorhängen von grüner Sarſche; es war offenbar dasjenige des Hauseigen⸗ thümers. Dieſes Bett war von zwei ungeheuren Fäſſern flankirt, aus welchen man für die Gäſte den Cider und Branntwein abließ. Rechts beim Eingang befand ſich das Kamin, groß und hoch, wie die Kamine in Strohhütten ſind. Mitten im Zimmer ein eichener Tiſch, von einer doppelten Holzbank umgeben; gegenüber vom Kamin ein Anrichteſchrank mit Tellern und zinnernen Kannen. Ein Crucifix mit einem geweihten Buchszweig darüber, einige Wachsfigürchen andächtiger Art, grob illuminirte Bilder machten den ganzen Schmuck des Gemachs aus. Am Markttage von Montaigu hatte Alain Cour⸗ tejoie zahlreichen Freunden ſein Allerheiligſtes, wofür es wohl gelten konnte, geöffnet. Wenn in dem Wirthszimmer ſich nicht mehr als zehn bis zwölf Gäſte fanden, konnte man in ſeinem Hintergemach mehr als zwanzig Perſonen zählen. ————— 3 231 irch Zwei oder drei leerten große in einem Winkel und aufgehäufte Säcke, zogen Brotkuchen von runder 4 Geſtalt heraus, zählten, legten ſie in Körbe und ch, übergaben dieſe Körbe bald Bettlern, bald Weibern, zur⸗ die an einer neben den Fäſſern in einer Ecke des gen Zimmers befindlichen Thüre erſchienen. hen Dieſe Thüre führte auf einen kleinen Hof, der ade. ſelbſt nach dem obenerwähnten Gäßchen ſich öffnete. zug Alain Courtejoie ſaß auf einer Art von höl⸗ zernem Seſſel, unter dem Kaminmantel. An ſeiner ges Seite befand ſich ein Mann mit einem Kittel von iner Ziegenfell bekleidet, eine ſchwarzwollene Mütze auf gen⸗ dem Haupte, in welchem wir unſern alten Bekann⸗ ten, Jean Oullier, mit ſeinem, ihm zwiſchen den ern Beinen gelagerten Hund, wieder finden. ider Hinter ihnen war Courtejoie's Nichte, eine junge . ſchöne Bäuerin, die er zu ſich genommen hatte, um nin, ſich mit den thätigen Sorgen der Haushaltung zu ind. befaſſen, am Feuer beſchäftigt und wachte über ei⸗ iner nem Dutzend brauner Taſſen, in welchen bei der min Hitze des Herdes das, was die Bauern geröſtete ien. Ciderſchnitten nennen, gelinde protzelte. veig Alain Courtejoie ſprach ſehr lebhaft, wiewohl rob leiſe mit Jean Oullier, als ein leichtes Pfeifen, den des Alarm⸗ oder Signalruf des Rebhuhns nachahmend, aus dem Schenkzimmer ertönte. ur⸗„Wer kommt uns da?“ rief Courtejoie, indem cfür er ſich vorneigte, um durch eine Schießſcharte, die er ſich in den Vorhängen eingerichtet hatte, zu als ſchauen.„Der Mann von La Logerie, Achtung!“ nem Ehe dieſe Aufforderung an die gelangt war, wel⸗ n. 232. chen ſie galt, war Alles in Courtejoie's Zimmer zur Ordnung zurückgekehrt. Die kleine Thüre hatte ſich ſachte geſchloſſen; die Frauen, die Bettler waren verſchwunden. Die Leute, welche die Brotkuchen zählten, hat⸗ ten ihre Säcke verſchloſſen und umgelegt, ſich nie⸗ dergeſetzt und rauchten ihre Pfeifen in nachläſſiger Haltung. Trinker, alle waren ſtill geworden, und drei oder vier auf dem Tiſch wie durch Zauber eingeſchlafen. Jean Oullier hatte ſich nach dem Herde zu ge⸗ dreht, um ſo ſeine Züge vor der erſten Beobach⸗ tung derer, die eintreten könnten, zu verbergen. XVIII. Der Mann von La Logerie. Courtin, denn er war es, den Courtejoie mit dem Namen: der Mann von La Logerie bezeichnet hatte, Courtin war wirklich in das vordere Gemach der Schenke eingetreten. Mit Ausnahme des kleinen Alarmrufes, der ſo gut nachgeahmt wurde, daß man ihn wirklich für den Laut eines zahmen Rebhuhns hätte nehmen können, und zur Warnung vor ſeiner Ankunft ge⸗ dient hatte, ſchien ſeine Gegenwart in dem Schenk⸗ zimmer keine weitere Senſation hervorzubringen; die Trinker fuhren fort zu ſchwatzen, nur daß ihr Geſpräch, ſo ernſt zuvor, ſeit Courtin's Erſcheinen ſehr heiter und lärmend geworden war. Er ſchaute um ſich, ſchien in dem vordern Zim⸗ . 233 mer das Geſicht, das er ſuchte, nicht zu finden, öff⸗ nete dann entſchloſſen den Glasverſchlag und zeigte ſein Dachmardergeſicht auf der Schwelle des zweiten Gemachs. Auch hier hatte Niemand das Ausſehen, als ob er ihn beachtete. Nur Marie⸗Jeanne, die Nichte Alain Courte⸗ joie’s, die Kunden zu bedienen beſchäftigt, unter⸗ brach die Sorgfalt, womit ſie die Cidertaſſen über⸗ wachte, erhob ſich und fragte Courtin, wie ſie es bei einem der gewöhnlichen Gäſte in ihres Oheims Wirthſchaft gethan hätte: „Womit kann man Ihnen aufwarten, Herr Courtin?“ „Kaffé,“ antwortete Courtin, indem er der Reihe nach die Geſichter, welche die Bänke und alle Ecken des Zimmers einnahmen, anſchaute. „Gut, ſetzen Sie ſich,“ antwortete Marie⸗Jeanne, „ich will Ihnen denſelben ſogleich an Ihren Platz bringen.“ „O, es iſt nicht der Mühe werth,“ antwortete Courtin gutmüthig,„gebt mir ihn lieber gleich hier, ich will ihn bei den Freunden in der Ecke am Feuer trinken.“ Niemand ſchien an der Qualiſication, welche ſich Courtin beilegte, oder vielmehr an der, welche Cour⸗ tin den Anweſenden beilegte, Anſtoß zu nehmen, aber Niemand rückte auch von der Stelle, um ihm Platz zu machen. Courtin war alſo genöthigt, einen neuen Schritt vorwärts zu thun. 234 „Es geht Euch gut, Alain, mein Junge?“ fragte er, ſich an den Schenkwirth wendend. „Wie Ihr ſeht,“ antwortete dieſer, ohne nur den Kopf ſeinerſeits zu drehen. Courtin konnte leicht bemerken, daß er von der Geſellſchaft nicht mit beſonderem Wohlwollen auf⸗ genommen wurde, aber er war nicht der Mann, um ſich durch eine ſolche Kleinigkeit außer Faſſung bringen zu laſſen. „Nun, Marie⸗Jeanne,“ ſagte er,„gib mir einen Schemel, daß ich mich zu Deinem Oheim ſetze.“ „Es iſt keiner da, Meiſter Courtin,“ antwortete das Mädchen,„Ihr habt, Gott ſei Dank, ziemlich gute Augen, um das zu ſehen.“ „Nun, ſo ſoll mir Dein Oheim den ſeinigen ge⸗ ben,“ fuhr Courtin mit kecker Vertraulichkeit fort, obgleich er im Grunde durch die Haltung des Fbrateeths und ſeiner Gäſte ſich wenig ermuntert ühlte. „Wenn es abſolut ſein muß,“ brummte Alain Courtejoie,„ſo wird man Dir ihn geben, zumal man der Herr des Hauſes iſt und nicht geſagt werden ſoll, daß im„Stechpalmenzweig“ Einem, der ſich niederlaſſen wollte, ein Sitz verweigert worden ſei.“ „So gib mir ihn alſo, Deinen Sitz, wie Du ſagſt, ſchöner Redner, denn ich bemerke hier den⸗ jenigen, welchen ich ſuche.“ „Wen ſuchſt Du denn?“ fragte Alain, indem er aufſtand und ſich in demſelben Augenblick zwan⸗ zig Schemel angeboten ſah. „Ich ſuche Jean Oullier,“ antwortete Courtin, „und ich denke, da iſt er.“ 23⁵ Als Jean Oullier ſeinen Namen ausſprechen hörte, erhob er ſich und fragte Courtin beinahe in drohendem Ton: „Laßt ſehen, was wollt Ihr von mir?“ „Ei, ei, man braucht mich darum nicht zu freſ⸗ ſen,“ antwortete der Maire von La Logerie,„was ich Euch zu ſagen habe, iſt für Euch wichtiger als für mich.“ „Meiſter Courtin,“ antwortete Jean Oullier mit ernſter Stimme,„wiewohl Ihr es eben geſagt habt, ſind wir doch keine Freunde; es fehlt ſelbſt an Allem und Jedem, Ihr wißt es zu wohl, um nur zu glauben, daß Ihr mit guten Abſichten in unſere Mitte gekommen ſeid.“ „Nun, darin täuſcht Ihr Euch, Oullier, mein Junge.“ „Meiſter Courtin,“ fuhr Jean Oullier fort, ohne auf die Zeichen zu achten, wodurch Alain Courtejoie ihn zur Vorſicht ermahnen wollte,„Meiſter Courtin, ſeit wir uns kennen, ſeid Ihr blau geweſen, habt Ihr ſchlechtes Gut erkauft.“ „Schlechtes Gut?“ fiel der Pächter mit ſeinem ſchlauen Lächeln ein. „O, ich weiß wohl, was ich ſagen will, und Ihr verſteht mich ebenſo gut; ich meine Gut, das aus ſchlechter Quelle kam. Ihr habt mit den Lümmeln in den Städten einen Bund gemacht; Ihr habt die Leute von den Flecken und Dörfern verfolgt, die, welche ihre Treue Gott und dem König bewahrt haben. Was kann alſo heute für eine Gemeinſchaft beſtehen zwiſchen Euch, der dieß gethan, und mir, der das Gegentheil gethan hat?“ 236 „Nein,“ erwiderte Courtin,„nein, Oullier, ich bin nicht in Eurem Waſſer gefahren, das iſt wahr; aber wenn ich auch einer andern Partei, als Ihr, angehöre, muß man unter Nachbarn doch nicht den Tod von einander wollen. Ich habe Euch alſo auf⸗ geſucht und bin hieher gekommen, Euch einen Dienſt zu leiſten, ich ſchwöre es.“ „Ich bedarf Eures Dienſtes nicht, Meiſter Cour⸗ tin,“ antwortete Jean Oullier geringſchätzig. „Und warum nicht?“ fragte der Pächter. „Weil ich überzeugt bin, Eure Dienſte würden einen Verrath koſten.“ „Ihr weigert Euch alſo, mich zu hören?“ „Ich weigere mich,“ antwortete der Wildmeiſter in brutalem Tone. „Und Du haſt Unrecht,“ bemerkte mit halber Stimme der Schenkwirth, welchem die offene und ehrliche Grobheit ſeines Genoſſen als ein falſches Manöver vorkam. „Nun wohl,“ entgegnete langſam Courtin,„wenn den Bewohnern von Schloß Souday ein Unglück widerfährt, ſo klage nur Dich an, Oullier.“ Es lag offenbar eine vielſagende Abſicht in der Art und Weiſe, wie Courtin das Wort„Bewohner“ ausgeſprochen hatte. Unter der Zahl der Bewoh⸗ ner waren gewiß die Gäſte mitbegriffen. Jean Oul⸗ lier konnte ſich in dieſer Abſicht nicht täuſchen, und keo ſeiner gewöhnlichen Seelenſtärke wurde er ſehr laß.. Er bedauerte ſo weit gegangen zu ſein, aber es war gefährlich, von ſeiner erſten Entſchließung ab⸗ zugehen. Hegte Courtin Verdacht, ſo mußte dieſes Zurück⸗ hufen denſelben nur beſtärken. Oullier beſtrebte ſich alſo, ſeine Aufregung zu bemeiſtern und ſetzte ſich wieder, Courtin den Rücken drehend, mit der gleichgültigſten Miene von der Welt nieder. Seine Haltung war ſo ungezwungen, daß Cour⸗ tin trotz ſeiner Feinheit ſich dadurch fangen ließ. Er entfernte ſich alſo nicht mit der Eilfertigkeit, welche natürlicher Weiſe ſeiner Antwort hätte fol⸗ gen ſollen: er ſuchte lange in ſeiner ledernen Börſe nach der kleinen Münze herum, womit er ſeinen Kaffé bezahlen mußte. Alain Courtejoie verſtand dieſe Zögerung und benutzte den Augenblick, um das Wort zu nehmen. „Jean,“ ſprach er, mit einer vollkommenen Gut⸗ müthigkeit ſich an Qullier wendend,„Jean, es iſt lange her, daß wir Freunde ſind und denſelben Weg mit einander gehen, hoffe ich, und die zwei hölzer⸗ nen Beine da mögen zum Beweiſe dienen; nun, ich ſcheue mich nicht, Dir vor Herr Courtin zu ſagen, daß Du Unrecht haſt. Merke Dir, ſo lange eine Hand geſchloſſen iſt, kann nur ein Narr ſagen: ich weiß, was ſie enthält. Gewiß, Herr Courtin,“ fuhr Alain Courtejoie, auf den Titel, welchen er dem Maire von La Logerie gab, ein Gewicht legend, fort,„gewiß, Herr Courtin iſt keiner der Unſrigen geweſen, aber er iſt ebenſo wenig gegen uns gewe⸗ ſen: er iſt für ſich geblieben, das iſt alles, was man ihm vorwerfen kann. Aber heutzutage, wo die Händel todt ſind, heutzutage, wo es weder Blaue noch Chouans mehr gibt, heutzutage, da wir, Gott 238 ſei Dank, im Frieden leben, was liegt Dir an der Farbe ſeiner Kokarde; und meiner Treu, wenn Herr Courtin, wie er ſagt, Dir Gutes mitzutheilen hat, warum es nicht anhören, dieſes Gute?“ Jean Oullier zuckte mit einer Miene der Unge⸗ duld die Achſeln. „Alter Fuchs,“ dachte Courtin, zu gut von dem, was vorging, unterrichtet, um ſich durch die Blumen friedlicher Rhetorik täuſchen zu laſſen, womit Alain Wurtivie ſeinen Vortrag auszuſchmücken zweckmäßig and. Dann mit lauter Stimme: „Um ſo mehr, da die Politik mit dem, worüber ich ihn unterhalten wollte, nichts zu thun hat.“ „Da, ſiehſt Du wohl,“ erwiderte Courtejoie,“ nichts hindert Dich, mit dem Herrn Maire zu plau⸗ dern. Geh, geh, mach ihm Platz an Deiner Seite, und ſchwazt dann ganz nach Eurer Bequemlichkeit.“ Dieß Alles beſtimmte Jean Oullier durchaus nicht, Courtin ein beſſeres Geſicht zu machen, oder ſich nur umzudrehen. Das Einzige war, daß er nicht aufſtand, was ſich befürchten ließ, als er merkte, daß der Pächter neben ihm Platz nahm. „Oullier,“ begann Courtin wie zur Einleitung, „mir dünkt, wenn wir eine Flaſche zuſammen trän⸗ ken, könnte dieß dazu dienen, daß meine Worte Wurzel ſchlagen.“ „Wie es Euch beliebt,“ antwortete Jean Oullier, der zwar einen tiefen Widerwillen empfand, mit Courtin zu trinken, aber es gleichwohl als ein Opfer 239 betrachtete, das er nothwendiger Weiſe der Sache, der er ſich geweiht hatte, bringen mußte. „Habt Ihr Wein?“ fragte Courtin Marie⸗Jeanne. „Ei ja wohl,“ antwortete dieſe,„ob wir Wein haben? eine ſchöne Frage.“ „Aber guten, ich will ſagen verſiegelten Wein.“ „Verſiegelten Wein? man hat,“ erwiderte Marie⸗ Jeanne mit einer Bewegung des Stolzes,„nur koſtet die Flaſche vierzig Sous.“. „Bah!“ entgegnete Alain, der ſich auf die an⸗ dere Seite des Kamins geſetzt hatte, um wo mög⸗ lich im Vorbeigehen einige Worte von der vertrau⸗ lichen Mittheilung, welche Courtin dem Wildhüter machen wollte, aufzufangen,„der Herr Maire iſt ein Mann, Kleine, der Etwas hat, und vierzig Sous werden ihn nicht hindern, ſeine Gülte an die Frau Baronin Michel zu bezahlen.“ Courtin bereute, ſo weit gegangen zu ſein. Wenn unglücklicher Weiſe wieder Zeiten, wie die des großen Kriegs kommen ſollten, war es vielleicht gefährlich, für allzureich zu gelten. „Etwas,“ erwiderte er,„Etwas! Wie kommt Ihr darauf, Alain. Ja, gewiß, ich habe Etwas, um meinen Pacht zu zahlen; aber iſt dieſer bezahlt, ſo ſchätze ich mich, glaubt mir, nur zu glücklich, wenn ich von einem Ende des Jahrs zum andern ausreiche. Da habt Ihr meinen Reichthum.“ „Ob Ihr reich oder arm ſeid, das geht uns nichts an,“ antwortete Jean Oullier.„Sehen wir, was Ihr mir zu ſagen habt, und laßt uns eilen.“ Courtin nahm die Flaſche, welche ihm Marie⸗ Jeanne überreichte, wiſchte ſorgfältig den Hals der⸗ 240 ſelben mit ſeinem Aermel ab, goß einige Tropfen Wein in ſein Glas, füllte das von Jean Oullier, dann ſein eigenes, trank und ſagte, langſam deſſen Inhalt koſtend und mit der Zunge ſchnalzend: „Die ſind nicht zu beklagen, welche täglich der⸗ gleichen trinken.“ „Beſonders wenn ſie mit ruhigem, gutem Ge⸗ wiſſen trinken,“ antwortete Jean Oullier,„denn das macht meiner Anſicht nach den Wein gut.“ „Jean Oullier,“ erwiderte Courtin, ohne bei der philoſophiſchen Reflexion ſeines Gegenredners zu verweilen, indem er ſich ſo weit über den Herd beugte, um nur von dem verſtanden zu werden, an welchen er ſich wandte,„Jean Oullier, Ihr bewahrt einen Groll gegen mich und Ihr habt Unrecht, auf Ehre, ſage ich Euch.“ „Beweist es, und ich werde Euch glauben, dießs † iſt das Vertrauen, welches ich auf Euch ſetze.“ „Ich will Euch alſo ſagen, mein Junge, daß der Herr Marquis ein Mann iſt, den ich verehren, und daß es mir leid, ſehr leid thut, ihn, der einſt an der Spitze der Provinz ſtand, von einem Hau⸗- fen Neureicher niedergetreten zu ſehen.“ „Wenn er mit ſeinem Loos zufrieden iſt, was geht es Euch an?“ antwortete Jean Oullier,„Ihr habt ihn nicht klagen hören und er hat gewiß nicht Geld von Euch zu borgen begehrt?“ „ Was würdet Ihr von einem Mann ſagen, derer Euch vorſchlüge, Schloß Souday, all das Vermögen, all den Reichthum, der daraus verſchwunden iſt, zurückzugeben? Laßt einmal ſehen,“ fuhr Courtin fort, ohne ſich bei den harten Worten ſeines Gegen⸗ 241 rebners aufzuhalten,„denkt Ihr, dieſer Mann wäre Euer Feind, und ſcheint es Euch nicht, der Herr Marquis wäre ihm einen ſtolzen Dank ſchuldig? Da, antwortet glatt heraus, wie man mit Euch redet.“ „Sicherlich, wenn der Mann, von dem Ihr redet, dieß mit ehrlichen Mitteln bewirken wollte; aber ich zweifle daran.“ „Ehrliche Mittel! würde man ſich unterſtehen, Euch andere vorzuſchlagen, Jean Oullier? Hört, mein Junge, ich bin gerade wie eine Binſe und mache keine Winkelzüge; ich kann bewirken, ich, der ich mit Euch rede, daß die Tauſend und die Hun⸗ dert auf Schloß Souday gemeiner werden, als es degenwättig, die Fünffranken⸗Thaler daſelbſt ſind. ur...... „Nur? was? laßt ſehen. Ah! hier iſt es, wo der Schuh Euch drückt, nicht wahr?“ „Nur, wahrhaftig, müßte ich auch meinen Vor⸗ theil dabei finden.“ „Wenn die Sache gut iſt, wäre das gerecht und Ihr ſolltet Euren Theil daran haben.“ „Nicht wahr? Uud was ich dafür begehre, daß ich das Rad vorwärts ſchiebe, iſt ſehr wenig.“ „Aber noch einmal, was begehrt Ihr?“ erwi⸗ derte Jean Oullier, der jetzt ſeinerſeits ſehr neugie⸗ rig wurde, Courtin's Gedanken zu erfahren. „Ahl mein Gott! das iſt ſo einfach wie Guten Morgen! ich wünſchte vorerſt, das verſtändigte ſich dahin, daß ich nicht mehr meinen Pacht erneuern, noch die Zinſen für die Meierei zu bezahlen hätte, in deren Beſitz ich noch auf zwölf Jahre bin.“ Dumas, Wölfinnen von Machecoul. I. 16 242 „Das heißt, daß man ſie Euch zum Geſchenk machte.“ „Wenn der Herr Marquis das wollte, würde ich es nicht ausſchlagen, verſteht Ihr. Ich bin mir ſelbſt nicht ſo ſehr Feind.“ „Aber wie ließe ſich das abmachen? Eure Meierei gehört dem jungen Michel oder ſeiner Mutter, und ich habe nicht ſagen hören, daß ſie dieſelbe verkaufen wollen. Wie könnte man Euch etwas geben, was nicht uns gehört?“ „Gut!“ fuhr Courtin fort,„aber ließe ich mich in die Affaire ein, welche ich Euch vorſchlage, würde dieſe Meierei vielleicht bald Euch gehören, oder un⸗ gefähr ſo, und dann ginge es leicht, was ſagt Ihr dazu?“ „Ich ſage, daß ich Euch nicht verſtehe, Meiſter Courtin.“— „Hans Narr! Nun wahrhaftig, unſer junger Herr iſt eine gute Partie. Wißt Ihr, daß außer La Logerie noch la Coudraie, und dazu die Müh⸗ len von la Ferronerie und die Waldungen von Gervaiſe da ſind und daß dieß Alles ein Jahr ins andere gerechnet gut achttauſend Piſtolen*) gibt; wißt Ihr, daß die alte Baronin ihm noch eben ſo viel, verſteht ſich, nach ihrem Tode hinterläßt?“ „Aber was hat der junge Michel,“ fragte Oul⸗ lier,„mit dem Herrn Marquis von Souday gemein, und in wiefern kann das Vermögen Eures Herrn den meinigen intereſſiren?“ 4 „Wohlan, laßt ſehen, ſpielen wir offenes Spiel, *) Zu zehn Franks. —,— — 243 mein guter Oullier. Pardieu! es hat Euch nicht entgehen können, daß unſer Herr in eine Eurer Fräulein verliebt und noch dazu mächtig verliebt iſt; in welche, das weiß ich nicht; aber der Herr Marquis darf nur ein Wort ſagen, mir nur ein paar Zeilen in Betreff der Meierei geben, ſind ſie einmal verheirathet, ſo wird das Mädchen, es ſind ſchlaue Hexen, ihren Mann nach Gefallen leiten und von ihm Alles, was ſie will, erhalten; dieſer wird nicht daran denken, ihr einige elende Hufen Landes abzuſchlagen, beſonders wenn es ſich davon handelt, ſie einem Mann zu ſchenken, gegen den er ſeinerſeits ſich zum größten Dank verpflichtet fühlen wird; dann ſchließe ich meinen und Euren Handel ab; wir haben nur ein Hinderniß, ſeht Ihr, das iſt die Mutter; wohlan, ich nehme es auf mich, die⸗ ſes Hinderniß zu heben,“ ſetzte Courtin hinzu, ſich über Jean Oullier hinbeugend. Dieſer gab keine Antwort; aber er betrachtete ſeinen Gegenredner feſten Blicks. „Ja,“ fuhr der Maire von La Logerie fort, „wenn wir alle es wollen, wird die Frau Baronin uns nichts abſchlagen können. Siehſt Du, Oullier,“ ſetzte Courtin hinzu, indem er dieſem freundſchaftlich auf die Beine klopfte,„ich weiß genug auf Rech⸗ nung des verſtorbenen Herrn Michel.“ „Aber, was braucht Ihr dann uns dazu? was hindert Euch, von ihr, und ſogleich das zu begeh⸗ ren, wornach Euer Streben geht?“ „Was mich hindert, iſt, daß ich der Ausſage eines Knaben, der, während er ſeine Schafe hütete, den Handel hat abſchließen hören, das eugniß 244 deſſen beifügen könnte, der im Walde von la Cha⸗ bottiere den Blutpreis hat in Empfang nehmen ſehen; und dieſes Zeugniß, Du weißt wohl, wer es ablegen kann, Du ſelbſt, Oullier. Am Tage, da wir gemeinſchaftliche Sache mit einander machen, wird die Baronin geſchmeidig werden, wie eine Hand voll Flachs; die Furcht vor öffentlicher Be⸗ ſchimpfung, das Geſchwätz der Gegend wird ſie vollkommen willfährig machen. Sie wird, Alles wohl überlegt, ſinden, daß Mademoiſelle de Souday, ſo arm ſie ſein mag, wohl den Sohn eines Baron Michel werth iſt, deſſen Großvater ein Bauer gleich uns war, und deſſen Vater.... doch genug, Euer Fräulein wird reich, Euer junger Herr wird glück⸗ lich, mich wird es freuen. Was läßt ſich gegen dieſes Alles einwenden? Ohne zu rechnen, daß wir Freunde ſein werden, Oullier, mein Junge, und ohne mich zu rühmen, wäͤhrend ich um Eure Freundſchaft mich bewerbe, hat auch die meinige ihren Preis.“ „Eure Freundſchaft....“ erwiderte Jean Oul⸗ lier, den es Mühe koſtete, den Unwillen zu unter⸗ drücken, welchen der von Courtin eben gemachte Vorſchlag in ihm erregte. „Ja, meine Freundſchaft,“ ſagte dieſer,„Du haſt gut den Kopf ſchütteln, es iſt doch ſo. Ich habe Dir geſagt, daß ich mehr als ein Anderer über das Leben des verſtorbenen Herrn Michel weiß; ich hätte noch hinzuſetzen können, daß ich mehr als ein Anderer über ſeinen Tod weiß; ich war einer der Treiber bei dem Jagen, wo er getödtet wurde und mein Platz in der Reihe brachté mich gerade ſeinem Stand gegenüber... Ich war ſehl jung — 245 und hatte ſchon damals die Gewohnheit, welche Gott mir erhalten möge, nur zu ſchwatzen, wenn mein Intereſſe es zu thun gebot. Jetz, rechneſt Du die Dienſte für nichts, welche Deine Partei von mir erwarten könnte, wenn mein Intereſſe mich an Euren Bord brächte? 2, „Meiſter Courtin,“ antwortete Jean Dullier, die Stirne runzelnd,„ich habe keinen Einfluß auf die Entſchlüſſe des Herrn Marquis von Souday, aber hätte ich ihn, ſo klein er auch ſein möchte, ſo würde jene Meierei nie an die Familie gelangen, und geſchähe dieß auch, nie dazu dienen, den Ver⸗ rath zu bezahlen.“ „Große Worte, das iſt Alles!“ bemerkte Courtin. „Nein, ſo arm die Fräulein von Souday ſind, ſo möchte ich doch für ſie niemals den jungen Mann, von dem Ihr redet; ſo reich dieſer junge Mann ſein mag und trüge er auch einen andern Namen, als den ſeinigen, nie ſollte Mademoiſelle de Souday die Verbindung mit ihm durch eine Niederträchtigkeit erkaufen. 4 „Du nennſt das eine Niederträchtigkeit; ich ſehe darin nichts als ein gutes Geſchäft.“ „Für Euch, möglich; aber für Diejenigen, deren Diener ich bin, hieße eine Verbindung mit Herrn Michel durch einen Accord mit Euch erkaufen noch ſchlimmer als eine Niederträchtigkeit, es wäre eine Infamie.“ „Jean Oullier, nehmt Euch in Acht; ich will ein guter Narr bleiben, ohne mich allzuſehr wegen der Aufſchrift zu beunruhigen, die Du an meine Säcke machſt, ich bin zu Dir mit guten Abſichten gekommen, 246 ſorge dafür, daß mir nicht ſchlechte kommen, wenn ich von hier fortgehe.“ „Ich kümmere mich ebenſo wenig um Eure Dro⸗ hnngen, als um Eure Anträge, Meiſter Courtin, laßt Euch das geſagt ſein; und wenn man es Euch ab⸗ ſolut wiederholen muß, nun gut, ſo ſoll es geſchehen.“ „Noch einmal, Jean Oullier, höre mich an; ich bin Dir entgegengekommen, ich wünſche reich zu ſein; das iſt ſo meine Narrheit, wie es die Deinige iſt, treu zu ſein, gleich einem Hunde gegen Leute, die ſich weniger um Dich kümmern, als Du um Deinen Dachs; ich habe mir eingebildet, ich könnte Deinem Herrn nützlich ſein; ich hatte gehofft, er würde einen ſolchen Dienſt nicht unbelohnt laſſen; das iſt un⸗ möglich, ſagſt Du mir? Reden wir nicht mehr davon; aber wollten die Edeln, denen Du dienſt, ſich erkennt⸗ lich nach meiner Art bezeigen, ich würde ſie lieber verpflichten, als die andern; das wollte ich Dir noch ſagen.“ „Weil Ihr hofftet, die Edeln würden Euch theurer bezahlen, als die Andern, nicht wahr?“ „Ohne Zweifel, mein armer Oullier; ich ſpiele nicht den Stolzen bei Dir; es iſt gerade ſo, wie Du geſagt haſt und wie Du eben bemerkteſt, wenn man es Dir wiederholen muß, wird es geſchehen.“ „Ich diene nicht als Unterhändler bei ſolchen Kaufsgeſchäften, Courtin, nnd überdieß würde der Dank, den ich Euch vorzuſchlagen hätte, ſtände er im Verhältniß zu dem, was ſie von Euch erwarten könnten, ſo geringfügig ſein, daß es nicht der Mühe werth iſt, davon zu reden.“ „O, ol wer weiß,“ erwiderte Courtin.„Du 74 247 haſt nicht vermuthet, mein Junge, daß ich die Ge⸗ ſchichte von Chabottière kenne. Du würdeſt vielleicht ſehr erſtaunen, wenn ich Dir alles ſagte, was ich weiß.“ Jean Oullier fürchtete, Schrecken zu verrathen. „Halt,“ ſprach er zu Courtin,„genug jetzt davon; wollt Ihr Euch verkaufen, ſo wendet Euch an Andere; dergleichen Händel würden mir widerſtreben, ſelbſt wenn ich in der Lage wäre, ſie einzugehen; ſie ſind nicht meine Sache, Gott ſei Dank!“ „Iſt das Dein letztes Wort, Jean Oullier?“ „Mein erſtes und letztes; geht Euren Weg, Meiſter Courtin, und laßt uns auf dem unſrigen.“ „Nun, um ſo ſchlimmer,“ antwortete Courtin aufſtehend;„denn meiner Treu, es hätte mich ſehr ge⸗ freut, mit Euch andern zu gehen.“ Nach dieſen Worten richtete ſich Courtin auf, nickte Jean Oullier mit dem Kopf und ging ab. Kaum war derſelbe über die Thürſchwelle ge⸗ treten, ſo näherte ſich Alain Courtejoie, auf ſeinen zwei hölzernen Beinen trabend, wieder Jean Oullier. „Du haſt eine Dummheit begangen,“ ſprach er mit leiſer Stimme. „Wie ſo?“ „Dieſer Menſch kann Dir Böſes zufügen, ſonſt wäre er nicht mit ſolcher Zuverſicht zu Dir gekommen.“ „Was hätte ich thun ſollen?“ „Ihn zu Louis Renaud oder zu Gaspard führen, ſie hätten ihn erkauft.“— 1 60 Uebel iſt geſchehen; was räthſt Du mir jetz 2⸗ „Ihm zu folgen und ihn zu überwachen.“ 248 Jean Oullier beſann ſich einen Augenblick; dann ſtand auch er auf und ſagte: 5 bed glaube meiner Treu, Du könnteſt Recht aben.“ Und er ging ganz nachdenllich fort. Ende des erſten Theils. MMWUVWM —