☛ ‿ʃ ☛ Leihbibliothek Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die 3 den angenommen... 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet w Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ird. 4. Abonnement. beträgt; für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 4, Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 4„=. 3„„„ 55 Auswörtige Abonnenten haben fuͤr Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 2 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſ auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —* eit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗] deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von d ——— 3 Der Vicomte von Montgommery. Fortſetzung der„beiden Dianen.“ Der Vicomte von Montgommery. Hiſtoriſcher Roman von ALIXANDIR DUMAS. Deutſch von Louis Fort. — e Leipzig, Berger's Buchhandlung. 1849. 1. Der 31. December 1557. Wir überſpringen einen Raum von ſechzig Lieues und eine Zeit von vierzehn Tagen und befinden uns gegen Ende des Monats November 1557 in Calais. Kaum fünfundzwanzig Tage waren ſeit der Abreiſe des Grafen von Ernies verfloſſen, als vor den Thoren der engliſchen Stadt ein von ihm abgeſandter Bote er⸗ ſchien, welcher verlangte, zu dem Gouverneur Lord Went⸗ worth geführt zu werden, dem er das Löſegeld für ſeinen ehemaligen Gefangenen ubergeben ſolle. Der erwähnte Bote ſchien übrigens ziemlich unge⸗ ſchickt und einfältig zu ſein, denn obgleich man ihm genau den Weg gezeigt hatte, ſo ging er doch wohl zwanzig⸗ mal an dem Hauptthore vorüber, ohne hinein zu gehen, klopfte dagegen an eine Menge kleiner Ausfallthore und vernagelte Thüren, und erſt nachdem er über eine Stunde 6 Der Vicomte von Montgommery. lang an den Wällen und in den Straßen umhergeirrt war, erreichte er endlich das Hotel des Gouverneurs. Als er dieſem den Zweck ſeiner Sendung mitgetheilt und einen mit Gold gefüllten Beutel auf den Tiſch ge⸗ legt hatte, fragte ihn der Engländer: „Hat Euch der Graf von Exrnies nichts weiter auf⸗ getragen?“ Peter, ſo hieß der Bote, ſah Lord Wentworth mit einer Miene des Erſtaunens an und erwiederte: „Mein Herr hat mir nichts weiter aufgetragen, als Euch dieſes Löſegeld zu übergeben.“ „So!“ verſetzte der Gouverneur mit geringſchätzigem Lächeln.„Der Herr Graf von Exnies iſt alſo in Paris vernünftiger geworden, wie ich ſehe; das freut mich.“ „Habt Ihr mir nichts für meinen Herrn aufzutra⸗ g gen, Mylord?“ fragte der Bote. „Da der Gaa von Exnies mir nichts zu ſagen hat, ſo habe auch ich ſm nichts zu ſagen,“ verſetzte Lord Wentworth trocken.„Indeß könnt Ihr ihm bemerken, daß ich ihn noch einen Monat lang, bis zum 1. Januar, erwarten und ihm zu Dienſten ſtehen werde, ſowohl als Edelmann, wie auch als Gouverneur von Calais. Er wird wiſſen, was ich damit meine. Hier iſt Euer Em⸗ Der Vicomte von Montgommery. 7 pfangſchein, Freund, und eine kleine Entſchädigung für die Beſchwerden Eurer langen Reiſe.“ „Ich danke, Mylord,“ ſagte Peter.„Würdet Ihr mir wohl noch eine Gnade bewilligen?“ „Laßt hören, was iſt es?“ fragte der Gouverneur. „Außer der Schuld, die ich Euch ſo eben bezahlt habe, hat der Graf von Exnies noch eine andere in Calais, bei einem gewiſſen Peter Peuquoy, bei dem er gewohnt hat. Werdet Ihr mir wohl erlauben, Wylord, daß ich auch zu dieſem gehe, um ihm ſeine Forderung zurückzuerſtatten?“ „Sehr gern,“ entgegnete der Gouverneur;„man wird Euch ſeine Wohnung beſchreiben. Hier iſt Euer Paſſtr⸗ ſchein, damit Ihr ungehindert aus der Stadt könnt. Lebt wohl, Freund, glückliche Reiſe.“— „Lebt wohl, Mylord; nochmals großen Dank.“ Aus dem Hotel des Gouverneurs begab ſich der Bote, nicht ohne ſich auf's neue einige Male zu verirren, nach der Straße Du Nartroi, in der, wie ſich unſere Leſer erinnern werden, der Waffenſchmied Peter Peuquoy wohnte, Da ihn dieſer zuerſt für einen Kunden hielt, ſo empfing er ihn ziemlich gleichgültig, als er ſich jedoch als einen Boten des Grafen von Exnies ankündigte, er⸗ heiterte ſich die Stirn des wackeren Bürgers und er rief aus: — Der Vicomte von Montgommery. „Ihr kommt von dem Grafen von Exnies?“ „Ich überbringe Euch ſeine herzlichen Grüße,“ er⸗ wiederte der Bote,„ſowie dieſe Börſe mit Gold und die Worte: Erinnert Euch des Fünften!“ „Aber wir wohnen unſer Drei in dieſem Hauſe,“ verſetzte der Waffenſchmied;„außer mir iſt noch mein Vetter Jean und meine Schweſter Babette bei mir. Habt Ihr nicht auch fuͤr dieſen einen Auftrag?“ In dieſem Augenblicke trat der Weber Jean Peu⸗ quoh ein und hörte wie der Bote Gabriels antwortete: „Ich hatte nur Euch, Herr Peter Peuquoy, etwas zu ſagen und ich habe meinen Auftrag vollſtändig aus⸗ geführt.“ „Du ſtehſt es, Vetter,“ ſagte Peter dann zu Jean; „der Herr Graf von Ernies überſchickt uns mit Dank das ihm geliehene Geld und läßt uns ſagen: Erinnert Euch... Aber er ſelbſt ſcheint ſich nicht zu erinnern!“ „Ach!“ ſeufzte eine ſchwache und traurige Stimme hinter der Thür. Die, arme Babette hatte alles mit angehört. Jean Peuquoy ließ betrübt den Kopf ſinken, ohne etwas zu erwiedern. Er ſah ein, daß ſein Vetter nur zu ſehr Recht hatte. Der Vicomte von Montgommery. 9 „Wollt Ihr nicht das Geld zählen, Meiſter?“ fragte der Bote. „Dies iſt nicht nöthig,“ antwortete Jean.„Nehmt dies hier für Euch, Freund; auch will ich Euch etwas zu eſſen und zu trinken bringen laſſen.“ „Ich danke Euch für das Geld,“ entgegnete der Bote, obgleich er es nur ungern anzunehmen ſchien. „Eſſen und Trinken aber muß ich ablehnen, denn erſtens habe ich bereits in Nieullay gefrühſtückt, und dann hat mir auch der Gouverneur verboten, mich lange in der Stadt aufzuhalten.“ „In dieſem Falle wollen wir Euch nicht zurückhal⸗ ten,“ erwiederte Jean Peuquoy.„Lebt wohl. Sagt Martin Guerre... Doch nein, ihm haben wir nichts zu ſagen. Nur den Herrn Grafen von Exnies verſichert unſres Dankes, ſo wie daß wir uns des Fünften erin⸗ nern. Aber wir hofften auch, daß er ſich erinnern werde.“ „Gott behüte Euch!“ ſagte Gabriels Bote, indem er aufſtand.„Ich werde meinem Herrn alle Eure Worte getreulich wiederſagen.“ Peter verließ das Haus, ging durch die Straßen der Stadt und erreichte das Thor, das ihm bei Vorzei⸗ gung ſeines Paſſtrſcheines geöffnet wurde. Nachdem er ungefähr eine Stunde auf der Straße nach Paris zurück⸗ 10 Der Vicomte von Montgommery. gelegt hatte, ſetzte er ſich auf einen Raſenhügel und ſchien ſich in Gedanken zu verſenken, wobei ein zufriedenes Lä⸗ cheln um ſeine Lippen ſpielte. „Ja, es ſteht alles klar und deutlich vor meinen Augen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Der Herzog von Guiſe wird zufrieden ſein. Die Erfahrungen auf dieſer Reiſe und die koſtbaren Andeutungen des Gardecapitains Sei⸗ ner Majeſtät werden vollkommen hinreichend ſein, um den lieben Grafen von Exnies nebſt ſeinem Leibknappen zu dem von Lord Wentworth und Peter Peuquoy verlang⸗ ten Rendezvous zu führen. In ſechs Wochen, wenn Gott und Umſtände uns günſtig ſind, werden wir Herren von Calais ſein, oder ich will meinen Namen verlieren.“ Und unſere Leſer werden zugeſtehen, daß dies ſehr Schade ſein würde, wenn ſtie erfahren, daß dieſer Name kein anderer war als der des Marſchalls Peter Strozzi, eines der berühmteſten und geſchickteſten Ingenieure des ſechzehnten Jahrhunderts. Obgleich Diana von Caſtro den Gouverneur Lord Wentworth mit immer zunehmender Kälte behandelte, ſo blieb er dennoch unermüdlich in ſeinen Liebesbewerbungen. Ohne je auf etwas hoffen zu dürfen, verzweifelte er trotzdem nicht. Er wollte ſich gegen Diana wenigſtens als das Muſter eines vollkommenen Edelmannes zeigen, Der Vicomte von Montgommery. 11 weshalb er ſie mit Höflichkeiten und Zuvorkommenheiten im wahren Sinne des Wortes überhäufte. Täglich wie⸗ derholte er ſich, wie viel beſſer es für ſeine Ruhe ſein würde, wenn er das wahrhaft königliche Löſegeld an⸗ nähme, das ihm Heinrich II. hatte anbieten laſſen, und Diana in Freiheit ſetzte. Allein in dieſem Falle übergab er ſie ja zugleich ſeinem glücklichen Nebenbuhler, dem Grafen Exnies, und zur Erfüllung eines ſolchen Opfers fand der Engländer niemals Kraft und Muth genug. Am 31. December 1557 war es Lord Wentworth gelungen, die Erlaubniß zu einem Beſuche in Diana's Zimmern zu erhalten. Sie ſaß in einem Lehnſtuhl am Kamin, er ſtand neben ihr, und ſo ſprachen ſie zuſam⸗ men. Der Gegenſtand ihres Geſprächs war derſelbe wie bei allen vorhergegangenen Unterredungen. „Wenn ich aber endlich,“ ſagte der Gouverneur, „durch Eure Grauſamkeit auf's Aeußerſte gebracht, den⸗ noch vergeſſen ſollte, Madame, daß ich ein Edelmann und Euer Wirth bin...?“ „Dann würdet Ihr Euch ſelbſt, nicht mich entehren, Mylord,“ erwiederte Diana mit Feſtigkeit. „Wir würden Beide entehrt ſein,“ verſetzte Lord Wentworth.„Ihr ſeid in meiner Gewalt! Zu wem könntet Ihr Eure Zuflucht nehmen?“ 12 Der Vicomte von Montgommery. „Ich würde mir das Leben nehmen,“ entgegnete ſie ruhig. „Eure Hartnäckigkeit iſt nicht natürlich, Madame,“ fuhr er kopfſchüttelnd fort.„Ihr würdet gewiß fürchten, mich auf's Aeußerſte zu treiben, wenn Ihr nicht irgend eine wahnſinnige Hoffnung hegtet. Aber von wem könn⸗ tet Ihr wohl jetzt noch Hülfe erwarten?“ „Von Gott, vom Könige...“ antwortete Diana. In dieſen Worten lag eine gewiſſe Zögerung, die Lord Wentworth nur zu wohl verſtand. „Gewiß, ſie denkt an dieſen Exnies!“ ſagte er zu ſich ſelbſt. Er wagte jedoch nicht eine ſo gefährliche Erinnerung in ihr hervorzurufen und begnügte ſich daher mit Bitter⸗ keit zu erwiedern: „Ja, rechnet auf den König! rechnet auf Gott! Aber wenn Gott Euch hätte helfen wollen, Madame, dann, ſcheint mir, würde er Euch am erſten Tage geret⸗ ter haben, und jetzt iſt bereits ein Jahr verfloſſen, ohne daß er Euch hat ſeinen Schutz angedeihen laſſen.“— „Dann hoffe ich alſo für das morgen beginnende neue Jahr,“ entgegnete Diana, indem ſie ihre ſchönen Augen gen Himmel richtete, als wollte ſie Hülfe von ihm erflehen. Der Vicomte von Montgommery. 13 In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thür und ein Soldat trat haſtig in's Zimmer. Lord Wentworth ging ihm entgegen und fragte ihn in gereiztem Tone: „Was giebt es denn, daß man wagt, mich hier zu ſtören?“ „Verzeiht, Mylord,“ antwortete der Soldat;„Lord Derby ſendet mich in größter Eil hierher.“ „Welchen wichtigen Grund hat er dazu? Laßt hören.“ „Lord Derby hat ſo eben die Nachricht erhalten, daß geſtern ungefähr zehn Stunden von Calais eine Avantgarde von zweitauſend franzöſiſchen Büchſenſchützen geſehen worden iſt, und hat mir deshalb befohlen, Euch augenblicklich davon in Kenntniß zu ſetzen, Mylord.“ „Ah!“ rief Diana, die ihre freudige Bewegung nicht zu verbergen ſuchte. Lord Wentworth aber erwiederte dem Soldaten mit der größten Kälte: „Und deswegen habt Ihr die Kuhnheit, mich bis hierher zu verfolgen?“ „Mylord,“ ſtotterte der arme Teufel beſtürzt,„Lord Derby...“ „Lord Derby iſt ein Kurzſichtiger,“ unterbrach ihn der Gouverneur,„der einen Maulwurfshügel für ein Gebirge hält. Geht und ſagt ihm dies.“ 14 Der Vicomte von Montgommery. „Alſo, Mylord,“ verſetzte der Soldat,„auch die Wachtpoſten, welche Lord Derby ſchleunigſt wollte ver⸗ doppeln laſſen... 2“ „Sollen bleiben wie ſie ſind! und man laſſe mich in Ruhe mit ſo lächerlichen Befürchtungen!“ Der Soldat entfernte ſich; aber noch war kaum eine halbe Stunde vergangen, ſo ſtürzte Lord Derby athemlos in's Zimmer und rief: „Mylord, ich ſagte es wohl, es ſind die Franzoſen, und ſie haben es auf Calais abgeſehen!“ „Was fällt Euch ein!“ verſetzte Lord Wentworth, der trotz ſeiner vermeintlichen Sicherheit die Farbe ver⸗ aͤnderte.„Dies iſt unmöglich! Es iſt nichts als blinder Lärm, einfältiges Geſchwätz und eingebildeter Schrecken...“ „O nein, es iſt leider die Wahrheit!“ erwiederte Lord Derby. „Dann ſprecht nicht ſo laut, Derby,“ ſagte der Gouverneur, indem er ſeinem Lieutenant näher trat.„Laßt uns die Sache ruhig betrachten und erzählt mir was geſchehen iſt.“ „Die Franzoſen,“ erwiederte Lord Derby mit leiſer Stimme,„haben unvermuthet das Fort Sainte⸗Agathe angegriffen. Die Beſatzung war auf ihren Empfang nicht vorbereitet und ich fürchte, daß der Feind in dieſem Au⸗ — 5 — 8⸗ Der Vicomte von Montgommery. 15 genblicke dies erſte Bollwerk von Calais ſchon in ſeiner Gewalt haben wird.“ „Dann ſind ſie noch immer weit von uns entfernt,“ entgegnete Lord Wentworth. „Allerdings,“ fuhr Lord Derby fort;„aber ſie haben auch bis zur Brücke von Nieullay kein Hinderniß weiter zu beſtegen, und die Brücke iſt nur noch zwei Stunden von Calais entfernt.“ „Habt Ihr unſern Leuten Verſtärkung geſandt, Derby?“ „Ja, Mylord; aber ſte wird wahrſcheinlich zu ſpät gekommen ſein,“ verſetzte der Lieutenant. „Wer weiß? Wir wollen uns deshalb noch nicht ängſtigen. Ihr werdet auf der Stelle mit mir nach Nieullay gehen. Die Franzoſen ſollen ihre Verwegenheit theuer bezahlen! Wer führt das Commando über ſie?“ „Man weiß es nicht. Wahrſcheinlich der Herzog von Guiſe, oder wenigſtens Herr von Nevers. Der Fähndrich, welcher in geſtrecktem Galopp angekommen iſt, um die unglaubliche Nachricht ihres plötzlichen Erſchei⸗ nens zu überbringen, hat mir nur geſagt, daß er in den erſten Reihen ganz deutlich Euren ehemaligen Gefangenen, den Grafen von Exnies erkannt hat.“ „Verdammt!“ rief der Gouverneur.„Kommt, Derby, kommt ſchnell!“ 16 Der Vicomte von Montgommery. Diana de Caſtro hatte faſt den ganzen Bericht Lord Derby's, obgleich dieſer nur leiſe ſprach, verſtanden. Lord Wentworth verabſchiedete ſich von ihr mit den Worten: „Ihr werdet entſchuldigen, Madame, ich muß Euch verlaſſen. Eine äußerſt wichtige Angelegenheit...4 „Geht, Mylord,“ unterbrach ihn Diana nicht ohne einige Bosheit,„geht und ſucht Eure ſo ſehr gefährdeten Vortheile wieder zu gewinnen. Vor allem aber merkt zweierlei: erſtens, daß die ſtärkſten Illuſtonen diejenigen ſind, welche nicht im entfernteſten zweifeln, und zweitens, daß man ſich ſtets auf das Ehrenwort eines franzöſtſchen Edelmannes verlaſſen kann. Wir haben noch nicht den 1. Januar, Mylord.“ Lord Derby's Vermuthungen waren ziemlich richtig. Es hatte ſich Folgendes zugetragen: Die Truppen des Herrn von Nevers hatten ſich in der Nacht mit denen des Herzogs von Guiſe vereinigt und waren mit Hülfe forcirter Märſche unvermuthet vor dem Fort Sainte⸗Agathe erſchienen. Dreitauſend Büch⸗ ſenſchützen, unterſtützt von fuͤnfundzwanzig bis dreißig Pferden, hatten das Fort in weniger als einer Stunde erobert. Als Lord Wentworth mit Lord Derby im Fort von Der Vicomte von Montgommery. 17 Nieullah ankam, ſah er mit Schrecken, daß ſeine Leute in der Richtung nach dieſem zweiten Bollwerk von Calais flohen, um hier eine Zuflucht zu finden. Wir müſſen jedoch geſtehen, daß der Gouverneur, als der erſte Augenblick der Beſtürzung vorüber war, alle ſeine tapfere Entſchloſſenheit wiedergewann. Er war im Ganzen genommen durchaus kein gewöhnlicher Menſch und ſchöpfte aus dem ſeiner Nation eigenen Stolze eine große Energie. „Es iſt wahrhaftig nicht anders möglich,“ ſagte er zu Lord Derby,„die Franzoſen müſſen toll ſein. Aber wir wollen ihnen ihre Tollheit theuer bezahlen laſſen.“ „Werdet Ihr nicht Verſtärkungen aus England kom⸗ men laſſen?“ fragte Lord Derby. „Wozu?“ erwiederte der Gouverneur ſtolz.„Wenn dieſe Verblendeten in ihrem unſinnigen Vorſatze beharren, ſo werden in Zeit von drei Tagen, während ſte durch Nieullay in Schach gehalten werden, die ſpaniſchen und engliſchen Truppen, welche in Frankreich ſind, von ſelbſt zu unſrer Hülfe herbeieilen. Sollten die hochmüthigen Eroberer ihre Hartnäckigkeit aber auf's Aeußerſte treiben, ſo können wir binnen vierundzwanzig Stunden zehntau⸗ 4 ſend Mann aus Dover zu unſrer Verfügung haben. Bis dahin wollen wir ihnen jedoch durch große Furcht nicht Der Vicomte von Montgommery. 2 Der Vicomte von Montgommery. zu viel Ehre erzeigen. Unſere neunhundert Soldaten und unſere feſten Mauern werden ihnen genug zu ſchaffen machen; ſie werden nicht weiter kommen als bis zur Brücke von Nieullay.“ Deſſenungeachtet befanden ſich die Franzoſen ſchon am folgenden Tage, den 1. Januar 1558, auf der von Lord Wentworth als ihr äußerſtes Ziel bezeichneten Brücke. Sie hatten während der Nacht die Laufgräben geöffnet, und bereits um Mittag hatten ihre Kanonen in das Fort von Nieullay Breſche geſchoſſen. Bei dem furchtbaren und regelmäßigen Donner der beiden gegenſeitigen Batterien ereignete ſich in dem alten Hauſe der Peuquoys eine ernſte und traurige Scene. Babette hatte ihre Thränen und die Urſache derſelben weder ihrem Bruder noch ihrem Vetter lange verheimli⸗ chen können; das arme Maͤdchen ſollte in kurzem Mut⸗ ter werden. Als ſie ihren Fehltritt und die Folgen deſſelben ge⸗ ſtand, hatte ſte Peter und Jean noch nichts davon geſagt, daß ihre Zukunft gänzlich vernichtet und daß Martin Guerre verheirathet ſei. Jetzt aber durfte ſie es nicht länger verſchweigen, und ſie theilte das entſetzliche Ge⸗ heimniß ihrem Bruder und ihrem Vetter unter heißen Thränen mit. Beide waren ebenſo erſtaunt als entrüſtet. Der Vicomte von Montgommery. 19 darüber; Peter wurde ſogar ſo aufgebracht, daß er die Hand gegen ſeine Schweſter erhob, und er würde ſie in der erſten Aufwallung geſchlagen haben, wenn ihn Jean nicht zurückgehalten hätte. Der Wafefenſchmied bereute jedoch ſogleich ſeine Heftigkeit und bat Babetten deshalb um Verzeihung. „Beruhige Dich, Schweſter,“ ſagte er dann zu ihr; 1 o darf ich nicht zürnen, Du haſt nur zu viel ſchon gelitten! Beruhige Dich alſo und laß die Hoffnung nicht ſinken.“ „Was kann ich jetzt noch hoffen?“ entgegnete ſte. „Wiederherſtellung Deiner Ehre allerdings nicht, aber wenigſtens Rache,“ verſetzte Peter mit gerunzelter Stirn. „Und ich,“ flüſterte ihm Jean leiſe zu,„ich ſage Dir: Beides zugleich, Rache und Wiederherſtellung ihrer Ehre.“ Babette ſah ihren Vetter ſtaunend an; aber noch ehe ſie Zeit hatte ihn zu fragen, nahm Peter wieder das Wort: „Noch einmal, meine gute Schweſter, verzeihe mir. Dein Fehltritt wird am Ende deshalb nicht ſtrafwürdiger weil Dich ein ſchändlicher Bube zweifach hintergangen hat. Ich habe Dich lieb, Babette, wie ich Dich ſtets lieb gehabt habe. Aber mein Zorn iſt deshalb noch nicht 2* 20 Der Vicomte von Montgommery. erloſchen,“ fuhr Peter fort,„er iſt nur auf einen Andern übergegangen, und dies iſt, ich wiederhole es, jener ſchändliche Verführer, der abſcheuliche Martin Guerre.“ Zugleich machte der brave Weber ſeinen beiden Ver⸗ wandten auf den furchtbaren Kanonendonner aufmerkſam, der von Minute zu Minute zunahm. „Weißt Du, Jean,“ fragte Peter Peuquoy,„was uns dieſe Kanonade ſagt?“ „Sie ſagt uns, daß der Graf von Exrnies in unſrer Nähe iſt,“ antwortete Jean. „Allerdings, Vetter; aber,“ ſetzte Peter leiſe hinzu, „ſte ſagt uns auch: Erinnert Euch des Fünften!“ „Und wir werden uns erinnern, Peter, nicht wahr?“ Dieſe leiſe geſprochenen Worte beunruhigten Babet⸗ ten, und ſie ſprach halblaut vor ſich hin: „Was haben ſie nur ſo Geheimnißvolles? Wenn Herr von Exnies hier iſt, ſo gebe Gott, daß wenigſtens dieſer Martin Guerre nicht bei ihm iſt!“ „Martin Guerre?“ verſetzte Jean, der ihre Worte verſtanden hatte.„O, Herr von Ernies hat dieſen nichts⸗ würdigen Schurken gewiß mit Schimpf und Schande aus ſeinem Hauſe gejagt, und er wird wohl daran gethan haben, im Intereſſe des Buben ſelbſt, denn wir hätten rer Der Vicomte von Montgommery. 21 ihn bei ſeinem erſten Erſcheinen in Calais zum Zwei⸗ kampf gefordert und ihn umgebracht.“ „Und wenn es nicht in Calais iſt,“ entgegnete Peter, „ſo werde ich ihn jedenfalls in Paris zu finden wiſſen.“ „O!“ rief Babette,„eben dieſe Art der Wiederver⸗ geltung fürchtete ich ſo ſehr! nicht um ſeinetwillen, denn ich liebe ihn nicht mehr, ſondern ich verachte ihn, aber Euretwegen, Peter und Jean, die Ihr mir Beide mit brüderlicher Liebe zugethan ſeid!“ „Alſo, Babette,“ ſagte Jean gerührt,„würdeſt Du im Falle eines Zweikampfes zwiſchen mir und ihm nicht für ihn, ſondern für mich den Sieg erflehen?“ „Ach, dieſe einzige Frage, Jean, iſt die härteſte Strafe fuͤr meinen Fehltritt, die Ihr mir auferlegen konn⸗ tet! Wie könnte ich heute nur einen Augenblick zwiſchen Dir, meinem guten nachſichtigen Vetter, und ihm dem niederträchtigen Verräther ſchwanken?“ „Ich danke Dir,“ erwiederte Jean.„Was Du da ſagſt, Babette, freut mich herzlich, und glaube mir, Gott wird Dich dafür belohnen.“ „Ich bin wenigſtens überzeugt,“ verſetzte Peter,„daß Gott den Verbrecher beſtrafen wird. Aber wir wollen vor der Hand nicht mehr an ihn denken. Wir haben jetzt Wichtigeres zu thun und nur drei Tage Zeit, um — 2 Der Bicomte von Montgommery. 1 unſere Vorbereitungen zu treffen. Ich muß ausgehen, unſere Freunde beſuchen, die Waffen zählen...“ Eine Viertelſtunde ſpäter, während Babette in ihre Kammer gegangen war und dem Himmel dankte, ob⸗ gleich ſie ſelbſt nicht recht wußte, wofür, verließen Peter Peuquoy und ſein Vetter Jean in geſchäftiger Eile ihre Wohnung, um eine Menge wichtiger Beſuche zu machen. 2. Unter dem Zelte. Drei Tage nach dieſer Scene, am Abend des 4. Januars, hatten die Franzoſen trotz der Vorherſagungen Lord Wentworths ſchon bedeutende Fortſchritte gemacht. Sie hatten nicht allein die Brücke von Nieullay, ſondern auch das Fort ſelbſt erſtürmt und es bereits am Morgen in Beſitz genommen. Der Beſitz dieſer Feſtung ſetzte ſte in den Stand jede den Engländern von der Landſeite zukommende Trup⸗ penverſtärkung abzuhalten. „Ich glaube, ich träume!“ rief der hochmüthige Gouverneur von Calais, als er ſeine zerſprengten Trup⸗ pen in wilder Flucht der Stadt zueilen ſah, ungeachtet ſeiner muthigen Anſtrengungen, ſie zurückzuhalten. Die größte Demüthigung für ihn aber war, daß er ſelbſt 24 Der Vicomte von Montgommery. ihnen hatte folgen müſſen, denn es war ja ſeine Pflicht, zuletzt zu ſterben. „Zum Glück,“ ſagte Lord Derby zu ihm, als ſie in Sicherheit waren,„kann ſich Calais und das alte Schloß ſelbſt mit den wenigen Kräften, die uns geblieben ſind, noch zwei bis drei Tage halten, und England iſt nicht weit entfernt.“ Der von Lord Wentworth zuſammenberufene Kriegs⸗ rath erklärte ebenfalls, daß noch nichts verloren ſei. Es ſollte auf der Stelle Nachricht nach Dover geſandt wer⸗ den, ſo daß ſpaͤteſtens am folgenden Tage die nöthigen Verſtärkungen ankommen könnten, und dann war Calais gerettet. Lord Wentworth gab dieſem Ausſpruche ſeine Zu⸗ ſtimmung, und es wurde alsbald ein Schiff an den Gou⸗ verneur von Dover abgeſchickt. Dann trafen die Eng⸗ länder die erforderlichen Maßregeln, um alle ihre Ver⸗ theidigungskräfte in dem alten Schloſſe zu concentriren. Dies war die am leichteſten verwundbare Seite von Ca⸗ lais, denn zur Beſchützung des Forts Risbank waren das Meer, die Dünen und eine kleine Abtheilung der Stadt⸗ wehr mehr als hinreichend. Während ſich die Belagerten mit Ausführung dieſer Maßregeln beſchäftigen, wollen wir uns einen Augenblick Der Vicomte von Montgommery. 25 zu den Belagerern außerhalb der Stadt begeben, haupt⸗ ſächlich um zu ſehen, wie es am Abend des 4. Januar mit dem Grafen von Ernies, Martin Guerre und ihren tapfern Recruten ſteht. Gabriel ſaß mit geſenktem Haupte in einem Winkel ſeines Zeltes und ſchien in tiefes Nachdenken verſunken. Ihm zu Füßen ſaß Martin Guerre, mit einer Arbeit be⸗ ſchäftigt. Von Zeit zu Zeit erhob er die Augen und blickte ſeinen Herrn mit beſorgter Miene an; aber er wagte es nicht ihn in ſeinen ſtillen Betrachtungen zu ſtören. Nicht weit von ihnen lag auf einer Art von Bett, das man aus mehreren Mänteln bereitet hatte, ein Ver⸗ wundeter, der kein anderer war als der unglückliche Ma⸗ lemort. Am entgegengeſetzten Ende des Zeltes lag der fromme Lactantius auf den Knien und ließ im andächtigen Ge⸗ bete ſeinen Roſenkranz durch die Finger gleiten. Neben ihm erblicken wir Yoonnet, der, nachdem er zuvor ſeine Kleider ſorgfältig von allem Schmuz und Staub gerei⸗ nigt hat, mit den Augen eine weniger feuchte Stelle des Erdbodens ſucht, um ein wenig ausruhen zu können, denn die langen Nachtwachen und ſonſtigen Mühſeligkei⸗ 26 Der Vicomte von Montgommery. ten des Krieges waren ſeiner zarten Conſtitution keines⸗ wegs angemeſſen. Zwei Schritte von dieſem entfernt ſtanden die bei⸗ den Deutſchen, Scharfenſtein Oheim und Neffe, und be⸗ rechneten, was ihnen die Beute des heutigen Morgens einbringen könnte. Der Reſt des kleinen Trupps vertrieb ſich die Zeit mit Würfelſpiel. Als der arme Malemort eben einen ſchmerzlichen Seufzer ausſtieß, erhob Gabriel plötzlich den Kopf und fragte ſeinen Leibknappen: „Wieviel Uhr mag es wohl jetzt ſein, Martin?“ „Ich weiß es nicht genau, gnädiger Herr,“ antwor⸗ tete dieſer,„der Regen hat alle Sterne ausgelöſcht. Aber ich denke, daß es nicht weit von ſechs Uhr ſein kann, denn es iſt bereits ſeit länger als einer Stunde völlig dunkel.“ „Und der Chirurgus hat Dir verſprochen, um ſechs Uhr zu kommen?“ „Punkt ſechs Uhr, gnädiger Herr, und da kommt er eben.“. „Meiſter Ambroſtus Paré!“ rief Gabriel aufftehend und dem Eintretenden entgegen gehend;„ich glaubte nicht, daß Ihr ſo nahe bei uns im Lager wäret.“ „Ich trachte ſtets mich an demjenigen Orte zu be⸗ u d Der Vicomte von Montgommery. 27 finden, wo ich am meiſten nützlich ſein kann,“ erwiederte Paré. Man fuhrte ihn an das Lager des Verwundeten, deſſen ſämmtliche Kameraden aufgeſtanden waren und das Bett umringten. Nachdem Paré die Wunde aufmerkſam unterſucht und ſie für nicht gefährlich erklärt hatte, ver⸗ band er ſie ſorgfältig und entfernte ſich dann wieder. Im nächſten Augenblicke öffnete ſich der Thürvor⸗ hang von neuem und der Herzog von Guiſe trat ein. Alle Anweſenden erhoben ſich ehrerbietig und auf einen Wink Gabriels zogen ſich ſeine Leute nach dem entfern⸗ teſten Theile des Zeltes zurück, damit er ungeſtört mit dem Oberfeldherrn ſprechen könnte. „Nun, gnädiger Herr, ſeid Ihr zufrieden?“ begann Gabriel, als er ſich mit dem Herzoge allein befand. „Ja, mein theurer Freund,“ erwiederte Franz von Lothringen;„mit dem, was wir bis jetzt errungen haben, bin ich zufrieden, dagegen aber bin ich ziemlich beſorgt wegen deſſen, was wir ferner noch erringen wollen.“ „Iſt denn etwas Neues vorgefallen?“ verſetzte Ga⸗ briel.„Ich weiß, daß unſre bisherigen Erfolge alle Eure Erwartungen übertroffen haben. Binnen vier Tagen habt Ihr die beiden Hauptſtützen von Calais in Eure Gewalt bekommen, und die Beſatzungen der Stadt und des alten 28 Der Vicomte von Montgommery. Schloſſes werden ſich nicht länger als achtundvierzig Stunden mehr halten können.“ „Dies iſt allerdings wahr; aber dieſe achtundvierzig Stunden ſind vollkommen hinreichend, uns zu verderben.“ „Erlaubt mir, gnädiger Herr, daß ich noch daran zweifle.“ „Nein, lieber Freund, meine Erfahrung täuſcht ſich nicht,“ entgegnete Guiſe.„Ohne einen unvorherzuſehen⸗ den Glücksumſtand, der außer dem Bereiche menſchlicher Berechnungen liegt, muß unſer Unternehmen fehlſchlagen.“ „Wie ſo?“ fragte Gabriel. „Ich werde es Euch mit wenig Worten beweiſen und mich dabei genau an Euren Plan halten. Der ſelt⸗ ſame und verwegene Verſuch, zu dem Euer jugendliches Feuer meinen porſichtigen Ehrgeiz überredet hat, konnte nur in dem Falle gelingen, wenn wir die Engländer überrumpelten, denn Calais an und fuͤr ſich iſt unein⸗ nehmbar. Wir haben zwar allerdings ſchon einen wich⸗ tigen Punkt erobert, allein es iſt nicht der einzige und auch nicht der wichtigſte. Wir haben den etwa zu Hülfe eilenden Verſtärkungen wohl einen Weg abgeſchnitten, allein es bleibt ihnen noch immer ein andrer.“ „Welcher denn, gnädiger Herr?“ fragte Gabriel, indem er darüber nachzudenken ſchien. Der Vieomte von Montgomniery. 29 „Werft einen Blick auf dieſe Karte,“ antwortete Guiſe,„die der Marſchall Strozzi nach dem von Euch erhaltenen Plane entworfen hat. Calais kann von zwei Seiten unterſtützt werden: durch das Fort Nieullay, wel⸗ ches den Zugang von der Landſeite vertheidigt, und au⸗ ßerdem durch das Meer und die Dünen, wo ſich das Fort Risbank oder der ſogenannte achteckige Thurm be⸗ findet. Dieſes Fort beherrſcht den ganzen Hafen, den es den ankommenden Fahrzeugen öffnet oder verſchließt. Sobald die Engländer einen Boten nach Dover abſenden, können binnen wenigen Stunden hinlängliche Verſtärkun⸗ gen und Lebensmittel anlangen, womit ſich Calais Jahre lang zu halten vermag. Und was wird dann geſchehen?“ „Ich geſtehe, gnädiger Herr, daß ich nicht weiter zu ſehen vermag, denn nur Gott kann in die Zukunft blicken.“ „In gegenwärttgem Falle kann auch ein Menſch das Kommende vorausſehen,“ entgegnete Franz von Lothrin⸗ gen.„Die Belagerten können erforderlichenfalls auf die Unterſtützung von ganz England rechnen und werden uns morgen ſchon im alten Schloſſe überlegene und hinfüro unüberwindliche Streitkräfte entgegenſtellen. Wenn wir uns deſſenungeachtet nicht zurückſchlagen laſſen, ſo werden ſich ſehr bald alle in Andres, Ham, Saint⸗Quentin, überhaupt in Frankreich befindliche Engländer und Spa⸗ 30 Der Vicomte von Montgommery. nier vereinigen und wie eine ungeheure Schneelawine über uns herfallen und dann uns in Belagerungszuſtand verſetzen. Der einzige Verſuch, der uns noch übrig bleibt, und der vielleicht einige Möglichkeit des Gelingens bietet, iſt, daß wir morgen einen verzweifelten Sturm auf das alte Schloß wagen.“ „Nein, Herr Herzog, durch ein ſolches Unternehmen würdet Ihr unſre ganze Armee der Vernichtung preis geben und es könnte ſowohl dem Ruhme Frankreichs als auch Eurem eigenen Rufe nur Schaden bringen.“ „Wer wüßte dies beſſer als ich!“ rief der Herzog. Es entſtand hierauf eine lange Pauſe, die Gabriel abſichtlich nicht unterbrach. Er wollte dem Herzoge Zeit laſſen, mit ſeinem erfahrenen Auge alle die fürchterlichen Schwierigkeiten und Gefahren ſeiner Lage zu betrachten. Endlich ſagte er: „Ich ſehe Euch in einer jener zweifelvollen Lagen, in die ſelbſt die größten Meiſter mitten in ihren großar⸗ tigen Werken zuweilen gerathen. Erlaubt mir indeß ein Wort. Ein ſo außerordentliches Genie und ein ſo voll⸗ endeter Feldherr wie der iſt, mit welchem ich die Ehre habe zu ſprechen, wird ſich gewiß nicht leichtſtnnig in ein Unternehmen von ſolcher Wichtigkeit eingelaſſen haben. Ihr habt ſicher ſchon in Paris alle möglichen Fälle zuvor Der Vicomte von Montgommery. 31 bedacht und für alle zu erwartenden Gefahren und Uebel wirkſame Heilmittel gefunden. Wie kommt es alſo, daß Ihr noch immer unſchlüſſtg ſeid?“ „Mein Gott! Euer Enthuſiasmus und Eure jugend⸗ liche Sorgloſigkeit, lieber Gabriel, haben mich, wie ich glaube, bezaubert und geblendet.“ „Gnädiger Herr!...“ verſetzte der Graf im Tone des Vorwurfs. 1 „Fühlt Euch nicht beleidigt, lieber Freund, ich zürne Euch deshalb nicht. Ich bewundere noch immer Euren großen patriotiſchen Gedanken. Aber die Wirklichkeit zer⸗ ſtört oft die ſchönſten Träume. Deſſenungeachtet erinnere ich mich wohl, daß ich Euch auch auf dieſen äußerſten Fall aufmerkſam machte, und daß Ihr alle meine Ein⸗ wendungen widerlegt habt.“ „Und auf welche Art, gnädiger Herr, wenn ich bit⸗ ten darf?“ fragte Gabriel. „Ihr verſpracht mir,“ erwiederte der Herzog,„daß, wenn wir uns in einigen Tagen der beiden Forts Sainte⸗ Agathe und Nieullay bemächtigt hätten, wir mit Hülfe Eurer Bekannten, die Ihr in der Stadt habt, auch das Fort Risbank in unſre Gewalt bekommen würden, und daß Calais auf dieſe Art weder zu Waſſer noch zu Lande Unterſtützung erhalten könnte.“ 00 Der Vicomte von Montgommery. „Nun?...“ ſagte der Graf, ohne im mindeſten aus der Faſſung zu kommen. „Nun, Eure Hoffnungen ſind nicht in Erfüllung gegangen,“ fuhr Guiſe fort;„habe ich nicht Recht? Eure Freunde in Calais haben nicht Wort gehalten, dies iſt gewöhnlich ſo. Sie ſind unſres Sieges noch nicht gewiß, und haben Furcht; ſie werden erſt dann zum Vorſchein kommen, wenn wir ihrer nicht mehr bedürfen.“ „Verzeiht, Herr Herzog; wer hat Euch das geſagt?“ „Euer eigenes Stillſchweigen.“ „Wenn Ihr mich beſſer kenntet, gnädiger Herr, wür⸗ det Ihr wiſſen, daß ich nicht gern ſpreche, wenn ich handeln kann.“ „Ihr habt alſo noch immer Hoffnung?“ fragte der Herzog. „Ja, gnädiger Herr, weil ich noch lebe,“ erwie— derte Gabriel mit ernſtem und ſchwermüthigem Ausdrucke. „Das Fort Risbank wird, ſobald Ihr es für nöthig hal⸗ tet, in Euxer Gewalt ſein, wenn ich nicht vorher ſterbe.“ „Aber es iſt morgen ſchon nöthig, Gabriel, morgen früh!“ „So werden wir es morgen früh haben,“ fuhr Gabriel ruhig fort;„doch ich wiederhole es, nur dann, wenn ich am Leben bleibe; im entgegengeſetzten Falle aus ung ure iſt viß, ein 29 Der Vicomte von Montgommery. 3 werdet Ihr dem, der die Erfüllung ſeines Verſprechens mit dem Leben bezahlt hat, wenigſtens keinen Wortbruch vorwerfen können.“ „Was wollt Ihr thun, Gabriel?“ rief der Herzog; „wollt Ihr Euch in Lebensgefahr begeben, irgend einen wahnſinnigen Streich wagen? Dies kann ich nicht zu⸗ geben! Frankreich bedarf ſolcher Männer, wie Ihr ſeid, nur zu ſehr.“ „Beunruhigt Euch nicht, Herr Herzog,“ verſetzte Gabriel.„Wenn die Gefahr groß iſt, ſo iſt es der Zweck nicht minder, und die Partie iſt wohl werth, daß man etwas wagt.“ „Kann ich aber nicht etwas thun, um Euch wenig⸗ ſtens zu unterſtützen?“ „Allerdings, Herr Herzog. Morgen am 5. Januar bei Tagesanbruch, das heißt gegen acht Uhr, habt die Güte, einen ſichern Mann auf das Vorgebirge, von dem man das Fort Risbank ſteht, zu ſtellen. Wenn die eng⸗ liſche Flagge um dieſe Zeit noch auf den Wällen des Forts weht, ſo wagt den verzweifelten Sturm, zu dem Ihr entſchloſſen ſeid, denn in dieſem Falle iſt mein Plan geſcheitert; mit andern Worten, ich bin todt. Verſchwen⸗ det Eure Zeit in dieſem Falle nicht damit, daß Ihr mich beklagt, ſondern trefft ſchleunigſt die nöthigen Vorberei⸗ Der Vicomte von Montgommery. 3 , 34 Der Vicomte von Montgommery. tungen zu dieſer letzten Anſtrengung; ich bitte Gott, daß ſte einen gluͤcklichen Erfolg haben möge.“ „Aber Ihr, lieber Gabriel,“ verſetzte der Herzog, „wiederholt mir wenigſtens nochmals, daß Ihr einige Wahrſcheinlichkeit zum glücklichen Gelingen Eures Unter⸗ nehmens habt.“ „Ja, ich habe ſie; beruhigt Euch, gnädiger Herr. Uebereilt Euch jedoch nicht und gebt das Signal zum Sturme nicht zu früh. Laßt den Marſchall Strozzi mit ſeinen Mineuren die Vorarbeiten zur Belagerung ruhig fortſetzen, und wenn Ihr um acht Uhr die franzöſiſche Fahne auf dem Fort Risbank wehen ſeht, ſo wird der günſtige Augenblick zum Sturme gekommen ſein.“ „Die franzöſiſche Fahne auf dem Fort Risbank?“ rief der Herzog.„Aber, lieber Freund, was wollt Ihr thun... 2“ „Laßt mir mein Geheimniß, Herr Herzog, ich bitte Euch darum. Wenn Ihr meinen ſeltſamen Plan kenntet, würdet Ihr mich vielleicht davon abzubringen ſuchen. Jetzt iſt es aber nicht mehr Zeit zu uüberlegen und zu ſchwanken.“ „Aber wozu dieſen Stolz?“ fragte Guiſe. „Es iſt nicht Stolz, gnädiger Herr, ſondern ich will die unſchätzbare Gnade, welche Ihr mir in Paris ver⸗ — daß rzog, inige nter⸗ Herr. zum mit ihig ſche der 2 Ihr Der Vicomte von Montgommery. 35 ſprochen habt, wie Ihr Euch erinnern werdet, auch mit Recht zu verdienen ſuchen.“ „Seid verſichert, daß der König alles erfahren wird, was Ihr für ihn gethan habt. Aber kann ich ſonſt nichts fuͤr Euch thun?“ „O ja; ich habe Euch noch um einige Gefälligkei⸗ ten zu bitten, Herr Herzog.“ „Sprecht.“ „Zuvörderſt,“ fuhr Gabriel fort,„iſt es nöthig, daß ich die Parole kenne, damit ich dieſe Nacht zu jeder Zeit mit meinen Leuten das Lager verlaſſen kann.“ „Ihr habt nur zu ſagen: Calais und Karl, ſo wer⸗ den Euch die Schildwachen paſſiren laſſen.“ „Dann erlaube ich mir für den Fall, daß ich ge⸗ tödtet würde und Euch die Einnahme der Stadt gelänge, Euch daran zu erinnern, daß Madame Diana von Caſtro, des Königs Tochter, in den Händen Lord Wentworths iſt und gerechte Anſprüche auf Euren Schutz hat.“ „Ich werde meine Pflichten als Menſch und Edel⸗ mann nie vergeſſen,“ erwiederte Franz von Lothringen. „Was wuünſcht Ihr weiter?“ „Endlich, gnädiger Herr, werde ich dieſe Nacht eine bedeutende Schuld gegen einen Küſtenfiſcher Namens An⸗ ſelmus auf mich nehmen. Für den Fall, daß Anſelmus 3* Der Vieomte von Montgommery. mit mir um's Leben kommt, habe ich Meiſter Elhot, der meine Beſitzungen verwaltet, beauftragt, für den Unter⸗ halt der ihrer Stütze beraubten Familie zu ſorgen. Zur größeren Sicherheit bitte ich Euch, darauf Acht zu haben, daß meine Befehle pünktlich befolgt werden.“ „Es ſoll geſchehen,“ entgegnete der Herzog.„Iſt dies alles?“ „Dies iſt alles, gnädiger Herr,“ verſetzte Gabriel. „Nur bitte ich Euch noch, wenn Ihr mich nicht wieder⸗ ſehen ſolltet, meiner zuweilen freundlich zu gedenken.“ Der Herzog ſtand auf, drückte dem Grafen von Exnies noch einmal freundſchaftlich die Hand und kehrte zurück in ſein Zelt. 3. Der Sturm. Nachdem Gabriel den Herzog von Guiſe bis an die Thür des Zeltes begleitet hatte, kehrte er nach ſeinem Platze zurück und gab Martin Guerre einen Wink, worauf ſich dieſer ſogleich erhob und ohne einer näheren Erklä⸗ rung zu bedürfen das Zelt verließ. Nach einer Viertelſtunde trat er in Begleitung eines hageren, ärmlich gekleideten Mannes wieder ein. „Gnädiger Herr,“ begann Martin,„hier iſt der Mann.“ „Ah! Ihr ſeid alſo der Fiſcher Anſelmus, von dem mein Leibknappe mir geſprochen hat?“ fragte Gabriel. „Der bin ich, gnädiger Herr,“ antwortete der Ge⸗ fragte. „Und Ihr wißt,“ fuhr Gabriel fort,„welchen Dienſt wir von Euch erwarten?“ Der Vicomte von Montgommery. 9 „Euer Leibknappe hat es mir geſagt und ich bin zu Euren Befehlen.“ „Kann Euer Boot vierzehn Perſonen aufnehmen?“ fragte Gabriel. „Es hat ſchon zwanzig aufgenommen.“ „Bedürft Ihr einer Hülfe beim Rudern?“ „Allerdings,“ erwiederte Anſelmus,„denn ich werde ſchon mit dem Steuer und Segel vollauf zu thun haben.“ „Wir haben Ambroſto Pilletrouſſe und Landry, welche ſehr gut rudern,“ fiel Martin Guerre ein,„und auch ich verſtehe mich darauf.“ „Vortrefflich!“ rief Anſelmus vergnügt;„aber wo ſollen wir landen?“ „Am Fort Risbank,“ antwortete Gabriel. „Wie?“ rief Anſelmus beſtürzt;„am Fort Risbank?“ „Allerdings,“ erwiederte Gabriel;„was habt Ihr dagegen einzuwenden?“ „Nichts,“ verſetzte der Fiſcher,„als daß ſich der Ort nicht ſonderlich zum Landen eignet, und daß ich dort noch nie den Anker ausgeworfen habe. Es iſt ein bloßer Felſen.“ „Weigert Ihr Euch, uns dahin zu führen?“ „Keineswegs, und obgleich ich dieſe Küſtengegend faſt gar nicht kenne, ſo werde ich doch mein Möglichſtes thun.“ 77 Der Vicomte von Montgommery. 3 „Zu welcher Stunde ſollen wir uns bereit halten?“ fragte Gabriel. „Ich glaube, Ihr wolltet um vier Uhr dort ſein?“ „Zwiſchen vier und fünf Uhr, nicht früher.“ „Dann müſſen wir um ein Uhr nach Mitternacht das Lager verlaſſen.“ „Gut, ich will meine Leute davon in Kenntniß ſetzen,“ erwiederte Gabriel. „Thut das, gnaͤdiger Herr,“ verſetzte der Fiſcher. „Ich bitte Euch nur noch um Erlaubniß, bis ein Uhr bei ihnen ſchlafen zu dürfen. Ich habe von meiner Fa⸗ milie Abſchied genommen, das Boot erwartet uns ſorg⸗ fältig verborgen und angebunden, ich habe alſo bis zur Zeit unſrer Abfahrt nichts weiter zu thun.“ „Ihr habt Recht, Anſelmus, geht und ſchlaft einige Stunden, denn Ihr werdet Eure Kräfte dieſe Nacht nö⸗ thig brauchen. Martin Guerre, benachrichtige jetzt unſere Gefaͤhrten, damit ſie zur gehörigen Stunde bereit ſind.“ Der Leibknappe that, wie ihm geheißen, und unſere Abenteurer legten ſich nieder, um ſich durch einige Stun⸗ den Schlafes für ihr gefahrvolles Unternehmen zu ſtärken. Nur Gabriel blieb wach und überließ ſich ſeinen Gedanken. Gegen ein Uhr weckte er ſeine Leute, einen nach dem andern, ſo geräuſchlos als möglich. Sie ſtanden auf und 40 Der Vicomte von Montgommery. legten ſchweigend ihre Waffen an; dann verließen ſie leiſe das Zelt und das Lager. Auf das Loſungswort:„Calais und Karl“ ließen die Schildwachen den kleinen Trupp ungehindert paſſtren, der nun unter des Fiſchers Anſelmus Anführung längs der Küſte vorwärts marſchirte. Kein Einziger von ihnen ſprach ein Wort; man hörte nichts als das Heulen des Windes und das entfernte Rauſchen des Meeres. Das Fort Risbank, das wegen ſeiner acht Seiten auch der achteckige Thurm genannt wurde, war, wie wir ſchon geſagt haben, am Eingange des Hafens von Calais erbaut und erhob ſeine ſchwarze und furchtgebietende Steinmaſſe auf einem ebenſo düſteren Felſen. Wenn die See hoch ging, brachen ſich ihre Wogen an dem Felſen, ohne jedoch auch bei dem heftigſten Sturme die Grundmauern des Forts zu erreichen.. In der Nacht vom vierten zum fünften Januar 1558 gegen vier Uhr Worgens war das Meer außerordentlich ſtürmiſch. Einige Minuten ſpäter, nachdem die von zwei bis vier Uhr auf der Plattform des Thurmes geſtandene Schildwache durch ihren Nachfolger abgelöſ't worden war, erſcholl plötzlich ein eigenthümlicher Ton, der einem menſchlichen Schrei nicht unähnlich war, und vermiſchte ſich mit dem ſchauerlichen Stöhnen des Oceans. Der Vicomte von Montgommery 41 Als der Soldat auf der Plattform dieſen Ton ver⸗ nahm, erſchrak er, horchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit, und nachdem er den ſonderbaren Ruf erkannt hatte, lehnte er ſeine Armbruſt an die Mauer. Als er ſich dann über⸗ zeugt hatte, daß kein menſchliches Auge ihn beobachten konnte, hob er mit kräftigem Arme ſein Schilderhaus empor und zog einen Haufen Seile darunter hervor, die eine lange Strickleiter bildeten, deren eines Ende er an zwei in den Schießſcharten angebrachten eiſernen Haken ſorgfältig befeſtigte. Hierauf rollte er die Strickleiter auf und ſchleuderte das andre Ende derſelben, welches mit zwei großen Bleikugeln beſchwert war, über die Mauer, ſo daß die Leiter bis auf den Felſen, auf wel⸗ chem das Fort erbaut war, herabhing. Kaum hatte die Schildwache dieſe geheimnißvolle Operation vollendet, ſo erſchien die nächtliche Runde auf der Höhe der ſteinernen Treppe, welche nach der Platt⸗ form führte. Allein ſie fand den Wachtpoſten ruhig vor ſeinem Schilderhauſe auf und ab gehend, richtete die üblichen Fragen an ihn, empfing dagegen die Parole und ſetzte ihren Weg fort, ohne das Geringſte bemerkt zu haben. Die Schildwache war jetzt völlig ſicher und wartete. Das erſte Viertel der fünften Stunde war bereits vorüber. Der Vicomte von Montgommery. Auf dem Meere erblicken wir währenddem ein mit vierzehn Leuten bemanntes Boot, dem es nach mehr als zweiſtündigen faſt ubermenſchlichen Anſtrengungen endlich gelang, am Felſen das Fort Risbank anzulegen. Eine hölzerne Leiter wurde an den Felſen gelehnt, die bis zu einer in den Stein gehauenen Vertiefung reichte. Einer nach dem andern ſtiegen die kühnen Abenteu⸗ rer ſchweigend aus dem Boote an der Leiter empor und begannen ſodann mit Händen und Füßen den ſteilen Fel⸗ ſen zu erklimmen. Auf der Höhe deſſelben angelangt, fanden ſie bereits die von der Schildwache herabgeworfene Strickleiter vor, und nachdem ſie einige Minuten ausge⸗ ruht hatten, begannen ſie den gefahrvollſten Theil ihres Wagſtücks, bei welchem der geringſte Fehltritt eines Ein⸗ zigen von ihnen ſie alle in den Abgrund ſtürzen und einem gewiſſen Tode weihen konnte. Martin Guerre war der Erſte und Gabriel ſelbſt beſchloß den Zug. Es müßte einen grauenvollen Anblick gewährt haben, dieſe vierzehn verwegenen Maͤnner einen unter dem andern an der dunk⸗ len Mauer des Thurmes hängen zu ſehen, während zu ihren Fuͤßen das tobende Meer brauſ'te, als ob es jeden Augenblick bereit ſei, die Opfer des tollkühnen Unter⸗ nehmens zu verſchlingen. Die fürchterliche Auffahrt wurde indeß glücklich voll⸗ Der Vicomte von Montgommery. 43 endet, und als Martin Guerre endlich mit dem Kopfe den Rand der Plattform erreichte, fragte ihn leiſe eine unbekannte Stimme: „Seid Ihr es?“ „Allerdings,“ entgegnete der Leibknappe in froͤhlichem Tone. „Es war die höchſte Zeit,“ verſetzte die Schildwache. „In weniger als fünf Minuten wird die dritte Nachtrunde vorüberkommen.“ „Vortrefflich, ſo werden wir ſie diesmal empfangen,“ ſagte Martin. Mit dieſen Worten ſetzte er triumphirend ein Knie auf den Mauervorſprung. „Was Teufel!“ rief plötzlich der Wachtpoſten, indem er den neuen Ankömmling beſſer zu erkennen ſuchte;„wie heißt Du?“ „Nun, Martin Guerre heiße ich.“ Er hatte jedoch dieſe Worte kaum ausgeſprochen, als Peter Peuquoy, denn er war es in der That, ihm einen wüthenden Fauſtſchlag verſetzte und ihn in den Abgrund ſtieß. Der unglückliche Leibknappe hatte noch Geiſtesge⸗ genwart genug, um ſich ein wenig ſeitwärts zu drehen, 44 Der Vicomte von Montgommery. damit er ſeine Gefährten nicht im Fallen mit ſich fort⸗ riß, und ſtürzte mit dem Ausrufe:„Jeſus!“ in die Tiefe. Allen Uebrigen ſetzte Peter Peuquoy nicht den ge⸗ ringſten Widerſtand entgegen; er blieb gleichſam wie be⸗ ſtürzt regungslos neben ſeinem Schilderhauſe ſtehen. „Unglücklicher!“ ſagte der Graf von Exnies zu ihm, indem er ihn am Arme ergriff,„was hat Euch Martin Guerre gethan?“ „Mir hat er nichts gethan,“ antwortete der Waffen⸗ ſchmied mit dumpfer Stimme;„aber Babetten... mei⸗ ner Schweſter!...“ „Ach! Ihr habt Recht, ich vergaß dies,“ rief Ga⸗ briel betroffen.„Armer Martin!.. Iſt er nicht mehr zu retten?“ „Retten? von einem zweihundertfunfzig Fuß hohen Falle auf den Felſen?“ ſagte Peter Peuquoy mit ſchnei⸗ dendem Lachen.„Denkt nicht daran, Herr Graf; Ihr werdet jetzt beſſer thun, auf Euer eigenes Wohl und das Eurer Begleiter bedacht zu ſein, als den Verbrecher zu beklagen.“ „Einen Verbrecher nennt Ihr ihn? Er iſt unſchul⸗ dig, ſage ich Euch, und ich werde es Euch beweiſen. Doch jetzt iſt nicht der Augenblick dazu, Ihr habt Recht. K Der Vicomte von Montgommery. 45 Nun, wie iſt es, ſeid Ihr noch bereit, uns zu dienen?“ fragte Gabriel den Waffenſchmied in etwas barſchem Tone. „Ich bin bereit, mich für Frankreich und für Euch aufzuopfern,“ entgegnete dieſer. „Nun wohl, was haben wir jetzt zu thun?“ „Es wird ſogleich eine Nachtrunde vorüberkommen,“ erwiederte Peter.„Die vier Mann, aus denen ſie beſteht, müſſen gebunden und geknebelt werden.... Doch es iſt nicht mehr Zeit, ſie zu überrumpeln, da ſind ſie ſchon!“ Der Waffenſchmied hatte noch nicht ausgeſprochen, als die Patrouille in der That von einer inneren Treppe auf die Plattform ſtieg. Sie wurde mit leichter Mühe niedergeworfen, entwaffnet und geknebelt. „Dies iſt ein guter Anfang,“ ſagte Peter Peuquoy. „Jetzt, gnädiger Herr, müßt Ihr Euch der übrigen Schild⸗ wachen verſichern und ſodann kecken Muthes nach der Wachſtube hinabgehen. Wir haben zwei verſchiedene Poſten aufzuheben, doch dürft Ihr nicht fürchten, von der Ue⸗ bermacht bewältigt zu werden. Mehr als die Hälfte der Stadtmiliz iſt den Franzoſen ergeben und erwartet ſte, um von ihnen unterſtützt zu werden. Ich will zuerſt hin⸗ abgehen, um unſere Verbündeten von Eurem gluͤcklichen Erfolge zu benachrichtigen. Beſchäftigt Euch unterdeß mit den Schildwachen; wenn ich wieder herauf komme, wer⸗ 46 Der Vicomte von Montgommery. den meine Worte ſchon drei Viertel unſres Werkes voll⸗ bracht haben.“ Es geſchah alles faſt ganz ſo, wie der Waffenſchmied vorausgeſehen hatte. Die Mannſchaft der Hauptwache war zum größten Theil auf Seiten der Franzoſen, und die Wenigen, welche ſich widerſetzen wollten, wurden un⸗ ſchädlich gemacht. Als Peter in Begleitung ſeines Vet⸗ ters Jean und einiger ſicheren Freunde wieder auf die Plattform kam, war der ganze obere Theil des Forts bereits in der Gewalt ves Grafen von Exnies. Es handelte ſich nur darum, die übrigen Wachtpoſten zu bewältigen. Mit der ihm von den beiden Peuquoys zugeführten Verſtärkung zögerte Gabriel keinen Augenblick an's Werk zu gehen und die erſten Momente der Ueber⸗ raſchung und Unſchluſſigkeit zu benutzen. Der größte Theil derer, welche es mit den Engländern hielten, ſchlie⸗ fen zu dieſer frühen Stunde noch, und ehe ſie erwachten, waren ſie ſchon gebunden. Der Tumult, denn einen Kampf konnte man es nicht⸗ nennen, dauerte nur einige Minuten. Man zählte im Ganzen nur zwei Todte und fünf Verwundete und es wurden nicht mehr als drei Büchſenſchüſſe abgefeuert. Es war noch nicht ſechs Uhr, als ſich das ganze Fort Risbank in der Gewalt der Franzoſen befand. So Der Vicomte von Montgommery. 47 wurde in weniger als einer Stunde und faſt ohne einen Schwertſtreich durch ein ungeheures, übermenſchliches Wag⸗ niß dieſes Fort erobert, das die Engländer nicht einmal gehörig beſetzt hatten, ſo mächtig ſchien das Meer allein es zu vertheidigen, und doch war es der Schlüſſel des Hafens von Calais, ja der Schlüſſel der Stadt ſelbſt. „So lange ſich jedoch die Stadt nicht ebenfalls er⸗ geben hat,“ ſagte Peter Peuquoy zu Gabriel,„betrachte ich unſre Aufgabe nicht als vollendet. Auch bin ich der Meinung, Herr Graf, daß Ihr Jean mit der Hälfte un⸗ ſerer Leute zur Behauptung des Forts hier behaltet, und daß Ihr mich mit der andern Hälfte in die Stadt gehen laßt. Dort können wir durch eine vortheilhafte Diver⸗ ſion den Franzoſen nützlicher werden als hier.“ „Fürchtet Ihr nicht,“ erwiederte der Graf,„daß Lord Wentworth in ſeiner Wuth Euch ein böſes Spiel bereitet?“ „Seid außer Sorge,“ verſetzte Peter,„ich werde mit Liſt zu Werke gehen; gegen die, unter deren Joche wir ſeit zwei Jahrhunderten ſchmachten, iſt dieſe Art der Kriegführung die beſte. Wenn es ſein muß, beſchuldige ich Jean, er habe uns verrathen, wir ſeien durch über⸗ legene Streitkräfte überrumpelt und trotz unſres Wider⸗ ſtandes gezwungen worden, uns zu ergeben. Lord Went⸗ 48 Der Vicomte von Monigommery. worths Angelegenheiten ſtehen zu ſchlecht, als daß er ſich nicht den Schein geben ſollte als glaube er uns. Gebt mir jetzt das Horn, an deſſen Ton ich Euch erkannt habe, und wenn Ihr denſelben hört, könnt Ihr ohne Furcht den Ausfall unternehmen.“ Gabriel dankte dem Waffenſchmied herzlich, wählte mit ihm diejenige Mannſchaft aus, welche in die Stadt zurückkehren ſollte, um die Franzoſen nöthigenfalls zu unterſtützen, und begleitete ſie bis an die Thore des Forts. Dann ging er wieder auf die Plattform, um perſönlich bei Aufrichtung der franzöſiſchen Fahne, die den Herzog von Guiſe beruhigen, die engliſchen Schiffe aber erſchrecken ſollte, gegenwärtig zu ſein. Mit Schaudern näherte er ſich der Stelle, wo die Strickleiter befeſtigt geweſen und wo der unglückliche Mar⸗ tin Guerre als ein Opfer des unheilvollſten Mißverſtänd⸗ niſſes in den Abgrund geſtürzt war. Zitternd beugte er ſich hinab in dem Glauben, den zerſchmetterten Leichnam ſeines treuen Leibknappen auf dem Felſen zu erblicken⸗ Aber eine Art bleierner Waſſerrinne, durch welche das Regenwaſſer von dem Thurme ablief, hatte den Körper des armen Martin in ſeinem gräßlichen Falle aufgehal⸗ ten, und hier ſah ihn Gabriel unbeweglich über dem Abgrunde ſchweben. Der Vicomte von Montgommery. 49 Beim erſten Anblick hielt er ihn für todt; allein er wollte ihm wenigſtens den letzten Dienſt erweiſen. Pil⸗ letrouſſe, der bei ihm war, theilte die Anſicht ſeines edelmüthigen Gebieters. Er ließ ſich an der Strickleiter gut befeſtigen und wagte ſich in den Abgrund. Als er den Körper ſeines Freundes empor brachte, bemerkte man, daß Martin noch athmete. Ein herbeige⸗ rufener Wundarzt beſtätigte das Vorhandenſein des Le⸗ bens und der wackere Leibknappe kam auch wirklich bald zum Bewußtſein. Dies diente jedoch nur dazu, ſeine Leiden zu ver⸗ ſchlimmern. Martin Guerre war in einem jammervollen Zuſtande; er hatte einen Schenkel gebrochen und einen Arm ausgerenkt. Den Arm konnte der Chirurg wieder einrichten, aber er hielt die Amputation des Beines für nothwendig und wollte gleichwohl eine ſo ſchwierige Operation nicht auf ſich nehmen. Gabriels Verdruß, als Sieger im Fort Risbank eingeſchloſſen zu ſein, wurde durch dieſen Umſtand mehr als jemals rege, denn das an und für ſich peinliche War⸗ ten wurde ihm jetzt zur wirklichen Qual. Der Vieomte von Montgommery. 4 4. Lord Wentworths verzweifelte Lage. Der Herzog von Guiſe begab ſich, wie verabredet, gegen acht Uhr mit einem kleinen Gefolge nach dem ihm von Gabriel bezeichneten Punkte an der Meeresküſte, von wo aus man mittelſt eines Fernrohres das Fort Risbank ſehen konnte. Beim erſten Blicke, den der Herzog auf das Fort richtete, ſtieß er einen triumphirenden Schrei aus. Er erkannte das Banner und die Farben Frankreichs! „Mein wackerer Gabriel!“ rief er aus.„Er hat wahrhaftig das Wunder vollbracht! Jetzt mögen die— Verſtärkungen aus England immerhin kommen, Gabriel wird ſie gebührend zu empfangen wiſſen.“ Mit dieſen Worten ſtieg er wieder zu Pferde und kehrte hocherfreut in das Lager zurück, um die Belage⸗ rungsarbeiten thätig zu betreiben. Der Vicomte von Montgommery. 51 Inzwiſchen begab ſich Peter Peuquoy zu dem Gou⸗ verneur und erzählte demſelben mit vortrefflich erheuchel⸗ ter Beſtürzung die Erſtürmung der verfloſſenen Nacht. Er beſchrieb die„dreihundert wilden Abenieurer“ unter der Anführung des Grafen von Exnies, welche plötzlich das Fort Risbank erklimmt hätten, wobei ſie ohne Zwei⸗ fel durch irgend eine Verrätherei unterſtützt worden ſeien, die er nicht Zeit gehabt habe zu ergründen. Wie er vorausgeſehen hatte, fühlte ſich der Gou⸗ verneur viel zu ſchwach und kannte das Anſehen, in welchem der Waffenſchmied in Calais ſtand, zu wohl, als daß er den geringſten Argwohn gegen die Wahrheit ſeiner Ausſage hätte äußern ſollen. Als aber Lord Wentworth wieder allein war, be⸗ mächtigte ſich ſeiner eine grenzenloſe Verzweiflung. „Ja!“ rief er wuthſchäumend aus,„ſie ſollen ihren Sieg theuer erkaufen! Calais iſt in ihrer Gewalt, dies iſt leider nur zu gewiß; aber ich werde mich bis auf den letzten Mann vertheidigen! Und auch Du, Geliebter der ſchönen Diana, ſollſt nicht zu ſehr über unſern Unter⸗ gang jubeln! Dein ſterbender und beſiegter Nebenbuhler bereitet Dir eine furchtbare Ueberraſchung!“ Hierauf verließ er ſeine Wohnung, um den Muth ſeiner Soldaten anzufeuern und ſeine Befehle zu geben. 4* Der Vicomte von Montgommery. Die beiden Tage des 5. und 6. Januar vergingen in gleich energiſchen Anſtrengungen von Seiten der Be⸗ lagerer wie der Belagerten. Arbeiter und Soldaten ar⸗ beiteten auf beiden Seiten mit demſelben Muthe und derſelben heroiſchen Beharrlichkeit. Aber der Marſchall Strozzi, welcher die Belagerungsarbeiten leitete, ſchien alle Vertheidigungsmaßregeln und alle Bewegungen der Engländer zu errathen, als wären die Wälle von Calais durchſtchtig geweſen. Um ſo läſtiger wurde unſerm Gabriel die Unthätig⸗ keit, zu welcher er während dieſer Zeit gezwungen war. In dem von ihm eroberten Fort eingeſchloſſen, beſchränkte ſtch ſeine ganze Wirkſamkeit auf eine ſorgfältige Wach⸗ ſamkeit, die ihn jedoch keineswegs beſchäftigte. Wenn er dann ſeine Runde gemacht hatte, ſetzte er ſich gewöhnlich an das Lager ſeines treuen Martin Guerre, um ihn zu tröſten und ihm Muth zuzuſprechen. Der wackere Leibknappe ertrug ſeine Leiden mit einer bewunderungswürdigen Geduld. Was ihn aber ſchmerz⸗ lich betrübte und verwunderte, war das abſcheuliche Ver⸗ fahren, welches Peter Peuquoy gegen ihn beobachtet hatte. Die Aufrichtigkeit ſeines Kummers und ſeines Er⸗ ſtaunens, als er über dieſen Punkt aufgeklärt wurde, 8 Der Vicomte von Montgommery. 53 hätte auch den letzten Zweifel vernichtet, den Gabriel noch über Martins Rechtſchaffenheit hegen konnte. Der junge Graf entſchloß ſich daher ihm ſeine eigene Geſchichte zu erzählen, wenigſtens in ſo weit, als er ſie dem Anſchein und ſeinen Vermuthungen nach zu errathen glaubte. Es war keinem Zweifel mehr unterworfen, daß irgend ein betrügeriſcher Schurke ſeine außerordentliche Aehnlichkeit mit Martin benutzt hatte, um unter deſſen Namen die abſcheulichſten und ſtrafwürdigſten Handlungen zu begehen und um ſich auch alle Vortheile und Wohl⸗ thaten zuzueignen, um die er ſeinen Doppelgänger ge⸗ bracht hatte. Dieſe Eröffnung machte Gabriel wohlweislich in Gegenwart Jean Peuquoy's. Der ehrliche Jean erſchrak und bekümmerte ſich tief über die Folgen des unſeligen Mißgriffes. Aber wer war der Elende, der ſie Alle ſo ſchmählich hintergangen hatte? war er ebenfalls verhei⸗ rathet? wo verbarg er ſich?... Martin Guerre ſeinerſeits war empört über eine ſo unglaubliche Schändlichkeit Obgleich er froh darüber war ſein Gewiſſen von dem Schandfleck ſo abſcheulicher Verbrechen gereinigt zu ſehen, ſo machte ihn doch der Gedanke untröſtlich, daß dieſer Elende ſeinen Namen ge⸗ fuͤhrt und ſeinen guten Ruf geſchändet hatte. Am mei⸗ 54 Der Vicomte von Montgommery. ſten aber erfüllte die Entehrung Babettens das Herz des guten Martin mit Schmerz und Mitleid. Er entſchul⸗ digte jetzt gern das ungeſtüme Verfahren Peters; er be⸗ mühte ſich, den beſtürzten Jean Peuquoy zu beruhigen und zu tröſten, und vergaß, daß er ſelbſt für die Schand⸗ G thaten des Verbrechers büßen mußte. Allein es war noch ſehr ungewiß, ob er das Un⸗ glück überlebte; der Chirurg der Stadtmiliz bürgte kei⸗ neswegs dafür. Es wäre dazu die ſchleunigſte Hülfe eines geſchickten Arztes erforderlich geweſen, und ſchon waren faſt zwei Tage verſtrichen, ohne daß der gefähr⸗ liche Zuſtand Martins eine andre Erleichterung erhalten hatte als die eines ungenügenden Verbandes. Dies war kein geringer Gegenſtand der Beſorgniß für Gabriel und mehr als einmal erhob er ſich während der Nacht von ſeinem Lager und horchte, ob er nicht endlich den ſehnlich erwarteten Schall des Hornes ver⸗ nähme, der ſeiner gezwungenen Unthätigkeit ein Ende machen ſollte. Erſt am Abende des 6. Januar, als er— bereits ſeit ſechsunddreißig Stunden im Beſitz des Fort Risbank war, glaubte er in der Richtung der Stadt einen größeren Tumult als gewöhnlich zu hören. Die Franzoſen hatten nach einem der heißeſten Kämpfe das alte Schloß genommen, in welches ſie ſo eben als 82 Der Vicomte von Montgommery. 55 Sieger einzogen. Jetzt konnte ſich Calais höchſtens noch vierundzwanzig Stunden halten. Deſſenungeachtet verſtrich der ganze folgende Tag in unerhörten Anſtrengungen von Seiten der Engländer, um eine ſo wichtige Stellung wieder zu erobern und um ſich auf den letzten Punkten, die noch in ihrem Beſitz waren, ſo lange als möglich zu halten. Es war drei Uhr Nachmittags. Lord Wentworth, der ſich ſeit ſieben Tagen kaum eine Stunde Ruhe ge⸗ gönnt und den man ſtets in den vorderſten Reihen er⸗ blickt hatte, ſah jetzt ein, daß die phyſiſche Kraft und die moraliſche Energie der Seinigen nur noch wenige Stunden ausreichen könnte; er ließ daher Lord Derby rufen und fragte ihn: „Wie lange glaubt Ihr, daß wir uns noch halten können?“ „Ich fürchte, keine drei Stunden mehr.“ „Aber für zwei Stunden macht Ihr Euch verant⸗ wortlich, nicht wahr?“ fragte der Gouverneur weiter. „Wenn kein unvorhergeſehenes Ereigniß eintritt, ſo ſtehe ich dafür,“ antwortete Derby nach kurzem Beſinnen. „Wohlan,“ ſagte Lord Wentworth,„ich übergebe Euch das Commando und ziehe mich zurück. Wenn wir nach zwei Stunden, aber nicht früher, keine Möglichkeit 56 Der Vicomte von Montgommery. mehr ſehen, die Stadt zu behaupten, ſo erlaube ich Euch, ja ich befehle es Euch ſogar, um Euch jeder Verantwort⸗ lichkeit zu entheben, zum Rückzug blaſen zu laſſen und die Capitulation anzubieten.“ 1 Ohne Lord Derby Zeit zu laſſen etwas zu erwiedern, drückte ihm Lord Wentworth die Hand, verließ den Kampf⸗ platz und zog ſich in ſein Hotel zurück mit dem ſtreng⸗ ſten Befehle, daß ihm unter keinem Vorwand jemand dahin folge. Er fand ſein Haus leer, denn er hatte alle ſeine Leute am Morgen nach der Breſche geſchickt und Diana befand ſich mit einer Dienerin allein. Finſter, wild und gleichſam trunken von Verzweiflung 3 begab ſich Lord Wentworth direct nach ihren Zimmern. Er ließ ſich nicht, wie gewöhnlich, zuvor bei ihr anmel⸗ den, ſondern trat mit ungeſtümer Haſt in das Gemach, in welchem ſich Diana mit ihrer Kammerfrau befand, und ohne ſie zu grüßen, befahl er der anweſenden Diene⸗ rin in barſchem Tone, ſich augenblicklich zu entfernen. Von Staunen und Angſt ergriffen, gehorchte dieſe, und als ſie das Zimmer verlaſſen hatte, ſetzte ſich der Gouverneur ohne weiteres an Dianens Seite und wollte ſie mit ſeinen Armen umfaſſen. „Mylord!“ rief ſie erſchrocken und indem ſie ihn von ſich ſtieß,„was wollt Ihr von mir?“ Der Vicomte von Montgommery. 57 „Was ich von Dir will?... Dich will ich!“ rief Lord Wentworth mit dumpfer Stimme. „Kommt mir nicht zu nahe oder ich rufe um Hülfe und Ihr ſeid entehrt, Elender!“ verſetzte Diana in der höſten Angſt. „Schreie und rufe ſo viel Du willſt, es iſt mir gleich,“ entgegnete der Lord mit einer entſetzlichen Ruhe. „Das Haus iſt leer, die Straßen ſind verödet. Kein Menſch wird auf Dein Geſchrei herbeikommen, wenigſtens vor einer Stunde nicht.“ „Aber ſo wird doch nach einer Stunde jemand kommen, und dann werde ich Euch anklagen, ich werde jedermann ſagen, was Ihr thut, und dies koſtet Euch Ehre und Leben.“ „Nein,“ erwiederte Lord Wentworth kaltblütig,„da⸗ für werde ich ſelbſt ſorgen. Glaubſt Du, daß ich die Einnahme von Calais überleben will? In einer Stunde werde ich mir das Leben nehmen, dies iſt fe feſt beſchloſſen und kein Wort mehr darüber zu verlieren. Aber zuvor will ich meine Rache und zugleich meine Liebe befrie⸗ digen. Hinweg denn mit Eurem Sträuben und Eurer Verachtung, meine Schöne; ich bitte nicht mehr, ich be⸗ fehle!“ 58 Der Vicomte von Montgommery. „Und ich ſterbe!“ rief Diana, indem ſie einen Dolch aus ihrem Buſen zog. Aber noch ehe ſie Zeit hatte, ſich ihn in's Herz zu ſtoßen, hatte Lord Wentworth ihr denſelben entriſſen und weit von ſich geſchleudert. „Noch nicht!“ rief er mit teufliſchem Lächeln.„Jetzt dürft Ihr noch nicht ſterben. Nachher könnt Ihr thun, was Ihr wollt, und wenn es Euch lieber iſt, mit mir zu ſterben als mit ihm zu leben, ſo ſteht es Euch frei. Aber dieſe letzte Stunde Eures Lebens gehört mir; ich habe nichts als dieſe Stunde, um mich für die Ewigkeit der Hölle zu entſchädigen. Glaubt alſo nicht, daß ich darauf verzichten werde.“ Er wollte ſte umfaſſen. Diana fühlte, daß ihre Kräfte ſie verließen, und warf ſich ihm zu Füßen. „Gnade, Mylord, Gnade!“ rief ſte aus.„Ich bitte Euch auf den Knien um Gnade und Vergebung. Bei Eurer Mutter! erinnert Euch, daß Ihr ein Edelmann ſeid!“ „Ein Edelmann!“ verſetzte Lord Wentworth kopf⸗ ſchüttelnd;„ja, ich war ein Edelmann, und ich glaube mich als ſolcher gezeigt zu haben, ſo lange ich trium⸗ phirte, ſo lange ich hoffte, ſo lange ich lebte. Aber jetzt bin ich kein Edelmann mehr, ſondern nichts als ein ge⸗ wöhnlicher Menſch, der ſterben und ſich rächen will!“ Der Vicomte von Montgommery. 59 Und mit frecher Gewalt hob er die zu ſeinen Füßen liegende Diana empor und trug ſie auf ein naheſtehen⸗ des Ruhebett. „Gnade!“ konnte ſie nur noch ſagen. „Nein, nein!“ verſetzte Lord Wentworth;„Du biſt zu ſchön!“ Sie wurde ohnmächtig.... Aber der Gouverneur hatte noch nicht Zeit gehabt, ſeinen Mund auf Dianens entfärbte Lippen zu drücken, als die Thür plötzlich geſprengt wurde und der Graf von Exnies, die beiden Peuquoy's und einige franzöſtſche Bogenſchützen auf der Schwelle erſchienen. Gabriel ſprang mit gezogenen Degen auf den Gou⸗ verneur zu und rief mit furchtbarer Stimme: „Elender Schurke!“ 3 Zähneknirſchend ergriff Lord Wentworth ebenfalls ſeinen Degen, den er auf einen Stuhl gelegt hatte. „Zurück! rief Gabriel ſeinen Begleitern zu, die ihm beiſtehen wollten.„Ich allein will den ſchändlichen Bu⸗ ben züchtigen!“ Ohne weiter ein Wort zu ſprechen kreuzten die bei⸗ den Gegner ihre Degen. Diana lag noch immer bewußtlos auf dem Ruhe⸗ bett.— 60 Der Vicomte von Montgommery. Zufolge des dem Grafen von Ernies gegebenen Ver⸗ ſprechens hatte Peter Peuquoy während der zwei vorher⸗ gehenden Tage diejenigen Einwohner von Calais, welche es insgeheim mit ihm und den Franzoſen hielten, Aufſtande angereizt und ſie bewaffnet. Sieg nicht mehr zweifelhaft ſein konnte, Anzahl natürlich ſehr bedeutend geworden. größtentheils kluge und beſonnene Bürger, ſicht übereinſtimmten, daß es am beſten ſei, ſich den größt⸗ möglichen Vortheil zu ſichern, da an einen längeren Widerſtand nicht mehr zu denken war. Der Waffenſchmied, der den entſcheidenden Schlag mit Sicherheit führen wollte, wartete daher, bis ſeine Truppe ſtark genug und die Belagerung w gerückt war, zum Da nun der ſo war deren Es waren die in der An⸗ eit genug vor⸗ um nicht Gefahr zu laufen, das Leben de⸗ rer, die ſich ihm anvertraut hatten, nutzlos auf's Spiel zu ſetzen. Als das alte Schloß genommen war, beſchloß er zu handeln, und in dem Augenblick, als ſich Lord Wentworth von der Breſche entfernte, brach der allge⸗— meine Aufſtand im Innern der Stadt aus. Auf den Schall des uns bekannten klein nen Hornes machten der Graf von Exnies „ Jean und die Hälfte ihrer Leute einen Ausfall aus dem Fort Risbank und drangen in die Stadt. Dann eilte die verſtärkte und er⸗ Der Vicomte von Montgommery. 61 muthigte Schaar der Peuquoy's nach der Breſche, wo Lord Derby wenigſtens ſo ehrenvoll als möglich fallen wollte. Jetzt aber war alle Hoffnung für ihn verloren; die franzöſiſche Fahne wehte bereits auf den Wällen von Calais und die empörte Stadtmiliz drohte den Belagerern ſelbſt die Thore zu öffnen; er hielt es daher für das Gerathenſte ſich ohne weiteres zu ergeben. Dies war alles, was Gabriel und die Peuquoy's für den Augenblick verlangten; doch beunruhigte es ſte noch, Lord Wentworth nirgends zu ſehen. Sie begaben ſich daher, von einer geheimen Vorahnung getrieben, mit einigen Soldaten nach dem Hotel des Gouverneurs. Hier fanden ſie alle Thüren offen und gelangten daher ungehindert bis nach dem Zimmer Dianens. Es war die höchſte Zeit. Der Degen des Geliebten blitzte noch zur rechten Zeit über der Tochter Heinrichs II., um ſie vor der ſchändlichſten aller Frevelthaten zu ſchützen. Der Kampf zwiſchen Gabriel und dem Gouverneur währte ziemlich lange; endlich aber ſchlug Erſterer mit einem wohlberechneten Hiebe ſeinem Gegner den Degen aus der Hand, und zugleich glitt Lord Wentworth aus und fiel zu Boden. Mit einem Sprunge ſtürzte ſich Gabriel auf ihn und ſetzte ihm den Degen auf die Bruſt. 1 62 Der Bicomte von Montgommery. Diana war inzwiſchen wieder zum Bewußtſein ge⸗ kommen. Als ſie die Augen wieder öffnete, ſah ſie auf den erſten Blick, was geſchah, und warf ſich daher mit dem Ausruf:„Gnade! Gnade!“ zwiſchen Gabriel und Lord Wentworth. Beim Anblick ſeiner geliebten Diana, beim Klange ihrer ſüßen Stimme hatte Gabriel kein anderes Gefühl mehr als das ſeiner Liebe. Sein Muth verwandelte ſich plötzlich in Großmuth. „Es ſei,“ ſagte er;„der Engel rette den Teufel, es iſt ſeine Rolle.“ Lord Wentworth wurde trotz ſeiner verzweifelten Gegenwehr gebunden und in ſeinem eignen Hauſe ge⸗ fangen geſetzt. Diana aber fiel, als ſie mit Gabriel allein war, auf die Knie, erhob ihre Augen und Hände zum Himmel und ſprach mit inbrünſtigem Dankgefühl: „Ich danke Dir, mein Gott, daß Du mich gerettet und durch ihn gerettet haſt.“ — 5. Getheilte Liebe. Diana und Gabriel überließen ſich ganz dem Glücke ihrer Vereinigung. Sie theilten einander mit, was ſie während ihrer Trennung gethan und empfunden hatten, und dankten dann dem Himmel, daß er im Augenblicke der höchſten Gefahr noch Dianens Rettung möglich ge⸗ macht hatte. Plötzlich aber entriß ſich Gabriel ihren Armen, er fühlte, daß ſeine Vernunft zu wanken begann, und er rief im Tone der höchſten Angſt: „Laßt mich, Diana, laßt mich fliehen!“ „Fliehen? Warum fliehen?“ fragte ſie erſtaunt. „Diana!... Diana!... wenn Ihr meine Schweſter wäret!...“ verſetzte Gabriel außer ſich. „Eure Schweſter?“ wiederholte Diana wie ver⸗ nichtet. „Doch nein, es iſt nicht, es kann nicht ſein! ich 64 Der Vicomte von Montgommery. weiß es nicht... wer kann es wiſſen?... Und über⸗ dies darf ich Euch von dem allen nichts ſagen. Es iſt ein Geheimniß, das ich geſchworen habe zu bewahren!“ „Gabriel,“ erwiederte Diana ernſt,„Ihr habt mir ſchon zu viel oder zu wenig für meine Ruhe geſagt. Jetzt müßt Ihr vollenden.“ „Ich habe es dem Könige geſchworen!“ „Ihr habt geſchworen? aber mir könnt Ihr doch eine Aufklärung über einen für mich ſo wichtigen Ge⸗ genſtand nicht vorenthalten?“ „Ihr habt Recht, Ihr müßt das ganze furchtbare Geheimniß erfahren, ich kann es Euch nicht länger ver⸗ bergen. Diana, Ihr ſeid warſcheinlich die Tochter des Grafen von Montgommery, meines Vaters, Ihr ſeid wahrſcheinlich meine Schweſter!“ „Heilige Jungfrau!“ flüſterte Diana, durch dieſe Mittheilung vernichtet.„Aber wie iſt dies möglich?“ Gabriel theilte das ganze Verhältniß ſeines Vaters mit Dianen von Poitiers und das Verſchwinden deſſel⸗ ben mit, weshalb es ihm noch nicht möglich geweſen war, etwas Zuyverläſſiges über Dianens Geburt zu er⸗ fahren, ſo lange der alte Graf nicht aufgefunden und befreit war. „Entſetzlich!“ rief Diana, als Gabriel geendet hatte. Der Vicomte von Montgommery. 65 „Welchen Ausgang die Sache auch nehmen mag, ſo ſind wir unglücklich! Bin ich die Tochter des Grafen von Montgommery, ſo ſeid Ihr mein Bruder; bin ich da⸗ gegen die Tochter des Königs, ſo ſeid Ihr der Feind meines Vaters!”“) „Nein, Diana,“ erwiederte Gabriel.„Unſre Lage iſt nicht ganz hoffnungslos. Da ich einmal begonnen habe, Euch alles zu offenbaren, ſo will ich es auch bis zu Ende thun.“ Gabriel theilte ihr hierauf den Vertrag mit, den er mit Heinrich II. geſchloſſen hatte, ſo wie das feierliche Verſprechen des Königs, den Grafen von Montgommery in Freiheit zu ſetzen, wenn ſein Sohn, nachdem er Saint⸗ Quentin gegen die Spanier vertheidigt, Calais den Eng⸗ ländern entriſſen haben würde. Calais aber war ſeit einer Stunde erobert und Gabriel hatte zu dieſem glor⸗ reichen Erfolge das Meiſte beigetragen. Bei dieſer Erzählung verdrängte die Hoffnung nach und nach die trüben Wolken von Dianens Stirn, und als Gabriel zu Ende war, verſank ſie einige Augenblicke in Nachdenken. Dann ſagte ſie zu ihm: „Was beabſichtigt Ihr jetzt zu thun?“ „Der Herzog von Guiſe iſt der Vertraute und Theilnehmer alles deſſen, was ich bis jetzt unternommen Der Vicomte von Montgommery. 5 66 Der Vicomte von Montgommery. habe,“ antwortete Gabriel.„Ich werde ihn um ein Schreiben an den König bitten, in welchem er beſtätigt, welchen Theil ich an dieſer Eroberung habe, und dann werde ich auf der Stelle nach Paris reiſen...“ Während Gabriel noch ſprach und Diana ihm mit hoffnungsſtrahlenden Augen zuhörte, öffnete ſich plötzlich die Thür und Jean Peuquoy trat ganz beſtürzt in's Zimmer.— Er theilte dem Grafen mit, daß der Wundarzt Ambroſtus Paré den ungluͤcklichen Martin Guerre be⸗ ſucht und die Verſicherung gegeben habe, daß zwar die Amputation des Beines vorgenommen werden müſſe, die Heilung aber deſſenungeachtet nicht zu bezweifeln ſei. Ferner berichtete der Weber, daß Paré ſo eben zu dem Herzoge von Guiſe gerufen worden war, der bei der Er⸗ ſtürmung eine lebensgefährliche Wunde erhalten hatte. So erfreut Gabriel über die erſtere Nachricht war, ſo ſchmerzlich war der Eindruck der zweiten Mittheilung, ſowohl auf ihn ſelbſt als auf Dianen, denn der Tod des Herzogs würde alle ihre Hoffnungen mit einem Schlage vernichtet haben. Ihre Befürchtungen ſollten jedoch nicht in Erfüllung gehen. Obgleich die Leibärzte des Herzogs die Wunde fuͤr unbedingt tödtlich erklärt hatten, ſo gelang es den⸗ d Der Vicomte von Montgommery. 67 noch der Geſchicklichkeit Paré's, den man ebenfalls zu Rathe zog, den hohen Kranken zu retten. Nur behielt derſelbe eine große Narbe im Geſicht, welche ihm den Beinamen„der Balafré“*) eintrug, den er für alle Zei⸗ ten behalten hat. *) Der Benarbte. 5* 6. Theilweiſe Entwickelung. Es war am 8. Januar, den Tag nach demjenigen, an welchem der Graf von Ernies dem Könige von Frank⸗ reich die ſchönſte ſeiner verlorenen Städte, Calais, wieder⸗ erobert hatte. Wir begeben uns in die Wohnung der Peuquoy und finden hier den Waffenſchmied, ſeinen Vetter Jean, ſeine Schweſter Babette und den Grafen von Er⸗ nies im Krankenzimmer Martin Guerre's vereinigt, der jetzt als Familienglied betrachtet wurde. Die Genugthuung, welche die Ehre der Familie Peuquoy erforderte, war hinfüro nicht mehr unmöglich. Der wirkliche Martin Guerre war allerdings verhei⸗ rathet; allein nichts bewies, daß es Babettens Verführer ebenfalls war. Es handelte ſich hauptſächlich darum, den Verbrecher aufzufinden. Der Vicomte von Montgommery. 69 So lag denn auch in Peters Geſichtszügen jetzt mehr Heiterkeit und Ruhe. Jean indeß war im Gegentheil ziemlich betrübt und auch Babette ſchien ſehr niederge⸗ ſchlagen. Ihre Ausſicht in die Zukunft war allerdings traurig, denn wenn auch der falſche Martin Guerre auf⸗ gefunden und gezwungen wurde, durch eine Heirath ihre Ehre wiederherzuſtellen, ſo fühlte ſie doch nur zu ſehr, daß ſie den ſchändlichen Betrüger nicht lieben konnte. Aber ſchon ſeit längerer Zeit ſchlummerte in ihr eine geheime Neigung zu ihrem Vetter Jean, welche auch von dieſem getheilt wurde, obgleich Beide nie ein Wort darüber geäußert hatten. Gabriel glaubte dieſe Zuneigung bemerkt zu haben, und er war es, welcher die Sache zuerſt zur Sprache brachte. Sein Vorſchlag, daß Babette Jeans Gattin werden ſollte, löſ'te den Knoten auf die vollkommenſte und zweckmäßigſte Weiſe und er wurde daher auch von allen Theilen nach kurzer Beſprechung angenommen. Man kam zugleich überein, daß das Paar nach ſeiner Vereini⸗ gung einige Zeit bei Gabriel in Paris zubringen ſollte, wo Babettens Entbindung am beſten verheimlicht werden könne, und nachdem dies alles beſprochen und feſtgeſetzt war, brach Gabriel auf, um ſich nach dem Lager des Herzogs von Guiſe zu begeben. Martin mußte in Peu⸗ 70 Der Vicomte von Montgommery. quoy's Hauſe zurückbleiben, da ſeine Heilung jedenfalls eine lange Zeit erforderte. Gabriel fand den Herzog zwar außer Gefahr, aber noch hart an ſeiner Wunde darniederliegend. Der Ba⸗ lafré(denn jetzt können wir dem Herzoge dieſen Beina⸗ men geben) theilte ihm mit, daß er ihm die Ehre zuge⸗ dacht habe, dem Könige die Schlüſſel von Calais zu übervringen. „Außerdem,“ ſetzte er hinzu,„ſollt Ihr Seiner Ma⸗ jeſtät eine Abſchrift der Capitulation und dieſen Brief uͤberreichen, den ich geſtern Abend, den Verordnungen Meiſter Paré's zuwider, geſchrieben habe. Ich hoffe, Ihr werdet mit mir und in Folge deſſen auch mit dem Könige zufrieden ſein.“ Mit dankerfülltem Herzen nahm Gabriel das Käſt⸗ chen mit den Schlüſſeln der eroberten Stadt und den verſtegelten Brief des Herzogs in Empfang. Als er Ab⸗ ſchied genommen hatte und ſich eben entfernen wollte, trat plötzlich ein Officier ein und brachte die Nachricht, daß Lord Wentworth, dem man ſeine Freiheit angekün⸗ digt und ſeinen Degen zurückgegeben, ſich denſelben durch die Bruſt geſtoßen habe und auf der Stelle verſchieden ſei. Gabriel wußte nur zu gut, was den Lord zu die⸗ ſem beklagenswerthen Schritte geführt hatte, aber er ließ Der Vicomte von Montgommery. 71 den Herzog bei dem Glauben, daß es die Verzweiflung über die erlittene Niederlage geweſen ſei. Mit nochmaligen Verſicherungen ſeines Dankes ent⸗ fernte ſich Gabriel dann und begab ſich zu Dianen, um auch von ihr Abſchied zu nehmen. „Reiſ't in Gottes Namen, geliebter Freund,“ ſagte ſte unter Anderm zu ihm,„damit ich um ſo kürzere Zeit zu leiden und zu warten habe und damit ſich unſer Schickſal möglichſt bald entſcheidet. Außer dem Briefe des Herzogs von Guiſe, den Ihr dem Könige überbringt⸗ nehmt auch dieſen von mir an Seine Majeſtät mit. So wird es ihm und Allen klar ſein, daß Ihr nicht allein dem Könige von Frankreich ſeine wichtigſte Feſtung, ſon⸗ dern auch dem Vater ſeine Tochter wiedergegeben habt. Ich ſpreche ſo, weil ich hoffe, daß Heinrichs II. Gefühle für mich ſich nicht täuſchen werden und ich das Recht habe, ihn meinen Vater zu nennen.“ „Ach, theure Diana, möchten Eure Worte in Er⸗ füllung gehen!“ „Ich beneide Euch, Gabriel,“ fuhr ſie fort,„daß Ihr vor mir den Schleier unſres Geſchickes lüften wer⸗ det. Ich werde jedoch den Herzog von Guiſe bitten, mich morgen ebenfalls abreiſen zu laſſen, und obgleich ich 72 Der Vicomte von Montgommery. langſamer reiſen muß als Ihr, ſo werde ich doch nur wenige Tage nach Euch in Paris eintreffen.“ „Ja, kommt ſo bald als möglich, denn es iſt mir, als müßte Eure Gegenwart mir Glück bringen.“ „Für alle Fälle will ich nicht ganz von Euch ge⸗ trennt ſein, ich will, daß jemand Euch zuweilen an mich erinnert. Da Ihr gezwungen ſeid, Euren treuen Knap⸗ pen Martin Guerre hier zurückzulaſſen, ſo nehmt den franzöſtſchen Pagen mit Euch, den mir Lord Wentworth gegeben hatte. André iſt kaum ſtebzehn Jahre alt, aber er iſt treu und aufrichtig und kann Euch von Nutzen ſein.“ „Ich danke Euch herzlich,“ verſetzte Gabriel.„Aber Ihr wißt, daß ich ſchon in wenigen Minuten abreiſe...“ „André macht ſich eben bereit,“ entgegnete Diana, „und er wird bei Euch ſein, ehe Ihr die Thore der Stadt hinter Euch habt. Doch nun lebt wohl,“ ſetzte ſte raſch hinzu,„wir müſſen uns trennen.“ „O nein, kein Lebewohl!“ rief Gabriel,„dies iſt, das ſchmerzliche Wort einer langen Trennung; nein, auf Wiederſehen!“ „Ach!“ ſeufzte Diana, wann und beſonders wie werden wir uns wiederſehen? Wenn das Räthſel unſres Geſchickes ſich unglücklich löſ't, wäre es dann nicht beſſer, wir ſähen uns nie wieder?“ Der Vicomte von Montgommery. 73 „Sprecht nicht ſo, Diana, das wollen wir nicht hoffen. Geſetzt jedoch, ich wäre verhindert, wer könnte Euch in dieſem Falle den glücklichen oder traurigen Aus⸗ gang mittheilen?“ „Wartet einen Augenblick,“ erwiederte Fräulein von Caſtro. Sie zog einen goldenen Ring vom Finger und nahm aus einem Kaſten den Nonnenſchleier, den ſie im Kloſter der Benedictinerinnen zu Saint⸗Quentin getragen hatte. „Da ſich wahrſcheinlich vor meiner Ankunft in Paris alles entſcheiden wird,“ ſagte ſte,„ſo ſendet mir André entgegen. Wenn Gott für uns iſt, ſo wird er dieſen Verlobungsring der Gräfin von Montgommery übergeben; hat uns dagegen unſre Hoffnung getäuſcht, ſo wird er dieſen Nonnenſchleier der heiligen Schweſter bringen. Und nun geht; auf Wiederſehen, in dieſer Welt oder in jener!“ „Auf Wiederſehen! auf Wiederſehen!“ ſchluchzte Ga⸗ briel. Eine halbe Stunde ſpäter verließ Gabriel in Be⸗ gleitung des jungen Pagen André und vier ſeiner Frei⸗ willigen die Stadt Calais. 7. Der Vicomte von Montgommery. Am Abend des 12. Januar 1558 war großer Em⸗ pfang bei der Königin Katharina von Medicis. Die Ge⸗ ſellſchaft war ſehr zahlreich. Unter den Damen bemerkte man namentlich, außer der rechtmäßigen Königin Katha⸗ rina, die factiſche Königin Diana von Poitiers, die junge Dauphine Maria Stuart und die ſchwermüthige Prinzeſſin Eliſabeth, der ihre ſchon jetzt bewunderte Schönheit einſt ſo verderblich werden ſollte. Unter den Männern ſah man, außer dem Könige ſelbſt, das gegenwärtige Oberhaupt des Hauſes Bourbon, Anton, König von Navarra, und ſeinen Bruder Ludwig von Bourbon, Prinzen von Condé, um welche ſich na⸗ türlich diejenigen Edelleute gruppirten, die es offen oder insgeheim mit der Reformation hielten, als der Ad⸗ miral Coligny, la Renaudie, der Baron von Caſtelnau Der Vicomte von Montgommery. 75 und andere. Auch Seine Eminenz der Cardinal von Lothringen, ſowie der Connetable von Montmorency maren anweſend. Unter dieſer vornehmen und im Ganzen genommen heitern Geſellſchaft zeigten beſonders zwei Männer eine ernſte und faſt traurige Stimmung. Dieſe waren der König und der Connetable; ſte dachten Beide fortwährend an Calais. Der König aber fürchtete das Mißlingen des gefahrvollen Unternehmens, der Connetable dagegen das Gelingen deſſelben, denn in dieſem Falle mußte das An⸗ ſehen des Herzogs von Guiſe nothwendig immer höher ſteigen und dadurch das des Connetable noch mehr ge⸗ ſchmälert werden, als dies ſchon jetzt der Fall war. Während ſich faſt die ganze Geſellſchaft ausſchließ⸗ lich über die Ereigniſſe in Calais unterhielt und nament⸗ lich der König zu wiederholten Malen ſeine Beſorgniß darüber ausdrückte, daß er nun ſchon ſeit drei Wochen, ſeit der Abreiſe des Herzogs von Guiſe, nicht die ge⸗ ringſte Nachricht von dieſem erhalten hatte, trat plötzlich der dienſtthuende Huiſſier mit den Worten ein: „Ein Abgeſandter des Herrn Herzogs von Guiſe aus Calais bittet um die Gunſt von Seiner Majeſtät empfangen zu werden.“ Sogleich richteten ſich Aller Augen auf den König, Der Vicomte von Montgommery. welcher kaum im Stande war ſeine Aufregung zu be⸗ herrſchen und Befehl gab, den Abgeſandten augenblicklich vorzulaſſen.— Unter tiefem Schweigen trat Gabriel ein, auf einem ſammtenen Kiſſen die Schlüſſel der Stadt und zwei Briefe tragend. Er beugte ein Knie vor dem Könige und ſprach mit feſter Stimme: „Sire, ich bringe die Schluͤſſel der Stadt Calais, welche die Engländer nach einer ſiebentägigen Belagerung und drei beharrlichen Stürmen dem Herrn Herzoge von Guiſe ausgehändigt haben, und die derſelbe Eurer Ma⸗ jeſtät durch mich überreichen läßt.“ „Wie? Calais iſt in unfrer Gewalt?“ fragte der König, obgleich er alles wohl verſtanden hatte. „So iſt's, Sire,“ verſetzte Gabriel. „Es lebe der König!“ riefen alle Anweſenden wie aus einem Munde. „Ich danke, meine Herren,“ ſagte Heinrich II. mit freudeſtrahlendem Geſicht.„Doch Euer Lebehoch darf mir nicht allein gelten, der beſte Theil Eurer Glückwün⸗ ſche gebührt dem Anführer des Unternehmens, meinem edlen Vetter, dem Herzoge von Guiſe. In deſſen Ab⸗ weſenheit wollen wir unſern Dank und unſere Glückwün⸗ ſche Euch, Herr Cardinal von Lothringen, der ihn hier Der Vicomte von Montgommery. 77 repräſentirt, und Euch, Herr Graf von Ernies, ſeinem Abgeſandten darbringen.“ „Verzeiht, Sire,“ entgegnete Gabriel mit einer ehr⸗ erbietigen Verbeugung,„ich heiße nicht Graf von Exnies; ſeit der Einnahme von Calais habe ich geglaubt, mir meinen wirklichen Namen Vicomte von Montgommery bei⸗ legen zu dürfen.“ „Was ſoll das heißen?“ rief der König mit ſchlecht verhehltem Zorn;„wie könnt Ihr es wagen, Euch dieſen Namen anzumaßen?“ „Er kommt mir zu, Sire,“ erwiederte Gabriel ruhig, „und was Eure Majeſtät für Anmaßung hält, iſt nur Vertrauen auf Euer königliches Wort.“ „Auf Eure perſönlichen Angelegenheiten können wir ſpäter zurückkommen,“ entgegnete der König;„für den Augenblick vergeßt nicht, daß Ihr der Abgeſandte des Herrn Herzogs von Guiſe ſeid und daß Ihr Euch Eures Auftrags noch nicht vollſtändig entledigt habt.“ „Es iſt wahr,“ ſagte Gabriel,„ich habe Eurer Ma⸗ jeſtät noch dieſen Brief des Herrn Herzogs zu überreichen.“ Der König nahm den Brief in Empfang und gab ihn dem Cardinal von Lothringen mit den Worten: „Euch, Herr Cardinal, gebührt die Ehre, dieſen 78 Der Vicomte von Montgommery. Brief Eures Bruders laut vorzuleſen; er iſt nicht an den König, ſondern an ganz Frankreich gerichtet.“ Karl von Lothringen nahm den Brief aus den Hän⸗ den des Königs und las ihn laut vor. Der Herzog von Guiſe berichtete darin dem Könige die uns bekannten Einzelnheiten der Einnahme von Calais ſeine Verwundung und glückliche Heilung durch Meiſter Ambroſtus Paré, und endlich den Antheil, welchen der Graf von Ernies an dem Gelingen des großartigen Un⸗ ternehmens gehabt hatte. „Es war meine Pflicht,“ ſo ſchloß der Brief,„Herrn „von Exnies dieſes ruhmvolle Zeugniß laut zu ertheilen. „Nur ein ſo großer König wie Eure Majeſtät kann einen „ſo wichtigen Dienſt nach Gebühr belohnen. Wie der 8 junge Held mir geſagt hat, ſcheint es in der That, daß „Eure Majeſtät einen dieſer Eroberung würdigen Preis „in Ihren Händen hat, und ich empfehle Euch daher den „Grafen von Exnies nochmals auf das wärmſte. „Ich bitte Gott, daß er Eurer Majeſtät ein langes „Leben und eine glückliche Regierung verleihen möge, und „bin»c. 2c.“ Ein Gemurmel der Bewunderung und des Beifalls durchlief die Verſammlung, und ſelbſt der König ſchien tief bewegt zu ſein. Nur Diana von Poitiers biß ſich — N Der Vicomte von Montgommery. 79 auf ihre bleichen Lippen und die dicken Augenbrauen des Connetable zogen ſich zuſammen. „Ihr habt Schönes und Großes vollbracht, junger Mann,“ ſprach Heinrich II.,„und ich wünſche, daß es mir in der That möglich ſein wird, Euch eine Belohnung zu ertheilen, die Euer und meiner würdig iſt.“ „Es giebt nur eine, nach welcher ich ſtrebe, und Eure Majeſtät kennt ſte... Doch ich habe auch einen Brief von Fräulein von Caſtro an Eure Majeſtät.“ Der König nahm Diana's Brief in Empfang und las ihn aufmerkſam durch. Als er zu Ende war, ſagte er zu Gabriel: „Fräulein von Caſtro empfiehlt mir ebenfalls ihren Befreier, und dies iſt nur gerecht. Sie ſagt mir, daß ſte Euch nicht allein ihre Freiheit, ſondern auch die Ret⸗ tung ihrer Ehre verdankt.“ „Ich habe meine Pflicht gethan, Sire,“ entgegnete Gabriel. „Darum will ich jetzt auch die meinige thun,“ ver⸗ ſetzte Heinrich lebhaft.„Sprecht, was wünſcht Ihr von uns, Herr Vicomte von Montgommery?“ „Sire,“ antwortete Gabriel tief ergriffen,„ich glaube nicht nöthig zu haben, Eurer Majeſtät zu wiederholen, was ich von Eurer Güte und Gerechtigkeit erwarte. Ich 80 Der Vicomte von Montgommery. hoffe das gethan zu haben, was Eure Majeſtät von mir verlangt hatte; werdet Ihr nun geruhen, auch Euer Ver⸗ ſprechen gegen mich zu erfüllen?“ „Ich werde es halten, das heißt unter der Bedingung des ſtrengſten Stillſchweigens.“ „Ich verpfände auf's neue meine Ehre dafür,“ ſagte Gabriel. „So kommt näher, Herr Vicomte.“ Der Cardinal von Lothringen entfernte ſich ein wenig, aber Diana von Poitiers, welche ebenfalls neben dem Könige ſaß, blieb ruhig auf ihrem Platze und konnte ohne Zweifel alles hören, was er zu Gabriel ſagte, ob⸗ gleich er ziemlich leiſe ſprach. „Herr Vicomte von Montgommery,“ hob der König wieder an,„Ihr ſeid ein tapferer junger Mann, den ich achte und liebe. Wenn Ihr das, was Ihr verlangt, er⸗ halten habt, ſo werden wir dadurch unſerer Verpflich⸗ tungen gegen Euch noch nicht enthoben ſein. Nehmt indeß vor der Hand dieſen Ring und begebt Euch mor⸗ gen früh damit zu dem Gouverneur des Chatelet; er ſoll bis dahin die nöthigen Befehle erhalten und wird Euch auf der Stelle den Gegenſtand Eurer heiligſten Wünſche verabfolgen.“ Gabriel fiel dem König zu Füßen und dankte ihm Der Vicomte von Montgommery. 81 mit Thränen der Freude in den Augen. Dann verab⸗ ſchiedete er ſich von ihm und begab ſich nach ſeiner Woh⸗ nung, das Herz mit freudigen Hoffnungen aber auch mit ängſtlichen Befürchtungen erfüllt. Er konnte die ganze Nacht keinen Augenblick ſchlafen. Am andern Morgen um ſechs Uhr ging er hinab, ange⸗ kleidet und gerüſtet wie zu einer langen Reiſe, und ſagte zu ſeiner Amme: „Ich erwarte zwei Gäſte aus Calais, Jean Peuquoy und ſeine Frau Babette. Sollte ich bei ihrer Ankunft nicht hier ſein, ſo nimm ſte gut auf und begegne ihnen, als wären ſie meine Geſchwiſter.“ „Ich verſpreche es Euch, gnädiger Herr,“ erwiederte die Amme,„es ſoll Euren Gäſten an nichts fehlen.“ „Auch Dir, André,“ ſprach Gabriel dann zu dem Pagen,„muß ich einen wichtigen Auftrag geben, den Du pünktlich vollziehen wirſt. In einer Stunde verlaſſe ich dieſes Haus. Sollte ich im Laufe des Tages zurück⸗ kommen, ſo merke Dir Folgendes. Madame Diana von Caſtro wird binnen wenigen Tagen hier eintreffen. Er⸗ kundige Dich genau, damit Du ſogleich von ihrer An⸗ kunft unterrichtet wirſt, und dann überbringe ihr dieſes verſtegelte Packet. Habe ſorgfältig Acht, daß Du es nicht verlierſt, denn obgleich es nur einen Frauenſchleier Der Vicomte von Montgommery. 6 82 Der Vicomte von Montgommery. enthält, ſo iſt mir doch ſehr viel daran gelegen, daß es richtig in ihre Hände kommt.“ „Ich werde alles pünktlich beſorgen, gnädiger Herr,“ erwiederte der Page. Gabriel ſetzte ſich hierauf an den Tiſch und ſchrieb folgende Zeilen an den Admiral Coligny: „Herr Admiral! „Ich will mich in Eurem Glauben unterrichten laſſen, „und Ihr dürft mich von heute an als einen der Eurigen „betrachten. Mag der Grund meiner Bekehrung ſein „welcher er wolle, ich werde mein Herz, mein Leben und „meinen Degen unwiderruflich der unterdrückten Religion „widmen. „Euer treuer Genoſſe und Freund 4„Gabriel von Montgommerhy.“ „Dieſen Brief mußt Du noch an ſeine Adreſſe be⸗ fördern, wenn ich nicht zurückkomme. Und nun lebt wohl, ich kann nicht länger mehr hier bleiben.“ Eine halbe Stunde ſpäter klopfte Gabriel mit zit⸗ ternder Hand an das Thor des Chatelet. ————, 8. Das Wort eines Königs. Als Gabriel dem Gouverneur des Gefängniſſes, Herrn von Sazerac, den vom Könige erhaltenen Ring vorzeigte, ließ er ihn ſogleich mit der Bemerkung eintreten, daß er ihn erwartet habe. Beide gingen ſchweigend durch die dunklen Gänge und die Treppen hinab, und als ſie an die Thür des Kerkers kamen, in welchem Gabriel, wie er ſich erinnerte, ſeinen Vater das erſte Mal beſucht hatte, blieb er ſtehen und ſagte: „Hier muß es ſein.“ „Nein,“ erwiederte Herr von Sazerac mit ſchmerz⸗ lichem Kopfſchütteln,„wir ſind noch nicht am Ziele. Ich habe geſtern Abend ganz unerwartet den Befehl erhalten, den unglücklichen Gefangenen ein Stockwerk tiefer brin⸗ gen zu laſſen.“ 6* Der Vicomte von Montgommery. „So wollen wir raſch hinabgehen,“ rief Gabriel, nich bringe ihm ja ſeine Befreiung!“ Als ſte auch dieſe letzte Treppe hinabgeſtiegen waren, nahm Gabriel den verroſteten Schlüſſel aus der Hand des Gouverneurs, öffnete die ſchwere Thür und trat in den Kerker. Beim Scheine der Fackel erblickte man in einem Winkel auf einigen Strohhalmen einen ausgeſtreckt lie⸗ genden Körper. Mit dem Ausrufe:„Vater!“ ſtürzte Gabriel darauf zu und blieb einige Secunden lang unbeweglich vor ihm liegen. Dann erhob er langſam den Kopf, blickte mit ſtierem Auge um ſich her und ſagte mit einer Stimme, welche dem menſchenfreundlichen Gouverneur tief in die Seele drang: „Er iſt todt!“ Die Augen des Leichnams waren indeß offen ge⸗ blieben; Gabriel drückte ſie ihm zu und küßte zum erſten und letzten Male dieſe erloſchenen Augen, die wohl von mancher bitteren Thräne benetzt worden waren. „Wenn der Todte Euch theuer iſt,“ ſagte der Gou⸗ verneur, welcher die peinliche Scene gern abkürzen wollte, „und Ihr ihm die letzte Ehre zu erzeigen wünſcht, ſo bin —,—O—— Der Vicomte von Montgommery. 85 ich ermächtigt Euch zu geſtatten, daß Ihr ihn von hier abholen laßt.“ „Wirklich?“ verſetzte Gabriel mit einem ſonderbaren Lächeln.„Ich muß geſtehen, daß man ſehr gerecht gegen mich iſt und ſtreng das mir gegebene Wort hält. Man hatte es mir vor Gott geſchworen, mir meinen Vater zurückzugeben. Ob lebend oder todt, davon iſt, wie ich mich jetzt entſinne, allerdings nicht die Rede geweſen.“ Nachdem Gabriel noch einige Augenblicke neben dem Leichnam ſeines Vaters kniend im Gebet zugebracht hatte, verließ er das Gefängniß. Er ging zuerſt an eine ein⸗ ſame Stelle des Fluſſes, nahm ſeine Brieftaſche hervor und ſchrieb Folgendes an ſeine Amme: „Erwarte mich nicht, meine gute Aloyſe, ich komme „heut nicht nach Hauſe. Ich muß eine Zeit lang allein „ſein und habe eine nothwendige Reiſe zu machen. Fürchte „jedoch nichts, Du ſiehſt mich beſtimmt wieder. „Dieſen Abend bleibe ſo lange wach, bis Du vier „Männer, die eine traurige aber koſtbare Laſt tragen, an „die Thür des Hauſes klopfen hörſt. Führe ſte ſelbſt in „die Familiengruft und zeige ihnen das offene Grab, in „welches ſie den mitgebrachten Sarg legen können. Dann „gieb jedem von ihnen vier Goldthaler und wenn Du 86 Der Veomte von Montgommery. nſte wieder fortgeſchickt haſt, ſo kehre an das Grab zurück, „knie nieder und bete wie für Deinen Herrn und Vater. „Auf Wiederſehen, gute Aloyſe, und Gott behüte Dich! „Gabriel von M.“ Er ſchickte dieſen Brief durch einen Boten an ſeine Amme, beſtellte dann vier Träger, daß ſie am Abend gegen zehn Uhr in das Chateletgefängniß gehen ſollten, wo ſte von dem Gouverneur einen Sarg erhalten wür⸗ den, den ſie ſo geräuſchlos als möglich nach der Straße des Jardins⸗Saint⸗Paul in das auf dem Briefe näher bezeichnete Haus bringen ſollten, und verließ dann die Stadt. Als er an dem Louvre vorüberkam, blieb er einen Augenblick ſtehen und murmelte einige Worte vor ſich hin, die wie eine Herausforderung klangen. Madame Diana von Caſtro kam bald darauf in Paris an und noch den nämlichen Tag ſah ſie ihren ehe⸗ maligen Pagen André bei ſich eintreten. „Was bringſt Du mir?“ rief ſie ihm entgegen, ſo⸗ bald ſie ihn erblickte. „Nichts als dies hier,“ erwiederte der Page, indem er ihr das Packet mit dem Schleier übergab. em Der Vicomte von Montgommery. 87 „Alſo nicht den Ring!“ rief Diana.„Hat Dir Herr von Exrnies ſonſt nichts an mich aufgetragen?“ Mit einem ſchmerzlichen Ausdrucke betrachtete⸗Diana den ſchwarzen Schleier, das wahre Symbol ihres künf⸗ tigen Schickſals. „Es ſind alſo nur zwei Fälle möglich,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt;„entweder weiß Gabriel, daß er mein Bru⸗ der iſt, oder er hat alle Hoffnung verloren, das unglück⸗ liche Geheimniß je zu ergründen. Aber hätte er mir nicht auch dieſe qualvolle Ungewißheit erſparen können? Warum theilt er mir nicht mit, was er ferner zu thun gedenkt? Ach, dieſes Stillſchweigen ängſtigt mich mehr als alles Andere!“ So vergingen Tage, Wochen und Monate. Verge⸗ bens erkundigte ſich Diana direct und indirect, niemand konnte ihr eine nur irgend zuverläſſige Auskunft über den Aufenthalt des Grafen von Exnies geben; der junge Mann war faſt ſpurlos verſchwunden. Einmal indeß ſah Meiſter Ambroſius Paré, der, nachdem er ſeine Verwundeten geheilt und die Feindſelig⸗ keiten im Norden ein wenig nachgelaſſen hatten, nach Paris gekommen war, ſeinen alten Bekannten, den Gra⸗ fen von Exnies, bei ſich eintreten. Nachdem ſich Gabriel zuerſt nach dem Befinden 88 Der Vicomte von Montgommery. Marttn Guerre's erkundigt hatte, der vollkommen herge⸗ ſtellt war und gegenwärtig ſchon auf dem Wege nach Paris ſein mußte, fragte er den Wundarzt über den Herzog von Guiſe und die Armee. Paré gab ihm alle erwünſchte Auskunft und es entſpann ſich hierauf zwiſchen ihnen ein Geſpräch über die reformirte Glaubenslehre, in deſſen Verlauf ſich Gabriel offen als einen Anhänger der⸗ ſelben bekannte und das er mit den Worten ſchloß: „Dieſe Unterhaltung hat mir ſehr wohlgethan, Mei⸗ ſter Paré. Die Zeit iſt leider noch nicht gekommen, wo ich mich öffentlich als einen Bekenner des reformirten Glaubens erklären kann, und es liegt im Intereſſe der Religion ſelbſt, daß ich noch damit anſtehe. Aber ich habe die Ueberzeugung gewonnen, daß die Eurigen wirk⸗ lich auf dem richtigen Wege ſind, und Ihr dürft verſt⸗ chert ſein, daß ich Euch von jetzt an, wenn auch nicht mit der That, doch mit dem Herzen angehöre. Lebt wohl, Meiſter Ambroſtus, wir ſehen uns wieder.“ In den erſten Tagen des folgenden Monats, des Mai 1558, erſchien Gabriel zum erſten Male wieder ſeit ſeiner geheimnißvollen Entfernung im Hotel der Straße des Jardins⸗Saint⸗Paul. Bereits ſeit drei Monaten wohnte Jean Peuquoy Der Vicomte von Montgommery. 89 mit ſeiner Frau Babette hier, und auch Martin Guerre war vor vierzehn Tagen angekommen. Gott hatte nicht gewollt, daß Jeans Aufopferung die letzte und härteſte Prüfung beſtehen ſollte. Babette war einige Tage vorher zu früh von einem todten Kinde entbunden worden. Sie hatte viel geweint, doch war es den vereinten Bemühungen ihres Gatten, der guten Aloyſe und des immer heitern Martin Guerre gelungen, ſte nach und nach zu tröſten. Eines Morgens, als ſte alle Vier traulich beiſam⸗ men ſaßen und ſich über die Vergangenheit unterhielten, öffnete ſich die Thür und zu ihrer großen Ueberraſchung und noch größeren Freude trat der Graf von Exnies ein. Nachdem die erſten Begrüßungen vorüber waren, wollte ihn Aloyſe über ſeine lange Abweſenheit ausfra⸗ gen; aber Gabriel legte einen Finger auf den Mund und gebot der theilnehmenden Amme durch einen ſchmerzlichen aber feſten Blick Stillſchweigen. Es war augenſcheinlich, daß er ſich weder über die Vergangenheit noch über die Zukunft ausſprechen wollte oder konnte. Der junge Graf brachte den Reſt des Tages in der Mitte ſeiner Freunde und Diener zu; gegen Abend aber ſagte er in einem Tone, welcher keine Einwendungen ge⸗ ſtattete: — 90 Der Vicomte von Montgommery. „Jetzt muß ich Euch wieder verlaſſen. Mein wacke⸗ rer Martin, ich habe mich auf meinen Reiſen immer mit Dir beſchäftigt, denn ich hatte die Verpflichtung nicht vergeſſen, welche ich in Bezug auf Deine Angelegenheiten übernommen habe. So iſt es mir endlich gelungen, der Wahrheit, die Dich intereſſirt, auf die Spur zu kommen. Allein ich bedarf auch Deines Beiſtandes noch. Begieb Dich im Laufe dieſer Woche nach Deiner Heimath Rieux, doch nicht direct, ſondern vor der Hand reiſe nur bis Lyon und erwarte mich dort. Alles Weitere wird ſich dann finden.“ „Ich danke Euch, gnädiger Herr,“ erwiederte Martin hocherfreut;„ich werde Euch dort erwarten.“ Gabriel nahm herzlichen Abſchied und begann noch einmal die unſtete Lebensweiſe, zu welcher er ſich ſelbſt verurtheilt zu haben ſchien. N ——— 9. Der falſche Martin Guerre. Sechs Wochen ſpäter, am 15. Juni 1558 ſaß auf einer Bank vor dem ſchönſten Hauſe des Dorfes Artigues bei Rieux ein Mann, und zu ſeinen Füßen kniete eine Frau, welche damit beſchäftigt war, ihm die Schuhe aus⸗ zuziehen. „Nun, wie lange dauert das, Bertrande?“ ſagte der Mann in barſchem Tone.„Du biſt entſetzlich langſam und ungeſchickt!“ „So, jetzt bin ich fertig, Martin,“ erwiederte die Frau ſanft. „Endlich!“ murmelte der angebliche Martin.„Und wo bleibt mein Glas Meth?“ „Es iſt ſchon fertig, lieber Mann, ich will es Dir ſogleich holen. Der Vicomte von Montgommery. „Immer muß man warten!“ verſetzte dieſer unge⸗ duldig mit dem Fuße ſtampfend.„Geh raſch oder...“ Eine ausdrucksvolle Geberde ergänzte ſeinen Gedan⸗ ken. Bertrande eilte hinweg und kehrte mit einem vollen Glaſe Meth zurück, das Martin in einem Zuge aus⸗ trank. „Es iſt doch eine recht einfältige Methode,“ ſagte er dann,„daß man an jedem Jahrestage ſeiner Hochzeit eine Maſſe hungeriger Verwandten aus der ganzen Umgegend zu Tiſche einladen muß. Wenn Du mich nicht geſtern daran erinnert hätteſt, ſo würde ich gar nicht mehr an dieſe lächerliche Sitte gedacht haben. Gott ſei Dank, daß ich endlich mit den Einladungen fertig bin; in zwei Stunden wird das ganze gefraͤßige Volk hier ſein. Ich hoffe es wenigſtens, daß Du alles vorbereitet haſt; iſt die Tafel im Garten gedeckt?“ „Ja, Martin, wie Du es befohlen hatteſt.“ „Du haſt doch auch den Richter eingeladen?“ „Allerdings, und er hat mir verſprochen, ſein Mög⸗ lichſtes zu thun, um zu kommen.“ „Das iſt gar nichts geſagt!“ rief Martin zornig; „er muß kommen! Du weißt, daß mir daran gelegen i*ſt, mit dem Richter auf gutem Fuße zu ſtehen, aber Du thuſt alles, was mir mißfällt, und haſt die Sache wahr⸗ Der Vicomte von Montgommery. 93 ſcheinlich ganz verkehrt angefangen. Jetzt geh ſogleich noch einmal zu ihm und ſorge dafür, daß er kommt, ſonſt fürchte meinen Zorn!“ 1 Bertrande entfernte ſich eiligſt und Arnold du Thill ſtreckte ſich gemächlich auf ſeine Bank. In dieſem Augenblicke kam ein Mann, der von einem langen Wege und von der drückenden Hitze ſehr ermüdet zu ſein ſchien, langſam auf der Straße gegangen, blieb vor Arnold ſtehen und ſagte zu ihm: „Verzeiht, Freund, iſt kein Gaſthof in Eurem Dorfe, wo ich ausruhen könnte?“ „Nein,“ erwiederte Arnold,„da müßt Ihr bis Rieux gehen, das noch zwei gute Stunden von hier entfernt iſt.“ „Noch zwei Stunden?“ rief der Wanderer.„Ich bin ſo ermüdet, daß ich gern eine Piſtole geben würde, wenn ich ſogleich ein Obdach und eine gute Mahlzeit haben könnte.“ „Eine Piſtole?“ ſagte Arnold verwundert, der in Betreff des Geldes noch immer der Nämliche war. Nun, dafür könntet Ihr wohl ein Bett und auch zu eſſen bei mir bekommen. Wir feiern heute den Jahrestag unſerer Hochzeit durch ein Feſtmahl, bei dem es auf einen Gaſt mehr nicht ankommt.“ 2 94 Der Vicomte von Montgommery. „Das nehme ich an, denn ich bin entſetzlich müde. Hier habt Ihr die Piſtole im voraus.“ Arnold ſtand auf, nahm das Goldſtuck in Empfang und lüftete dabei den Hut, der ſein Geſicht beſchattete, ſo daß der Reiſende ſeine Züge ſehen konnte. „Mein Neffe, Arnold du Thill!“ rief dieſer mit dem höchſten Erſtaunen. „Euer Neffe?“ verſetzte Arnold etwas verlegen. „Ich kenne Euch nicht. Wer ſeid Ihr?“ Wie, Du erkennſt Deinen alten Oheim Carbon Barreau nicht?“ „Wahrhaftig nein,“ erwiederte Arnold mit frechem Lachen.„Ich heiße nicht Arnold du Thill, ſondern Martin Guerre. Wenn Ihr mir nicht glauben wollt, ſo fragt meine Frau, Bertrande Rolls, meine wirklichen Oheime und übrigen Verwandten, welche bald ſämmtlich hier ſein werden, um an dem Feſtmahle Theil zu neh⸗ men.“ „Wenn es ſo iſt, dann könnt Ihr Euch einer außer⸗ ordentlichen Aehnlichkeit mit meinem Neffen Arnold du Thill rühmen.“ „Das iſt mir etwas ganz Neues. Doch jetzt laßt es gut ſein, ich ſehe dort ſchon einige von meinen Gäſten kommen. Tretet ein, ich muß ihnen entgegen gehen.“ Der Vicomte von Montgommery. 95 Drei Stunden ſpäter ſaß die Geſellſchaft noch im Garten bei Tiſche. Auch der Richter von Artigues hatte ſich eingefunden und der gute Wein hatte Alle in die heiterſte Stimmung verſetzt. Der Oheim Carbon Bar⸗ reau hatte ſich überzeugen können, daß ſein Wirth in der That nicht Arnold du Thill, ſondern Martin Guerre hieß, denn alle Bewohner des Dorfes und der Umgegend kannten ihn. „Erinnerſt Du Dich noch, Martin,“ ſagte der Eine, „des Auguſtinermönches, Bruder Chryſoſtomus, der uns Beiden leſen gelehrt hat?“ „O gewiß erinnere ich mich,“ antwortete Arnold. „Weißt Du noch, Vetter Martin,“ ſagte ein Andrer, „daß bei Deiner Hochzeit zum erſten Male in unſrer Gegend Freudenſchüſſe abgefeuert wurden?“ „Allerdings, ich erinnere mich deſſen ganz deutlich,“ entgegnete Arnold. „Da Ihr ein ſo gutes Gedächtniß habt, Freund,“ ſagte plötzlich eine Stimme hinter dem angeblichen Mar⸗ tin Guerre,„ſo werdet Ihr Cuch vielleicht auch meiner noch erinnern.“ Zugleich warf der, welcher dieſe Worte geſprochen hatte, ſeinen braunen Mantel und ſeinen breitkrämpigen Hut ab, und die Geſellſchaft erblickte einen jungen, reich 96 Der Vicomte von Montgommery. gekleideten Ritter von edler vornehmer Haltung. In eini⸗ ger Entfernung von ihm ſtand ein Diener, welcher zwei prächtige Pferde hielt. Alle Anweſenden erhoben ſich ehrerbietig; Arnold du Thill aber wurde leichenblaß und ſtammelte ganz ver⸗ wirrt: „Der Herr Graf von Ernies!“ „Ihr erkennt mich alſo?“ rief Gabriel mit Donner⸗ ſtimme. „Allerdings,“ entgegnete Arnold in einem Tone, wel⸗ chem er einige Feſtigkeit zu geben verſuchte;„ich entſinne mich, Euch zuweilen im Louyre geſehen zu haben, als ich im Dienſte des Herrn Connetable von Montmorency ſtand.“ „Ihr vergeßt, daß Ihr auch in dem meinigen ge⸗ ſtanden habt.“ „Wie? ich?“ rief Arnold mit erheuchelter Verwun⸗ derung;„Ihr irrt Euch, gnädiger Herr.“ „Ich bin ſo gewiß, daß ich mich nicht irre,“ ver⸗ ſetzte Gabriel mit der größten Ruhe,„daß ich den hier anweſenden Richter von Artigues auffordere, Euch auf der Stelle verhaften und in's Gefängniß werfen zu laſſen. Iſt das deutlich?“ Die ganze Geſellſchaft wurde bei dieſen Worten von Der Vicomte von Montgommery. 97 Entſetzen ergriffen; Arnold allein behielt ſeine ruhige Faſſung. „Darf ich wenigſtens erfahren, welches Verbrechens ich beſchuldigt werde?“ fragte er. „Ich beſchuldige Euch,“ erwiederte Gabriel,„meinen Leibknappen Martin Guerre böswilliger und verrätheriſcher Weiſe ſeines Namens, ſeiner Familie und ſeiner Frau beraubt zu haben, mit Hülfe einer ſo täuſchenden Aehn⸗ lichkeit, daß ſie alle Begriffe überſteigt.“ „Was bedeutet dies?“ murmelten die Gäſte, indem ſie ſich beſtürzt unter einander anblickten.„Martin Guerre wäre ein Andrer? Welche teufliſche Hexerei iſt dahinter verborgen?“ Arnold du Thill ſah ein, daß es Zeit ſei, einen entſcheidenden Schlag zu führen, und er ſagte daher zu ſeiner angeblichen Frau: „Bertrande, ſprich aufrichtig und offen, bin ich Dein Mann oder nicht?“ Die arme Bertrande hatte bis jetzt ganz erſchrocken und ohne ein Wort zu ſagen bald Gabriel bald ihren vermeintlichen Gatten angeblickt. Aber bei dieſer faſt drohenden Aufforderung Arnolds zögerte ſie nicht, ſich in ſeine Arme zu werfen und auszurufen: „Mein lieber, guter Martin!“ Der Vicomte von Montgommery. 7 98 Der Vicomte von Montgommery. „Herr Graf,“ ſagte nun Arnold du Thill in trium⸗ phirendem Tone,„beſteht Ihr im Angeſicht des Zeug⸗ niſſes meiner Frau und aller meiner Verwandten und Freunde noch immer auf Eurer ſonderbaren Anklage?“ „Allerdings,“ antwortete Gabriel. „Aber wo iſt denn derjenige, welcher vorgiebt, von mir betrogen worden zu ſein?“ rief Arnold mit Dreiſtig⸗ keit.„Wird man mich nicht ihm gegenüberſtellen?“ „Mein Knappe Martin Guerre,“ erwiederte Gabriel, „hat ſich freiwillig in Rieux den Gerichten geſtellt. Herr Richter, ich bin der Graf von Montgommery, ehemaliger Capitain der königlichen Garde; der Angeklagte ſelbſt hat mich erkannt. Ich erſuche Euch, ihn unverweilt feſt⸗ nehmen zu laſſen. Wenn ſtie Beide in den Händen der Gerechtigkeit ſind, hoffe ich, daß es mir nicht ſchwer werden wird zu beweiſen, auf weſſen Seite die Wahrheit oder der Betrug iſt.“ „Dagegen läßt ſich nichts einwenden, Herr Graf,“ verſetzte der Richter.„Man führe Martin Guerre ins Gefängniß!“ „Ich begebe mich augenblicklich ſelbſt dahin,“ ſagte Arnold,„denn ich fühle mich ſtark im Bewußtſein mei⸗ ner Unſchuld. Lieben Freunde,“ ſetzte er hinzu,„ich rechne auf Euer Zeugniß in dieſer betrübenden Angelegenheit. Der Vicomte von Montgommery. 99 Ihr Alle kennt mich ſeit langer Zeit und werdet die Iden⸗ tität bekräftigen, nicht wahr?“ „Ja, ja, ſei außer Sorge, Martin,“ riefen die Gäſte einſtimmig. Nach Verlauf von acht Tagen nahm die Unter⸗ ſuchung vor dem Gerichtshofe zu Rieux ihren Anfang. Gewiß ein merkwürdiger und äußerſt ſchwieriger Prozeß, der es wohl verdiente, ſo berühmt zu werden, als er nach jetzt einem Zeitraume von faſt dreihundert Jahren iſt. Hätte ſich Gabriel von Montgommery nicht ins Mittel geſchlagen, ſo iſt es ſehr wahrſcheinlich, daß die Richter von Rieux nimmer aufs Reine gekommen wären, denn die Sache war ſo eigenthümlich und ungewöhnlich und Arnold du Thill verſtand ſie dergeſtalt zu verwirren, daß die klügſten Köpfe in Verlegenheit geriethen und oft nicht mehr wußten, was ſie denken ſollten. Aber alle Schlauheit und Gewandtheit des durch⸗ triebenen Arnold vermochte nicht, ihn der wohlverdienten Strafe zu entziehen. Er wurde des ſchändlichen Betrugs endlich überführt und zum Tode durch den Strang nach vorhergegangener Schleifung zur Richtſtätte verurtheilt. Dieſes Urtheil wurde auch am achten Tage nach er⸗ folgtem Richterſpruche an ihm vollſtreckt. 7 ½ Der Vicomte von Montgommery. Martin Guerre trat nun wieder in den ungeſtörten Beſitz ſeines rechtmäßigen Eigenthums, das Gabriel noch durch ein anſehnliches Geſchenk zur Belohnung ſeiner treuen Dienſte vermehrte, und der wackere Leibknappe lebte fernerhin ruhig und zufrieden mit ſeiner braven Gattin in dem heimathlichen Dorfe, ohne mehr die Schänd⸗ lichkeiten eines frechen Doppelgängers befürchten zu müſſen. 10. Die Hugenotten. Nach dem ſo glücklich beendigten Prozeſſe der bei⸗ den Martin Guerre verſchwand Gabriel von Montgom⸗ mery von neuem während mehrerer Monate und begann ſeine geheimnißvolle umherirrende Lebensweiſe wieder. Doch entfernte er ſich nie aus der nächſten Umgebung von Paris und vom Hofe, nur verbarg er ſich ſo ge⸗ ſchickt, daß er alles beobachtete, ohne ſelbſt geſehen zu werden. Das einzige bemerkenswerthe Ereigniß in dieſer Zeit war der Friedensabſchluß durch den Vertrag von Cateau⸗ Cambreſis, am 3. April 1559. Als der Herzog von Guiſe Kenntniß davon erhielt, gerieth er in die höchſte Wuth, denn die Verrätherei des Connetable von Montmorency und die Schwachheit des 102 Der Vicomte von Montgommery. Königs Heinrich II. hatte den Spaniern durch dieſen Tractat mehr bewilligt, als ſte durch einen dreißigjährigen glücklichen Krieg uns hätten entreißen können. Das Uebel war indeſſen geſchehen und der Zorn des tapferen Balafré konnte es nicht wieder gut machen. Eines Tages begegnete Gabriel in der Nähe des Pré⸗aux⸗Cleres dem Baron von la Renaudie, den er ſeit der Conferenz in der Straße Saint⸗Jacques nicht wieder geſehen hatte. Anſtatt ihm auszuweichen, was Gabriel jedesmal that, ſo oft er einem bekannten Geſicht begegnete, redete er ihn an, und nachdem Beide die erſten Begrüßungen ge⸗ wechſelt hatten, ſagte la Renaudie: „Ich habe mit Meiſter Ambroſius Paré geſprochen; Ihr ſeid alſo jetzt einer der Unſrigen, nicht wahr?“ „Mit dem Herzen, ja, mit der That, nein,“ antwor⸗ tete Gabriel. „Und werdet Ihr Euch offen für uns erklären?“ „Wenn Ihr meiner bedürft und wenn ich Euer nicht mehr bedarf.“ „Das iſt ſehr edel gedacht,“ entgegnete la Renaudie. „Als Edelmann muß ich Euch bewundern, als Partei⸗ gänger kann ich Euch nicht nachahmen. Wenn Ihr des Augenblicks harret, wo wir aller unſerer Freunde be⸗ Der Vicomte von Montgommery. 103 dürfen, ſo muß ich Euch ſagen, daß dieſer Augenblick gekommen iſt.“ „Was geht denn vor?“ fragte Gabriel. „Es wird ein geheimer Gewaltſtreich gegen die Pro⸗ teſtanten vorbereitet, man will ſich ihrer mit einem Male entledigen. Ihr ſeht, daß wir auf's Aeußerſte getrieben werden.“ „Dann werde ich vielleicht früher einer der Eurigen, als ich ſelbſt geglaubt habe.“ „Das ſoll mich freuen. Bleibt alſo vor der Hand in Paris in Eurem Hotel, damit wir Euch, wenn es nothig iſt, benachrichtigen können.“ „Dies iſt mir zwar nicht angenehm,“ ſagte Gabriel, „aber ich werde bleiben, vorausgeſetzt, daß Ihr mich nicht zu lange warten laßt.“ Sie trennten ſich und Gabriel begab ſich gedanken⸗ voll nach ſeinem Hotel. Er fand hier nur noch ſeine getreue Aloyſe. Martin Guerre war nicht mehr da, André war bei Fräulein von Caſtro geblieben, und Jean und Babette Peuquoy waren nach Calais zurückgekehrt, um ſich von dort nach Saint⸗Quentin zu begeben, deſſen Thore der Vertrag von Cateau⸗Cambreſis dem patrio⸗ tiſchen Weber wieder öffnete. 104 Der Vicomte von Montgommery. So verging über ein Monat, bis Gabriel endlich am 13. Juni faſt zu gleicher Zeit zwei Briefe erhielt. Den erſten überbrachte ihm ein unbekannter Mann; er lautete folgendermaßen: „Lieber Freund und Bruder! 2 „Die Stunde iſt gekommen, die Verfolger haben ihre „Maske abgeworfen. Gott ſei gelobt! Das Märtyrer⸗ „thum führt zum Siege. „Dieſen Abend um neun Uhr begebt Euch nach dem „Hauſe No. 11 am Platze Maubert und klopft dreimol „in regelmäßigen Zwiſchenräumen an die Thür. Ein „Mann wird Euch öffnen und zu Euch ſagen: Tretet nicht „ein, es iſt dunkel hier.— Ihr antwortet ihm: Ich „bringe mein Licht ſelbſt mit.— Der Mann wird Euch neine Treppe von ſiebzehn Stufen im Dunkeln hinauf⸗ „führen und oben wird Euch ein Andrer mit den Wor⸗ „ten empfangen: Was wünſcht Ihr?— Antwortet „darauf: Was gerecht iſt.— Ihr werdet ſodann in ein „Zimmer geführt werden, wo Euch jemand das Loſungs⸗ „wort Genf in's Ohr ſagen wird, auf das Ihr erwie⸗ „dert: Ruhm. Dann werdet Ihr ſogleich in die Mitte „derjenigen treten, die Euer heute bedürfen. Der Vicomte von Montgommery. 105 „Verbrennt dieſes Billet. Verſchwiegenheit und Muth! „L. R.“ Gabriel verbrannte den Brief vor den Augen des Boten und ſagte zu ihm: „Ich werde kommen.“ Den zweiten Brief, welcher zwei Stunden ſpäter eintraf, brachte ein Page mit den lothringiſchen Farben, und er lautete: „Herr Graf! „Seit ſechs Wochen bin ich wieder in Paris und „man hat mir verſichert, daß auch Ihr ſchon längere Zeit „hier ſein müßt. Wie kommt es, daß ich Euch noch „nicht geſehen habe? Solltet Ihr mich vergeſſen haben? „Nein, dies iſt unmöglich, ich kenne Euch beſſer. „Kommt alſo, ich werde Euch, wenn es Euch recht iſt, morgen früh um zehn Uhr in meiner Wohnung er⸗ warten. „Euer wohl gewogener Freund „Franz von Lothringen.“ „Ich werde kommen,“ ſagte Gabriel zu dem Pagen und dieſer entfernte ſich. Gegen neun Uhr begab ſich der junge Graf nach dem in dem erſten Briefe bezeichneten Hauſe und gelangte 106 Der Vicomte von Montgommery. unter Beobachtung der vorgeſchriebenen Formalitäten in einen halbrunden Saal, in welchem etwa zweihundert Perſonen verſammelt waren und wo ihm der Baron von la Renaudie entgegenkam. Niemand von den übrigen Anweſenden bemerkte ſei⸗ nen Eintritt, denn Aller Augen waren auf den Parla⸗ mentsrath Duval gerichtet, welcher auf der Rednerbühne ſtand und erzählte, was ſich in der heutigen Sitzung des Parlaments zugetragen hatte. Der Redner berichtete, daß im Verlaufe dieſer Sitzung fünf Parlamentsmitglieder, welche man für Anhänger des reformirten Glaubens hielt, auf Befehl des Königs Heinrich II. durch den Connetable von Montmorench verhaftet worden ſeien. Seine Rede wurde mehrere Male durch ein Gemurmel des Schmerzes und der Entrüſtung unterbrochen. Nach ihm ergriff la Renaudie das Wort und ſprach ungefähr Folgendes: „Brüder! im Angeſicht einer unerhörten Handlung, die alle Begriffe von Recht und Billigkeit umſtößt, haben wir das Verfahren zu beſtimmen, welches die reformirte Partei einſchlagen muß. Werden wir noch geduldig zu⸗ ſehen oder werden wir handeln? und wie werden wir in dieſem Falle handeln? Ihr ſeht, daß unſre Verfolger nichts Geringeres als einen allgemeinen Vernichtungskampf Der Vicomte von Montgommery. 107 im Sinne haben. Werden wir ruhig den toͤdtlichen Streich erwarten oder werden wir es verſuchen uns ſelbſt Gerechtigkeit zu verſchaffen und das Geſetz einen Augen⸗ blick durch die Gewalt erſetzen? An Euch iſt es, hierauf zu antworten, meine Brüder und Freunde. „Wir Alle wiſſen es leider, daß ſich die, welche die Sache der Reformation und der Wahrheit vereinigen ſollte, in zwei Parteien geſpalten haben: es giebt unter uns die Adelspartei und die Genfer Partei; aber der Gefahr und dem gemeinſchaftlichen Feinde gegenüber ſcheint es mir dringend nöthig, daß wir ein Herz und einen Willen haben. Die Mitglieder der einen wie der andern Fraction ſind gleichermaßen aufgefordert, ihre Meinung zu ſagen und ihre Mittel anzugeben, und derjenige Vor⸗ ſchlag, welcher die meiſte Ausſicht auf ein glückliches Gelingen darbietet, muß einſtimmig angenommen werden.“ Nach dieſen Worten la Renaudie's ließ ſich eine gewiſſe Unſchlüſſigkeit in der Verſammlung erkennen. Ungeachtet der Entrüſtung, die alle Herzen wirklich erfüllte, hatte der Glanz des Königthums doch noch einen zu großen Zauber, als daß die Reformirten, welche in Verſchwörungen Neulinge waren, es gewagt hätten, ihre Gedanken an einen bewaffneten Aufſtand offen und ohne Rückhalt auszuſprechen. In Maſſe waren ſie entſchloſſen, 108 Der Vicomte von Montgommery. und treue Anhänger der neuen Lehre; aber jeder Einzelne fürchtete ſich vor der Verantwortlichkeit eines erſten ent⸗ ſcheidenden Schrittes. Die Genfer Partei ſtrebte insge⸗ heim nach der Republik, die des Adels dagegen nur nach einer Veränderung des Oberhauptes der monarchi⸗ ſchen Regierung, wofür man ſchüchtern den Prinzen von Condé nannte. Gabriel bemerkte mit Bedauern die argwöhniſche Haltung, welche die beiden Parteien einander gegenüber beobachteten. La Renaudie fragte ſich ſchon, ob er nicht durch ſeine etwas rückſichtsloſe Offenheit unwillkürlich den Eindruck des Berichtes Nicolas Duvals zerſtört haben könnte. Da er jedoch einmal dieſen Weg eingeſchlagen hatte, ſo wollte er nicht auf demſelben bleiben und ſagte daher zu einem kleinen hageren Manne, der in ſeiner Nähe ſtand: „Nun, Lignisres, wollt Ihr nicht zu unſeren Brü⸗ dern ſprechen und ihnen ſagen, was Ihr auf dem Herzen habt?“ „O ja,“ erwiederte der kleine Mann,„ich will ſpre⸗ chen, dann aber auch, ohne etwas zu verhehlen oder zu mildern.“ Ligniéres ſtieg auf die Rednerbühne und ſprach: „Das Geſetz iſt mit Füßen getreten worden, und es —— ——9— 8 Der Vicomte von Montgommery. 109 bleibt uns kein andres Mittel mehr übrig als die Gewalt. Wenn Ihr mich fragt, was zu thun iſt, ſo antworte ich nicht darauf, ſondern zeige Euch etwas, das anſtatt mei⸗ ner antworten wird.“ Er hielt eine ſtlberne Medaille empor. „Dieſe Medaille,“ fuhr er fort,„ſpricht beredtſamer als meine Worte. Sie zeigt ein flammendes Schwert, welches eine Lilie abſchneidet, deren Stengel geknickt iſt; daneben liegt ein Scepter und eine Krone im Staube. Die Medaillen dienen gewöhnlich dazu, etwas Geſchehe⸗ nes zu verewigen, möge dieſe eine Verheißung der Zu⸗ kunft ſein! Ich habe geſprochen.“ Unter dem Beifall eines ſehr kleinen und dem Mur⸗ ren eines ſehr großen Theiles der Verſammlung trat der Redner ab. „Ihr ſeht,“ flüſterte la Renaudie Gabriel in's Ohr, „dieſe Saite iſt es nicht, die am hellſten unter uns klingt. Jetzt zu einem Andern, Herr Baron von Caſtelnau,“ ſagte er laut zu einem feinen jungen Manne, welcher nachden⸗ kend an die Wand gelehnt in einiger Entfernung von ihm ſtand;„habt Ihr uns nicht auch etwas zu ſagen?“ „Ich würde vielleicht nichts zu ſagen gehabt haben,“ entgegnete der junge Mann,„wenn ich nicht etwas er⸗ wiedern müßte.“ 110 Der Vicomte von Montgommery. Caſtelnau beſtieg die Rednerbühne und ſprach: „Mit dem erſten Theile der Rede des Herrn von Ligniéres bin ich ganz einverſtanden; in Bezug auf den zweiten aber habe ich eine andre Anſicht. Auch ich zeige Euch hier eine Medaille, die Ihr aus der Ferne leicht für ein Dreilivresſtück halten könnt, wie wir ſie in un⸗ ſern Börſen haben. Sie unterſcheidet ſich von dieſen nur dadurch, daß anſtatt: Henricus II, Rex Galliae darauf ſteht: Ludovicus XIII, Rex Galliae. Ich habe geſprochen.“ Dies war eine deutliche Anſpielung auf den Prin⸗ zen Ludwig von Condé. Diejenigen, welche bei Ligniéres applaudirt hatten, murrten jetzt, und die, welche gemurrt hatten, applaudirten. Der größte Theil aber blieb un⸗ beweglich und ſtumm. In dieſem Augenblicke verlangte ein Advocat, Na⸗ mens des Avenelles, das Wort. „Wir haben muthige, ja ſelbſt kühne Worte gehört,“ ſprach er.„Aber iſt der Augenblick, ſolche auszuſprechen, wirklich gekommen? Geht man nicht etwas zu weit? Man zeigt uns ein erhabenes Ziel, aber man ſpricht nicht von den Mitteln zur Erreichung deſſelben, und dieſe kön⸗ nen nur ſtrafbar ſein. Der König ſteht in der Kraft und Fülle des Mannesalters, und um ihm den Thron zu entreißen, müßte man ihn von demſelben herabſtürzen Der Vicomte von Montgommery. 111 oder ermorden. Welcher Menſch würde einen ſolchen Ge⸗ waltſtreich auf ſich nehmen? Die Könige ſind geheiligte Perſonen, über welche Gott allein Gewalt hat. Ja, wenn ein unvermuthetes Unglück ein zufälliges Attentat dem Leben des Königs in dieſem Augenblicke ein Ende machte und die Vormundſchaft eines jugendlichen Königs in die Hände unſerer frechen Bedrücker käme, dann wäre es dieſe Vormundſchaft und nicht das Königthum, es wären die Guiſe, aber nicht Franz II., den man angriffe. Dann würde der Bürgerkrieg lobenswerth und heilig und ich der Erſte ſein, der zu den Waffen riefe.“ Dieſe Rede wurde von der ganzen Verſammlung mit rauſchendem Beifalle aufgenommen. „Ach,“ ſagte la Renaudie leiſe zu Gabriel,„jetzt thut es mir leid, daß ich Euch habe herkommen laſſen; Ihr werdet uns bedauern.“ „Nein,“ dachte Gabriel bei ſich,„ich darf ihnen kei⸗ nen Vorwurf aus ihrer Schwäche machen, denn ſie gleicht der meinigen. Wie ich im Stillen auf ſie rechnete, ſchei⸗ nen ſie auf mich gerechnet zu haben.“ „Was gedenkt Ihr denn zu thun?“ rief la Renau⸗ die dem triumphirenden Advocaten zu. „Auf dem geſetzlichen Wege zu bleiben und zu war⸗ ten,“ antwortete dieſer entſchloſſen.„Fuͤnf unſerer Freunde 112 Der Vicomte von Montgommery. im Parlament ſind verhaftet worden, aber wer ſagt uns, daß man es wagen wird, ſie zu verurtheilen und ſelbſt anzuklagen? Ich bin der Meinung, daß Gewaltthätig⸗ keiten von unſrer Seite leicht die unſerer Gegner heraus⸗ fordern könnten. Und wer weiß, ob wir nicht gerade durch Mäßigung unſere Opfer retten? Wenn unſere Feinde ſehen, daß wir beſonnen und feſt ſind, ſo werden ſie es ſich wohl überlegen, ehe ſte uns den Krieg erklä⸗ ren; eben ſo bitte ich Euch, meine Freunde und Brüder, es wohl zu erwägen, ehe Ihr ihnen das Signal zu Re⸗ preſſalien gebt. Wer meine Anſicht theilt, hebe die Hand empor.“ Faſt alle Hände richteten ſich bejahend empor. „Wir wollen gehen,“ ſagte jetzt la Renaudie zu Gabriel;„ich kann dies nicht länger mit anſehen.“ Sie entfernten ſich und an der Brücke Notre⸗Dame nahm la Renaudie mit den Worten Abſchied von ſeinem Freunde: „Lebt wohl, Herr von Exnies, es thut mir leid, daß ich Eure Zeit nutzlos in Anſpruch genommen habe.“ „Dies iſt keineswegs der Fall, Herr Baron, vielleicht werdet Ihr Euch ſchon in kurzem davon überzeugen.“ Am folgenden Morgen um zehn Uhr fand ſich Ga⸗ briel pünktlich im Palaſt Tournelles ein. Der Balafré Der Vicomte von Montgommery. 113 kam ihm freundlich entgegen und ſagte, indem er ihm die Hand drückte: „Seid Ihr endlich da, vergeßlicher Freund? Warum habt Ihr mich nicht längſt einmal beſucht?“ „Verzeiht, gnädiger Herr,“ erwiederte Gabriel,„ich habe in der letzten Zeit viel Unerfreuliches erfahren...“ „Das habe ich mir gedacht,“ unterbrach ihn der Herzog von Guiſe.„Nicht wahr, ſie haben auch Euch hintergangen und ihre Verſprechungen nicht erfüllt?“ „Ihr irrt Euch, Herr Herzog, man hat alle Ver⸗ bindlichkeiten gegen mich dem ſtrengſten Wortlaute nach erfüllt. Doch wir wollen nicht weiter von mir ſprechen. Ihr wißt, daß mir dieſer Gegenſtand der Unterhaltung überhaupt nie gefällt, heut aber iſt er mir peinlicher als je.“ „Es iſt gut, lieber Freund; wovon wünſcht Ihr ſonſt mit mir zu ſprechen?“ „Von Euch, gnädiger Herr, von Eurem Ruhme und von Euren Plänen. Dies intereſſirt mich vor allem.“ „Ach! dies iſt auch für mich ein trauriger Gegen⸗ ſtand der Unterhaltung. Ich glaube nicht mehr an mei⸗ nen Ruhm und habe auf alle meine Pläne verzichtet.“ „Warum das, Herr Herzog?“ „Habt Ihr nicht geſehen, zu welchem ſchmählichen und entehrenden Friedensvertrage unſere Siege geführt Der Vicomte von Montgommery. 8 114 Der Vieomte von Montgommery. haben? Wie könnt Ihr noch verlangen, daß ich für Leute ſäe, die ſo ſchlecht zu ernten verſtehen? Haben ſie mich nicht überdies durch ihren Friedensabſchluß zur Unthä⸗ tigkeit gezwungen?“ „Allerdings, aber Ihr ſeid deshalb um nichts we⸗ niger mächtig. Der Hof achtet Euch, das Volk liebt Euch und die Fremden fürchten Euch.“ „Ja, ich glaube, daß ich im Inlande geliebt und im Auslande gefürchtet werde; aber ſagt nicht, lieber Freund, daß man mich im Louyre achtet. Während man öffentlich die gewiſſen Reſultate unſerer Siege vernichtete, untergrub man auch insgeheim meinen Privateinfluß. Wen fand ich bei meiner Zurückkunft mehr als je in Gunſt? Dieſen unverſchämten Connetable, dieſen Mont⸗ morency, den ich wie den Tod haſſe. Durch ihn und für ihn iſt dieſer Friede, deſſen wir uns alle ſchämen, abgeſchloſſen worden. Nicht zufrieden, auf dieſe Weiſe meine Anſtrengungen zu verkleinern, hat er auch ſeine eigenen Intereſſen in dem Vertrage zu wahren gewußt, indem er ſich zum zweiten oder dritten Male ſein Löſe⸗ geld vom Sanct⸗Laurentiustage zurückerſtatten ließ. Er ſpeculirt ſogar auf ſeine Schande! Und um allem die Krone aufzuſetzen, wißt Ihr was ich außer dem uner⸗ hörten Friedensabſchluß von Cateau⸗Cambreſis bei mei⸗ Der Vicomte von Montgommery. 115 ner Rückkehr von der Armee vorgefunden habe? Meine ſofortige Abberufung von der Würde eines Generallieute⸗ nants des Königreichs. Man hat mir geſagt, dergleichen außerordentliche Stellen wären in Friedenszeiten über⸗ flüſig. „Iſt es möglich?“ rief Gabriel, welcher die Flamme dieſes erzürnten Herzens noch mehr anſchüren wollte;„ſo wenig Ruckſichten hat man Euch bewieſen?“ „Welche Rückſichten braucht man gegen einen über⸗ flüſſigen Diener zu beobachten?“ ſagte Franz von Guiſe mit unterdrückter Wuth.„Mit Herrn von Montmorency iſt es etwas Andres, er iſt und bleibt Connetable; einen ſolchen Ehrenpoſten, den er durch vierzigjährige Nieder⸗ lagen verdient hat, kann man nicht zurücknehmen! Aber bei dem Kreuze von Lothringen! wenn ein neuer Krieg ausbricht, dann ſollen ſte kommen und mich bitten und mich den Retter des Vaterlandes nennen. Ich werde ſie zu ihrem Connetable ſchicken, er mag ſie retten, wenn er es kann. Sie haben mich zur Unthätigkeit verdammt, ich füge mich ihrem Ausſpruche.“ „Ich muß es ſehr bedauern, gnädiger Herr, daß Ihr dieſen Entſchluß gefaßt habt,“ verſetzte Gabriel nach einer Pauſe;„denn ich wollte Euch einen Vorſchlag machen...“ 8 ½ 116 Der Vicomte von Montgommery. „Wirklich?“ fiel der Herzog ein;„iſt es vielleicht wieder etwas ſo Verwegenes wie die Einnahme von Calais?“ „Etwas noch Verwegneres, Herr Herzog. Der König und der Connetable wollen nichts von Euch wiſſen; nun wohl, macht es eben ſo; ſie haben Euch den Titel eines Generallieutenants des Königreichs entzogen, nehmt ihn Euch ſelbſt wieder. Die ausländiſchen Herrſcher fürch⸗ ten Euch, das Volk liebt Euch und die Armee iſt Euch treu ergeben. Ihr ſeid ſchon jetzt mehr König in Frank⸗ reich als der König ſelbſt; Ihr ſeid König durch das Genie, er iſt es nur durch die Krone. Wagt es als Gebieter zu ſprechen, und Alle werden Euch als Unter⸗ thanen anhören. Wird Heinrich II. in ſeinem Louvre ſtärker ſein als Ihr in Eurem Feldlager? Der, welcher in dieſem Augenblicke mit Euch ſpricht, würde glücklich und ſtolz ſein, Euch zuerſt Majeſtät zu nennen.“ „In der That, ein kühner Plan, lieber Gabriel.“ „Ich ſpreche zum Wohle Frankreichs, das eines großen Mannes als König bedarf. Iſt es nicht empörend, daß alle Eure Ideen von Größe und Eroberung durch die Launen und Intriguen einer Favoritin und eines Günſtlings ſchändlich unterdrückt werden? Wenn Ihr frei, wenn Ihr Herrſcher wäret, welche Grenzen würde — Der Vicomte von Montgommery. 117 Euer Genie kennen? Ihr würdet ein zweiter Karl der Große! Werdet ein Hugo Capet für die Valois.“ „Wenn ich aber nur ein Connetable von Bourbon würde?“ „Ihr würdigt Euch ſelbſt herab, Herr Herzog. Der Connetable hatte Ausländer, Feinde zu ſeiner Hülfe her⸗ beigerufen; Ihr aber werdet Euch nur der Kräfte des Vaterlandes bedienen.“ „Aber wo ſind dieſe Kräfte, die mir Eurer Ausſage nach zu Gebote ſtehen?“ fragte der Balafré. „Es ſind die Armee und die Reformirten,“ antwor⸗ tete Gabriel.„Ihr könnt zuerſt ein militairiſcher Herr⸗ ſcher, ein Eroberer ſein, oder wenn Euch dies lieber iſt, ſeid der König der Hugenotten. Sagt ein Wort und morgen habt Ihr dreißigtauſend Reformirte zu Eurer Verfügung.“ „Aber ich bin ein katholiſcher Prinz, Gabriel!“ „Männer wie Ihr, Herr Herzog, haben nur eine Religion: den Ruhm.“ „Freund Gabriel,“ ſagte Franz von Guiſe,„Ihr haßt Heinrich II. gewiß ſehr.“ „Eben ſo ſehr als ich Euch liebe, ich geſtehe es,“ erwiederte der junge Mann mit edler Offenheit. „Ich achte Eure Aufrichtigkeit, Gabriel,“ verſetzte 118 Der Vieomte von Montgommery. der Herzog,„und um es Euch zu beweiſen, will auch ich jetzt offen zu Euch ſprechen. Ich geſtehe, daß ich ſchon zuweilen an das gedacht habe, was Ihr mir heute vorſchlagt. Aber Ihr werdet mir auch zugeben, daß, wenn man nach einem ſolchen Ziele ſtrebt, man wenig⸗ ſtens die Gewißheit haben muß, es ſicher zu erreichen.“ „Dies iſt wahr,“ ſagte Gabriel. V „Nun wohl, glaubt Ihr wirklich, daß mein Ehrgeiz reif und daß die Zeiten günſtig ſind? So große Um⸗ wälzungen bedurfen langjähriger Vorbereitungen. Glaubt V Ihr, daß man ſchon jetzt mit dem Gedanken an einen Regierungswechſel vertraut iſt?“ „Man würde ſich gewiß damit vertraut machen.“ „Ich bezweifle es, lieber Freund. Es giebt aller⸗ 3 dings viele Unzufriedene; aber einzelne Parteien ſind noch kein Volk.“ „Ihr ſeid alſo noch unſchlüſſig, gnädiger Herr?“ fragte Gabriel. „Mehr noch, Freund, ich muß Euren Vorſchlag zu⸗ rückweiſen. Ja, wenn Heinrich II. morgen an einer Krank⸗ heit oder einem andern Unfalle plötzlich ſterben ſollte...“ „Was würdet Ihr dann thun?“ „Dann,“ erwiederte der Herzog,„würde ich unter dem jungen, unerfahrenen, ganz meiner Leitung anver⸗ —————QQO—:O—S—:—ꝛ—Q-Q—ę—— Der Vicomte von Montgommery. 119 trauten Könige gewiſſermaßen der Regent des Reiches. Und wenn die Königin Mutter oder der Herr Connetable es ſich beikommen ließen, mir zu opponiren, wenn die Reformirten ſich empörten, kurz, wenn das Staatsruder einer feſten Hand bedürfte, ſo würden ſich die Gelegen⸗ heiten von ſelbſt finden und ich faſt unentbehrlich ſein. Dann würden mir Eure Pläne vielleicht eher willkom⸗ men ſein.“ „Aber bis zu dieſem ſehr unwahrſcheinlichen Tode des Königs...“ „Will ich mich damit begnügen, mich auf die Zu⸗ kunft vorzubereiten. Und wenn die in meinem Geiſte ge⸗ ſälten Ideen erſt für meinen Sohn zu Thatſachen empor⸗ keimen, ſo werde ich glauben, Gott hat es ſo gewollt.“ „Dies iſt Euer letztes Wort, Herr Herzog?“ „Allerdings; doch bin ich Euch deshalb nicht weni⸗ ger dankbar für Euer Zutrauen.“ Gabriel ſtand auf, um ſich zu entfernen. „Ihr wollt mich ſchon wieder verlaſſen?“ rief der Herzog. „Ja, gnädiger Herr, ich habe erfahren, was ich wiſſen wollte. Eure Worte ſind ſicher in meinem Herzen verwahrt, aber ich werde mich ihrer erinnern. Lebt wohl, Herr Herzog.“ 120 Der Vicomte von Montgommery. „Lebt wohl, auf Wiederſehen, lieber Freund.“ Gabriel verließ die Tournelles trauriger und beſorg⸗ ter als er hingegangen war. „Von den beiden menſchlichen Hülfen, auf die ich gerechnet hatte,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„habe ich nichts zu hoffen. Jetzt bleibt mir noch Gott!“ 11. Diana von Caſtro. Von Schmerz und Bangigkeit gequält, lebte Diana von Caſtro in dem königlichen Louvre. Faſt jede Woche ſchickte ſie ihren Pagen André in die Straße des Jar⸗ dins⸗Saint⸗Paul, um ſich bei Aloyſen nach Gabriel zu erkundigen. Aber ſie erfuhr nur, daß der junge Graf von Montgommery noch immer ebenſo ſchweigſam und verſchloſſen war; die alte Amme ſprach nur mit Thränen in den Augen von ihm. Diana zögerte lange. Endlich aber, an einem Mor⸗ gen des Junimonats, entſchloß ſie ſich ihren Befürch⸗ tungen ein Ende zu machen. Sie warf einen einfachen Mantel um, verhüllte ihr Geſicht mit einem Schleier und verließ in Begleitung André's den Louvre, um Gabriel einen Beſuch zu machen. Aber leider hatte ſie ihren Muth vergebens aufgewendet, denn Gabriel war ſeit einer 122 Der Vicomte von Montgommery. halben Stunde ausgegangen, und man wußte niemals, wann er wieder nach Hauſe kommen würde. Indeſſen wollte ſie wenigſtens ſo lange auf ihn warten, als ſie im voraus Zeit für dieſen Beſuch be⸗ ſtimmt hatte. Sie fragte daher nach Aloyſen, die auch ſogleich erſchien. „Meine gute Aloyſe!“ ſagte Diana zu ihr,„Dir kann ich mein Herz öffnen. Ich finde ihn nicht zu Hauſe, und ich komme, um ihn zu tröſten und von ihm getrö⸗ ſtet zu werden! Wie befindet er ſich? Warum hat er mich nicht ein einziges Mal im Loupre beſucht?“ Sie erzählte nun Diana alles was ſie wußte, und ſo angenehm es dieſer auch war, von Gabriel ſprechen zu hören, ſo verurſachte es ihr doch viel Schmerz und Kummer, ſo wenig Erfreuliches über ihn zu vernehmen, denn Aloyſens Mittheilungen waren nicht geeignet ihre Beſorgniſſe zu zerſtreuen. Die Zeit verging ſchnell und Diana mußte ſich wie⸗ der entfernen, um in den Louvre zurückzukehren, ehe ihre Abweſenheit bemerkt wurde. Sie ſtand daher auf und ſagte: „Nur ein Wort noch: ſpricht Gabriel nie von mir?“ „Nie, Madame.“ „O, er thut wohl daran!“ ſeufzte Diana. Der Vicomte von Montgommery. 123 „Beſſer noch würde es ſein, wenn er auch nicht mehr an Euch dächte.“ „Du glaubſt alſo, daß er zuweilen an mich denkt?“ „Ich bin deſſen nur zu gewiß.“ „Und doch meidet er den Louvre ſorgfältig.“ „Wenn er den Loupre meidet, Madame, ſo thut er dies gewiß nicht Euretwegen,“ entgegnete Aloyſe kopf⸗ ſchüttelnd,„denn er liebt Euch.“ „Ich weiß es wohl,“ dachte Diana,„er meidet ihn wegen deſſen, den er haßt.“ Dann ſetzte ſie laut hinzu: „Ich muß ihn durchaus ſehen und ſprechen.“ „Soll ich ihm ſagen, daß er zu Euch in den Louvre kommt?“ „Nein, nein, in den Louvre ſoll er nicht kommen!“ rief Diana mit einem Gefühl von Entſetzen.„Ich will bei der nächſten günſtigen Gelegenheit noch einmal hier⸗ her kommen.“ „Wenn er aber wieder ausgegangen wäre? Könnt Ihr mir nicht ungefähr ſagen, wann Ihr kommen wollt, damit er Euch erwartet?“ „Dies kann ich leider nicht; aber wenn es möglich iſt, will ich wenigſtens André zuvor herſchicken.“ Sie nahm Abſchied von Aloyſen und verließ Ga⸗ 124 Der Vicomte von Montgommery. briels Wohnung wieder, ehe dieſer zurückgekehrt war. Eine halbe Stunde ſpäter befand ſie ſich wieder im Louvre⸗ Wenn auch die Folgen ihres gewagten Schrittes ſie nicht mehr beunruhigten, ſo war dagegen ihre Beſorgniß wegen der unbekannten Pläne Gabriels um ſo höher ge⸗ ſtiegen. Die Ahnungen eines liebenden Weibes ſind die ſtcherſten Prophezeihungen. Gabriel kam erſt gegen Abend nach Hauſe, ermüdet an Körper und Geiſt, denn der Tag war ſehr heiß ge⸗ weſen. Als ihm jedoch Aloyſe den Beſuch Dianens mit⸗ theilte, fühlte er ſich plötzlich wie neu belebt. „Wie, ſie will mich ſprechen? ſie hat mir etwas zu ſagen?“ rief er aus;„aber ſte weiß nicht, wenn ſte wie⸗ der hierher kommen kann? In dieſer Ungewißheit kann ich nicht bleiben, Aloyſe; ich will auf der Stelle in den Louvre gehen.“ „Fräulein von Caſtro hat mir ausdrücklich geſagt, Ihr möchtet ſie nicht im Louvre beſuchen,“ erwiederte die Amme. „Sollte ich dort etwas zu fürchten haben?“ ſagte Gabriel mit Stolz.„Dies wäre ein Grund mehr, daß ich hingehe.“ „Nein,“ entgegnete Aloyſe,„Fräulein Diana fürch⸗ tet wahrſcheinlich ihretwegen ſelbſt...“ Der Vicomte von Montgommery. 125 „Ihr Ruf könnte viel eher unter einem geheimen Schritte leiden, wenn er entdeckt würde, als von einem öffentlichen Beſuche, wie der, welchen ich ihr jetzt und zwar ſogleich abſtatten will.“ Ohne weiter auf Aloyſens Einwendungen zu hören, ging er in ſein Zimmer, kleidete ſich um und begab ſich nverzüglich nach dem Louvre. Der Name des jungen Grafen von Montgommery war ſeit der Einnahme von Calais zu oft genannt wor⸗ den, als daß man hätte daran denken ſollen, ihm den Eintritt in die Gemächer des Fräuleins von Caſtro zu verweigern. Dieſe war ſo überraſcht und faſt beſtürzt über ſein Erſcheinen, daß ſie einige Zeit auch kein Wort zu ſpre⸗ chen im Stande war, und ſie ſtanden mehrere Minuten lang in ſtummes Anſchauen verſunken einander gegenüber. „Ihr ſeid bei mir geweſen, Diana,“ hob Gabriel endlich mit bewegter Stimme an;„Ihr wolltet mit mir ſprechen und ich bin daher ſogleich herbeigeeilt.“ „Bedurfte es denn erſt meines Beſuches, Gabriel, um Euch auf den Gedanken zu bringen, daß ich Ver⸗ langen fühlte, Euch zu ſehen und zu ſprechen?“ „O nein, Diana, aber ich wagte es nicht in den Louvre zu kommen.“ 126 Der Vicomte von Montgommery. „Warum?“ fragte Diana. 14 antwortete „Euretwegen und meinetwegen ſelbſt Gabriel.„Ich würde es vorgezogen haben Euch ganz zu vergeſſen, als daß ich aus freiem Antriebe noch ein⸗ mal den Louore betreten hätte. Doch ach! ich habe es nicht gekonnt. Während ich Euren Anblick fürchtete, hätte ich dennoch alles in der Welt darum gegeben, Euch eine Minute von fern zu ſehen. So hat es denn auch nur eines Schrittes von Eurer Seite bedurft, und meine Vorſicht, meine Pflicht, meine Angſt, alles war vergeſſen⸗ Könnt Ihr jetzt noch an meiner Liebe zu Euch zweifeln?“ „Ach nein, ich habe ja nie daran gezweifelt,“ er⸗ wiederte Diana. „Dennoch würde es für Euch und für mich beſſer geweſen ſein, Diana, wenn ich auf meinem Vorſatze, Euch nicht wieder zu ſehen und Eure Nähe zu fliehen, beharrt hätte. Mein Gott! wie kommt es, daß ich gegen Eure Stimme und gegen Euren Blick ſo kraftlos bin?“ „Ich hatte einen doppelten Grund, Euch zu ſehen und zu ſprechen, Gabriel,“ ſagte ſte nach einer Pauſe; „erſtens wollte ich Euch eine Erklärung geben und dann Euch um eine ſolche bitten.“ „Sprecht, theure Diana,“ entgegnete er;„Ferreißt mein Herz nach Gefallen, es gehört Euch.“ Der Vicomte von Montgommery. 127 „Zuerſt muß ich Euch ſagen, warum ich nicht ſo⸗ gleich nach Empfang des Schleiers, den Ihr mir zurück⸗ geſandt hattet, in ein Kloſter getreten bin, wie ich es Euch bei unſrer letzten Unterredung in Calais verſprach.“ „Habe ich Euch den leiſeſten Vorwurf darüber ge⸗ macht, Diana? Ließ ich Euch nicht durch André ſagen, daß ich Euch alle Eure Verſprechungen zurückgäbe?“ „Dennoch war es mein feſter Vorſatz in ein Klo⸗ ſter zu gehen, und ich verſichere Euch, Gabriel, daß ich ihn keineswegs aufgegeben habe. Ich habe ihn nur des⸗ halb nicht ſogleich ausgefuͤhrt, um darüber wachen zu können, daß Ihr Euch nicht zum ſtrafenden Richter an Gottes Statt aufwerft und um vielleicht ein Unglück oder ſogar ein Verbrechen zu verhüten. Könnt Ihr mir des⸗ halb zürnen, Gabriel?“ „Man kann den Engeln nicht darüber zürnen, was in ihrem Charakter liegt. Ihr ſeid großmüthig geweſen, Diana, und dies iſt ſehr natürlich.“ „Ob und bis zu welchem Punkte ich dies geweſen bin, kann ich ſelbſt nicht wiſſen. Eben darüber wollte ich Euch fragen, lieber Gabriel, denn ich will meine Zu⸗ kunft in ihrer ganzen Entſetzlichkeit kennen. Dieſe Un⸗ gewißheit kann ich nicht länger ertragen. Antwortet mir alſo, ich bitte Euch dringend, habt Ihr endlich die Ue⸗ Der Vicomte von Montgommery. 128 berzeugung erlangt, daß ich wirklich Eure Schweſter bin, oder habt Ihr alle Hoffnung verloren, die Wahrheit zu ergründen?“ „Ich hatte mich ſeit unſrer Trennung mit dem Ge⸗ danken vertraut gemacht, Euch als meine Schweſter zu betrachten. Neue Beweiſe davon habe ich jedoch nicht erhalten und ich habe auch keine Hoffnung mehr ſie je zu erlangen.“ „Gott im Himmel!“ rief Diana.„Alſo lebte der, welcher Euch dieſe Beweiſe liefern konnte, nicht mehr bei Eurer Zurückkunft von Calais?“ „O ja, er lebte noch.“ „Dann hat man wohl das Euch gegebene Verſpre⸗ chen nicht gehalten? Aber ich habe doch gehört, der König habe Euch ſehr wohlwollend aufgenommen...“ „Ihr irrt Euch, Diana, der König hat alles ſtreng erfüllt, wozu er ſich gegen mich verbindlich gemacht hatte. Hört mich an, Ihr ſollt alles wiſſen.“ Gabriel erzählte Dianen alles: ſeinen Empfang beim Könige, wie dieſer ſeine Verſprechungen erneuert und welche qualvolle Nacht er hierauf zugebracht hatte, ſeinen zweiten Beſuch in dem verpeſteten Gefängniſſe des Cha⸗ telet und wie er ſeinen Vater hier ermordet gefunden hatte. Als er mit dieſer fürchterlichen Erzählung zu Ende Der Vicomte von Montgommery. 129 war, entſtand eine lange Pauſe. Diana wollte ſprechen, aber ſie konnte nicht, und Gabriel empfand faſt ein Ge⸗ fühl von Freude beim Anblick ihres ſtummen Entſetzens. Endlich ſtammelte ſie mit Mühe die Worte hervor: „Gnade für den König!“ „Ha!“ rief Gabriel,„Ihr verlangt Gnade? Alſo haltet auch Ihr ihn fuͤr ſtrafbar? Er verdient alſo den Tod, nicht wahr?“ „Ach, das habe ich nicht geſagt!“ erwiederte Diana wie vernichtet. „O ja, Ihr habt es geſagt, Ihr ſeid meiner Mei⸗ nung, Diana, ich ſehe es. Ihr denkt und fühlt wie ich, nur äußern wir uns verſchieden nach unſern Naturen. Ihr verlangt Gnade, und ich verlange Gerechtigkeit.“ „Was wollt Ihr thun, Gabriel? Ich rufe: Gnade! Ihr ruft: Gerechiigkeit! Wie hofft Ihr dieſe Gerechtig⸗ keit zu erlangen?“ „Dies weiß ich noch nicht,“ verſetzte Gabriel mit dumpfer Stimme;„ich vertraue auf Gott und auf eine günſtige Gelegenheit.“ „Auf eine günſtige Gelegenheit?“ rief Diana von Angſt ergriffen.„Wie verſteht Ihr das? Gabriel, Ga⸗ briel! ich laſſe Euch nicht eher von mir gehen, als bis Ihr mir dieſes Wort erklärt habt. Bleibt, ich beſchwöre Euch.“ Der Vicomte von Montgommery. 9 130 Der Vicomte von Montgommery. „O, ich errathe wohl die Urſache Eurer Angſt, Diana. Wenn Ihr eben durch Eure Bitte um Gnade das Vorhandenſein eines Verbrechens anerkannt habt, ſo erklärt Ihr auch jetzt durch Eure Befürchtungen die Be⸗ ſtrafung für gerechtfertigt. Ihr wollt mich zurückhalten, weil Ihr meine Rache für den Verbrecher fürchtet, weil Ihr die Möglichkeit annehmt, daß ich ihm unterwegs hier in ſeinem Schloſſe begegnen könnte. Ihr wollt eine Wiedervergeltung abzuwenden ſuchen, vor welcher Ihr zurückſchaudert, die Euch aber nicht Wunder nehmen und Euch ſogar ganz naturlich erſcheinen würde, nicht wahr?“ Diana erbebte, denn ſie fühlte ſich getroffen. „O Gabriel,“ entgegnete ſte, alle ihre Kraft zuſam⸗ mennehmend,„wie könnt Ihr glauben, daß ich ſo etwas von Euch denke? Ihr, mein Gabriel, ein Mörder! Ihr ſolltet einen wehrloſen Gegner heimtückiſch überfallen! Dies iſt unmöglich, denn es wäre mehr als ein Verbre⸗ chen, es wäre eine feige Schändlichkeit! Ihr glaubt, ich will Euch zurückhalten? Nein, geht, ich öffne Euch ſelbſt die Thür; über dieſen Punkt bin ich außer Sorge. Wenn irgend etwas mich beunruhigt, ſo gebe ich Euch mein Wort, daß es kein ſolcher Gedanke iſt. Geht und lebt wohl, geliebter Freund! Ihr zwingt mich faſt Euch — for zu —4 4 Der Vicomte von Montgommery. 131 fortzuſchicken, um Euch zu beweiſen, daß ich Euch nicht zurückhalten will.“ Er entfernte ſich und ſie blickte ihm nach, bis ſich die letzte Thür hinter ihm geſchloſſen hatte. Als ſie ſich wieder allein befand, fiel ſte mit Thrä⸗ nen in den Augen auf ihre Knie und ſandte ein inbrün⸗ ſtiges Gebet zum Himmel empor. 9* 2 . 1 Das Wurnier. Am 28. Juni 1559 ſollten die Heirathscontracte von Heinrichs II. Tochter Eliſabeth, welche ſich mit dem Kö⸗ nige Philipp II. von Spanien, und ſeiner Schweſter Margarethe, die ſich mit Philibert Emanuel, Herzog von Savohen vermählte, im Louvre unterzeichnet werden. Der König betrieb eifrig die Vorbereitungen zu den glänzenden Feſten, welche er ſeiner guten Stadt Paris zur Verherrlichung dieſes doppelten glücklichen Ereigniſſes geben wollte, und kündigte unter Anderm auch an, daß in den Tournelles am 28. Juni und den zwei darauf folgenden Tagen Turniere und andere ritterliche Kampf⸗ ſpiele ſtattfinden und daß er ſelbſt in eigner Perſon mit unter den Platzhaltern ſein würde. Während der erſten beiden Tage brach der König mit jedem, der ſich dazu erbot, eine Lanze, und zwar 4 Der Vicomte von Montgommery. 133 mit eben ſo viel Gluͤck als Kühnheit. Der dritte Tag aber, der 30. Juni, ſollte der ſchönſte und glänzendſte von allen werden und dieſe erſten Feſte würdig beſchließen. Die vier Ritter, welche die Schranken hielten, waren der König, der Herzog von Guiſe, Alphons von Eſte, Herzog von Ferrara, und Jakob von Savoyen, Herzog von Nemours. Alle vier waren geſchickt und berühmte Kämpfer, und der Tag neigte ſich zu Ende, ohne daß man ſagen konnte, welchem von ihnen die Ehre des Turniers ge⸗ bührte. Dergleichen Kampfſpiele waren Heinrichs Ele⸗ ment, und er legte faſt eben ſo großen Werth darauf, bei denſelben Sieger zu bleiben, wie bei einer wirklichen Schlacht. Der Abend war indeß herangekommen und die Trom⸗ peten blieſen zu dem letzten Rennen, welches der Herzog von Guiſe unter dem rauſchenden Beifalle der Damen und aller übrigen Zuſchauer abhielt. Die Königin erhob ſich zum Zeichen, daß das Tur⸗ nier zu Ende war und daß man ſich entfernen wollte. „Wie? es iſt ſchon zu Ende?“ rief der König nei⸗ diſch.„Halt, meine Damen, habe ich nicht noch ein Rennen abzuhalten?“ Herr von Vieilleville bemerkte Seiner Majeſtät, daß 134 Der Vicomte von Montgommery. er die Schranken eröffnet und daß die vier Kämpfer eine gleiche Anzahl Lanzen gebrochen hätten. „Wenn der König zuerſt in die Schranken getreten iſt,“ verſetzte Heinrich II. etwas unwillig,„ſo muß er 7 auch der Letzte darin ſein. Auch ſind hier gerade noch zwei unverſehrte Lanzen.“ „Sire,“ erwiederte Vieilleville,„es iſt kein Kampf⸗ luſtiger mehr da.“ „O ja, ſeht dort jenen Ritter, der beſtändig ſein Viſtr geſenkt hält, er hat noch keine Lanze gebrochen. Wer iſt es?“ „Ich weiß es nicht, Sire,“ antwortete Vieilleville. „Holla, Herr Ritter!“ rief der König, auf den Un⸗ bekannten zugehend,„ich hoffe, Ihr werdet dieſe letzte Lanze mit mir brechen.“ „Ich bitte Eure Majeſtät,“ erwiederte der Angeredete nach einer kurzen Pauſe,„dieſe Ehre ablehnen zu dürfen.“ Der Ton dieſer Stimme machte einen ſonderbaren Eindruck auf den König, den er ſich ſelbſt nicht recht erklären konnte. „Nein,“ entgegnete er mit einer Regung von Zorn, „ich erlaube Euch dies nicht, Herr Ritter.“ Ohne ein Wort zu ſagen, ſchlug der Unbekannte ſ —,— Der Vicomte von Montgommery. 135 ſein Viſir empor und Heinrich II. erblickte das kalte und bleiche Geſicht Gabriels von Montgommery. Beim Anblicke dieſer feierlich ernſten Züge lief ein Schauder durch die Adern des Königs, was er ſich jedoch ſelbſt nicht geſtehen, noch weniger aber den Andern mer⸗ ken laſſen wollte. Sein Geiſt kämpfte gegen ſein Gefühl an, und eben weil er einen Augenblick Furcht gehabt, zeigte er ſich jetzt tapfer und faſt verwegen. „Sire,“ ſagte Gabriel noch einmal,„ich bitte Eure Najeſtät dringend, nicht auf Eurem Willen zu beharren.“ „Dennoch beharre ich darauf, Herr von Montgom⸗ mery,“ erwiederte der König;„macht Euch bereit mit mir in die Schranken zu treten.“ Gabriel antwortete mit einer ſtummen Verbeugung. Die beiden Kämpfer beſtiegen ihre Pferde, ließen ſich die Lanzen reichen und ritten in die Schranken. Herr von Vieilleville gab das Zeichen zum Anfang: das Loos war geworfen. Der König und Gabriel begegneten ſich in der Mitte der Arena, ihre Lanzen zerſplitterten beide auf den Bruſt⸗ harniſchen, und ſie ſprengten ohne die geringſte Verletzung erhalten zu haben an einander vorüber. Ein freudiges Gemurmel erhob ſich unter den Zuſchauern, die Königin warf einen Blick des Dankes zum Himmel. 136. Der Vicomte von Montgommery. Allein man hatte zu früh gejubelt. Nachdem die beiden Kämpfer an den entgegengeſetz⸗ ten Enden der Bahn angekommen waren, mußten ſie wie⸗ der nach den Ausgangspunkten zurückkehren und ſich alſo noch einmal begegnen. Doch was konnte man dabei fürch⸗ ten? Sie kreuzten ſich ja diesmal nur, ohne ſich zu berühren. Aber geſchah es aus Abſicht oder war es nur ein unglücklicher Zufall, Gabriel warf beim Umkehren nicht, wie dies gebräuchlich war, den Stumpf ſeiner Lanze weg, ſondern er trug ihn geſenkt noch im Arme. Und als er an dem König in geſtrecktem Galopp vorüberſprengte, traf er mit dem zerbrochenen Lanzenſchafte den Kopf Hein⸗ richs II. Das Viſtr des Helmes wurde durch die Heftigkeit des Stoßes emporgeſchlagen: ein ſtarker Holzſplitter war in das Auge des Königs gedrungen und ragte hinter dem Ohre hervor. Mit dem Ausrufe:„Ach! ich bin todt!“ ſank er vom Pferde, und als ihn die herbeigeeilten Her⸗ ren aufhoben, flüſterte er noch die Worte: „Kümmert Euch nicht um den Grafen von Mont⸗ gommery... es war Gerechtigkeit... ich verzeihe ihm!...“ Dann wurde er bewußtlos hinweggetragen. Am 10. Juli 1559, den Tag nach der Verbindung ſeiner Schweſter Margarethe mit dem Herzoge von Sa⸗ Der Vicomte von Montgommery. 137 voyen, verſchied Heinrich II. nach einem eilftägigen To⸗ deskampfe. An dem nämlichen Tage reiſ'te Diana von Caſtro wieder nach dem Kloſter der Benedictinerinnen zu Saint⸗ Quentin ab, das ſeit dem Frieden von Cateau⸗Cambreſis wieder geöffnet war. 13. Katharina von Medici s. Für die Favorite wie für den Günſtling eines Kö⸗ nigs iſt der wahre Tod die Ungnade. Gabriel von Montgommery hatte daher die Ermordung ſeines Vaters genügend an dem Connetable und an Diana von Poitiers gerächt, wenn dieſes ſchändliche Paar durch ihn in Ver⸗ geſſenheit und in die Verbannung zurückfiel. Als Heinrichs II. älteſter Sohn am 10. Juli 1559 unter dem Namen Franz II. durch den Wappenherold zum Könige von Frankreich ausgerufen wurde, war der junge Fürſt erſt ſechzehn Jahre alt, und obgleich ihn das Geſetz für volljährig erklärte, ſo nöthigten ihn doch ſeine Jugend, ſeine Unerfahrenheit und ſeine ſchwächliche Ge⸗ ſundheit, die Leitung der Regierungsgeſchäfte für einige Jahre in kräftigere Hände zu legen. Wer ſollte nun dieſer allmächtige Miniſter oder Vormund werden? Der Der Vicomte von Montgommery. 139 Herzog von Guiſe oder der Connetable? Katharina von Medicis oder Anton von Bourbon? Am 12. Juli Nachmittags drei Uhr wollte Franz II. die Abgeſandten des Parlaments empfangen. Der, wel⸗ chen er ihnen bei dieſer Gelegenheit als ſeinen Miniſter vorſtellte, konnte von ihnen als ihr wirklicher König be⸗ grüßt werden. Es kam alſo darauf an, wem es gelin⸗ gen würde, ſeinen Mitbewerbern den Rang abzulaufen. Am Morgen dieſes Tages hatten ſich Katharina von Medicis und Franz von Lothringen zu dem Könige be⸗ geben, unter dem Vorwande, ihm ihre Beileidsbezeigun⸗ gen darzubringen, in der That aber um ihn wo möglich zu beſtimmen, ihnen die Führung des Staatsruders zu übertragen. Franz und ſeine junge Gemahlin Maria Stuart waren ein Paar unſchuldige liebende Kinder, die ihr Ver⸗ trauen dem erſten Beſten ſchenkten, dem es gelang ihre Herzen zu gewinnen. Sie beweinten aufrichtig den Tod ihres Vaters und Katharina fand ſie daher traurig und niedergeſchlagen. „Mein Sohn,“ ſagte ſie zu Franz,„ich ehre und achte Euren gerechten Schmerz, und Ihr wißt, daß ich die Erſte bin, ihn zu theilen. Bedenkt aber auch, daß 140 Der Vicomte von Montgommery. Ihr jetzt der Vater eines Volks ſeid und Euren Blick auch in die Zukunft richten müßt.“ „Ach, Madame,“ erwiederte Franz II.,„das Scep⸗ ter Frankreichs iſt eine ſchwere Laſt in ſechzehnjährigen Händen!“ „Sire,“ verſetzte Katharina,„übernehmt mit Re⸗ ſignation und Dankbarkeit die Pflichten, welche Gott Euch auferlegt. Die, welche Euch umgeben, werden ſie Euch nach Kräften zu erleichtern ſuchen.“ „Madame... ich danke Euch...“ fluͤſterte der König, verlegen um eine Antwort auf dieſes Entgegen⸗ kommen, während er zugleich nach dem Herzoge von Guiſe blickte, als wollte er ihn um ſeinen Rath bitten. „Ja, Eure Majeſtät hat Recht,“ ſagte dieſer, ohne ſich zu beſinnen,„dankt der Königin Mutter für ihre wohlmeinenden Worte. Sagt ihr aber auch, daß ſie unter denen, die Euch lieben und die Ihr liebt, den erſten Rang einnimmt und daß Ihr auf ihren mütterli⸗ chen Beiſtand bei der ſchwierigen Aufgabe rechnet, zu deren Erfüllung Ihr ſo jung berufen worden ſeid.“ „Mein Oheim von Guiſe hat meinen Gedanken Worte gegeben, Madame,“ verſetzte der junge König hoch⸗ erfreut,„und ich bitte Euch, meiner Schwachheit Euren unſchätzbaren Beiſtand zuzuſichern.“ Der Vicomte von Montgommery. 141 „Sire,“ entgegnete Katharina,„meine geringen Er⸗ fahrungen gehören Euch, ich werde jedesmal glücklich und ſtolz ſein, wenn Ihr mich um Rath fragt. Aber ich bin nur eine Frau, und Euer Thron bedarf eines Vertheidi⸗ gers, welcher den Degen zu führen weiß. Dieſen ſtar⸗ ken Arm wird Eure Majeſtät ohne Zweifel unter denen finden, die in Folge ihrer Verwandtſchaft Eure natürli⸗ chen Stützen ſind.“ Der König verſtand ſeine Mutter, und durch einen Blick Mariens ermuthigt, reichte er ſchüchtern ſeine Hand dem Balafré. Mit dieſem Händedrucke übergab er ihm die Regierung Frankreichs. Ehe er jedoch dieſen Beweis ſeines Vertrauens durch ein förmliches Verſprechen be⸗ ſtätigte, wollte Katharina von Medicis eine ſichere Ge⸗ währ für den guten Willen des Herzogs von Guiſe haben, und ſie ſagte daher zu ihrem Sohne: „Bevor Ihr einen Miniſter habt, Sire, muß ich Euch, nicht um eine Gunſt bitten, ſondern ein Verlangen an Euch ſtellen.“ „Sagt vielmehr einen Befehl geben, Madame,“ er⸗ wiederte Franz II.„Sprecht, ich bitte Euch darum.“ „Es betrifft eine Frau, mein Sohn, welche nicht allein mir, ſondern ganz Frankreich viel Böſes zugefügt hat. Es kommt uns nicht zu, die Schwachheit deſſen ———— — mm —ÿõ:ꝛm— Der Vicomte von Montgommery. zu tadeln, der uns mehr als je heilig ſein muß. Allein Euer Vater iſt leider nicht mehr, Sire, ſein Wille ge⸗ bietet nicht mehr in dieſem Schloſſe, und dennoch erdrei⸗ ſtet ſich dieſe Frau, die ich nicht erſt nennen will, noch darin zu bleiben und mich durch ihre Gegenwart zu be⸗ leidigen.“ Der Herzog unterbrach die Königin Mutter, indem er ehrerbietig ſagte: „Verzeiht, Madame, aber ich glaube die Abſichten Seiner Majeſtät in Betreff jener Frau zu kennen.“ Er zog ohne weiteres an einer Glocke und befahl dem eintretenden Diener: „Sagt der Frau Herzogin von Valentinois, daß der König ſie auf der Stelle zu ſprechen wünſcht.“ Um jedoch ſeinem Schritte die Sanction der könig⸗ lichen Beiſtimmung zu geben, ſagte er zu Franz II.: „Ich hoffe nicht zu weit gegangen zu ſein, wenn ich den Wunſch Eurer Majeſtät in dieſem Punkte zu kennen behauptete?“ „Nein, gewiß nicht, theurer Oheim,“ entgegnete Franz ſogleich,„denn ich weiß, daß alles, was Ihr thut, nur zu unſerm Beſten geſchieht.“ In dieſem Augenblicke meldete der Huiſſier mit lau⸗ ter Stimme: 4 Der Vicomte von Montgommery. „Die Frau Herzogin von Valentinois!“ Diana von Poitiers trat augenſcheinlich etwas be⸗ ſtürzt, aber noch immer hochmüthig ein und ſagte mit einer leichten Verbeugung: „Eure Majeſtät hat geruht mich rufen zu laſſen...“ Die ſtolze Haltung der geweſenen Favorite machte den jungen König verlegen und er erwiederte erröthend: „Unſer Oheim von Guiſe hat die Güte gehabt Euch unſern Wunſch kund zu geben, Madame.“ Diana wendete ſich langſam nach dem Balafré um und warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Dieſer aber war nicht ſo leicht einzuſchüchtern als ſein königlicher Neffe. „Madame,“ ſagte er nach einer tiefen Verbeugung, „der König hat Euren aufrichtigen Schmerz über das entſetzliche Unglück erfahren, das uns Alle ſo tief betrübt, und Seine Majeſtät glaubt daher Eurem ſehnlichſten Wunſche entgegenzukommen, wenn er Euch erlaubt, noch heute den Hof zu verlaſſen und Euch in die Einſamkeit zurückzuziehen.“ „Seine Majeſtät erfuͤllt in der That meinen innig⸗ ſten Wunſch,“ entgegnete Diana, eine Thräne der Wuth unterdrückend,„und ich werde mich mit Freuden ſobald als möglich in mein Exil zurückziehen.“ „Vortrefflich,“ verſetzte der Herzog von Guiſe;„die 144 Der Vicomte von Montgommery. Königin Mutter bietet Euch das ſchöne Schloß Chau⸗ mont⸗ſur⸗Loire an, das zu Eurem Empfange bereit ſein wird. Dort könnt Ihr Euch von den Anſtrengungen der zahlreichen Correſpondenzen und Conferenzen erholen, mit denen Ihr Euch, wie ich gehört habe, in den letzten Tagen gemeinſchaftlich mit Herrn von Montmorency be⸗ ſchäftigt habt.“ „Ich glaubte meinem bisherigen Könige und Herrn nützlich zu ſein,“ erwiederte Diana,„wenn ich mich mit dem großen Staatsmanne und Heerführer über die Er⸗ forderniſſe der Wohlfahrt des Reiches verſtändigte.“ „Es iſt wahr,“ ſagte die Königin Mutter,„Herr von Montmorench hat mit ſeinem Ruhme und ſeiner Thätigkeit zwei ganze Regierungen ausgefüllt, und es iſt Zeit, mein Sohn, daß Ihr daran denkt, auch ihm den ſo wohl verdienten ehrenvollen Ruheſtand zu ſichern.“ „Herr von Montmorency,“ verſetzte Diana in gereiz⸗ tem Tone,„erwartet wie ich dieſen Lohn für ſeine lang⸗ jährigen Dienſte. Er war eben bei mir, als Seine Ma⸗ jeſtät mich zu ſich entbieten ließ, und er wird noch da ſein; ich will ihn ſogleich von den vortrefflichen Geſin⸗ nungen, welche man gegen ihn hegt, in Kenntniß ſetzen, und er wird nicht zögern, dem Könige ſeine Aufwartung Der Vicomte von Montgommery. 145 zu machen, um ihm ſeinen Dank auszuſprechen und Ab⸗ ſchied von ihm zu nehmen.“ „Der König iſt jeden Augenblick bereit, den Herrn Connetable zu empfangen,“ erwiederte Katharina entrüſtet über dieſen ſpöttiſchen Ton. „Ich werde ihn herſenden,“ verſetzte Frau von Poi⸗ tiers und entfernte ſich mit der nämlichen ſtolzen und trotzigen Haltung, wie ſte gekommen war. Schon nach wenigen Minuten wurde der Connetable von Montmorency gemeldet. „Sire,“ begann er, ſich ehrerbietig vor dem jungen Könige verbeugend,„ich ahnte im voraus, daß der alte Diener Eures Vaters und Großvaters ſich nicht Eurer Gunſt zu erfreuen habe. Ich beklage mich nicht über dieſe Wendung des Glücks und werde mich ohne Murren entfernen. Wenn der König oder das Land meiner je noch einmal bedürfen ſollten, ſo bin ich in Chantilly zu finden; mein Vermögen, meine Kinder, mein eignes Leben, alles, was ich beſitze, wird ſtets Eurer Majeſtät zu Dien⸗ ſten ſtehen.“ Dieſe Mäßigung ſchien den jungen König zu rühren und er richtete einen faſt bittenden Blick auf ſeine Mut⸗ ter. Aber der Herzog von Guiſe, welcher überzeugt war, daß ſeine bloße Dazwiſchenkunft hinreichen würde, die Der Vicomte von Montgommery. 10 146 Der Vcomte von Montgommery. Ruhe des alten Connetables in Zorn zu verwandeln, ſagte mit der größten Höflichkeit zu ihm: „Da Ihr den Hof verlaßt, Herr von Montmorency, ſo werdet Ihr vor Eurer Abreiſe Seiner Majeſtät wohl das königliche Siegel zurückgeben, das Euch der verſtorbene König anvertraut hat und deſſen wir jetzt benöthigt ſind?“ Der Balafré hatte ſich nicht geirrt; dieſe einfachen Worte erregten den Zorn des Connetable auf's höchſte „Hier iſt das Siegel,“ erwiederte er mit Heftigkeit, indem er es aus der Taſche nahm;„man hätte nicht nö⸗ thig gehabt es mir abzuverlangen. Aber ich ſehe wohl, Seine Majeſtät iſt von Leuten umgeben, welche ihm Be⸗ leidigungen gegen diejenigen anrathen, die nur Dank zu fordern berechtigt ſind.“ „Wen meint Ihr damit, Herr Connetable?“ fragte Katharina. „Ich meine die, welche Seine Majeſtat umgeben, Madame,“ verſetzte er. Allein diesmal hatte er den Zeitpunkt übel gewählt, denn Katharina wartete nur auf eine ſolche Gelegenheit, um ihrem Haſſe freien Lauf zu laſſen. Sie erhob ſich und begann dem Connetable in den ſchonungsloſeſten Aus⸗ drücken das rohe und geringſchätzige Benehmen vorzu⸗ werfen, das er ſtets gegen ſie beobachtet habe, ſeine ———,—, 22 Der Vicomte von Montgommery. 147 feindſelige Geſinnung gegen alles Florentiniſche, ſo wie den Vorzug, den er öffentlich der Maitreſſe des Königs vor deſſen rechtmäßiger Gemahlin eingeräumt hatte. Herr von Montmorency, der nicht gewohnt war, Vorwürfe zu hören, gerieth in die äußerſte Wuth und antwortete mit einem Gelächter, das eine neue Beleidi⸗ gung war. Der Herzog von Guiſe hatte unterdeſſen Zeit ge⸗ habt, mit leiſer Stimme die Befehle des Königs einzu⸗ holen oder ihm dieſe vielmehr zu dictiren. „Herr Connetable,“ ſagte er in ſeinem ſpöttiſchen Tone zu ihm,„Eure Freunde und Creaturen Bochetel, „'Aubespine, Jean Bertrandi und andere werden ohne Zweifel Euern Wunſch theilen, ſich zurückziehen zu dür⸗ fen. Der König trägt Euch auf, ihnen zu ſagen, daß ſie von morgen an frei und daß ihre Stellen bereits an⸗ derweitig beſetzt ſind.“ „Es iſt gut!“ brummte Montmorench zwiſchen den Zähnen. „Was Euch ſelbſt betrifft, Herr Connetable“... fuhr der Herzog von Guiſe gelaſſen fort. „Will man mir etwa auch meinen Connetableſtab nehmen?“ unterbrach ihn Montmorency mit Heftigkeit. „O nein, Ihr wißt recht gut, daß dies unmöglich 10* 148 Der Vicomte von Montgommery. iſt und daß die Würde eines Connetable nicht wie die eines Generallieutenants entzogen werden kann. Aber iſt ſte nicht unverträglich mit der eines Großmeiſters? Dies iſt wenigſtens die Anſicht Seiner Majeſtät, der Euch dieſer letzteren Würde entbindet und ſie mir überträgt, da ich keine andre habe.“ 4 „Vortrefflich!“ verſetzte Montmoreneh mit verbiſſe⸗ nem Groll.„Iſt dies alles, Herr Herzog?“ „Ich glaube ja,“ erwiederte Franz von Guiſe, indem er ſich wieder ſetzte. Der Connetable fühlte, daß es ihm ſchwer werden würde ſeine Wuth noch länger zurückzuhalten, daß er vielleicht gegen die dem König ſchuldige Achtung verſtoßen und in Folge deſſen noch als Rebell betrachtet werden könnte. Dieſe Freude wollte er aber ſeinem triumphiren⸗ den Feinde nicht bereiten, und er hielt es daher für beſſer ſich zu entfernen. Noch den nämlichen Abend reiſ'te er nach ſeiner Herr⸗ ſchaft Chantilly ab. Auch Diana von Poitiers verließ an demſelben Tage den Louvre, in welchem ſie wie eine Königin regiert hatte, und begab ſich auf ihr düſtres Schloß Chaumont⸗ſur⸗Loire, das ſte bis zu ihrem Tode nicht verlaſſen ſollte. N ——— 14. Der Mörder des Königs. So fanden die Abgeordneten des Parlaments bei ihrer Ankunft im Louvre die vollkommenſte Einigkeit vor. Franz II., mit ſeiner Gemahlin zur Linken und ſeiner Mutter zur Rechten, ſtellte ihnen den Herzog von Guiſe als Generallieutenant des Königreichs, den Cardinal von Lothringen als Oberaufſeher der Finanzen und Franz Olivier als Siegelbewahrer vor. Der Balafré trium⸗ phirte, die Königin Mutter lächelte zu ſeinem Triumphe, und kein Symptom von Mißhelligkeit trübte die günſtigen Auſpicien einer Regierung, welche eben ſo lang als glück⸗ lich zu werden verſprach. Einer der Parlamentsräthe glaubte wahrſcheinlich, daß ein Gnadengeſuch unter ſolchen Umſtänden nicht zur unrechten Zeit kommen dürfte, und er rief beim Vorüber⸗ gehen am Throne des Königs: 150 Der Vicomte von Montgommery. 1 „Gnade für die verhafteten Parlamentsmitglieder Allein er hatte vergeſſen, welch ein eifriger Katholik der neue Miniſter war. Der Balafré that als hätte er falſch verſtanden und antwortete mit lauter und feſter Stimme: „Ja, meine Herren, der Prozeß ſoll eifrigſt betrieben und ſo ſchnell als möglich beendigt werden, verlaßt Euch darauf.“ Als die Deputation ſich entfernt hatte, erhob ſich Franz II., welchen dieſe langen Ceremonien ermüdet hat⸗ ten, und ſagte: „Ich hoffe, die wichtigſten Geſchäfte werden für jetzt abgethan ſein. Könnten wir nicht, liebe Mutter und lie⸗ ber Oheim, in dieſen Tagen Paris auf einige Zeit ver⸗ laſſen, um unſre Trauer anderwärts, zum Beiſpiel in Blois zu beendigen?“ „Herr von Guiſe wird ſehen, ob dies angeht,“ er⸗ wiederte Katharina.„Für heute iſt jedoch Cuer Tage⸗ werk noch nicht zu Ende, mein Sohn; Ihr habt noch eine heilige Pflicht zu erfüllen. Ihr wißt, Sire, daß Euer erhabener Vater eines gewaltſamen Todes geſtorben, und es fragt ſich, war die Urſache deſſelben nur ein un⸗ glücklicher Zufall oder war es vorausberechnete Abſicht? Der Vicomte von Montgommery. 151 Ich meines Theils vermuthe das Letztere, aber jedenfalls verdient die Sache genau unterſucht zu werden.“ „Dann müßte alſo Eurer Meinung nach der Graf von Montgommery unter der Anklage des Königsmordes verhaftet werden?“ fragte der Herzog von Guiſe beunruhigt. „Herr von Montgommery iſt bereits ſeit dieſem Mor⸗ gen in Haft,“ verſetzte Katharina. „Er iſt verhaftet?“ rief der Herzog;„auf weſſen Befehl?“ „Auf meinen Befehl,“ erwiederte die Königin Mut⸗ ter.„Herr von Montgommery hätte jeden Augenblick entfliehen können; dies mußte verhindert werden, und er iſt daher in aller Stille in den Louvre gebracht worden. Ich erſuche Euch, ihn zu verhören, mein Sohn.“ Zugleich zog ſie an einer Klingelſchnur und ſagte zu dem eintretenden Huiſſier: „Laßt den Gefangenen herbeiführen.“ Bleich und niedergeſchlagen, aber mit feſten und ruhigen Schritten trat Gabriel ein, und ſein Anblick machte einen ſo gewaltigen Eindruck auf den König, daß er die Farbe veränderte und kaum hörbar zu ſeiner Mut⸗ ter ſagte: „Sprecht Ihr, Madame, ich kann nicht.“ Katharina von Medicis machte ſogleich Gebrauch 4⁵² Der Vicomte von Montgommery. von dieſer Erlaubniß. Jetzt war ſie ihres allmächtigen Einfluſſes auf Franz II. und ſeinen Miniſter gewiß. „Herr Graf,“ begann ſie mit Stolz und richterlicher Würde,„wir haben Euch vor der Unterſuchung zu Sei⸗ ner Majeſtät entbieten und Euch mit eignem Munde be⸗ fragen wollen, um, wenn Ihr unſchuldig erfunden wür⸗ det, keiner Genugthuung gegen Euch zu bedürfen, und damit die Gerechtigkeit um ſo ſtrenger geübt werde, im Fall wir Euch ſchuldig finden. Seid Ihr bereit, uns zu antworten?“ „Ich bin bereit, Euch anzuhören, Madame,“ ſagte Gabriel. Die Ruhe des Mannes, den Katharina um ſo mehr haßte, als ſte einen Augenblick Liebe zu ihm gefühlt hatte, erbitterte ſte noch mehr gegen ihn. Sie fuhr daher mit beleidigender Rückſichtsloſigkeit fort: „Eine Menge höchſt ſonderbarer Umſtände ſprechen gegen Euch, Herr Graf; ſo Eure lange Abweſenheit von Paris, Eure freiwillige Verbannung vom Hofe während faſt zwei Jahren, Eure Gegenwart und Euer geheimniß⸗ volles Benehmen bei dem unglücklichen Turniere, ja ſelbſt Eure Weigerung, gegen den König in die Schranken zu treten. Wie kommt es, daß Ihr, obgleich Ihr mit jeder Art von Kampfſpielen vertraut ſeid, die gewöhnliche und Der Vicomte von Montgommery. 153 nothwendige Vorſicht verſäumt habt, den zerbrochenen Schaft Eurer Lanze wegzuwerfen? Was habt Ihr hier⸗ auf zu antworten?“ 1 „Nichts, Madame,“ erwiederte Gabriel. „Wie?“ verſetzte Katharina, Ihr geſteht alſo ein..2* „Ich geſtehe nichts ein, Madame.“ „Ihr leugnet alſo?“ „Ich leugne eben ſo wenig etwas; ich ſchweige.“ „Nehmt Euch in Acht, Herr Graf! Ihr würdet vielleicht beſſer thun, wenn Ihr verſuchtet, Euch zu recht⸗ fertigen. Ihr weigert Euch alſo wirklich zu ſprechen?“ „Allerdings.“ „Die Folter wird vielleicht Euer trotziges Stillſchwei⸗ gen zu brechen wiſſen.“ „Ich glaube nicht, Madame.“ „Und ich ſage Euch vorher, daß Ihr auf dieſe Art Euer Leben in Gefahr bringt.“ „Ich werde es nicht vertheidigen, Madame, es hat keinen Werth mehr für mich.“ „Ihr ſeid alſo feſt entſchloſſen, kein Wort zu ſprechen?“ „Ja, Madame.“ „Das iſt edel und großherzig!“ rief Maria Stuart, dem Zuge ihres Charakters folgend.„Ein ſolches Still⸗ ſchweigen iſt eines Edelmannes würdig, der es ſogar ver⸗ 154 Der Vicomte von Montgommery. ſchmäht, den Verdacht von ſich abzuwerfen, damit dieſer ihn nicht berühren kann, und ich erkläre, daß es die beſte Rechtfertigung iſt, welche es geben kann.“ Der König betrachtete ſeine junge Gemahlin mit unausſprechlicher Liebe, denn auch er war ganz ihrer Anſicht. Katharinens Zorn aber wurde dadurch nur noch heftiger erregt, beſonders da ſie in dem Herzoge von Guiſe, der ſich bis jetzt noch nicht ausgeſprochen hatte, eine kräftige Stütze zu haben glaubte. „Wie?“ rief ſie in gereiztem Tone,„ich verlange mit aller Mäßigung, daß der Mörder Heinrichs II. we⸗ nigſtens verhört werde, und als er jede Rechtfertigung verweigert, billigt man ſein Stillſchweigen und lobt es ſogar? Nun wohl, wenn es ſo iſt, dann erkläre ich mich laut und offen als die Anklägerin des Grafen von Montgommery. Wird ſich der König weigern, ſeiner Mutter gerecht zu werden, weil ſie ſeine Mutter iſt? Soll der Tod eines im Angeſicht ſeines ganzen Volks meuch⸗ lings ermordeten Königs ungerächt bleiben?... Aber Ihr ſagt gar nichts, Herr von Guiſe,“ ſetzte ſte hinzu, „Ihr ſeid doch gewiß meiner Meinung?“ „Nein, Madame,“ erwiederte der Balafré,„ich muß geſtehen, daß ich nicht Eurer Meinung bin, und deshalb habe ich bis jetzt geſchwiegen.“ Der Vicomte von Montgommery. 155 „Ha! alſo auch Ihr ſtellt Euch mir entgegen?“ rief Katharina mit drohender Stimme. „Für diesmal kann ich es zu meinem Bedauern nicht leugnen, Madame,“ verſetzte der Herzog.„Ihr habt indeß geſehen, daß ich bisher in Betreff des Connetable und der Herzogin von Valentinois vollkommen mit Euch ubereingeſtimmt habe.“ „Ja, weil Ihr Curen Vortheil dabei ſaht,“ ſagte Katharina;„ich bemerke es jetzt und leider zu ſpät.“ „In Bezug auf Herrn von Montgommery aber,“ fuhr der Balafré ruhig fort,„kann ich Eure Anſicht nicht theilen, Madame. Es ſcheint mir unmöglich, einen ta⸗ pfern und loyalen Edelmann für ein ganz zufälliges Un⸗ glück verantwortlich zu machen. Ein Prozeß würde für ihn ein Triumph, für ſeine Ankläger eine Beſchämung ſein. Ich bin der Meinung, daß uns nichts Andres zu thun übrig bleibt, als uns bei Herrn von Montgommery wegen ſeiner willkürlichen Verhaftung zu entſchuldigen, welche zum Glück für uns geheim geblieben iſt, und daß wir ihn dann frei und geehrt, wie er es ſtets geweſen iſt und auch ſein wird, von hier weggehen laſſen. Ich habe geſprochen.“ „Vortrefflich!“ rief Katharina mit höhniſchem Lachen. Der Viromte von Montgommery. 156 „Seid Ihr etwa auch dieſer Meinung, mein Sohn?“ fragte ſie den König. Mariens Haltung, der dankbare Blick, mit welchem ſte den Herzog von Guiſe betrachtete, konnten im Geiſte Franz II. keine Unſchlüſſigkeit aufkommen laſſen, und er antwortete daher: „Ja, liebe Mutter, ich geſtehe, daß die Anſicht un⸗ ſres Herrn Oheims auch die meinige iſt.“ „Ihr ſchändet alſo das Gedächtniß Eures Paters?“ verſetzte Katharina mit zornbebender Stimme. „Im Gegentheil, ich halte es in Ehren, Madame,“ erwiederte Franz.„War nicht das erſte Wort meines Vaters nach ſeiner Verwundung das Verlangen, Herrn von Montgommerh nicht zu beunruhigen? Und hat er dieſes Verlangen, oder vielmehr dieſen Befehl, nicht in einem lichten Augenblicke ſeines Todeskampfes wiederholt? Erlaubt ſeinem Sohne, dieſem Befehle nachzukommen.“ „Ihr achtet alſo den geheiligten Willen Eurer Mut⸗ ter für nichts?“ „Durchaus nicht, liebe Mutter, ich folge nur der Stimme meiner Ueberzeugung und meines Gegwiſſens,“ entgegnete der junge König mit Feſtigkeit. „Iſt dies Euer letztes Wort, Franz?“ verſetzte Ka⸗ tharina.„Ueberlegt es wohl, Sire! Wenn Ihr Eurer Der Vicomte von Montgommery. 157 Mutter das erſte Verlangen abſchlagt, das ſie an Euch richtet, wenn Ihr Euch als unabhängiger Gebieter gegen mich und als ein gefälliges Werkzeug für Andere zeigt, dann könnt Ihr allein mit Euren getreuen Miniſtern re⸗ gieren und ich ziehe mich zurück. Bedenkt dies wohl, mein Sohn!“ „Wir würden das gewiß herzlich bedauern,“ entgeg⸗ nete der junge König,„aber wir würden uns darein fügen.“ „Es iſt gut,“ ſagte Katharina, und mit einem durch⸗ bohrenden Schlangenblick auf das junge Königspaar und den Herzog von Guiſe verließ ſte das Zimmer. Nach ihrer Entfernung entſtand eine ziemlich lange Pauſe, welche Gabriel zuerſt unterbrach, indem er ſagte: „Sire, ich danke Euch, wie Eurer hohen Frau Ge⸗ mahlin und dem Herrn Herzoge für Eure guten Geſin⸗ nungen gegen einen Unglücklichen, den ſelbſt der Himmel verläßt. Aber dennoch muß ich Euch fragen: warum wendet Ihr Gefahren und Tod von einem Leben ab, das niemandem, ſelbſt mir nichts mehr nützen kann?“ „Gabriel,“ erwiederte der Herzog von Guiſe,„Euer Leben iſt ruhmvoll in der Vergangenheit geweſen und wird es auch in der Zukunft ſein. Ihr ſeid ein Mann von Energie, wie man wenige findet und den man nicht hoch genug ſchätzen kann.“ 158 Der Vicomte von Montgommery. „Und dann,“ ſagte Maria Stuart mit ihrer liebli⸗ chen Stimme,„habt Ihr ein großes und edles Herz. Schon längſt kenne ich Euch und ich habe mich oft mit Fräulein von Caſtro über Euch unterhalten.“ „Endlich,“ ſetzte der König hinzu,„ermächtigen mich Eure früheren Dienſte auch für die Zukunft auf ſie zu rechnen. Die jetzt beendigten Kriege können ſich von neuem entzünden, und ich will nicht, daß ein eben ſo rechtſchaffener als tapfrer Vertheidiger ſeinem Vaterlande für immer entriſſen werde.“ „Nun wohl,“ ſagte Gabriel nach kurzer Ueberlegung, „das unerwartete Wohlwollen, welches Ihr mir bezeigt, verändert mein Herz und meine Beſtimmung. Euch, mein König und meine Königin, gehört von nun an dieſes Leben, das Ihr mir gleichſam zum Geſchenk gemacht habt; ich widme meinen Arm ohne Widerrede Eurem Genie, Herr Herzog, wie mein Herz der Religion... 7 Er ſagte nicht welcher; aber die, welche ihn anhör⸗ ten, waren zu eifrige Katholiken, als daß ihnen der Ge⸗ danke an die Reformation nur einen Augenblick in den Sinn gekommen wäre. „Ja, lieber Freund,“ erwiederte der Herzog,„ich werde Euer bedürfen, ich werde früher oder ſpäter den ta re Der Vicomte von Montgommery. 159 tapfern Arm, den Ihr mir anbietet, im Namen Frank⸗ reichs und des Königs an Euch fordern.“ „Und ich,“ ſagte Franz II.,„ich danke Euch für Euer Verſprechen und werde dafür ſorgen, daß Ihr nie bereuen ſollt, es gehalten zu haben.“ „Auch ich verſichre Euch,“ ſetzte Maria Stuart hinzu, „daß unſer Vertrauen ſtets Eurer Ergebenheit entſprechen und daß wir Euch als einen Freund betrachten werden, dem man nichts verbirgt und nichts verweigert.“ Gerührter, als er es ſich ſelbſt geſtehen wollte, ent⸗ fernte ſich Gabriel; er war jetzt durch eine Wohlthat unauflöslich an den Sohn des Königs gebunden, den er bis auf ſeine Nachkommen zu verfolgen geſchworen hatte. Als er nach Hauſe kam, fand er den Admiral Co⸗ ligny vor, der ihn erwartete. Aloyſe hatte dem Admiral geſagt, daß ihr Herr dieſen Morgen in den Louvre geholt worden ſei, und Coligny hatte ſich nicht eher entfernen wollen, als bis ihn die Rückkehr Gabriels beruhigte. Er empfing ihn mit Herzlichkeit und der junge Graf erzählte ihm alles was vorgegangen war. „Es konnte nicht anders ſein,“ verſetzte der Admiral, „der ganze franzöſiſche Adel würde gegen den Verdacht — 160 Der Vicomte von Montgommery. proteſtirt haben, der auf einem ſeiner würdigſten Reprä⸗ ſentanten haftete.. „Laſſen wir das,“ ſagte Gabriel verſtimmt,„ich habe Euch etwas mitzutheilen, Herr Admiral. Ihr wißt, daß ich im Herzen ſchon dem reformirten Glauben angehörte; jetzt will ich mich ihm ganz widmen und meine bisherige Religion abſchwören. Ich glaube jedoch, daß es im In⸗ tereſſe der Religion ſelbſt gut ſein wird, meinen Ueber⸗ tritt noch geheim zu halten. Dieſer Aufſchub wird ſich gewiß mit den neuen Pflichten, die ich zu erfüͤllen habe, vertragen.“ „Vortrefflich,“ verſetzte Coligny.„Alles, was ich von Euch verlange, iſt, daß Ihr mir erlaubt den Häup⸗ tern unſrer Partei dieſe erfreuliche Nachricht mitzutheilen.“ „Mit größtem Vergnügen,“ erwiederte Gabriel. „Uebrigens kann ich Euch ſagen,“ fuhr Coligny fort, „daß wir vielleicht ſchon ſehr bald Gelegenheit haben werden Euren Eifer zu erproben.“ „Wirklich?“ ſagte Gabriel überraſcht.„Ihr wißt, Herr Admiral, daß Ihr auf mich rechnen könnt, aber nur mit einem gewiſſen Vorbehalt, den ich Euch ſogleich mittheilen will.“ „Wer hätte den nicht?“ verſetzte Coligny.„Doch hört mich an, Gabriel; ich komme heute nicht allein als Der Vicomte von Montgommery. 161 Freund, ſondern auch als Reformirter zu Euch. Wir haben mit dem Prinzen und mit la Renaudie von Euch d wir betrachteten Euch ſchon vor Eurer Grundſätze als eine Stütze Recht⸗ geſprochen, un beſtimmten Erklärung für unſre von ganz beſonderem Verdienſte und von makelloſer ſchaffenheit. Daher haben wir beſchloſſen, nie ein Ge⸗ heimniß vor Euch zu haben. Ihr ſollt wie einer unſrer Anführer in alle unſere Pläne eingeweiht werden und nur die Verpflichtung des Schweigens auf Euch nehmen. So bleibt Ihr immer frei und nur wir ſind gebunden. Zuerſt wißt nun Folgendes: Die Pläne, von denen Ihr in der Verſammlung am Platze Maubert gehört habt und werden mußten, ſind welche damals noch aufgeſchoben„ jetzt ausführbar. Die Schwäche des jungen Königs, die Anmaßung der Guiſe und die Abſichten einer heharrlichen Verſolgung, welche man unver zwingen uns zum Handeln „Verzeiht, Herr Admiral,“ ſiel Gabriel ein,„ich habe Euch geſagt, daß ich mich Eurer Sache nur bis zu gewiſſen Grenzen widmen kann. Ehe Ihr in Eurem Ver⸗ trauen gegen mich weiter geht, muß ich Euch erklären, daß ich die politiſche Seite der Reformation, wenigſtens ſo lange die eben begonnene Regierung dauert, nicht be⸗ Für die Ausbreitung unſrer Ideen und hohlen gegen uns ausſpricht, 74 rühren will. Der Vicomte von Montgommery. 11 — — 162 Der Vicomte von Montgommery. unſres moraliſchen Einfluſſes will ich gern mein Vermö⸗ gen, meine Zeit und mein Leben opfern; aber ich habe nur das Recht, in der Reformation eine Religion zu ſehen und nicht eine Parteiſache. Franz II., Maria Stuart und der Herzog von Guiſe ſelbſt haben groß und edel gegen mich gehandelt, und ich will ihr Vertrauen eben ſo wenig mißbrauchen als das Eurige. Verlangt mein Zeug⸗ niß, wann Ihr wollt, aber die Unabhängigkeit meines Degens muß ich mir vorbehalten.“ Herr von Coligny überlegte einen Augenblick und erwiederte dann: „Was ich Euch geſagt habe, waren keine leeren Worte; Ihr ſeid und werdet ſtets frei ſein. Geht allein auf Eurem Wege, wenn Ihr wollt, wir werden Euch deshalb nicht zur Rede ſetzen. Wir beſchranken uns darauf, Euch von unſern Bewegungen und unſern Plä⸗ nen in Kenntniß zu ſetzen; entweder durch Briefe oder durch Boten ſollt Ihr ſtets erfahren, wann und wie wir Euer bedürfen könnten, und dann ſteht es Euch frei, nach Eurem Gutdünken zu handeln. Wenn Ihr kommt, werdet Ihr uns willkommen ſein; kommt Ihr nicht, ſo wird Euch niemand einen Vorwurf deshalb machen. Ich glaube, ſolche Bebingungen könnt Ihr annehmen. Ar ⏑n 1 Der Vicomte von Montgommery. 163 „Ich nehme ſie an und danke Euch dafuͤr, Herr Admiral,“ ſagte Gabriel. In der auf dieſen Tag folgenden Nacht lag Gabriel am Sarge ſeines Vaters auf den Knien und ſprach zu dem geliebten Todten: „Ich hatte geſchworen, theurer Vater, Deinen Mör⸗ der nicht nur bei ſeinen Lebzeiten, ſondern auch in ſeinen Nachkommen zu verfolgen. Aber ich hatte nicht voraus⸗ geſehen, was geſchieht. Welcher Eid könnte mich ver⸗ pflichten, einen Feind umzubringen, der mir die Waffe in die Hand giebt und mir ſeine entblößte Bruſt darbietet? Wenn Du noch lebteſt, Vater, würdeſt Du mir gewiß auch rathen, meinen Zorn aufzuſchieben und das Ver⸗ trauen nicht mit Verrath zu vergelten. Ueberdies ſagt mir eine innere Stimme, daß meine Rache nicht auf lange Zeit verſchoben ſein wird, denn alles beweiſ't mir, daß der ſechzehnjährige Knabe nicht einmal ſo lange auf dem Throne ſitzen wird als der vierzigjährige Mann, und dann könnte ich unter einem andern Sohne Heinrichs II. mein Werk der Sühne bald wieder beginnen.“ 11* 15. Die Verſchwörung. Wenn wir einen Zeitraum von ungefähr acht Mo⸗ naten uͤberſpringen, ſo befinden wir uns am 27. Februar 1560 in dem prächtigen Schloſſe Blois, wo ſich der Hof gegenwärtig aufhielt. Den Tag vorher hatten große Feſtlichkeiten und Beluſtigungen zur Zerſtreuung des jun⸗ gen Königspaares ſtattgefunden, das in Folge deſſen etwas ſpäter als gewöhnlich aufgeſtanden war und ſich von den genoſſenen Vergnügungen unterhielt. Plötzlich wurde die Thür geöffnet, und der Cardi⸗ nal von Lothringen trat unangemeldet mit ſeinem Bruder, dem Herzoge von Guiſe ein, Beide in der heftigſten Auf⸗ regung. „Herr Cardinal,“ rief der junge König,„habe ich denn auch hier nicht einen Augenblick Ruhe und Freiheit?“ — Der Vicomte von Montgommery. 165 „Sire,“ entgegnete Karl von Lothringen,„es thut mir leid, daß ich Euch dem ertheilten Befehle zuwider ſtören muß; aber die Angelegenheit, welche uns hierher führt, iſt von ſolcher Wichtigkeit, daß ſie keinen Aufſchub geſtattet. Es iſt eine Verſchwörung gegen Cure Majeſtät entdeckt worden, Euer Leben iſt in dieſem Schloſſe nicht mehr in Sicherheit, und es iſt daher nothwendig, daß Ihr es unverzüglich verlaßt.“ „Wie, eine Verſchwörung?“ rief der König.„Was hat man denn gegen mich? Seit geſtern erſt ſitze ich auf dem Throne und habe gewiß niemandem, wenigſtens nicht wiſſentlich, etwas zu Leide gethan. Wer ſind dieſe böſen Menſchen?“ „Wer könnte es anders ſein als die ſchändlichen Hugenotten und Ketzer?“ „Schon wieder die Ketzer! Seid Ihr aber auch gewiß, Herr Cardinal, daß Ihr Euch nicht zu grundlo⸗ ſem Verdachte gegen ſie hinreißen laßt?“ „Leider kann diesmal von keinem Zweifel die Rede ſein,“ verſetzte der Cardinal. Der Herzog von Guiſe, welcher noch nicht geſprochen hatte, nahm jetzt das Wort und ſagte zum Könige: „Sire, die Sache iſt folgende. Zweitauſend Auf⸗ ſtändige, commandirt von dem Baron von la Renaudie 166 Der Vicomte von Montgommery. und heimlich unterſtützt von dem Prinzen von Condé, werden in dieſen Tagen aus Poitou, Béarn und andern Provinzen aufbrechen und einen Verſuch machen, Blois zu überrumpeln und Eure Majeſtät zu entführen.“ „Wie, ſte wollen den König entführen?“ rief Maria Stuart. „Und Euch ebenfalls, Madame,“ fuhr der Balafré fort;„aber tragt keine Sorge, wir werden über Eure Majeſtäten wachen.“ „Welche Maßregeln gedenkt Ihr zu treffen?“ fragte der König. „Wir haben erſt vor einer Stunde die Nachricht erhalten,“ erwiederte der Herzog.„Zuerſt müſſen wir für die Sicherheit Eurer geheiligten Perſon ſorgen; Ihr müßt daher noch heute dieſe offene Stadt und ihr unbe⸗ feſtigtes Schloß verlaſſen und Euch nach Amboiſe begeben wo Ihr vor einem Handſtreiche geſichert ſeid.“ „In dieſes abſcheuliche alte Schloß ſollen wir uns einſperren?“ rief die Königin. „Es muß ſein, Madame,“ entgegnete der Herzog. „Dann fliehen wir alſo vor dieſen Rebellen?“ ſagte der König vor Zorn bebend. „Sire,“ verſetzte Guiſe,„man flieht nicht vor einem Feinde, welcher noch nicht angegriffen, ja nicht einmal Der Vicomte von Montgommery. 167 den Krieg erklärt hat. Wir ſtellen uns, als wären uns die Abſichten der Empörer gänzlich unbekannt. Wir weichen dem Kampfe nicht aus, wenn wir den Ort des Schlachtfeldes verändern, und ich hoffe, die Rebellen wer⸗ den ſich wohl die Mühe nehmen, uns nach Amboiſe zu folgen.“ „Warum ſagt Ihr, daß Ihr es hofft, Herr Herzog?“ fragte der König. „Weil es eine Gelegenheit ſein wird, ein für allemal mit der Ketzerei fertig zu werden, und weil es endlich Zeit iſt, daß wir energiſch gegen ſte auftreten.“ „Ein ſolcher Kampf bleibt aber doch immer ein Bürgerkrieg.“ „Wir müſſen ihn annehmen, Sire, um ihm ein Ende zu machen,“ verſetzte Guiſe.„Folgendes iſt in zwei Worten mein Plan. Mit Ausnahme des Rückzugs nach Amboiſe geben wir uns den Anſchein vollkommener Sorg⸗ loſigkeit und Unkenntniß. Wenn ſie dann vorrücken, um uns verrätheriſch zu überfallen, ſo werden wir ſie viel⸗ mehr überraſchen und ſte in ihrer eigenen Schlinge fan⸗ gen. Ich bitte Euch daher noch beſonders, nichts von Unruhe oder von der Flucht bemerken zu laſſen. Man darf außen weder unſre Vorbereitungen noch unſre Be⸗ ſorgniſſe ahnen, dann ſtehe ich für alles.“ 168 Der Vicomte von Montgommery. „Welche Stunde iſt für unſre Abreiſe feſtgeſetzt?“ fragte der König. „Drei Uhr des heutigen Nachmittags, Sire; ich habe im voraus alle nöthigen Anſtalten treffen laſſen.“ „Gut, wir werden um drei Uhr bereit ſein und ſetzen unſer ganzes Vertrauen auf Euch, Herr Oheim.“ „Ich danke Euch für dieſes Vertrauen, Sire, und werde mich deſſelben würdig machen,“ erwiederte der Herzog.„Aber ich habe noch eine Menge Briefe zu ſchreiben und Aufträge zu ertheilen und bitte daher, Eure Majeſtät möge geruhen uns zu entlaſſen.“ Ohne erſt eine Antwort des Königs abzuwarten, machte er ihm und ſeiner Gemahlin eine kurze Verbeu⸗ gung und entfernte ſich mit dem Cardinal. Seit dem verhängnißvollen Turnier vom 30. Juni hatte Gabriel ein außerordentlich ſtilles und eingezogenes Leben geführt. Er erſchien nie am Hofe, beſuchte keinen Freund und verließ nur ſelten ſein Haus, das er allein mit ſeiner Amme Aloyſe und dem Pagen André bewohnte, der wieder zu ihm gekommen war, nachdem ſich Diana von Caſtro in das Kloſter der Benedictinerinnen zu Saint⸗ Quentin begeben hatte. Am Morgen des 6. März 1560 führte Aloyſe einen al A 7 Der Vicomte von Montgommery. 169 Boten, der ganz mit Staub und Schweiß bedeckt war, als käme er von einer langen Reiſe, bei ihm ein. Dieſer Courier kam mit einer ſtarken Escorte von Amboiſe und hatte mehrere Briefe von dem Herzoge von Guiſe bei ſich, von denen einer an Gabriel adreſſirt war und folgendermaßen lautete: „Mein tapfrer und geliebter Freund! „Ich ſchreibe Euch Gegenwärtiges in aller Eil, ohne „Euch genauere Mittheilungen machen zu können, da es „mir an Zeit dazu fehlt. Begebt Euch unverzüglich nach „Amboiſe, wo der König und die Königin einige Wochen „zubringen werden. Bei Eurer Ankunft werde ich Euch „ſagen, wodurch Ihr ihnen nützlich ſein könnt. „Es verſteht ſich übrigens von ſelbſt, daß Ihr voll⸗ „kommene Freiheit habt, nach Eurem Gutdünken zu han⸗ „deln. Mögt Ihr auf unſre Seite treten oder neutral „bleiben, ich würde es für eine Pflichtverletzung halten, „wenn ich Euch nicht mein volles Vertrauen ſchenkte. „Kommt alſo ſchnell, Ihr werdet, wie immer, will⸗ „kommen ſein. Euer wohlgewogener „Amboiſe d. 4. März 1560. Franz v. Lothringen.“ „. S. Beifolgend ein Geleitsbrief für den Fall, daß „Ihr zufällig von königlichen Truppen angehalten werden „ſolltet.“ 170 Der Vicomte von Montgommery. Als Gabriel den Brief geleſen hatte, befahl er ſei⸗ ner Amme, André zu rufen, dann ſeinen Mantelſack packen und ſein Pferd ſatteln zu laſſen. Während dieſe Vorbereitungen getroffen wurden, er⸗ ſchien ein andrer Bote, welcher den Grafen von Mont⸗ gommery allein zu ſprechen verlangte und ihm ebenfalls einen Brief überbrachte, welcher Folgendes enthielt: „Lieber Freund und Bruder! „Ich wollte Paris nicht verlaſſen, ohne Euch noch „einmal geſehen zu haben, aber meine Zeit erlaubt es „mir nicht, denn die Ereigniſſe drängen mich. „Doch wir wiſſen, daß Ihr einer der Unſrigen ſeid „und daß wir Euch nur zu ſagen brauchen: kommt, wir „bedürfen Euer. So findet Euch denn in der Zeit vom „10. bis 12. März in Noizai bei Amboiſe ein, unſer „tapfrer und edler Freund Caſtelnau wird Euch dort „ſagen, was ich dem Papiere nicht anvertrauen kann. „Uebrigens bleibt es dabei, daß Ihr auf keine Weiſe „gebunden ſeid und es Euch ganz überlaſſen iſt, ob Ihr „uns thätigen Beiſtand leiſten wollt oder nicht; in letzte⸗ „rem Falle werden wir Euch nur um Euren Rath bitten. „Alſo auf baldiges Wiederſehen in Noizai; wir rech⸗ „nen wenigſtens auf Eure Gegenwart. L. R. Der Vicomte von Montgommery. 171 „Was bedeutet dies?“ ſagte Gabriel zu ſich ſelbſt, als er wieder allein war;„zwei Beſtellungen von den beiden entgegengeſetzten Parteien faſt auf den nämlichen Tag und an den nämlichen Ort! Doch gleichviel, ich muß beiden Aufforderungen Folge leiſten, mag es dann kommen, wie Gott will!“ Eine Stunde ſpäter befand ſich Gabriel in Beglei⸗ tung André's ſchon unterwegs. ——ÿ—ÿ—ʒꝛ˖—˖—˖—˖—˖—— — 16. Der Vertrag. Bei ſeiner Ankunft in Amboiſe begab er ſich ſogleich zu dem Herzoge von Guiſe, von welchem er wie immer freundlich empfangen wurde. „Ihr wißt ohne Zweifel, warum ich Euch habe rufen laſſen, Gabriel?“ ſagte der Herzog zu ihm. „Ich ahne es, doch weiß ich es nicht, gnädiger Herr,“ erwiederte Gabriel. „Die Reformirten ſind in vollem Aufſtande und wol⸗ len uns hier mit bewaffneter Hand angreifen. Sie glau⸗ ben uns zu überraſchen, aber wir erwarten ſte. Alle ihre Pläne ſind entdeckt und verrathen, ſie ſind verloren.“ „Und in welcher Abſicht habt Ihr mich rufen laſſen, Herr Herzog?“ „Der König hat nur eine geringe Anzahl treuer und ergebener Diener,“ verſetzte der Balafré,„und Ihr gehört — Der Vicomte von Montgommery. 173 zu dieſen. Ihr ſollt eine Abtheilung gegen die Rebellen commandiren.“ „Gegen die Rebellen? Unmöglich!“ ſagte Gabriel. „Warum unmöglich? Ihr habt mich nicht daran gewöhnt dieſes Wort von Euch zu hören, Gabriel.“ „Gnädiger Herr,“ entgegnete dieſer,„ich bin ein Anhaͤnger der neuen Religion.“ „Wie? Ihr ſeid ein Hugenott?“ rief der Herzog. „Und zwar aus voller Ueberzeugung,“ erwiederte Gabriel.„Ich glaube an die neuen Ideen und habe ihnen mein Herz geweiht.“ „Und ohne Zweifel auch zugleich Euren Degen?“ ſagte der Balafré in etwas gereiztem Tone. „Nein, Herr Herzog,“ erwiederte Gabriel ernſt. „Ihr wollt mir doch nicht glauben machen, daß Euch das Complot Eurer ſogenannten Brüder gegen den König unbekannt iſt und daß ſie auf die Beihuͤlfe eines ſo ta⸗ pfern Verbündeten, wie Ihr ſeid, gutwillig verzichten!“ „Dennoch muß ich Euch dies verſichern.“ „Dann werdet Ihr alſo ihnen untreu,“ verſetzte der Herzog,„denn Euer neuer Glaube läßt Euch nur die Wahl zwiſchen zwei Wortbrüchen.“ „O, was ſagt Ihr da, Herr Herzog!“ rief Gabriel im Tone des Vorwurfs. 174 Der Vicomte von Montgommery. „Ich möchte wiſſen, wie Ihr es auf andre Art ein⸗ richten wolltet.“ „Dies iſt ſehr einfach, Herr Herzog. Als ich Pro⸗ teſtant wurde, habe ich den hugenottiſchen Anführern offen erklärt, daß mich heilige Verpflichtungen gegen den König, die Königin und gegen Euch ſtets während der Dauer der jetzigen Regierung hindern würden, in den Reihen der Proteſtanten zu kämpfen. Sie wiſſen, daß die Re⸗ formation für mich nur eine Glaubensſache, aber keine Parteiſache iſt. Mit ihnen wie mit Euch habe ich mir die volle Freiheit in meinem Handeln ausbedungen, und wenn ich mich alſo neutral verhalte, ſo glaube ich ehren⸗ werth und geehrt zu bleiben.“ „Ihr ſeid ein ſonderbarer Mann, Gabriel,“ ſagte der Herzog etwas ruhiger. „Warum ſonderbar, gnädiger Herr? Etwa deshalb, weil ich ſage was ich thue und thue was ich ſage? Ich gebe Euch mein Ehrenwort, daß ich durchaus nichts von einer Verſchwörung der Proteſtanten gewußt habe.“ Der Herzog reichte dem jungen Grafen die Hand. „Ich habe Unrecht gehabt,“ ſagte er mit Herzlich⸗ keit zu ihm.„Entſchuldigt meine Aufwallung mit dem Schmerze, den ich empfand, als ich Euch, auf den ich ſo ſicher gerechnet hatte, unter meinen Feinden ſah.“ Der Vicomte von Montgommery. 175 „Ich bin und werde nie Euer Feind ſein, gnädiger Herr,“ erwiederte Gabriel.„Außerhalb der Politik könnt Ihr ſtets auf meine Ergebenheit und meine Ehre rechnen, obgleich ich ein Hugenott bin, und ich bitte Euch, mir zu verſprechen, mich, wenn irgend wieder ein fremder Krieg ausbrechen ſollte, zur Armee zu ſenden, damit ich für das Vaterland und für den König ſterben kann.“ „Ja, Gabriel,“ verſetzte der Herzog,„ich werde Euch ſtets mein Vertrauen ſchenken, und um es Euch ſogleich zu beweiſen, gebe ich Euch hier dieſen Geleits⸗ brief, mit welchem Ihr frei und ungehindert Amboiſe verlaſſen und gehen könnt, wohin Ihr wollt.“ „Dieſen Beweis Eures Vertrauens, Herr Herzog, muß ich ablehnen, denn Ihr wißt wahrſcheinlich nicht, wohin ich mich von hier aus begeben würde.“ „Das iſt Eure Sache, und ich frage Euch nicht danach.“ „Dennoch will ich es Euch ſagen. Wenn Ihr mich von hier weggehen ließt, ſo würde ich mich zu den Rebellen nach Noizai begeben.“ „Wie, nach Noizai?“ rief der Herzog nicht wenig erſtaunt.„Und was würdet Ihr dort thun?“ „Ich würde ihnen ſagen: Ihr habt mich gerufen, hier bin ich, aber ich kann nichts für Euch thun. Und wenn ſtie mich fragten, was ich unterwegs gehört und 176 Der Vicomte von Montgommery. geſehen habe, ſo würde ich ſchweigen müſſen. Ich bitte Euch deshalb um die Gnade, mich als Gefangenen hier zu behalten und mich dadurch aus meiner peinlichen Ver⸗ legenheit zu retten.“ „Nein, Gabriel,“ entgegnete der Balafré nach kurzer Ueberlegung,„ich kann und will Euch kein ſolches Miß⸗ trauen bezeigen. Nehmt Euren Geleitsbrief und geht wohin Ihr wollt.“ „Dann erlaubt mir, daß ich die Proteſtanten, ohne ihnen die unausbleibliche Folge ihres verwegenen Unter⸗ nehmens zu entdecken, durch Rathſchläge und Bitten von ihrem unheilvollen Plane abzubringen ſuche.“ „Aber ſeht Euch wohl vor!“ ſagte der Herzog,„be⸗ denkt, daß ſowohl der König und die Königin als auch ich verloren ſein würden, wenn Euch ein Wort über die von uns getroffnen Anſtalten entſchlüpfte und die Auf⸗ rührer dann auf ihrem Plane beharrten, indem ſie nur die Ausführung deſſelben veränderten. Wollt Ihr Euch jetzt mit Eurem Ehrenworte verbindlich machen, ihnen nicht durch die leiſeſte Anſpielung etwas von dem ahnen zu laſſen, was hier vorgeht?“ „Ich verpflichte mich dazu mit meinem ritterlichen Ehrenworte,“ erwiederte der junge Graf. „So geht und ſucht ſie von ihrem verbrecheriſchen Der Vicomte von Montgommery. 177 Angriffe abzubringen, auch ich werde mit Freuden auf meinen leichten Sieg verzichten, wenn ich bedenke, wie⸗ viel franzöſiſches Blut dadurch erſpart wird.“ „Ich danke Euch in meinem wie in ihrem Namen, Herr Herzog,“ verſetzte Gabriel. Er nahm hierauf Abſchied von dem Balafré und begab ſich nach dem Schloſſe Noizai, wo er am Nach⸗ mittage des 15. März eintraf. Für den folgenden Tag war der Angriff auf Amboiſe feſtgeſetzt, und es war dem⸗ nach die höchſte Zeit, die Proteſtanten von ihrem ver⸗ derblichen Plane abzubringen. Gabriel bot alles auf, um den Baron von Caſtel⸗ nau zu bewegen, das tollkühne Unternehmen aufzugeben; aber ſeine Bemühungen waren gänzlich erfolglos. Den⸗ noch blieb er die Nacht in Noizai, in der Hoffnung viel⸗ leicht am nächſten Morgen einen andern von den refor⸗ mirten Anführern zu überreden. Mit Anbruch des Tages begannen die Proteſtanten in einzelnen Trupps anzukommen, aber Gabriel kannte nicht einen der Anführer, denn la Renaudie hatte ſagen laſſen, er werde durch den Wald von Chateau⸗Regnault nach Amboiſe marſchiren. Um eilf Uhr war alles zum Abmarſch bereit. Caſtelnau triumphirte. „Nun,“ ſagte er zu Gabriel, dem er auf den Wällen Der Vicomte von Montgommery. 12 178 Der Vicomte von Montgommery. begegnete,„jetzt ſeht Ihr wohl, Herr Graf, daß Ihr Unrecht hattet und daß alles auf's beſte geht.“ „Geduld!“ erwiederte Gabriel kopfſchüttelnd. In dieſem Augenblicke ließ ſich außerhalb ein großer Lärm von Trompeten und Waffengeklirr vernehmen. „Seht,“ ſagte Caſtelnau zu Gabriel,„ich wette, da kommen noch neue unerwartete Verſtärkungen.“ „Sind es auch wirklich Freunde?“ entgegnete der junge Graf, welcher beim Tone der Trompeten erſchro⸗ cken war. „Wer könnte es ſonſt ſein?“ verſetzte Caſtelnau. „Kommt mit in die Galerie, Herr Graf, durch die Schieß⸗ ſcharten kann man auf die Terraſſe ſehen, von welcher das Geräuſch zu kommen ſcheint.“ Er zog Gabriel mit ſich fort; als er aber am Rande des Walles ankam, ſtieß er einen lauten Schrei aus und blieb ſtarr vor Entſetzen. Es waren nicht reformirte, ſondern königliche Truppen unter dem Commando Jakobs von Savoyen, Herzogs von Nemours. „Unter dem Schutze der Wälder, von denen das Schloß Noizai umgeben war, hatten die königlichen Rei⸗ ter, ohne bemerkt zu werden, die offene Terraſſe über⸗ fallen können, auf welcher die Avantgarde der Rebellen Der Vicomte von Montgommery. 179 in Schlachtordnung aufgeſtellt war, und dieſe hatte ſich faſt ohne Schwertſtreich ergeben müſſen. Caſtelnau war mehrere Minuten unfähig ein Wort zu ſprechen, denn er war ſo weit entfernt geweſen, ein ſolches Ereigniß zu ahnen, daß er ſeinen eigenen Augen nicht glauben wollte. „Was gedenkt Ihr nun zu thun?“ fragte ihn Gabriel. „Ich weiß es nicht,“ antwortete Caſtelnau wie gei⸗ ſtes abweſend.„Man kann immer ſterben.“ „Und ich will mit Euch ſterben,“ verſetzte Gabriel ruhig. „Ihr? Warum?“ rief Caſtelnau.„Ihr ſeid zu nichts gezwungen und könnt Euch der Theilnahme an dem Kampfe enthalten.“ „Ich will auch nicht kämpfen, denn ich darf es nicht. Aber mein Leben iſt mir zur Laſt und die ſchein⸗ bar doppelte Rolle, welche ich ſpiele, iſt mir unerträglich. Ich werde dem Kampfe unbewaffnet beiwohnen; vielleicht kann ich den Todesſtoß mit meinem Körper auffangen, der Euch beſtimmt war.“ „Nein, bleibt hier; ich darf und will Euch nicht mit in mein Verderben reißen.“ „Ihr ſtürzt ja ohnehin alle die Unſrigen, welche, mit Euch in dieſem Schloſſe ſind, ohne Hoffnung und 12* 180 Der Vicomte von Montgommery. Nutzen in's Verderben, und mein Leben iſt viel werthlo⸗ ſer als das ihrige.“ „Kann ich denn zum Ruhme unſrer Partei anders handeln als dieſes Opfer von ihnen zu verlangen? Mär⸗ tyrer bringen ihrer Sache oft größeren Nutzen als Sieger.“ „Allerdings, aber Eure erſte Pflicht als Anführer iſt zu verſuchen, die Euch anvertrauten Streitkräfte zu retten und dann erſt an ihrer Spitze zu ſterben, wenn ſich die Rettung nicht mit der Ehre vereinigen läßt.“ „Wozu rathet Ihr mir alſo?“ fragte Caſtelnau. „Zuerſt friedliche Mittel zu verſuchen,“ erwiederte Gabriel.„Vielleicht kann Euch meine Gegenwart doch noch von Nutzen ſein; ich habe Euch geſtern nicht retten können, vielleicht gelingt es mir heute.“ „Was wollt Ihr thun?“ „Ich will zu dem Herzoge von Nemours gehen, wel⸗ cher die königliche Truppenabtheilung befehligt, und will ihm ſagen, daß Ihr keinen Widerſtand leiſten, ſondern Euch ihm ergeben wollt. Dagegen muß er ſein herzog⸗ liches Wort verpfänden, daß ſowohl Euch als Euren Officieren nichts geſchehe und daß Ihr wieder in Freiheit geſetzt werdet, nachdem Ihr vor den König geſührt wor⸗ den ſeid, um Eure Beſchwerden und Bitten anzubringen.“ „Wenn er es aber ausſchlägt?“ ve de Der Vicomte von Montgommery. 181 „Dann iſt das Unrecht auf ſeiner Seite und alles vergoſſene Blut wird auf ſein Haupt fallen. Ich kehre dann wieder zu Euch zuruck, um an Eurer Seite zu ſterben.“ „So verſucht es denn,“ ſagte Caſtelnau;„unſre Verzweiflung, wenn Ihr Euren Zweck nicht erreicht, wird dann nur um ſo furchtbarer füͤr unſre Feinde ſein.“ „Ich hoffe, es wird mir gelingen, den nutzloſen Tod ſo vieler tapfern und edlen Männer zu verhüten.“ Gabriel ging hinab, ließ ſich das Thor des Hofes öffnen, wo der Herzog von Nemours in der Mitte ſeines Detachements ſtand, und ſchritt mit einer Parlamentair⸗ fahne in der Hand auf ihn zu. Nachdem er ihm den Zweck ſeines Kommens und die Bedingungen, unter denen ſich die Reformirten ergeben wollten, vorgetragen hatte, ließ ſich der Herzog Schreibzeug bringen und ſchrieb einige Zeilen auf ein Papier, das er dem Grafen von Mont⸗ gommerhy einhändigte. Dieſer kehrte eiligſt zu Caſtelnau zurück und brachte ihm die Erklärung des Prinzen, welche folgendermaßen lautete: „Da Herr von Caſtelnau und ſeine Begleiter bei „meiner Ankunft auf dem Schloſſe Noizai eingewilligt „haben, die Waffen zu ſtrecken und ſich mir zu ergeben, —— 182 Der Vicomte von Montgommery. „ſo habe ich Endesunterſchriebener, Jakob von Savoyen, „ihnen auf mein Wort als königlicher Prinz und bei „Verluſt meines Seelenheils geſchworen, daß ihnen kein „Leid zugefügt werden ſoll und daß ich ſie wieder in „Freiheit ſetzen will, ſobald ſie, funfzig an der Zahl mit „Inbegriff des Barons von Caſtelnau, mit mir beim „Könige in Amboiſe geweſen ſind, um dieſem, unſerm „Herrn, ihre friedlichen Vorſtellungen zu machen. „Gegeben im Schloſſe von Noizai, am 16. März 1560. „Jakob von Savoyen.“ Auf dieſe Erklärung hin folgten Caſtelnau mit ſei⸗ nen Unteranführern und Officieren vertrauensvoll dem Herzoge von Nemours nach Amboiſe. Als ſie jedoch hier anlangten, wurden ſie ohne wei⸗ teres auf Befehl des Cardinals von Lothringen in's Ge⸗ fängniß geworfen. Man machte ihnen den Prozeß, ſie wurden ſämmtlich zum Tode verurtheilt und am 15. April in Anweſenheit des ganzen Hofes und einer zahlloſen Volksmenge zu Amboiſe enthauptet. 17. Der Tod des Königs. Seit dieſer gräßlichen Hinrichtung verſchlimmerte ſich der wankende Geſundheitszuſtand des Königs Franz II. immer mehr. Sieben Monate ſpäter(Ende Novembers 1560), als der Hof ſich in Orleans befand, wohin der Herzog von Guiſe die Generalſtaaten berufen hatte, war der unglück⸗ liche ſiebzehnjährige König gezwungen ſich zu legen. Neben ſeinem Schmerzenslager, an welchem Maria Stuart weinte und betete, erwartete ein wichtiges Drama durch den Tod oder das Leben des Königs ſeine Ent⸗ wickelung. Die Hauptperſonen deſſelben waren der Car⸗ dinal von Lothringen und Katharina von Medicis. Die vorſichtige Königin Mutter war ſeit acht Mo⸗ naten nicht müſſig geweſen. Sie hatte ſich insgeheim mit vem Prinzen von Condé und Anton von Bourbon ver⸗ 184 Der Vicomte von Montgommery. bündet und mit dem alten Connetable von Montmorency verſöhnt, und ihre neuen Freunde hatten auf ihren An⸗ trieb mehrere Provinzen aufgewiegelt. Aber auch die Guiſe waren nicht unthätig geblieben. Sie hatten die Generalſtaaten nach Orleans berufen, ſich eine bedeutende Majorität in denſelben geſtchert und dazu, wie es ihr Recht war, den König von Nayvarra und den Prinzen von Condé entboten. Katharina von Medicis ſuchte dieſen beiden Prinzen auf alle Weiſe abzureden, nach Orleans zu kommen und ſich den Händen ihrer Feinde zu überliefern. Allein die Pflicht rief ſte und der Cardinal von Lothringen gab ihnen das Wort des Königs als Unterpfand ihrer Sicherheit: ſte kamen. Am Tage ihrer Ankunft wurde Anton von Navarra in einem Hauſe in der Stadt einquartiert und ſtreng be⸗ wacht, der Prinz von Condé aber in's Gefängniß ge⸗ worfen. Dann wurde eine außerordentliche Commiſſton ernannt, welche den Prozeß des Letztern führte und ihn zum Tode verurtheilte. B Zur Vollziehung des Urtheils fehlten nur noch eine oder zwei Unterſchriften, welche der Kanzler l'Hopital verweigerte. So ſtanden die Sachen am Abend des 4. Decembers Der Vicomte von Montgommery. 185 für die Partei der Guiſe, deren Arm der Balafré und deren Kopf der Cardinal, und für die der Bourbons deren geheime Seele Katharina von Medicis war. Man darf übrigens nicht glauben, daß ſich die Angſt der Königin Mutter und des Cardinals in ihren Reden und ihrem Benehmen verrieth; im Gegentheil, ſte hatten ſich niemals vertrauensvoller und freundſchaftlicher gegen einander gezeigt. „Ja, Madame,“ ſagte Karl von Lothringen,„dieſer Kanzler von l'Hopital weigert ſich beharrlich, das Todes⸗ urtheil des Prinzen zu unterzeichnen.“ „Wie? Sollte denn ſeine Widerſetzlichkeit durchaus nicht zu beſtegen ſein?“ erwiederte Katharina, welche eben dieſe Widerſetzlichkeit dietirt hatte. „Ich habe Schmeicheleien und Drohungen angewen⸗ det,“ verſetzte der Cardinal;„aber er iſt unbeugſam. Es gäbe indeß wohl noch ein Mittel, das alle Kanzler der Welt überflüſſig machen würde.“ „Welches iſt dieſes Mittel?“ rief die Königin Mut⸗ ter etwas beunruhigt. „Indem wir das Urtheil vom Könige unterzeichnen laſſen,“ ſagte der Cardinal. „Vom Könige?“ wiederholte Katharina.„Hat er denn das Recht dazu?“ 186 Der Vicomte von Montgommery. „Allerdings.“ „Aber was wird der Kanzler ſagen?“ „Er wird murren und vielleicht drohen, die Siegel abzugeben; allein dies wäre ein doppelter Vortheil, denn wir würden dann mit guter Manier von dem unbequem⸗ ſten Cenſor befreit.“ „Wann wollt Ihr die Unterſchrift des Urtheils haben?“ fragte Katharina nach einer Pauſe. „Dieſe Nacht, Madame.“ „Und die Hinrichtung...2“ „Würde morgen ſtattfinden.“ Die Königin Mutter erſchrak. „Wo denkt Ihr hin, Herr Cardinal!“ rief ſte.„Der König iſt viel zu krank und geiſtesſchwach, um nur zu verſtehen, was Ihr von ihm verlangen würdet.“ „Dies iſt auch nicht nöthig, wenn er nur unterſchreibt,“ ſagte der Cardinal mit der größten Ruhe. „Seine Hand iſt nicht einmal ſtark genug, um die Feder zu halten.“ „So werden wir ſie ihm führen.“ „Hört mich an, Herr Cardinal,“ erwiederte Katha⸗ rina ernſt,„ich muß Euch einen warnenden Rath erthei⸗ len. Das Ende meines unglücklichen Sohnes iſt näher als Ihr glaubt, denn Chapelain, ſein erſter Leibarzt, hat m N — Der Vicomte von Montgommery. 187 mir verſichert, es müßte ein Wunder geſchehen, wenn er morgen Abend noch lebte. Wenn alſo Franz II. morgen ſtirbt, ſo iſt Karl IX. König und Anton von Navarra vielleicht Regent. Bedenkt, welch eine fürchterliche Re⸗ chenſchaft er wegen der entehrenden Beſtrafung ſeines Bruders von Euch verlangen wüͤrde!“ „Wer nichts wagt, gewinnt nichts, Madame,“ ent⸗ gegnete der Cardinal mit Verdruß.„Wer beweiſ't mir übrigens, daß Anton von Navarra zum Regenten er⸗ nannt wird? Wer beweiſ't mir, daß Chapelain ſich nicht irrt? Vor der Hand lebt der König noch.“ In dieſem Augenblicke meldete die dienſtthuende Kam⸗ merfrau den Grafen Gabriel von Montgommerh. Gabriel war von der jungen Königin Maria Stuart nach Paris geſandt worden, um Meiſter Ambroſius Paré zu holen, und er war mit dem Arzte zurückgekommen. Dieſer genoß bereits einen hohen Ruf und die Königin ſetzte großes Vertrauen in ihn, denn ſie hatte nicht ver⸗ geſſen, daß er ihrem Oheim, dem Herzoge von Guiſe, bei Calais das Leben gerettet. „Einen Augenblick!“ ſagte Katharina von Medicis zu Maria Stuart.„Wenn es Euch beliebt, das Leben des Sohnes den Händen desjenigen anzuvertrauen, wel⸗ cher den Vater ermordet hat, ſo beliebt es mir wenig⸗ 188 Der Vicomte von Montgommery. ſtens nicht, den Mörder meines Gemahls vor Augen zu ſehen. Erlaubt daher, daß ich mich vorher entferne.“ Sie begab ſich in der That in das anſtoßende Zim⸗ mer, deſſen Thür ſie jedoch nur anlehnte, ſo daß ſie hinter derſelben alles ſehen und hören konnte, was in dem königlichen Gemache vorging. Gabriel trat jetzt ein, beugte ein Knie, um der Königin die Hand zu küſſen, welche ſie ihm darreichte, und machte ſodann dem Cardinal eine tiefe Verbeugung. „Nun, wie iſt's?“ fragte Maria Stuart ungeduldig. „Es iſt mir gelungen, Meiſter Paré zu bewegen, Madame. Er erwartet nur Euren Befehl, um einzutreten.“ „O, dann laßt ihn ſogleich kommen!“ rief die Königin. Gabriel entfernte ſich einen Augenblick und kehrte dann mit dem Arzte zurück Die Königin führte dieſen ſogleich an das Bett des Kranken. Paré betrachtete eine Minute lang das bleiche und eingefallene Geſicht des Königs; dann beugte er ſich über ihn und unterſuchte mit leichter Hand die ſchmerzhafte Geſchwulſt des rechten Ohres. Der Chirurg ſchüttelte traurig den Kopf, und dies hielt die Königin für ein Todesurtheil. „Iſt keine Rettung mehr möglich?“ fragte ſte in ängſtlichem Tone. „Noch eine Möglichkeit iſt vorhanden, und ich würde Der Vieomte von Montgommery. 189 alle Hoffnung haben, wenn der Kranke nicht der Koͤnig wäre.“ „O, behandelt ihn wie den geringſten ſeiner Unter⸗ thanen, aber rettet ihn!“ rief Maria Stuart.„Wenn Ihr ſein Leben erhaltet, werde ich Euch bis zu meinem Tode ſegnen, und wenn er ſtirbt, werde ich Euch gegen jedermann vertheidigen, der Euch anklagen könnte. Alſo verſucht es, ich bitte Euch flehentlich darum!“ „Nun wohl, ich will es verſuchen, wenn man es mir erlaubt, denn ich verhehle Euch nicht, daß das Mit⸗ tel dem Anſcheine nach gewaltſam und gefährlich iſt. Aber es iſt die höchſte Zeit; in vierundzwanzig, vielleicht in zwölf Stunden würde es ſchon zu ſpät ſein.“ „Wollt Ihr denn die Operation auf der Stelle vor⸗ nehmen?“ ſagte jetzt der Cardinal;„ich möchte die Sache nicht allein auf mich nehmen.“ „Nein, ich kann ſie nur am Tage ausführen,“ er⸗ wiederte Paré.„Morgen früh um neun Uhr werde ich mich wieder einfinden, und ich bitte Euch, bis dahin alle diejenigen herbeizurufen, deren Ergebenheit gegen den König erprobt iſt. Aber ſo wenig Aerzte als möglich. Ich werde dann erklären, was ich thun will, und dieſes einzige Rettungsmittel verſuchen, das uns Gott noch ge⸗ laſſen hat. Vor der Hand laßt dem Könige ſein gewöhn⸗ 190 Der Vicomte von Montgommery. liches Getränk nehmen, in welches ich einige Tropfen dieſes Elixirs gieße. Er wird danach in einen ruhigen Schlaf verfallen, der ihn ein wenig ſtärken wird. Sorgt aber dafuͤr, daß ſein Schlummer wo möglich durch nichts geſtört wird, denn dies iſt von der höchſten Wichtigkeit.“ „Eure Verordnungen ſollen ſtreng befolgt werden,“ verſetzte die Königin.„Geht, Meiſter, und nehmt im voraus meinen innigſten Dank. Auch Euch danke ich nochmals, Herr Graf,“ ſagte ſie zu Gabriel,„und bitte Euch, morgen früh ebenfalls hier zu ſein, denn Ihr ge⸗ hört mehr als irgend ein Andrer zu den erprobten Freun⸗ den des Königs, von denen Meiſter Paré eben ſprach.“ „Ich werde kommen, Madame,“ erwiederte Gabriel, indem er ſich mit dem Chirurgen entfernte. „Auch ich werde kommen!“ ſagte Katharina von Medicis hinter der Thür, wo ſie lauſchte.„Dieſer Paré iſt im Stande den König zu retten und dadurch den Prinzen und mich ſelbſt in's Unglück zu ſtürzen, der ein⸗ fältige Tropf! Aber ich werde mich einfinden.“ Da ſie nichts Intereſſantes mehr ſah und hörte, ſo zog ſie ſich in ihre Zimmer zurück. Aber kaum hatte ſie ſich entfernt, ſo trat der Herzog von Guiſe ganz verſtört in das königliche Schlafgemach, zog zu Mo till! vor wie ſeir Mi ent Der Vicomte von Montgommery⸗ 191 zog ſeinen Bruder ſogleich in eine Fenſterniſche und ſagte zu ihm: „Eine fürchterliche Neuigkeit! Der Connetable von Montmorench iſt mit funfzehnhundert Edelleuten von Chan⸗ tilly aufgebrochen und wird morgen mit ſeiner Truppe vor den Thoren von Orleans erſcheinen.“ „Dies iſt in der That eine ſchlimme Nachricht,“ er⸗ wiederte der Cardinal.„Der alte Fuchs will den Kopf ſeines Neffen retten und ich wette, daß ihn die Königin Mutter hat kommen laſſen.“ „Was iſt nun zu thun?“ „Wir müſſen dem Connetable mit unſern Leuten entgegengehen.“ „Getraut Ihr Euch Orleans zu halten, wenn ich mit meinen Streitkräften nicht mehr hier bin?“ fragte der Balafré. „Nein, leider nicht,“ entgegnete der Cardinal,„denn faſt alle Bewohner von Orleans ſind im Herzen Anhän⸗ ger der Bourbons und Hugenotten. Aber wir haben wenigſtens die Generalſtaaten für uns.“ „Und l'Hopital gegen uns, dies bedenkt wohl. Wie geht es mit dem Könige?“ „Sehr ſchlecht; doch hat Ambroſtus Paré, den die Königin nach Orleans hat kommen laſſen, noch Hoffnung, 192 Der Vicomte von Montgommery. ihn morgen durch eine gewagte aber nothwendige Ope⸗ ration zu retten. Seid alſo um neun Uhr hier, um Paré nöthigenfalls zu unterſtützen.“ „Gewiß,“ ſagte der Balafré,„denn darauf beruht unſre einzige Hoffnung. Wie gut wäre es, wenn wir dem guten Connetable zum Willkommen den Kopf ſeines Neffen von Condé entgegenſchicken könnten! Aber dieſer 1'Hopital verdirbt alles.“ „Wenn wir indeß anſtatt ſeiner Unterſchrift die des Königs unter das Urtel bekommen könnten,“ erwiederte Karl von Lothringen, ſo würde uns nichts entgegenſtehen, die Hinrichtung morgen früh vor der Ankunft des Con⸗ netable vollziehen zu laſſen.“ „Ja, dies wäre zwar nicht ganz geſetzmäßig, aber doch möglich.“ „Nun wohl,“ fuhr der Cardinal fort,„ſo laßt mich jetzt allein; Ihr könnt ohnehin dieſe Nacht hier nichts mehr thun und werdet der Ruhe für morgen bedürfen. Ich will jetzt die Verzweiflungscur unſres Glücks verſuchen.“ „Nur bitte ich Euch, nichts Entſcheidendes zu thun, ohne es mir vorher wiſſen zu laſſen.“ „Seid unbeſorgt, Herr Bruder; wenn ich habe, was wir brauchen, ſo komme ich vor Tagesanbruch zu Euch, um das Weitere zu beſprechen.“ Der Vicomte von Montgommery. 193 Als der Herzog ſich entfernt hatte, ging der Cardi⸗ nal mit dem Todesurtheile des Prinzen von Condé in der Hand auf das Bett des Königs zu, der in einen ruhigen Schlummer verfallen war. Allein Maria Stuart vertrat ihm den Weg, indem ſie ihm ſagte, daß der Arzt durchaus verboten habe den Schlaf des Königs zu ſtören; ſie verſprach ihm jedoch, ihn gewähren zu laſſen, wenn b der Kranke von ſelbſt erwachen ſollte. Der Cardinal mußte ſich fügen und kehrte wieder auf ſeinen Platz zurück. Die Stunden der Nacht verfloſſen jedoch, ohne daß 1 Franz II. erwachte. Seit langer Zeit hatte er nicht ſo * feſt und ruhig geſchlafen. Endlich, als es acht Uhr ſchlug, bewegte er ſich, öffnete die Augen und rief mit ſchwacher Stimme: „Marie, biſt Du hier?“ Der Cardinal kam ſogleich mit ſeinem Papiere an das Bett. Noch war es vielleicht Zeit, ein Schafott iſt bald aufgerichtet!... Aber in dem nämlichen Augen⸗ 8 blicke trat Katharina von Medicis ein. 3„Es iſt zu ſpät!“ ſagte der Cardinal zu ſtch ſelbſt. „Das Glück verläßt uns, und wenn Ambroſtus Paré den König nicht rettet, ſo ſind wir verloren!“ Die Königin Mutter hatte während dieſer Nacht ihre Zeit wohl angewendet. Zuerſt hatte ſie den Cardinal Der Vicomte von Montgommery. 13 194 Der Vicomte von Montgommery. Tournon, einen ihrer eifrigſten Freunde, zum Könige von Navarra geſandt und ihre ſchriftliche Uebereinkunft mit den Bourbons beſtätigen laſſen. Dann ließ ſie den Kanz⸗ ler l'Hopital rufen, der ihr die bevorſtehende Ankunft des Connetable mittheilte, und er mußte ihr verſprechen, ſich um neun Uhr mit ſoviel Anhängern ihrer Partei, als er auftreiben könnte, in dem großen Saale neben dem Zimmer des Königs einzufinden. Und endlich berief ſte zur nämlichen Stunde die königlichen Leibärzte, deren Mittelmäßigkeit Ambroſtus Paré's Erbfeind war. Unmittelbar nach Katharinen trat der Herzog von Guiſe ein und bald darauf kamen die Leibärzte, welche die Königin Mutter ſogleich an das Bett des Kranken führte, der ſeit ſeinem Erwachen entſetzliche Schmerzen litt. Sie beriethen ſich kurze Zeit mit einander und kamen endlich dahin überein, eine gewiſſe Einſpritzung in das Ohr des Königs vorzunehmen. Jetzt langte auch Ambroſius Paré mit Gabriel an, und die Leibärzte theilten ihm alsbald mit, wozu ſie ſich entſchloſſen hatten. „Das Mittel iſt ungenügend,“ ſagte Paré laut.„Es iſt indeß kein Augenblick zu verlieren, denn die Anſamm⸗ lung von Eiter im Gehirn nimmt raſcher zu, als ich ſelbſt geglaubt hatte.“ Der Vicomte von Montgommery. 195 „Habt Ihr ein beſſeres Mittel, Meiſter Paré?“ fragte Chapelain. „Allerdings, der König muß trepanirt werden.“ Alle Anweſenden ſtießen einen Schrei des Entſetzens aus. Katharina von Medicis ging ſogar ſo weit, es geradezu für einen Mord zu erklären. „Verbürgt Ihr Euch wenigſtens für das Leben des Königs?“ fragte endlich der Cardinal von Lothringen. „Gott allein hat Leben und Tod der Menſchen in ſeiner Hand,“ erwiederte Paré;„alles, was ich verſtchern kann, iſt, daß dieſe Operation der einzige noch mögliche Weg iſt den König zu retten.“ „Ihr ſeid aber der Meinung, daß die Operation gelingen kann, nicht wahr?“ ſagte der Balafré.„Habt Ihr ſte ſchon mit Erfolg angewendet?“ „Ja, Herr Herzog, mehr als einmal, zum Beiſpiel in Calais an Herrn von Pienne, welcher auf der Breſche verwundet worden war.“ „Ich erinnere mich deſſen in der That,“ entgegnete der Herzog,„und ich gebe meine Zuſtimmung zu der Operation.“ „Ich ebenfalls,“ ſagte Maria Stuart. „Ich nicht!“ rief Katharina. 13* 196 Der Vicomte von Montgommery. „Ihr habt ja gehört, Madame, daß es die einzige Möglichkeit zur Rettung iſt,“ verſetzte die Königin. „Wer hat dies geſagt?“ entgegnete Katharina;„Mei⸗ ſter Paré, ein Ketzer! Die Leibärzte ſind nicht damit einverſtanden.“ „Nein, Madame,“ ſagte Chapelain,„wir proteſtiren gegen das von Meiſter Paré vorgeſchlagene Mittel.“ „Seht Ihr wohl?“ rief Katharina triumphirend. Der Herzog von Guiſe war außer ſich; er ging auf die Königin Mutter zu und führte ſie in eine Fenſter⸗ vertiefung. „Madame, hört mich an,“ ſagte er leiſe zu ihr; „Ihr wollt, daß Euer Sohn ſterbe und daß Euer Prinz von Condé lebe, Ihr habt Euch mit den Bourbons und den Montmorency verbündet! Der Handel iſt abgeſchloſſen und die Beute im voraus vertheilt. Ich weiß alles. Nehmt Euch in Acht!“ Aber Katharina war nicht die Frau, welche ſich einſchüchtern ließ. Mit einem zornigen Blicke auf den Herzog eilte ſie nach der Thür, öffnete ſte mit eigenen Händen und rief: 8 „Herr Kanzler!“ Dieſer befand ſich mit einer Anzahl von Anhängern 6 Der Vicomte von Montgommery. 197 der Königin Mutter im anſtoßenden Saale und trat auf ihren Ruf ſogleich ein. „Herr Kanzler,“ ſprach ſte mit lauter Stimme wei⸗ ter,„man will eine gewaltſame, verzweifelte Operation an dem König vornehmen, welche darin beſteht, ihm den Kopf mit einem Inſtrumente zu durchbohren. Ich, ſeine Mutter, proteſtire mit den hier anweſenden drei Leibärz⸗ ten gegen dieſes Verbrechen und bitte Euch, Herr Kanz⸗ ler, meine Erklärung zu Protocoll zu nehmen.“ „Wißt zuvor, Herr Kanzler,“ ſagte jetzt der Balafré, „daß die Operation nothwendig iſt und daß die Königin und ich, wenn nicht für die Operation ſelbſt, doch für den Chirurgen ſtehen.“ „Und ich,“ rief Ambroſtus Paré,„ich nehme in dieſem entſcheidenden Augenblicke jede Verantwortlichkeit auf mich. Ja, man nehme mir das Leben, wenn es mir nicht gelingt, das des Königs zu retten.“ „Ich habe nicht das Recht etwas zu verhindern,“ ſagte der Kanzler,„aber es iſt meine Pflicht, die Ver⸗ wahrung der Königin Mutter zu conſtatiren.“ „Herr von l'Hopital, Ihr ſeid nichr mehr Kanzler,“ verſetzte der Herzog von Guiſe in kaltem Tone.„Mei⸗ ſter Paré, Ihr ſchreitet unverweilt zur Operation.“ 198 Der Vicomte von Montgommery. „Dann entfernen wir uns,“ ſagte Chapelain im Namen der Aerzte. „Dies iſt mir lieb,“ entgegnete Paré,„denn ich bedarf der größten Ruhe um mich her.“ Aller Augen waren auf den Operateur gerichtet und niemand beachtete daher den Lärm, welcher ſeit einiger Zeit im Hofe entſtanden war. Aber in dem Augenblicke, als Ambroſitus ſich über den König beugte, um ſein Werk zu beginnen, hörte man den Tumult im anſtoßenden Saale, die Thür wurde mit Heftigkeit geöffnet und der Conne⸗ table von Montmorench erſchien in vollſtändiger Kriegs⸗ rüſtung drohend auf der Schwelle. Hinter ihm traten Anton von Bourbon und der Prinz von Condé nebſt zwanzig Rittern in das Krankenzimmer, denen ſich die Königin Mutter und der Kanzler l'Hopital zugeſellten. „Jetzt muß auch ich mich entfernen,“ ſagte Paré tief betrübt. „Meiſter Paré,“ rief Maria Stuart,„ich als Köni⸗ gin befehle Euch, die Operation zu vollenden.“ „Ich habe Euch geſagt, Madame,“ erwiederte der Chirurg,„daß ich dazu der größten Ruhe bedarf, und Ihr ſeht ſelbſt...“ Er zeigte auf den Connetable und ſein Gefolge. — Der Vicomte von Montgommery. 199 „Herr Chapelain,“ ſagte er dann zu dem erſten Leib⸗ arzte,„verſucht Eure Einſpritzung.“ „Dies wird in einem Augenblick abgethan ſein,“ er⸗ wiederte Chapelain,„es iſt alles vorbereitet.“ Während die Aerzte damit beſchäftigt waren, ſagte der Connetable zu dem Herzoge von Guiſe, an deſſen Muthloſigkeit er ſich weidete: „Es war Zeit, daß ich kam. Ihr wolltet, wie ich höre, meinem geliebten und tapfern Neffen von Condé den Kopf abſchlagen laſſen! Aber Ihr habt den alten Löwen in ſeiner Höhle aufgeweckt und da bin ich. Ich habe den Prinzen befreit und als Connetable die Wachen verabſchiedet, welche Ihr an die Thore von Orleans geſtellt hattet. Seit wann iſt es Mode, den König ſo zu bewachen, als wäre er in der Mitte ſeiner Unterthanen nicht ſicher?“ „Welchen König meint Ihr?“ verſetzte Ambroſtus Paré;„es wird bald keinen andern König als Karl IX. in Frankreich geben.“ Faſt in dem nämlichen Augenblicke richtete ſich Franz II. mit einer haſtigen Bewegung auf, blickte mit ſtieren Augen um ſich, bewegte die Lippen, als wollte er einen Namen ſtammeln, und fiel ſchwerfällig auf das Kiſſen zurück. Er war todt. — Schluß. Acht Monate ſpäter, am 15. Auguſt 1561, ſchiffte ſich Maria Stuart in Calais nach Schottland, ihrer Hei⸗ math, ein, und Gabriel von Montgommerhy begab ſich nach Saint⸗Quentin, wohin ihn Diana von Caſtro durch einen Brief berufen hatte. In Folge einer unverſchulde⸗ ten Verzögerung traf er jedoch erſt am Tage nach dem⸗ jenigen ein, welchen Diana in ihrem Briefe beſtimmt hatte. Am Thore der Stadt fand er Jean Peuquoy, der ihn erwartete. „Da ſeid Ihr endlich, Herr Graf,“ ſagte der brave Weber;„ich war überzeugt, daß Ihr kommen würdet, nur iſt es leider zu ſpät!“ „Wie ſo zu ſpät?“ fragte Gabriel beſorgt. „Berief Euch Fräulein von Caſtro nicht auf geſtern, den 15. Auguſt?“ n Der Vicomte von Montgommery. 201 „Allerdings, aber ohne mir zu ſagen, aus welcher Urſache ſte mich zu ſehen wünſchte und ohne beſondern Werth darauf zu legen, daß ich gerade an dieſem Tage käme.“„ „So wißt denn, Herr Graf, daß Fräulein von Caſtro geſtern, am 15. Auguſt, die ewigen Gelübde ab⸗ gelegt hat, durch welche ſte unwiderruflich dem weltlichen Leben entſagt.“. Gabriel erbleichte. „Und wenn Ihr da geweſen wäret,“ fuhr Jean Peuquoy fort,„ſo würde es Euch vielleicht gelungen ſein, zu verhindern, was jetzt nicht mehr rückgängig ge⸗ macht werden kann.“ „Nein,“ erwiederte Gabriel in düſtrem Tone,„ich hätte mich ihrer Abſicht nicht widerſetzen dürfen und kön⸗ nen. Ueberdies hat ſie in ihrer Einſamkeit bei dieſem feierlichen Schritte gewiß weniger gelitten, als wenn ich zugegen geweſen wäre.“ „O, ſie war nicht allein,“ verſetzte Jean,„denn außer mir und Babetten war auch ihre Mutter anweſend.“ „Wie? Frau von Poitiers?“ rief Gabriel. „Ja, Herr Graf, ſie war auf einen Brief ihrer Tochter von Chaumont hierher gekommen und ohne Zwei⸗ fel iſt ſte noch in dieſem Augenblicke bei ihr.“ 202 Der Vicomte von Montgommery. „Ach!“ ſagte Gabriel entſetzt,„warum hat Diana dieſe Frau kommen laſſen?“ „Weil ſie wirklich ihre Mutter iſt, Herr Graf, wie Fräulein von Caſtro Babetten geſagt hat.“ „Gleichviel,“ erwiederte Gabriel,„ich ſehe jetzt, daß ich geſtern hätte hier ſein ſollen. Kommt mit mir in das Kloſter der Benedictinerinnen, Meiſter Jean. Es drängt mich in dieſem Augenblicke mehr als je, Fräulein von Caſtro zu ſehen, denn es iſt mir, als bedürfte ſie meiner.“ Der junge Graf gelangte ohne Schwierigkeit in das Sprechzimmer des Kloſters, wo ſich Diana mit ihrer Mutter ſchon befand. Von einem unwiderſtehlichen Ge⸗ fühle hingeriſſen, fiel er vor dem Gitter auf die Knie und konnte nur die Worte hervorbringen: „Liebe Schweſter!... liebe Schweſter!“ „Ihr begrüßt Fräulein von Caſtro ohne Zweifel als Eure Schweſter in Chriſto, Herr Graf?“ fragte Diana von Poitiers in kaltem und höhniſchem Tone. „Was wollt Ihr damit ſagen, Madame?“ rief Ga⸗ briel von Angſt ergriffen, indem er aufſtand. Diana von Poitiers antwortete ihm nicht, ſondern wendete ſich mit den Worten an ihre Tochter: „Ich glaube der Augenblick iſt gekommen, Dir das —— Der Vicomte von Montgommery. 203 Geheimniß zu offenbaren, von welchem ich geſtern ſprach und das ich Dir nicht länger vorenthalten darf. Ich habe Dir ſchon geſagt, daß ich nicht allein, um Dich zu ſegnen, den Ort verlaſſen habe, an welchem ich ſeit faſt zwei Jahren in Ruhe und Frieden lebe. Haltet meine Worte nicht für Ironie, Herr Graf,“ ſagte ſte in ſpötti⸗ ſchem Tone zu Gabriel,„ich bin Euch wirklich dankbar, daß Ihr mich einer gottloſen und verderbten Welt ent⸗ riſſen habt, und um es Euch zu beweiſen, will ich Euch eine Sünde, vielleicht ein Verbrechen erſparen.“ „Was bedeutet dies?“ riefen Gabriel und Diana faſt zu gleicher Zeit. „Ich bin überzeugt, mein Kind,“ fuhr Diana von Poitiers mit ihrer hölliſchen Kaltbluͤtigkeit fort,„daß ich geſtern mit einem einzigen Worte die Gelübde, welche Ihr ablegtet, auf Euren Lippen hätte zurückhalten kön⸗ nen. Aber es kam mir nicht zu, Gott eine Seele zu entreißen, die ſich ihm freiwillig und in ihrer ganzen jungfräulichen Reinheit hingab. Heute jedoch breche ich das Stillſchweigen, weil ich aus dem Schmerze des Herrn von Montgommery erſehe, daß Du noch immer in ſeinen Gedanken lebſt. Aber er muß Dich durchaus vergeſſen. Und dennoch, wenn er fortwährend in dem Wahne bliebe, Du könnteſt ſeine Schweſter, die Tochter des Grafen von 204 Der Vicomte von Montgommery. Montgommerh ſein, ſo würde er Dir ſeine Erinnerungen ohne Gewiſſensbiſſe ſchenken können. Dies wäre indeſſen ein Verbrechen, an welchem ich keinen Theil haben will. So wiſſe denn, Diana, Du biſt nicht die Schweſter des Herrn Grafen, ſondern wirklich die Tochter Heinrichs II., den er in jenem unglücklichen Turniere umgebracht hat....“ „Entſetzlich!“ rief Fräulein von Caſtro, indem ſie ihr Geſicht mit beiden Händen verbarg. „Ihr lügt, Madame!“ rief Gabriel mit Heftigkeit; „beweiſ't mir, daß Ihr die Wahrheit ſagt!“ „Hier iſt der Beweis,“ entgegnete Diana von Poi⸗ tiers, indem ſte ihm einen Brief von ſeinem Vater über⸗ reichte, welchn dieſer kurz vor ſeinem Tode an ſte ge⸗ ſchrieben hatte. Während Gabriel zitternd das Schreiben durchlas, ſprach ſie weiter: „Ihr ſeht alſo, Herr von Montgommery, daß es ſtrafbar geweſen ſein würde, wenn Ihr noch an die fromme Schweſter gedacht hättet, denn kein Band des Blutes verknüpft Euch mit der, welche jetzt die Braut des Herrn iſt. Indem ich Euch eine ſolche Gottloſigkeit erſpare, hoffe ich, Euch mehr als hinreichend das Glück vergolten zu haben, deſſen ich durch Eure Vermittelung in meiner Der Vicomte von Montgommery. 205 Einſamkeit genieße. Wir ſind alſo jetzt quitt, Herr Graf, und ich habe Euch nichts mehr zu ſagen.“ Als der unglückliche junge Mann die Augen wieder erhob, ſah er Diana von Caſtro ohnmächtig vor ihrem Betpulte liegen, während ein dämoniſches Lächeln um die Lippen ihrer ſchändlichen Mutter ſpielte. In wahnſinniger Verzweiflung that er einige Schritte auf ſie zu und erhob die Hand nach ihr Aber vor ſich ſelbſt erſchreckend, hieli er inne, ſchlug ſich vor die Stirn und rief: „Lebe wohl, Diana, lebe wohl!“ Er eilte aus dem Kloſter und verließ Saint⸗Quen⸗ tin noch zu der nämlichen Stunde. Um das Maß ſeines Schmerzes voll zu machen, fand er bei ſeiner Ankunft in Paris die brave Aloyſe nach einer kurzen Krankheit verſchieden. Am folgenden Tage begab er ſich zu dem Admiral Coligny und bot ihm ſeine Dienſte an, welche dieſer mit Freuden annahm. Von dieſen Augenblicke iſt die Ge— ſchichte des Grafen von Montgommerh. die der Religions⸗ kriege, welche die Regierung Karls IX. mit Blut befleckten und in denen er eine ſehr bedeutende Rolle ſpielt Endlich, nachden er vierzehn Jahre lang gegen die Gemahlin und die Söhne Heinrichs II. mit großem Gluͤcke 206 Der Vieomte von Montgommery. gekämpft hatte, gerieth er bei der Erſtürmung von Dom⸗ front in Gefangenſchaft. Das Parlament verurtheilte ihn am 26. Juni 1574 zum Tode und er wurde am 27. Juni enthauptet und dann geviertheilt. Katharina von Medicis wohnte ſeiner Hinrichtung ſelbſt bei. So endete dieſer außerordentliche Mann, einer der ſchönſten und erhabenſten Geiſter, welche das ſechzehnte Jahrhundert geſehen hat. Diana von Caſtro ſollte ſeinen Tod nicht erleben. Sie war im vorhergehenden Jahre als Aebtiſſin der Be⸗ nedictinerinnen von Saint Quentin geſtorben. Druck von C. P. Melzer in Leipzig. —— ſſſſſſſſſſſiſſſſſſſſſſſſſſſiſnnnnnſiniſſint 14 15 16 17 18 1