Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzüſiſcher Literatur Eduard Oftmaun in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei mectöcbe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe veidd entſprechende Summe Wükerlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet irn Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für Aachentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Wer.— Pf. 1 Mtr. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. 3—— Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Büchor auf üihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein T heil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Gan; en verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — Taub Von Alerandre Dumas. Aus dem Franzoöſiſchen von Dr. Auguſt Zoller. Zwei Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 3 1851. Erſter Brief. Am 5. Mai 1637. Schoͤne Taube mit dem ſilbernen Gefieder, mit dem ſchwarzen Halsband und den roſenrothen Fücken, da dir dein Gefängniß ſo grauſam dünkt, daß du dich am Gitter deſſelben zu tödten drohſt, ſo ſetze ich dich in Freiheit. Weil du mich aber ohne Zweifel verlaſſen willſt, um zu einer andern Perſon zu gelangen, die du mehr liebſt als mich, ſo iſt es meine Pflicht, dich wegen dei⸗ ner acht Tage Abweſenheit zu entſchuldigen. Ich bezeuge, daß ich dich mit einer ewigen Gefangenſchaft den Dienſt, den ich dir geleiſtet, wollte bezahlen laſſen, ſo ſelbſtſüch⸗ tig iſt das menſchliche Herz, daß es nichts zu thun ver⸗ mag, ohne die Bezahlung für das, was es gethan, oft um das Doppelte ſeines Werthes zu verlangen. Gehe alſo, niedliche Bötin, ſchenke deine Gegenwart wieder und bringe mein Bedauern demjenigen oder derjenigen, welche dich trotz der Entfernung ruft, und die du trotz des Raumes ſuchſt. Dieſen Zettel, den ich dir an den Flügel binde, iſt die Schutzwache deiner Treue. Noch einmal alſo, lebe wohl; das Fenſter öffnet ſich, der Him⸗ mel erwartet dich... Lebewohl! Zweiter Brief. Am 6. Mai 1637. Meinen Dank, wer Ihr auch ſein möget, der Ihr mir meine einzige Geſellſchaft zurückgegeben habt. Doch Ihr ſeht, Eure fromme Handlung erhält ihren Lohn, als ob die reizende Boͤtin, die mir Euren Zettel gebracht, begrif⸗ fen hätte, ich habe mich bei Euch zu bedanken, und es ſei, da ich nicht wiſſe, wo Ihr wohnet, meine einzige Furcht, der Kälte von Euch beſchuldigt zu werden, Die⸗ ſelbe Unruhe, die ſie bei Euch erfaßt hatte, hat ſie auch bei mir erfaßt. Geſtern, bei ihrer Rückkehr, gab ſie ſich ganz nur der Freude, mich wiederzufinden, hin. Doch dieſen Morgen, ſeht, wie veränderlich ſie iſt, dieſen Mor⸗ gen genüge ich ihr nicht mehr; ſie ſtoͤßt mit ihrem Schnabel und ihrem Flügel nicht an das Gitter ihres Käſichs, denn ſie hat nie einen ſolchen gehabt, ſondern an die Scheiben meines Fenſters; ſie will nicht mehr mir allein gehören, ſie will uns Beiden gehören. Gut; gegen die Anſicht von Vielen denke ich, man verdopple das, was man beſitze, indem man es theile. Wir werden fort⸗ an zwei Iris haben; und bemerkt, ich habe ſie Iris ohne Zweifel in der Vorausſicht genannt, ſie werde eines Tags unſere Bötin ſein, Eure Iris, die mir Eure Briefe bringt, meine Iris, die Euch meine Briefe bringt. Ihr werdet wohl die Güte haben, mir zu ſagen, welchen Dienſt Ihr ihr geleiſtet habt, und wie ſie in Eure Hände gefallen war. Es ſetzt Euch vielleicht in Erſtaunen, daß ich mich auf der Stelle Euch, dem Unbekannten oder der Unbekannten, hingebe. Doch Ihr ſeid gut, da Ihr mir meine Taube zuruͤckgeſchickt habt; ſodann habt Ihr mir — —— 9 ſie mit einem Zettel zurückgeſchickt, der andeutet, daß derjenige oder diejenige, welche ihn geſchrieben, eine Perſon von Diſtinction und Geiſt iſt; alle erhabene See⸗ len ſind aber Schweſtern, alle ausgezeichnete Geiſter ſind Brüder; behandelt mich daher als Bruder oder als Schweſter, wie Ihr wollt, denn es iſt für mich Bedürf⸗ niß, Jemand dieſen Bruder⸗ oder Schweſtertitel zu geben, den ich noch Niemand gegeben habe. Iris, meine ſchöne Freundin, kehre dahin zurück, wo⸗ her du kamſt, und ſage demjenigen oder Derjenigen. welche dich mir geſchickt hat, ich ſchicke dich wieder ihm oder ihr, und füge bei, ich moͤchte lieber, es wäre ihr als ihm. Gehe Iris und bedenke, daß ich auf dich warte. Dritter Brief. An demſelben Tag, nachdem man das Avemaria geläntet. Meine Schweſter, Nicht wahr, Ihr klagt weder Iris, noch mich an? Ich war nicht in meinem Zimmer, als Eure Boͤtin an⸗ kam; das Fenſter ſtand nur offen, um den erſten Hauch des Abendwindes aufzunehmen. Iris flog herein, und als ob die reizende Kleine begriffen hätte, ſie habe einen Brief an mich abzugeben und eine Antwort mitzuneh⸗ men, wartete ſie geduldig auf meine Rückkehr, und ſo⸗ bald ich in das Zimmer trat, flog ſie von dem Brett, auf dem ſie ſaß, auf meine Schulter... 10 Ach! bei meinem Falle durch die verſchiedenen Stu⸗ fen der menſchlichen Groͤße habe ich auf beiden Seiten des Wegs viele traurige und freudige Gemüthsbewegun⸗ gen gefunden. Keine aber iſt trauriger geweſen, als die⸗ jenige, von der ich mich ergriffen fühlte, als ich, Euch Eure Taube zurückſendend, deren Namen ich nicht ein⸗ mal wußte— ein prädeſtinirter Name, Ihr habt es ſelbſt geſagt— mich auf immer von ihr zu trennen glaubte. Keine iſt freudiger geweſen, als die, welche ich empfand, da ich ſie, während ich auf immer von ihr getrennt zu ſein glaubte, in meinem Zimmer erblickte, und ſie mit der Kühle ihres Flügels, nachdem ſie ſich auf meine Schulter geſetzt hatte, meine Wangen liebkoſen fühlte. O mein Gott! ſür den Menſchen, dieſen ewigen Sklaven von Allem, was ihn umgibt, machſt Du alſo beziehungs⸗ weiſe Schmerzen und Freuden! und derjenige, welcher nicht geweint hat, als er beinahe ein Koͤnigreich verlor, derjenige, welcher nicht bei dem Winde der Axt, die um ihn her die Köpfe abſchlug, geſchaudert hat, wird eines Tags weinen, wenn er einen Vogel in den Raum ent⸗ fliehen ſieht; er wird ſchaudern, wenn er die Bewegung ſieht, welche in der Luft die in Thätigkeit geſetzte Feder einer Taube hervorbringt. Das iſt eines von Deinen Ge⸗ heimniſſen, mein Gott! und Du weißt, ob Deine gött⸗ lichen Geheimniſſe einen demüthigeren und inbrünſtigeren Anbeter haben, als derjenige iſt, welcher ſich in dieſem Augenblick zum Fuße des Kreuzes Deines goͤttlichen Soh⸗ nes niederwirft, um Dich zu verherrlichen und zu preiſeu! Das iſt Alles, was ich mir ſagte, als ich die Taube wiederſah, die ich verloren glaubte, ehe ich das Billet geleſen hatte, deſſen Trägerin ſie war. Dann, als ich es geleſen, verſank ich in eine tiefe Träumerei. Wozu, fragte ich mich, wozu ſoll es mir, dem ar⸗ men Schiffbrüchigen, während ich ſchon mit dem Sturm und dem Tode einen Vertrag abgeſchloſſen, wozu ſoll es mir nützen, daß ich mich, in der Unermeßlichkeit des Oce⸗ 11 ans verloren, an dieſem ſchwimmenden Balken, dem letzten Wrack vielleicht eines, wie das meinige, zerſchellten Schiffes, anklammere, an dieſes Wrack, das der Zufall viel mehr, als die Vorſehung in den Bereich meiner Hand treibt? Ueberlaſſe ich mich nicht, wenn ich mich der Hoffnung hingebe, zu gleicher Zeit auch der Verſuchung? War denn, ohne daß ich es wußte, ein Flügel von mmeinem Rock in die Thüre eingeklemmt, die ſich gegen die Welt öffnet, und hatte ich mich nicht, wie ich glaubte, ganz von den Eitelkeiten und Illuſionen der Erde losge⸗ riſſen? Das war, wie Ihr ſeht, meine Schweſter, ein um⸗ faſſender Stoff zum Träumen und Nachdenken: Gott über meinem Haupte, der Abgrund unter meinen Füßen, rings um mich her die Welt, die ich nicht mehr ſah, weil ich die Augen ſchloß, die ich nicht mehr hörte, weil ich die Ohren ſchloß, die ich aber, wie in der Vergangenheit brauſen hoͤren, die ich abermals wirbeln ſehen ſollte. So uidli ich ſein mag, ich öffne die Ohren und die Augen wieder. Vielleicht aber ſehe ich mit meiner Einbildungskraft über die Wirklichkeit hinaus; vielleicht habe ich eine Thatſache ohne Stärke und Bedeutung zu der Hoͤhe eines Ereigniſſes erhoben. Ihr verlangt eine einfache Erzählung, meine Schwe⸗ ſter, ich will ſie Euch geben. Vor acht Tagen ſaß ich im Garten und las; wollt Ihr wiſſen, welches Buch ich las, meine Schweſter? Ich las jenen Schatz an Liebe, Religion und Poeſie, den man die Bekenntniſſe des heiligen Auguſtin nennt. Ich las, und mein Geiſt war ganz mit dem des ſeligen Biſchoſs verſchmolzen, der kine Heilige zur Mutter hatte und ſelbſt ein Heiliger urde. „Plötzlich hoͤre ich über meinem Haupte etwas wie Flügelſchlag; ich ſchaue auf, und zu meinen Füßen ſtürzt, Huͤlfe von mir fordernd, eine Taube, ſo nahe von einem 12 Sperber verfolgt, daß ſie ſchon einige Federn in den Klauen und im Schnabel des Raubvogels gelaſſen hatte. Gott, für deſſen Majeſtät ein Sperling, der nie⸗ derfällt, einem Kaiſerthume, das zuſammenſtürzt, gleich iſt, Gott hatte dieſem armen Vogel geſagt, in mir ſei der Schutz, wie im Sperber die Drohung war. Wie dem ſein mag, ich nahm ſie, ganz zitternd und ſogar ein wenig blutig und ſteckte ſie in meine Bruſt, wo ſie ſich mit geſchloſſenen Augen und hüpfendem Her⸗ zen kauerte; als ich ſodann den Sperber erblickte, der ſich auf den Gipfel eines Pappelbaums geſetzt hatte, trug ich ſie in meine Zelle. Fünf bis ſechs Tage verließ der Sperber ſeinen Beo⸗ bachtungspoſten nur auf einige Augenblicke, und ich ſah ihn Tag und Nacht auf einem dürren Aſte, wo er auf ſeine Beute lauerte. Die Taube ihrerſeits fühlte ſeine Gegenwart ohne Zweifel, denn traurig, aber ergeben, ging ſie während dieſer fuünf Tage nicht einmal an das Fenſter.. Vorgeſtern endlich verſchwand der Sperber, und der Inſtinct der Gefangenen ſagte dieſer, ihr Feind ſei müde geworden, denn beinahe in demſelben Augenblick ſchwang ſie ſich ſo heftig gegen die durchſichtige Scheibe, daß ſie dieſelbe beinahe zerbrochen hätte. Von da an war ich für ſie kein Beſchützer mehr, ſondern ein Kerkermeiſter; mein Zimmer hoͤrte auf, eine Zufluchtsſtätte zu ſein, und wurde ein Gefängniß. Einen ganzen Tag lang verſuchte ich es, ſie mit mir zu verſoͤh⸗ nen; einen ganzen Tag lang hielt ich ſie zurück, und ſie ſträubte ſich. Geſtern endlich bekam ich Mitleid mit ihr: ich ſchrieb den Brief, den Ihr empfangen habt, und Thrä⸗ nen in den Augen, öffnete ich das Fenſter, durch welches ich ſie für immer verſchwinden zu ſehen glaubte! Seitdem habe ich ſehr oft an den Sperber gedacht, der, unbeweglich lauernd, auf dem höͤchſten Aſte der Pappel ſaß, und in dem ich das Symbol jenes Feindes 13 der Menſchheit erblickte, den man brüllen hört, aber nicht ſieht, und der ſich unabläſſig um uns dreht, querens quem devoret, ſuchend, wen er verſchlingen ſoll. Und nun, wenn es mir nicht ein Vergnügen, das mich erſchreckt, machte, dieſe Taube wiederzuſehen, und Eure Briefe zu empfangen, ſo würde ich Euch ſagen: Erzählt mir, meine Schweſter, wie Iris Euch verlaſſen hat, nachdem ich Euch erzählt habe, wie Iris zu mir ge⸗ kommen iſt. Morgen wird der erſte Strahl des Tages mein Fenſter offen finden, und mit dieſem erſten Strahl ſoll Eure Boͤtin aufbrechen und Euch dieſe Antwort bringen. Mittlerweile moͤgen alle dieſe geflügelten Kinder, die man die Träume nennt, ſich ehrerbietig auf Eurem Lager niederſenken und Eure Stirne mit dem Schlage ihrer Flügel kühlen. Vierter Brief. Am 10. Mai, nach der Mette. Ich brauchte drei Tage, um Euch zu antworten, wie Ihr aus dem Datum meines Briefes ſeht; der Eurige ließ mir keinen Zweifel. Ich hoffte, Euch meine Schwe⸗ ſter nennen zu können, und ich muß darauf verzichten, Euch zu ſchre iben, oder Euch meinen Bruder nennen. Ihr fürchtet, ſagt Ihr, Ihr fürchtet, ein Flügel Eures Rockes ſei in der Thüre, die ſich gegen die Welt öffnet, eingeklemmt geblieben. Ihr ſeid alſo von der Welt in die Einſamkeit übergegangen? 14 Ihr ſeid durch die verſchiedenen Grade der menſch⸗ lichen Größe gefallen, ſagt Ihr auch. Ihr ſtandet alſo auf dem oberſten Rang der Geſellſchaft, daß Euer Sturz durch ſo viele dazwiſchen liegende Räume führte? Ihr habt beinahe ein Königreich verloren, und nicht geſchaudert bei dem Winde der Axt, welche die Köpfe um Euch her abſchlug, ſagt Ihr auch. Ihr habt alſo das Leben der Großen gelebt und an den Kämpfen der Für⸗ ſten Theil genommen. Wie ſoll ich dies Alles mit Eurem Alter, denn Ihr ſeid jung, mit Eurer Demuth, denn Ihr ſprecht auf den Knieen, zuſammenreimen? Und dennoch, welches Intereſſe hättet Ihr, mich zu täuſchen? Ihr kennt mich nicht; Ihr wißt nicht, ob ich von Adel oder Vaſallin, jung oder alt, häßlich oder hübſch bin. Uebrigens iſt Euch eben ſo wenig daran gelegen, zu wiſſen, wer ich bin, als mir, zu wiſſen, wer Ihr ſeid. Wir ſind zwei einander fremde, von einander getrennte, einander unbekannte Geſchöpfe, welche keine Macht der Welt materiell zu vereinigen vermöchte. Doch außerhalb der materiellen Vereinigung gibt es die Gemeinſchaft des Geiſtes; außerhalb des Berührens und des Sehens der Koͤrper gibt es die Brüderſchaft der Seelen, das geheimnißvolle Liebesmahl, wo man aus demſelben Becher das Wort des Herrn und die Flam⸗ menſtrahlen des heiligen Geiſtes trinkt. Das iſt Alles, was ich von Euch wünſche, Alles, was Ihr von mir wollen könnt. Iſt dies feſtgeſtellt, waltet einige Sympathie zwiſchen unſern Geiſtern, einige Verwandtſchaft zwiſchen unſern Seelen ob, was kann in den Augen des Herrn Schlim⸗ mes dabei ſein, daß unſere Geiſter und unſere Seelen durch den Raum mit einander Umgang pflegen, wie es die Strahlen zweier befreundeter Sterne machen würden, die ſich in den ätheriſchen Einſamkeiten des Firmaments kreuzten? ☛ᷣ—= 2 9m2— ð &△⏑—* 5* 15 Vernehmt nun, wie die arme Iris mein Zimmer verlaſſen hatte. Am Vorabend des Tages, an dem Ihr ihr das Le⸗ ben gerettet habt, betete ich auf den Knieen liegend; meine Lampe ſtand bei den Vorhängen meines Bettes; gegen Mitternacht entſchlief ich unter dem Beten. Zehn Mi⸗ nuten nachher vielleicht wurde meine ſchlecht geſchloſſene Thüre vom Winde aufgeſtoßen, die Vorhänge wogten umher und fingen Feuer. In einem Augenblick war mein Zimmer von Flammen und Hitze erfüllt. Ich erwachte halb erſtickt. Meine arme Taube flatterte an der Decke und zerarbeitete ſich mitten im Rauch. Ich lief an das Fenſter und oͤffnete es. Kaum war das Fenſter offen, als ſie hinaus eilte, und ich hörte, wie ſie ſich in der Finſterniß an wohlbekannten Bäumen ſtieß, in deren Zwei⸗ gen ſie einen Theil des Tages ſpielt. In der Hoffnung, ſie würde mit der Morgendämmerung zurückkehren, ließ ich mein Fenſter offen; doch der Tag kam und verging, ohne daß ich ſie wiederſah. Erſchrocken durch den Brand, war ſie ohne Zweifel geflohen, ſo lange ihre Flügel Kraft gehabt hatten. Am andern Tag bei ihrer Rückkehr wird ſie von dem Sperber, gegen den ſie Schutz von Euch verlangt hat, verfolgt worden ſein. Ihr habt ſie aufgenommen, gehütet, und ich glaubte ſie verloren, als ich ſie ſo plötzlich mit dem Flügel an mein Fenſter klopfen hörte. Ich öffnete mein Fenſter: es war meine Flüchtlingin, die ihre Entſchuldigung mit ſich brachte, der aber, hätte ſie dieſelbe nicht mitgebracht, zum Vor⸗ aus verziehen geweſen wäre. Das iſt die Geſchichte der armen Iris. Iſt das Al⸗ les, was Ihr wiſſen wollt, und habt Ihr nichts Anderes von mir zu verlangen? In dieſem Fall wird unſere Bö⸗ tin ohne Brief und ohne Billet zurückkommen. Ich werde wiſſen, was dies beſagen will, und Euch ſchreiben. 6 5 Bt befohlen, mein Bruder, der Herr ſei mit uch! Fünfter Brief. Am 11. Mai bei Tagesanbruch. Iris iſt ohne Brief und Billet zurückgekehrt. Die arme Kleine ſah ganz betrübt darüber aus, daß ſie ſo, ihres Ranges als Bölin entſetzt, wiedererſchien; ſie hob von ſelbſt den Flügel auf, als wollte ſie mich befragen, was dies bedeute. Das bedeutet, liebe Iris, daß du mir allein gehörſt, daß der Tag, der ſich an unſerm düſtern Himmel gebildet hatte, erloſchen iſt, daß der Bruder ein Fremder, daß der Freund ein Gleichgültiger war. Und dies, liebe Kleine, ſchreibe ich für mich ſelbſt. Dieſe Klage meiner Seele, die in ihrer Vereinzelung jam⸗ mert, wird nicht bis zu ihm gelangen; ich ſage dir, daß ich leide, ich ſage dir, daß ich weine, ich ſage dir, daß ich unglücklich bin. Ach! ach! mein Gott, verirrt ſich Deine Gerechtig⸗ keit nicht zuweilen, und treffen nicht die Schläge, die Du den Schuldigen vorbehältſt, durch einen unſichtbaren und boͤſen Engel abgewendet, die Unſchuldigen? Die Schmer⸗ zen dieſes Lebens bereiten die Glückſeligkeit des andern vor, ſagt man uns; doch warum Schmerzen derjenigen, welche nichts gethan, welche vielleicht Fehler, aber ſicher⸗ lich kein Verbrechen zu ſühnen hat? warum die Verge⸗ bung von Jeſus gegen Magdalena? warum die Nachſicht von Chriſtus gegen die Ehebrecherin? warum dieſe Strenge gegen mich allein, mein Gott! Ich habe geliebt, das iſt wahr; doch indem ich liebte, habe ich eine andere Liebe erwiedert; ich war für das Le⸗ ben der Welt, und nicht für das Leben des Kloſters »„—— —- 82 2⸗s — AA AA⏑&⏑Eà A8 n 17 geboren. Liebend befolgte ich das von Dir den Thieren, den Menſchen, den Pflanzen auferlegte Geſetz. Alles liebt in dieſer Welt; Alles ſucht ſich zu verbinden und ſich in einem und demſelben Leben zu verſchmelzen; die Bäche mit den Flüſſen, die Flüſſe mit den Strömen, die Ströme mit dem Ocean. Dieſe Sterne, welche in der Nacht, von einem Hori⸗ zont ausgehend, am Himmel hinziehen, das Firmament mit einer goldenen Linie durchfurchen und am entgegengeſetzten Horizont erlöſchen, erlöſchen im Schooße eines andern Sternes; ſelbſt unſere Seelen, dieſe Ausflüſſe Deines goͤtt⸗ lichen Hauches, ſuchen nur eine andere Seele auf der Erde, um ſich eine Liebesgefährtin zu machen, und wenn ſie un⸗ ſern Korper verlaſſen, gehen ſie hin, um ſich mit einem und demſelben Flug mit Dir zu verſchmelzen, der Du die 11 allgemeine Seele und die endloſe Liebe biſt. Nun denn! mein Gott, einen Augenblick ergoͤtzte ich mich an der Hoffnung, am äußerſten Ende meines Hori⸗ zonts eine unbekannte Seele, aber eine Schweſter, eine Schweſter für das Leiden wiedergefunden zu haben; denn bei den erſten Klagen hatte ich geſehen, daß es der Mund des Herzens war, der ſie geklagt. Warum, arme, von Schmerzen heimgeſuchte Seele, willſt Du nicht einen Theil meines Leidens übernehmen, wie ich einen Theil von Dei⸗ nem Schmerze übernehmen würde? Es iſt das Geſetz, daß die getheilten Laſten ninder ſchwer ſind, und daß das Gewicht, welches zwei vereinzelte Kräfte niederdrückt, zu⸗ weilen zwei vereinigten leicht ſcheint. Es wird zum Gottesdienſt geläutet; Du rufſt mich, mein Gott und ich gehe zu Dir; ich gehe zu Dir im Vertrauen meiner Reinheit, das Herz geöffnet, damit Du darin leſen kannſt, und wenn ich Dich durch eine Hand⸗ lung oder durch eine Unterlaſſung beleidigt habe, o mein Gott! ſo gib es mir zu erkennen durch ein Zeichen, durch eine Abſicht, durch irgend eine Offenbarung, und ich werde vor Deinem Altar, die Stirne im Staube, die Hände aus⸗ Die Taube. 2 18 geſtreckt, niedergeworfen bleiben, bis Du mir verziehen aſt. Du, meine liebe Taube, ſei die getreue Hüterin die⸗ ſer Gedanken meines ſchwachen Herzens, dieſer Ergüſſe meiner armen Seele, bedecke mit Deinen Flügeln dieſes Papier, das ich zuſammenlege, um es allen Blicken zu entziehen, und das auf mich warten wird, wie der halb⸗ volle Becher auf den Reſt des bittern Trankes wartet, der ihm verſprochen iſt. 5 Sechster Brief. Am 11. Mai Mittags. Ihr hattet in der That richtig errathen, arme Seele in der Pein: ich war entſchloſſen, Euch nicht mehr ſ zu ſchreiben; denn wozu nützt es, liegt man einmal im Grabe, hartnäckig die Hände noch aus der Erde hervor⸗ zuſtrecken, wenn nicht, um ſie zu Gott zu erheben? Doch eine Art von Wunder hat meinen Entſchluß geändert. Den Brief, den Ihr für Euch allein geſchrieben, den Brief, in dem Ihr Eure Seele am Fuße des Herrn er⸗ gießt, dieſen Brief, den Vertrauten Eurer Gedanken, den Becher halb voll von Bitterkeit, der bei Eurer Rückkehr unter Euren Thränen überſtrömen ſollte, dieſen Brief hat die Taube, diesmal untreu, mir gebracht, nicht mehr durch Euch unter ihren Flügel zuſammengefaltet, ſondern von ſelbſt in ihrem Schnabel, wie die Taube der Arche den grünen Zweig brachte, welcher verkündigte, die Waſſer fangen an auf der Oberfläche der Erdkugel zu verlaufen, ehen die⸗ üſſe eſes zu alb⸗ der 19 wie endlich die Thränen auf dem Geſichte eines Sünders, dem man vergeben, vertrocknen. Wohl denn! es ſeil ich nehme die Aufgabe, die Ihr mir zuſcheidet, an, die Aufgabe, einen Theil Eures Schmer⸗ zes zu tragen; denn ich gehöre nicht mehr mir an, und aus den Kräften, die mir Gott gelaſſen, muß ich einen Hebel machen, um die Andern in ihrem Unglück aufzu⸗ richten. Meine Seele iſt von dieſem Augenblick an leer von ihrem eigenen Unglück; gießt das Eurige darein, ein Bach, der einen Fluß ſucht, um ſich damit zu vermengen, 8 Meteor, das ein Geſtirn ſucht, um darin zu erlöͤ⸗ en. Ihr fragt, warum Ihr leidet, da Ihr nichts gethan. Nehmt Euch in Acht! Ihr fragt Gott, und vom Fragen 4 ius Blasphemie iſt die Entfernung kurz, der Fall raſch. Unſer Stolz iſt unſer größter Feind hienieden. Es ſoll in dieſem Augenblick einen Philoſophen geben, der die ganze Natur in Wirbel abgetheilt hat. Nach der Berech⸗ nung dieſes Philoſophen wäre jeder Firſtern eine Sonne, der Mittelpunkt einer Welt wie die unſrige, und den Ge⸗ ſetzen des Gleichgewichts unterworfen, würden alle dieſe Welten ſich im Raume drehen und gravitiren, jede um ih⸗ ren Mittelpunkt, ohne einander zu ſtoßen und ſich zu ver⸗ mengen. Nicht wahr, das iſt ein Syſtem, das Gott ſehr ver⸗ größern, den Menſchen aber ſehr verkleinern würde? So kann man unſere arme Welt in Millionen von Welten unterabtheilen. Unſer Stolz läßt Jeden von uns glauben, wir ſeien eine Sonne, der Mittelpunkt eines Wirbels, während wir höchſtens eines von den Atomen, eines von den Staubköoͤrnern ſind, die der Hauch des Herrn zu Millionen um die mehr oder minder glänzenden Ge⸗ ſtirne ſich drehen und gravitiren läßt, welche man die Könige, die Kaiſer, die Fürſten, die Helden, die Mächti⸗ gen dieſer Erde nennt, denen Gott als Zeichen ihrer Herrſchaft den Scepter oder den Krummſtab, die Tiara oder das Schwert übertragen hat. Nun! wer ſagt Euch, die unkörperlichen Dinge wer⸗ den nicht abgewogen und vertheilt, wie die körperlichen Dinge? Wer ſagt Euch, das Unglück einer Welt trage nicht zum Glück einer andern bei? Wer ſagt Euch, es gebiete nicht eines der Geſetze der moraliſchen Natur, daß eine Hälfte des Herzens in Thränen ſei, damit die andere in Freuden ſein könne, wie ein Theil der Erde in der Tuſee ſein muß, damit der andere im Lichte ſein dann Nennt mir Euer Unglück, arme betrübte Seele, denn was Euer Unglück auch ſein mag, ich bin feſt überzeugt, es wird die Höͤhe des meinigen nicht erreichen; nennt es, und ich werde, wie ich hoffe, einen Troſt für jede Eurer Klagen, einen Balſam für jede Eurer Wunden haben. Doch ich bitte Euch inſtändig, trinkt aus dem Bache meiner Worte, ohne die Quelle zu ſuchen, aus der ſie entſpringen; macht es wie die ſchwarzen Aethiopier und die bleichen Kinder Aegyptens, die ihren Durſt an den Ufern des Nils loͤſchen, aber eine Ruchloſigkeit zu begehen glauben würden, wenn ſie den Fluß aufwärts bis zu ſei⸗ nen Quellen verfolgten. Nach einigen Worten, die mir entſchlüpft ſind, glaub⸗ tet Ihr in meinem vergangenen Leben zu leſen; Ihr habt aus mir einen Großen dieſer Welt gemacht; Ihr waͤhn⸗ tet, eine Lichtfurche habe meinen Sturz begleitet, und ich ſei vom Himmel gefallen, wie ein vom Blitz zerſchmetter⸗ ter Engel. Enttäuſcht Euch vor Allem: ich bin ein de⸗ müthiger Ordensgeiſtlicher mit einem niedrigen Namen; von meiner dunkeln oder glänzenden, beſcheidenen oder ſtolzen Vergangenheit iſt mir kein Gedächtniß geblieben, und minder hell ſehend im Leben, als es der Philoſoph des Alterthums, der bei der Belagerung von Troja ge⸗ ſtritten zu haben ſich erinnerte, im Tode war, erinnere — 21 ich mich heute nicht mehr von geſtern, und werde mich morgen nicht mehr von heute erinnern. So will ich Schritt für Schritt in die Ewigkeit ge⸗ hen, jede Spur, die ich hinter mir gelaſſen, verwiſchend, um eines Tages vor den Herrn zu treten, wie ich aus dem Schooße meiner Mutter hervorgegangen bin: so- lus, pauper et nudus, allein, arm und nackt. Gott befohlen, meine Schweſter, verlangt nicht von mir mehr, als ich Euch geben kann, damit ich Euch im⸗ mer zu geben im Stande bin. Siebenter Brief. Am 12. Mai. Ja, Ihr habt Alles begriffen; ja, während ich zu den Füßen des Herrn niedergeworfen lag und Rechen⸗ ſchaft von ihm über ſeine Strenge verlangte, ſtatt ihn um Verzeihung für meine Zweifel zu bitten, gab mir Gott durch eine Art von Wunder dieſen Troſt, den ich mir geraubt glaubte, und untreu gerade durch die Stärke ihrer Ergebenheit, brachte Euch unſere Boͤtin von ſelbſt dieſe Ueberfülle meines Geiſtes oder vielmehr meines Her⸗ zens, die auf das Papier ausgetreten war. Ihr wollt unbekannt bleiben; gut! was iſt mir daran gelegen, daß ſich die Sonne in den Wolken verbirgt, daß ſich das Feuer im Rauche verſchleiert⸗ wenn durch Rauch oder Wolke der Strahl der einen mich erleuchtet, oder die Flamme des andern mich erwärmt? Gott iſt auch unſichtbar und unbekannt: fühlt nan derun weniger die über die Welt ausgeſtreckte Hand ottes? Ich werde Euch nicht ſagen, ich ſei ein niedriges Weib; ich werde Euch ſagen: ich bin adelig, ich bin reich, ich bin glücklich geweſen, ich bin nichts mehr von Allem dem; ich habe mit ganzer Seele einen Mann geliebt, der mich auch mit ganzer Seele liebte. Dieſer Mann iſt todt; die eiſige Hand des Schmer⸗ zes hat mir meine weltlichen Kleider abgeſtreift und mir den heiligen Rock angezogen, das Zwiſchenkleid, den Leichenputz von denjenigen, welche nicht mehr leben und doch noch nicht geſtorben ſind. Vernehmet nun, wo die Wunde liegt. Ich bin Nonne geworden, um denjenigen zu vergeſ⸗ ſen, welcher geſtorben iſt, und mich nur Gottes zu erin⸗ nern, und zuweilen vergeſſe ich Gott, um mich nur des⸗ jenigen zu erinnern, welcher geſtorben iſt. Darum klage ich, darum jammere ich, darum rufe ich zum Herrn: Herr erbarme Dich meiner. Ohl ſagt mir, wie Ihr es gemacht habt, um Eure Seele von dem Schmerze zu leeren, der ſie erfüllte. Habt Ihr ſie geneigt, wie man einen Becher neigt? Ich mache es bei meinen Gebeten ſo, und nach jedem Gebete finde ich meine Seele voller von irdiſcher Liebe, als zuvor, als ob ſie, ſtatt den bittern Trank, den ſie enthält, auszugleßen, ſich neigend aus dem glühenden See nur einen neuen Trank zu ſchoͤpfen vermoͤchte. Eure Antwort wird einfach ſein, und ich höre ſie zum Voraus:„Ich habe nie geliebt.“ Wenn Ihr nie geliebt habt, mit welchem Rechte rühmt Ihr Euch dann, gelitten zu haben? Ihr hättet damit anfangen und mir ſagen ſollen: Ich habe nie geliebt. Dann hätte ich Euch weder um Beiſtand, noch um Troſt gebeten; dann hätte ich Eure Abneigung und Euer Stillſchweigen nicht nur zugelaſſen, ſondern ich wäre an 23 Euch vorübergegangen, wie an einem Marmor, dem der Bildhauer eine menſchliche Form gegeben, in deſſen Bruſt aber nie ein Herz geſchlagen hat. Wenn Ihr nie geliebt habt, ſo ſage ich Euch dies⸗ mal: antwortet mir nicht, wir ſind nicht von derſelben Welt, wir haben nicht daſſelbe Leben gelebt. Ich täuſchte mich im Anſchein, wozu fortan unnütze Worte wechſeln? Ihr würdet nicht begreifen, was ich ſage; ich würde nicht begreifen, was Ihr ſagtet. Wir ſprechen nicht dieſelbe Sprache. Ohl doch wenn Ihr geliebt hättet, im Gegentheil⸗ ſagt mir, wo, ſagt mir, wen, ſagt mir, wie, oder wenn Ihr mir nichts von Allem dem ſagen wollt, ſprecht mir von den gleichgültigſten Dingen, Alles wird mir intereſ⸗ ſant, nichts wird mir unnütz ſein; ſagt mir, wie Cuer Zimmer iſt, ob es gegen Oſten oder gegen Weſten, gegen Süden oder gegen Norden geht; ob Ihr die Sonne be⸗ grüßt, wenn ſie erſcheint, ob Ihr ihr Lebewohl ſagt, wenn ſie flieht, oder ob Ihr, die Augen geblendet von den glü⸗ henden Strahlen des Mittags, das Antlitz Gottes in ſei⸗ nem unauslöſchlichen Glanze zu unterſcheiden ſucht. Sagt mir dies Alles, dann ſagt mir auch, was Ihr von Eurem Fenſter aus ſeht, Ebenen oder Berge, Gipfel oder Thäler, Bäche oder Flüſſe, einen See oder das Weltmeer; ſagt mir dies alles, ich werde meinen Geiſt mit allen dieſen geheimnißvollen Problemen des durch den Willen ſichtbar gewordenen Unbekannten beſchäftigen, und vielleicht wird mein Herz, zerſtreut durch das Unbekannte, dazu gelangen, daß es vergißt, und wäre es nur einen Augenblick. Nein, nein, nein, ſagt mir nichts von Allem demz ich will uicht vergeſſen. Achter Brief. * Am 13. Mai. Derjenige, welchen Ihr liebtet, iſt geſtorben, darum habt Ihr noch Thränen, diejenige, welche ich liebte, hat mich verrathen, darum habe ich keine mehr. Sprecht mir von ihm, ſo lange Ihr wollt, verlangt nicht von mir, daß ich von ihr ſpreche. Seit vier Jahren bewohne ich ein Kloſter, und den⸗ noch bin ich noch nicht Prieſter. Warum dies? werdet Ihr mich fragen. Ich will es Euch ſagen.. 2 Als ihre Liebe, das letzte Band, welches mich an das Leben feſſelte, mir geraubt war, verſank ich in eine ſolche Verzweiſlung, daß ich es nicht als ein Verdienſt betrach⸗ ten konnte, wenn ich mich Gott in Folge eines ſolchen Schmerzes hingab. Da wartete ich, bis dieſe Verzweif⸗ lung ſich beſänftigen würde, damit mich Gott nicht em⸗ pfinge, wie der Schlund den Blinden oder den Wahnſin⸗ nigen, der ſich hineinſtürzt, empfängt, ſondern wie ein gaſtfreundlicher Wirth den müden Pilger aufnimmt, der von ihm die Ruhe der Nacht nach einem ſtarken Marſche, am Ende eines langen Tages, fordert. Ich wollte ihm ein glühendes Herz und nicht ein ge⸗ brochenes, einen Leib und nicht einen Leichnam geben. Und mehr als vler Jahre ſondere ich mich nun durch die Einſamkeit ab, reinige ich mich durch das Gebet, und bis jetzt habe ich es noch nicht gewagt, das Novizenkleid mit dem Rocke des Mönches zu vertauſchen, ſo viel iſt in mir von dem alten Menſchen geblieben, ſo ſehr finde ich, daß es eine Ruchloſigkeit wäre, mich, nachdem ich mich 25 ſo vollſtändig den Geſchöpfen hingegeben, ſo unvollſtändig dem Schöpfer hinzugeben. Ihr wißt nun von meinem vergangenen und inneren Leben, was Ihr davon erfahren könnt; von meinem ge⸗ genwärtigen und äußeren Leben vernehmet, was ich davon ſagen kann. Ich bewohne, nicht in einem Kloſter, ſondern in einer auf der Mitte einer Anhöhe erbauten Einſiedelei, ein Zim⸗ mer mit geweißten Wänden, ohne eine andere Zierath, als das Portrait eines Köͤnigs, für den ich eine ganz be⸗ ſondere Verehrung hege, und einen elfenbeinernen Chri⸗ ſtus, ein Meiſterwerk des ſechszehnten Jahrhunderts, das mir meine Mutter geſchenkt hat. Mein Fenſter, ganz geſchmückt mit einem ungeheuren Jasmin, deſſen mit Bluͤthen beladene Zweige in mein Zimmer gehen und dieſes mit Wohlgerüchen erfüllen, öffnet ſich gegen Sonnenaufgang und wahrſcheinlich gegen den Punkt des Horizonts, wo Ihr wohnt, denn ich ſehe von fern und in einem geraden Fluge unſere Taube herbeikommen, die ich in derſelben Richtung wieder abgehen ſehe, indem ich ihr in den Lüften bis auf die Entfernung von unge⸗ fähr einer Viertelmeile folge, worauf ſich der Punkt, der dieſelbe vorſtellt und der unabläſſig abgenommen hat, mit dem azurblauen Firmament oder mit der gräulichen Wolke verſchmilzt, je nachdem der Himmel rein oder ne⸗ belig iſt. Die Morgendämmerung hat für mich ganz eigenthümliche Reize; ſie rühren von der Beſchaffenheit des Terrain her, das die Landſchaft bildet, welche mein Blick umfaſſen kann, und die ich Euch zu ſchildern ver⸗ ſuchen will. Mein Horizont iſt im Süden geſchloſſen durch die große Kette der Pyrenäen mit den veilchenblauen Flan⸗ ken und den ſchneebedeckten Gipfeln; im Oſten durch eine Widerlage von Hügeln, die ſich, immer mehr ſich erhe⸗ bend, ein zweites Kettenglied, dieſer Hauptkette anſchließt; im Norden endlich dehnt ſich, ſo weit das Auge reichen 26 kann, ein Land von Ebenen aus, ganz beſät mit Gruppen von Olivenbäumen, ganz durchfurcht von Bächen, in deren Mitte ſich, wie ein den Tribut ſeiner Unterthanen empfangender Fürſt, majeſtätiſch einer der größten Ströme entrollt, welche Frankreich bewäſſern. Das Plauteau, das ich überſchaue, iſt von Süden nach Norden von den Bergen zur Ebene geneigt. Es bietet drei verſchiedene Anblicke: am Morgen, am Mittag, am Abend. Am Morgen erhebt ſich die Sonne hinter der oͤſtlichen Hügelkette; zehn Minuten, ehe ſie erſcheint, ſehe ich einen roſigen Dunſt aufſteigen, der ſich langſam, aber ſiegreich des Himmels bemächtigt und noch mehr die ſchwarze Silhouette der Hügel verdüſtert, die aus die⸗ ſem Dunſt vortreten, welcher durch alle Zwiſchenfarben geht, vom lebhaften Roſa bis zum glänzenden Gelb, und es gleiten wie Lanzenſpitzen einige Vorläuferſtrahlen der Sonne herauf, indeß dieſe fortwährend hinter den Hügeln emporſteigt, deren Conturen ſich in ihren Strahlen zu vergolden anfangen. Bald ſchwimmt auf dem doppelten Gipfel, den der höchſte Kamm dieſer Kette bildet, etwas wie ein bewegliches Feuer, das ſich immer mehr ausbrei⸗ tet, bis das Geſtirn ſelbſt glänzend, funkelnd, rieſelnd von Flammen, der unausloͤſchliche Krater des göttlichen Vul⸗ cans, erſcheint. Dann, waͤhrend die Sonne immer mehr am Himmel ſich erhebt, wird Alles auf der Erde zum Leben wieder⸗ geboren; die Spitzen der Pyrenäen gehen von einem matten Weiß zu den Reflexen der lebhafteſten Silberfarbe über; ihre Flanken beleuchten ſich allmälig und ſpielen ſich vom Schwarz zum Veilchenblau und vom Veilchen⸗ blau zum Hellblau hinüber. Wie eine Lichtüberſchwemmung, welche von den hohen Gipfeln herabſteigen würde, verbreitet ſich der Tag über die Ebene. Dann glänzen die Bäche wie Silberfäden, der Fluß krümmt ſich und wogt wie ein gemohrtes Band; die kleinen Vögel ſingen in den Lor⸗ beerroſenſträuchen, in den Granathecken, in den Myrten⸗ 27 büſchen, und ein Adler, der König des Firmaments, dreht ſich im Aether mit ſeinem weiten Fluge einen Kreis von mehr als einer Meile umfaſſend, in welchem ich ihn ab⸗ wechſelnd verſchwinden und wiedererſcheinen ſehe. Am Mittag verwandelt ſich das ganze Becken, das ich beſchrleben habe, in einen glühenden Ofen; von oben bis unten beleuchtet, vermögen die Berge nicht mehr ihre nackten Flanken zu verbergen, welche von den granitiſchen Gebeinen der Erde durchbohrt ſind; man ſieht von den glänzenden Oberflächen des Felsgeſteins die gebrochenen Sonnenſtrahlen zurückſpringen; die Bäche und der Fluß werden Strömen von geſchmolzenem Blei ähnlich, die Blumen verwelken, die Blätter neigen ſich. Die Voͤgel ſchweigen; die unſichtbaren Grillen ſingen in den Zweigen der kniſternden Olivenbäumen und an der Rinde der kra⸗ chenden Tannen, und die einzigen Weſen, die mit ihnen dieſe Flammenwüſte beleben, ſind bald eine grüne Ei⸗ dechſe, die am Gitterwerk meines Fenſters hinaufſteigt, bald eine geſprenkelte oder bunt geſtreifte Natter, welche, ſpiralförmig, aufgerollt, mit ihrem halb geöffneten Munde athmet, in dem ein ſchwarzer, harmloſer Pfeil mit den Mücken ſpielt, die im Bereiche ihres Athems vorüber⸗ kommen. Am Abend erwacht das Leben wieder für einen Augenblick, wie für einen Augenblick das Licht der Lampe, welche bald ſterben ſoll, wiedererwacht; dann ſchweigen die Baumgrillen eine nach der andern, und das klagende, eintoͤnige Geſchrei der Heimgrillen folgt auf ihr Gezirpe; die Eidechſen fliehen, die Nattern verſchwin⸗ den; die Gebüſche bewegen ſich unter dem ängſtlichen Fluge der Vögel, welche eine Herberge für die Nacht ſuchen; die Sonne ſinkt zum Horizont hinab, der mir verborgen iſt, und wie ſie ſo hinabſinkt, ſehe ich den Py⸗ renäenſchnee vom zarten Roſa bis zum Purpurroſa über⸗ gehen, während die in der Ebene ſich geſtaltende Finſter⸗ niß jede Stufe der Rieſenleiter, die das Licht verläßt, 28 hinaufſteigt, bis, nach dem Naturgeſetze, die ganze Welt ebenfalls ihr gehört; dann verſtummt jedes Geräuſch, jeder irdiſche Schimmer erliſcht, die Sterne werden in der Stille am Himmel geboren, und unter dem nächtli⸗ chen Schweigen erwacht eine einzige Melodie im Raume: das iſt der Geſang der Nachtigall, der Geliebten der Sterne, welche in der Dunkelheit ihr Lied improviſirt. Ihr habt mich gefragt, was ich von meinem Fenſter aus ſehe: ich habe es Euch geſagt; ſtellt dieſen dreifa⸗ chen Anblick in Euren Gedanken feſt, beſchäftigt Curen Geiſt, um Euer Herz zu zerſtreuen; Euer Heil in dieſer Welt und in der andern liegt in dem Worte: Vergeßt! Neunter Brief. Am 15. Mai. Ihr heißt mich vergeſſen. Höret, was in mir vor⸗ geht. Sobald die Finſterniß ſich ausbreitet, begreift Ihr dann etwas Erſchreckliches, Unerhörtes, Unnatürli⸗ ches? Während ich ſchlafe, iſt der Todte nicht mehr der Todte, der Hingeſchledene kehrt zum Leben zurück, er iſt da bei mir mit ſeinen langen ſchwarzen Haaren, ſeinem bleichen männlichen Geſichte, dem ſcharfen Gepräge des Adels ſeines Geſchlechtes. Er iſt da, ich ſpreche mit ihm, ich ſtrecke die Hand aus, ich rufe ihm zu:„Du lebſt alſo noch? Du liebſt mich alſo immer noch?“ Und er antwortet mir ja, er lebe noch, ja, er liebe mich noch immer, und dieſelbe Erſcheinung wiederholt ſich beſtändig, 29 regelmäßig, beinahe materiell jede Nacht, um bei den er⸗ ſten Strahlen des Tages zu verſchwinden. Ei! mein Gott, was habe ich nicht gethan, daß dieſe Erſcheinung, ohne Zweifel das Werk des Engels der Finſterniß, mich zu quaͤlen aufhoͤre! Ich habe mich unter den geweihten Buchszweig geſteckt, ich habe heilige Roſenkränze um mei⸗ nen Arm und um meine Handgelenke geſchlungen, ich habe ein Crucifir auf meine Bruſt gelegt und bin mit gekreuz⸗ ten Armen zu den Füßen des göttlichen Märtyrers ent⸗ ſchlummert. Alles war vergeblich, unnütz, fruchtlos; der Tag führt mich zu Gott zurück, aber die Dunkelheit zu ihm; ich bin wie jene Königin, von der der Dichter Ho⸗ mer ſpricht, und deren Arbeit von jedem Tag in jeder Nacht wieder zerſtört wurde. Es gebe keine Nacht mehr, es gebe keinen Schlaf mehr, es gebe keine Traͤume mehr, und ich werde viel⸗ leicht vergeſſen. Koͤnnt Ihr das von Gott erlangen? Zehnter Brief. Am 14. Mai. Alles, was man von Gott durch das Gebet er⸗ langen kann, werde ich für Euch erlangen, denn Ihr d Haßrhaft verwundet, und die Wunde iſt tief und utig. Laßt uns beten! Eilfter Brief. Am 15. Mai. Ich weiß nicht, ob ich, ſeitdem ich Euch ſchreibe, ruhiger geworden bin, aber ſicherlich fühle ich mehr Erleich⸗ terung. Es iſt eine mächtige Zerſtreuung in mein Leben ein⸗ getreten; ich war ohne Familie, vereinzelt in der mora⸗ liſchen und materiellen Welt, bald auf einem Grabe lie⸗ gend, bald weinend, immer verzweifelnd, und nun finde ich ploͤtzlich einen Bruder. Denn mir ſcheint, Ihr ſeid für mich ein Bruder. Mir ſcheint, dieſer Bruder, den ich nicht kenne, hat Frankreich verlaſſen, ehe ich geboren war. Mir ſcheint, ich habe ihn erwartet, unabläſſig geſucht. Nun iſt er zurückgekommen. Ohne ſich durch die Gegenwart zu offenbaren, offenbart er ſich nun durch die Stimme. Ich ſehe ihn nicht, aber ich höre ihn. Ich berühre ihn nicht, aber ich vernehme ihn. Ihr habt keinen Begriff, wie dieſe durch Eure Feder ſo glänzend gefärbte Landſchaft meinen Geiſt in Anſpruch genommen hat. Man leugne mir nicht die Wunder des zweiten Geſichts; das zweite Geſicht beſteht. Durch die beharrliche Kraft meines Willens iſt dieſe Landſchaft hier gegenwärtig, in meinem Geiſte wie in einem Spiegel wiedergeſtrahlt. Ich ſehe Alles, von den roſigen Dünſten, die ſich am Morgen hinter den Hügeln erheben, bis zur gräulichen Ueberfluthung der Schatten am Abend; ich hoͤre Alles, von dem Geräuſche der Blume, die Morgens ihren Kelch dem Thau öͤffnet, bis zu dem in der Einſam⸗ —8—————— XS—— —,—,——————— ———— 31 keit und im Schweigen der Nacht ſich ausdehnenden Ge⸗ ſang der Nachtigall.— Und ich ſehe dies Alles dergeſtalt, daß ich, befände ich mich je in dem von Euren Blicken umfaßten Kreiſe, ſagen würde: Das ſind die entflammten Hügel, das ſind die Schneeberge, das ſind die Silberbäche, das ſind die Mohrflüſſe, das ſind die Granatbäume, das ſind die Lor⸗ beentsſen das ſind die Myrten, das iſt hier, das iſt er. Dann ſehe ich auch Eure Einſiedelei über den Gar⸗ tenmauern mit ihren von Jasminen und Weinranken ver⸗ ſchleierten Fenſtern ſich erheben; dann ſehe ich Euch ſelbſt in Eurer weißen Zelle, am Fuße Eures ſchönen Shriſus knieend, für Euch und beſonders für mich eten. Sagt mir, wer iſt der Koͤnig, deſſen Portrait in Eurem Zimmer hängt, der Koͤnig, für den Ihr eine beſondere Verehrung hegt, damit ich auch ein Portrait von dieſem Koͤnig habe, damit ich eine Religion mehr habe, die Eure Religion iſt? Sodann möchte ich auch Euch ſehen. Ohl ſeid ruhig, nur durch den Geiſt. Ihr habt mir geſagt, für Euch beſtehe die Vergangenheit nicht mehr, und ich ſoll Euch nur über die Gegenwart und Zukunft befragen. Ueberlaſſen wir die Vergangenheit der Vernichtung, und ſagt mir, wie alt Ihr ſeid, unter welchen Zügen ich mir ein dem Eurigen ähnliches Bild machen ſoll; ſagt mir, ſeit welcher Zeit Ihr in die Einſiedelei eingetreten ſeid, ſagt mir, wann Ihr der Welt ein entſchiedenes Lebewohl ſagen wollt. Ich moͤchte auch wiſſen, wie weit wir von einander entfernt ſind. Iſt es möglich, das zu berechnen? Ihr kommt mir ſo gut vor, daß ich nicht bange habe, Euch zu ermüden. Ihr kommt mir ſo unterrichtet vor, daß ich nicht das Unmoöͤgliche von Euch zu ver⸗ langen befürchte. 8 3²2 Ich will an das denken, was Eure Antwort enthal⸗ g ten kann, und wenn ich ſie habe, will ich an Das denken, G was ſie enthalten wird. Gehe, geliebte Taube, gehe und komm bald zurück. i d 1 d d Zwölfter Brief. 1 Am 15. Mai, auf den Punkt drei Uhr. 3 Ihr ſeht, indem ich Euren Geiſt beſchäftigte, iſt es 3 mir einen Augenblick gelungen, Euer Herz zu zerſtreuen. 1 Man muß die Seele wie den Körper behandeln; 4 macht, daß ein Kranker einen Augenblick vergißt, daß er leidet, und er wird einen Augenblick nicht leiden. Ich ſoll Euch von mir ſprechen, Ihr wollt ſuchen, ob im phyſiſchen und im moraliſchen Menſchen, im Leben⸗ den und Unbekannten etwas von dem Todten iſt, den Ihr geliebt habt: es ſei⸗ höret. Ich bin in Fontainebleau am 1. Mai 1607 geboren und folglich dreißig Jahre und vierzehn Tage alt. Ich bin groß und habe braune Haare, blaue Augen, eine bleiche Geſichtsfarbe und eine hohe Stirne. Ich habe mich ſeit dem 17. Januar 1633 aus der Welt zurückgezogen und das Gelübde gethan, wenn gewiſſe Dinge nichts an meinem Schickſal änderten, mich Gott in den fünf Jahren meiner Abſonderung zu weihen. Ich habe mich aus der Welt zurückgezogen in Folge einer großen politiſchen Kataſtrophe, von der meine theuer⸗ ſten Freunde verſchlungen worden ſind, in Folge eines 33 genßen perſoͤnlichen Schmerzes, in dem mein Herz gebro⸗ en iſt. 1) Das Portrait des Koͤnigs in meiner Zelle, für den ich eine ganz beſondere Verehrung hege, iſt das von König Heinrich IV. Ihr wünſcht nur zu wiſſen, wie weit wir von ein⸗ ander entfernt ſeien: es iſt einige Minuten weniger als drei Uhr; ich will meinen Brief auf den Punkt drei Uhr datiren und in dieſem Augenblick unſere Bötin loslaſſen. Die Tauben machen fünfzehn bis ſechzehn Meilen in der Stunde, was ich bei gewiſſen Umſtänden, wenn ich mich ihrer Dienſte bediente, zu ſtudieren die Gelegenheit gehabt habe: bemerkt die Stunde, zu der Ihr dieſen Brief erhalten werdet, und berechnet. Antwortet mir erſt in ein paar Tagen; wendet dieſe paar Tage an, um Chimären oder Wirklichkeiten zu bauen. Dann, arme Klausnerin, werft auf das Papier Alles, was durch Euern Geiſt gehen wird, und ſchickt mir den Hauptinhalt Eurer Forſchungen, das Ergebniß Eurer Träume. Gott ſei mit Euch! Die Taube. 3 Dreizehnter Brief. Am 15. Mai, zwei Stunden nach Empfang Eures Briefes. Höret! Nicht in zwei, nicht in drei Tagen muß ich 8 Euch antworten, ſondern ſogleich. Mein Gott, welch ein toller Gedanke bemächtigt ſich 6 meines Geiſtes, meines Herzens, meiner Seele. Wenn derjenige, welchen ich liebe, nicht todt wäre! Wenn Ihr derjenige wäret, den ich liebe, den ich rufe, den ich ſuche, der mir alle Nächte erſcheint! Ihr ſeid am 1. Mai 1607 geboren; er auch! Ihr ſeid groß; er auch! Ihr habt braune Haare; er auch! Ihr habt blaue Augen, eine bleiche Geſichtsfarbe, eine n hohe Stirne; er auch! 3 Dann erinnert Euch der Worte, die Ihr mir ſchon 6 einmal in einem Briefe geſagt habt, und die meinem Ge⸗ n dächtniß lebendig geblieben ſind: Ihr ſeid durch die verſchiedenen Grade der menſch⸗ v lichen Größe gefallen; Ihr habt nicht geſchaudert bei dem Winde des Beiles, das die Köpfe um Euch abſchlug; ko Shr habt bei Eurem Falle beinahe ein Königreich ver⸗ oren. Ich weiß nicht, ob ſich dies Alles auf Euch anwen⸗ den läßt, doch, mein Gott! mein Gott! Alles dies iſt in Wirklichkeit auf ihn anwendbar. Ihr habt in Eurer Zelle das Portrait eines Königs, den Ihr mit Liebe und Verehrung umgebt. Das Portrait iſt das von Heinrich IV. Und er, er war der Sohn von Heinrich IV.. 35 Wenn Ihr nicht Anton von Bourbon, Graf von Moret, ſeid, von dem man ſagt, er ſei in der Schlacht bei Caſtelnaudary getödtet worden, wer ſeyd Ihr denn? Antwortet! im Namen des Himmels, antwortet! Vierzehnter Brief. Am 16. Mai, bei Tagesanbruch. Seid Ihr nicht Iſabelle von Lautrec, die ich für un⸗ treu hielt, wer ſeid ihr denn? Ich bin Anton Graf von Moret, von dem man glaubte, er ſel in der Schlacht von Caſtelnaudary getödtet worden, während ich noch lebe, nicht durch die Barmher⸗ zigkeit, ſondern durch die Rache des Herrn. Ohl ſind die Dinge, wie ich befürchte, daß ſie ſein werden, wehe uns Beiden! Die Taube hat ſich in der Nacht verirrt oder iſt vielleicht, ermüdet, gendthigt geweſen, auszuruhen. Sie iſt erſt beim erſten Schimmer des Tages ange⸗ kommen. Fünfzehnter Brief. Am 16. Mai, ſieben Uhr Morgens. Ja, ja, ja, Unglücklicher! ja, ich bin Iſabelle von Lautree! Ihr habt mich für untreu gehalten? wie, war⸗ um, bei welcher Veranlaſſung? denn ich vertheidige mich nicht mehr, ich klage an.. Wißt Ihr, daß die Taube nur zwei Stunden braucht, um von Euch zu mir und von mir zu Euch zu gehen? Wißt Ihr, daß wir folglich nur dreißig Meilen von ein⸗ . ander entfernt ſind? Laßt hoͤren, wie ich Euch betrogen, wie ich Euch verrathen habe? ſprecht, ſprecht. Gehe, Taube, du bringſt mein Leben. Sechzehnter Brief. Am 16. Mai, um eilf uUhr. Meine Augen, mein Herz, meine Seele, hat mich Alles getäuſcht? Iſt es Iſabelle von Lautrec oder iſt ſie es nicht, die am 5. Januar 1663 in die Kathedrale von Valence ich habe eintreten ſehen? ꝗ àHx⏑ 37 War ſie als Braut gekleidet? und war derjenige, welcher im Hochzeitgewande hinter ihr ging, nicht der Vicomte Emanuel von Pontis? Oder war dies Alles nur eine Täuſchung des böſen Geiſtes! Keinen Zweifel, kein Zoͤgern, keine halbe Ant⸗ wort! ns. Stillſchweigen oder den Beweis! ar⸗—— nich cht,.. 14 Siebenzehnter Brief. ein⸗ uch Am 16. Mai, um drei Uhr Nachmittags. Ja, den Beweis! wohl, es wird mir leicht ſein, ihn zu geben. Alles, was Ihr geſehen habt, ſchien wahr zu ſein, und dennoch war Alles, was Ihr geſehen habt, falſch. Nur habe ich Euch eine lange Erzählung zu geben; deeſto beſſer, unſere arme Taube iſt ſo erſchopft und bedarf der Ruhe. Sie hat beinahe vier Stunden gebraucht, ſtatt zwei, um zurückzukommen. Ich will einen Theil der Nacht ſchreiben. Mein Gott und Herr! verleihe mir ein wenig Ruhe; uhr. meine Hand zittert dergeſtalt, daß ich die Feder nicht halten kann. nich Mein Gott! ich will Dir zuerſt dafür danken, daß er lebt. die ence Achtzehnter Brief. um ſechs Uhr Abends. Ich habe drei Stunden auf den Knieen im Gebete, meine Stirne auf die eiskalten Platten gedrückt, zuge⸗ bracht, und nun bin ich ruhiger. Ich kehre zu Euch zuruͤck. Laßt mich Euch Alles ſagen, Alles erzählen, ſeit dem Augenblick, wo ich Euch in Valence verlaſſen, bis zu dem, wo ich, ich Unglückliche, das Gelübde abgelegt habe. Es geſchah, nicht wahr, Ihr erinnert Euch deſſen 2 es geſchah am 14. Auguſt 1632, daß wir uns trennten; Ihr nahmt von mir Abſchied, ohne mir zu ſagen, wohin Ihr ginget; ich war voll ſinſterer Ahnungen und konnte den Flügel Eures Mantels nicht loslaſſen. Mir ſchien, als wäre es nicht eine Abweſenheit von einigen Tagen, wie Ihr mir verſprachet, ſondern eine ewige Abweſenheit, in welche wir eintreten ſollten. 3 Es ſchlug elf Uhr Abends auf der Kirche der Stadt; Ihr beſtieget einen Schimmel und hattet Euch in einen Mantel von dunkler Farbe gehüllt; Ihr rittet Anfangs ſachte und kamet dreimal zurück, um mir Lebewohl zu ſagen; beim dritten Mal nothigtet Ihr mich, in das Haus hinein zu gehen, denn Ihr behauptetet, wenn ich vor der Thüre bliebe, könntet Ihr nicht abreiſen. Warum bin ich nicht geblieben? warum ſeid Ihr abgereiſt? Ich ging hinein, doch nur, um auf meinen Balcon zu laufen; Ihr ſchautet zurück; Ihr ſahet mich, wie ich erſchien und mein ganz von Thränen befeuchtetes Sacktuch flattern ließ; Ihr hobet Euren Hut mit den wallenden 39 Federn in die Höhe, und ich höoͤrte auf den Flügeln des Windes Euer Lebewohl herbeiziehen, das, durch die Ent⸗ fernung geſchwächt, klagend geworden war, wie ein Seufzer. Eine große ſchwarze Wolke ſchwebte am Himmel und ging raſch dem Mond entgegen; ich ſtreckte die Hände gegen dieſe Wolke aus, als wollte ich ſie aufhalten, denn ſie war im Begriff, den ſilbernen Strahl auszuloͤſchen, durch deſſen Hülfe ich Euch noch ſah. Einem Luftunge⸗ heuer ähnlich rückte ſie mit offenem Rachen vor und ver⸗ ſchlang die bleiche Goͤttin, welche in ihren düſtern Flanken verſchwand. Da ſenkte ich meine Augen vom Himmel auf die Erde nieder und ſuchte Euch vergebens; ich hoͤrte noch das Geräuſch der auf dem Pflaſter in der Richtung von Orange aufſchlagenden Hufeiſen; doch ich ſah Euch nicht mehr. Plötzlich öffnete ein Blitz die Wolke, und beim Schimmer dieſes Blitzes unterſchied ich abermals Euern Schimmel. Euch aber hatte Euer dunkler Mantel ſchon mit der Nacht vermengt. Das Thier entfernte ſich raſch, ſchien aber ohne Reiter zu gehen. Zwei andere Blitze glänzten noch und zeigten mir das Pferd, das im⸗ mer weiter ſich entfernte und weiß wurde wie ein Ge⸗ ſpenſt. Ein vierter Blitz kam, begleitet vom Rollen des Donners; aber mochte es ſich bei einer Biegung des Weges abgewendet haben, oder war es ſchon zu fern, das Pferd war verſchwunden. Die ganze Nacht rollte der Donner, die ganze Nacht peitſchten der Wind und der Regen meine Fenſter; ver⸗ wirrt, zerzauſt, ſterbend, ſchien die Natur in Trauer zu ſein, wie mein Herz. Ich wußte, daß dort, wo ich Euch hatte verſchwinden ſehen, nämlich im Languedoc, etwas vorging. Der Her⸗ zog von Montmorency, Euer Freund, dem das Gouver⸗ nement übertragen war, hatte, wie man ſagte, die Partei der verbannten Koͤnigin Mutter und die von Monſieur ergreifend, welcher ihr, Frankreich durchreiſend, gefolgt war, der Herzog von Montmorency hatte die Provinz 40 zur Empörung angetrieben, und hob Truppen aus, um gegen den König und Herrn von Richelieu zu marſchiren. Ihr ginget alſo hin, um einen Eurer Brüder bekämpfen zu helfen, Ihr ginget hin, und das war noch viel gefähr⸗ licher, um das Schwert zu ziehen und den Kopf zu wa⸗ gen gegen den furchtbaren Cardinal von Richelieu, der ſchon ſo viele Köpfe fallen gemacht, ſo viele Schwerter zerbrochen hatte. Ihr wißt, mein Vater war in Paris beim König. Ich reiſte mit zwei von meinen Frauen unter dem Vor⸗ wand ab, eine Tante zu beſuchen, welche Aebtiſſin von Saint⸗Pons war, in Wirklichkeit aber, um dem Schau⸗ platze der Ereigniſſe näher zu ſein, wo Ihr eine Rolle ſpielen ſolltet. Um die Entfernung zurückzulegen, welche Valence von Saint⸗Pons trennt, brauchte ich acht Tage. Ich kam am 23. Auguſt in das Kloſter. So wenig die frommeu Jungfrauen ſich in die Dinge der Welt zu miſchen pfleg⸗ ten, ſo waren doch die Ereigniſſe, welche um ſie her vor⸗ fielen, ſo ernſter Natur, daß ſie den Gegenſtand aller Geſpräche bildeten, und daß alle Diener des Kloſters den Neuigkeiten nachſpürten. Man ſagte, was folgt: Der Bruder des Königs, Monſeigneur Gaſton von Orleans, habe ſeine Vereinigung mit dem Marſchall Herzog von Montmorency bewerkſtelligt, und ihm zweitauſend Mann, welche er im Fürſtenthum Trier ausgehoben, zugebracht, was mit den viertauſend Mann, die Herr von Montmo⸗ rency ſchon hatte, eine Geſammtſumme von ſechstauſend Soldaten gab.. Mit dieſen ſechstanſend Mann hielt er Lodéève, Albi, Uzès, Alais, Lunel und Saint⸗Pons, wo ich mich be⸗ fand, in ſeinen Händen. Nimes, Toulouſe, Carcaſſonne und Bezieres hatten ſich, obgleich von Proteſtanten be⸗ völkert, geweigert, ſich ihm anzuſchließen. Man ſagte auch, zwei Heere marſchiren gegen die SͤHU USSSͤ =—S= —* 41 Armee des Herzogs von Montmoreney. Das eine kam über den Pont⸗Saint⸗Esprit und wurde vom Marſchall Schomberg commandirt. Außerdem hatte es der Cardinal für nöthig er⸗ achtet, daß ſich Ludwig XIII. dem Kriegsſchauplatze nä⸗ herte, und er war, wie man verſicherte, in Lyon ange⸗ kommen. Ein Brief, den man mir von Valence brachte, beſtätigte nicht nur dieſe Nachricht, ſondern theilte mir auch mit, mein Vater, der Baron von Lautrec, befinde ſich bei ihm. Dieſer Brief war von meinem Vater ſelbſt. Er er⸗ öffnete mir den zwiſchen ſeinem alten Freund, dem Gra⸗ fen von Pontis, und ihm gefaßten Entſchluß, die Bande der Freundſchaft und Verwandtſchaft, welche die zwel Häuſer vereinigten, dadurch, daß er mich mit dem Vi⸗ comte von Pontis vermählen werde, noch enger zu knüpfen. Ich hatte mit Euch, wie Ihr Euch erinnert, ſchon von dieſem Heirathsplan geſprochen, und damals ſagtet Ihr zu mir:„Laßt mir noch drei Monate; während dieſer drei Monate koͤnnen große Ereigniſſe in Erfüllung gehen, Ereigniſſe, welche viele Geſchicke ändern werden. Laßt mir noch drei Monate, und ich bitte den Baron von Lau⸗ trec um Eure Hand.“ Mit der Qual, Euch unter denjenigen zu wiſſen, welche mein Vater die Rebellen nannte, verband ſich alſo die Furcht, einen Haß ſich erheben zu ſehen zwiſchen Eurem Hauſe und dem meines Vaters, der ein ſo ge⸗ treuer und redlicher Diener des Königs war, daß er den Cardinal und ihn in einer und derſelben Bewunderung vermengte, und daß er wenigſtens einmal im Tage ſagte, was der König einmal in der Woche ſagte:„Wer den Herrn Cardinal nicht liebt, liebt den Koͤnig nicht.“ Am 23. Auguſt erſchien ein Beſchluß, der den Her⸗ zog von Montmoreney aller ſeiner Ehren und Würden verluſtig erklärte und die Confiscation ſeiner Güter an⸗ 42 ordnete, und zugleich erhielt das Parlament von Toulouſe den Befehl, ihm den Proceß zu machen. Am andern Tag verbreitete ſich das Gerücht, die gleiche Erklärung ſei in Betreff Eurer, obgleich Ihr ein Koͤnigsſohn, und in Betreff des Herrn von Rieux er⸗ ſchienen. Denkt Euch, wie mein armes Herz bei allen dieſen Gerüchten erſchüttert wurde. Am 24. ſah ich im Saint⸗Pons einen Emiſſär des Cardinals paſſiren; er hatte, wie man ſagte, Herrn von Montmorency Friedensvorſchläge zu machen. Ich bewog meine Tante, ihm Erfriſchungen anbieten zu laſſen. Er nahm es an und verweilte einen Augenblick im Sprachzimmer. Ich ſah ihn, ich befragte ihn. Was man geſagt hatte, entſprach der Wahrheit. Ich hatte einige Hoffnung. Dieſe Hoffnung vermehrte ſich noch, als ich erfuhr, der Erzbiſchof von Narbonne, ein vertrauter Freund von Herrn von Montmorency, habe ſich auch in der Abſicht, den Marſchall⸗Herzog zum Niederlegen der Waffen zu veranlaſſen, nach Carcaſſonne begeben. Die Vorſchläge, die er dem Gouverneur des Languedoc zu machen hatte, ſollten ſehr annehmbar und ſogar vortheilhaft für ſein Vermögen und für ſeine Ehre ſein. Bald verbreitete ſich das Gerücht, der Marſchall⸗ Herzog habe Alles ausgeſchlagen. Was Euch betrifft, denn Ihr begreift, daß man viel von Euch ſprach, und das war zugleich ein Grund des Schreckens und des Troſtes für mich, was Euch betrifft, ſo ſagte man, es ſei Euch ein Brief vom Cardinal ſelbſt geſchrieben worden, doch Ihr habet erwiedert, Euer Wort ſei ſeit langer Zeit Monſieur verpfändet, und Monſteur allein koͤnne Euch Euer Wort zurückgeben. Ach! feig und ſelbſtſüchtig, gab er es Euch nicht zurück. Am 29. erfuhren wir, das Heer von Herrn von SESS=S „n 282— —————+ 43 Schomberg und das von Herrn von Montmorency ſtehen einander gegenüber. Der alte Marſchall vergaß indeſſen nicht, daß Herr von Richelieu nur ein Miniſter war und fallen konnte, daß der Koͤnig nur ein Menſch war und ſterben konnte. Dann wurde Monſieur, derjenige, gegen welchen er marſchirte, und in dieſem Augenblick der Prä⸗ ſumtiverbe der Krone, König von Frankreich. Er eröffnete alſo mit Monſieur eine neue Unterhandlung und ſchickte Herrn von Cavoie zum Parlamentiren ab. Wir wußten dies Alles. Meine Seele hing ſich an jede Hoffnung an, die ſie zum Himmel emporhob. Ich wartete ängſtlich auf die letzte Antwort von Herrn von Montmorency. War es Verzweiflung, war es Hochmuth, auf ſeine Tapferkeit vertrauend, antwortete der Unglückliche, wie Ihr wißt: „Kämpfen wir zuerſt, nach der Schlacht wird man parlamentiren.“ Von da war jede Hoffnung auf eine gütliche Bei⸗ legung verloren, und da ein Sieg des Herzogs von Mont⸗ morency allein Euch retten konnte, ſo vergaß ich meine Pflichten als Tochter, ich vergaß meine Pflichten als Unterthanin, und am Fuße der Altäre niedergeworfen, betete ich zu dem Gott der Heere, er möge einen günſtigen Blick dem Sieger von Vellano und dem Sohne des Siegers von Jory zuwenden. Von dieſem Augenblick an wartete ich nur noch auf eine Nachricht: auf die von der Schlacht. Ach! am 1. September, um fünf Uhr Abends, kam dieſe Nachricht, entſetzlich, unſelig, verzweiflungsvoll. Die Schlacht war verloren. Der Marſchall⸗Herzog war gefangen genommen, und Ihr waret, wie die Einen ſagten, auf den Tod verwundet, wie die Andern ſagten, todt!.. Ich verlangte nicht mehr; ich ließ den Gärtner ho⸗ len, den ich zum Voraus für mich gewonnen hatte, be⸗ 44 auftragte ihn, ſich zwei Pferde zu verſchaffen und mich bei Einbruch der Nacht vor der Gartenthüre zu er⸗ warten. Als es Nacht geworden war, ging ich hinab; wir ſtiegen zu Pferde, ritten längs der Baſe der Berge hin, ſetzten über ein paar Bäche, ließen das Doͤrfchen la La⸗ viniére zu unſerer Linken, und hielten um acht Uhr Abends in Cannes an. Mein Pferd hatte ſich verwundet und hinkte; ich vertauſchte es gegen ein neues Pferd und zog während dieſer Zeit Erkundigungen ein. Man ſagte, Herr van Montmorency ſei todt, und ebenſo auch Herr von Rieux. Ueber Euch ſchwebten die Berichte immer noch; nach der Behauptung der Einen waret Ihr todt, nach der der Andern auf den Tod ver⸗ wundet. Waret Ihr auf den Tod verwundet, ſo wollie ich Euch die Augen ſchließen; waret Ihr todt, ſo wollte ich Euch in Euer Leichentuch hüllen. Wir brachen gegen halb neun Uhr wieder von Can⸗ nes auf und ritten querfeldein, ohne einer Straße zu folgen; der Gärtner war von Saiſſac und kannte die Gegend; wir ritten gerade Montolieu zu. Das Wetter war durchaus dem in der Nacht, wo wir uns trennten, ähnlich; ſchwarze Wolken wälzten ſich am Himmel hin, der Sturmwind pfiff in den Oliven⸗ bäumen,— ein heißer, ſchwerer, erſtickender Wind, der von Zeit zu Zeit inne hielt, um ſenkrecht große Regentropfen fallen zu laſſen; der Donner rollte hinter Caſtel⸗ naudary. Wir ritten in Montolieu nur durch, ohne anzuhalten. Jenſeits dieſes Städtchens trafen wir die erſten Poſten von Herrn von Schomberg. Ich erneuerte meine Frage. Der Kampf hatte Morgens gegen elf Uhr begonnen und ungefähr bis ein Uhr gedauert. Kaum hundert Perſonen waren getodtet worden. ——— — 2ann a dAͤESͤS —,00 ——O——„—,— 45 Ich fragte, ob Ihr unter dieſer Zahl wäret, man erkundigte ſich. Ein Soldat von der verlorenen Mannſchaft ſagte, er habe Euch fallen ſehen. Ich ſchickte nach ihm; er hatte allerdings einen Anführer fallen ſehen, war aber nicht ſicher, ob Ihr es geweſen. Ich wollte ihn mitneh⸗ men, er konnte aber nicht kommen, weil er auf der Wache war. Nur gab er dem Gärtner alle Auskunft. Es war der Graf von Moret geweſen, der den Feind zuerſt angegriffen hatte, und war er getoͤdtet worden, ſo hatte ihn ein Officier von den Carabinieren, Namens Biteran, getödtet. Ich vernahm alle dieſe Umſtände mit einem eiskalten Schauder; meine Bruſt war gepreßt, daß ich nicht ſpre⸗ chen konnte, und Schweißtropfen ſo groß als meine Thränen rollten über mein Geſicht und vermengten ſich mit dieſen. Wir begaben uns wieder auf den Weg; wir hatten zwoͤlf bis dreizehn Meilen in fünf Stunden gemacht; da ich jedoch mein Pferd in Cannes gewechſelt hatte, ſo konnte ich Caſtelnaudary erreichen; fiel das des Gärtners unter Weges, ſo verſprach er mir, ſich an der Mähne des meinigen feſtzuhalten und mir ſo zu folgen. Aber wir aus Montolieu wegritten, geriethen wir in einen Wald, der bewacht war. Wir gaben uns zu er⸗ kennen. Man führte uns an den Rand des Bernaſſonne⸗ Baches, den wir durchwateten, ſowie zwei andere Bäche, welche wir noch auf unſerem Wege fanden. Zwiſchen Ferrais und Vilespy fiel das Pferd des Gärtners und konnte nicht mehr aufſtehen; doch glücklicher Weiſe waren wir beinahe an Ort und Stelle: wir erblickten die Bi⸗ vouaes des koͤniglichen Heeres und auf den Wiesgründen, wo der Kampf ſtattgefunden hatte, umherirrende Lichter. Mein Reiſegefährte ſagte mir, dieſe Lichter ſeien die der Soldaten, welche ohne Zweifel die Todten zu beerdigen ſich anſchickten. Ich bat ihn, ſeine Kräfte zum letzen Mal anzuſtrengen, um mir zu folgen, drückte 46 die Sporen in den Bauch meines Pferdes, das ſelbſt dem Fallen nahe war, und wir kamen am letzten Feuer des Lagers vorbei. Wir hatten das Dorf Saint⸗Papoul zu unſerer Rechten gelaſſen, als mein Pferd ſich bäͤumte. Ich neigte mich und ſah eine ungeſtalte Maſſe: es war ein todter Soldat. Ich hatte an den erſten Leichnam geſtoßen. Ich ſprang von meinem Pferde, das ich dem Zufall überließ. Ich war an Ort und Stelle.— Der Gärtner lief zu den Fackeln und den uns am nächſten Gruppen. Ich ſetzte mich auf einen Erdhügel und wartete. Der Himmel war immer noch verdüſtert durch große ſchwarze Wolken, der Donner rollte fortwährend im Weſten, einige Blitze erleuchteten von Zeit zu Zeit das Schlachtfeld. Der Gärtner kam mit einer Fackel und einigen Soldaten. Er hatte ſie beim Ausgraben einer großen Grube gefunden, in welche alle Leichname hineingeworfen werden ſollten, doch noch hatte man keinen hineingeworfen. Hier erhielt ich allmälig beſtimmtere Nachrichten: Herr von Montmoreney war, obgleich von zwölf Wunden be⸗ deckt, nicht todt, ſondern gefangen genommen worden; man hatte ihn zuerſt in eine Meierei, eine Viertelmeile vom Schlachtfeld, gebracht; hier hatte er dem Feldprediger von Herrn von Schomberg gebeichtet, wonach er vom Wundarzt der Chevaulegers verbunden und endlich auf einer Leiter nach Caſtelenaudary getragen worden war. Herr von Rieux war todt; man hatte ſeinen Koͤrper aufgefunden. Was Eunch betrifft, ſo hatte man Euch vom Pferde fallen ſehen, doch man konnte nicht ſagen, was aus Euch geworden. ſe 47 Ich fragte, wo man Euch habe fallen ſehen; man ſagte mir, es ſei im Hinterhalte geſchehen. Die Soldaten wollten wiſſen, wer ich ſei. „Schaut mich an und errathet,“ ſprach ich. Das Schluchzen erſtickte mich, die Thränen rieſelten über mein Geſicht. „Arme Frau,“ ſagte einer von ihnen,„ſie liebt ihn!“ Ich ergriff die Hand dieſes Mannes, ich hätte ihn umarmt. „Komm mit mir zurück und hilf mir ihn todt oder lebendig auffinden,“ ſagte ich zu ihm. „Wir werden Euch helfen,“ erwiederten ein paar Soldaten. Dann ſagten ſie zu einem von ihnen: „Gehe voran.“ Derjenige, welchen man zu unſerem Führer gewählt hatte, nahm die Fackel und leuchtete uns. Ich folgte ihm. Einer von ihnen bot mir an, ich möge mich auf ihn ſtützen. „Ich danke,“ erwiederte ich,„ich bin ſtark.“ Ich fühlte in der That keine Müdigkeit, und mir ſchien⸗ als hätte ich bis an das Ende der Welt gehen nnen. Wir machten ungefähr dreihundert Schritt; von zehn zu zehn Schritten lag ein Leichnam, bei jedem Leich⸗ nam wollte ich ſtehen bleiben, um zu ſehen, ob Ihr es nicht wäret; doch die Soldaten trieben mich vorwärts und ſagten: „Es iſt nicht hier, Madame.“ Endlich kamen wir zu einem von mehreren Oliven⸗ bäumen bekränzten Hohlweg; ein Bach lief durch die Tiefe dieſes Hohlwegs. „Hier iſt es,“ ſagten die Soldaten. 48 Ich fuhr mit der Hand über meine Stirne; ich wankte und fühlte mich einer Ohnmacht nahe. Wir fingen damit an, daß wir auf der Höhe ſuch⸗ ten; es lag hier ein Dutzend Leichname; ich nahm die Fackel aus den Händen desjenigen, welcher ſie trug, und ſenkte ſie gegen den Boden. Einen nach dem andern, unterſuchte ich alle Leich⸗ name; zwei hatten das Geſicht gegen die Erde gekehrt. Einer von dieſen zwei Männern war ein Officier; er hatte ſchwarze Haare wie Ihr; ich ließ ihn auf den Rücken umwenden und ſtreifte ſeine Haare auf die Seite: Ihr waret es nicht. Plötzlich ſtieß ich einen Schrei aus. Ich bückte mich, ich hatte Euren Hut erkannt und hob ihn auf. Die Federn waren die, welche ich ſelbſt daran befeſtigt hatte; ich konnte mich nicht täuſchen. Hier waret Ihr gefallen; nur fragte es ſich, waret Ihr todt oder verwundet gefallen? Die Soldaten, die mich begleiteten, ſprachen leiſe mit einander. Ich ſah einen von ihnen die Hand in der Richtung des Baches ausſtrecken. „Was ſagt Ihr?“ fragte ich ſie. „Madame,“ erwiederte derjenige, welcher den Arm ausgeſtreckt hatte,„wir ſagen, wenn man verwundet ſei, beſonders durch einen Schuß, ſo habe man Durſt. Iſt der Graf von Moret nur verwundet worden, ſo wird er ſich vielleicht, um zu trinken, zu dem Bache geſchleppt haben, der unten durch dieſe Schlucht läuft.“ „Oh!“ rief ich,„das iſt eine Hoffnung. Kommt!“ Und ich ſtürzte durch die Olivenbäume. Der Ab⸗ hang war jäh. Ich bemerkte es nicht. Ceres, als ſie mit der Fackel in der Hand die verlorene Proſerpina ſuchte, ging, obgleich ſie eine Goͤttin war, nicht mit raſcherem und ſichererem Schritt als ich. In einem Augenblick war ich am Rande des Baches. Zwei bis drei Soldaten hatten es in der That verſucht, 4 49 ihn zu erreichen. Der Eine war auf dem Wege geſtor⸗ ben. Der Zweite hatte ihn mit der Hand erreicht, aber nicht weiter gehen können. Der Dritte hatte den Kopf im Bache ſelbſt und war beim Trinken geſtorben. Einer von dieſen drei Koͤrpern ſtieß einen Seufzer aus. Ich lief zu ihm. Es war der Mann, der den Bach mit der Hand erreicht hatte, doch nicht mit dem Munde hatte erreichen koͤnnen. Er lag in Ohnmacht. Die Kühle der Nacht oder ein Wunder des Him⸗ mels brachte ihn wieder zum Bewußtſein. Ich kniete nie⸗ der, ich beleuchtete ſein Geſicht mit der Fackel und ſtieß einen Schrei aus. Es war Euer Stallmeiſter Armand. Bei dieſem Schrei öffnete er die Augen und ſchaute mich mit verdutzter Miene an. „Zu trinken!“ forderte er. Ich ſchoͤpfte Waſſer in Euren Hut und wollte ihm denſelben reichen. Ein Soldat hielt mich zurück, „Gebt ihm nicht zu trinken,“ ſagte er mir in's Ohr. „Man ſtirbt zuweilen, indem man trinkt.“ „Zu trinken!“ wiederholte der Sterbende. „Ja,“ erwiederte ich,„Ihr ſollt zu trinken bekom⸗ men, doch ſagt mir zuvor, was aus dem Grafen von Moret geworden iſt.“ Er ſchaute mich noch ſtarrer an, als er es vorher gethan hatte, und erkannte mich. „Fräulein von Lautrec!“ murmelte er. „Ja, ich bin es, Armand,“ erwiederte ich.„Ich ſuche Curen Herrn, wo iſt er? wo iſt er?“ „Zu trinken!“ forderte der Verwundete mit ſterben⸗ der Stimme. Ich erinnerte mich, daß ich in meiner Taſche ein Fläſchchen Meliſſengeiſt hatte. Ich goß ihm ein paar Tropfen davon auf die Lippen. Er ſchien ſich ein wenig wieder zu beleben. Die Taube. 4 50 1„Wo iſt er, in des Himmels Namen?“ fragte ich n.— „Ich weiß es nicht,“ antwortete er. „Habt Ihr ihn fallen ſehen?“ „Ja.“ „Todt oder verwundet?“ „Verwundet.“ „Was iſt aus ihm geworden?“ „Man hat ihn weggetragen.“ „In welcher Richtung?“ „In der Richtung von Fondeille. „Die Leute des Königs oder die Leute von Herrn von Montmorency?“ „Die Leute von Herrn von Montmorency.“ „Hernach?“ „Ich weiß von dieſem Augenblick an nichts mehr. Ich war ſelbſt verwundet, mein Pferd wurde unter mir getödtet, und ich fiel. Sobald es Nacht geworden, ſchleppte ich mich bis hierher, denn ich hatte Durſt. Als ich zum Bache kam, wurde ich ohnmächtig, ohne ihn erreichen zu können. Zu trinken! zu trinken!“ „Gebt ihm nun zu trinken,“ ſprach der Soldat. „Er hat geſagt, was er wußte.“ Ich ſchoͤpfte Waſſer in Eurem Hut, die Soldaten hoben ihm den Kopf in die Höhe, ich hielt das Waſſer an ſeine Lippen, er trank gierig drei bis vier Schlücke, dann warf er ſich rückwärts, ſtieß einen Seufzer aus und erſtarrte. Er war todt. „Ihr ſeht, daß Ihr wohl daran gethan habt, ihn ſprechen zu laſſen, ehe Ihr ihm zu trinken gegeben,“ ſagte der Soldat, während er den Kopf des armen Armand, der ſchwerfällig zur Erde niederſiel, losließ. Ich blieb einen Augenblick ſtumm und rang faſt un⸗ empfindlich vor Schmerz die Hände. fre tun der gib errn 51 „Was machen wir nun, Madame?“ fragte der Gärtner. „Weißt Du, wo Fondellle liegt?“ „Ja.“ „Gehen wir nach Fondeille.“ Dann wandte ich mich gegen die Soldaten um und fragte: „Wer kommt mit mir?“ „Wir!“ erwiederten ſie alle Drei. „Kommt alſo.“ Wir kletterten bis zu der Anhöhe des Hohlwegs hin⸗ auf und ſtiegen dann zu den Wiesgründen hinab. Ein Officier machte eine Runde an der Spitze von einem Dutzend Soldaten; meine Gefährten ſchauten ſich an und ſprachen leiſe mit einander. „Was ſagt Ihr?“ fragte ich. „Wir ſagen, dort ſei ein Officier, der Euch Aus⸗ kunft geben könnte.“ „Welcher?“ „Jener dort.“ Und ſie deuteten auf den Kapitän, der die Runde führte. „Und warum koͤnnte er mir Auskunft geben?“ „Weil er ſich gerade hier geſchlagen hat.“ „So laßt uns zu ihm gehen.“ Und ich machte einige raſche Schrittte in der Rich⸗ tung des Officiers. Ein Soldat hielt mich zurück. „Aber,“ ſagte er,„das iſt...“ „Warum haltet Ihr mich zuruck?“ fragte ich. „Wollt Ihr um jeden Preis Auskunft haben,“ ſagte dirt Sudm,„wer auch derjenige ſein mag, der ſie Euch „Wer es auch ſein mag.“ „Dann werde ich den Kapitän rufen.“ Und er machte auch einige Schritte vorwärts. 52 „Kapitän Biteran!“ rief er. Der Officier blieb ſtehen und verſuchte es, die Fin⸗ ſterniß mit dem Blicke zu durchdringen. „Wer ruft mich?“ fragte er. cier.“ „Wer 24 „Eine Dame.“ fel Pine Dame, zu dieſer Stunde auf dem Schlacht⸗ elde?“ „Warum nicht, mein Herr, wenn dieſe Frau auf das Schlachtfelv kommt, um denjenigen zu ſuchen, welchen ſie liebt, um ihn zu pflegen, wenn er verwundet iſt, um ihn zu begraben, wenn er todt iſt?“ Der Officier kam näher herbei: es war ein Mann von dreißig Jahren. Als er mich erblickte, nahm er ſei⸗ nen Hut ab, und ich ſah ein ſanftes, edles Geſicht, um⸗ rahmt von blonden Haaren. „Wen ſucht Ihr, Madame?“ fragte er mich. „Anton von Bourbon, den Grafen von Moret,“ ant⸗ wortete ich. Der Officier ſchaute mich aufmerkſamer an, als er zuvor gethan. Dann ſagte er leicht erbleichend und mit bebender Stimme: „Den Grafen von Moret? Ihr ſucht den Grafen von Moret?“ „Ja, den Grafen von Moret; dieſe braven Leute ha⸗ ben mir geſagt, beſſer als irgend Jemand könntet Ihr mir ſichere Kunde über das, was ihm begegnet iſt, geben.“ „Man moͤchte gern mit Euch ſprechen, mein Offi⸗ Er ſchaute die Soldaten an, und ſein Blick ſchleu⸗ derte eine doppelte Flamme unter ſeinen zuſammengezoge⸗ nen Brauen hervor. „Ah! mein Kapitän,“ ſagte einer von ihnen,„es iſt der Bräutigam von dieſer Dame, und ſie will wiſſen, was aus ihm geworden iſt.“ 8 „Mein Herr, in des Himmels Namen!“ rief ich, 53 „Ihr habt den Grafen von Moret geſehen, Ihr wißt etwas von ihm; ſagt mir, was Ihr von ihm wißt.“ „Madame, vernehmet, was ich weiß: Man hatte mich mit einer Compagnie Carabiniere abgeſchickt, um den Hinterhalt zu maskiren, der dort im Hohlweg lag; wir ſollten uns, nachdem wir eine Salve gegeben, zurück⸗ ziehen, um den Feind vordringen zu laſſen. Der Herr Graf von Moret, dem daran lag, ſeinen Muth zu zeigen, da er nie in einem Treffen geweſen war, chargirte ver⸗ wegen auf uns und fing den Angriff damit an, daß er mit der Piſtole nach.... bei meiner Treue! Madame, ich ſehe nicht ein, warum ich lügen ſollte.... daß er nach mir ſchoß. Die Piſtolenkugel ſchnitt die Feder an meinem Hute ab. Ich feuerte dagegen und hatte das Unglück, richtiger zu ſchießen.“ Ich ſtieß einen Schreckensſchrei aus, „Ihr habt es gethan!“ rief ich, einen Schritt zu⸗ rückweichend. „Madame,“ ſagte der Kapitän,„der Kampf iſt ein redlicher geweſen. Ich glaubte es nur mit einem einfa⸗ chen Officiere des Marſchall⸗Herzogs zu thun zu haben. Hätte ich gewußt, daß derjenige, welcher mich angriff, ein Prinz war, und daß dieſer Prinz der Sohn von Köͤ⸗ nig Heinrich IV., ſo hätte ich ihm eher mein Leben zu ſeiner Verfügung überlaſſen, als nach dem ſeinigen ge⸗ trachtet. Doch erſt als er fiel, hörte ich ihn rufen:„„Zu Hülfe Bourbon! und da vermuthete ich, daß ein großes Unglück geſchehen ſei.“ 3 „Ohl ja,“ rief ich,„ein großes Unglück. Doch iſt er todt?“ „Ich weiß es nicht, Madame. In dieſem Augenblick begann das Musketenfeuer, meine Carabiniere wichen zu⸗ rück, nach dem Befehl, den ſie erhalten, ich wich mit ih⸗ nen zurück und ſah, daß man den Grafen ganz blutig und ohne Hut wegtrug.“ „Oh! ſein Hut, er iſt hier!“ erwiederte ich. 54 Und ich drückte ihn leidenſchaftlich an meine Lippen. „Und nun,“ ſagte der Kapitän mit einem Schmerz, der nicht geheuchelt war,„gebt mir Eure Befehle. Wie kann ich, nachdem ich ein ſo großes Unglück verurſacht, ich will nicht ſagen, es ſühnen, aber Euch bei Euren Nachforſchungen nützlich ſein? Sprecht, und ich werde Alles in der Welt thun, um Euch zu unterſtützen.“ „Ich danke, mein Herr,“ antwortete ich, indem ich meine Selbſtbeherrſchung wiederzuerlangen ſuchte,„doch ihr vermöget nichts für mich, als mir die Richtung zu bezeichnen, in der man den Grafen weggebracht hat.“ „In der Richtung von Fondeilles, Madame,“ er⸗ wiederte er;„doch zu größerer Sicherheit ſchlagt den Weg ein, den Ihr hundert Schritte von hier zu Eurer Rechten finden werdet; nach einer Viertelmeile trefft Ihr ein Haus, wo Ihr Euch erkundigen koͤnnt.“ „Es iſt gut,“ ſagte ich zum Gärtner.„Ihr begreift, nicht wahr?“ „Ja, Madame.“ „Vorwärts!“ „Ich koͤnnte Madame Pferde anbieten?“ bemerkte, ſchüchtern der Officier. „Ich danke Euch, mein Herr,“ erwiederte ich,„ich habe Euch Alles gefragt, was ich von Euch zu wiſſen wünſchte, und Ihr habt mir alle Dienſte geleiſtet, die Ihr mir leiſten konntet.“ Ich theilte eine Handvoll Louis d'or unter die drei Soldaten aus. 3 Zwei entfernten ſich, der dritte aber wollte mich durchaus bis zu dem bezeichneten Hauſe geleiten. Ich ging raſch in der Richtung dieſes Hauſes. Doch ich konnte dem Wunſche nicht widerſtehen, mich umwen⸗ dend zum letzten Mal den durch Euer Blut geheiligten Boden zu grüßen, und ich ſah, daß der Kapitän unbe⸗ weglich an dem Platze ſtand, wo ich ihn verlaſſen hatte, und mir mit ſeinen Augen nachſchaute, wie ein Menſch, och en⸗ ten be⸗ tte, ſch, 5⁵ den eine völlige Erſchlaffung ſeines ganzen Weſens betrof⸗ een hat. Wir kamen zu dem Hauſe. Die ganze Straße ent⸗ lang hatten wir am Wege liegende Leichname gefunden, doch ich war ſchon an dieſes Schauſpiel gewöhnt, und ich ging feſten Schrittes beinahe auf den Menſchen in dem mit Blut beſudelten Graſe, das bis zu meinen Knieen emporſtieg. Wir erreichten das Haus; es war mit Verwundeten beider Parteien angefüllt, die man auf das auf dem Bo⸗ den ausgebreitete Stroh gelegt hatte. Ich drang in die⸗ ſes Aſyl der Schmerzen ein; ich befragte die Sterbenden mit der Stimme, wie ich die Todten mit dem Blicke befragt hatte; auf meine inſtändige Bitte erhob ſich ein Sterbender auf den Ellbogen. „Der Graf von Moret?“ ſagte er,„ich habe ihn im Wagen von Monſieur vorbeikommen ſehen.“ „Todt oder verwundet?“ fragte ich. „Verwundet,“ erwiederte der Sterbende. t dan Gott!“ rief ich,„und wohin führte man n 4 „Ich weiß es nicht, ich habe nur einen Namen nen⸗ nen hören. „Welchen?“ „Den von Frau von Ventadour, und der Wagen hat einen Querweg eingeſchlagen.“ „Ja, ich begreife; er wird ſich haben zu Frau von Ventadour in die Abtei Prouille führen laſſen; ſo iſt es; ich danke, mein Freund.“ Und ich hinterließ ihm ein paar Louis d'or, ging hinaus und ſagte zum Gärtner: „Nach der Abtei Prouille.“ Die Abtei Prouille lag ungefähr zwei Meilen von dem Orte, wo wir uns befanden. Das Pferd des Gärt⸗ „ners war aus Ermattung gefallen, ich hatte das meinige auf dem Grunde des Schlachtfeldes gelaſſen. Es war 56 unmöglich, ſich einen Wagen oder auch nur einen Karren zu verſchaffen. Ueberdies hätten alle Nachſuchungen Zeit weggenommen. Ich fühlte mich nicht müde, und wir gin⸗ gen zu Fuße weiter. Kaum hatten wir eine Viertelmeile zurückgelegt, als der Regen zu ſtrömen anfing und ein bis dahin verhaltener Sturm brach los. Doch ich war ganz und gar nur mit Euch beſchäftigt, fühlte nicht den Regen, hörte nicht den Sturm und ſetzte meine Wanderung unter den Waſſer⸗ güſſen, die um mich her niederſtürzten, beim Scheine der Blitze, welche die Landſchaft zuweilen beleuchteten, daß man ſie wie am hellen Tage ſah, fort. Wir kamen an einer großen Eiche vorüber. Der Gärtner flehte mich an, ich möchte mich einen Augenblick darunter ſtellen und unter dieſem Obdach warten, bis ſich der Sturm beſänf⸗ tigt hätte; ich ſchüttelte den Kopf und ging weiter, ohne zu antworten; eine Minute nachher ſchlug der Blitz in die Eiche, zerſchmetterte ſie in Stücke und verzehrte die Trümmer. Ich begnügte mich, ihm mit der Hand zu bezeichnen, was geſchehen war. „Es iſt wahr, edle Frau,“ ſagte er,„Ihr werdet vom Himmel beſchützt, und da Gott Euch die Kraft gibt, ſo laßt uns gehen.“ Wir gingen noch ungefähr eine Stunde. Nach einer Stunde zeigte uns ein Blitz die Abtei, das Ziel unſerer Wanderung. Ich verdoppelte die Schritte, und wir kamen an Ort und Stelle. Alles ſchlief in der Abtei oder ſtellte ſich ſchlafend. Ich habe ſeitdem immer dem ſo tiefen Schlafe der Pfoͤrt⸗ nerin, der Schweſtern und der Aebtiſſin ſelbſt mißtraut. 4 Man öffnete mir endlich, jedoch mit tauſend Vor⸗ 3 ſichtsmaßregeln. Als man uns klopfen hörte, hatte man offenbar den Beſuch eines verirrten Corps oder einer räu⸗ beriſchen Horde hefürchtet. Ich gab mich ſchleunigſt zu erkennen und erkundigte mich ſogleich nach Euch. — 57 Die Schweſter Pförtnerin wußte nicht, was ich mit meiner Frage wollte; ſie behauptete, Euch nicht geſehen, nicht einmal vernommen zu haben, daß Ihr verwundet worden. Ich verlangte Frau von Ventadour zu ſprechen. Man fuͤhrte mich zu ihr. Ich fand ſie ganz angekleidet. Bei dem Lärmel, den wir gemacht, hatte ſie ſich, da ſie nicht wußte, wer ihn machte, angekleidet. Ich konnte bemerken, daß ſie bleich war und zitterte. Sie ſchob dieſe Bläſſe und dieſes Zittern auf den Umſtand, ſie habe, als ſie klopfen gehoͤrt, bange gehabt, 8 Klopfenden werden Soldaten mit ſchlechten Abſichten ein. Ich beruhigte ſie und ſagte ihr, wie ich von Saint⸗ Pons aufgebrochen, wie ich auf dem Schlachtfelde ange⸗ kommen ſei, wie ich den Platz, wo Ihr gefallen, aufge⸗ funden habe. Ich zeigte ihr Euren Hut, den ich immer noch krampfhaft in meiner Hand hielt. Ich erzählte ihr, welche Kunde mir der Sterbende gegeben, und beſchwor ſie ſchließlich in Namen des Himmels, mir zu ſagen, was ſie von Euch wüßte. Sie antwortete mir, man habe mich ohne Zweifel getäuſcht, oder der Wagen, nachdem er den Weg zu der Abtei eingeſchlagen, habe ſich rechts oder links auf einem nach dieſer Straße ausmündenden Wege verirrt; ſie habe much nicht geſehen und nicht einmal von Euch ſprechen ren. Ich ließ meine Arme fallen und ſank auf ein Ruhe⸗ bett, das in der Nähe ſtand; meine Kräfte hatten mich mit der Hoffnung verlaſſen. Die Aebtiſſin rief ihre Frauen, man ſtreifte mir meine Kleider ab, die der Sturmregen an mich angeklebt hatte; meine Schuhe waren im Koth der Wege ſtecken ge⸗ blieben, und ich hatte, ohne es zu vermuthen, mehr als eine Meile mit bloßen Füßen gemacht; man brachte ein 58 Bad, ſetzte mich darein und es befiel mich eine ſchlaf⸗ artige Mattigkeit, welche einer Ohnmacht glich. Ich kam wieder zu mir, als ich ſagen hörte, man habe eine Carroſſe den Weg nach Mazores einſchlagen ſehen. Ich fragte, dieſe Kunde kam von einem Bauern, der am Abend Milch in das Kloſter gebracht hatte. Die Aebtiſſin bot mir, nicht bezweifelnd, ich wolle meine Nachforſchungen fortſetzen, ihren eigenen Wagen und ihre eigenen Pferde an. Ich nahm das an. Man brachte mir nun Kleider, denn als ich die erſten Strahlen des Tages erſcheinen ſah, wollte ich keinen Augenblick verlieren, um weiter zu ziehen; es war um ſo mehr moͤglich, daß Ihr Euch nach Mazores hattet führen laſſen, als Mazores ein befeſtigtes Schloß iſt, von dem man behauptete, es halte auf die Seite von Herrn von Montmorency. 3 Frau von Ventadour gab mir ihren eigenen Kutſcher, und wir fuhren ab. In Villeneuve⸗le⸗Comtat, in Payra, in Sainte⸗La⸗ mette erkundigten wir uns; es hatte nicht nur Niemand etwas geſehen, ſondern man wußte ſogar in dieſen drei Dörfern noch nicht einmal, daß das Treffen von Caſtel⸗ naudary ſtattgefunden. Wir verfolgten nichtsdeſtoweniger unſern Weg bis Mazéres. Hier mußten die Nachrichten beſtimmt ſein; die Thore waren bewacht, und diejenigen, welche ſie be⸗ wachten, gehörten Herrn von Montmorency an. Sie — hatten alſo keinen Grund, die Anweſenheit von Herrn von Moret unter ihnen zu verheimlichen. Wir kamen zu den Thoren; man hatte keine Carroſſe geſehen; man wußte nicht, daß der Graf von Moret verwundet war; wir brachten die erſte Nachricht vom Treffen bei Caſtelnaudary. Bald hatten wir den Beweis, daß dieſe Antwort der Wahrheit entſprach; denn es ſprengte ein Officier mit — nit 59 verhängten Zügeln herbei und verkündigte im Auftrage von Monſieur, Herr von Montmorency ſei gefangen, Herr von Rieur verwundet; kurz Alles ſei verloren, und Jeder habe nur an ſich zu denken. Von da an beſchäftigte man ſich nicht mehr mit uns und antwortete nicht mehr auf unſere Fragen. Ich hatte Eure Spur völlig verloren, und wir fingen an auf den Zufall zu ſuchen: wir umzogen den Schau⸗ platz der Ereigniſſe mit einem großen Kreiſe, wie es die Jäger auf der Fährte des Wildes thun. Wir beſuchten Belpech, Cahuſac, Faujaux, Alzonnet, Conques, Peyrac; an keinem dieſer Orte fand ſich eine Spur von Eurem Durchzug; zwiſchen Fondeille und der Abtei war Euer Wagen wie eine Viſion verſchwunden. In Peyrac fand ich den Intendanten unſeres Hauſes in Valence. Mein Vater hatte ankündigen laſſen, er werde zwei bis drei Monate im Schloſſe zubringen. Man hatte Nachforſchungen nach mir unternommen und bat mich dringend, zu kommen. Ich hatte während der drei Wochen, die ich umher⸗ gefahren war, jede Hoffnung, Euch wiederzufinden, verlo⸗ ren, und kehrte in das Schloß zurück. Mein Vater kam am andern Tage an. Er fand mich ſterbend. Jedermann im Schloſſe hegte eine ſo tiefe Verehrung für mich, daß auf ein Wort, das der Intendant geſagt, Niemand von meiner Reiſe ſprach. Mein Vater kam zu mir und ſetzte ſich an mein Bett. Es iſt ein ernſter, ſtrenger Mann, wie Ihr wißt. Ich hatte mit ihm von meiner Liebe für Euch, von Eu⸗ rem Verſprechen, mein Gemahl zu werden, geredet. Die Ehre einer Verbindung mit Euch war ſo groß, daß er auf ſeinen Lieblingsplan, mich mit dem Vicomte von Pontis, dem Sohne ſeines alten Freundes, zu verheirathen, hatte verzichten müſſen. Doch ſobald Ihr todt, kehrte die⸗ 60 ſer Plan mit vermehrter Stärke und Wirklichkeit in ſei⸗ nen Geiſt zurück. Ueberdies hatte Ludwig XIII. mit ihm von dieſer Liebe ſeiner Tochter für einen Rebellen geſprochen. Lud⸗ wig XIII. war um ſo mehr gegen Euch aufgebracht, als Ihr ſein Bruder waret. Alle Eure Güter hatte man conſtscirt, und hätte man Euch nicht todt gewußt, ſo würde man Euch, obgleich Ihr ein Königsſohn, den Pro⸗ eeß gemacht haben, wie Herrn von Montmorency. Man mußte es alſo für ein Glück halten, daß Ihr geſtorben, auf dem Schlachtfelde geſtorben waret. Der bleiche Kapitän, den ich geſehen, den ich befragt, der Mörder, den ich verflucht hatte, und deſſen bleiches An⸗ tlitz mir in meinen Träumen mehrmals wiedererſchie⸗ nen iſt, dieſer Moͤrder hatte Euch vom Schaffot errettet. Ich horte traurig, düſter meinen Vater an und erkannte, daß er ſeinen Entſchluß gefaßt hatte. Der Herr Graf von Pontis, der im Heere des Marſchalls von Schom⸗ berg geſtritten hatte, ſtand ganz in Gnaden. Mein Va⸗ ter wurde für ſich und gegen mich den König und den Cardinal haben. Ich faßte auch meinen Entſchluß und verlangte drei Monate von meinem Vater, wobei ich mich verbindlich machte, nach Ablauf dieſer drei Monate, wenn ich keine Kunde von Euch hätte, oder wenn ſich Euer Tod beſtä⸗ tigen würde, dem Vicomte von Pontis in die Kirche zu folgen. Am 30. October ward Herr von Montmorency hin⸗ gerichtet.. Da ſegnete ich Euren Mörder, denn wenn ich Euch Alles das, was der arme Herzog litt, leidend gewußt hätte, ſo wäre ich geſtorben. Es war kein Zweifel mehr über Euch; Jeder ſagte, Ihr ſeiet getödtet worden. Ich war Witwe, ohne Gat⸗ tin geweſen zu ſein! Die drei Monate verliefen; am letzten Tag des drit⸗ — — 61 ten Monats erſchien mein Vater mit dem Vicomte von Pontis im Schloſſe. 3 Ich kannte die Pünktlichkeit meines Vaters und wollte ihn nicht warten laſſen. Er fand mich im Brautgewand. Es ſchlug eilf Uhr; der Prieſter erwartete uns in der Kirche: ich ſtand auf und ſtützte meinen Arm auf den meines Vaters. Der Graf von Pontis ging mit ſeinem Sohn hin⸗ ter uns. Fünf bis ſechs gemeinſchaftliche Freunde, ein Dutzend Bekannte und einige Diener folgten uns. Wir begaben uns nach der Kirche.* Mein Vater ſprach nicht mit mir; er ſchaute mich 3 an und wunderte ſich ſichtbar, daß er mich ſo ruhig and. Wie bei den Märtyrern, die zum Tode gehen, er⸗ leuchtete ſich mein Antlitz immer mehr, je näher ich dem Richtplatze kam. Als ich in die Kirche eintrat, war ich bleich, aber lächelnd; wie der vom Sturme verſchlagene Schiffbrüchige ſah ich den Hafen. Der Prieſter erwartete uns am Altar, wir näherten uns einander und knieten nieder. Ich hatte einen Au⸗ genblick befürchtet, bei dieſem Punkte angelangt, würde mich die Kraft verlaſſen. Ich dankte dem Herrn von ganzer Seele. Die Kraft war in mir. Der Prieſter fragte Herrn von Pontis, ob er mich zur Gemahlin nehme. „Ja,“ antwortete Herr von Pontis. 8 Er fragte ſodann auch mich, ob ich Herrn von Pon⸗ tis zum Gemahl nehme, Ich antwortete: „Mein Gemahl in dieſer Welt und in der andern 62² iſt mein goͤttlicher Erloͤſer Jeſus, und ich werde nie einen andern Gemahl haben.“ Ich ſprach dieſe Erwiederung mit ſo ruhiger und ſo feſter Betonung aus, daß die Anweſenden nicht ein Wort davon verloren. Herr von Pontis ſchaute mich mit erſchrockener Miene und als ob ich wahnſinnig geweſen wäre an. ein Vater machte einen Schritt vorwärts. Ich aber trat durch das Gitter ein, das mich vom Altar trennte. „Von dieſem Augenblick,“ rief ich, die Arme zum Himmel erhebend,„von dieſem Augenblick gehoͤre ich Gott, und Nieinand hat das Recht, mich zurückzufordern, als Gott!“ „ſabelle,“ rief mein Vater,„ſollteſt Du es wagen, meine Gewalt zu mißkennen?“ „Es gibt eine hoͤhere und heiligere Gewalt, als die Eurige, mein Vater,“ entgegnete ich ehrerbietig:„es iſt die von demjenigen, welcher mich den Glauben auf dem Wege des Unglücks hat finden laſſen. Mein Vater, ich bin nicht mehr von der irdiſchen Welt: betet für mich. Ich werde fuͤr Euch Alle beten.“ Mein Vater wollte auch in das Gitter eindringen, um mich dem Altar zu entreißen; doch der Prieſter ſtreckte ſeine beiden Arme gegen ihn aus. „Wehe,“ ſagte er,„wehe dem, der dem Beruf Ge⸗ walt anthut oder ihm in den Weg tritt. Dieſe Jung⸗ frau hat ſich Gott ergeben, ich nehme ſie im Hauſe Got⸗ tes als in einem heiligen Aſyle auf, welchem ſie gewalt⸗ ſam zu entreißen Niemand, nicht einmal ihr Vater das Recht hat!“ Mein Vater hätte ſich vielleicht nicht durch dieſe Drohung zurückhalten laſſen, aber der Graf von Pontis zog ihn fort. Der Vicomte und die andern Anweſenden folgten den Greiſen, und die Thüre ſchloß ſich hinter ihnen. 63 Der Prieſter fragte mich, wohin ich mich zurückzie⸗ hen wolle. Ich ließ mich in das Kloſter der Urſulinerin⸗ nen führen. Mein Vater reiſte auf der Stelle nach Paris ab, wo der Cardinal war. Doch er verlangte vom Cardinal nur ſo viel, daß ich erſt nach einem Jahr mein Gelübde ablegen koͤnnte. Dieſe Zeit verging. Am Ende eines Jahres und eines Tages nahm ich den Schleier. Das fſind vier Jahre her. Seit vier Jahren iſt kein Tag vergangen, ohne daß ich für Euch gebetet habe, wobei ich die Federn des Hu⸗ tes, den ich vom Schlachtfelde von Caſtelnaudary aufge⸗ hoben, die einzige Reliquie, die mir von Euch blieb, küßte. Ihr wißt nun Alles. Jetzt ſprecht Ihr, erzählt mir jede Sache im Ein⸗ zelnen; ſagt mir, durch welches Wunder Ihr lebt; ſagt mir, wie ich Euch wiederſehen kann. Sagt geſchwinde Alles dies, oder ich werde toll. Am 17. Mai, Morgens um vier Uhr. Neunzehnter Brief. Morgens um ſechs Uhr, ſogleich, nachdem ich Euren Brief geleſen. Gott hatte einen Moment ſeine Augen von uns ab⸗ gewendet, und während dieſes Moments iſt der Engel des znſen über unſere Häupter hingezogen und hat uns be⸗ rührt. Hoͤret alſo auch. Ihr wißt, was meine Verbindlichkeiten gegen meinen Bruder Gaſton waren. Ueberdies glaubte ich, für den Einen handelnd, für den Andern zu handeln. Der Mini⸗ ſter ſchien mir noch mehr auf dem König, als auf uns Allen zu laſten. 8 Ein ſolcher Druck war unerträglich für Söhne von Frankreich, und jeden Augenblick that der Cardinal dem Willen des Königs Gewalt an, verfügte er über ſein Sie⸗ gel, ohne ſich mit ihm zu berathen, über ſein Wappen gegen ſeinen Willen. Er gab an einem Tage ſechsmal mehr in ſeinem Hauſe aus, als alle Soͤhne von Frank⸗ reich, denjenigen, welcher auf dem Throne ſaß, einbegrif⸗ fen, in den ihrigen ausgaben. Und während er allein mehr als zwei hundert Millionen verſchlungen hatte, aß kaum ein Drittel der Einwohner von Frankreich gewoͤhn⸗ liches Brod; das andere Drittel lebte nur von Haferbrod, und das letzte Drittel fütterte ſich, wie eine Herde un⸗ reiner Thiere, mit Eicheln. Er hatte für ſich im Köͤnigreiche eben ſo viele Plätze und Feſtungen, als der König. Er hatte Brouage, Ole⸗ ron, Rhé, la Rochelle, Saumur, Angers, Breſt, Am⸗ boiſe, le Havre, Pont de l'Arche und Portoiſe, ſo daß er bis zu den Thoren von Paris kam. Er war Herr der Provinz und der Citadelle von Verdun. Außer den in dieſen Plätzen, in dieſen Feſtungen, in dieſen Citadellen verwendeten Truppen hatte er eine Seearmee. Er er⸗ ſchien außerhalb ſeines Palaſtes überall mit Garden. Er hielt alle Schlüſſel Frankreichs in ſeinen Händen. Verband ſich ganz Frankreich gegen ihn, ſo war es doch nicht im Stande, ein Heer auf die Beine zu bringen, das ſtark genug geweſen wäre, dem ſeinigen Widerſtand zu leiſten. Die Gefängniſſe waren Gräber geworden, mit der Beſtimmung, die wahren Diener des Königs zu begraben, und man machte ſich des Verbrechens der Ma⸗ jeſtätsbeleidigung nicht mehr durch ein Attentat gegen den 55 S ½£ à—— K8ESAA—— A RK= NK X N 65 König oder ſeinen Staat, ſondern dadurch ſchuldig, daß man nicht blinden Eifer und Gehorſam für den Willen und die Abſichten ſeines Miniſters hatte. Das mußte ich Euch zuerſt und vor Allem ſagen: denn was ich Euch hier ſage, iſt meine Entſchuldigung darüber, daß ich Euch verlaſſen und die Partei von dem⸗ jenigen ergriſſen habe, welcher uns ſpäter Alle, Todte oder Lebendige, verleugnen ſollte. Es war der Proceß und die Hinrichtung des Mar⸗ ſchalls von Marillac, was Alles entſchied. Ich ſtand im Briefwechſel mit meinem Bruder Gaſton und mit der Königin Maria von Medicis, welche ſtets vortrefflich ge⸗ gen mich geweſen war. Ich beſchloß, mein Glück mit dem ihrigen zu verbinden. Ihr erinnert Euch meiner Traurigkeit um jene Zeit? Ihr erinnert Euch meiner Aufregung, der bis zum Schluch⸗ zen gehenden Erſchütterung meiner Stimme, als ich Euch ſagte, meine Zukunft ſei unſicherer als die des entſtehen⸗ den Blattes auf dem Baume, an deſſen Fuß wir ſaßen, und als ich drei Monate von Euch verlangte, ehe ich Euch zu meiner Frau machen könnte, während ich Euch erklärte, der glücklichſte Tag meines Lebens wäre derje⸗ nige, wo ich Euer Gatte würde? In der That, von dieſem Augenblick an wußte ich alle Pläne meines Bruders Gaſton, und ich war der Ver⸗ mittler zwiſchen ihm und dem armen Montmorency. Ihr heißt mich keinen Umſtand übergehen. Oh! ich bedarf zu ſehr der Rechtfertigung in Euren Augen, um irgend etwas zu übergehen oder zu vergeſſen. Wir ſollten die Spanier und die Neapolitaner für uns haben. Die Neapolitaner erſchienen wirklich in dem Augenblick, wo ſich Montmorency erklärte, vor der Küſte von Narbonne; doch ſie wagten es nicht, zu landen. Die Syaniar kamen bis Urgel, aber ſie überſchritten die Gränze nicht. Die Taube. 5 66 Ihr ſahet den Aufruhr rings um Euch anwachſen; Ihr hörtet das Geſchrei der Empörung von Bognols, von Lunel, von Beaucaire und von Alais. Ich zeigte Euch eines Morgens, und zwar mit gepreßtem Herzen, denn ich fühlte, daß es unſre Trennung war, ich zeigte Euch eines Morgens ein Manifeſt, in welchem mein Bruder Gaſton den Titel Generalſtatthalter des Koͤnigreichs annahm. Kurze Zeit nachher erfuhret Ihr durch einen vom Koͤnig an Euren Vater gerichteten Brief, der ihm ſich nach Paris zu begeben befahl, Gaſton ſei mit achtzehn hundert Pferden nach Frankreich zurückgekehrt, er habe vie Saint⸗ Nicolas⸗Vorſtadt von Dijon und die Häuſer der Mitglie⸗ der des Parlaments, welche Marillac verurtheilt hatten, niedergebrannt. Eines Tags erhielt ich auch einen Brief. Mein Bru⸗ der ſchrieb mir von Albi und forderte mich auf, mein Wort zu halten. Dieſer Tag war derjenige, an welchem ich von Euch Abſchied nahm, der 14. Auguſt 1632, ein unſeliges Da⸗ tum, das tief und auf eine ebenſo düſtere Weiſe in mein Herz, wie in das Curige, eingegraben geblieben iſt. Ohl alle Einzelnheiten jener Abreiſe ſind ſehr wahr. Die Schilderung jener Nacht iſt ſehr getreu. Nur ſah ich Euch länger, als Ihr mich ſehen konntet. Ihr ſtan⸗ det auf dem Balcon Eures hinter Euch erleuchteten Zim⸗ mers, während ich mich in einen immer dunkler werden⸗ den Horizont vertiefte. Es kam indeſſen ein Augenblick, wo die Straße ſich bog, und wo ich Euch zu ſehen aufhoͤrte. In dieſem Augenblick hielt ich mein Pferd an und fragte mich, ob es nicht beſſer für mich wäre, alle gelei⸗ ſteten Verſprechen, alle übernommenen Verbindlichkeiten zu vergeſſen, die Ehre der Liebe zu opfern und zu Euch zu⸗ rückzukehren. Euer Fenſter ſchloß ſich wieder, Euer Licht erloſch, ich glaubte, das ſei eine Ermahnung Gottes, auf mei⸗ — 5=AEE ——+ꝙ NKEg —— = N8 67 nem Wege weiter zu ziehen; ich drückte meinem Pferde die Sporen in den Leib, hüllte meinen Kopf in meinen Mantel, ſprengte in die immer finſtereren Tiefen des Hori⸗ zonts und rief mir dabei, um mich zu betäuben, ſelbſt zu: Vorwärts! vorwärts! Am zweiten Tag war ich in Albi bei meinem Bru⸗ der, der mich in dieſem Platze mit fünfhundert Polen ließ und gegen Béäziers marſchirte. Am 29. Auguſt erhielt ich den Befehl vom Mar⸗ ſchall⸗Herzog, zu ihm zu ſtoßen. Ich brach mit meinen fünfhundert Mann auf und bewerkſtelligte am 30. Auguſt Abends die Verbindung mit ihm. Der Tag des 31. verging damit, daß man ſich ge⸗ genſeitig unterrichtete und aufklärte. Wir hatten Kunde, daß Herr von Schomberg gegen Caſtelnaudary marſchirte. Wir marſchirten ebenfalls dahin. Doch Herr von Schom⸗ berg kam uns zuvor, bemächtigte ſich ſogar eines Hauſes, das nur zehn Minuten von unſerem Wege war, und machte eine Hauptwache daraus. Dies geſchah am 1. September um acht Uhr Mor⸗ gens. Der Marſchall⸗Herzog erfuhr, was ſich ereignet hatte; er nahm fünfhundert Mann, recognoscirte das Heer des Marſchalls, und als er ſich im Bereiche dieſes Hauſes fand, griff er diejenigen, welche darin waren, ſo kräftig an, daß ſie alsbald ihren Poſten verließen. Herr von Montmorency legte hundertfünfzig Mann in dieſes Haus und kehrte ſehr erfreut über den erſten günſtigen Erfolg ſeiner Waffen zurück. Er fand uns, meinen Bruder Gaſton, Herrn von Rieux, Herrn von Chaudebonne und mich, in dem erſten Hauſe des Dorfes verſammelt. Da trat er auf meinen Bruder zu und ſagte: „Hoheit, das iſt der Tag, an dem Ihr über alle Eure Feinde ſiegen werdet, der Tag, an dem Ihr den Sohn mit der Mutter wiedervereinigen werdet; doch,“ fügte er bei 68 indem er auf ſeinen entblößten blutigen Degen deutete, „doch Euer Degen muß heute Abend ſein wie der meinige dieſen Morgen iſt, das heißt roth bis zum Stichblatt.“ Mein Bruder liebt die entblößten Degen und beſon⸗ ders die blutigen Degen nicht; er wandte die Augen ab. „Ei! Herzog,“ ſagte er,„verliert Ihr denn nie Eure Gewohnheit, zu prahlen? Seit langer Zeit habt Ihr mir, während Ihr mir große Siege verſprachet, immer nur Hoffnungen gegeben.“ „In jedem Fall,“ erwiederte der Marſchall,„und angenommen, ich habe Euch, wie Ihr ſagt, nur Hoff⸗ nungen gegeben, thue ich mehr, als Euer Bruder für Euch thut; denn ſtatt Euch Hoffnungen zu geben, nimmt er ſie Euch, ſogar die auf das Leben.“ „Ei! Herzog,“ erwiederte Gaſton, die Achſeln zuckend,„glaubt Ihr, das Leben des Präſumtiverben ſei je im Spiele? Geſchehe, was geſchehen mag, ich bin immer deſſen ſicher, daß ich meinen Frieden für mich und drei Perſonen ſchließe.“ Der Marſchall lächelte bitter und kam, ohne dem Prinzen zu antworten, zu uns. „Ah!“ ſagte er,„das fängt an, und unſer Mann blutet ſchon aus der Naſe. Er ſpricht von ſeiner Flucht in Begleitung von Zweien. Doch weder Ihr, Herr von Moret, noch Ihr, Herr von Rieux, noch ich, werden ihm hiebei als Geleite dienen.“ Wir antworteten: „Gewiß nicht.“ „Nun!“ fuhr der Marſchall⸗Herzog fort,„ſo ver⸗ bindet Euch mit mir, denn wir müſſen ihn heute ſo weit vorwärts treiben, daß wir ihn endlich mit dem Degen in der Hand ſehen.“ In dieſem Augenblick meldete man uns, man ſehe das Heer des Marſchalls von Schomberg aus einem Walde he rvorkommen und gegen uns anrücken. 69 „Auf, meine Herren!“ rief der Marſchall⸗Herzog, „der Augenblick iſt gekommen, Jeder an ſeinen Poſten.“ Wir hatten auf einer kleinen Brücke über einen Fluß zu ſetzen; man konnte uns den Uebergang ſtreitig machen, aber Niemand dachte daran. Es war im Ge⸗ gentheil der Plan von Herrn von Schomberg, uns bis zu einem Hinterhalte vorrücken zu laſſen, den er in dem Hohlwege, wo Ihr meinen armen Stallmeiſter fandet, hatte legen laſſen. Als wir die Brücke hinter uns hatten, nahm ich meinen Poſten auf dem linken Flügel, der unter meinem Commando ſtand. Es war, wie man Euch geſagt hat, mein erſtes Treffen. Es drängte mich, zu zeigen, daß, obgleich von demſelben Blute wie Monſieur, mein Blut glühender war, als das ſeinige. Ich ſah ein Corps Carabiniere als ver⸗ lorene Mannſchaft detachirt und griff es an. Ich hatte beſonders den Officier bemerkt, den Ihr am Abend der Schlacht trafet. Er war nach ſeinem Ausſehen ein beherzter Cavalier, ruhig im Feuer, als ob er auf der Parade geweſen wäre. Ich ſprengte gerade auf ihn los und ſandte ihm eine Piſtolenkugel zu, die ihm, wie er Euch geſagt hat, die Feder von ſeinem Hute abſchnitt. Er erwiederte den Schuß, und ich fühlte es wie einen Fauſtſchlag an meiner linken Seite; ich fuhr mit der Hand dahin, ohne zu wiſ⸗ ſen, was es war, und zog dieſe Hand voll von Blut zurück. In demſelben Augenblick, ohne daß ich einen wirkli⸗ chen Schmerz empfand, ſchwebte etwas wie eine rothe Wolke vor meinen Augen hin; die Erde drehte ſich um mich. Mein Pferd machte eine Bewegung, der ich weder zu widerſtehen, noch zu folgen vermochte. Ich fühlte, daß ich von meinem Sattel herabglitt, rief: Zu Hülfe Bourbon! und wurde an Euch denkend ohnmächtig. Während ich die Augen ſchloß, kam es mir vor, 70 als hörte ich etwas wie ein äußerſt lebhaftes Musketen⸗ feuer, und als ſähe ich einen Flammenvorhang vor mir entrollen. Ohne Zweifel trugen mich meine Polen fort, denn von dieſem Augenblick an, bis zu dem, wo ich, ungefähr anderthalb Meilen von da, in dem Wagen meines Bru⸗ ders wieder zu mir kam, habe ich kein Bewußtſein mehr von dem, was mir begegnete. Entſetzliche Schmerzen riefen mich zum Leben zu⸗ rück. Ich oͤffnete die Augen und ſah eine große Menge von Menſchen neugierig und unter lebhaftem Geſpräche ſich um meinen Wagen drängen. Ich begriff, daß es ſich darum handelte, übereinzukommen, wohin man mich bringen ſollte. Ich erinnerte mich, daß die Schweſter von Herrn von Ventadour, einem meiner guten Freunde, Aebtiſſin in der Gegend ſein mußte, raffte meine Kräfte zuſammen, ſtreckte den Kopf zum Wagenſchlage hinaus und gab den Befehl, mich zu Frau von Venta⸗ dour zu führen. Ihr ſeht, Eure bewunderungswürdige Ergebenheit hatte Euch vollkommen auf mein Spur gebracht, und es hing nicht von Euch ab, daß Ihr mich nicht auf⸗ fandet. Der Schmerz hatte mich meiner Ohnmacht entriſ⸗ ſen, der Schmerz verſenkte mich auch wieder darein. Ich weiß nicht, wer meine Einführung bei Frau von Venta⸗ dour übernahm, aber ich fand mich wieder in einem vor⸗ trefflichen Bette liegend, nur war ich in einem unterirdi⸗ ſchen Gewölbe. Ich hatte bei mir den Arzt des Kloſters, und im Bettgange ſtand Jemand, der mir, als er mich die Augen wieder öffnen ſah, zuflüſterte:„Sagt nicht, wer Ihr ſeid.“ Wie Ihr meine letzte Erinnerung geweſen waret, ſo waret Ihr auch mein erſter Gedanke. Ich ſchaute um⸗ her, ob Ihr nicht irgendwo ſeiet; doch ich ſah nur fremde Geſichter, und darunter einen Mann mit zurück⸗ 71 geſchlagenen Aermeln und blutigen Händen. Das war der Arzt, der mich verbunden hatte. Ich ſchloß die Augen wieder. Während dieſer Nacht fandet Ihr Euch in der Ab⸗ tei ein, und in der Angſt, die der Cardinal einfloͤßte, ant⸗ wortete man Euch, man habe mich nicht geſehen. So wußtet Ihr nicht, daß ich exiſtirte; ſo wußte ich nicht, daß Ihr gekommen waret. Ich habe kein Bewußtſein von dem, was während der vierzehn Tage, welche auf meine Verwundung folg⸗ ten, vorging. Es war keine Wiedergeneſung, es war ein Halt an der Pforte des Todes. Endlich trugen die Jugend und die Stärke meines Temperaments den Sieg davon; ich fühlte eine gewiſſe Friſche in meinen ermatteten, fiebernden Gliedern ſich verbreiten, und von dieſem Augenblick an erklärte der Arzt, ich ſei gerettet. Doch unter welcher Bedingung! daß ich nicht ſpre⸗ chen, daß ich mein Bett nicht verlaſſen, daß ich keinen Theil an dem äußeren Leben nehmen würde; ich ſollte nur unter der Bedingung leben, einen Monat bis ſechs Wochen ohne Leben zu ſein. Während dieſer Zeitperiode wurde der Marſchall⸗ Herzog verurtheilt und hingerichtet. Dieſe Hinrichtung verdoppelte die Angſt der armen Jungfrauen, die mir Gaſtfreundſchaft gegeben hatten. Es unterlag übrigens keinem Zweifel: erfuhr man mein Daſein, ſo würde ich, obgleich Prinz von Geblüt, behandelt werden, wie Herr von Montmorency. War Herr von Montmorency nicht verwandt mit Maria von Medicis! Es wurde alſo beſchloſſen, daß ich todt ſei, und durch alle dabei, daß man es glaubte, intereſſirte Stim⸗ men verbreitete ſich das Gerücht von meinem Tode. Nach zwei Monaten konnte ich aufſtehen. Bis da⸗ hin war ich in den unterirdiſchen Gewoͤlben des Kloſters verborgen geblieben; die Luft wurde für meine Wieder⸗ 72 geneſung nothwendig; wir waren im November; doch der milde Himmel des Languedoe geſtattete einige nächt⸗ liche Ausgänge. Man erlaubte mir, in der Nacht im Kloſtergarten zu athmen. Mit dem Gedanken, mit dem Gefühl, ich ſage nicht mit der Kraft, denn ich war noch ſo ſchwach, daß ich die Treppen weder hinauf noch hinabſteigen konnte, war meine ganze durch den Tod erſtarrte Liebe für Euch wiedergekehrt. Ich ſprach nur von Euch, trachtete nur nach Euch. Sobald ich eine Feder halten konnte, ver⸗ langte ich an Euch zu ſchreiben; man gewährte mir, was ich forderte, man ließ einen Boten in meiner Gegen⸗ wart abgehen; da aber die Botſchaft meine Exiſtenz of⸗ fenbaren ſollte, und da meine Exiſtenz, in der Angſt von Frau von Ventadour, die Verfolgung, die Einkerkerung, der Tod vielleicht war, ſo blieb der Bote in der Gegend, kehrte nach Verlauf von zwoͤlf bis vierzehn Tagen zurück und ſagte, Euer Vater habe Euch nach Paris mitgenom⸗ men, und er habe meinen Brief derjenigen von Euxren Frauen, welche ihm die ergebenſte geſchienen, einge⸗ händigt. Von da an war ich ruhiger; ich verließ mich auf Eure Liebe, daß Ihr mir raſch würdet eine Antwort zu⸗ kommen laſſen. In dieſer Erwartung verging ein Monat, jeder Tag war ein neuer Angriff auf mein Vertrauen zu Euch und riß einen Fetzen von meiner Hoffnung fort. Es waren ſchon drei Monate verlaufen. Ich wollte die Nachrichten haben, die mich intereſſiren konnten. Am Anfang des Kampfes, den ich entſponnen, verwundet, wußte ich den Ausgang deſſelben nicht. Man zögerte, mir dieſe Nachrichten zu geben. Ich drohte, ſie mir ſelbſt zu holen; da ſagte man mir Alles. Da erfuhr ich den Verluſt der Schlacht; die Flucht und die Ausſoͤhnung von Gaſton; den Proceß und den Tod von Montmorency; ———— 73 die Confiscation meiner Güter; die Entziehung meines Ranges und meiner Würden. Ich empfing alle dieſe Nachrichten mit mehr Stärke, als man erwartete. Der Tod des armen Marſchalls war allerdings ein harter Schlag. Doch nach dem Tode des Herrn von Marillac hatten wir dieſen Schlag mehr als einmal mit Herrn von Montmorency, ſowohl für mich, als für ihn, vorhergeſehen. Was den Ruin mei⸗ nes Rangs, meiner Würden und meines Vermögens be⸗ trifft, ſo nahm ich dies mit einem Lächeln der Verachtung auf. Die Menſchen hatten mir Alles geraubt, was mir die Menſchen geben konnten; doch ſie waren genöthigt Herweſen, mir zu laſſen, was mir von Gott zukam, Eure Liebe. 3 Eure Liebe war auch von dieſem Augenblick an die einzige Hoffnung meines Lebens. Es war der Stern, der allein am Himmel der Zukunft glänzte, welcher ſo difer geworden, als der der Vergangenheit glänzend ge⸗ weſen. Mein Bote hatte Euch nicht gefunden: ich beſchloß, mein eigener Bote zu ſein. Eure Antwort war mir 8 zugekommen: ich beſchloß, Eure Antwort ſelbſt zu olen. Es war übrigens nichts Leichtes, aus dem Kloſter zu kommen. Man bewachte mich, denn man befürchtete, ich moͤchte geſehen oder erkannt werden. Ich ſprach alſo nicht davon, daß ich aus dem Kloſter weggehen, ſondern davon, daß ich Frankreich verlaſſen wollte. Dieſer Vorſchlag war der angenehmſte, den ich der guten Aebtiſſin machen konnte. Es wurde verabredet, ſich mit den Fiſchern zu verſtändigen, mit deren Hülfe ich Narbonne erreichen ſollte, wo ich mich einſchiffen könnte. Von der Abtei nach Narbonne ſollte ich den Weg mit dem kirchlichen Gewande und mit dem Wagen und den Pferden der Aebtiſſin machen. Ueberdies hielt mich alle Welt ſo ſehr für todt, daß 74 2 es nicht wahrſcheinlich war, ich würde in dieſer Gegend, wohin ich zum erſten Mal kam, erkannt werden. Die gute Aebtiſſin ſtellte mir ihre Kaſſe zur Ver⸗ fügung, doch ich dankte ihr; ich hatte in dem Augenblick, wo ich verwundet worden war, ungefähr zweihundert Louis d'or bei mir, die man in meiner Börſe wiederfand; ferner in Ringen und Spangen für etwa zehntauſend Livres Diamanten. Ihr waret reich, wozu brauchte ich reich zu ſein! Am Anfang des Januars verließ ich die Abtei voll Dankbarkeit für die Gaſtfreundſchaft, die man mir hier gegeben hatte; ach! ich wußte nicht, wie theuer mich dieſe Gaſtfreundſchaft zu ſtehen kommen ſollte. Ich war achtundzwanzig Meilen von Narbonne ent⸗ fernt, und fühlte mich noch ſo ſchwach, daß wir uns zu kleinen Tagereiſen genöthigt ſahen. Ich übertrieb indeß vielleicht meine Schwäche, damit man mir weniger miß⸗ traute. Am erſten Tag nahmen wir unſer Nachtlager in Willevinte; am zweiten in Barbeira; am dritten in Nar⸗ onne. Schon am andern Morgen wurde ein Handel abge⸗ ſchloſſen, um mich nach Marſeille zu führen. Ich war ein bruſtkranker Prälat, dem man die Luft von Hyères oder von Nizza verordnet hatte. Ich ruhte in Narbonne einen Tag aus und ſchiffte mich am andern Tag ein. Achtundzwanzig Stunden nach⸗ her befand ich mich mit Hülfe eines guten Windes in Marſeille. Hier bezahlte ich meine Schiffer; ich entließ die zwei Diener der Aebtiſſin, die mich begleitet hatten, und wurde wieder vollkommen frei. 3 Sogleich accordirte ich, um mich im Wagen bis Avignon führen zu laſſen und ſodann auf der Rhone von Avignon nach Valence hinaufzufahren. Da mich mein cavalierartiges Ausſehen verrathen 75 konnte, ſo ließ ich mir die Uniform eines Officiers von den Garden des Herrn Cardinals machen. Unter dieſer Uniform war ich ſicher, nicht beunruhigt zu werden. Ich reiſte von Marſeille ab und erreichte Avignon in drei Tagen. In Avignon, da die Winde von der See kamen und die Schifffahrt folglich gut war, vertraute ich mich der Rhone; überdies, wenn es uns an Wind fehlte, ſpannten wir Pferde an unſere Barke und fuhren mit Hülfe eines von ihnen gezogenen Taues ſtromauf⸗ wärts. Von fern und bei Tagesanbruch ſah ich Euer Schloß. Dort waret Ihr. Dort wartetet Ihr auf mich, oder wenigſtens würde ich, wenn das, was man mir geſagt, der Wahrheit entſprach, wenn Euer Vater Euch nach Pans mitgenommen hatte, dort Nachricht von Euch er⸗ alten. Ich wollte mich an's Land ſetzen laſſen; dieſe Barke ging ſo langſam! Zum Unglück war ich noch zu ſchwach. Ohl wenn ich eine Stunde gewonnen hätte! wenn ich Euch wiedergeſehen hätte! Doch das ſollte nicht ſo ſein, wir waren verurtheilt... Ich konnte es indeſſen nicht mehr aushalten. Eine halbe Meile vor Valence landete ich. Ich war noch nicht im Stande, ſchnell zu gehen, doch ich that es der Barke an Schnelligkeit weit zuvor. Die Hoffnung, Euch wiederzuſehen, hatte mir alle meine Kräfte zurückgegeben. Seit langer Zeit ſah ich Euren Balcon, den, von wo aus Ihr mir Lebewohl ge⸗ ſagt hattet, denn ich hatte mich um die Ecke des Weges gewendet, nur war Euer Balcon leer und die Jalouſieen daran waren geſchloſſen. Im ganzen Anblick dieſes Schloſ⸗ ſes, nach dem ich mich ſo ſehr geſehnt hatte, lag etwas Düſteres, Leeres, was mir eiskalt machte. Ploͤtzlich ſah ich das Hauptthor ſich öffnen und 76 einen Zug hervorkommen, der ſich gegen die Stadt wandte und verſchwand. Ich war noch ungefähr eine Viertelmeile entfernt; ich fühlte, ohne daß ich errathen konnte, warum, mein Herz ſich zuſammenſchnüren und meine Kräfte ſchwinden. Ich lehnte mich an einen Baum beim Wege an, trocknete meine ſchweißbedeckte Stirne und ſetzte dann meinen Lauf fort. Ich begegnete einem Diener. „Mein Freund,“ fragte ich ihn mit einer halb erlo⸗ ſchenen Stimme:„bewohnte nicht Fräulein Iſabelle von Lautrec jenes Schloß?“ „Doch, mein Officier.“ anmerteteh„es iſt immer noch Fräulein Iſabelle von Lautrec. ur wird man ſie in einer halben Stunde anders nennen müſſen.“ „Mann wird ſie anders nennen müſſen! Und wie wird man ſie nennen müſſen?“ „Frau Vicomteſſe von Pontis.“ „Warum Frau Vicomteſſe von Pontis?“ „Weil ſie in einer halben Stunde die Frau meines Gebieters, des Herrn Vicomte von Pontis, ſein wird.“ Ich fühlte, daß ich leichenblaß wurde, und verbarg mein Geſicht in meinem Sacktuch. „Alſo,“ fragte ich,„jener Zug, den ich aus dem Schloſſe kommen ſah 2...“ „War der des Brautpaares.“ „Und in dieſem Augenblick?...“ „In dieſem Augenblick ſind ſie in der Kirche.“ „Ohl das iſt unmoͤglich.“ „Unmöglich!“ verſetzte der Diener.„Bei meiner Treue, wenn Ihr Euch von der Sache durch Eure eigenen Augen überzeugen wollt, mein Officier, ſo iſt es noch Zeit. Schlagt den kürzeren Weg ein, und Ihr werdet zugleich mit ihnen in der Kirche ſein.“ 8 Ich ließ mir das nicht zweimal ſagen, denn ich hatte Eile, mich durch meine eigenen Augen von der Wirklich⸗ dte ht; ein en. an, lo⸗ er ſie 77 keit zu überzeugen; ich konnte der Erzählung dieſes Men⸗ ſchen nicht glauben. Er hatte irgend einen Grund, um mir dieſe kühne Lüge zu ſagen; doch ſicherlich log er. Ich kannte Valence, da ich drei Monate daſelbſt ge⸗ wohnt hatte; raſch ſchritt ich über die Brücke, trat in die Stadt ein und wählte die Gäßchen, die mich mehr unmittelbar nach der Kirche führen mußten. Ueberdies wurde ich durch den Klang der Glocken geleitet, die man insgeſammt läutete. Der Platz vor der Kathedrale war gedrängt voll von Menſchen. Trotz des Glockengeläutes, trotz dieſer Menge, die ſich auf dem Platze zuſammengeſchaart hatte, konnte ich aber nicht glauben. Ich ſagte zu mir, es ſei eine Andere, als Ihr, die zum Altar gehez ich wiederholte mir, dieſer Menſch habe ſich oder mich getäuſcht. Und dennoch, als ich mich unter die Menge miſchte, wagte ich es nicht, Jemand zu fragen. Wäre ich nicht in die Uniform der Garden des Car⸗ dinals gekleidet geweſen, ſo hätte ich, ſo groß war die Menge, nie in die erſte Reihe gelangen können. Doch vor meiner Uniform trat Alles auf die Seite. Dann oh! ich brauche noch heute meine ganze Stärke, um Euch dieſe Einzelheiten zu wiederholen; ge⸗ ſtern noch, als ich nicht wußte, daß Ihr es waret, die mir ſchrieb, hätte ich dieſen Schmerz nicht erneuert, ohne wieder eine tödtliche Wunde aufzureißen... Oh! Ihr habt nur durch meinen Tod gelitten; ich, ich habe durch Euren Verrath gelitten. Verzeiht, verzeiht, Iſabelle, Euer Verrath, ich weiß es nun, war der Anſchein, doch für mich, oh! für mich Unglücklichen, war es die Wirklichkeit! Ich ſah Euch er⸗ ſcheinen durch eine Wolke ähnlich der, welche vor mei⸗ nen Augen vorüberzog, als ich, von jenem Officier ge⸗ troffen, von meinem Pferde auf die Erde ſiel. Es war dieſelbe Empfindung, ſchmerzlicher noch, denn was ich 78 das erſte Mal an der Seite gefühlt hatte, fühlte ich dies⸗ mal im Herzen. Ich ſah Euch erſcheinen; Ihr waret bleich, doch beinahe lächelnd; Ihr ginget feſten Schrittes über den Platz hin und ſchienet Eile zu haben, in die Kirche zu gelangen. Ich fuhr mit meiner Hand über meine Augen... Gebeugt, keuchend, murmelte ich mit halber Stimme un⸗ ter meinen erſtaunten Nachbarn:. „Mein Gott! mein Gott! das iſt nicht wahr... mein Gott! ſie iſt es nicht.... mein Gott! meine Augen, meine Ohren, alle meine Sinne täuſchen mich... Sie allein, ſie allein täuſcht mich nicht, ſie allein kann mich nicht täuſchen.“ Dann, als Ihr auf zehn Schritte an mir vorüber⸗ ginget, blieb ich ohne Stimme, ſtets hoffend, Ihr würdet nicht bis zur Kirche gehen, Ihr würdet auf dem Wege ſtehen bleiben und ausrufen, man thue Euch Gewalt an, Ihr würdet an alle Frauen für die Aufrichtigkeit Eurer Liebe apelliren; und dann ſtürzte ich vor, dann wagte ich mein Leben, um zu ſagen: Ja, ich liebe ſie, ja, ſie liebt mich; ja, ich bin der Graf von Moret, todt für die ganze Menſchheit, nur nicht für Iſabelle von Lautrec, meine Braut in dieſer Welt und in der andern... Laßt mich durch mit meiner Braut. Und ich hätte Euch im Angeſichte Aller und Allen zum Trotze entführt, denn ich fühlte die Stärke eines Rieſen in mir. Oh! Iſabelle! Iſabelle! Ihr bliebet ſtumm, Ihr hieltet nicht an, Ihr tratet in die Kirche ein. Ein langer Schrei, längſt im Grunde meiner Bruſt begonnen, brach, ſie zerreißend, in dem Augenblick hervor, wo Ihr unter der Vorhalle verſchwandet, und ehe man mich gefragt hatte, warum dieſer Schrei, hatte ich alle Welt auf die Seite gedrängt, war ich aus der Menge entflohen und verſchwunden. 79 Ich erreichte das Ufer des Fluſſes wieder, fand meine Barke, warf mich in die Mitte meiner Matroſen, fuhr mit meinen Händen in meine Haare und ſchrie: Iſabelle! Iſabelle! Sie überließen mich einen Augenblick meiner Ver⸗ ſneina⸗ dann fragten ſie mich, wohin ſie gehen ollten. Ich deutete auf den Lauf des Fluſſes. Sie banden die Barke los, und die Rhone trug uns fort. Was ſoll ich Euch noch ſagen? ich habe allerdings ſeit vier Jahren gelebt, da Ihr mich heute lebend und Euch liebend wiederfindet. Doch ich habe nicht exſſtirt. Ich wartete, bis der Zeitpunkt, den ich mir ſelbſt geſetzt hatte, käme, um mein Gelübde abzulegen. Dieſen Zeit⸗ punkt bringt Ihr näher, und ich danke Euch dafür. Seitdem ich weiß, daß Ihr mich nicht verrathen habt, ſeitdem ich weiß, daß Ihr mich immer noch liebt, wird mir der Beruf leichter, und ich gehe ruhiger zu Gott. Betet für Euern Bruder.. Euer Bruder wird für Euch beten. Um drei Uhr Nachmittags. Zwanzigſter Brief. Um halb ſechs Uhr an demſelben Tag. Was ſagt Ihr mir dal ich verſtehe nicht recht. Ihr habt mich wiedergefunden, Ihr ſeid überzeugt, daß ich Euch nicht betrogen, Ihr ſeid ſicher, daß ich Euch liebe, und das, ſagt Ihr, bringe den Zeitpunkt, um Euer 80 Gelübde abzulegen, näher, das mache Euch Euren Be⸗ ruf leichter, das mache Euch ruhiger, um Euch Gott zu weihen!. O mein Gott! ſolltet Ihr immer noch den ſeltſa⸗ men Plan haben, auf die Welt zu verzichten? Hoͤret mich doch: Gott iſt nicht ungerecht. Als ich mich ihm weihte, geſchah es im Glauben, Ihr ſeiet todt; Ihr lebtet; Gott konnte das der Verzweiflung entriſſene Gelübde nicht annehmen, da die Urſache der Verzweiflung nicht beſtand; ich bin alſo frei, frei trotz meiner Ge⸗ lübde. 5 Oh! ja, ja, Ihr ſagt es: wir haben uns einen Augenblick beinahe berührt in jener Abtei, und nichts hat uns geſagt, daß wir einander ſo nahe waren. Oh! ich täuſche mich, ich bin ungerecht gegen mein eigenes Herz. Eine Stimme rief mir zu: Beharre, bleibe, ver⸗ weile, er iſt hier. Ja, ich begreife, ſie hat für ſich gezittert, die arme Frau, ſie hat bange gehabt, die Gaſtfreundſchaft, die ſie Euch geboten, ſei ihr Verderben. Ohl warum habe ich Euch nicht wiedergefunden: ich wäre ſtolz auf die Sendung geweſen, die mir Gott gegeben hätte, auf die Sendung, den Sohn von Heinrich IV. zu retten. Ich hätte Allem Trotz geboten, nur aus Stolz, um mich rühmen zu können: Als die ganze Welt ihn verließ, habe ich allein ihn aufgenommen, ich allein ihn beſchützt. Wie toll bin ich, daß ich das ſage: ich hätte Euch verrathen und Ihr wäret verloren geweſen, wie der Mar⸗ ſchall⸗Herzog. Beſſer alſo, daß ſie Euer Daſein ſelbſt mir verbor⸗ gen hat, und daß Ihr lebtet; beſſer alſo, daß ich leide, daß ich unglücklich bin, daß ich ſterbe. Doch warum ſollte ich unglücklich ſein? warum ſollte ich ſterben? Ihr habt Euer Gelübde noch nicht abgelegt, ich betrachte das meinige als gebrochen. Laßt uns nach Italien, nach Spanien, an das Ende der Welt gehen. —,&⏑ 8¹ Ich bin noch reich; was bedürfen wir übrigens des Reich⸗ thums? Ihr liebt mich, ich liebe Euch! fort, fort! Oh! antwortet mir. Ja, ſagt mir, wo Ihr ſeid, ſagt mir, wo ich Euch holen kann. Bedenkt, daß Ihr mich im Verdacht gehabt habt, mich, Eure Iſabelle, im Verdacht einer Schändlichkeit, und daß Ihr mir eine Sühnung ſchuldig ſeid. Ich warte, ich warte. Einundzwanzigſter Brief. Um fünf Uhr Morgens. Euer Brief hat die geheimſten Fibern meines Her⸗ zens beben gemacht. Ha! welch ein Geſchick iſt das unſere! Ihr bietet mir das mein ganzes Leben lang geſuchte, erwartete, er⸗ ſehnte Glück an, und ich kann dieſes Glück nicht anneh⸗ men. Iſabellel Iſabelle! Ihr ſeid Edelfrau, wie ich Edelmann bin. Ein Verſprechen, ein einfaches Verſpre⸗ chen den Menſchen geleiſtet würde uns binden, um ſo mehr ein Gott geleiſteter Eid. Verſucht es nicht, Euch Illuſionen zu machen, Euer Gelübde iſt ſehr thatſächlich und Gott läßt keine ſolche Spitzſindigkeiten zu. Es gibt für uns alſo nur noch eine Zukunft, dieje⸗ nige, in welche uns das Ungluck geſtoßen hat. Ihr habt mir den heiligen Weg gezeigt, indem Ihr ihn zuerſt be⸗ tratet. Ich folge Euch; wir werden mit einander ankom⸗ Die Taube. 6 8² men, da wir nach demſelben Ziele ſtreben. Ich werde für Euch beten, Ihr werdet für mich beten. Jedes wird in ſein Gebet eine Inbrunſt legen, die es für ſich ſelbſt nicht darein legte, und das ewige Leben mit der ewigen Liebe wird uns durch den Herrn gegeben ſein, ſtatt der vergänglichen Liebe, ſtatt des ſterblichen Lebens. Und glaubt nicht, weil ich Euch dies ſage, ich liebe Euch weniger, als Ihr mich liebt. Nein, ich liebe Euch nicht mehr, ich weiß es; aber ich liebe Euch mit der Kraft eines Mannes, welcher um ſo ſtärker, je höher er herabgefallen und je tiefer der Sturz geweſen iſt, und der, da er ſich wiedererhoben, nachdem er den Tod mit der Hand berührt, aus dem Grabe jenes bleiche Geſicht zu⸗ rückgebracht hat, das denjenigen, welche ſie gehabt haben, die Offenbarungen eines andern Lebens geben. Glaubt mir alſo, Iſabelle, je mehr ich Euch liebe, deſto mehr werde ich auf dieſem Punkte beſtehen. Wagt nicht Euer Seelenheil auf einen Trugſchluß. Das Leben auf dieſer Welt iſt gegen die Ewigkeit, was die Secunde gegen ein Jahrhundert iſt. Wir leben eine Secunde auf der Erde, wir leben eine Ewigkeit bei Gott. Dann hoͤret auch, meine Braut in dieſer und in der andern Welt; die Macht, welche bindet, hat das Recht, zu loͤſen, und das hat Gott gewollt, damit die Verzweif⸗ lung nicht in ein getäuſchtes Herz, wie es das Eurige geweſen iſt, eintreten könne. Urban VIII. iſt Papſt, Eure Familie hat mächtige Verbindungen in Italien. Er⸗ langt die Aufhebung Eurer Gelübde. An dieſem Tage ſagt mir: Ich bin frei... und dann, dann... ohl ich wage es nicht, an dieſes Glück der Engel, an dieſe Glück⸗ leeteſ ohne Gewiſſensbiſſe, die uns vorbehalten iſt, zu denken 8 8³ Zweiundzwanzigſter Brief. Un zwei Uhr Nachmittags. Ja, Ihr habt Recht, nichts ſoll unſer Glück trüben. In unſeren Herzen darf weder Furcht, noch Reue ſein, auf unſeren ſtürmiſchen, düſtern Himmel muß ein ganz geſtirnter Himmel folgen. Ja, derjenige, an welchen ich mich wenden will, wird mich hoͤren; er wird, ſo unbeug⸗ ſam er iſt, Mitleid mit mir haben; ja, ich verlange drei Monate, um mich frei zu machen, und wenn Euch in drei Monaten die Taube die Bulle nicht gebracht hat, die mich entbindet, dann iſt unſere ganze Hoffnung auf den Himmel gerichtet. Dann weiht Euch Gott, wie ich, weiht Euch durch unaufloͤsliche Bande. Ohl ich wäre zu eiferſüchtig, Euch 3 zu wiſſen, während ich noch gefeſſelt bliebe, wie ich in. Morgen werde ich abgereiſt ſein. Dreiundzwanzigſter Brief. Um halb fünf Uhr Nachmittags. Geht, und Gott ſei mit Euch! 84 Vierundzwanzigſter Brief. 9 Am 1. Juni 1638. Es iſt heute gerade ein Monat, daß ich Euren letz⸗ ten Brief erhalten habe; ein Monat, daß ich unſere Taube nicht geſehen; ein Monat, daß mir nichts von Euch ge⸗ ſprochen hat, mein Herz ausgenommen. Doch es iſt keine Zeit verloren. Nur ſind die Mi⸗ nuten zu Stunden, die Stunden zu Tagen, die Tage zu Naheen, ueworben. Werde ich ſo noch zwei Monate warten können Ja, denn ich werde die Hoffnung erſt am letzten Tage verlieren. Ich ſchreibe dieſen Brief, ohne zu wiſſen, ob Ihr ihn je erhaltet; doch ich ſchreibe ihn, damit Ihr, an dem Tage, der uns trennen oder wiedervereinigen ſoll, wiſſet, Iſabelle, daß ich bei jedem Schlage meines Herzens an Euch gedacht habe. 8⁵ Fünfundzwanzigſter Brief. Am 22. Juni 1638. Fliege, geliebte Taube, fliege zu meinem theuren, vom Tode Auferweckten, ſage ihm, es ſeien ſeine Gebete, die mich beſchützt haben, ſage ihm, ich ſei frei, ſage ihm, ich ſei glücklich. Frsil frei! frei! Laß mich Dir das erzählen, mein Vielgeliebter. Glas Ich weiß nicht, wo anfangen, ich bin wahnſinnig vor ück Es iſt Dir bekannt, daß ſich an demſelben Tag, an dem ich Dir meinen letzten Brief geſchrieben habe, das Gerücht verbreitete, die Koͤnigin ſei in geſegneten Um⸗ ſtänden. Bei dieſer Gelegenheit mußten Feſte in ganz Frankreich ſtattfinden und Gnaden durch den König und durch den Cardinal bewilligt werden. Ich beſchloß, mich dem Cardinal, der in allen un⸗ ſern kirchlichen Fragen Vollmacht von Rom hat, zu Fü⸗ ßen zu werfen. Darum verlangte ich nur drei Monate von Dir. An demſelben Tag, an welchem ich Dir geſchrieben, bin ich mit einem Urlaub unſerer Oberin abgereiſt. Meine Zellennachbarin übernahm es, über unſerer Taube zu wa⸗ chen. Ich war ihrer ſicher wie meiner eigenen Perſon, und verließ ſie alſo ohne Furcht. Ich reiſte ab. Doch ſo ſehr ich mich auch beeilte, ich erreichte Paris erſt in ſiebenzehn Tagen. Der Car⸗ dinal war auf ſeinem Landgut in Rueil. Ich begab mich ſogleich nach Rueil. Er war leidend und empfing nicht. Ich quartierte 86 mich im Dorfe ein und wartete. Ich hatte meinen Na⸗ men dem Pater Joſeph hinterlaſſen. Am dritten Tage kam der Pater Joſeph ſelbſt, um mir anzukündigen, Seine Eminenz ſei bereit, mich zu em⸗ pfangen. Ich ſtand bei dieſer Kunde auf, doch ich fiel wieder auf meinen Stuhl zurück, und war erbleicht, als ob ich ſterben ſollte; mein Herz ſchien dem Brechen nahe; meine Beine bogen ſich unter mir. Der Pater Joſeph ſoll kein zartes Herz haben, und dennoch, als er mich nur bei dem Gedanken, dem Cardi⸗ nal gegenüber zu ſtehen, verſcheidend ſah, ermuthigte er mich, ſo gut er konnte, und eröffnete mir, wenn ich mir etwas von Seiner Eminenz zu erbitten habe, ſo ſei der Augen⸗ blick günſtig, da ſich der Cardinal beſſer befinde, als er ſich ſeit langer Zeit befunden. Ohl mein ganzes Leben, Euer ganzes hing von dem ab, was zwiſchen dieſem Manne und mir vorgehen ſollte. Ich folgte dem Pater Joſeph, ohne etwas zu ſehen; meine Augen waren auf ihn geheftet, mein Schritt war nach dem ſeinigen gerichtet, als ob ſeine Bewegungen die meinigen geregelt hätten. Wir gingen durch einen Theil des Dorfes, traten in den Park ein und folgten einer Allee von großen Bäumen; jede von dieſen Veraͤnderungen berührte mich durch das Geſammtweſen, aber die Einzel⸗ heiten entgingen mir. Endlich erblickte ich unter einer Laube von Jelänger⸗ jelieber und Rebwinden einen halb auf einem Ruhebett liegenden Mann. Er war in eine weiße Simarre geklei⸗ det und trug das rothe Käppchen, das Zeichen der Car⸗ dinalswürde. Ich ſtreckte die Hand gegen dieſen Mann aus; der Pater Joſeph verſtand meine Frage. „Ja,“ ſagte er,„er iſt es.“ Ich kam in dieſem Augenblick an einem großen Baume vorbei, ich lehnte mich daran an, denn ich fühlte, einen Schritt mehr ohne Stütze, und ich fiel. 87 Er ſah mein Zögern, dieſe Bewegung, welche meine Schwäche andeutete; er erhob ſich und ſagte: „Kommt ohne Furcht.“ Ich weiß nicht, welches Gefühl ihn bewog, ſeine ſonſt rauhe Stimme zu mildern; doch dieſe Stimme kam voll Hoffnung zu mir. Ich gewann meine Kräfte wieder und lief beinahe auf ihn zu, um mich ihm zu Füßen zu werfen. Er befahl durch ein Zeichen mit der Hand dem Pa⸗ ter Joſeph, ſich zu entfernen. Dieſer gehorchte und zog ſich aus dem Bereiche des Gehoͤrs, aber nicht aus dem Bereiche des Geſichts zurück. Ich neigte das Haupt und ſtreckte meine beiden Hände gegen ihn aus. „Was wollt Ihr von mir, meine Tochter?“ fragte der Cardinal Herzog. „Monſeigneur, Monſeigneur, eine Gnade, von der nicht nur mein Leben, ſondern auch mein Heil abhängt.“ „Euer Name?“ „Iſabelle von Lautrec.“ „Ahl Euer Vater war ein treuer Diener des Kö⸗ nigs. Das iſt etwas Seltenes in unſeren Zeiten der Re⸗ bellion. Wir haben das Unglück gehabt, ihn zu ver⸗ lieren.“ „Ja, Monſeigneur. Iſt es mir alſo erlaubt, ſein Ge⸗ dächtniß bei Euch anzurufen?“ „Ich würde ihm im Leben bewilligt haben, was er von mir verlangt hätte, die Dinge ausgenommen, über welche der Herr allein zu entſcheiden hat, und bei denen ich nur ſein einfacher Stellvertreter bin. Sprecht, was wünſcht Ihr?“ „Monſeigneur, ich habe das Gelübde abgelegt.“ „Ich erinnere mich deſſen, denn auf das Verlangen Eures Vaters habe ich mich dieſem Gelübde mit meiner ganzen Macht widerſetzt, und ſtatt es zu beſchleunigen, 88 wie Ihr es wünſchtet, ein Probejahr beſtimmt. Ihr habt alſo, trotz dieſes Jahres, das Gelübde ausgeſprochen? „Leider! leider! Monſeigneur.“ „Ihr bereut es nun?“ Ich wollte meine Reue lieber auf Rechuung meiner Unbeſtändigkeit, als auf Rechnung meiner Treue ſetzen und antwortete: „Monſeigneur, ich war erſt achtzehn Jahre alt, und der Tod eines Mannes, den ich liebte, hatte mich wahn⸗ ſinnig gemacht.“ Er lächelte. „Ja, und nun zählt Ihr vier und zwanzig Jahre und ſeid vernünftig geworden.“ Ich bewunderte das vortreffliche Gedächtniß dieſes Mannes, der ſich der Epoche eines ſo unbedeutenden Er⸗ eigniſſes erinnerte, wie es für ihn die Einkleidung eines Mädchens, das er nie geſehen, ſein mußte. Ich wartete mit gefalteten Händen. „Und nun,“ ſagte er,„möchtet Ihr gern dieſes Ge⸗ lübde brechen, denn das Weib hat die Nonne beſiegt, denn die Erinnerungen der Welt haben Euch in Eure Einſamkeit verfolgt, denn Ihr habt den Leib Gott ge⸗ weiht, doch die Seele, die Seele, nicht wahr, die Seele iſt auf der Erde geblieben? O menſchliche Schwäche!“ „Monſeigneur! Monſeigneur!“ rief ich,„ich bin verloren, wenn Ihr nicht Mitleid mit mir habt 1“ „Ihr habt aber doch ganz freiwillig den Schleier genommen?“ „Oh! ja, ganz freiwillig. Ich wiederhole Euch, Monſeigneur, ich war wahnfinnig.“ „Und welche Entſchuldigung könnt Ihr Goit über Eure geringe Beharrlichkeit in Eurem Willen geben?“ Meine Entſchuldigung, dieſe Gott wohlbekannte Ent⸗ ſchuldigung, konnte ich ihm nicht nennen, denn das hieß Euer Verderben herbeiführen. Ich ſchwieg und ließ nur einen zweiten Seufzer entſchlüpfen. ———— abt 89 „Ihr habt keine Entſchuldigung?“ ſagte der Her⸗ og. Ich rang die Hände vor Schmerz. „Nun, ſo muß ich eine finden, eine etwas weltliche vielleicht,“ fügte er bei. „Ohl unterſtützt mich, helft mir, Monſeigneur, und Ihr ſollt von mir geſegnet werden bis zum letzten Seuf⸗ zer meines Lebens.“ „Es ſei! als Miniſter von Koͤnig Ludwig XIII. will ich nicht, daß ein ſo ſchoͤner und redlicher Name, wie der, welchen Ihr führt, vergehe; Euer Name iſt eine von den wahren Glorien Frankreichs, und die wahren Glorien Frankreichs ſind mir theuer.“ Dann ſchaute er mich feſt an und fragte mich: „Ihr liebt Einen?“ Ich beugte meine Stirne bis in den Staub. „Ja, ſo iſt es,“ fuhr er fort,„ich habe es erra⸗ then, Ihr liebt Einen; iſt der, welchen Ihr liebt, frei?“ „Ja, Monſeigneur.“ „Er weiß den Schritt, den Ihr gethan habt, und wartet?“ „Er wartet.“ „Es iſt gut. Dieſer Mann wird ſeinem Namen, welcher es auch ſein mag, dem Namen Lautree beifügen, damit der Name des Siegers von Ravenna und Brescia un⸗ vergänglich bleibe wie ſein Gedächtniß, und Ihr werdet frei ſein.“ „Oh! Monſeigneur!“ rief ich, indem ich ſeine Füße te. Er hob mich auf; ich keuchte vor Freude. Er winkte dem Pater Joſeph; dieſer kam herbei. „Führt Fräulein Iſabelle von Lautrec dahin zurück, wo Ihr ſie geholt habt,“ ſagte der Cardinal,„und in einer Stunde werdet Ihr ihr die Bulle bringen, die ſie ihrer Gelübde entbindet.“ küß 90 „Monſeigneur, Monſeigneur, wie ſoll ich es machen, um Euch zu danken?“ „Das iſt ſehr leicht: wenn man Euch um Eure Meinung über mich fragt, antwortet, ich wiſſe zu ſtrafen und zu belohnen. Den lebenden Verräther Montmorency habe ich beſtraft; den redlichen Lautrec habe ich im Tode belohnt. Geht, meine Tochter, geht.“ Ich küßte ihm noch zehnmal die Hände und folgte dem Pater Joſeph. Eine Stunde nachher brachte er mir die Bulle, die mein Gelübde löſte.— Ohne eine Minute zu verlieren, reiſte ich ab, meine Bulle auf dem Herzen und ſicherlich inbrünſtiger gegen Gott, ſeitdem er mir mein Wort zurückgegeben, als ich es je zuvor geweſen war. Ich brauchte zu meiner Rückkehr nur dreizehn Tage, und nun bin ich hier und ſchreibe Euch, mein Vielge⸗ liebter, nicht Alles, was ich Euch zu ſagen habe, denn ſonſt würde ich Euch einen Band ſchreiben, und Ihr wür⸗ det acht Tage lang nicht wiſſen, daß ich frei bin, daß ich Euch liebe, und daß wir glücklich ſein werden. Ich ſchließe eiligſt, damit Ihr dieſe reiche Kunde eine Minute früher erfahret. Die Pferde werden angeſpannt bleiben, und bei der Rückkehr der Taube reiſe ich ab. Sagt mir nun, wo Ihr ſeid, und erwartet mich. Gehe, Taube: ich habe Deiner Flügel nie ſo ſehr bedurft. Gehe und komm zurück. Du hörſt, mein Geliebter: nichts Anderes, als den Ort, wo ich Dich finden werde. Du ſollſt unſere Wie⸗ dervereinigung nicht um eine Minute verzögern, und ge⸗ ſchähe es nur, um die drei beſeligenden Worte:„Ich liebe Dich!..“ zu ſchreiben. Gehe und komm zurück. 91 Sechsundzwanzigſter Brief. Zehn Minuten nachher. Ohl wehe, wehe über uns!.. Dieſer Menſch iſt unſelig, verhängnißvoll für uns, mein Geliebter, vielleicht mehr noch das zweite Mal, als das erſte Mal. Oh! horch auf, horch auf, obgleich Du mich nicht hoͤrſt; horch auf, obgleich Du vielleicht nie erfahren ſollſt, was ich Dir ſagen will. Horch auf! Ich hatte, wie gewoͤhnlich, meinen Brief an den Flügel unſerer Taube gebunden, dieſen Brief, in dem ich Dir Alles er⸗ zählte, dieſen Brief, der Dir eine ganze Zukunft von Glück brachte. Ich hatte die arme Iris losgelaſſen, ich folgte ihr mit den Augen in die Tiefen des Himmels, wohin ſie ſich aufzuſchwingen anfing, als ich ploͤtzlich von jenſeits der Kloſtermauern einen Schuß hoͤrte und unſere Taube, in ihrem Fluge aufgehalten, wirbeln und fallen ſah. Oh! ich ſtieß einen ſolchen Schmerzensſchrei aus, daß ich glaubte, meine Seele ſei mit dieſem Schrei aus meinem Leibe entflohen. Dann eilte ich aus dem Kloſter in einer Beſtür⸗ zung, daß man begriff, es ſei mir ein großes Un⸗ lli widerfahren, und daß man mich nicht zurückzuhalten uchte. Ich hatte die Richtung geſehen, in welcher die Taube gefallen war, und lief dahin. Fünfzig Schritte jenſeits der Kloſtermauern erblickte ich einen Kapitän, welcher jagte; er hatte nach der Taubegeſchoſſen; er hielt ſie in ſeinen Händen, ſchaute mit 92 Erſtaunen, mit Bedauern ſogar den Brief an, der an ihre Flügel gebunden war. Ich kam mit ausgeſtreckten Armen in ſeine Naͤhe. Ich konnte nicht mehr ſprechen und rief nur: Oh! wehe! ohl wehel ohl wehe! Vier Schritte von ihm blieb ich, erbleichend, im Herzen getroffen, niedergeſchmettert, ſtehen; dieſer Mann, dieſer Kapitän, derjenige, welcher unſere Taube verwun⸗ det hatte, war derſelbe, den ich in der Nacht auf dem Schlachtfelde von Caſtelnaudary geſehen. Es war jener Biteran, der auf Euch geſchoſſen und Euch vom Pferde geworfen hatte. Wir erkannten uns. Oh! ich ſage Euch, da kam ſeine Bläſſe beinahe der meinigen gleich; er ſah mich als Nonne angethan und begriff, daß er es war, der mich in dieſes Kleid ge⸗ hüllt hatte. „Ohl Madame,“ murmelte er,„ich bin in der That ſehr unglücklich.“ Und er reichte mir unſere arme Taube, die in ſeiner Hand zappelte und zu Boden fiel, Ich hob ſie auf; zum Glück war ihr nur ein Flü⸗ gel gebrochen. Doch ſie beſaß das Geheimniß Eurer Wohnung, mein Vielgeliebter. Dieſes Geheimniß nimmt ſie mit ſich fort. Wo und wie werde ich Euch nun fin⸗ den, wenn ſie nicht mehr zu Euch fliegen kann? Fliegen, um Euch zu ſagen, wo ſch bin; um Euch zu ſagen, daß ich frei bin, um Euch zu ſagen, daß wir glücklich ſein werden? Ohl es iſt ſicherlich eine Seele in dieſem armen, kleinen Geſchöpf. Oh! wenn Ihr ſie geſehen hättet, mein vielgeliebter Graf, wie ſie mich anſchaute, während ich ſie ins Kloſter zurücktrug, indeß ihr Mörder unbeweg⸗ lich und ohne Stimme mir folgte, als ich mich entfernte, wie er mich hatte durch das blutbeſpritzte Gras jener 93 Wieſen, welche ein Schlachtfeld geweſen waren, weggehen ſehen.. j Oh! ich weiß nicht, ob dieſer Menſch uns je in Gutem das Boͤſe, das er uns angethan hat, zurückgeben wird, doch er wird das thun müſſen, damit ich ihn nicht in meiner letzten Stunde verfluche. Ich habe die Taube in einen Korb gelegt; ich halte ſie in dieſem Korbe auf meinem Schooße. Zum Glück iſt ſie nicht im Koͤrper verletzt; es iſt nur das Ende des Flügels gebrochen. Ich habe von ihrem armen Flügel den blutigen Brief losgemacht. Mein Gott! mein Gott! ohne dieſes unerwartete Ereigniß würdet Ihr ihn nun bald em⸗ pfangen. Wo ſeid Ihr? wo ſeid Ihr? wer wird mir ſagen, wo Ihr ſeid? Ohl hier kommt der Arzt des Kloſters, nach dem ich geſchickt habe. Siebenundzwanzigſter Brief. Um vier Uhr. Der Arzt iſt ein guter, vortrefflicher Menſch; er hat begriffen, daß in gewiſſen geheimnißvollen Lebenslagen die Eriſtenz einer Taube ſo wichtig iſt, als die Exiſtenz eines Königs. Er hat dies, meine Verzweiflung wahrnehmend, begriffen; er hat dies beim Anblick des blutigen Briefes begriffen. Die Wunde iſt an und für ſich nichts; in drei Ta⸗ 94 gen wäre ſie geheilt geweſen, wenn er ihr den Flügel ab⸗ geſchnitten hätte. Doch ich habe mich dem widerſetzt; ich bin vor ihm auf die Kniee gefallen und habe zu ihm geſagt: „Dieſer Flügel, den Ihr abſchneiden wollt, mein Le⸗ ben hängt an ihm. Sie muß fliegen! ſie muß fliegen!“ „Das iſt ſchwierig,“ erwiederte er,„und ich ver⸗ moͤchte nicht dafür zu haften; ich werde indeſſen Alles hiefür thun. In jedem Fall würde ſie erſt in vierzehn Tagen oder in drei Wochen fliegen.“ „Gut, in vierzehn Tagen oder in drei Wochen; doch ſie fliege! ſie fliege!“ Ihr begreift wohl, mein Freund, meine ganze Hoff⸗ nung beruht auf ihr. Man hat ihr den Flügel an den Leib gebunden; mir ſcheint, ſie begreift das, die arme Kleine; ſie macht keine Bewegung und ſchaut nur mich an. Ich habe in ihre Nähe Waſſer und Futter geſtellt. Uebrigens hat ſie auch meine Hand, um ihr Futter dar⸗ aus zu nehmen. Was ſoll ich mittlerweile thun, damit Ihr erfahret, was geſchehen iſt? Welchen Boten ſoll ich abſchicken, der Euch finden würde? Gegen welchen Punkt des Himmels ſoll ich mich wenden, um, wie der im Ocean verlorene Schiffbrüchige, mein Nothzeichen zu machen? Warum iſt nicht einer von meinen Armen gebrochen, ſtatt einer von ihren Flügeln? —— 8 95⁵ Achtundzwanzigſter Brief. Juni. Ja, Du hatteſt Recht, mein Vielgeliebter, wenn ich die Löſung meiner Gelübde nicht erlangt hätte, ſo wäre immer ein Gewiſſensbiß im Grunde unſeres Glückes ge⸗ blieben, oder es hätte vielmehr kein Glück beſtanden, da dieſes Glück nicht durch Gott beſtätigt geweſen wäre! Als ich Dir ſagte:„Ich bin glücklich, wir werden mit einan⸗ der fliehen, wir werden glücklich ſein,“ wollte ich vergeſ⸗ ſen, doch in der Tiefe meiner Seele wehklagte eine Stimme, welche, ſo ſtark die meiner Liebe war, dieſe zuweilen zum Schweigen brachte. Heute bin ich ſehr unglücklich, da ich nicht weiß, wie ich Dich wiederſehen, wiederfinden ſoll; doch mein Ge⸗ wiſſen iſt ruhig; doch wenn ich Dir ſage, wenn ich Dir wiederhole:„Ich liebe Dich, mein Bräutigam,“ ſo fühle ich nicht mehr im Herzen jenen ſcharfen Schmerz, den ich darin empfand, ſelbſt in dem Augenblick, wo ich zu Dir ſagte:„Sei ruhig, mein Vielgeliebter, wir werden glücklich ſein.“ Ich habe unſere arme Taube bewacht, wie ich über einer kranken Schweſter gewacht hätte. Sie leidet viel und ſchließt von Zeit zu Zeit vor Schmerz die Augen. Ich laſſe Tropfen um Tropfen eiskaltes Waſſer auf ihre „Flügel fallen, und das ſcheint ihr wohlzuthun. Sie lieb⸗ koſt mich mit ihrem roſigen Schnabel, als wollte ſie mir danken. Arme Taube! ſie vermuthet nicht, was Selbſt⸗ ſüuhutges an der Pflege iſt, die ich ihr zu Theil werden aſſe. Aber Du, Du, mein Gott! was mußt Du denken! 96 Neunundzwanzigſter Brief. Am 1. Juli 1638. Sechzehen Tage ſind verlaufen, und keine Kunde. Und meine Augen nützen ſich dadurch ab, daß ich ver⸗ gebens am Horizont unſere vielgeliebte Taube zu er⸗ ſchauen ſuche. Bei jedem ſchwarzen Punkt, der ein Flecken im Raum bildet, ſage ich mir: Sie iſt es; dann, nach einem Augenblick, bemerke ich meinen Irrthum, und meine vor bofftung keuchende Bruſt ſchwillt in einem Seuf⸗ zer ab. Gleichviel, ich warte immer, ich hoffe immer; wa⸗ rum ſollte ich denn, da Du lebſt, da Du mich liebſt, am Glück verzweifeln? Nur geht die Zeit vorüber. Vor zwei Monaten biſt Du abgereiſt. Oh! wenn ich richtig rechne, mußt Du vor acht bis zehn Tagen zurückgekommen ſein. O mein Gott! mein Gottl ſollte dieſes eherne Herz verweigert haben? Man ſagt doch, er habe geliebt, dieſer Mann! Mein Gott und Herr, verlaß uns nicht! —— 97 Dreißigſter Brief. Am 5. Juli. Oh! wenn Du wüßteſt, armer Vielgeliebter meines Herzens, was ich Dir Alles ſeit vierzehn Tagen geſchrie⸗ ben habe. Siehſt Du, es iſt hier eine ganze Welt von Gedanken, Wünſchen, Hoffnungen, Klagen und Erinne⸗ rungen! Wenn wir uns je wiederfinden, ach! ach! Gott wolle es, wie ich ihn ſo inbrünſtig bei Tag und beſon⸗ ders bei Nacht anflehe, wenn wir uns je wiederfinden, wirſt Du dies Alles leſen, und dann, dann erſt, das ſchwoͤre ich Dir, wirſt Du begreifen, wie ſehr Du ge⸗ liebſt warſt. Wenn wir uns nicht wiederſehen... ohl alle Qua⸗ len der Hölle ſind in dieſer Furcht... nun denn! dann werde ich dieſe Briefe wiederleſen, ich werde jeden Tag ein Blatt noch verzweifelter, als das vom vorhergehenden Tage, beifügen, und beim letzten werde ich ſterben, indem ich darauf ſchreibe: Ich liebe Dich. Ohl ich, die ich für Dich alle Aeugſten und alle Freuden meines Herzens erſchöpft zu haben glaubte, oh! ich fühle, daß es noch in der Zukunft Abgründe und Sameien gibt, die ich nicht einmal von fern erſchaut atte Morgen! Warum zittert meine Hand ſo ſehr, in⸗ dem ich dies ſchreibe? Morgen wird der Tag ſein, der über mein Leben entſcheiden ſoll; morgen werde ich ſehen, ob die Taube fliegen kann. Seit drei Tagen ſchon ver⸗ läßt ſie ihren Korb, ſtreckt ihre Flügel aus, verſucht ſich in meinem Zimmer und fliegt von der Thüre nach dem Die Taube. 3 7 * 98 Fenſter. Man ſollte glauben, die arme Kleine begreife, von welcher Wichtigkeit es für uns Beide iſt, daß ſie die ganze Macht ihres Flügels wiederfindet. Morgen! morgen! morgen! Ich werde ein ſehr kurzes Billet ſchreiben, um ſie nicht mit einer unnützen Bürde zu beladen. Nur vier Worte, die Dir aber Alles ſagen ſoll. Morgen, mein Vielgeliebter! ich will die Nacht in Gebeten zubringen. Ich werde es nicht einmal verſuchen, zu ſchlafen, das wäre völlig vergebens. Mein Gott! was machſt Du, vermutheſt Du nur, wie ſehr ich Dich liebe, und wie ſehr ich leide 2 Einunddreißigſter Brief. Am 6. Juli. Der Tag bricht an, mein Geliebter; ich habe, wie ich Dir geſagt, nicht eine Sekunde das Auge geſchloſſen und die Nacht in Gebeten zugebracht. Ich hoffe, Gott wird mich erhoͤrt haben, und Du wirſt heute erfahren, wo ich bin, daß ich frei bin, und daß ich Dich er⸗ warte. Die Taube iſt ſo ungeduldig als ich; ſie ſchlägt mit ihrem Schnabel und mit ihren Flügeln an die Fenſter⸗ ſcheiben. Man wird dir das Fenſter öͤffnen, arme Kleine. Gott gebe, daß dein Flügel ſtark genug ſein möge für den Flug, den du unternehmen ſollſt. Ich unterbreche dieſen Brief, um das Billet zu 99 ſchreiben, das ſie zu Dir tragen oder leider vielleicht nur zu Dir zu tragen verſuchen wird. Es ſchlägt vier Uhr. Zweiunddreißigſter Brief. Vier Uhr Morgens, 6. Juli. Wenn dle Taube bis zu Dir gelangt, mein Vielge⸗ liebter, ſo lies dieſes Billet und reiſe ab, ohne eine Se⸗ kunde zu verlieren, wie ich abreiſen würde, wenn ich wüßte, wo ich Dich finden könnte. Ich bin frei, ich liebe Dich und erwarte Dich im Kloſter Montolieu, zwiſchen Folr und Tarascon, an den Ufern der Ariége. Du wirſt erfahren, warum ich Dir nicht mehr ſage, warum das Billet ſo kurz und warum das Papier ſo fein iſt. Du wirſt dies Alles erfahren und noch tauſend an⸗ dere Dinge, alle unſere Unglücksfälle, alle unſere Be⸗ fürchtungen, alle unſere Hoffnungen, wenn unſere geliebte Taube bis zu Dir gelangt; denn wenn ſie bis zu Dir gelangt, ſo wirſt Du auf der Stelle abreiſen, nicht wahr? Ich warte auf Dich, mein Geliebter, wie der Blinde auf das Licht, wie der Sterbende auf das Leben, wie der Todte auf die Auferſtehung wartet. Gehe, geliebte Taube, gehe! 100 Dreiunddreißigſter Brief. Am 6. Juli, um 5 Uhr Morgens. Wir ſind verflucht! oh! mein vielgeliebter Graf, was ſoll aus uns werden! Es bleibt mir alſo nichts mehr übrig, als in der Verzweiflung und in den Thrä⸗ nen zu ſterben. Sie kann nicht fliegen; nach hundert Schritten erlahmte ihr Flügel. Sie traf auf die letzten Zweige eines Pappelbaums, über welchen ſie hinſtreichen wollte; ſie ſtieß ſich daran und ſiel von Zweig zu Zweig bis zur Erde. Ich lief ihr mit ausgeſtreckten Armen, mit gebroche⸗ nem Herzen nach; mein ganzer Lauf war nur ein Seuf⸗ zer, der in einem Schmerzensſchrei endigte. Ich hob ſie auf, und nach einem Augenblick der Ruhe verſuchte ſie es von ſelbſt, zum zweiten Mal wegzufliegen; doch ſie iſt zum zweiten Mal niedergefallen, und ich, ich fiel neben ſie, wälzte mich in der Verzweiflung auf der Erde und raufte mit meinen Händen und meinen Zähnen das Gras aus. Mein Gott! mein Gott! was ſoll aus mir werden? Ich war zu ſtolz, zu glücklich, zu ſicher meines Glückes, ich hielt es in meiner Hand, das Verhängniß hat ſie mir geöffnet, und mein theurer Schatz iſt mir entwichen. Oh! Herr, Herr! wirſt Du mir denn nicht eine Eingebung, ein Licht, eine Flamme ſchicken! Herr! Herr! ſtehe mir bei! Herr, ſchaue mich mit Erbarmen an. Herr! Herrl ich werde wahnſinnig. Warte, warte. Gottes Güte, Du haſt mich erhört. Vernimm, Geliebter, es iſt eine Hoffnung in meinem 101 Herzen erſtanden, oder dieſe Hoffnung iſt vielmehr eine Erleuchtung von Oben. Horch auf! Von meinem Fenſter aus bin ich ſo oft mit dem Auge dem Fluge unſerer Taube in der Minute ihres Abgangs gefolgt, daß ich, ohne mich zu irren, wenigſtens zwei bis drei Meilen in derſelben Richtung, wie ſie, machen kann. Sie flog über die Quellen des brei⸗ ten kleinen Fluſſes hin, der ſich bei Foix in die Ariége wirft. Sie mußte über den kleinen Wald von Amourtier, bher die Salat, zwiſchen Saint⸗Girons und Ouſt, paſ⸗ ſieren. Höre alſo, was ich thun will. Ich werde das Kleid einer Pilgerin anlegen und auf Nachforſchungen nach Dir ausziehen; ich gedenke bis zu dem Doͤrſchen Rieupregan zu gehen; ich verlor ſie immer in der Rich⸗ tung dieſes Dörfchens aus dem Blick, und wenn ich daſ⸗ ſelbe hinter mir habe, nun! ſo verlaſſe ich mich auf ſie. Sie kann, wenn ſie fliegt, mit jedem Fluge eine Ent⸗ fernung von ungefähr hundert Schritten zurücklegen. Gut! ſie wird hundert Schritte fliegen, dann ausruhen und, mir als Führerin dienend, abermals hundert Schritte fliegen. Ich werde ihr folgen, wie die Hebräer der Feuer⸗ ſäule bei Nacht und der Rauchſäule bei Tag folgten, denn ich ſuche auch das gelobte Land auf, und ich werde es finden, oder vor Ermattung und Schmerz unter We⸗ ges ſterben. Ach! ich weiß, der Weg wird lang ſein! arme Taube, verzeihe mir, daß ich dich muß leiden laſſen, ſanfte Märtyrin unſerer Liebe! die arme Taube wird nicht mehr als eine bis zwei Meilen im Tage machen koͤnnen; gleichviel, mein Vielgeliebter, müßte ich den Reſt meines Lebens Dich ſuchend aufbrauchen...ohl ja, ich werde Dich ſuchen bis an das Ende meiner Tage. Ich breche alſo auf, ohne Verzug, heute noch. Ich habe unſerer Superiorin Alles geſagt, Deinen Namen ausgenommen. Es iſt eine fromme, würdige Frau, die 102 an meinen Schmerzen gelitten und mit meinen Thränen geweint hat. Sie hat mir Jemand angeboten, um mich zu begleiten, ich habe es ausgeſchlagen. Ich will Nie⸗ mand; was ich thun will, iſt eine Sache des Inſtinctes, ein Geheimniß zwiſchen dem Himmel und uns; ich ver⸗ ſprach ihr nur, ihr zu ſchreiben, wenn ich Dich wiederfände. Schreibe ich ihr nicht, ſo wird ſie wiſſen, daß ich geſtor⸗ ben bin, geſtorben im Wahnfinn, in der Verzweiflung, am Saume eines Waldes, am Rande einer Straße, am Ufer eines Fluſſes. Ich gehe und nehme alle dieſe Briefe mit, die ich Dir geſchrieben, die Du nicht empfangen haſt, und vielleicht nie empfangen wirſt. Ohl wenn ich ſie eines Tags alle zu Deinen Füßen werfen und Dir ſagen kann: Lies! lies, mein Geliebter! und Du wirſt ſehen, wie ich gelit⸗ ten habe... an dieſem Tag werde ich glücklich ſein. Ich gehe, es iſt drei Uhr Nachmittags; ich hoffe, heute noch bis Rieupregan zu kommen. Vierunddreißigſter Brief. Am 7. Juli in der Nacht. Ich bin, ehe ich mich auf den Weg begeben habe, durch die Kirche gegangen, um gleichſam Gott mitzuneh⸗ men. Ich habe mich vor dem Altar niedergeworfen, meine Stirne auf einen ausgehauenen Stein gerade bei der Stelle geſtützt, wo die Sculptur auf dieſem Stein ein Kreuz bildete, und hier gebetet. Ohl es iſt ſehr wahr, es liegt ein Balſam im Ge⸗ 10³ bet. Das Gebet iſt der grüne Hügel, auf den man ſich nach einem ermüdenden Marſch ſetzt, und wo man aus⸗ ruht. Das Gebet iſt der Bach, den man mitten in der Sandwüſte findet, und wo man ſich erfriſcht. Ich habe die Kirche voll Kraft und Hoffnung ver⸗ laſſen. Mir war, als hätte Gott an meinen Schultern die Flügel von einigen ſeiner Engel befeſtigt: es war immer das Gebet, was mich von der Erde aufhob und zum Herrn emportrug. Nicht wahr, o Herr, das iſt nur eine Prüfung? nicht wahr, o Herr, Du haſt mich nicht verdammt? nicht wahr, o Herr, er iſt am Ende des Wegs, deſſen erſte Strecke ich zurückgelegt habe? Warte auf mich, Vielgeliebter, warte auf mich, denn früher oder ſpäter werde ich ankommen. Ich habe Dich einen Augenblick verlaſſen, um mich mit der Stirne an das Gitter eines Fenſters anzulehnen, das nach dem Dorfe Bouſſenac geht. Dieſes Dorf liegt an meiner Straße und ich werde durch daſſelbe kommen, wenn mich nicht meine Taube davon abbringt. Ein trau⸗ rig heulender Hund, der ohne Zweifel in einem Gehölze, das ich zu meiner Rechten erblickte, verirrt war, machte der Erde einen ſchwarzen Flecken. Ich ſagte zu mir: Wenn der Hund zu heulen aufhört, ſo wird das ein gu⸗ tes Zeichen ſein, und ich werde ihn finden. Der Hund ſchwieg. Wie abergläubiſch iſt man, wenn man leidet, ar⸗ mer Wellebter meines Herzens! Weißt Du das? leideſt Du?— Mein Gott! welch eine ſchöͤne Nacht! Ich ſage mir, Du ſteheſt vielleicht an einem Fenſter, wie ich an dem meinigen ſtehe, Du ſchaueſt Deinerſeits, wie ich meinerſeits ſchaue, Du denkeſt an Gott und an mich, wie ich an Dich und an Gott denke. Haſt Du den ſchoͤnen Stern geſehen, der den Himmel 104 mit einer Feuerfurche durchzog? Wie viel Meilen hatte er ſo in einer Stunde gemacht? Ohl könnte ich in einer Sekunde, wie er, von hier zu Dir gehen, und müßte ich, bei Dir angekommen, er⸗ löſchen, wie er! Ich würde dieſe leuchtende Sekunde des Glücks an⸗ nehmen, und ſollte darauf die ewige Nacht folgen. Morgen, mein Geliebter, morgen wird mich, wie ich hoffe, Dir noch näher bringen. Fünfunddreißigſter Brief. Am 9. Juli. Ich habe in einem kleinen Dorfe Namens Saulan angehalten. Guter Gott, welch ein Sturm! Und was hatte denn die Erde gethan, daß ſie der Herr ſo mit ſeiner erſchrecklichen Stimme bedrohte! Das Waſſer, das in Strömen aus den Wolken herabfiel, hat die Sa⸗ lat angeſchwellt, es iſt nicht mehr möglich, durchzuwaten, und um eine Brücke zu finden, müßte ich bis Saint⸗ Girons hinaufgehen, das heißt zwei Tage verlieren. Mor⸗ gen, verſichert man mich, werde ich meinen Marſch fort⸗ ſetzen können, und der Fluß werde wieder zu ſeinem Ni⸗ veau herabgeſunken ſein. Oh! ein verlorner Tag! ein Tag, in deſſen Verlauf Du mich ſicherlich erwarteſt... vielleicht anklagſt! 8——& 10⁵5 Sechsunddreißigſter Brief. Am 12. Juli Abends, im Dorfe Alos. Ein Bauer hat eingewilligt, mir als Führer zu dienen; ich bin auf ſeinem Mauleſel über den Fluß ge⸗ langt. Der Fluß hätte uns beinahe einen Augenblick alle fortgeriſſen. Während eines Drittels ſeiner Strömung hatte das Thier den Boden verloren. Ich ſchlug die Augen zum Himmel auf, kreuzte die Hände auf meiner Bruſt und ſagte: „Mein Gott, wenn ich ſterbe, ſo weißt Du, daß es für ihn geſchieht.“ Du ſtehſt, daß wir uns wiederſehen ſollen, da ich nicht geſtorben bin. Siebenunddreißigſter Brief. Am 15. Juli. Ich habe meine Wanderung zu Fuß fortgeſetzt, im⸗ mer geleitet durch unſere Taube. Am 13. bin ich von Alos bis Caſtillon gegangen; das war eine ſtarke Tage⸗ reiſe für die arme Kleine. Ich müßte mehr Mitleid mit 85 haben; ich habe wenigſtens drei Meilen zurück⸗ gelegt. 106 Am andern Tag, am 14., bezahlte ich meine Grau⸗ ſamkeit vom vorhergehenden dadurch, daß ich kaum eine Meile machte, und heute, am 15., bin ich in Saint⸗ Lary, jenſeits eines kleinen Baches ohne Namen, der ſich in die Salat ergießt, angekommen. Uebrigens bin ich auf dem Wege, das unterliegt keinem Zweifel. Die Taube zögert nicht einen Augen⸗ blick, weicht nicht eine Sekunde ab; ſie fliegt gerade aus, ohne irgend ein Zaudern. Nur vergeht die Zeit, und Du warteſt; die Zeit vergeht, und Du haſt Dein Gelübde ge⸗ than.— mein Theurer! Glaube an mich, glaube an Deine Iſabelle. Beide theuer zu ſtehen gekommen. Achtunddreißigſter Brief. Am 18. Juli. Seit drei Tagen irre ich beinahe auf den Zufall umher; ich drehe mich um Wälder, ich gehe längs den Bächen hin. Ach! die Luft hat nicht alle Hinderniſſe, die mir die Erde entgegenſetzt. Die Taube kam da weiter, wo ich oft anzuhalten mich genöthigt ſah. Ich geſtehe Dir, mein Geliebter! der Muth und die Kräfte verlaſſen mich zugleich, und ich lege mich ſterbend, in Verzweiflung, am Fuße eines Baumes nieder. Es ſind ſchon elf Tage, daß ich abgereiſt bin, und Oh! dieſes Gelübde, eile nicht, es zu erfüllen, Du haſt einen Augenblick gezweifelt, und das iſt uns 22 η 107 ich habe kaum fünfzehn bis achtzehn Meilen gemacht, was ſie in einer Stunde machte, als ſie noch unſere Lie⸗ besbötin war und raſch wie ein Pfeil über den elenden Würmern hinſchoß, die ſich die Koͤnige der Schöpfung betiteln, die nicht den Inſtinct eines Vogels haben, und die elf Tage brauchen, um einen Weg zurückzulegen, den eine Taube in einer Stunde zurücklegt. Sage mir, wie es kommt, daß eine elende Magnet⸗ nadel weiß, wo der Nord iſt, und daß ich, ich, ein le⸗ bendes, denkendes, handelndes Geſchoͤpf, gemacht nach dem Bilde des Schöpfers, nicht weiß, wo Du biſt? Wie kommt es, daß ein Schiff von einem Punkte der Welt ausgeht, am andern Ende der Welt eine Inſel mitten im Ocean auffindet, und daß ich Dich nicht wieder⸗ finden kann, gegen den ich gleichſam nur die Arme aus⸗ zuſtrecken brauche? Ohl ich fühle es wohl, mein Gott, wenn ich ihn wiederſinden will, ſo muß ich nicht gegen ihn, ſondern gegen Dich die Arme ausſtrecken. Mein Gott, ſtehe mir beil mein Gott, führe mich, mein Gott, leite mich! Neununddreißigſter Brief. Am 29. Juli. Ich kehre zu mir, zum Licht, zum Leben zurück. Ich habe zu ſterben geglaubt, mein geliebter Graf, und wenig fehlte, ſo wußte ich, wo Du wareſt, denn die Todten wiſſen Alles; wenig fehlte, ſo trat der Geiſt Dei⸗ 108 ner Iſabelle in Deine Zelle, in der Nacht, zur Stunde ein, wo die Geiſter erſcheinen. Darum bedaure ich es, daß ich lebe. Hätteſt Du mich als Schatten erſchaut, ſo würdeſt Du begriffen haben, daß ich ich geſtorben, während Du, wenn Du weder mei⸗ nen Koͤrper, noch meinen Schatten ſiehſt, glauben kannſt, ich habe Dich vergeſſen oder verrathen. Sage nicht nein, ach! Du haſt es wohl einmal geglaubt. Oh! ich habe Dich weder vergeſſen, noch verrathen, ich liebe Dich! ich liebe Dich! doch ich wäre beinahe ge⸗ ſtorben. Du erinnerſt Dich jenes Verwundeten, der Durſt ge⸗ habt, der ſich, die letzten Tropfen ſeines Blutes, den letz⸗ ten Athem ſeiner Bruſt verlierend, bis zum Bache ge⸗ ſchleppt hatte, alles dies, um das Waſſer zu erreichen, und der, den erſten Schluck trinkend, geſtorben war? So iſt es beinahe bei mir geweſen. Nach einer langen Wanderung in den Wäldern, von denen man mir ſagte, es ſeien die von Mauleon, gelangte ich keuchend zu einer Quelle. Dieſe Quelle kam aus der Erde hervor und war eiskalt. Ich trank im Glauben, dadurch meine Kräfte wieder zu gewinnen und meinen Marſch fortſetzen zu koͤnnen. Ich brach wirklich wieder auf. Doch ich war kaum hundert Schritte gegangen, als ich bebend ſtehen blieb. Ein Schauer ſchüttelte meinen ganzen Körper, und ich fiel ohnmächtig am Rande des kleinen Fußpfades, dem ich folgte, nieder. Was nach dieſer Ohnmacht geſchehen iſt, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß ich geſtern ſehr geſchwächt er⸗ 1 wachte, daß ich mich, umherſchauend, in einem ziemlich reinlichen Bette fand; am Fuße meines Bettes wachte eine alte Frau; auf meinem Kopfkiſſen ſaß unſere Taube und ſtreichelte meine Wange mit ihrem armen gebroche⸗ nen Flügel. Dieſe Frau kam vom Markte von Mauleon mit zwei Männern zurück; als ſie ſahen, daß ich noch ath⸗ 109 mete, hatten ſie Mitleid mit mir und brachten mich da⸗ hin, wo ich bin. Wo ich bin, das iſt in einem Dörfchen bei Nertier, wie man mir geſagt hat; von dem Zimmer aus, welches ich bewohne, überſchaut man die Umgegend, wie es ſcheint, denn von meinem Bette aus ſehe ich nur den Himmel. Oh!l der Himmel, der Himmel! von ihm allein er⸗ warte ich Hülfe. Geſtern fragte ich nach dem Datum des Monats, man antwortete mir, es ſei der 28. Juli. Ach! es ſind mehr als zwanzig Tage, daß ich abgereiſt bin und auf das Gerathewohl umherirre. Wo bin ich? bin ich fern von Dir oder nahe bei Dir? Ich verlangte Papier, Tinte und Feder; doch bei den erſten Buchſtaben, die ich ſchrieb, drehte ſich mir der Kopf, und es war mir unmdsglich, fortzufahren. Heute Abend geht es beſſer; ich ſchrieb beinahe ohne müde zu werden, und ruhte nur dreimal aus, um die dreißig bis vierzig Zeilen zu ſchreiben, die ſchon dieſen Brief bilden. Ich dankte der guten Frau, die mich pflegt. Ich brauche nicht mehr bewacht zu werden; es geht beſſer bei mir, ich fühle mich ſtark. Heute Nacht werde ich es ver⸗ ſuchen, aufzuſtehen, und morgen, mich wieder auf den Weg zu begeben. Ich ſtürbe, wenn ich unthätig hier bliebe, während Du mich erwarteſt; denn Du erwarteſt mich, nicht wahr, Geliebter meines Herzens, Du erwarteſt mich? Die Taube iſt auch gut ausgeruht; ich hoffe, ſie wird längere Fluge leiſten und mich folglich raſcher in Deine Nähe bringen koͤnnen. Ich gedachte die Nacht hindurch zu ſchreiben, doch ich hatte zu viel Vertrauen auf meine Kräfte geſetzt; ich muß innehalten, ich muß Dir Lebewohl ſagen; meine Oh⸗ ren klingeln, Alles ſchwankt um mich her, und die Buch⸗ 110 ſtaben, die meine Feder zeichnet, ſcheinen mir feurig zu ſein.— Ach!.... Vierzigſter Brief. Um 9 Uhr Morgens. Ich habe ungefähr zwei Stunden einen entſetzlich bewegten Schlaf, der ſehr dem Delirium glich, geſchla⸗ fen. Ohl mein Geliebter, zum Glück ſehe ich, die Augen öffnend, daß der Tag anbricht. Ohl mein Geliebter, welch ein ſchoͤnes Ding wäre es um den Tagesanbruch, wenn wir uns beiſammen be⸗ fänden, wenn wir mit einander, und wie ſie nach und nach verſchwänden, alle Sterne zählten, deren Namen Du weißt, und die ſich vermengen und erlöſchen im Aether einige Augenblicke, ehe die Sonne, welche ſie vertreibt, ebenfalls erſcheint. 3 Ich habe mein Fenſter geoͤffnet; mir ſcheint, es muß auf eine ungeheure Strecke gehen. Achl je groͤßer die Strecke iſt, deſto mehr bin ich verloren. Mein Gott, iſt jene ſchöne Liebesfabel von Theſeus und Ariadne wirklich nur eine Fabel, und wird mein Gebet, mein tiefes, glühendes, ewiges Gebet, nicht von Deiner gebenedeiten Rechten einen Engel loſen, der mir den Leitfaden bringt, welcher mich zu ihm führen ſoll? Ohl ich hoͤre, ich ſchaue, ich warte. Nichts, nichts, mein Gott, als die Sonne, das heißt Dein Bild, die, ohne noch zu erſcheinen, mit einer rofigen ißt gen ——Vʒ—— 111 Tinte die ganze Atmoſphäre färbt, welche um die Ge⸗ birgskette ſchwimmt, hinter der ſich die Sonne in dieſem Augenblick erhebt. Oh! wie ſchön wäre dieſes Schau⸗ ſpiel für ein ruhiges Herz! Wie find dieſe Hügel, deren bläulicher Umriß ſich von ihren goldenen Strahlen ab⸗ hebt, ſo ſchön und anmuthig in ihrer Form! Wie iſt jene Gebirgskette rieſenhaft und prachtvoll mit ihren ſchneebedeckten Gipfeln, die in den erſten Flammen des göttlichen Geſtirnes ſich verſilbern und funkeln! Wie iſt jener große Fluß, der die Ebene durchfurcht, und deſſen Lauf gegen mich geht, ſo glatt, ſo majeſtätiſch und tiefe! Wie... ohl mein Gott! Mein Gott! ich täuſche mich nicht; mein Gott! der Engel, den ich erflehte, den ich erwarte, er iſt alſo ge⸗ kommen, unſichtbar, aber wirklich. Mein Gott! jene Hügel, hinter denen ſich die Sonne erhebt, jener doppelte Kamm, in deſſen Mittelpunkt ſie ſich in dieſem Augen⸗ blicke ſchaukelt, jene Schneeberge, welche das Himmels⸗ gewölbe tragende ſilberne Pfeiler zu ſein ſcheinen, jener große Strom, der vom Süden nach dem Norden läuft und die benachbarten Bäche empfängt, wie ein Souve⸗ rain den Tribut ſeiner Unterthanen.... es ſind die Hügel, es ſind die Berge, es iſt der Strom, wie er mir Alles beſchrieben hat, was er von ſeinen Fenſtern aus ſieht. Mein Horizont, es iſt der ſeinige; mein Gott! haſt Du mich nur verirren laſſen, um mich beſſer zu ihm zu führen! haſt Du mir die Augen geſchloſſen, um mir das Licht zu zeigen, wenn ich ſie oͤffnen würde? Mein Gott! mein Gott! Deine Barmherzigkeit iſt gränzenlos. Du biſt groß, Du biſt heilig, Du biſt gut, und nur auf den Knien darf man mit Dir ſprechen. Auf die Kniee alſo, Herz ohne Glauben, das an der Güte des Herrn gezweifelt hat; auf die Kniee! auf die Kniee! auf die Kniee! 112 Einundvierzigſter Brief. Um vier Uhr Morgens. Ich habe Gott gedankt und gehe ab. Oh! die Kraft iſt bei mir mit dem Glauben wiedergekehrt. Ich war nur ſchwach, weil ich verzweifelte. Noch einen letzten Blick! Oh! wie das Bild getreu iſt, mein Geliebter! Ma⸗ ler, wie haſt Du gut geſehen! Dichter, wie haſt Du gut geſchildert! Das ſind die Gipfel der Pyrenäen, welche vom matten Weiß zu den Reflexen der lebhafteſten Sil⸗ berfarbe übergehen. Das ſind ihre Flanken, welche ſich allmälig beleuchten und vom Schwarz zum Veilchenblau, vom Veichenblau zum Hellblau hinſpielen, wie eine Licht⸗ überſchwemmung, die von den hohen Gipfeln herabſteigen würde. Das iſt der Tag, der ſich über die Ebene ver⸗ breitet, das ſind die Bäche, die wie Silberfäden glänzen, vas iſt der Strom, welcher ſich klümmt und wogt wie ein gemohrtes Band, das ſind die kleinen Voͤgel, die in den Lorbeerroſenſträuchen, in den Granathecken, in den Myrthengebüſchen ſingen; das iſt der Adler, der Koͤnig des Firmaments, der ſich im Aether dreht. Oh! mein Vielgeliebter, wir ſind ſchon durch den Blick vereinigt, und ich ſehe, was Du ſiehſt. Nur, von wo aus ſiehſt du es 2 Warte, warte, Dein Brief iſt hier. Oh! Delne Briefe, fie verlaſſen mich nicht einen Augenblick; wenn ich ſterbe, werden ſie auf meinem Herzen ſein, und diejenigen, welche mich in das Grab niederlegen, haben bei Strafe der Ruchloſigkeit den Auftrag, ſie mit mir zu ver⸗ ſchließen. ————. 113 Von wo ſiehſt Du es? Mein Gott! ich kann kaum leſen; zum Glück weiß ich ſie auswendig; wenn ich ſie verlöre, köͤnnte ich ſie von der erſten bis zur letzten Seite wieder ſchreiben. Ich habe ſie ſo oft geleſen! „Mein Fenſter, ganz geſchmückt mit einem unge⸗ heuren Jasmin, deſſen mit Blüthen beladene Zweige in mein Zimmer gehen und dieſes mit Wohlgerüchen er⸗ füllen, öffnet ſich gegen Sonnenaufgang.“ Das iſt es, das iſt es. Die Sonne iſt zu meiner Linken aufgegangen, Du biſt zu meiner Rechten. „Das Plateau, das ich überſchaue, iſt von Süden nach Norden, von den Bergen zu der Ebene geneigt.“ Das iſt es immer. Ja, dort, dort am Horizont... ich danke Dir, Herr, daß der Tag, den Du ſo eben gemacht haſt, ſo rein iſt; dort iſt das Plateau, wo ſeine Einſiedelei liegt. Ohl warum iſt er noch ſo fern, oder warum iſt der menſch⸗ liche Blick ſo ſchwach! Ich ſehe Hunderte von weißen Punkten unter den grünen Bäumen zerſtreut; welcher von allen dieſen weißen Punkten iſt Deine Einſiedelei? Ohl theure Taube, geliebte Taube, Taube, Toch⸗ ter des Himmels, an dir iſt es, mir das zu ſagen. Ich gehe, mein Geliebter, ich gehe; jede verlorene Minute iſt ein Diebſtahl an Deinem Gluck und an dem meinigen begangen; eine Minute verlieren, das hieße Gott verſuchen. Haſt Du nicht dadurch, daß Du eine Minute zu ſpät gekommen biſt, mich verloren? Komm, Taube, ja, ja, nicht wahr, morgen, heute Abend vielleicht, werden wir uns wiederſehen. Die Taube⸗ 8 114 Zweiundvierzigſter Brief. Am 31. Juli. Die Nacht hat unſere Nachforſchungen unterbrochen, mein Gellebter, doch ich hoffe, ich hoffe. Ich habe alle Welt beſragt, und von ſern hat man mir am Bergabhang eln Camaldulenſerkloſter gezeigt, und in der Nähe dieſes Kioſters ein kleines Haus, das ſehr demjenigen gleicht, welches Du mir beſchrieben haſt. Oh! ich ſah es, weiß in dem azurblauen Abenddunſt, vielleicht war es das Deinige, vielleicht umfaßteſt Du Deinerſeits mit den Augen Deinen Horizont, ohne zu wiſſen, daß an dieſem Horizont, für Dich unſichtbar, vas arme Geſchöpf ſich bewegte, welches nur noch für dich lebt, und ohne dich ſterben wird. Ich erkundigte mich, wie ich Dir geſagt habe, und man antwortete mir, dieſes Haus werde von einem Ein⸗ ſiedler, von einem Weiſen, von einem Manne Gottes, der noch jung, immer ſchoͤn, bewohnt. Dieſer Mann beſucht das Haus des Armen und das Bett des Sterbenden: er hat tröͤſtende Worte für das Leiden und ſogar für den Tod. Dieſer Mann, das biſt Du, mein Vielgeliebter; nicht wahr, es iſt Niemand als Du? Wenn Du es biſt, ſo warſt Du am Tage im Dorfe Camons, wo ich bin. Du beſuchteſt einen armen Zimmermann, der ſich, von einem Dache herabfallend, den Schenkel brach. Du verbandſt ihn, Du pflegteſt ihn. Dann ſagteſt Du, als Du weggingſt, zu der ganzen Familie, welche vor Dir auf den Knien lag: „Ihr ſeid nun getröſtet, betet für den Tröſter.“ 115 Oh! das biſt Du, und ich habe Dich an dieſem ſchmerzlichen Worte erkannt. Du warteſt auf mich, Du weißt nicht, was aus mir geworden iſt, und Du leideſt. Du leideſt, denn Du zweifelſt. Oh! der Mann zweifelt immer; ich, ich habe nicht gezweiſelt, ich habe Dich für todt gehalten. Wenn ich bedenke: wäre ich zwei Stunden früher gekommen, ſo hätte ich Dich vielleicht getroffen. Ich ſage vielleicht, denn wäre ich ſicher, daß Du es geweſen, ſo würde ich, ſo gelähmt ich bin, auf der Stelle wieder aufbrechen; ich nähme einen Führer; ich ließe mich tragen. Doch wenn ich mich täuſchte, wenn Du es nicht wäreſt? Oh! der Inſtinet der Taube iſt mehr werth, als Alles; ſie hat ſich nicht einen Augenblick ge⸗ irrt. Es ſind die Kräfte, die mich verlaſſen haben; ſie hat nicht gefehlt. Was machſt Du in dieſem Augenblick, wo Du auch ſein magſt, mein Geliebter? Wenn Du nicht an Gott denkſt, ſo denkſt Du an mich, wie ich hoffe. Oh! ich, wenn ich an Dich denke, denke an Gott. Wenn ich an Gott denke, denke ich an Dich. Es iſt elf Uhr Abends; morgen! morgen! Eine ungeheure Hoffnung, welche zu mächtig iſt, um nicht vom Himmel zu kommen, ſagt mir, ich werde Dich mor⸗ gen wiederſehen. 5 116 Dreiundvierzigſter Brief. Am 31. Juli, um 11 Uhr Abends. Ich weiß es nicht, ob ich Dich je wiederſehen werde, Geliebte meines Herzens, aber beeile Dich, es ſchlägt bald Mitternacht, und mit dem Schlage endigt der letzte Tag meines Lebens in der Welt. Es iſt morgen der für mein Gelübde bezeichnete Tag, ich habe gewiſſenhaft den gänzlichen Ablauf der drei Monate abgewartet, doch ich kann nicht ſo ewig wort⸗ brüchig gegen Gott ſein. Gott ſpricht mit mir, da Du ſchweigſt; Gott nimmt mich in Anſpruch, da Du mich verläſſeſt. Oh! nicht ohne einen tiefen Schmerz verzichte ich auf dieſe Hoffnung, die Du mir einen Augenblick gegeben hatteſt. Ich war mit Leib und Seele in die Vergangen⸗ heit, das heißt, in das Glück zurückgekehrt; es wird mich mehr koſten, aus dieſem Glück zu ſcheiden, als es mich koſten würde, aus dem Leben zu ſcheiden. Das Leben des Kloſters iſt, was man auch ſagen mag, weder der Tod des Körpers, noch der Tod der Seele. Ich habe oft Leichname unterſucht, ich habe oft meine Augen auf ihre bleichen Stirnen geſenkt, es war die Materie, die ſich zerſetzte, und nichts Anderes. Kein Traum bewegte ſich in dem für immer entſchlummerten Gehirn, kein materieller oder moraliſcher Schmerz machte dieſe auf ewig abgeſpannten Fibern beben. Ich habe dagegen oft die lebendigen Leichname un⸗ terſucht, welche man die Mönche nennt; wenn auch blei⸗ cher als bei einem Todten, war doch ihre Stirne nicht die eines Hingeſchiedenen. Thränen, welche unabläſſig 2Ai ˙———— — A A ☛ 117 aus ihrem Herzen wie aus einer tiefen, unverſiegbaren Quelle floßen, hatten ihre Augen in den Grund ihrer Höhle zurückgezogen und an ihren Wangen jene Furche der Bitterkeit gegraben, an der Gott die Auserwählten des Leidens erkennen wird, aus denen er, wie ich hoffe, dereinſt die Auserwählten ſeiner Liebe macht. Jenes Nervenbeben, das vom Leben zeugt und den Schmerz beſtätigt, ſchüttelte unabläſſig ihre Glieder. Es war weder die Ruhe des Lebens, noch die Ruhe des Gra⸗ bes. Es war der langſame, fieberhafte, verzehrende Kampf, der von dieſer Welt zu jener, vom Leben zum Tode, vom Bette zum Grabe führt. Nun denn, Iſabelle, ich verberge es mir nicht, und ich ſteige in den Abgrund hinab, nachdem ich ſeine ganze Tiefe gemeſſen habe, ich bin im Begriff, auch in dieſen Kampf einzutreten; möͤchte er mich raſch zum Tode führen! Gott befohlen, ich will die Nacht im Gebete hin⸗ bringen. Die Glocken des Kloſters werden von Morgens zwei Uhr an ertöͤnen, und verkündigen, eine Seele, und nicht ein Leib, verlaſſe die Erde, um ſie mit dem Himmel zu vertauſchen. Um neun Uhr müſſen diejenigen, welche meine Brü⸗ der in Gott ſein werden, mich abholen. 118 Vierundvierzigſter Brief. Am 1. Auguſt, um fünf Uhr Morgens. Ich habe zum letzten Mal die Sonne aufgehen ſehen. Nie iſt ſie ſo glänzend, ſo prachtvoll geweſen. Was liegt ihr an den Schmerzen dieſer armen Welt, welche ſie beleuchtet! Was liegt ihr an den Thränen, die ich vergieße und die das Papier benetzen! Ich brauche ſie nur zehn Minuten lang ihren Strahlen auszuſetzen, und ſie wird ſie getrunken haben, wie ſie den Thautropfen trinkt, der am Ende eines Grashalms zittert oder wie ein Diamant im Grunde eines Blumenkelches rollt. Ich werde ſie nie mehr ſehen. Die für mich be⸗ ſtimmte Zelle geht auf einen von hohen Mauern um⸗ ſchloſſenen Hof; durch den Ausſchnitt einer Bogenwöl⸗ bung werde ich nur eine Ecke des Kirchhofs erblicken; ich werde darnach trachten, daß man mir dieſen Winkel für mein Grab bewilligt. Man muß ſo nahe als moͤglich bei ſich haben, was man ſchleunig zu erreichen wünſcht. Beten wir! 8 119 Fünfundvierzigſter Brief. Um 9 Uhr Morgens. Die Geſänge kommen näher; ſie werden mich ho⸗ len. Dieſe Menſchen ſollen nicht herauffommen. Sie ſollen Eure Briefe, ſie ſollen dieſes Papier nicht ſehen. Sie ſollen meine Thränen nicht ſehen. Ich will ſie auf der Schwelle erwarten; die Seele bleibt bei Euch, ſie werden nur den Leichnam mit⸗ nehmen. Lebet wohl! Der Schrei, den die ganze Schöpfung beim Tode ihres Gottes ausgeſtoßen, iſt nicht tiefer, nicht jammer⸗ voller, nicht herzzerreißender geweſen, als der, welchen ich über den Tod unſerer Liebe ausſtoße. Lebet wohl! lebet wohl! 120 Sechsundvierzigſter Brief. um 10 Uhr. Eure Zelle leer! Euer Brief ganz mit Thränen be⸗ netzt! Euer letztes Lebewohl! 1 Ich komme eine halbe Sttunde zu ſpät. Wenn aber das Gelübde noch nicht ausgeſprochen wäre! Mein Gott! mein Gott! gib mir die Kraft. Oh! Taube, Taube, wenn ich deinen Flügel hätte, obgleich er gebrochen iſt! Siebenundvierzigſter Brief. (Bruchſtück von einem in den Archiven des Kloſters der Urſulinerinnen von Montalieu aufgefundenen Briefes, deſſen erſter Theil aber fehlt.) „..........„ ............. Bei Tagesanbruch ging ich von dem Dorfe Camons ab, wo er, wie mich Alles glauben ließ, geliebte Mutter in Gott, am Tage geweſen war. Ich hatte die ganze Familie des armen verwundeten Zimmermanns befragt, und würde ihn nach der Beſchrei⸗ 121 bung ſeines Aeußeren erkannt haben, hätte mir mein Herz nicht geſagt, daß er es war. Ueberdies konnten die Worte, die er ſprach, als er dieſe Leute verließ, die Worte:„Ihr ſeid nun getröſtet, betet für den Troͤſter,“ nur von dieſer leidenden Seele kommen, welche bereit iſt, ſich Gott zu weihen. Ich ſchöpfte alſo wieder Kräfte aus der Hoffnung, ihn wiederzuſehen; nahm ich ein Pferd oder einen Wa⸗ gen, ſo mußte ich einen ungeheuren Umweg machen, um das kleine Haus zu erreichen, das für mich wie ein weißer Punkt neben dem düſteren maſſenhaften Camaldulenſer⸗ Kloſter erſchien, welches mir, obgleich beinahe drei Meilen in gerader Linie entfernt, das Geräuſch ſeiner Glocken auf dem Flügel des Windes zuſandte. Als ich aus dem Dorfe trat, ließ ich meine Taube los; die arme Kleine machte einen ihrer längſten Flüge, ungefähr zwei hundert Schritte, in der Richtung des Hauſes, das mein Blick verſchlang. Es blieb mir kein Zweifel mehr; die Nähe des Zieles hatte ihr wie mir Kräfte gegeben. Zum Unglück fand ſich kein gebahnter Weg; ich mußte dem Abhang des Berges folgen, der bald von Schluchten durchſchnitten, bald von Bächen durchfurcht, bald mit Gehöͤlzen beſetzt war, in die ich mich nicht hinein wagte, aus Furcht, mich zu verirren. Ich ging drei Stunden ohne anzuhalten, hatte aber in Folge der Umwege keine zwei Meilen gemacht. Oft verſchwand das Haus, und ohne meine geliebte Taube hätte ich mich verirrt. Ich warf ſie in die Luft und folgte der Richtung, die mir ihr Flug vorgezeichnet hatte. Endlich, als ich mich meinem Ziele mehr näherte, ſchien mir der Weg weniger mit Schwierigkeiten überla⸗ den zu ſein. Ich hörte acht Uhr in einem Döoͤrſchen ſchla⸗ gen; ich weiß nicht, warum es mir vorkam, als hätte der Klang dieſer Glocke etwas Trauriges, was mir das 12² Herz beängſtigte. Es war, als ſagte mir jede Stunde auf ihren ehernen Flügeln an mir vorüberziehend: — Beeile Dich! beeile Dich! Ich beeilte mich, und bald fing ich an das kleine Haus⸗ in ſeinen Einzelheiten zu unterſcheiden. Indem ich mich ihm immer mehr näherte, erkannte ich die Beſchreibung, die er mir davon gemacht hatte, das Fenſter, durch das er den Sonnenaufgang betrachtete, den Jasmin, der die⸗ ſes Fenſter beſchattete und der von fern für mich nur eine grüne Hecke war. Einen Augenblick glaubte ich ihn an dieſem Fenſter zu erſchauen, und, war es Viſion, war es Wirklichkeit, ich ſtreckte den Arm aus, ich gab einen Schrei von mir. Ach! ich war noch mehr als eine Viertelmeile ent⸗ fernt: er ſah mich nicht, er hörte mich nicht. Die Glocken des Kloſters ertönten fortwährend; ich erinnerte mich unwillkürlich jenes nächtlichen, unaufhoͤr⸗ lichen Läutens, das melner Einkleidung vorhergegangen war, und zuweilen durchzuckte es, wie ein entſetzlicher Argwohn, mein Herz und meinen Geiſt, für ihn erklingen dieſe Glocken ſo. Doch ich ſagte, den Kopf ſchüttelnd, zu mir ſelbſt: „Nein, nein, nein!“ Ich kam immer näher; da ſah ich eine lange Pro⸗ zeſſion beſtehend aus Mönchen, die ſich nach dem kleinen Hauſe begaben und einen Augenblick nachher wieder den Weg zum Kloſter einſchlugen. Wen holten ſie in dieſem Hauſe? Einen Lebendigen oder einen Todten 2 Ich ſollte es bald erfahren, denn ich war nur noch ein paar hundert Schritte von dem Hauſe entfernt, als mir ein reißender Bach den Weg verſperrte. Er ſtürzte ſo raſch, ſo mit Steinen beladen, ſo ko⸗ thig herab, er ſchien ſo tief, daß ich es nicht einmal ver⸗ ſuchte, ihn zu durchwaten. + 8— 123 Ich eilte mit haſtigen Schritten zu ſeiner Quelle hinauf, trotz meiner Müdigkeit; doch ich fühlte, ich würde bis zu dieſem Hauſe kommen; dort würde mich freilich, aller Wahrſcheinlichkeit nach, dieſe ſcheinbare Kraft ver⸗ laſſen. Nachdem ich ungefähr eine Viertelſtunde gelaufen war, kam ich zu einem von einem Rande des Baches zum andern geworfenen Baum. Zu jeder andern Zeit hätte ich mich nie auf dieſe bewegliche Brücke gewagt; ich ſprang darauf und überſchritt ſie ſicheren Fußes, als ob ich ſie mit feſtem Auge gemeſſen hätte. Dann kein Hinderniß mehr, ſogar eine Art von ge⸗ bahntem Weg; ich ſetzte meinen Lauf fort, nur wurde mein Lauf immer raſcher, je näher ich kam. Ich erreichte es, das ſo ſehr erſehnte Ziel; die Thüre ſtand offen; ich überſchritt die Schwelle; eine Treppe bot ſich zu meiner Rechten, ich eilte dahin, doch ſtillſchweigend, ohne Jemand zu rufen. Ich wagte es nicht, ſeitdem ich die Thüre berührt hatte; ich war über⸗ zeugt, ich würde das Zimmer leer finden. Das Zimmer war leer, das Fenſter offen, und auf dem Tiſch lag ein ganz mit Thränen benetzter Brief. Dieſer Brief, o meine Mutter! dieſer Brief, deſſen Schlußzeilen kaum ſeit einer halben Stunde geſchrieben waren, dieſer Brief enthielt ſeinen letzten Abſchied. Ich kam eine halbe Stunde zu ſpät: er war in der Kirche, er legte ſein Gelübde ab. Ich fühlte das Haus unter meinen Füßen zittern; es ſchien mir, als drehte ſich Alles um mich her. Ich fing einen Schrei an, der durch meinen letzten Seufzer endigen ſollte, als mir ploͤtzlich der Gedanke kam, das Opfer ſei vielleicht noch nicht erfüllt, das Gelübde ſei vielleicht noch nicht ausgeſprochen. Ich ſtuͤrzte aus dem Hauſe und nahm inſtinctartig meine Taube mit, die ſich auf einen geweihten Buchs⸗ zweig geſetzt hatte. 4 22 124 Das Kloſter war ungefähr hundert Schritte entfernt; doch diesmal fühlte ich wohl, es würden mir nicht ge⸗ nug Kräfte bleiben, um die Kirche zu erreichen. Ich hörte die Prieſter das Magnificat ſingen. Ich hoͤrte die Orgel das Veni Creator ſpielen. Mein Gott! mein Gott! es blieben mir noch einige Secunden, und nicht mehr. Wehe! dreimal wehe! die Kirche bot ſich mir von der Seite des Chors; ich mußte um dieſelbe gehen, um die Thüre zu finden. Das mittlere Fenſter war offen; doch wie konnte ich hoffen, meine Stimme würde das Geräuſch der Orgel und den Geſang der Prieſter beherrſchen? Ich verſuchte es indeſſen, zu rufen; ein dumpfes Röͤcheln kam aus meiner Bruſt hervor, und nichts Anderes. Es gibt Augenblicke, wo man begreift, daß Alles uns verläßt, und daß Alles verloren iſt. Ich fühlte, wie meine Gedanken ſich verwirrten; Alles brach in mir; dann, mitten in dieſem Chaos durch⸗ zuckte ein Blitz, eine Flamme, ein Schein mein Herz. Ich ſchleuderte die Taube nach dem offenen Fenſter und fiel ohnmächtig nieder. Güte des Himmels, als ich zu mir kam, lag ich in ſeinen Armen. Er trug ſchon das Gewand des Mönches, er hatte ſchon die Tonſur des Prieſters, und dennoch gehörte er mir, mir, mir! Mir, auf immer! Den ſchon auf ſeinen Lippen begonnenen Schwur hatte die Taube, wie der heilige Geiſt auf einem Sonnenſtrahl herabſteigend, unterbrochen. Geliebte Taube, du wirſt, in unſern verſchlungenen Händen entſchlummert, auf unſerem Grabe in Stein aus⸗ gehauen ſein. Ich habe Euch verſprochen, Euch zu ſchreiben, wenn ich ihn wiederfände, fromme Muter. Gott hat in ſeiner unendlichen Barmherzigkeit geſtattet, daß ich ihn wiederfand, und ich ſchreibe Euch, Eure ſehr ehrerbietige und ſebr dankbaren Tochter. Jſabelle von Cautrec, Gräfin von Moret. Palermo die Glückliche, am 10. September 1638. Ende. — Preisermäßigung. In unſerem Verlag iſt ſerner erſchienen und kann von jetzt an durch jede Buchhandlung zu einem bedeu⸗ tend ermäßigten Preiſe bezogen werden: Der Erzähler aus der Heimath und Frende. Original⸗Erzählungen und Ueberſetzungen. Herausgegeben von Carl Spindler. Jahrgang 1846, 1847, 1848, jeder aus 4 Bänden be⸗ ſtehend, à 20 Bogen. Bisher. Preis des Jahrgangs 4 Thlr. oder 6 fl. 24 kr. Jetziger Preis des Jahrgs. 1 Thlr. 16 Ngr. od. 2 fl. 40 kr. Es war die Beſtimmung des„Erzählers,“ no⸗ velliſtiſche Gaben aus der Heimath und Fremde darzu⸗ bieten; aus der Heimath in Originalien von C. Spind⸗ ler, von Chézy und Andern, aus der Fremde in kleinen pikanten Erzählungen und Novellen, von welchen nicht zu hoffen war, daß ſie in anderer Weiſe in deutſcher Ueberſetzung erſcheinen würden. So ſind denn in obigen drei Jahrgängen 20 Original⸗Erzählungen und 59 aus fremden Sprachen überſetzt erſchienen, welche ſämmtlich als eine ſehr angenehme Unterhaltungslektüre empfohlen werden koͤnnen. Damit nun der Preis der Anſchaffung nicht im Wege ſtehe, haben wir denſelben ſo bedeutend ermäßigt, daß ſich dieſe ſchöne Sammlung von Erzäh⸗ lungen jeder Freund einer ſolchen Lektüre mit wenig Geld erwerben kann. Stuttgart, im März 1851,. Franckh'ſche Verlagshandlung. 4 8* 4 In unſerem Verlag iſt ferner erſchienen: Der fromme Jude. Eine Familiengeſchichte unſerer Tage, erzählt durch Wilhelm von Chezy. 4 Thle. 8⁰. 1845. Bisheriger Preis 5 Thlr. oder 9 fl. Um die Anſchaffung dieſes intereſſanten und zeit⸗ gemäßen Werkes zu erleichtern, haben wir den Preis deſſelben ermäßigt auf 1 Thlr. 24 Ngr. oder 3 fl. In einer Zeit voll vager Aufklärungsſucht und ſchwachmüthiger Toleranz ſchreitet dieſes Buch mit energiſcher Kraft, eine alte Anſchauungsweiſe als die einzig richtige heraufbeſchwörend, um entſcheidendes Gewicht in die ſchwankende Wagſchale der Juden⸗ frage zu werfen, während es auf der andern Seite, als Roman, ein reiches Leben mit der anziehendſten Bewegung und Verwicklung, in hiſtoriſch behutſamem Zeitpunkte darbietet. Stuttgart, im März 1851. Franckh'ſche Verlagshandlung. —