III. 1789. Hiſtoriſcher Roman von Alexander Dumas. Deutſch von Lonis Bourdin. Dritter Theil. —— Leipzig, C. Berger's Buchhandlung. 1848. — — 1. In dem ungeheuren Zuge, welcher ſich langſam nach Paris zu bewegte, waren drei Perſonen nicht, welche unſer Intereſſe vorzugsweiſe in Anſpruch nehmen: Ber⸗ nard, Charlotte Vanner und Aubry. Daher er⸗ wähnen wir auch nur kurz, daß die königliche Familie Abends um 9 Uhr auf dem Stadthauſe ankam und dann die Tuilerien bezog. Endlich ſchien man Grund zu der Annahme zu haben, die Revolution werde ohne weitere Stürme verlaufen. An dem berüchtigten Tage des 6. Octobers, welcher den Complotten der Verſchwörer Hatte ein Ende machen ſollen, ſaß Nachmittags gegen 2 Uhr Charlotte Van⸗ ner einſam in einem Zimmer des goldnen Sternes zu Verſailles. Sie hatte das Haus ſeit dem vorigen Tage nicht wieder verlaſſen. Die Folgen der erlittenen Be⸗ handlung, eine Art von Fieber, hatten ſie zurückgehalten. Sie war zu dem feſten Entſchluß gekommen Théroigne zu verlaſſen und ſich ganz aus dem politiſchen Treiben zurückzuziehen. Sie ſann über die Mittel nach ihren Zweck zu erreichen, während Aubry ſich nach Bern ard umſah, deſſen langes Außenbleiben ſie zu ängſtigen begann. Voll banger Erwartung alſo ſaß Charlotte am Fenſter und ſtarrte auf die menſchenleere Straße hinaus, welche noch vor kurzer Zeit ein Schauplatz der furcht⸗ barſten Auftritte geweſen war. Da ſah ſie plötzlich ihren Bernard kommen, ſprang auf und flog ihm entgegen. „Ah, mein Freund,“ rief ſie ihm zu, ſeine Hände faſſend;„wie iſt es Dir gegangen? Biſt Du auch ganz unverletzt? Du haſt mich lange warten laſſen. Ich habe Todesangſt ausgeſtanden!“ „Meine Geliebte,“ antwortete Bernard, ſie in die Arme ſchließend,„wie oft habe ich an Dich gedacht! Wie ſchmerzlich war es mir meinen Poſten nicht verlaſſen zu dürfen! Ich bin wohl. Und wie geht es Dir, meine Charlotte?“ „Auch mir iſt es nun wohl, da ich Dich wieder habe! Aber geſtern, dieſe Nacht und ſelbſt noch den heutigen Morgen über fürchtete ich einem Fieber zu erliegen. Der Arzt verbot mir das Zimmer zu verlaſſen. Und wie wunderbar! Jetzt fühle ich mich wieder ganz wohl.“ dir —— „Ich danke dem Himmel dafür. Ach, meine Freun⸗ din, in welchen unruhigen Zeiten biſt Du nach Frankreich gekommen!...“ „O, wer mir das hätte ſagen ſollen.. „Und doch,“ unterbrach Bernard,„doch haben die Ereigniſſe, wie gräßlich ſie auch ſein mochten, unſre Zu⸗ kunft geſtchert...“ Bernard war im Begriff ſeiner Geliebten zu ſagen, daß einer Vermählung nichts mehr im Wege ſtehe; allein da noch nie zwiſchen ihnen davon die Rede geweſen war, ſo verſagte ihm die Sprache. „Es ſteht fuͤr uns alles beſſer als vor einem halben Jahre,“ brachte er noch heraus. „Ah,“ ſagte Charlotte lächelnd,„Du meinſt Deine Anſtellung als Officier und mein Verhältniß zu Thé⸗ roigne de Méricourt...“ „Ja,“ erwiederte Bernard,„Deine Gönnerin hat für Dich ſchon viel gethan und wird noch mehr fuͤr Dich thun; ich aber bin durch Mirabeau's Vermittelung bereits zum Archivar der Nationalverſammlung ernannt. Dieſes Amt... ach, meine Charlotte, wenn wir uns doch nie wieder verlaſſen müßten!...“ 4 „Wie ſehr wünſchte ich das!“ erwiederte das junge Mädchen in herzlichem Tone. 74 — 8— „O dann, mein Herz, dann... biſt Du mein auf ewig?“ „Auf ewig!“ lispelte Charlotte, dem jungen Manne in die ausgebreiteten Arme ſinkend. „Mein, mein auf ewig!“ rief Bernard, das reizende Mädchen auf die ſchönen Lippen küſſend;„welche Wonne liegt in dieſem Gedanken! Und keine Trennung mehr!“ „Dein auf ewig, mein Otto!“ ſagte Charlotte, ſeine Küſſe herzlich erwiedernd;„keine irdiſche Gewalt ſoll uns mehr trennen!“ Die beiden jungen Leute ſtanden vor einander mit verſchlungenen Armen und blickten einander in die blauen Augen. Ein unausſprechlich ſeliges Gefühl durchſtrömte ſte. Nur die höchſte Unſchuld der erſten Liebe kann ſolche Wonne erzeugen. „Ich ſehe mich wieder in Deinem Auge, mein Otto, wie einſt am Ufer des Genferſees,“ ſagte Charlotte holdſelig lächelnd. „O meine Charlotte, mein Herz, mein ganzes Weſen erfüllſt Du!“ erwiederte Bernard das Mädchen umſchlingend. „Iſt es denn wirklich wahr,“ begann Charlotte auf's neue;„hat die Vorſehung uns wirklich ein ſo un⸗ ausſprechliches Glück beſchieden? Ach, die Zeiten ſind ſo —— —— u18 3 ſtürmiſch... ich kann mich einer trüben Ahnung nicht 74 erwehren... „Beſorge nichts, mein Herz,“ ſagte Bernard;„mein Amt ſichert uns vor den politiſchen Stürmen, wenn es deren ja noch geben ſollte; wir genießen das ruhige Glück der innigſten Liebe... Bald, bald wird uns das hei⸗ lige Eheband umſchlingen...“ „O mein Otto, ich ertrage nicht ein ſo großes Glück.. „Es iſt ſo groß als das meinige... Wir werden es ungetrübt genießen, mein Herz. Haben uns nicht die bisherigen Unruhen dem erſehnten Ziele in kurzer Zeit ſo nahe gebracht? Alle Gefahren, die uns bedrohten, alle Stürme, die uns trieben, mußten vorausgehen, wenn wir die Seligkeit des gegenwärtigen Augenblicks in ihrer ganzen Stärke fühlen, wenn wir ſo bald völlig vereinigt werden ſollten...“ In dieſem Augenblicke kam Aubry von ſeiner ver⸗ geblichen Nachforſchung zurück. Er war ganz mit Schweiß bedeckt und warf ſich ohne Umſtände auf's Sopha. „Da kann man ſuchen!“ ſagte er unter Lachen ſchel⸗ tend und tief Athem holend. „Wir haben ihn, wir haben ihn wieder!“ rief Char⸗ lotte. — 10— „Und wir Drei werden uns nicht wieder trennen,“ fügte Bernard hinzu. „Außer wenn Sie Ihre Compagnie führen,“ bemerkte der Kleine,„und das iſt ſo ziemlich Tag und Nacht...“ „Ich werde keine Compagnie mehr führen, ſondern Bücher ankaufen, ordnen und 3 aleln.. „Bücher!“ „Allerdings.“ „Nun,“ meinte Aubry,„dieſe führen wenigſtens keine Waffe oder Schlinge.“ Das denke ich auch,“ antwortete Bernard lachend ...„Zunächſt liegt mir nun die Sorge ob eine Summe Geldes in Empfang zu nehmen, die mir gleichfalls durch Mirabeau's Verwendung angewieſen worden iſt.“ „Hier?“ fragte Charlotte. „In Rambouillet.“ „Dann wollteſt Du wohl bald nach Rambouillet?“ „Es wird nicht anders gehen als heute, meine Liebe, denn ſchon morgen beginnt meine Thätigkeit neben dem Ständeſaale; doch wenn ich recht denke, ſo begleiteſt Du mich nicht ungern... und unſer Freund wird uns hoffentlich auch nicht verlaſſen.“ „Aber iſt auch der Weg ſicher?“ ſagte Charlotte — —— u 2 — à—,——¾., 12 co o 5 — — — 11— bedenklich;„Ramboulllet liegt, ſo viel ich weiß, in einem Walde...“ „J nun,“ meinte Aubry,„ich habe da meine Hippe...“ „Ich beſorge nichts,“ ſagte Bernard;„alles was Füße hat, iſt nach Paris gezogen und die Brigands ſind ebendahin gejagt worden.“ „Wohlan,“ rief Charlotte entſchloſſen;„wenn Du dahin mußt, ſo begleite ich Dich ohne alle Frage. Du haſt geſagt, daß wir uns nicht mehr verlaſſen wollen, und das iſt mir aus der Seele geſprochen.“ „Dann wollen wir auch nicht länger ſäumen,“ ſagte Bernard,„damit wir nicht allzuſpät nach Verſailles zurückkommen.“ Nach dieſen Worten verließ Bernard das Zimmer, beſtellte die Fuhre und ordnete alles zur Abreiſe. Es war etwa 3 ½ Uhr, als der Wagen mit den drei Paſſa⸗ gieren aus Verſailles abfuhr. Aber ungeſehen von den Dreien blickten aus dem Fenſter eines Hauſes der äußer⸗ ſten Vorſtadt ein Paar ſtechende Augen in den Wagen und gleich darauf rüſtete man ſich in dieſem Hauſe gleich⸗ falls zur Abreiſe. Dieſe Augen gehörten dem rothköpfi⸗ gen Frangois Leeclere, welcher Bernard's Sendung bereits erkundet und ſeine Maßregeln getroffen hatte, um —— ᷣ— — 12— endlich ſeinen lange verfolgten Zweck zu erreichen. Aber alle ſeine Erwartungen wurden übertroffen, als er in einem und demſelben Wagen Bernard und Charlotte Vanner erblickte. Er verlor keinen Augenblick. Auf dem ganzen Wege nach dem Marktflecken Ram⸗ bouillet begegnete unſern Freunden nichts Verdächtiges; ſte überholten nur einige Landleute, welche gleichfalls von Verſailles kamen und wahrſcheinlich in ihre Heimath zu⸗ rückkehren wollten. In Rambouillet ſelbſt ward die An⸗ weiſung in Ordnung gefunden und 2000 Francs in Gold ohne Aufenthalt ausgezahlt. Bernard trat mit Char⸗ lotte Vanner und Aubry den Rückweg an. Unterdeſſen war es Abend geworden und im Walde vom Ramboulllet hatten ſich ein Dutzend bewaffnete Män⸗ ner zwiſchen den Canal und die Fahrſtraße gelagert, ſo daß ſie hinter dem gelben Laube der mannigfachen Ge⸗ büſche verborgen waren. Ihre Kleider waren dermaßen beſchmuzt, daß ſte offenbar in größter Eile auf dem ko⸗ thigen Wege dahergekommen ſein mußten. Es war Le⸗ elere mit ſeinen Brigands, die er mit Branntwein trac⸗ tirt und durch Verheißung einer reichen Beute gelockt hatte. Nur ein kleiner ſchielender Kerl, den wir beim Wundarzt Girardin geſehen haben, nur der eifrige Rohaliſt Cottin war aus andern Gründen mitgekommen. — — 132— „Es dauert lange, ehe das Mäuschen in die Falle geht,“ bemerkte heimlich ein ſtämmiger Kerl mit einem ſchwarzen Pflaſter über dem linken Auge; es wird einen andern Ausgang geſucht haben.“ „Sei ohne Sorge, mein Junge,“ entgegnete Leclerc ebenſo heimlich;„der Weg jenſeit des Fleckens iſt nicht mit Wagen zu paſſiren, weil dort der Canal über ſeine niedrigen Ufer getreten iſt; auch muß das Mäuschen nach Verſailles zurück, wie ich beſtimmt weiß.“ „Liegen wir doch kaum eine Stunde im Hinterhalte,“ ſagte ein andrer Brigand,„und ſchon wird dem einäugi⸗ gen Halunken die Zeit lang! Zwei Tage und zwei Nächte lang muß man im Walde liegen, wie ich bei Orleans, und keinen Biſſen in den Mund zu ſtecken haben; dann greift man erſt recht muthig an!“ „Ich habe mein Auge Gott ſei Dank nicht in einem ehrlichen Strauß eingebüßt,“ ſagte der erſte Brigand, „und die Deinigen werden Dir hoffentlich noch Zeit ge⸗ nug von den Raben ausgehackt werden.“ „Ruhig Kinder,“ mahnte Leclerc,„wünſcht Euch nichts als Gutes!... Da trinkt einmal!“ Bei dieſen Worten reichte er den Beiden die große ſteinerne Flaſche mit Branntwein, welche ſogleich wieder die Runde machte. —. — — 12— „Uebrigens,“ begann Leclere auf's neue,„kann der Wagen bei dieſem grundloſen Wege noch nicht wohl wie⸗ der da ſein. Ihr habt Zeit die Inſtruction nochmals an⸗ zuhören, damit nichts verſehen wird, was dem oder jenem verderblich ſein könnte. Alſo hört: — Vater Gilles und der Lombarde fallen den Pferden in die Zügel. Verſtanden? — Ja, antworteten die Genannten. — Lenoir und Serpent ſchneiden die Stränge entzwei. Hört Ihr's? — Ja, ſagten auch dieſe. — Der Rieſe und der Einäugige ſtoßen den Wagen um. Abgemacht? — Abgemacht! ſagten die Beiden. — Le Cog nimmt den Zwerg auf ſich und Hoche⸗ queue hilft ihm. Ihr getraut Euch's doch? — Zehn ſolche Bürſchchen nähmen wir auf uns! — Der Sternguker nimmt das Nädchen und ſchleppt ſte in's Gebüſch. Zugeſtanden? — Es könnte mir nichts lieber ſein. — Was Le Bolier, Cottin und ich thun werden, das ſollt Ihr ſehr bald ſehen.“ Dieſe ganze Inſtruction war ſehr heimlich wiederholt w ei en ge nd — worden und hatte wenig Zeit weggenommen. Dann fuhr Leelere flüſternd fort: „Die Dolche habt Ihr doch aus ihren Verſtecken her⸗ ausgeholt? Steckt ſie nur Alle in den Gürtel. Ihr könntet ſie brauchen.“ „Auch an Stricken fehlt es nicht,“ ſagte Lenoir; „man weiß manchmal den Werth eines haltbaren Strickes gar nicht genug zu ſchätzen.“ „Schön, ſchön,“ erwiederte Leclerc;„nur vergeßt nicht auf das Signal mit einer Pfeife Alle gleichzeitig anzugreifen. Dann kann es gar nicht mißlingen.“ „Was mache ich mit dem elenden Zwerge, wenn er ſich zur Wehr ſetzt?“ fragte Hochequeue;„ich ſollte denken, es verlohnte ſich kaum der Muͤhe ihn zu tödten.“ „J nun, die kleine Kröte hat Gift genug; ich traue es ihm zu daß er ſich wehrt. Nun, dann ſchleuderſt Du ihn auf eine Eiche, daß er oben in den Aeſten hängen bleibt, oder Du trittſt ihn in ein Wagengleis.“ „Dazu laſſe ich es nicht kommen,“ ſagte der Rieſe; „ich nehme ihn als eine Rarität in meiner Rocktaſche mit.“ Es entſtand ein kurzes dumpfes Gelächter, das durch ein Pſt! von Leclerc unterbrochen wurde. „Was giebt's?“ fragten Einige. —— — 16— „Still! Es kommt etwas auf dem Wege von Ram⸗ bouillet daher.“ „In Ordnung!“ ziſchelte Leclerc;„zur Linken Gilles und den Lombarden, nach ihnen Lenoir und Serpent, rechts den Rieſen und den Ein⸗ äugigen nebſt Le Coq und Hochequeue; wir An⸗ dern in die Mitte! So!... Still, horcht!“ Das Geräuſch kam näher; es war aber nicht das eines Wagens ſondern das von einer Maſſe Fußgänger, die keine Laternen bei ſich hatten, ſich aber in der Dun⸗ kelheit der Nacht recht gut zu finden ſchienen. Sie waren in einer lebhaften Unterhaltung begriffen und die Bri⸗ gands hörten in ihrem Verſteck etwa Folgendes von ver⸗ ſchiednen Stimmen: „Ja, ja, es muß freilich alles liegen bleiben; man hat wohl Luſt das Feld zu beſtellen, aber man bleibt keinen Augenblick ungeſchoren.“ „Ich konnte nichts machen, weil ich kein ganzes Acker⸗ geräth mehr hatte; die Wagner und Schmiede ſind alle mit aufgeboten.“ „Wenn's uns nur wenigſtens etwas hilft! Ich traue nicht.“ „Ah was! Die meiſten Räuber ſind in ihre große Höhle zurückgetrieben, und was ſich noch um das Schloß 1 ◻— nue ße aufhält, das ſoll ſchon unſern Miſtgabeln erliegen! Wir ſtoßen ja ſo geſchickt damit wie ein Uhlan mit ſeiner Lanze.“ „Ich denk's auch... es kommen ja noch gegen 100 Mann, die...“. Weiter konnte man hinter dem Gebüſch nichts ver⸗ ſtehen. „Verflucht!“ ſagte Leclere;„ſollten uns die Bauern in den Weg kommen?... Doch ſtill! Es kommt ein neuer Trupp!“ Diesmal aber war es wirklich ein Wagen, welcher ſich in den tiefen Gleiſen mit Mühe fortbewegte. Die Brigands machten ſich ſprungfertig. Sowie ihnen der Wa⸗ gen gegenüber war, ließ Leelere ſein Pfeifchen erſchallen, und im Nu waren die zwölf Männer am Wagen. Als Bernard ſah, daß man die Pferde anhielt, er⸗ griff er ein Piſtol und drückte es auf den Brigand zur Rechten ab. Er traf den Vater Gilles in den Arm, daß der Mann zurücktaumelte. Aber zu gleicher Zeit fühlte er den Wagen ſchwanken und umfallen, während die Pferde wild emporſprangen und davonrannten. Die armen Reiſenden waren durch den allzu plötzlichen Angriff und durch die Quetſchungen beim Falle außer Stand geſetzt worden ſich zu vertheidigen. Sie wurden aus dem 1789. III. 2 — 18. Wagen gezogen, ohne daß ſie ſich weiter hätten verthei⸗ digen können. Le Cog hatte den armen Aubry angepackt und trug ihn nach dem Gebüſch, während Hochequeue lang⸗ ſam hinter ihm her ging, ſich beſtändig nach dem Wagen umſehend, weil er dachte, ſeine Gegenwart möchte hier am Ende nöthiger ſein als bei der Transportation des Zwerges. Plötzlich aber ſtieß Le Coc einen durchdrin⸗ genden Schrei aus, ſo daß Hochequeue mit ein paar Sätzen neben ihm ſtand. „Nun, ich glaube gar, Du kannſt ihn nicht Herr werden!“ rief er ſeinem Spießgeſellen zu. „Nicht Herr werden! Donnerwetter!“ ſchrie Le Coq; „die Kröte hat mich gebiſſen, daß mir das Blut über das Geſicht rinnt! Ich kann nicht mehr ſehen!“ „Gieb das Bürſchchen her!“ ſagte Hochequeue, faßte den Kleinen und ſchleuderte ihn mit ungeheurer Kraft in den nahen Canal. „Dies iſt nun ſchon das zweite unfreiwillige Bad, welches ich in einem Canal nehme,“ ſagte Aubry, nach dem jenſeitigen Ufer watend. Als er drüben angekommen war, erhob er ſeine Stimme: „Diebe! Mörder! Herbei, die Ihr es hört! Diebe! Moͤrder!“ 3 — err — 39— Es fielen ein paar Schuſſe nach ihm, ohne ihn zu verletzen. Unterdeſſen hatten Leelere, Cottin und Le Bé⸗ lier mit dem ſtarken Bernard alle Hände voll zu thun gehabt. Sobald er aus dem Wagen war und ſich ge⸗ packt fühlte, gab er dem gigantiſchen Bélier mit dem Elbogen einen ſo heftigen Stoß auf die Bruſt, daß die⸗ ſer losließ und Bernard ſich vielleicht befreit hätte, wenn ihn nicht Leclerc, den er mit der linken Fauſt zurückſtoßen wollte, mit dem Degen in den Arm ver⸗ wundet hätte. Dennoch hatte er noch ſo viel Kraft, mit der Rechten dem Räuber ſeiner Geliebten, welche eben an ihm vorbeigeſchleppt wurde, einen ſo nachdrücklichen Schlag auf den Kopf zu verſetzen, daß dieſer zu Boden ſank. Charlotte ward aber unterdeſſen von zwei an⸗ dern Brigands gepackt und nach dem Gebüſch geſchleppt. „Heran, Lenoir, heran 67 brüllte Leclerc, und der Gerufene ſchlich ſich hinter den mit aller Verzweiflung Ringenden, umfaßte ihn und ſchnürte ihm die Arme durch eine Schlinge zuſammen. Trotz allem Sträuben mußte er ſich auch die Füße binden laſſen. Er ward von 5— 6 Mann gehalten. „Ah, Du Verhaßter!“ ziſchte Leclerc,„haben wir Dich endlich wo wir Dich haben wollten?... Doch,“ 2* ſetzte er mit teufliſchem Lächeln hinzu,„Du ſollſt ſehen, daß Du einen Menſchen vor Dir haſt. Wähle Dir Deine Todesart!“ Bernard antwortete nicht. Seine Augen waren nach dem Gebüſch gerichtet. „Allons! Wir haben keine Zeit zu verlieren!“ ſagte Leclercz„ich muß zu Deiner ſchönen Braut!“ Dieſes Wort fuhr dem Gebundenen durch das in⸗ nerſte Mark. Er gab ſich einen gewaltigen Ruck, ver⸗ mochte aber die Banden der Arme und Beine nicht zu zerreißen. Einen Schrei ohnmächtiger Wuth außſtoßend ſank er in dem Augenblicke zu Boden, als der ſtämmige Bélier, welcher ſich erholt hatte, herangeſchlichen war und ihm ein Meſſer in die Bruſt ſtoßen wollte. Die Waffe ſtreifte noch Bernard's Haar. 83 „Was machen wir für Umſtände!“ ſagte jetzt Leclere zu Cottin;„waſchen wir uns in ſeinem ſchändlichen Blute!*. Bei dieſen Worten zog er kaltblütig einen Dolch— ward aber unvermuthet von ein paar Eiſenfäuſten ge⸗ packt, ſowie denn auch faſt gleichzeitig der verwundete Gilles, der halb geblendetete Le Cog und der betäubte Sternguker ergriffen wurden. Es war die zweite den Gruppe der Landleute, welche ſich aufgemacht hatten, die Gegend von den Brigands zu ſäubern, und die man bei dem Tumult nicht hatte kommen hören; ſie ſelbſt aber waren durch Aubry's Rufen auf eine falſche Fährte geleitet und erſt durch Bernardis Wuthſchrei auf den Kampfplatz gelockt worden. Bald war der ganze Platz von Bauern erfüllt, denen Bernard zurief: „Eine Dame iſt entführt! Man hat ſie da rechts in's Gebüſch geſchleppt! Rettet ſie, meine Freunde!“ In der Angſt bat er nicht einmal ihn von ſeinen Feſſeln zu befreien, was indeſſen ein paar Landleute von ſelbſt thaten. Mit der rechten Hand die ſtark blutende Wunde ſeines linken Armes haltend, ſtürzte er nun vor⸗ wärts, um ſeine Charlotte den Klauen der Tiger zu entreißen. Nirgends war etwas von ihr zu ſehen. Zwar ſchien der Mond ein wenig durch zerriſſenes Gewölk, aber das Gebüſch war dicht und das noch nicht abge⸗ fallene breite Laub der Ahornbäume ließ auf dem Boden keine Spur erkennen. Er rief die Verſchwundene laut bei ihrem Namen. Unterdeſſen war Aubry, welcher die Wendung der Dinge gemerkt hatte, durch das kalte Waſ⸗ ſer des Canals zurückgewatet und ſteuerte eben auf die Gegend zu, aus welcher die ihm bekannte Stimme Ber⸗ nard's erſcholl, als er— plöͤtzlich über etwas wegfiel — 22— Es war der Einäugige, welchen man im Gedränge ganz blind geſchlagen hatte. „Wohin habt Ihr das arme Mädchen geſchleppt, Ihr Ungehener?“ ſchrie er den Daliegenden an. „Wo ſollen wir ſie hingeſchleppt haben?... Ver⸗ binde mir lieber die Wunde da am Kopfe, wenn Du nicht ſelbſt ein Ungeheuer biſt; denn Teufel aus der Hölle ha⸗ ben mir beide Arme mit Dreſchflegeln zerſchlagen, daß ich ſie nicht mehr rühren kann.“ „Ich werde für Deinen Verband ſorgen, ſobald Du mir die Richtung angezeigt haſt, in welcher man die junge Dame fortgeſchleppt hat.“ „Nun, zum Henker, dort unter den hohen Eichen liegt ſie; denn die dummen Bauern haben die gute Abſicht meiner Kameraden verhindert, ihr ein beſſeres Logis an⸗ zuweiſen 4 Aubry lief unter dem Geſchrei:„Herr Capitän... oder Herr Archivar... oder Herr Bernard, Herr Bernard!“ auf die ihm von dem faſt ganz geblendeten Brigand angezeigte Gegend zu und rannte in der Eil einem Bauer in die Arme, der ihn für einen Räuber hielt und ihn nicht wieder loslaſſen wollte. Während ſich die beiden Männer verſtändigten, waren die Bauern zufällig unter die Eichen gekommen und fan⸗ ten Eil ber ren —— den Charlotten auf einem Stamme ſitzen, denn ſie war eben erſt von einer Ohnmacht wieder zu ſich gekommen. Wie ſich ſpäter auswies, war ſie nach der Beſeitigung des Sterngukers von Serpent und Hochequeue in Empfang genommen und fortgeriſſen worden, die ſich aber vor den dieſe Richtung durchſchneidenden Bauern eiligſt geflüchtet und das Mädchen halb todt liegen ge⸗ laſſen hatten. Auf das Rufen der Landleute kamen jetzt auch Bernard und Aubry herbei. „O meine Theure,“ ſagte Bernard mit erſchöpfter Stimme,„biſt Du mir auch unverletzt?“ „Ich bin's,“ antwortete Charlotte, ihm die Hand reichend und ſich mühſam erhebend. Zugleich aber be⸗ merkte ſie beim Mondſcheine Blut an den Händen ihres Geliebten und rief entſetzt:„Herr mein Gott, Du biſt verwundet!“ „Eine Streifwunde im linken Arme, das iſt alles! ... Ach, Du lebſt mir und alles iſt gut!“ „Ich bin ſehr erfreut Sie noch am Leben zu finden, meine Theuren,“ ſprach der durchnäßte Aubry vor Kälte zitternd;„das Leben iſt doch eine ſchöne Sache! Mich hat man keiner Wunde gewürdigt, aber ich habe wieder eine Bekanntſchaft mit einem Canale gemacht... Ihr guten Leute,“ wendete er ſich jetzt an die Bauern,„die Ihr zwei braven Menſchen das Leben gerettet habt, ſo eben verſprach ich einem verwundeten Räuber ihn zu verbinden, wenn er mir den Aufenthaltsort dieſer Dame hier anzeigte; er that es und ich glaube man muß auch dem Teufel ſein Wort halten... Dort im Erlenge⸗ buſch liegt er. Wollt Ihr das Amt für mich über⸗ nehmen?“ „Warum nicht?“ ſagten einige Landleute und machten ſich auf den Weg. Zum Verſtändniß unſrer Erzählung braucht nun von dieſem ganzen nächtlichen Abenteuer nur noch Folgendes erzählt zu werden: Von den Brigands waren durch die Bauern gefangen genommen worden Gilles, Le Cog und der Stern⸗ guker; der Einäugige ſollte ihnen eben jetzt noch in die Hände fallen. Leclerc, von den Landleuten ein Stück mit fortge⸗ ſchleppt, ſollte von denſelben eben gebunden werden, als ſie plötzlich ſchreiend zurücktaumelten. Cottin hatte ſich nämlich hinter dem Gebüſch herangeſchlichen und ihnen eine Phiole voll Vitriolöl über die Köpfe gegoſſen. Gleich beim Erſcheinen der Bauern waren entflohen der Rieſe, Hochequeue, der Lombarde, Le Bé⸗ +— 3 lier, Serpent und Lenoir, welcher Letztere ſogar ſeine Stricke im Stiche gelaſſen hatte. Trotz aller Mühe, welche ſich die Suchenden gaben, gelang es ihnen doch nicht, der Entſprungenen habhaft zu werden. Bernard's Wunde war verbunden und zeigte ſich nicht ſehr gefährlich, wenn auch äußerſt ſchmerzhaft. Der Pferde hatte man ſich bemächtigt und ſpannte ſie mit Hülfe von Lenoir's Stricken wieder vor den Wagen, worin ſich auch noch die 2000 Franes befanden, denn die Räuber hatten keine Zeit gehabt den Kutſch⸗ kaſten zu plündern. Nachdem ſich unſre drei Bekannten, und namentlich der zähneklappernde Aubry, aus den Flaſchen der Landleute ein wenig geſtärkt und einen von ihnen als Wagenlenker angenommen hatten, ſchieden ſie von dieſen braven Leuten unter den herzlichſten Dank⸗ ſagungen und dem innigſten Bedauern, daß mehrexe, ihrer Gefährten ſo grauſam verwundet und verſtümmelt wor⸗ den waren. Gegen Mitternacht waren Bernard, Charlotte Vanner und Aubry wieder im goldnen Stern zu Ver⸗ ſailles und fanden die Pflege, deren ſie ſo ſehr bedurften. Nach dem, was bisher von den Ereigniſſen des Jahres 1789 erzählt worden iſt, wird es dem Leſer klar ſein, daß die Oppoſition gegen die nöthigſten Reformen durch ihre Unkenntniß oder Verachtung des herangereiften Volks⸗ willens, durch ihre Selbſtſucht, Unaufrichtigkeit und halben Maßregeln faſt alles Unheil angerichtet hatte, welches über ſie ſelbſt, über die Nation und deren Beherrſcher hereinbrach. Die Ueberſiedelung des Königs(und dann der Nationalverſammlung) nach Paris bildet einen ſo wichtigen Zeitabſchnitt, daß wir uns dem Strome der Revolution einen Augenblick entreißen wollen, um vom Ufer aus ſeine noch nicht beruhigten Wogen einmal un⸗ geſtört zu überſchauen. 4 Lange hatten die Feinde des öffentlichen Wohles dem guten aber ſchwachen Ludwig verhehlt was der Nation noth that; durch die Widerſetzlichkeit der Parlamente, die Verhandlungen der Provinzialverſammlungen und der Notabeln ward es ihm klar, daß nur die Einberufung der Generalſtaaten und in ihnen eine doppelte Vertretung des dritten Standes einestheils den Anmaßungen der Privilegirten und anderntheils der offenbaren Noth zu ſteuern im Stande ſein werde. Als dieſe frohe Bot⸗ ſchaft durch Frankreich erſcholl, entſtand überall ein großer Enthuſiasmus; der bisher niedergehaltene Nationalſinn erwachte, Vaterlandsliebe und Grundſätze der Freiheit tönten vom Munde des Bürgers, das Gefühl der Kraft zeigte ſich im Volke, welches ſich ſeiner Rechte bewußt geworden war. Ueber einen ſolchen Zuſtand der Dinge erſchraken vor allen Dingen die Großen in den Provinzen, welche ihre faſt abſolute Willkührherrſchaft bedroht ſahen.„Die Hauptſtadt wird uns verderben!“ ſchrien ſite;„einmal verbreitet ſich von dort ein Licht, welches den Pöbel blendet, und dann herrſcht daſelbſt eine gefährliche zur Nachahmung reizende Vermiſchung aller Claſſen und na⸗ mentlich der drei Stände. Nehmen wir unſre Maß⸗ regeln!“ Und nun verzögerten ſie die Wahlverſammlungen bis auf den letzten Augenblick, ſo daß die Bürger ſich kaum in gehöriger Anzahl dabei einfinden konnten, ja was noch ———— 3 3 1 ¹ weit bezeichnender war, ſie hielten ſtreng darauf, daß die Verſammlungen ganz gegen die bisherige Praxis in drei Stände getheilt ſein mußten. Dieſe Ariſtokraten hatten den einzigen Aerger, daß ſie nicht in allen Bezirken Nachahmung fanden. Kaum hatte aber die Nationalver⸗ ſammlung ihre Sitzungen eröffnet, als ſie jedes Mittel aufboten ſie zu entzweien, zu unterwerfen oder ganz auf⸗ zulöſen. Eine Reihe von Thatſachen beweiſ't dies un⸗ widerleglich. 2) ansch 180 Das Volk wünſchte die Hemmniſſe der freien Preſſe beſeitigt zu ſehen und der„König ſelbſt forderte alle Bürger auf, ihre Anſichten über die in den Generalſtaa⸗ ten zu verhandelnden wichtigen Gegenſtände durch Schrif⸗ ten kund zu machen; auch mußte der Nation alles daran liegen ſich von den mehr oder minder einflußreichen Ver⸗ handlungen der Nationalverſammlung möglichſt ſchnell zu unterrichten. In der That erſchien auch ſogleich ein Jour⸗ nal der Generalſtaaten. Da wußten(ſchon zwei Tage nach Eröffnung des Landtags) die Feinde der Volksrechte und der Stadt Paris ein königliches Verbot gegen dieſe Landtagsblätter auszuwirken. An demſelben Tage ſchrieb Rolland de Bellebrune an den Intendanten von Paris, daß er auf ſeinen Befehl 25,000 Flintenkugeln an den koͤniglichen Commandanten de Bar zu St. Denis abgefandt und bei demſelben die Anfertigung der nöthi⸗ gen Patronen beſtellt habe. Berthier bezog ſich auf die Bereitwilligkeit Beſenval's in Betreff der Pulver⸗ lieferung und dieſer ſtimmte für die Vertheilung des Schießbedarfs. Compromittirt waren bei dieſer Sache außer den Genannten noch Puyſégur, Faucheur und Clouet. Bis zu Ende des Monats Juni folgten nun verſchiedene andre und zwar weit bedeutendere Sendungen von Munition an die verſ hitdenrn Eorps⸗ welche Paris einſchloſſen. 8 P Die Feinde der Volksfreiheit begannen zu ſehen, daß ihnen alle Machinationen für die Entfernung oder Spren⸗ gung der Generalſtaaten nichts halfen. Alſo mußten die getroffenen Anſtalten in's Leben treten. Nur hielten ſie ſie ſich noch nicht für ſtark genug alle Minen auf einmal ſpringen zu laſſen. Unterdeſſen hatte die Nationalverſammlung den ener⸗ giſchen Beſchluß gefaßt, daß zwiſchen ihr und dem Throne kein Veto, keine negative Macht ſtehen könne und daß ſie ſich ohne Unterbrechung dem Heil des Vaterlandes weihen wolle. Aber am 20. Juni fand ſie ihren Saal geſchloſſen und begab ſich in's Ballhaus, um dort zu ſchwören, daß ſie ſich nicht eher trennen wolle, als bis die Wiedergeburt des Staates vollendet ſei. Am 23. Juni ward in einer königlichen Sitzung indirect ausgeſprochen, es ſtehe dem Staatsoberhaupte zu ohne Beiſtimmung der Stände Anleihen zu machen, Abgaben aufzulegen aber auch den Staatsbanquerout anzuſagen, und befohlen wurde geradezu, daß nach Ständen abgeſtimmt werde. Am folgenden Tage war der Ständeſaal mit Soldaten um⸗ geben und der Graf von Belley, Lieutenant der fran⸗ zöſiſchen Garden, bekannte auf Befragen, daß er Befehl habe nur die Deputirten aber niemanden Andres einzu⸗ laſſen. Da jedoch alle dieſe Befehle an der Energie der Verſammlung ſcheiterten und ſelbſt viele Mitglieder der Geiſtlichkeit und des Adels zum dritten Stande oder viel⸗ mehr in die bereits conſtituirte Nationalverſammlung über⸗ gingen, ſo ließen die Verſchworenen ihre Truppen anrücken. Am 8. Juli meldete ein Deputirter, der Saal ſei wieder mit Truppen umgeben, ja es zögen deren von allen Seiten heran; Lager mit zahlreicher Artillerie um⸗ gäben die Stadt. Auf eine ehrerbietige Anfrage der Nationalverſammlung erfolgte die Antwort des Königs, die Zuſammenziehung einiger Corps ſei durch die Un⸗ ruhen in Paris und Verſailles nöthig geworden; der Sicherheit wegen könne ſich die Verſammlung übrigens nach Noyon oder Soiſſons begeben, während er(der König) ſeinen Aufenthalt in Compiégne nehmen wolle. 44 —., 44 — ,— — 31— Die Unruhen, woruüber man den König klagen ließ, waren eine natürliche Folge der neuerlichen Kämpfe zwi⸗ ſchen dem Despotismus und der Freiheit. Es mußte eine Art von Anarchie daraus entſtehen, wenn man ſich nicht beeilte die Rechte des Volks anzuerkennen. Aber man ſuchte nur einen Vorwand um zur Gewalt ſchreiten zu können. Sollte ſich denn das Volk nicht erheben, wenn es die Freiheit ſeiner Repräfentanten verletzt ſah; wenn mitten im Frieden immer neue Truppen heran⸗ rückten, um ſich mit denen zu vereinigen, welche bereits Paris blockirten; wenn es hungern mußte, während die zuſammengedrängten Soldaten die mühſam herangezogenen Levensmittel verſchlangen? Die Wähler von Paris wünſchten unter ſolchen Um⸗ ſtänden ſich über das Heil der Hauptſtadt berathen zu können. Nachdem ſie um einen Saal im erzbiſchöflichen Palaſte oder auf dem Stadthauſe vergeblich angehalten hatten, verſammelten ſie ſich in einem Local der Straße Dauphine und ſtimmten allen Maßregeln der patriotiſchen Nationalverſammlung bei. Ihr Beiſpiel fand Nachah⸗ mung durch das ganze Königreich. Endlich erhielten ſie einen Saal auf dem Stadthauſe, beſchloſſen ſogleich die Errichtung einer Bürgergarde und meldeten dies(am Abend des 11. Juli) der Nationalverſammlung. Dieſe — — 32 ſprach eben über die Entlaſſung des volksfreundlichen Necker, als die Deputation vom Stadthauſe ankam. Der Vorſchlag fand freudige Annahme, weil bei der Exiſtenz einer Bürgermiliz auch kein Schein für die Bei⸗ behaltung der fremden Truppen mehr übrig blieb. Nichtsdeſtoweniger vermehrten ſich die fremden Trup⸗ pen noch immer. Berthier leitete ſie von der Militär⸗ ſchule aus. Offenbar ſollte die Nationalverſammlung eingeſchüchtert, jeder Keim der Freiheit in der Geburt erſtickt werden. Es kam in Paris zu Reibungen zwiſchen den Bürgern und dem Militär, man ſchoß im Tuilerien⸗ garten auf ruhige Spaziergänger. Die Wähler betrieben die Volksbewaffnung und die franzöſiſchen Garden ſchlu⸗ 4 gen ſich auf ihre Seite. Die Brigands der Umgegend kamen in die Stadt, verbrannten Barriôren und befreiten Gefangene. Fleſſeles und de Launoy taäuſchten das Volk. So ward der Fall der Baſtille herbeigeführt. Deputationen der Wähler, welche der Nationalver⸗ ſammlung Nachrichten überbringen wollten, wurden bei Séve von Beſenval mehrere Stunden aufgehalten, weil ſte einen königlichen Befehl vorzeigen müßten, wenn ſie 4 von der Stadt Paris Reclamationen an die General⸗ ſtaaten bringen wollten. Die Folge dieſer Ereigniſſe war, daß die verrätheriſchen Miniſter ſammt und ſonders ent⸗ — 33— fliehen mußten, der König aber ſich in die Arme der Nationalverſammlung und des Volkes warf. Der Verrätherei ſchuldig war der Siegelbewahrer Ba⸗ rentin, welcher die Freiheit der Preſſe beſchränkte, gegen die Nationalrepräſentation Gewalt gebrauchen und den Prinzen von Lambese wegen ſeines Attentats im Tui⸗ leriengarten nicht beſtrafen ließ. Puyſégur war als Staatsſecretär im Kriegsdepartement verantwortlich für alles Blutvergießen, das er nicht verhindert hatte, da ihm die Entwürfe der Verſchwörer nicht unbekannt ge⸗ blieben ſein konnten. Auch der Marſchall von Broglie konnte nicht freigeſprochen werden, wie aus Pu yſégur's Briefen an Berthier unwiderleglich hervorging. Beſen⸗ val war gleich vom Anfange herein in die Verſchwörung eingeweiht geweſen, Berthier, Fleſſeles und de Lau⸗ noy offenkundige Volksfeinde. Einige von den Verſchwörern hatten ſchon ihren ver⸗ dienten Lohn erhalten oder waren entflohen. Die Ge⸗ fangenen hatten nichts Eiligeres zu thun als ſich auf den geheiligten Willen des Königs zu berufen. Sollte man ſich aber den Geſetzen dadurch entziehen können, daß man anführte, man habe ſie vernichten wollen, um alles einer Willkührherrſchaft unterthan zu machen? Uebrigens iſt auch unmöglich anzunehmen, daß die Verſchwörer ge⸗ 1789. III. 3 — 34— glaubt hätten den Willen des Königs dadurch zu thun, daß ſie die Freiheit der Nationalverſammlung antaſteten und Soldaten gegen das Volk führten. Nachdem dieſe große Verſchwörung von einem ſo hef⸗ tigen Schlage getroffen worden war, konnte ſie ſich in den Monaten Auguſt und September nicht ganz wieder erholen, hatte überhaupt gelernt vorſichtiger aufzutreten. Da keine recht auffälligen Unruhen durch Aufhetzungen und Getreideaufkäufe zu erzielen, auch die Soldaten nicht zu bewegen waren durch unzeitigen Gebrauch ihrer Waffen einen Aufſtand zu bewirken, welcher das Losſchlagen der fremden Truppen rechtfertigte, ſo waren die Feinde der neuen Ordnung der Dinge darauf beſchränkt die unterſte Volksklaſſe, namentlich die Fiſchweiber und Damen der Halle aufzuwiegeln. Es konnte nicht fehlen, daß bei den allerhand unheimlichen Zwiſten und dem Mangel an Le⸗ bensmitteln die Bemühungen der Ariſtokraten doch einigen Erfolg hatten. Zu gleicher Zeit ſuchte ein hochgeſtellter Mann, von der Köͤnigin einſt tödtlich beleidigt und nach der Herrſchaft begierig, die Umſtände zu ſeinem Vortheil zu benutzen. So wurden die Scenen vom 5. und 6. Oc⸗ tober herbeigeführt, welche aber nicht im Sinne der Ver⸗ ſchwörer ausfielen ſondern nur die Demüthigung des Thrones und der Ariſtokraten zur Folge hatten. — 35 Es wird von Intereſſe ſein, die ſpäter im Chätelet, dem Gerichtshofe für alle Revolutionsverbrechen, vernom⸗ menen Hauptzeugen der Octoberereigniſſe kennen zu lernen. Der Kaufmann Peltier, welcher viel davon wiſſen ſollte, hatte alles nur von Hörenſagen. So hatte man ihm an verſchiedenen Orten geſagt, der Herzog von Or⸗ leans ſtrebe mit Hulfe einiger Glieder der Nationalyer⸗ ſammlung nach der Reichsverwaltung; ſeine Hauptagenten ſeien der Graf Mirabeau und der Artillerie⸗Officier de la Clos; ferner habe ſich Mirabeau verbindlich gemacht die meiſten Deputirten zur Theilnahme am Com⸗ plott zu bewegen und u. a. zu Mounier geſagt:„Ei Sie guter Mann, wer hat Ihnen denn geſagt, daß wir keinen König brauchen? Nur iſt es einerlei, ob er Lud⸗ wig XVI. oder Ludwig XyVII. heißt, oder, wie man auch erzähle, ob er Ludwig oder Philipp heißt;“ auch den Deputirten Berg aſſe und den Advocaten Du⸗ veyrier habe Mirabeau zur Theilnahme verführen wollen; die beiden Neger des Herzogs von Orleans ſeien verwendet worden, in der Vorſtadt St. Antoine und um das Palais⸗Royal Aufruhr zu erregen und alles dies werde von Mirabeau's Freund Camille Des⸗ moulins durch ultrarevolutionäre Schriften unterſtützt. Der Deputirte Niclas Bergaſſe ſagte aus, er — 36— habe mehrere Tage vor den Octoberereigniſſen zu Ver⸗ ſailles ſagen hören, es ſei etwas gegen die königliche Familie im Werke; man wolle ſich dadurch von der gegen das Volk geſponnenen Cabale befreien, daß man ihre An⸗ ſtifterin, die Königin, erwürge; man beabſichtige den Her⸗ zog von Orleans zum General⸗Lieutenant des König⸗ reichs zu machen, und dieſe letzte Rede habe er aus Mira⸗ beau's Munde vernommen. Der Bürger Regnier hatte den Herzog von Or⸗ leans ſagen hören:„Es giebt nur ein Mittel, meine Kinder, nämlich das, die Waffen zu ergreifen.“ „Der Nationalgardenhauptmann Leſieur war an einer Gruppe von Weibern vorübergegangen, welche ausriefen: „Wir ſind nicht deshalb bezahlt worden, um einen Spa⸗ ziergang nach Verſailles zu machen.“ Der uns bekannte Miomandre St. Marie hatte am Zimmer der Königin ſchreien hören:„Wir wollen ihr den Kopf abſchneiden, ihr Herz und ihre Leber braten! Und dabei laſſen wir es noch nicht bewenden!“ Am Nachmittag des 5. Octobers habe der Graf von Mira⸗ beau die Soldaten des Regiments Flandern angeredet: „Seht Euch vor, meine Freunde! Eure Officiere und die königliche Garde haben eine Verſchwörung gegen Euch gmacht. Die Leibwächter des Königs haben ſo eben zwei — 37— Eurer Kameraden vor ihrem Hotel und einen dritten in der Rue Satory ermordet!“ Zugleich ſei im Hofe der Miniſter das Volk von Lecointre gegen die Gardes du Corps aufgereizt worden. Eliſabeth Baſſet, geb. Pannier, führte u. a. eine Rede des Weinwirthes Charpentier an:„Ich war es, welcher dem Herrn von Savonnisres den Arm mit einer Flintenkugel zerſchmetterte, da ich am Git⸗ ter des Schloſſes Schildwache ſtand.“ Der Buchhändler Blaiſot ſagte aus, Mirabeau habe 10— 12 Tage vor den Ereigniſſen zu ihm geſagt: „Ich glaube zu bemerken, daß unglückliche Ereigniſſe in Verſailles bevorſtehen; aber rechtſchaffene Leute wie Sie haben nichts dabei zu fürchten.“ Am Nachmittag des 5. Octobers habe der Graf von Eſtaing von der Muniei⸗ palität einen Befehl verlangt, Gewalt mit Gewalt ver⸗ treiben zu dürfen, da die Gefahr dringend ſei. Der Parlamentsadvocat Faucherets erzählte zu⸗ nächſt, was er von der Magdalene oder Margare⸗ the Chabry, der Théroigne de Méricourt und der Charlotte Vanner zu wiſſen glaubte, dann theilte er von den Reden, welche ſich die Weiber während des Eſſens im Ständeſaale erlaubt hatten, folgende mit:„Ach, dieſe kleine Marie Antoinette, wenn wir ſie erwiſcht hätten, wie wollten wir ſie haben tanzen laſſen!... Sie verdient nichts Beſſeres, denn ſie allein iſt an allen un⸗ ſern Leiden ſchuld.“ Ein wichtiges Zeugniß legte der Doctor Jacques Rouſſelle de Chamſéru ab. Am 27. September war er in einer Geſellſchaft, worin von einem nahe bevor⸗ ſtehenden Bürgerkriege geſprochen wurde, der jedenfalls zum Vortheil der Privilegirten ausſchlagen müßte; denn dieſe hätten Mittel in Händen drei Feldzüge zu machen, während der dritte Stand kaum einen werde aushalten können. Am 1. October erfuhr er, daß ein neues Trup⸗ pencorps ausgehoben und equipirt werden ſollte, um die Gardes du Corps zu verſtärken; daß man noch verſchie⸗ dene Regimenter näher an Verſailles und Paris heran⸗ zuziehen gedenke und daß in der Stadt Paris durch treue Hände alle Kanonen vernagelt werden ſollten. Während der Wirren in Paris und Verſailles ſollte man dem König und ſeiner Familie zur Flucht nach Metz behülflich ſein, wo der charakterfeſte Bouillé alles zu ſeinem Empfange vorbereitet habe. Zugleich war man geſonnen den Her⸗ zog von Orleans zum Regenten auszurufen. Der Marquis von Valfond, Obriſtlieutenant des Regiments Flandern, hatte den Grafen von Mirabeau mit gezogenem Säbel an der Reihe der Soldaten hin⸗ — 39— gehen ſehen und zu ihm geſagt:„Sie ſehen aus wie Karl XII.,“ worauf ihm die Antwort geworden war: „Man weiß nicht was geſchieht; man muß immer im Vertheidigungszuſtande ſein.“ Der Parlamentsadvocat Delavigne erklärte, daß die Inſurrection am 5. October damit begonnen habe, daß ein Mädchen von gutem Ausſehen mit einem Tam⸗ bour durch die Straßen gezogen ſei. Bald habe ſich dann das Geſchrei:„Brod!“ und:„Nach Verſailles!“ durch die ganze Stadt verbreitet. Maillard, Hauptmann bei den Freiwilligen der Baſtille, erzählte unter allen Zeugen am ausführlichſten die ganze Folge der Ereigniſſe. Namentlich hob er her⸗ vor, wie ſehr er ſich abgemüht habe, die Frauen von Gewaltſchritten abzuhalten, wie ihm aber ſtets entgegen⸗ geſchrien worden ſei, die ganze Gemeindeverſammlung beſtehe aus ſchlechten Bürgern und verdiene die Laterne, vor Allen aber Bailly und Lafahette. Sehr naiv und ausführlich war die Ausſage der Jeanne Bevarenne, geb. Martin. Sie ließ ſich u. a. ſo vernehmen:„Am Morgen des 5. Octobers ward ich im Durchgange des Louvre nahe beim Jardin de l'In⸗ fante von etwa 40 Weibern gezwungen, mit ihnen nach Verſailles zu gehen. Sie gaben mir einen Stock in die — 40— Hand und drohten mich zu mißhandeln, wenn ich nicht vorwärts ſchritte. Ich geſtand ihnen, daß ich noch nicht gefrühſtückt und auch keinen Heller Geld bei mir hätte, ſie aber antworteten: Nur immer vorwärts, es wird Dir an nichts fehlen! Ich mußte folgen, wenn ich mit hei⸗ ler Haut davonkommen wollte. Bei den Tuilerien an⸗ gelangt, wollte uns der Schweizer Frédérie nicht durch den Garten gehen laſſen, worüber ein Streit mit Mail⸗ lard entſtand, der an unſrer Spitze war. Wir erzwan⸗ gen endlich den Durchgang und bewegten uns, verſtärkt durch andre Weiber, welche auf dem Platz Ludwig's Xy., im Cours⸗la⸗Reine und vor der Barriére aufgerafft worden waren, auf der Straße nach Verſailles hin. Bei der Porzellanfabrik von Séves begegneten uns zwei Her⸗ ren, welche fragten:„Wo wollen Sie hin, meine Damen?“ Meine Begleiterinnen antworteten:„Wir gehen nach Ver⸗ ſailles, den König um Brod für uns, unſre Gatten und Kinder, für die Verproviantirung der Hauptſtadt zu bit⸗ ten.“ Hierauf ſagten ſte:„Nun, ſo geht, meine Kinder; betragt Euch gut; thut niemandem etwas zu Leide; Friede ſei mit Euch!“ Aber eine mit einem Degen bewaffnete Frau rief ihnen nach:„Ja, ja, wir gehen nach Verſailles, um auf einer Degenſpitze den Kopf der Königin zu holen!“ Die andern Frauen verwieſen ihr eine ſolche Rede und — 41— der Zug ging weiter. Es begegneten uns verſchiedene Couriere, von denen einer, welcher angehalten werden ſollte, ſeine Brieftaſche in den Fluß ſchleuderte. Den des Herzogs von Orleans, welcher von Paſſy nach Verſailles wollte, ließ man ungehindert ſeines Weges ziehen... In der Nationalverſammlung wurden wir ſehr freundlich aufgenommen und mußten uns niederlaſſen⸗ während Maillard das Begehren der Hauptſtadt vor⸗ trug... Als die königliche Familie auf dem Balcon erſchien, wurden ſehr heftige Verwünſchungen gegen die Königin laut, bis Lafahette vortrat und ſprach:„Die Königin iſt ſehr bekümmert über das, was ſie hören muß; man hat ſie getäuſcht; ſie verſpricht das Volk zu lieben und ihm anzuhangen wie Jeſus Chriſtus ſeiner Kirche.“ Zum Zeichen ihrer Zuſtimmung erhob Marie Antoi⸗ nette zweimal die Hand, während ihr Thränen aus den Augen rannen. Da hörte man auch neben dem Rufe: Es lebe der König! Es lebe die Nation! den andern: Es lebe die Königin!... Gleich mir iſt eine große Menge meiner Freundinnen zum Zuge nach Verſailles gezwungen und zum Theil ſehr gut bezahlt worden.“ Duval de Nampty, Hauptmann im Regiment Flandern, ſagt aus, er habe am Morgen des 6. Octobers das Volk wiederholt rufen hören:„Es lebe der König 42 von Orleans!“ Dies ward vom Vicomte de le Chatre beſtätigt. Virieu erzählte Dinge, welche ſehr geeignet waren, Mirabeau und Orleans zu compro⸗ mittiren; der kluge Siehes ſagte faſt nichts aus. Sobald Bernard und Charlotte Vanner ſich einigermaßen erholt hatten, wurden auch ſie vorgeladen und befragt. Als das noch etwas blaſſe aber überaus reizende Mädchen auftrat, lief ein freudiges Gemurmel durch die Reihen der Anweſenden und ſelbſt die ehrwür⸗ digen Richter ſahen freundlicher aus als gewöhnlich. Charlotte war ſeit ihrer Geſandtſchaft zum König voll Erbarmen gegen ihn und ſeine Familie, denn ſte fühlte ganz die Leiden derſelben. Ihre mit ſanfter Stimme geſprochene Ausſage, bei aller Beſtimmtheit ihre Empfin⸗ dungen enthüllend, machte einen großen Eindruck auf die Verſammlung. Sich ſelbſt und ihre ausgeſtandenen Ge⸗ fahren vergaß ſie in ihrer Erzahlung faſt gänzlich, pries aber mit beredtem Munde die Leutſeligkeit des Königs und die aufopfernde Thätigkeit des heldenmüthigen La⸗ fayette. Von Mirabeau und Orleans hatten Ber⸗ nard und ſeine Braut nichts Verdachterweckendes aus⸗ zuſagen, und würden es auch kaum gethan haben, wenn ſte etwas dergleichen gewußt hätten. Uebrigens ſchlug Erſterer bald alle gegen ihn erhobenen Anklagen ſiegreich ⏑9 N — 4143— nieder, wenn er auch den„muthloſen“ Herzog als einen Mann aufgab, von dem man nichts zu erwarten berech⸗ tigt ſei. Von den Brigands, welche rings um die Hauptſtadt alle Wege unſicher machten, wurde nicht bloß im Chaͤ⸗ telet verhandelt(wo auch den im Walde von Rambouillet gefangenen Wegelagerern ihr Recht geſchah), ſondern auch in der Nationalverſammlung, denn neben der Entwerfung der Conſtitution hatte ſie beſtändig für Brod, Geld und Sicherheit zu ſorgen. Dies ging aber ſo zu: Zuerſt erzählte Dufraiſe du Chey, als er am 6. October mit fünf Collegen in einem Wagen Sr. Majeſtät den König nach Paris begleitet habe, wären am Point du Jour eine Menge Brigands herangetreten und hätten Drohungen gegen ſie und verſchiedene andre Glieder der Nationalverſammlung ausgeſtoßen. Goupil de Pre⸗ feln wollte zwar den durch dieſer Mittheilung hervorge⸗ brachten Eindruck durch die Bemerkung ſchwächen, daß jene ſchlechten Subjecte von allen Wohlgeſinnten zurecht gewieſen und getadelt worden ſeien; aber bald erhob ſich der Pfarrer M. mit der Klage, daß auch er von mehre⸗ ren Brigands angefallen worden ſeiz er habe ſich mit ſeinem Regenſchirm vertheidigt, vier von den Räubern zu Boden geworfen und endlich die Flucht ergriffen. Er — 44— verlangte, daß die Mitglieder der Nationalverſammlung ein gewiſſes Zeichen trügen, um jedermann als Depu⸗ tirte kenntlich zu ſein. Noch ſchlimmer war eine Thatſache, welche der Che⸗ valier Cocherel vorbrachte. Als er nämlich am Dienſt⸗ tage Sr. Majeſtät den König nach Paris begleitete, fuhr er mit dem Marquis von Gouy⸗ d'Arcy. Der Wagen wurde von Brigands angehalten, welche den Deputirten Cocherel fragten, ob ſein Reiſegefährte nicht Virieu ſei. Da er dies verneinte, ſo riefen die Kerle:„Dann müſſen wir weiter ſuchen! Sterben muß er! Wir haben noch Mehrere auf unſrer Liſte!“ Schließlich beantragte auch Cocherel, man möge für die Sicherheit der Na⸗ tionalrepräſentanten geeignete Maßregeln treffen. Nach dieſen Reden ſprach Malouet:„Wer möchte die Gefahren verkennen, worin die Mitglieder der Natio⸗ nalverſammlung ſchweben! Auch ich bin von Brigands oder ähnlichen Subjecten geſchimpft, bedroht und ver⸗ folgt worden. Das Volk wird durch Pasquille auf die Repräſentanten irre geleitet und immerwährend zu Auf⸗ ſtänden getrieben. Man muß Geſetze gegen die Zügello⸗ ſigkeit der Zeitungen und gegen die Aufläufe des Volkes geben! Bald werden dann die Räuber verſchwunden ſein.“ Nachdem Barnave eine Disceuſſton über Preßbe⸗ ——iir — 1— ſchränkung abgelehnt hatte, erhob ſich der Graf von Mirabeau mit den Worten: „Was die Brigands betrifft, ſo werde ich auf ſie zurückkommen. Jetzt will ich nur von der Sicherheit der Deputirten und von den Volksaufſtänden ſprechen. Man fragt, warum man die Mitglieder dieſer Verſammlung nicht unter den Schutz eines Decretes ſtellt. Ich ant⸗ worte, weil ſie ſchon unter einem ſolchen Schutze ſtehen. Vernünftigerweiſe können ſie nur vor gerichtlicher Verfol⸗ gung, nur vor der Chicane der Privatleute geſichert werden, nicht aber vor Unruhen, welche aus den Unord⸗ nungen der Geſellſchaft hervorgehen. Auch vor Pasquil⸗ len ſind ſie geſichert, ſo weit dies möglich iſt; kennen ſie nämlich den Verfaſſer derſelben, ſo ſteht es ihnen frei ihn vor dem Tribunale zu verfolgen. Die Unverletzlich⸗ keit unſres Charakters kann nicht durch neue Decrete, ſon⸗ dern nur durch die Aufrechterhaltung, durch die Hebung der vollziehenden Macht Bedeutung gewinnen, denn iſt dieſe ohne Kraft und Anſehen, ſo muß die Geſellſchaft dem Schrecken der Anarchie anheim fallen, und unſre Unverletzlichkeit iſt kein Meduſenhaupt, welches alles um ſich her verſteinern müßte. Alle Bürger haben ein glei⸗ ches Recht auf den Schutz des Geſetzes; ſelbſt die Frei⸗ heit in ihrer reinſten Bedeutung iſt die Unverletzlichkeit — 46— jedes Individuums; das Privilegium der Ihrigen, meine Herren, bezieht ſich alſo nur auf gerichtliche Verfolgun⸗ gen und die Attentate der ausübenden Gewalt. Mehr iſt Ihnen das Geſetz nicht ſchuldig, mehr kann es Ihnen nicht geben. Das vorhandene Decret(vom 23. Juni) lautet aber ſo:— Die Nationalyerſammlung erklärt die Perſon jedes Deputirten für unverletzlich und ſetzt aus⸗ drücklich feſt, daß jeder Privatmann, jede Corporation und jeder Gerichtshof, die es wagen ſollten, einen De⸗ putirten wegen der in den Generalſtaaten von ihm aus⸗ gehenden Vorſchläge, Anſichten, Meinungen und Reden während oder nach der gegenwärtigen Seſſion zu verfol⸗ gen, zu verhaften oder gefangen zu ſetzen, desgleichen alle die Perſonen, welche ſolchen Attentaten, mögen ſie aus⸗ gehen von wem ſie wollen, Vorſchub leiſten ſollten, als ehrlos und als Verräther gegen die Nation zu betrachten und eines Capitalverbrechens ſchuldig ſind.— Alles kommt demnach auf die ausübende Gewalt an. Vermag ſie nichts, ſo iſt die Geſellſchaft aufgelöſ't und wir kön⸗ nen bloß darüber ſeufzen.“ Hierauf ſagte der Herr von Foucault, welcher die wenig glänzende finanzielle Lage des Sprechers kannte, ganz ſpöttiſch:„Dieſes Decret behagt mir ſehr wohl, geht mich aber nichts an, da es mich bloß gegen meine Gläubiger bewaffnet, während ich doch keine habe.“ Ihm ſchloß ſich Deschamps an, welcher das Decret lächerlich und ungerecht nannte, weil es die Deputirten durchaus nicht vor den Brigands und dem wüthenden Pobel ſchütze, ſondern bloß die Schuldner ihren Gläubi⸗ gern entziehe; jeder Deputirte ſei gleichſam der Geſandte einer Nation, d. h. ſeiner Provinz, und müßte ebenſo unverletzlich ſein als der eines Fürſten. Ihm antwortete Mirabeau: „Ich wußte noch nicht, daß in dieſer Verſammlung Geſandte aus Dourdan und dem Lande Ger ſitzen; aber ſagen muß ich, daß dieſes neue Völkerrecht gefährliche Spaltungen im Schoße derſelben veranlaſſen kann, und daß ich lieber glauben will, wir ſeien die Abgeordneten der franzöſiſchen Nation, nicht aber der Nationen Frank⸗ reichs. Räubern gegenüber, meine Herren, iſt niemand unverletzlich. Droht übrigens einem Deputirten Gefahr, ſo kann er nicht wünſchen, ſich durch ein äußeres Zeichen ſeinen Feinden kenntlich zu machen...“ Dubois⸗Crancé gab dem Redner völlig Recht und machte die Bemerkung:„Er reicht jedenfalls hin, daß im Decrete derjenige, welcher einen Deputirten wegen — 428— ſeiner Meinungen verfolgt, mit der Strafe wie für ein J Capitalverbrechen bedroht iſt...“ b n „Aber,“ fiel ihm der Vicomte Mirabeau, des gro⸗ d ßen Redners ariſtokratiſcher Bruder in's Wort,„nicht 4 wegen ſeiner Meinungen hat man den Herrn von Virieu f 2 hängen wollen, ſondern wegen ſeines Geſichts!“ T „Demnach,“ ſagte ſein Bruder, der Graf,„will man J ein Decret, welches die Geſichter nach Gefallen verän⸗ 3 dern kann!... Welcher Deputirte etwas Andres begehrt fe als Sicherheit vor gerichtlicher Verfolgung, der verlangt n etwas Unmögliches! Oder glaubt man in der That, daß ſe die Brigands im Walde von Rambouillet, von denen de einige ertappt und ihrer Strafe gewärtig ſind, weniger di über einen Wagen hergefallen wären, wenn ſtatt unſers ð Archivars ein paar Deputirte darin geſeſſen hätten? Ich de ſchlage die Tagesordnung vor.“ V ne Während dieſer Antrag des Grafen Mirabeau an⸗ ke genommen wurde, brachte man eine Vertheidigung gegen E eine Anklage deſſelben in die Verſammlung. Er hatte mi 7 nämlich erzählt, daß der Miniſter St. Prieſt die Schuld we des Brodmangels auf die 1200 Könige geſchoben habe, un welche jetzt ſtatt des einen regierten. Dieſer Vertheidi⸗ V gungsbrief des Herrn von St. Prieſt ward vorgeleſen G und enthielt u. a. folgende Sätze:„Dem Vernehmen nach hat der Herr von Mirabeau eine Denunciation gegen mich vorgebracht, welche ſo lauten ſoll:— Ein Miniſter, der Graf von St. Prieſt, hat am Montage zu jener Phalanx von Weibern, welche Brod verlangten, geſagt: Als Ihr einen König hattet, fehlte es Euch nicht an Brod; jetzt habt Ihr 1200 Könige, und von dieſen mögt Ihr Euch Brod geben laſſen.— Ich habe die Ehre Ihnen authentiſch zu erklären, daß der vom Herrn Gra⸗ fen angeführte Umſtand erfunden und von mir durch nichts veranlaßt worden iſt. Da er es nicht von mir ſelbſt gehört zu haben behauptet, ſo will ich glauben daß man ihn getäuſcht hat. Ich erkläre bei meiner Ehre, die mir theurer iſt als das Leben, daß ich nur mit den Frauen geſprochen habe, die in's Oeil-de⸗boeuf kamen, da ich vom König beauftragt war ſie anzuhören und ih⸗ nen zu antworten. Ich habe wohl hundert Zeugen und keiner wird ausſagen, daß ich der Nationalverſammlung Erwähnung gethan hätte. Den 5— 6 Frauen, welche mir klagten, daß es an Brod mangle, habe ich geant⸗ wortet, der König habe ſein Möglichſtes gethan das Reich und die Hauptſtadt mit Getreide zu verſorgen; da eine Mißernte ſtattgefunden habe, ſo ſei es ſchwer dem Volke Genüge zu thun; übrigens habe man aus allen Ländern der Welt Körner herangezogen und die Verproviantirung 1789. III. 4 83 von Paris ruhe ſeit zwei Monaten in den Händen d Stadt, die vom König und ſeinen Miniſtern auf's beſte unterſtützt werde.. Und kann man denn die 5— 6 Frauen, mit denen ich im Oeil⸗de⸗boeuf ſprach, eine Phalanx von Weibern nennen?... Ich verweiſe auf diejenigen, welche mich im Oeil⸗de⸗boeuf haben ſprechen hören. Ich ſpreche dem Herrn Grafen von Mirabeau weder ſeine Talente noch ſeine Beredtſamkeit ab, aber ich glaube nicht, daß er ein beſſerer Bürger iſt als ich.“ In Folge dieſes Berichts wurden Erkundigungen ein⸗ gezogen über die Perſonen, welche ſich am 6. Oct. im Oeil⸗de⸗boeuf befunden und die Worte St. Prieſt's gehört hatten. Nicht die Freiſprechung des Miniſters durch die Zeugniſſe war für das Intereſſe unſrer Erzäh⸗ lung die Hauptſache, ſondern die Folgen, welche die Ausſage und das Benehmen einer Zeugin fur dieſe ſelbſt hatten, wie ſich bald ergeben wird. beſte — 6 eine 2 auf rechen beau er ich 3. Im Speiſeſaale des Verſailler Hotels zum gold⸗ nen Sterne ſaß an einer langen Tafel eine ziemlich an⸗ ſehnliche Geſellſchaft von Herren und Damen, welche ſich bei einer Flaſche guten Weines, wie man ihn im Kaffee⸗ hauſe der Deputirten(dem ehemaligen Ordensbande) nicht erhalten konnte, über die Ereigniſſe des Tages unterhiel⸗ ten. Nachdem ſeit 1789 eine Zeit verfloſſen iſt, welche ſo viele ſchöne Ideen in Rauch aufgehen, den Egoismus der Erben über den Weltbürgerſinn triumphiren und die Furcht vor der Rückkehr eines nur von der Ariſtokratie erzeugten Terrorismus alles beherrſchen ſah, können wir uns kaum einen Begriff machen von dem Feuer, von dem glühenden Freiheits⸗Enthuſiasmus eines Volkes, dem nur die Beiſpiele von England und Nordamerika vor Augen ſchwebten. Das bisherige Ungemach, die Volksaufſtände wie die Theurung, die Emigration wie die Räubereien und ariſtokratiſchen Verſchwörungen, alles dies erſchien als etwas Vorübergehendes und mit der dauernden Wohlthat einer beſſern Ordnung der Dinge gar nicht zu Vergleichendes. Einige Gäſte hatten ſo eben von den patriotiſchen Gaben geſprochen, welche Wohl⸗ habende und ſelbſt weniger Bemittelte Tag für Tag in der Nationalverſammlung niederlegten, als ein dreißig⸗ jähriger Mann von blühender Geſichtsfarbe das Wort nahm: „Nun, in der That, wenn ich noch vor einem Vier⸗ teljahre einen ſolchen Traum gehabt hätte, ich würde ge⸗ glaubt haben, durch das lange Leben in einem engen Kerker hätte mein Verſtand gelitten...“ „In einem Kerker?“ fragte der Weinhändler Cholat, ſein Glas wieder wegſetzend, das er eben nach dem Munde führen wollte. „Allerdings, und zwar in einem ziemlich feſten, näm⸗ lich in der Baſtille.“ „Was, Sie ſind...“ „Solages.“ „Ach, mein Herr, dann ſtoßen Sie an!“ Es geſchah und alle Tiſchgäſte ließen ihre Gläſer klingen. Nachdem es wieder ruhiger war, fuhr Cho⸗ lat fort: „Ich hätte Sie nicht wieder erkannt...“ — iſer ho⸗ — „Sahen Sie mich denn ſchon?“ „Wie ſollte ich nicht? Habe ich doch mit Hülfe des wackern Georget mehr als vierzig Schüſſe mit einer Kanone auf die Zwingburg gethan und die ſieben Be⸗ freiten zum Herzog von Orleans begleitet...“ „Wo ſind Ihre ehemaligen Unglücksgenoſſen, Herr von Solages?“ fragte ein andrer Tiſchgaſt. „Sämmtlich gut untergebracht, ſelbſt den unglücklichen Engländer nicht ausgenommen, welcher ſich noch nicht auf die wirkliche Welt hat beſinnen können... Ach, ich wundre mich darüber gar nicht.“ „Bald, meine Herren,“ nahm ein junger Mann das Wort, welchen Viele von der Geſellſchaft bereits als den Archivar der Nationalverſammlung kannten,„bald wird jede willkührliche Einkerkerung in Frankreich unmöglich ſein. Ich habe einer Verhandlung im Ständeſaale beige⸗ wohnt, welche dies hoffen laͤßt.“ „Nun?“ fragten mehrere Stimmen zugleich. „Der Herr von Caſtellane erhob ſich in der vori⸗ gen Abendſitzung mit den Worten: Noch ſeufzen Un⸗ glückliche in den Gefängniſſen, welche durch eine will⸗ kührliche Gewalt eingekerkert und nicht verhört worden ſind. Alle ihre Seufzer ſind ebenſo viele Vorwürfe für uns, jede ihrer Thränen legt ein anklagendes Zeugniß —— gegen uns ab. Schon deshalb ſind ſie noch als Unſchul⸗ dige zu betrachten, weil ſie nicht durch einen rechtsbe⸗ ſtändigen Richterſpruch verurtheilt und eingekerkert worden ſind. Ich ſchlage daher vor, daß alle diejenigen, welche durch Lettres de Cachet oder willkührliche Befehle ver⸗ bannt oder eingekerkert worden ſind, augenblicklich zurück⸗ gerufen oder auf freien Fuß geſetzt werden, ſowahr das erſte aller Rechte des Menſchen ſeine Freiheit iſt; daß Se. Majeſtät unverzüglich erſucht werde, eine Liſte der Gefangenen entwerfen und die Gründe ihrer Einkerkerung angeben zu laſſen.“ „Recht ſo,“ fiel hier Solages ein;„ein ſolches Ge⸗ ſetz werden diejenigen zu würdigen wiſſen, die einen Be⸗ griff davon haben, weſſen die miniſterielle Willkühr fähig iſt.“ „Dies wird ſelbſt im Auslande erkannt,“ ſagte Ber⸗ nard;„am Tage nach des Königs Einzug in die Tuile⸗ rien ward der Nationalverſammlung ein Schreiben zweier Engländer übergeben, worin ſie ihre Freude über die Fortſchritte der franzöſiſchen Freiheit ausdrückten. Auf Robespierre's Antrag beſchloß die Verſammlung am folgenden Tage, jenes Schreiben überſetzen und in offener Sitzung vorleſen zu laſſen, was auch geſchehen iſt.“ Wir brauchen zwar keine Anerkennung von Seiten des 55 Auslandes,“ meinte der Weinhändler;„aber— alle ver⸗ nünftigen Engländer ſollen leben!“ „Alle vernünftigen...,“ rief ein junger Mann in ei⸗ nem Sammetrocke während des Vivatgeſchreies. Es war ein Engländer, aber ſeine Stimme verhallte in dem Tumulte. „Bei alle dem,“ fuhr dann Solages fort,„iſt es merkwürdig genug, daß man Leute wie Beſenval noch nicht gerichtet hat...“ „Der iſt zu geſcheidt!“ rief ganz unten an der Tafel ein kleiner Mann, der ſich erſt vor kurzem niedergelaſſen hatte. „Zu geſcheidt!“ wiederholte ein zehnfaches Echo. „Viel zu geſcheidt für das Chäͤtelet,“ beharrte keck der unſcheinbare Mann ohne hochzeitliches Kleid. „Das Chaftelet iſt kein tauglicher Gerichtshof?“ „Wer hält ihn für tauglich?“ rief mit heiſerer Stimme der ſchlichte kleine Mann, in dem unſer Aubry den Journaliſten Marat erkannt haben würde;„was hat er bis jetzt entſchieden? Sein Schneckengang muß die Freunde des Volks empören.“ „Wer ſind Sie?“ fragte der Engländer mit ſeinem fremden Aecent. „Ein Freund des Volks und kein Ausländer!“ pol⸗ terte Marat. „Aber ein blinder Volksfreund, welcher die Sympathie des Auslandes zurückweiſ't und dadurch die franzöſtſche Nation iſolirt!“ „Meine Herren,“ ſagte Bernard, den Marat's Rede und noch mehr deſſen rohe Ausſprache verletzt hatte, „Sie werden die Geſinnung des Volks am beſten aus dem Munde ſeiner Repräſentanten vernehmen, welche ſehr bald eintreffen müſſen.“ „Welche Repräſentanten?“ fragte Marat mit gering⸗ ſchätziger Miene;„ich kenne keinen, dem das Chäͤtelet nicht genügte! Die Wahl konnte nur ſchlecht ausfallen, da die Miniſter für gut fanden den Wählern keine Zeit zu laſſen...“ „Wir haben keine großen Männer in der National⸗ verſammlung!“ rief Bernard zornig aufſtehend;„aber als der König den Volksrepräſentanten befahl auseinander zu gehen und der Adel nebſt der Minorität des Klerus bereits Folge geleiſtet hatte, rief doch ein Mann: Nur die Gewalt der Bajonette kann die Abgeordneten der Na⸗ tion von ihren Sitzen treiben! Als dann der Obercere⸗ monienmeiſter von Brézé erſchien, um zur Vollziehung des königlichen Befehls zu mahnen, rief derſelbe Depu⸗ tirte: Mein Herr, Sie haben hier weder Sitz noch Stimme, auch nicht das Recht zu ſprechen! Sagen Sie — Ihrem Herrn, daß die Repräſentanten der Nation ver⸗ ſammelt bleiben werden, bis die Wiedergeburt des Staa⸗ tes vollendet iſt!“ „Bravo!“ riefen Einige;„dem Abgeordneten Ri⸗ quetti verdanken wir unſre Freiheit!“ „Unſre Freiheit!“ ſpottete der Journaliſt;„ſte be⸗ ſteht bis jetzt darin, daß die Preſſe beſchränkt und der Schriftſteller mit ſeinen Klagen von der Nationalverſamm⸗ lung ignorirt wird; darin, daß noch unverhörte Bürger in den Gefängniſſen ſchmachten; daß im Diſtrict St. Roch Briefe erbrochen werden; daß die Volksrepräſentanten haufenweiſe krank werden, ſeitdem von der Ueberſiedelung in die Hauptſtadt die Rede iſt; daß der Klerus verſchlingt, was das Volk zu ſeiner Sättigung bedarf; daß der Hof immer und ewig thut, was ihm beliebt...“ „Nun, bei Gott,“ ſagte Bernard,„ich ſollte mei⸗ nen, daß die nicht Volksfreunde ſondern das Gegentheil wären, welche nicht anerkennen, daß die Nation ſeit ei⸗ nem Vierteljahre errungen hat, was andre Völker Jahr⸗ hunderte lang umſönſt erſtreben...“ Hier brach der neuerwählte Archivar der National⸗ verſammlung plötzlich ab, denn es traten eben mehrere Deputirte ein. Unter ihnen war Mirabeau, welcher mit ſeinen grauen durchdringenden Augen die Gäſte über⸗ 58— flog und ſich ſchweigend an dem für ihn bewahrten Platze niederließ. Umſonſt warf ihm Marat einen ausfordern⸗ den Blick zu, den er ſicher nicht unbeachtet gelaſſen hätte, wenn er von einem Manne wie Camille Desmou⸗ lins ausgegangen wäre. Mehrere Anweſende erhoben ſich von ihren Stühlen, auf dieſe Weiſe dem gewaltigen Redner ihre Huldigung darbringend. Jedermann ſchwieg ehrerbietig und erwartete irgend etwas Neues zu hören; aber der Deputirte der Provence verſchlang haſtig ſeine Suppe und ging dann auf ſein Zimmer. „Das ſind unſre großen Männer!“ ſagte Marat. „Frankreichs wahrhaft große Männer,“ verſetzte der Engländer,„haben wenigſtens nicht nöthig ſich in den Katakomben zu verbergen!“ „Ha!“ rief der Journaliſt mit funkelnden Augen,„die Katakomben wären ein Aufenthalt für anmaßende Fremd⸗ linge und für diejenigen, welche die Volksfreunde zur Verborgenheit nöthigen laſſen. Letztere ſind dieſelben, welche dem Auslande den ſchönen Satz entlehnen, daß die Civilliſte des Königs auf deſſen Lebenszeit feſtgeſtellt und nicht alljährlich erneuert werden ſoll!“ Wie ſehr auch ganz Frankreich an der Politik theil⸗ nahm und meiſtens theilzunehmen gezwungen war, der Ton, welcher ſeit Marat's Eintreffen angeſtimmt wor⸗ den war, behagte wenigſtens den Damen nicht. Dies be⸗ merkte Bernard an Charlotte Vanner, welche ihm gegenüber ſaß, und war eben im Begriff den Journa⸗ liſten auf eine andre Bahn zu drängen, als Cholat, der ähnliche Beobachtungen gemacht hatte, ſich ſo ver⸗ nehmen ließ: „Wenn ich nicht irre, ſo ſchwebt die Verhandlung über die Nationalſchuld und die Civilliſte noch immer; warten wir ruhig den Erfolg ab und hoffen wir von unſern Repräſentanten das Beſte; kein Baum fällt auf den erſten Hieb und Paris iſt auch nicht in einem Tage erbaut; trinken wir auf den ruhigen Fortſchritt unſrer Freiheit, auf welchen die Augen der Welt gerichtet ſind!“ Dieſe Rede rief auf den Geſichtern der Tiſchgäſte die einen Augenblick verdrängte Heiterkeit wieder hervor; alle, nothgedrungen ſelbſt Marat und der Engländer, erhoben ihre Gläſer und die Meiſten nickten einander freundlich zu. Gleichwohl grollte es im Herzen des ſchwarzgalligen Journaliſten noch fort; mit einer ſüß⸗ſauern Miene machte er die Bemerkung: „Die Fortſchritte der Freiheit ſind ſo ruhig, daß man ſte nicht ſehr bemerkt; wenigſtens haben wir wohl zur Gnüge geſehen, welchen Gehorſam man den Decreten der Nationalverſammlung leiſtet.“ — 60— „Ja, in der That, davon kann ich ein merkwürdiges Beiſpiel erzählen,“ ſagte ein Officier der Pariſer Natio⸗ nalgarde würdevoll. „Nun?“ fragten mehrere Stimmen. „Ich war kürzlich in Alengon, um der dortigen Municipalität Briefe der Nationalverſammlung und des Herrn Necker zu überbringen. Es herrſchte dort eine ungeheure Aufregung, weil die Einwohner glaubten, der Herr von Caraman, ſchon im September zur Ueber⸗ nahme des Commando's von 200 Pferden dahin abge⸗ ſandt, hege verbrecheriſche Abſichten gegen die Volksfrei⸗ heit. Zunächſt hielt man ihm vor, daß ſeine Truppe der Nation noch nicht Treue geſchworen habe. Er ſchrieb augenblicklich an den General Beuvron, um ſich zu dieſer feierlichen Handlung autoriſiren zu laſſen. Dieſer Aufſchub kam den Leuten verdächtig vor; ſie benachrich⸗ tigten den permanenten Bürgerausſchuß von der Sache und rotteten ſich auf den Straßen zuſammen. Da ließ Caraman ſeine Truppe ſchwören, noch ehe der Befehl des Generals eingetroffen war. Aber in dieſer Nachgie⸗ bigkeit erblickte man nur die Maskirung eines abſcheuli⸗ chen Complottes, das auf nichts Geringeres als die Er⸗ mordung der Nationalgarde des Stadthauſes und die Einäſcherung der Stadt abzielen ſollte. Das Volk brüllte — 61— nach Caraman's Kopfe. Unter ſolchen Umſtänden er⸗ theilte er ſeinen Leuten Befehl ſich um ihn zu verſammeln; da dieſe aber in der Stadt zerſtreut lagen, mußten ſie ſich durch die Volkshaufen Bahn brechen. Leider fielen bei dieſer Gelegenheit mehrere Carabiner⸗ und Piſtolenſchüſſe, welche von der Nationalgarde reichlich erwiedert wurden, ja das Volk ſchleppte im ärgſten Regenwetter eine Ka⸗ none vor Caraman's Haus und drohte es in Grund und Boden zu ſchießen, wenn der Gehaßte ſich ihnen nicht augenblicklich auslieferte. Er fand es nicht für gut ſich zu zeigen und man hielt dreimal eine brennende Lunte auf das Pulver, das aber zu naß war um ſich zu entzünden. Unterdeſſen war man in das Haus einge⸗ drungen, hatte Caraman wie einen Verbrecher verhört und ſperrte ihn in ein Gemach mit vier nackten Wänden, bis ihm vom Ausſchuſſe, der ſich zum Tribunal conſti⸗ tuirt, der Proceß gemacht wäre. Während der arme Officier gleich dem ärgſten Verbrecher gefangen ſaß und die Volkshaufen auf eine recht grauſame Todesſtrafe dach⸗ ten, traf ich mit meinen Briefen in Alengon ein. Die Nationalverſammlung ermahnte den Comité jede Gewalt⸗ that und eine ſo offenbar ungeſetzliche Verfolgung zu vermeiden, Necker aber wies beſonders darauf hin, was für verderbliche Folgen es haben müſſe, wenn man die unmotivirten Beſchlüſſe eines aufgewiegelten Volkes dem ruhigen und durchdachten Urtheile der Gerechtigkeit unter⸗ ſchieben wollte. Und augenblicklich, meine Herren, legte ſich die Gährung. Im Angeſicht der ganzen Bevölkerung ward Caraman freigelaſſen und leiſtete mit ſeiner Truppe auf der Stelle den Eid der Treue gegen die Nation und den König.“ Ein freudiges Gemurmel durchlief den Speiſeſaal, bis der une müdliche Marat auf's neue begann: „Die Wahrheit dieſer Mittheilung vorausgeſetzt, iſt ſte eben kein Beweis für die Achtung vor den Decreten der Nationalverſammlung, oder ſie müßte nicht deeretirt haben, daß jedermann, auch den Herrn von Caraman nicht ausgenommen, der Nation den Eid der Treue leiſte. Ob übrigens die Bevölkerung von Alengon aus Achtung vor dem Decrete der Nationalverſammlung oder aus Reſpect vor Lafahette's Nationalgardiſten ruhiger wurde, das mag ſie ſelbſt am beſten wiſſen. Auch müß⸗ ten alle Nachrichten trügen, oder nicht nur in Alengon, ſondern auch in Tonnerre, Crépy, Nevers, Rouen, Ver⸗ non und mehrern andern Städten ſind Unruhen vorgekom⸗ men, welche ein ſchönes Accompagnement zu den Be⸗ ſchlüſſen der Nationalverſammlung über Zuſammenrottun⸗ gen geben...“ b — 6— „Glücklicherweiſe kann ich über eine dieſer Städte Auskunft geben,“ ſagte der Engländer mit großem Ernſt; „betrachten Sie dieſen Degen!“ Bei dieſen Worten ſchnallte er ſeinen Degen ab und reichte ihn dem ſchmähſüchtigen Journaliſten hinunter. Dieſer griff nicht zu, ſondern fragte bloß: Nun?“ „Leſen Sie, was darauf geſchrieben ſteht.“ Jetzt nahm ihn Marat vor ſich hin und las:„ Pariſer Commun dem Engländer C. J. W. Neſham, weil er einem franzöſiſchen Bürger das Leben rettete.“ Aller Augen richteten ſich auf den jungen Mann, während er den Degen wieder in die Scheide ſteckte. Journaliſt aber fragte ſpöttiſch: „Und dieſe Dankbarkeit einer Nation(oder vielmehr einer Stadt) hatte niemals Einfluß auf Ihr Urtheil über die Zuſtände derſelben?“ Der Engländer zuckte die Achſeln und wollte eben aufſtehen, als er von mehrern Tiſchgäſten gebeten wurde die Veranlaſſung dieſes Ehrengeſchenks zu erzählen. Nach kurzem Bedenken ſprach er: „In mehrern Städten hatte man ſich der Wagen be⸗ mächtigt, welche Getreide und Mehl nach der Hauptſtadt ſchaffen ſollten, weil überall Mangel an Lebensmitteln Die Der 82 — 64— war. Ich befand mich gerade in der Stadt Vernon, als man dort die für Paris beſtimmten Magazine plündern wollte. Ein gewiſſer Herr Planter, welcher mit der Ueberwachung der Vorräthe beauftragt war, ſetzte ſich mit großer Unerſchrockenheit zur Wehr, ward aber von einem Volkshaufen ergriffen und nach einem Laternenpfahle geſchleppt. Ich ſah dies von meinem Fenſter aus, ſprang eiligſt die Treppe hinab und wühlte mich noch eben zur rechten Zeit durch die Menge, um den Strick zu zer⸗ ſchneiden, an welchem man den Unglücklichen emporzu⸗ ziehen im Begriff war. Nun kehrte ſich die Wuth der Henker gegen mich, allein ich ſchlug mit einem ſchweren Stocke die Schlimmſten ſo derb auf die Hände, daß ſie dieſelben ſinken ließen. Unterdeſſen hatten Andre den Strick wieder zuſammengeknüpft, um den halbtodten Plan⸗ ter doch noch zu hängen. Vermittelſt einiger Stöße und Hiebe machte ich mir wieder Bahn bis zu der ſchon auf⸗ ſteigenden Laterne und riß ſie wieder herab, ſo daß der Gewürgte herabfiel und die Schlinge vom Halſe losmachte. Jetzt ließ man ihn einen Augenblick liegen, um mich an ſeiner Stelle aufzuknüpfen. Er wühlte ſich in das Volk hinein und entkam ſeinen Henkern; mich aber retteten die hinzukommenden Pariſer Nationalgardiſten...“ „Ein neuer Beweis von der Achtung...“ begann ——— — 65— Marat auf' neue; aber der Engländer ließ ſich nicht unterbrechen, ſondern fuhr ſogleich fort: „Wenn mich das ehrende Geſchenk freute, ſo thaten dies noch mehr die Worte, welche man bei deſſen Ueber⸗ reichung zu mir ſprach: Wenn Sie in Ihr Vaterland zurückkommen, ſo ſagen Sie Ihren Landsleuten, daß Sie am Ufer der Seine ein Volk geſehen haben, welches ſeine Freiheit wiedererobert hat und ſich ſtets freut die Tugend belohnen zu können. Freie Völker ſind verſchwiſtert. Frankreich und England ſind einander Achtung ſchuldig und es iſt das ihrer würdigſte Beſtreben das Heil der Menſchheit zu ſichern.“ „Bravo, bravo!“ riefen die meiſten Tiſchgäſte in ſchöner Begeiſterung;„es lebe Frankreich und England! Auf die Verbrüderung der freien Völker!“ „Herrlich, herrlich!“ rief auch Marat,„nichts kann beſſer meine Behauptung beweiſen, als was Sie von den Unordnungen in der Provinz erzählen!“ „Dieſe Unordnungen ſind vorüber,“ ſagte Bernard ruhig,„ſeitdem der König ſeine Proclamation nach den Provinzen geſandt hat...“ „Eine Proclamation?“ „Worin er den falſchen Gerüchten vorbaut, welche von ſeiner Ueberſiedelung nach Paris umliefen oder noch 1789. III.... 5 ——————— hätten verbreitet werden können, und das feierliche Ver⸗ ſprechen ablegt, nach Vollendung des Conſtitutionswerkes die Provinzen ſelbſt zu bereiſen, um ihre eigenthümlichen Verhältniſſe und Bedürfniſſe noch genauer kennen zu lernen.“ Charlotte Vanner, ſehr erfreut über das Be⸗ nehmen ihres Otto, warf ihm einen dankbaren Blick zu, als wollte ſite ſagen:„Ich ſehe es, zwei Herzen und ein Schlag!“ Da das Geſpräch für niemanden unter den Anweſenden ohne Intereſſe ſein konnte, ſo that es ihr leid die Geſellſchaft verlaſſen zu müſſen, denn ſie hatte leider verſprochen um 5 Uhr bei Henriette de Launoy und Madame Dubord zu ſein, welche dies⸗ mal ernſtlich nach dem ſüdlichen Frankreich in ein Bad reiſen wollten. Die arme Henriette, faſt nur noch ein Kind, war durch die erlebten Schreckniſſe heftig angegrif⸗ fen worden und konnte ſich auch nicht in einer Gegend gefallen, wo ſie durch ſo verſchiedene Dinge und Perſo⸗ nen an das grauenvolle Ende und das hart geſchmähte Walten ihres Vaters erinnert wurde. Nur wegen Regu⸗ lirung ihrer Außenſtände hatte ſie ſich mit der Dubord noch ſo lange in Paris und Verſailles aufgehalten. Charlotte wollte von ihr Abſchied nehmen. Da ſie Bernard’s Blick auf ſich gerichtet ſah, ſo erhob ſie — 62— ſich und beſchaute ihre kleine Genfer Uhr, überzeugt daß ſie verſtanden würde. Wirklich kürzte er darauf ſeine Rede möglichſt ab und ſtand gleichfalls auf. Als Beide einander begegneten und ſich über die nächſte Zukunft aus⸗ ſprechen wollten, überreichte der Oberkellner Charlotten ein Schreiben, das er ſo eben von einem Briefträger er⸗ halten hatte. Es war mit dem Privatſiegel des Miniſters St. Prieſt geſchloſſen. Die Empfängerin trat mit Ber⸗ nard in eine Fenſtervertiefung und las: „Mademoiſelle, von Ihrer Bereitwilligkeit überzeugt, über alles, was Sie erlebten, wahrheitsgetreue Ausſagen zu machen und ſo zur Aufklärung gewiſſer noch dunkler Dinge beizutragen, fordre ich Sie auf, ſich möglichſt bald nach Empfang dieſes Billets in die Tuilerien zu begeben und ſich dort bei Madame Thibaut, der erſten Kam⸗ merfrau Ihrer Majeſtät der Königin, zu melden. Es iſt mir ein Vergnügen, Ihnen zu verſichern, daß die von Ihnen abgelegten Zeugniſſe die beſtimmteſten und wirk⸗ ſamſten geweſen ſind. St. Prieſt.“ „Aber mein Gott,“ ſagte Bernard,„die Sache des Miniſters iſt ja erledigt.“ „Auch wüßte ich kaum, was ich noch ausſagen ſollte,“ bemerkte Charlotte;„es kann nur Nebendinge betreffen.“ „Und alſo ſollen wir uns doch noch einmal trennen?“ 5* —— „Mein Herz bleibt in Verſailles...“ „Und ſo bald als möglich kehrſt Du doch zurück, ich bin deſſen gewiß.“ „Unterdeſſen werden ja wohl auch unſre Genfer Pa⸗ piere eintreffen und dann...“ „O dann, wie glücklich werden wir ſein!... Ich zweifle keinen Augenblick an der Einwilligung unſrer Familien...“ „Und nicht bloß wegen unſrer Ueberſendung der 500 Francs.. Mein Otto, ſoll ich aufrichtig ſprechen?“ „Wie? Ich hoffe mich Deines Vertrauens würdig zu⸗ machen.“ „Es iſt mir nicht ganz unlieb aus der ſonderbaren Lage zu kommen, worein mich die Gewalt der Umſtände verſetzt hat.. Da jetzt die Zeiten ruhiger ſind, will es ſich kaum ſchicken, daß wir in einem Hotel, unter einem Dache wohnen, ſo lange uns noch nicht eines Prieſters Hand vereinigt hat.“ „Ich ehre Dein Zartgefühl, meine Charlotte, auch wenn ich es übertrieben finde; denn dieſe Beiſpiele ſind ja jetzt ſo häufig, daß niemand darauf Achtung giebt... Wie gern möchte ich Dich begleiten,“ begann er nach ei⸗ ner kleinen Pauſe auf's neue;„aber mein Amt nimmt 1 — 69— leider dieſen ganzen Abend in Anſpruch; doch erlaube mir auf der Poſt die nöthigen Anſtalten zu treffen.“ „Meinen Dank, beſter Otto; ſobald ich von Fräu⸗ lein Henriette und Madame Dubord Abſchied ge⸗ nommen habe, werde ich auf die Poſt eilen.“ Nach dieſen Worten ſchloß das vielgeprüfte aber glück⸗ liche Paar die Arme in einander und entfernte ſich aus dem Hotel. “ 4. Es war ein heitrer Octobertag, als die Königin Marie Antoinette mit haſtigen kleinen Schritten über die Teppiche eines ihrer Zimmer ſchritt, dann plötzlich wie⸗ der ſinnend ſtehen blieb, auch wohl ein paar Gänge auf dem Claviere machte und ſich endlich mit einem Seufzer auf einen Divan warf. „Reichen Sie mir das blaue Portefeuille aus meiner Toilette,“ ſagte ſie zu Frau von Hogus, ihrer zweiten Kammerfrau, welche vor einer Niſche mit einer Adonis⸗ bildſäule nahe bei der Thüre ſtand. Die Kammerfrau vollzog mit gewohnter Raſchheit den Befehl ihrer Herrin. Dieſe nahm einen Brief aus dem Portefeuille hervor, erbrach denſelben, ſah nach der Un⸗ terſchrift, reichte ihn der Hogué und ſagte mit verdrieß⸗ licher Miene und ziemlich barſch: „Leſen Sie!“ Nachdem die Kammerfrau ſich dem Herkommen gemäß verneigt hatte, las ſie wie folgt: „Ich kann nicht umhin der Königin die Huldigung meiner tiefgefühlten Bewunderung zu Füßen zu legen. Die unerſchütterliche Feſtigkeit, womit Ew. Majeſtät den Antrag verwarfen ſich vom König zu trennen, iſt ent⸗ ſcheidend. Die Königin wird über alles triumphiren, wird die Monarchie retten helfen und ihr werden wir die Ruhe zu verdanken haben; nur muß ſie einzig und al⸗ lein ihren wahrhaft aufrichtigen Dienern glauben. Das Schwanken der Ideen hat ſchon mehr als einmal faſt alles verdorben...“ „Das Schwanken der Ideen!“ rief die Königin, ge⸗ ringſchätzig die Unterlippe emporwerfend. „Der König hat ſtets das Gute gewollt; eben dadurch, daß er ihm alles aufopferte, wie er vorgeſtern ſelbſt ſagte, iſt er auf den Punkt gelangt, wo wir jetzt ſtehen. Meh⸗ rere von ſeinen frühern Miniſtern, ſo ſehr geſchmäht und dem Haß verfallen, haben ihn vielleicht nur durch den Mangel an Standhaftigkeit in Betreff ihrer Grundſätze und maucher Schritte verdient, die ſte am Ende nicht haben verhindern können. Jenes unſelige Gaſtmahl, die mit allem Vorbedacht unterlaſſene Ausbringung der Ge⸗ ſundheit auf die Nation, alles das iſt ſehr übel ausgelegt worden...“ „Ah, ah!“ ſagte Marie Antoinette zornig,„wir ſollen eine Nation leben laſſen, die nur darauf denkt uns entbehrlich zu machen! O Herr von Eſtaing, Sie ſind ein Unverſchämter!“. Madame Hogué war in Verlegenheit, weil ſie nicht wußte, ob ſie fortfahren ſollte zu leſen oder nicht. Die Königin merkte es und ſagte mit zitternder Stimme: „Leſen Sie, gute Hogus; wer ſich von einem La⸗ fayhette berühren laſſen mußte, kann auch die Imperti⸗ nenz eines d'Eſtaing hören.“ Die Kammerfrau fuhr fort: „Ach, wäre der König nicht auf der Jagd geweſen oder hätte ich ihn wenigſtens nach ſeiner Rückkehr ſpre⸗ chen können, nachdem ich in Erfahrung gebracht hatte, daß man nicht auf das Wohl der Nation trinken wollte...“ „Schön!“ „Vieles Unheil wäre nicht geſchehen!... Aber ſelbſt aus dem geſchehenen Unglück kann Heil entſpringen, denn Sie ſind nun mitten unter Ihrem Volke in der Haupt⸗ ſtadt, von dem Sie angebetet worden, wenn Sie ver⸗ geſſen, was Ihnen widerfahren iſt, wenn Sie ſich nur daran erinnern, daß man auch in Verſailles gerufen hat: „Es lebe die Königin! Wie reizend iſt ſie! Wie lieb⸗ koſ't ſie ihre Kinder!“ Ach Madame, ſeien Sie unſre erſte Bürgerin; denken Sie das, ſagen Sie es, beweiſen Sie es und Sie werden der Abgott des Volkes, wenn Ihre Grundſätze Ihnen erlauben es zu wollen!“ „Genug des Geſchwätzes!“ ſagte die Königin aufſte⸗ hend;„wenn ich mich herabließ, einem Bürger zu ſagen: Ich habe alles geſehen, alles gehört und alles vergeſſen! ſo muß man nicht glauben, daß meine Demüthigung noch weiter gehe!“ Nach dieſen Worten nahm ſie der Hogné den Brief ab und zerriß ihn in kleine Stücke, während man ihre ſchönen weißen Zähne auf die Unterlippe beißen ſah. In dieſem Augenblicke trat Madame Thibaut ein, um der Herrin eine Nachricht zu überbringen. Als ſie aber dieſelbe ſo zornig ſah, blieb ſie ſchweigend ſtehen. Marie Antoinette wandte ſich nach ihr um und fragte kurz: „Nun?“ „Wenn ich nicht fürchten muß, Ew. Majeſtät irgend⸗ worin zu unterbrechen...“ „Reden Sie!“ „So bitte ich um die gnädigſte Erlaubniß, Ihnen das Eintreffen des Mädchens zu melden, an welchem Sr. Ma⸗ jeſtät der Köͤnig Geſchmack zu finden geruht hat...“ v BI — — 22— „Geſchmack!“ ſagte die Königin, die Unterlippe wie⸗ der emporwerfend;„Sie ſind ſo gutmüthig und fügſam, liebe Thibaut, daß Sie auch unſrer vorgeſchrittenen Zeit ihren Einfluß auf ſich geſtatten wollen.“ „Ew. Majeſtät hatten ſelbſt die Gnade mir zu ſagen, daß der König die Rednerin der Deputation mit huld⸗ reichen Blicken betrachtet und wegen ihrer Sanftmuth ge⸗ rühmt habe.“ „Da ich nicht in dem Falle bin, dem Gedächtniß einzuprägen, was ich zu Ihnen ſage, mag es auch noch ſo wichtig ſein, ſo werde ich mich gefangen geben müſſen und erſuche Sie nur, mir die Worte des Herrn von St. Prieſt zu wiederholen.“ „Der Herr Miniſter läßt Ihnen ſeinen unterthänigen Reſpect vermelden und ſetzt hinzu, daß er nach dem Wun⸗ ſche Ew. Majeſtät gehandelt und die Charlotte Van⸗ ner in die Tuilerien entboten habe, daß dieſe aber nach einer kurzen Ausſage über einige beim Empfange der De⸗ putation vom 6. October noch unaufgeklärte Nebenum⸗ ſtände vorbereitet ſei in Ihren Gemächern zu erſcheinen.“ „Ich werde ſie auf der Stelle empfangen, um zu un⸗ terſuchen, ob ſie auch nach meinem Geſchmacke iſt.“ Und dabei gab Marie Antoinette ihrer erſten Kammerfrau das bekannte Zeichen der Entlaſſung. Dieſe 82 — war ſeit einiger Zeit gewohnt ihre Herrin mißlaunig zu ſehen; aber die betonte Wiederholung des Wortes„Ge⸗ ſchmack“ ſchien ihr faſt eine Ungnade anzukündigen. Ganz betroffen entfernte ſie ſich, um den Befehl ihrer Herrin zu vollziehen und ſich dann wieder im Antichambre auf⸗ zuhalten, weil ſte an dieſem Tage der Rang nicht traf die Königin zu bedienen. „Ah ſchön,“ murmelte die Königin für ſich hin;„das Eine macht mich zur Bürgerin und das Andre behandelt mich als ſolche! Nachdem ich ſo weit herabgeſtiegen bin mich dem Pöbel neben einem verhaßten General zu prä⸗ ſentiren... Doch es lebt mir ein Bruder, deſſen Zeit die Niederlande und die Türkei nicht ewig in Anſpruch nehmen werden; ach, wer doch jenſeit der Grenzen dieſes Landes wäre!“ Jetzt thaten ſich die Flügelthüren auf und die ſchöne Vanner trat in das Prunkgemach. Sich vor der auf dem Sopha ſitzenden Königin tief verbeugend, ſprach ſie: „Ew. Majeſtät haben die Gnade gehabt zu befehlen..“ „In, mein Kind, ich bleibe nicht gern jemandes Schuldnerin...“ „O Ew. Majeſtät...“ „Und wenn das Gerücht gegründet iſt, ſo haben Sie 1 ſ 76 dazu beigetragen den Pöbelauflauf in Verſailles weniger verderblich zu machen.“ „Wollte Gott, ich könnte meiner allergnädigſten Kö⸗ nigin beweiſen, wie ſehr ich Ihr Heil wünſche; allein an jenem Tage war es mir nicht möglich meine Geſin⸗ nung anders als durch ohnmächtige Worte zu bethätigen...“ „Es giebt überhaupt nichts Gutes in der Welt als eine gute Geſinnung, einen guten Willen; vermag man ihn einmal nicht auszuführen, das andre Mal gelingt es doch. Uebrigens hat man verſichert, daß ſich Ihre Ge⸗ ſinnung auch öfter in Thaten geäußert hat.“ Dieſe Worte ſagte Marie Antoinette mit einem ſo gütigen Ausdruck ihres immer noch ſehr ſchönen Ge⸗ ſichts, daß Charlotte ihre bisherige Befangenheit zu verlieren begann. Sie wollte eben in ihrer Beſcheiden⸗ heit ablehnend antworten, als die Königin hinzuſetzte: „Dies alles iſt um ſo wohlthätiger, je weniger man es jetzt um den Thron gewahrt. Sie haben Scenen ge⸗ ſehen, wie ſie weder mir noch meinem erlauchten Gemahl an der Wiege vorgeſungen worden ſind.“ „Es iſt mir durch und durch gegangen,“ erwiederte Charlotte in herzlichem Tone,„als ich ſehen mußte was um Ew. Majeſtäten geſchah, und geſtehen will ich, daß ich nur deswegen die Wahl der Pariſer Frauen zur —ÿ—ꝛ—ꝛ— — — te. ur —,— 77 5 Deputation an Sr. Majeſtät annahm, um nicht ein we⸗ niger loyal geſinntes Weib an meine Stelle treten zu laſſen.“ „Dies iſt es ganz beſonders was mich zum Danke gegen Sie verpflichtet. Der König, welcher als Dauphin gewohnt war ſeinen Hofmeiſter ſtets mit unbedecktem Haupte vor ſich ſtehen oder, da ihn die Gicht plagte, auf einem Kiſſen knien zu ſehen, würde es allzuſchmerz⸗ lich empfunden haben, wenn man rückſichtslos bei ihm vorgeſchritten oder reſpectwidrig vor ihm geſprochen hätte. Ich fordre Sie auf, ſich eine Gnade auszubitten.“ „Die Gnade, deren Ew. Majeſtät mich zu würdigen geruhen, indem Sie das Wenige, was ich zu thun ver⸗ mochte, ſo hoch anſchlagen, iſt ſo groß, daß ich nach keiner andern begehre.“ „Gut, ſehr gut, mein Kind! Eben die, welche nicht verlangen, verdienen vorzugsweiſe zu empfangen. Bitten Sie ſich eine Gnade aus!“ Dieſer wiederholte Antrag ſetzte das arme Mädchen in nicht geringe Verlegenheit. Es widerſtrebte ihr allzu⸗ ſehr der Königin zuzutrauen, daß ſie ſich für ein Be⸗ nehmen, welches nichts als loyal geweſen war, gleichſam bei ihr abfinden wollte. Nach kurzem Bedenken erwie⸗ derte ſie, ihre ganze Energie zuſammennehmend: „Wenn es meiner großen Königin gefällt, mir eine unverdiente Gnade zu erzeigen, ſo bitte ich Sie ein Wort von mir anzuhören, das aus dem Innerſten meines Her⸗ zens kommt: Hören Sie ſtets nur diejenigen Rathgeber, welche zwiſchen der Größe des Throns und der Freiheit des Volks nichts Widerſprechendes finden...“ „Hal ich täuſchte mich,“ ſagte Marie Antoinette bei ſich ſelbſt und würde hier abgebrochen haben, wenn ſie nicht auf Charlottens ſchönem Antlitz eine Art von banger Erwartung und in ihren blauen Augen die innigſte Anhänglichkeit an das Königshaus geleſen hätte; daher fragte ſie bloß: „Nun?“ „Jeder Franzos wünſcht frei zu ſein und daher das Staatsoberhaupt mit der Macht bekleidet zu ſehen, wie ſie zur Ausführung der Geſetze, zur Aufrechthaltung der Sicherheit und Ruhe im Innern und zum Schutze des Reichs gegen den auswärtigen Feind nöthig iſt. Zu ſehr beſchränkt, und das bekennen alle wohlgeſinnte Franzoſen, würde die königliche Autorität zu einem eitlen Schatten⸗ bild; zu ſehr ausgedehnt, würde ſie dem Volke unſrer Tage als Feindin erſcheinen...“ „Und Sie haben es ausgefunden, wie weit die könig⸗ liche Macht zu beſchränken iſt, um gewiſſen Perſonen, namentlich den Journaliſten, nicht als Feindin zu erſchei⸗ nen?“ fragte Marie Antoinetre mit einem Anflug von boshaftem Spott. „Ich bitte Ew. Majeſtät tauſendmal um Verzeihung,“ ſprach Charlotte ſchnell,„wenn ich mich nicht ſo aus⸗ gedrückt habe wie es Ihren Beifall findet. Es iſt das zweite Mal, daß mir das Glück zu Theil wird in der Nähe der Majeſtät zu ſein. Ich wollte nur die Gnade, womit Sie mich beehrten mich anzuhören, dazu benutzen, Ihnen aus herzlicher Anhänglichkeit an Sie und Ihr hohes Haus gerade und offen mitzutheilen, was das Volk von denen denkt, welche früher in dieſen Gemächern mit ihrem Rathe gehört wurden...“ „Ich bin begierig. Doch bitte ich im voraus, das Volk nicht mit Leuten wie Desmoulins, Marat, Mirabeau und Robespierre zu verwechſeln.“ „Seit meiner Ankunft in Frankreich...“ „Sie ſind keine Franzöſin?“ „Eine Genferin, Ew. Majeſtät; ich kam vor einem halben Jahre als Geſellſchafterin des Fräuleins Hen⸗ riette de Launoy nach Paris...“ „Sie ſind alſo daſſelbe Mädchen, welches man bald Vanner bald Bourdin nannte...“ v——— —- △ „Ja, Ew. Majeſtät; den letztern Namen legt man mir zuweilen bei, weil ihn meine Mutter geführt hat.“ „Dann haben Sie ſich dem Vernehmen nach aller⸗ dings viel unter dem Volke bewegt,“ bemerkte Marie Antoinette, das letzte Wort ſpitzig betonend. Charlotte erröthete leicht, fuhr aber entſchloſſen fort: „Ach, ſehr wider meinen Willen iſt mir dies begegnet...“ „Hält man denn wider Willen auch Reden? Ver⸗ ſicherten Sie nicht ſelbſt, daß ich mich nicht in der Per⸗ ſon irre, ich würde es glauben... Doch was haben Sie mir noch mitzutheilen?“ Dieſe Rede war grauſam, aber doch leicht erklärlich, weil die Königin bei weitem nicht ſo viel von Charlot⸗ tens Schickſalen wußte als unſre Leſer. Auch ſuchte ſte das Herbe ihrer Worte durch den Ton der Stimme und durch ein nicht eben ſpöttiſches Lächeln zu mildern. Charlotte, wenn auch verletzt, beherrſchte ſich doch hinlänglich, um dies nicht offen zu zeigen. Die wenigen einſt von ihr an das Volk gehaltenen Anreden ganz mit Stillſchweigen übergehend, ſprach ſie ſo ruhig als möglich: „Ew. Majeſtät hatten Recht zu ſagen, daß ich, wenn auch gezwungen, viel mit dem Volke verkehrt habe; dies hat mich in den Stand geſetzt deſſen Anſichten kennen zu lernen. Es ſagt, daß es einen conſtitutionellen König ——— — — —— wolle, weil es Eigenthum, Sicherheit und Freiheit for⸗ dere, daß aber die von ihm ſogenannte Ariſtokratie einen unumſchränkten Monarchen wolle, weil ihr Stolz Menſchen zu beherrſchen und Völker auszuſaugen begehre; daß es den Fürſten liebe und nur die Thrannei haſſe, daß aber die Ariſtokratie den König verachte und nur den Despo⸗ tismus liebe; daß ſich Ew. Majeſtäten nicht durch die Thränen der Ariſtokraten täuſchen laſſen möchten, denn ſie weinten nur über die Beſchränkung der königlichen Machtvollkommenheit und das angebliche Wanken des Thrones, weil ſte die Quelle ihrer alten Räubereien vertrocknen ſähen...“ „Rechnet das ſcharfſinnige Volk nicht etwa auch die Erbſchaft unter die ariſtokratiſchen Räubereien?“ „Ach, Ew. Majeſtät, hätte ich doch in dieſem großen Augenblicke Engelszungen, um Ihnen glaublich zu machen, daß die Nation bisher nicht ganz ohne Grund über ari⸗ ſtokratiſche Bedrückungen geklagt hat, wovon Beiſpiele vorliegen...“ „Ich werde mir die Journale bringen laſſen! Indeſſen verſichere ich Sie meiner Gnade.“ Bei dieſen Worten erhob ſich Marie Antoinette und Charlotte Vanner wollte ſich eben entfernen, als die Frau von Thibaut eintrat und die Ankunft 1789. III. 6 33 8² des Königs meldete, welcher ihr auf dem Fuße nach⸗ folgte⸗ Da ſagte die Königin zu Charlotten: Mein erlauchter Gemahl wird es nicht ungern ſehen, wenn er Sie in meinen Gemächern trifft, denn er hat mir, und nicht mit Unrecht, Ihre Rednergabe gerühmt.“ Es war dem armen Kinde ganz unheimlich gewor⸗ den bei dieſen Spöttereien, welche ſie ſo wenig verdient zu haben glaubte. Sie begann zu begreifen, warum das Volk dieſe Frau immer nur die Oeſterreicherin nannte und nichts als Schlimmes von ihr erwartete. Char⸗ lotte kämpfte ihre innere Bewegung nieder und ſtellte ſich zur Seite der Flügelthür, um dem eintretenden König ihre Huldigung darzubringen. Dieſer kam in Begleitung des Herrn v. St. Prieſt ganz fröhlich einhergeſchritten, obgleich ihm wegen ſeiner Wohlbeleibtheit das Gehen ſauer wurde, küßte der Königin die Hand und ſprach zu ihr: „Es müßte ſonderbar zugehen, meine theure Gemah⸗ lin, oder wir ſind am Ziele aller Unruhen und Qualen.“ „Und was giebt Ihnen dieſe frohe Hoffnung, mein Gemahl?“ fragte Marie Antoinette mit einem Sei⸗ tenblick auf Charlotten, die jetzt erſt der König be⸗ merkte. Er ſah das Mädchen flüchtig an, mochte ſie aber fuͤr eine neue Dienerin halten, von welcher die Rede geweſen war, und antwortete immer noch auf ganz guter Laune: „Ich bin perſönlich gekommen, um Ihnen den Grund dieſer unſrer Hoffnung mitzutheilen. Die Nationalver⸗ ſammlung iſt uneinig...“ „Dies hatten Sie mir nicht mit geſagt, liebe Van⸗ ner, als Sie mich über die Wünſche des Volks belehr⸗ ten,“ ſagte die Königin, den Namen Vanner hervor⸗ hebend, ſo daß der König aufmerkſam werden mußte. „Vanner, Vanner,“ ſagte er;„mir iſt als hätte ich dieſen Namen ſchon gehört.“ „Ja, Ew. Majeſtät,“ verſetzte die Königin,„man ſprach ihn aus, als wir im Schloß von Verſailles über⸗ fallen wurden...“ „Ach, wenn es Ihnen gefällig iſt, ſo ſchweigen wir davon, meine Gemahlin.“ Dies war der Königin nicht ganz recht, denn ſte, die keine Gelegenheit verſchmähte ihre Geringſchätzung „des Herr werdenden Bürgers“ und ihren Haß gegen die Verſuche zur Beſchränkung der königlichen Machtvoll⸗ kommenheit zu äußern, hätte die gewiſſermaßen volks⸗ thümlich gewordene Charlotte Vanner in den Augen des Königs gern bloßgeſtellt, da er vor kurzem mit einer ſie verletzenden Achtung von ihrem ſanften Weſen 6* — 8&— geſprochen hatte; nachdem ſie nämlich geſehen zu haben glaubte, daß dieſe„berühmte Tochter der Baſtille“ gleich den meiſten Franzoſen vom Revolutionsfieber angeſteckt war, ſprach ſie nur noch mit ihr, um ihrem Groll freien Lauf zu laſſen. Charlotte ſelbſt wünſchte ſich tauſend Meilen weg oder wenigſtens in den goldnen Stern zurück, that auch einen Schritt nach der Königin vor, um zu zeigen, daß ſie ſich zu beurlauben wünſchte, als dieſe auf's neue das Wort nahm: „Sie haben Recht, Ew. Majeſtät, nicht von den vergangenen ſondern von den zukünftigen Dingen ſpre⸗ chen zu wollen; die Uneinigkeit der Nationalverſammlung könnte zu etwas führen; vielleicht wäre auch dieſes Kind hier im Stande etwas Näheres darüber zu ſagen, denn es hat ſich gerühmt viel mit dem Volke verkehrt zu haben.“ Charlotte wollte eben verneinend antworten, aber der König kam ihr zuvor, indem er ſagte: „Die Uneinigkeit der Abgeordneten iſt ſo offenkundig, daß es keines Zeugniſſes bedarf. Einmal ſtreitet man ſich über die geiſtlichen Güter, die Maury nicht zu retten braucht, denn niemals werde ich meine Sanction zu einem Geſetze geben, wodurch die Religion Schaden erleiden könnte; dann gedenkt man den Deputirten, welche ſich nicht mit in die Hauptſtadt überſtedeln wollen, keine Päſſe zur Reiſe in ihre Heimath zu geben, und es iſt zu hoffen, daß ſich durch dieſen Umſtand die Verſamm⸗ lung auflöſ't, denn Sie können wohl glauben, daß ich ſonſt dem Präſidenten nicht zur ſchleunigen Ueberſtedelung gerathen hätte; ferner bekämpft Mirabeau alles was vorgebracht wird, weil es ihm Bedürfniß iſt ſeine Beredt⸗ ſamkeit zu zeigen...“ „Wenn man dem Gerücht glauben kann,“ fiel die Königin ein, ſich an Charlotten wendend,„ſo kennen Sie Mirabeau genauer als man dies demnach von der Verſammlung vorausſetzen darf. Was ſagen Sie von ihm?“ Die arme Vanner, ſchon durch ihre überaus fatale Lage beklommen, ward es noch mehr durch den abſcheu⸗ lichen Doppelſinn, welchen die Königin offenbar in ihre Rede hatte legen wollen. Gleichwohl ermannte ſie ſich bald und ſagte zwar erröthend, aber doch mit feſter Stimme und großer Würde: „Ew. Majeſtät haben mich durch die Gnade, mich in Ihre Gemächer zu entbieten, zu einer Dankbarkeit ver⸗ pflichtet, die mich anſpornt Ihnen, wenn es mir irgend möglich iſt, nützlich zu werden...“ Die Königin warf verletzt den Kopf nach dem Mini⸗ ——x — 86— ſter empor, denn wenn ſie auch nicht glauben konnte, daß dieſes ſchlichte Mädchen„die Pflicht der Dankbar⸗ keit,“ wovon gleich nach ihrem Eintreten die Rede ge⸗ weſen war, in dieſer. Verbindung gefliſſentlich wiederholt hätte, ſo war doch eine ſolche Anmaßung, der königli⸗ chen Familie nützlich ſein zu wollen, nicht ungeſtraft mit anzuhören. Marie Antoinette hatte ſchon ein Wort auf der Zunge, welches die kecke Sprecherin nie⸗ derſchmettern und ſchimpflich entfernen ſollte, aber das Geſicht St. Prieſt's ſchien um Schonung zu bitten und— die Königin erſparte ihren Ausfall noch einen Augenblick. Charlotte fuhr ungeſäumt fort: „Als mir der Herr von St. Prieſt ankündigte, daß ich dieſes Glück haben ſollte, nahm ich mir vor, den vielleicht nie wiederkehrenden Augenblick zu benutzen, um Ihnen zu ſagen, was auch der beſte Wille hochgeſtellter Perſonen nicht zu durchſchauen vermag...“ Jetzt rümpfte auch St. Prieſt die Naſe und die Königin lachte. Was den König betrifft, ſo ſah er das Mädchen mit einem ganz andern Blicke an als am 6. October. „Gerade weil ich mit dem Deputirten, welchen Ew. Majeſtät namentlich anzuführen geruhten, genauer bekannt bin, d. h. weil ich ſeine Anſichten über die Ereigniſſe —— der Zeit und die Geſtaltung der Zukunft-vom Archivar der Nationalverſammlung, meinem Bräutigam, erfahren habe, möchte ich mir die Bemerkung erlauben, daß nicht etwa das Vergnügen ſich ſprechen zu hören, ſondern nur der Wunſch die Ordnung aufrecht zu erhalten und dem Throne ſeine Prärogativen zu erhalten, ſeine Widerſprüche hervorruft...“ „Dies ſcheint mir ein Widerſpruch zu ſein,“ bemerkte der Miniſter;„denn in der Ordnung war es nicht, als Mirabeau dem Herrn von Bréz6 offenen Widerſtand entgegenſetzte.“ „Ich wollte nicht alles entſchuldigen,“ fuhr Char⸗ lotte unerſchrocken fort,„was der Graf von Mirab eau jemals gethan hat, ſondern nur ſein Beſtreben hervor⸗ heben alles zu hemmen, was dem einmal nicht zurückzu⸗ drängenden Volksbewußtſein zuwider, alles zu befördern wodurch dieſes in beſtimmten Schranken zu erhalten iſt... ... „Ja, ja,“ ſpottete die Königin,„er hat ſeine Ge⸗ ſinnungen in der Nationalverſammlung ausgeſprochen und mir auch perſönlich ſeine Freundſchaft bewieſen. Er iſt dem regierenden Hauſe jedenfalls nicht weniger zugethan als Herzog Philipp.“ Da von Orleans allgemein bekannt war, daß er die Königin tödtlich haßte und wohl gar nach dem — — ———õ — — 8s— Throne ſtrebe, ſo mußte Charlotte die Aeußerung Marien Antoinettens für einen Ausfall halten, der nicht gut eine Erwiderung geſtattete. Sie befeſtigte ſich in der Ueberzeugung, daß die Königin unaufhaltſam ihrem Unglück entgegengehe, und brachte nur Folgendes heraus: „Wenn ich hätte ahnen können, daß mein Eifer Ih⸗ nen zu dienen ungnädig aufgenommen wurde...“ „Im Gegentheil,“ fiel ihr Marie Antoinette in's Wort,„ich werde Sie ſogar wieder rufen laſſen, ſobald ich weitere Belehrungen oder Aufklärungen bedarf.“ Es iſt klar, daß Charlotte ohne Aufdringlichkeit nicht weiter ſprechen durfte, obwohl ſie gern den König in Bezug auf die Uneinigkeit der Nationalverſammlung aus dem Irrthum geriſſen hätte. Während ſie ihre Ver⸗ beugung machte, hatte ſich dieſer ſchon an das Fenſter geſtellt. Sie verließ die Tuilerien mit dem Seufzer: „Wie ſchwerverſtändlich iſt doch den Großen der Erde die einfache Sprache der Wahrheit!... Man muß dem guten König bei Gelegenheit wider ſeinen Willen dienen!“ Charlotte Vanner wußte nicht, daß einer der eifrigſten Freiheitshelden, der edle Lafahette, bald daſ⸗ ſelbe Wort ausſprechen ſollte. 2 2. Nach des Königs Einzug in die Tuilerien hatten ſich Viele der Hoffnung hingegeben, daß ſich bei den Arbei⸗ ten der weiſen Nationalverſammlung die Gemüther be⸗ ruhigen und die nöthigen Reformen in der Geſetzgebung und Verwaltung ohne weitere Exceſſe geſtalten würden; ſchärfer ſehende Geiſter aber, welche ſich weder durch Proclamationen noch patriotiſche Gaben blenden ließen, fürchteten noch gar ſehr, daß die Verblendung des Hofes in Verbindung mit dem die Ma⸗ chinationen der Emigranten, die ausbrechende Reue des Adels über ſeine am 4. Auguſt geäußerte Großmuth, die Wuth des mit dem Verluſt ſeiner Güter bedrohten Klerus, der fortwährende Mangel an Lebensmitteln und die noch keineswegs vertilgten Brigands jene Hoffnung vereiteln dem Ausbau der Conſtitution ſo manche Hinderniſſe Hochmuth der Königin, und in den Weg legen möchten. —— B— —— ——— — 96 Von dem, was man damals Verblendung des Hefes B nannte, haben wir im vorigen Capitel ein Beiſpiel im— Kleinen geſehen. Die Nichtgenehmigung mehrerer Decrete der Nationalverſammlung von Seiten des Königs, wie ſte voreilig angedeutet worden war, zeigte dieſe Verblen⸗ dung im Großen. Hierbei fragte man nicht, wozu denn ein Veto diene, wenn der König keinen Gebrauch davon machen ſollte; nein, man ſetzte ohne weiteres voraus, die frei gewählten Repräſentanten der Nation würden nichts beſchließen, als was die Nothwendigkeit des Augenblicks und das Volkswohl überhaupt erheiſchte. Die Haupt⸗ ſprecher auf dem Reichstage bewegten ſich viel unter dem Volke und wurden durch die ewigen Declamationen gegen den Stolz des Hofes nach und nach der Anſicht, daß es nicht genug ſei von der Regierung einige Gewalt auf das Volk zu übertragen, ſondern daß man auch dem Hofe durch Abſchneidung gewiſſer an die Zeiten der „Willkührherrſchaft“ erinnernden Aeußerlichkeiten den Stolz einigermaßen benehmen möge. Wohl ging man jetzt hierin noch nicht ſo weit als zu der Zeit, wo man auf allen Straßen von der Verdorbenheit„des Schloſſes“ und den Ausſchweifungen„der Madame Veto“ ſang; aber man begann dieſer Epoche vorzuarbeiten. Dies zeigte ſich z. B. ſehr deutlich in der Sitzung vom 8. October, als von roy Sofes im erete wie len⸗ eenn von die hts icks pt⸗ * — 91— der königlichen Vollziehung der Geſetze die Rede war. Bei dieſer Gelegenheit machte Robespierre die Be⸗ 8 merkung: „Die Vollziehungsformel kann doch nicht mehr ſein wie in den Zeiten des Despotismus: Nach unſrer ſichern Wiſſenſchaft, Machtvollkommenheit und königlichen Autorität — denn ſo iſt unſer Belieben*); ebenſo wie aus dem Geſetze ſelbſt muß die Freiheit aus der Form deſſelben hervor⸗ leuchten. Ich beantrage, daß man ſich jetzt mit dieſer Formel beſchäftige.“ Duport bemerkte hierauf, daß man vor allen Dingen den Namen der Geſetze ſelbſt zu beſtimmen und dafür etwa„Nationaldecrete“ oder„Nationalgeſetze“ zu wählen habe, da der Name Geſetze“ zu allgemein und rein metaphyſiſch ſei. Nachdem Desmeuniers entgegnet hatte, daß„Geſetz“ ja das Impoſanteſte ausdrücke, was es geben könne, da es den Act andeute, welchem ſich alle Völker fügen müßten, ſagte Fréteau: „Der bisherigen Formel„Ludwig von Gottes Gnaden“ muß man meiner Anſicht nach hinzufügen„und durch das Geſetz des Reichs“ König der Franzoſen. Dies iſt *) De notre certaine science, pleine puissance et autorité royale; car tet est notre plaisir. 92 der Titel, welcher unſern Königen auf den März⸗ und Maifeldern gegeben wurde.“ „Statt ſich dieſes Ausdrucks zu bedienen,“ warf Pé⸗ tion de Villeneuve ein,„follte man wohl lieber ſagen: Ludwig, durch die Beiſtimmung der Nation König der Franzoſen; denn ein König hat ſeine Würde nur durch die Gnade der Völker. Würde es doch oft nur eine Entweihung des höchſten Weſens und eine geheiligte An⸗ erkennung der Tyrannen ſein, wenn man den Urſprung ihrer Macht von Gott ableiten wollte. War Ludwig NX. ein König von Gottes Gnaden?“ Länger konnte Mirabeau dieſen unfruchtbaren Streit nicht mit anhören. Er erhob ſich mit den Worten: „Ich ſehe nicht ein, welches Intereſſe die Nationen haben könnten, die alten Formeln aufzugeben, zumal wenn ſtie auf religiöſe Ideen hinweiſen und keine übeln Folgen haben können. Daß freilich Ausdrücke wie„ſtchre Wiſſenſchaft,“„Machtvollkommenheit“ und„ſo iſt unſer Belieben“ nicht reſpectirt worden ſind und auch heutiges Tages nicht reſpectirt werden, verſteht ſich von ſelbſt, weil ſie gegen den geſunden Menſchenverſtand verſtoßen; denn eine ſichre Wiſſenſchaft, welche beſtändig wechſelt, Verſuche macht und ſich widerſpricht, eine Machtvollkommenheit, welche ſchwankt, Rückſchritte — 93— macht und nichts vermag, gehören nur dem Kanzleiſtyl des Despotismus an. Aber die Worte„von Gottes Gnaden“ ſind eine der Religion dargebrachte Huldigung; wenn je⸗ mand von Gottes Gnaden König iſt, ſo iſt das Volk von Gottes Gnaden Souverän.“ Nachdem nun Fréteau abermals und dann auch der Biſchof von Aix(Boisgelin) faſt in Mirabea u's Sinne geſprochen hatten, brachte Robespierre ein Amendement vor, das man gar nicht anhören wollte; wenn er zu leſen begann, entſtand Geräuſch; wenn es ſtill war, las er nicht. Endlich brachte er für den Ein⸗ gang der bekannt zu machenden Geſetze noch folgende Faſſung heraus: „Ludwig, von Gottes Gnaden und durch den Willen der Nation König der Franzoſen; allen Bürgern des franzö⸗ ſiſchen Reichs: Volk, dieſes iſt das von Euern Reprä⸗ ſentanten gemachte Geſetz, welchem ich mein königliches Siegel beigedrückt habe...“ Weiter ließ man den Abgeordneten von Arras nicht ſprechen; denn ſo lange der gewaltige Mirabeau lebte, fanden Maximilian Robespierre'’s Anklagen gegen das Benehmen des Hofs und ſeine Anträge auf Beſchränkung der königlichen Gewalt nur wenig Anklang, wie ſehr er auch bei Gelegenheit des königlichen Wortes: — 19ℳ— „Die Erklärung der Menſchenrechte enthält zwar recht gute Maximen, bedarf aber noch ſo mancher Erläuterungen“ gegen das Recht des Monarchen angekämpft hatte die Stellvertreter der Nation zu kritiſiren. Konnte denn auch wohl, ganz abgeſehen von der Geſinnung, eine mühſam aus Bücherſchränken zuſammengeleſene Rhetorik, wie ſte aus dem Munde des von Pockennarben zerriſſenen und engbrüſtigen Robespierre kam, mit der alles entzün⸗ denden Flamme des genialen Koloſſes rivaliſiren, wie er ſich außer Mirabeau kaum einmal in der Welt gezeigt hat? Auch jetzt mußte der Mann verſtummen, welcher einſt nach Mirabeau's Tode in den Clubs und nament⸗ lich im Nationalconvent alles überragen ſollte. Man fand ſeinen Vorſchlag burlesk und lachte, bis er die Rednerbühne verließ. Nun brachten noch Le Berthon und Target un⸗ beachtete Amendements ein, bis jemand auf den Einfall kam, die Beibehaltung der bisher üblichen Worte zu for⸗ dern:„Allen Gegenwärtigen und Zukünftigen Unſern Gruß.“ Ihn fragte Mirabeau: . enn nun aber die Sitte zu grüßen einmal nicht mehr mode wäre?“ „Warum aber,“ rief ein andrer Deputirter,„will man König der Franzoſen ſetzen, da doch König von Frankreich und Navarra viel mehr bezeichnet?“ „Könnte man dann nicht hinzufügen: und von an⸗ dern Orten?“ ſagte Mirabeau. Man ſtritt noch mehr über dieſen Gegenſtand, bis man endlich(am 10. Oct.) zu der Formel kam: „Ludwig, von Gottes Gnaden und durch das Ge⸗ ſetz des Reichs König der Franzoſen. Die Nationalver⸗ ſammlung hat decretirt und wir wollen und befehlen wie folgt:..“(Hier folgt der Beſchluß ſelbſt)... Den Schluß bildeten dann die Worte:„Wir geben Auftrag und Befehl allen Tribunalen, Verwaltungs⸗ und Muni⸗ cipalbehörden, Gegenwärtiges als Reichsgeſetz in ihre Re⸗ giſter einzutragen, in ihren reſp. Diſtricten und Depar⸗ tements anzuſchlagen, vorzuleſen und zu veröffentlichen, nachdem wir daſſelbe unterzeichnet, contraſtgniren und mit dem Staatsſiegel haben verſehen laſſen.“ Man wird ſich erinnern, daß Ludwig XVI. einſt, als die neu conſtituirte Nationalverſammlung nur bei ſei⸗ nem Eintritt aufſtand und ſich dann wieder ſetzte, mit bleichem Geſicht in die Gemächer ſeiner Gemahlin kam und ſchmerzlich ausrief:„Was ſind Sie gekommen in Frankreich zu erleben!“ Ferner wurde im Verlauf der Revolution offenbar, daß die großen Herren in Frankreich 96 wohl fähig geweſen waren in einer hochherzigen Auf⸗ wallung große Aufopferungen zu machen, ſich aber für tödtlich verwundet hielten, als man ihnen Bänder und Titel raubte. Aus dieſem der eiteln Größe eignen Feſt⸗ halten an augenfälligen Aeußerlichkeiten läßt ſich der Schrecken erklären, welcher nach dieſen Verhandlungen in den Tuillerien herrſchte, ein Schrecken, welcher ohne Schaden hätte vorübergehen mögen, wenn die Königin im Stande geweſen wäre ihren Unmuth zu verbergen. Aber es wurde etwas davon laut, ja es ging die Rede, der König wolle auf Antrieb ſeiner Gemahlin gegen das angeführte Decret proteſtiren, und dies reichte hin die Beſorgniſſe der Wohlgeſinnten in Bezug auf die Ver⸗ blendung des Hofs zu rechtfertigen. Eine andre höchſt bedauerliche Erſcheinung war die mit jedem Straßenauflauf und jedem neuen Decret der Nationalverſammlung noch zunehmende Emigration. Was wollen die Adlichen und der Klerus, was wollen Glieder der königlichen Familie im Auslande? Entfliehen ſte, weil ſie ſich böſer Thaten, volksfeindlicher Geſinnungen bewußt ſind, oder wollen ſie die gleichgeſinnten Gro⸗ ßen des Auslandes und die durch Frankreichs Reformen in ihrer eignen abſoluten Macht bedrohten Potentaten Europa's zur Hulfe rufen? So fragte man ſich nicht — 97— bloß in den Salons, ſondern ſelbſt ſchon auf den Stra⸗ ßen. Dieſe bangen Gefühle wurden ſehr verſtärkt, als man erfuhr, daß der Herzog von Orleans das Reich verlaſſen wolle, der ſich doch bisher dem Hofe und na⸗ mentlich der verhaßten Königin ſo abhold gezeigt hatte. Man hegte den Argwohn, er werde von den Volksfein⸗ den durch allerhand Drohungen zur Abreiſe genöthigt. Auch wollte man anfangs gar nicht recht daran glauben, bis in der Sitzung vom 14. Oct. dem Präſtdenten ein Billet vom Miniſter St. Prieſt zugeſandt wurde, worin gemeldet war, der Herzog von Orleans ſolle auf Be⸗ fehl des Königs ſchleunigſt nach England abreiſen und bitte daher um Urlaub und die nöthigen Päſſe. Montags den 19. Oct., nachdem drei Tage lang keine Sitzung gehalten worden und die Nationalverſamm⸗ lung den erzbifchöflichen Palaſt zu Paris bezogen hatte, erzählte der Präſident, was ihm während der Zeit ge⸗ meldet worden war. Die erſte Mittheilung betraf den Vicomte von Caraman zu Alengon, die zweite den Herzog von Orleans. Von Letzterem ſagte er:„Sonn⸗ tags in der Nacht halb 1 Uhr meldeten mir drei Depu⸗ tirte aus Boulogne⸗ſur⸗Mer, daß die Bevölkerung und Municipalität dieſer Stadt den Herzog von Orle⸗ ans, welcher nach England gewollt, nicht hätten abreiſen 41789. 111. 2 98 laſſen, ſondern erſt beim Herrn von Montmorin, den Pariſer Communrepräſentanten und der Nationalverſamm⸗ lung Erkundigung einzuziehen wünſchten, ob der Paß dieſes Fürſten auch wohl in Ordnung ſei. Ich habe ih⸗ nen das verlangte Zeugniß ausgeſtellt.“ In Zeiten des glühenden Strebens einer Nation nach Freiheit wird den ſcharf umherſpähenden Blicken derſel⸗ ben jede Kleinigkeit zur wichtigen Begebenheit, um wie viel mehr die Abreiſe eines Mannes, welcher vermöge ſeiner Stellung und Haltung in den verſchiedenen Regi⸗ onen ſo große Furcht und ſo große Hoffnung erregt hatte. Sprach man doch offen von einer Partei Orle⸗ ans, deren Stütze Mirabean ſein ſollte. Sehr na⸗ türlich konnte der Hof dem Herzog von Orleans ſeine Popularität nicht verzeihen; hätte er auch keine Beſchwerde weiter gegen denſelben gehabt, ein Fürſt, welcher es mit den Bürgern hielt, konnte ihm nur als ein Ver⸗ ſchwörer, als ein erklärter Feind der Krone vorkommen. Ein Hof wie der Ludwig's XVI. mußte bald zu der Ueberzeugung gelangen, daß die öffentliche Ruhe und Sicherheit der königlichen Familie die Entfernung eines Parteihauptes erheiſchten, welches eben ſowohl ſein alter Groll als ſein brennender Ehrgeiz und ſeine Volksbe⸗ liebtheit furchtbar machten. ſel ⁴ — 99— Wer mochte aber dieſem Manne ſagen, daß er ſich ſelbſt verbannen ſollte? Das regierende Haus kannte nur einen Mann, deſſen Autorittät zum Ziele führen konnte. Es war Lafahette. Dieſer Verhaßte war jetzt nothwendig geworden. Man ließ ihn ſondiren und bearbeiten. Da nicht nur der Hof ſondern auch ein Theil der Staatsbürger Orleans' ehrgeizige Pläne fürch⸗ tete, ſo unterzog ſich der amerikaniſche Freiheitskämpfer dem Geſchäft. „Mein Prinz,“ ſagte er zum Herzog von Orleans, „alle Stufen des Thrones ſind zerbrochen, aber der Thron ſelbſt exiſtirt noch in ſeiner Ganzheit und wird ſtets exiſtiren, denn er iſt die Bruſtwehr der Conſtitu⸗ tion und der Volksfreiheit. Frankreich und der König haben den Frieden nöthig und Ihre Anweſenheit ſcheint ein Hinderniß deſſelben zu ſein. Die Feinde des Vater⸗ landes, welche auch die Ihrigen ſind, mißbrauchen Ihren Namen, um die Menge zu verleiten und Unruhen zu er⸗ regen. Es iſt Zeit dieſen Wirren und dieſen Ihren Ruhm beſchimpfenden Gerüchten ein Ende zu machen. Ihre Verbindungen in England geben Ihnen die Mittel an die Hand, dort dem Königreich wichtige Dienſte zu leiſten; der König beauftragt Sie mit einer Commiſſion und iſt überzeugt, daß Sie ſich beeilen werden dieſem 7* — 100— ehrenvollen Beweiſe ſeines Vertrauens zu entſprechen und zur Wiederherſtellung der Ordnung dadurch beizutragen, daß Sie den Störern der öffentlichen Ruhe einen Vor⸗ wand benehmen.“ Mochte ſich nun der Herzog von Orleans dem König fügen wollen oder das Schwanken der Voksan⸗ ſichten fürchten, kurz er glaubte dem Andringen des Ge⸗ nerals nachgeben zu müſſen. Eine ſolche Reſignation ſetzte alle Parteien in Erſtaunen; einestheils gab ſte den Anſchuldigungen der Feinde dieſes Fürſten neue Nahrung, anderntheils beunruhigte ſte viele aufrichtige Anhänger der Freiheit, die jenen Beſchuldigungen keinen Glauben beimeſſen mochten. Während es alſo Leute gab, welche den Herzog für einen Ehrgeizigen hielten, der unter dem Deckmantel des Patriotismus nach dem Throne ſtrebe, und welche lieber auf der Stelle das Palais⸗Rohal ein⸗ geäſchert hätten, waren wieder andre vorhanden, die ihn als ein Opfer der wüthenden Ariſtokraten betrachteten und ſich an dieſen wegen ſeiner gezwungenen Entfernung zu rächen wünſchten. Sehr viel kam unter ſolchen Um⸗ ſtänden darauf an, welcher Partei ſich der allgewaltige Mirabeau zuwendete. Bei der Debatte über die famoſe Verhandlung vor dem Chätelet, worein er ſelbſt mit verwickelt war, ließ er ſich ſo darüber aus: — — — ——— 101 „Ich erfahre ſo eben, daß nach einer Unterredung zwiſchen dem Herzog von Orleans und Lafayette, die von der einen Seite ſehr gebieteriſch und von der andern ſehr reſignirt geweſen ſein ſoll, der Erſtere die Miſſion oder den Befehl genehmigt hat nach England ab⸗ zureiſen. Sogleich ſchwebten mir die Folgen eines ſolchen Schrittes vor. Die Freunde der Freiheit zu beunruhigen, die Urſachen der Revolution zu verdächtigen, den Unzu⸗ friedenen einen neuen Vorwand zu leihen, den König immer mehr zu iſoliren, nach innen und außen neuen Samen des Mißtrauens auszuſtreuen: das ſind die Wir⸗ kungen einer ſo übereilten Abreiſe, welche dieſe Verur⸗ theilung ohne Anklage hervorbringen mußte. Vorzüglich beſeitigte ſie einen Nebenbuhler des Mannes, welchem der Gang der Ereigniſſe eine neue Dictatur gegeben hat, welcher im Schoße der Freiheit über eine thätigere Po⸗ lizei zu verfügen hat, als ſie zur Zeit der alten Re⸗ gierungsform war, welcher den Herzog von Orleans ohne Anklage zur Abreiſe nöthigte, ſtatt ihn, wenn er ſchuldig war, richten und verurtheilen zu laſſen, und wel⸗ cher eben dadurch die Unverletzlichkeit der Volksrepräſen⸗ tanten verhöhnt hat. Ich ſagte ſogleich zu Herrn Biron, einem achtenswerthen Manne: Der Herzog von Orle⸗ ans iſt im Begriff ohne Urtel den Poſten zu verlaſſen, — 1902 den ihm ſeine Committenten anvertraut haben; wenn er gehorcht, ſo zeige ich ſeine Abreiſe an und widerſetze mich derſelben; wenn er bleibt und die unſtchtbare Hand an⸗ deutet, welche ihn entfernen will, ſo denuneire ich die Staatsgewalt, welche die Stelle der Geſetze einnimmt; mag er alſo zwiſchen dieſer Alternative eine Wahl treffen. Biron wich mir mit höflichen Redensarten aus. Der Herzog von Orleans, dem man meine Anſicht mitge⸗ theilt hatte, verſprach meinem Rathe zu folgen; aber am folgenden Tage erhielt ich hier in der Verſammlung ein Billet von Biron, welches mir die Abreiſe des Fürſten meldete.“ Der von Mirabeau zuletzt erwähnte Umſtand er⸗ klärt ſich auf die Art: Sobald Lafayette den verän⸗ derten Entſchluß des Herzogs erfuhr, ſuchte er dieſen in einem Privathauſe auf und drängte ihn ganz gebiete⸗ riſch zur Erfüllung ſeiner eingegangenen Verpflichtungen. So kam es, daß Orleans nach England ging und das Volk in dieſer Sendung, trotz allen Briefen des Miniſters der auswärtigen Angelegenheiten(Montmorin), welche auf eine wichtige Verhandlung mit dem Nachbarlande deuteten, nichts als eine neue Art der Lettres de Cachet erblickte. Wenn wegen der Verblendung des Hofes und der * — — 103— fortwährenden Auswanderung des Adels eine gewiſſe dumpfe Aufregung herrſchte, wenn dieſe nach Orleans' „Vertreibung durch das Schloß und die Ariſtokratie“ bedenklich gewachſen war, ſo durften nur noch einige be⸗ ängſtigende Umſtände dazukommen und das unter den Kohlen glimmende Feuer mußte zum Ausbruch kommen. Hierher gehört nun zunächſt das Benehmen der Geiſtlich⸗ keit, als davon die Rede war, ſie zu Gunſten der Staats⸗ kaſſe ihrer Güter zu berauben und mit einem fixen Ge⸗ halt abzufinden. Schon in der Morgenſitzung vom 10. October hatte Talleyrand, Biſchof, von Autun, ein Gemälde der gegenwärtigen Bedürfniſſe des Staats entworfen und zu ihrer Deckung nur die Einziehung der geiſtlichen Güter für genügend erklärt. Sein gut motivirter Antrag wurde von Thouret und Garat unterſtützt, von den meiſten Deputirten mit großem Beifall aufgenommen und der Druck deſſelben in 1200 Exemplaren beſchloſſen. Drei Tage ſpäter ward Mirabeau's Motion discutirt, welche ſo lautete:„Alle geiſtlichen Güter ſind Eigenthum der Nation, ohne daß der Cultus oder die Diener des Al⸗ tars darunter zu leiden brauchen; jeder Pfarrer muß außer freier Wohnung wenigſtens 1200 Livres jaͤhrliche Einkünfte haben.“ An den Verhandlungen hierüber nah⸗ 2 — — 104— men mit großer Wärme Theil: Montlauſier, Ca⸗ mus, Raſtignae, Dillon, Eymar, Barnave, Gouttes, Malouet und beſonders der ſcharfſinnige Maury. Der heftige Widerſtand, welchen Talleh⸗ rand's und Mirabeau's Vorſchläge durch Montlau⸗ ſier ſowie die Abbés Maury und Eymar fanden, verurſachte zunächſt unter der Bevölkerung von Paris eine gewaltige Aufregung.„Der Schlund des Deſicit muß verſtopft werden,“ rief man auf den Straßen und in Gaſthäuſern,„auch wenn die Geiſtlichen von ihrem Ueberfluß etwas herzugeben genöthigt ſind!“ In der That waren alle andern Hülfsquellen verſiegt und der Credit völlig vernichtet. Der Staatsbanquerout ſtand vor der Thür und drohte den Ruhm des franzöſi⸗ ſchen Namens zu beflecken. Alſo Hülfe um jeden Preis! Aller Augen richteten ſich auf die Güter des reichen Kle⸗ rus. Kenner der Geſchichte predigten laut:„Haben die Prieſter Mittel gefunden ſo viele Güter der Nation an ſich zu reißen, ſo fand es dieſe zuweilen ſehr angemeſſen einen Theil dieſer Güter zurückzunehmen. Und wann wäre eine ſolche Maßregel dringender geweſen?“ Man ſprach überall von nichts als den geiſtlichen Gütern, und zwar um ſo heftiger, je mehr ſich der Klerus bemühte zu ſiegen und andre Anſichten in Umlauf zu bringen. —— 105 Ein von der Geiſtlichkeit erkaufter Abbé durchzog ſelbſt die Straßen und drang in die Häuſer, um ſich an das Gewiſſen der chriſtlichen Bevölkerung zu wenden. Da⸗ gegen liefen wieder Schriften um, welche auseinander⸗ ſetzten, auf welche Weiſe der Klerus zu ſeinem Vermögen gekommen war. In einer der merkwürdigſten hieß es u. a.: „Nachdem die chriſtliche Urkirche aufgehört hatte an der Armuth Geſchmack zu finden, benutzten die Prieſter ihr heiliges Amt zur Erpreſſung von Reichthümern. So mußte Kaiſer Valentinian ein Geſetz geben, wonach die Vermächtniſſe der Weiber an Geiſtliche und Mönche für ungültig erklärt wurden, aber Aufwiegelung und ein geiſtliches Bettlerheer machten die Maßregel unwirkſam. Unter den ſiegreichen Franken verſtanden es die Prieſter ſehr gut, ſich den beſten Theil Galliens zuzueignen; da⸗ her ſagte Chlodwig: St. Martin mag ſeinen Freunden allerdings recht gut dienen, aber er läßt ſich dafür zu theuer bezahlen. Weil Karl Martel die Prieſter verhin⸗ derte ſich des ganzen Landes zu bemächtigen, ward er von ihnen nach ſeinem Tode verdammt. Pipin der Kleine wollte das Paradies nicht verfehlen und bedachte die hei⸗ lige Kirche ſo reichlich, daß ſie wieder faſt ganz Frank⸗ reich verſchlang. Die Zeiten ſollten kommen, wo Könige — —— — 106— von den Prieſtern ein⸗ und abgeſetzt, für heilige Zwiſtig⸗ keiten in Europa Ströme von Blut vergoſſen wurden. Freilich büßte die Geiſtlichkeit ihre Güter meiſtens ein, als die Normannen hereinbrachen, aber die menſchliche Leichtgläubigkeit, die allgemeine Unwiſſenheit geſtatteten ihr dem Freigebigen den Himmel und dem Kargen die Hölle zu öffnen; denn die Wiederkunft Chriſti zum Ge⸗ richt, welche 1000 Jahre nach ſeiner Himmelfahrt ſtatt⸗ finden ſollte, ſetzte alle Welt in Angſt und Schrecken, ſo daß man der Kirche ſchleunigſt vermachte, was in den Augen des Weltenrichters keinen Werth haben konnte; wirklich begannen faſt alle Schenkungsurkunden der da⸗ maligen Zeit mit den Worten: Appropinquante mundi termino d. h. da das Ende der Welt nahe iſt. Dieſes Ende kam nicht, aber die geſchenkten Güter blieben dem Klerus, welcher ſich außerdem eine völlige Abgabenfrei⸗ heit zu erringen wußte, die in der letzten Zeit höchſtens durch„freiwillige Gaben“, d. h. durch ein der Nation dargereichtes Almoſen unterbrochen wurde. Wer ſich die⸗ ſen geiſtlichen Anmaßungen widerſetzen wollte, ward mit dem Interdict belegt, und oft waren in einer großen Stadt oder gar in einem ganzen Lande alle Kirchthüren geſchloſſen, niemand durfte Feuer auf dem Herde an⸗ machen, niemand ſich barbiren oder ſeinen Freund auf — 107— der Straße grüßen. Jede Ehe, als ein Sacrament, ward vom Geiſtlichen genehmigt oder verworfen, Contracte wurden nur unter der geiſtlichen Gerichtsbarkeit geſchloſ⸗ ſen, weil eidliche Verſprechungen dabei vorkämen oder vorkommen könnten; die Teſtamente mußten von der Geiſtlichkeit gemacht werden, weil ſie ohne Vermächt⸗ niß an die Kirche keine Gültigkeit hatten; ein Armer wurde nur aus Gnade und Barmherzigkeit in geweihter Erde, und zwar ohne Sang und Klang begraben, wo⸗ von wir noch vor ein paar Wochen ein ſo abſcheuliches Beiſpiel geſehen haben*); neugetaufte Kinder wurden auf dem Altar gebunden gehalten, bis die Pathen reiche Geſchenke für die Prieſter auspackten; um ſchweres Geld *) Der Verfaſſer ſpielt hier jedenfalls auf das zu Ende des Septembers vollzogene Begräbniß des armen Wittwers Claude Perrot an(Kirchſpiel St. Jaeques la Boucherie), deſſen Nach⸗ barn zu einem Sarge zuſammengelegt und um ein unentgeld⸗ liches Begräbniß angehalten hatten. Dieſes ward verweigert. Da ergreiſt die Bevölkerung zornig den Sarg und trägt ihn nach der Kirche. Hier ward ſie aber vom wachhabenden Schwei⸗ zer barſch zurückgeſtoßen, welcher mit Mühe dem Tode entging. Jetzt fing man ein paar eben vorübergehende Prieſter ein, be⸗ kleidete ſie mit dem üblichen Ornat und zwang ſie zu den Be⸗ gräbnißfeierlichkeiten. Ganz Paris war darüber in Aufregung gekommen. ““ — — 108— war insbeſondere Abſolution zu erlangen. Was ſoll man überhaupt von den geiſtlichen Räubereien von Con⸗ ſtantin bis auf unſre Zeiten ſagen, was von den falſchen Teſtamenten, den Legenden und Wundern, wovon das ganze Mittelalter wimmelt? Wer möchte den Schleier lüften, hinter welchem die Umtriebe der Jeſuiten ſtatt⸗ fanden?“ u. ſ. w. Weder die Theilnahme des Volks an dieſen Verhand⸗ lungen noch die umlaufenden Pamphlets ſchienen be⸗ ſchleunigend auf die Nationalverſammlung zu wirken. Man ließ die Gegner der ſo wichtigen und faſt unum⸗ gänglich nöthig gewordenen Maßregel alle ihre Schein⸗ gründe erſchöpfen und widerlegte ſie mit einer impoſanten Ruhe. Erſt nachdem Chapelier einen klaren Ueber⸗ blick der Gegengründe gegeben und auf's eindringlichſte zum Schluß geſprochrn, erſt als er hierdurch die Abſtim⸗ mung herbeigeführt hatte, verloren die Nationalrepräſen⸗ tanten oder vielmehr nur die Anhänger des reichen Klerus einen Augenblick ihre gute Haltung; es entſtand ein un⸗ geheurer Lärm, ſo daß der Namensaufruf kaum ſtattfin⸗ den konnte. Gleichwohl ward endlich mit großer Majori⸗ tät beſchloſſen,„daß die geiſtlichen Güter zur Verfügung der Nation geſtellt ſeien.“ Während nun die guten Bürger auf den Straßen ein — 109— Triumphgeſchrei anſtimmten, verbanden ſich die Prälaten mit dem Adel und den Parlamenten, um überall Zwie⸗ tracht zu ſäen und ihre verlornen Vortheile wieder zu erlangen. Das ganze Land ward mit Schmähſchriften und Aufruhrpredigten überſchwemmt, man bewegte Him⸗ mel und Erde, um jenes„Schmachdecret“ nicht zur Aus⸗ führung kommen zu laſſen. Der Biſchof von Tröéguier, Namens Le Mintier, nannte die Revolution eine Um⸗ ſtürzung jeder Ordnung, die Conſtitution eine Verhöh⸗ nung aller Grundſätze der Natur und des Glaubens, die Toleranz eine Gottloſigkeit, die Freiheit eine Empörung und die Gleichheit die Mißgeburt einer kranken Einbil⸗ dungskraft, ja er ermahnte die Prieſter, die vermeintlichen Irrthümer von den Kanzeln herab zu bekämpfen und alſo die Sturmglocke der Rebellion zu läuten. In Tou⸗ louſe verbanden ſich 80 Edelleute mit mehreren Parla⸗ mentsgliedern und erließen als Repräſentanten des Adels an den Klerus und den dritten Stand(ganz als ob noch gar keine Nationalverſammlung beſtünde) die Auffor⸗ derung,„ſich mit ihnen zu vereinigen und alles aufzubie⸗ ten, um der Religion ihren heilſamen Einfluß, den Ge⸗ ſetzen ihre Macht und Gewalt, dem Monarchen aber ſeine legitime Autorität und ſeine Freiheit wiederzugeben.“ Ferner verſammelten ſich ohne Genehmigung des Königs — 110— die Stände von Béarn und der Dauphiné nach den drei Ständen, die Wähler von Cambréſis aber proteſtirten gegen das Decret in Betreff der geiſtlichen Güter und drohten ihren Deputirten die Vollmachten zu entziehen. In den Städten Rouen und Metz proteſtirten die Par⸗ lamente heftig gegen ihre Vertagung, theils aus Furcht neben der Nationalverſammlung ganz überflüſſig zu wer⸗ den, theils von dem mächtigen Klerus angehetzt. Noch ſchlimmer ging es in Air und Marſeille zu, wo es zu offnen Kämpfen und Blutvergießen kam. Kurz, die Ein⸗ ziehung der geiſtlichen Güter hatte ganz Frankreich auf⸗ geregt. Die Nationalverſammlung faßte gegen die Ruheſtörer mehrere energiſche Beſchlüſſe, ohne jemals eine weiſe Mäßigung zu überſchreiten. Die Zuſammenrottungen, die Brigands und der Brodmangel waren es demnächſt vor⸗ zugsweiſe, welche den Eifer der Volksvertreter in An⸗ ſpruch nahmen. Da dieſe Verhandlungen nach der Ueber⸗ ſtedelung des Reichstages in der Hauptſtadt gepflogen wurden und unſre Bekannten dabei eine Rolle zu ſpielen hatten, ſo widmen wir dieſer Darſtellung ein eignes Capitel. ——— 6. Unter dem Triumphgeſchrei über die Ankunft der Na⸗ tionalverſammlung zu Paris ließen ſich auch Mißtöne vernehmen, die wegen des Mangels an Brod ausgeſtoßen wurden. Bekanntlich verſchmäht es der Pariſer, ſich von Roggen, Gerſte, Reis und Kartoffeln zu nähren, wie es doch in verſchiedenen Provinzen Frankreichs und noch mehr in anderen Ländern geſchieht; wenn er nicht Brod vom ſchönſten Weizenmehle haben kann, ſchreit er ſchon über Hungersnoth. Dieſes Geſchrei ward jetzt durch ein bedenkliches Gerücht vermehrt, welches ſich nur zu bald als gegründet erweiſen ſollte. Man überführte meh⸗ rere Capitaliſten, daß ſie Weizenmehl weit über ih⸗ ren Bedarf eingekauft hatten. Sie entſchuldigten ſich zwar damit, daß es doch der Vorſicht gemäß ſei ſich mit einigem Vorrath zu verſehen, weil man nicht wiſſen könne, ob in der nächſten Zeit wieder Zufuhren einträ⸗ — — u2— fen; auch ſagten einige, ſie würden das Mehl bei etwa eintretendem noch größeren Mangel billig wieder ablaſſen: aber das Volk beruhigte ſich bei dieſen Erklärungen kei⸗ neswegs, ſondern begann ſich an den Thüren der Bäcker zuſammenzurotten,„um ſich aus Furcht vor noch ſchlim⸗ meren Tagen mit einigem Vorrath an Backwerk zu ver⸗ ſehen.“ Am frühen Morgen des 21. Oct, gingen Bernard und ſeine Braut, zu denen ſich auch der treue Aubry geſellt hatte, nach dem erzbiſchöflichen Palaſt, wo Erſte⸗ rer die während der Nacht mundirten Actenſtücke nieder⸗ legen wollte; dann gedachte er bis zum Beginn der Seſſion (um 9 Uhr) mit ſeinen Freunden noch ein wenig zu luſtwandeln und dabei mit Charlotten die Maßregeln zu beſprechen, welche ſie wegen ihrer Reiſe nach Genf zu treffen hatten; denn da von dort keine Nachrichten eintreffen wollten, ſo hatten ſie beſchloſſen baldigſt ſelbſt hin zu reiſen und die Hochzeit in ihrer Vaterſtadt zu feiern. Bernard, während ſeiner Abweſenheit von einem ſeiner Collegen im Amte vertreten, hoffte die Reiſe binnen wenigen Tagen zu vollenden und dann mit ſeiner jungen Frau eine bereits gemiethete und artig meublirte Familienwohnung zu beziehen. Seitdem Char⸗ lotte zuverſichtlich zu wiſſen glaubte, daß es der Hof — 113— mit dem Volke nicht aufrichtig meinte und daher ſeinem Verderben entgegenging, war es ihr in der Hauptſtadt Frankreichs zu eng geworden. Sie wäre lieber, einmal in Genf angekommen, ganz dort geblieben. Indeſſen was that ſie nicht ihrem geliebten Bernard zu Gefal⸗ len, welcher über das endliche Einverſtandniß der Regie⸗ rung und des Volks nicht den geringſten Zweifel hegte und auch zu ſehr an ſeiner ehrenvollen Stellung hing, als daß er den Aufenthalt in ſeiner Vaterſtadt, auch ſelbſt wenn er dort ſein gutes Auskommen fand, hätte vorzie⸗ hen ſollen. Da ſeit einiger Zeit ſehr emſig nach den die Hauptſtadt umſchwebenden Brigands gefahndet worden war, ſo ſchien eine Poſtreiſe nach der Schweiz keine Ge⸗ fahren mehr darzubieten, ſo daß ſelbſt Aubry, welcher dabei nicht fehlen ſollte, die Aeußerung that, er werde ſeine Hippe nur aus alter Gewohnheit mitnehmen. Dies im allgemeinen der Vorſatz unſrer Freunde; alles weitere ſollte auf der Morgenpromenade dieſes Tages überlegt und feſtgeſetzt werden. Nachdem Bernard ſein kurzes Geſchäft im erzbi⸗ ſchöflichen Palaſte abgemacht und ſich wieder mit Char⸗ lotten und Aubrhy vereinigt hatte, war es etwa ein Viertel auf 8 Uhr. „Ach,“ ſagte der jugendliche Archivar,„der Himmel 1789. III. 8 — 11414.— ſcheint uns zu begünſtigen, denn nie hat die Herbſtſonne freundlicher gelächelt.“ „Ich bin dem Himmel doppelt dankbar,“ antwortete Charlotte Vanner,„da er mir geſtattet an einem ſo ſchönen Tage in Deiner Geſellſchaft zu luſtwandeln.“ „Dann werde ich es dreifach ſein müſſen,“ bemerkte der verwachſene Aubry,„denn bei mir kommt noch die Ehre dazu, mit einem Beamten der Nationalverſammlung zu gehen... Doch was iſt dort unten in der Rue du Marché⸗ Palu für ein Volksauflauf?“ „Hm,“ ſagte Bernard ſtehen bleibend,„nimmt das niemals ein Ende? Und noch dazu beinahe unter den Augen der Nationalverſammlung!“ „Der Volkshaufen vergrößert ſich,“ ſprach Ch arlotte; „gehen wir auf die Boulevards, mein Otto; nach dem, was uns bereits begegnet iſt, dürfte es nicht rathſam ſein die Gefahr aufzuſuchen.“ „Welche Gefahr?“ verſetzte Bernard;„ſeitdem ſich der König in Paris befindet, giebt es keine Gefahr mehr ... Doch rathe ich Dir, mein Herz, nach Deiner Woh⸗ nung zu gehen, wo ich Dich bald abholen werde... Freund Aubry wird Dich beſchützen,“ ſetzte er lächelnd hinzu. „Ach, beſter Otto, biſt Du unzufrieden mit mir?“ „Gewiß nicht...“ nne — 115— „Nun, dann begleite ich Dich! Haben wir uns nicht geſchworen uns nimmer zu verlaſſen?“ „Daran erkenne ich Dich, gute Charlotte. Doch Du nimmſt die Sache zu ernſthaft,“ fuhr Bernard nach einer kleinen Pauſe fort;„was werden wir vor uns haben als den Transport irgend eines Betrunkenen oder höchſtens eines vereinzelten Brigands? Vielleicht aber kann ich zur Sühne ſprechen. Gehen wir.“ Nach dieſen Worten gingen Bernard, Charlotte und Aubry die oben genante Straße hinunter, welche bereits vom Volke geſperrt war. Den Nationalgardiſten antwortete man mit wüſtem Geſchrei. Auf Befragen be⸗ richtete ein Bekannter des Archivars, daß man gegen einen dort wohnenden Bäcker Verdacht hege Brod in ſeinem Hauſe verſteckt und dem Volke vorenthalten zu haben. Als unſre Freunde näher traten, unterſchieden ſie unter dem Gebrüll Reden wie: „Er hat Brod und will es nicht herausgeben!“ „Er mäſtet die Vornehmen und läßt uns hungern!“ „Ich habe Hunger! Brod, Brod!“ „Vertreibt die Schildwache*) und nehmt ihm das Brod 17 A. *) An jedem Bäckerladen von Paris ſtanden damals 1— 2 Schildwachen. 8*⅔ ——— —õõ— — 116 „Her mit dem Brode oder wir demoliren das Haus!“ „Zurück, zurück!“ ſchrie die Schildwache dazwiſchen, „oder wir machen von unſern Waffen Gebrauch!“ „Sie wollen ihre Mitbürger verwunden!“ „Sie wollen hungrige Menſchen tödten!“ „Fort mit den Böſewichtern! Reißt ſie weg die Schildwache!“ „Es iſt ſchlimmer als ich glaubte,“ flüſterte Ber⸗ nard ſeinen Begleitern zu;„geht in dieſes offne Haus; ich werde einen Verſuch machen!“ Und bevor Charlotte oder Aubry etwas erwie⸗ dern konnten, war er mitten unter dem Haufen und drängte ſich nach dem Bäckerladen. Dort angekommen, ſtellte er ſich neben die Schildwache und rief mit lauter wohltönender Stimme: „Meine Freunde, es muß ſich bald zeigen, ob Brod in dieſem Hauſe verborgen iſt. Eine einzelne Perſon wird der Bäcker einlaſſen...“ „Ah, Du biſt wohl die Perſon!“ rief eine junge Frau, welche ſich gleichfalls bis an die Schildwache vor⸗ gedrängt hatte;„Du würdeſt freilich bei Deinem Freunde Francois kein Brod verſteckt finden!“ „So gehen Sie ſelbſt hinein...“ „Ja, durch die Bajonette und verſchloſſene Thüre!“ — — — 117— Mittlerweile erſcholl eine Stimme durch das Glas⸗ fenſter über der Thüre. Sie gehörte dem Bäcker Fran⸗ gois, welcher ſagte: „Wenn Sie es bewerkſtelligen können, meine Herren, daß bloß eine Perſon eintritt, ſo werde ich öffnen.“ „Ich verbürge mich,“ antwortete Bernard, gab der Schildwache einen Wink auf ihrer Hut zu ſein und zog die junge Frau, eine perſönliche Feindin des Bäckers, bei der Hand heran; die Thür öffnete ſich und die Frau ward in's Haus geſchoben. Sogleich hatte man die Thür wieder verſchloſſen. Das Geſchrei war jetzt zu einem bloßen Murren geworden, denn man hatte ſich entſchloſ⸗ ſen den Bericht der Geſandtin abzuwarten. Dieſe durch⸗ ſuchte in Begleitung des Bäckers Frangois alle Win⸗ kel des Hauſes und entdeckte zum Unglück drei Brode, welche nicht einmal der Beſitzer ſondern die Geſellen für ſich aufbewahrt hatten. Waͤhrend Bernard fortwäh⸗ rend zur Ruhe ermahnte, Charlotte und Aubry aber, welche von dem erwähnten Hauſe aus die ganze Scene überblicken konnten, ſich über den glücklichen Er⸗ folg der Bemühungen ihres Freundes unterhielten, kam die Frau mit einem Brode in der Hand aus dem Bäcker⸗ hauſe geſtürzt und ſchrie: „Da iſt Brod! Hab' ich's Euch nicht geſagt? Ver⸗ 2 4 — 118— ſteckt hat man das Brod! Wo das gelegen hat, wird wohl noch mehr liegen!“ „Drauf, drauf!“ ſchrie die irregeleitete hungrige Menge.„ „Seht zu was Ihr thut!“ rief Bernard den An⸗ dringenden zu und ſuchte ſie mit Gewalt aufzuhalten; „es iſt ja nur ein Brod entdeckt worden— kann doch der Bäcker mit ſeiner Familie auch nicht von der Luft leben!“ Aber der Haufe war durch die ewigen Gerüchte von „Verräthereien“ der Bäcker und noch mehr durch die hung⸗ rigen Magen zu aufgeregt, als daß er auf dieſe Vor⸗ ſtellung hätte hören ſollen; alles drängte unaufhaltſan nach der Thür; die beiden Schildwachen wurden auf die Seite geſtoßen und Bernard mit in's Haus gedrängt. In einem Fenſter des gegenüberliegenden Hauſes ließ ſich ein Ausruf des Schreckens vernehmen und gleich dar⸗ auf drängte ſich Charlotte Vanner durch das Ge⸗ wühl nach dem Bäckerhauſe. Unterdeſſen hatten die Eindringlinge die beiden andern Brode und ſechs Dutzend neubackne Semmeln gefunden, ſtürzten damit auf die Straße heraus und ſchrien wie beſeſſen. Selbſt Bernard wurde ſtutzig, als er dieſe Maſſe Gebäck ſah; doch erinnerte er ſich noch zu rech⸗ en vo ko w = 119,= rd ter Zeit, daß Frangois' Bäckerei die nächſte am erz⸗ biſchöflichen Palaſte war und die Weißbrödchen für ei⸗ ge nige Deputirte ſein möchten. Er erklärte dies dem Volkshaufen, der aber jetzt nicht Zeit hatte auf eine n⸗ ſolche Auseinanderſetzung zu hören, denn eben hatte n; man den Bäcker ſelbſt unter dem Geſchrei:„An die La⸗ ch terne! An die Laterne!“ auf die Straße herausgeſchleppt. ft„Jedermann muß vor der Verurtheilung gehört wer⸗ den!“ rief eine wohllautende Frauenſtimme in den Tu⸗ on mult hinein;„meine Freundinnen,“ fuhr Charlotte 4 g⸗ fort,„laſſen Sie den Mann ſprechen! Hören Sie was r⸗ er zu ſeiner Entſchuldigung anführen kann!“ m„Reden Sie, mein Herr,“ ſagte Bernard zum ie Bäcker.— gt. Wohl ſchrien noch Einige:„Die Verrätherei liegt eß am Tage!“ oder:„Was die Augen ſehen, glaubt das 6 r⸗ Herz!“ Aber Andre hatten„die Tochter der Baſtille“ e⸗ erkannt und riefen dagegen: n „Sprich, Verräther! Die Laterne wird Dir nicht rn entgehen!“ n, Nun erklärte Frangois bei leidlicher Stille, aber—+ ie vor drohenden Geſichtern alles der Wahrheit gemäß, 3 ſe konnte jedoch die aufgebrachten Weiber nicht gewinnen, wie ſehr ihm auch Bernard und Charlotte nebſt einigen Nachbarn beiſtanden. Da er dieſe böſen Zeichen bemerkte, erblaßte er und war eben in Begriff ſeiner jungen Frau wieder in's Haus zu folgen, als er von den wüthenden Weibern ergriffen und fortgeriſſen wurde. „Ich verlange nach meinem Diſtriet geführt zu wer⸗ den!“ ſtammelte der Unglückliche. Man ſchleppte ihn nach dem Grébeplatze, wo die verhängnißvolle Laterne winkte. Doch es kamen Natio⸗ nalgarden des Diſtriets dazu, welche ihn den Klauen der Weiber entriſſen und glücklich auf's Stadthaus brach⸗ ten. In dem frohen Bewußtſein zur Rettung eines Un⸗ ſchuldigen beigetragen zu haben, und die Beſprechung über die Reiſe nach Genf auf den Nachmittag verſchiebend, ging nun Bernard mit Charlotten und Aubry nach dem erzbiſchöflichen Palaſte zu, wohin ihn ſein Amt rief. Aber alles ſollte anders kommen, als unſre drei Freunde gehofft hatten. Es war noch nicht ganz um 9 Uhr, als Frangois auf dem Stadthauſe eintraf. Hier waren erſt Guillot de Blancheville, der jüngere Demeuve und Garan de Coulon vorhanden. Sie ließen den Angeklagten und einen Theil des Volks eintreten und hörten mit Ruhe die Anklage wie die Vertheidigung. Einige Nachbarn des Bäckers bezeugten, daß er ſeit dem Beginn der Re⸗ en er 4 in e. 68. A n - „ ) 4 t W * † 1 4 volution große Beweiſe von Eifer gegeben, meiſtens ſechs⸗ mal des Tages gebacken, andern Bäckern Mehl abgelaſſen und ſelbſt einen fremden Backofen gemiethet habe, um darin das nöthige Holz zu trocknen. Die geringe Menge des vorgefundenen Gebäcks und die einſtimmige Ausſage der Nachbarn aus der Straße du Marché⸗Palu über⸗ zeugte die Communbeamten von der Unſchuld des Man⸗ nes; aber unten auf dem Platze war ein Geſchrei wie zur Zeit der Foulon und Berthier. Wie konnte man hoffen ihn ungekränkt mitten durch den raſenden Pöbel nach ſeiner Wohnung zu bringen? Ja, wäre er auch wohl dort ſicher geweſen? Einige neu eingetrof⸗ fene Communrepräſentanten entſchloſſen ſich auf den Platz hinabzugehen und das Volk zu bearbeiten. Als ſie aber aus Mienen und Geberden deſſen Stimmung ſahen, er⸗ ſtarb ihnen das Wort auf den Lippen. Sie wußten ſich nicht anders zu helfen, als daß ſie das Verſprechen ab⸗ legten, der Angeklagte ſolle nach dem Chaͤtelet abgeführt und dort nach den Geſetzen gerichtet werden. „Halt da!“ ſchrie die mordgierige Menge,„Ihr wollt den Verräther freiſprechen!“ „Man will die Schuldigen unſern rächenden Armen entziehen!“ brüllten die wüthenden Weiber. Und unter ſolchem Geſchrei ſtürzte ſich der furchtbare — 122— Haufen auf die Wache vor dem Stadthauſe. Dieſe war ebenſo geſinnt wie das andringende Volk und mochte ihre Hände nicht in das Blut ihrer Brüder tauchen, de⸗ ren Leiden ſie theilte; ſie ſetzte daher nur einen ſchwa⸗ chen Widerſtand entgegen und ließ das Volk in das Stadthaus einſtrömen. Bald waren alle Säle voll wü— thender Menſchen. Den Bäcker hatte man noch zu rech⸗ ter Zeit in ein beſondres Gemach treten laſſen; allein nun ergriffen die Raſenden Guillot de Blan cheville, ſchleppten ihn in einen Winkel des Saales und drohten ihn zu ermorden, wenn er den Verbrecher nicht herbei⸗ ſchaffte. Eine Frau rief ihm zu: „Ihr öffnet unſern Feinden immer eine Hinterthür; aber jetzt ſoll uns Dein Kopf für den des Scheuſals bürgen!“ Da es im Polizeibureau immer heftiger ſtürmte, ſo machten die Mitglieder deſſelben in der Angſt den Vor⸗ ſchlag ſich in den großen Saal zurückzuziehen und dort in Gegenwart des Volks ein nochmaliges Verhör vorzu⸗ nehmen. Als aber Frangois dahin geführt werden ſollte, ward er von einem Trupp Weiber und Banditen ergriffen und trotz aller Gegenwehr der Nationalgarde die Treppe hinuntergeſchleppt. Demeuve und Garan de Coulon drängten ſich nach, obwohl ſie arg geſtoßen — 122— und geſchimpft wurden, kamen mit großer Mühe bis zur Laterne, an welcher eben der arme Bäcker emporge⸗ zogen werden ſollte. Sie beſchworen das Volk ſeine Hände nicht in unſchuldiges Blut zu tauchen und hielten ihm wiederholt die ehrenhaften Zeugniſſe der Nachbarn vor. Eher aber mag man dem ſtürmiſchen Meere zurufen ſeine Beute nicht zu verſchlingen als dem wüthenden Volke ſeine Opfer fahren zu laſſen. Während die beiden Männer noch ermahnten, erhob ſich ein Spieß mit Frangois’ blutigem Haupte. Zugleich hörte man ei⸗ nen Schrei des Entſetzens und ſah eine junge Frau zu Boden ſinken; es war die Gattin des Gemordeten, welche herbeigeeilt war um ihn zu retten und jetzt mit ihrem Kinde, das ſte unter dem Herzen trug, beinahe ſelbſt mit umgekommen wäre. Nun traf die Commune eiligſt ihre Maßregeln, um fernere Greuel zu verhüten, und ſandte eine Deputation an die Nationalverſammlung, ſie um wirkſamere Schritte zur Verproviantirung der Hauptſtadt und um die Erlaſ⸗ ſung eines Martialgeſetzes erſuchend. „Ach,“ ſeufzte Bernard, als er im Ständeſaale das Schreckliche erzählen hörte,„muß denn die Freiheit alſo befleckt werden! Und der Frevel hat ſich unter den Augen der Nationalverſammlung begeben! Charlotte — 122— hat Recht für Frankreich nur Böſes zu ahnen... Müſſen wir doch nicht in Frankreich leben! Auch meiner Vater⸗ ſtadt hoffe ich einige Dienſte leiſten zu können... Dies dachte Bernard, als es auf der Rednerbühne ſehr laut wurde. Einige Deputirte ſahen in dieſ em furcht⸗ baren Ereigniß die Spuren eines im Dunkeln ſchleichen⸗ Complottes, Andre ſ choben alles auf die Fahrläſſigkeit und Schwäche der Verwaltung. Buzot und Robes⸗ pierre erhoben ſich hitzig gegen die Erlaſſung eines Martialgeſetzes, das ihnen mehr gegen den Hunger als gegen Aufläufe gerichtet zu ſein ſchien.„Nicht die Menge iſt ſchuldig,“ ſagte Letzterer u. a.,„beſonders wenn es ihr an Brod fehlt. Umſonſt werden Sie zum Volke ſagen: Sei ruhig! Es kann nicht ruhig ſein, als bis es Sie ernſthaft damit beſchäftigt ſteht es zu er⸗ nähren oder zu rächen... Das zuſammengerottete Volk will Brod und Sie wollen ihm Soldaten geben? Man beklagt ſich daruͤber, daß die Soldaten nicht marſchiren mögen; ei, ſollen ſie ſich denn auf ein unglückliches Volk werfen, deſſen Leiden ſie theilen? Nein, die ge⸗ heime Verſchwoöͤrung muß aufgedeckt und vernichtet wer⸗ den; man muß einen wahrhaft nationalen Gerichtshof errichten zur Beſtrafung der ge Verbrechen!“ gen die Nation begangenen In einer ſpätern Zeit würde eine ſolche Sprache Ro⸗ bespierre's für die Volksvertreter maßgebend geweſen ſein; aber Mirabeau war noch da, welcher den Vor⸗ ſchlag bedeutend modificirte, indem er ſich ſo vernehmen ließ: „Ich kenne nichts Schrecklicheres als die durch den Mangel an Lebensmitteln hervorgerufenen Motionen. Alles ſchweigt und muß ſchweigen, alles unterliegt und muß unterliegen vor einem Volke welches Hunger hat. Was ſollte ein Martialgeſetz ausrichten, wenn das zu⸗ ſammengerottete Volk ſchreit: Es iſt kein Brod beim Bäcker!? Welch ein Ungeheuer wäre der, welcher ihm mit Flintenſchüſſen antworten wollte! Ein Nationalge⸗ richtshof würde allerdings über den gegenwärtigen Fall und die dabei verübten Miſſethaten erkennen; aber er exiſtirt noch nicht, es iſt nöthig ihn zu errichten und das unwiderſtehliche Schwert der Nothwendigkeit ſchwebt über Ihren Häuptern. Die erſte Maßregel iſt alſo we⸗ der ein Martialgeſetz noch ein Tribunal. Doch ich kenne eine: Verlangen wir von der vollziehenden Gewalt, daß ſie auf das beſtimmteſte angebe, welche Mittel und Hülfsquellen ſie bedarf um die Subſiſtenz der Hauptſtadt zu ſichern; gewähren wir ihr dieſe Mittel und von dieſem Augenblick an ſei ſie dafür verantwortlich!“ —— V Und nun ward beſchloſſen, ſogleich den Miniſtern eine Angabe der nöthigen Hülfsquellen zur Verprovian⸗ tirung des Reichs und namentlich der Hauptſtadt abzu⸗ verlangen und ſie dann verantwortlich zu machen, ein Geſetz gegen Zuſammenrottungen zu entwerfen, den Er⸗ kundigungsausſchuß zur Aufſpürung volksfeindlicher Ma⸗ noeuvers zu veranlaſſen, das auf dem Stadthauſe befind⸗ liche Polizeibureau zur Ertheilung der nöthigen Nachwei⸗ ſungen anzuhalten und ein Tribunal zur Erkenntniß wi⸗ der Verbrechen der beleidigten Nation zu errichten. Das von Mirabeau entworfene Martialgeſetz ward vom Verfaſſungsausſchuß faſt unverändert angenommen und lautete ſo: „Falls die öffentliche Ruhe gefährdet iſt, ſind überall die Municipalbeamten gehalten, kraft der ihnen von der Gemeinde übertragenen Gewalt zu erklären, daß zur Wiederherſtellung der öffentlichen Ordnung augenblick⸗ lich die Militärmacht eingreifen ſoll. Dieſe Erklärung findet ſtatt, während am Hauptfenſter des Stadthauſes und in allen Straßen rothe Fahnen aufgepflanzt und von den Municipalbeamten die Anführer der Nationalgarden ſowie der regelmäßigen Truppen aufgefordert werden ſich fertig zu halten. Schon nach dem Aufpflanzen der Fahne werden alle bewaffneten und unbewaffneten Zuſammen⸗ rottungen zu Verbrechen und ſollen durch Waffengewalt geſprengt werden. Die Nationalgardiſten und regelmä⸗ ßigen Truppen ſind gehalten unter dem Commando ihrer Officiere und unter Begleitung wenigſtens eines Munici⸗ palbeamten der vor ihnen hergehenden rothen Fahne zu folgen. Einer von den Municipalbeamten hat die zu⸗ ſammengelaufenen Perſonen nach der Urſache ihres Be⸗ ginnens, nach ihren etwaigen Beſchwerden zu fragen, ſechs aus ihrer Mitte zur Eingabe ihrer Petition und den Reſt zum friedlichen und ſofortigen Auseinanderge⸗ hen aufzufordern. Gingen die zuſammengerotteten Per⸗ ſonen nicht augenblicklich auseinander, ſo ſollen ſie von einem Municipalbeamten dreimal mit lauter Stimme dazu aufgefordert werden. Das erſte Mal ruft man den Tumultuanten zu:„Es wird hiermit erinnert, daß das Martialgeſetz proclamirt iſt, daß alle Zuſammenrottungen verbrecheriſch ſind. Man wird Feuer geben; die guten Bürger mögen ſich in ihre Wohnungen zurückziehen. Dies iſt die erſte Aufforderung.“ Erreicht man hierdurch ſeinen Zweck noch nicht, ſo ſagt der Municipalbeamte bloß:„Man wird Feuer geben. Jeder gute Bürger ziehe ſich zurück! Das iſt die zweite oder reſp. die dritte Aufforderung!“ Sollten ſich die Zuſammengerotteten vor oder während der Aufforderungen Gewaltthätigkeiten * erlauben oder nach der dritten Aufforderung nicht aus⸗ einandergehen, ſo ſoll die bewaffnete Macht gegen die Aufrührer einſchreiten, ohne irgendwie für die Folgen verantwortlich zu ſein. Wäre das zuſammengelaufene Volk nicht zu Gewaltthätigkeiten geſchritten und hätte ſich vor oder gleich nach der dritten Aufforderung ruhig zurückgezogen, ſo ſollen nur die Urheber des Auflaufs, aber niemand Andres verfolgt und verurtheilt werden, bei unbewaffneter Zuſammenrottung zu drei Jahren Ge⸗ fängniß, bei bewaffneter zum Tode; hätte ſich aber das Volk Gewalthätigkeiten erlaubt oder ſich nicht rechtzeitig zurückgezogen, ſo ſollen die Unbewaffneten zu einem Jahr und die Bewaffneten zu drei Jahren Gefängniß, die Anſtifter jedoch zu Tode verurtheilt werden; auch alle Häupter des Militärs und der Nationalgarde, welche Aufläufe und Empörungen begünſtigen, ſollen als Re⸗ bellen gegen die Nation, den König und das Geſetz am Leben geſtraft werden.— Nach hergeſtellter Ruhe ma⸗ chen die Municipalbeamten das Aufhören des Martial⸗ geſetzes bekannt und pflanzen ſtatt der rothen acht Tage lang eine weiße Fahne auf. Mit wahrer Wehmuth hatte Bernard, ſtets dabei des am Bäcker Francois begangenen Frevels geden⸗ kend, die Verhandlung über die Zuſammenrottungen und — — — 42— das dagegen erlaſſene Martialgeſetz mit angehört.„Alch⸗“ ſeufzte er, zwiſchen 4 und 5 Uhr die neuen Acten im Bibliothekſaale ordnend,„alſo fürchtet man noch immer Exceſſe! Noch nicht genug des Blutes iſt in dem un⸗ glücklichen Frankreich gefloſſen! Der Hof, die weltliche und geiſtliche Ariſtokratie mit ihrem Emigrantenheer ſta⸗ cheln fortwährend die Nation auf, der vorgegebene oder wirkliche Brodmangel begünſtigt den Zuſammenlauf und die Brigandage! O meine ſchöne Heimath!“ Auf dem Wege nach ſeiner Wohnung begegnete Ber⸗ nard dem Herrn von Liancourt, welcher vom König und der Köͤnigin beauftragt war der Wittwe Frangois 2000 Thaler zu überreichen, um ihr die Theilnahme Ihrer Majeſtäten an ihrem Unglück zu bethätigen und ſie zur Fortſetzung ihres Geſchäfts zu ermuthigen. Dem königlichen Boten folgte auf dem Fuße eine Deputation der Gemeinde, welche gleichfalls beauftragt war die un⸗ gluͤckliche Frau durch Unterſtützung und theilnehmende Worte zu tröſten. Bald wurde unſerm Bernard be⸗ kannt, daß die in ihren Schmerz verſenkte Wittwe ganz in ſeinem Sinne gehandelt hatte.„Erweiſ't meinem ermordeten Mann die letzte Ehre, weiter will ich nichts!“ war ihre einzige Antwort geweſen. Ueber dieſen ganz abſcheulichen Vorfall, welcher auf 1789. III. 9 Bernard und Charlotten einen ebenſo gewaltigen Einfluß übte als die Vorſtellung der Letztern im Ge⸗ mache der Königin, ſei hier weiter nichts erwähnt, als daß man noch an demſelben Tage des Mörders habhaft wurde und ihn am folgenden öffentlich hinrichtete. gro 7. „ Eimnen Monat Urlaub hat man mir bewilligt,“ ſagte Bernard fröhlich, als er am folgenden Morgen in Charlottens Gemach trat;„gegen Mittag werden die Päſſe bereit ſein.“ „Ach, mein Otto, und wir reiſen...“ „Wenn Du willſt, noch dieſen Nachmittag.“ „Wie freue ich mich darauf, meine armen Eltern und alle meine Bekannten wiederzuſehen, wieder auf heimathli⸗ chen Fluren zu wandeln!“ „Ich theile ganz Deine Gefühle, meine Freundin...“ „Doch wie kam es, daß Dir die Päſſe ſo leicht be⸗ willigt wurden, da es doch ſonſt ſo ſchwer hält deren zu erlangen?“ „Obgleich niemand meine Geſinnung in Zweifel zieht, ſo machte man doch Umſtände. Da eilte ich zu unſerm großen Gönner Mirabeau...“ 9* „Ah!⸗ „Der mich trotz ſeiner Unpäßlichkeit vorließ...“ „Er iſt unwohl?“ „Zwei Aerzte waren bei ihm, ſeine Halsentzündung zu heben. Schon hingen ihm zwei Blutegel unter dem Kinn, als er mir Gehör gab. Ich erzählte ihm alles der Wahrheit gemäß und ſelbſt der Chirurg hielt inne, um zuzuhören. Lächelnd ſprach Mirabeau zu ihm: „O, laſſen Sie ſich nicht ſtören, Herr Girardinz be⸗ waffnen Sie ſich mit der Gleichgültigkeit Ihrer kleinen Gehülfen hier am Halſe.“ „Girardin, ſagſt Du? War dies nicht der Name des Wundarztes, bei welchem ſich der abſcheuliche Cottin aufhielt?“ „Kaum möchte ich glauben, daß ein ſolcher Ariſto⸗ krat bei unſerm erhabenen Freunde Zutritt gefunden ha⸗ ben ſollte.“ „Was für ein Zweifel ſtößt mir auf!“ rief Char⸗ lotte;„ſollte wirklich nicht ganz ungegründet ſein, was man von einer Hinneigung Mirabeau's gegen den Hof murmelt?“ „Ich vertraue ihm ſo feſt als Dir und mir ſelbſt,“ entgegnete Bernard;„denn es liegt in der Natur nied⸗ riger Menſchen das Erhabene herabzuziehen.“ ſch w — 133— „Es wird mir klar,“ ſagte Charlotte nach kur⸗ zem Beſinnen.„Daß doch von jeder Verleumdung ſo leicht etwas hängen bleibt!... Wie aber, mein Otto, wenn jener Girardin doch Cottin's Principal wäre, unſre zu allen Freveln aufgelegten Feinde aber durch ihn von unſrer Reiſe benachrichtigt würden und in der Ferne unternähmen was ſte innerhalb der Hauptſtadt nicht mehr wagen?“ „Woh, liebſte Freundin, habe ich mich früher geirrt als ich die Straßen für ſicher hielt; doch jetzt... 4 „Nun?“ „Siehe, der Polizeiſecretär Chevreuil hat mir die erfreulichſten Mittheilungen gemacht. Seit dem 6. Octo⸗ ber ſind an 200 Brigands eingefangen und zum Theil ſchon hingerichtet worden. Acht oder neun von denen, welche uns im Walde von Rambouillet überfielen, ſitzen bereits und den übrigen iſt man auf der Spur...“ „Was waren dies für Leute?“ „Gemeine Verbrecher, die ſich gleich den italiäniſchen Banditen zu allem gebrauchen laſſen; es waren Gilles und Lecogq, Michelon und Simon(von ihren Mit⸗ ſchuldigen der Sternguker und der Einäugige genannt), Lenoir, den man mit ſeinen eignen Stricken gebunden hat, Hochequeue, Serpent und der ſogenannte — 134— Rieſe; auch das Verſteck des Lombarden hat man aufgeſpürt...“ „Triumph! Triumph!“ rief jetzt Aubry mend,„Triumph! kommen.“ hereinſtür⸗ Laßt mich nur erſt zu Athem „Was giebt's, Freund A ubry?“ fragte Bernard. „Was iſt geſchehen?“ rief Charlotte zugleich. „Lauter gute Nachrichten!“ ſagte der Kleine verklärtem Geſicht. mit „Zunächſt, meine Herrſchaften, ſtelle ich mich Ihnen als den Geſchäftsträger des hochwürdig⸗ ſten Biſchofs von Autun dar...“ „Tallehrand⸗Périgord's?“ ſagte Bernard überraſcht. „Keines andern. Robespierre hat meine ihm geleiſteten Dienſte nicht vergeſſen. Ich werde eine gute Einnahme und wenig zu thun haben...“ „Alles ſchon arrangirt?“ fragte Bernard, ſeiner Reiſe gedenkend, woran er den treuen Aubry gern theilnehmen laſſen wollte. „Bis auf den ſchriftlichen Contract. In drei Wochen ſoll ich mein Amt antreten.“ „Nehmen Sie meinen Glückwunſch!“ ſagte Char⸗ lotte. „Das ſind meine fröhlichen Nachrichten noch nicht — 0 nan n alle,“ nahm Aubry wieder das Wort;„wir ſind von unſern Feinden befreit! Leclere und Cottin ſind ein⸗ gefangen, mehrerer ſchweren Verbrechen überführt und hatren des gerichtlichen Urtels.“ „Gott ſei Dank,“ ſagten Bernard und Charlotte wie aus einem Munde;„dann können wir unſre Reiſe getroſt und wohlgemuth antreten,“ fügte Bernard hinzu. „Und Sie werden uns nach Genf begleiten, lieber Aubry, um unſrer Hochzeitsfeier beizuwohnen?“ fragte Charlotte. „Ah ſo,“ antwortete Aubry,„da hätte ich bald das Beſte vergeſſen! Als ich heute zum zweiten Male auf der Poſt war, um nach den poste reslante nieder⸗ gelegten Briefen zu ſehen, entdeckte ich dieſen da! Hier, Fräulein, leſen Sie!“ Bei dieſen Worten überreichte der kleine Gebrechliche der freudig überraſchten Charlotte einen Brief mit dem Poſtzeichen Genf. Sie riß ihn auf und las: „Liebe Tochter, 4 Wie ſehr wir uns auch oft um Dich und Deinen Bernard geängſtigt haben, da alle Tage böſe Nachrich⸗ ten aus der Hauptſtadt eintrafen, ſo ſind wir doch durch Deinen letzten Brief ziemlich beruhigt worden. Wir ha⸗ — 136— ben uns eingeredet, die Gefahr ſehe in der Ferne ſchlim⸗ mer aus, als ſie wirklich iſt. Vorſicht iſt aber jeden⸗ falls anzurathen. Wie bebten wir, als wir an die Stele Deines Briefes kamen, wo Du erzählſt, daß Ihr des Nachts durch einen Wald hättet fahren müſſen, worin ſich die greulichen Brigands ſo gut verbergen konnten. Wie leicht hättet Ihr damals überfallen werden können...“ „Aha!“ ſagte Aubry lachend. „Dank, tauſend Dank für die Ueberſendung des Gel⸗ des, das uns ſehr zu Statten kam, indem der Hauszins gerade gefällig war. Sage Deinem Bernard, daß er ein gutes Werk gethan hat, welches gewiß nicht unbe⸗ lohnt bleiben wird...“ „Was an mir liegt,“ unterbrach ſich Charlotte in ihrer Lecture,„das ſoll gewiß geſchehen...“ „Ach, meine Beſte,“ fiel ihr Bernard in's Wort, indem er aufſtand und ihr die Lippen durch einen herz⸗ lichen Kuß verſchloß,„Du kannſt über alles was ich habe, über mein Leben verfügen.“ Charlotte drückte ihm die Hand und ſah ihn mit liebevollen Blicken an. Dann heftete ſie die feucht ge⸗ wordenen Augen wieder auf den Brief und las mit et⸗ was ſchwankender Stimme weiter: „Sage ihm, daß wir Eurer Verbindung im voraus 2n — 137— unſern väterlichen und mütterlichen Segen geben, daß ſeine Wahl uns die höchſte Freude bereitet habe...“ „Ach, ich hatte ja keine Wahl!“ ſagte Bernard; „wer könnte Dich ſehen und nicht wünſchen Dich ewig zu ſehen!“ „Holla, mon cher, ſchweigen Sie! Ihre Zärtlich⸗ keiten ſind gefährlich!“ bemerkte Aubry lächelnd, und unter Thränen lächelnd fuhr Charlotte fort: „Wenn wir die erforderlichen Papiere noch nicht bei⸗ legen, ſo hat dies ſeinen Grund darin, daß bei uns jetzt große Wirren in der Verwaltung herrſchen, indem das Genfer Volk ebenſo ſehr als das franzöſiſche nach allerhand Verbeſſerungen ſchreit. So ſind eine Menge Aemter neu beſetzt worden und mehrere ſind gar noch vacant. Da bleibt denn ſo manches liegen. An uns hat es nicht gefehlt und ſoll es nicht fehlen, die nöthi⸗ gen Zeugniſſe zuſammenzubringen... Doch jetzt zum wichtigſten Punkte! Unter den erledigten und noch nicht wieder beſetzten Stellen iſt die eines correſpondirenden Regierungsſecretärs, wozu nur ein junger und rüſtiger, aber doch erfahrungsreicher Mann taugt. Obgleich nun viele Juriſten der Stadt nach dieſem einträglichen Poſten angelten(er ſoll gegen 3000 Livres eintragen), ſo hat man doch keinen derſelben paſſend gefunden. Da betrieben — 138— wir es durch die fünfte, ſechſte Hand, daß Dein Ber⸗ nard in Vorſchlag käme, denn wir wußten, daß er von ſeinen Profeſſoren und auch aus ſeinem ſpätern Le⸗ ben nur die beſten Zeugniſſe beibringen werde. Und die Regierung hat wirklich ſchon Erkundigung eingezogen...“ „Mein Himmel,“ unterbrach Charlotte abermals ihre Lectüre,„welch ein Glück wäre das, wenn Du in unſrer Vaterſtadt dieſe Anſtellung erhielteſt! Welch ein wonnevolles Leben wollten wir führen!“ „Und ich hoffe das Beſte. Gut daß ich es jetzt noch erfahre. Ich habe nach Genf, Coppet und Nion Briefe von Necker mitzunehmen. Er wird mir ein paar Zei⸗ len an die Regierung nicht verſagen, deren Reſident er ſo lange war.“ „Triumph, Doppeltriumph!“ rief Aubry;„ich gra⸗ tulire zum Regierungsſecretariat! Hatte ich Recht ein Triumphlied anzuſtimmen? Wie freue ich mich allen Canälen entgangen zu ſein, um dies zu erleben! Statt Geſchäftsträger des Biſchofs von Talleyrand werde ich Copiſt und Bote des Regierungsſecretärs Bernard ſein; dort drohten mir beſtändig Stricke, Gefängniſſe, Canäle und alle Elemente, hier winkt mir Ruhe und fröhlicher Lebensgenuß. Triumph und noch einmal Tri⸗ umph!“ — 1239— Bei dieſen Worten funkelten die Augen des Verwach⸗ ſenen vom reinſten Feuer der Freude; von ſeiner frühſten Jugend auf in mißlichen Verhältniſſen und von der Schaar gewöhnlicher Menſchen verlacht und verach⸗ tet, hatte er ſich nach ſeiner unglücklichen Liebe zu ſeiner jungen Saalnachbarin auch in ſeinen keckſten Träumen nicht zu der Hoffnung erhoben, jemals Herzen zu finden, die ihm gleich denen Bernard's und Charlottens mit uneigennütziger Freundſchaft entgegenſchlügen. „Wohlan,“ ſprach Bernard, die Hände des ſo freudig bewegten Aubry ergreifend,„Unzertrennlichkeit bis an den Tod!“ „Und Freundſchaft bis über das Grab!“ ſetzte Char⸗ lotte hinzu, indem ſie Beider Hände faßte. Während hier drei ſchöne Seelen den Bund ewiger Freundſchaft ſchloſſen, vereinigten ſich anderwärts drei Teufel zum Verderben der Glücklichen. Leclerc und Cottin hatten ſich vor dem Chaͤtelet durch erkaufte Entlaſtungszeugen losgelogen. Sobald der Letztere bei ſeinem Principal Girardin, den er jetzt zum letzten Male beſuchen wollte, Bernard's Vorhaben erfahren hatte, eilte er zu dem ſeiner ganz würdigen Leclere und theilte ihm die Sache mit. Beide gingen dann ſo⸗ gleich zu einem handfeſten und gewiſſenloſen Manne, — o— nämlich zu jenem namenloſen Fleiſcher, welcher ſich vor unſern Augen bereits in Paris und Verſailles durch ſeine Barbarei hervorthat. Dieſe drei Männer ſaßen in einem armſeligen Wein⸗ keller, der auch am Tage durch eine Lampe erleuchtet wer⸗ den mußte, hatten eine verräucherte Landkarte vor ſich liegen und waren mitten in einem heimlichen Geſpräch begriffen. Nur der Fleiſcher labte ſich an einem Paar Tauben und einer Flaſche Wein, ohne vorläufig an der Unterhaltung Theil zu nehmen. „Wir wollen ſchon einig werden,“ ſagte Cottin, „wenn wir ſie nur einmal haben.“ „Allein ſollſt Du ſie bei meiner armen Seele nicht bekommen,“ fuhr Leclerc heftig auf;„darum hätte ich alle Vortheile, die mir winkten, in den Wind geſchla⸗ gen, darum wäre ich ſo hart unter dem Galgen wegge⸗ laufen... „Ich ſage ja, wir werden einig werden,“ fiel ihm der vorige Sprecher ruhig lächelnd in's Wort;„ſte iſt als ein Fund zu betrachten: Du haſt ſie zuerſt geſehen, alſo gehört ſie Dir von Rechtswegen. Aber die Freude des Anſchauens wirſt Du mir doch laſſen, ſobald wir unſer Vermögen am bewußten Orte in Sicherheit ge⸗ bracht haben?“ — 11— Bei dieſen Worten, die nichts als Hohn waren, dachte Cottin etwas ganz Andres, nämlich daß er ſeinen neuen Freund Leclere in einem günſtigen Augenblicke beſeitigen und ſich mit deſſen Vermögen nebſt Charlot⸗ ten zu einem alten Freunde flüchten wollte. Der ehe⸗ malige Schließer der Baſtille, wie viel er auch Menſchen⸗ kenntniß zu haben glaubte, merkte nichts von Cottin's Verrätherei und antwortete beruhigt: „Nun ja, Du haſt Recht; nur erſt entführt, das Uebrige wird ſich finden... Hätten wir nur mehr Gewißheit über den Weg, welchen der Verhaßte mit ſeiner Schönen einſchlagen will!“ „Wozu das?“ „Eine ſchöne Frage! Wie ſollen wir ſie denn erwi⸗ ſchen, wenn uns weiter nichts bekannt iſt als daß ſie nach Genf reiſen, wohin zwei Wege führen?“ „Eilpoſt können wir wohl nicht bezahlen?“ „Ha, Du haſt Recht!... Heda, lieber Freund,“ wendete ſich Leeclerc an den Fleiſcher, der eben einen herzhaften Schluck aus ſeiner Flaſche that,„kannſt Du ein paar Stunden in der Herbſtluft ſtehen, ohne daß Dich friert?“ „Ein paar Tage, wenn's Noth hat.“ „So lange wird es nicht nöthig ſein. Du wirſt — 142 Dich zunächſt bei einem untergeordneten Beamten erkun⸗ digen, welchen Weg die Poſt heute nach Genf einſchlägt, dann aber wirſt Du Dich im Hofe des Poſtgebäudes aufhalten, bis Du die beiden jungen Leute einſteigen ſiehſt, welche ich Dir geſtern zeigte. Sobald ſich der Poſtwagen in Bewegung geſetzt hat, eilſt Du die paar Schritte hierher, um uns davon zu benachrichtigen.“ „Schon gut,“ murmelte der Fleiſcher, einen Tauben⸗ flügel mit ſammt den Knochen zermalmend. „Wenn das Beſprochene glüͤcklich ausgeführt wird,“ ſagte Cottin blinzelnd,„ſo ſoll Dein Lohn groß genug ſein, daß Du kein Beil mehr in die Hand zu nehmen brauchſt.“ „Ausgenommen wenn es gilt einen Feind damit nie⸗ derzuſchmettern,“ verſetzte der Fleiſcher. „Doch es hat Eile,“ bemerkte Leelercz„die Fiſche möchten uns ſonſt entgehen.“ „Das ſollen ſie ſchon nicht,“ ſagte der Fleiſcher, packte die Reſte ſeines Frühſtücks ein und ſtieg plumpen Trittes die Kellertreppe hinauf. Alles ward pünktlich ausgeführt, wie es zwiſchen den drei furchtbaren Menſchen beſprochen worden war. Wir verlaſſen gern ihre. Geſellſchaft, um uns in die unſrer Freunde zu begeben. — 143— n⸗ Es war am 22. October 1789 Nachmittags 2 Uhr, t, als Bernard, Charlotte und Aubrh ihr weniges es Gepäck nach dem Poſthauſe ſchaffen ließen. Sie ſelbſt 2n folgten demſelben unmittelbar und brauchten auch nur er f wenige Minuten auf die Abfahrt zu warten. Als ſich ar die Pferde in Bewegung ſetzten, hatten die drei Reiſen⸗ den ein Gefühl, wie es ein Vogel haben muß, wenn er 1⸗ ſeinen Käfig verlaſſen und dem frühern Aufenthalt im freien Walde entgegenfliegen kann. 4. Der Wagen fuhr bei der herrlichſten Witterung auf g der gut unterhaltenen Straße nach Fontainebleau dahin. Es n 1 war ungewöhnlich ſchwül, ja beinahe warm, ſo daß man im Juli zu ſein glaubte. Die Freude der drei Paſſa⸗ ⸗ 5* giere, welche einen Wagen allein inne hatten, machte ſich 1 durch heitre Geſpräche Luft. Die vor und hinter ihnen 3 fahrenden Wagen verſcheuchten ſelbſt bei Charlotten vor der Hand jeden Gedanken an eine Gefahr, die ſie nicht eher beſeitigt glaubte, als bis ſie ihr Vaterland Mkeerreicht hätte. Kaum hatten ſie mit der gewöhnlichen Schnelligkeit 5 — der damaligen Diligencen ein Stündchen Wegs zurückge⸗ f legt, als ſie von einer Extrapoſt eingeholt wurden. Die⸗ ſes mit zwei Rappen beſpannte Fuhrwerk nahm die Aufmerkſamkeit unſrer Freunde nur wenig in Anſpruch, g „da ſie in trauliche Geſpräche vertieft waren und viele andre Wagen hin und herfuhren. Daß die Ertrapoſt raſch vorüber eilte, konnte ebenſo wenig auffallen, da dieſe Art des Reiſens faſt immer wegen der Schnellig⸗ keit gewählt wurde; übrigens grüßten die Poſtillone ein⸗ ander wie alte Bekannte. Beim Vorüberfahren war weder Fenſter noch Lederdecke gelüftet worden; als aber die Ertrapoſt die gerade Linie vor der Diligence wieder eingenommen hatte, bemerkte Charlotte, welche wie zufällig einen Blick nach dem hineilenden Fuhrwerke warf, an dem hinten angebrachten Fenſterchen ein Ge⸗ ſicht, das ihr bekannt vorkam. „Ha,“ rief ſie plötzlich, Bernard's und Aubry's Hände faſſend,„es müßte mich alles täuſchen, oder in dem Wagen vor uns ſitzt einer von jenen Brigands, von denen wir im Walde von Rambouillet überfallen wurden.“ Die Augen der Angeredeten richteten ſich augenblick⸗ lich nach dem Fenſterchen, das aber bereits wieder mit rothem Plüſch bedeckt war. „Auch wenn Du Dich getäuſcht haben ſollteſt,“ ent⸗ gegnete Bernard,„ſo würde es doch nichts ausmachen, wenn wir langſam führen...“ „Oder vielmehr,“ fiel Aubry ein,„wenn wir ſobald als möglich eine andre Straße einſchlügen.“ — 145 „Recht ſo,“ bemerkte Charlotte,„kommen wir auch einen oder zwei Tage ſpäter nach Genf, es ſtehen uns ja 3— 4 Wochen zur Verfügung.“ „Dies alles laßt uns in Fontainebleau beſtimmen,“ ſprach Bernard;„bis dahin, denke ich, ſoll es auf keine Weiſe Noth haben; halten wir uns übrigens der Vorſicht wegen nahe an den Wagen, welcher da hinter uns in gleicher Schnelligkeit mit dem unſrigen einher⸗ fährt.“ Ohne daß ſich der Plüſch noch einmal gehoben, ohne daß ſich überhaupt etwas Verdächtiges gezeigt hätte, ge⸗ langten unſre Freunde, vorn die Extrapoſt mit den bei⸗ den Rappen und hinten eine gewöhnliche Miethkutſche, wohlbehalten nach Fontainebleau, wo ſie zu übernachten beſchloſſen. Die beiden erwähnten Fuhrwerke thaten daſſelbe, hatten aber in zwei verſchiedenen Gaſthöfen angehalten. Nach den Erkundigungen, welche Bernard und Aubry mit der gehörigen Vorſicht einzogen, waren die mit der Extrapoſt angekommenen Reiſenden vornehme Kaufleute aus Lyon, deren Päſſe nach der Verſicherung des Kellners nichts zu wünſchen übrig ließen; die In⸗ haber der Miethkutſche waren angeblich Abgeſandte von den widerrechtlich verſammelten Ständen der Dau⸗ 1789. III. 10 — 146— phiné, welche der Nationalverſammlung Briefe überbracht haben ſollten. Unter ſo bewandten Umſtänden verlor Bernard ſo ziemlich alles Mißtrauen und that es nur ſeiner Braut zu Gefallen am folgenden Morgen einen nicht chauſſirten Weg über die Doͤrfer einzuſchlagen. Wie ſchön auch am 22. October das Wetter geweſen war, der 23ſte ließ ſich um ſo unfreundlicher an; die Wolken zogen überaus ſchnell und ſo niedrig, daß ſie an den Kirchthürmen zerreißen zu müſſen ſchienen; der von der Seite kommende Regen peitſchte lärmend die Zugleder und drang ſelbſt in das Innere des Wagens ein; der Poſtillon ſelbſt konnte kaum 10 Schritte weit ſehen und hatte fortwährend nur die Pferde anzutreiben, welche den Wagen durch die tiefen Gleiſe kaum zu ſchlep⸗ pen vermochten. Er brummte vor ſich hin: „Hol der Teufel die paar Thaler, die mir der Milchbart gegeben hat! Auf der Landſtraße würde es bei dem Hundewetter immer noch leidlich gehen!“ „Wie?“ rief Bernard durch das halbzerbrochene vordere Fenſter. „Ich ſage,“ erwiederte der Poſtillon,„daß man in dieſem Wetter nicht gern einen Hund hinausjagen würde.“ Trotz allem Toben der Elemente hörten unſre Rei⸗ ſenden hinter ſich Pferdegetrappel und ſahen bald durch — p——„— racht erlor nur iinen deſen die ſie der die gens weit ben, lep⸗ der es — u— eine kleine Oeffnung des Zugleders zwei vermummte Reiter an der Diligence vorüberjagen. Nach wenigen Augenblicken waren ſie ihnen aus dem Geſichte ver⸗ ſchwunden. 1 „Wer waren dieſe Reiter?“ fragte Bernard durch das zerbrochene Fenſter hinaus. „So viel ich unter meinem Mantelkragen hervor bemerken konnte, waren es ein paar Leute von der Maréchauſſée.“ „Sollteſt Du Dich doch nicht getäuſcht haben?“ ſagte Bernard zu Charlotten;„mir kamen die Reiter verdächtig vor, denn ſie ſchienen ſich nicht bloß vor dem Regen zu verhüllen.“ „Ich halte es für klug, im nächſten Dorfe anzuhal⸗ ten,“ ſagte Charlotte. „Es wird auch nothwendig ſein,“ fügte Aubry hinzu,„denn die Pferde ſind zum Umſinken ermattet... Uebrigens ſcheint mir dieſer Weg, wenn wir ihn ffort⸗ ſetzen, zu irgend einem Canale zu führen... man kommt gewiß nicht immer mit einem bloßen Bade da⸗ von... und das Leben iſt doch ſo ſchön!“ Ohne darauf zu antworten, wendete ſich Bernard nochmals an den Poſtillon mit der Frage: „Iſt ein Dorf in der Nähe, wo wir einkehren könnten?“ 10* — 148— „Bis zum nächſten Dorfe,“ antwortete der Poſtillon durch die Fenſterlücke,„haben wir noch etwas über eine Stunde Wegs, wir jedoch werden unter drei Stunden nicht hinkommen; aber rechts dort drüben liegen die Ruinen eines Schloſſes, auf denen ſich ein unternehmen⸗ der Gaſtwirth niedergelaſſen hat, welcher von der gan⸗ zen Umgegend beſucht wird.“ „Iſt es weit hin?“ „In fünf Minuten können wir dort ſein.“ „Nun, dann in Gottes Namen rechts ab!“ Höchſt erfreut lenkte der Poſtillon die betrübten Pferde nach der angegebenen Richtung. Ein trefflicher Kiesweg führte durch eine Kaſtanienalle nach wenigen einſtockigen Gebäuden, die jenſeit eines mit Waſſer erfüllten Gra⸗ bens ſehr unvollkommen das von den Bauern verwüſtete Schloß repräſentirten. Kaum waren die Reiſenden in die Gaſtſtube eingetre⸗ ten, als die Fenſterſcheiben plötzlich von den Strahlen der Sonne erhellt wurden; das dicke Gewölk hing noch über der Gegend, aber im Weſten erſchien der ganze Him⸗ mel wolkenlos. Wir halten uns nicht damit auf, die Geſpräche wie⸗ derzugeben, welche zwiſchen einigen Landjunkern und den neuen Ankömmlingen über Wind und Wetter, über die — 149— llon Vorzüglichkeit der Lohn⸗ oder Poſtfuhren gepflogen wur⸗ eine den; es genügt uns hier zu bemerken, daß gegen 10 Uhr. nden alle Gäſte an ihren Herd zurückgekehrt waren und unſre die Reiſenden, ſich allein ſehend, nach einem kleinen Spa⸗ nen⸗ ziergange auf dem mit Waſſer umgebenen Boden, von 4 gan⸗ welchem aus nur zwei Dämme nach den Feldern führ⸗ ten, leidlich ermüdet und ganz furchtlos zu Bette gingen. ganz 9 3 ging Tiefe Ruhe herrſchte um das einſame Haus und be⸗ günſtigte die Nachtruhe der Bewohner deſſelben. Nach einem erquickenden Schlaf hofften Bernard, Char⸗ 8 erde lotte und Aubry am folgenden Morgen ihre Reiſe weg unter den gehörigen Vorſichtsmaßregeln fortzuſetzen, aber igen vor den Zugbrücken lauerte der böſe Feind und drohte hra⸗ die Hoffnungen der Reiſenden zu vereiteln. Leeclerc, ſtete Cottin und der handfeſte Fleiſcher ſpähten nach einem Kahne, um auf die Inſel überzuſetzen, da ſie ſich auf ttre⸗ den Dämmen durch die aufgezogenen Brücken gehemmt hlen geſehen hatten. noch„Du erhältſt 100 Livres mehr,“ ſagte Leclerc zum 1 dim⸗ Fleiſcher,„wenn Du das Fahrzeug dort drüben hierher ſchaffſt.“ wie⸗ Ohne zu antworten ſtieg der abgehärtete Mann in den das kalte Waſſer und ſaß nach wenigen Augenblicken im die Nachen, ruderte vermittelſt eines Bretes zurück, winkte — 150— den beiden Harrenden und fuhr ſie vorſichtig und ge⸗ räuſchlos nach den jenſeits liegenden Schloßtrümmern. „Mich friert mehr als mir lieb iſt,“ ſagte der Flei⸗ ſcher;„wenn es Euch recht iſt, ſo ſorge ich für meine Erwaͤrmung...“ „Recht ſo,“ flüſterte Leclerc ihm eine Flaſche rei⸗ chend;„da, trinke den Reſt; es iſt der beſte Branntwein den je ein Pariſer Deſtillateur gemacht hat.“ „Trocknet mir die Kleider nicht,“ verſetzte der Flei⸗ ſcher;„dort aber ſehe ich eine uberbaute Breterbude, die ſoviel Holz enthält, daß ſie die Fiſche im Graben zu braten im Stande iſt, wenn wir dieſelbe anzünden.“ Eine hölliſche Freude leuchtete aus den Augen der beiden Zuhörer. „Du biſt ein Genie!“ ſagte Cottin;„haſt Du aber auch die Mittel zur Brandlegung?“ „Schwamm und Schwefel genug, um ein ganzes Dorf anzuzünden.“ Leiſe ſchlichen ſich nun die drei Männer zwiſchen dem Geſtein hin nach dem Wirthshauſe, das ſie an allen vier Ecken anzündeten. Hierauf verkrochen ſie ſich hinter das nach dem Kahn hinlaufende Gemäuer. Bald ſahen ſte zu ihrer Freude die Flammen an mehrern Stellen des Daches hervorlecken und hörten das Geſchrei er⸗ „* L dem llen nter hen llen er⸗ nahe ſein, wo ſie ſich ihres Opfers bemächtigen und ihre Rache kühlen konnten. Sie bemerkten die Bemühungen des Wirths und ſeiner Leute das Feuer zu löſchen, erblickten unter der Haus⸗ thür den Gegenſtand ihrer ſchändlichen Begierde und machten ſich ſchon ſprungfertig, als die drei Gäſte, leicht bekleidet wie ſie waren, ihnen auf halbem Wege entgegen⸗ kamen. In einem Augenblicke, wo ſich Bernard nach dem brennenden Hauſe umſah, ſtürzten die drei Buben hinter dem Gemäuer hervor, packten mit unwiderſtehli⸗ cher Gewalt die ſchöne von den Flammen beleuchtete Charlotte und ſchleppten ſte mit Blitzesſchnelle nach dem Fahrzeuge. Auf das Geſchrei des armen Mädchens hatte ſich Bernard ſogleich wieder umgewendet und die Räuber einzuholen geſucht, kam aber durch das Geſtein erſt in dem Augenblicke an den Kahn, wo er vom Lande ſtieß. Ohne ſich lange zu beſinnen, ſprang er in's Waſſer, um den Nachen zu ergreifen und aufzuhalten. Glücklich er⸗ reichte er ihn und machte eben Anſtalt hineinzuklettern, als ihm Cottin den Dolch bis an's Heft in's Herz tauchte. „Charlotte!“ ſeufzte Bernard in's Waſſer zu⸗ rückfallend. Es war ſein letzter Ahemzug. ſchrockener Menſchen. Jetzt, jetzt mußte der Augenblick 824 9 3 4 — 4 — 12— „Otto, mein Otto!“ ſchrie Charlotte voll Ent⸗ ſetzen, nachdem ſie ſich aus Leclerc's Armen losge⸗ macht und das Tuch abgeriſſen hatte, womit man ihr den Mund verſtopft gehabt hatte. Zugleich ſchwang ſie ſich über den Rand des Kahnes hinab, ward aber noch von dem langen Meſſer ab⸗ ſcheulichen Fleiſchers erreicht, welches ihr von hinten durch Herz und Lunge drang. Aubrh ſtand bis an den Hals im Waſſer und ſchrie unausgeſetzt nach Hülfe, die aber natürlich nicht erſchien und ohnehin zu ſpät gekommen wäre. Bei dem Scheine der Feuersbrunſt ſah Aubry die Mordbrenner am jenſeitigen Ufer landen und in der Ka⸗ ſtanienallee verſchwinden. Der Theil des Schloßgrabens, wo ſich die beiden Leichen befanden, lag im Schatten des Ufergemäuers ſo daß ſie Aubry mit den Augen vergeblich ſuchte; doch in dieſem Augenblicke zertheilte ſich das Herbſtgewölk vor der Mondesſcheibe, und Thränen entſtürzten ſeinen Augen, als er ſeine Freunde feſt umſchlungen auf dem Waſſer ſchwim⸗ men ſah. Der Himmel ſchien ſich geöffnet zu haben, um ſeine Heiligen aufzunehmen. Ende. Druck von C. P. Melzer in Leipzig. durch Hals aber wäre. wim⸗ aben, —— — ———