1789. Hiſtoriſcher Roman h von Alexander Dumas. Deutſch von Lonis Bourdin. Zweiter Theil. Leipzig⸗ C. Berger's Buchhandlung. 1848. 1. Es befremdet beim erſten Anblicke, daß die Anhänger des Miniſteriums nichts thaten, um die alte Ordnung der Dinge mit Gewalt aufrecht zu erhalten. Indeſſen ſchienen ſie bloß nichts zu thun, weil ſie bei der Stim⸗ mung der Hauptſtadt nicht offen aufzutreten wagen durf⸗ ten. Im Stillen machten ſie allerdings ihre Verſuche. Eine Menge verdächtiger Bürger durchzogen die Stadt angeblich um ſie zu bewachen, in der That aber um ſie den auswärts harrenden Tyrannen zu verkaufen. Später wurden einige derſelben überwieſen und beſtraft. Wäh⸗ rend ſich eine Maſſe Soldaten unter die Fahnen des Vaterlandes ſtellten, zogen andre an abgelegene Orte und blieben da unter den Waffen ſtehen. Bald nach dem Fall der Baſtille kam ein Detache⸗ ment Huſaren und Dragoner in die Stadt und ritt bis ——— auf den Pont⸗Neuf. Der Anführer derſelben hielt der Statue Heinrich's IV. gegenüber und ſprach zum Volke: „Meine Herren, wir kommen uns mit Ihnen als mit unſern Brüdern zu vereinigen und werden für Sie käm⸗ pfen. Zugleich bin ich ermächtigt Ihnen zu erklären, daß das Cavalerie⸗Regiment Royal⸗Allemand ſowie alle Dragoner und Huſaren zu Ihnen übertreten werden.“ Dabei ſchoſſen die Reiter düſtere Blicke um ſich und ſchienen in der höchſten Unruhe zu ſein. Ein Bürger ſagte zum Officier: „Mein Herr, welches Pfand Ihrer Treue geben Sie uns, da Sie mit den Waffen in der Hand kommen ſich mit uns zu vereinigen? Zunächſt müſſen Sie ſich unter⸗ werfen. Steigen Sie alſo ab und legen Sie Ihre Waf⸗ fen nieder, um ſie dann aus den Händen der Nation wieder zu erhalten.“ Das kam dem Officier unerwartet. Er ſchwieg und ſah die Huſaren und Dragoner an. Dieſe weigerten ſich abzuſteigen und die Waffen niederzulegen. Sie wur⸗ den nun nach dem Stadthauſe gewieſen, wo ſie d·eſelbe, Weigerung ausſprachen. Hierauf brachte man ſie unter guter Bedeckung wieder vor die Barridre. Zu gleicher Zeit ſtellt ſich ein Mann vor dem Wäh⸗ ſich ter⸗ Jaf⸗ tion und rten vur⸗ elbe anter gäͤh⸗ lerausſchuß ein und verſpricht eine Summe von 500,000 Livres ſowie die Aufbringung von 5000 Mann, wenn man ihn zum Commandanten der Pariſer Milizen ma⸗ chen will. Und dieſer Mann hatte Verbindungen mit de Launoy und Fleſſelles unterhalten. Man dankte ihm für ſein Anerbieten, ohne es anzunehmen. Er zog ſich ſchleunigſt zurück, um dem Dank der Menge auszu⸗ weichen.. Alles, was mit Fleſſelles in Verbindung ſtand, konnte einem Verdacht der Kinneigung zum Hofe nicht entgehen. Man hatte nicht vergeſſen, wie er die verſchie⸗ denen um Waffen anhaltenden Deputationen von einem Orte an den andern ſchickte, wo Waffen verborgen ſein ſollten und doch nicht waren. Er ſchickte das Volk nach verſchiedenen weit von einander entlegenen Klöſtern und nach der Baſtille, obwohl er wußte, daß in den erſtern keine Waffen waren und in der letztern keine herausge⸗ geben wurden. Am Abend des 13. hatte er dem Di⸗ ſtriet St. Barthélémi geſagt, er habe für denſelben 400 Slinten, man möge nur den andern Morgen wiederkom⸗ men. Als nun die gutmüthigen Leute kamen, ſagte er zu ihnen, er werde gleich 400 Hellebarden machen laſſen. Man bewachte ſeit der Nacht vom 13. zum 14. die Thore, nahm die abgehenden Briefe weg und ſchaffte ſie nach dem Stadthauſe; es waren darunter zwei von Fleffelles, die ihn ſehr verdächtig machten. Während der ganzen Zeit, wo man die Baſtille ſtürmte, präſidirte Fleſſelles wie gewöhnlich im Aus⸗ ſchuß der Wähler, allein dieſe waren ſchon der Anſicht, daß er ſeine Stellung nur beibehalten habe, um mehr Mittel zur Ausführung ſeiner verrätheriſchen Abſichten in Händen zu haben. Er ſuchte ſich während der ganzen Zeit ein zuverſtchtliches Anſehen zu geben. Als aber das Volk vor dem Stadthauſe die Einnahme der Baſtille durch das wiederholte Geſchrei: Sieg, Sieg und Frei⸗ heit! verkündete, da zuckte Fleſſelles zuſammen und erblaßte vor Aller Augen. Nun kam die Fahne der Ba⸗ ſtille und eine blutige Hand hielt die Schlüſſel derſelben empor, eine Menge Gefangener und der lorbeerbekränzte Elie ließen keinen Zweifel mehr. Fleſſelles wollte zum böſen Spiele gute Miene machen; er hatte ſich ſo weit wieder erholt, daß er ſpre⸗ chen konnte; ſeine Worte waren: „Nachdem dieſes große Werk vollbracht iſt, liegt es uns ob, meine Herren, die Handhabung der Ordnung in —74 der Stadt zu regeln... Weiter war er noch nicht gekommen, als ſich eine neue Maſſe Volks in den Saal drängte. Sie kam aus 9 on dem Palais⸗Rohal und die Männer ſchoſſen giftige Blicke auf Fleſſelles, ſo daß dieſer zuſammenſchrak. Aber⸗ ille mals erblaſſend, fragte er was es gäbe. 1s⸗„O es iſt nicht viel,“ ſagte ein Mann in einem blauen hht, Kittel,„nichts als ein paar Zettel.“ 6 ehr„Wer hat ſie?“ fragte Fleſſelles. 1 ten Jetzt drängte ſich Bernard mit Charlotten durch zen die Menge; man machte ſo gut als möglich Platz. Der das junge Schweizer übergab dem erſten beſten Wähler Be⸗ ille ſenval's Billet. Man lieſ't es vor. Bei den Worten ei⸗ nſich bis auf den letzten Blutstropfen zu vertheidigen“ 1 ind entſteht ein wüthendes Geſchrei. Man vernahm Stimmen: Za⸗„Ei, Herr Prévôt, bedauern Sie denn nicht Ihren 4 ben. Freund? Man wird ſo eben gehen ihn für ſeine Volks⸗ azte freundlichkeit zu bezahlen!“ „Beſenval war mein Freund,“ ſagte Fleſſelles teene hoͤchſt beklommen,„aber ich habe ſeine Anſchläge nicht 1 ree ggekannt.. „Sondern getheilt,“ ſagte Charlotte Bourdin es vortretend. 6 in Fleſſelles wollte auffahren, aber das kühne Mäd⸗ M chen hielt das Billet empor und ſprach: eine„Soll ich Ihnen den Beweis liefern?“ Ein Wahler nahm das Billet und las: „An de Launoy. Ich halte die Pariſer mit Co⸗ carden und Verſprechungen hin. Bleiben Sie nur bis zum Abend ſtandhaft und Sie ſollen Verſtärkung erhal⸗ ten. Fleſſelles.“ Nach Anhörung dieſer Zeilen iſt es mit der Stand⸗ haftigkeit des Vorſtands der Kaufleute am Ende. Er verſucht einige Worte zu ſtammeln, aber es gelingt ihm nicht. Einige Wähler erbarmen ſich ſeiner und ſuchen die Abſcheulichkeit ſeines Verbrechens zu bemänteln. Sie werden nicht angehört. Aber eine Stimme aus dem Volke verſchafft ſich Gehör: „Gehen Sie, Herr von Fleſſelles; Sie ſind ein Verräther!“ „Ich ſehe wohl,“ antwortet der Prévöôt todtenbleich, „daß ich Ihnen nicht mehr anſtehe; ich ziehe mich zu⸗ rück.“ Nach dieſen Worten ging er wirklich aus dem Saale und die Stadthaustreppe hinab; aber er ward von meh⸗ rern Perſonen begleitet, die ihn beobachten ſollten. Dieſe Begleiter mochten ihm etwas unheimlich vorkommen; er ſagte zu ihnen noch auf der Treppe: „Meine Herren, zu Hauſe bei mir werden Sie ſehen, welche Gründe ich gehabt habe... ich werde Ihnen 7 das alles in meiner Wohnung auseinanderſetzen. in — 11— Auf der Straße ſuchte er ſich mit ſeiner Escorte ganz zu umgeben, um den neugierigen Blicken des aufgebrach⸗ ten Volks zu entgehen. Schon war er ſo bis über den Gréève⸗Platz und bis an die Ecke des Quai Pelletier gekommen, als ein junger Unbekannter mit dem Blick eines Wuthenden die Escorte durchbricht, dem ſchon wie⸗ der etwas ruhiger gewordenen Fleſſelles ein Piſtol perpendiculär auf den Kopf ſetzt und ihm zuruft: „Bis hierher, Verräther, und nicht weiter!“ Bei dieſen Worten drückt er ab, Fleſſelles taumelt zu Boden und ſogleich wird ſein Leichnam von Säbel⸗ hieben und Bajonettſtichen zerfleiſcht. Man ſchneidet ihm den Kopf ab und trägt ihn gleich dem ſeines Mitſchul⸗ digen aus der Baſtille auf einer Pike im Triumph durch die Straßen von Paris. Mit Fleſſelles war einer der gefährlichſten Volks⸗ feinde gefallen, das wußte man und drückte ſeine Freude durch Geſänge und wildes Geſchrei aus. Dennoch ver⸗ barg man ſich nicht, daß noch Feinde genug zu bekäm⸗ pfen übrig waren. Ein gewaltiger Volkshaufen durch⸗ ſuchte alle Schlupfwinkel, um Beſenval zu finden und ihm ſeinen Lohn zu geben, den er ebenſo gut verdient zu haben ſchien als Fleſſelles. Allein nirgends war er zu finden; er hatte ſich unter irgend einer Verkleidung durch ein Thor geſtohlen und der Dankbarkeit ſeiner Mitbürger entzogen. Wie nun, wenn Beſenval ſich an die Spitze der Truppen ſtellte, welche ringsumher die Hauptſtadt einſchloſſen? Hatte man ſich doch dem Hofe zu offen widerſetzt, um von deſſen Rache nicht etwas zu fürchten. Auf den König, dem man übrigens alles Gute zutraute, konnte man ſich nicht verlaſſen, weil ihm die wahre Geſtalt der Dinge gefliſſentlich verhehlt wurde. Abends um 7 Uhr trat Berthier, der Intendant von Paris, in das königliche Gemach. Der Monarch kam ihm mit der Frage entgegen: „Nun, Herr Berthier, was giebt's Neues? Was macht man in Paris? Wie weit iſt man mit den Un⸗ ruhen?“ „O, Sire, es geht alles ziemlich gut,“ antwortete der Intendant;„zwar haben ſich hin und wieder einige leichte Bewegungen gezeigt; indeſſen ſind ſie ſchnell unter⸗ drückt worden, ohne weitere Folgen zu haben.“ Schon ſeit dem Sonntag(12. Juli) waren die Schau⸗ ſpielhäuſer geſchloſſen, dem König aber legte man den Sonntag, den Montag und ſelbſt den Dienſtag(am 14.) beſonders für ihn fabrieirte Theaterzettel vor.— Der Staatscredit wankte bedeutend, den König aber erfreute 5 — — 13— man durch Courszettel, wonach die Papiere ſeit Necker's Entlaſſung ſtufenweiſe immer höher gegangen waren. Wußte man am Abend des 14. Juli in Paris auch nicht gerade dieſe Einzelheiten, ſo war doch das Verfahren der königlichen Umgebung hinlänglich bekannt. Daher glaubte man Urſache zu haben das Aeußerſte zu fürchten; auf einen ſtürmiſchen Tag verſah ſich jedermann einer ebenſo ſtürmiſchen Nacht. Als es zu dunkeln begann, hieß es auf einmal, der Feind ſei vor den Thoren von Paris, man habe ihn an der Barriére d'Enfer geſehen. Sogleich eilen unter Lei⸗ tung der franzöſiſchen Garden und mit einigem Geſchütz verſehen 1500 Bürger nach dem bezeichneten Orte, geben einige Musquetenſalven und— die feindlichen Truppen verſchwinden in der Dunkelheit der Nacht. Augenblicklich ſind alle erſten Etagen erleuchtet. Frauen, Greiſe und Kinder bewachen den häuslichen Herd, wäh⸗ rend ſich alle waffenfähige Bürger auf die Sammel⸗ plätze begeben. Um Mitternacht ertönt durch alle Straßen das Geſchrei:„Zu den Waffen! Der Feind iſt in den Vorſtaͤdten!“ Es war ein blinder Lärm, aber man wußte doch, daß die Hauptſtadt von 30,000 Soldaten bedroht wurde, und gab ſich keinen Augenblick der Ruhe hin. Die Stille der Nacht wird unterbrochen durch das Mar⸗ ſchiren der Patrouillen und Compagnien der National⸗ Garde, durch das Getön der Sturmglocken und den be⸗ ſtändigen Ruf:„Geht nicht zu Bette, Bürger! Sorgt für die Lämpchen, denn wir müſſen dieſe Nacht hell ſehen!“ Alle Straßen ſind verbarrieadirt und mit Grä⸗ ben durchfurcht, um die feindliche Cavalerie zu hemmen; die Fenſter ſtehen überall offen, damit ſogleich Steine und Meubles auf die Feinde herabgeſchleudert werden können, wenn er in der Stadt zu erſcheinen wagt. Wir ſehen, daß ſich die Stadt Paris auf den ſchlimmſten Fall gefaßt gemacht hat. Waren ihre Be⸗ ſorgniſſe aber nicht übertrieben? Kämpfte man nicht et⸗ wa gegen eine Art von Windmühlen? Wir können uns glücklicherweiſe im feindlichen Lager umſehen, was die Pariſer in jener Schreckensnacht nicht ſo gut vermochten. Als die erſte Nachricht von der Erſtürmung der Ba⸗ ſtille zu den Ariſtokraten nach Verſailles kam, ward ſie als eins von den vielen Mährchen betrachtet, welche man erfand, um die Vornehmen zur Nachgiebigkeit zu ſtim⸗ men. In ihren Augen war die Baſtille gar nicht zu erobern, wenn der Commandant ſeine Pflicht that. Erſt als mehrere Couriere mit verhängtem Zügel in Verſailles eintrafen, konnte man ſich entſchließen an die Wirklich⸗ keit der Kataſtrophe zu glauben. — 15 Die Verſchwornen waren einen Augenblick ſtarr vor Schrecken und Entrüſtung. Bald aber faßten ſie den Entſchluß die Nationalverſammlung anfzulöſen und die Aufrührer mit Waffengewalt niederzuſchmettern. Ein Courier nach dem andern fliegt nach den verſchiedenen Truppenabtheilungen und jeder überbringt den Befehl zum Angriff der Inſurgenten; aber die Truppen verwei⸗ gern theilweiſe den Gehorſam und— ſo wird eine un⸗ wiederbringliche Zeit verloren. Der Marſchall von Broglie erhielt Befehl den Ständeſaal mit Kanonen zu umzingeln und bei der geringſten Widerſetzlichkeit von Seiten der Nationalverſammlung alles niederſchießen zu laſſen. Er kommt noch in der Nacht vom 14.— 15. bei den Ver⸗ ſchwornen an, um ihnen die traurige Kunde zu bringen, daß die Kanoniere nicht gehorchen wollen.„Wohlan!“ ruft man ihm zu,„ſo ſchließen Sie Paris eng ein!“— „Das würde gehen,“ antwortet de Broglie,„wenn man ſich auf die Treue der Armee verlaſſen könnte.“ Die Blockade der Hauptſtadt, wovon die Ariſtokraten ſprachen, war bereits ſeit zwei Tagen begonnen. Man ließ keine Lebensmittel hinein und ſchien durch Hunger erzwingen zu wollen, was man nicht mit den Waffen zu erreichen hoffte. Freilich kannte man die Hingebung und Energie der Patrioten nicht, welche die Anſchlaͤge ihrer — —— — 16— Feinde durchſchaut hatten. Einer derſelben hatte zu ſeinen Mitbürgern geſagt:„Wenn wir kein Brod mehr haben, ſo ziehen wir in Maſſe nach Verſailles, um dem König perſönlich unſre Noth zu klagen; ſobald dieſer gute Vater ſie kennt, wird er nicht anſtehen ſeine Kinder zu ernähren. Sollten ſich die Ariſtokraten unſerm Zuge in den Weg ſtellen, ſo werden wir ihre Mütter, Frauen und Kinder vor uns hergehen laſſen und zu ihnen ſagen: Ihr habt vergeſſen daß wir Menſchen ſind wie Ihr; jetzt müßt Ihr wenigſtens daran denken, daß Ihr Gatten und Väter ſeid, und erſt Euer eignes Blut vergießen, ehe Ihr das un⸗ ſrige vergießen könnt!“ In der Nationalverſammlung ſelbſt kannte man die Gefahr nicht, die über ihrem Haupte ſchwebte. Man ſprach dort über einen Plan für die neue Conſtitution, während die Miniſter und ihre Mitſchuldigen die Will⸗ kührherrſchaft für immer zu begründen dachten. Mira⸗ beau ſetzte eben(am 14. Abends 5 Uhr) mit ſeiner ge⸗ wöhnlichen Beredtſamkeit aus einander, wie dringend die Zurückziehung der Truppen ſei, als der Herr von Noail⸗ les von Paris eintraf und der Nationalverſammlung die Kunde brachte, das Invalidenhotel ſei vom Volke er⸗ brochen und die Baſtille belagert worden. Sogleich geht eine zahlreiche Deputation an den König ab, um ihn von der ganzen Wahrheit zu unterrichten, die ihm bisher ver⸗ hehlt worden iſt, und um ihn um Zurückziehung der Truppen zu bitten. Unterdeſſen melden zwei Perſonen, von den Pariſer Wählern abgeſchickt, de Launoy’'s Treuloſigkeit und Beſenval's verdächtige Handlungs⸗ weiſe. Die Antwort des Koͤnigs athmete die Geſinnung ſeiner Umgebungen und befriedigte die Nationalverſamm⸗ lung nicht. Dieſe ſendet noch eine Deputation an ihn ab und beſchließt ſich die Nacht über nicht zu trennen. Mitten in der Nacht verſchafft ſich der Herr von Lian⸗ court Gehör beim König und enthüllt ihm den wahren Stand der Dinge. Der König ſcheint gerührt, aber der Graf von Artois meint, daß jede Nachgiebigkeit, jedes Zugeſtändniß deren immer mehr herbeiführen müßte.„Ah, mein Prinz,“ ruft ihm Liancourt zu,„ſehen Sie ſich vor! Ihr Haupt iſt geächtet! Ich habe den Anſchlag dieſer ſchrecklichen Aechtung geleſen!“ Entſetzt tritt der Graf von Artois zurück und nimmt ſich vor, die vä⸗ terlichen Abſichten des Königs nicht mehr zu hintertreiben. Der König verheißt dem Herrn von Liancourt ſich am andern Morgen in die Nationalverſammlung zu begeben. Als dieſer den Entſchluß des Königs in der Verſamm⸗ lung verkündet, entſteht ein allgemeiner Jubel, nur Mi⸗ rabeau erhebt ſich mit dem ernſten Wort:„Dieſe Fröh⸗ 1789. II. 2 lichkeit, meine Herren, ſticht gar ſehr gegen die Leiden des Volks ab! Nur ſchweigende Achtung empfange den Mon⸗ archen in dem Augenblicke der Trübſal! Das Schwei⸗ gen der Völker iſt die Lehre der Könige!“ Der Monarch erſcheint und wird ſchweigend empfangen. Nur von ſei⸗ nen Brüdern begleitet, bleibt er ein paar Schritte von der Thür ſtehen und hält eine Anrede. Er verſichert ſeine Bereitwilligkeit den Unruhen ein Ende zu machen, macht bekannt, daß er die Zurückziehung der Truppen befohlen hat, und bittet die Verſammlung ihn in ſeinen friedlichen Beſtrebungen zu unterſtützen, indem er ſich auf ſie verlaſſe. Rauſchender Beifall begleitet ſeine Worte. Dann erhebt ſich der Präſtdent und ſpricht mit bewegter Stimme:„Sire, ich danke Ihnen im Namen der Ver⸗ treter der Nation, daß Sie uns Worte des Friedens haben hören laſſen, daß Sie Befehl ertheilt haben die Truppen zurückzuziehen. Indeſſen kann ich nicht umhin Ewr. Majeſtät bemerklich zu machen, daß die erſte Urſache zu Unruhen in der Entlaſſung volksgeliebter Miniſter lag. Schließlich füge ich im Namen der Verſammlung noch die Bitte hinzu, ſtets zwiſchen ihr und Ewr. Majeſtät eine unmittelbare Communication zu geſtatten.“—„Dieſe Communication,“ ſagte der König,„wird ſtets frei ſein und ich werde mich niemals weigern Sie zu hören.“ Nach du des kon⸗ wei⸗ arch ſei⸗ von hert hen, pen nen auf rte. gter zer⸗ ens die hin iche ag. och ſtät ieſe ein ach — 19— dieſen Worten zog ſich der König wieder zurück, begleitet von dem Rufe:„Es lebe der König!“ Und wie durch eine Beſprechung erhebt ſich die ganze Nationalverſamm⸗ lung um dem König bis an ſeine Wohnung das Geleit zu geben. Unterwegs wühlt ſich eine Frau durch die Deputirten, drängt den Grafen von Artois von dem König weg, fällt letzterem zu Füßen und ruft:„Ah, mein König, iſt es auch aufrichtig was Sie geſagt haben? Wird es nicht gehen wie vor 14 Tagen?“—„Ja, meine Beſte,“ antwortete der König,„was ich geſagt habe, wird geſchehen; nie werde ich meine Anſicht ändern... nie bis zu meinem letzten Seufzer...“ Im Schloſſe ange⸗ kommen, ſah man auf dem Balcon des Marmorhofs die Königin, welche den Kronprinzen an's Herz druͤckte, dieſe Hoffnung einer großen Nation. Der Monarch aber eilte in die Capelle, um Gott ſeinen Dank darzubringen, daß er ihm die Liebe ſeines Volks erhalten habe. Und Aeuße⸗ rungen der Volksliebe verſchmolzen mit den königlichen Dankgebeten. Dieſe friedfertige Stimmung des Hofes oder vielmehr des Königs war aber freilich in der Hauptſtadt unbe⸗ kannt, wo man noch am Morgen des 15. blutige Häupter durch die Straßen trug und dadurch die Wuth des Volkes— ſtachelte. Eben ging der Zug damit an der Seine hin, 2* — 20— als ſich ein junger Menſch mit einem Geſicht wie Milch und Blut entgegenſtellte und zu ſprechen verlangte. Das Getöſe und Gedränge war aber ſo groß, daß an kein Sprechen zu denken war. Da rief ein Mann in blauem Kittel mit einer Stentorſtimme: „Schweigt einmal, meine Freunde! Die Tochter der Baſtille will ſprechen!“ „Wer?“ „Die Tochter der Baſtille oder die Schweizerbraut!“ „Ah, ah!“ riefen mehrere Stimmen;„ſie hat das Wort! Haltet mit dem Zuge! Was will ſie uns ſagen?“ „Meine Freunde,“ begann Charlotte mit ihrer lieb⸗ reizenden Stimme und noch etwas außer Athem durch das Gedränge,„wir ſind die Kämpfer der Freiheit; wir wiſſen unſre Feinde zu vernichten, aber dann ſind wir wieder die guten ſanften Leute von ehedem; wir tödten die Tyrannen, aber wir weiden uns nicht an ihrem Blut! Freunde, werft die Reſte der Wüthriche in die Wellen der Seine, eine willkommene Beute ihrer Brüder, der raubgierigen Fiſche!“ „In die Seine mit den Ungeheuern!“ rief die Menge; „fort damit!“ Und ſogleich plumpten die bläulichen Köpfe in's Waſſer. Milch Das kein auem r der 18 das 2“ lieb⸗ durch wir wir ödten glut! eellen der nge; in's — ½— Nun lief die ganze Volksmenge wieder nach dem Stadthauſe, um ſich nach dem Stande der Dinge zu er⸗ kundigen. Welches Schauſpiel bot Paris am Morgen des 15. Juli dar! Alle Bürger zogen bewaffnet einher, mochten ſie nun Flinten oder Spieße, Beile, Senſen oder Hippen fuͤhren. Mehr als 100,000 Mann, zum Theil noch mit Blut bedeckt, liefen durch die Straßen unter dem Geſchrei: Es lebe die Freiheit! Es lebe die Nation! Das Stadthaus war ſtets von einer gewaltigen Volks⸗ menge belagert und jetzt wälzte ſich noch ein großer Haufe heran. Mitten unter dieſem Tumult arbeiteten die Wäh⸗ ler unausgeſetzt daran die Sache der Freiheit, die des Vaterlandes zu ſichern. Für dieſe glaubten ſte nicht beſſer ſorgen zu können, als wenn ſie an die Spitze der be⸗ waffneten Cohorte den Mann ſtellten, der in Amerika's Gefilden für dieſelbe gefochten, und die Zügel der allge⸗ meinen Verwaltung von Paris dem tugendhaften und ein⸗ ſichtsvollen Bürger anvertrauten, welcher mit ſo ruhm⸗ voller Umſicht an der Spitze der Nationalverſammlung den combinirten Beſtrebungen des Despotismus und der Ariſtokratie widerſtanden hatte. La Fahette ward zum Generalrommandanten der Nationalgarde und Bailly zum Maire von Paris ernannt(denn der Titel eines Vor⸗ * ſtanbes der Kaufleute war bereits dem allgemeinen Ab⸗ ſcheu verfallen). Es war ein herrlicher Sommertag und man erwartete eine Deputation der Nationalverſammlung, welche ſich durch die Augen ihrer Mitglieder vom wahren Stand der Dinge unterrichten wollte. Alle Fenſter und ſelbſt viele Dächer waren mit Menſchen erfüllt und der Weg nach Verſailles von zwei Reihen Zuſchauern beſetzt. Jeder Mund floß von Glückwünſchen über. Die 84 Deputirten ſtiegen an der Barriére de la Con⸗ férence aus ihren Wagen und begaben ſich zu Fuß nach dem Stadthauſe. Ueberall tönte ihnen das Wort der Liebe und des Vertrauens entgegen. Man nannte ſie die Ret⸗ ter und Befreier Frankreichs, die Märtyrer des Vater⸗ landes und der Freiheit. Schon unterwegs wurden Bailly und de la Rochefoucault mit Kraͤnzen geſchmückt, Lafahette unter Thränen der Freude und Bewunderung umarmt, die Redner Clermont⸗Tonnere und Lally⸗ Tolendal mit Palmzweigen beſchenkt. Auf dem Rathhauſe nahm zuerſt Lafahette das Wort und ſprach: „Meine Herren, der ſchöne von der Nationalverſamm⸗ lung ſo herbeigeſehnte Augenblick iſt endlich erſchienen. Der König war hintergangen und iſt es nicht mehr; er Ab⸗ tete ſich der iele nach eder on⸗ nach iebe Ret⸗ ter⸗ lly ückt, ung ly⸗ das nm⸗ nen. 3 er — 23— kam heute in unſre Mitte, und zwar ohne das Gepränge, welches die Fürſten zu umgeben pflegt und guten Königen ſo entbehrlich iſt. Er hat uns geſagt, daß er den Trup⸗ pen Befehl ertheilt hat ſich zurückzuziehen. Vergeſſen wir die erlittenen Unfälle, oder denken wir vielmehr nur daran für die Zukunft ähnliche zu vermeiden.“ Hierauf las Lafayette die königliche Rede vor, welche mit dem rauſchendſten Beifall gehört wurde. Das Beifallsgeſchrei verbreitete ſich aus dem Saale bald auf den Gréve⸗Platz, auf die Quais, auf die benachbarten Straßen und Plätze. Als es wieder etwas ruhiger geworden war, ſagte Lally⸗Tolendal:„Ihre Mitbürger, meine Herren, Ihre Freunde und Brüder, Ihre Repräſentanten kommen Ihnen den Frieden zu bringen. Unter den unheilvollen Umſtänden, wie ſie eben noch ſtattfanden, haben wir keinen Augenblick aufgehört Ihr Herzeleid zu theilen, aber Ihr Groll hat billig auch unſer Herz geſchwellt. Wenn uns in Zeiten der öffentlichen Betrübniß etwas tröſten kann, ſo iſt es die Hoffnung, daß wir Sie vor den noch drohen⸗ den Leiden bewahren.— Man hatte Ihren guten König getäuſcht, ſein Herz mit dem Gift der Verleumdung er⸗ füllt und ihm Scheu vor einer Nation eingeflößt, die er zu regieren das Glück und die Ehre hat.— Wir haben — 2 X ihm die Wahrheit enthüllt. Sein Herz erſeufzte; er kam in unſre Mitte und vertraute ſich uns d. h. Ihnen. Er verlangte unſern d. h. Ihren guten Rath. Wir haben ihn im Triumphzug zurückgeleitet und das verdiente er. Er ſagte uns, die fremden Truppen ſollten ſich ſofort zurückziehen, und wir hatten die unausſprechliche Freude ſie wirklich abziehen zu ſehen... Alles athmet jetzt Ruhe und Friede, und was uns der König ſagte, wie⸗ derhole ich Ihnen im Namen der Nationalverſammlung: Ich verlaſſe mich auf Sie.“ Nachdem auch noch Clermont⸗Tonnere und Lian⸗ eourt in ähnlichem Sinne geſprochen hatten, erhob ſich Moreau de St. Mérh und ſprach mit freudig beweg⸗ ter Stimme: „Sagen Sie dem König im Namen der Stadt, daß er ſich heute den Titel eines Vaters ſeiner Unterthanen erworben hat, daß er von denen getäuſcht worden iſt, die ihm Furcht und Schrecken eingeflößt haben; ſagen Sie ihm, daß wir bereit ſind ihm zu Fußen zu fallen; ſagen Sie ihm, daß der erſte König der Welt derjenige iſt, welcher die Ehre hat über die Franzoſen zu herrſchen.“ Nach dieſer Rede näherten ſich die Soldaten mit ihren Fahnen und überreichen ſie als Friedenszeichen den Herren von Lally⸗Tolendal und Liancourt. Der Erz⸗ noch eine Menge nicht zu — 25 biſchof von Paris ſprach noch einige Worte über das Un⸗ heil, welches über die Hauptſtadt hereingebrochen war, und begab ſich dann mit den Deputirten der National⸗ verſammlung und einer un Bürgern in die Kathedrale Als d zähligen Menge von andern „um ein Te Deum zu ſingen. ie Ceremonie vorüber war und das Volk wieder aus der Kirche ſtrömte, ertönten alle benachbarten Straßen und Plätze von Freudengeſchrei, der Ruf miſchte:„Wir wün den wir ſo ſehr lieben!“ und:„Der patriotiſche Miniſter ſoll wiederkommen, welchen die Ariſt haben!“ unter welches ſich auch ſchen den Känig zu ſehen, okraten vertrieben Die Deputirten der Nationalverſe ammlung waren hoch⸗ erfreut, ſo gute Nachrichten mit nach Verſailles zu brin⸗ gen. Auch ihre Rückkehr glich einem Triumphzuge. Aber die Worte des Königs und der Nationalverſammlung ge⸗ fielen nicht den Miniſtern und deren Anhängern. Dieſe ſuchten aus allen Kräften entgegenz Obgleich Lally⸗Tolendal geſagt hatte, daß er die Truppen habe abziehen ſehen(was allerdings auch theil⸗ weiſe geſchehen war), ſo bemerkten die Pariſer doch bald ihnen gehöriger Soldaten in Sie erkundigten ſich nach che dieſer Zögerung und erhielten uwirken. den Umgebungen der Stadt. der Urſa zur Antwort, die Trnppen müßten erſt von ihren Strapazen ausruhen, um ſich mit Ordnung in Marſch zu ſetzen und ihr Gepäck aufzunehmen. Zugleich erfährt man, daß am nämlichen Morgen in St. Denis zwei neue Regimenter angekommen ſind. Ein Mehlfuhrmann kommt in die Stadt und mel⸗ det, daß ſeine Wagen in St. Denis angehalten worden ſeien; er habe ſich in aller Stille in die Stadt begeben, um von dieſem Attentat Anzeige zu machen. Durch alles dies werden die Schritte des Königs und der National⸗ verſammlung unwirkſam. Man ſieht ſich immer noch von der alten Verſchwörung umgeben und ruft aus:„Der König iſt nach wie vor getäuſcht!“ Man rüſtet ſich in Paris für die nächſte Nacht noch furchtbarer als die vor⸗ hergehende, und auch die Illumination iſt weit allgemeiner. Doch bevor es noch Abend wird, erſchallt das Gerücht, der Feind wolle ſich der Baſtille wieder bemächtigen. Es war etwas daran. Es hatte ſich ein Sergeant an der Spitze zweier Compagnien vor der Feſte gezeigt, jedenfalls um ſie durch einen Handſtreich zu nehmen, allein der dort commandirende wackre Bürger⸗Officier ließ gleich die Bajonette gegen die Ankömmlinge kehren, welche von einem ſo unvermutheten Widerſtande überraſcht waren und ihr Heil in einem eiligen Rückzuge ſuchten. Gleich ging noch ein Corps Bürger nach der Feſtung und blieb darin unter — 8 —— —— dem Namen„Freiwillige der Baſtille.“ Auch kam die Nachricht auf's Stadthaus, vor den Barridren Belleville und Mesnil⸗Montant her⸗ umſchweiften, um in der Dunkelheit die dort aufgep ten Kanonen zu nehmen. daß Dragoner und Huſaren flanz⸗ Das ward durch ſtarke Pa⸗ trouillen von Freiwilligen verhindert. Ferner brachte man von Zeit zu Zeit ſchlechte Bürger vor den Wähleraus⸗ ſchuß, welche ſich zu Patrouillen vereinigt und ſo recog⸗ noseirt oder gar geplündert hatten. Unter ſo bewandten Umſtänden konnte nicht eher Ruhe werden, wenigſtens wie man auf dem Stadthauſe ur⸗ theilte, als bis man die Urſache und den Vorwand der Unruhen entfernt hatte. Seit mehr als 24 Stunden hörte man auf den Straßen das oft wiederholte Geſchrei: Die neuen Miniſter ſturzen das Vaterland in’s Unglück! Man muß Necker wieder haben! Paris kommen und dem V 2 Der König muß nach olke der Hauptſtadt verſichern, daß ihm die Ruhe ſeiner Unterthanen lieber iſt als die Schmeicheleien ſeiner Miniſter!“ u. ſ. w. Die Wähler ſandten wieder eine Deputation nach Verſailles, um der Nationalverſammlung die Nichtvollziehung der kön Befehle und die Wünſche des Volks w Dieſe Botſchaft brachte die Volksrep geringe V niglichen iſſen zu lafſen. räſentanten in nicht Berlegenheit, denn wenn ſie auch den 7 * König ver⸗ mochten nach Paris zu gehen, ſo konnten ſie ihm doch nicht das Recht beſtreiten, ſeine Miniſter ſelbſt zu wählen. Während die Abgeordneten der Nation mitten in der Nacht darüber debattiren, wie man dem Könige die Wünſche des Volks auf gute Manier hinterbringen könne, erſcheint der Erzbiſchof von Vienne in der Verſamm⸗ lung mit der Nachricht, daß die Miniſter ſämmtlich ihre Portefeuilles niedergelegt haben, und überreicht zugleich einen Brief Sr. Majeſtät an Necker, worin um deſſen Rückkehr gebeten wird. Sogleich vereinigte die National⸗ verſammlung ihre Bitten mit denen des Königs, daß ein Mann zurückkehre, welcher die Generalſtände einberufen und die Zahlgleichheit der Repräſentanten des dritten Standes mit den übrigen Deputirten durchgeſetzt hatte. Endlich ließ der König auch noch ſagen, er werde ſich am folgenden Tage nach Paris begeben. Groß war in der Nationalverſammlung die Freude, aber in der Hauptſtadt wollte man nicht an dieſe günſtige Wendung der Dinge glauben, weil man ſchon zu oft getäuſcht worden war. Auch wurde das Mißtrauen durch manche neue Entdeckungen genährt. Mit Stroh beladene Bauerwagen, welche nach der Stadt kamen, wurden durch⸗ ſucht und man fand unter der Ladung die prachtvollſten Waffen. Es wurden in Lumpen gehüllte Bettler einge⸗ ——. — 29— bracht, welche in den Umgebungen der Stadt umher⸗ ſchweiften, und für große Herren erkannt. Dem Hof ergebene Dragoner und Huſaren hatten ſich in der Uni⸗ form der franzöſtſchen Garde eingeſchlichen und ſchienen auf einen Handſtreich zu lauern. Am Morgen des Don⸗ nerſtags ſagte man in Paris:„Der König kommt nicht; man läßt ihn nicht kommen; man hindert ihn!— „Wohlan,“ tröſteten die Bürger in den Diſtrieten,„wenn der König bis morgen Mittag nicht da iſt, ſo marſchiren wir in vier Corps zu 20,000 M. geradeswegs nach Ver⸗ ſailles, nehmen den König mitten aus den Verräthern heraus und decken ihn mit unſern Leibern; während ihn 40,000 M. nach Paris führen, werden andre 40,000 die Ariſtokraten verjagen und das Schloß von Verſailles dem Erdboden gleich machen.“ Dennoch machte man ſich zum Empfange des bereit. Schon früh um 7 Uhr waren 150,000 unter den Waffen und bildeten eine Hecke vom Stadthauſe bis nach Paſſy. Mehrere Reiter wurden nach Verſailles zu geſandt, die nichts geſehen haben wollten. Um 2 Uhr meldete ein junger Mann, Köoͤnigs Bürger daß der König unterwegs wäre, aber nur ſehr langſam vorwär jeden Augenblick anhalten müßte. ſah man in der Ferne eine Staubw ts käme, weil er Um 3 Uhr endlich olke aufwirbeln. Der König kam. Er war begleitet von mehr als 300 Depu⸗ tirten der Nationalverſammlung und von einem unzäh⸗ ligen Volkshaufen. Der Zug ward eröffnet von der Garde zu Pferde, dann kamen die franzoſiſchen Garden mit ihren Kanonen aus der Baſtille vor ſich her, hierauf folgten in doppelter Neihe die Deputirten, umgeben von zahlreichen Bürger⸗ geman; vor dem Generalcommandanten Lafahette ritt eine Schaar Freiwilliger; das Gemälde ward vervollſtän⸗ digt durch die Pariſer Stadtwache, die Muſikbanden, die weißgekleideten Damen der Halle, welche dreifarbige Bän⸗ der und Lorbeerzweige trugen u. ſ. w. An der Barrieère ward der König von der Municipalität empfangen, an deren Spitze der ehrwürdige Bailly ihm die Schlüſſel der Stadt auf einem ſilbernen Teller überreichte und zu ihm ſprach: „Sire, ich überreiche Ewr. Majeſtät die Schlüſſel Ih⸗ rer guten Stadt Paris. Es ſind dieſelben, welche Hein⸗ rich dem IV. übergeben wurden; er hatte ſein Volk wiedererobert, jetzt hat das Volk ſeinen König wieder⸗ erobert. Sie werden ſich des Friedens erfreuen, den Sie in Ihrer Hauptſtadt wieder hergeſtellt haben; Sie werden ſich der Liebe Ihrer Unterthanen erfreuen. Zu Ihrem Glück haben ja Ew. Majeſtät die Repräſentanten der Nation um ſich verſammelt, mit denen Sie befliſſen ſind den Grund zur Freiheit und Staatswohlfahrt zu legen. Welch ein denkwürdiger Tag, wo Ew. Majeſtät ſich als Vater in dieſer zahlreichen Familie niederzulaſſen kamen, wo Sie von der ganzen Nationalverſammlung nach Ihrem Palaſt zurückgeleitet, von den Repräſentanten der Nation bewacht und von einem unermeßlichen Volke umdrängt⸗ wurden. Ihre erhabenen Züge drückten Ihre Geficia⸗ aus, während um Sie her nichts als Freudengehrei tönte und Thränen der Liebe und Rührung floſſen. Sire, weder Sie noch Ihr Volk werden je dieſen großen Tag vergeſſen; es iſt der ſchönſte der Monarchie, iſt die Epoche der ewig dauernden Verbindung zwiſchen dem Monar⸗ chen und dem Volke. Dieſer Zug iſt einzig und weiht Ew. Majeſtät der Unſterblichkeit. Ich habe dieſen ſchö⸗ nen Tag erlebt und habe das Glück, Ihnen den Ausdruck der Ehrfurcht und Liebe von Seiten meiner Mitbürger darzubringen.“ Der König hörte dieſe Rede ſchweigend mit an. Er war etwas bläſſer als gewöhnlich, denn in ſeinen Zim⸗ mern zu Verſailles hatte man ihm Paris als eine Mör⸗ dergrube geſchildert, ja die Königin hatte ihn mit thrä⸗ nenden Augen gebeten, ſich nicht in dieſe verruchte Haupt⸗ ſtadt zu wagen. Beſonders auffällig ſchien es ihm zu ſein, daß er ſich jetzt, ſo weit ſein Auge reichte, von Bewaffneten umgeben ſah. Auf dem ganzen Wege nach dem Stadthauſe hörte man nichts als den Ruf:„Es lebe die Nation!“ Nicht einmal die Anhänger des Hofs wagten zu rufen: Es lebe der König! Die Unterlaſſung dieſes ſo oft gehörten Rufs mußte den König freilich mit noch größerer Be⸗ ſorgniß erfüllen, und doch durfte er ſich dieſelbe nicht merken laſſen. Auch die Muſik vor und hinter dem Wa⸗ gen ſpielte weiter nichts als Lucile's Quartett: Wo kann man ſich wohler fühlen als im Schoße ſeiner Fa⸗ milie*)? Eine kleine Freude hatte jedoch der arme Ludwig am Pont⸗Neuf; dort ſtand nämlich zahlreiches Geſchütz, in deſſen Mündung und Zündlöchern herrliche Blumenſträuße mit der Inſchrift ſtaken:„Ihre Gegenwart hat uns entwaffnet; bei Ihrem Anblick ſprießen Blumen aus den Donnerbüchſen, die uns Ihre und unſre Feinde aufzufahren zwangen.“ Erſt im großen Stadthausſaale, als ſich der König auf den für ihn bereit gemachten Thron geſetzt hatte, hörte er das zu lange vermißte Ge⸗ ſchrei:„Es lebe der König!“. Sowie es wieder ſtill wurde, verlas man das Pro⸗ —— — Vn 8 tocoll des Stadthauſes über die Errichtung der Bürger⸗ garde zu Paris, die Ernennung Lafayette's zum Ge⸗ te neralcommandanten und de Bailly's zum Maire. Dann ht b ſprach Moreau de St. Méry: ,„Welches Schauſpiel giebt uns heute ein Bürgerkönig, welcher ſo eben die Geſetze wieder in's Leben gerufen hat und nur durch ſie herrſchen will! Welch ein Glück zt für dieſen König ſich an dem rührenden Schauſpiel der 1⸗ Liebe ſeines Volks zu erfreuen! Hier iſt dieſes Volk, Sire, das man vor Ihren Ohren ſo nichtsw ürdig ver⸗ 7 leumdet hat...(Bei dieſen Worten legte der Fürſt — ſeine rechte Hand auf's Herz und verbeugte ſtch)... Ihre Geburt erhob Sie auf den Thron, jetzt verdanken 1 e 3 Sie ihn Ihren perſönlichen Tugenden. Ihre Regierung 1 wird die Epoche der Freiheit ſein, und wenn es für die 1 Throne der Könige keine feſtere Baſis giebt als die Liebe und Treue der Völker, ſo iſt der terlich.“ — —₰ —— 80 — Ihrige unerſchüt⸗ 1 Zweimal ſchien der Koͤnig ſprechen zu wollen, gleich⸗ — wohl aber zu ergriffen zu ſein, um ſich nach ſeinen Wuͤn⸗ ſchen ausſprechen zu können. und Ethis de Corny, Stadt, nahm das Wort: Seine Augen wurden feucht königlicher Proeurator der — 1 . 7 9. 2 1 „Zum ewigen Gedächtniß dieſes großen Tages erhebe „ . 14789. II. 3 — 34— ſich auf den Ruinen der Baſtille ein Monument für Ludwig XVI., den Wiederherſteller der öffentlichen Frei⸗ heit und Nationalglückſeligkeit, für den Vater des fran⸗ zöſiſchen Volks!“ Dies ward von der Verſammlung mit großem Bei⸗ fall aufgenommen. Dann näherte ſich Bailly dem Throne des Monarchen, als wolle er ſeine Befehle em⸗ pfangen, und ſprach: „Meine Herren, der König iſt gekommen, um die Be⸗ ſorgniſſe zu heben, welche etwa noch exiſtiren könnten, und um ſich der Gegenwart und Liebe ſeines Volks zu freuen. Se. Majeſtät wunſcht, daß Friede und Ruhe wieder in der Hauptſtadt einziehen, daß alles zur ge⸗ wohnten Ordnung zurückkehre und daß, wenn man die Geſetze übertreten ſollte, die Schuldigen dem Arm der Gerechtigkeit überliefert werden.“ Endlich nahm der gewaltige Lally⸗Tolendal das Wort: „Nun, Bürger, ſeid Ihr zufrieden? Hier habt Ihr den König, den Ihr mit ſo großem Geſchrei verlangtet, deſſen Name Euch ſchon entzückte, als wir ihn vor zwei Tagen in Eurer Mitte nannten. Freut Euch ſeiner Ge⸗ genwart und ſeiner Wohlthaten. Er iſt mitten unter Euch getreten, der Euch Eure Nationalverſammlungen — 3 5 wiedergab und erhalten will, Sicherheit des Eigenthums au lagen bauen will. Er hat Eu Nacht mit Euch zu theilen und ſich nur diejenige Auto⸗ rität vorbehalten, welche für Euer Glück nöthig iſt, die ihm ſtets gehören muß... Ah, er tröſte ſich, ſein edles und reines Herz nehme von hier den Frieden deſſen er ſo würdig iſt... Größe hat er in unſre Liebe geſetzt, nur aus Liebe ver⸗ langt er Gehorſam, nur von der Liebe will er bewacht ſein; wohlan denn! zeigen wir, daß wir nicht minder gefühlvoll, nicht minder edelmüthig ſind als unſer König, zeigen wir ihm, daß auch ſeine Macht und ſeine Größe tauſendmal mehr gewonnen als aufgeopfert haben!.. Und Sie, Ew. Majeſtät, geſtatten Sie einem Untertha⸗ nen, der nicht treuer oder ergebner i*ſt als alle die von denen Sie umgeben ſind, der es aber ebenſo ſehr iſt als alle die welche Ihnen gehorchen, geſtatten Sie ihm ſeine Stimme zu Ihnen zu erheben und Ihnen zu ſagen: Hier ſehen Sie das Volk vor ſich, welches Sie anbetet, das Volk welches ſchon bei Ihrer Gegenwart vor Luſt tau⸗ melt und deſſen Geſtnnungen gegen Ihre geheiligte Per⸗ ſon niemals in Zweifel gezogen werden können... Schauen Sie ſich um, Sire! Schöpfen Sie Troſt beim 3* ch zugeſagt gleichſam ſeine mit, Seine ganze Macht und der Eure Freiheit und die f unerſchuͤtterliche Grund⸗ — 36 Anblick aller dieſer Bürger Ihrer Hauptſtadt. Sehen Sie ihnen in die Augen, hören Sie ihre Stimmen, ſchauen Sie in die Herzen, die Ihnen entgegenfliegen. Hier iſt keiner, der nicht für Sie, für Ihre geſetzmäßige Autorität den letzten Blutstropfen vergöſſe!... Nein, Sire, das heutige Geſchlecht der Franzoſen iſt nicht ſo unglücklich, daß es ihm aufbehalten ſein ſollte vierzehn Jahrhunderte der Treue Lügen zu ſtrafen. Wir würden nöthigenfalls Alle unſer Leben dahingeben, um einen Thron zu vertheidigen, der uns ebenſo heilig iſt als Ihnen und Ihrer erhabenen Familie, den wir vor acht Jahrhunderten errichtet haben... Zur Hölle mit den Feinden des Staats, welche noch Zwietracht zwiſchen die Nation und ihr Oberhaupt ſäen wollen! König, Unter⸗ thanen, Bürger, vereinigen wir unſre Herzen, unſre Wünſche, unſre Beſtrebungen und geben wir dem Uni⸗ verſum das erhebende Beiſpiel einer der erſten Nationen, frei, glücklich und triumphirend unter einem gerechten, geliebten, verehrten Koͤnig, der nichts mehr der Gewalt ſondern alles ſeinen Tugenden und unſrer Liebe zu ver⸗ danken hat.“ Der König war im innerſten Herzen ergriffen, das ſah man ihm an; auch konnte er weiter nichts ſagen als:„Mein Volk kann ſtets auf meine Liebe zählen!“ Bailly reichte ihm di König ſchmückte ſeinen Hu ſurrection ſeiner Unterthanen. Da rief die ganze Ver⸗ ſammlung wie aus einem Munde:„Es lebe der König!“ Auf dem Gréve⸗Platze war es unterdeſſen laut gewor⸗ den; man wollte den König ſehen. Dieſer trat an ein Fenſter und zeigte ſeinen mit den patriotiſchen Farben geſchmückten Hut. Nun rief auch das Volk aus Her⸗ zensgrunde:„Es lebe der König!“ und der Ruf:„Es lebe der König!“ ertönte bald bis an die äußerſten En⸗ den der Hauptſtadt. Kanonendonner und Waffengeklirr miſchten ſich darein, Trommelwirbel und Fanfaren um⸗ tönten die wehenden Fahnen, alles verkündete die große und ſchöne Vereinigung eines Königs mit ſeinem Volke. Die Rückreiſe des Königs nach Verſailles, ein wahrer Triumphzug, war von ſeiner Herreiſe verſchieden wie der Tag von der Nacht. Alles drängte ſich jetzt mit Freuden⸗ geſchrei um ſeinen Wagen und die Abgeordneten der Na⸗ tionalverſammlung riefen dem Volke zu:„Liebt Euren guten König! Er hat geſagt, ſein Volk könne ſtets auf ſeine Liebe zählen.“ Andre ſagten:„Vertraut nur Eurem Fürſten! Nur Euer Glück iſt ſein Wunſch. Er giebt Euch auch Necker zurück; wir ſelbſt haben ſeinen Brief an dieſen Miniſter geſehen und unſre Bitten mit denen des e dreifarbige Cocarde und der t mit dieſem Zeichen der In⸗ Souveräns vereinigt.“ Das Volk aber antwortete trun⸗ ken vor Luſt:„Es lebe die Nation und die Freiheit! Es lebe der König und Herr Necker! Es lebe unſer König, unſer Freund, unſer Vater!“ Auch der Fürſt war wie umgewandelt; er lächelte jedermann an und war ebenſo fröhlich als er bei ſeiner Ankunft traurig geſchienen hatte. Die bewaffneten Bür⸗ ger kehrten zum Zeichen des Friedens ihre Waffen um. In Séve erwarteten ihn alle ſeine Gardes du Corps, um ihn in gewohnter Art zu bedienen. Als ſie ihn kommen ſahen, liefen ſie haſtig den Berg hinab und nur wenige jagten nach Verſailles, um im Schloſſe die Rück⸗ kehr des Königs anzumelden. Die Königin, welche ihren Gemahl nicht lebendig wiederzuſehen gehofft hatte, eilte ihm mit dem Dauphin auf dem Arme entgegen und ſtürzte vor Freude weinend in ſeine Arme. Wie man ſieht, waren die nächſten Wünſche des Volks gewährt. Allein die Auswanderung hatte begon⸗ nen. Schon ſeit drei Tagen flohen die Großen, die Mi⸗ niſter, deren Günſtlinge und Agenten zitternd aus einem Reiche, das ſie ihrem Stolze, ihren grauſamen Beſtrebun⸗ gen hatten opfern wollen. Der 71jährige Marſchall von Broglie, welcher ſeit ſeinen erſten Jünglingsjahren Kriegsruhm eingeſammelt und im ſtebenjährigen Kriege te — 39— die Schlacht bei Bergen gewonnen hatte, war ſchleunigſt 8 nach Luxemburg entwichen, da ſeine Soldaten, nicht gegen , das Vaterland fechten wollten; der hyperariſtokratiſch ge⸗ . ſinnte Foulon, der mit den Pariſern hatte verfahren e wollen wie es der Landmann beim Abmähen einer Wieſe r* macht, verbreitete das Gerücht, er ſei geſtorben, und ließ ⸗ an ſeiner Statt einen ſeiner Diener begraben, welcher ſo 1. eben auf ſeinem Landgute Houvion geſtorben war; die. , mit der Königin befreundete Madame Polignac ent⸗ n kam als Kammerfrau verkleidet in's Ausland; auch der r berüchtigte von der Flühe erreichte die Grenze; ſelbſt ⸗ 3 die Prinzen von Geblüt flohen in der Stille der Nacht n ¹ den Grenzen des Reiches zu, deſſen Verehrung ſie ſo e lange ausgemacht hatten. Der übrige Haufe der Ver⸗ d ſchwornen begab ſich hinter die Kanonen der Armee bei St. Denis, welche der Hunger in ihre Quartiere nach 3 Lothringen zurücktrieb. Da die Verſchwornen im Innern keine Stützpunkte mehr fanden, ſo ſollte das Ausland . helfen. 13⸗ 1. Als das Volk merkte, was die Ariſtokraten eigentlich — 3 im Auslande wollten, begann es die Emigranten zu be⸗ 1 obachten. Eins der erſten Opfer dieſer Aufmerkſamkeit des Volks wurde jener Foulon, welcher ſich hatte für todt ausgeben laſſen. Man wußte von ihm, daß er mehr⸗, . — 1 . 8 — fach geäußert hatte:„Ein wohlverwaltetes Reich iſt nur dasjenige, wo das Volk das Gras des Feldes ißt; ſollte ich je Miniſter ſein, ſo werde ich den Franzoſen Heu zu eſſen geben.“ Hätte man nun erfahren, daß er ſich auf einem Landgute des Herrn von Sartines(in Viry) verſteckt hielt, man würde ſicherlich mit Stangen und 8 Spießen hinausgezogen ſein, um ihn zu fahnden. Am Morgen des 21. Juli kam ein ſchlichter Landmann aus Viry nach Paris und begehrte vor den Wählerausſchuß 4 gelaſſen zu werden. Die Sache hatte keine Schwierig⸗ keit. Hier erzählte der Mann im groben Kittel auf ſeine einfache Weiſe: 3 „Heute früh waren wir Bauern verſammelt, um die Brodvertheilung im Orte vorzunehmen. Da kam ein Be⸗ dienter des Schloſſes athemlos mitten unter uns und meldete, er nebſt einem andern Bedienten hätte auf dem Schloſſe Herrn Foulon geſehen...“ „Wie? Herrn Foulon, welcher geſtorben ſein ſoll...“ fragte man von verſchiednen Seiten. genommen.“ „Wo iſt er?“ fragte Bailly. „In Viry, von mehreren Hundert Landleuten um — „Er iſt es nicht, denn wir haben ihn ſchon gefangen geben. Er hat uns Freiheit von Abgaben verſprochen, lte wenn wir ihn freiließen...“ zu„Als ob er ſchon Miniſter wäre!... Er ſoll es uf nicht werden... Nun, Freund?“ 9)„Wir bitten die Pariſer, uns eine Escorte zu ſchicken, id damit wir ihn ſicher nach der Hauptſtadt bringen. m Seine Freunde möchten ihn uns . ſonſt unterwegs abneh⸗ 1s men oder ſeine Feinde könnten ihn ermorden, ehe man 4 ihm ſeine Sunden vorgehalten hat.“ ⸗ Man gab dem Landmann von Virh eine ſtarke Es⸗ re corte mit und dieſe brachte den gefürchteten Mann am 4 andern Morgen in einem graufam lächerlichen Aufzuge e 4 nach dem Stadthauſe. Um den Hals war ihm eine Wulſt von Neſſeln gebunden, in der Weſte hatte er einen großen d Diſtelſtrauß und auf dem Rücken ein Bundel Heu. Der Spott folgte ihm auf jedem Schritte. „Rieche an das Gras des Feldes!“ erſcholl es hier. „Iß Dich ſatt, Freundchen!“ hieß es dort;„Du biſt ein Franzos, und Du weißt am beſten, daß die Fran⸗ zoſen Heu eſſen ſollen!“ „Was macht Ihr für Umſtände mit dem Schuft!“ ſagte ein breitſchultriger Fleiſcher;„er hat ſich ſchon ge⸗ mäſtet genug; wir können ihn ſchlachten.“ Bei dieſen Worten ſchwang der wüthend blickende — Mann ein großes Meſſer. Der edle Bailly hatte ſich ſchon bemüht zu Worte zu kommen, jetzt ward er von andern guten Bürgern unterſtützt. Aber an ein regel⸗ mäßiges Verhör war in dieſem Augenblicke nicht zu den⸗ ken. Der Ausſchuß faßte in der Eile den Beſchluß, Herrn Foulon nach der Abtei St. Germain ſchaffen und ihm den Proceß machen zu laſſen. Aber der Gréve⸗Platz war von einer unermeßlichen Volksmenge erfüllt, die mit großem Geſchrei ſeinen Tod verlangte. Wollte man ihn vom Stadthauſe fortſchicken, er waͤre augenblicklich in Stücke zerriſſen worden, ſo hoch war die Wuth des Volks gegen ihn geſtiegen. Man behielt ihn alſo den Morgen über und einen Theil des Nachmittags auf dem Stadt⸗ hauſe. Während dieſer Zeit ſuchten mehrere Wähler das Volk durch Anreden zu beſänftigen und wo möglich et⸗ was zu zerſtreuen; alles vergebens. Zuletzt nahm Bailly ſelbſt das Wort und ſprach: „Meine Mitbürger, gleich Ihnen glaube ich daß Fou⸗ lon ſchuldig iſt; aber es kann doch kein Bürger verur⸗ theilt werden, ohne ſeines Verbrechens überwieſen zu ſein.. ⸗ „Er hat geſagt, die Franzoſen ſollen Heu freſſen...“ unterbrach eine Stimme. „Auch dies wird unterſucht werden, meine Freunde,“ — 16, fuhr Bailly ruhig fort;„und kann man bei dieſer Un⸗ terſuchung nicht dem Complott näher auf die Spur kom⸗ men, welches gegen uns angezettelt worden iſt?“ „Das iſt wahr,“ ſagten Einige. „So laßt den Kerl aushorchen!“ ſchrien Andre. „Bürger!“ fuhr Bailly fort,„Sie haben die Frei⸗ heit erobert. Sie haben ſich vor ganz Europa Ehre er⸗ worben, haben mit Ihrem König ein neues Bündniß ge⸗ macht, haben geſchworen die öffentliche Ruhe aufrecht zu erhalten, welche die Nationalverſammlung garantirt. Im Namen des theuern Vaterlandes, des Königs und Ihrer Repräſentanten, im Namen Ihres eignen Ruhms, meine Mitbürger, beſchwören wir Sie die öffentliche Ruhe nicht zu ſtören, ſich nicht mit dem Blut eines ſtebzigjährigen Greiſes zu beflecken, der zwar der verdienten Strafe nicht entgehen wird, deſſen Haupt aber nur durch das Schwert des Geſetzes fallen darf!“ Dieſe Rede verfehlte ihren Eind welche ſte hörten. Aber ten ihre Ungeduld nicht n ruck nicht bei Allen, die entfernter Stehenden konn⸗ nehr bezähmen. „Man zeige uns das Ungeheuer!“ ſchrien ſte. „Was giebt es lange zu berath ſchen, der ſich durch ſeine eignen Re ſelbſt gerichtet hat!“ riefen Andre. en über einen Men⸗ den und Handlungen — 4— Und nun entſtand ein dumpfes Murren, welches immer mehr anwuchs, bis es zum Löwengebrüll wurde. Die Wüthendſten machen ſich Platz, werfen ſich auf die Wache des Stadthauſes, überwältigen ſie, dringen in den Verſammlungsſaal und reißen den bebenden Foulon aus den Armen der Wähler, welche ſich der Gewaltthat vergeblich widerſetzen. Jetzt nimmt Lafahette noch das Wort. „Gewiß, Bürger,“ ruft er mit lauter Stimme,„ich tadle nicht Ihren Zorn, Ihre Entrüſtung gegen dieſen Mann; ich habe ihn nie geachtet; ich habe ihn ſtets als einen großen Verbrecher angeſehen, für den keine Strafe zu hart ſein kann. Sie wollen daß er geſtraft werde; wir wollen es auch, und er wird beſtraft werden. Allein er hat Mitſchuldige, und die müſſen wir kennen lernen. Ich laſſe ihn eben nach der Abtei St. Germain abführen und dort wird ihm der Proceß gemacht, dort wird er nach dem Geſetz zu einem ehrloſen Tode verurtheilt wer⸗ den, den er nur zu ſehr verdient hat.“ Dieſe Rede war vom Volke verſtanden und mit all⸗ gemeinem Beifallsklatſchen angehört worden. Da kommt dem armen Foulon der unſelige Gedanke, gleichfalls in die Hände zu klatſchen. 2 & „Ah, ah!“ ſchrie das Volk,„ſie verſtehen ſich mit einander; man will ihn retten!“ Zugleich wird der todtenbleiche Greis wieder vom Volke ergriffen und blitzſchnell hinunter an die Laternen vor dem Stadthauſe geſchleppt. „Falle auf Deine verruchten Knie, Barbar!“ donnerte man ihm zu;„bitte Gott, die Nation und den König um Verzeihung!“ Schweigend gehorcht Foulon. „Da, mein Schönſter,“ ſagt ein Mann aus dem Volke, „da, küſſe mir die Hand.“ Foulon that es. Darauf ermannte er ſich und ſprach, auf den Knien liegend: „Meine Herren, laſſen Sie mir das Leben! Ich werde alles bekennen! Sperren Sie mich ein. 4. „Was will er?“ fragte der namenloſe Fleiſcher;„ich habe es ſchon geſagt, daß er zum Schlachten reif iſt er hat ſich vom Schweiße des Volks gemäſtet!“ Zugleich gab er dem unglücklichen Opfer der Volks⸗ wuth einen Stoß in's Genick, als ob er wirklich ein Stück Schlachtvieh vor ſich hätte. Ein Andrer ſagte darauf: 3 „Die Laternen ſind auch bei Tage zu etwas gut; man darf nur Spitzbuben daran hängen!“ — 46— „An die Laterne! An die Laterne!“ rief der ganze Haufen. Auch war gleich ein Strick vorhanden. Man ſchlang ihm denſelben um den Hals und ſagte mit grauſamem Spotte: „Dieſer Hanf iſt auf dem Felde gewachſen; Du be⸗ kommſt ihn zu koſten!“ Hierauf zog man den Unglücklichen ohne weitere Ce⸗ remonien empor, um ihn zu erwürgen. Alles Volk jauchzte, als es ſeinen Feind in der Luft ſah, aber— der Strick riß. Foulon fiel auf die Knie und bat die Umſtehenden abermals, ſeines Lebens zu ſchonen, denn er habe noch wichtige Entdeckungen zu machen. „Ah, er will ſich loslügen!“ ſchrie der Fleiſcher und ſchlang ihm den Strick von neuem um den Hals. „An die Laterne! An die Laterne!“ ertönte es wieder von allen Seiten. Foulon ward zum zweiten Male aufgezogen und abermals hörte man das jauchzende Geſchrei der Menge, welche den halb todten Mann wieder erblickte. Und der Strick riß zum zweiten Male.— Mit ſeiner letzten Kraft flehte der Unglückliche um ſein Leben. Aber er wendete ſich an das Erbarmen angeſchoſſener Tiger. — 2— ze„Der neue Strick wird gleich kommen,“ ſagte ein Mann mit aufgeſtrichenen Hemde⸗Aermeln; der Seiler ig wohnt nicht in Viry.“ m Man lachte. Unterdeſſen hatten ſich die Wähler ver⸗ gebens Platz zu machen geſucht. Selbſt Lafahette bot 6⸗ umſonſt ſeine Macht auf; man hätte den ganzen Haufen zerreißen oder niederreiten müſſen, wenn man ihn von e⸗ ſeinem Schlachtopfer hätte entfernen wollen. Einige Na⸗ lk tionalgardiſten reichten Säbel hin und ſagten: —„Freunde, macht ein Ende! Gebt ihm den Gnaden⸗ ſtoß! Man muß keinen Hund ohne Noth leiden laſſen!“ 4„O, er leidet nicht ſo grauſam und nicht ſo lange, 9 als er uns hat leiden laſſen wollen!“ rief man;„er muß* — baumeln! An die Laterne!“ „An die Laterne!“ ſchrie das Volk wie raſend nach. 1 er Endlich, nach Verlauf von beinahe einer Viertelſtunde, 4 kam der neue Strick. Er ward ihm wie vorher der alte d um den Hals geſchlungen und— hielt. b e, Das Jauchzen der Menge wollte kein Ende nehmen; denn es war ein ebenſo ſchreckliches als neues Schauſpiel, er Leute am erſten beſten Laternenpfahle baumeln zu ſehen, r die man für Feinde der Nation erklärt hatte. „Das iſt ein Act der Volksjuſtiz!“ rief ein auf den — 418— Stufen des Stadthauſes ſtehender Mann, mit dem Finger nach dem improviſtrten Galgen zeigend. „Ein Aect der hohen Volksjuſtiz!“ rief die Menge. „Die de Launoy und Foulon müſſen vom Volke gerichtet werden, gegen das ſte gefrevelt haben!“ ſchrie ein Bürger. „Es leben die Acte der hohen Volkfaſttz erſcholl es rings umher. Während dieſes barbariſchen Geſchreies hatte man den erdroſſelten Foulon herabgelaſſen und haſtig ge⸗ plündert. Gleich wilden Thieren riſſen ſich die zunächſt Stehenden um den Leichnam, um ihn durch die Straßen zu ſchleppen. Endlich g gelingt es dem Fleiſcher, ihm den Kopf vom Rumpfe zu trennen. Dieſem blutigen Haupte ſtopft man ein Bündel Heu in den Mund und ſteckt daſ⸗ ſelbe auf eine Pike, um es allem Volke zu präſentiren, während man den nackten Leib des Ermordeten ſchon durch die Straßen ſchleift. Es war über dieſem traurigen Acte der hohen Volks⸗ juſtiz viel Zeit vergangen. Die Volksmaſſe hatte ſich vom Gréve⸗Platze nach zwei verſchiedenen Richtungen gewälzt; ein Theil war mit dem Kopfe und ein andrer mit dem Rumpfe gegangen. Indeſſen ward der Platz vor 8 ‿ς— — à29— nger dem Stadthauſe bald wieder ebenſo voll als er nur eben geweſen war. Bald nach Foulon's Hinrichtung kamen nämlich ein olke Dutzend Nationalgardiſten in vollem Galopp vor dem Stadthauſe an. bui„Was giebt's, was giebt's?“ rief man ihnen zu. „Man wird eben den Intendanten Berthier brin⸗ 83 gen!“ ſagte einer der Gardiſten, und begab ſich mit ſeinen Kameraden auf's Stadthaus. lan„Berthier?“ rief man mit ſchauderhafter Freude, ge⸗„Berthier, der uns ſo lange das Getreide vor dem chſt Munde weggeſchnappt hat? Ah, ah, laßt ihn nur kom⸗ zen men! Er wird den Weg ſeines Schwiegervaters gehen!“ den 1„O, man hat den ſaubern Intendanten in Compiègne pte gefangen!“ rief ein junger Mann, auf die Stufen des aſ⸗— Stadthauſes ſpringend;„wißt Ihr auch was man bei ihm en, gefunden hat?“ on„Was, was denn?“ „Ah, in ſeiner Brieftaſche das Signalement aller Va⸗ ⸗ terlandsfreunde! Namen und Wohnung, Größe und ech) zufällige Zeichen, nichts war vergeſſen! Und ſtatt Ge⸗ treide unter das hungernde Volk hat er Patronen an die er mordluſtige Armee von St. Denis vertheilt! Schon r früher hat er das Getreide auf dem Stengel abhauen 1789. II. 4 r und verbrennen laſſen, um ſeinen Getreidewucher vortheil⸗ hafter zu betreiben und die Zuſammenziehung der Truppen um die Hauptſtadt zu beſchönigen!...“ „Einen Theil der Strafe hat er ſchon,“ rief ein andrer junger Mann, an die Seite des erſten Redners ſprin⸗ gend;„ſein Wagen iſt von Verwünſchungen umgeben. Ohne den Wähler, der ihn begleitet, bekämt Ihr ihn nicht lebendig zu ſehen!... Ah, ſeht doch, dort kommt ein Zug um die Ecke herum! Er iſt es, er iſt es!“ Alles wälzte ſich nun dem früheren Intendanten von Paris entgegen, welchem das ſchreckliche Loos ſeines Schwiegervaters natuͤrlich ganz unbekannt war. Er glaubte vom Stadthauſe nach der Abtei gebracht zu wer⸗ den und dort durch ſeine Geſetzkenntniß und ſeine Ver⸗ bindungen dem Proceſſe eine erwünſchte Wendung geben zu können. Daher war oder ſchien er ziemlich ruhig zu ſein und unterhielt ſich ſelbſt mit dem Wähler La Ri⸗ viére, welcher ihm entgegengeſchickt worden war. Etwas außer Faſſung ſchien er jedoch zu kommen, als er unter dem wüthenden Murren des Volks einige Per⸗ ſonen vor ſeinem Wagen erblickte, welche Fahnen trugen, von denen jede eine andre Inſchrift hatte, wie 4. B.: „Er hat den König und Frankreich beſtohlen.“ „Er hat Hab und Gut des Volks verſchlungen.“ Armen.“ 1 „Er hat das Blut der Wittwen und Waiſen ge⸗ ſoffen.“ „Er hat den König betrogen.“ „Er hat das Vaterland verrathen.“ Ja, wären dieſe Anklagen ordentlich vor Gericht an⸗ gebracht worden, er hätte ſie durch ſeine Klugheit zu ent⸗ kräften hoffen dürfen; aber daß ſie unter dem wüthenden Pöbel erhoben wurden, das war ihm höchſt unangenehm. Indeſſen ging der Zug unter Bedeckung von 500 bewaff⸗ neten Reitern und wohl ebenſo viel Infanteriſten immer weiter. Lorbeerbekränzte Bürger gingen an den Seiten des Wagens und Frauen tanzten nach den Tönen der Militärmuſtk daher; aber dieſe Bürger blickten wie Raͤcher und die Frauen geberdeten ſich wie Furien. Je näher der unheilverkündende Zug dem Stadthauſe kam, deſto unheimlicher ward es dem Intendanten. Plötz⸗ lich ward ihm auf einer Pike ein blutiges Haupt mit einem Bündel Heu im Munde vor das Geſicht gehalten. Berthier fuhr zurück, ohne es zu erkennen. 1„Es iſt der Kopf Deines ſchönen Schwiegervaters!“ rief man ihm zu;„der Deinige ſoll bald ſeine Stelle einnehmen!“ 4* „Er war der Sklav der Reichen und der Thrann der 52 Da ward der arme Gefangene ſtarr vor Schrecken. Er erbleichte und ſeine Augen verloren allen Glanz. Seiner Sinne nicht mehr mächtig und wie wahnſinnig verzog er ſein Geſicht zum Lächeln. Durch dieſes Lächeln noch wüthender geworden, ſtieß man ihm das blutige Haupt in's Geſicht und ſchrie: „Küſſe, küſſe Deinen Schwiegervater! Er war viel⸗ leicht noch mehr werth als Du, grauſamer Unhold!“ „Ah, meine Freunde,“ ſagte La Riviére,„entfernt dieſen Anblick von einem Manne, deſſen Schuld erſt be⸗ wieſen werden wird! Ihr müßt den Männern vertrauen, die Ihr ſelbſt gewählt habt, oder Ihr müßt andre wählen.“ Dieſe Worte machten Eindruck; die Pike verſchwand; man kam ohne weitern Aufenthalt in den Saal der Wähler. Hier war durch außerordentliche Vorſichtsmaßregeln dafür geſorgt, daß ein ordentliches Verhör vorgenommen werden konnte. Man fragte den Gefangenen zunüchſt im allgemeinen über ſein Benehmen und ſeine Abſichten. „Mein Benehmen iſt offenkundig,“ antwortete er mit Würde(denn er hatte ſich einigermaßen erholt),„und meine Abſichten waren keine andern als die mi ſchriebenen.“ „Die vorgeſchriebenen?“ r vorge⸗ n lo cken. anz. nnig ſtieß iel⸗ ernt een, will,“ ſagt er u. a. —— „Ich habe nur höhern Befehlen gehorcht; da Sie meine Papiere in Händen haben, ſo ſind Sie ebenſo gut davon unterrichtet als ich.“ „Nun, welches waren denn dieſe vorgeſchriebenen Ab⸗ ſichten?“ „Ich bin ſehr ermüdet, meine Herren; ſeit zwei Tagen habe ich kein Auge geſchloſſen. Weiſen Sie mir einen Ort an, wo ich etwas ruhen kann.“ Man berathſchlagt, aber das wüthende Geſchrei des Volks innerhalb und außerhalb des Rathhauſes läßt nichts Gutes hoffen. Man findet keinen andern Ausweg als ihn nach der Abtei bringen zu laſſen. Er iſt es zu⸗ frieden. Aber wie ſoll man ihn nun durch die Wogen einer raſenden Volksmenge bringen, die alles zu ver⸗ nichten droht was ſich ihrer Wuth widerſetzt? Bailly tritt abermals vor und redet den Haufen an. Er bietet alles auf, was ihm Menſchlichkeit und geſunde Politik in den Mund geben. Das Gebrüll dauert fort. Auch Lafahette erſcheint wieder und fleht das Er⸗ barmen des Volkes an.„Wer der Freiheit würdig ſein „„muß vor allem die Geſetze walten laſſen, die er ſelbſt giebt...“ „Wenn die vertilgt ſind,“ ſiel ihm eine Stimme in's Wort, „welche geſchworen haben dieſe Geſetze nicht zu halten.“ 54— „Eben dieſen,“ fuhr Lafayette fort,„eben dieſen ſoll jetzt der Proceß gemacht worden! Ich flehe Sie auf meinen Knien an, laſſen Sie dem Geſetze ſeinen Lauf! Der Mann, welcher gerichtet werden ſoll, hat acht leben⸗ dige Kinder, welche insgeſammt um Rache ſchreien wür⸗ den, wenn ihr Vater ohne Urtel und Recht um ſein Leben käme, welche...“ „Ohne Recht!“ ſchrie eine heiſere Stimme. „Für die Kinder werden wir ſorgen,“ rief eine andre. „Wenn ſte nicht ſind wie der Vater!“ krächzte eine dritte. „Ah, nichts da mit Kindereien!“ erſcholl es wieder, und nach dieſen Worten brach ein Tumult aus, daß La⸗ fayette nicht weiter gehört wurde. „An die Laterne! An die Laterne!“ dies konnte man unter dem Getöſe noch am deutlichſten vernehmen. Zornglühend war der Generalcommandant der Pariſer Nationalgarde, dieſer ſo wackre Mann der geſetzlichen Frei⸗ heit, in den Saal der Wähler zurückgekehrt. Nach kurzer Berathung mit dem Ausſchuſſe raffte er alles zuſammen, was er von Nationalgarde bei der Hand hatte, ließ den bebenden Berthier in deren Mitte ſtellen und die Treppe hinabführen, um ihn nach der Abtei geleiten zu laſſen. Kaum aber war der Zug über die Schwelle des Stadt⸗ 4 hauſes gekommen, als ſich ein Gebruͤll erhob, daß auch dem Muthigſten das Herz im Leibe erbeben mußte. „Das Volk iſt ſehr wunderlich mit ſeinem Geſchrei,“ ſagte Berthier zuſammenſchaudernd. Kaum aber hat ſich ſeine Escorte noch einige Schritte vorwärts gedrängt, als ſie mit ſolcher Gewalt von den ſtürmiſchen Wogen des Volksmeeres erfaßt wird, daß ſie nicht widerſtehen kann. Ein Augenblick hat hingereicht ſie zu zerſtreuen. Berthier wird von eiſernen Armen erfaßt und nach der verhängnißvollen Laterne zurückge⸗ ſchleppt. Hier wartete ſeiner ſchon ein neuer Strick. Bei dieſem Anblick ergreift ihn die Wuth der Verzweiflung; er entreißt dem erſten Beſten die Flinte und ſucht ſich der feindſeligen Menge zu erwehren, die auf ihn andrängt und ihn in Stücke zerreißen will. Doch in demſelben Augenblicke fällt er von hundert Bajonettſtichen durch⸗ bohrt auf das Pflaſter nieder. Aber er athmete noch. Da naht ſich ihm ein Ungeheuer von Wildheit, fährt mit ſeiner barbariſchen Hand dem Unglücklichen durch eine klaffende Bruſtwunde nach dem Herzen, das noch ſchlägt, reißt es ihm aus und trägt es in den Wählerausſchuß. Stumm vor Entſetzen über eine ſo ungeheure Barbarei, läßt das Comité den Unmenſchen mit ſeiner traurigen Trophäe wieder abziehen, die er auf ein Jagdmeſſer ſteckt und hinter dem Kopfe her durch die Stadt trägt. Der Kannibale, welcher den Rauch vom Herzen Ber⸗ thier's hatte gen Himmel ſteigen laſſen, war zwar der Rächer ſeines Vaters, den des Intendanten Thrannei ge⸗ opfert hatte; als er jedoch am Abend zu ſeinen Waffen⸗ gefährten zurückkehrte, erklärten dieſe, er habe ſich des Lebens unwürdig gemacht, ſie würden ihn einer nach dem andern und ſo lange bekämpfen, bis ſie die Welt von einem ſolchen Ungeheuer befreit hätten. Die Kämpfe fanden auf der Stelle ſtatt, und im dritten oder vierten war er eine Leiche. Waren die erzählten Auftritte über allen Ausdruck ſcheußlich, ſo mußte ſie jeder Wohlgeſinnte auch überaus gefährlich finden; denn das Volk hatte keiner Autorität mehr gehorcht. Beſonders war Lafahette darüber ſo entrüſtet, daß er ſeine Entlaſſung geben wollte. Bailly machte alle Vorſtellungen, welche ihm ſeine umſichtige Beredtſamkeit eingab; der Nationalgardecommandant aber entgegnete ſtets, er wünſche kein müſſiger Zuſchauer bei Greuelſcenen zu ſein, wie er es eben habe ſein müſſen. Der Maire gab ſich indeſſen noch nicht gefangen.„O mein Freund,“ ſagte er,„der Schmerz der guten Bürger iſt groß genug, und Sie würden ihn durch Ihren Rück⸗ + ͤ— — à— ckt tritt unendlich vermehren. Wer ſoll an Ihrer Stelle die . Nationalgarde commandiren? Wo fänden wir die Rein⸗ r⸗ heit der Geſinnungen, wo die Erfahrung im Kriegsweſen, er wo die Kunſt ein Volk an die errungene Freiheit zu ge⸗ e⸗ 4 wöhnen? Nur in Ihnen, Freund, nur im gefeierten Hel⸗ n⸗ den Amerika's. Gilt Ihnen meine Freundſchaft etwas, es 4 ſo erhalten Sie ſich dem Vaterland!“ Lafahette ließ 5 m ſich durch dieſe ebenſo ſchmeichelhaften als herzlichen n Worte überreden, traf aber ſeine Anſtalten, um derartige 1 fe 4 Scenen der Barbarei wo möglich für alle Zukunft zu n verhindern. Die unermeßliche Mehrzahl der Pariſer Bürger un⸗ terſtützte Lafayette's und Bailly's edle Beſtrebungen; 3 ſdenn bei einem Verfahren, wie es ſich die Maſſe erlaubt 1 t hatte, war alle perſönliche Freiheit vernichtet und die 3 Attentate des Despotismus konnten nicht ärger ſein. Alle „. Verſtaͤndige ſahen ein, daß die Staatsgeſellſchaft auf dieſe e. Weiſe ihrer Auflöſung mit Rieſenſchritten entgegenging. r In Paris ward ſo Friede und Ruhe wiederhergeſtellt, wie f es ſchien auf immer. Aber die Gerüchte von einer großen Verſchwörung gegen die öffentliche Freiheit waren durch die 2 Provinzen gedrungen und die tauſendzüngige Fama hatte 3 3 dabei ihre Natur nicht verleugnet. Ueberall wurden die Buürger Soldaten und die Soldaten Bürger. In Rennes griff die Jugend zu den Waffen, bemäch⸗ tigte ſich des Arſenals, beſetzte die wichtigſten Poſten und erhob die Fahne der Freiheit. Sogleich ließ der dortige Commandant, der Herr von Langeron, die Infanterie⸗ regimenter Artois und Lorraine ſowie die Orleans'ſchen Dragoner gegen das Volk anrücken. Kaum aber ſind dieſe Truppen im Angeſicht des gegenüberſtehenden Volks, als ſte rufen:„Es lebe die Nation!“ und 800 Soldaten treten unter die Fahnen der Stadt, während der Reſt einen Eid ablegt, niemals ſeine Hände in franzöſiſches Blut zu tauchen, und in ſeine Caſernen zurückkehrt. Zu gleicher Zeit beſchließt man auf dem Stadthauſe, vor⸗ läufig keine Abgaben mehr an den König zu bezahlen, alle Städte der Bretagne zur Theilnahme am Widerſtande gegen die Tyrannei aufzufordern und die Nationalver⸗ ſammlung von den gefaßten Beſchlüſſen zu benachrichtigen. Dies alles geſchieht ſogleich. Der Commandant macht noch einen Verſuch gegen die Bürger, indem er ein paar neue Regimenter gegen ſie führen will; dieſe aber erklären ſich für die Sache des Vaterlandes. Da ſieht Langeron kein andres Mittel ſeiner Rettung mehr vor ſich als ſich mit den Farben der Bürger zu ſchmücken, um mit ihnen gemeinſchaftliche Sache zu machen; aber man entreißt ihm dieſe Farben und treibt ihn mit Gewalt aus der Bre⸗ 59— tagne, weil man nichts mehr mit einem Anhänger der Tyrannen zu ſchaffen haben will. Auch in St. Malo war der Geiſt des Widerſtandes gegen veraltete, unzeitgemäße Privilegien erwacht. Die Jugend dieſer Stadt beſchloß die Gefahren der National⸗ verſammlung zu theilen und ſie mit ihrer ganzen Kraft zu unterſtützen. Zu ihrer Ausrüſtung mußten die jungen Leute Waffen und Munition haben. Sie beabſichtigten daher ſich der Kriegsbedürfniſſe in den beiden Citadellen der Stadt zu bemächtigen. Der Platzcommandant erhielt Wind von dem Vorhaben der Neulinge und ſchickte in jede Feſtung 70 M. Verſtärkung, die aber leider ſchon vorher geſchworen hatten nur für das Vaterland zu ſtrei⸗ ten. St. Malo hatte gleich einigen andern Städten Frank⸗ reichs das alte Recht ſich ſelbſt zu bewachen, gleichwohl aber war es nach und nach eingeführt worden, die Schlüſſel der Stadt jeden Abend dem königlichen Lieutenant zu überbringen. An dieſen ſchickte nun die patriotiſche Ju⸗ gend eine Deputation, um ſich die Schlüſſel ausbitten zu laſſen. Der königliche Lieutenant gab eine abſchlägliche Antwort. Ferner abgeſandte Deputationen waren mit ihren Aufträgen nicht glücklicher. Zuletzt ließ man dem Manne ſagen, er möge den Wunſch der Stadt erfüllen oder das Schloß verlaſſen. Verblüfft über eine ſolche — 60— Zumuthung, wußte der königliche Lieutenant ſich nicht gleich zu faſſen, und während dieſer Zeit bemächtigten ſich einige junge Leute der Schlüſſel. Nun wollte der Commandant in Unterhandlung treten und— wurde aus⸗ gelacht. Bordeaur, Lyon und Grenoble gingen ohne Wehen zur neuen Ordnung der Dinge über, allein eine deſto ſchrecklichere Schandthat iſt von Beſangon zu berichten. Der Parlamentsrath Mesnay hatte auf ſein Gut Quincey bei Veſoul eine Menge Leute zu Gaſte geladen, angeblich um mit ihnen die glückliche Vereinigung der drei Stände zu feiern. Der Wein floß in Strömen und die Freude herrſchte durch die ganze anſehnliche Geſell⸗ ſchaft. Dieſe luſtwandelte nach Tiſche eben in einem Bosquet, als ſich plötzlich die Erde unter ihren Füßen öffnet und eine Pulverexploſton Tod und Verderben ver⸗ breitet. Der Herr von Mesnahy war in der Gegend als eifriger Ariſtokrat gefürchtet und unendlich gehaßt; auf den Donner der Mine ſtrömt nun die Maſſe des Land⸗ volks herbei und rächt die Schreckensthat am Schloſſe, da deſſen Herr verſchwunden iſt. Bei dieſer Gelegenheit wurden auch noch einige andre Schlöſſer dieſer Gegend in Aſche gelegt. Von St. Denis meldete man, die Brigands führen —„„ — 61— fort das Getreide auf dem Halme zu verderben, und die Hauptſtadt ſchickte eine Abtheilung Nationalgarde mit Ka⸗ nonen dahin ab. Bon St. Germain kamen Deputirte an die Nationalverſammlung und klagten mit weinenden Augen, daß die Brigands in ihrer Gemeinde wütheten und den unglücklichen Sauvage ermordet hätten. Zu Poiſſy war ein Herr Thomaſſin in die Hände dieſer wüthenden Brigands gefallen, eingekerkert und ſchon tauſendfach mit dem Tode bedroht worden. Sogleich machten ſich mehrere ehrenhafte Glieder der Nationalver⸗ ſammlung*) auf den Weg, um dem Greuel Einhalt zu thun. Sie fliegen von Verſailles nach Poiſſy, machen ſich Platz durch die bewaffneten Haufen der Männer und wüthenden Weiber und dringen bis an die Thür von Thomaſſin's Gefängniß vor. Der Biſchof von Char⸗ tres macht den Aufrührern die ergreifendſten Vorſtel⸗ lungen; bittet inſtändig, man möge den Angeklagten den Händen der Gerechtigkeit überliefern; werde er ſchuldig befunden, ſo könne er dem Schwert der Geſetze nicht ent⸗ — *) Es waren Luberſac, Maſſien, Choppier, de la Touche, Maulette, Vichery, Perrier, Camus, Mil⸗ lon de Montherland, Hell, Schmitt, Ulri und der Biſchof von Chartres. — 62— gehen; nur ſolle man ſich nicht mit einem Verbrechen beflecken, welches noch größer ſei als das welches man rächen wolle. Die Wuth des Volks legt ſich auf dieſe Worte und der Angeklagte wird in den Audienzſaal ge⸗ führt. Bald aber wurde das Nachegeſchrei des Haufens wüthender als je. Die Volksrepräſentanten gehen hinun⸗ ter, miſchen ſich unter das Volk und beſchwören es ſich zu beruhigen. Endlich erlangen ſie das Verſprechen der Brigands, die Sache auf zwei Tage mit anzuſehen, und begeben ſich auf die Rückreiſe nach Verſailles. Aber ſie ſind noch nicht weit gekommen, als ihnen ein Bote nach⸗ keucht, welcher meldet, daß Thomaſſin's Gefängniß erbrochen und der Unglückliche auf den Marktplatz ge⸗ ſchleppt worden iſt, wo ihn der Strick erwartet. Sogleich kehren ſie um. Als ſie an Ort und Stelle ſind, ſehen ſie das traurige Opfer der Kannibalen mit gebundenen Händen an einer Mauer liegen, von welcher ein Strick herabhängt. Unter ſcheußlichem Gebrüll wartet man nur noch auf den Pfarrer, welcher ihn zum Tode vorbereiten ſoll. Die Repräſentanten der Nation flehen auf's neue und fallen ſelbſt den raſenden Ungeheuern zu Füßen, aber nichts als das Gebrüll der Rache antwortet ihnen und einzelne Worte wie: „Er iſt ein Verräther und muß ſterben!“ — 63— „Er hat das Volk verhöhnt!“ „Alle Getreidewucherer müſſen baumeln!“ „Thomaſſin hat uns verlacht; aber wer zuletzt lacht, lacht am beſten!“ u. ſ. w. Endlich vertrieb man die Vermittler ganz vom Platze. Dieſe wenden ſich nun an die guten friedlichen Bürger der Stadt, ſie um ihren Beiſtand zur Aufrechthaltung der Geſetze bittend. Ihre Stimme macht Eindruck. Ein Bürger ruft mit großem Enthuſiasmus: „Dulden wir nicht, daß man unſre Stadt mit einem ſo ſcheußlichen Verbrechen beſudelt!“ Alle andern rechtſchaffenen Bürger ſtimmen ein, wollen die Thore verſchließen und ſich in Maſſe auf die Mörder ſtürzen. Aber einige angeſehene Bürger machen die Be⸗ merkung, daß die Mörder von St. Germain herkommen und am Ende grauſame Repreſſalien veranlaſſen könnten. Dadurch kommt Unbeſtimmtheit in die Bewegung der Bürgerſchaft und die Barrièren bleiben offen. Die allgemeine Verwirrung, welche durch die Anſtalten der Bürger unter die Mörder gekommen war, benutzte Thomaſſin, um zu entfliehen; er entkam in ſein Ge⸗ fängniß, vor deſſen Thüre ſich die Repräſentanten ſogleich als Schutzwache aufſtellen. Die Mörder dringen wieder an und verlangen mit großem Geſchrei die Beſtrafung ſſ — 64— des Angeklagten. Nach langem Zureden willigen ſie ein ihn den Händen des Biſchofs von Chartres und ſeinen Collegen zu übergeben und in die Gefängniſſe von Ver⸗ ſailles abführen zu laſſen. Der würdige Prälat ließ ihn neben ſich in den Wagen ſetzen und geleitete ihn ſicher nach Verſailles, wo nach kurzer gerichtlicher Verhandlung — ſeine Unſchuld an den Tag kam.⸗ Gleich auf die erſte Nachricht von den Pariſer Ereig⸗ niſſen hatte man ſich in Caen mit Coearden geſchmückt, zu den Waffen gegriffen, die Citadelle erobert und alles möglichſt ſchnell der neuen Ordnung der Dinge angepaßt. Das hier liegende Regiment Bourbon konnte nichts aus⸗ richten und ſchien ſich auch beruhigt zu haben. Aber ein paar Tage ſpäter kamen einige Soldaten vom Regiment Artois aus Rennes nach Caen. Dieſe waren mit einer Medaille geziert, welche ſie durch ihre Hingebung für die gemeine Sache der Patrioten ſehr wohl verdient hatten. Die neuen Ankömmlinge waren unbewaffnet und begrüßten ihre Kameraden vom Regiment Bourbon; aber dieſe konn⸗ ten ihren Groll über die erlittene Niederlage nicht länger verbergen: ſie ſturzten ſich auf die Soldaten von Rennes und entriſſen ihnen unter allerhand Beſchimpfungen die Medaillen. Es floß Blut. Sogleich ging es von Mund zu Mund, der Major Belzunce habe ſeine Leute zu — 65 dieſem Exceß verleitet. Das Volk ruft zu den Waffen und ſchreit nach Rache. Erſchrocken flieht das Regiment Bourbon in ſeine Caſernen; aber beim Einbruch der Nacht rücken ſte wieder aus und wollen ſich der Brücke von Vaucelles bemächtigen. Da giebt die Schildwache der Nationalgarde Feuer und ſchreit:„Zu den Waffen!“ Einen Augenblick darauf ſtrömt die Bürgerſchaft zuſam⸗ men, die Sturmglocke tönt und ſelbſt die Bewohner der nahen Dörfer erſcheinen mit ihren Senſen und Dreſch⸗ flegeln. Um Mitternacht iſt das Stadtviertel mit den Caſernen von 20,000 M. eingeſchloſſen. Die Municipal⸗ beamten wollen das Blutvergießen verhüten und laſſen ſich mit der Garniſon in Unterhandlungen ein. Bel⸗ zunce betheuert ſeine Unſchuld und will ſie auf dem Stadthauſe beweiſen, nur bittet er, daß man ſeinem Re⸗ gimente Geiſeln gebe. Dieſe werden wirklich gegeben und der Major wird von der Nationalgarde auf's Rath⸗ haus geführt. Unterdeſſen trifft vom Commandanten der Provinz(dem Herrn von Harcourt) der Befehl ein, daß das Regiment ſich aus der Stadt begeben ſoll, wo⸗ durch die Ruhe leicht wiederhergeſtellt werden möge. Auch kehrte in der That alles zu friedlichern Geſinnungen zu⸗ rück, ſo daß ſelbſt die Geiſeln der Bürgerſchaft unbe⸗ denklich zurückgegeben wurden. Aber kaum hatte das Re⸗ 1789. II. 5 giment die Stadt im Rücken, ſo brach der Aufſtand mit 4 neuer Wuth aus. Das Volk ſtürzt mit einer Schnellig⸗ keit, woran alle menſchliche Berechnungen zu Schanden werden, nach der Citadelle, dringt in dieſelbe ein, ergreift. den Herrn von Belzunce und ſchleppt ihn trotz allem Widerſtande der Nationalgarde auf den Platz vor dem 3 Stadthauſe. Die ganze Municipalität begab ſich an Ort d und Stelle und ſuchte den Unglücklichen zu retten; allein d vor ihren Augen ward er mit Kolbenſchlägen getödtet. Gräßlich ging es auch in Straßburg her. Hier h herrſchten noch einigermaßen deutſche Sitten. Die Bür⸗ d gerſchaft war lange durch eine ariſtokratiſche Municipalität g und eine ſtarke Garniſon niedergehalten worden. Als es H bei der Landtagswahl etwas lebendig geworden war, hatten G zwar die erſchreckten Vornehmen etwas klein zugegeben, aber bei den Streitigkeiten und den langſamen Verhand⸗ lungen der Nationalverſammlung auch die Saiten gleich wieder ſtraffer angezogen. Jetzt kam die Nachricht von der miniſteriellen Verſchwörung, dem Aufſtand in Paris me und dem Schritt des Königs bei den Reichsſtänden nach Straßburg und erzeugte daſelbſt die gewaltigſte Aufre⸗ kör gung. Schon in der Nacht vom 20. Juli wurden alle an Häuſer illuminirt und die unerleuchteten Fenſter mit Stei⸗ Se ½ nen eingeworfen. Die verſammelten Volkshaufen zogen vor An — 6— die Hotels der verhaßteſten Magiſtratsperſonen und droh⸗ ten ſie zu demoliren. Noch zur rechten Zeit erſchien die bewaffnete Macht, um die Leute auseinander zu drängen. Am folgenden Morgen machte die Municipalität den Bür⸗ gern mancherlei Verſprechungen, die aber nach langen Deliberationen nicht unterzeichnet wurden. So verging der Montag. Dienſtags den 22. Juli verſammelte ſich das Volk drohender als je vor dem Rathhauſe. Der Commandant eilte mit einigen Detachements Cavalerie herbei, um es wie am Sonntage wieder auseinander zu drängen. Allein der Unmuth der Maſſen war zu hoch geſtiegen, als daß ſie unverrichteter Sache wieder nach Hauſe hätten gehen ſollen. Es erhob ſich ein heftiges Geſchrei: „Nach dem Stadthauſe!“ „Klettert hinauf!“ „Erſteigt das Stadthaus!“ „Leitern her! Wir müſſen das Stadthaus erſtür⸗ men!“ Und bevor noch die Reiterei etwas hatte ausrichten können, waren eine Menge Leitern angelegt und Seile angeknüpft und 5— 600 Maͤnner kletterten auf allen Seiten an den Wänden empor. So erſteigt ein Volk von Ameiſen das obere Geſtock einer Zuckerniederlage. Bald 5* — 8— ſind Fenſter, Thüren und Dächer demolirt und man er⸗ gießt ſich in's Innere. Die obrigkeitlichen Perſonen hatten ſich noch zu rechter Zeit durch geheime Ausgänge gerettet, aber nun ſtürzt man wüthend über die Kanzlei und die Archive her, zerreißt und zerſtreut die Papiere und Do⸗ cumente und läßt kein Winkelchen undurchſucht. Auch die Keller werden nicht verſchont; man legt ſich unter die Weinfäſſer und berauſcht ſich; bald watet man bis über die Knöchel im Wein. Ein Haufen Betrunkner bringt Wein in den Hüten mit herauf und reicht ihn der tobenden Menge, welche ſich nun gleichfalls berauſcht. Endlich ertönt der Generalmarſch, aber man droht die Stadt an allen vier Enden anzuſtecken, wenn das Militär angriffe. Dies war keine leere Drohung, denn man ſah ſchon Fackeln ſchwingen, welche nach allen Rich⸗ tungen flogen. Da nun die höhern Officiere der Armee noch dazu recht wohl wußten, daß die Bürger nur wegen der Hartnäckigkeit des Magiſtrats revoltirten, ſo wollten ſie nicht zur äußerſten Gewalt ſchreiten, ſondern begnüg⸗ ten ſich die Hauptpoſten zu beſetzen, um eine Brandlegung zu verhüten. Dieſe Unthätigkeit der Truppen ward von den Uebelgeſinnten zu den größten Exceſſen benutzt, ſo daß ſich die wohlhabende Bürgerſchaft erſchrocken zurück⸗ zog und nur Proletarier und Banditen auf dem Platze —— n er⸗ hatten rettet, d die Do⸗ Auch unter bis nkner i der t. droht das denn Rich⸗ rmee egen llten nüg⸗ gzung von ſo fück⸗ latze — 59— blieben. Da ruückten auch die Truppen vor nnd wurden ſogleich von einem Steinhagel empfangen. Dennoch drangen ſie mit dem Bajonett auf die Nichtswürdigen ein, verwundeten mehrere und nahmen eine große Menge derſelben gefangen. So ſtellte das Militär die Ruhe wie⸗ der her, ohne einen Schuß zu thun. Am folgenden Morgen ſtieß die eiligſt bewaffnete Bürgerſchaft zum Militär und nahm noch gegen 400 Brigands gefangen. Vor ihren Gefängniſſen wurden Ka⸗ nonen aufgepflanzt. Die Unterſuchung ergab, daß die meiſten dieſer Elenden jenſeit des Rheins herübergekom⸗ men waren um bei der eingebrochenen Verwirrung einen guten Fang zu thun. Man nahm ihnen die geraubten Gegenſtände ab und ſchickte ſie unter Androhung der Todesſtrafe in ihre Heimath zurück. Nach Entfernung dieſer hungrigen Banden ſchien die Ruhe in Straßburg wiederhergeſtellt zu ſein. Die Gar⸗ niſon hatte ſich ſehr ausgezeichnet und ſollte nun von der Municipalität für ihren Eifer und ihre Ausdauer belohnt werden. Jeder Soldat erhielt eine Gratification von 20 Sous. Dieſe wanderten gleich in's Wirthshaus. Hier erhitzten ſich die Köpfe, bis ſich endlich eine Menge trunkener Soldaten von verſchiedenen Corps auf den Straßen zuſammenfand und ſich nach dem koͤniglichen Gefäͤngniß hinwälzte. „Laßt die Gefangenen frei!“ riefen ſte den Wäch⸗ tern zu. Die Beamten der Anſtalt zeigten ſich und ſuchten den Soldaten eine andre Richtung zu geben; allein dieſe be⸗ harrten bei ihrem Begehren und wurden immer dringen⸗ der. Da niemand Anſtalt machte die Gefangenen her⸗ auszulaſſen, ſo liefen die Soldaten Sturm, ſtießen die Thüren ein und führten die Gefangnen im Triumph her⸗ aus. Der Tumult verlängerte ſich bis tief in die Nacht. Am folgenden Morgen waren die Nachahmer des Don Quixote, welcher die Galeerenſklaven befreite, weil man ſie hinführen wollte, wohin ſie nicht gern gin⸗ gen, ſehr zeitig wieder auf den Beinen, begaben ſich zu den Regimentern Elſaß und Darmſtadt, welche dem Seandal des vorigen Tages fremd geblieben waren, und zwangen ſie mit nach den Stadtgefängniſſen und dem Arbeitshauſe leichtſinniger Mädchen zu gehen. Dieſe Er⸗ pedition gelang gleich der geſtrigen; die Gefangenen und die liederlichen Frauenzimmer überſchwemmten die Stra⸗ ßen; auf allen öffentlichen Plätzen ward bis zum Ueber⸗ maß getrunken. Dieſe Ausſchweifungen dauerten bis den andern Tag. Nur die Ermüdung trieb die Ruheſtörer endlich in ihre Wohnungen. h⸗ Ferner liefen bei der Nationalverſammlung Klagen ein, daß die Garniſon von Breſt ſich herausnehme, ganz allein die Pulvervorräthe zu bewachen; aus Dole ſchrien ein paar Reiſende üßer widerrechtliche Gefangenhaltung; 3 von Toul und Thionville meldete man, auf Befehl des) 1⸗—.— Marſchalls von Broglie habe man den Einwohnern r⸗ die Waffen wieder abgenommen. Dieſe Beiſpiele des Zuſtandes der Provinzen ſind unter Hunderten ausgewählt; es ging überall ſehr bös 4 her und die Pariſer Emigranten fanden häufige Nach⸗ 8 1 ahmer. Es herrſchte eine Aufregung der Gemüther, wo⸗ e, von man in ruhigen Zeiten gar keine Idee hat. Da nun ⸗ jeder Verſtändige einſah, daß ebenſo wenig die Freunde u— der Freiheit als die Ariſtokraten an eine Sinnesänderung n dachten, ſo konnte man ſich gar nicht verbergen, daß man einer ſehr ſchweren Zeit entgegenging. 2. An der Barrière d'Enfer ſchritt in eben jener Zeit der Unruhen ein junger blauäugiger Menſch auf und ab. Er ſchien auf jemand zu warten. Sein ganzes Weſen zeigte tiefen Kummer. Die dreifarbige Cocarde auf dem Hute und eine Verdienſtmedaille im Knopfloch ſeiner Officiers⸗ uniform bezeichnete ihn als Patrioten. Aus den nächſten Fenſtern war er ſchon längſt von ſchönen Augen beob⸗ achtet worden; allein ſein Tiefſinn hatte ihn dieſes Glück nicht bemerken laſſen. Es ward bereits ſehr dunkel und ſein Gehen verwandelte ſich in ein förmliches Laufen. Sonſt war die Gegend an dieſem Abend völlig ein⸗ ſam, denn ganz Paris war gegen Verſailles hingezogen, weil der volksgeliebte Necker, welcher vor zwei Tagen wieder in jener Stadt des Reichstags eingetroffen war, nach Paris zu kommen verheißen hatte. 73 Den jungen Mann, den unſre Leſer vielleicht für den zum Officier avancirten Bernard erkannt haben, ſchien es wenig zu kümmern, welche Ehre man ſeinem großen Landsmanne anthat; es war ihm genug, daß Frankreich ihn wieder hatte und nun wahrſcheinlich zur Ruhe kam. „Ah!“ ſeufzte er auf einmal traurig ſtehen bleibend, ſich die Stirn trocknend und ſich mit traurigem Blicke rings umſchauend;„ſollte der armen Charlotte etwas zugeſtoßen ſein?— Und auch Borel bleibt weg!“ Nach dieſen Worten machte ſich Bernard eben be⸗ reit den Platz zu verlaſſen, als er in einiger Entfernung ein ſonderbares Geräuſch vernahm. Er horchte, denn ſehen konnte er nichts. Es war ihm als würde etwas ruckweiſe auf dem Boden hingewälzt. Auch ein ſchwaches Stöhnen glaubte er zu vernehmen. Mit wenigen Sprün⸗ gen war er an der Stelle, woher ihm die Töne zu kom⸗ men ſchienen, ſah und hörte aber nichts. Endlich bewegte ſich etwas gleich vor ſeinen Füßen. Er rief: „Was geht hier vor?“ Und zugleich fühlte er ſich an beiden Armen gepackt und die Spitze eines Säbels auf der Bruſt. „Noch ein Wort und Du biſt ein Kind des Todes!“ flüſterte man ihm zu. — — I— „Hülfe!“ rief jetzt eine weibliche Stimme unten auf dem Boden. Bernard glaubte Charlottens Stimme zu hören, riß ſich unvermuthet mit ſeiner ungeheuern Kraft los, ſchleuderte zwei von den Unholden auf die Seite, faßte die daliegende Perſon und rief: „Charlotte „Mein Bernard!“ antwortete ſte;„o man ermor⸗ det Dich... Weiter konnte ſie nichts ſagen, denn man hatte ſie plötzlich wieder gepackt und ihr den Mund zugehalten. Bernard hatte aber unterdeſſen ſeinen Degen ge⸗ zogen und ſchlug damit um ſich herum; auch traf er einen der Banditen, aber in dem nämlichen Augenblicke fühlte er ſich den Hals zuſchnüren und rückwärts zu Bo⸗ den reißen. Einer von den 5— 6 Kerlen hatte ihm eine Schlinge über den Kopf geworfen und begann ihn auf dem Boden fortzuſchleppen. Der arme junge Mann durfte ſich nicht einnal mit den Händen einſtemmen, weil er ſonſt unfehlbar erwürgt worden wäre. Umſonſt verſuchte er den Strick über ſeinem Kopfe mit dem Degen zu zerhauen, den er noch in der Hand hatte; das Wurgen des Stricks lähmte ihm die Kräfte und er fiel auf das Geſicht, ſo — 21— daß er auch den Degen fallen laſſen mußte, um den Kopf nicht auf den Steinen zerſchmettern zu laſſen. Da hört er plötzlich in einiger Entfernung einen durchdringenden Schrei und gleich darauf noch einen ganz in ſeiner Nähe. Er blieb ſogleich liegen und machte ſich das Seil vom Halſe los. Zugleich flüſterte ihm eine Stimme zu: „Folgen Sie mir, Bernard, ſonſt ſind Sie ver⸗ loren!“ Der Freund, welahoft marie ein Deus er Machina erſchienen war, faßte ihn bei Hand, zog den halb Todten einige Schritte weit fort, öffnete eine Thür, ver⸗ ſchloß ſie wieder und ſagte: „Jetzt erholen Sie ſich einen Augenblick. Rühren Sie ſich aber nicht von der Stelle!“ „Was bedeutet das alles? Und wer ſind Sie?“ „Wir werden noch Zeit genug haben das zu beſpre⸗ chen. Jetzt nur Ruhe!“ „Hören Sie nicht ein Getöſe?“ „Ei ja, die Helfershelfer ſind gekommen, um ihre ge⸗ lähmten Freunde aufzuladen.“ „Es lag draußen eine Dame am Boden.. 4 Ich kenne ſie und werde alles aufbieten ſte zu retten. Laſſen Sie mich wieder hinaus!“ . ———— „Charlotte Vanner, die Schweizerbraut oder auch Tochter der Baſtille genannt, iſt bereits im nächſten Hauſe untergebracht, wo mitleidige Mädchen für ſie ſor⸗ gen werden.“ Waͤhrend der Unbekannte, welcher von ſehr kleiner Statur zu ſein ſchien, dieſe Worte ſagte, ſchob er einen großen Riegel durch das feſte Schloß in die Wand. Dann fragte er: „Glauben Sie jetzt wieder gehen zu können? Denn lange möchten wir hier nicht ſicher ſein. Sobald die Wüthriche draußen alles durchſucht haben und nichts fin⸗ den, kommen ſie ſchon auf den Gedanken, daß Sie ſich in die Katakomben gerettet haben.“ „In die Katakomben!“ „Wir ſtehen bereits auf der erſten von den 90 Stu⸗ fen, welche uns in die Vorhalle hinabführen.“ „Kennen Sie dieſe unterirdiſchen Gänge und werden ir... „lleberlaſſen Sie ſich ganz meiner Leitung... Kom⸗ 2 men Sie!. Bei dieſen Worten faßte der Kleine unſern Officier bei der Hand, führte ihn behutſam auf den Stufen hin⸗ ab und ſagte dabei: „Sie hätten wohl nicht gedacht, daß ſich der erſt ſo — 2u— ſpät wieder zu Ihnen fände, welchem Sie beim Pavillon von Klein⸗Trianon das Leben retteten?“ „Sie wären...“ „Ich bin der ehemalige Silberdienergehülfe Ihrer Majeſtät der Königin und jetzt wohlbeſtallter Trommel⸗ ſchläger der Pariſer Commun...“ „O wie vielen Dank bin ich Ihnen ſchuldig, mein Freund,“ ſagte Bernard, dem kleinen verwachſenen Manne herzlich die Hand drückend und dabei immer die Stufen nach den Katakomben hinabſteigend...„Und auch meine Charlotte haben Sie gerettet?“ „Was die betrifft,“ ſagte der Trommler lächelnd,„ſo habe ich ſte heute zum zweiten Male den Klauen der Unholde entriſſen.“ „Ach, die Arme! Nun?“ „Ein ehemaliger Schließer in der Baſtille, Frangois Leclere, der ſeinen wollüſtigen Herrn nur durch ſeine bodenloſe Rohheit übertraf, hat ſich in der geſchleiften Feſte und durch Plünderungen in der Stadt ein anſehn⸗ liches Vermögen erworben, das er anzuwenden ſcheint, um einen Zweck zu erreichen, den er neben dem eiferſüch⸗ tigen de Launoy in der Baſtille nicht hat erreichen können. Er hat ſich mit einer Anzahl gleichgeſinnter Spießgeſellen umgeben... Doch halt,“ unterbrach ſich hier der Kleine, welcher Aubry hieß,„da ſind wir eben an das Ende der Stufen gekommen. Jetzt laſſen Sie uns die Thüre ſuchen.“ Bei dieſen Worten zog Aubry ein Feuerzeug aus der Taſche und bald brannte ein Diebslaternchen. „Sehen Sie, mein Herr,“ belehrte Aubry,„hier kann ich die Laterne ohne die geringſte Gefahr anzünden, denn es fällt nicht das Viertel von einem Lichtſtrahl nach der Oberfläche der Erde hinauf, in den Katakomben aber ſind heute Beinwände und Knochenaltäre ſo öde und leer wie die Erde vor der Schöpfung; ich weiß das von Ih⸗ rem kleinen Landsmann Marat, der bis gegen Abend darin gearbeitet hat... Da iſt die Thüͤr zwiſchen den beiden Pilaſtern... Sehen Sie die Inſchrift dar⸗ über?“ „Has ultra metas requiescunt beatam spem expec- tankes.“ „Was heißt das?“ fragte Aubry die Thür öffnend. „Ueber dieſen Grenzen ruhen die Gebeine derer, welche auf die ſelige Hoffnung harren.“ „Nur auf eine Hoffnung harren ſie?“ fragte der Kleine, die Thür inwendig wieder verſchließend. „Es ſoll wohl heißen: Auf die ewige Seligkeit, die Auferſtehung von den Todten.“ 22 — 29— „Doch laſſen wir die Todten, denen am Ende jeder ſo ſpät als möglich anzugehören wünſcht...“ „Ach ja, Freund,“ verſetzte Bernard, der ſich zu erholen begann und nur aus Achtung vor ſeinem wort⸗ reichen Retter ſeine Ungeduld bezähmt hatte das Ende der Erzählung zu hören,„ja, Freund, wie iſt es Char⸗ lotten ergangen, die ich ſeit dem 14. Juli nicht wieder geſehen habe?“ „Nachdem ich mich zu Verſailles in No. 3 der Schloß⸗ gaſſe vergeblich nach Ihnen umgeſehen hatte, erfuhr ich durch Zufall, daß Sie in's Hospital geſchafft worden ſeien. Ich blieb bei Ihnen, bis die Aerzte Sie außer Gefahr erklärten. Dann ſah ich mich nach Ihrer Freun⸗ din um, konnte ſie aber lange nicht finden. Endlich er⸗ fuhr ich von Ihrem Freunde Borel, daß ſich ihrer die reiche und ſchöne Théroigne de Möéricourt ange⸗ nommen hat...“ „Wer iſt dieſe?“ „Ich weiß nicht viel mehr von ihr, als daß ſie ein ſchönes neunzehnjähriges Mädchen iſt, daß ſie in der Wohnung des Grafen Mirabeau und im Palais⸗Royal unangemeldet vorgelaſſen wird, daß ſie es mitten in den Unruhen der Nacht vom 15. Juli durchſetzte ein Säckchen Geld nach Genf an die alten Vanner's zu ſchicken...“ 80— „Ah!“ rief hier Bernard fröhlich erſtaunt,„und Eharlytte... „Richtete im Gefühl des innigſten Dankes theils in Manns⸗ theils in Frauenkleidern mit ſolcher Gewandt⸗ heit alle Aufträge ihrer Gönnerin aus, daß in verſchie⸗ denen Kreiſen neben dem Namen Möricourt auch immer der Name Vanner genannt wurde.— Aber ſie war von dem ſcheußlichen Leclere geſehen und erkannt worden. Dieſer war ihr nachgeſchlichen, hatte ihre Woh⸗ nung entdeckt und ihr mit ſeinen Helfershelfern des Nachts aufgelauert. Die allgemeine Verwirrung begün⸗ ſtigte den Bubenſtreich; ſie ward von den Unholden er⸗ griffen und ſollte Gott weiß in welchen Schlupfwinkel geſchleppt werden...“ „O, und ich mußte mich vergebens abmühen ſie zu finden!“ „Zufällig müſſen die Räuber an einer ſtarken Pa⸗ trouille vorbei, der ich vorzutrommeln die Ehre hatte. Die Vanner ſtieß einen Schrei aus und— die ſchändlichen Banditen mußten ihre Beute fahren laſſen. Nun kam es heraus, daß es die berühmte Tochter der Baſtille war. Man escortirte ſie bis zu ihrer Freundin Théroigne, bei der ſie ſeit der Zeit gewohnt hat, wie ich nicht an⸗ 7 . ders weiß.. d me N A — 81— „Dieſe Wohnung?“ „Straße St. Honoré, No. 5.“ „Und der Brief, welchen ich durch Borel erhielt, der ſie nach der Barrière d'Enfer geleiten wollte?“ „Ah, was Borel betrifft, ſo hat er noch die ganze Nacht mit dem Transport der Brigands zu thun, deren man habhaft geworden iſt. Er muß etwas mehr thun als Andre, weil ihm die Patrioten wegen ſeiner früheren Geſinnungen noch nicht recht trauen. Darum beauftragte er mich...“ „Hören Sie? Was iſt da für ein Geräuſch?“ fragte Bernard ſtehen bleibend. „Es iſt nichts,“ antwortete Aubry ihn fortziehend; „die Seine befindet ſich über unſern Häuptern und läßt etwas Waſſer durch die Decke träufeln; Andre ſagen, es wäre nur ein Straßenbrunnen. Mag es aber ſein was es will, die Pilaſter und die Menge der Stitzen laſſen das Gewölbe nicht einfallen... „Ich höre aber ein Flüſtern von Menſchenſtim⸗ men.. „Ha, ha, ha! Das hat mich oft genug getäuſcht,“ erwiederte Aubry lachend;„da denke ich immer noch an eine Scene meiner erſten Jugend, wo mich ein ſolches Flüſtern bald von Sinnen gebracht hat. Ich war kaum 1789. II. 6 16 Jahre alt, ſo gefiel mir ſchon die Tochter meines Saalnachbars, neben deren Wohnſtube mein Schlafzim⸗ mer war. Ich hatte dem NMaͤdchen allerhand Gefällig⸗ keiten erwieſen, und ſie ſchien dankbar zu ſein. Da mich indeſſen die Natur nicht eben mit großer Schönheit aus⸗ gerüſtet hat, ſo konnte ich an mein Glück gar nicht recht glauben und betrachtete einen Penſionär meines Alters im Hauſe des Saalnachbars immer mit eiferfüchtigen Augen, zumal da er bisweilen mit meiner Geliebten freundlich geſprochen hatte. Eines Abends nun ſah ich meine Schöne an den Waſſertrog vor dem Hauſe gehen, um eine Flaſche voll aus der Röhre einlaufen zu laſſen. Waͤhrend der Zeit aber ging die Thuͤr ihrer Wohnung auf und zu und ich glaubte, mein Nebenbuhler erwarte ſie dort. Obgleich mir nun das Mädchen freundlich zu⸗ nickte, ſo machte ich doch eine überaus finſtre Miene und ſchloß das Fenſter, um etwas in der Nebenſtube zu er⸗ horchen. Hier begannen meine Leiden. Wie verwünſchte ich das Geplätſcher des Waſſertrogs, welches mich am Horchen hinderte, ach und welches mich ſo grauſam täuſchte. Tauſendmal glaubte ich in dieſem Geplätſcher ein Flüſtern zu vernehmen und tauſendmal überredete ich mich wieder, daß ich mich getäuſcht hätte. Mit ange⸗ haltenem Athem und ſtürmiſch klopfendem Herzen lehnte — „—„ — — — 89 ich in der Vertiefung meines wiedergeöffneten Kammer⸗ fenſters und war oft im Begriff meiner Wuth und Be⸗ klemmung durch einen verzweiflungsvollen Schrei Ich wünſche gute Nacht— für immer! L wie: uft zu machen. Endlich ſehe ich den gefürchteten Nebenbuhler mit einer Mappe unter dem Arme die Straße daherkommen...“ „Ah, ich glaube gern an die Täuſchung der Sinne,“ unterbrach Bernard in gutmüthigem Tone dieſe lange Erzählung, bei der ſein Führer mit großer Liebe zu ver⸗ weilen ſchien;„Aehnliches iſt auch mir begegnet; aber ſagen Sie doch, Freund Aubry, wie gelang es Ihnen dieſen Abend die arme Charlotte und mich zu retten? Ich habe niemanden bei Ihnen geſehen...“ „Ich war allein, aber ein paar Schnitte mit dieſer Hippe und etwas Gewandtheit mußten ſchon zum Ziele führen.“. „Sie haben die Räuber verwundet?“ „Nachdem mir Borel ſpät und eilig ſeine Aufträge gegeben und die Richtung meines Weges hatte, eilte ich ſo ſehr es meine Kräfte erlaubten und kam eben noch zu rechter Zeit, um einen greuelhaften Frevel zu verhüten. Da ich faſt zeitlebens dunkle Win⸗ kel bewu nt habe, ſo kann ich im eine Ka vorgezeichnet Dunkeln ſehen wie He. Ich bemerkte bei meiner Ankunft die Gefahr, 6* worin Sie und Ihre Freundin ſchwebten, ſchnitt dem Banditen, welcher die Vanner gepackt hatte, die Seh⸗ nen eines Fußes durch, trug wie der Blitz und bevor die wachhabenden Spießgeſellen des Verſtümmelten heran⸗ eilen konnten, das halb entſeelte Mädchen in's nächſte Haus, wo ſie von ein paar jungen Damen in Empfang genommen wunde, und flog nun zu Ihrem Henker, um ihn ebenfalls vermittelſt eines Schnittes durch die Seh⸗ nen des Fußes unſchädlich zu machen. Aber nun galt es hurtig ſein; denn ſchon auf den erſten Schrei, wel⸗ chen einer der Brigands ausſtieß, waren ſeine Spießge⸗ ſellen herbeigeeilt; während ſte ſeine Wunde unterſuchten, ſchrie auch Ihr Henker und noch zwei andre Unholde ſprangen heran. Wären wir nur einige Augenblicke ſpäter an die Thür zu den Katakomben gelangt, ich bin über⸗ zeugt, daß wir Beide jetzt nicht mehr athmeten; denn Sie müſſen wiſſen, daß Ihnen der Tod geſchworen ift... 2 „Sollte der Rädelsführer dieſes Geſindels nicht aus⸗ findig zu machen ſein?“ „Nur zufällig zu fangen iſt er, indem ich gewiß weiß, daß er nicht zwei Nächte an einem Orte bleibt.“ „Doch wohin gerathen wir!“ rief Bernand aus; — die ran⸗ chſte ang um ſeh⸗ galt vel⸗ „da haben wir ja keinen gebahnten Weg mehr!... Ah, es ſind nichts als Todtenſchädel!“ „Ja, es iſt hier wohl eine Schaͤdelpyramide eingeſallen. Heben Sie nur die Füße etwas hoch. Die Burſche da unten beißen nicht mehr... Meiner Rechnung nach müſſen wir bald an's Ende ſein; mir iſt es auch als hörte ich ſchon das Getöſe der Oberwelt.“ Die beiden Wanderer blieben ſtehen und horchten. Sie vernahmen allerdings vor ſich nach oben einen dum⸗ pfen Lärm und glaubten Menſchenſtimmen und Pferdege⸗ wieher zu unterſcheiden. W „Wenn mich nicht alles täuſcht,“ ſagte Aubry,„ſo haben wir dort oben einen Freudenaufzug des Volks.“ „Einen Freudenaufzug?“ „Ja wohl! Man hört deutlich das i ertönen.“ „Was ſoll das heißen?“ „Riefe man: A bas le ministére! ſo klänge das hier unten ſicherlich ganz anders als wenn man ruft: Vive Monsieur Necker! Denn das à has und das vive weiß niemand ſo gut zu betonen als die Pariſer.“ Jetzt waren Bernard und Aubry an die Stufen gekommen, welche auf der andern Seite aus den Kata⸗ komben führten. Je höher ſie kamen, deſto deutlicher ſchlug das Volksgeſchrei an ihr Ohr. An der Thür blieben ſte ſtehen und horchten aufmerkſam, welche Rich⸗ tung das Getöſe nähme. Es zog ſich die Straße von Orleans her nach der Stadt zu. „Es ſcheint als könnten wir die Höhle ſicher verlaſſen,“ ſagte Aubry;„indeſſen kann man nicht wiſſen, ob Ihre Verfolger nicht vermuthen, welchen Weg wir eingeſchlagen haben. Wenn ich öffne, ziehen Sie den Degen...“ „Unglücklicherweiſe, Freund Aubry, habe ich ihn bei der Barriére d'Enfer nicht wieder aufheben können, weil die Flucht keinen Aufſchub litt.“ „Ah, und welch eine Verwüſtung haben die Moͤrder mit Ihren Kleidern vorgenommen? Es iſt ja faſt kein ganzer Biſſen mehr daran!... Auch der Hut iſt fort.“ „Das möchte alles gehen; aber der Hals brauchte mir nur halb ſo weh zu thun und es wäre auch wohl ge⸗ nug... Leuchten Sie doch einmal her!“ „Mein Gott,“ ſagte Aubry,„Ihr Hals ſieht ja braun und blau! Und wie iſt er aufgeſchwollen. Neh⸗ men Sie wenigſtens das Halstuch ab.“ „Das ſoll geſchehen... Ah! der Teufelskerl hat den Strick ſo derb zuſammengezogen, daß mir in der That das Reden ſchwer fällt... Doch ich bin froh, daß ich noch einen Wundarzt brauchen kann.“ — „Da, nehmen Sie mein Taſchenmeſſer; es iſt groß genug, um einem Banditen damit bis in's Herz zu langen. Ich nehme die Hippe, die mir ſchon ſo gute Dienſte ge⸗ leiſtet hat, denn ſeit unſerm Abenteuer im Verſailler Park hat ſie mich nicht mehr verlaſſen.“ Bei dieſen Worten ſchloß Aubrhy die gewaltige Thür auf, und nach wenigen Augenblicken ſtanden die beiden Freunde in der Freie. Ein lauer Abendwind ſchlug wohl⸗ thätig an ihre Wangen und führte ihnen das Geſchrei des Volkes zu. In der Nähe hörten ſie keinen Laut. Nachdem der Kleine die Thür wieder verſchloſſen hatte, faßte er ſeinen Schützling am Arme und fragte: „Zu einem W Bundarzt?“ „Ja, Freund, wenn es möglich iſt.“ „So kommen Sie.“ Sie gingen und unterwegs machte ſich Aubry ein Vergnügen daraus die ſchönen Officierskleider ſeines Ge⸗ fährten zu reinigen. Bevor ſie aber noch zu dem Wund⸗ arzte kamen, deſſen Wohnung Aubry ohne Zweifel wußte, waren ſie mitten unter die Volkshaufen gerathen, welche wild durch einander ſchrien, ohne daß man un⸗ terſcheiden konnte, was ſie eigentlich bezweckten. Unſre beiden Bekannten ſchloſſen ſich an einen Mann N an, der ein geſetztes Weſen verrie th und dem Handwer⸗ —— ——— kerſtande anzugehören ſchien. Dieſen fragte Aubry was es gäbe. Er antwortete ganz gelaſſen: „Noch ſo eben jubelte das Volk über Necker's Rück⸗ kehr, da heißt es auf einmal, dieſer Miniſter habe bei Wählern deshalb um Beſenval's Begnadigung und eine allgemeine Amneſtie angehalten, um ſich die Freund⸗ ſchaft einer mächtigen Partei, die der Volksfeinde zu er⸗ werben... den 2 8 „Ah,“ ſagte Bernard,„verdient wohl Necker einen ſolchen Argwohn?“ „Es iſt ſchon ſchlimm,“ ſagte der Bürger ruhig wie vorher,„wenn ein Miniſter, weil er ſich durch den En⸗ thuſtasmus des Volks geſichert glaubt, ſolche Leute in Schutz nimmt, von denen er weiß, daß ſie ſich gegen daſſelbe Volk verſchworen haben; denn mag er auch nur Ruhe und Frieden beabſichtigen, immer hat er durch ſeine Handlungsweiſe ein übermäßiges Selbſtvertrauen kund gegeben.“ „Man legt dieſe demnach ſo aus, als habe er die Sache des Staats ſeinem Ehrgeize geopfert,“ ſagte Ber⸗ nard. „Eben dieſe Anſicht,“ fuhr der Bürger fort,„hat ſich mit Blitzesſchnelle durch die Hauptſtadt verbreitet und man rottet ſich zuſammen wie zur Zeit der Erſtürmung des „, — 89— 72 1s 2 Baſtillengebäudes... Da, hören Sie nicht General⸗ 4 marſch ſchlagen?...“ 1 G k⸗„Wahrhaftig, und auch die Sturmglocke fehlt nicht,“ ei ſagte Aubry. b Die Sprechenden waren nach und nach bis auf den Gréve⸗Platz gedrängt worden und hörten nun allerdings, daß die Sache ziemlich gefährlich ausſah. Der arme 1 Bernard dachte bei dem verworrenen Geſchrei nicht an „, 1 den Wundarzt, auch wenn er ſich durch die Menſchen⸗ woge hätte drängen können. So vergißt ein Jäger für 6 einen Augenblick die Wunde, welche ihm ein wildes 5 Schwein geſchlagen hat, wenn er den Wald brennen ſieht. 5 Hier vernahm man Reden wie: 6„Beſenval hat die Nation verrathen...“ „Beſenval wollte die Freiheit vernichten...“ „„Was! Beſenval ſoll nicht baumeln? An die La⸗ terne mit ihm!“ „Wenn Beſenval nicht baumelt, triumphiren die 4 Verſchwörer am Hofe!“ 3 4 „„Necker hat im Auslande den Kopf erfroren!“— „Und im Palais⸗ Royal feiert man ſeine Rückkehr 1 durch Illuminationen und Concerte!“ „Aber die Sturmglocke accompagnirt!“ — 90 „Necker bietet dem Volkshaſſe Trotz... aber gewiß nicht ungeſtraft!“ „Ich habe mit eigner Hand zwanzig Anſchlagszettel mit dem Generalpardon abgeriſſen!“ „Necker mag für Geld ſorgen, und die Sorge für die Beſtrafung der Verräther uns überlaſſen! Beſen⸗ val muß baumeln!“ „Die Nationalverſammlung verurtheilt den Verruchten und die Waͤhler ſprechen ihn los! Wer hat denn etwas zu befehlen?“ „Die Waͤhler erlaſſen einen Generalpardon! Sie haben alſo das Recht zu verdammen und loszuſprechen! Und an dieſe Wähler hat ſich Necker gewendet!“ „Wir ſind hier auf dem Gréve⸗Platz 30,000 Mann und wollen zeigen, daß die Wähler nicht das Recht haben die Decrete der Nationalverſammlung zu vernichten!“ „Beſenval kommt! Beſenval kommmt!“ rief plötzlich eine Stimme lauter als die andern. „Die Laterne iſt niedergelaſſen und der Strick bereit!“ ſagte Bernard's Nachbar mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe; aber auf dem Platze entſtand nun ein Wogen und Drängen, daß ſich beſonders der kleine Aubry weit wegwünſchte. Indeſſen war es nur ein blinder Lärm geweſen; man brachte einen Gefangenen, der beſchuldigt war, vor der 5 2 — Stadt Mehl aufgefangen zu haben. Er ward mit vieler Mühe und unter dem Wuthgeſchrei der Menge nach dem Stadthauſe gebracht. „Was nehmen ſich die Waͤhler heraus?“ rief eine tüch⸗ tige Baßſtimme aus dem dichteſten Gedränge;„wir wollen ihnen ſagen, daß ihr Platz nicht auf dem Rathhauſe iſt!“ „Nach dem Stadthauſe, nach dem Stadthauſe!“ ſchrie gleich der ganze Haufe und wälzte ſich nach den verſchloſ⸗ ſenen Thüren. Schon war man darüber her ſie ein ſchlagen, als ein Wähler oben erſchien und ſagte: „Was wünſcht das Volk?“ zu⸗ zu „Es wünſcht,“ rief die vorige Baßſtimme,„daß Be⸗ ſenval hierher vor das Stadthaus gebracht werde und daß auf dieſem ſelbſt unſre Communrepräſentanten die ein⸗ zige Stimme haben!“ „Was Beſenval betrifft,“ ſagte der Wähler mit ſtarker Stimme, und es entſtand auf dem Platze eine un⸗ erwartete Ruhe,„ſo war er nach den neueſten Nachrichten gefangen auf das Rathhaus von Brie⸗Comte⸗Robert und von da nach dem dortigen Schloſſe gebracht worden. Er iſt ſtark bewacht und wird ſeiner Strafe ebenſo wenig entgehen wie irgend ein andrer Verräther des Vaterlandes. Auch hat ſich der von den Waͤhlern erlaſſene Pardon nicht auf die Verbrechen der beleidigten Nation bezogen; ——— 4 —— ——— — 92— ſie haben ſich begnügen wollen jede geſetz⸗ und ordnungs⸗ widrige Handlung zu ächten und keineswegs daran ge⸗ dacht ſich das Begnadigungsrecht zuzueignen.— Was die letzten Beſchlüſſe der Wähler betrifft, ſo beſtehen ſie darin, daß ſie den Miniſter Necker von den gegenwär⸗ — tigen Ereigniſſen der Hauptſtadt benachrichtigt und eine Deputation an die Nationalverſammlung abgeſchickt haben, um ihr von ihrem Verfahren Rechenſchaft abzulegen. Zu⸗ letzt haben die Waͤhler beſchloſſen ſich nicht wieder zu ihren bisherigen Geſchäften zu vereinigen, wozu ſie nur von der Gewalt der Umſtände gezwungen worden waren...“ „Es leben die Wähler! Es leben die Wähler!“ er⸗ ſcholl es jetzt auf dem Gréve⸗Platze von tauſend Zungen. 5„Es lebe die Nationalverſammlung!“ ſchrien Andre. „Es lebe die Nation! Es lebe die Freiheit!“ riefen noch Andre. Auf dieſe guten Nachrichten verzog ſich die Volks⸗ menge einigermaßen, welche durch ein Gnadengeſuch von Seiten Necker's, der dadurch einen großen Theil ſeiner. Popularität einbüßte, ſo ſehr in Harniſch gerathen war. 6 Auch Bernard und ſein treuer Aubry wurden mit fortgeſchoben. Bald waren ſie wenigſtens außer Gefahr die Zahl der Erdrückten zu vermehren, was unſerm ge⸗ * 4 4 24 — — 93— brechlichen Aubry ſehr lieb war, denn nur dem Schutze ſeines ſtarken Freundes hatte er ſeine Rettung zu danken. Dieſer befand ſich trotz dem erlittenen Unfalle immer noch ganz leidlich, nur daß ihm die linke Sei te des Halſes mehr ſchmerzte als auch der herzhafteſte O fficier wünſchen kann; denn bei ſeinen Bemühungen ſich aus der Schlinge zu ziehen und ſich nicht fortſchleppen zu laſſen, hatte der Strick gewaltig eingeſchnitten. „Haben wir noch weit zum Wundarzte?“ fragte Bernard. „In wenigen Minuten werden wir bei ihm ſein,“ ant⸗ wortete Aubry, und an ſeinem Freunde hinaufſehend ſetzte er hinzu:„Wie ſteht's?“ „Der Kopf iſt mir wie auf die Schultern feſtgekeilt; ich kann ihn nicht zur Seite bewegen; auch das Sprechen wird mir ſauer.“ „Wenn das iſt, ſo will ich Sie im Sprechen mit über⸗ tragen, denn ich habe Ihnen ohnehin noch nicht alle richtet was mir Ihr Freund Borel „Und das iſt?“ s be⸗ aufgetragen hat.“ „Zunächſt wünſcht er ſich einmal ausführlicher mit Ihnen zu beſprechen; er möchte nämlich mit Ihrer Hülfe ſein früheres Verhalten wieder gut machen und wo möglich ganz in Vergeſſenheit bringen. Dann hat er — 9 4— Ihnen Mittheilungen über Charlotte Vanner zu machen, die er mir nicht anvertrauen wollte; nur ſo viel habe ich errathen, daß es beſonders ihr Verhältniß zu Théroigne de Méricourt betrifft... „Wo werde ich ihn treffen?“ „Sobald er mit den Brigands zu Rande iſt, wird er Ihnen einen Beſuch in Ihrer Wohnung abſtatten. Auf Sie hofft er ganz beſonders, weil Ihnen Mirabeau und der Herzog von Orleans bekannt ſind; mich hat er in ſein Herz geſchloſſen, weil ich mit dem ſcharf umher⸗ ſpähenden Robespierre in Verbindung ſtehe...“ „Etwas Genaueres von allen dieſen Dingen wird mir wohl noch heute Abend auch Charlotte ſagen können, denn Sie werden mich hoffentlich unmittelbar vom Chir⸗ urgen weg nach ihrem Afyl an der Barriére d'Enfer geleiten... Ach, ſeit mehr als einem Monat bin ich noch gar nicht recht zur Beſinnung gekommen!...“ „Sprechen Sie nicht zu viel, es könnte Ihnen ſcha⸗ den... Wer hat denn übrigens jetzt in Frankreich zur Beſinnung kommen können? Der König oder die Köni⸗ gin, denen nichts als Deputationen mit Schreckensbot⸗ ſchaften zukommen? Die Ständeverſammlung, die jeden Augenblick von den Pariſern abgehalten wird den Men⸗ ſchen ihre Rechte feſtzuſetzen? Das Volk, welches Acte — 95— der hohen Juſtiz ausüben muß? Sie in Ihrem Hospital oder ich in meinem Waſſergraben?“ „Scherz bei Seite,“ ſagte Bernard, Leben iſt es mir noch jetzt... „in meinem nicht ſo trübſelig ergangen als „Es ſind aber auch Zeiten,“ ſiel Aubr y ein,„wie ſie ſeit Menſchengedenken noch nicht exiſtirt haben. Doch hier iſt das Haus des W Klopfen wir.“ .. undarztes Girardin. Es dauerte nicht lange, ſo öffnete eine ältliche Frauens⸗ perſon und berichtete, daß Herr Girardin nicht zu Hauſe ſei, daß aber ſein Famulus dienen könne. Die beiden Maͤnner wurden ohne weiteres eingeführt und er⸗ blickten einen kleinen dürren Kerl, der ſich in ſeinem großen fettblumigen Schlafrocke beinahe verlor. Seine grauen Augen rollten unſtät unter den buſe higen Brauen im Kopfe herum und ſeine dürren Lippen glichen denen eines Affen. Zu alle dem paßte ſeine bleiche Geſichts⸗ farbe gar nicht übel. Ueber ſeinem einfachen Bureau hingen Bilder der königlichen Familie. „Nun, was führt Sie denn ſo ſpät zu mir?“ fragte der Famulus. „Ich wünſchte mir von einem erfahrnen Manne den — 96— Hals unterſuchen zu laſſen, woran ich Verletzungen habe,“ antwortete Bernard. „Mich unter die geſchickten Wundärzte zu rechnen, kommt mir nicht in den Sinn; aber was meine geringe Kenntniß vermag, das ſteht Ihnen zu Dienſten. Zeigen Sie doch!“ Bernard entblößte den Hals. „Ah!“ rief der Famulus Cottin,„man hat Sie, wie es ſcheint, mit einem ſtumpfen Werkzeuge verwundet.“ „Freilich wohl,“ ſagte A ubry,„nämlich mit einem Stricke.“ „Man hat Sie laterniſtren wollen!“ rief der Famulus entſetzt. „Wenigſtens erwürgen,“ ſagte Bernard;„wie fin⸗ den Sie dieſe Quetſchung?“ „Ich habe ſie noch nicht gehörig unterſucht... War⸗ ten Sie... Ah! die ganze Epidermis iſt an der linken Seite weg... Thut es weh, wenn ich ſo drücke?“ „Unterſuchen Sie nur!“ ſagte Bernard die Zähne zuſammenbeißend. „Einige Halsmuskeln haben Schaden gelitten, doch ſind nur geringe Blutgefäße zerriſſen... Die Verwun⸗ dung hat keine Gefahr... Frau Barbara! Frau Barbara!“ ——— 92— 2„Was ſteht zu Dienſten?“ fragte die Gerufene ein⸗ tretend.. , 8„Schnell ein Dutzend Blutegel!“ e 1„Sogleich!“ n„Ich werde unterdeſſen einen Bleieſſig zurechtmachen, der nach den Blutegeln die beſte Wirkung thun ſoll. Nehmen Sie einſtweilen Platz, meine Herren... Doch 4 1 1 ſagen Sie mir um Gottes willen, wer hat den Frevel an 2 Ihnen begangen?“ n„Der Bube fängt ſich mit dem erſten Buchſtaben Frangois Leeclerc an. 5„Ha!“ rief der Famulus unwillkührlich; aber ſich ſo⸗ gleich verbeſſernd ſetzte er ruhiger hinzu:„Leclere! Iſt 3 er bereits eingezogen?“ „Wenn Sie uns den Schurken zur Stelle ſchaffen, ſoll es Ihr Schade nicht ſein,“ ſagte Bernard;„er 1 ſchläft jede Nacht an einem andern Orte.“ „Wer iſt der Kerl?“ fragte Cottin zerſtre ut. f 5„Einſt ein Schließer in der Baſtille und jetzt ein 3 Brigand.“ „Und warum verfolgt er Sie?“ „Weil ich habe was er auch haben möchte,“ ſagte Bernard. 1789. II. — 98— „Aha, ich verſtehe; gewiß eine Dame!“ fuhr Cottin heraus. „Könnte es nicht auch Geld und Gut ſein?“ meinte Bernard den Famulus fixirend, welchem ein flüchtiges Roth über die blaſſen Wangen lief;„wie kommen Sie auf Ihre ſonderbare Bemerkung?“ „Ich meinte ſo ſchließen zu dürfen,“ ſagte Cottin gefaßter,„weil Sie Ihre Auskunft geheimnißvoll und wenigſtens ungewöhnlich ausdrückten...“ „Hier ſind die Blutegel!“ rief die alte Barbara, und das Geſicht des Famulus nahm ſeinen frühern un⸗ befangenen Ausdruck wieder an, offenbar weil durch die Dazwiſchenkunft eine Unterhaltung abgebrochen wurde, die ihm nicht behagte und die, beiläufig geſagt, zunächſt nicht gleich Folgen hatte, obgleich dieſelben ſpäter nicht ausblieben. „Nun, mein Herr,“ ſagte der Famulus,„die Ge⸗ ſchwulſt an Ihrem Halſe ſoll ſich bald gelegt haben.“ Wir brauchen von der chirurgiſchen Behandlung unſres Bernard nicht mehr zu ſagen, als daß er nach einem zweiſtündigen Aufenthalte beim Herrn Cottin ziemlich erleichtert mit Aubry der Barriére d'Enfer zuſchritt und mit ſeinem Freunde über den verdächtigen Famulus ſprach. — 99— Auch mag gleich hier noch erwähnt werden, daß er nach zwei Tagen beinahe völlig wiederhergeſtellt war. Als Bernard und Aubr 9 in dem Hauſe nachfrag⸗ ten, worin Ch arlotte Vanner eine Zuflucht gefunden hatte, erhielten ſie die Nachricht, da Stunden im beſten Wohlſein zu ihrer Freundin Thé⸗ roigne gefahren ſei. Da gingen die beiden Freunde in Bernard's Wohnung und Aubry wachte die Nacht über bei ihm. Während er einem ſanften Schlafe in die Arme ſinkt, ſehen wir uns nach derjenigen um, welche er ſo lange umſonſt aufgeſucht hatte. ß ſie ſchon vor einigen In einem Prunkzimmer der reichen und ſchönen Thé⸗ roigne de Möricourt ging langſam und ſchwermü⸗ thig die reizende Charlotte Vanner auf und ab. Sie hatte ſich von dem gehabten Schrecken ſo ziemlich erholt, konnte aber den Gedanken nicht loswerden, daß das Schickſal ſelbſt ihr Zuſammentreffen mit ihrem Otto verhindere. Ganz beſonders peinigend war es für ſie, daß ſie ihrer Beſchützerin nichts von ihrem Verhältniß zu ihm ſagen durfte; denn dieſe war viel zu ſehr von politiſchen Ideen eingenommen, als daß ſie daneben etwas Andres hätte dulden ſollen. 4 Jetzt ging ſie, wie geſagt, tieffinnig im Zimmer auf und ab, ihre mißliche Lage bedenkend und nach Abhülfe ſpähend; denn das Gewaltſame und das Männliche, die rückſtchtsloſe Freiheitsſchwärmerei ihrer Freundin war ihr nicht wenig zuwider, obgleich ſie ſelbſt ſich in heftiger —— — 101— Aufregung zu Extravaganzen hatte hinreißen laſſen und unwillkührlich zu einer ihr traurig vorkommenden Be⸗ rühmtheit gelangt war.— Tauſend Gedanken kreuzten ſich in ihrer Seele und keinen vermochte ſie in ihrer Unruhe feſtzuhalten. Das väterliche Haus war ſo fern und mütterlicher Rath ihr unzugänglich; wenn es auch nicht mit den größten Ge⸗ fahren verknüpft geweſen wäre durch die Haufen des Militärs und der Brigands nach Genf zurückzukehren, dort hatte ſie keine Ausſicht ihre armen Eltern unterſtützen zu können. Sollte ſie vor ihre Gönnerin hintreten und ihr ſagen, daß ſie mit ihrer Lage unzufrieden ſei? Sollte ſie ihre Wohlthäterin gar heimlich verlaſſen, um in irgend einer Familie ein andres Unterkommen zu ſuchen? Wie ſtand es um ihren Bernard? Zwar zweifelte ſie keinen Augenblick an ſeiner Liebe und Anhänglichkeit, aber konnte er nicht auch von dem Schwindel ergriffen wer⸗ den, von dem alle Welt befallen war, dem Schwindel alle andern Intereſſen denen der Politik nachzuſetzen? In dieſes Meer von Zweifeln und Möglichkeiten ver⸗ ſunken und mit dem Auge über all die Klippen hinſtrei⸗ fend, woran ihre Hoffnungen ſcheitern konnten, war ſie lange auf⸗ und abgegangen, als ſte plötzlich vor einem Gemälde ſtehen blieb, das ſie noch nicht im Zimmer ge⸗ 5— —õ————* 5 — 102— ſehen hatte. Sie erkannte auf den erſten Blick in der Hauptfigur die Königin Marie Antoinette, wie ſie mit dem kleinen Dauphin auf den Knien lag und in⸗ brünſtig betete. Darunter ſtand weiter nichts als:„Am 17. Juli 1789.“ Dieſe Caricatur, denn als ſolche ſollte das Gemälde gelten, bezog ſich offenbar auf die Reiſe des Königs nach Paris, von welcher ſeiner Gemahlin allerdings ſchreckliche Gerüchte zu Ohren gekommen waren. Aber auf Char⸗ lotten machte der Anblick dieſer beſorgten Gattin und Mutter durchaus nicht den dadurch beabſichtigten Eindruck. „Ach,“ ſeufzte ſie ſtill für ſich,„hatte denn die Kai⸗ ſerstochter nicht Urſache zur Unruhe, nachdem die Ar⸗ tois, Condé, Broglie und Breteuil, nachdem auch die ſo anhänglichen Polignac's über die Grenze entflohen waren? Mußte es ſie nicht mit Entſetzen er⸗ füllen, wenn ſie durch Eilboten vernahm, daß 200,000 Bewaffnete nichts hören ließen als den Ruf:„Es lebe die Nation!“? Mußte es ihr nicht in's Herz ſchneiden, als man ihr erzählte, wie ihr erhabener Gemahl nur dadurch ein Viyat erpreſſen konnte, daß er die dreifar⸗ bige Cocarde annahm und die weiße mit den königlichen Vorrechten ablegte?— Ach, ich kann mich recht wohl an die Stelle der armen Frau verſetzen, welche für das — 105— Leben ihres Gemahls und für den Thron zittert! Und auf dieſe macht man Spottbilder...“ Soweit war ſie in ihrem Selbſtgeſpräch gekommen, als mit hochrothem Geſicht Théroigne de Méricourt in's Zimmer ſtürzte, ein Paar koſtbare Piſtolen auf den Mahagonytiſch warf, Charlotten ſtürmiſch umarmte und emphatiſch ausrief: „Nun, meine Theure, nun endlich wird die Morgen⸗ röthe der echten Freiheit über dem ſchönen Frankreich aufgehen!...⸗ „Und was iſt auf's neue geſchehen?“ „Ich habe den Vicomte von Noailles wieder ge⸗ ſprochen und von ihm erfahren, daß viele ſeiner Stan⸗ 1 desgenoſſen entſchloſſen ſind gleich ihm die Vorrechte des Adels aufzugeben. Bei dieſen hatte er jedenfalls mehr Ueberredungskünſte nöthig als ich bei ihm, obwohl ich geſtehen kann, daß mir noch keine politiſche Rede ſo von Herzen gegangen, ſo wunderbar gelungen iſt als die in Bezug auf die Privilegien der Adlichen...“ „Verſtehe ich recht,“ ſagte Charlotte erſtaunt,„ſo will der Adel ſeine Vorrechte freiwillig aufgeben...“ „Es iſt mir mit heiligen Worten zugeſichert und wird geſchehen... o in welch einer Zeit leben wir! Noch vor einem Jahre wäre jedermann eingeſteckt wor⸗ — 104— den, der nur von der Möglichkeit geredet hätte, daß einſt das Taubenſchlagrecht geſchmälert werden könnte! Welche Ideen beſeelen jetzt den Adel, ja ſelbſt die Geiſtlichkeit iſt zu einer großen Reform entſchloſſen! Alles will Opfer auf dem Altare des Vaterlandes darbringen, jeder⸗ mann will der Wahrheit und Gerechtigkeit opfern. Eine einzige Sitzung der Nationalverſammlung wird die Ge⸗ ſtalt Frankreichs verändern; die alte Unordnung der Dinge, bisher, trotz der Oppoſition, von hundert Generationen mit Gewalt aufrecht erhalten, wird völlig umgeſtürzt werden. Der berüchtigte Baum des Feudalweſens, von deſſen Schatten ganz Frankreich bedeckt war, geht nicht lang⸗ ſam ein ſondern wird urplötzlich abgehauen. In der nächſten Zeit wird der Ackerbauer dem Privilegirten gleich⸗ ſtehen, welcher ſich ſo lange von deſſen Schweiß gemäſtet hat. Roms gelähmter Arm wird ſich nicht mehr nach der Frucht der Arbeit in Frankreich ausſtrecken. Der Vicomte de Noailles...“ 4 „Gehört dieſer nicht einer vom Hofe vorzüglich be⸗ günſtigten Familie an?“ „Allerdings... um ſo rühmlicher für ihn, daß er trotz all ſeinen ererbten und erworbenen Vorrechten, trotz all ſeinen Verbindungen ſo hochherzig entſagt und ſich bei der Umſtürzung des ſtolzen Feudalgebäudes zum Wort⸗ blaß.. ⸗ — 105 führer aufwerfen will! Er wird leben, ſo lange es Her⸗ zen giebt, welche edelmüthige Uneigennützigkeit zu fühlen vermögen!“ „Und Sie haben ihn bewogen...“ „Zum Theil darf ich mich deſſen wohl rühmen, liebſte Freundin; aber auch die Ungeſchicklichkeit der Hofpartei iſt eine Haupturſache mit geweſen.“ „Nun 2⸗ „Noch dieſen Abend haben die Einfältigen einen frühern Anhänger des Miniſteriums abgefangen, einen gebornen Schweizer...“ „Wie? Wer war es?“ „Ah, Sie kennen ihn vielleicht; ich denke daß er Borel hieß.“ „Borel, ah! Was iſt's mit dem?“ „Er kann nichts mehr verrathen; man hat ihn von dem Dache eines hohen Hauſes hinabgeſtürzt... Die Sache iſt trotz allen Bemühungen der Ariſtokraten laut geworden und hat den fatalſten Eindruck gemacht. Es hält ſich bei dem jetz igen Zuſtande der Dinge niemand für ſicher und alle Welt wünſcht daher eine Radicalre⸗ fom.. Doch was iſt Ihnen? Sie werden ganz „O meine theure Beſchützerin, ich darf nich — 106 ſchweigen, daß dieſer Borel— mein Freund war... War er allein? Wie verhielt ſich die ganze Sache? Theilen Sie mir alles mit...“ „Wie der Abgeordnete de la Borde beim Vicomte erzählte, kam der Sergeant Borel mit einigen Brigands vom Lande an, um dieſe an die Behörde zu überliefern; aber plötzlich fielen einige Vermummte über den armen Sergeanten her, drohten ihn zu erſchießen, wenn er Lärm machte, und ſchleppten ihn in ein altes hohes Gebäude. Hier richteten die Vermummten eine Menge verfängliche Fragen an ihn, die er nicht ſehr zu ihrer Zufriedenheit beantwortete, denn ſie drängten und drohten immer ge⸗ waltiger. Endlich gaben ſie ihm das Zeichen der Ent⸗ laſſung und Borel überlegte ſchon wie er die Ariſto⸗ kraten am ſchnellſten gefangen nehmen laſſen könnte, als er beim Umwenden nach der Thür ſeinen Kragen erfaſſen fühlte und auf die Seite ſprang. Dieſer Sprung rettete ihn, denn der Vermummte, welcher ihn gepackt hielt, ſtieß mit der rechten Hand einen Dolch nach ihm, der aber nur an ſeinem rechten Arme abglitt. — Was wollt Ihr thun? rief der arme Borel in Todesangſt. — Die züchtigen welche die gute Sache verrathen. — 1972— — Ihr wollt mich tödten! Aber man wird mich 2 22 rächen! Nehmt Euch in Acht! — Kein langes Reden! ziſchte der Vermummte und 1 führte einen zweiten Stoß nach dem unglücklichen Borel. 6 Dieſer riß ſich mit einem gewaltigen Rucke los, ſtürzte 4 zur Thüre des Gemaches hinaus und erreichte ein oberes 1 Stockwerk. Da ſich niemand auf dem Corridor zeigte, in ſo rief er durch ein Fenſter nach der Straße hinaus um Hülfe; allein der Vermummte war ihm nachgeſprungen 3 4 und hatte ihn ſchon wieder eingeholt. In der Angſt 1 fuhr Borel durch die Thuͤr des dritten Geſtocks, indem 2 er rief: 8 1— Mörder! Rettet mich vor den Mördern! 8 Aber ſein Verfolger war ihm dicht auf den Ferſen und ließ ihm nicht Zeit weiter zu rufen. Als Borel ſah, daß er nicht entfliehen und keine Hülfe herbeirufen 1 konnte, zog er ſeinen kurzen Degen und erwartete ſeinen 6 vermummten Gegner. Sie ſtanden einander mit einem Blicke gegenüber wie Dogge und Wolf einander anſehen 6 mögen. Borel glaubte Fußtritte herannahen zu hören und den Kampf ſchleunigſt beginnen zu müſſen, ehe ſein Gegner Verſtärkung erhielte. Er ſtieß daher unerwartet nach der Bruſt des Feindes, aber ſein Degen glitt an einem metallenen Bruſtharniſch des Unholdes ab. — Ah! rief dieſer,— es iſt ſchon dafür geſorgt, daß man ſich von den Katzen nicht verwunden läßt! Bei dieſen Worten drang er auf Borel mit ſeinem Dolche ein und würde ihn ſicher getroffen haben, wenn. dieſer nicht wieder die Flucht ergriffen häͤtte. Der Vermummte ſtieß einen Freudenſchrei aus, als er ſah, daß ſein Opfer in den oberſten Dachraum floh, wo er wie eine Maus in der Falle gefangen war. Auch ka⸗ men unterdeſſen noch einige Vermummte herbei, welche ein förmliches Treiben beginnen zu wollen ſchienen. In ſolcher Noth ſtieg Borel zu einem Fenſterchen hinaus auf's Dach, um wo möglich über die Dächer hin zu entfliehen. Aber das Haus ſtand unglücklicherweiſe iſolirt; der Sprung in den Hof hinab führte offenbar zum Verderben. Jetzt erſchienen ſeine Verfolger an den Dachfenſtern. Einer rief: — Laßt ihn nur ein Weilchen friſche Luft ſchöpfen! Ein Andrer ſagte: — Er iſt mondſüchtig wie heutzutage ſo viele Fran⸗ zoſen! Ein Dritter näherte ſich dem Fenſter, vor welchem 7 7 Borel in der Dachrinne hinging, ſtieß mit einem Stock⸗ 5 degen hinaus, ritzte ihm die linke Seite und ſagte: orgt, nem henn — Es ſtehen noch einige Zoll von meinem Eiſen zu Dienſten! Als Borel bemerkte, daß ihm das Blut am Leibe hinabrann und ihm die noch übrigen Kräfte bald ſchwin⸗ den mußten, ſtemmte er ſich plötzlich neben dem, welcher ihn verwundet hatte, aus aller Kraft gegen das niedrige Dachfenſter, ſo daß er damit in den Boden hineinfiel. Und ohne ſich einen Augenblick zu beſinnen, fuhr er dem erſtaunten Vermummten unter die Beine und zog ſie ihm unter dem Leibe weg. Die andern Vermummten ſtanden einige Schritte entfernt und ſtürzten ſich nun auf den Daliegenden, deſſen Kräfte immer ſchwächer wurden. Zu⸗ letzt packte ihn der, welcher ihn zuerſt verfolgt hatte, feſt um den Leib, trug ihn mit Unterſtützung der Andern nach dem fenſterloſen Loche im Dache und ſtürzte ihn mit un⸗ widerſtehlicher Gewalt hinaus. Borel faßte in der To⸗ desangſt die Dachrinne und erhielt ſich wirklich. — Iſt es nicht eine wahre Klette? rief der ſtämmige Vermummte;— man muß die Häkchen dieſer Klette ab⸗ löſen! Bei dieſen Worten führte er mit ſeinem Stockdegen einen ſo gewaltigen Streich über die Hände des Unglück⸗ lichen, daß dieſer den Gegenſtand, an welchen er ſich angeklammert hatte, nicht mehr feſthalten konnte. Er fiel und ſuchte ſich zwar im Falle noch in der Wand einzu⸗ krallen, aber vergeblich. In einer Secunde lag er halb zerſchmettert auf dem Pflaſter des Hofs, ohne auch nur einen Schrei ausſtoßen zu können. Aber der Fall war von einer eben vorbeiziehenden Patrouille gehört worden. Sie drang in den Hof ein und ſah den Armen in ſeinem Blute liegen. Er ward von Einigen auf Gewehre gelegt, während Andre im Hauſe Nachſuchungen anſtellten. Aber das Neſt war ſchon leer. Der arme Borel lebte nur noch ſo lange, um die Details zu erzählen, welche ich vom Herrn de la Borde vernahm.“ „Ein ſolches Ende alſo,“ ſagte Charlotte im In⸗ nerſten erſchüttert,„hat es mit dem Armen genommen! Er hat ſchwer gebüßt für die Fehler ſeiner erſten Dienſt⸗ zeit!“ „Dieſe Geſchichte nun,“ fuhr Théroigne fort,„iſt bereits durch die ganze Hauptſtadt gelaufen und hat ſelbſt die Privilegirten gegen den Hof aufgebracht. Beſonders deshalb haben ſie ſich entſchloſſen ihre Vorrechte aufzu⸗ geben, damit der Hof um ſo weniger einen Vorwand habe die ſeinigen feſtzuhalten... Ein wenig mag auch wohl die Furcht mit beigetragen haben; denn die Kunde 64 9 männliches Weſen, zu der ſte nur durch den — 111— von den Greuelſcenen in den Provinzen, das Hinſchlach⸗ ten koͤniglicher Beamten und noch mehr der ſogenannten Ariſtokraten in kleinen Stadten und auf dem Lande mag ſo manchen Privilegirten zur Nachgiebigkeit geſtimmt haben. Sie ſehen alſo, daß ich meiner Beredtſamkeit nur einen kleinen Theil des Ruhmes beimeſſe, womit ſich Frankreich zu bedecken im Begriff iſt. O, man wird ein Te Deum ſingen, Denkmünzen prägen und dem König den Namen eines Wiederherſtellers der franzöſiſchen Freiheit beilegen. Ja, beſte Charlotte, bald werden wir auf dem Boden der Freiheit wandeln!“ Ach, das arme Kind war durchaus nicht aufgelegt in Théorigne's Hymnenton einzuſtimmen. Ihr ſtets ver⸗ gebliches Bemühen mit Bernard zuſammenzukommen, das häßliche Abenteuer dieſes Abends an der Barriére d'Enfer, das böſe Schickſal des armen Borel, die ewige Ungewißheit und die ſteten Gefahren, ſelbſt Théorigne's Drang der Umſtände gekommen war, alles das bewegte und beklemmte ſte. Weit entfernt daher das Entzücken ihrer enthuſias⸗ mirten Freundin zu theilen, ſagte ſie ganz einfach: „Und mit der Freiheit iſt dann wohl auch die Ruhe erkämpft.“ „Das kann nicht fehlen. Jetzt iſt freilich eine Zeit ͤ der Unruhe, in welcher man ſich wenigſtens nicht bequem fühlt, wenn wan etwa die häusliche Bequemlichkeit einem bewegten Leben vorzieht. Allen Reſpect vor Ihrem Muth, meine Beſte, den Sie hinlänglich bewieſen haben, aber ich denke daß Sie ſich heute nicht ohne manchen kleinen Schrei an meiner Seite durch die Straßen bewegt hätten. Ich wollte mich durch die Straße St. Honoré nach dem Garten der Tuilerien begeben, weil dort Camille Des⸗ moulins auf meinen Antrieb die Rede wiederholen wollte, die er kurz zuvor im Palais⸗Rohal gehalten hatte. Ich mußte aber meine Luſt, mich durch dieſe unſre volk— reiche Straße zu drängen ſtatt durch die Hintergebäude zu gehen, dadurch büßen, daß ich den lieblichen Volks⸗ redner gar nicht zu hören bekam...“ „Was begegnete Ihnen?“ „Es begegnete mir ein Wagen nach dem andern, ich kam aus einem Gedränge in's andre. Sie werden be⸗ merken, daß ich eine andre Montur anhabe; ich mußte die meinige ablegen, weil ſie ganz unſcheinbar geworden war. Ich war eben an einen Bilderladen gedrängt worden und begann einige Caricaturen zu betrachten, die der Verkäufer mit den gewöhnlichen Worten ausrief: Zehn Sous das Stück! Da ſchüttete mir ein Waſſer⸗ träger die Hälfte ſeines Eimers in die Stiefeln und gab — 113— mir ſo ein unfreiwilliges Fußbad.— Mein Himmel! ſagte er, ſchob an mir vorüber und brüllte gleich wieder: Waſſer! Waſſer! Indem ich nun meine Beinkleider be⸗ trachtete, machte mich auf einer Seite ein Friſeur weiß und auf der andern ein Kohlenträger ſchwarz; ich wollte mich in ein Haus retten, als neben mir ein Wagen durch eine Pfütze fuhr und mich über und über mit Koth be⸗ ſpritzte; zugleich brach ſich die vorüberziehende Volks⸗ maſſe an mir und ein höflicher Incrohable, der mir einen gewaltigen Rippenſtoß verſetzt hatte, ſagte zu mir, indem er vorüberſchoß: Ich bitte tauſendmal um Verzeihung! Zum Glück fand ich in dem Hauſe, welches eben geöff⸗ net wurde, eine Nationalgarden⸗Uniform vacant, ſo daß ich mich wieder öffentlich zeigen konnte. Als ich aber in den Garten der Tuilerien kam, waren nur noch einige Volkshaufen dort, die ſich über Desmoulin's Rede unterhielten. Ah, welch ein herrlicher Patriotismus be⸗ lebt auch die Maſſen! Wie iſt ihre Geſinnung ſo ganz anders geworden! Früͤher kannten ſte keine andre Ehre als die hingebendſte Pflichttreue gegen den König, un⸗ terwarfen ſich jeder Beſchränkung, der perſönlichen Freiheit und der ungeheuerſten Abgabenlaſt, nur um den König und Frankreich groß zu machen. Jetzt denkt das Volk auch an ſich; es will ſich wohlbefinden und etwas gel⸗ 1789. II. 8 — 1— ten, ſelbſt den Ariſtokraten und dem Throne gegenüber. Ein Patriot i*ſt jetzt der, welcher für die Rechte des Volkes kämpft... Wenn in den Provinzen hier und da das rechte Maß überſchritten wird, ſo müſſen ſich be⸗ geiſterte Leute aus der Hauptſtadt aufmachen, um dort mit den rechten Anſichten die richtige Handlungsweiſe herbeizuführen, und ich bin Willens morgenden Tages mit Ihnen nach Orleans zu gehen...“ „Nach Orleans?“ „Allerdings; dort herum ahmt man dem Süden nach und das darf nicht ſein. Ich habe einige Verbindungen in der Stadt, die unſre Bemühungen unterſtützen werden.“ „Und ich begleite Sie?“ „Dieſe Frage nimmt mich Wunder; was wollen Sie in Paris, wenn ich in Orleans bin? Oder haben Sie beſchloſſen...“ „Ach, ich bitte Sie ſehr, meine Worte nicht zu miß⸗ deuten; ich habe Ihnen noch eine Mittheilung zu machen...“ Und nun begann ſie ihre Erlebniſſe zu erzählen; als ſte aber auf ihr Verhältniß zu Bernard kam, gingen die Worte nicht über die Lippen. Sie ſtockte. „Nun?“ fragte Théroigne. „Ah,“ antwortete Charlotte,„Sie ſind ſo gütig gegen mich, ich bin Ihnen ſo viel Dank ſchuldig... — 115— mich beunruhigte nur einen Augenblick das Schickſal meiner Landsleute, von denen einer noch dieſen Abend umgekommen iſt...“ „Die Franzoſen ſind doch hoffentlich auch Ihre Lands⸗ leute,“ ſagte Théroigne lächelnd;„und wenn Sie hier blieben, glaubten Sie denn ihr Schickſal lenken zu kön⸗ nen? Auch wird unſre Reiſe nur wenige Tage in An— ſpruch nehmen... Haben Sie aber einen andern Grund...“ „Ich werde Sie begleiten, meine Beſchützerin,“ ſagte Charlotte gefaßt. Théroigne de Méricourt merkte daß ihr Char⸗ lotte Vanner etwas verhehlte, indem dieſe ihre Ver⸗ legenheit nicht ganz verbergen konnte. Aber zu ſtolz wei⸗ ter in ſie zu dringen, begnügte ſie ſich hinzuzuſetzen: „Morgen früh um 5 Uhr.“ Nach dieſen Worten grüßte ſie mit der Hand und ging in ein Nebenzimmer, um ſich auskleiden zu laſſen. Charlotte blieb noch ein Weilchen tieffinnig ſitzen und begab ſich dann gleichfalls zur Ruhe. Die Nacht verſtrich ohne bemerkenswerthes Ereigniß. Am andern Morgen fuhren Théroigne de Mori⸗ court und Charlotte Vanner zum Thore hinaus, um ſich nach Orleans zu begeben. 8* 4*α — n6— Wir überſpringen hier einen kurzen Zeitraum, in welchem nichts geſchah, was unſern Bekannten beſonders förderlich oder hinderlich geweſen wäre, um ſogleich zu einem der folgenreichſten Ereigniſſe der franzöſtſchen Revo⸗ lution zu eilen, welches auch einen entſcheidenden Einfluß auf die Tochter der Baſtille hatte. 4. Am Morgen des 1. Octobers 1789 ſaß in einem pracht⸗ voll decorirten Zimmer des Verſailler Schloſſes eine etwa 34jährige Frau, deren blaue Augen mit Intereſſe an ei⸗ nem lateiniſchen Buche zu hängen ſchienen. An der Thür ſtanden ein paar junge Damen, welche mit einander flü⸗ ſterten. Die ſchöne Frau(es war die Königin Marie An⸗ toinette) legte ihr Buch auf das Fenſterkiſſen, nahm ein wundervoll geſticktes Taſchenbuch aus der Toilette und ſchrieb hinein: Jam nova progenies coelo demittitur alto; und gleich darauf fügte ſie hinzu: Non equidem invideo, miror magis. Nachdem ſie dieſe beiden Verſe des Virgil, den ſie recht gut verſtand, flüchtig abgeſchrieben hatte, legte ſie das Buch hin und ſetzte ſich an das Clavier, um ein — 118— paar Gänge zu machen. Es ſchien ihr keine durchge⸗ führte Phantaſte gelingen zn wollen. Bald ſtand ſie vom ſammtnen Schemel wieder auf und wendete ſich an eine der Damen mit den Worten: „Sagen Sie doch, beſte Beauchamp, was ſpricht man in den niedern Regionen von der Nachgiebigkeit des Königs?“ „Man ſpricht,“ antwortete die Gefragte mit ſchneller Zunge,„Seine Majeſtät der König verdiene wegen ſei⸗ ner Sanftmuth über ein dankbareres Volk zu herrſchen.“ „Wer ſagt das?“ „Ich habe es ſagen hören, als ich an der Küche vorüberging.“ Die Königin erröthete leicht, als hätte ſte ein verletzen⸗ der Sarkasmus getroffen. Dann fragte ſte weiter: „Was ſagt man im Antichambre?“ „Da ſpricht man, Seine Majeſtät hätte der übertrie⸗ benen Gerüchte aus den Provinzen ſpotten, die gemachte Hungersnoth verachten und die Drohenden züchtigen ſollen, dürfte aber in nichts mehr nachgeben, wenn er die Uner⸗ ſättlichen nicht ermuthigen wolle.“ „Was iſt Rabaud St. Etien ne für ein Mann?“ fuhr die Königin beinahe haſtig fort. 1 — 2——————* ——— — hge⸗ vom eine richt des en⸗ 2 — 119— „Ich kenne ihn nicht perſönlich, und das Gerücht... es iſt widerſprechend.“ „Wenn es Ihre Majeſtät gnädigſt erlauben wollen,“ nahm hier die andre Hofdame das Wort,„ſo gebe ich Ihnen eine Auskunft über den Abgeordneten von Nismes, wie ich ſie ſelbſt von meinem Oheim erhalten habe.“ „Nun?“ ſagte die Königin. „Rabaud St. Etienne ſteht in Verbindung mit Mirabeau...“ „Schweigen Sie!... Ich will nichts mehr hören...“ „Wenn ich hätte ahnen können, daß ich durch meinen Bericht Ihrer Majeſtät unangenehm würde... ich bitte tauſendmal...“ „Beruhigen Sie ſich, gute Dulongz fahren Sie in Ihrem Berichte fort... Der Mann hat alſo üble Ver⸗ bindungen...“ „Auch mit Robespierre iſt er bekannt; wenigſtens hat ihm dieſer eine Beſchreibung des Hofhalts Ihrer kö⸗ niglichen Majeſtät mittheilen wollen, die der getreue Cot⸗ tin hat auffangen laſſen...“ „Man wird wiſſen wollen, ob mir die Münze noch einen Teller uͤbrig gelaſſen hat,“ ſagte die Königin, die Unterlippe verächtlich emporwerfend;„ſprechen Sie weiter.“ „Und außerdem ſchreibt man dem Deputirten einen ſehr feſten Charakter zu,“ ſagte das Fräulein Dulong; „die Wohlgeſinnten fürchten ſeinen unbeugſamen Sinn in den Discuſſionen und die Uebelgeſinnten nennen ihn ſpott⸗ weiſe den Gemäßigten..“ „Den Gemäßigten!“ rief die Königin bitter lachend: „und von ihm geht das Wort aus:„Ein Gott, eine Nation, ein König und eine Kammer!“ Beide Damen ſchwiegen, als ſte die Königin ſo ent⸗ rüſtet ſahen. Endlich wagte das Fräulein von Beau⸗ champ die Bemerkung: „Es gefalle Ihrer Majeſtät zu bemerken, daß der er⸗ wähnte Deputirte wegen ſeiner Offenheit weniger ſtraf⸗ bar ſein dürfte als...“ „Unbedingte Annahme der beſchloſſenen Verfaſſungs⸗ artikel für ein bedingtes Veto, deſſen Ausübung noch dazu mit Gefahren verknüpft ſein wird! Und dies bietet man einem König, der ſchon vor einem halben Jahre ſein Silberzeug in die Münze geſchafft hat, um nur dem dringendſten Geldmangel augenblicklich abzuhelfen!...“ In dieſem Augenblicke ward ein Kammerherr gemel⸗ det, welcher Ihrer Majeſtät eine Mittheilung zu machen habe. „Er trete ein!“ ſagte die Königin, ſich wieder an's Fenſter zu ihrem Buche ſetzend. — — 2—„ te — 121— Der mit dem St. Ludwigskreuz geſchmückte Kammer⸗ herr trat mit den üblichen drei Verb ſprach: „In kurzer Zeit wird Seine Majeſtät der König von der Jagd zurückkehren und läßt Ihrer Majeſtät der Köni⸗ gin ſein vollkommenes Wohlſein vermelden.“ „Immer, beſter Graf,“ antwortete die Königin lächelnd, „werden Sie der Ueberbringer angenehmer Botſchaften ſein. Und welche Gerüchte haben heute die Oberhand gewonnen?“ eugungen ein und „Darf ich mir unterfangen zu deuten, was ich hier und da fluſtern hörte,“ ſagte der Hofmann,„ſo ſind die Kornhäuſer nicht ſo leer, als manche Schreier zu ver⸗ breiten ſuchen; alles, meint man, wird ſich leicht geben, wenn es Ihren Majeſtäten gefällt die Stände in eine et⸗ was entfernte Stadt, etwa nach Tours zu verlegen...“ „Oder nach Paris?“ „Das wäre es vielleicht was Seine Durchlaucht der Herzog von Orleans wünſchte...“ „Ach, ich glaube das!“ „Auch würden es die Freunde der Ordn wenn Ihre Majeſtäten die Tru ten, indem ung gern ſehen, ppen zu verſtärken geruh⸗ das Regiment Flandern und die Gardes du Corps im Fall eines etwaigen Auflaufs kaum genügen dürften.“ 3 „Alles kommt auf die Zuverläſſigkeit an,“ ſagte die Königin;„es muß doch Mittel geben eine vollkommene f. 2 Hingebung zu gewinnen.. „O, dieſe iſt ſicher vorhanden, und ich unterſtehe mich nur zu bemerken, daß auch die noch hinzukommenden Truppen mit derſelben Treue und Aufopferung...“ „Wer hat Vertrauen,“ fuhr die Königin heraus, „wenn er auf einem Hute drei Farben erblickt! Die Gardes du Corps begnügen ſich wenigſtens mit einer!“ „Allerdings,“ lenkte der Graf Houchard ein,„aller⸗ dings ſagt man ſich in's Ohr, daß die wackern Maͤnner vom Regiment Flandern mit geheimem Behagen ihre Artillerie und Munition an die Nationalgarde ausgelie⸗ fert hätten; allein ſte haben ihren Sinn völlig verändert, nachdem wir ihnen den wahren Stand der Dinge ge⸗ offenbart haben...“ Wir?“ fragte die Königin verletzt. „ g g 5 „Wir,“ fuhr der Graf fort,„wir treuen Anhänger der gerechten Sache, die wir jeden Augenblick bereit ſind ihr unſer Leben zu opfern... Auch habe ich die Ehre Ihrer Majeſtät den zweiten Theil meiner Botſchaft aus⸗ „. igen — 12— zurichten, daß nämlich der Ceremonienmeiſter im Vor⸗ zimmer harrt, um Ihnen ſeine Aufwartung zu machen.“ „Er ſoll kommen, und ſogleich!“ ſagte die Königin, welche viel zu geiſtreich war, um nicht einen Hofmann dieſes Schlages zu verachten. Der Graf Hou chard entfernte ſich und gleich hinter ihm trat der Ceremonienmeiſter mit den Worten ein: „Heil Ihrer Majeſtät der Königin!“ „Welche Nachricht haben Sie mir mitzutheilen?“ „Das Feſt, welches die Gardes du Corps dem Regi⸗ ment Flandern im Hercules⸗Salon geben, iſt überaus glänzend. Die vier Geſundheiten, welche über Tafel aus⸗ gebracht wurden, galten dem König und der Königin, dem Dauphin und der ganzen königlichen Familie. Ei⸗ ner von den anweſenden Officieren der Nationalgarde ſchlug auch einen Toaſt auf die Nation vor, aber dieſer wurde von einigen Gardes du Corps und, wenn ich es ſagen darf, von mir verhindert...“ Jetzt trat eine Palaſtdame ein, welche von der Köni⸗ gin auf Kundſchaft ausgeſchickt hworden war, und ließ ſich ſo vernehmen: „Die Fröhlichkeit im Herculesſalon hat den höchſten Gipfel erreicht; ſie iſt ein Nachklang aus ältern, beſſeren Zeiten. Ich beſchwöre Ihre Majeſtät den Herrn Dauphin — an dieſem Schauſpiele theilnehmen zu laſſen; es würde ihm eine große Freude machen.“ Marie Antoinette ließ den Kopf ſinken, als wollte ſie ſagen:„Die älteren beſſern Zeiten ſind wohl für immer dahin!“ Sie antwortete nicht. Da fuhr die Palaſtdame fort: „Ach, wenn ich doch Engelszungen hätte, um Ihre Majeſtät überreden zu können, daß Sie ſelbſt an der Feſtlichkeit theilnähmen, um Ihren Kummer zu zerſtreuen; denn das edle Haupt meiner Königin ſcheint ſorgenſchwer zu ſein.“ Es entſtand nochmals eine Pauſe, welche allen An⸗ weſenden höchſt drückend ſein mußte. Da vereinigten die beiden Kammerfrauen ihre Bitten mit denen der Palaſt⸗ dame, und die Königin ſchien zu ſchwanken. Sie erhob ſich dann plotzlich, ſchritt einige Male im Zimmer auf und ab, blieb endlich vor ihren Damen ſtehen und ſagte: „Können Sie aufrichtig ſein?“ „Ihre Majeſtät, o Ihre Majeſtät!“ riefen die Damen wie aus einem Munde. „Wohlan, ſo ſagen Sie mir, was läßt ſich hoffen von dieſen... 2“ Dieſe Frage ward von der Ankunft des Königs un⸗ terbrochen. Er hatte die Jagdkleider noch nicht abgelegt als und ſchien weniger gleichmuthig als gewöhnlich zu ſein. Nach einigen conventionellen Reden machte die Königin ihrem Gemahl den Vorſchlag, daß er ſich mit ihr und dem Dauphin einen Augenblick im Herculesſaale zeige. Ludwig XVI. machte eine bedenkliche Miene, die man ebenſo gut der Ermattung als dem Widerwillen zuſchrei⸗ ben konnte. Seine Gemahlin ſchien darauf Rückſicht zu nehmen und ſchwieg. Aber die Hofdamen drangen ſo lebhaft in das Königspaar, daß endlich der verhängniß⸗ volle Schritt beſchloſſen wurde. Als die königliche Familie erſchien, ſah ſie den Saal ganz voll Soldaten. Trotz dem ſchritt die Königin mit dem Dauphin an der Hand vorwärts, bis ſie von den ſchon halb berauſchten Zechern bemerkt wurde. Nun ent⸗ ſtand ein gewaltiges Freudengeſchrei, das nicht enden zu— wollen ſchien. Da nahm Marie Antoinette ihren Sohn auf den Arm und ging unter dem lebhafteſten Beifallklatſchen mit ihm um die Tafel herum. Die Gar⸗ des du Corps und die Grenadiere, kurz alle Soldaten hatten ſich von ihren Sitzen erhoben, zogen die ſchlugen damit über ihren Häuptern zuſammen und rie⸗ fen ohne Unterlaß:„Es lebe der König! Es lebe die Königin! Es lebe der Dauphin!“ Das Königspaar verneigte ſich und verließ nebſt dem Degen, — 126 Dauphin mit zufriedenen Mienen den Saal. Hier ent⸗ ſtand nun ſtatt der etwas ausgelaſſenen Fröhlichkeit eine tumultuariſche Luſtigkeit, die zuletzt gar in eine Orgie ausartete. Der Wein ward mit wahrhaft königlicher Freigebigkeit verſchwendet und erhitzte alle Köpfe. Die Muſtk ſpielte den Marſch der Uhlanen und beſonders lange und auffällig das Lied:„O Richard, o mein Kö⸗ nig, ob Dich die Welt verläßt, ich bleib' Dir treu*); die Anwendung war nicht ſchwer zu machen. Zu glei⸗ cher Zeit wurde die Nationalcocarde mit Füßen getreten und überall die weiße Cocarde herumgereicht, welche ſelbſt mehrere Hauptleute der Verſailler Nationalgardiſten an⸗ nahmen. Eine große Menge der enthuſiasmirten Soldaten, namentlich die welche noch leidlich auf den Füßen ſtehen konnten, gaben der königlichen Familie das Geleite und begingen im Marmorhofe mancherlei Ausſchweifungen. Perceval, Adjutant des Herrn von Eſtaing, erklet⸗ terte den Balcon vor Ludwig's XVI. Gemach, beſchwatzte die innern Poſten der Leibwächter und rief überlaut: „Sie ſind unſer! Man nenne uns künftig nicht anders als königliche Garde!“ Hierauf ſteckte er unter dem *) 0 Richard, d mon Roi, Punivers t'abandonne etc. feu ent⸗ eine rgie cher Die dö⸗ lei⸗ ten i⸗ Beifallklatſchen mehrerer Zuſchauer die weiße Cocarde auf und fand auch Nachahmung. Ein Grenadier vom Re⸗ giment Flandern klomm hinter Perceval her, und ſo⸗ bald er ſich zeigte, nahm der Adjutant das Limburgskreuz von der Bruſt und hing es dem Grenadier um. Unter⸗ deſſen ſchimpfte unten ein Dragoner auf ſeine Ungeſchick⸗ lichkeit(die von der Trunkenheit herrührte), daß er nicht auch auf den Balcon klettern und ein Kreuz verdienen konnte. Das Geſchrei:„Es lebe der König! Es lebe die Königin!“ übertönte bei weitem das andre, welches aber doch auch gehört wurde:„Fort mit der National⸗ verſammlung!“ Etwas Bemerkenswerthes ging auch auf dem Gange von der Terraſſe nach der großen Treppe vor. Dort ſaß nämlich ein Chaſſeur der Trois⸗Evéchés, die Stirn auf den Degenknopf geſtützt. An ihm ging nun zufällig ein früherer Officier des Regiments Turenne vorbei, ward vom Chaſſeur am Handgelenke gefaßt und angerufen: „O, ich bin ſehr unglücklich!“ Miomandre, ſo hieß der Offieier, blieb ſtehen und ſah auf dem Geſicht des armen Menſchen die Zeichen des tiefſten Schmerzes. „Nur den Tod!... Nur den Tod!“ fuhr der Chaſ⸗ feur fort, und Schluchzen erſtickte ſeine Stimme. Er — — 128— blickte ſich ſcheu um, und da er ſich mit dem Officier allein ſah, ſetzte er hinzu:„Unſer guter König... die⸗ ſes wackre Königshaus... Die Ungeheuer!...“ „Wer?“ fragte der Officier. „Ah, dieſe Commandanten und Orleans...“ Es ſammelt ſich ein Haufen Leute um den Menſchen und das macht ihn ganz wüthend. Er ſetzt ſich die Spitze des Degens auf die Bruſt, als wollte er ſich ermorden. Schwere Gewiſſensbiſſe ſchienen ihn zu quälen. „Herbei, Duverger,“ rief Miomandre einem Ver⸗ trauten zu und ſuchte den Unglücklichen zu entwaffnen; indeſſen hatte ſich dieſer ſchon eine Wunde beigebracht, ehe ihn Duverger in Empfang nehmen konnte. Der Chaſſeur ward auf die Wache geſchafft und blieb da in völliger Abſpannung liegen, bis ſeine betrunkenen Kame⸗ raden herbeikamen, ihn mit Fußtritten wecken wollten und— nach kurzer Zeit eine Leiche vor ſich hatten. Es war im Schloſſe ein ſolcher Lärm entſtanden, daß auch die Stadt rege wurde. Indeſſen erkundigt ſich der Oberſt⸗Lieutenant der Nationalgarde perſönlich nach der Urſche einer ſo ungewöhnlichen Bewegung, erhält eine Auskunft, wie man ſie ihm zu geben für gut findet, und beruhigt die Bevölkerung der Stadt, welche ſich auch bald in ihre Wohnungen begiebt. ier ie⸗ — 129— Alles was Donnerstags den 1. October in Verſailles vorgegangen war, wußte man den Freitag fruͤh in ge⸗ wiſſen Kreiſen der Hauptſtadt. Der Herzog von Or⸗ leans, von der Königin einſt perſönlich beleidigt, ſchickte ſeine Leute aus und Mirabeau ſpitzte ſchon den Mund auf eine Rede in der Nationalverſammlung. Und doch wußte man noch nicht, daß am Morgen des Freitags ein faſt noch tumultuariſcheres Gelag ſtattgefunden, wobei es wieder nicht an beleidigenden Ausdrücken gegen die Na⸗ tion gefehlt hatte. In Verſailles ſelbſt war vor der Hand alles ruhig geblieben. Die Zufriedenheit war noch gewachſen, als die Königin der Verſailler Nationalgarde mehrere Fah⸗ nen zum Geſchenk zugeſandt hatte. Nun vertheilte die Municipalität drei Faß Wein an die Soldaten des Re⸗ giments Flandern und die Nationalgarde machte beim Zechen die Honneurs. Letztere machte auch nachher eine Viſite bei der Königin, um ſich für das von ihr erhal⸗ tene Geſchenk zu bedanken. Marie Antoinette aber, welche ſich um ſo weniger von der Souveränität trennen konnte, da es in Oeſtreich niemandem einfiel ihrem Bru⸗ der die ererbten Rechte ſtreitig zu machen, gab der De⸗ putation eine Antwort, welche auch in Verſailles böſes Blut machte. Sie ſagte nämlich: 1789. II. — 130— „Es iſt mir eine große Freude geweſen, der National⸗ garde von Verſailles Fahnen überreichen zu laſſen. Die Nation und die Armee müſſen am König hangen, wie wir ſelbſt an ihnen hangen. Ich habe mich über den Donnerstag ſehr gefreut.“ „Die Königin billigt alſo die Scenen des geſtrigen Tages,“ dachten die guten Bürger ſchaudernd und die Verſchwornen mit herzlicher Freude. Letztere kannten nun in ihrer Kühnheit weder Maß noch Ziel. So kommt ein St. Louis⸗Ritter in der Nationalkleidung an die Ge⸗ mächer des Königs und wird zurückgewieſen, während vor ſeinen Augen mehrere Officiere von den Chaſſeurs in Uniform Zutritt erlangen. Zu einem Major in der Nationalfarbe ſagt ein Garde⸗Officier in Uniform:„Sie müſſen ſehr wenig Gefühl haben, daß Sie ein ſolches Gewand tragen!“ und weiſtt ihn an den königlichen Ge⸗ mächern zurück. In der Schloßgalerie vertheilen junge von Abbés umgebene Damen weiße Cocarden und ſagen zu den Empfängern:„Bewahren Sie dieſe Cocarde; es i*ſt die einzig echte, die einzig triumphirende.“ Nachdem die Empfänger Treue geſchworen hatten, wurden ſte von den Schönen zum Handkuß gelaſſen. Zu dieſem Schau⸗ ſpiel kam der Deputirte Lecointre, welcher eben zum Miniſter Necker gehen wollte, und rief:„Wie kann man „W — 131— ſich im Hauſe des Königs ein ſolches Betragen erlauben! Dieſe Cocarden müſſen binnen acht Tagen verſchwunden ſein, oder alles iſt verloren!“ Dieſe Worte hörte der St. Ludwigsritter Cartouſitres, Schwiegerſohn der Straußwinderin der Königin, trat keck vor den Deputir⸗ ten hin und ſprach:„Die weißen Cocarden haben den Vorzug! Wer etwas dawider hat(hierbei griff er an den Degen), der hat es mit mir zu thun!“ Lecointre, welcher ſich in Necker's Hotel eines Auftrags zu ent⸗ ledigen hatte, kehrte dem Herausforderer verächtlich den Rücken und ſchritt kalt vorüber. Als er zurückkam, lauerte der Ludwigsritter noch auf derſelben Stelle und wollte den Deputirten zur Ausfechtung der Streitſache gern mit an den Schweizerteich haben.„Nein, nein,“ rief Le⸗ cointre,„hier auf der Stelle müſſen wir die Sache aus⸗ machen! Ziehe den Degen, elender Klopffechter! Glaube aber nicht, daß ich mit Dir nach den Regeln fechte; der Gewandteſte mag den Andern niederdolchen!“ Bei dieſen lautgeſprochenen Worten kamen Leute hinzu und trennten die Streitenden, die ſonſt einen allgemeinen Kampf hätten veranlaſſen können. Kurz darauf kam der Adjutant des Commandanten von Eſtaing(er hieß Mettereau) in's Schloß um ſeinen Vorgeſetzten aufzuſuchen. Da ein Officier der Gardes du Corps, gleichfalls geſchmückt mit 8 9* dem St. Ludwigskreuz, am Hute des Adjutanten die drei⸗ farbige Cocarde erblickte, näherte er ſich ihm mit verächt⸗ licher Miene und ſprach:„Die alſo tragen Sie? Wäh⸗ nen Sie denn, daß der größte Theil Ihres Corps wie Sie denkt?“—„Sicherlich glaube ich das,“ antwortete Mettereau,„und es iſt ſehr unſchicklich, daß Sie im Hauſe des Königs dieſe Frage an mich thun und ſich ſo benehmen!“ Zorn und Verachtung im Blicke rannte der Officier davon und der Adjutant kehrte in's Oeil⸗de⸗boeuf zurück. Hier ſtieß er auf einen Hauptmann der National⸗ garde, der eine gewaltige weiße Cocarde auf dem Hute trug. Auf Befragen antwortete dieſer, er ſei von den Damen damit geſchmückt worden. Mettereau verhehlte ihm ſeine Verwunderung nicht, ſchritt aber gleich darauf in die große Galerie, wo ſich ihm drei Damen in den Weg ſtellten.„Es lebe die weiße Cocarde! Das iſt die echte!“ riefen ſie und wollten ihn nöthigen die ſeinige mit einer weißen zu verwechſeln. Der Adjutant zog ſich achſelzuckend und mit einem Blick der Verachtung zurück. Unterdeſſen ſuchte Lecointre, damaliger Diviſtons⸗ chef der Verſailler Bürgermiliz, welcher die Folgen eines ſolchen Treibens verhüten wollte, die beiden General⸗ Commandanten Eſtaing und Gouvernet zu vermö⸗ gen, daß ſie ſich in die Nationalverſammlung begäben, — 133— die Gardes du Corps den decretirten Eid leiſten und die patriotiſche Cocarde annehmen ließen. Aber mehrere Offi⸗ eiere der Verſailler Garde, welche in dieſem Corps ge⸗ . dient hatten, gaben die Verſicherung, daß es ſich nie da⸗ zu hergeben werde, daß ſelbſt der Urheber eines ſolchen Vorſchlags nicht ſicher ſei. Der muthige Lecointre wiederholt dennoch den Antrag. Da entſcheidet der Gene⸗ ral⸗Major Berthier(am Morgen des 5. October) durch die Bemerkung, daß man durch einen ſolchen Antrag einen Bürgerkrieg veranlaſſen könne. Man einigt ſich bloß dahin, daß die Sache den folgenden Tag wieder aufgenommen werden ſolle. Und da iſt es nicht mehr Zeit.. So weit war man in Verſailles gekommen, als es in Paris den Bemühungen Orleans' und Mirabeau's ſowie den täglich vom Sitz des Hofes ausgehenden Boten gelungen war die ganze Hauptſtadt zu alarmiren. Zuerſt bemächtigte ſich der unermeßlichen Bevölkerung ein tiefes Erſtaunen, welches bald dem Gefühl des Zornes und der Rache Platz machte. Entrüſtet denkt man wieder daran, wie der Hof bald drohte bald ſich ſchmiegte, wie am 23. Juni eine königliche Sitzung die gezwungene Popu⸗ larität vernichtete und wie vom 12.— 14. Juli die er⸗ heuchelte Mäßigung der Niniſter an den Tag kam. -— 134— „Wie lange,“ ſagte man,„ſollen wir denn das Spiel⸗ zeug der im Finſtern ſchleichenden Politik des Cabinets ſein? Wie lange ſollen uns die Catilina's des Oeil⸗de⸗ boeuf verhöhnen? Wo ſollen ihre Meineide und ihre Complotte ein Ende haben? Sollen wir denn immer und ewig die Reprärentanten der Nation dem Bajonett und dem Dolche ausgeſetzt laſſen? Sollen wir denn ſtets den guten Fürſten, den wir wie unſern Vater lieben, den Aufrührern preisgegeben ſehen, welchen der Thron und die Monarchie nichts gelten, wenn es darauf ankommt, daß ſie ihre Unterdrückung fortſetzen und ihre Rache be⸗ friedigen können? Machen wir uns auf den Weg, eilen wir nach Verſailles, entreißen wir den mit Orden geſchmückten Banditen den König und die Nationalver⸗ ſammlung, umgeben wir dieſe Mächte mit dem muthigen und treuen Volke, das entſchloſſen iſt, für die Freiheit, das Geſetz und den König zu ſtegen oder zu ſterben!“ So rief man zu Paris in den Gärten, auf den Stra⸗ ßen, Brücken, Quais und öffentlichen Plätzen. Zahlreiche Patrouillen durchzogen die Stadt und ſuchten die Zu⸗ ſammenrottungen zu zerſtreuen. Vergebens. Die National⸗ garde ſelbſt lief Gefahr geſteinigt zu werden.„Wie?“ rief man,„30,000 Bewaffnete wollen 800,000 Unbe⸗ waffnete in ihrem patriotiſchen Eifer aufhalten? Dieſe der die Gewalt und ihre mitſchuldigen Behörden, die ſich legitim zu nennen wagen, geben vor, uns zu ſchützen, und wollen uns Ketten ſchmieden helfen?“ Die Gefahr war groß. Man trug ſich ſchon ſeit vierzehn Tagen mit Gerüchten, daß die Nationalverſamm⸗ lung aufgelöſ't, Paris von den fremden Truppen blockirt und das alte Regiment mit allen ſeinen Mißbräuchen wieder hergeſtellt werden ſollte. Die Exiſtenz einer ariſto⸗ kratiſchen Ligue war in den Augen der Pariſer über allen Zweifel erhaben. Als Vortrab der Feinde galt das Re⸗ giment Flandern, welches in Verſailles geheimnißvoll ein⸗ gezogen war und den König nebſt der Nationalgarde ein⸗ genommen hatte; dazu kam die allerdings gegründete Nachricht, daß den neu eingerückten Gardes du Corps die alten nicht Platz gemacht ſondern ihre Caſernen noch immer inne hätten. Die am 1. October mit entblößten Säbeln ausgebrachten Geſundheiten erſchienen nicht als Ausdruck der Liebe für den Monarchen, ſondern vielmehr als eine raſende Auflehnung gegen die Freunde der Frei⸗ heit, weil man ſonſt doch auch die Nation, würde haben leben laſſen. Nun erſt die Beſeitigung und Beſchimpfung der Nationalcocarde und das Erſcheinen des Königs bei dieſen volksfeindlichen Orgien! „Es iſt kein Augenblick zu verlieren,“ ſagten die Eif⸗ — 136— rigſten,„wenn wir der Entführung des Königs zuvor⸗ kommen wollen! Wäre es aber auch zu ſpät, ſo könnten wir ihn doch vielleicht den Krallen ſeiner Entführer ent⸗ reißen!— Warum reſidirt er denn überhaupt nicht in der Hauptſtadt? Dieſe entbehrt ſeit einem Jahrhundert das Glück den erſten Staatsbeamten in ihren Mauern zu ſehen. Und doch würde er hier von der Liebe ſeines Volks umgeben ſein, die Arme aller Bürger würden ſich zu ſeiner Vertheidigung bewaffnen! Aber wir dürfen nicht warten, bis der Hunger unſre Arme entnervt und das Blut in unſern Adern vertrocknet hat, wenn wir den Verſchwornen die Spitze bieten wollen!*) Man giebt uns ſeit langer Zeit ſchwarzes übelriechendes Brod von widrigem Geſchmack; will man uns nicht untüchtig machen dem Verſailler Complotte zu widerſtehen?— Haben wir nicht noch geſtern auf den elyſäiſchen Feldern eine Abtheilung der Nationalgarde mit ſchwarzen Cocar⸗ den geſehen? Aber die patriotiſche Partei in Holland *.) Paris lift damals allerdings M bensbedürfniſſen. Anfangs waren die Wege durch Truppen ver⸗ ſperrt und es konnte kein Getreide eingeführt werden. Den Bri⸗ gands war in der Verwirrung nicht recht beizukommen. Dann fehlte es wieder am Mahlen. Die Mühlen von Corbeil konnten auch den Bedarf nicht liefern. An den Bäckerläden waren von früh bis Abends blutige Kämpfe an der Tagesordnung. angel an den erſten Le⸗ — 13——* iſt durch eine Frau und eine Cocarde in's Verderben ge⸗ rathen! Dieſes Beiſpiel lehrt uns, daß das Aufſtecken antipatriotiſcher Cocarden nichts als reine Inſurrection iſt! — Wer unſer Leben gefährdet, den können wir geſetz⸗ mäßig tödten. Wer die ſchwarze Cocarde aufſteckt, ge⸗ fährdet das Leben jedes einzelnen Bürgers und das der ganzen Nation. Wir haben alſo ein Recht, alle die, an deren Hut wir die ſchwarze Cocarde ſehen, an den erſten beſten Laternenpfahl zu hängen!“ Gleich nachdem ein Mann des Volks dieſe Worte zur aufgeregten und verhungerten Menge geſprochen hatte, brachte ein Volkshaufen einen jungen Menſchen mit ſchwarzer Cocarde nach dem Wachthauſe St. Germain »'Aurerrois(dem Louvre gegenüber) und wollte ihn la⸗ terniſtren. Nur die Klugheit und Kaltblütigkeit des Com⸗ mandanten einer Patrouille rettete ihn vor der Volks⸗ wuth. Nachdem die Dreihundert auf dem Stadthauſe bekannt gemacht hatten, daß nur die dreifarbige Cocarde als Zeichen der Brüderſchaft und als die, welche der 6. König ſelbſt angenommen, getragen werden dürfe, be⸗ wegten ſich die unruhigen Bürger nur noch ein Weilchen murrend durch die Straßen und gingen dann in ihre Wohnungen, um— am naͤchſten Tage energiſcher auf⸗ zutreten. — 438 Am 5. October bei Tagesanbruch ruhig in der Stadt, Amaz war noch alles da kommt ein junges Mädchen in onenkleidung zu irgend einem Wachhauſe, ergreift eine Trommel und gewinnt einen Tambour, der mit ihr geht. Nach den erſten Trommelwirbeln verſammelt ſich ein Haufe von Weibern und zieht mit dem ſchönen Mädchen(der jugendlichen Théroigne de Möricourt, welche ſeit einiger Zeit von Orleans zurückgekehrt war, wo ſie in der That Ruhe geſtiftet hatte), nach dem Stadt⸗ hauſe. Zu gleicher Zeit kommt eine Maſſe von Weibern durch die Porte St. Antoine, zieht durch die Straßen, erbricht ſtets wachſend die Häuſer, wälzt ſich nach dem Gréve⸗Platze und ruft ohne Unterlaß:„Brod! Brod!“ Théroigne iſt in Begleitung der Charlotte Vanner. gleichfalls auf dem Platze angekommen und ruft mit lau⸗ ter Stimme:„Die Communrepräſentanten ſollen hören! Wir wollen nicht, daß uns die hintergehen!“ uns Vaterlandsfeinde Der hinter ihr ſtehende Haufe der auf⸗ geregten und hungrigen Weiber ſchreit überlaut:„Brod! Brod!“ Die Communrepraͤſentanten hatten unter dieſen be⸗ denklichen Umſtänden nicht gewagt ſich zu trennen und waren früh um 7 Uhr noch verſammelt. Sie unterhan⸗ delten eb en mit einem Bäcker, der ein Brod für 2 Livres — 439— um 7 Unzen zu leicht gebacken hatte. Ein Thürſteher meldete der Menge, ſie möchte ſich nur gedulden, bis der ſtrafbare Bäͤcker vernommen wäre. Aber dieſe ſchrie nun einſtimmig, der„Volksmörder“ ſolle augenblicklich hinge⸗ richtet werden. Der Laternenpfahl wurde herabgelaſſen und es fehlte nur noch an dem Bäcker! Dieſer wurde indeſſen durch eine geheime Thür hinausgelaſſen und das Militär der Diſtricte ſchleunigſt zuſammengerufen. Während dies vorging, hatte die berittene Wache des Stadthauſes die Weiber zurückzudrängen geſucht. Wirk⸗ lich hatten ſich dieſe bis an die Straße du Mouton trei⸗ ben laſſen und man ſuchte nun die Thüren des Rath⸗ hauſes einzuſchlagen. Jetzt ſtellt ſich ein Bataillon Fuß⸗ volk vor das Stadthaus und hält die anſtürmenden Weiber in Reſpect. Aber das Pflaſter wurde aufgeriſſen und die Wache mit einer ſolchen Wuth bombardirt, daß ſie ſich zurückzog, um nicht Leute zu tödten, die der Hunger zu ſolchen Exceſſen antrieb. Die Thuüren wurden einge⸗ ſchlagen; bald waren alle Saͤle mit Weibern erfüllt. Welch ein ſeltſamer Anblick! Hier ſchreit eine Frau nach Brod, dort ſpricht eine andre vertraulich mit den Communalbeamten; hier fallen heftige Stöße, dort ſieht man zärtliche Umarmungen! Wo die Wachpoſten Strenge gebrauchen wollen, da bitten die Frauen für ihre ſchwa⸗ — Ho chen oder ſchwangern Freundinnen. Aber jetzt ſtieg die reizende Thér oigne auf einen Stuhl und ſprach: „Betrachten Sie meine Gefährtinnen, Die Kleidungen derſelben zeigen, fen nöthig haben! ſich zu rächen, meine Herren! daß ſie Brod oder Waf⸗ Wenn die Maͤnner nicht Muth h aben ſo werden wir ihnen Unterricht geben! Wenn die Männer träumen, ſo werden wir wachen!“ Charlotte Vanner ſtand neben de welchem herab dieſe ſpöttiſchen au tönten. Sie war erſtaunt üb ſiasmus ihrer Gönnerin mit fortreißen. ſagte ſie: m Stuhle, von freizenden Reden er— er den gewaltfamen Enthu⸗ und ließ ſich doch ein wenig Als eine augenb lickliche Stille entſtand, „Man hat ja nur den Verräthern aufzupaſſen und den Leuten Brod zu ſchaffen...“ „Fort mit Euern Papieren! In's Feuer mit Euern Regiſtern!“ ſchrie ein Fiſchweib;„ſte ſind das Werk der Communrepräſentanten, die ſammt und ſonders die Laterne verdienen, an ihrer Spitze Bailly und Lafayette!“ „Ah was, Papiere verbrennen!“ ſo gemeines Weib; werden w dem W rief ein andres eben⸗ „Waffen brauchen wir, und dann ir ſchon mit den Papieren fertig werden! Nach affenmagazin! Nach dem Waffenmagazin!“ —9—,— —— — 1— Hierauf ſtrömte der ganze Haufe nach der angegebenen Richtung, konnte aber nicht mit der Oeffnung der Thüren zu Stande kommen. Da ſtürmte eine Menge Bewaffnete aus dem Volke herein, behandelte das Stadthaus wie eine eroberte Feſtung, erbrach mit Beilen, Piken, Häm⸗ mern und Hebeln alle Thüren, nahm 7— 800 Flinten und Kanonen. Andre Haufen drangen in's Maß⸗ und Gewichts⸗Cabinet und raubten trotz allen Mahnungen der Bürger einen von den drei dort befindlichen Geldſäcken. Noch andre wollen dem muthigen Abbé Lefébre ein Pulverfaß entreißen; da er es vertheidigt, ſchlingt man ihm einen Strick um den Hals und zieht ihn an einem Balken empor. Sein Leben war dahin, Frau den Strick noch zur rechten Zeit abgeſchnitten hätte. Endlich ſtürmten einige Haufen nach den Archiven, um ſie in Brand zu ſtecken. Einer von den Helden der Ba⸗ ſtille ſtellt ſich ihnen entgegen(es war Stanislas Maillard) und wird beinahe ein Opfer ſeiner Ord⸗ nungsliebe. Er war nämlich am frühen Morgen abge⸗ ſchickt worden, um der Commun eine Vorſtellung von den Freiwilligen der Baſtille zu machen; da aber indeſſen die Vorſtadt St. Antoine ſo lebendig geworden war, ſo ſuchte er auf Herrn Gouvion's Antrieb zur Unter⸗ drückung des Aufſtandes beizutragen. So kam es, daß wenn nicht eine — 142 O— er den Furien die Feuerbrände entriß, erſetzlichen Schaden anrichten konnten. Welcher Damm aber konnte am Ende den Legionen der wuͤthenden Bacchantinnen entgegengeſetzt werden, die das Stadthaus zu demoliren und nach Verſailles zu ziehen drohten, um dort den König und die Nationalverſamm⸗ lung rückſichtlich der bisherigen Handlungsweiſe und ge⸗ faßten Beſchlüſſe zur Rechenſchaft zu ziehen? Von dieſem Vorhaben der Weiber ſetzt Maillard den Generalſtab in Kenntniß und erbietet ſich dieſelben nach Verſailles zu führen, wenn man ihm dieſe Miſſion übertragen wolle, damit er möglichſt die Gefahren ent⸗ ferne, womit alle Welt von einem ver und rachſüchtigen Haufen bedroht ments⸗Generaladjutant E daß ihm eine ſolche Mi werden könne, wofern welche leicht un⸗ hungerten, zornigen werde. Der Regi⸗ rmigni ſagte zu Maillard, ſſion allerdings nicht übertragen daß er aber das Thun und Laſſen habe, nur die öffentliche Ruhe nicht geſtört „Durch die Ausführung meines Vor der Held der Baſtille,„wird die öffentliche Ruhe nicht nur nicht geſtört, ſondern er iſt ſogar das einzige Mittel ſte zu erhalten, das Stadthaus und die Hauptſtadt frei zu machen und dann ſchleunigſt die Armee zuſammen⸗ zuziehen.“ würde. ſchlags,“ antwortete 22——-—-— — u— Nach dieſen Worten verließ Maillard den Saal, ſchritt die Stadthaustreppe hinab und ſah trotz dem ab⸗ ſcheulichſten Regenwetter den ganzen Grove⸗Platz mit ausgelaſſen luſtigen oder wüthenden Weibern erfüllt. Von 1 ihnen wurden alle Wagen und Pferde, die ſich etwa zeig⸗ ten, ohne weiteres in Beſchlag genommen. Auf die Pferde ſchwangen ſich nicht bloß die blatternarbigen Fiſchweiber in ihren ſchlechten Kleidern, ſondern auch recht fein aus⸗ ſehende Damen. Faſt alle waren mit buntfarbigen Bän⸗ 3 dern geziert und mit langen Stöcken, Lanzen, Ofenga⸗ 5 beln, auch wohl mit Piſtolen und Flinten bewaffnet, ob⸗ 7 gleich ihnen die Munition völlig abging. Haufe triefte von Regen. Der ganze Eben als Maillard wiede nen Wagen angehalten deſſen Beſitzerinnen zur Theilnahme am Zuge zu zw Da die beiden Damen baten und flehten, ihre Straße ziehen laſſen, Gewalt Bahn zu machen ſt 3 Gedränge um den Wagen. Damen: r erſchien, hatte man ei⸗ „ um ihn mit zu verwenden und ingen. man möge ſie da ſie ſich endlich ſelbſt mit 88 ichten, ſo entſtand ein großes Plötzlich rief die eine von den „Ach, Charlotte, kommen Sie näher, wenn es 4 Ihnen möglich iſt!“ — u— „Hört nur, ſie ruft um Hülfe!“ ſchrie ein Fiſchweib; „als ob ſie unter Feinden wäre!“ „Mit gefangen, mit gehangen!“ ſagte ein andres, die junge Dame am Arme ergreifend. Unterdeſſen hatte ſich die Gerufene(es war Char⸗ lotte Vanner) durch die Menſchenmaſſe herangearbei⸗ tet und erkannte in der Hülfe flehenden Dame die Toch⸗ ter des ermordeten De Lau noy. Zu gleicher Zeit wollte ſich auch ein Officier der Nationalgarde, welcher den Ruf vernommen hatte, Platz machen; allein die dichte Mauer der Weiber machte alle ſeine Anſtrengungen zu Schanden. Sie war völlig un⸗ durchdringlich. Der arme Bernard mußte zurückbleiben. „Erlaubt mir, meine Freundinnen,“ ſagte Charlotte zu den wüthenden Weibern,„daß ich in Begleitung die⸗ ſer Damen den Zug mitmache... „Wer biſt Du, daß Du uns einen Wagen entziehen darfſt, den wir ſo nothwendig brauchen?“ rief man dem Madchen zu. „Ich heiße Charlotte Vanner und. „Du wärſt die, welche den Schweizer heimlich klei⸗ dete, der die Baſtille öffnete, die Schweizerbraut?“ „Die, welche Fleſſelles' Brief auf dem Stadthauſe übergab, die Tochter der Baſtille?“ N A — 1— „Die, auf deren Bitten die b Seine flogen?“ „Die, welche in Orleans einen Haufen Bri durch ihre Schönheit entwaffnete?“ „Schön genug iſt ſie!“ „Ein Geſicht wie das der N leriengarten!“ lutigen Köpfe in die gands Ninervenbildſäule im Tui⸗ So riefen die Weiber unter einander, während Char⸗ lotte zu den beiden Damen in den Wagen zu ſteigen ſuchte. Hier ſah Bernard ſeine Braut zum zweiten Male und rief ihr zu:„In Verſailles, Schloßgaſſe No. 31“ Der Ruf verhallte im Getöſe. Näher am Wagen aber rief zu gleicher Zeit eine Trödlerin: „Ja, ſte iſt's, ich habe ſte in No. Honoré am Fenſter geſehen! Man l Bekannten fahren!“ 5 der Straße St. aſſe ſie mit ihren „Auf baldiges Wiederſehen in V ihr zu, indem ſte mit ih rietten de ½ erſailles!“ rief man ren beiden Begleiterinnen, Hen⸗ aunoy und der Madame Dubord dem nächſten Wege vom Platze fuhr. „Ach,“ ſeufzte Bernard war ich von ihr!“ Waͤhrend dieſer kur 1789. II. „ auf „nund nicht hundert Schritte zen Scene waren die geraubten 10 — 146— Kanonen herangezogen und beſpannt worden. Maillard hielt zu Pferde davor und wollte ſprechen. Allein der Lärm und das ewige Geſchrei:„Es lebe Maillard, der Held der Baſtille! Er ſei unſer Anführer!“ verhin⸗ derte ihn daran. Während er noch ſo in einiger Verlegenheit dahielt, erſchien neben ihm auf ſtattlichem Roß ein junger Offi⸗ cier, deſſen Aeußeres außerordentlich reizend war. Er nahm die Blicke aller Umſtehenden in Anſpruch und winkte mit der Hand. Es entſtand einige Ruhe, ſo daß er ſprechen konnte, und er ließ ſich ſo vernehmen: „Unſre Zeit iſt die der Gegenſätze. Früher herrſchten die Vornehmen, jetzt das Volk; früher ſtanden viele, jetzt ſteht gar niemand über dem Geſetz; früher ſahen die Männer auf Ordnung und Recht, jetzt müſſen es die Weiber thun...“ „Ein langes Bravogeſchrei unterbrach die Rede. Bald aber erhob der Redner ſeine Stimme auf's neue: „Ich ſehe hier in den Händen der Frauen allerhand Waffen, womit Brod und der König erobert werden ſol⸗ len...(Beifall)... Der wackre Maillard an meiner Seite, welcher ſeine Pflicht als tapfrer Mann gethan hat und noch thut, brennt vor Verlangen uns da⸗ —— hin zu führen wo allein unſre Wünſche erfüllt werden können, nach Verſailles!...“ „Nach Verſailles! Nach Verſailles!“ ſchrie der ganze Haufe der Weiber. Als es wieder etwas ruh fuhr der junge rothwangige Redner fort: „Ich handle in ſeinem Sinne, wenn ich proclamire: Die elyſäiſchen Felder ſeien vorläufig unſer Hauptquar⸗ tier! Detachements der patriotiſchen Frauen werden ſich in die verſchiedenen Stadtviertel zerſtreuen, um ihre gu⸗ ten Freundinnen zu holen... Die Unbewaffneten wird Maillard nach dem Arſenal führen...“ „Nach dem Arſenal! Nach dem Arſenal!“ ſchrien tauſend Stimmen zugleich. iger wurde, „Nun, meine Freundinnen,“ fuhr der Redner mit ſei⸗ ner feinen Stimme fort,„ich werde jetzt mit einem Tam⸗ bour die Straßen durchziehen, um Streiterinnen ſammeln zu helfen. Thut desgleichen!... Das räth Euch Théroigne de Méricourt!“ ſetzte dieſe hinzu(denn ſie war es ſelbſt) und ſchwang den blanken Säbel über dem ſchönen Haupte mit einer Behendigkeit, als wollte ſte die Regentropfen abhalten ſte zu treffen. Nun zog ein großer Theil der Weiber nach den Champs Elyſées, während andre ſich durch die Stadt arbeiteten und bald 7— 8000 Köpfe ſtark zurückkehrten. 40* — 1— Am ſchlimmſten erging es vor dem Stadthauſe dem ar⸗ men Maillard, welchem es nicht in den Sinn kam die Andeutungen Théroigne's zu realiſiren und die Frauen in ein Kriegsheer umzugeſtalten. Er ward furchtbar um⸗ drängt und konnte ſich erſt nach vielen Bemühungen Ge⸗ hör verſchaffen. Zunächſt ſagt er den Frauen, daß im Arſenal keine Waffen mehr wären, und dann erhebt er unter allgemeinem Schweigen ſeine Stimme, ſo daß er von der ganzen Verſammlung verſtanden werden kann. Er ſagt im Weſentlichen Folgendes: „Meine Freundinnen, wir ziehen nach Verſailles, um uns der Nationalverſammlung bittend zu nahen; Brod und Gerechtigkeit begehren wir...“ „Brod und Gerechtigkeit!“ ſchrien die Weiber. „Käme nun ein Bittender zu Euch, meine Freundin⸗ nen, mit dem Säbel in der Fauſt, was würdet Ihr ant⸗ worten? Als Bittende müſſen wir unbewaffnet kommen... (Gemurmel)... Ja,“ rief Maillard noch lauter, „wir dürfen nicht mit den Waffen in der Hand vor der Nationalverſammlung erſcheinen, als wollten wir ihr Geſetze vorſchreiben! Wie könnten wir hoffen gehört zu werden, wenn wir ertrotzen ſtatt bitten wollten! Soll ich Euer Anführer ſein, ſo legt Eure Waffen nieder! Hier 7 ſind die meinigen—! — ———— — 449— Bei dieſen Worten legte Maillard ſeinen Carabiner und ſein Seitengewehr ab und ritt langſam vor, um die Niederlegung der Waffen zu beaufſichtigen und ſich an die Spitze des Zugs zu ſtellen. Er hatte ſich ein ſolches Anſehen erworben, daß man ihm wirklich meiſtens ge⸗ horchte. Der Zug ſetzte ſich langſam in Bewegung. Voraus gingen bewaffnete Männer und 8— 10 Tambours, hin⸗ tennach eine Compagnie Freiwilliger der Baſtille. Alles was ſich blicken ließ, mußte ſich gern oder ungern dem Zuge anſchließen. Vornehme Damen in ſeidenen Schu⸗ hen, welche jedenfalls nur auf Decken hatten treten wol⸗ len, mußten aus ihren Wagen ſteigen und im Kothe wa⸗ ten gleich den ſchmuzigſten Fiſchweibern, ja die meiſten derſelben mußten die ganze Expedition mitmachen, wenn ſie nicht gemißhandelt ſein wollten. Schon ſeit ein paar Stunden ertönten der General⸗ marſch und die Sturmglocken. Die ganze Stadt war in Bewegung. Die Bürger begaben ſich in ihre Verſamm⸗ lungen, die Nationalgardiſten auf ihre Waffenplätze, die, meiſten Compagnien marſchirten nach dem Gréve⸗Platze und wurden da mit dem lebhafteſten Beifallsgeſchrei be⸗ grüßt. „Ah, ſchweigt doch,“ rufen die Gardiſten den unbe⸗ waffneten Bürgern zu;„mit Beifallsgeſchrei wird hier nichts geſchafft! Wenn die Nation beleidigt iſt, kann nur von Waffen die Rede ſein. Zu den Waffen, Bür⸗ ger! Erbittet Euch mit uns Befehle von unſern Anfüh⸗ rern!“ Alles läuft nun nach Waffen und ein allgemeines Geſchrei verlangt nach den Dreihundert, die den bewaff⸗ neten Maſſen Befehl ertheilen ſollen. Bald iſt das Volk auf dem Gréve⸗Platze durch bewaffnete Legionen erſetzt. Man fragt, wer bei dieſer Unordnung Generalcom⸗ mandant der Nationalgarde war? Lafahette be⸗ fand ſich auf dem Polizeibüreau, wo er Depeſchen an die Nationalverſammlung und an den König dictirte, um ihnen von dieſer neuerlichen Inſurrection Nachricht zu geben. Zu ihm kommt jetzt eine Deputation von Gre⸗ nadieren, von denen einer das Wort nimmt und ſagt: „Mein General, wir ſind Abgeordnete der ſechs Gre⸗ nadiercompagnien. Wir halten Sie nicht für einen Ver⸗ räther, glauben aber daß die Regierung Sie hintergeht. Das muß aufhören. Wir können unſre Bajonette nicht gegen Frauen richten, die um Brod bitten. Der Lebens⸗ mittel⸗Ausſchuß will oder kann ſeine Pflicht nicht thun; in beiden Fällen muß er durch einen andern erſetzt wer⸗ den. Das Volk iſt unglücklich und die Quelle des Un⸗ glücks liegt in Verſailles. Man muß den König nach Paris holen, man muß d Gardes du Corps vertilgen, da ſie die Nationalcocarde mit Füßen zu zu ſchwach die Krone zu tragen, legen...⸗ „Wie?“ rief Lafayette,„Ihr habt vor, den König zu bekriegen und zur Abdankung zu zwingen?“ „Mein General, das ſollte uns ſehr leid thun, denn wir lieben ihn ſehr. Er wird uns nicht verlaſſen; ſolltte es aber geſchehen... ſo haben wir den Dauphin und die Regentſchaft...“ Lafahette gab ſich nun alle Mühe die Leute auf andre Gedanken zu bringen; Vernunftgründen läßt er ſelbſt die rührendſten Bitten folgen; aber immer erhält er zur Antwort: „General, wir w as Regiment Flandern und die ſich unterſtanden haben treten. Iſt der König ſo mag er ſie nieder⸗ ären bereit für Sie den letzten Bluts⸗ tropfen zu vergießen; aber das Volk iſt unglücklich; die Quelle des Unglücks liegt in Verſailles; wir müſſen den König nach Paris holen: Das ganze Volk will es nicht anders!“ Lafahette geht nun ſelbſt auf den Platz hinab, „erinnert ſie an ihren Eid, der das Geſetz und den König bindet. üͤbertönt von dem Geſchrei:„Nach redet die Grenadiere an ſte an die Nation, Seine Stimme wird — 152— Verſailles! Nach Verſailles!“ Da er jedoch bemerkt, daß die Truppen den Gréve⸗Platz beherrſchen, giebt er die Hoffnung nicht auf und läßt den Courier mit der Depeſche nach Verſailles abgehen, worin er ſagt, daß die Ruhe in der Hauptſtadt jedenfalls bald wieder her⸗ geſtellt ſein werde. Eine Deputation der Dreihundert ladet den Maire ein ſeinen Platz auf dem Stadthauſe einzunehmen. Bailly macht ſich Bahn durch die Wogen des Volks, das ihm ſtets in die Ohren ruft:„Brod!... Nach Verſailles!“ Er verſucht zu ſprechen, aber der Tumult iſt zu groß; ſeine Worte verhallen in dem Geſchrei:„Brod! Nach Verſailles!“ Die ganze Nationalgarde war jetzt auf den Beinen, aber ſie theilte den Wunſch der Weiber und des Volks. An ihre Spitze ſtellt ſich jetzt Lafahette und wartet auf die Berathung der Dreihundert. Dieſe dauerte zu lange für die Ungeduld der unermeßlichen Bevölkerung. Aus den Vorſtädten St. Antoine und St. Marceau ſtrömten immer neue Haufen Bewaffneter herbei, aus an⸗ dern Diſtrieten zog man Kanonen heran. Unter das ſchon entſtandene Murren miſchte ſich unheimliches Ge⸗ ſchrei. Und Lafayette konnte nichts thun! Endlich wollte er auf's Stadthaus gehen, um mit Bailly zu 453— t, ſprechen 3 . 1 allein er kann nicht durchkommen und die Gre⸗ nadiere ru fen ihm voll Zorn und Ungeduld „Donner, Herr General, Sie werden bei und uns nicht verlaſſen!“ Jetzt erhält Lafayhette Schreiben. zu: uns bleiben aus dem Stadthauſe ein Sowie er es in die Hand nimmt, ſind die e Augen von 60,000 Perſonen auf ihn geheftet. Er öffnet 1 „ es, überfliegt es und erblaßt. 1„Nun? W 2 grobem Tone. z Lafayette warf einen ſchmerzlichen Blick über die ihn umgebende Menge und las: „Unter den gegenwärtigen Umſtänden und d Wunſch des Volkes as giebt's Neues?“ rief ein Bürger in 9 a es der iſt ſowie auf die Vorſtellung des Herrn Generalcommandanten, daß man nicht wohl anders könne, bevollmächtigt, ja erſucht die Municipalität den Herrn Generalcommandanten ich na Verſailles 9 zu begeben.“ Kaum waren die le tzten Worte geleſen, die Lüfte durch ein ſo wurden allgemeines Freudengeſchrei zerriſſen. Der Zug begann. Den Vortrab bildeten die Compag⸗ nien Grenadiere und eine Füſtliereompagnie mit drei Feldſtücken. Das Hauptcorps marſchirte in drei Colon⸗ nen mit Artillerie und Kriegswagen. Dieſer Marſch 1 — 1— durch die Stadt glich einem Triumphzuge. Das Hände⸗ klatſchen und Bravogeſchrei riß gar nicht ab. Hier und da rief man auch:„Die beleidigte Majeſtät der Nation muß gerächt werden.“ Unter Trommelwirbel und mit fliegenden Fahnen verließ der Volkshaufe die Stadt, welche gleich darauf in ein erwartungsvolles Schweigen verſank. In Verſailles dachte niemand an eine weitere Folge des 1. Octobers, geſchweige denn an eine ſo ungeheure. Die Ständeverſammlung lauerte eben auf die königliche Ge⸗ nehmigung der Menſchenrechte und der erſten Verfaſſungs⸗ artikel. Als die Antwort des Königs verleſen war, ent⸗ ſtand zuerſt ein leiſes Murren und dann ſtand ein Mitglied mit Anklagen gegen die Feſtgeber vom 1. Oct. auf und brachte die Beſchimpfung der Nationalcocarde zur Sprache. Das Gemurmel wuchs.„Man klage nicht ein ganzes Corps an,“ rief der Herr von Monſpey,„ſondern nenne die Schuldigen, um ſie zur verdienten Rechenſchaft zu ziehen!“ Pétion und Mirabeau erhoben ſich nach dieſen Wor⸗ ten zugleich, aber Letzterer erhielt das Wort und ſprach: „Ich halte eine ſolche Denunciation für äußerſt unpo⸗ litiſch; will man ſte aber nicht fallen laſſen, ſo beantrage ich ein Decret, daß nur die Perſon des Königs unver⸗ letzlich ſei.“ Alles war erſtarrt über eine ſolche Kühn⸗ N —— ⏑ — 155— heit, denn niemand konnte dieſen Bezug auf die Königin verkennen. Man erwähnte die Denunciation nicht wieder. Während der Discuſſion war ſchon ein ängſtliches Hin⸗ und Herlaufen der Deputirten zu bemerken geweſen. Es erſcholl ein unbeſtimmtes Gerücht von der Gährung der Hauptſtadt. Auch an Mirabeau kam eine Nach⸗ richt, welcher ſich ſogleich erhob, zum dermaligen Präſt⸗ denten Mounier ging und ihm zuflüſterte: „Mounier, Paris marſchirt nach Verſailles.“ Obwohl Mou nier, wie man ſich vom„großen Or⸗ densbande“ her noch erinnern wird, bei Eröffnung der Reichsſtände mit Mirabeau und den andern dort an⸗ weſenden Deputirten Rabaud und Barnave ganz ein⸗ ſtimmig zu ſein ſchien, ſo hatte er doch ſeitdem zu eifrig für die unbedingte königliche Sanction und das Zwei⸗ kammerſyſtem geſprochen, um mit Leuten wie Mirabeau einig bleiben zu können. Er antwortete ihm daher auch jetzt auf ſeine Bemerkung, daß Paris heranzöge, ganz kurz und trocken: „Ich weiß nichts davon.“ „Sie mögen es nun glauben oder nicht,“ ſagte Mi⸗ rabeau ſchon aas gru„ſo wiederhole ich Ihnen doch, daß Paris heran zieht. Geben Sie Unwohlſein vor * und gehen Sie auf's Schloß, Meinetwegen kömen Sie ſagen von mir haben. Streit ein Ende.. um die Sache zu melden. , daß Sie die Nachricht Aber machen Sie dieſem ſcandalöſen Uebrigens iſt keine Zeit zu ver⸗ lieren, das verſichre ich Ihnen.“ „Paris zieht heran! Ei nun, ſo werden wir ja wohl deſto eher eine Republik haben!“ ſagte Mounier ſpöttiſch. Mißmuthig ließ Mounier die Debatte fortſetzen, ſie ward aber doch bald von bedenklichen Nachrichten unter⸗ brochen. Gegen 3 Uhr kam die beſtimmte Kunde, daß die Straße von Paris her von Men ſchen wimmle. Es war Maillard mit den Weibern. Nachdem er ſte unterwegs mit Mühe und Noth abgehalten hatte Chaillot zu plündern und andre Ausſchweifungen zu be⸗ gehen, hatte er ſte doch nicht verhindern können, alle Couriere aufzuhalten, welche in Verſailles hätten Lärm machen können. Auch ein Deputirter der Nationalver⸗ ſammlung, welcher von Paris kam, ward von den Wei⸗ bern angehalten und wäre beinahe getödtet worden, weil ſte ihn für einen Spion aus der Vorſtadt St. Germain 1 anſahen. Sobald er ſich aber, s den Deputirten Cha⸗ pelier ausgewieſen hatte, welcher in der berühmten — 155— Nacht vom 4. Auguſt*) Präſtdent geweſen war, ein großes Bravogeſchrei und ſt hörte man nur noch:„Es lebe Chapelier!“ Dann ſtiegen mehrere bewaffnete Maͤnner vorn und h ſeinen Wagen, um ihm d entſtand att der heftigen Drohungen inten auf Einige vurden von ihren Pferden daß ſte damit wegkamen, im Kothe zu folgen und dann ent⸗ as Geleite zu geben. Reiter mit ſchwarzen Cocarden geriſſen und konnten froh ſein, den zornigen Frauen laſſen zu werden. Vor dem Eingange nach der Stadt Verſailles ließ Maillard die Weiber Halt machen, Reihen und ſagte zu ihnen: „Sie ſind im Begriff eine Stadt zu man weder von Ihrer Ankun etwas weiß. ſtellte ſte in drei betreten, wo ft noch von Ihren Abſichten Wollten Sie drohend auftreten, ſo würde man feindliche Abſichten vorausſetzen; es wäre ein Unglück zu beſorgen. Daher bitte ich Sie den Einzug friedlich und heiter zu halten, damit wir unſern Zweck nicht verfehlen.“ „So ſei es!“ rief man hier und da, und man ge⸗ horchte nochmals der Stimme de Helden d Baſtille. Selbſt die Kanonen wurden zum Nachtra — 18— Der Einmarſch begann unter dem Geſang:„Es lebe Heinrich IV.!“ Ein andrer Theil des Volks rief:„Es lebe der König!“ 3 Die Bevölkerung von Verſailles lief haufenweiſe her⸗ bei und rief:„Es leben die Pariſerinnen!“ Unterdeſſen wird in Verſailles der Generalmarſch ge⸗ ſchlagen, die Municipalitäͤt tritt zuſammen, 320 Gardes du Corps ſteigen zu Pferde und ſtellen ſich auf dem Waffenplatze auf, mit dem Rücken nach dem eiſernen Gitter und zur Rechten die frühere Caſerne der franzö⸗ ſiſchen Garde. Alle Miniſter begaben ſich zu Necker. Zugleich gingen Leute aus, welche den König von der Jagd zurückholen ſollten. Auch das Regiment Flandern und die Dragoner haben zu den Waffen gegriffen; erſteres 4 hält rechts von den Garden bis zu den königlichen Ställen, letztere ſtellen ſich daneben und etwas unterhalb auf. Die Schweizergarden treten in den erſten Schloßhof. Die⸗ ſen verſammelten Truppen lieſ't d'Eſtaing einen Befehl der Municipalität k, wonach ſie im Verein mit der ——;— ſchildern würde. — 459— der Thür der Nationalverſammlung angelangt. Alle woll⸗ ten ohne weiteres eindringen und wurden nur mit der größten Mühe zurückgehalten. Zuletzt ließen ſich die Weiber bereden, daß nur 15 aus ihrer Mitte den Sprecher (Maillard) begleiten ſollten. Dies geſchah. Mail⸗ lard ſagt mit kurzen Worten, Verſailles gekommen königlichen Garden zu verlangen, welche bei einer ärger⸗ nit Füßen getreten hätten. Die Nationalverſammlung antwortete . ihm, es ſolle ſogleich eine Deputation an den König ab⸗ gehen, welche ihm den betrübenden Zuſtand von Paris Jetzt mußte Mounier doch den Weg noch machen, den ihm Mirabeau ſchon lange vorher angerathen hatte; er ging mit mehrern Mitgliedern der Verſammlung nach dem Schloſſe. Sogleich als er aus dem Saale trat, umringten ihn die Weiber und begehrten ihn zum König zu begleiten. Er legte ſich auf's Bitten und es gelang ihm endlich, daß ſie ſich zufrieden gaben, wenn er nur ſechs aus ihrer Mitte mitnähme. Trotz dem ging der ganze übrige Haufe als Bedeckung mit.— Es reg⸗ nete ohne Unterlaß und ſie ſchritten zu Fuße durch den tiefen Koth. Die Bevölkerung von Verſailles hatte ſich — 160— zu beiden Seiten des nach dem Schloſſe führenden Weges aufgeſtellt. Unter den Weibern zogen auch Männer mit einher, meiſt mit Lumpen bedeckt, wilde Blicke ſchießend und bewaffnet mit Flinten, Dolchen, alten Piken, Beilen und eiſenbeſchlagenen Stöcken. Zwiſchen durch jagten unter dem Geſchrei und Hohngelächter des Volks Abthei⸗ lungen der Gardes du Corps.— Ein Theil der bewaff⸗ neten Männer näherte ſich der Deputation, um ſie zu escortiren. Die Gardes du Corps glaubten man wolle den Deputirten Gewalt anthun und ſprengte gewaltſam zwiſchen ſie, ſo daß ſie ſich nach allen Seiten im Kothe zerſtreuen mußten. Wer beſchreibt das Fluchen und To⸗ ben der Menge, als ſie ſich ſo zerſprengt ſah. Indeſſen mochten die Gardes du Corps eingeſehen haben, daß ſie in einem Irrthume befangen geweſen waren; denn bald war es den Deputirten geſtattet wieder zuſammenzutreten und ſich nach wie vor escortiren zu laſſen. Sie näherten ſich dem Schloſſe und ſahen auf dem Platze aufgeſtellt die Gardes du Corps, eine Abtheilung Dragoner, das Regiment Flandern, die Schweizergarden, die Invaliden und Bürgermiliz von Verſailles. Man erkannte ſie und begrüßte ſie ehrfurchtsvoll. Die Deputirten paſſirten die Reihen und bemerkten, welche Muhe das Militär hatte die Menge zurückzuhalten. Mounier ſelbſt konnte 8 — 161— ſich nicht erwehren, ſtatt ſechs Weiber deren zwölf mit⸗ zunehmen, unter denen ſich die bekannte Méricourt und eine gewiſſe Vanner durch ihre Schönheit aus⸗ zeichneten. Man wußte daß der König zurückgekehrt war. Seit dem Morgen dieſes Tages nämlich hatte er im Wald von Meudon gejagt. Sobald in Paris die Inſurrection ausbrach, hatte Miomandre Chateau neuf die Haupt⸗ ſtadt verlaſſen, um den Hof davon zu benachrichtigen. Zweimal wurde er vom Volke angehalten und nach der Stadt zurückgebracht, bis er endlich über die Mauern der neuen Barrieren und über die Hügel nach Ville d'Avray entkam. In den Gehölzen von St. Cloud ſtieß er auf einige Gardes du Corps, die er von den Pariſer Vorgängen in Kenntniß ſetzte; dieſe theilten ſich ſogleich in zwei Haufen, von denen der eine mit verhängtem Zügel nach Verſailles ſprengte und der andre den König aufſuchte. Ihm war ſchon durch den Herrn von Cu⸗ biéres Nachricht zugekommen, daß ein Haufe Weiber von Paris nach Verſailles heranzöge, der um Brod zu bitten gedenke.„Ach,“ hatte der König geantwortet, „wenn ich Brod hätte, würde ich nicht warten, bis man mich darum bäte!“ Einige Minuten darauf war er zu Pferde geſtiegen, um nach Verſailles zurückzukehren. In 1789. II. 11 — 162— dieſem Augenblicke kam auch ein St. Ludwigsritter ge⸗ ſprengt, ſtieg haſtig vom Pferde, warf ſich vor dem Kö⸗ nig nieder und ſprach:„Sire, es iſt keine Gefahr vor⸗ handen! Wenn man Ihnen von einem bewaffneten Heere geſagt hat, ſo iſt ein ſolches nicht vorhanden. Ich komme eben von der Militärſchule her und habe nichts als einen Haufen Weiber geſehen, die da ſagen, ſie waren nach Verſailles gekommen, um Brod zu verlangen. Ich bitte Ew. Majeſtät keine Furcht zu haben.“—„Furcht, mein Herr!“ verſetzte Ludwig XVI.;„ich habe in mei⸗ nem Leben keine Furcht gehabt.“—„Sire begann der Ritter auf's neue,„ich biete Ihnen meine Dienſte an und bin bereit Sie bis auf den letzten Blutstropfen zu vertheidigen!“ Der König dankte ihm für ſeinen Eifer und gab ſeinem Pferde die Sporen. Als Ludwig Xyl. im Schloſſe ankam, ſah er den Haufen der Weiber und bewaffneten Männer ſich heran⸗ wälzen. Man drängte ſich mit aller Gewalt gegen das verſchloſſene Gitter, das allen Anſtrengungen des Volks widerſtand. St. Prieſt ſandte den königlichen Ober⸗ jägermeiſter Prioreau an die Weiber ab um ſte fragen zu laſſen, was ſie denn eigentlich wollten; er erhielt zur Antwort:„Brod wollen wir und den König ſprechen!“ Da befahl der König die angekündigte Deputation einzulaſſen. — 163— Als ſich dieſe mit den zwölf Weibern dem Oeil⸗de⸗ boeuf näherte, ſchritt ihnen St. Prieſt entgegen und fragte die letztern:„Was wollen Sie?“ Auch jetzt ant⸗ worteten ſie wieder:„Brod! Brod!“ Da ſagte St. Prieſt:„Als Sie nur einen Herrn hatten, fehlte es Ihnen nicht daran; ſeitdem Sie aber 1200 Herren haben, ſehen Sie wohin Sie gerathen ſind.“ Dieſe Antwort wurde von den Deputirten der Nationalverſammlung zwar nicht gehört, aber dieſer ſelbſt ſpäter durch Mirabeau bekannt gemacht. Im königlichen Vorzimmer gelang es dem Präſidenten der Nationalverſammlung die Weiber zu überreden, daß nur fünf aus ihrer Mitte die Deputirten begleiteten. Unter ihnen war nicht Théroigne de Méricourt, welche mit den wachhabenden Officieren zu ſprechen hatte, wohl aber Charlotte Vanner, die in ihrer Befangenheit noch einmal ſo reizend erſchien als gewöhnlich. Mounier ſchilderte dem König die gräßliche Lage der Hauptſtadt, theilte ihm die Beſchwerden der Weiber mit und ſetzte ihn davon in Kenntniß, welche Verhei⸗ ßungen die Nationalverſammlung bereits gegeben habe. Zu⸗ letzt beſchwor er ihn, der unglücklichen Hauptſtadt im Ver⸗ rein mit der Nationalverſammlung hülfreich beizuſpringen. Der König war gerührt, beklagte die Lage der Haupt⸗ 41* — 164— ſtadt und verſprach ſeine Bemühungen mit denen der Nationalverſammlung zu vereinigen, um die nöthigſten Vorräthe ſchleunigſt herbeizuſchaffen. Man hatte es der 17jährigen Louiſe Chabry überlaſſen, dem König die Beſchwerden der Pariſerinnen vorzutragen; allein als ſie ſprechen wollte, erſtarb ihr das Wort auf den Lippen; ſie wurde todtenbleich und fiel in Ohnmacht. Man kam ihr leutſelig zu Hülfe. Dann nahm Charlotte Van⸗ ner das Wort und ſprach beſcheidentlich:„Sire, tief ergriffen von der Ehre vor Ewr. Majeſtät zu ſtehen, ver⸗ mag ich es kaum Ihnen den Grund zu ſagen, welcher die Pariſerinnen nach Verſailles geführt hat... Ach, der Beſte der Könige fühlt ja die Leiden ſeines Volks inniger als ich ſie ausſprechen könnte! Sire, die Pa⸗ riſer haben kein Brod und wünſchen ihren König, ihren Vater in ihrer Mitte zu ſehen...“ Weiter konnte Charlotte nicht ſprechen; Thränen traten ihr in die Augen und ſie bückte ſich um dem Koͤnig die Hand zu küſſen. Dieſer aber ſchloß ſie gütig in ſeine Arme und ſagte:„Für Brod ſoll geſorgt werden und ich befinde mich nur wohl in der Mitte meines Volks.“ Hierauf entfernte ſich die Deputation unter dem begeiſterten Rufe der fünf Frauen und einiger Deputirten:„Es lebe der König und ſein ganzes Haus!“ V — 165— Dieſe ebenſo ſeltſame als ergreifende Scene hatte auf Charlotten den bleibendſten Eindruck gemacht. Das gütige und väterliche Geſicht ihres Königs, ſein leutſe⸗ liges Benehmen gegen die arme Chabry, ſeine liebens⸗ würdigen Antworten auf die beiden Anreden, das alles erfüllte die junge Schweizerin mit der lebhafteſten Be⸗ wunderung, unter welche ſich das herzlichſte Bedauern miſchte, daß er ſo vielfach verkannt wurde. Alle dieſe Empfindungen lagen auf ihrem Geſicht, als ſie mit ihren Begleiterinnen heraus auf den Platz trat, wo die Menge im heftigſten Regenwetter ungeduldig auf die Rückkehr der Deputation harrte. Natürlich wurden die fünf Frauen, welche die Ehre gehabt hatten vor den König zu kommen, ſogleich von dem Haufen der Weiber umringt und mußten erzählen. Anfangs hörte man ſie ruhig an; als ſie aber des Kö⸗ nigs Verſprechungen und herablaſſende Güte mit leb⸗ haften Farben zu ſchildern begannen, als man namentlich Charlottens ſtrahlendes Geſicht ſah, rief ein ſtäm⸗ miges Fiſchweib: „Wem wollt Ihr das aufbinden!“ „Wenn der König das wollte, was Ihr ſagt, würde er es ſchon längſt gethan haben!“ ſagte eine andre Frau. „Viſitirt ſie!“ rief eine dritte;„Ihr werdet ſchon — 166— das Geld bei ihnen finden, das ſie im Schloſſe für ihre Ausſage bekommen haben!“ Die armen Fünf wollten ſich rechtfertigen und erbo⸗ ten ſich augenblicklich den Beweis zu liefern. „Strumpfbänder ab! An die Laterne!“ ſchrien die wüthenden Weiber;„die Betrügerinnen müſſen baumeln!“ Sogleich wurden die vermeintlichen Betrügerinnen ergriffen, man ſchlang ihnen eilig zuſammengeknüpfte Strumpfbänder um den Hals und war im Begriff ſie an die Laterne zu hängen. Da erſchien Théroigne de Méricourt, welche in der Zwiſchenzeit einige Gardes du Corps und mehrere Officiere vom Regiment Flandern gewonnen hatte, wie die Göttin des Krieges ein Schwert ſchwingend, und rief: „Einigkeit unter dem Volk! Ihr wühlt in Euern eignen Eingeweiden! Beſleckt nicht den Tag des Ruhms durch die Ermordung Unſchuldiger!...“ „Unſchuldiger!“ ſchrien die Weiber, indem ſie den Laternenpfahl niederließen;„wir wollen Euch ſchon zeigen, ob die H.... da unſchuldig ſind!“ „Hülfe! Hülfe!“ rief Charlotte Vanner in ihrer Todesangſt, indem ſie ſich würgen fühlte. Ein paar Gardes du Corps, welche die Unglücklichen ihren Henkerinnen entreißen wollten, wurden wüthend zu⸗ — 162— rückgeſtoßen. Selbſt der wackre Bonnemére, welcher einſt in der Baſtille ſo ſchöne Thaten vollbrachte, konnte ſich kaum Gehör verſchaffen. Man kannte ihn nicht mehr. Er wurde zurückgedrängt. Da wühlt ſich ein junger Of⸗ fieier der Pariſer Nationalgarde durch die Menge, bittet hier und ſtößt dort, bis er in den Kreis der raſenden Weiber gelangt iſt. Sogleich faßt er das halbtodte Mäd⸗ chen, welches man eben emporziehen wollte, reißt ihr die Schlinge vom Halſe, ſtellt ſich mit ihr auf und ruft den Degen ſchwingend: „Wer will etwas von dem Mädchen? Sie iſt meine Braut!“ 1 „Befleckt nicht den Tag des Ruhms!“ erſcholl Thé⸗ roigne’s Stimme von neuem. Erſtaunt über die Kühnheit des ſchönen Officiers, bleiben die Weiber einen Augenblick ſtumm; dann aber erheben ſie ein fürchterlich drohendes Geheul und rufen: „Haͤngt ihn zuerſt, den Verräther!“ „An die Laterne mit ihrem Buhlen!“ Aber mit furchtbarem Blick ſchaut ſich Bernard um und ſchreit mit heiſerer Stimme: „So wollt Ihr die belohnen, die Ihr ſo lange als die Tochter der Baſtille gefeiert habt?“ „Ah!“ riefen die Frauen Leclere und Babet Lai⸗ — 168— rot,„ſie iſt's! Es iſt die Tochter der Baſtille! Es iſt die Schweizerbraut! Laßt ſie gehen!“ Unterdeſſen waren noch mehrere Gardes du Corps und Nationalgardiſten in den Kreis eingedrungen. Einig⸗ Weiber murrten noch, andre klatſchten Beifall mit ihren naſſen Händen, noch andre riefen:„Es lebe die Tochter der Baſtille, die Schweizerbraut!“ Endlich hatte ſich auch Théroigne Bahn gemacht und winkte mit der Hand, um eine Anrede zu halten. Aber die gegenwaͤrtige Verſammlung, gehemmt in ihrem blutigen Vorhaben und durchnäßt bis auf die Haut, war nicht geſtimmt ihr zuzuhören. Doch gelang es den ge⸗ nannten Männern, die fünf Frauen während der Zeit durch eine entſtandne Lücke durchzuführen. Bernard und Charlotte gingen nach dem gold⸗ nen Sterne zu, wo Erſterer auf Mirabeau’s Einla⸗ dung ſeine Wohnung genommen hatte. Unterwegs erhielt Bernard von hinten einen ſanften Schlag auf die Schulter. Es war als ob dieſer Schlag von unten her⸗ auf geführt wurde. Er rührte vom getreuen Aubry her, welcher eben aus dem Schloſſe kam. Dieſe drei Perſonen hatten einander gar vielerlei zu erzählen, was der Leſer bereits weiß und mit deſſen Wiederholung wir uns nicht beſchaͤftigen können, weil die Ereigniſſe des — 169— Augenblicks unſre Aufmerkſamkeit zu ſehr in Anſpruch nehmen. Denn es iſt wohl zu erwarten, daß ein Volks⸗ haufe, wie er ſich in Verſailles zuſammengefunden hatte, nicht eben die Hände ganz in den Schoß zu legen ge— eignet war. Als der kleine Aubry eben erzählte, daß der König Befehl ertheilt habe ſchleunigſt Getreide von Senlis und Lagni kommen zu laſſen, und daß dieſer Befehl den noch nicht befriedigten Weibern vorgezeigt würde, hatten die drei Perſonen den goldnen Stern erreicht. Einem ent⸗ gegenkommenden Kellner gab Bernard den Auftrag für die Dame ein Zimmer in Bereitſchaft zu ſetzen. Da er⸗ tönte in geringer Entfernung vom Hauſe ein gewaltiges Geſchrei und zugleich marſchirte die Pariſer Communal⸗ garde vorbei. Bernard empfahl ſeine Braut dem hin⸗ zutretenden Wirth und eilte zu ſeiner Compagnie zurück. Wir verlaſſen einſtweilen das Hotel zum goldnen Stern, wo der armen Charlotte einige Augenblicke der Ruhe und Erholung gegönnt waren, um uns auf den Schauplatz der Begebenheiten zurückzuwenden. 5. Als Bernard mit ſeiner Compagnie an das Schloß zuruckkam, ſtellte er ſie neben andern Nationalgardiſten auf, welche eines höhern Befehls harrten, um einen neuen Haufen Weiber vom Eintritt in das Schloß abzuhalten. An ihrer Spitze befand ſich Brunout, Offieier der Pa⸗ riſer Nationalgarde; wie man vernahm, war er von den Weibern gezwungen worden ſie zu fuͤhren. Als er nun mit ihnen an die Poſten der Gardes du Corps kam, welche den Zugang ſperrten, ſuchte er zu entweichen, mußte aber die Reihen der Soldaten paſſiren. Da ver⸗ folgte ihn der Lieutenant Savonnibres nebſt zwei andern Gardeofficieren mit dem Säbel in der Fauſt, weil ſie ihn für den Anſtifter des Unfugs hielten. Der Un⸗ glückliche wird eingeholt und erhält ſchon einen Saͤbel⸗ hieb. Da zieht auch er ſeinen Degen, um die Hiebe zu⸗ pariren, und flieht endlich in einen Schuppen am Schloſſe, — 1— indem er ruft:„Herbei! Man läßt uns ja nieder⸗ machen!“ Eben will Savonnisres auch in den Schup⸗ pen eindringen, als ein Soldat der Verſailler Miliz auf ihn anlegt, losdrückt und ihm den Arm zerſchmettert. Es war Blut gefloſſen und die Erbitterung zwiſchen den Gardes du Corps und dem Volke wuchs. Von Schimpfreden kam es zu Thätlichkeiten. Zwar hatten die Gardes du Corps Befehl vom König, nicht zu ſchießen; allein dennoch wurden ein paar Gewehre abgefeuert und zwei bis drei Weiber getroffen. Gleich darauf werden auch zwei Gardes du Corps von ihren Pferden herabge⸗ ſchoſſen. Zugleich pflanzen die Männer aus der Vorſtadt St. Antoine im Verein mit franzöſiſchen Garden drei Geſchütze auf und wollen die Gardes du Corps mit Kar⸗ tätſchen niederſchießen. Die Lunten werden wiederholt auf die Batterie gehalten; aber der Regen hat alles ſo durch⸗ näßt, daß keine Kanone losgeht.„Laßt's nur,“ rufen einige Männer des Volks,„es iſt noch nicht Zeit!“ Zu⸗ gleich ward den Gardes du Corps auf's neue eingeſchärft nicht zu ſchießen; da ſie aber auch nicht zur Zielſcheibe dienen wollten, ſo ſchloſſen ſte die Gitter und zogen ſich zurück. Im Schloſſe ſelbſt herrſchte große Unruhe. Es ver⸗ breitet ſich das Gerücht, das Volk beabſichtige einen Sturm. Natürlich denkt man daran das Schloß zu ver⸗ laſſen. Um aber zu verſuchen, ob die Paſſage freigegeben wird, fahren die Wagen des Königs an das Thor der Orangerie und begehren durchgelaſſen zu werden. Ein Detachement der Verſailler Nationalgarde, welches auf dieſem Poſten ſteht, weigert ſich deſſen, und die könig⸗ lichen Wagen müſſen in's Schloß zurück. Man kann ſich denken, welchen Eindruck die Nachricht von dieſer Wei⸗ gerung machen mußte. Außerhalb des Schloſſes herrſchte daſſelbe Schrecken, indem man den Gardes du Corps die ſchlimmſten Ab⸗ ſichten beimaß. Anführer der Verſailler Freiwilligen war Le Cointre, welcher ſich endlich mit einem Adjutanten zum Gardemajor begab und ihn fragte, weſſen ſich die Officiere der Nationalgarde von den Gardes du Corps zu verſehen hätten.„Das Volk hält ſich für gefährdet,“ ſagte er zuletzt,„und wünſcht zu wiſſen, wofür man Sie halten darf.“—„Mein Herr,“ antwortete der Major, „es thut uns weh, wenn man uns üble Abſichten bei⸗ mißt; wir vergeſſen, was zweien unſrer Kameraden wi⸗ derfahren iſt, und wünſchen insgeſammt mit Ihnen in gutem Vernehmen zu bleiben. Wir werden keine Feind⸗ ſeligkeit begehen.“ Daſſelbe ward nun im Namen der Nationalgarde verheißen. — 173— Dieſe gute Nachricht bringt Le Cointre der Na⸗ tionalgarde und begiebt ſich gleich darauf zum Regiment Flandern. Die Officiere deſſelben umgeben ihn ſogleich und verſichern, daß es ihnen nie in den Sinn gekommen ſei den Bürgern ein Leid zuzufügen. Daſſelbe ſchwören einmüthig die Soldaten des Regiments und liefern der Nationalgarde, der es an Munition gebrach, zum Zeichen des guten Einverſtändniſſes eine Menge Patronen aus. Hier offenbarten ſich zum Theil die Bemühungen der thätigen Théroigne. Jetzt begiebt ſich Le Cointre zu einem Trupp von bewaffneten Männern aus Paris, welche vor dem Saal der Nationalverſammlung Poſto gefaßt hatten. Er ver⸗ ſchafft ſich Gehör und ruft mit lauter Stimme:„Ihre Brüder von Verſailles, welche ſich wundern Sie in einem ſolchen Aufzuge zu ſehen, ſchicken mich an Sie ab, um ſich erkundigen zu laſſen, was Sie wünſchen, welche Ur⸗ ſache Sie herführt.“ Ein allgemeines Geſchrei antwor⸗ tete ihm:„Brod wollen wir! Wir wollen Brod!“— „Wir wollen Ihre augenblicklichen Bedürfniſſe gern be⸗ friedigen,“ begann Le Cointre auf's neue;„allein wir müſſen Sie bitten nicht bewaffnet in die Stadt zu kom— men: wenn ein Unglück geſchaͤhe, ſo würde das die Ruhe des Königs ſtören, die uns heilig ſein muß. Schwören Sie mir alſo den Poſten nicht zu verlaſſen, den Sie ein⸗ nehmen, und ich will mich gleich auf den Weg machen, um Ihnen hinreichendes Brod zu liefern. Wie viel ſind Ihrer?“—„Sechshundert.“—„Werden 600 Pfund Brod hinreichen?“—„Ja.“ Nach dieſen Worten ging Le Cointre ab, um ſein Verſprechen zu erfüllen. Zwei Leute von den Bewaff⸗ neten faſſen die Zügel ſeines Pferdes, um ihn zu be⸗ gleiten und ſich ſo von ſeiner Aufrichtigkeit zu überzeu⸗ gen. Aber die Municipalität von Verſailles entſchloß ſich nur zur Auslieferung von zwei Tonnen Reis. Da die Deputirten des Trupps ſehr lange außen blieben und endlich ſtatt des Brodes nur ein neues Verſprechen brach⸗ ten, hielten ſich die 600 Pariſer ihres Eides für ent⸗ bunden und ſtürzten in die Stadt. Während ſich dieſe halb verhungerten Leute in der Stadt ſo gut als möglich ſättigten und ihre naſſen Klei⸗ der zu trocknen ſuchten, kam auf dem Schloſſe La⸗ fayette's Depeſche an, worin er meldete, daß die Ruhe in der Hauptſtadt hoffentlich bald hergeſtellt ſein werde. Dies beruhigt die königliche Familie einigermaßen, und ſie gab ſich der Hoffnung hin, daß auch in Verſailles die Unordnung aufhören werde, wenn ſie die Truppen zuruͤckzöge. Der Befehl dazu ward ertheilt und Eſtaing 3 Y 15— ²—— —— zeigte ſich auf der Wache der Nationalgarde. Mehrere Compagnien derſelben gehorchten auch ſogleich, aber die meiſten trugen Bedenken dem Befehl nachzukommen, weil ſie die Gardes du Corps noch auf dem Waffenplatze er⸗ blickten. Jetzt erhalten auch die Letztern Befehl zum Rückzuge. Da es aber dunkel geworden war, ſo mach⸗ ten ſie ſich durch Sabelhiebe Platz, ja einige ſchoſſen ihre Piſtolen ab, ſo daß drei Freiwillige verwundet wurden. Man ſchießt gleich darauf auch aus dem Volke auf die Garden und dieſe antworten nochmals mit Musketen⸗ ſchüſſen. Die Wuth des Volks ſteigt auf den höchſten Grad und ſelbſt die Beſonnenen können nicht umhin die Gardes du Corps als ihre Feinde zu betrachten. Die Nationalgarde machte ſich ſchußfertig, denn ſie glaubte jeden Augenblick angegriffen zu werden, während auf der Wache Brod und ein Fäßchen Wein vertheilt wurde, obwohl das Wenige bei weitem nicht ausreichte. Da bringen Weiber und Pariſer Lanzenträger einen un⸗ glücklichen Garde du Corps geſchleppt(es war der Lud⸗ wigsritter Moucheton), dem man das Pferd unter dem Leibe erſchoſſen und ihn dann gefangen genommen hatte. Die Weiber wollten ihm durchaus den Kopf abſchlagen. Der Gefangene rief:„Mögt Ihr mich tödten! Aber ich gehöre zu keinem Complott, habe auch dem Gaſtmahl — u— vom 1. nicht beigewohnt, denn ich lag noch vor ein paar Tagen am Fieber darnieder; jetzt aber gebot mir das Geſetz der Ehre das Pferd zu beſteigen.“ Unter dem Vorwand eine Art von Kriegsrath zu halten, wurden die Weiber aus der Wache gelockt und der Gefangene entlaſſen. Nun fällt die Rache der Weiber auf das todte Pferd des Entkommenen; man zerreißt es, hält die Stücke an's Feuer und verſchlingt ſie halb roh. Plötzlich erſcholl jetzt die Kunde von der Ankunft der Pariſer Armee, wodurch alle Scenen dieſes Tags eine andre Richtung nahmen. Das Regiment Flandern rückt wieder in den großen Hof der königlichen Ställe vor, erhält aber den ausdrück⸗ lichen Befehl keinen Gebranch von den Waffen zu machen. Die Dragoner hatten ſich meiſt unter das Volk gemiſcht. Die durchnäßten Weiber ſuchten auf der Wache Zuflucht vor dem immer heftiger vom Himmel ſtrömenden Regen, die meiſten aber ſtürzen in den Saal der Nationalver⸗ ſammlung. Die bewaffneten Männer auf den Galerien hielten ſich ruhig, aber die Weiber konnten nicht ſchwei⸗ gen, obwohl ſie der Präſident wiederholt dazu ermahnte. Nur auf Maillard hörten ſie, aber auch bloß unter der Bedingung, daß er der Nationalverſammlung ihre Noth auseinanderſetze. Er that es und ward zur Ord⸗ n — nung gerufen. Man hörte Flintenſchüſſe außerhalb fallen und die Wuth der Weiber ſteigerte ſich. Das Volk drängte ſich nach den Eingängen und die wachhabenden Dragoner mußten um Verſtärkung anhalten. Es kamen 14 Gardes du Corps. Bei ihrem Anblick wird das Volk ganz raſend, ſchiebt eine Kanone zurecht und droht ſie niederzuſchießen, wenn ſte ſich nicht ſogleich entfernten. Sie mußten wieder fort und einer derſelben ward durch einen Steinwurf im Geſicht hart verletzt. Zum Glück traf in dieſem Augenblicke die Antwort des Königs auf die Deputation der Nationalverſammlung ein. Er verſprach darin, alle Kräfte zur Verprovianti⸗ rung von Paris aufzubieten. Auch die Verſammlung beſchloß alle Hemmniſſe der Getreide⸗Circulation thun⸗ lichſt zu beſeitigen. Das Volk und unter ihm ſelbſt die Weiber ſchienen ſich zu beruhigen, obgleich einige Stim⸗ men laut wurden:„Das Pfund Brod darf nur 2 Sous und das Pfund Fleiſch nur 6 Sous koſten!“ Dazu kam noch eine Botſchaft des Königs, durch die er melden ließ, daß er die Artikel der Conſtitution und die Erklä⸗ rung der Menſchenrechte ohne Abänderung angenommen habe. Nun machte ſich das Brapogeſchrei Luft und alle Klage ſchien vergeſſen zu ſein. Nur hin und wieder rief eine Stimme:„Das iſt alles recht ſchön, aber ich habe 1789. II. 12 — 178— den ganzen Tag keinen Biſſen gegeſſen!“ Mounier hatte den Präſidentenſtuhl wieder eingenommen und ließ alle Vorräthe herbeiſchaffen, die nur aufzutreiben waren. Der Saal der Nationalverſammlung verwandelte ſich in einen Speiſeſaal. Während Maillard mit mehrern Weibern in einem königlichen Wagen nach Paris abging, um die königliche Antwort und das Decret der Nationalverſammlung zu überbringen, machte die königliche Familie einen zweiten Verſuch aus dem Schloſſe zu entkommen. Fünf Wagen der Königin zeigten ſich am Gitter der Dragoner und be⸗ gehrten durchgelaſſen zu werden, um nach Trianon zu fahren. Der Commandant des Poſtens aber fand es be⸗ denklich und gefährlich für die Perſon Ihrer Majeſtät der Königin, in dieſen Zeiten der Unruhe das Schloß zu verlaſſen. Die Wagen mußten zurückkehren. Die Nachricht von Lafayette's Ankunft war in's Schloß gekommen, allein er brachte eine Unzahl von Nationalgardiſten mit, denen jedenfalls ebenſo wenig als den bereits vorhandenen zu trauen war. Dazu hörte man unter dem Volke häufig Verwünſchungen gegen die Kö⸗ nigin ausſtoßen. Die Gefahr ſtieg offenbar mit jedem Augenblick. In den königlichen Gemächern wimmelte es von Anhängern des Hofs. Die Frauen der Miniſter und —— — die Palaſtdamen, die Miniſter und Kammerherren, alle zeigten bedenkliche Geſichter und beriethen ſich eifrig über die zu ergreifenden Maßregeln. Nur der Ceremonien⸗ meiſter hatte nichts zu thun. Auch Houchard und Va⸗ rin flüſterten nur ganz leiſe mit einander. Endlich um Mitternacht verkündete Trommelwirbel von Paris her die Ankunft Lafayette's. Alle ſeine Leute glüͤhten von Freiheitsgedanken und Racheplänen. Ihr beſonnener Anführer hatte öfter Halt machen laſſen und die Hitzköpfe bearbeitet; aber am Ende mußte er ſie doch aus dem Regenwetter zu erlöſen ſuchen. In Viro⸗ flay, nahe bei Verſailles, ließ er noch einmal Halt machen und nahm ſeiner Armee in der Dunkelheit der Nacht nochmals den Eid der Treue und des Gehorſams ab. Dann ritt er an der Spitze eines Detachements voraus, um ſich in die Nationalverſammlung zu begeben. Dort fragte ihn Mounier, was er denn eigentlich mit dem Beſuche ſeiner Armee bezwecke. Lafahette verſchluckte den Aerger und antwortete ruhig:„Aus welchem Grunde ſte ſich auch in Marſch geſetzt hat, nimmer wird ſie je⸗ mandem Geſetze vorſchreiben wollen, da ſie verſprochen hat dem König und der Nationalverſammlung zu ge⸗ horchen. Um übrigens das Mißvergnügen des Volks zu ſtillen, ware es vielleicht gut das Regiment Flandern zu 12* — 180— entfernen und den König ein paar Worte zu Gunſten der Nationalcocarde ſagen zu laſſen.“ Da Mounier nichts weiter darauf antwortete, ſo begab ſich Lafahette unverzüglich auf's Schloß. Hier war er mit Ungeduld, aber auch mit einer Art von Furcht erwartet worden. Man ſuchte in ſeinen Blicken zu leſen, ob er den Frieden oder den Krieg brächte; ſie zeigten aber nichts als Muth und Ehrfurcht, gemiſcht mit einem Anflug von Schmerz. Er ſetzte dem König den Stand der Dinge kurz auseinander und ſchloß mit den Worten: „Ich bin gekommen, Sire, Ihnen meinen Kopf zu brin⸗ gen, um den Ihrigen zu retten. Soll es mein Blut koſten, ſo fließe es wenigſtens im Dienſte meines Königs und nicht beim düſtern Fackelſchein auf dem Groͤve⸗ Platze!“ Hierauf erhielt er vom König Befehl die Pa⸗ riſer Nationalgarde auf den früheren Poſten der franzö⸗ ſiſchen Garden unterzubringen, während die Gardes du Corps und die Schweizer die ihrigen behalten ſollten. Augenblicklich ſtieg Lafayette wieder zu Pferde und redete ſeine Truppen, die Schweizer und andre Corps an, um ihre Liebe zum Vaterlande, ihre Treue gegen den König und ihren Enthuſiasmus für die Freiheit zu be⸗ leben. Unterdeſſen zog ſeine ganze Armee in Verſailles ein und ward brüderlich aufgenommen. Wer nicht anders — — 181— unterkommen konnte, bezog Speicher und Kirchen; einige mußten freilich bis Trianon und Rambouillet. Auf dieſen ſo ſtürmiſchen Tag ſchien eine deſto ruhi⸗ gere Nacht zu folgen. Alle Welt war müde und begab ſich zur Ruhe, nur die Poſten blieben mit gehörigen Wachen beſetzt. Auch Lafayette war der Anſicht, daß alles ruhig bleiben werde, gab dieſe Verſicherung der Nationalverſammlung, welche ſich Morgens um 4 Uhr trennte, revidirte die Wachen und legte ſich gegen 5 Uhr ſelbſt nieder, um ſich zu den Anſtrengungen des folgen⸗ den Tages zu ſtärken. Die Weiber und die Bande Freiwilliger aus Paris hatten ſich auf die große Hauptwache und in den Saal der Nationalverſammlung begeben, aber nicht um der Ruhe zu pflegen, ſondern um ſich immer mehr zur Wuth und Rache aufzuſtacheln. Kaum graute der Tag(es war 5 ½ Uhr), als ſie aus ihren Sälen hervorkommen und ſich nach dem Schloſſe wälzen. In der allgemeinen Ver⸗ wirrung des vorigen Abends hatte man aus der Acht gelaſſen alle Gitter zu ſchließen, ſo daß ein Trupp Va— gabunden in den Hof der Miniſter eindringen konnte. Der Volkshaufe ſtürzt nach und kommt bis an das verſchloſ⸗ ſene königliche Gitter. Einige verſuchen es zu erklettern, wäͤhrend andre in den Hof der Capelle, noch andre in den der Prinzen und von da weiter vor in den königli⸗ chen Hof eindringen. Die Gardes du Corps greifen zu den Waffen und wollen das Volk abwehren. Dabei wird ein Bürger ſchwer am Arme verletzt und aus einem Fen⸗ ſter fällt ein Schuß, der einen andern Bürger todt nie⸗ derſtreckt. Man hebt den Unglücklichen ſogleich auf und trägt ihn auf die Stufen des Marmorhofs. Wüthendes Geſchrei ertönt und Verwünſchungen treffen ſelbſt die er⸗ habenſte Perſon des Staats. Schon erſteigt der raſende Haufe die große Treppe, an welcher ſich Gardes du Corps aufgeſtellt haben. Den Stürmenden entgegen geht Miomandre St. Marie und ſagt mit bittendem Blick: „Meine Freunde, Ihr liebt Euern König und kommt doch ſelbſt bis in ſeinen Palaſt, um ihn zu beunruhigen.“ Statt aller Antwort ſucht man ihn beim Bandelier und an den Haaren zu faſſen, um ihn hinabzureißen. Mit Hülfe eines Kameraden entkommt der Erſchrockene den blutgierigen Händen. Hierauf ziehen ſich auch die Garden zurück, indem die einen in das Gemach des Königs, die andern in den großen Saal gehen. Man ſucht ſogleich die Thür einzurennen, was nicht gelingen will. Aber am großen Saale giebt der untere Theil der Thür nach und man ſucht die dahinter ſtehenden Garden durch eine Lücke 1 ——.,—— — 183— mit Lanzen zu ſtechen, bis dieſe die Oeffnuug mit einem hölzernen Koffer verſtopfen. Ein ſolcher Widerſtand ſchreckt die Brigands nicht von ihrem Vorhaben ab. Da ſie hier nichts ausrichten können, ſo ſtürmen Sie durch den Saal der Königin in den großen Saal und fallen über deſſen Vertheidiger her. Die Gardes du Corps müſſen der Ueberzahl weichen und verſchanzen ſich im Oeil⸗de⸗boeuf. Um die Raſenden zu hindern in's Gemach der Königin ſelbſt zu dringen, wirft ſich ihnen Tarduvet du Repaire entgegen, wird aber vom Haufen ſogleich überfallen und zu Boden ge⸗ ſchlagen. Ein Bewaffneter ſtößt ihm mit einer Pike nach dem Herzen; dieſe erfaßt aber Tarduvet in der Todes⸗ angſt und richtet ſich wieder daran empor, ja er reißt die Pike ganz an ſich und parirt damit die Bajonettſtöße eines Soldaten. Bald hätte der Tapfre erliegen müſſen, wenn nicht in dieſem Augenblicke das Zimmer des Königs geöffnet und er von zwei ſeiner Kameraden hineingezogen worden wäre.* Unterdeſſen hat Miomandre⸗Sainte⸗Marie einen Garde du Corps aus dem Saale der Königin die Treppe hinabſchleifen ſehen, hört das blutſchnaubende Ge⸗ heul der Kannibalen und erblickt den Herrn du Repaire unter den Händen der Meuchelmörder. Ohne einen Au⸗ — 184— genblick länger zu verweilen, ſtürzt er nach dem Gemach der Königin, öffnet die Thür und ruft den im Vorzimmer wachhabenden Damen Beauchamp und. Dulong zu: „Meine Damen, retten Sie die Königin! Man will ihr an’'s Leben! Meine Kameraden ſind aus ihrem Saale vertrieben worden. Ich ſtehe hier allein 2000 Tigern gegenüber!“ Eben als er die Thür wieder zumacht und ſich umdreht, erhält er einen Pikenſtoß, der ihn zu Boden ſtreckt, ohne ihn tödtlich zu verwunden, aber gleich dar⸗ auf ſchlägt ihn ein Bandit mit dem Flintenkolben auf den Kopf, ſo daß er ohne Bewußtſein in ſeinem Blute ſchwimmend liegen bleibt. Da ihn die Brigands für todt halten, ſo plündern ſie ihn und kehren nach dem großen Saale zurück. Als Miomandre wieder zu ſich kommt, bemerkt er nur 4 Perſonen an der Thür, nimmt alle Kräfte zuſammen, erhebt ſich und durchſchreitet den Saal des Königs, den der Garden und das Oeil⸗de⸗boeuf und hat das Glück ſeinen Mördern zu entkommen. Der Lärm war ſo abſcheulich, daß die Schildwache im Saale der Königin, der Herr de la Roque St. Virieu, es für die höchſte Zeit hielt der Königin ſchleu⸗ nige Flucht zu empfehlen. Er raffte 5— 6 ſeiner Kame⸗ raden im erſten Gemach zuſammen und drang mit ihnen bis an das Antichambre vor, das man nicht öffnen wollte, — 185 h weil man nicht traute, ob die Rufenden auch wirklich 8 r Gardes du Corps wären. Endlich macht man auf und 4 eine Kammerfrau fällt den Garden zu Füßen und fleht r ſie an, die Königin zu retten. Dieſe verſichern, daß ſie e bereit ſind, für die Königin den letzten Blutstropfen zu 8 n vergießen, daß ſie jedenfalls ſo lange Widerſtand leiſten d können, bis Ihre Majeſtät aufgeſtanden und gerettet ſei. n Die Königin war ſchon eine Viertelſtunde früher, durch ⸗ das Geſchrei der Weiber auf der Terraſſe, aufgeweckt worden, aber ihre erſte Kammerfrau, Madame Thibau t, hatte ihr geſagt, es ſeien Pariſerinnen, die kein Obdach gefunden und einen Spaziergang hierher gemacht hätten. 1 Jetzt aber ſtürzt eben dieſe Madame Thibaut mit ihrer . Collegin Madame Hogué in’'s Gemach der Königin, be⸗ 2 kleidet ſte raſch mit einem Rock, mit Strümpfen und einem Mäntelchen und führt ſie auf einem geheimen Gange(dem ſogenannten Gange des Königs) zu ihrem 4 Gemahl. Als ſie über das Oeil⸗de⸗boeuf hinſchreitet, 4 hört ſie drohende Stimmen:„Es iſt eine Meſſaline! Sie hat den Staat verrathen! Sie hat den Franzoſen den Untergang geſchworen! Sie muß baumeln! Sie muß 5 baumeln!“ Das Entſetzen vermehrt ſich noch, wenn es möglich iſt, als in ihrer Naͤhe ein Piſtol und eine Flinte abgeſchoſſen werden. Endlich kommt ſie in's Zimmer des 3 — 186— Königs, welcher eben nicht anweſend iſt, und ruft todten⸗ bleich:„Freunde, liebſte Freunde, retten Sie mich und meine Kinder!“ In dieſem Augenblick kam auch der Kö⸗ nig zurück, welcher ſeine Gemahlin in ſeinem Zimmer hatte aufſuchen wollen. Das Königspaar beſprach ſich einen Augenblick, nahm dann den Dauphin und Ma⸗ dame Rohyale an ſich und Alle machten ſich bereit, um ſich dem Volke zeigen zu können. Alle Umgebungen der Majeſtäten begaben ſich in's Oeil⸗de⸗boeuf, um ſich darin durch Bänke, Schemel und andre Meubles zu verſchanzen. Auch verſuchen es die Brigands auf's neue die Thür aufzuſprengen; aber auf den heftigſten Lärm folgt plötzlich die tiefſte Ruhe. Die Pariſer Nationalgarde iſt eingezogen und ihr Officier ſagt zu den Gardes du Corps:„Meine Herren, die Brigands ſind verjagt! Wir ſind gekommen den König zu retten und auch Sie werden wir retten! Seien wir Brüder!“ Auch kamen die Deputirten der Nationalverſammlung hau⸗ fenweiſe auf's Schloß, um die königliche Familie zu ret⸗ ten. Man athmete im Schloſſe noch einmal auf. Jedoch außerhalb der von der Pariſer Nationalgarde beſetzten Theile des Schloſſes ging es noch wild her. Es waren viele Gardes du Corps hingeſchlachtet worden. Bei dieſen Metzeleien that ſich wieder der Fleiſcher her⸗ — 487— vor, welchen wir ſchon ein paarmal auf dem Groéve⸗ Platze bemerkt haben; er war jedermann unter dem Namen des Gurgelabſchneiders bekannt und doch wußte niemand ſeinen Namen. So hatte er auch den Gardes du Corps Deshuttes und Varicourt die Köpfe ab⸗ geſchnitten, welche dann auf Spieße geſteckt und im Triumph von Verſailles nach Paris und zuletzt in's Pa⸗ lais⸗Royal getragen worden waren. So ſah man auch jetzt noch hier und da Banden von Raſenden gefangene Gardes du Corps wegführen. Einige ſchrien:„An die Laterne mit ihnen!“ Andre riefen den Gurgelabſchneider mit lautem Geſchrei. Es erſchien ein langbärtiger Mann mit einem weißen Bleche auf der Bruſt und einem an⸗ dern auf dem Rücken, mit aufgeſtrichenen Hemdenärmeln und blutigen Händen, mit einem Beil bewaffnet, das er über dem Kopfe ſchwang, wodurch er andeutete, was er zu thun gedachte... Da erſchien plötzlich Lafahette, der keine halbe Stunde geruht hatte, und rief der Nationalgarde zu: „Meine Herren, ich habe dem Koͤnig mein Ehrenwort gegeben, daß keinem Menſchen ein Leid zugefügt werden ſollte. Wenn Sie die königlichen Garden erwürgen laſſen, ſo iſt mein Ehrenwort gebrochen und ich bin nicht mehr werth Ihr Chef zu ſein!“ Nach dieſen energiſchen Wor⸗ — 188— ten ſtürzen ſich die Nationalgardiſten auf die blutdür⸗ ſtigen Brigands, entreißen ihnen die Gardes du Corps und nehmen ſie in ihre Mitte. Unterdeſſen hatten die Hauptleute Gondran und Drazan den Brigands ihren Raub wieder abgejagt und ſie großentheils über Verſailles hinausgetrieben. Ueberall wurden Mundvorräthe an die Truppen und das Volk ver⸗ theilt. Das alles machte ſchon einen guten Eindruck. Aber weit mehr wirkte noch der Einfall der Gardes du Corps Friedenszeichen zu geben. Sie liefen an die Fen⸗ ſter, ſchwenkten die Hüte, ſteckten die Nationalcocarde auf und ſchrien überlaut:„Es lebe die Nation!“ Da rief das ganze verſammelte Volk wie aus einem Munde:„Es lebe der König! Es leben die Gardes du Corps!“ Nun führte Lafayette dem König die Nationalgar⸗ diſten vor, welche in ſeinem Vorzimmer Wache hielten. Ludwig XVI. nahm ſie ſehr gütig auf und bat ſie um Schonung ſeiner Gardes du Corps. Dieſe folgen dem General auf den Platz, vermiſchen ſich mit der National⸗ garde, die Soldaten der verſchiedenen Corps umarmen einander. Wenn ſich noch irgend ein Wunſch laut macht, ſo iſt es der, den König zu ſehen. Dies wird dem Monarchen hinterbracht. Er zaudert nicht, dieſen Wunſch ſeines ——— — 189— Volks zu erfüllen. Mit der Koͤnigin und ſeinen Kindern an der Hand erſcheint er auf dem Balcon. Es entſteht ein ungeheures Beifallsgeſchrei, die Nationalgarde und das Volk rufen um die Wette:„Es lebe der König!“ Als er ſich eben wieder entfernen will, ruft eine Stimme:„Der König nach Paris!“ und weil dies der Wunſch der ganzen Nation war, ſo wiederholt das Volk und die Armee wie aus einem Munde:„Der König nach Paris!“ Der König konnte vor Beklemmung nicht antworten und kehrte mit ſeiner Familie in ſeine Ge⸗ mächer zurück. Um nun das Volk einſtweilen zu be⸗ ruhigen, ſchrieben mehrere Perſonen auf Zettelchen:„Der König nimmt ſeine Reſidenz in Paris,“ und warfen dieſe Papiere zu den Fenſtern hinaus. Die Königin ſtand an einem Fenſter, zu ihrer Rechten Madame Eliſabeth, zu ihrer Linken Madame Royale(Tochter des Königs) und vor ihr auf einem Stuhle der Dauphin, welcher in ſeiner Unſchuld zu ſeiner Mutter ſagte:„Mama, mich hungert.“ Nicht weit von dieſer intereſſanten Gruppe befanden ſich Monſieur, Madame ſowie die Tanten des Königs. Da erſcheint eine Hofdame und ſagt der Köni⸗ gin, das Volk wünſche ſie allein auf dem Balcon zu ſehen. Sie bedachte ſich; aber der eintretende Lafa hette ſtellte ihr vor, daß dieſer Schritt für die Herbeiführung — 190— der Ruhe nöthig ſei, und Marie Antoinette zeigte ſich ihrer erhabenen Mutter würdig, als ſie ausrief: „Und ſollte es mir das Leben koſten, ich gehe.“ Bei dieſen Worten nimmt ſie ihre Kinder bei der Hand und begiebt ſich mit dem General auf den Balcon, welcher ihre Empfindungen für das Volk kundgab und gewähr⸗ leiſtete. Es ließ ſich wohl hier und da eine Stimme vernehmen:„Keine Kinder!“ wurde aber doch vom Bei⸗ fallsgeſchrei übertönt. Bald darauf erſchien auch der König mit den Mini⸗ ſtern auf dem Balcon. Lafayette winkte mit der Hand und ſprach:„Seine Majeſtät der König erfüllt den Wunſch ſeiner Hauptſtadt, ſeine Reſidenz dahin zu ver⸗ legen. Doch muß ich hinzufügen, daß es übelgeſinnte Leute giebt, welchen es zum Vortheil gereicht das Volk irre zu leiten. Ich kenne ſie wohl und werde ihre Namen zu ſeiner Zeit bekannt machen.“ „Meine Kinder,“ nahm der König das Wort,„Sie wünſchen, daß ich Ihnen nach Paris folge; ich will es thun, aber nur unter der Bedingung, daß ich mich nicht von meiner Gemahlin und von meinen Kindern trenne.“ „Ja, ja, recht ſo!“ erſcholl es von allen Seiten, und zum erſten Male hörte man den Ruf wieder:„Es lebe die Königin!“ „Meine Kinder,“ fuhr Ludwig XVI. fort,„ich ver⸗ lange auch Sicherheit für meine Gardes du Corps!“ „Es lebe der König! Es leben die Gardes du Corps!“ rief das Volk. Da erſcheinen auch einige Leibgardiſten auf dem Bal⸗ con und rufen: „Es lebe der König! Es lebe die Nation!“ Lafayette fuͤhrte nun den Herrn von Mondallot vor, ließ ihn mit lauter Stimme den Eid ablegen und ſeinen mit einer Nationalcocarde gezierten Hut zeigen. Alle übrigen Gardes du Corps folgten ihm darin nach. Da riefendie Nationalgarden den Leibwächtern zu, ſie möch⸗ ten ihre Hüte herabwerfen. Das thaten dieſe. Bald waren nun die Kopfbedeckungen ausgetauſcht, ſo daß die Gardes du Corps die Hüte der Nationalgardiſten und dieſe die der Leibwächter trugen. Die Verſöhnung war vollſtändig. Nachdem ſich die königliche Familie mit den Gardes du Corps wieder entfernt hatte, ließ der König bekannt machen, daß er um 1 Uhr abreiſen würde, um ſich in ſeine gute Stadt Paris zu begeben. Dieſe fröhliche Nach⸗ richt ging wie ein Lauffeuer durch die Volksmaſſen. Die Armee drückte ihre Freude durch eine allgemeine Salve ihrer Gewehre und Kanonen aus. Die Abreiſe des Königs war feſtgeſetzt und die nö⸗ —— — 192— thigen Vorbereitungen waren getroffen. Aber in der Nationalverſammlung ſchwebte man nur noch in Zweifel, wie ſich unter dieſen Umſtaͤnden die Repräſentanten der Nation zu verhalten hätten. Wenn niemand Rath wußte, ſo war immer Mirabeau mit einer Motion bei der Hand. Jetzt brachte er auch dieſe vor: „Es iſt decretirt worden, daß während der gegen⸗ wärtigen Sitzung der König und die Nationalverſamm⸗ lung unzertrennlich ſind.“ Dieſe Motion ward einſtimmig angenommen und vom Herrn d'Eymar an der Spitze einer zahlreichen Depu⸗ tation dem Köͤnig überbracht. Zugleich ward beſchloſſen, daß eine Deputation von 100 Mitgliedern den König auf ſeinem Wege nach Paris begleite. Um 1 Uhr ſtiegen Ihre Majeſtäten in den Wagen, aber erſt um 2 Uhr ging der Zug fort. Voraus ging Lafahette mit der Armee, dann kamen die königlichen Wagen mit den Deputirten der Nationalverſammlung und auf allen Seiten wie im langen Nachzuge folgte das unermeßliche Volk. Dergleichen Scenen ſind ſelten in der Weltgeſchichte. Ende des zweiten Bandes. Druck von C. P. Melzer in Leipzig. ———