““ ——— .—.- Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Oflmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der, Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen...— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mf.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer tun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——jj— ——--—-—— —————y—yy— —— 4 1789. 5 1 Hiſtoriſcher Roman von Alexander Dumas. Deutſch ⸗ von Lonis Bourdin. ——— 4— — Erſter Theil. 4 Leipzig, 3 C. Berger's Buchhandlung. 1848. —————— 1. * An einem ſchönen Frühlingstage des Jahres 1789 ſaß in einer Thurmzelle der Baſtille zu Paris ein junger 4 Schweizer, ſein mit dem erſten Flaum bedecktes Kinn 4 4 ſchwermüthig in die Hand ſtützend und durch das kleine Fenſter, welches in der drei Ellen dicken Mauer ange⸗ bracht war, nach dem blauen Himmel hinaufblickend. In den ſchön gebrannten Locken neben ſeinen großen blauen Augen war der Puder hier und da durch den Schweiß 2. verwiſcht, denn er hatte ſo eben für drei ſeiner Kame⸗ raden in der Mittagsſonne Schildwache geſtanden. Selbſt das nette Zöpfchen' ſeines eignen braunen Haares war nicht ganz ohne Beſchädigung davongekommen. Dafür. ſtrahlte aber ſeine reich bordirte Uniform nebſt ſeinen 1 weißen Beinkleidern, ſeinen ſchwarzen Kamaſchen und knapp anliegenden Schuhen im ſchönſten Glanze. Sein hoher dreieckiger Hut hing im Winkel auf dem blanken Gewehr neben der Fenſterböſchung. Er hätte wohl noch lange ſo in's Leere hinausge⸗ ſtarrt, wenn er nicht geſtört worden wäre. Er hörte etwas an ſeiner Thüre poltern, ſprang auf, öffnete ſie und ſah— ſeinen Schulfreund Borel mit einem Hau⸗ fen von Büchern und Papieren, die er kaum erſchleppen konnte. Der junge Mann ſtürmte herein und warf ſeine Bürde auf den einzigen Eichentiſch des Gemachs. Tief Athem holend, ſagte er: „Da! Die Scharteken haben mir warm gemacht! Ihren Verfaſſern wird es aber noch wärmer werden... Doch, Bernard, was fehlt Dir? Du biſt weniger heiter als gewöhnlich.“ „Es fehlt mir nichts... die Sonnenhitze hat mich etwas ermüdet,“ antwortete Bernard gezwungen lä⸗ chelnd;„doch ſage mir um Gotteswillen, was brinaſt Du da für einen Haufen Bücher? Willſt Du nachholen, was Du im Gymnaſium verſäumt haſt?“ „Mehr als das! Ich will die Schriftſteller lehren, wie ſie ſchreiben ſollen,“ entgegnete Borel mit wichtiger Miene. „Du!“ „Du zweifelſt daran, weil mir das Griechiſche nicht 2 Geſ Soldaten hatte er neben den Steuern und die neben den Soldaten; nur ten Herrn werden.. „O,“ rief Bo rel Steuern ſo konnte er zum unumſchränk⸗ 74 „„in dem Buche, das ich hier habe, von Strichen! Du k markirten Stellen leſen.“ wimmelt es annſt nur die ganz ſtark „Zeige doch!... Alſo No. 3: — Ueber die Preßfreiheit. Von Mirabeau. Hier heißt es: „— Die Miniſter begehen hl ein Attentat auf das Staatswo„indem ſie die Verb reitung des Lichtes hem⸗ men. Sie ſuchen zu blenden weil ſie nicht überzengen 1 können, zu verführen weil ſte nicht beſtechen können, zu beſtechen weil ſte nicht einſchüchtern können; ſie fürchten das Auge des Volks und wollen den Fürſten täuſchen: ſte ſind die Feinde dieſes Fürſten und die Feinde des Volks, „Ueber dieſen Herrn Mirabeau werden wir hier unſerm Schlößchen Zeit genug die Aufſicht haben!“ Borel die Hände reibend. in ſagte „Höre weiter!“ erwiederte Bernard. „— Einen Men Geſchöpf vernichten, ſchen tödten, h aber ein gutes Buch eißt ein vernünftiges unterdrücken, —.—— —,—— heißt die Vernunft ſelbſt tödten. So ſprach Milton vor 100 Jahren in England.— „Ich ſehe hier ſchon, wo der Haſe im Pfeffer liegt,“ bemerkte Borel;„lies nur von jedem Verbrecher ein Sätzchen und ich weiß wo ich halte.“ „Wie ich ſehe,“ fuhr Bern ard fort,„befindet ſich in dieſen beiden Büchern da noch gar kein Strich. Das s Plan zu einer Municipal⸗, und Diſtrietsverwaltung, 7 eine iſt Tellier Arrondiſſements⸗ das andre Li nguet's Grundbeſteuerung und de⸗ ren Vortheile... „Werden ſchon nicht umſonſt mit unter de 7 m Haufen liegen.“ „Ein paar anonyme Schriften — Mit den von der Na⸗ aus dem Jahre 1787. In der einen iſt unterſtrichen: tion erſehnten politiſchen Nefermen iſt eine völlige Um⸗ geſtaltung des Steuerweſens eng verbuünden—in der zweiten.— Steuerfrei müſſen durchaus ſein: Ge⸗ treide, Wein, Gemüſe und Viehfutter...— „In Paſtoret's Unterſuchungen übe das Steuerweſen und in Gaultier's Saritr ů ber die Generalſtaaten ſehe ich nur wenige ſchwache Striche... Aber wie bunt ſteht es dafür da in zwei Schriften Mirabeau's aus: 1) Von den Lettres ‿ 3 — 13— de Cachet und 2) Aufruf an die Bevölkerung der Provencel... Ich kann Dir das jetzt nicht alles vorleſen... Doch im letztern T Verkchen ſehe ich einen Doppel elſtrich; aha! die Stelle iſt danach:— O Volk, die Stunde des Erwachens h at geſchlagen; die Freiheit klopft an: Eilt ihr entgegen, ſie reicht Euch die Hand; erfaßt ſie, haltet ſi ſte feſt... wird bald fliehen, wie die Nacht röthe...—⸗ Der Despotismus vor der Morgén⸗ „Das verſpricht Dir eine große Ernte,“ fuhr Ber⸗ nard fort, die beiden Bücher zu den ſ ten legend;„doch was — Rebaud de S ſchon durchblätter⸗ s taucht hier für ein Sünder auf? St. Etienne an die franzöſiſche Nation üͤber die Fehler ihrer Regiernng, die Nothwendigkeit der Einführung eines S grundgeſetzes Staats⸗ und die Auſaumenſogleig der Reichsſtände(von 1788).— Schon das Motto iſt nicht übel:— Wenn das Vrterland in Gefahr iſt, ſo iſt es Verrätherei die Wahrheit zu — Gleich von leſen: verſchweigen... vorn herein kann ich vor Roͤthel kaum — So lange die ſchwankende Eurer Miniſter beſteht, Willkürherr ſchaft ſo lange ſte die beſtehende Ord⸗ aft umſtürzen und allen Geſetzen Hohn ſpre⸗ chen können, wird ſich Eure nung ungeſtr Lage nicht verbeſſern ... Nie waren die Umſtände günſtiger, Reformen zu erzwin⸗ gen, denn alle Gemüther ſind aufgeregt. Schon haben„ 1 die Notabeln im vorigen Jahre den Schleier zerriſſen, welcher die Myſterien der frühern Verwaltung eingehüllt 1 d hatte, täglich durchleuchtet die Fackel der Philoſophie 1 l mehr und mehr die Schlupfwinkel der Regierung, die Rechte des Buͤrgers ſind an den Tag gekommen, der a Menſch iſt wieder zu ſeiner urſprünglichen Würde er⸗ 3 hoben, eine heilige Begeiſterung durchweht die ganze Staatsgeſellſchaft, in allen Provinzen ſind bereits Schutz⸗ vereine zuſammengetreten... Insbeſondere iſt Folgen⸗ des zu erwägen: Die gegenwärtige ſehlerhafte Regie⸗ rungsform darf nicht fortbeſtehen; die Nichtvollziehung der Geſetze und die Willlkürherrſchaft ſind eine von den Urſachen der ungleichen Beſteuerung; das traurige Schwan⸗ ken der Ordonnanzen muß aufhören; die Schwäche der vollziehenden Gewalt und die Mißbräuche der Finanz⸗ verwaltung ſind abzuſtellen; die Nation iſt berechtigt, nicht nur die Steuern zu bewilligen, ſondern alle Geſetze ohne Ausnahme gutzuheißen oder zu verwerfen; beim Conſtitutionsentwurf in den Generalſtaaten muß alles Gute aufgenommen werden, was man in der Verfaſſung der Schweiz, Englands und Nordamerika's findet...“ „Ha, ha, ha!“ lachte Borel,„dieſe drei Länder ſind — ——,.,— 5— vortreffliche Muſter! In unſrer Schweiz iſt kein Canton mit dem andern einig, in England führt man Könige auf's Blutgeruͤſt und in Nordamerika iſt niemand auf der Straße ſicher!“ „Weißt Du nicht,“ erwiederte Bernard ſpöttiſch lächelnd,„daß unſer Präceptor ſagte, man könne ſelbſt aus einer Fibel etwas lernen?“ Dann fuhr er ruhig fort:„— Nothwendige Bedingungen zur Ge⸗ ſetzmäßigkeit der Generalſtaaten von Des⸗ meuniers mit dem Motto: Das Volkswohl iſt has höchſte Geſetz... Weiter:— Die Reichsſtände ürfen nicht wieder unter der Form von 1614 in's Le⸗ en treten. Das Parlament von Paris will es freilich, zeil das die althergebrachte Form ſei; aber es giebt nch ältere Formen. Und welches Recht hat denn das Prlament von Paris, die Form der Generalſtaaten vor⸗ zſchreiben? Es iſt nicht von der Nation bevollmächtigt ud hat ſeine Incompetenz ſelbſt eingeſtanden... Uebri⸗ geis iſt es ebenſo ungerecht als albern, eine Generation fül die andre contrahiren, die Lebendigen durch die Todten binden zu laſſen...—“ „Dann brauchte am Ende auch der König nicht zu hallen, was ſeine Vorfahren verſprochen haben,“ warf Borel ein. —16 „Wenn man ihn nicht dazu nöthigt,“ erwiederte Bernard ohne ſich den Umfang dieſes Wortes ganz deutlich zu machen;„doch höre, mein Beſter, wir arbeiten uns heute nicht durch den Haufen, wenn Du mich nicht ganz ohne Unterbrechung fortfahren läßt...“ „Soll geſchehen... Nur zu!“ „Ich werde nur Buchtitel und die ſtark oder doppelt unterſtrichenen Stellen vorleſen...— Aus einander⸗ ſetzung der Broſchüre unter dem Titel: Noth⸗ wendige Bedingungen ꝛc. Vom Marquis de Beauvau. An den dritten Stand...— Man darf keinen Thaler Abgaben bewilligen, ſo lange der Kö⸗ nig nicht ſeine Zuſtimmung zu einer Habeas⸗Corpus⸗Acle gegeben, ſo lange nicht jeder Miniſter, der ſich erfrecht, die Freiheit eines Franzoſen anzutaſten, geſetzlich mit der Strafe der beleidigten Nation bedroht iſt, ſo lange die Ausgaben des Souveräns nicht von denen der Nation völlig getrennt ſind und ſo lange das Geſetz nicht eine wenigſtens aller drei Jahre regelmäßig wiederkehrende Verſammlung frei gewählter Volksvertreter beſtimmt hat...—⸗ „— Dringende Ermahnung an die drei Stände der Provinz Languedoc. Von S... — Sört, Ihr Vürger von Languedoe, was meint Ihr zu — 12— ſein? Bürger? Da müßt Ihr erſt zur Freiheit erwachen; — Chriſten? J nun, die Armuth habt Ihr wenigſtens ſchon... Erſucht nur Eure Biſchöfe, Euer Beiſpiel nachzuahmen, das ſie Euch hätten geben ſollen;— nichts als unterdrückte Sklaven? Dann braucht Ihr freilich keine Hand zu rühren... Und doch dürftet Ihr nur ſagen: Wir ſind Menſchen und Bürger; ſo halten wir denn unfre Staatseinrichtung mit dieſen unſern Titeln zuſammen...— „— Denkſchrift über die Conſtitution der Provinzialſtände, namentlich der von Langue⸗ doc. Vom Grafen d Antraigues...— Ein Verein zur Verwaltung einer Provinz iſt jedenfalls eine Grundlage der öffentlichen Freiheit; wenn aber dem Kö⸗ nig die Wahl der Bürger zuſteht, wenn er ohne Zuſtim⸗ mung der Bürger deren Verſammlung conſtituirt und diejenigen ernennt, welche ihm im Namen des Volks die Abgaben zu bewilligen haben, dann hebt dieſe Befugniß des Königs jene Freiheit völlig auf...— Seine Per⸗ ſon allein, bloß ſeinen Willen als Geſetz aufzuſtellen, die Leute willkürlich, je nach ſeinem Privathaß richten zu laſſen, hier jemandem das Eigenthum, dort einem An⸗ dern ungeſtraft das Leben zu rauben, überall ſeine Scher⸗ gen und Spione zu verbreiten, ſie zu Richtern und zu 1789. I. 2 des dritten Standes bei der jetzi — 18— Vollziehern ſeines Willens zu machen: keine Vergebung hoffen darf, ſchreckt... Und den Provinzen ſtituirt, die keinen „— Betrachtungen über die Anſprüche der Geiſtlichkeit und des Adels. Vom Abbé Gouttes... Die Geiſtlichen müſſen zu allen Staatslaſten beitra keine Reichthümer mehr beſitzen; ſte ſollen nie den Ausſpruch ihres göttlichen Geſetzgebers vergeſſen: nicht von dieſer Welt. ungerechten gen und dürfen auch 71 ..— „— Varville's Brief eines Bürgers über die gegenwärtigen E— Du, dem die Renten zu langſam aus dem königlichen Sch gehen, mußt nicht ſchreien, was der Doctor heimlich ſagte: Wenn St. Petrus von und mich um zehn Piſtolen anſpräche, ich würde ſte ihm nicht leihen, und wenn er mir die Dreieinigkeit als Bürgſchaft gäbe.— — reigniſſe. atze ein⸗ Groſſi ganz Himmel ſtiege „— Die ſenati⸗clerico⸗ariſtokratiſch⸗ Re⸗ gierung von Cerutt.— Welches iſt das Loos gen Ordnung der Dinge? das iſt es, was was überall im Volke- zur Ausführung alles deſſen ſind in Frankreichs eigne Verſammlungen 1 Widerſpruch ertragen! 4 con⸗ Mein Reich iſt ni de , was Volke ſind in con⸗ chten dels. rüſſen keine vruch iſt ber dem ein⸗ anz ege hm als — 19— Viel Qual, verſchärft durch die empörende Geringſchätzung von Seiten der andern beiden Stände...— „— Briefe von den Advocaten der Parlamente von Toulouſe, Air, Grenoble, Rennes ꝛc. an Se. Er⸗ cellenz den Groß⸗Siegelbewahrer... Mit der Ueber⸗ ſchrift: Zur Anſicht Sr. Ercellenz des Herrn Miniſters Laurent de Villedeuil..—“ „— Dialog zwiſchen Sr. Excellenz dem Herrn Erzbiſchof von Sens und dem Herrn Chrétien de Lamoignon, mit vier Epiſteln des Teufels an dieſe beiden Miniſter und dem Motto: Cave, cave! namque in malos asperrimus Parata tollo cornua(Hübſch vor⸗ geſehen! denn ich habe die Hörner gegen die Böſen er⸗ hoben)..— „— Brief an einen Officier der franzöſi⸗ ſchen Garde...— Scheuen wir uns nicht, es aus⸗ zuſprechen: Der König iſt nichts als der erſte Unterthan ſeines Reichs...— Hier konnte ſich Borel einer lauten Mißbilligung nicht enthalten. „— Denkſchrift an den Staatsſecretär Grafen von Brienne..—“ „— Antwort auf die Fragen des Courier del' Europe...— Der König macht die Geſetze 2* 20— 4 und das Volk giebt ſeine Zuſtimmung: ohne dieſe beiden Inſtanzen kein Geſetz!. 242 „— Die Philoſophie an das Volk. Von Desmoulius..— Es iſt Zeit, das Haupt zu erheben und es ſtets aufrecht zu halten; es iſt Zeit, daß Ihr von Euren Rechten, lichen Freiheit wieder Beſitz nehmt. Die Unternehmung iſt vorbereitet, die erſten Bewegungen ſind gemacht. Allein dies langt nicht aus; Ihr müßt Widerſtand leiſten, bis Ihr des Triumphs gewiß ſeid! Ach, w würdet Ihr ſein, w franzöſiſche von Eurer urſprüng⸗ ie beklagenswerth . L SC,, C.. enn Ihr vor Euren Geinden feig zu⸗ rückweichen wolltet! Ihr würdet hundertmal unglück⸗ licher ſein, als Ihr es waret, bevor Ihr darauf dachtet Eure Ketten zu brechen! Ihr würdet in die traurige und ſe ſchmachvolle Knechtſchaft Eurer Vorſahren zurück⸗ verſinken!..— „— Der Unterſchied, welchen drei Monate des J. 1788 machen. Vom Marquis de Caſaur. ...— Die Regierung iſt für den Menſchen und der Menſch nicht für die Regierung da... Nur die Ver⸗ nunft und das Geſetz müſſen den Menſchen in der Ge⸗ ſellſchaft regieren... Miniſter Frankreichs, ſprecht nicht mehr von einer Anſicht; Ihr lebt jetzt unter der Herr⸗ ſchaft der Wahrheit!.. —77 — 22 d — Le ztes Wort des dritten Standes an Frankreichs Adel...— Was habt Ihr für ſo viele Güter der Erde gethan? Ihr habt Euch die Mühe genommen geboren zu werden...—“ „— Der Moniteur(insgeheim erſchienen in den J. 1787 und 1788). Von Condorcet, Briſſot und Claviére, mit dem Motto: Major rerum nascilur ordo (Es beginnt eine höhere Ordnung der Dinge)..— „Von unſerm Landsmann Clavière?“ fragte Borel. „Jedenfalls.— Der wahre Volksfreund. Von Louſtalot. Mit dem Motto: Latet anguis in herba (Die Schlange lauert unter dem Graſe)...—“ „— Reflexionen eines Philoſophen in der Bretagne an ſeine Mitbürger. Von Kervélé⸗ gan...— Adel und Geiſttlichkeit, dieſe beiden räu⸗ beriſchen Stände, haben ſich alle Vortheile der Geſell⸗ ſchaft zugeeignet, ſich aller Wege zu Ehren und Aus⸗ zeichnungen bemächtigt, alle unſre Hülfsquellen zur Wohlfahrt trocken gelegt. Es ſind die Feinde des Völ⸗ kerglücks...— ⸗ „— Ueber die Generalſtaaten. Von Boiſ⸗ ſiére, dEspréménil, Target und Servan..— Hier ſehe ich überall wenig Striche,“ fagte Bernard; ſeh g g; „aber das letzte Buch da wimmelt davon: „— Was iſt der dritte Stand? Vom Abbé Sieyes(1789)...— Wir haben uns drei Fragen vorzulegen: 1) Was iſt der dritte Stand? Alles. 2) Was iſt er bisher in der politiſchen Ordnung der Dinge ge⸗ weſen? Nichts. 3) Was will er ſein? Etwas.. Der dritte Stand verlangt in der That ſehr wenig, er will bloß denſelben Einfluß haben wie die Privilegirten, er will, daß auf dem Reichstage nicht nach Ständen, ſondern nach Köpfen abgeſtimmt werde... Alle drei Stände müſſen die Abgaben gemeinſchaftlich tragen ꝛc.“ u. ſ. w. „Genug, mehr als genug!“ rief Borel hitzig aus, die Bücher auf einen Haufen legend;„der Secretär ſoll ſeine Freude haben und Se. Excellenz ſoll zum Zwecke kommen!... Ich weiß jetzt ſehr genau, wie es die Regierung wünſcht... Man wird mit mir zufrieden ſein...⸗ „Schön, guter Freund und Landsmann,“ fiel Ber⸗ nard mit tiefſtnniger Miene ein;„Du wirſt Dir den Dank des Secretärs erwerben und— viele Leute un⸗ glücklich machen...⸗ 22 23 ;„Leute, die gegen die Regierung ſchreiben, der wir dienen.“ „Menſchen aber doch...“ 4„Ja ſolche, die nichts als Unheil anſtiften, die aller— 1 hand Unruhen erregen und die Erfüllung der Pflicht als 5 Ungerechtigkeit darſtellen.“ 14„Auch wohl ſolche, die ſich des armen gedrückten 3 Volks erbarmen, die ſich nach Mitteln umſehen, dem Ar⸗ 3 men Brod und Arbeit zu verſchaffen... Doch thue was Du willſt, nur verlange meine Hülfe bei einer ſol⸗ 3 chen Arbeit nicht...“ i „So bringe ich etwas länger zu und habe das Be⸗ wußtſein, denen treu gedient zu haben, die mir meinen guten Unterhalt geben... Ich begreife freilich nicht, . wie Du Erbarmen mit ſolchen Rebellen haben kannſt, und ich will wetten, es ſteckt etwas Andres dahinter. — Du kamſt mir auch ſchon ſo nachdenklich und beinahe mißmuthig vor, als ich hereintrat... Spukt etwa das Heimweh noch?... Doch dazu biſt Du zu roth und munter— jetzt gar mehr als gewöhnlich...“ „Laß mich, Freund,“ unterbrach Bernard das Ge⸗ ſicht abwendend, denn ſeine Augen wurden feucht,„wir verſtehen uns auf keine Weiſe.“ „Das muß wahr ſein!“ ſagte Borel,„ſo gut ich 1 auch ſonſt Franzöſtſch verſtehe. Du hilfſt mir alſo nicht?“ “„Nein,“ antwortete Bernard feſt. „Adieu denn! Darum keine Feindſchaft!“ ſagte Borel die Bücher zuſammenpackend und ſte nach ſeiner eignen Zelle ſchleppend. 3„Ach,“ ſeufzte Bernard, als er wieder allein war, „Du haſt Recht, guter Borelz wie ſehr verlangt es mich nach meinen heimathlichen Fluren, nach den Ufern 8 des reizenden Sees, an denen ich mit meiner Charlotte ſo oft luſtwandelte!... Und von ihr noch keine Ant⸗ . d„ . wort!... Kehrt auch wohl eine ſolche Gelegenheit je 6 zurück, ſie in Paris unterzubringen?. .. Und wie glück⸗ 3 lich würde ſie ſich fühlen in Geſellſchaft der gutmüthigen. Tochter des Commandanten!...“ 4 Kaum hatte Bernard dieſe Worte geſprochen, als 2 es an ſeine Thür klopfte. Es war ein Diener des Com⸗ r mandanten, welcher ihm einen Brief überreichte. Sowie ſ 5 der junge Schweizer die Handſchrift und das etwas be⸗ b 3 ſchädigte Siegel betrachtete, blieb er vor freudigem k 5 Schrecken ein Weilchen wie eine Bildſäule ſtehen. Dann 15 riß er den Brief haſtig an ſeine Lippen und drückte d einen glühenden Kuß darauf. Er war von ſeiner Char⸗ ſe lotte und lautete folgendermaßen: 9 ——— „Genf, den 20. April 1789. Th O Theuerſter Otto, Wenn Du dieſen Brief erhältſt, reffe ich die letzte Vorbereitung zu meiner Abreiſe. Bald, Geliebter, werde ich in Deinen Armen ſein! Von allen Deinen Ver⸗ wandten bringe ich Dir die herzlichſten Glückwünſche und von meinen armen Eltern die innigſte Dankbarkeit. Ach, ein ſolches Glück hätten ſie ſich nicht träumen laſſen, und ich ſelbſt kann kaum daran glauben! Bloße Geſell⸗ ſchaftsdame des Fräuleins von Launoy zu werden und doch 1000 Liores Gehalt zu bekommen! Das überſteigt alle unfre Begriffe. Und nun unter einem Dache mit Dir zu weilen! Du fragſt mich, warum ich Dir ſo ſpät antworte? Ach, Geliebter, wenn meine Seufzer zu Dir geflogen wä⸗ ren, Du hätteſt tauſend Antworten! Aber das Zuſammen⸗ ſchaffen meiner kleinen Habſeligkeiten, die beſtändige Ar⸗ beit für meine armen Eltern, das Aufbringen der Reiſe⸗ koſten— denn das von Dir uͤberſchickte Geld bedurften wir in der Hauswirthſchaft— die Ungewißheit, an wel⸗ chem Tage ich abreiſen könnte: alles das forderte Auf⸗ ſchub; doch dieſe ſpäte Antwort gilt dem vertrauens⸗ vollen Herzen und kommt aus dem treuen Herzen, die an den Ufern des Genferſees wonneberauſcht an einander ſchlugen— der Brief kommt nicht zu ſpät. Mein Otto, meine Seele, zu Anfange des Wonne⸗ monats bin ich bei Dir! Dann ſehe ich mein Bild wie⸗ der ſo lebhaft in Deinen blauen Augen, wie das Deinige in meinem Herzen lebt! Ich vergehe vor Luſt! Lebe wohl, mein Herz; ich umarme Dich in Gedan⸗ ken viel tauſend Mal. Charlotte Vanner.“ Wer in ſeinem einundzwanzigſten Jahre ſteht wie Bernard, dem brauchen wir nicht zu ſagen, daß er dieſen Brief nicht nur einmal las und an den Mund drückte. Charlotte, früher ſeine Nachbarin zu Genf, die Geliebte ſeines Herzens, nahm jetzt alle ſeine Gedan⸗ ken und Empfindungen in Anſpruch. Vor nur noch zwei Stunden hatte er in unbeſtimmtem Sehnen durch ſein Fenſter in die Leere emporgeblickt, jetzt lächelte ihm hold⸗ ſelig ein Himmel voll Engel zu. Innigere Freuden hat die Erde nicht. Ueber eine Stunde mochte Bernard in den ſeligen Genüſſen der Erinnerung und der Hoffnung geſchwelgt haben, als ihn ſein Dienſt zu ſeinem Vorgeſetzten Louis de Flue rief. Er ließ ſich vom Stubenheizer ſchnell das Haar aufkräuſeln und friſch pudern, ſtülpte ſeinen N 7— hohen ſtattlichen Hut darauf, nahm das blanke Gewehr in den Arm und ſteckte Charlottens Brief in die linke Bruſttaſche, ſo daß er von jedem Schlage ſeines Herzens getroffen wurde. Aus dem äußern Hofe, wo ſich die Caſernen neben den Pferdeſtällen und Wagenremiſen des Gouverneurs De Launoy befanden, ging Bernard ſchnell an der Schildwache vorbei und überſchritt die jetzt wie gewöhn⸗ lich niedergelaſſene Zugbrücke de l'Avancé, machte nun im zweiten Hofe vor der Wohnung des Gouverneurs ſeine militäriſchen Honneurs, ließ ſich am andern Ende das Ciſengitter öffnen und ſtand bald im dritten Hofe und vor dem Gebäude mit den Officierswohnungen. Louis de Flue hatte ſeit kurzem vom Gouverneur das Commando über die 32 Schweizer vom Regimente Salis⸗Samade überkommen, welche ſich dermalen zur Unterſtützung der 82 Invaliden in der Baſtille befanden, und nur die Leitung der beiden Kanoniere von der Com⸗ pagnie Monſtigni hatte ſich De Launoy perſönlich vor⸗ behalten. Dieſer hatte dem neuen Commandanten den jungen Bernard angelegentlich empfohlen, weil derſelbe trotz ſeiner Jugend vielen Ernſt im Dienſte zeigte und ſehr viel verſprach. Als am 6. Mai des vorigen Jahres Parlamentsräthe mitten in ihrem Berathungsſaale ver⸗ DB U haftet werden ſollten, weil ſie ſich laut gegen die Auf⸗ hebung der Parlamente und die Errichtung der Cour pléniére geäußert hatten, war Bernard der erſte Schweizer geweſen, welcher Hand an Montſalbert legte, während d'Espréménil ſich freiwillig ergab. So etwas vergißt man nicht. Daher war ihm auch ſchon ſeit längerer Zeit die Unteraufſicht über ſeine Kameraden anvertraut worden. Bernard trat in das Zimmer de Flue's, blieb vorſchriftsmäßig an der Thür ſtehen und wollte ſeinen Tags⸗Rapport abſtatten. Aber ſein Landsmann nöthigte ihn näher zu treten und fragte: „Etwas Außergewöhnliches?“ „Nein, Commandant.“ „Dann habe ich nur die Bemerkung zu machen, daß von morgen an die dünnen weißen Beinkleider und Kaͤ⸗ maſchen angelegt werden ſollen! Hier der Zettel!“ „Sehr wohl, Commandant.“ „Und daß Dich noch vor Einbruͤch der Nacht der Herr Gouverneur erwartet.“ „Werde augenblicklich zu ihm gehen, Commandant.“ Der Herr von der Flüͤhe(dies war ſein urſprüng⸗ licher Name) gab das Zeichen der Entlaſſung und Ber⸗ nard verließ das Zimmer, um den Weg über den großen 29 innern Hof nach dem Hotel des Gouverneurs im zweiten Hofe zurück zu machen. Er ward von De Launoy und ſeiner Tochter Hen⸗ riette äußerſt freundlich aufgenommen. Der Gouverneur war ein wohlgewachſener Mann von etwa funfzig Jahren, deſſen Geſicht ganz angenehme Züge hatte, obwohl das düſtre Feuer ſeiner Augen nicht eben Zutrauen einflößen mochte. Die ganze Figur war in einen großen brocate⸗ nen Schlafrock gehüllt. Seine ſehr häuslich gekleidete Tochter ſchien von ihm nichts zu haben als einen Anſatz zu etwas ſtarken Augenbrauen und die kohlſchwarzen Haare. „Nun, mein Sohn,“ redete De Laun oy den Ein⸗ getretenen an,„bringſt Du uns bald Nachricht von Dei⸗ ner Landsmännin? Ich bin ſehr neugierig. Clavieère's Verwandte haben die genaueſten Erkundigungen einge⸗ zogen und für das Mädchen beinahe ſo warm geſprochen als Du... „Ew. Gnaden wollen ſich überzeugen, daß ich nichts geſagt habe, als was mit meiner Ueberzeugung vollkom⸗ men übereinſtimmte,“ verſetzte Bernard erröthend. „Ich habe auch noch keinen Augenblick daran ge⸗ zweifelt,“ ſagte De Lau noy lächelnd,„übrigens em⸗ pfiehlt ſich die Schönheit in der ganzen Welt, zumal 4 4 * ¹ 2 — 3— . wenn ſie mit Bildung und Herzensgüte vereinigt iſt.. Doch wann kommt ſie?“ Bei dieſer ſchnellen Frage dachte Bernard unwill⸗ kürlich an das verletzte Siegel, womit ihm Charlottens Brief aus den Händen des Gouverneurs zugekommen war. Indeſſen nahm er ſich zuſammen, um ſein Miß⸗ trauen nicht blicken zu laſſen, und erwiederte ganz einfach: „Anfangs Mai wird ſte Ew. Gnaden ihre Aufwar⸗ tung machen. Ich weiß von guter Hand, daß ſie ſich herzlich freut, in Ihrer Familie aufgenommen und Ihnen, Fräulein Henriette, vorgeſtellt zu werden.“ 4 „Ah, guter Bernard,“ rief die Angeredete,„mehr kann ſie ſich nicht freuen als ich, weil ſie niemals die Langeweile innerhalb der dicken Mauern der Baſtille ge⸗ koſtet hat... und wenn ich auch zuweilen die Stadt beſuche... 4 „Wir leben nicht gerade in Zeiten, wo man viel Be⸗ ſuche macht,“ bemerkte De Laugnoy. Man muß ſich daran gewöhnen, Wochen und Monate lang ſeine vier Pfähle nicht zu verlaſſen... Alſo Anfangs Mai... ſchön... von der Zeit an kann ich jedenfalls darauf rechnen, an ſchönen Tagen nicht allein in meinem Ge⸗ müſegarten zu ſein, und an Regentagen Rouſſeau's Julie zum zehnten Male anhören... Doch warten wir — 31— die Zeit ab... Was machen meine Schweizer, was meine Invaliden? Woher bläſ't der Wind?“ „Wie meinen Ew. Gnaden?“ fragte Bernard. „Ich meine, ob ſie ſich auch vom Schwindelgeiſt er⸗ greifen laſſen oder ob man für alle Fälle auf ſte rechnen kann.“ „Was die Schweizer betrifft,“ beinahe ſeufzend, antwortete Bernard „ſo hafte ich mit meinem Kopfe für ſte; von den Invaliden kann ich das nicht ſo zuverſicht⸗ lich behaupten, weil ſie mir weniger zugänglich ſind.“ „Was ſagt man in den Caſernen zu den verſchiede⸗ nen regierungsfeindlichen Schriften?“ „Einige lächeln darüber und Andre knirſchen mit den Zähnen.“ „Iſt mir eine ſehr angenehme Muſik; habe ſie bei verſchiedenen Gelegenheiten immer gern gehört.“ Bernard ſchauderte unwillkürlich zuſammen. Der Gouverneur bemerkte dieſe Bewegung und fragte be⸗ fremdet: „Nun, junger Freund?“ „Ich dachte eben daran,“ erwiederte Berna rd ſchnell gefaßt,„daß ich nicht in der Haut derer ſtecken möchte, welche Ungehorſam gegen die Regierung predigen— und es überlief mich kalt...“ 32 „Höre, guter junger Mann, Du ſcheinſt zu etwas Höherem geboren zu ſein als zeitlebens die Musquete zu tragen... und ich könnte Dir behülflich ſein...“ „Wenn Ew. Gnaden glauben, daß es in meinen Kräf⸗ ten ſteht... „Ja gewiß... Die ganze Bürgerſchaft iſt unruhig, zur Empörung geneigt; man kann namentlich nicht wiſ⸗ ſen, wozu ſie in Verſailles nach Eröffnung der Reichs⸗ ſtände zu ſchreiten fähig iſt nicht wahr?“ „Ich hoffe Beweiſe zu liefern,“ antwortete Bernard etwas beklommen. „So beobachte zunächſt die Pariſer Bürgerſchaft. Hier in der Hauptſtadt beſuchſt Du als Stutzer alle Gaſt⸗ häuſer und Bälle... auf letztere kann meine Tochter mitgehen, die bereits inſtruirt iſt... Kommt dann die Vanner, ſo mag ſie meiner Henriette beiſtehen— Kurz, Du ſpürſt mir alles Verdächtige auf, hörſt Du? .. Verdächtig iſt, wer die Regierung tadelt oder die frechen Schriften der Neuerer lieſ't; ſtrafbar iſt, wer zum Widerſtand gegen die Anordnungen der Regiernng auf⸗ fordert...“ Das habe ich begriffen,“ unterbrach Bernard, .. Du biſt mir ganz treu 7 „ nur in es mir noch nicht recht deutlich, wie weit Sie die Neuerer zurück datiren... Sie rechnen dahin wohl nicht die Schriften Montesquieu's, Diderot's Vol⸗ 7/ taire's und Rouſſeau's...“ „Eigentlich gehören ſie vorzugsweiſe unter die Sün⸗ der, weil ſie das Lied anſtimmten, das unſre Journaliſten jetzt nachlallen und ausſchmücken wer jene Schriften lieſft, verdient ſchon etwas Beaufſichtigung... weit mehr jedoch die Anhänger der Mirabeau, Sieyes und ähnlicher Subjecte. Ich hoffe bald eine hübſche Liſte in Händen zu haben.“ „Ich verſtehe, Ew. Gnaden. Doch was ſoll mit den Wirthshausſchreiern geſchehen, welche in Amerika gefoch⸗ ten haben und die ſogenannten Freiheitsideen über⸗ all auskramen?“ „Man wird ja wohl ein Logis für ſte finden,“ ſagte de Launoy lächelnd;„nur kennen muß man ſie erſt — und dafür wirſt Du wohl ſorgen können.“ „Ich will's verſuchen...“ „Du kannſt Dir unter D Deinen Landsleuten ein paar kluge und treue Burſche zu Gehülfen auswählen.... de Flue iſt benachricht tigt... Das Coſtüm kannſt Du Dir in meiner geheimen Garderobe nach Belieben wählen.. 1789. I. — — 34— „Verzeihen mir Ew. Gnaden noch eine einzige Frage, die ich zu meiner Belehrung thun möchte.“ „Frage ohne Scheu.“ „Würde ich nicht in meiner neuen Beſchäftigung ein Agent der geheimen Polizei ſein? Und doch habe ich gehört, daß eine geheime Polizei das Anſehen der Regie⸗ rung ſelbſt untergräbt, indem man vorausſetzt, ſie könne für ihren Zweck blos ehrloſe oder wenigſtens an⸗ rüchige Perſonen gewinnen...“ „Kluge und gewandte Leute braucht die Regierung, die ihr zu hinterbringen haben, was Böſewichter gegen ihre väterlichen Abſichten ſpinnen... Zur geheimen Polizei in dem Sinne, wie ich ſie nehme, muß eigent⸗ lich jeder lohale Bürger gehören, dem die Wohlfahrt und Ehre des Vaterlandes am Herzen liegen... Aber es iſt Dir ja durch meine Mittheilungen und aus eigner Anſchauung bekannt, daß der große Haufe jetzt an einer Art Trunkenheit leidet, welche ihn die wahre Geſtalt der Dinge verkennen läßt... Unſer erhabener König hat leider keine Argenſon, Sartines und Lenoir, doch beſitzt er Gott ſei Dank eine Menge treuer Anhänger, die in ihrer Geſammtheit einen von dieſen drei Männern aufwiegen dürften.“ „Ew. Gnaden haben mir keinen Zweifel gelaſſen,“ ſagte Bernard mit abſichtlicher Zweideutigkeit;„ich werde auch können, was mancher Andre vermöchte.“ „Und es ſoll Dich nicht gereuen, wiederhole ich,“ ein ſagte de Launoy.„Ich ſehe Dich vorläufig jeden ich Abend zwiſchen 8 und 9 Uhr.“ ie⸗ Nach dieſen Worten verabſchiedete er den Schweizer, ne welcher ſich gegen ſeinen Vorgeſetzten und deſſen ſchweig⸗ n⸗ ſame Tochter tief verbeugte und das Zimmer verließ. „Dieſe Meinung alſo hat man von mir,“ ſagte Ber⸗ g, nard bei ſich ſelbſt, als er wieder in ſeiner Zelle ſaß; en„ſehe ich auch einem Polizeiſpion ähnlich? Verflucht! en... Und doch that ich wohl den Auftrag anzunehmen, t⸗ um ihn nicht in ſchlimmere Hände fallen zu laſſen— rt welches Unheil würde ſchon der arme Borel anrichten er— um die Ehre der Regierung gegen ihre ungeſchickten 3 Freunde zu vertheidigen... Mit einer Floskel denkt er das Unglückskind zu reichen, um mir die Nothwendigkeit er und Ehrenhaftigkeit der geheimen Polizei zu beweiſen! n Ach und meine Charlotte, das unſchuldige zartfühlende h Lamm, das arme Kind mit ſeiner claſſiſchen Bildung iſt , zur Spionin geſtempelt, ehe ſie noch einen Fuß nach n Paris geſetzt hat!... Herr Gouverneur, Sie könnten ſich betrogen haben!“ ———— 2. Am 3. Mai 1789 war in der Straße St. Antoine ein gewaltiges Gedränge, weil einige bäuerliche Deputirte der Bretagne von Verſailles nach Paris gekommen waren, um ſich die Stadt zu beſehen. Sie gingen in ihren gro⸗ ben Wollkleidern durch die Straßen und wurden überall vom Volke mit Viyatrufen empfangen. Mitten durch dieſe Volkswoge drängte ſich ein junger Mann in brau⸗ nem Oberrock mit einem wunderherrlichen Maͤdchen am Arme. Wer Muße fand dieſes ſchoͤne Paar zu betrach⸗ ten, dem mußte das Herz aufgehen. Namentlich hatte das griechiſche Geſicht und das ſeelenvolle blaue Auge s Mädchens etwas Zauberiſches an ſich; man konnte n Blick nicht wieder abwenden. Ihre Geſtalt war von etwas mehr als mittler Größe, nur einen halben Kopf kleiner als die ihres Gefährten. Es war Bernard mit Charlotte Vanner, welche erſt am Morgen des & E 2 vorigen Tages in Paris eingetroffen war. Bernard hatte ſie dem Gouverneur und deſſen Tochter bereits vor⸗ geſtellt und die Erlaubniß der Stadt bekannt zu machen. Jetzt kamen ſte zurück, um in dem Schloſſe herumzugehen, das ihnen zum ge⸗ meinſchaftlichen Aufenthalte dienen ſollte. erhalten, ſie ein wenig mit Nach vielfachen Bemühungen ware ren die beiden jun⸗ gen Leute am Ende der Stro aße St. Antoine angekom⸗ men und hatten rechts die Baſtille mit ihren acht runden Thürmen vor ſich. Ach, wohl hing Charlotte am Arme ihres Geliebten und fühlte wie früher den ſanften Druck dieſes Arms, aber— ſte luſtwandelten doch nicht am Ufer des Genferſee's! konnte ſich beim Anblick dieſer geheimnißvollen Feſte eines unheimlichen Gefühls nicht erwehren. Das arme Kind Vermeiden wir indeſſen, alle Wechſelreden der Lieben⸗ den mitzutheilen, um dieſe ſo ſchnell als möglich durch die Höfe und Gänge der Zwingburg zu begleiten. Die ganze Feſtung war umgeben, der nur Stande des mit einem trocknen Graben bei Regenwetter oder einem hohen Fluſſes mit Waſſer angefüllt wurde. Auf dem ringsherum laufenden 36 Fuß hohen Gemäuer be⸗ fand ſich eine 3 ½ Fuß breite Galerie für die Offieiere, 28 ₰— 4 welche hier des Nachts die Runde machten, um ſich von der Wachſamkeit der Schildwachen zu überzeugen. Neben dem Eingangsthore ſtand ein Wachthaus, wo⸗ rin ſich allnächtlich zwei Schildwachen befanden, um den Ankommenden auf etwaige Fragen Antwort zu geben oder dieſelben nach Befinden einzulaſſen. Es giebt Leute, welche ſagen, man habe den Eingang in die Baſtille zuweilen leichter gefunden als den Ausgang. Durch dieſes Thor gelangte das Paar in den äußern Hof, wo ſich die Caſernen der Invaliden und der von Zeit zu Zeit nach der Baſtille beorderten Schwei⸗ zer, ferner die Pferdeſtälle und Wagenſchuppen des Gou⸗ verneurs und endlich noch ein zweites Thor nach dem Arſenal hinaus befanden. Ueber die ſogenannte Zugbrücke de l'Avaneé und durch ein andres Thor mit einem Wachthauſe kamen ſie in einen zweiten Hof mit der Wohnung des Gouver⸗ neurs de Launoy; dieſer gegenüber war eine 17 Klafter lange Fronte und rechts davon noch ein Gebäude mit einer Küche und den Baͤdern. Aus dieſem Hofe gelangten ſie abermals über eine Zugbrücke an ein Eiſengitter, dem ſich kein Gefangener bis auf drei Schritte nähern durfte, ohne von der dort poſtirten Schildwache das Aeußerſte zu beſorgen. Hinter — 39— dieſem Gitter lag der dritte, der ſogenannte große innere Hof(102 Fuß lang und 72 Fuß breit), in welchem ſich ſechs Thürme befanden mit Namen: Liberté, Bertaudière, Baziniére, Comté, Tréſor und Chapelle. Am äußerſten Ende dieſes Hofes ſahen ſie ein Gebäude, auf deſſen Inſchrift Bernard ſeine ſtaunende Begleiterin aufmerkſam machte; es waren goldene Buchſtaben auf ſchwarzem Marmor und beſagten, daß dieſes Gebäude ſeine Entſtehung dem Polizeilieutenant Sartine unter Ludwig XV. verdankte. Es war jetzt zur Wohnung der Officiere des Generalſtabes beſtimmt. Hinter dieſem Gebäude lag ein vierter Hof, Brun⸗ nenhof(cour du Puits) genannt, mit den Thürmen du Puits und du Coin(dem Brunnen⸗ und Winkelthurme). Es war der 72 Fuß lange und 42 Fuß breite Viehhof des Schloſſes mit einem Bollwerke, das früher den Ge⸗ fangenen als Spaziergang, jetzt aber dem Gouverneur als Gemüſegarten diente. Die beiden jungen Leute beſtiegen nun auch die Thürme, welche oben mit einer Bruſtwehr verſehen waren. Dieſe erſtreckte ſich über die Terraſſe hin, welche von einem Thurme zum andern führte. Auf der Zinne des Thurmes du Coin ſtehend, ſagte Charlotte zu ihrem Geliebten: — 40— „Ach, mein Freund, alles was ich geſehen habe, die ſchöne Rundſicht von dieſem Thurme herab nicht ausge⸗ nommen, beklemmt mir das Herz; wir wandeln über den Häuptern von Unglücklichen.“ „Man ſagt, es ſeien ſchwere Verbrecher,“ antwortete Bernard. „Man ſagt das in der Baſtille,“ verſetzte Char⸗ lotte, das letzte Wort ſcharf betonend;„aber ander⸗ wärts überall, mein Guter, ſpricht man noch nicht anders als zu der Zeit, wo wir in Genf über dieſe Dinge redeten.“ „Soviel ich vom Major de Losmes, meinem väter⸗ lichen Freunde, gehört habe, befinden ſich gegenwärtig nur ſieben Gefangene hier...“ „Und wenn es einer wäre, den man ohne Urtel und Recht eingekerkert hätte, ſo wäre das ſchon tief zu be⸗ klagen,“ unterbrach Charlotte. „Du weißt nicht, wie ſehr Du mich durch dieſe Worte entzückſt,“ ſagte Bernard ſeiner Begleiterin die Hand drückend. „Und dieſe ſieben?“ fragte ſie bewegt. „Es ſind darunter vier Wechſelverfälſcher Namens Péchade, La Roche, Pujade und La Caurége.“ „War ihr Verbrechen erwieſen?“ te „Die Aeceptanten der Wechſel ſind bek man nennt als ſolche die Banquiers Raval nebſt Galet de S Santerre.“ „Und wenn ſie ſchuldig waren, ſie ihrem ordentlichen Richter?“ annt geworden; Tourton und warum entzog man „Darauf muß ich die Antwort ſchuldig bleiben Ein Fünfter iſt ein gewiſſer Ta vernier, ein natürlicher Sohn des Paris Duverney. Es wird auf den 4. Auguſt das Geſicht ſeiner Kerkermeiſter 30 Jahre, daß er nur „Gräßlich! Und weshalb?“ „Ich weiß es nicht... Ein Sechster iſt Herr von Solages, den ſein Vater 1782 zuerſt und dann hier einſperren ließ, w viel hatte aufgehen laſſen.“ in Vincennes eil der junge Mann zu⸗ „Und dieſer Vater hat ſich ſeit ſieb en Jahren nicht wieder um ſeinen S Sohn bekümmert?“ „Nicht, daß ich wüßte. Whyte und Weiter w Der Siebente heißt iſt ſeinem Namen nach ein Engländer. eiß auch der edle Losmes Manne; der loren haben.“ „O mein Freund, mich dünkt, w as ehrenhafteſte Handwerk. 8 nichts von dem arme Teufel ſoll den V gerſtand völlig ver⸗ ir treiben hier nicht Trieb Dich und mich die d Noth armer Eltern an, uns den Kerkermeiſtern zu ver⸗ kaufen, ſo wird ſie uns auch erfinderiſch machen...“ „Still, mein Herz,“ unterbrach Bernard;„ich höre 8 kommen!... Verlaß Dich übrigens auf mich... Ich A habe Muth wie ein Löwe und liebe Dich wie meinen br Augapfel...“ li . n Die Tritte kamen näher. Es war ein Dutzend zwölf⸗ ſu bis vierzehnjähriger Kinder, welche beim innern Dienſt ſel der Baſtille gebraucht wurden. Sie machten eben ihren lie gewöhnlichen Spaziergang über die maſſiven Mauern und ho Thürme der Feſtung, wozu ihnen jeden Tag eine Stunde au bewilligt wurde. Waren ihre Wangen auch röthlich, ſo fehlte ihnen doch das eigenthümliche Incarnat der kind⸗ ken lichen Friſche, welches dem Auge ſo wohl thut. In den tha Händen hatten ſie Blasröhre und kleine Armbrüſte und ert. ſchienen auf der Sperlingsjagd zu ſein. Ohne ſich um Elt Bernard und Charlotten zu kümmern, jagten ſie an ver den niedrigen Bruſtwehren hin und ſchienen durchaus kei⸗ daß nen Schwindel zu kennen. Ein Stück hinter dem Win⸗ war kelthurme machten ſie in einer Einbiegung der Mauer geg Halt und begannen auf ihre Weiſe ſich in den warmen ſolle Sonnenſtrahlen des Lebens zu freuen. Sie lachten und Sin ſcherzten ein Weilchen; aber ihr unbeſtändiges Weſen trieb ſie bald wieder vorwärts man nichts mehr von ihnen. und in kurzer Zeit hörte Die beiden Liebenden nahmen jetzt denſelben Weg. An dem Spielplatze der Kinder ſahen ſie no ch einige zer⸗ brochene Thonkugeln und mehrere beſchriebene Papiere liegen, worein ſie gewickelt geweſen zu ſein ſchienen. Ber⸗ nard bückte ſich danach und ſah zu ſeinem größten Er⸗ ſtaunen die Handſchrift des Gouverneurs, welcher doch ſehr ſelten etwas Schriftliches von ſich gab, ſt ondern alles lieber gleich mündlich abmachte. Neugierig geworden, hob der junge Mann alle dort befindlichen Papierſtuͤckchen auf und verbarg ſie einſtweilen in ſeine Weſtentaſche. Charlotte Vanner war in tiefes Sinnen verſun⸗ ken geweſen und hatte kaum bemerkt, was ihr Geliebter that. Sie fühlte bereits, daß ſie ihre neue Stellung nur ertragen würde, weil ſte einträglich war und ihren armen Eltern eine hinreichende Unterſtützung ſicherte. Der Gou⸗ verneur hatte ſie mit ſo ganz eignen Augen angeſehen, daß es ihr unheimlich geworden war, und ſein Benehmen war bereits am erſten Abend zutraulicher geweſen als es gegen eine Geſellſchaftsdame ſeiner Tochter hätte ſein ſollen. Daher ihr Sinnen und daher beſonders auch ihr Sinnen auf einen Wechſel ihrer Stellung. Bernard riß ſte aus ihrem Hinbrüten. 44½ 4 „Nicht wahr,“ ſagte er,„die Ausſicht lernt Dir noch gefallen?“ „Die Ausſicht, beſter Freund,“ antwortete ſie,„welche Du mir vorhin eröffnet haſt...“ „Und die wir bald verwirklichen wollen... ich habe ziemlich mächtige Freunde, auf die ich rechnen kann.“ „Gut denn, mein Geliebter; ſo lange bis es Dir ge⸗ lingt, rechne nur auch darauf, daß ich trotz meinem Wi⸗ derwillen, hier zu wohnen, meine Pflicht ſtets erfüllen werde... Darum laß uns auch jetzt ſcheiden... Ich gehe zum Fräulein...“ Die beiden jungen Leute, vielleicht das ſchönſte Pär⸗ chen in ganz Paris, ſtiegen engumſchlungen die Treppen herab; Charlotte ging in die Wohnung des Gouyer⸗ neurs und Bernard in ſeine Zelle, um ſchleunigſt— die gefundenen Zettel zu leſen. Nachdem er die Stückchen zuſammengepaßt hatte, kam Folgendes heraus: (Concept:)„Den 3. Mai 1789. Herrn de Flue. Ich bitte Sie, den Major, den Regimentsadjutanten und den Lieutenant der Inv.*) zu benachrichtigen, daß ich Perſan. R *) Es waren die Herren von Losmes, Miray und H 1' unt faſt n follte dieſer Brief noch elche habe Ndeutlich zu ſehen, Rickte, um d ſondern daß dies auf einmal? W faſt wie von einem ſollte er zum R dieſer Aende Brief wiederholt und b noch dieſen Abend eine Beſprechung mit ihnen haben möchte; ich habe an Perſan's Bruſt das Ludwigskreuz noch nicht geſehen. Ueber den Geiſt, welcher unter der ganzen Beſatzung herrſchen muß, kennen Sie meine Anſicht und Ihre Mittel. Die Zeiten erheiſchen Vorſicht. Leute kein Mißtrauen. gen früh nach V Ich hege gegen Ihre ernard geht mor⸗ erſailles ab und— kehrt dann zum Hauptſtamm des Regiments Salis, nich Garniſon zurück, bis ich Ge unterdeſſen der Der gute B t aber zu meiner genbefehl ertheile; hier wird zuverläſſige Borel ſeine Stelle vertreten. 3 9 De Launoy.“ B Beim Leſen dieſes Briefes ward es dem jungen obgleich er die ganze Nur ſoviel glaubte er daß man ihn nicht nach V ie Ordnung mit aufrecht h er aus der Baſtille verw Schweizer unheimlich zu Muthe, Bedeutung deſſelben nicht bes riff. g deſſ 4 grif erſailles alten zu helfen, ieſen war. Warum ar er doch bisher vom Gouverneur Vater behandelt worden! Und jetzt egimente zurückkehren, ohne vom Grunde rung benachrichtigt zu werden! Er las den efeſtigte ſich durch den Gegenſatz, — 46— worin„der gute Bernard“ mit„dem zuverläſſigen Bo⸗ rel ſtand, immer mehr in ſeinem Argwohn. „Nun denn,“ rief er in heftigem Zorn über eine ſolche Behandlung, deren Grund er ſo wenig durchſchaute,„dann ſoll der Tyrann auch meine Charlotte nicht lange haben!“ Bei dieſen Worten wickelte er die aufgefundenen Papierſtückchen in ein Couvert, ſteckte es in ſeine rechte Seitentaſche und ging direct zum Gouverneur, bei wel⸗ chem er bisher faſt immer Zutritt gefunden hatte. Er wollte ſich völlig von deſſen Verrätherei überzeugen. Darüber nachſinnend, wie doch de Launoy in ſeiner Tyrannei ſo ſicher geworden ſein müſſe, indem er nämlich jedenfalls die Concepte ſeiner Briefe in den Maculatur⸗ korb geworfen hatte, aus welchem die Papiere der Knaben offenbar genommen waren, ſchritt er langſam vorwärts. Da aber überreichte ihm mitten im Hofe ein“ Bedienter des Gouverneurs ein Billet mit dem Befe daß er ſogleich nach Verſailles aufrechen ſollte. Wir laſſen den jungen Mann in ſeiner Zerknirſchung dahin abgehen, wo er jedenfalls mehr zu ſehen bekommt als in der Baſtille, indem dort am 5. Mai die General⸗ ſtaaten eröffnet werden ſollten, hier aber alles ſeinen ge⸗ wöhnlichen Gang fortging, nur daß im Hauſe des Herrn de ſein trai von denn ſeine entzi Wün gefal 2 zahlre Hen in ein terhiel nicht marſch von un brenner Mädche und— in ſein an und zuſchige hend Bo⸗ olche dann ange denen rechte wel⸗ Er igen. einer nlich atur⸗ der gſam ein fe hung — mmt eral⸗ ge⸗ derrn de Launoy ein Weſen angekommen war, das durch ſeine Anmuth alles um ſich her bezauberte. Das Por⸗ trait, welches ſich der Gouverneur ſchon vor längerer Zeit von ihr zu verſchaffen gewußt, hatte nicht geſchmeichelt, denn es blieb weit hinter ſeinem Original zurück. Trotz ſeinen funfzig Jahren war der Herr von Lau noy völlig entzückt über die Schönheit des holden Kindes und nährte Wünſche, wie ſte dem jungen Bernard noch nicht ein⸗ gefallen waren. Am Abend des Tages, wo der Schweizer zu ſeinen zahlreichen Kameraden in Verſailles abgegangen w ar, ſaßen Henriette de L aunoh und Charlotte Vanner in einem ſchön geſchmückten Zimmer der Baſtille und un⸗ terhielten ſich, ſo gut es gehen wollte; denn Letztere nicht ſehr aufgelegt, obwohl ſte keine Ahnung vom Ab⸗ marſch ihres Geliebten hatte; denn ſie empfand eine Art von unwiderſtehlicher Scheu vor dem Gouverneur, deſſen brennende Blicke ſie verfolgten. Gegen 9 Uhr, als beide Mädchen eben beim Thee ſaßen, öffnete ſich die Thur und— Herr de Launo y trat ein. Er war nicht mehr in ſeiner Uniform, ſondern hatte einen grauen Frack an und ein hochrothes Bändchen im Knopfloch. Seine zuſchigen Augenbrauen nach ſeiner Art freundlich empor⸗ hend ſagte er zu den beiden Mäͤdchen: war „Es freut mich, meine Lieben, Euch ſo traulich neben einander ſitzen zu ſehen; unterhaltet Ihr Euch gut?“ „Ach ja,“ ſagte ſeine Tochter;„ich habe Charlot⸗ ten ſchon recht lieb; nicht wahr, Sie mich auch, meine Liebe?“ „Sie ſind ja ſo gütig gegen mich,“ verſetzte die Schwei⸗ zerin,„daß ich höchſt undankbar ſein würde, wenn es anders wäre.“ „Und ich hoffe,“ fiel hier der Hausherr ein,„daß Sie künftig nicht bloß die Bande der Dankbarkeit, ſon⸗ dern die der Freundſchaft an mein Haus knüpfen ſollen... Wie alt ſind Sie doch, meine Gute?“ „Siebenzehn geweſen.“ „Und ſo groß und ſtark und ſchön! Ihr Land iſt ein glückliches Land. „Ein freies und herrliches Land,“ verſetzte Char⸗ lotte. Bei dieſer Bemerkung fuhr der Herr de Launoy ein wenig zuſammen und ſeine Augenbrauen ſenkten ſich etwas nach ſeinen kleinen feurigen Augen herab; er nahm ſich aber zuſammen und antwortete leichthin: 7 ☛ und Töchter erzieht, daß es alle Welt damit verſehen kann... Meine Tochter,“ fuhr er zu dieſer gewendet der Herrlich beſonders, weil es ſo ſchöne und gute Söhne h a r⸗ h ein twas ſich Söhne ſehen vendet —%— fort,„die Frau von Perſan erwartet Dich eben auf ein halbes Stündchen und ich werde Deine Geſellſchafterin während Deiner Abweſenheit zu unterhalten ſuchen.“ „Es iſt wohl unbeſcheiden von mir,“ ſagte Char⸗ lotte raſch und beklommen,„wenn ich die Frage zu thun wage, ob ich nicht das Fräulein begleiten dürfe.“ „Das wird ſpäter jedenfalls angehen,“ antwortete der Gouverneur,„ſobald ich Sie den Damen der Officiere des Generalſtabs vorgeſtellt habe... Iſt Ihnen denn meine Geſellſchaft unangenehm?“ ſetzte er lächelnd hinzu. „O das habe ich nicht ſagen wollen,“ entgegnete Charlotte verlegen;„nur glaubte ich meine Frage durch meine Stellung gerechtfertigt...“ „Leb' wohl, meine Freundin,“ unterbrach Henriette, welche ſich zum Gehen fertig gemacht hatte,„in einem halben Stündchen ſehen wir uns wieder.“ Charlotte erhob ſich, um ihre„Freundin“ zu be⸗ gleiten und ſich dann ohne weiteres in ihr Zimmer begeben; aber der Hausherr wendete ſich ſo, daß er ihr den Weg vertrat, indem er zu ſeiner Tochter ſagte: Toch zu 8 0 „Meine Grüße, Henriette! Viel Vergnügen!“ Nach dieſen Worten machte er die Thür zu und bat Cjarlotten, wieder auf dem Sopha Platz zu nehmen. Se konnte nun nicht wohl anders als gehorchen, wenn 11789. I. 4 ſie ſich in der Hauptſtadt der Welt nicht kleinſtädtiſch zeigen wollte; indeſſen war ſie auf ihrer Hut. Er pflanzte ſich ohne Umſtände zur Linken der Jungfrau und ſprach: „Sie ſcheinen ungern zu bleiben, meine Schöne; ſoll⸗ ten Sie vor mir Furcht haben?“ „O nein,“ antwortete Charlotte lächelnd,„ich fürchte nur die Böſen.“ „Nun, dann können Sie hier ganz ohne Furcht ſein,“ entgegnete de Launoy naͤher rückend und den Arm auf das Sophakiſſen hinter dem Mädchen ausſtreckend. „Auch wäre es nicht gut, mein Herr,“ bemerkte Charlotte fortrückend,„wenn man in einem Schloſſe, wo die Ungerechtigkeit beſtraft wird, dem Böſen begegnen ſollte.“ „Ach, ich ſollte meinen, Sie hätten nirgends und ſelbſt nicht von den Böſen etwas Böſes zu befürchten; denn wer ſollte neben einem Meiſterſtück der Natur wie Sie ſind etwas Andres als Bewunderung fühlen?“ Bei dieſen Worten faßte er mit ſeiner linken Hand die rechte des Mädchens und umſchlang ihren Nacken mit ſeiner rechten Hand. Charlotte ſtieß einen leichten Schrei der Ueberraſchung aus und ſuchte ſich loszumachen. Aber der Herr von Launoy war trotz ſeiner Hagerkeit me ver nich ziemlich ſtark, und es gelang ihr nicht. Dann ſagte ſie in voller Aufregung: „Mein Herr, dies war die Meinung nicht, als ich mich zur Geſellſchafterin Ihrer Fräulein Tochier ließ. Ich bitte Sie mich loszi Lärm!“ werben ulaſſen oder— ich mache „Dafür iſt geſorgt, mein Et agel,“ erwiederte er höhniſch lachend;„in dieſem ganzen Hofe iſt jetzt niemand als / 9 eine Schildwache, die bei Todesſtrafe ihren Poſten nicht verlaſſen darf.“ Und er ſuchte ſie mit Gewalt zu küſſen. Einen lauten S Schrei ausſtoßend, raffte die im Inner⸗ ſten empörte Jungfrau alle Kräfte zuſammen glücklich los und ſtürzte nach der Thür. ſchloſſen. , riß ſich „Ich berufe mich auf die Ehre de s Cavaliers und des rechtſchaffenen Mannes,“ rief das Mäd chen, ſich an zen Energie jungfräu⸗ fordere Sie auf, Herr von Lau noy, mir dieſes Zimmer zu öffnen!“ Sich lachend vom Sopha erhebend, verneur: der Thür umwendend, mit der gan licher Würd de;„ich ſagte der Gou⸗ „ Ich bin von Sr. glorreichen Majeſtät dem König nicht hier ang geſtellt um hinauszulaſſen, ſondern nur um 4* 4 einzulaſſen und zu bewahren. Sie ſehen ſelbſt, ich würde meinem Berufe untreu werden, wenn ich Ihnen öffnete. Sie werden ſich ſchon gefallen laſſen, in dieſem Zimmer und— in dieſem Schloſſe zu bleiben, ſo lange es mir beliebt.“ Bei den letzten Worten des Unholds funkelten die Augen Charlottens, als gedächte ſte den Mann zu überwältigen; allein ſie ſchien ſich anders zu beſinnen, rannte wie der Blitz nach einem Fenſter und rief ſo laut ſte es vermochte: „Zu Hülfe, zu Hülfe! Man...“ Weiter konnte ſie nichts ſprechen, denn de Launoy war ihr nachgeeilt, hatte ihr eignes Halstuch ergriffen und verſtopfte ihr dadurch in dieſem Augenblicke mit un⸗ widerſtehlicher Gewalt den Mund. Trotz aller Anſtren⸗ gung konnte ſie ſich aus der feſten Umſchlingung des Un⸗ gethüms nicht losmachen. Das arme Kind brach in hef⸗ tiges Schluchzen aus und ihre Thränen rannen dem Gouverneur über die dürren Hände. Es war das zweite Mal daß ſie weinte, ſeitdem ſie in Paris war, nur daß ſte das erſte Mal, und zwar beim erſten Wiederſehen ihres Geliebten, Thränen der Freude vergoſſen hatte. „O meine Taube,“ ſagte de Launoy mit einer Stimme, die von der Anſtrengung zitterte, die er zur r 22 T , — No. 14!“ und uͤberwältigte 33— Feſthaltung des Maͤdchens anwenden mußte, mir eine recht unnöthige Mühe... ſchon noch zahmer „Du machſt Ich hoffe Dich zu ſehen... ⸗ Während er ſo ſprach, zog er das arme Kind nach der linken Hand auf, hnmächtige mit der Rechten eine Klingelſchnur und b der Thüre zu, ſchloß ſte mit wäh⸗ rend er die halb O umklam⸗ egann auf's neue: es Zimmer nicht gefällt, wird man Dir andres anweiſen, und unten die Zeit nicht lang wird, Tage meinen Be⸗ ſuch...⸗ merte, zog ₰ „Da Dir dieſe ein damit Dir dort erhältſt Du alle Charlotte hatte Vorſaals wieder Reden des ſich durch die friſchere Luft des erholt und hörte die ſpöttiſchen Ungeheuers mit einem irgend in einem T etwas Ingrimm, wie er nur aubenherzen Raum haben kann. ſtieß plötzlich ganz unerwartet ihren Peiniger rückwärts auf die Bruſt, that einen gewaltigen Ruck und entkam den Eiſenfäuſten. Auch würde ſte in de ſein, wenn nicht in Sie n Hof entkommen dieſem Augenblicke auf den Klingel⸗ zug des Gebieters ein Diener gekommen wäre. „Halte die Verrätherin! Derb zugegriffen! In Der Scherge der Gewalt that wie ihm geheißen war das bereits ermattete Maͤdchen mit leich⸗ ter Mühe. Der Gouverneur kam wieder dazu, band ihr ſelbſt mit einer Schnur die Hände übereinander und be⸗ feſtigte das Tuch auf's neue um ihren Mund. In aller Stille ward die Arme über den Hof mehr getragen als geführt und zuletzt in einen etwa zwölf Fuß langen und ſechs Fuß breiten Kerker gebracht. Es war übrigens ganz ſinſter darin und Charlotte fühlte ſich auf einem nicht eben harten Lager. Das Tuch ward ihr vom Munde und die Schnur von den Händen genommen. „Ruhe ſanft!“ ſagte der Gouverneur; Schlüſſel raſ⸗ ſelten und die Thür ſchloß ſich hinter den Männern. 3. — 2..„ Sonntags den 4. Mai ſtand Bern ard, ziemlich wie ein Pariſer Stutzer gekleidet, mit ſeinen beiden Briefen und einer geheimen Inſtruction vom Herrn de L in der Taſche, ſchon ſeit frühem Morgen neben Pfeiler von Notre⸗ Schloſſes. W aunoy einem Dame, der Pfarrkirche des Verſailler as er dem Gouverneur berichten ſollte, küm⸗ merte ihn jedoch weniger als was er ſeiner geliebten Charlotte zu melden gedachte und w des Unterkommen für ſie Unglückliche, er wuß kommen geſorgt war! ie er ein paſſen⸗ ausfindig machen könnte. Der te nicht, daß bereits für ihr Unter⸗ Nicht unausgeſetzt konnte er jedoch dieſen Gedanken nachhängen, denn das Gedränge vor dieſer Kirche war entſetzlich, weil der ganze Hof und die Landſtände hier ein Gebet ſprachen und ſich dann von da in Proceſſton — 56— nach der Kirche des heil. Ludwig begeben wollten. Die zahlreiche Bevölkerung von Verſailles und eine Menge neugieriger Pariſer waren, vom herrlichſten Wetter be⸗ günſtigt, überall zuſammengeſtrömt, wohin der Zug kom⸗ men mußte; alle Fenſter waren mit Zuſchauern überladen und ſelbſt viele Dächer abgedeckt. Bernard bedauerte ſeine armen Landsleute, welche alle Hände voll zu thun hatten, um der Proceſſion nur den nöthigſten Platz zu erhalten. Schon ſeit längerer Zeit waren verdeckte Wagen an⸗ gekommen, nach 10 Uhr kamen auch die königlichen. Es war eine Pracht, als ob ganz Frankreich im Ueberfluß ſchwömme. Nach einem kurzen Gebet in Notre⸗Dame, d. h. gegen 11 Uhr begann die eigentliche Proceſſion. Zuerſt traten aus der Kirche heraus die Brüder Fran⸗ eiskaner in ihren bekannten Kutten, die einzigen Mönche, welche ſich damals in Verſailles befanden. Sie eröffneten den Zug. Nach ihnen folgten die Geiſtlichen der beiden Verſailler Kirchſpiele, gleichfalls in ihrem gewöhnlichen Ornate. Jetzt erſchienen die Deputirten des dritten Standes, in zwei Reihen hinter einander hergehend. Sie trugen Rock, Weſte und Beinkleider von ſchwarzem Tuch, eben⸗ falls ſchwarze Strümpfe, ſeidene Mäntelchen und Mouſſe⸗ — 52— lin⸗Halstücher; ihre Hute waren dreifach au hatten weder Sc hnuren noch Knöpfe. aß die niederbretagniſchen Landleute aus Vannes ihre Weſte und Beinkleider beibehalten hatten. nicht von Seide ſond trauer hatten. ifgeſtülpt und Es fiel dabei auf, Q der Diöces von von grobem Zeug Uebrigens waren die Mäntel derer ern von Wollenzeug, welche Haus⸗ Hinter den Deputirten des dritte del in ſeinen ſchwarzen und Weſten, ſ Strümpfen; n Standes zog der mit Gold verbrämten Mäͤnteln chwarzſeidenen Beinkleidern und ihre Spitzenhalstücher pa Schwungfedern alle trugen goldne Haustrauer hatten, A weißen ßten ſehr wohl zu den weißen auf ihren Hüten à! a Henri IV. Nicht Knöpfe. Die Adligen, w unterſchieden ſich durch ihre zen Strümpfe und ſilb Nun kamen die Geiſtlichen Manteln und viereck elche Tuchklei⸗ ernen Schnallen. in ihren Leibröcken, langen igen Mützen. Die der, ſchwar Biſchöfe und Erz⸗ biſchöfe gingen violett, die Cardinäle im Purpur. Die Trauernden unter dem Klerus übrigen Stände. Es erſchienen ſtatt der 50, ſcheinen ſollten. von Rouen ein, (Provenc e und gingen ſchwarz wie die waren übrigens nur 32 Biſchoͤfe welche auf dem Reichstage er⸗ Den Ehrenplatz nahm der Erzbiſchof welcher von den Brüdern des Königs Artois ), den Herzögen von Angou⸗ 1 léme und Berry ſowie von vielen Großbeamten der Krone begleitet wurde. Unmittelbar hinter dieſer überaus glänzenden Abthei⸗ Zugs erſchien der König mit der Königin zu er Madame Eli⸗ zeſſin lung des ſeiner Linken, nach dem Königspaar ab ſabeth, die Herzogin von Orleans und die Prir vom Lamballe. Alle Perſonen dieſer Proceſſion trugen je eine Wachs⸗ kerze. Unabläſſig rief die unzählige Volksmenge dem König und ſeiner erhabenen Gemahlin ihre Glückwünſche zu. Es war ein ſo erhebendes Schauſpiel, weil jedermann die Bedeutung deſſelben kannte. Bernard begab ſich jetzt von ſeinem Standpunkte bei der Kirche Notre⸗Dame mitten unter den Volks⸗ haufen hinter dem Zuge her nach der St. Ludwigskirche, wo der Hof und die Deputirten Meſſe und Predigt hören wollten. Dicht an ihm hielt ſich ſtets ein roth⸗ haariger wild ausſehender Mann, den er ſchon bei der Kirche Notre⸗Dame bemerkt hatte. Er glaubte ſich an ſein Geſicht zu erinnern, obwohl die groben Züge des Mannes gar nicht zu ſeinen feinen Kleidern zu paſſen ſchienen. Es war einer von den Kerkermeiſtern der Ba⸗ ſtille, und zwar— wovon Bernard freilich nichts wußte— derſelbe, welcher am Abend Vanner dem Licht des Der Ehrenmann h zuvor Charlotte Tages hatte entziehen helfen. ieß Frangois Leelerc. Auf dem Wege nach der Kirch konnte im eigentlichen Sinne Erde und ſ he des heil. 2 udwig des Worts kein Apfel eit Menſchengedenken h ſolches Gedränge ſtattgefunden; denn von den mehr als 70,000 Einwohnern dieſer Stadt war wenigſtens die Hälfte auf den Beinen und die Zahl der Fremden konnte man ohne Uebertreibung doppelt ſo hoch annehmen. Un⸗ olken klemmte hier ein G Spazierſtock zwiſchen die um ſich Platz zu machen, Weiber mit den Elb Laſtträger, zur atte in Verſailles kein ter dichten Staubw legant ſeinen vor ihm befindlichen Perſonen, dort arbeiteten ſich hereuliſche ogen vorwärts; hier fluchte ein weil er ſeinen einz dort ſchrien junge Mädchen, w augen getreten hatte; hier hoben ein paar ſtämmige Handwerker gutmüthig einen kleinen buckligen Kerl auf die Schultern, um ihn nicht zerquetſchen zu laſſen, dort ſuchte man eine ohnmächtige zu transportiren: währenden Viyatri koͤniglichen M Selbſt der igen Rock zerreißen fühlte, eil man ſte auf die Hühner⸗ Schwangere in ein Haus und dies alles geſchah unter dem fort⸗ ufen der Volksmenge, dem Getön der uſikchöre und dem Geläute aller Glocken. kräftige Bernard fühlte eine an förm⸗ liches Unwohlſein grenzende Ermüdung. Er ſuchte aus der Menſchenwoge herauszukommen, um ſich in einem Gaſthauſe zu erholen. Nach vieler Mühe gelang es ihm, „das große Ordensband“ zu erreichen, welches dieſen Namen nicht lange mehr führen, ſondern gegen den„des Kaffeehauſes der Deputirten“ vertauſchen ſollte. Aber auch hier waren alle Zimmer zum Erdrücken mit Men⸗ ſchen angefüllt. Endlich fand Bernard noch ein Unter⸗ kommen in einem Saale des großen Hofgebäudes, wo nur einige Pariſer Stutzer ſaßen oder umherſchlenderten. Es waren dies Geſchöpfe aus niederländiſchem Tuch und etwas Körper, die beinahe ihre ganze Exiſtenz ihrem Schneider zu danken hatten, Leute mit ungeheurer Hals⸗ binde und winzigem Gehirn, die nichts in der Welt ſo gut verſtanden, denn als angebliche Glieder der bonne compagnie das Geld ihrer Väter durchzubringen. Ihre Eleganz zeigte ſich außerdem in einer vornehm affectirten Gleichgültigkeit gegen alles Bürgerliche und in ihrer zier⸗ lichen Sprache, die ſelbſt den rauhen Laut des r ganz verſchmähte. An zwei bis drei Seitentiſchen tranken zur geringen Freude des vornehmen Oberkellners auch einige ſchlichte Bürgersleute ihr Gläschen Landwein; ſie ſchienen wider ihren Willen in dieſes Hotel gedrängt worden zu ſein. Nicht weit von dieſen ſetzte ſich Berna rd nieder, — — 61— um ein Glas Limonade zu trinken. Er benutzte die Muße dazu, vorläufige Bemerkungen mit Blei ben, die er dann des Abends richt umgeſtalten wollte. Er ließ ſich weder durch die ernſte Rede der Bürger noch durch die Witzeleien der Gecken ſtören. Da er außerdem auch noch einen Brief an Charlotte ſchrieb, ſo mochte er gegen zwei Stun⸗ den gearbeitet haben; dann packte er ſeine Papiere wie⸗ der ein und ſchaute ſich erſt ordentlich um. ſtift niederzuſchrei⸗ zu einem förmlichen Be⸗ Eben unterhielten ſich ein paar Elegants nicht weit von ihm und ſeinen nächſten Nachbarn nach ihrer Art über die Tagesbegebenheit. Plötzlich drehte ſich ein Drit⸗ ter um, welcher bisher zum Fenſter hinausgeſehen hatte, und ſprach: „Beſſer als ich hat den Zug niemand geſehen, pa'ole d'honneu'! Mir ganz allein hatte die cha'mante Frau von He'cé ein Fenſter eingeräumt...“ „Haben Sie die Caoſſen des Königs, der Königin, der Brüder Sr. N Najeſtät, der Prinzen und Prinzeſſinnen vom Geblüt und die der Miniſt er gezahlt?“ fragte ein andrer. „Ah, ſte waren innomb'able!“ verſetzte ſchnell der Erſtere. „Nicht ſo ganz, mein Allerſchönſter,“ ſpottete jener, — 62— „wenigſtens nicht für den, welcher bis drei zählen kann; denn Se. Majeſtät der König hatte in ſeinem Wagen die Prinzen ſeine Brüder nebſt den Herzögen von Angou⸗ léôme und Berry, die Königin fuhr mit den Prinzeſſin⸗ nen in einer Kutſche und dann kamen die Exeellenzen wie die Heringe in einem Wagen zuſammengeſchich⸗ tet... „O, je n'en c'ois'ien, mein Beſter; c'est in- c'oyable*), mein Theuerſter, denn ich habe von den un⸗ zähligen prächtigen Caboſſen kein Auge verwendet...“ „C'est me'veilleux, ma foi,“ ſcherzte ein Dritter; „ſo nach der vierzigjährigen Prinzeſſin Lamballe zu ſtarren, wenn man eine zwanzigjährige reizende He'cé, eine wahre Ci'eé neben ſich hat!“ „Ah, und eine Ci'cé,“ fiel ein Vierter ein,„mit einem Linonkleidchen, das, pa'ole d'honneu', aus Luft gewebt zu ſein ſcheint!“ „Dieſe Schönheit kann ich tagtäglich haben,“ bemerkte der, welcher die Unterhaltung begonnen hatte,„aber der König verläßt nicht alle Tage ſeine Schloſſerwerkſtatt, *) Von dem oft wiederholten Ausruf„c'est incroyable“ oder„c'est étonnant“ hießen die Pariſer Stutzer eine Zeitlang Incroyables oder Etonnants, ja der Name Incroyable ging zuletzt ſelbſt auf die übermäßige Halsbinde derſelben über. —„—, — en bäu⸗ mac — 63 um uns ſeine Damen zu präſentiren... 5 H Ap'opos, meine Herren, jedenfalls haben Sie die Volksvertreter in Sackhoſen geſehen... „Sie meinen die B'etagner...“ „Ja wohl; aber Sie haben vielleicht üb der alte Adel Frankreichs, welcher mit Schwungfedern hinter ihnen herſchritt, mit Fingern auf dieſe Repräſentanten der Nation zeigte...“ erſehen, wie ſeinen wallenden „C'est étonnant... c'est inc'oyable es iſt gut für die Canaille... Das Geſpräch ward in dieſem Augenblicke durch neue Ankömmlinge unterbrochen, welche ſich den ehrlichen Bür⸗ gern anſchloſſen. Es waren Deputirte des dritten Stan⸗ des. Unter ihnen fiel ein N ſeine Beweglichkeit und bei ... Doch kann von mittler Größe durch genauerer Betrachtung durch ſeine großen grauen Augen und eingefallenen Wangen auf. Ohne ein Wort zu ſagen, trank er mit ziemlicher Haſt zwei Glas ſ Waſſer und ſtützte dann ſein Haupt in die hohle Hand. Seine vier Begleiter ſprachen immer ſo heimlich mit einander, daß Bernard kaum einz nzelne Worte verſtehen konnte. Die jungen Pariſer Laffen hatten beim Eintritt dieſe ſer bäuerlichen Deputirten einander insgeheim zugelächelt und machten ſich nun auf einen eclatanten Spaß gefaßt, den den 4 ſie mit ihnen haben wollten. Da ſie endlich an ihnen eine ländliche Blödigkeit zu bemerken glaubten, ſo be⸗ gannen ſie ihr Vorhaben um ſo zuverſichtlicher in Aus⸗ führung zu bringen. Derjenige, welcher die Caoſſen des Königs für in⸗ nomb'able erklärt hatte, nahm zuerſt das Wort, indem er ſich gegen die fünf Deputirten wendete. „Ah, meine Herren,“ ſagte er lächelnd,„Sie werden uns wohl am beſten ſagen können, was Sie in der Kirche des heiligen Ludwig gemacht haben; es iſt zwiſchen mei⸗ nen Freunden und mir ein Streit darüber entſtanden.“ Ihm antwortete der gutmüthige Arnoult(Abgeord⸗ neter von Dijon) mit würdigem Ernſt: „Dort hat die religiöſe Ceremonie vor Eröffnung der Reichsſtände ſtattgefunden. Es ward eine Meſſe geleſen und vom Herrn de la Fare aus Nanchy eine faſt zwei⸗ ſtündige Rede gehalten...“ „Oh, c'est inc'oyable! Eine Rede von zwei Stun⸗ den! Es iſt Ihnen gewiß nichts davon entgangen... wenn ich in meinem und meiner Freunde Namen bitten Hürfte... „Das Ganze war eine Schilderung der Leiden des Volks, welche durch die bisherige Regierungsweiſe und den überall herrſchenden Luxus herbeigeführt worden in⸗ — 65 wären, die aber der gütige König im Verein mit den Abgeordneten des Volks nun bald abſtellen werde.. „Das Volk leidet!... Ah, c'’est étonnant, ma foi! Je n'en d'ois'ien,“ ſagte der Incroyable, welcher den erſten Sprecher mit der Ci'eé aufgezogen hatte. „Es leidet unausſprechlich unter den zu hohen und ungleich vertheilten Steuern,“ fuhr Arnoult mit fin⸗ ſterem Blicke fort. „Namentlich unter der Trankſteuer,“ verſetzte ein Dritter und die Jeunesse de paris ſchlug ein lautes Gelächter auf. „Sie haben Recht, Freund Arno ult,“ begann jetzt der hohlwangige Deputirte mit funkelnden Augen und ſich emporrichtend,„der überall herrſchende Luxus ver⸗ ſchlingt den Schweiß des Armen!... Das Bildchen, welches ich Ihnen hier vorzeige, ſtellt nur zwei ganz einfache Bürgersſöhne dar, von denen jeder ſeine 500 Liyres werth iſt.“ Bei dieſen Worten zog der Graf Riquetti von Mirabeau(ſo hieß der hohlwangige Mann mit dem feurigen Blick) einen großen illuminirten Kupferſtich aus der Taſche und hielt ihn den jungen Pariſern vor die Augen. Es waren darauf zwei Incroyables nach der neueſten Mode dargeſtellt, die über eine goldne Uhr zu 1789. 1. 5 ſtreiten ſchienen. Ihre Röcke waren vom feinſten Tuch, ihre Beinkleider reichten bis an die Hälfte der ausgeſtopf⸗ ten Wade und ihre Schuhe waren bis auf die Zehen⸗ ſpitzen ausgeſchnitten; in der Linken hatte Einer die Uhr und der Andre eine ſchöne Lorgnette, in der Rechten hiel⸗ ten ſie Beide kurze dicke Prügel; unter den unglaublich hohen Halsbinden war die Hälfte ihrer übermäßig großen Ohren verborgen. Als Unterſchrift las man:„Portrait zweier Anführer der 60,000 M. ſtarken Armee der In⸗ croyables, welche wegen ihrer Körperſchwäche nicht mehr Kleider der Armen auf ſich laden können.“ Die Gecken konnten ſich in dieſer Darſtellung nicht verkennen. Nach einem kurzen Stillſchweigen der Ueber⸗ raſchung ermannte ſich einer der Stutzer zu dem Ausruf: „Oh, c'est cha'mant, pa'ole d'honneu'!“ Ein ſpöttiſches Lächeln von Seiten der Deputirten war die Antwort. Selbſt die ſchlichten Bürger und der ernſt geſtimmte Bernard konnten ſich des Lachens nicht enthalten, denn auch ihnen wurde der Kupferſtich gereicht. Dann nahm Rabaud de St. Etienne aus Nimes das Wort: „Liebſter Graf Mirabeau, hängen wir dieſes ſchöne Gemälde zum Andenken unſres Verweilens in dieſem Ho⸗ N — 67—— tel hier unter dem Spiegel auf! Wie wenden einen Theil der Rede des wackern La Fare gleich praktiſch an.“ Und lächelnd übergab ihm Mirabeau das Bild. Die hoffnungsvolle Pariſer Jugend ſah ſich ſo uner⸗ wartet mit einem Spottnamen geziert, daß es ihr völlig verging, ſich an den„Bauern“ noch weiter zu reiben, zumal da ſie hörten, daß ſich unter denſelben ein Graf und noch dazu der durch ſeine beißenden und heftigen Schriften bekannte Graf Mirabeau befand. Alle In⸗ crohables ſuchten hinter ihren hohen Halsbinden ſoviel Raum zu gewinnen, um die Madeira⸗Reſte durch den zuſammengeſchnürten Hals zu gießen, lorgnettirten mit gewohnter Keckheit, aber unter dem fortwährenden Ge⸗ lächter der Nicht⸗Incrohables ihre ſo ganz unverkennba⸗ ren Ebenbilder oder machten ein Paar Kreuzhiebe mit ihren Knütteln und entfernten ſich endlich mit Entrechats und allerhand Geberden ſchlecht verhehlter Verlegenheit. Die unter dem Spiegel aufgehängten beiden Incroyables waren bald noch die einzigen im Saale. „Ah ah, beſter Graf...“ begann Mounier lachend. „Riquetti, wollen Sie ſagen,“ fiel ihm Mira⸗ beau in's Wort,„denn unter den Vertretern des dritten Standes giebt es keine Grafen.“ 5* 4 „Gut, lieber Riquetti,“ fuhr Mounier fort; „Sie fanden da ein treffliches Mittel die Worte zu ſpa⸗ ren... „Das Ihr Landsmann Barnave hier in Bezug auf den Vortritt der Burgunder gegen dieſe geltend machen könnte...“ „Worauf zielen Sie?“ fragte Rabaud St. Etienne; „ich bin geſtern erſt ſpät angekommen...“ „Bei der Vorſtellung in den Zimmern des Königs...“ nahm Barnave das Wort. „Welcher die Deputirten des Adels und der Geiſtlich⸗ keit in ſeinem Cabinet und uns in ſeinem gewöhnlichen Wohnzimmer empfing...“ ergänzte Mirabeau. „Dort wurden vorgeſtern vom Ceremoniemeiſter die Abgeordneten der Landſchaft Vermandois zuerſt vorge⸗ rufen, was die Burgunder nicht leiden wollten, weil ſie in Abweſenheit der Pariſer Deputirten ebenſo wie 1614 den Vortritt haben müßten. Nun traten ſie zwar vor⸗ läufig in der ihnen angewieſenen Ordnung ein, behielten ſich aber ihr Recht für die religiöſe Ceremonie des Mon⸗ tags vor und der König entſchied zu ihren Gunſten. Freund Charles Vernet hat ſich einmal von ſeinen — 69— Schlachtfeldern*) entfernt, um eine kleine Caricatur zu entwerfen. Hier iſt ſie!“ Bei dieſen Worten entrollte Barnave die kleine Skizze. Vor einem zahlreich verſammelten zerlumpten Volke ſtießen ſich zwei Ziegenböcke in den unterſcheiden⸗ den Landestrachten von Vermandois und Bourgogne mit großem Zorn vor der Stallthür. Als Unterſchrift las man:„Milch für das dürſtende Volk.“ „Wenigſtens die Unterſchrift behagt mir,“ ſagte Ra⸗ baud,„wenn auch die Idee ſelbſt ein wenig nach Ver⸗ net's frühern Beſchaͤftigungen ſchmeckt.“ „Sie verzeihen mir wohl, meine Herren Deputirten,“ ſagte Bernard beſcheidentlich aufſtehend,„wenn ich Ih⸗ nen die Bemerkung mache, daß ſich dieſes Bild nicht öffent⸗ lich gegen die Streitenden würde gebrauchen laſſen...“ Ein durchdringender Blick Mirabeau's fiel auf den unberufenen Sprecher, der ſich aber darum nicht abhalten ließ hinzuzuſetzen: „Denn ich weiß beſtimmt und aus der beſten Quelle, daß man damit umgeht, die Freiheit der Preſſe und die Schauſtellungen der Kunſt mehr zu beſchränken...“ *) Vater des berühmten Horace Vernet. Von ihm ſind die Menge in Ku pfer geſtochener und lithographirter Pferdeſtu⸗ geſtoch hograph dien ſowie ſehr berühmte Schlachtgemälde „Nun?“ fragte Mirabeau trocken. „Einmal ſind bereits eine Menge Schriften, welche ſich auf die Stände, ihre Zuſammenſetzung und ihre Rechte beziehen, dem Miniſterium als verdächtig denuncirt, dann aber hat man insbeſondre das vielgeleſene Blatt vom vor⸗ geſtrigen Tage unter den Titel„Generalſtaaten“ zum Ge⸗ genſtand der miniſteriellen Aufmerkſamkeit gemacht...“ „Ah,“ fiel hier Mirabeau mit leuchtenden Augen ein,„das begreife ich ſehr wohl, denn es ſchildert die bisherige Barbarei und verkündigt die Aufſtellung der Bolksrechte gegenüber dem Thron und den Bevorrech⸗ teten...“ „Ich weiß ſelbſt mit Beſtimmtheit und habe die Be⸗ weiſe dafür in der Taſche, daß kaum zwei Tage in's Land gehen werden und nicht nur das erwähnte Blatt wird verboten, ſondern die ganze periodiſche Preſſe unter mini⸗ ſterielle Aufſicht geſtellt ſein.“ „Beweiſe?“ fragte Mirabeau noch ungläubig. „Hier ſind ſie!“ antwortete Bernard, ihm ein Pa⸗ pier darreichend. „Kein Zweifel mehr!“ ſagte Mirabeau, indem eine leichte Röthe über ſeine früh gewelkten Wangen flog. „So iſt es denn wahr, daß man die Nation nicht be⸗ freien, ſondern ihre Eiſen nur feſter ſchmieden will! Alſo in Gegenwart der verſammelten Nation wagt man deren geheiligtſte Rechte durch Hofdecrete anzutaſten! Zum Gluüͤck darf man dieſe Aechtung der Geiſter, welche durch die Umſtände noch ruchloſer wird, dem Monarchen nicht beimeſſen; denn es iſt niemandem mehr unbekannt, daß die Regierungsdecrete nichts als oft wiederholte Fälſchungen ſind, denen das königliche Siegel beigedrückt wird, und die Miniſter geben ſich nicht einmal die Mühe ein ſo ſcheußliches Verfahren zu verhehlen. Fünfundzwanzig Millionen Stimmen ſchreien nach Preßfreiheit; die Nation und der König fordern ein⸗ müthig das Zuſammenwirken aller Einſichtsvollen im Lande — und nun ſoll ein vorgebliches populares Miniſterium, nachdem es uns mit einer illuſoriſchen und perfiden To⸗ leranz geködert hätte, ſchamlos ſein Siegel auf unſre Ge⸗ danken zu drücken, den Umlauf der Lüge zu privilegiren und die dringend nothwendige Aeußerung der Wahrheit als Contrebande zu behandeln wagen? Weder wir, meine Herrn, noch ſonſt ein ehrenhafter Deputirter wird ſich inquiſitoriſchen Verordnungen für den Buchhandel unterwerfen, ſondern das Verfahren des Mi⸗ niſteriums ſtets als ein öffentliches Verbrechen betrachten, deſſen Urheber ſchon vor den ordentlichen Gerichten ver⸗ urtheilt würden und in unſerm Falle vor dem Tribunal der Nation erſcheinen müſſen. Bloße Bemerkungen über dieſen hochwichtigen Gegenſtand will man alſo den Gene⸗ ralſtaaten zugeſtehen! Eine ſolche Beleidigung der Nation gedenkt man dem König in den Mund zu legen! Die Rechte der Reichsſtände beſchränken ſich alſo auf Bemer⸗ kungen!! Wir werden Bemerkungen machen, meine Herrn; aber ſolche, vor denen das Gebäude der Tyrannei zuſam⸗ menſtürzt wie vor Joſua's Poſaunen die Mauern von Jericho! Und weshalb gedenkt man das Blatt zu unterdrücken? Jedenfalls nicht etwa, weil es falſche Grundſätze auf⸗ ſtellte; nein, das findet in gewiſſen hohen Regionen keine Bergebung, daß„die Generalſtaaten“ mit Ernſt und Ei⸗ fer die Volksfreiheit in Schutz nehmen, daß ſte den Götzen des Tags nicht huldigen, ſondern die Wahrheit höher ach⸗ ten zu wollen ſcheinen als die Schmeichelei. Welche Journale erlaubt aber das Miniſterium? Das Journal de Paris, welches uns über die Wahlen der Hauptſtadt täuſchte; den Mercure de France, welcher uns in Betreff der Präſidentſchaft einen blauen Dunſt vormachte und über die Abſtimmung nach Ständen nicht wohl volks⸗ feindlicher auftreten konnte. Und ſolche Lügenwiſche gehen unverſchämt unter dem Titel von Nationalblättern! Meine Herren,“ ſchloß Mirabeau dieſen Ausfall, „kein Heil ohne Wahrheit und keine Wahrheit ohne Preß⸗ freiheit!“ Die vier anweſenden Deputirten drückten auf verſchie⸗ dene Weiſe ihre Beiſtimmung aus, die Bürger nickten dem Redner freundlich zu und Bernard erhob ſich, um das Blatt wieder in Empfang zu nehmen. Mirabeau aber ſagte zu ihm: „Sie würden mir einen großen Gefallen erzeigen, wenn Sie mir dieſes Blatt noch einige Stunden ließen. Wollen Sie, daß ich es Ihnen heute Abend überbringe oder wollen Sie es bei mir abholen? Ich wohne im goldnen Stern.“ „Und wann würde ich Sie fragte der Schweizer. „Beſtimmt zwiſchen 9 und 10 Uhr.“ „Ich komme,“ ſchloß Bernardun einer ehrerbietigen Verbeugung. W zu Hauſe antreffen?“ d entfernte ſich mit ir übergehen hier billig, was die anweſenden Volks⸗ repräſentanten noch über den angeregten Gegenſtand ſpra⸗ chen, indem ſie bald ſo ziemlich daſſelbe im Berathungs⸗ o daß es zu jedermanns Kennt⸗ Dagegen folgen wir dem jungen Manne, wel⸗ cher ſchon ſeit längerer Zeit die H ſten Gebieters und ſelbſt die ſaale ſelbſt wiederholten, ſ niß kam. andlungen ſeines näch⸗ der Regierung mißtrauiſch — 74— beobachtet und ſeit Charlottens Ankunft mehr als verdächtig zu finden begonnen hatte. Gleich ſo vielen ſeiner Landsleute hatte auch er ſich aus Noth an eine fremde Regierung verkauft, ohne deshalb die Grundſätze zu verleugnen, die er aus dem Munde ſeiner Profeſſoren, den Büchern der Philoſophen und Hiſtoriographen ſowie durch eignes Nachdenken zu den ſeinigen gemacht hatte. Hätte es gegolten den Feind über die Grenzen treiben zu helfen, ſo würde Bernard einer der erſten Soldaten des Königreichs geweſen und ſicher ſehr bald avancirt ſein; aber es galt den Feinden der Willkührherrſchaft— und ſein Benehmen im Parlamentsſaale hatte ihn ſchon zu ſehr gereut, als daß er den gegenwärtigen Machthabern noch weiter in dieſem Sinne hätte dienen mögen. Mit dem Gedanken, daß er durch den Grafen von Mirabeau vielleicht für ſich und ſeine Charlotte ein paſſendes Unterkommen finden würde, verließ er das große Ordensband und durchſtreifte die etwas weniger mit Men⸗ ſchen erfüllten Straßen, ohne viel von ſeinen Umgebun⸗ gen zu bemerken, ausgenommen daß ihm im Laufe des Nachmittags das Geſicht des Rothhaarigen mehr als ein⸗ mal aufſtieß, der ihn ſchon bei der Kirche Notre⸗Dame mit ſo fatalem Blicke angeſchielt hatte. Selbſt die Sehens⸗ würdigkeiten der Stadt Verſailles von den Wachsbleichen bis zur großen Gewehrfabrik gingen an ſeinem Auge vorüber, ohne einen bedeutenden Eindruck zurückzulaſſen. So geht der Jäger über die blühenden Fluren und durch den dichtbelaubten Wald, nur mit dem einzigen Gedanken an ſeine Beute beſchäftigt. Nur in dem großen Ständeſaale verweilte Bernard länger und mit etwas mehr Intereſſe. Es wurde noch darin gebaut und ſeine geheime Karte hatte ihm Zutritt verſchafft. Innerhalb der ioniſchen Säulen, welche am Geſims eirunde Zierathen und keine Piedeſtale hatten, war der Saal 120 Fuß lang und 57 Fuß breit. Da⸗ rüber erhob ſich die in der Mitte im Oval durchbrochene Decke. Beſonders durch dieſes Oval drang das Licht ein, das man aber eben durch weiße Taffetvorhänge zu mil⸗ dern ſtrebte. An den beiden Enden des Saales w dem Lichte zwei ähnliche Eingänge geöffnet. An den Seiten liefen unten erhöhte Bänke für die Zuſchauer hin und oben an den Mauern befanden ſich noch Gänge mit durchbrochenen Geländern. Die Eſtrade für den König und den Hof war von einem an den Säulen befeſtigten Thronhimmel überragt und hinter dem Thron hatte man den ganzen Raum mit Sammet verhangen, worauf die Lilien prangten. Zur Linken des Throns noch unter dem großen Bal⸗ aren dachin ſtand ein Armſtuhl für die Königin und dann ka⸗ men die Seſſel für die Prinzeſſinnen. Rechts waren eine Art Feldſtühle für die Prinzen. Neben dem Fußtritt des Thrones befand ſich ein Armſtuhl für den Siegelbewah⸗ rer, zur Linken und Rechten ein Feldſtuhl für die Ober⸗ kammerherren. Am Fuß der Eſtrade ſtand eine Bank für die Staatsſecretäre und vor ihnen eine lange Tafel mit violettem Sammet bedeckt, worauf wieder Lilien glänzten. Die Bänke zur Rechten waren für die funfzehn Staats⸗ räthe und die zwanzig zur morgenden Sitzung eingelade⸗ nen Requetenmeiſter, die zur Linken aber für die Statt⸗ halter und General⸗Lieutenants der Provinzen beſtimmt. Längs dem Saale und zwar zur Rechten ſtanden an- dre Bänke für die Abgeordneten der Geiſtlichkeit, links d die für den Adel, ganz hinten aber dem Throne gerade n gegenüber die für die Gemeinen. Die Eſtrade ſowie über⸗ d haupt der ganze Fußboden des Saales war durchaus mit prachtvollen Teppichen belegt. 3 Aber all dieſe Pracht war nicht im Stande Ber⸗ ſe nard's Aufmerkſamkeit lange zu feſſeln. Er ging bald ft wieder aus dem Saale und begann auf's neue umher⸗ w zuirren. Je näher die Zeit kam, wo er ſeinen Beſuch m abzuſtatten hatte, deſto mehr ſchlug ihm das Herz. h. — 77 In tiefe Gedanken verloren, war er an dem marmor⸗ reichen Schloſſe Groß⸗Trianon vorübergegangen und be⸗ fand ſich auf einmal an einem Pavillon am Ende des Parks, den er noch nicht geſehen hatte. Da es ziemlich dunkel war, ſo konnte er auch trotz ſeinem ſcharfen Ge⸗ ſicht nicht erkennen, wo er ſich eigentlich befand. Während er ſo einen Augenblick mit den Augen forſchte, war es ihm als ſtoͤhnte etwas auf den Rund⸗ theilen des Gartens, die er um ſich zu haben glaubte. Er rief ein ſoldatiſches„Werda?“ erhielt aber keine Ant⸗ wort. Etwas Unheilvolles vermuthend, ſprang er an den Ort vor, wo er das Aechzen gehört hatte, und kaum war er einige Schritte über weiche Beete hingeſprungen, als er einen ſo nachdrücklichen Hieb mit einem Stocke auf die Schulter erhielt, daß er jedenfalls keinen Wundarzt nöthig gehabt haben würde, wenn ihn dieſer Hieb auf den Kopf getroffen hätte. Einen Augenblick ſtand er wie in den Boden gewur⸗ zelt und es war ihm als ob alles Fleiſch von ſeiner Ach⸗ ſel losgeſchlagen wäre; bald aber beſann er ſich und ſtuͤrzte wuthentbrannt vorwärts. Nicht weit von der Stelle, wo er den Schlag empfangen hatte, rannte er an eine menſchliche Geſtalt an, griff augenblicklich zu und— hatte ein Stuͤck Tuch in der Hand; denn der Ueberfallene riß ſich mit einem gewaltigen Rucke los. Bernard wollte ſich mit dieſem Siegeszeichen nicht begnügen, ſon⸗ dern dem Flüchtigen nacheilen; in dieſem Augenblicke aber ſtieß er an einen im Wege liegenden Gegenſtand und fiel der Länge nach darüber hin. Er lag auf einem menſchlichen Körper, das fühlte er wohl, wenn er es auch nicht an dem dumpfen Geſtöhn deſſelben gehört hätte. Den Flüchtling, welcher einen bedeutenden Vorſprung gewonnen haben mußte, noch weiter zu verfolgen, das ſchien ihm ſehr vergeblich zu ſein; er begnügte ſich dem⸗ nach zu unterſuchen was er vor ſich hatte. „Wer ſind Sie?... Warum liegen Sie hier auf dem Boden?...“ fragte Bernard den Daliegenden. Statt aller Antwort ſeufzte der Unglückliche(denn dafür hielt ihn Bernard) und ſtrebte ſich aufzurichten, was ihm aber nur mit Hülfe des neuen Ankömmlings gelang. Nun merkte Bernard, daß dem armen Teufel Hände und Füße gebunden und der Mund mit Staudengewäch⸗* ſen verſtopft war. Bald war er aller Feſſeln und Hin⸗ derniſſe entledigt; doch ſchien er ſich noch gar nicht völlig aufrichten zu können, ſo feſt war er geſchnürt geweſen. „Wer ſind Sie?“ wiederholte Bernard jetzt. — 279— „Ach,“ ſagte der Arme mit ſchwacher Stimme,„ich bin Silberdienergehülfe Ihrer Majeſtät der Königin, welche ſich dort in Klein⸗Trianon befindet...“ „Und wer hat Sie gebunden?“ „Ich kenne den Mann kaum von Anſehen; er iſt ſeit ein paar Tagen um das Schloß und im Park um⸗ hergeſchweift und hat für einen neu ugierigen Fremden ge⸗ golten...“ „Doch ſagen Sie, haben Sie Schaden gelitten?“ „Die Gelenke thun mir freilich w wird nicht viel ſein.“ In dieſem Augenblicke wurde Leben im Pavillon. Man hörte Pferdegetrappel und gleich darauf kamen meh⸗ rere Wagen ganz in der Nähe vorbei. Beim Scheine der Laternen ſah Bernard, daß er einen kleinen buckligen Kerl vor ſich hatte und zwar, wie es ihm vorkam, den⸗ ſelben welchen er ſchon am Tage bemerkt hatte, als er bei der Proceſſion vom Volke auf den Schultern getra⸗ gen wurde. Sein Geſicht war bleich und entſtellt, aber doch nicht ohne einen unverwüſtlichen Zug von Gutmüů⸗ thigkeit. Es waren in kürzerer Zeit, als wir zur Mittheilung dieſer Begebenheit gebraucht haben, vier elegante Kutſchen vorübergerollt und zuletzt erſchien ein großer Wagen, wel⸗ eh, aber entzwei — 80—— 4 cher um ſo langſamer vorwärts ging. Dieſen rief Ber⸗ nard an und er hielt ſogleich. „Meine Herren,“ ſagte er zu den neben dem Wagen hergehenden Männern,„wenn es Ihnen eine Möglichkeit iſt, ſo nehmen Sie einen Unglücklichen mit, der hier auf dieſer Stelle im Park angefallen und gemißhandelt wor⸗ den iſt, der nicht auf den Füßen ſtehen kann...“ „Meine Freunde,“ ſagte der Bucklige mit ſchwacher Stimme,„ich bin der Silberdienergehülfe Ihrer Majeſtät, und Sie haben wohl die Güte mich in Ihrem Küchen⸗, wagen mit nach dem Schloſſe zu nehmen... auch ein Buckliger hat das Leben lieb.“ „Mein Gott,“ rief einer der Wagenführer herantretend, „im Küchenwagen können Sie unmöglich Platz finden; aber ich will ſogleich ein Fuhrwerk aus dem Stalle be⸗ ſorgen... Gedulden Sie ſich nur einen Augenblick.“ Der Mann kehrte nach dem Pavillon zurück und der Küchenwagen fuhr weiter. Bernard faßte den arg ge⸗ quetſchten Buckligen unter den Arm und trug ihn nach dem nahen Sandgange, wo er ihn auf eine Steinbank niederließ. „Ich danke Ihnen auch recht ſchön,“ ſagte der Un⸗ gluckliche gerührt;„ohne Ihre Hülfe wäre dieſe Nacht jedenfalls die letzte meines Lebens geweſen; denn der Un⸗ — — 8 hold hatte mir den Tod bereits zugeſchworen, weil ich ihm nicht ſagen konnte was er wiſſen wollte... und übrigens hätte ich auch die Nacht ſicher nicht überlebt, wenn er mich nur ſo gebunden und mit verſtopftem Munde liegen gelaſſen hätte... In ſolchen Fällen ſpürt man erſt wie lieb man das Leben hat... „Und was wollte er wiſſen?“ fragte Bernard. „Zuerſt durchſuchte er meine Taſchen und nahm mir meine Briefe ab...“ „Ihre Briefe?“ „Ja; es hat ſich nämlich ein Advocat aus meiner Vaterſtadt an mich gewendet, um ſich über den Haushalt Ihrer Majeſtät der Königin zu unterrichten...“ „Dieſer Advocat?...“ „Heißt Robespierre; er iſt ein durchaus recht⸗ ſchaffener Mann, wie man ſte unter Leuten ſeines Stan⸗ des nicht allzu häufig antreffen ſoll, weil... wie er mir ſelbſt ſagte... die Unbeſtimmtheit der Geſetze zu deren Umgehung reizt...“ „Der Name iſt mir nicht unbekannt,“ ſagte B ernard nachdenklich;„Freiheitsliebe und Charakterfeſtigkeit ſollen ihn auszeichnen.. Doch was hatten Sie an ihn ge⸗ ſchrieben?“ „Was ich alle Tage vor Augen ſehe... die Zahl 1789. 1. 6 — 8— der Diener Ihrer Majeſtät, deren Gehalt und Kleidung, den Aufwand der Königin bei Tafel, in der Garderobe und an Geſchenken, das alles habe ich ihm gemeldet, weil es ihn ſehr zu intereſſiren ſchien— und ich glaube, ein ſo uneigennütziger und freiheitsliebender Mann ver⸗ diente dieſes Vertrauen... In welche Hände aber nun mein ſo eben geſchriebener Brief und die Billets Robes⸗ pierre's gefallen ſind, das weiß der Himmel...“ „Ich werde mich bemühen dahinter zu kommen und Sie, ſoweit meine Kräfte reichen, jedenfalls in Schutz nehmen,“ antwortete Bernard, ſeines Beſuchs bei dem mächtigen Mirabeau gedenkend. Ich wohne in der Schloßgaſſe Nr. 3,“ fügte er hinzu;„dahin werden wir uns zunächſt begeben.. Doch was geſchah weiter?“ „Nachdem mir der Räuber dieſe Briefſchaften abge⸗ nommen hatte, quälte er mich mit Fragen, die ſich ins⸗ geſammt auf Robespierre's gleichgeſtnnte Freunde be⸗ zogen und von denen ich keine beantworten konnte...“ „Warum riefen Sie nicht gleich um Hülfe, da Sie den Mund frei hatten?“ „Daran verhinderte mich das Piſtol, welches er mir auf die Bruſt geſetzt hatte; ich wollte lieber ein Weilchen als auf ewig ſchweigen.“ ☛⏑ᷣ̈—+„+ — 88— „In welcher Gegend des Parks ſind wir?“ Bernard. fragte „Etwa 300 Schritte von Klein⸗Trianon, wo Ihre Majeſtät die Königin den Sommer über häufig im Kreiſe guter Freunde und Freundinnen zu weilen pflegt; es iſt der Ort ihrer menus plaisirs...“ Kaum hatte der Bucklige dieſe Worte geſagt, als vier rieſenhafte Kerle um eine Hecke herumſprangen und im Nu vor den beiden erſchrockenen Maͤnnern ſtanden. Drei derſelben packten Bernard bei der Bruſt und an den Armen, beyor er an einen Widerſtand denken konnte, der vierte bedeckte den Buckligen mit ſeinem Leibe. Der ſtarke Bernard machte zwar einige Verſuche ſich loszuwinden, aber die Eiſenfäuſte der Strauchdiebe, von denen einer ihm ein Piſtol auf die Stirn hielt, wa⸗ ren nicht zu entfernen. Als er jedoch bemerkte, daß man den armen Buckligen forttrug, that er einen gewaltigen Ruck und ſtieß mit der Seite des Kopfes an das Piſtol. Es ging los und die Kugel ſauſ'te ihm dicht am rechten Ohr vorbei. In dieſem Augenblicke kam der Wagenlenker, welcher nach dem Pavillon zurückgegangen war, mit ein paar Leuten an und eilte mit ihnen auf den Schuß herbei. Die drei Kerle gaben dem athemloſen Bernard noch 6* 84⁴ einen kichtigen Stoß an den Kopf, daß er auf den Sand⸗ gang fiel, und verſchwanden hinter der Hecke ebenſo ſchnell als ſie gekommen waren. Dennoch behielt er noch ſoviel Beſinnung, daß er ſeinen Rettern zurufen konnte: „Schnell rechts hinter die Hecken! Man ſchleppt ihn fort Nach dieſen Worten ſank Bernard's Haupt auf den Sand zurück. Er war ohnwächtig; denn der Stoß an ſeinen Kopf war mit einem Meſſer geführt worden und hatte ihm einen ſtarken Blutverluſt zugezogen. Einer von den angekommenen Leuten der Königin hob ihn auf, be⸗ merkte die klaffende Wunde, band vorläufig ein Tuch da⸗ xum und trug ihn nach dem Pavillon; die andern beiden Männer flogen nach der von Bernard angegebenen Richtung. Wie lange Bernard ohne Bewußtſein gelegen hatte, das wußte er ſelbſt nicht zu ſagen. Als er aus ſeiner Ohnmacht erwachte, ſah er ſich in einem ganz netten Zimmer, umgeben von einigen Dienern in der Liyrée der Königin. Er hatte auch ſogleich ſeine volle Beſinnung wieder. „Wo iſt der kleine gebrechliche Mann, den ich in Schutz genommen hatte?“ „So eben iſt die Nachricht eingetroffen,„¹antwortete ete einer von den Bedienten,„d dem Canal gezogen hat.“ „Er lebt?“ „Er iſt wieder zum Leben gebracht worden.“ „Man hat ihn erſäufen wollen den armen Teufel... aß man den Silberdiener aus iſt man ſeinen Henkern auf der Spur?“ „Sie ſind in einem Wagen entkommen, an welchem man das Wappen einer Excellenz bemerkt haben will. „Gute Freund e,“ ſagte Bernard mit matter Stimme, „ſagt mir doch welche Zeit es iſt?“ „Es iſt drei Viertel auf 9 Uhr.“ „Dann iſt es Zeit mich auf den Weg zu machen, „begann der junge Menſch auf's neue, indem er ſich er⸗ hob und aus dem Bette ſteigen wollte; allein er fühlte ſich von Schwindel ergriffen, ſank auf das Kiſſen zurück und flüſterte nur noch:„Thut mir doch den Gefallen... zum Herrn von Mirabeau zu gehen und ihm zu mel⸗ den... daß ich... mein Papier... erſt morgen von ihm abholen könnte...“ Eine neue Ohnmac ht bemächtigte ſich des armen Men⸗ ſchen, deſſen Kräfte völlig erſchöpft waren; doch während man nach Eſſig lief, ſchlug er ſchon wieder die Augen auf und ſpr rach: „Bemüht Euch nicht um mich, meine Freunde; ich — 8d6— bedarf bloß ein Stündchen Schlaf zu meiner völligen Wiederherſtellung... Man bringt den Gebrechlichen hierher?“ „Er muß bald da ſein...“ Nach dieſen Worten wendete ſich Bernard nach der Wandſeite und bald war er entſchlummert. Die Nacht vom 4. zum 5. Mai verging ohne bemer⸗ kenswerthen Vorfall. Als Bernard am andern Mor⸗ gen die Augen aufſchlug, fühlte er zwar noch einen hef⸗ tigen Schmerz am Kopfe, aber das Fieber hatte ihn ſo ziemlich verlaſſen. Am andern Ende des Zimmers be⸗ merkte er ein zweites Bett, welches den Tag vorher noch nicht da geſtanden hatte. Der Bucklige lag darin und ächzte leiſe. „Sind Sie es, Unglücksgenoſſe?“ fragte Bernard. „Ja,“ antwortete der Angeredete, ſich ein wenig auf ſeinem Lager erhebend,„ich bin der Unglückliche, welcher Sie mit in's Verderben geriſſen hat! Ach, wie befinden Sie ſich?“ „Die Burſche haben mir die Kopfhaut geritzt,“ ver⸗ ſetzte Bernard,„aber ich gedenke ihnen den Schädel zu ſpalten.“ „Ich habe noch nicht die Ehre Sie zu kennen,“ ſagte n — 87— der Kleine,„aber ich werde Sie nicht mehr verlaſſen, wenn ich wieder fort kann.“ „Es wird mich freuen einen Mann von Ihren Ge⸗ ſinnungen um mich zu haben;... aber was haben Ih⸗ nen die Spitzbuben ferner zu Leide gethan?“ „Sie haben verſprochen, mich baldigſt an einen Ort zu bringen, wo ich zum Schreiben nicht ſehen könnte...“ „Nun?“ „Derjenige Kerl, aus deſſen Klauen Sie mich rette⸗ ten, ſagte zu mir:— Burſchen wie Du, welche den Feinden des Königs als Spione dienen, müſſen Gelegen⸗ heit erhalten ihre Correſpondenten⸗Talente auf die ver⸗ ſchiedenſte Weiſe zu üben; Dir wollen wir eine Wohnung anweiſen, wo Du mit Maulwürfen und Waſſerratten cor⸗ reſpondiren kannſt.— Ich war in dieſem Augenblicke vom Muth der Verzweiflung beſeelt und rief dem Hen⸗ ker zu ſo laut ich es bei meiner Schwäche vermochte:— Dann ſollen Dich aber auch Maulwürfe und Waſſerratten verrathen und Dir eine Wohnung neben der meinigen verſchaffen, Du Unmenſch!— Ah, ſagte er darauf höh⸗ niſch grinſend, zwölf Kerlchen wie Du haben mich noch nicht nachgezogen und eine ſchöne Schweizerin, der ich ſo eben noch ein ähnliches Logis verſchaffte, konnte es bloß — 88— 4 durch ihren Liebreiz thun, wenn ich meinem Gebieter in's Gehege gehen wollte...“ „Eine ſchöne Schweizerin...“ rief Bernard nichts Gutes ahnend. „Ja, der Kerl hat dieſer Tage ein junges Mädchen in der Baſtille eingekerkert, das nur eben aus der Schweiz eingetroffen war...“ „Wie konnte er Ihnen aber ſo etwas ſagen?“ rief Bernard noch bleicher werdend als er ſchon war. „Er mochte mich ſicher zu haben glauben und nöthigen⸗ falls mich zu ermorden gedenken, ſo daß er ſich nicht geniren zu müſſen meinte... Es zeigte ſich auch ſehr bald, wie ſehr er entſchloſſen war mich nie wieder mit einem Menſchen ſprechen zu laſſen. Als wir bis an den Canal gekommen waren, hörten wir ein Getümmel von Leuten, der furchtbare Kerl verſetzte mir einen heftigen Schlag in's Genick, ſtürzte mich in den Canal und hat ſogleich, wie ich nachher erfuhr, mit ſeinen Helfershelfern einen in der Nähe bereit ſtehenden Wagen beſtiegen...“ „Ein junges Mädchen aus der Schweiz... erſt an⸗ gekommen...“ brummte Bernard wie vernichtet vor ſich hin...„eingekerkert in der Baſtille... ah, ah, ſollte das nicht Charlotte ſein!— Der Gouverneur ſchickt mich nach Verſailles und befiehlt mich nicht wieder in die Baſtille einzulaſſen... ha, das Bubenſtück!... Und ſeine Henker ſpioniren hier herum...“ „Was bekümmert Sie ſo ſehr? Sie ſprechen mit ſich ſelbſt... „Beſchreiben Sie mir den Kerl, welcher Sie knebelte,“ antwortete Bernard,„ſagen Sie mir alles woran Sie ihn wieder erkennen würden.“ „Er ſchien ſehr fein gekleidet und doch ein gemeiner roher Menſch aus dem niedrigſten Pöbel zu ſein; auch ſeine Hände waren ſo feſt, daß er in ſeinem Leben immer derb zugegriffen zu haben ſcheint. Außer dem Piſtol habe ich keine Waffen an ihm bemerkt.“ „Ich glaube ihn ſchon geſtern Morgen um mich her⸗ ſchleichen geſehen zu haben... Ah, liebſter Freund,“ wendete ſich Bernard an einen jungen Bedienten, wel⸗ cher auf einem Stuhle an der Thür ſaß,„geben Sie mir doch einmal gefälligſt meinen Oberrock her; ich will etwas herausnehmen...“ Als er das Kleidungsſtück auf dem Bette hatte, griff er in eine hintere Taſche, langte ein Stück Tuch daraus hervor und hielt es gegen das Fenſter. „O, es iſt kein Zweifel mehr! Ich kenne den Bur⸗ ſchen! Hier habe ich einen Fetzen aus ſeinem Rocke! Ich erinnere mich auch an ſeinen Namen. Es iſt — 90— 4 Frangois Leclerc, Schließer der Baſtille, des Gou⸗ verueurs rechte Hand, wenn es gilt jemanden aus dem Licht der Sonne verſchwinden zu laſſen... Und ich liege hier und darf das Bett nicht verlaſſen!!— Wann wird wohl der Chirurg wiederkommen?“ fragte er den jungen Menſchen an der Thür, ihm den Oberrock wieder hinreichend. „Gegen Mittag hoffte er den Verband zu unterſuchen.“ „Was äußerte er über die Gefährlichkeit meiner Ver⸗ wundung?“ „Er ſagte, daß Sie vielleicht ſchon in acht Tagen wieder ausgehen könnten.“ „In acht Tagen!“ „Ja, wenn Sie ſich nämlich ganz ruhig verhielten...“ „Schön, ich werde mich ſo ruhig verhalten als es die Umſtände mit ſich bringen... Sobald Sie wieder gehen können, armer übel zugerichter Freund da drüben, werden Sie ſich in der Schloßgaſſe No. 3 oder, wenn ich da nicht ſein ſollte, beim Regiment Salis⸗Samade nach dem Schweizer Bernard erkundigen... Ich hoffe Ihnen gute Nachrichten geben zu können...“ Waͤhrend Bernard dies ſagte, ſtieg er aus dem Bett und kleidete ſich an. Nur mit Mühe gelang es ihm ſeinen Hut über den Verband herabzuziehen. Als er marſch⸗ — 91— 2 fertig war und zunächſt ſeinen Dank gegen ſeine Pfleger aren angenommen haben!“ 1 ausgeſprochen hatte, reichte er dem kleinen Silberdiener ) die Hand und ſagte: 8 1„Schonen Sie ſich, mein Beſter; ſobald Sie aber das. 8 1 Bett verlaſſen können, ſäumen Sie nicht mich aufzuſuchen. r Wenn ich zwei Biſſen Brod habe, ſo gehört einer davon 1 Ihnen.“ 4 „„Mein Herr Bernard, mein Retter...“ rief der. ⸗ Bucklige dem fortgehenden jungen Manne nach,„Sie 1 ſollen ſich keines Undankb 4. In dem Zeitraume vom 5. Mai bis zum erſten Drittel des Monats Juli 1789, einer überaus folgenreichen Epoche der Weltgeſchichte, geſchah in Bezug auf die Hauptper⸗ ſonen unſrer Erzählung nichts ſehr Erwähnenswerthes, 1 indem Bernard durch ſeine vorſchnelle Anſtrengung in ein heftiges und langwieriges Fieber verfallen und Char⸗ lotte Vanner unter ebenſo vielfachen als vergeblichen Verſuchungen von Seiten des Gouverneurs de Launoy im Kerker geblieben war. 8 Es war am Nachmittag des 9. Juli, als Bern a d endlich geheilt das Verſailler Hospital wieder verlaſſen 4 konnte. Noch an demſelben Abend eilte er nach Paris; denn er hatte von Charlotten ſeit ſeiner Abreiſe keinen Brief erhalten und jedenfalls war auch der ſeinige nicht an die Adreſſe gelangt. Er war im tiefften Herzen be⸗ — 93— kümmert, Haß und Eiferſucht miſchten Liebe. Am Abend, als es in der Stadt war(denn die Straßen wurden damals nur ſchwach von Laternen erleuchtet), kehrte Bernard in einem Wirths⸗ hauſe an der Porte St. Antoine ein. Alle Gäſte waren ſehr aufgeregt und ſchienen ihm mehr als gewöhnlich ge⸗ trunken zu haben. Bald aber mußte er bemerken, daß er ſich hierin getäuſcht hatte. Lange ſchrie man wild durch einander herum, bis endlich ein junger Mann auf einen Tiſch trat und mit der Hand winkte. und er begann ſo: ſich in ſeine reine ſchon ganz dunkel Es ſchwieg alles „Meine Herren, mich dünkt, es ſei gar nicht zweifel⸗ haft, was hier ſo ſehr ſtreitig gemacht wird. Truppen umgeben Paris und Verſailles. Sie ſind auf Befehl des Königs erſchienen. Darüber iſt jedermann einig. Aber ſollen dieſe 50,000 Mann Soldaten die Nationalverſamm⸗ lung beſchützen oder beherrſchen helfen? Dieſe Frage läßt ſich bloß dadurch beantworten, daß wir den Lauf der Begebenheiten vom Zuſammentritt der abgeordneten an überblicken. Adel und Geiſtlichkeit w llten, da von jedem der drei Stände abgeſon Der König unterſtützte d Volks⸗ ß die Vollmachten dert geprüft würden. ie beiden erſten Stände auf alle 94 4 Weiſe in ihrem Vorhaben. Als der Klerus und ein Theil des Adels zur Nationalverſammlung übertrat, begann der König Truppen zuſammenzuziehen, verkündete eine könig⸗ liche Sitzung und ſchloß den Verſammlungsſaal. Nun verſammelten ſich die Abgeordneten der Nation im Ball⸗ hauſe und in der Kirche des heiligen Ludwig, aber der König hielt ſeine Sitzung dennoch, ſprach harten Tadel über den Zwiſt der Reichsſtände aus, drohte die Staats⸗ laſt auf ſeine alleinigen Schultern zu nehmen und ver⸗ mehrte die Truppen um Verſailles und Paris. Am Tage darauf erklärte die Nationalverſammlung jeden für einen Hochverräther, der ihre Berathungen ſtören oder ihre Mit⸗ glieder antaſten würde, und ein Theil des Adels, mit dem Herzog von Orleans an der Spitze, reihten ſich den Volksvertretern an; da befahl der König dem Klerus und dem Adel— weil er es eben nicht gleich verhindern konnte— in den allgemeinen Verſammlungsſaal überzu⸗ gehen; wohlzumerken, gerade zu dieſer Zeit brachte der König die Truppen um die Hauptſtadt auf 50,000 Mann, die alſo jedenfalls, wie ich geſchichtlich nachgewieſen habe, nicht zum Schutze ſondern zur Niederhaltung der Nationalverſammlung und demnach der Nation ihre Mus⸗ keten tragen.“ „Es iſt klar,“ ſagte ein Bürger, der vorher gegen 2 dieſe Anſicht geſtritten hatte, nes iſt völlig klar, was hier Desmoulins ſagt; ich laſſe mich jetzt für dieſe Anſicht todtſchlagen. Nun glaube Einer noch was der Hof ſagt!“ „Ja dann iſt er verlaſſen!“ rief ein Andrer;„wer dort am frechſten lügen kann, der ſteigt am höchſten... der König ſelbſt...“ „O was dieſen betrifft,“ fiel C lins dem Redner in's Wort,„ſo iſt er nur das Spiel⸗ zeug einer infamen Intrigue, läuft aber Gefahr wider Gewiſſen und Willen ſeinen Namen zu einer abſcheulichen Verſchwörung herzugeben. Und worauf könnte dieſe Ver⸗ ſchwörung gerichtet ſein? Meine Herren, wir leben einem wichtigen Augenblicke. Hören Sie: Wie, wenn man die Nationalverſammlung zerſprengte, ihre Beſchlüſſe für aufrühreriſch und ihre Mitglieder in die Acht erklärte? Wenn man das Palais Royal*) und die Haͤuſer der Patrioten der Plünderung, die Wähler und Deputirten den Henkern preisgäbe? Ich ſehe alles zur Begehung dieſes Verbrechens bereit. Lauern nicht ſchon digß Brigands, bewaffnet mit Beilen, Dolchen und Fackeln amille Desmou⸗ in *) Wohnung des Herzogs von Orleans, auf ihre Beute, lauern nicht die Galgen und die Baſtille auf ihre Opfer? Iſt es mir doch als ſähe ich die Kriegsknechte ſchon auf Paris Sturm laufen. Die Wachen haben an allen Waffenmagazinen den Hahn geſpannt und geben Feuer auf das Volk; die Schweizerbrigaden auf dem Marsfelde, die Regimenter Salis⸗Samade, Chaͤteau⸗Vieux und Dies⸗ bach, ſowie die Huſaren Bercheny, die Royal⸗ und Eſter⸗ hazy⸗Dragoner zerſtreuen das Volk, leichte Truppen ſtürzen ſich auf's Rathhaus und heben die mißliebige Obrigkeit auf. Ein Kanonenſchuß giebt das Zeichen zum Blutver⸗ gießen und zum Einbruch der außerhalb der Stadt mord⸗ gierig lauernden Horden... O laſſen Sie uns dieſen Schuß verhüten, meine Freunde; denn ſonſt begiebt ſich am Tage nach dem ſcheußlichſten Morden und Rauben in den Straßen von Paris der König ganz ruhig in die Nationalverſammlung und ſagt:— Meine Herren vom Adel, von der Geiſtlichkeit und dem dritten Stande, da ſich unter den Ständen nicht die zur Ordnung der Ange⸗ legenheiten nöthige Eintracht kund giebt, ſo ſehen wir uns genöthigt die Verſammlung aufzulöſen; wir befehlen daher, daß ſich dieſelbe von Stund an trenne und deren bisherige Glieder an ihren häuslichen Herd zurückkek„, dem ich ſte nicht länger entziehen mag. Wünſche begleiten Sie! Meine beſten — Und noch an demſelben Tage, meine Herren, wo die Miniſter dieſe Rede dem K Könige in den Mund gelegt hätten, würden die Vertheidiger der g heidig Freiheit von den Schergen der Tarannei mit Ketten und B Banden belaſtet worden ſein! Binnen kürzeſter Friſt würde in dieſem Fall der volksfreundliche Necker uüber die Grenze gehen müſſen... Doch malen wir das Bil ld nicht weiter erden wir Waffen zu erlangen und unſer Blut für die Freih wiſſen!“ aus; für den N kothfall, meine Freunde, w eit zu vergießen Hier ſchwieg Camille D Desmoulins und nun br rach der lange zurückgehaltene Beifallsſt Sſturm los. „Ja, wir werden uns zur Wehr ſetzen, wir werden die Freiheit vertheidigen!“ riefen die Einen. „Wir ſetzen Gut und Blut an die Erringung der Frei⸗ heit!“ ſchrien die Andern. Als ſich das Toben wieder etwas gelegt hatte, ſtand Bernard auf, winkte mit der Hand und ſprach: „Ich kann nicht mit ſo beredtem Munde ſchil ich gern möchte, wie der Redner, welche r doch ich denke d daß gewichtige Thatſachen di maßen erſetzen ſollen...“ dern was ſo eben ſprach; e Kunſt einiger⸗ „Halt da!“ rief ein Bürger a i Nebentiſche,„Euer 1789. 1. 7 — 98— 4 Geſicht iſt mir bekannt!... Seid Ihr nicht einer von den verkleideten Schweizern, welche umherſchleichen und den Unterdrückern Poſten zutragen?...“ „Ich leugne, daß ich jemals... „Sehr richtig,“ unterbrach den jungen Mann ein andrer Bürger,„ich keune ihn ganz genau, denn Ihr möchtet wohl in ganz Paris kein ſolches Milch⸗ und Blutgeſicht finden.:. er gehört in die Baſtille und wenn mich nicht alles täuſcht, ſo war er es, welcher zuerſt die Hand an einen Parlamentsrath gelegt hat...“ „Ich gebe das zu...“ „Er giebt es zu!“ riefen gleich zehn Stimmen,„und wagt es unter uns zu bleiben!...“ „Meine Wunde am Kopfe... „Ich wollte, ſie ginge quer durch den Hals!“ rief eine heiſere Stimme. „Sprechen muß jedermann dürfen, meine Freunde,“ ſagte Camille Desmoulins gelaſſen;„hört ihn an und dann urtheilt!“ Es war jetzt alles ruhig und Bernard ſetzte auf's meue an, obwohl ihn von allen Seiten drohende Mienen 74 umringten. „Ich bin, wofür man mich erkannt hat,“ ſagte er. Murren unterbrach ihn nochmals. „ „ „Still, meine Freunde!“ ſagte Desmoulins;„auch unſer ärgſter Feind muß ſich vertheidigen dürfen.“ „Ich thue aber nicht, was man mir ſchuld giebt,“ . fuhr Bernard ruhig fort.„Mangel an Unterhalt trieb mich zum auswärtigen Dienſt, welcher nicht für unehren⸗ voll galt. Jugendliche Unerfahrenheit verleitete mich ein⸗ mal in meinem Leben das bloß blinde Werkzeug meiner Obern zu ſein— es war im Parlamentsſaale— und vielleicht iſt das ſehr gut geweſen...“ „Vielleicht deshalb,“ ſagte ein Nachbar,„weil es erſt recht ſchlimm werden mußte, bevor der Nation die Augen aufgingen...“ „Und auch deshalb,“ nahm Bernard wieder das Wort,„weil ich ſonſt nie das Vertrauen meiner Obern in einem Grade gewonnen hätte, wie es doch nöthig war, wenn ich ihnen ein wenig in die Karte ſehen ſollte...“ Es ward ſtiller, jedermann horchte. „Ich könnte mich gegen Sie legitimiren, wenn ich Ihnen den Grund ſagte, weshalb ich vor meiner Krank⸗ heit zum Grafen von Mirabeau beſtellt worden bin .. da dieſer Beſuch durch Ungunſt der Verhältniſſe un⸗ terbleiben mußte, ſo ſchweige ich vorlä ufig noch davon ... Aber ich habe einem Silberdiener der Königin das 7* Leben gerettet, dem man Briefe an den Advocaten Ro⸗ bespierre abgenommen hatte...“ „Einem Silberdiener der Königin Briefe an Robes⸗ pierre?“ fragte Camille Desmoulins ungläubig. „Dieſe kaum geheilte Kopfwunde hier und einen grün⸗ gelblichen Flecken auf der Schulter werde ich wohl noch lange als Andenken tragen... Ich ſchließe daraus, daß wirklich ein Complott beſteht, um die Männer der Freiheit auf jede Weiſe zu belauern, zu hemmen oder gar zu be⸗ ſeitigen. Dies wollte ich ſagen, um zu beweiſen, daß ich mit dem vorigen Sprecher einer Anſicht bin... Wie weit aber im Angeſicht der verſammelten Nation die Keck⸗ heit der Staatsdiener geht, davon glaube ich ein Beiſpiel aus dem Schloſſe mittheilen zu können, wohin ich jetzt nicht zurückkehren darf...“ In dieſem Augenblicke hörte man ein heftiges Getöſe auf der Straße; es ſchien das Gebrüll von tauſend wü⸗ thenden Menſchen zu ſein. Augenblicklich war die Wein⸗ ſchenke leer. Bernard drängte ſich bis mitten in die Volkshaufen und erfuhr bald, daß man mehrere junge Leute verhaftet habe, die mit aller Gewalt vom Volke befreit werden ſollten. Man gab ihnen ſchuld ſich an Polizeiſoldaten vergriffen zu haben. Und nun hatte man Militär abge⸗ 5— — 101— ſchickt, welches die Miſſethäter nach den Gefängniſſen ſchaffen ſollte. Die armen Soldaten wurden von allen Seiten gedrängt, geſtoßen und geworfen, bis man ſie ganz und gar überwaͤltigte und ihnen die Gefangenen abnahm. Statt des Wuthgeſchreies erſcholl nun durch die Straßen ein raſendes Triumphgeſchrei. Bernard ſchritt auf die nahegelegene Baſtille zu. Wie klopfte ihm das Herz! War es Charlotte, welche der unzüchtige Tyrann hatte einkerkern laſſen? Wie konnte er dann hoffen im Schloſſe Zutritt zu erlangen! Und noch dazu mußte der ſcheußliche Leclere ſeinen Rapport erſtattet haben!! Aber der Verſuch mußte gemacht, nöthigenfalls Liſt oder Gewalt angewendet werden... überzeugen mußte er ſich und— wenn ſich ſein ſchrecklicher Argwohn ge⸗ gründet zeigte— war zur Rettung der Unglücklichen kein Opfer zu groß. Unter ſolchen Gedanken war er an's Ziel gekommen. Er rief die Schildwache an und erhielt, nachdem er ſich legitimirt hatte, zu ſeiner größten Verwunderung ſogleich die Erlaubniß zum Eintritt. Ohne den geringſten Aufent⸗ halt erreichte er ſeine Zelle, wo ihn— ſein Freund Borel empfing. „Nun,“ ſagte dieſer,„Du biſt lange auf Kundſchaft geweſen und bringſt wohl viel Neuigkeiten mit? Sage mir doch...“ „Vor allen Dingen ſage Du mir, was macht meine Braut?“ „O die befindet ſich jedenfalls ſehr wohl; ſie iſt mit einer Verwandten des Gouverneurs in die Bäder von Aix gereiſ't.“ „Und Fräulein Henriette?“ „Die iſt noch hier.“ „Woher haſt Du die Nachricht, daß Charlotte nach Aix gereiſ't iſt?“ „Von unſerm Landsmann Flühe, welcher auf de Launoy's Befehl alles zur Reiſe vorbereitet hat. Auch habe ich ſelbſt kurz nach Deinem Abgange von hier zwei Damen in einen Wagen ſteigen und fortfahren ſehen, ohne daß ſie wiedergekommen wären... Doch ſie wird ſchon wiederkommen; erzähle Du mir lieber etwas von Ver⸗ ſaiſles... „Davon weiß ich ſicher weniger als Du, indem ich faſt die ganze Zeit über im Hospital gelegen habe...“ „Im Hospital?“ „Allerdings; ich bekam im Gedränge eine Kopfwunde und wartete mich anfangs nicht ordentlich ab...“ — 103— „Haſt Du denn aber nicht dafür zwei Kopfwunden ausgetheilt? Denn das iſt ja ſo Deine Art... „Ich hatte damals nicht Zeit, hoffe aber das Ver⸗ ſäumte nachzuholen... Was macht der wackre de Losmes?“ „Er hat jetzt etwas ruhigere Zeit als früher. In An⸗ erkennung ſeiner guten und beſchwerlichen Dienſte hat ihn der Gouverneur für einige Zeit von der Beaufſichtigung der Kerker entbunden und dieſe Sorge in höchſteigner Perſon übernommen...“ „Seit wann? „Es war gleichfalls um die Zeit, als Du eben die Baſtille verlaſſen hatteſt... „Ha! Es iſt nur zu klar!“ „Was fällt Dir ein?“ rief Borel erſtaunt;„haſt Du dem Gouverneur keine ſolche Aufopferung zugetraut?“ „Ich traue ihm alles Mögliche zu,“ verſetzte Ber⸗ nard ingrimmig,„und— will eben gehen ihm meinen Rapport von Verfſailles abzuſtatten.“ „Es wird dieſen Abend nicht angehen,“ meinte Borel; „ich glaube nicht einmal, daß es Dir gelingt in den zweiten Hof zu kommen, indem— bei der unruhigen Zeit— die Zugbrücke de l'Avancé nur für beſtimmte Perſonen niedergelaſſen wird.“ — 104— „Dann wären wir alſo auf den erſten Hof be⸗ ſchränkt...“ „So iſt's.“ „Auch gut; was heute nicht geſchehen kann, wird jedenfalls morgen früh angehen.“ Nach dieſen Worten warf ſich Bernard kummervoll auf ſeinen Stuhl am Fenſter und ſchien die Unterhaltung abbrechen zu wollen. Aber Borel fuhr doch fort: „Was bekümmerſt Du Dich? Daß uns die andern Höfe verſchloſſen ſind? Wir können auch hier von den Caſernen aus Gutes wirken... Weißt Du noch unſre Arbeit in Deiner Zelle? Die hatte einen ſo guten Er⸗ folg, daß wenige Tage ſpäter ein königliches Bücherverbot ausging...“ „Schön....“ „Der große Haufe geberdet ſich freilich übel dabei, aber wir werden ihn ſchon zu Paaren treiben...“ „Guter Freund, ich treibe den großen Haufen wahr⸗ ſcheinlich nicht mit zu Paaren; denn ich befinde mich ſo unwohl, daß ich nur an mich ſelbſt denken kann... Ich werde auch wohlthun, mich ohne weiteres in's Bett zu legen.“ „Soll ich die Nacht bei Dir bleiben?“ n — 105— „Iſt nicht nöthig, ich danke; werde mich morgen frͤh ſchon erholt haben.“ Nun mußte auch ein Borel me rken, daß ſein Freund „ ggern allein ſein wollte. Er wünſchte gute Nacht und ging mit den Worten zur Thür hinaus: „Ich hoffe daß Du Dich morgen befindeſt wie ein Fiſch im Waſſer und daß Du mir Deine Verſailler Aben⸗ teuer erzählſt Ich ſage Deiner Braut nichts wie⸗ der.. Daß ſich Bernard mit ſchlimmen Gedanken trug, daß er die Nacht über nur einen fieberhaften Schlaf hatte, wird den Leſer nicht befremden. Bevor es noch tagte, und ging hinunter in den Hof. Die Pferde des Gouverneurs wieherten in den Ställen, in der Wagenremiſe krähten Hähne, die aus dem Brunnenhofe hierher verſetz tzt worden waren, und die invaliden Schildwachen ſchritten taktmäßig auf und ab. Sowie der Tag graute, näherte ſich unſer Bernard dem Wachhauſe am Graben verließ er ſein Lager, zog ſich an vor dem Hofe des Gouver⸗ neurs, deſſen Stimme man jenſeit der Zugb rücke de l'Avancé vernahm. „Kann ich dem Herrn Gouverneur meine Aufwartung machen?“ fragte Bernard die Schildwache. „So eben iſt Befehl ertheilt Sie ein zulaſſen,“ erwie⸗ — 106— derte der Invalid;„gleich aus dem Bade weg hat der Herr Gouverneur dieſen Befehl ertheilt.“ Auf ein Zeichen ſenkte ſich die Zugbrücke und wenige Minuten ſpäter ſtand der Schweizer vor dem Herrn de Launoy. „Ah, da ſind Sie ja wieder; ich werde manches Neue erfahren,“ ſagte der Gouverneur;„folgen Sie mir!“ Und der Gouverneur ſchritt ſeiner Wohnung zu. In ſeinem Wohnzimmer angekommen, nahm de Launoy aus einem Wandſchränkchen einen Brief, den er in der Hand behielt, ſetzte ſich auf ſein rothſammtenes Sopha und ſprach: „Bernard, welche Nachrichten bringen Sie? Sie haben über einen Monat Zeit gehabt deren zu ſammeln.“ „Monſeigneur,“ antwortete der Schweizer,„ich habe über einen Monat im Hospital gelegen...“ „Ich weiß es— und freue mich, wenn Sie es ge⸗ ſund verlaſſen haben; indeſſen haben Sie doch vorher und nachher Ihre Beobachtungen gemacht?“ „Dieſe beſchränken ſich darauf, daß man aller Orten über Gewaltherrſchaft ſchreit, vielleicht ohne recht zu wiſſen was man will.“ „Durch Streicheln läßt ſich die wilde Katze nicht be⸗ ſänftigen. Die Deputirten des dritten Standes ſind ſtets — 107— Bittende geweſen, jetzt wollen ſie die Herren ſpielen. Man wird ſte von dem großen Pferde herunterlangen müſſen, auf welchem ſie ſitzen. Was wiſſen Sie davon?“ „Zu Anfange des Monats Mai baten ſie noch ohne Leidenſchaſtlichkeit und jetzt ſcheinen ſte mit Ungeſtüm befehlen zu wollen— weil die beiden erſten Stände an Zahl nicht ſtärker ſind als der dritte Stand...“ „Das haben wir dem ſpeculativen Kaufmann Necker zu danken... aber das Portefeuille wird wohl auch nicht mit ihm verwachſen ſein... Doch was ſagt man von unſrer Burg?“ „Einige halten ſte für nothwendig, weil ſich der Staat gewiſſer einflußreicher Perſonen zu entledigen habe, die er nicht öffentlich verurtheilen laſſen könne, wenn er eine Empörung oder doch wenigſtens Aufläufe verhüten wolle; Andre ſehen in der Baſtille und in den Lettres de Cachet nur Gewaltſtreiche der Miniſter.“ „Was man auch darin zu ſehen beliebt,“ verſetzte de Launoh mit Achſelzucken,„ſte wird beſtehen... Sollte ſte aber auch vom ganzen Janhagel angegriffen werden, immer werden wir ſie zu vertheidigen verſtehen. Darum wollte ich auch Sie jetzt nicht miſſen, obwohl ſie im Re⸗ giment Salis vor der Stadt nöthig geweſen wären. Ich verlaſſe mich auf Sie und gebe Ihnen hiermit den Auf⸗ — 108— trag, die kommenden Nächte mit Ihren Kameraden das Schloß gehörig mit Munition zu verſehen... Unter⸗ ſtützung von außen iſt zugeſagt...“ „Mein Herr Gouverneur,“ begann Bernard mit zitternder Stimme,„ich werde alles zu Ihrer Zufrieden⸗ heit auszuführen trachten... aber wäre es nicht gut, Ihr Fräulein Tochter nebſt ihrer Geſellſchafterin ſowie die Frauen und Kinder der Officiere des Generalſtabs in der Stadt einzuquartieren, wenn Sie wirklich einen Ueber⸗ fall beſorgen zu müſſen glauben... Verzeihen Sie, ich meine nur unmaßgeblich...“ „Meine Tochter hat Muth genug, nöthigenfalls ſelbſt eine Musquete abz zuſchießen, und die Vanner befindet ſich jetzt jedenfalls im Süden des Reichs, indem ſte die Frau Dubord. nach den Bädern von Air begleitet hat .. Ich ſelbſt übernahm es, ihre letzten Grüße an Sie auszurichten...“ Bernard Nea ſ ſich, während Purpurröthe ſein Geſicht überzo „Und was wären Tauſende und aber Tauſende vor unſern Mauern? Jeder Schuß über die Zugbrücke und nach den Thoren müßte ja ganze Haufen Volks weg⸗ raffen... nirgends ſind die Frauen und Kinder ſichrer —,—,—— als in der Baſtille... Da kommen Sie her an das Fenſter...“ Bei dieſen Worten faßte de Launoy den jungen Mann am Arme und führte ihr an ein Fenſter, welches erade gegenüber lag. Es nachläſſtg geſchloſſen Jalouſte aren zwei Läden aus dicken Ei⸗ chenpfoſten, welche der Gouverneur mit den Worten zu⸗ ſammenklappte: dem Thore des äußern Hofs g war von außen mit einer verdeckt und inwendig w „Welche Flintenkugel geht wohl durch dieſe Pfoſten? Durch die ſechs Löcher da ſtecke ich das Spielzeug des Grafen von Sachſen*), das auch die dicken Schenkel der Fiſchweiber durchbohren wird... Wie mein Zimmer, ſo muß die ganze Feſtung in Vertheidigungszuſtand ge⸗ ſetzt werden.“ „Und was hätte ich zunächſt dabei zu thun?“ „Den Tag über beaufſichtigen Sie d den äußern Zugbrücken und bei den neu anzulegenden Schießſcharten, während der folgenden Nacht beſtchtigen Sie am äußern Thore die ankommenden Geſchütze nebſt ie Arbeiter an — *) Es waren kleine Wallgeſchuͤtze aus dem alten Waffen⸗ magazin über dem erſten Thore, die anderthalbpfündige Kugeln trugen. — — 110— dem Schießbedarf... Die weiteren Befehle werden Ihnen zukommen.“ Hierauf gab de Launoy das Zeichen der Entlaſ⸗ ſung und Bernard gehorchte dem Befehle des Gouver⸗ neurs maſchinenmäßig, weil er ſeine Herzensmeinung nicht merken laſſen durfte, wenn er nicht auch zehn Ellen tief unter der Erde verſchwinden wollte. Er ging von einer äußern Zugbrücke an die andre, an welchen rüſtig gearbeitet wurde. Jeder faule Balken, jedes durchgetretene Bret ward mit neuem tüchtigem Holz vertauſcht und mit ſtarken eiſernen Klammern befeſtigt. Die Geländer, welche an den über die Gräben liegenden Querbalken angebracht waren, wurden ganz weggenom⸗ men, damit niemand ſo leicht bei aufgezogenen Zug⸗ brücken einen Graben überſchreiten könne. Nach allen Richtungen und beſonders nach der Vorſtadt St. Antoine hin wurden von Maurern und Mineurs die dicken Stein⸗ wände durchbrochen und mit Kanonenröhren geſpickt. Dieſe Arbeiten nahmen den ganzen Tag des 10. Juli weg. Wie ein Träumender warf ſich Bernard gegen 9 Uhr auf ſein Bett, um zur Mitternachtsſtunde wieder auf ſeinem Poſten zu ſein. 3 Er ward zur rechten Zeit durch das Anrufen der Schildwachen geweckt. Als er an das äußere Thor kam, — 111— war eben die Zugbrücke niedergelaſſen worden vernahm leiſes Pferdegetrappel und ein dump hörbares Rollen, wie das eines fernen und er fes, kaum Donners. Bald aber ſah er, was er vor ſich hatte. Es waren vierſpän⸗ nige Kanonen, deren Räder ſowie auch die Hufe der vorgeſpannten Pferde man mit Leinwand umwickelt hatte. Während dieſer und der folgenden Nacht kamen 18 Geſchütze an, von denen 15 auf die Thürme und 3 in den großen Hof geſchafft wurden. In den Munitions⸗ wagen waren 400 ſogenannte Biscayer d. h. Kugeln von der Größe der Billardbälle, 14 Kiſten voll Kreiſelkugeln welche die Huͤlſe mitnehmen, 1500 gemeine Kartätſchen⸗ ſchüſſe nebſt einer Unmaſſe andrer Kanonenkugeln. An Pulver wurden von Bernard's Kameraden nach und nach 250 Fäßchen zu je 125 Pfund eingeführt. In der Nacht vom 11. zum 12. Juli kamen auch noch 48 Fuder Steine und Eiſen mwerk, die auf die Thürme vertheilt wur⸗ den, damit ſte, falls die Munition ausginge, Stuͤrmenden herabgeſchleudert werden könnten. Die Aufſicht, welche Bernard bei dieſer Importation zu führen hatte, war gleich Null und nicht wenig ver⸗ dächtig. Warum ſollte er ſich nur an den äußern Zug— brücken und am äußern Thore aufhalten, während die Waffen und der Schießbedarf im ganzen auf die Schloſſe ver⸗ — u?2— theilt wurden? Er glaubte zu wiſſen, warum man ihn vom Innern der Burg entfernt hielt, und ward dadurch noch mehr in ſeiner Anſicht beſtärkt, daß alle übrigen Schweizer gleichfalls zu äußeren Wachen verwendet wur⸗ den. Er hätte in ohnmächtiger Wuth zerſpringen mögen. Nur ein außerordentlicher Wechſel der Dinge konnte ihn aus ſeiner Unruhe reißen. Aber dieſer bereitete ſich auch vor, wie verſchiedene Anzeichen verkündeten. Wir ver⸗ laſſen den armen jungen Mann, den nur wenige Mauern von der Geliebten ſeines Herzens ſcheiden, und begeben uns aus der ſchrecklichen Zwingburg hinaus mitten unter das Volk, welches überall ſo aufgeregt iſt, wie wir ei⸗ nige Individuen deſſelben in dem Wirthshauſe an der Porte St. Antoine geſehen haben.— 2. Was de Launoy von Necker's Ungnade geſagt hatte, war nicht aus der Luft gegriffen. Die wirklich beſtehende Verſchwörung gegen„die ungehorſame Nationalverſamm⸗ lung“ und„das unbändige Volk“ hatte ſeinen Fall auf die Nacht vom 13. zum 14. Juli feſtgeſetzt; dies ſchien aber dem Grafen von Artois und dem Herrn von Breteull eine gefährliche Zögerung, weil zu viele Per⸗ . ſonen im Geheimniß waren, und ſie überredeten den König ſchon am 11. Juli, dem„eigenſinnigen“ Necker zu befehlen, daß er in aller Stille und zwar binnen 24 Stunden das Reich verlaſſen haben müßte. Necker ſaß eben bei Tiſche, als ihm der Herr von 1789. I. Luzerne ein königliches Schreiben überbrachte. Der Finanzminiſter erbrach es ſogleich, las es ohne äußeres Zeichen der Ueberraſchung und ſagte zum königlichen Ge⸗ ſchäftsträger: 8 — 112— 4 „Ich nehme von Ihnen nicht Abſchied; wir werden uns heute Abend im Conſeil ſehen.“ te Dann unterhielt er ſich mit dem Erzbiſchof von Bor⸗ ſe 4 deaux und andern Gäſten, als ob nichts paſſirt wäre. Nachmittags gegen 5 Uhr ſagte er ganz laut zu ſeiner zo Gemahlin: la „Liebe Frau, der Kopf iſt mir etwas eingenommen; ül wollten Sie wohl eine kleine Spazierfahrt mit mir da machen?“ B, Die Familie ſtieg in den Wagen und fuhr weiter als. Ar Madame Necker vermuthet hatte. Eine Stunde über ba Verſailles draußen befahl der Ex⸗Miniſter ſeinem Kut⸗ ab ſcher raſch nach St. Ouen zu fahren, wo er ein Land⸗ ric haus hatte. Hier traf er während der Nacht die nöthi⸗ gen Anſtalten zur Abreiſe und am andern Morgen frühr eri um 6 Uhr rollte der Wagen auf der Straße nach Brüſſel M vorwärts. Es war der kürzeſte Weg nach der Grenze. ſch Erſt in dieſem Augenblicke benachrichtigte er ſeine Toch⸗ zu ter die Frau von Staöl nebſt ihrem Gatten von dem rol Entſchluß des Königs.— Tre „Ah,“ ſagte die geiſtreiche Frau von Staöl,„wie geſ ein Verbrecher ſollen Sie ein Reich fliehen, dem Sie alle Ihre Ruhe, Ihre Kräfte, Ihr Vermögen und einen ſo hor ſchönen Theil Ihres Lebens geopfert haben!“ dem „Wie ein Verbrecher ſoll ich es fliehen, meine Toch⸗ ter,“ antwortete ihr Vater lächelnd,„und als einen er⸗ ſehnten Retter wird man mich zuruͤckholen.“ Erſt am andern Mittag brachte ein Emiſſär des Her⸗ zogs von Orleans dieſe betrübende Nachricht in's Pa⸗ lais⸗Royal. Der Herzog lachte anfangs darüber als über ein Maͤhrchen, das die Feinde der guten Sache er⸗ dacht hätten, ja einige ſeiner Anhänger behandelten den Berichterſtatter wie einen Verrückten oder auch wie einen Anhänger der volksfeindlichen Miniſter und hätten ihn bald in die Baſſins des Circus geworfen. Als ſte ſich aber noch mit ihm herumſtritten, kamen ſchon neue Nach⸗ richten, die keinen Zweifel mehr geſtatteten. Wie ein Lauffeuer durchfliegt dieſe Nachricht die un⸗ ermeßliche Hauptſtadt. Die Verbannung eines einzigen Mannes wird als ein Staatsunglück betrachtet. Alles ſchaudert und betrachtet Necker's Fall als das Signal zu den Landplagen der Hungersnoth, des Staatsbanque⸗ routs und des Bürgerkriegs. Wie in den Tagen der Trauer und Trübſal werden ſogleich die Schauſpielhäuſer geſchloſſen, einfache Bürger rufen durch die Straßen, daß alle Luſtbarkeiten eingeſtellt werden ſollen, und man ge⸗ horcht ihnen. Zugleich ſtrömt eine Maſſe Volks nach dem Palais⸗Rohal, nicht ſowohl um ſich von der Wahr⸗ - — 116 heit des Ereigniſſes zu überzeugen, als um ſich gegen die Beſtrebungen der Tyrannei zu verbinden. Der Un⸗ wille hat den höchſten Grad erreicht. Bläſſe der Ver⸗ zweiflung zeigt ſich auf den Stirnen der verſammelten Männer, das Beben der Rache auf ihren Lippen. Ob⸗ gleich unbewaffnet, iſt doch jeder bereit, zur Rettung des Vaterlandes der Gefahr entgegenzufliegen und löwenmu⸗ thig gegen die Schergen der Gewalt zu kämpfen. Unter dieſer Menge auf's äußerſte entrüſteter Männer befindet ſich ein junger Mann, deſſen Auge Funken ſprüht. Es iſt Camille Desmoulins. Er ſchwingt ſich wie⸗ der auf einen Tiſch und ruft in ſchöner Begeiſterung: „Zu den Waffen! Zu den Waffen!“ Zugleich zieht er einen Degen, zeigt ein Piſtol und ſteckt ſich eine grüne Cocarde an die Mütze. Anfangs hatte ihn die Volksmenge ſchweigend be⸗ trachtet und angehört; aber bald fühlt ſie ſich von ſei⸗ nem Muth elektriſtrt und ſtößt plötzlich ein heftiges Ge⸗ ſchrei aus. Sie reizt ſich gegenſeitig an, reißt Blätter von den Bäumen und in wenigen Augenblicken glänzen an tauſenden von Mützen und Hüten grüne Cocarden. So geſchmückt verbreitet ſie ſich durch alle Stadtviertel und reißt überall die Anſchlagszettel ab, worauf zu leſen war: 4 — 117— „Auf königliche Anordnung. Jedermann wird ermahnt zu Hauſe zu bleiben und ſich nicht zu verſam⸗ meln. Zugleich wird bekannt gemacht, daß bloß der Bri⸗ gands wegen, die ſich hier und da haben blicken laſſen, um Paris und Verſailles Truppen zuſammengezogen wor⸗ den ſind.“ „Ja, ja, der Brigands wegen,“ ſchrie man, während man die Zettel abriß und mit Füßen trat;„aber dieſe Brigands gehen in Sammt und Seide!“ Eben hatte ſich auf dem Platze Ludwig's XV. ein Haufen Volks zuſammengefunden, und aus einer nahen Gaſſe kam eine äußerſt wunderliche Proceſſion. Es wa⸗ ren lauter Männer, bewaffnet mit Piſtolen, Beilen und eiſenbeſchlagenen Stöcken. In der Mitte des Zugs er⸗ blickte man ein paar mit Trauerflor überhangene Büſten: die Necker's und Orleans'(welcher Letztere gleichfalls in Ungnade gefallen ſein ſollte). Man hatte dieſe Bü⸗ ſten aus dem reichen Kunſteabinet des Bildhauers Cur⸗ tius geholt, deſſen Meißel beſonders berühmten Zeitge⸗ noſſen gewidmet war. Als dieſe triumphirende Ceremonie den Platz Lud⸗ wig's XV. erreicht hatte, ward ihr eine Abtheilung Mi⸗ litär entgegengeſchickt, denn es ſollten keine Verſamm⸗ lungen geduldet werden. Beſenval hieß der Anführer — 118— 4 des Detachements vom Regiment Royal⸗Allemand, von den Schweizergarden und Dragonern. Er giebt das Zei⸗ chen das Volk zu zerſtreuen, die Kanonen rücken vor und die Soldaten dringen mit geſchwungenem Säͤbel auf „die Tumultanten“ ein. Bald iſt der ſchlecht bewaffnete Haufe zerſprengt, Necker's Büſte am Boden zerbrochen und die Orleans' wird nur wie durch ein Wunder vor dem Säbel eines raſch einhauenden Dragoners gerettet. Mehrere Perſonen werden verwundet und ein unbewaff⸗ neter Soldat von der franzöſiſchen Garde liegt todt auf dem Wahlplatze. Zu gleicher Zeit kamen die Spaziergänger aus dem Boulogner Wald und den Landhäuſern zurück und er⸗* zählten, wie ſie auf den elyſäiſchen Feldern fremde Sol⸗ daten in Schlachtordnung aufgeſtellt geſehen hätten. Der Schrecken bemächtigte ſich aller Gemüther. Auf dem Platze Ludwig's XV. hielt jetzt der Oberſt des Regiments Royal⸗Allemand, der Prinz von Lam⸗ besc. Da ſich das Volk von ſeiner erſten Beſtürzung erholt hatte, drang es zornig gegen das Militär vor und begrüßte es mit einem Hagel von Pfaſterſteinen. 1 Da verliert der Prinz von Lambese den Kopf, ſprengt mit einigen Reitern in die Tuilerien und verwundet einen armen erſchrockenen 64jaͤhrigen Mann, Namens Chau⸗ * — 119— vet, welcher dort eben ſpazieren ging. Man höoͤrt den Knall von mehreren Flintenſchüſſen, ja ſelbſt eine Kanone wird abgefeuert und Männer, Frauen und Kinder ſtürzen ſchreckenerfüllt aus allen Thüren des Gartens. Bei dieſem Anblick ſchreit alles was ſchreien kann: „Zu den Waffen, zu den Waffen!“ und dieſer Ruf ver⸗ breitet ſich vom Palais⸗Royal durch ganz Paris. Schon blinken mehrere Degen uͤber den Häuptern des Volks, die Sturmglocke tönt durch alle Kirchſpiele von Paris, man läuft nach dem Stadthauſe, tritt überall zuſammen und erbricht mehrere Läden der Waffenſchmiede. Unterdeſſen iſt die Nachricht vom Tode des franzöſi⸗ ſchen Gardiſten in die Caſernen gedrungen. Die Soldaten der franzöſiſchen Garde wußten recht wohl, daß ſie bei er Regierung nicht gut angeſchrieben ſtanden, weil ſie ſich ſchon früher einmal geweigert hatten auf's Volk zu ſchießen. Man mißtraute ihnen im höchſten Grade und hatte ſie ſtets durch arge Zurückſetzung gekränkt. Jetzt war einer ihrer Kameraden erſchlagen worden. Sie ver⸗ ließen zum Theil ihre Caſernen, miſchten ſich unter das Volk und begannen deſſen Bewegung zu regeln. Kaum aufgeſtellt, treffen ſte am alten Boulevard auf ein Detachement des Regiments Rohal⸗Allemand, rücken in guter Ordnung auf daſſelbe los, geben Feuer und tödten ihm drei Reiter. — 120— Das Detachement war ſchwach und zog ſich nach dem Hauptſtamme ſeines Regiments auf den Platz Lud⸗ wi g's XV. zurück. „Die wären hier fort,“ ſagte ein franzöſiſcher Gar⸗ diſt;„aber ſo lange noch Militär in der Stadt iſt, kann kein guter Bürger ruhig ſchlafen. Es i*ſt bereits 11 Uhr... und wer weiß, was die Nacht noch geſchehen könnte, wenn wir nicht zuvorkämen.“ „Recht ſo,“ ſagte ein andrer ebenſo gelaſſen;„wir haben hier keine Officiere und keine Artillerie, aber wir ſind 1200 Mann, von denen keiner den Tod für's Va⸗ terland fürchtet.“ „Und hinter Euch ſtehen 10,000 Pariſer,“ rief eine Stimme aus dem Volke,„welche ſich nicht ſchlafen legen wollen, bis die Helfershelfer der Tyrannen aus der Stadt ſind.“ „Vorwärts denn im Namen des Vaterlands!“ rief jetzt der, welcher zuerſt das Wort ergriffen hatte, etwas lauter, ſo daß er von ſeiner ganzen Umgebung gehört werden konnte;„fort mit den Mördern aus Paris!“ Bei dieſen Worten ſchwang er die Muskete über dem Haupte und ſchritt vor. Seine Kameraden folgten wie auf dem Commando eines Officiers. Das begleitende Volk ſchwang Stroh⸗ und Pechfackeln, hielt Laternen an — 121— langen Pfählen empor und jubelte, als ſollte es zu irgend einem luſtigen Schmauſe gehen. Als dieſe kleine Armee auf dem Platze Ludwig's XV. ankam, zog das Regiment Royal⸗Allemand auf der ent⸗ gegengeſetzten Seite ab und marſchirte, wie man ſpäter erfuhr, direct nach Verſailles. Dieſes Beiſpiel ward noch in derſelben Nacht von allen regelmäßigen Truppen der Stadt nachgeahmt. Jetzt hatte man es nur noch mit den Brigands zu thun, welche ſich die Zeiten der Verwirrung ſtets zu Nutze machen. Sie ſchweiften in der Stadt und den Vorſtädten umher und raubten in der Dunkelheit der Nacht oder auch bei Fackelſchein mit offener Gewalt. Sie erbrachen namentlich die Zollhäuſer, leerten die Kaſſen und zünde⸗ ten in ihrem Uebermuth die geplünderten Häuſer an. Wurden die Bewohner von Paris ſchon durch ſchamloſe Räubereien und die Feuersbrünſte erſchreckt, ſo vermehrte ſich ihr Entſetzen bei dem beſtändigen Hin⸗ und Her⸗ marſchiren des Militärs und den häufigen Flintenſchüſſen, denn ſie wußten nicht, daß dies Abtheilungen der Schaar⸗ wache, der franzöſiſchen Garde und der bewaffneten ger waren, welche eben die Straßen ſicher 5 trachteten. Während es in Paris ſo laut zuging, 4 in Verſailles keine Ruhe. Necker war nicht mehr da und alle Patrioten trauerten. Deſto mehr freuten ſich die Anhänger des Hofs über ihren Triumph; ſie höhnten durch lascive Geſaͤnge und deutſche Tänze die Freunde der Freiheit. Bald aber ſollten auch ſte von Schrecken ergriffen werden. Plötzlich kam die Nachricht, ihre Ver⸗ ſchwörung ſei entdeckt und man komme ſie zu verhaften. Es war nur ein falſcher Lärm, aber die erſchrockenen Verſchwörer trafen doch gleich Maßregeln, welche ganz allein ihre verbrecheriſchen Abſtchten zu beweiſen im Stande geweſen wären. Alle Verbindungen zwiſchen Verſailles und der Hauptſtadt wurden ſogleich unterbrochen, weder eine Poſt noch ein Courier, weder ein Reiter noch ein Wagen noch ein Fußgänger dürfen paſſiren, alle Wege ſind augenblicklich mit Truppen bedeckt, die Gardes du Corps ſtehen die ganze Nacht in Schlachtordnung, die Söve⸗ Brücke wird durch eine Kanone beſtrichen und ein Poſten hat Ordre dieſe Brücke abzubrechen, ſobald ſie nicht mehr vertheidigt werden kann. In und um Verſallles ſteht zahlreiches und wohlbedientes Geſchütz aufgepflanzt. Die wörer miſchen ſich unter die Soldaten und ver⸗ Wein und Gold an ſie; Hofdamen ſchmeicheln s du Corps und verheißen ihnen ſüße Beloh⸗ ach dieſen Vorkehrungen glauben ſich die Häupter des Complotts und ihre Mitſchuldigen der Hoff⸗ nung wieder hingeben zu dürfen. Verſailles war alſo abgeſperrt und konnte von der Hauptſtadt aus nicht wohl angegriffen werden, da dieſe zumal mit ſich ſelbſt genug zu thun hatte. Die guten Bürger hatten eine doppelte Furcht einmal vor den frem⸗ den Truppen, welche Paris umzingelten, und dann vor den enthuſiaſtiſchen Mitbürgern ſelbſt, die in ihrem Eifer ſchon davon ſprachen, die Paläſte der Ariſtokraten zu verbrennen. Sie liefen wie raſend mit Flinten, Säbeln, Lanzen und Piſtolen bewaffnet durch die Straßen und riefen nach den Fenſtern der großen Häuſer hinauf, daß ſte bald den rothen Hahn darauf ſetzen wollten. In die⸗ ſer Noth kleideten ſich einige Leute von der alten Polizei wie Männer des Volks, ſuchten die Bewegung einiger⸗ maßen zu leiten und retteten wirklich das Hotel Breteuil und den Palaſt Bourbon, die bereits angezündet worden waren. Einen noch glücklichern Gedanken hatte ein ſchlichter Bürger; er ſprang auf eine Bank und rief: „Wir haben zu unſrer Vertheidigung 200,000 Arme aber keine Anführer. Laßt uns die Wähler zuſammen⸗ rufen und ihren Anordnungen unbedingt Folge leiſten.“ „Ruft die Wahler zuſammen und führt ſie nach dem Rathhauſe!“ ſchrie die ganze Volksmenge. — 122— Auf der Stelle ward dieſer Entſchluß ausgeführt. Als die Wähler in den Saal eintreten wollten, war kein Platz mehr; Leute aller Staͤnde drängten ſich unter wildem Geſchrei darin herum. Doch ward das Volk er⸗ mahnt ſich hinter die Barriéren zurückzuziehen, was auch nach einigen Bemühungen geſchah. Freilich war auch jetzt noch nicht an eine geregelte Berathung zu denken; denn der wilde Haufe ſchrie ohne Aufhören, man möge ſchleunigſt Waffen austheilen und den Befehl zum Läuten der Sturmglocken ertheilen. Sol⸗ daten wollten den Wachpoſten vor dem St löſen; man entwaffnete ſie und th ja vor dem Saale ging ein Bür adthauſe ab⸗ at die Wache ſelbſt, ger mit dem Gewehr barfuß auf und ab und that ſeinen Schildwachdienſt ſo ernſthaft, als ob alles in der ſchönſten Ordnung wäre. Im Saale ſelbſt war ein Lärm, daß man ſein eig⸗ nes Wort nicht hören konnte, denn die Wähler zögerten bei der Ungeduld des harrenden V olks viel zu lange. 1 Endlich ward es das Warten überdrüſſig, überſtieg die Barrièéren auf's neue un d drängte die Wähler in einen Winkel. „Waffen! Waffen!“ ertönte es aus hundert Kehlen. „Einen Befehl zur Bewaffnung der Hauptſtadt!“ ſchrien Andre. — Iwͤ „Einen Befehl zum Sturmläuten!“ riefen noch Andre. „Die Brigands ſengen und brennen in den Straßen, und wir haben keine Waffen uns zu wehren!“ ließ wieder Einer ſeine Stimme erſchallen. „Wir zünden das Rathhaus an, wenn wir keine Waffen bekommen!“ ſchrie eine Stimme. Mitten unter dieſem Tumult ſtieg jetzt ein Wähler auf den Tiſch, winkte mit der Hand und ſprach: „Wir haben dem Thürſchließer befohlen alle Waffen herauszugeben, die ſich etwa im Stadthauſe befinden...“ Auf dieſes Wort ſtürzte die Menge aus dem Saale und ſah ſich nach dem Schließer um. Da ſie ihn aber nicht bemerkte, ſo erbrach ſie alle Thüren, indem immer ſo viele ſtämmige Männer daran rannten, als Platz hat⸗ ten, und kamen endlich in die Niederlage der Waffen für die Stadtwache. Das Gewölbe war augenblicklich ausge⸗ leert, lieferte aber bei weitem nicht genug Waffen. Man ſtürzte wieder in den Saal zurück und drängte die Wäh⸗ ler auf's neue. Dieſe aber kamen ihnen mit dem Beſchluß entgegen, daß für Waffen geſorgt werden, daß aber jede Zuſammenrottung aufhören ſolle; alle guten Bürger wur⸗ den ſchließlich aufgefordert zur Ausführung dieſes Be⸗ ſchluſſes mitzuwirken. Dies geſchah auch auf der Stelle und zwar gar nicht ohne Erfolg. Die guten Bürger — 126 4 durchzogen des Abends die Straßen mit Fackeln und er⸗ mahnten alle Verſammelten ſich in ihre Diſtriete zu be⸗ geben. Dennoch blieben alle Läden geſchloſſen und man fürchtete doch wieder für den andern Tag. Die Nächte über ſchliefen nur die Kinder, während ihre Väter be⸗ waffnet umherzogen oder Steine in die Stuben trugen, ihre Mütter aber an den Wiegen wachten. Am andern Morgen ſah man nicht bloß Leute auf den Straßen, welche mit Stöcken, Lanzen, Degen, Flin⸗ ten und Piſtolen bewaffnet waren, ſondern ganze Haufen Männer mit plumpen Spießen, welche die Waffenſchmiede erſt während der Nacht fertig gemacht hatten. Ein Theil derſelben wollte die Paläſte der Prinzen angreifen, ein andrer zog nach der Congregation von St. Lazare, weil dort Getreide aufgehäuft ſein ſollte. Die Hotels der Prin⸗ zen wurden noch durch gute Bürger gerettet, aber jenes Aſyl der Religion und Menſchlichkeit ward von dem rohen Haufen mit Artſchlägen erbrochen. Ein Greis mit ſilber⸗ weißem Haar und gebeugt unter der Laſt der Jahre fällt vor den Eindringlingen auf die Knie und beſchwört ſte, die Heiligthümer zu ſchonen. Aber er hat kaum ſo viel Zeit ſich wieder auf ſeine wankenden Beine zu erheben, um ſich ſelbſt vor der Wuth der Heiligthumsſchänder zu retten. Alles wird durchgewühlt und umhergeſtreut: Bi h in ſich Ve Sc dur den hiel zu eine um trot ihn auf die Kan nom mit und nahn für! Bücher, Gemälde, Schränke, das koſtbare Cabinet der Phyſik u. ſ. w. Aus den obern Zellen raſ't der Sturm in die Keller hinab und viele der Plünderer ermuthigen ſich durch den übermäßigen Genuß des Weins zu neuen Verbrechen. Am andern Tage lagen noch ein halbes Schock Betrunkener in den Kellern umher und wußten durchaus nichts von ihrem Verſtande. Man führte aus dem Kloſter 52 Wagen voll Getreide und Mehl. Dabei hielten die Plünderer ſtreng darauf, daß niemand etwas zu ſeinem Privatgebrauch nehmen durfte. Man erwiſchte einen Mann, welcher im Kloſter Geld eingeſteckt hatte, um es für ſich zu behalten. Den packte man, legte ihm trotz allem Flehen einen Strick um den Hals und hängte ihn an zwei ungeheure Lanzen, die zwei ſtarke Männer auf den Schultern trugen. In kurzem war er erdroſſelt. An demſelben Morgen hatte ſich auch eine Gruppe in die Ruſtkammer der Krone begeben, die Waffen und zwei Kanonen ſowie auch mehrere ſehr koſtbare Rüſtungen ge⸗ nommen, die indeſſen ſpäter zurückgegeben worden ſind. Nachmittags entdeckte man im Hafen St. Nicolas ein mit Schießpulver befrachtetes Fahrzeug. Man lud es ab und ſtellte es unter den Schutz der Bürger. Gegen 6 Uhr nahm man auch noch hübſche Mundvorräthe weg, welche für die Truppen auf dem Champ de Mars beſtimmt waren. Jetzt war ſtark davon die Rede nach Verſailles zu marſchiren, um die Verbindung dieſer Stadt mit Paris wieder herzuſtellen; doch unterließ man dies, weil man für die Volksfreunde fürchtete, welche dort allen Schlägen der Ariſtokratie bloß lagen. Die nächſte Nacht war etwas ruhiger, obwohl kein Erwachſenes ein Auge ſchloß; die Männer ſtanden unter den Waffen und die Frauen ſaßen auf Steinhaufen, die ſte aus den Höfen in ihre Zimmer zuſammengeſchleppt hat⸗ ten, um ſich derſelben gegen etwaige Angreifer, gegen die Tyrannen des Vaterlandes zu bedienen. Was indeſſen ſehr zur Beruhigung beitrug, war die ſchon bei Anbruch der Nacht eintreffende Nachricht, daß die Nationaltruppen und ſelbſt einige fremde Regimenter das Verfahren der franzöſiſchen Garden nachgeahmt und ſich auf die Seite des Volks geſchlagen hätten. Es geſchah dieſe Nacht weiter nichts Bedeutendes als daß man einen Trupp Leute feſtnahm und in's Gefängniß abführte, welche ſich über Diebſtählen hatten ertappen laſſen und meiſtens bei der Plünderung von St. Lazare geweſen waren. Am andern Morgen(den 13. Juli) tritt alles auf die Straßen, grüßt ſich, erkundigt ſich, erzählt und horcht, Edelleute und Bürger, Reich und Arm beſpricht ſich ſo herzlich, als wäre über Nacht das Geſetz der Stände⸗ —+x—— s zu Paris man lägen kein unter die hat⸗ gegen eeſſen bruch ppen der Seite lacht keute über der auf rcht, ſo nde⸗ — 129 gleichheit eingeführt worden. Bürger jeden Ranges und Alters, alle Franzoſen der Hauptſtadt eilen dann nach den ausgelegten Liſten, um ſich zu Soldaten des Vater⸗ landes aufnehmen und mit der grünen Cocarde ſchmuͤcken zu laſſen. Man kommt überein, in jedem Diſtrict Pa⸗ trouillen zu errichten, um die Stadt zu bewachen, auch ſich unter die Brigands zu miſchen, um ſie ohne Mühe zu entwaffnen, endlich aber den Vorſtand der Kaufleute zu veranlaſſen, daß er ſo ſchleunig als möglich Flinten und Kriegsbedarf liefere. Nach dieſem Beſchluß werden die Fahnen der Stadt entfaltet*), Kanonen gelöſ't, um die Bürger auf ihrer Hut zu erhalten, Gruben gemacht und Barricaden errich⸗ tet. Binnen 36 Stunden hatte Paris das Anſehen einer belagerten Stadt. Auch die unverzagten franzöſtſchen Garden kommen herbei, um ſich unter die Fahnen des Vaterlandes zu ſtellen. Es ſind gegen 3000 kriegsgeübte Leute, welche die Bür⸗ ger bei ihrer Vertheidigung leiten wollen. Ach, und ſie ſind bereits einer großen Gefahr entgangen. Ihre Chefs *) Am Nachmittag auch mit Fleſſelles' Unterſchrift der 1.—. Befehl ertheilt, daß die grünen Cocarden mit den Farben der Stadt Paris(Blau und Noth) vertauſcht werden ſollen, wozu kurz darauf noch Weiß trat. 1789. I. 9 — 130— 4 haben nämlich die Geſinnungen ihrer Untergebenen völlig durchſchaut und ihnen den Befehl ertheilt ſich in's Lager von St. Denis d. h. auf die Schlachtbank zu begeben. Die Garden weigerten ſich zu marſchiren. Am Hospital Gros⸗Caillou giebt man ihren Kanonieren zu verſtehen, daß ſie nothwendig das Hotel Richelieu bewachen müßten, welches dermalen als Hauptquartier betrachtet werde, und ſowie ſie fort ſind, macht man ſich über ihre Kanonen her, um ſie zu vernageln. Indeſſen waren einige Kanoniere im Hospital geblieben und ſahen die Geſchichte mit an. Sie eilten was ſie konnten nach dem Hotel Richelieu und benachrichtigten ihre Kameraden davon. Da verläßt das ſechſte Bataillon ſeine Caſernen und eilt nach dem Hospital zurück, wo es ſeine Kanonen nimmt und nach ſeinem Poſten auf der Rue Verte bringt. Unterdeſſen war das Schießpulver vom Hofe St. Ni⸗ colas im Triumph nach dem Rathhauſe geſchafft und in einem Saale des Erdgeſchoſſes niedergelegt worden. Es waren 5000 Pfund. Mit der Bewachung und nachheri⸗ gen Vertheilung dieſes den Pariſern ſo dringend nöthigen Schatzes war der Abbé Leféyre beauftragt worden, welcher von Glück zu ſagen hatte, daß er am andern Tage noch lebte. Seine Gewiſſenhaftigkeit bei der Ver⸗ theilung des Pulvers ward von Etlichen als Parteilichkeit — 431— oder gar als Böswilligkeit und Hinneigung zur Ariſto⸗ kratie ausgelegt; es kam zu einem Wortwechſel und ein erhitzter Handwerksburſche ſchoß ein Piſtol auf den Abbé los. Ein Glück für ihn und die um ihn befindlichen Menſchen ſowie für die über ihren Häuptern verſammel⸗ ten Wähler von Paris, daß der brennende Pfropf nicht in eins der offnen Pulverfäſſer flog, aus denen Lefèvre den Harrenden ihren Theil zumaß. Bald darauf waren ein paar Bürger an der Thür in Streit gerathen und einem derſelben ging aus Verſehen die Flinte los, ſo daß die Kugel über das Pulver hinflog. Nach Einbruch der Nacht ließ aber der Abbé die Ungeſtümen aus dem Saale bringen und hoffte nun Ruhe zu haben. Mitten in der Nacht ertönten an der mit Eiſen beſchlagenen Thür hef⸗ tige Artſchläge. In kurzem war ſie durchlöchert und gab mehrfach Funken an den Nägeln und Bändern. Es half kein Rufen und Warnen Lefévress, die Maſſe der Bür⸗ ger ſtürmte herein und wich erſt nachdem ſie befriedigt war. Noch eine vierte Gefahr, größer als die vorigen, war dem armen Abbé aufbehalten: Bevor die Thür wieder verſchloſſen werden konnte, kam ein betrunkener Bürger in dieſes Pulvermagazin und wollte den noch übrigen Pulvervorrath beſehen. Er hatte aber eine bren⸗ nende Tabakspfeife im Munde. Alles Bitten Lefévre's 9* daß er die Pfeife in die Taſche ſtecken oder augenblicklich hinausgehen ſollte, war vergeblich. Er antwortete lächelnd und in aller Gemüthsruhe, daß aus ſeiner Pfeife nie ein Funken falle, daß er ſtets nur ziehe und niemals blaſe, und beugte ſich unbarmherzig über die offenen Fäſſer. Endlich hatte der Abbé noch den klugen Einfall ihm die Pfeife abzukaufen, die er dann ſogleich in den Hof hinabwarf. Es herrſchte durch ganz Paris ſo viel Aufregung, ſo viel Leben und Thätigkeit, daß die älteſten Leute nichts Aehnliches geſehen hatten. In den Diſtricten wurden überall zahlreiche Patrouillen ausgeſandt; alle Feuerar⸗ beiter ſchwitzten vor ihren Blaſebälgen, denn in kürzeſter Friſt ſollten wieder 50,000 Piken fertig ſein. Auf dem Gréve⸗Platz beſonders ging es laut her. Da waren Leute jedes Alters und Standes von den verſchiedenſten Waffengattungen; hier kamen Deputationen aus allen Theilen der Hauptſtadt an, um vom Vorſtand der Kauf⸗ leute Waffen zu verlangen, da erſchienen Wagen voll Beute, welche man„den Feinden der Nation“ abgenommen hatte, und allerhand verdächtiges Fuhrwerk, welches man nach dem Stadthauſe führte. Unter andern hatte man ſich auch der Kutſche des Prinzen von Lambesc bemächtigt und eben den Koffer herausgenommen, als ſich das wü⸗ — 133— thende Volk darüber herſtürzte um ſie zu demoliren; aber ein wildausſehender Mann hielt eine Pechfackel unter den Kutſchenboden, dies fand Nachahmung und in kurzer Zeit war nur noch ein Häufchen Aſche und glühendes Eiſen⸗ zeug übrig. Wenn ſich die Nacht vom 13. zum 14. Juli auch nicht durch große Ereigniſſe auszeichnete, ſo war ſie doch um ſo mehr voll Angſt und Schrecken, je weniger man die Ausdehnung der Gefahr zu ermeſſen vermochte. Wer konnte auch ruhig ſein, wenn er alle Straßen mit Lämp⸗ chen erleuchtet ſah, die auf das Geſchrei der Vorüberzie⸗ henden bald entfernt bald wieder aufgeſtellt werden muß⸗ ten, wenn er bei dieſer düſtern Illumination an den Fen⸗ ſtern nichts als Hausgeräth und Steinhaufen erblickte! Noch dazu war auf dem Rathhauſe ein blinder Lärm entſtanden. Man wußte freilich, daß ſich die Truppen von den elylſäiſchen Feldern zurückgezogen hatten, aber man wußte nicht weshalb und wohin. Nun meldete man Nachts um 2 Uhr auf dem Stadthauſe, es zögen 15,000 Mann die Straße St. Antoine nach dem Grove⸗Platze herab, um das Stadthaus zu ſtürmen. Da erhob ſich einer von den Wählern(es war Herr Le Grand de St. René) mit den energiſchen Worten:„Man wird es nicht ſtürmen, denn ich werde es zu rechter Zeit in — 34— die Luft ſprengen.“ Sogleich befahl er den Stadtwachen ihm 6 Pulverfäßchen zu bringen und in einem Cabinet neben dem allgemeinen Verſammlungsſaale aufzuſtellen. Wie das erſte Fäßchen ankam, erblaßten die Bürger und mehrere verließen ſchleunigſt das Rathhaus. Wohl zählte die ſeit dem vorigen Abend zuſammen⸗ tretende Nationalgarde bereits an 150,000 Mann, aber die meiſten Gardiſten hatten noch keine Waffen, denn was man den Waffenſchmieden abgenommen hatte, das reichte weder hinter noch vor. Doch tönen ſeit 24 Stun⸗ den alle Amboße der Stadt unter den Hämmern; alles Eiſen wird zu Mordwerkzeugen geſchmiedet; das Blei ſchmilzt in den Keſſeln und wird in Formen gegoſſen; Batterien erheben ſich an den gefährlichſten Poſten; gewetzte Sicheln und Senſen werden an lange Stangen gebunden, ſchwere Keulen und gewichtige Beile von verwegnen Fäu⸗ ſten geſchwungen. Auf allen Straßen, öffentlichen Plä⸗ tzen und Spaziergängen ſteht man Todeswerkzeuge aller Art und Krieger jedes Alters; hier drängt ſich die un⸗ geſtüme Jugend, dort brüllt das drohende Volk; die Maſſe der Bürger wogt neugierig aus den Diſtrieten nach dem Stadthauſe und von da nach den Diſtricten zurück; in allen Verſammlungen herrſcht Ungewißheit, Aufregung, Mißtrauen und Tumult; im Palais⸗Royal jagt ein ge⸗ ———,ͤ— — 135— waltſamer Vorſchlag den andern, die heftigſten Redner ſteigen auf Tiſche und erhitzen die Einbildungskraft ihrer Zuhörer, welche ſich dann gleich der glühenden Lava eines Vulcans durch die Stadt ergießen; im Innern der Häu⸗ ſer findet man nur betrübte Gattinnen, ſchmerzerfüllte Mütter und weinende Kinder; mitten in dieſer allgemeinen Verwirrung ertönt unabläſſig die Sturmglocke von allen Thürmen der Hauptſtadt, in allen Vierteln wird der Generalmarſch geſchlagen, hier und da entſteht auch ein blinder Lärm, überall aber ſchreit man ohne Aufhören: „Zu den Waffen! Zu den Waffen!“ Unter dieſen convulſiviſchen Bewegungen hatte ſich der Ausſchuß der Wähler für permanent erklärt und war Tag und Nacht auf dem Stadthauſe verſammelt. Vor allen Dingen mußte die patriotiſche Armee organiſirt werden. Zuerſt ward das Commando derſelben dem Herzog von Aumont angetragen. Er ſchlug es aus. Nun wendete man ſich an den unerſchrockenen de la Salle. Wie ein alter Römer antwortete er:„Mein Leben und Eigenthum ſind dem Dienſt der Gemeine geweiht!“ Auch opferte er das letztere und ſetzte das erſtere hundertfachen Gefahren aus.— Gleich werden nun Hauptleute und niedere Offieiere ernannt; man verſammelt ſich auf Plätzen und in Gärten; einige nennen ſich„Freiwillige vom Palais⸗ — 136— Royal,“ Andre ‚Freiwillige von den Tuilerien, von Ba⸗ 7 7 7 g zoche oder der Arquebuſe.“ Gleichwohl fehlt es immer noch an Waffen. Man fertigte von den verſchiedenen Sammelplätzen eine Deputation auf die andre ab, um die Vertheilung der Waffen zu erbitten, welche ſich in den öffentlichen Niederlagen befanden. Fleſſelles, Vorſtand der Kauf⸗ leute, tröſtete von einer Zeit zur andern und lieferte nicht eine einzige Flinte, Dadurch wurden die Gemüther auf's höchſte erbittert. Man wollte ſich um keinen Preis mehr hinhalten laſſen. Ethis de Corny wird vom Comité beauftragt, von Sombreuil, dem Governeur des Invaliden⸗Hotels, im Guten oder Böſen Waffen zu erlangen. Ihn begleiten auf ſeinem 30,000 Menſchen. Herr von Sombeuil empfängt den Abgeordneten des Ausſchuſſes mit freundlichen Worten und verſichert ihm, daß er keine Waffen im Hotel habe. Eben führt er den getäuſchten Corny an's Wege mehr als Eiſengitter zurück, um ihn hinauszulaſſen; ſowie ſich aber dieſes Gitter öffnet, ſtrömt unaufhaltſam die Woge des Volks hinein und überſchwemmt ſogleich den ganzen Palaſt, um ein Maga⸗ zin zu ſuchen, welches koſtbarere Schätze als Gold und Silber bergen ſoll. Aber ſchon ein paar Tage vorher waren die Waffen unter den Dom und in andre geheime Behältniſſe geſchafft worden, ſo daß ſich das Volk aber⸗ mals getäuſcht ſah. Doch es wollte ſich genau überzeu⸗ gen, ob man es nicht hinterginge, und durchſtörte alle Winkel des Hotels. Die Suchenden entdeckten zuerſt einen kleinen Theil und endlich in einem finſtern Souter⸗ rain die Hauptniederlage der Waffen. Wüthender ſtürzen ſich verhungerte Tiger nicht auf ihre Beute als die Män⸗ ner des Volks über die Waffenvorräthe des Invaliden⸗ Hotels. Mehrere Bürger wurden erdrückt. Nicht weniger als 28,000 Flinten und 8 Geſchütze nebſt einer unge⸗ heuern Menge von Säbeln, Bajonetten und Piſtolen ſind die Frucht dieſer Expedition. Herr von Sombreull hatte die Nutzloſigkeit des Widerſtandes ſogleich eingeſehen, da er von der unge⸗ fähren Zahl der Bittſteller Kenntniß erhalten hatte. Er ertheilte daher ſeinen würdigen Veteranen keinen Befehl ſich zur Wehr zu ſetzen, ſondern verweigerte nur ganz einfach die Herausgabe der Schlüſſel, da dies mit der Ehre eines Gouverneurs unvereinbar ſei. Wie wir ge⸗ ſehen haben, wartete man auch nicht auf eine Sinnes⸗ änderung des Gouverneurs. Ueberall ſieht man neue Legionen Bewaffnete, welche durchgängig mit Staub und Schweiß bedeckt ſind. Aber — 138— auf ihrem Antlitz lieſ't der Patriot die erhabene Freude, welche dieſen Sieg als einen entſcheidenden verkündet. Man beginnt zu hoffen. Noch aber drohte der Despotismus von den Wällen der Baſtille herab. Ihre Mauern wurden von dem ſchrecklichen de Lau noh vertheidigt, welcher ſchon beim Namen der Freiheit ſchauderte und mit den Thränen ſei⸗ ner Schlachtopfer das Gold dahinſchwinden ſah, womit er ſeine wollüſtigen Leidenſchaften befriedigte. Schon am Abend des 13. hatte man hier und da von der Weg⸗ nahme dieſes augenfälligen Zeichens der Willkühr ge⸗ ſprochen und am andern Morgen ging es bereits von Mund zu Mund, daß die Baſtille zur Verfügung der Nation geſtellt werden müſſe, ja die exaltirteſten Bürger ſchrien bereits:„Nach der Baſtille! Nach der Baſtille!“ 6. D Der Leſer erinnert ſich, wie angelegen es ſich de Lau⸗ noy hatte ſein laſſen das Schloß in Vertheidigungszu⸗ ſtand zu ſetzen. Daß er nur ein paar Säcke Mehl nebſt etwas Reis hatte, kümmerte ihn ſehr wenig, weil ihm von außen wichtige Hülfe zugeſagt war, die beim erſten Angriff auf die Baſtille erſcheinen wollte. Schon früh um 2 Uhr in der Nacht zum 14. Februar 1789 ließ der Gouverneur die Garniſon unter die Waf⸗ fen treten und im Innern des Schloſſes aufmarſchiren; nur zwei unbewaffnete Invaliden blieben an den Thoren nach dem Arſenal und der Straße St. Antoine. Alle Poſten waren übrigens wohl mit Schildwachen beſetzt und 12 Mann beobachteten von den Thoren aus was rings umher vorging. Auf dieſe Beobachter fielen zwar von der Straße aus einige Flintenſchüſſe, die aber keinen — 1o Schaden thaten und in den Dispoſitionen des Gouyer⸗ neurs nichts änderten. Die Schweizer waren an den Zugbrücken poſtirt, durch welche ſie Löcher gemacht hatten, um ihre Gewehrläufte durchſtecken zu können, hatten übrigens die geheime Inſtruction ſogleich auf die Inva⸗ liden zu ſchießen, ſobald dieſe eine Hinneigung zum Volke verriethen. Bernard, welcher ſo viel Grund zur Ent⸗ rüſtung hatte und ſich gleich einem Miſſethäter beobachtet ſah, ſtand gleichfalls an einer Zugbrücke und— wartete nur auf Gelegenheit ſich aus ſeiner Lage zu befreien und das Gewebe der Schlechtigkeit zerreißen zu helfen. Am Morgen des 14. kamen mehrere Deputationen des Bürgerausſchuſſes bei der Baſtille an und forderten Waffen vom Gouverneur. Er empfing die Abgeordneten in ſeiner Wohnung und bedeutete ſie, daß keine über⸗ flüſſigen Waffen im Schloſſe wären, verſtcherte ſte aber ſeiner friedlichen Geſinnung. Gleich darauf ließ er den Generalſtab zuſammenfordern, um ſich mit ihm über die zu ergreifenden Maßregeln zu berathen. Mehrere Offi⸗ ciere und vor allen der edle de Losmes waren der Anſicht, man dürfe ſich keine Feindſeligkeit gegen das Volk zu ſchulden kommen laſſen. De Launoh entgeg⸗ nete mit einem ſataniſch⸗freundlichen Geſicht, das wäre auch f eine Meinung, und entließ die Officiere des Gene⸗ ra ne be zu nb 11— ralſtabs bis auf Louis de Flue, welchen der Gouver⸗ neur fragte: „Was meinen Sie unter vier Augen von der Sache?“ „Ich meine, daß unſer Schloß zwar nicht ſehr halt⸗ bar iſt, aber durch die Geſinnung ſeiner Vertheidiger zu einer Feſtung erſten Ranges wird.“ „Sind Sie Ihrer Leute gewiß?“ „Wie meiner ſelbſt,“ antwortete de Flue zuverſichtlich. „Beſenval iſt derſelben Anſicht,“ fuhr de Launoy ſelbſtzufrieden fort; nauch hat er ſeine Mannſchaften in der Nähe, ja Fleſſeles hat ſchon für dieſen Abend Hülfe verſprochen und bis dahin hofft er das Volk mit leeren Verheißungen hinzuhalten.“ „Gewalt muß mit Gewalt vertrieben werden,“ be⸗ merkte de Flue. „Und Gewalt können wir anwenden, ohne uns ſelbſt dem feindlichen Feuer auszuſetzen, wenn nur— die In⸗ validen zuverläſſig ſind.“ „Die 82 Mann werden von meinen 32 Leuten er⸗ ſchoſſen, wenn ſie eine falſche Miene machen. Meine Burſchen haben es unweigerlich geſchworen.“ „Hoffen wir, daß alles ruhig abgeht,“ ſchloß de Lau⸗ noy,„indeſſen thun wir das Unſrige!“ Nach dieſem kurzen Zwiegeſpräch ging der Schweizer⸗ — 142— 4 commandant aus um die Poſten zu beſichtigen und de Launoy begab ſich zu den Invaliden, um ſie mit Wein tractiren zu laſſen. Mehrere derſelben waren bald ſo betrunken, daß ſie es nicht mehr hörten, wenn ihnen die Stimme des Vaterlandes zurief:„Veteranen, ihr ſeid Franzoſen und außerhalb eures Schloſſes ſind nichts als Franzoſen!“ Gegen Mittag entſtand ein heftiges Geſchrei des Volks vor der Baſtille. Den Kanonen auf den Thürmen ſollte eine andre Richtung gegeben werden, indem die ganze Hauptſtadt deshalb in großer Beſorgniß ſei. De Launoy ließ ſich nach der Urſache des Lärms erkundi⸗ gen und dann die Geſchütze auf den Thuͤrmen etwas zurückziehen, daß ſie nicht von unten geſehen werden konnten. Bald darauf erſcheint ein Abgeordneter des Diſtricts, Thuriot de la Roſistre, mit zwei Nationalgardiſten an der Zugbrücke de l'Avancé. Für ihn allein ſenkt ſich die Zugbrücke. Beim Gouyerneur angelangt, ſagte er: „Ich komme im Namen der Nation und des Vater⸗ landes Ihnen vorzuſtellen, daß die auf den Thürmen der Baſtille aufgepflanzten Kanonen in ganz Paris Unruhe und Beſtürzung verbreiten. Ich hoffe, Sie werden meine 8de Vein ſo die ſeid als des men die De ndi⸗ was rden — 143— Bitte erhoren dieſelben von den Thuͤrmen herabſchaffen zu laſſen.“ „Das ſteht nicht in meiner Macht,“ antwortete ihm der Gouverneur;„dieſe Geſchütze ſind jederzeit auf den Thür⸗ men geweſen und ich darf ſie nur auf ausdrücklichen Befehl des Koͤnigs wegnehmen laſſen. Da ich ſchon ge⸗ hört habe, daß man ſich darüber beunruhigt, und da ich ſie doch nicht von den Thürmen entfernen darf, habe ich ſie wenigſtens aus der Schießſcharte zurückziehen laſſen. Mehr kann ich nicht thun.“ „Werden Sie mir erlauben mich mit eignen Augen vom Stand der Dinge zu überzeugen?“ fragte Thurriot ärgerlich. „Wird nicht gehen,“ antwortete de Lau nohy achſel⸗ zuckend;„den innern Hof dürfen nur beſtimmte Perſonen betreten.“ „Wenn es ſich nur darum handelt,“ ſagte der hinzu⸗ getretene Major de Losmes, daß man ſich von unſern friedlichen Abſichten überzeugen will, ſo vereinige ich meine Bitte mit der des abgeordneten Bürgers. Er wird das Volk beruhigen.“ „Es ſei!“ ſagte de Lau noy die Lippen zuſammen⸗ beißend und kehrte den beiden Männern den Rücken. Im innern Hofe angelangt, wendete ſich Thuriot de la Roſire an die Officiere und Soldaten und be⸗ ſchwor ſie im Namen der Ehre und des Vaterlandes den ri Kanonen eine andre Richtung zu geben und es mit den Bürgern zu halten. ut „Ja wohl, meine Waffenbrüder,“ ſagte der Gouver⸗ neur geſchraubt,„mit den Bürgern müßt Ihr es halten— 4 ſo lange Ihr nicht angegriffen werdet.“ er „Wir werden keinen Gebrauch von den Waffen machen, ſo lange man uns nicht angreift,“ rief die ganze Beſatzung; un „das ſchwören wir!“ la Nach dieſer Scene beſtieg Thuriot mit de Lau⸗ un noy den Thurm, welcher das Arſenal beherrſchte. Von ſte hier aus bemerkten ſie eine zahlreiche Volksmenge, welche von allen Seiten herbeikam, ja die Vorſtadt St. An⸗ ih toine ſchien ſich in Maſſe heranzuwälzen. W „Was führen Sie im Schilde, Herr!“ rief de Launoy 6 dem ſelbſt erſtaunten Thuriot zu;„Sie mißbrauchen er. den heiligen Titel eines Abgeordneten dazu mich zu ver⸗ we rathen!“ „Und ich, mein Herr,“ fuhr nun auch Thuriot heraus,„ich erkläre Ihnen daß, wenn Sie in dieſem ſa⸗ Tone fortfahren, einer von uns Beiden bald unten im de Graben liegen muß.“ Der Gouverneur wollte antworten, da meldete die der noh ichen ver⸗ riot ieſem n im 2 die — 145 Schildwache deſſelben Thurms, daß die Volksmenge ſich rüſte das Hotel des Gouverneurs anzugreifen. Schreckenergriffen verbiß de Lau noy ſeinen Aerger über Thuriot's Drohung und ſagte bloß: „Zeigen Sie ſich doch dem Volke! Treten Sie vor! Man will Ihnen das Compliment machen,“ ſetzte er höhniſch hinzu. Thuriot de la Roſitre trat vor an die Brüſtung und augenblicklich erhob ſich im Garten des Arſenals ein langes Jubelgeſchrei. Er grüßte freundlich mit der Hand und wendete ſich dann abermals an den weiter hinten ſtehenden Gouverneur: „Sie haben die Kanonen zwei Ellen zurückziehen aber ihre Richtung nicht verändern laſſen. Sprechen Sie das Wort aus, damit ich unſre Mitbürger beruhigen kann.“ „Ich hatte ſchon das Vergnügen Ihnen zu bemerken,“ erwiederte de Lau noy,„daß ich es ſogleich thun werde, wenn Sie mir einen königlichen Befehl vorzeigen.“ „Das iſt Ihre letzte Erklärung?“ „Es iſt die erſte geweſen und wird die letzte ſein,“ ſagte der Gouverneur auf die erſte Stufe tretend um wie⸗ der in den Hof hinabzuſteigen. „Sie werden es bereuen,“ ſagte Thuriot mit drohen⸗ der Miene dem Gouverneur auf der Treppe folgend; bald 1789. I. 10 — n6— 4 war er wieder im Hofe, bald bei dem harrenden Volke, bald auch auf dem Stadthauſe, wo er ſeinen Bericht er⸗ ſtattete. Kaum hatte ſich de Launoy dieſen unbequemen Ab⸗ geordneten der Bürger vom Halſe geſchafft, ſo wälzte ſich ein Volkshaufe vor das äußere Thor der Baſtille, Waffen und Kriegsbedarf begehrend. Da dieſe Menſchen meiſtens vertheidigungslos waren und keine feindliche Abſicht ver⸗ riethen, ſo ließ der Gouverneur die erſte Zugbrücke nieder, um ſie anzuhören. Die Beherzteſten aus dem Volke tra⸗ ten vor um ihre Worte anzubringen. Sowie ſie aber alle über die Zugbrücke und im erſten Hofe angekommen ſind, wird die Brücke hinter ihnen wieder aufgezogen und zu⸗ gleich eine Artillerie⸗ und Musketenſalve auf die Unglück⸗ lichen gegeben, welche ſich weder vertheidigen noch ent⸗ rinnen können. Das draußen harrende Volk iſt empört über eine ſo feige Verrätherei, ſchickt augenblicklich nach dem Stadthauſe und fordert Rache für eine ſolche Bar⸗ barei. Ehe die Abgeordneten noch ihr Ziel erreicht haben, ſtürzt ein ungeheurer Haufe Bewaffneter in die äußern Höfe der Baſtille, ſchwingt ihre Flinten, Säbel und Beile und ruft:„Herunter von den Thürmen mit der Beſatzung! Fort aus der Baſtille! Nieder mit der Baſtille!“ — ł „Nach der Zugbrücke de l'Avancé die Mannſchaft! Ruft dem Pöbel zu daß er ſich zurückziehe! Munition zu den Seiten des Thores!“ ſchrie de Launoy dem Herrn von der Flühe zu. Neben der kleinen Zugbrücke war bekanntlich ein Wach⸗ haus, auf deſſen Dach jetzt zwei Männer klettern. Es iſt Louis Tournay, früher Soldat im Regiment Dauphin, und Aubin Bonnem re, ein alter Soldat von Rohal⸗ Comtois. Erſterem gelingt es in den Hof des Gouver⸗ neurs zu kommen, wo er im Wachhauſe die Schlüſſel zur Zugbrücke ſucht. Da er ſie nicht gleich findet, ergreift er eine Art und ſchlägt ſo gewaltig auf die Schlöſſer und Eiſenriegel los, daß die Brücke in ungeheurem Falle niederraſſelt. Die Thore ſind bald eingeſchlagen. Zwei Invaliden machen zwar den Verſuch die letzte Zugbrücke wieder in die Höhe zu winden, aber Tournay und Bonnemre ſchlagen ſte in die Flucht und laſſen die Zugbrücke de lAvancé augenblicklich wieder hinab, ſo daß ſie einen Mann tödtet und einen andern verwundet. Sowie ſich das Gerücht von dem Angriff auf die Baſtille verbreitet, bei deren Namen man an nichts als Lettres de Cachet, Schmach und Unterdrückung zu denken gewohnt iſt, erhitzen ſich die Gemüther noch mehr, die Kühnheit und die Wuth wird dem Schrecken gleich, wel⸗ 10* — 148— chen dieſe Zwingburg ſo lange verbreitet hatte. Die Menge der Stürmenden wächſ't jeden Augenblick. Leute jeden Standes, jedes Alters und Geſchlechts, Officiere, gemeine Soldaten und Weiber, Abbéô's, Handwerker und Schriftſteller, alles zieht bunt durch einander und mei⸗ ſtens unbewaffnet nach der Baſtille. Selbſt an Stutzern fehlt es nicht, deren Halsbinden indeſſen durch die um⸗ laufenden Carricaturen faſt um die Hälfte niedriger ge⸗ worden ſind; ſie lorgnettiren ſtarkfäuſtigen Handwerkern über die Achſel und ſchwingen ihre dicken Stöcke über deren Köpfen. Auch die Pompiers hatten ſich eingeſtellt und zeichneten ſich wie gewöhnlich durch ihren Eifer aus; man wollte ſte auch dazu benutzen, daß ſie die Lunten und das Pulver bei den auf den Thürmen ſtehenden Ka⸗ nonen mit ihren Spritzen benetzten, aber es war ſo hoch, daß der Waſſerſtrahl nur wie ein Staubregen auf die Thürme niederfiel und keinen Schaden thun konnte. Na⸗ türlich war faſt die ganze Vorſtadt St. Antoine auf dem Platze, da ſie von den Geſchützen der Baſtille zunächſt edroht wurde. Auch an Landleuten und Fremden fehlte es nicht; ſo that ſich ein Unterthan des Großherrn, ein junger Grieche, gleich dem vaterlandsliebendſten Fran⸗ zoſen hervor. An der Zugbrücke ging es übrigens ſchon heiß her; — 149 die Kugeln der Schweizer ſchonten nicht. Frauen eilten ihren verwundeten Gatten zu Hülfe und wurden ſelbſt verwundet. Ein Namensvetter unſeres Bernard, wel⸗ cher zum fünften Male vordrang, ward mit 32 Kartätſchen⸗ kugeln auf einmal durchbohrt. Nicht weit von ihm lud ein Buͤrger, welcher ſchon ſeit faſt einer Stunde geſchoſſen hatte, ſein Gewehr auf's neue, als er von einem Thurme herab in die Bruſt geſchoſſen wurde. Er wankte, man fing ihn auf.„Ich ſterbe, meine Freunde,“ ſagte er mit ſchwacher Stimme;„aber haltet nur Stand, Ihr werdet die Baſtille einnehmen!“ Es waren ſeine letzten Worte. Trotz dem heftigen Feuer der Beſatzung ſucht das Volk im Hofe des Gouverneurs vorzudringen und ſich der nächſtfolgenden Zugbrücke zu bemächtigen. Ein ge⸗ wiſſer Maillard ſpornt überall zu Thaten. In hef⸗ tigem Anlauf geben die bewaffneten Bürger Feuer auf die Truppe, welche jedoch mit einer ſo gewaltigen Salve antwortet, daß die Stürmenden in Unordnung zuruück⸗ weichen; einige ſchützen ſich unter dem Gewölbe im Thore de lOrme, andre unter dem beim Eiſengitter, von wo aus ſte nur noch nach der Plateform zu ſchießen vermögen. Etwa eine Stunde hatte der Kampf gedauert, als plötzlich vom Arſenal her Trommelwirbel und ein heftiges Geſchrei ertönte. Zugleich erſcheint eine Anzahl bewaff⸗ neter Bürger mit einer Fahne im Hofe de l'Orme und im Pulver⸗ und Salpeterhofe. Der Volkshaufe drängt im Hofe des Gouverneurs wieder vor und ruft den Fein⸗ den zu, ſie ſollten das Feuern einſtellen, denn es kämen Abgeordnete vom Stadthauſe, welche mit dem Gouver⸗ neur zu ſprechen wünſchten. Sogleich wird auf der Plate⸗ form der Thürme die weiße Fahne aufgepflanzt, die In⸗ validen grüßen mit ihren Hüten und machen noch andre Zeichen des Friedens. Auf dieſe freundſchaftliche Einladung macht ſich de Corny unter Trommelſchlag und mit der Fahne in der Hand nebſt ſeinen neun Begleitern*) auf den Weg nach dem Gewölbe, durch welches man zur Brücke de l'Avancé gelangt. Ihnen vertrat ein Mann aus dem Bolke den Weg, zeigte nach einem Thurme und rief: „Sehen Sie, meine Herren, wie man dort in der Schießſcharte die Kanonen rückt? Man zielt nach dem Hof de l'Orme!“ „O verlaſſen Sie ſich nicht auf die Verſprechungen der Treuloſen!“ riefen ihnen nun auch Andre zu. *) Die Geſchichte hat ihre Namen aufbewahrt; ſie hießen: Francotay, La Fleury, Milly, Beaubourg, Piquot de St. Honorine, Boucheron, Coutans, Sirx und Joannot. und ingt ein⸗ nen ver⸗ ate⸗ In⸗ dre en „Laſſen Sie mich allein vorſchreiten, meine Freunde,“ ſagte der wackre Francotay, nur den Trommelſchläger und den Fahnenträger an die Seite nehmend. Wirklich blieb nun Corn 9 mit ſeinen Collegen unter dem Gewoͤlbe zurück und Francotay ging raſch bis an den Graben vor. Das Volk lief ihm nach, umringte ihn und rief: „Opfern Sie ſich nicht! Die Verräther feuern! Wir verlaſſen Sie nicht!“ „Geht, meine Freunde,“ ſagte Francotay ruhig; „Ihr vermögt nichts gegen die Feſtung, deren Geſchütz Euch niederſchmettert; wenn ich allein bin, habe ich nichts zu fürchten.“ „Nein,“ rufen die Hitzigſten,„wir wollen untergehen oder alle dieſe Schurken zerreißen!“ Kaum waren dieſe Worte ausgeſprochen, als die Be⸗ lagerten eine Musketenſalve gaben, mehrere Bürger ver⸗ wundeten und zwei derſelben neben dem Wähler zu Boden ſtreckten. Francotay ſah ſich genöthigt zur Deputation unter dem Gewölbe zurückzuweichen, welche von Schrecken und Unwillen ergriffen raſch nach dem Stadthauſe zu⸗ rückkehrte. Unter wüthendem Gebrüll ſtürzt das Volk wieder nach der Brücke vor, muß aber dem wohlunterhaltenen —— ——— dürfe, die nicht unter ſtädtiſcher Botmäßigkeit ſteht, be⸗ — 152— Feuer der Beſatzung abermals weichen. Es begnügte ſich demnach einſtweilen, nach den auf der Plateform poſtirten Unterofficieren zu ſchießen und die nächſte Thüre zu er⸗ brechen, wo es aber nicht ſonderliche Beute zu machen gab. Bald erſcheint eine zweite Deputation des permanenten Ausſchuſſes der Wähler, um den Gouverneur zur Hem⸗ mung des Blutvergießens und zur Uebergabe des Platzes an die Bürger zu bewegen. An ihrer Spitze ſteht der Abbé Fauchet, welcher beherzt vorſchreitet. Man ant⸗ wortet ihm mit einer Musketenſalve. Dreimal ſetzt die Deputation an, um ihre Aufforderung an den Mann zu bringen, dreimal muß ſie vor den Kugeln der Zwingburg zurückweichen. Ein geſetzter Bürger ertheilt den Rath, man möge doch die Fahne niederwärts halten, um das Signal noch verſtändlicher zu machen. Es geſchieht, aber die Garniſon ſetzt ihr Feuern fort. Mit der Stimme kön⸗ nen die Deputirten nicht durchdringen, da man vor Ge⸗ ſchrei, Gepolter und Flintenſchüſſen kaum ſein eignes Wort vernehmen kann. Daher ſammeln ſie einige bewaff⸗ nete Bürger um ſich und leſen ihnen den Beſchluß der Wähler vor, welcher ſo lautete: „Der permanente Ausſchuß der Pariſer Miliz, welcher der Anſicht iſt, daß es in Paris keine Militärmacht geben — 13— ſich auftragt die Deputirten, welche er an den Marquis de ten Launoy Commandanten der Baſtille abſendet, ihn zu er⸗ fragen, ob er geneigt ſei in dieſen Platz die Truppen der ab. Pariſer Miliz aufzunehmen, welche ihn im Verein mit ten den gegenwärtig darin liegenden Truppen bewachen und m⸗ unter ſtädtiſchen Befehlen ſtehen werden. es Gegeben auf dem Stadthauſe, den 14. Juli 1789. der(Unterzeichnet:) de Fleſſeles, Vorſtand der Kauf⸗ it⸗ leute und Ausſchußpräſident; de la Vigne, Prä⸗ ie ſident der Wähler.“ zu Hierauf begiebt ſich der Abbé Fa uchet nebſt ſeinen g Mit⸗Deputirten*) auf's Stadthaus zurück, um Rechen⸗ h, ſchaft von ſeiner Miſſion abzulegen. s Unter dem Volke war nun auch das letzte Fäschen r am Geduldsfaden geriſſen. Sie brachten drei Wagen voll 1⸗ Stroh und ſchleppten Holz herbei. Alles ward an das ⸗ Wachhaus, an die Küchen und Wohngebäude vertheilt 3 und augenblicklich in Brand geſteckt. Als dies die Bela⸗ ⸗ gerten ſahen, ſchickten ſie unter„die Mordbrenner“ einen r wohlgezielten Kartätſchenſchuß aus einer Kanone von großem Caliber, das Musketenfeuer praſſelte auf den r Thürmen und ſelbſt die Officiere des Generalſtabs ſchoſſen 1 *) De la Vigne, Chignard und Bottidout. — 1— ihre Flinten ab. Beſonders verderblich war das Feuer, welches die Schweizer an der großen Zugbrücke unterhiel⸗ ten; ſie hatten nämlich ein Loch durch die Brücke gemacht und ein Wallgeſchütz hindurchgeſteckt, welches allein mehr Belagerer wegraffte als alle übrigen Artillerie- und Mus⸗ ketenſchüſſe zuſammen. Waͤhrend die angezündeten Gebäude immer mehr in Brand geriethen, ſah man ein Detachement franzöſiſcher Garden im Hofe erſcheinen. Es waren meiſtens Grena⸗ diere von Ruffeville und Füſtliers von der Compagnie Luberſac unter dem Commando des Sergent⸗Major Wargnier und des Sergeanten Labarthe. Mit den Garden traf zugleich eine zahlreiche Truppe von Bürgern unter Hulin's Befehlen ein, dem ſie die Ehre des Com⸗ mando's einſtimmig übertragen hatten und der auch dieſe Ehre verdiente, denn er hatte die franzöſtſche Garde zum Marſch nach der Baſtille beſtimmt.„Meine Freunde,“ hatte er zu ihnen geſagt,„Ihr ſeid Bürger! Eilen wir nach der Baſtille! Man erwürgt dort unſre Freunde, unſre Brüder! Es liegt uns ob das Vaterland zu rächen, Verräther zu beſtrafen; können wir am Siege zweifeln?“ Nach dieſen Worten war er vorwärts geſchritten und das anweſende Corps der Garden ihm mit drei Kanonen ge⸗ folgt, zu denen jetzt am Arſenal noch zwei andre ſtießen. Feuer, rhiel⸗ nacht mehr Mus⸗ or in iſcher rena⸗ agnie dajor den rgern Lom⸗ dieſe zum nde, wir inde, chen, In?2“ das ge⸗ ßen. —74 3 — 15— Mit ihnen vereinigten ſich ein paar Invaliden, welche ſchon am Morgen die Waffen geſtreckt hatten; ſie dringen bis in den Hof de l'Orme vor. Zwei Vierpfünder, eine Kanone aus der Rüſtkammer und ein Mörſer werden als Batterie aufgeſtellt und nach den Schießſcharten der Feſtung gerichtet, um die Manoeuvres des Feindes zu hemmen; zwei andre Kanonen ſtellt man an dem Thore nach dem Garten des Arſenals auf und dringt unter dem Schutz derſelben trotz dem fortwährenden Feuer der Belagerten in den nächſten Hof ein. Sicher wäre das nicht gelungen, wenn die Garniſon vor dem Qualm des Strohes und der Gebäude den eigent⸗ lichen Stand der Dinge hätte ſehen können, denn die Pariſer machten ſich ſchon uͤber die Maſſe von Wagen her, welche der ſtarken Brücke gegenüber im zweiten Hofe den Eingang zur eigentlichen Feſte verſperrten. Ein Of⸗ fieler vom Infanterieregiment der Königin, Namens Elie, trotzt mit drei bis vier Bürgern dem mörderiſchen Feuer der Belagerten, ſpringt mit ihnen nach den Wagen vor und reißt einen davon weg; mit einem zweiten gelingt es dieſen Wackern nicht, ſte müſſen zurück. Ein Krämer aus dem St. Paulskirchſpiel, der ſtämmige Réole, eilt mit einigen Freunden durch daſſelbe Feuer vor, ſie ergreiz den zweiten Wagen und reißen ihn mit einem gewg — 456— Ruck auf die Seite; Réole entkommt, zwei ſeiner Ka⸗ meraden liegen todt auf dem Boden. Sogleich pflanzt man zwei Kanonen der großen Brücke gegenüber auf und der Kampf beginnt mit neuer Wuth. Unterdeſſen erbrach das Volk die Pulver⸗ und Sal⸗ peter⸗Verwalterei, öffnete die Munitionskäſten und trug den Kämpfern Schießbedarf zu. Man ergreift den Ver⸗ walter Clouet, hält ihn wegen ſeiner Uniform für den Gouverneur de Launoy und iſt im Begriff ihm das Lebenslicht auszublaſen. Da wirft ſich der Bürger Cho⸗ lat zwiſchen ihn und die Wüthenden, entreißt ihn ihren Händen und ſchleppt ihn mitten durch die Menge nach dem Rathhauſe, wo ihm der Herr von Saudray nur dadurch das Leben retten kann, daß er ſelbſt einen Streich für ihn auffängt. Unter den Vertheidigern herrſchte die ſchauderhafteſte Verwirrung. De Launoy ſprang von einem Poſten zum andern, ordnete an und widerrief faſt in demſelben Augenblicke; er wußte nicht mehr wo ihm der Kopf ſtand. Nur de Flue hielt ihn noch einigermaßen auf⸗ recht, indem er ihn an die Feſtigkeit der innern Werke an die Treue der Schweizer erinnerte. Der Adjutant y und der Lieutenant Perſan vermochten ihre Ka⸗ roßen neuer Sal⸗ trug Ver⸗ r den das Cho⸗ ihren nach ) nur treich afteſte Zoſten ſelben Kopf auf⸗ Werke jutant ihre — ͤ— Invaliden nicht zu enthuſtasmiren, de Losmes' Stimme ward durch die des wilden de Flue paralyſirt. Wäh⸗ rend alſo niemand recht wußte was zu thun wäre und jedermann auf die Fortſchritte der Anſtürmenden ſpannte, verließ Bernard unter dem Vorwande eines Rapports ſeinen Poſten am Hauptthore, um endlich nach ſeiner ar⸗ men Charlotte zu ſuchen. Er ſchlich in die Souter⸗ rains, ſo weit ſie ihm offen ſtanden, gab überall ver⸗ ſtandliche Zeichen, ward aber nicht gehört. Wenn ſie hier war, woran er nicht zweifelte, ſo mußte ſie tief ver⸗ ſteckt ſein. Traurig kehrte er an ſeinen Poſten zurück, feſt entſchloſſen die erſte beſte Gelegenheit zu benutzen, zum Volke überzugehen, wenn es nicht möglich wäre, ſelbſt den Fall der Baſtille herbeizuführen. Während im Innern der Feſte die Verwirrung und Verzagtheit noch mehr überhand nimmt, ordnen ſich die Stürmenden immer beſſer und werden von Sieges⸗ hoffnung erfüllt. Man erbricht alle Eingänge in die Ge⸗ bäude und reißt die Wände ein. Aus einer der Thüren ſchlüpft ein junges Mädchen, vor deſſen Schönheit auch die erbittertſten Kämpfer zurucktreten. „Leclere iſt hinter mir, mein Henker! Rettet mich!“ ruft ſie und ſtürzt nach dem offenen Thore. Es iſt Charlotte Vanner⸗ ————— „Ah, ah!“ ſagte ein Mann des Volks, ſie aufhal⸗ tend,„man giebt uns hübſch Rechenſchaft ehe man geht, ſchöne Tochter der Baſtille.“ „O nehmt mich in Euern Schutz...“ „Heiſa!“ ſchrien ein paar Wüthende,„da haben wir die Tochter des Gouverneurs! Sie will entfliehen! Warte, ſchönes Täubchen, erſt wollen wir Dich ein wenig exa⸗ miniren!“ „Ihr irrt...“ ſtammelte das Mädchen, ohne bei dem Lärm gehört zu werden. „Seht Ihr dort auf dem Thurme ihren ſchurkiſchen Vater? He, Alter, übergieb augenblicklich die Feſte, oder wir ermorden Deine Tochter vor Deinen Augen!“ „Da iſt ein hübſch dicker Strohſack. Feuer darunter! He, de Launoy da oben, übergieb ſogleich das Schloß, oder wir braten Deine Tochter wie eine Gans!“ Trotz allem Erklären, Bitten und Jammern ward das arme Mädchen von den Fäuſten der Männer erfaßt und auf den improviſirten Scheiterhaufen geſetzt. Der Gou⸗ verneur ſah dieſes Schauſpiel von oben, zuckte ein wenig zuſammen und lächelte. „Feuer unter das Stroh! Er ſoll ſehen, daß wir nicht ſcherzen!“ Einige Maͤnner mit berußten Geſichtern zündeten den geht, wir arte, exa⸗ bei chen oder tter! das 8!“ das und ou⸗ nig wir den Strohſack an, auf welchem Charlotte von etlichen an⸗ dern feſtgehalten wurde. Dies ſteht von ſeinem Poſten aus der wackre Aubin Bon nemère, ſpringt hinzu, reißt das leichenblaſſe Mädchen aus den Händen der Un⸗ holde, übergiebt ſie ſichern Händen, um ſie aus dem Hofe in's Freie bringen zu laſſen, und fliegt in den Kampf zurück.— Da ſich die Ereigniſſe ſpäter zu ſehr drängen, als daß wir auf die einfache Belohnung der Bürgertugend Bonnemre's zurückkommen könnten, ſo ſei es uns geſtattet, ihrer gleich hier zu gedenken. Ei⸗ nige Zeit nachher nämlich ward auf dem Rathhauſe in öffentlicher Sitzung beſchloſſen, den hochverdienten Mann mit einer Bürgerkrone und einem Ehrenſäbel zu ſchmücken. Als ſich Bonnemére im Saale eingeſtellt hatte, öffnete ſich eine Seitenthür und herein trat die neunzehnjährige, reiche und ſchöne Théroigne de Me⸗ rieourt in kriegeriſchem Schmuck und mit einem koſt⸗ baren Säbel an der Seite; an der Hand führte ſie die ſiebzehnjahrige und noch ſchönere Charlotte Vanner, die ein einfaches mit Roſen beſetztes weißes Gewand und eine Bürgerkrone in der Hand trug. Beide waren dem Volke recht wohl bekannt, in deſſen Sprache die eine „Bellona“ und die andre„die Tochter der Ba⸗ ſtille“ hieß. Théroigne gürtete dem ebenſo ſehr 4 durch Tapferkeit als Menſchlichkeit ausgezeichneten Bür⸗ ger das Schwert um und ſagte:„Das Vaterland weiß, daß Du es gut führſt!“ Hierauf näherte ſich mit Freu⸗ denthränen im Auge die liebliche Charlotte, ſetzte ihm den Kranz auf und ſprach:„Das Vaterland erkennt Dei⸗ nen ganzen Werth und belohnt Deine Bürgertugend!... O nun nimm meinen innigſten, wärmſten, herzlichſten Dank...“ ſetzte ſie ſchluchzend hinzu. Sie konnte nicht weiter ſprechen. Es blieb kein Auge thränenleer und ſelbſt der Maire mußte ſich erſt ſammeln, bevor er die Ceremonie vollenden konnte. Zuletzt trat noch der Bürger Binot vor und ſagte:„Ich bitte zu Protocoll zu neh⸗ men, daß ich dem wackern Bonnemére eine auch auf ſeine Frau übergehende Leibrente von 500 Franes aus⸗ ſetze.“ Kaum hatte im Hofe der Baſtille der edelmüthige Bonnemére auf die oben erzählte Weiſe verhütet, daß der Ruhm dieſes großen Tages befleckt werde, als im Arſenal etwas überaus Schreckenvolles vorging. Im Sal⸗ petermagazin lag auch ſchon viel fertiges Schießpulver; wenn in dieſes ein Funke flog, ſo mußte ein ungeheures Unglück geſchehen. Ein tapfrer Soldat Namens Hum⸗ bert kam aus dem Inyalidenhotel und wollte ſich eben in den Kampf ſtürzen, als er im Arſenal das Geſchrei ver; ures um⸗ eben chrei — 161— einer Frau vernahm. Er eilt hinzu und ſieht einen verrückten oder wenigſtens betrunkenen Perruquier zwei Feuerbrände an ein Salpeterfaß halten, um das Maga⸗ zin in Brand zu ſtecken; mit einem Kolbenſtoß vor den Leib rennt er den Unſinnigen nieder, ſtößt raſch das ſchon brennende Salpeterfaß um und bedeckt es mit Sand, hält ein Weilchen dabei Wache, um ſich von der völligen Tilgung des Feuers zu überzeugen, und ſpringt dann muthig wieder in die vorderſte Reihe der Kämpfer. Männer aus allen Claſſen, welche noch nie ein Ge⸗ wehr in der Hand gehabt hatten, trotzten wie Veteranen dem Feuer der Thürme und Bollwerke. Oft näherten ſte ſich den Thürmen ſo weit, daß de Launoy perſön⸗ lich von den Pflaſterſteinen und Eiſenſtücken Gebrauch machte, die er hatte hinaufſchaffen laſſen. Aber die Be⸗ lagerten ſollten am längſt ü ten auf den Thürmen gehauſ't 7 7 1 haben. Die Bürger der Vorſtadt St. Antoine waren mit tüchtigen Flinten in die oberſten Etagen ihrer Häu⸗ ſer gegangen und ſchoſſen ſo eifrig nach den auf den Thürmen befindlichen Feinden, daß dieſe zuletzt den Kopf nicht mehr über die Bruſtwehr zu erheben wagten. Da⸗ zu feuerte der Weinhäͤndler Cholat unausgeſetzt mit is dem Garten des Arſenals und der Marine⸗Kanonier G 1789. I. einer Kanone al eorget, der erſt am Morgen des 11 — 162 14ten aus Breſt angekommen war, ſtand dem Kaufmann mit Rath und That bei, ſelbſt nachdem ihn eine Kugel in den Schenkel getroffen hatte. Ueberall kämpfte man mit gleicher Unerſchrockenheit und Begeiſterung. In der Feſtung dagegen begann Muthloſtgkeit einzu⸗ reißen. Wohl ermahnten die meiſten Schweizer den Gou⸗ verneur auch jetzt noch zum Widerſtande, aber der Ge⸗ neralſtab und die Unterofficiere drängten ihn zur Ueber⸗ gabe des Platzes. De Launoy hatte ſich nicht mit Lebensmitteln verſehen und ſich mit Preisgebung der er⸗ ſten Brücke hinter die ungeheure Maſſe ſeiner Baſtionen zurückgezogen, weil er auf Beſenval's und Fleſſel⸗ les' Verſprechungen baute. Aber es wollte keine Hülfe kommen und doch machten die Stürmenden immer be⸗ denklichere Fortſchritte. Der Mann, welcher beſſer zum Kerkermeiſter als zum Commandanten eines feſten Platzes taugte, hatte gänzlich den Kopf verloren. Ringsumher erblickte er nur Abgründe. Von allen möglichen Maß⸗ regeln ergriff er gerade die gefährlichſte, nämlich die gar keine zu ergreifen. Wahrhafte Verzweiflung im Geſicht, rennt er den Thurm hinab und langt im Hofe an, als der beſonne⸗ nere Schließer Leclere Wein an die Beſatzung aus⸗ theilt. Er ſieht dieſen kaum an, eilt an eine Kanone im ——. 5 — 163— innern Hofe, ergreift die Lunte und ſtürzt d amit nach der Pulverkammer, um das Schloß mit allem Volk in die Luft zu ſprengen. Aber der Unteroffieier Ferrand, welcher dort die Wache hat, ſetzt ihm das Bajonett auf die Bruſt und treibt ihn wie einen Wahnſinnigen fort. De Launoy läuft nach dem Thurm de la Liberté, wo eine Menge des in der Nacht zum 13ten herbeigeſchlepp⸗ ten Pulvers lag. Hier nöthigt ihn der Unterofficier Be⸗ Juart zum Rückzuge und verhindert gleich dem unver⸗ zagten Ferrand eine Handlung des Wahnſinns, durch welche tauſende von Bürgern, die Baſtille, die benach⸗ barten Häuſer und ein Theil der Vorſtadt St. Antoine in die Luft geflogen wären. Von dieſem ſogenannten Freiheitsthurme aus ſprang der Gouverneur zur Garniſon hin und ſagte barſch: „Kameraden! Sprengen wir uns in die Luft! Iſt es nicht beſſer als uns von einem wüthenden Volke er⸗ würgen laſſen, dem wir nicht mehr entgehen können?“ „Wir wollen lieber allein ſterben als eine ſolche Menge unſrer Mitbürger mit in's Verderben ſtürzen!“ „Nein, nein,“ brüllte der Gouverneur,„wenn wir einmal ſterben müſſen, ſo iſt es beſſer auf die Thürme ſteigen, den Feinden unſern Tod verhängnißvoll zu 11 —= 14— machen, und ſie unter den Trümmern der Baſtille zu be⸗ graben!“ „Wir ſind verſchiedener Anſicht, Herr Gouverneur,“ ſagten die Invaliden ruhig;„da aber nun ein längerer Widerſtand unmöglich iſt, ſo muß man die Trommel rühren, die weiße Fahne aufpflanzen und capituliren.“ „Verfluchte Feiglinge!“ brummte de Launoy für ſich hin und ging in's Innere des nächſten Gebäudes. Jetzt ſchlägt man die Chamade und pflanzt die weiße Fahne auf dem Thurme de la Baziniére auf. Aber es iſt zu ſpät; das Volk, von der Treuloſigkeit des Gou⸗ verneurs überzeugt, welcher auf die Deputation hatte feuern laſſen, erblickt in dieſem Friedenszeichen eine neue Schlinge, rückt deſto herzhafter vor und gelangt bis an die Brücke des innern Hofes. Hier ſtand Bernard, welcher ſtets nur blind ge⸗ ſchoſſen hatte. Er benutzt die Schießſcharte neben der Zugbrücke, um den Anſtürmenden zuzurufen: „Die Feſte ſoll übergeben werden! Laſſen Sie uns mit allen kriegeriſchen Ehren abziehen!“ „Nein, nein!“ ſchrie man zurück. Und es entſtand wieder ein ſolcher Lärm, daß man die Vorſchläge des Schweizers nicht verſtand. Er hing einen Zettel hinaus, deſſen Schrift man aber wegen der — 165 Entfernung nicht leſen konnte. Er ſchrie nochmals aus Leibeskräften: „Man verſpreche nur die Beſatzung nicht niederzu⸗ machen, und ſie wird ſich ergeben!“ Jetzt wird ein Bret übergelegt und ein Unbekannter wagt ſich darauf, um den Zettel zu nehmen. Aber in dieſem Augenblicke trifft ihn eine Flintenkugel, er thut einen gewaltigen Fall in den Graben hinab und wird zerſchmettert. Ohne über das Schickſal dieſes Armen zu erſchrecken, ſtellt ſich ein Zweiter dar und beginnt auf dem ſchmalen Brete hinzugehen. Es iſt der junge Maillard, der Sohn eines Gerichtsdieners aus dem Chaͤtelet, welcher ſchon beim Beginn des Kampfes äußerſt thätig geweſen war. Er gelangt an's Ziel, ergreift das Papier und händigt es dem wackern Hullin ein, welcher mit lauter Stimme lieſ't: „Wir capituliren! Nehmen Sie aber die Capitula⸗ tion nicht an, ſo ſollen Sie wiſſen, daß wir 20,000 Pfund Pulver haben, womit wir uns und das ganze Stadviertel in die Luft ſprengen können.“ „Bei Officiersehre!“ rief Hullin,„wir nehmen die Capitulation an! Laßt die Brücke nieder!“ Dieſe Worte vernimmt das Volk und ſchreit heftig: — 166— „Nichts da von Capitulation! Wir wollen die Verräther 9 3 züchtigen!“ Und bei dieſen Worten ſchaffte man drei Kanonen vor. Schon öffnete man die Reihen, um die Kugeln durchzulaſſen, da bemerkte Bernard, daß man es auf die große Zugbrücke abgeſehen hatte. Mit dieſer hätte man ſich lange plagen können. Er ſprang daher nach den Schlüſſeln der kleinen⸗Zugbrücke links vom Eingange in die Feſtung; ſie diente bloß zum Uebergange einzel⸗ ner Leute. Dieſe ließ ſich unter dem Jubel des Volks langſam nieder. Sogleich riegelt man ſte feſt, augenblick⸗ lich iſt ſte mit Mäͤnnern bedeckt wie Elie, Hullin, Maillard, Réole, Humbert, Tournay, Frango is, Louis Morin und mehrern andern. Es war zu be⸗ ſorgen, daß das Volk ſich darauf hinüberdrängen und viele Leute in die Gräben geſtürzt werden möchten; da⸗ her ließ die franzöſiſche Garde nur wenige Perſonen auf einmal vor. „Ha, Verräther!“ brüllte eine Stimme hinter Ber⸗ nard;„bevor die Feſtung fällt, ſollſt Du wenigſtens...“ Bei dieſen Worten führte Frangois Leeclerc einen ſo gewichtigen Hieb mit dem ungeheuren Schlüſſelbunde nach dem Kopfe des Schweizers, daß dieſer unfehlbar zu — 167— Boden geſtreckt worden wäre, wenn er nicht ausgebeugt hätte. „Ungethüm!“ ſchrie Bernard dagegen, ihn bei dem Halſe faſſend, daß er braun im Geſicht wurde;„heim⸗ tückiſches Ungeheuer, wo haſt Du Charlotte Vanner verſchloſſen?“ „Laßt mich los,“ krächzte der halb Erdroſſelte,„dann will ich's Euch ſagen.“ „Gut denn,“ ſagte Bernard ihn lockerer faſſend, „wo iſt ſte?“ „Bereits vor ein paar Stunden iſt ſie aus der Ba⸗ ſtille entſprungen; ſie ſollte transportirt werden, damit ſie beim etwaigen Falle der Baſtille nicht hier gefunden würde... Aber ſo laßt mich doch los...“ „Geh, Schuft!“ ſagte Bernard kalt und gab ihm zum Abſchied noch einen heftigen Tritt mit dem Fuße. Der Schließer warf ihm einen wüthenden, vernichtenden Blick zu und verſchwand wieder. Vor dem Thore auf der kleinen Zugbrücke war die Ungeduld der Harrenden auf's höchſte geſtiegen. Ber⸗ nard fragte durch das Thor hinter der Zugbrücke, was man wollte. „Man ſoll die Baſtille übergeben!“ lautete die Ant⸗ wort. — 168— Hierauf öffnete er das Thor und die genannten Männer des Volks drangen zuerſt in die Feſtung ein. Sogleich ward die große Zugbrücke niedergelaſſen. Sie war noch nicht ganz nieder, als der ungeduldige Arné ſchon darauf ſprang, um ſie nicht wieder aufziehen zu laſſen. Rechts ſtanden die Invaliden, links die Schweizer; alle hatten bereits die Gewehre an die Mauer gelehnt. Sie nahmen die Hüte ab, klatſchten in die Hände und riefen den in Maſſe Eindringenden Bravo zu. Die Be⸗ ſtegten werden human behandelt, Bernard und mehrere Officiere des Generalſtabs umarmen die friedlich geſinn⸗ ten Sieger, welche vom Platze wie durch Capitulation Beſitz nehmen. „Bernard! Mein Otto!“ rief eine weibliche Stimme und— ein junger Mann ſtürzte dem Schweizer in die Arme. Es war Charlotte Vanner, welche die Kleider eines Bürgers angelegt und auch noch einen zweiten An⸗ zug für ihren Geliebten mitgebracht hatte. „Das Volk iſt gegen unſre Landsleute ungeheuer auf⸗ gebracht, mein Bernard; entfliehe mit mir aus dieſen Mauern!“ 3 Der Schweizer wußte nicht wie ihm geſchah. Augen⸗ —— A — 169— blicklich hatte er hinter dem Thorflügel die von ſeiner Braut mitgebrachten Kleider übergezogen und war mit ihr außerhalb der Baſtille. Hier lief jedoch nicht alles ſo friedlich aus als es den Anſchein gehabt hatte. Während die Beſatzung mit den Bürgern fraterniſirte, ſchoſſen ein paar Poſten auf der Plateform nach dem Thore hin, weil ſie ihre Nieder⸗ lage noch nicht kannten, und reizten das Volk dadurch zur heftigſten Wuth. Man ſtürzt ſich über die Invaliden her und macht ſogar einen derſelben nieder, weil er ſich zu wehren ſchien. Der unglückliche Béquart, welcher den ganzen Tag keine Flinte losgeſchoſſen und ſich um die Stadt Paris ſo verdient gemacht hatte, indem er den Gouverneur verhinderte die Baſtille in die Luft zu ſprengen, dieſer wackre Unterofficier wird von zwei Sä⸗ belſtreichen verwundet und man haut ihm eine Hand ab. Hierauf ergreift man den blutenden Menſchen nebſt ſei⸗ nem Nachbar Aſſelin und ſchleppt beide nach dem Gréve⸗Platz, während man die Hand, welcher ſo viele Bürger ihr Leben verdanken, im Triumph durch alle Straßen trägt. Das Volk hält ihn und ſeinen Unglücks⸗ genoſſen für Kanoniere und hängt dieſe Opfer eines ver⸗ hängnißvollen Irrthums an e inen improviſtrten Galgen. Man nimmt alle Officiere des Generalſtabs gefangen, ſtürzt in ihre Wohnungen und demolirt Meubles, Fenſter und Thüren. In dieſer allgemeinen Verwirrung werden die, welche die Zimmer durchwühlen, für Leute von der Beſatzung gehalten und vom Hofe aus beſchoſſen. Der tapfre Humbert ruft von der Plateform hinunter, man möge doch nicht auf ſeine Freunde ſchießen, und wird durch eine Flintenkugel in die Schulter verwundet, wäh⸗ rend einer ſeiner Freunde neben ihm tödtlich getroffen niederſinkt. Da ſteckt der brave Arné ſeine Grenadier⸗ mütze auf das Bajonett und tritt an die Bruſtwehr vor; die im Hofe befindlichen Streiter erkennen ihren Irrthum und ſtellen das Schießen ein. 4 Gleich darauf vereinigt ſich Arné mit Maillard und Cholat, um den Gouverneur aufzuſuchen, denn aller Wahrſcheinlichkeit nach hatte er ſich in irgend einen abgelegenen Winkel verkrochen. Was und wen ſie auch in den verſchiedenen Zimmern ſehen, nichts hält ſie auf; ſte ſtürmen aus einem Gemach in's andre, bis ſie am Ende des großen Gebäudes im innern Hofe angekommen ſind. Dort führte eine Thur von einem dunklen Gange in ein gleichfalls ziemlich dunkles Behältniß, welches ſie mit einer Fackel erleuchten mußten. „Endlich!“ rief Cholat, nach einer Ecke am Fenſter vorſpringend. —,, — 171— „Das iſt er!“ ſagte Maillard, den Mann in der Ecke packend. „Ach, nicht ſo!“ ſprach Arné, ihm einen Stockdegen entreißend, womit er ſich durchbohren wollte. „Was wollt Ihr?“ fragte jetzt de Launohy todten⸗ bleich(denn er war es ſelbſt);„Ihr wißt hoffentlich, daß es einem Commandanten obliegt, die ihm anvertraute Feſtung bis auf den letzten Blutstropfen zu halten!“ „Commandant oder Kerkermeiſter!“ ſagte H ullin, der mit Elie zufällig eben dahin gekommen war, Stadthaus wird über Ihr Schickſal entſcheiden.“ De Launoy ſchöpfte wieder Athem, als er hörte, daß er ſich werde vertheidigen können, und ließ „das ſich gut⸗ willig aus der Baſtille führen. Voraus ging Elie in ſeiner Uniform und die Capitulation auf der Spitze ſei⸗ nes Degens tragend; ihm folgte der königliche Steuer⸗ aufſeher Legris, welcher ſich an dieſem und den folgen⸗ den Tagen durch ſeine Tapferkeit hervorthat; hierauf kam Maillard mit der Fahne und endlich zwiſchen Hullin und Arné der Gouverneur in ſeinem grauen Frack mit dem Ponceau⸗Vande. Unmittelbar hinter ihm ſchritt del'Epin e, Secretär des Parlamentsprocurators Morin. Trotz dieſer ehrenhaften Escorte hatte der verhaßte Gouverneur viel vom Vol ksunwillen auszuſtehen, denn mit allgemeinem Geſchrei verlangte man ſeinen augen⸗ blicklichen Tod. Einige Männer des Volks rauften ihn bei den Haaren, andre hielten ihm den Degen auf die Bruſt und wollten ihn durchbohren. Seine wackern Ver⸗ theidiger liefen ſelbſt die größte Gefahr als Opfer der Volkswuth zu fallen. Hullin ward von einer Eiſen⸗ fauſt ergriffen und weggeriſſen; da rief de Launoy in ſeiner Todesangſt: „Ach, mein Herr, Sie hatten mir verſprochen mich auf's Stadthaus zu führen! Verlaſſen Sie mich nicht!“ „Laßt mich!“ rief Hullin dem raſenden Volke zu; ſ „das Opfer entgeht Euch nicht!“ und mit einem gewalti⸗ gen Rucke ſtand er wieder neben dem Gefangenen. i V Auch gegen Elie, der etwas zurückgedrängt wurde, 2 wendete ſich der leichenblaſſe Er⸗Gouverneur mit den n Worten: 3 1„War es das, was Sie mir verſprochen haben? Ach, S mein Herr, verlaſſen Sie mich nicht!“ 2 h „Nur mit meinem Leben!“ antwortete Elie, ſich wie⸗ der neben ihn ſtellend. 4 Aber die Wuth der begleitenden Menge ſtieg jeden 3 Augenblick und verſchonte die nicht mehr, welche den d Herrn de Launoy eseortirten. Herr de lEpier er⸗ ſe hielt einen Kolbenſchlag auf den Kopf, daß er zur Seite — 1— wankte und in ein Haus gebracht werden mußte. Selbſt der ſtarke kräftige Hullin konnte dem gewaltigen Andrän⸗ gen des Haufens nicht mehr widerſtehen; außer Athem und ganz entkräftet mußte er den Gefangenen verlaſſen, um einen Augenblick auszuruhen. Da ward de Lau noy vom Volk erfaßt, wüthend hin und her geriſſen, geſtoßen und geſchlagen. „Ach, meine Freunde,“ ſchrie er entſetzt,„tödtet mich ſogleich! Laßt mich nicht ſo lange leiden!“ „Schön,“ ſagte ein ſtämmiger Fleiſcher,„Deine Bitte ſei Dir gewährt!“ Bei dieſen Worten faßte er ihn am Halſe und würgte ihn, während Andre ihm den Kopf zerdraſchen. Einige Augenblicke darauf erhob ſich Hullin aus ſeiner Er⸗ mattung, um den Gefangenen wieder zu übernehmen, aber zu ſeinem Schrecken ſah er in geringer Entfernung vom Stadthauſe de Launoy's Kopf auf einer Pike und hörte das Geſchrei des Volks: „So muß es allen Verräthern gehen!“ Hullin ſank wieder auf ſeinen Stein an einem Hauſe zurück. Als er ſich abermals erholt, bringt ein wüthen⸗ der Volkshaufe einen andern Officier der Baſtille ge⸗ ſchleppt. Es iſt der menſchenfreundliche, der tugendhafte 2 83 2 8: v.. de Losmes, welcher ſchon längſt nicht mehr in der — 174— Baſtille geweſen ſein würde, hätte er nicht die Unglück⸗ lichen tröſten, ihr Schickſal möglichſt erleichtern wollen. Auch er wird auf dem Gréve⸗Platze heftig bedroht, ge⸗ ſtoßen und geſchlagen. Vergebens ſucht ſich Hullin Platz zu machen, um dem wackern Bürger beizuſtehen; er wird an ein Haus zurückgedrängt. Aber vor ihm wühlt ſich ein junger Mann in Burgerkleidung durch die Menge, reißt die Dränger des Unglücklichen bei Seite und ſchreit mit gewaltiger Stimme: „Sie irren ſich, meine Herrren! Der Major de Los⸗ mes iſt ſtets ein Freund der Bedrängten geweſen! Laſſen Sie ihn!...“ „Was ſagt er?“ brüllte der Fleiſcher und ſern Bernard(denn dieſer war es gen Fauſt dermaßen auf den Kopf, ſchlug un⸗ ) mit ſeiner gewalti⸗ daß er zurücktaumelte. Doch erholte ſich der junge kräftige Mann bald und ſetzte von neuem an: „Um Gotteswillen, beflecken Sie nicht den Tag des Ruhms! Bringen Sie ihn ruhig auf's Stadthaus und alles wird ſich aufflären!“ Aber ſchon hatte man den Major wieder vorwärts geriſſen. Man ließ ihn nicht zu Worte kommen, ſondern puffte ihn von allen Seiten, daß er athemlos ſtehen blei⸗ glück⸗ ollen. ben mußte. Da ſtürzte ſich ein andrer junger Mann in ſeine Arme und rief: „Halten Sie ein, meine Herren! Sie ſind im Begriff den beſten der Menſchen zu opfern! Ich habe fünf Jahre in der Baſtille geſeſſen; und ſtets war er mein Tröſter, mein Vater!“ De Losmes erhob das Auge und erblickte den Herrn de Pelleport, dem er allerdings während ſei⸗ ner Gefangenſchaft in der Baſtille ſo manchen unſchätz⸗ baren Dienſt erwieſen hatte. „Junger Mann,“ ſagte er mit Anſtrengung ſeiner letzten Kräfte zu ihm,„was machen Sie? Ziehen Sie ſich zurück! Sie opfern ſich ohne mich zu retten!“ Aber Pelleport, unbewaffnet wie er war, drückte die andrängende Volksmenge zurück, klammerte ſich an ſeinen Wohlthäter und rief: „Ja, ich vertheidige ihn gegen Euch und gegen jeder⸗ mann!“ Bei dieſen Worten hieb ihn ein Wüthender mit der Art in die Schulter, daß das Blut zur Erde ſtrömte. Pelleport wollte nochmals reden, von dem bekannten Fleiſch nicht aufbewahrt hat, erhielt aber jetzt er, deſſen Namen die Gſchichte einen ſo nachdrücklichen Hieb auf den Kopf, daß er an der Menſchenwand zu Boden ſank. Auf den Fleiſcher führt nun der Chevalier de Jean, ein Freund des Herrn de Pelleport, einen kräftigen Hieb und ſucht bis zu de Losmes vorzudringen, em⸗ pfängt aber von allen Seiten Säbelſtreiche und Bajonett⸗ ſtöße; dennoch ergreift er noch eine Flinte und verwun⸗ det was er zunächſt um ſich hat; endlich entreißt man ihm die Flinte und nur wie durch ein Wunder entgeht er dem Tode, indem er aus vielen Wunden blutend nach der Stadthaustreppe kriecht, wo er bewußtlos niederfällt. Unterdeſſen war de Losmes erwürgt worden. Der Arcade St. Jean gegenüber hieb man ihm den Kopf ab, ſteckte ihn gleich dem des Gouverneurs auf eine Pike und trug dieſe blutigen Trophäen in allen Theilen der Stadt herum. Der Adjutant Mirahy ſollte ebenfalls auf's Rathhaus geſchafft werden; aber in der Straße des Tournelles ward er vom wüthenden Volke ſeinen Führern entriſſen und auf der Stelle niedergemacht. Auch den Invaliden⸗Lieutenant Perſan brachte man geſchleppt; er kam nicht weiter als bis an den ſogenann⸗ ten Getreidehafen. In ſeiner Taſche fand man das St. Ludwigskreuz und blies ihm gleich darauf das Lebens⸗ licht aus. Da ſich bei ſeiner Gefangennahme der Füſt⸗ lier Dubois(von der franzöſtſchen Garde) ausgezeichnet hatte, ſo heftete man ihm das Kreuz in's Knopfloch; ein paar Wochen ſpäter aber ſchickte er es durch ſeinen Diſtrict an Lafayette und ließ ihm ſagen:„Gute Handlungen und nicht Decorationen zieren den Mann.“ Mit Zittern erwartete die übrige Garniſon die Ent⸗ ſcheidung ihres Looſes. Der ſchändliche de Flue war verſchwunden. Die Schweizer waren zwar der erſten Wuth des Volkes entgangen, indem ſie, mit Leinwand⸗ kitteln bedeckt, für Gefangene gehalten und entlaſſen wor⸗ den waren; auf den Thürmen hatten ſie nicht gefochten, ſondern nur in den Höfen, und waren daher während der Affaire ſo ziemlich unſichtbar geblieben; aber nun fiel die ganze Rache auf die armen Invaliden, die doch im Ganzen nur wenig Schaden gethan hatten. Sie wurden ergriffen und auf den Grève⸗Platz geführt. Unter den härteſten Schimpfreden und beſtändigen Rip⸗ penſtößen von Seiten des Volks k w amen ſie dort an und urden einem Bürgerofficier übergeben. Schreckenergriffen ſahen ſie zwei ihrer Kameraden an dem verhängnißvollen Galgen hängen und der Officier rief ihnen zu: „Ihr habt auf Eure Mitbürger geſchoſſen! Ihr ver⸗ dient den Strang und ſollt ſogleich baumeln!“ „An den Galgen! An den Galgen!“ ſchreit das Volk und will ſich ſeiner Opfer bemächtigen. 1789. 1. 12 Aber die franzöſiſche Garde, ebenſo menſchlich in ih⸗ rem Siege als ſchrecklich im Kampfe, bittet das Volk um das Leben ihrer Gefangenen. Man klatſcht den Män⸗ nern, welche ſich um das Vaterland ſo wohl verdient gemacht haben, wegen ihres Edelmuthes Beifall zu. Erſt hatte man nur einen allgemeinen Schrei der Rache ge⸗ hört, jetzt ertönt der ganze Grove⸗Platz von dem Rufe: „Gnade! Gnade!“ „Nach dem Palais⸗Royal!“ rufen andre Stimmen. Aber der Sergeant der Gardegrenadiere Marqué öffnet das Detachement, welches er commandirt, läßt 22 Invaliden nebſt 11 Schweizern von Salis⸗Samade ein⸗ treten und führt ſte unter dem Jubelruf der Menge über den Platz des Victoires in die Caſernen von Nouyelle⸗ France. Hier finden die Unglücklichen Schutz, Ruhe und Nahrung, bis ſie am folgenden Tage unter die National⸗ garde eintraten. Bernard hatte es ſchon am 14. ge⸗ than. Kaum waren auf dieſe Weiſe die Invaliden gerettet, als man aus dem Arſenal ein neues Opfer geſchleppt bringt. Es war der Herr von Montbarry, früher Kriegsminiſter, mit ſeiner Gattin. Noch auf der Treppe nach dem Saale der Wähler drohte man ihn vor den Augen ſeiner Gemahlin niederzuſtoßen. Mehr todt als 2 lebendig kommt er endlich in den Saal und wird von zwanzig Bewaffneten nach dem Bureau der Wähler hin⸗ gedrängt. Herr de la Salle, der ihn kennt, ſtreckt ihm die Arme entgegen, gleich aber fühlt er eine Menge Ba⸗ jonette auf ſeiner Bruſt. Er bittet die Ankömmlinge ihre Beute loszulaſſen und die Bajonette von ſeiner eignen Bruſt zurückzuziehen; man werde ſchon jedermann Gerech⸗ tigkeit widerfahren laſſen. Madame Montbarry ver⸗ einigt ihre Thränen mit ſeinen Bitten, und die Wüthen⸗ den laſſen einen Augenblick in ihrem Angriffe nach. Die⸗ ſen Moment ergreift de la Salle, faßt ſeinen Freund mit ſtarkem Arm, zieht ihn an ſich und deckt ihn mit ſeinem eignen Körper. Dieſer Theatercoup machte Ein⸗ druck. Das Rachegebrüll verwandelte ſich in Beifalls⸗ geſchrei; man klatſchte lachend in die Hände. Auf einen erhöhten Stand neben dem Büreau der Wähler hatte man den wackern Elie geſetzt, um dadurch ſeine Bürgertugend zu feiern. Mehrere Gefangene ſtreck⸗ ten ihre Hände nach ihm aus und flehten ihn um ſeinen Beiſtand an. Auch mehrere Knaben, die man aus der Baſtille gefangen hergeführt hatte, befanden ſich unter den Vajonetten der Bürger und riefen den Namen Elie. Da ſagte dieſer plötzlich: „Gnade, Gnade den Kindern!“ Aller Blicke richteten ſich auf ihn. Seine zerzauſ'ten Haare, ſeine mit Schweiß bedeckte Stirn, ſein ſchartiger Degen und die Unordnung ſeiner Kleidung imponirten der Menge. Alle Welt rief: „Gnade, Gnade!“ Dies war das Zeichen einer allgemeinen Amneſtie. Und Elie begann von neuem: „Bürger, hutet Euch die Lorbeeren mit Blut zu be⸗ flecken, womit Ihr meine Schläfe umwunden habt! Sonſt reißt mir lieber den Kranz wieder vom Haupte! Bevor wir hingehen, um die Zinnen der Baſtille ſinken zu ſe⸗ hen(denn die Sonne des morgenden Tages wird ſie fallen ſehen), mögen die Gefangenen, die mehr unglück⸗ lich als ſtrafbar ſind, hier auf der Stelle ſchwören der Nation treu zu ſein.“ Sogleich ward dieſer Eid unte Menge feierlich abgelegt. Es iſt jetzt Zeit, daß wir uns wieder nach der Ba⸗ ſtille umſehen, denn hier iſt noch der größte Volkshaufe verſammelt. Nachdem das erſte Feuer der Stürmenden verraucht war, kehrten ſie gleich ihren Waffenbrüdern auf dem Stadthauſe zu menſchlichern Geſinnungen zurück. Sie verbreiteten ſich überall in der Feſtung, um ſich mit ei⸗ Beifallsruf der — 181— genen Augen von der Wahrheit deſſen zu überzeugen, was das Gerücht von den Geheimniſſen dieſer Zwing⸗ burg geſagt hatte. Einige kriechen in die Souterrains hinab, kommen aber nicht ſogleich zu ihrem Zweck, in⸗ dem dort alle Thüren auch den gewaltigſten Anſtrengun⸗ gen trotzten. Andre beſteigen die Plateformen und geben den noch geladenen Kanonen eine andre Richtung, bre⸗ chen Steine von den Zinnen und laſſen ſte mit Donner⸗ gepolter hinabrollen. Noch Andre begeben ſich in's Rathszimmer, wo man ſo oft ohne Geſetze verurtheilt und eingekerkert hatte. Einige dringen in die Capelle ein, wo ihnen ein Prieſter entgegenruft: „Hier iſt ein heiliger Ort, hier iſt das Haus des Herrn!“ Die Bürger achten die Heiligkeit des Orts und neh⸗ men nichts von den heiligen Gefäßen und Geräthſchaften als ein Bild des gefeſſelten Petrus, worauf alle Attribute der Sklaverei angebracht waren, ſo daß die unglücklichen Gefangenen, wenn ſie ſich beim Anblick des Bildes zum barmherzigen Himmel erheben wollten, ge⸗ waltſam an die mitleidsloſe Erde erinnert werden mußten. In dem Hofe, wo die Gefangenen zuweilen einen Spaziergang machen durften, befand ſich vor der Uhr ein Zifferblatt, das von zwei unter dem Gewicht ihrer — 182— Ketten gebeugten Sklaven gehalten wurde. Dieſe für den Ort ſo gut paſſende Zierde hatte der Miniſter Sar⸗ tine machen laſſen. Als die Bürger das Zifferblatt mit ſeinen gekrümmten Stützen ſahen, warfen ſie ſo lange mit Steinen danach, bis nichts mehr davon übrig war. In die Kerker unten, die alle mit zwei⸗ und dreifa⸗ chen Eiſenthüren verſchloſſen waren, hatte man immer noch nicht eindringen können. Ein Theil der Stürmen⸗ den ſuchte nach den Schlüſſeln. Unterdeſſen ward in den obern Zimmern ausgeräumt. Gold, Silber und Archive, Documente und Regiſter wur⸗ den fortgeſchleppt oder von den Thürmen herab in die Gräben und Höfe geworfen. Eine Maſſe Ketten und alte Waffen von abenteuerlicher Geſtalt kommen zum Vorſchein. Feſſeln, durch das tägliche Reiben ganz ab⸗ geſcheuert, eine alte eiſerne Rüſtung, worin ein Menſch in ewiger Unbeweglichkeit gehalten werden konnte, ſchleppt man an's Tageslicht. Den Gebrauch andrer nicht weni⸗ ger ſchrecklichen Maſchinen kann man ſich gar nicht erklä⸗ ren. Jedermann trägt etwas aus der furchtbaren Feſte hinweg, welche ſo lange geſchreckt hatte, aber zur Ehre der Baſtillenſtürmer ſei es geſagt, noch an demſelben und die folgenden Tage lieferte jedermann ſeine Beute im Di⸗ ſtrict oder auf dem Stadthauſe ab. N — 183— „Wir ſind keine Diebe,“ ſagten die Ueberbringer; „wir ſind gute Bürger.“ Endlich ſind die Schlüſſel zu den Kerkern entdeckt; dieſe öffnen ſich nun und die ſieben blaſſen Geſtalten kom⸗ men an's Tageslicht, welche wir ſchon kennen. Man mußte den Unglücklichen wiederholt verſichern, daß ſie frei wären; ſie konnten kaum daran glauben, ſo vertraut hatten ſie ſich mit dem Gedanken einer ewigen Gefan⸗ genſchaft gemacht. Man übergab die Schluͤſſel dem Herrn Briſſot, welcher dieſe Höhlen des Despotismus vor einigen Jah⸗ ren aus eigner Erfahrung kennen gelernt hatte, und führte die Befreiten im Triumph nach dem Palais⸗Royal, wo ihnen der Herzog von Orleans eine freundliche Wohnung bereit hielt. Als ſie über den Grève⸗Platz kamen, ſahen ſie einen Galgen errichtet, über welchen in großen Buchſtaben geſchrieben ſtand:„De Launoy, Gouverneur der Baſtille, der treulos und verrätheriſch gegen das Volk gehandelt hat.“ Die Gefangnen wen⸗ den ihre Augen ab und blicken dankbar und unter Freu⸗ denthränen gen Himmel. Der Herzog Philipp von Orleans ſelbſt kam den freudetrunknen ſieben Männern bis auf die Treppe vor dem Palais entgegen und umarmte ſte im Angeſicht ihrer zahlreichen Begleitung. Es ertönte alles von Ju⸗ belgeſchrei. Der Herzog winkte mit der Hand, es ward alles ſtill und er ſprach: „Mein Palaſt iſt die Zuflucht des Volks. Sie alle, meine Freunde, lade ich ein in meinen Sälen Platz zu nehmen— ſobald ſich die Befreiten erholt haben...“ „O laſſen Sie unſre Mitbürger nur ohne weiteres eintreten,“ ſagte Herr von Solages, einer von den Sieben;„wir können die erſten Augenblicke unſrer Frei⸗ heit nicht beſſer anwenden, als daß wir uns mittheilen.“ Es geſchah. Der große Saal füllte ſich, und von dem, was da geſprochen wurde, iſt etwa Folgendes be⸗ kannt geworden: Solages, noch ein Dreißiger, ließ ſich zunächſt un⸗ terrichten, welchem Umſtande ſie ihre Freiheit verdankten, und nahm dann das Wort:. „Ich hörte bis in meinen Kerker hinab dumpfes Ge⸗ brüll und häufige Flintenſchüſſe. Da ein Schließer auf⸗ und abging, ſo fragte ich ihn, was doch der Lärm zu bedeuten habe. Er antwortete, das Volk habe ſich we⸗ gen der Theurung des Brodes empört. Ich wenigſtens bin ſtets über alles in der vollkommenſten Ungewißheit gelaſſen worden. Auf keinen meiner häufig geſchriebenen Briefe habe ich jemals eine Antwort erhalten. Ich weiß — ͤ— ſelbſt nicht, ob mein Vater noch lebt— ach, es iſt grau⸗ ſam von der Welt ganz abgeſchieden zu ſein...“ „Daſſelbe Schickſal,“ ſagte Tavernier, ein Mann von mehr als funfzig Jahren,„habe ich dreißig Jahre lang ertragen und bin zuletzt auf den Gedanken gekom⸗ men, daß außer meinem Kerkermeiſter faſt gar keine Men⸗ ſchen mehr auf der Erde lebten. Es iſt den Herren hier vielleicht nicht unangenehm zu hören, aus welchem Grunde ich vor dreißig Jahren eingekerkert wurde und welches Leben ich ſeitdem geführt habe.“ „O, vom höchſten Intereſſe iſt das,“ ſagte der Her⸗ zog;„nicht wahr, meine Lieben?“ wendete er ſich an die Menge der Umſtehenden. „Ja, mein Herr, erzählen Sie!“ riefen Einige. „Sprechen Sie von den Tyrannen!“ ſagten Andre. „Ich hatte das Unglück ein Freund des Herrn von Eſtioles zu ſein,“ nahm Tavernier wieder das Wort. „Ich ging ihm mit Rath und That an die Hand, daß er ſeine Frau wieder bekäme, welche König Ludwig XV. ſchon ſeit längerer Zeit zur Marquiſe von Pompadour erhoben hatte. Eſtioles erhielt Befehl Paris zu ver⸗ laſſen und entfloh, um einer Lettre de Cachet zu entgehen. Ich verbarg mich ſo gut ich konnte, weil ich nur wie durch ein Wunder einem Mordverſuch entgangen war. — 186— Aber der 4. Auguſt 1759 war der verhängnißvolle Tag, mo ich in meinem Schlupfwinkel überfallen und unter Androhung ſofortiger Ermordung, wenn ich einen Laut von mir gäbe, nach der Baſtille geführt wurde. Beim düſtern Schein einer Laterne folgte ich mei⸗ nen ſchrecklichen Fuͤhrern durch ungeheure Eiſenthore und ſchauerliche Gewölbe, die vom Knarren der Angeln widertönten. Nichts als Eiſenſtangen, Riegel, Schlöſſer und Ketten boten ſich meinem Anblick dar. Es ging in die Tiefe eines Thurmes hinab(es war der Thurm der Freiheit, wie mir der Schließer auf meine Frage zu⸗ grinſſte), zwei dicke eiſerne Thüren wurden aufgeſchloſſen, ich ſah ein elendes Lager, zwei Rohrſtühle, einen ſchmu⸗ zigen Tiſch und einen zerbrochenen Waſſerkrug. „Das alſo ſoll meine Wohnung ſein?“ ſagte ich ſtarr vor Erſtaunen. Statt einer Antwort näherte ſich mir ein Ritter des St. Ludwigsordens und bat mich ſatyriſch lächelnd um die Herausgabe meiner etwaigen Habſeligkeiten. Da ich zögerte, winkte der Ritter den Schließern und dieſe durch⸗ ſuchten meine Taſchen. Da man mich aus dem Bette weggeholt hatte, ſo fand man nur weniges Silbergeld, eine Uhr, zwei Ringe und ein Taſchenmeſſer bei mir. „Wir pflegen dafür zu ſorgen,“ ſagte der ſchändliche — 187— St. Ludwigsritter,„daß es unſern Hausgenoſſen nicht einfallen kann einen mildherzigen Schließer zu beſtechen oder einen weniger mildherzigen zu ermorden.“ „Warum bin ich hier?“ fragte ich auf's neue. „Das werden Sie ſchon wiſſen,“ antwortete der Ritter mit dem Katzenblick;„was Sie aber vielleicht noch nicht wiſſen, beſteht darin, daß Sie nicht den geringſten Lärm machen dürfen, ſonſt...“ Hier machte er eine leicht verſtändliche Miene des Strangulirens;„Sie ſollen alſo wiſſen, daß Sie ſich jetzt im Hauſe des Schw eigens be⸗ finden.“ „Wohl auch im Hauſe des Todes,“ ſagte ich. Der Gouverneur zuckte die Achſeln und ging. Die Schließer handhabten ihre gewaltigen Schlüſſel, ich w meinem eignen Nachdenken überlaſſen. Ich habe dieſe dreißig Jahre hindurch nicht mehr als vier Kerkermeiſter oder Bediente geſehen; es waren die, welche mir das Eſſen brachten und die man Schließer nannte. Auch hatten ſie in der That an ihren Schlüſſeln weit mehr zu ſchleppen als am Eſſen; denn jeder von den vier Gefangenw ard ärtern hatte(wie mir einer davon vertraute) zwei Thürme von 5 Etagen zu begehen jedes Gefängniß hatte wenigſtens zwei Thüren und jede Thür drei enorme — 188— Schlüſſel— unſre Teller enthielten aber zuweilen kaum ſoviel, um eine hungrige Ratte ſatt zu machen. Nun erſchien am andern Morgen um 7 Uhr ein Schließer mit dem Frühſtück, ſetzte es raſch ab und ver⸗ ſchwand. Um 11 Uhr kam das Mittagseſſen, der Kerker⸗ meiſter zerſchnitt alles in Biſſen und eilte hinaus. Um 6 Uhr Abends brachte er das Abendbrod und zog ſich ebenſo ſchnell zurück. Dies war dreißig Jahre lang die Ordnung meiner Mahlzeiten und zugleich waren die an⸗ gegebenen Stunden die einzige Zeit, wo meine traurige Einſamkeit unterbrochen wurde. Wenn ich den Schließer fragte:„Werde ich verhört werden?“ ſo antwortete er mir:„Ich weiß das nicht.“ Und auf alle Fragen folgte dieſelbe Antwort. Fragte ich den Ober⸗Kerkermeiſter ſelbſt, welcher ſich zuweilen blicken ließ, ſo antwortete er mir je nach den Umſtänden:„Das iſt in der Regel,“ oder:„Das iſt nicht in der Regel.“ Weiter war auch aus ihm nichts zu bringen. O niemand vermag ſich in die Lage zu verſetzen, worin ſich ein Menſch in der erſten Zeit ſeiner einſamen Ge⸗ fangenſchaft befindet! Wem das Maß ſeines Unglücks völlig bekannt iſt, der ſucht ſich darein zu ergeben oder ſpäht nach Mitteln zu deſſen Abwendung; aber ein un⸗ — d89— beſtimmtes mit immer neuem Schrecken drohendes Unglück feſſelt uns rettungslos an den Schmerz. Zu dieſem nagenden Seelenſchmerz kamen die Leiden des Hungers und der Kälte. Täglich ein Pfund Brod, zuweilen eine Flaſche ſchlechten faſt ungenießbaren Wein, eine ſaft⸗ und kraftloſe Suppe und ein Viertelpfund Fleiſch, das war es was ich im Schloß der Baſtille bekam, wel⸗ ches treffender ein Schloß des Hungers heißen könnte. Auch in der ſtrengſten Kälte bekam ich nicht mehr als ſechs Stückchen Holz zum Erwärmen meines eiſigen Ker⸗ kers. Wenn ich mich beim Gouverneur darüber beklagte, ſo ſagte er:„Das iſt nicht in der Regel,“ aber es wurde auch nicht anders...“ „Und doch,“ fiel hier der Herzog von Orleans dem Sprecher in's Wort, ndoch bezahlte der König dieſen Kerkermeiſter ſehr honett, ganz abgeſehen von dem Ge⸗ winn, welchen dieſer aus der Vermiethung der trocknen Gräben und der Kramläden an der Baſtille zog. Wenn er nun die Gefangenen ſo abſpeiſ'te, wie wir da hören, was mußte ihm dann erſt übrig bleiben? Für Tafel, Wäͤſche, Licht und Holz der Gefangenen war ein beſtimm⸗ ter Tarif gemacht: Ein Prinz von Geblüt durfte täglich 50 Liyres koſten, ein Marſchall von Frankreich 36, ein General⸗Lieutenant 24, ein Parlamentsrath 15, ein ge⸗ — 190— wöhnlicher Richter, ein Prieſter und ein Finanzmann 10, ein vornehmer Bürger und ein Advocat 5, ein ordinärer Bürger 3 und ein Mann der niedern Claſſen 2 Livres 10 Sous.“ „Ha, dieſer ſchmuzige Geizhals!“ rief Solages; „ebenſo, wie es meinem Mitgefangenen ergangen iſt, den ich heute zum erſten Male ſehe, bin ich behandelt worden.“ „Er hat ſeinen Lohn!“ rief man im Volke;„ſo müſſen alle Verräther bezahlt werden!“ „Fahren Sie gefälligſt fort, guter Tavernier,“ ſagte der Herzog. „Nach etwa zweimonatlichem Gefängniß kam eines Morgens der Ober⸗Kerkermeiſter mit vier Mann Wache zu mir und befahl mir ihm zu folgen.„Zur Freiheit oder zum Tode, nur nicht zu fernerer einſamer Haft!“ dachte ich und folgte. Er führte mich in den Gerichtsſaal. Unter den Com⸗ miſſären erkannte ich einen Staatsrath und einen Reque⸗ tenmeiſter; zwei andre Perſonen hatte ich noch nicht ge⸗ ſehen. Gegen Ende des Verhörs kam dann der mir gleichfalls bekannte Polizei⸗Lieutenant, um— das Pro⸗ tocoll zu unterzeichnen. Ich hatte alles geſagt was ich wußte, und doch ſperrte man mich noch gegen dreißig ☛ 23 8—,— — 191— Jahre ein, um noch mehr zu erfahren, obgleich man mich nicht weiter verhört hat. Da ich nie eine Klage mehr laut werden ließ, ſo ſchien man freundlicher gegen mich zu werden. Man führte mich ein paarmal in die Bibliothek der Baſtille, die Stiftung eines zu Anfange dieſes Jahrhunderts darin geſtorbenen Fremden. Sowie man geſehen hatte, auf welche Werke meine Wahl fiel, erhielt ich kein Buch mehr. Es beſuchten mich auch mehrere Officiere des General⸗ ſtabs, ſprachen ſehr vertraut mit mir und erkundigten ſich ganz ungezwungen nach allen meinen frühern Be⸗ kannten und Freunden. Nachdem ſie erfahren oder nicht erfahren hatten was ſte wiſſen wollten, ſtellten ſie ihre Beſuche ein. Zuweilen ward ich auf meinen Thurm geführt, um die Annehmlichkeit der Ausſicht zu genießen. Es trat dann wohl einer der Mitgefangenen zu mir, von denen ich ſonſt nie einen zu ſehen bekam, beklagte ſich über die Gefangenſchaft und beſonders über deren Härte, redete mir von ſeiner Unſchuld vor und ſchimpfte auf die Re⸗ gierung. Ich zuckte kaum mit den Achſeln und mit dem Gange auf den Thurm war es aus. Auf den Baſteien war eine angenehme Promenade, die ich dann und wann benutzen durfte. Der jetzige oder vielmehr, Gott ſei Dank! geweſene Gouverneur ließ ſich einen Gemüſegarten daraus machen und den Gefangenen den Zutritt unterſagen. Nun kam ich nur zuweilen noch in den großen Hof, umgeben von den fenſterloſen Mauern und ſchweigenden Schildwachen, wo ich nichts hörte als die dumpfen Schläge der Uhr, deren Zifferblatt von zwei gekrümmten Sklaven gehalten wurde. Wenn es ſich traf, daß irgend ein Fremder oder ein Diener des Gouverneurs durch den Hof gehen mußte, ſo rief mir die Schildwache zu:„In's Cabinet!“ Dieſes war ein langes finſtres Gemach in einer der dicken Mauern zwiſchen den Thürmen, aus wel⸗ chem ich erſt wieder erlöſ't wurde, wenn die Perſon ent⸗ fernt war, welche mich nicht ſehen ſollte. Um aber die Spaziergänge der Gefangenen in dieſem Hofe nicht zu oft zu unterbrechen, wie es doch an den Tagen geſchehen mußte, wo de Launoh ſeine Freunde bewirthete und viel nach der ſeinem Hotel gegenüber liegenden Küche ge⸗ laufen werden mußte, fand der menſchenfreundliche Mann das Auskunftsmittel, dieſe Spaziergänge an ſolchen Tagen (und ſie kehrten oft wieder) ganz zu verbieten. In der Capelle durfte ich anfangs beinahe täglich die Meſſe hören, natürlich hinter einem eiſernen Gitter und einem dichten Vorhange. Später wurde auch das ſeltner ſich nen vof, den fen ten end den n's in el⸗ nt⸗ die zu hen nd ge⸗ nn gen die nd ner — 193— und zuletzt hörte es ganz auf... Ach, meine Herren, ich bin in der Baſtille an Leib und Seele getödtet worden!“ „Glücklich, meine Herren,“ ſagte der Herzog von Or⸗ leans zu den Befreiten unter dem fortwährenden tiefen Schweigen der Menge, welche dieſe ſchauderhaften Ent⸗ hüllungen mit anhörte,„glücklich daß Sie von allen Lei⸗ den erlöſ't, daß Sie mitten unter das gute Volk der Franzoſen zurückgekehrt ſind! Wie ſchauderhaft auch Ihre Qualen geweſen ſind, viele Ihrer Unglücksgenoſſen haben noch Aergeres erlitten! Sie haben nichts von der Folter erwähnt, und doch haben in den Höhlen der Baſtille ſo manche Glieder geblutet, ſo manche Gelenke gekracht! Man wird Ihnen ſchon noch die Schrauben, Seile, Räder und Leitern vorlegen, wenn ſie nicht vorher bei Seite geſchafft worden ſind. Auch haben Sie nichts von den Oublietten im Thurme der Freiheit geſagt, von deren vormaliger Exiſtenz ich die genaueſten Nachrichten habe. Der Gouverneur führte nämlich den unglücklichen Ge⸗ fangenen, welcher dieſes„ewige Gefaͤngniß“ ſehen ſollte, aus ſeinem Kerker in ein Gemach, welches man„das letzte Wort“ nannte. Hier ward das beklagenswerthe Opfer der Willkührherrſchaft durch den Anblick von Dol⸗ chen, Spießen, Säbeln und Ketten erſchreckt, welche ſich 1789. 1. 13 — 14192— rings umher an den Wänden befanden. Nun nahte ſich ihm ein Unbekannter, welcher von dem Eingeſchüchterten durch allerhand verfängliche Fragen die Angabe von Mit⸗ ſchuldigen, von neuen Opfern herauszulocken ſuchte. Gleich darauf ging der Gouverneur mit ſeinem Gefangenen in die Oublietten. Dieſes Zimmer hatte nichts Schreckliches, nichts Unheimliches. Es war von 50 Wachskerzen er⸗ leuchtet und mit Wohlgerüchen erfüllt. Beide Männer ließen ſich nieder und ſprachen mit einander über die Verhaftung des Gefangenen oder einen andern wichtigen Gegenſtand. Wenn ſie aber mitten in der beſten Unter⸗ haltung waren, ſank das Opfer des Despotismus mit ſeinem Stuhle durch eine Fallthür auf ein dicht mit Raſtrmeſſern beſetztes Rad, welches ſo lange herumgedreht wurde, bis der ganze Körper des Unglücklichen zerfetzt war...“ „Mein Herr Herzog,“ unterbrach hier ein junger Na⸗ tionalgardiſt, welcher mit ſeinem noch jugendlichern Ka⸗ meraden ein Weilchen zugehört hatte,„ich habe Ihnen eine wichtige Mittheilung zu machen!“ „Nun?“ ſagte Herzog Philipp. „Ich bin im Beſitz eines Documents, deſſen Bekannt⸗ machung ich für meine Pflicht halte. Ich habe es be⸗ reits... ——— mi tra von eine — 195 „Ah, ah, Herr Herzog,“ rief Pujade, einer von den Sieben,„ſehen Sie ſich vor! Ich habe dieſen Menſchen im großen Hofe der Baſtille Schildwache ſtehen ſehen!“ „Auch ich habe ihn dort als Schildwache geſehen,“ ſagte La Caurége;„was will er nach dem Fall der Zwingburg bei uns?“ „Fort mit ihm und ſeinem Ohnebart!“ rief das um⸗ ſtehende Volk. „Ich bin Nationalgardiſt...“ ſagte Bernard ruhig; denn der Leſer wird errathen haben, daß er es mit ſeiner Geliebten war, welcher den Herzog unter⸗ brochen hatte. „Und zuvor?“ fragte der Herzog mißtrauiſch. „War ich Schweizer im Regiment Salis⸗Samade.“ „Da haben wir's!“ rief das Volk. „Welche Zeugniſſe bringen Sie uns, daß wir Ihnen trauen können?“ fuhr der Herzog fort. „Es gelang mir, beim Arſenal einen Boten des Herrn von Beſenval aufzugreifen, welcher dem Gouverneur eine ſchriftliche Nachricht überbringen ſollte.“ „Und dieſe?“ „Hier iſt ſte.“ Der Herzog las: — 196 „Halten Sie ſich bis auf den letzten Blutstropfen! Die Hülfe naht!— Beſenval.“ „Ah!“ riefen die Einen. „Schrecklich!“ ſagten die Andern. „Es iſt Beſenval's eigne Handſchrift,“ ſagte der Herzog;„ich kenne ſie recht gut... Doch warum haben Sie dieſes Document nicht auf dem Stadthauſe über⸗ geben?“„ „Ich hatte das Glück in den vergitterten Stuhl des Vorſtandes der Kaufleute gelaſſen zu werden. Ich ſagte ihm davon, weil ich glaubte, er werde ſogleich Schritte thun um nach dieſer Seite hin allen fernern Unruhen vor⸗ zubeugen. Er aber fuhr mich gewaltig an und ſagte zuletzt:„Vom Verräther frißt kein Hund ein Stück Brod!“ „Ich begreife, daß Sie gingen,“ erwiederte der Her⸗ zog;„aber ſagen Sie uns unverhohlen, wie Sie zu einer ſo plötzlichen Sinnesänderung gekommen ſind.“ „Sie iſt nicht plötzlich geweſen. Schon lange war mir das Treiben der Gewaltigen verdächtig und ich ward dieſen daher ſelbſt verdächtig. Vor etwa einem Monat ſchickte man mich nach Verſailles, angeblich um dort die Polizei handhaben zu helfen...“ „Die geheime Polizei!“ rief Einer aus dem Volke. deſſ me Her ſchl Pre fern hör geg ſchö Die jede wog die 9 der aben ber⸗ des ſagte ;ritte vor⸗ ſagte Stück Her⸗ e zu war vard onat t die — 197— „Ja, die geheime Polizei,“ wiederholte Bernard ganz ruhig;„in der That aber wollte man mich aus der Baſtille entfernen, denn ich war ſelbſt in Verſailles von Horchern umſtellt und trug im Kampfe mit denſelben mehr als eine Wunde davon...“ „Mit den Horchern?“ fragte wieder eine Stimme. „Vor länger als einem Monat,“ fuhr der junge Mann fort, ohne ſich irre machen zu laſſen,„übergab ich dem Herrn von Mirabeau ein Billet, welches wichtige Auf⸗ ſchlüſſe über die Machinationen zur Unterdrückung der Preßfreiheit gab. Fragen Sie ihn.. „Das kann geſchehen,“ unterbrach der Herzog;„in⸗ deſſen bleibt es mir noch dunkel, warum man Sie ent⸗ fernte, ſtatt Sie nöthigenfalls einzuſperren; denn wie ich höre, ſind noch Gefängniſſe leer geweſen.“ „Dies geſchah wegen eines Bubenſtücks, welches man gegen meinen jungen Kameraden hier verübte.“ „Nun?“ Aller Augen richteten ſich bei dieſen Worten auf den ſchönen jungen Nationalgardiſten an Bernard's Seite. Die arme Charlotte ward ganz roth, als ſie ſo von jedermann auf's Korn genommen wurde. Indeſſen über⸗ wog die innere Entrüſtung, welche ſie beim Gedanken an die erlittene Behandlung empfand; ſie richtete ihre großen — 198— blauen Augen auf Orleans, trat einen Schritt zurück und ſprach: g „Niemand begreift beſſer als ich, warum der Gardiſt Bernard aus der Baſtille entfernt worden iſt. Ich d heiße Charlotte Vanner...“ „Ein Mädchen!“ ließen ſich mehrere Stimmen ver⸗ h nehmen. ſi „Das ſah man gleich,“ ſagten andre. k 6„Fahren Sie fort, mein Kind,“ ſprach der Herzog G mit einem Blicke, worin ein Menſchenkenner eine Art von b Lüſternheit hätte bemerken können; wenigſtens machte Ber⸗ N nard'’s ſcharfes Auge dieſe Bemerkung. hi „Ich hatte vor etwas mehr als einem Monat durch ol Bernard, damals Schweizer in der Baſtille, eine ziem⸗ en lich einträgliche Stelle als Geſellſchafterin der Tochter de ße Launoy's erhalten; als ich aber dem ſcheußlichen Ge⸗ F lüſte des Ungeheuers widerſtand, ließ er mich einſperren, ve um zu erzwingen was ihm nicht freiwillig gewährt gr wurde... ge „Und Bernard““ fragte der Herzog. mi „Ich bin ſeine Braut und man entfernte ihn unter ven dem angegebenen Vorwande, denn der Tyrann mochte vor⸗ ter ausſetzen, daß ich kein Mittel unverſucht laſſen würde...“ St „Gut, ſchöne Schweizerbraut,“ ſagte der Herzog, mit — 199— nich begreife; ſaßen Sie denn bis auf den heutigen Tag gefangen?“ „Bis auf den heutigen Tag. Was habe ich während dieſer Zeit gehofft und gefürchtet, mein Herr; mit welchen Möglichkeiten habe ich mich herumgeſchlagen! Nahrung hatte ich immer reichlich und nur in der letzten Zeit iſt ſie mir kärglich zugemeſſen worden. Aber meine Einſam⸗ keit ward nur durch die Beſuche des Schließers und des Gouverneurs unterbrochen; erſterer ſuchte den Weg zu bereiten, welchen der andre gehen wollte. Noch dieſen Morgen war mein Quälgeiſt in meinem Kerker und ver⸗ hieß mir die Freiheit(die er mir doch nicht geben konnte ohne ſich zu compromittiren), wenn ich ſeinen Abſichten entſpräche. Gleich nach dem Mittagseſſen kam der Schlie⸗ ßer zu mir, um mich, wie er ſagte, zum Herrn von Fleſſeles zu bringen, wo ſich die Tochter des Gou⸗ verneurs befinde; aber er ſperrte mich in ein Zimmer des großen Hofs, deſſen Thür durch einen Haufen Volks ein⸗ geſchlagen wurde. Ich entſprang in den Hof, wo man mich fuͤr die Tochter des Gouverneurs hielt und beinahe verbrannt hätte. Ein braver Mann riß mich vom Schei⸗ terhaufen herab und brachte mich unter dem Geſchrei der Stürmenden: Laßt ſte hinaus, die Tochter der Baſtille! mitten unter das gute Volk der Franzoſen...“ — 200— „Es lebe die Tochter der Baſtille!“ riefen Einige⸗ „Es lebe die Schweizerbraut!“ ſchrien Andre. „Als die kleine Zugbrücke gefallen und das Haupt⸗ thor von meinem Bernard geöffnet war...“ „Bernard hat das Thor geöffnet?“ fragte Herzog Philipp. „So iſt's!“ antwortete der junge Nationalgardiſt mit edlem Stolz. „Es lebe der Schweizer mit ſeiner Braut!“ ſchrie das Volk. „Und die Capitulation?“ examinirte Orleans weiter. „Wurde erſt ſpäter und aus Noth unterzeichnet, nach⸗ dem nämlich die Baſtille bereits in den Händen der Bür⸗ ger war.“ „Und was thaten Sie unterdeſſen, ſchönes Mädchen?“ fragte Orleans Charlotten. „Ich verſchaffte mir die Kleidung, worin Sie mich ſehen, um meinem Bernard einen Bürgeranzug zu über⸗ Bringen...“ Ein Ah! der Bewunderung ertönte durch den Saal. „Dann folgte ich der Escorte des Gouverneurs ſo nahe als möglich; ich wollte ihn um Rückgabe des Portraits bitten, welches er mir noch am Morgen vom Halſe ge⸗ riſſen hatte. Es iſt Ihnen bekannt, wie wenig es möglich ſe⸗ rie — 20— war mit ihm zu ſprechen. Bald war er aufgeknüpft. Ich drängte mich unter Lebensgefahr durch die Menſchen⸗ woge, verſchaffte mir einen Augenblick Gehör bei dem umſtehenden Haufen, erklärte ihm mit kurzen Worten meinen Verluſt und griff in die Taſche ſeines grauen Fracks, in die er das Bild geſteckt hatte. Ich fand es, zog aber zugleich ein Briefchen mit heraus, welches mir Aufſchluß gab, weshalb Henriette de Launoy zu Herrn von Fleſſelles gegangen war und warum ich zu ebendemſelben geſchafft werden ſollte...“ „Dieſes Briefchen?“ ſagte der Herzog. „Hier iſt es,“ überreichend. Herzog Philipp las: „An Herrn de Lau noy, Gouverneur der Baſtille. Ich halte die Pariſer mit Cocarden und Verſt Verſprechungen hin. Bleiben Sie nur bis zum Abend ſtandhaft und Sie werden V Berſtärkung erhalten.— Fleſſelles.“ antwortete Charlotte, das Blllet „Ach, und dieſer Fleſſelles iſt Prévot!“ rief das Volk. „Er iſt es vielleicht geweſen!“ antworteten Andre. „Meine ſchoͤne Charlotte,“ ſagte der Herzog,„die⸗ ſes Billet iſt nicht mit Gold zu bezahlen. Das Vater⸗ — 202— land wird Ihnen dankbar ſein. Kommen Sie morgen zu mir, um ſich die Belohnung zu holen.“ „Eine überreichliche Belohnung wird es mir ſein, der hochherzigen franzöſiſchen Nation einen kleinen Dienſt erwieſen zu haben; ich verlange keine andre.“ „Es lebe die Schweizerbraut! Es lebe die Tochter der Baſtille!“ rief das Volk, dem dieſe einmal ausge⸗ ſprochenen Namen Vergnügen zu machen ſchienen. Aber mit einem bösartigen Zuge um den Mund, den er gar nicht verbergen konnte, ſprach der Herzog: „Wie edelmüthig! Indeſſen Ihre Belohnung werden Sie erhalten, und ich kann Sie nicht verdenken, wenn Sie ſich lieber von der ganzen Bürgerſchaft als von ei⸗ nem einzelnen Menſchen belohnen laſſen wollen.“ Der abſcheuliche Doppelſinn dieſer Aeußerung wurde vielleicht nur von Bernard gefühlt, welcher ſich mit hochrothem Geſicht eben bereit machte, ſie zu beantwor⸗ ten, als der Herzog aufſtehend hinzufügte: „Beide Documente ſind ſogleich nach dem Stadthauſe zu ſchaffen und den Wählern mitzutheilen, damit dieſe über deren Folgen entſcheiden. Dies wird der Gardiſt Bernard mit ſeiner ſchönen Braut beſorgen...“ Beide gingen unter dem Zuruf der Menge und Viele folgten ihnen nach. en n — 203— Der Herzog wollte eben ſeine noch übrigen Gäſte bis auf die befreiten Gefangenen entlaſſen, als der alte Whhte, einer von den Sieben, ſich von ſeinem Sitze erhob und ſagte: „Ich gehe fort, um das meinem Bolingbroke zu ſagen...“ „Was denn?“ fragte der Herzog erſtaunt;„und wel⸗ chem Bolingbroke?“ „O wie wenig kennt man in Frankreich unſre gro⸗ ßen Geiſter!“ rief W hyte;„wie immer die Nichte der ... Ach, dieſe weiß, was es zu bedeuten hat, von einem geiſtreichen Manne geſchätzt zu werden, nachdem la Villette alle Frau von Maintenon ausgenommen! ſeine Roheiten entfaltet hatte...“ „Sie meinen den Viscount St. John, genannt Bo⸗ lingbroke,“ ſagte der Herzog;„was wollen Sie dem Manne ſagen, der ſeit mehr als dreißig Jahren zu Ba⸗ terſea begraben liegt?“ „Ach, mein Herr,“ rief Whyte,„ſeit dreißig Jahren begraben! Und geſtern hat er ſich noch mit mir über den Prätendenten unterhalten, geſtern hat er mir noch ſeine Memoiren über das Eril vorgelegt! Sie ſcherzen, mein Herr!“ Alle Anweſenden ſahen den Zuſtand des Unglückli⸗ — 202— chen, welcher durch ſeinen langen Aufenthalt in der Va⸗ ſtille wahnſtnnig geworden war. Man umringte ihn mitleidig, führte ihn durch die Straßen der Stadt und rief vor ihm her aus:„Seht, Bürger! So richtete man die Leute in der Baſtille zu!“*) Die andern Befreiten wurden in verſchiedene Di⸗ ſtricte vertheilt. So kam der Herr von Solages in den Diſtrict de lOratoire, wo man ihn verſorgte. Der Saal im Palais⸗Royal war leer geworden, man wußte nicht wie. Der Herzog von Orleans ſchlug die Arme übereinander und ſagte mit unbeſchreiblicher Ge⸗ ringſchätzung für ſich hin: „Ah, la Canaille! Was iſt beſſer, die Königin unge⸗ ſtraft zu laſſen, oder dieſe peſtilenzialiſche Atmoſphäre einzuathmen?“ Bei dieſen Worten ſchlenderte er nachläſſig in ein mit Wohlgerüchen angefülltes Cabinet. *) Die Wähler ſahen ſich genöthigt den armen Whyte ein paar Tage ſpäter nach Charetnon zu ſchaffen —————,- e = X Höchſt ausgezeichnete Erſcheinung So eben erſcheint und iſt in allen Buchhandlungen zu haben: 9 0 Die neuen Jeſuiten. Von V. Gioberti. Aus dem Italiäniſchen von F. A. Seyfert. Mit Anmerkungen von Louis Bourdin. 1. Theil. 8. broch. 12 Ngr. Uns bemächtigt ſich bei Nennung des Jeſuitenordens ein unheimliches Gefühl, dem ähnlich, welches der Anblick einer erſtarrten, aber noch ganz helläugigen Rieſenſchlange erzeugt. Der Jeſuitenorden, welcher bisher meiſtens nur nach ſei⸗ nen äußern Wirkungen und nicht nach ſeinem innern Leben geſchildert worden iſt, weil die von ihm im Verborgenen ge⸗ ſponnenen Fäden nur in ihren äußerſten Enden zu erkennen waren, hat ſeit den letzten drei Jahrhunderten in allen Theilen der Welt— keinen einzigen ausgenommen— unverkennbar eine ſo große Rolle geſpielt, daß ohne ihn die Geſchichte derſelben wahrſcheinlich eine völlig andre Geſtalt angenommen hätte. In ſeinen Profeßhäuſern wurden die Fragen über Geſetzgebung und Verwaltung, über Krieg und Frieden, über das Wohl und Wehe der Völker und ihrer Beherrſcher entſchieden, denn ihm ſtand die Klauſe des Einſiedlers wie das Prunkgemach des Kö⸗ nigs, das Ohr der Nonne wie das der Königin offen. Eine ſolche Macht, dem Heil der Völker zugewendet, hätte eine beſ⸗ ſere Geſtaltung der ganzen menſchlichen Geſellſchaft herbeifüh⸗ ren mögen; aber ſie weihte ſich ganz allein— und ſelbſt ab⸗ geſehen von der Güte oder Verwerflichkeit der Mittel— der Aufrechthaltung zund Erhöhung des päpſtlichen Stuhles. Würdig iſt es eines geſchichtskundigen Freundes der Menſch⸗ heit die im Finſtern ſchleichende Thätigkeit des Jeſuitenordens auf's neue zu beleuchten und durch eine Schilderung ſeiner Beſtre⸗ bungen dem leicht getäuſchten Volke eine Warnungstafel vor die Augen zu halten. Und ein ſolcher Mann iſt unter dem Re⸗ formator Pius IX. in dem trefflichen Gioberti aufgeſtanden, dem kenntnißreichſten und anerkannt competenteſten Richter in dieſer Angelegenheit. Wir freuen uns mit vollem Rechte ſagen zu können: Wie die Jacobiner ihren Thiers, ſo haben die Jeſuiten ihren Gioberti gefunden! Anders würde das Schickſal des Ordens ſein, wenn ein Gioberti zur Zeit eines Ganganelli aufgetreten wäre, denn die Glieder des Ordens beherrſchte immer derſelbe Geiſt, dieſelbe Klugheit und Beharrlichkeit.— Unwandelbar muß auf die 1 Zerſtörung dieſer finſtern Macht hingewirkt werden. Und wir haben die Gewißheit, daß dieſes gediegene Werk nicht wenig zum Sturze der Jeſuiten in Deutſchland beitragen wird. Der Verleger hat den Preis dieſes Werks, um demſel⸗ ben eine recht allgemeine Verbreitung zu verſchaffen, ſehr billig geſtellt. Ernſt Schäfer. Im Verlage von Ernst Schäfer in Leipzig erschien und ist in aflen Buchhandlungen zu haben: PHARMACEUTISCHE WAAREXKUNDL. oder Handbuch der Pharmakologie, enthaltend Abbildungen aller wichtigen pharmaceutischen Naturalien und Rohwaaren nebst genauer Charakteristik und kurzer Beschreibung der Gegenstände. Von Dr. Eduard Winkler. 1.— 16. Lieferung. gr. 4. broch. à 6 Thlr. Noch fehlt es durchaus an einem Buche mit Abbil- dungen, welches die pharmaceutischen officinellen Natur- körber der drei Reiche und. die pharmaceutischen Rohwaaren zugleich umfasst, und dabei einen gleichmässig en en bearbeiteten, alles Unnöthige und dem Anfänger das Eindrin- gen in die Wissenschaft Erschwerende weglassenden, nur das Nützliche und Lehrreiche bietenden Pext enthält. Der Atlas enthält gut in Kupfer gestochene, genan und sauber illuminirte, getreue Darstellungen der wichtigen und interessanten Gegenstände der med. Dharm. Naturge- schichte und Pharmako gnosie, also der offi ci- nellen Thiere, Pfla nzen, Mineralien nnd der von denselben entnommenen Rahwaaren oder Droguen. Es befinden sich auf jeder Tafel die Darstellungen, un- beschadet der erreichbarsten Deutlichkeit, so zusammengestellt, dass eine Tafel unseres Werkes oft die Gegenstände von 3—6 Tafeln anderer sehr theurer Werke enthält. Die Ab- bildungen werden meistens nach na türlichen Exem- plaren, so viel wie möglich in natürlicher Grässe gegeben und von dem Verfasser selbst gezeichnet. Der Raum für die Darstellungen einer so grossen Anzahl von Gegenständen wird dadurch gewonnen, dass erstens kein Raum verschwendet, sondern jeder, doch stets so, benutzt wird, dass auch die bilderreichste Tafel nicht verworren, sondern für das Auge wohlgefällig erscheint, und dass zweitens nur das Cha- rakteristische und Wesentliche, dennoch aber so, dargestellt ist, dass man ein deutliches und vollständiges Bild des Gan- zen sich zu bilden vermag. Nur wo es durel aus nöthig wird, sind die Abbildungen im verkleinerten, hi ifig aber kleine Gegenstönde, der grössern Deutlichkeit halber, im vergrös⸗- serten Maasstabe gegeben. er Text(zu jeder Abbildungstafel mindestens ein Blatt gehörig) giebt für die Naturalien kurze, scharf begrenzende Gattungs- und Artcharaktere, das Vaterland und den Stand- ort, Vorkommen, die Stelle in den angenommensten Syste- men, und für die Droguen kurze, die Kennzeichen und Un- terscheidungsmerkmale hervorhebende Beschreibungen, ferner die Citate zu den auf dem Titel angegeben Werken und eine Erklärung der Abbildungen. Somit wird hier also ein Buch geboten, das durch Voll- ständigkeit, möglichste Kürze und Richtigkeit den Medicinern und Pharmaceuten nittzlich und wegen seiner Wohlfeilheit anschaffbar sein wird. Durch eigne Ansicht mag man sich von der Sorgfalt und Genauigkeit der Abbildungen dieses Prachtwerkes ſiberzeugen. ——— Geſchichte Oliver Cromell's. Von RNobert Southey. 2te Auflage. 8. broch. 1 Thlr. Leipzig. 3 Ernſt Schäfer. Preisherabſetzung! Durch alle Buchhandlungen iſt zu beziehen: WMALTER SCOTTS WERKL 78 Theile mit vielen Bildern. Herabgeſetzter Preis 5 Thlr. 10 Ngr. Inhalt: Der Abt. 5 Thle.— Der Alterthümler. 5 Thle.— Die Braut von Lammermoor. 3 Thle.— Das Herz von Mid⸗Lothian. 5 Thle.— Das Kloſter. 5 Thle.— Ni⸗ gels Schickſale. 5 Thle.— Peveril vom Gipfel. 5 Thle. — Der Pirat. 5 Theile.— St. Ronanns Brunnen. 6 Thle.— Der Talisman. 3 Thle.— Die Verlobten. 3 Thle.— Waverley oder ſo war es vor 60 Jahren. 4 Thle.— Woodſtock oder der ſchwarze Ritter. 4 Thle.— Der ſihiwarze Zwerg. 2 Thle.— Geſchichte Napoleons. 18 Thle. Wir heben noch beſonders hervor, daß in dieſer Ausgabe nur die ausgezeichnetſten Produete Walter Scotts aufge⸗ nommen ſind. Einzelne Werke erlaſſen wir pro Band mit 3 Ngr. Leipzig.. Berger's Buchhandlung. Druck von C. P. Melzer in Leipzig. 4 ———