Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 4. Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Deih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— e 5 auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 1 „ 11 2„—„„— 1I 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe i auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden, darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1 El Salteador, Mantel⸗ und Degenroman — von Alerandre Dumas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Zoller. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1854. I. Die Sierra Nevada. Unter den Gebirgsketten, welche Spanien in allen Richtungen von Bilbao bis Gibraltar und von Ali⸗ cante bis zum Cap Finisterre durchziehen, iſt die poe⸗ tiſchſte unſtreitig ſowohl durch ihren maleriſchen An⸗ blick als durch ihre geſchichtlichen Erinnerungen die Sierra Nevada, welche eine Fortſetzung der Sierra de Guaro bildet und von dieſer nur durch das reizende Thal getrennt iſt, wo theilweiſe das Flüßchen Orgiva entſpringt, das ſich zwiſchen Alemunecar und Motril ins Meer ergießt. Hier iſt noch in unſern Tagen Alles arabiſch: Sitten, Gebräuche, Namen der Städte, Monumente, Landſchaften, und dies, obgleich die Mauren ſeit zwei und einem halben Jahrhundert das Reich der Almo⸗ haden verlaſſen haben. Dieſes Land, das ihnen der Verrath des Grafen Ju⸗ lian preisgegeben, war das Lieblingsland der Söhne des Propheten. Zwiſchen Afrika und Europa liegend, iſt An⸗ daluſien ſo zu ſagen, ein Zwiſchenboden, der an den Schönheiten des Einen und den Reichthümern des An⸗ dern Theil hat, ohne ihre Trübſeligkeiten oder ihre Strengen zu empfinden; es iſt die üppige Vegetation der Metidſcha befeuchtet durch die friſchen Waſſer der El Salteador. 1 Pyrenäen; man kennt hier weder die glühende Sonne von Tunis, noch das rauhe Klima Rußlands. Heil Andaluſien, der Schweſter Siciliens, der Nebenbuhle⸗ rin der Glückſeligen Inſeln! Liebet, lebet, ſterbet, ſo heiter, als ob Ihr in Neapel wäret, Ihr, die Ihr das Glück habt, Sevilla, Granada oder Malaga zu bewohnen! Ich habe auch in Tunis Mauren geſehen, die mir den Schlüſſel ihres Hauſes in Granada zeigten. Sie hatten ihn von ihren Vätern erhalten und gedachten denſelben ihren Kindern zu vermachen. Und wenn je ihre Kinder in die Stadt von Aben al Hamar zurückkehren, ſo werden ſie die Straße und das Haus wiederfinden, wo ſie wohnten, ohne daß die zweihundert und vierundvierzig Jahre, welche ſeit 1610 bis 1854 verlaufen ſind, eine große Veränderung hervorgebracht haben, wenn nicht, daß die reiche Be⸗ völkerung von fünfmalhunderttauſend Einwohnern auf achtzigtauſend Seelen zuſammengeſchmolzen iſt, ſo daß der ererbte Schlüſſel aller Wahrſcheinlichkeit nach entweder die Thüre eines leeren Hauſes oder die eines Hauſes öff⸗ nen wird, deſſen indolente Nachfolger ſich nicht einmal dis.Mühe genommen haben, das Schloß verändern zu aſſen. In der That, nichts Spaniſches hat auf dem Bo⸗ den gekeimt, deſſen natürliche Vegetation der Palmbaum, der Cactus und die Aloe ſind; nichts, nicht einmal der Palaſt, den der fromme Carl V. zu bauen anfangen ließ, um nicht das Haus der Emire und der Kalifen zu bewohnen, dieſer Palaſt, der, beherrſcht durch die Alhambra, nie unter dem ſpöttiſchen Auge ſeines Nebenbuhlers ſich über ein Stockwerk hat erheben können. Alle dieſe Wunder einer Kunſt und einer Civili⸗ ſation umfaſſeud, welche ihre gegenwärtigen Bewohner nie erreichen werden, erſtreckte ſich das Königreich Gra⸗ &ηÆ᷑ —886SB SR — — — 3 nada, der letzte Ueberreſt und die letzte Form des ara⸗ biſchen Reiches in Spanien, an den Ufern des Mit⸗ telländiſchen Meeres von Tarifa bis Almazarron, das heißt auf einer Länge von ungefähr hundertundzwanzig Meilen, und vertiefte ſich in das Innere der Lände⸗ reien von Motril bis Jaen, das heißt in einer Tiefe von fünfunddreißig bis vierzig Meilen. Die Sierra de Guaro und die Sierra de Nevada durchſchnitten zwei Drittel ſeiner Ausdehnung. Vom Gipfel des Mulahackn, ſeines höchſten Pics, konnte der Blick zugleich ſeine doppelte Gränze erreichen. Im Süden das Mittelländiſche Meer, eine blaue Waßerfläche von Almunecar bis Algier ausgebreitet; im Norden die Vega von Granada, ein ungeheurer grüner Teppich von Huelma bis zur Venta von Car⸗ dennas entrollt. Sodann im Oſten und im Weſten die endloſe Ver⸗ längerung der ungeheuren Kette mit den ſchneeigen Gipfeln, von der jeder Kamm die plötzlich gefrorene Welle eines Meeres, das ſich gegen den Himmel. erho⸗ ben, zu ſein ſcheint. Auf einem niedrigern Plane endlich, rechts und links von dieſem Eismeere, ein doppelter Ocean von Bergen, welche allmälig in Hügel ausarten, Anfangs bedeckt mit ſtaubigen Flechten, dann mit röthlichem Heidekraut, dann mit dunklen Tannen, dann mit grünen Eichen, dann mit gelblichen Korkbäumen, dann mit Bäumen aller Art, die ihre verſchiedenen Tinten vermengen, nichts⸗ deſtoweniger aber Zwiſchenräume laſſen, wo ſich, wie Teppiche, Lichtungen von Erdbeerbäumen, von Maſtix⸗ bäumen und von Myrten ausdehnen. Drei Straßen, von denen die erſte von Motril, die zweite von Velez⸗Malaga und die dritte von Ma⸗ laga ausgeht, durchſchneiden die Sierra Nevada und führen, die eine durch Joyena, die andere durch Alcaa⸗ ein, die dritte durch Colmenar laufend, von den Ufern des Meeres nach Granada. Doch zu der Zeit, wo dieſe Geſchichte beginnt, das heißt in den erſten Tagen des Juni 1519, exiſtirten dieſe Straßen noch nicht, oder ſie waren vielmehr nur durch Pfade vertreten, auf die ſich mit einer un⸗ verſchämten Sicherheit die Füße der Arrieros und ihrer Maulthiere ſetzten. Dieſe Fußpfade, die man ſelten auf dem platten Lande fand, zogen ſich durch die Schluchten und über die Gipfel mit Alternativen von Steigen und Abhän⸗ gen hin, welche ausdrücklich gemacht zu ſein ſchienen, um. die Geduld der Reiſenden auf die Probe zu ſtellen. 3 Von Zeit zu Zeit wand ſich ihre ſchmale Spirale um einen abſchüſſigen, wie ein rieſiges ägyptiſches Pylon, rothen, heißen Felſen, und der Reiſende ſah ſich ſodann buchſtäblich ſchw ebend mit ſeinem ſorgloſen Reitthiere über dem Abgrunde, in den ſein erſchrockener Blick tauchte. Je ſteiler der Fußpfad war, deſto brennender wurde der Pelſen und deſto mehr lief der Fuß des Menſchen oder des Maulthieres Gefahr, auf dem Granit auszu⸗ gleiten, den der Tritt der Caravanen, ſeine Rauhheiten brechend, am Ende glatt und ſchlüpfrig wie Marmor gemacht hat. Hatte man dieſes Adlerneſt, das man Alhama nennt, hinter ſich, ſo geſtaltete ſich allerdings der Weg leichter, und man ſtieg auf einem ziemlich ſanften Ab⸗ hang,— angenommen, man kam von Malaga und ging nach Granada,— in das Thal von Joyena hinab;z ſodann aber folgte auf eine gewiſſer Maßen phyſiſche Gefahr eine Gefahr, welche, weil ſie unſichtbar blieb, bis zu dem Augenblick, wo ſie ſich zu produciren drohte, darum der Einbildungskraft nicht minder gegenwärtig war; von dem Momente an, wo die zwei Seiten des Weges gangbar wurden und in ihren dichten Maanis 5 eine Zuflucht boten, ſtrotzten dieſe zwei Seiten des Weges von Kreuzen beladen mit unheilvollen In⸗ ſchriften. Die Kreuze ſchmückten die Gräber der Reiſenden, die von den zahlreichen Banditen ermordet worden wa⸗ ren, welche beſonders die Sierras von Cordova und Gra⸗ nada, das heißt, die Sierra Morena und die Sierra Nevada bevölkerten. Die Inſchriften, mit denen dieſe Kreuze beladen wa⸗ ren, ließen keinen Zweifel über die Todesart derjeni⸗ gen, welche in ihrem Schatten ruhten. Als wir drei Jahrhunderte nach den Reiſenden, die wir ſogleich vor den Augen unſerer Leſer werden erſcheinen laſ⸗ ſen, dieſelben Sierras durchzogen, ſahen wir Kreuze ähnlich denen, die wir beſchreiben, und wir co⸗ pirten von ibren düſtern Querſtücken die für diejenigen, welche ſie laſen, wenig beruhigende Inſchriften: Hier Iſt ein Reiſender ermordet worden Betet Zu Gott für ſeine Seele. Hier Sind der Vater und der Sohn ermordet worden. Sie ruhen in demſelben Grabe. Gott ſei ihnen barmherzig. Doch die Inſchrift, welche am häufigſten vorkommt, iſt folgende: Aqui mataron un hombre. 6 * Was ganz einfach bedeutet:„Hier haben ſie einen Menſchen getödet.“ Dieſe Art von Todtenhecke erſtreckte ſich auf einen Raum von anderthalb bis zwei Meilen, das heißt, über die ganze Breite des Thales; ſodann kam man über einen kleinen Bach, der ſich in den Kenil ergießt, und man gelangte in den zweiten Theil der Sierra. Dieſer zweite Theil, es iſt nicht zu leugnen, war weniger rauh und weniger ſchwierig zu durchwandern als der erſte. Der Fußpfad verlor fich in einem ungeheuren Fichten⸗ walde, aber er hatte die Engpäſſe und die jähen Fel⸗ ſen hinter ſich gelaſſen. Man fühlte, daß man die ge⸗ mäßigteren Regionen erreicht, und nachdem man noch anderthalb Meilen in den Krümmungen eines ſchattigen Weges weiter gegangen, entdeckte man eine Art von Paradies, gegen das man auf einem ſanften Abhang über einen Raſenteppich hinabſtieg, der ganz buntſcheckig von Ginſter mit gelben duftenden Blüthen und von Erdbeerbäumen mit rothen Beeren, deren ein wenig fetter Geſchmack mehr an den der Banane, als an den der ſchönen Frucht, welcher ſie gleichen, erinnert. Bei dieſem Punkte ſeiner Reiſe ankommend, konnte der Pilger einen Seufzer der Zufriedenheit ausſtoßen, denn es ſchien, daß er, hierher gelangt, fortan von der doppelten Gefahr, der er entgangen, befreit war: von der Gefahr, in einem Abgrund rollend den Hals zu brechen oder von einem übel geſinnten Banditen ermor⸗ det zu werden. Man ſah in der That links vom Wege in einer Entfernung von ungefähr einer Viertelmeile ſo weiß, als ob ſeine Mauern von Kreide wären, ein kleines Gebäude ſich erheben, das zugleich an der Herberge und an der Feſtung Theil hatte.. Es beſaß eine von Zinnen durchſchnittene Bruſt⸗ mauer und eine eichene Thüre mit eiſernen Querbän⸗ dern und Nägeln. 7 Ueber dieſer Thüre ſah man die Büſte eines Man⸗ nes mit dunkelbraunem Geſichte und ſchwarzem Barte gemalt, der einen Turban auf dem Kopfe trug und ein Scepter in der Hand hatte. Unter dem Gemälde war die Inſchrift eingegraben: AIL RENY MORO. Obgleich nichts andeutete, daß dieſer mauriſche König, unter deſſen Anrufung die Herberge blühte, der letzte Fürſt war, der in Granada regiert hatte, war es nichtsdeſtoweniger augenſcheinlich für jeden Menſchen, dem die ſchöne Kunſt der Malerei nicht ganz fremd, daß der Künſtler die Abſicht gehabt hatte, den Sohn von Zoraya, Abu abd Allah, genannt Al Zaquir vor⸗ zuſtellen, aus dem Florian unter dem Namen Boabdil eine von den Hauptperſonen ſeines Gedichtes Gom⸗ ſalva von Cordova gemacht hat. Dadurch, daß wir uns beeilten, zu verfahren wie die Reiſenden, das heißt unſer Pferd in Galopp zu ſetzen, um in die Herberge zu kommen, haben wir es ver⸗ ſäumt, im Vorbeigehen einen Blick auf eine Perſon zu werfen, welche, mag ſie auch von Anfang in demü⸗ thigen Lebensverhältniſſen zu ſein ſcheinen, darum nicht urinder eine beſondere Beſchreibung verdient. Allerdings blieb dieſe Perſon zugleich unter dem Schatten einer alten Eiche und in den Krüm⸗ mungen des Terrain verloren. Es war eine junge weibliche Perſon von ſechszehn bis achtzehn Jahren, welche in gewiſſen Punkten einem mauriſchen Stamme anzugehören ſchien, obſchon ſie in andern das Recht hatte, ihren Platz in der großen eu⸗ ropäiſchen Familie anzuſprechen; wahrſcheinlich eine Kreuzung der zwei Racen, bildete ſie ein Zwiſchenglied, welches durch eine ſeltſame Miſchung mit den glühen⸗ den, zauberhaft verführeriſchen Reizen der Frau des 8 Süden die ſanfte, milde Schönheit der Jungfrau des Norden verband. Ihre Haare, die durch ihre außer⸗ ordentliche Schwärze den bläulichen Reflex des Flügels vom Raben erreichten, umrahmten auf den Hals nie⸗ derfallend ein vollkommen ovales, äußerſt würdevolles Geſicht. Große Augen, blau wie die Blüthen von Sinngrün, beſchattet von Wimpern und Brauen von der Farbe der Haare, ein matter, milchweißer Teint, Lip⸗ pen friſch wie Kirſchen, Zähne, um Perlen zu beſchä⸗ men, ein Hals, von dem jede Wogung die Anmuth und die Geſchmeidigkeit von dem des Schwanes hatte, Arme ein wenig lang, aber von vollkommener Form, eine Taille biegſam wie der Wuchs des Rohres, das ſich im See ſpiegelt, oder des Palmbaumes, der ſich in der Oaſe ſchaukelt, Füße, deren Blöße ihre Kleinheit und Zierlichkeit zu bewundern geſtattete, dies war das phyſiſche Geſammtweſen, auf das wir die Aufmerkſam⸗ keit des Leſers zu lenken uns erlauben. Was ihr ſeltſam phantaſtiſches Coſtume betrifft, ſo beſtand dies aus einem Kranze von virginiſchem Jas⸗ min, deſſen dunkelgrüne Blätter und purpurrothe Früchte bewunderungswürdig mit dem Pechſchwarz ihrer Haare harmonirten. Ihr Hals war geſchmückt mit einer Kette beſtehend aus Ringen von der Größe eines Philipp d'or, welche, einander durchſchlingend, feſte, flammende Re⸗ flere von ſich gaben. Ihr bizarr geſchnittenes Kleid war gemacht von einem von jenen ſeidenen Stoffen, auf denen ein matter Streifen immer mit einem farbi⸗ gen abwechſeite, wie man ſie damals in Granada wob, und wie man ſie noch in Algier, in Tunis und in Smyrna fabricirt. Der Leib war umſchloſſen von einem ſevillaniſchen Gürtel mit goldenen Franſen, wie ihn noch in unſern Tagen der elegante Majo trägt, der, ſeine Guitarre unter dem Mantel, hingeht, um ſeiner Geliebten eine Serenade zu bringen. Wären der Gürtel und das Kleid neu geweſen, ſo würden ſie vielleicht den 9 Blick durch die ein wenig zu ſcharfen Töne der leb⸗ haften Nuancen, welche die Spanier und die Araber beſonders lieben, verletzt haben; aber das Zerknittern und die Strapazen eines langen Gebrauches hatten aus Allem dem ein reizendes Geſammtweſen gebildet, das nun das Auge von Tizian ergötzt und das Herz von Paul Veroneſe vor Freude ſpringen gemacht haben würde. Was beſonders ſeltſam bei dem Mädchen ſcheinen mußte, obgleich dieſe Anomalie in Spanien häufiger vorkommt, als überall anderswo, und in der Zeit, welche wir bezeichnen, viel öfter zu finden war, als in jeder andern Periode;— was beſonders ſeltſam bei dieſem Mädchen ſcheinen mußte, ſagen wir, das war die reiche Tracht im Vergleiche mit der demüthigen Beſchäftigung: auf einem großen Steine ſitzend, am Fuße von einem von den Todtenkreuzen, von denen wir geſprochen, im Schatten einer ungeheuren grünen Eiche, die Füße in einen Bach getaucht, deſſen ſpiegelndes Waſſer ſie mit einer ſilbernen Gaze bedeckte, ſpann ſie am Rocken und mit der Spindel. In ihrer Nähe ſprang, gleichſam am Felſen hän⸗ gend und den bittern Geißklee abweidend, eine Ziege, das unruhige, verwegene Thier, das gewöhnliche Eigen⸗ thum von demjenigen, welcher nichts hat. Und während ſie ihre Spindel mit der linken Hand drehte, während ſie ihren Faden mit der rechten Hand zog und auf ihre Füße ſchaute, um welche der Bach brudelte und murmelte, ſang ſie mit halber Stimme eine Art von Volkslied, das, ſtatt der Aus⸗ druck ihres Gedankens zu ſein, nur als Begleitung für die Stimme, welche in ihrem Herzen ſprach, und die Niemand hörte, zu dienen ſchien. Von Zeit zu Zeit, nicht um ſie zum Zürückkommen zu veranlaſſen, ſondern um ein freundſchaftliches Wort an ſie zu richten, rief ſie der Ziege mit dem arabiſchen 10 Ausdruck, mit dem man ihre Gattung bezeichnet, und ſo oft die Ziege das Wort Maza hörte, ſchüttelte ſie widerſpänſtig den Kopf, ließ ihr ſilbernes Glöckchen er⸗ tönen und fing wieder an zu weiden. Die Spinnerin ſang auf eine langſame, monotone Melodie, deren Hauptnoten wir ſeitdem in den Ebe⸗ nen von Tanger und in den Gebirgen Kabyliens ge⸗ hört haben, den in Spanien unter dem Namen: das Lied von König Don Fernando bekannten Romancero, deſſen Inhalt wir dem Leſer bezeichnen wollen: „Granada, meine Angebetete! du mit dem golde⸗ nen Gürtel, ſei mein Weib, mein Weib für immer! nimm zur Mitgift von meinen Caſtilien: drei Klöſter mit ihren Gittern, drei Feſten mit ihren Baſtillen, drei Städten mit ihren Thürmen. „Durchwühle, in deiner Eiferſucht, das Schmuck⸗ käſtchen Andaluſien, das der Herr mir bewilligt: ge⸗ lüſtet dich, in deiner flatterhaften Lanne, nach der Giralda, ſo nehmen wir dem unzufriedenen Sevilla die Giralda. „Und was wird Sevilla ſagen, was wird Caſti⸗ lien ſagen, in einem Jahrhundert oder jetzt, o Gra⸗ nada? was liegt mir daran! das iſt nur in den Wind geſprochen! Granada, öffne mir dein Thor: ich bin der König Fernando!“ Als ſie dies geſungen, erhob ſie das Haupt, um ihre Ziege zu rufen; kaum aber hatte ſie das Wort Maza ausgeſprochen, da ſtockte ihre Stimme und ihr Blick heftete ſich auf das äußerſte Ende der Straße von Alhama. Ein junger Mann erſchien am Horizont; er ritt im ſtarken Galopp ſeines andaluſiſchen Roſſes den Bergabhang herab, der je nach der Dicke oder der Sel⸗ tenheit der Bäume von breiten Streifen von Licht oder Schatten durchſchnitten war. ere — 11 Die junge Spinnerin ſchaute ihn einen Augenblick an, ſetzte ſodann ihre Arbeit fort, und während ſie noch zerſtreuter ſpann, als ob ſie ihn, wenn nicht mehr ſehend, doch kommen gehört hätte, ſang ſie die vierte Strophe ihres Liedes, welche eine Antwort an König Don Fernando folgenden Inhalts war: „O König Don Fernando, ich liebe Dich, aber ich habe, unſeliger Fluch! zum Herrn einen hoffärti⸗ gen Mauren, der mich eingeſperrt hält, eine arme gekrönte Sklavin, mit goldenen Feſſeln gekettet in ſei⸗ nem Thurme mit den ſilbernen Schlüſſeln!“ II. El Correo d'amor*). Während die Spinnerin ihre letzte Strophe ſang, hatte der Reiter Weg genug zurückgelegt, daß ſie, das Haupt erhebend, ſowohl ſeine Tracht, als ſeine Züge unterſcheiden konnte. Es war ein ſchöner junger Mann von fünfund⸗ zwanzig bis ſechsundzwanzig Jahren; er trug auf dem Kopfe einen breitkrämpigen Hut, deſſen feuerfarbene Feder zuerſt eine krumme Linie bildete, um ſich ſodann flatternd zu entfernen. 4 Unter dem Schatten, den der Filzhut auf ſein Geſicht warf, das nur in einer Halbtinte beleuch⸗ *) Der Liebescourier. 12 tet war, ſah man zwei ſchöne ſchwarze Augen glän⸗ zen, die ſich, wie man alsbald begriff, äußerſt leicht von der Flamme des Zornes oder vom Feuer der Liebe entzünden mußten. Seine gerade, vortrefflich geformte Naſe überragte einen leicht in die Höhe ſtehenden Schnurrbart, und zwiſchen dieſem und dem Kinnbarte ſah man herrliche weiße Zähne ſo ſcharf wie die des Schakals. Er hatte, trotz der Hitze und gerade vielleicht we⸗ gen der Hitze, einen von den cordovaniſchen Mänteln, welche, geſchnitten wie ein amerikaniſcher Puncho, und in der Mitte durchſchlitzt von einer Oeffnung, um den Kopf durchzuſtrecken, den Reiter von den Schultern bis zum Ende der Stiefel bedecken. Dieſer tuchene, wie die Hutfeder feuerfarbene, an ſeinen Extremitäten und rings um die Oeffnung des Kragens mit Gold geſtickte Mantel verbarg beinahe völlig ein Coſtume das, urtheilte man nach dem Wenigen, was man da⸗ von wahrnehmen konnte, das heißt, nach dem Ende der Aermel und den Bändern der Hoſe, äußerſt elegant ſein mußte. Das Pferd, das er als vollendeter Reiter hand⸗ habte, war ein reizendes Thier von fünf bis ſechs Jah⸗ ren mit gerundetem Halſe, mit flatternder Mähne, mit kräftigem Kreuze, mit einem Schweife, der den Boden fegte, und mit Haaren von jener köſtlichen Farbe, welche die letzte Königin von Caſtilien, Iſabella, in die Mode gebracht hatte; es war übrigens wunderbar, daß bei der Gluth, welche Beide belebte, Reiter und Roß, auf den rauhen, gefährlichen Pfaden, die wir zu beſchreiben verſucht, hatten paſſiren können und nicht zehnmal in die Abſtürze von Alcaacin oder Al⸗ hama gerollt waren. Ein ſpaniſches Sprüchwort ſagt, es gebe einen Go für die Trunkenen und eine Göttin für die Ver⸗ liebten. kene ein der und war ſein Spi nig mock wag tend melt auf ſie a wir balle reich noch der er, grun in ei Maſt ſchne Kreu die 2 wahr auf fachen fahre län⸗ eicht der flich Höhe dem wie we⸗ teln, und den ltern hene, täten Gold ſtume n da⸗ de der egant hand⸗ Jah⸗ „ mit Zoden farbe, t, in erbar, r und e wir und er Al⸗ einen Ver⸗ 13 Unſer Reiter hatte nicht das Ausſehen eines Trun⸗ kenen, doch er glich offenbar einem Verliebten wie ein Tropfen Waſſer dem andern. Was dieſe Aehnlichkeit unbeſtreitbar machte, war der Umſtand, daß der Reiter ohne ſie anzuſchauen und wahrſcheinlich ſogar ohne ſie zu ſehen, ſo ſehr waren ſeine Angen vorwärts gerichtet, dergeſtalt war ſein Herz aus ihm hinausgezogen, an unſerer jungen Spinnerin vorbeiritt, vor der ſicherlich ſelbſt der Kö⸗ nig Don Carlos, ſo vernünftig und ſchüchtern er ſein mochte, trotz ſeiner neunzehn Jahre, einen Halt ge⸗ wagt hätte, ſo ſchön war ſie, als ſie, den Kopf aufrich⸗ tend, um den hoffärtigen Reiter anzuſchauen, mur⸗ melte: „Armer Junge!... es iſt Schade!“ Warum beklagte die Spinnerin den Reiſenden? duf welche gegenwärtige oder zukünftige Gefahr ſpielte ſie an? Dies werden wir wahrſcheinlich erfahren, wenn wir zur Venta zum Maurenkönig den zierlichen Ca⸗ ballero begleiten. Um bis zu der Venta zu kommen, welche zu er⸗ reichen er ſo große Eile zu haben ſchien, mußte er noch durch zwei oder drei Terrainvertiefungen reiten, der ähnlich, in welcher ſich das Mädchen aufhielt, als er, ohne es anzuſchauen, vorüberzog. Im Hinter⸗ grunde von jedem dieſer Thälchen, wo der Weg kaum in einer Breite von achtzehn Fuß, dichte Maquis von Maſtixbäumen, Erdbeerbäumen und Myrten durch⸗ ſchneidend, ausgeführt war, erhoben ſich mehrere Kreuze, andeutend, die Nachbarſchaft der Venta habe die Reiſenden durchaus nicht vor dem Geſchicke be⸗ wahrt, das ſo gewöhnlich, daß diejenigen, welche noch auf denſelben Wegen reiſten, das Herz mit dem drei⸗ fachen Erze, von dem Horaz in Betreff des erſten See⸗ fahrers ſpricht, gepanzert haben mußten. Als er ſich 14 dieſen Orten näherte, die einen ſo ſinſteren, unheim⸗ lichen Anblick boten, beſchränkte ſich der Reiter darauf, daß er unterſuchte, ob ſein Degen immer noch an ſei⸗ ne Seite ſchlug, ob ſeine Piſtolen immer noch am Ha⸗ ken ſeines Sattels hingen; und ſobald er ſich hierüber mit Hülfe einer mehr maſchinenmäßigen, als ängſtli⸗ chen Hand Sicherheit verſchafft hatte, ritt er mit dem⸗ ſelben ruhigen Geſichte durch die ſchlimme Paſſage, el malo sitio, wie man dort ſagt. Auf dem Culminationspunkte des Weges ange⸗ langt, erhob er ſich abermals auf ſeinen Steigbügeln, um die Venta beſſer zu ſehen; als er ſie ſodann erblickte, gab er beide Sporen ſeinem Pferde, das, als hätte es die Begierde, ſeinem Herrn zu dienen, unermüdlich gemacht, in das Thälchen niedertauchte, der gehorſa⸗ men Barke ähnlich, welche wieder in die Tiefe der Wellen hinabgleitet, nachdem ſie ihren Kamm über⸗ ſtiegen. Die geringe Aufmerkſamkeit, die der Reiſende der Straße ſchenkte, auf der er hinzog, und das große Verlangen, die Venta zu erreichen, das er zu haben ſchien, brachten wahrſcheinlich zwei Wirkungen hervor. Die erſte war, daß er ein Dutzend Männer nicht bemerkte, welche in den Maquis auf beiden Seiten des Weges in gewiſſen Entfernungen von einander im Hin⸗ terhalte lauerten und mit einer ängſtlichen Sorgfalt die Lunte einer Stutzbüchſe, die bei ihnen und wie ſie auf dem Boden lag, brennend erhielten. Beim Ge⸗ räuſche der Tritte des Pferdes, richteten dieſe unſicht⸗ baren Männer den Kopf auf, ſtützten ſich auf einen Arm und das linke Knie, nahmen mit der rechten Hand die Büchſe und legten maſchinenmäßig den Kolben an ihre Schulter. Die zweite Wirkung war, daß die im Hinterhalte — 3 A — (0 P= SeSe,Ssͤ =SSE eim⸗ rauf, ſei⸗ Ha⸗ über ſſtli⸗ dem⸗ ſage, nge⸗ geln, ickte, e es dlich örſa⸗ der ber⸗ 1⁵ liegenden Männer, als ſie die Eile bemerkten, mit der Roß und Reiter vorüberzogen, leiſe zu einander ſag⸗ ten: der Reiter, den man ohne Zweifel in der Venta erwarte, werde dort abſteigen, und es ſei folglich un⸗ nöthig, auf der Landſtraße einen verrathenden Lärmen zu erregen, der eine bedeutende Caravane entfernen könnte, welche eine reichere Beute verſpreche, als man ſie bei einem einzelnen Reiſenden, ſo wohlhabend und elegant er auch ſein dürfte, zu machen im Stande wäre. Die im Hinterhalte befindlichen Männer waren keine andere, als die Lieferanten der Gräber, auf de⸗ nen ſie als gute Chriſten Kreuze errichteten, nachdem ſie in dieſelben die Reiſenden gelegt hatten, welche ſo unvorſichtig geweſen waren, es zu verſuchen, mit Ge⸗ fahr ihres Lebens ihre Börſen zu vertheidigen, da ſie die würdigen Salteadores, mit der Stutzbüchſe in der Fauſt, mit der altherkömmlichen Phraſe, welche bei⸗ nahe dieſelbe in allen Sprachen und faſt beinahe bei allen! Nationen iſt: Den Geldbeutel oder das Le⸗ ben begrüßten. Auf dieſe Gefahr, die ihr nicht unbekannt war, ſpielte ohne Zweifel die junge Spinnerin an, als ſie ſich, da ſie den ſchönen Reiſenden vorüberreiten ſah, die Worte:„Es iſt Schade!“ in Begleitung eines Seufzers entſchlüpfen ließ. Doch dieſe im Hinterhalte liegenden Männer hatten, wie man geſehen, aus dem einen oder dem andern Grunde kein Zeichen von ihrer Gegenwart gegeben. Nur, wie die Jäger beim Treibjagen, mit denen wir ſie verglichen, von ihrem Poſten aufſtehen, wenn das Wild vorübergezogen iſt, kamen Einige von ihnen zu⸗ erſt mit dem Kopfe und ſodann mit dem ganzen Leibe hervor, verließen den Wald hinter dem Reiſenden und gingen auf die Venta zu, in deren Hof das Pferd und der Reiter eilten. 16 Ein Mozuelo ſtand in dieſem Hofe, bereit, den Zügel des Pferdes zu übernehmen. „Ein Maß Gerſte meinem Pferde! ein Glas Fe⸗ res mir! ein Mittagsmahl, das beſte, denjenigen, welche mir folgen.“ Der Reiſende hatte kaum dieſe Worte ausgerufen da erſchienen der Hoſtalero an ſeinem Fenſter und die Leute vom Maquis bei der Thüre. Die Einen und der Andere wechſelten einen Blick des Verſtändniſſes, welcher bedeutete, von Seiten der Männer des Maquis:„Wir haben alſo wohl da⸗ ran gethan, daß wir ihn nicht aufgehalten?““ und von Seiten des Wirthes:„„Sehr wohl!““ Sodann, da der Cavalier, ganz beſchäftigt, den Staub, der ſeinen Mantel und ſeine Stiefel bedeckte, abzuſchütteln, nichts von dieſem doppelten Blicke geſehen hatte, ſagte der Hoſtalero: „Tretet ein, mein edler Herr! obſchon im Ge⸗ birge liegend, iſt die Poſada zum Maurenkönig, Gott ſei Dank! nicht entblößt! Wir haben in der Speiſe⸗ kammer alle Arten von Wildpret, den Haſen ausge⸗ nommen, der ein unreines Thier iſt. Wir haben eine Olla potrida auf dem Feuer, ein Gaspacho, das ſeit geſtern im Waſſer liegt, und wenn Ihr warten wollt: einer unſerer Freunde, ein großer Jäger von dergleichen Thieren, verfolgt einen Bären, der vom Gebirge herabgekommen iſt, um meine Gerſte zu freſſen; bald werden wir fri⸗ ſches Wildpret bekommen.“ 1 „Wir haben nicht Zeit, auf die Rückkehr Deines Fägeis zu warten, ſo verführeriſch auch der Vorſchlag „Dann werde ich mein Beſtes thun, edler Herr.“ „Ja, und obſchon ich überzengt bin, daß die Senora, zu deren Courier ich mich gemacht habe, nur den Wohlgeruch der Blumen einathmend und den Morgenthau trinkend lebt, bereite immerhin, was Du — E8S S ooſſſ.“ 17 Beſtes haſt, und ſage mir, in welchem Zimmer Du ſie zu empfangen gedenkſt.“ Der Hoſtalero öffnete eine Thüre und zeigte dem Reiſenden eine große, mit Kalk übertünchte, Stube mit weißen Vorhängen an den Fenſtern und eichenen Tiſchen. „In dieſer,“ ſagte er. „Gut!“ erwiederte der Reiſende;„ſchenke mir ein Glas Keres ein. Sieh, ob mein Pferd ſein Maß Gerſte hat, und pflücke mir in Deinem Garten einen Strauß von Deinen ſchönſten Blumen.“ „Das ſoll geſchehen,“ verſetzte der Hoſtalero.„Wie viel Gedecke?“ „Zwei: eines für den Vater und eines für die Tochter; die Dienſtboten werden in der Küche ſpeiſen, nachdem die Herrſchaft bedient worden iſt; ſpare für die Leute den Val de Penas nicht.“ „Seid unbeſorgt, mein Cavalier. Spricht man wie Ihr, ſo darf man ſicher ſein, daß man raſch und gut bedient wird.“ Hienach ging der Hoſtalero, den Beweis von dem, raſch hinaus und rief: „Holla! Gil, zwei Gedecke!— Perez, hat das Pferd ſeine Gerſte?— Amapola, lauft in den Furten und ſchneidet Alles ab, was Ihr an Blumen ndet.“ „Sehr gut!“ murmelte der Cavalier mit einem Lächeln der Zufriedenheit;„nun iſt die Reihe an mir.“ „Err machte von der Kette, die an ſeinem Halſe hing, eine reizend ciſelirte goldene Büchſe von der Größe eines Taubeneis los, öffnete ſie, ſetzte ſie auf einen Tiſch, holte aus der Küche eine glühende Kohle, legte ſie in die goldene Büchſe und ſtreute darauf ein El Salteador. 2 ohne Zweifel, um was er verſicherte, zu geben, 18 Pfötchen Pulver, deſſen Rauch ſich ſogleich in der Stube verbreitete und jenen zugleich ſüßen und ſchar⸗ fen Duft ausſtrömte, der dem Geruchsſinne ſchmeichelt, ſobald man in das Zimmer einer arabiſchen Frau ein⸗ tritt. In dieſem Augenblick erſchien der Hoſtalero wie⸗ der, in der einen Hand einen Teller, auf dem ein Glas mit Keres gefüllt ſtand, in der andern eine friſch angebrochene Flaſche tragend; hinter ihm kam Gil mit einem Tiſchtuche, Servietten und einem Haufen Tel⸗ ler; hinter Gil endlich Amapola, verloren in einem Arme voll jener Blumen mit den glühenden Farben, welche kein Aequivalent in Frankreich haben, in An⸗ daluſien aber ſo gewöhnlich ſind, daß ich nicht einmal ihren Namen erfahren konnte. „Macht einen Strauß aus den ſchönſten Blumen, Mädchen, und gebt mir die andern„“ ſagte der Fremde. Amapola wählte die ſchönſten Blumen aus, und als der Strauß zuſammengefaßt war, fragte ſie: „Iſt es ſo gut?“ „Vortrefflich!“ erwiederte der Reiſende;„bindet es nun.“ Das Mädchen ſuchte mit den Augen einen Faden, eine Schnur. Doch der Reiſende zog aus ſeiner Taſche ein Band von Gold und Purpur, womit er ſich für dieſen Ge⸗ brauch verſehen zu haben ſchien, und ſchnitt ein gewiſſes Maß davon ab. Er gab ſodann das Band Amapolg. dieſe band den Strauß und legte ihn nach dem Befehle des jungen Mannes auf einen von den Tellern, mit denen Gil die Haupttafel geſchmückt hatte. Hierauf entblätterte er ſelbſt die andern Blumen, um damit von der Thüre des Hofes bis zu der Tafel einen ganz beſtreuten Weg zu machen, wie man ſolche Weg bere Stö fuhr fragt ihm nen ſie g ſes 9 worte deſſen einzig ſeiner A von de konnte Cavali ſelben gehorch zeichner der har⸗ helt, ein⸗ vie⸗ ein iſch mit Tel⸗ nem ven, An⸗ mal nen, der und ndet den, zand Ge⸗ iſſes vand ngen die nen, afel elche 19 Wege dem heiligen Sacrament am Fronleichnamsfeſte bereitet. Endlich rief er dem Wirthe und ſprach zu ihm: „Mein Freund, nimm dieſes Goldſtück für die Störung, die ich bei Dir verurſacht habe.“ Der Wirth verbeugte ſich, und der junge Reiſende fuhr fort: „Wenn nun Don Inigo Velasco de Haro Dich fragt, wer ſein Mittagsmahl beſtellt habe, ſo wirſt Du ihm ſagen, ein Mann, deſſen Namen Du nicht wiſſeſt. Wenn Dich Dona Flor ragt, wer dieſe Blumen für ſie geſtreut, wer ihr dieſen Strauß gebunden, wer die⸗ ſes Räucherwerk verbrannt habe, ſo wirſt Du ihr ant⸗ worten, es ſei ihr Liebescourier Don Ramiro d'Avila.“ Und er ſchwang ſich leicht auf ſein ſchönes Roß, deſſen Gebiß der Manzuelo hielt, ſprengte mit einem einzigen Satz aus dem Hofe der Venta und verfolgte ſeinen Weg in der Richtung von Granada. III. Don Inigo Velasco de Haro. Auf dem Platze, wo ſie war, das heißt, in einer von den Terrainvertiefungen, die wir bezeichnet haben, konnte die ſchöne Spinnerin mit der Ziege den jungen Cavalier weder in die Venta einreiten, noch aus der⸗ ſelben herauskommen ſehen; doch ſie ſchien aufmerkſam gehorcht zu haben, ob nicht ein das, was vorging, be⸗ zeichnendes Geräuſch bis zu ihr gelange, und mehrere 20 Male ſchien ſie, indem ſie ihre ſchönen Augen fragend zum Himmel aufſchlug, erſtaunt zu ſein, daß auf das Vorüberziehen des ſchönen, reichen Edelmannes nicht ein außerordentliches Ereigniß folgte. Da ſie ihren Platz nicht verlaſſen und das Ge⸗ ſpräch des Reiſenden mit dem Hoſtalero nicht gehört hatte, ſo wußte ſie natürlich nicht, welchem ganz ſelbſt⸗ ſüchtigen Umſtande von Seiten der Vertrauten der Venta der Liebescourier der ſchönen Dona Flor es ver⸗ dankte, daß er unverſehrt ihren Händen entging. In demſelben Augenblicke übrigens, wo, nachdem er alle Anordnungen getroffen, daß die Venta zum Maurenkönig würdig ſei, Don Inigo Velasco und ſeine Tochter zu empfangen, Don Ramiro d'Avila aus dem Hofe ſprengte und wieder den Weg nach Granada ein⸗ ſchlug, fing die von dem eleganten Quartiermeiſter an⸗ gekündigte Karavane an für die Augen der Zigeunerin ſichtbar zu werden. Dieſe Karavane theilte ſich in drei verſchiedene Corps. Das erſte Corps,— das, welches als Von hut diente und, wie geſagt, auf dem weſtlichen Abhange des kleinen Berges zu erſcheinen anfing,— beſtand aus einem einzigen Manne, der zur Dienerſchaft von Don Inigo Velasco gehörte; nur trug dieſer, wie die Campieri Siciliens, welche, Dienſtboten in Friedens⸗ zeiten, Soldaten in der Stunde der Gefahr werden, es trug dieſer, ſagen wir, bekleidet mit einem Coſtume, das halb Livree, halb militäriſch war, eine Rundatſche an ſeiner Seite und hielt gerade wie eine Lanze und den Kolben auf ſeine Knie geſtützt eine Büchſe, deren. angezündete Lunte keinen Zweifel darüber ließ, daß es die Abſicht der Karavane war, ſich zu vertheidigen ſollte ſie angegriffen werden. Die Hauptarmee, welche ungefähr dreißig Schritte hinter der Vorhut kam, beſtand aus einem Greiſe von ſech von rend bear Dier trug dem mäß fülle Hau Herr läßig de tigen von leicht auf e es ab weiſe nach nand einen 1 denjen gehabt denn denen Vaterl Inigo und ei ben zu welche agend fdas nicht Ge⸗ ehört elbſt⸗ — der ver⸗ chdem zum ſeine dem ein⸗ r an⸗ nerin tedene Vor⸗ hange eſtand t von ie die dens⸗ erden, ſtume, atſche und deren daß digen! chritte e von 21 ſechszig bis fünfundſechszig Jahren und einem Mädchen von ſechszehn bis achtzehn Jahren. Nach ihnen und in derſelben Entfernung marſchi⸗ rend wie der Mann, der die Straße zu recognosciren beanftragt war, kam die Nachhut beſtehend aus zwei Dienern, welche ebenfalls die Nundatſche an der Seite trugen und die Büchſe mit der brennenden Lunte auf dem Knie hielten. Da die Dienſtboten nur beſtimmt ſind, einen mittel⸗ mäßigen Platz im Verlaufe dieſer Geſchichte auszu⸗ füllen, während im Gegentheil die zwei Gebieter darin Hauptrollen ſpielen ſollen, ſo erlaube man uns, die Herren Nunez, Comacho und Torribio zu vernach⸗ läßigen, um uns ganz ſpeciell mit Don Inigo Velasco de Haro und Dona Flor, ſeiner Tochter, zu beſchäf⸗ tigen. Don Inigo Velasco war, wie geſagt, ein Greis von ſechszig bis fünfundſechszig Jahren, obgleich viel⸗ leicht das Wort Greis ungeeignet wird in Beziehung auf einen Mann, der den Jahren nach alt ſein mochte, es aber ſicherlich dem Körper nach nicht war. Sein kaum ergrauender Bart und ſeine nur ſtellen⸗ weiſe vom Winterſchnee geſprenkelten Haare, die er nach der Mode von Philipp dem Schönen und Ferdi⸗ nand dem Katholiſchen lang trug, bezeichneten höchſtens einen Mann von fünfzig bis fünfundfünfzig Jahren. Und er war doch betroffen von dem Unglück, das denjenigen gemein iſt, welche eine ausgezeichnete Jugend gehabt haben: er konnte ſein Alter nicht verbergen, denn er hatte mehr als einmal und zwar zu verſchie⸗ denen Epochen ſeine Spur tief in die Geſchichte ſeines Vaterlandes eingedrückt. Mit dreißig Jahren hatte Don Inigo Velasco, der Erbe eines der berühmteſten Namen und einer der reichſten Familien Caſtiliens, angetrie⸗ ben zu dem Verlangen nach Abenteuern durch die Liebe, welche ihm ein Mädchen eingeflößt, das er nicht hei⸗ 22 rathen konnte,— weil der Vater von Dona Marcedes de Mendo(ſo hieß dieſe Königin der Schönheit), der Feind des ſeinigen war und Beider Väter ſich einen ewigen Haß geſchworen hatten; Don Inigo Velasco, deſſen Lehrer, der Vater Marchena, das heißt, einer von den erſten Prieſtern geweſen, welche auf die Ge⸗ fahr, ſich im Widerſpruche mit der heiligen Schrift zu finden, nach der Erklärung von Chriſtofero Colombo anerkannt hatten, die Erde könne wohl rund ſein,— Don Inigo Velasco, ſagen wir, hatte ſich, mit dreißig Jahren mehr aus Verzweiflung, als mit Ueberzeugung den Theorien des genueſiſchen Seefahrers angeſchloſſen und ſeine Behauptungen unterſtützt. Man weiß, was am Hofe der katholiſchen Könige dieſer geniale arme Mann zu leiden hatte, den die am wenigſten Böswilligen von den Räthen von Iſabella und Fernando als Geiſterſeher und Narren behandelten, nachdem er vergebens in Genua, ſeinem Vaterlande, ſeinen Plan, gegen Weſten ſegelnd das von ſeinem Vorgänger Marco Polo angedeutete Reich des Cathay wieder aufzufinden auseinandergeſetzt hatte, als er, nach⸗ dem er von Johann II. abgewieſen worden war, der insge⸗ heim und verrätheriſcher Weiſe einen Steuermann abſandte, um dieſe Expedition zu verſuchen, die man laut als wahnſinnig bezeichnete, vor dem König von Arrago⸗ nien Fernando und der Königin von Caſtilien Iſa⸗ bella erſchien und ſich erbot, Spanien nicht nur mit einer Stadt, nicht nur mit einer Provinz, nicht nur mit einem Königreiche, ſondern mit einer Welt zu be⸗ ſchenken. Acht Jahre vergingen in vergeblichen Schritten, in zahlloſen Geſuchen um Gehör. Zum Glück für den trefflichen Genueſen,— ſchon mehr als einmal haben wir über den ſo reichen Text der kleinen Urſachen und der großen Wirkungen philo⸗ ſophirt,— zum Glück für den trefflichen Genueſen, gegen erſten Feſtur cedes der einen asco, einer Ge⸗ ande, einem athay nach⸗ usge⸗ undte, t als rago⸗ Iſa⸗ r mit t nur u be⸗ itten, ſchon Text ohilo⸗ neſen, 28 ſagen wir, geſtattete die Vorſehung, daß in dem Augen⸗ blick, wo Chriſtofero Colombo ſeine Reiſe unternehmen wollte, in dem Augenblick, wo mit ſeinem letzten Walle das Reich der Kalifen in Spanien fiel, der Neffe einer der vertrauteſten Freundinnen der Königin, um darüber den Verſtand zu verlieren, in ein Mädchen verliebt war, das er zu heirathen keine Hoffnung hatte. Wir bitten die Liebe um Verzeihung, daß wir ſie in die Zahl der kleinen Urſachen ſetzen. Doch, klein oder groß, die Urſache brachte eine un⸗ geheure Wirkung hervor. Wir haben die Urſache genannt, nennen wir die Wirkung. Dieſer Neffe, man weiß ſchon ſeinen Namen, war Don Inigo Velasco, Graf de Haro. Dieſe Tante war Beatrix, Marqueſa de Moya. Die Königin hatte aber keine ſo zärtliche Freun⸗ din, keine ſo innige Vertraute wie die Marqueſa de Moya.— Wir bezeichnen dieſen Umſtand der Erinne⸗ rung wegen und werden ſogleich bierauf zurückkommen. Velasco hatte beſchloſſen, mit ſeinem Leben ein Ende zu machen, und wenn er ſich nicht zehnmal ge⸗ tödtet, ſo verhielt ſich dies ſo, weil, wie vor allen ent⸗ ſchloſſenen Herzen, der Tod vor ibhm zurückgewichen war. In den Kriegen, welche die katholiſchen Könige gegen die Mauren verfolgten, hatte er beſtändig in der erſten Reihe geſtritten: er⸗ war bei dem Sturme der Feſtungen Illora und Moelin, dieſer zwei Baſtillen, welche ſo wichtig für die königliche Stadt, daß man ſie die zwei Augen von Granada nannte; er war bei der Belagerung von Velez, als der Zagal Abd Allah die Aufhebung der Belagerung dieſer Stadt zu bewirken verſuchte und mit einem furchtbaren Verluſte zurück⸗ geſchlagen wurde; er war bei der Einnahme von Gibal⸗ jaro, als die Stadt von Ibrahim erſtürmt und der Plünderung preisgegeben wurde; er war endlich unter 24 den Mauern der Hauptſtadt von Boabdil, als, nachdem ſie das Königreich Stadt für Stadt erobert, die katho⸗ liſchen Könige die Hauptſtadt einſchloßen, die ſie mit einer neuen Stadt mit Häuſern, Kirchen, Wällen blo⸗ kirten, mit einer Stadt, welche ſie Santa Fe nannten, zum Zeichen ihrer Hoffnung und des Gelübdes, das ſie gethan, die Blokade von Granada nicht eher aufzu⸗ heben, als bis ſich Granada ergeben hätte. Granada ergab ſich am 25. November 1491 im Jahre 397 der Hedſchra, am 22. Tage des Monats Moharrem. Für Colombo, der ſeit acht Jahren wartete, war dies der Augenblick, ſeinen Angriff wieder zu beginnen; der König Fernando und die Köuigin Iſabella hatten das von Pelagius ſieben Jahrhunderte vorher begon⸗ nene Werk vollendet: ſie hatten mit den Ungläubigen Spaniens ein Ende gemacht. Colombo ſchlug ſeine Expedition vor, indem er als ihren Hauptzweck die Bekehrung der Ungläubigen einer andern Welt bezeichnete. Um dieſes Ziel zu er⸗ reichen, verlangte er nur zwei Caravellen, hundert Mann Equipage und dreitauſend Kronen. Neben dem religiöſen Zwecke trug er unerſchöpf⸗ liche Goldgruben und Diamantminen von unſchätzbarem Werthe an. Was konnte alſo den geizigen Fernando und die fromme Iſabella abhalten, ein Unternehmen zu verſuchen, das aus dem geiſtlichen und weltlichen Geſichtspunkte, die Exiſtenz dieſer unbekannten Welt angenommen, allen Anſchein einer glücklichen Specu⸗ lation bot? Was ſie abhielt, wollen wir ſagen. Criſtofero Colombo, der zum Voraus die Beloh⸗ nung zur Höhe des Dienſtes anſchlug, verlangte den Rang eines Admirals der ſpaniſchen Flotten, den Titel Vicekönig von allen Ländern, die er entdecken würde, den zehnten Theil von den Beneſicien, die die Expedition eintragen ſollte, und die Erhaltung bei ſeiner männ⸗ men chen Welt becu⸗ loh⸗ den Titel irde, ition änn⸗ 2⁵ lichen Nachkommenſchaft der Titel und der Ehren, die ihm bewilligt würden. Dieſe Anſprüche ſchienen um ſo übertriebener, als Criſtofero Colombo, obgleich er von einer der berühm⸗ teſten Familien von Piacenza abzuſtammen behauptete, obgleich er an die Königin Iſabella ſchrieb, ſollte ſie ihn zum Admiral ernennen, ſo wäre er nicht der erſte Admiral ſeiner Familie,— als Criſtofero Colombo, ſagen wir, keine Proben ſeines Adels hatte beibringen können und ſich das Gerücht bei Hofe verbreitete, er ſei ganz einfach der Sohn eines armen Webers von Cogoreo oder von Nervi. Dieſe Anſprüche hatten folglich die Entrüſtung des Erzbiſchofs von Granada, Fernando de Talavera, er⸗ regt, der von Ihren katholiſchen Majeſtäten beauftragt war, das Project des genueſiſchen Schiffers, wie man allgemein Criſtofero Colombo bei Hofe nannte, zu unterſuchen. Es war beſonders dieſer zehnte Theil am Nutzen, was, die Abgabe repräſentirend, welche die Kirche unter dem Namen Zehnten erhob, die religiöſe Empfind⸗ lichkeit von Don Fernando de Talavera verletzte. Der arme Criſtofero Colombo ſpielte unglücklich: ſeine drei anderen Anſprüche,— der, zum Range ei⸗ nes Admirals erhoben zu werden, der, den Titel Vicekönig anzunehmen, und endlich der, die Erblichkeit dieſes Titels zu erhalten, wie in einer königlichen oder fürſtlichen Familie,— hatten ihrerſeits den Hochmuth von Fernando und von Iſabella verletzt, denn die Könige jeuer Zeit waren noch nicht daran gewöhnt, wie mit ihres Gleichen mit einem einfachen Privatmann zu verhandeln, und Colombo, ſo arm und unbekannt er war, ſprach mit ſo großem Stolze, als hätte er ſchon auf ſeinem Haupte die doppelte goldene Krone von Guacanagari und von Montezuma getragen! Das Reſultat war, daß nach einer lebhaften Dis⸗ 26 cuſſion im Rathe, wo Criſtofero Colombo nur zwei Anhänger zählte, Don Luis de Sant Angel, Einneh⸗ mer der kirchlichen Einkünfte von Arragonien, und Don Alonzo de Quintanilla, Director der Finanzen von Caſtilien,— der Antrag definitiv verworfen wurde, und dies zur großen Zufriedenheit von König Fer⸗ nando, dem Manne des Zweifels und der Materie, und zur großen Betrübniß der Königin Iſabella, der Frau der Poeſie und des Glaubens. Was die Feinde von Colombo betrifft,— und ſie waren zahlreich bei Hofe,— ſie betrachteten den Spruch als unwiderruflich und glaubten ſich für immer von dieſem lächerlichen Träumer befreit, der gegen die Dienſte, die er zu leiſten verſprach, alle ſchon geleiſteten Dienſte erbärmlich erſcheinen ließ. Doch ſie hatten ohne Don Inigo Velasco und ohne ſeine Tante Beatrix, die Marqueſa de Moya, ge⸗ rechnet. In der That, ſchon am nächſten Morgen nach dem Tage, wo die Abweiſung Ihrer Katholiſchen Majeſtäten Colombo durch den Erzbiſchof Don Fernando de Tala⸗ vera eröffnet worden war, eine Abweiſung, welche Don Luis de Sant Angel und Don Alonzo de Quintanilla zu mildern verſuchten, die aber nichtsdeſtoweniger den armen Seefahrer ohne Hoffnung ließ,— trat Dona Beatrix in das Betzimmer der Königin ein und verlangte mit einer fühlbar bewegten Stimme Audienz für ihren Neffen. Erſtaunt über das beinahe verlegene Ausſehen ihrer Freundin, ſchaute ſie Iſabella einen Augenblick an; dann fragte ſie mit dem ihr eigenthümlich ſanf⸗ ten Tone, wenn ſie mit ihren Vertrauten ſprach: „Was ſagſt Du denn da, meine Tochter?“ Meine Tochter war ein freundſchaftlicher Name, den die Königin von Caſtilien gewöhnlich, jedoch ohne damit verſchwenderiſch zu ſein, ihren Freundinnen gab. zwei nneh⸗ Don von purde, Fer⸗ „ und Frau nd ſie pruch von die ſteten und „ge⸗ dem täten Lala⸗ Don nilla niger trat und dienz ſehen blick anf⸗ ame, ohne gab. 27 „Ich ſage Eurer Hoheit, daß mein Neffe Don Inigo Velasco die Ehre hat, ſich von ihr eine Ab⸗ ſchiedsaudienz zu erbitten. „Don Inigo Velasco?“ verſetzte Iſabella, die offen⸗ bar ihre Erinnerungen auf den, von welchem die Rede war, zu fixiren ſuchte;„iſt das nicht der junge Kapi⸗ tän, der ſich ſo ſehr während unſeres letzten Krieges bei den Stürmen von Illora und Moclin, bei der Be⸗ lagerung von Velez, bei der Einnahme von Gibralfaro und bei vielen anderen Gelegenheiten ausgezeichnet hat?“ „So iſt es!“ rief Dona Beatrix ganz freudig, und beſonders ganz ſtolz, daß der Name ihres Neffen ſolche Erinnerungen im Herzen der Königin erweckt hatte;„ja, ja, Hoheit, ſo iſt es.“ „Und Du ſagſt, er wolle eine Reiſe antreten?“ „Ja, Hoheit.“ „Eine lange Reiſe?“ „Ich befürchte es.“ „Sollte er Spanien verlaſſen?“ „Ich glaube es.“ „Ah! Ah!“ „Als Entſchuldigung gibt er an, er habe hier nichts mehr für den Dienſt Eurer Hoheit zu thun.“ „Wohin geht er?“ „ Ich hoffe,“ erwiederte Dona Beatrix,„die Köni⸗ gin wird die Gnade haben, ihm zu erlauben, über die⸗ ſen Punkt ſelbſt zu antworten.“ „s iſt gut, meine Tochter; ſage ihm, er könne eintreten.“ UMUnd während die Margueſa de Moya, um ihren Nef⸗ ſen einzuführen, auf die Thüre zuging, ſetzte ſich die Königin Iſabella und nahm, mehr um ſich eine Hal⸗ tung zu geben, als um wirklich zu arbeiten, eine Fahne, die ſie gerade zu Ehren der Jungfrau ſtickte, deren Bei⸗ ſtand ſie die glückliche Zurückgabe von Granada zu⸗ 28 ſchrieb, welche bekanntlich durch Capitulation und ohne Blutvergießen ſtattgefunden hatte. Einen Augenblick nachher öffnete ſich die Thüre wieder; der junge Mann trat geführt von Dona Bea⸗ trix ein und blieb ebrerbietig, ſeinen Hut in der Hand haltend, ein paar Schritte vor Iſabella ſtehen. IV. Iſabella und Fernando. Don Inigo Velasco, den wir unſern Leſern als einen ſtattlichen Greis von ſechzig bis fünfundſechzig Jahren gezeigt haben, war zur Zeit der Einnahme von Granada ein ſchöner junger Mann von dreißig bis zweiunddreißig Jahren mit großen Augen und langen ſchwarzen Haaren; ſein bleiches Geſicht trug jenes tiefe Gepräge der Schwermuth an ſich, das eine unglück⸗ liche Liebe andeutet und folglich immer eine mächtige Empfehlung bei einer Frau iſt, und wäre dieſe Frau eine Königin. Eine damals kaum geheilte Wunde, deren Narbe ſich aber ſeitdem in den erſten Falten des Alters ver⸗ loren hatte, durchfurchte ſeine Stirne mit einer röth⸗ lichen Linie und bezeugte, daß er von nahe und ins Geſicht die Mauren angegriffen, deren Säbel dieſe blutige Spur auf ſeinem Geſichte zurückgelaſſen hatte. Die Königin, welche oft von ihm als einem ſchö⸗ nen Liebesritter und einem ſchönen Kriegskapitän hatte reden hören, die ihn aber zum erſten Male ſah, ſchaute ihn mit dem doppelten Intereſſe an, das zuerſt ein Neffe ihrer Freundin und ſodann ein Cavalier ohne hüre Bea⸗ Hand als hzig von bis gen iefe ück⸗ tige rau Irbe ver⸗ bth⸗ ins ieſe tte. hö⸗ tän ah, erſt ier 29 hervorrief, der ſo tapfer für die Sache ſeines Gottes und ſeiner Könige geſtritten hatte. „Ihr ſeid Don Inigo Velasco?“ fragte Iſabella, nachdem einen Augenblick ein tiefes Stillſchweigen der Erwartung im Betzimmer geherrſcht hatte; wo ſich in⸗ deſſen, in ihrer Nähe oder fern von ihr, ſitzend oder ſtehend, je nach der Vertraulichkeit, mit der ſie beehrt wurden, oder nach dem Range, den ſie einnahmen, ein Duzend Perſonen befanden. „Ja, Hoheit,“ antwortete Don Inigo. „Ich glaubte, Ihr wäret Rico hombre.“ „Ich bin es in der That, Hoheit.“ „Warum bedeckt Ihr Euch denn nicht vor uns?“ „Weil mir die Ehrfurcht, die ich für die Frau hege, das Recht benimmt, an das die Königin mich zu erinnern die Gnade hat.“ Iſabella lächelte und fragte ſodann ihn duzend, wie dies noch heute Gewohnheit der Könige und Köni⸗ ginnen von Caſtilien in Beziehung auf diejenigen iſt, die man in unſern Tagen Granden von Spanien nennt, während man ſie damals Ricos hombres nannte: „Nun, Don Inigo, Du willſt reiſen, mein Kind?“ „Ja, Hoheit,“ antwortete der junge Mann. „Und warum dies?“ Don Inigo ſchwieg. „Mir ſcheint doch,“ fuhr Iſabella fort,„es gibt viele Plätze an meinem Hofe, welche einem jungen Manne von Deinem Alter und einem Sieger von Deinem Verdienſte wohl anſtehen würden.“ „Eure Hoheit täuſcht ſich über mein Alter,“ er⸗ wiederte Don Inigo traurig den Kopf ſchüttelnd;„ich bin alt, meine Königin.“ „Du?“ verſetzte die Königin erſtaunt. „Ja, hohe Frau; denn man iſt alt, wie viel Jahre man auch zählen mag, von dem Tage an, wo man jede Illuſion verloren hat; und was den Siegertitel betrifft, den Ihr mir wie einem Cid zu geben mich beehrt, ſo wird er bald für mich verloren gehen, Ihr in Folge der Zurückgabe von Granada und des Sturzes von Abn abd Allah, dem letzen Maurenkönig, keine Feinde mehr in Eurem Reiche zu beſiegen habt.“ Der junge Mann ſprach dieſe Worte in einem ſo tief traurigen Tone, daß ihn die Königin mit Er⸗ ſtaunen anſchaute, und daß Dona Beatrix, welche ohne Zweifel vom Liebeskummer ihres Neffen Kennt⸗ niß hatte, eine Thräne abwiſchte, welche in der Stille von ihrem Augenlide über ihre Wange floß. „Und wohin willſt Du gehen?“ fragte die Königin. „Ich will nach Frankreich gehen, Hoheit.“ Iſabella faltete leicht die Stirne und fragte wei⸗ ter, indem ſie ihn zu duzen aufhörte: „Hat Euch König Karl VIII. zu ſeiner Hochzeit mit der Erbin von Bretagne eingeladen oder hat er Euch Dienſte in dem Heer angeboten, das er auf die Beine bringt, um, wie man ſagt, Italien zu er⸗ obern?“ „Ich kenne Karl VIII. nicht, hohe Frau,“ antwortete Don Inigo,„und welchen Antrag er mir auch machen dürfte, um in ſeinem Heere zu dienen, ich würde ſeinen Antrag ausſchlagen, denn das hieße ſicherlich gegen meine geliebte Fürſtin dienen.“ „Und was willſt Du in Frankreich machen, wenn Du dort nicht einen Herrn ſuchſt, der Dir beſſer zuſagt, als wir?“ „Ich begleite dahin einen Freund, den Ihr weg⸗ gejagt habt.“ „Wen?“ „Criſtofero Colombo, hohe Frau,“ Es trat eine kurze Stille ein, während welcher man das leichte Geräuſch vernahm, das durch die Thüre vor ent 31 vom Cabinet des Königs, die man ein wenig öffnete, entſtand. „Wir haben nicht,— davor behüte uns Gott!— Euren Freund weggejagt, Don Inigo,“ verſetzte Iſa⸗ bella mit einer Schwermuth, die nun ſie nicht zu be⸗ herrſchen vermochte;„nur haben unſere Räthe erklärt, die vom Genueſen geſtellten Bedingungen ſeien ſo über⸗ trieben, daß wir ſie unmöglich annehmen können, ohne uns gegen das zu verfehlen, was wir uns und unſern beiden Kronen ſchuldig ſind. Hätte ſich Euer Freund zu einigen Conceſſionen herbeigelaſſen, ſo würden der gute Wille von König Fernando und das Intereſſe, das ich meinerſeits für ihn hegte, die Ausführung des Projectes, deſſen Mißlingen er ſich ſelbſt zuſchrei⸗ ben muß, leicht gemacht haben.“ Iſabella ſchwieg in Erwartung der Antwort von Don Inigo; Don Inigo antwortete aber nicht. „Uebrigens,“ fuhr ſie fort,„abgeſehen davon, daß die Theorie des Genueſen über den Umkreis der Erde durchaus nicht mit dem Texte der heiligen Schrift übereinſtimmt, wißt Ihr, daß die gelehrteſten Maͤnner des Reiches Criſtofero Colombo als einen Geiſterſeher behandeln.“ „Hoheit,“ erwiederte der Neffe von Dona Beatrix, „es iſt nicht die Sache eines Geiſterſehers, eher auf ſeine Hoffnungen, als auf ſeine Würde zu verzichten. Colombo unterhandelt für ein Reich, das, wie er be⸗ hauptet, zehnmal größer ſein ſoll als Spanien, und ſeine Anſprüche erheben ſich zur Höhe des Gegenſtands. Ich begreife das.“ „„Mein Neffe!“ murmelte Dona Beatrix. „Sollte ich, ohne es zu wollen, die Ehrfurcht ge⸗ gen die Königin verletzt haben?“ fragte Don Inigo. „Ich würde dies aufs Tiefſte beklagen.“ e.„Nein, mein Kind, nein!“ erwiederte lebhaft Iſabella. 32 Nachdem ſie ſodann einen Augenblick nachgedacht hatte, fragte ſie Don Inigo: „Du glaubſt alſo, es ſei etwas Ernſtes, Nützliches, Reelles im Grunde der Träumereien dieſes Schiffers?“ „Ich bin zu unwiſſend, um Eurer Hoheit im Na⸗ men der Wiſſenſchaft zu antworten,“ ſagte Don Inigo, „ich werde ihr aber im Namen des Glaubens antwor⸗ ten. Die Ueberzeugung von Colombo hat auch mich überzeugt, und wie Eure Hoheit das Gelübde gethan hatte, Santa Fe nicht eher zu verlaſſen, als bis Gra⸗ nada eingenommen wäre, ſo habe ich das Gelübde ge⸗ than, Colombo nicht eher zu verlaſſen, als bis er den Fuß auf die Erde der unbekannten Welt geſetzt hat, mit der er Eurer Hoheit ein Geſchenk machen wollte, das aber von Eurer Hoheit ausgeſchlagen worden iſt.“ „Nun,“ ſagte Iſabella, welche zu ſcherzen verſuchte, obgleich ihr das ernſte Wort des jungen Mannes, wenn nicht die Luſt, doch die Macht hiezu benahm,„da Du einen ſo großen Glauben zur Wiſſenſchaft des Genue⸗ ſen haſt, und er nur zwei Caravellen, hundert Matro⸗ ſen und drei tauſend Kronen braucht, um ſein Unter⸗ nehmen auszuführen, warum haſt Du nicht von Deinem eigenen Vermögen, das dreimal ſo viel iſt, als Dein Freund fordert, die zwei Caravellen bauen laſſen, die hundert Matroſen angeworben und die drei tauſend Kro⸗ nen vorgeſtreckt? Colombo hätte ſodann, Niemand mehr etwas verdankend, König ſein und Dich zum Vice⸗ könig ſeines eingebildeten Reiches ernennen können.“ „Ich habe es ihm angeboten,“ erwiederte Don Inigo ernſt,„nicht in der Hoffnung auf eine ſo hohe Belohnung, ich bin nicht ehrgeizig: doch Colombo hat meinen Antrag ausgeſchlagen.“ „Colombo hat die Verwirklichung eines Projectes ausgeſchlagen, das er ſeit zwanzig Jahren verfolgt, während ſich ihm dieſe Verwirklichung von ſelbſt gebo⸗ ter dacht ches, rs?“ Na⸗ nigo, wor⸗ mich than Gra⸗ ge⸗ den hat, ollte, iſt.“ ichte, venn Du enue⸗ atro⸗ nter⸗ inem Dein , die Kro⸗ mehr Vice⸗ t.“ Don hohe » hat jertes folgt, gebo⸗ 33 ten? rief Iſabella.„Ahl das wirſt Du mich nicht glauben machen, mein Kind!“. 1 „Es iſt dennoch die Wahrheit,“ ſprach Don Inigo, indem er ſich ehrfurchtsvoll verbeugte. „Und welchen Grund hat er bei ſeiner Weigerung angegeben?“ „Er hat geſagt, er brauche den Namen und das Patronat eines großen Königs, um ein ſolches Unter⸗ nehmen zu heiligen, und da er es nicht unter dem Schutze der portugieſiſchen oder der ſpauiſchen Flagge aus⸗ führen könne, ſo wolle er ſehen, ob Karl VIII. einwillige, ihn unter den drei Lilien von Frankreich zu beſchirmen.“ „Der Genueſer iſt nach Frankreich abgegangen? der Genueſer hat ſein Project Karl VIII. gebracht? Seid Ihr deſſen ſicher, Senor Don Inigo?“ fragte Fernando von Aragonien, der plötzlich eintrat und ſich in das Geſpräch miſchte, das er ſchon ſeit einigen Minuten belauſcht hatte. Bei dieſem unerwarteten Eintritt wandte ſich Jeder um, gab einen leichten Schrei von ſich oder bezeichnete wenigſtens ſein Erſtaunen durch eine Geberde. Don Inigo allein, als hätte er das Geräuſch der Thüre gehört und errathen, wer ſie öffnete, gab nur Ehrfurcht kund, indem er ſich vor dem König ver⸗ beugte, wie er es vor der Königin gethan hatte. Doch ohne Zweifel, um ſein Recht, vor dem Kö⸗ nig von Aragonien unbedeckt zu bleiben zu conſtatiren, ſetzte er ſeinen Hut wieder auf, nahm ihn übrigens faſt in demſelben Augenblicke wieder ab und wandte ſich gegen Iſabella um, von der als von ſeiner einzigen Gebieterin er ſeinen Abſchied zu erwarten ſchien. Dieſe bebte vor Freude, als ſie ſah, mit welchem Intereſſe Fernando, der gewöhnlich ſo ruhig, die . für Spanien demüthigende Kunde, Colombo wolle um die Protection eines andern Fürſten nachſuchen, aufnahm. .Und als Don Inigo nicht auf die Frage von El Salteador. 3 94 König Fernando antwortete, da ſagte ſie zu dem jungen Manne: „Hörſt Du, was Dich der König von Aragonien fragt? er fragt Dich, ob es wahr ſei, daß der Genue⸗ ſer nach Frankreich abgegangen, und ob er wirklich ſeine Dienſte König Karl VIII. anbieten wolle?“ „Ich habe dieſen Morgen Criſtofero Colombo am Bara⸗Thore verlaſſen, hohe Frau: er folgte der Straße nach der Küſte, in der Hoffnung, er werde Gelegenheit finden, ſich nach der Provence in Alicante, in Valencia oder in Barcelona einzuſchiffen.“ „Und ſodann?“ ſagte Fernando. „Sodann, Sire?“ erwiederte Don Inigo;„ich bin gekommen, um die Königin um Erlaubniß zu bitten, dieſem großen Manne folgen, mich mit ihm einſchiffen und ſein Glück oder Unglück theilen zu dürfen.“ „Du gedenkſt Dich alſo ihm anzuſchließen?“ „Sobald ich die Erlaubniß von meiner huldrei⸗ chen Fürſtin erhalten habe,“ antwortete Don Inigo. „Ohne Zweifel entfernt er ſich niedergebeugt durch den geringen Erfolg, den bei uns ſeine Geſuche ge⸗ habt haben?“ „Er entfernt ſich mit erhabenem Haupte und heiterem Geſichte, Hoheit, denn weun die Betrübniß und die Ent⸗ täuſchung auf ſeinem Herzen laſten, ſo bietet ſein Herz eine Baſis, welche breit genug, um dieſe Laſt zu tragen.“ Fernando blieb einen Augenblick ſtumm vor die⸗ ſer ſtolzen Antwort, dann ſtrich er mit ſeiner Hand über ſeine ſorgenvoll gewordene Stirne und murmelte, während ihm ein Seufzer entſchlüpfte: „Ich befürchte, meine Räthe ſind ſehr raſch in ihrer Abweiſung gegen dieſen Mann geweſen. Was ſagt Ihr, meine Dame?“ Iſabella war aber ſchon bei den erſten Worten, die der König geſprochen, aufgeſtanden; ſie ging mit gefalteten Händen auf ihn zu und ſagte: dem onien enue⸗ rklich o am traße nheit encia h bin itten, ziffen drei⸗ go. durch ge⸗ terem Ent⸗ zeine 35⁵ „Oh! Sire, ich hatte mich der Entſcheidung des Rathes unterworfen, weil ichr glaubte, dieſe Entſchei⸗ dung rühre von Euch her; doch wenn ich mich irxte, wenn Euch noch einige Sympathie für den Mann bleibt, der ſolche Ergebenheit einflößt, der eine ſolche egeiſterung erregt, ſo müßtet Ihr nur mit Euch ſelbſt, mit Eurem Genie, mit Eurer Größe zu Rathe gehen.“ „Glaubt Ihr, Don Inigo,“ fragte Fernando mit einer Stimme, von der jedes Wort wie ein Tropfen eiskalten Waſſers auf das Herz von Iſabella fiel, „glaubt Ihr, Colombo, ſelbſt angenommen, er entdecke das Land des Kathay und das Königreich Cipango, finde in dieſer neuen Welt genug Gewürze, Edelſteine und Gold, um die ungeheuren Koſten zu decken, welche eine ſolche Expedition nothwendig veranlaßt?“ Iſabella fühlte den Schweiß auf ihrer Stirne perlen; ſie empfand, was die poetiſchen Herzen empfin⸗ den, wenn eine Perſon, die ein Recht auf ihre Liebe oder auf ihre Achtung hat, einen Augenblick vergißt, eine mit ihrem erhabenen Range und ihrer hohen Stel⸗ lung harmonirende Sprache zu ſprechen. Sie hatte nicht den Muth, zu antworten. Don Inigo antwortete für ſie. „Eure Hoheit nennt ungeheure Koſten das, was der Dienſt der zwei Caravellen mit hundert Mann quipage erfordern wird?... Was die dreitauſend Kronen betrifft, ſo iſt das eine Summe, welche mehr als ein Mal in einer Spielnacht oder bei anderen Toll⸗ heiten Einige von den Edelleuten, welche im Dienſte Eurer Hoheit ſind, vergendet haben.“ „Ueberdies,“ fügte Iſabella eiligſt bei,„wenn es ich nur um das für die Expedition erforderliche Geld handelt, ſo werde ich es finden.“ „Ihr? und wo dies?“ fragte Fernando. „Ei! ich hoffe in den Kiſten des Schatzmeiſters von Caſtilien,“ erwiederte Iſabella;„und ſollten ſie 36 dieſe ſchwache Summe nicht einmal enthalten, ſo wäre ich ganz geneigt, eher meine eigenen Juwelen zu ver⸗ pfänden oder zu verkaufen, als Colombo einem an⸗ dern König und einer andern Nation ein Project bringen zu ſehen, welches, wenn es glückt, aus dem Reiche, das Colombo unterſtützt hat, die reichſte und mächtigſte Herrſchaft der Welt machen wird.“ Fernando ließ ein Gemurmel vernehmen, das we⸗ der billigend, noch mißbilligend war; die Marcheſa de Moya gab einen Ausruf der Bewunderung von ſich; Don Inigo beugte ein Knie vor der Königin. „Was macht Ihr da, Don Inigo?“ ſagte Iſabella lächelnd. „Ich bete meine Fürſtin an, wie ſie angebetet zu werden verdient,“ erwiederte der junge Mann,„und ich warte, daß ſie mir Befehle gibt, abzugehen, um Criſtofero Colombo unter Weges aufzuhalten und ihn nach Santa Fe zurückzuführen.“ Iſabella warf einen Blick der Bitte auf den König von Aragonien. Doch der kalte und gewandte Politiker war nicht der Mann, der ſich, auf eine unüberlegte Weiſe, zu allen den Bewegungen des Enthuſiasmus hinreißen ließ, welche er kaum den jungen Leuten und den Frauen geſtattete, und die, ſeiner Anſicht nach, beſtän⸗ dig in ehrfurchtsvoller Entfernung vom Geiſte der Mi⸗ niſter und vom Herzen der Könige gehalten ſein mußten. „Heißt dieſen jungen Mann aufſtehen, meine Dame,“ ſagte er,„und kommt mit mir, um über dieſe wichtige Angelegenheit zu reden.“ Iſabella ging zum König, ſtützte ſich auf ſeinen Arm, und ohne das Betzimmer zu verlaſſen, zogen ſich Beide in die Vertiefung eines Fenſters zurück, deſſen gemalte Scheiben den Triumph der Jungfrau vor⸗ ſtellten. wäre ver⸗ an⸗ roject dem und 3 we⸗ ſa de ſich; bella et zu „und um ihn önig nicht , zu eißen den ſtän⸗ Mi⸗ ſein neine dieſe iinen ſich eſſen vor⸗ 37 Der junge Mann ſtreckte ſeine beiden Hände gegen das Bild der Madonna aus und ſprach: „O heilige Mutter Gottes, laß in das Herz die⸗ ſes Königs das göttliche Licht, das Deine Stirne krönt, ſich niederſenken.“ Ohne Zweifel wurde das Gebet von Don Inigo erhört; denn man ſah allmälig unter den dringenden Bitten von Iſabella das Eis der Maske von Fer⸗ nando ſchmelzen; ein Nicken mit dem Kopfe bezeichnete die Einwilligung, und er ſprach die Stimme erhebend: „Wohlan, es geſchehe nach dem Wunſche unſerer theuren Iſabella.“. Beklommen durch die Erwartung, dehnte ſich jede Bruſt in einem Seufzer der Zufriedenheit aus. „Steigt zu Pferde, junger Mann,“ fuhr Don Fernando fort,„ſagt dieſem halsſtarrigen Genueſen, die Könige müſſen wohl nachgeben, da er nicht nach⸗ geben wolle.“ „Alſo, hohe Frau?“ fragte Don Inigo, der nicht nur die Billigung des Königs, ſondern auch die der Königin haben wollte. „Wir genehmigen Alles,“ erwiederte Iſabella, „und Euer Freund Colombo kann zurückkehren, ohne daß er neue Schwierigkeiten zu befürchten hat.“ „Ob! iſt es wirklich wahr, und habe ich recht ge⸗ hört?“ rief Don Inigo. „Hier iſt meine Hand,“ ſprach Iſabella. Der junge Mann warf ſich auf dieſe königliche Hand und berührte ſie ehrerbietig mit den Lippen; er ſtürzte ſodann aus dem Zimmer und rief: „Mein Roß! mein Roß!“ Fünf Minuten nachher hörte man das Pflaſter des Hofes unter dem eiligen Galopp des Pferdes von Don Inigo ſchallen, und bald verlor ſich dieſer Ga⸗ lopp in der Ferne. 38 3 V. Dona Flor. Don Inigo erreichte Colombo zehn Meilen von Santa Fe und führte ihn an den Hof der katholiſchen Könige zurück. Er kam voll Mißmuth und Zweifel an; bald aber wurde ihm die gute Kunde, die ihm Don Inigo überbracht hatte, und an die er zu glauben ſich gewei⸗ gert, durch den Mund des Fürſtenpaares beſtätigt. Er erhielt ſodann alle nöthigen Befehle und reiſte nach dem Hafen von Palos de Moguer, einem an der Mündung des Tinto, unfern von der Stadt Huelva liegenden Dorfe, ab. Was Fernando dieſen Hafen wählen ließ, war nicht, weil er in das Atlantiſche Meer gehend den Weg be⸗ deutend abkürzte, ſondern weil in Folge einer gericht⸗ lichen Verurtheilung, die es erlitten, das Dorf Palos der Krone zwei völlig bemannte Caravellen liefern mußte. ſe Nando hatte alſo keine anderen Koſten zu tra⸗ gen, als die der dreitauſend Kronen. Seien wir in⸗ deſſen gerecht und bemerken wir, daß am Anfange des Monats Juni Colombo benachrichtigt wurde, man habe ihm auf das Verlangen von Iſabella, ſeiner erklärten Beſchützerin, ein drittes Schiff bewilligt. Fernando hatte allerdings erfahren, daß in Folge der dringenden Bemühungen von Bartolomeo Colombo, dem Bruder des berühmten Seemanns, Heinrich VII. 4 I dieſem alle Vortheile anbieten ließ, die ihm nien bewilligt worden waren. 4 in Spa⸗ 4 au an erſt vor Er nac Sp mit ohn die am den auf gege von ten Fein 39 Don Inigo, nachdem er ſeinen Freund nach Pa⸗ los begleitet hatte, kehrte auf einen Brief, den er durch einen außerordentlichen Eilboten erhalten, nach Cor⸗ dova zurück, ließ ſich aber zuvor von Colombo ver⸗ ſprechen, er werde Spanien nicht ohne ihn verlaſſen und ihm nach Cordova genau den Tag ſeiner Abreiſe zu wiſſen thun. Colombo verdankte zu viel dieſem treuen Freunde, um bei ſeiner Bitte nicht zu lächeln. Im Verlaufe des Monats Inli 1492 benachrichtigte er Don Inigo, er werde am dritten Auguſt unter Segel gehen. Am zweiten Auguſt kam der junge Mann düſterer, aber mehr als je entſchloſſen an. Don Inigo begleitete alſo ſeinen Freund Colombo durch alle Gefahren dieſer erſten Seefahrt. Er war auf dem Verdecke in der Nacht vom 11. auf den 12. October, als der Matroſe von der Wache an Bord der Pinta:„Land!“ rief Er ſtieg als der Zweite an der Inſel San Salvador mitten unter den erſtaunten Einwohnern aus, welche ſtillſchweigend dieſe von einer unbekannten Welt kommenden Fremden be⸗ trachteten: der Erſte war Colombo, der ſich die Ehre, die Fabne Caſtiliens auf dieſer von ihm entdeckten Erde aufzupflanzen, vorbehalten hatte. Er folgte ihm nach Cuba, nach San Domingo; kam mit ihm nach Spanien im Monat März 1493 zurück; reiſte wieder mit ihm im Monat September deſſelben Jahres ab, ohne daß ihn die dringenden Bitten ſeiner Tante, ſowie die der Königin Iſabella und des Königs Fernando am Hofe zurückhalten konnten, landete mit ihm auf den kleinen Antillen, in Dominique, in Guadeloupe, auf den Inſeln Unter dem Winde. Er kämpfte mit ihm gegen die Kaziken und gegen die eigenen Gefährten von Colombo, die ſich empört hatten; reiſte zum zwei⸗ ten Mal mit ihm ab, als die Anſchuldigungen ſeiner Feinde den berühmten Genueſen nöthigten, ſein Vice⸗ 40 königthum zu verlaſſen, um ſich vor denjenigen zu rechtfertigen, welche er zu den reichſten Fürſten der Welt gemacht hatte! Am 30. Mai 1498 trat er, immer mit Colombo, eine dritte Reiſe an; diesmal aber kehrte er nicht nach Spanien zurück; jenſeits des Meeres er⸗ fuhr er, wie Colombo und ſein Bruder Bartolomeo in Ungnade gefallen, eingekerkert worden und endlich geſtorben waren. In Spanien hörten diejenigen, welche ſich noch erinnerten, es exiſtire irgendwo in der Welt ein ge⸗ wiſſer Don Inigo Velasco, um das Jahr 1504 oder 1505, er ſei in das Innere der Länder eingedrungen und am Hofe eines Kaziken, deſſen Tochter er gehei⸗ rathet, aufgenommen worden, und dieſer Kazike habe ihm zur Mitgift alles Gold gegeben, das im Hochzeit⸗ gemache Raum habe finden können; der Schwiegervater ſei ſodann geſtorben, und Inigo habe die Krone aus⸗ geſchlagen, die ihm die Einwohner des Landes ange⸗ boten; ſeine Frau ſei endlich auch geſtorben und habe ihm eine Tochter hinterlaſſen, welche ſo ſchön, daß er ihr keinen andern Namen zu geben gefunden, als den Dona Flor. Drei Jahre vor der Epoche, zu der wir gelangt ſind, bald nach dem Tode dieſes Königs Fernando, der Colombo für das Geſchenk, das er ihm gemacht, durch das Gefängniß und das Elend belohnt hatte, verbreitete ſich plötzlich das Gerücht, Don Inigo Velasco ſei in Malaga auf einem Schiffe angekommen, das als Ballaſt Goldſtangen führe. Doch die Königin Iſabella war todt; Dona Beatrix war todt; Niemand intereſſirte ſich ohne Zweifel mehr für Don Inigo, wie er ſelbſt ſich für Niemand mehr intereſſirte. Ein einziger von ſeinen Freunden, Namens Don Ruis de Torilla, ſuchte ihn in Malaga auf. Sie hatten einſt, fünfundzwanzig bis ſechsundzwanzig Jahre früher, gegen die Mauren gedient und mit einander dieſelbe Stadt Malaga ge⸗ 41 nommen, wo ſie ſich heute wiederfanden. Dieſer Freund wohnte in Granada; er forderte Don Inigo auf, ſich ebendaſelbſt niederzulaſſen; doch alle ſeine dringenden Bitten waren vergeblich. Als aber nach dem Tode von Fernando der Car⸗ dinal Ximenes, Erzbiſchof von Toledo, zum Regenten ernannt wurde, da machte dieſer doppelte Ruf des Reichthums und der Redlichkeit, der Don Inigo auf ſeinen Reiſen begleitet hatte und mit ihm zurückgekehrt war, daß er von dem damals achtzigjährigen Cardinal die Einladung erhielt, zu ihm nach Toledo zu kommen, um ihn bei den Angelegenheiten des Staates und be⸗ ſonders bei der Frage der vom neuen Könige, Don Carlos, zwiſchen Spanien und Weſtindien feſtzuſtellen⸗ den Verhältniſſe zu unterſtützen. Es handelte ſich um das Wohl des Landes: Don Inigo zögerte nicht; er verließ Malaga mit ſeiner Tochter, kam nach Toledo und theilte hier bei allen überſeeiſchen Angelegenheiten die Regierung des Reiches mit dem Cardinal Ximenes und Adrian von Utrecht, dem ehemaligen Lehrer von Don Carlos, den dieſer nach Spanien voransgeſchickt hatte. Dieſe Regentſchaft mit ihrem Triumvirat verwaltete Spanien ungefähr ein Jahr; dann hörte man plötzlich ſagen, der König Don Carlos ſei in Villa Vicioſa, einem kleinen Hafen von Aſturien, gelandet und begebe ſich nach dem Kloſter Tordeſillas, wo ſeit dem Tode von Philipp dem Schönen, ſeinem Vater, ſeine Mutter Juanna, in den caſtilianiſchen Legenden bekannt unter dem Namen Juanna die Wahnſinnige, reſidirte. Bei dieſer Kunde vermochte nichts Don Inigo Velasco in Toledo zurückzuhalten; er ſtützte ſich darauf, daß die Ankunft von König Don Carlos fortan einen Regentſchaftsrath unnöthig machte, nahm, trotz ihrer Gegenbemühungen, von ſeinen Collegen Abſchied und 42² kam mit ſeiner Tochter nach ſeinem Paradieſe iu Ma⸗ laga zurück. Hier glaubte er ſich ſehr ruhig und ſehr verborgen vor Aller Augen, als am Anfange des Juni 1519 ein Bote von König Don Carlos vor ihm erſchien und ihm meldete, der König wolle die Städte des Südens von Spanien: Cordova, Sevilla, Granada, beſuchen und fordere Don Inigo auf, ihn in letzterer Stadt zu erwarten. Derſelbe Bote übergab ihm ein Pergament mit dem königlichen Siegel verſehen, was nichts Anderes war, als ſeine Ernennung zum Poſten eines Groß⸗ juſticiars.. Dieſe Ernennung, ſchrieb ihm Don Carlos eigen⸗ händig, war eine Huldigung dargebracht vom Cardinal Pimenes auf ſeinem Sterbebette und von Adrian von Utrecht nicht nur der Erleuchtung von Don Inigo Velasco, ſondern auch der hohen nnd ſtrengen Redlich⸗ keit, welche Niemand in Spanien in Zweifel zog. Während er im Grunde ſeiner Seele bedauerte, ſein Paradies in Malaga verlaſſen zu ſollen, traf Don Inigo doch ſeine Anſtalten zur Abreiſe; als ſodann der Tag gekommen war, begab er ſich auf den Weg und nahm Dona Flor mit ſich; hiebei eilte ihm, ohne daß er es vermuthete, Don Ramiro d'Avila voran,— ein leidenſchaftlicher Anbeter des ſchönen Mädchens, der in Folge einiger Blicke, welche durch die Gitter ge⸗ wechſelt worden waren, der jungen Dona nicht ganz gleichgültig zu ſein hoffte. Er war überdies begleitet von drei Dienern, von denen ihm, wie geſagt, der Eine als Vorhut und die zwei Andern als Nachhut dienten. Durfte man den Gerüchten der Gegend glauben, ſo war dieſe Escorte und ſelbſt eine bedeutendere Escorte nicht unnöthig: man ſagte, die Straße werde unſicher gemacht durch Banditen, denen ein neuer Anführer, ein Ma⸗ orgen 9 ein und üdens uchen dt zu t mit deres Hroß⸗ igen⸗ dinal von Inigo dlich⸗ uerte, Don n der g und e daß — ein „ der r ge⸗ ganz von d die uben, corte ſicher ,ein 43 Mann von einer ſelbſt unter dieſen Verwegenen unbe⸗ kannten Verwegenheit, ſeit einem Jahreè einen ſolchen kühnen Muth verliehen, daß mehr als einmal dieſer Anführer in Begleitung von zehn, zwölf bis fünfzehn Mann Ausflüge auf einer Seite des Gebirges bis zu den Thoren von Malaga, auf der andern bis zu denen von Granada gemacht habe. Woher kam dieſer Auführer? man wußte es nicht; wer war es? Niemand konnte es ſagen; ſein Familien⸗ name wie ſein Taufname waren unbekannt; es war ihm nicht einmal eingefallen, einen Kriegsnamen anzu⸗ nehmen: man nannte ihn einfach el Salteador, das heißt, den Räuber. Alle Erzählungen, welche ſich über dieſen geheimniß⸗ vollen Banditen verbreitet hatten, waren, wie man ſieht, nicht ohne Einfluß auf die von Don Inigo genomme⸗ nen Vorſichtsmaßregeln geweſen, und als die kleine Ka⸗ ravane vor den Augen der jungen Zigeunerin er⸗ ſchien, hatte ſie ganz das Ausſehen von Reiſenden, welche einen Angriff befürchten und zur Vertheidigung entſchloſſen ſind. Man wird ſich vielleicht nun fragen, wie bei den ſchlimmen Gerüchten, welche über die Reiſe durch das Gebirge in Umlauf waren, wie bei der Liebe, die er für ſeine theure Dona Flor hegte, Don Inigo eher dieſe Straße gewählt, als einen Umweg gemacht habe, und warum er ſich, wenn er ſie gewählt, nicht mit einer zahlreicheren Escorte verſehen habe. Hierauf antworten wir, daß zu zwei der, wo wir ſind, ziemlich nahen Epoche Don Inigo und ſeine Tochter durch daſſelbe Gebirge gezogen waren, ohne daß ſie irgend ein Unfall betroffen hatte; ſodann iſt es ebenfalls eine unbeſtreitbare Wahrheit, daß ſich der Menſch an die Gefahren gewöhnt und dadurch, daß er oft ſolchen ausgeſetzt geweſen, ſich mit ihnen vertraut macht. Wie viel Gefahren aller Art hatte aber im Ver⸗ laufe ſeines abenteuerlichen Lebens Don Inigo getrotzt! Gefahren des Krieges gegen die Mauren, Gefahren des Schiffbruchs auf ſeinen Seereiſen, Gefahren der Empörung an Bord, Gefahren der Ermordung unter den wilden Einwohnern einer unbekannten Welt! Was waren alſo im Vergleiche mit allen dieſen Gefahren diejenigen, welche man mitten in Spanien, in dieſem Raume von kaum zwanzig Meilen, der Malaga von Granada trennt, ausgeſetzt war? Don Inigo zuckte auch die Achſeln über dieſe Ge⸗ fahren. Es war indeſſen ſehr unvorſichtig, ſich in ſolche Engpäſſe mit einem Schatze von Jugend und Schön⸗ heit dem ähnlich, welchen der Großjuſticiar zu ſeiner Rechten hatte, zu wagen. Der Ruf wunderbarer Herrlichkeit, der Dona Flor von der neuen Welt in die alte vorangegangen war, hatte nichts Uebertriebenes. Dona Flor hatte mit ſechzehn Jahren,— dies war das Alter, das ſie er⸗ reicht,— die ausſchweifendſten Vergleichungen übertrof⸗ fen, welche über ſie die ſpaniſchen Dichter und ſogar die arabiſchen Dichter zu machen im Stande geweſen wären: es war zugleich der Glanz der Blüthe und der Sammet der Frucht, die Anmuth der Sterblichen und die Würde der Göttin; wie man bei der jungen Zi⸗ geunerin, die ſie mit einer naiven Bewunderung her⸗ beikommen ſah, die Miſchung der arabiſchen Race und der ſpaniſchen fühlte, ſo konnte man in Dona Flor den Typus nicht nur von zwei herrlichen Racen, ſondern auch von dem, was es Reinſtes und Ausge⸗ zeichnetſtes in dieſen zwei Racen gab, wiederfinden. Das Kind von Mexico und von Spanien hatte den ſchönen matten Teint, die bezaubernden Arme, die rei⸗ zenden Hände, die wunderbaren Füße der Andaluſierin⸗ nen mit den dunklen Brauen, den ſammetnen Augen, mode ſeine die( das( nus Mau Stut Trab ter, a teuerl 8 hut b ſobalt um ſie vorſich 4⁵ den hinter ihr ſchleppenden Haaren und der biegſamen Geſtalt der Indianerinnen, dieſer Töchter der Sonne. Was das Coſtume betrifft, ſo ſchien es ausdrück⸗ lich gewählt, um die glänzenden Formen und das ent⸗ zückende Geſicht der ſchönen Reiſenden in's Licht zu ſetzen. Es war ein ſeidenes Kleid von einem Himmel⸗ blau, das in Roſa und Silber ſpielte, und von oben bis unten mit Perlen geknöpft, von denen jede würdig war, die Krone einer Gräfin zu ſchmücken; dieſes Kleid ſchloß ſich eng dem Leibe und dem Oberarm an, wie es die ſpaniſchen Gewänder am Anfange des vierzehnten Jahrhunderts thaten; nur erweiterten ſich, beim Ellen⸗ bogen angelangt, die Aermel, fielen auf jeder Seite des Körpers hängend und offen herab und ließen ent⸗ blößt unter Wogen von Spitzen von Murcia Hände und Vorderarme, welche, nachdem ſie ungeſtraft der Sonne Mexicos getrotzt, auch der von Spanien trotzen konnten, die aber für den Augenblick nichts zu befürch⸗ ten hatten, verborgen, wie ſie waren, unter einem Man⸗ tel von weißer, Wolle ſo fein und weich wie unſer moderner Kaſchmir und hinſichtlich des Schnittes von ſeinem nnteren Theile dem mexicaniſchen Mantel, durch die Capuze aber, unter der in einer warmen Halbtinte das Geſicht des Mädchens glänzte, dem arabiſchen Bur⸗ nus ähnlich. Don Inigo und Dona Flor ritten auf ihren Maulthieren, die den Kopf unter ihrem ſcharlachrothen Stutze ſchüttelten, in raſchem aber nicht ängſtlichem Trabe, und Dona Flor ſchien ebenſo ſehr, als ihr Va⸗ ter, an Reiſen durch das Gebirge und an das aben⸗ teuerliche Leben jener Zeit gewöhnt. Ohne Zweifel war aber der Diener, der ihre Vor⸗ hut bildete, weniger beruhigt, als ſeine Gebieter, denn ſobald er die junge Zigeunerin erblickte, hielt er an, um ſie zu befragen, und dieſe kamen hinzu, als der vorſichtige Diener ſich erkundigte, ob Don Inigo und Dona Flor mit Sicherheit in der kleinen Venta ein⸗ kehren könnten, welche aus ihren Augen verſchwunden war, weil ſie ſich gerade in einer Terrainvertiefung befanden, die ſie aber am Horizont den Berg hinabrei⸗ tend erblickt hatten. Als Don Inigo und Dona Flor ankamen, ver⸗ mehrte ſich das Zögern des würdigen Dieners, ſtatt ſich zu beſchwichtigen, durch die zweideutigen und beinahe ſpöt⸗ tiſchen Antworten der jungen Zigennerin, welche ſpin⸗ nend ſitzen geblieben war, um mit dem Diener zu ſpre⸗ chen, jedoch, da ſie die Herrſchaft auch anhalten ſah, aufſtand, ihren Rocken und ihre Spindel niederlegte, über den kleinen Bach hüpfte, wie es nur eine Gazelle oder eine Bachſtelze hätten thun können, und ſich an den Rand der Straße ſteute, während ihre Ziege, als ein neugieriges Thier, raſch den Hügel, wo ſie die Blätter von Brombeerſtauden abfraß, herabſtieg und herbeilief, um den Reiter und die Reiterin mit ihren großen verſtändigen Augen anzuſchauen. „Seht doch das ſchöne Kind, mein Vater!“ ſagte Dona Flor, die den Greis zurückhielt und das Mäd⸗ chen mit der Bewunderung anſchaute, die ſie ſelbſt erregte. Don Inigo nickte beiſtimmend mit dem Kopfe. „Wollen wir mit dem Mädchen ſprechen, mein Vater?“ fragte Dona Flor. „Thue nach Deinem Willen, meine Tochter,“ er⸗ wiederte der Greis. 4 „Wie heißeſt Du, mein ſchönes Kind?“ fragte Dona Flor. „Die Chriſten nennen mich Gineſta und die Mauren Aiſſa, denn ich habe zwei Namen, einen vor Maho⸗ met und einen vor Jeſus Chriſtus.“ Den heiligen Namen unſeres Erlöſers ausſpre⸗ chend, bekrenzte ſich das Mädchen, was bewies, daß es eine Chriſtin war. * und des gung Mod ſein einen rein⸗ unden efung abrei⸗ ver⸗ tt ſich ſpöt⸗ ſpin⸗ ſpre⸗ ſaß⸗ legte, azal ch an , als 2 die und ihren ſagte Mäd⸗ ſelbſt fe. mein 4 er⸗ ragte auren Naho⸗ ſpre⸗ aß es 47 „Wir, die wir gute Katholiken ſind,“ ſprach lä⸗ chelnd Dona Flor,„wir werden Dich Gineſta nennen.“ „Nennt mich, wie Ihr wollt,“ erwiederte die Zi⸗ geunerin:„aus Eurem hübſchen Munde kommend, von Eurer ſanften Stimme ausgeſprochen, wird mir mein Name immer ſchön ſcheinen.“ „Nun, Flora,“ ſprach Don Inigo,„wer Dir ge⸗ ſagt hätte, Du werdeſt die Nymphe Schmeichelei in dieſer Wüſte finden, wäre von Dir als Lügner behan⸗ delt worden, nicht wahr? Du ſiehſt jedoch, er hätte die Wahrheit geſagt.“ „Ich ſchmeichle nicht, ich bewundere,“ verſetzte die Zigeunerin. Dona Flor lächelte und erröthete zugleich, und um von einem Geſpräche abzugehen, das ſie durch ſeine Naivetät in Verlegenheit ſetzte, fragte Dona Flor: „Was antworteteſt Du Nunez?“ „Erkundigt Euch zuerſt nach der Frage, welche er an mich richtete.“ „So ſage mir dieſe?“ „Er fragte mich nach der Straße, ob ſie ſicher ſei und ob die Venta gut ſei.“ „Und Du antworteteſt ihm?“ „Ich antwortete ihm damit, daß ich ihm das Lied des Wanderers ſang.“ „Wie heißt dieſes Lied?“ „Hört!“ Und wie ein Vogel ſingt, das heißt, ohne Anſtren⸗ gung und auf eine Melodie, welche eine einfache Modulation ihrer gewöhnlichen Stimme beigefügt zu ein ſchien, ſang die Zigeunerin folgende Strophe von einem andaluſiſchen Lled: Habt wohl Acht, habt wohl Acht: Ob der blaue Himmel lacht, Scheint die Straße ſtill und klar, Droht dem Wanderer Gefahr; 48 Jungfrau, ſchau ihn gnädig an, Herr, beſchütz' den Wandersmann. „Das ſagteſt Du Nunez, ſchönes Kind? Was ſagſt Du aber uns?“ „Euch, ſchöne Seuora,“ erwiederte die Zigeunerin, „Euch werde ich die Wahrheit ſagen, denn Ihr ſeid die erſte Tochter der Stadt, welche ſanft und ohne Verach⸗ tung mit mir ſpricht.“ Sie trat ſodann noch zwei Schritte näher hinzu, legte ihre rechte Hand auf den Hals des Maulthieres und den Zeigefinger ihrer linken Hand auf ihre Lippen und ſprach: 1 —„Geht nicht weiter!“ „Wie? wir ſollen nicht weiter gehen?“ „Kehret um.“ „Mädchen, Du treibſt Deinen Scherz mit uns?“ ſagte der Greis. „Gott iſt mein Zeuge, daß ich Euch den Rath gebe, den ich meinem Vater und meiner Mutter geben würde.“ „Willſt Du nach Alhama mit zwei von unſern Die⸗ nern zurückkehren, meine Tochter?“ fragte Don Inigo. „Und Ihr, mein Vater?“ erwiederte Dona Flor. „Ich kann meine Reiſe mit dem dritten fortſetzen: der König wird morgen in Granada ſein; er hat mir Befehl gegeben, mich ebenfalls dort einzufinden, und ich kann den König nicht warten laſſen.“ „Und ich, ich werde gehen, wohin Ihr geht, mein Vater.“ „Es iſt gut!— Reite voran, Nunez,“ ſprach Don Inigo. Und er zog aus ſeiner Taſche eine Börſe und reichte ſie der Zigeunerin. Dieſe machte aber die Geberde einer Königin und ſagte: Was erin, d die rach⸗ inzu, ieres ppen us?“ Rath geben Die⸗ nigo. lor. tzen: mir und mein prach eichte und 49 „Es iſt keine Börſe reich genug, um den Rath zu bezahlen, den ich Dir gegeben, Senor; behalte alſo Deine Börſe; ſie wird, da, wohin Du gehſt, willkom⸗ men ſein.“ Dona Flor hakte aber die Agrafe von ihrem Kleide los, winkte dem Mädchen, ſich zu nähern, und fragte: „Wirſt Du dies annehmen?“ „Aus weſſen Händen?“ verſetzte ernſt die Zigeunerin. „Aus den Händen einer Freundin.“ „Oh! ja.“ Und ſie näherte ſich Dona Flor und reichte dieſer ihren Hals und ihre Stirne dar. Dona Flor befeſtigte die Agrafe am Halſe der Zigeunerin und berührte raſch,— während ihr Vater, ein zu guter Chriſt, um eine ſolche Vertraulichkeit ſei⸗ ner Tochter gegen eine Halbungläubige zu dulden,— Dona Flor berührte raſch mit ihren Lippen die Stirne Nunez war ſchon dreißig Schritte entfernt. „Vorwärts!“ ſprach Don Inigo. „Ich komme, mein Vater,“ erwiederte Dona Flor. Die Zigeunerin aber blieb ſtehen, wo ſie war, folgte mit den Augen der ſchönen jungen Dona und murmelte mit halber Stimme den Schluß ihres Liedes: Jungfrau ſchau ihn guädig an, Herr, beſchütz' den Wandersmann. Sie folgte ihnen ſo mit einer ſichtbaren, zuneh⸗ menden Unruhe, bis ſie, Gebieter und Lackeien, hinter El Salteador. 4 50 der kleinen Anhöhe, die den Horizont begränzte, ver⸗ ſchwunden waren; als ſie ſodann die Karavane nicht mehr ſehen konnte, neigte ſie ſich und horchte. Es vergingen fünf Minuten, während welcher die Lippen der Zigeunerin maſchinenmäßig wiederholten: Jungfran, ſchau ihn gnädig an, Herr, beſchütz' den Wandersmann. Plötzlich hörte man den Knall von mehreren Büch⸗ ſen; Schreie der Drohung und des Schmerzes erſchol⸗ len; dann erſchien, ganz blutig von einer Wunde an der Schulter, einer von den zwei Dienern der Nachhut wieder auf dem Gipfel der Anhöhe auf ſeinem Pferde liegend, in deſſen Bauch er ſeine Sporen ſtieß, ſchoß wie ein Blitz an dem Mädchen vorüber und rief:„Zu Hülfe! Mörder! zu Hülfe.“ Die Zigeunerin blieb einen Augenblick wie ſchwan⸗ kend; dann ſchien ſie einen äußerſten Entſchluß zu faſ⸗ ſen: ſie lief nach ihrem Rocken, befeſtigte an einer der Enden deſſelben ihre Schürze in Form einer Fahne, ſtürzte nach dem Berge, den ſie ſo raſch erkletterte, daß ihre Ziege Mühe hatte, ihr zu folgen, eilte in unterbrochenen Sprüngen bis vorne auf einen Felſen, der das ganze Thal beherrſchte, ſchwang hier ihre lebhaft gefärbte Schürze und rief dreimal mit aller Gewalt ihrer Bruſt: „Fernando! Fernando! Fernando!“ Büch⸗ ſchol⸗ de an chhut ferde ſchoß „Zu wan⸗ faſ⸗ r der ürzte Biege henen ganze ärbte ruſt: 51 VI. Das Innere der Venta Zum Maurenkönig. Wollten wir mit ſo großer Geſchwindigkeit nach dem Orte laufen, wo die Scene vorgefallen war, deren Lärmen wir gehört haben, als dies der Diener von Don Inigo that, um ſich davon zu entfernen, wollten wir auf den Gipfel des Hügels, der das Thal beherrſcht, mit ſo raſchen Sprüngen eilen, wie ſie die Zigeunerin und ihre Ziege machten, um das äußerſte Ende des Felſen zu erreichen, wo Gineſta ihre Schürze ſchwang, wir kämen noch zu ſpät, um bei der Kataſtrophe, die den nach der Venta führenden ſchmalen Fußpfad blutig gefärbt hatte, anweſend zu ſein. Alles, was wir ſehen könnten, iſt der Leichnam von Nunez und der von ſeinem Pferde, das den Weg verſperrt, während Toribio, ſchwer verwundet, nach einem Todtenkreuze hinkriecht, an das er ſich faſt ſter⸗ bend anlehnt. Wir aber, die wir als Romanendichter die Macht haben, entweder, wie Mephiſtopheles, die Mauern durch⸗ ichtig zu machen, oder, wie Asmodi, die Dächer aufzu⸗ heben, wir werden nicht erlauben, daß in unſerer Herr⸗ ſchaft etwas vorfällt, was vor den Augen unſerer Leſer verborgen bleibt, und mit unſerer Feder die Thüre der enta berührend, die ſich wie vor dem Stabe eines Zauberers öffnen wird, ſagen wir ihnen:„Schaut!“ Das Pflaſter der Venta bot beim erſten Anblick Spuren des Kampfes, der, außen begonnen, ſich im Innern fortgeſetzt hatte. Ein Blutſtreifen, den man auf mehr als zweihundert Schritte verfolgen 52 konnte, ging über die Schwelle und lief gegen die Ecke der Mauer zu, wo ein durch die Büchſe von einem Diener von Don Inigo verwundeter Bandit von Amapola, derſelben Perſon, welche wir haben Blumen in die für die Reiſenden in Bereitſchaft geſetzte Stube bringen ſehen, und von dem Mozuelo, der den Zügel des Pferdes von Don Ramiro d'Avila gehalten hatte, die erſte Pflege erhielt. Die Sammettoque von Don Inigo und ein Stück vom weißen Mantel von Dona Flor deuteten, auf den Stufen liegend, welche vom Hofe nach der Küche führ⸗ ten, an, daß hier der Kampf ſich erneuert hatte, daß man nach dieſer Seite die zwei Reiſenden geſchleppt, und daß man ſie folglich auch hier ſuchen mußte. Von der Eingangsthüre, die ſich auf dieſe zwei Stufen öffnete, begannen die vom Liebesboten der ſchönen Dona Flor geſtreuten Blumen; doch dieſes Ge⸗ ſtreu war von den Füßen zertreten, beſchmutzt durch das Quetſchen der Sandalen, durch den von den Mänteln gefallenen Staub und durch einige Blutstropfen, die ſtellenweiſe auf einer Roſe, auf einer Lilie oder einer Anemone wie flüſſige, zitternde Rubine glänzten. Die Thüre, welche die Küche von der Stube trennte, wo durch die Fürſorge von Don Ramiro die Tafel für die Reiſenden gedeckt worden, und wo man noch mit der Luft den Geruch des einen Augenblick zu⸗ vor verbrannten Räucherwerks einathmen konnte,— dieſe Thüre war offen und beſetzt von Dienern des Wirthshauſes, verkleideten Banditen, die ſich bereit hielten, den Banditen von der Straße zu Hülfe zu kom⸗ men, und durch ihre Oeffnung verbreiteten ſich nach außen, wie Ströme des Grimmes, Schreie, Drohungen, Klagen, Flüche! Hier ſetzte ſie ſich fort, und ſollte ſie ſich aller Wahrſcheinlichkeit nach entwickeln, die gräuliche Scene, an welche zum Voraus mit Schrecken die kleine Zigeu⸗ 2 Ecke einem von umen Stube Zügel hatte, Stück if den führ⸗ daß leppt, zwei der Ge⸗ h das nteln die einer Stube die man f zu⸗ des bereit kom⸗ nach ngen, aller Scene, iget⸗ 53 nerin dachte, als ſie den zwei Reiſenden den Rath, umzukehren, gab. Hätte man die lebendige Schranke, welche die Thüre ſchloß, zurückſtoßen und ſich einen Weg in die Stube bahnen können, ſo würde in der That folgendes Schauſpiel die Augen betroffen haben: Auf den Boden der Venta niedergeworfen, verſuchte es Don Inigo noch, ſich mit dem unnützen Stumpfe ſeines Degens zu vertheidigen, mit deſſen Klinge er, ehe ſie zerbrochen war, zwei Banditen ſchwer verwun⸗ det hatte: die Blutstropfen von dieſen Leuten befleckten die Blumen des Geſtreus. Drei Männer hatten Mühe, ihn feſtzuhalten, und Einer von ihnen drückte doch ſeine Knie auf die Bruſt von Don Inigo und hielt ihm ſein cataloniſches Meſſer an die Kehle. Die zwei Anderen durchſuchten ihn, weniger viel⸗ leicht, um ihn zu berauben, als um ihm die verborgenen affen, die er haben konnte, zu nehmen. Zwei Schritte von ihm, an die Wand angelehnt, wo ſie eine Stütze geſucht hatte, ſtand Dona Flor mit aufgelöſten, zerſtreuten Haaren; man hatte ihr die Ca⸗ puze ihres Mantels zerfetzt und die koſtbaren Knöpfe von ihrem Kleide geriſſen. Es war indeſſen augenſcheinlich, daß man, w man an der ſchönen Reiſenden dieſ Profanationen verübte, doch, aus einem leicht begreiflichen Grunde, mehr Schonung für ſie, als für den Greis gehabt hatte. Dona Flor war, wie geſagt, von einer glänzen⸗ den Schönheit, und der Anführer des Trupps, der Held dieſer Geſchichte, el Salteador, galt für einen Mann von einer Galanterie, welche vielleicht noch furcht⸗ barer unter ſolchen Umſtänden, als es die unbarmher⸗ zigſte Grauſamkeit geweſen wäre. Dona Flora, die den Kopf an die weiße Wand lehnte, war übrigens herrlich anzuſchauen mit ihren ährend 54 wundervollen Augen, welche unter dem Dache ihrer lan⸗ gen, ſammetnen Wimpern eher Blitze des Zorns und der Entrüſtung ſchleuderten, als ſchüchterne Scheine der Bitte und der Furcht von ſich gaben. Ihre trägen Arme fielen an ihren Seiten ent⸗ blößt und weiß herab,— denn die koſtbaren Agrafen von den Aermeln reißend, hatte man auch die Aermel ſelbſt zerriſſen,— und ſahen aus wie zwei Basreliefs von einem geſchickten Bildhauer aus der Mauer ſelbſt gearbeitet. Nicht ein Wort, nicht eine Klage nicht ein Seufzer war aus ihrem Munde gekom⸗ men ſeit dem Augenblick, wo man ſich ibrer bemächtigt hatte; die Klagen und die Seufzer, die man hörte, rührten von den zwei durch den Degen von Don Inigo verwundeten Banditen her. Ohne Zweifel glaubte die ſchöne, reine Jungfrau nur einer Todesgefahr ausgeſetzt zu ſein, und ſie fand es, im Angeſichte einer ſolchen Gefahr, einer edlen Spa⸗ nierin unwürdig, zu klagen, zu ſeufzen und zu flehen. Sicher, daß ſie ihnen nicht entwiſchen konnte, bil⸗ deten die Banditen, die ihr faſt Alles, was ſie Koſt⸗ bares beſaß, genommen hatten, einen Kreis um die ſchöne Reiſende und betrachteten ſie mit Blicken und mit einem Gelächter, daß ſie die Augen müßte nieder⸗ geſchlagen haben, hätten dieſe Augen nicht, in ihrer ganzen Größe geöffnet und im Raume verloren, durch die Stubendecke, die Wände und das Firmament den unſichtbaren Gott geſucht, welchen ſie, edel und chriſt⸗ lich, allein zu Hülfe zu rufen ſich entſchließen konnte⸗ Dona Flor dachte vielleicht auch an den hübſchen Cavalier, den ſie ſeit einem Jahre unter dem Fenſta ihres Zimmers erſcheinen ſah, ſobald der Abend kam, und der in der Nacht ihren Balcon mit den ſchönſten Blumen Andaluſiens überſtrömte. Wenn ſie aber ſchwieg, ſo herrſchte doch, wie ge⸗ ſagt, ein gewaltiger Lärmen von Schreien, von Schmäl 4 4 5* r lan⸗ 3 und ne der ment⸗ baren ch die zwei s der t eine gekom⸗ ichtigt hörte, Don igfrau nd es, Spa⸗ ‚lehen. , bil⸗ Koſt⸗ n dir und ieder⸗ ihrer durch t den chriſt⸗ onnte bſchen Fenſte kam, önſten ie ge⸗ hmäͤßh⸗ 5⁵ ungen, von Zügelloſigkeiten um ſie und beſonders um ihren Vater her. „Elende!“ rief der Greis,„tödtet mich, erwürgt mich; ich ſage Euch aber ſogleich, daß ich eine Meile von Alhama einen Trupp Soldaten getroffen habe, deren Anführer ich kenne. Dieſer Anführer weiß, daß ich abgegangen bin, er weiß, daß ich mich nach Granada auf Befehl von König Don Carlos be⸗ gebe, und wenn er erfährt, ich ſei nicht dort an⸗ gekommen, ſo wird er vermuthen, daß man mich ermordet hat, und dann werdet Ihr es nicht mehr mit einem ſechzigjährigen Manne und mit einem fünf⸗ zehnjährigen Mädchen zu thun haben, ſondern mit ei⸗ ner ganzen Compagnie, und wir wollen ſehen, Räu⸗ ber! wir wollen ſehen, Banditen! ob Ihr eben ſo mu⸗ thig vor den Soldaten des Königs und Zwei gegen Zwei ſeid, als hier zu Zwanzig gegen Einen!“ „Wohl!“ verſetzte ein Bandit,„die Soldaten des Königs mögen kommen: wir kennen ſie, wir haben ſie geſtern vorüberziehen ſehen; wir beſitzen eine gute Feſte mit unterirdiſchen Gewölben, welche einen Ausgang ins Gebirge haben...“ „Und ſodann,“ unterbrach ein Anderer,„wer ſagt Dir, daß wir Dich ermorden wollen? Wenn Du dies glaubſt, ſo täuſchſt Du Dich: wir ermorden nur die ar⸗ men Teufel, aus denen nichts zu ziehen iſt; doch die edlen Herren, welche, wie Du, Löſegeld bezahlen kön⸗ nen, behandeln wir im Gegentheil ſehr ſorgſam, und zum Beweiſe dient, daß Du immerhin mit Deinem De⸗ gen fechten und zwei von den Unſern verwunden moch⸗ teſt,— wir haben Dir nicht die kleinſte Schramme gemacht, Undankbarer!“ Da verniſchte ſich eine Stimme ſo wohlklingend wie die ines Engels mit den heiſeren, drohenden Stimmen. Es war die Stimme des Mädchens, das zum erſten Male ſprach. „Wohl! es ſei,“ ſagte Dona Flor,„wenn es ſich darum handelt, Löſegeld zu bezahlen: man wird es be⸗ zahlen. Beſtimmt es dem eines Fürſten gleich, und es wird Euch nicht fehlen.“ 7„Bei San Jago! wir rechneten hierauf, ſchönes Kind! Darum wünſchen wir, der würdige Herr, Euer Vater, möchte ſich ein wenig beſänftigen! Was Teu⸗ fels! Geſchäfte ſind Geſchäfte! man beendigt ſie, wenn man die Dinge erörtert, man bringt ſie in Verwirrung, wenn man ſich ſchlägt. Und ſeht Ihr, Euer Vater bringt ſie abermals in Verwirrung.“ Don Inigo hatte in der That einen neuen Ver⸗ theidigungsverſuch gemacht und mit dem Stumpfe ſei⸗ nes Degens, den man ſeiner Hand nicht zu entreißen vermochte, da er ihn wie in einem eiſernen Schraub⸗ ſtocke feſthielt, einen von den Banditen im Geſichte verwundet. „Leib Chriſti!“ rief derjenige, welcher dem Greiſe das Meſſer an die Kehle geſetzt hatte,„noch einen wei⸗ tern Verſuch, und Ihr werdet mit Gott, und nicht mit uns, über Euer Löſegeld zu verhandeln haben, mein Edelmann!“ „Mein Vater!“ rief Dona Flor erſchrocken, indem ſie einen Schritt vorwärts machte. „Ja,“ rief einer von den Banditen,„höret auf die ſchöne junge Dame; ſie ſpricht goldene Worte, und ihr Mund iſt wie der jener arabiſchen Prinzeſſin, welcher ſich nur öffnete, um eine Perle oder einen Diamant bei jedem Worte, das ſie ſagte, fallen zu laſſen... Verhaltet Euch ruhig, mein wackerer Mann; verpfändet Eure Ehre, daß Ihr nicht zu entfliehen ſuchen wollt, gebt einen Geleitsbrief unſerem würdigen Freunde dem Hoſtalero, damit er nach Malaga gehen kann, ohne daß er etwas von der Behörde zu befürchten hat; dort wird ihm Euer Intendant tauſend, zweitauſend, drei⸗ tauſend Kronen zuſtellen,— nach Eurer Großmuth, ſich be⸗ es nes uer eu⸗ enn ng, ater Ber⸗ ſei⸗ ßen ub⸗ chte teiſe vei⸗ mit nein dem die ihr cher nant ndet ollt, nde hne dort rei⸗ uth, 57 denn wir taxiren die Reiſenden nicht,— und bei der Rückkehr des Hoſtalero und der Ankunft des Geldes ſollt Ihr frei ſein. Wohlverſtanden, kommt er nicht zurück, ſo haftet Ihr für ihn Zahn für Zahn, Auge für Auge, Leib für Leib.“ „Mein Vater! mein Vater! hört, was dieſe Leute ſagen,“ flehte das Mädchen,„gefährdet nicht Euer koſt⸗ bares Leben wegen einiger Geldſäcke.“ „Hört Ihr ſie, Senor Prinz? denn Ihr müßt ein Prinz ſein, wenn nicht ein Vicekönig, ein König, ein Kaiſer, daß dieſe ſchöne Perſon mit ſo viel Leich⸗ tigkeit von den Reichthümern der Welt ſpricht!“ „Wohl!“ fragte der Greis, der ſich zum erſten Male zur Erörterung mit Feinden herabließ, die er bis dahin nur geſchmäht oder geſchlagen hatte,„und was werdet Ihr, während Euer würdiger Genoß der Ho⸗ ſtalero meinen Intendanten mit einem Briefe von mir aufſucht, mit uns in dieſer Räuberhöhle machen?“ „Räuberhöhle? Oh! ſage doch, Senor Cala⸗ bazas! hörſt Du, wie man die Venta zum Mauren⸗ könig behandelt?.. eine Räuberhöhle!... Komm hierher und erkläre dieſem würdigen Hidalgo ſeinen Irrthum.“ „Was wir mit Dir machen werden?“ erwiederte ein anderer Bandit, ohne daß er Don Calabazas Zeit ließ, die Ehre ſeiner Venta zu vertheidigen,„was wir mit Dir machen werden? Vor Allem wird man von Dir Dein Wort als Edelmann verlangen, daß Du nicht zu fliehen beabſichtigſt.“ „Ein Edelmanu gibt Banditen ſein Wort nicht!“ G t7Nein Vater, ein Edelmann gibt ſein Wort 0 6 „ Aber höre doch einmal für allemal, was dieſes ſchöne Kind ſagt, denn die Weisheit des Himmels ſpricht aus ſeinem Munde.“ „Nun denn! wenn ich Euch einmal mein Wort 58 gegeben habe, angenommen, ich gebe es, was werdet Ihr thun?“ „Wir werden Dich vor Allem nicht aus dem Blicke verlieren.“ „Wie!“ rief Don Inigo,„Ihr würdet mich auf mein Wort nicht meines Weges ziehen laſſen?“ „Oh!“ erwiederte der eine Bandit„wir leben nicht mehr in der Zeit, wo die Juden von Burgos tauſend Mark Gold dem Cid auf eine Kiſte voll Erde liehen, und ſtatt es zu machen wie dieſe würdigen Is⸗ raeliten, welche erſt in die Kiſte ſchauten, nachdem ſie die tauſend Mark gezahlt hatten, werden wir vorher hineinſchauen.“ „Elende!“ murmelte Don Inigo. „Mein Vater,“ ſprach Dona Flor, welche beſtän⸗ dig den Greis zu beſänftigen ſuchte,„mein Vater, um des Himmels willen!“ „Nun! was werdet Ihr, indem Ihr mich ſcharf bewacht, thun?“ „Wir werden Dich mit einer ſoliden Kette an die⸗ ſen eiſernen Ring binden.“ 3 Hiebei deutete der Bandit auf einen in der Mauer befeſtigten Ring, der, wie es ſchien, für ſolche Umſtände und in einer ſolchen Abſicht hier angebracht wor⸗ den war. „Ihr werdet mich feſſeln wie einen mauriſchen Sklaven?“ rief der Greis. Und bei dieſer Drohung, die in ihm alle Wo⸗ gen ſeines Stolzes emportrieb, verſuchte und vollbrachte er eine ſo heftige und ſo raſche Bewegung, daß er drei Schritte von ſich den Banditen ſchleuderte, der ihm das Knie auf die Bruſt geſetzt hatte, und ſich zugleich auf ein Bein erhob. Doch wie ein Felſen die Welle zurückwirft, um in demſelben Augenblick wieder von ihr bedeckt zu wer⸗ den, ſo fielen auf der Stelle fünf bis ſechs Banditen 4 5 erdet Blicke auf leben ergos Erde Is⸗ n ſie orher ſtän⸗ um ſcharf t die⸗ Rauer tände wor⸗ iſchen Wo⸗ rachte daß derte, d ſich um wer⸗ iditen 1 59 über Don Inigo her und entriſſen ihm durch eine An⸗ ſtrengung, die ihm den Arm gebrochen hätte, würde ſein Arm nicht nachgegeben haben, den Griff des De⸗ gens und die ſechs Zoll Eiſen, die er noch hatte, während der Mann mit dem Meſſer, der ſich ſchämte, daß er unter der Gewalt des Greiſes auf den Boden gerollt war, ſeine Waffe ſchwingend zu ihm zurückeilte und bei Gott ſchwor, die letzte Minute des Gefangenen ſei ge⸗ kommen. Bei dem Blitze, der aus der Klinge des Meſſers hervorſprang, ſtieß Dona Flor einen entſetzlichen Schrei aus und ſtürzte auf ihren Vater zu. Doch zwei Banditen hielten, der Eine Dona Flora, der Andere die Hand ihres Gefährten auf. „Bicente! Vicente!“ rief der Bandit, der die Hand ſeines Kameraden aufhielt, auf die Gefahr, das drohende Meſſer ſich gegen ſeine eigene Perſon kehren zu ſehen,—„was Teufels willſt Du denn machen?“ „Ich will dieſen Wüthenden tödten“ „Du irrſt Dich, Du wirſt ihn nicht tödten.“ „Wie, ich werde ihn nicht tödten? Ah! bei San Jago! das wollen wir ſehen.“ „Du wirſt ihn nicht tödten, ſage ich Dir! Du willſt ein Loch in einen Goldſack machen, und durch dieſes Loch wird ſein Löſegeld davongehen!.. Vi⸗ cente, Du haſt einen abſcheulichen Charakter, ich habe es Dir immer geſagt; laß mich mit dieſem würdigen Herrn reden, und Du ſollſt ſehen, daß ich ihn zur Ver⸗ nunft bringe!“ Der Bandit, den ſein Kamerad mit dem Namen Vicente bezeichnet hatte, begriff ohne Zweifel die Richtigkeit ſeiner Worte, denn er zog ſich brummend zurück. Wenn wir ſagen: er zog ſich zurück, ſo bedeutet dies nicht, er habe die Stube verlaſſen, ſondern er machte nur ein paar Schritte rückwärts, wie dies der ver⸗ 60 wundete Jagnar thut, während er ſich bereit hält, aufs Neue über ſeine Beute herzufallen. Der Bandit, der ſich zum Unterhändler aufgewor⸗ fen hatte, nahm den Platz von Vicente ein. „Seid vernünftig, Senor Caballero„“ ſagte er; „man wird Euch nicht an den eiſernen Ring feſſeln, ſondern Euch nur in den Keller mit den feinen Wei⸗ nen bringen, deſſen Thüre ſo ſolid iſt, als die der Kerker von Granada,— mit einer Wache vor dieſer Thüre!“ „Wie, Elende! ſo gedenkt Ihr einen Mann von meinem Range zu behandeln?“ „Mein Vater, ich werde bei Euch ſein! mein Va⸗ ter, ich werde Euch nicht verlaſſen!“ rief Dona Flor. „Und dann ſind ein paar Tage bald vorüber...“ „Ah! mein ſchönes Kind,“ ſagte einer von den 3 Banditen,„wir können Euch das nicht verſprechen.“ „Wie? was könnt Ihr mir nicht verſprechen?“ „Daß Ihr bei Eurem Vater bleiben werdet.“ „Mein Gott! was wollt Ihr denn mit mir ma⸗ chen?“ rief das Mädchen. „Was wir mit Euch machen wollen?“ verſetzte der Unterhändler.„Ah! wir ſind keine vornehme Her⸗ ren, um Euch das zu ſagen. Die Mädchen von En⸗ rem Alter, von Eurer Schönheit und von Eurem Stande ſind die beſondere Beute des Anführers.“ „Oh! mein Gott!“ murmelte Dona Flor, wäh⸗ rend der Greis ein Gebrülle des Zorns ausſtieß. „Erſchreckt nicht,“ ſagte lachend der Bandit:„un⸗ ſer Anführer iſt jung, unſer Anführer iſt ſchön, unſer Anführer iſt ſogar, wie man verſichert, aus guter Fa⸗ milie. Was alſo auch geſchehen mag, Ihr werdet ei⸗ nen Troſt haben, wackerer Mann! den, Euch ſagen zu können, und wäret Ihr edel wie der König, es habe keine Mißheirath ſtattgefunden.“ Bei dieſen Worten erſt begriff Dona Flor das hält, gewor⸗ te er; feſſeln, Wei⸗ 8 die dieſer n von urem wäh⸗ „un⸗ inſer Fa⸗ t ei⸗ n zu habe 61 ganze entſetzliche Schickſal, das ihr vorbehalten ſein konnte. Sie gab einen Schrei von ſich und nahm mit einer Bewegung ſo raſch als der Gedanke aus ihrem Kniebande einen kleinen, wie eine Nadel zugeſpitzten Dolch, deſſen Klinge alsbald auf ihrer Bruſt glänzte. Die Banditen ſahen die Bewegung, wichen einen Schritt zurück, und Dona Flor ſtand aufs Neue abge⸗ ſondert an der Wand... ruhig, aber entſchloſſen und der Statue der Feſtigkeit ähnlich. „Mein Vater,“ fragte ſie,„was befehlt Ihr?“ Und zu gleicher Zeit mit der Stimme bedeutete das Auge der keuſchen Jungfrau, auf das erſte Wort des Greiſes werde die ſpitzige Klinge völlig in ihrem Herzen verſchwinden. Don Inigo antwortete nicht, doch dieſe äußerſte Lage gab ihm für einen Augenblick wieder die Kräfte des jungen Mannes, er ſtieß mit einer heftigen, uner⸗ warteten Bewegung die zwei Räuber zurück, die auf ihm laſteten, befand ſich mit einem einzigen Sprunge auf ſeinen Beinen, öffnete die Arme und rief: „Hierher, meine Tochter! komm hierher!“ Dona Flor ſtürzte an die Bruſt ihres Vaters, drückte ihm den Dolch in die Hände und ſagte leiſe zu ihm: „Mein Vater, mein Vater! erinnert Euch jenes Römers, deſſen Geſchichte Ihr mir erzählt habt, und den man Virginius nannte.“ Sie hatte kaum dieſe Worte geſprochen, da rollte ein Bandit, der die Hand gegen ſie ausgeſtreckt, zu den Füßen von Don Inigo, ins Herz getroffen durch die⸗ ſen ſchwachen Dolch, der eher ein Spielzeug als eine Wehr zu ſein ſchien. Sogleich erhob ſich ein ungeheures Wuthgeſchrei in der Venta. Zehn Meſſer öffneten ſich, zehn Dolche ſprangen aus ihren Scheiden, zehn Degen durchſchnit⸗ ten die Luft und bedrohten zugleich die zwei Gefange⸗ nen, welche, da ſie ſahen, der Augenblick zu ſterben ſei für ſie gekommen, einen letzten Kuß wechſelten, ein letztes Gebet murmelten, mit einander die Arme zum Himmel erhoben und gleichzeitig riefen: „Stoßt zu!“ „Tödtet ſie! tödtet ſie!“ ſchrieen die Banditen, in⸗ dem ſie, ihre Waffen ſchwingend, auf den Greis und das Mädchen losſtürzten. Plötzlich aber vernahm man das Geräuſch eines durch einen heftigen Fauſtſchlag zerbrochenen Fenſters. Ein junger Mann ohne eine andere Waffe als einen baskiſchen Dolch im Gürtel ſchwang ſich leicht in die Stube und fragte mit einer offenbar an das Befehlen gewöhnten Stimme: „Hollah! Burſche, was geht denn hier vor?“ Bei dieſer Stimme, welche jedoch den gewöhnlichen Umfang der menſchlichen Sprache nicht überſchritten hatte, erloſchen die Schreie, ſchloſſen ſich die Meſſer, verſchwanden die Dolche und die Degen in ihren Schei⸗ den, und Jedermann trat ſtillſchweigend zurück und ließ mitten in einem großen Kreiſe dem Ankömmling gegen⸗ über den Vater und die Tochter, die ſich mit den Ar⸗ men umſchlangen. VI. El Salteador. Derjenige, deſſen plötzliche Ankunft,— eine An⸗ kunft offenbar ebenſo unerwartet für die Drohenden als für die Bedrohten,— derjenige, deſſen Ankunft zwei ſpitz in dies führ deſſe Einf übte, geſtre jeſt ät pur. „ein e zum n, in⸗ und eines ſters. einen die ehlen ichen eitten eſſer, ſchei⸗ ließ egen⸗ Ar⸗ An⸗ den unft 63 eine ſo ſeltſame Reaction hervorgebracht hatte, verdient wohl durch die Art und Weiſe, wie er in Scene trat, und durch die Rolle, die er im Verlaufe dieſer Ge⸗ ſchichte zu ſpielen beſtimmt iſt, daß wir die Erzählung der Ereigniſſe, an denen er nun Theil nimmt, unter⸗ brechen, um unſern Leſern ſein Portrait vor Augen zu ſtellen. Es war ein junger Mann von ſiebenundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren. In ſeiner Tracht eines andaluſiſchen Gebirgsbewohners war die äußerſte Ele⸗ ganz beobachtet. Sie beſtand aus einem breitkrämpi⸗ gen grauen Filzhute, geſchmückt mit zwei Adlerfedern, aus einem Wamms von geſticktem Leder, wie es noch heute die Jäger von Cordova tragen, wenn ſie Aus⸗ flüge in die Sierra Morena machen, aus Beinkleidern von hochrothem Sammet mit ciſelirten Knöpfen, aus ledernen Stiefeln, welche an den Seiten geſchnürt wa⸗ ren, jedoch nur am Knöchel und an der Kniebeuge, ſo aß ſie auf der ganzen Breite der Wade ſich öffneten und den Strumpf ſehen ließen. Ein einfacher Dolch, ähnlich dem der Bärenjäger der Pyrenäen, das heißt, mit einem Griffe von eiſelir⸗ tem Horn mit ſilbernen Nägeln geſchmückt, mit der zwei Finger breiten und acht Zoll langen Klinge, vorne ſpitzig, auf beiden Seiten ſchneidend und verborgen in einer ledernen Scheide mit ſilbernen Zierathen, dies war, wie geſagt, die einzige Waffe des jungen An⸗ führers, denn er war unſtreitig ein Anführer, derjenige, deſſen Stimme einen ſo unmittelbaren und ſo raſchen Cinfluß auf die Männer des Raubes und des Blutes übte, die vor ihm zurückgewichen. Das Uebrige ſeiner Tracht beſtand aus einem quer geſtreiften Mantel, in welchem er mit eben ſo viel Ma⸗ jeſt ät drapirt erſchien, als ein Kaiſer in ſeinem Pur⸗ pur. Was das Aeußere des Ankömmlings betrifft, ſo 64 hatte der Bandit, welcher, um die Empfindlichkeiten von Don Inigo zu beſchwichtigen, behauptete, der Kapitän ſei nicht nur jung, ſchön und elegant, ſondern er habe auch ein ſo vornehmes Weſen, daß er allgemein für einen Hidalgo gelte, dieſer Bandit hatte nicht zu viel behauptet, und er war im Gegentheil unter dem Por⸗ trait geblieben, als daß er ihm geſchmeichelt hätte. Den jungen Mann erblickend, gab Dona Flor ei⸗ nen Schrei des Erſtaunens von ſich, der einem Freu⸗ denſchrei glich, als ob die Ankunft des Erſcheinenden, ſtatt eine Verſtärkung für die Banditen zu ſein, eine vom Himmel ihrem Vater und ihr zugeſandte Hülfe ge⸗ weſen wäre. Don Inigo aber begriff, daß er von dieſem Au⸗ genblick an nichts mehr mit den übrigen Leuten des Truppes zu thun hatte, und daß es dieſer junge Mann war, von dem fortan ſein Schickſal und das ſeiner Tochter abhingen. Aber, als wäre er zu ſtolz geweſen, zuerſt zu ſpre⸗ chen, beſchränkte er ſich darauf, daß er auf die Bruſt von Dona Flor die Spitze des ganz blutigen Dolches ſetzte und wartete. 3 Der Salteador nahm alſo das Wort und ſprach: „Ich zweifle nicht an Eurem Muthe, Senor, doch mir ſcheint, es iſt eine große Anmaßung von Euch, daß Ihr glaubt, Ihr könntet Euch mit dieſer Nadel gegen zwanzig mit Dolchen und Degen bewaffnete Männer vertheidigen.“ „Hätte ich das Verlangen, zu leben, ſo wäre dies in der That eine Tollheit,“ erwiederte Don Inigo;„da ich aber nur das Verlangen habe, meine Tochter zu tödten und mich nach ihr, ſo hat mir das möglich und ſelbſt leicht geſchienen und ſcheint mir noch ſo.“ „Und warum wollt Ihr die Senora tödten und Euch nach ihr?“ iſt, i ken, und El von vitän habe für viel Por⸗ r ei⸗ Freu⸗ iden, eine e ge⸗ Au⸗ i des Nann. einer ſpre⸗ Bruſt lches ach: doch daß gegen nner dies „da r zu und und 6⁵ „Weil wir von Beſchimpfungen bedroht werden, denen wir den Tod vorziehen.“ „Die Senora iſt Eure Frau?“ „Sie iſt meine Tochter.“ „Zu welchem Preiſe ſchlagt Ihr ihre Ehre und Euer Leben an.“ „Mein Leben zu tauſend Kronen, was aber ihre Ehre betrifft, ſie hat keinen Preis.“ „Ich ſchenke Euch das Leben, Senor,“ erwiederte der Salteador,„und was die Ehre der Senora betrifft, ſie iſt ebenſo ſehr in Sicherheit hier, als wäre ſie im Zimmer und unter der Obhut ihrer Mutter.“ Ein Gemurmel der Unzufriedenheit wurde unter den Banditen hörbar. 1 „Alle hinaus!“ rief der Salteador, indem er die Hand ausſtreckte und dieſe Hand ausgeſtreckt ließ, bis der letzte Bandit aus der Stube weggegangen war. Als der Letzte verſchwunden, ſchloß der Sal⸗ teador die Thüre, kam dann zu Don Inigo und ſei⸗ ner Tochter zurück, die ihm mit den Augen mit einer Miſchung von Erſtaunen und Beſorgniß folgten, und prach: „Ihr müßt ihnen verzeihen, Senor, das ſind plumpe Geſellen, und keine Edelleute wie wir.“ Don Inigo und Dona Flor ſchauten mit weniger Beſorgniß, aber mit mehr Erſtaunen dieſen Ban⸗ diten an, der ſich ſelbſt Edelmann betitelte und durch den Adel ſeiner Manieren und ſeine würdevolle Hal⸗ tung mehr noch als durch ſeine Worte bewies, daß er nicht log. „Senor,“ erwiederte das Mädchen,„mein⸗ Vater iſt, ich begreife dies, ohne Stimme, um Euch zu dan⸗ en, erlaubt alſo, daß ich Euch unſern Dank in ſeinem und in meinem Namen darbringe.“ „Und Euer Vater hat Recht, Senora, denn von El Salteador. 5 66 einem ſo ſchönen Munde kommend, wird der Dank ei⸗ nen Werth haben, den ihm ſelbſt die Lippen eines Kö⸗ nigs nicht zu geben vermöchten.“ Sodann ſich an den Greis wendend: „Ich weiß, daß Ihr Eile habt, Eure Reiſe fort⸗ zuſetzen, Senor. Wohin geht Ihr?“ „Ich gehe nach Granada, wohin mich der König berufen hat.“ „Ahl ja,“ verſetzte der Salteador mit einem halb bittern, halb ſpöttiſchen Lächeln,„ja, das Gerücht von ſeiner Ankunft iſt zu uns gelangt; wir haben geſtern ſeine Soldaten vorüberziehen ſehen, die das Gebirg durchſtreifen; es ſei ſein Wille, hat er geäußert, daß ein Kind von zwölf Jahren mit einem Sacke Gold in jeder Hand von Granada abgehen und Malaga errei⸗ chen könne, ohne auf der Straße einem einzigen Men⸗ ſchen zu begegnen, der ihm etwas Anderes ſage, als den gewöhnlichen Gruß des Reiſenden:„„Geht im Frie⸗ den mit Gott!““ „Das iſt in der That ſein Wille,“ ſprach Don Inigo,„und es ſind, wie ich weiß, Befehle dem zu Folge gegeben worden.“ „Und welches Ziel ſetzt der König Don Carlos für dieſe Eroberung des Gebirgs?“ „Man behauptet, er habe dem Großjuſticiar nur vierzehn Tage Zeit gegeben.“ „Welch ein Unglück, daß Ihr nicht erſt in drei Wochen hier durchgereiſt ſeid, ſtatt heute zu kommen, Senora!“ ſagte der Salteador, ſich an das Mädchen wendend;„Ihr würdet auf dieſer Straße, wo Bandi⸗ ten Euch ſo ſehr erſchreckten, nur ehrliche Leute gefun⸗ den haben, die zu Euch:„„Gehet im Frieden mit Gott lun geſagt und Euch im Nothfalle das Geleite ge⸗ geben hätten.“ „Wir haben etwas Beſſeres getroffen als dies, Senor,“ erwiederte die Tochter von Don Inigo:„wir hab wie Sal ßer men glüc finde nem mein zum ten, ſoba zen daß Auge rend fühl tiſche klärte willki Vater theil junge Adern ihres fühl ſ Worte gefüh Mißge nk ei⸗ s Kö⸗ fort⸗ König halb t von eſtern hebirg daß Ad in errei⸗ Men⸗ als Frie⸗ Don Folge arlos r nur i drei amen, dchen andi⸗ eefun⸗ mit te ge⸗ dies, „wir klärte ſich durch eine ähnliche Empfindun 67 haben einen Edelmann getroffen, der uns die Freiheit wiedergegeben.“ „Ihr dürft mir hiefür nicht danken,“ verſetzte der Salteador,„denn ich gehorche einer Macht, welche grö⸗ ßer iſt, als mein Wille, ſtärker, als mein Tempera⸗ ment.“ „Welcher?⸗ Der Bandit zuckte die Achſeln. „Ich weiß es nicht,“ antwortete er,„ich bin un⸗ glücklicher Weiſe ein Menſch des erſten Eindrucks. Es findet zwiſchen meinem Herzen und meinem Kopfe, mei⸗ nem Kopfe und meiner Hand, und meiner Haud und meinem Schwerte eine Sympathie ſtatt, die mich bald zum Guten, bald zum Schlechten, öfter zum Schlech⸗ ten, als zum Guten antreibt. Dieſe Sympathie hat, ſobald ich Euch geſehen, den Zorn aus meinem Her⸗ zen genommen und ihn fern von mir geworfen, ſo fern, daß ich ihn, ſo wahr ich ein Edelmann bin, mit den Augen ſuchte und nicht wieder fand.“ Don Inigo ſchaute den jungen Mann an, wäh⸗ rend er ſprach, und, ſeltſame Erſcheinung! dieſes Ge⸗ fühl von Sympathie, das der Salteador in halb ſpöt⸗ tiſchen, halb ſanften und zarten Worten ausdrückte, er⸗ g, welche un⸗ willkürlich in das Herz des Greiſes eindrang. Dona Flor ihrerſeits hatte ſich langſam ihrem Vater genähert, nicht aus Fnrcht, ſondern im Gegen⸗ theil weil ſie, das naive Kind, bei der Stimme des jungen Mannes etwas Seltſames empfindend, was ihre dern wie ein liebkoſender Schauer durchzog, am Arme ihres Vaters einen Schutz gegen dieſes unbekannte Ge⸗ fühl ſuchte, das ſich ihrer bemächtigte. „Junger Mann,“ ſprach Don Inigo, die letzten orte des Salteador erwiedernd,„was Ihr für mich gefühlt habt, fühle ich für Euch; es iſt alſo nicht mein Mißgeſchick, ſondern ein gutes Glück, was mich eher 68 heute als in drei Wochen hier durchkommen läßt, denn in drei Wochen wäre es vielleicht zu ſpät geweſen, daß ich Euch meinerſeits einen Dienſt leiſtete, dem gleich, welchen Ihr mir in dieſem Augenblick leiſtet.“ „Mir einen Dienſt?“ verſetzte lächelnd der Bandit. Und ſein ganzes Geſicht machte leicht ſich ver⸗ ziehend eine Bewegung, welche bedeutete:„Allmäch⸗ tig wird der ſein, der mir den einzigen Dienſt leiſtet, den man mir leiſten kann!“ 4 Als hätte er begriffen, was im Herzen des jungen Mannes vorging, fuhr Don Inigo fort: „Der barmherzige Gott hat Jedem ſeinen Platz in dieſer Welt bezeichnet: er hat den Reichen die Könige gegeben; den Königen die Cdelleute, die ihre natürlicht Begleitung ſind; er hat den Städten die Einwohner, Bürger, Handelsleute, Volk gegeben; er hat den Mee⸗ ren die verwegenen, abenteuerlichen Seefahrer gegeben welche jenſeits der Oceane verlorene Welten wieder auf finden oder unbekannte Welten entdecken; er hat den Ge⸗ birgen Menſchen des Raubes gegeben und in dieſelben Ge⸗ birge die Raubthiere geſetzt, als wollte er andeuten, er aſſimilire ſie einander, indem er ihnen denſelben Aufenthaltsort anweiſe, und er bilde aus dieſen Men⸗ ſchen die letzte Stufe der Geſellſchaft.“ Der Salteador machte eine Bewegung. „Laßt mich ſprechen,“ fuhr Don Inigo fort. Der junge Mann neigte das Haupt zum Zeichen der Beiſtimmung. „Nun denn!“ ſagte der Greis,„daß man die Men⸗ ſchen außerhalb des Kreiſes trifft, in den ſie Gott wie Herden von Individuen derſelben Gattung, aber von verſchiedenem Werthe gepfercht hat, muß eine große geſellſchaftliche Erſchütterung oder eine große Familien⸗ kataſtrophe mit Gewalt dieſe Individuen aus dem Kreiſe⸗ der ihnen eigenthümlich war, in den, welcher nicht für ſie ſpie Um ſchie mir Euc wert dies mach ban zwei höre , denn n, daß gleich, Zandit. h ver⸗ mäch⸗ leiſtet, jungen latz in Könige türliche vohner, i Mee⸗ egeben er auf en Ge⸗ en Ge⸗ deuten iſelben Men⸗ eiche Men⸗ tt wie r von 69 ſie gemacht, geworfen haben. So haben wir, zum Bei⸗ ſpiel, die wir geboren waren, um Edelleute von der Umgebung der Könige zu ſein, jeder ſeinerſeits ein ver⸗ ſchiedenes Geſchick verfolgt. Dieſes Geſchick hat aus mir einen Seefahrer gemacht; dieſes Geſchick hat aus Euch...“ Der Greis hielt inne. „Vollendet,“ ſagte lächelnd der junge Mann;„Ihr werdet mich nicht lehren, was ich nicht weiß, und über⸗ dies kann ich von Euch Alles anhören.“ „Dieſes Geſchick hat aus Euch einen Banditen ge⸗ macht.“ „Ja, doch Ihr wißt, daß daſſelbe Wort für ver⸗ bannt und für Räuber dient.“ „Ja, ich weiß es; und glaubt mir, daß ich die zwei Dinge nicht vermenge.“ Er gab ſodann ſeiner Rede den Ton des Ver⸗ höres und fragte: „Ihr ſeid ein Verbannter?“ „Und Ihr, Senor, wer ſeid Ihr?“ „Ich bin Don Inigo Velasco de Haro.“ Der junge Mann nahm bei dieſen Worten ſeinen Hut ab und warf ihn fern von ſich. „Entſchuldigt mich,“ rief er,„ich war be⸗ deckt geblieben„ und ich bin kein Grand von Spa⸗ nien.“ „ Ich bin nicht der König,“ verſetzte Don Inigo lächelnd. 4 „Doch Ihr ſeid edel wie der König.“ „Ihr kennt mich alſo?“ fragte Don Inigo. „Ich habe meinen Vater tauſendmal von Euch re⸗ den hören.“ „Euer Vater kennt mich?“ „Er hat mir wenigſtens wiederholt geſagt, er habe dieſe Ehre.“ „Der Name Eures Vaters, junger Mann?“ 70 „Oh! ja, ja,“ ſprach Dona Flor,„ſein Name, ſein Name!“ „Ach! Senor,“ erwiederte der Bandit mit einem Ausdrucke tiefer Schwermuth,„es iſt weder eine Freude, noch eine Ehre für meinen Vater, aus dem Munde ei⸗ nes Menſchen wie ich den Namen eines alten Spaniers kommen zu hören, der nicht einen Tropfen mauriſches Blut in den Adern hat; fordert alſo nicht, daß ich die⸗ ſen Kummer und dieſe Unehre dem Kummer und der Unehre, die ich ihm ſchon bereitet, beifüge.“ „Er hat Recht, mein Vater!“ rief lebhaft das Mädchen. Der Greis ſchaute Dona Flor an, und dieſe ſchlug erröthend die Augen nieder. „Seid Ihr nicht derſelben Anſicht wie dieſe ſchöne Senora?“ fragte der Salteador. „Doch,“ erwiederte Don Inigo;„wenn Ihr aber nicht einen ähnlichen Grund habt, mir die Urſache des ſelt⸗ ſamen Lebens, das Ihr ergriffen, zu verbergen; wenn Eure Verbannung aus der Geſellſchaft, wenn Euer Aufenthalt in dieſen Gebirgen, wie ich annehme, die Folgen einer jugendlichen Unbeſonnenheit ſind; wenn Ihr, ich ſage nicht den Schatten von einem Gewiſſens⸗ biſſe, ſondern einen Anſchein von Beklagen des Lebens habt, das Ihr führt, ſo verpfände ich hier vor Gott mein Wort, Euch als Beſchützer und ſogar als Bürg⸗ ſchaft zu dienen.“ „Ich danke, Senor, ich nehme Euer Wort an, ob⸗ 3 ſchon ich bezweifle, daß es in der Macht irgend eines Menſchen liegt, den ausgenommen, welcher von Gott die oberſte Gewalt erhalten hat, mir in der Welt den Platz wiederzugeben, welchen ich einnahm, und ich habe mir doch nichts Schändliches vorzuwerfen. Ein heißes Blut, ein Herz, das ſich zu leicht entflammt, haben mich zu gewiſſen Verſehen angetrieben; dieſe Verſehen haben mich zu Verbrechen fortgeriſſen. Heute ſind die kame, einem reude, de ei⸗ iniers iſches die⸗ d der das ſchlug chöne aber s ſelt⸗ wenn Euer „ die wenn ſſens⸗ ebens Gott Bürg⸗ , ob⸗ eines Gott t den habe heißes haben eſehen d die 71 Verſehen begangen, die Verbrechen vollbracht; es ſind dies eben ſo viele Abgründe, die ſich hinter mir gegra⸗ ben haben, ſo daß ich nicht mehr auf der ſchon durch⸗ laufenen Straße zurückkehren kann, und daß mir eine übermenſchliche Macht eine von der, auf wel⸗ cher ich gekommen bin, verſchiedene Straße ſchaffen müßte. Ich denke zuweilen an die Möglichkeit eines ſolchen Wunders; ich wäre glücklich, es ſich bewerkſtel⸗ ligen zu ſehen, doppelt glücklich, es durch Euch ſich be⸗ werkſtelligen zu ſehen, daß ich im Gefolge eines Engels wie der junge Tobias, in das väterliche Haus zurück⸗ käme! Mittlerweile hoffe ich, denn die Hoffnung iſt der letzte Freund der Unglücklichen, obgleich dieſer Freund oft ſo trügeriſch iſt als die anderen!— ich hoffe, doch ich glaube nicht. Ich laſſe mich leben, indem ich mich jeden Tag mehr in die unfruchtbaren, abſchüſſigen Wege der Empörung gegen die Geſellſchaft und gegen das Geſetz vertiefe... Ich ſteige, und weil ich ſteige, glaube ich, ich ſei König... Nur zuweilen bei Nacht, in meinen Stunden der Einſamkeit, in meinen Augen⸗ blicken der Traurigkeit, begegnet es mir, daß ich nach⸗ denke und ſodann einſehe, daß man, wenn man ſteigt, um den Thron zu erreichen, auch ſteigt, um das Schaf⸗ fot zu erreichen.“ Dona Flor gab einen erſtickten Schrei von ſich. Don Inigo reichte dem Salteador die Hand. Doch ohne die Ehre anzunehmen, die ihm der alte Edelmann erwies, verbeugte ſich der Salteador, indem er eine Hand auf ſeine Bruſt legte und mit der andern auf einen Lehnſtuhl deutete. „Ihr werdet mir alſo Alles ſagen?“ ſprach Don Inigo, während er ſich ſetzte. „Alles, den Namen meines Vaters ausgenom⸗ men.“ Der alte Hidalgo bezeichnete dem jungen Manne 72 . 1 4 ebenfalls einen Stuhl; doch ſtatt ſich zu ſetzen, ſprach dieſer: „Es iſt keine Erzählung, ſondern eine Beichte, was Ihr hören werdet. Einem Prieſter würde ich dieſe Beichte auf den Knieen thun; einem Manne aber, und wäre dieſer Mann Don Inigo, wäre es der König, werde ich ſie ſtehend thun.“ Dona Flor ſtützte ſich auf den Lehnſtuhl ihres Vaters, und der Salteador begann demüthig, aber ſtehend, mit traurigem, aber ruhigem Tone folgende Erzählung. VIII. Die Erzählung. „Senor,“ begann der Salteador,„ich glaube behaupten zu können, daß es immer bei den Anfängen eines ſtrafbar gewordenen Menſchen,— ſo ſtrafbar er auch geworden ſein mag,— eine von ſeinem Willen unabhaͤngige Macht gibt, die ihn die erſten Schritte außerhalb des geraden Weges thun läßt. „Um den Mann zum Abweichen zu bringen, bedarf es einer ſtarken Hand, und die eiſerne Hand des Ge⸗ ſchickes iſt hiezu oft nicht zu viel! 1 „Um aber zu bewirken, daß das Kind abweicht⸗ deſſen Geſicht ſchwach, deſſen Schritt ſchwankend iſt, braucht es oft nur einen Hauch! „Dieſer Hauch wehte auf meine Wiege. prach chte, dieſe und nig, ihres aber gende laube ingen ar er zillen hritte edarf Ge⸗ eicht, d iſt, „Dieſer Hauch war die Gleichgültigkeit, ich möchte beinahe ſagen, der Haß meines Vaters gegen mich...“ „Senor,“ ſprach das Mädchen,„beginnt nicht mit der Anklage, wenn Euch Gott verzeihen ſoll.“ „Ich klage nicht an, davor behüte mich der Herr! meine Fehler und meine Verbrechen kommen von mir, und am Tage des jüngſten Gerichtes werde ich ſie Niemand zur Laſt legen; doch ich muß das, was iſt, ſagen. „Meine Mutter war einſt eines der ſchönſten Mädchen von Cordova, und heute, mit drei und vierzig Jahren, iſt ſie noch eine der ſchönſten Frauen von Granada. „Nie habe ich die Urſachen erfahren, welche ihre Heirath mit meinem Vater herbeiführten; was ich ſagen kann und was ich immer geſehen habe, iſt, daß ſie eher als Fremde einander gegenüber lebten, denn als Mann und Frau. , Ich wurde geboren; oft hörte ich ihre Freunde ſagen, ſie haben gehofft, meine Geburt werde eine An⸗ näherung zwiſchen ihnen bewirken: dem war nicht ſo; kalt für meine Mutter, war mein Vater kalt für das Kind, und von dem Tage, wo ich die Augen öffnete, fühlte ich, daß mir eine von den Stützen, welche Gott dem Menſchen zum Eintritt in das Leben gegeben hat benommen war. „Es iſt wahr, um mich den gewiſſer Maßen in meinem Leben durch das Geſchick begangenen Irrthum vergeſſen zu laſſen, umgab mich meine Mutter mit einer ſo mächtigen und ſo zärtlichen Liebe, daß ſie mir das, was mir fehlte, erſetzen und allein für zwei zäh⸗ len konunte. „‚Doch ſo ſehr mich auch meine Mutter liebte, ſie liebte mich mit einer Frauenliebe; in der etwas weni⸗ ger zärtlichen, aber mehr kräftigen Liebe des Vaters iſt etwas, was zu den Launen des Kindes und den „ 74 Leidenſchaften des jungen Mannes ſpricht, wie Gott zum Meere ſpricht, um ihm zu ſagen:„„Du wirſt dich nicht höher erheben! du virſt nicht weiter gehen!““ Dieſe von der Hand eines Vaters gekneteten Launen, dieſe von der Hand eines Mannes im Zaume gehalte⸗ nen Leidenſchaften nehmen ſodann die Form an, die ihnen der Model der Geſellſchaft verleiht, während Alles überſtrömt bei dem unter dem nachſichtigen Auge der Mutter erzogenen und von der unſichern Hand der Frau geführten Kinde. Gränzenlos wie die Liebe, machte aus mir die mütterliche Nachſicht das hitzige, aufbrauſende Roß, für welches es, leider! nur eines Sprunges von der Stadt ins Gebirge bedurfte. „Wenn übrigens mein Charakter bei dieſer zügel⸗ loſen Freiheit verlor, ſo gewann meine Kraft dabei. Ohne die ſtrenge Hand des Vaters, der hinter mir die Thüre des Hauſes geſchloſſen hätte, zum Voraus über den ſchwachen Verweis ſpottend, der mich bei meiner Rückkehr erwartete, ſchweifte ich immer in Geſellſchaft der Bergbewohner der Sierra Morena umher. Ich lernte von ihnen das Wildſchwein mit dem Spieße, den Bären mit dem Dolche angreifen. Mit fünfzehn Jahren waren dieſe Thiere, welche der Schrecken eines andern Knaben von demſelben Alter geweſen wären, für mich Gegner, mit denen der Kampf mehr oder minder lang dauerte, mit denen zu ſtreiten mehr oder minder gefährlich ſein konnte, die ich aber vorher ſchon beſiegt hatte. Sobald ſich eine Spur meinem Blicke im Gebirge bot, wurde das Thier beſtätigt, verfolgt, aus ſeinem Lager aufgetrieben, angegriffen. Mehr als ein Mal drang ich kriechend wie eine Schlange in eine Höhle ein, wo ich, ſobald ich darin war, zum Führer und zum Lichte nichts Anderes mehr hatte, als die glühenden Augen der wilden Beſtie, die ich bekämpfen wollte. Ah! da,— obgleich Niemand außer Gott Zeuge von dem war, was in den Eingeweiden der —-——„» Æ SeͤS d 7⁵ Fott Erde zwiſchen mir und dem Thiere vorgehen ſollte,— dich da ſchlug mein Herz vor Stolz und Freude! Wie jene 1194 Helden von Homer, die den Feind mit ihrem Worte auf⸗ nen, ſtachelten, ehe ſie ihn mit ihrem Schwerte, ihre m Wurf⸗ olte⸗ ſpieße oder ihrer Lanze angriffen, ſo verhöhnte ich zu⸗ die erſt den Wolf, den Eber, den Bären, den ich aufge⸗ rend ſucht; wonach der Kampf zwiſchen dem Menſchen und luge dem Thiere begann, ein finſterer, ſtummer Kampf, ſo der lange er währte, der aber mit einem Brüllen des Ver⸗ ebe, endens und einem Triumphgeſchrei ſchloß. Wie Hercules, ige, der Bändiger der Ungeheuer, mit dem ich mich ver⸗ nes glich, kam ich ſodann an das Tageslicht; ich ſchleppte den Leichnam des Beſiegten nach, den ich in meiner gel⸗ wilden Freude ſchmähte, und verherrlichte meinen Sieg bei. in einem von mir improviſirten Geſange, worin ich die die vom Gebirge herabſtürzenden Ströme meine Freunde, ber die über meinem Haupte ſchwebenden Adler meine ner Brüder nannte. aft„„Da kam das Alter, wo auf dieſe Vergnügungen Ich die Leidenſchaften folgten, und wo die Leidenſchaften Pe, ihren Lauf mit demſelben Ungeſtüm nahmen, wie dies ehn die Vergnügungen gethan hatten. Beim Spiele und nes bei der Liebe ſuchte meine Mutter, jedoch vergebens, en, wie dies bis dahin der Fall geweſen war, den ſchwachen der Damm ihres Willens entgegenzuſetzen. Dann rief ſie der meinen Vater zu Hülfe. pon„Es war zu ſpät: ſchlecht an den Gehorſam ge⸗ im wöhnt, widerſtand ich ſogar der Stimme meines Va⸗ ms ters. Ueberdies war mir dieſe Stimme, welche mitten ein im Sturme zu mir ſprach, unbekannt. Ich war in ei⸗ tne ner ärgerlichen Richtung herangewachſen, groß gewor⸗ ver den; die Staude hätte ſich vielleicht gebogen: der die Baum widerſtand unbiegſam, und fühlte fortwährend fen unter ſeiner Rinde, ſo rauh und knorrig wie die der ott Eiche, den glühenden Saft des Böſen kreiſen. der„Ah! ich werde Euch nicht ſagen,— das wäre — 76 zu lang, und überdies verſchließt mir vor Eurer keu⸗ ſchen Tochter die Achtung den Mund,— ich werde Euch nicht ſagen, durch welche Reihenfolge von Hän⸗ deln, von nächtlichen Orgien, von tollen Liebſchaften es dahin kam, daß ich für meinen Vater eine Urſache des Ruins, für meine Mutter eine Quelle der Schmer⸗ zen war. Nein, ich übergehe die tauſend Ereigniſſe, die das Gewebe meines Lebens bilden, welches bunt⸗ ſcheckiger von Streitigkeiten, von Galanterien unter den Balcons, von Duellen an den Straßenecken, als dies mit ſeinen ſchreienden Farben der Mantel iſt, der mich umhüllt; ich übergehe, ſage ich, dieſe tauſend Er⸗ eigniſſe, um zu dem zu kommen, was unwiderruflich über mein Leben entſchieden hat. „Ich liebte... ich glaubte eine Frau, die Schwe⸗ ſter von einem meiner Freunde, zu lieben. Ich hätte geſchworen, ich hätte vor der ganzen Welt behauptet, — verzeiht, Senora, ich hatte Euch noch nicht geſe⸗ hen!— ſie ſei die Schönſte der Frauen, als ich in einer Nacht, oder vielmehr an einem Morgen, nach Hauſe zurückkehrend vor meiner Thüre den Bruder von derjenigen, welche ich liebte, fand; er ſaß im Sattel auf einem Pferde und hielt ein zweites Pferd am Zaume. „Ich ahnete, er habe das Geheimniß meiner Lieb⸗ ſchaft ergründet. „„Was machſt Du da?““ fragte ich. „„Du ſiehſt es; ich warte auf Dich.““ „„Hier bin ich.““ „„Haſt Du Deinen Degen?““ „„Er verläßt mich nie.““. „„Beſteige dieſes Pferd und folge mir.““ „„Ich folge nicht: ich begleite oder ich reite voran.““ „„Oh! Du wirſt mir nicht voran reiten, denn ich habe Eile, an Ort und Stelle zu kommen.““ keu⸗ erde dän⸗ ften ache ner⸗ iſſe, unt⸗ nter als der Er⸗ lich we⸗ ätte dtet, eſe⸗ ) in nach tder im ferd ieb⸗ eite 77 „Er ſetzte ſein Pferd in Galopp. „Ich that daſſelbe, und wir jagten neben einander ins Gebirge. „Nach fünfhundert Schritten kamen wir zu einer kleinen Lichtung, wo das weiche Gras auf einem Platze wuchs, der mit der Hand geebnet zu ſein ſchien. „„Hier,““ ſprach Don Alvar. „So hieß mein Freund. „„Gut!““ antwortete ich. „„Steigt vom Pferde, Don Fernando,““ ſagte er, „„denn Ihr vermuthet wohl, daß ich Euch um zu kämpfen hierher geführt habe?““ „Ich habe es ſogleich vermuthet, doch ich weiß nicht, was unſere Freundſchaft in Haß verwandelt haben kann... Brüder geſtern, Feinde heute!““ „ Feinde, gerade weil wir Brüder ſind!““ ver⸗ ſetzte Don Alvar ſeinen Degen ziehend;„„Brüder durch meine Schweſter! Auf, nehmt den Degen in die Hand, on Fernando.““ „Das iſt, wie Ihr wißt, eine Aufforderung, die man nie zweimal an mich gethan hat,““ erwiederte ich; „„von Euch aber erwarte ich, daß Ihr mir die Ur⸗ ſache ſagt, die Euch veranlaßt hat, mich hierher zu führen. Ich möchte gern wiſſen, was Euch ſo ſehr erregt, Don Alvar. Welche Gründe der Klage habt Ihr gegen mich?““ „„Ich habe ſo viele, daß ich ſie verſchweigen wollte; denn indem ich mich derſelben erinnere, er⸗ denere ich meine Beleidigung, und ich bin genöthigt, den Schwur zu wiederholen, den ich gethan, dieſe Beleidi⸗ gung in Deinem Blute abzuwaſchen. Auf, den Degen aus der Scheide, Fernando!““ „Ich erkannte mich nicht mehr, ſo ruhig war ich vor dieſem Zorne, ſo unempfindlich vor dieſer Heraus⸗ forderung.“ „„Ich werde mich nicht mit Euch ſchlagen, wenn 78 ich nicht weiß, warum ich mich ſchlage,““ ſagte ich zu ihm. „Er zog aus ſeiner Taſche ein Päckchen Papiere. „„Kennt Ihr dieſe Papiere?““ fragte er mich. „Ich ſchauerte. „„Werft ſie auf den Boden, und ich werde ſie auf⸗ heben.““ „Er warf die Briefe auf die Erde. „Ich hob ſie auf und las ſie: ſie waren von mir. „Es ließ ſich nichts leugnen... ich war in der Gewalt eines beleidigten Bruders. „„Oh! wehe!““ rief ich,„wehe dem Manne, der wahnſinnig genug, um die Geheimniſſe ſeines Herzens und die Ehre einer Frau dem Papiere anzuvertrauen! Das iſt ein Pfeil in die Lüfte geſchoſſen; man weiß, von wo er ausgeht, man weiß aber nicht, wohin er fällt, noch wen er treffen kann!““ „„Habt Ihr die Briefe erkannt, Don Fernando?““ „„Sie ſind von meiner Hand, Don Alvar.““ „„Zieht alſo Euren Degen, damit Einer von uns todt hier bei der todten Ehre meiner Schweſter bleibt.““ „„Es thut mir leid, daß Ihr die Sache ſo ge⸗ nommen, Don Alvar, und durch Eure Drohung den Vorſchlag, den ich Euch vielleicht zu thun hatte, un⸗ möglich gemacht habt.““. „„Oh! Feiger, der, wenn er den Bruder mit dem Degen in der Hand ſieht, die Schweſter, die er entehrt hat, zu heirathen ſich anbietet!““ „„Ihr wißt, daß ich kein Feiger bin, Don Alvar; überdies, wenn Ihr es nicht wißt, werde ich Euch davon unterrichten... Hört mich alſo an.““— „„Den Degen in die Hand... Wo das Eiſen ſprechen ſoll, muß die Zunge ſchweigen!““ „„Ich liebe Eure Schweſter, Don Alvar, Eure 79 Schweſter liebt mich; warum ſoll ich Euch nicht meinen ruder nennen!““ 2„Weil mein Vater mir geſtern geſagt hat, er werde nie ſeinen Sohn einen durch Laſter, Schulden und Ausſchweifungen verlorenen Menſchen nennen.““ „Meine Kaltblütigkeit fieng an mich vor ſo vielen Beleidigungen zu verlaſſen. 4 „„Euer Vater hat das geſagt, Don Alvar,““ ich vor Zorn mit den Zähnen knirſchend. „„Ja, und ich wiederhole es und füge bei: den Degen in die Hand, Don Fernando?““ „„Du willſt es?““ verſetzte ich, indem ich die Hand an den Griff meines Degens legte. „„Den Degen in die Hand! den Degen in die Hand!““ wiederholte Don Alvar;„„oder ich treffe Euch nicht mit der Spitze, ſondern mit der Fläche des meinigen!““ „Ich hatte widerſtanden, das müßt Ihr zugeben, enor Don Inigo, denn es iſt die Wahrheit ſelbſt, was ich Euch ſage, ich hatte widerſtanden, ſo viel es ein Edelmann thun konnte. „Ich zog meinen Degen. „Fünf Minuten nachher war Don Alvar todt. „Todt ohne Beichte und mich verfluchend... Das hat mir Unglück gebracht!...“ Der Salteador hielt einen A ließ ganz nachdenkend ſeinen Kop fallen. rief ugenblick inne und f auf ſeine Bruſt In dieſem Augenblick erſchien die rin an dem Fenſter, durch das der Band kommen war, und mit der haſtigen Stimm ſon, welche eine wichtige Nachricht bringt, ſprach ſie dreimal den Namen Fernando aus. Erſt beim zweiten Male ſchien der Salteador zu hören, erſt beim dritten Male wandte er ſich um. Aber mit welcher Eile auch Gineſta die Nachricht, 80 die ſie brachte, mittheilen zu müſſen ſchien, der Sal⸗ teador winkte ihr mit der Hand zu warten, und ſie wartete. „Ich kehrte nach der Stadt zurück,“ fuhr Don Fernando fort,„und da ich auf meinem Wege zwei Mönchen begegnete, ſo bezeichnete ich ihnen den Ort, wo ſie den Körper von Don Alvar finden würden. „Ein Duell zwiſchen zwei jungen Leuten und ein Tod durch den Degen war etwas ganz Einfaches, doch unſer Duell hatte nicht unter den gewöhnlichen Be⸗ dingungen des Zweikampfes ſtattgefunden; wüthend über den Tod ſeines einzigen Sohnes, beſchuldigte mich der Vater von Don Alvar des Mordes. „Ach! ich muß es ſagen, ich war ſchlecht geſchützt durch meinen Ruf; die Beſchuldigung, ſo ſchändlich ſie war, fand Glauben bei den Behörden; der Alcade er⸗ kannte die Anklage gegen mich, und drei Alguazils er⸗ ſchienen bei mir, um mich zu verhaften. „Ich bot ihnen an, mich ins Gefängniß zu bege⸗ ben, jedoch allein. Sie weigerten ſich. Ich verpfän⸗ dete ihnen mein Wort, ich werde hundert Schritte vor ihnen oder hinter ihnen gehen, nach ihrer Wahl. „Sie wollten mich mit Gewalt wegführen. „Ich tödtete zwei und verwundete den dritten; alsdann ſchwang ich mich auf mein Pferd ohne Sattel und Zaum und nahm nur ein einziges Ding mit,— den Schlüſſel des Hauſes. „Ich hatte meine Mutter nicht geſehen und wollte zurückkommen, um ſie noch einmal zu umarmen. „Zwei Stunden nachher war ich in Sicherheit im Gebirge. „Das Gebirge war voll von Flüchtlingen aller Art, welche Alle, verbannt wie ich durch einen Handel mit der Juſtiz, nichts mehr von der Geſellſchaft zu er⸗ warten hatten und vor Begierde, das Böſe, das ſie ihnen angethan, zurückzugeben, brannten. die N. Kuß m tten; dattel „ ollte 81 „Es fehlte dieſen Leuten nur ein A eine furchtbare Macht zu organiſiren. „Ich ſchlug mich zu ihrem Anführer vor. Sie ahmen es an. Das Uebrige wißt Ihr.“ „Und Ihr habt Eure Mutter wiedergeſehen?“ fragte Dona Flor. „Ich danke Euch!⸗ erwiederte der Salteador. betrachtet mich noch als einen Menſchen.“ Das Mädchen ſchlug die Augen nieder. „Ja,“ ſagte er,„ich habe ſie wiedergeſehen, nicht einmal, ſondern zehnmal, zwanzigmal! Meine Mutter iſt das einzige Band, das mich an der Welt feſthält. Einmal im Monat, ohne daß ein Tag beſtimmt iſt,— denn Alles hängt von der um uns her erregten Wach⸗ ſamkeit ab,— einmal im Monat, wenn es Nacht ge⸗ worden, verlaſſe ich das Gebirge, ich durchſchreite in der Tracht eines Bergbewohners, in einen großen Mantel gehüllt, die Vega, und ohne geſehen zu wer⸗ den,— oder en,„ wenn man mich ſieht, wenigſtens bis jetzt, ohne erkannt zu werden,— kehre ich in die⸗ ſes Haus zurück, das mir nie ſo theuer war, als ſeit⸗ dem ich daraus verbannt bin, ich ſteige die Treppe hinauf, ich öffne die Thüre des Zimmers meiner Mut⸗ ter, ich gehe geräuſchlos auf ihr Lager ſſe nführer, um „Ihr Jugend,— die Kopf auf ihrer Bruſt. „ von den vergangenen Tagen, von der Zeit, wo ich unſchuldig und glücklich war, redend, zugebracht habe, küßt ſie mich ebenfalls auf die Stirne, und mir iſt, als verſöhnte mich dieſer „ mit den Menſchen, mit Gott!.. „Oh! mein Vater! mein Vater! hört Ihr?“ ſagte Dona Flor, während ſie zwei Thränen abwiſchte, die über ihre Wangen rollten. El Salteador. 6 82 Wohl!“ ſprach der Greis,„Ihr ſollt Eure Mutter wiederſehen, nicht bei Nacht, nicht verſtohlen, ſondern beim Lichte des Tages, im Angeſichte Aller; ich ver⸗ pfände Euch hierauf mein Wort als Edelmann.“ „Oh!“ ſprach Dona Flor, Don Inigo umarmend, „Ihr ſeid gut, hundertmal gut, mein Vater!“ „Don Fernando!“ wiederholte die Zigeunerin mit dem Tone der lebhafteſten Unruhe,„was ich Euch zu ſagen habe, iſt von der höchſten Wichtigkeit: ich bitte Euch inſtändig, hört mich an.“ Doch, wie das erſte Mal, befahl ihr der Salteador durch einen gebieteriſchen Wink zu warten. „Wir verlaſſen Euch,“ ſagte Don Inigo,„und wir nehmen das Andenken Eurer Artigkeit mit.“ „Ihr vergebt mir alſo?“ ſprach der Salteador hingeriſſen durch die ſeltſame Sympathie, die er für Don Inigo empfand. „Wir vergeben Euch nicht nur, ſondern wir halten uns ſogar für verpflichtet gegen Euch, und mit der Hülfe Gottes werde ich Euch, ich beſonders, einen Be⸗ weis von meiner Dankbarkeit geben.“ „Und Ihr, Senora,“ fragte der Salteador mit ſchüchternem Tone,„theilt Ihr die Gefühle des edlen Don Inigo?“ „Oh! ja,“ rief lebhaft Dona Flor,„und wenn ich könnte, würde ich Euch auch einen Beweis geben...“ Und ſie ſchaute umher, als ſuchte ſie, durch wel⸗ ches ſichtbare Mittel, durch welchen greifbaren Beweis ſie ihre Dankbarkeit gegen den jungen Mann bekräß⸗ tigen könnte. Der Salteador errieth ihre Abſicht; er ſah auf dem Teller den Strauß, den Amapola für Don Ramirh gepflückt hatte. 4 Er nahm den Strauß und reichte ihn Dona Flor Dieſe fragte ihren Vater mit dem Blicke um Rathi Don Inigo machte ein Zeichen der Einwilligung dutter ndern ver⸗ nend, mit ch zu bitte eador „und eador r für galten it der n Be⸗ r mit edlen wenn A h auf amiro Flor. Rath 83 Sie nahm eine Blume aus dem Strauße. Es war eine Anemone, Blume der Traurigkeit. „Mein Vater hat Euch verſprochen, ſein Löſegeld zu bezahlen,“ ſagte ſie:„hier iſt das meine.“ Und ſie reichte die Blume dem Salteador. ieſer nahm ſie, berührte ehrerbietig damit ſeine Lippen, legte ſie ſodann auf ſeine Bruſt und ſchloß ſein Wamms darüber. „Auf Wiederſehen,“ ſprach Don Inigo,„und ich anf Euch zum Voraus verſichern: auf baldiges Wieder⸗ ehen.“ „Handelt in Eurer Güte, Senor, und Gott ſtehe Euch in ſeiner Barmherzigkeit bei!“ erwiederte der Salteador. Und er rief, die Stimme erhebend: „Ihr ſeid frei; geht, und Jeder, der ſich nicht zehn Schritte von Eurem Wege entfernt, iſt des Todes.“ on Inigo und ſeine Tochter gingen ab. Ohne ſeinen Platz zu verlaſſen, ſah ſie der Sal⸗ teador durch das Fenſter der auf den Hof gehenden Stube wieder ihre Maulthiere beſteigen und von der Venta wegreiten. „Da zog der junge Mann die Anemone aus ſeiner Bruſt und küßte ſie zum zweiten Male mit einem Aus⸗ druck, in dem man ſich nicht täuſchen konnte. In dieſem Augenblicke fühlte er, wie ſich eine Hand ſanft auf ſeine Schulter legte. Es war die von Gineſta, welche, leicht wie ein Vogel, das Fenſter geräuſchlos erklettert hatte und, nachdem Don Inigo und Dona Flor weggegangen wa⸗ ren, eine Aufmerkſamkeit forderte, die ihr der Saltea⸗ or in ihrer Gegenwart nicht hatte bewilligen wollen. ie war bleich wie der Tod. „Was willſt Du von mir?“ fragte der Salteador. „Ich will Dir ſagen, daß die Soldaten des Königs nur auf eine Viertelmeile von hier entfernt ſein müſ⸗ 84 ſen, und daß Du, ehe zehn Minuten vergehen, wirſt angegriffen werden.“ „Biſt Du deſſen, was Du mir meldeſt, ſicher?“ fragte der Salteador, die Stirne faltend. Er hatte kaum dieſe Worte geſprochen, als der Lärmen eines Kleingewehrfeuers hörbar wurde. „Hörſt Du?“ ſagte Gineſta. „Zu den Waffen!“ rief der Salteador, während er aus der Stube eilte;„zu den Waffen!“ IX. Die Eiche von Dona Mercedes. Man vernehme, was vorgefallen war. Don Inigo hatte von einer Abtheilung königlicher Truppen geſprochen, der er ein wenig vor Alhama begegnet war, und deren Anführer er kannte. Die Banditen gaben, wie man ſich erinnert, lachend zu, eine ſolche Abtheilung ſei am Tage vorher vorüber⸗ gezogen. Dieſe Abtheilung, aus ungefähr vierhundert Mann beſtehend, hatte Befehl, das Gebirge zu durchſtreifen und es um jeden Preis von der Banditenſchaar, die hier hauſte, zu ſäubern. Es war eine Prämie von hundert Philippes d'or für jeden todten oder lebendigen Räuber, den man den Behörden überliefern würde, und eine Prämie von tau⸗ ſend Philippes d'or für den Hauptmann ausgeſetzt. Der König Don Carlos hatte geſchworen, er werde Erkun zes A richten ration Dem der S folgen wirſt er 2*4 der rend icher gnet hend ber⸗ ann eifen die d'or den tau⸗ erde 8⁵ die Räuberei in Spanien ausrotten und ſie von Sier⸗ ras zu Sierras bis ins Meer zurückwerfen. eit zwei und einem halben Jahre, daß er den Boden Spaniens betreten, verfolgte er dieſen Plau mit er Hartnäckigkeit, welche einer von den unterſcheiden⸗ den Charakteren ſeines Geiſtes war, und er hatte die letzten Banditen bis an die dem Meere benachbarte Sierra Morena zurückgedrängt. Er war alſo der Verwirklichung ſeines Willens nahe. Der Anführer der am Tage vorher ausgeſchickten Abtheilung beſchränkte ſich auf die Unterſuchung der Straße; er fand nichts Außerordentliches auf dieſer Straße, als eine Venta, vor deren Thüre ſeine Leute Halt machten, um ſich zu erfriſchen; doch die Venta war nur von dem Hoſtalero und den gewöhnlichen Haus⸗ genoſſen einer andaluſiſchen Herberge bewohnt; der Hoſtalero hatte ein offenes, freundliches, zuvorkommen⸗ des Geſicht, mehr als dies gewöhnlich bei einem ſpaui⸗ ſchen Gaſtwirthe der Fall iſt; kein Merkmal bezeichnere die Venta beſonders als einen Verſammlungsort; der Anführer gab Befehl, den Marſch fortzuſetzen, und die Abtheilung zog weiter. Er kam bis Alhama, ohne etwas Beſonderes zu entdecken, die Kreuze ausgenommen, welche am Rande der Wege mehr oder weniger ſammen ſtanden; doch die Kreuze ſind etwas ſo Ge⸗ wöhnliches in Spanien, daß ihnen die Soldaten 1 eine geringe Aufmerkſamkeit ſchenkten. In Albama zog der Commandant der Abtheilung Erkundigungen ein, und man ermahnte ihn, ſein gan⸗ zes Augenmerk auf die Venta zum Maurenkönig zu richten, die man ihm zugleich als Mittelpunkt der Ope⸗ rationen und als das Neſt der Räuber bezeichnete. Dem zu Folge kehrte der Anführer der Expedition auf der Stelle um und gab ſeinen Leuten Befehl, ihm zu 86 Es waren ſechs Meilen von Alhama bis zur Venta zum Maurenkönig, und dieſe Entfernung hatte ſchon zur Hälfte die Abtheilung zurückgelegt, als die Solda⸗ ten, im wüthenden Laufe der Verzweiflung fortgeriſſen, den Diener von Don Inigo, der verwundet und ganz blutig floh, auf ſich zueilen ſahen. Dieſer Menſch erzählte, was vorgefallen war. Der Kapitän, der die Abtheilung befehligte, war, wie Don Inigo geſagt hatte, ein mit ihm bekannter Edelmann. Bei der Kunde von der Gefahr, der der berühmte Hidalgo und die ſchöne Dona Flor preis⸗ gegeben waren, gab er ſeiner Abtheilung Befehl, ſich wieder in Marſch zu ſetzen und die Schritte zu ver⸗ doppeln.. Von dem Felſen herab, wo ſie geblieben war, er⸗ blickte Gineſta in der Ferne die Spitze der Colonne; die Urſache, welche die Abtheilung zurückführte, ver⸗ muthend, für die Sicherheit des Salteador zitternd⸗ nahm ſie ihren Lauf nach der Venta, trat hier durch die Gartenthüre ein,— durch welche auch Fernando gegangen war,— kam zu dem Fenſter, das er zerbrochen hatte, und zurückgehalten durch die Geberde, die ihr zu warten befahl, hörte und ſah ſie hier, was zwiſchen dem jungen Manne und den Gefangenen und beſon⸗ ders zwiſchen Fernando und Dona Flor vorfiel. Bleich, den Tod im Herzen, ſtieg Gineſta ebenfalls durch das Fenſter ein und meldete dem Salteador die Ankunft der Truppen des Königs. Der Salteador ſtürzte mit dem Rufe:„Zu den Waffen!“ aus der Stube. Er glaubte ſeine Gefährten in der Küche zu fia⸗ den: die Küche war leer. 3 Er lief in den Hof: es war Niemand im Hofe. Mit zwei Sprüngen war er vor der Thüre der Venta. Hier fand er eine auf den Boden geworfens Venta ſchon Solda⸗ riſſen, ganz war, annter er der preis⸗ ſich ver⸗ r, er⸗ ouue; ver⸗ ernd, durch ando ochen e ihr ſchen eſon⸗ falls r die den fin⸗ fe. der fene 87 Büchſe und bei der Büchſe eines von den Wehr⸗ gehängen aus dem ſechzehnten Jahrhundert, an denen fertige Patronen befeſtigt waren. Er hob die Büchſe auf, zog das Wehrgehäng um ſeinen Hals, richtete ſich in ſeiner ganzen Höhe auf und ſuchte mit den Augen ſeine Gefährten. Das Kleingewehrfeuer, das man gehört hatte, war ſogleich wieder erloſchen; ein Beweis, daß diejenigen, gegen welche es gerichtet geweſen, nur einen leichten Widerſtand geleiſtet hatten. Plötzlich ſah der Salteador auf dem Gipfel des kleinen Hügels die Vorhut der königlichen Truppen er⸗ ſcheinen. Err wandte ſich um, um zu ſehen, ob er völlig ver⸗ laſſen ſei. SGäiineſta ſtand allein, bleich, mit gefalteten Händen hinter ihm; mit der beredten Pantomime der Angſt flehte ſie ihn an, zu fliehen. „Ich muß wohl, da die Elenden mich verlaſſen haben!“ murmelte der Salteador. „Sie werden vielleicht im Gebirge mit Dir zu⸗ ſammentreffen„„ bemerkte ſchüchtern Gineſta, während ſie Fernando rückwärts zog. Dieſe Möglichkeit ſchien Fernando die Hoffnung wiederzugeben. „In der That,“ ſagte er,„das iſt möglich.“ Und er kehrte in den Hof zurück, ſchloß das maſ⸗ ſive Thor und legte ſeine eiſerne Stange an. Alsdann trat er, immer gefolgt von Gineſta, in die Küche ein, ging von der Küche in eine Art von Speiſekammer, hob eine Falle auf, die er hinter ſich, obald die kleine Zigeunerin ebenfalls durchgeſchlüpft war, wieder niederſinken ließ, ſchloß dieſe Falle mit dem Riegel, gelangte ohne ein anderes Licht, als das der Lunte von ſeiner Büchſe, auf die Treppe und von 88 der Treppe in den unterirdiſchen Gang, der von ihr auslief. Es war dies der unterirdiſche Gang, auf den die Banditen anſpielten, als ſie Don Diego von ihren Mitteln der Vertheidigung und der Flucht ſagten. Nach fünf Minuten waren der Salteador und die Zigeunerin am andern Ende des Ganges. Fernando hob mit ſeinen ſtarken Schultern eine zweite, außen durch einen flachen, mit Moos bedeckten Felſen verklei⸗ dete Falle auf. Die Flüchtlinge waren im Gebirge. Der Salteador athmete mit voller Bruſt. „Ah!“ ſagte er,„man iſt frei hier!“ „Ja,“ erwiederte Gineſta,„doch verlieren wir keine Zeit.“ „Wohin willſt Du gehen?“ „Zur Eiche von Dona Mercedes.“ Fernando ſchauerte. „Vorwärts.“ ſagte er,„vielleicht wird mir die Jungfrau, unter deren Anrufung ſie geſtellt iſt, Glück bringen.“ Beide, oder vielmehr alle Drei,— denn die Ziege war den zwei Flüchtlingen gefolgt,— drangen ſogleich in das Gehölze ein, wobei ſie darauf bedacht waren, keinen andern Pfad zu wählen, als die Wechſel der wilden Thiere, die ſich hier aber ſo häufig und ſo gut gebahnt fanden, daß man ſie als wahre Wege betrach⸗ ten konnte. Nur mußte man auf dieſen Wegen wie die Thiere, die ſie benützten, mit dem Kopfe bis auf die Erde ge⸗ bückt gehen; an gewiſſen Stellen, wo die Zweige ſich verſchlungen hatten, mußte man ſogar kriechend durch⸗ ſchlüpfen; je ſchwieriger es aber war, durchzukommen, deſto mehr Sicherheit bot die natürliche Feſtung, in welche der Räuber und die Zigeunerin eindrangen. Sie marſchirten ſo drei Viertelſtunden; man durfte n ihr n die ihren d die ando ußen rklei⸗ wir 89 indeſſen die durchlaufene Entfernung nicht nach der ab⸗ gelaufenen Zeit meſſen: die Schwierigkeit des Weges hemmte den Marſch, und nach drei Viertelſtunden hat⸗ ten die zwei Flüchtlinge kaum eine halbe Meile ge⸗ macht. um dieſe halbe Meile zurückzulegen, hätten Andere als ſie, das heißt, Menſchen, welche mit dem Gebirge nicht bekannt oder mit den Wechſeln der Hirſche, der Bären und der Wildſchweine nicht vertraut geweſen wären, einen ganzen Tag gebraucht. Je weiter ſie indeſſen kamen, deſto undurchdring⸗ licher wurde der Maquis, und dennoch gaben weder Fernando, noch Gineſta das geringſte Zeichen des Zö⸗ gerns von ſich. Man ſah, daß Beide einem bekannten Ziele zuſchritten, mehr verloren unter dieſen Maſtix⸗ bäumen, dieſen Erdbeerbäumen und dieſen rieſigen Myrten, als es die umherirrenden Seefahrer auf den endloſen Meeren ſind, wo ſie wenigſtens zu ihrer Füh⸗ rung den Compaß und die Geſtirne haben. ls ſie endlich eine letzte Einſchließung von Hage⸗ buchen durchbrochen hatten, die man ſelbſt für das Auge undurchdringlich geglaubt hätte, befanden ſie ſich chen von vergoldetem Holze eine Statuette der heiligen Mercedes, der Patronin der Mutter von Fernando Fernando hatte dieſen Baum, in deſſen Schatten er oft träumte und ſchlief, unter die Anrufung der Pa⸗ tronin ſeiner Mutter geſtellt, oder vielmehr unter die Anrufung ſeiner Mutter ſelbſt, für welche er viel mehr Religion und Ehrfurcht hegte, als für die Heilige, deren Namen ſie führte. Die zwei Flüchtlinge hatten das Ziel ihres Laufes erreicht, und wenn ſie nicht verrathen wurden, ſo wa⸗ 90 ren ſie offenbar für den Augenblick in vollkommener Sicherheit. Wir ſagen: wenn ſie nicht verrathen wür⸗ den, denn die Banditen kannten dieſen Schlupfwinkel ihres Kapitäns, obgleich ſie nie dahin kamen, ohne gernfen zu ſein; es war dies eine Art von Aſyl, wo Fernando in ſeinen Stunden der Schwermuth ſich nach der verſchwundenen Welt der Vergangenheit zurückſehnte und, in ſeinen Mantel gehüllt, durch die unbeweglichen Blätter der Eiche einen Fetzen von dem Himmel ſuchend, der ſich über ſeinem Haupte blau wie die Flügel der Hoffnung ausdehnte, die lächelnden Erinnerungen ſei⸗ ner Jugend heraufbeſchwor, die einen ſo großen Con⸗ traſt mit denen bildeten, welche er, ein noch junger Mann, ſchrecklich und furchtbar für ſein Alter aufhäufte. Hatte er einen Befehl zu geben, eine Nachricht, eine Auskunft zu empfangen, ſo nahm er aus der Höhle des Baumes ein bewunderungswürdig von einem Mauren gearbeitetes ſilbernes Horn und ließ einen ſcharfen, gedehnten Ton vernehmen, wenn er es nur mit einem von ſeinen Gefährten zu thun hatte; zwei, wenn er zehn brauchte; drei, wenn er die ganze Schaar zu ſich rief. Seine erſte Sorge, als er in die Lichtung eintrat, war, daß er gerade auf den Kaſten der Heiligen zuging und ihr die Füße küßte; dann kniete er nieder und verrichtete ein kurzes Gebet, während Gineſta, noch halb Heidin, ſtehend zuſchaute; hierauf ſtand er wieder auf, drehte ſich um einen Theil des Baumſtammes, nahm aus dem ſchon von uns bezeichneten Loche das ſilberne Horn, hielt es an ſeine Lippen und blies drei Töne ebenſo ſcharf, ebenſo durchdringend, ebenſo ge⸗ dehnt, als die, welche fünf Meilen vom Thale von Roncevaux mitten unter ſeinem Heere Karl den Großen beben machten, als er plötzlich anhaltend ſagte:„Meine —, mener wür⸗ vinkel ohne wo nach ehnte ichen hend, der ſei⸗ Lon⸗ nger ufte. icht, der nem nen nur wei, aar 91 Herren, es iſt mein Neffe Roland, der mich zu Hülfe ruft!“ 3 Doch die drei Töne erſchollen, entfernten ſich und erloſchen vergebens: Niemand kam. Es war nicht zu vermuthen, die Banditen haben nicht gehört: das Horn von Fernando hatte ſein Echo auf mehr als eine Meile im Gebirge. Entweder waren die Räuber gefangen genommen, oder ſie verriethen ihren Anführer, oder ſie hatten es jeden Widerſtand in Betracht der Ueberzahl der Angrei⸗ fenden als fruchtlos erkennend, für klüger erachtet, zer⸗ ſtreut zu bleiben und Jeder ſeinerſeits die Flucht zu verſuchen.— Fernando wartete ungefähr eine Viertelſtunde ſtehend und an den Stamm des Baumes angelehnt auf die Wirkung ſeines Rufes; als er aber ſah, daß Alles um ihn her ſtill blieb, warf er ſeinen Mantel auf die Erde und legte ſich darauf. Gineſta ſetzte ſich zu ihm. Fernando ſchaute ſie mit einer unbeſchreiblichen Zärtlichkeit an; die kleine Zigeunerin war ihm allein treu geblieben. 4 Gineſta lächelte ſanft. Es war in dieſem Lächeln ein Verſprechen ewiger Ergebenheit. Fernando ſtreckte den Arm aus, nahm den Kopf des Mädchens in ſeine Hand und zog die Stirne der Zigeunerin an ſeine Lippen. In dem Augenblick, wo die Lippen des Salteador und die Stirne von Gineſta ſich begegneten, ſtieß das Mädchen einen Schrei aus, in welchem ebenſo viel Schmerz, als Freude lag. Es war die erſte Liebkoſung, die ſie von Fernando empfing. Sie blieb einige Secunden mit geſchloſſenen Augen, den Kopf an den knorrigen Stamm der Eiche zurück⸗ 92 gelehnt, den Mund geöffnet, die Bruſt ohne Athem, als ob ſie ohnmächtig geworden wäre. Der junge Mann ſchaute ſie Anfangs mit Ver⸗ wunderung, ſodann mit Beſorgniß an, endlich ſprach er mit ſanftem Tone: „Gineſta!“ Die Zigeunerin hob den Kopf empor, wie ein Kind, das die Stimme ſeiner Mutter aus dem Schlafe weckt, öffnete langſam ihre ſchönen Augen, ſchaute den Salteador an und flüſterte: „Oh! mein Gott!⸗ „Was iſt Dir denn geſchehen, mein Kind?“ fragte Fernando. „Ich weiß es nicht,“ erwiederte das Mädchen;„nur glaubte ich, ich werde ſterben...“ Und ſie ſtand ganz ſchwankend auf, eutfernte ſich langſam von der Eiche von Dona Mercedes und ver⸗ ſchwand in dem Gehölze, ihren Kopf in ihren Händen haltend und nahe daraun, in Thränen zu zerfließen, obſchon ſie nie ein ſolches Gefühl der Freude und des Glückes ergriffen hatte. Der Saltea dor folgte ihr mit den Augen, bis ſie verſchwunden war; doch da die Ziege bei ihm blieb, ſtatt ihrer Gebieterin zu folgen, ſo dachte er, das Mäd⸗ chen ſei nicht ſehr weit gegangen. Da gab er einen Seufzer von ſich, hüllte ſich in ſeinen Mantel, legte ſich nieder und ſchloß die Augen, als wollte er ſchlafen. Nach einer Stunde des Schlafes oder der Träu⸗ merei hörte er ſich mit einer zärtlichen, aber dringen⸗ den Stimme rufen. Die Zigeunerin ſtand vor ihm in der Abend⸗ dämmerung und ſtreckte die Arme gegen den Liegen⸗ den aus. „Nun!“ fiagte Fernando,„was gibt es?“ „Schau!“ erwiederte die Zigeunerin. 93 „Ah! die Sonne iſt ſehr roth heute Abend bei ihrem Untergehen!“ ſprach raſch aufſtehend der Räuber. „Das bedeutet Blut für morgen!“ „Du irrſt Dich,“ verſetzte Gineſta;„dieſe Scheine find nicht die der untergehenden Sonne.“ „Was iſt es denn?“ fragte der Salteador, der nun erſt wahrnahm, daß er Rauch einathmete, und zugleich ein entferntes Kniſtern hörte. „Es ſind die Scheine des Brandes,“ erwiederte die Zigeunerin.„Das Feuer iſt im Gebirge.“ In dieſem Augenblick ſchoß wie der Blitz ein er⸗ ſchrockener Hirſch, gefolgt von einer Hirſchkuh und einem Hirſchkalbe, von Weſten nach Oſten fliehend vorüber. „Komm, Fernando!“ rief Gineſta;„der Inſtinct dieſer Thiere i*ſt ſicherer, als die Weisheit der Men⸗ ſchen, und indem er uns andeutet, nach welcher Seite wir zu fliehen haben, lehrt er uns, daß kein Augen⸗ blick zu verlieren iſt.“ ies war ohne Zweifel auch die Meinung von Fernando, denn er hing ſein Horn um ſeine Schulter, hüllte ſich in ſeinen Mantel, nahm ſeine Büchſe in die Hand und eilte in der Richtung fort, der der Hirſch, die Hirſchkuh und das Hirſchkalb folgten. Gineſta und ihre Ziege ſchritten ihm voran. 94 X. Das Feuer im Gebirge. Der Salteador, die Zigeunerin und die Ziege machten ſo ungefähr fünfhundert Schritte. Plötzlich aber hielt die Ziege an, erhob ſich auf ihren Hinter⸗ beinen, witterte den Wind und blieb unſchlüſſig ſtehen. „Nun! Maza, was gibt es?“ fragte das Mädchen. Die Ziege ſchüttelte den Kopf, als hätte ſie ver⸗ ſtanden, und blökte, als hätte ſie antworten wollen. Der Salteador horchte und athmete die Nachtluft ein, die mit harzigen Düften beladen vorüberzog. Es war ſo finſter geworden, als es in einer ſchö⸗ nen Sommernacht in Spanien werden kann. „Mir ſcheint, ich höre daſſelbe Kniſtern und ich rieche denſelben Rauch,“ ſagte der Salteador.„Soll⸗ ten wir uns getäuſcht haben und, ſtatt vor dem Brande zu fliehen, demſelben entgegengehen?“ „Der Brand iſt dort,“ erwiederte Gineſta gegen Weſten deutend,„und wir ſind ihm in einer ſo geraden Linie, als dieſes zu thun möglich iſt, entflohen.“ *„Du biſt deſſen ſicher?“ „Sieh dort den Stern Aldebaran, der zu unſerer Rechten war und noch iſt; das Feuer muß an zwei Orten des Gebirges ausgebrochen ſein.“ »Ausgebrochen oder angelegt worden ſein,“ mur⸗ melte Fernando, der die Wahrheit zu muthmaßen anfing. ſagen.“ „Warte,“ verſetzte Gineſta,„ich will es Dir en.. tluft ſchö⸗ ich voll⸗ dem egen den erer wei ur⸗ ßen Dir 95 Und die Tochter des Gebirges, welche mit dem Gebirge, mit ſeinen Schlünden, ſeinen Pics, ſeinen Maquis, ſeinen Thälern, und ſeinen Höhlen ſo ver⸗ traut war, als es ein Kind mit dem Parke des Schloſſes iſt, wo es aufgezogen worden, ſprang vorwärts, er⸗ reichte die Baſe eines faſt ſenkrecht abgeſchnittenen Felſens, ſtieg längs den ranhen Stellen des Granits hin, und überragte bald den Gipfel des Felſens, wie eine Statue ihr Piedeſtal überragt. Sie hatte nur fünf Minuten gebraucht, um hin⸗ aufzuſteigen, ſie brauchte nur eine, um wieder herab⸗ zuſteigen „Nun?“ fragte der Salteador. „Ja,“ erwiederte ſie. „Das Feuer?“ „Das Feuer!“ Sodann nach Süden deutend: „Dort; wir müſſen durch den Zwiſchenraum nehen ehe die zwei Extremitäten der Flamme ſich ver⸗ inden.“ Je mehr man gegen Süden vordrang, deſto wil⸗ der und dichter wurde die Vegetation; es waren die hohen Brombeergeſträuche, wo ſich gewöhnlich die Wildſchweine, die Wölfe und die wilden Katzen auf⸗ halten; ſelten wagten ſich die ſchwächeren Thiere, wie die Hirſche und die Rehe, auf das Gebiet ihrer furchtbaren Feinde, und man ſah dennoch wie fahle Blitze er⸗ ſchrockene Horden von dieſen Thieren vorüberziehen, welche vom Brande auf die Beine gebracht in der Richtung, die ihnen einen Durchgang verſprach, flohen. „Dorthin! dorthin!“ ſagte Gineſta;„ſei ohne Furcht, Fernando, dort iſt unſer Führer.“ Und ſie deutete auf den Stern mit den dreifachen Farben, gegen welchen ſie ihren Marſch lenkte. „So lange er ebenſo weit zu unſerer Linken iſt, . 96 als er vorhin zu unſerer Rechten war, werden wir auf dem guten Wege ſein,“ fügte die Zigeunerin bei. Nach einem Marſche von zehn Minuten verſchleierte ſich der Stern. „Oh! werden wir Sturm haben?“ fragte Fernando. „Es wäre ſchön, das Feuer und das Waſſer im Ge⸗ birge mit einander kämpfen zu ſehen.“ Gineſta blieb aber ſtehen, nahm Fernando bei der Hand und ſagte: „Es iſt keine Wolke, was den Stern verſchleiert.“ „Was iſt es denn?“ „Es iſt der Rauch.“ „Unmöglich! der Wind kommt vom Süden.“ In dieſem Momente lief ein heulender Wolf, der von Süden nach Norden floh, Flammen durch die Augen ſprühend, auf einige Schritte an den jungen Leuten vorüber, ohne auf die Ziege zu merken. Die Ziege merkte ihrerſeits nicht auf den Wolf: ſie ſchien mit einer andern Gefahr beſchäftigt. „Das Feuer! das Feuer!“ rief Gineſta,„wir kommen zu ſpät, wir haben eine Feuermauer vor uns.“ ſehen.“ Und er ergriff die erſten Aeſte einer Fichte und fing an an dem Baume hinaufzuſteigen. Kaum hatte aber ſein Fuß die Erde verlaſſen, als ein erſchreckliches Gebrülle über ſeinem Kopfe hörbar wurde. Gineſta zog den jungen Mann an ſich und zeigte ihm auf fünfzehn Fuß in den Aeſten des Baumes eine dunkle Maſſe, die ſich vom Azur des Himmels abhob. „SOhl⸗ rief Fernando,„du magſt immerhin brül⸗ len, alter Bär des Mulahacen, du wirſt den Brand nicht zurückweichen machen, und du würdeſt mich eben ſo „Warte,“ ſprach Fernando;„wir werden wohl r auf leierte ando. Ge⸗ i der ert.“ 97 wenig als ihn zum Weichen bringen, wenn ich Zeit hätte.“ „Nach Norden! nach Norden!“ rief Gineſta,„das iſt der einzige Ausweg, welcher offen bleibt.“ Und alle Bewohner des Gebirges, Hirſche, Hirſch⸗ kühe, Rehe, Wildſchweine, Kuder, Seite fort, wo die Flamme noch nicht erſchien. Ban⸗ die vor dem Feuer aufſtanden, ogen aufs Gerathewohl, ſtießen ſich an den Zweigen und fielen betäubt zu den Füßen „Könige der begrüßten, der ſich von der E att vom Himmel herabzuſteigen. „Komm, Fernando, komm!“ rief Gineſta, „Wohin! nach welcher Seite?“ 1 weuiger für ſich vielleicht, als für die junge Zigeunerin, welche, indem ſie ſich ihm anſchloß, eine Gefahr theilte, die ſie, in der Venta bleibend, hatte fliehen können. „Dorthin! dorthin! dort iſt der Stern des Norden vor uns. Folgen wir übrigens der Ziege, ihr Inſtinct wird uns führen.“ Und Beide liefen in der Nichtung fort, die ihnen nicht nur durch das Hausthier, das ſich zum Gefährten ihrer Flucht gemacht hatte, ſondern auch von den wil⸗ en Thieren bezeichnet wurde, welche wie durch den glühenden Hauch des Sirocco fortgeriſſen vorbei⸗ ſchoßen. Plötzlich blieb die Ziege ſtehen. „Es iſt unnöthig, länger zu fliehen,“ ſprach Fernando,„wir ſind von einem Feuerkreiſe einge⸗ ſchloſſen.“ Und er ſetzte ſich auf einen Felſen, als hätte er es für fruchtlos erachtet, weiter zu geheu. El Salteador. „komm.“ fragte Fernando, 7 98 Gineſta machte noch hundert Schritte vorwärts, um ſich zu verſichern, ob Fernando die Wahrheit ge⸗ ſprochen, ſodann aber, da die Ziege zuerſt zurückge⸗ blieben war und nachher völlig angehalten hatte, kehrte ſie wieder um und ging zu Fernando, der, den Kopf in ſeinen Händen, entſchloſſen ſchien, ohne einen Schritt weiter zu thun, die Entwickelung der erſchreck⸗ lichen Kataſtrophe abzuwarten. Es war indeſſen kein Zweifel mehr möglich; im Umkreiſe von ungefähr einer Meile erſchien der Him⸗ mel ganz blutig durch eine Rauchwolke. Man vernahm ein erſchreckliches Ziſchen und Pfei⸗ fen, das, immer näher kommend„die Fortſchritte des Brandes bezeichnete. Die Zigeunerin blieb einen Augenblick beim Sal⸗ teador ſtehen und bedeckte ihn gleichſam mit einem Blicke voll Liebe. Einer, der in ihrem Geiſte zu leſen im Stande gewe⸗ ſen wäre, hätte vielleicht darin die Angſt geſehen, die eine ſo verzweifelte Lage einflößen mußte, zugleich aber auch ein geheimes Verlangen, den jungen Mann mit ihren Armen zu umſchließen und hier auf dieſer Stelle mit ihm zu ſterben, ohne auch nur einen Schatten von einer Anſtrengung zu machen, um ſich zu retten. Sie ſchien indeſſen dieſer Verſuchung zu wider⸗ ſtehen und flüſterte, einen Seufzer ausſtoßend: „Fernando!“ Der Salteador ſchaute empor. 3 „Arme Gineſta,“ ſagte er,„ſo jung, ſo ſchön, ſo Art; und ich werde die Urſache Deines Todes ſein!. h! ich bin wahrhaft verflucht!“ „Thut es Dir leid um das Leben?“ fragte das Kind mit einem Tone, der bedeutete:„Mir thut es nicht leid darum.“ „Oh! ja, ja!“ rief der junge Mann;„ahl ich beklage es, das Leben verlieren zu ſollen.“ 3 uzu 1 rwärts, heit ge⸗ nrückge⸗ „kehrte n Kopf einen iſchreck⸗ ch; im r Him⸗ Pfei⸗ tte des Sal⸗ einem gewo⸗ en, die h aber in mit Stelle n von wider⸗ 8u, ſo in l., e das zut es ! ich 99 „Für wen?“ fragte Gineſta. Der junge Mann las nun vielleicht erſt, was im Herzen des Mädchens vorging. „Für meine Mutter,“ antworteteer. Das Mädchen gab einen Freudenſchrei von ſich. „Dank Dir, Fernando,“ ſprach ſie,„folge mir.“ „Warum Dir folgen?“ „Folge mir, ſage ich.“ „Wir ſind verloren,“ verſetzte Fernando, die Achſeln zuckend. „Wir ſind gerettet, Fernando! ich ſtehe für Alles,“ erwiederte die Zigeunerin. Fernando erhob ſich, zweifelnd an der Wahrheit er Worte, die er gehört. „Komm! komm!“ ſagte ſie,„Du beklagſt nur Kains Mutter, doch Deine Mutter ſoll Dich nicht be⸗ agen.“ Der junge Mann folgte ihr maſchinenmäßig mit dem inſtinctartigen Eifer, der jedes geſchaffene Weſen Man hätte glauben ſollen, die Ziege, als ſie die Flüchtlinge dieſer neuen Richtung folgen ſah, habe Führer zu dienen eingewilligt, indeß die anderen hiere, da ſie ſich in einem Feuerkreiſe eingeſchloſſen fühlten, keiner Richtung mehr folgten, auf das Ge⸗ rathewohl dahin und dorthin liefen und ſich überall Das Ziſchen des Brandes kam immer näher, und die Atmoſphäre, die man einathmete, fing an glühend Plötzlich ſchien das Ziſchen der Flamme an Stärke zuzunehmen und bei jedem Schritte, den die Flücht⸗ 100 linge in der Richtung machten, der ſie folgten, heftiger zu werden. Fernando hielt das Mädchen zurück, ſtreckte die Hand gegen die Seite, von der das Geräuſch kam, aus und rief: „Das Feuer iſt ja dort!“ „Iſt das möglich?“ verſetzte lachend die Zigeunerin, „biſt Du ſo wenig mit den Getöſen des Gebirges ver⸗ traut, daß Du das Nauſchen eines Waſſerfalls für das Ziſchen eines Brandes hältſt?“ „Oh! ja, es iſt wahr,“ ſprach Fernando, während er weiter ging,„Du haſt Recht, wir können dem Feuer entkommen; indem wir dem Bette des Waldſtro⸗ mes folgen und zwiſchen zwei Flammenvorhängen durchgehen, wie die Israeliten durch den Schutz des Herrn zwiſchen zwei Waſſermauern durchgegangen ſind. Glaubſt Du aber, das Bett des Stromes ſei nicht bewacht?“ „Komm immerhin,“ erwiederte Gineſta;„habe ich Dir nicht geſagt, ich ſtehe für Alles?“. Und ſie zog Fernando nach dem Plateau fort, von wo bei Tag wie ein Regenbogen, bei Nacht wie ein Mondſtrahl, die mächtige Cascade herabfiel, welche, nachdem ſie fünfundzwanzig Fuß unter ihrem Sturze auf einem Felſen aufgeprallt war, auf dem ſie ihre flüſſige Maſſe mit einem dem Donner ähnlichen Geräuſche brach, aufs Neue als Schaum in einen Abgrund von drei bis vierhundert Fuß ſprang, in deſſen Tiefe ſie, ſich ein Bett grabend, einen Strom bildete, der toſend und wüthend drei Meilen von da ſich ſodaun in den Kenil zwiſchen Armilla und Santa Fe ergoß. Nach einem Marſche von einigen Minuten hatten die Flüchtlinge das Plateau erreicht, von dem die Cas⸗ cade ſich in den Abgrund ſtürzte. Gineſta wollte auf der Stelle die erſchreckliche Niederſteigung beginnen; Fernando hielt ſie aber zu⸗ ſterur Feuer heftiger te die h kam, unerin, s ver⸗ ls für ährend n dem ldſtro⸗ dängen tz des angen nes ſei be ich „ von ie ein velche, 5turze üſſige iuſche d von e ſie, oſend den atten Cas⸗ kliche zu⸗ 101 rück. Beinahe beruhigt über ſein Leben und über das ſeiner Gefährtin, konnte er, vor Allem eine poetiſche Natur, dem Verlangen, die Größe der Gefahr zu er⸗ meſſen, der er entgangen war, nicht wiederſtehen. Für gewiſſe Menſchen ſind ſolche Gemüthsbewe⸗ gungen eine furchtbare Wolluſt. Das Schauſpiel war auch, man muß es geſtehen, herrlich. Der Flammenkreis hatte ſich zugleich gegen ſeinen Mittelpunkt verengt und in ſeinem Umfange ver⸗ größert. Ein ungeheurer Feuerbrand umſchloß den Berg und näherte ſich raſch den Flüchtlingen. Von Zeit zu Zeit erreichte der Brand den Fuß einer großen Fichte, wand ſich wie eine Schlange um ihren Stamm, lief längs ihren Aeſten hin und beleuch⸗ tete ſie wie eines von jenen für die königlichen Illu⸗ minationen beſtimmten Lampengerüſten. Einen Au⸗ genblick glänzte und praſſelte die Flamme; ſodann ent⸗ ging dem Feuerrieſen plötzlich ſeine Baſis, er fiel mitten in den ungeheuren Herd und machte bis zum Himmel gleichſam einen Funkenausbruch empor⸗ ſpringen. Ein ander Mal erreichte die Flamme eine Linie von harzigen Maſtixbäumen, rannte raſch wie ein Lauf⸗ feuer hin und durchbohrte mit einer glühenden Lanze den dunkeln, grünen Teppich, der die Flanken des Ber⸗ ges wattirte. rand verbreitete. Der junge Mann blieb einen Augenblick in Begei⸗ ſterung vor dieſem Lavameere, das raſch mit ſeinen Feuerzähnen die grüne Inſel zerfraß, von deren Höhe 102 herab er die Fortſchritte der glühenden Fluth betrach⸗ tete, die ſie, ehe eine halbe Stunde verging, ganz ver⸗ zehrt haben mußte. Aus dieſem noch unverſehrten Theile kamen Schreie aller Art hervor, Röhren der Hirſche, Geheul der Wölfe, Miauen der Kuder, Grunzen der Wild⸗ ſchweine, Kläffen der Füchſe, und wäre es Tag gewe⸗ ſen, ſo hätte man ſicherlich alle dieſe Thiere, ohne einen gegenſeitigen Haß, nur mit der Gefahr beſchäftigt, die ſie auf einem engen Raum vereinigte, mit einem wahn⸗ ſinnigen Laufe den Maquis, auf dem ſich ſchon ein warmer ſchwebender Dunſt, der Vorläufer des Brandes, ausbreitete, durchfurchen ſehen. Doch als hätte ſie mehr für Fernando befürchtet, als Fernando für ſie befürchtete, entzog Gineſta nach einem Augenblick den jungen Mann ſeiner ſchwindel⸗ artigen Blendung, rief ihn zum Gefühle ſeiner Lage zurück, und gab ihm das Beiſpiel von dem, was er noch zu vollbringen hatte, indem ſie ihm ihr zu folgen winkte und ſich zuerſt in den Abgrund wagte. XI. Das Ueſt der Taube. Dieſe Niederſteigung, mit der Gineſta vertraut zu ſein ſchien, war ſelbſt für Fernando gefährlich und wäre für einen Andern unmöglich geworden. Ein durch den Hauch des Windes getragener, an den Flanken des Berges hinſchwebender Dunſt wäre etrach⸗ z ver⸗ kamen Beheul Wild⸗ gewe⸗ einen t, die vahn⸗ n ein indes, cchtet, nach indel⸗ Lage as er olgen 3u und an äre 103 nicht anmuthiger und leichter geweſen, als es die junge Zigeunerin war, wie ſie ihren Fuß auf die kaum bemerkbaren Hervorragungen des faſt ſenkrecht abge⸗ ſchnittenen Felſens ſetzte. Zum Glück wuchſen ſtellenweiſe aus den Spalten des Granits Sträuche, welche im Nothfall als Stütz⸗ punkte für den Fuß von Fernando dienen konnten, während ſich ſeine Finger an den Lianen anklam⸗ merten, die längs der Mauer wie rieſige Tauſend⸗ beine hinkrochen. Es gab Augenblicke, wo ſelbſt die Ziege verlegen zu ſein ſchien und zögernd ſtille ſtand; alsdann war es Gineſta, die ihr, ohne daß man errathen konnte, wie, voranging und gleichſam den Weg zeigte. Von Zeit zu Zeit wandte ſie ſich um und ermu⸗ thigte Fernando durch die Geberde, denn die Stimme war unnütz geworden unter dem Lärmen, den der to⸗ ſende Waſſerfall, die ziſchenden Flammen und die im⸗ mer enger durch den Kreis des Brandes eingeſchloſ⸗ ſenen wilden Thiere durch ihr verzweifeltes Geſchrei machten. Mehr als einmal hielt die Zigeunerin zitternd an, da ſie Fernando über dem Abgrunde ſchweben ſah, über dem ſie durch die Flügel eines Vogels gehalten zu werden ſchien; mehr als einmal ſtreckte ſie die Hände gegen ihn aus; mehr als einmal ſtieg ſie ein paar Schritte zurück, um ihm die Stütze ihres Armes anzubieten. 4 Er aber, der ſich ſchämte, daß ihn eine Frau übertraf, welche nur ein Spiel da zu ſehen ſchien, wo nicht einmal, ſondern zwanzigmal Todesgefahr war, er bot alle ſeine Kräfte, ſeine ganze Unerſchrockenheit, ſeine ganze Kaltblütigkeit auf, und folgte der Ziege und dem Mädchen auf der phantaſtiſchen Niederſteigung. Nach ungefähr fünfundzwanzig Schritten, das heißt, 104 auf der Höhe angelangt, wo ſich die Cascade auf dem Felſen brach, hörte die Zigeunerin auf, ſenkrecht hinab⸗ zuſteigen, zog ſich ſchräge am Berge hin und näherte ſich dem Waſſerfalle, von dem fie ſich Anfangs aus Vorſicht entfernt hatte, weil der Waſſerſtaub durch die Feuchtigkeit, die er verbreitete, die Steine in der Nähe des Katarakts ſchlüpfriger und folglich gefährlicher machte. Der Brand ſtrömte übrigens einen ſo lebhaften Schein aus, daß er den abſchͤſſigen Weg faſt ſo glän⸗ zend beleuchtete, als es das Sonnenlicht gethan hätte. Fernando fing an den Plan von Gineſta zu be⸗ greifen, und es war auch bald kein Zweifel mehr dar⸗ über möglich. Mit zwei bis drei Sätzen hatte die Ziege den Felſen erreicht, auf deſſen äußerſtem Vorſprunge der Waſſerfall ſich brach; die Zigennerin kam beinahe zu⸗ gleich mit ihr hier an und wandte ſich raſch um, in der Abſicht, Fernando im Nothfalle ebendahin gelan⸗ gen zu helfen. So zu dem jungen Manne geneigt, dem ſie die Hand reichte, einerſeits umrahmt vom Ausſchnitte des dunklen Felſens, andererſeits von der Krümmung des Katarakts, der in den Reflexen des Brandes den Dia⸗ mantbogen einer von der Erde zum Himmel gebanten Brücke vorſtellte, ſchien ſie der Genius des Berges, die Fee des Stromes zu ſein. Nicht ohne Mühe ſtieg Fernando, ſo kurz er war, den Raum hinab, der ihn von ihr trennte. Der nackte Fuß der Zigeunerin hatte alle rauhe Stellen feſtge⸗ faßt, während der Schuh des Bergbewohners auf den⸗ ſelben abglitt. In dem Augenblick, wo er das Felſen⸗ plateau erreichen ſollte, glitſchte der Fuß des kühnen jungen Mannes aus, und es war um ihn geſchehen, hätte ihn nicht mit einer Kraft, der man ſie nicht fähig dem inab⸗ hherte aus h die Nähe licher aften glän⸗ hätte. u be⸗ dar⸗ den 2 der e zu⸗ „ in elan⸗ e die 2 des des Dia⸗ auten „die war, ackte ſtge⸗ den⸗ lſen⸗ hnen hen, ähig 105 geglaubt haben würde, Gineſta bei ſeinem Mantel zurückgehalten und ihm durch ihren Beiſtand Zeit ge⸗ geben, ſeinen Stützpunkt wiederzufinden. Sobald er dieſen Stützpunkt gefunden, war er mit einem Sprunge bei dem Mädchen und der Ziege. Doch als er auf dem Felſen, als er in Si⸗ cherheit war, entſchwanden Fernando die Kräfte; ſeine Beine bogen ſich, ſeine Stirne befeuchtete ſich mit Schweiß, und er wäre auf den Felſen gefallen, hätte er nicht unter ſeinem Arme, um ihn aufzuhalten, die bebende Schulter von Gineſta gefunden. Einen Moment ſchloß er die Augenlider, um dem Dämon des Schwindels Zeit zu laſſen, fern von ihm zu entfliehen. Als er ſie wieder öffnete, wich er zurück, geblendet von dem wunderbaren Schauſpiel, das er vor den Augen hatte. Durch den klaren, kryſtallhellen Waſſerfall ſah er den Brand, einem magiſchen Blendwerke ähnlich. „Oh!“ rief er unwillkürlich,„ſchau doch, Gineſta! Wie groß, wie ſchön, wie erhaben iſt dies!“ Gleich dem Adler, der um den Aetna ſchwebt, ſchlug die Seele des Dichters über dieſem in einen Vulcan verwandelten Berge. Da ſie fühlte, daß Fernando ihrer nicht mehr be⸗ durfte, ſo machte ſich Gineſta ſachte von dem krampf⸗ haften Umſchlingen des jungen Mannes los, überließ dieſen ganz ſeiner Beſchauung und drang in die Tiefen der Grotte ein, die ſich bald mit dem bleichen Scheine einer Lampe erleuchtete, einen ſanften Contraſt mit den Strahlen einer blutigen Helle bildend, welche aus dem entzündeten Berge hervorſprangen. Fernando war von der Beſchauung zur Reflexion übergegangen. Es war in ſeinem Geiſte kein Zweifel mehr: der Waldbrand rührte nicht von einem Zufalle 106 her: es war ein von den Officieren des zu ſeiner Ver⸗ folgung abgeſandten Detachement erſonnener Plan. Die drei Töne, die er mit dem ſilbernen Horne geblaſen, um ſeine Gefährten herbeizurufen, hatte den Soldaten, die die Räuber zu umſtellen beauftragt waren, angedeutet, an welchem Orte des Berges ihr Anführer ſein mochte. Zweihundert Soldaten, mehr vielleicht, waren jeder mit einer Fackel in der Hand abgegangen; ſie hatten einen ungeheuren Kreis gebil⸗ det, und Jeder hatte ſeine Fackel in ein harziges Dickicht, auf eine Lichtung voller Gräſer und Kräuter geworfen, und das Feuer hatte ſich mit einer Geſchwindigkeit ver⸗ breitet, welche die natürliche Brennbarkeit der Stoffe und die Glühhitze der vorhergehenden Tage erklärten. Ein Wunder allein hatte Fernando retten können. Dieſes Wunder war von der aufopfernden Ergebenheit von Gineſta vollbracht worden. Er wandte ſich in einer Bewegung der Dankbar⸗ keit um; denn erſt in den abgelaufenen paar Minuten hatte er in ſeinem Innern zuſammengefaßt, was er Alles dem Mädchen verdankte. Er ſah nun zu ſeinem Erſtaunen, erleuchtet durch den erwähnten bleichen Schein, eine Grotte, deren Daſein er, der Mann des Gebirges, bis dahin nicht geahnet hatte. Langſam näherte er ſich derſelben, und ſo wie er näher hinzukam, verdoppelte ſich ſein Erſtaunen. Durch eine ſchmale Oeffnung, welche vom Felſen Eingang in die Grotte gewährte, ſah er, wie die Zi⸗ gennerin eine Platte des Bodens dieſer Grotte aufhob und aus einer Art von Verſteck einen Ring, den ſie an ihren Finger ſtreifte, und ein Pergament, das ſie an ihrer Bruſt verbarg, hervorzog. Dieſe Grotte war aus dem Berge ausgehöhlt; gewiſſe Theile von ihren Wänden waren von Granit 107 wie der Felſen, auf dem Fernando ging; andere Theile waren einfach von Erde oder vielmehr von dürrem, zerreibbarem Sande zuſammengeſetzt, den man überall in Spanien findet, wenn man die leichte Lage von vegetabiliſchem Humus, welche den Boden bedeckt, weg⸗ genommen hat. Ein Moosbett mit friſchem Farnkraut beſtreut brei⸗ tete ſich in einer Ecke der Grotte aus; über dem Bette war in einem Rahmen von Eichenholz ein plumpes Ge⸗ mälde, das aus dem 15. Jahrhundert datiren mußte und eine von den Madonnen mit ſchwarzem Geſichte vorſtellte, von denen die katholiſchen Traditionen be⸗ haupten wollen, ſie ſeien das Werk des heiligen Lucas. Dem Bette gegenüber ſah man zwei Bilder von einem etwas weiter vorgerückten, aber minder reinen Geſchmacke als das erſte; ſie waren umſchloſſen von zwei vergoldeten Rahmen, deren Vergoldung jedoch die Zeit ein wenig beſchädigt hatte. Dieſe Bilder ſtellten einen Mann und eine Frau vor, von denen jedes eine Krone auf dem Haupte und über dem Haupte einen Titel, einen Namen und einen Beinamen hatte. Auf eine ſeltſame Weiſe gekleidet, wenigſtens ſo weit man das nach dem Wenigen, was man von ihrer Büſte ſah, beurtheilen konnte, mit einer phantaſtiſchen Krone der einer Königin des Orients ähnlich ge⸗ ſchmückt, hatte die Frau den dunklen Teint der Töchter des Süden. Bei ihrem Anblicke würde Jedermann, der Gineſta gekannt hätte, an dieſe gedacht und, wäre die ſchöne Zigeunerin da geweſen, natürlich den Kopf gegen ſie umgewandt haben; denn wenn man das Werk des Malers mit dem Gottes verglich, ſo fand man zwiſchen dem einen und dem andern eine auffallende Aehnlichkeit, obgleich man fühlte, daß Gineſta noch nicht zu dem Alter gelangt war, in welchem das Ori⸗ ginal des Portraits vor dem Maler geſtanden hatte. 108 Ueber der Krone fanden ſich die Worte geſchrieben: 3 LA REYXNA TOPACIO LA HERMOSA 8 Was getreu ins Deutſche überſetzt heißt: Königin Topas die Schöne. Prächtig gekleidet, trug der Mann die königliche Krone und eine Toque von ſchwarzem Sammet; ſeine langen, blonden, viereckig geſchnittenen Haare fielen auf beiden Seiten ſeines Geſichtes herab, deſſen weißer und roſiger Teint, im Widerſpruche mit dem der Frau, welche ſeine blauen Augen verliebt anzuſchauen ſchie⸗ nen, den Mann des Norden bezeichnete; er war übri⸗ gens ebenſo merkwürdig in ſeiner Art von Schönheit, als die Frau in der ihren. Der Eine und die Andere verdiente das ihrem Namen angehängte ſchmeichelhafte Beiwort, welches, wenn auch im Geſchlechte wechſelnd, doch daſſelbe für Beide blieb. EL REY FELIPPO EL HERMOSBSO Was beſagen wollte: König Philipp der Schöne. Der junge Mann umfaßte alle dieſe Gegenſtände mit einem Blicke. Doch ſein Auge verweilte, nachdem es einen Moment vom Moosbette zur Madonna hin und her geſchweift war, ganz beſonders auf den zwei Portraits. Gineſta hatte ihn eher ſich nähern gefühlt, als daß ſie ihn kommen gehört; ſie wandte ſich in dem Au⸗ genblick um, wo ſie, wie geſagt, den Ring an ihren Fin⸗ ger ſteckte und das Pergament an ihrer Bruſt verbarg. Miit einem Lächeln würdig einer Fürſtin, welche die Gaſtfreundſchaft eines Palaſtes geboten hätte, ſagte ſte ſodann in ihrer bilderreichen Sprache: Hen: iche eine elen ißer rau, hie⸗ bri⸗ heit, dere afte ud, nde dem und wei daß Au⸗ Fin⸗ arg. lche igte - 109 „Tritt ein, Fernando! und aus dem Neſte der Taube wirſt Du ein Adlerneſt machen.“ „Will mir vor Allem die Taube erklären, was für ein Neſt dies iſt?“ fragte Fernando. „Das, wo ich geboren bin,“ antwortete Gineſta, „wo ich auch aufgezogen worden bin; das, wohin ich zu⸗ rückkehre, um zu lachen oder zu weinen, ſo oft ich mich glücklich fühle oder leide. Weißt Du nicht, daß jedes geſchaffene Weſen eine unendliche Liebe für ſeine Wiege hegt?“ „Oh! ich weiß es, ich, der ich zweimal im Monat mein Leben wage, um eine Stunde mit meiner Mutter in dem Zimmer, wo ich geboren bin, zuzubringen.“ Nach dieſen Worten trat der junge Mann in die Grotte ein. „Da Gineſta ſo freundlich geweſen iſt, mir auf meine erſte Frage zu antworten,“ ſagte er,„ſo wird ſie mir wohl auch die zweite beantworten.“ „Frage, und ich werde antworten,“ ſprach die Zigeunerin. „Was für Portraits ſind dies?“ „Ich hielt Fernando für ein Kind der Städte; täuſchte ich mich?“ „Warum?“ „Kann Fernando nicht leſen?“ „Doch!“ „So leſe er.“ Und ſie hob die Lampe empor und beleuchtete die zwei Bilder mit ihrem zitternden Lichte. „Nun! ich leſe,“ ſagte Fernando. „Was lieſeſt Du?“ „Ich leſe: Königin Topas die Schöne.“ „Weiter?“ „Ich kenne keine Königin dieſes Namens.“ „Selbſt nicht unter den Zingaris?“ N 110 „Es iſt wahr, ich vergaß das; die Zigeuner ha⸗ ben Könige.“ „Und Königinnen,“ ſprach Gineſta. „Woher kommt es aber, daß dieſes Portrait Dir gleicht?“ fragte der Salteador. „Weil es das meiner Mutter iſt,“ erwiederte das Mädchen mit Stolz. Der junge Mann verglich die zwei Geſichter, und die von uns bezeichnete Aehnlichkeit fiel ihm wirk⸗ lich auf. „Und das zweite Portrait?“ ſagte er. „Thue, was Du beim erſten gethan haſt.“ „Wohll ich leſe, und ich ſehe: König Philipp der Schöne.“ „Wußteſt Du auch nicht, daß es in Spanien einen König genannt Philipp der Schöne gegeben hat?“ „Ich wußte es, denn ich habe ihn als Kind ge⸗ ſehen.“ „Ich auch.“ „Wohl als ein kleines Kind?“ ins Herz eindringen, daß man ſie ſein ganzes Leben hindurch bewahrt, in welchem Alter man ſie auch em⸗ pfangen haben mag.“ „Es iſt wahr,“ verſetzte Fernando mit einem Seuf⸗ zer,„ich kenne dieſe Erinnerungen! Doch warum hän⸗ gen die zwei Portraits einander gegenüber?“ Gineſta lächelte und ſprach: „Iſt es nicht das Portrait eines Königs und das einer Königin?“ „Allerdings, doch...“ Er ſchwieg, denn er fühlte, daß er den Stolz des Mädchens zu verletzen im Begriffe war. Sie fuhr immer lächelnd fort: „Doch der Eine, wollteſt Du ſagen, war König 7 „Ja, doch es gibt Erinnerungen, die ſo tief dnig 111 eines wirklichen Reiches, indeß die Andere Königin eines eingebildeten Reiches...“ „Ich geſtehe, dies war mein Gedanke, meine liebe Gineſta.“ „Vor Allem, wer ſagt Dir, daß das Königreich Aegypten ein eingebildetes Reich iſt, wer ſagt Dir, daß diejenige, welche von der ſchönen Nikaulis, Köni⸗ gin von Saba, abſtammt, nicht ebenſo wahrhaft Kö⸗ gin iſt, als König derjenige, welcher von Maximilian, Kaiſer von Oeſterreich, abſtammt?“ „Aber was iſt es denn mit Philipp dem Schönen?“ „Philipp der Schöne iſt der Vater von König Don Carlos, der morgen in Granada ſein ſoll. Ich habe alſo keine Zeit zu verlieren, wenn ich mir von König Don Carlos erbitten will, was er vielleicht Don Inigo abſchlägt.“ „Wie!“ rief Fernando,„Du gehſt nach Gra⸗ nada?“ „Auf der Stelle ſogar. Erwarte mich hier.“ „Du biſt toll, Gineſta.“ „In dieſer Höhle findeſt Du Brod und Datteln. Ich werde zurückgekehrt ſein, ehe Deine Vorräthe er⸗ ſchöpft ſind. Und was das Waſſer betrifft: Du ſiehſt, daran wird es Dir nicht fehlen.“ „öineſta, ich werde nicht dulden, daß Du für mich... „Nimm Dich in Acht, Fernando! läſſeſt Du mich nicht auf der Stelle gehen, ſo wird mir vielleicht das Feuer nicht erlauben, das Bett des Stromes zu er⸗ reichen.“. „Doch diejenigen, welche mich verfolgen, diejeni⸗ gen, welche aus dieſem Berge, wohin ſie wußten, daß ich mich geflüchtet, einen Flammengürtel gemacht ha⸗ ben,— ſie werden Dir den Durchgang verwehren: ſie werden Dich mißhandeln, vielleicht tödten.“ „Was ſoll man einem Mädchen thun, das vom 11² Brande im Gebirge überfallen mit ſeiner Ziege dem Bette eines Stromes folgend flieht?“ „Ja, in der That, Du haſt Recht, Gineſta,“ rief Fernando,„und wirſt Du gefangen genommen, ſo iſt es beſſer, es geſchieht fern von mir, als bei mir.“ „Fernando,“ ſprach das Mädchen mit ernſtem Tone,„wäre ich nicht ſicher, Dich retten zu können, ſo bliebe ich bei Dir, um mit Dir zu ſterben; doch ich bin ſicher, daß ich Dich rette, und ich gehe. Komm, Maza.“ Und ohne die Antwort des jungen Mannes abzu⸗ warten, ſandte ihm Gineſta ein letztes Lebewohl mit der Hand zu, eilte vom Felſen an die Seite des Ber⸗ ges, und ſtieg, leicht wie eine Schneeflocke, ſicher wie das Kletterthier, das ihr voranging, in den Abgrund hinab, deſſen Genius ſie zu ſein ſchien. Ueber den Abſturz geneigt, folgte ihr Fernando voll Bangigkeit mit den Augen, bis ſie das Bett des Stromes erreicht hatte, in welchem er ſie von Stein zu Stein hüpfend wie eine Bachſtelze vordringen ſah, und wo ſie bald zwiſchen den Flammenmauern, die ſich auf ſeinem doppelten Ufer erhoben, verſchwand. XII. Der König Don Carlos. Laſſen wir Fernando ruhig zwiſchen der Gefahr, der er entgangen iſt, und der vielleicht noch größeren bleiben, welche ihn bedroht, und ſchlagen wir denſel⸗ ben Weg ein wie Gineſta, gleiten wir wie ſie auf dem fahr, zeren nſel⸗ dem 113 entflammten Abhange des Berges bis zu dem Strome hin, dem ſie gefolgt, und in deſſen Krümmungen ſie verſchwunden iſt. Der Strom durchläuft, wie geſagt, einen Raum von drei bis vier Meilen und ergießt ſich zwiſchen Ar⸗ milla und Santa Fe in den Kenil. Wir werden ihm indeſſen nicht bis dahin folgen, ſondern ihn verlaſſen, wo ihn ohne Zweifel Gineſta verlaſſen hat, das heißt, in dem Augenblick, wo er ungefähr eine Meile von Armilla unter einem ſteiner⸗ nen Bogen eine Straße durchſchneidet, welche keine andere iſt, als die von Granada nach Malaga. Hier angelangt, haben wir nicht mehr zu befürch⸗ ten, wir könnten uns irren; die Straße, welche den Namen Straße von Malaga nach Caſabermaja ver⸗ dient hat und Fußpfad, zuweilen kaum ſichtbarer Fuß⸗ pfad wird, um die Sierra zu durchziehen, erweitert ſich unten am weſtlichen Abhange und wird wieder Straße von Gravia la Grande. Ihr ſeht im Vorübergehen, daß ein großes Feſt in Grauada ſtattfindet; ſeine tauſend Thürme ſind ge⸗ ſchmückt zugleich mit den Fahnen von Caſtilien und Aragonien, von Spanien und von Oeſterreich; ſeine ſiebenzigtauſend Häuſer ſind feſtlich aufgeputzt und ſeine dreimalhundert fünfzigtauſend Einwohner,— ſeit den ſieben und zwanzig Jahren, daß es von den mau⸗ riſchen Königen an die chriſtlichen Könige übergegan⸗ gen iſt, hat es ungefähr fünfzigtauſend verloren,— und ſeine dreimalhundert und fünfzigtauſend Einwoh⸗ ner ſind in den Straßen aufgeſtellt, welche vom Thore von Jaen, durch das Don Carlos ſeinen Einzug hält, zum Palaſte der Alhambra führen, wo man ſeine Woh⸗ nung in den Gemächern in Bereitſchaft geſetzt hat, welche ein Vierteljahrhundert vorher mit ſo großem Leide von König Boabdil verlaſſen worden ſind. El Salttador. 8 114 Auf der ſchattigen Steige, die auf einem ſanf⸗ ten Abhange zum Gipfel des Sonnenberges führt, wo ſich die Feſte erhebt und die Alhambra, dieſer von den Genien des Orients erbante Palaſt, blüht, iſt die Menge ſo zahlreich, daß man ſie durch ein Spalier von Hellebardieren im Zaume halten muß, welche von Zeit zu Zeit, da die Ueberredung fruchtlos geworden iſt, genöthigt ſind, den Schaft ihrer Pieken zu gebrau⸗ chen, um die Neugierigen in die Reihe, die ſie ver⸗ laſſen hatten, zurückzutreiben. Um dieſe Zeit iſt der Abhang, auf deſſen beiden Seiten in einem Bette von Kieſelſteinen ein friſches, mur⸗ melndes Waſſer um ſo reichlicher rollt, je wärmer es iſt, denn dieſes, am Tage vorher noch als ein weißer Mantel auf den Schultern des Mulahacen ausgebreitete, Waſſer kommt vom Schmelzen des Schnees her; um dieſe Zeit, ſagen wir, iſt der Abhang in ſeiner ganzen Breite frei, denn erſt ſpäter wird Don Luis, Marques von Mendoza, Haupt des Hauſes Mondejar, mitten auf dem Wege zu Ehren des Cäſar mit den blonden Haaren und dem rothen Barte den mit Wappenſchil⸗ dern geſchmückten Brunnen errichten, aus welchem eine Rieſenquelle in Diamantenſtaub emporſteigt, um in eiſigen Tropfen wieder niederzufallen, nachdem ihr Kri⸗ ſtall einen Augenblick an den Blättern der jungen Bu⸗ chen gezittert hat, welche durch das Verſchlingen ihrer Zweige eine für das Tageslicht undurchdringliche Laube bilden. Es iſt gewiß eine Coquetterie der Granadenſer, was ſie unter den zwanzig bis dreißig Paläſten, welche die Stadt enthält, den Palaſt wählen ließ, zu dem man durch dieſen kühlen Eingang gelangt: vom Thore der Granaten an, wo die Gerichtsbarkeit der Alhambra beginnt, bis zum Thore der Gerechtigkeit, durch das man in die eigentliche Feſte eintritt, wird kein Son⸗ nenſtrahl ſeine Augen blenden, und wäre nicht das ————— N anf⸗ ührt, von die von von rden rau⸗ ver⸗ iden nur⸗ es ißer tete, um azen ſues tten den hil⸗ eine in Kri⸗ Bu⸗ hrer ube ſer, lche dem vore bra das on⸗ das 11⁵ heiſere Zirpen der Baumgrille und das Geſchrei des Heimchens, ſo könnte er ſich, ſechzig Meilen von Afrika, unter den kühlen Schatten ſeines geliebten Flanderns glauben. Allerdings würde er in ganz Flandern vergebens ein Thor ſuchen, wie das, welches um das Jahr 1348 Unſeres Herrn von König Juſſuf Abul Hagiag erbaut worden iſt und ſeinen Namen Thor der Gerechtigkeit dem Umſtande verdankt, daß die mauriſchen Könige auf der Schwelle ihrer Paläſte Recht zu ſprechen pflegten. Wir ſagen Thor, doch wir müßten ſagen Thurm, denn es iſt ein wahrer Thurm, viereckig und durchbro⸗ chen von einem herzförmigen Bogen, über dem König Don Carlos als ein Beiſpiel der Unbeſtändigkeit der Dinge die doppelte mauriſche Hieroglyphe einen Schlüſ⸗ ſel und eine Hand vorſtellend ſehen kann: hat er ſeinen gelehrten Hofmeiſter Adrian von Utrecht bei ſich, ſo wird ihm dieſer ſagen, der Schlüſſel ſei da, um an den Vers des Korans zu erinnern, welcher mit den Worten beginnt: Er hat geöffnet, und die Hand ſtrecke ſich aus, um das böſe Auge zu beſchwören, das den Arabern und den Neapolitanern ſo ſchlimme Streiche ſpielt. Wendet ſich aber der König, ſtatt den Cardinal Adrian zu fragen, an das erſte das beſte Kind, an deſſen olivenfarbigem Teint, an deſſen großem Sammetauge, an deſſen gutturaler Ausſprache er er⸗ kennen muß, daß es zur mauriſchen Race gehört, die er zu verfolgen, anfangen und Philipp III. vollends aus Spanien verjagen wird, ſo wird ihm das Kind, den Kopf ſenkend und erröthend vor Scham, antwor⸗ ten, dieſe Hand und dieſer Schlüſſel ſeien auf die Ein⸗ gebung eines alten Propheten eingegraben worden, der geweiſſagt habe, Granada werde nur in die Gewalt der Chriſten fallen, wenn die Hand den Schlüſſel ge⸗ nommen habe. 116 Und ſich bekreuzend, wird ſodann König Carlos lächeln vor Verachtung gegen dieſe lügneriſchen Pro⸗ pheten, welche der Gott der Chriſten durch den glän⸗ zenden Sieg von Ferdinand von Aragonien und Iſa⸗ bella von Caſtilien, ſeine väterlichen und mütterlichen Ahnen, ſo grauſam Lügen geſtraft hat. Dieſes Thor, von dem man glauben ſollte, es ſei das des Firmaments,— dergeſtalt ſcheint es ſich, von unten geſehen, unmittelbar am Himmel zu öffnen,— iſt dieſes Thor einmal durchſchritten, ſo wird König Don Carlos auf den großen Platz de las Algives ausmünden; hier kann er einen Augenblick anhalten, ſich von ſeinem Pferde herab über die Bruſtmauer neigen und verloren in einem Abgrunde von Vegeta⸗ tion die mauriſche Stadt ſehen, welche er nur ein paar Tage bewohnt hat, und die ihm völlig unbekannt iſt; da wird er in der Tiefe den Darro erblicken, der Gra⸗ nada durchzieht, und den Kenil, der es umzieht; den Darro, der Silber, den Kenil, der Gold mit ſich führt; er kann in der weiten Ebene, die ihren arabiſchen Na⸗ men Vega beibehalten hat, ihrem doppelten Laufe fol⸗ gen, der gehemmt iſt von Cactus, von Piſtacienbäumen, von Oleandern, unter denen ſie ſich ſtellenweiſe verlie⸗ ren, um weiterhin dünn, gekrümmt und glänzend wie⸗ derzuerſcheinen, wie jene ſeidenen Fäden, welche die erſten Winde des Herbſtes der Spindel der Mutter des Herrn entreißen. Auf dieſem großen Platze ergehen ſich um einen Brunnen mit marmornen Randſteinen die Privilegir⸗ ten, den Einzug des Königs erwartend, der in dem Augenblick ſtattfinden ſoll, wo es zwei Uhr im Thurme der Vela ſchlagen wird; die Einen ſind begünſtigt durch den Titel, Ricos hombrePs, welchen eben dieſer König Don Carlos in den Gran den von Spanien verwan⸗ deln wird, wie er auch in den Titel Majeſtät den minder prunkhaften Hoheit verwandelt, mit welchem 117 bis dahin die Könige von Caſtilien und Arago⸗ l begnügt haben; die Anderen ſind Dons und Senores; nur ſind die Vorfahren dieſer Dons die Freunde des Cid Campeador geweſen und die Ahnen dieſer Senores waren die Gefährten von Pelayo, und der Geringſte von ihnen,— durch das Vermögen, wohl verſtanden, denn Alle waren ſich durch die Ge⸗ burt gleich,— und der Geringſte von ihnen hält ſich ſicherlich für ebenſo edel, als dieſen kleinen öſterreichi⸗ ſchen Prinzen, der in ihren Augen nur Spanier, das heißt Hidalgo durch ſeine Mutter Juanna die Wahn⸗ ſinnige, die Tochter von Iſabella der Katholiſchen, iſt. Alle dieſe alten Caſtilianer erwarten übrigens nicht viel Gutes von dem jungen König, deſſen germani⸗ ſcher Urſprung ſich in ſeinen blonden Haaren, in ſeinem rothen Barte und in dem hervorſtehenden Kinn, dem eigenthümlichen Charakter der Prinzen des Hauſes Oeſter⸗ reich, offenbart. Sie haben nicht vergeſſen, daß ſein Großvater Maximilian, der ſich für ſeinen Enkel wenig um den ſpaniſchen Thron, aber viel um die Kaiſer⸗ krone bekümmerte, ſeine Mutter, als ſie in geſegneten Umſtänden war, von Valladolid nach Gent kommen ließ, damit ſie in dieſer Stadt einen Sohn gebäre, der nicht nur Infant von Spanien, ſondern auch flämiſcher Bürger wäre. Man mag ihnen immerhin ſagen, alle Arten von glücklichen Vorzeichen haben die Geburt des prädeſtinirten Knaben begleitet, das am Sonntag den 22. Februar im Jahre 1500, alſo am Feiertage des heiligen Matthias zur Welt gekommen; Rutilio Benincaſa, der größte Aſtrolog des Jahrhunderts, habe wunderbare inge über ihn prophezeit hinſichtlich der Geſchenke, die ihm von ſeinem Pathen und ſeiner Pathe, dem Prinzen von Chimay und der Prinzeſſin Margarethe von Oeſterreich, an dem Tage gemacht worden ſeien, an welchem ſie mit kaiſerlichem Prunke vom Schloſſe nach der athedrale zogen, und den Neugeborenen über die Taufe 118 hoben, wobei er den Namen Karl zum Andenken an ſei⸗ nen mütterlichen Großvater Karl von Burgund, genannt der Kühne, erhielt; man mag ihnen immerhin ſagen, da die zwei Pathen dem Kinde an dieſem Tage Mar⸗ garethe von Oeſterreich ein Becken voll Edelſteine und der Prinz von Chimay einen goldenen Helm mit einem Phönix darauf geſchenkt haben, ſo ſei von Rutitio Be⸗ nincaſa hieraus prophezeit worden, derjenige, welcher dieſe Geſchenke empfangen, werde eines Tages König der Länder ſein, wo man Gold und Diamanten ernte, und er werde dem Vogel ähnlich, den er auf ſeinem Helme trage, der Phönix der König und der Kaiſer ſein; man mag ihnen Alles dies ſagen, ſie ſchütteln die Köpfe in der Exinnerung an die Unglücksfälle, welche ſeine Jugend begleiteten und von ſeinem Ein⸗ tritte in die Welt an die erhabenen Geſchicke, die ihm ihrer Anſicht nach die Schmeichelei und nicht die wirk⸗ liche Kenntniß der Zukunft verſprochen hatte, Lügen zu ſtrafen ſchienen. Und aus dem ſpaniſchen Geſichtspunkte haben ſie einiges Recht, zu zweifeln, denn im Jahre der Geburt des jungen Prinzen und während der Schwangerſchaft ſeiner Mutter empfand dieſe die erſten Symptome der Krankheit, gegen die ſie ſich, ohne ſie überwinden zu können, ſeit neunzehn Jahren ſträubt, und die ihr in der Geſchichte den ſchmerzlichen Beinamen Juanna die Wahnſinnige hinterlaſſen wird!... Denn kaum ſechs Jahre nach der Geburt des Infanten, an demſelben Datum des 22., ebenfalls am Sonntag, welche Data ihm ſo günſtig ſein ſollten, begab ſich ſein Vater Philipp der Schöne,— durch deſſen tolle Liebſchaften die arme Juanna in Folge von Eiferſucht den Verſtand verloren hatte,— Philipp begab ſich zum Frühſtück in ein Schloß in der Nähe von Burgos, das er einem ſeiner Lieblinge Don Juan Manuel geſchenkt; als er von der Tafel aufſtand, fiel es ihm ein, Ball zu ſpielen, ſei⸗ annt gen, Nar⸗ und nem Be⸗ ſcher jnig nte, neu niſer teln älle, Lin⸗ ihm irk⸗ gen ſie zurt zaft der zu in die 119 und nachdem er ſich hiebei ſehr erhitzt hatte, verlangte er ein Glas Waſſer, das ihm ein dem Gefolge des Königs und dem Hauſe von Don Manuel fremder Menſch reichte; er trank dieſes Glas Waſſer, und als⸗ bald fühlte er ſich von Schmerzen in den Eingeweiden erfaßt, was ihn nicht abhielt, am Abend nach Burgos zurückzukehren und am andern Morgen auszureiten, um das Uebel zu brechen; doch ſtatt daß er das Uebel gebrochen hätte, brach das Uebel ihn, ſo daß er ſich am Dienſtag zu Bette legte, am Mittwoch vergebens aufzuſtehen verſuchte, am Donnerſtag die Sprache ver⸗ lor und am Freitag, Morgens um elf Uhr, den Geiſt aufgab. Es bedarf kaum der Erwähnung, daß die ſtreng⸗ ſten Nachforſchungen angeſtellt wurden, um den Unbe⸗ kannten aufzufinden, der dem König das Glas Waſſer gereicht hatte. Man ſah ihn nicht wieder, und Alles, was man zu jener Zeit erzählte, ſchien mehr den Cha⸗ rakter der Fabel, als den der Wahrheit zu bieten. So ſagte, zum Beiſpiel, eines von den Gerüchten, die in Umlauf kamen, unter den zahlreichen Geliebten, welche König Philipp der Schöne gehabt, ſei eine Zigeunerin Namens Topas geweſen, die ihre Gefährten als vom Blute der Königin von Saba abſtammend betrachtet haben; dieſe Zigeunerin ſei mit einem Fürſten von Zingaris verlobt geweſen; da ſie ſich aber in Philipp verliebt, welcher, wie es ſein Beiname bezeichnete, einer der ſchönſten Edelleute nicht nur in Spanien, ſondern auf der ganzen Welt war,— ſo habe ſie die Liebe des edlen Zingaro verſchmäht, und dieſer habe ſich dadurch gerächt, daß er König Philipp das eiskalte Waſſer ge⸗ geben, das ſeinen Tod zur Folge gehabt. Wie dem ſein mag⸗ durch ein Verbrechen herbei⸗ geführt, oder ein natürliches Ereigniß, brachte dieſer Tod der armen Juanna einen unſeligen Schlag bei; ſchon von mehreren Anfällen des Wahnſinns heimge⸗ 12⁰0 ſucht, gerieth ihr Verſtand ganz und gar in Verwirrung. Sie wollte nicht an den Tod ihres Gemahls glauben; nach ihrer Meinung,— man ließ ſie ſo viel als mög⸗ lich in dieſem Irrthum,— war er nur eingeſchlafen, und in dieſem Glauben bekleidete ſie den Leichnam ſelbſt mit Gewändern, die ihm nach ihrer Anſicht am beſten ſtanden; ſie zog ihm ein Wamms von Goldſtoff und ſcharlachrothe Be inkleider an, hüllte ihn in einen mit Hermelin gefütterten carmeſinrothen Leibrock, gab ihm an die Füße ſchwarze Sammetſchuhe und auf den Kopf eine mit einer Krone geſchmückte Toque, ließ den Kör⸗ per auf ein Paradebett bringen und befahl, vierund⸗ zwanzig Stunden lang die Pforten des Palaſtes offen zu laſſen, damit ihm Jeder, als ob er leben würde, die Hand küſſen könnte. Endlich gelang es, ſie vom Todten zu ent⸗ fernen, den Leichnam einzubalſamiren und in einen bleiernen Sarg zu legen; wonach Juanna, immer im Glauben, ſie folge ihrem entſchlummerten Gemahl, den Sarg bis Tordeſillas, im Königreich Leon, begleitete, wo er in das Kloſter der heiligen Clara gebracht wurde. Zauberin, welche, als ſie von Flandern in Spanien den Sohn von Maximilian ankommen ſah, die Achſeln zuckend ausrief:„König Philipp der Schöne, Du wirſt, das ſage ich Dir, in Caſtilien mehr Weg todt als lebendig machen.“ Da ſie aber nicht auf die Hoffnung verzichtete, ihn ſich eines Tages von ſeinem Todtenbette erheben zu ſehen, ſo wollte Juanna nicht, daß er in einer Gruft beſtattet werde; ſie ließ ihn mitten im Chor auf eine Eſtrade legen, wo vier Hellebardiere Tag und Nacht Wache hielten und vier Franziscaner an den vier Ecken des Katafalks ſitzend beſtändig Gebete ſprachen. Hier fand bei ſeiner Ankunft in Spanien, zwei Und ſo verwirklichte ſich die Wahrſagung einer rung. uben; mög⸗ afen, ſelbſt beſten und mit ihm Kopf Kör⸗ und⸗ offen irde, ent⸗ inen r im den tete, racht iner nien ſeln irſt, als ihn zu ruft eine acht cen wei 121 Jahre vor der Epoche, zu der wir gelangt ſind, König Don Carlos, der das Meer mit ſechsundzwanzig Schif⸗ fen durchſegelt hatte und von Vließingen abgehend in Villa Vicioſa gelandet war,— hier, ſagen wir, fand König Don Carlos ſeine wahnſinnige Mutter und ſeinen hingeſchiedenen Vater wieder. Ein frommer Sohn, ließ er den ſeit elf Monaten verſchloſſenen Sarg öffnen, neigte ſich auf den mit einem rothen Gewande bekleideten und vollkommen er⸗ haltenen Leichnam, küßte ihn ernſt und kalt auf die Stirne, ſchwor ſeiner Mutter, er werde ſich nie als König von Spanien betrachten, ſo lange ſie lebe, und ſetzte ſeine Reiſe nach Valladolid fort, wo er ſich zum König krönen ließ. Aus Anlaß dieſer Krönung fanden Feſte und herrliche Turniere ſtatt, wobei der König ſelbſt Lanzen brach; da aber bei dem Streite, der auf die ritterlichen Spiele folgte, acht Herren, worunter zwei tödtlich, ver⸗ wundet wurden, ſo ſchwor der König, kein Turnier mehr zu geſtatten.. Es bot ſich übrigens Gelegenheit zu einem wirk⸗ lichen Kampfe ſtatt eines Kampfſpiels: Saragoſſa hatte erklärt, es wolle zum König einen ſpaniſchen Prinzen, und es werde einem flämiſchen Erzherzog ſeine Thore nicht öffnen. Doon Carlos erhielt dieſe Nachricht, ohne daß er im geringſten darüber in Bewegung zu gerathen ſchien. Sein blaues Auge verſchleierte ſich einen Moment un⸗ ter ſeinem zuckenden Deckel; dann gab er mit ſeinem dewöhnlichon Tone Befehl, gegen Saragoſſa zu mar⸗ en. „Der junge König ließ die Thore mit Kanonen⸗ ſchüſſen erbrechen, zog mit bloßem Degen in die Stadt ein, und es zogen zugleich mit angezündeter Lunte die anonen ein, welche bei ihrer Erſcheinung ihren Titel: letzter Beweisgrund der Könige, verdienten. 12² Von hier ſchleuderte er gegen die Räuberei die erſchrecklichen Decrete, welche, den Blitzen des olympi⸗ ſchen Jupiters ähnlich, Spanien in allen Richtungen durchfurchten. Es läßt ſich leicht begreifen, daß unter dem Worte Räuberei derjenige, welcher einſt Karl v. ſein ſollte, hauptſächlich Rebellion verſtand. Der düſtere junge Mann, der neunzehnjährige Tiber, ließ auch durchaus, keine Entſchuldigung über den Nichtvollzug ſeiner Befehle zu. Er war ſo weit mit ſeinem Kampfe aller Tage, der ſeit zwei Jahren währte, als am 9. Februar in Saragoſſa ein Courier ankam. Er hatte wegen des Eiſes und des Thauwetters achtundzwanzig Tage zur Reiſe von Flandern gebraucht und brachte die Nach⸗ richt, Kaiſer Maximilian ſei am 12. Januar 1519 ge⸗ ſtorben. An und für ſich klein, war Kaiſer Maximilian durch ſeine Zeitgenoſſen groß geworden. Franz 1. und Alexander VI. nöthigten ihn, von ihrer Höhe zu ſein. Papſt Julius II. ſagte von ihm:„Die Cardinäle und die Churfürſten haben ſich geirrt; die Cardinäle haben mich zum Papſt gemacht und die Churfürſten haben Maximilian zum Kaiſer gemacht; mich mußte man zum Kaiſer machen und Maximilian zum Papſt.“ Dieſer Tod verſetzte den jungen König in die größte Bangigkeit; wäre er dem Kaiſer auf ſeinem Sterbebette beigeſtanden, hätten dieſen zwei Staatsklu⸗ gen,— und das Kind war der Meiſter von Beiden, — hätten dieſe zwei Staatsklugen, der junge Mann den Greis unterſtützend, einige Schritte neben einander auf der Brücke gemacht, welche von der Erde zum Himmel führt, und bei einem Halte auf dem halben Wege zum Tode die Pläne feſtgeſtellt, die derjenige, welcher zum Leben zurückkehrte, verfolgen ſollte, ſo wäre die Wahl ei die lympi⸗ ungen Worte ſollte, ährige güber Tage, ar in n des 2 zur Nach⸗ 9 ge⸗ nilian von dinäle inäle irſten nußte u 123 von Karl nicht zweifelhaft geweſen; doch Alles dies war nicht geſchehen. Man hatte keine Vorſichtsmaß⸗ regel getroffen, ſo plötzlich und unerwartet war dieſer Tod gekommen; und der Unterſtützung des kurz zuvor verſtorbenen Cardinals Fimenes beraubt, umgeben von ſeinen geizigen, habgierigen Flamändern, welche ſeit drei Jahren Mittel gefunden, das arme Spanien elf⸗ malhunderttauſend Ducaten ſchwitzenlzu laſſen, hatte Don Carlos einen zu ſchlechten Eindruck auf dieſes Spanien hervorgebracht, das er in der Zukunft bereichern ſollte, jedoch in der Gegenwart zu Grunde richtete, um ohne Furcht die Unzufriedenheit, die unter ſeinen Tritten geboren wurde, ſich ſelbſt zu überlaſſen. Reiſte er nach Deutſchland, ſo war er nicht ſicher, zum Kaiſer gewählt zu werden; verließ er Spanien, ſo war er ſicher, nicht mehr König zu ſein. Und es riethen ihm doch Mehrere, ſich ſogleich einzuſchiffen und Spanien zu verlaſſen. Doch das war nicht die Meinung ſeines Rathes Adrian von Utrecht. Der ganze Kampf fand zwiſchen Franz I. von Frankreich und ihm ſtatt. „Rieeiiſte aber Don Carlos nicht ab, ſo reiſten doch ſähns Eifriaſten mit ſeinen königlichen Vollmachten ver⸗ eehen ab. „Ein Courier wurde insgeheim Papſt Leo X. geſchäct geheim an Papſt L „Was waren die Inſtructionen dieſes geheimen Bo⸗ ten? Wir werden es vielleicht ſpäter erfahren. Mittlerweile und damit der Courier, der ihm die Nachricht von der Wahl brächte, nicht achtundzwanzig Tag nöthig hätte, um bei ihm einzutreffen, verkündigte Don Carlos, er werde eine Reiſe in die ſüdlichen aonindan machen, Sevilla, Cordova und Granada be⸗ en. Der Courier hätte nur durch die Schweiz und 124 durch Italien zu eilen, ſich in Genua einzuſchiffen und in Valencia oder Malaga zu landen. Zehn Tage nach der Wahl würde Don Carlos das Reſultat erfahren. Sodann hatte man ihm geſagt, die Sierra Moren und die Sierra Nevada werden von Banditen verheert, Er wollte wiſſen, ob es Banditen oder Rebellen waren. Hievon der Befehl, die Sierra zu ſäubern, ein Befehl, der in Betreff des Salteador durch das aut⸗ richtſame Mittel, Feuer an den Berg zu legen, vol⸗ zogen worden war. XIII. Don Uuiz de Torrillas. Während nun der Berg brannte, erwartete man⸗ den König Don Carlos in Sevilla. Der Einzug ſollte, wie geſagt, um zwei Uhr Nachmit⸗ tags ſtattfinden; es fehlten nur noch ein paar Minuten, daß der Thurm der Vela das Zeichen gab, und mitt lerweile, bis der Sohn von Iſabella und Fernando in Rahmen des mauriſchen Thores, einer Reiterſtatue äbn⸗ lich, erſchien, gingen die Herren der erſten Familliel Andaluſiens auf dem Platze de las Algives auf und ab. 3 Unter allen dieſen vornehmen Edelleuten, welche allein oder zu zwei umhergingen, laut und in Gruppen, oder leiſe und beiſeit mit einander ſprachen, war Eine beſon aber mitter 5 genei des H einem moder derten Haar ſein ſein ſchmiͦ von ten, gehol Träu hafte Man welch merkſ verſich täuſch G ſeinen er da dem Sterl prüfe Hut bin, ¹ getha en und Carlos Norena erheert. ebellen n, ein s aut⸗ „vol⸗ mal ichmit⸗ 8 enuten. )mitt⸗ ndo in e ähn⸗ miliel nd ab. welch uppen, Einel 125 beſonders merkwürdig durch ſeine ſtolze Miene, zugleich aber auch durch ſeine tiefe Traurigkeit. Er ſaß auf dem marmornen Randſteine, der den mitten im Hofe gegrabenen Brunnen umgab. Auf ſeine flache Hand geſtützt und auf die Seite geneigt, ſo daß ſein ſchwermüthiger Blick in den Azur des Himmels tauchen konnte, war ſein Kopf bedeckt mit einem jeuer breitkrämpigen Filzhüte, von denen die modernen Hüte, während ſie ſich in der Form verän⸗ derten, den Namen Sombreros entlebnt haben; ſein Haare fielen in weißen Locken auf ſeine Schultern, ſein ergrauender Bart war viereckig geſchnitten und ſein Hals war mit der kreuzförmigen Decoration ge⸗ ſchmückt, die Iſabella und Fernando nach der Eroberung von Granada mit eigenen Händen denjenigen ertheil⸗ ten, welche muthig bei Vertreibung der Mauren geholfen hatten. Obgleich ſeine ſorgenvolle Miene vom düſteren Träumer die unbeſcheidene Neugierde oder die ſchwatz⸗ hafte Gleichgültigkeit fern hielt, ſchaute ihn doch ein Mann ungefähr von demſelben Alter, das derjenige, welchen wir zu ſchildern verſucht, haben mochte, auf⸗ merkſam ſeit einem Augenblick an, als wollte er ſich verſichern, daß er ſich nicht hinſichtlich ſeiner Identität täuſchte. Eiine Bewegung, die der Greis machte, indem er ſeinen Hut lüpfte und den Kopf ſchüttelte, als wollte er das Uebermaß von Traurigkeit von ſich werfen, unter dem ſich, ſo ſtark ſie auch ſein mögen, die Stirnen der Sterblichen beugen müſſen, ließ demjenigen, welcher ihn prüfend betrachtete, keinen Zweifel mehr. Dem zu Folge näherte er ſich ihm, nahm ſeinen Hut in die Hand und ſprach: „-Da ich ſeit meiner erſten Kindheit Euer Freund bin, ſo dünkt mir, es wäre ſchlecht von meiner Seite gethan, würde ich Euch nicht, Eure Traurigkeit wahr⸗ 126 nehmend, die Hand reichen und Cuch ſagen:„„Don Ruiz de Torrillas, wozu kann ich Euch nützen? worin kann ich Euch dienen? welchen Befehl habt Ihr mir zu geben?““ Bei den erſten Worten, die ſein Freund verneh⸗ men ließ, erhob Don Ruiz de Torillas das Haupt, und als er denjenigen erkannte, welcher mit ihm ſprach, reichte er ihm die Hand und erwiederte: „Don Lopez d'Avila, ich bin Euch verbunden. Ja, in der That, wir ſind alte Freunde, und Ihr beweiſt mir durch das Anerbieten, das Ihr mir macht, daß Ihr ein treuer Freund ſeid. Ihr wohnt immer noch in Malaga?“ „Immer noch; und Ihr wißt, daß Ihr, nahe oder fern, in Malaga wie in Granada über mich ver⸗ fügen könnt.“ Don Ruiz verbeugte ſich. „Hattet Ihr, als Ihr Malaga verließet, meinen alten Freund,— und, ich glaube, den Euren,— Don Inigo lange nicht geſehen?“ „Ich ſah ihn alle Tage... Ich habe meinen Sohn ſagen hören, Don Inigo und ſeine Tochter ſeien geſtern hier angekommen, nachdem ſie große Ge⸗ fahren im Gebirge gelaufen, wo ſie vom Salteador angehalten worden.“ Don Ruiz erbleichte und ſchloß die Augen. „Aber,“ ſprach er nach einem Augenblick, indem er durch eine große Willenskraft ſeine Stärke, welche dem Entſchwinden nahe, zurückgerufen hatte,„aber ſie ſind ihm entkommen?“ 4 „Das heißt, dieſer Räuber, der die Frechheit begeht, ſich einen Edelmann zu nennen, hat gegen ſie wie ein Fürſt gehandelt, wie mir mein Sohn erzählt; er hat ſie ohne Löſegeld und ſogar ohne Verſprechun⸗ gen entlaſſen, was um ſo ſchöner erſcheint, als Don gewöl Brund zu gle digten hambr Thore ſteigen D wo er pez w „„Don worin r mir derneh⸗ Haupt, ſprach, unden. d Ihr macht, immer nahe h ver⸗ reinen Don reinen ochtet e Ge⸗ eador ndem velche aber eit u ählt; chun⸗ Don 127 Inigo der reichſte Edelmann und Dona Flor das ſchönſte Mädchen Andaluſiens ſind.“ Don Ruiz athmete. „Er hat das gethan?u verſetzte er;„deſto beſſer.“ „Doch ich ſpreche von meinem Sohne Don Ra⸗ miro, und ich vergeſſe, mich nach Eurem Sohne Don Fernando zu erkundigen; er iſt immer noch auf der Reiſe?“ „Ja,“ antwortete Don Ruiz mit einer beinahe er⸗ loſchenen Stimme. „Das iſt eine ſchöne Gelegenheit, ihn zum Hofe des neuen Königs zu bringen, Don Ruiz. Ihr ſeid einer von den beſten Edelleuten Andaluſiens, und wenn Ihr den König um eine Gnade bitten wolltet, ſo bin ich, obgleich er nur Augen für ſeine Flamänder hat, dah überzeugt, daß er ſie Euch aus Politik bewilligen würde.“ „Ich habe den König Don Carlos in der That um eine Gnade zu bitten,“ erwiederte Don Ruiz;„ich bezweifle indeſſen, daß er ſie mir bewilligt.“ In dieſem Augenblicke ſchlug es zwei Uhr im Thurme der Vela. Dieſes zwei Uhr, das ſonſt in der Luft vi⸗ brirend, nur verkündigte, die Vertheilung des Waſ⸗ ſers werde ſtattfinden, hatte an dieſem Tage eine an⸗ dere Bedeutung. Die Waſſer ſtrömten nicht nur wie gewöhnlich in ihre Kanäle, ſprangen aus ihren Brunnen, drehten ſich in ihren Baſſins, ſondern da digten, König Don Carlos reite den Abhang der Al⸗ Don Nuiz de Torillas blieb allein an dem Platze, wo er ſich befand; nur ſtand er auf. Selbſt Don Lo⸗ pez war den anderen Herren gefolgt. 128 Die Fanfaren verdoppelten ſich, verkündigend, der König reite die Steige herauf und komme immer näher. Plötzlich erſchien er auf ſeinem großen, wie zur Schlacht mit Eiſen geharniſchten Streitroſſe. Er ſelbſt war mit einer golddamascirten Rüſtung bedeckt. Der Kopf allein war entblößt, als hätte er auf die Spanier durch das, was am Wenigſten Spaniſches an ihm war, einen ſtarken Eindruck machen wollen. Der Sohn von Philipp dem Schönen und Juanna der Wahnſinnigen hatte in der That, wie geſagt, nichts vom caſtilianiſchen Typus in ſeinem Geſichte, das, wenn man ſich ſo ausdrücken darf, ganz aus den Stei⸗ nen des Hauſes Oeſterreich gemacht war. Klein von Geſtalt, von unterſetztem Gliederbau, den Kopf ein wenig in die Schultern vertieft, genöthigt, um dieſen Kopf mit den kurz geſchnittenen blonden Haaren, mit dem rothen Barte, mit den blinzelnden blauen Augen, mit der Adlernaſe, mit den hochrothen Lippen, mit dem hervorſtehenden Kinn zu erheben, ihn gerade und ſteif zu tragen, als würde er durch ein ſtählernes Halsſtück aufrecht gehalten, hatte er, beſonders wenn er zu Fuße ging, etwas Gezwungenes, was verſchwand, ſobald er, ein vortrefflicher Reiter, ſein Pferd hand⸗ habte; denn je hitziger das Pferd war, deſto ſchöner war ſodann der Reiter. Man begreift alſo, daß ein ſolcher Fürſt, der, in phyſiſcher Hinſicht, nichts von den Don Pedro, den Enrique, den Fernando hatte, denn in moraliſcher Hinſicht war er ebenſo ſehr Juſticiar als der Erſte, ebenſo verſchmitzt als der Zweite, ebenſo ehrgeizig als der Dritte,— ſondern im Gegentheil beim erſten Anblick ganz Habsburg war, bei den Spaniern und voornehmlich bei den Andaluſiern nicht der Gegenſtand einer wüthenden Begeiſterung ſein konnte. Bei ſeiner Ankunft verdoppelten auch die Trompe⸗ id, der immer ie zur ſelbſt er auf riſches en. uanna nichts das, Stei⸗ n von df ein dieſen , mit Augen, , mit de und lerues wenn wand, hand⸗ chöner er, in „ den liſcher erſe ig a Aim n und nſtand ompe⸗ 129 ter ihr Geſchmetter, weniger vielleicht, um dem Enkel von Fernando und Iſabella Ehre zu erweiſen, als um durch ihre geräuſchvollen Fanfaren das Schweigen der menſchlichen Stimmen vergeſſen zu machen. Der König warf einen kalten, trüben Blick auf die Menſchen und die Oertlichkeiten, gab kein Gefühl des Erſtaunens kund, obgleich die Einen und die An⸗ dern ihm fremd ſein mußten und in der That völlig fremd waren, und ſtieg, ſein Pferd anhaltend, ab, nicht augenblicklich, nicht um in nähere Berührung mit einem Volke zu gelangen, ſondern weil der von dem zum Voraus feſtgeſetzten Ceremoniell gebotene Augen⸗ blick, abzuſteigen, gekommen war. Er hob nicht einmal den Kopf empor, um das ſchöne mauriſche Thor, unter welchem er durchkam, anzuſchauen; er drehte nicht einmal den Kopf, um in der kleinen Seitenkapelle die Inſchrift zu leſen, welche be⸗ ſagte, ſein Großvater Fernando und ſeine Großmutter Iſabella ſeien am 6. Jannar 1492 durch dieſes Thor gezogen, ihm ſiegreich und mitten durch ganz Spanien, das berauſcht vom Triumphe ſeiner Könige, den Weg vorzeichnend, dem er ſieben und zwanzig Jahre ſpäter ernſt und düſter folgte, mitten unter der ſchweigſamen Ehrfurcht, die den Marſch der Könige begleitet, deren gute Eigenſchaften man noch nicht kennt, während man ihre Fehler ſchon weiß. Ein Gedanke kochte und brauſte unabläſſig in die⸗ ſem Gehirne, wie ein fieberhaftes Waſſer in einem Gefäße kocht, ohne daß etwas von ſeiner Agitation außen bemerkbar wird; dieſer Gedanke war das glüh⸗ ende Verlangen nach dem Kaiſerthum. as konnte dieſes ehrgeizige Auge ſehen, das durch den Raum auf die Stadt Frankfurt geheftet war, wo im Wahlzimmer die große Verſammlung der Kurfürſten ſtattfand, gegen welche der Papſt, die Kö⸗ El Salteador. 3 9 13⁰ nige, alle Fürſten, alle Große dieſer Erde, wie Don Carlos, die Augen gerichtet und die Ohren ge⸗ öffnet hatten? „Wirſt Du Kaiſer ſein? das heißt, ſo groß als der Papſt, größer als die Könige?“ murmelte ewig die Stimme des Ehrgeizes im Herzen von Don Carlos. Was lag ihm an den andern Stimmen, wenn dieſe Stimme in ihm bebte? Wie geſagt alſo, um der Etignette zu gehorchen, und nicht in einer freiwilligen Regung ſeines Verlan⸗ gens oder um ſich allen dieſen Edelleuten, die ihn umgaben, zu nähern, ſtieg der König Don Carlos vom Pferde. ſei Auf der Stelle that ſein flämiſches Gefolge daſ⸗ e e. Dieſes Gefolge beſtand hauptſächlich aus dem Cardinal Adrian von Utrecht, ſeinem Hofmeiſter, dem Grafen von Chisvres, ſeinem erſten Miniſter, dem Gra⸗ fen von Lachau, dem Grafen von Porcian, dem Herrn von Furnes, dem Herrn von Beaurain und dem Hol⸗ länder Amersdorff. Von ſeinem Pferde herab hatte aber doch Don Carlos mit ſeinem Blicke, von dem man hätte glauben ſollen, er ermangle jedes Zieles, eine Gruppe von Edelleuten bemerkt, welche das Haupt bedeckt hielten, während alle Andere es entblößt hatten. Dieſe Gruppe ſchien allein ſeine Aufmerkſamkeit zu erregen. „Ricos hombres!“ ſagte er, indem er denjenigen, an welche er ſich wandte, durch einen Wink mit der Hand bedeutete, ſie mögen ſich ſeinem Gefolge anſchlie⸗ ßen, jedoch nach den flämiſchen Edelleuten. Die andaluſiſchen Herren verbeugten ſich und nah⸗ men den ihnen bezeichneten Platz ein, jedoch als Männer, welche einfach einem egeuenn Befehle gehorchen. Sodann ging der König voranſchreitend nach dem Palaſ ves g große Fenſt Page Platz Hut beme Blick ohne Seci deckt, auf 13¹1 Palaſte der Alhambra, der, vom Platze de las Algi⸗ ves geſehen, beim erſten Anblick dem Auge nur ein großes viereckiges Gebäude mit einem Thore, aber ohne Fenſter bietet. Don Carlos ging mit entblößtem Haupte; ein Page trug ſeinen Helm hinter ihm. Der Weg war frei, da Jeder, nach ſeinem Range, Platz im Gefolge des Königs genommen hatte. Ein einziger Mann ſtand an dieſem Wege mit dem Hut auf dem Kopfe. Der König, während er das Anſehen hatte, als bemerkte er ihn nicht, verlor denſelben nicht aus dem Blicke, und vielleicht wäre er an ihm vorübergegangen, ohne ſich auf ſeine Seite zu wenden und ohne eine Secunde anzuhalten, hätte Jener nicht, immer mit be⸗ decktem Haupte, bei Annäherung des Königs ein Knie auf die Erde geſetzt. Der König blieb ſtehen. „Ihr ſeid Rico hombre?“ fragte er. „Ja, Sire.“ „Von Aragonien oder Caſtilien?“ „Von Andaluſien.“ „Ohne Verbindung mit den Mauren?“ „Vor altem, reinem chriſtlichem Blute.“ „Ihr heißt?“ „Don Ruiz de Torrillas.“ „Steht auf und ſprecht.“ „Nur königliche Ohren allein können hören, was ich dem König zu ſagen habe.“ „Tretet auf die Seite,“ ſprach Don Carlos mit der Hand winkend. Und es traten Alle zurück und bildeten außer dem Bereiche der Stimme einen Halbkreis, vor welchem der König Don Carlos und der Rico hombre Don Ruiz de Torrillas ſtanden. „Ich höre,“ ſagte der König. 132 XIV. Der Großjuſticiar. „Sire,“ ſagte Don Ruiz, indem er aufſtand,„ent⸗ ſchuldigt, wenn meine Stimme zittert, aber ich fühle mich zugleich verwirrt und beklommen, daß ich Euch um eine Gnade, wie die, welche mich zu Euch führt, zu bitten habe.“ „Sprecht ſachte, damit ich Euch wohl verſtehe, mein Herr.“ „Es iſt wahr,“ erwiederte Don Ruiz mit mehr Stolz, als Hofkunſt,„ich vergaß, daß Eure Hoheit noch ſchwer Spaniſch ſpricht.“ „Ich werde es lernen, Senor,“ verſetzte kalt Don Carlos. 3 Sodann, nach einem Augenblick, wiederholte er: „Ich höre.“ „Sire,“ fuhr Don Ruiz fort,„ich habe einen Sohn von ſieben und zwanzig Jahren. Er liebte eine Dame; doch meinen Zorn befürchtend,— denn ich, muß mich vor Allem anklagen, daß ich einerſeits zu gleichgültig und andererſeits zu ſtreng gegen dieſen unglücklichen jungen Mann geweſen bin,— meinen Zorn befürchtend, hat er eine Verbindung mit ihr ohne meine Erlaubniß eingegangen, und obgleich ſie ihm die Rechte eines Gatten eingeräumt, verſchob er es doch von Tag zu Tag, ihr den Titel ſeiner Frau zu geben, den er ihr verſprochen hatte. Die Senora beklagte ſich bei ihrem Vater; der Vater war alt, und da Don Diego ſeine Arme zu ſchwach fühlte, um gegen einen zwanzigjährigen Arm zu kämpfen, ſo beauftragte * — 133 er ſeinen Sohn Don Alvar mit der Rache. Don Alvar wollte nicht die Entſchuldigungen meines Soh⸗ nes anhören,— der ſich, ich muß es ſagen, bei die⸗ ſem Anlaſſe mit mehr Klugheit benahm, als ich von ſeinem Charakter erwartet hätte,— Don Alvar wollte die Entſchuldigungen meines Sobnes nicht hören; die zwei jungen Leute ſchlugen ſich; Don Alvar wurde ge⸗ tödtet... „Ein Duell?“ unterbrach Don Carlos.„Ich liebe die Duelle nicht.“ „Es gibt Umſtände, Hoheit, wo ein Ehrenmann nicht zurückweichen kann, beſonders wenn er weiß, daß er beim Tode ſeines Vaters Rechenſchaft von ſeinen Handlungen wird ſeinem König abzulegen und von ihm ſeine Begnadigung mit bedecktem Haupte zu ver⸗ langen haben.“ „Ja, ich weiß, daß dies ein Privilegium von Euch Ricos hombres iſt. Ich werde Alles das regeln. Fahret fort.“ „Das Duell fand ohne Zeugen ſtatt. Der Vater von Don Alvar bezüchtigte meinen Sohn des Mordes und erhielt einen Verhaftsbefehl eegen ihn. Drei Alguazils erſchienen bei ihm und wollten ihn mit Gewalt und am hellen Tage ins Gefängniß führen. Mein Sohn tödtete zwei von ihnen, verwundete den Dritten und entfloh ins Gebirge.“ „Ah!“ ſprach Don Carlos, zum erſten Male, mehr als Zeichen der Drohung, denn als Zeichen des Wohl⸗ wollens, Don Ruiz duzend,„das heißt, Du biſt Rico hombre, doch Dein Sohn iſt Räuber... 2“ „Sire, der Vater iſt geſtorben, und mit ihm iſt ſein Jorn geſtorben; Sire, die junge Dame tritt in ein Kloſter ein, und ich bezahle ihre Ausſteuer, als ob ſie eine königliche Prinzeſſin wäre; Sire, ich habe mich mit der Familie der zwei todten Alguazils und mit dem verwundeten Alguazil abgefunden, doch bei 13⁴ dieſer Uebereinkunft habe ich mein ganzes Vermögen aufgebraucht, ſo daß mir von meinem väterlichen Erbe nur noch das Haus bleibt, das ich auf dem Platze de la Viva Rambla bewohne. Gleichviel, denn der Blutpreis iſt bezahlt, und mit einem Worte Eurer Hoheit wird ſich die Ehre des Mannes rein aus den Trümmern des Vermögens wiedererheben.“ Don Ruiz machte eine Pauſe, als er aber ſah, daß der König ſtumm blieb, fuhr er fort: „Hoheit, ich flehe Euch alſo zu Euren Füßen liegend an, Sire, ich beſchwöre Euch und zwar tau⸗ ſend und aber tauſendmal, da die Gegenpartei abſteht und er nur noch Eure königliche Gewalt gegen ſich hat, Sire, ich flehe Euch an und beſchwöre Euch, meinem Sohne zu verzeihen.“ Der König antwortete nicht. Don Ruiz fuhr fort: „Dieſe Verzeihung, o mein König!— ich wage es zu behaupten,— verdient er, nicht etwa durch ſich ſelbſt, obſchon, ich wiederhole es Eurer Hoheit, ich viel an dem, was er geworden, Schuld bin, ſondern wegen ſeiner edlen Ahnen, die Euch alle durch meine Stimme ſagen:„„Verzeiht, Sire, verzeiht!““ Don Carlos ſchwieg immer. Man hätte glauben ſollen, er höre ſeit einiger Zeit nicht mehr, ſo daß mit einem dringlicheren Tone und ſich faſt bis zu ſei⸗ nen Füßen verbeugend Don Rutz fortfuhr: „Sire, Sire, werft die Augen auf unſere Ge⸗ ſchichte, und Ihr werdet eine Menge Helden von mei⸗ nem Geſchlechte ſehen, denen die Könige von Spanien alle Arten von Ehre und Ruhm verdanken! Sire, habt Mitleid mit meinen weißen Haaren, mit meinen Bitten, meinen Thränen! Genügt das nicht, um Euer Herz zu rühren, habt Mitleid mit einer edlen Dame, mit einer unglücklichen Mutter! Sire, da Ihr der ſeid, welcher Ihr ſeid, durch Eure glückliche Gelangung lögen lichen dem denn Furer 3 den ſah, üßen tau⸗ ſteht hat, inem 13⁵ zum Throne von Spanien, durch Eure Mutter Juanna, durch Eure Großeltern Iſabella und Fernando, denen ich tapfer und redlich gedient habe, wie das Kreuz be⸗ zeugt, das ich am Halſe trage, ſo bewilligt mir, Sire, die Gnade, um die ich Euch bitte!“ Der König erhob das Haupt; die Wolke, die ſei⸗ nen Blick zu verſchleiern ſchien, klärte ſich auf; doch er ſprach mit einer kalten, jeder Gemüthsbewegung er⸗ mangelnden Stimme: Das geht mich nichts an. Wendet Euch an den Großjuſticiar von Andaluſien.“ Und er ging weiter. Die flamändiſchen und ſpaniſchen Herren folgten ihm und verſchwanden hinter ihm im Palaſte der Al⸗ hambra. Don Ruiz blieb allein niedergeſchmettert auf dem Platze de las Algives. Wir irren uns, wenn wir ſagen, Don Ruiz ſei allein auf dem Platze de las Algives geblieben: einer von den Herren vom Gefolge von Don Carlos bemerkte den unter dem Gewichte der königlichen Weigerung ganz gebeugten Greis, verweilte, ohne daß es abſichtlich zu geſchehen ſchien, bis zuletzt, kam, ſtatt den Andern in das Innere des mauriſchen Palaſtes zu folgen, raſch zu Don Ruiz de Torrillas zurück, blieb vor dem Greiſe, welcher dergeſtalt in ſeine Traurigkeit verſunken war, daß er ſeine Annäherung nicht bemerkte, ſtehen und ſagte:. „Wenn es ſich ein Edelmann zur Ehre ſchätzt, ſich ſeiner alten Freundſchaften zu erinnern, mein lieber Don Ruiz, ſo wollt den Gruß von einem der Männer, die Euch an Zärtlichſten zugethan ſind, empfangen.“ Don Ruiz erhob langſam ſein verdüſtertes Haupt, doch faum hatte ſich ſein Blick auf denjenigen geheftet, der ihm auf eine ſo liebevolle Weiſe den Gruß bot, als ein Blitz der Freude in ſeinen Augen zuckte. 136 „Ah! Ihr ſeid es, Don Inigo?“ ſagte er;„ich bin glücklich, Euch die Hand zu reichen, jedoch unter einer Bedingung...“ „ Unter welcher? Nennt ſie.“ „Daß Ihr die ganze Zeit, die Ihr in Granada verweilen werdet,— ich nehme keine Entſchuldigung an, das ſage ich Euch zum Voraus,— daß Ihr die ganze Zeit, die Ihr in Granada verweilen werdet, mein Gaſt ſeid.“ Don Inigo lächelte. „Ich habe hiezu nicht auf Eure Einladung ge⸗ wartet, Don Ruiz; und zu dieſer Stunde hat ſich meine Tochter Dona Flor ſchon bei Dona Mercedes eingeniſtet, welche ihr, ſo dringend wir ſie auch baten, ſte möge ſich in ihrer häuslichen Ordnung nicht ſtören laſſen, durchaus ihr eigenes Zimmer abtreten wollte.“ „Die Frau hat in Abweſenheit des Mannes ge⸗ than, was der Mann in Abweſenheit der Frau gethan hätte. Es ſteht alſo Alles gut dort...“ Sodann murmelte er mit leiſer Stimme und ſeufzend: „Ich möchte gern eben ſo viel von hier ſagen können.“ So leiſe er aber auch geſprochen, Don Diego hatte es gehört. 3 Ueberdies hatte er, wie alle die anderen Herren, Don Ruiz, vor dem König Don Carlos wie einen Menſchen, der um eine Gnade bittet, knieen ſehen, und es war nicht ſchwer zu begreifen geweſen, daß man ihm dieſe Gnade abgeſchlagen. 3„In der That,“ ſagte er,„mir ſcheint, Ihr wa⸗ ret nicht glücklich bei unſerem jungen König, mein lieber Don Ruiz.“ „Was wollet Ihr, Senor? der König Don Car⸗ los geſteht ſelbſt, daß er noch nicht Spaniſch kann, und ich meinerſeits bekenue, daß ich das Flämiſche noch 137 nie verſtanden habe... Doch kommen wir auf Euch zurück und ſprechen wir beſonders von Eurer reizenden Tochter, Don Inigo...“ Nach einem Augenblicke des Zögerns fuhr er mit einer beinahe zitternden Stimme fork: „Ich hoffe, daß das ſchlimme Zuſammentreffen geſtern im Gebirge keinen unangenehmen Einfluß auf ihre Geſundheit gehabt hat?“ „Ihr wißt das ſchon?“ fragte Don Inigo. „Ja, Senor. Was einem Manne von Eurer Be⸗ deutung widerfährt, iſt ein Ereigniß, das Adlerflügel hat. Don Lopez hat mir geſagt...(hier zitterte die Stimme von Don Ruiz noch ſtärker) Don Lopez hat mit geſagt, Ihr ſeiet vom Salteador angehalten worden.“ „Hat er Euch auch geſagt, ſich als Edelmann be⸗ nehmend und nicht als Bandit, habe ſich der ſo gefürch⸗ tete Räuberhauptmann, ein Löwe und Tiger gegen die Andern, zum Hunde und zum Lamme für uns gemacht?“ „Er hat mir etwas hievon geſagt; doch es macht mich glücklich, daß mir die Kunde von Euch beſtätigt wird.“ „Ich beſtätige ſie Euch und füge bei, daß ich mich erſt quitt gegen dieſen jungen Mann glauben werde, wenn ich das Verſprechen, das ich ihm geleiſtet, gehal⸗ ten habe.“ „Darf ich wiſſen,“ fragte zögernd Don Ruiz, „darf ich wiſſen, was für ein Verſprechen dies iſt?“ „Ich habe ihm bei meinem heiligen Schutzpatron geſchworen, ich werde, da ich mich von einem wahren Intereſſe für ihn erfaßt fühle, dem König Don Carlos keinen Augenblick Ruhe laſſen, bis er mir ſeine Be⸗ gnadigung bewilligt habe.“ „Er wird ſie Euch abſchlagen,“ erwiederte Don Ruiz, den Kopf ſchüttelnd. „Und warum?“ 138 „Fragtet Ihr mich nicht vorhin, was ich zu den 1 Füßen des Königs gethan habe?“ ke „Nun?“ „Ich bat ihn um dieſe Gnade.“ „Ihr?⸗ f „Ja.“ ſi „Und welches Intereſſe hegt Ihr für dieſen jungen K Mann? Sagt es mir, Don Ruiz, denn ich werde mit einer doppelten Dringlichkeit handeln, wenn ich weiß, fr daß ich zugleich für einen Freund von geſtern und für 8 einen Freund von dreißig Jahren handle.“. 8 „Gebt mir Eure Hand, Don Inigo.“ N de „Hier iſt meine Hand.“* S „Der Menſch, von dem Ihr ſprecht, iſt mlin Sohn.“ mn Don Ruiz fühlte die Hand von Don Inigo in der ſeinen ſchauern. „Euer Sohn?“ fragte er mit erſtickter Stimme; hi „Euer Sohn und der von Dona Mercedes?“ „Allerdings,“ antwortete Don Ruiz mit einem Lächeln voll bitterer Traurigkeit,„da Dona Mercedes E meine Frau iſt.“ „Und was hat Euch der König geantwortet?“ al „Nichts!“ vr „Wie, nichts?“ „Oder vielmehr, er hat mir durch eine Verweige⸗ m. rung geantwortet.“ ſen „Sagt mir die Ausdrücke dieſer Verweigerung.“ C. „Er hat mich an den Großjuſticiar von Andaluſien verwieſen.“ „Nun?“ „Der Großjuſticiar von Andaluſien war Don Ro⸗ drigo de Calmenare, und Don Rodrigo de Calmenare iſt todt.“ „Don Rodrigo de Calmenare iſt todt; doch ſeit acht Tagen hat der König einen Nachfolger ernannt, den 139 und geſtern iſt dieſer Nachfolger in Granada ange⸗ kommen.“ „In Granada?“ „Ja, und ich ſtehe Euch dafür, ich, Don Ruiz, höret Ihr wohl? ich ſtehe Euch dafür, daß Ihr nicht ſicherer Eurer ſelbſt ſeid, als des Mannes, den der König ernannt hat!“ Don Ruiz wollte ſeinen alten Kriegsgefährten be⸗ fragen, deſſen Vertrauen zur Vorſehung und zum Groß⸗ juſticiar von Andaluſien ihn ein wenig zu beruhigen anfing, da erſchien an der Thüre des Palaſtes, von der man nur durch einen Zwiſchenraum von zwanzig Schritten getrennt war, ein königlicher Bote und rief mit ſtarker Stimme: „Don Inigo Velasco de Haro, Großjuſticiar von Andaluſien, der König verlangt nach Euch.“ „Ihr, Senor Don Inigo,“ rief Don Ruiz im höchſten Erſtaunen,„Ihr Großjuſticiar von Andaluſien?“ „Sagte ich Euch nicht,“ ſprach Don Inigo, zum letzten Male Don Ruiz die Hand reichend,„ſagte ich Euch nicht, Ihr könnet auf den Großjuſticiar von An⸗ daluſien zählen wie auf Euch ſelbſt, und ich hätte mehr als auf Euch ſelbſt ſagen können, da ich der Nachfolger von Don Rodrigo de Calmenare bin.“ Und bedenkend, daß man einen König, von dem man eine Gnade zu erbitten hat, nicht darf warten laſ⸗ ſen, beeilte ſich Don Inigo, dem Befehle von Don Carlos mit ſo raſchem Schritte, als die Würde eines ſpaniſchen Rico hombre es erlaubte, Folge zu leiſten. 140 XV. Der Löwenhof. Man erlaube uns, den Großjuſticiar in das Innere des Palaſtes der mauriſchen Könige zu begleiten, wo Don Carlos eingetreten war, wo jener zum erſten Male eintreten ſollte, und wo unſere Leſer vielleicht nie ein⸗ getreten ſind. Dem Boten folgend, der ihn im Auftrage des Königs gerufen hatte, fing Don Inigo an einen Hof zu durchſchreiten, den man, ohne einen Unterſchied zu machen, den Myrtenhof, wegen der Menge von Myr⸗ ten, welche hier blühen, den Hof des Waſſerbehälters. wegen des ungeheuren Baſſin, das ſeinen Mittelpunkt bildet, und den Hof des Mazuar oder des Frauenbades nennt, weil ſich in dieſem Baſſin zur Zeit der mauri⸗ ſchen Kalifen die Frauen des Palaſtes badeten. Wären der Geiſt und das Herz von Don Inigo nicht zugleich von einer großen Sorge befangen ge⸗ weſen, ſo würde er gewiß, ſo ſehr ihn auch ſein umher⸗ ſchweifendes Leben mit den Monumenten der alten und ander neuen Welt vertraut gemacht hatte, ſchon in dieſem ken Hofe ſtille geſtanden ſein, auf deſſen Schwelle noch in unſeren Tagen der Reiſende erſtaunt, zögernd anhält, denn er erräth, daß er in die unbekannte, ge⸗ heimnißvolle Welt des Orients eintritt. Don Inigo ſchaute aber kaum empor, um auf ihrem Piedeſtal die herrliche Rieſenvaſe zu ſehen, welche die ſpaniſche Sorgloſigkeit heute im Winkel eines Muſeums verfallen läßt, das Niemand beſucht, und die damals die Hauptzierde dieſes Hofes bildete, den, ſich 141 uͤber die Balken von Cedernholz und die vergoldeten Ziegel des Daches erhebend, der Thurm von Comares beherrſchte, deſſen Zinnen ſich orangengelb und hoch⸗ roth von einem durchſichtigen blauen Himmel abhoben. Vom Myrtenhofe ging Don Inigo in das Vor⸗ zimmer, genannt: die Barca, vom Vorzimmer der Barca in den Saal der Geſandten; doch weder die Originalität der Form, die dem Vorzimmer den Namen Barke gegeben hat, noch die Verſchlingung der Ara⸗ besken, welche die Wände bedeckten, noch die herrliche Arbeit des grün, azurblau und voth angemalten Ge⸗ wölbes, eine Arbeit in Stuck mit der wunderbaren Zartheit ausgeführt, welche die geduldige Natur ver⸗ wendet, um in tauſend Jahren eine Stalactitenarbeit zu machen, konnten einen Augenblick Don Inigo dem Gedankeu entziehen, der ihn ganz allein erfüllte. Er ging ſo raſch, ſtumm an dem reizenden Pa⸗ villon noch heute genannt der Tocador der Königin vorüber, aus deſſen Fenſtern man das Generalife, wie eine ungeheure Gruppe von Oleandern erblickte, auf deren Gipfel Pfauen, Vögeln von Gold und Saphir ähnlich, ſitzen; ſodann durchſchritt er, ohne anzuhalten, den Garten der Lindaxara, heute ein ungebautes, mit Geſtrüppe bedecktes Terrain, damals ein Luſtſtück ganz rieſelnd von Blumen, ließ zu ſeiner Linken das Bad der Sultane, noch lau vom Athem der ſchönen Herzens⸗ kette und der ſtolzen Zobeide, und wurde in den* wenhof eingeführt, wo ihn der König erwartete. 3 Der Löwenhof iſt ſo oft beſchrieben worden, daß es beinahe nutzlos für uns iſt, ihn ebenfalls zu be⸗ ſchreiben; wir werden uns alſo darauf beſchränken, daß wir leicht ſeine Form und ſeine Hauptzierathen ſtizziren, ohne etwas Anderes davon vor unſeren Leſern erſcheinen laſſen, als die für unſere Inſcenirung noth⸗ wendige Anlage. Der Löwenhof iſt ein hundert und zwanzig Fuß 142 langes und dreiundſiebenzig Fuß breites Viereck, um⸗ geben von hundertundachtundzwanzig Säulen von wei⸗ ßem Marmor mit Kapitälen von Gold und Azur. Achtundzwanzig Fuß hohe Gallerien lauſen rings um den ungeheuren Patio, in deſſen Mitte ſich der be⸗ rühmte Löwenbrunnen erhebt. In dem Augenblick, wo Don Inigo in den Löwen⸗ hof eingeführt wurde, war dieſer in ein Zelt verwandelt worden und bedeckt mit Streifen von rothen, ſchwar⸗ zen und gelben Stoffen, die Farben von Spanien und Oeſterreich bildend und zum Brechen des zu glühenden Lichtes und der zu intenſiven Hitze der Sonne dienend. Durch alle ſeine Oeffnungen Waſſer ſprudelnd, diente der Löwenbrunnen überdies zu Erfriſchung des Speiſeſaals, in welchem man das dem König Don Carlos von der Stadt Granada und den Ricos hom⸗ bres von Andaluſien angebotene Mahl bereit hielt. Die Gäſte gingen, die Einen im Hofe ſelbſt, die Andern im Saale der zwei Schweſtern, der an den Hof anſtößt, wieder Andere auf der Gallerie, welche dieſer Hof beherrſcht, umher. An den Kopf von einem der goldenen Löwen an⸗ gelehnt, hörte Don Carlos ſeinem erſten Miniſter, dem Grafen von Chisvres, zu, während er unbeſtimmt die im Granit ſichtbaren röthlichen Flecken anſchaute, von denen man behauptet, es ſeien die Blutſpuren, welche hier die abgehauenen Köpfe der von den Zegris in vſeſe Falle gelockten ſechsunddreißig Abenceragen hinter⸗ ießen. Woran dachte Don Carlos und warum antwortete ſein im Raume verlorner Blick ſo ſchlecht auf die Rede ſeines erſten Miniſters? Er vergaß, daß er in Granada, im Löwenhofe war, um ſich in Gedanken nach Frank⸗ furt in das Wahlzimmer zu verſetzen, und die Tradi⸗ tionen der mauriſchen Bürgerkriege, ſo poetiſch ſie waren, verſchwanden in ſeinen Augen vor der Frage, um⸗ wei⸗ ings r be⸗ wen⸗ idelt war⸗ und nden eend. Ind, des Don om⸗ die den elche an⸗ dem die von elche in ter⸗ tete tede ada, ank⸗ adi⸗ ſie age, 143 welche in jedem Pulsſchlage ſeines Herzens ſummte: „Wer wird Kaiſer von Deutſchland ſein: Du oder Franz I.?⸗ In dieſem Augenblick trat der Bote auf den Kö⸗ nig zu und meldete, der Großjuſticiar von Andaluſien folge ihm. Don Carlos erhob das Haupt; eine Art von Blitz zuckte aus ſeinen Augen in der Richtung von Don Inigo, und als wollte er ſich von dem Kreiſe der flämiſchen Günſtlinge, der ſich um ihn bildete, abſon⸗ dern und ſich den Gruppen nähern, die am andern Ende des Hofes die ſpaniſchen Edelleute gebildet hat⸗ ten, ging er demjenigen, welchen er hatte rufen laſſen, entgegen. Als Don Inigo den König auf ſich zukommen ſah, begriff er ſeine Abſicht, blieb ſtehen und wartete, daß ihn der König anredete. „Du kennſt Don Ruiz de Torrillas?“ fragte der König den Großjuſticiar. „Ja, Hoheit; er iſt einer der trefflichſten Edelleute Andaluſiens, und er hat mit mir den Krieg gegen die Mauren unter Euren eerhabenen Ahnen Fernando und Iſabella gemacht.“ „Du weißt, was er ſich von mir erbeten hat?“ „Er hat Eure Hoheit um die Begnadigung ſeines Sohnes Don Fernando gebeten.“ „Du weißt, was ſein Sohn gethan hat?“ „Er hat im Duell den Bruder einer Dame, deren Liebhaber er war, getödtet.“ 4 „Sodann?“ „Er hat zwei Alguazils, welche ihn verhaften woll⸗ ten, getödtet und den dritten verwundet.“ „Sodann?“ „Er hat ſich in's Gebirge geflüchtet.“ „Sodann?“ Als er zum dritten Male dieſes Wort ſprach, hef⸗ 144 teten ſich die, gewöhnlich verſchleierten, ſtrahlenloſen, Augen mit der zähen Hartnäckigkeit und der Durchſich⸗ tigkeit des Genies auf die Augen von Don Inigo. Dieſer wich einen Schritt zurück; er hatte keinen Begriff, daß ein ſterblicher Blick einen ſo gewaltig blendenden Blitz ſchleudern konnte. „Sodann?“ ſtammelte er. „Ja, ich frage Dich, was er, als er einmal im Gebirge war, gethan habe?“ „Sire, ich muß Eurer Hoheit geſtehen: fortgeriſſen durch das Ungeſtüm ſeines Alters...“ „Iſt er Räuber geworden! er plündert die Rei⸗ ſenden, ſo daß derjenige, welcher von meiner Stadt Granada nach meiner Stadt Malaga, oder von meiner Stadt Malaga nach meiner Stadt Granada gehen will, ehe er ſich auf die Reiſe begibt, ſein Teſtament machen muß.“. „Sire!“ „Es iſt gut... Sage nun, mein Großjuſticiar, was denkſt Du, daß mit dieſem Räuber zu thun iſt?“ Don Inigo bebte, denn es lag in der Stimme dieſes neunzehnjährigen Mannes ein Ausdruck von Un⸗ beugſamkeit, der ihn für die Zukunft ſeines Schützlings erſchreckte. 4 „Sire, ich denke, daß man der Jugend viele Dinge verzeihen muß.“ „Wie alt iſt Don Fernando de Torrillas?“ fragte der König. Don Inigo ſchien in ſeinem Gedächtniß ein ſchmerz⸗ liches Datum zu ſuchen und erwiederte mit einem Seufzer: „Er muß ſieben und zwanzig Jahre alt ſein, Sire.“ „Acht Jahre älter als ich,“ ſagte Don Carlos. Und ſeine Betonung bezeichnete:„Was ſprichſt Du von Jugend in Beziehung auf einen ſieben und zwanzig 145 jährigen Menſchen? Ich zähle neunzehn Jahre, und ich bin alt!“ „Sire,“ ſagte Don Inigo,„das Genie hat Eure Hoheit vor den Jahren alt gemacht, und Don Carlos darf die andern Menſchen nicht nach ſeinem Wuchſe meſſen, die andern Menſchen nicht auf ſeiner Wage wägen.“ „So laß alſo Deine Anſicht als Großjuſticiar hören.“ „Meiner Anſicht nach walten beſondere Umſtände ob: Don Fernando iſt ſtrafbar, doch es gibt Entſchul⸗ digungsgründe; er gehört einer der erſten Familien Andaluſiens an; ſein Vater, ein würdiger, ehrenwerther Edelmann, hat alle gewöhnlich vom Mörder durch die Familie des Opfers verlangte Bedingungen erfüllt, und es wäre gut, wenn König Don Carlos ſeinen Durchzug durch Andaluſien durch einen Act der Milde und nicht durch einen Act der Strenge bezeichnen würde.“ „Das iſt Deine Anſicht, Don Inigo?“ „Ja, Sire,“ erwiederte ſchüchtern der Edelmann, indem er die Augen vor dem Adlerblicke des jungen Königs niederſchlug. „Dann bedaure ich, Don Ruiz an Dich verwieſen zu haben... Ich behalte dieſe Sache für mich und werde darüber nach meinem Gewiſſen entſcheiden.“ Hienach wandte ſich der König an die ihm nächſte Gruppe und rief: „ur Tafel, meine Herren! und laßt uns raſch ſpeiſen! Mein Großjuſticiar hier findet, ich ſei ein zu ſtrenger Richter, und ich will ihm ſo bald als möglich beweiſen, daß ich nicht ein Richter, ſondern die Ge⸗ rechtigkeit bin.“ Und zu Don Inigo zurückkehrend, der noch ganz betäubt von dieſem mächtigen königlichen Willen eines El Salteador. 10 146 kaum der Kindheit entwachſenen jungen Mannes da⸗ ſtand, ſprach er: „Setze Dich auf meine Rechte, Don Inigo. Wenn wir von der Tafel gehen, werden wir mit ein⸗ ander die Gefängniſſe von Granada beſuchen, und dort finden wir wohl Gelegenheit, eine beſſer verdiente Gnade, als die, welche Du von mir verlangſt, zu üben.“ Don Carlos näherte ſich ſodann dem für ihn be⸗ ſtimmten Fauteuil, legte die Hand auf die Krone, welche über der Lehne angebracht war, und murmelte: „König! König! iſt es der Mühe werth, König zu ſein? Es gibt nur zwei beneidenswerthe Kronen auf der Welt: die des Papſtes und die des Kaiſers!“ Und als der König ſich, mit Don Inigo zu ſeiner Rechten und dem Cardinal Adrian zu ſeiner Linken, an die Tafel geſetzt hatte, nahm Jeder Platz nach ſei⸗ nem Range und ſeiner Würde. Eine Viertelſtunde nachher,— was die Befangen⸗ heit des Königs bewies, der, ein unermüdlicher Eſſer, gewöhnlich zwei Stunden zu ſeinem Mahle brauchte,— eine Viertelſtunde nachher ſtand Don Carlos von der Tafel auf und entfernte ſich, ſelbſt die Begleitung ſeiner Lieblinge, der flämiſchen Edelleute, ausſchlagend und vom Juſticiar allein gefolgt, um die Gefängniſſe von Granada zu beſuchen. Als er aber auf die Schwelle des Gartens der Lindaxara kam, traf er ein Mädchen, das, da es von den Thürſtehern die Erlaubniß, weiter vorzudringen, nicht erhalten, um die, hier bleiben zu dürfen, gebeten hatte. Dieſes Mädchen, welches, obgleich bizarr gekleidet, durch ſeine Schönheit merkwürdig war, ſetzte ein Knie auf die Erde, als es den König erblickte, und reichte ihm mit einer Hand einen goldenen Ring und mit der andern ein Pergament. 1 Don Carlos bebte bei dieſem doppelten Anblick. der von gen, beten idet, Knie ichte der ick. 147 Der goldene Ring war der der Herzoge von Bur⸗ gund, und das Pergament bot unter ein paar mit deutſchen Buchſtaben geſchriebenen Zeilen die Allen, beſonders aber dem König Don Carlos, denn es war die ſeines Vaters, wohlbekannte Unterſchrift: „König Philipp.“ Don Carlos ſchaute mit Erſtaunen zuerſt den Ring, ſodann das Pergament und endlich die ſeltſam gekleidete junge Perſon au. „Leſet, Hoheit!“ ſprach ſie im reinſten Sächſiſch. Es beurkundete ſchon eine gewandte Schmeichelei, mit Don Carlos die Sprache dieſes Deutſchlands zu ſprechen, wo er erzogen worden, und das ihm ſo theuer war. Der König fing auch an dieſe ſeinen Augen ver⸗ trauten Charaktere zu leſen, indem er bei jeder Zeile, faſt bei jedem Worte ſeinen Blick vom Pergament auf dis Mädchen und vom Mädchen auf das Pergament enkte. Nachdem er zu Ende geleſen, ſagte er: „Don Inigo, es begegnet mir ein Ereigniß, das mich nöthigt, um eine Stunde unſern Beſuch in den Gefängniſſen zu verſchieben. Habt Ihr etwas zu thun, 5 verfügt über Eure Zeit, wo nicht, ſo erwartet mich ier.“ „Ich werde Eure Hoheit erwarten,“ erwiederte Don Inigo, der in dem Mädchen mit dem goldenen Ringe und dem Pergamente die kleine Zigeunerin der Venta zum Maurenkönig erkannt hatte und vermuthete, es müſſe eine Beziehung zwiſchen dieſem Beſuche von Gi⸗ neſta und der Begnadigung ſtattfinden, um welche Don Ruiz und er den König Don Carlos ſo fruchtlos zu Gunſten des Salteador gebeten hatten. König Don Carlos antwortete der Zigennerin nur in derſelben Sprache, in der ſie ihn angeredet: „Folget mir!“ und bezeichnete ihr den Weg, der zum ¹ 5 148 Mirador der Königin, einem kleinen Pavillon, führte, Na welcher dieſen Titel der Vorliebe verdankte, den ihm und Iſabella die Katholiſche während ihres Aufenthaltes in der Alhambra gewährte. wie und 1 Erl Erl Sd XVI. deu Der La Reyna Topacia. in Oef Man weiß ſchon, welchen geringen Einfluß der gun Anblick der äußeren Gegenſtände auf Don Carlos zu viel haben ſchien, wenn die herbe Spannung eines inneren nig Gedankens ihn in Anſpruch nahm. Er ſtieg alſo die Kör paar Stufen hinauf, welche zum ehemaligen Ankleide⸗ ihm cabinet der Sultaninnen führten, das ſeit der Erobe⸗ der rung von Granada das Betzimmer der Königinnen von Kin Caſtilien geworden war, ohne die fantaſtiſche Sculptur⸗ lich arbeit zu bemerken, welche die Wand tapezirt, den Pla⸗ hab' fond bedeckt und von mauriſchen Säulchen von einer Feinheit und einer Einbildungskraft getragen wird, die ſchie doch die Blicke eines Königs anzuziehen verdienten. 4 Doch, wie geſagt, ein Fantom ſeines Geiſtes, ſeiner ihr Imagination oder ſeines Verlangens verfolgend, ſchien Hoh der König abſichtlich ſeine Augen für alle dieſe Wunder 1 zu ſchließen, die ſich bei jedem Schritte auf ſeinem Wege mit wie heraufbeſchworene Geiſter des Orients erhoben. 1 Im Mirador angelangt, blieb Don Carlos ſtehen, liebt und ohne einen einzigen Blick auf das bewunderungs⸗ Syn würdige Panorama zu werfen, das die Kunſt und die wen er 5 der s zu eren die eide⸗ obe⸗ von tur⸗ Pla⸗ iner die einer hien nder Vege hen, ngs⸗ die 149 Natur um ihn her entrollten, wandte er ſich an Gineſta und ſprach: „Ich erkenne den Ring, ich erkenne das Pergament: wie iſt Beides in Deine Hände gekommen?“ „Meine Mutter iſt geſtorben und hat mir den Ring und das Pergament hinterlaſſen; das war mein einziges Erbe, doch Ihr ſeht, Hoheit, es war ein königliches Erbe.“ „Woher hat Eure Mutter König Philipp den Schönen gekannt? warum iſt der Brief meines Vaters deutſch geſchrieben? wie kommt es, daß Ihr ſelbſt Deutſch ſprecht?“ „Meine Mutter hatte König Philipp den Schönen in Böhmen kennen lernen, als er nur Erzherzog von Oeſterreich war. Unter ſeinen zahlreichen Liebesnei⸗ gungen war die, welche er für meine Mutter hegte, vielleicht die einzige, die nie abnahm. Als der Kö⸗ nig im Jahre 1506 nach Spanien reiſte, um ſich zum König ausrufen zu laſſen, befahl er meiner Mutter, ihm zu folgen. Doch meine Mutter willigte nur unter der Bedingung ein, daß der König anerkenne, das Kind, welches ſie zwei Jahre vorher geboren, ſei wirk⸗ lich ſein. Da gab er ihr das Pergament, das Ihr habt, Sire.“ Und dieſes Kind?“ fragte Don Carlos, einen ſchiefen Blick auf das Mädchen werfend. „Dieſes Kind,“ erwiederte die Zigeunerin, ohne ihr ſtolzes Auge niederzuſchlagen,„dieſes Kind bin ich, Hoheit.“ 4 „Gut,“ ſprach Don Carlos,„ſo verhält es ſich mit dem Pergamente; doch der Ring?“ „Meine Nutter hatte oft den König, ihren Ge⸗ liebten, um einen Ring gebeten, der, wenn nicht das Symbol ihrer Verbindung vor den Menſchen, doch wenigſtens das ihrer Verbindung vor Gott wäre, und der König hatte ihr immer nicht nur einen Ring, ſon⸗ 150 dern dieſen Ring verſprochen, der ihm als Siegel diente, damit ſie, wie er ſagte, eines Tags die Tochter ſeiner Liebe vom Sohne ſeiner Ehe könnte anerkennen laſſen. Meine Mutter hatte ſich auf dieſes Verſprechen verlaſſen und drang bei ihrem königlichen Liebhaber nicht auf Erfüllung. Warum in ihn dringen? warum vom Sohne das verlangen, was der Vater ſelbſt thun konnte? Sie war zwanzig Jahre alt und ihr Liebhaver acht und zwanzig.. Ach! eines Tags jagte ein Mann im Galopp auf der Straße von Burgos nach Santivanez hin; meine Mutter ſtand auf der Schwelle ihres Hau⸗ ſes; ich, ich ſpielte unter den Blumen des Gartens mit den Schmetterlingen und den Bienen. „„Königin Topacia,“ rief dieſer Mann,„willſt Du Deinen Liebhaber ſehen, ehe er ſtirbt, ſo mußt Du Dich beeilen.““ „Meine Mutter blieb einen Augenblick ſtumm und unbeweglich vor Beſtürzung; ſie hatte einen Zingaro⸗ Fürſten erkannt, der ſie ſeit fünf Jahren liebte, der ſie ſeit fünf Jahren heirathen wollte, und den ſie immer mit Verachtung zurückgewieſen. Ohne etwas Anderes zu ſagen, als die drei Worte:„„Komm, mein Kind!““ nahm ſie mich ſodann in ihre Arme und trug mich in raſchem Laufe nach Burgos. Als wir beim Palaſte ankamen, war der König dahin zurückgekehrt, und von fern ſahen wir das Thor hinter dem letzten Manne ſeines Gefolges ſich ſchließen. Meine Mutter wollte ſich dieſes Thor öffnen laſſen; eine Schildwache war davor geſtellt worden mit dem Befehle, Niemand den Eintritt zu geſtatten. Sie ſetzte ſich mit mir auf den Rand des Grabens. Nach einigen Minuten lief ein Mann vorüber. „„Wohin gehſt Du?““ rief ihm meine Mutter zu. „Es war einer von den Dienern des Königs; er erkannte ſie. „„Ich will den Arzt holen,““ erwiederte er. „„Ich muß mit dem Arzte ſprechen,““ ſagte meine ul iegel chter nnen echen aber arum thun haber Rann anez Hau⸗ mit t Du Dich und garo⸗ r ſie nmer deres d1“ ch in llaſte von anne e ſich avor iritt des über. rzu. z zer neine 151 Mutter,„„hörſt Du? es handelt ſich um das Leben und den Tod des Königs!““ „Und wir blieben am Platze, um den Arzt zu er⸗ warten. „Es war kaum eine Viertelſtunde vergangen, als der Diener mit dem Arzte wiedererſchien. „„Dieſe will mit Euch reden,““ ſagte der Diener. „„Wer iſt die Frau?““ fragte der Arzt. „Er warf ſodann einen Blick auf meine Mutter und rief: „„Ah! die Königin Topas!““ „Und er fügte leiſe bei, jedoch nicht ſo leiſe, daß ſeine Worte nicht bis zu uns gelangten: „„Eine von den Geliebten des Königs, diejenige aber, welche er am Innigſten liebt.““ „Hierauf ſprach der Arzt zu meiner Mutter: „„Was haſt Du uns zu ſagen, Weib? mach, ge⸗ ſchwinde, der König erwartet mich!““ „„Ich habe Dir zu ſagen,““ erwiederte meine Mutter,„„daß der König vergiftet oder meuchlings getödtet worden iſt und keines natürlichen Todes ſtirbt.““— „„Der König ſtirbt alſo?““ fragte der Arzt. „„Der König ſtirbt!““ erwiederte meine Mutter mit einem Ausdrucke, den ich nie vergeſſen werde. „„Wer hat Dir das geſagt?““ „„Sein Mörder!““ „„Was iſt aus ihm geworden?““ „„Frage den Orkan, was aus dem Blatte wird, das er fortträgt! ſein Pferd trug ihn gen Aſturien, und er iſt nun zehn Meilen von uns.““ „„Ich laufe zum König.“⸗ „„Gehe.““ „Und er wandte ſich zum Diener um und ſagte: „„Er erfahre, daß ich da bin.“⸗ „„Er wird es erfahren,““ antwortete der Diener. 1⁵² „Hienach traten Beide in die Feſte ein.. Meine Mutter ſetzte ſich wieder an den Rand des Gra⸗ bens. Wir brachten hier den Abend, die Nacht und den Morgen des folgenden Tages zu. Das Gerücht von der Krankheit des Königs hatte ſich indeſſen verbrei⸗ tet, und die Bevölkerung, die ſich um uns am Abend vorher zuſammengeſchaart, die uns erſt bei vorgerückter Nacht ver⸗ laſſen hatte, war mit dem Tage zahlreicher, ängſtlicher wiedererſchienen. Alle Arten von Gerüchten waren im Umlauf, dasjenige aber, welches meiner Mutter am meiſten auffiel, weil es das wahrſcheinlichſte, war, der König, der ſich beim Ballſpiele erhitzt und ein Glas Waſſer verlangt, habe dieſes aus den Händen eines Mannes, der verſchwunden ſei, empfangen. Das Sig⸗ nalement dieſes Mannes ſtimmte ſo genau mit dem des Zingaro überein, den meine Mutter hatte vorüberrei⸗ ten ſehen, und der ihr im Vorbeireiten die ſchrecklichen Worte zugeſchleudert, die uns dahin geführt, daß meine Mutter keinen Zweifel mehr hatte: Der König war vergiftet worden. „Man hatte übrigens keine genaue Kunde. Der Arzt befand ſich beim König, und die Leute, welche aus dem Schloſſe kamen, waren nicht hinreichend über den Zuſtand des Kranken unterrichtet, daß man ſich auf das, was ſie ſagten, verlaſſen konnte. Jedermann wartete alſo mit Bangigkeit, meine Mutter mit Angſt. „Ungefähr um elf ÜUhr öffnete ſich die Thüre, und man verkündigte, da der Zuſtand des Königs ſich ge⸗ beſſert habe, ſo werde er ausreiten, um die Bevölkerung zu beruhigen. Einige Secunden nach dieſem Verſpre⸗ chen erſchien der König in der That zu Pferde; er hatte nur ſeinen Arzt und einige Beamten ſeines Han⸗ ſes bei ſich. 3 „Es war nicht das erſte Mal, daß ich meinen Va⸗ ter ſah, jedoch das erſte Mal, daß ich ihn in einem Alter ſah, wo ich mich ihn geſehen zu haben erinnern kann. Oh! ich erinnere mich ſeiner ganz wohl: er war war umg gez! Zäh und lelb wär er ſuch emp Sch auf er Pfer Beir in d das Vollt Mut Wir den allei und Bru hielt ihr dem Sat auf zurü 9e Hra⸗ und ücht prei⸗ rher ver⸗ cher im am der Slas nes Sig⸗ des rei⸗ hen eine var Der aus den auf ann gſt. und ge⸗ ung pre⸗ er anu⸗ Va⸗ nem tern er 153 war wunderbar ſchön, trotz ſeiner Bläſſe; und ſeine Augen waren doch von jenem rothen Ringe der Schlafloſigkeit umgeben; ſeine Naſenflügel waren krampfhaft zuſammen⸗ gezogen, ſeine entfärbten Lippen ſchienen an ſeine Zähne angeklebt zu ſein. Sein Pferd ging im Schritt, und der Reiter war ſo ſchwach, daß er ſich am Sat⸗ lelbogen hielt und ohne dieſe Stitze ſicherlich gefallen wäre. Er ſchaute nach rechts und nach links, als ob er Jemand ſuchte. „Meine Mutter begriff, daß ſie es war, die er ſuchte; ſie ſtand auf und hob mich in ihren Armen empor. „Der Arzt, der uns erkannt hatte, berührte die Schulter des Königs, und dieſer wandte ſeinen Blick auf unſere Seite. Sein Geſicht war ſo geſchwächt, daß er uns vielleicht nicht erkannt hätte. Er hielt ſein Pferd an und winkte meiner Mutter näher zu kommen. Beim Anblick dieſer Frau, die ein dreijähriges Kind in den Armen trug, traten die paar Perſonen, welche das Gefolge des Königs bildeten, auf die Seite. Das Volk, das errieth, was vorgehen ſollte, und dem meine Mutter überdies nicht unbekannt war, that daſſelbe. Wir bildeten alſo, der König, meine Mutter und ich, den Mittelpunkt eines großen Kreiſes; doch der Arzt allein war nahe genug, um zu hören, was der König und meine Mutter ſprachen. „Meine Mutter, ohne ein einziges Wort, aber die Bruſt gebrochen von dem Schluchzen, das ſie zurück⸗ hielt, aber die Wangen überfluthet von Thränen, die ihr unwillkürlich entſchlüpften, meine Mutter bot mich dem König dar, der mich nahm, küßte und auf ſeinen Sattelbogen ſetzte. Daun ließ er ſeine gelähmte Hand auf den Kopf meiner Mutter ſinken, drückte ihn leicht zurück und ſagte deutſch: „„Ah! meine arme Topas! Du biſt es alſo?““ 154 „Meine Mutter konnte nicht antworten. Sie legte ihren Kopf auf die Lende des Reiters, küßt ſein Knie und brach in ein Schluchzen aus. „„Um Deinetwillen bin ich ausgeritten, um Dei⸗ netwillen allein,““ ſprach der König. „Oh! mein König! mein ſchöner, theurer Kö⸗ 5 nig!““ rief meine Mutter. „„Mein Vater, mein ſüßer Vater!““ ſagte ich deutſch. „Es war das erſte Mal, daß der König den Ton meiner Stimme hörte, und zwar in einer Sprache, die er liebte. „„Ah!““ rief er,„„ich kann ſterben: ich habe mich mit dem ſüßeſten Namen nennen hören, der von einem menſchlichen Munde ausgeſprochen werden kann, und dies in der Sprache meiner Heimath!“ „„Sterben!““ verſetzte meine Mutter,„„ſter⸗ ben...! Oh! mein theurer König, was für ein Wort haſt Du geſagt?““ „„Das Wort, das Gott, der erlaubt, daß ich einen chriſtlichen Tod mache, mir ſeit geſtern ins Ohr geflü⸗ ſtert; denn von dem Augenblicke, wo ich das Glas Eiswaſſer trank, fühlte ich einen vernichtenden Schaner bis zu meinem Herzen laufen.““ „Oh! mein theurer König, mein theurer Kö⸗ nig!““ murmelte meine Mutter. „„Ich habe die ganze Nacht an Dich gedacht, meine arme Topas!““ ſagte er.„„Ach! lebend ver⸗ mochte ich nicht viel für Dich; todt werde ich gar nichts thun können, als Dich mit meinem Schatten be⸗ ſchützen, geſtattet Gott, daß etwas von uns nuns ſelbſt überlebt...““ „„Mein ſüßer Vater! mein ſüßer Vater!““ wie⸗ derholte ich immmer weinend. „„Ja, mein Kind ja,““ erwiederte der König, auch an Dich habe ich gedacht. Nimm,““ ſagte er, trtr 15⁵ indem er um meinen Hals einen kleinen ledernen Beu⸗ tel ſchlang, der an einer Schnur von Seide und Gold hing,„„nimm, man kann nicht wiſſen, was geſchieht, wenn ich todt bin. Ich hinterlaſſe eine eiferſüchtige Wittwe; Deine Mutter kann genöthigt ſein, zu fliehen; ich brachte die Nacht damit zu, daß ich dieſe Diaman⸗ ten aus ihrer Faſſung nahm; es ſind für ungefähr zweimalhunderttauſend Thaler. Das iſt Deine Mit⸗ gift, meine geliebte Tochter, und wenn Dich Dein Bru⸗ der, König von Aragonien und Caſtilien geworden, eines Tags nicht anerkennen ſollte, trotz des Papieres, das ich Deiner Mutter gegeben, trotz des Ringes, den ich ihr gebe! nun! ſo würdeſt Du wenigſtens reich le⸗ ben wie eine adelige Dame, wenn Du nicht reich wie eine königliche Prinzeſſin leben könnteſt!““ „Meine Mutter wollte ſich mit dem Ringe begnü⸗ gen und den Beutel ausſchlagen; doch der König ſchob ſachte die Hand meiner Mutter zurück. Sie hatte alſo den Ring, und ich, ich beſaß den Beutel... Ueber⸗ dies hatten die Ermüdung und die Gemüthserſchütte⸗ rung den armen Sterbenden gelähmt. „Er erbleichte noch mehr, was man hätte für un⸗ möglich halten ſollen, und neigte ſich einer Ohnmacht nahe auf die Seite meiner Mutter. Meine Mutter hielt ihn in ihren Armen auf, drückte ihre Lippen auf die eis⸗ kalte Stirne des Königs und rief um Hülfe; ſie wurde ſchwach unter dem Geyichte dieſes trägen Körpers, der nicht mehr die Kraft hatte, ſich ſelbſt zu unter⸗ ſtützen. Der Arzt und die Diener eilten herbei. „„Entfernt Euch!““ ſagte der Arzt,„„entfernt Euch!““ „Meine Mutter rührte ſich nicht. ue„„Soll er hier vor Euren Augen ſterben?““ rief er. „„Ihr glaubt alſo, meine Gegenwart ſei ihm ver⸗ derblich?““ 156 „„Eure Gegenwart tödtet ihn!““ „„Komm, Kind!““ ſprach ſie. „„Mein Vater! mein ſüßer Vater!““ ſagte ich fortwährend. „Sodann, als fühlte ich, meine Mutter wolle mich aus ſeinen Armen nehmen, rief ich: n„ Nein, nein, ich will nicht gehen!““ „In dieſem Augenblick vernahm man ein gewalti⸗ ges Schmerzgeſchrei, das von der Stadt herkam. Es war die Königin Juanna, welche mit verwirrten Haa⸗ ren, das Geſicht verſtört, bleicher als ihr ſterbender Gemahl, herbeilief und die Hände ringend ſchrie: „„Er iſt todt! er iſt todt! man hat mir geſagt, er ſei todt!““ „Ich bekam bange... Ich warf mich an die Bruſt meiner Mutter, und während ſich der Kreis auf einem Punkte öffnete, um uns entfliehen zu laſſen, öffnete er ſich zugleich auf einem andern, um die Kö⸗ nigin eintreten zu laſſen; meine Mutter lief ungefähr hundert Schritte, dann entſchwand ihr die Kraft, ſie ſetzte ſich an den Fuß eines Baumes, verbarg mich an ihrer Bruſt, und neigte auf mich ihr Haupt, deſſen lange Haare mich wie ein Schleier umhüllten. Als ihr Haupt ſich wieder erhob, als ihre Haare ſich zu⸗ rückzogen, als ich mit den Augen den König Don Philipp ſuchte, hatte ſich das Thor der Feſte hinter ihm und der Königin Juanna geſchloſſen.“ Während dieſer ganzen Erzählung hatte der junge König kein Wort geſprochen, hatte er kein Zeichen einer Gemüthsbewegung von ſich gegeben; als aber Gineſta, ſchwankend, erſtickt durch die Thränen, nicht fortfahren konnte, da reichte er ihr die Hand, deutete auf einen Stuhl und ſprach: „Setzt Euch; Ihr habt das Recht, Euch vor mir zu ſetzen, ich bin noch nicht Kaiſer.“ Sie ſchüttelte aber den Kopf und erwiederte: 157 „Nein, nein, laßt mich vollenden... Ich komme hierher, nicht um meinen Bruder, ſondern um meinen König aufzuſuchen; ich komme, nicht um meinen Rang in Anſpruch zu nehmen, ſondern um eine Gnade zu erflehen... Gebricht es mir an Kraft, ſo werde ich Euch zu Füßen fallen... doch ich werde mich nicht ſetzen vor dem Sohne von Philipp und Juanna... Ah! mein Gott!“ Das Mädchen hielt an, gelähmt durch eine erſchüt⸗ ternde Erinnerung. Sie küßte ſodann ehrerbietig die Hand, die ihr der König gereicht, machte einen Schritt rückwärts und fuhr fort. XVII. Das Paradebett. „Meine Mutter blieb, wo ſie ſaß, oder vielmehr, wohin ſie gefallen war. „Der Tag verging, ohne daß man eine andere Kunde vom König erhielt, als die, er habe ſich bei ſeiner Rückkehr zu Bette gelegt. „Am andern Morgen war die Tagesneuigkeit, der König habe, jedoch vergebens, zu ſprechen verſucht. Am zweiten Tage hatte der König um zwei Uhr Nach⸗ mittags die Sprache verloren. An dem darauf fol⸗ genden Tage, Morgens um elf Uhr, drang aus dem Schloſſe hervor ein gewaltiger Ruf, der zugleich Thü⸗ ren und Fenſter zu durchbrechen ſchien, um ſich über 158 die Stadt zu verbreiten und von da über Spanien hinzufliegen: „„Der König iſt todt!““ „Ach! Sire, um jene Zeit wußte ich kaum, was der Tod oder das Leben iſt. Als ich aber bei dem Rufe:„„Der König iſt todt!““ die Bruſt meiner Mut⸗ ter ſich anſchwellen, ihre Thränen von ihrem Geſichte auf das meinige fließen fühlte, da begriff ich, daß es in dieſer Welt etwas gab, was man das Unglück nannte. „Während der vier Tage, die wir vor dem Schloſſe blieben, ſorgte meine Mutter für alle meine Bedürfniſſe; doch ich erinnere mich nicht, daß ich ſie ſelber eſſen oder trinken ſah. „Wir verweilten dort noch einen Tag und eine Nacht. An dem darauf folgenden Morgen ſahen wir das Thor des Schloſſes ſich öffnen: ein Herold zu Pferde erſchien mit einem Trompeter voran; der Trompeter ließ eine Trauerfanfare ertönen; hierauf ſprach der Herold. Ich verſtand nicht, was er ſagte, doch kaum hatte er die Worte geſprochen, die er zu ſagen hatte, kaum war er weiter geritten, um dieſelbe Proclamation auf den Plätzen und den Kreuzwegen der Stadt aus⸗ zurufen, da ſtürzte ſich die Menge in großen Wogen in das Innere des Schſoſſes. „Meine Mutter ſtand auf, nahm mich in ihre Arme, küßte mich, und ſagte mir ins Ohr: „„Komm, meine Tochter, wir wollen Deinen ſüßen Vater zum letzten Male ſehen!““ „Und ich begriff nicht, warum ſie mir ſagte, wir wollen meinen Vater ſehen, und weinte, indem ſie mir dies ſagte. „Wir folgten der nach dem Thore des Schloſſes laufenden Menge und drangen mit ihr ein. Der Hof war ſchon voll; Schildwachen waren vor einer Thüre aufg Wir in il lich ein; nen Han jenig Thü die eintr Ziel alles dieſe heite Ged jenig meir ein dieſe einen einen ein Tod derv blick Geſt leber aum atte, ttion aus⸗ ogen ihre üßen wir mir oſſes Hof hüre 159 aufgeſtellt, durch welche man zu zwei und zwei eintrat. Wir warteten lange; meine Mutter hielt mich immer in ihren Armen, ſonſt wäre ich erſtickt worden. End⸗ lich kam die Reihe an uns; wir traten wie die Andern ein; nur ſtellte mich meine Mutter, ſobald wir in⸗ nen waren, auf den Boden und führte mich an der Hand. „Diejenigen, welche vor uns gingen, weinten; die⸗ jenigen, welche hinter uns gingen, weinten. „Wir durchſchritten langſam reiche Säle; vor jeder Thüre jedes Saales waren zwei Wachen aufgeſtellt, die darauf Acht gaben, daß man nur zu zwei und zwei eintrat. „Wir näherten uns einem Zimmer, welches das Ziel der traurigen Wallfahrt zu ſein ſchien. „Wir gelangten endlich in dieſes Zimmer. „Oh! Hoheit, ich war noch ein kleines Kind, doch alles Geräth, die Tapeten, die Teppiche, die Vorhänge dieſes Zimmers würde ich in ihren geringſten Einzel⸗ heiten beſchreiben, ſo tief iſt jeder Gegenſtand in mein Gedächtniß eingegraben geblieben. „Doch der Hauptgegenſtand dieſes Zimmers, der⸗ jenige, welcher bald durch ſeine düſtere Feierlichkeit meine ganze Aufmerkfamkeit in Anſpruch nahm, war ein ganz mit ſchwarzem Sammet bedecktes Bett. Auf dieſem Bette lag bekleidet mit einer Robe von Brocat, einem mit Hermelin gefütterten carmeſinrothen Leibrocke, einem goldenen Wamms und ſcharlachrothen Hoſen ein Mann in der Steife und Unbexyeglichkeit des Todes. „Das war mein Vater. „Der Tod hatte ſeinen Zügen die Heiterkeit wie⸗ derverliehen, die ihnen der Schmerz in dem Augen⸗ blick benahm, wo ich ihn vier Tage vorher gefehen. Penerben ſchien er wo möglich noch ſchöner, als ebend. 160 Im Bettgange ſtand, gehüllt in einen mit Herme⸗ lin gefütterten, purpurrothen Sammetmantel, die kö⸗ nigliche Krone auf dem Haupte, angethan mit einem großen weißen Kleide, eine Frau; ihre Haare waren auf ihren Schultern zerſtreut, ihre Augen übermäßig weit geöffnet und ſtarr, ihre Geſichtszüge unbeweg⸗ lich, ihre Lippen fahl; ſie hatte einen Finger auf die Lippen gelegt und ſagte mit einer faſt unverſtändlichen Stimme, ſo leiſe ſprach ſie: „„Gebt Acht, daß Ihr ihn nicht aufweckt: er ſchläft.““ „Das war die Königin Juanna, Enre Mutter, Sire. „Als meine Mutter ſie erblickte, blieb ſie ſtehen; doch ſie begriff bald, daß ſie nichts ſah, daß ſie nichts hörte, und meine Mutter murmelte: „„Sie iſt ſehr glücklich... ſie iſt wahnſinnig!““ „Wir gingen weiter gegen den Leichnam zu: die Hand hing aus dem Bette; das war dieſe Hand, welche Jedermand küſſen durfte; das war dieſe Hand, die wir, meine Mutter und ich, kraft der Erlaubniß, auch küſſen wollten. „In dem Augenblicke, wo meine Mutter zum Bette kam, fühlte ich, daß ſie wankte. Sie hat es mir ſeitdem oft geſagt, es war nicht die Hand, die ſie hätte küſſen mögen: ſie hätte mögen den Leichnam in einer letzten Liebkoſung umfangen, dieſe geſchloſſenen Augen wieder öffnen, dieſe eiskalten Lippen mit ihren Lippen wieder erwärmen. Sie beſaß den Muth, ſich zu be⸗ wältigen. Sie kniete, ohne Schauer, ohne Geſchrei, ohne Schluchzen nieder, nahm die Hand des Todten, gab ſie mir zuerſt zu küſſen und ſagte zu mir: „„O mein Kind, vergiß nie, was Du in dieſer Stunde ſiehſt, denn den, welchen Du ſiehſt, wirſt Du nie wiederſehen!““ 1 1 erme⸗ e kö⸗ inem varen käßig weg⸗ f die ichen er ttter, hen; ichts g 12 die and, and, pniß, zum mir hätte iner ugen open be⸗ Frei, dten, jeſer Du 161 „Es iſt mein ſüßer Vater, der ſchläft, nicht wahr, Mama?““ fragte ich leiſe. „„Es iſt der Vater eines ganzen Volkes, mein Kind,““ antwortete mir meine Mutter, indem ſie mich durch ein Zeichen ſchweigen hieß. „Und ſie küßte lange und zärtlich die Hand des Todten. „Wir gingen durch die Thüre der entgegengeſetzt, durch welche wir eingetreten waren, wieder ab; in dem Zimmer aber, welches auf das, wo das Paradebett aufgeſchlagen war, folgte, ſchwankte meine Mutter: ſie ſtieß einen ſchwachen Schrei aus und fiel zu Boden. Zwei Männer, die auch durch den Todtenſaal ge⸗ gangen waren, näherten ſich uns. „„Steh auf, aber ſteh doch auf, Mama!““ rief ich,„„ſonſt werde ich glauben, Du ſchlafeſt wie mein ſüßer Vater!““ „„Ah!““ ſagte der Eine,„ſie iſt es.““ „„Wer?““ fragte der Andere. „„Die Zigeunerin, die die Geliebte des Königs war, die, welche man die Königin Topas nennt.““ „„Tragen wir ſie von hier weg, ſie und ihr Kind!““ ſagte der Zweite. „Und der Eine von ihnen nahm meine Mutter in ſeine Arme, während mich der Andere an der Hand fortzog. Wir verließen die Gemächer, ſodann den Hof. Der Mann, der meine Mutter trug, legte ſie am Fuße des Baumes nieder, wo wir drei Tage und drei Nächte ſitzen geblieben waren; der Mann, der mich an der Hand führte, ließ mich bei meiner Mut⸗ ter. Beide entfernten ſich. Ich umfing meine Mutter n meinen Armen, bedeckte ihr Geſicht mit Küſſen und agte: „„Oh! Mama, Mamal ſchlaf echt ein wie mein ſüßer Vater!““ El Salteador. 11 162 „Brachte der Eindruck der Luft ſeine Wirkung hervor, ſuchten die Thränen und die Liebkoſungen eines Kindes das Leben in der Tiefe des Herzens einer Mutter auf oder war das Ziel der Ohnmacht gekom⸗ men: meine Mutter öffnete ihre Augen wieder. Es ſtand einige Zeit an, bis ſie begriff, was vor⸗ gefallen war; unterſtützt durch meine Erinnerungen, die mein kindiſcher Mund in ihrer ganzen grauſamen Naivetät wiederholte, entſann ſie ſich am Ende wieder aller Einzelheiten, wie man ſich eines entſetzlichen Traumes entſinnt. „„Komm, mein Kind!““ ſprach ſie ſodann;„„wir haben nichts mehr hier zu thun.““ „Und wir ſchlugen wieder den Weg nach Hauſe ein. „An demſelben Abend nahm meine Mutter von der Wand ein Madonnenbild, für das ſie eine beſondere Devotion hegte, ihr Portrait, das Portrait von König Philipp, und wir gingen ab, ſobald es Nacht gewor⸗ den war. „Wir wanderten viele Tage... jetzt, da ich die Zeit zu nennen weiß, darf ich ſagen, vielleicht einen Monat, wobei wir nur die zur Ruhe nöthigen Stunden anhielten, und wir kamen endlich in die Sierra Nevada. Hier traf meine Mutter einen Zigen⸗ nerſtamm, und ſie gab ſich zu erkennen. Man trat ihr das Haus ab, das ſeitdem die Venta zum Mauren⸗ könig geworden iſt. Der Stamm lagerte in der Um⸗ gegend und gehorchte ihr wie einer Königin. „Das dauerte mehrere Jahre ſo fort; allmälig aber bemerkte ich die Veränderung, welche bei meiner Mutter vorging: ſie war immer noch ſchön, nur wech⸗ ſelte ihre Schönheit den Anblick und, ich möchte bei⸗ nahe ſagen, die Form; ſie war ſo bleich geworden, daß es die Schönheit eines Schatten und nicht die eines lebenden Geſchöpfes war. Ich glaube, ſie würde längſt die Erde verlaſſen haben, wie die Dünſte, die rkung ungen einer ekom⸗ Es vor⸗ ngen, ſamen vieder lichen „„wir e ein. r von ondere König ewor⸗ da ich lleicht thigen n die zigen⸗ at ihr tren⸗ r Um⸗ mälig neiner wech⸗ e bei⸗ orden, t die würde „ die 163 ſich am Morgen vom Berge losmachen und zum Him⸗ mel aufſteigen, hätte ich ſie nicht gewiſſer Maßen hier an der Hand zurückgehalten. „Eines Tags bemerkte ich, daß weder die Ma⸗ donna, noch das Portrait meiner Mutter, noch das des Königs mehr im Zimmer warenz ich fragte ſie, was daraus geworden ſei. „„Folge mir, mein Kind!““ ſprach ſie. „Sie drang ins Gebirge ein und führte mich auf einem nur ihr allein bekannten Wege in eine vor Aller Augen verborgene, unfindbare Grotte. Im Hinter⸗ grunde der Grotte, über einer Art von Bett von Farn⸗ kraut, war die Madonna; auf der Seite hingen die zwei Portraits. „„Mein Kind,““ ſprach ſie,„„es kann ſein, daß Du eines Tags eine Zuflucht vom Gebirge zu fordern haſt: dieſe iſt unzugänglich; offenbare ſie keinem Men⸗ ſchen der Welt! Wer weiß, welchen Verfolgungen Du ausgeſetzt ſein wirſt? Dieſe Grotte iſt das Leben, de es iſt mehr als das Leben, es iſt die Frei⸗ eit 4 „Wir brachten dort die Nacht zu; am anderen Tage kehrten wir nach der Venta zurück; doch auf dem Rückwege bemerkte ich, daß meine Mutter langſamer und mit minder ſicherem Schritte ging; zwei oder drei⸗ mal ſetzte ſie ſich, und jedes Mal zog ſie mich an ſich und drückte mich an ihr Herz. Bei jedem Kuſſe, bei jeder Umarmung überſtrömte meine Bruſt von Thränen; denn unwillkürlich erinnerte ich mich des Tages, wo mein Vater bleich und ſchwankend aus Burgos her⸗ ausgeritten war, mich an ſein Herz gepreßt und nic mit Worten, die ich verſtanden, ſein Kind genannt atte. „Meine Ahnung täuſchte mich nicht. „Am andern Tage legte ſich meine Mutter zu Bette. Und von dieſem Augenblicke an ſah ich ein, 164 daß ſie auf dem Wege war, der zur Ewigkeit führt, und ich verließ ſie nicht mehr. „Sie, ihrerſeits, da ſie wußte, daß die Stunde dieſer langen Reiſe, die uns von Allem, was uns theuer iſt, trennt, herannahte, ſprach nun mit mir von nichts Anderem mehr, als von meinem Vater. Sie erinnerte mich auf eine Art, daß ſich dieſelben ſo tief in mein Herz einprägten, daß ich ſie nicht mehr vergeſſen konnte, an alle die Umſtände meiner Jugend, die ich Euch erzählt habe, Sire. Sie gab mir den Ring, ſie gab mir das Papier; ſie ſagte mir, ich habe,— verzeiht, Hoheit,— ich habe einen Bruder, der eines Tages regieren werde; es ſei meine Sache, zu beurtheilen, ob ich mich ſoll meinem Bruder zu erkennen geben, oder unbekannt, aber reich in irgend einem Lande der Welt, das mir zu bewohnen gefiele, mittelſt der Diamanten leben, die mir mein Vater gegeben. „Ich hörte Alles dies weinend und am Bette mei⸗ ner Mutter knieend an; denn ſie ſtand nicht mehr auf, und jeden Tag wurde ihr Geſicht bleicher, ihre Stimme ſchwächer, ihr Auge glänzender, und wenn ich den Arzt unſeres Stammes, der die Heilkunde bei den Doctoren des Orients gelernt hatte, fragte: „„Was hat denn meine Mutter?““ ſo antwortete er: „„Nichts. Sie geht zu Gott!““ „Es kam der Tag, wo ihr Gott die Pforten ſei⸗ ner Ewigkeit öffnete. „Ich kniete wie gewöhnlich vor ihrem Bette; ſie ſprach mit mir, nicht von ſich, ſondern von mir. Es war, als ſuchte ihr Auge in dem Moment, wo es ſich ſchließen ſollte, die Zukunft zu durchdringen. Ihr Geiſt ſtrengte ſich mit allen Kräften in ihrem Todes⸗ kampfe an, eine unbeſtimmte Form zu erfaſſen. Eine Art von Lächeln ſchwebte über ihre Lippen, Ihre Hand hob ſich auf, etwas wie einen Schatten bezeichnend, der an Wor Deli mit glau richt zwei Kopf gen. wart Ewie ſo w chen. köni eines ragt, Herr pen, ſchrit welch für( derge Oh! zen auf ſter 16⁵ an ihr vorübergezogen wäre. Sie murmelte zwei Worte; dieſe Worte hielt ich für einen Anfang vom Delirium, denn ſie ſtanden in keinem Zuſammenhange mit einer unſerer gewöhnlichen Erinnerungen. Ich glaubte ſchlecht gehört zu haben; um beſſer zu hören, richtete ich den Kopf auf, doch ſie wiederholte noch zweimal mit einer immer ſchwächeren Stimme: „„Don Fernando! Don Fernando!““ „Alsdann legte ſie ihre beiden Hände auf meinen Kopf. Mein Kopf beugte ſich unter dem letzten Se⸗ gen. Ich wartete, daß ſie ihn wieder aufhebe; ich wartete vergebens: mich ſegnend, war ſie geſtorben. „Man hätte glauben ſollen, ſie wolle mich für die Ewigkeit mit dem Schilde ihrer Zärtlich keit bedecken! „Geht Ihr je von Granada nach Malaga, Hoheit, ſo werdet Ihr das Grab meiner Mutter in einem Thäl⸗ chen, eine Meile jenſeits der Venta zum Mauren⸗ könig, ſehen. Ihr werdet es erkennen in der Nähe eines Baches an einem Steine, den ein Kreuz über⸗ ragt,— denn meine, Mutter war, Dank ſei es dem Herrn Jeſus, Chriſtin,— und beſonders an der plum⸗ pen, mit dem Meſſer in den Stein gegrabenen In⸗ ſchrift: LA REYNA TOPACIA LA HERMOSA. „Und Ihr möget erfahren, Hoheit, daß diejenige, welche unter dieſem Steine ruht, keine ganz Fremde für Euch iſt, denn ſie liebte den König unſern Vater dergeſtalt, daß ſie ihn nicht zu überleben vermochte. Ohl meine Mutter, meine Mutter!“ rief ihr Schluch⸗ zen erſtickend Gineſta, während ſie ihre beiden Hände auf ihre Augen drückte, um ihre Thränen zu verbergen. „Man wird ihren Leib nach einem frommen Klo⸗ ſter bringen,“ ſprach mit ſeinem ruhigen Tone der junge 166 König,„und ich werde ein Obit ſtiften, daß jeden Tag Mönche eine Meſſe für die Ruhe ihrer Seele leſen... Fahret fort.“ XVIII. Der Bruder und die Schweſter. „Einige Zeit nach dem Tode meiner Mutter,“ ſprach Gineſta,„begehrten die Zigeuner in ein ande⸗ res Land zu ziehen. Mit dem Tage, wo ſie die Augen geſchloſſen, betrachteten ſie mich als ihre Königin. Mau ſetzte mich alſo in Kenntniß von dem von den Alten gefaßten Plane und verlangte von mir meine Zuſtim⸗ mung. Ich gab ſie, indem ich erklärte, der Stamm könne ſich enkfernen und gehen, wohin er wolle; er ſei frei wie ein Vogel des Himmels, ich aber werde den Srin⸗ unter welchem meine Mutter liege, nicht ver⸗ aſſen. „Der Rath verſammelte ſich, und es wurde mir hinterbracht, man habe beſchloſſen, ſich meiner in der Nacht, die dem Aufbruche des Stammes vorhergehe, zu bemächtigen und mich mit Gewalt wegzuführen. „Ich verſchaffte mir einen Vorrath von Datteln und ſchleppte ihn in die Grotte; zwei Tage vor dem Ab⸗ gange verſchwand ich ſodann. An dem Abend, wo das Vorhaben, ſich meiner zu bemächtigen, in Ausführung gebracht werden ſollte, ſuchte man mich vergebens. „Die Vorſicht meiner Mutter trug alſo ihre Früchte; jeden Seele atter,“ ande⸗ Augen Man Alten uſtim⸗ Stamm er ſei ſe den t ver⸗ de mir in der he, zu In und m Ab⸗ vo das ihrung 167 ich hatte einen ſichern, unzugänglichen, vor Aller Augen verborgenen Zufluchtsort. „Die Zigeuner waren entſchloſſen, nicht ohne mich abzugehen, und ich, ich war entſchloſſen, verborgen zu bleiben, bis ſie abgegangen wären. „Sie verſchoben ihren Aufbruch um einen Monat. Während dieſes Monats verließ ich meinen Zufluchtsort nur bei Nacht, um einige wilde Früchte zu pflücken und von dem Felſen herab am Scheine ihrer Feuer zu erkennen, ob ihr Lager immer noch da ſei. „In einer Nacht hörten die Feuer auf zu brennen. Das konnte eine Liſt ſein, um mich an einen entblöß⸗ ten Ort zu locken und mich zu überfallen; ich blieb alſo verborgen in einem Myrtengehölze, aus deſſen Mitte mein Kopf, wenn er ſich aufrichtete, den ganzen Weg beherrſchte. Hier wartete ich den Tag ab. „Der Tag zeigte mir das Haus perlaſſen, die Straße verödet. Ich wagte es jedoch noch nicht, hinab⸗ zugehen, und verſchob meine Forſchung auf die Nacht. „Sie kam düſter und ohne Mond; die Sterne al⸗ lein zitterten an einem Himmel, der faſt ſchwarz, ſo tief⸗ blau war er. Doch für uns Zigeuuner giebt es keine Fin⸗ ſterniß, welche ſo dicht wäre, daß unſer Auge ſie nicht durchdringen könnte. „Ich ſtieg alſo bis zum Wege hinab: jenſeits die⸗ ſes Weges war das Grab meiner Mutter: ich kniete davor nieder. Mitten in meinem Gebete hörte ich den Tritt eines Pferdes: das konnte keiner von meinen Gefährten ſein; ich wartete alſo mit Ruhe; überdies hätte ich bei Nacht im Gebirge ſelbſt den Gitanos getrotzt. „Es war ein Reiſender. „In dem Augenblick, wo er auf der Straße vor⸗ überritt, ſtand ich auf: mein Gebet war beendigt; es hielt mich ohne Zweifel für ein Geſpenſt, das ſich aus ſeinem Grabe erhebe, denn er ſtieß einen Schrei aus, 168 machte das Zeichen des Kreuzes, ſetzte ſein Pferd in Ga Galopp und verſchwand. Anl „Ich hörte das Geräuſch dieſes Galopps, das ſich zur⸗ entfernend abnahm; ſodann erloſch es gänzlich. Die chen Nacht wurde wieder ſtill, und dieſe Stille wurde nur geſtört durch die gewöhnlichen Geräuſche des Gebirges, war das heißt, durch das Krachen eines Baumes, durch den Hüf Sturz eines Felſens, durch das Kreiſchen eines wilden Thieres, durch das Geſchrei eines Nachtvogels. Ich war ſicher, daß kein menſchliches Weſen in unn der Gegend exiſtirte. ohn 1„Die Zigeuner waren alſo abgezogen. wal „Die erſten Stunden des Tages beſtätigten mir, gege was mir die Finſterniß der Nacht erzählt hatte. Wel „Ich fühlte mich um eine ungeheure Laſt er⸗ bir leichtert. „Ich war frei; das Gebirge gehörte mir, die ganze fern Sierra wurde mein Königreich.. „Ich lebte ſo mehrere Jahre ohne Wünſche, ohne wol 1 Bedürfniſſe, nährte mich, wie die Vögel des Himmels, Zie von unſeren wilden Früchten, vom Waſſer unſerer ter Quellen, von der Luft der Nacht, vom Thau am Mor⸗ jede gen, von der Sonne am Tage. eine „Mein Wuchs war dem meiner Mutter ähnlich. ther Ihre Kleider dienten mir, ihre Juwelen genügten mir; ſtoß etwas aber fehlte mir: eine Geſpielin. drit „Eines Tags ging ich bis Alhama. Ich kaufte len, eine Ziege, und ich kam zurück. ihri „Während meiner Reiſe hatte ein Gaſtwirth von rufe der Venta Beſitz ergriffen. Er befragte mich. Ich ſagte ihm wer ich war, ohne ihm zu ſagen, wo ich men wohnte. Er fragte mich über den Durchzug der Rei⸗ Sch ſenden, und ich gab ihm Auskunft. den „Allmälig, in Folge dieſer Bewohnung der Ran Venta, bevölkerte ſich das Gebirge aufs Neue. Seine ia 1 rd in s ſich Die e nur irges, h den ilden en in mir, er⸗ ganze ohne nels, ſerer Nor⸗ lich. mir; 1— aufte von 3c Hich Rei⸗ der eine 169 Gäſte waren Leute von hartem Geſichte, von wildem Anblick; ſie erſchreckten mich. Ich kehrte in den Maquis zurück, und nur von fern und von einem unzugängli⸗ chen Orte aus ſchaute ich die Venta oder den Weg an. „Ungewohnte Geräuſche ertönten im Gebirge; es waren bald Flintenſchüſſe, bald Zornſchreie, bald Hülferufe. „Die Banditen waren auf die Zigeuner gefolgt. „Für mich bildete das keinen großen Unterſchied; unwiſſend in den Geſetzen der menſchlichen Geſellſchaft, ohne einen Begriff von dem, was gut oder was böſe war, überall in der Natur den Mißbrauch der Gewalt gegen die Schwäche wahrnehmend, glaubte ich, die Welt der Städte ſei beſchaffen wie die Welt des Ge⸗ birges. ge Dieſe Menſchen erſchreckten mich jedoch; ich ent⸗ fernte mich immer mehr von ihnen. „Eines Tags erging ich mich, nach meiner Ge⸗ wohnheit, an dem wildeſten Orte der Sierra; meine Ziege ſprang von Fels zu Fels, und ich ſprang hin⸗ ter ihr, jedoch in einer gewiſſen Entfernung, indem ich jeden Augenblick anhielt, um eine Frucht, eine Blume, eine wilde Beere zu pflücken. Plötzlich hörte ich meine theure, getreue Ziege ein ſchmerzliches Gemecker aus⸗ ſtoßen, hierauf ein zweites, aber entferntes, dann ein drittes, aber noch entfernter; man hätte glauben ſol⸗ len, ein Wirbel reiße ſie fort, und da ſie dieſer der ihrigen überlegenen Kraft nicht widerſtehen könne, ſo rufe ſie mich zu Hülfe. „Ich eilte nach der Seite, woher die Schreie ka⸗ men. Ein Flintenſchuß war auf ein paar tauſend Schritte von mir hörbar. Ich ſah den Rauch ſich über den Maquis erheben. Ich lief in der Richtung des Rauches und des Geräuſches, ohne nur daran zu den⸗ ken, daß ich irgend einer Gefahr preisgegeben ſei. Als ich mich dem Ote näherte, wo geſchoſſen worden war, 170 und über dem in der reinen Atmoſphäre der Sierra der Rauch noch wirbelte, ſah ich meine Ziege auf mich zukommen: ſie ſchleppte ſich blutend, an den Schul⸗ tern und am Halſe verwundet fort. Sobald ſie mich aber ſah, drehte ſie ſich, ſtatt weiter gegen mich zu ge⸗ hen, um, als wollte ſie mich auffordern, ihr zu folgen. Der Inſtinct des armen Thieres konnte mir nicht übel wollen: ich folgte der Ziege. „Mitten auf einer Lichtung betrachtete ein junger Mann von fünf und zwanzig bis ſechs und zwanzig Jahren eine ungeheure Wölfin, die ſich in den Con⸗ vulſionen der Todesnoth zerarbeitete. Bei dieſem An⸗ blick war mir Alles erklärt: eine Wölfin hatte meine Ziege geraubt und ſchleppte ſie ohne Zweifel zu ihren Jungen, um ſie mit ihnen zu verzehren; der Jäger war am Wege des wilden Thieres geweſen und hatte ihm beide Schenkel mit der Kugel zerſchmettert. Die verwundete Wölfin hatte die Ziege losgelaſſen; die Ziege war zu mir zurückgekehrt; aus Dankbarkeit hatte ſie mich ſodann zu demjenigen geführt, der ihr, ihre Feindin tödtend, das Leben gerettet. „So wie ich dem jungen Manne näher kam, er⸗ faßte mich eine ſeltſame Unruhe; er ſchien mir von einer höheren Natur, als Alles, was ich geſehen hatte, zu ſein. Ich fand ihn beinahe ſo ſchön, als meinen Vater. Er, ſeinerſeits, ſchaute mich mit Erſtaunen an; er bezweifelte offenbar, daß ich ein menſchliches Ge⸗ ſchöpf ſei, und hielt mich für einen jener Geiſter des Waſſers, der Blumen oder des Schnees, welche nach der Behauptung der Traditionen und beſonders unſe⸗ rer Traditionen im Gebirge umherſchweifen. „Er wartete alſo, daß ich zuerſt ſpreche, um aus meinen Worten, aus dem Tone meiner Stimme, aus meinen Geberden zu errathen, wer ich ſein könnte, als plötzlich bei ſeinem Anblick etwas Seltſames in meinem Geiſte vorging; ohne daß etwas die Gegenwart mit erra auf chul⸗ mich ge⸗ gen. übel nger nzig Con⸗ An⸗ reine hren äger hatte Die die hatte ihre er⸗ von zatte, einen an; Ge⸗ r des nach nſe⸗ aus aus „als einem t mit 171 der Vergangenheit verband, ohne daß die geringſte Aehnlichkeit zwiſchen dem, was ich zu dieſer Stunde vor Augen hatte, und dem, was ich fünf Jahre vorher vor Augen gehabt hatte, ſtattfand, bot mir mein Ge⸗ dächtniß in ihrer ganzen Geſammtheit die Scene mei⸗ ner ſterbenden Mutter in dem Momente wo ſie ſich, erleuchtet von den Todesahnungen, in ihrem Bette erhob, den Arm ausſtreckte und mir mit dem Finger einen unſichtbaren Gegenſtand bezeichnete, und ihre Stimme, ſo lebendig, ſo deutlich, als ich ſie am Tage ihres To⸗ des gehört, flüſterte mir dieſelben Worte ins Ohr, die ſie an jenem Tage geflüſtert:„„Don Fernando!““ „Don Fernandol“ wiederholte ich laut, einem inneren Impulſe nachgebend und ohne zu bedenken, was ich ſagte. „ Woher kennt Ihr mich?““ fragte erſtaunt der junge Mann;„„woher wißt Ihr meinen Namen, wäh⸗ rend ich den Euren nicht weiß?““ „Und er ſchaute mich faſt zornig an, überzeugt, ich ſei ein übernatürliches Weſen- „„Ihr heißt wirklich Don Fernando?““ fragte ich. „„Ihr wißt es wohl, da Ihr mich mit dieſem Na⸗ men begrüßt.““ „ Ich begrüßte Euch mit dieſem Namen,““ erwie⸗ derte ich,„„weil er mir in dem Augenblick, wo ich Euch erſchaute, auf die Lippen gekommen iſt; außer dieſem Namen aber weiß ich nichts von Euch.““ „Und ich erzählte ihm, wie meine ſterbende Mut⸗ ter dieſen Namen ausgeſprochen, und wie er ſeit dem Tage, wo ſie ihn ausgeſprochen, in meinem Ge⸗ dächtniß entſchlummert geblieben und nun erſt plötzlich wiedererwacht ſei. „War es augenblickliche Sympathie, oder beſtand in der That zwiſchen uns eines von jenen geheimen Banden, welche lange zum Voraus die Fäden der Ge⸗ ſchicke mit einander verknüpfen... von dieſem Mo⸗ 172 mente an liebte ich den jungen Mann, nicht wie man einen Unbekannten liebt, dem man durch Zufall be⸗ gegnet, und der ſich tyranniſch unſeres Innern bemäch⸗ tigt, ſondern wie ein Weſen, deſſen Leben, ſo ſehr es auch von dem unſern getrennt geweſen war, ſich früher oder ſpäter auf einem Umwege mit ihm vereinigen, vermengen, verſchmelzen ſollte, wie ſich die durch ihre Quellen getrennten Waſſer eines Baches vereinigen und vermengen und, nachdem ſie zwei verſchiedene Thäler beſpült, ſich aus dem Geſichte verloren, ihr Gemurmel vergeſſen haben, ſich plötzlich am Ende eines Gebirges wiederfinden, von dem ſie jedes einen Abhang geba⸗ det, und ſich bei der Wiedererkennung einander in die Arme werfen. „Ich weiß nicht, ob es ebenſo bei ihm war; aber ich weiß, daß ich ſeit jenem Tage in ſeinem Leben lebte, und ich weiß, daß ohne eine Anſtrengung, ich möchte beinahe ſagen, ohne irgend einen Schmerz ſeine abgeſchnittene Exiſtenz die meinige abſchneiden würde. „Das währte ſo ſeit zwei Jahren, als ich durch die ſtrengeren Verfolgungen, deren Gegenſtand Fer⸗ nando war, Eure Ankunft in Andaluſien erfuhr. „Vorgeſtern zogen Don Inigo und ſeine Tochter durch die Sierra. Eure Hoheit weiß, was ihnen be⸗ gegnet iſt?“ Das Auge immer verſchleiert, nickte Don Carlos bejahend mit dem Kopfe. „Hinter Don Inigo und ſeiner Tochter kamen Soldaten, welche die Schaar von Fernando zerſtreu⸗ ten und, ſtatt ihre Zeit damit zu verlieren, daß ſie ein Treibjagen von Sierra zu Sierra auf ſie hielten, Feuer an den Berg legten und uns mit einem Flam⸗ menkreiſe umhüllten.“ „Du ſagſt uns, Mädchen?“ „Ich ſage uns, ja, Hoheit, denn ich war mit ihm; habe ſein man be⸗ näch⸗ or es küher igen, ihre und häler rmel rges eba⸗ die var; eben ich merz iden urch Fer⸗ chter be⸗ rlos men reu⸗ ſie ten, am⸗ hm; 173 habe ich Euch nicht erklärt, mein Leben ſei an das ſeine gebunden?“ „Nun?“ fragte der König,„was iſt geſchehen? Der Anführer der Räuber hat ſich ergeben, iſt verhaf⸗ tet worden, iſt gefangen?“ „Don Fernando iſt in Sicherheit in der Grotte, die mir meine Mutter entdeckt hat.“ „Er kann aber nicht ewig verborgen bleiben, der Hunger wird ihn zwingen, aus ſeinem Zufluchtsorte herauszukommen, und er wird meinen Soldaten in die Hände fallen.“ „Das habe ich auch gedacht,“ verſetzte Gineſta; „darum habe ich dieſen Ring und dieſes Pergament genommen und bin hieher gegangen, um Euch aufzu⸗ ſuchen.“ „Und bei Deiner Ankunft haſt Du erfahren, ich habe die Begnadigung des Salteador zuerſt ſeinem Vater, Don Ruiz de Torrillas, und ſodann dem Groß⸗ juſticiar Don Inigo abgeſchlagen.“ „Ja, ich habe das erfahren, und es hat mich im⸗ mer mehr beſtärkt im Wunſche, bis zu Euch zu drin⸗ gen, denn ich ſagte mir:„„Don Carlos kann einem Fremden das abſchlagen, um was er im Namen der Menſchenfreundlichkeit oder der Gunſt bittet, Don Car⸗ los wird aber einer Schweſter nicht abſchlagen, um was ſie ihn im Namen des väterlichen Grabes bittet.““ König Don Carlos, Deine Schweſter bittet Dich im Namen von Philipp, unſerm Vater, um die Begnadi⸗ gung von Fernando de Torrillas.“ Indem ſie dieſe Worte mit einer erhabenen Würde ausſprach, ſetzte Gineſta ein Knie vor dem König auf die Erde. 1 Der junge Mann betrachtete ſie einen Augenblick in dieſer demüthigen Stellung ſtillſchweigend und ohne daß man auf ſeinem Geſichte die geringſte Offenbarung von dem, was in ſeinem Geiſte vorging, leſen konnte. 174 „Und wenn ich Dir ſagte,“ erwiederte er, nachdem er kurze Zeit geſchwiegen,„wenn ich Dir ſagte, die Be⸗ gnadigung, die Du verlangſt, und die ich Niemand zu bewilligen geſchworen, hänge von zwei Bedingun⸗ gen ab?“ „Du gewährſt mir alſo ſeine Begnadigung?“ rief Gineſta, indem ſie die Hand des Königs zu ergreifen ſuchte, um ihre Lippen darauf zu drücken. „Warte, ehe Du mir dankſt, und lerne die Bedin⸗ gungen kennen, Mädchen.“ „Ich höre, o mein König! ich warte, o mein Bruder!“ ſprach Gineſta, indeß ſie das Haupt erhob und Don Carlos mit einem unbeſchreiblichen Lächeln der Freude und der Hingebung anſchaute. „Wenn die erſte von dieſen Bedingungen wäre, mir dieſen Ring zu geben, dieſes Pergament zu ver⸗ nichten, Dich durch den erſchrecklichſten Eid verbindlich zu machen, mit Niemand von dieſer königlichen Geburt zu reden, deren einzige Beweiſe dieſer Ring und dieſes Pergament ſind?“ „Sire,“ ſprach das Mädchen,„der Ring iſt an Eurem Finger, behaltet ihn; das Papier iſt in Euren Händen, zerreißt es; nennt mir den Eid, ich werde ihn ſchwören.“ Ein Blitz glänzte im Blicke des Königs, doch er erloſch alsbald wieder. Don Carlos fuhr fort: „Es iſt Gebrauch unter uns Häuptern der Reli⸗ gion, daß, wenn wir einem großen Sünder die zeitliche Strafe erlaſſen, die er verdient hat, dies unter der Bedingung geſchieht, daß eine reine Seele, die ſeine geiſtliche Begnadigung erlangen kann, für ihn zu den Füßen der Ältäre des Herrn der Barmherzigkeit betet. Kennſt Du ein unſchuldiges und keuſches menſchliches Geſchöpf, das geneigt iſt, in einen Orden einzutreten, auf die Welt zu verzichten und Tag und Nacht für das Seel ich re ſter, treter melte Gine das dem Köni wied nüge verſi „geſe Vern lang eine brin ten, len, gel chen rill lieſt geſe tref kom dem Be⸗ d zu zun⸗ rief ifen din⸗ nein chob heln Färe, ver⸗ dlich burt ieſes t an uren derde ch er Reli⸗ tliche rder ſeine den betet. iches eten, das 175 Seelenheil des jungen Mannes zu beten, deſſen Leib ich retten will?“ „Ja,“ ſprach Gineſta,„bezeichnet mir das Klo⸗ ſter, wo ich das Gelübde thun ſoll, und ich werde ein⸗ treten.“ „Es iſt eine Ausſteuer zu entrichten...“ mur⸗ melte Don Carlos, als fühlte er eine gewiſſe Scham, Gineſta dieſe letzte Bedingung aufzuerlegen. Gineſta lächelte traurig, zog aus ihrem Buſen das lederne Säckchen mit dem Wappen von Philipp dem Schönen, öffnete es, breitete zu den Füßen des Königs die Diamanten aus, die es enthielt, und er⸗ wiederte: „Hier iſt meine Ausſteuer: ſie wird hoffentlich ge⸗ nügen; denn mehr als einmal hat mich meine Mutter verſichert, die Diamanten ſeien eine Million werth.“ „Ihr entſagt alſo Allem,“ fragte Don Carlos: „geſellſchaftlichem Rang, zukünftigem Glück, weltlichem Vermögen, um die Begnadigung des Räubers zu er⸗ langen?“ „Allem!“ antwortete Gineſta,„und ich fordere nur eine Gunſt, die, ihm dieſe Begnadigung ſelbſt über⸗ bringen zu dürfen.“ „Gut,“ ſagte Don Carlos.„Ihr werdet erhal⸗ ten, was Ihr wünſcht.“ Und er trat an einen Tiſch, ſchrieb ein paar Zei⸗ den⸗ zunterzeichnele ſie eigenhändig und ſetzte ſein Sie⸗ gel bei. Er kam ſodann mit demſelben langſamen, feierli⸗ chen Schritte zu Gineſta zurück und ſprach: „ ier iſt die Begnadigung von Fernando de Tor⸗ rillas, übergebt ſie ihm ſelbſt; er wird, wenn er ſie lieſt, ſehen, daß ihm auf Eure Bitte Leben und Chre geſchenkt ſind; bei Eurer Rückkehr werden wir in Be⸗ nef des Kloſters, in das Ihr eintreten ſollt, überein⸗ ommen.“ 176 „Ohl Sire,“ rief das Mädchen, die Hand des Kö⸗ nigs ergreifend,„oh! wie gut ſeid Ihr, und wie danke ich Euch!“ Und leicht, als hätte ſie der Flügel eines Vogels getragen, ſtieg ſie die Treppe hinab, ging durch den Garten, durchſchritt die Gemächer, ließ das Thor des Waſſerbehälters hinter ſich und befand ſich wieder auf dem Platze de las Algives, wohin ſie nicht gegangen, nicht gelaufen, ſondern geſchwebt war, wie man es in einem Traume thut. Nach ihrem Abgange las Don Carlos ſorgfältig die Diamanten zuſammen, ſchob ſie in den ledernen Beutel, ſchloß Diamanten, Ring und Pergament in eine Art von Schreibſchrank ein und ſtieg dann nach⸗ denkend, langſam die Stufen der Treppe hinab. Unten fand er Don Inigo; er ſchaute ihn an mit Erſtaunen, und als ob er nicht wüßte, daß er ihn hier finden ſollte. „Sire,“ ſprach der Großjuſticiar,„ich bin hier auf Befehl Eurer Hoheit, die mir ſie zu erwarten be⸗ fohlen. Hat mir Eure Hoheit nichts zu ſagen?“ Don Carlos ſchien ſich anzuſtrengen, um ſeine Er⸗ innerungen zu ſammeln; er ſtieß ſodann die ewige Beſorgniß wegen des Kaiſerthums, welche alle ſeine andere Gedanken bedeckte, wie eine unaufhörliche be⸗ harrliche Fluth das Geſtade bedeckt, von ſich und ant⸗ wortete: „Oh! ja, Ihr habt Recht... Meldet Don Ruiz de Torrillas, ich habe die Begnadigung ſeines Sohnes unterſchrieben.“ Und während ſich Don Inigo nach dem Platze de las Algives wandte, um dieſe gute Kunde ſeinem Freunde mitzutheilen, ſchlug Don Carlos wieder den Weg nach dem Löwenhofe ein. Kö⸗ danke gels den des auf gen, es in ältig ernen it in nach⸗ mit hier hier 1 be⸗ 2 Er⸗ wige ſeine e be⸗ ant⸗ Ruiz öhnes ze de inem den 177 XIX. Der Sturm. Gineſta war ſchon auf der Straße nach dem Ge⸗ birge. 3 Eilen wir ihr voran und ſehen wir, was in der Grotte, nachdem ſie dieſelbe verlaſſen, vorgefallen war. Fernando war Gineſta mit den Augen gefolgt, ſo lange er ſie hatte ſehen können, und erſt, als ſie völlig aus ſeinen Blicken verſchwunden, hatte er ſich allein gefühlt. Dann hatte er ſeine Augen wieder auf den Brand gerichtet. Die Flamme bedeckte den ganzen Berg mit ihrer glühenden Maſſe; das Geſchrei der Thiere war im Feuer und im Rauche erſtickt worden, und man hörte nur noch das mächtige Praſſeln des ungeheuren Herdes, vermiſcht für Don Fernando mit dem Rauſchen des Waſſerfalls. Das Schauſpiel war glänzend; doch ſo glänzend es ſein mag, am Ende ermüdet jedes Schauſpiel. Nero, der ſo lange Rom brennen zu ſehen gewünſcht hatte, wandte am Ende ſeinen geblendeten Blick von der Stadt ab, kehrte nach ſeinem kleinen Ruheſitze auf dem Pelathins zurück und träumte von ſeinem goldenen auſe. Don Fernando kehrte in ſeine Grotte zurück, legte ſich auf ſein Bett von Farnkraut und träumte ebenfalls. Wovon träumte er? Er hätte Mühe gehabt, es ſelbſt zu ſagen. War es von der ſchönen Dona Flor, welche er wie ein El Salteador. 12 178 leuchtendes Meteor hatte vorüberziehen ſehen, und die er in ſeiner Stärke gerettet? Oder von der ſüßen Gineſta, der er durch die Windungen des Waldes gefolgt war, wie der im Grunde ſeiner Barke verlorene Matroſe einem Sterne folgt, und die ihn in ihrer Schwäche rettete? Wovon er auch träumte, er entſchlummerte am Ende ſo ruhig, als hätte er nicht um ſich her fünf bis ſechs Meilen, welche um ſeinetwillen brannten. Etwas vor Tagesanbruch wurde er aufgeweckt durch ein ſeltſames Geräuſch, das aus dem Mittel⸗ punkte des Berges zu kommen ſchien. Er machte die Augen auf und horchte. Ein kräftiges, anhaltendes Kratzen wurde in einer Entfernung von ein paar Fuß von ſeinem Kopfe hörbar. Man hätte glauben ſollen, es ſei ein Bergmann, der mit aller Anſtrengung an einer unterirdiſchen Grube arbeite. Für Don Fernando gab es nicht einen Augenblick einen Zweifel: ſeine Feinde hatten ſeinen Zufluchtsort entdeckt, und da es für ſie eine anerkannte Unmöglich⸗ keit war, ihn von vorne anzugreifen, ſo gruben ſie im Berge, um ihn durch eine unterirdiſche Mine anzu⸗ greifen. Fernando ſtand auf und unterſuchte ſeine Büchſe, und außer der Patrone, mit der ſie geladen war, blie⸗ ben ibm noch zwanzig bis fünfundzwanzig andere; war ſeine Munition erſchöpft, ſo blieb ihm ſein Pyrenäen⸗ meſſer, auf das er beinahe eben ſo viel rechnete, als auf alle Feuergewehre der Welt. Er nahm alſo ſeine Büchſe für jeden Fall und hielt ſodann wieder ſein Ohr an die Wände der Grotte. Der Mineur ſchien, wenn nicht raſche, doch un⸗ unterbrochene Fortſchritte zu machen; es war augen⸗ ſcheinlich, daß es ihm bei einer mit ſolcher Beharrlich⸗ keit betriebenen Arbeit gelingen mußte, ſich mit der Grotte in Verbindung zu ſetzen. ſeinen 2 2 köpfig das e es we niß a abwa 2 um g befür Gine ſeiner muth und gab, in de Appe Lage weni er ar gleich Vate viell Stin ſolch aus die die unde olgt, Ende ſechs weckt ittel⸗ e die ndes Fuß llen, g an blick tsort glich⸗ e im anzu⸗ üchſe, blie⸗ war näen⸗ als und rotte. ) un⸗ ugen⸗ rlich⸗ t der 179 Als es Tag wurde, hörte das Geräuſch auf. Ohne Zweifel ruhte der Mineur ein wenig aus. Warum folgte ihm aber ſodann nicht einer von ſeinen Gefährten in der Arbeit? Das konnte ſich Fernando nicht erklären. Wie alle logiſche Geiſter, beſtand er nicht ſtarr⸗ köpfig darauf, die Löſung eines Problems zu ſuchen, das er nicht begreifen konnte, indem er ſich ſelbſt ſagte, es werde ein Augenblick kommen, wo ſich das Geheim⸗ niß aufkläre, und er müſſe geduldig dieſen Augenblick abwarten. Der junge Mann hatte alle Arten von Gründen, um geduldig zu warten. Vor Allem brauchte er fünf bis ſechs Tage nicht zu befürchten, die Hungersnoth werde ihn heimſuchen: Gineſta hatte, wie man ſich erinnert, Lebensmittel zu ſeiner Verfügung geſtellt. Dieſe Lebensmittel griff er muthig ein paar Stunden nach Sonnenuntergang an, und aus dem Eifer, mit dem er ſich dieſer Uebung hin⸗ gab, war leicht zu erſehen, daß die ganz precäre Lage, in der er ſich beſand, durchaus ohne Einfluß auf ſeinen Appetit blieb. Er hatte auch nun zwei Hoffnungen, aus dieſer Lage herauszukommen, ſtatt einer: Einmal das Anerbieten von Don Inigo; Sodann das Verſprechen von Gineſta. Geſtehen wir offenherzig, daß der junge Mann weniger auf das Anſehen der kleinen Zigeunerin, was er auch von ihrer Geſchichte und von der ihrer Mutter gleichſam im Helldunkel erſchaut hatte, als auf das des Vaters von Dona Flor rechnete. Dabei iſt das Herz des Menſchen undankbar; vielleicht hätte das von Fernando, in der geiſtigen Stimmung, in der er ſich befand, es vorgezogen, eine ſolche Wohlthat aus der Hand von Don Inigo, ſtatt aus der von Gineſta zu empfangen 180 Er hatte durch das Gefühl, das ihm Don Inigo eingeflößt, die Stärke von dem, welches er ſelbſt dem edlen Greiſe einflößte, begriffen. Es beſtand etwas Seltſames und der Stimme des Blutes Aehnliches zwiſchen dieſen zwei Männern. Don Fernando wurde dieſen Betrachtungen durch daſſelbe Geräuſch, das er ſchon gehört, entzogen. Er näherte ſein Ohr der Wand der Grotte, und mit der Hellſichtigkeit, die der Tag in den, wie die Natur immer durch die Finſterniß ein wenig verdun⸗ kelten, Geiſt bringt, beſtärkte er ſich in dem Gedanken, ein geſchickter Mineur grabe eine Sappe, um zu ihm zu kommen. Erreichte der Mineur das Ziel ſeiner Arbeit, das beißt, führte er zum Behuf des Angriffs einen Ver⸗ bindungsarm, wie man in der Strategie ſagt, von der Außenſeite des Berges bis zur Grotte durch, ſo hätte Don Fernando einen ungleichen Kampf zu be⸗ ſtehen, bei welchem ihm keine Chance der Rettung bliebe. Wäre es nicht beſſer, wenn er es, ſobald es Nacht geworden, verſuchte, aus der Grotte wegzugehen, um mit Hülfe der Finſterniß und ſeiner Kenntniß der Oert⸗ lichkeit einen andern Theil des Gebirges zu erreichen? Nur fragte es ſich: hatte nicht der Brand, der die ungeheure, faſt ſenkrechte Mauer beleckt, Maſtixbäume, Myrten und Lianen, an der Oberfläche dieſer Mauer hinkriechend, verzehrt, oder ihre Zwiſchenräume durch⸗ wühlend jeden Anhaltspunkt und jede Stiütze für die Füße und die Hände des Flüchtlings vernichtet? Don Fernando neigte ſich aus der Grotte hinaus, um zu unterſuchen, ob der Weg, dem Gineſta vor dem Brande gefolgt war, auch nach demſelben noch benütz⸗ bar ſei. Als er ſich ganz dieſer Forſchung hingab, erſcholl ein Schuß, und eine Kugel prallte am Granit einen halbe klam eines auf ihren von Hera jenig wehr ſchof aus, ten T den konn ſucht zu lo Neue tödte den geher er ni an die Salt Inigo dem ne des durch und e die rdun⸗ inken, ihm 181 halben Fuß von der Stelle ab, wo ſich ſeine Hand an⸗ klammerte. Don Fernando ſchaute empor. Drei auf der Spitze eines Felſens ſtehende Soldaten deuteten mit dem Finger auf ihn, und eine kleine weiße Rauchwolke ſtieg über ihrem Kopfe in den Aether empor und zeigte an, daß von ihrer Gruppe der Büchſenſchuß ausgegangen war. Der Salteador war entdeckt. Doch er war nicht der Mann, der eine ſolche Herausforderung empfing, ohne darauf zu antworten. Er nahm auch ſeine Büchſe und legte auf den⸗ jenigen von den drei Männern an, der eben ſein Ge⸗ wehr wieder lud und folglich der war, welcher ge⸗ ſchoſſen hatte. Der Schuß ging los, der Mann ſtreckte die Arme aus, es entfiel ihm die Büchſe, die ihm einen ſo ſchlech⸗ ten Dienſt geleiſtet, und er rollte mit dem Kopfe voran den Abhang des Berges hinab. Es erhob ſich ein gewaltiges Geſchrei. Man konnte nicht mehr zweifeln: derjenige, welchen man ſuchte, war gefunden. Fernando zog ſich zurück, um ſeine Büchſe wieder zu laden; als dies geſchehen war, näherte er ſich aufs Neue der Oeffnung der Grotte. Doch die zwei Kameraden von dem, welchen er ge⸗ tödtet, waren verſchwunden, und in dem ganzen Raume, den ſein Auge umfaſſen konnte, das heißt, in dem un⸗ geheuren Halbkreiſe, welcher die Grotte beherrſchte, ſah er nichts mehr. Nur einige vom Gipfel des Berges rollende und an ſeinen Flanken aufſpringende Steine deuteten an, die Soldaten verſammeln ſich über dem Kopfe des Salteador. Die Grabarbeit währte immer fort. Es war augenſcheinlich, daß der Salteador, da er 182²2 nun entdeckt, durch alle mögliche Mittel angegriffen wer⸗ den würde. Er ſetzte alſo ſeinerſeits alle ſeine Vertheidigungs⸗ mittel in Bereitſchaft, verſicherte ſich, daß ſein baskiſcher Dolch leicht aus ſeiner Scheide ging, daß ſeine Büchſe wohl mit Zündkraut verſehen war, und ließ ſich auf das Farnkrautbett nieder, von welchem aus er zugleich, was ſich hinter ihm vorbereitete, hören, und was vor ihm vorging, ſehen konnte. Nach einer halben Stunde der Erwartung, wäh⸗ rend welcher natürlich ſein Geiſt von der Wachſamkeit zur Träumerei übergegangen war, glaubte er zu be⸗ merken, daß ein Schatten zwiſchen ihm und dem äußeren Lichte durchkam, daß ſich ein undurchſichtiger Körper am Eingange der Grotte, am Ende von einem Seile ſchwebend, ſchaukelte. Da ſie nicht bis zur Grotte hiunaufſteigen konnten, ſo hatten es die Soldaten unternommen, zum Felſen hinabzuſteigen: ein Mann, bedeckt mit einer vollſtän⸗ digen Rüſtung, faſt ganz verborgen hinter einem gro⸗ ßen kugelfeſten Schilde, hatte ſich an ein Seil feſtbin⸗ den laſſen und verlockt durch die tauſend Goldſtücke, die demjenigen verſprochen waren, der des Salteador todt oder lebendig habhaft werden würde, das Unter⸗ nehmen gewagt. Doch in dem Augenblick, wo der Soldat, den Waſſerfall durchſchneidend, mit dem Fuße den Felſen berühren ſollte, füllte ein Büchſenſchuß die Grotte mit Geräuſch und Rauch. Unmächtig, den Schild zu zerbrechen, die Rüſtung zu durchlöchern, hatte ſich die Kugel damit begnügt, daß ſie das Seil über dem Kopfe von demjenigen, welchen es trug, abſchnitt. Der Soldat ſtürzte in den Abgrund. Es wiederholten ſich drei Verſuche derſelben Artz alle drei hatten ein ähnliches Reſultat. Abſt dere unte den and Sch mar fort wer⸗ ungs⸗ kiſcher Züch ſe h auf gleich, s vor wäh⸗ amkeit zu be⸗ ißeren RKörper Seile nnten, Felſen llſtän⸗ n gro⸗ eſtbin⸗ Lſtücke, teador Unter⸗ „ den Felſen te mit üſtung gnügt, tnigen, 1 Aif⸗ 183 Jedes Mal erhob ſich ein entſetzlicher Schrei vom Abſturze, und einem Echo ähnlich antwortete ein an⸗ derer Schrei oben vom Berge herab. Nach dieſem dritten, für diejenigen, welchen ihn unternommen, tödtlichen Verſuche dachten die Belagern⸗ den ohne Zweifel, man müſſe ſeine Zuflucht zu einer anderen Angriffsweiſe nehmen, denn auf die letzten Schreie folgte die Stille, und der Salteador ſah Nie⸗ mand mehr erſcheinen. Wohl ſetzte der Mineur ſeine unterirdiſche Arbeit fort, und die Mine machte raſche Fortſchritte. Das Ohr an die Wand gedrückt, ſah Don Fer⸗ nando die Nacht kommen. Die Nacht bedrohte ihn mit einem doppelten Angriffe. Mit Hülfe der Finſterniß würde es vielleicht den Soldaten gelingen, den Felſen zu erklettern. Sicherlich wäre die Sappe nahe genug, daß vor einer Stunde eine Verbindung zwiſchen der Mine und der Grotte ſtattfände. Sein geübtes Ohr ſagte übrigens dem Salteador, es ſei ein einziger Menſch bei der unterirdiſchen Arbeit beſchäftigt; dieſer Menſch war von ihm durch eine ſo wenig dicke Erdſchichte getrennt, daß man die ſucceſſive Arbeit ſeiner beiden Hände hörte. Darüber wunderte ſich indeſſen der Salteador, daß das bis zu ihm gelangende Geräuſch weder der Schlag eines Karſts, noch der Stich eines Spatens, ſondern etwas wie ein beſtändiges Kratzen war. Man hätte glauben ſollen, der Mineur habe, um die Erde zu durchgraben, kein anderes Werkzeug, als ſeine Hände. Das Geräuſch kam immer näher. Der Salteador hielt zum dritten Male ſein Ohr an die Wand der Grotte. Der Mineur war ſo nahe, daß man ſein heftiges, rauhes Athmen hören konnte. Fernando horchte aufmerkſamer als je; ſein Auge 184 gab eine Flamme von ſich, die ſein Geſicht erleuchtete; ein Lächeln der Freude ſchwebte über ſeine Lippen Er verließ den Hintergrund der Grotte, trat bis auf den ſchlüpfrigen Rand des Felſens vor und neigte ſich gegen den Abhang, um ſich zu verſichern, daß ihn keine andere Gefahr bedrohte. Alles war ruhig; die Nacht breitete ſich düſter und ſtumm aus. Die Soldaten hatten offenbar jeden An⸗ griff eingeſtellt, in der Hoffnung, des Salteador durch den Hunger habhaft zu werden. „Oh!“ murmelte Fernando,„gönnt mir nur eine halbe Stunde, und ich erlaſſe Don Carlos die Gnade, um die man ihn in dieſem Augenblick für mich bittet.“ Hienach eilte er in den Hintergrund der Grotte mit ſeinem baskiſchen Dolche in der Hand zurück und fing an, demjenigen, welcher zu ihm kam, entgegen⸗ kommend, die Erde auf ſeiner Seite auszugraben. Die zwei Arbeiter näherten ſich einander raſch. Nach Verlauf von zwanzig Minuten ſtürzte der ſchwache Wall, der ſie noch trennte, ein, und Fernando ſah, wie er dies ohne Zweifel erwartete, an der Oeffnung, ſich auf ſeine ungeheuren Branken ſtützend, einen Bären mit ſeinem monſtruöſen Kopfe erſcheinen. Das Thier ſchöpfte Athem. Sein Athemſchöpfen glich einem Gebrülle. Es war dieſes, Fernando wohlbekannte, Geräuſch, was dem nnerſchrockenen Jäger das furchtbare Wild verkündigt hatte. Auf dieſes Athmen, das er erkannt, hatte Fernando ſeinen ganzen Plan zur Flucht gegründet. Er hatte ſich geſagt, ohne Zweifel ſtoße die Höhle des Bären an die Grotte an, und dieſe Höhle biete ihm einen Ausgang, der nicht bewacht werde. Als er ſah, daß ſich Alles zugetragen, wie er es vorhergeſehen, ſchaute er das Ungeheuer mit einem Lä⸗ cheln an. des2 folgte auf d du er währ Bäre Schn Höhl der Schr nur gang daß doch geſag eintr Kohl tete falſch einen ſeine Gröf punk tete; bis eigte ihn und An⸗ zurch eine nade, tet.“ rotte und gen⸗ aſch. dache wie ſich ären iſch, Lild ndo öhle diete r es Lä⸗ 18⁵ „Ah!“ murmelte er,„ich erkenne dich, alter Bär des Mulahacen! Du biſt es, deſſen Fährte ich ver⸗ folgte, als Gineſta mich traf; du haſt gebrüllt, als ich auf den Baum ſteigen wollte, um den Brand zu ſehen; du endlich wirſt mir, wohl oder übel, Durchgang ge⸗ währen... Vorwärts, Platz!“ Und indem er dieſe Worte ſprach, ſtieß er dem Bären die Dolchſpitze in die Schnauze. Das Blut ſprang hervor; das Thier gab ein Schmerzensgebrülle von ſich, kehrte rücklings in ſeine Höhle zurück und demaskirte das Loch. Don Fernando ſchlüpfte durch dieſe Oeffnung mit der Behendigkeit einer Schlange und ſah ſich neun Schritte vom Bären entfernt in deſſen eigener Höhle; nur war das Thier ſo geſtellt, daß es ihm den Durch⸗ gang verſperrte. „Ja,“ murmelte Fernando,„ja, ich weiß wohl, daß nur Einer von uns von hier hinauskommen wird, doch es fragt ſich, welcher?“ Der Bär, als hätte er verſtanden, was der Jäger geſagt, antwortete durch ein Gebrülle der Drohung. Während eines kurzen Stillſchweigens, das nun eintrat, maſſen ſich die zwei Gegner mit den Augen. Die des Thieres ſahen aus wie zwei glühende Kohlen. Keiner von Beiden näherte ſich; es war, als war⸗ tete Jeder, um ſie zu benützen, daß der Andere eine falſch Bewegung machte. Der Menſch wurde zuerſt müde. Unter den Trümmern der Mauer ſuchte Fernando einen Stein; der Zufall bediente ihn, er fand unter ſeiner Hand ein Bruchſtück von einem Felſen von der Größe eines Pflaſterſteins. Die zwei flammenden Augen dienten ihm als Ziel⸗ punkt, und der Stein ſprang, wie von einer Kriegs⸗ 186 maſchine geſchleudert, mit einem dumpfen Schalle auf dem Kopfe des Thieres auf. Einem Stiere wäre die Stirne zerſchmettert ge⸗ weſen. Der Bär bog ſich auf ſeinen Knieen, und Fernando ſah einen Moment unter ſeinem geſchloſſenen Lide den doppelten Blitz ſeiner Augen verſchwinden. Das Thier ſchien ſich endlich zum Angriffe zu ent⸗ ſchließen, und es erhob ſich mit einem furchtbaren Ge⸗ brülle auf ſeinen Hintertatzen. „Ah!“ ſagte Fernando, indem er einen Schritt gegen den Bären machte,„du entſchließeſt dich endlich.“ Er ſtützte ſodann den Griff ſeines Dolches auf ſeine Bruſt, während er die Spitze deſſelben gegen ſei⸗ nen Feind drehte, und rief: „Auf, Kamerad, umarmen wir uns.“ Die Umarmung war entſetzlich! der Kuß war tödt⸗ tich! Fernando fühlte in das Fleiſch ſeiner Schulter die Klauen des Bären eindringen; der Bär aber fühlte bis in ſeinem Herzen die Spitze des Dolches von Fer⸗ nando. Der Menſch und das Thier rollten verſchlungen auf den Boden der Höhle, den der Bär mit ſeinem Blute überſtrömte. e auf t ge⸗ nando e den u ent⸗ n Ge⸗ Schritt Dich.“ s auf en ſei⸗ rtödt⸗ chulter fühlte n Fer⸗ lungen ſeinem 187 XX. Die Gaſtfreundſchaft. Bei Einbruch der Nacht gelangte Gineſta ins Gebirge. Ehe wir ihr aber folgen, dünkt es uns gut, einen Beſuch im Hauſe von Don Ruiz de Torrillas zu ma⸗ chen, und zwar im Gefolge des Großjuſticiar von Andaluſien. Der Leſer erinnert ſich vielleicht der paar Worte, die der König zu Don Inigo mit Gineſta vom Mira⸗ dor der Königin herabkommend ſagte. Don Inigo, ohne ſich darum zu bekümmern, durch welchen ſeltſamen Einfluß die Zigeunerin die Begnadi⸗ gung, die der König Don Ruiz und ihm ſelbſt verwei⸗ gert, erlangt habe, Don Inigo hatte auf der Stelle den Weg nach dem Hauſe von Don Ruiz, das auf dem Platze de la Viva Rambla lag, eingeſchlagen Man erinnert ſich anch, daß der Großjuſticiar, als er nach Granada kam, um hier die ganze Zeit zu wohnen, welche Don Carlos in dieſer Hauptſtadt der ehemaligen mauriſchen Könige verweilte, es für eine ſeinem Freunde Don Ruiz angethane Beleidigung be⸗ trachtet hätte, nicht geradezu die Gaſtfreundſchaft von ihm zu verlangen, die ihm ſein alter Waffengefährte eines Tags in Malaga angeboten hatte. Dem zu Folge war er, wie er Don Nuiz auf dem Platze de las Algives geſagt, im Hauſe ſeines Freundes mit ſeiner Tochter am Tage nach ſeiner An⸗ kunft erſchienen und hatte die angebotene Gaſtfreund⸗ ſchaft gefordert. 188 Dona Mercedes war allein, denn Don Ruiz erwar⸗ tete, wie man weiß, vom Morgen an auf dem Platze de las Algives die Ankunft des Königs. Noch ſchön, obgleich ſie ihre vierzig Jahre zurück⸗ gelegt, hatte Dona Mercedes den Ruf einer Matrone des Alterthums; ihr Leben war, in den Augen Aller, rein und fleckenlos verlaufen, und Niemand in Gra⸗ nada hätte die Idee gehabt, auf die Gattin von Don Ruiz den Schatten eines Verdachtes fallen zu laſſen. Als ſie Don Inigo erblickte, gab Mercedes einen erſtickten Schrei von ſich und ſtand auf; ihr gewöhnlich bleiches Geſicht bedeckte ſich plötzlich mit einer Flamme, die mit der Geſchwindigkeit des Reflexes von einem Blitze wieder erloſch, um nach ihrer Erſcheinung dieſes ſchöne Geſicht noch bleicher zu laſſen; und, ſeltſamer Weiſe! als ob derſelbe Eindruck, der Dona Mercedes ergriffen, auch auf Don Inigo gewirkt hätte,— erſt nach einigen Secunden des Stillſchweigens, als Dona Flor ihren Vater und Mercedes mit Erſtaunen an⸗ ſhane fand Don Inigo die Sprache wieder und agte: „Edle Dame, ich bringe ein paar Tage in Gra⸗ nada zu, und dies zum erſten Male ſeit meiner Rück⸗ kehr von Amerika. Ich müßte es aber als ein ſchlim⸗ mes Benehmen gegen einen alten Freund betrachten, wenn ich, nachdem dieſer Freund nach Malaga gekom⸗ men, um mir ſein Haus anzubieten, hier entweder in einem Gaſthofe oder bei einem andern Edelmanne von meiner Bekanntſchaft wohnen würde.“ „Senor,“ antwortete Mercedes mit niedergeſchla⸗ genen Augen und mit einer Stimme, deren Aufregung ſie vergebens zu beherrſchen ſuchte, während ihr vibri⸗ render Klang Dona Flor beben machte,„Ihr habt Recht, und handeltet Ihr anders, ſo würde Don Ruiz gewiß ſagen, er oder ſeine Frau habe in Euren Augen etwas verſchuldet, und da er ſicher wäre, daß es nicht iſt, ſ nem falls ſehr Jahr beſor mich „blei weih mich Toch Gaſt gege Verf dieſe Toch Don nig er b das abge Sch ſond ſagt väte Hau ſcher werl teau war⸗ latze rück⸗ rone lller, Gra⸗ Don ſſen. inen nlich ume, inem ieſes amer edes erſt dona an⸗ und Gra⸗ kück⸗ lim⸗ hten, kom⸗ r in von chla⸗ gung ibri⸗ habt Ruiz ugen nicht 189 iſt, ſo würde er mich fragen, wie es ein Richter bei ei⸗ nem Angeklagten thut, ob ich es nicht ſei.“ „Dies,“ meine Dame,“ verſetzte Don Inigo eben⸗ falls die Augen niederſchlagend,„dies iſt außer dem ſehr natürlichen Wunſche, einen Freund von dreißig Jahren wiederzuſeheu, das wahre Motiv ler legte einen beſondern Nachdruck auf die zwei letzten Worte), das mich zu Euch geführt hat.“ „Es iſt gut, Senor,“ erwiederte Mercedes; „bleibet hier mit Dona Flor, der eine Mutterliebe zu weihen ich mich glücklich fühlen würde, wollte ſie mich einen Augenblick glauben laſſen, ſie ſei meine Tochter. Ich will darüber wachen, daß Euch die Gaſtfreundſchaft im Hauſe meines Gatten ſo würdig gegeben wird, als dies möglich bei dem Zuſtande des Verfalles, in den durch die Freigebigkeit von Don Ruiz dieſes arme Haus gerathen iſt.“ Hienach grüßte Mercedes Don Inigo und ſeine Tochter und ging hinaus. Von der Freigebigkeit ihres Gatten redend, ſpielte Dona Mercedes auf das an, was Don Ruiz dem Kö⸗ nig in Betreff der Dürftigkeit geſagt hatte, zu der er beinahe herabgeſunken war, weil er ihren Familien das Blut der von ſeinem Sohne getödteten Alguazils abgekauft und in einem Kloſter die Ausſteuer der Schweſter von Don Alvar bezahlt hatte. Dieſe Freigebigkeit war um ſo ſeltſamer und be⸗ ſonders um ſo lobenswerther von ihm, als, wie ge⸗ ſagt, Don Ruiz nie für ſeinen Sohn eine ſehr große väterliche Zuneigung gehabt hatte. Hinter Dona Mecredes trat ein alter Diener des Hauſes ein, der auf einem vergoldeten und mit arabi⸗ ſchen Zeichnungen verzierten kupfernen Plateau Back⸗ werk, Früchte und Wein brachte. Der Großjuſticiar ſchob mit der Hand das Pla⸗ teau zurück; doch mit der naiven Lüſternheit der Vögel 190 und der Kinder, welche immer bereit ſind, was man ihnen bietet, zu koſten, öffnete Dona Flor eine rothe blutende Granate und benetzte ihre Lippen, welche, wo möglich noch röther und friſcher als die Granate, mit dem flüſſigen Golde, das man den Cyperwein nennt. Nach einer Viertelſtunde kam Dona Mercedes zu⸗ rück oder öffnete vielmehr die Thüre und lud ihre Gäſte ein, ihr zu folgen. Ihr Zimmer war das von Dona Flor geworden, das Zimmer ihres Gatten war das von Don Inigo geworden. 3 Weder Don Inigo, noch Dona Flor fiel es ein, ſich wegen der Störung, die ſie im Hauſe von Don Ruiz verurſachten, zu entſchuldigen; die Gaſtfreundſchaft hatte ihre Geſetze, welche von demjenigen, der ſie emp⸗ fing, wie von dem, der ſie bot, geachtet wurden. Don Inigo und Dona Flor würden daſſelbe gethan haben, hätten ſie Don Ruiz und Mercedes empfangen, ſtatt von ihnen empfangen zu werden. Don Inigo, während Dona Flor vom Zimmer von Mercedes Beſitz ergriff, auartirte ſich in dem von Don Ruiz ein, legte ſeinen Reiſeanzug ab und kleidete ſich an, um dem König entgegenzugehen. Wir haben ihn im Gefolge von Don Carlos über den Platz de las Algives ſchreiten und ſodann zurückkommen und Don Ruiz von ſeiner Ankunft unter⸗ richten ſehen. Wir wiſſen nun auch, wie ein Bote, im Auftrage des Königs den Großjuſticiar von Andaluſien rufend, Don Ruiz den, Allen unbekannten, Titel ſeines alten Freundes geoffenbart hatte. Don Ruiz kehrte ſo düſter nach Hauſe, daß ſeine Frau, die ihn kommen ſah, es nicht wagte, ſich auf ſeinem Wege zu finden; ſie zog ſich in ihr neues Zimmer zurück, das über dem alten lag, und hieß den Dien Verä und — den ſen, Don nes; dieſes fen, hartr derte und als e die 7 Merc Auft von als dem erwie frem from Ster künd zeitig empf niß Bitt fel man öthe lche, nate, wein zu⸗ ihre den, nigo ein, Ruiz ſchaft emp⸗ rden. than igen, umer von eidete arlos dann nter⸗ trage fend, alten ſeine ſich neues den 191 Diener Vicente ſeinen Herrn erwarten, ihm die Veränderung melden, welche im Hauſe vorgegangen, und ihn ebenfalls in ſeine neue Wohnung führen. Die Verweiſung des Königs von Don Ruiz an den Großjuſticiar von Andaluſien war ſo ſtreng gewe⸗ ſen, daß Don Ruiz wenig ſelbſt auf den Einfluß von Don Inigo hoffte, um die Begnadigung ſeines Soh⸗ nes zu erlangen. Man brauchte nicht einen Blick auf dieſes kalte, unbewegliche Geſicht des Königs zu wer⸗ fen, um den in ſeiner Marmorſtirne eingeſchloſſenen hartnäckigen Willen zu beurtheilen; Don Ruiz wun⸗ derte ſich auch nicht über das Zögern ſeines Gaſtes, und was ihn im Gegentheil in Erſtaunen ſetzte, war, als er plötzlich Dona Flor mit einem freudigen Geſichte die Thüren der zwei Zimmer öffnen ſah und Dona Mercedes und Don Ruiz zurufen hörte: „Oh! kommt, kommt! mein Vater verkündigt im Auftrage des Königs Don Carlos, die Begnadigung von Senor Fernando ſei bewilligt.“ Man ging in den gemeinſchaftlichen Saal hinab. „Gute Kunde! gute Kunde!“ rief Don Inigo, als er die beiden Gatten erblickte,„und laßt die Thüre dem Glücke öffnen, denn das Glück folgt mir.“ „Es wird um ſo mehr im Hauſe willkommen ſein,“ erwiederte Don Ruiz,„als es ein ihm ſeit langer Zeit fremder Gaſt iſt.“ „Die Barmherzigkeit des Herrn iſt groß,“ ſprach frommer Weiſe Mercedes,„und läge ich auf meinem Sterbebette, ohne den Gaſt zu haben, den Ihr ver⸗ kündigt, Senor, ich würde noch hoffen, er werde zeitig genug kommen, um meinen letzten Seufzer zu empfangen.“ Hienach erzählte Don Inigo das ſeltſame Ereig⸗ niß in allen ſeinen Einzelheiten: wie der König ſeine Bitte ſtreng zurückgewieſen, und wie er ſie ohne Zwei⸗ fel der kleinen Zigeunerin bewilligt, die ihm auf 192 den Knieen den Ring und das Pergament überreicht habe. Dona Mercedes, für welche, in ihrer Eigenſchaft als Mutter, keiner von den Umſtänden, die ihren Sohn betrafen, gleichgültig war, Dona Mercedes, welche nicht wußte, was ihr Gatte von Don Inigo erfahren, nämlich, daß er und ſeine Tochter am Tage vorher vom Salteador angehalten worden waren, Mercedes fragte, wer die Zigeunerin ſei. Dona Flor nahm ſie ſodann bei der Hand und ſprach, indem fie der edlen Matrone den Namen gab, nachdem dieſe zu trachten geſchienen hatte: 3 „Kommt, Mutter!“ Und ſie führte Mercedes in ihr Zimmer. 1 Hier, um ſo viel als möglich das zu mildern, was die Erzählung, die ſie hören ſollte, Schmerzliches hatte, kniete Dona Flor vor der Mutter von Fernando nieder, und ihre beiden Ellenbogen auf die Kniee von Mer⸗ cedes ſtützend, die Augen auf die Augen der Matrone geheftet, die Hände gefaltet, erzählte ſie mit aller Zart⸗ heit ihres Herzens, was ihr und ihrem Vater in der Venta zum Maurenkönig begegnet war. Und Mercedes hörte zu, den Athem gehemmt, den Mund leicht geöffnet, bebend bei jedem Worte, vom Schrecken zur Freude, von der Freude zum Schrecken übergehend, Gott mit unendlicher Erkenntlichkeit dan⸗ kend, als ſie ſah, wie dieſer furchtbare Salteador, den man ihr, ohne daß man wußte, daß man mit ſeiner Mutter ſprach, als einen grauſamen, unbarmherzigen Mörder geſchildert, ſanft und mild gegen Don Inigo und ſeine Tochter geweſen war. Und von dieſem Augenblicke an entſtand eine große Zärtlichkeit für Dona Flor im Herzen von Mercedes; denn ſie iſt ein ſo wunderbar unerſchöpflicher Schatz, die Liebe einer Mutter, daß, während ſie dieſe Liebe 193 ganz ihrem Sohne gibt, noch Mittel findet, diejenigen zu lieben, welche ihn lieben! 3 Und Dona Flor ihrerſeits brachte freudig und voll Zärtlichkeit für die Mutter von Fernando den Abend ihren Kopf auf die Schulter von Dona Mer⸗ eedes geſtützt zu, als wäre dieſe ihre eigene Mutter geweſen, indeß die zwei Greiſe unter der doppelten (Reihe von Bäumen vor dem Hauſe auf⸗ und abgingen und ernſt von der Zukunft ſprachen, welche Spanien dieſer junge König mit den blonden Haaren und dem rothen Barte verhieß, der ſo wenig den caſtiliani⸗ en und aragoniſchen Königen, ſeinen Vorgängern, glich. XXI. Das Schlachtfeld. 4 Während dieſer Zeit, das heißt, während die wei Greiſe plauderten und Dona Mercedes und Dona Flor ſich in einem Stillſchweigen, das ausdrucksvoller als die beredteſten Worte, zulächelten, kam Gineſta, wie wir am Anfange des vorhergehenden Kapitels ge⸗ ſagt haben, ins Gebirge. Eine Viertelmeile von der Venta zum Mauren⸗ kkönig ſtieß ſie auf einen Cordon Soldaten. des; Diesmal ſuchte ſie übrigens die Soldaten viel de*mehr, als daß ſie dieſelben floh. 4 hab,„Ah!“ riefen ſie,„das iſt das ſchöne Mädchen mit eiebe der Ziege!⸗ I Salteador. 13 einer zigen nigo roße 194 2sbi Gineſta ging gerade auf den Anführer zu und ſagte zu ihm: dnu„Senor Kapitän, leſet dieſes Papier!“ 1150 Es war der von Don Carlos unterzeichnete und befiugelte Befehl, den Salteador frei zu laſſen. 15 1 Gut,“ murmelte der Officier;„es war wohl der Muhe werth, ſieben bis acht Meilen Wald zu verbren⸗ uen und mir vier Mann tödten zu laſſen!“ Iin Er las den Befehl ſodann zum zweiten Male, als itiit n ihm die Sache ſo ſeltſam, daß er durch ein erſtes Leſen nicht überzeugt wäre, und ſprach zu dem Mädchen, das er für eine gewöhnliche Zigeunerin hielt: „Ohne Zweiſel übernimmſt Du es; ihm das Pa⸗ pier an den Ort zu bringen, wo er iſt?“ „Ich übernehme es.“ „So geh!“ Gineſta ging raſch weiter. „Nur laß Dir einen Rath geben,“ fügte der Offi⸗ cier bei:„thue ihm zu wiſſen, daß Du es biſt, und mit welcher Botſchaft Du beauftragt biſt, denn er könnte Dich ſonſt empfangen, wie er meine Soldaten empfan⸗ gen hat.“ „Oh! ich habe nichts zu befürchten,“ erwiederte Gineſta;„er kennt mich!“ 34 MBei San Jago! ich weiß nicht, ob Du Dich vgſeß hekanntſchaft rühmen darfſt, ſchönes Kind,“ ver⸗ te der Ofſicier. snd er bedeutete dem Mädchen, mit der Hand winkend, es könne weiter gehen. iieſte war ſchon fern. nsrshr Weg war vorgezeichnet: um in den rauchen⸗ den Herd zurückzukehren, wie ſie aus dem flammenden Herdeieggegangen war, bot ihr der Waldbach ſein iauſendss. mit Kieſelſteinen beſäetes Bett. aim Sieſfolgte ihm bis zum Fuße des Waſſerfalls. ihrer n und e und hl der rbren⸗ le, als ich ein u dem hielt: s Pa⸗ Offi⸗ ud mit könnte npfan⸗ iederte Dich “ ver⸗ Hand uchen⸗ nenden h ſein ills. 195 Hier augelangt, wurde ihre Ziege, welche ihr voranlief, ſcheu und kehrte um. Gineſta näherte ſich. Ihre an die Finſteiniß gewöhnten Augen, welche die Fähigkeit beſaßen, beinahe eben ſo gut bei Nacht als bei Tag zu ſehen, erkannten einen Leichnam. Es war der des erſten Soldaten, der in den Ab⸗ grund gerollt. Sie wich rechts aus: ihr Fuß ſtieß an einen zweiten Leichnam. Sie konnte den Tod nicht befragen, doch gerade das Stillſchweigen des Todes ſagte ihr, daß ein Kampf, ein erſchrecklicher Kampf ſtattgefunden. Wie war es Fernando in dieſem Kampfe er⸗ gangen? Einen Augenblick ſprang ein Schrei auf ihre Lip⸗ pen, bereit, zum Salteador aufzuſteigen; doch Gineſta überlegte, daß das Geräuſch des Waſſerfalls ihre Stimme bedecken würde, oder daß ihr Schrei, wenn ihn Fernando hörte, auch von denjenigen, welche ihn belagerten, gehört werden konnte. Sie eilte alſo ſtumm und leicht gegen die Wand ki⸗ ſie noch zu erklettern hatte, um zur Grotte zu ge⸗ angen. Nur eine Fee oder ein Engel konnten eine ſolche Aufſteigung unternehmen. Die Zeit, die ein Vogel gebraucht hätte, um mit Hülfe ſeiner Flügel an Ort und Stelle zu kommen, war die Zeit, welche Gineſta hiezu brauchte. Als ihr Fuß den Vorſprung des Felſens berührte, legte ſie die Hand auf ihr Herz, denn ihr Herz ſchlug, um die Bruſt zu zerſprengen. Sie rief ſodann Fernando. „ Gineſta fühlte den Angſtſchweiß an der Wurzel ihrer Haare perlen. Ein Luftzug wie der, welcher aus einer halb geöff⸗ 196 neten Thüre kommt, vereiſte dieſen Schweiß auf ihrer Stirne. Sie rief zum zweiten Male. Sogar das Echo blieb ſtumm. Mitten in der Finſterniß glaubte ſie im Hinter⸗ grunde der Grotte eine unbekannte Oeffnung zu ſehen. Sie zündete die Lampe an. Die Oeffnung war gähnend, und es drang daraus jenes ſeltſame Geräuſch hervor, das aus allen Tiefen kommt, ein erſchreckliches Geſumme, weil es weder das Getöſe des Lebens, noch das Stillſchweigen des Todes, ſondern das Geräuſch des Unbekannten iſt. Sie hielt ihre Lampe an die Oeffnung. Die Luft löſchte ſie aus. Gineſta zündete die Lampe wieder an und drang, die Flamme mit ihrer Hand beſchirmend, von der erſten Grotte in die zweite ein. Die Ziege wollte ihr nicht folgen und blieb zit⸗ ternd und ängſtlich meckernd jenſeits der Oeffnung. Ein großer Haufen eingeſtürzter Erde in der zwei⸗ ten Grotte bewies Gineſta, daß das Verbindungswerk von Fernando, wenn nicht begonnen, doch wenigſtens vollendet worden war. Sie fing nun an die Wände der Höhle zu unter⸗ ſuchen. Während dieſer Unterſuchung glitſche ihr Fuß in V einem feuchten Kothe aus. Sie ſenkte ihre Lampe gegen den Boden: der Boden war ganz mit Blut getränkt. Die Lampe wäre beinahe ihrer Hand entfallen. Gineſta raffte indeſſen ihre Kräfte zuſammen und hob die Lampe zur Decke empor, um das Ganze der Grotte zu beleuchten. Eine ſchwarze, haarige Maſſe lag in einer Ecke. Zugleich gelangte der ſcharfe Geruch, den das wilde Thier ausſtrömt, bis zu ihr. groß Stro unte hatte ihrer inter⸗ ehen. nraus tefen das odes, rang, erſten zit⸗ . zwei⸗ werk ſtens nter⸗ 8 in der„ n. und e der Ecke. das 197 Es war dieſer Geruch, was die Ziege erſchreckte. Gineſta näherte ſich der Maſſe: ſie blieb träge. So wie ſie näher hinzu kam, erkannte ſie den großen ſchwarzen Bären der Gebirge. Sie neigte ſich zu ihm und bedeckte ihn mit den Strahlen ihrer Lampe. Er war todt.. Das Blut floſe zus einer tiefen Wunde, das er unter der Bruſt, geude bei der Stelle des Herzens atte. 3 Die Zigeunerin faßte ſich ein Herz und berührte das Thier: ſie fand es noch warm. Es war alſo nicht mehr als eine Stunde, daß der Kampf ſtattgefunden. Sie fing nun an zu begreifen. Das Thier hatte in ſeiner zuſammengezogenen Tatze vom Mantel von Fernando abgeriſſene Fetzen Wolle behalten. Es hatte alſo gegen Fernando gekämpft. Welcher Andere, als Fernando, hätte übrigens auch einen ſolchen Gegner beſiegt? Von da an war ihr Alles erklärt. Man hatte Fernando angegriffen, und Fernando hatte die Menſchen getödtet, deren Leichname ſie ge⸗ troffen. Befürchtend, in ſeinem Zufluchtsorte überwältigt zu werden, hatte er ſodann dieſe Oeffnung gegraben. Die Oeffnung hatte zur Höhle des Bären geführt. Der Bär hatte den Durchgang vertheidigt; er hatte den Bären getödtet. Dann war er ſelbſt durch den entgegengeſetzten Eingang entflohen, der, verloren in dem entzündeten Geſträuche, nicht entdeckt worden. Dies war um ſo ſicherer, als man der blutigen Spur der Füße von Fernando in der Richtung der zweiten Oeffnung folgte. 198 Der unterirdiſche Gang, der zu Tage führte, hatte eine Länge von hundert bis hundert und zwanzig Schritten. Gineſta, welche durch die Oeffnung des Waſſerfalls eingetreten war, ging durch die entgegengeſetzte Oeff⸗ nung hinaus. Eine Gruppe von Soldaten ſtand auf dem Gipfel des Berges, was zum Beweiſe diente, daß man Fer⸗ nando immer noch in der Grotte glaubte. Stellenweiſe warf noch irgend ein Herd ſeine Flamme aus. Das waren die Orte, wo der Brand Gruppen von harzigen Bäumen getroffen hatte. An allen andern Orten ſchaukelten ſich, großen, in ihre Schweißtücher gehüllten und mit den Füßen im Boden eingewurzelten Geſpenſtern ähnlich, weiße Rauch⸗ wolken, im Hauche des Windes wogend. Selbſt Dunſt, verlor ſich Gineſta mitten unter allen dieſen Dünſten. Am andern Morgen, bei Tagesanbruch, erſchien ein Mädchen, bedeckt mit einer Mantille, welche ſein Geſicht vor Aller Blicken verbarg, auf dem Platze der Viva Rambla, klopfte an das Haus von Don Ruiz und verlangte bei Dona Flor eingeführt zu werden. Freudig und lächelnd über die guten Nachrichten, die ihr am Tage vorher Don Inigo gegeben, empfing Dona Flor dieſes Mädchen, wie man ſogar die Unbe⸗ kannten empfängt, wenn das Herz jubelt. Jubelt aber das Herz, ſo gleicht das Geſicht den Fenſtern eines erleuchteten Hauſes; ſo gut die Vor⸗ hänge zugezogen, ſo gut die Läden geſchloſſen ſind, einige Strahlen vom inneren Lichte ſpringen immer nach außen. Und die Vorübergehenden bleiben ſtehen und ſagen zu den offenbarenden Strahlen:„In dieſem Hauſe woh⸗ nen glückliche Leute.“ Beim Anblicke dieſer freudigen Phyſiognomie, welche chen hörte G um ſ Euch einen forde chen Don iſt u kann ches gnad Beg⸗ borg ſen. Gin Läch ihre hatte unzig falls Oeff⸗ ipfel Fer⸗ ſeine rand ößen, n im auch⸗ unter chien ſein 2 der Ruiz n hten, fing Inbe⸗ den Vor⸗ ſind, nmer agen woh⸗ mie, 199 welche Dona Flor noch ſchöner machte, ſtieß das Mäd⸗ chen einen leichten Seufzer aus. g So ſchwach dieſer Seufzer war, Dona Wlor hörte ihn. Jisa Sie glaubte, diejenige, welche zu ihr kam, komme, um ſich eine Gnade von ihr zu erbitten. „Ihr habt mich zu ſprechen verlangt?“ „Ja,“ flüſterte Gineſta..55 „Nähert Euch und ſagt mir, welchen Dienſt ich Euch leiſten kann.“ bu Gineſta ſchüttelte den Kopf. „Senora,“ erwiederte ſie,„ich komme, um Each einen Dienſt zu leiſten, nicht, um einen von Euch zu fordern.“ 1 15 „Mir 2 85 „Ja,“ antwortete Gineſta;„Ihr fragt Euch, wel⸗ chen Dienſt man der Tochter des reichen und mächtigen Don Inigo leiſten könne, während ſie jung und ſchön iſt und von Don Fernando geliebt wird?“ Dona Flor erröthete, ſagte aber nicht nein.„„ „Nun wohl!“ fuhr Gineſta fort,„dieſer Doga kann man ein unſchätzbares Geſchenk machen, ohne wel⸗ ches die anderen nichts wären: man kann ihr die Be⸗ gnadigung des Mannes, den ſie liebt, geben.“ 2e „Ei!“ verſetzte Dona Flor,„ich glaubte, dieſe Begnadigung ſei Don Fernando, der im Gebirge ver⸗ borgen, überbracht worden?“ „Don Fernando iſt nicht mehr, wo ich ihn gelaſ⸗ ſen... ich weiß nicht, wo Don Fernando iſt!“ „Mein Gott!“ rief Dona Flor ganz zitternd. „Nur weiß ich, daß er außer Gefahr iſt,“ fügte Gineſta bei. „Ah!“ athmete freudig Dona Flor, während das Lächeln wieder auf ihren Lippen und der Carmin auf ihren Wangen erſchien. 200 „Und Euch bringe ich dieſe Begnadigung, damit Ihr ſie ihm übergebet.“ „Dieſe Begnadiguntg 2“ ſtammelte Dona Flor;„ich weiß aber nicht, wo Don Fernando iſt. Wen ſoll ich nach ihm fragen? wo ſoll ich ihn ſuchen?“ „Ihr liebt ihn und er liebt Euch!“ ſagte Gineſta. „Ich weiß es nicht.. ich glaube es... ich hoffe es...“ murmelte Dona Flor. „Dann werdet Ihr ihn immerhin finden, da er Euch ſuchen wird,“ ſprach Gineſta. der Und ſie überreichte Dona Flor das Pergament, inne das die Begnadigung von Don Fernando enthielt. Wie ſehr ſie aber bis dahin bemüht geweſen, ſich Don zu verbergen, bei der Bewegung, die ſie machte, ver⸗ was ſchob ſich ihre Kopfbedeckung und erlaubte Dona Flor, ihr Geſicht zu erſchauen. war! „Oh!“ rief ſie,„die kleine Zigennerin von der Han Benta zum Maurenkönig!“ „Nein,“ erwiederte Gineſta mit einer Stimme, in das der Gott allein leſen konnte, was von Schmerz darin war,„nein, Schweſter Felippa von der Anunciacion.“ der Die Anunciacion war das Kloſter, das Don Carlos der jungen Zigeunerin bezeichnet hatte, um hier das an! Noviciat zu machen und ihr Gelübde abzulegen. an 201 XXII. Der Schlüſſel. Dona Flor verließ gegen Mitternacht den Balcon der neuen Wohnung, die ſie im Hauſe von Don Ruiz inne hatte. Das war, wie man ſich erinnert, das Zimmer von Dona Mercedes; die Gaſtfreundſchaft hatte geboten, was ſie Beſtes beſaß. Warum verließ Dona Flor ſo ſpät den Balcon? warum ſchloß ſie ſo ſpät und mit einer ſo gleichgültigen Hand den Gitterladen? Was hatte ſie bis Mitternacht, die Augen ſtarr, das Ohr offen, zurückgehalten? Erwarteten ihre Augen den ſchönen Stern Heſperus, der gegen Abend aufgeht? Suchte ihr Ohr noch die Nachtigall, die ihre Hymne an die Nacht ſang, verborgen in den Oleandern, welche an den Ufern des Darro blühen? Oder ſahen ihre Augen nicht, hörten ihre Ohren nicht, und war ihre Seele verloren in dem ſüßen ſech⸗ zehnjährigen Traume, den man die Liebe nennt? Ohne Zweifel betete und weinte Gineſta in ihrem Kloſter der Anunciacion. Dona Flor... ſie athmete und lächelte. Dona Flor liebte vielleicht noch nicht; wie aber ein himmliſcher Ausfluß der Jungfrau Maria die Er⸗ ſcheinung des Engels Gabriel verkündigte, ſo offenbarte ein unbekannter Wohlgeruch Dona Flor die Annäherung des Gottes, den man Amor nennt. Und das Seltſame bei Dona Flor war die Thei⸗ 202 lung der Zuneigung, die ſich in ihrem Herzen für die zwei jungen Leute bildete. Derjenige, welchen ſie fürchtete, derjenige, welchen ſie geflohen hätte, wenn er erſchienen wäre, derjenige, von dem ſie inſtinctartig begriffen, ihre Schamhaftig⸗ keit laufe bei ihm eine Gefahr, warjener ſchöne Cavalier, jener elegante Liebescourier, wie er ſich ſelbſt betitelt, der ihr auf der Straße von Malaga nach Granada voran⸗ gegangen: es war Don Ramiro. Derjenige, dem ihre Schritte ſie von ſelbſt entgegen⸗ V trugen, der, auf deſſen Schulter ſie ohne Furcht ge⸗ ſchlafen hätte, der, den ſie eine Stunde lang ohne den Gedanken, zu erröthen, ohne die Idee, die Augen nie⸗ derzuſchlagen, angeſchaut hätte, war der Salteador der Landſtraße, war der Bandit der Venta zum Mauren⸗ könig, war Don Fernando. In dieſer Stimmung, wobei ſich die Seele in einem exaltirten und der Leib in einem völlig ſchmach⸗ tenden Zuſtande befindet, trat Dona Flor vor ihren Spiegel, den letzten Höfling am Abend, den erſten Schmeichler am Morgen, und bedeutete ihrer Kammer⸗ frau durch ein Zeichen mit dem Kopfe, ſie möge ſie auskleiden. Dieſe begriff ſo wohl, in der Befangenheit des Geiſtes, in der ſich ihre Gebieterin befand, werde jede Frage ohne Antwort bleiben, daß ſie die Nachttoilette des ſchönen Mädchens begann, ohne ein Wort zu ſprechen. Was Dona Flor betrifft, ſo hatten vielleicht nie ihre Augen mit den langen Sammetwimpern, ihre aus⸗ gedehnten Naſenflügel, ihre leicht geöffneten Lippen, welche die Schmelzlinie ihrer weißen Zähne erſchauen ließen, ſo klar zur Nacht geſagt:„Ich zähle ſechzehn Jahre, und es iſt für mich Bedürfuiß, zu lieben und geliebt zu werden!“ Die Kammerfrau täuſchte ſich hierin nicht. Die Frauen haben einen wunderbaren Inſtinct, um die Ge⸗ genw rathen bei e gibt, thut, hemm und lich, brune und eine ſchlie nicht Kamn hergit um n entſch enden theil daß derge ließ tauch hüllu 3 dieſes Flor mit e eine währ die ſchen rige, ftig⸗ lier, der ran⸗ gen⸗ ge⸗ den nie⸗ der ren⸗ 2 in nach⸗ hren rſten mer⸗ e ſie des jede lette chen. nie aus⸗ pen, auen zehn und Die Ge⸗ 208 genwart oder ſogar die Annäherung der Liebe zu er⸗ rathen.. Sie parfumirte ihre Gebieterin nicht, wie man es bei einer Jungfrau thut, die man dem Schlafe über⸗ gibt, ſondern wie man es bei einer Neuvermählten thut, die ihren Gatten erwartet. Schwankend, matt, das Herz ſchauernd, mit ge⸗ hemmtem Gange, erreichte ſodann Dona Flor ihr Bett, und ſie legte, dem Borgheſiſchen Hermaphroditen ähn⸗ lich, den Hals ein wenig zurückgebogen, ihren ſchönen brunetten Kopf auf ihren ſchönen weißen Arm. Sie war langſam geweſen, um dahin zu kommen, und es drängte ſie doch, allein zu ſein. Sie hatte ſich eine Art von Einſamkeit, ſich in das Stillſchweigen ver⸗ ſchließend, gemacht; doch dieſe Einſamkeit genügte ihr nicht: ſie brauchte noch die Abſonderung. Sie erhob ſich, um den letzten Schritten ihrer Kammerfrau zu folgen, welche im Zimmer hin⸗ und herging, ſuchte, ohne zu wiſſen, was ſie ſuchte, blieb, um nicht zu gehen, und ſich endlich doch zum Gehen entſchloß, ohne zu wiſſen, daß ſie weggehend den glüh⸗ enden Wunſch ihrer Gebieterin erfüllte, und im Gegen⸗ theil ſehr bereit, zurückzukehren, um ſich zu entſchuldigen, daß ſie ihre Gebieterin allein laſſe, während ſie ſo nie⸗ dergeſchlagen ſcheine. Die Kammerfrau nahm den Candelaber mit und ließ das Zimmer in jenes bleiche, fantaſtiſche Licht ge⸗ taucht, das eine Nachtlampe durch ihre alabaſterne Um⸗ hüllung von ſich gibt. Und, ſo mild es auch ſein mochte, war dennoch dieſes Licht noch zu lebhaft für die Augen von Dona Flor, denn ſie erhob ſich zum zweiten Male und zog, mit einem Seufzer der Müdigkeit, den Bettvorhang wie eine Barridre zwiſchen ſich und die Lampe, ſo daß, während die unteren zwei Drittel ihres Lagers von einer 204 bläulichen Lichtwoge, einem Mondſtrahle ähnlich, gebadet wurden, das obere Drittel in der Finſterniß blieb. Jedes Mädchen iſt fünfzehn Jahre, jeder Jüngling iſt achtzehn alt geweſen, jeder Mann oder jede Frau hat in jenem Winkel des Gedächtniſſes, der dem Her⸗ zen entſpricht, die Erinnerung an das bewahrt, was er oder ſie durch die gegen das Paradies geöffnete Thüre der Jugend geſehen hat. Wir werden es alſo nicht verſuchen, die Träume von Dona Flor zu ver⸗ körpern; das Roſa beſteht aus Weiß und Carmin; der Traum eines Mädchens beſteht aus Hoffnung und iebe. Die ſchöne, ſanfte Jungfrau ging ſodann vom Traume des Wachens zum Traume des Schlafes über. Ihre halb geöffneten Augenlider ſchloſſen ſich, ihre geſchloſſenen Lippen öffneten ſich halb; etwas wie eine Wolke ſchwebte zwiſchen der äußern Welt und ihrem Geiſte; es entſchlüpften ihr ein paar Seufzer, welche erlahmend wie Liebesklagen hinzogen; dann wurde ihr Athem regelmäßig; ein Hauch gleich und ſanft wie der eines Vogels ſolgte bei ihr auf die Gährung der Bruſt. Der Engel, der über ihr wachte, ſteckte ſeinen Kopf zwiſchen den Vorhängen durch, neigte ſich zu ihr und horchte. Sie ſchlief. Es vergingen zehn Minuten, ohne daß ein Ge⸗ räuſch dieſes religiöſe Stillſchweigen unterbrach; dann wurde plötzlich das Knirſchen eines Schlüſſels hörbarz die Thüre öffnete ſich langſam und ſchloß ſich wieder ebenſo; ein Cavalier in einen großen braunen Mantel gehüllt erſchien in der Halbtinte, ſchob— ohne Zwei⸗ fel, um nicht überraſcht zu werden,— einen Riegel vor, kam mit leichtem Schritte herbei, ſetzte ſich auf das Bett, drückte einen Kuß auf die Stirne der Schläferin und flüſterte:„Meine Mutter!“ ſtieß raſch was Salt ſich einſc ein ſo w Lebe laſſe Don niß ich mein nicht das die! hörte ſacht durch die entf und eebadet b ngling Frau 1 Her⸗ t, was öffnete 's alſo u ver⸗ rmin; g und n vom über. 3 ihre ie eine ihrem welche de ihr ft wie ig der ſeinen zu ihr n 22] dann rbar; vieder Nantel Zwei⸗ Riegel ch auf ne der 2⁰⁵ Die Schläferin bebte, ſchlug die Augen auf und ſtieß einen Schrei aus. „Don Fernando!“ rief das Mädchen, indem es raſch bis an ſeine Lippen die Bettdecke zog. „Dona Flor!“ murmelte der junge Mann erſtaunt. „Was macht Ihr zu dieſer Stunde hier, Senor? was verlangt Ihr? was wollt Ihr?“ Doch ehe er dem Mädchen antwortete, zog der Salteador die dichten Vorhänge des Bettes zu, bis ſie ſich vereinigten und Dona Flor in einem Brocatzelte einſchloſſen; hienach wich er einen Schritt zurück, ſetzte ein Knie auf die Erde und ſprach: „Ich kam, Senora, ſo wahr Ihr ſchön ſeid, und ſo wahr ich Euch liebe, um meiner Mutter ein letztes deheuast zu ſagen, da ich Spanien auf immer ver⸗ a ſe 17 „Und warum verlaßt Ihr Spanien auf immer, Don Fernando?“ fragte das Mädchen, in ſein Gefäng⸗ niß von Gold und Seide eingeſchloſſen. „Weil ich geächtet, flüchtig und verfolgt bin; weil ich durch ein Wunder lebe, weil ich meinen Eltern, meiner Mutter beſonders, deren Zimmer Ihr, ich weiß nicht wie, bewohnt, nicht die Schande, ihren Sohn das Schaffot beſteigen zu ſehen, bereiten will.“ Es trat eine Stille ein, während der man nur die haſtigen Schläge vom Herzen des ſchönen Mädchens hörte; ſodann bewegten ſich die Vorhänge des Bettes ſachte, und eine weiße Hand kam ein Papier haltend durch die Oeffnung hervor. „Leſet!“ ſprach eine bewegte Stimme. Doon Fernando nahm das Papier, ohne daß er die Hand, die es ihm bot, zu berühren wagte, und entfaltete es, indeß ſich dieſe Hand ins Bett zurückzog und nur die Oeffnung ließ, die ſie gemacht hatte. Ohne ſeinen Platz zu verlaſſen oder ſeine Stellung 206 zu verändern, neigte ſich der junge Mann gegen die Nachtlampe und las: „„Wir, Karl von Gottes Gnaden, König von Spanien, Neapel und Jeruſalem, thun Allen kund und zu wiſſen, daß wir volle Vergebung und Vergeſſung der Verbrechen und Vergehen, die er ſich in Spanien hat zu Schulden kommen laſſen, dem Don Fernando de Torrillas ertheilen...““ „Oh!“ rief Don Fernando, indem er diesmal durch die Vorhänge des Bettes die Hand von Dona Flor ergriff und küßte,„oh! Dank! Don Inigo hat ſein Verſprechen gehalten, und Ihr ſeid wie die Taube der Arche beauftragt, dem armen Gefangenen den Oel⸗ zweig zu bringen!“ Dona Flor erröthete, machte ſachte ihre Hand frei und ſprach mit einem Seufzer: „Ach! leſet.“ Don Fernando lenkte erſtaunt ſeine Augen wieder auf das Pergament und las weiter: „„Gegenwärtige Begnadigung, damit derjenige, welchen ſie betrifft, wiſſe, wem er ſie zu verdanken hat, ward den Bitten der Zigeunerin Gineſta bewilligt, welche ſich anheiſchig macht, morgen in das Kloſter der Anunciacion einzutreten und dort ihr Gelübde abzule⸗ gen, ſobald die Zeit ihres Noviciats abgelaufen ſein wird. „„Gegeben in unſerem Palaſte der Alhambra, am 9. Juni des Jahres der Gnade 1519.ℳ „Oh! theure Gineſta,“ murmelte der Salteador, „ſie hatte es mir wohl verſprochen.“ „Ihr beklagt ſie?“ fragte Dona Flor. „Ich beklage ſie nicht nur, ſondern ich nehme ſogar ihr Opfer nicht an.“ —„ 2 5 „Und wenn dieſes Opfer von mir käme, würdet Ihr es annehmen, Don Fernando?“ „Ohl noch viel weniger; denn ermißt ſich das en die g von d und eſſung banien nando esmal Dona o hat V Taube Oel⸗ d frei vieder enige, n hat, illigt, eer der bzule⸗ n ſis a, am eador, ſogar ürdet ) das 4 207 Opfer nach dem, was man verliert, ſo würdet Ihr, reich, edel, geehrt, viel mehr verlieren, als ein armes Zigeunermädchen ohne Stand, ohne Verwandte, ohne Zukunft.“ „Darum ſchien ſie zufrieden, ins Kloſter einzu⸗ treten!“ bemerkte Dona Flor. „Zufrieden?“ verſetzte Don Fernando, den Kopf ſchüttelnd,„glaubt Ihr?“ „Sie ſagte es, und für ein armes, umherſchwei⸗ fendes Mädchen ohne Geburt, das Almoſen auf den Landſtraßen fordert, iſt ein Kloſter ein Palaſt.“ „Ihr täuſcht Euch, Dona Flor,“ entgegnete der junge Mann, betrübt durch dieſen Schatten, den die Tochter von Don Inigo, ſo rein ſie ſelbſt war, auf die aufopfernde Ergebenheit von derjenigen warf, welche ſie als ihre Nebenbuhlerin betrachten konnte;„Ihr täuſcht Euch: Gineſta iſt nich: nur keine Bettlerin, ſondern ſie iſt vielleicht nach Euch eine der reichſten Erbinnen Spaniens. Gineſta iſt nicht ohne Geburt, denn ſie iſt die Tochter und zwar die anerkannte Toch⸗ ter von Philipp dem Schönen. Für dieſes Mädchen der Luft und der Sonne, für dieſe Fee des Gebirges, für dieſen Engel der Landſtraße wäre ſelbſt ein Palaſt ein Gefängniß. Beurtheilt alſo, was ein Kloſter ſein muß. Ahl Dona Flor, Dona Flor, Ihr werdet nicht minder ſchön und nicht minder geliebt ſein, wenn Ihr Gineſta im ganzen Wohlgeruche ihrer Liebe und ihrer Hingebung laßt.“ Donn Flor ſtieß einen Seufzer aus und ſagte: „Ihr ſchlagt alſo Eure Begnadigung um den Preis ihrer Aufopferung aus?“ „Der Mann iſt ſehr feig, wenn er glühend ver⸗ langt,“ erwiederte Don Fernando,„und ich befürchte, ich werde eine Feigheit begehen, um bei Euch zu blei⸗ ben, Dona Flor.“ 2⁰8 Der junge Mann vernahm den ſanften Schauer eines freudigen Athmens. „Ich kann alſo Eure Rückkehr Dona Mercedes melden, Don Fernando?“ „Ich kam, um ihr meine Abreiſe anzukündigen, Dona Flor; ſagt ihr, ſie werde mich morgen ſehen, oder vielmehr heute. Ihr ſeid der Engel der glücklichen Nachrichten.“ „Heute alſo,“ wiederholte Dona Flor, indem ſie zum zweiten Male ihre weiße Hand zwiſchen den Vor⸗ hängen durchſchob. „Heute,“ antwortete der Salteador, der nun auf⸗ ſtand und die Hand, die man ihm reichte, mit ſeinen Lippen ſo ehrfurchtsvoll berührte, als ob es die Hand einer Königin geweſen wäre.. Er hob ſodann ſeinen Mantel auf, hüllte ſich in ſeine weiten Falten, verbeugte ſich vor dem Bette mit den geſchloſſenen Vorhängen, wie er es vor einem Throne gethan hätte, zog den Schlüſſel aus ſeiner Taſche, öffnete die Thüre, blieb noch einmal ſtehen, um einen neuen Blick auf Dona Flor zu werfen, die ihm mit den Augen durch die Oeffnung der Vorhänge folgte, ſchloß wieder die Thüre und drang ſtill wie ein Schatten in die Tiefen des ſchwarzen Corridors ein. 2 geruch las ve 2 Hauſe des V den T Dona habe junge der la von S ns Bötin cedes von D durch nando G Gattin cedes 1 Stube verſam um, ol von Fe einen 2 El Sa XXIII. Der verlorene Sohn. Am andern Tage war eine feſtliche Luft, ein Wohl⸗ geruch des Glückes im Hauſe von Don Ruiz de Torril⸗ las verbreitet. Dona Mercedes hatte den alten Dienern des Hauſes,— Ueberreſten, welche ſo feſt an den Trümmern des Vermögens von Don Ruiz hingen, als ſie ihm in den Tagen des Glückes anhänglich geweſen waren,— Dona Mercedes hatte dieſen Dienern verkündigt, ſie habe Nachricht von Don Fernando erhalten, und der junge Herr ſage, er werde noch an demſelben Tage von der langen Reiſe zurückkehren, die ihn faſt drei Jahre von Spanien fern gehalten. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Dona Flor die Bötin dieſer guten Kunde geweſen war; Dona Mer⸗ tedes behandelte auch ſeit dem Morgen die Tochter von Don Inigo wie ihre eigene Tochter, und gab ihr durch Anticipation alle Kuͤſſe, die ſie gern Don Fer⸗ nando hätte geben mögen. Gegen neun Uhr Morgens waren Don Ruiz, ſeine Gattin und Beatrix— die alte Kammerfrau von Mer⸗ tedes und die Amme von Fernando— in der unteren Stube des Hauſes, die ſich die Herrſchaft vorbehalten, verſammelt. Dona Flor war ſchon am Morgen herabgekommen, um, ohne zu ſagen, woher ſie es wußte, die Ankunft von Fernando mitzutheilen, und ſeitdem war ſie, als einen Theil der Familie bildend, geblieben. El Salteador, 1 14 2¹⁰ Dona Flor und Dona Mercedes ſaßen neben ein⸗ ander; Dona Flor hatte ihre Hand in der Hand von Mercedes, ihren Kopf auf der Schulter der Matrone. Die zwei Frauen ſprachen leiſe. Und dennoch war etwas Gezwungenes in den Manieren von Mercedes, ſo oft das Mädchen mit einer Betonung, welche vielleicht ein wenig mehr als Freund⸗ ſchaft oder Theilnahme bezeichnete, den Namen„Fer⸗ nando“ ausſprach. Don Ruiz ging, den Kopf gegen ſeine Bruſt ge⸗ ſenkt, auf und ab; ſein langer weißer Bart hob ſich auf ſeinem ſchwarzen Sammetwamms mit Gold⸗ ſtickereien hervor; von Zeit zu Zeit, wenn auf dem ſpitzigen Pflaſter der Straße das Hufeiſen eines Pferdes erſcholl, hob er den Kopf empor und horchte mit ge⸗ falteter Stirne und düſterem Auge. Sein Geſicht bildete einen merkwürdigen Contraſt mit dem Geſichte von Dona Mercedes, auf dem die mütterliche Liebe in ihrer ganzen mächtigen Ausdehnung verbreitet war, und ſelbſt mit dem von Beatrix, welche ihren Wunſch, Don Fernando ſo bald als möglich zu ſehen, mit der Ehrfurcht verbindend, die ihr in einer gewiſſen Ent⸗ fernung von den Kindern und den Gebietern zu blei⸗ ben gebot, ihr Quartier in einem Winkel des Saales genommen hatte. Nichts verrieth in dieſem Geſichte die Freude eines Vaters, der ſeinen Sohn erwartete, welcher genug geliebt war, daß ihm dieſer Vater ſein Vermögen geopfert. 4 Woher kam dieſe Strenge in der Phyſiognomie von Don Ruiz? Von den Vorwürfen, die er dem jungen Manne zu machen berechtigt war, Vorwürfe, welche übrigens wenig mit der Dringlichkeit überein⸗ ſtimmten, mit der er die Begnadigung ſeines Sohnes zu erlangen getrachtet hatte? war es ein anderer u der Tiefe ſeines Herzens eingeſchloſſener Grund, deſſen Geheimniß er Niemand geſagt hatte? 8 Pflaſt brache Geſpr heftet, nung, iſt er 1 des P ließ wieder 2 ſchütt beſagt ſetzten fort. oder um n denjer erregt Pferd 2 beglei trix e 2 es! es 5 ſtand 1 an, ohne Dona ſank 5 t ein⸗ d von trone. den einer eund⸗ „Fer⸗ ſt ge⸗ t hob Gold⸗ f dem ferdes it ge⸗ Heſicht eſichte ebe in war, unſch, it der Ent⸗ blei⸗ Saales V heſichte artete, r Fn nomie dem würfe, verein⸗ vohnes rer in deſſen 211 So oft Don Ruiz beim Geräuſche eines auf dem Pflaſter ſchallenden Hufſchlags das Haupt erhob, unter⸗ brachen die zwei Frauen mit pochendem Herzen ihr Geſpräch und horchten, das Auge auf die Thüre ge⸗ heftet, während Beatrix ans Fenſter lief, in der Hoff⸗ nung, die Erſte zu ſein, welche rufen könnte:„Hier iſt er!“ Der Reiter zog vorüber; das Geräuſch der Tritte des Pferdes entfernte ſich, ſtatt anzuhalten. Don Ruiz ließ ſeinen Kopf auf ſeine Bruſt fallen und ging wieder auf und ab. Beatrix ſtieg wieder von ihrem Balcon herab und ſchüttelte den Kopf mit einer Miene, welche deutlich beſagte:„Er iſt es nicht!“ und die beiden Frauen ſohten ihre vertrauliche Unterredung mit leiſer Stimme ort. Fünf bis ſechs Reiter kamen ſo vorüber; fünf oder ſechsmal wiederholten ſich dieſelben Geräuſche, um wieder zu erlöſchen, nachdem ſie im Herzen von denjenigen, welche ſie hörten, eine vergebliche Hoffnung erregt hatten, als man aufs Neue den Tritt eines Pferdes von der Seite des Zacatin kommend vernahm. Die Scene, welche bis dahin jedes dieſer Geräuſche begleitet hatte, wiederholte ſich; nur gab diesmal Bea⸗ trix einen gewaltigen Freudenſchrei von ſich. „Ah!“ rief ſie, in die Hände klatſchend,„er iſt es! es iſt mein Kind! ich erkenne ihn!“ Von der mültterlichen Begeiſterung fortgeriſſen, ſtand Mercedes raſch auf. Don Ruiz ſchaute ſie mit einer ſeltſamen Miene an, und ſie blieb, ohne ſich zu ſetzen, jedoch auch ohne einen Schritt weiter zu thun. Dona Flor erröthete und erbleichte; ſie war wie Dona Mercedes aufgeſtanden; doch ſchwächer als dieſe, ſank ſie wieder in ihren Lehnſtuhl zurück. Da ſah man einen Reiter vor den Fenſtern er⸗ 212 ſcheinen, und diesmal überſchritt das Geräuſch der Hufeiſen des Pferdes die Thüre nicht, deren ehernen Klopfer man erſchallen hörte. Und dennoch verließ nicht eine von den Perſonen, welche mit ſo verſchiedenartigen Gefühlen die Ankunft von demjenigen erwarteten, deſſen Hand den Klopfer der Thüre aufgehoben hatte, die Stellung, die ſie ge⸗ nommen; nur die Phyſiognomien verriethen die Ge⸗ danken der drei Frauen und des Mannes, der mit dem ſpaniſchen Ernſte und jener Etigeutte, die man 1 ſechzehnten Jahrhundert, nicht nur bei Hofe, ſondern auch in allen adeligen Familien traf, ſie mit dem Blicke zurückhielt. Man hörte die Hausthüre öffnen, Tritte ſich nähern, und als hätte er den allgemeinen Zwang ge⸗ theilt, erſchien Don Fernando, blieb aber auf der inneren Schwelle ſtehen. Er trug ein elegantes Reiſekleid und hatte ganz den Anſchein eines Mannes, der eine lange Fahrt vollbracht hat. Er warf einen raſchen Blick auf den Saal und auf die Perſonen, die ihn darin erwarteten: Don Ruiz fiel ihm zuerſt in das Auge; ſodann links von Don Nuiz und auf dem erſten Plane die zwei Frauen, ſeine Mutter und Dona Flor, auf einander geſtützt; im Hintergrunde endlich, eben ſo unbeweglich in ſeiner Gegenwart, als ſie bewegt in Erwartung ſeiner An⸗ kunft geweſen war, die alte Beatrix. Bei dieſer Rundſchau, ſo raſch ſie war, bekam je⸗ des ſeinen Theil: Don Ruiz den kalten, ehrfurchtsvollen Blick; Dona Mercedes den zärtlichen, beredten Blick; Dona Flor den leidenſchaftlichen Blick voller Erinnerungen; Beatrix den liebevollen Blick. Don Fernando verbeugte ſich ſodann vor ſeinem Vater facher kindli zuwer Leben einem oblige 2 demüt einer gegebe 1 h der zernen ſonen, akunft lopfer ie ge⸗ 2 Ge⸗ tdem n im ndern dem ſich 3 ge⸗ der ganz Fahrt und Don von auen, ützt; einer An⸗ n je⸗ Zlick; Dona igen; inem 213 Vater und ſprach, als ob er wirklich von einer ein⸗ fachen Reiſe ankäme: „Senor, geſegnet ſei der Tag, wo Ihr meiner kindlichen Liebe erlaubt, ſich zu Euren Füßen nieder⸗ zuwerfen, denn dieſer Tag iſt der glücklichſte meines Lebens.“ Und zu gleicher Zeit ſetzte der junge Mann mit einem ſichtbaren Widerſtreben, jedoch als ob er ein obligates Ceremoniell erfüllte, ein Knie auf die Erde. Don Ruiz ſchaute ihn einen Augenblick in dieſer demüthigen Stellung an und erwiederte dann mit einer Stimme, welche wenig mit den Worten im Ein⸗ klang ſtand, denn die Worte waren liebevoll, und die Stimme behielt einen gewiſſen Ausdruck von Barſchheit: „Steht auf, Don Fernando, und ſeid willkommen in dieſem Hauſe, wo Euch längſt mit Bangigkeit ein Vater und eine Mutter erwarten.“ „Senor,“ verſetzte der junge Mann,„es ſagt mir Etwas, ich müſſe auf den Knieen vor meinem Vater bleiben, ſo lange er mir nicht ſeine Hand zu küſſen gegeben habe.“ 8 Der Greis machte fünf Schritte gegen ſeinen ohn. „Hier iſt meine Hand, und Gott mache Euch ſo vernünftig, als dies mein inſtändiges Gebet aus der Tiefe meines Herzens von ihm erfleht!“ Don Fernando nahm die Hand ſeines Vaters und berührte ſie leicht mit ſeinen Lippen. „Tretet nun in das Haus ein und küßt Eurer Mutter die Hand,“ ſprach der Greis. Der junge Mann ſtand auf, verbeugte ſich vor Don Ruiz, ging auf ſeine Mutter zu und ſagte: „Mit Furcht, Senora, und das Herz voll Scham erſcheine ich vor Euren Augen, die ich,— Gott ver⸗ 214 zeihe es mir, und Ihr beſonders, verzeiht es mir,— die ich ſo viel Thränen vergießen gemacht habe.“ Und er ließ ſich diesmal auf beide Kniee nieder, ſtreckte ſeine Arme gegen Dona Mercedes aus und wartete. Dieſe trat auf ihn zu und ſprach mit jenem müt⸗ terlichen Tone, der ſo ſanft, daß er ſogar in den Au⸗ enblicken der Vorwürfe noch als eine Liebkoſung er⸗ ſeint, indem ſie von ſelbſt ihre beiden Hände an die Lippen ihres Sohnes legte: „Fernando, außer den Thränen, von denen Du ſprichſt, verdanke ich Dir die, welche ich in dieſem Augenblicke vergieße, und glaube mir, mein geliebtes Kind, wenn die einen ſehr bitter waren, ſo ſind die andern ſehr ſüß.“ Hierauf ſchaute ſie ihn mit ihrem zärtlichen Lächeln der Mutter und der Frau an und fügte bei: „Sei willkommen, Kind meines Herzens!“ Dona Flor ſtand hinter Mercedes. „Senora,“ ſprach Don Fernando„„ich weiß, was Euer erhabener Vater Don Inigo für mich zu thun beabſichtigt hat; die Abſicht iſt in meinen Augen die That; empfangt alſo in ſeinem Namen den ganzen Theil der Dankbarkeit, die ich Euch geweiht habe.“ Und ſtatt daß er die Hand des Mädchens zu küſſen verlangte, wie er es bei der von Don Ruiz und ſeiner Mutter gethan, zog der junge Mann aus ſeiner Bruſt eine verwelkte Blume und drückte leiden⸗ ſchaftlich ſeine Lippen darauf. Dona Flor erröthete und wich einen Schritt zu⸗ rück: ſie hatte die Anemone erkannt, die ſie dem Salteador im Saale der Venta zum Maur enkönig gegeben. Da ſchritt aber die alte Amme ungeduldig vor, wandte ſich an Mercedes und ſagte: nieder, und müt⸗ n Au⸗ ag er⸗ an die en Du dieſem liebtes S ſind ächeln 215 „Oh! Senora, bin ich nicht auch ein wenig die Mutter dieſes lieben Kindes?“ „Senor,“ ſprach der junge Mann zu Don Ruiz, während er zugleich mit dem Lächeln ſeiner Kinderjahre ſeine beiden Arme gegen die Amme ausſtreckte,„erlaubt Ihr nicht, daß ich trotz Eurer verehrten Gegenwart dieſe brave Frau umarme?“ Don Ruiz nickte mit dem Kopfe. Beatrix warf ſich in die Arme von demjenigen, welchen ſie ihr Kind nannte, und drückte ihn mehrere Male an ihre Bruſt, indem ſie auf ſeinen Wangen die guten, ſchweren Küſſe ſchallen ließ, denen die Leute aus dem Volke die zarte Benennung Ammenküſſe gewidmet haben. „Ah!“ murmelte Dona Mercedes, als ſie in den Armen ſeiner Amme das Kind ſah, das in Gegen⸗ wart von Don Ruiz ihr nur die Hand zu küſſen ge⸗ wäßt hatte,„das iſt ſicherlich die Glücklichſte von uns en!“ Und zwei Thränen des Neides rollten über ihre mütterlichen Wangen. Don Ruiz hatte nicht eine Secunde das Auge von dem Gemälde abgewandt, das wir zu ſkizziren geſucht. Beim Anblicke von zwei Thränen, welche über die Wangen von Dona Mercedes floßen, erfaßte ein Schauer ſein Geſicht, und einen Moment ſchloſſen ſich ſeine Augen, als ob ihn eine Erinnerung, eine giftige Schlange, ins Herz gebiſſen hätte. Er machte eine heftige Anſtrengung gegen ſich ſelbſt, ſein Mund öffnete ſich und ſchloß ſich wieder, ſeine Lippen bebten, doch man hörte keinen Ton. Man hätte glauben ſollen, es ſei ein Menſch, deſ⸗ ſen Bruſt vergebliche Verſuche mache, um das Gift, das ſie verſchluckt, wieder von ſich zu geben. Wie aber keine Einzelheit von dieſer Scene den 216 Blicken von Don Ruiz entgangen war, ſo hatten die Augen von Dona Mercedes Alles geſehen. „Don Fernando,“ ſagte ſie,„ich glaube, Euer Vater will mit Euch ſprechen.“ Der junge Mann wandte ſich gegen den Greis um und bedeutete, die Augen niedergeſchlagen, durch eine Bewegung des Kopfes und der Schultern, daß er höre. Doch eine ſichtliche Ungeduld verbarg ſich unter dieſer ſcheinbaren Demuth, und Einer, der im Stande geweſen wäre, den Gedanken zu überſetzen, den die Be⸗ wegungen ſeines Herzens ſeinem Geiſte mittheilten, hätte ſagen können, die Predigt, die der verlorene Sohn zu erhalten erwarte, ſei ihm, ſo unvermeidlich ſie ihm geſchienen, darum nicht minder unangenehm, beſonders in Gegenwart von Dona Flor. Dieſe bemerkte es mit dem nur den Frauen ei⸗ genthümlichen Zartgefühle. „Verzeiht,“ ſprach ſie,„mir ſchien, man ſchließe die Thürs: es iſt ohne Zweifel mein Vater, der nach Hauſe kommt; ich will ihm die frohe Kunde von der Ankunft von Don Fernando mittheilen.“ Und ſie drückte Mercedes die Hand, grüßte den Greis und ging hinaus, ohne den jnngen Mann an⸗ zuſchauen, der, den Kopf geſenkt, die väterliche Rede mit mehr Reſignation als Ehrfurcht erwartete. Bei dieſem Abgange von Dona Flor erweiterte ſich indeſſen die Bruſt des Salteador, und er athmete freier. Selbſt der Greis ſchien ſich behaglicher zu fühlen von dem Augenblick, wo Zuhörer und Zuſchauer auf die Perſonen der Familie beſchränkt waren. „Don Fernando,“ ſprach er,„hierher zurückkehrend, konntet Ihr wahrnehmen, welche Veränderung im Hauſe während Eurer Abweſenheit vorgegangen iſt; unſer Vermögen iſt vernichtet; unſere Guter,— und das be⸗ klag det; zu die: ſchä baar gela gew wen aust Geb ſagte iſt v und Köngd ich de Küm hätte Auge Wor bitten vor d Man flehen Ihr beiten die i ſelbſt des 1 und ich Er enn eien einige en die Euer Greis durch aß er unter tande e Be⸗ ilten, Sohn 2 ihm nders n ei⸗ ließe nach der den an⸗ Rede e ſich dmete ihlen auf rend, dauſe inſer be⸗ 217 klage ich am wenigſten,— ſind verkauft oder verpfän⸗ det; da die Schweſter von Don Alvar in ein Kloſter zu gehen einwilligte, ſo wies ich ihr eine Ausſteuer an; die Verwandten der todten Alguazils nahmen eine Ent⸗ ſchädigung an, ich bezahlte ihnen eine gewiſſe Summe baar und gebe ihnen eine Rente; um aber dahin zu gelangen, ſind wir, Eure Mutter und ich, genöthigt geweſen, uns bis zur Armuth einzuſchränken.“ Don Fernando machte eine Bewegung, welche, wenn nicht ſeine Reue, doch wenigſtens ſein Bedauern ausdrückte; aber mit vollkommenem Adel, und dieſe Geberde mit einem ſchwermüthigen Lächeln begleitend, ſagte Don Ruiz: „Sprechen wir nicht mehr von Allem dem, Alles iſt vergeſſen, da Ihr nun begnadigt ſeid, mein Sohn! und für dieſe Begnadigung danke ich in Demuth dem König Don Carlos! Von dieſem Augenblicke an ſage ich den vergangenen Kümmerniſſen Fahrewohl, und dieſe Kümmerniſſe ſind für mich, als ob ſie nie beſtanden hätten; nein, was ich Euch aber mit Thränen in den Augen bitten wollte, was ich Euch mit den zärtlichſten Worten bitten wollte, was ich Euch vor Euch knieend bitten wollte, widerſtrebte es nicht der Natur, den Vater vor dem Sohne knieend, den Greis vor dem jungen Mann erniedrigt, die weißen Haare die ſchwarzen an⸗ flehend zu ſehen: was ich Euch bitten wollte, mein Sohn iſt, Ihr möget Sitten und Leben ändern, Ihr möget ar⸗ beiten, und ich werde Euch mit meiner ganzen Macht die öffentliche Achtung wiedererlangen helfen, und ſelbſt Eure Feinde ſollen erkennen, die herben Lehren des Unglücks ſeien nicht verloren für ein edles Herz und einen verſtändigen Geiſt. Wir ſind bis heute, ich Euer Vater, Ihr mein Sohn geweſen; das iſt nicht enn, Don Fernando; von dieſem Augenblicke an eien wir Freunde! Es beſtehen vielleicht zwiſchen uns einige ärgerliche Erinnerungen: verjagt ſie Eurerſeits 218 und ich werde ſie meinerſeits verjagen; leben wir im Frieden und thun wir für einander Alles, was wir thun können. Ich werde bemüht ſein, Euch die drei Gefühle zu ſchenken, die jeder Vater ſeinem Sohne ſchuldig iſt: Liebe, Zärtlichkeit, Hingebung; ich ver⸗ lange von Euch nur Eines im Austauſche; in Eurem Alter, im Alter der ſtürmiſchen Leidenſchaften, hat man nicht dieſelbe Gewalt über ſich ſelbſt wie ein Greis; ich verlange von Euch nur den Gehorſam und mache mich verbindlich, nie etwas Anderes, als Ehrenhaftes und Gerechtes von Euch zu fordern. Entſchuldigt mich, wenn ich länger geweſen bin, als ich wollte, Don Fernando: das Alter iſt ſchwatzhaft.“ „Senor,“ erwiederte Don Fernando ſich verbeu⸗ gend,„ich verpfände Euch mein Wort als Edelmann, Ihr ſollt mir von heute an keinen Vorwurf mehr zu machen haben, und ich werde das Unglück ſo benützen, daß Ihr Euch freuen ſollt, daß das Unglück mit mir angebunden hat.“ „Es iſt gut, Fernando,“ ſprach Don Ruiz; nich erlaube Euch nun, Eure Mutter zu umarmen.“ Mercedes gab einen Freudenſchrei von ſich und ſtreckte ihre Arme gegen ihren Sohn aus. r im wir drei vohne ver⸗ urem man reis; nache aftes ildigt Don rbeu⸗ nann, ör zu ützen, mit nich h und 219 XXIV. Don Ramiro. Das Schauſpiel einer Mutter, die ihren Sohn mit Thränen der Liebe in ihre Arme ſchließt, hatte, ſo ſüß es auch für die Augen der andern Menſchen iſt, ohne Zweifel etwas Schmerzliches für die düſtern Blicke von Don Ruiz; denn er ging in der Stille während die⸗ ſer Umarmung hinaus, und die alte Beatrix allein ſah ihn weggehen.. Sobald der junge Mann mit ſeiner Mutter und ſeiner Amme allein war, erzählte er ſeiner Mutter Al⸗ les, was am vorhergehenden Tage vorgefallen, und, — ohne ihr etwas von dem ſeltſamen Gefühle zu ſa⸗ gen, das ihn für Dona Flor erfaßt,— wie er, um ſie zu beſuchen, bei Nacht, wie gewöhnlich, gekommen war und ihr Zimmer von dem ſchönen Gaſte bewohnt ge⸗ funden hatte. Dona Mercedes führte ſodann ihren Sohn in ihr neues Zimmer. Das Zimmer ſeiner Mutter war für Don Fernando im Hauſe, was das Allerheiligſte für ein religiöſes Herz in der Kirche iſt. Im Zimmer ſei⸗ ner Mutter hatte er als Kind, Jüngling, junger Mann ſeine ſüßeſten Stunden zugebracht; hier nur hatte ſein ſo launenhaftes Herz mit Wohlbehagen geſchlagen, hat⸗ ten ſeine ſo umherſchweifenden Gedanken es gewagt, ihren Aufſchwung zu nehmen, jenen Vögeln ähnlich, welche, in einer andern Atmoſphäre geboren, ihren Flug nach unbekannten Gegenden nehmen. Hier, zu ihren Füßen liegend, wie in den Tagen der Unſchuld und der Jugend, die mütterlichen Kniee 2²⁰0 küſſend, in der Glücksfülle, die er ſo lange nicht. mehr empfunden, erzählte Fernando mit mehr Stolz als Scham ſeiner Mutter ſein abenteuerliches Leben, von dem Augenblicke, wo er geflohen, bis zu dem, wo er nach Hauſe zurückgekehrt war. Bis dahin hatte er immer dieſe Erzählung bei den Zuſammenkünften mit ſeiner Mutter vermieden; ein Mann erzählt einen ſchmerzlichen Traum nicht, ſo lange er dauert; iſt er aber einmal wach, ſo erzählt er mit um ſo größerer Wonne, je gräßlicher der Traum war, und er lacht ſodann über die nächtliche Luftſpie⸗ gelung, die ſeinen Schrecken bildete. Mercedes hörte ihrem Sohne an ſeinen Lippen hängend zu; als er aber bei der Stunde war, wo er mit Don Inigo und Dona Flor zuſammentraf, da ſchien ſich das Intereſſe, das Mercedes an der Erzäh⸗ lung nahm, zu verdoppeln; ſie erbleichte und erröthete mehrere Male. Don Fernando hörte unter ſeiner Stirne die Bruſt ſeiner Mutter klopfen; und als er von der ſeltſamen Sympathie ſprach, die ſich ſeiner beim Anblicke von Don Inigo bemächtigt, von der Hinreißung, die ihn beinahe flehend zu den Füßen von Dona Flor fortgezogen, legte ſie ihm die Hand auf den Mund, als wollte ſie eine Raſt von ihm ver⸗ langen. Sie war offenbar beim Ende ihrer Kräfte und konnte nicht mehr ertragen. Sodann, als ſie ihren Sohn fortzufahren erſuchte, kam die Erzählung der Gefahr, die er gelaufen, der Flucht ins Gebirge, der Brand, der Rückzug in die Grotte der Zigeunerin, der Sturm, den die Soldaten auf den Flüchtling unternommen, und endlich der Kampf mit dem Bären. Als die letzten Worte auf den Lippen von Don Fernando erloſchen waren, ſtand Mercedes auf und E SEiE — 8 &Æ .. ippen vo er , da rzäh⸗ thete einer ls er einer der üßen Hand ver⸗ und ichte, der n die daten ampf Don und 221 kniete, bleich, ſchwankend, in einer Ecke dieſer in ein Betzimmer verwandelten Stube nieder. Don Fernando ſchaute ihr ſtehend und mit Ehr⸗ furcht zu, als er fühlte, wie ſich eine Hand leicht auf ſeine Schulter legte. Er drehte ſich um. Es war die Hand ſeiner alten Amme. Sie kam, um ihm zu melden, einer ſeiner beſten Freunde, der ſeine Rückkehr erfahren, ſei im Salon und verlange ihn zu ſprechen. Der junge Mann ließ Mercedes bei ihrem Ge⸗ bete: er wußte wohl, daß ſeine Mutter für ihn betete. Angethan mit einem reizenden Morgenkleide, er⸗ wartete in der That Don Ramiro ſeinen Freund nach⸗ läſſig in einem großen Lehnſtuhle ausgeſtreckt. Die zwei jungen Männer, welche wirklich einſt ſehr befreundet geweſen waren und ſich ſeit drei Jah⸗ ren nicht geſehen hatten, fielen einander in die Arme. Dann kamen die Fragen. Don Ramiro wußte die Liebſchaft von Fernando mit Dona Eſtefania, ſein Duell mit Don Alvar und die Flucht des Salteador nach dem Tode ſeines Geg⸗ ners; hier aber endigte jede Kunde, die er von ihm hatte. Ein allgemeines Gerücht ſagte, nach dem Duell ſei Don Fernando nach Frankreich und von da nach Italien gegangen; man wollte ihn am Hofe von Franz I. und an dem von Lorenzo II. geſehen haben, deſſen philoſophiſche Illuſtration darin beſtand, daß er der Vater von Catharina von Medicis war und bei ſeinem Tode eine Büſte von ſich und ein Bildnerwerk von Mi⸗ chel Angelo hinterließ. Das dachte auch Ramiro. Niemand hatte ſich Don Ruiz und dem König ge⸗ nug genähert, um ihre Unterredung zu hören; dem zu olge glaubten ſelbſt diejenigen, welche den Greis auf 22²2 den Knieen vor Don Carlos geſehen, er habe nichts Anderes von ihm verlangt, als Gnade für die Ermor⸗ dung von Don Alvar. Fernando ließ Don Ramiro in ſeinem Irr⸗ thum.. Ebenſo aus Neugierde, als um das Geſpräch zu wechſeln, war er es ſodann, der Don Ramiro eben⸗ falls befragte. „Ihr ſeid willkommen,“ ſagte er,„und ich hätte Euch gern zuvorkommen mögen.“ Don Ramiro ſchüttelte aber ſchwermüthig den Kopf und erwiederte: „Ich kann kaum willkommen ſein, da ich in mei⸗ ner Seele ein Gefühl hege, das mir bis jetzt mehr Ver⸗ druß als Freude gebracht hat.“ Fernando bemerkte, daß, im Widerſpruche mit ihm, Don Ramiro das Herz voll hatte und nichts Anderes verlangte, als ihm das Geſtändniß der Gefühle zu ma⸗ chen, die ſein Herz bedrängten. b Er lächelte, reichte ihm die Hand und ſprach: „Theurer Freund, wir gehören zu denjenigen, bei welchen das Herz und die Leidenſchaften die freie Luft brauchen. Man erſtickt in dieſem Saale; beliebt es Euch, mir Eure Abenteuer unter der ſchönen Allee zu erzählen, die ſich vor unſerem Hauſe ausdehnt?“ „Ja,“ erwiederte Don Ramiro,„um ſo mehr, als ich, mit Euch plaudernd, ſie vielleicht ſehen werde.“ „Ah!“ verſetzte lachend Don Fernando,“ ſie wohnt auf dieſem Platze?“ „Kommt,“ ſprach Ramiro.„In einem Augenblick werdet Ihr nicht nur Alles, was mir begegnet iſt, ſon⸗ dern auch den Dienſt erfahren, den ich von Euch ver⸗ lange.“ Die zwei jungen Leute gingen Arm in Arm hin⸗ aus und begannen ihren Spaziergang, der, als wäre 223 er durch Uebereinſtimmung geregelt worden, die Fagade des Hauſes nicht überſchritt. Ueberdies hob von Zeit zu Zeit Jeder von ihnen den Kopf gegen die Fenſter des erſten Stockes empor. Da ſich aber weder der Eine, noch der Andere nach der Urſache dieſer Bewegung erkundigte, ſo führte fie keine Erklärung während des Stillſchweigens herbei, das Anfangs unter den zwei Spaziergängern herrſchte. Endlich ſagte Don Ramiro, der nicht mehr län⸗ ger an ſich halten konnte: „Freund Fernando, mir ſcheint, wir waren hier⸗ her gekommen, Ihr, um mein Bekenntniß anzuhören, ich, um es Euch zu thun.“ „Ich höre Euch auch, theurer Ramiro,“ erwie⸗ derte Fernando. „Ah! mein Freund, welch ein grauſamer Tyrann iſt die Liebe, und wie behandelt ſie als Sklaven die Herzen, über die ſie regiert.“ Don Fernando lächelte wie ein Menſch, deſſen Meinung dies auch iſt. „Und dennoch,“ verſetzte er,„wenn man geliebt wird...“ „Ja,“ ſprach Ramiro;„doch, obſchon ich alleu rund habe, zu hoffen, daß ich es bin, zweifle ich noch.“ „Ihr zweifelt, Don Ramiro? ei! wenn ich mich recht erinnere, wurde in dem Augenblick, wo wir uns trennten, die Beſcheidenheit in Dingen der Liebe von den Frauen nicht zur Zahl der Fehler gerechnet, die ſie Euch vorwarfen. „Dies iſt ſo, mein lieber Don Fernando, weil ich, bevor ich ſie geſehen, nie geliebt hatte!“ „Nun wohl!“ ſprach Don Fernando,„erzählt mir, wie Ihr dieſe wunderbare Schönheit geſehen, durch de⸗ ren Einfluß aus dem hoffärtigen Don Ramiro der be⸗ ſcheidenſte Menſch Andaluſiens geworden iſt.“ 224 „Ei! mein Freund, wie ſieht man eine in ihren Blättern verlorene Blume, den durch eine Wolke ver⸗ ſchleierten Stern... Ich ging am Abeud durch die Straßen von Toledo, als ich durch einen halb geöffne⸗ ten Gitterladen die wunderbarſte Schönheit, die je den Blick eines Menſchen ergötzt, gewahrte. Ich war zu Pferde und hielt vom tiefſten Erſtannen ergriffen an. Ohne Zweifel nahm ſie als Dreiſtigkeit, was nur Be⸗ wunderung war, denn ſie ſchloß ihren Laden wieder, obſchon ich ſie ſtumm vor Erſtaunen und mit gefalte⸗ ten Händen bat, dies nicht zu thun.“ „Oh! die Grauſame!“ ſagte lachend Don Fer⸗ nando. „Ich blieb über eine Stunde vor dieſem Fenſter, immer in der Hoffnung, es werde ſich wieder öffnen, doch ich wartete vergebens. Ich ſuchte ſodann die Thüre, durch welche man in dieſes Haus eintrat; ich bemerkte aber, daß die Facade, vor der ich mich befand, nur Fenſter hatte.“ „Es war alſo ein bezaubertes Haus?“ „Nein, denn ich begriff, daß, da die Straße, durch die ich ritt, öde und abgelegen war, das Haus ſich ge⸗ gen eine andere Straße öffnen mußte. Begünſtigt durch dieſe Einſamkeit hatte ohne Zweifel meine Schöne das Fenſter geöffnet. Aus dieſem Umſtande ſchloß ich übrigens, daß ſie weder unter der Gewalt einer ſtren⸗ gen Mutter, noch unter der eines ſehr eiferſüchtigen Vormunds ſtand, da ſie die Freiheit hatte, den Laden eines Fenſters zu öffnen, das nur zwölf bis fünfzehn Fuß über der Erde war. Was den Punkt betrifft, daß ſie verheirathet ſein konnte, ſo dachte ich nicht einmal hieran, denn ſie ſchien kaum vierzehn Jahre zu zählen.“ „Ohl ich kenne Euch, Don Ramiro,“ verſetzte Fer⸗ nando:„Ihr ſeid, oder vielmehr, denn die Liebe hat, wie mir ſcheint, große Veränderungen bei Euch her⸗ vorgebracht Ihr waret nicht der Mann, der lange mit Jede Nat chen Seit ſes diesn Ihr dient Rund einer Hauf in de barn gewal aus Weis Ximer ihn d von w 1 ſeit z ich nie zwei⸗ ich ge⸗ terſtüt zu ge El S ihren e ver⸗ ch die öffne⸗ je den ar zu n an. r Be⸗ ieder, falte⸗ Fer⸗ nſter, fnen, i die ich fand, durch ) ge⸗ ſtigt höne 3 ich tren⸗ tigen aden zebn rifft, imal en.“ Fer⸗ hat, her⸗ inge 225 mit ſich ſelbſt die Löſung eines ſolchen Räthſels ſuchte. Jedes junge Mädchen,— das iſt eine Gnade der Natur oder ein Gunſt der Geſellſchaft,— jedes Mäd⸗ chen hat eine Duena, jede Duena hat ihre ſchwache Seite, dieſe ſchwache Seite hat ein Schloß, und die⸗ ſes Schloß öffnet man mit einem goldenen Schlüſſel.“ „Ich glaubte es auch, lieber Don Fernando, aber diesmal täuſchte ich mich.“ „Armer Don Ramiro, das war ein Unglück!.. Ihr konntet nicht einmal erfahren, wer ſie war.“ „Doch, und hiezu brauchte ich weder einen Be⸗ dienten, noch eine Duena zu beſtechen. Ich machte die Runde durch das Quartier, und ich befand mich in einer großen ſchönen Straße auf der andern Seite des Hauſes. Dieſes Haus iſt ein wahrer Palaſt und liegt in der Ritterſtraße. Ich erkundigte mich bei den Nach⸗ barn und erfuhr, es gehöre..“ „Das Mädchen oder das Haus?“ „Bei meiner Treu'! Beide!.. ſie gehören einem gewaltig reichen Fremden, der vor ein paar Jahren aus Indien angekommen, und den auf ſeinen Ruf der Weisheit und der Gerechtigkeit der Cardinal von kimenes von Malaga, wo er wohne, eingeladen, um ihn dem Regentſchaftsrathe beizuziehen. Ihr errathet, von wem die Rede iſt, Don Fernando?“ „Oh! nein, ganz und gar nicht.“ „Unmöglich!“ „Mein lieber Don Ramiro, Ihr vergeßt, daß ich ſeit zwei Jahren von Spanien abweſend bin, und daß ich nicht oder beinahe nicht weiß, was während dieſer zwei Jahre vorgefallen iſt.“ „s iſt wahr, und Eure Unwiſſenheit wird mich, ich geſtehe es, beim Ende meiner Erzählung ſehr un⸗ terſtützen. Es gab zwei Mittel, zu meiner Unbekannten zu gelangen: ich mußte meine Geburt und meinen El Salteador. 1⁵5 226 Stand benützen, um mich dem Vater vorſtellen zu laſ⸗„ ſen und bis zur Tochter zu dringen, oder das Oeffnen ſehen, jenes Ladens belauern, durch welchen der Strahl„“ ihrer Schönheit durchglitt, wie der Gefangene in ſei⸗ nem vergitterten Fenſter auf die Erſcheinung eines 1 Sonnenſtrahls lauert. Ich wandte das erſte Mittel an. kam i Mein Vater war in ſeiner Jugend mit dem trefflichen und 7 Manne, mit dem ich es zu thun hatte, bekannt gewe⸗ Duenc ſen. Ich ſchrieb ihm. Er ſchickte mir einen Brief. Licht Ich wurde herzlich empfangen; doch es war die Toch⸗ ben ſo ter, und nicht der Vater, was ich zu ſehen wünſchte, Regen und war es nun väterlicher Befehl, war es Liebe für Carlo die Einſamkeit, die Tochter blieb beharrlich bei ſich meinen eingeſchloſſen. Ich kam auf das zweite, auf das ge⸗ folgte heimnißvolle Mittel zurück, welches das war, einen der W Blick von ihr zu erhaſchen, wenn ſie bei Nacht, ſich doch i allein glaubend, an ihrem Fenſter die kühle, wohlrie⸗ Allem chende Luft des Tajo einathmete. Iſt übrigens die⸗ orte ſes Mittel nicht immer das beſte? und ſchaut nicht je⸗ Sträu des junge Mädchen mit einer neugierigeren Aufmerkſam⸗ dem 7 keit den Cavalier an, der unter ihrem Balcon in einer merkſa ſchönen ſternenhellen Nacht oder in einer düſtern Sturm⸗ Ein o nacht ſtillhält, als den, welchen man ihr in einem Bou⸗ aber doir oder in einem Salon vorſtellt?“ über „Ihr ſeid immer ein großer Beobachter in Be⸗ demſel treff der Frauen geweſen, Don Ramiro Fahret fort, den 2 ich böre, denn ich bezweifle nicht, daß es Euch ge⸗ als de glückt iſt.“ nando Don Ramiro ſchüttelte den Kopf und erwie⸗ derte: „Es iſt mir weder geglückt, noch völlig mißglückt. nig B Zwei oder dreimal gelang es mir, durch eine Mauer⸗ ecke verborgen, mich ſo geſchickt ihrem Blicke zu ent⸗ ziehen, daß ich ſie ſehen konnte; kaum aber zeigte ich mich ſelbſt, als obne Eile, ohne Zorn der offene Git⸗ terladen wieder geſchloſſen wurde.“„ nando Haus V ledo!“ 227 zu laſ⸗„Und Ihr konntet durch dieſen Gitterläden nicht deffnen ſehen, ob ſie Euch anzuſchauen fortfuhr?“ Strahl„Ich geſtehe Euch, dieſe Hoffnung war es, was in ſei⸗ mich lange Zeit aufrecht hielt; doch nach einer Ab⸗ eines weſenbeit von einer Woche, zu der ich genöthigt, tel an. kam ich wieder und fand das ganze Haus mit Thüren flichen und Fenſtern völlig geſchloſſen. Weder Mädchen, noch gewe⸗ Duena, noch Greis erſchienen bei Tage außen, kein Brief. Licht belebte das Zimmer bei Nacht; man hätte glau⸗ Toch⸗ ben ſollen, es ſei ein Grab. Ich erkundigte mich: der nſchte, Regentſchaftsrath war durch die Ankunft von Don be für Carlos in Spanien aufgelöſt worden, und der Vater ei ſich meiner Infantin war nach Malaga zurückgekehrt. Ich as ge⸗ folgte ihm nach Malaga; ich wäre ihm bis ans Ende einen der Welt gefolgt. Hier begannen dieſelben Verſuche, zt, ſich doch ich hoffe, mit beſſerem Erfolg. Sie zog ſich vor ohlrie⸗ Allem weniger raſch zurück, und ich konnte ein vaar s die, Worte an ſie richten; dann warf ich zum Voraus icht je⸗ Sträuße auf ihren Balcon; ſie ſtieß ſie Anfangs mit erkſam⸗ dem Fuß von ſich, hernach ſchien ſie ihnen keine Auf⸗ t einer merkſamkeit zu ſchenken, endlich hob ſie dieſelben auf. „Ein oder zweimal antwortete ſie auf meine Fragen, / Bou⸗ aber wie beſchämt über ihre Gefälligkeit, wie erſchrocken über den Ton ihrer Stimme, zog ſie ſich beinahe in in Be. demſelben Augenblicke zurück, und ihr Wort war mehr t fort, dem Blitze ähnlich, der die Nacht noch finſterer macht, als der Morgenröthe, die dem Tage vorhergebt.“ „Und die Dinge gingen ſo.. 2“ fragte Don Fer⸗ nando. „Bis zu dem Angenblick, wo ihr Vater vom Kö⸗ glückt. nig Befehl erbielt, nach Granada zu kommen.“ Mauer⸗„Ah! armer Don Ramiro,“ verſetzte Don Fer⸗ nando lachend;..„ſo daß Ihr eines Morgens das gte ic dar⸗ in Malaga geſchloſſen fandet, wie das in To⸗ ledo!“ „Nein, diesmal nicht; ſie hatte die Gewogenheit, 228 mich von der Stunde ihrer Abreiſe und von dem Wege, den ſie nehmen ſollte, in Kenntniß zu ſetzen, ſo daß ich, ſtatt ihr zu folgen, den Entſchluß faßte, ihr vor⸗ nando anzugehen. Dies bot mir auch einen Vortheil; gekomt jeder Halt, den ſie machte, würde mich bei ihr ins„ Andenken zurückrufen; jedes Zimmer, wo ſie verweilte, 7 würde ihr von mir reden. Ich machte mich zum Cou⸗ boten rier, doch zum Liebescourier.“. 2 „Ah!“ ſagte Fernando, ohne daß Ramiro, ſo ſehr Eiferſt war er in ſeine Erzählung vertieft, die Veränderung liebt. wahrnahm, welche in der Stimme ſeines Freundes 3 während der letzten Worte, die er geſprochen, vorge⸗ L gangen war. Zeit, „Ja, man findet nichts in unſern elenden Wirths⸗ wählte häuſern; nun! ich beſtellte das Mahl. Ich kannte den n. Wohlgeruch, den ſie beſonders liebte; ich trage dieſen ſtern? Wohlgeruch an meinem Halſe in einem goldenen Büchs⸗ heißt chen; ich verbrannte davon in den Corridors, die ſie n. durchſchreiten, im Zimmer, wo ſie Halt machen ſollte. nnen Ich kannte ihre Lieblingsblumen, und von Malaga Strahl bis Granada ging ſie nur auf Blumen.“ d „Und wie kann ein ſo galanter Cavalier wie Don des Ge Ramiro der Hülfe eines Freundes bedürfen, während d D er in ſich ſelbſt ſo viele Mittel hat?“ fragte Don Dona Fernando mit einer immer mehr bewegten Stimme. nem ſa „Ah! mein lieber Don Fernando, der Zufall, ich nur de irre mich, die Vorſehung hat zwei Ereigniſſe mit ein⸗— kar ander combinirt, welche mich, wenn nicht irgend eine nando unbekannte Kataſtrophe auf meinem Wege zum Aus⸗ nahm bruche kommt, zum Glücke führen müſſen.“ 4 „Und was für Ereigniſſe ſind dies 2“ fragte Don nicht a Fernando, indem er mit einer Hand über ſeine Stirne D ſtrich, um den Schweiß abzuwiſchen, der ſie bedeckte. „Der Vater von derjenigen, welche ich liebe, iſt der Freund Eures Vaters, und Ihr, mein lieber Fer⸗ 229 nando, ſeid wie ein Rettungsengel dieſen Morgen an⸗ theil⸗ gekommen.“ nheits ze„Nun! und dann?“ „Nun! da Cuer Vater die Gaſtfreundſchaft ange⸗ Cou⸗ boten hat..„ „Alſo,“ fragte Don Fernando, die Zähne vor v ſehr kifetſuuhi an einander preſſend,„die, welche Ihr iebt... euunnc gEi! errathet Ihr denn nicht, theurer Freund?“ vorge⸗ Don Fernando ſchob denjenigen zurück, der ſeine Zeit, ihn bei dieſem Namen zu nennen, ſo ſchlecht irths⸗ wählte 1 5 te den„Ich errathe nichts,“ erwiederte er mit einer fin⸗ dieſen ſtern Miene,„und Ihr müßt mir Alles ſagen. Wie Büchs⸗ heißt Eure Geliebte, Don Ramiro?“ die ſie„Iſt es nöthig, Euch den Namen der Sonne zu ſollte. nennen, während Ihr ihre Wärme fühlt und von ihren alaga Strahlen geblendet ſeid? Schlagt die Augen auf, Don Fernando, und haltet, wenn Ihr könnt, den Anblick e Don des Geſtirnes aus, das mein Herz verſengt.“ hrend Don Fernando ſchlug die Augen auf und ſah Don Dona Flor auf ihren Balcon geneigt und ihn mit ei⸗ ne. nem ſanften Lächeln anſchauend; doch, als hätte ſie l, ich nur den Moment, um geſehen zu werden, abgewartet, t ein⸗— kaum hatte ſie einen raſchen Blick mit Don Fer⸗ deine nando gewechſelt, da warf ſie ſich zurück, und man ver⸗ Aus⸗ nahm das Geräuſch des Fenſters, das ſich ſchloß. Das Fenſter ſchloß ſich indeſſen nicht ſo raſch, daß Don nicht aus dieſem Fenſter eine Blume herabfiel. btirne Dieſe Blume war eine Anemone. XXV. Die Anemone. Die zwei jungen Leute ſtürzten mit einer und der⸗ ſelben Bewegung binzu, um die Blume aufzuheben, welche von ungefähr oder mit Abſicht aus der Hand des Mädchens niedergefallen war. Es war Don Fernando, der, da er ſich am Näch⸗ ſten beim Fenſter befand, die Anemone aufbob. Dar ſtreckte aber Ramiro die Hand gegen ſeinen Freund aus und ſagte: „Ich danke, lieber Fernando, gebt mir die Blume.“ „Und warum ſollte ich ſie Euch geben?* fragte Fernando. „Weil mir ſcheint, daß man ſie für mich hat fal⸗ len laſſen.“ „Wer ſagt Euch das?“ „Niemand; doch wer ſagt mir das Gegentheil!“ „Einer, der ſich vielleicht nicht fürchten würde, e Euch ins Geſicht zu ſagen.“ „Wer?“ „Ich l“ Don Ramiro ſchaute Don Fernando mit Verwun⸗ derung an und bemerkte nun erſt ſeine Bläſſe und daß krampfhafte Beben ſeiner Lippen. „Ihr! verſetzte er, einen Schritt zurückweichendt „warum Ihr?. „Weil... diejenige, welche Ihr liebt... 1 liebe!“ „Ihr liebt Dona Flor?“ rief Don Ramiro. „Ich liebe ſie!“ wiederholte Don Fernando. ich a ſeit laut gen nach vorb ſeine und Her; dem Weg keit nig jung ſcher V nd der⸗ uheben, r Hand Näch⸗ b. Da Freund elume.] fragte dat fa⸗ theil!“ rde, e 231 „Wo habt Ihr ſie geſehen, und wann habt Ihr ſie geſehen?“ fragte Don Ramiro ebenfalls erblei⸗ chend. „Was liegt Euch daran?“ „Ei! ich liebe ſie ſeit zwei Jahren.“ „Vielleicht liebe ich ſie erſt ſeit zwei Tagen; wenn ich aber ſeit zwei Tagen mehr gethan habe, als Ihr ſeit zwei Jahren!“ „Beweiſt mir das, Don Fernando, oder ich werde laut ſagen, Ihr habet übermüthig den Ruf eines jun⸗ gen Mädchens befleckt.“ „Ihr habt mir geſagt, ihr ſeiet Ihr von Malaga nach Granada vorangeritten, nicht wahr?“ „Ich habe Euch das ſo eben geſagt.“ „Ihr ſeid an der Venta zum Maurenkönig vorbeigekommen?“ „Ich hielt ſogar dort an.“ „Ihr habt dort ein Mahl für Don Inigo und ſeine Tochter beſtellt; Ihr habt Räucherwerk verbrannt und einen Blumenſtrauß zurückgelaſſen?“ G 44 „J. „In dem Strauße war eine Anemone?“ „Nun?“ „Dieſe Anemone hat ſie mir geſchenkt.“ „Geſchenkt mit eigener Hand?“ „Geſchenkt!... und ſie ruht hier auf meinem Herzen, wo ſie verwelkt iſt, wie dieſe verwelken wird.“ „Dieſe Anemone, Ihr habt ſie genommen, aus dem Strauße geriſſen, ohne daß ſie es wußte, vom Wege aufgehoben, wo Dona Flor ſie aus Unachtſam⸗ keit fallen ließ; geſteht das, und ich verzeihe Euch“ Einmal würde ich nur von Gott und dem Kö⸗ nig eine Verzeihung aunehmen,“ erwiederte ſtolz der junge Mann,„und dann hat ſie mir die Blume ge⸗ ſchenkt.“ „Ihr lügt, Don Fernando! und wie Ihr die erſte 232 von dieſen Blumen geſtohlen habt, ſo habt Ihr auch die 4 zweite geſtohlen!“ Don Fernando ſtieß einen Schrei des Zornes aus, zog ſeinen Degen mit der rechten Hand, während er zu den Füßen von Don Ramiro die friſche Blume und die verwelkte Blume warf, und rief:. „Wohl! es ſei; gegeben oder geſtohlen, hier ſind beide auf der Erde. Derjenige, welcher in fünf Mi⸗ nuten noch lebt, wird ſie aufheben.“ „Gut!“ verſetzte Don Ramiro, indem er einen Schritt rückwärls machte und ſeinen Degen ebenſalls zog.„Das iſt ein Handel, wie ich ſie liebe.“ 3 Sodann ſich an die Edelleute wendend, welche auf dem Platze ſpazieren gingen und, als ſie entblößte De⸗ gen ſahen, ſich nach der Seite wandten, wo ſie glänz⸗ ten, rief Don Ramiro: „Holla! Caballeros, kommt hierher, damit wir uns nicht ohne Zeugen ſchlagen, und daß man, wenn Don Fernando mich tödtet, wenigſtens nicht ſage, er habe mich ermordet, wie man geſagt hat, er habe Don Alvar ermordet.“ „Gut! ſie mögen kommen,“ verſetzte Don Fer⸗ nando,„denn ich ſchwöre bei Gott! Don Ramiro, was ſie ſehen werden, verdient geſehen zu werden.“ Und die zwei jungen Leute ſenkten fünf Schritte von einander eutfernt jeder ſeinerſeits die Spitze ſeines Degens gegen die Erde und warteten, bis der Kreis um ſie gebildet wäre. Als ſodann der Kreis gebildet war, ſprach eine Stimme: „Fanget an, Senores!“ Das Waſſer ſtürzt nicht raſcher hervor, wenn es ſeinen Damm bricht, als die zwei jungen Leute auf einander losſtürzten. In dieſem Augenblick ertönte ein Schrei hinter dem Gitterladen; doch dieſer Schrei, während er die zwei Streitenden emporzuſchauen ver⸗ h die „zog r zu und ſind Mi⸗ einen ſalls auf De⸗ länz⸗ wir venn „ er Don Fer⸗ was ritte ines rreis eine n es auf ein Frei, ver⸗ 233 anlaßte, that nicht nur dem Kampfe nicht Einhalt, ſon⸗ dern ſchien ſogar zum Reſultate zu haben, daß er ſeine Heftigkeit vermehrte. Don Fernando und Don Ramiro waren zwei der muthigſten und gewandteſten Edelleute, welche exiſtir⸗ ten. Sicherlich hätte weder der Eine noch der Andere bei dieſen beiden Punkten einen Nebenbuhler in Andalu⸗ ſien getroffen, und um einen ernſten Widerſtand zu finden, mußten ſie gegen einander kämpfen. Es war auch, wie es ihnen Don Fernando ver⸗ ſprochen, das, was die Edelleute ſahen, des Sehens werth. Die zwei Degen hatten ſich in der That mit einer Geſchwindigkeit und mit einem Ungeſtüm gekreuzt, daß man einen Augenblick hätte glauben können, das Eiſen, aus dem die Funken hervorſprangen, werde von den⸗ ſelben Leidenſchaften belebt, wie die Mänuer, die ſie hielten. Alles, was die Kunſt, die Geſchicklichkeit und die Stärke an Mitteln haben, wurde entwickelt wäh⸗ rend der paar Minnten, die dieſer erſte Gang dauerte, ohne daß Einer von den zwei wie die Bäume, in deren Schatten ſie kämpften, unbeweglichen Gegnern einen einzigen Schritt rückwärts gemacht hätte, der⸗ geſtalt, daß die Gefahr verſchwunden zu ſein ſchien und die Zuſchauer den Kampf, ſo erbittert er war, an⸗ ſahen, als ob ſie in einem Fechtſaale eine Uebung mit dem Rappiere angeſehen hätten. Es iſt ſodann auch wahr, daß dieſe Kämpfe in den Sitten jener Zeit lagen, und daß wenige Tage vergingen, ohne daß ein Schauſpiel dem ähnlich gegeben wurde, das Don Fer⸗ nando und Don Ramiro gaben. Die Pauſe war kurz. Jeder verlangte nur die Muße, um zu athmen, und trotz der von den Zuſchauern wiederholten Rufe:„Laßt Euch Zeit! laßt Euch Zeit!“ warfen ſich die zwei Gegner mit erneuerter Wuth wieder auf einander. 234 Diesmal waren aber kaum die Degen gekreuzt, da hörte man eine keuchende Stimme die Worte ſprechen: „Haltet ein, Don Fernando, haltet ein, Don Ramiro!“ Alle Köpfe wandten ſich nach der Seite um, von der die Stimme kam. „Don Ruiz de Torrillas!“ riefen die Zuſchauer zurücktretend. Und zu gleicher Zeit befand ſich Don Ruiz mitten im Kreiſe, gerade auf der Seite, wo ſein Sohn war. Ohne Zweifel von Dona Flor benachrichtigt, lief er herbei, um die Streitenden zu trennen. „Haltet ein!“ wiederholte eine gebieteriſche Stimme. „Mein Vater!“ murmelte Don Fernando unge⸗ duldig. „Senor!“ ſprach Don Ramiro mit Ehrfurcht. „Ich habe Don Ramiro keinen Befehl zu geben,“ ſagte der Greis;„doch Ihr, Don Fernando, Ihr ſeid mein Sohn, und ich rufe Euch zu:„„Haltet ein!““ „Haltet ein!“ wiederholten alle Anweſenden. „Wie, Unglücklicher!“ rief Don Ruiz, vor ſeinem Sohne die Hände faltend,„kannſt Du Deine unſeligen Leidenſchaften nicht überwinden? Geſtern wegen eines Duelles begnadigt, willſt Du heute daſſelbe Verbrechen begehen?“ „Mein Vater! mein Vater!“ murmelte Don Fer⸗ nando,„ich bitte, laßt mich machen.“ „Hier auf der Straße, im Angeſichte der Sonne!“ rief Don Ruiz, die Hände ringend. „Warum nicht? hier auf der Straße, im Ange⸗ ſichte der Sonne iſt die Beleidigung geſchehen!... Sie ſind Zeugen der Beleidigung geweſen, ſie ſeien auch Zeugen der Rache!“* „Steckt Euren Degen in die Scheide, Don Fer⸗ nando!“ „Legt Euch aus! legt Euch aus, Don Namiro!“ ———,—S,,—, 23⁵ „Du biſt mir alſo ungehorſam?“ „Denkt Ihr denn, ich werde mir durch Euch die Ehre rauben laſſen, die mir von Euch zugekommen iſt, wie Euer Vater ſie von ſeinen Ahnen empfangen hatte?“ „Oh!“ rief Don Ruiz,„gefiele es dem Himmel, Du hätteſt einen Funken von dem behalten, was Dir von mir zugekommen iſt!“ Nach dieſen Worten wandte ſich der Greis an Don Ramiro und ſprach: „Senor Don Ramiro, da mein Sohn keine Ach⸗ tung vor den weißen Haaren und den gefalteten Hän⸗ den hat, die ihn anflehen, obgleich die weißen Haare die eines Vaters ſind, ſo höret Ihr mich an und gebt denjenigen, welche uns umſtehen, das Beiſpiel, daß ſich ein Fremder mit mehr Rückſicht gegen mich benimmt, als mein Sohn.“ „Ja! ja!“ ſagten die Zuſchauer,„höret ihn an, Don Ramiro!“ Don Ramiro machte einen Schritt rückwärts, ſenkte ſeinen Degen und verbeugte ſich. „Ihr habt wohl daran gethan, daß Ihr an mich apellirtet, Senor Don Ruiz de Torrillas,“ ſprach Don Ramiro;„Ihr habt wohl daran gethan, daß Ihr auf mich gerechnet, Senores. Die Erde iſt groß, das Ge⸗ birge iſt einſam, ich werde meinen Gegner an einem anderen Orte treffen.“. „Oh!“ rief Don Fernando,„das heißt wahrhaftig ſeine Furcht geſchickt verkleiden!“ Don Ramiro, der ſchon ſeinen Degen in die Scheide geſteckt, der ſchon zwei Schritte rückwärts ge⸗ macht hatte, war mit einem Sprunge wieder mit dem Degen in der Hand in ſeiner Lage. „Ich!“ rief er,„ich habe Furcht?“ Die Cavaliere gaben durch ein Gemurmel Don Fernando ſichtbar Unrecht, und zwei von den Aelteſten 236 oder den Vernünftigſten machten eine Bewegung, um zwiſchen den Gegnern zu vermitteln. Don Ruiz de Torrillas bat ſie aber durch einen Wink mit der Hand, ſich entfernt zu halten. Die zwei Edelleute gehorchten ſtillſchweigend. Man hörte aufs Neue das Klirren der zwei Degen. Don Ruiz näherte ſich ſeinem Sohne einen Schritt. Die Zähne an einander gepreßt, bleich vor Zorn, das Auge entflammt, griff Don Fernando ſeinen Geg⸗ ner mit einer Hitze an, die einen Mann, welcher ſeiner Hand minder ſicher, als er es war, preisgegeben hätte. „Wahnſinniger!“ ſagte der Greis;„wie! wäh⸗ rend Du ſiehſt, daß ein Fremder mich achtet und mir gehorcht, biſt Du mir ungehorſam und trotzeſt mir?“ Er hob ſodann den Stock empor, den er in der Hand hielt, und rief mit einer Heftigkeit, die ſeinen Blick von der Flamme der Ingend funkeln machte:„Ich weiß nicht, was mich abhält, daß ich Dich öffentlich Deine Pflicht lehre.“ Ohne das Eiſen ſeines Gegners zu verlaſſen, wandte ſich Don Fernando halb um. Er ſah ſeinen Vater mit aufgehobenem Stocke; von bleich, wie er war, wurde er purpurroth, ſo drängte ſich ſein Blut gegen ſein Herz zuſammen und ſtrömte gewaltſam vom Herzen zu den Extremitäten. Es war beinahe Haß in der Phyſiognomie des Greiſes; die von Fernando ſetzte ſich damit in Einklang und nahm ebenfalls faſt einen Ausdruck des Haſſes an. Man mußte glauben, ein Unvorſichtiger, der zwi⸗ ſchen dem doppelten Blitze ihres Blickes durchgegangen wäre, würde niedergeſchmettert worden ſein. „Nehmt Euch in Acht, mein Vater!“ ſagte mit hiternder Stimme und den Kopf ſchüttelnd der junge ann. 237 „Den Degen in die Scheide!“ wiederholte Don Ruiz. 3,Laßt zuerſt Euren Stock ſinken, mein Vater!“ „Gehorche zuerſt, Unglücklicher, wenn ich Dir zu gehorchen befehle.“ „Mein Vater!“ verſetzte Don Fernando, der wie⸗ der todesbleich wurde,„haltet nicht länger Euren Stock über meinem Kopfe, oder, bei Gott! ich laſſe mich zum Aeußerſten hinreißen!“ Sodann ſich gegen Don Ramiro umwendend: „Ah! entfernt Euch nicht, Don Ramiro; ich kann zugleich dem Stocke meines Vaters und dem Degen eines Gecken die Spitze bieten.“ „Ihr ſeht, Senores,“ rief Don Ramiro;„was ſoll ich thun?“ „Handelt nach Eurem Muthe und nach der Be⸗ leidigung, die Ihr erhalten zu haben glaubt, Senor Don Ramiro,“ ſagten die Cavaliere, indem ſie ſich entfernten und darauf verzichteten, länger der Fort⸗ ſetzung des Kampfes zu widerſtreben. „Undankbarer und Schlechter!“ rief Don Ruiz, der immer ſeinen Stock über dem Kopfe ſeines Soh⸗ nes hielt.„Dein Gegner kann Dich alſo nicht lehren, wie ſich ein Sohn gegen ſeinen Vater benehmen ſoll?“ „Nein,“ erwiederte Don Fernando,„denn mein Gegner hat aus Feigheit nachgegeben, und ich ſetze die Feigheit nicht in den Rang der Tugenden.“ „Derjenige, welcher ſagt oder denkt, ich ſei ein Feiger...⸗ „Man hat gelogen, Don Ramiro,“ unterbrach der Greis;„es iſt an mir, dies zu ſagen, und nicht an Euch.“ „Ei! machen wir ein Ende!“ rief Don Fernando mit jenem Gebrülle der Wuth, mit dem er den wilden Thieren antwortete, wenn er mit ihnen kämpfte. „Zum letzten Male frage ich Dich, Elender! wirſt 238 Du mir gehorchen? wirſt Du den Degen in die Scheide ſtecken?“ wiederholte Don Ruiz drohender als je. Und man begriff, daß, wenn Don Fernando nicht in der Minute, in der Secunde gehorchte, der entehrende Stock auf ihn fallen würde. Aber, ſchnell wie der Gedanke, ſtieß Don Fer⸗ nando mit der verkehrten linken Hand Don Ruiz zu⸗ rück, während er mit der rechten Hand mittelſt einer geſchickten Finte den Arm ſeines Gegners, der zu ſpät zur Parade gekommen, durchbohrte. Don Ramiro blieb ſtehen; doch der Greis fiel, ſo heftig war der Schlag geweſen. Er hatte ihn mitten ins Geſicht bekommen. Die Zuſchauer ſtießen einen Schreckensſchrei aus: der Sohn hatte dem Vater eine Ohrfeige gegeben. „Platz! Platz!“ brüllte Don Fernando. Und er ſtürzte auf die zwei Blumen zu, hob ſie auf und ver⸗ barg fie an ſeiner Bruſt. „Oh! der Himmel zerſchmettere Dich, Schänd⸗ licher!“ rief Don Ruiz, indem er ſich wieder zu er⸗ heben ſuchte;„ja, der Himmel, in Ermangelung der Menſchen, denn die Sache eines beleidigten Vaters iſt die Sache des Himmels!“ „Er ſterbe! er ſterbe!“ riefen einſtimmig die Cava⸗ liere,„er ſterbe, der ruchloſe Sohn, der ſeinen Vater geſchlagen hat!“ Und Alle zogen den Degen und umzingelten Don Fernando. Man hörte einen Augenblick das Klirren von zehn Klingen gegen eine einzige; dann ſah man, wie man durch die machtloſe Meute das ſchäumende Wildſchwein durchdringen ſieht, den Salteador mit entflammtem Auge und Schaum auf dem Munde erſcheinen. Er eilte an dem niedergeworfenen Don Ruiz vor⸗ über, warf auf den Greis einen Blick, in welchem mehr ſcho Zu geb Arn Gre Har ſtan er, Dot verf dieſ thei entl zu! der Du Lich Car En⸗ Haß als Reue lag, und verſchwand durch eines der Gäßchen, die nach dem Zacatin führen. 2 XXVI. Die Zuſchauer dieſer Scene,— bei der jeder Zu⸗ ſchauer am Ende Schauſpieler geworden war,— die Zuſchauer dieſer Scene, ſagen wir, waren vernichte geblieben. Don Ramiro allein, der ſeinen blutigen rechten Arm mit ſeinem Mantel umwickelte, ging auf den Greis zu, reichte ihm ſeine linke Hand und ſprach: „Senor, werdet Ihr mir die Ehre erweiſen, dieſe Hand anzunehmen, um Euch wieder zu erheben?“ Don Ruiz nahm die Hand von Don Ramiro und ſtand mühſam auf. 4 „Oh! undankbarer Sohn! entarteter Sohn!“ rief er, indem er die Hand in der Richtung ausſtreckte, in der Don Fernando verſchwunden war,„die Rache Gottes verfolge Dich, wohin Du auch fliehen magſt! Gegen dieſe fremden Degen, die ſich erheben, um mich zu ver⸗ theidigen, ſei Deine Hand, die meine weißen Haare entheiligt und mein Geſicht mit Blut befleckt hat, Dich zu vertheidigen und zu rächen unmächtig! und Gott, der Deine Ruchloſigkeit ſieht, entziehe Dir die Luft, die Du athmeſt, und die Erde, die Dich trägt, und das Licht, das Dir leuchtet.“ „Edler Herr,“ ſprach ehrerbietig einer von den Cavalieren, indem er ſich Don Ruiz näherte,„hier iſt Euer Hut.“ 240 „Edler Herr,“ ſprach ein Zweiter, indem er ſich mit derſelben Ehrfurcht näherte,„geſtattet Ihr, daß ich Euch Euren Mantel zuhake?“ Fbler Herr,“ ſprach ein Dritter,„hier iſt Euer to. Bei dieſen Worten ſchien Don Ruiz aus ſeiner Betäubung zu erwachen. „Ein Stock!“ wiederholte er;„wozu würde mir ein Stock dienen? Einen Degen müßte ich haben... Oh! Cid! oh! Cid Campeador! ſieh, wie wir uns ver⸗ ändert haben, ſeitdem Du Deinen großen Geiſt aufge⸗ geben! Zu Deiner Zeit waren es die Söhne, welche die Beleidigungen rächten, die ein Fremder ihren Vä⸗ tern anthat; heute ſind es die Fremden, welche die Beleidigungen rächen, die die Väter von ihren Söhnen erhalten.“ Er wandte ſich ſodann gegen den Cavalier um, der ihm ſeinen Stock reichte, und ſprach: „Ja! ja! gebt her; eine mit der Hand angethane Beleidigung muß mit dem Stocke gerächt werden. Mit dieſem Stocke werde ich mich alſo an Dir rächen, Don Fernando... Doch ich täuſche mich, wie könnte mich dieſer Stock rächen, da er mir, wenn ich ihn in der Hand habe, nicht zum Angreifen, ſondern um mich darauf zu ſtützen dient? Wie könnte ich mich alſo rächen, wenn gerade das Werkzeug meiner Rache, macht⸗ los, um denjenigen, welchen ich verfolge, zu erreichen, mir nur dazu dient, es auf die Erde zu ſtoßen, als wollte es ihr ſagen:„„Erde! Erde! öffne dem Greiſe, meinem Herrn, die Thüre ſeines Grabes.““ „Senor! Senor! beruhigt Euch!“ ſagte Einer von den Zuſchauern.„Hier kommt Dona Mereedes, Eure Frau, gefolgt von einem Mädchen ſo ſchön wier die Engel, herbeigelaufen!“ Don Ruiz wandte ſich um und warf einen ſolchen Blick auf Dona Mercedes, daß dieſe ſtehen blieb und⸗ ſich welch aber ſie 2 ſeine „Eu Blut ſeine Stre Ran Dan durch mahl flehte uns denn Alle Stin loſer Mär Ja, bärer Sor Gatt höch und nehn lang Verz El 241 ſich ſich wankend auf den Arm von Dona Flor ſtützte, ich velche, wie es der Cavalier ſagte, ſchön wie die Engel, aber bleich wie eine Bildſäule. kuer„»„Was gibt es denn, mein gnädiger Herr?“ fragte ſie Don Ruiz,„was iſt denn vorgefallen?“ iner„Senora,“ rief Don Ruiz, der aus der Gegenwart ſeiner Frau einen neuen Zorn zu ſchöpfen ſchien, mir„Euer Sohn hat mich ins Geſicht geſchlagen, das Blut iſt unter der Hand desjenigen gefloſſen, der mich ver⸗ ſeinen Vater neunt, und als ich gefallen war unter dem fge⸗ Streiche, den ich erhalten, hat nicht er, ſondern Don lche Ramiro mir die Hand gereicht, um mich aufzuheben; Vä⸗ Danket Don Ramiro, Senora, der die Hand Eurem die durch die Hand Eures Sohnes niedergeworfenen Ge⸗ nen mahle gereicht hat.“ „Ohl! beruhigt Euch, beruhigt Euch, Senor,“ um, flehte Dona Mercedes,„und ſeht all dieſes Volk, das uns umgibt.“ ane„Es komme! es nähere ſich! denn es nähert ſich, Mit denn es kommt, um mich zu vertheidigen! Kommt Don Alle!“ rief Don Ruiz,„und Jeder erfahre durch meine nich Stimme, aus meinem eigenen Munde, daß ich ein ehr⸗ der loſer Mann, ein beohrfeigtes Geſicht bin!— Ja, nich Männer, ſchaut mich an und zittert, Söhne zu haben! alſo Ja, Frauen, ſchaut mich an und zittert, Kinder zu ge⸗ cht⸗ bären, welche, um ſie für fünf und zwanzig Jahre der hen, Sorgen, der Opfer, der Schmerzen zu belohnen, Eure Ilte Gatten beohrfeigen! Ich habe Gerechtigkeit vom Aller⸗ nem höchſten gefordert, und ich bitte Euch um Gerechtigkeit, und wenn Ihr mir nicht auf der Stelle ſagt, Ihr über⸗ ner nehmet die väterliche Gerechtigkeit... nun, ſo ver⸗ des, lange ich dieſe Gerechtigkeit vom König!“ wie Und als die erſchrockene Menge vor dieſer großen Verzweiflung ſtumm blieb, rief Don Ruiz: hen„Ah! Ihr auch! Ihr auch! Ihr verweigert mir und⸗ El Salteador. 16 24² auch Gerechtigkeit!... Wohl denn! zu König Don Carlos!... König Don Carlos! König Don Car⸗ los! Gerechtigkeit! Gerechtigkeit!...“ „Wer ruft den König Don Carlos?“ ſprach eine Stimme;„wer verlangt von ihm Gerechtigkeit? Hier iſt er.“ Die Menge trat ſogleich zurück, und auf dem Wege, den ſie geöffnet, ſah man, in einer einfachen Capaliers⸗ tracht, einen jungen Mann herbeikommen, deſſen wei⸗ ßes, bleiches Geſicht mit dem blinzelnden Auge unter einem breitkrämpigen Filzhute verborgen war, während ein dunkelfarbiger Mantel ſeinen Leib umhüllte und verbarg. Hinter ihm ging in einer Tracht ſo einfach als die ſeine der Großjuſticiar. „Der König!“ rief die Menge. „Der König!“ ſtammelte Mercedes erbleichend. „Der König!“ wiederholte Don Ruiz mit einem Ausdrucke des Triumphes. Sogleich bildete ſich ein großer Kreis, in deſſen Mittelpunkte nur der König und Don Inigo, Don Ruiz und Dona Mercedes, auf Dona Flor geſtützt, blieben. 8 „Wer verlangte Gerechtigkeit?“ fragte der König. „Ich, Sire,“ antwortete Don Ruiz. Der König ſchaute ihn an. „Ah! ahl abermals Du? Geſtern verlangteſt Du Gnade, heute verlangſt Du Gerechtigkeit? Du verlangſt alſo immer?“ „Ja, Sire, und diesmal werde ich Eure Majeſtät nicht eher verlaſſen, als bis ſie mir das, was ich von ihr fordere, bewilligt hat.“ „Iſt das, was Du forderſt, gerecht,“ erwiederte der König,„ſo wirſt Du keine Mühe haben, es zu erhalten.“ ſagte rücktr des hören habe, das Inig Erba ſo e von geſch ich, ſuche dem kann zuma Plat halb ſeiner dara er de zeicht Gehe Don Car⸗ eine Hier Lege, iers⸗ wei⸗ unter hrend und h als nd. einem deſſen Don ſtützt, könig. ſt Du langſt ajeſtät h von iederte es zu 243 „Eure Majeſtät wird ſogleich ſelbſt urtheilen,“ ſagte Don Ramiro. Don Inigo hieß durch einen Wink die Menge zu⸗ rücktreten, damit die Worte des Klägers in das Ohr des Königs allein fallen würden. „Nein, nein,“ ſprach Don Ruiz,„Jedermann ſoll hören, was ich ſagen werde, damit, wenn ich geendigt habe, Jeder bezeuge, daß es die Wahrheit iſt.“ „Bleibet, höret Alle,“ rief der König. „Sire,“ fragte Don Ruiz,„iſt es wahr, daß Ihr das Duell in Euren Staaten verboten habt?“ „Es iſt wahr, und dieſen Morgen habe ich Don Inigo befohlen, die Duellanten unabläſſig und ohne Erbarmen zu verfolgen.“ „Wohl denn! Sire, auf dieſem Platze haben ſich ſo eben unter den Fenſtern meines Hauſes, umgeben von einem Kreiſe von Cavalieren, zwei junge Leute geſchlagen.“ „Ho! ho!“ verſetzte der König,„bis jetzt glaubte ich, um den Edicten eines Königs ungehorſam zu ſein, ſuche man einen abgelegenen Ort, wo die Einſamkeit dem Verbrecher wenigſtens die Wahrſcheinlichkeit, unbe⸗ kannt zu bleiben, laſſe.“ „Nun! dieſe Leute hatten, um ihren Streit aus⸗ zumachen, das helle Sonnenlicht und den beſuchteſten Platz von Granada gewählt.“ „Ihr höret, Don Inigo?“ ſagte der König, ſich halb umwendend. „Mein Gott! mein Gott!“ murmelte Mercedes. „Senora,“ flüſterte Dona Flor,„will er denn ſeinen Sohn anzeigen?“ 3 „Was den Gegenſtand ihres Streites betrifft... daran liegt mir nichts!“ fuhr Don Ruiz fort, indem er dem Großjuſticiar einen Blick zuwarf, welcher be⸗ zeichnete, er bewahre für die Ehre ſeines Hauſes das Geheimniß;„ich kenne den Gegenſtand nicht und will 244 ihn nicht wiſſen; ich weiß nur, daß ſich vor meiner Thüre zwei Cavaliere mit dem Degen in der Hand mit allem Ungeſtüm angriffen.“ Don Carlos faltete die Stirne. „Und Ihr ſeid nicht herausgegangen?“ ſagte er; „Ihr habt nicht zwiſchen die Degen dieſer wahnſinni⸗ gen jungen Leute das Gewicht Eures Namens und das Anſehen Eures Alters geworfen? In dieſem Falle ſeid Ihr ebenſo ſtrafbar als ſie, denn wer bei einem Duelle Beihülfe leiſtet, oder ſich demſelben nicht widerſetzt, iſt mitſchuldig an einem Duelle.“ „Ich bin herausgegangen, Sire, ich bin auf die jungen Leute zugetreten und habe ſie heißen ihren Degen in die Scheide ſtecken; der Eine von ihnen hat gehorcht.“ „Es iſt gut; dieſer ſoll milder beſtraft werden, doch der Andere?“ „Der Andere hat ſich geweigert, mir zu gehorchen, Sire; der Andere hat ſeinen Gegner fortwährend her⸗ ausgefordert; der Andere hat ſeinen Gegner, der ſei⸗ nen Degen ſchon in die Scheide geſteckt, durch ſeine Beleidigungen genöthigt, ihn wieder in die Hand zu nehmen, und der Kampf wurde fortgeſetzt.“ „Ihr hört, Don Inigo! trotz der Ermahnungen von Don Ruiz wurde der Kampf fortgeſetzt.“ Sodann ſich an den Greis wendend, fragte der König: „Was habt Ihr hernach gethan, Don Ruiz?“ „Sire, nachdem ich gebeten, habe ich gedroht, nachdem ich gedroht, habe ich den Stock aufgehoben.“ „Und dann?“ „Derjenige, welcher ſich ſchon ein erſtes Mal zu⸗ rückgezogen hatte, zog ſich zum zweiten Male zurück.“ „Und der Andere?“ „Der Andere, Sire... der Andere hat mir eine Ohrfeige gegeben.“ homb Don warte Lüge unter von Done G der e öffen leeren Moh das Adels den der 6 Vate niſch Stin im 5 der Vate Grei teiner d mit er; ſinni⸗ d das ſeid Duelle rſetzt, f die ihren n hat erden, rchen, her⸗ r ſei⸗ ſeine nd zu ungen te der 2“ droht, oben.“ al zu⸗ rück.“ r eine 24⁵ „Ein junger Mann hat einem Greiſe, einem Rico hombre, Don Ruiz, eine Ohrfeige gegeben?“ ſprach Don Carlos. Und ſeine Augen befragten die Menge, als er⸗ wartete er, einer von den Zuſchauern werde Don Ruiz Lügen ſtrafen. Doch Aller Mund blieb geſchloſſen, und man hörte unter dem Stillſchweigen nur die erſtickten Seufzer von Dona Flor und das verhaltene Schluchzen von Dona Mercedes. „Fahret fort,“ ſagte der König zu Don Ruiz. „Sire, welche Strafe verdient ein junger Mann, der einem Greiſe eine Ohrfeige gegeben hat?“ „Iſt er von bürgerlichem Stande, die Peitſche auf öffentlichem Platze und eine Nummer auf meinen Ga⸗ leeren zwiſchen einem Türken von Algier und einem Mohren von Tunis; iſt er von Adel, ſo verdient er dis lebeislänaliche Gefängniß und den Verluſt des dels.“ „Und,“ fragte mit einer düſteren Miene Don Ruiz den König,„und wenn der, welcher ſie gegeben hat, der Sohn war, und der, welcher ſie empfangen, der Vater?“ „Wie ſagſt Du, Greis? Ich verſtehe das Spa⸗ niſche nicht recht, und ich muß ſchlecht gehört haben.“ Don Ruiz wiederholte langſam und mit einer Stimme, von der jedes Wort ſein ſchmerzliches Echo im Herzen der zwei Frauen hatte: und wenn der, welcher die Ohrfeige gegeben hat, der Sohn war, und der, welcher ſie empfangen, der Vater? Ein Gemurmel durchlief die Menge. Der König wich einen Schritt zurück, ſchaute den Greis mit einer Miene des Zweifels an und rief: „Unmöglich!“ „Sire,“ ſprach Don Ruiz, indem er ein Knie auf 246 die Erde ſetzte,„jch habe Euch um Gnade für meinen Sohn, den Räuber und Mörder, gebeten! Sire, ich bitte Euch um Gerechtigkeit gegen das Kind, das die Hand gegen ſeinen Vater aufgehoben hat!“ „Oh! Don Ruiz! Don Ruiz!“ rief Don Carlos, der für einen Augenblick aus ſeiner gewöhnlichen Ruhe und Kälte heraustrat,„wißt Ihr, daß das, was Ihr da verlangt, der Tod Eures Sohnes iſt?“ „Sire, ich weiß nicht, mit welcher Strafe man in Spanien ein ſolches Verbrechen belegt; denn dieſes Verbrechen, das keinen Vorgang hat, wird wahrſchein⸗ lich auch keine Nachahmer haben; ich ſage aber, o mein König: Das heilige Gebot verletzend, welches das erſte iſt nach denen der Kirche, hat es mein Sohn Don Fernando gewagt, mit ſeiner Hand mein Geſicht anzu⸗ taſten! und da ich mich nicht ſelbſt für das Verbrechen rächen kann, ſo führe ich bei Euch Klage gegen den Verbrecher, und wenn Ihr mir Gerechtigkeit verweigert, nun! Sire,— höret dieſe Drohung, welche gegen ſei⸗ nen König ein beleidigter Vater ausſpricht,— wenn Ihr mir Gerechtigkeit verweigert, ſo werde ich von Don Carlos an Gott appelliren!“ Und er ſtand auf und fügte bei: „Sire, Ihr habt mich gehört, die Sache geht nun Euch an und nicht mehr mich.“ Und er zog ſich zurück und folgte dem Wege, den ihm die ſtumme Menge öffnete, indem Jeder ſein Haupt entblößte und ſich vor dieſem beleidigten Vater ver⸗ beugte. Mercedes, als ſie ſah, daß Don Ruiz an ihr vorüberging, ohne ſie anzuſchauen oder ein Wort an ſie zu richten, fiel ohnmächtig in die Arme von Dona lor. 3 Don Carlos warf einen von den ſcharfen Blicken, die ihm eigenthümlich waren, auf die Gruppe der Be⸗ trübten; dann wandte er ſich gegen Don Inigo um, der l Ange Sach gung der d daß mir zitter über dern gebr mur einen eine nich wie 247 einen der bleicher und zitternder da ſtand, als wenn er der „ich Angeklagte geweſen wäre, und ſagte: 3 die„Don Inigo.“ „Sire?“ erwiederte der Großjuſtciar. rlos,„Iſt dieſe Frau nicht die Mutter?“ Ruhe Und er deutete über ſeine Schulter auf Mercedes. Ihr„Ja, Sire,“ ſtammelte Don Inigo.. „Gut.“ un in Dann, nach einer Pauſe, fuhr Don Carlos fort: dieſes„Da Ihr mein Großjuſticiar ſeid, ſo iſt das Eure hein⸗ Sache. Wendet alle Mittel an, die Ihr zur Verfü⸗ mein gung habt, und erſcheint nicht eher vor mir, als bis erſte der Schuldige verhaftet iſt.“ Don„Sire,“ antwortete Don Inigo,„ſeid überzeugt, anzu⸗ daß ich mit allem Eifer zu Werke gehen werde.“ echen„Thut das, und zwar ohne Verzug, denn es liegt den mir mehr an dieſer Sache, als Ihr denken möget.“ igert,„Warum dies? fragte der Großjuſticiar mit einer ſei⸗ zitternden Stimme. wenn„Weil ich, wenn ich mir das, was vorgefallen, von übberlege, nicht weiß, ob es in der Geſchichte einen an⸗ dern König gegeben hat, vor den eine ähnliche Klage gebracht worden iſt“ tnun Und er entfernte ſich raſch und nachdenkend und murmelte: , den„Was will das beſagen, Herr? Ein Sohn hat 3 einem Vater eine Ohrfeige gegeben?“ — Der König verlangte den Gott die Erklärung eines Geheimniſſes, deſſen Auflöſung ihm die Menſchen n ihr nicht geben konnten. rt an Was Don Inigo betrifft: er war unbeweglich und Dona wie verſteinert an ſeinem Platze ſtehen geblieben. licken, r Be⸗—— h um, 248 XXVII. Strom und Vach. Es gibt prädeſtinirte Exiſtenzen: die Einen fließen mit der Langſamkeit und der Majeſtät jener mächtigen Ströme, welche, dem Miſſiſſippi und dem Amazonen⸗ fluſſe ähnlich, tauſend Meilen Ebenen von ihrer Quelle bis zum Meere durchlaufen und Schiffe tragen von einem Umfange wie Städte, beladen mit einer Menge von Paſſagieren, welche genügen würde, um eine Colo⸗ nie zu gründen. Die Andern, die ihre Quelle in den höchſten Berggipfeln haben, ſtürzen in Cascaden herab, bilden Katarakte, werden zu ſchäumenden Bächen, und ergießen ſich nach einem Laufe von kaum zehn Stunden in einen Fluß, einen See, der ſie verſchlingt, und wo Alles, was ſie noch machen können, darin beſteht, daß ſie eine Zeit lang, das Waſſer, mit dem ſie ſich vermiſcht, trüben. Um den Einen in allen ihren Einzelheiten zu fol⸗ gen, ihre Ufer zu beſchreiben, ihre Umgebungen zu er⸗ kennen, braucht der Reiſende Wochen, Monate, Jahre; um den Wechſelfällen der Andern zu folgen, braucht der Fußgänger kaum Tage; die zur Cascade und dann zum Bache gewordene Quelle wird geboren und ſtirbt auf einem Raume von zehn Stunden und im Verlaufe einer Woche. Nur hat während dieſer Woche der Fußgänger, der den Ufern des Baches gefolgt, mehr Gemüths⸗ bewegungen abſorbirt, als der Reiſende, der ein Jahr lang den Ufern des Stromes gefolgt iſt. eeßen tigen nen⸗ uelle von enge olo⸗ öſten lden eßen inen lles, ſie ſcht, fol⸗ -er⸗ hre; t der dann tirbt aufe ger, ths⸗ Jahr 249 Die Geſchichte, die wir den Leſern vor Augen legen, gehört zur Kategorie der Cascaden und der Bäche; vom erſten Blatte an ſtürzen darin die Ereig⸗ niſſe, ſpringen ſchäumend auf und rollen rauſchend bis zum letzten fort. Für diejenigen, welche von der Hand Gottes fort⸗ geriſſen werden, ſind alle Regeln der Bewegung ver⸗ kehrt, und wenn ſie zum Ziele gelangt ſind, ſcheint es ihnen, ſie haben den durchlaufenen Weg nicht zu Fuß, nicht zu Pferde, nicht zu Wagen gemacht, ſondern in einer fantaſtiſchen Maſchine, welche durch die Ebenen, die Dörfer, die Städte rolle, wie eine Getöſe und Feuer auswerfende Locomotive, oder wie ein Ballon, der ſo raſch in der Luft hinſchwebe, daß Ebenen, Dör⸗ fer und Städte verſchwinden wie in der Unermeßlich⸗ keit verlorene Punkte; ſo daß der Schwindel die Feſte⸗ ſten erfaßt und jede Bruſt beklommen iſt. Hiebei ſind wir, das heißt, bei zwei Dritteln der erſchrecklichen Reiſe; und abgeſehen von dem kalten Steuermann, den man Don Carlos nennt, und der unter dem Namen Karl V. beſtimmt iſt, ſich zu den öffentlichen Kataklysmen hinzuneigen, wie er ſich heute zu den Privatkataſtrophen hinneigt, hatte Jeder ver⸗ laſſen oder verließ Jeder den Platz, wo die von uns erzählten letzten Ereigniſſe vorgefallen waren, mit Un⸗ ruhe im Herzen und den Schwindel in den Augen. Wir haben Don Fernando zuerſt ſich entfernen ſehen; ſodann verſchwand ſeinen Sohn verfluchend, ſeinen König bedrohend, ſeinen Gott beſchwörend, Don Ruiz; und immer ruhig, aber düſterer als gewöhnlich bei dem furchtbaren Gedanken, unter ſeiner Regierung habe ein Sohn das bis dahin unbekannte Verbrechen, ſeinem Vater eine Ohrfeige zu geben, begangen, ſtieg endlich der König mit langſamem Schritte zur Alham⸗ bra hinauf, zu der er zurückkam, nachdem er die Ge⸗ fängniſſe mit dem Großjuſticiar beſucht hatte. 250 Die einzigen bei der vorhergehenden Scene inter⸗ eſſanten Schauſpieler, welche noch wie verſteinert unter der Menge, deren Blicke ſich auf ſie mit Verwunderung und Schmerz hefteten, ſtehen blieben, waren Mercedes, faſt ohnmächtig auf der Schulter von Dona Flor, und Don Inigo unbeweglich und wie zu Boden geſchmet⸗ tert durch das Wort des Königs:„Erſcheint nicht eher vor mir, als bis der Schuldige verhaftet iſt.“ Er mußte alſo dieſen Mann verhaften, für den er eine ſo tiefe Sympathie hegte, dieſen Mann, um deſſen Begnadigung er ein erſtes Mal, ohne ſie zu erlangen, mit ſo viel Dringlichkeit gebeten hatte, als er nur der Verbrechen ſchuldig, welche die Menſchen beleidigen, und deſſen Beſtrafung viel ſicherer war, nun da er einen von den Freveln begangen, welche Gott beleidi⸗ gen, oder, ſelbſt ein rebelliſcher Unterhan, der Mitſchul⸗ dige von einem der größten Verbrechen, welche je die menſchliche Scham empört haben, nicht mehr vor ſeinem König erſcheinen. Und in ſeinem Herzen neigte er ſich vielleicht zu dieſem letzten Mittel hin; denn er verſchob es auf ſpäter die zur Verhaftung von Don Fernando noth⸗ wendigen Befehle zu geben und fing damit an, daß er nach Hauſe lief, um Mercedes die Hülfe, die ihr Zu⸗ ſtand erforderte, bringen zu laſſen. Es handelte ſich darum, ſie in ihre Wohnung zu führen. Doch, ſeltſam! als Don Inigo, der ſtark und kräftig wie ein junger Mann, ſich der Mutter von Don Fernando mit der Abſicht näherte, ſie in ſeinen Armen bis nach ihrer Wohnung zu bringen, bebte Mercedes beim Geräuſche ſeiner Tritte und ſchlug die Augen mit einem Gefühle auf, das beinahe dem Schrecken glich. 3„Nein, nein,“ ſagte ſie,„nein, nicht Ihr! nicht hr 1 Don Inigo beugte ſich unter dieſer Zurückſtoßung ter⸗ nter ung des, und net⸗ eher ner ſſen gen, der gen, 1 er eidi⸗ hul⸗ die nem t zu auf oth⸗ ß er Zu⸗ g zu und von inen hebte die dem nicht Lung 251 und holte die Amme von Don Fernando und einen alten Diener, der Knappe von Don Ruiz in den Krie⸗ gen mit den Mauren geweſen war, indeß Dona Flor, im höchſten Maaße, erſtaunt, der alten Dame zuflüſterte: „Warum denn nicht mein Vater, Senora?“ Mercedes ſchloß aber wieder die Augen und fing an, ihre Kräfte zuſammenraffend, obgleich ihre Ohn⸗ macht fortzuwähren ſchien, ein paar Schritte gegen das Haus zu machen, ſo daß ſie beinahe die Schwelle be⸗ rührte, als die zwei Diener herauskamen, um ihr zu Hülfe zu eilen. Dona Flor wollte mit Mercedes eintreten, doch bei der Thüre hielt ſie ihr Vater zurück und ſagte u ihr: „Wir treten zum letzten Male in dieſes Haus ein; nehmt von Dona Mercedes Abſchied, und kommt hieher zu mir zurück.“ „Abſchied! zum letzten Male in dieſem Hauſe? Und warum denn, mein Vater?“ „Kann ich bei der Mutter wohnen, deren Sohn ich dem Tode überliefern ſoll?“ „Dem Tode! Don Fernando?“ rief das Mädchen erbleichend.„Ihr glaubt, der König werde Don Fer⸗ nando zum Tode verurtheilen?“ „Gäbe es eine Strafe, welche ſchlimmer als der Tod, ſo würde Don Fernando zu dieſer verurtheilt.“ „Mein Vater, könntet Ihr nicht Don Ruiz, Euren Freund, aufſuchen und ihn erweichen?“ „Ich kann nicht.“ „Kann nicht Dona Mercedes zu ihrem Gemahl Pehen und es bei ihm dahin bringen, daß er ſeine lage zurücknimmt?“ Don Inigo ſchüttelte den Kopf. „Sie kann es nicht.“ „Oh! mein Gott!“ rief das Mädchen, ins Haus ſtürzend;„oh! ich will mich an ein Mutterherz wen⸗ 2⁵52 den, und dieſes Herz wird hoffentlich ein Mittel finden, den Sohn zu retten!“ Dona Mercedes ſaß in demſelben unteren Saale, wo ſie eine Stunde vorher ihrem Sohne gegenüber ſtand und mit der Hand auf ihr Herz drückte, das vor Freude ſo heftig ſchlug; ihre Hand drückte diesmal darauf, daß es nicht vor Schmerz brach. „Meine Mutter, meine Mutter!“ ſagte Dona Flor, „gibt es denn kein Mittel, Don Fernando zu retten?“ „Hat Dir Dein Vater einige Hoffnung gegeben?“ fragte Mercedes. „Nein.“ „Dann glaube Deinem Vater.“ Und ſie brach in ein Schluchzen aus. „Aber, Senora,“ verſetzte Dona Flor,„mir ſcheint, wenn Ihr nach einer zwanzigjährigen Ehe Don Ruiz um dieſe Gnade bitteu würdet.. 2“ „Er würde ſie mir verweigern.“ „Ei! ein Vater iſt immer Vater!“ „Ja, ein Vater!“ erwiederte Mercedes. Und ſie ließ ihren Kopf in ihre Hände fallen. „Gleichviel, Senora, verſucht es immerhin, ich bitte Euch inſtändig.“ Mercedes blieb einen Augenblick nachdenkend. „In der That,“ ſprach ſie,„das iſt nicht mein Recht, doch es iſt meine Pflicht.“ Sodann zu dem alten Diener: „Vicente, wo iſt Euer Herr?“ „Er iſt in ſein Zimmer zurückgekehrt und hat ſich darin eingeſchloſſen.“ „Ihr ſeht,“ ſagte Mercedes, die Entſchuldigung annehmend, die ſich ihr bot. „Bittet ihn mit Eurer ſanften Stimme, aufzu⸗ machen, und er wird aufmachen.“ Mercedes verſuchte es, aufzuſtehen, doch ſie fiel wieder in ihren Lehnſtuhl zurück. 253 „Ihr ſeht, ich habe nicht die Kraft,“ ſagte ſte. den,„Ich werde Euch unterſtützen, Senora,“ ſprach Dona Flor, indem ſie Mercedes mit ihrem Arme um⸗ ale, ſchlang und mit einer Stärke aufhob, die man in iber dieſem ſchwachen Körper nicht zu finden erwartet hätte. das Mercedes ſtieß einen Seufzer aus und ließ ſich mal führen. Fünf Minuten nachher klopften die Mutter und lor, die Geliebte, in Thränen zerfließend, an der Thüre von Don Ruiz. n2“ 1„Wer iſt da?“ fragte Don Ruiz mit mürriſchem one. „Ich!“ erwiederte Dona Mercedes mit kaum ver⸗ ſtändlicher Stimme. .„Wer denn?“ dur„Seine Mutter.“ Man hörte im Zimmer etwas wie ein Seufzen; dann näherten ſich langſame, ſchwere Tritte; dann öffnete ſich die Thüre. Don Ruiz erſchien mit graſſem Auge, verwirrten Haupthaaren und ſtruppigem Barte. Er ſchien ſeit einer halben Stunde um zehn Jahre ich älter geworden zu ſein. „Ihr?“ ſagte er. Und Dona Flor erblickend, fügte er bei: nein„Doch Ihr ſeid nicht allein; es wunderte mich auch, daß Ihr es wagtet, allein zu kommen.“ „Um mein Kind zu retten, werde ich Alles wa⸗ gen!“ erwiederte Mercedes. ſich„Tretet alſo ein, jedoch allein.“ „Don Ruiz,“ flüſterte Dona Flor,„erlaubt Ihr ung der Tochter Eures Freundes nicht, ihre Bitte mit der einer Mutter zu verbinden?“ fzu⸗„Willigt Dona Mercedes ein, mir vor Euch zu ſagen, was ſie mir zu ſagen hat, ſo tretet ein.“ fiel 254 „O nein, nein!“ rief Mercedes;„allein, oder ich trete nicht ein.“ „Alſo allein, Senora,“ ſprach Dona Flor, die ſich unter den Willen dieſer unglücklichen Mutter beugte und vor der Geberde von Don Ruiz zurückwich. Hienach ſchloß ſich die Thüre hinter Mercedes. Dona Flor blieb ſtehen an dem Platze, wo ſie war, erſtaunt, da ſie dieſes innere Drama ſich ent⸗ ſchleiern ſah, deſſen Handlung ſich vor ihr ereignete, ohne daß ſie dieſelbe begriff. Sie hatte das Anſehen, als horchte ſie, doch ſie horchte nicht. Das Klopfen ihres eigenen Herzens bedeckte die Stille ihres Mundes. Und dennoch ſchien es ihr, als folgte auf die klägliche, wiederholt ſtockende Stimme von Mercedes die finſtere, drohende Stimme von Don Ruiz. Dann hörte ſie Etwas wie das Geräuſch eines Falles, der den Boden ſtöhnen machte. Es kam ihr der Gedanke, das Geränuſch dieſes Falles werde verurſacht durch den Körper von Mer⸗ cedes, welche in ihrer ganzen Höhe niederſtürze. Sie eilte nach der Thüre und öffnete ſie; Mer⸗ cedes lag in der That in ihrer ganzen Länge auf dem Boden ausgeſtreckt. Sie lief hinzu und verſuchte es, Mercedes aufzu⸗ heben, doch Don Ruiz winkte ihr. War Mercedes gefallen, ſo war dies offenbar unter dem Gewichte einer Gemüthsbewegung geſchehen, die ſie nicht hatte ertragen können. Don Rutz befand ſich zehn Schritte von ihr, und wäre der Fall durch eine Mißhandlung ihres Gatten verurſacht worden, ſo hätte dieſer nicht Zeit gehabt, ſich ſo weit zu entfernen. Mit einem Gefühle, dem es nicht ganz an Liebe gebrach, nahm er ſie überdies in ſeine Arme, trug ſie 25⁵ ins Vorzimmer, legte ſie auf eine Art von Divan und murmelte: „Arme Frau, arme Mutter!“ Hienach kehrte er in ſein Zimmer zurück und ſchloß ſich aufs Neue ein, ohne ein einziges Wort zu Dona Flor zu ſagen, und ebenſo gleichgültig, als ob er ſie nicht geſehen hätte. Nach fünf Minuten ſchlug Mercedes die Augen auf, ſammelte ihre Gedanken, verſuchte es, ſie mit Hülfe der äußeren Gegenſtände feſtzuſtellen, erkannte, wo ſie war, erinnerte ſich der Urſache, die ſie hieher gebracht, ſtand, den Kopf ſchüttelnd, auf und murmelte: „Oh! ich wußte es wohl, ich wußte es wohl!“ Und geführt durch das Mädchen, kehrte ſie in ihr Zimmer zurück und ſank auf einen Stuhl. In dieſem Augenblicke hörte man Don Inigo von der Schwelle der Thüre, die er nicht zu überſchreiten wagte, rufen: „Meine Tochter, meine Tochter, wir können nicht länger hier bleiben!“ „Ja, ja,“ ſagte lebhaft Mercedes,„geht!“ Das Mädchen ſank auf ſeine Kniee und ſprach: „Senora, ſegnet mich, damit das, was ich ver⸗ ſuchen will, mehr Erfolg haben möge, als das, was Ihr ſo eben verſucht habt.“ Mercedes ſtreckte ihre beiden Hände gegen das Mädchen aus, berührte ſeine Stirne und ſagte mit ſterbender Stimme: „Gott ſegne Dich, wie ich Dich ſegne.“ Wonach Dona Flor aufſtand, auf ihren Vater zuwankte, ſich auf ſeinen Arm ſtützte und mit ihm das Haus verließ. Doch kaum hatte ſie ein paar Schritte auf der Straße gemacht, als ſie ſtehen blieb. „Wohin geht Ihr, mein Vater?“ fragte ſie.. „Ich will die Wohnung einnehmen, die der König 256 für mich in der Alhambra in Bereitſchaft ſetzen ließ, und der ich die, welche mir Don Ruiz anbot, vorzog.“ „Gut, mein Vater; ich werde nichts an dem Wege ändern, den Ihr einſchlagen wollt, doch laßt mich im Vorübergehen ins Kloſter der Anunciacion eintreten.“ „Ja,“ ſprach Don Inigo,„in der That, das iſt eine letzte Hoffnung.“ Fünf Minuten nachher ließ die Pförtnerin Dona Flor ins Kloſter ein, während ihr Vater, an die Maͤner angelehnt, ſtehen blieb und ihre Rückkehr er⸗ wartete. XXVIII. Der Eber hält den Hunden Stand. Don Inigo war kaum ein paar Augenblicke hier, da ſchien es ihm, die Bevölkerung begebe ſich raſch und neugierig nach dem Thore von Granada. Er zuige ihr mit den Augen, Anfangs mit jenem unbeſtimmten Blicke des Menſchen, der in ſeinem Innern mit ernſteren Intereſſen als die, welche die Menge in Bewegung ſetzen, beſchäftigt iſt; durch die um ihn her entſtehenden Geräuſche endlich genöthigt, eine größere Aufmerkſamkeit dieſer ganzen Agitation zu ſchenken, erkundigte er ſich. Da erfuhr er, ein Edelmann, gegen den ein Ver⸗ haftsbefehl erlaſſen worden, weigere ſich, Folge zu leiſten. und vertheidige ſich, in den Thurm der Vela hier, raſch enem inem die die higt, ation Ver⸗ ge zu Vela 257 geflüchtet, mit aller Hartnäckigkeit gegen diejenigen, welche ihn angreifen. Der erſte Gedanke, der ſich dem Geiſte von Don Inigo bieten mußte und ſich ihm wirklich bot, war der, dieſer Edelmann ſei Don Fernando. Ohne einen Augenblick zu verlieren, eilte Don Inigo in der Rich⸗ tung fort, welcher die Menge folgte. Auf dem zur Alhambra führenden Wege wurde die Menge immer gedrängter und der Lärmen immer ſtärker; Don Inigo gelangte endlich mit großer Mühe auf den Platz de las Algives. Hier ging die Hauptaction vor ſich; wie ein toſen⸗ des, wüthendes Meer belagerte die Menge den Thurm der Vela. Von Zeit zu Zeit trat dieſe Menge auf die Seite und ließ einen Verwundeten, der ſich die Hand auf ſeine Wunde preſſend zurückzog, oder einen Todten, den man wegtrug, paſſiren. Der Großjuſticiar fragte und erfuhr, was wir nun erzählen werden. Ein junger Edelmann, verfolgt von dem Geſchrei von fünf bis ſechs Cavalieren, wurde des Fliehens müde, flüchtete ſich noch bis in den Thurm und er⸗ wartete hier ſeine Verfolger. Es entſpann ſich ſodann ein Kampf mit einer tödtlichen Erbitterung. Der Edelmann, hätte er es nur mit den fünf bis ſechs Cavalieren, die ihn verfolgten, zu thun gehabt, wäre vielleicht mit ihnen fertig gewor⸗ den; doch auf das Geſchrei der Angreifenden, auf das Geklirre des Eiſens, auf die durch Drohungen erwie⸗ derten Herausforderungen liefen die Soldaten, welche die Wache im Palaſte hatten, herbei und ſchloſſen ſich, als ſie erfuhren, der Edelmann widerſetze ſich einem vom König ſelbſt gegebenen Verhaftsbefehle, den Angreifenden an. El Salteador. 17 258 Da begann ein verzweifelter Kampf. Don Fernando— denn er war es— hatte ſich auf die ſchmale Wendeltreppe geflüchtet, welche durch zwei Stockwerke oben auf die Plattform führte. Hier war ihm die Vertheidigung leicht; er kämpfte Stufe um Stufe, und auf jeder Stufe ſiel ein Mann. Der Kampf dauerte eine Stunde, als Don Inigo ankam. Er näberte ſich ganz ſchauernd, hegte indeſſen noch einige Hoffnung, der Flüchtlug werde nicht Don Fernando ſein; dieſe Hoffnung war aber von kurzer Dauer. Kaum hatte er den Fuß in den Thurm geſetzt, als er die Stimme des jungen Mannes, den Lärmen beherrſchend, vernahm. Don Fernando rief: „Kommt, kommt, Ihr Feigen! Ich bin allein gegen Euch Alle! Ich weiß es wohl, ich werde hiebei mein Leben laſſen; doch für den Preis, um den ich es verkaufen will, ſeid Ihr noch nicht zahlreich genng!“ Das war wohl er! Ließ man die Dinge ihren Gang verfolgen, ſo war es, wie Don Fernando ſelbſt geſagt hatte, un⸗ möglich, daß er dem Tode entkam. Nur war der Tod raſch und unvermeidlich. Wenn es dagegen Don Inigo gelang, ihn zu ver⸗ haften, ſo blieben noch die äußerſten Chancen der Rettung, welche immer einem Verurtheilten die Liebe einer Mutter und die Milde eines Königs bewabren. Don Inigo beſchloß auch, den Kampf anfhören zu machen. „Haltet ein!“ rief er den Angreifenden zu;„ich vin Don Inigo, Großjuſticiar von Andaluſien, und ich komme im Auftrage von König Don Carlos!“ Doch es war nicht leicht, ſo den Zorn von zwanzig Menſchen zu beſchwichtigen, welche von einem Einzigen im Schach gehalten wurden. unzig zigen 259 „Tod, Tod!“ antworteten fünf bis ſechs Stimmen, während ein Schmerzensſchrei und das Geräuſch eines die Stufen herabrollenden Körpers andeuteten, der Degen von Don Fernundo habe ein neues Opfer gemacht. „Höret Ihr nicht?“ rief Don Inigo mit ſtarker Stimme;„ich ſage Euch, daß ich der Großjuſticiar bin und im Auftrage des Königs komme.“ „Nein!“ erwiederte einer von den Angretfenden, „der König laſſe uns ſelbſt Gerechtigkeit üben, und die Gerechtigkeit wird wohl geübt ſein.“ „Meine Herren! meine Herren! nehmt Euch in Acht!“ rief Don Inigo, dem es ganz wilkkommen war, wenn er ſeinen Zorn vom Flüchtling auf ſeine Ver⸗ folger ablenken konnte. „Aber was wollt Ihr denn?“ fragten mehrere Stimmen. „Ihr ſollt mich paſſiren laſſen.“ „Wozu?“ „Um von dem Rebellen ſeinen Degen zu ver⸗ langen.“ „Das wird im Ganzen ein ſeltſames Schauſpiel ſein,“ ſagten Einige:„laſſen wir ihn paſſiren.“ „Nun!“ rief Don Fernando,„Ihr zögert? Ihr weicht zurück? Ha! Elende! ha! Feige!“ Und ein neuer Schmerzenslaut verkündigte, daß der Degen von Don Fernando ins lebendige Fleiſch eingedrungen war. Es entſtand ein neuer Tumult, und man hörte abermals die Reibung des Eiſens am Eiſen.. „Tödtet ihn nicht! tödtet ihn nicht!“ rief Don Inigo in Verzweiflung.„Es iſt von höchſter Wichtig⸗ keit, daß ich ihn lebendig bekomme.“ „Lebendig!“ rief Don Fernando;„hat nicht Einer von Euch geſagt, er wolle mich lebendig be⸗ kommen?“ 260 „Ja, ich,“ antwortete der Großjuſticiar unten von der Treppe. „Ihr!... Wer, Ihr?“ fragte Don Fernando. „Ich, Don Inigo.“ Don Fernando fühlte einen Schauer ſeinen gan⸗ zen Leib durchlaufen. „Ahl“ murmelte er,„ich hatte Deine Stimme er⸗ kannt, ehe Du Deinen Namen genannt.“ Dann ſprach er laut: „Nun! was wollt Ihr von mir? Kommt herauf, doch allein.“ „Cavaliere,“ ſprach Don Inigo,„laßt mich paſſiren.“ Es lag in der Stimme des Großjuſticiars ein ſolcher Ausdruck des Befehls, daß Jeder auf die Seite trat und ſich auf der ſchmalen Treppe an die Wand anſchmiegte. Don Inigo fing an Stufe um Stufe hinaufzuſtei⸗ gen, aber auf jeder Stufe lag ein Verwundeter oder ein Todter. Ueber zehn Leichname ſteigend, gelangte er bis zum Ruheplatze des erſten Stockes, wo ihn Don Fer⸗ nando erwartete. Der junge Mann hatte ſeinen linken Arm in ſei⸗ nen Mantel gewickelt, aus dem er ſich einen Schild gemacht; ſeine Kleider waren zerriſſen und ſein Blut floß aus mehreren Wunden. „Nun?“ fragte er Don Diego,„was wollt Ihr von mir, Ihr, der Ihr mir mehr Furcht mit einem einzigen Worte eingeflößt habt, als dieſe mit ihren Waffen.“ „Was ich will?“ verſetzte der Großjuſticiar;„Ihr ſollt mir Euren Degen übergeben.“ „Meinen Degen!“ erwiederte Don Fernando laut lachend. „Was ich will?“ fuhr Don Inigo fort,„daß Ihr 261 — darauf verzichtet, Euch zur Wehr zu ſetzen, und Euch mir gefangen gebt.“ „Und wem habt Ihr dieſes Wunder zu vollbrin⸗ gen verſprochen?“ „Dem König.“ „Nun! ſo kehrt zum König zurück und ſagt ihm, er habe Euch mit einer unmöglichen Sendung beauf⸗ tragt.“ „Aber was hoffſt Du denn? was willſt Du denn, armer Wahnfinniger?“ „Tödtend ſterben!“ „So tödte!“ ſprach der Großjuſticiar, auf den jungen Mann zuſchreitend. Don Fernando machte eine Geberde der Drohung; dann ſenkte er aber ſeinen Degen und ſprach: „Ich bitte, miſcht Euch nicht in dieſe Sache; laßt ſie zwiſchen mir und denjenigen, welche ſie unternom⸗ men, ſich endigen; Ihr werdet nichts Gutes dabei gewin⸗ nen, das ſchwöre ich Euch! und ich wäre doch, ſo wahr ich ein Edelmann bin, in Verzweiflung, wenn Euch Unglück wiederführe.“ Don Inigo machte einen Schritt vorwärts und wiederholte: „Euren Degen!“ „Ich ſagte Euch, es ſei unnütz, ihn zu fordern, und Ihr konntet ſehen, daß es gefährlich iſt, ihn neh⸗ men zu wollen.“ „Euren Degen!“ wiederholte Don Inigo, indem er noch einen Schritt gegen Don Fernando machte. „Zieht wenigſtens den Eurigen?“ rief der junge Mann. „Gott behüte mich, daß ich Euch auf irgend eine Weiſe bedrohe, Don Fernando; nein, ich will Alles der Ueberredung verdanken; ich bitte, Euren Degen.“ „Nie.“ 262 „Ich flehe Euch an, Don Fernando.“ „Ihr übt eine ſeltſame Macht über mich!“ rief der junge Mann.„Doch nein, nein, ich werde Euch mei⸗ nen Degen nicht geben.“ Don Inigo ſtreckte die Hand aus. „Euren Degen,“ Es trat ein Augenblick des Stillſchweigens ein; Don Inigo wandte während deſſelben zur Verführung von Don Fernando das ſeltſame Privileginm des Zau⸗ bers an, den er auf ihn von dem erſten Tage, wo er ihn geſehen, ausgeübt hatte. „Oh!“ murmelte dieſer,„wenn ich bedenke, daß mein Vater mich nicht bewegen konnte, dieſen Degen in die Scheide zu ſtecken; wenn ich bedenke, daß ihn zwanzig Männer nicht meinen Händen entreißen konn⸗ ten; wenn ich bedenke, daß ich mich, wie ein verwun⸗ deter Stier, ſtark genug fühle, ein ganzes Regiment in Stücke zu reißen, und daß Ihr, unbewaffnet, nur ein Wort zu ſagen braucht!“ „Gebt!“ „Oh! ſagt Euch wohl, daß ich mich Euch al⸗ lein ergebe; daß Ihr es ſeid, der mir zugleich Furcht und Achtung einflößt, und daß ich zu Euren Füßen und nicht einmal zu denen des Königs dieſen vom Griffe i⸗ zur Spitze vom Blut zerfreſſenen Degen nieder⸗ lege.“ Und er legte in Demuth den Degen zu den Füßen von Don Inigo. Der Großjuſticiar hob ihn auf und ſprach: „Es iſt gut, und der Himmel iſt mein Zeuge, daß es bei dieſer Gelegenheit, Don Fernando, wo Du der Angeklagte biſt und ich der Richter bin, ſüßer für mich wäre, mit Dir zu tauſchen, und daß ich weniger leiden würde unter der Gefahr, die Du läufſt, als unter dem Schmerze, den ich empfinde.“ fra⸗ entf Bel den Obl folg Tre mit ſich und blei der mac Gef ſich über Car der den ſein der ei⸗ n; ng au⸗ er aß gen ihn un⸗ un⸗ nent nur al⸗ rcht ßen riffe der⸗ ßen daß Du üßer ufſt, — — 263 3 „Was gedenkt Ihr denn mit mir zu machen?“ fragte Don Fernando, die Stirne faltend. „Du gibſt mir Dein Ehrenwort, daß Du nicht zu entfliehen ſuchſt, ins Gefängniß gehſt und dort das Belieben des Königs abwarteſt.“ „Gut, Ihr habt es.“ „Folge mir.“ Da trat Don Inigo an die Treppe und rief: „Platz! und es erhebe ſich nicht eine Stimme, um den Gefangenen zu beleidigen: er iſt nun unter der Obhut meiner Ehre.“ Jeder zog ſich zurück. Der Großjuſticiar ſtieg, ge⸗ folgt von Don Fernando, die ganz von Blut naſſe Treppe hinab. Bei der Thüre angelangt, ſchaute der junge Maun mit einem verächtlichen Blicke riugs umher; da erhob ſich Geſchrei, trotz der Ermahnung von Don Inigo, und man vernahm Drohungen. Don Fernaudo wurde bleich wie der Tod und ſtürzte nach einem Degen, der der Hand eines Erſtochenen entfallen war. Doch Don Inigo brauchte nur eine Geberde zu. machen. „Ich habe Euer Wort,“ ſprach er. „Und Ihr könnt darauf zählen,“ erwiederte der Gefangene, indem er ſich verbeugte. Und der Eine ging gegen die Stadt hinab, um ſich ins Gefängniß zu begeben, während der Andere über den Platz de las Algives hinſchritt, um Don Carlos im Palaſte der Albambra aufzuſuchen. Der König wartete düſter und ſtumm, im Saale der Zwei Schweſtern auf und abgehend, als man ihm den Großjuſticiar meldete. Er blieb ſtehen, erhob das Haupt und heftete ſeine Augen auf die Thüre. Don Inigo erſchien. 2⁵4 „Cure Hoheit erlaube mir, ihr die Hand zu küſſen,“ ſprach der Grojuſticiar. „Da Ihr vor mir erſcheint, ſo iſt der Schuldige verhaftet,“ ſagte Don Carlos. „Ja, Sire.“ „Wo iſt er?“ „Er muß zu dieſer Stunde im Gefängniß ſein.“ „Ihr habt ihn ohne gute Bedeckung dahin ge⸗ ſchickt?“ „Unter der ſicherſten, die ich ſinden konnte: unter der ſeiner Ehre, Sire.“ „Ihr habt ſeinem Worte vertraut?“ „Eure Hoheit vergißt, daß das Wort eines Edel⸗ maun die ſtärkſte Kette iſt, mit der man binden lann.“ „Es iſt gut,“ ſprach Don Carlos,„Ihr werdet mich heute Abend ins Gefängniß begleiten; ich habe die Klage des Vaters gehört: es bleibt mir noch die Vertheidigung des Sohnes zu hören.“ Don Inigo verbeugte ſich. „Was wird aber zu ſeiner Vertheidigung ein Sohn ſagen können, der ſeinen Vater geſchlagen hat?“ mur⸗ melte der König. 26⁵ XXIX. Der Tag vor der Entwickelung. Dieſer Tag, ſchon ſchwanger von den Ereigniſſen, die er für den nächſtfolgenden zu gebären ſich anheiſchig gemacht, ſollte noch neue Einzelheiten der öffentlichen Neugierde verſprechen, ehe die Sonne, welche hinter den funkelnden Bergſpitzen der Sierra Nevada aufge⸗ gangen war, hinter den düſteren Gipfeln der Sierra Morena untergehen würde. Indeß Don Inigo ſich nach dem Palaſte begab, begab ſich, wie geſagt, Don Fernando, Gefangener auf Ehrenwort, ins Gefängniß, den Kopf hoch tragend und ſtolz, nicht wie ein Beſiegter, ſondern wie ein Triumphator; denn in ſeinen eigenen Augen war er nicht unterlegen: er hatte einem Gefühle gehorcht, das, obgleich es ihm das Opfer ſeines Zornes und wahr⸗ ſcheinlich das Verzichten auf ſein Leben gebot, für ihn nicht ohne einen gewiſſen Reiz war. Er ging alſo gegen die Stadt hinab, gefolgt von einem Theile derjenigen, welche ſeinem furchtbaren Kampfe beigewohnt hatten; da aber Don Inigo ver⸗ boten, daß ihn Jemand beleidige, da viel lauter noch als die Einſchärfung des Großjuſticiars im edlen ſpa⸗ niſchen Herzen die Bewunderung ſprach, welche immer der Muth einem muthigen Volke einflößt, ſo ſchienen diejenigen, welche ihn begleiteten,— während ſie ſich von den gewaltigen Streichen unterhielten, die ſie ihn hatten austheilen und empfangen ſehen,— für ihn eher einen ehrenvollen Cortége, als eine ſchmähliche Bedeckung zu bilden. 266 Bei der Biegung der Steige der Alhambra be⸗ gegnete Don Fernando zwei verſchleierten Frauen. Beide blieben ſtehen, indem ſie einen doppelten Schrei des Erſtaunens und der Freude von ſich gaben. Er ſelbſt blieb auch ſtehen, ergriffen halb von dieſem Schrei, halb von dem magnetiſchen Gefühle, das in uns lebt, nicht allein, wenn wir eine geliebte Per⸗ ſon treffen, ſondern auch, wenn wir ſie bald ſehen ſollen. Doch ehe er ſich gefragt, wer die zwei Frauen ſeien, denen inſtinctartig ſein Herz entgegenflog, drückte die Eine derſelben ſeine Hände an ihre Lippen, ſtammelte die Andere, ihre Arme ausſtreckend, ſeinen Namen. „Gineſta! Dona Flor!“ ſagte Don Fernando, während mit jener Ehrfurcht der Menge für die großen Miſchgeſchicke diejenigen, welche den jungen Mann vom Platze de las Algives an begleiteten und ihm bis zum Gefänguiß zu folgen gedachten, in einer gewiſſen Ent⸗ fernung ſtehen blieben, um dem Gefangenen und den zwei Frauen die Freiheit der Rede zu laſſen. Der Halt war kurz; es wurden nur ein paar Worte zwiſchen Don Fernando und Gineſta, einige Blicke zwiſchen Don Fernando und Dona Flor ge⸗ wechſelt. Dann ſetzten die Mädchen ihren Gang nach der Alhambra, und Don Fernando den ſeinen nach dem Gefängniß fort. Man begreift, was Gineſta im Palaſte thun wollte: durch Donna Flor von der Gefahr unterrichtet, welche Don Fernando lief, wollte ſie zum zweiten Mal ihre Macht über Don Carlos verſuchen. Nur beſaß ſie diesmal weder mehr das Pergament, das ihre Geburt beſtätigte, noch die Million, die ſie als ihre Mitgift bezahlt hatte. Das Gedächtniß des Königs von Spanien als ſo flüchtig angenommen, wie es gewöhnlich das Gedächt⸗ hoffte kalt u 6 gelan ihr N öffnet ſetzte ſachte delter überg die T ſtützt, Schri Gewi zehnje ( einige Könit lich ſ Blick, und ſ 7 7 nerin. 6 . 3 ſeine ſchien 267 niß der Könige iſt, war ſie alſo für ihren Bruder wie für die ganze Welt nur noch die arme kleine Zigeune⸗ rin Gineſta. Was ihr aber blieb, das war ihr Herz, ihr Herz, aus dem ſie Bitten und Thränen genug zu ſchöpfen hoffte, um das Herz von Don Carlos zu bewegen, ſo kalt und unzugänglich es war. Sie befürchtete nur Eines: nicht bis zum König gelangen zu können. Ihre Freude war alſo groß, als ſich, nachdem ihr Name ausgeſprochen worden, die Thüre vor ihr öffnete. Dona Flor, welche ihre einzige Hoffnung auf ſie ſetzte, wartete zitternd vor der Thüre. Gineſta folgte ihrem Einführer. Dieſer öffnete ſachte die Thüre des in ein Arbeits⸗Cabinet verwan⸗ delten Zimmers, trat auf die Seite, um Gineſta vor⸗ übergehen zu laſſen, und ſchloß, ohne ſie zu melden, die Thüre wieder hinter ihr. Don Carlos ging, den Kopf auf ſeine Bruſt ge⸗ ſtützt, die Augen auf die Erde geheftet, mit großen Schritten auf und ab. Man hätte glauben ſollen, das Gewicht der halben Welt laſte ſchon auf dieſem neun⸗ zehnjährigen Atlas. Gineſta ſetzte ein Knie auf die Erde und blieb einige Augenblicke in dieſer Stellung, ohne daß der König ihre Anweſenheit nur zu bemerken ſchien. End⸗ lich ſchtug er die Augen auf, heftete auf ſie einen Blick, der von zerſtreut nach und nach forſchend wurde, und ſagte: „Wer ſeid Ihr?“ „Erkennt Ihr mich nicht?“ erwiederte die Zigeu⸗ nerin.„Dann bin ich ſehr unglücklich.“ Da ſchien Don Carlos mit einer Anſtrengung ſeine Erinnerungen zu ſammeln; in gewiſſen Momenten ſchien es ſeinem Blicke weniger Mühe zu machen, in die Zu⸗ 268 kunft zu ſchauen, als Beſchwerde zu bereiten, wenn er in der Vergangenheit leſen ſollte. „Gineſta?“ ſagte er. „Ja, ja,“ murmelte das Mädchen, ſchon glück⸗ lich, erkannt worden zu ſein. „Weißt Du,“ ſprach der König, indem er vor der Zigeunerin ſtehen blieb,„weißt Du, daß ich heute oder morgen, wenn ihn nichts aufhält, den Boten von Frankfurt empfangen werde?“ „Welchen Boten?“ „Denjenigen, welcher kommen wird, um mir zu melden, ob Franz I. oder mir zu dieſer Stunde das Reich gehört.“ „Gott gebe, daß Ihr es ſein möget, Sire!“ ſprach Gineſta. „Oh! wenn ich Kaiſer bin!“ rief Don Carlos,„wie werde ich damit anfangen, daß ich Neapel nehme, das ich dem Papſte verſprochen; Italien, das ich Frankreich abgetreten; Sardinien, das ich. Er ſah, daß er ganz laut die Gedanken fortſetzte, die er leiſe agitirte, und daß er nicht allein war. Don Carlos ſtrich mit der Hand über ſeine Stirne. Gineſta benützte dieſen Augenblick des Still⸗ ſchweigens. „Wenn Ihr Kaiſer ſeid, ſo werdet Ihr ihn be⸗ gnadigen, Sire?“ ſagte ſie. „Wen begnadigen?“ „Ihn, Don Fernando, ihn, den ich liebe, ihn, für den ich beten werde bis ans Ende meiner Tage.“ „Den Sohn, der ſeinem Vater eine Ohrfeige ge⸗ geben?“ ſagte Don Carlos mit rauher Stimme, und als ob die Worte in ſeiner Kehle ſtecken blieben. Gineſta neigte das Haupt. Was hatte ſie vor einer ſolchen Anklage zu thun?., und beſonders vor einem ſolchen Ankläger, die Arme, wenn nicht ſich zu beugen und zu weinen? viellei 1 T wagte ſicherl kurz un er glück⸗ r vor heute n von rir zu e das dire!“ „wie e, das akreich tſetzte, Stirne. Still⸗ on be⸗ ,ihn, Cage.“ ge ge⸗ , und zun?.. Arme, 269 Und ſie beugte ſich und weinte. Don Carlos ſchaute ſie einige Sekunden an, und vielleicht war es ein Unglück, daß ſie ihrerſeits es nicht wagte, die Augen zu ihm außzuſchlagen, denn ſie hätte ſicherlich in ſeinem Blicke einen Blitz des Mitleids, ſo kurz er war, erhaſcht. „Morgen wirſt Du mit Granada mein Urtheil in dieſer Sache erfahren,“ ſprach er.„Mittlerweile bleibe im Palaſte; es iſt unnöthig, daß Du, mag der Schul⸗ dige leben oder ſterben, in Dein Kloſter zurückkehrſt.“ Gineſta fühlte, jede Bitte von ihr wäre fruchtlos; ſie ſtand auf und ſagte: „O König, vergiß nicht, daß ich, Dir fremd in den Augen der Menſchen, Deine Schweſter in den Augen des Herrn bin!“ Don Carlos winkte mit der Hand. Gineſta ging hinaus. Dona Flor wartete immer vor der Thüre. Gineſta erzählte ihr die Scene, welche zwiſchen ihr und dem König ſtattgefunden. In dieſem Augenblick kam ein Diener vorüber, der im Auftrage des Königs den Großjuſticiar ſuchte. Die zwei Mädchen folgten dem Diener, in der Hoffnung, ſie werden etwas durch Don Inigo erfahren. Knieend und betend in ihrem Zimmer, wartete Dona Mercedes während dieſer Zeit mit nicht weniger Angſt, als Gineſta und Dona Flor. Sie hatte ihre frühere Wohnung wieder genommen; hatte ſie nicht in dieſem Zimmer Don Fernando zur Zeit, wo er geächtet, aber frei war, beſucht? Glückliche Zeit! Arme Mutter! welche dahin gekommen, daß ſie dieſe Zeit der Angſt, der Bangigkeiten und der Schauer eine glückliche Zeit nannte! Ach! damals blieb ihr wenigſtens der Zweifel. 270 Nun war der Zweifel zerſtört, die Hoffnung faſt erloſchen. Beatrix und Vicente waren auf Erkundigungen ausgeſchickt worden. Die Nachrichten folgten ſich von Augenblick zu Augenblick immer erſchrecklicher. Anfangs hatte ſie gehofft, Don Fernando werde das Gebirg wieder erreichen. „Iſt er einmal im Gebirge,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt, „ſo wird er in einen Hafen hinabgehen und ſich nach Afrika oder nach Italien einſchiffen.“ Sie würde ihren Sohn nicht mehr ſehen, doch er würde wenigſtens leben. Gegen ein Uhr erfuhr ſie, daß er, müde, länger vor dem Geſchrei, das ihn verfolgte, zu fliehen, im Hofe de las Algives angehalten hatte. Um zwei Uhr erfuhr ſie, daß er im Thurme der Vela kämpfte und ſchon acht bis zehn Menſchen ge⸗ tödtet oder verwundet hatte. Um drei Uhr erfuhr ſie, daß er ſich Don Inigo ergeben und ohne Wachen, auf ſein Wort, ins Ge⸗ fängniß gegangen war. Um vier Uhr erfuhr ſie, der König habe dem Großjuſticiar verſprochen, er werde ſein Urtheil nicht eher fällen, als bis er ſelbſt den Angeklagten befragt. Um fünf Uhr erfuhr ſie, der König habe Gineſta geantwortet, ſie werde am andern Tage mit ganz Gra⸗ nada das Urtheil kennen lernen. Am andern Tage ſollte alſo dieſes Urtheil aus⸗ geſprochen werden! Wie würde dieſes Urtheil ſein? Am Abend gelangte ein unbeſtimmtes, aber ent⸗ ſetzliches Gerücht zu ihr. Man ſagte in der Stadt,— es iſt wahr, man ſagte es nur, denn nichts bewies, daß die Sache ſich um u zulaſſ faſt ingen k zu verde elbſt, nach ich er inger „ im e der n ge⸗ Inigo Ge⸗ dem nicht fragt. ineſta Gra⸗ aus⸗ ent⸗ man ee ſich 271 wirklich ſo verhielt,— man ſagte in der Stadt, der König habe den Großjuſticiar zu ſich berufen und ihm befohlen, wenn es Nacht geworden, das Schaffot auf dem Platze de las Algives errichten zu laſſen. Für wen dieſes Schaffot? Der König hatte die Gefängniſſe mit Don Inigo beſucht und nur Begnadigungen ertheilt. Für wen war dieſes Schaffot, wenn nicht für Don Fernando? Nur fragte es ſich, war es wahr, daß dieſer Be⸗ fehl gegeben worden? Vicente übernahm es, eine beſtimmte Antwort über dieſen Punkt zu erhalten: er wollte die ganze Nacht wachen, und es ſollte nichts auf dem Platze de las Algives vorgehen, was er nicht erführe, und worüber er nicht ſeiner Gebieterin Bericht machen würde. Gegen neun Uhr Abends ging er aus dem Hauſe weg; nach einer Stunde kam er aber zurück und ſagte, es ſei ihm unmöglich geweſen, auf den Platz de las Algives zu gelangen, da man alle Zugänge durch Wachen abgeſperrt habe. Man hatte nur noch zu wachen und zu beten. Dona Mercedes beſchloß, die Nacht im Gebete zu⸗ zubringen. Sie kniete nieder und hörte die Serenos die Stunden eine nach der andern rufen. Die klägliche Stimme, welche Mitternacht gerufen und die Einwohner von Granada ruhig zu ſchlafen ermahnt hatte, verlor ſich kaum im Raume, da ſchien es Dona Mercedes, als hörte ſie einen Schlüſſel im Schloſſe der Thüre knirſchen, durch welche Don Fer⸗ nando gewöhnlich eingetreten war. Sie drehte ſich auf ihren Knieen gegen dieſe Thüre um und ſah, wie ſie ſich öffnete, um einen Mann ein⸗ zulaſſen, der das Geſicht durch einen breitkrämpigen Filz⸗ 272 hut bedeckt und den Leib in einen großen Mantel gehüllt erſchien. Ihr Sohn allein hatte dieſen Schlüſſel. „Fernando! Fernando!“ rief ſie, dem nächtlichen Beſuche entgegenſtürzend. Plötzlich aber blieb ſie ſtehen, da ſie bemerkte, daß der Mann, der eingetreten, und der die Thüre hinter ſich geſchloſſen hatte, einen Kopf kleiner war als Fernando. Zu gleicher Zeit nahm der Unbekannte ſeinen Hut ab, ließ ſeinen Mantel fallen und ſprach: „Ich bin nicht Fernando.“ Mercedes wich einen Schritt zurück. „Der König!“ ſtammelte ſie. Der Unbekannte ſchüttelte den Kopf und erwiederte: „Senora, ich bin nicht der König... hier we⸗ nigſtens.“ „Wer ſeid Ihr denn, Sire?“ fragte Mereedes. „Ein Beichtiger... Auf die Kniee, Weib! und geſteht, daß Ihr Euren Gatten betrogen habt. Es iſt nicht möglich, daß ein Sohn ſeinem Vater eine Ohr⸗ feige gegeben!“ Mercedes ſiel auf die Kniee, ſtreckte ihre zitternden Hände gegen den König aus und rief: „Ohl Sire, es iſt Gott, der Euch ſchickt! Höret mich an, ich will Euch Alles ſagen.“ kte, büre war Hut XXX. Die Beichte. Bei dieſem erſten Geſtändniß athmete der König ſchon freier. „Ich höre,“ ſprach er mit ſeinem kurzen, gebiete⸗ riſchen Tone. 8 „Sire,“ begann Mercedes,„ich will Euch von den Dingen erzählen, welche nur mit Mühe durch den Mund einer Frau gehen, obſchon ich entfernt nicht ſo ſchuldig bin, als ich beim erſten Aublicke zu ſein ſchei⸗ nen dürfte; ſeid aber, wenigſtens in Worten, nach⸗ ſichtig gegen mich, das bitte ich Euch inſtändig, denn ich befürchte, daß ich ſonſt nicht fortfahren könnte.“ „Sprecht unerſchrocken, Dona Mercedes,“ erwie⸗ derte der König mit leicht gemildertem Tone,„und nie wird ein in das Ohr eines Prieſters ergoſſenes Geheimniß gewiſſenhafter bewahrt worden ſein als das, welches Ihr Eurem König anvertraut.“ „Dank ſei Euch geſagt, Sire!“ rief Mercedes. Und nachdem ſie mit der Hand über die Stirne geſtrichen hatte, nicht, um darin alle ihre Erinnerungen zu vereinigen oder zu concentriren,— es ließ ſich leicht ſehen, daß ihr alle ihre Erinnerungen gegenwärtig waren,— ſondern um den Angſtſchweiß, der ſie be⸗ deckte, abzuwiſchen, ſprach ſie: „Sire, ich war mit dem Sohne eines Freundes von meinem Vater erzogen worden, wie man einen Bruder mit einer Schweſter erzieht, ohne einen Augen⸗ blick zu vermuthen, es gebe in der Welt ein anderes El Salteador. 18 274 Gefühl, als die brüderliche Zärtlichkeit. Da entzweite ein das Intereſſe betreffender Streit die zwei Freunde, die man für unzertrennlich gehalten hatte. „Das war nicht Alles: eine Geldforderung folgte auf dieſen Zwiſt. Wer hatte Unrecht? wer hatte Recht? ich weiß es nicht; was ich aber weiß, iſt, daß mein Vater die geforderte Summe bezahlte und Sevilla, wo er wohnte, verließ, um ſeinen Aufenthalt in Cordova zu nehmen, weil er nicht mehr in derſelben Stadt mit dieſem Menſchen ſein wollte, der ſein Freund geweſen und ſein Todfeind geworden war. „Dieſer Bruch zwiſchen den Vätern trennte die Kinder. 1„Ich zählte damals kaum dreizehn Jahre; der⸗ jenige, welchen ich meinen Bruder nannte, war achtzehn alt; nie hatten wir uns geſagt, wir lieben uns, nie vielleicht hätten wir es gedacht, als dieſe unerwartete, ebenſo ſchnell beſchloſſene als ausgeführte Trennung uns klar in unſerem eigenen Herzen ſehen ließ. „Etwas weinte und blutete tief in uns; das war dieſe zur Liebe gewordene Freundſchaft, die ſich plötzlich unter der Hand nnſerer Eltern gebrochen fand. „Bekümmerten ſie ſich hierum? wußten ſie, was ſie uns Böſes anthaten? Ich glaube, daß ſie es nicht einmal vermutheten; hätten ſie es aber vermuthet... ich glanbe, ihr Haß war zu heftig geworden, als daß ſie ſich auch nur im Geringſten darum bekümmerten, wel⸗ chen Einfluß er auf unſere Liebe haben konnte „Unſere beiden Familien waren alſo getrennt, ſo⸗ wohl durch den Haß, als durch die Entfernung. Wir ſchwuren uns aber bei einer letzten Zuſammenkunft, Nichts ſollte uns trennen. „Und in der That, was hatten wir, wir armen bei einander geborenen, bei einander aufgewachſene Kinder, was hatten wir auf den Haß unſerer Eltern zu ſehen? Und waren wir nicht, da man uns zehn Jahr entſch ſagte Erm wiede ich n „dan von da ich ich w begün Li am S Hauſt Fluß und im Y jagen derho zu hi Haß nahm Mögt 1 nächtt bildet veite nde, olgte cht? nein wo dova mit deſen die der⸗ tehn nie rtete, nung war blich was nicht . ich ß ſie wel⸗ ſo⸗ Wir unft, rmen hſene eltern zehn 27 b Jahre lang jeden Tag wiederholt hatte:„„Liebet Euch!““ entſchuldbar, wenn wir nicht gehorchten, da man uns ſagte:„„Haſſet Euch!““ Mercedes ſchien, um fortzufahren, ein Wort der Ermuthigung vom König zu erwarten; doch dieſer er⸗ wiederte: „Ich weiß nicht, was die Liebe iſt, Senora, da ich nie geliebt habe.“ „Dann, Sire,“ ſprach Mercedes niedergeſchlagen, „dann bin ich ſehr unglücklich, und Ihr werdet nichts von dem begreifen, was mir noch zu ſagen bleibt.“ „Entſchuldigt mich, Senora, ich bin Richter, da ich König ſeit meiner Kindheit geweſen bin, und ich weiß, was die Gerechtigkeit iſt.“ Mercedes fuhr fort: „Wir hielten uns Wort; gerade die Abweſenheit begünſtigte unſere, übrigens unſern Eltern unbekannte, Liebe. Das Haus meines Vaters in Cordova war nahe am Quadalquivir; mein Zimmer, das abgelegenſte des Hauſes, ging durch ein vergittertes Fenſter auf den Fluß; derjenige, welchen ich liebte, kaufte eine Barke und kam als Fiſcher verkleidet, indem er ſich dreimal im Monat, unter dem Vorwande, in der Sierra zu jagen, von Sevilla entfernte, herbei, um mir zu wie⸗ derholen, er liebe mich noch, und aus meinem Munde zu hören, ich liebe ihn immer. „Es war Anfangs unſere Hoffnung geweſen, dieſer Haß werde ſich unter unſern Familien beſänftigen: er nahm nur zu. „Derjenige, welchen ich liebte, verſuchte alles Mögliche, um mich zur Flucht mit ihm zu beſtimmen. „Ich widerſtand. „Da erfaßte ihn eine finſtere Verzweiflung; dieſe nächtlichen Zuſammenkünfte, welche Anfangs ſein Glück bildeten, genügten ihm nicht mehr. 276 V „Der Krieg zwiſchen den Chriſten und den Mauren war hitziger als je. „Eines Abends kündigte er mir an, des Lebens müde, wolle er ſich tödten laſſen. „Ich weinte, doch ich gab nicht nach. Er ging ab. „Ein Jahr lang ſah ich ihn nicht; aber während dieſes Jahres gelangte der Ruf von ſeinen Thaten ſo mächtig hallend zu mir, daß, wenn ich ihn hätte mehr lieben können, meine Liebe noch durch ſeinen Muth und ſeinen Ruhm zugenommen haben müßte. „Dieſe Nachrichten wurden uns meiſtens durch einen jungen Mann überbracht, der mit ihm den Kämpfen, die er erzählte, beigewohnt und ſeine Ge⸗ fahren getheilt hatte. Dieſer junge Mann, ſein Waffen⸗ gefährte, war der Sohn von einem Freunde meines Vaters und hieß Don Ruiz de Torrillas...“ Der König hörte mit finſterem Auge, ſtumm und unbeweglich wie ein Marmor. Dona Mercedes wagte es, die Augen zu ihm anfzuſchlagen; ſie wollte es ver⸗ ſuchen, aus ſeinem Blicke zu errathen, ob ſie ihre Er⸗ zählung beſchleunigen oder weiter ausführen ſollte. Don Carlos begriff dieſe ſtumme Frage. „Fahret fort,“ ſagte er. „Die Aufmerkſamkeit, die ich den Erzählungen von Don Ruiz ſchenkte, der Eifer, mit dem ich herbei⸗ lief, wenn man ſeine Gegenwart meldete, ließen ihn ohne Zweifel glauben, dieſe Sympathie ſei für ihn, während ſie ſich ganz und gar von demjenigen, welcher gegenwärtig war, auf den Abweſenden übertrug; ſeine Beſuche wurden auch häufiger, und in Ermangelung ſeiner Stimme fingen ſeine Augen an mir die Geheim⸗ niſſe ſeines Herzens anzuvertrauen. „Von da an, obgleich es mich Ueberwindung koſtete, nicht mehr von dem Manne, welcher alle meine Gedanken beſaß, und der alle meine Freuden mitge⸗ auren ebens ig ab. hrend ten ſo mehr Muth durch n den e Ge⸗ affen⸗ neines n und wagte 8 ver⸗ be Er⸗ te. ungen herbei⸗ en ihn r ihn, velcher ſeine gelung heim⸗ ndung meine mitge⸗ 277 nommen, reden zu hören,— von da an unterließ ich es, hinabzugehen, wenn Don Ruiz kam. „Uebrigens kam er bald ſelbſt nicht mehr; die Armee, zu der er gehörte, war bei der Belagerung von Gra⸗ nada beſchäftigt. „Eines Tages erfuhren wir, Granada ſei ge⸗ nommen. „Es war eine große Freude für uns als Chriſten, zu wiſſen, die Hauptſtadt der Mauren ſei in den Hän⸗ den der katholiſchen Könige; doch bei mir verſchleierte eine alte Traurigkeit jede Freude, und mein Vater er⸗ hielt dieſe Kunde unter neuen Verdrießlichkeiten und Trübſalen. „Was uns von Vermögen blieb, kam von der erſten Frau meines Vaters; dieſes Vermögen gehörte einem Sohne, einem Abenteuer, den man für todt hielt, und den ich kaum kannte, obſchon ich ſeine Schweſter war. „Er erſchien und nahm ſein Vermögen in An⸗ ſpruch. „Mein Vater verlangte nur die nöthige Zeit, um ſeine Rechnungen abzulegen; dabei erklärte er mir aber, wir ſeien, wenn dieſe Rechnungen abgelegt, völlig zu Grunde gerichtet. „Ich hielt den Augenblick für günſtig und wagte es, den alten Freund zu berühren, mit dem er gebrochen; doch beim erſten Worte funkelte ſein Auge. „Ich ſchwieg. „Der Haß wurde bei ihm durch jeden neuen Schmerz wiederbelebt. „Ich durfte nicht mehr daran denken, auf dieſen Gegenſtand zurückzukommen. „Da ich in der Nacht, die auf dieſen Tag folgte, nicht ſchlafen konnte, ſo war ich auf dem Balcon, der den Fluß beherrſchte; das Gitter meines Fenſters war 278 offen, denn mir ſchien, ich athme ſchlecht durch dieſe eiſernen Stangen. „Das Schmelzen des Schnees batte den Guadal⸗ nivir, der beinahe unter meinen Fenſtern rollte, an⸗ Peſswellt Ich folgte, die Augen nach dem Himmel gerichtet, dieſen umherirrenden Wolken, die ein launen⸗ hafter Wind zwanzigmal in einer Viertelſtunde For⸗ men und Anblick wechſeln ließ, als ich mitten in der auf dem Fluſſe angehäuften Finſterniß eine Barke ge⸗ führt von einem einzigen Fiſcher kommen ſah. Ich zog mich zurück, um nicht bemerkt zu werden, und mit der Abſicht, meinen Platz wieder einzunehmen, wenn der Fiſcher vorübergefahren wäre; plötzlich aber erſchien ein Schatten, die Sterne des Himmels für mich ver⸗ ſchleiernd, und ein Mann ſtieg über den Balcon; ich ſtieß einen Schreckensſchrei aus; auf dieſen Schrei erwiederte eine wohlbekannte Stimme: „„Ich bin es, Mercedes... Stille!““ „Er war es in der That; ich hätte flieben müſſen, das fiel mir aber gar nicht ein; ich fiel halb ohnmäch⸗ tig in ſeine Arme. Als ich wieder zu mir kam.. ach! ich gehörte nicht mehr mir, Sire. „Der Unglückliche war nicht gekommen, um dieſes Verbrechen zu begehen; er war gekommen, um mich zum letzten Male zu ſehen und mir Lebewohl zu ſagen; er ging mit dem Genueſen Colombo auf eine Ent⸗ deckungsreiſe ab. Von fern hatte er mich auf dem Balcon erblickt; mein Rückzug ließ ihm den Eingang frei. Nie hatte er das Gitter offen gefunden; es war das erſte Mal, daß er in mein Zimmer eindrang. „Da erneuerte er ſeine dringenden Bitten, um mich zu beſtimmen, ihm zu folgen; wollte ich ihn bei dem abenteuerlichen Unternehmen, das er zu verſuchen im Begriffe war, begleiten, ſo würde er es bei Colombo dahin bringen, daß ich ihm als Mann verkleidet fol⸗ gen könnte; zöge ich irgend einen andern Ort der Wel er ſi häng lich men ten Pal war und erwe Got erha Wel unte genn gan 279 dieſe Welt vor, ſo wären alle Winkel der Erde gut, wenn er ſie nur mit mir bewohnte. Er war reich, unab⸗ dal⸗ hängig, wir liebten uns, wir würden überall glück⸗ an⸗ lich ſein. nmel„Ich weigerte mich. 2 nen⸗„Er ging vor Tagesanbruch wieder ab. Wir nah⸗ For⸗ men auf immer von einander Abſchied;— wir glaub⸗ n der ten es wenigſtens; er begab ſich zu Colombo nach ge⸗ Palos; Colombo ſollte im folgenden Monat abreiſen. Ich„Bald bemerkte ich daß wir nicht halb unglücklich mit waren: ich fühlte mich Mutter. n der Ich ſchrieb ihm die unſelige Kunde, wünſchend chien und befürchtend, er werde ſchon abgereiſt ſein, und ich ver⸗ erwartete in der Einſamkeit und in den Thräuen, was ich Gott über mich beſchließen würde. chrei In einer Nacht, als ich, da ich keine Antwort erhalten, glaubte, er ſegle ſchon nach der unbekannten Welt, welche Colombo unſterblich machte, börte ich iſſen, unter meinem Fenſter das Signal, das mir ſeine Ge⸗ näch⸗ genwart verkündigte. „Ich glaubte mich getäuſcht zu haben und wartete ganz zitternd. dieſes„Das Signal wiederholte ſich. mich„Ach! ich geſtebe, mit einer ungeheuren Freude gen; ſtürzte ich nach dem Fenſter und öffnete es Ent⸗„Er war da in der Barke und ſtreckte die Arme dem gegen mich aus; die Abfahrt von Colombo war ver⸗ gang ſchoben, und er hatte einen Theil von Spanien durch⸗ war reiſt, um mich zum letzten Male zu ſehen oder mich . mitzunehmen. mich„Ach! gerade unſer Unglück gab ihm die Hoffnung, dem ich werde einwilligen, ihm zu folgen. n im„Ich widerſtand... Ich war der letzte Troſt, ombo die letzte Gefährtin meines arm gewordenen Vaters, fol⸗ und ich war entſchloſſen, ihm Alles zu geſtehen, mich t der ſeinem Zorne auszuſetzen, aber ihn nicht zu verlaſſen. 280 „Oh! welch eine entſetzliche Nacht, Sire!... ſie konnte ſich wenigſtens nicht erneuern. Die Abreiſe von Colombo war auf den 3. Au⸗ guſt feſtgeſetzt. Durch ein Wunder der Geſchwindigkeit war er gekommen, durch ein anderes Wunder der Ge⸗ ſchwindigkeit ſollte er zurückkehren und rechtzeitig ein⸗ treffen. „Oh! Sire, Sire, ich kann Euch nicht ſagen, was er Alles an inſtändigem Bitten und Flehen in dieſer Nacht erſchöpfte. Zwanzigmal ſtieg er in ſeine Barke hinab und kam wieder zum Balcon herauf; das letzte Mal nahm er mich in ſeine Arme und wollte mich mit Gewalt fortziehen. Ich rief, ich ſchrie. Man hörte das Geräuſch einer Perſon, welche aufſtand und zu mir kam: er mußte fliehen oder entdeckt werden. „Er lief zum letzten Male nach ſeiner Barke, und ich, da ich ſein Herz ſich von dem meinigen löſen fühlte, fiel auf den Boden. Hier fand mich Beatrix. Und faſt ebenſo erſchüttert, faſt ebenſo ſterbend, als ſie es in jener unſeligen Nacht geweſen, die Hände ringend und in ein Schluchzen ausbrechend, fiel Mercedes, obgleich immer noch auf den Knieen, auf ihren Stuhl zurück. „Holt Athem, Senora,“ ſprach ruhig und kalt Don Carlos,„ich kann Euch die ganze Nacht geben.“ Während eines Augenblicks der Stille, der nun eintrat, hörte man nur das Stöhnen von Dona Mer⸗ cedes. Don Carlos aber war ſo unbeweglich, daß man ihn für eine Bildſäule gehalten hätte, ſo Herr über ſich, daß man nicht einmal ſein Athmen hörte. „Er reiſte ab!“ ſtammelte Mercedes. Und mit dieſem Worte ſchien ihre Seele zu ent⸗ fliehen. „Drei Tage nachher ſuchte meinen Vater ſein Freund Don Francesco de Torrillas auf. Er verlangte eine geheime Unterredung, da er mit ihm, wie er 281 ſagte, eine Sache von der höchſten Wichtigkeit zu ver⸗ handeln habe. „Die zwei Greiſe ſchloſſen ſich ein. „Don Francesco kam in ſeinem Namen und in dem ſeines Sohnes, um meine Hand von meinem Vater zu verlangen. Sein Sohn liebte mich glühend und hatte ihm erklärt, er vermöge nicht ohne mich zu leben. „Nichts konnte meinen Vater glücklicher machen, als dieſe Erklärung, nur hielt ihn ein Bedenken zurück. „„Kennſt Du,““ fragte er ſeinen Freund,„„kennſt Du den Stand meines Vermögens?““ „„Nein; doch was liegt mir hieran!““ „„Ich bin zu Grunde gerichtet,““ ſagte mein Vater. „„Nun?“ „„Völlig zu Grunde gerichtet.““ „„Deſto beſſer!““ erwiederte ſein Freund. „„Wie ſo, deſto beſſer?““ „„Ich bin reich für Dich und für mich, und ſo hoch Du den Schatz, den Du uns gibſt, anſchlagen magſt, ich kann ihn bezahlen!““ „Mein Vater reichte Don Francesco die Hand und ſprach: „„Ich ermächtige Don Rniz, ſich zu meiner Toch⸗ ter zu begeben; er komme mit der Einwilligung von Mercedes zurück, und Mercedes gehört ihm.““ „Ich hatte drei miſetliche Tage zugebracht. Mein Vater, der die Urſache meiner Krankheit nicht ver⸗ muthete, kam jeden Tag und erkundigte ſich nach mir. „Zehn Minuten nach dem Abgange von Don Francesco war er bei mir und erzählte mir, was vor⸗ gefallen... Eine Viertelſtunde vorher hätte ich nicht geglaubt, mein Unglück könne ſich ſteigern: ich ſah, daß ich mich täuſchte. 282 „Mein Vater ging weg, indem er mir auf den andern Tag den Beſuch von Don Ruiz ankündigte. „Ich hatte nicht die Kraft gehabt, ihm in ſeiner Gegenwart zu antworten; als er ſich entfernt hatte, blieb ich vernichtet. Allmälig erwachte ich indeſſen aus meiner Betäubung, und ich fand mich meiner Lage ge⸗ genüber, die mir nicht wie das Geſpenſt der Vergan⸗ genheit, ſondern wie das der Zukunft erſchien. Beſon⸗ ders erſchrecklich hiebei war, daß ich mich genöthigt ſah, das unſelige Geheimniß in mir zu verſchließen. Ach! hätte ich es Jemand anvertrauen können, mir ſcheint, ich würde weniger gelitten haben! „Es kam die Nacht. Trotz der dringenden Bitten von Beatrix, um bei mir bleiben zu dücfen, entfernte ich ſie. In der Einſamkeit hatte ich wenigſtens die Thränen. Oh! ſie floſſen reichlich, Sire, dieſe Thrä⸗ nen, welche längſt verſiegt ſein müßten, hätte die Güte des Herrn nicht geſtattet, daß die Ouelle der Thränen unverſiegbar ſei. „Sobald die Nacht auf die Erde herabgeſtiegen war, ſobald ſich die Stille im Raume verbreitet batte, ſtellte ich mich auf den Balcon, wo ich zugleich ſo glück⸗ lich und ſo unglücklich geweſen. „Mir ſchien, er werde kommen. „Ohl nie rief ich ihn inbrünſtiger aus der tiefſten Tiefe meines Herzens. „Wäre er gekommen, diesmal, verzeih, mein Va⸗ ter, diesmal hätte ich nicht widerſtanden; wohin er mich hätte führen wollen, ich wäre mit ihm gegangen. „Eine Barke erſchien; ein Mann fuhr ſingend den Guadalquivir herauf. „Es war nicht ſeine Stimme: er wäre ſchweigſam geweſen; gleichviel, ich machte mir Illuſion, und die Arme gegen meinen Irrthum ausgeſtreckt, rief ich dem Geſpenſte, das ich geſchaffen, zu: „„Komm! komm! komm!““ den iner atte, aus ge⸗ gan⸗ ſon⸗ higt ßen. mir itten ernte die hrä⸗ Güte änen egen atte, lück⸗ fſten Va⸗ in er igen. den gſam 5 die dem 283 „Die Barke fuhr vorüber. Ohne Zweifel begriff der Fiſcher nichts von dieſer Stimme, die er in der Dunkelheit hörte, von dieſer Frau, die ſich in der Finſterniß zu ihm hinabneigte. Und doch begriff er, daß es irgend ein Schmerz war, der ſich in der Nacht bewegte; denn ehe er an mein Fenſter kam, hörte er auf zu ſingen, und er fing erſt wieder an, als er vorbeigefahren war. „Die Barke verſchwand; ich blieb allein: um mich verbreitete ſich die belebte Stille, unter der man das Athmen der Natur zu hören wähnt.. „Der geſtirnte Himmel ſpiegelte ſich im Waſſer; man hätte glauben ſollen, ich ſchwebe mitten in den Lüften; dieſe Leere zog mich an und gab mir eine Art von Schwindel. Ich war ſo unglücklich, daß ich zu ſterben gedachte. Vom Gedanken zur Ausführung iſt es nur ein Schritt... es war ſo leicht: drei Fuß unter mir öffnete mir der Tod die Arme. „Und ich fühlte, wie mein Kopf ſich vorwärts neigte, wie mein Körper ſich über den Balcon beugte, wie meine Füße von ſelbſt die Erde verließen. „Plötzlich fiel mir mein Kind ein. „Indem ich mich tödtete, nahm ich mir nicht nur ſelbſt das Leben, ſondern ich beging auch einen Mord. „Ich klammerte mich am Balcon an, ich zog mich zurück, ich ſchloß das Gitter, ich warf den Schlüſſel in den Fluß, um nicht einer verzweifelten Verſuchung nachzugeben, und fiel rückwärts auf mein Bett. 1 „So langſam und ſchmerzlich ſie waren, die „Stunden vergingen. Ich ſah die Morgendämmerung kommen; ich hörte nach und nach alle Geräuſche des Tages erwachen. Beatrix öffnete meine Thüre und erſchien.. „Das tägliche Leben begann wieder.... 284 „Um eilf Uhr Morgens meldete mir Beatrix Don Ruiz. Er kam von meinem Vater. „Mein Entſchluß war gefaßt: ich ließ ihn ein⸗ treten. „Er war zugleich ſchüchtern und ſtrahlend. „Mein Vater hatte ihm geſagt, er bezweifle durch⸗ aus nicht, daß ſeine Bitte günſtig aufgenommen werde. „Als er aber ſeine Blicke auf mich warf und mich ſo bleich und ſo eiskalt ſah, fing er an zu zittern und erbleichte ebenfalls. „Ich ſchlug die Augen zu ihm auf und wartete. „Die Stimme verſagte ihm, er hub zweimal an, um mir zu eröffnen, was ihn zu mir führte. „So wie er ſprach, fühlte er, daß ſeine Worte ſich an der Demantmauer, die mein Herz umſchloß, brachen. „Endlich ſagte er mir, daß er mich ſeit langer Zeit liebe; unſere Heirath ſei zwiſchen ſeinem Vater und dem meinen beſchloſſen, und es fehle nur meine Ein⸗ willigung, um ihn zum glücklichſten Menſchen der Erde zu machen. „„Senor,““ erwiederte ich mit feſter Stimme, denn längſt war meine Antwort vorbereitet,„„die Ehre, die Ihr mir anbietet, kann von mir nicht ange⸗ nommen werden.““ „Er wurde leichenbleich. „Mein Gott! warum denn?““ fragte er. „Ich liebe einen andern Mann als Euch, und in ſieben Monaten werde ich Mutter ſein.““ „Er wankte und war nahe daran, zu fallen. „Es lag etwas ſo Verzweifeltes in dieſem Ge⸗ ſtändniß einem Manne gemacht, den ich kaum fünf bis ſechsmal geſehen, von dem ich nicht einmal Ge⸗ heimhaltung verlangte, als wäre es, ſo wie ich ſeiner Ehre vertraute, unnöthig geweſen, dies zu verlangen, daß kein inſtändiges Beharren von ihm zu verſuchen war. nes der ſche nöt zu ſag bitt zu ohn ein füh⸗ ſam etw verl zu iſt läſti Euch Euck Eur 285 „Er verbeugte ſich vor mir, nahm den Saum mei⸗ nes Kleides, küßte ihn und ging weg, ohne etwas An⸗ deres zu ſagen, als die drei Worte: „„Gott behüte Euch!““ „Ich befand mich wieder allein. „Jeden Augenblick erwartete ich, meinen Vater er⸗ ſcheinen zu ſehen, und ich zitterte bei dem Gedanken, ge⸗ nöthigt zu ſein, ihm eine Erklärung zu geben; doch zu meinem großen Erſtaunen hörte ich nichts von ihm. „Zur Stunde des Mittagmahles ließ ich ihm ſagen, da ich mich ein wenig unpäßlich fühle, ſo bitte ich ihn um Erlaubniß, in meinem Zimmer eſſen zu dürfen. „Dieſe Erlaubniß wurde mir ohne Widerrede und ohne Commentare ertheilt. „Es verliefen drei Tage. „Am dritten Tage meldete mir, wie ſie es ſchon einmal gethan, Beatrix Don Ruiz. „Wie das erſte Mal, gab ich Befehl, ihn einzu⸗ führen. Die Art, wie er mich bei unſerer letzten Zu⸗ ſammenkunft verlaſſen, hatte mich tief gerührt: es lag etwas Erhabenes in der Ehrfurcht, die er einem armen verlorenen Mädchen gezeigt. „Er trat ein und blieb bei der Thüre. „„Kommt näher, Senor Don Ruiz,“ ſagte ich zu ihm. „„Meine Gegenwart ſetzt Euch in Erſtaunen und iſt Euch läſtig, nicht wahr?““ fragte er. „„Sie ſetzt mich in Erſtaunen, iſt mir aber nicht läſtig,““ erwiederte ich,„„denn ich fühle, daß ich an Euch einen Freund habe.““— „„Ihr täuſcht Euch nicht, und dennoch hätte ich Euchemeinen Anblick erſpart, wäre mein Anblick nicht für Eure Ruhe nöthig geweſen.““ „„Erklärt mir das, Senor Don Ruiz.““ „Ich konnte Eurem Vater nicht ſagen, Ihr habe 286 mich als Gatten ausgeſchlagen, denn er würde eine Erklärung von Euch gefordert haben, und die Erklä⸗ rung, die Ihr mir gegeben, hättet Ihr ihm wohl nicht gegeben, nicht wahr?“ „„Eher ſterben!““ „Ihr ſeht, daß ich handeln mußte, wie ich ge⸗ handelt habe.“ 5 „„Und wie habt Ihr gehandelt?““ „„Ich ſagte ihm, Ihr habet ein paar Tage ver⸗ langt, um Euch zu entſcheiden, und Ihr wünſchet, daß man Euch dieſe Tage in der Einſamkeit zubringen laſſe.““ „„So verdanke ich alſo Euch meine Ruhe?““ „Er verbeugte ſich. „„Es iſt nun von Bedeutung, daß Ihr mich für Euren aufrichtigen Freund haltet.““ „Ich reichte ihm die Hand „„Ohl ja, mein Freund, und zwar ſehr aufrich⸗ tig, ich glaube es!““ ſagte ich. „„Dann antwortet mir ohne Zögern, wie Ihr es das erſte Mal gethan habt!““ „„Fragt.““ „„Habt Ihr Hoffnung, eines Tags denjenigen, welchen Ihr liebt, zu heirathen?““ Unmöglich!““ „„Iſt er denn todt?““ fragte Don Ruiz. „„Er lebt.““ „Ein Blitz der Freude, der in ſeinem Auge ge⸗ glänzt hatte, erloſch. „Ah!““ ſagte er,„„das iſt Alles, was ich wiſ⸗ ſen wollte.““ „Und er verbeugte ſich aufs Neue vor mir und ging mit einem Seufzer ab. „Es verliefen drei weitere Tage. „Während dieſer drei Tage verließ ich mein Zim⸗ u mer zu r meld ſeine trau ſpro Freui nähe mach rühr dem mich Eure ſten zurü glau Gefü fuhre ſagte Euer Welt dann 287 mer nicht, und Beatrix ausgenommen kam Niemand zu mir, als einmal mein Vater. „Am vierten Tage ließ ſich Don Ruiz abermals melden. „ Ich erwartete ihn beinahe; ich hatte aufgehört, ſeinen Anblick zu fürchten; er war mein einziger Ver⸗ trauter, und ich ſah ein, daß er nur die Wahrheit ge⸗ ſprochen, als er mich verſichert, er ſei aufrichtig mein Freund. „Er trat ehrerbietig wie gewöhnlich ein und näherte ſich mir erſt auf ein Zeichen, das ich ihm machte. „Ich reichte ihm die Hand; er nahm ſie und be⸗ rührte ſie leicht mit den Lippen. „Sodann, nach einem kurzen Stillſchweigen, unter dem ſich ſein Auge mit einer tiefen Theilnahme auf mich geheftet hatte, ſprach er: „„Ich habe nicht einen Moment aufgehört, an Eure Lage zu denken: ſie iſt entſetzlich!““ „Ich ſtieß einen Seufzer aus. „„Wir können nicht, welchen Beiſtand ich Euch lei⸗ ſten mag, Eure Antwort ewig verſchieben.““ „„Leider!““ verſetzte ich. „„Ich würde wohl ſagen, ich nehme mein Geſuch zurück; gern würde ich mich der Schande ausſetzen, glauben zu laſſen, der Ruin Eures Vaters habe meine Gefühle für Euch abgekühlt; doch wohin würde dies führen? Zu einer Friſt von ein paar Monaten.“ „Ich zerfloß in Thränen, denn Alles, was er ſagte, war die ſtrenge Wahrheit. „„Früher oder ſpäter,““ fuhr er fort,„„muß Euer Vater Euren Zuſtand erfahren, muß ihn die Welt erfahren, und dann...(er dämpfte die Stimme) dann ſeid Ihr entehrt.““ „„Was ſoll ich aber thun?““ rief ich. „„Einen Mann heirathen, der Euch genug erge⸗ 288 ben iſt, um Euer Gatte in den Augen der Welt und nur Euer Bruder Euch gegenüber zu ſein.““ „Ich ſchüttelte den Kopf. 3 „„Wo aber dieſen Mann finden?““ murmelte ich. „„Ich kam, um ihn Euch anzubieten, Mercedes; habe ich Euch nicht geſagt, ich liebe Euch?““ „„Ihr liebet mich.. aber...n“ „„Wenn ich liebe, Mercedes, ſo geſchieht es mit allen großen Leidenſchaften nicht nur des Herzeus, ſondern auch der Seele, und die aufopfernde Ergeben⸗ heit gehört zur Zahl dieſer Leidenſchaften.““ „Ich erhob das Haupt und wich faſt erſchrocken zurück. „Ich hatte nicht geahnet, daß die Ergebenheit ſo weit gehe könne. „„Ich werde Euer Bruder ſein,“ wiederholte er; „„nur wird Euer Kind mein Kind ſein, und nie, darauf gebe ich Euch mein Ehrenwort als Edelmann, ſoll eine Sylbe über dieſen Punkt zwiſchen uns ge⸗ wechſelt werden.““ „Ich ſchaute ihn zweifelnd und unſchlüſſig an. „„Spre ht.““ ſagte er,„„iſt das nicht beſſer, als Euch aus dieſem Fenſter in den Fluß zu ſtürzen, der am Fuße Eures Hauſes rollt?“** „Ich blieb einen Augenblick ſtumm; dann fiel ich vor ihm auf die Kniee und rief: „„Mein Bruder, habt Mitleid mit Eurer Frau und rettet die Ehre meines Vaters.““ „Er hob mich auf, küßte mir die Hand und ging weg Don Ruiz. „Don Ruiz hat ſein Wort als redlicher Edelmann gehalten; doch die Natur ſträubte ſich gegen dieſen Be⸗ trug, und obgleich Don Ruiz für Don Fernando ſtets V „Vierzehn Tage nachher war ich die Gattin von es; mit ens, veu⸗ cken ſo er; nie, inn, ge⸗ als der ich rau ging von ann Be⸗ tets 2 289 wie ein Vater Sorge trug, ſo hegte doch Fernando für Don Ruiz nie die Gefühle eines Sohnes. „Nun, Sire, wißt Ihr Alles 40 „Den Namen des wahren Vaters ausgenommen,“ ſprach der König;„Ihr werdet mir ihn aber ſagen.“ „Don Inigo Velasco!“ ſtammelte Mercedes, die Augen niederſchlagend. „Es iſt gut,“ verſetzte der König,„ich weiß Alles, was ich wiſſen wollte.“ Und er entfernte ſich ernſt und düſter, ließ die Frau auf den Knieen und murmelte: „Ich wußte wohl, es war unmöglich, daß ein Sohn ſeinem Vater eine Ohrfeige gab.“ Schluß. Am andern Morgen, ſchon bei Tagesanbruch, war eine große Menge auf dem Platze de las Algives ver⸗ ſammelt und drängte ſich um ein mitten auf dieſem Platze errichtetes Schaffot.. Der Henker ſtand mit gekreuzten Armen am Fuße des Schaffots. Ein tiefes Geheimniß ſchwebte über der Stadt, und man ſagte, das erſte Urtheil von Don Carlos werde vollzogen werden. Mitten unter dieſem Zuſtrome von Menſchen er⸗ kannte man die Mauren, mehr noch an ihren glühen⸗ den Augen, als an ihrer orientaliſchen Tracht. Dieſe Augen glänzten vor Freude bei dem Gedanken, ſie ſoll⸗ „El Salteador. 19 290 ten die Hinrichtung eines Edelmanns, eines Rico hom⸗ bre und Chriſten ſehen. In dem Momente, wo die Thürme der Vela die neunte Morgenſtunde verkündigten, öffneten ſich die Thore der Alhambra; Wachen bildeten das Spalier, drängten die Menge zurück und zwangen ſie, einen Kreis um das Schaffot zu bilden. Daun erſchien König Don Carlos; er ließ durch ſein blinzelndes Augenlid einen unruhigen Blick rings umherlaufen. Man hätte glauben ſollen, er ſuche mit den Augen und aus Gewohnheit einen ſeit langer Zeit erwarteten Boten. Da der Bote nicht kam, ſo nahm der königliche Blick ſeine gewöhnliche Schweigſamkeit wieder au. In der Nähe des Königs ging ein verſchleiertes Mädchen; man vermochte ſein Geſicht wegen des Schleiers, der es bedeckte, nicht zu erkennen; doch aus ſeiner reichen und zugleich ſtrengen Tracht ließ ſich er⸗ rathen, daß es der Adelsklaſſe angehörte. Don Carlos ging durch die Menge und blieb erſt ein paar Schritte vom Schaffot ſtehen. Ft Hinter ihm erſchienen der Großjuſticiar und Dona or. Dona Flor ſtützte ſich auf den Arm ihres Vaters. Als ſie das Schaffot erblickten, hielten Beide an, und man hätte nicht ſagen können, wer bleicher wurde, der Vater oder die Tochter. Der König wandte ſich um, um zu ſehen, ob ihm ſein Großjuſticiar folgte, und als er bemerkte, daß die⸗ ſer, ſeine ohnmächtige Tochter unterſtützend und ſelbſt einer Ohnmacht nahe, angehalten hatte, ließ er ihm durch einen Beamten ſeines Hauſes ſagen, er möge ſich ihm anſchließen. Zu gleicher Zeit drangen von der entgegengeſetz⸗ ten Seite zwei Perſonen durch die Menge: das waren Don Ruiz und Dona Mercedes. N —-—-—„n 291 Jedes von ihnen warf mit einem ſehr verſchieden⸗ artigen Ausdruck die Blicke auf das Schaffot. Es waren nicht fünf Minuten verlaufen, als von Wachen geführt Don Fernando und Don Ramiro, die zwei Nebenbuhler, erſchienen. Don Fernando war am vorhergehenden Tage, wie wir erzählt, verhaftet wor⸗ den; Don Ramiro hatte ſich von ſelbſt auf den Be⸗ fehl, den er erhalten, als Gefangener geſtellt. Alle Perſonen des Dramas, deſſen vier erſten Acte geſpielt waren, fanden ſich für die letzte Scene ver⸗ ſammelt. Es herrſchte ein tiefes Stillſchweigen, und man erwartete die unbekannte Entwickelung, der die Gegenwart des Henkers eine geheimnißvolle, aber ent⸗ ſetzliche Bedeutung gab.. Der König Don Carlos erhob das Haupt, ſchaute zum letzten Male nach dem manriſchen Thore, und als er ſah, daß nichts von dieſer Seite kam, heftete er ſeinen Blick auf Don Inigo, der unter dieſem Blicke einen Schauer ſeinen ganzen Leib durchlaufen fühlte. „Don Inigo Velasco de Haro,“ ſprach er mit einer ſo klangvollen Stimme, daß ſie, obgleich ſie ſich nicht über den gewöhnlichen Umfang erhob, doch von Allen gehört wurde,„Ihr habt mich zweimal, ohne das Geſuch auf irgend einen Grund zu ſtützen, um das Leben eines Menſchen gebeten, der zweimal den Tod verdient hatte... Ihr ſeid nicht mehr Großjuſticiar von Andaluſien.“ Ein Gemurmel durchlief die Schauſpieler dieſer Scene in der Menge, und Don Inigo machte eine Be⸗ wegung, um auf den König zuzugehen und ohne Zwei⸗ fel ſich zu rechtfertigen. 6 „Ihr ſeid nicht mehr Großjuſticiar von Andalu⸗ ſien,“ fuhr der König Don Carlos fort;„doch Ihr ſeid Connetable des Reiches; der Mann, der die Wag⸗ ſchaale der Gerechtigkeit ſchlecht hält, kann das Schwert des Krieges gut halten⸗“ 292 „Sire,“ murmelte Don Inigo. „Stille, Connetable!“ unterbrach Don Carlos, „ich habe noch nicht geendigt. „Don Ruiz,“ fuhr der König fort,„längſt kannte ich Euch als einen der wackerſten Edelleute meiner ſpaniſchen Staaten; ſeit geſtern weiß ich, daß Ihr eines der edelſten Herzen der Welt ſeid. 4 Don Ruiz verbeugte ſich. „Ihr ſeid Großjuſticiar von Andaluſien an der Stelle von Don Inigo; Ihr habt mich geſtern um Gerechtigkeit für die Beleidigung gebeten, die Euch angethan worden: laßt Euch ſelbſt Gerechtigkeit werden.“ Don Ruiz bebte. Dona Mercedes wurde bleich wie der Tod. „Don Fernando,“ fuhr der König fort,„Ihr ſeid zweimal ſtrafbar: einmal habt Ihr Euch gegen die Geſetze der Geſellſchaft empört, und dieſes Mal habe ich Euch verziehen; ein ander Mal habt Ihr Euch ge⸗ gen die Geſetze der Natur empört, und hiebei, da ich mich als unmächtig, ein ſo großes Verbrechen zu be⸗ ſtrafen, betrachte, überlaſſe ich demjenigen, welcher be⸗ leidigt worden iſt, die Sorge der Begnadigung oder der Beſtrafung. In allen Fällen aber ſtreiche ich Euch von dieſem Augenblicke an aus der Zahl der Edelleute, ich entziehe Euch Euren Titel als Rico hombre und mache Euch, leider nicht ſo rein, doch ſo arm, ſo vereinzelt, ſo nackt, als an dem Tage, wo Ihr in die Welt eingetreten ſeid!— Gineſta,“ fuhr der König fort,„Ihr ſeid weder die Zigeunerin der Venta zum Maurenkönig, noch die Nonne des Kloſters der Anun⸗ ciacion; Ihr ſeid Herzogin von Carmona, Marqueſa von Montefrio, Gräfin von Pulgar; Ihr habt die Grandeza erſter Claſſe, und dieſe Grandeza könnt Ihr mit Eurem Namen Eurem Gatten geben, und 293 nähmet Ihr ihn aus den Reihen des Volkes, aus einem mauriſchen Stamme oder am Fuße des Schaffots. Endlich wandte er ſich an Don Ramiro und ſprach: „Don Ramiro, Ihr ſeid frei; Ihr ſeid herausge⸗ fordert worden und konntet nichts Anderes thun, als auf dieſe Herausforderung antworten; während Ihr aber kämpftet, achtetet Ihr das Alter, was nach Gott dem Herrn das Ehrwürdigſte auf Erden iſt. Ich ver⸗ möchte Euch nicht reicher zu machen, als Ihr ſeid; doch zum Andenken an mich werdet Ihr Eurem Namen den Namen Carlos beifügen und im Schildhaupte den Löwen von Burgund in Euer Wappen ſetzen. Und nun werde Allen Gerechtigkeit oder Belohnung! Fanget an, Don Ruiz, Großjuſticiar des König⸗ reichs.“ Es trat eine große Stille ein. Alle Augen wandten ſich gegen Don Ruiz, alle Ohren öffneten ſich, und man vernahm, wie fogt. Bis dahin unbeweglich wie eine Bildſäule, ſchien Dona Mercedes mit Anſtrengung ihre Füße von der Erde loszumachen; ſie durchſchritt langſam und feier⸗ lich den Raum, der ſie von ihrem Gatten trennte, welcher mit gekreuzten Armen daſtand, und ſprach: „Edler Herr, im Namen deſſen, was es Heilig⸗ ſtes im Himmel und auf der Erde gibt, bittet die Mutter Euch um Gnade für ihren Sohn.“ Es trat ein Augenblick ſtillen Kampfes im Her⸗ zen und auf dem Geſichte von Don Ruiz ein. Dann ſenkte er eine von ſeinen beiden Händen, legte ſie auf das Haupt von Mercedes und ſprach mit einer Stimme und einem Blicke von unsausſprechlicher Milde: „Ich verzeihe!“ Ein gewaltiges Gemurmel durchzog die Menge. Don Fernando erbleichte gräßlich. Er ſuchte an ſeiner Seite eine Waffe, und hätte er ſeinen baskiſchen Dolch ge⸗ 294 funden, ſo würde er ſich vielleicht eher ſelbſt erdolcht, als dieſe Gnade des Greiſes angenommen haben. Don Fernando war aber entwaffnet und in den Händen ſeiner Wachen. „Es iſt an Euch, Herzogin von Carmona!“ rief Don Carlos. Gineſta durchſchritt ebenfalls den Raum, kniete vor Don Fernando nieder, hob ihren Schleier auf und ſprach: „Don Fernando, ich liebe Dich!“ Der junge Mann gab einen Schrei von ſich, blieb einen Angenblick wie betäubt, heftete einen langen Blick auf Dena Flor, und ſtreckte die Arme gegen Gineſta aus, welche ergriffen von einer Freude, die ſie noch nicht empfunden, an ſeine Bruſt ſtürzte. „Herzogin von Carmona, Marqueſa von Monte⸗ frio, Gräfin von Pulgar, nehmt Ihr zum Gemahl den verurtheilten Fernando, der weder Namen, noch Rang, noch Vermögen hat?“ fragte Don Carlos. „Ich liebe ihn, Sire, ich liebe ihn!“ wiederholte Gineſta. Und ſie nöthigte Don Fernando, ſich zu neigen, und fiel mit ihm vor dem König auf die Kniee. „Es iſt gut,“ ſagte Don Carlos;„ein König hat nur ſein Wort... Steht auf, Herzog von Carmona, Marques von Montefrio, Graf von Pulgar, Grand von Spanien erſter Claſſe durch Eure Frau, die Kö⸗ nigsſchweſter und Königstochter!“ Und ohne den Schanſpielern und den Zuſchauern Zeit zu laſſen, ſich von ihrem Erſtaunen zu erholen, rief Don Carlos: „Nun Ihr, Don Ramiro!“ Don Ramiro durchſchritt ſchwankend die Entfer⸗ nung, die ihn von Dona Flor trennte. Etwas wie eine Wolke von Gold und Purpur bildete einen Schleier 295 für ſeine Augen, während die Stimmen aller Engel des Himmels an ſein Ohr zu ſingen ſchienen.. Er ſetzte ein Knie vor Dona Flor auf die Erde und ſprach: „Seit zwei Jahren liebe ich Euch, edle Dame. Don Ramiro d Avila wagte es nicht, dies Euch zu ſagen, während Euch in Gegenwart des Königs, ſeines Pathen, Don Carlos d'Avila in Demuth um Eure Hand bittet.“ „Senor,“ ſtammelte Dona Flor,„fragt meinen Vater.“ „Ich bin Euer Vater für heute, Dona Flor,“ ſagte Don Carlos,„und ich gebe Eure Hand Eurem Liebes⸗ courier.“ Die drei Gruppen waren noch in der von uns bezeichneten Stellung, als man plötzlich einen gewalti⸗ gen Lärmen beim Thore der Gerechtigkeit hörte. Bald erſchien ein mit Staub bedeckter Reiter, in welchem Don Carlos an ſeiner Tracht einen deutſchen Edel⸗ mann erkannte; er ſchwang in der Luft ein Pergament und rief: „Der König! wo iſt der König?“ Don Carlos wurde ebenfalls bleich wie der Tod; es war, als ſollte er, der ſo eben gerichtet hatte, nun auch gerichtet werden. „Der König! wo iſt der König?“ rief beſtändig der Reiter. Und man trat vor ihm auf die Seite. Don Carlos machte zehn Schritte vorwärts und antwortete mit feſter Stimme, obgleich ſein faſt leichen⸗ bleiches Geſicht die Bangigkeit ſeines Herzens verrieth: „Hier iſt er!⸗ Das Pferd hielt bebend am ganzen Leibe und ſeine ſtählernen Häkſen beugend kurz an. Jedermann wartete keuchend. 296 Der Reiter erhob ſich auf ſeinen Steigbügeln und rief „Höret Alle, die Ihr hier gegenwärtig! höre, Granada! höre, Burgos! höre, Valladolid! höre, Spanien! höre, Europa! Welt, höre! Heil Karl dem Fünften, dem erwählten Kaiſer! Ehre ſeiner Regierung! Ruhm ſeinem Sohne und den Söhnen ſeiner Söhne!“ Und er ſprang vom Pferde, ſiel auf die Kniee und überreichte das Pergament, das die Wahl von König Don Carlos zum Kaiſerthrone von Deutſchland beſtätigte. Don Carlos nahm es mit zitternder Hand, ſprach aber mit einer Stimme, in der unmöglich die geringſte Spur von einer Gemüthsbewegung zu er⸗ kennen war: „Ich danke Euch, Herr Herzog von Bayern; ich werde nicht vergeſſen, daß mir durch Euch dieſe große Kunde überbracht worden iſt.“ Als ſodann alle Zuſchauer mit gewaltigem Ge⸗ ſchrei die Worte des Boten:„Heil Karl dem Fünften! Ruhm und Ehre ſeinem Sohne und den Söhnen ſeiner Söhne!“ wiederholten, da erhob der Kaiſer die Hand und rief: „Meine Herren, Gott allein Ruhm und Ehre, denn Gott allein iſt groß!“ Ende. *. ——