Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. —= 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegen Fühme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Sümme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet) wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und* beträgt: 1 8 9 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————ℳℳ-„—— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 9 3— 43. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſenen, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das. zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 85 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſiattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4— — Der Iitaval Erzählungen merkwürdiger Verbrechen und Criminalfälle. Herausgegeben ALENANDER dUMAs. Deutſch 9. 4 von Heinrich Bourdin. Srster Band. Leipzig, Berger’s Buchhandlung. 1847. Die eiſerne Maske 1. In einem Bogenfenſter des erſt kürzlich verſchönerten Louvre ſaß zu Ende des Sahe auf einem mit rothem Sammet bekleideten Armſtuhl eine junge Dame, in den großen viereckigen Hof hinabblickend, als ob ſie je⸗ mandes Ankunft erwartete. Obwohl ſie bereits 24 Jahre zählte und ſeit beinahe 10 Jahren verheirathet war, ſo konnte man ſie doch für ein Mädchen von 19— 20 Jahren halten, ſo ſchön und blühend war ihr ovales Geſicht, ſo reizend ihr ſchlanker Wuchs. Ihr kaſtanienbraunes Haar neigte ſich in geſchweiften Bogen zu ihren großen Augen hinüber, ihr friſcher rother Mund ſchien faſt unmerkliche Seufzer zu hauchen und ihre kleinen Hände zupften an den Franſen eines koſtbaren Tuches, welches von ihrer ſchoͤnen Bruſt herabwallte. Es war Anna von Oeſtreich, Lud⸗ wig's XIII. Gemahlin. Die Königin ſchien ihre Umgebung gar nicht zu be⸗ merken. Die alternde von Heinrich IV. getäuſchte Mar⸗ I. 1— 6 quiſe von Verneuil und die glänzende Herzogin von Chevreuſe, vormalige Wittwe des verſtorbenen Kronfeld⸗ herrn von Luynes, ragten unter den im Zimmer befind⸗ lichen Hofdamen hervor. Sie waren etwas vorwärts ge⸗ treten und flüſterten mit einander, obgleich ſie ſich tödtlich haßten, weil der Herzog von Chevreuſe immer noch ein Auge auf die Verneuil zu haben ſchien. Wie hinge⸗ worfen und ohne Grimaſſe lächelnd ſagte die Herzogin leiſe: „Eine ſchöne Frau unſre Allergnädigſte! Scheint ſie aber nicht beunruhigt zu ſein und durch ihre Gemüths⸗ Die eiſerne Maske. ſtimmung einen Theil ihrer Liebenswürdigkeit einzubüßen?“ „Ich wüßte in der That nicht,“ antwortete die Ver⸗ neuil,„was den Seelenfrieden der Königin ſtören könnte, wenn es nicht die Abweſenheit ihres Gemahls iſt.“ „‚Das vielleicht zum Theil, indem ſie, wie ich von gu⸗ ter Hand weiß, ihn d Sezus auf den Marſchall von Baſ⸗ ſompierre zu ſondiren geſonnen iſt; ohne jedoch, wie Sie begreifen werden, ſich ſelbſt auf irgend eine Weiſe ſondiren zu laſſen.“ „Es wäre doch eigen,“ entgegnete die Marquiſe,„wenn die Königin ſich auf eine ſolche Weiſe gegen eine Dame ausgeſprochen hätte, deren erſter Gemahl vor kaum 6 Jah⸗ ren die Feſſeln eines Condé zu brechen wußte, welche den Montmorency's zu feſt geweſen waren.“ „Ach, beſte Marquiſe,“ verſetzte die Herzogin von Che⸗ vreuſe gereizt,„ich könnte Ihnen mehr ſagen, wenn ich nicht glauben müßte, Sie empfänden über die Gnade, deren ich genieße, einigen Kummer.“ „Wie das?“ antwortete die Verneuil ſo ruhig als möglich;„von der höchſten Gnade bis zur Verbannung iſt nur ein Schritt...“ 1 ——ͤee Die eiſerne Maske. 7 „Das wiſſen Sie allerdings,“ fiel die Herzogin ein, „und eben dieſer Umſtand würde mir, falls mich ein Un⸗ glück beträfe, einigen Troſt gewähren. Daher kann ich Ihnen unbedenklich noch weiter mittheilen, daß die Köni⸗ gin ſich bei ihrem Gemahl nicht bloß nach dem 46jährigen Baſſompierre ſondern auch nach dem mehr als 50 jäh⸗ rigen Bellegarde zu erkundigen gedenkt. Iſt man nicht mehr ſchön, ſo kann man es doch geweſen ſein. Wenn Ihre eigne Blüthenzeit nicht zu weit rückwärts ſiele, ſo könnten Sie der Königin vielleicht eine unangenehme Nach⸗ forſchung erſparen.“ Dieſer Ausfall war zu direct um nicht erwidert zu wer⸗ den. Die etwas welk gewordenen Lippen der Marquiſe itterten merklich. Indeſſen nahm ſie ſich zuſammen und ſagte: „Höchſt wahrſcheinlich haben Sie die Königin mißver⸗ ſtanden; da es eine Intrigue zu betreffen ſcheint, ſo wird ſie Ihnen indirect den Auftrag zu Nachforſchungen gege⸗ ben haben, nur daß ſie freilich von Ihnen nicht begriffen worden iſt.“ Den Hieb verbeißend, ſuchte die Herzogin nach einem Stückchen Seidenpapier, hielt es, von der Königin abge⸗ wandt, der Marquiſe vor die Naſe und ſprach: „Wenn dieſes Madrigal an unſre Herrin nicht von Bellegarde iſt, ſo muß es wenigſtens ein Mann mit ebenſo antikem Stutzbart und ebenſo geſchmackloſer Halskrauſe gemacht haben; übrigens iſt es Ihnen doch etwa zufällig bekannt geworden, daß er ein großer Dichter iſt und noch ganz kürzlich ein Epigramm auf Ihre glückliche Abreiſe nach Verneuil gemacht hat, wo Sie, nach ſeinem bos⸗ haften Ausdruck, jemanden für ſich niederkommen laſſen wollten, da Sie es ſelbſt nicht mehr könnten.“ Die eiſerne Maske. „Wenn alles wahr iſt, was man von Ihnen ſagt,“ verſetzte die Marquiſe, hochroth vor Zorn,„ſo vermeiden Sie es allerdings auf ſich Epigramme machen zu laſſen, indem Sie alle Welt durch die Preisgebung Ihrer Reize davon abzuhalten verſtehen.“ „Ha!“ rief die Herzogin außer ſich,„Sie wagen...4 Dieſe letztern Worte waren etwas laut geſprochen wor⸗ den. Die Königin ſah ſich nach der Sprecherin um und winkte. Die Herzogin trat mit einer Verbeugung näher und hatte das Madrigal noch in der Hand. „Was giebt's?“ fragte die Königin Anna.„Und was für ein Billet haben Sie hier?“ ſetzte ſie hinzu. Die Herzogin antwortete: „Es war zwiſchen der Marquiſe und mir ein Streit entſtanden, ob man dieſem Madrigal hier, das man auf Ew. Majeſtät verfertigt, anſehen könnne, welchen Bart deſſen Verfaſſer trage, ob einen à la Moignon oder einen à la Novion.“ Obgleich einen Augenblick vorher noch mißlaunig, griff die Königin doch jetzt mit heiterem Geſicht nach dem Sei⸗ denblättchen, las bis zu Ende und ſprach dann lächelnd⸗ „Nach den langen und kräftigen Wörtern zu urtheilen, kann er keinen von beiden Sorten, ſondern er muß einen Bart à la Vedeau tragen und genauer als von Hörenſa⸗ gen wiſſen was zu einer Vedette gehört.“ „Ich bin der Meinung, daß Ew. Majeſtät vollkommen Recht haben; denn das Gedicht iſt von Ihrem treuherzigen Bellegarde.“ Die Königin lachte überlaut. „Von dem?“ ſagte ſie noch immer lachend;„es zieht alſo was Sie ausſprengen? Hält man denn im Ernſte da⸗ für, daß Montmorency und Chalais ſo leicht von Die eiſerne Maske. 9 Reimſchmieden verdrängt werden können? Frankreich iſt das Land der Neugier und der Leichtgläubigkeit.“ „Und der höchſten Liebenswürdigkeit,“ ſetzte die Che⸗ vreuſe hinzu,„ſobald andre Länder beiſteuern... Doch, Ew. Majeſtät, es däucht mir als ob Ihr königlicher Ge⸗ mahl ſchon von der Jagd zuruͤckkäme; das Gefolge reitet ſo eben in den Schloßhof.“ „Ach!“ ſeufzte die Königin, ihr Geſicht abwendend; „ich hätte gern noch ein wenig mit Ihnen geſprochen. Beklagen Sie mich, Herzogin.“ „Stattet Ihnen der König einen Beſuch ab, ſo geſchieht es doch gewiß erſt des Abends, da er, wie ich ſehe, nach ſeinen Zimmern geht. Sie haben daher vollkommen Zeit mich mit Ihrem Vertrauen zu beglücken.“ „Welche Hoffnungen nährte ich am Hofe zu Madrid!. Ich dachte mit allem ausgerüſtet zu ſein um einen Gemahl glücklich zu machen, und glaubte einſt glücklich gemacht zu werden. Ich bin es nicht.“ „Wenn Se. Majeſtät der König nicht glücklich zu ma⸗ chen weiß,“ ſagte die Herzogin,„indem er, von ſchwarzer Ei⸗ ferſucht gepeinigt und von einem ſchleichenden Fieber verzehrt, eher allem Andern als den Freuden der Liebe lebt, ſo...“ „Ganz Recht, Chevreuſe, ſo werde ich mich durch etwas Andres, z. B. durch Lectüre zu ergötzen haben. Wenn es meinem Gemahl beliebt, gegen mein Vaterland Krieg zu führen, ſo will ich daſſelbe darum doch nicht aus meinem Herzen verbannen. Bitten Sie das Fräulein La Fayette mir ein Capitel aus dem Don Quirote vor⸗ zuleſen.“ Dies geſchah. Die Vorleſerin war eben bis zu den Herrlichkeiten gekommen, welche der Held des Cervantes in der Monteſinoshöhle geſehen hatte, als plötzlich der 10 Die eiſerne Maske. König unangemeldet mit dem ganzen Jagdgefolge, alles in Stiefeln und Sporen, in das Zimmer der Königin ein⸗ trat. Dieſe ſtand auf um ihn zu begrüßen, er aber winkte leicht mit der Hand und hieß jedermann wieder Platz neh⸗ men. Hierauf befahl er dem Marquis von Louvigny der Königin die Beute der Jagd zu präſentiren. Der Mar⸗ quis nahte ſich ihr, ließ ſich vor ihr auf ein Knie nieder, deckte ein langes vergoldetes Gefäß auf und bot der Mo⸗ narchin— das Bein von einem eben geſchoſſenen Hirſche dar. Die unglückliche Königin fühlte das verächtliche Be⸗ nehmen ihres Gemahls, welcher von fern ſtand und mit ſeinem Handſchuhe ſpielte, ohne ſie auch nur eines Wortes zu würdigen, nahm mit zitternder Hand das Hirſchbein und ſtammelte mit thränenerſtickter Stimme ihren Dank. Nach dieſer abſcheulichen Scene durchmuſterte Lud⸗ wig XIII. den Kreis der Damen. Als ſein Blick auf die La Fayette fiel, welche das Vuch noch in der Hand hielt, ſagte er lächelnd: „Ohne unbeſcheiden zu ſein, darf man wohl fragen, welcher Schriftſteller das Glück hat die Aufmerkſamkeit ſo vieler ſchönen Damen zu feſſeln?“ Das Fäulein ward über und über roth und reichte dem König das Buch. Er warf einen Blick auf den Titel und ſagte: „Ein Spanier, wieder ein Spanier!“ Die La Fayette, welche noch vor einem Augenblicke geglüht hatte wie eine Roſe, ward weiß wie eine Lilie. Der König bemerkte es und ſagte: „Beruhigen Sie ſich, Fräulein; Sie tadle ich nicht.“ Nach dieſen Worten grüßte der König die Damen mit einer leichten Handbewegung und entfernte ſich, ohne ſeine Gemahlin auch nur angeſehen zu haben. Die eiſerne Maske. 11 „Ein kurzer und ganz eigenthümlicher Beſuch!“ be⸗ merkte die Herzogin. „Ach, und doch,“ antwortete Anna im vollſten Aerger, „kenne ich noch weit unerträglichere Viſiten, die mir der König in den erſten Jahren nach meiner Vermählung ab⸗ ſtattete und die leider keine erfreulichen Folgen hatten. Wenn er nur ein etwas bekleidetes Gerippe wäre, in deſſen Geſellſchaft man das Riechfläſchen miſſen könnte! Ich meine,“ ſetzte ſie ſchnell hinzu,„um nicht vor Kummer über ſeine anzüglichen Reden in Ohnmacht zu ſinken.“ „Es iſt nicht der Fehler Ewr. Majeſtät, wenn Sie einen Gemahl nicht lieben können, welchen das Band einer grau⸗ ſamen Politik an Sie knüpfte. Ich wage zu behaupten, daß ſein Benehmen bei dem Beſuch, welchen er Ihnen ſo eben abſtattete, gegen die Achtung verſtieß, die er Ihrem Geſchlecht und Ihrem Range ſchuldig war. Wie glücklich würde ſich der liebenswürdige Chalais gefühlt haben, einen Augenblick an des Königs Platze zu ſein.“ „Der arme Marquis!“ warf Anna hin;„trotz ſeinem geſchmeidigen Weſen wird er nicht alle vom Cardinal be⸗ zahlte Verräther feſſeln! Wie ſollte mich ſein ſchöner Kopf dauern!“ „Laſſen Sie mich ſorgen, meine Allergnädigſte! Wenn der Cardinal Verräther bezahlt, ſo werden dieſe Herzen haben! Uebrigens iſt dabei nicht zu vergeſſen, wie tief ſich unſer Marquis in das Vertrauen des Königs einzuſchlei⸗ chen gewußt hat...“ „Gut, meine Freundin,“ ſagte die Königin mit einer Bewegung ihrer rechten Hand nach der Geſellſchaft der Da⸗ men hin,„dort ſcheint es lebendig zu werden. Sehen Sie doch gefälligſt nach.“ Kaum hatte die Königin dieſe Worte ausgeſprochen, Die eiſerne Maske. als die Herzogin eine Verbeugung machte und ſich wieder zur Marquiſe ſtellte, welche indeſſen vor Aerger bald ver⸗ gangen war. Sie wollte eben ihr abgebrochenes Geſpräͤch fortſetzen, als Anna ſelbſt herankam und an verſchiedene Hofdamen freundliche Worte richtete. Dann rief ſie die Frau von Motteville und ging mit ihr in ein Seiten⸗ cabinet. 2. Nur kurze Zeit war die Königin abweſend. Sie hatte einen türkiſchen Shawl übergehängt und weißſeidne mit den lebhafteſten Blumen kunſtreich geſtickte Handſchuhe angezogen, entließ die meiſten ihrer Hofdamen und behielt nur die vier Kammerfrauen bei ſich, welche der Rang traf ſie zu bedie⸗ nen. Es ſchien als ob ſie die Gartenluft, obgleich ſie ziemlich kühl war, ein wenig genießen wollte, als plötzlich ein blau und weiß gekleideter Page für ſeinen Herrn, den Cardinal von Richelieu, um eine Audienz bat. Wie unvermuthet dieſes Geſuch auch kommen mochte, die Königin kam durchaus nicht aus der Faſſung. „Seine Eminenz iſt ſtets willkommen!“ ſagte ſie. Die Kammerfrauen blickten einander furchtſam an, die Frau von Mottevile ſtellte ſich hinter eine Säule, ſo daß ſie nur den Platz ſehen konnte, welchen wahrſcheinlich die Königin einnehmen mußte. Die Flügelthüren thaten ſich auf und herein trat der wider ſeine Gewohnheit ganz ſchwarz gekleidete Cardinal Richelieu, äußerſt fein in allen ſeinen Bewegungen, bekanntlich ein Meiſter in der Sprache und Verſtellungs⸗ kunſt. Er war nur mittler Statur und aus ſeinem la⸗ A A Die eiſerne Maske. 13 chelnden Geſichte flammten ein Paar kleine graue Augen, die mehr zu ſchrecken als zur Liebe zu reizen geeignet wa⸗ ren. Seine Aufgabe war groß. Was er wollte, durfte er nicht wohl merken laſſen, um ſich nicht auszuſetzen, und doch mußte ſein Wunſch errathen werden, wenn er ein längſt erſehntes Glück genießen wollte. Die Liebe der holdſeligen Königin ſchien einige Anſtrengung werth zu ſein. „Ew. Mäjeſtät,“ ſagte er,„entſchuldigen wohl meine Freiheit, Ihnen einige koſtbare Augenblicke zu rauben, mit meiner Sorge für das Beſte des Reichs und der erlauch⸗ ten Familie..“ „Ah, Eminenz, ſiel die Königin ein,„Sie wiſſen, daß Sie mir ſtets willkommen ſind, auch wenn Sie nicht ganz ſo wichtige Urſachen in meine Gemächer führten.“ „Ich fühle mich geſchmeichelt dies von der ſchönſten Frau des Erdballs zu hören.“ „Indeſſen würde ich es mir nie verzeihen, dem Manne, auf deſſen Schultern das Wohl und Wehe Frankreichs und einer halben Welt ruht, mehr Zeit zu rauben als un⸗ umgänglich nöthig iſt.“ „Ich bin ſchon zu glücklich,“ ſagte Richelieu falſche Augen machend,„von Ihrer Zeit zu erhalten was wich⸗ tigere Angelegenheiten übrig laſſen. Wenn ich Ew. Ma⸗ jeſtät für die ſchönſte Frau des Erddalls erklärte, ſo hatte ich hinzuzufügen, daß ich es nicht allein bin, der dieſe Bemerkung macht. Die Montmoreney bin ich gewohnt nicht unter meine Freunde zu zählen, auch wenn einer da⸗ von die Gnade hat Ihnen zu gefallen; der Abbé Gondy, welcher die Zirkel des Louvre und der Frau von Chevreuſe ſeinem Lehrer Vineent vorzieht, möchte leicht eines An⸗ ſtoßes bedürfen, um ihn zur Kirche und Sorbonne zurück⸗ zubringen; von Chalais iſt es notoriſch, daß er, unter⸗ 14 Die eiſerne Maske. ſtützt von Ihnen, von Ornano, dem Prinzen Gaſton und der Königin(Mutter) Maria, Seine Majeſtät den König gewann, um durch ihn ein andres Ziel und durch dieſes wieder ſeinen Hauptzweck zu erreichen. Ich ſage das alles bloß um Sie aufmerkſam zu machen, daß gewiſſe Ihnen näher bekannte Verhältniſſe mich dermaleinſt ver⸗ geſſen laſſen müſſen, daß Sie eben ſelbſt Ihnen nicht ganz fremd geblieben zu ſein ſcheinen...“ „Wie, Herr Cardinal,“ unterbrach die Königin,„Sie gedenken doch durch die Aufzählung von Perſonen, denen Sie abgeneigt ſein mögen, nicht mir Vorwürſe zu ma⸗ chen? Oder wollen Sie mir vorſchreiben, mit wem ich umgehen ſoll? Die Verbindung Ihrer Sätze ſcheint nichts Geringeres anzudeuten.“ „Ah, ſchöne Königin,“ verſetzte der Cardinal,„ich bin es nicht, welcher eine ſolche Frage veranlaßt; es iſt eine wohlgemeinte Warnung höherer Art, welche den Zweck meiner Bitte um die Gnade einer Audienz bildet.“ „Wovor warnen Sie mich mit klaren Worten?“ „Vor dem Unglück, Ihrem Gemahl merken zu laſſen, daß die ſchönen Augen gewiſſer Männer neben Ihren Rei⸗ zen noch auf etwas Andres blicken.“ „Wenn Sie mit dieſen Worten auf Staatsintriguen an⸗ ſpielen, die Ihnen gefährlich ſein könnten,“ ſagte die Kö⸗ nigin mit klopfendem Herzen,„ſo bitte ich Sie dieſelben zu redreſſtren.“ „So gewiß als das ſchöne Veilchen, welches auf die⸗ ſem Ihrem Handſchuh glänzt, nicht um des Handſchuhes willen da iſt, bedeuten gewiſſe Beſtrebungen etwas mehr als perſönliche Huldigung.“ Bei dieſen Worten verſuchte der Cardinal die Hand der Königin zu faſſen, als wollte er die ſchöne Stickerei der ρ‿̈ N— Die eiſerne Maske. 15 Handſchuhe genauer betrachten. Dieſe Verwegenheit, ver⸗ bunden mit den ihre Reize herabwürdigenden Reden, die ihm ſeine Eiferſucht ausgepreßt hatte, brachte die Königin völlig auf. Vergeſſend was ſie dadurch auf's Spiel ſetzte, ſchob ſie mit einer unwilligen Bewegung des Mundes die Hand des Cardinals zurück und fragte dann mit zuſam⸗ mengebiſſenen Lippen: „Wie, mein Herr?“ „Ich meine,“ ſprach der Cardinal ſchnell,„ſo lange Sie, gnädige Frau, einer Chevreuſe Gehör geben, wer⸗ den Sie das Gefühl Ihrer Einſamkeit nicht los werden, welches durch das Erwähnte nur übertäubt und nie beſei⸗ tigt werden kann.“ 5 „Wer ſagte Ihnen ſchon,“ fuhr jetzt die Königin in ihrer unbedachtſamen Art heraus,„daß ich mich in meiner Einſamkeit nicht glücklich fühle?“ „Die dann jedenfalls ausgefüllt ſein müßte,“ bemerkte Richelieu ſpitzig. „Wenn Sie, Herr Cardinal,“ antwortete die Königin im höchſten Grade erzürnt,„die Bekümmerniß über die Ausfüllung meiner Zeit eine Sorge für das Beſte des Reichs und meiner Familie nennen, ſo erlauben Sie mir andre Begriffe davon zu haben.“ „Ew. Majeſtät belieben ſcherzweiſe die Einleitung mit der Sache ſelbſt zu verwechſeln. Wenn Sie die Gnade haben wollen, mir noch einen von den Ihnen, wie ich höre, ſo koſtbaren Augenblicken zu ſchenken, ſo werden Sie bald ermeſſen, wie genau die von mir namhaft gemachten Män⸗ ner mit dem Zweck der erbetenen Audienz, dem Wohle des Ganzen zuſammenhängen. Ich brauche Ihnen die acht Kriege der Hugenotten nicht detaillirt in Erinnerung zu bringen, um Ihnen die Nothwendigkeit einleuchtend zu machen, daß 16 Die eiſerne Maske. deren Stützen von der Regierung ſcharf beaufſichtigt und nöthigenfalls entfernt werden müſſen. Seine Majeſtät der König ſetzt das ehrenvolle Vertrauen in mich, daß ich den Staatskörper, welchen ich blutend und krank fand, geheilt und geſund hinterlaſſe. Stellt ſich nun Klein oder Groß dieſer meiner Abſicht in den Weg, ſo werde ich mich un⸗ terſtehen darüber hin zu gehen. Wollte ich noch deutlicher ſprechen, ſo müßte ich fürchten das ſanfte fühlende Herz meiner Königin mehr zu treffen als es für deſſen Ruhe gut wäre. Es würde alſo dabei bleiben, daß ich nur eine Warnung höherer Art zu geben vermag, und dies glaube ich in klaren Worten gethan zu haben.“ Nach dieſen Worten verbeugte ſich der Cardinal und nahm ſtolz ſeinen Rückzug, im Vorbeigehen die Frau von Motteville höhniſch grüßend, welche während des Ge⸗ ſprächs aus ihrem Hinterhalt hervorgekommen und bei dem plötzlichen Aufheben deſſelben zu ſpät zurückgetreten war. „Furchtbarer Richelieu!“ murmelte die Dame hinter ihrer Säule, ſtarr vor Schrecken. Die Königin winkte und ſagte dann zur Motteville: „Ich befinde mich unwohl und kann heute niemanden mehr ſprechen... Der verſchmähte Cardinal wird mich verderben, wenn es ihm möglich iſt,“ fügte ſie leiſe hinzu. Die nöthigen Befehle wurden gegeben. Die Königin zog ſich mit ihren Kammerfrauen in ihr Boudoir zurück und lehnte ſich nachläſſig auf ein Sopha. Die Motte⸗ ville, welche nie von ihrer Seite kam, wollte ſich eben erkundigen, ob ſie nach dem Leibarzte ſchicken ſollte, als die Königin tief aufſeufzte und folgendes Selbſtgeſpräch hielt: „Ja, der Cardinal hat Recht; ich bin einſam. Mein leuteſcheuer Gemahl, der nur bei den beliebten öffentlichen Die eiſerne Maske. 17 Ceremonien und bei ſeiner Rückkehr von der Jagd ſichtbar iſt, kränkelt ſeine Tage in mürriſcher Eiferſucht dahin; er, der ſeit den erſten paar Jahren ſeiner Verheirathung keine Gemahlin hat, trägt ſeine Liebe gegen die La Fayet⸗ te, die Hautefort und die Chemerant zur Schau, die wohl am beſten wiſſen mögen was er ihnen ſein kann. Nein, Herr Cardinal, die Schmeicheleien meiner Anbeter füllen mein Herz nicht aus, die verſtohlenen Blicke ſätti⸗ gen es nicht, kleine unter Lebensgefahr beſtandene Aben⸗ teuer machen Luſt zu großen, zu dauernden und geſahr⸗ loſen. Ich habe nie mehr gefühlt als nach dieſem Geſpräch mit dem Cardinal, daß ich ganz unglücklich bin...“ Soweit hatte Anna vor ſich hin ihrem Herzen Luft gemacht, als die Frau von Motteville, welche mit der Beauvais in ein Geſpräch vertieft geweſen war, lang⸗ ſam auf die Königin zuging und von dieſer vollends her⸗ angewinkt wurde. „Haben Sie mir eine Bemerkung mitzutheilen?“ fragte die letztere. „Wenn Ew. Majeſtät allergnädigſt erlauben, ſo wünſchte ich Ihnen zu ſagen, was ſo eben der Frau von Beau⸗ vais durch die Herzogin von Chevreuſe gemeldet wor⸗ den iſt.“ „Nun?“ „Madame) ſoll durch den Herzog von Bucking⸗ ham abgeholt werden und diefer iſt bereits zu Schiffe ge⸗ gangen.“ „Durch Buckingham!“ ſagte die Königin überraſcht; *) Heurierte Marie, Tochter Heinrich's IV. und der Ka⸗ tharina von Medicis, geb. 1609, war für Karl I. von England beſtimmt. 2 18 Die eiſerne Maske. „durch Buckingham,“ wiederholte ſte,„welcher mit allen Annehmlichkeiten des Leibes und der Seele ſo verſchwen⸗ deriſch ausgerüſtet ſein, welcher ſich gerühmt haben ſoll, daß Eliſabeth, wenn er früher gelebt, ſich nicht auf die Grabſchrift„Hier ruht die jungfräuliche Königin“ hätte ſpitzen durfen! Ich bin neugierig. Laſſen Sie doch die gute Chevreuſe eerſuchen, mich in meiner Unpäßlichkeit ein wenig zu tröſten... trotz allen Richelieu's,“ ſetzte ſie heimlich hinzu. Unruhig auf⸗ und abgehend wartete die Königin auf die Ankunft ihrer Freundin. Der Empfang war herzlicher als man ihn an Höfen zu ſehen gewohnt iſt. „Nun, meine beſte Herzogin, woher dieſe Nachricht? Iſt ſie auch ſicher?“ „So ſicher, meine Gnädige, als daß der Cardinal vor Aerger ſchwarz iſt. Wohl begünſtigte und leitete er das Heirathsproject, um dadurch Oeſtreich zu ſchwächen; aber er überlegte nicht, daß der ſchöne Buckingham im Stande ſein dürfte deſſen liebſte Plane zu durchkreuzen. Ich habe mich eines unverzeihlichen Fehlers anzuklagen, daß ich Ihnen nämlich noch nicht mittheilte, wie ich auf einem Balle in London Gelegenheit hatte den Herzog genau zu beobachten.“ „Auf einem Balle?“ fragte die Königin. „Ja, Ew. Majeſtät; auf dem, welchen mir Lord Hol⸗ land zu geben die Güte hatte.“ „Und wie benahm ſich denn der Herzog auf dem Balle, den Ihnen zu Ehren der Lord Holland gab?“ „Er eroberte die Achtung aller Männer und die Herzen aller Frauen. In der Geſtalt eines Apoll ſcheint die ma⸗ jeſtätiſche Seele eines Jupiter zu wohnen. An ihm iſt alles Feuer und Leben. Trotz den glänzenden braunen Locken llen ven⸗ oll, auf ätte die kkeit etzte auf icher cht? Hol⸗ galle, erzen ma⸗ alles ocken Die eiſerne Maske. 19 bemerkt man den erhabenen Fehler einer etwas zu hohen Stirn, wenn dies für einen Fehler gelten kann. Es be⸗ darf keiner Bemerkung, daß er ein Perikles im Felde, ein Solon im Cabinette, ein Demoſthenes im Parla⸗ mente und ein Aleibiades in Gegenwart der Frauen iſt.“ „Der Herzog hat eine ſehr warme Fürſprecherin an Ihnen gefunden; doch muß er keine gemeine Schönheit ſein, wenn er eine Chevreuſe ſo in Flammen ſetzen kann.“ „Was iſt die liebenswürdige Ungezogenheit Gondy's, was Chalais' ſchmachtender Blick und was ſelbſt Mont⸗ morency's edle Haltung gegen den herzgewinnenden Zau⸗ ber eines Buckingham!“ „Wenn er nicht ein ſo gewaltiger Zauberer iſt, daß er ſich auch unſichtbar machen kann,“ ſcherzte die Königin, „ſo werde ich ja wohl bald in den Fall kommen Ihr Ent⸗ zücken zu theilen; denn Sie zweifeln wohl nicht an mei⸗ nem Herzen?“ „Das Große, Schöne und Edle, was im Herzen mei⸗ ner Königin wohnt, wird ſich gegenüber etwas Aehnliches finden. Morgen wird der Herzog erwartet. Lord Hol⸗ land bleibt in Amiens, wo er die Rückkunft des Herzogs und ſeiner Begleiterin zu erwarten Auftrag hat.“ „Bei dieſem Empfange denke ich mir den König!“ „Seine Majeſtät der König ſoll ſich über die Wahl des Geſandten ſehr zufrieden ausgeſprochen haben, deſto weni⸗ ger aber der unheilblickende Richelieu, welcher in Bezug auf den Herzog dem Vernehmen nach geäußert hat, er halte ihn für ein furchtbares Original.“ „Ich bin nur ein Weib,“ ſagte die Königin,„aber . 1 7: 2. weder vor dem Original noch vor einer Copie würde ich mich fürchten.“ 2* Die eiſerne Maske. „Wenn ich Ihre Worte auslegen darf wie ich will, ſo dürfte..“ „So dürften Sie mir, wenn es in Ihrer Macht ſteht, ein Portrait des Herzogs bringen.“ „Glücklicherweiſe habe ich deren zwei eben hier; das eine ſtellt den Herzog, das andre— doch ſehen Ew. Ma⸗ jeſtät ſelbſt zu.“ „Ah!“ rief die Königin unwillkührlich aus, als ſie das runde, volle Geſicht, die griechiſche Naſe, die großen Au⸗ gen und herrlichen Locken des einen von dieſen Köpfen ſah;„das iſt Buckingham!“ „Suchen Sie keinen andern,“ antwortete die Herzogin lächelnd,„denn neben ihm verſchwindet ſelbſt dieſes ſchöne Portrait des königlichen Bräutigams.“ Einige Zeit trennten ſich die Blicke der Königin gar nicht von dem Bildniſſe des Herzogs; dann ſagte ſie, plötz⸗ lich aufſtehend: „Nicht wahr, Herzogin, Sie ſind meine treue Freun⸗ din? Verlaſſen Sie mich jetzt, um mich morgen gar nicht zu verlaſſen.“ 3 Der Königin Hand küſſend, empfahl ſich die ſchöne Intriguantin, während Anna ſich nach ihrem Schlafzim⸗ mer bringen ließ. An der Thür des Saales, wo das oben mitgetheilte Geſpräch ſtattgefunden hatte, ſtand nur noch die ältliche Verneuil, welche zur Herzogin ſagte, ohne daß dieſe ſchicklicherweiſe hätte ausweichen können: „Bei der Erzählung von dem Balle, welcher Sie einſt ſo entzückte, waren Sie nicht ganz vollſtändig; Sie ver⸗ gaßen eine Aeußerung des Herzogs von Buckingham, welche jedenfalls ihres Eindruckes nicht verfehlt hätte.“ „Nämlich?“ fragte die Herzogin von C hevreuſe, die Thürklinke in der Hand.* —S—r Sͤ—— Die eiſerne Maske. 21 „O es war eine Kleinigkeit, die ſich wohl vergeſſen läßt. Der Herzog ſah, wie ich von Ohrenzeugen weiß, an Ihrem Arme das Portrait unſrer Herrin und ſchien es mit Wohlgefallen zu betrachten. Lady Suffolk be⸗ merkte dies und ſprach ſcherzend: Ah ah, Herzog, was würde die ſchöne Miß Jenny Epſom ſagen, wenn ſie an meiner Stelle wäre? Buckingham beugte ſich gegen das Ohr der Lady und ſagte halb laut und mit einem im⸗ pertinenten Zuge um den Mund: Was ſie ſagen würde gebe ich mir nicht die Mühe zu errathen; ich aber ſage daß, wenn ich mir Mühe geben wollte, das Original die⸗ ſes Gemäldes nicht ſchwerer zu haben ſein würde als Jenny Epſom. Dieſe wenigen Worte hätten noch zur Vollſtändigkeit Ihres Berichtes gehört.“ „Wenn Sie dies von Ohrenzeugen haben,“ entgegnete die Herzogin,„ſo möchte ich morgen wenigſtens nicht an Ihrer Stelle ſein, wofern vielleicht der Fall eintreten ſollte, daß dieſe Anekdote etwa von deren Verbreitern ver⸗ treten werden müßte.“ Nachdem die Herzogin dieſe Worte ſchnell hervorgeſtoßen hatte, ging ſie raſch durch die Thür und ließ die Marquiſe in großer Verblüffung ſtehen. 3. Am folgenden Morgen war im Louvre und vorzugs⸗ weiſe in den Gemächern der Königin große Bewegung. Alle Ceremonien und Präſentationen waren auf das ge⸗ beſtimmt. Die rothwangige jugendlich ausſehende Königin war nie ſchöner geweſen als in dem einfachen znen Kleide, das lher rundlichen Formen umfloß. 22 Die eiſerne Maske. Vor ihr auf der Toilette lag ein kleiner überaus zierlich gearbeiteter Ring neben den größeren Diamantringen und dem mit Rubinen überſäeten Diadem. Im Innern der Toilette befanden ſich außer verſchiedenen Schmuckſachen auch die Bildniſſe Karl Stuart's und Buckingham'’s, welches letztere die Blicke der Königin wiederholt beſchäf⸗ tigte. Wir ſtören ſie nicht in ihrer Andacht und begeben uns in den Palaſt des Cardinals Richelieu, welcher eben eine kleine Unterredung mit einem Kapuziner hat. Mit dieſem ſprach die Eminenz ſo vertraulich, daß man einen hohen Begriff von deſſen Fähigkeiten haben mußte. Es war der 48jährige Pater Joſeph, welcher die Rechte ſtu⸗ dirt, Italien und Deutſchland geſehen, einen Feldzug mit⸗ gemacht und viele glückliche Unterhandlungen gepflogen hatte. Er war gleichſam der Spiritus familiaris des Cardinals. Der letztere hatte offenbar ein großes Intereſſe an die⸗ ſer Unterredung, indem ſein ganzes Weſen aufgeregter ſchien, als es ſich eigentlich für einen großen Staatsmann ſchickt und als man an Sr. Eminenz zu ſehen gewohnt war. Nachdem die beiden Geiſtlichen über die paſſendſte Art und Weiſe geſprochen hatten, den König ganz und auf immer von dem Einfluſſe der Königin Mutter(Maria von Me⸗ dieis) zu befreien, kamen ſie auf den Gegenſtand des Tages, auf die Abholung der Madame Henriette. „In der That,“ ſagte Richelieu,„wenn durch dieſe Heirath Oeſtreich zu kurz kommen muß, ſo wünſche ich nicht, daß eine andre Macht um ſo muthiger werde. Eng⸗ land ſoll nicht den Einfluß bekommen, den ich Spanien genommen habe. Zunächſt denken Sie doch, ß ein Buckingham das uns eben von der guten Verr euil mitgetheilte Bonmot in Bezug auf die Königin wahr zu machen im Stande iſt. Und wenn ſich die Königi durch Die eiſerne Maske. 23 ihn über ihre gezwungene Wittwenſchaft getröſtet hätte, wäre es ihr ein Leichtes den Beherrſcher von Weſtminſter zur Durchkreuzung meiner Plane zu gewinnen. Frankreich kann klein werden, weil es einer Chevreuſe gefällt die königliche Wittwe mit einem Liebhaber zu verſehen. Unter welchem Vorwande könnte ich die überall anweſende Intri⸗ guantin entfernen? Fände ich aber auch einen Vorwand die Frau, welche der Rang trifft Madame zum Altare zu geleiten, nach Brüſſel zu ſchicken, ſo wäre doch immer die Königin da, welche eine ſo gute Schule genoſſen hat. Da jetzt nichts mehr zu ändern iſt, ſo hat man meines Erach⸗ tens nach den öffentlichen Ceremonien und Präſentationen lediglich auf die Vermeidung gewiſſer Zuſammenkünfte und Correſpondenzen zu ſehen, die ganz natürlich gegen unſre Macht über Oeſtreich und England, gegen unſre Plane auf die Unterdrückung der Hugenotten und des übermüthi⸗ gen Adels wirken müßten. Ich habe Ihnen in dieſen Wor⸗ ten mitgetheilt, was mich in Bezug auf die engliſche Am⸗ baſſade quält.“ „Zuerſt eine Frage,“ erwiderte der Pater Joſeph; „warum blieben Ew. Eminenz nicht bei Ihrem frühern Vorſatz Madame in Begleitung des Herrn Montmorency nach Amiens zu ſchicken und ſo jede Zuſammenkunft des gefährlichen Engländers mit der Königin und Herzogin un⸗ möglich zu machen?“ „Ich ſondirte in dieſer Beziehung den König und führte dabei das Beiſpiel der Madame Eliſabeth an, welche der Herzog von Guiſe bis Fuentarabia begleitete. Allein er runzelte die Stirn, ſah dreimal mürriſcher aus als ge⸗ wöhnlich und belehrte mich endlich(was ich bereits beſſer wußte als er), daß zwiſchen den Perſonen und Umſtänden ein Unterſchied obwalte.“ 24 Die eiſerne Maske. „Dies würde mir mit Ew. Eminenz Erlaubniß noch kein unüberwindliches Hinderniß geſchienen haben. Außer dem Beiſpiele hatten Sie auch die Gewalt; die Wohlfahrt des Staats entſchuldigt in den Augen der Welt die Ver⸗ letzung der Etikette. Wenn Sie dies dem König zu ver⸗ ſtehen gaben, ſo mußte er ſeine Anſicht zu Gunſten Ihres Willens aufgeben.“ „Es iſt nicht geſchehen,“ ſprach der Cardinal ungeduldig. „Ew. Eminenz ſcheinen Eile zu haben,“ ſagte der Pater.„Dennoch muß ich noch eine andre Frage voraus⸗ ſchicken. War es Ihnen unmöglich einen andern Geſandten als Buckingham wählen zu laſſen, warum ſchickten Sie mich nicht nach London?“ „Ich ließ dem königlichen Bräutigam durch die fünfte Hand unſern Salisbury vorſchlagen; da man aber von ſeiner Anhänglichkeit an unſer Syſtem etwas zu befürchten ſchien, ſo ward der Vorſchlag abgelehnt. Nun glaubte ich wenigſtens den Grafen von Carwinforth ſicher zu haben, da Karl Stuart ihn liebt und ſich bereits gün⸗ ſtig geäußert hatte, aber gleich nach der Audienz ſchloß ſich die ſchöne Jenny Epſom zwei Stunden lang mit dem künſtigen König ein und verkündete dann bei ihrem Herausgehen die Ernennung Buckingham'’s.“ „Auch dies brauchte meiner Anſicht nach noch nicht zu entſcheiden; denn ſchloß ſich der Schwager unſres Kö⸗ nigs mit der Epſom zwei Stunden ein, ſo würde er ſich am andern Tage mit der Chevreuſe wenigſtens eine Stunde eingeſchloſſen haben, und wir wären ſie los geweſen.“ „Alles gut; aber es mangelte an Zeit. Uebrigens ſehen Sie an unſern Anſtalten, daß auch dies nicht geſchehen iſt.“ „Ich bitte Ew. Eminenz tauſendmal um Verzeihung, wenn ich Sie mit Fragen unterhalten habe, dern Beant⸗ noch ißer ahrt Jer⸗ ver⸗ hres dig. der aus⸗ dten Sie infte von hten ubte r zu gün⸗ hloß mit hrem ſt zu Kö⸗ r ſich eine ſen.“ ſehen iſt.⸗ zung, eant⸗ Die eiſerne Maske. 25 wortung mich über den Umfang meiner Vorſchläge beleh⸗ ren ſollte, die Sie von mir zu begehren die Gnade hatten. Nachdem alle andern Wege verrannt ſind, habe ich nur einen Vorſchlag zu machen, der einer kräftigen Verwaltung recht wohl ziemt. Buckingham iſt furchtbar und liebens⸗ würdig. Man muß ihm bange machen, damit er ſeine Liebens⸗ würdigkeit erſt nach ſeiner Rückkehr in die Heimath wieder entfalte. Nachdem Sie ihn in der öffentlichen Vorſtellung mit der Ihnen ſo eignen Majeſtät empfangen haben wer⸗ den, laſſen Sie ihn um ein Geſpräch unter vier Augen erſuchen. So wie er in Ihr Cabinet eintritt, theilen Sie ihm mit, daß Sie wiſſen was er im Zirkel des Lord Hol⸗ land von unſrer Königin geſagt hat, daß Sie entſchloſ⸗ ſen ſind den Frevel nur dann zu vergeſſen, wenn ſich wäh⸗ rend ſeiner Anweſenheit in Frankreich nicht die mindeſte Spur zeigte, daß jene Aeußerung mehr als ein unüberleg⸗ ter Scherz geweſen ſei. Ich ſchwöre, daß einem Miniſter gegenüber, der nie vergebens drohte, ſelbſt ein Bucking⸗ ham ſeine Liebenswürdigkeit der Behutſamkeit zum Opfer bringt.“ „Acceptirt,“ ſagte Richelieu,„und Sie werden den König bearbeiten, daß er etwas von ſeinen langen Cere⸗ monien nachläßt. Die Abreiſe des Geſandten nach Amiens muß beſchleunigt werden. Dem König ſagen Sie, daß der Zuſtand ſeiner Finanzen keine großen Feſtlichkeiten ge⸗ ſtatte, und ich ſage Buckingham, daß die Feſte in Amiens vorbereitet werden. Namentlich beauftrage ich Sie, die Königin und die Königin Mutter in Paris zurückzu⸗ halten, während man in Amiens Feuerwerke abbrennt; bei dem Genie, das unter der Kapuze ſteckt, wird Ihnen das nicht ſchwer fallen. Einen Wink kann ich Ihnen geben, ohne Ihre Erfindungsgabe in Zweifel zu ziehen: die Kö⸗ 26 Die eiſerne Maske. nigin Anna hat geſtern Abend über Unwohlſein geklagt und der Leibarzt iſt, wie Sie wiſſen, meine Creatur.“ „Wie ich die Sache jetzt anſehe, iſt das ſo gut wie geſchehen,“ antwortete Pater Joſeph;„nur dürfte es mir weniger leicht werden, die ſchlaue Chevreuſe zurück⸗ zuhalten. Wie, wenn Sie das Weib einziehen ließen? Nach der Abreiſe des Geſandten hat die Verhaftnahme auf dem Verſehen eines Unterbeamten beruht.“ „Sie vergeſſen, lieber Pater, daß der König ſeine Hauptanordnung in Betreff der Ceremonien durchaus nicht ändern läßt. Ich beherrſche ihn in allen andern Dingen; aber die Chevreuſe entbehrt er beim Glanze ſeiner Feſte um keinen Preis. Wir machen ſie dadurch unſchädlich, daß wir ſie um und um mit Horchern umſtellen. Es müßte keine Verneuil in der Welt geben, die viele Freundinnen hat. Gegen Buckingham darf die Herzogin nicht unbe⸗ lauſcht mit der Wimper zucken.“ „Dies werden Sie ordnen,“ ſagte der Kapuziner,„und wo möglich nebenbei dafür ſorgen, daß Montmoreney ſich zwiſchen Buckingham und die Königin ſtellt, ich aber werde unterdeſſen machen, daß man dem Engländer zu Ohren bringt, die unpäßliche Anna habe ſeit ihrem zu frühzeitigen Wochenbett von 1622 ein unſchönes Leiden an ſich.“ „Wirken Sie, unübertrefflicher Schlaukopf,“ ſprach Ri⸗ chelieu, diplomatiſch gerührt;„ſorgen Sie in gewohnter Weiſe für Vortheil und Uebervortheilung, für kurzen Glanz und lange Verblendung. Wenn ich Sie jetzt beurlaube, ſo laſſe ich meine rechte Hand von mir. Unſer Plan kann, denke ich, nicht mehr überjoſepht wer. Mit zufrieden m ieh bwar d 1 —8—— ⏑☛ν—— Die eiſerne Maske. 27 Thür hinaus. Der Cardinal legte ſein Amtsgewand an und ſchimmerte wie die Morgenröthe. Er ging in das Gemach des Königs, welcher ihm mit den Worten ent⸗ gegenkam: „Nun Cardinal, haben Sie angeordnet, daß der Her⸗ zog von Buckingham gleich nach ſeiner Ankunft mir und meiner Gemahlin, meiner Schweſter Henriette, den Prin⸗ zen und Prinzeſſinnen vom Geblüt und Ihnen nebſt den übrigen Miniſtern vorgeſtellt werde?“ „Wohl iſt dies nach dem Wunſche Ewr. Majeſtät ge⸗ ſchehen; allein ich fürchte uur, daß Ihre Majeſtät die Kö⸗ nigin wegen ihrer Unpäßlichkeit...“ „Iſt gehoben,“ ſagte der König. „Dafür ſei Gott geprieſen,“ ſuhr der Cardinal fort; „indeſſen verſichert der Leibarzt der Königin...“ „Daß ſie ſich ſchonen muß? Das kann ſie im warmen Saale. Ihre Gegenwart iſt aber nöthig, um den Glanz des Feſtes zu erhöhen und den Engländern zu imponiren.“ „O wie ſchön, wenn ſie theilnehmen kann! Dann ſtößt Buckingham, welchen man für ebenſo ſtolz als liebens⸗ würdig zu halten gewohnt iſt, gleich bei ſeinem Eintritt in die Heimathswelt der Schönheit und des Geſchmacks auf einen Gegenſtand, dergleichen ihm ſein England nie zu zei⸗ gen vermochte.“ „Wie ſieht er aus?“ „Das Urtheil unterrichteter Engländer lautet ſo: Die Natur hat an Buckingham körperliche Reize verſchwen⸗ det, die jedermann und vorzugsweiſe die Damenwelt gleich beim erſten Anblick für ihn einnehmen. Dabei weiß er ſich leicht und edel auszudrücken, fügt ſich, wo er ſeinen Vorkheil dabei ſieht, nach jedermanns Geſchmack und ſpen⸗ det Gold mit vollen Händen. So gewinnt er die Männer 28 Die eiſerne Maske. und unterjocht die Weiber. Es iſt keine Schönheit des Ho⸗ fes von St. James, die nicht für ihn geglüht hätte. Ge⸗ genwaͤrtig trägt er die Farbe der Schottin Jenny Epſom, die in ihrer Heimath dem Barden Oſſian einen Tempel errichtet hatte.“ „Was ſagen Sie von ſeiner Politik?“ fragte der Kö⸗ nig, deſſen finſtre Mienen ſelbſt nicht durch einen Strahl aus dem Tempel Oſſian's erheitert werden konnten. „Daß ſie alles gut einzuleiten und wegen ſeines Ueber⸗ muthes nichts gut auszuführen verſteht, daß ſie, falls ihr Ew. Majeſtät nicht durch Ihre königliche Schweſter einen Weg vorzeichnen, deren Gemahl über kurz oder lang in's Verderben ſtürzen muß.“ „Was ihm vor zwei Jahren an dem ſchwachen Hofe jenſeit der Pyrenäen mißlang*), glückt ihm jetzt im erſten Reiche der Welt; was ihm heute die Puritaner nachſagen, wird er morgen durch die Rolle zu ſchanden machen, die er meine Schweſter auf dem engliſchen Throne ſpielen läßt.“ „Dies vorausgeſetzt,“ ſagte Richelieu beleidigt,„wer⸗ den Ew. Majeſtät bei dem bekannten Charakter des Her⸗ zogs mit der Verlobung und Vermählung zu eilen haben, damit Madame ihre Rolle möglichſt bald beginne. Dane⸗ ben möchte ich aber doch rathen, einen untadelhaften Ca⸗ valier Ihres Hofs(und welcher wäre dies mehr als der edle Montmoreney?) dem Herzog bei ſeinen officiellen Geſchäften in Frankreich zur Seite zu ſtellen, damit dem franzöſiſchen Miniſter nicht aufgebürdet werde was der eng⸗ liſche Botſchafter dabei verſchulden dürfte...“ *) Die Vermählung des Prinzen von Wales mit einer ſpani⸗ ſchen Infantin. daß ten übe ihn wer ſich reit er nie Die eiſerne Maske. 29 „Mein Herr Cardinal,“ fiel der König ein, nich will, daß wegen der Fehler, die man dem Herzog anzudich⸗ ten ein Intereſſe haben mag, in den Geſchäften nichts übereilt werde. Kommt Buckingham, ſo iſt es Zeit ihn zu beobachten, und die Schanzen ſeiner Verſtellung werden Ihrer Belagerungskunſt nicht zu feſt ſein. Rück⸗ ſichtlich der Ceremonien bleibt alles wie ich es Ihnen be⸗ reits habe mittheilen laſſen.“ Nach dieſen Worten gab der König zu erkennen, daß er keine Antwort erwarte, und der Cardinal empfahl ſich nicht in der beſten Laune. 4. In dem großen Saale des Louvre, welcher nach den Tuilerien hin liegt, befand ſich alles Glänzende, was der Hof Ludwig's XIII. aufzuzeigen hatte. Die Miniſter, und unter ihnen hervorragend der Cardinal von Riche⸗ lieu, ſaßen lautlos auf ihren mit rothem Sammet be⸗ ſchlagenen Armſtühlen. Weiterhin folgten die Prinzen vom Geblüt in ihren goldbetreßten Gewändern. Rechts ſah man die ſchön geſchmückten Prinzeſſinnen, die unſtät um⸗ herblickende Königin Mutter Maria von Medicis und die ſechzehnjährige Henriette, aus deren lächelnden Mie⸗ nen man nicht leſen konnte, daß ſie ahnte, welchem Schick⸗ ſale ſie entgegenging, und daß ſie ſich einſt nicht anders als die unglückliche Königin nennen würde. Oben quer⸗ vor auf erhöhtem Stuhle ſaß Ludwig nebſt ſeiner Ge⸗ mahlin, und der letztern zur Linken nach Madame hin bemerkte man einen koſtbaren noch leer ſtehenden Stuhl⸗ Guirlanden umſchlangen die Säulen und hingen zwiſchen Die eiſerne Maske. den Kronleuchtern in Bogen von der Decke herab. In der Mitte des Saales ſtand der Ceremonienmeiſter, an deſſen Stelle das Volk lieber den Requetenmeiſter geſehen hätte. Nie ſchien ſich der König wohler zu befinden als unter feſtlichen Ceremonien. Es machte ihm ein ausnehmendes Vergnügen die Damenwelt zu ſeiner Linken zu muſtern. Ueber den Schoß ſeiner verlaſſenen Gemahlin hinweg⸗ blickend lächelte er den Hofdamen zu, deren Muthwille durch die Anweſenheit der Königin kaum merklich gemäßigt wurde. Die Frau von Montbazon, auf welcher ſein Auge ruhte, ſuchte zu erröthen und legte die Hand auf ihren ſchön gebauten Buſen; ſowie ſich die jugendliche Frau von Hautefort von Ludwig beobachtet ſah, hielt ſie den Fächer vor die rechte Hälfte des Geſichts und lä⸗ chelte mit der linken dem Monarchen holdſelig zu; was die Baronin von Anglecourt an Freundlichkeit unter⸗ drückte, das ſpendete dem König doppelt die muntre Mar⸗ quiſe von Louvigny. Das Fäulein von La Fayette hatte ſich von ihrer Vorleſung noch nicht völlig erholt, ward aber von der phantaſtiſchen V endôme übertragen. Die Prinzeſſin Guiſe ſprach mit der Koͤnigin Mutter von der allmählichen Unterdrückung der engliſchen Proteſtanten und ereiferte ſich dergeſtalt, daß die Blicke des Königs auch einen Augenblick auf ſie fielen. Während die Beauvais, die Motteville und die Herzogin von Chevreuſe, welche dem Eingange zunächſt ſaßen, ihre Gloſſen über die königliche Impotenz machten, die ihm nach ihrer Aeuße⸗ rung jedermann anſähe, öffneten ſich die Thuͤren und— der Herzog von Buckingham trat ein. Das Gerücht hatte nicht übertrieben; Buckingham war in der Augen aller Damen ein Adonis. Die Ver⸗ — „„——,+—-˖ Die eiſerne Maske. 31 neuil wollte bei ſeinem Eintritte ſelbſt an der Königin eine fliegende Röthe bemerkt haben. Der 30jährige Ge⸗ ſandte, geziert mit dem Hoſenbandorden, ſchritt in höchſter Anmuth gegen das königliche Paar vor, grüßte daſſelbe ſowie Madame Henriette mit Grazie, dann mit kurzer Verbeugung auch die übrige Geſellſchaft und brachte ſeine Worte ſo ungenirt an, als ob er eine Dame zum Tanze hätte auffordern wollen. Man ertheilte ihm die Antwort unter dem hergebrachten Ceremoniell. Als Richelieu die mädchenhafte Freundlichkeit der Königin gewahrte, konnte er kaum das Ende der Vorſtellung abwarten. Sobald ſie vorüber war und Buckingham ſich auf den für ihn be⸗ ſtimmten Stuhl geſetzt hatte, erhob er ſich mit großer Würde, ging ein paar Schritte vor und ſprach: „Es iſt ein großer und ſchöner Tag, welcher Frankreich und England auf immer vereinigt. Ihrer Politik, Ihrer Geſchicklichkeit, Herr Abgeſandter, haben wir dieſes erfreu⸗ liche Verhältniß zu danken. Geleiten Sie die Königstoch⸗ ter als ein Pfand der Eintracht zwiſchen beiden Reichen in die Staaten Sr. Majeſtät von Groß⸗Britannien.“ Buckingham hatte überall zu beobachten und zu ſprechen; er hörte kaum was der Cardinal ihm ſagte; in⸗ deſſen antwortete er ſchnell genug für einen Zerſtreuten: „Heil den Völkern, deren Beherrſcher durch die Bande der Verwandtſchaft verknüpft ſind. Wenn ich mir etwas von dem Ruhme zueignen dürfte, dieſes glückliche Verhält⸗ niß herbeigeführt zu haben, ſo wäre dies die höchſte Freude meines Lebens.“. Nach dieſen beiden nichtsſagenden Reden begann eine Muſik, unter deren langſamen Tönen eine Menge allegori⸗ ſcher Figuren auftraten, welche jene Verbindung veran⸗ ſchaulichen ſollten. Buckingham hatte keine Augen da⸗ —õ— — 32. Die eiſerne Maske. für, ſondern heftete ſeine Blicke ſo auffällig auf die Köni⸗ gin, daß deren eiferſüchtiger Gemahl die Ceremonien ab⸗ zukürzen beſchloß⸗ In der That ward auch bald zur Tafel geblaſen. Da gab es ein neues Aergerniß. Unter den Toaſten, welche der Herzog auszubringen hatte, war na⸗ türlich auch der auf den König und die Königin. Etwas von Wein erhitzt, legte er auf den Namen der letztern ei⸗ nen ſolchen Nachdruck, daß Richelieu frohlockend umher⸗ blickte und ſelbſt die Herzogin von Chevreuſe erſchrak. Nur die Königin Anna lachte dazu. Nach aufgehobener Tafel hatte Richelieu beim König leichtere Arbeit als vorher, die Verlobungsfeierlichkeiten zu beſchleunigen. Sie wurden noch an demſelben Tage be⸗ gangen. Höchſt ungern und nur mit klopfendem Herzen hatte ſich nach deren Vollendung die Königin in ihre Ge⸗ mächer zuruͤckgezogen und nur die Herzogin von Che⸗ vreuſe und die Marquiſe von Sennecey bei ſich behal⸗ ten. Der galante Herzog, welcher es der ſchönen Anna bereits angeſehen hatte, daß ſie nicht gleichguͤltig gegen ihn ſei, trat ohne Umſtände in ihr Putzzimmer und— ward freundlich empfangen. Im Verlauf des Geſprächs entfal⸗ tete der Herzog ſeine ganze Liebenswürdigkeit und wagte es die Königin um die Erlaubniß zu bitten, ihr während ſeines Aufenthaltes in Paris ſtets nahe zu ſein, ja indem er dieſe Bitte ausſprach, ergriff er höchſt leidenſchaftlich ihre Hand, um ſie an den Mund zu führen. Die Köni⸗ gin zog ihre Hand erſchrocken zurück, ließ aber dem feuri⸗ gen Geſandten ihren Handſchuh, den er küßte und dann in ſein Portefeuille legte. Damit noch nicht zufrieden, neigte er ſich gegen die geängſtigte Anna und ſprach: „Und koſtete es mir das Leben, ſchöne Königin, ich muß dieſen roſtgen Lippen einen Kuß aufdrücken!“ 7 —2 2— 8 K N NR Die eiſerne Maske. 33 Noch bevor die Königin etwas erwiederte, trat die Mar⸗ quiſe von Sennecey auf den Herzog zu und ſagte: „Schweigen Sie, mein Herr; ſo redet man nicht mit einer Königin von Frankreich.“ Dieſe Worte hatte noch die eben eintretende Marquiſe von Verneuil gehört und konnte bei ihrer Herrin kaum ihre Miſſion ausrichten, ſo nothwendig hatte ſie mit dem König zu ſprechen. Dieſer gab ſogleich den Befehl daß, ausgenommen in ſeiner Gegenwart, keine Mannsperſon die Zimmer der Königin betrete. Buckingham aber mochte glauben, daß ein Schlaf⸗ gemach kein Zimmer ſei, denn am Abend deſſelben Tages begab er ſich wirklich in aller Stille nach dem Schlafge⸗ mach der Königin, wo bloß die Herzogin von Chevreuſe mit der Beauvais und der Sennecey Wache hielten. Die letztere war ein wenig entſchlummert, aber die erſten beiden Damen ſahen den Herzog heranſchleichen, ſich dem Bette der Königin nähern und ihr einen Kuß auf den Mund drücken. Auf die inſtändige Bitte der armen Anna entfernte ſich der Herzog ebenſo leiſe als er gekommen war, nahm aber als Siegeszeichen den kleinen Ring mit, wel⸗ chen die Koͤnigin am Morgen auf der Toilette liegen und dann im Bette noch am Finger gehabt hatte. Von der letztern Unziemlichkeit des verführeriſchen Ge⸗ ſandten wurde am Hofe vor der Hand nichts laut; aber noch an demſelben Tage erfuhr Richelieu was die Ver⸗ neuil gehört hatte. Sogleich traf er mit Einwilligung des Königs und unter dem Beiſtande„ſeiner rechten Hand“ die nöthigen Anſtalten zur Abreiſe der hohen Braut und des Herzogs, ſo daß ein längeres Verweilen derſelben in der Hauptſtadt nicht ohne die größte Inconvenienz zu er⸗ möglichen geweſen waͤre. Gern hätte nun der Cardinal I. 3 8 34 Die eiſerne Maske. die Königin und ihre Frauen abgehalten den in Amiens vorbereiteten Feſtlichkeiten beizuwohnen, allein weder der von ihrer Unpäßlichkeit hergenommene noch irgend ein and⸗ rer ſchicklicher Grund ließ ſich vorwenden, weil König Ludwig XIII.,„um ſchärfer ſehen zu lernen,“ allen hierauf bezüglichen Anſpielungen ſein Ohr verſchloß.„Wenn ſich Frankreichs Glanz nicht in Paris entfalten ſoll, was ich billige,“ ſagte er,„ſo mag Amiens dadurch berühmt werden.“ Am andern Morgen machte Buckingham dem Mini⸗ ſter ſeine Aufwartung, welcher höchſt ärgerlich war, ſein Wort in Bezug auf den Ball des Lords Holland noch nicht angebracht zu haben.„Dennoch zur guten Stunde!“ murmelte Richelieu, als er den Geſandten eintreten ſah, befahl ſeinem Secretär die und die Acten in der Biblio⸗ thek aufzuſuchen, d. h. in der Sprache des Cardinals, ſich im Nebenzimmer aufzuhalten, beurlaubte die bei ihm be⸗ findlichen Räthe und war nun dem gefährlichen Neben⸗ buhler allein gegenüber. Der Herzog war beſliſſen die ſinnreichen allegoriſchen Ceremonien des geſtrigen Tags zu preiſen, that dies aber mit einer ſo hochmüthigen ja ſpöttiſchen Miene, daß der Cardinal ſeine ganze ſtaatsmänniſche Kaltblütigkeit aufbie⸗ ten mußte, um nicht mit einer ſtörenden Bemerkung da⸗ zwiſchenzufahren. Zuletzt meinte Buckingham: „Doch ich wundre mich nicht über all dieſe geniale Herrlichkeit, da ſie von einem Manne ausgeht, welcher durch ſeine feine Taktik ebenſo gut die vielfach geſpaltene Nation und die vielgliedrige Regentenfamilie als den gan⸗ zen Continent und die ſich ihm vermählenden Inſeln zu lenken weiß.“ „Wenn ich mir ſchmeicheln darf,“ erwiederte Riche⸗ * — x&⏑— ð Die eiſerne Maske. 35 lieu,„im Innern Frankreichs einige Macht zu beſitzen, ſo verdanke ich ſie meinem Beſtreben Allen ohne Unter⸗ ſchied gerecht zu ſein, jede Störung der als nothwendig erkannten Verwaltungsweiſe, von welcher Partei ſie auch komme, unnachſichtlich zu ahnden. In Bezug auf das Ausland kommt freilich am meiſten darauf an, welche Re⸗ präſentanten uns von den Höfen zugeſendet werden; denn nicht alle ſind immer ſo liebenswürdig alles um ſich her in einem Grade zu bezaubern, daß ſie erlangen müſſen was ihnen beliebt.“ Buckingham glaubte in dieſen Worten eine leiſe An⸗ ſpielung auf ſein mißlungenes Heirathsproject zu Madrid und einen directen Ausfall auf ſeine Liebe zur Königin Anna wahrzunehmen. Seine Zurückhaltung war daher völlig am Ende. Er antwortete mit der höchſten Imper⸗ tinenz: „Wenn dem anerkannt einſichtsvollen Geſandten irgend eines großen Königs eine Sache von untergeordneter Wich⸗ tigkeit nicht nach Wunſch zu gerathen ſcheint, ſo dürfte kein großer politiſcher Scharfblick dazu gehören, um ein⸗ zuſehen, daß eben jener Wunſch nur ein vorgeſpiegelter war; gelingt indeſſen das Vorhaben eines ſolchen Geſandten, ſo ſind nur die zu beklagen, welche es vergebens zu hinter⸗ treiben geſucht haben.“ „Sicher und gewiß,“ ſagte Richelieu,„vorausgeſetzt, daß nicht die Zukunft einen ſolchen Erfolg zu einer ephe⸗ meren Erſcheinung macht; denn geſchähe dieſes...“ „So würde ein routinirter Botſchafter durch die Ver⸗ blüffung der Gegner auf die leichteſte Weiſe einen Ausweg finden, indem er doch hoffentlich nicht ohne ein Privatge⸗ heimniß der königlichen Familie ſeinen Poſten verlaſſen haben kann.“ 3* Die eiſerne Maske. „Ich will Sie nicht fragen,“ antwortete Richelieu, „wie alles dies auf meine Bemerkung über die Art und Weiſe meiner Staatsverwaltung paßt. Aber von welchen Gegnern Sie ſprechen, getraue ich mir nicht zu errathen, weil ich mir nicht ſowohl ſolche denken kann, die ſich durch die Vorhaltung eines Geheimniſſes der Regentenfamilie verblüffen oder ſchrecken laſſen, als ſolche die davon einen neuen Grund ihrer Gegenwirkung herzunehmen veranlaßt werden. Ueberhaupt aber glaube ich nicht ſehr an Geheim⸗ niſſe, welche den Geſandten fremder Mächte preisgegeben werden, da ſie in der Regel mit den Königen nur im Bei⸗ ſein der Miniſter und mit den Königinnen nur im Bei⸗ ſein der Hofdamen conferiren können.“ „Dafür giebt es Schriften,“ ſprach Buckingham, „unſchätzbare Documente, welche man zu gelegener Zeit produciren kann.“ Bei dieſen Worten ſuchte er in ſeinem Portefeuille, als wollte er dem Cardinal ein ſolches Document flüchtig zeigen. Allein es gelang ihm weiter nichts, als daß er den ſchön geſtickten weißſeidenen Handſchuh und den klei⸗ nen Ring der Königin auf den Parketboden fallen ließ. Ihn ſchnell aufhebend ſagte er: „Ach, Eminenz, bei Ihnen finde ich wohl Glauben.“ Während er die Pfänder der Liebe, welche Richelieu recht wohl erkannt hatte, wieder einpackte, entgegnete Letz⸗ terer in ſchneidendem Tone: „Dafür ſind Sie beglaubigt, Herr Abgeſandter. Allein Sie werden mir erlauben an der Wahrung Ihrer Geheim⸗ niſſe zu zweifeln. Wenn Sie einen geheimen Plan hat⸗ ten, am franzöſiſchen Hofe durch gewiſſe Galanterien ge⸗ wiſſe Dinge zu erreichen, die ich nicht nennen darf ohne Sie zu verdammen, ſo wußten ſie dieſelben doch nicht ſo Die eiſerne Maske. 37 geheim zu halten, daß ſie mir nicht bekannt geworden wären.“ „Alſo von meiner Perſon ſprechen Sie, Eminenz? Eine ſo unbeſtimmte Anklage kann ich aber nicht hinneh⸗ men, ohne auf deren Auseinanderſetzung zu dringen.“ „Sie wünſchen es; ich kann und darf es Ihnen nicht abſchlagen. Ich weiß, daß Sie in einem Zirkel des Lord Holland ſagten, die Königin von Frankreich werde für Sie ebenſo leicht zu haben ſein als irgend ein ſchottiſches Fräulein, das man mir nannte. Ich hoffe, daß dieſe Ihre frevelhafte Rede keine Folgen hat; ich will, daß ſie keine Folgen hat! Es wäre meine Pflicht dieſes Wort des Hoch⸗ muths und der Eigenliebe zu beſtrafen, weil ich als Mi⸗ niſter die Ehre des Souveräns zu vertreten und deren Antaſtung zu rächen habe; allein eben weil ich darin nur einen unbedachtſamen Uebermuth zu erblicken für nöthig halte, neige ich mich der Verzeihung hin, ſobald Sie mich nicht auf irgend eine Weiſe zu ſtrafen zwingen.“ „Was muß ich hören!“ ſagte Buckingham; vein Richelieu ſetzt eine Sache als wahr voraus, deren Un⸗ grund er jeden Augenblick erfahren konnte...“ „Schweigen wir davon, Herr Abgeſandter,“ ſagte der Cardinal mit höchſtem Ernſt;„Sie können nicht wollen, daß davon außerhalb dieſer vier Wande etwas laut wird, auch wenn nicht alles ſo ſein ſollte, wie man mir's hin⸗ terbracht hat. Uebrigens werden Sie meine Ausdrücke auf Rechnung meines Eifers für die Ehre meines Souveräns ſchreiben und durchaus nur als Staatsmann betrachten.“ „Die Ehre meines Souveräns, welcher mich zu ſei⸗ nem Repräſentanten in Frankreich wählte, muß mir ebenſo theuer ſein als Ihnen die des Ihrigen. Ob ich mich auch durch Ihre Sprache verletzt fühlen ſoll, müßte wohl mei⸗ 38 Die eiſerne Maske. ner eignen Beurtheilung unterliegen. Einſtweilen, Herr Cardinal, brauche ich Ihnen nicht bemerklich zu machen, daß nur der Erfolg über die Güte der menſchlichen Hand⸗ lungen entſcheidet. Zugleich gebe ich mir die Ehre mich bei Ewr. Eminenz zu beurlauben.“ Nach dieſen Worten entfernte ſich Buckingham, in völliger Ungewißheit ob er dem Cardinal trotzen oder nach⸗ geben ſollte. Nur ſo viel ſah er klar, daß dieſer Miniſter ſein heftiger Feind war. Da indeſſen aus des Herzogs ſpätern Handlungen der Entſchluß, welchen er bald faßte, zur Genüge hervorgeht, ſo eilen wir zu andern, zu näher liegenden Scenen. 5. Während die beiden Miniſter jene denkwürdige und fol⸗ genreiche Unterreduug hielten, war der König mit ſeinem Hofmarſchall und Ceremonienmeiſter in der Garderobe be⸗ ſchäftigt. Er beſchaute mit innigem Wohlgefallen die noch wie neu ausſehende koſtbare Fürſtentracht, welche bereits ſeit einem Jahrhundert am Nagel hing; aber den ſchmu⸗ cken Fürſtenhut nahm er herab, reinigte ihn höchſt eigen⸗ händig vom Staube und ſprach begeiſtert: „Das war noch Majeſtät!“ Der Ceremonienmeiſter machte eine Verbeugung und erwiederte: „Auch das Allerſchönſte vergeht; indeſſen vermuthe ich, Sire, daß Sie dergleichen Aeußerlichkeiten verſchmähen, weil es Ihnen ſelbſt auch bei der allerhöchſten Beſcheiden⸗ heit nicht hat entgehen können, daß diejenige Majeſtät, Die eiſerne Maske. 39 welche auf Ihrer erhabenen Stirne thront, die geborgte unendlichſt überſtrahlt.“ „Unendlichſt!“ murmelte Ludwig XlIII., den Fürſten⸗ hut wieder an ſeinen Platz hängend;„ein für meine der⸗ malige Situation neuerdingſt erfundenes Wort!“ Dann ſprach er laut weiter:„Ah, was Majeſtät! Man muß ſich von Spanien unterſcheiden!“ „Allerdings, Sire, und zwar ohnmaßgeblich vorzugs⸗ weiſe beim Campagne⸗Ceremoniell, wo auch Dero hochſe⸗ liger Herr Vorfahr das Reſidenz⸗Ceremoniell gänzlich bei Seite zu ſetzen pflegte.“ „Wenn ich das zugebe,“ verſetzte Ludwig,„ſo will ich es nicht anders verſtanden wiſſen, als daß man nur in der Kleidung von den ſpaniſchen Formen abſieht; was aber die Grandezza betrifft, ſo iſt die unter den gegenwär⸗ tigen Umſtänden zu allen Dingen nütze; denn einestheils bin ich weit davon entfernt mit Innocenz VIII. und Karl V. alles Leben aus der Geſellſchaft zu verbannen, und anderntheils nicht geſonnen die Augen der Welt wie Alexander VI. und Philipp II. auf mich zu ziehen. Es kommt hier darauf an die Extreme zu vermeiden.“ „Darf ich die Worte Ewr. Majeſtät deuten wie ich will, ſo wünſchen Sie den Schein der Geſelligkeit neben der wirklichen Unnahbarkeit. Dafür wird Ihr unterthänigſter Diener Sorge tragen.“ Nach dieſen Worten legte der Hofmann die Jagdkleider des Köonigs zurecht, in welchen dieſer keine Nacht außer⸗ halb der Reſidenz zuzubringen pflegte. Der Leibdiener zog ſie dem Monarchen an und der Hofmarſchall ertheilte dem ganzen königlichen Gefolge den Befehl die zwangloſe Jagd⸗ kleidung anzulegen. Am Hofe Ludwig's XIII. lag darin etwas ſo Auf⸗ Die eiſerne Maske. fälliges, daß es um ſo mehr einer Entſchuldigung zu be⸗ dürfen ſchien, da bereits geheime Couriere nach Madrid und Wien abgingen, um den dortigen Cabinetten dieſe „Ertravaganz“ zu melden. Man ließ daher dem Herzog von Buckingham wiſſen, daß Se. königliche Majeſtät bei der erfreulichen Begleitung ſeiner erlauchten Schweſter jeden Zwang der Etikette bei Seite geſetzt zu ſehen wünſche, um dadurch anzuzeigen, wie viel ihm an einem freund⸗ ſchaftlichen und traulichen Verhältniniß zu Sr. brittiſchen Majeſtät gelegen ſei. Nach ſeinem Geſpräch mit Riche⸗ lieu war es dem engliſchen Geſandten nicht ſchwer die Abſicht des Königs zu durchſchauen. Hinderniſſe ſtachelten ſeine Thatenluſt. Was ihm vorher noch ein ſchwankendes Gefühl geweſen war, geſtaltete ſich jetzt zum feſten Ent⸗ ſchluß. Er mußte an ſeiner Unwiderſtehlichkeit verzweifeln oder die ſchöne Anna unter vier Augen ſprechen. Buckingham konnte ſeinen Aerger kaum unterdrücken, daß man ihn ſo drängte und trieb. Beim Herabgehen in den großen Hof, wo die Wagen hielten, ſagte er zu Ma⸗ dame Henriette, die an der Seite der Herzogin von Che⸗ vreuſe und der Königin Mutter ging: „Fürwahr, meine Gebieterin, Sie ſollten uns loben, daß wir ſo beeilt ſind, zwei liebende Herzen zu verbin⸗ den...“ „Auf den Herzog von Buckingham noch mehr Lob zu haͤufen,“ antwortete die Königsbraut,„würde heißen Waſſer in die Seine tragen...“ „Oder,“ fiel ihr Maria von Medicis in's Wort, „es würde unerträglich ſein, d. h. nicht ertragen werden können.“ „Von mir oder ſonſt jemandem?“ fragte der Herzog glühend vor Zorn. u 4☛αᷣ— V ³ *—* B B——= n Die eiſerne Maske. 41 „Wer es bei ſich behielte,“ ſagte die Chevreuſe, „würde ſelbſt ſchwer zu tragen haben. Was aber die Eile betrifft, ſo geht ſie hoffentlich nicht allein vom Hofe des allerchriſtlichſten Königs aus.“ „Ganz recht,“ bemerkte der Herzog,„es waltet nur der einzige Unterſchied ob, daß ich meine Jagdkleider im letzten Hauſe einer Vorſtadt von Southwark aufhob, ohne des⸗ halb, von wem es auch ſei, einen Tadel zu fürchten.“ In dieſem Augenblicke kam der Ceremonienmeiſter heran und machte eine ſtumme Verbeugung. Gern hätte die Her⸗ zogin von Chevreuſe noch ein Wort von ihrer Gebie⸗ terin angebracht, die Königin Mutter die allzu gerade und gänzlich ungeſchlachte Frage des Herzogs beſpottet, Ma⸗ dam Henriette die Eile auf paſſende Weiſe lediglich den Engländern aufgebürdet; aber die beſtimmte Zeit zur Ab⸗ fahrt war da und der Zug bewegte ſich durch die hohen Bogen der Thore hinaus. Voraus ſtampften die Roſſe der Vorreiter, dann kam der Wagen mit dem königlichen Paar, hinter ihm der mit den Verlobten, dem Herzog von Buckingham und des Königs Bruder Gaſton von An⸗ jou(nachmaligem Herzog von Orleans), endlich die zahl⸗ reiche Suite. Unter den bereits erwähnten Perſonen fehlte nur die Marquiſe von Verneuil, welche auf Befehl der Königin und ihres Leibarztes Bernard krank geworden war. Wir erwähnen nichts von der Reiſe nach Amiens und den dort veranſtalteten Feſtlichkeiten, weil nicht viel davon zu ſagen wäre. Nur darf nicht verſchwiegen werden, daß der Doctor Bernard am Abend dieſes Tages, eben als der Hof nach Paris und die Königsbraut mit dem Herzog⸗ nach Boulogne abgehen wollte, dem König mit betrübtem Geſicht meldete, die Königin ſei ſo ernſtlich unpaß, daß 42 Die eiſerne Maske. ſie unmöglich das Zimmer verlaſſen könne. Zugleich ſagte die Herzogin von Chevreuſe mit lächelndem Geſicht zu Buckingham, die Königin ſei ſo unwohl, daß ſie ſich gezwungen ſehe ein paar Tage in Amiens zu bleiben. Hierauf trennte ſich die Geſellſchaft. Die Königin Anna glaubte mit ihren Frauen allein zu ſein, weil Riche⸗ lieu's Späher nicht zum Vorſchein kamen. Sie hatte ſich nie wohler befunden. Der andre Tag ging ohne einen erwähnenswerthen Vorfall zu Ende. Die Dämmerung war bereits herein⸗ gebrochen und die Ofenwärme mußte vermehrt werden, da der Herbſtabend ſchon kühl zu werden drohte. Die Köni⸗ gin ſaß beinahe ſchwermüthig auf dem weichen himmel⸗ blauen Sopha und ſtützte ihr ſchönes Haupt mit ihrer kleinen Hand. Nicht einen Blick erhielten die ſchönen in Amiens ſelbſt gefertigten Tapeten ihres Zimmers; ihr eig⸗ nes Bild lächelte umſonſt neben dem ihres Gemahls über ihrem Haupte; die angeſehenſten Einwohner der Stadt ließen vergeblich um die Ehre einer Vorſtellung bitten. Die Damen, welche in ihrem Zimmer ſtanden(die Che⸗ vreuſe, Beauvais und Motteville) wagten kaum zu athmen. Es herrſchte die dumpfe Schwüle vor einem Ge⸗ witter. Niemand war gelaunt ſich den erſten und heftig⸗ ſten Donnerſchlägen auszuſetzen. Doch iſt es bekannt, daß ſich auch das ſchwerſte Gewitter zerſtreut, wenn ſich der Wind in den obern Regionen plötzlich umſetzt. Es trat eine Kammerfrau ein und ſprach: „Ewr. Majeſtät habe ich zu melden, daß ein Engländer, abgeſandt von Madame und dem Herzog von Bucking⸗ ham, welche wohlbehalten in Boulogne angekommen ſind, um die Gnade bittet ſich von Ihrem Wohlbefinden perſön⸗ Die eiſerne Maske. 43 lich zu überzeugen, um ſichere Tröſtungen überbringen zu können.“ „Ich weiß nicht,“ ſagte Anna,„ob eine ſolche Erkun⸗ digung, die ich dankbar anerkenne, nicht paſſender morgen früh eingezogen würde.“ 1 „Dies wäre vielleicht der Fall,“ antwortete die Kam⸗ merfrau,„wenn die hohe Braut nicht noch in Boulogne, das ſie morgen früh verläßt, über das Wohlſein Ewr. Ma⸗ jeſtät beruhigt zu ſein wünſchte.“ „Nun, ſo laßt ihn eintreten!“ ſagte die Königin. Kanm ſagte ſie dies, als ein großer ſchöner Herr in Courierkleidung in's Zimmer trat, ſich verbeugte und mit einem Blick auf die anweſenden Damen ſagte: „Das Glück hat mir ſo wohl gewollt bei Ihrer Maje⸗ ſtät der Königin von Frankreich im Namen meines Herrn des Herzogs von Buckingham eingeführt zu werden, um...“ Ah, Herr Courier,“ ſagte Königin Anna lebhaft(denn ſie erkannte in ihm den Herzog von Buckingham) ſelbſt), „man hat mir berichtet was Sie herführt. Seien Sie in der Stadt Amiens willkommen. Wem an meinem Beſin⸗ den etwas liegt, dem können Sie ſagen, daß es ziemlich gut zu werden beginnt.“ „Die Vorſehung ſei geprieſen,“ antwortete Bucking⸗ ham als Courier;„es iſt mir erlaubt worden mich in dieſem Falle bis an den Morgen von den Strapazen des Rittes zu erholen und nur meinen Freund Knight nach Boulogne abzufertigen.“ „Rufen Sie dieſen gefälligſt,“ ſagte die Königin zur Herzogin von Chevreuſe. Letztere hatte ebenſo gut als die Königin den Pſeudo⸗ Courier erkannt, entfernte ſich daher gern und veranſtal⸗ 44 Die eiſerne Maske. tete zugleich, daß ſich ſpaͤter auch die beiden andern Da⸗ men zurückziehen mußten. Beſtrafung des übermüthigen Cardinals oder eigner Untergang war ihr Tag⸗ und Nacht⸗ gedanke. Die Herzogin wußte alles und ordnete alles. Die Beauvais und die Motteville wußten viel und ließen ſich alle Anordnungen gefallen. Kurz, ehe eine Stunde verging, war Buckingham mit der Königin und der Herzogin allein im Zimmer. Wo waren denn aber Ri⸗ chelieu's Spione? Sie waren überrichelieu't. Es folgte hier ein zärtlicher Auftritt ganz eigenthüm⸗ licher Art. Statt eines ausgemergelten impotenten Ge⸗ mahls, der ſie mit ſeiner Eiferſucht quälte, ſtand ihr hier ein ſchöner kräftiger Mann gegenüber, welcher aus Liebe zu ihr ſeine Zukunft gewagt hatte; ſtatt eines übelriechen⸗ den Athems dufteten ihr hier die ausgeſuchteſten Wohlge⸗ rüche entgegen; ſtatt unter ſteifem Ceremoniell ſprach man ſich hier nachläſſig in die Ecke eines Sopha's gelehnt. Der Herzog und die Königin waren ſo munter, daß die Che⸗ vreuſe völlig von ihnen beſchämt wurde; denn letztere zog ſich mit Erlaubniß ihrer Herrin in ein Nebenzimmer zu⸗ rück, um auf einem andern Sopha ein wenig zu ſchlummern. Was nun im Zimmer der Königin vorgegangen iſt, man kann es nicht genau ſagen, weil kein Zeuge da war und weder Anna von Oeſtreich noch Buckingham den Schleier von dieſem Bilde jemals aufgehoben haben. Nur ſo viel iſt gewiß, daß die Herzogin von Chevreuſe nicht wirklich ſchlief, ſondern an die Thür gelehnt horchte. Sie hörte erſt in Unterbrechungen noch leiſe ſprechen, dann verſank alles in ein langes Schweigen und nur einige Seufzer waren unterſcheidbar. Hierauf begann wieder ein kurzes Geſpräch und endlich war alles wieder ſtill wie das Grab. Dies dauerte gegen zwei Stunden. Dann ging O,. Die eiſerne Maske. 45 jemand auf den Zehen hinaus. Statt zu rufen oder zu klingeln, kam die Königin ſelbſt an die Thür, hinter wel⸗ cher die Herzogin ſtand, klopfte leiſe an und ſprach zur Heraustretenden: „Ach, liebe Herzogin, Sie haben wohl die Güte mir beim Auskleiden behülflich zu ſein, da die Beauvais und die Motteville unverzeihlicherweiſe eingeſchlafen ſind.“ „Große Königin,“ antwortete die Chevreuſe,„die Strapazen des Tages... nehmen Sie meine Bitte um Entſchuldigung der Hofdamen nicht ungnädig auf...“ „Nun, es iſt ja auch ſpät genug,“ ſagte die Königin. „Vor etwa zwei Stunden entfernte ſich der Courier mit mei⸗ nen Aufträgen und ſeitdem hing ich verſchiedenen Gedan⸗ ken nach. Trotz dem hoffe ich eine gute Nacht zu haben, da ich einige Ermüdung ſpüre.“ Die Königin hatte wahr geſprochen. Am andern Mor⸗ gen früh nach 9 Uhr ſtand ſie wie neugeboren auf. Der Doctor Bernard konnte ihre Rückkehr nach Paris mit gutem Gewiſſen erlauben. Am Abend eben dieſes dritten Tages kam die Königin im Louvre an, gerade zu der Zeit wo Buckingham die Gemahlin Karl's I. in Whitehall einführte. 6. 14. Da unſre Leſer den Charakter Ludwig's XlII. und Riche ieu's zum Verſtändniß dieſer Erzählung bereits genug kennen, ſo behelligen wir ſie nicht mit den zwiſchen dieſen beiden Männern eingeleiteten Beſprechungen über Amiens, ſondern erwähnen bloß, daß auch den Bewoh⸗ uern dieſen Stadt der nächtliche Beſuch eines Engländers 46 Die eiſerne Maske. bei der Königin etwas auffällig vorgekommen war. Sollte aber einer von ihnen einem Spion des Cardinals Rede ſtehen, ſo ging er ſtets bloß bis zu einem gewiſſen Punkt und zog ſich dann zurück. Daß die Hofdamen ihr Era⸗ men gut beſtanden, verſteht ſich wohl von ſelbſt. Schlimmer ſtand es um die Königin ſelbſt. Ihr Ge⸗ mahl würdigte ſie keines Wortes mehr. Der verſchmähte Miniſter ließ ſeiner geheimen Rache freien Lauf. Dies alles hätte noch gehen mögen und wäre durch ein kluges Verhalten zu paralyſiren geweſen, wenn nicht ein Umſtand von noch weit höherer Bedeutung eingetreten wäre. Zu der Zeit nämlich, wo die Königin Anna in den Cardinal Richelieu ein gewiſſes Vertrauen geſetzt und ihm bei ihrem Gemahl oft das Wort geredet hatte, war ſie, wie oben bereits erwähnt wurde, von einer unzeitigen Leibesfrucht entbunden worden. Damals hatte ſie ſich ein halbes Jahr lang ziemlich übel befunden. Unglücklicher⸗ weiſe ſtellten ſich jetzt dieſelben Leiden wieder ein. Wie damals ward ſie wieder häuftig von einer fliegenden Hitze überfallen, ohne erkennbare Urſache war ſte mißmuthig und außerordentlich reizbar, zu einem ſtechenden Zahnweh ge⸗ ſellte ſich Schwindel und Erbrechen am frühen Morgen. Im zweiten Jahre ihrer Vermählung(1617) hatte ſie eine neuntägige Andacht gehalten, um vom Himmel einen Thron⸗ erben zu erflehen. Fünf Jahre ſpäter ſchien es als wollte er ſie erhören; jetzt wieder. Aber dies war aates viel zu ſpät, denn Ludwig XIII. lebte ſchon längſt ganz getrennt von ihr. Eines Morgens ſaß ſie wieder in dem Zimmer, wo ſie vor nicht gar langer Zeit das Hirſchbein in Empfang ge⸗ nommen hatte, und hing ihren Grillen nach. Sie ſchier vergehen oder ſich mittheilen zu müͤſſen. Da man ihr bei Die eiſerne Maske. 47 lte ihrer angeblichen Unpäßlichkeit zu Willen ſein mußte, ſo de konnte man ihr weder die Verneuil noch andre Hofdamen nkt von des Cardinals Partei aufdrängen. Es waren daher ra⸗ um ſie beſtändig nur die Chevreuſe, die Beauvais und die Motteville. Alle hatten bisher reſpectvoll ge⸗ Ge⸗ ſchwiegen, als die Königin plötzlich herausfuhr: hte„Wie glücklich ſind Sie, meine Freundinnen! Ach, das ies Loos der Königinnen iſt nicht immer beneidenswerth.“ ges Alle drei Damen wollten nun tröſten und forſchen, aber and Anna fuhr ſogleich fort: „Ich würde auch glücklich ſein, wenn ich ein Mittel den fände mich eine Zeit lang ganz vom Hofe zurückzuziehen.“ und„Dann aber,“ ſagte die Beauvais,„würde der Him⸗ var mmel ohne Sonne ſein.“ gen„Wenn es der Himmel iſt,“ verſetzte die Königin leb⸗ ein haft,„ſo werde ich deſſen Freuden erſt dann recht genie⸗ her⸗ ßen, nachdem ich einige Zeit außerhalb deſſelben zugebracht Wie habe.“ itze Aus dieſer Aeußerung ſah die Chevreuſe ganz deut⸗ und lich, daß es ihrer Gebieterin völlig Ernſt war ſich zurück⸗ ge⸗ zuziehen und ſetzte mit großer Zuverſicht den wahren Grund gen. dieſes königlichen Wunſches voraus. Sie ſagte daher: eine„Ew. Majeſtät dürften nur etwas ernſtlich erkranken von⸗ und die Angelegenheit wäre geordnet. Der Doctor Ber⸗ ollte nard würde darauf dringen, daß man Ihnen eine ge⸗ l zu ſunde Wohnung nach den Gärten des Palais Royal hin⸗ ennt aus einräumte...“ „Recht ſchön, liebe Herzogin, aber würde ich dann von d ſie läſtigen Beſuchen verſchont bleiben? Würde mein Gemahl nicht die Aerzte von ganz Paris aufbieten?“ „Auch dagegen ließe ſich ein Mittel ausfindig machen,“ ſagte die Chevreuſe;“ Sie müßten von einer ungefähr⸗ Die eiſerne Maske. lichen Krankheit überfallen werden, wodurch Sie zugleich verhindert wuͤrden ſich ſehen zu laſſen. Hierzu würde ſich außerordentlich eine kleine Gelbſucht eignen, bei welcher man es Damen nie zumuthet Beſuche anzunehmen und welche in der Regel einen ziemlich langwierigen Verlauf hat.“ Wieder einen Tag ſpäter machten die Damen Beau⸗ vais und Motteville unter der Hand bekannt, daß die Königin auf ein Aergerniß unwohl geworden ſei und ſich einer beängſtigenden Traurigkeit hingebe. Der Leibarzt ſchlug die oben erwähnten Zimmer zur Wohnung der Kö⸗ nigin vor und dieſe war nun über ein halbes Jahr nur den gleichfalls genannten Damen ſichtbar. Den Sommer des Jahres 1626 lebte die Königin Anna abgeſchiedener als jemals. Die noch vor kurzem ſo lachluſtige geſellſchaftliche Dame war zur betrübten Ein⸗ ſiedlerin geworden. Es ſchien als ob die allzeit dienſt⸗ fertige Herzogin von Chevreuſe für die Zerſtreuung ihrer Herrin auf eine ausgezeichnete Weiſe Sorge tragen wollte; denn ſie führte bei ihr noch eine ältliche Dame ein, welche wegen ihrer Jovialität bekannt war. Dieſe beſaß ein gro⸗ ßes Vermögen, das ſie unter der vorigen Regierung ge⸗ wonnen hatte, indem ſie die Kunſt ihrer Jugend, die Obſte⸗ tricia Ars, offen und insgeheim bei den hohen und höch⸗ ſten Perſonen geübt hatte. Es war die bekannte Madame Péronne. Außer den Damen Chevreuſe, Beau⸗ vais, Motteville und Péronne ſah die Königin kei⸗ nen Menſchen. Eines Abends befand ſich die Königin Anna übler als gewöhnlich. Sie mußte ſich zu Bette legen. Große Tropfen Schweiß ſtanden auf ihrem Geſicht. Obwohl ſie .—— die Schmerzen verbeißen wollte, ſo hörte man doch ihr eich ſich lcher und lauf au⸗ 3 die ſich barzt Kö⸗ nur nigin irzem Ein⸗ ienſt⸗ ihrer ollte; velche gro⸗ ig ge⸗ Obſte⸗ höch⸗ adame eau⸗ in kei⸗ übler Große ohl ſie ſch ihr ——— Die eiſerne Maske. 49 Geſtöhn. Frau von Motteville erbot ſich nach dem Leibarzt zu ſchicken; die Patientin geſtattete es nicht. Ma⸗ dame Péronne ermahnte die Königin ihre Lage zu ver⸗ ändern. Dieſe that es und athmete gleich darauf tief und ſchwer auf. Die Chevreuſe und die Beauvais horch⸗ ten mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit an den Thüren. Es mochte gegen Mitternacht ſein, als die Péronne, welche um die Königin überaus beſchäftigt geweſen war, der Beauvais eine mit Luftlöchern verſehene Schachtel überreichte, mit welcher dieſe ungeſäumt auf geheimen Gän⸗ gen aus dem weitläuftigen Gebäude ging. Sie ſtieg bei einem nahen Hauſe mit einem ältlichen Herrn und einer jungen Frau in einen einfachen Wagen und hatte in we⸗ niger als einer Viertelſtunde Paris im Rücken. Während die Damen Péronne, Motteville und Chevreuſe um die hohe Patientin eifrig beſchäftigt wa⸗ ren, kam die Beauvais mit ihren Gefährten auf das burgundiſche Schloß Choiſy nicht weit von der Stadt Dijon, deſſen Beſitzer eben der eältliche Herr war, welcher die Reiſe mitgemacht hatte. Was in der Schachtel war, wußte nicht nur er, ſondern auch die junge Frau, welche ſchon unterwegs verſchiedentlich hineingegukt hatte. Dieſe junge Frau, Madame Chaàteau⸗neuf genannt Mar⸗ chiali, war eine entfernte Verwandte des Schloßherrn, welche das Unglück gehabt hatte, vor wenigen Tagen ihr neugebornes Kind durch den Tod zu verlieren. Um die Orte nicht mehr zu ſehen, wo ſie ſich mit ſchönen Hoff⸗ nungen getragen hatte, war die Chaàteau⸗neuf zu ihrem alten Oheim gefahren, welcher ſie auf der Stelle mit nach Paris genommen hatte. Ihr Oheim Beaulieu hatte überhaupt eine junge Frau dieſer Art in’'s Haus zu neh⸗ men gewünſcht und die Unterhandlungen mit einer ſolchen 50 Die eiſerne Maske. nur nach Ankunft ſeiner Nièce abgebrochen. Am andern Morgen hieß es in dem am Schloſſe liegenden Dorfe, die Madame Chateau⸗neuf ſei mit einem muntern Söhn⸗ chen niedergekommen. Im Kirchenbuche ward dieſer junge Weltbürger unter dem Namen Charles Marchiali eingetragen. Der Schloßherr Beaulieu, an ſich ſchon ein reicher Herr, ward es, wie man ſagte, durch eine ungeheure Erbſchaft noch weit mehr. Da er ſelbſt keine Kinder hatte, ſo wen⸗ dete er alles auf die Erziehung des kleinen Charles, welchen jedermann für eins der ſchönſten Kinder erklärte, die man nur ſehen könne. Doch wie ſchön auch die Umgebungen des Schloſſes Choiſy ſein mögen, wir können da nicht weilen, indem wir uns nach wichtigern Dingen umſehen müſſen; die Kö⸗ nigin iſt krank, der König ungeheuer eiferſüchtig und der Cardinal voll Rachegefühl. Was die Koͤnigin Anna betrifft, ſo erholte ſie ſich ſehr bald von ihrer Unpäßlichkeit. Die Natur ſchien ſich durch den erwähnten Schweiß und noch mehr durch eine glückliche Entbindung geholfen zu haben. Nach wenigen Wochen ward ſie wieder heiter, dem Könige und dem gan⸗ zen Hofe ſichtbar. Ludwig Xlll., welchem die Geſchichte auch den Beinamen des Gerechten beigelegt hat, brü⸗ tete in ſeiner Trägheit, Eiferſucht und Krankheit für ſich hin und war eigentlich aller Welt im Wege. Richelieu hatte beſchloſſen— alle ſeine Nebenbuhler nach und nach zu beſeitigen. Am ärgerlichſten war ihm der ſchöne Mar⸗ quis von Chalais. Dieſer ſtand offenbar bei der Königin ſo gut, daß er beim Cardinal nicht gut ſtehen konnte. Wie ihm aber bei⸗ kommen? Chalais war ein Günſtling des Herzogs von ——,—————— ſich ſich eine gen gan⸗ chte brü⸗ ſich ieu nach Nar⸗ ß er bei⸗ von Die eiſerne Maske. 51 Anjou und Alexander's von Bourbon. Letzterer war kein Freund des Cardinals und konnte wohl gar gegen deſſen Leben conſpirirt haben. Alſo war Cha⸗ lais ein Verſchwörer. Man zog ihn ein und er geſtand ſeine freundſchaftlichen Verbindungen zu. Dieſe freund⸗ ſchaftlichen Verbindungen konnten möglicherweiſe des⸗ halb geſchloſſen worden ſein, um den König für unfähig zum Regieren und zur Vaterſchaft, Gaſton de Franee aber zu deſſen Nachfolger auf dem Thron und im Ehebett zu erklären. Folglich war dies alles ſo. Man beſchloß Chalais und Monſieur zur Verantwortung zu ziehen. Letzterer redete ſich heraus, aber Chalais ſoll davon ge⸗ ſprochen haben, es ſei jemand Willens geweſen den Car⸗ dinal zu ermorden und dann den König zu vertreiben⸗ Folglich war Chalais Mitwiſſer einer Verſchwörung ge⸗ weſen und hatte doch die Regierung nicht davon in Kennt⸗ niß geſetzt. Deshalb war er ſtraffällig. Der junge lie⸗ benswürdige Marquis ward eingezogen, in einen dunkeln Kerker geworfen und nach kurzem Proceß zum Tode verur⸗ theilt. An einem ſchönen Morgen des Jahres 1626 ward Chalais aus ſeinem Gefängniß zu Nantes herausge⸗ führt und glaubte der Freiheit wieder theilhaftig zu wer⸗ den. Allein man führte ihn auf das Schafott und trennte den ſchönen Kopf von dem nicht minder ſchönen Körper. Auf dieſe Art rächte ſich der Cardinal wegen der Verach⸗ tung, womit die Königin Anna ſeine Liebe vergalt. Es war dem Cardinal nicht ſchwer geworden den Mar⸗ quis aus dem Wege zu räumen; weit ſchwerer mußte es ihm mit dem Engländer Buckingham und dem berühm⸗ ten und vielgeliebten Montmoreney werden. Am wü⸗ thendſten haßte er den Erſtern und ihn traf daher auch ſeine Rache zuerſt. 5²2 Die eiſerne Maske. Man hatte dem Herzog von Buckingham insge⸗ heim wiſſen laſſen, daß er den franzöſiſchen Boden nicht wieder betreten dürfe.„Wohl!“ ſagte dieſer, als er dieſe neue Beleidigung erfuhr,„ſo ſchwöre ich, daß ich ihn wieder betreten will, wenn auch mit den Waffen in der Hand!“ Nun brachte er ſeinen König Karl l. zu einer Kriegserklärung gegen Frankreich, machte ſich ſelbſt zum Admiral und Feldherrn, verſuchte die in Rochelle einge⸗ ſchloſſenen Hugenotten zu entſetzen und landete deshalb(1627) auf der Inſel Rhé. Die Erpedition hatte keinen Erfolg. Auch eine zweite Flotte unter ſeinem Schwager Denbigh kehrte unverrichteter Sache zurück. Da beſchloß der Her⸗ zog einen dritten Zug. Er macht ungeheure Rüſtungen, übernimmt(1628) nochmals den Oberbefehl und iſt eben im Begriff ſich in Portsmouth einzuſchiffen, um— trotz Ludwig und Richelieu die ſchöne Anna wieder zu ſehen, als ihn ein von Richelieu geſchliffner Mordſtahl trifft. Ein Ofſicier außer Dienſt, Namens John Fel⸗ ton, tauchte den Dolch verſchiedene Male in ein Herz, welches das Unglück gehabt hatte einen Gegenſtand zu lie⸗ ben, gegen den der Cardinal von Richelieu nicht gleich⸗ gültig war. Dies war alſo auch abgemacht. Aber Montmorency der ſich gleich ſeinen Vorfahren große Verdienſte um das Vaterland erworben hatte, der vom Volke geliebt ward und keine Feinde außer Richelieu zu haben ſchien, die⸗ ſer furchtbare und tapfere Herzog war ſchwer zu faſſen. Wir wollen hier auseinanderzuſetzen ſuchen, auf welche Art der Cardinal ſeinen Zweck dennoch zu erreichen wußte. Es waren aus der Ligue mehrere Factionen entſprun⸗ gen, welche noch immer im Reiche Unruhen erregten. Da⸗ bei herrſchte Uneinigkeit in der königlichen Familie. Die ge⸗ icht ieſe ihn der iner zum nge⸗ 27) olg. igh der⸗ gen, eben trotz zu ſtahl Fel⸗ derz, lie⸗ leich⸗ ney das ward die⸗ aſſen. velche ußte. prun⸗ Da⸗ Die Die eiſerne Maske. 53 Königin Mutter, welche an Richelieu eine Schlange im Buſen genährt hatte, war(1631) nach Compiègne und 5 Monate ſpäter nach Brüſſel verbannt worden; die re⸗ gierende Königin entbehrte ebenſowohl der ehelichen und mütterlichen als der Regentenfreuden; der Bruder des Mon⸗ archen(Gaſton) intriguirte und lieferte die Theilnehmer an ſeinen Intriguen auf das Schafott. Dabei hatte Oeſt⸗ reich eine drohende Stellung angenommen, die Calviniſten waren unruhig und man ſpürte deutlich eine Verſchwörung des hohen Adels. Der furchtſame, finſtre, argwöhniſche, kränklich melancholiſche Ludwig, welchen eben nur die Furcht zum Schein der Gerechtigkeit trieb, hatte für nichts Gefühl und Gedächtniß für alles. Er wagte nicht zu haſ⸗ ſen, verſtand nicht zu lieben und fürchtete ſich zu handeln. Er liebte und achtete auch den Cardinal nicht, aber in ſei⸗ ner ewigen Bangigkeit vertraute er ihm blindlings. Unter ſolchen Umſtänden erhielt der glorreiche Marſchall von Montmorency das Gouvernement in Languedoc. In ihm ruhte dort alle Civil- und Militärgewalt, wiewohl der Cardinal deſſen Macht zu paralyſiren wußte. Da Ri⸗ chelieu überall die Macht der Feudalherren zu brechen ſuchte und vor allem Volk den Rauch vom Blute des ſchö⸗ nen Chalais gen Himmel ſteigen ließ, ſo ward man gegen ihn entbrannt. Dies war der Zeitpunkt, wo Heinrich's IV. Sohn Gaſton verkleidet in Languedoe ankam, ſich für proſeri⸗ birt ausgebend. Er hatte kurz vorher ſeinen Einfluß ver⸗ wendet, um den Corſen Ornano zu retten. Der Car⸗ dinal hatte geantwortet, dieſer ungeſchickte(in die Geſchichte des Marquis von Chalais verwickelte) Intriguant müßte beſtraft werden, und Gaſton wußte nun woran er war. Er klagte dem Marſchall von Montmorency ſein Leid. 4 4 8 — — — 54 Die eiſerne Maske. Dieſer ward durch allerhand Künſte dahin gebracht zu glau⸗ ben, der Miniſter führe etwas gegen den König ſelbſt im Schilde. Es ward in Languedoc eine Armee gebildet, an deren Spitze Gaſton und NMontmorency ſtehen ſollten. Der Cardinal, welcher dem„intriguanten“ Gaſton durch⸗ aus nicht traute, ſandte unter dem Marſchall de la Force und nachher dem General Schomberg Truppen nach Longuedoc und ſo kam es abermals zum Bürgerkriege. Nach einigen Scharmützeln kam ein königlicher Unterhändler nach Toulouſe, um dem Prinzen Gaſton, dem Marſchall von Montmorency und der Municipalität Amneſtie anzubie⸗ ten, wofern man ſich unterwerfen wolle. Letztere war ge⸗ neigt dazu, aber der kecke Gaſton verwarf den Antrag und Montmorency war zu kriegsluſtig und zu miß⸗ trauiſch, um ſich verführen zu laſſen. Der Biſchof von Alby, ein Geſchöpf der Königin Mutter und ihrer Schwiegertochter, vollendete was dem Charakter des Mar⸗ ſchalls ſchon ſo ſehr gemäß war. Montmoreney glaubte den Ruin des Staates nahe, wenn man nicht den Cardi⸗ nal baldigſt vom Staatsruder entfernen könnte. Die Waf⸗ fen mußten entſcheiden. An den Ufern des Flüßchens Fres⸗ quel kam es zwiſchen der königlichen Armee und den Trup⸗ pen Monſieurs zum Treffen. Schomberg hatte lauter Kerntruppen und war ſeinem Feinde bedeutend überlegen. Während die Königlichen, eine von Heinrich's IV. le⸗ gitimirtem Sohne Moret vertheidigte Brücke umgehend, durch eine Furth ſetzen wollen, rückt Nontmorency mit ſeiner Schwadron bis an den Rand eines breiten Grabens vor und paſſirt mit wenigen Tapfern den G aben, in der Meinung von allen ſeinen Leuten begleitet zu werden. Kaum am jenſeitigen Rande angelangt, wird er von einer neuen feindlichen Salve begrüßt und verwundet, und er Die eiſerne Maske. 55 wackre Graf Rieux ſtürzt todt zu ſeinen Füßen nieder. Wüthend über dieſen Verluſt ſprengt Montmorency mitten unter die feindlichen Reiter, haut links und rechts alles nieder, wird aber ſelbſt ſo vielfach verwundet, daß er ſchleunigſt umkehren muß. Glücklich erreicht er die Seini⸗ gen wieder, doch in dieſem Augenblicke fällt ihm das Pferd unter dem Leibe. Die Seinigen heben ihn auf und tra⸗ gen ihn nach Caſtelnaudary. Aus ſiebzehn Wunden blu⸗ tete der Marſchall und er ward von den nachdringenden Königlichen gefangen genommen. Man ſchaffte ihn in der Nacht auf das gascogniſche Schloß Leytoure. Ga⸗ ſton hatte alle dem ruhig zugeſehen. Des Marſchalls ſchöne Gemahlin bot alles auf, den gefangenen Helden zu retten. Aber Ludwig XIII., welchen das Gefecht von Caſtelnau⸗ dary nach Lyon gerufen hatte, überließ die Unterſuchung der Sache ſeinem Miniſter. Dieſer ſtellte ſich zuerſt gerührt über das Unglück eines Mannes, welchem Frankreich und die königliche Familie ſo viel zu verdanken hatten*); als aber Ludwig das Wort der Gnade auf der Zunge hatte, ſagte der Cardinal, das Intereſſe des Staats erheiſche die Be⸗ ſtrafung des Marſchalls. Nachdem er dieſe ſeine Anſicht in einem zum Schein niedergeſetzten Kriegsrath ausgeſpro⸗ chen und ſeiner Meinung nach den König doch noch nicht völlig zum Verdammungsurtheil gebracht hatte, zog er die⸗ ſen in ein Seitenzimmer, überreichte ihm ein reich mit Diamanten beſetztes Armband, welches ſeine ſchönſte Zierde *) Er Gatte nicht nur im Religionskriege von 1620— 1622 ta⸗ pfer gefochten und war vor Montpellier verwundet worden, ſondern nahm auch 1625 die Inſeln Rhé und Oleron, half 1628 Rochelle pelagern, focht 1629 und 1630 in Piemont, nahm den Doria gefangen ꝛc. 56 durch das Portrait der Königin erhielt, und ſprach mit erheucheltem Kummer: „Wenn Ew. Majeſtät durch den Verräther nicht den Staat bedroht glauben, ſo wird Ihnen dieſes Kleinod, welches man an ſeinem Arme fand, eine Andeutung geben was Sie ſonſt zu fürchten haben.“ „Oh!“ rief der König zerknirſcht,„welcher Greuel! Sie, Herr Cardinal, werden nach Paris zurückreiſen, während ich nach Toulouſe gehe, um dem Elenden auf der Stelle den Proceß machen zu laſſen.“ Am 28. October 1632 trat der Pater Vincent in Montmorency's Gefängniß, welcher ſogleich verſtand was dieſer Beſuch zu bedeuten hatte; denn er ſagte: „Nun, mein Pater, da ich auf Erden nichts mehr zu hoffen habe, ſo führen Sie mich auf den Weg zum Himmel.“ „Wenn es dem Herrn Marſchall gefällig iſt ſeine Beichte abzulegen...“ „Das thue ich ſogleich. Mein Leben liegt offen vor der Welt da. Verbrach ich etwas, ſo weiß es die Welt und ich bitte Gott mir es zu verzeihen. Hegte ich je ſünd⸗ liche Gedanken, ſo ſuchte ich ſie ſtets mit aller Macht nie⸗ derzukämpfen. Iſt es mir nicht ſtets gelungen, ſo wird mir der gütige Gott ſeine Gnade nicht verſagen, da Schwachheit des Menſchen Loos iſt.“ Nach der Abſolution machte Montmorency ſein Te⸗ ſtament. Während dieſer Zeit heulte und ſchrie das Volk vor dem Gefängniß, ſo daß die Civilbehörbe kaum durch⸗ dringen konnte.„Mehr als hunderttauſend Menſchen ver⸗ langen vom König Begnadigung für den unglücklichen Marſchall!“ hieß es.„Deſto ſchlimmer,“ ſagte dieſer; „ſie werden meinen Tod beſchleunigen.“ Die ciſerne Maske. Die eiſerne Maske. 57 Der Chirurg trat ein, um ihm auf's neue ſeine Wun⸗ den zu verbinden. „Das iſt nicht nöthig,“ ſagte Montmorency;„eine einzige wird ſie alle heilen.“ Vor die Richter geführt, bekannte er alles bis auf die geringſte Kleinigkeit. Mehrere der Richter bedeckten ihre Geſichter mit Tüchern, um ihre Thränen nicht ſehen zu laſſen. Der Siegelbewahrer, welcher ſeine ganze Exi⸗ ſtenz der herzoglichen Familie zu danken hatte, war ver⸗ pflichtet ihn nach ſeinem Namen zu fragen. „O,“ ſagte der Herzog,„Sie haben lange genug das Brod meines Vaters gegeſſen um ihn wiſſen zu können.“ „Dies,“ ſagte der Beichtvater darauf,„iſt weder eine demüthige noch chriſtliche Rede.“ „Siehaben Recht,“ erwiederte Montmoreney,„allein ich kann mich nicht enthalten die Undankbaren zu haſſen.“ „Auch dies iſt eine Prüfung Gottes,“ bemerkte der Beichtvater.. „Wohlan,“ ſagte der Herzog darauf,„ſo danke ich da⸗ für meinem Gott und Heiland. Möge er dem Undankba⸗ ren vergeben wie ich ihm vergebe.“ Es war nicht anders möglich als daß der Berichter⸗ ſtatter auf Todesſtrafe antrug und das Richtercollegium auf dieſelbe erkennen mußte. Der Cardinal und ſeine Schergen ſtanden dicht dahinter. Man entkleidete ihn ſeiner Würde, nahm ihm den Mar⸗ ſchallsſtab und das Ordensband ab und ſchickte beide nach Paris. Der Bote, welcher dieſe Infignien bei Hofe über⸗ reichte, ſagte zum König: „Der Herr von Montmorency, deſſen Band und Stab ich bringe, bereut Sie beleidigt zu haben und be⸗ 58 Die eiſerne Maske. klagt ſich nicht über ſeinen Tod. Sire, begnadigen Sie ihn! Gnade! Gnade!“ Herr von Liancourt und mehrere andre Hofleute wagten es in dieſem Augenblicke die Bitte um Begnadi⸗ gung auszuſprechen. Der König aber, voll des Gedan⸗ kens an das diamantene Kleinod, ſchrie heftig: „Nein, keine Gnade! Alles was ich thun kann iſt, zu befehlen, daß der Henker ihn nicht binde und ihm nur ganz einfach den Kopf abſchlage.“ Alle Anweſenden ſchauderten. Der Bote ging zurück und brachte vom Cardinal den Befehl, den Gefangenen im Hofe des Rathhauſes von Salin hinzurichten, weil„das maulaufſperrende Volk“ ſonſt am Ende gar noch Unruhe erregte. Sowie dieſe Nachricht eingetroffen war, führte man den Herzog von Montmorency, welcher gleich Bucking⸗ ham das Unglück gehabt hatte, der Königin Anna zu gefallen, die Rathhaustreppe hinab in den Hof. Niemand von den Anweſenden konnte ſich der Thränen erwehren. Als ihm der Wundarzt die Sue abſchneiden ſollte, fiel er ohnmächtig vor ihn hin. Beim Anblick der Bildſäule Heinrich's IV., welcher im Hofe ſtand, ſagte der un⸗ glückliche Herzog:„Ein großer und edelmüthiger Fürſt! Ich hatte die Ehre ſein Pathe zu ſein!“ Muthig beſtieg er das Schafott, ſetzte ſich zurecht und ſagte:„Der Him⸗ mel erbarme ſich mein!“ Dies war das Zeichen für den Scharfrichter. Dieſer führte den tödtlichen Streich und das Haupt des Edlen fiel. Gaſton de France war nach Lothringen entwichen und ging von da nach Brüſſel, wo ſich auch ſeine Mutter Ma⸗ ria von Medicis und die Herzogin von Chevreuſe aufhielten. Bellegarde war ſeiner Stelle entſetzt und Die eiſerne Maske. Baſſompierre ſaß in der Baſtille. Zu gleicher Zeit blutete auch der Marſchall von Marillac. Cing⸗Mars und de Thou, welche Frankreich von dem„geiſtlichen Ungeheuer“ befreien wollten, büßten ihr Vorhaben auf dem Schafott; ſie wurden beide(1642) auf dem Schloſſe Pierre⸗ Enciſe bei Lyon hingerichtet. Indeſſen ſchien um dieſe Zeit keine Bemühung nöthig zu ſein den Cardinal von Richelieu aus der Welt zu ſchaffen, indem er den Hemorrhoiden wohl bald erliegen mußte. Wenn er wirklich ſtarb, ſo ſchien Frankreich keinen Mann zu beſitzen, welcher fähig war ihn ganz zu erſetzen. Trotz ſeiner Grauſamkeit hatte Richelieu Frankreich kräf⸗ tig gehoben. Er hatte ſchon ſehr früh die für ſein Va⸗ terland ehrenvolle Entſcheidung über das Veltlin herbeige⸗ führt, durch den Pater Joſeph den Frieden mit Italien vermittelt, die Engländer von der Inſel Rhé vertrieben und vermittelſt eines in das Meer gebauten Dammes Ro⸗ chelle erobert, kurz die Hugenotten als politiſche Macht vernichtet; dann hatte er Pignerol genommen, Oeſtreich gebändigt und die fwermtſigen Vaſallen unterworfen. Jetzt lag dieſer gewaltige Mann zu Narbonne krank dar⸗ nieder. Er ließ ſich auf den Schultern der Schweizer nach Paris tragen, empfahl am 3. December 1642 dem König den Cardinal Mazarin zum Miniſter und ſtarb am fol⸗ genden Tage, worauf alle Welt baldigſt aus der Verban⸗ nung zurückkehren durfte. Von dieſem Mazarin iſt nun vor allen Dingen etwas zu ſagen, was vom höchſten Ein⸗ fluß auf das Schickſal des jungen Marchiali war. Wir werden daher auch genöthigt ſein in Anna's Leben ein paar Jahre zurückzukehren. Mazarin waͤr alſo der Mann, welcher einen Riche⸗ lieu erſetzen ſollte. Er zählte damals gegen 40 Jahre. Die eiſerne Maske. Einem edlen ſieilianiſchen Geſchlecht entſtammt, hatte er bei den Jeſuiten Theologie und dann die Jurisprudenz zu Alcala und Salamanca ſtudirt und lernte 1629 als päpſt⸗ licher Nuntius den König von Frankreich zu Lyon kennen. Richelieu nahm ihn in Sold und vermochte ihn ſtets im Intereſſe Frankreichs zu handeln. Seit 1634 war er außerordentlicher Nuntius des Papſtes zu Paris und er⸗ hielt nachher bald durch Ludwig XIII. den Cardinalshut. Dieſer Mann war mehr angenehm und einſchmeichelnd als ſchön; es gab ſelbſt Damen, die ihn für unwiderſtehlich ausgaben. Von 1636 an verließ Mazarin den franzöſiſchen Hof mehrere Jahre hindurch gar nicht. Anfangs hegte die zu⸗ rückgeſetzte, gewiſſermaßen verwaiſ'te und oft getäuſchte Kö⸗ nigin Anna einige große Vorurtheile gegen den Nuntius, weil man ihn als ſchlau und ränkevoll geſchildert hatte. Nachdem ſie ſich jedoch einmal überwunden hatte ihn zu ſprechen, waren alle ihre Vorurtheile verſchwunden. Sie fand ſeine Unterhaltung ungemein artig. Beſonders hatte ihr ſeine ſchöne Begeiſterung fün die Frauen gefallen, als deren Ritter er ſich aufgewo hatte. Da er ſowohl Richelieu's als des Königs Vertrauen beſaß, ſo küm⸗ merte man ſich nicht ſehr um ſeine Unterhaltungen mit den Frauen, obgleich die Sage ging, er mache der Beau⸗ vais den Hof und habe ſogar der Motteville den Kopf verrückt. Man ſpottete darüber. Einſt war es dem Herzog von Buckingham gelun⸗ gen den Reizen der Königin Anna mehr zu huldigen als es ſich mit des Königs Chre vertrug. Seit dieſer Zeit ward aber jeder, welcher der Königin zu gefallen ſchien, entweder ganz beſeitigt oder doch ſorgſam von ihr fern ge⸗ halten. Ihre Wittwenſchaft hatte von 1625— 1637 in 22 a * —— E Die eiſerne Maske.. 61 5 einem Striche gedauert. Daß dieſe aufhörte, dafür ſorgte jetzt der liſtige Italiäner dauernder als früher der feurige Engländer. Hörte man ihn, ſo war die Königin ihr Schick⸗ ſal werth, ſo mußte ſie ſtets niedergehalten werden. Der König und Richelieu glaubten ſie daher in guten Händen, wenn ſie in denen Mazarin’s ruhte. Wir wollen es kurz machen: Anfangs December 1637, als Richelieu von ſchweren politiſchen Sorgen gedrückt und der König abweſend war, hatten ſich Mazarin und die Königin zum höchſten Liebesgenuß geeinigt. Dieſes Verhältniß blieb und ward durchaus nicht errathen, weil der Legat nicht mit Handſchuhen und Ringen prahlte, ſondern ſtets höchſt demüthig und beſcheiden einherſchritt. Unglücklicherweiſe fühlte die Königin Anna bald daſ⸗ ſelbe Unwohlſein, wovon ſie vor zehn Jahren ſo ſehr ge⸗ ängſtigt worden war. Ueber ihre damalige Gelbſucht wa⸗ ren ihr ſpäter ſo ärgerliche Dinge zu Ohren gekommen, daß ſie ihre Zuflucht nicht wieder zu einer ſolchen Krank⸗ heit nehmen konnte. Indeſſen vertraute ſie ganz auf Ma⸗ zarin's Liſt und entdeckte ſich ihm ohne Rückhalt. „Nun,“ ſagte dieſer,„ich freue mich unendlich der Va⸗ ter eines Königsſohnes zu werden. Ihr Beſtreben muß von heute an ſein, den König zu gewinnen.“ „Er iſt nicht da.“ „Man wird ihn zu kommen nöthigen.“ „Ach, wenn es möglich wäre!“ ſeußßte Anna, dem Scheidenden zärtlich die Hand drückend. 4 Am andern Tage war der König in größter Eile von Verſailles herbeigekommen, weil ihm Mazarin geſchrieben hatte, es müſſe ein andrer Plan in Bezug auf den nieder⸗ ländiſchen Krieg entworfen werden, und zu dieſem Behufe ſei die de antheeernza Sr. Majeſtät dringend nöthig. 62 Die eiſerne Maske. Ludwig XlIII. ſtieg bei ſeiner Ankunft zu Paris zunächſt im Kloſter der Heimſuchung ab, um das Fräulein von La Fayette zu ſprechen, welche ſich früher den Liebkoſun⸗ gen des Königs nicht völlig entzogen und jetzt ſich hatte einkleiden laſſen. Dieſe wußte ihm ſoviel von dem Kum⸗ mer der Königin vorzuſagen ſich ganz zurückgeſetzt zu ſehen, daß er gegen den Marquis von Guitaut die Aeußerung fallen ließ, wie er faſt geneigt ſei die Königin einmal zu ſehen. Der Marquis beſtärkte ſeinen königlichen Herrn in dieſem löblichen Vorſatz und erbot ſich Ihrer Majeſtät der Königin die frohe Botſchaft zu überbringen. „Ich werde die Sache bedenken!“ ſagte Ludwig und begab ſich zu Mazarin. Nachdem die niederländiſche Angelegenheit beendigt war, ließ der Nuntius ſeine Minen ſpielen und bewog zuletzt den König, daß er mit ſeiner Gemahlin das Abendeſſen einzunehmen beſchloß. Dies geſchah. Anna war nie ſo herzlich, ſelbſt in ihrer Jugend nicht ſo liebenswürdig geweſen. Sie ſprach viel von ehelichem Glück und verſtieg ſich ſelbſt bis zu Liebkoſungen. Der König beſchloß die Nacht bei ihr zu⸗ zubringen und führte ſeinen Entſchluß auch wirklich aus. Ziemlich neun Monate ſpäter(am 5. September 1638, früh gegen 11 Uhr) genas die Königin zu St. Germain en Laye eines Prinzen. Madame Péronne fehlte dabei ebenſo wenig die nöthigen Zeugen. Indeſſen wendete der glückliche Bater doch das Geſicht ab und war nicht zu bewegen das Kind zu küſſen, wie es doch die Etikette mit ſich gebracht hätte. Mazarin ſoll es nachher insgeheim für ihn gethan haben. Es war der nachmals ſo berühmt gewordene Ludwig XIV.. Zwei Jahre ſpäter(am 21, Seytenner 1640) bekam 8 —-—— — Die eiſerne Maske. 63 Anna von Oeſtreich officiell den zweiten Sohn, indem ihr Gemahl ſich neuerdings verſucht gefühlt hatte ſeinen Gat⸗ tenpflichten zu genügen. Es war dies Philipp I. Herzog von Anjou, nachmaliger Herzog von Orleans. Am 4. December 1642 ſtarb Richelieu an ſeinen He⸗ morrhoidalbeſchwerden und ſchon am 14. Mai 1643 ſtarb Ludwig XIII. an der Auszehrung. Erſterer war 58, letz⸗ terer nur 42 Jahre alt geworden. Vier Tage nach dem Tode ihres Gemahls begab ſich die verwittwete Königin in's Parlament und erhielt mit Einwilligung des Herzogs von Orleans und des Prinzen Condé die Regierung ſammt der Vormundſchaft uneingeſchränkt übertragen. Ne⸗ ben dem Range eines erſten Miniſters, den er ſchon be⸗ kleidet hatte, ward der Cardinal“) Mazarin Oberauf⸗ ſeher über die Erziehung des Dauphins. Ob ſich Anna von Oeſtreich mit dem Cardinal Ma⸗ zarin heimlich vermählt habe, dies kann uns in Bezug auf den Mann mit der eiſernen Maske völlig gleich ſein. Daß ſie aber mit ihm auf dem vertrauteſten Fuße gelebt haben muß, geht aus ſeinem völlig ungenirten Benehmen gegen ſie zur Genüge hervor. Uebrigens war es ihr ſeit 28 Jahren zum erſten Male wieder wohl. Sie regierte wirklich und ließ ſich nur ganz allein von Mazarin re⸗ gieren. Man fragt, ob die königliche Wittwe ſeit 1626 ihres Erſtgebornen gänzlich vergeſſen habe. Ach nein; für ihn ſorgte ſie ebenſo liebevoll wie nachher für ihre beiden an⸗ dern Söhne. Allein ſo lange Richelieun lebte, welcher jeden ihrer Schritte mit Argusaugen bewachte und unabläͤſſig das Racheſchwert ſchwang, war es ihr unmöglich, den jun⸗ *) Dies war er ſeit dem 16. December 1641. 64 Die eiſerne Maske. gen Menſchen ſeiner Abgeſchiedenheit zu entreißen. Seine Aehnlichkeit mit ihr, welche Beaulieu in ſeinen Geheim⸗ ſchreiben gar nicht genug preiſen konnte, hatte ſie zu dem Befehl vermocht, den Charles Marchiali nicht über die Mauern des Schloßparkes herausgehen zu laſſen. Obgleich nun auch ihr zweiter Sohn ihr bald auffällig ähnelte, ſo wagte ſie es doch, ihren Erſtgebornen unter der ſtrengſten Aufſicht des getreuen Beaulieu einige Reiſen machen zu laſſen. Dies hatte auf den Geiſt des talentvollen Jüng⸗ lings die erwünſchteſten Folgen. Er reifte zum völlig durchgebildeten Manne heran. Nachdem ſeit Richelieu's Tode zwei Decennien ver⸗ floſſen waren, fühlte ſich auch Mazarin dem Tode nahe. Bevor er aber ſtarb, machte er noch eine ganz eigne Ent⸗ deckung, von der hier ausführlicher geredet werden muß. Marchiali, bereits 35 Jahre alt, war auf ſeinen vielfachen Reiſen einmal nach Verſailles gekommen, wo er mit Beaulieu in einem vornehmen Gaſthauſe übernach⸗ tete. Am andern Morgen ging Letzterer einen Gang in die Stadt und der Gaſtwirth brachte unterdeſſen die Rech⸗ nung. Als dieſer ſeinen Gaſt genauer in Augenſchein nahm, entfiel ihm das Papier und er konnte vor Staunen oder Schrecken kein Wort ſagen. Marchiali fragte nach der Urſache dieſes Benehmens. Nun hielt ſich der Gaſt⸗ wirth nicht mehr. Mit tiefer Verbeugung ſprach er: „Auch die Stimme iſt es! Ich habe Ew. Majeſtät lange nicht geſehen.“ „Was begehen Sie für eine Thorheit!“ ſagte Mar⸗ chiali, der ihn für verrückt hielt;„hier giebt es keine Majeſtät; mein Beutel iſt dafür zu dünn.“ „Ach, Sire,“ fuhr der Gaſtwirth fort,„keine Verſtel⸗ lung wird Ihnen helfen. Doch da Sie in Ihrem Incog⸗ Die eiſerne Maske. 65 nito bleiben wollen, ſo beuge ich mich Ihrem Wunſche und ſchweige...“ Verdrießlich über die ſonderbare Grille des Gaſtwirthes verließ Marchiali das Zimmer, konnte ſich aber doch nicht enthalten, ein in der Gaſtſtube hängendes Bild des dreiundzwanzigjährigen Königs genauer zu betrachten. Ja, es war die auffallendſte Aehnlichkeit vorhanden.„Und warum,“ dachte er bei ſich,„warum ſagte mir Beaulieu vor, er ſei mein Vater, die Chäteau⸗neuf meine Mut⸗ ter, bis ich durch die Verwandten der letztern ſelbſt erfuhr, daß ſie nur meine Erzieher waren? Warum ſtellte man mir meine rechte Mutter trotz allen meinen Bitten niemals vor, da ich doch ihre Briefe entdeckt hatte? Sollte der Schlüſſel zu dieſem Geheimniſſe nicht am Hofe zu ſuchen ſein?“ Er begab ſich mit Beaulieu, welcher nichts Arges ahnte, in die Hauptſtadt und verglich zunächſt die Bildniſſe des Königs, welche in allen Kunſthandlungen aushingen. Insgeſammt waren ſie ihm täuſchend ähnlich. Er ſuchte nun Gelegenheit den König ſelbſt zu ſehn, ward aber von Beaulieu daran verhindert. Deſto begieriger ward er. Am andern Morgen vor Tagesanbruch wollte der Alte aufbrechen und fand zu ſeinem höchſten Schrecken das Bett Marchiali's leer. Augenblicklich lief er nach dem Louvre, ſich an das Streben ſeines Begleiters vom vorigen Tage erinnernd. Hier fand er ihn umgeben von einer Maſſe Volks und konnte kaum bis zu dem durchdringen, den er ſuchte. „Beim Himmel,“ raunte er ihm in's Ohr,„keine Un⸗ beſonnenheit oder Sie ſind verloren! Folgen Sie mir augenblicklich!“ Von dieſer Scene war Mazarin unterrichtet worden. 5 66 Die eiſerne Maske. Er ließ die nöthigen Nachſuchungen machen und die beiden Männer vor ſich in ſein geheimes Cabinet führen. Es war dem Scharfſinn des Cardinals nicht ſchwer dahinter zu kommen, daß man ihm etwas zu verbergen trachtete. Bald durchſchaute er alles, ohne ſich gegen die Fremdlinge darüber auszuſprechen. Er ließ ſie unter Bewachung in ein anſtoßendes Zimmer treten und— ging zur Königin. Dieſe war wie vom Donner gerührt und mußte beken⸗ nen. Das Ende dieſer merkwürdigen Conferenz war der Entſchluß, dem alten Beaulieu nebſt ſeinem Begleiter Marchiali bei Strafe ewiger Gefangenſchaft anzubefeh⸗ len, daß ſie augenblicklich in einem verſchloſſenen Wagen nach Choiſy fahren und dieſes Schloß nicht wieder verlaſ⸗ ſen ſollten, bis ſie weitere Nachrichten erhalten würden. Ein paar treue Officiere von der Garde begleiteten in Ci⸗ vilkleidung die abreiſenden Fremden. Welche Veränderung dieſe große Entdeckung in dem Verhaͤltniß zwiſchen Mazarin und der Königin hervorge⸗ bracht haben würde, wenn Erſterer länger gelebt hätte, iſt nicht auszumitteln. Nur ſo viel weiß man, daß der Cardinal, welcher wegen ſeiner ſchon ausgebildeten Bruſt⸗ waſſerſucht nur mit Mühe athmete, bald darauf und zwar den 9. März 1661 ſtarb. Jetzt glaubte das Mutterherz, eine Warnung dieſer Art werde den Schmerzensſohn zur Vorſicht ſpornen. Sie rief die Wache vom Schloſſe Choiſy wieder zurück und hob die allzuſtrenge Gefangenſchaft auf. Nur weit ſollte ſich Marchjali entfernt halten und auf keinen Fall Paris wieder berühren, bis ſich gewiſſe Umſtände geändert haben würden. Es war zwei Monate nach dem Tode des Cardinals von Mazarin, als Marchiali ſein Aſyl einſt mitten in der Nacht verließ, um— nimmermehr dahin zurückzukehren⸗ — 9„—— Die eiſerne Maske. 67 Choiſy war immer noch ein Gefängniß geweſen, nur daß die Wachen nicht mehr im Schloſſe ſelbſt weilten ſondern zahlreich in den Umgebungen verbreitet waren. Gegen Morgen ſtieß er auf einige recht wohlgekleidete Civiliſten, ließ ſich mit ihnen in ein Geſpräch ein und war bald ſo vertraut geworden, daß er ſeinen Wunſch ausſprach eine Audienz bei Sr. Maieſtät dem König zu erlangen. Es gab ein Wort das andre. Die ertemporirten Reiſegeſell⸗ ſchafter prahlten mit ihrem Einfluß bei Hofe und hatten den Herrn Marchiali bald völlig für ſich eingenommen. Beim erſten Nachtlager hatte ſich die Geſellſchaft um zwei Mann vermindert und am andern Morgen hielt zufällig ein großer Poſtwagen vor dem Gaſthauſe, welcher nach Paris gehen ſollte. Alle Welt ſetzte ſich ein. Luſtig blies der Ppſtillion in's Horn und ſelbſt der nachdenkliche Mar⸗ chiali ward heiterer, als man ein frugales Frühſtück und ein paar recht gute Flaſchen Burgunder genoſſen hatte, welche unter dem Vorderſitz aufgepflanzt geweſen waren. Er ward redſelig. Aber auf alle ſeine Fragen erhielt er nur höfliche und nicht eine einzige befriedigende Antwort. Dies ſiel dem Weltkenner Marchiali natürlich ſehr auf und er vermuthete einen Theil der ganzen ſchrecklichen Wahrheit. Um ſich der Gefangenſchaft(denn dieſe ver⸗ muthete er) zu entziehen, gab er in einem Wäldchen ein natürliches Bedürfniß vor und wolite ausſteigen. Seine Begleiter fühlten ſogleich daſſelbe Bedürfniß und ſtiegen insgeſammt mit aus. Es wurde Mittag. Man mußte ſich mit kalter Küche benügen, wie ſie die vorſichtigen Rei⸗ ſenden bei ſich hatten. Marchiali klagte des Abends über Müdigkeit. Sogleich drückte einer von ſeiner Geſellſchaft an einer Feder und der Fond der Kutſche⸗ verwandelte ſich zalſein bequemes Ruhebette. Am folgenden Morgen bedeu⸗ 5* 68 Die eiſerne Maske. tete man den Gefangenen, daß er ſich beim Ausſteigen ſtets werde die Augen verbinden laſſen müſſen, weil er— ein Staatsgefangner ſei, der für eine gewiſſe Zeit den Augen der Welt entzogen werden ſolle. Jetzt ſtieg der bereits erwachte Unwille bei Marchiali ſo hoch, daß er kein Wort mehr ſprach, auf die Zukunft und ſeine Er⸗ findungsgabe vertrauend. Noch ſechs Tage lang dauerte die Fahrt. Zuletzt war man hohe Berge paſſirt, Schnee⸗ luft hatte von den Gipfeln geweht. Am ſiebenten Tage mußte ſich der Gefangene mit verbundenen Augen in eine Sänfte ſetzen. Nachdem man etwa noch ein paar Stünd⸗ chen aufwärts gegangen und die Binde wieder gefallen war, gewahrte Marchiali durch ein hinten angebrachtes Fen⸗ ſterchen eine lange Fichtenallee, an deren Ende ſich ein altes ſtarkes Schloß zeigte. Um die Sänfte die Weiße des Schnees und in geringer Entfernung das mit dem finſtern Grün der Tannen umgebene ſchwarzbraune Gebände machten auf den Gefangenen einen gewaltigen Eindruck. Das Ge⸗ nauere über dieſen Zuſtand hat Regnault⸗Warin ver⸗ rathen, wenn er ſagt: „Eine doppelte Steinmauer und folglich auch zwei Grä⸗ ben umgaben die Citadelle, vor undenklichen Zeiten erbaut und durch Franz IJ. wiederhergeſtellt, der ſie ſich zu einem Zufluchtsort in ſeinen italiäniſchen Kriegen auswählte. Mas las noch an verſchiedenen Stellen die Chiffre dieſes galanten und liebenswürdigen Ritters; es war ein F mit einem 8. verſchlungen; Marchiali glaubte, daß dieſer letztere Buchſtabe den Namen der ſchönen Spinola an⸗ zeigte, jener berühmten Genueſerin, deren Geiſt noch mehr als ihre Reize den Monarchen gefeſſelt hatte.“ „Der Officier in Civilkleidung, welcher mit Mariali in der Sänfte ſaß, war, wie er nun wohl ſah, der Gou⸗ Die eiſerne Maske. 69 verneur der Feſte Pignerol. Er gab der Garniſon ſeine Befehle und ließ ſeinen einzigen Gefangenen mit vieler Sorgfalt in ein geräumiges Zimmer mit ſchöner Ausſicht in die Gebirge tragen. Hier angelangt, verbeugte ſich der Gouverneur St. Mars vor ihm nnd ſprach: „Meine Vorgeſetzten haben mir nicht geſagt wer Sie ſind. So lange dies nicht geſchieht, darf ich es auch nicht wiſſen. Indeſſen iſt es mir erlaubt Ihnen zu ſagen, daß Ihre frappante Aehnlichkeit mit einer hohen Perſon be⸗ ſondre Maßregeln nöthig macht.“ „Ich kenne dieſe hohe Perſon; es iſt König Ludwig XIV.,“ ſagte Marchiali. „Wenn Sie das wiſſen, darf ich auch hinzufügen, daß Sie entweder nie oder nur maskirt die freie Luft im Schloß⸗ hofe genießen dürfen.“ „Was fürchtet man doch?“ fragte der Gefangene;„bin ich nicht wenigſtens 15 Jahre älter als der König?“ „Eben deshalb,“ antwortete St. Mars;„wie, wenn Sie ſich für einen Sohn Anna's von Oeſtreich, für einen aͤltern Bruder Ludwig's XIV., für den rechtmäßigen König ausgäben? Haben Sie nicht bereits einmal eine Menge Volks um ſich verſammelt?“ „Herr, mein Gott!“ rief Marchiali;„ſetzt begreife ich, daß das Geräth dieſes Zimmers und mein Sarg ein⸗ ander berühren!“ „Noch nicht. Man kennt weder die Ereigniſſe im Frie⸗ den noch die des Kriegs.“ „Warum hat mich mein Vater Ludwig XLIII. verſtoßen? Schlug im Buſen der Mutter kein Herz?“ „ Als der Herzog von Buckingham durch einen Fana⸗ tiker ermordet worden war, ſiel Ihre Mutter in Ohnmacht.“ Die eiſerne Maske. „Weiß der König das Geheimniß?“ „Einen Theil davon hat der Cardinal Mazarin mir vertraut und den andern mit ins Grab genommen.“ „Wenn ich ein heiliges Verſprechen ablegte...“ „Ihre erhabene Mutter iſt ſeit dem Tode des Cardinals ohne Einfluß; der König hat ſelbſt zu regieren begonnen; die Letellier, Louvois und Colbert ſind ihm zuge⸗ thaner als es die Richelieu und Mazarin ſeinem Va⸗ ter jemals waren. Bei den noch nicht geſtillten Unruhen tödtet der bloße Verdacht. Sparen ſie ſich auf beſſere Zei⸗ ten, mein Prinz!“ „Welche Ausſicht könnte ich Unglücklicher haben, da der König ſo jung und außerdem noch ein andrer Bruder von mir vorhanden iſt?“ „Ihre königliche Mutter bewahrt die vollgültigſten Zeug⸗ niſſe Ihrer Geburt auf und iſt entſchloſſen beim etwaigen Tode des Königs Sie auf den Thron zu berufen.“ „Könnte ſie das, da Mazarin nicht mehr iſt?“ „Sie würde es in dieſem Falle durchſetzen, weil Phi⸗ lipp... doch alles dies hat noch Zeit, und ich führe es bloß an, mein Prinz, um Sie an Geduld und Klugheit zu mahnen.“ Nach dieſen Worten verbeugte ſich St. Mars, ent⸗ fernte ſich einen Augenblick und kam dann mit einer Schach⸗ tel zurück, die er mit einem Seufzer auf den Marmortiſch unter dem koſtbaren Spiegel ſetzte. Der Gefangene lehnte nachdenklich im Fenſter und betrachtete, wie es ſchien, nicht ohne Wohlgefallen die erhabene Alpennatur. St. Mars wagte ihn nicht zu ſtören und blieb ruhig am Pfeilertiſche ſtehen. Endlich drehte ſich der Prinz um und ſprach mit ſeiner gewöhnlichen ſanften Stimme: „Ein ſchoͤnes Land, mein Herr, das ich noch niemals Die eiſerne Maske. 71 ſah; darf ich aus dem Umſtande, daß mir ſchon unterwegs die Augen verbunden wurden, einen Schluß machen, ſo iſt es Ihnen wohl nicht erlaubt mir zu ſagen, in welchem Lande wir uns befinden.“ „Leider, mein Prinz,“ antwortete der Angeredete,„iſt mir die Zunge gebunden. Nur ſo viel darf ich Ihnen mittheilen, daß Sie vor allen Dingen zu vermeiden haben, ſich irgend jemandem zu erkennen zu geben oder Ihr Ge⸗ ſicht ſehen zu laſſen, weil ich ſonſt den ſtrengſten Befehl habe Sie nicht ausgehen und keinen Menſchen zu Ihnen eintreten zu laſſen. Um Ihnen jedoch ſo viel Freiheit als möglich geſtatten zu können, habe ich Ihnen hier eine Ge⸗ ſichtsmaske mitgebracht, in welcher Sie mit den Leuten ſprechen dürfen, denen man den Zutritt bei Ihnen erlau⸗ ben wird.“ Nach dieſen Worten öffnete St. Mars die mitge⸗ brachte Schachtel, nahm die Maske heraus, welche aus ſchwarzem Sammet beſtand und woran das Kinnbackenſtück Stahlfedern hatte, ſo daß man mit dieſer Maske vor dem Geſicht bequem reden, eſſen und trinken konnte. Sie dem Gefangenen hinreichend, ſagte ſein dermaliger Geſell⸗ ſchafter: „Unterwerfen Sie ſich der Nothwendigkeit, durchlauch⸗ tigſter Prinz! Bedenken Sie, daß Ihre Gefangenſchaft nur kurze Zeit, vielleicht ſehr kurze Zeit dauern kann.“ Mar⸗ chiali griff nach der dargereichten Maske, ſetzte ſie auf, ſchlug den daran befindlichen Eiſendraht um den Kopf herum, ſtellte ſich vor den großen Wandſpiegel und ſagte, als er ſich ein Weilchen betrachtet hatte: „Sie haben Recht, mein Herr; ſo erkennt mich nicht wer mich liebt oder zu fürchten hat.“ „Ich habe gemeſſenen Befehl,“ jeden Ihrer Wuͤnſche, Die eiſerne Maske. wofern er nicht auf eine unzeitige Freiheit gerichtet iſt, auf das gewiſſenhafteſte zu erfüllen. Haben Sie daher die Gnade Ihre Wuünſche ſtets frei und rückhaltslos gegen mich auszuſprechen. Um ſelbige entgegenzunehmen, werde ich jede Stunde einmal in Ihr Zimmer zu kommen mir die Freiheit nehmen.“ Hierbei verbeugte ſich St. Mars und ließ den un⸗ glücklichen Marchiali allein im Zimmer. Um die Geſchichte dieſes berühmten Gefangenen, welchen man nur den Mann mit der eiſernen Maske oder auch ſchlechtweg die eiſerne Maske nennt, nicht ungebührlich auszudehnen, ſagen wir von ſeiner Lebensweiſe auf dem Schloſſe Pignerol nur etwas im allgemeinen. Der Gefangene, welcher ſchon früher die feinſte Wäſche getragen hatte, be⸗ hielt auch jetzt in ſeiner Einſamkeit den Hang ſich immer überaus ſchmuck zu kleiden. Es ſchien das ein Erbſtück von ſeiner königlichen Mutter zu ſein. Ferner ſpeiſ'te er äußerſt fein, hatte eine ausgeſuchte Bibliothek und ſpielte mit ausnehmender Fertigkeit die Zit⸗ ter. Unter Beſchäftigungen mit der Literatur und Muſik verging ein Tag nach dem andern, ein Monat nach dem andern, ohne daß etwas beſonders Merkwürdiges vorge⸗ gangen wäre. In der Abenddämmerung pflegte Marchiali mit der eiſernen Maske vor dem Geſicht und in Begleitung des Herrn St. Mars im Schloßhofe ſpazieren zu gehen, und bei einer ſolchen Gelegenheit geſchah allerdings einmal et⸗ was Erwähnenswerthes. Es wehte nämlich eines Abends eine etwas kalte Schneeluft und Marchiali mochte ſich wohl etwas zu leicht gekleidet haben; er erkältete ſich. Da nun bis jetzt außer dem Schloßcommandanten, welcher ſei⸗ nen Gefangenen auch ſtets perſönlich mit allen Nothwen⸗ — r 3 d 3 a —4æ Pignerol und deſſen Umgebungen, bald aber auch in wei⸗ Die eiſerne Maske. 73 digkeiten des Lebens verſehen hatte, niemand etwas von dem geheimnißvoll eingeſchloſſenen Manne wußte, ſo än⸗ derte ſich das nun freilich. Es mußte ein Arzt herbeige⸗ rufen werden. Als dieſer in's Zimmer trat, ſah er den Mann mit der eiſernen Maske auf einem prachtvollen Sopha ausgeſtreckt. Trotz dem, daß er abgeſpannt ſchien, machte er ſich etwas zu ſchaffen; er riß ſich nämlich merkwürdigerweiſe mit einer ſtählernen Kneipzange unten am Kinn die Barthaare aus. Der Arzt machte ſpäter bekannt, daß der Patient ein über⸗ aus ſchön gebauter Mann geweſen ſei. Ueber ſeine ärztliche Behandlung drückte er ſich ſo aus: „Ich fragte den Gefangenen nach ſeinem Befinden und der muthmaßlichen Urfache ſeiner Krankheit. Er antwor⸗ tete mir mit einer ſanften durch die Eiſendräthe der Maske noch mehr gedämpften Stimme, daß er eine fieberhafte Aufregung durch ſeinen ganzen Körper fühle, die wohl durch eine kleine Erkältung verurſacht ſein möͤchte. Ich bat ihn mir zu erlauben nach dem Schlage ſeines Pulſes zu fühlen und fand dieſen ſieberhaft vermehrt. Bei dieſer Gelegenheit bemerkte ich, daß er eine ſehr feine ſammet⸗ artige aber etwas bräunliche Haut hatte. Da es mir dar⸗ um zu thun ſein mußte mich zu verſichern, ob nicht auch vielleicht ſeine Verdauung gelitten hätte, ſo fragte ich ihn zunächſt nach ſeinem Appetit und bat ihn dann mir ſeine Zunge zu zeigen. Sie war ſehr wenig belegt. Eine paſ⸗ ſende Medicin, welche beſonders einen gelinden Schweiß hervorzubringen geeignet war, den er im Bett gehörig abwartete, ſtellte ihn ſchon den andern Tage wieder her.“ Wichtiger aber als dieſe ärztliche Behandlung war der Umſtand, daß man von dem Zeitpunkt an im Schloſſe 74 Die eiſerne Maske. tern Entfernungen von dem Mann mit der eiſernen Maske zu reden begann und ſich überall die Köpfe zerbrach, wer er doch wohl ſein möchte, da man keinen bedeutenden Mann des In⸗ oder Auslandes vermißte, gleichwohl aber der Gefangene mit einer Achtung und Ehrerbietung behan⸗ delt wurde, wie ſie nur Fürſten zu Theil zu werden pflegt. Der Mann mit der eiſernen Maske mochte etwa ein Jahr lang im Schloſſe Pignerol geſeſſen haben, als ein Gärtner in der Abenddämmerung nahe an ihm und ſeinem Begleiter St. Mars vorüberſtrich und jenem etwas zuzu⸗ flüſtern ſchien. Dies erſchreckte den Schloßcommandanten im höchſten Grade. Er dachte ſogleich an ein Einverſtänd⸗ niß zwiſchen ſeinem Gefangenen und dem Gärtner, das ſie ja durch irgend ein winziges Zettelchen ermöglicht haben konnten. St. Mars eilte mit Marchiali in deſſen Zim⸗ mer zurück, ſchloß ihn wie gewöhnlich ein und ſetzte ſich dann ſogleich an ſein Schreibepult. Noch in der Nacht ging ein vertrauter Bote nach Paris ab und wenige Tage ſpäter trat der Schloßcommandant in das Zimmer ſeines Gefangenen mit den Worten ein: „Durchlauchtigſter Prinz, es hat Ihrer erhabenen Mut⸗ ter gefallen Ihnen einen ſchönern und geſündern Aufent⸗ halt anzuweiſen. Zugleich läßt ſie Ihnen ſagen, daß die Stunde Ihrer Erlöſung bald ſchlagen werde, und bittet Sie bis zu dieſer Zeit um ausharrende Geduld. Mit Einbruch der Nacht, mein Prinz, werden wir die Reiſe antreten. 7. Ganz wie auf der Reiſe von Choiſy nach Pignerol verfuhr man auf der, welche man jetzt antrat. 0 ——⸗——& nerol —Q— ʒ—— Die eiſerne Maske. 75 Sie dauerte viele Tage hintereinander und ging ganz ohne Unfall zu Ende. Eines Abends ſetzte ſch St. Mars mit Marchiali in eine Sänfte und ließ ſich auf ein Fahr⸗ zeug tragen. Nach kurzem Verweilen auf dem Waſſer lan⸗ dete man an einer kleinen Inſel, welche ein citadellenähn⸗ liches Schloß trug. Dieſes auf der Margaretheninſel gele⸗ gene Schloß war der neue Aufenthaltsort unſres Mannes mit der eiſernen Maske. Man wies ihm ein nach dem Meere hinaus gelegenes Zimmer an, welches mit könig⸗ licher Pracht meublirt war. Wie früher zu Pignerol war St. Mars nun hier Schloßeommandant. Das Leben des Gefangenen war gleichfalls ganz daſſelbe wie in je⸗ nem Schloſſe Savoyens. Es bleibt uns daher nur übrig einige Dinge hervorzu⸗ heben, welche aus dem einförmigen Leben Marchiali's wie Inſeln aus einem windſtillen Meere hervorragen. Eines Tages ging St. Mars in dem langen Vor⸗ ſaale auf und ab, welcher nach dem Zimmer des Gefan⸗ genen führte. Da ſich kein Menſch in der Nähe hören ließ, ſo öͤff⸗ nete er die Thür des Gefängniſſes und begann eine Unter⸗ haltung mit deſſen Bewohner. Kaum mochte dieſe fünf Minuten gedauert haben, als ein junger Menſch die Saal⸗ thür aufriß und ungeſtüm eintrat. St. Mars ſchlug dem durchlauchtigen Gefangenen, welcher die Maske nicht angelegt hatte, die Thür vor der Naſe zu, ſchloß eiligſt ab, lief dem Eingetretenen haſtig entgegen und fragte ihn mit einer Stimme, deren Erre⸗ gung er umſonſt zu verbergen ſtrebte: „Haben Sie etwas zu ſehen?“ .„SIch habe Sie an einer offenen Thür ſtehen ſehen.“ „Und hinter derſelben?“ 76 Die eiſerne Maske. „Habe ich nichts geſehen.“ Nachdem ſich St. Mars völlig von der Wahrheit dieſer letzten Ausſage überzeugt hatte, ſchickte er den jungen Menſchen(es war der Sohn eines ſeiner Freunde) in ſeine Heimath mit einem Briefe an deſſen Vater zurück, worin es unter andern hieß: „Es hätte nicht viel gefehlt, ſo wäre Deinem Sohne eine gewiſſe Unbeſonnenheit theuer zu ſtehen gekommen. Ich ſende ihn Dir daher zurück aus Beſorgniß ihn noch⸗ mals einen unklugen Streich machen zu ſehen.“ Nach dieſem kleinen Ereigniß vergingen wieder mehrere Jahre bevor etwas Bedeutendes das einfache Leben des er⸗ lauchten Gefangenen unterbrach. Erſt am Morgen des 20. Januars 1666, als Anna von Oeſtreich, ſeine un⸗ glückliche Mutter, in den letzten Zügen lag, erreignete ſich im Louvre zu Paris ein Umſtand, welcher nicht ohne Ein⸗ fluß auf die Margaretheninſel blieb. Die Königin Mutter hatte 8 Jahre lang aus übel ver⸗ ſtandner Citelkeit vor aller Welt ein Krebsgeſchwür an ihrer Bruſt verheimlicht und auch die heftigſten Schmerzen mit einer Art von Heldenmuth ertragen. Jetzt endlich, da ſie wohl merkte, daß ihr Leiden eine Dyskraſie aller ihrer Säfte verurſacht hatte und ihrem Leben ſchleunig ein Ende zu machen drohte, jetzt entdeckte ſie ſich ihrem vertrauten Leibarzte. Es war zu ſpät. Der Arzt empfahl ihr für einen möglichen unglücklichen Fall ihr Zeitliches zu ord⸗ nen und an das Ewige zu denken. Da raffte ſie ſich noch einmal zuſammen und ließ ihren königlichen Sohn Ludwig XIV. zu ſich zu entbieten, alle Uebrigen aus dem Sterbezimmer entfernend. Kaum ſah ſie ſich mit ihm allein, ſo ſprach ſie mit ſchwacher und oft er⸗ ſtickter Stimme: ——.— rere er⸗ des un⸗ ſich Fin⸗ ver⸗ an rzen da hrer Ende uten für ord⸗ hren alle h ſie t er⸗ Die eiſerne Maske. 77 „Du biſt groß und edel. Dir allein darf ſich das Mutterherz vertrauen. Da mich aber ein Geheimniß von der äußerſten Wichtigkeit in meinen letzten Augenblicken darniederdrückt, ein Geheimniß, welches auch Dich angeht, mein Sohn, ſo muß ich Dir einen heiligen Eid abnehmen, es niemandem in dieſer Welt zu offenbaren. Schwörſt du mir das in meiner Todesſtunde?“ fügte ſie mit den letzten Thränen in ihren Augen hinzu. König Ludwig war gerührt. In feierlichem Tone rief er aus: „Ja, königliche Mutter, dies ſchwöre ich, ſo wahr ich ein ehrlicher Mann bin.“ Nach kurzer Pauſe begann die ſterbende Anna von neuem: „Mein Geheimniß betrifft eine Perſon. Schwörſt Du mir auch dieſelbe am Leben zu erhalten, mit allen Dingen reichlich zu verſehen und ihre etwaigen Rechte bei Deinen Lebzeiten und auch für den Fall Deines Todes ge⸗ wiſſenhaft zu wahren?“ „Hierin finde ich nichts, was gegen meine Pflicht als Menſch oder König verſtoßen könnte,“ antwortete der Kö⸗ nig;„ich ſage auch das mit feierlichem Eide zu.“ Nach einer etwas längeren Pauſe hub die Mutter von neuem an: „Du haſt noch einen ältern Bruder; er ward aus dem Schloſſe Pignerol weggeführt und befindet ſich jetzt in der Burg auf der Margaretheninſel. Er iſt Dein ganzes Eben⸗ bild und darf ſich alſo während Deiner Lebenszeit nicht öffentlich zeigen; Du wirſt... ich hoffe... Herr mein Gott...l Dies waren Anna's letzte Worte. Der Köoͤnig rief ſogleich die Aerzte herbei, welche über dieſen Todesfall Die eiſerne Maske. nicht ſehr verwundert waren. Welchen Einfluß nun die Entdeckung des Geheimniſſes auf den Gefangenen hatte, wird ſich ſogleich zeigen.. Drei Tage ſpäter ſtellte St. Mars in der Burg der Margaretheninſel vertraute Officiere als Wächter auf und jeder von ihnen erhielt den Befehl, ſobald ſich der Gefan⸗ gene ohne Maske zeigen oder Miene zur Flucht machen würde, ohne weiteres zu ſchießen. Die vermehrte Aengſt⸗ lichkeit in ſeiner Bewachung entging dem Unglücklichen nicht. Da er nun von Jahr zu Jahr auf ſeine Befreiung ge⸗ wartet und ſich ſtets getäuſcht geſehen hatte, da ihm noch dazu angedeutet wurde, daß man ihn augenblicklich in einen dunkeln Kerker werfen werde, ſobald er ſich beigehen ließe, ohne Erlaubniß das Zimmer zu verlaſſen, mit irgend je⸗ mandem außer dem Schloßcommandanten zu ſprechen oder auch ſich ohne Maske zu zeigen, ſo entſtand in ihm der lebhafte Wunſch ſich auf irgend eine Weiſe, wie es auch ſei, jemandem anzuvertrauen, um einem ewigen Gefäng⸗ niſſe zu entrinnen. Erwähntermaßen trug St. Mars ſeinem Gefangenen alles Mögliche perſönlich zu; nur in der letztern Zeit war eine alte treue Wäſcherin, welche ſchon auf dem Schloſſe Pignerol Marchiali's feines Linnenzeug beſorgt hatte, in der Gunſt des Commandanten ſo hoch geſtiegen, daß ſie dem maskirten Prinzen die Kragen und Spitzen anle⸗ gen durfte. Leutſelig und freundlich, wie der Gefangene ſtets war, ſprach er auch mit dieſer Frau, welche ihm ein gutes Herz zu verrathen und Vertrauen zu verdienen ſchien. An ſie wendete er ſich jetzt mit großer Vorſicht, nur von weitem ausholend, um endlich auf ſeine Befreiung zu kom⸗ men. So war es mehrere Tage hintereinander ſtufenweiſe fortgegangen und die Waͤſcherin hatte auch ſtets ihr Wort — — — ͤ8 SS — ☛ e — 8„—— — Die eiſerne Maske. 79 darein gegeben, als eines Nachmittags St. Mars plötz⸗ lich in's Zimmer trat und mit ſanfter Stimme aber hoch⸗ rothem Geſichte ſagte: „Man bedarf Deiner Dienſte nicht mehr, Barbara; erwarte mich im Vorſaale; ich werde Dir einen Poſten an⸗ weiſen, auf welchem Du von Deinen langjährigen Müh⸗ ſeligkeiten ausruhen kannſt.“ Mit einer Verbeugung trat die Wäſcherin ab. Einige Tage ſpäter trug einer von den vertrauten Officieren des Gouverneurs in ſtiller Mitternachtsſtunde einen Kaſten von der Größe eines Sarges an den Begräbnißort. Er war geſehen worden und am andern Tage ging im Schloſſe die Rede, der voenehme Gefangene ſei geſtorben und in der vergangenen Nacht begraben worden. Die Grundloſigkeit dieſes Gerüchtes offenbarte ſich ſchon am dritten Tage, in⸗ dem St. Mars mit ihm in der Dämmerung ſpazieren ging. Was aus der Wäſcherin geworden, weiß niemand zu ſagen, vielleicht hat ihr St. Mars ſeinem Verſpre⸗ chen gemäß irgendwo einen ruhigen Poſten verſchafft. Einen Tag ſpäter, nachdem man den Commandanten mit dem maskirten Manne im Schloßhofe geſehen hatte, erſchien bei erſterm eine Bäuerin aus Mongin, welche ihm von einem ſeiner vertrauten Officiere zur Wäſcherin für den Mann mit der eiſernen Maske empfohlen worden war. Der Handel war bald richtig; denn man verhieß ihr für ihre Arbeiten einen ſo hohen Lohn wie er wohl kaum je⸗ mals einer Wäſcherin zugeſtanden worden iſt. „Was für ein Glück!“ rief die Bäuerin in ihrer Her⸗ zensfreude aus,„wie wird ſich mein Mann freuen; wie glücklich werde ich meine Kinder machen!“ „Dies alles wird der Fall ſein,“ ſagte der Schloßcom⸗ mandant,„nur dürfen Sie bis zum Eintritt eines gewiſ⸗ 80 Die eiſerne Maske. ſen Todesfalles das Schloß nicht verlaſſen und keine Be⸗ ſuche annehmen.“ 1 „Auch nicht die meiner Kinder?“ „Nein.“ „Dann leiſte ich Verzicht auf alle Reichthümer, die ich erwerben könnte.“ Hierauf entfernte ſie ſich mit traurigem Geſicht und machte in der Umgegend bekannt, was ihr begegnet war. Von dieſer Zeit an half St. Mars ſeinem Gefangenen auch ſelbſt beim Ankleiden. Da dieſer mit der Wäſcherin nicht zu ſeinem Zwecke gekommen war, ſo verſuchte er es auf eine andre Weiſe. Nördlich nach dem Lande hin war ſein Gefängniß ſo ſcharf bewacht, daß es ihm nicht möglich war mit irgend jemandem ſchriftlich zu correſpondiren; hatte man ihm aber auch ſeit ſeinem Verweilen auf der Margaretheninſel Dinte Feder und Papier entzogen, ſo mußte es doch einem erfin⸗ deriſchen Kopfe wie ihm ein Leichtes ſein, irgend ein Schreibmaterial auszuſpähen und es mit den nöthigen Nachrichten irgend einem Kuſtenfahrer in die Hände zu ſpielen. Er zerſchnitt eins von ſeinen feinen Hemden, breitete es zu einer Zeit, wo ihn ſein Argus eben verlaſ⸗ ſen hatte, auf einen Tiſch aus, ſpitzte ſich eine aus dem Kamine genommene Holzkohle fein zu und begann die Be⸗ ſchreibung ſeines Lebens zu entwerfen, ſo weit es ihm ſelbſt bekannt war, daran knüpfte er die Schilderung ſei⸗ ner Hoffnungen für die Zukunft und bat ſchließlich jeden, welchem die Schrift vor Augen käme, wenn anders ein menſchliches Herz in ſeinem Buſen ſchlüge, ihm, dem un⸗ glücklichen Königsſohne, hülfreich beizuſpringen. Dieſe Arbeit beſchäftigte den Mann mit der eiſernen Maske mehrere Tage lang. Als er endlich damit zu Stande — —,. ——= Die eiſerne Maske. 83 Bette gefunden und der edelmüthige St. Mars konnte die ihm verheißenen Wohlthaten nur noch der verwaiſ'ten Familie des vorgeblichen Praktikers ſpenden. Von dem Tage an, wo der unglückliche Barbier das Käſtchen aufge⸗ hoben hatte, konnte man bei Tag und Nacht im Süden der Burg zwei mit einem Officier und ein paar Gemeinen bemannte Gondeln ſehen, welche ſich nur während etwaiger Ungewitter in ein Zelt zwiſchen die Felſenritzen zurückzogen. Man hörte ſie zuweilen größeren Fahrzeugen zurufen, ſie möchten ſich in der Entfernung halten oder gewärtig ſein mit einer Salve begrüßt zu werden. Nach dem erzählten Vorfalle mochten kaum ein paar Monate in's Land gekommen ſein, als die St. Margare⸗ theninſel einen ſehr vornehmen Beſuch erhielt. Nämlich der Miniſter Louvois, Ludwig's XIV. rechte Hand, ließ ſich durch St. Mars bei dem Manne mit der eiſernen Maske anmelden. Wenn der langjährige Hüter des Gefangenen ſich in deſſen Gegenwart nie ſetzte und ihn ſtets mit den größten Zuvorkommenheiten behandelte, ſo fiel es denen ſchon nicht wenig auf, welche zufällig etwas davon bemerkten; wenn aber der Miniſter, welcher ſeinem herrſchſüchtigen Herrn ſtets ohne Umſtände widerſprach und ſonſt gegen alle Welt grob war, wenn ein ſolcher Mann mit dem Gefangenen im Schloßthurme des genannten Eilandes nur höchſt ehrerbie⸗ tig ſprach und ſich nicht herausnahm ſich vor ſeinem Wirthe niederzulaſſen, ſo mußte dies, als es gleichfalls durch einen Zufall bekannt wurde, jedermann im höchſten Grade über⸗ raſchen. Man urtheilte jetzt allgemein, der Gefangene könne nur eine ſehr bedeutende Perſon und nicht viel we⸗ niger als der König ſelbſt ſein. Gleichwohl war weder in Frankreich noch im übrigen Europa ein Mann von ſolcher 6* 84 Die eiſerne Maske. 7 Bedeutung verſchwunden, wie es die Maske doch ſein mußte. Ihre Eriſtenz war und blieb daher ein Räthſel. Wie aus dem geheimen Nachlaß des Miniſters Lou⸗ vois hervorgeht, hatte ſeine Reiſe nach der Margarethen⸗ inſel den doppelten Zweck, einmal Ludwig's XIV. Neu⸗ gierde zu befriedigen, welcher von einem feinen Beobach⸗ ter hören wollte, ob ihm ſein Bruder von mütterlicher Seite wirklich ſo ähnlich ſehe als man ihn hatte glauben laſſen, und dann dem Mann mit der eiſernen Maske im Namen des Königs bei Todesſtrafe jeden fernern Verſuch zu verbieten, ſich zu erkennen zu geben oder ſich ohne Er⸗ laubniß aus dem Schloſſe zu entfernen. Wer da glaubt, man könne einen Gefangenen durch ſolche Drohungen von ſeinen Befreiungsverſuchen abſchre⸗ cken, der hat ſicher noch nicht gefangen geſeſſen. Außer einer größern Vorſicht, welche ſich Marchiali nun zur Pflicht machte, hatte Louvois' Beſuch keine Folge. Nicht gar lange nach der Abreiſe des Miniſters ſaß der gefangene Prinz eines Abends einſam am Kamin und hing ſeinen Gedanken nach. Da hörte er plötzlich eine menſch⸗ liche Stimme durch die Kaminröhre herabrufen. Er hu⸗ tete ſich wohl zu antworten, denn wie leicht konnte Lou⸗ vois ihn auf die Probe ſtellen wollen? Doch die Mit⸗ theilungen des Gefangenen über ihm ſchienen ihm endlich das Gegentheil zu beweiſen. Dieſer ſagte zuletzt: „Ich heiße Dubuiſſon, war früher Caſſirer bei Samuel Bernard, habe mehrere Jahre in der Baſtille geſeſſen und das Schickſal hat gewollt, daß ich in ein Ge⸗ fängniß geſetzt worden bin, von welchem aus meine Stimme zu demjenigen reicht, über welchen Paris und ganz Frankreich ſpricht, ohne ſeinen Stand und Namen erfahren zu können.“ 4 N N N N — Die eiſerne Maske. 85 Hierauf antwortete der Prinz nur Folgendes: „Dieſes Geſtändniß würde nicht nur mir das Leben ko⸗ ſten, ſondern auch allen denen, welchen ich es mittheilen würde.“ Auf alle weitern Fragen Dubuiſſ on's erfolgte keine Antwort, theils weil der Mann mit der eiſernen Maske nicht wiſſen konnte, ob er nicht behorcht würde, und theils weil er von dieſem Mitgefangenen ſeine Befreiung nicht hoffen durfte. Eines Nachmittags traf es ſich jedoch, daß gerade zu der Zeit, wo die Mannſchaft auf den Gondeln unter dem Fenſter des Gefangenen abgelöſ't wurde, ein Fiſcher wei⸗ ter, als jene es in der Regel erlaubten, mit ſeinen Netzen herangekommen war. Marchiali hatte auf einen von den ſilbernen Tellern, von welchen er geſpeiſ't hatte und deren immer einige mit Früchten und Backwerk im Zimmer ſtan⸗ den, die nöthigſte Nachricht von ſeiner Geburt und ſeinem Schickſale mit dem Meſſer eingekritzelt, ſchleuderte dieſen in einem unbelauſchten Augenblicke dem Fiſcher in's Netz und ſah noch wie der arme Mann das Garn mit dem Schatze hob. In Erwartung der Dinge, die da kommen ſollten, legte ſich nun der Prinz auf ſein Sopha, ſich heitern Träumen über die mögliche Beendigung ſeines lang⸗ jähteigen Pflanzenlebens hingebend. Wie der ſelige Chirurg das Mahagonykäſtchen ſo brachte deſe Fiſcher den Silberteller dem Oberaufſeher des Mannes mſit der eiſernen Maske, gleich jenem auf eine anſehnliche Bſelohnung hoffend.— „Haſt Du geleſen was auf dem Teller geſchrieben ſteht?“ ffagte ihn St. Mars. „ Ich habe nichts geleſen,“ antwortete der Fiſcher,„weil iich gar nicht leſen kann.“ 86 Die eiſerne Maske. s dem Netze Hat es jemand geſehen als Du ihn au nahmſt?“ „Nein, gnädiger Herr; niemandem theilen. „Wie lange haſt Du ihn in Verwahrung?“ „Zehn Minuten; denn ſo lange brauchte ich Zeit bis hierher zu kommen.“ „Für Deine Treue will ich Dir auf ein paar Tage ein Zimmer im Schloſſe anweiſen und Dich herrlicher leben laſſen als Du jemals gelebt haſt.“ Der Fiſcher ward eingeſperrt, aber ſehr reichlich und gut genährt; der Gouverneur verhörte unterdeſſen die Officiere und die Mannſchaft von den Gondeln, gab ihnen nach ermitteltem Thatbeſtand eine tüchtige Naſe und bedrohte ſie mit harter Strafe, wenn ſie ſich noch eine einzige Fahr⸗ ſte würden zu Schulden kommen laſſen. läſſigkeit im Dien Die Nachbarn und Verwandten des gefangen ſitzenden Fi⸗ ſchers wurden gleichfalls verhört und ſagten insgeſammt aus, daß er nie leſen und ſchreiben gekonnt habe. Nun erſt ward der Fiſcher, dem es unheimlich zu wer⸗ den begann, ſeiner Haft entlaſſen, reichlich beſchenkt und vom Commandanten mit den Worten fortgeſchickt: „Geh nach Hauſe, mein Sohn, und freue Dich, daß Du nicht leſen kannſt.“ Es war nicht ſo gar lange nach dieſem Vorfalle, als St. Mars, zum Befehlshaber der Baſtille ernannt, ſei⸗ nem Gefangenen ankündigte, daß er mit ihm eine Reiſe nach Paris machen werde und daß er demgemäß ſeine Be⸗ fehle zu ertheilen habe, welche Effecten er mitzunehmen wünſche. Es läßt ſich leicht denken, daß die Züge unter der eiſer⸗ nen Maske bei dieſer Nachricht nicht die ruhigſten warenn. ich wollte die Belohnung mit als ſei⸗ Reiſe Be⸗ hmen eiſer⸗ darenn. Die eiſerne Maske.. 91 Leute wiſſen; ich muß Dich aber erſuchen, Dich mit der Ver⸗ ſicherung zu begnügen, daß die Gefangenſchaft dieſes Un⸗ glücklichen niemandem vom Hofe, wer es auch ſein mochte, irgend einen Nachtheil gebracht und daß er niemals Frau oder Kinder gehabt hat.“ Wenn Voltaire, welcher über die Perſönlichkeit der Maske ſehr genau unterrichtet war, der Welt bloß ſagt, wer ſie nicht geweſen iſt, ſo deutete der Marſchall von Ri⸗ chelieu, welcher das Geheimniß ebenfalls kannte, durch ſein beredtes Schweigen auf eine Frage des Abbé Sou⸗ lavie weit treffender auf die Wahrheit hin; die Frage lautete nämlich ſo:. „Iſt es nicht wahr, mein Herr Marſchall, daß dieſer Gefangene ein älterer Bruder Ludwig's XIV. war, wel⸗ cher ohne Wiſſen Ludwig's XIII. geboren ward?“ Es hat Leute gegeben, welche den Herzog von Beau⸗ fort, Heinrich's IV. Geblüt entſtammend, für den Mann mit der eiſernen Maske hielten. Dieſer hatte ſich in ver⸗ ſchiedenen Kriegsaffairen nicht unrühmlich ausgezeichnet, unter der Regentſchaft Anna's von Oeſtreich gegen den Cardinal Mazarin conſpirirt und deshalb 5 Jahre lang zu Vincennes gefangen geſeſſen. Da er in den bürgerli⸗ chen Streitigkeiten der Fronde ſich zum Spielwerk dieſer Partei gebrauchen ließ, ſo nannte ihn der Pariſer Pöbel nicht anders als den König der Hallen. Später focht er gegen die Seeräuber, ſchlug 1665(in welchem Jahre die Maske längſt von St. Mars bewacht wurde) die türkiſche Flotte an der Küſte von Tunis und ſtarb endlich 1669 bei einem Ausfalle aus Candia, welches die Türken hartnäckig belagerten. Andre Leute waren der Meinung, der Mann mit der eiſernen Maske ſei der Graf von Vermandois geweſen, 92 Die eiſerne Maske. ein natürlicher Sohn Ludwig's XIV. und der Herzogin von Valisre. Um ſich von der Grundloſigkeit dieſer ihrer Annahme zu überzeugen, hätten ſie nur nachzuſehen gebraucht, daß dieſer Graf den 2. October 1667 geboren war. Noch Andre ſahen in dem berühmten Gefangenen einen Secretär des Herzogs von Mantua Namens Gerolami Magni, welcher erſt im Jahr 1686 auf der Schaubühne der Welt auftrat. Wieder Andre meinten der Gefangene von Pignerol ſei der Herzog von Monmouth geweſen. Dieſer diente 1678(zu ei⸗ ner Zeit, wo Marchiali auf der Margaretheninſel vergebliche Fluchtverſuche machte) unter dem Prinzen von Oranien gegen den Herzog von Luxemburg und ſchlug im folgenden Jahre die ſchottiſchen Rebellen auf's Haupt, ward aber endlich 1685 nach ſeiner Niederlage bei Bridgewater öffent⸗ lich enthauptet. Mehr Wahrſcheinlichkeit hatte das Vorgeben derer, welche beweiſen wollten, der Mann mit der eiſernen Maske ſei ein Zwillingsbruder Ludwig's XIV. geweſen, da zumal in den Denkwürdigkeiten des Marſchalls von Richelieu ein Bruch⸗ ſtück mit unterlief, welches dieſe Anſicht vertheidigte. Da jedoch Ludwig Xlll. die Rechtmäßigkeit der Geburt Lud⸗ wig's XIV. anerkannte, was konnte ihn zu der Grauſam⸗ keit führen, deſſen Zwillingsbruder zu beſeitigen? Was von einer Prophezeihung geſagt wird, wonach durch einen et⸗ waigen zweiten Sohn Unglück über das Reich hereinbre⸗ chen werde, iſt zu naiv, um im Ernſte widerlegt zu wer⸗ den, ganz davon abgeſehen, daß bei der Geburt der könig⸗ lichen Prinzen und Prinzeſſinnen in Frankreich ordnungs⸗ gemäß eine beſtimmte Anzahl vollgültiger Zeugen zugegen ſein müſſen.. ——, 1 4 Die eiſerne Maske. 93 Endlich haben noch andre Leute geltend zu machen ge⸗ ſucht, der Mann mit der eiſernen Maske ſei ein Sohn der Anna von Oeſtreich und des Cardinals Mazarin gewe⸗ ſen. Allein es iſt zu notoriſch, daß dieſer Cardinal erſt ziemlich ſpät mit der Königin Anna bekannt wurde, daß dieſe, ſeit ſie mit ihm umging, keine geheime Niederkunft gehabt haben konnte, weil ſie bis zu Ludwig's XIV. Ge⸗ burt keine Krankheit wieder vorgab, daß aber ein gegen oder über ein Jahr nach Ludwig's XIII. Tode geborener Prinz von Seiten Ludwig's XIV. nicht die überaus ſchar⸗ fen Maßregeln nöthig gemacht hätte, welche dieſer König gewiß nicht ohne hinlänglichen Grund ergriffen hat. Als im Jahr 1789 das Volk die Baſtille eroberte, wur⸗ den alle Gemächer, Keller, Kiſten und Käſten durchſucht und man fand auch das Regiſter derjenigen, welche von je her in dieſem Staatsgefängniſſe geſeſſen hatten. Beim Jahr 1698 fand ſich darin eine Lücke, indem auf das Blatt 119 unmittelbar das Blatt 121 folgte. Mit dieſem 120. Blatte iſt jedenfalls das gerichtliche Verhör verloren gegangen, welches man mit dem Herrn von St. Mars damals angeſtellt hat. Beim Jahr 1703 ſteht freilich nur, daß der Gefangene Marchiali Montags den 19. November geſtorben und am folgenden Tage auf dem St. Pauls⸗Kirchhofe beigeſetzt worden ſei. Nach dieſen letztern Betrachtungen und der treuen ihnen vorausgehenden Geſchichtserzählung wird es wohl allen un⸗ ſern Leſern klar geworden ſein, daß der Mann mit der ei⸗ ſernen Maske kein andrer ſein konnte als der unglückliche Sohn des ſtolzen und eitlen Herzogs von Buckingham und der ſchönen Spanierin Anna von Oeſtreich, der aber leider zu einer Zeit geboren ward, wo Ludwig XIII. ſeit mehrern Jahren keine eheliche Gemeinſchaft mit ihrem 94 Die eiſerne Maske. Gemahl gehabt hatte. Daß nach des Königs Tode dieſer Erſtgeborene zumal bei ſeiner ungemeinen Aehnlichkeit mit ſeiner königlichen Mutter noch nachträglich zum Dauphin erklärt werden konnte, darin lag der Grund zu Ludwig's XIV. Furcht und zur Maskirung und ſtrengen Gefangen⸗ haltung von deſſen Halbbruder. „— 202 —„—„ 8 28 Der Seeräuber Vane. In der brennendſten Mittagshitze ſchritt ein junger eng⸗ liſcher Officier aus dem Hafen von Havanna nach der Stadt zu. Es begegneten ihm nur einige Schwarze mit Waſſerfäßchen, die ſie nach dem Hafen trugen; die übrigen Bewohner der Stadt ſchienen im Schatten der Häuſer zu weilen. Der Schweiß rann ihm in großen Tropfen über das braune Geſicht und ſein Blick zeugte von großem Miß⸗ vergnügen. Dem letzten der Negerſklaven folgte ein ziem⸗ lich fein gekleideter Europäer, den er für einen Franzoſen hielt und der mit dem Schwarzen ein Geſpräch angeknüpft hatte. An dieſen wendete ſich der engliſche Officier und fragte ihn in franzöſiſcher Sprache: „Mein Herr, würden Sie wohl die Güte haben, mir zu ſagen, in welchem Hôtel von Havanna ich mich nach einer längern Seereiſe am beſten erquicken könnte?“ „SDa ich von dem Schwarzen dort mit dem Waſſerfaſſe,“ erwiederte der Gefragte höflich aber etwas gebrochen fran⸗ zöſiſch,„bereits erfahren habe was ich wiſſen wollte, ſo werde ich mir ein Vergnügen daraus machen Ihr Führer * ſein.“ 96 Der Seeräuber Vane. Eine ſolche Zuvorkommenheit ward vom Engländer um ſo dankbarer aufgenommen, je weniger er ſie zu er⸗ warten berechtigt war. Die beiden Leute hatten gleich weg, daß England ihr gemeinſchaftliches Vaterland war; ſie ſchienen wie für einander geboren zu ſein, ſo zutraulich wurden ſie bald gegen einander; es war noch nicht eine Stunde vergangen, ſo würde jeder die Aufrichtigkeit des Andern beſchworen haben. Da der zuvorkommende Führer angeblich Muße genug hatte, ſo blieb er bei dem Officier im Hotel, um ihn mit anziehenden Erzählungen zu un⸗ terhalten. Die intereſſanteſte für ſeinen Zuhörer war ſeine Lebensgeſchichte, von der wir nur mitzutheilen brauchen, daß er James Dikam hieß, ſeit ſeiner früheſten Jugend auf dem Meere lebte und eben jetzt— über die von Ha⸗ vanna nach Europa zurückſegelnden Kauffahrteiſchiffe Kund⸗ ſchaft eingezogen hatte. Er war der feinſte Spion eines Caperſchiffes, welches der verwegene Meats befehligte und das in dieſem Augenblicke in eine kleine Bucht ſüd⸗ weſtlich von Havanna vor Anker lag. Dies alles erfuhr der Officier nach und nach, wie er ihn durch eigne Ge⸗ ſtändniſſe zutraulich gemacht hatte. Von dieſen Geſtänd⸗ niſſen muß etwas ausführlicher die Rede ſein. Der Officier hieß Charles Vane, ſtammte aus der engliſchen Grafſchaft Devonſhire, hatte von ſeinen wohl⸗ habenden Eltern die trefflichſte Erziehung genoſſen und von Jugend auf einen gewaltigen Thatendurſt empfunden. Was bei ihm nichts als Aeußerung ſeiner jugendlichen Regſam⸗ keit war, wurde von ſeinen Eltern und Erziehern als Auflehnung gegen alles Heilige ausgelegt und mit un⸗ nachſichtlicher Strenge geahndet. Als er einſt in ſeinem ſechzehnten Jahre einen Burſchen ſeines Alters bei einer Schlägerei gefährlich in den Kopf verwundet und deße —y— Der Seeräuber Vane. 97 Vater gedroht hatte, die Sache dem alten Herrn Vane zu berichten, lief unſer Charles eiligſt nach Hauſe, raffte einiges Geld und ein paar goldene Ringe zuſammen, eilte auf ungebahnten Wegen nach dem nächſten Seehafen und hatte das Glück, auf einem ſegelfertigen Schiffe zu⸗ nächſt als Schreiber unterzukommen. Hier benahm ſich der junge Vane ſo muſterhaft und verrieth ſoviel Einſicht und nautiſche Kenntniſſe, daß ihn der Capitän in der Midſhipman⸗Kajüte bald vor Allen aufmerkſam behandelte und ausdrücklich für immer vom Aufwärteramte losſt ſprach, welches die Midſhipmen bekannt⸗ lich nach der Reihe übernehmen müſſen. Bald avaneirte er zum Officier und zeichnete ſich bei mehrern Gelegen⸗ heiten durch Muth und Geiſtesgegenwart vortheilhaft aus. Man hegte von ihm allgemein die ſchönſten Hoffnungen. Nur ſeine vertrauteſten Freunde wußten, daß er mit ſeinem Schickſale noch lange nicht zufrieden war. So lange er nicht Capitän, unumſchränkter Herr über das Schiff war, glaubte er noch nichts zu ſein. Einmal brachte ihm ſeine gegenwärtige Stellung ſehr wenig ein und dann war ihm die mit ſolcher Strenge geforderte Subordination in den Tod zuwider. Schon lange war er mit dem Ge⸗ danken umgegangen, ſich auf irgend eine Weiſe ſchnell zu bereichern und völlig ſelbſtſtändig, d. h. ein unumſchraͤnk⸗ ter Herr zu werden. In dieſem unbeſtimmten Gefühl hatte er ſich auch im Hafen von Havanna einen 24 ſtündigen Urlaub erbeten und— der Zufall führte ihn mit dem Spion eines Ca⸗ perſchiffes zuſammen. Kaum hatte er dieſem ſeine Her⸗ zenswünſche geoffenbart, als Dikam das herrliche Leben auf ſeinem Schiffe mit den ſchönſten Farben malte und beſonders die Uneigennützigkeit des alten Neats hervor⸗ I. 7 2 98 Der Seeräuber Vane. hob, welcher zuweilen von der reichſten Beute, zumal wenn deren Erkämpfung mit großen Gefahren verknüpft geweſen ſei, nicht das Geringſte für ſich genommen habe. Dem jungen Officier ſchwindelte der Kopf. Beſaß er Reichthümer,— was ließ ſich dann nicht alles anfangen! Um Reichthümer zu erwerben, gab es keinen nähern Weg als den nach dem Schiffe des alten Meats, deſſen Aben⸗ teuer in jedermanns Munde waren. Den Führer da⸗ hin hatte er gefunden, und dieſer war ſeinerſeits ſehr froh, ſeinem Herrn und Meiſter einen geſchickten Officier der kö⸗ niglichen Marine zuführen zu können. Nach Anbruch der Nacht machten ſich die beiden neuen Freunde auf den Weg nach der oben erwähnten Bucht und mit dem erſten Strahl der Morgenröthe waren ſie an Ort und Stelle. Dikam hatte zunächſt eine geheime Unterredung mit Meats und ſtellte ihm dann ſeinen Freund vor. Der alte Pirat warf einen Blick auf Vane, als wollte er ihn durchbohren, und ſagte dann langſam und gepreßt: „Vane heißen Sie, Herr Officier von der königlichen Marine?“ „Ja, Capitän!“ „War es nicht ein Vane, der da drüben in Maſſa⸗ chuſetts an der Spitze der Provinzialregierung Unheil an⸗ ſtiftete und ſpäter in England gegen den volksfeindlichen König Karl kein Wort der Verdammung hatte?“ „So iſt es, Capitän,“ erwiederte der junge Vane in edlem Eifer erglühend;„mein Ahn behauptete in Maſſa⸗ chuſetts, man brauche das Fleiſch des Ochſen nicht weg⸗ zuwerfen, welcher getödtet worden ſei, weil er einen an⸗ dern Ochſen getödtet habe, und ſo erhoben ſich die Ver⸗ fechter des alten Teſtaments gegen ihn; in England ſchloß er den Vertrag auf der Inſel Wight mit ab und ſtarb ———,— ——— mal üpft abe. 3 er een! Veg ben⸗ da⸗ oh, kö⸗ der den eſten mit alte ihn chen aſſa⸗ an⸗ chen V Der Seeräuber Vane. 99 wegen ſeiner Anhänglichkeit an die republikaniſchen Formen ſpäter den Tod durch Henkershand...“ „An welchen Kämpfen nahmen Sie ſelbſt bereits Theil?“ „An ſolchen, welche Spuren zurücklaſſen,“ ſagte Vane ſtolz, ſeine Bruſt entblößend und zwei tiefe Narben zeigend. „Wenn ohne Blutvergießen Beute gemacht werden kann, ſo wird das Menſchenblut geſchont. Dies iſt Geſetz auf meinem Eagle.“ „ Ich gratulire dem Eagle(Adler) wegen ſeiner Ge meſſenheit im Gebrauch ſeiner Fänge,“ verſetzte Vane faſt ſpottiſch und jedenfalls ohne alle Ahnung, daß er der Erſte ſein werde, welcher der Regel des alten Noats zu⸗ widerhandeln werde. Nach dieſem kurzen Zwiegeſpräch ertheilte der Corſaren⸗ Häuptling den Befehl die Anker zu lichten und bald flog der Eagle in den erſten Strahlen der Morgenſonne dahin. Als das Schiff auf dem hohen Meere war, lud ein Midſhipman den jungen Vane ein, ihm in die Kajüte des Capitäns zu folgen. Hier erhielt er von dieſem eine andre Montur und die Aufforderung unverwandt mit dem Fernrohr nach Nord⸗Nord⸗Oſt zu ſpähen, Dikam aber ward befehligt den Oſten zu beobachten. Jedermann war auf ſeinem Poſten. Noch nicht lange waren ſie in der angegebenen Rich⸗ tung fortgeſteuert, als vom Maſtkorbe das Geſchrei er⸗ tönte:„Ein Schiff! Im Norden! Nach Weſten!“ So⸗ gleich richteten ſich alle Fernröhre nach der bezeichneten Gegend und— es zeigte ſich wirklich ein ganz ſtattliches Kauffahrteiſchiff. Es wurden alle Segel beigeſetzt, ſo daß man den Kauffahrer bald für eine Pinke erkannte. „Ah, ah!“ rief der alte Neats,„ſeht doch, wie 7⁴ 100 Der Seeräuber Vane. hübſch die Seehunde das Dingelchen verziert haben! Es ſoll uns gefallen!“ 3 Sowie man dem fremden Schiffe auf Kanonenſchuß⸗ weite nahe gekommen war, gab man den Eagle durch Auf⸗ ziehung der ſchwarzen Flagge als Corſaren zu erkennen und machte ſich auch zugleich ſchußfertig; allein die Ka⸗ nonen konnten ruhen, denn der ſpaniſche Kauffahrer ſtrich ſogleich die Flagge. Dieſe Pinke war ohne Geſchütz und nicht ſtärker bemannt als eine Sloop, obgleich ſie eine tüchtige Ladung nach Neu⸗Orleans bringen ſollte. Man bemäͤchtigte ſich ihrer auf dieſem ſo befahrenen Meere mit einer Keckheit und durchſuchte ſie mit einer Sorgfalt, als ob nicht die geringſte Gefahr zu beſorgen geweſen wäre. Es ging an die Theilung der Beute, in wie weit ſie in baarem Geld und leicht abzuſchätzenden Koſtbarkeiten be⸗ ſtand, während der Reſt ſpaͤter an die Reihe kommen ſollte. Hier zeigte ſich indeſſen der Capitän doch etwas anders als ihn Dikam geſchildert hatte; er ſelbſt nahm ſich ſo viel davon, daß man in Vane's Mienen leicht ein abſcheuliches Lächeln hätte ſehen können, wenn man vor Arbeit dazu gekommen wäre ihn anzublicken. Zu ſei⸗ nem Unglück ſagte in dieſem Augenblicke ein ſpaniſcher Paſſagier in ſeiner Sprache zu ſeinem Nachbar, daß er es für eine unauslöſchliche Schande halte, wenn rechtliche Leute, wenn Männer von Geburt und Kenntniſſen auch nur einen Fuß auf ein Caperſchiff ſetzten, ohne ihn dann auf's ſorgfältigſte wieder abzuwiſchen. Vane hatte es verſtanden und glaubte erkannt zu ſein. „Sie ſprechen von unauslöſchlicher Schande,“ fuhr er den armen Spanier an und ſchlug babei an ſeinen Degen; „fühlen Sie Luſt ſie auf der Stelle abzuwaſchen?... Ziehen Sie, oder ich ſtoße Ihnen den Degen durch den Leib!“ —y——r',„,—— — 0 ————— nen vas ihm eicht nan ſei⸗ cher 3 er liche auch ann es Der Seeräuber Vane. 101 Der Spanier war viel zu ſehr erſchrocken, als daß er ſich ſo ſchnell wieder hätte ſammeln ſollen, wie es bei dem Jähzorn des jungen Piraten nöthig geweſen wäre. Als dieſer keine Antwort erhielt, zog er in der That ſeinen Degen und ſtieß ihn, ehe ihn Neats verhindern konnte, dem auf die Seite ſpringenden Spanier durch den Arm. 6» Gehen Sie hinunter!“ rief ihm der Capitän zu, und trotzig gehorchte Vane. Während man noch auf dem Verdecke beſchäftigt war, fand Dikam Zeit ſich zu Vane hinunterzuſchleichen, um ihm Troſt zuzuſprechen. Sowie er dieſen kommen ſah, rief er ihm mit halb erſtickter Stimme entgegen: „Ha, vortrefflich! Der Moralheld will wohl ein Kriegs⸗ gericht über mich halten? Er mag ſich in Acht nehmen!“ „Nicht doch,“ ſuchte Dikam zu begütigen;„er wird Ihnen das einſchärfen was der die Regel auf dem Eagle nennt, weiter nichts! Nur keine Unbeſonnenheit mehr! Sie ſind zu größeren Dingen aufgehoben! Sie müſſen...“ „Ja, es iſt mir jetzt klar geworden, was ich muß! Werden Sie eine Unternehmung mit mir wagen?“ „Was für eine Unternehmung?“ „Eine zu unſerm beiderſeitigen Glücke. Fragen Sie jetzt nicht weiter. Genug, wenn ich auf Sie zählen kann.“ „Wie auf ſich ſelbſt!“ „Nun, dann nehme ich die Moralpredigt mit hin und...“ In dieſem Augenblicke hörte man den Capitän an der großen Luke die letzten Befehle in Bezug auf die Priſe ertheilen und herunterkommen. Es geſchah weiter nichts als was Dikam vorausgeſehen hatte, Vane verbarg ſeinen Unmuth, ſo gut es einem Engländer möglich iſt, und verrichtete ſeinen Dienſt, wie er ihm aufgetragen wurde. Es vergingen nun mehrere Wochen, ohne daß dem 10⁰2 Der Seeräuber Vane. Eagle etwas Bemerkenswerthes aufſtieß. Als er indeſſen eines Tages durch ein heftiges Unwetter ziemlich weit ſüd⸗ weſtwärts getrieben und etwas beſchädigt worden war, mußte er in einer Bucht von Yucatan anlegen und eine Ausbeſſerung vornehmen. Nun fügte ſich's, daß es einer ſchmucken Corvette von 18 Kanonen in der Gegend auch üͤbel ergangen war; ſie ſchoß an der Bucht vorbei wie ein Pfeil und beugte dann nach einem andern Landungsplatze ein. „Wie,“ dachte Vane,„wenn man nun einen Ver⸗ ſuch auf das nette Kriegsſchiffchen machte? Aber gewiß nicht für Mats!“ Er theilte ſeinen Plan im allgemeinen ſeinem Dikam mit, dieſer benutzte eine Sendung nach Bauholz zu einer Auskundſchaftung der Corvette und kam mit der Nachricht zurück, die Mannſchaft ſtehe auf dem Punkte, ſich gegen ihren Capitän zu empören, weil ſie ihm den erlittenen Unfall zuſchréibe; er habe vorläufig einige wackre Burſchen durch Geſchenke für den völligen Abfall gewonnen und durch Verheißung angeſpornt; es bedürfe jedenſalls nur einer Gelegenheit für das Schiffs⸗ volk, um den Capitän zu degradiren. Jetzt verlor Vane keinen Augenblick. Er gewann durch Preisgebung ſeines ganzen Eigenthums mehrere Matroſen, welche von neuem Holz herbeizuſchleppen hatten, nicht zu⸗ rückzukehren, ſondern an einem beſtimmten Platze nach Einbruch der Nacht ihn und Dikam zu erwarten. Alles ging nach Wunſch. Die Verſchwornen ſtürzten mitten in der Nacht unter lautem Geſchrei auf die ſo eben wieder ſegelfertig gewordene Corvette los und riefen:„Es lebe unſer Capitän Vane!“ Das Geſchrei drang bis in die Kazüte des wieder aufgerichteten Schiffes und der Capitän der Corvette ertheilte ſogleich ſeine Befehle— denen keine Folge geleiſtet wurde; vielmehr machte man ihm die bit⸗ ——᷑Q᷑O—Z—— Der Seeräuber Vane. 103 terſten Verwürfe, während Vane mit ſeinen Spießgeſellen ſchon Meiſter des Schiffes war.„Freiheit! Freiheit!“ ſchrie Vane der 20 Mann ſtarken Beſatzung der Cor⸗ vette zu;„aus Sklaven mache ich euch zu Freiherren, aus Bettlern zu Königen!“ Die bereits gewonnenen Matroſen der Corvette riefen vor dem Angeſicht ihres Capitäns: „Es lebe Capitän Vane! Ihn wollen wir haben!“ Das Schiff war erobert. Vane hatte bisher mit dem beſten Erfolg gezeigt, welche Ueberredungsgabe ihm beiwohne; nachdem nun kein Widerſtand mehr zu beſorgen war, trat er mitten unter das Schiffsvolk und ſprach: „Nicht eitle Prahlereien ſind es, die mich ſo ſprechen ließen, als ich das Schiff betrat, deſſen Leitung ich von dieſem Augenblicke an üͤbernehme. James Dikam wird vor der Hand mein Lieutenant ſein, doch kann ſich jeder durch ſeine Verdienſte, durch Muth und Geiſtesgegenwart zu dieſer Würde emporſchwingen. Lebensmittel und Geld, kurz alles was ſich euer Herz nur wünſchen mag, das ſoll euch alles reichlich zu Theil werden. Iſt aber jemand unter euch, dem es nicht anſteht reichen Leuten ihren Ueberfluß abzunehmen, um ihn unter die Dürftigern zu bringen, der ſage es offen; er kann ſich ungekränkt an's Land begeben und in Valladolid eine Gelegenheit abwarten nach Europa zurückzukehren; denn wer da bleibt, der muß mir Treue ſchwören bis in den Tod! Ich frage alſo noch⸗ mals.“ „Leben Sie wohl,“ ſagte der frühere Capitän fort⸗ gehend, der ſich von ſeinem Schrecken wieder in etwas er⸗ holt hatte;„wie ich durch Ueberfall mein Schiff, ſo wer⸗ den Sie durch Ueberfall Ihr Leben verlieren; wie man ſündigt, ſo wird man geſtraft.“ 104 Der Sceräuber Vane. „Das wollen wir abwarten,“ ſagte Vane lachend und ſchob dabei den Capitän nach der Schiffsleiter hin, welche dieſer nebſt ſeinem ihm nachfolgenden Bedienten ſchnell hinabſtieg. Ohne ein Wort zu verlieren, durchkroch nun Vane alle Winkel des Schiffs, unterſuchte das Takelwerk wie die Schiffsräume, kehrte nach einem Stündchen wieder auf das Verdeck zurück und ertheilte die Befehle zur Ab⸗ fahrt. Von dieſer Zeit an war der ſchnellſegelnde Tiger(ſo ward die Corvette umgetauft) das Schrecken aller Meere. Es war noch kein Jahr vorbei, ſo hatte Vane durch das Ca⸗ pern vieler reich beladenen Kauffahrer ſein Verſprechen gegen ſeine Mannſchaft wahr gemacht, er ſebſt aber beſaß ganze Kiſten voll Gold. Man wird wohl vermuthen, daß es bei Vane's Seeräubereien nicht ohne Grauſamkeiten abging; auch nachdem er unermeßlich reich geworden war, ſetzte er ſeine gefahrvollen Züge fort und plünderte und mordete aus Gewohnheit, aus Blutdurſt. Wohl aber iſt es kaum zu glauben und doch nur zu gegründet, daß der Tiger nicht weniger als 10 Jahre lang ſein Unweſen trieb, ohne jemals durch das Geſchütz eines Kriegsſchiffes erlegt zu werden. Im Herbſt des zehnten Jahres ſchien ihm das Glück einigermaßen den Rücken zu kehren; er war ſchon ein paar Monate im atlantiſchen Ocean umhergeſegelt, ohne einen ordentlichen Fang zu machen; es begegneten ihm nichts als ärmliche Fahrzeuge mit geringfügiger Fracht, die zu nehmen nicht der Mühe lohnte; um jedoch ſeine Mann⸗ ſchaft immer in Uebung zu erhalten, ließ Vane mehrere dieſer Fahrzeuge in den Grund bohren. Vom Monat November an befand er ſich in den Gewäſſern öſtlich von den Vereinigten Staaten. An einem Morgen, bevor es — ͤ— — ——— Der Seeräuber Vane. 105 ganz Tag war, erhob er ſich eben verdrießlich von ſeinem Lager, als plötzlich die Maſtkorbwache herabrief:„Ein Segel! Unter dem Winde! Auf uns zu!“ Vane und die ganze Schiffsmannſchaft war wie der Blitz auf dem Verdeck. Mit wahrer Herzensfreude glaubte der grauſame Cor⸗ ſar mit dem Fernrohre in der Hand eins jener ſchwer⸗ fälligen Schiffe der oſtindiſchen Compagnie zu entdecken, die ihm ſchon ſo oft reiche Beute geliefert hatten. Er ließ ſogleich die ſchwarze Flagge aufziehen und eine Ka⸗ none auf das unbeſorgt herannahende Schiff abfeuern und beobachtete es fortwährend aufmerkſam, um zu ſehen, wie ſchnell die Leutchen da drüben die Flagge ſtreichen würden. Dies geſchah aber freilich nicht, ſondern das nun ſchon ziemlich nahe gekommene Fahrzeug hißte die franzöſiſche Flagge auf, wendete ſich wie der Blitz auf die Seite und beantwortete den Kanonenſchuß des Piraten durch eine volle Lage des ſchweren Geſchützes, wodurch ein Theil des Takel⸗ werkes auf dem Tiger zerriſſen wurde. Zugleich bedeckte ſich das ſtarke franzöſiſche Kriegsſchiff(denn ein ſolches war es allerdings) immer mehr mit Segeln, um den See⸗ räuber ſo ſchnell als möglich zu züchtigen. Vane hatte ein Zaſammentreffen mit einem großen Kriegsſchiffe immer klüglich zu vermeiden gewußt und ver⸗ kannte auch die Gefahr keineswegs, worin er mit ſeinen Leuten in dieſem Augenblicke ſchwebte. Er rief dieſe ſchleu⸗ nigſt zuſammen und hielt eine Art Kriegsrath mit ihnen, ſagte jedoch als Chef ſeine Meinung zuerſt, welche darin beſtand, daß man ſo hurtig als möglich alle Segel bei⸗ ſetzen müßte, um dieſem furchtbaren Feinde zu entgehen. Auf dieſe Worte erhob ſich zuerſt ein kurzes Murren, dann unterſchied man Stimmen:„Das iſt feig!“ und der Steuermann, welcher von Vane ein paarmal barſch 106 Der Seeräuber Vane. behandelt worden war, ſagte geradezu:„Wer einen ſol⸗ chen Vorſchlag machen kann, iſt nicht würdig, ferner ſo brave Leute zu commandiren!“—„Das iſt auch unſre Meinung!“ ſchrien faſt alle übrigen Schiffsleute wie aus einem Munde. Nur einen Augenblick ſchwieg Vane, ſagte dann dem James Dikam ein einziges Wort in's Ohr und wen⸗ dete ſich faſt zu gleicher Zeit mit den Worten an die Mann⸗ ſchaft:„Ah ſchön, ihr Bürſchchen! Ihr wollt tanzen! Erlaubt, daß ich euch dazu aufſpiele!“ Während das letzte Wort ſeinem wuthſchäumenden Munde entquoll, ergriff er die neben der abgefeuerten Kanone liegende noch brennende Lunte und ſprang damit in die Pulverkammer, Dikam aber benutzte den allgemeinen Schrecken und ließ die Scha⸗ luppe in's Meer hinab. Ein Weilchen ſtanden die übrigen 25 Seeräuber be⸗ wegungslos und waren weder zu einer Handlung noch zu einem letzten Gebete fähig. Als ſie jedoch ſahen, daß Vane noch zögerte das Schiff in die Luft zu ſprengen, ſchickten ſie eine Deputation an ihn ab, die ihm im Na⸗ men Aller den pünktlichſten Gehorſam angelobte. „Es iſt zu ſpät, meine Bürſchchen,“ ſagte Vane, ſeine Lunte nach einer offenen Pulvertonne hinneigend; „für euer Benehmen müßt ihr nothwendig eine Lection haben.“ Die ſchauderhafte Lage, worin ſich die Näuber befan⸗ den, ging beſonders dem Steuermann zu Herzen, welcher ſich die bitterſten Vorwürfe machte den jähzornigen Vane ſo gereizt zu haben. Auf der einen Seite kam das fran⸗ zöſiſche Kriegsſchiff immer näher; man konnte ſchon die doppelte Reihe der Kanonen ſehen, die nur eines Winks zu harren ſchienen, um den Tiger zu zerſchmettern; auf Der Seeräuber Vane. 107 der andern Seite ſtand der gräßliche Vane mit der Lunte vor einer offnen Pulvertonne und war ſeinem Charakter nach ſehr wohl im Stande das Schiff mit Mann und Maus in die Luft zu ſprengen. Der Steuermann lief in ſeiner Angſt nach der Pulverkammer und bat den Capitän flehentlich um Verzeihung. Dieſer befahl ihm ſich ſchnell zurückzuziehen. Kaum hatte dieſer den Rücken gewendet, ſo erſcholl auf dem franzöſiſchen Schiffe das Signal zum Feuern. Sogleich legte Vane die Lunte mit dem unan⸗ gezündeten Ende an das Faß, ſo daß die Erploſion nach ein paar Minuten ſtattfinden mußte, ſchwang ſich ſodann auf den Backbord, ließ ſich an einem Tau in die Scha⸗ luppe hinab und ruderte mit ſeinem Lieutenant aus Lei⸗ beskräften vorwärts, ſo daß fie immer mit dem Tiger und dem feindlichen Schiffe eine gerade Linie bildeten. Jetzt krachte auf dem franzöſiſchen Kriegsſchiffe der Don⸗ ner des Geſchützes zum zweiten Male und richtete den Tiger fürchterlich zu. Wohl ſahen die Piraten ihren feigen Häuptling mit ſeinem ebenſo feigen Lieutenaut ent⸗ fliehen; allein ſie verloren deshalb den Muth nicht; da ſie keine ruckgängige Bewegung machten, ſo hat man geſchloſſe daß ſie ſich eben fertig machten, den Gruß der Franzoſen nach Möglichkeit zu erwiedern: da aber ſahen die Fran⸗ zoſen plötzlich eine lange Feuerſäule in die Lüfte ſteigen, die oben mit ungeheurem Gekrach auseinander fuhr. Augenblick ſpäter war das Meer mit Leichen und Sch trümmern bedeckt.„Die Schurken erſparen uns die Hand⸗ habung der Juſtiz,“ ſagte der franzöſiſche Commandant; „ſehen wir indeſſen was noch zu retten iſt.“ Jedoch waren alle aufgefundenen Räuber todt und die unermeßlichen Schätze des Piratenhäuptlings jedenfalls am Boden des Meeres.— 108 Der Seeräuber Vane. 2 ane und Dikam hatten unterdeſſen einen tüchtigen Vorſprung gewonnen und ſich der Küſte von Canada ge⸗ nähert, die nicht mehr gar fern lag. Die dringendſte Gefahr, von den Franzoſen verfolgt zu werden, war alſo glücklich vermieden; aber nicht geringer erſchien die zweite Gefahr an eine unwirthbare oder von grauſamen Wilden bewohnte Küſte zu gerathen und ſo keine engliſche Nieder⸗ laſſung zu erreichen. Sie hatten ſich folgenden Plan ent⸗ worfen: Falls es ihnen gelang unmittelbar an einer engliſchen Küſte zu landen, ſo konnten ſie ſich für Schiffbrüchige ausgeben und fich dann leicht nach England überſetzen laſſen, wo ſie zu verſchiedenen Zeiten bedeutende Fonds angelegt hatten und ihre Lebenszeit in aller Bequemlichkeit beſchließen mochten; kamen ſie an ein Land der Eingebor⸗ nen, ſo brauchten ſie nicht gleich an's Land zu gehen (denn ſie waren mit Schiffszwieback, Trinkwaſſer, Ge⸗ wehren und Munition reichlich verſehen), ſondern konnten zan der Küſte hinfahren, bis ſie einen paſſenden und ge⸗ fahrloſen Landungsplatz auffanden. Dies alles ſprachen ſie gehörig durch, ruderten auf's emfſigſte und hofften den beſten Erfolg. Da legte ſich der Himmel ſelbſt in's Mittel; die beiden Abenteurer ſchienen den franzöſtſchen Kano⸗ nenkugeln nur entgangen zu ſein, um von den Wellen verſchlungen zu werden. 3 Am zweiten Tage ihrer Fahrt nämlich zeigte ſich am Himmel ein kleines Gewölk, bald erhob ſich ein heftiger Sturm und das Meer überfluthete aller Augenblicke das Fahrzeug. Fortwährend waren die Abenteurer mit Pum⸗ en beſchäftigt und bald bis zur Kraftloſigkeit ermattet. 5 nd ließen ſie die Hände ſinken. Gegen die Sonne zu Rüſte ging, erblickten ſie Der Seeräuber Vane. 109 von fern Land, der Wind ſchien ſich wieder etwas zu legen und ſie griffen ſogleich wieder nach den Rudern. Die Hoffnung kehrte in ihre Herzen zurück. Während der Nacht aber wüthete der Sturm ſo heftig, daß ſie ſich wie⸗ der bloß mit Pumpen beſchäftigen mußten. Als der Tag anbrach, bemerkten ſie vor ſich einen breiten Streifen weißen Schaumes, der ihnen nur zu deutlich ſagte, daß ſie auf Klippen zugetrieben würden. Auf dieſe flog die Schaluppe mit unwiderſtehlicher Gewalt los. Immer näher kamen ſie dem verhängnißvollen Schaume, jetzt flog das Fahrzeug mitten hinein und— zerſchellte an einem hervorragenden Felſenriff. Die Schiffbrüchigen legten ſich auf's Schwimmen, wurden aber mehrfach an die Felſen geſchleudert und furcht⸗ bar zerriſſen. Dennoch lebten beide noch und wurden von den Wellen über das Klippenmeer hinausgetragen. Es war nur noch eine kurze Strecke bis an die Küſte und Vane hatte ſchon Fuß gefaßt, als Dikam, welcher durch den Blutverluſt am meiſten gelitten hatte, mit einer letzten Anſtrengung den Kopf noch einmal über das Waſſer em⸗ porhob und ſeinem Unglücksgefährten zurief:„Lebt wohl, Capitän!“ Dieſem fiel es wie ein Stein auf's Herz, daß er an der öden Küſte allein ſein ſollte; er nahm ſeine letzte Kraft zuſammen, ſchwamm zu Dikam hin, ergriff ihn bei den Haaren und ſchleppte ihn an's Ufer, wo gleich darauf Beide völlig erſchöpft und ohnmächtig nieder⸗ ſanken. Als die Elenden die Augen wieder aufſchlugen, war es lichter Tag und der Sturm vorüber, aber ſie fühlten ihre zerfleiſchten Glieder feſt geknebelt und ſahen zwanzig ſcheußliche Geſtalten wilder Männer und Weiber unter furchtbarem Geheul um ſie hertanzen. Jetzt begriffen ſte, daß ſie dem ſchauderhafteſten Tode entgegengingen. Di⸗ 110 Der Seeräuber Vane. kam ſuchte ſich ein wenig gegen ſeinen Genoſſen zu wen⸗ den und ſprach mit ſchwacher Stimme: „Ihr habt mir einen übeln Dienſt erwieſen, Capitän.“ „Auch ich fange allerdings an zu glauben, James, daß ich Dir lieber noch einen Stoß hätte geben ſollen.“ Sowie die Wilden ihre Opfer ſprechen hörten, ſtellten ſie ihren Tanz ſogleich ein, löſ'ten die Bande der Seeräu⸗ ber, richteten ſie auf und führten ſie nach ihren ärmlichen Hütten, die etwa einen Flintenſchuß weit vom Geſtade ſtanden. Mitten in der groͤßten dieſer Hütten, der des Häuptlings, erbob ſich ein dicker Pfahl, welcher über und über mit Blut beſpritzt war. Einige Wilde ſchleppten trocknes Holz, andre aber Stricke herbei und allmählich fanden ſich alle Bewohner des canadiſchen Dörfchens zu⸗ ſammen. Es ward ein großes Feuer angemacht. Jetzt wurden die Unglücklichen ihrer Kleider beraubt und an den Pfahl geſchnürt. Indianiſche Männer und Frauen ergriffen Feuerbrände, näherten ſich den beiden Piraten bedächtigen Schrittes und brannten ihnen nach der Reihe tiefe Furchen an verſchiedenen Stellen ihres Kör⸗ pers. Das Gebrüll der Gemarterten ward mit Hohnge⸗ lächter beantwortet. Nach dieſer ſcheußlichen Seene näherte ſich der Häupt⸗ ling dem Pfahle und alle Uebrigen traten ehrerbietig zu⸗ rück. Die mit Blut und Brandmalen bedeckten Räuber glaubten, er werde ihrer unſäglichen Pein mit einem Male ein Ende machen. Aber weit gefehlt. Der alte Mann nahm einen Pfeil vom Boden auf, prüfte deſſen Kieſelſtein⸗ ſpitze, trat dann langſam und feierlich auf Vane zu und bohrte ihm den Kieſel in ein Auge, daß es ſogleich aus⸗ lief. Der Unglückliche ſtieß ein Löwengebrüll aus, das mit dem frühern Hohngelächter beantwortet wurde. Die⸗ Der Seeräuber Vane. 111 ſelbe Qual mußie auch Dikam erleiden. Dann kehrte der unbarmherzige Häuptling zu Vane zurück, ſtach ihm unter denſelben Ceremonien das andre Auge aus und end⸗ lich fuhr der ſpitzige Kieſel auch in Dikam's zweites Auge. Das Schmerzensgeſchrei der Geblendeten übertönte bei weitem das Siegesgeheul der Wilden. Hierauf gingen ein paar Wilde mit zwei aus ſchlam⸗ miger Erde gebildeten Tellern an's Feuer, während ein paar andre in flachen Thongefäßen Sand glühend machten; noch zwei andre ergriffen ſteinerne Meſſer, machten den beiden Opfern Einſchnitte in den Nacken und von hinten nach vorn mitten über den Kopf bis auf die Stirn und zogen ihnen die Kopfhaut ab, der glühende Sand ward in die weichen mützenartigen Teller geſchüttet und dieſe den Gebundenen auf den von der Haut entblößten btutenden Kopf geſetzt. Eben begannen die Wilden unter abſcheulichem Ge⸗ heul ihren Tanz wieder, als mehrere Flintenſchüſſe fielen, drei Wilde todt niedergeſtreckt wurden und die übrigen die Flucht ergriffen. Es war ein Detachement Franzoſen mit einem Officier. Daſſelbe franzöſiſche Kriegsſchiff nämlich, welches drei Tage früher auf den Diger Jagd gemacht hatte, war dann nach der Küſte geſ ſegelt, um friſches Waſſer einzunehmen. Da man aber auf dem vor Anker liegenden Schiffe das Schmerzensgebrüll der Gemarterten gehört hatte, ſo war eine Abtheilung Seeſoldaten zu deren Rettung ausgeſandt worden. „Wir kommen zu ſpät!“ ſagte der franzoͤſiſche Officier zu ſeinen Leuten, als er die Unglücklichen an den Pfählen ſah. Sie wurden indeſſen gleich losgemacht und noch am Leben gefunden, ja Vane hatte ſelbſt noch die Kraft zu ſprechen. Da er indeſſen wohl fühlie, daß er nie wieder . Der Seeräuber Vane. geneſen werde, ſo gab er ſich zu erkennen und erzählte alle ſeine Schickſale ſeit dem Auffliegen der Corvette. Schon während dieſer Erzählung hatte man die Elenden aufgehoben, um ſie nach dem Kriegsſchiffe zu transpor⸗ tiren und ihnen Linderung zu verſchaffen; doch kaum hatte man eine kleine Strecke zurückgelegt, als Dikam ſeinen Geiſt aufgab, und man hatte noch nicht das Meeresufer erreicht, als auch Vane den letzten Athemzug that. Im Laufe von 10 Jahren hatte Vane unzählige Opfer gequält; bei ihm häuften ſich alle dieſe Qualen in den Zeitraum von 24 Stunden zuſammen. —— n ——2 —————8—,— Die Pechmaske. In Paris erſcheint vor den Aſſiſen ein 24jähriger Mann von kränklichem Anſehen, von welchem den Geſchwornen wie dem zahlreich verſammelten Publikum bekannt iſt, daß er von Jugend auf laſterhaft gelebt und ſich an Leib und Seele zerrüttet hat, daß indeſſen die Aerzte erklärt ha⸗ ben, wie er jederzeit den vollen Gebrauch ſeir Geiſtes⸗ kräfte gehabt habe; ferner weiß mam, daß er viel un ne Auswahl geleſen, gern gewiſſe Theater beſucht una len ſogar ſelbſt Verſe gemacht hat. Es iſt der Schuhma⸗ cher Etienne Chevreuil, auch Ju lien genannt, wel⸗ cher ausdruckslos vor ſich hinſtarrt, während Aller Blicke auf ihn gerichtet ſind. Die gegen ihn erhobene Anklage lautet ſo: „Am 12. Juli 1844 Abends gegen 10 Uhr erſchien Etienne Chevreuil am Conſervatorium und klagte ſich beim Poſten an, ſeine Geliebte Celeſtine Annette Bronn, mit der er einen Monat gelebt, umgebracht zu haben. Seiner Ausſage zufolge hätten Beide im Elende geſchmachtet, das Leben überdrüſſig gehabt und zuſammen ſterben wollen. In dieſer Abſicht hätten ſie Branntwein 8 114 Die Pechmaske. getrunken, Thüren und Fenſter feſt verſchloſſen und Koh⸗ len bereit gehalten um ſich mit Dampf zu erſticken; Ce⸗ leſtine habe ſich nun auf's Bett gelegt und er zu ihr ge⸗ ſagt:„Wir werden bald ſterben,“ worauf ihm die Ant⸗ wort geworden ſei:„Warte nur, noch nicht!“ Nach die⸗ ſen Worten habe Celeſtine Nervenanfälle gehabt und er ſie durch ein Glas Zuckerwaſſer zu beruhigen geſucht. Als ſie ſich dadurch wieder etwas erholt, habe ſie geäußert: „Du wirſt ſterben, beſter Julien; Du haſt die Kohlen in Brand geſetzt; nun ſo wollen wir einſchlafen!“ Hierauf ſei ſie wirklich eingeſchlummert, obgleich die Kohlen nicht gebrannt hätten, weil ihm bange geweſen ſei, ſie möchte bei einem wiederholten Nervenanfalle in die brennenden Kohlen herabſtürzen. Erſt jetzt ſei er auf den Gedanken gekommen ſie zu erſticken, habe ſich Muth getrunken, etwas Pech geſchmelzt, es auf Leinwand gegoſſen und dieſe Pech⸗ maske auf Celeſtinens Geſicht geklebt. Sie ſei nun in wenigen Minuten eine Leiche geweſen; er aber habe nicht den Muth gehabt die Kohlen anzuzünden oder ſich ſonſt zu tödten, ſondern ſich lieber der Gerechtigkeit ausgelie⸗ fert.— Während der ganzen Unterſuchung hat ſich Che⸗ vreuil als Thäter bekannt und ſeine That mit allen Um⸗ ſtänden zu Protocoll gegeben, wovon noch zu bemerken iſt: Er begegnete der Celeſtine Bronn einmal zufällig auf der Straße, redete ſie an, ohne ſie zu kennen, und machte ihr bald den Vorſchlag die Nacht bei ihm zuzubringen. Sie war es zufrieden und blieb dann ganz bei ihm. Da er indeſſen bald bemerkte, daß ſeine Geliebte nicht gern arbeitete und dabei auch dem Genuß ſtarker Getränke ergeben war, ſo ſah er leicht, daß ſeine ſchwache Ein⸗ nahme nicht für Beide hinreichen werde. Er wäre das Mädchen nun gern wieder los geweſen und bot ihr auch 8 ——·— .„—· 8+8—————e in uf cht hte den ken vas ch⸗ in icht onſt lie⸗ he⸗ lm⸗ iſt: auf chte gen. hm. icht inke Ein⸗ das nuch Die Pechmaske. 115 einmal 5 Franes, wenn ſie gehen wollte, aber ſie ant⸗ wortete:„Umbringen kannſt Du mich, wenn Du willſt; aber gehen werde ich nicht, da ich einmal hier bin.“ Wohl mochte er ihr nun den Gedanken eines doppelten Selbſt⸗ mordes mittheilen, auch alles Nöthige dazu vorbereiten, um ſie leichter zu täuſchen; allein ſich ſelbſt mit umzubrin⸗ gen, kann ihm nicht wohl rechter Ernſt geweſen ſein, da er gar keinen Verſuch machte die Kohlen in Brand zu ſte⸗ cken, ſonderm dem Mädchen mehr Branntwein ſchenkte als er ſelbſt trank und ihr dann die Pechmaske auflegte. Es iſt ausgemacht, daß Chevreuil ſeiner Concubine freiwil⸗ lig den Tod gab, ein Verbrechen, deſſen Folgen durch ſein Vorgeben, daß ein doppelter Selbſtmord beſchloſſen geweſen ſei, in nichts geändert worden ſind.“ Verhör. Präſident. Wie alt ſind Sie?„. Angeklagter. 24 Jahre. P. Seit wie langer Zeit halten Sie ſich in Paris auf? A. Ich denke, es iſt 6 Jahre her. P. Wohnten Sie früher nicht in Mennecy? A. Allerdings, und zwar bis zu meinem zwölften Jahre. P. Kamen Sie nicht nach Paris, um ſich aufdingen zu laſſen? A. Ja. P. Bei wem war das? A. Bei dem Buchbinder Robin. P. Sie wollten alſo die Buchbinderprofeſſion lernen? A. Ja. 8 116 Die Pechmaske. P. Fühlten Sie ſich unglücklich bei Herrn Robin? A. Nein, unglücklich nicht. P. Indeſſen iſt doch durch die Unterſuchung eine That⸗ ſache bekannt geworden, die ich erwähnen muß, weil ſie Einfluß auf den Gang des Proceſſes äußern kann. Ohne Robin etwas davon geſagt zu haben, verließen Sie ihn einſt plötzlich. Man ſuchte Sie damals überall, ſelbſt im Leichenſchauzimmer. Nach mehrern Tagen kamen Sie zu⸗ rück, ſagten aus, daß Sie außerhalb Paris geweſen und mehrmals verſucht geweſen wären in's Waſſer zu ſpringen. Was flößte Ihnen ſolche Mordgedanken ein? Der Angeklagte ſchlug die Augen nieder und antwor⸗ tete nicht; ſein Geſicht war blaß, ſein Körper völlig un⸗ beweglich; er ſchien die ihm vorgelegte Frage nicht ver⸗ ſtanden oder doch der vom Präſidenten ſo klar erörterten Thatſache nicht folgen gekonnt zu haben. P. Nun, Chevreuil, beantworten Sie meine Frage. Was trieb Sie zum Gedanken an einen Selbſtmord? Ich wollte mich vernichten. daraus erſehen wir nur die Urſache nicht. Iſt es denn ſchon lange her? A. Etwa fünf Jahre. P. Aber weshalb? Keine Antwort. P. Kurz, Sie geben zu, daß Sie ſeit jener Zeit die⸗ ſen traurigen Gedanken mit ſich herumtrugen. Als Sie übrigens nach Paris zurückkamen, änderten Sie nicht dann Ihr Handwerk und wurden Schuhmacher? A. Ja, 1 P. Was verdienen Sie täglich? A. Funfzig Sous. P. Seit drei Jahren? 1 es Die Pechmaske.. 117 A. Nein, ſeitdem ich aus der Lehre bin. P. Nun, für einen einzelnen Menſchen war das ge⸗ nug. Sie konnten gut auskommen; auch liebten Sie die Lectüre ſehr, laſen, copirten und machten auch wohl ſelbſt Gedichte. Es finden ſich deren in den Acten, welche die tiefſte Melancholie athmen. Woher nahmen Sie dieſe elen⸗ den Scharteken? Der Angeklagte ſieht ſchweigend auf den Boden. 8. Hatten Sie nicht auf einige Journale abonnirt? Keine Antwort. P. Wir werden ſpäter einige Ihrer poetiſchen Erzeug⸗ niſſe vorleſen, damit man ſehe, wie ſehr Ihre Einbil⸗ dungskraft verdorben war. Kannten Sie nicht ein Mäd⸗ chen Namens Celeſtine Annette Bronn? A. Ja. ₰ P. Es war im verfloſſenen Juni. Das Mädchen hörte einem Bänkelſänger zu und Sie ſelbſt waren bei ihr ſtehen geblieben. A. So iſt's. P. Wie kamen Sie nur dazu dem Mädchen nge. daß ſie die Nacht bei Ihnen zubringen ſollte? War ſie Ihnen denn bekannt? A. Nein, nicht im geringſten. P. Nun, Chevreuil, geniren Sie ſich nicht; ſagen Sie alles was zu Ihrer Vertheidigung dienen kann. Laſſen Sie den Herren Geſchwornen alles wiſſen was Sie zu ſa⸗ gen haben. Alſo wie bewogen Sie das Mädchen Sie zu begleiten? Keine Antwort. P. Wenn Sie es vergeſſen haben, ſo antworten Sie nur ganz ruhig weiter. A. Ich lief ihr nach, das iſt die ganze Geſchijchte. 118. Die Pechmaske. P. Sie wollen die Sache nicht weiter auseinander⸗ ſetzen. Es mag ſein. Sie ging mit Ihnen in Ihre Woh⸗ nung und blieb bei Ihnen. Was verdiente ſie täglich? Keine Antwort. P. Nun, ſo antworten Sie uns doch! A. Sie verdiente gar nichts. 3 P. Aber ein Zeuge, mich dünkt es war ein Schuhma⸗ cher, hat ausgeſagt, die Celeſtine Bronn habe Gürtel zu ſteppen verſtanden und periodenweiſe wöchentlich 2— 3 Francs verdient. Da Sie nun wöchentlich 15— 18 Frans verdienten, ſo hatten Sie zuſammen 18— 20 Francs. Konnten Sie damit auskommen? A. Nein, mein Herr. P. Demnach war Ihnen das Frauenzimmer zur Laſt? A. Nein. In der Unterſuchung haben Sie das ausgeſagt. Dann iſt es auch wahr. . Es iſt alſo wahr, wenn Sie ausſagten, daß Sie ädchen erſuchten Sie zu verlaſſen? 8 22 2 * S das ch daß Sie ihr 5 Franes boten, wenn Sie es thäte? A. J P. Sie erſuchten das Mädchen wohl ziemlich lebhaft, Sie zu verlaſſen; thaten Sie ihr nicht gleichſam einen Zwang an, daß ſie ginge? A. Nein. 3 P. Durch die Unterſuchung iſt eine bede tungsvolle Rede an den Tag gekommen, die ein gehört hat. Sie ſagte einmal zu Ihnen:„Bringe wenn Du willſt; aber da ich einmal da bin, ſo bleibe i 9.⸗ A. Nie hat ſie das zu mir geſagt. 2 VN N &— N Die Pechmaske. 119 P. Wir werden Ihnen einen Zeugen bringen, der die von mir angeführten bedeutungsvollen Worte gehört hat⸗ als er an Ihrer halb geöffneten Thüre vorüberging. Es ſcheint Uneinigkeit zwiſchen Ihnen geherrſcht zu haben; Eins von Ihnen wünſchte ſich zu trennen und das Andre wollte nicht darauf eingehen. War es nicht ein ſehr mun⸗ tres Mädchem? Keine Antwort. P. Die Nachbarn ſagen aus, daß ſie fortwährend ſang und trällerte. A. Das war auch ſo. P. Doch waren Sie ſtets traurig und finſter. Aus welchen Gründen? Das wollen wir Ihnen ſagen. Sie neigten ſich zur Melancholie hin und dachten auf Selbſt⸗ mord. Sie führten das arme Mädchen auf den Gedanken eines gemeinſchaftlichen Selbſtmordes. A. Nein, mein Herr.* P. Aber wie hätte denn dieſem ſtets muntern und ſing⸗ luſtigen Mädchen ein ſolcher Gedanke beikommen ögen? Sicher ging dieſer Gedanke von Ihnen aus. A. Nein, ſie hat zuerſt gegen mich davon g P. Dann aber nährten Sie dieſen Gedanken. Schweigen. P. Verſtehen Sie meine Worte? Keine Antwort. Der Angeklagte ſcheint an etwas ganz Andres zu denken als was ihn beſchäftigen ſoll. Er ſtarrt unbeweglich nach der Thür des Gerichtsſaales. Der Prä⸗ ſident erinnert ihn an ſeine Lage, wiederholt ihm ſeine le Worte und noͤthigt ihn endlich zu einer Antwort. reichgültg:) Ich ging darauf ein mit ihr zu 120 Die Pechmaske. chen Erklärung, die man Ihnen vorleſen wird, haben Sie angegeben, daß Sie am 12. Juli zu dem Frauenzimmer ſagten:„Du wirſt heute ſterben; wir werden zuſammen ſterben.“ Bekennen Sie, ihr das geſagt zu haben? Be⸗ kennen Sie, daß ſie Ihnen in dem Augenblicke, wo ſie ſter⸗ ben ſollte, zugerufen hat:„Warte! Noch nicht, mein Ju⸗ lien!“? Sie wollte demnach nicht ſterben, wie Sie ſehen. A. Sie hat alle Tage mit mir davon geſprochen. P. Führten Sie das Mädchen nicht den Tag vor ihrem Tode in das Leichenſchaugewölbe? 3 A. Ich bin mit ihr dahin gegangen; denn ſie ſagte zu mir:„Komm, wir wollen in's Leichenhaus gehen!“ P. Was ſahen Sie dort? A. Zwei Leichen. P. Männer oder Frauen? A. Zwei Weiber. P. Was ſagten Sie bei dieſer Gelegenheit? A. Es war eine Frau dabei, welche durch Kohlen⸗ dampf erſtickt war, Ich ſagte zu Celeſtinen:„So ſieht kenn man durch Kohlendampf ſtirbt.“ m Abend dieſes Tages machten Sie die nö⸗ thigen rbereitungen, um ſie dieſes Todes ſterben zu laſſen. Sie haben alle Anſtalten getroffen. Wenn ſie aber nun auch ihren Willen darein gab durch Ihre Hand zu ſterben, glauben Sie deshalb, daß Sie eine erlaubte Hand⸗ lung begangen, glauben Sie daß Sie das Recht haben, mir nichts dir nichts über das Leben Ihrer Nebenmen⸗ ſchen zu verfügen, wenn Sie deren Einwilligung haben? Einen ſolchen Wahn weiß ich im Intereſſe der Moral nicht genug zu brandmarken! Doch war es auch kein Selbſt⸗ mord, ſondern vielmehr ein Todtſchlag, ein Meuchelmord! Dies wird ſogleich erhellen.— Sie holten eine Flaſche 2 2 121 Die Pechmaske. Branntwein, wovon noch ein Theil hier in dieſer Flaſche auf dieſem Tiſche befindlich iſt. Wozu holten Sie dieſen Branntwein? A. Sie war die Veranlaſſung... um uns zu berau⸗ ſchen und dann zu ſterben. P. Nach Ihrer eignen Ausſage ließen Sie das Mäd⸗ chen mehr trinken als Sie ſelbſt tranken. Verhält ſich das ſo? A. Ja. P. Warum dies? Sie waren ſtärker; Sie hätten ſich betäuben ſollen. Warum ſuchten Sie aber das vielmehr bei dem Mädchen zu thun? Keine Antn ort. P. Nun, erklären Sie doch den Grund dieſer Hand⸗ lung! Sie befinden ſich vor dem Geſchwornengericht. Die Herren Geſchwornen müſſen aus Ihrem Munde hören, was ſich bedehen hat. . Sie entkleidete ſich und wir tranken. . Das Mädchen mehr als Sie? Ja. . Warum? Keine Antwort. P. Sie ſprechen ſich nicht aus. Man kann freilich für Sie ausſprechen, was Sie nicht ſagen wollen. Es fanden aller Augenblicke wollüſtige Seenen ſtatt.(Bewe⸗ gung.) Gehen wir darüber weg. Das Mädchen ſträubte ſich und hatte Nervenzufälle; ſie ſiel aus dem Bette und Sie legten ſie wieder darauf. A.(nachdrücklich:) Ja, das iſt an dem. P. Das arme Mädchen merkte wohl, daß Sie ſie um⸗ bringen wollten. Sagte ſie nicht zu Ihnen:„Warte! Noch nicht, mein Julien! Ich will noch nicht ſterben!“?2 A. Ja. epe: 122 Die Pechmaske. P. Und zu dieſer Zeit faßten Sie den teufliſchen Gedan⸗ ken das Pech zu ſchmelzen. A. Ich ſteckte die Kohlen in Brand. P. Nein, dieſe ſteckten Sie nicht in Brand, ja Sie machten nicht einmal einen Verſuch dazu. Sie verſtopften alle Ritzen an Thure und Fenſtern und zündeten Jhre Lampe an. Das Frauenzimmer lag auf dem Bette und kämpfte gegen die Trunkenheit, während Sie damit umgingen, ihr die Peckmaske aufzukleben. Dies alles iſt ſo außerordent⸗ lich, ſo unerhört und unglaublich, daß Sie allein uns ſagen können, wie Sie auf dieſen ſchrecklichen Gedanken gekommen ſind. Sprechen Sie ſich darüber aus. Keine Antwort. Doch ſcheint der Angeklagte tief be⸗ wegt zu ſein. P. Wenn Sie aber auch über einen gemeinſchaftlichen Selbſtmord einig geworden waren, ſo erklären Sie, wie Sie ſich entſchließen konnten ſie eines ſo grauſamen Todes ſterben zu laſſen, ihr ſiedendes Pech in Mund und Naſe 4 Tage vorher hatte ich für einen Sou⸗ gekauft. jie mußten es warm machen.. A. Es war flüſſig. P. Aber Sie mußten es doch vorher warm machen! A. Ja. P. Was thaten Sie damit? A. Ich goß es auf ein Stück Tuch und klebte es ihr über das Geſicht. P. Hat ſie ſich geſträubt? A. Nein, durchaus nicht. P. Und doch ſagen Sie in Ihrer ſchriftlichen Erklä⸗ rung, daß ſie ſich geſträubt, daß ſie ſich ſelbſt aufgerichtet habe. Sie hatten den gräßlichen Muth ſie auf's Kiſſen in⸗ 123 Die Pechmaske. zurückzudrücken und mit Gewalt feſt zu halten! Iſt das ein Selbſtmord, den ſie begehrte? Iſt das nicht vielmehr ein vorausbedachtes Verbrechen? So ſagt wenigſtens die gegen Sie erhobene Anklage. Keine Antwort. P. Haben Sie vor dem Tode des Mädchens nicht auch etwas geſchrieben? A. Ja, ein Zettelchen. P. Es lautet ſo:„Mein Vater wird ſo gut ſein meine Hausmiethe im Betrag von 12 Frances und meinem Meiſter dem Schuhmacher Etoile 5 Franes zu bezahlen. Chevreuil.“ Weiter unten ſteht:„Unterzeichnet Cele⸗ ſtine Annette Bronn.“ Und endlich noch unter dieſen Worten:„Verzeihung, Verbrechen, Gerechtigkeit, Gerech⸗ tigkeit!“ Celeſtinens Unterſchrift, dies merken Sie wohl, beweiſ't nicht, daß ſie habe ſterben wollen. Und was bedeuten denn die Worte:„Verbrechen, Gerechtig⸗ keit!“ die noch unter dem Zettelchen ſtehen? Sagte Ihnen Ihr Gewiſſen ſchon, daß Sie ein Verbrechen begehen würden ³ A.(ſorglos:) Ich weiß das nicht. P. Wir glauben es zu wiſſen, und Sie ſcheinen an keinen Selbſtmord gedacht zu haben. Einer ſolchen That gegenüber, wie Sie begingen, fragte man ſich, ob Sie dieſelbe wirklich mit Bewußtſein gethan haben könnten, ob Sie auch begriffen, welche Handlung Sie begingen, und man forderte eine ſchriftliche Erzählung deſſen was vor⸗ gefallen iſt. Sie haben eine ſchriftliche Erkärung von ſich gegeben und alles paßt darin zuſammen. Man wird ſie Ihnen vorleſen. Hierauf lieſ't der Nath Henriot die ſchriftliche Er⸗ zählung Chrevreuil's vor. Nachdem dieſer mitgetheilt 124 Die Pechmaske. hat, wie er die Bekanntſchaft des Mädchens machte, heißt es weiter: 3 Bisweilen ſagte ſie zu mir:„Beſter Julien, ich fühle daß ich Dich herzlich lieb habe; es würde mir ſehr weh thun, wenn wir uns wieder trennen müßten.“ Sie trank gern ſchwarzen Kaffee und ſagte mir, ſie könne ihn gar nicht entbehren. Dann tranken wir welchen. Zuweilen holte ſie auch Branntwein, ohne mir etwas davon zu ſagen. Ich verhehlte ihr nicht, daß ich keine Geliebte möchte die Liqueur oder Wein tränke; ſie aber antwortete, es ſei ja bei ihr nicht zur Gewohnheit geworden. Später ſagte ſie wieder zu mir:„Ach Julien, ich liebe Dich wie ich mir die rechte Liebe dachte; Du biſt der Einzige den ich ſo liebe; daher ſpreche ich mich auch ganz gegen Dich aus: Als ich noch jünger war, arbeitete ich zu St. Maur*); an ſchönen Abenden luſtwandelte ich allein in den Ge⸗ filden; ich ging über den Canal und war von Gras und Blumen umgeben... um jetzige Jahreszeit muß es dort bezaubernd ſein, und wenn Du willſt, gehen wir einmal hin..., oft weidete ich mich an Ideen und unſten und weinte dabei; über einem vertrackten Drama(Keteli), das ich im Theater Gymnaſe geſehen hatte, verlor ich vollends den Kopf; in dieſem Stücke kam eine alte Frau vor, die recht herzlich liebte, und ich— liebte nun in meiner Einſamkeit gleich ihr ein übermenſch⸗ liches Weſen, das ich nicht kannte und niemals ſah, doch aber redete ich mit ihm und glaubte es um mich zu haben; ich umarmte es; es ſchlief an meiner Seite; ich pflückte Blumen, bekränzte es damit und ſagte leiſe vor mich hin: Da iſt es! Es iſt mir treu! Ach wie liebte ich ſo ſehr! *) Ein Dorf an der Seine, eine Stunde von Paris. —„——,——„—,—, ———,——.—,— ———. Die Pechmaske. 125 Ich weinte und war glücklich in meinen Gedanken und beſuchte den Ort alle Tage.“— Sonntags den 7. Juli ſagte ich zu ihr:„Celeſtine, wir müſſen uns trennen. Wir können mit einander nicht glücklich ſein, glaube ich. Mag ich arbeiten ſo viel ich will, wir kommen doch zu nichts. Morgen iſt der Hauszins gefällig und wir haben kein Geld ihn zu bezahlen. Darum bin ich unruhig. Entſchließe Du Dich, mich zu verlaſſen. Du kannſt ja einen Mann finden, der mehr Mittel beſitzt als ich. Ich will Dich auch nicht gleich fortſchicken, ſondern Dir Zeit laſſen, etwas aufzuſuchen. Vergiß mich; Du ſiehſt, daß wir zu unglücklich ſind. Gehe.“— Da ſagte ſie zu mir: „Du ſchickſt mich fort, weil Du mich nicht liebſt. Schön. Es ſoll Dir bald geholfen ſein.“ Nun packte ſie ihre Klei⸗ der zuſammen und ging. Wohl that es mir weh, aber ich ſagte doch nichts.— Eine Stunde ſpäter kam ſie zu⸗ rück und ſagte, ſie hätte ein Unterkommen gefunden. Beim Zurückkehren, ſetzte ſie hinzu, habe ich Erdbeeren gekauft. ich will nicht daß wir im Böſen auseiander gehen wollen wir zu Mittage in Wein genießen, ein dazu ſchlürfen und dann ſchwarzen Kaffee trinken. Sie wollte mich umarmen, ich aber ſagte zu ihr:„Das hilft uns nichts; beim Abſchied will ich Dich umarmen.“ Doch ließ ſie nicht nach mit ihren Verſuchen mich zu umarmen und ſagte dabei:„Ach, ich werde Dich ewig lieben; ich habe Dich belogen, wie Du ſiehſt, denn es iſt mir nicht eingefallen fortzugehen, wie ich Dir weißmachte; ich wollte bloß ſehen was Du ſagen würdeſt.“—„Aber was ſollen wir anfangen?“ ſagte ich zu ihr.—„Alſo willſt Du, daß ich Dich verlaſſen ſoll?“ erhielt ich zur Antwort;„ich werde arbeiten,“ fuhr ſie fort,„ich werde Beſchäftigung aufſuchen; wir werden Beide arbeiten, nur verlaſſen kann ich Dich 126 Die Pechmaske. nicht; o nein, ſchicke mich nicht fort, denn ich liebe Dich ja ſo herzlich...“ Weiter konnte ſie nicht ſprechen; ſie ſtand unbeweglich; ihre Augen wurden ſtarr; ſie hatte einen Nervenzufall und fiel um. Sowie ſie wieder zu ſich gekommen war, bat ſie mich ſie nicht fortzuſchicken.— Montags ging ſie aus um Arbeit zu ſuchen, fand aber keine; als ſie wiederkam, ſtanden ihr die Thränen in den Augen; ſie ſtarrte mich an, drückte mich dann an ihr Herz 2 und konnte kein Wort hervorbringen. Ihre Nervenzufälle kehrten zurück.— Als ſie den Gebrauch ihrer Sinne wie⸗ der erlangt hatte, fragte ich ſie, was ihr fehle, warum ſie nicht mehr ſo munter ſei wie früher—„Ich will ſterben,“ ſagte ſie zu mir.—„Sterben, Celeſtine?“ ſagte ich.— „Ja, und wenn es Dir recht iſt, wollen wir zuſammen ſterben.“—„Wir wollen uns zugleich vernichten?“—„Wie gern ſterbe ich mit Dir, den ich liebe! Sind wir doch ſo unglücklich!“—„Gut! Celeſtine,“ ſagte ich,„ich will mit.Dir zugleich ſterben; wie wollen wir uns vernichten?“— „Ich ziehe den Tod durch Kohlendampf vor, und vorher w ir uns durch Branntwein betäuben.“—„Aber wie i wir das anfangen?“ fragte ich ſie; wir haben nicht einmal Geld uns das Nöthige zu verſchaffen; ich müßte etwas verkaufen... Das wollte ſie nicht zugeben. Ich fragte ſie noch, ob wir an den Fluß gehen, uns an einander binden und uns in's Waſſer ſtürzen wollten.— Sie antwortete mir, dazu fehle ihr der Muth. Da ſagte ich:„Denken wir nicht mehr daran; es geht heute einmal nicht.“—„Nun ſo warten wir bis wir Geld haben,“ ant⸗ wortete ſte;„mache Deine Arbeit vollends fertig.“— Den ganzen Dienſtag über blieb ſie im Bette liegen. Abends aber ſtand ſie auf und trug ihr Kleid auf's Leihhaus. Wir hatten nichts mehr zu eſſen. Von den 5 Franes, — ———————r,—— ——,,—%—————— ——— ————j—,—— — Die Pechmaske. 127 die ſie auf ihr Kleid bekommen hatte, bezahlte ſie einige kleine Schulden, die wir im Stadtviertel hatten, kaufte das Nöthigſte ein und es blieb uns kein Geld mehr übrig.— Als ſie wieder nach Hauſe kam, lief ſie in der Stube herum und wußte gar nicht was ſie that. Sie konnte nicht einmal das Eſſen machen. Ich fragte ſie, ob ſie krank ſei, und wollte ſie in's Hospital führen; aber ſie nahm es nicht an.— Die Mittwoche ſprach ſie wieder vom Sterben.— Am Donnerstage war ich mit meiner Arbeit fertig und ſagte ihr, daß ich den Hauszins durch⸗ aus bezahlen wollte, weshalb ich zu den verdienten 6 Francs noch 5 auf die nächſte Arbeit vorausverlangen und noch etwas verkaufen würde, um die 12 Francs voll zu machen. Sie war den ganzen Tag über traurig. Zur Wäſcherin, die ihr Wäſche brachte, ſagte ſie, daß ſie verdrießlich ſei und ſich langweile. Ich fragte ſie nach der Urſache ihrer Verdrießlichkeit und ſie antwortete:„Ich weiß nicht warum, aber ich bin verdrießlich.“—„Sie müſſen auf andre Ge⸗ danken zu kommen ſuchen,“ ſagte die Wäſcherin;„Sonntags geht man ſpazieren.“ Hierauf gab ſie ihr Calico, A ein Hemd daraus machen zu laſſen, und ſagte:„Beſchäf⸗ tigen Sie ſich, und Sie werden die Grillen vergeſſen.“— Als die Wäſcherin fort war, ſagte Celeſtine zu mir: „Es war mir immer angſt, Du möchteſt etwas von unſerm Vorhaben fallen laſſen; arbeiten mag ich nicht und ich werde das Hemde nicht machen.“ Nun lief ſie wieder in der Stube auf und ab und wußte nicht was ſie that. Ich fragte, was ihr fehle, da ſie doch ſonſt gar nicht ſo ſei, und machte ihr die Bemerkung, daß ſie auch mir allen guten Muth raube.—„Ich langweile mich ſo ſehr,“ antwortete ſie;„lieber Julien, wir wollen ein wenig ſpazieren gehen; es wird ſich ſchon wieder geben.“— Wir gingen in den Die Pechmaske⸗ Garten des Erzbiſchofs. Unterwegs ſagte ſie mir, ſie möchte das Leichenhaus gern einmal ſehen. Dort erblickten wir zwei weibliche Leichname. Die eine dieſer Frauen war ertrunken und die andre in Kohlendampf erſtickt. Auf die letztere zeigend, ſagte ich zu ihr:„So ſieht man aus, wenn man durch Kohlendampf erſtickt iſt.“ Als wir wieder hinausgingen, äußerte ſie, ſo möchte ſie auch ſterben. Nun gingen wir nach den Boulevards und kamen erſt des Abends nach Hauſe.— Freitags den 12. Juli machte ich mich gleich früh an meine Arbeit. Sie wollte den Tag über im Bette liegen bleiben und bat mich, nicht zu arbeiten. „Du raubſt mir allen guten Muth,“ ſagte ich wieder zu ihr, gab ihr 5 Francs, damit ſie ihr Kleid wieder einlöſen könne, und lud ſie zu einem Spaziergange ein. Nun er⸗ hob ſie ſich und ging fort um ihr Kleid wieder einzulö⸗ ſen.— Nach ihrer Rückkehr fragte ich ſie nochmals, ob ſie nicht von mir gehen wolle und ob ich ihr Verdruß mache, ob ſich nicht ihre Gedanken geändert hätten, ſo daß ſie vorzöge mit einem andern Manne zu leben, mit wel ſie glücklich ſein könnte.—„Ach nein,“ antwor⸗ tete ſte;„dazu liebe ich Dich zu ſehr; ich werde ſterben, ich werde mir das Leben nehmen.“— Sie ſah beſtändig kum⸗ mervoll aus und hatte Thränen in den Augen. Sie ſeufzte unaufhörlich, ſtierte mich an und ſagte:„Wenn Du wüßteſt, wie ich Dich liebe!“ und dabei wollte ſie ſich ſtets den Freu⸗ den der Liebe hingeben.— Als wir zu Mittag geſpeiſ't hatten, ſagte ich zu ihr:„Nun, Celeſtine, wir müſſen ſterben, und zwar heute noch ſterben, denn wir ſind zu unglücklich.“—„Ja,“ antwortete ſie,„gern will ich mit Dir ſterben, den ich ſo ſehr liebe. Den Kaffee haben wir ge⸗ trunken, nun werden wir Branntwein trinken. Ich will ein Nößel holen und Du kannſt Kohlen einkaufen. So Die Pechmaske. 129 ſei es,“ ſagte ſie zu mir.— Ich ging nach Branntwein hinunter; ſie ſtand unterdeſſen am Fenſter, um mich aus⸗ und eingehen zu ſehen. Als ich mit dem Branntwein zu⸗ rückkam, ſagte ich ihr, ſie möge nun Kohlen und Zucker ſowie Oel für unſre Lampe holen. Sie ging. Indeſſen ſchlug ich über dem Fenſter zwei Nägel ein, um die Bett⸗ decke daran zu befeſtigen. Bald kam ſie zurück und ich ſchenkte Branntwein in zwei Gläſer. Wir tranken und legten uns auf's Bett. Gleich darauf entkleidete ſie ſich. Wir tranken nochmals. Jetzt verhängte ich das Fenſter mit der Decke und zündete die Lampe an. Hierauf ſagte ſie zu mir:„Wir müſſen etwas ſchreiben.“—„Ich habe ſchon ein paar Worte in dieſes Buch an meinen Vater ge⸗ ſchrieben,“ ſagte ich. Nun unterſchrieben wir unſre Na⸗ men. Als ſie damit fertig war, ſagte ſte zu mir:„Das iſt doch mein Name?“— Ich verſtopfte jetzt die Spalte an der Thür und ſtellte die Kohlen neben das Bett; dann reichte ich ihr ein volles Glas Branntwein, das ſie auf einen Zug austrank. Auch ich trank und legte mich neben ſie auf's Bett... Sie ſtammelte nur noch, wälzte ſich auf dem Bette Herum, zog mich in ihre Arme und ſprach: „Du wirft ſterben, beſter Julien, mit mir ſterben.“—„Ja, Celeſtine,“ antwortete ich,„bald werden wir ſterben.“— „O noch nicht,“ ſagte ſie zu mir,„warte noch!“... Hierauf wurden ihre Glieder ſteif, ſie krümmte ſich und hatte eine Zeit lang ihre Nervenzuckungen. Ich gab ihr Zuckerwaſſer zu trinken, um ſie etwas zu beruhigen. Darauf ſchlum⸗ merte ſie auch ein Weilchen. Plötzlich aber erwachte ſie wieder, reckte und krümmte ſich beſtändig und ſagte zu mir:„Du haſt die Kohlen angezündet! Wir werden ſter⸗ ben, Julien! Komm, laß uns einſchlafen!“— Da gab ich ihr abermals Zuckerwaſſer zu trinken. Sie ſchlummerte 9 130 Die Pechmaske. nach und nach ein und ſiel dann in einen feſten Schlaf. Ich lag neben ihr in ihren Armen, erhob mich aber leiſe, um die Kohlen in Brand zu ſtecken. Doch dachte ich an ihre Nervenleiden und beſorgte, ſie moͤchte erwachen und aus dem Bette auf die glühenden Kohlen fallen.—„Ster⸗ ben muͤſſen wir!“ ſagte ich bei mir ſelbſt.— Da fiel mir plötzlich das Pech ein und ich gedachte eine Maske daraus zu machen.—„Arme Celeſtine,“ ſagte ich,„Du wirſt zuerſt ſterben!“— Ich nahm das Pech, näherte mich dem Bette und ſah, daß ſie in tiefem Schlafe lag; dann ging ich an den Tiſch, erwärmte das Pech über der Lampe, legte es auf ein Stück Tuch, kehrte zu ihr zurück und ſagte bei mir ſelbſt:„Nachher werde ich ſterben!“ Endlich klebte ich ihr die Maske auf das Geſicht, drückte ſie mit einem Tuche zu und ließ ſie ihren Geiſt aufgeben!— Als ſie todt war, hatte ich nicht mehr den Muth die Kohlen anzuzünden oder mir das Leben auf andre Weiſe zu nehmen. Ich verließ die Stube und ging zu dem Poſten am Conſervatorium...“ dn Vorleſen dieſer Erzählung hatte der Rath Hen⸗ 1 riot ſeine Gemüthsbewegung nicht verbergen können und „bei mehrern Stellen Athem ſchöpfen müſſen. Alle Zuhörer wa⸗ ren tief ergriffen. Welch ein gräßliches Drama! Wen durch⸗ ſchauerte es nicht, wenn er dieſen jungen Menſchen anſah, der mit kaltem Blute ein Geſchöpf vernichten konnte, das ihn ſo innig liebte! Chevreuil ſelbſt hatte verſucht einige Thränen zu vergießen; doch in ihm war alles ver⸗ ſiegt; ſogar die Thränen, die in dem Auge ſo vieler Zu⸗ hörer glänzten. Präſ. Dieſe Schrift rührt nicht von einem Menſchen ohne Intelligenz her, ſondern ſie iſt das Werk eines Men⸗ ſchen mit verdorbenem Geiſte. Fühlten Sie denn nicht be tig Die Pechmaske. 131 eine Regung der Religion, welche Sie von der That hätte abhalten können? Keine Antwort. Praͤſ. Und doch beſchäftigten Sie ſich mit der Reli⸗ gion. Sogar Verſe haben Sie über dieſen Gegenſtand gemacht. Wir leſen Ihnen eine Probe Ihrer Poeſie vor: Auf der Gottesackermauer Betend ſitzt Louiſ' allein, Und ſie ruft in Herzenstrauer: Bei der Schweſter möcht' ich ſein! Führe mich zur Heißgeliebten, Führe mich, mein Gott, hinab, Dort am Fuß des öden Berges Führe mich in's ſtille Grab. Ihr beklommner Buſen wallet Und ſie wünſcht den Tod heran; Doch ein Donnerſchlag erſchallet Und ſie betet heißer an: Mein Gott, Deine Donnerſtimme Häufet Schrecken über mich! Laß mich noch den Bruder ſehen, 1 Dann, mein Gott, glaub' ich an Dich. Präſ. Haben Sie dieſe Verſe gemacht? Angekl. Ja. P. Hat ſich nicht auch gelef ſtine mit der Dichtkunſt beſchäftigt?. A. Auch ſie hat einige Verſe gemacht. P. Folgendes iſt eine Probe davon, was ſie zu verfer⸗ tigen wußte: Wie? Suchſt Du mich auf des Wankelmuths Felde? Und doch iſt die Welt ohne Dubois mir leer. Womit doch verdien’ ich die ſchreckliche Kälte? Mein herzlicher Freund, kennſt Du mich nicht mehr? 9* Die Pechmaske. Die Eiferſucht frißt mir am Herzen wie Raben. Ein anderes Mädchen, ach, feſſelt Dich! Doch hat ſie auch mehr als ich reizende Gaben, So ſehr kann doch niemand lieben als ich. Celeſtine Annette Bronn. Bei dieſen Verhandlungen hatte ſich der Angeklagte faſt immer ganz ruhig gezeigt. Nun ſchreitet man zum Zeugenverhör. Barlet, Polizei⸗Commiſſär des Stadtbezirks St. Mar⸗ tin, ſagt aus: Abends ½ auf 11 Uhr kam der Angeklagte mit zwei Soldaten vom Poſten am Conſervatorium in mein Büreau und gab an, er habe ſeine Geliebte ermor⸗ det. Es war mir unglaublich. Ich ließ mir die nähern Umſtände auseinanderſetzen; er ſagte mir etwas von einer Pechmaske vor, und nun wurde mir die Sache erſt recht unglaublich. Ich dachte an nichts als einen Gaunerſtreich, begab mich aber doch nach dem bezeichneten Hauſe in der Straße Aumaire. Als ich in eine Stube des 5. Stock⸗ werks eintrat, ſah ich auf einem Bette den Leichnam eines Frauenzimmers, deſſen Geſicht mit einer Pechmaske bedeckt war. Dieſe zog ich ſchnell weg und fand den Leichnam noch warm. Ein ſogleich herbeigerufener Arzt erklärte alle Hülfe für unmöglich, da die Perſon ſchon ſeit länger als einer Stunde erſtickt ſei. Ich ließ Nachbarn rufen und nahm alles zu Protocoll. Alle Oeffnungen der Stube wa⸗ ren verſtopft. Mitten in der Stube ſtand eine Pfanne mit Kohlen, die aber nicht angebrannt geweſen waren. Staatsanwalt Glaudaz. In welchem moraliſchen Zuſtande war Chevreuil? Barlet. Er war ganz ruhig und nicht betrunkenz gte um ar⸗ gte in or⸗ ern ner echt ich, der ock⸗ ines deckt nam alle als und wa⸗ unne ſchen ken; Die Pechmaske. 133 er erzählte alles ohne Unterbrechung. Als er mich wieder ſah, richtete er die Frage an mich, ob ſie auch ganz todt ſei. Er verlangte ſogar ein Stück Brod zu brechen. Präſ. Sie aßen neben dieſem Leichnam? Chevreuil. Nein, mein Herr; Brod habe ich ge⸗ nommen, aber nicht gegeſſen. Ein Geſchworner. In welchem Zuſtande war das Bett? Barlet. Die Kleider waren dem Leichnam über das Geſicht gezogen. Präſ. Haben Sie der Armen die Schürze über das Geſicht geworfen? Chevreuil. Ja. Die Schürze nebſt dem Stücke Tuch mit dem Pech wird dem Angeklagten vorgelegt. Ein Geſchworner. War die Decke vor das Fen⸗ ſter gehängt worden, um keine Luft eindringen zu laſſen oder um die Neugier der Nachbarn abzuhalten? Barlet. Um das Eindringen der Luft zu hemmen; die Decke war oben feſtgenagelt. 4 Präſ. Haben Sie die Decke angenagelt? Chevreuil. Ja, mein Herr. Der Vertheidiger Daniel. Hat der Herr Poli⸗ zei⸗Commiſſär den Körper Celeſtinens ſo genau unter⸗ ſucht, daß er uns ſagen kann, ob ſie nicht ſchon graue Haare hatte? Barlet. Davon habe ich nichts bemerkt. Daniel. Sie muß doch wenigſtens 34— 35 Jahre alt geweſen ſein. Antoine Benoit Marie, Schuhmachermeiſter in der Cité, ſagt aus: Der Angeklagte arbeitete ſeit andert⸗ halb Jahren für mich. Er holte bei mir die Arbeit und 84 134 Die Pechmaske. brachte ſie wieder, wenn er ſie fertig hatte. Weiter wußte ich nichts zu ſagen. Präſ. Hat er Ihnen nicht noch kurz vorher Geld ab⸗ geborgt? 3 Zeuge. Als er mir ſeine Arbeit brachte, verlangte er 5 Francs, um ſeinen Hauszins damit zu bezahlen. Präſ. Was hatte er für einen Charakter? Zeuge. Ich glaubte zu bemerken, daß er finſter war. Der Vertheidiger. Einen Tag vor dem Ereig⸗ niſſe hat der Angeklagte für einen Sou Pech gekauft; kann uns der Zeuge ſagen, ob dieſe Quantität lange reicht. Zeuge. Nicht lange. Vertheidiger. Braucht ein Arbeiter alle Tage für einen Sou? Zeuge. Ja, oft noch mehr. Staatsanwalt. Zeuge, unterſuchen Sie doch gefälligſt das Tuch, um zu ſehen, wie viel etwa Pech daran klebt. Zeuge. Es ſind anderthalb Näpfchen und das Näpf⸗ chen koſtet einen Sou. Staatsanwalt. Das iſt nur ein Reſt, es iſt etwas davon verloren gegangen. Demnach hat der Angeklagte nicht die Wahrheit geſagt, da er behauptet, er hätte nur für einen Sou gekauft. Präſ. Verſparen wir dieſen Theil der Debatten für nachher. Stanislas Oreillard ſchildert das geheime Thun und Treiben des Angeklagten, das wir hier nicht wieder⸗ geben können. Seine laſterhaften Neigungen machten ihn finſter und zum Selbſtmorde geneigt. Präſ. Wußten Sie, daß er das Frauenzimmer bei ſich hatte? Die Pechmaske. 135 Antwort. Ja, und wir waren der Anſicht, daß ſie ihn nicht werth ſei. Präſ. Wie ſo? Antw. Sie war dem Trunke ergeben. Als ich ſie zum erſten Male ſah, ſtammelte ſie ſo ſehr, daß ich ſie für eine Deutſche hielt. Präſ. Was halten Sie von Chevreuil's Geiſtes⸗ fähigkeiten? Antw. Die gingen ihm ganz ab. Präſ. Indeſſen machte er doch Verſe. Antw. Verſe! Er iſt vom Geiſte der Nachahmung be⸗ ſeſſen; aus ſeinem Gehirn iſt nichts gekommen. Präſ. Beſaß er nicht eine Sammlung der berüchtigt⸗ ſten Proceſſe, der furchtbarſten Ereigniſſe, wie das vorlie⸗ gende zum Beiſpiel? Antw. Ja, mein Herr; auch ſah ich bei ihm ſchlüpfrige Kupferſtiche und unſittliche Lieder. Präſ. Das paßte zuſammen. Antw. Ja, es paßte zuſammen. Präſ. Fiel ihm nicht einmal die Summe von 600 Francs zu? Antw. Ja, durch Erbſchaft von ſeiner Mutter. Wir mußten ihn leiten wie ein Kind, damit er nur das Nö⸗ thigſte anſchaffte. 3 Präſ. Verſchwendete er nicht einen Theil des Geldes in ſchwelgeriſchen Gelagen? Antw. Aus Dankbarkeit hielt er uns bei einem Mit⸗ tagseſſen frei. Dankbar war er allerdings und zeigte kei⸗ nen bäuriſchen Charakter. Vertheidiger. Hat der Angeklagte nicht vor ſeiner letzten Bekanntſchaft mit einem Frauenzimmer noch eine andre gehabt? 8 136 Die Pechmaske. Antw. Ja, es war ein einfältiges Weſen, das eben aus dem Zuchthauſe kam uud von Birnen ſprach, wenn man von Aepfeln redete. Mit ſolchen Frauensleuten hat er ſich herumgetrieben. Ein Geſchworner. Beſuchte der Angeklagte iiiit auch zuweilen ſchlechte Theater? Zeuge. Ich weiß nicht was Sie ſchlechte Theater nen⸗ nen. Ging er in ein Schauſpielhaus, ſo wählte er immer das Theater Porte St. Martin oder Gaité, weil es da immer von Todtſchlägern und Mördern wimmelt. Präſ. Ihre Ausſagen ſind ſehr deutlich und beſtimmt. Sie können ſich nun ſetzen. Madame Oreillard beſtätigt die letzte Ausſage. Ferner giebt ſie an: Am Tage des Ereigniſſes begegnete ich dem Angeklagten auf der Treppe und ſagte zu ihm: Was treiben Sie denn? Man hört Sie ja gar nicht mehr zu Hauſe. Iſt etwa die Schäferin krank?— Hm, hm!— Hm! Das iſt keine Antwort, ſagte ich.— Ach was, ſagte er nun, ſie iſt verdrießlich!— Nun, das wird i ſchon wieder geben, ſagte ich zuletzt. Der Angeklagte giebt dieſe Einzelnheiten zu. Louis Barban, ein Rentier(hinkt auf Kruͤcken her⸗ an und der Präſident heißt ihn ſogleich Platz nehmen). Dieſer ſagt aus, er habe dann und wann bei Madame Raymond eine Taſſe Fleiſchbrühe getrunken und den An⸗ geklagten dort geſehen; ſein iſäne⸗ Weſen ſei ihm auf⸗ gefallen. Dubois, ein Blaſebalgmacher, tritt vor. Präſ. Haben Sie das Frauenzimmer Celeſtine Bronn näͤher gekannt? Antw.(verlegen:) Das heißt ich ſah ſie auf dem Bon⸗ levard di Temple. 8 Die Pechmaske. 137 Präſ. Sie haben mit ihr gelebt. Antw. Ich habe mich mit ihr unterhalten, mehr war es nicht. Präſ. Hatten Sie das Mädchen nicht über zwei Jahre in Ihrer Wohnung? Antw. Als Magd.(Man lacht.) Präſ. Lieber gar. Doch das iſt hier einerlei. Was hatte ſie für einen Charakter? Antw. Sie war ziemlich munter. Präſ. Hat ſie von Selbſtmord geſprochen? Antw. Allerdings ein paarmal; ſie ſagte mir, wenn ſie eine ſchlimme Krankheit bekommen ſollte, ſo würde ſie ſich umbringen. Präſ. Warum haben Sie das Mädchen nicht behalten? Antw. Sie ergab ſich dem Trunke. Jörnel wohnte zwar in dem Hauſe, hatte aber we⸗ der den Angeklagten noch das Frauenzimmer kennen lernen. Nur hörte er ſie bisweilen mit einander ſingen, obwohl Chevreuil vor ihrer Ankunft nie geſungen hatte. Madame Pain hat dem Mädchen gewaſchen, als es ſich noch Frau Dubois nannte. Sie ſagt aus, daß ſie von dem Mädchen nie eine Aeußerung vernommen hat, als wollte ſie ſich ſelbſt umbringen, ſelbſt nicht während ihres Zuſammenlebens mit Chevreuil. Staatsanwalt. Auch noch eine andre Thatſache iſt von Wichtigkeit. Der Angeklage hat ausgeſagt, Cele⸗ ſtine habe das Hemde nicht machen wollen, das ihr die Zeugin zum Nähen übergeben hatte. Hierüber mag ſich die Zeugin ausſprechen. Antw. Sie nahm das Hemde an, um es zu machen, und ſchnitt es in meinem Beiſein ſogar noch zu, um zu ſehen, ob der Calico, reichen würde. 138 Die Pechmaske. Vertheidiger. Weiter iſt auch nichts daran gemacht worden. Antw. Nein. Ein Geſchworner. Hätte ſie wohl in einem Tage damit fertig werden können? Antw. Nein, das Hemde ſollte gut gearbeitet werden. Vidal, welcher dem Angeklagten die Kohlen zu lie⸗ fern pflegte, ſagt aus, es ſei ihm am Abend des Ereig⸗ niſſes an den Manieren des Mädchens, welches die Koh⸗ len holte, nichts Beſonders aufgefallen. Darras, ein Schuhmacher, ſagt aus: Ich kam bis⸗ weilen an der Thür des Angeklagten vorüber. Einſt hörte ich nun das Frauenzimmer, mit welchem er lebte, zu ihm ſagen: Umbringen kannſt Du mich, wenn Du willſt, aber ich gehe nicht fort. Angeklagter. Das iſt nicht geſagt worden. Präſ. Es reimt ſich aber ſehr gut zu den Geſprächen, die Sie mit einander hatten und die Sie in Ihrer ſchrift⸗ lichen Erklärung anführen. Sie boten ihr 5 Francs, wenn ſie gehen wollte. Die nachherigen Vorfälle erklären hin⸗ reichend, was ſich damals begab. Kamen denn auch noch andre Leute zu Ihnen? Angekl. Nein.. Vertheidiger. Dubois war wenigſtens einmal bei ihm, das iſt erwieſen. Dubois. Ich war einmal dort, um Celeſtinen ihre Strumpfbänder zu übergeben; aber Chevreuil war zu⸗ gegen, und ich freute mich ſie beiſammen zu ſehen. Ein Geſchworner. Wann war das? Dubois. Nicht lange nachher, als ich ſie fortgeſchickt hatte. Nicole, ein Weinwirth, bei welchem der Angeklagte — 42& ehͤRS 2 u⸗ ickt gte Die Pechmaske. 139 das Eſſen holen zu laſſen pflegte, redet von deſſen zerſtreu⸗ tem und düſterm Weſen. Lecaron. Ich kenne den Angeklagten nicht, doch ſcheint er das Pech zur Vollziehung des Verbrechens bei mir ge⸗ kauft zu haben. Präſ. Wieviel kauft man in der Regel? Antw. Zwei Näpfchen, ein mageres und ein fettes. (Man lacht.) Ja, man miſcht ſie oft unter einander. Jacquemin, ein Arzt, hatte den Auftrag gehabt den Geiſteszuſtand des Angeklagten zu unterſuchen; er wieder⸗ holt das in der Anklage⸗Acte Niedergelegte. Olivier und Bayard, zwei andre Aerzte, waren mit der Leichenöffnung beauftragt geweſen. Erſterer befindet ſich unwohl und nur Bayard iſt bei den Verhandlungen an⸗ weſend. Er macht das Reſultat der Autopſie bekannt. Dabei ſind vorzüglich die beiden Umſtände hervorgehoben, daß das Pech in den Mund und bis zur Speiſeröhre ge⸗ floſſen war und daß die im Magen des Mädchens vorge⸗ fundenen Speiſen den Alkoholgeruch nicht hatten, den ſie doch haben mußten, wenn das Mädchen wirklich ſo viel Branntwein getrunken hätte, als der Angeklagte behauptet. Präſ.(zum Angekl.) Haben Sie den Branntwein bei Nicole gekauft? Angekl. Nein. Präſ. Warum nicht bei ihm? Keine Antwort. Nicole unterſucht den noch in der Flaſche befindlichen Branntwein und ſagt aus, daß ein halbes Nößel davon weg ſei. Robin, ein Buchbinder, beſtätigt was der Angeklagte in der Unterſuchung von ſeinem Verſchwinden während der Lehrzeit, von ſeiner Zurückkunft nach ein paar Tagen und 140 Die Pechmaske. von dem Gedanken an einen Selbſtmord ausgeſagt hat. Daſſelbe thut auch ein gewiſſer Thévenin, welcher da⸗ mals bei Robin in Arbeit ſtand. Präſ.(zu Thévenin:) Hat der Angeklagte nicht Verſe gemacht? Zeuge. Das weiß ich nicht; nur erinnere ich mich, daß er mir den Anfang eines Drama's zeigte. Präſ. Ah, er hatte ein Melodrama angefangen! Zeuge.(lebhaft:) Nein, nein, es war ein Drama. Vertheidiger. Wie alt war er damals? Zeuge. Sechzehn Jahre. Es werden hierauf noch mehrere Zeugen vernommen, die nur das Bekannte über den Charakter des Angeklagten ausſagen. Der Vertheidiger wünſcht, daß der Arzt Jacque⸗ min zuruͤckgerufen werde. Dieſer kommt wieder und er⸗ klärt, am Körper des Mädchens die Spuren einer ſchänd⸗ lichen Krankheit entdeckt zu haben, die ſie ſich erſt kürz⸗ lich zugezogen gehabt hätte. Davon hatte Bayard nichts bemerkt. Nun unterſtützt der Staatsrath die Anklage⸗Acte, bekämpft im voraus das vorausſichtlich einzuſchlagende Sy⸗ ſtem des Vertheidigers, wonach eine Uebereinkunft zwiſchen dem Angeklagten und dem Mädchen den Gedanken des Ver⸗ brechens ausſchlöſſe. Er brandmarkt mit beredten Worten eine ſolche Uebereinkunft, wenn ſie je exiſtirt hätte, und ſucht zu beweiſen, daß Chevreuil durch eine ſolche ſicher nicht ſchuldlos werde. Endlich ſpricht er ſich dahin aus, daß nach ſeiner feſten Ueberzeugung beim Angeklagten keine mildernden Umſtände zuläſſig ſeien. Aber eben das Syſtem, welches der Staatsanwalt be⸗ kämpft hatte, ſucht jetzt der Vertheidiger geltend zu at. a⸗ cht ich, Die Pechmaske. 141 machen. Er hebt hervor, daß die Bronn den Angeklag⸗ ten beſtändig anging um ihn zum Selbſtmord zu bewegen. Eine vorgängige Ueberlegung verwirft er durchaus und folgert daraus, daß der Angeklagte wegen ſeines Unglücks, ſeines frühern Lebenswandels und ſeiner Geiſtesſchwäche jedenfalls die Zulaſſung mildernder Umſtände verdiene. Hierauf entwirft der Präſident ein vollſtändiges und lebendiges Gemälde der Thatſachen dieſes traurigen Pro⸗ ceſſes. Um 5 Uhr ziehen ſich die Geſchwornen zuruͤck. Nach einer halben Stunde kommen ſie zurück und erklären Chevreuil eines überlegten Mordes ſchuldig. Das Auditorium iſt von dieſem Ausſpruch heftig ergriffen. Nachdem man den Angeklagten wiieder eingeführt hat, wird ihm das Urtheil der Geſchwornen mitgetheilt. Chevreuil wird vom Gerichtshofe zum Tode verurtheilt. Man bemerkt am Verurtheilten keine Verwirrung oder Gemüthsaufregung. Mit ſorgloſem Geſicht verläßt er fe⸗ ſten Schrittes den Gerichtsſaal. Chevreuil appellirte nun an den Caſſationshof. Dieſer aber beſtätigt unterm 19. December den Ausſpruch des Geſchwornengerichts. Am 8. Mai 1845 ſtand Chevreuil am Pranger. In⸗ deſſen iſt durch die Gnade des Königs die Todesſtrafe in lebenslängliche Galeerenſtrafe verwandelt worden. Die Familie Cenci. Wer nach Rom kommt und die Villa Pamftli beſucht, wird ohne Zweifel, nachdem er unter ihren hohen Kiefern und längs ihren Canälen die in der Hauptſtadt der Welt ſo ſeltene Kühlung des Schattens geſucht hat, wieder nach dem Monte Janiculo hinabſteigen, auf einem reizenden Wege, in deſſen Mitte man Paulinens Quelle findet. Wenn man bei dieſem Denkmal vorüber iſt und einige Augenblicke auf der Terraſſe von St. Petro in Mon⸗ torio, von wo aus man ganz Rom überſehen kann, ver⸗ weilt hat, beſucht man das Kloſter des Bramante, in deſſen Innerm in einer Vertiefung von mehrern Fuß, auf der nämlichen Stelle, auf welcher Sanct Petrus gekreuzigt worden, ein kleiner, halb griechiſcher halb chriſt⸗ licher Tempel erbaut iſt, und von da kommt man durch eine Seitenthüre wieder in die Kirche ſelbſt. Hier zeigt uns der gefällige Cicerone in der erſten Capelle zur Rechten den gegeißelten Heiland von Seba⸗ ſtian del Piombo und in der dritten Capelle links einen Chriſtus im Grabe von Fiamingo. Nachdem man dieſe beiden Meiſterwerke nach Gefallen betrachtet hat, P—„—S —-9—,—— f„ — Die Familie Cenci. führt er uns in die beiden Enden des Kreuzes gegen Sü⸗ den und Norden und zeigt uns an der einen Seite ein Bild von Salviati auf Schiefer und auf der andern ein Gemälde von Vaſariz; dann macht er auf eine Copie des Märtyrertodes Sanct Peter's von Guido Reni auf dem Hauptaltare aufmerkſam und erzählt mit betrüb⸗ ter Stirne, daß hier drei Jahrhunderte lang die Trans⸗ ſiguration des göttlichen Raphael verehrt wurde, welche von den Franzoſen im Jahre 1809 geraubt und von den Alliirten dem Papſte im Jahre 1814 zurückgegeben wurde. Da man dieſes Gemälde wahrſcheinlich ſchon im Vatican bewundert hat, ſo läßt man ihn ſprechen und ſucht am Fuße des Altars eine Steinplatte, welche mit einem Kreuz und darunter bloß mit dem Worte:„Orate“ bezeichnet iſt. Unter dieſer Platte liegt Beatrice Cenci, deren tragiſche Geſchichte gewiß auf jeden der ſie vernimmt einen tiefen Eindruck hervorbringt. Sie war eine Tochter von Francesco Cenci. Wenn man glaubt, daß die Menſchen in einer gewiſſen Ueber⸗ einſtimmung mit ihrer Zeit geboren werden und manche von ihnen das Gute, andre das Böſe derſelben in ſich vereinigen, ſo wird es für unſre Leſer vielleicht intereſſant ſein, einen kurzen Blick auf die Periode zu wen, he den Ereigniſſen, die wir erzählen wollen, unmittelbar vor⸗ herging. Francesco Cenei wird ihnen dann wie die teufliſche Incarnation ſeiner Zeit erſcheinen. Am 11. Auguſt 1492, nach der langen und ſchweren Krankheit Innocenz' VIII., während der in den Straßen Roms zweihundertundzwanzig Mordthaten begangen wur⸗ den, beſtieg Alex an der VI. den paͤpſtlichen Thron. Sohn einer Schweſter des Papſtes Calixtus III. hatte Ro⸗ drigo Lenzuoli Borgia, ehe er Cardinal wurde, Die Familie Cenci. fünf Kinder von Roſa Vanozza erhalten, die er ſpäͤter an einen reichen Römer verheirathete. Dieſe Kinder maren: Franz, welcher Herzog von Gandia wurde. Cäſar, welcher Biſchof und Cardinal, dann Herzog von Valentinois wurde.. Luerezia, die, nachdem ſie ihren Vater und ihre beiden Brüder zu Geliebten gehabt hatte, viermal ver⸗ heirathetwar: das erſte Malan Giovanni Sforza, einen Edelmann aus Peſaro, den ſie wegen Impotenz verließ; dann an Alfonſo, Herzog von Biſiglia, den Cäſar er⸗ morden ließ; ferner an Alphons von Eſte, Herzog von Ferrara, von welchem ſie ebenfalls durch Scheidung ge⸗ trennt wurde, und endlich an Alfonſo von Aragonien, der zuerſt auf den Stufen der Peterskirche mit Dolchſtichen faſt ermordet und drei Wochen ſpäter erdroſſelt wurde, weil er an ſeinen Wunden, obgleich dieſe tödtlich waren, nicht ſchnell genug ſtarb. Ferner Guifry, Graf von Squillaci, von dem man nur wenig weiß. Endlich ein fünftes, von dem gar nichts bekannt ge⸗ worden iſt. Der bekannteſte von dieſen drei Brüdern war Ceſare — Er hatte alles vorgekehrt, um nach dem Tode ſeines Vaters König von Italien zu werden, und ſeine Maßregeln waren von der Art, daß ſie ihm keinen Zweifel über das Gelingen dieſes großen Planes ließen. Alle Fälle waren varausgeſehen, mit Ausnahme eines einzigen; aber um dieſen zu errathen, hätte man Satan ſelbſt ſein müſſen. Der Leſer möge darüber urtheilen. Der Papſt hatte den Cardinal Adriano auf ſeinen Weinberg Belpedere zum Abendeſſen eingeladen. Der Car⸗ 8 * 145 Die Familie Cenci. dinal Adrian war ſehr reich und der Papſt wünſchte ihn zu beerben, wie es ihm ſchon mit den Cardinälen Sanct⸗ Angelo von Capua und Modena gelungen war. Zu dem Ende hatte Cäſar Borgia dem Mundſchenken ſeines Vaters zwei Flaſchen vergifteten Weines geſchickt, ohne ihn jedoch in's Vertranen zu ziehen: nur hatte er ihm ge⸗ ſagt, dieſen Wein nicht früher zu verwenden, als bis er es ihm befehlen werde. Zum Unglück aber entfernte ſich der Mundſchenk während des Eſſens einen Augenblick, und während dieſer Zeit gab ein ungeſchickter Bedienter gerade dieſen Wein dem Papſte, Cä ſar Borgia und dem Car⸗ dinal Corneto. Alexander VI. ſtarb nach einigen Stunden; Cäſar Borgia wurde an ſein Bett gefeſſelt, wo er eine ganz neue Haut bekam, und der Cardinal Corneto verfiel, nachdem er das Geſicht und den Gebrauch ſeiner Sinne verloren hatte, in eine Krankheit, die ihn dem Tode nahe brachte. 5 Pius III. folgte auf Alexander VlI. und regierte fünfundzwanzig Tage, am ſechsundzwanzigſten wurde er vergiftet. Cäſar Borgia hatte achtzehn ſpaniſche Cardinäle auf ſeiner Seite, die ihm ihren Eintritt in das heilige Collegium zu verdanken hatten; dieſe Cardinäle waren ihm ganz ergeben, und er konnte von ihnen verlangen was er wollte. Da er fortwährend ſehr krank war und ſelbſt nichts vornehmen konnte, ſo verkaufte er ſie an Giuliano della Rovere, und dieſer wurde Papſt unter dem Na⸗ men Julius II. Auf das Rom Nero's folgte das Athen des Perikles. Leo X. war der Nachfolger Julius II., und unter ſeinem Pontificat erhielt das Chriſtenthum einen heidniſchen J. 10 146 Die Familie Cenci. Anſtrich, der von den Künſten in die Sitten überging und dieſer Zeit einen eigenthümlichen Charakter verlieh. Die Verbrechen ſind auf einen Augenblick verſchwunden, um den Laſtern Platz zu machen, aber reizenden, geſchmack⸗ vollen Laſtern wie die, welche Alcibiades ausübte und welche Catull beſang. Leo X. ſtarb, nachdem er unter ſeiner Regierung, welche acht Jahre acht Mo⸗ nate und neunzehn Tage gedauert, Michael Angelo, Raphael, Leonardo da Vinci, Correggio, Ti⸗ tian, Andrea del Sarto, Frate, Giulio Ro⸗ mano, Arioſt, Guicciadino und Macchiavelli ver⸗ einigt hatte.. Julius von Medieis und Pompejus Colonna waren bei der Wahl ſeines Nachfolgers diejenigen, zwi⸗ ſchen denen ſich die Stimmen theilten. Da ſie beide ge⸗ ſchickte Politiker, in den Staatsgeſchäften erfahren und überdies Männer von wirklichen und faſt gleich großen Verdienſten waren, ſo gelang es weder dem Einen noch dem Andern die Majorität zu erhalten und das Conclave verlängerte ſich zum großen Verdruſſe der Cardinäle. Eines Tages aber machte ein Cardinal, welcher noch verdrieß⸗ licher war als die übrigen, den Vorſchlag weder Me⸗ dieis noch Colonna zu wählen, ſondern den Sohn, Einige ſagen eines Webers, Andre eines Bierbrauers in Utrecht, an den bis jetzt kein Menſch gedacht hatte und der für den Augenblick in Abweſenheit Karl's V. Reichs⸗ verweſer in Spanien war. Der Scherz wurde gut auf⸗ genommen, alle Cardinäle ſtimmten dem Vorſchlage ihres Collegen bei und Adrian wurde ganz zufällig Papſt. Er war ein echter Flamänder, der nicht ein Wort Ita⸗ liäniſch verſtand. Als er nach Rom kam und die griechi⸗ ſchen Meiſterwerke ſah, welche Leo X. mit großen Koſten Die Familie Cenci. 147 zuſammengebracht hatte, wollte er ſie zertümmern laſſen, indem er ausrief: Sunt idola antiquorum*). Seine erſte Sorge war, den Nuntius Franz Ceregat an den Reichs⸗ tag zu Nürnberg zu ſenden, der wegen der lutheriſchen Bewegung verſammelt war, mit Inſtructionen, welche einen Begriff von den damaligen Sitten geben. „Geſtehe unverhohlen,“ ſagte er zu ihm,„daß der Himmel dieſe Spaltung und dieſe Feindſeligkeiten zuge⸗ laſſen hat, in Folge der Sünden der Menſchen und be⸗ ſonders der Prieſter und der Prälaten der Kirche, denn wir wiſſen, daß bei dem heiligen Stuhle viel abſcheuliche Dinge vorgefallen ſind.“. Adrian wollte die Römer zu den einfachen und ſtren⸗ gen Sitten der urſpünglichen Kirche zurückführen und er⸗ ſtreckte zu dem Ende die Reformen bis auf die geringſten Kleinigkeiten. Von hundert Stallknechten, die Leo X. hatte, behielt er z. B. zwölf, um, wie er ſagte, zwei mehr als die Cardinäle zu haben. Ein ſolcher Papſt konnte nicht lange regieren, auch ſtarb er ſchon nach einem Jahre. Am Morgen nach ſei⸗ nem Tode fand man die Thür ſeines Arztes mit Blumen und Kränzen geſchmückt und zwiſchen dieſen die Inſchrift: „Dem Befreier des Vaterlandes.“ Julius v. Medicis und Pompejus Colonna waren nun abermals Candidaten. Die Intriguen began⸗ nen von neuem, und das Conelave war wieder ſo ge⸗ theilt, daß die Cardinäle ſchon glaubten, ſie würden wie⸗ der einen ähnlichen Ausweg wählen müſſen, wie ſie ſchon gethan hatten, d. h. daß ſie einen dritten Competenten wählten. Man ſprach ſogar ſchon von dem Cardinal *) Es ſind Götzenbilder der Alten, 10 148 Die Familie Cenci. Orſini, als Julius v. Medicis einen andern guten Einfall hatte. Es fehlten ihm fünf Stimmen; fünf ſeiner Anhänger mußten daher fünf Anhängern Colonna's eine Wette von hunderttauſend gegen zehntauſend Ducaten anbieten, daß Julius v. Medicis nicht gewählt werden würde. Bei der erſten Abſtimmung, welche auf die Wette folgte, hatte Julius v. Medieis die fünf Stimmen, die ihm fehlten. Es war nichts dagegen zu ſagen: die Car⸗ dinäle hatten ſich nicht beſtechen laſſen, ſie hatten nur gewettet. So wurde Julius v. Medieis am 18. Nyvem⸗ ber 1523 unter dem Namen Clemens VII. zum Papſte gewählt. An dem nämlichen Tage noch bezahlte er groß⸗ müthig die fünfmalhunderttauſend Ducaten, welche ſeine Freunde verloren hatten. Unter ſeinem Pontificat und während der ſieben Mo⸗ nate, wo Rom ſich in den Händen der lutheriſchen Sol⸗ daten des Connetable von Baurbon befand, welche an ſeinen Heiligthümern die ärgſten Entweihungen ausübten, wurde Francesco Cenci geboren. Er war der Sohn von Monſignor Nicolaus Cenci, apoſtoliſchem Schatzmeiſter unter Pius V. Da dieſer Papſt ſich viel mehr um die geiſtliche als um die zeitliche Regierung ſeines Reiches kümmerte, ſo hatte Ni⸗ colaus Cenci dieſe Vern achläſſigung der irdiſchen Dinge benutzt, um ein Denahen zuſammenzuraffen, das ihm ein reines Einkommen von hundertſechzigtauſend Piaſter gewährte. Francesco Cenci, ſein einziger Sohn, erbte dieſen Reichthum. 8 Er hatte ſeine Jugend unter Päpſten verlebt, welche ſo ſehr durch Luther's Reformation in Anſpruch genommen waren, daß ſie nicht Zeit hatten an etwas Andres zu 8 *8—— ⏑— N 2N SE Die Familie Cenci. 149 denken. Dies hatte zur Folge, daß Francesco Cenci, der mit den ſchlechteſten Anlagen geboren und im Beſitz eines großen Vermögens war, welches ihm erlaubte die Strafloſigkeit zu erkaufen, ſich allen Ausſchweifungen ſei⸗ nes wilden, leidenſchaftlichen Charakters hingab. Wegen ſchändlicher Liebſchaften war er dreimal in's Gefängniß geworfen worden, allein er kaufte ſich los mit zweimal⸗ hunderttauſend Piaſtern, denn allerdings brauchten die Päpſte damals ſehr nothwendig Geld. Beſonders unter Gregor XIII. wurde man auf Fran⸗ cesco Cenci aufmerkſam. Es iſt wahr, daß dieſes Pontificat der Entwickelung eines Rufes beſonders förder⸗ lich war, wie der war, nach welchem dieſer merkwürdige Don Juan ſtrebte. Unter dem Bologneſer Buoncom⸗ pagni war in Rom einem jeden, der den Mörder und die Richter bezahlen konnte, alles erlaubt. Mord und Nothzucht waren ſo gewöhnliche Dinge, daß die Juſtiz ſich kaum mit dieſen Kleinigkeiten beſchäftigte, wenn nie⸗ mand da war, der den Verbrecher verfolgte. Auch belohnte Gott den guten Gregor XlIII. mit ſeiner beſondern Gnade, indem er ihn die Bartholomäusnacht erleben ließ. Zu dieſer Zeit war Francesco Cenei ſchon ein Mann von vierundvierzig bis fünfundvierzig Jahren, un⸗ gefähr fünf Fuß vier Zoll groß, von ſchöner Geſtalt und bedeutender Körperkraft, obgleich er ein wenig mager zu ſein ſchien. Er hatte mit Grau gemiſchte Haare, große ausdrucksvolle Augen, obgleich das obere Augenlid etwas zu weit herabfiel, eine lange Naſe, ſchmale Lippen und ein einnehmendes Lächeln, welches jedoch leicht ſeinen Cha⸗ rakter veränderte und furchtbar wurde, wenn ſein Auge einem Feinde begegnete; dann wurde er zugleich von einem krampfhaften Zittern ergriffen, welches noch lange nachher 150 Die Familie Cenci. fortdauerte, nachdem die Veranlaſſung dazu ſchon vor⸗ über war. Gewandt in allen körperlichen Uebungen und beſonders im Reiten legte er zuweilen den Weg von Rom nach 5 Neapel, obgleich die Entfernung einundvierzig Stunden V beträgt, in einem Ritte zurück; er paſſirte die Wälder von San Germano und die pontiniſchen Sümpfe, ohne ſich um die Räuber zu kümmern, obgleich er allein und oft nur mit ſeinem Degen und ſeinem Dolche bewaffnet war. Wenn ſein Pferd der Anſtrengung unterlag, kaufte er ein andres; wollte man ihm keins verkaufen, nahm er es mit Gewalt, und wenn man Widerſtand leiſtete, ſchlug er zu, und ſtets mit der Klinge, niemals mit dem Griffe ſeines Degens. Da er übrigens überall in den Staaten Seiner Heiligkeit bekannt war und im Rufe der Freige⸗ bigkeit ſtand, widerſetzte ſich niemand ſeinem Willen, ſon⸗ dern gab entweder aus Furcht oder aus Eigennutz nach. Außerdem verachtete er Gott und alles Heilige, kam nie in eine Kirche, und wenn er eine betrat, ſo geſchah es, um Gott zu läſtern. Viele ſagen, er ſei nach pikanten und ſeltſamen Abenteuern lüſtern geweſen und habe je⸗ des Verbrechen begangen, wenn er in deſſen Ausführung ein einziges neues Gefühl zu finden hoffte. 4 Er hatte eine ſehr reiche Frau geheirathet, deren Na⸗ men kein Geſchichtsſchreiber nennt. Sie ſtarb und hinter⸗ ließ ihm ſieben Kinder: fünf Söhne und zwei Töͤchter. Dann vermählte er ſich zum zweiten Male, und zwar mit Lucrezia Petroni, welche, mit Ausnahme ihrer blen⸗ dendweißen Hautfarbe, den vollkommenſten Typus der römi⸗ ſchen Schönheit beſaß. Dieſe zweite Ehe blieb kinderlos. 1 Als ob Francesco Cenci keines einzigen menſch⸗ lichen Gefühles hätte fähig ſein ſollen, haßte er ſeine Die Familie Cenci. 151 Kinder und gab ſich keine Mühe, dieſen Haß zu verbergen. Eines Tages, als er im Hofe ſeines prachtvollen Palaſtes an der Tiber eine dem heiligen Thomas geweihte Kirche erbauen ließ, ſagte er zu dem Baumeiſter, der ihm den Plan zu einer Todtengruft machen ſollte:„Da hinein hoffe ich ſie Alle zu bringen.“ Der Baumeiſter geſtand ſeitdem oft, daß ihn das Gelächter, mit welchem dieſe Worte begleitet wurden, entſetzt hatte und daß er, wäre es nicht ſo vortheilhaft für ihn geweſen für Francesco Cenci zu arbeiten, den Bau nicht ſortgeſetzt haben würde. Auch hatten ſeine Söhne kaum das erforderliche Alter erreicht, ſo ſchickte er die drei älteſten: Jacob, Chriſtoph und Rochus, auf die Univerſität Salamanca in Spanien. Er glaubte ohne Zweifel, daß es hinreichend ſei ſie von ſich zu entfernen, um auf immer von ihnen befreit zu ſein, denn ſobald ſie abgereiſ't waren, dachte er nicht mehr an ſie und ſchickte ihnen nicht einmal das nöthige Geld zu ihrem Lebensunterhalte. Nachdem die drei unglücklichen jungen Leute drei Monate lang mit Mangel und Elend gekämpft hatten, waren ſie genöthigt Salamanca zu ver⸗ laſſen und kehrten nach Rom zurück, barfuß und auf dem ganzen Wege durch Frankreich und Italien bettelnd. Sie fanden ihren Vater noch härter und ſtrenger als er je geweſen war.. Dies war in den erſten Jahren der Regierung Cle⸗ mens VIII., der wegen ſeiner Gerechtigkeit berühmt war. Die drei jungen Männer beſchloſſen ſich an ihn zu wen⸗ den, mit der Bitte, Seine Heiligkeit wolle befehlen, daß ihnen von den großen Reichthümern ihres Vaters eine kleine Penſton ausgeſetzt würde. Sie ſuchten zu dem Ende den Papſt in Frascati auf, wo er die ſchöne Villa Aldo⸗ 152 Die Familie Cenci. brandini bauen ließ, und trugen ihm ihre Bitten vor. Der Papſt erkannte ihr Recht an und zwang Francesco, jedem von ihnen ein Jahrgeld von zweitauſend Scudi auszuſetzen. Francesco ſuchte durch alle möglichen Mit⸗ tel dieſen Beſchluß zu umgehen, aber er erhielt ſo beſtimmte Befehle, daß er gehorchen mußte. 4 Um dieſe Zeit wurde er zum dritten Male wegen ſeiner ſchmachvollen Liebſchaften in's Gefängniß geworfen. Die drei Brüder wendeten ſich daher abelmals an den Papſt und ſtellten ihm vor, daß ihr Vater ihren Namen ent⸗ ehrte, weshalb ſie baten, die ganze Strenge der Geſetze gegen ihn in Anwendung zu bringen. Ein ſolches Ver⸗ langen fand der Papſt empörend und wies ſie ſchimpflich ab. Fronresco zog ſich auch diesmal, wie ſchon früher, durch Geldopfer aus der Verlegenheit. Man wird einſehen, daß dieſer Schritt der Söhne den Haß ihres Vaters nicht in Liebe verwandelte, nur ſiel ſein Zorn, da ſich die jungen Männer, welche durch das ihnen ausgeſetzte Jahrgeld unabhängig geworden wa⸗ ren, ſeinem Haſſe entziehen konnten, auf die beiden unglücklichen Töchter. Bald wurde die Lage derſelben ſo unerträglich, daß die älteſte, obgleich ſie ſtreng bewacht wurde, dennoch eine Bittſchrift an den Papſt gelangen ließ, in welcher ſie ihm die ſchändliche Behandlung, die ſie zu ertragen hatte, ſchilderte und Seine Heiligkeit an⸗ flehte, ſie zu verheirathen oder ſie in ein Kloſter zu brin⸗ gen. Clemens VIII. hatte Mitleiden mit ihr; er zwang Francesco, ihr eine Mitgift von ſechzigtauſend Thalern zu geben, und verheirathete ſie an Carlo Gabrielli, aus einer edlen Familie in Gubbio. Francesco wurde faſt wahnſinnig vor Wuth, als er ſich dieſes Opfer ent⸗ reißen ſah. Die Familie Cenci. 153 Um die nämliche Zeit übernahm es der Tod zwei andre Opfer zu befreien: Rochus und Chriſtoph Cenci wur⸗ den im Laufe eines Jahres getödtet, der eine von einem Fleiſchwaarenhändler, deſſen Name unbekannt geblieben iſt, der andre von Paul Corſo aus Maſſa. Dies war ein Troſt für Francesco's Kummer, deſſen Geiz ſeine Söhne bis nach ihrem Tode verfolgte, denn er erklärte den Prie⸗ ſtern, daß er nicht einen Bajoeco auf kirchliche Ausgaben verwenden werde. Sie wurden daher in Bettlerſärgen in die Gewölbe gebracht, die er unter ſeinen Augen für ſie hatte einrichten laſſen, und, als er ſie beide hier liegen ſah, rief er aus, er ſei ſchon ſehr glücklich, von zwei ſo ſchlechten Geſchöpfen befreit zu ſein; er werde es aber erſt dann ganz ſein, wenn auch ſeine übrigen fünf Kinder ne⸗ ben ihnen liegen, und wenn das letzte geſtorben ſein würde, wollte er, zum Zeichen ſeiner Freude, ſeinen Palaſt illu⸗ miniren, indem er ihn in Brand ſteckte. Indeſſen hatte Francesco alle Maßregeln getroffen, damit ſeine zweite Tochter, Beatrice Cenci, dem Bei⸗ ſpiele ihrer Schweſter nicht folgen konnte. Sie war da⸗ mals ein Kind von zwölf bis dreizehn Jahren, ſchön und unſchuldig wie ein Engel. Lange blonde Haare, dieſe in Italien ſo ſeltene Schönheit, daß Raphael ſie für göttlich hielt und alle ſeine Madonnen damit ſchmückte, theilten ſich über einer herrlich geformten Stirn und fielen in vol⸗ len Locken auf die Schultern herab; ihre blauen Augen hatten einen himmliſchen Ausdruck; ihre Geſtalt war von mittler Größe, aber ſchön proportionirt, und in den we⸗ nigen Augenblicken, wo ihr natürlicher Charakter durch ihre Thränen ſichtbar wurde, zeigte er ſich lebhaft, heiter und theilnehmend, aber zu gleicher Zeit voll Feſtigkeit. Um ihrer ganz gewiß zu ſein, hielt ſie Francesco in 154 Die Familie Cenci. einem abgelegenen Zimmer ſeines Palaſtes eingeſchloſſen, zu welchem er allein den Schlüſſel hatte. Hier beſuchte ſie der fürchterliche, unbeugſame Kerkermeiſter jeden Tag, um ihr Speiſe zu bringen. Bis zu dem Alter von dreizehn Jahren, das ſie endlich erreicht, hatte er ihr eine unerbitt⸗ liche Härte gezeigt; jetzt aber wurde er, zum großen Er⸗ ſtaunen des armen Mädchens, plötzlich ſanfter. Aber Beatrice war aus einem Kinde eine Jungfrau geworden, ihre Schönheit entwickelte ſich wie eine Blume, und Fran⸗ cesco, der ſich vor keiner Schandthat ſcheute, hatte einen Blick verbrecheriſcher Liebe auf ſie geworfen. Man wird einſehen, daß Beatrice durch die Griich⸗ ung, die ſie erhalten und durch die ſie von jedem Umgange mit Menſchen, ſelbſt mit ihrer Stiefmutter entfernt gehal⸗ ten worden, weder das Gute noch das Böſe kennen gelernt hatte; ſie war daher leichter als eine Andre zu verführen, und dennoch ſetzte Francesco zu dieſer teufliſchen That nicht minder alle Hülfsmittel ſeines Geiſtes in Thätigkeit. Eine Zeitlang wurde Beatrice jede Nacht durch eine herrliche Muſik geweckt, die ihr aus dem Paradieſe zu kommen ſchien. Wenn ſie mit ihrem Vater davon ſprach, ließ er ſie bei dieſer Ueberzeugung und ſagte, daß wenn ſte nachgiebig und gehorſam ſei, ſie durch eine beſondre Gnade Gottes zum Lohn dafür bald nicht allein hören, ſondern auch ſehen werde. In der That, als das junge Mädchen in einer Nacht halb aufgerichtet in ihrem Bett liegend auf die entzücken⸗ den Töne hörte, öffnete ſich plötzlich die Thür ihres Zim⸗ mers, und aus der Dunkelheit, in der ſie ſich befand, ſiel ihr Blick in glänzend beleuchtete Gemächer, aus denen ihr Wohlgerüche entgegenſtrömten, wie man ſie nur im Traume einathmet; ſchöne junge Männer und ſchöne Frauen ſchlen⸗ en, ſie um ehn itt⸗ Fr⸗ ber en, in⸗ nen jeh⸗ nge jal⸗ ernt ren, hat keit. eine zu ach, enn dre ren, acht ken⸗ im⸗ fiel ihr ume len⸗ Die Familie Cenci. derten halbnackt, wie ſie ähnliche in Gemälden von Guido Reni und Naphael geſehen hatte, in den Zimmern umher und ſchienen voll Freude und Wonne zu ſein. Es waren die Lieblinge und Buhldirnen Francesco's, der, reich wie ein König, jede Nacht die Orgien Alexander's bei Lucrezia's Hochzeitfeier und die Ausſchweifungen Ti⸗ ber's in Capri wiederholte. Nach einer Stunde wurde die Thüre wieder verſchloſſen und die verführeriſche Er⸗ ſcheinung verſchwand, welche Beatricen mit unbeſchreib⸗ lichem Staunen und großer Unruhe erfüllt hatte. In der folgenden Nacht erneuerte ſich das nämliche Schauſpiel, nur kam diesmal Francesco Ceni in das Zimmer ſeiner Tochter und lud ſie ein, an dieſen Freu⸗ den theilzunehmen. Francesco war völlig unbekleidet. Ohne zu wiſſen warum fühlte Beatrice, daß ſie nicht recht handelte, wenn ſie der Aufforderung ihres Vaters Folge leiſtete; ſie antwortete daß, da ſie unter allen den Frauen ihre Stiefmutter Lucrezia Petroni nicht ſähe, ſie ſich nicht entſchließen könne ihr Bett zu verlaſſen und ſich unter unbekannte Perſonen zu miſchen. Francesco drohte und bat, aber ſeine Drohungen und ſeine Bitten waren ohne Erfolg. Beatrice hüllte ſich in ihre Decke und weigerte ſich ſtandhaft, ihrem Vater zu gehorchen. Am folgenden Abend warf ſie ſich völlig angekleidet auf ihr Bett. In der gewöhnlichen Stunde wurde die Thür geöffnet und das nächtliche Schauſpiel begann von neuem. Diesmal befand ſich Lucrezia Petroni unter den Frauen, welche Beatrice vorüberwandeln ſah; die Gewalt hatte ſie zu dieſer Erniedrigung gezwungen. Bea⸗ trice war zu weit entfernt, um ihre Schamröthe und ihre Thränen zu ſehen. Francesco zeigte ihr die Stiefmut⸗ ter, die ſie geſtern vergebens geſucht hatte, und da ſie nun Die Familie Cenci. keine Einwendungen mehr zu machen wußte, führte er ſie ganz verwirrt und beſchämt in die Mitte dieſer Orgie. Hier ſah Beatrice unerhörte, ſchändliche Dinge! Indeſſen widerſtand ſie lange; eine innere Stimme ſagte ihr, daß dies alles abſcheulich ſei, aber Francesco be⸗ ſaß die ausdauernde Beharrlichkeit eines Teufels. Mit die⸗ ſen Schauſpielen, welche er für geeignet hielt die Sinne zu wecken, verband er Gottesläſterungen, um ihren Geiſt irre zu führen; er ſagte ihr, daß die größten Heiligen, welche die Kirche verehrt, alle aus dem Umgange des Va⸗ ters mit der Tochter erzeugt worden ſeien, und Beatrice hatte ein Verbrechen begangen, ehe ſie noch mußte was eine Sünde ſei. Jetzt hatte ſeine Brutalität keine Grenzen mehr; er zwang Luerezia und Beatricen das nämliche Bett zu theilen, indem er ſeine Gattin mit dem Tode bedrohte, wenn ſie ihrer Tochter nur durch ein Wort andeutete, was eine ſolche Gemeinſchaft Unanſtändiges hatte. So dauerte dieſes Verhältniß faſt drei Jahre lang fort! Nach dieſer Zeit war Francesco genöthigt eine Reiſe zu machen, und er mußte daher die Frauen allein und in ihrer Freiheit zurücklaſſen. Das Erſte was Lu⸗ erezia jetzt that, war, ihrer Tochter das ganze Schmach⸗ volle ihrer Lage zu enthüllen; dann entwarfen ſie eine Bittſchrift, in welcher ſie dem Papſte vortrugen, welche Mißhandlungen und welche Schändlichkeiten ſie zu ertragen gehabt hatten. Aber ehe Francesco abgereiſ't war, hatte er ſeine Maßregeln getroffen; alles was den Papſt um⸗ gab, war an ihn verkauft oder hoffte ſich ihm zu verkau⸗ fen. Die Bittſchrift kam daher nicht in die Hände Seiner Heiligkeit, und die armen Frauen, welche ſich erinnerten, daß Clemens VIII. früher Jacob, Chriſtoph und Die Familie Cenci.. 157 Rochus ſchimpflich abgewieſen hatte, glaubten daß ſein Zorn ſich auch auf ſie erſtreckte und hielten ſich für verlaſſen. In dieſer Zeit benutzte Jacob die Abweſenheit ſeines Vaters und beſuchte ſie in Begleitung eines Freundes, des Abtes Guerra. Dieſer war ein junger Mann von fünf⸗ undzwanzig Jahren aus einem der edelſten Geſchlechter Roms, von glühendem, entſchloſſenem und muthigem Cha⸗ rakter, der von allen Frauen wegen ſeiner Schönheit ge⸗ rühmt wurde. Er beſaß in der That neben echten römi⸗ ſchen Zügen die ſanfteſten blauen Augen, lange blonde Haare, kaſtanienbraunen Bart und Augenbrauen und da⸗ zu ausgebreitete Kenntniſſe, eine natürliche, hinreißende Beredtſamkeit und eine ſanfte, wohlthuende Stimme. Kaum hatte er Beatricen erblickt, ſo fühlte er Liebe zu ihr, und auch in ihrem Herzen erwachte bald eine Nei⸗ gung für den ſchönen Prälaten. Das Tridentiniſche Con⸗ cilium hatte damals noch nicht ſtattgefunden, und dem Geiſtlichen war daher die Ehe nicht verboten. Man kam überein, daß der Abt Guerra nach Francesco's Rück⸗ kehr bei dieſem um Beatricens Hand anhalten ſolle, und die Frauen, beglückt durch die Abweſenheit ihres Pei⸗ nigers, lebten in der Hoffnung auf eine beſſere Zukunft. Nach drei bis vier Monaten, während welcher niemand etwas von ihm erfahren hatte, kam Francesco zurück. Schon in der erſten Nacht wollte er ſeinen ſchändlichen Um⸗ gang mit ſeiner Tochter wieder beginnen, aber Beatrice war nicht mehr die Nämliche; aus dem ſchüchternen, de⸗ müthigen Kinde war ein über die erlebte Schmach empör⸗ tes Mädchen geworden; ſie widerſtand den Bitten, den Drohungen und den Schlägen, ſie war ſtark und mächtig durch ihre Liebe. Francesco's Zorn fiel auf ſeine Gattin, die er be⸗ 158 Die Familie Cenci. ſchuldigte ihn verrathen zu haben, und er ſchlug ſie hef⸗ tig mit einem Stocke. Lucrezia Petroni war eine rö⸗ miſche Löwin, glühend in der Liebe und glühend in der Rache; ſie ertrug alles; aber ſie verzieh nichts. Nach einigen Tagen machte der Abt Guerra ſeinen Beſuch bei Francesco Cenci, um den verabredeten Schritt auszuführen. Guerra, ein reicher, vornehmer und ſchöner junger Mann, befand ſich in jeder Beziehung in einer Lage, welche ihm Hoffnung machen konnte, und dennoch wurde er von Francesco barſch abgewieſen. Allein dieſer erſte mißlungene Verſuch ſchreckte ihn nicht ab; er wiederholte ſeine Bitte ein zweites und ein drittes Mal und machte die Vortheile einer ſolchen Verbindung geltend. Endlich gab Francesco dem hartnäckigen Lieb⸗ haber ungeduldig zur Antwort, daß ein Grund vorhanden ſei, warum Beatrice weder ſeine noch eines Andern Gattin werden könne. Guerra fragte nach dieſem Grunde und Francesco antwortete:„Weil ſie meine Geliebte iſt!“ Guerra erbleichte bei dieſer Antwort, obgleich er an⸗ fangs kein Wort davon glaubte; aber als er ſah, mit wel⸗ chem Lächeln Francesco Cenci ſeine Worte begleitete, war er wohl gezwungen zu glauben, daß er ihm die Wahr⸗ heit geſagt hatte, ſo fürchterlich dieſe auch war. Drei Tage lang konnte Guerra nicht mit Beatri⸗ cen ſprechen, endlich aber gelang ihm dies. Seine letzte Hoffnung war geweſen, daß Beatrice das Unerhörte leugnen werde, aber ſie geſtand alles. Jetzt war für die Liebenden keine menſchliche Hoffnung mehr; ein unüber⸗ ſchreitbarer Abgrund hatte ſich zwiſchen ihnen geöffnet. Sie trennten ſich in Thränen und mit dem Verſprechen, ſich immer zu lieben. Indeſſen hatten die beiden Frauen noch keinen verbre⸗ Die Familie Cenci. 159 cheriſchen Entſchluß gefaßt, und vielleicht würde alles in der Dunkelheit und ohne Aufſehen vorübergegangen ſein, wäre nicht Francesco in einer Nacht wieder in das Zimmer ſeiner Tochter gekommen, wo er ſie mit Gewalt zu einem neuen Verbrechen zwang. Jetzt war das Loos geworfen, Francesco war verurtheilt. Wie wir ſchon erwähnt haben, beſaß Beatrice ein Herz, welches der beſten wie der ſchlechteſten Gefühle fähig war; ſie konnte bis zum Erhabenſten emporſteigen und bis zum Schlimmſten herabſinken. Sie ging zu ihrer Mutter, erzählte ihr die neue Schandthat, deren Opfer ſie gewor⸗ den war, und dieſe Mittheilung weckte bei Luerezia die Erinnerung an die ſchlechte Behandlung, die ſie erduldet hatte. So kamen Beide, ſich gegenſeitig anreizend, zu dem Entſchluſſe, daß Francesco ermordet werden müſſe. Guerra wurde in dieſen Todesrath gerufen. Sein Herz war voll Haß, und es war ihm nichts willkommner als eine Gelegenheit ſich zu rächen. Er übernahm es mit Jacob Cenei zu ſprechen, ohne den die Frauen nichts unternehmen wollten, da er, als der Aelteſte, das Ober⸗ haupt der Familie war. Jacob ging leicht in die Ver⸗ ſchwörung ein. Man erinnert ſich, was er früher von ſeinem Vater zu leiden gehabt hatte; ſeitdem hatte er ſich verheirathet und der hartherzige Greis hatte ihn nebſt Gat⸗ tin und Kindern im Elend gelaſſen. Guerra's Woh⸗ nung wurde dazu beſtimmt die Sache zu beſprechen. Ja⸗ cob fand einen Sbirren, Namens Marzio, und Guerra einen zweiten, Namens Olympio. Beide hatten Gründe das Verbrechen zu begehen, der Eine aus Liebe, der Andre aus Haß. Marzio, der in Jacob's Dienſten ſtand, hatte mehrere Male Gelegenheit gehabt Beatricen zu ſehen, und er liebte ſie, aber Die Familie Cenci. 160 mit der ſtillen und troſtloſen Liebe, welche das Herz ver⸗ zehrt. Sobald er wußte, daß das Verbrechen, welches ihm vorgeſchlagen wurde, ihn Beatricen näherte, ging er ohne alle Bedingungen darauf ein. Olympio haßte Francesco, weil dieſer ihn um ſeine Stelle als Caſtellan in Rocca Petrella gebracht hatte, einem im Königreich Neapel gelegenen und dem Fürſten Colonna gehörenden feſten Schloſſe. Faſt jedes Jahr reiſte Francesco mit ſeiner Familie auf einige Monate nach Rocca Petrella, denn der Fürſt Colonna, der auf einem glänzenden Fuße lebte und oft Geld brauchte, wel⸗ ches er in Francesco's Börſe fand, bewies dagegen ſei⸗ nem Freunde die größte Rückſicht. Francesco hatte ſich über Olympio, gegen den er Gründe zur Unzufrieden⸗ heit zu haben glaubte, bei dem Fürſten Colonna beklagt, und dieſer hatte deshalb ſeinen Caſtellan verabſchiedet. Nach mehrern Unterredungen wurde Folgendes zwiſchen den beiden Frauen, Jacob, Guerra, Marzio und Olympio, von denen jeder ſeinen Rath dazu gab, feſtgeſetzt: Die Zeit, wo Francesco Cenei ſich gewöhnlich nach Rocca Petrella begab, war nahe; man kam daher über⸗ ein, daß ein Dutzend neapolitaniſche Banditen, welche Olympio mit Hülfe ſeiner alten Bekanntſchaften im Lande zuſammenbringen wollte, ſich in einem Walde an der Straße verbergen, und nachdem ſie von dem Tage der Ab⸗ reiſe Francesco's unterrichtet ſein würden, ihn nebſt ſei⸗ ner ganzen Familie gefangen nehmen ſollten. Man wollte dann ein ſtarkes Löſegeld feſtſetzen; die Söhne ſollten nach Rom zurückgeſchickt werden, um die Summe zu holen, allein unter dem Vorwande, daß ſie dieſelbe nicht zuſam⸗ menbringen könnten, ſollten ſie die von den Banditen feſt⸗ geſetzte Zeit verſtreichen laſſen, und dieſe ſollten den Gra⸗ er⸗ hes ng um te, ten ahr ate auf el⸗ ſei⸗ ſich en⸗ gt, hen ind tz: ach er⸗ che nde der Ab⸗ ſei⸗ llte ach en, m⸗ eſt ra⸗ Die Familie Cenci. 161 fen ermorden. Auf dieſe Weiſe wurde jeder Verdacht einer Theilnahme entfernt und die wirklichen Mörder entgingen dem Arme der Gerechtigkeit.. Aber ſo gut dieſer Plan angelegt war, ſo ſollte er doch mißlingen. Als Francesco von Rom abreiſ'te, fand der von den Verſchwornen abgeſandte Bote die Banditen nicht, und da dieſe nicht benachrichtigt waren, konnten ſie ihr Verſprechen nicht erfüllen und kamen zu ſpät an die Straße. Francesco war ſchon vorbeipaſſirt und kam geſund und wohlbehalten nach Rocca Petrella. Nachdem die Banditen vergebens an der Straße gewartet, ſahen ſie ein, daß die Beute ihnen entſchlüpft ſein müſſe, und woll⸗ ten nicht länger an einem Orte bleiben, wo ſie ſich ſchon über eine Woche aufgehalten hatten; ſie faßten daher den Entſchluß ſich anderwärts nach einem weniger zweifelhaf⸗ ten Unternehmen umzuſehen. Francesco, der unterdeſſen das feſte Schloß er⸗ reicht, hatte, um Lucrezia und Beatrice mit mehr Freiheit tyranniſtren zu können, Jacob und ſeine beiden andern Söhne wieder nach Rom zurückgeſchickt. Er be⸗ gann dann ſeine ſchändlichen Verſuche gegen Beatrice von neuem und zwar auf eine ſolche Weiſe, daß ſie be⸗ ſchloß, ſelbſt die That auszuführen, welche ſie fremden Händen hatte übertragen wollen. Olympio und Marzio, die von der Juſtiz nichts zu fürchten hatten, hoͤrten nicht auf, in der Gegend um⸗ herzuſtreifen. Eines Tags bemerkte ſie Beatrice von ihrem Fenſter aus und gab ihnen durch Winke zu ver⸗ ſtehen, daß ſie etwas mit ihnen zu ſprechen habe. In der darauf folgenden Nacht gelang es Olympio, der als ehemaliger Caſtellan alle Eingänge in das Schloß kannte, ſich mit ſeinem Genoſſen in daſſelbe einzuſchleichen. Bea⸗ I. II 1362 Wie Familte Cintti. mMi ce efwoktete ſie an einen Feiſter im Erdgeſchoſſe, wel⸗ uchts in eeinen abgelegetten Hof führte, und gab ihnen Briefe an Guerra und an Jarob, die ſie in Bereit⸗ vſchaft gebracht hatte. Jacob ſollte, wie das erſte Mal⸗ wie Ermordundg ſeines Vaters genehntigen, denn Beukrice wöllte nichts vhne ſeine Einwilligung thun. Guerra ſollte tauſend Piaſter zahlen; die Hälfte des mit Olym⸗ pib bedungenen Preiſes, denn Marziorthat aͤlles aus „Liebe zu Bkatrite, die er verehrte wie eine Madonna. ſend Piaſter bezahlt und Jadob 1 „Nichts ſtand daher der Ausführung des fürchterlichen Pla⸗ deshalb wurde die⸗ verſchoben. und zwar mit einet ſolchen Geſchicklichkeit, daß er, der ſo ſchwer zu täuſchen war, nichts davon bemerkte und/ mach⸗ „dem er das einſchläfernde Gift zu ſich enommen hatte, bald in dinen tiefen Schlaf verfiel⸗ 11. Die Jamilie Ceneie 463 33i9, und. S ly, mi waren, ſchon, gm, vorhexgehen⸗ den in's Sgl 9S g 8 wordeg wg ſien ſich dig 8s und 3 g üher perbo rgen gehalten haſtenrz den der Mhord wäre 1 ain te eaeetgne dſge ausgeführt. worden, wenn m hit nicht wegen der religibſen Scru⸗ pel, zia cho⸗ ei hatte Gehtn Mittetnacht holte ſt Beatrhes aug ihrem Wäina und afühtte ſit uni ſe ner ihreg Vakers erelt Thur ſis Sihnen ſelbſt ffnete.„Die N E traten ein umnd die beiden Fraucli⸗ erwarieten in, R tzittites die eafuißäeſ der entſetzli⸗ fts juDd 1orr 3 ach. hegen Alhenbtictn iber ſahen ſien die beiden Sbitren Pleich unde miik veiſtörten Geſichtern zurückkommen und da ſie ſchweigenid die Kbpfe ſchüttaltenin ereiethewiſit. daß noch nichts beis den wav. n3pdon⸗ „Was giebre en ii fragte Be Euch? 4 umu nenegno,: aplaju; n „„Es wäre eine Schändliskei einen⸗ atmen ſchlafenden Greis ingubrit igen, amerwiedetken dis Mörder; zilnle wir an ſein Attec dächten, hutliuns Mitleide ecgriffenan hgPrse Beafri ire warf⸗ veräichtlich den Meepf nfur undimit ſſeſer dütifer Stiſtmen ſagte Ktenzar mor affnnn moniot u Alſb Ihr Mätmeimdie Ihr Euch⸗ für ſſtark und) furcht⸗ los ausgebt, häbt nicht den Muth einen, ſchlafenden alten Rann zu ködten?“ Was wolltet Ihu denn ethun, wenn ger wachte? Wollt Ihrb uns auf dieſs Weiſe, um das Gald betrügen? Nun, da Eure Feigheit michdazun zwingt, werbe ich ſelbſt emeinett Veter ermorden; aber Ihr ſolſ 4 dann nicht lange⸗ überlebel ifönn, sia an e 4. Sife Wonte beſchä iten die Sbitren wegen ihver⸗ Feig⸗ dn uiſd indem ſte du lrch dein Zeichem: zu verſtehen gaben, 1 daß fte⸗ e eigbredeie That usfühtemn: ſwölen, gingem e Un 14 r N. 1f99 SichrII* HShr d5l 1 Iidaut;, Mdad 119 ti 645„was Güders 164 Die Familie Cenci. dn eidndanr beiden Frauen wieder in die Kammer. ſter und beleuchtete de es ſel Nuch das halb geöffnete Fen⸗ weiße Haare die No as ruhige Geſicht des Greiſes, deſſen 1 ie Moͤrder entmuthigt hatten. Jetzt aber waren üe ohne Mitleiden. Der eine von ihnen hatte zwei große Nägel wie diejenigen, welche bei der Kreuzi gung Chriſti gebraucht worden waren, und der andre einea Hammer. Der erſte ſetzte einen Nagel vertical auf vas Auge des Greiſes und der zweite ſchlug mit dem Ham⸗ mer darauf, ſo daß der Nagel in den Kopf eindrang. Den zweiten Nagel trieben ſie ihm in die Bruſt, ſo daß die arme Seele, die mit ſo vielen Verbrechen belaſtet war, ohne ein Gebet dem Körper entfloh, der ſich auf dem Fuß⸗ boden, wohin er herabgefallen war, krümmte. Jetzt übergab Beatrice den Sbirren, ihrem Verſpre⸗ chen zufolge, den Reſt der bedungenen Summe in einem großen Beutel und entließ ſie. Sobald die beiden Frauen allein waren, zogen ſie die Nägel aus den Wunden, hüllten den Leichnam in ein Betttuch und ſchleppten ihn durch die Zimmer nach einer kleinen Terraſſe, von welcher ſie ihn in einen wüſten Gar⸗ ten hinabſtürzen wollten. Sie wollten auf dieſe Weiſe glauben machen, daß der Greis durch einen unglücklichen Zufall das Leben verloren habe, indem er während der Nacht in ein am Ende der Galerie gelegenes Cabinet habe gehen wollen. Als ſie an der Thür des letzten Zimmers ankamen, verließen ſie die Kräfte und da ſie ein wenig ausruhten, bemerkte Lucrezia die beiden Sbirren, die ſich noch nicht entfernt hatten und das Gold theilten. Sie rief ſie da⸗ her herbei, daß ſie ihnen helfen ſollten; die Sbirren ge⸗ horchten, brachten den Koͤrper auf die Terraſſe, und an 8——82+₰— ne SAee Die Familie Cenci. 165 einer Stelle, die ihnen Luerezia und Beatrice zeig⸗ ten, ſtürzten ſie ihn auf einen Fliederſtrauch hinab, in deſſen Zweigen er liegen blieb. Alles geſchah, wie es Beatrice und ihre Schwieger⸗ mutter vorausgeſehen hatten, und als man am Morgen den noch in den Aeſten des Fliederſtrauches liegenden Körper fand, glaubte jedermann, Francesco ſei auf der Ter⸗ raſſe, die keine Bruſtwehr hatte, ausgeglitten, ſei hinabge⸗ ſtürzt und habe ſich ſo den Tod gegeben. Unter den tau⸗ ſend Verletzungen, mit denen der Körper bedeckt war, ach⸗ tete daher niemand auf die von den Näͤgeln hervorgebrach⸗ ten Wunden. Als die beiden Frauen dieſe Nachricht er⸗ hielten, ſtürzten ſie mit lautem Geſchrei und unter Ver⸗ gießung vieler Thränen aus ihren Zimmern hervor, und wenn jemand auch vielleicht einen leiſen Verdacht gehabt hätte, ſo würde er von dieſem aufrichtigen und tiefen Schmerz gewiß auf der Stelle zerſtört worden ſein. Auch hatte kein Menſch einen Verdacht, mit Ausnahme einer Wäſcherin des Schloſſes, der Beatrice das Betttuch zu waſchen gab, in welches der Leichnam ihres Vaters ge⸗ huͤllt geweſen war, indem ſie ihr ſagte, daß die vielen Blutflecken von einem ſtarken Blutverluſte herrührten, den ſte ſelbſt während der Nacht gehabt hätte. Die Waͤſcherin glaubte es, oder ſtellte ſich wenigſtens ſo; jedenfalls äußerte ſie in der erſten Zeit nicht ein Wort über dieſen Umſtand, ſo daß, als das Begräbniß voruͤber war, die beiden Frauen ungehindert nach Rom zurückkehrten, wo ſie endlich ein ruhigeres Leben zu finden hofften. Während ſie ohne Beſorgniß, wenn auch vielleicht nicht ohne Gewiſſensbiſſe lebten, begann aber die göttliche Gerechtig⸗ keit ihr Werk. Der Hof von Neapel hatte den plötzlichen und unerwarteten Tod Francesco Cenci's erfahren, 16 Die Füctilte alei. ³ ünd dar mn Sdolt einigen Verdatht ſchöpfte daß dilfer Kod kein nätürlichtt fel, würde ein königticher öttmiſſt⸗ rius nach Petrella geſchickt;“ u dem Leichnam ausgtaben zu lüſſen unddie Spuren des Mordes anthät auffüchen, wenii kein Mord eſcheßen ſtin ſllt. 1,ded ch ägch Anuft deeſes eehe ur Bewwohneg des Sloſs ſes fiſtamommen und gefeſſelt Kine Reapel aelchict. Abex es, fand ſich tein Anzeicheg, aus⸗ Pehe die Alisſagen der Wäſcherin, welche erklartie 3 ihr. eein, jit, d pefs ftes Betttuch zum da* 3 5 wap, iach ein ſſehr wwiſh 389 7 f widec fie has po. nene dfregegf kirraf zil antoxtete ſi ſien daß. ſie⸗ dis, nicht glauhe, weil, die Fle en ſr 19ag fins; i Pitten.— nlanin hne i n burDirſes Ausfagd⸗ rde⸗ ansden Gerichtshof in Rön ge⸗ ſſchicktz aͤber dieſem wur ſtey awahrſcheinlich nicht genügend, umiedie Värhaftung der Familie“ Cemoit zu begründen. Mehrere Monätonvergingen daher noch bhue daßf dieſe beunruhigt wurdeund während⸗ welcher der juͤngſte Sohn ſtarb. Vonaden fünft Brüdern waren daher nur moch zweiam Lehen: Jlc ob, dev aälteſte, und Bernhäard der vorletzter Währvendodieſer Zeit hätten ſie ſehr bequem ent⸗ fliehen und Venedig vder⸗Florenz erreichen können; aber ſte hatten nicht einmal den Gedanken daran ünd blicben in Romn dien Ereigniſſet abwartend. uiſta ei diee eirnveſſen erführ Guerr,„ds Heie Jib umd Oyſn⸗ ris ain den Tagen dödet Er nvrding Fräceseges in der Gegend des Schkoffes bemelkt worden waren und ule tim ichn ꝙ —. — A — 828öERE R 6 —— Die Fnmilie, Genei⸗ 1671 daß die neopolitaniſchen Aoliga Beſehbn— Inttei is zu perhaften mnun enim Guerra war ein veſigg Aaune da ſeh⸗ nhen überliſten ließ⸗ wenn er in Zeiten gewannt wurde. Er ließ zwein Andre Sbirren kommene ndenen er auftrug Marzionund Olyan pio zu ermorden⸗ Derjenige, wel⸗, cher Olympio ermorden ſollten traf ihne in Terni und führte gewiſſenhaft, und wie er es verſprochen hatte, feinen, Auftrag nus; der andre aber kam unglücklicherweiſe zur ſpät nach, Neapel, denn Margip war am Tage. vorher der Iuſtiz in die Hände, gefallen. Als er auf die Folter gebracht wurde, geiand Mar⸗ zio alles. 1 5 Seine Ausſage wurde, cbenfalls Wach Rom geſchickt unde el folgte ihr, um mit denen, die er anklagte, confrontirt zu werden. Zungleicher Zeit wurden Jaco b, Bernhande⸗Luerezia und Beatxriee verhaftet. Ihr⸗ Gefängniß war anfangs das Schloß ihres Vaters, welches, mit einer ſtarken Wache verſehen wurde. Aber bald wur⸗ den die Anzeigen immer dringender und ſie wurden daher in das Schloß Corte Sapella gebracht; allein ſie leug⸗ neten ſtandhaft, nicht allein ihren Antheil an dem Ver⸗ brechen, ſondern ſelbſt ihre⸗Bekanntſchaft mit dem Moͤr⸗ der: Beatrice beſonders zeigte die größte Sicherheit; ſie verlangte zuerſt Marzio gegenübergeſtellt zu werden und verſicherte dann mit einer ſolchen Würde und einer ſolchen Ruhe, ſeine, Behauptung ſei erlogen, daß Mar⸗ zin, der ſie ſchöner als je fand, beſchloß, da er nicht für ſie leben könne, ſie durch ſeinen Tod zu rettene Er ſagte in der That, daß das, was er bis jetzt behaup⸗ tet habe, eine Unwahrheit ſei und daß er Gott und Bea⸗ tnide deshalb um Verzeihung bitte; weder Drohungen⸗ 168 Die Familie Cenci. noch Foltern brachten ihn zu einer andern Ausſage und er ſtarb mit verſchloſſenem Munde mitten unter den Qua⸗ len. Die Cenci glaubten ſich gerettet. Aber Gott hatte in ſeinem allmächtigen Willen be⸗ ſchloſſen, daß dies nicht der Fall ſein ſolle. Der Sbirre, welcher Olympio ermordet hatte, wurde wegen eines andern Verbrechens verhaftet. Da er keinen Grund hatte eine ſeiner Mordthaten mehr zu verbergen als die an⸗ dern, ſo geſtand er, daß er von Monſigor Guerra gedungen worden ſei, ihn von einigen Beſorgniſſen zu befreien, die er in Bezug auf einen Mörder Namens Olympio habe. Zum Glück erfuhr Guerra dies Zeit genug, und da er ein außerordentlich kluger Mann war, ließ er ſich we⸗ der einſchüchtern noch muthlos machen, wie es vielleicht ein Andrer an ſeiner Stelle gethan haben würde. In dem Augenblicke, als er die Nachricht erhielt, war zufällig der Kohlenbrenner bei ihm, der ſein Haus verſorgte; er ließ ihn in ſein Cabinet kommen, gab ihm zuerſt eine bedeu⸗ tende Geldſumme, um ſich ſeines Stillſchweigens zu ver⸗ ſichern, kaufte ihm dann für einen hohen Preis die alten ſchmuzigen Kleidungsſtücke ab, die er trug, ſchnitt ſeine ſchönen blonden Haare ab, auf die er ſo großen Werth legte, ſchwärzte ſich den Bart und das Geſicht, kaufte dann zwei Eſel, die er mit Kohlen belud, und ging hinkend und den Mund voll ſchwarzes Brod und Zwiebeln durch die Straßen von Rom, indem er ſchrie:„Kohlen! Wer kauft Kohlen!“ Dann, während die ganze Polizei auf den Beinen war, um ihn in und außerhalb der Stadt zu ſuchen, ging er aus dem Thore, fand einen Trupp Fuhr⸗ leute, denen er ſich anſchloß, und erreichte ſo Neapel, wo er ſich einſchiffte, ſo daß man nie wieder etwas von ihm ————„———,——ͤ „= — △—8—K NKENg —— — g—-;ʒ⅜—' 8n— Die Familie Cenci. 169 gehört hat. Indeſſen ſagen Einige, jedoch ohne die ge⸗ ringſte Gewißheit, daß er nach Frankreich entkam, wo er Dienſte in einem Schweizerregimente nahm, das Hein⸗ rich IV. in ſeinem Solde hatte. Die Geſtändniſſe des Sbirren und das Verſchwinden Guerra's ließen keinen Zweifel mehr über die Schuld der Cenci, und ſie wurden daher aus dem Schloſſe in das Gefängniß gebracht. Die beiden Brüder hatten nicht die Kraft der Folter zu widerſtehen und erklärten ſich für ſchuldig; Luerezia Petroni beſonders war ſo dick, daß ſie die Folter des Strickes nicht ertragen konnte und, als man ſie kaum von der Erde emporgezogen hatte, bat ſie wieder herabzulaſſen und alles geſtand was ſie wußte. Beatrice aber blieb unerſchütterlich. Weder Ver⸗ ſprechungen, noch Drohungen, noch die Qualen der Fol⸗ ter vermochten etwas über dieſe kräftige, lebensfriſche Na⸗ tur; ſie ertrug alles mit dem größten Muthe, und der Richter Ulyſſes Moscati, deſſen Geſchicklichkeit in ſol⸗ chen Unterſuchungen berühmt war, konnte ihrem Munde kein Wort entreißen, das ſie nicht ſagen wollte. Er re⸗ ferirte alles an Clemens VIII., denn er wollte in einer ſo fürchterlichen Sache keine Verantwortung auf ſich neh⸗ men, worauf der Papſt, welcher fürchtete, daß Moscati von der Schönheit der Verbrecherin verführt worden ſei und die Tortur nicht mit der gehörigen Strenge habe an⸗ wenden laſſen, die Sache ſeinen Händen entnahm und einem andern, durch ſeine unbeugſamne Strenge bekannten Richter übertrug. Dieſer begann die ganze Procedur gegen Beatrice von vorn, wiederholte alle Verhöre, und da er fand, daß ſie nur der ordentlichen peinlichen Frage unterworfen wor⸗ den war, befahl er, daß die ordentliche ſowohl als die 170 Dien Familier Centi aufßerordentliche angewendett erden ſolltea Dieſe Tvrturn war wienwiygeſagt haben, die des Strickes⸗einen der fürchteslichſten vom allem, welche derbin Bezug auf⸗Mar⸗ tern ſo erfinderiſche menſchliche Geiſt erdacht hat. 7I in Da aͤbersdie Benennung z Tortur des Strickos 1dem Leſer keinen deutlichen Begriff von der Marterlgiebt, welche ſtei bezeichnet, ſo wollen wir in Bezug auf dieſen Punkt inbeinige Details eingehen und dann das Protoroll aus. dem Acken des Prbveſſes es, Aheichet im Btißan wadiſasnahat fins mittheilene nad ine Es waren in Rommehrere Artau⸗ utnüichens Fragen im Gebvauchtn die rüblichſten aber waren die ider Vtaſen das Feuers, des Wachens und des Strickesdnnet eeen „Die Torkur der Pfeifen„die mildeſte von allen⸗— nur bei Kindern und Greifen augewendet; ſie beſtand dar⸗ inz daß Rohrſtücken, wolche als kleine Pfeifen zugeſchnitten waren uzwiſchen dien Nägel und das Wleiih der Weſotrtten eingertiehane würden.) ed it 8 „Die Tortür des Feuers, nualchs Häufig. angelwende wurde, ehe man die desn Wachens erfand, beſtand darin⸗ vaßi die Füßendes Berbrechers einem großen Feuer ge⸗ nährt Ahrihm ungeſihus wie die Shaunrs in vrankrrich thatan.⸗ dnl atsſch: Die Tortur des Wachels, derkn Erfinder Mar ſilius iſt⸗ wurde angewendet, indem man den Angeklagten auf eine fünf Fuß hohe Bank ſetzte, welche oben eine ſchaufe Kante hatten der Gefolterte war nackt und ſeine Arme waren hinten an der Bank befeſtigt. Zwei Männer ſaßen neben ihm, welche alle fünf Stunden abgelöſ't, wur⸗ den und die ihn; ſobald er die Augen ſchliaßen wollte, am Schlafen hinderten Murßilims behnuptet, daß eh nie einen Menſchen geſehen welcher dieſern Qunl wi⸗ Die Familie Cenci. 471 Setſtanden habe, aber das iſt unwahr, denn Farimacci (dtsupßliesis) verſichert, daß unter hundert auf dieſe Aut ge⸗ fölterten Verbrechern nur fünf nicht geſtanden Haben Das ſ ſſchon ſehr ſchmeichelhaft für den Erfindern Hsna4 nad Die Tortur des Strickes war die gebräuchlichſte von allen und auch in Fränkreich unter“ dem Mamen det Srahadt bder des Wippens bekannt. Dieſe lletztere Art war in drei Grade gunh eilt; dier a die ſchere und die ſeht ſchwere Folter: iun Der erſte Grad dder die lrichte Folter beftand nur⸗ e ver Fürcht vor der Tortur gudert Verbeecher wuürde in die Folkerkanetr Zeführt, entkleidet und die Haͤnde ihm auf veti Rücken gebunden. Außer der Angſt, welche dieſe Vor⸗ bereitungen inflößten, bekam der Gefolterte ſchon einen Vorgeſchmäck der Schmerzen durch das feſte Zuſammen⸗ ſchnüren der Hände. Dieſer erſte Grad reichte zuweilen hin üm Fralen. und nichidachs Miiines⸗zußu Seiaiauch zu bringen.“ 12510 Kf k er zweike Grad oder: die ſchwvert⸗ Foltet beſtund darin, diſß der Verbtecher entkleidet und ihm die Hände auf dei Rückeit a famitengeſchiürt; dänn der Strick über eiſte an der Decke. befeſtigte Rolle geführt und das Ende ſan einer Kurbel befeſtigt wurde, ſo daß man ihn emporziehen Bder niederlaſſen konnte, und War entweder nach und nach vder ückweiſe, nach ver Beſtimmung des Richters. Wenn diefe Vorbereitungen, getroffen wäͤren, wurde er ſemporge⸗ adett ſo lange ein Paker noſtet, ein Ave Maria bver Ein Miſeteit datterte; fuͤhr er fört zu leugnen, ſo wurde die Zeit des Nufhängens verdoßpeltl Dieſer zweite Foltei⸗ grab,bis zu welchem die dedentliche Fraͤge ging, wurde nüt algtwendek wenn däs Dercheen zunheſcheitlicheh hles nicht erwieſen war. toifad onse dnderaag uran 172 Die Familie Cenci. Der dritte Grad oder die ſehr ſchwere Folter, mit welcher die außerodentliche Frage begann, wurde ange⸗ wendet, indem der Verbrecher, nachdem er an den gebun⸗ denen Handen eine Viertelſtunde, eine halbe Stunde oder ſelbſt eine ganze Stunde aufgehängt geweſen war, von dem Henker etweder in eine ſchwingende Bewegung geſetzt wurde, wie der Klöppel einer Glocke, oder indem man ihn herabfallen ließ und in einiger Entfernung von der Erde plötzlich anhielt. Wenn er dieſer Qual widerſtand, was faſt unerhört war, indem dadurch die Hände bis auf die Knochen eingeſchnitten und die Glieder aus den Ge⸗ lenken geriſſen wurden, hing man ihm Gewichte an die Füße, wodurch die Laſt und daher auch die Marter ver⸗ doppelt wurde. Dieſer letzte Grad wurde nur angewen⸗ det, wenn das Verbrechen nicht allein erwieſen, ſondern auch beſonders empörend, und wenn es an einer gehei⸗ ligten Perſon, einem Pater, einem Cardinal, einem Für⸗ ſten oder einem Gelehrten begangen worden war. Wir haben geſagt, daß Beatrice zu der ordentlichen und außerordentlichen peinlichen Frage verurtheilt worden war, wir haben erzählt, worin dieſe Tortur beſtand, und laſſen nun das gerichtliche Protocoll ſprechen. „Und da ſie während des ganzen Verhörs nichts ge⸗ ſtehen wollte, ließen wir ſie durch zwei Gerichtsdiener aus dem Gefängniß in die Folterkammer bringen, wo der Henker ſie erwartete. Nachdem ihr hier die Haare abge⸗ ſchnitten worden, ließ der Henker ſie auf das Bänkchen ſetzen, entkleidete ſie, zog ihr Schuhe und Strümpfe aus, band ihr die Hände auf den Rücken mit einem Stricke, den er über eine an der Decke der genannten Kammer be⸗ feſtigte Rolle legte und dann unten an ein von zwei Maͤn⸗ nern gedrehtes Rad befeſtigte. NR S NR K — △ 9& N d u Die Familie Cenci. 173 „Ehe wir anziehen ließen, fragten wir ſie nochmals wegen des beſagten Vatermordes; aber trotz der Geſtänd⸗ niſſe ihres Bruders und ihrer Stiefmutter, welche ihr aber⸗ mals vorgeleſen wurden und die jene ſelbſt unterzeichnet hatten, leugnete ſie hartnäckig, indem ſie fagte: Laßt mich aufziehen und mit mir machen wa wollt; ich habe die Wahrheit geſagt und werde nich iter ſagen, ſollter i mir auch alle Glieder ausgeriſſen werden! i 1 „In Folge deſſen ließen wir ſie mit dem icke, w it welchem ihre Hände zuſammengebunden waren, empe or⸗ ziehen bis zur Höhe von ungefähr zwei Fuß, und ne ich⸗ dem wir ſie ſo lange hatten hängen laſſen, als wir bra uch⸗ ten, um ein Pater noſter zu ſprechen, fragten wi e ſie wieder über die Thatſachen und Umſtände des belſagten Vatermordes; aber ſie wollte nichts ſagen, als voas ſie ſchon geſagt hatte, und antwortete nichts als: Ihr er⸗ mordet mich! Ihr ermordet mich! 1 „Wir ließen ſie höher hinauf und bis vier Fuß hoch ziehen und begannen ein Ave Maria. Aber mitten in unſerm Gebet ſtellte ſie ſich als würde ſite ohnmächtig. „Wir ließen ihr einen Kübel Waſſer über den Kopf gießen, wovon ſie wieder zu ſich kam und ausrief: Mein Gott, ich bin todt! Ihr ermordet mich! Großer Gott! „Wir ließen ſie noch höher emporziehen und ſprachen ein Miſerere, während deſſen ſie, anſt tt ſich im Gebet mit uns zu vereinigen, ſich krümmte und mehrere Male aus⸗ rief: Mein Gott! Mein Gott! 9 „Und als ſie von neuem uͤber den beſagten Vatermord befragt wurde, wollte ſie nichts geſtehen, ſondern verſicherte, daß ſie unſchuldig ſei, und im nächſten Augenblicke murde ſie ohnmächtig. X „Wir ließen ſie wieder mit Waſſer begießen, ſie kam 474 Die Familis, Kenei zueſich, ſchlug die Augen auf und risf; H. Ihr, vorfluchten Henkerd Ihr ermordet aich! Ihr ermordet, mich b⸗ ruags weiter⸗ wollte ſte nichts ſagen. an 6, Als wir dies ſahen und⸗ zhß ſie bei ihxem. Aengh beharrte befghlenf wir⸗ den entexos zu dem Rugfen uüͦpex⸗ zugehen. lact ie int 1 „Demnach wurde fe zan Fuß hoch, omhezoge und hier ermahnten wir ſio, die Wahrheit. zud geſtehen;, aber ſei es daßs ſie die Spyache verloxen hatte pder, daß ſie micht ſprechen wollte, ſie, antwortete nux durch geine Kopf⸗ bewegung, welche bedeutete, daß. iie, michts, ſagen wylle oder nichts ſagen koͤnnen, 1 2„Danwir dies faßen wizdken wir⸗ dem, Heker den Strick nachzulaffen, undaſie fiel mit ihrem ganzen Gemicht aus der Höhe von zehn Fuß auf die Höhe von zwei, Fuß cherab, ſo daß von dem Stoße die Arme ganz, verdreht wurden. Sie ſtieß einen lauten SSchxci aus und wuxde abeumals ohnmüchtig:n mi igWir ließen ihr Waſſer über das, Geſich Krben ſie kam wieder zu ſich und ſchrie nochmals Ihr⸗ ſchändlichen Mörder! Ihr bringt mich um!„Aber wenn Ihr⸗ mir auch ndie Arme ausreißt, ich ſage nichts weiter! „ In Folgerdeſſen befahlen wir,, daß u ein, Gewicht nvon! funſgig Pfund an die Füße befeſtigt⸗ werden ſollte; aber in dieſem Augenblicke oͤffnete ſich die Thüre und mehxere Stimmen riefen Genug! gamngi ſlaßt düs micht länger leiden!“ u Es ⸗ w aren die Stinunen Jaag bi 85 u Aewuch ui s „Cemſcinund ihrer Stiefmutter Luſrezig Petrhni., Da die Richter die Hartnäckigkeit den Verbrechevin ahen, ihgtten ſie die Confrontation der Angeklagten befohlen, znii ſich ſeit fünfr Monaten micht geſehen⸗hatten, il 1 11 Die Fnmilig Conci.*⁷⁵ Sieittraten in die⸗Folterkammer, und, als ſie Begtyi⸗ ux en icaifgehängt hſahenmit ausgerenkten⸗ Armen, und ganz mit Blut bedeckt,“ wwellhes, 8us eihxen:⸗Sänden kam urſagte inambs Zunihrihülg! Ittsd Af Ilsdn. III7, Das Verbrechtm ueganngneun Dut leb Biße thun, um Deine Stele zuretteni den Tod geduldig er⸗ tragen und Dich nicht ſo martern laſſen.“ vgmn gene Darauf ſchüttelte Bieatriee den ⸗Kopf afe moßte ſie den Schmerz von ſich werfen und ſagte; gini 31, Ihr wollt alſo⸗ ſſtne Daus Ahr alli N 8 3n tti, fu, ſſei es denn— „Dann wendete ſte ſch⸗ zu ddentcsbirren 8 8 fort: „Bindet mich los, leſ’t auiy die Fragen vor und was lich ceingeſtehen kaänn; werdenich⸗ jeingſehen was ich leug⸗ umen muß, werde ich lengnen! au ne dun Sie wurde herabgelaſſen und, die Stricken an, Hhu Sir⸗ oöden gelöſtz einl Barbier a, richtete ihr die Arme auf die gewöhnliche Arteein;“ die ⸗Fragen wundeng ihn vorgeleſen, wie ſie es verlangt hatte⸗ und Wwie, Mas es Verihapshenſi gge⸗ mſip ſie alles. 1 Naf In⸗Folgendieſes Geſtimdniſſese und⸗ auff die Bitien der iibidem Brüder wurdeniſie zuſammen in das nämliche Ge⸗ fängniß gebvacht; aberoam folgenden Tage wurden Japob und Bermtha rdiinldie Kerker von Tordinyng abgeführt, urdie beiden Frauen daber blieben wo ſie waren. 12 DSn 200 Als der Papſtedie Geſtändniſſendurchlas, wdlchen alle einzelnen Umſtände des Verbrechens enthielten„wurde er wonneinem ſolchem Entſatzencergriffen, daß ſer befahl, die „(Schuldigen ſollten anden⸗Schweiſen wilder Pferde duxch die Straßen Roms geſchleppt werden Aber ein ſoafurcht⸗ hares Artheil! weckte allgemeine Empörung; mehrere vor⸗ unehme Perſonenſ Cardinäle und Fürſten, warfen ſich dem 176 Die Familie Cenci. heiligen Vater zu Füßen und baten ihn inſtändig, ſein Urtheil zu widerrufen oder den Verbrechern wenigſtens zu erlauben, ihre Vertheidigung einzureichen. „Und haben ſie denn ihrem unglücklichen Vater Zeit gelaſſen ſich zu vertheidigen,“ antwortete Clemens VllI., „als ſie ihn ſchändlicherweiſe und ohne Mitleiden er⸗ mordeten?“ Endlich aber wurde er durch ſo viele Bitten beſiegt und bewilligte drei Tage. Sogleich bemächtigten ſich die beſten und berühmteſten Advocaten Roms dieſer erſchütternden Sache; ſie ſetzten Denkſchriften und Vertheidigungen auf und erſchienen da⸗ mit am feſtgeſetzten Tage vor dem heiligen Vater. Der erſte, welcher ſprach, war Nicolaus degli Angeli, und ſchon vom Anfange ſeiner Rede an legte er eine ſolche Beredtſamkeit in ſeine Worte, daß man aus dem Beben der Anweſenden den Antheil errieth, den ſie an den Verbrechern nahmen. Der Papſt erſchrak über dieſe Wirkung und unterbrach den Redner. „Alſo,“ ſagte er,„es ſoll unter dem Adel Leute geben, die ihren Vater ermorden, und unter den Advocaten ſoll es Männer geben, die ſie vertheidigen? Das hätten wir nie geglaubt, das hätten wir ſelbſt nie vermuthet!“ Auf dieſe ſtrenge Anrede des Papſtes ſchwiegen Alle, ausgenommen Farinacci, welcher bei dem Gedanken an den geheiligten Auftrag, den er uͤbernommen, mit Ehr⸗ erbietung aber Feſtigkeit antwortete: „Allerheiligſter Vater! wir ſind nicht hierher gekommen, um die Verbrecher zu vertheidigen, ſondern um die Un⸗ ſchuldigen zu retten; denn wenn es uns gelingt zu be⸗ weiſen, daß einige der Angeklagten im Falle geſetzmäßiger Vertheidigung gehandelt haben, ſo hoffe ich, daß dieſe in — 177 Die Familie Cenci. den Augen Eurer Heiligkeit Verzeihung finden werden. Sowie es vom Geſetz vorgeſehene Fälle giebt, in welchen der Vater ſein Kind tödten darf, ſo giebt es deren auch, in welchen das Kind den Vater tödten darf. Wir werden daher ſprechen, wenn es Eurer Heiligkeit gefallen wird uns ſprechen zu laſſen.“ Hierauf zeigte ſich Clemens VIII. ebenſo nachſichtig als er heftig geweſen war, und er hörte die Vertheidigung Farinacci's an, der ſich beſonders darauf ſtützte, daß Francesco von dem Augenblicke an, wo er ſeiner Toch⸗ ter Gewalt angethan, aufgehört hatte Vater zu ſein. Als Beweis dieſer Gewaltthätigkeit führte er die Bittſchrift an, welche Beatrice an Seine Heiligkeit geſandt hatte und worin ſie bat, wie ihre Schweſter gethan, daß der Papſt ſie aus dem väterlichen Hauſe nehmen und in ein Kloſter bringen möchte. Zum Unglück war, wie wir ſchon er⸗ wähnten, dieſe Bittſchrift verſchwunden, und trotz den ſorg⸗ fältigſten Nachforſchungen in der Kanzlei war keine Spur derſelben zu entdecken. Der Papſt ließ ſich alle Schriften übergeben und ent⸗ ließ dann die Advocaten, die ſich ſogleich entfernten, mit Ausnahme Altieri's, welcher, da er der letzte war, vor dem Papſte auf die Knie fiel und zu ihm ſagte: „Allerheiligſter Vater, ich konnte nicht anders als in dieſer Angelegenheit vor Eurer Heiligkeit erſcheinen, da ich der Advocat der Armen bin, aber ich bitte Euch des⸗ halb demüthig um Verzeihung.“ Der Papſt hob ihn gütig auf und erwiederte: „Geht, wir wundern uns nicht über Euch, aber über die Andern, die ſie vertheidigen und entſchuldigen.“ Und da dem Papſte die Sache ſehr am Herzen lag, wollte er die ganze Nacht nicht ſchlafen gehen, ſondern J. 12 178 Die Familie Cenci. ſtudirte ſie mit dem Cardinal San Marcello, einem ſehr klugen und in dieſen Dingen ſehr erfahrenen Manne. Als er dann ſein Reſumé gemacht, theilte er es den Advocaten mit, welche ſehr zufrieden damit waren und die Hoffnung faßten, daß den Angeklagten das Leben ge⸗ ſchenkt werden würde. Denn aus allen Ausſagen ging hervor, daß, wenn ſich die Kinder auch gegen ihren Vater empört hatten, doch alles Unrecht und alle ſchändliche Be⸗ handlung von ihm ausgegangen war, und daß dieſes Un⸗ recht und dieſe Schandthaten, beſonders gegen Beatrice, von der Art geweſen waren, daß ſie durch die Tyrannei, die Verworfenheit und die Brutalität ihres Vaters gleich⸗ ſam mit den Haaren dazu gezogen worden, dieſes empö⸗ rende Verbrechen zu begehen. In Folge dieſer Rückkehr zu milderen Anſichten befahl daher der Papſt, daß die Angeklagten wieder in das ge⸗ heime Gefängniß gebracht und daß ihnen ſelbſt einige Hoff⸗ nung auf Erhaltung ihres Lebens gemacht werden ſollte. Rom athmete auf, hoffend wie dieſe unglückliche Fa⸗ milie und erfreut, als ob dieſe einzelne Begnadigung ſich über die ganze Stadt erſtreckte. Aber die guten Abſichten des Papſtes wurden durch die Nachricht von einem neuen Verbrechen vernichtet: die Marquiſe von Santa Croce war im Alter von ſechzig Jahren von ihrem Sohne, Paul von Santa Croce ermordet worden, und zwar auf die empörendſte Weiſe mit funfzehn bis zwanzig Dolchſtichen, weil ſie ihm nicht verſprechen wollte, ihn zu ihrem Uni⸗ verſalerben einzuſetzen. Der Verbrecher hatte die Flucht ergriffen. Clemens VIII. entſetzte ſich, als er dieſe beiden faſt gleichartigen Verbrechen in ihrer ganzen Scheußlichkeit vor ſich ſah; indeſſen war er für den Augenblick gezwungen 179 Die Familie Cenci. ſich nach Monte Cavallo zu begeben, wo er am folgenden Morgen einen Cardinal weihen ſollte. Aber ſchon am nächſten Tage, nämlich Freitags den 10. September 1599, ließ er um acht Uhr Morgens Monſignor Taverna, den Gouverneur von Rom, zu ſich kommen und ſagte zu ihm: „Wir übergeben die Sache der Cenci Euren Händen, Monſignore, zamit in derſelben von Euch gethan werde was Rechtens iſt, und dies ſo bald als möglich.“ Monſignor Taverna verließ ſogleich Seine Hei⸗ ligkeit, und nachdem er in ſeinen Palaſt zurückgekehrt war, ließ er eine Verſammlung aller Criminalrichter der Stadt berufen und in dieſer Verſammlung wurden die Cenci zum Tode verurtheilt. 1 Das Endurtheil wurde ſogleich bekannt, und da dieſe unglückliche Familie eine immer wachſende Theilnahme ge⸗ wann, eilten viele Cardinäle die ganze Nacht, theils zu Pferde, theils zu Wagen umher, um wenigſtens ſo viel zu erreichen, daß das Urtheil an den Frauen geheim und im Gefängniſſe vollſtreckt, und daß Bernhard, ein un⸗ ſchuldiger Knabe von funfzehn Jahren, der, obgleich er gar keinen Antheil an dem Verbrechen genommen hatte, doch in der Verurtheilung mit begriffen war, begnadigt würde. 3 Die meiſte Mühe gab ſich in dieſer Abſicht der Car⸗ dinal Sforza, der aber dennoch nichts von Seiner Heiligkeit erlangte, nicht einmal die leiſeſte Hoffnung. Fa⸗ rinacci allein, indem er einen Gewiſſensſerupel weckte, brachte den Papſt dahin, daß er Berardino das Leben ſchenkte, und dies nicht eher als am Sonnabend Morgen, nach langen und inſtändigen Bitten. Aber ſchon hatten ſich ſeit dem geſtrigen Tage die Brü⸗ 12* 180 Die Familie Cenci. derſchaften der Confortieri in die beiden Gefängniſſe vbn Corte Savella und Tordinona begeben. Da jedoch die Vorbereitungen zu dem großen Drama, das ſich auf der Engelsbrücke entwickeln ſollte, die ganze Nacht in Anſpruch genommen hatten, trat der Gerichtsſchreiber erſt gegen fünf Uhr Morgens in Beatricens und Luerezia's Gefäng⸗ niß, um ihnen ihr Todesurtheil vorzuleſen. Beide ſchliefen, ohne eine Ahnung von dem zu haben, was ſeit drei Tagen vorgegangen war. Der Gerichts⸗ ſchreiber weckte ſte, um ihnen zu ſagen, daß ſie, von den Menſchen verurtheilt, ſich vorbereiten ſollten, vor Gott zu erſcheinen. Beatrice war vernichtet von dem Schlage; ſie fand weder Worte, um ſich zu beklagen, noch ihre Kleider, um ſie anzulegen. Sie verließ ihr Bett halb nackt und tau⸗ melnd, als wäre ſie betrunken; indeſſen fand ſie die Sprache wieder und brach in Geheul und Geſchrei aus. Lucre⸗ zia vernahm die Nachricht mit mehr Kraft und Faſſung; ſie kleidete ſich an, um in die Capelle zu gehen, und er⸗ mahnte ihre Tochter, ſich in ihr Schickſal zu ergeben; aber dieſe rang noch immer wie im Wahnſinn die Hände, ſtieß mit dem Kopfe gegen die Mauer und rief nur aus: „Sterben!... ſterben!... ſo unvorbereitet ſterben, auf einem Schafott!... Mein Gott! mein Gott!“ Dieſe Kriſis wuchs bis zu dem furchtbarſten Paroxys⸗ mus; dann verlor der Körper alle ſeine Kraft und die Seele erhielt die ihrige wieder, ſo daß ſie von dieſem Augenblick an ein Engel von Demuth und ein Muſter von Faſſung wurde. 8* Ihre erſten Worte waren, daß ſie einen Notar ver⸗ langte, der ihr Teſtament aufſetzte. Dieſe Bitte wurde ihr ſogleich gewährt, und ſobald der Notar ankam, dictirte ſie Die Familie Cenci. ihm ihre Beſtimmungen mit großer Ruhe und Ordnung. Sie ſchloß das Teſtament, indem ſie bat, daß ihr Körper in der Kirche des heiligen Petrus in Montorio beigeſetz, werde, welche man von dem Palaſt ihres Vaters aus ſah und ſür die ſie eine ganz beſondre Verehrung hatte. Sie beſtimmte funfhundert Thaler für die Nonnen zu den Wun⸗ den Chriſti und befahl, daß mit ihrer Mitgift, welche ſich auf funfzehntauſend Thaler belaufen haben würde, funfzig arme Mädchen ausgeſteuert werden ſollten. Zu der Stelle, wo ſie beerdigt ſein wollte, beſtimmte ſie den Fuß des Hochalters, über welchem ſich das ſchöne Gemälde der Verklärung befand, das ſie während ihres Lebens ſo oft bewundert hatte. Lucrezia wurde durch dieſes Beiſpiel erbaut und be⸗ gann ebenfalls ihre letzten Beſtimmungen zu treffen; ſie verlangte, daß ihr Körper in die Kirche St. Georgs in Velabre gebracht werde, nebſt zweiundreißig Thalern Almo⸗ ſen und mehrern andern frommen Vermaͤchtniſſen. Nachdem dieſe letzten Beſtimmungen getroffen waren, vereinigten ſich die beiden Frauen zum Gebet, und indem ſie ſich auf die Knie warfen, begannen ſie die Pſalmen die Litanei und die Sterbegebete herzuſagen. So blieben ſie bis zur achten Stunde der Nacht, wo ſie zu beichten verlangten und die Meſſe hörten, während der ſie das heilige Abendmahl genoſſen. Dann machte Beatrice, durch dieſe heiligen Vorbereitungen zu demu⸗ thigern Gefühlen geſtimmt, ihre Stiefmutter darauf auf⸗ merkſam, daß es nicht ſchicklich ſei auf dem Schafott in ſchönen Kleidern zu erſcheinen. Sie verlangte daher zwei Anzüge, einen für Signora Lucrezia, den andern für ſich ſelbſt, welche nach Art der Nonnenkleidungen gefertigt ſein ſollten, das heißt: bis an den Hals heraufgehend und 182 Die Familie Cenci. gefaltet, mit langen weiten Aermeln. Der Anzug Lucre⸗ zia's war von ſchwarzem baumwollenem Zeuge, der für Beatrice beſtimmte von Taffet. Sie hatte ſich über⸗ dies einen kleinen Turban als Kopfbedeckung anfertigen laſſen. Dieſe Kleidungsſtücke wurden ihnen gebracht, nebſt Stricken, um ſich damit zu gürten; ſie ließen ſie auf einen Stuhl neben ſich legen und fuhren fort zu beten. Als der feſtgeſetzte Augenblick gekommen war, wurden ſte benachrichtigt, daß ihre letzte Stunde nahe ſei. Bea⸗ trice, welche noch auf den Knien lag, erhob ſich mit einem ruhigen, faſt heitern Geſicht und ſagte zu ihrer Stiefmutter: „Frau Mutter, der Augenblick iſt da, wo unſre Paſ⸗ fion beginnen ſoll; ich denke daher, daß es Zeit iſt uns vorzubereiten und uns gegenſeitig den letzten Dienſt zu leiſten, indem wir einander ankleiden, wie wir es gewohnt waren.“ Sie legten dann die erhaltenen Kleidungen an, gürte⸗ ten den Leib mit Stricken, und nachdem Beatrice ihren Turban auf den Kopf geſetzt hatte, erwarteten ſie den letz⸗ ten Aufruf.. Unterdeſſen war auch Jacob und Bernhard das Urtheil vorgeleſen worden, und ſie erwarteten ebenfalls die Stunde des Todes. Gegen zehn Uhr kam die Brüder⸗ ſchaft della Miſericordia vor dem Gefängniſſe von Tordi⸗ nona an und blieb mit dem heiligen Cruzifix an der Thür ſtehen, die unglücklichen jungen Männer erwartend. Hier wäre faſt ein großes Unglück geſchehen. Da ſich viele Perſonen an den Fenſtern des Gefängnißgebäudes be⸗ fanden, um die Verurtheilten herauskommen zu ſehen, ſtieß jemand an ein großes mit Erde gefülltes Blumengefäß, welches auf die Straße fiel und einen der Moͤnche, die mit — —C—C—C—C— 183 . Die Familie Cenci. brennenden Kerzen in der Hand vor dem Cruecifix hergin⸗ gen, faſt erſchlug. Das Gefäß fiel ſo nahe bei der Flamme nieder, daß der Luftzug ſie auslöſchte. In dieſem Augenblick öffneten ſich die Thüren, und Jacob erſchien zuerſt auf der Schwelle; er fiel ſogleich nieder und betete mit großer Andacht das heilige Crucifix an. Er war in einen weiten Trauermantel gekleidet, der ihn völlig verhüllte und unter welchem ſeine Bruſt entblößt war, denn auf dem ganzen Wege ſollte ihn der Henker mit glühenden Zangen reißen, die in einem auf dem Kar⸗ ren ſtehenden Kohlenbecken in Bereitſchaft waren. Er ſtieg auf den Wagen, wo der Henker ihn ſo ſetzte, wie es ihm am bequemſten war. Dann kam Bernardino, und in dem Augenblicke, wo er erſchien, ſprach der Fiscal von Rom mit lauter Stimme: „Signor Bernardino Cenci, im Namen unſres heiligſten Erlöſers hat unſer heiliger Vater der Papſt Euch das Leben geſchenkt, indem er nur befiehlt, daß Ihr Eu⸗ rem ganzen Geſchlecht Geſellſchaft leiſtet bis zum Schafott und bis zum Tode, und Euch empfiehlt unaufhörlich für diejenigen zu beten, mit denen Ihr hättet ſterben ſollen.“ Bei dieſer unerwarteten Nachricht erhob ſich ein freu⸗ diges Gemurmel unter der Menge, und die Büßenden nah⸗ men ihm das kleine Bret ab, das ihm vor die Augen ge⸗ bunden war, denn wegen ſeines ſchwachen Alters hatte man ihm den Anblick des Schafottes verbergen zu müſſen geglaubt. Jetzt ſtieg der Henker, der mit Jacob fertig war, vom Karren herab um Bernhard zu holen, und nachdem er ſich die Begnadigungsſchrift hatte zeigen laſſen, nahm er ihm die Handfeſſeln ab. Dann ſetzte er ihn auf den näm⸗ lichen Karren wie ſeinen Bruder und hüllte ihn in einen 184 Die Familie Cenci. prächtigen mit Gold beſetzten Mantel, denn dem armen Knaben, welcher enthauptet werden ſollte, hatte man ſchon Hals und Schultern entblößt. Manche wunderten ſich, in den Händen des Henkers einen ſo prächtigen Mantel zu ſehen, aber man ſagte ihnen, daß es der nämliche ſei, den Marzio von Beatrice zum Geſchenk erhalten habe, um ihn zu der Ermordung ihres Vaters zu bewegen, und den der Henker nach der Hinrichtung des Mörders geerbt hatte. Der Anblick der großen Menſchenmenge machte einen ſolchen Eindruck auf den jungen Bernhard, daß er ohn⸗ mächtig wurde. Die Geſänge begannen von neuem und die Proceſſion etzte ſich in Bewegung nach dem Gefängniß von Corte Savella. Als ſie an der Thür ankamen, blieb das heilige Crucifixr ſtehen, um die Frauen zu erwarten; bald kamen ſie aus dem Hauſe und fielen auf der Schwelle auf die Knie, um ebenfalls ihre Andacht zu verrichten; dann ſetzte der Zug ſeinen Weg fort. Die beiden Frauen gingen zu Fuß neben einander, hin⸗ ter der letzten Reihe der Büßenden. Jede von ihnen hatte den Kopf bis auf den Gürtel bedeckt, mit dem Unterſchiede, daß Signora Lucrezia als Wittwe einen ſchwarzen Schleier und ſchwarze Pantoffeln trug, mit hohen Abſätzen und Bandſchleifen, wie es damals die Mode war, während Beatrice, als junges Mädchen, ein farbiges ſeidenes Schleierchen trug, ſowie weiße Pantoffeln mit hohen Ab⸗ ſätzen, goldnen Quaſten und einer kirſchrothen Franſe. Uebrigens hatten Beide die Arme frei und waren nur mit einem lockern Stricke gebunden, damit ſte in der einen Hand ein Crueifir und in der andern ihr Schnupftuch tra⸗ gen konnten. Die Familie Cenci. 185 In der Nacht des Sonnabends war ein großes Scha⸗ fott auf der Engelsbrücke erbaut worden, und auf dieſem ſah man die Breter und den Block vorbereitet. Ueber dem Block hing zwiſchen zwei Balken ein breites Meſſer, wel⸗ ches, in Falzen gehend, mit ſeinem ganzen Gewicht auf den Block herabfiel, wenn man eine Feder losließ. Die Proceſſion ging daher nach der Engelsbrücke zu. Lucrezia, welche die Schwächſte war, weinte heiße Thrä⸗ nen, aber Beatrice hatte eine ruhige, feſte Miene. Als man an den Platz der Engelsbrücke kam, wurden die Frauen ſogleich in eine Capelle geführt, wo bald darauf auch Jacob und Bernhard zu ihnen gebracht wurden. Hier blieben alle vier einen Augenblick beiſammen, dann holte man zuerſt Jacob und Bernhard, um ſte auf das Schafott zu führen, obgleich der Erſtere zuletzt hinge⸗ richtet werden ſollte und der Letztere begnadigt worden war. Als ſie aber auf die Plateform kamen, wurde Bernhard zum zweiten Male ohnmächtig, und da der Nachrichter auf ihn zuging, um ihm beizuſtehen, riefen Einige, welche glaubten, er wolle ſich an ihm vergreifen, mit lauter Stimme:„Er iſt begnadigt!“ Der Henker beruhigte ſie, indem er Bernhard neben den Block niederſetzen ließ. Jacob fiel auf der andern Seite auf die Knie. Jetzt ging der Henker wieder hinab in die Capelle und holte zuerſt Signora Luerezia, welche den Anfang ma⸗ chen ſollte. Als er mit ihr an den Fuß des Schafotts kam, band er ihr die Hände auf den Rücken, zerriß ihr den obern Theil ihres Kleides, um ihr die Schultern zu ent⸗ blößen, und ließ ihr, zu ihrer letzten Ausſöhnung mit Gott, die Wunden Chriſti küſſen. Dann führte er ſie an die Treppe, welche ſie wegen ihres großen Körperumfanges nur mit vieler Mühe emporſteigen konnte, und als ſie auf 186 Die Familie Cenci. dem Schafott angekommen war, entriß er ihr den Schleier, der ihren Kopf bedeckte. Sie wurde bluthroth vor Scham, daß ſie ſich ſo mit entblößtem Buſen öffentlich zeigen mußte, und als ſie einen Blick auf den Block warf, be⸗ kam ſie ein Zittern der Schultern, worüber die ganze Verſammlung ſchauderte. Dann ſagte ſte mit Thränen in den Augen und mit lauter Stimme: „O mein Gott, habe Mitleiden mit mir! Und Ihr, meine Brüder, betet für meine Seele!“ Nachdem ſie dies geſagt hatte, wendete ſie ſich an Ale⸗ rander, den oberſten Nachrichter, und fragte ihn, was ſie zu thun habe. Er antwortete ihr, ſie ſolle ſich rittlings auf das Bret legen und ſich darauf ausſtrecken, was ſie mit großer Mühe und unter großer Beſchämung that; als ſie dann aber wegen ihrer ſtarken Bruſt den Kopf nicht auf Block legen konnte, mußte man noch ein Stück Holz auf letzterem anbringen. Während dieſer ganzen Zeit mußte die arme Frau warten, noch mehr durch die Schande als durch die Furcht vor dem Tode leidend. Endlich war alles in Ordnung, der Henker lüftete die Feder, und der Kopf fiel, vom Rumpfe getrennt, auf das Schafott, wo er, zum großen Schauder der Menge, einige Sprünge machte. Der Henker ergriff ihn und zeigte ihn dem Volke, dann hüllte er ihn in ein Stück ſchwarzen Taffet und legte ihn zu dem Körper in einen unter dem Schafott ſtehenden Sarg. Während man für Beatrice alles wieder in Ordnung brachte, ſtürzte ein mit Menſchen überladenes Gerüſt zu⸗ ſammen, viele wurden dadurch getödtet und eine noch größere Anzahl mehr oder weniger ſchwer verletzt. Nachdem die Maſchine in Stand geſetzt und das Blut entfernt war, ging der Nachrichter wieder in die Capelle, —y— Die Familid Cenci.„ 18 3 um Beatricen zu holen, die, als ſie zuerſt das 21 Crueifix erblickte, einige Gebete für ihre Seele ſprach u da ſie den Henker mit den Stricken kommen ſah, ausrief: „Wolle Gott, daß Du dieſen Körper für die Verwe⸗ ſung bindeſt und meinen Geiſt ſür die Unſterblichkeit ent⸗ feſſelſt!“ Dann ſtand ſie auf, trat auf den Platz, wo ſie an⸗ dächtig die Wunden Chriſti küßte, ließ dann ihre Pantof⸗ feln am Fuße des Schafotts zurück und ſtieg mit leichtem Schritt die Treppe hinauf. Da ſie ſich ſchon vorher er⸗ kundigt hatte, was ſie zu thun habe, nahm ſie raſch die gehörige Stellung ein und legte ihren Kopf ſo ſchnell als möglich auf den Block, damit man ihre bloßen Schultern nicht ſehen ſollte. Aber trotz dieſer Vorkehrungen, um die Sache ſchnell zu beendigen, mußte ſie warten, denn der Papſt, welcher ihren heftigen Charakter kannte und fürchtete, daß ſie zwiſchen der Abſolution und dem Tode noch eine Sünde begehen könnte, hatte Befehl gegeben, daß in dem Augenblick, wo Beatrice auf dem Schafott ſein würde, eine Kanone auf der Engelsburg gelöſ't wer⸗ den ſollte. Dies geſchah zum großen Erſtaunen der gan⸗ zen Verſammlung, denn niemand hatte dieſen Schuß er⸗ wartet, ſelbſt Beatrice nicht, welche ſich daher faſt ganz wieder erhob. In dieſem Augenblicke gab der Papſt, wel⸗ cher in Monte Cavallo betete, Beatrice die Abſolution in articulo mortis. Damit vergingen ungefähr fünf Mi⸗ nuten, während welcher die Verurtheilte wartete, den Kopf auf den Block gelegt, und erſt als der Nachrichter glaubte, daß die Abſolution geſprochen ſei, ließ er das Meſſer herabfallen. Jetzt ſah man etwas Gräßliches; während der Kopf auf der einen Seite auf dem Schafott hinhüpfte, wich der 86“ Cenci. er zurück, als wolle er rückwärts gehen! Der Hen⸗ griff jedoch raſch nach dem Kopfe und zeigte ihn dem olke; dann verhüllte er ihn ebenſo, wie er es mit dem erſtern gethan hatte, und wollte den Koͤrper des jungen Mädchens zu dem ihrer Stiefmutker legen, allein die Bru⸗ der della Miſericordia nahmen ihn aus ſeinen Händen, und da einer derſelben ihn in den Sarg legen wollte, entficl er ihm und ſtürzte von dem Schafott herab. Bei dieſem Falle ſchlüpfte der ganze Körper aus den Kleidern, ſo daß es viel Zeit erforderte, das Blut und den Staub, mit welchem er bedeckt war, wieder abzuwaſchen. Bei dieſem Anblick fiel der arme Bernardino zum dritten Male in eine Ohnmacht, welche ſo tief war, daß man ihm Wein geben mußte, um ihn wieder zur Beſinnnng zu bringen. Endlich kam die Reihe an Jacob. Er hatte ſeine Mutter und Schweſter ſterben ſehen, und ſeine Kleider wa⸗ ren mit ihrem Blute beſpritzt. Der Henker näherte ſich ihm und entriß ihm den Mantel, und jetzt ſah man, daß ſeine ganze Bruſt von den Biſſen der glühenden Zangen zerriſſen war. Halb entkleidet ſtand er auf und wendete ſich mit den Worten an ſeinen Bruder: „Bernhard, wenn ich Dich in meinem Verhör auf irgend eine Weiſe beſchuldigt habe, ſo habe ich es fälſch⸗ lich gethan, und obgleich ich dieſe Erklärung ſchon wi⸗ derrufen, ſo wiederhole ich in dem Augenblicke, wo ich vor Gott erſcheinen ſoll, daß Du unſchuldig biſt und daß es eine grauſame Juſtiz iſt, welche Dich zu dieſem gräß⸗ lichen Schauſpiele verurtheilt hat.“ Dann ließ ihn der Henker niederknien, band ihm die Beine an einen der Querbalken, welche ſich über das Scha⸗ fott erhoben, und nachdem er ihm die Augen verbunden hatte, zerſchmetterte er ihm den Kopf mit einem Keulen⸗ ͤ——-;₰—————— ð& * 2. Die Familie Cenci. 189 in vier Theile.— 1 Nachdem dieſe Schlächterei vorüber war, wuihe⸗Bern⸗ hard wieder in das Gefaͤngniß geführt, und da er ein heftiges Fieber hatte, lioß m ihm zur Ader und legte ihn in's Bett. Die Leichname der eiden Frauen. wurden, jeder in ſeinem Sarge, unter der Statüe des heiligen Paulus an der Brücke aufgeſtellt, nebſt vier weißen Wachskerzen, welche bis vier Uhr Nachmittags brannten; dann wurden ſie nebſt den Stücken von Jacob's Körper fortgetragen und nach San Giovanni Decollato gebracht. Gegen neun Uhr des Abends aber wurde der Koͤrper des jungen Mäd⸗ chens in der Kleidung, in welcher ſte hingerichtet worden, und ganz mit Blumen bedeckt, mit funfzig brennenden Kerzen und in Begleitung der Brüder von den Wunden⸗ malen und aller Franziskanermönche Roms nach Sanct Peter in Montorio getragen, wo er, wie ſie es gewünſcht hatte, am Fuße des Hochaltars beigeſetzt wurde. An dem nämlichen Abende wurde auch Signora Lu⸗ erezia, ihrem Verlangen gemäß, nach der Kirche zum heiligen Georg in Velabre gebracht. Uebrigens kann man ſagen, daß ganz Rom dieſem Trauerſpiele beigewohnt hatte, und daß die Wagen, die Pferde, die Fußgänger und die Karren ſich über einander drängten. Zum Unglück war der Tag ſo glühend heiß, daß viele Perſonen ohnmächtig wurden oder mit dem Fieber nach Hauſe kamen, eine große Anzahl auch ſchon in der nächſten Nacht ſtarben, weil ſie drei Stunden lang, welche die Execution gedauert, in der Sonne geſtanden hatten. Am folgenden Dienſtage, den 14. September, bei Ge⸗ ſchlage und theilte hierauf vor Aller Kee Körper r 3 190 Die Familie Cenci. legenheit des Feſtes des heiligen Kreuzes, befreite die Ge⸗ ſellſchaft des heiligen Marcellus, mit ausdrücklicher Einwilligung des Papſtes, den armen Bernhard Cenci aus dem Gefängniſſe, mit der Verpflichtung im Laufe des Jahres zweitauſend fünfhundert römiſche Thaler an die Geſellſchaft der heiligen Dreieinigkeit zu bezahlen, ſowie dies noch jetzt in den Archiven derſelben aufgezeichnet iſt. In der Galerie Barberini findet man neben fünf an⸗ dern Meiſterwerken das Portrait Beatricens von Guido Reni gemalt, Einige ſagen während der Nacht vor der Hinrichtung, Andre in dem Augenblicke, wo ſie zum Schafotte ging. Es iſt ein herrlicher Kopf mit einem Turban, von welchem eine Draperie herabhängt, mit reichen, hellbraunen Haaren, ſchwarzen Augen, in denen man noch die Spuren kaum getrockneter Thränen zu ſehen glaubt, einer vollkommen ſchönen Naſe und dem Munde eines Kindes; auf die Hautfarbe, welche ſehr weiß war, kann man jedoch von dem Gemälde nicht ſchließen, denn dieſes hat ſich geröthet und das Fleiſch hat faſt eine zie⸗ gelrothe Farbe bekommen. Das Alter des Mädchens ſcheint zwanzig bis zweiundzwanzig Jahre zu ſein. Neben dieſem Portrait hängt das von nUerezia Pe⸗ troni. Nach der Dimenſion des Kopfes ſcheint er einer mehr kleinen als großen Perſon anzugehören; es iſt der Typus der römiſchen Matrone in ihrem ganzes Stolze, mit der gefärbten Haut, den ſchönen Linien, der geraden Naſe, den ſchwarzen Augenwimpern und dem zugleich ge⸗ bieteriſchen und von Wolluſt feuchten Blicke. In der Mitte der runden fleiſchigen Wangen ſieht man die reizen⸗ den Grübchen, von denen der Chroniſt erzählt, daß ſie dem Geſicht nach dem Tode noch ein lächelndes Anſehen gegeben haben. Der Mund iſt wunderſchön und die auf ————† ¹ 4 1⸗ ——— X0 88 A N—— — 34 —— — — Die Familie Cenci. 191 der Stirn gelockten Haare, welche längs der Schläfe her⸗ abfallen, bilden einen herrlichen Rahmen zu dem Geſicht. Von Jacob und Bernhard giebt es weder Zeich⸗ nungen noch Gemälde, und wir müſſen daher ihre Por⸗ traits dem Manuſecript entlehnen, aus welchem wir alle Einzelheiten dieſer blutigen Geſchichte geſchöpft haben. Der Verfaſſer derſelben, ein Augenzeuge der Kataſtrophe, bei der ſie eine Rolle geſpielt haben, ſchildert ſie folgen⸗ dermaßen. Jacob war klein, hatte ſchwarzes Haar und Bart und konnte etwa ſechsundzwanzig Jahre alt ſein; er war gut gewachſen und ſtark von Kräften. Bernardino, der arme Knabe, war ganz das Eben⸗ bild ſeiner Schweſter, ſo daß, als man ihn auf dem Schafott erſcheinen ſah mit ſeinen langen Haaren und ſeinem Mädchengeſicht, Viele glaubten, es ſei Beatrice. Er konnte etwa vierzehn bis funfzehn Jahre alt ſein.— Gott gebe ihnen Frieden! Ende des erſten Bandes. z in Leipzig. 1 1 1 & 3 2 — 5 5