b Leihl thek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Seſebedingungen. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ een angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für hhentlich 2 ½ Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Nr. 50 Ff. 2 Nk. Pf der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Wie, trotz meines guten Willens, das Hochzeit⸗ gedicht nicht für den andern Tag gemacht werden konnte. Ich wurde in der That mit Ungeduld in der Kirche erwartet, zwar nicht von dem Todten, doch von ſeiner ganzen Familie. Nach der gewöhnlichen Einfachheit des proteſtan⸗ tiſchen Ritus, ſprach ich die Todtengebete über dem Sarge; das Grabgeläute ertönte zum letzten Male, und wir verließen den Tempel, um den Hingeſchiedenen zu ſeiner Ruheſtätte zu geleiten. Als ich am Pfarrhauſe vorbeikam, ſah ich zu mei⸗ ner Freude, daß Herr und Madame Stiff, bereit, in den Wagen zu ſteigen, von meiner Frau Abſchied nahmen. Die Frau Intendantin winkte mir mit dem Fächer ein Lebewohl zu, das ſie mit einem ſeltſamen Lächeln begleitete. Herr Stiff aber grüßte Niemand, nicht einmal dieſe vorüberziehende Majeſtät des Todes, welche ſonſt die Stirne der Lebenden, ſo groß ſie ſein möge, entblößt und ihre Kniee beugt. An der Ecke des Platzes wandte ich den Kopf um; ich ſah den Wagen ſich in Bewegung ſetzen und auf dem Wege nach dem Schloſſe hinfahren. Mein Herz löſte ſich, und während ich den Leichen⸗ zug anführte, kam ich in Gedanken zu meiner Jeannie zurück. Der Pfarrer von Aſhbourn. II. 1 2 Welch ein Engel der Sanftmuth und der Reſigna⸗ tion! Mit welcher Stärke und mit welcher Geduld ertrug ſie alle Demüthigungen dieſer Emporkömmlinge! Herr Stiff!... Was war denn Herr Stiff geweſen? ein elender Lackei, durch die Gunſt ſeines Herrn, dem er ſchmähliche Dienſte geleiſtet, zur Stelle eines Intendan⸗ ten erhoben! Mademoiſelle Rogers!... Was war ſie denn, ehe ſte Madame Stiff wurde? Ich denke, nichts Großes. Die Tochter eines Handelsmannes, der, um dort zu ſterben, in die Fremde gezogen war, weil er ſeinen Verbindlichkei⸗ ten in der Heimath nicht Genüge geleiſtet,— eine Tochter, die von ihrer Mutter verzogen, mehr als einmal die Frei⸗ heit, die ihr die gute Frau ließ, mißbraucht haben ſoll. Und das ſind die Leute, welche Jeannie und mich verachteten; die, während ſie in ihrem Schloſſe bleiben kounten, wie wir in unſerem Pfarrhauſe blieben, ſich in unſer Leben miſchten, um es zu trüben und zu verdü⸗ ſtern.. in unſer fern, von ihnen, ſo ruhiges, ſo glück⸗ liches, ſo durchſichtiges Leben! Dies waren die wenig chriſtlichen Gedanken, die ſich in meinem Geiſte umherwälzten, als mich der Schul⸗ meiſter darauf aufmerkſam machte, meine Geberden ſeien nicht die eines Pfarrers, der einen Todten zu ſei⸗ ner letzten Ruhe geleite, ſondern die des Anführers bei einem Aufruhr, der an der Spitze einer Schaar von Rebellen marſchire. Mein lieber Petrus, es ſcheint, meine Aufregung errieth ſich nach Außen durch ſo exorbitante Bewegun⸗ der Arme und Verdrehungen der Augen, daß hie⸗ h die Ermahnung des Schulmeiſters veranlaßt wurde. Die Ermahnung trug ihre Früchte: ich beruhigte überdies waren dieſe Leute abgegangen, und ich ee nie mehr zu ſehen; ich würde alſo nur meine neine gute, meine theure Jeannie wiederfinden, zurtsfeſt ich am andern Tage feiern ſollte. 3 Das erinnerte mich an das Hochzeichtgedicht, wel⸗ ches ich ihr zu Ehren machen wollte; doch bei der Rück⸗ kehr vom Friedhofe hätte ich, Gott ſei Dank, Zeit! Ich fuͤhlte in meiner Taſche das zerknitterte Blatt Papier, auf dem Madame Stiff die Worte:„An Jean⸗ nie!“ geleſen hatte, und das leichte Kniſtern des Pa⸗ piers unter meinen Fingern griff mir, indem es mir den Beſuch unſerer verhaßten Gäſte ins Gedächtniß zu⸗ rückrief, entſetzlich die Nerven an. Ohl mein lieber Petrus, Gott, der die Abſicht ſieht, rechnet zum Glück die materielle Thatſache nicht an; doch ich muß Ihnen ſagen, nie iſt ein Menſch ſchlechter beerdigt worden, als Blum. Ich hoffe, ſeine Seele wird mir in Betracht der Qualen meines Herzens verziehen haben. Sobald die Gebete beendigt waren, ſobald man das Grab gefüllt hatte, eilte ich nach Hauſe zurück, beſeſſen von einem ungeheuren Bedürfniſſe, Jeannie wie⸗ derzuſehen und an mein Herz zu drücken, als der Schul⸗ meiſter, der meine Eile wahrnahm, mir nachlief. Beim Geräuſche ſeiner Tritte wandte ich mich um. 15„Nun! was gibt es noch, Schulmeiſter?2« fragte ich ihn. „Mir ſcheint,« erwiederte er ein wenig verdutzt durch den Ton meiner Stimme,„mir ſcheint, der Herr Pfarrer iſt heute ſo zerſtreut, daß ich ihn an die Taufe des kleinen Peters erinnern muß.« Ich ſchlug mich vor die Stirne; er ſprach die Wahrheit. Ich hatte für denſelben Tag eine Trauung, eine Beerdigung und eine Taufe. „Ah! ja wohl!« rief ich,„der kleine Peters, der Burſche kann einen Augenblick warten; er hat gefrüh⸗ ſtückt, ich bin es feſt überzeugt, und zwar eher zwei⸗ mal als einmal, während ich(ich ſchaute nach dem Kirchthurme), nachdem ein Viertel auf drei Uhr vor⸗ über iſt, noch nuͤchtern bin.“ 4 1* 4 Der Grund ſchien dem Schulmeiſter ſo bündig, daß er ſein Haupt neigte zum Zeichen der Beipflichtung, und er wiederholte: „Der kleine Burſche kann allerdings warten.“ Auf dieſe Verſicherung ging ich ruhig nach dem Pfarrhauſe. Hier traf ich Jeannie; mit dem erſten Blicke glaubte ich zu bemerken, eine Wolke der Traurigkeit verſchleiere ihr hübſches Geſicht; als ſie mich aber erſchaute, zer⸗ ſtreute ſich dieſe Wolke, und ſie kam mit offenen Armen auf mich zu. Ich ſhioß ſie an mein Herz; mir ſchien, ich ſei, ohne es zu ſehen, an einem Unglück vorübergegangen; an welchem? ich wußte es nicht, doch die Atmoſphäre war mit dem Fluidum geſchwängert, das die finſteren Ahnungen erzeugt. Ich ſchaute umher, als ſollte ich plötzlich den Schmerz in Trauerkleidern in einer Ecke ſitzen ſehen. Zum Glück war das Haus, abgeſehen von Jean⸗ nie, leer; bald ſogar, ich muß es geſtehen, wurde es durch ihr, obgleich Anfangs ein wenig peinliches, Lä⸗ cheln wieder bevölkert; ihre Stimme ſchien das entſchlum⸗ merte Geleit unſerer ſüßen Träume und unſerer zärt⸗ lichen Erinnerungen wiederzuerwecken; ich athmete, und ich lächelte ebenfalls. Wir ſetzten uns zu Tiſche. Ohl wie gut dünkte mir das Mahl bereitet von den ſchönen Händen von Jeannie, von dieſen Händen, welche die von Madame Stiff erröthen gemacht hatten! Wie ſehr ſchien mir dieſes Zinn, das der Herr Intendant im Vorübergehen mit verächtlichem Blicke angeſchaut hatte, den Vorzug vor allem auf den Anrichttiſchen des Speiſeſaales im Schloſſe angehäuften Silbergeſchirr zu verdienen! Ich hatte die Taufe vergeſſen, wie vorher die Be⸗ verdigung, als mir der Schulmeiſter meldete, der kleine Peters ſchreie dergeſtalt, daß es dringlich ſei, mit ihm ein Ende zu machen. 5 Es war klar, daß ich, je raſcher ich abginge, deſto früher zurück ſein könnte; ich machte alſo keine Schwie⸗ rigkeit, umarmte Jeannie, verſprach ihr, in ein paar Minnten ihr zu gehören, und lief nach der Kirche. Ein ziemlich kalter Empfang erwartete mich dort; zum zweiten Male an demſelben Tage geſchah es, daß ich im Verzug war; diejenigen, welchen Gott die Zeit mit einer geizigen Hand zugemeſſen hat, lieben es nicht, daß man ſie dieſelbe verlieren läßt. Wären ihnen meine Trübſale bekannt geweſen, ſo würden ſie mir ſicherlich verziehen haben, wenn ſie je dieſe Trübſale hätten begreifen können. Die Ceremonie der Taufe wurde von mir vollzogen. Ich war nicht ganz unbefangenen Geiſtes, doch mein Inneres wandte ſich unmerklich einem andern Gegen⸗ ſtande zu. Dieſe freudige Mutter, dieſer ſtrahlende Vater, dieſe zwei Zeugen, die mir ein Kind brachten, das ich zum Chriſten machen ſollte, führten natürlich meinen Werfteüit ſüßeren Bildern und lachenderen Gegenſtänden urück. 1 Ich ſagte mir, es komme wahrſcheinlich eine Stunde, wo wir, Jeannie und ich, unſer Kind in den Armen, den guten Herrn Smith aufſuchen und ihn bitten wer⸗ den, für ſeinen Enkel das zu thun, was ich für den kleinen Peters gethan hatte. Dieſes Kind, von dem übrigens noch nicht die Rede war, werde ein Knabe oder ein Mädchen ſein; in jedem Falle werde es willkommen und beſonders geliebt ſein. Alle dieſe Gedanken bewirkten, daß ich die Tauf⸗ gebete mit einer Salbung ſprach, welche ſämmtliche An⸗ weſende rührte. In dem Augenblick, wo ich das Kreuz auf der Stirne des Kindes machte, das ich dem Herrn empfahl, ſchaute ich zum Himmel empor, und ich fühlte zwei Thränen an meinen Augenlidern perlen. 6 „Oh! Herr, Herr,“ murmelte ich,„wann wird die Reihe an mir ſein, Dir für die Gnade zu danken, um die ich Dich aus dem Grunde meines Herzens bitte, wann wirſt Du mir ein Kind bewilligen, das wie ich und nach mir Deinen heiligen Namen preiſen ſoll 2« Und als hätten ſie meinen Gedanken begriffen, ant⸗ worteten die Anweſenden: „Amen!“ Die Ceremonie war beendigt, und ich war frei; ich kehrte nach dem Pfarrhauſe zurück, als es gerade halb fünf Uhr ſchlug. Hier fand ich wieder Jeannie und auf ihrem Ge⸗ ſichte denſelben Schleier der Traurigkeit, den ich ſchon zwei Stunden vorher wahrgenommen hatte. Zum Glück zerſtreute ſich dieſer Schleier, wie das erſte Mal, ſo⸗ bald ſie mich erblickte. Ich war indeſſen beſorgt genug, um ſie zu befra⸗ gen; doch beim erſten Worte, das ich ſprach, lächelte ſte, ſchlang ſie ihre Arme um meinen Hals und ſagte, ich ſei ein Geiſterſeher, und ſie wiſſe nicht, welche Trau⸗ rigkeit ich meine. Die Ueberzeugung, es gehe etwas Seltſames im Geiſte oder im Herzen von Jeannie vor, führte indeſſen meine Gedanken auf die Stiff und ihren Beſuch zurück, ſo daß ich, als ich in meine Studirſtube eintrat, um wieder an mein Hochzeitgedicht zu gehen, in meinem Innern mit dieſen verwünſchten Perſonen, und nicht mit der wichtigen Arbeit, die ich noch zu vollbringen hatte, beſchäftigt war. Der Anblick der Oertlichkeit trug um ſo mehr dazu bei, meine Ideen dieſem einzigen Punkte zuzuwenden, als ich neben mir den Lehnſtuhl hatte, in welchem ſich Madame Stiff ausgeſtreckt; zu meiner Rechten die Thüre zum Garten, durch welche Jeannie und Herr Stiff hin⸗ ausgegangen waren, und zu meiner Linken die Thüre des Speiſezimmers, durch welche ich mich wüthend, ſie beiſammen zu laſſen, entfernt hatte: eine Wuth, welche ——— —— ——— 7 die unbegreifliche Traurigkeit, in der ich Jeannie wie⸗ derfand, zu motiviren ſchien. Es iſt wahr, wenn ich die Augen aufſchlug, hatte ich vor mir die reizende Zeichnung, das geſegnete Häus⸗ chen und, am Fenſter dieſes Häuschens, meine Frau vorſtellend; doch dieſe Zeichnung, während ſie Jeannie ein Kompliment zugezogen, war ſie nicht zugleich die Veranlaſſung zu einer unangenehmen Rede geweſen? In mir und um mich her ſprach alſo Alles von Haß, bis auf die Dinge, welche von Liebe ſprachen. Da ich indeſſen den Ihnen, mein lieber Petrus, bekannten beharrlichen Willen hatte, ſo beſchloß ich, alle meine Befangenheiten zu beſiegen und endlich an mein Hochzeitgedicht zu gehen. Immer hatte ich wahr⸗ genommen, ich ſei ſchwerfällig für die Arbeit in Folge meiner Mahle; ich ſagte mir, es ſei nicht genug, den Himmel anzuſchauen, um darin die Begeiſterung zu finden, und meine Stirne mit der linken Hand zu preſſen, während die rechte den flüchtigen Rhythmus feſt⸗ zufaſſen ſuchte. Ich nahm alſo wieder die Feder, ſchrieb auf ein ſchönes weißes Blatt:„An Jeannie!“ und be⸗ gann einen wahren Kampf mit der Muſe. Doch diesmal, wie immer, ſchien die Muſe, die ein Weib iſt, und die ihr höheres Weſen vielleicht noch launenhafter macht als die anderen Weiber, aller mei⸗ ner Anſtrengungen zu ſpotten: ſtatt mir lächelnd, die Liebe in den Augen und einen Roſenkranz auf der Stirne, zu erſcheinen, wie es ſich für diejenige geziemt, welche zu den ſüßen, zärtlichen, harmoniſchen Liedern inſpirirt,— ſo, wie dem ſingenden Horaz Lydia, dem ſin⸗ genden Tibull Delia, dem ſingenden Properz Cinthia erſchien,— erſchien ſie mir in einer rothen Umhüllung, mit ernſter Stirne und eine Peitſche in der Hand, wie ſie Perſius und Juvenal erſchienen iſt. Ich mochte immer⸗ hin in der poetiſchſten Sprache, die ich finden konnte, ſagen:„Nicht Du biſt es, Muſe Eumenide, nach der ich verlange! es iſt Deine Schweſter, die blonde Erato; 8 ich habe die Tugenden eines Mädchens, einer jungen Frau zu beſingen, welche, wenigſtens wie ich hoffe, bald eine junge Mutter ſein wird. Es iſt die weiße Schwa⸗ nenfeder, was ich brauche, und nicht der eherne Dolch, den Du mir bieteſt!« Die Muſe ließ nicht ab; ſie verfinſterte ihre Stirne immer mehr; ihre Umhüllung ging vom Purpur zum Schwarz über, und heftig von ihrer Hand geſchwungen, pfiff ihre Peitſche wie die von Erinnys. Ohl hätte ich mit dem Gegenſtande wechſeln wollen; hätte ich mich, ſtatt eine ſanfte, zärtliche Elegie zu machen, von dem Arme, der mich antrieb, führen und auf das Feld der Satyre werfen laſſen, um Dor⸗ nen, Diſteln und Neſſeln zu pflücken, ſtatt Kornblumen, Immergrün und Lilien zum Kranze zu flechten; hätte ich, ſtatt die Tugenden von Jeannie zu beſingen, mit Sarkasmen noch beißender als die von Régnier, Boi⸗ leau und Pope, dieſen Intendant gewordenen gemei⸗ nen Lackei, dieſes leichtſinnige Mädchen, das eine hof⸗ färtige Gattin und eine geringſchätzige Freundin ge⸗ worden, verfolgen wollen, oh! ich glaube, dann wür⸗ den ſich mir die Worte, die halben Verſe, die Reime ſogar mit einem ſolchen Ueberfluſſe geboten haben, daß ich nur zu wählen gehabt hätte. Für einfache weiße Verſe, die ich von der ſanften Muſe forderte, waren es gereimte Verſe, Verſe mit gekreuzten Reimen, was mir die entſetzliche Muſe bot. Einen Augenblick war ich auf dem Punkte, mich dem Hauche, der mich an⸗ trieb, zu überlaſſen; einen Augenblick fing ich an zu glauben, ich habe mich bis dahin über mein Genie ge⸗ täuſcht, und mein wahrer Beruf ſei der eines ſatyriſchen Dichters. Dieſe Peitſche, welche in der Hand der Muſe war, die mich inſpirirte, ſchien ganz natürlich in die meinige überzugehen; ihre Riemen verwandelten ſich in giftige Schlangen; ſie pfiff in meinen Händen, und ich hörte freudig und triumphirend die Schmerzensſchreie des Intendanten und ſeiner Frau:„Ah! ah!“ rief ich,„Du bitteſt um Gnade? Nein, es iſt noch nicht — — 8B S— E& K— &ᷣ᷑N KR UNKgoÖ 8A 8 ⁸½ R R ⁸$̈ 8̈ S8 g — F 9 genug; immerzu! immerzu!“« Und ich machte die Ge⸗ berde eines Menſchen, der ſchlägt, und meine Stimme nahm einen ſo gewaltigen Ton an, daß Jeannie erſchrocken eintrat, ohne daß ich ſie ſah, ſich mir näherte, ohne daß ich es hörte, und meinen aufgehobenen, drohenden, ſieg⸗ reichen und zum zehnten Male ſchlagenden Arm feſthielt. „Was haſt Du denn, mein Freund?“ fragte ſie, „und auf wen ſchlägſt Du ſo?« Und ihr Auge ſuchte vergebens den unſichtbaren Ge⸗ genſtand meines Zornes. Es brauchte nicht weniger, als ihre ſanfte Erſchei⸗ nung, um dieſe Tochter der Nacht und des Acheron, die mich verfolgte, zu verjagen; bei der Berührung von Jeannie, bei ihrem Anblick, bei ihrer ſanften Stimme, verſchwand auch die Eumenide wie ein Schatten. Anfangs dachte ich, wenn Gott mir das ſatyriſche Genie gegeben habe,— was übrigens für mich keinem Zweifel mehr unterlag,— ſo ſei es doch nicht die Sache eines chriſtlichen Pfarrers, das heißt eines Mannes, der beauftragt, den Frieden und die Eintracht zu predigen, ſich ſolchen Inſpirationen hinzugeben. Dann bedachte ich, daß es, ſollte ich mich einmal zufällig und in vielleicht verzeihlichen Bedingungen die⸗ ſer Inſpiration hingeben, eine Satyre wäre, und kein Hochzeitgedicht, was ich machen würde; unter den Um⸗ ſtänden, in denen ich mich befand, brauchte ich aber ein Hochzeitgedicht und keine Satyre. Endlich erinnerte ich mich der oben auf das, auf meinem Schreibtiſche ausgebreitete, Blatt Papier geſchrie⸗ benen zwei Worte:„An Jeannie!“ und ich ſah ein, wenn Jeannie ſie leſen würde, ſo hätte ſie keine große Anſtrengung des Geiſtes nöthig, um zu vermuthen, ich beſchäftige mich mit der Feier ihres Geburtstages. So⸗ bald ſie dies nun begriffen hätte, gäbe es keine Ueber⸗ raſchung mehr. Ich näherte mich alſo geſchickt meinem Schreibtiſche, und, wäͤhrend ich ſie mit meinem rechten Arm umſchlun⸗ 10 gen und an meine Bruſt gedrückt hielt, bemächtigte ich mich mit der linken Hand des weißen Blattes, rollte es allmälig zuſammen, ſchloß es in meine Hand und ſteckte es, wie das erſte, in meine Taſche. Die Stunde des Abendbrods war gekommen; der wiſch war beſtellt, und Jeannie kam, um mich zu holen. Ich folgte ihr, indem ich mein Hochzeitgedicht auf die Nacht verſchob; die Nachtſtunden ſind die der Ein⸗ gebung. Geſtehen Sie aber, mein lieber Petrus, es war ein großes Unglück, daß der ſo lange unbekannte Genius, welcher mich mit ſeinem Hauche gequält, der ſatyriſche Genius war, gerade der, welchen, als den Löwon der Schrift, der einfache Mann, den der Herr gewählt, um aus ihm ſeinen Diener der Eintracht, des Friedens und der Liebe zu machen, weit von ſich ſtoßen mußte. XXVII. Mie es Herr Smith war, und nicht ich, der das Hochzeitgedicht machte. Sie begreifen, mein lieber Petrus, daß, wenn ich trotz des Leugnens von Jeannie, beharrlich glaubte, es ſei ihr ein trauriges Ereigniß begegnet, von dem ſie nicht mit mir ſprechen wolle, ſie ihrerſeits beharrlich glaubte, irgend eine Unruhe mache meinen Geiſt be⸗ fangen. Das war um ſo einfacher auf ihrer Seite, als bei meinem Anblick ihre Traurigkeit ſich zerſtreut hatte, während im Gegentheil bei ihrem Anblick meine Be⸗ fangenheit zunahm. —-—— —,,———— 2S Uᷣ △& 11 »Wie!“ ſagte ich zu mir ſelbſt, wäͤhrend ich ſie an⸗ ſchaute und ihr zuhörte;„wie, unglücklicher William, dieſe Augen, dieſer Mund, dieſes Lächeln, dieſe Stim⸗ me, dieſer ſanfte Ton, dieſe milden Worte, Alles dies gibt Dir nicht einen Geſang ein, ſo zart, ſo ſüß und ſo lieblich, wie dieſes anbetungswürdige Geſchöpf, das der Herr gewählt, um daraus Deine Freude zu machen! Mit dieſem Vereine von Vollkommenheiten vor den Augen, Dichter der keuſchen Liebe, bleibſt Du ſtumm und ohnmächtig, unglücklicher William! Die Muſe, die in Dir iſt, muß nicht nur der Genius, ſon⸗ dern auch der Dämon der Satyre ſein. Ohl könnteſt Du Dich dieſem Genius hingeben, wie würdeſt Du weit hinter Dir Archilochos und ſeine Jamben, Ariſto⸗ teles und ſeine Komödien, Juvenal und ſeine Satyren laſſen! Welch ein Gluͤck iſt es für alle dieſe Leute, daß Du, ſiatt in einer freien, unabhängigen Lage zu ſein, Pfarrer des Dorfes Aſhbourn biſt! Welch ein Glück iſt es beſonders für Herrn und Madame Stiff, die Du gewiß dahin gebracht häͤtteſt, daß ſie ſich gehenkt haben würden, wie ſich einſt, um die Verſe des Dichters von Paros bis in die Hölle zu fliehen, der arme Lykambos und die unglückliche Neobule erhenkten.“ Es iſt leicht zu glauben, daß ſolche Gedanken, welche von meinem Geiſte zu meinem Herzen, wie Wellen eines aufrühreriſchen Meeres, rollten, meinem Geſichte keine große gemüthliche Ruhe und meinen Geberden keine große Regelmäßigkeit verliehen. Von Zeit zu Zeit ward im Gegentheil meine Phyſiognomie ganz verſtört, und indeß meine linke Hand ſich krampfhaft zuſammenzog, bewegte meine rechte Hand den Löffel oder die Gabel, wie ſie es zugleich mit einer Feder und mit einem Dolche gethan hätte. Am Ende des Abendbrods mußte Jeannie wirklich beſorgt ſein; während des ganzen Mahles hatte ich nicht ein Wort geſprochen; bald hatte ich aber dumpf gemurrt, bald unartikulirte Ausrufungen von mir gegeben. 12 Als wir von Tiſche aufſtanden, wollte Jeannie, wie gewöhnlich, meinen Arm nehmen und mit mir in den Gaſſen und um die Hecken des Dorfes unſern täg⸗ lichen Spaziergang machen; doch ich fühlte die Zeit mir durch die Finger ſchlüpfen; ich hatte nur noch ein paar Stunden vor mir, und jede Minute von dieſen Stun⸗ den war koſtbar. Ich ſagte alſo Jeannie, indem ich zu lächeln mich anſtrengte, ſie möge ſich nicht um meine Unruhe be⸗ kümmern, ich habe zu arbeiten... und ich kehrte in meine Stube zurück. Ich ſprach Ihnen indeſſen von meiner Schwerfäl⸗ ligkeit für die Arbeit unmittelbar nach dem Mahle. Da ich aus Zerſtreutheit viel gegeſſen hatte, ſo war dieſe Schwierigkeit noch größer als gewöhnlich. Ich hatte nur die Kraft, oben auf ein drittes Blatt Papier zu ſchreiben: An Jeannie! Hochzeitgedicht bei Gelegenheit ihres Geburtstages. Und durch ein phyſiſches Phänomen, das nicht ſel⸗ ten iſt, von der äußerſten Aufregung zur vollſtändigſten Erſchlaffung übergehend,— die ſich übrigens wohl durch die Anſtrengungen und Gemütsbewegungen des Tages rechtfertigte,— ließ ich meinen Kopf auf meinen Schreib⸗ tiſch finken und entſchlief. Mein Schlaf war Anfangs ſchwer wie der eines Trunkenen, denn, wie geſagt, die für meinen ermüde⸗ ten Körper ſo nothwendige Ruhe war nicht Schlaf, ſon⸗ dern Erſchlaffung. Wie lange währte dieſe Finſterniß meiner Sinne, dieſe Nacht meiner Seele? Ich vermöchte es nicht zu ſagen; endlich aber drang ein Schimmer in dieſe Finſterniß ein; ich fühlte mich im phantaſtiſchen Leben des Traumes wiedergeboren werden: die Idee, die mich den ganzen Tag in Anſpruch genommen hatte, ſchien, 13 an meinen Schlaf durch die geheimnißvollen Fäden des Gehirns gebunden, mich wiederzufinden, nachdem ſie mich verloren hatte;— denn wir gehören viel mehr der Idee, als die Idee uns gehört; ſie erſchien am Hori⸗ zont wie ein leuchtender, zunehmender Punkt; in der Hand hielt ſie eine Fackel, welche einen ungeheuren Kreis um ſie her erhellte; ihre Tracht war die der Muſe, die ich den ganzen Tag angerufen hatte, die mich den ganzen Tag geflohen, und die, einer launenhaften Geliebten ähnlich, welche, nachdem ſie ſich von ihrem Geliebten entfernt, in der Stunde zurückkommt, wo dieſer es am wenigſten erwartet; und ſo wie ſie ſich mir im⸗ mer mehr näherte, ſo wie ihr Geſicht, beleuchtet durch die Fackel, die ſie trug, immer deutlicher wurde, er⸗ kannte ich zu meiner Verwunderung, daß dieſe Muſe Jeannie wie eine Schweſter glich; ſie kam lächelnd auf mich zu; ich empfing ſie mit einem Lächeln; ſie legte ihre rechte Hand auf meine Schulter, erhellte mit ihrer Fackel das weiße Blatt Papier und ſprach zu mir: „Dichter, ich bin die Muſe, die Du vergebens den ganzen Tag angerufen haſt: Deine Qual hat mein Mit⸗ leid erregt, und ich bin zu Dir gekommen. Schreibe, ich will Dir dictiren.“ Und ich bemerkte, daß die Aehnlichkeit, welche zwi⸗ ſchen den Zügen der Muſe und denen von Jeannie ſtattfand, auch in der Stimme exiſtirte. Und in der That, mit der ſanften, wohlklingenden Stimme, die eine Muſik für mein Ohr war, ſo oft Jeannie ſprach, fing ſie an mir Strophen zu dictiren, die ich die Erhabenheit ihrer Gedanken und die Reinheit ihrer Formen bewundernd niederſchrieb. Beim letzten Worte der letzten Strophe war meine Begeiſterung ſo groß, daß ich meine Arme gegen die Muſe ausſtreckte, welche, ſtatt bei dieſer Bewegung zu⸗ rückzuſchrecken, ihr Geſicht dem meinigen naherte und ihre Lippen auf meine Stirne drückte. 14 Dieſer Kuß trug ein ſolches Gefühl von Wirklich⸗ keit in ſich, daß er mich aufweckte. Ich öffnete die Augen. Die Muſe war Jeannie ſelbſt; beſorgt, daß ſie nicht mehr mich ſprechen, mich bewegen, leben hörte, hatte ſie die Thüre geöffnet, mich eingeſchlummert ge⸗ ſehen und ſich mit der Lampe in der Hand mir genähert. Sagen Sie mir nun, mein lieber Petrus, Sie, der Sie ein ſo großer Meiſter in der Philoſophie ſind, ſagen Sie mir, durch welche geheimnißvolle Vereinigung der entgegengeſetzteſten Dinge der Schlaf und das Wa⸗ chen, die Illuſion und die Wirklichkeit den innigen Bund ſchloſſen, der aus meinem Traume ein Gedicht machte, deſſen Entwickelung in einer einzigen Perſon die Muſe und Jeannie, die Göttin und die Frau, vermengte. Plötzlich enſann ich mich des Papiers, auf das ich obenan: An Jeannie. Hochzeitgedicht bei Ge⸗ legenheit ihres Geburtstagsz; geſchrieben hatte, dann darunter die Verſe, die mir die Muſe dictirt. Das Papier war verſchwunden. Alles war dergeſtalt Verwirrung in meinem Geiſte, daß ich mich, da ich dieſes Papier nicht mehr an dem Platze ſah, wo es ſein ſollte, fragte, ob es je vorhan⸗ den geweſen. Einen Augenblick meinen Geiſt auf dieſen Gegen⸗ ſtand fixirend, mußte ich mir geſtehen, die Verſe, die ich geſchrieben zu haben glaubte, bilden einen Theil des Mralmes, da die Wirklichkeit Jeannie ſei und nicht die uſe. Es war aber keine Wahrſcheinlichkeit, daß mir Jeannie ſelbſt dieſe Verſe dietirt, welche ihr eine Ueber⸗ raſchung bereiten ſollten. Sobald dieſe Verſe nicht erxiſtirt hatten, nahm der Glaube, das Papier, auf das ich ſie zu ſchreiben ge⸗ wähnt, exiſtire, ſehr ab. Ich konnte das Papier und ſeinen Titel geträumt haben, wie ich das Uebrige geträumt. Die zwei erſten 15 Blätter, die ich nach einander bereit gehalten, um die Verſe darauf zu ſchreiben, welche ich zu machen gedachte, waren vorhanden, da ich das eine in meiner rechten Taſche, das andere in meiner linken hatte; fand ich aber das dritte nicht wieder, ſo kam dies davon her, daß es nie exiſtirt. Und es war ein Glück, daß es nie exiſtirt, in Be⸗ tracht, daß ſonſt Jeannie, während meines Schlafes ein⸗ getreten, dieſes Blatt geſehen, die Ueberſchrift geleſen hätte, und daß es dann keine Ueberraſchung mehr für ſie geweſen wäre, denn ich gedachte immer noch ihr dieſe Ueberraſchung am andern Tage zu bereiten. Die Verſe, die ich während meines Schlafes gemacht, waren meinem Geiſte ſo gegenwärtig, daß ich am an⸗ dern Tage kaum eine halbe Stunde brauchen würde, um ſie auf das Papier zu werfen. Ich würde frühzei⸗ tig aufſtehen, und beim Erwachen hätte Jeannie ihr Gedicht. 4 Ich folgte ihr alſo, überzeugt, das Blatt Papier, das ich bereit gelegt zu haben glaubte, ſei immer nur in meiner Phantaſie vorhanden geweſen. Die theure Jeannie! ſie vermuthete nichts, wenig⸗ ſtens, wie es mir ſchien; denn ſie ſagte mir weder mehr ein Wort von meinen Befangenheiten am Tage, noch etwas von der Befürchtung, die ſie einen Augenblick ge⸗ habt, ich könnte ein Narr werden. Am andern Morgen erhob ich mich ſehr früh von meinem Lager; wie vorſichtig ich aber auch zu Werke ging, ich weckte Jeannie auf. Ich umarmte meine theure Geliebte, ohne ihr zu ſagen, daß der Kuß, den ich ihr gab, nicht nur ein Kuß aller Tage, ſondern auch ein Geburtstagskuß war. Ich ſchlüpfte in meinen Schlafrock und ging hinab. In dieſem Augenblick ſchien es mir, als hörte ich Geräuſch im Speiſezimmer. Wer konnte dieſes Geräuſch machen? Die Tochter des Schulmeiſters hatte allein den Schlüſſel vom Pfarrhauſe, doch es war kaum Tag, und 16 nie kam ſie ſo frühzeitig. Ich ſtieg auf den Fußſpitzen die Treppe hinab, ohne recht zu wiſſen, wen ich finden ſollte, und immer mehr überzeugt, es ſeien Fremde im Hauſe. Als ich die unterſte Stufe erreicht hatte, blieb mir kein Zweifel mehr: das Geräuſch war ganz deutlich; ich ſchlüpfte hinter die Glasthüre, die von der Treppe in's Speiſezimmer ging, und erblickte den Schulmei⸗ ſter und ſeine Tochter, welche ein Klavier zwiſchen zwei Fenſtern aufzuſtellen beſchäftigt waren. Das war eine Ueberraſchung, die man Jeannie bereitete. Wer bereitete ihr aber die Ueberraſchung? Ich weiß nicht, wie mir der ſonderbare Gedanke kam, es ſei ein Geſchenk des Intendanten. Dieſer Gedanke machte, daß ich raſch und ohne die geringſte Vorſicht eintrat. In ihrer Arbeit unterbro⸗ chen, drehten ſich der Schulmeiſter und ſeine Tochter lebhaft um. „Ahl ah! Ihr ſeid es!“ rief ich mit ziemlich ſtren⸗ ger Miene. 7 „Stille, Herr Bemrode,“ verſetzte der Schulmeiſter, ndene er ſeinen Finger auf ſeinen Mund legte,„ſtille och! „Was iſt das 2« fragte ich, auf das Meuble deu⸗ tend, das ſie aufzuſtellen beſchäftigt waren. „Sie ſehen es wohl; es iſt ein Fortepiano.“ „Allerdings ſehe ich, daß es ein Fortepiano iſt; doch was bedeutet das Fortepiano?“ „Eine Ueberraſchung; ſtille!« Und abermals legte der Schulmeiſter geheimniß⸗ ven feinen Finger auf den Mund, während ſeine Tochter ächelte. „Aber für wen denn dieſe Ueberraſchung?« „Ei! für Miſtreß Bemrode.“ „Für Miſtreß Bemrode, gut; doch wer bereitet ihr dieſe Ueberraſchung?« „Sie errathen es nicht?« hr 17 »Nein; und Sie würden mir ſogar ein Vergnü⸗ gen machen, wenn Sie mich nicht länger ſuchen ließen, wer dieſes Geſchenk meiner Frau bietet 2« „Wer ſoll es denn ſein, Herr Bemrode, wenn nicht ihr Vater 2 „Wie!« rief ich,„Herr Smith? Herr Smith gibt dieſes Klavier ſeiner Tochter? „Geſtern Abend iſt das Inſtrument von der Stadt angekommen; Herr Smith hat es unmittelbar zu mir geſchickt, mit dem Auftrage, es hierher zu ſtellen, wäh⸗ rend Sie noch ſchliefen, damit es bei ihrem Erwachen Miſtreß Bemrode ganz aufgeſtellt, offen, die Muſik auf dem Pulte fände, weil heute der Geburtstag von Mi⸗ ſtreß Bemrode iſt. Stille!...“. „Ich weiß es wohl; doch was für eine Muſik iſt das 2 „Es iſt die Muſik zu einer Romanze, die Herr Smith für ſeine Tochter gemacht hat.“ Wie! für ſeine Tochter?“ rief ich, ein wenig ärger⸗ lich;„Herr Smith iſt alſo Dichter?« »Dichter und Muſiker, mit Ihrer Erlaubniß, Herr Bemrode: Worte und Muſik ſind von ihm.“ „Oh! guter Vater!« rief eine Stimme hinter mir. Ich wandte mich um: es war Jeannie, welche eben⸗ falls herabgekommen; bei der Thüre angelangt, hatte ſie die letzten Worte, die wir geſprochen, gehört. „Ah!“ ſagte ich,„Du biſt es, Jeannie 2 Dann ſprach ich mit einer Bewegung, bei der, ich muß es geſtehen, ein wenig üble Laune durchdrang⸗ „Sieh hier, was Dir Dein Vater ſchickt: ein Kla⸗ vier und eine Romanze; der Schulmeiſter verſichert, die Worte und die Muſik ſeien von ihm.“ „»Und aus welcher Veranlaſſung ſchickt mir dies mein Vater?« fragte Jeannie, während ſie mir lächelnd ihre Stirne zum Kuſſe bot „Aus Veranlaſſung Deines Geburtstags, meine Der Pfarrer von Aſhbourn. II. 2 8¹ liebe Jeannie,“ antwor tete ich ihr ebenfalls lächelnd und jeden ſchlimmen Gedanken vergeſſend;„denn es iſt heute Dein Geburtstag; ich wußte es, obſchon ich Dir weder Klavier, noch Romanzk, noch Muſik gebe.“ „Du, mein lieber William,“ erwiederte Jeannie mit einem anbetungswürdigen Ausdrucke von Zärtlich⸗ keit,„Du ſchenkſt mir Deine Liebe; Du ſchenkſt mir das Glück; mein Gott! was willſt Du mir mehr ſchen⸗ ken? und was habe ich mehr vom Herrn zu verlangen, als daß er mir alle dieſe Güter, mit denen er mich überhäuft, und die ich nicht verdiene, erhalten möge.“« Und ſie erhob zum Himmel ihre ſchönen blauen Augen und ihre ſchönen weißen Arme, die ich mit aller Gluth küßte, während ſie mit leiſer Stimme ein Gebet verrichtete. Dann, wie ein Kind, das begierig iſt, ſich an dem, was man ihn ſchenkt, zu ergötzen, rief ſie hüpfend vor Freude: „Ahl das ſchöne Fortepiano!... wie vortrefflich iſt mein Vater! Sehen wir, ob das Klavier eben ſo gut, als ſchön iſt!“ Und mit der Sicherheit, der Leichtigkeit und der Gewandtheit einer Künſtlerin liefen auf der Stelle ihre Finger über die Taſten des Inſtrumentes hin und ent⸗ lockten ihm einen glänzenden und harmoniſchen Accord. Ich blieb ganz erſtaunt. Ich hatte Herrn und Miſtreß Smith kaum vom Talente von Jeannie in der Muſik reden hören, und bei den erſten Noten erkannte ich in ihr eine vollendete Pianiſtin. „Aber, liebe Jeannie,“ ſagte ich zu ihr,„das iſt doch ſeltſam! „Was denn ²« fragte ſie, indem ſie ſich gegen mich umwandte. „Gewiß... Als Du die Verſe von Gray ſprachſt, bewieſeſt Du mir, daß Du eine Dichterin biſt; als Du mir die reizende Anſicht von dem kleinen Hauſe gabſt, 182— LgS ◻φη☛ und eute heder nnie lich⸗ mir hen⸗ gen, mich 8.44 auen aller ebet dem, vor flich ſo der ihre ent⸗ ord. und der unte 3 iſt nich chſt, Du bſt, 19 bewieſeſt Du mir, daß Du eine Malerin biſt; und heute beweiſeſt Du mir durch einen einzigen Accord, daß Du eine Tonkünſtlerin biſt. Ah! ſage mir, wie konnteſt Du Alles dies ſein, und ich wußte nichts davon? Waren das auch Ueberraſchungen, die Du mir bereiten wollteſt?« „Höre,“ erwiederte ſie,„Du erinnerſt Dich des be⸗ kannten Tages, wo meine Mutter eine Stadtdame aus mir gemacht hat, ſtatt mich zu laſſen, was ich war, — ein gutes Landmädchen? 1 5 „Ja, ein glücklicher Tag, da von ihm ſich unſer Glück datirt.« „Nun wohl, Poeſie, Malerei und Muſik waren die maskirten Batterien, welche eine nach der andern ſpielen ſollten, um Herrn William Bemrode zu nöthi⸗ een, ſich gebunden an Händen und Füßen ſeiner Be⸗ ſeg eim Miß Jeannie Smith zu ergeben. Doch am Anfange des Kampfes vereitelte William Bemrode durch eine unerwartete Liſt den ganzen Schlachtplan, und vor dem Ende des Tages, ich befürchte es ſehr, war er der Sieger, und Miß Jeannie Smith war beſiegt; eine glückliche Niederlage, auf die ich ſtolzer bin, als auf einen Sieg, denn meiner Demuth und meiner Schwäche hatte ich Deine Liebe zu verdanken. Sobald Du mich aber lieb⸗ teſt, ſo wie ich war, mein theurer William, warum ſollte ich anders zu ſein ſuchen? Ich bin nie und werde nie etwas Anderes ſein, als das, was Du willſt, daß ich ſein ſoll. Ein Kirchhof, auf innerte mich an die Verſe von Gray, und ich ſprach dieſe Verſe; ein Wunſch, den Du gegen mich ausdrück⸗ teſt, hat mir den Pinſel in die Hand gegeben, und ich unter die Finger die Taſten eines Klaviers: meine Finger fielen natuͤrlich auf dieſe Taſten nieder und brachten den Aecord hervor, den Du gehört haſt. Beliebt es Dir nun, mein theurer William, daß ich eine gute, ein⸗ 2* 20 fache, unwiſſende Hausfrau ſein ſoll? Ich vergeſſe die Verſe, ich ſtelle die Farbenſchachtel wieder in ihren Schrank, ich ſchließe das Klavier, und es iſt von Poeſie, Malerei und Muſik nicht mehr die Rede. Willſt Du das? Sprich, und es ſoll auf der Stelle ausgeführt werden.“ Ich drückte Jeannie an meine Bruſt und rief: „Ohl nein, nein; bleibe ſo, wie die Natur und die Erziehung Dich gemacht haben, theure Jeannie! Baum meiner Freude, ich würde zu viel verlieren, wenn Dir der Wind ein Blatt raubte, oder wenn die Sonne eine Blüthe von Dir welk machte!... Und nun laß die Muſik und die Verſe von Herrn Smith ſehen.“ Ich geſtehe, mein lieber Petrus, ich ſagte dieſe Worte mit einer gewiſſen Ironie. Ich war neugierig, die Muſik und die Verſe eines Dorfpfarrers zu hören, als wäre ich ſelbſt etwas Anderes, als ein einfacher, demüthiger Pfarrer geweſen. Doch, wie geſagt, Jeder hat ſeine Lieblingsfünde, und ich befürchte ſehr, die meinige iſt die Hoffart. XXVIII. Der Geburtstag. Es ging dem Stücke ein Ritornell voran. Jeann ie nahm es in Angriff und führte es mit einer vollkomme⸗ nen Präciſion zu Ende: offenbar war ſie eine vortreffliche Inſtrumentaliſtin. Dann kamen die Strophen, und ihr Mund öffnete ſich, um ſanfte, harmoniſche, klare Töne hervorſchweben die hren eſie, Du ührt d die aum Dir eine die dieſe erig, ren, cher, nde, in ie me⸗ iche ete ben 21 zu laſſen; bei Jeannie fand der Dichter dieſelben Vor⸗ züge wie der Muſiker; wie nicht eine Note unter⸗ drückt wurde, ſo ging nicht ein Wort verloren. Zu meinem großen Erſtaunen war die Muſtk, ob⸗ gleich einfach, gelehrt und ein wenig im Genre der alten deutſchen Muſik; was die Worte betrifft, ich muß geſtehen, mein lieber Petrus, ich fand ſie reizend. Es war eine Art von Fabel, betitelt: der Baum und die Blume. Eine alte Eiche, deren Blätter ent⸗ flogen waren, gab Nathſchläge einer unter ihrem Schat⸗ ten und ihrem Blätterwerk geborenen Noſe; dieſes Blätterwerk und dieſer Schatten hatten die Noſe bis ahin vor dem Sturme und vor der Sonne geſchützt, und da die Eiche fühlte, ſie werde bald unter der Axt des furchtbaren Holzhauers, den man den Tod nennt, allen, ſo deutete ſie der armen verwaiſten Blume an, wie ſie leben müſſe, wenn der Baum nicht mehr wäre. So wie ich von der erſten Strophe zur zweiten und von der zweiten zur dritten überging, beugte ich das Haupt, denn ich ſah ein, hier ſei die Natur; dieſe drei Strophen hatten dem guten Paſtor Smith kaum eine Stunde Arbeit geben müſſen, indeß ich, der ich Kunſt machen, das Antike mit dem Modernen verſchmelzen, den Lyrismus mit der Elegie verbinden wollte, drei Tage gearbeitet hatte und mit nichts zum Ziele gekommen war. Als Jeannie geendet hatte, als die letzte Sylbe des Liedes erloſchen, als die letzte Note des Ritornells entflogen war, wandte ſich auch Jeannie, die mein Stillſchweigen nicht begreifen konnte, um, um zu ſehen, was aus mir geworden. Ich war ſehr nachdenkend geworden, hatte die Arme gekreuzt und den Kopf geſenkt. „Nun, mein Freund,« fragte ſie mit Beſorgniß „was haſt Du denn 2 4 22 Ich ſchüttelte den Kopf wie ein Menſch, den man einem Traume entreißt, und erwiederte: „Meine liebe Jeannie, ich glaube, daß ich ein Dummkopf bin.“ Jeannie lächelte. „Du, mein William,“ verſetzte ſie,„Du, von dem mein Vater ſagt, Du ſeiſt ein Gelehrter!“ „Wohl, es mag ſein! Doch mit all meiner Wiſſen⸗ ſchaft, Jeannie, mache ich nur Albernheiten; Dein Va⸗ ter hat Dir ein Klavier geſchenkt; hätte ich Dir eines ſchenken wollen, Jeannie, es wäre mir unmöglich ge⸗ weſen... „Theurer Geliebter!“« rief Jeannie,„was ſagſt Du mir da 2* „Laß mich vollenden... Dein Vater hat Dir eine Romanze, Muſik und Worte gemacht; ich bin kein Muſiker, ich konnte Dir alſo nicht die Muſik machen, die er Dir componirt hat; doch ich bin Dichter,— leider ſatyriſcher Dichter, wie es ſcheint,— ich konnte Dir alſo Verſe machen; nun wohl! ich habe meinen ganzen Muth zu Hülfe gerufen; nun wohl! ich habe es ver⸗ ucht.* „Ohl ich weiß es.“ „Wie! Du weißt es?« rief ich. „Allerdings; geſtern Abend oder vielmehr heute Nacht, als ich in Dein Zimmer eintrat und Dich vor Müdigkeit eingeſchlafen fand, hatteſt Du vor Dir, auf Deinem Schreibtiſche, ein Blatt Papier, worauf die Worte:„„An Jeannie, Hochzeitgedicht bei Ge⸗ legenheit ihres Geburtstages,“ geſchrieben waren.“ Ich ſtieß einen Seufzer aus.. „Ich hatte mich alſo nicht getäuſcht,“ murmelte ich; „dieſes Blatt Papier exiſtirte wirklich!« „Ja, ſehr wirklich und ſehr glücklicher Weiſe, denn dieſes Blatt deutete mir an, ich ſei die Urſache der 23 „»Oh! ja, ja le⸗ rief ich,„Du, meine Jeannie! mich zum ſatyriſchen Dichter zu machen, oh! Jeannie, welches Gedicht würdeſt Du heute Morgen bei Deinem Erwachen gefunden haben!“— „Habe ich es nicht wirklich gefunden, mein gelieb⸗ verſetzte Jeannie;„und glaubſt Du, ich leſe nicht auf dieſem weißen Blatte Papier Alles, was Deine Liebe darauf verbreiten wollte, alle die Blumen, die Dein Geiſt darauf ausſtreuen wollte 2« Sie zog aus ihrer Taſche das Blatt Papier, das mich am Tage vorher ſo ſehr beſchäftigt hatte. „Sprich,“« ſagte ſie,„ſiehſt Du dieſes Blatt 24 Ich ſah es und erkannte es in der That. „Für Jedermann,« fuhr ſie fort,„iſt dieſes Blatt weiß und ſagt nichts; für mich aber iſt es ganz be⸗ redt, voller Verſprechen, bedeckt von zärtlichen Betheu⸗ rungen und ſüßen Dankſagungen! Siehſt Du dieſes Blatt? es iſt der Vertrag unſeres Glückes in Form eines Blanquets; das iſt mehr, als mir Deine Feder geben konnte, angenommen, Deine Feder hätte Alles geſchrie⸗ ben, was Dein Herz Deiner Phantaſie dictirte e „Ah! Jeannie, Jeannie le rief ich, ganz beſchämt durch das Gefühl, daß ich gegen ſie ſo wenig werth war,„von uns Beiden biſt Du der wahre Dichter, und wenn Du wollteſt, ſo würden, deſſen bin ich ſicher, die Worte eben ſo wenig Deiner Feder fehlen, als ſie Dei⸗ nen Lippen und Deinen Herzen fehlen.« Und ich nahm ſie in meine Arme und ſchlug die Augen zum Himmel auf, um ihm für das Geſchenk zu danken, das er mir gemacht. „Ah! bravo, bravo! Bemrode,« rief eine Stimme, welche von der Thüre kam,„ſo liebe ich es, daß man ein Jahresfeſt feiert!“ 24 Ich wandte mich raſch um. Es war Herr Smith, der ſich bei Tagesanbruch auf den Weg begeben hatte und in Begleitung ſeiner Frau herbeikam, um mit uns dieſes Feſt zu feiern. Jeannie lächelte, ohne ſich umzudrehen; ſie hatte die Stimme ihres Vaters erkannt. 1 Sobald ich aber den Knoten gelöſt, den meine Arme um ihren Leib bildeten, eilte ſie auf ihn und auf ihre Mutter zu. Dieſe umarmte ſie zuerſt. „Liebe Mama,“ ſagte ſie,„danke Papa in meinem Namen für das ſchöne Geſchenk, das er mir gemacht; ich habe es ſogleich bei meinem Erwachen gefunden.“ Die gute Miſtreß Smith, welche einſah, wie zart⸗ fühlend es von ihrer Tochter war, ſie zur Dolmetſcherin ihres Dankes bei ihrem Manne zu machen, ſtammelte gegen den Letztern ein paar Worte mit Thraͤnen in den Augen. „Lieber Vater,“ ſagte Jeannie, während ſie wie ein Kind ihre beiden Arme um den Hals des Greiſes ſchlang,„wie ſchön ſind die Verſe, wie reizend iſt die Muſik, die Sie mir geſchickt! und wenn Sie wüßten, wie gut ich Alles dies bei dem herrlichen Klavier ge⸗ ſungen habe!... Kommen Sie hierher, und Sie ſollen ſehen!“ Und ſie zog ihren Vater an der Hand zum Klavier. Dann ſetzte ſie ſich, und ſie griff diesmal mit noch mehr Sicherheit, als ſie es einen Augenblick vorher ge⸗ than, mit ihrer friſchen, weichen Stimme Noten und Worte an. Aber ſie konnte nicht vollenden: bei der dritten Strophe fielen die Thränen, die in ihren Augen roll⸗ ten, in ihre Kehle; ſie ſpielte die Melodie vollends zu Ende, doch aus dem Gedächtniß und den Kopf zurück⸗ eworfen, indem ſie unter den reizendſten Zähren, die ſe vielleicht in ihrem Leben vergoſſen, murmelte: BSOOS S — bruch einer 1. hatte Arme ihre inem acht; 46 zart⸗ zerin nelte den wie eiſes die zten, ge⸗ llen vier. noch ge⸗ und tten oll⸗ zu ück⸗ die 25 »Mein Vater, mein guter Vater!... »Ja, ja, Töchterchen,“ ſagte er,„Du haſt viel⸗ leicht Deinen alten Vater zu hintergehen geglaubt, in⸗ dem Du Dich ſtellteſt, als verachteteſt Du die Muſik; doch er, der ſein Kind kennt, erräth Alles, und beſon⸗ ders das Herz ſeiner Tochter; er weiß, daß Du die Muſik leidenſchaftlich liebſt; daß Du Dein Klavier nicht verlangt haſt, weil es ein alter Freund von mir iſt, und weil nur wir Beide uns verſtehen. Du haſt Dir geſagt:„„Ein Klavier iſt ſehr theuer; meine armen Eltern haben gethan, was ſie konnten, als ſie mich verheiratheten; mein guter Bemrode, dem ſein Genie ohne Zweifel eines Tags ein Vermögen bringen wird, iſt noch ein unbekanntes Genie; ich will mir alſo bei Bemrode den Anſchein geben, als verſtünde ich nichts von der Muſtk; ich will mir alſo bei meinem guten al⸗ ten Vater den Anſchein geben, als bekümmerte ich mich nichts darum.“« Und wenn dieſer gute Vater zu ſeiner Tochter ſagte:„„Wie machſt Du es, Jeannie, daß Du Dich des Muſicirens enthaͤltſt 2ᷣ⅜˖⅛νantworteteſt Du mir: „„Lieber Papa, Mama hat Recht, wenn ſie behauptet, Poeſie, Malerei und Muſik, Alles dies ſei nicht die Sache einer verheiratheten Frau!«« Ja, ja, das iſt ſchön und gut; doch ich, ich langweilte mich am Ende, daß ich meine Schülerin nicht mehr hörte... Oh! nun habe ich ſie gehört, und ſiehe, fie hat nichts vergeſſen! Umarmen Sie mich, Miſtreß, fortan werden wir Muſik beim Vater und beim Gatten haben.“ Jeannie glitt von ihrem Stuhle zu den Füßen ihres Vaters und umfing die Kniee des Greiſes; dieſer hob ſie aber raſch auf und preßte ſie an ſein Herz. D mein theurer Petrus! unſere irdiſche und mate⸗ rielle Liebe vom Manne zur Frau iſt ohne Zweifel eine ſehr ſüße Sache und, hinſichtlich der Natur, ein Ge⸗ fühl ganz nach dem Herzen Gottes. Aber die kindliche Liebe, aber die väterliche Liebe, oh! das iſt wahre 26 Engelsliebe! Und beide laſſen die andere eben ſo weit hinter ſich, als jene ſchönen Firſterne, welche beſtän⸗ dig und von ihrem eigenen Lichte genährt am Himmel glänzen, hinter ſich unſern kleinen Planeten laſſen, der ſich, ärmlich das Licht von der Sonne erhaltend, in einem Winkel dreht und bewegt. Doch ich vergeſſe, daß ich hier von einer doppelten Liebe rede, von der Sie keinen Begriff haben können, da Sie Junggeſelle ſind und nie eine andere Frau ge⸗ habt haben, als die Philoſophie, und nie eine andere Tochter, als die Wiſſenſchaft. Miſtreß Smith führte ihre Tochter weg. Es gibt einen Augenblick, wo man den ſüßeſten Gemüthsbewegungen Einhalt thun muß: tiefer eindrin⸗ gend würden ſie zum Schmerz kommen. Mein lieber Pe⸗ trus, dies rührt davon her, daß die Freude und der Schmerz nur wie ein auf der Oberfläche unſeres Her⸗ zens ausgebreiteter Firniß ſind; grabet, und Ihr wer⸗ det bei jedem Menſchen den Schmerzensbrunnen finden, aus deſſen Tiefe unabläſſig die Thränen emporquellen. Dann hat eine Mutter immer ſo viele Dinge ihrer Tochter zu ſagen, wenn ihre Tochter ſeit drei Monaten verheirathet iſt. Leider, mein lieber Petrus, hatte ihr Jeannie noch nicht die große Neuigkeit mitzutheilen, welche die neuvermählten Frauen mit ſo tiefer Freude ihren Müt⸗ ten verkündigen, und ich fange wahrhaftig an zu be⸗ fürchten, daß es mit einem Sprößling meines Geſchlech⸗ tes iſt, wie mit allen den großen Werken, deren Titel ich in einem Augenblick der Begeiſterung geſchrieben habe, die jedoch abgeſehen von dieſem Titel, einem Zeug⸗ niſſe meiner guten Abſicht, in blanco geblieben ſind. Es wird ſein, wie es Gott gefällt; mittlerweile iſt der Titel von dieſem geſchrieben, wie der von den andern. Iſt es ein Mädchen, ſo wird es Jeannie Willia⸗ 27 mine heißen; iſt es ein Knabe, ſo wird er John Wil⸗ liam heißen. Welches alſo das Geſchlecht des Kindes ſein mag, unſere zwei Namen werden ſich theilen, im Kreuze auf ſeinen Kopf gezeichnet. Vielleicht habe ich Unrecht gehabt, zum Voraus Namen für meine armen Kinder zu ſuchen; vielleicht iſt es dies, was ihnen Unglück bringt... Ich plauderte ſehr ruhig mit Herrn Smith, als plötzlich Jeannie bleich, erſchuttert eintrat. „Ah! mein guter Vater, mein vortrefflicher Va⸗ ter!« rief ſie. Und ſie umarmte ihn weinend, ohne mehr ſagen zu können. Miſtreß Smith folgte ihrer Tochter, ſelbſt eine Thräne vom Winkel ihres Augenlides wiſchend. Ich glaubte Anfangs, es ſei ein wirkliches Unglück geſchehen. Ich ſtand auf. »Mein Gott! fragte ich;„was gibt es denn? was iſt denn vorgefallen 2« „Nichts, mein lieber Bemrode, durchaus nichts,“ erwiederte der Paſtor halb die Achſeln zuckend, indem er ſeine Frau mit einer Miene des Vorwurfs anſchaute, indeß Jeannie fortwährend murmelte:„Guter Vater! theurer Vater!« „Aber es muß doch...« beharrte ich. »Beruhigen Sie ſich und hören Sie, was es iſt: Miſtreß Smith hat nicht ſchweigen können, Miſtreß Smith hat geſchwatzt, und Jeannie weint... Pfui! Schwätzerin, pfui! l „Aber warum weint Jeannie?« fragte ich;„es iſt doch das Wenigſte, daß ich erfahre..« Miſtreß Smith näherte ſich mir und antwortete: „»Nun wohl! Jeannie weint, weil ich Jeannie Al⸗ les geſagt habe.“ „Was haben Sie ihr denn geſagt?« 28 „Lappereien, die ſie beſſer für ſich behalten hätte,« murmelte Herr Smith. „Lappereien... oh! guter Vater!« rief Jeannie; „ſage William, ſage, meine Mutter, was Papa für mich gethan hat.« „Oh! bei meiner Treue, ich will es ſagen, mein lieber Schwieg eerſohn, denn dieſe Erzählung aus dem Munde von Niſtreß Smith wäre ſo lang als die von Trancesca von Rimini bei Dante; und indeß Miſtreß Smith ſpräche, wäre ich genöthigt, zu weinen, um mich nicht gegen die Tradition zu verfehlen. Ich er⸗ kläre Ihnen aber, daß ich heute nicht die geringſte Me⸗ lancholie im Dienſte, von wem es auch ſein mag, habe. Vernehmen Sie alſo einfach, was vorgefallen iſt: um mir nicht mein altes Klavier zu rauben, ſagt mir Jeannie ſeit drei Monaten, ſie bekümmere ſich nichts mehr um die Muſtk, und ich, ich ſage meiner Frau ſeit drei Monaten, der Wein ſchade mir; ſo daß ich, ſtatt der vier Gläſer, die ich ſonſt täglich trank, nur noch ein einziges trinke; durch dieſe kleine Erſparniß indem ich mich verbindlich machte, den Reſt mit dreißig Schillingen monatlich zu bezahlen.“ „Nun, William,“ ſagte Jeannie,„findeſt Du, das ſei kein Grund, um einige Thränen der Dankbarkeit zu vergießen 2« „Gewiß!« verſetzte der Vater;„Deine Mutter hat Dir das erzählt, und Du weinſt und Deine Mutter weint, und wenn Du ein wenig in ihn dringſt, ſo wird William auch weinen; erzähle das vor der Thüre, und die ganze Gemeinde wird weinen, und immer weiter vom Ort zu Ort ſich verbreitend, wird England weinen, wird Schottland weinen und wird Irland wei⸗ nen; die drei Königreiche werden weinen, und Europa, und die Erde und die Engel! Wahrhaftig, Alles dies i*ſt eine ſchöne Geſchichte! Auf, meine Tochter, genug der Muſik, der Poeſie und der Thränen, und da Du eine Hausfrau biſt, ſo mache uns Frühſtück!««. Jeannie trocknete ihre Thränen und küßte ihren Vater. Miſtreß Smith rieb ſich die Augen und küßte ihre Tochter. Dann gingen Beide in die Küche hinab, um ſich mit dem Frühſtück zu beſchäftigen. Und wir nahmen unſere Stöcke und gingen aus, um im Angeſichte der Schöpfung dem ſo guten und großen Schöpfer zu danken, der uns ſolche Familien⸗ freuden bereitete. Ah! mein lieber Petrus, wenn ich bedenke, daß unſere armen Brüder, die katholiſchen Prieſter, weder Frauen, noch Kinder haben; daß ſie für das Glück, wie für das Unglück vereinzelt und allein auf der Erde ſind, ſo ſage ich mir, ſie mögen wohl ſo viel leiden als wir, doch ſie können unmöglich je ſo glücklich ſein. Und dann, das iſt noch nicht Alles: wie können ſie die Witwe in Trauer, die Tochter in Thränen trö⸗ ſten, da ſie nie dieſelben Schmerzen erduldet haben, wie die anderen Menſchen? wie können ſie von jenen Worten finden, welche, aus dem Herzen gekommen, zum Her⸗ zen gehen? Mit den geſchloſſenen Wunden, mein lieber n 30 XXIX. Der Horizont verfinſtert ſich. Am andern Morgen nach dieſem Tage, den ein Römer als einen ſeiner glücklichen Tag mit Kreide aufgezeichnet hätte, war ich entſchloſſen, nach der Stadt zu gehen, um meinen Gehalt von meinem erſten Vier⸗ teljahr zu beziehen. Ich war nicht ganz ohne Beſorgniß; ein paar Tage nach dem Verfall dieſes Vierteljahres hatte ich meinem Wirthe dem Keſſelſchmied eine Anweiſung ge⸗ ſchickt, um dieſen Gehalt in meinem Namen einzuneh⸗ men, und ihn gebeten, wenn er den Betrag erhalten hätte, acht Pfund Sterling an den ſechzehn, die ich ihm ſchuldig war und die er mir zu Beſtreitung meiner Hochzeitkoſten geliehen, zurückzubehalten und mir dann den Reſt zu ſchicken. Doch der wackere Mann hatte mir geantwortet, der Rector, zu dem er gegangen, um Vollmacht zum Ein⸗ kaſſiren zu erlangen, habe ihm erwiedern laſſen, er wünſche mich zu ſprechen, und er lade mich daher ein, meinen Gehalt in Perſon in Empfang zu nehmen. Ich hatte die Reiſe ſo lange als möglich verſcho⸗ ben, da ich nichts Gutes von dieſer Zuſammenkunft erwartete; als ich aber endlich auf dem Grunde unſerer Börſe den letzten Schilling glänzen ſah, da beſchloß ich, mich auf den Weg zu begeben. Die Furcht, die mir der Rector einflößte, war in⸗ deſſen, wie Sie mir zugeſtehen werden, mein lieber Pe⸗ trus, mehr inſtinetartig, als in der Vernunft begrün⸗ det; der Rector war ſo gut und ſo unparteiiſch gegen mich geweſen, daß es, wenn ich es mir recht überlegte, nicht ſchien, als könnte mir von dieſer Seite etwas Schlimmes widerfahren. Nur hatte er mich darauf aufmerkſam gemacht, + VB 9—= 31 das Einkommen meiner Pfarrei eigne ſich zu einer Re⸗ duction und könne von neunzig Pfund Sterling auf ſechzig vermindert werden; dieſe Bemerfung war es, was mir durch meinen Geiſt lief und ihn in Unruhe verſetzte. 1 Dreißig Pfund Verminderung! Begreifen Sie, mein lieber Petrus? Das Drittel von meinem Gehalte, das wäre ungeheuer! Da ich dieſe Reduction nicht erleiden wollte, ohne ſie zu bekämpfen, ſo hatte ich mich baren Protection, mit der er mich beehrt, nicht anneh⸗ men konnte, nothwendig meinen Gründen nachgeben müßte. Einer von denen, auf welche ich am meiſten zählte, war meine Heirath. Ich wußte, welche Theilnahme immer einem guten Herzen das Schauſpiel einer jungen Ehe einflößt. Ich gedachte durch einen ganz natürli⸗ chen Stufengang meine Frau zu zeigen, wie ſie Mutter werde; die Vermehrung unſerer Familie war noch nicht Thatſache, wohl aber eine Wahrſcheinlichkeit. Ich hielt mich bereit, dem Rector zu beweiſen, wie ein Pfarrer ſeinen Gemeindegenoſſen entfernt nicht das Beiſpiel der Verſchwendung geben dürfe, ebenſo ſei es unſchicklich, daß er ihnen den Anblick der Nothdurft biete: im erſten Falle ſei es ein empörendes Aergerniß, im zweiten ein be⸗ trübendes Schauſpiel. Ich hatte für dieſe feierliche Veran⸗ laſſung, auf welche ich mich ſeit vierzehn Tagen vorbereitete, aus den alten und neuen Schriftſtellern eine Reihe von Axiomen geſchöpft, welche darthun ſollten, eine gol⸗ dene Mittelmäßigkeit, wie Horaz ſagt, oder ein ehrliches Auskommen, wie Fénélon ſagt, ſei die günſtigſte Lage, um auf dem Wege des Heils ein von guten Grundſätzen genährtes Herz zu erhalten; mehr * 32 noch, ich hatte eine Menge von Thatſachen geſammelt, die ihm unumſtößlich demonſtriren ſollten, es ſeien die⸗ ſelben Gefahren für das Verderben einer Seele in der Abweſenheit des Nothwendigen, wie in der Anweſenheit des Ueberfluſſes; reiflich überlegt, weiſe gedacht, ſollte Alles dies beredt geſprochen werden. Ich hatte ſogar vor dem Spiegel im Zimmer meiner Frau, dem einzi⸗ gen des Hauſes, meine Rede, ſie mit der ſchicklichſten Stellung und den am beſten der Lage angemeſſenen Geberden begleitend, ſtudirt; den ganzen Weg entlang, den ich in der Carriole des Pächters vom Schloſſe gemacht, hatte ich mit halber Stimme meine Rede wiederholt, was Anfangs den guten Mann in Erſtaunen ſetzte; er ſelbſt aber ſprach nach kurzem Ueberlegen laut, als beantwortete er ſeinen eigenen Gedanken: „Ahl gut, er ſtudirt ſeine Sonntagspredigt.“ Dann peitſchte er wieder ſein Pferd, ohne ſich mehr um mich zu bekümmern, ſo daß ich, als ich nach Not⸗ tingham kam, war wie der Ringer des Alterthums, mit Oel und Sand eingerieben und bereit, in die Arena hinabzuſteigen. Leider, mein lieber Petrus, habe ich oft bemerkt,— und Sie mußten es bemerken wie ich,— daß die ſtu⸗ dirten Reden oder Predigten nur mittelmäßig glücken. Statt mich ſogleich eintreten zu laſſen, wie er es das letzte Mal, wo ich bei ihm erſchienen war, gethan hatte, ließ mich der Rector vor Allem eine Stunde in ſeinem Vorzimmer warten, wonach ich in ſein Cabinet eingeführt wurde. Er ſaß in demſelben Lehnſtuhle, an demſelben Schreib⸗ tiſche, mit derſelben gebieteriſchen Haltung; mein Geld lag gezählt auf der Ecké ſeines Tiſches, ein unterbroche⸗ ner Brief wartete auf ſein Ende. Sehr verdrießlich über den Mangel an Rückſichten, über den ich mich beklagen zu dürfen glaubte, hatte ich eine würdige Miene angenommen, und ich gedachte ihm durch einige ernſte, traurige Worte begreiflich zu D 33 machen, wie ſehr ich durch ſeinen Empfang verletzt ſei; doch er wartete nicht, bis ich den Mund öffnete, ſon⸗ dern er griff mich zuerſt an und ſagte: »„Herr Bemrode, ich habe Sie zum Voraus davon unterrichtet, Ihre Pfarre dürfte eine Reduction erlei⸗ den, doch Sie wollen hartnäckig dieſe, ohne Zweifel, weil Sie in der Nachbarſchaft Liebesverhältniſſe hatten; meine Prophezeiung iſt in Erfüllung gegangen: das Einkommen Ihrer Pfarrei iſt von neunzig Pfund auf ſechzig gefallen; hier ſind fünfzehn Pfund,— das erſte Vierteljahr von Ihrem Gehalte... Gehen Sie!«. Und er deutete bei dieſen Worten auf das für mich beſtimmte Geld, nahm dann wieder ſeine Feder und ſetzte ſeine Correſpondenz fort. 3 Ich vermöchte Ihnen nicht zu ſagen, mein lieber Petrus, wie ſchmerzlich die Gemuthsbewegung war, die mich ergriff, als ich dieſe Worte hörte und dieſe Ge⸗ berde erduldete; ich war gleichſam erſtickt von der ent⸗ ſetzlichen Schüchternheit, die mich zu Boden wirft in den Lagen, wo ich im Gegentheil meinen ganzen Muth nöthig hätte; zweimal verſuchte ich es, das Wort zu nehmen; zweimal erſtarb mir das Wort in der Kehle. Ein kalter Schweiß rieſelte von meiner Stirne. Eine Art von Röcheln, das aus meiner Kehle her⸗ vordrang, machte, daß der Rector aufſchaute. „»Nun!« ſagte er,„Sie ſind noch da? Haben Sie nicht gehört?« „Doch, Herr Rector,“ ſtammelte ich. »Worauf warten Sie denn? Nehmen Sie Ihr Geld und gehen Sie.« Ich raffte meinen ganzen Muth zuſammen. „»Verzeihen Sie, Herr Rector,“ ſagte ich,„ich wollte ie darauf aufmerkſam machen... „Was 2¼ Ich hielt einen Augenblick inne. 5 „So ſprechen Sie doch,“ rief er ungeduldig; vich Der Pfarrer von Afhbourn. II. 3 4„ 4 ſage Ihnen, daß ich Ihren Bemerkungen wenig Zeit zu ſchenken habe.“ „Ich wollte Sie darauf aufmerkſam machen,“ fuhr ich fort, mehr als je verblüfft durch den Ton, in dem dieſer Mann mit mir ſprach,„daß ſechzig Pfund Ster⸗ ling ein ſehr mäßiger Gehalt ſind.. Er unterbrach mich. „Wie, ſehr mäßig!« rief er;„Sie ſind ein Narr, mein lieber Herr Bemrode! Ich werde Vicare ſo viel ich will um fünf und zwanzig Pfund jährlich finden.“ „Aber, Herr Rector, ich habe eine Frau ge⸗ nommen.“ „Geht das mich etwas an? Sie mußten nicht hei⸗ rathen, mein Lieber.“ „Es iſt indeſſen...« „Oh!« rief nun der Rector, während er aufſtand und ſich mit ſeinen zwei Fäuſten auf den Tiſch ſtützte, „werden Sie nicht aufhören, mich mit Ihren Wehfla⸗ gen zu langweilen, Herr Bemrode 2« Ich verlor immer mehr die Faſſung. „Ich hatte gehofft, Herr Rector, ich hatte ſogar darauf gerechnet...“ „Man kann das nehmen oder laſſen, mein lieber Herr Bemrode. Wollen Sie Ihre Pfarrei nicht mit ſechzig Pfund Sterling Gehalt, ſo ſagen Sie es, und Sie werden nicht lange in Verlegenheit ſein, und ich auch nicht.“ Ich fühlte, daß meine Angelegenheiten einen ſchlim⸗ men Gang nahmen. „Herr Rector,« ſagte ich,„man muß mich bei Ih⸗ nen angeſchwärzt haben... „Sie bei mir angeſchwärzt?« unterbrach er mich.„Ich frage Sie: wer des Teufels hat ſo viel Zeit zu verlieren, daß er ſich mit Ihnen beſchäftigen und Sie bei mir anſchwärzen ſollte 2... Ah! mein lieber Herr, ich verſichere Sie, Sie machen ſich eine bedeutende Illuſion über Ihre Wichtigkeit!« Zeit fuhr dem Ster⸗ Narr, viel den.“ ge⸗ hei⸗ ſtand ttzte, jila⸗ ogar eber mit und ich im⸗ Jh⸗ er viel gen ein ne 35 Ich ſtieß einen Seufzer aus und ſchlug die Augen zum Himmel auf. 3 „Gehen Sie, kehren Sie nach Aſhbourn zurück,« ſagte er;„in drei Monaten kommen Sie geheilt von allen Ihren Eitelkeiten wieder; dann werden wir ſehen, ob Ihre Pfarrei erhalten oder aufgehoben werden ſoll. „Erhalten oder aufgehoben, Herr Rector? Es wäre alſo davon die Rede, die Pfarrei Afhbourn auf⸗ zuheben 2 3 „»Warum nicht, wenn ſie unnöthig iſt? Mittler⸗ weile fordere ich Sie zum zweiten Male auf, Herr Bem⸗ rode, Ihr Geld zu nehmen und mich meinen Brief vollenden zu laſſen.« Der Ton, mit dem dies geſprochen wurde, ließ keine Erwiederung zu. Ich ſtammelte eein paar Worte, um mich ſeinem Wohlwollen zu empfehlen, nahm meine fünfzehn Pfund Sterling und ging ganz niedergeſchlagen weg. Als ich den Fuß auf die Straße ſetzte, drehte ich mich mehrere Male um mich ſelbſt, wie ein Menſch, der einen Keu⸗ lenſchlag auf den Kopf bekommen hat. Dann bedachte ich, daß bei einer ſo erſchrecklichen Conjunctur nur mein Wirth der Keßler mir einen guten Rath geben könne, und ſchlug den Weg nach ſeinem Hauſe ein. Ich befürchtete nur Eines: er ſei aulswärts auf ſeinen Gängen in der Umgegend der Stadt, wie dies bei ſeinem Gewerbe zuweilen vorkam; als ich aber die Ecke der Straße erreicht hatte, erblickte ich ihn auf ſeiner Thürſchwelle; er ſtand hier mit gekreuzten Armen und ſchaute, ob ihm das Glück einen Kunden bringe. Ich muß geſtehen, daß er mich, obgleich getäuſcht in ſeiner Erwartung hinſichtlich des Abſatzes ſeiner Waare, beſſer empfing, als er es bei einem Menſchen gethan hätte, der gekommen wäre, um ihm die Hälfte Ich brauchte ihm nicht zu erklären, in welchem 3* 36 Zuſtande ſich mein Geiſt befand; er erkannte es wohl an meinem verſtörten Geſichte. „»Nun!« fragte er mich,„was gibt es wieder, mein lieber Herr Bemrode? Ich glaubte, Sie ſeien glücklich dort in Ihre Pfarrei Aſhbourn eingeſetzt und folglich geſchützt vor jeder neuen Kataſtrophe.« „Ah! mein lieber Wirth,“ verſetzte ich,„iſt der Menſch je geſchützt vor den Schlägen des Schickſals? 2 Es widerfährt mir, was Polykrates, dem Tyrannen von Samos, widerfahren iſt: er war zu glücklich; die h Götter konnten ſein Glück nicht ertragen, das dem ihri⸗ te gen gleichkam. Er wurde durch Verrath gefangen ge⸗ g. nommen und von ſeinem Feinde Orötes, dem Satrapen w von Kambyſes, ans Kreuz genagelt. Bei demüthigeren al Verhältniſſen, als es die ſeinen waren, aber nach einem do Glücke, das nicht minder groß, habe ich meinem Orö⸗ tes gefunden, der mich auch kreuzigen will.“ ſel „Oh!« ſprach der Keßler,„erlauben Sie mir, Ihnen he zu ſagen, Herr Bemrode, mir ſcheint es unmöͤglich, ſch daß Ihnen gegenüber die Grauſamkeit ſo weit getrieben werden ſoll, daß man eine Strafe wieder einführt, die ha ich längſt für aufgehoben hielt.“. un „Mein lieber Wirth, was ich ſo eben geſagt habe, darf nicht buchſtäblich genommen werden; ich habe mich gen bei meiner Erzählung der Metapher bedient, welche eine der Formen der Rhetorik iſt. Wenn ich ſage Pre man wolle mich kreuzigen, ſo meine ich in moraliſcher Ma Hinſicht, und mein Orötes iſt kein Anderer, als der Herr Rector, der auf einmal meinen Gehalt um das Drittel vermindert, und ſogar von Aufhebung meiner mic Pfarrei ſpricht.« lebel „Ohl ich begreife.« 2 „Sie begreifen?«„* „Gewiß.-. „Sie ſind ſehr glücklich, mein lieber Wirth; ich 19 1 begreife nicht.“ 6 wohl „mein lücklich olglich iſt der kſals? annen h; die ihri⸗ en ge⸗ trapen igeren einem Orö⸗ Ihnen glich, rieben t, die habe, mich velche ſage, iſcher 6 der das einer „Wie! Sie begreifen nicht, daß der Herr Rector wüthend gegen Sie iſt, und daß er alkes Schlimme, was er Ihnen thun kann, auch thun wird 2« „Aus welchen Grunde 2 „Eil! weil Sie ihn getäuſcht haben.“. „Ich!“« rief ich;»erfahren Sie, mein lieber Wirth, daß William Bemrode, wenigſtens wiſſentlich, nie einen Menſchen getäuſcht hat.« »Prrrr!... Nun ſteigen Sie wieder auf Ihr hohes Roß und jagen im Galopp davon, ohne abzuwar⸗ ten, was noch kommen ſoll. Sie haben ihn darin ge⸗ getäuſcht, daß er Sie für einen Einfaltspinſel hielt, während Sie ein Mann von Geiſt ſind, daß er Sie als einen Dummkopf anſah, während Sie ihm zeigten, daß Sie ein Gelehrter ſind. ⸗— „Ich, ein Einfaltspinſel! ich, ein Dummkopf!« ver⸗ ſetzte ich ſehr verletzt durch dieſe ein wenig derbe Offen⸗ herzigkeit; ventſchuldigen Sie, mein lieber Wirth, mir ſcheint, Sie irren ſich...« „Ich ſage nicht, Sie ſeien es, ich ſage, habe es geglaubt... Mein Gott, welch ein Menſch! muß man Ihnen denn die Punkte auf die i ſetzen 2« „Ich geſtehe, Sie würden mir damit ein Vergnü⸗ „Nun denn! erinnern Sie ſich der unglücklichen Predigt, die Sie im Dorfe Afhbourn... das erſte Mal gehalten haben?« Die Nöthe ſtieg mir zu Geſichte. „Ja, gewiß,« erwiederte ich;„ja, ich erinnere mich; doch warum machen Sie dieſe Erinnerung wieder lebendig? Ich ſage Ihnen, wie Aeneas Dido ſagte: „Unfandum, regina »Herr Bemrode, ich weiß nicht, wer Aeneas iſt; ich weiß nicht, wer Dido iſt. Hatte Aeneas eine ſchlechte Predigt gehalten und erinnerte ihn Dido an dieſe Pre⸗ digt? igt? Dann iſt die Lage die gleiche, denn ich erinnere 38 Sie an eine Predigt, die Sie gehalten haben, und die, Sie haben es ſelbſt zugeſtanden, kein Meiſterwerk der Beredtſamkeit war.“ »Ja, doch ſeitdem,« entgegnete ich mit Stolz, „doch ſeitdem glaubte ich die Niederlage unter Siegen begraben und die Cypreſſe mit Lorbeeren bedeckt zu haben.“ „Das iſt es gerade; es ſind dieſe Siege, es ſind dieſe Lorbeeren, die Ihnen der Rector, der auf die Nie⸗ derlage und auf die Cypreſſen gerechnet hatte, nicht ver⸗ geſſen kann.“ „Ich glaube, Sie haben mir ſchon ein Wort hie⸗ von geſagt, mein lieber Wirth; doch indem Sie mir dieſen Haß bezeichneten, unterließen Sie es, mich mit der Urſache davon bekannt zu machen.“ „Oh! nein; doch Sie haben ſie vergeſſen. Der Herr Rector hat einen Neffen; dieſer Neffe hat ein Mädchen geheirathet, für das der Herr Rector eine großt Theilnahme hegt, eine väterliche Theilnahme, ver⸗ ſtehen Sie? Der Herr Rector iſt ein Heuchler, der den äußern Anſchein eines ſtrengen Mannes wahren will während er die Annehmlichkeiten eines unſittlichen Men⸗ ſchen genießt; er hat ſich nun folgende Berechnung ge⸗ macht:„„Herr Bemrode iſt der Sohn eines in der proteſtantiſchen Geiſtlichkeit rühmlich bekannten. Man⸗ nes; er hat Anſprüche auf eine Pfarrei; da er aber kein Talent beſitzt...“ „Mein Wirth!« „Er konnte es glauben nach Ihrer Predigt.., er glaubte es ſogar... glücklicher Weiſe täuſchte er ſich Er ſagte ſich alſo:„„Weil er kein Talent beſitzt, ſo wil ich die Stelle dem Concurs unterwerfen; mein Neffe wird ſein einziger Concurrent ſein; da es aber unzweifel⸗ haft iſt, daß die Predigt meines Neffen beſſer ſein wird, als die ſeinige, ſo werden die Gemeindegenoſſen meinen Neffen verlangen, den ich Ihnen ſodann bewillige, um man wird ſagen:„„Welch ein unparteiiſcher Mann iſ =—-8 nd die, erk der Stolz, Siegen ickt zu s ſind ie Nie⸗ ht ver⸗ rt hie⸗ e mir ch mit Der at ein groß „ ver⸗ er den will, Men⸗ ig ge— n der Man⸗ aber t.47 ſich will Neff veifel⸗ wird einen und in iſ 39 der Herr Rector! bei ihm gibt es keine Protection; für ihn gibt es keine Familie; er kann nach ſeinem Belieben über die Pfründen verfügen,— doch dem Talente allein be⸗ willigt er ſie. Sein Neffe hat mehr Talent als Herr Bemrode, und die Pfarrei Aſhbourn iſt ihm bewilligt worden; hätte er weniger gehabt, ſo wäre dieſe Pfarrei Herrn Bemrode zu Theil geworden.« Zum Unglück für ihn und vielleicht für Sie hat Alles eine ſeinen Vorherſehungen entgegengeſetzte Wendung genommen; ie haben die ſchöne Predigt gehalten, ſo ſchön, daß der Neffe nicht einmal in Concurrenz mit Ihnen ge⸗ iſt. treten iſt. Ich lächelte ſehr befriedigt und verbeugte mich. ein Wirth fuhr fort:. „Sie haben die Gemeindegenoſſen verlangt; Sie haben die Pfarrei erhalten,— ſo daß der Herr Rector, der ſeinen Neffen und feine Mündel untergebracht glaubte, Mündel und Neffen wieder ſich auf den Hals fallen ſah.« „Inde irae! Ja, ich begreife; doch, mein lieber Wirth, dann iſt die Sache ernſter, als ich glaubte.« „So ernſt, Herr Bemrode, daß ich Sie auffordere, wohl an Ihre Lage zu denken.“ »Wie ſo? An meine Lage denken? „Hat er ſich darauf beſchränkt, daß er Ihnen einen Abzug bezeichnete 2 „»Mein lieber Wirth, er iſt ſo weit gegangen, daß er mir bemerkte, meine Pfarrei könne auft ehoben werden.“ „Sie ſehen wohl! ich ſage alſo nicht zu viel, wenn ich Ihnen ſage, Sie ſollen an Ihre Lage denken!“ „Auf welche Art ſoll ich aber daran denken 2 „Ei! wenn Sie Bekanntſchaften, Protectionen haben, ſtellen Sie dieſelben in's Feld.« »„Nicht wahr, damit ſte beim Herrn Rector um die Erhaltung meiner Pfarrei nachſuchen?« „Damit ſie Ihnen eine andere zu verſchaffen ſuchen.“ „Eine andere 2 40 „Mein lieber Herr Bemrode, von dieſem Augenblick an betrachten Sie Ihre Pfarrei als aufgehoben. 4 „Oh! dann bin ich ein verlorener, ein zu Grunde gerichteter Mann; ich kenne Niemand.“ „Niemand ²⁴⁵ι „Mein Gott, nein!“ „Sie haben keinen Freund? „Ach! ich habe Sie, mein lieber Wirth, Sie, den ich zuweilen mißkenne, zu dem ich jedoch immer wieder komme.“ „Ja, aber ich bin ein armer Handwerksmann, ohne Einfluß, ohne Anſehen; wenn ich nur wenigſtens Keſſel⸗ ſchmied des Biſchofs wäre!...“ „Leider ſind Sie es nicht.“ „Suchen Sie unter Ihren Jugendkameraden, das ſind die guten.“ „Ich habe wohl einen Freund, einen reud der ein paar Jahr älter iſt, als ich, aber. „Aber was?“ „Es iſt ein einfacher Profeſſor der Philoſophie an der Univerſität Cambridge, Petrus Barlow.“ Sie ſehen, daß ich an Sie dachte. „Nun?« „Er würde für mich Alles thun, was er könnte, deſſen bin ich ſicher.“ „Ser gute Wille iſt ſchon viel.“ „Doch ich bezweifle, ob er durch ſich ſelbſt etwas vermag; in die Wiſſenſchaft vertieft, hat er alle Ver⸗ bindungen mit der Welt vernachläſſigt. Oh! hätte ich eine Empfehlung für Ariſtoteles, für Plato oder für Sokrates nöthig, er würde ſie mir geben.“ „Verlangen Sie dieſelbe immerhin.“ „Mein Freund, dieſe Leute ſind vor zwektauſend fünfhundert Jahren geſtorben.“„ „Das iſt etwas Anderes; Sie brauchen Lebende.“ „Petrus Barlow lebt nur mit den Todten.“ „Aber er hat doch eine Familie? ——— ——⁸ ublick unde „den ieder ohne eſſel⸗ das , der de an unte, was Ver⸗ e ich für ſend de 4 41 „Er hat einen Bruder, der Kaufmann und einer der reichſten und angeſehenſten Banquiers von Liver⸗ pool iſt.« 3 „Dasz iſt es, was Ihnen dienen wird! Ein vor⸗ nehmer Herr, mag er vom Adel oder von der Kirche ſein, ſcheint oft pfui über die Empfehlung eines Ban⸗ quier zu machen; er wirft ſie auf die Seite und zuckt vor der Welt die Achſeln; wenn er aber allein iſt, hebt er ſie auf, ſchreibt ſeine Anmerkungen bei, übergibt ſie ſeinem Secretär oder ſeinem Intendanten und ſagt zu ihm:„„Nehmen Sie, So und ſo, und erinnern Sie mich bei Gelegenheit an dieſes Geſuch; es iſt das eines ar⸗ men Teufels von einem Millionaͤr, für den ich gern Etwas thun möchte.“ 4 „Wiſſen Sie, mein lieber Wirth,“ verſetzte ich, in⸗ dem ich ihn anſchaute,„wiſſen Sie, daß Sie ein ſehr tiefer Mann ſind 2 „Ich!« Er lächelte. „Ich bin ganz einfach ein armer Keſſelſchmied, der zuweilen ſein Kupfer ſchlagend und ſeine Töpfe ver⸗ zinnend nachgedacht hat, und was ich Ihnen hier ſage, iſt das Reſultat meiner Betrachtungen.“ „Geben Sie mir eine Feder, Tinte und Papier.“ „Gehen Sie an meinen Schreibtiſch; Sie werden Alles finden.“ „Ich will auf der Stelle Ihren Rath befolgen...“ „Sie ſind ſehr gut.“ »Und an meinen Freund Petrus Barlow ſchreiben.“ „Sie haben Recht; wenn das Ihrer Lage nichts nützt, ſo wird es doch auch nicht ſchaden; nur...« „Nur 2 „Je weiter die Pfarrei, die er Ihnen verſchaffen kann, von der von Afhbourn entfernt iſt, deſto beſſer wird es ſein. Sie haben es mit einem ſchlimmen Fuchs zu thun; ſtellen Sie ſich aus dem Bereiche ſeiner Klauen.“ 42 Ich bedeutete ihm mit dem Kopfe nickend, ich er⸗ kenne das ganze Gewicht ſeiner Empfehlung, und ging in das Cabinet meines Wirthes des Keßlers. Von hier aus, mein lieber Petrus, ſchrieb ich Ih⸗ nen den Brief, der unſere unterbrochene, aber nicht ab⸗ gebrochene Verbindung wieder anknüpfte; in Ihrer Ant⸗ wort verſicherten Sie mich Ihrer Freundſchaft, ſagten Sie mir, Sie haben mein Geſuch Ihrem Bruder über⸗ geben, und baten Sie mich, Ihnen mit aller Aufrich⸗ tigkeit mein Leben, meine Gefühle, meine Gemüths⸗ bewegungen, meine Hoffnungen und meine Schmerzen zu erzählen, da Sie ſich damit beſchäftigen, die Autopſie der Lebenden vorzunehmen, wie dies die Aerzte an den Todten thun. Sie ſind glücklich, mein Freund; Ihre große Ar⸗ beit iſt im Zuge; meine Geſe demüthige, ſehr unbekannte Epiſode davon ſein, während ich noch in der Aufſuchung meines Gegenſtandes be⸗ griffen bin. 4 Ach! dieſes Buch, ſo lang und ſo ſchwer es ſein mag, finde ich den Plan dazu, ſo befürchte ich doch ſehr, daß das Unglück, das ſich gegen mich zu entfeſſeln anfängt, mir nicht die ganze Muße gönnt, um es aus⸗ zuführen. Denn, mein lieber Petrus, indem ich Ihnen meine Scene mit dem Rector erzählte, habe ich Ihnen nur einen Theil meiner Mißgeſchicke erzählt; der andere, der gräßlichere vielleicht, erwartete mich bei meiner Rückkehr. Polykrates hatte nur einen Orötes, und ich, ich habe zwei! Urtheilen Sie: da ein einziger hinreichend war, um einen König von Samos an das Kreuz zu ſchla⸗ gen, mit welchem traurigen Schickſal bin ich, ein ein⸗ facher Dorfpfarrer, bedroht! Ich bitte Sie alſo inſtändig, mein lieber Freund, chichte wird nur eine ſehr 88 25 h er⸗ ging 43 wenn Sie Ihrem Bruder, dem ehrenwerthen Herrn Samuel Barlow, ſchreiben, verſichern Sie ihn meiner tiefſten Verehrung und ſagen Sie ihm, ich empfehle mich zu geneigtem Andenken. XXX. Der Intendant. Es war Abends fünf Uhr. Mein Wirth der Keß⸗ ler wollte mich beim Eſſen behalten, doch ich be⸗ merkte ihm, es ſeien nicht weniger als zwölf Meilen von Nottingham nach Aſhbourn; da ich keine Gelegen⸗ heit habe, ſo müſſe ich zu Fuße gehen; was das Blei⸗ ben bis zum andern Tage betreffe, ſo würde ich hiedurch Jeannie in die Unruhe über eine fern von ihr zuge⸗ brachte Nacht verſetzen, und nichts in der Welt könnte mich hiezu beſtimmen. Dem zu Folge übergab ich ihm acht Pfund als die Hälfte der Summe, die er mir ſo zuvorkommend bei meiner Verheirathung geliehen hatte, und ging ab, den wackern Mann ſegnend, der mir die Augen geöffnet, und mein böſes Schickſal verfluchend, das mich aus der Tiefe meines azurblauen Firmaments einen für die Zu⸗ kunft ſo ſtürmiſchen Himmel erſchauen ließ. Mein Marſch nach Hauſe war traurig; es iſt un⸗ glaublich, wie uns die Natur durch die goldene Wolke unſerer Einbildungskraft oder durch den Trauerſchleier unſerem Herzens erſcheint. ebenſo viel Wellen hinrollt, als der Ocean um uns her⸗ rollt, gibt es Sommertage, welche die Lüfte durchzie⸗ hende Boten des Winters oder des Herbſtes zu ſein ſcheinen. Gegen ſieben Uhr hatte ſich indeſſen das Firmament aufgeheitert, und der Horizont im Weſten allein war mit angehäuften Wolken, den ſchwarzen Bergen in Tyrol ähnlich, beladen geblieben; und mitten unter dieſen Bergen, deren blaue Gipfel ſie mit einer Franſe von Purpur und Gold einfaßte, war die Sonne untergegan⸗ gen, nicht wie ein Eroberer, der ſich niederlegt, um am andern Tage glänzender wieder zu erſcheinen, ſondern wie lin Beſtegter, welcher fällt und zum ewigen Schlafe eingeht. Im Oſten dagegen ſpaltete ſich von Zeit zu Zeit der Himmel, um einen nächtlichen, ſtillen Blitz durch⸗ zucken zu laſſen, und jedes Mal hätte man glauben ſollen, es ſei das Auge eines entſchlummerten Rieſen, das, ſich wieder öffnend, einen Blick und einen raſchen Schein auf die Welt werfe. Wie in dem ſchönen Gedichte von Thomas Gray, das mir Jeannie geſprochen, erfüllte ſich die Abend⸗ dämmerung mit Trauer durch den Klang des Glöckchens der Herden, die der Hirte nach dem Stalle führt, und durch den noch viel ſchwermüthigeren Klang der Glocke der Kirche, dieſes Schafſtalls der großen menſchlichen Herde, die das Gebet zu Gott führt. Dieſe ganze Natur, die ich bei meinen vorhergehen⸗ den Reiſen ſo lebendig und ſo freudig geſehen, ſchien mir betrübt und ſchmachtend. Und warum dies? Mein lieber Petrus, bewundern Sie den Einfluß, den auf das phyſiſche und moraliſche Leben die Ab⸗ weſenheit oder die Anweſenheit einiger runder Stücke von gelbem glänzendem Metall üben kann. Ich hatte von Nottingham vierzehn bis fünfzehn Pfund zurückzubringen geglaubt: ich brachte nur ſie⸗ ben zurück. ſein ment war Tyrol dieſen e von egan⸗ n am idern hlafe Zeit urch⸗ ollen, ſich chein Bray, bend⸗ hens und locke ichen 45 Die Abweſenheit einer ſo elenden Summe machte die⸗ ſen ſo düſtern Himmel und dieſen ſo melancholiſchen Horizont. 74 Ich täuſchte mich uͤbrigens: nein, es war nicht ganz dieſes, was den Himmel der Gegenwart düſter und den ſichtbaren Horizont melancholiſch machte; nein, es war der Schatten des unſichtbaren Horizonts, es war das Geſpenſt der unbekannten Zukunft. Ein drohendes Geſpenſt! ein Horizont voller Stürme! Ich kam endlich zu den erſten Häuſern von Aſhbourn, als es faſt zehn Uhr Abends war; der Mond, der ſeit einer Stunde langſam am Himmel aufſtieg, machte die Nacht durchſichtig und vergrößerte inmitten dieſer Nacht unter ſeinem bleichen Lichte die weißen Mauern dieſer erſten Häuſer. Man hätte glauben ſollen, es wäre ein Heer von Ge⸗ ſpenſtern, das mir entgegenkäme. Ich weiß nicht, ob es Ahnungen gibt, mein lieber Petrus; das weiß ich aber, daß ich den ganzen Weg ent⸗ lang nicht nur einer Schwermuth, deren Urſache ich Ih⸗ nen genannt, ſondern auch einer unbeſtimmten Angſt, deren Gegenſtand ich durchaus nicht kannte, preisgege⸗ ben war. Mir ſchien, eine ſchlimme Kunde zurückbringend, ſollte ich bei meiner Ankunft eine noch viel ärgerlichere erfahren. Endlich erblickte ich das Pfarrhaus. Seitdem ich in das Dorf eingetreten war, hatte ich mich in der Idee gewiegt, ich werde von fern Jeannie, mich erwartend, halb unruhig, halb lächelnd auf der Schwelle ſehen. Ich ſagte mir:„Wenn Jeannie mich erwartet, wenn ich Jeannie von fern ſehe, ſo werden alle ſchlimme Vorzeichen beſchworen ſein, und es wird dies als Beweis gelten, daß meine Befürchtungen Thorheiten nnd die Vorherſehungen meines Wirthes Geiſterſehereien ind. Nicht wahr, Ihnen, Philoſoph, Ihnen, ſtarker Geiſt, ſind nie ſolche Albernheiten durch den Kopf ge⸗ gangen?. Nun wohl! Sie können ſich nicht vorſtellen, mein lieber Petrus, welchen Einfluß bei gewiſſen Dispoſitio⸗ nen des Geiſtes ſolche Ideen auf eine Einbildungs⸗ kraft wie die meinige üben. Ich hatte bis zu der Biegung des Platzes Jeannie auf der Schwelle zu ſehen gehofft; ich hatte Sie mit den Augen der Seele geſehen; ich hatte ihr zum Vor⸗ aus zugelächelt; ich hatte ganz leiſe mit meiner ſüßeſten Stimme die Worte gemurmelt, die ich ihr zu ſagen gedachte. Die Schwelle war verlaſſen; mein Herz ſchnürte ſich zuſammen. Ich näherte mich ganz ſchauernd. Da ich nicht wußte, zu welcher Stunde ich zurück⸗ kommen würde, ſo hatte ich den Schlüſſel mitgenom⸗ men, um Jeannie nicht zu ſehr zu beläſtigen, wenn ich zu einer weit vorgerückten Stunde der Nacht käme. Ich ſtörte in meiner Taſche und fand darin mei⸗ nen Schlüſſel; meine Nervenerregung war ſo groß, daß ich ihn mit derſelben Stärke preßte, wie ich es mit dem Hefte eines Meſſers oder eines Dolches gethan hätte. Kaum fand ich das Schloß, dergeſtalt zitterte meine Hand. Der Schlüſſel knirſchte, die Thüre öffnete ſich. Ich hatte ſolche Eile, zu Jeannie zu gelangen, daß ich die Thüre nicht einmal wieder hinter mir ſchloß. Tappend ſchritt ich durch die Hausflur; mir ſchien, ich höre mit lauter Stimme in meinem Cabinet, dem ehemaligen Schlafzimmer der Witwe, ſprechen. Ich fand die Thüre des Speiſezimmers und drückte daran; ſie gab nach. Dann wurde das Geräuſch, das ich zu hören ge⸗ glaubt hatte, deutlicher; ich ging durch das Speiſe⸗ zimmer, an Tiſch und Stühle ſtoßend, ohne daß dieſes erker ge⸗ nein ttio⸗ ngs⸗ nnie mit Vor⸗ eſten agen türte rück⸗ nom⸗ ich mei⸗ daß dem e. terte daß ien, dem ückte ge⸗ eiſe⸗ ieſes 47 Anſtoßen diejenigen unterbrechen konnte, welche im be⸗ nachbarten Zimmer ſprachen. Ich kam zu der Thüre; ſie warxleicht geöffnet; durch dieſe Oeffnung drang ein Lichtſtrahl und verbreitete ſich das Geraͤuſch. Ich ſchaute und horchte. Jeannie ſtand da mit gekreuzten Armen, gefalteter Stirne und ſtolz aufgeworfener Lippe; ſie hatte einen Ausdruck der Verachtung und des Zorns, den ich nicht nur nie auf ihrem ſchönen Geſichte geſehen, ſondern wozu ich ſie ſogar nie fähig gehalten hätte. Das war ſchön und groß, wie die Bildſäule der Entrüſtung. Vor ihr kniete, ein wenig zurückgeworfen, der In⸗ tendant Herr Stiff. Er hatte die Haltung eines Men⸗ ſchen, welcher fürchtet, und die Phyſiognomie eines Mannes, welcher hofft. In dem Momente, wo ſich mein Auge an die Oeffnung legte, zog Jeannie einen von ihren Armen aus ihrer Kreuzung, ſtreckte ihn mit der Geberde einer Königin gegen die Thüre aus und ſprach: „Stehen Sie auf, mein Herr, und gehen Sie.“« „Aber ſchöne Jeannie!« ſtammelte der Intendant. „Ich ſage Ihnen, Sie ſollen gehen!“ wiederholte Jeannie. Herr Stiff ſchien einen großen Entſchluß zu faſſen. „Sie heißen mich weggehen? Gut; Sie ſagen das ſehr würdig, ich leugne es nicht; doch wir haben ſolche Würden auf dem Theater geſehen, und da Eure Ma⸗ jeſtät keine Leibwachen hat, um mich vor die Thüre werfen zu laſſen, ſo werde ich gehen, wann es mir be⸗ iebt. „»Mein Herr,« verſetzte Jeannie,„Sie benehmen ſich nicht wie ein Mann; Sie haben die Livree getragen: Sie benehmen ſich wie ein Lackei!«. Herr Stiff brüllte vor Zorn und ſtreckte ſeine beiden Arme aus, um Jeannie zu ergreifen. 48 Doch ſie warf ſich zurück, und ſeine beiden Arme griffen nur den leeren Raum. Da ſtand er wieder auf, machte einen Schritt gegen ſie und wiederholte zwiſchen ſeinen zuſammengepreßten Zähnen: „Ein Lackei Ahl ein Lackei! Verwiſchen Sie dieſes Wort nicht mit Ihren zärtlichſten Liebkoſungen, Madame, ſo wird es Ihnen und Ihrem Manne theuer zu ſtehen kommen.“* Auf einen lächerlichen Liebesausdruck war im Blicke, auf dem Geſichte, im Geſammtweſen der Phyſiognomit des Intendanten ein ſolcher Ausdruck von Haß gefolgt, daß Jeannie nach der Thüre ſtürzen wollte. Doch er hielt ſie auf dem Wege zurück. und da ſie nun gleichſam in ſeine Gewalt gegeben war, ſo ſagte er: »Madame, es iſt zehn Uhr; Ihr Haus liegt verein zelt; Herr Bemrode ſchläft in Nottingham; Sie möch ten immerhin um Hülfe rufen, Niemand würde Si hören, Niemand würde kommen; beſſer iſt es alſo, Si büßen durch Ihre Unterwürfigkeit die Beleidigung ah die Sie mir angethan haben.... Madame, noch eil Mal bitte ich; eine neue Weigerung, und ich nehme. Jeannie ſchaute umher, als wollte ſie ein Mitt der Flucht oder der Vertheidigung ſuchen; er folgte in mit den Augen, lachte dämoniſch und rief: „Oh! ſuchen Sie; es iſt nichts da, es iſt Ni⸗ mand da!“ „Gott iſt da, mein Herr!« ſprach Jeannie, wäß⸗ rend ſie, ſelbſt den höchſten Grad der Exaltation errei chend, mit der Geberde einer Prophetin nach dem Him mel deutete.„Nein, es iſt wahr, nichts iſt um mit her, um mich zu vertheidigen; es iſt Niemand da, un mir beizuſtehen; man kann mich nicht hören, wenn it rufe; man kann nicht kommen, wenn Sie mich angrei fen! Und dennoch, ich ſage es Ihnen, Elender! il ſage es Ihnen mit meiner Verachtung gegen Sie un Arme gegen reßten en Sit ungen, theuer Blicke nomi folgt, geben erein⸗ möch⸗ e Si „ Si g ah ch ein zme.“ Nitte te iß Nie wäß⸗ errel⸗ Him mis „ un n i grei 1 ic um 49 meinem Vertrauen zum Herrn, ich bin da, ſchwach, ohne Waffe und ohne Stütze, ich erwarte Sie!.... Und wenn Sie einen Schritt thun, wenn Sie Ihre Hand an mich legen, ſo wird mir eine Hülfe zukommen.... welche? es iſt mir nicht bekannt.... von wo? ich weiß es nicht; doch ſie wird kommen, das wiederhole ich Ih⸗ nen! Verſuchen Sie es le. Der Intendant blieb einen Augenblick verblüfft, zögernd ſtehen; dann, als ſchämte er ſich, daß er vor der Drohung eines Weibes zurückweiche, ſtürzte er auf Jeannie los.. Doch zu gleicher Zeit drückte ich die Thüre auf, legte ihm die Hand auf die Schulter und ſprach: „Nehmen Sie ſich in Acht, Herr Stiff, ich bin dal« Jeannie ſtieß einen Freudenſchrei aus. „Ohl ich ſagte es Dir wohl, Elender! Gott hatte das Auge auf Dich gerichtet.“ „Ah! ah!“« verſetzte Herr Stiff mit den Zähnen knir⸗ ſchend,„Sie ſind es, Herr Bemrode!« „Ja, mein Herr, ich bin es,“ erwiederte ich,„und obgleich von ſanftem Charakter, obgleich Diener eines Gottes des Friedens, erkläre ich Ihnen, daß der Mann, der, nachdem er meiner Frau einen ſolchen Schimpf an⸗ gethan, fünf Minuten länger unter meinem Dache bliebe, für ſein Leben Gefahr laufen würde.« Ich war ſehr bleich; ich drohte mit einer ſcharfen Stimme, und meine Finger, die ich auf ſeine Schulter gelegt, zogen ſich krampfhaft zuſammen und drangen in ſein Fleiſch ein wie die Klauen eines Geiers. Er begriff, daß er, wenn er ein Wort mehr ſprach und dieſes Wort eine Beleidigung oder eine Prahlerei enthielt, verloren war. Doch er ſchämte ſich dergeſtalt, ſich ſo zurückziehen zu müſſen, daß er, auf die Gefahr, was daraus entſte⸗ hen könnte, auf ſeinem Rückzuge noch zu beißen verſuchte. „Gutl ich hätte es vermuthen müſſen: die Frau gibt ſich den Anſchein, als wäre ſie allein, der Mann Der Pfarrer von Aſhbourn. II. 4 50 iſt verborgen; ein Hinterhalt nach den Regeln! Wie viel koſtet das, Herr Bemrode? Wenn die Summe un⸗ in ſere Mittel nicht überſteigt, ſo läßt ſich das ins Reine an bringen.“ Sch hörte nicht einmal mehr das Uebrige ſeines 45 Satzes, den er in erdrückten Tönen vollendete. 3 Ich hatte ihn mit meinen Händen bei der Gurgel me gepackt und würgte ihn. iſt „Mein Freund! mein Freund!« rief Jeannie, auf biſt mich zueilend,„was thuſt Du? Du, ein Geiſtlicher!« „Es iſt wahr,“ erwiederte ich;„doch Du wirſt zu⸗ geſtehen, was hier vorgefallen, iſt um die Engel weinen zu machen, wie Shakeſpeare ſagt.„Nein, Herr Stiff,« ſprach ich, indem ich ihn losließ,„nein, meine Frau hat ſich nicht den Anſchein gegeben, alz wäre ſie allein; nein, ich war nicht verborgen; nein, das iſt kein Hinterhalt; nein, Sie haben keine Summ hiefür zu geben, in Betracht, daß es keine Summe gibt, welche die Beleidigung, die Sie uns angethan, Erkl abkaufen könnte! Solche Beleidigungen laſſen ſich nicht deſſe abkaufen, mein Herr; ſie werden vergeben.. Gehen die L Sie und bereuen Sie, vielleicht wird man Ihnen dann Ordr verzeihen.“ Ich hob ſeinen Hut auf, der auf den Boden lag, auf und reichte ihm denſelben. begeg »Gehen Sie,“ wiederholte ich,„und nehmen Sie Schlo ſich in Acht bei der Art, wie Sie von dieſem Abentener pertin reden werden. Ich, was mich betrifft, verſpreche Ihnen, Comy zu ſchweigen; was man davon erfährt, angenommen, ſeine man erfahre etwas, wird alſo von Ihnen kommen gehale Gehen Sie, Herr Stiff, gehen Sie.“ gewöh Er zögerte einen Augenblick, wie ein Menſch, der 6. das Mittel geſucht hätte, uns Beide zu vernichten; als hatte er aber Jeannie würdig und ruhig und mich feſt und An de drohend ſah, ſagte er: ſuch g „Oh! wir werden binnen Kurzem ſehen, wie das nie, 2 Alles endigen wird.“ Wie ne un⸗ Reine ſeines Gurgel , auf her!« eſt zu⸗ ngel Nein, onein, „ als nein, umme umme than, nicht d Behen dann lag, Sie teuer ynen, men, men. der als und 51 am Tiſche und erreichte die Hausthür, die er mit einem Lärmen und einer Heftigkeit ſchloß, welche von ſeinem „»Mein Freund!« rief Jeannie, indem ſie ſich in meine Arme warf,„was für ein ſchändlicher Menſch iſt dies, und welches Glück iſt es, daß Du gekommen biſt!« XXXI. Orötes I. Was ich geſehen und gehört, überhob Jeannie jeder Erklärung; nach einer ſolchen Scene folgten ſich in⸗ eſſen, wie Sie begreifen werden, mein lieber Petrus, die Wie und die Warum mit mehr Schnelligkeit, als ſeine Complimente für Alltagsphraſen der Converſation gehalten und nicht mehr Gewicht darauf gelegt, als gewöhnlich dergleichen Albernheiten verdienen. o oft aber der Intendant Jeannie wiedergeſehen, hatte er es verſucht, einen Schritt weiter zu gehen. An dem Tage, wo er uns mit ſeiner Frau einen Be⸗ ſuch gemacht, hatte er den Augenblick benützt, wo Jean⸗ das nie, Madame Stiff folgend, vor ihm in mein Cabinet 4* 52 eintrat, um ihr den Arm zu druͤcken und ihr zu ſagen, er liebe ſie. Hievon die Bewegung, welche Jeannie gemacht und die ich wahrgenommen hatte, doch ohne mich weite darum zu bekuͤmmern. Als er endlich vom Pächter des Schloſſes erfuhn ich fahre mit ihm nach Nottingham, als er den Pächta ohne mich zurückkommen ſah, dachte er, ich werde wahr ſcheinlich in der Stadt durch meine Geſchäfte bis zun andern Morgen aufgehalten, und er beſchloß, meine Ab Pedhnhe zu benützen, um einen großen Verſuch zu machen. Sie errathen den Anfang der Scene, da Sie dar Ende wiſſen; er bot zuerſt ſeine Liebe an, dann ſei Geld, und endlich wollte er es mit der Gewalt vmn ſuchen. Ich kam gerade in dem Augenblick, wo meine mi thige Jeannie dieſen Schimpf durch die Schmähung m die Verachtung zurückwies. Alles dies war traurig und drohend; er war, we der Tartuffe des franzöſiſchen Stückes, mit der Bema kung weggegangen, man werde wieder von ihm rede hören; leider brachte ich, um Jeannie über das, wi in Aſhbourn vorgefallen, zu beruhigen, keine gl. Nachrichten von Nottingham zurück. Ac Wie ſie mir Alles geſagt hatte, ſo ſagte ich i Alles. Jeannie hörte meine Erzählung mit einer wunde baren Reſignation an. „Mein Freund,“ ſprach ſie,„indem er uns mit ein ander verband, hat Gott uns für das Glück wie für di Unglück verbunden; wir haben mit einander das ei genoſſen, mit einander werden wir das andere ertragtt Und dann, ſiehſt Du, wie Du mir im äußerſten A genblicke zu Hülfe gekommen biſt, ſo wird uns Gott äußerſten Augenblick eine Stütze ſchicken; hegen wir de Glauben: der Herr wird das Uebrige thun.“ von gen Ra wen den zu Haf tend Not Hät ſo h des gang Ster Mor Spa von ich geſag Scht einer geme ich u zwei ſoglen den ſchon zuge, ſagen, ht und weiten erfuht Zächte ie m ng un r, w Beme redi , wi e gü ich i punde en A ott i vir d 53 Da ich kein Mittel hatte, gegen einen einzigen von meinen Feinden zu kämpfen und um ſo weniger ge⸗ gen zwei, ſo war ich natürlich genöthigt, mich dem Nathe von Jeannie zu ergeben; doch ich geſtehe, mit weniger Vertrauen und Reſignation als ſie erwartete ich den Schlag, von dem ich bedroht war. Wir beſchloſſen, dem Vater und der Mutter nichts zu ſagen; ſie vermutheten nichts; ſie wußten nichts vom Haſſe des Rectors gegen mich, von der Liebe des In⸗ tendanten für Jeannie. Wozu ſie peinigen? Was eine pecuniäre Unterſtützung betrifft, wenn der Nothfall einträte, ſo wußten wir, daß das unmöglich war. Hätte der gute, liebe Herr Smith baares Geld gehabt, ſo haßte er die Schulden zu ſehr, als daß er in Betreff des Fortepiano von Jeannie eine Verbindlichkeit einge⸗ gangen haben würde. ir breiteten auf einem Tiſche unſere ſieben Pfund Sterling aus; ſtreng genommen konnte man hiemit drei Monate leben, doch um zu einem ſolchen Wunder von Sparſamkeit zu gelangen, durfte nicht ein Schilling von dieſer armſeligen Summe genommen werden. Von Zeit zu Zeit fiel mir aber Eines ein, was ich weder Herrn Smith, noch ſeiner Frau, noch Jeannie geſagt hatte: das war meine Schuld, oder vielmehr jene Schuld meines Vaters, die ich übernommen und mittelſt einer Guinee vierteljährig zu bezahlen mich einheiſchig gemacht hatte. Es war beſonders der einfältige Schuldſchein, den ich unterzeichnet, dieſer Schein, nach welchem, wenn zwei Termine nicht pünktlich bezahlt waren, das Ganze ſogleich eintreibbar wurde. Wie aber die Guinee, mit der ich im Verzuge, von den ſieben Guineen nehmen, die uns blieben 2 Wie beſonders Jeannie geſtehen, daß, während ich ſchon mit einer Guinee bei meinem Gläubiger im Ver⸗ zuge, wenn ich nicht in ſieben Wochen eine zweite Gui⸗ ——QQ— 54 nee bezahlte, eine ganze Summe von fünfzig Pfund eintreibbar wurde? Doch auf dieſer Seite hatte ich eine Hoffnung; da er immer von meinem Vater und von mir gut bezahlt worden, ſo würde Herr Rham,— dies war der Name des Kaufmanns in Nottingham,— uns Zeit bewilligen. Zeit! das war Alles, was ich brauchte; meime Pfarrei ließ mir viel Muße; die Liebe von Jeannie machte mir aus dieſer Muße die allerſüßeſte Ruhe; i konnte ſogleich an das große Werk gehen, welches anzut fangen ſo viele Umſtände mich bis jetzt verhindert hatten, Da dies im Ganzen das Vernünftigſte war, ſo be⸗ ſchloß ich, ſobald als möglich zu beginnen. Nur wollte ich nicht zum Früheren zurückkehren was ich verlaſſen hatte, ſollte verlaſſen bleiben; ü ber⸗ dies waren viele Veränderungen in meinem Geiſte vor gegangen, viele neue Horizonte hatten ſich vor meine Einbildungskraft geöffnet. Mit meiner erſten Kenntni des Menſchen hatte ſich meine Kenntniß der Welt ver⸗ bunden, die ich aus vier Monaten des wirklichen L⸗ bens geſchöpft. Ich wußte nun, welches das Werk wan das meinen Zeitgenoſſen gefallen könnte: es war wede ein epiſches Gedicht, zu dem ich, um es zu ſchreiben zehn Jahre brauchen würde, noch eine Tragödie, vol der ich nicht wußte, wo ich ſie ſollte aufführen laſſel noch eine Abhandlung über vergleichende Philoſophin die ich auf meine eigenen Koſten herauszugeben genöthit wäre; nein, es war ein moraliſcher Roman, wie d von Leſage, von Richardſon oder vom Abbé Prévoſt ein Gil Blas, eine Pamela, eine Cleveland; da würde die Geſellſchaft in Bewegung ſetzen, das würd ich mit meiner Menſchenkenntniß zum großen Beifal meiner Zeitgenoſſen ausführen. Was ſollte mich überdies abhalten, in dieſem Buch ein wenig von dem ſatyriſchen Geiſte zu verbreiten, d in mir ſo mächtig, daß er nur zu überſtrömen ve langte? Was würde mich abhalten, einen Heuchle fund ; da zahlt Namt igen, meine annie ; ich anzu⸗ atten. ſo be⸗ hrenl über⸗ e vor⸗ neine intm t ver en Le k wan wede reiben , vo würd Beifa Buch en, d n vel. euchlet 55 wie den Rector, einen flachen, feigen Emporkömmling wie den Intendanten zu ſchaffen und zu ſchildern? Es war ſicherlich eine ſchöne Sendung vor Gott und vor den Menſchen, zu gleicher Zeit, im Angeſichte der Ge⸗ ſellſchaft, die Unkeuſchheit und die Heuchelei zu beohrfei⸗ gen! Gott hatte mir allerdings eine Kanzel gegeben, um gegen die Laſter zu donnern; was war aber der Horizont, in welchem mein Donner rollte? Was war der Kreis, in dem mein Blitz treffen konnte? der Kreis und der Horizont eines kleinen Dofes.. Bei meinem Roman aber war es nicht mehr daſ⸗ ſelbe; ich ſprengte den Kreis, in welchen ich einge⸗ ſchloſſen war, ich zerriß den Horizont, der mich be⸗ gränzte; ein Noman ſprach in London, in England, in Schottland, in Irland, in den drei Königreichen! Der Abbé Prévoſt überſetzte ihn, wie er es mit Cla⸗ riſſa Harlowe und mit Grandiſon gethan hatte. Dann ging mein Ruf, wie er über die Tweed, über den Saint Georges Kanal gegangen war, über den Pas de Calais. Einmal in Frankreich bekannt, war ich in der ganzen Welt bekannt: Frankreich iſt der Licht⸗ herd, der ſeine Hellen über ganz Europa verbreitet. Die Hochachtung und das Vermögen kamen mir dann von allen Seiten zu; dann trotzte ich allen Rectoren und allen Intendanten der Erde; dann erhob ich Jeannie auf den goldenen Schild meines Reichthums und mei⸗ Noihutes. ich machte aus Jeannie die Königin der Welt!... Oh! mein lieber Petrus, welch eine ſchöne Fabel findet ſich in dem großen Philoſophen, den man Lafon⸗ taine nennt, eine Fabel betitelt: Perrette oder der Milchtopf. Mein Freund, der Gegenſtand meines Romans war feſtgeſtellt, der Plan davon war gemacht, der Ti⸗ tel war geſchrieben; ich hielt die Feder in der Hand, um die erſten Zeilen davon aufzuzeichnen; die Inſpira⸗ tion ſtand mir, die Augen und die Arme zum Himmel 4 56 erhoben, zur Seite, da tritt plötzlich Jeannie ein; ſie der hatte unſern armen Bedarf eingekauft, was ſie immer bed ſelbſt that. Ich wende mich um, da ich die Thüre mei⸗ Do nes Cabinets öffnen höre, ich ſehe ſie bleich unß mit Thränen in den Augen, ich lege meine Feder mieder, bed denn Jeannie vor Allem! Ich werde unruhig, ich er⸗ dro kundige mich und erfahre, es gehe in Aſhbourn das Zu Gerücht, meine Pfarrei ſei in ein einfaches V cariat verwandelt, und es werde ein Viear hieher geſchickt, an um meine Stelle zu erſetzen. Das war der von meinem Wirthe dem Keßlex vor⸗ hergeſagte Schlag. 1 Ba Nie, mein lieber Petrus, nie ſtieg ein Menſch, rück das ſchwöre ich Ihnen, von erhabeneren Höhen il einen Do tieferen Abgrund hinab. Wenn dieſes Gerücht einige Wirklichkeit hatte, wenn hat ich erſetzt wurde, wenn dieſer Vicar ankam, ſo war ich ich verloren. Gaſtfreundſchaft für mich und für Jeannie bei Herrn beke Smith und ſeiner Frau verlangen, bei ihnen ein alle mei gemeines Elend aus unſerem Elend machen, ich, meine Frau, das Kind, das uns Gott vielleicht bewilligen fach würde, unſern guten, theuren Eltern zur Laſt ſein.. Nie! Lieber würde ich ſterben. Sie begreifen, mein lieber Petrus, daß mit einer will ſolchen Unruhe im Kopfe, nach einem ſolchen Schlagt mac im Herzen nicht mehr vom Anfangen meines Romans mei die Rede war. Die Creigniſſe meines eigenen Lebens am bekamen ein zu ſchmerzliches Intereſſe, um meine Be⸗ r geiſterung und meine Einbildungskraft ſich über fremde mir und erdichtete Intereſſen verbreiten zu laſſen. 1 4 Das Dringendſte,— Sie werden das wohl ſelbt mein zugeſtehen?— war für mich, an den Heurn Rector zu gem ſchreiben, war, zu erfahren, woran ich mich hinſichtlich mit eines ſolchen Ereigniſſes zu halten habt, war, nicht hohe mit einem über meinem Haupte ſchwebenden Damokles⸗ das Schwerte zu leben. Und dieſes Damokles⸗Schwert, das tröſt 7 ſie imer mei⸗ mit eder, ) er⸗ das nriat zickt, vor⸗ nſch, inen venn :ich derrn all⸗ reine ligen einer plage nans bens Be⸗ emde ſelbſt r zu ztlich nicht bles⸗ das 57 den Schmeichler von Dionys dem Tyrannen bedrohte, bedrohte ihn allein und bedrohte ihn nur während der Dauer des Mahles. Doch das üͤber meinem Haupte hängende Schwert bedrohte zugleich Jeannie; dieſes Schwert, was es be⸗ drohte, war nicht nur die Gegenwart, ſondern auch die Zukunft.. Ich verfaßte alſo auf der Stelle folgenden Brief an den Rector: „Mein Herr, »Ich ſchreibe Ihnen dieſen Brief in der ganzen Bangigkeit meiner Seele aus Veranlaſſung eines Ge⸗ rüchtes, das ſich ſeit ein paar Tagen, wie es ſcheint, im Dorfe verbreitet. »„Ich weiß nicht, ob dieſes Gerücht einigen Grund hat, oder ob es nur auf der Unterredung beruht, die ich mit Euer Hochwürden bei unſerer letzten Zuſammen⸗ kunft hatte, eine Unterredung, bei welcher, ich muß es bekennen, in meiner Seele große Befürchtungen für meine Zukunft entſtanden ſind. „Man ſagt, die Pfarrei Aſhbourn ſoll in ein ein⸗ faches Vicariat verwandelt werden. „Eine ſolche Entſchließung in Betreff meiner wäre ſicherlich bei Euer Hochwürden auf irgend einen bös⸗ willigen Bericht gegründet, den man gegen mich ge⸗ macht hätte; doch dieſen Bericht, auf welchen Punkt meines Lebens er ſich auch beziehen mag, bin ich bereit, am lichten Tage zu bekämpfen; einen Kampf zwiſchen mir und der Verleumdung eingehen, Herr Rector, heißt mir einen Sieg ſichern. „ch habe ſeit drei und einem halben Monat(ach! mein Mißgeſchick hat meine Laufbahn nicht ſehr lang gemacht), ich habe ſeit drei und einem halben Monat mit Eiſer und Treue das Amt verſehen, das ich Ihrer hohen Protection verdanke; ich habe rein und evangeliſch das Wort Gottes gelehrt; ich habe die Betrübten zu tröſten geſucht; ich habe meine Börſe mit den Armen getheilt; wenn meine Börſe leer war, theilte ich mein Brod; wenn das Brod mir fehlte, und das iſt mehr als einmal geſchehen, gab ich mein Wort. Keine Klage hat ſich gegen mich erhoben, dafür ſtehe ich, denn die erſte Klage wäre von meinem Gewiſſen ausgegangen, und ich mag immerhin mein Gewiſſen befragen, es ſchuldigt mich nicht an. Euer Hochwürden hat meinen Gehalt um dreißig Pfund Sterling, um eine für mich ungeheure Summe vermindert; ich habe gebeten, doch nicht gemurrt. Ich habe Ihre Entſcheidung Ihrem edlen Herzen unterworfen und mich dann entfernt, voll Vertrauen zu der Unparteilichkeit und, im Nothfalle, zu der Barmherzigkeit Euer Hochwürden. „Zum zweiten Male lege ich voll Vertrauen, wie das erſte Mal, in die Haäͤnde Euer Hochwürden mit meiner gerechten und redlichen Bitte mein Leben, das meiner Frau und vielleicht das meines Kindes. „Ich habe die Ehre, u. ſ. w.“ Was den letzten Theil, oder vielmehr das Ende des letzten Satzes meines Briefes betrifft, ſo war dies völlig hypothetiſch. Nichts verkündigte mit Gewißheit, Jeannie ſollte Mutter werden. Sie werden auch be⸗ merken, mein lieber Petrus, daß ich, da ich nicht ein⸗ mal für das gemeinſchaftliche Heil von Jeannie und mir eine Lüge wagen wollte, vielleicht geſetzt hatte⸗ Als dieſer Brief geſchrieben und auf die Poſt gege⸗ ben war, erwartete ich die Antwort mit Bangigkeit. An einem Sonnabend wurde mein Brief abgeſchickt, ich hatte keine Predigt für den andern Tag; die Ereig⸗ niſſe, die mich betrafen, lieferten mir einen Text: ich predigte über die Freuden der Armuth. Eine Predigt hat das Gute, mein lieber Petrus, wenn ſie in der Aufrichtigkeit des Herzens gemacht iſt, daß ſie, wirkt ſie nicht auf die Zuhörer, wenigſtens auf den Prediger wirkt. Ich vermöchte Ihnen nicht zu ſagen, ob bei ſeinem Abgange aus der Kirche ein Einziger von meinen Ge⸗ mein mehr Klage 1 die ngen, , es einen mich doch hrem voll e, zu wit mit das Ende dies zheit, h be⸗ 59 meindegenoſſen überzeugt war, es ſei beſſer, arm zu ſein, als reich; als ich aber von der Kanzel herabſtieg, war ich entſchloſſen, das mir von meinem Feinde zu⸗ kommende Unglück mit derſelben Geduld und Demuth hinzunehmen, als ob es mich im Namen des Herrn träfe. Und dieſe Geduld und dieſe Demuth waren mir nicht unnütz; denn am Montag erhielt ich einen Brief Ueberdies, und um den Anſchein des Wohlwollens zu wahren, kündigte er mir die Vorausbezahlung der fünfzehn Pfund Sterling meines zweiten Quartals an, machte mich aber zugleich darauf aufmerkſam, mit⸗ telſt dieſer fünfzehn Pfund Sterling ſeien alle unſere Rechnungen berichtigt, und ich habe nichts Anderes mehr von ihm zu erwarten. Der Vicar, der mich erſetzen ſollte, würde im Laufe dieſes zweiten Vierteljahres nach Aſhbourn kom⸗ men, und die fünfzehn Pfund Sterling werden mir ge⸗ ſchickt, nicht nur um mir warten zu helfen, ſondern auch damit ich ihm meine Pfarrei ſogleich nach ſeiner An⸗ kunft übergeben könnte. Der Rector forderte mich auf, außerhalb ſeiner Gerichtsbarkeit ein Amt zu ſuchen, auf das ich,— meine Talent und mein Wiſſen geben ihm dieſe Ver⸗ ſicherung, wie er ſagte,— nicht lange werde warten müſſen. Am andern Tage erhielt ich die fünfzehn Pfund Sterling. Ich war in den Gedanken an unſer Unglück ver⸗ ſunken, als Jeannie eintrat. Zum erſten Male ſchaute ich beim Ertönen ihres Trittes, beim Rauſchen ihres Kleides nicht empor. Nur, da ich wußte, daß ſie bei mir war, zeigte 60 ich ihr die fuͤnfzehn Pfund Sterling in meiner offenen Hand und legte ſie dann in die ihrige. Jeannie wartete noch einige Secunden, um zu er⸗ fahren, ob ich ſie anſchauen oder mit ihr ſprechen würde; als ſie aber ſah, daß ich unbeweglich und ſtumm blieb, ſuchte ſie eine Bibel, die ſie mir als die Quelle alles Troſtes brachte. Ich begriff ſie und ſchlug die Au⸗ gen auf: ſie ſtand ruhig und gefaßt vor mir und gab mir das Beiſpiel des Muthes. Ich ſtreckte beide Arme aus, drückte ſie an mein Herz und murmelte: „Jeannie, theure Jeannie!“ Dann öffnete ich die Bibel auf das Gerathewohl. Meine Augen ſielen auf den Anfang der Seite; es war der Vers 1 des Kapitels 43 von Jeſaia. Ich las: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöſet; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du biſt mein.“ Dann erhob ich meine Arme zum Himmel und rief: „Wenn ich Dein bin, o Herr, ſo habe ich weder für mich, noch für ſie mehr etwas zu fürchten!“ XXXII. Der Aebertrag. Ich weiß nicht, mein lieber Petrus, ob dies ſo iſt, weil mir in der That eine Hülfe von oben zukommt, oder ob die natürliche Wirkung eines Schlages, ſo hef⸗ tig er ſein mag, ſich ſtufenweiſe dämpft; das weiß ich aber, daß wir nach einer ziemlich ruhigen Nacht faſt er⸗ geben in unſer Schickſal erwachten. Schon am Tage vorher hatte ich Ihnen geſchrieben 61 und Sie gebeten, meine Sache Ihrem Bruder doppelt dringend ans Herz zu legen; ich hatte in dieſem Briefe, wie Sie ſich erinnern, beigefügt, um Jeannie eine Exi⸗ ſtenz zu ſichern und nicht auf den alten Tagen unſe⸗ rer Eltern zu laſten, ſei ich bereit, mich mit meiner Frau zu exiliren, nach New⸗York oder Boſton abzurei⸗ ſen, oder ſogar mich in das Innere der americaniſchen Länder zu begeben; auf dieſe Idee war ich durch die ahlreichen Verbindungen gekommen, die Ihrem lieben Bruder ſein Handelsgeſchäft auf allen Punkten der neuen Welt öffnet. Wohl! am andern Tage, da dieſer Verbannungs⸗ gedanke der peinlichſte für uns war, hingen wir uns gerade an ihn an, und am zweiten oder dritten Tage hatten wir uns ſchon daran gewöhnt. 3 Nun, da ich meines Unglücks ſicher war, blieb mir eine einzige Beſorgniß,— wohlverſtanden, abge⸗ ſehen von meinem Unglück,— das war in Betreff der Schuld, die mir mein Vater vermacht, und deren Zah⸗ lungsweiſe ich ſo unklug verändert hatte. Die Zeit des zweiten Termins nahte heran, und ich hatte, wie ge⸗ ſagt, Jeannie die fünfzehn Pfund Sterling übergeben. Die fünfzehn Pfund Sterling und fünf, die uns vom erſten Vierteljahre blieben, waren unſer ganzes Vermögen. Zwanzig Pfund Sterling! hiemit mußten wir die glücklichen oder unglücklichen Ereigniſſe abwar⸗ ten und, in Erwartung derſelben, bis zu der Stunde leben, wo ſich unſer Unglück noch erſchweren oder in ein günſtigeres Loos verwandeln würde. Geziemte es ſich in dieſer Lage nicht, in die Stadt zu gehen und, ehe der Termin der zweiten Zahlung gekommen wäre, von meinem Gläubiger eine neue Friſt zu erbitten? Wenn ich aber eine neue Friſt verlangte, welche Sicherheit könnte ich ihm für ſeine Befriedigung geben? Ohne Zweifel wußte er meine Abberufung; und die Hoff⸗ nung, in einem andern Theile von England oder auch 62 in Amerika ein Unterkommen zu finden, war zwar ge⸗ nügend, um zu verhindern, daß wir in die Entmuthi⸗ gung verſanken, genügte aber nicht, um eine Ueberzeu⸗ gung im Geiſte eines Fremden zu ſchaffen. Gleichviel! ich beſchloß nichtsdeſtoweniger, dieſes Mittel zu verſuchen, um wenigſtens für den Augenblick der Verlegenheit zu entgehen; Zeit gewinnen hieß für uns, die wir der Protection Ihres vortrefflichen Bru⸗ ders ſicher waren, viel gewinnen. Ich nahm zum Vorwande, ich wolle einen neuen Verſuch beim Rector machen, und reiſte eines Morgens nach Nottingham ab. Diesmal geſchah es nicht in der Carriole des Pächters; denn ſeit meinem Zwiſte mit dem Intendanten hätte ich es nicht gewagt, von einem Menſchen, der von ihm abhing, einen ſolchen Dienſt zu verlangen. Ich ging alſo zu Fuße ab, da aber gerade Markt⸗ tag war, ſo hoffte ich, einer von meinen Gemeinde⸗ eenoſſen, der im Wagen zurückkäme, würde mich mit ſc nach Hauſe nehmen. Als ich Aſhbourn verließ, war ich ſehr entſchloſſen; je näher ich aber zur Stadt kam, deſto mehr erlahmte meine Entſchloſſenheit, und als ich die erſten Häuſer von Nottingham erreichte, war mein Muth völlig ver⸗ ſchwunden. Dergeſtalt verſchwunden, daß ich mich, ſtatt zum Hauſe des Kaufmanns zu gehen, nach dem meines Wirthes des Keßlers wandte. Dieſer wackere Mann war meine große, meine letzte Hülfsquelle, mein lieber Petrus;— spes ultima, wie Virgil ſagt; zum Unglück war er nicht zu Hauſe; ſeine Geſchäfte hatten ihn ſeit zwei Tagen in die Umgegend gerufen, und er ſollte erſt am andern Tage zurück⸗ kommen.. Bliebe ich bis zum andern Tage, ſo würde ich in der Lage, in der wir uns befanden, ernſte Beſorgniſſe bei Jeannie veranlaſſen; überdies war es nicht mein weld ſagte ters die 4 eine lich erwie Vora bezah r ge⸗ uthi⸗ rzeu⸗ ieſes blick für Bru⸗ euen gens der dem nem ienſt arkt⸗ nde⸗ mit ſſen; ymte uſer ver⸗ zum ines etzte wie eine gend ück⸗ in iſſe nein 63 Wirth der Keßler, den ich in Nottingham hatte be⸗ ſuchen wollen, ſondern der Kaufmann, deſſen Schuld⸗ ner ich unglücklicher Weiſe war. Nachdem ich einen kurzen Halt bei dem Erſten ge⸗ macht und ein Glas Bier, das mir ſeine Frau bot, an⸗ genommen hatte, entſchloß ich mich, nach der Wohnung des Zweiten zu gehen. Während ich mich ſeinem Comptoir näherte, konnte ich es nicht verhinde nung in meinem Her⸗ zen entſtand: die eben ſo wenig als mein Wirth, werde der Kaufmann, Herr Rham, zu Hauſe ſein; ich hätte dann nicht die Beſchämung, mit ihm ſprechen, eine Gnade von ihm erbitten zu müſſen. Ich würde ihm ſchreiben, und da, hatte ich einmal die Feder in der Hand, Alles nur eine Frage des Styls wurde, ſo war ich des meini⸗ den ſicher genug, um zu glauben, mein Brief werde Alle ſagen, was meine Schüchternheit nie zu ſagen wagen würde. Auch diesmal wurde ich in mein täuſcht: die erſte Perſon, die ich be in das Comptoir erblickte, war der „Ah! bei Gott!« ſagte er, als er ſind es, Herr Bemrode; es ärgert mich, Treue, daß ich eine Wette ausgeſchlagen ha der Herr Rector geſtern in Beziehung auf Sie ange⸗ »Eine Wette, mit dem Herrn Rector? Und in welcher Hinſicht 2« fragte ich. „Hinſichtlich unſerer kleinen Rechnung. Ich agte ihm, Sie haben ſich nach dem Tode Ihres Va⸗ ters für eine ziemlich bedeutende Summe verbürgt, für die Ihr Vater ſelbſt ürge geweſen; Sie bezahlen mir eine Guinee vierteljährig; bis jetzt haben Sie ſehr pünkt⸗ lich und ſogar zum Voraus bezahlt; worauf er mir erwiederte, Sie werden mir nicht nur nicht mehr zum Voraus, ſondern ſogar wahrſcheinlich gar nicht mehr bezahlen.« 64 Die Röthe ſtieg mir ins Geſicht. kei „Mein Herr,« antwortete ich,„ich weiß nicht, warum der Herr Rector das geäußert hat: iſt es ge⸗ die ſchehen, weil er mir die Pfarrei entzogen, ſo irrt er die ſich; man hat, Gott ſei Dank! Mittel, und ich kam St gerade, um Ihnen zu ſagen, Sie können ganz ruhig ſein.“ zu Sie ſehen, mein lieber Petrus, mein verdammter Hochmuth ſpielte mir abermals einen ſchlimmen Streich. Ich war zu Rham gekommen, um mir in Demuth Zeit ſch von ihm zu erbitten, und nun machte ich mich mit mei⸗ 9 ner hoffärtigſten Miene poſitiv verbindlich, auf den Ver⸗ es falltag zu bezahlen. geb Sie begreifen, daß ich nach einem ſolchen Verſpre⸗ gebt chen nur noch meinen Hut zu nehmen und meinen Bück⸗ anti ling zu machen hatte. as that ich auch. verl⸗ Der Kaufmann geleitete mich bis zur Thüre mi ich— allen Arten von Zeichen der Hochachtung, und inden antu er halblaut wiederholte: mit „Ohl ich wußte es wohl, ich wußte es wohl!« So lange ich im Hauſe und in Gegenwart dieſt ten; Mannes geweſen war, hatte mich mein Hochmuth alf recht gehalten; ſobald ich mich aber außen und allei befand, preßte ich meine beiden Hände an meine Stir nun und verfluchte dieſen unſeligen Hochmuth, der ſicherlit Noti die Quelle meines Untergangs ſein würde. inner Es war das zweite Mal, daß ich bei dieſem Man dert mit der Abſicht, Etwas zu thun, eintrat, und daß il konnt die dem, was ich beſchloſſen, ſchnurſtracks entgeget würde geſetzte Sache that. was? Ich ſuchte keine Gelegenheit, um nach Aſhbout täͤuſch zurückzukehren, wie ich es mir bei meinem Aogan ich ha vorgenommen. Hätte ſich eine geboten, ich würde 6 zuruckgewieſen haben. Die Erſchlaffung meines Gi 8 ſtes machte eine kräftige Reaction von Seiten meint glück, Körpers nothwendig; ich fühlte keine phyſiſche Müdt Der nicht, 3 ge⸗ rt er kam ruhig umter reich. 2 mi nden 66 dieſt all allei Stirn erlit Lann aß i eget boun gang de Ge rein üdi 65 keit, im Gegentheil: eine Nervenerregung, die mich hätte glauben laſſen, ich ſei wie der Ewige Jude im Stande, die Reiſe um die Welt zu vollführen. Ich brauchte nicht mehr, als zwei und eine halbe Stunde, um von Nottingham nach Aſhbourn zurück⸗ zukehren; nur kam ich mit ſtaubbedeckten Kleidern und einer von Schweiß triefenden Stirne an. ls mich Jeannie erblickte, erſchrak ſie. „Oh! mein Gott,“ ſagte ſie zu mir,„was iſt ge⸗ ſchehen 2 Ich hatte große Luſt, ihr Alles zu erzählen, und es waͤre wohlgethan geweſen, hätte ich dieſe erſte Ein⸗ gebung befolgt, doch ich wagte es nicht. „Es iſt geſchehen, daß ich nichts erlangt habe,“ antwortete ich. Das war die Wahrheit; ich hatte aber auch nichts verlangt, und durch eine Art von Zweideutigkeit, die ich mir zum Vorwurf machte, während ich ſie beging, antwortete ich Kaufmann, wenn man vom Rector mit mir ſprach. „Iſt das Alles 2« fragte Jeannie mit einem ſanf⸗ ten Lächeln. „Gewiß,“ erwiederte ich;„iſt das denn nicht genug?« „Ah! beim Herrn Rector habe ich nie Deine Mei⸗ ganzes Leben ein innerer Vorwurf geweſen wäre, hätte ich Dich verhin⸗ dert, einen Schritt zu thun, der im Ganzen glücken konnte; doch ich war zum Voraus feſt überzeugt, Du würdeſt ſcheitern. Wenn es alſo eine Enttäuſchung war, was Du für mich befürchteteſt, ſo tröſte Dich: die Ent⸗ täuſchung eriſtirt nur da, wo es eine Hoffnung gibt, und ich habe immer nur auf Gott gehofft.« Ich nahm ſie in meine Arme und ſprach: „»Und Gott beſchützt mich ſichtbar in meinem Un⸗ glück, da er mir eine ſo muthige Frau gibt. Im römi⸗ Der Pfarrer von Aſhbourn. II. 5 66 ſchen Alterthum wäreſt Du eine Lucretia oder eine Cornelia geweſen; im jüdiſchen Alterthum eine Judith oder eine Jahel.“ Jeannie lächelte über meine Begeiſterung. „Ah!« ſagte ſie,„Du übertreibſt immer, mein Freund, und beſonders wenn von meinen Eigenſchaften die Rede iſt; ich bin weder eine Lucretia, noch eine Judith, weder eine Cornelia, noch eine Jahel; ich bin nur eine gute, ſehr liebende, ſehr ergebene Frau.. Nun komm!“ fügte ſie bei,„Du mußt der Nahrung und des Schlafes bedürfen; komm, Dein Abendbrod erwar⸗ tet Dich.“ Sie ging mir in's Speiſezimmer voran. Es war leicht zu ſehen, daß ihr, der armen Frau⸗ Mittagbrod dem Abendbrode keinen Eintrag gethan hattt Zwanzigmal war ich während des Eſſens, und alß wir uns in unſer Stübchen zurückzogen, das ich mit ſt viel Eifer ausgemalt hatte und nun zu verlaſſen ge nöthigt ſein ſollte, zwanzigmal war ich auf dem Nunktz ihr Alles zu geſtehen. 4 Mein böſer Genius hielt mich immer davon aß Die Tage vergingen; außer der Gewißheit unſen Unglücks hatte ſich nichts in unſerem Leben verändert Endlich näherten wir uns ſo ſehr der Zeit, wo it die zwei Guineen meinem Kaufmann bezahlen ſoll daß ich, da ich mich nicht entſchließen konnte, Jeanm, Alles zu ſagen, meinem Gläubiger zu ſchreiben beſchlef um ihm zu geſtehen, ich habe ihm gegenüber eine Vir bindlichkeit übernommen, die ich unmöglich halten könm und ihn um Aufſchub zu bitten. Wir hatten nur noch ſechs Tage bis zu dem ul ſeligen Termine. Ich ſchrieb ihm einen langen, ſehr umſtändlichn ſehr redlichen, ſehr rührenden Brief. Mir ſcheint, wenn ich einen ſolchen Brief bekon men hätte, ich würde Alles, was man von mir det langte, gethan haben. Jeal eintt Will eine zudith mein jaften eine h bin 1 g und rwar⸗ Frau⸗ hatte id al⸗ nit ſe n ge untte n at nſer ndert vo il ſollt eanm ſchlot 2 Ver könm m ü lichn bekor r v 67 Doch ich, mein Petrus, ich bin kein Kaufmann, kein Geſchäftemacher, kein Geldleiher. Ich bin ganz einfach ein Menſch mit ſehr vielen Fehlern; habe ich indeſſen den des Hochmuths, ſo habe ich wenigſtens doch nicht den des Geizes. Ach! mein Kaufmann antwortete mir, er habe ge⸗ rade am 15. September eine Zahlung zu leiſten, und er brauche um dieſe Zeit nothwendig alle ſeine Fonds; er müſſe alſo mir gegenüber, wie den Andern gegenüber, eine allgemeine Maßregel ergreifen, welche darin beſtehe, daß er auf dieſen Tag alles Geld, was man ihm ſchul⸗ dig ſei, eintreibe. Jeannie war gegenwärtig, als ich dieſen Brief er⸗ hielt, und ich konnte mich nicht genug beherrſchen, um die Wirkung zu verbergen, die er auf mich hervor⸗ brachte. Ein kalter Schweiß perlte auf meiner Stirne; Jeannie ſah mich ganz erbleichend den Schweiß mit meinem Taſchentuche abwiſchen. Sie vermuthete, was die Erſchütterung bei mir hervorbringe, ſei dieſer Brief, und ſie ſtreckte einfach ihre Hand mit ihrem ſo ſanften und ſo ſchwermüthigen Lächeln aus.— Es war nicht mehr zu warten, es ließ ſich nic ts mehr verbergen: ich gab ihr den Brief. Pihani Sie las ihn. „»Nun, mein Freund,“ ſagte ſie,„Du mußt mor⸗ gen nach Nottingham gehen und dieſem Manne ſeine zwei Guineen bringen; übermorgen iſt der Verfallt, gewinnen wir ſechs „Aber zwei Guineen weniger in u Jeannie...« „Aber eine Summe von fün eintreibbar wird wegen eines Verz William..« fzig Guineen, welche ugs von einem Tage, 5* 68 „Du haſt Recht, Jeannie, ich werde morgen nach Nottingham gehen.“ Ich muß Ihnen Eines ſagen, mein lieber Petrus, daß ich von dieſem Augenblicke an ruhiger war; die Nacht, welche auf den Tag folgte, wo wir dieſen Be⸗ ſchluß gefaßt hatten, war vielleicht die einzige, in der ich nicht träumte, ich ſei wegen Schulden verhaftet und in's Gefängniß gebracht worden. Am andern Morgen ging ich frühzeitig ab. Es war der letzte Tag; doch der Schuldſchein ſprach ſich entſchieden aus: wenn ich bezahlte, und geſchah es auch am letzten Tage, ſo konnte man nicht von mir die Ent⸗ richtung der Geſammtſumme fordern. Wie ſchritt ich auch den Kopf hoch tragend umd mit zufriedenem Blicke gegen Nottingham zu! Mir ſchien, mit den fünf bis ſechs Guineen, die uns noch blieben, könnte ich bis an das Ende des achtzehnten Jahrhun⸗ derts reichen. Ich kam in Nottingham an: diesmal hatte i nicht einmal die Idee, zu meinem Wirthe dem Keßlu zu gehen. Ach! mein lieber Petrus, ich muß zu mei⸗ ner Schande geſtehen, daß ich beinahe nur an dieſen Wackern dachte, wenn ich ſeiner bedurfte. Nein! ich ging geraden Weges zu meinem Kauf⸗ mann. Ich trat in das Comptoir mit dem feſten Schritte eines Mannes ein, welcher weiß, daß er auf einen gute Empfang Anſpruch zu machen hat, weil er Geld bring „Herr Rham 2⁴⁵ fragte ich, obſchon ich ihn ganz gut an ſeinem Schreibtiſche ſitzen ſah. „Hier iſt er,“ ſagte ein alter Commis, der mit über ſeine Brille anſchaute. „Ahl ſchön,“ erwiederte ich. Und ich ging auf ihn zu. „Mein Herr,“ ſprach ich,„in Betracht der unglück lichen Lage, in der ich mich befinde, habe ich Sie ge mnach etrus, r; die n Be⸗ in der t und . Es h ſich auch Ent⸗ d umd ſchien, ieben, rhun⸗ te in Keßlet mei dieſen Kauf chritt gutel 33 ingt z gut 3 mich glück ie ge 69 beten, mir ein wenig Zeit für die zwei Guineen zu bewilligen, die ich Ihnen ſchuldig bin.“« „»Ja, mein lieber Herr Bemrode,“ antwortete der Kaufmann;„und ich habe Ihnen ſogar erwiedert, es ſei mir unmöglich, Ihrer Bitte zu entſprechen, da ich morgen eine bedeutende Zahlung leiſten müſſe, für welche ich alle meine Fonds brauche. Sie haben alſo meinen Brief nicht erhalten?« „„Doch, mein Herr, und ich bringe Ihnen Ihre zwei Guineen.“ Und ich zog majeſtätiſch die zwei Goldſtücke aus meiner Taſche. „»Haben Sie die Gefälligkeit, mir einen Empfang⸗ ſchein zu geben,« fuhr ich fort. „»Das würde ich mit dem größten Vergnügen thun, mein lieber Herr Bemrode, wenn die Schuldforderung noch mir gehörte.« „Wie, wenn ſie noch Ihnen gehörte? Was wollen Sie damit ſagen 2⸗ „Ich will damit ſagen, daß der Schuldſchein in andere Hände übergegangen iſt!« „In andere Haͤnde übergegangen iſt? wieder⸗ holte ich. »Ja, und ich bin nicht mehr Ihr Gläubiger.“ „»Wem bin ich aber nun ſchuldig 2« »Bei meiner Treue! Sie mögen mir glauben, wenn Sie wollen, mein lieber Bemrode, aber Gott ſoll mich verdammen, wenn ich es weiß!« „Ich verſtehe Sie nicht, mein Herr.« „»Was ich Ihnen ſage, iſt doch klar.“ „Und Sie ſagen mir „» ch ſage Ihnen, daß geſtern ein Unbekannter bei mir erſchienen iſt und mich gefragt hat, ob ich nicht der Inhaber eines Schuldſcheins von Ihnen ſei.« „Ein Unbekannter?« „Sie begreifen, ich hatte keinen Grund, irgend Jemand auf der Welt zu verbergen, ich ſei Ihr Gläu⸗ biger.„„Ob ich eine Schuldforderung an Herrn Bem⸗ rode habe?«« antwortete ich:„vbei meiner Treue, ja, und nach dem, was ich erfahren habe, wäre der, wel⸗ cher käme und mir die Hälfte dieſer Forderung böte, ſehr willkommen.„„Beträgt die Forderung nicht fünf⸗ zig Pfund?“ fragte der Unbekannte.„„Ganz richtig, mein Herr,“« erwiederte ich.„„Und Sie würden ſie mir für fünfundzwanzig Pfund abtreten, haben Sie ge⸗ ſagt?2ℳ˖ℳ„„Bei meiner Treue, ja, ich habe es geſagt, und ich widerrufe nicht; geben Sie mir fünfundzwanzig Pfund, und ſie gehört Ihnen; doch ich bemerke Ihnen zum Voraus, ich glaube, Sie ſind betrogen.“«„„Gleich⸗. viel, mein Herr, ich nehme ſie; hier ſind die fünfund⸗ zwanzig Pfund; machen Sie nun Ihren Uebertrag." „„Auf welchen Namen?««„Das iſt ganz unnöthig! laſſen Sie den Namen aus; die Hauptſache iſt, daß Sie bezahlt ſind, und Sie ſind es.“« Da wirklich nichts hiegegen zu ſagen war, ſo ſagte ich nichts, ſtrich das Geld ein und übergab das Papier.“. „Sie haben das gethan?“ murmelte ich, die Hände faltend und einen Seufzer ausſtoßend. „Hören Sie doch, mein lieber Herr Bemrode: der Rector ſagt mir, Sie haben kein Amt mehr; Sie ver⸗ ſprechen mir, mich zu bezahlen, trotz Ihrer Entlaſſungz doch die Monate vergehen, ohne daß ich Ihr Geld kom⸗ men ſehe. Endlich empfange ich einen Brief, ich er⸗ kenne Ihre Handſchrift, ich öffne ihn: dieſer Brief ge⸗ ſteht mir Ihre beengte Lage und bittet mich um Ver⸗ zug. Ich kannte Sie als einen wackern Mann und zögerte, Ihnen wehe zu thun; plötzlich bietet man mit fünfundzwanzig Pfund für eine Forderung, die ich füt verloren hielt, oder von der ich im entgegengeſetzten Falle nur zwei Pfund einzunehmen hatte.„„Bei mei⸗ ner Treue,“ ſagte ich zu mir,„ves iſt mir lieber, wemt ein Anderer Herrn Bemrode verfolgt; ich, ich mache d wie Pilatus, ich waſche meine Hände.« Bem⸗ e, ja, , wel⸗ böte, fünf⸗ ichtig, en ſie ie ge⸗ geſagt, vanzig Ihnen Zleich⸗ rfund⸗ rag.«6 öthig: ß Sit nichtz h das Händt : der e vei⸗ ſung kom⸗ 71 „Sie glauben alſo,“ fragte ich zitternd,„Sie glau⸗ ben, derjenige, welcher die Forderung gekauft hat, wolle mich verfolgen?«. „Bei meiner Treue! ich verberge Ihnen nicht, daß er mir keine gute Abſichten zu haben ſchien.“ 2 „Aber mein Herr,« rief ich,„Sie hätten ſich we⸗ nigſtens nach ſeinem Namen und ſeiner Adreſſe erkun⸗ digen müſſen, damit ich vor dem unſeligen Termin, ihes möglich war, die zwei Guineen in ſeine Hände ezahlte.“« »„Das wollte ich auch thun, doch Name und Adreſſe, er wollte mir nichts von Allem dem geben, indem er mir ſagte, ſein Inc ognito ſei erſte Bedingung des Ge⸗ ſchäftes; da aber das Geſchaft gut für mich war, ſo beſtand ich nicht auf einem Detail, das den Abſchluß verhindern konnte.« Herrn Rham länger befragen, um eine Sache zu erfahren, die er ſelbſt nicht wußte, war völlig unnütz; ihm Vorwürfe wegen ſeines Verfahrens machen, wel⸗ ches am Ende das war, was jeder Kaufmann beobach⸗ tet hätte,— das führte mich zu keinem Reſultate. Ich nahm alſo von ihm Abſchied und bat den Herrn, er möge ihm das Böſe verzeihen, das er mir angethan. Dann lief ich in aller Elle zu meinem Wirthe dem Keßler, in der Hoffnung, ein Mann, bei dem ich immer einen ſo großen Verſtand erkannt hatte, werde mir einen guten Rath bei einer ſo erſchrecklichen Vorkommenheit zu geben haben. 72 XXXIII. Orötes II. Diesmal hatte ich das Glück, ihn zu finden, und zwar allein zu finden. Ich erzählte ihm Alles. „Teufel! Teufel! Teufel!« ſagte er, als ich ge⸗ endet hatte,„das iſt eine ſchlimme Geſchichte, Herr Bemrode!“ „Sie glauben?« „Ich bin es überzeugt. Wer kann ein Intereſſe haben, eine Schuldforderung gegen Sie zu beſitzen, wenn nicht ein Feind? und warum ſollte ein Feind die For⸗ derung gekauft haben, geſchah es nicht, um Ihnen Böſes anzuthun?« „In der That, mein lieber Wirth, was Sie mir da ſagen, habe ich auch gedacht.« „Sie ſehen wohl.“ „Was iſt aber zu thun?⸗ »Haben Sie die fünfzig Pfund, die man ſicherlich übermorgen von Ihnen fordern wird?2« „Ach! nein, wie ſoll ich fünfzig Pfund haben, ich, der ich ſo eben entlaſſen worden bin 2⸗. „Hat ſie Ihr Schwiegervater 2« „Eben ſo wenig als ich.“ „Haben Sie einen Freund, von dem Sie dieſe Summe entlehnen könnten?« „Ich habe nur einen Freund!« rief ich. Der wackere Mann ſchaute mich mit weit aufgeſperr⸗ ten Augen, ein Lächeln auf dem Munde, an und wartete. „Das iſt Herr Petrus Barlow, ein ſehr gelehrter Mann, Profeſſor der Philoſophie an der Univerſität Cambridge... Ich habe Ihnen ſchon von ihm geſagt.” „In der That, ich erinnere mich deſſen... Und Sie können auf dieſen Herrn Barlow zählen 2« fragte mich mein Wirth, leicht die Lippen einkneipend. „und ch ge⸗ Herr tereſſe wenn For⸗ hnen mir erlich ich, dieſe verr⸗ ttete. rter ſität t. nd agte 73 „»Oh! gewiß... Nur... e „Nur 2 3 „Petrus iſt wahrſcheinlich ſo arm als ich. „Eine ſchlimme Geſchichte! eine ſchlimme Geſchichte, Herr Bemrode!« murmelte mein Wirth, indem er fort⸗ während den Kopf ſchüttelte. „Das iſt alſo immer noch Ihre Anſicht? „Mehr als je.“ »Nun! ſo geben Sie mir einen Rath.“ »„Ich gebe Ihnen den Rath, zu warten.«. „Wenn aber das Unglück kommt, und es wird ommen... „Dann, mein lieber Herr Bemrode, werden Sie es als Philoſoph ſtudiren und als Mann bekämpfen.“ „Das iſt alſo der ganze Troſt, den Sie mir bieten 2“ „Es ereignen ſich Unfälle im Leben, gegen die es keinen vorbereitenden Troſt gibt. Man muß ſie feſten Fußes erwarten, da man ſie nicht vermeiden kann, ge⸗ gen ſie kämpfen und ſie beſiegen durch die Kraft des Willens, der Beharrlichkeit und der Reſignation; der Menſch, wenn er es entſchieden will, iſt der Mächtigſte der Streiter. Gott hat ihm die Stärke gegeben, Alles niederzuwerfen, den Tod ausgenommen.“ „Was muß ich aber im Unglück, Ihrer Anſicht nach, thun? „Kalt die Lage prüfen und den beſtmöglichſten Nutzen daraus ziehen; es iſt ſelten, daß eine Lage, ſo verzwei⸗ felt ſie auch ſein mag, nicht für ein ſcharfes Auge einen eg zur Rettung, zum Heile offen hat.“ „Wenn aber die meinige keinen hat? wenn, wohin ich auf der Erde ſchauen mag, jeder Weg mir ver⸗ ſchloſſen iſt?“ „Dann, Herr Bemrode, werden Sie nach dem Him⸗ mel ſchauen, und wenn Gott in den Augen, die Sie zu ihm erheben, die Würde des Menſchen und das Ver⸗ trauen des Chriſten ſieht, glauben Sie mir,— ich 74 ſollte das Ihnen nicht ſagen müſſen— glauben Sie mir, Gott wird Sie nicht verlaſſen!“ Ich ſtieß einen Seufzer aus, welcher bedeutete: „Wenn aber Gott, da er dieſes Vertrauen und dieſe Würde nicht in meinen Augen ſieht, mich verläßt?“ Mein Wirth verſtand mich und ſprach: „Dann ſuchen Sie, ob Sie nicht auf der Welt einen andern Freund haben, als Herrn Petrus, und wen⸗ den Sie ſich an dieſen Freund.“ „Ich habe keinen,“ erwiederte ich. Der wackere Mann ſeußzte. „Deſto ſchlimmer, Herr Bemrode, deſto ſchlimmer!“ „Ah!“ ſagte ich,„ich ſehe wohl, daß ich nur auf mich allein zählen darf!... Gott befohlen, mein lie⸗ ber Wirth.“ „Auf jeden Fall verſprechen Sie mir Eines,“ ver⸗ ſetzte der brave Mann. W 6 2 „Was? „Daß Sie mich ſtets von den Ereigniſſen in Kennt⸗ niß ſetzen werden.“ 4 „Wozu wird mir das nützen, da Sie mir nicht einmal einen Rath geben können? „Es iſt oft leichter, einen Dienſt zu leiſten, als einen Rath zu geben..Doch verzeihen Sie, Herr Bemrode, ich bin allein im Magazine, wie Sie ſehen, und hiet kommt ein Kunde... Das iſt verſprochen, nicht wahr 2 „Was?“ „Daß Sie mir ſchreiben werden.“ „Eil mein Gott, ja,“ antwortete ich,„obſchon ic nicht ſehe, von welchem Nutzen es ſein kann, an einen Mann zu ſchreiben, der mich in der Lage, in der i mich befinde, verläßt, um einen Kunden zu bedienen, welcher ihm vielleicht für einen halben Schilling ab⸗ kauft.“ mich zu tröſten, ſchien mir gleichgültig gegen mein Unglück. Ich war verletzt; mein Wirth, weil er ohnmächtig Sie tete: dieſe 74 Welt wen⸗ er lu auf lie⸗ ver⸗ ennt⸗ nicht einen rode, hier ör2 n ich einen r ich enen, ah⸗ htig mein 75 Das war allerdings eine Ungerechtigkeit, und dieſe Ungerechtigkeit that ihm wehe. 3„ Er kam auf mich zu, und ich glaubte Thränen in ſeinen Augen zu ſehen. 4.. „Herr Bemrode, an dem halben Schilling für die Waare, die ich an dieſen Kunden, welchen ich Ihret⸗ wegen warten laſſe, verkaufen werde, habe ich vielleicht einen halben Penny Nutzen; wohl! indem ich einen halben Penny auf den andern häufte, bin ich dazu ge⸗ kommen, mir ein Vermögen von fünſzehnhundert bis zweitauſend Pfund Sterling zu machen,— ein kleines Vermögen, das mir aber bei Gelegenheit erlauben würde, einem Freunde einen Dienſt zu leiſten, wenn dieſer Freund in Verlegenheit wäre... Zum Glück oder zum Unglück, wie Sie wollen, Herr Bemrode, habe ich kei⸗ nen Freund, ohne Zweifel, weil ich ein armer Hand⸗ werksmann und kein gelehrter Profeſſor bin... Doch entſchuldigen Sie, ich bemerke, mein Kunde wird un⸗ geduldig; er könnte gehen, ſähe er, ich bekümmere mich nichts um ihn, und ich dürfte eine Gelegenheit ver⸗ ſäumen, einen halben Penny zu verdienen, worüber ich mich nie tröſten würde... Leben Sie wohl, lieber Herr Bemrode, und ſchreiben Sie mir.“ Und er verließ mich, um ein Feuerſtübchen an ſeinen Kunden zu verkaufen. Ich aber entfernte mich tief betrübt über die Gleich⸗ gültigkeit dieſes Menſchen, von dem ich geglaubt, er habe ein gutes Herz, ſchlug wieder den Weg nach Aſhbourn ein und murmelte: „Alle dieſe Handelsleute, groß oder klein, ſind ſich gleich: käufliche Seelen.“ Diesmal kehrte ich völlig niedergeſchlagen zurück; zum Glück traf ich auf der Straße einen Bauern, der mit einem leeren und bedeckten Wägelchen nach Hauſe fuhr. Er bot mir einen Platz an, den ich annahm, obgleich mich dieſes Transportmittel offenbar um eine Stunde aufhalten ſollte. 76 In jedem Falle würde ich frühe genug für die Kunde, die ich brachte, ankommen. Ich kam bei Einbruch der Nacht an. Jeannie erwartete mich vor der Thüre; ſie hatte ein ruhiges, leicht lächelndes Geſicht. Welches andere Unglück konnte ſie in der That vor⸗ herſehen, als daß ich genöthigt geweſen, die zwei Gui⸗ neen abzugeben, die um eben ſo viel unſer kleines Ver⸗ mögen verminderten. 4 Und ich, als ich dieſes ſanfte, vertrauensvolle Ge⸗ ſicht ſah, ſagte mir: Wehe dem, welcher dieſe Ruhe in Aufregung, die ſes Lächeln in Thränen verwandeln würde!“ Ach! derjenige, welcher dieſe traurige Metamor⸗ phoſe bewerkſtelligen ſollte, war ich. Sie erwartete mich nicht auf dem Wägelchen, dan ſo langſam fuhr, doch es hielt vor dem Pfarrhauſe am und Jeannie erblickte mich in ſeiner dunkelſten Tiefe. Sie gab einen kleinen Freudenſchrei von ſich. „Du biſt es, mein lieber William!« ſagte ſie. Dann, als ſie die Langſamkeit meiner Bewegunga wahrnahm: „Ohl mein Gott! ſollteſt Du krank oder verwun⸗ det ſein?“ „Gefiele es dem Himmel,“ antwortete ich,„daß iſ das viertägige Fieber hätte, oder daß ich mir ein Bein gebrochen, und es wäre nur dies!« Da begriff ſie, daß ich die Kunde von einem großen Unglück brachte. „Gott ſchickt Dich mir geſund und wohlbehalten zurück Geliebter meines Herzens,“ ſagte ſie;„das Uebrige iſ nichts.“ Dann half ſie mir herabſteigen, dankte dem Bauern mit jener ſüßen Stimme, welche eine Belohnung iſt und der Bauer entfernte ſich, indem er mir zuflüſterte: „»Oh! Herr Bemrode, welch ein Segen des Him⸗ mels iſt eine ſolche Frau!« Kunde, tte ein t vor⸗ Gui⸗ Ver⸗ le Ge⸗ , die⸗ amor⸗ „ das ſe an, effe. ungen rwun⸗ aß ic Bein roßen urück ge iſ auern g iſ ſterte. Him⸗ 77 Wir gingen hinein.— 4 Ich ſchritt voran und kam bis in mein Cabinet, ohne ein Wort zu ſprechen. Hier ſetzte ich mich, zog Jeannie auf meinen Schooß und ſagte zu ihr: „Liebes Kind, ſei gefaßt auf eines der größten Mißgeſchicke, die uns treffen können.“ Jeannie erbleichte. „Oh! mein Gott!« rief ſie,„ſollte mein Vater oder meine Mutter geſtorben ſein 2« „Nein.« „Nun!« ſprach ſie leichter athmend,„Du biſt ge⸗ ſund und wohlbehalten hier, meine Eltern leben, Gott ſei geprieſen! Ich erwarte das Unglück, das Du mir bringſt, William, und ich erwarte es, ich ſage nicht einmal mit Ergebenheit, ſondern mit Freude, denn es kommt vom Herrn, und kommt mir durch Dich zu.“ Ich erzählte ihr Alles, was beim Kaufmann vor⸗ gefallen war, und da ich mich über meinen Wirth den Keſſelſchmied beklagen zu müſſen glaubte, ſo erwähnte ich nicht einmal des Beſuches, den ich ihm gemacht. Während ich erzählte, fühlte ich zwei⸗ oder dreimal einen Schauer den Körper von Jeannie durchlaufen. Dieſe Schauer bewieſen mir, daß ſie nicht ſo ganz unempfindlich für das war, was uns begegnete, als ſie mir gern glauben gemacht hätte. „»Ja; ſagte ſie, als ich geendigt hatte,„Du haſt Recht, mein Freund, das iſt ernſt.“ »Was denkſt Du von dem Unbekannten, der dieſe unglüͤckliche Schuldforderung gekauft hat?« fragte ich. „Ich denke, daß es ein Feind iſt.“ Mein Wirth der Keſſelſchmied hatte mir daſſelbe geſagt; das mußte alſo richtig ſein. Zwei ſo verſtändige Menſchen, wie der Keſſelſchmied und Jeannie, konnten ſich nicht zugleich täuſchen. „Ich denke, wie Du, meine Jeannie, doch wer kann dieſer Feind ſein 2 „Wen kannſt Du zum Feinde haben, William? Sinne nach.« „Außer dem Rector, der ſeinen Neffen an meine Stelle bringen will, kenne ich keinen Feind von mir.“ „Goldherz,“ murmelte Jeannie.„Suche wohl.“ „Ich mag immerhin ſuchen... Fern von mir oder in der Nähe 2* „Suche nicht fern, mein armer William.“ „In der Nähe alſo?“ „Ja.“ Ich ließ alle diejenigen, die mir mein Verdienft zu Feinden in der Welt hatte machen können, die Re⸗ vue paſſiren, dann die, deren Intereſſen ich im Dorf hatte verletzen können, dann die, welche ich vielleicht wiſſentlich oder“ aus Unwiſſenheit in ihrem Stolze ver⸗ letzt hatte. Plötzlich kam mir ein entſetzlicher Gedanke. Ich erbleichte. 1 Jeannie gewahrte meine Bläſſe und nickte beſtäte gend mit dem Kopfe. „Du glaubſt?“ fragte ich. „Mein Freund, ich bin deſſen ſicher.“ „Wie! dieſer Lackei! dieſer Elende, dieſer Schänd liche, dieſer Stiff!« „Iſt unſer Gläubiger.“ „Dann müſſen wir auf die ganze Strenge der Ju⸗ ſtiz, angereizt durch alle Mittel des Haſſes, gefaßt ſein. „Mein Freund,“ ſprach Jeannie mit einem erha⸗ benen Glauben,„nach der Gerechtigkeit der Erde gitt es die Gerechtigkeit Gottes; hinter dem Haſſe der Men⸗ ſchen findet ſich die Liebe des Herrn.“ „Wohl! ſo warten wir,“ verſetzte ich beinahe erge⸗ ben;„wir werden übrigens nicht lange warten müſſſen und morgen ſchon wiſſen, woran wir uns zu halten haben! In jedem Falle,“ fügte ich mit halbe Stimme und als wollte ich meinem Stolze einen let⸗ ten Troſt geben, bei:„in jedem Falle werde ich mi mehr Ruhm unterliegen, als Polykrates: er hatte um einen Orötes, und ich, ich habe zwei.« la⸗ ter die do kon ſt zu geb geb kun Ta den ſeir han hau nah fes Um Aug tung Sch beka halb Maꝛ meine nir.« l.« ir oder rdienſ e Re⸗ Dorfe elleicht e ver⸗ eſtäti chänd r Ju⸗ ſein erhar e gibt Men⸗ erge⸗ nüſſen jFalten jalbet let⸗ ) mit e nut XXXIV. Von der Charybdis in die Seylla. Wir warteten, wie wir es vorhergeſehen, nicht lange. Schon am andern Tage erſchien ein Unbekann⸗ ter mit einem Schuldſcheine in der Hand und forderte die Bezahlung einer Summe von fünfzig Pfund Sterling. Von Herrn Stiff war durchaus nicht die Rede, doch wir bezweifelten keinen Augenblick, der Schlag komme von ihm. l' Lerdies wurde ich ſchnell in dieſem Glauben be⸗ ärkt. Auf meine Antwort, ich habe dieſe Summe nicht zu meiner Verfügung und könne nur die zwei Guineen geben, welche ich am Tage vorher vergebens zu Herrn Rham gebracht, entfernte ſich der Unbekannte mit der Bemer⸗ kung, wir dürfen uns nicht wundern, wenn am andern Tage die gerichtlichen Verfolgungen beginnen und mit dem größten Eifer betrieben werden. Ich erwiederte, meinem Gläubiger, wer es auch ſein möge, ſtehe es frei, nach ſeinem Gutdünken zu handeln; es ſcheine mir indeſſen, wenn er ſo handle, handle er nicht wie ein Chriſt. Sodann, in dem Augenblick, wo er ſich zurückzog, nahm ich mein Fernrohr und ſtieg in den Speicher hinauf. Das Pfarrhaus war das höchſte Gebäude des Dor⸗ jes; das Fenſter des Speichers beherrſchte die ganze Unigegend; von dieſem Fenſter aus konnte ich mit den Augen dem Unbekannten folgen und nach der Rich⸗ tung, die er nehmen würde, beurtheilen, woher der Schlag käme. Ich ſah, wie ich es nicht bezweifelte, meinen Un⸗ bekannten ſich nach dem Schloſſe wenden; ungefaͤhr eine halbe Meile vom Dorfe Aſhbourn näherte ſich ihm ein Mann zu Pferde, der beim Eingange eines Wäldchens 80 auf ihn wartete;— bei demſelben Wäldchen, durch welches ich, vom Schloſſe zurückkehrend, gekommen war, und wo Jeannie, vom Intendanten und ſeiner Frau redend, ausgerufen hatte:„Oh! nicht wahr, mein Freund, Du wirſt mich nie Madame nennen?“ Ich richtete mein Fernrohr auf den Reiter, der meinem Unbekannten entgegenkam. Dieſer Reiter war Herr Stiff. Die zwei Maͤnner machten bei der Stelle, wo ſie zuſammentrafen, Halt, ſprachen mit einander und unterſuchten die Papiere, die der Unbekannte bei ſich trug; dann ging der Letztere, der die Papiere behalten und ohne Zweifel ſeine Inſtructionen bekommen hatte, während Herr Stiff nach dem Schloſſe zurückkehrte, rings um das Dorf und gelangte wieder auf der Landſtraße von Nottingham zu einem kleinen Wagen, der ſeiner harrte und, ſobald er aufgeſtiegen war, raſch den Weg nach der Stadt einſchlug. Am anderen Tage erhielt ich durch einen Gerichts⸗ boten eine Mahnung, innerhalb vierundzwanzig Stun⸗ den die Summe von fünfzig Pfund Sterling, Intereſſen und Capital, zu bezahlen. Jeannie und ich hatten geſtritten, ob man den Proceß aushalten ſollte, ob man es verſuchen ſollte, die Schuld zu vereiteln, kurz, ob man die Chicane den Haſſe entgegenſetzen ſollte. Jeannie war der Anſicht geweſen, man ſollte die Sache ihren Gang gehen laſſen, ohne daß wir in irgend einer Hinſicht Oppoſition machten; ein Proceß ſei ein Aergerniß, und ſollte ich dieſen Proceß gewinnen, ſ würde ich doch ſicherlich, wenn ich ihn auch durch⸗ fechte, an Achtung verlieren. Wir antworteten alſo nichts auf dieſe Mahnung. Drei Tage nachher erhielt ich eine Aufforderung, vot dem Richter zu erſcheinen, um die Schuld zu leugnen⸗ oder anzuerkennen. durch war, Frau mein der o ſie und i ſich alten hatte, ring ſtraße ſeiner den ichts⸗ Stun⸗ reſſen den e, die e dem te die rgemd ei ein n, ſo urch⸗ 81 Meine Anſicht war, ich ſollte nicht erſcheinen, was uns die Fähigkeit gab, uns gegen den richterlichen Spruch durch Einrede zu verwahren; doch das war nicht die Anſicht von Jeannie.. 4 „Gehe zum Richter,« ſprach ſie,„und erzähle die Thatſachen, wie ſie vorgefallen ſind; Du kannſt ſie laut erzählen, mein lieber William, denn dieſe Thatſachen gereichen Dir zur Ehre.« Ich hatte beſchloſſen, mich bei dieſer Angelegenheit ganz von Jeannie, deren richtigen Geiſt und redliches Herz ich kannte, leiten zu laſſen. Zu der in der Vorladung bezeichneten Stunde er⸗ ſchien ich alſo vor dem Richter. Ich glaubte hier meinen Gegner zu finden. Ich täuſchte mich. Der Richter ließ mich in ſein Cabinet eintreten; man ſchloß die Thüre wieder hinter mir, und wir be⸗ fanden uns allein. Der Richter war ein vortrefflicher Mann, den ich dem Rufe nach kannte; er hieß Herr Jenkins. Er grüßte mich höflich und bat mich, zu ſitzen. „Herr Bemrode,“ ſagte er,„die Gerechtigkeit iſt „Seien Sie überzeugt von meiner ganzen Dank⸗ barkeit, mein Herr,“ erwiederte ich;„doch Ihr guter Wille wird mich nicht retten, und ich bin zum Voraus verurtheilt.« »Sie ſind alſo die Summe ſchuldig, die man von Ihnen fordert?2« Der Pfarrer von Aſhbourn. II. 6 8² „Ich bin ſie ſchuldig, da mein Vater ſich für den Schuldner verbürgt hat, und da ich mich für meinen Va⸗ ter verbürgt habe.“ „Kennen Sie ein Mittel, dieſen Schuldſchein an⸗ zugreifen, Herr Bemrode 2⁴ „Nein, mein Herr, ich kenne keines, und kennet ich eines, ſo würde ich keinen Gebrauch davon machen, ich habe mich verbürgt und muß bezahlen.“ „Wenn es Ihnen aber unmöglich iſt, zu bezahlen? „Dann muß ich die Folgen meiner Verbindlichkei erdulden.“ „Dieſe Folgen ſind erſchrecklich, wiſſen Sie das 2 „Ja, ich weiß es.“ „Ich werde genöthigt ſein, den Verkauf Ihres Haut⸗ geräthes zu befehlen.« „Mein Hausgeräth gehört nicht mir, es gehöt meinen Pfarrkindern, mein Herr; die wackeren Leut hatten es mir gegeben im Glauben, ich werde ewig he ihnen bleiben. Ich verlaſſe ſie zu meinem großen Bo dauern, denn ich liebe ſie und ſie lieben mich. Da Hausgeräth iſt nur noch ein Anlehen, und ich hoffe vol Ihrer Billigkeit, daß es nicht mit Beſchlag belegt win damit ich es denen, die es mir gebracht haben, zurüch geben kann.“ „Sie ſind von dieſem Augenblick an zur Wieden erſtattung ermächtigt, Herr Bemrode. Nehmen Sie ſit jedoch in Acht; dieſe Wiedererſtattung wird vielleicht all Koſten Ihrer Freiheit geſchehen.“ 4 „Wie ſo?« 5 „Mit dem Erlöſe aus dem Verkaufe Ihres Haut eräthes häͤtten Sie vielleicht Ihren Gläubiger abge unden.“ „Ich kann nicht ein Mobiliar verkaufen laſſen, de mir nur geliehen worden iſt.“ „Sie wiſſen, Herr Bemrode, daß die engliſchen Ge ſetze in Ermangelung der Bezahlung zur Verhaftnahm ermächtigen?“ r den 1 Va⸗ n an⸗ ennen achen, llen? ichkei 4s 24 83 „Ich weiß es.“« „Und Sie fügen ſich?« „In Alles.“ 1 „Sogar in das Gefängniß?⸗ 2erhn Ich lächelte, obſchon ich dieſes Wort„Gefängniß nicht ohne einen gewiſſen Schauder hörte. „Gott iſt ebenſo gut im Gefängniß als anderswo,“ erwiederte ich. „Doch Ihre Frau?« Ich fühlte, daß mir die Thränen in die Augen traten. »Meine Fran hat ihren Platz am Tiſche und am Herde ihrer Mutter behalten.“ „Sie verwerfen alſo jede Vertheidigung, mein Herr 2 »Jede Vertheidigung wäre eine Ableugnung der Schuld, und ich bin ſchuldig, da ich mich verbürgt habe.“ Ich ſtand auf, während ich dieſe Worte ſagte, und bezeichnete durch dieſe Bewegung, mein Entſchluß ſei gefaßt, und nichts werde mich davon abbringen. Der Richter ſtand ebenfalls auf, reichte mir die Hand und ſprach: »„Herr Bemrode, man hatte mir geſagt, Sie ſeien ein redlicher Mann, und ich ſehe, daß man mir die Wahrheit geſagt; ich werde Sie verurtheilen, mein Herr,⸗ denn das Geſetz iſt poſitiv, doch indem ich Sie beklage und ſchätze.« »Mein Herr, werden Sie ebenſo denjenigen, wel⸗ cher mich hat verurtheilen laſſen, beklagen und ſchätzen? fragte ich den Richter. „ ch werde ihn beklagen, mein Herr; doch ich werde ihn nicht ſchätzen. Gehen Sie, Herr Bemrode, und verzeihen Sie mir, wenn ich, nachdem ich meine Pflicht als ehrlicher Mann Ihnen gegenuͤber gethan habe, nun meine Pflicht als Richter thue.« Herr Jenkins grüßte mich, und ich ging ab. 6* 84 Erklären Sie mir dieſe Seltſamkeit unſerer armen menſchlichen Organiſatien. Diesmal war Alles ent⸗ ſchieden; die Zukunft meines Ruines und meines Ge⸗ fängniſſes war geöffnet vor mir: ich konnte ſie bis in ihre dunkelſten Tiefen ergründen. Nun wohl! ich ging von dieſem Richter, der mich verurtheilen ſollte, mit leichtem Herzen und ſtolzem Blicke weg. Ich war nahe daran, Jedermann auf meinem Wege anzuhalten und ſelbſt zu Unbekannten zu ſagen:„So, wie Sie mit ſehen, werde ich ins Gefängniß gehen, nicht als ein Verbrecher, ſondern als diin Märtyrer. Ich habe die Redlichkeit bis zum Uebermaße getrieben, und ich bezahle nun mit meiner Freiheit die Ehre, der rechtſchaffenſt Mann zu ſein, den ich kenne.“ Ahl mein lieber Petrus, ſcheint es Ihnen nicht, mein Hoffartsteufel miſche ſich bei mir überall ein, ſelh in mein Ungluͤck? 5 kam nach Aſhbourn gegen ſieben Uhr Abende zurü. um mir eine Nachrich Jeannie erwartete mich, mitzutheilen, welche das Seitenſtück zu der bildete, di ich ihr mittheilen ſollte; mein Nachfolger war angekom⸗ men. Es war, wie wir vermutheten, der Neffe di Rectors, der ſeine Mündel geheirathet hatte. Nur hatte er bloß den Titel eines Vicars mit ſechzit Pfund Gehalt. Doch wie die Pfarrei meinetwegen W⸗ cariat geworden war, ſo konnte ſie, ſobald es dem Res⸗ tor anſtünde, wieder Pfarrei für ſeinen Neffen werden. Ich nahm dieſes neue Unglück, ein übrigens erwan⸗ tetes Unglück, mit derſelben Seelenſtärke an, wie andern. Der folgende Tag war ein Sonntag. Ich hiet meine Abſchiedspredigt an meine Pfarrkinder; ich nahn Abſchied von ihnen wie ein Menſch, der einen beklagt und der ſicher iſt, daß man ſeinen Verlui beklagt. ging mit nahe und mich ein de die Zahl feenſte nicht ſelbſ bende hrich , die ekom⸗ fe dos ſechzit en W⸗ i Rei⸗ verden erwat⸗ vie di hiel Jis Verluß Verlui 8⁵ Ich hatte Thränen in der Stimme; meine ganze Zuhoͤrerſchaft hatte in den Augen. Als ich aber ankündigte, am andern Morgen werde das Pfarrhaus offen ſein, damit Jeder kommen und daraus nehmen könne, was er gebracht habe, als ich ſagte, fortan, bis der Herr über mich für ein noch größeres Unglück, als das, welches meiner in dieſem Augenblicke harre, verfüge, werde ein Stübchen auf einem Speicher für mich und meine Frau genügen, da brach alle Welt in ein Schluchzen aus, und es gab nicht Einen unter dieſen guten Bauern, der mir nicht zurief: „Zu mir, Herr Pfarrer! kommen Sie zu mir!« Hier bemächtigte ſich meiner Seele ein wenig chriſt⸗ liches Gefühl; ich wünſchte, mein Nachfolger möchte meiner Predigt beiwohnen; das wäre eine ſchöne Rache und beſonders eine ſehr gerechte Rache geweſen. Doch Sie wiſſen, mein Freund, die Rache, ſo ſchön und gerecht ſie ſein mag, iſt keine chriſtliche Tugend. Als ich die Kirche verließ, erwartete mich das ganze Dorf auf dem Platze. Kaum erblickte man mich, da erſcholl von allen Seiten der Ruf:„Es lebe Herr Bemrode! es lebe unſer guter Pfarrer!« Und Alle ſtürzten auf mich zu, die Einen küßten mir die Hände, die Andern die Kleider und ſagten: „Nur die Gerechten trifft die Verfolgung; tröſten Sie ſich, Herr Bemrode, Sie ſind ein Gerechter!« Und ſie geleiteten mich ſo bis zur Schwelle des Hauſes, das ich verlaſſen ſollte, und als ſie auf der Schwelle Jeannie, meine ſchöne, meine gute Jeannie ſahen, die mich mit offenen Armen und Thränen in den Augen, aber mit ſanftem, lächelndem, ergebenem Geſichte erwartete, da verdoppelten ſich die Zähren, das Schluchzen und die Rufe der Begeiſterung, und ich ge⸗ ſtehe, ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe. Das Mitleid erweicht das Herz, die Dankbarkeit macht es ſchmelzen. Wir, Jeannie und ich, brachten den ganzen Tag in 86 einer unglaublichen Geiſtesruhe zu. Vielleicht iſt es ſehr eitel, unſere Lage mit der der erſten Chriſten zu verglei⸗ chen, welche, zu den wilden Thieren verurtheilt, am andern Tage im Circus kämpfen mußten; doch dieſe würdigen Mäͤrtyrer emfanden ohne allen Zweiſel etwas, was der ſchwermüthigen Zufriedenheit ähnlich, die ſich unſerer be⸗ mächtigt hatte. Sobald Jeannie oder ich an der Thüre erſchienen, hörten alle Geſpräche auf dem Platze auf,— Sie erinnern ſich, daß es Sonntag war,— die Hände griffen von ſelbi nach den Hüten, und die Köpfe entblößten ſich.. Um acht Uhr machten wir das letzte Mahl, das wir in unſerem armen Häuschen halten ſollten, wo wir unſen ganzes Leben ſo glücklich und ſo unbekannt zubringen zi dürfen geglaubt hatten. Die Verfolgung hatte hier unſen. demüthige Eriſtenz aufgeſucht, als wäre es ein hohe Glück geweſen: die Verfolgung war willkommen. 4 nannte dieſes letzte Mahl: Das Henkert mahl. Dann zogen wir uns in das Schlafzimmer zurüch das ich in Fresco für Jeannie gemalt hatte; der An blick dieſer Malereien verſetzte mich in einen Zorn: in hatte Luſt, eine Bürſte zu nehmen, um ſie zu verwi ſchen; doch Jeannie hielt mich zurück; ſie kniete vur ihr Betpult nieder und ſpra. „Herr gib, daß diejenigen, welche in dieſem Zin, mer auf uns folgen werden, ſo glücklich ſein mögen als wir es geweſen ſind!“ XXXV. Das Gefüngniß. Am andern Morgen um ſieben Uhr, wie ich 1 meinen Gemeindegenoſſen angekündigt, war die Thil ſehr glei⸗ dern igen der rbe⸗ enen, mern ſelbſt 3 wir unſer geen zu unſen hoheh kers urüch r Am n: i verwi te ver n Zim⸗ möget ich Thün 87 des Pfarrhauſes offen, und Jeder konnte kommen und das Geräth, das er gebracht hatte, zurücknehmen. Doch trotz der öffentlichen Aufforderung in meiner Predigt am Tage vorher, erſchien Niemand.— Da beauftragte ich den Schulmeiſter, von Hauſe zu Hauſe zu gehen und zum zweiten Male die Eigen⸗ thümer aufzufordern, ſich wieder in den Beſitz ihres Eigenthums zu ſetzen, hätten ſie nicht etwa die Abſicht, annent Nachfolger mit dem Geräthe ein Geſchenk zu machen. Dieſes Wort brachte eine energiſche Wirkung her⸗ vor: der Nachfolger— Gott verwandle die ſchlimme Geſinnung ſeiner Pfarrkinder gegen ihn!— ward zum Voraus gehaßt. Ich ſah Männer, Weiber und Kinder herbeilaufen. Abermals mußte ich dieſer guten Bevölkerung er⸗ klären, ich werde das Haus im Verlaufe des Tages verlaſſen, damit ſie ſich entſchloß, das zurückzunehmen, was ſie mir ſo edelmüthig gegeben hatte. Die Operation ging langſam vor ſich. Jeder trug mit Bedauern ſein Eigenthum weg; gegen vier Uhr Nachmittags war Alles ausgeräumt, bis auf das Clavier, das man dem Schulmeiſter zur Aufbewahrung übergab. Wir entfernten uns zuletzt und ließen die Thüren offen, damit der neue Bewohner eintreten könnte, wann er wollte. Dann nahmen wir für die kurze Zeit, die wir noch in Aſhbourn bleiben ſollten, unſere Wohnung beim Schulmeiſter. Das war eine Auszeichnung, welche wir dem wackern Manne in Betracht der Theilnahme, die er uns bezeigt hatte, ſchuldig zu ſein glaubten. Am andern Tage bekamen wir einen Beſuch von unſern theuren Eltern; ſie wußten, nicht ganz, doch theil⸗ weiſe nichts von der Größe des Schlages, der uns traf. Anfangs hatte ihnen Jeannie Alles ſagen wollen; 88 ich machte ihr aber begreiflich, das wäre gut, wenn ſi uns helfen könnten, während es mir, da ich von ihre Ohnmacht überzeugt ſei, grauſam ſcheine, ſie in den Kampf mit unſerem Unglück zu ſtellen, ohne einen an⸗ dern Beiſtand, als eben dieſe Oohnmacht, die ſich in un⸗ ſern Augen ſo gut durch das Opfer erwieſen, welchet Herr Smith, um ſeiner Tochter ein Clavier geben zu können, habe bringen müſſen. Ich beſtimmte alſo Jeannie, zu lügen und ihrn Eltern zu ſagen, auf ein Vicariat beſchränkt, ſei d Pfarrei vergeben, doch man habe mir eine andere ver ſprochen. 3 Das Unglück war ſo ſchon groß genug, da die andere Pfarrei, welche am entgegengeſetzten Ende vet England ſein konnte, die Trennung zur Folge hatte. Die Urſache der Lüge machte meiner Meinum nach die Lüge entſchuldbar. Den Aerzten iſt es auch erlaubt, zu lügen; für f iſt die Lüge ſogar eine Pflicht. 1 Was waren wir aber, Jeannie und ich, bei dieſe Gelegenheit? Aerzte, welche den verzweifelten Zuſtan ihrer Kranken nicht geſtehen wollten.. Als ſie jedoch unſern Auszug aus dem Pfarrhal und unſere Einquartierung beim Schulmeiſter erfuhrn da brachen ſie auf der Stelle von Wirksworth auf u kamen um uns Gaſtfreundſchaft in ihrem Hauſe auß ieten. Ja, dieſe Gaſtfreundſchaft wäre allerdings eti Süßes, eine große Erleichterung in unſerem Ungli geweſen, hätte uns nicht ein zukünftiges Uebel bedroh welches noch größer als unſer gegenwärtiges Uebel. Sie waren durch das Pfarrhaus gegangen, w ſie dachten, wir würden vielleicht dort durch irge⸗ einen Umſtand des Auszuges zurückgehalten; do hatten das Pfarrhaus leer und alle Thuren offen u im Winde ſchlagend gefunden. Man hätte glau in ſi ihrer n den n an⸗ n un⸗ elchet den zu ihrn ſei di re ver⸗ a diſ de vo atte. einun für ſ i die Zuſtan errhal fuhrn auf u ee auß 3 ettu⸗ Ungli bedrol el. n, we irgen doch 1 ffen un ſlant 89 können, es ſei eine ſeit zehn Jahren unbewohnte Ruine, welche ewig unbewohnt bleiben ſollte. 3 Der neue Vicar hatte es noch nicht gewagt, einzu⸗ ziehen und das Haus gleichſam ganz warm von unſerer Gegenwart zu nehmen. Sie fanden uns in einem Stübchen, umgeben von dem dürftigen Mobiliar, das uns der Schulmeiſter hatte leihen können, welches Mobiliar übrigens aus Allem dem beſtand, was ſich Beſtes im Hauſe fand. Bei dieſem Anblick ſchnürte ſich das Herz der guten Miſtreß Smith zuſammen, und ſelbſt die Heiterkeit des patriarchaliſchen Geſichtes von Herrn Smith trübte ſich. Der würdige Mann machte uns nun Vorwürfe, daß wir nicht zu ihm gezogen ſeien, doch ich, ich erklärte ihm, wie es unnöthig wäre, ihm dieſe Störung von einigen Tagen zu verurſachen, wobei ich ihm,— ach! mit zu viel Gewißheit,— verſicherte, binnen Kurzem werde ich den Platz und die Wohnung haben, die mir verſprochen ſeien. Ich war ſo weit, als der Schulmeiſter mit einem Briefe in der Hand eintrat. Dieſer Brief trug den Stempel von Nottingham an ſich. Einen Augenblick, mein lieber Petrus, glaubte ich, dieſer Brief ſei von Ihnen, Ihr Bruder, der ehren⸗ werthe Herr Samuel Barlow, habe ſich mit mir be⸗ ſchäftigt, und Sie ſchicken mir eine gute Kunde. Dann wäre aber der Brief mit dem Stempel von Cambridge und nicht mit dem von Nottingham bezeich⸗ net geweſen. Ich öffnete ihn. Er war vom Richter. Immer unparteiſſch als Richter und gut als Menſch, kündigte mir Herr Jenkins an, der Spruch, der mich zum Gefängniſſe verurtheilen ſollte, werde am folgenden Donnerſtag gefällt werden. Er werde am Samſtag vollſtreckbar ſein. 90 Dem zu Folge, wenn ich mir das Aergerniß einer Verhaftung erſparen wolle, brauche ich ihm nur ein Wort zu ſchreiben und mich zu verpflichten, ich werde ſelbſt ins Gefängniß gehen. Mein Wort genüge und die Attorneys werden ſich dann nicht bemühen. Man werde Befehle im Schuldgefängniſſe geben, daß ich dort eingeſperrt werde, und daß man mir die beſte der verfügbaren Stuben überlaſſe. Dieſe Gäͤte von Herrn Jenkins ergriff mich unend⸗ lich; in meinem Ungluͤck hatte ich, ſo zu ſagen, zugleich die beiden Pole der Geſellſchaft berührt: das Schlimmſte, was es gab, und das Beſte, was es gab. Die Thränen traten mir in die Augen und das Lächeln auf die Lippen, während ich dieſen Brief las. Als Miſtreß Smith! den Ausdruck meiner Phyſio⸗ gnomie ſah, ſagte ſie auch: oß„Gne gute Kunde, nicht wahr, mein Schwieger⸗ ohn?⸗ „Ja, meine Mutter, eine vortreffliche: dieſer Briij kündigt mir in der That an, ich werde Samſtag meint Stelle erhalten, und ich habe mich von dieſem Augen⸗ blicke um nichts mehr zu bekümmern.“ und ich reichte den Brief Jeannie; ſie las ihn und lächelte wie ich. Unſere armen Eltern verließen uns alſo vollkom⸗ men ruhig. Sobald ſie weggegangen waren, verlor ich keine Minute, um Herrn Jenkins zu antworten. Als Jeannie, welche ihren Vater und ihre Muttet begleitet hatte, zurüͤckkam, ſah ſie mich mit Schreiben beſchäftigt; mit Recht dachte ſie, was ich ſchreibe, ſei die Antwort auf den Brief des Richters. Sie ſtützte ſich auf die Lehne meines Stuhles und las über meine Schulter. Ich ſchrieb Herrn Jenkins, am folgenden Samſtag, zur Mittagsſtunde, werde ich ans Schuldgefängniß klopfen, 22 einer ein verde ſich eben, r die nend⸗ gleich mſte, das las. hyſio⸗ ieger⸗ Briej meine ugen⸗ 1 und Ulkom⸗ keime Nutter reiben e, ſel s und mſtag, lopfen, 91 und bat ihn, meinen Dank für den guten Rath, den er mir gegeben, empfangen zu wollen. 8 1 Als der Brief unterzeichnet war, ſchickte ich mich an, ihn zu verſtegeln; da reichte mir Jeannie die Fe⸗ der, die ich niedergelegt hatte, und ſagte: »Mein geliebter William, Du haſt Eines vergeſſen.“ „Was 2 „Zu fragen, ob ich mit Dir ins Gefängniß zuge⸗ laſſen werden könne.“ Ich wandte mich um: große Thränen kamen mir in die Augen; ich ergriff beide Hände von Jeannie, küßte ſie mit Entzücken und rief:. „Du im Gefaͤngniß, meine Jeannie? Du einge⸗ ſperrt? Du ohne Luft, ohne Blumen, ohne Sonne? Unmöglich!« „Bin ich nicht Dein Weib, meine Geliebter, und iſt mein Platz nicht da, wo Du biſt?«. „Jeannie, ich wiederhole Dir, Du würdeſt es nicht aushalten.“ „»Und Du glaubſt, ich würde unſere Trennung aushalten? Du glaubſt, Deine Perſon, mein lieber William, ſei mir nicht nothwendiger, als die Luft, als die Blumen, als die Sonne? Schreibe, mein Freund, ſchreibe, und verlange von dem guten Herrn Jenkins ein Plätzchen für mich in einem Winkel Deines Ge⸗ fängniſſes.“ Ich nahm die Feder aus den Händen von Jeannie und verlangte, was ſie wünſchte. „9 Petrus, Petrus, großer Philoſoph! ſo ſehr Philoſoph, daß Sie Junggeſelle geblieben ſind, um der Philoſophie nicht untreu zu werden, glauben Sie, Ihre gelehrte und kluge Gebieterin hätte. Ihnen bei einer Lage wie die, in der ich mich befand, einen Troſt ge⸗ geben dem gleich, welchen mir Jeannie bot? Nein, ich erkläre, es gibt kein wirkliches Unglück, wenn der Herr geſtattet, daß man es zu Zwei erdul⸗ den darf. 9² Die Tage vergingen, ohne daß ſich in unſeren Ver⸗ haͤltniſſen etwas änderte; ich hatte an Sie, mein liebet Petrus, zu gleicher Zeit wie an den Richter geſchrie⸗ ben; was konnte ich aber nunmehr von Ihnen und von Ihrem Bruder hoffen? Eine Pfarrei war das, um was ich nachgeſucht; wozu würde mir nun dieſe Pfarrei nützen? ſe Konnte ich ſie von meinem Gefängniſſe aus ver⸗ ehen? Was ſich für den Gefangenen geziemt, iſt die Phi⸗ loſophie oder die Reſignation. Als Prieſter hoffte ich mich höher als die Wiſſen⸗ ſchaft, ich hoffte mich bis zur Tugend erhoben zu haben, Am Freitag gingen wir zu Herrn Smith und ſei ner Frau, um Abſchied zu nehmen; ſie wußten durch⸗ aus nicht, was wir in Nottingham ſuchen ſollten. Arme Eltern! wenn ſie hätten vermuthen können, es ſei ein Gefängniß! Sie umarmten uns weinend, als wir ſie verließen. In welches Schluchzen würden ſich dieſe Thränen vel⸗ wandelt haben, hätten wir uns die geringſte Schwatz⸗ haftigkeit zu Schulden kommen laſſen! Herr Smith hatte, wie er ſagte, längſt ein Gr⸗ ſchäft in Nottingham; er wollte uns durchaus dahnt begleiten. Nur mit großer Mühe brachte ich ihn bievon ab⸗ Hier bewunderte ich Jeannie, mein lieber Petrus⸗ nicht eine Minute verließ ſie der Muth. Wir kehrten nach Aſhbourn zurüuck; unſere Eltern begleiteten uns bis zur Hälfte des Weges. Als wir uns Lebewohl ſagten und uns mitten auf der Landſtraße umarmten, fuhr der Wagen des Inteln⸗ danten vorüber. Herr Stiff ſaß in ſeinem Wagen; er neigte ſeinen Fuchskopf zum Schlage heraus; da er uns aber ruhig, gefaßt, faſt lächelnd ſah, ſchleuderte er mir eine Ge⸗ berde der Drohung zu. Ver⸗ lieber chrit⸗ und ucht; 3 ver⸗ Phi⸗ ziſſen⸗ aben, d ſel⸗ durch⸗ nnen, ießen. n ver⸗ hwatz⸗ n Ge dahit on ab. etrus. Eltern en aui Intel ſeinen ruhig, ie Ge⸗ 93 Ich ſah dieſe Geberde und ſchüttelte den Kopf; ich muß ſagen, kein ſchlimmes Gefühl antwortete ihm aus dem Grunde meines Herzens. 3 Ich ſtreckte beide Hände gegen ihn aus und mur⸗ melte halblaut: „Boshafter Menſch, Gott iſt mein Zeuge, daß ich Dir verzeihe und Dich ſegne.“— Ohne Zweifel täuſchte er ſich in meiner Abſicht, und wenn er meine Geberde ſah, ſo glaubte er, wie er haſſe und verfluche ich. Wir kehrten zum Schulmeiſter zurück.. Ohne daß er den Zweck unſerer Reiſe kannte, wußte der Schulmeiſter, daß ich am andern Tage mit Jeannie nach Nottingham gehen ſollte; er hatte ſich erkundigt, ob nicht einer von meinen Gemeindegenoſſen mit einem Wagen nach der Stadt fahre, und er hatte uns eine Gelegenheit gefunden. Am andern Tage erwachten wir frühzeitig; wir richteten unſer Gebet an den Herrn und öffneten dann das Fenſter, um zu ſehen, wie das Wetter ſei. Es war nicht ein Wagen, es waren vier Wagen, die uns vor der Thure erwarteten. Alle diejenigen, welche eine Carriole und ein Pferd im Dorfe beſaßen, ſtellten ſie zu unſerer Verfügung. Ein armer Bauer, der nur ein Wägelchen und einen Eſel hatte, kam wie die Andern, in der Hoffnung, wir werden ſeine Demuth nicht verachten. Er hatte Recht; er war es, den wir wählten. Iſt nicht ein Eſel das Thier, das der Herr an dem Tage nahm, wo er triumphirend in Jeruſalem einzog? Ddie Freude des guten Mannes war groß, und da die Anderen die Urſache begriffen, aus der wir ihm den Vorzug gegeben, ſo nahmen ſie von uns Abſchied, in⸗ dem ſie uns lobten und prieſen. Wir brauchten vier Stunden, um den Weg zu machen. Jeannie und ich ſaßen auf demſelben Bänkchen; 94 nicht einen Augenblick während der ganzen Fahrt trennte ſich die Bruſt von uns Beiden, nicht eine Minute hör⸗ ten unſere Herzen auf, an einander zu ſchlagen. Auf den Punkt zwölf Uhr, das heißt, zur beſtimm⸗ ten Stunde waren wir vor der Thüre des Gefängniſſes, Hier ſtiegen wir ab zum großen Erſtaunen unſeres Bauern, der nicht wußte, wohin wir gingen, und uns erklärte, wenn er den Zweck unſerer Fahrt gekannt hätte, ſo würde er uns nicht geführt haben. Ich dankte dem wackern Manne, und als er mich um FErlaubniß bat, mir die Hand drücken zu dürfen, umarmte ich ihn. Dann klopften wir ohne Zögern, ohne Furcht umd, ich möchte beinahe ſagen, ohne Bedauern an die Thün des Gefängniſſes, die ſich vor uns öffnete und hinte uns ſchloß. Ach! mein lieber Petrus, dieſe höchſtens vier Dal⸗ men dicke eichene Thüre ſetzte eine unüberſteigbare Schrant zwiſchen die Welt und mich. XXXVI. Wie es Gatt gefällt. Im Innern des Gebäudes fanden wir Herrn Ian⸗ kins, der uns erwartete.. 4 Der wackere Mann ſah ſo traurig aus, daß it leait beurtheilte, er habe uns eine ſchlimme Kunde 1 eröffnen. Ich vermuthete ſogleich, welche Kunde dies ſein werde; es war das einzige Ungluck, das mir noch be gegnen konnte. „Ah! mein Gott! mein Gott!« rief ich,„Sie kö ennte hör⸗ imm⸗ jiſſes. ſeres ) uns kannt mih ürfen, umd) Thuͤn hinte Dal⸗ hrand n Jel daß it unde 3 tes ſiͦ doch be Sie köh 95 nen Jeannie nicht erlauben, bei mir zu wohnen, nicht wahr, Herr Jenkins? 4 „Ach!« erwiederte der Richter mit Thraͤnen in den Augen,„ich bin in Verzweiflung, Herr Bemrode, daß ich Ihnen dieſe Bitte abſchlagen muß, doch ſie iſt ge⸗ gen alle Regeln des Gefängniſſes.“. „Wir ſollen alſo getrennt werden!“ rief Jeannie; vah! bedenken Sie, mein Herr, was eine Trennung iſt? „Ja, Madame, ich habe es bedacht,“ erwiederte der Richter;„ich gewähre Ihnen auch Alles, was ich Ihnen gewähren kann: die Erlaubniß, alle Tage Ihren Mann zu ſehen, von der Stunde, wo das Gefängniß geöffnet wird, bis zur Stunde, wo man es ſchließt, das heißt, im Winter von zehn Uhr Morgens bis vier Uhr Abends und im Sommer von acht bis ſechs Uhr.« „Ohl mein Gott! was werde ich denn mit all der Zeit thun, in der ich ſie nicht ſehe?« rief ich. Jeannie trat auf den Richter zu, ergriff ſeine bei⸗ den Hände und ſprach: »Mein Herr, nicht wahr, Sie ſchwören mir, daß es unmöglich iſt, für zwei Unglückliche in unſerer Lage mehr zu thun, als Sie für uns thun?“ „Ich ſchwöre es Ihnen; wenn ich mehr thun könnte, ſo würde ich es thun, und zwar, ohne daß Sie darum zu bitten nöthig hätten.“ „Ich danke Ihnen, mein Herr; es wäre alſo un⸗ gerecht von uns, würden wir mehr verlangen.“ „Dann kam ſie zu mir zurück mit jener Reſigna⸗ tion, aus der ſie ſeit dem Anfange unſerer Ungluͤcks⸗ fälle eine ihrer Tugenden gemacht hatte. »Mein Freund,“ ſagte Jeannie,„Du ſiehſt, daß wir, trotz der Güte dieſes Herrn gegen uns, fuͤr lange Stunden getrennt werden ſollen.“ „Leider ¹« murmelte ich. „Höre: ziehen wir aus dieſem neuen Schmerze den beſtmöglichſten Nutzen; dieſe Stunden der Trennung werden wir durch die Arbeit ausfüllen; in meiner Nähe 4 96 biſt Du beſtändig durch mich zerſtreut: ich gehe aus und ein, und ſelbſt wenn ich abweſend bin, fühlſt Du mich hier. Nun wohl! in meiner Abweſenheit wirſt Du zum Arbeiten Deine Abende und Nächte haben; dann wirſt Du das Meiſterwerk ausführen, das Du uns unah⸗ läſſig verſprichſt, und zu deſſen Verwirklichung es Dir nur an Zeit gemangelt hat. Ich meinerſeits werde den Rath von Madame Stiff befolgen, und ſo kommen wir vielleicht,— Du mit Deinem Buche, ich mit meiner Malerei und den Lectionen in der Muſik, die ich geben werde,— wir kommen dazu, ſage ich, daß wir die unglückliche Schuld von fünfzig Pfund Sterling bezahy len, die Dich hieher geführt hat.“ „Träume! Träume, Alles dies, meine arme Jean⸗ nie!“ rief ich;„fünfzig Pfund Sterling! nie werden wir dieſe Summe erwerben, und, ich fühle es, wenn ich die Hälfte meines Lebens fern von Dir zubringen muß, ſo werde ich nur halb gelebt haben.“ Und ich ſank ganz niedergeſchlagen auf einen Stuhl Herr Jenkins näherte ſich uns, denn Jeannie, al ſie ni ſchwach werden ſah, rief ihn durch einen Bit zu Hülfe. „Auf, Herr Bemrode,“ ſagte er zu mir,„Mun gefaßt! Haben Sie bis jetzt das Mißgeſchick ſo gut er⸗ tragen, warum unterliegen Sie gerade in dem Augen blick, wo Sie Ihrer ganzen Stärke bedürfen? Muß It nen Ihre Frau das Beiſpiel der Reſignation geben Miſtreß Bemrode hat Recht; nur die Arbeit allein i für Sie Beide eine wirkliche Hülfsquelle, wenn nich um Sie völlig der Verlegenheit zu entziehen, doch wi nigſtens, um Sie Ihre Lage aushalten zu laſſen. Miſtre Bemrode nimmt hier in der Umgegend, ſo nahe al möglich, in einem guten, ehrlichen Hauſe ein kleine Zimmer, deſſen Adreſſe ſie mir geben wird, und i werde ihr Lectionen zu verſchaffen ſuchen und für de Verkauf ihrer Gemälde beſorgt ſein.“ 84 und mich zum wirſt nnab⸗ Dir e den wir eeiner geben r die ezah⸗ Jean⸗ verden wenn eingen Stuhl e, al Blit „Mun zut er⸗ 97 „Ich danke von ganzem Herzen, mein Herr,“ ſagte ich zum Richter,„ich danke!«— Als ich aber, trotz dieſes guten Verſprechens von Herrn Jenkins, immer gleich niedergeſchlagen blieb, da kam Jeannie auf mich zu, legte ihren Kopf an meine Bruſt und ſprach: „Mein Freund, erinnere Dich wohl: wenn Alles verloren ſcheint, darf man ganz beſonders hoffen, denn wenn das Uebel ſeinen höchſten Grad erreicht hat, dann ſtehen wir aufs Neue dem Glücke nahe... Mein Freund, biſt Du nicht mehr Mann? biſt Du nicht mehr Chriſt?« Die Stimme von Jeannie übte immer eine große Gewalt über mich; ich ſchämte mich meiner Schwäche vor dem Muthe meiner Frau, ſchüttelte den Kopf und ſtand auf. „Ja, Du haſt Recht, Jeannie,“ ſagte ich zu ihr, „hoffen wir, doch nicht, daß wir dem Glücke nahe ſeien: um uns den Zwiſchenraum überſchreiten zu laſſen, der uns jetzt von ihm trennt, bedürfte es eines Wunders, und die Wunder ſind ſelten.“ Ich ſtieß einen Seufzer aus. „Kleingläubiger!« rief Jeannie lächelnd. Dann wandte ſie ſich an den Richter und ſprach: „Herr Jenkins, ich nehme Ihre wohlwollende Pro⸗ tection an; ja, ich werde, wie Sie ſo eben ſagten, ein Zimmer in der Umgegend des Gefängniſſes miethen, und zwar ſo bald als moͤglich; denn ich wußte nicht, wohin ich heute Abend gehen ſollte, und ich will nicht in einem Gaſthauſe ſchlafen. Sage, William, Du, der Du in Nottingham gewohnt haſt, Du, der Du die Stadt enn ſage mir, an wen ich mich wenden ſoll, führe mich. Plötzlich, bei dieſer Aufforderung, durchzog eine Leuchte meinen Geiſt. „Ahl mein Gott! kaum hundert Schritte von hier iſt das Haus meines ehemaligen Wirthes des Keßlers; Der Pfarrer von Aſhbourn. II. 7 98 dieſer Mann iſt immer gut gegen mich geweſen, um ich glaube ſogar, daß ich gegen ihn bei dem letzten Beſuche, den ich ihm gemacht, ungerecht war. das Stübchen, das ich bei ihm bewohnte, noch frei, ſe nimm es, Jeannie; es hat mir Glück gebracht, da it von dieſem Stübchen ausgegangen bin, um Dich i ſehen; vielleicht hat es ſeinen glücklichen Einfluß be wahrt, und es trägt zu dem unverhofften, aber mog lichen Wunder bei, von dem Du vorhin ſprachſt. Geht mein Kind, gehe und ſage dem wackeren Manne allt Freundliche von mir. Mich wird man mittlerweile i meine Stube führen; ich werde mich daſelbſt einqum tieren, und da es erſt halb zwei Uhr Nachmittags ſ und Du in einer Stnnde zurück ſein kannſt, ſo habe wir noch einen guten Theil des Tages mit einander ſ zubringen... Herr Jenkins, ich empfehle Ihnen mei Frau.“ Ich machte einen Schritt, um in das Innere d Gefängniſſes zu gehen, doch es kam Jeannie und m ganz derſelbe Gedanke, und wir blieben Beide ſtehen. „Was haben Sie noch?“ fragte der Richter. „Ohl Herr Jenkins,“ erwiederte Jeannie,„ich bi feſt überzeugt, William befürchtet daſſelbe wie ich: wen ich einmal außen ſei, werde ich nicht mehr zurückkehr können.“ „Ja! ja!“ rief ich,„ſo iſt es! ſo iſt es!« „Herr Bemrode,“ verſetzte der Richter,„Sie habe mein Wort, und ich werde Miſtreß Bemrode nicht eß verlaſſen, als bis ſie hieher zurückgekehrt iſt.“ „Ich danke; nun gehe.“ Doch, trotz dieſes Verſprechens, umarmten wir unt Jeannie und ich, mit einer unbeſtimmten Bangigke mit einem tödlichem Schauer. 3 Mir ſcheint, das Gefängniß iſt der Uebergang de dieſer Welt in die andere, es iſt das Vorzimmer d Grabes, das Vorhaus des Todes. Alles, was daraus durch die Thüre des Th „ und letzten 2 59 rei, ſt da ih ich zu uß be r mög Geht e allt eile i nqum ags 1 habe der zi mein ere d nd m tehen. ich bi : wem ckkehrn e habt icht ahe vir und ngigki ang ue mer d 3 Tag 99 weggeht, kehrt in das Leben zurück, das heißt, entfernt ſich vom Gefangenen. 3 Sobald Jeannie mit Herrn Jenkins weggegangen war, ſobald das Geräuſch der Thüre erloſchen und ich allein war, verlangte ich, in meine Stube geführt zu werden; ich fing mein wahres Gefangenenleben an. Der Gefangenwärter ließ mich hinauf gehen, ſtatt mich hinab ſteigen zu laſſen, das war ſchon etwas; dann öffnete er mir die Thüre einer vergitterten Zelle. Die Stuben eines Gefängniſſes gleichen ſich alle; verſetzt eine Gefängnißſtube mitten in das reichſte Schloß, mitten in die ſchönſte Landſchaft, und Ihr werdet immer mit dem erſten Blicke, und wäͤren auch keine Gitter an den Fenſtern, ſagen:„Das iſt eine Gefängnißſtube.“ Es war indeſſen ſichtbar, daß der Richter ſein Wort gehalten und unter den leeren Stuben die beſte gewählt hatte. Sie war mit allen unerläßlichen Gegenſtänden ver⸗ ſehen; doch gerade dieſe Aufmerkſamkeit trug, indem ſie die Wahrſcheinlichkeit eines langen Aufenthaltes bezeich⸗ nete, ſehr dazu bei, mich bei meiner Einquartierung trübe zu ſtimmen. Ich fand ein Bett ſo gut, als ein gewöhnliches Bett hätte ſein können, vier Stühle und einen Tiſch mit Papier, Tinte und Federn. Zwei Blumentöpfe ſtanden im Strahle des Tages und ſchienen ihre Blätter zum Lichte zu erheben. Gefangene wie ich, ſtrebten dieſe Blätter nach dem Tage und der Freiheit hin. Ich warf einen raſchen Blick auf Alles dies, und das Inventar meiner neuen Wohnung war gemacht. „Der Gefangenwärter fragte mich, ob ich etwas bedürfe, und auf meine verneinende Antwort ließ er mich allein. Ich ſetzte mich. Eine Spinne machte ihr Gewebe in einer Ecke mei⸗ ner Zelle; das Geräuſch ihrer Weberei ärgerte mich, und 7* 100 ich ſtand auf, um mich ihrer zu entledigen; doch ich erinnerte mich jenes franzöſiſchen Gefangenen, der, in der Baſtille eingeſperrt, ſich eine Gefährtin aus einer Spinne gemacht hatte und in Verzweiflung war, als ſie ihm der Kerkermeiſter tödtete. 4 Ich dachte, wenn meine Gefangenſchaft ſich ver⸗, längerte, ſo könnte dieſe Spinne für mich auch eim Gefährtin werden, und in dieſer Vorherſehung müſſe it. ſie erhalten. 1 Obgleich ſie im Bereiche meiner Streiche war, bo⸗ gnadigte ich ſie doch und ſagte zu ihr: „Gefährtin meiner Gefangenſchaft, ſei willkommen in meinem Kerker.“ 1 In dieſem Angenblick hörte ich ein Geräuſch all der Treppe, und ich erkannte die Tritte von Jeannie. Die Thüre wurde geöffnet, ſie trat ein. Ich ging auf ſie zu, umarmte ſie, führte ſie ring im Zimmer umher und fragte dann: „Was ſagſt Du hiezu, Jeannie?“ 1 „Daß dieſe Stube, wenn man mir erlaubte, ſie mi Dir, mein geliebter William, zu bewohnen, ein Par⸗ dies wäre.“ „Ach!“ erwiederte ich,„theure Freundin, es git kein Paradies auf der Erde, und darum biſt Du vol mir getrennt.“ „Sprechen wir nicht von Trennung, da wir diie Stunden vor uns haben.“ „»Nun wohl!« fragte ich,„mein Wirth der Ki⸗ er?...— 5 „Das iſt ein vortrefflicher Mann; als er das Un⸗ glück erfuhr, das Dir begegnet iſt, ſchien ihn innige Mitleid zu ergreifen; er bat dann den Richter, ein Augenblick bei ihm zu bleiben, und ließ mich durch ſein Frau in Deine ehemalige Stube führen.“ „Arme Stube!“ 3 „Palaſt meines Herzens, theurer William! Sie i noch ſo, wie ſie zu Deiner Zeit war: nicht ein Meub ch ich er, in einer , als ver⸗ eim ſſe it , ba mman h auj nie. ring ie mi Par 3 git 1 vol ir dii K s Ul- unige einen ſeu Sie ii Neubl 401 iſt verändert worden, und ich habe ſogar auf dem Tiſche ein Heft mit dem Titel einer Tragödie gefunden. Dieſe Stube, durch den Segen des Herrn iſt es geſchehen, daß ich ſie voll von Erinnerungen an Dich wieder⸗ fand; ich werde dort beſtändig mit Dir ſein!“« „Und Herr Jenkins, Jeannie?“ 4 „Als ich zuruͤckkam, fand ich ihn in einem eifrigen Geſpräche mit Deinem Wirthe begriffen; ſobald ſie mich aber erblickten, wechſelten ſie ein Zeichen und ſchwiegen.“ „Sie ſchwiegen! Sollte dieſer Mann Herrn Jen⸗ kins ſchlechte Nachrichten über mich gegeben haben?“ „Ohl ganz im Gegentheil, mein Freund, denn wäͤhrend er mich hieher zuruͤckführte, ſagte mir Herr Jenkins unabläſſig, ich möge mich beruhigen, wobei er mir wiederholte, es gebe noch wackere Leute auf der Erde, und nicht alle gute Seelen ſeien zum Himmel auf⸗ geſtiegen.“ „Was meinte er hiemit 2« „Ich weiß es nicht; doch ſeine Worte waren gut, ſanft, liebevoll, was ſicherlich nicht der Fall geweſen wäre, wenn Dein Wirth ihm Schlimmes von Dir ge⸗ ſagt hätte.“ „»Und die Befehle ſind gegeben, daß Du frei aus⸗ und eingehen kannſt, meine gute Jeannie 2 „Die Befehle waren ſchon dieſen Morgen gegeben, und ſie ſind in meiner Gegenwart wiederholt worden.“ „Gut! Dann wollen wir unſer neues Leben be⸗ ginnen, unſer Gefangenſchaftsleben, unſere Gefängniß⸗ periode; beginnen wir mit dem Gebete, auf daß wir, wenn Gott bei uns zu ſein vergäße, ihn daran erin⸗ nern, wir ſeien bei ihm.“ Die drei Stunden, die mir Jeannie geben konnte, verliefen wie eine Secunde. Es ſchlug fünf Uhr; der Gefangenwarter kam her⸗ auf und ſagte Jeannie, es ſei Zeit, wegzugehen. In den ſechs Monaten, die wir verheirathet, war dieſe Trennung von einer Nacht die erſte. 10²2 Jedes von uns ſuchte ſeine Thränen vor dem An⸗ dern zu verbergen; als aber Jeannie außen war, weinte ſie, und als Jeannie mich verlaſſen hatte, weinte ich. In dieſem Augenblick fing meine wahre Gefangen⸗ ſnſtiſn was das Gefänguiß hart macht, iſt die Ein⸗ amkeit. Ein Mittel blieb mir, um meine düſtere Stim⸗ mung zu bekämpfen, das war, Ihnen zu ſchreiben, mein lieber Petrus. Ich hatte Ihnen meine vierzehn letzten Tage, das heißt, den bewegteſten Theil meines Lebens zu erzählen. Ich benützte einen Reſt vom Tageslichte, um an dieſt Arbeit zu gehen; ich ſollte Ihnen ſo viel von Jeannie zu ſagen haben, daß mir dieſe Arbeit ein großer Troh werden müßte. Die ganze erſte Periode meiner Geſchichte, die der Freiheit, der Luft, der Sonne, war vor Ihren Augen vorübergegangen, und es ſollte für Sie die düſtere Seite das Leben des Gefangenen, beginnen... Um fünf Uhr Abends, als ſich der Tag neigte brachte man mir eine Lampe, ohne daß ich ſie verlangt hatte, und ich erkannte hierin eine Aufmerkſamkeit ulr ſeres guten Richters. Um acht Uhr kam man, um mich zu fragen, wal ich zum Abendeſſen befehle; das Frühſtück und das Mit⸗ tagsbrod, das heißt, die abſolute Nothwendigkeit des Lebens, hat der Gläubiger zu beſtreiten. Alles, was außer dieſen zwei Mahlen genommen wird, geht auf Koſten des Schuldners.. Da ich vermuthete, ich werde ziemlich lang in die Nacht hinein wachen, ſo verlangte ich Brod, etwal Obſt und etwas Waſſer; ich bekam dies für einen Schit ling, was mir entſetzlich theuer ſchien. Ich werde milh daran zu gewöhnen ſuchen, daß ich arbeite, ohne etwat zu mir zu nehmen, oder ich kann wohl ein Stück Brah von meinem Mittagsmahle erſparen, das ich dann il der Nacht eſſe. angen⸗ 2 Ein⸗ Stim⸗ reiben, erzehn neine n dieſ eanni Tro ie du Augen Seit neigte rlangt it un⸗ „ wat Min. it des mmen in di Aun Schil⸗ mich etwas Brod nn in 103 Das Oel wird auch beſonders bezahlt; ich ver⸗ brannte für zwei Pence. Die Erzählung deſſen, was ich Ihnen noch zu ſagen hatte, mein lieber Petrus, be⸗ ſchäftigte mich von vier Uhr Nachmittags bis um zwei Uhr Morgens... Um zwei Uhr nehme ich alſo Ab⸗ ſchied von Ihnen, ich löſche meine Lampe aus und lege mich zu Bette. 21 Ich bin auf dem Laufenden mit den Ereigniſſen; das Uebrige unſerer Correſpondenz wird ein Tagebuch ſein. Morgen bei meinem Erwachen werde ich es anfan⸗ gen; es ſoll ſo lange währen, mein lieber Petrus, als meine Gefangenſchaft währt. 8 Gott allein weiß, ob es lang oder kurz ſein, ob es Blätter oder einen Band bilden wird. In jedem Falle, wie es Gott gefällt! XXXVII. Gott iſt überall. Der Herr in ſeiner Barmherzigkeit, mein lieber Petrus, hat beſchloſſen, das Tagebuch des Gefangenen ſollte kurz ſein und nur aus einem Blatte beſtehen. Das Wunder, das ich für unmöglich hielt, iſt geſchehen. Dieſen Morgen um halb neun Uhr hörte ich Ge⸗ räuſch auf meiner Treppe. Mir ſchien wohl, ich er⸗ kenne die Tritte von Jeannie, doch da ich wußte, der Eintritt ins Gefängniß ſei ihr erſt um zehn Uhr ge⸗ ſtattet, ſo wagte ich es nicht, dies zu hoffen. Ich horchte indeſſen, und mir ſchien, es werde mein Name von der Perſon, die zu mir heraufſtieg, ausge⸗ ſprochen; dieſer Name ertönte jeden Augenblick näher, und ſo wie ich die Tritte von Jeannie erkannt hatte, ſo erkannte ich ihre Stimme. 104 Plötzlich öffnete ſich die Thüre: ſie war es wirklich; ſie blieb auf der Schwelle ſtehen, ſuchte mich mit den Augen, und als ſie mich in meinem Bette erblickte, ſtürzte ſie in meine Arme und rief: „Frei, mein geliebter William! frei!« Und zugleich erhob ſie in ihrer Hand einige offene Papiere. Ich begriff nichts von Allem dem, wähnte ſchlecht gehört zu haben und antwortete nicht; nur meine Al⸗ gen drückten den Zweifel aus, mehr als den Zweifel daß es mir unmöglich ſei, an ein ſolches Glück zu glauben. „Frei!“ wiederholte Jeannie,„wenn ich Dir ſagn daß Du frei biſt! Würde ich Dir ſo etwas ankündigen, wenn es nicht Wahrheit wäre?« „Unmöglich!“ rief ich. „Ja, unmöglich,« verſetzte Jeannie,„ich glaubie es wie Du:„„Unmöglich!“ habe ich geſagt,„vun⸗ möglich!«« habe ich wiederholt; doch hier ſind die Pa⸗ piere, hier iſt der Schuldſchein, hier iſt der Uebertrag, hier iſt Alles... bis auf den Befehl für den Gefan⸗ genwärter, Dich gehen zu laſſen: er ſteht unten auf de Quittung des Gerichtsboten.“ „Aber,“ fragte ich, immer noch zweifelnd, troz aller dieſer auf meinem Bette ausgebreiteten Beweiſe, „was iſt denn geſchehen, und wie hat ſich das gemacht?ë „Ich will Dir ſagen, was ich davon weiß, mein Geliebter; der Richter wird uns das Uebrige ſagen.“ „Du haſt ihn alſo geſehen?« 1* „Er hat mir dieſe Papiere, dieſen Uebertrag, dieſt Quittung und dieſen Befehl, Dich in Freiheit zu ſetzen, eingehändigt.“ „Ich höre, erzähle... Mein Gott! mein Gott! ich täuſchte mich alſo nicht, wenn ich ſagte, Du ſeiſ überall, ſelbſt im Gefängniſſe! Mein Gott! hätte ich nicht ſagen ſollen, Du ſeiſt hier mehr als überall ſonſt, da hier beſonders die Unglücklichen ſind?« 4 ı 0 rklich; it den ſtürzte offene chlecht e Au⸗ veifel: ick zu ſagt digen, aubte „„lün⸗ 3 Pa⸗ rtrag, zefan⸗ if der troß weiſe/ cht 26 mein n.“¹ dieſe etzen/ Gott! ſeiſt e ich ſonſt, 10⁵ Und wie ſehr ich auch wünſchte, Jeannie mir meine Befreiung erzählen zu hören, ich bedeutete ihr durch ein Zeichen mit der Hand, ſie möge mich Gott durch ein kurzes, aber inbrünſtiges Gebet danken laſſen. Als mein Gebet beendigt war, ſagte ich: „Fahre fort, meine geliebte Jeannie.“ 4 „Nun wohl! mein Freund,“ ſprach ſie,„als ich dieſen Morgen hinabging, um Pinſel und Farben zu kaufen, weil ich heute noch zur Arbeit ſchreiten wollte, da begegnete ich auf der Hälfte der Stufen unſerem Wirthe dem Keßler. Er ſtieg offenbar zu mir herauf.„Wo⸗ hin gehen Sie, meine liebe Miſtreß Bemrode 2. fragte er mich. Ich erwiederte ihm, ich wolle Pinſel und Farben kaufen.„»»Wohl, wohl, ſo handelt eine gute Frau,“« ſagte er;„„doch Sie haben in dieſem Augen⸗ blick etwas Dringenderes zu thun, als Pinſel und Far⸗ ben zu kaufen: Sie müſſen zu Herrn Jenkins dem Rich⸗ ter gehen, der Ihnen ſehr wichtige Dinge mitzutheilen hat. 4—„Zum Richter? zu Herrn Jenkins 2. zu kaufen Ich habe den Grundſatz, man dürfe nie »Ja,“ ſagte ich, wich weiß, das iſt ſein Grundſatz.“ „ Ich ging alſo zum Richter, und da erzählte dieſer mir Alles. Er ſagte mir, geſtern nach meiner Rückkehr ins Gefäͤngniß ſei der Keßler zu ihm gekommen, habe den Gerichtsdiener holen laſſen und Caution für Dich geleiſtet, 106 unter der Bedingung, daß alle die Papiere, die der Ge⸗ richtsdiener nicht bei ſich zu haben behauptete, dem Rich⸗ ter eingehändigt werden.“ „Wie, er hat es gethan?“ rief ich. „Er hat es gethan.“ „Dieſer Menſch, den ich des Geizes bezüchtigte?“ „Weil er nicht einen halben Penny an ſeinem Ver⸗ kaufe verlieren wollte... Ja, mein lieber William, und ihm haben wir unſer Glück zu verdanken.“ „Du ſagſt, ich könne weggehen, meine liebe Jeannie?“ „Wann Du willſt.“ „Nun, ſo laß uns gehen, laß uns zu ihm laufen und ihm danken... Ahl“ fuhr ich den Kopf ſchüttelnd fort,„ich glaubte, die Menſchen zu kennen, doch ich ſehe wohl, daß ich ſie nicht kenne.“ 1 Ich ſprang aus meinem Bette und kleidete mich in ein paar Secunden an, während Jeannie den Directot des Gefängniſſes holen ließ⸗ Ich muß geſtehen, mein lieber Petrus, ſo langt ich dieſen Mann nicht geſehen, ſo lange ich nicht ſeint Stimme hatte beſtätigen hören, was mir Jeannie an⸗ gekündigt, zweifelte ich. Und es war doch die reine Wahrheit. Man hatte ihm den Befehl meiner Freilaſſung ſchon mitgetheilt und die Thüren ſollten mir geöffnet werden, wann 4 mir gutdünkte. Es war nicht mein Gepäcke, was meinen Abgang verzögern konnte: außer dem Fernrohre meines Groß⸗ vaters des Hochbootsmanns, welches ich mitgebracht hatte, nicht in der Hoffnung, davon Gebrauch zu ma⸗ chen, ſondern als einen Familientalisman, war dieſe Gepäcke, beſtehend aus einigen Hemden und einigen Paaren Strümpfe, in einer Serviette enthalten, die i aufzuknüpfen noch nicht Zeit gehabt hatte. 8 Ich nahm mein Fernrohr in die Hand, mein Päck chen unter meinen Arm, und nachdem ich einen Blüit des Abſchieds auf die Gegenſtände geworfen, die mie ANESUESAE la Ge⸗ -ich⸗ te 2 Ver⸗ iam, ie?0 aufen telnd ) ich ch in rector lang: ſeine e an⸗ hatte theilt nn A bgang Groß⸗ bracht u ma⸗ vif inige die ich gic Blit : mnch 107 umgaben, als wollte ich ſie meinem Gedächtniſſe ein⸗ prägen, nachdem ich dem Gefängnißdirector, der wäh⸗ rend der kurzen Zeit, die ich ſein Miethsmann ge⸗ weſen, ſich äußerſt rückſichtsvoll gegen mich benommen, die Hand gedrückt hatte, trat ich durch dieſe Thüre, an welcher ich am Tage vorher, wie an der, die zu der ver⸗ dammten Nation führt, den furchtbaren Spruch des florentiniſchen Dichters: „JIhr, die Ihr hier eintretet, laßt alle Hoffnung hinter Euch!“ zu leſen glaubte. Unſer erſter Beſuch galt, wie wir es uns vorge⸗ nommen, unſerem Wirthe dem Keßler; ich hatte ſo große Eile, mein Unrecht gegen ihn durch ein volles Geſtänd⸗ niß wieder gut zu machen, daß ich, indem ich mich nach ſeinem Hauſe wandte, über ihre Kräfte die zarte Jeannie laufen ließ, welche, an meinem Arme hängend, mich nicht einmal auf die Schnelligkeit meines Laufes aufmerkſam machte, ſo ſehr war ihr Drang, den wür⸗ digen Mann wiederzuſehen, dem meinigen gleich. Und unſere Haſt war doch unnütz. Unſer Wirth der Keßler befand ſich nicht mehr zu Hauſe: er hatte eine von ſeinen gewöhnlichen Rund⸗ reiſen in der Umgegend von Nottingham angetreten; oder er hatte vielmehr die Stadt verlaſſen, um ſeine Biiceiden eit dem Ausdrucke unſeres Dankes zu ent⸗ ziehen. Bei der Arbeit, die Sie über die Menſchen machen, mein lieber Petrus, empfehle ich Ihnen, trotz ſeiner ge⸗ ringen Bildung und des untergeordneten Platzes, den er in der Geſellſchaft einnimmt, dieſen Mann nicht zu vergeſſen. Es blieb der Richter Herr Jenkins. Er erwartete uns. r vervollſtändigte die Details über meine Frei⸗ laſſung, die uns noch fehlten, welche aber nichts an 108 dem Ganzen von dem änderten, was ich bereits aus dem Munde meiner geliebten Jeannie erfahren hatte. Schon am Tage vorher war Alles zwiſchen ihm und unſerem Wirthe feſtgeſetzt worden; ſobald der wür⸗ dige Mann gehört hatte, welches Unglück mir begeg⸗ net war, hatte er dem Richter erklärt, er wolle meine Freilaſſung, was es auch koſten möge, und wenn ich nicht ſchon am Tage vorher aus dem Gefängniſſe ge⸗ kommen war, ſo rührte dies davon her, daß es Förm⸗ lichkeiten gab, die man durchaus erfüllen mußte, und für welche gewiſſe Friſten unerläßlich waren. Auf der Stelle aber hatte er Caution geleiſtet und Herrn Jenkins gebeten, meine Freilaſſung möglichſt zu beſchleunigen. Der gute Herr Jenkins bedurfte keiner Ermahnung in dieſer Hinſicht; er verſprach meinem Wirthe, Alles noch am Abend zu Ende zu bringen. Um neun Uhr war mein Wirth mit dem Gelde bei ihm. Um ſieben Uhr Morgens ſollte der Gerichtsdiener mit den Papieren bei Herrn Jenkins ſein. Ganz das Gegentheil von anderen Gläubigern, ſchien ſich der meinige gar nicht darum zu bekümmern, daß er ſeine Bezahlung erhielt. Der Gerichtsdienen hatte auch alle Arten von Schwierigkeiten gemacht⸗ doch Herr Jenkins ſprach ſo laut und ſo feſt, daß die⸗ ſer Menſch, der ſeine Stelle zu verlieren befürchtete, am Ende alle Papiere am andern Morgen Herrn Jenkind zu übergeben gelobte. Dem geleiſteten Verſprechen gemäß fand auch wirk lich am Morgen um ſieben Uhr die Uebergabe dir Papiere gegen die Summe von fünfzig Pfund Ster⸗ ling ſtatt. Mein Wirth war alſo mein einziger Gläubiger ge⸗ worden, oder ich hatte eigentlich keinen Gläubiger mehr da alle Papiere mir eingehändigt worden waren, a ob ich ſelbſt die fünfzig Pfund Sterling bezahlt hätte dem ihm vür⸗ geg⸗ eine ich ge⸗ örm⸗ und und ſt zu nung Alles Gelde diener gern mern, diener nacht, 6 die⸗ e, am enkin wirk⸗ e der Ster⸗ er ge⸗ mehr, 1, als hätte 109 Doch Sie begreifen, mein lieber Petrus, es war nicht zu befürchten, mein Herz könnte eine ſolche Schuld leugnen. Sech verlangte auch von Herrn Jenkins,— ach! wir ſind Alle ſterblich,— daß er die Anerkennung dieſer heiligen Schuld in Verwahrung nehme, damit eines Tags meine Kinder, wenn ich bekäme, erführen, welche ge⸗ bieteriſche Verbindlichkeiten ihnen ihr Vater vermacht habe,— ein Vermächtniß, das noch viel ehrwürdiger, als das, welches ich von dem meinigen erhalten. Wonach wir, da es uns drängte, unſere guten Eltern zu beruhigen, welche nun unſer Unglück kennen mußten, ohne die glückliche Entwickelung zu wiſſen, von Herrn Jenkins Abſchied nahmen, um einen Kutſcher zu ſuchen, der uns nach Aſhbourn führen würde. Das war nicht ſchwer zu finden; ich dachte an den braven Mann, der mich ſchon bei meiner zweiten Pre⸗ digt geführt hatte, und um denſelben Preis, wie das erſte Mal, ſtellte er daſſelbe Pferd und dieſelbe Carriole zu meiner Verfügung. Es iſt etwas Seltſames um dieſe Folge von ähn⸗ fichen Tagen, welche ſo verſchiedene Ereigniſſe herbei⸗ ühren! Mit wie viel verſchiedenartigen Gemüths⸗ bewegungen hatte ich ſchon dieſen Weg von Notting⸗ ham nach Aſhbourn und von Aſhbourn nach Notting⸗ ham gemacht! Welcher Wechſel findet nur zwiſchen den Gefühlen von geſtern und denen von heute ſtatt! Ich war geſtern auf dem Schmerzenswege abge⸗ gangen und kehrte heute auf dem Freudenwege zuruͤck. Auf zwei Dritteln dieſes Weges erblickten wir eine Carriole, die auf uns zukam und uns binnen zehn Minuten kreuzen mußte. Ich bemerkte, daß, während ſich meine Blicke auf dieſe Carriole hefteten, ſich zugleich auch die von Jeannie nicht davon losmachen konnten. Sie ſah, welche Bemerkung ich gemacht hatte. „Nicht wahr!« ſagte ich zu ihr,„es ſcheint Dir 1¹0 wie mir, in dieſer Carriole ſei Jemand von unſerer Bekanntſchaft?“— 1 „So iſt es,“ erwiederte ich;„doch warte, wir wer⸗ den ſogleich ſehen.“ Ich ließ unſere Carriole halten, nahm das Fernrohr meines Großvaters, welches zu vergeſſen ich mich wohl gehütet hatte, und richtete es auf den Wagen, der ge⸗ gen uns kam. Unter einer Art von Verdeck, das ein Cabriolet bildete, erkannte ich Herrn Smith und ſeine Frau. Ich reichte lächelnd das Fernrohr Jeannie.. „Mein Vater! meine Mutter!“ rief ſie;„oh! mein Geliedter⸗ Gott und ihre Liebe führen ſie auf unſern e. Ich ſchob mit der flachen Hand die Röhren des Fern⸗ laſes in einander, und befahl unſerem Kutſcher, ſein Pferd ſo raſch als möglich gehen zu laſſen, welchen Befehle er ſogleich gehorchte. Zu gleicher Zeit machten wir mit unſeren Taſchen⸗ tüchern Zeichen, und dieſe erregten bald die Aufmerkſam⸗ keit von denjenigen, welche auf uns zukamen. unſere jungen Augen fingen an die Züge von Hern und Miſtreß Smith zu unterſcheiden, doch dieſe guten Eltern erkannten uns noch nicht. Es iſt wahr, wir hätten ſie ſelbſt nicht erkanne wären wir nicht durch unſer Fernrohr unterrichtet worden. Dann vermutheten ſie durchaus nicht, diejenigen welche ſie als Gefangene in Nottingham beſuchen wollten kommen auf der Straße nach Aſhbourn zurück. Endlich näherten ſich die Wagen ſo, daß auch vol⸗ ihrer Seite kein Zweifel mehr obwaltete. Als ſie uns erkannten, ließen ſie ihren Wagen ha ten, um auszuſteigen und auf uns zuzuſchreiten, indem ſt to ihres Alters mehr der Stäͤrke ihrer Liebe, als di Geſchwindigkeit ihres Pferdes vertrauten. Wir ahmten ihnen nach, und die fünfzig Schritte 28,.,— 2 25ͤ—=——. — —=A=ESe ſerer wer⸗ nrohr wohl er ge⸗ riolet 1. mein unſern Fern⸗ „ſein elchen aſchen⸗ kſam⸗ Hert guten kannt orden. nigen. ollten ch ver en hal dem ſi ils du chritte 111 die uns noch von einander trennten, waren in einer Minute zurückgelegt. Jeannie warf ſich in die Arme ihrer Mutter und ich mich in die von Herrn Smith. Unſere erſten Worte waren unzuſammenhängend, ohne Folge, abgebrochen und eher Freudenſchreie als vernünftige Worte. Endlich beſänftigte ſich dieſes Glücksfieber: Jedes von uns gab die von den Andern mit ſo großer Un⸗ geduld erwartete Erklärung. ie meinige war kurz, und da ſie am meiſten er⸗ wartet wurde, ſo gab ich ſie zuerſt. Sie begann in den Thränen und endigte in den Segnungen. aann kam die Erzählung von Herrn Smith. Er hatte durch den Mann, der uns am Tage vorher nach Nottingham eſührt erfahren, wohin er uns geführt: Tage auf das Gerathewohl zu mir nach Nottingham zu reiſen entſchloſſen war. Miſtreß Smith hatte ihren Gatten zu begleiten verlangt, was ihr, wie man wohl begreift, leicht be⸗ Am Morgen, im Augenblick der Abreiſe, hatte der Poſtbote Herrn Smith einen Brief überbracht; dieſer Kaum hatte ich einen Blick auf die Adreſſe gewor⸗ fen, mein lieber Petrus, als ich Ihre Handſchrift und den Stempel von Cambridge erkannte. 112 Es war offenbar die Antwort auf die verſchiedenen Briefe, die ich Ihnen geſchrieben, und deren Empfang mir anzuzeigen Sie Ihre philoſophiſchen Beſchäftigungen abgehalten hatten. Da es mich ungemein drängte, dieſe ſo ſehr er⸗ ſehnte Antwort kennen zu lernen, ſo ließ ich meine Frau vollends abſeits, auf dem Rande der Straße, ihrem Vater und ihrer Mutter die nothwendigen Erklärungen geben, während unſere zwei Carrioleführer, welche mit⸗ ten auf dem Wege angehalten hatten und beim Kopft ihrer Pferde ſtanden, freundſchaftlichſt von ihren Ange⸗ legenheiten plauderten und uns ruhig von den unſenn ſprechen ließen. Ohne Zweiſel haben Sie ſchon vergeſſen, was dieſt Brief enthielt, mein lieber Petrus, denn ich kenne Ihn gewöhnliche Zerſtreutheit; Alles, was nicht Wiſſenſchaf oder Philoſophie iſt, gleitet unbemerkt an Ihren Auga hin, und wenn auch ein leichter Reflex ſie einen Mo ment in Anſpruch nimmt, ſo iſt dies doch nur flüchtin wie die Spur, welche auf dem See die Schwalbe hin terläßt, die mit dem Ende ihres Flügels die ruhige Oberfläche des Waſſers ſtreift. Sollten Sie übrigens die paar Worte, die dieſe Brief enthält, vergeſſen haben, ſo will ich ſie hier auf zeichnen; es iſt nichts Schlimmes dabei, daß Sie ſelh Ihren eigenen Stein zu dem großen Monumente brath etn, das Sie der Menſchheit bauen, und an deſſe Giebel ich Sie folgenden Vers von Terenz,— meine Anſicht nach einer der ſchönſten, die man je gemacht hun — zu ſetzen auffordere: Homo sum, et nihil humani a me alienum pufo. denen pfang ingen a er⸗ meim ihrem ungen mit⸗ Kopft Ange⸗ unſern dieſet e Ihu ſchaf Augan 1 Mr. lüchtit e hin ruhig dieſt 1 e ſellt brach deſſe meine ht hau uto. 113 XXXVII. Die Pfarrei Waſton. Dieſer Brief, mein lieber Petrus, in welchem ein anderer von Ihrem Bruder eingeſchloſſen war, enthielt folgende einfache Worte, geſchrieben von Ihrer Hand: »Mein lieber Bemrode, ich finde zufällig auf mei⸗ nem Schreibtiſche einen Brief, von dem ich glaube, daß er von meinem Bruder iſt, und der mir Ihre Adreſſe an ſich zu tragen ſcheint. „Ihnen zu ſagen, wie lange dieſer Brief hier liegt, iſt mir rein unmöglich; doch ich ſchätze, daß er wohl ſeit einem ſtarken Monat hier ſein muß, denn ich finde ihn unter einer aſtronomiſchen Berechnung, welche mit dem Datum des zwölften Auguſt bezeichnet iſt. Hatten Sie nicht wirklich an Samuel geſchrieben, oder hatten Sie mir nicht ſelbſt ein paar Briefe über eine höchſt wichtige Angelegenheit geſchrieben, deren Gegenſtand ich vergeſſen? In jedem Falle glaube ich, mein lieber Bem⸗ rode, daß ich zur Zeit Ihre Briefe meinem Bruder mit derſelben Pünktlichkeit zukommen ließ, mit der ich Ihnen den ſeinigen ſchicke. „Ich hoffe, wenn Sie irgend eine neue Angelegen⸗ heit von Bedeutung zu behandeln haben, werden Sie ſich an keinen andern Menſchen wenden, als an Ihren reund. Doctor Petrus Barlow. „Vale et me ama.““ „N. S. Hören Sie, ich habe einen chronologiſchen Punkt von der höchſten Wichtigkeit entdeckt. In Sta⸗ gyra und nicht in Ithome, wie viele Geſchichtſchreiber bis heute behauptet haben, iſt Ariſtoteles geboren; mehr noch, er iſt im Jahre 384 und nicht im Jahre 382 vor Chriſtus geboren. Auch hat er ſich 368 Jahre und nicht 365 vor der neuen Aera in Athen niedergelaſſen, Der Pfarrer von Aſhbourn. II. 8 114 wo er in die Akadenie eintrat, nicht im Monat elag 9⁰1%„ ſondern im Monat duατομιmσσαμιαν zwani Jahre, drei Monate und ſiebenzehn Tage, und nic neunzehn Jahre, fünf Monate und acht Tage wi folgte er den Unterricht des großen Philoſophen, mi cher Anfangs den Namen Ariſtokles führte, ſodann abn wie Sie wohl wiſſen, der Breite ſeiner Schultern d Beinamen Platon zu verdanken hatte. „Wenn Sie erfahren, mein lieber Petrus, daß! geringe Pünktlichkeit, mit der ich Ihre Sache betrit davon herrührt, daß ich ganz und gar mit der Lüſti dieſes Problems beſchäftigt war, ſo werden Sie m deſſen bin ich ſicher, verzeihen, daß ich Sie vernachläͤſf habe, um meine ganze Aufmerkſamkeit einer ſo hüß wichtigen Frage zu ſchenken.“ Unter demſelben Umſchlage fand ſich folgender I von Ihrem Bruder: „Samuel Barlow u. Compagnie, Kaufleute in Liverpe „an Herrn William Bemrode, „gegenwärtig Pfarrer von Aſhbourn. „Mein Herr und lieber Freund, „Ich habe Ihr Geehrtes vom zweiten Auguſt⸗ halten, in welchem Sie, indem Sie mir ſagen, hegen Beſorgniſſe in Betreff Ihrer Pfarrei Aſhbolt die Sie aufheben zu ſehen befürchten, mich bit meinen Einfluß bei meinen Correſpondenten zu benüt um Ihnen eine andere Pfarre, entweder in Englal oder in Schottland, oder in Irland, oder ſogar in Ir rika zu verſchaffen. 4 „Da ſich meine Correſpondenten alle ausſchlitßt mit dem Handel beſchäftigen, die Einen en gros⸗ Andern en détail, und da keiner von ihnen wohl einen Auftrag dem ähnlich, welchen Sie mir ge erhalten hat, ſo mußte ich, um den Zweck Ihres Geehut zu erfüllen, zu einem Bekannten meine Zuflucht nehm Slagt wanz. nd uit ge vi n, we in abn ern d daß betrit Löſut die m chläff o hüt er A verpen enüt inglal in I „Zu der Zahl der Letzteren gehört gerade der Rector von Pembroke, welchem die Ernennung bei mehrern Pfar⸗ reien zuſteht, und den die Hochzeit von einem ſeiner Ver⸗ wandten in wenigen Tagen nach Liverpool führen ſollte. „Ich bat dieſen Verwandten, mich zu benachrichti⸗ gen, ſobald der Rector angekommen wäre. „Eine Stunde, nachdem genannter Rector gelandet war, wurde ich von ſeiner Landung in Kenntniß geſetzt. „Ich begab mich ſogleich an den Ort, wo er ſich befand, ſetzte ihm Ihre Bitte auseinander und fügte den Wunſch bei, er möchte ihr entſprechen. „„Bei meiner Treue! das trifft ſich gut, mein lieber Samuel,““ antwortete mir der Rector;„„Sie haben, wie Sie ſagen, einen Ihnen befreundeten Pfarrer, der um eine Pfarrei bittet?¹“ „Ich zog aus meiner Taſche Ihr Geehrtes vom 2. Auguſt und legte es ihm vor Augen. Er las daſſelbe. n,, Ja, ſo iſt es,““ ſagte er;„„nun wohl! ich, ich habe gerade eine Pfarrei, welche einen Pfarrer er⸗ wartet.““ .„„Gut!““ verſetzte ich,„„das iſt ein Tauſch, der nicht auf ſich warten läßt.““ n, Aber““, fügte der Rector bei,„„es fragt ſich, mein lieber Samuel, ob dieſe Pfarrei Ihrem Freunde anſtehen wird?““ „„Warum ſollte ſie ihm nicht anſtehen, lieber Rector? Sie ſehen wohl, daß das Geſuch ohne Bezeichnung des Ortes, ohne Specification des Einkommens geſtellt iſt.““ „„Es iſt ein Uebelſtand mit dieſer Pfarrei ver⸗ Buntden, u eidiedeii der Rector. „Ahl ich begreife,““ ſagte i ihr Geh iſt ſchwach und gibt kaum zu ene ih, 377 h zalt „„Ihr Gehalt iſt im Gegentheil einer der vortheil⸗ hafteſten der ganzen Grafſchaft Wales und beläuft ſich auf zweihundert Pfund Sterling.““ „„Dann macht ſie die Lage im Gebirge unan⸗ genehm zum Bewohnen?““ 8* 116 „„Sie liegt beinahe Pembroke gegenüber, jenſein des Meerbuſens, eine Meile von Milford und in i freundlichſten Gegend der Welt.““ „„Dann, mein lieber Rector, ſehe ich nicht rut ein, wie mein Committent mehr wünſchen könnte, 1 Sie ihm bieten.““ „„Warten Sie: mit dieſer Pfarrei ſind nicht me die fraglichen zweihundert Pfund Sterling verbunde ſondern ſie ſind damit verbunden vermöge einer N dition, welche macht, daß ſie kein Pfarrer annehm will. Um einen Pfarrer zu finden, mußte man den 6 halt verdoppeln, und dennoch iſt die Pfarrei, ſeine das letzte Unglück hier vor fünf Jahren vorgefalle beſtändig erledigt geblieben.““ „„Was fuͤr eine Tradition iſt denn dies?“ „„Man hat ſeit ungefähr dreihundert Jahren! merkt, daß, ſo oft Zwillingsſöhne in dieſer Pfarreit boren werden, der Eine von Beiden, entweder durch ein Unfall oder mit ſeinem Willen, den Andern getödtet.” „„Iſt dies eine Thatſache, mein lieber Nat oder iſt es ganz einfach eine Sage?““ „Der Rector zögerte einen Augenblick und u wortete dann: „„Die Ehre zwingt mich, zu geſtehen, mein litt Samuel, daß es eine Thatſache iſt. Legen Sie Ui den Fall Ihrem Freunde, Herrn William Bemrode, ne und ſagen Sie ihm, wenn er nicht durch dieſen Umſie⸗ zurückgehalten werde, ſo gehöre die Pfarrei ihm.“0 „Mein lieber und geehrter Herr Bemrode, ich thi Ihnen alſo das Anerbieten der Pfarrei Waſton ui ſo wie es mir von meinem Freunde dem Rector ue Pembroke gemacht worden iſt, indem ich Ihnen iie Voraus Alles ſage, was genannte Pfarrei für ſich au gegen ſich hat, indem ich Sie auffordere, ihre Vortlhei und Nachtheile wohl zu erwägen, ehe Sie einen G ſchluß faſſen, und Ihnen auf jeden Fall erkläre, 3 ich durchaus nicht für die Lieferung garantire, die Jhh konn ſei men von etwa Schr wich mich ſpru⸗ Ihn der das über AlexB es iſ Keßle fache zinnt m verzi Prob Städ di Jos, Home zige: jenſeit in d ht rec te, al cht m punde er 8 nehme den G ſeitde efalle p thei n ni 117 auf einen einfachen Avisbrief, welchen Sie an mich adreſſiren wollen, gemacht werden wird. „Wonach ich, mein lieber Herr Bemrode, im Glauben, es ſeien von mir Ihre Abſichten vollkommen und ſo gut es mir immer möglich geweſen, erfüllt worden, die Chre böhe⸗ mich zu nennen Ihren ergebenſten und gehorſamſten iener. „Samuel Barlow und Compagnie.“ „Liverpool den 12. Auguſt 1754.“ Als ich dieſes Datum las, mein lieber Petrus, konnte ich mich des Gedankens nicht erwehren, der Brief ſei vor ſechs Wochen geſchrieben worden, und angenom⸗ men, er habe achtundvierzig Stunden gebraucht, um von Liverpool nach Cambridge zu kommen, ſo ſei er etwas wie vierzig oder zweiundvierzig Tage auf Ihrem Schreibtiſche geblieben. Während dieſer Zeit entdeckten Sie allerdings ſo wichtige Irrthümer über Ariſtoteles, daß ich, ſollten für mich aus dieſem Verzuge noch ernſtere Ereigniſſe ent⸗ ſprungen ſein, als die, welche er herbeigeführt hat, Ihnen von ganzem Herzen der großen Klarheit, die Sie über den Geburtsort, über das Jahr, in welchem er das Tageslicht erblickt, und über die Zeit, die unter Plato der berühmte Lehrer von Alexander ſtudirte, verbreitet haben. 118 lich gelöſt haben,— daß ich, ſage ich, große Gefatt gelaufen wäre, die ſchönſten Jahre meines Lebens in Gefängniſſe zuzubringen. Und wäre es nun nicht beſſer für den Fortſchritt di menſchlichen Geiſtes, wenn dieſe große Frage, welche ſi dreitauſend Jahren die bedeutendſten Städte Grieche lands und die bedeutendſten Gelehrten Europas trenn ihre Löſung erhalten hätte, und ein armes Atom wie t würde den Brief, den es Ihnen von der Pfarrei Witt worth ſchreibt, nebſt ſeinen Nachfolgern aus dem Schul gefängniſſe von Nottingham datiren2 Doch gleichviel, mein lieber Petrus, ich bin Ihn darum nicht minder verbunden, denn Sie konnten u dieſen Brief nicht nur ein wenig ſpäter ſchicken, als 8 es gethan, Sie konnten mir ihn auch gar nicht ſchic Als das Schreiben geleſen war, trat ich zu Ha und Miſtreß Smith und antwortete Jeannie, die u mit dem Auge befragte: „Es iſt ein Brief von Herrn Samuel Barle eine Angelegenheit betreffend, über die ich nothweint Deine Anſicht hören muß.“ Wonach ich, da ich es für unnöthig erachtete, lin auf der Landſtraße zu bleiben und zwei Wagen zu. halten, den Führer des meinigen bezahlte, aus ſit Carriole mein Päckchen und mein Fernrohr zog,* ich in die Carriole von Herrn Smith legte, und nach Nottingham zurückſchickte. 6 Drei Viertelſtunden nachher fuhren wir durch bourn. Vielleicht wäre es chriſtlicher von mir gewiſ demüthig im Hintergrunde der Carriole von mein Schwiegervater verborgen durchzufahren, ohne michd uten Dorfbewohnern zu zeigen; doch Sie wiſſen, m lieber Petrus, der Dämon der Hoffart iſt in mir. ¹ Zufall wollte, daß der Erſte von meinen Gemein genoſſen, dem ich begegnete, gerade der Fuhrmann e der mich am Tage vorher nach dem Schuldgefäng gebracht hat; der wackere Mann hatte bei ſeiner Gefi ens in itt d lche ſi riechen rrenn wieit Witi Schul Ihm ten u als 8 ſchiit u Her die w Batli thwent e, län n zu us ſi og, N und 119 kehr nach Aſhbourn, nach der Ausſage von Herrn Smith, eine ſolche Theilnahme an meinem Unglück an den Tag gelegt, daß ich dem Wunſche, ihn von meiner Freilaſſung in Kenntniß zu ſetzen, nicht zu widerſtehen vermochte; ich winkte ihm, um ihm die Hand zu drücken, doch er, als er mich erkannte, faltete, ſtatt zu mir zu kommen, die Hände, hob ſie zum Himmel empor und rief: „Jeſus Gott! meine Kinder, es iſt unſer guter Pfarrer Herr William Bemrode, den uns der Herr wiederſchickt!““ Bei dieſem Rufe öffnete ſich eine Thüre, dann öffneten ſich zwei, dann alle; Jeder lief, ſtürzte herbei, Männer, Weiber, Kinder, und der Wagen war auf der Stelle umringt, feſtgehalten, beſtürmt, wie es ein. Sohiſf mitten im Meere durch die ſich drängenden Wel⸗ en iſt. Es war nicht möglich, weiter zu fahren, mein lieber Petrus; ich mußte Halt machen und abſteigen. Da ſtreckten ſich alle Arme gegen mich aus und jeder Mund rief: „Ah! lieber Herr Bemrode! ah! würdiger Herr Bemrode! Sie ſind es alſo! Sie ſind wieder hier! Es iſt alſo nicht wahr, daß Sie im Gefängniſſe ſitzen?“ Und noch tauſend andere Dinge, und zwar aus ſo verſchiedenen Tonarten, daß Jeannie, welche, wie Sie wiſſen, eine Tonkünſtlerin erſter Stärke iſt, zu weinen anfing,— vor Freude, ſagte ſie, doch auch ein wenig, wie ich vermuthe, über den großen Mangel an Harmonie bei dem allgemeinen Concerte. Nach zehn Minuten hatte ſich das Gerücht von meiner Rückkehr im ganzen Dorfe verbreitet, und es blieb Niemand mehr in den Häuſern, als die Krüppel und die Gichtbrüchigen. Niitte unter dieſer Schaar wackerer Herzen ſchritt ich vorwärts, ſelbſt ein wenig weinend, ſo ſehr ich mich auch anſtrengte, um meine Thränen zurückzuhalten; als ich auf der Höhe der Kirche anlangte, erblickte ich 120 meinen Nachfolger und ſeine Frau vor der Thüre des Pfarrhauſes; ohne Zweifel wußten ſie nichts von der Urſache dieſes Tumultes und kamen auf die Straße, um ſich zu erkundigen; ſobald ſie mich aber erkannten, gingen ſie raſch in das Haus hinein, und eines von Beiden ſchloß ſogar geräuſchvoll die Thüre. Gott wolle, daß dies nicht in einer Bewegung des Neides und des Zornes geſchehen iſt. Wer weiß, ob, in Folge der Be⸗ mühungen des wackern Herrn Samuel Barlow, nicht zum Guten das vorgefallen iſt, was ich Anfangs als ein Unglück betrachtet habe, und ob uns die Pfarrei Waſton nicht ſo ſchöne und ſo ruhige Tage verſpricht, als wir ſie in Aſhbourn erlebt haben? Als wir auf den Platz gekommen waren und Alle ſahen, daß wir nach Wirksworth zurückkehren wollten, wo wir offenbar nicht erwartet wurden, weil unſere theu⸗ ren Eltern ſich zu uns nach Nottingham hatten begeben wollen, da machte uns Jeder den Vorſchlag, wir mögen ſein beſcheidenes Mahl mit ihm theilen. Wir zögerten, dies anzunehmen, weil wir, das Mahl des Einen an⸗ nehmend, fünfzig Eiferſüchtige machten; plötzlich aber rief eine Stimme: „Es iſt die Stunde des Abendbrods; das Wetter iſt herrlich. Vereinigen wir alle Mahle zu einem und ſpeiſen wir mit einander auf dem Platze. Jeder wird bringen, was er für ſich bereitet hat, und ſo wird man aus wenig viel machen.“ Dieſer Vorſchlag wurde durch allgemeine Hurrahs angenommen. In einem Augenblick kamen aus der Schenke des Bierwirthes zehn Tiſche und reihten ſich auf dem Platze an einander an; zwanzig andere wurden dieſem erſten Kerne beigefügt; Jeder brachte ſein Brod, ſeine Schüſſel, ſeinen Sitz, ſeine Lampe oder ſein Licht, und dreihundert Perſonen nahmen nach zehn Minuten Theil an dieſem improviſirten Bankett, das mich, mit dem Vorzuge der Abwechſelung in den Gerichten, an jene, ich glaube, von 121 Lykurg eingeführten, berühmten Mahle mit der ſchwarzen Suppe erinnerte;— ich ſage, ich glaube, denn ich wage es nicht mehr, etwas zu behaupten, mein lieber Petrus, ſeitdem Sie durch Ihre geiſtreiche und geduldige Arbeit die ſchweren Irrthümer uber das Leben von Ariſtoteles entdeckt haben, in welche ſelbſt die gelehrte⸗ ſten Männer des Alterthums und der Neuzeit verfallen waren. Obgleich ſehr einfach, verlängerte ſich das Mahl bei dem ſchönen Himmel, der über unſern Häuptern funkelte, und bei der offenen Heiterkeit, die unter uns herrſchte, ziemlich in die Nacht hinein. Endlich, um eilf Uhr, ſtand man von Tiſche auf. Wir glaubten, wir haben noch zwei Meilen zu Fuß zu machen, und ich geſtehe, nach den Gemüthsbewegungen und Anſtrengungen, denen meine Jeannie unterworfen geweſen, war dieſe neue Strapaze keine kleine Beſorgniß für mich. Doch unſer Fuhrmann erwartete uns mit ſeinem Wagen und ſeinem Pferde, das, während wir ſpeiſten und ausruhten, auch geſpeiſt und ausgeruht hatte; unſer Mann war bereit, uns nach Wirksworth zu führen, und das Pferd deutete durch ſein feuriges Gewieher an, daß es uns dieſen Dienſt durchaus nicht mit Wider⸗ willen leiſtete. Wir waren genöthigt, bis an das Ende des Dorfes im Schritte zu fahren, da uns alle unſere Tiſchgenoſſen begleiteten. Doch hundert Schritte vom letzten Hauſe entſchloſſen ſie ſich endlich, Abſchied zu nehmen, und trotz des Lärmens, den unſer Wagen machte, hörten wir ſie noch lange uns Lebewohl und Glückwünſche aller Art nachrufen. Ich muß geſtehen, nach den jüngſten Ereigniſſen, ſah ich mich mit Freude wieder in dem kleinen Hauſe der guten Miſtreß Smith; ſodann drängte es mich, mit Jeannie allein zu ſein, um ihr den Brief Ihres Bruders, meines ſo würdigen und ſo wohlwollenden Gönners, mitzutheilen. 122 Wir befanden uns auch kaum in dem weißen Stübchen, das trotz der Veränderung, welche im Daſein ſeiner ehemaligen anmuthreichen Bewohnerin vorgegan⸗ gen war, ſeinen jungfräulichen Charakter bewahrt hatte, als ich Jeannie, ohne ihr etwas zu ſagen, was ſie eher zu einem Entſchluſſe als zu einem andern bewegen konnte, den Brief von Herrn Samuel Barlow übergab und ſie einfach aufforderte, ihn zu leſen. Jeannie las ihn und las ihn dann noch ein Mal. „Nun?“ fragte ich. „Nun!“ erwiederte ſie,„ich denke, bei der Wahl zwiſchen einem wirklichen Elend und einer eingebildeten Gefahr kann man nicht wohl unſchlüſſig ſein.“ Obgleich Jeannie durch dieſe Beiſtimmung meinem geheimen Wunſche entſprach, ſagte ich doch: „Liebe Freundin, haſt Du auch wohl erwogen, und willſt Du Dir nicht bis morgen Zeit laſſen, um einen entſcheidenden Beſchluß zu faſſen?2“ „Wozu?“ erwiederte Jeannie;„die Nacht wird nichts an den Worten des Briefes des guten Herrn Samuel Barlow ändern. Ueberdies,“ fügte ſie lächelnd bei,„überdies iſt die Tradition weniger gefährlich für uns, als für alle Andere.“ Ich begriff, was Jeannie hiemit ſagen wollte: ſie dachte, da wir ſechs Monate keine Hoffnung auf ein Kind gehabt, ſo müßte es ſehr unglücklich zugehen, wenn wir plötzlich Zwillinge gerade da bekämen, wo Zwillinge die brudermörderiſche Geſchichte von Eteokles und Polynikes erneuern ſollten. Dies konnte allerdings durchaus kein Grund für mich ſein; es war gerade, als ob man behauptet hätte, weil ich mein großes Werk noch nicht gemacht, werde ich es nie machen. Ich unterwarf alſo, zu Befreiung meines Gewiſſens, Jeannie noch ein paar Bemerkungen, doch ſie widerlegte ſie mit ſo feſtem Herzen und ſo richtigem Geiſte, daß ich nothwendig ganz ihrer Anſicht ſein mußte. - - 123 Es war übrigens, ich wiederhole es, nicht ſchwer, mich dahin zu bringen. Das iſt noch nicht Alles. Jeannie verlangte von mir, daß ich, ehe ich mich niederlege, an Ihren vor⸗ trefflichen Bruder ſchreibe, um ihm zu danken und ihn zu bitten, er möge den Rector von Pembroke davon in Kenntniß ſetzen, daß wir die Pfarrei Waſton an⸗ nehmen, was auch die damit verbundene erſchreckliche Tradition ſein möge. Dem zu Folge, mein lieber Petrus, warten wir nur auf die Antwort Ihres Bruders, um uns auf den Veg zu begeben, und es iſt ziemlich wahrſcheinlich, daß der erſte Brief, den Sie nun von mir erhalten, aus Wales datirt ſein wird. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß wir, indem wir unſern Eltern mittheilten, welches Glück uns traf, ihnen die verhängnißvolle Tradition der brudermörderiſchen Zwillinge verbargen. In jedem Falle, mein lieber Petrus, wird es bei dieſem Punkte ſein, wie es dem Herrn beliebt; er iſt mit mir zu gut und zu barmherzig in der Vergangen⸗ heit verfahren, als daß ich nicht mit dem höchſten Vertrauen und einem vollen Glauben meine Zukunft in ſeine Hände legen ſollte. Gott, der für mich im Pfarrhauſe von Aſhbourn geweſen iſt, Gott, der für mich im Gefängniſſe von Nottingham geweſen iſt, Gott wird wohl auch für mich in der Pfarrei Waſton ſein! 124 XXXVIII. Die Abreiſe. Heute Abend, Donnerſtag, den 12. October, mein lieber Petrus, erhalten wir den Brief Ihres Bru⸗ ders, der uns ſagt, die Pfarrei ſei immer noch un⸗ beſetzt und erwarte uns. Morgen, am 13., reiſen wir ab. Das Einzige, was mich bei dieſer Abreiſe beunru⸗ higt, iſt nicht die wahnſinnige Tradition, die ich ganz entſchieden für eine Fabel halte, ſondern die Frage, ob ich dort, am Ende von England, in dem unglücklichen Winkel des Fürſtenthums Wales, die Bücher finden werde, deren ich zu Ausführung meines großen Werkes bedarf. XXXIX. Wales. Von der Pfarrei Waſton, im Fürſtenthum Wales, den 5. Nov. 1754. „Mein lieber Petrus, Obgleich Sie mir keine Antwort auf die Briefe ge⸗ geben haben, die ich Ihnen auf Ihr Verlangen ſchrieb, weil Sie ohne Zweifel in der Aufklärung irgend eines neuen hiſtoriſchen Factums vertieft waren, fahre ich nichtsdeſtoweniger fort, Ihnen dieſe Erzählung abzufaſſen, welche eines Tags an Sie adreſſirt werden ſoll. Der Menſch denkt und Gott lenkt. Wer weiß, ob ich je das große Werk, den Gegenſtand meiner jugend⸗ lichen Illuſionen, ſchreiben werde. Schreibe ich es aber nicht, ſo werde ich wenigſtens die beſcheidenen Ereig⸗ R Al½— — N —— 125 niſſe meines Leben geſchrieben haben; ich werde das ru⸗ hige, ſanfte Gemälde des Innern einer Familie hinter⸗ laſſen und die Geſchichte zweier einfachen Herzen nach dem Geiſte Gottes erzählt haben. Und vermöge des Platzes, den Sie ohne Zweifel dieſer naiven Erzählung in Ihrem großen Werke über den Menſchen geben, wird nicht jede Spur von meinem Leben und von dem mei⸗ ner vortrefflichen Frau von der Erde vertilgt ſein, wenn wir ſelbſt verſchwunden ſind, um neben einander zu ruhen in dem Friedhofe voll von Gras, zerbrochenen Kreuzen und mooſigen Steinen, den ich durch das Fen⸗ ſter meiner Stube von dem Tiſche, an welchem ich ſchreibe, erblicke. Wir ſind vor zwölf Tagen in Waſton angekommen, und vor acht Tagen in die Pfarrei eingeführt worden. Oh! mein lieber Petrus, das nennt der Rector von Pembroke einen lachenden Wohnſitz, einen ange⸗ nehmen Aufenthaltsort. Möchte er ſich hinſichtlich der dieſer Pfarrei anklebenden Tradition getäuſcht haben, wie er ſich über die Pfarrei ſelbſt getaͤuſcht hat! Welch ein Unterſchied zwiſchen dem Dorfe Waſton und meinem reizenden Dorfe Aſhbourn! Wie iſt jenes heitere Pfarrhaus, das ich ſechs Monate bewohnt habe, ſo ſehr das Gegentheil von dieſem finſteren Gebäude, welches ich wahrſcheinlich mein ganzes Leben zu bewoh⸗ nen verdammt bin! Ich muß Ihnen vor Allem ſagen, wo ich bin, ich muß Ihnen die Landſchaft zeichnen, die mich umgibt, wie es ein Maler thun würde, ich muß meine Perſo⸗ nen in Scene bringen, wie es ein dramatiſcher Schrift⸗ ſteller thun würde. „ Ich weiß nicht, warum ich ſeit meiner Ankunft hier die Ahnung habe, ich werde meine Einbildungskraft nicht ſehr in Koſten ſetzen muͤſſen, um den trefflichen Roman zu ſchreiben, deſſen Ausführung ich ſchon in Aſhbourn beabſichtigt hatte, und der aus mir den Nebenbuhler von Leſage, Richardſon und Prevoſt machen ſoll. Die Ge⸗ 126 gend, die ich bewohne, iſt ſo ſeltſam, das Leben, das man hier führt, iſt in eine ſo neue Form gekleidet, die Ereianißte die dieſes Leben bewegen müſſen, ſind ſo verſchteden von denen, welche an andern Orten und unter einem andern Klima vorfallen, daß die einfache Erzählung meiner gegenwärtigen Geſchichte wohl in der Zukunft die imaginären Verhältniſſe des Romans annehmen kann. Ihnen, mein lieber Petrus, brauche ich nicht zu ſagen, daß das Fürſtenthum Wales die Cambria der Alten iſt. Indem ich aber heute die Feder in die Hand nehme, ſcheint es mir, die Zeilen, die ich ſchreibe, ha⸗ ben eine hohe Beſtimmung, und ich ſchreibe, nicht mehr für Sie allein, ſondern für meine Zeitgenoſſen, ſondern für die Nachwelt. Meine Zeitgenoſſen ſind indeſſen nicht alle ſo gelehrt wie Sie, mein lieber Petrus, und ich muß wohl,— in der Hoffnung, in der ich lebe, es werde dieſe Erzäh⸗ lung eines Tags gedruckt werden,— ich muß wohl meine zukünftigen Leſer mit dieſem kleinen Winkel der Erde, nach welchem ich verwieſen bin, bekannt machen. Vor Allem gleicht nichts weniger der milden, frucht⸗ baren Landſchaft, die ich verlaſſen, als die rauhe, düſtere Gegend, die ich nun bewohne. In der That, reiſt in den zwölf Grafſchaften umher, die das Fürſtenthum Wales bilden, laßt ſeine ſiebenmal hundert tauſend Ein⸗ wohner die Revue paſſiren, und Ihr werdet eine Land⸗ ſchaft durchlaufen, Ihr werdet Sitten gewahr werden, Ihr werdet eine Sprache hören, wie ſich Alles dies, ver⸗ ſichert man, nur jenſeits des Kanals, nur im weſtlichen Ende von Frankreich bei den alten Bretagnern, den Ab⸗ kömmlingen der Gallo⸗Kymris, wiederfindet. Wie die Alanen, die Avaren, die Hunnen bei ihrer providentiellen Wanderung, welche ſie vom Oſten nach dem Weſten trieb, über die Flüſſe, die Ströme, die Meeresarme auf ihren großen Schilden ſetzten, ſo hieben eines Tages die Gallo⸗Kymris, ihre Brüder in der Bar⸗ 127 barei, mit Artſtreichen einen Theil vom europäiſchen Continent ab, banden Segel an ihre dunklen Tannen und ihre großen Eichen und warfen ſo, kühne Lootſen, ihre eiſernen Haken in den Boden, der heute die Grafſchaf⸗ ten Monmouth, Hereford, Shrop und Cheſter bildet.— Uebrigens iſt vielleicht,— Gott, der ewig iſt, weiß es allein,— vielleicht iſt das, was ich heute als eine poetiſche Fiction gebe, nichts Anderes, als eine ſo alte Wirklichkeit, daß ſie ſich in den finſteren Fernen der Ge⸗ ſchichte verliert. Spricht nicht Plato von einem ver⸗ ſchwundenen Lande, das er Atlantis nennt, und das, ſich vom weſtlichen Aſten bis Süd⸗America erſtreckend, über das Atlantiſche Meer eine Rieſenbrücke bildete, mit deren Hülfe Urvölkerſchaften über den Ocean geſetzt und die Welt bevölkert haben ſollen, welche wir, die hoch⸗ müthigen Modernen, entdeckt zu haben glauben! Eines Tages, bei einer großen Fluth, von der die mündliche Ueberlieferung noch vier Jahrhunderte vor Chriſtus exi⸗ ſtirte, ſank dieſe Gebirgskette, welche, eine Fortſetzung des Atlas, wie dieſer den Himmel zu tragen ſchien, un⸗ ter und verſchwand. Obſchon Sie mittelſt der Wiſſenſchaft, mein lieber Petrus, Alles durch die Augen des Geiſtes ſehen kön⸗ nen, ſo vermöchten Sie ſich doch, davon bin ich feſt überzeugt, keine Idee zu machen von dem Anblick des Dorfes Waſton, das vergraben liegt zwiſchen zwei Ber⸗ gen mit ihren felſigen Gipfeln, das erbaut iſt an den Ufern eines namenloſen Flüßchens, von dieſem Dorfe mit ſeiner Bevölkerung beſtehend aus Bergleuten mit düſteren Geſichtern und ſchwarzen Händen, mit gebück⸗ tem Gange und blinzelnden Augen. Man ſollte glau⸗ ben, ſtatt auf der Oberfläche der Erde und im Lichte der Sonne zu gehen, habe ſich der Menſch, dieſer Rei⸗ ſende eines Augenblicks, für ein nächtliches Leben fin⸗ ſtere, unterirdiſche Wege gegraben, welche nach dem Mit⸗ telpunkte der Erde muͤnden. In jedem Augenblick ſcheint die gemeinſchaftliche, Mutter, durch gähnende, un⸗ 128 erwartete Oeffnungen, ihre Kinder zu verſchlingen und wieder auszuſpeien. Es iſt alſo nichts Außerordent⸗ liches dabei, daß dieſe Unglücklichen, welche, beſtändig in der Verfolgung der Steinkohlen, des Eiſens, des Silbers und des Bleis begriffen, einen Vertrag mit den Dämonen der Erde und der Nacht geſchloſſen zu haben ſcheinen, ſelbſt wenn ſie ſich zufällig an den Herd der Familie ſetzen, die grauenhaften Sagen bewahren, die ſie in der Finſterniß, wo ſie drei Viertel ihres Lebens zubringen, geſammelt haben. Man darf ſich auch nicht wundern, daß ein ſolches Volk, obſchon es manchmal beſiegt wurde, ſtets unun⸗ terjocht geblieben iſt. Die Römer verſuchten es zuerſt, daſſelbe zu unterjochen, und heute noch volksbeliebt, verherrlicht durch einen neunjährigen Widerſtand, kann der Name Caractacus nicht getruͤbt werden durch eine Niederlage, die aus dem ſiluriſchen Helden die Haupt⸗ zierde beim Triumphe ſeines Beſiegers machte, deſſen Namen alle Welt, Sie, mein lieber Petrus, und mich vielleicht ausgenommen, vergeſſen hat. Allen Eroberern Großbritanniens ſetzten ſie denſelben Widerſtand ent⸗ gegen. Die Dänen, die Sachſen, die Normannen fan⸗ den ſie nach und nach auf den Beinen, in der Tiefe ihrer Engpäſſe und auf dem Kamme ihrer Berge. Zu⸗ weilen, im Sommer, machten ihre Feinde einige Fort⸗ ſchritte auf ihrem Gebiete, eroberten ſie irgend einen Punkt ihres Landes; bald aber kam die feuchte, regne⸗ riſche Jahreszeit. Dann wurden die Cambrier wieder unbeſiegbar: ſie verbargen die Weiber in ihren Thälern, — ſchickten ihre Herden ins Gebirge, brachen die Brücken 4 ab, eröffneten Laufgräben und ſahen im zitternden Schlamme ihrer Sümpfe die glänzende Reiterei ihrer Gegner verſinken. Vergebens hatte der Feind während der Tage des Sieges die Einwohner entwaffnet, ſie ge⸗ zwungen, den Eid zu leiſten, und als Bürgſchaft für dieſe Eide Geißeln mitgenommen; bei der erſten Gele⸗ genheit wurde der Eid gebrochen, ohne daß diejenigen, 129 welche ihn brachen, ſich um die Geißeln bekümmerten, und wären es ihre Söhne geweſen,— Eines Tags ließ Johann, Sohn von Heinrich II., ehe er ſich zu Tiſche ſetzte, acht und zwanzig Kinder aufhängen, von denen das älteſte nicht zwölf Jahre zählte. Eduard, der Sohn von Heinrich III., bemächtigte ſich zuerſt dieſer hohen Gebirge des nördlichen Cam⸗ brien, welche vor ihm kein König von England erſtie⸗ gen hatte. Mit Beſtürzung ſahen die Cambrier eines Morgens ſeine Fahne flattern auf der ſchneebedeckten Spitze des Craig⸗Eirie, des höchſten ihrer Berge, dieſes Pindus des Weſten, auf dem Jeder, der entſchlummert war, als ein Dichter erwachte. Diesmal trug mit Hülfe der Basken, aus denen größten Theils ſein Heer beſtand, und die ſich noch in ihren Pyrenäen glaubten, Eduard einen entſcheidenden Sieg davon; er verſammelte die Vornehmſten der Beſieg⸗ ten und ſagte ihnen, aus Rückſicht für ihre Nationali⸗ tät, die ſie ſo gut vertheidigt haben, wolle er ihnen ein in ihrem Lande geborenes Oberhaupt geben, das nie ein Wort Franzöſiſch oder Engliſch geſprochen habe. Die Freude war groß, und gewaltig erſchollen die Acclamationen bei den unglücklichen Cambriern, welche die Worte des Siegers buchſtäblich genommen hatten; doch die Freude verwandelte ſich in Traurigkeit, und ſtatt der Acclamationen hoͤrte man Flüche, als Eduard beifügte: „Ich gebe Euch zum Oberhaupte und Fürſten mei⸗ nen Sohn Eduard, der, nun acht Jahr alt, in Caer⸗ narvon geboren worden iſt und von heute an Eduard von Caernarvon heißt.« Zum Andenken an dieſen Sieg von Eduard I. er⸗ hielten im Jahre 1282 und behielten bis auf unſere Tage die älteſten Söhne der Könige von England den Titel: Prinz von Wales. „Durch die feſten Schlöſſer, welche Eduard an den Küſten Cambriens hatte bauen laſſen, und die ihm Der Pfarrer von Aſhbomen. II. 9 13⁰ Truppen zur See dahin zu ſchicken erlaubten; dadurc, daß die Wälder vom Boden raſirt worden waren, und folglich den Outlaws keine Zuflucht mehr boten; durch die Niedermetzelung der waleſiſchen Barden, welche die Stimme der Nation im Blute erſtickte, durch die Ver⸗ ordnung endlich, nach der Keiner, der ſeiner Abkunſt nach ein Waleſer, auch nur das kleinſte Amt im Lande⸗ bekleiden konnte, glaubten die Könige von England die furchtbaren Beſiegten unter dem Joche zu halten. Sie täuſchten ſich. Die Waleſer, die man zwang, als leichtes Fußvoll im engliſchen Heere zu dienen, lebten entweder im ewi⸗ en Zwiſte mit den Engländern, die ſie als ihre Feinde betrachteten, oder ſie gingen mit Sack und Pack zu den Franzoſen über, die ſie als ihre Freunde anſahen. In dieſer ihrer Eigenſchaft als Freunde wurden die Franzoſen ewig auf der Küſte Cambriens erwartet Die Augen von drei Generationen nutzten ſich dadurch ab, daß ſie beſtändig ſchauten, ob die weiße Fahne mit den drei Lilien von Frankreich nicht in den nebeligen Fernen der Nordſee erſcheine. Faſt alle von Eduardill. und Richard II. gegen die Waleſer erlaſſenen Proclama⸗ tionen fangen alſo an:„In Betracht, daß unſere Feinde von Frankreich in unſerem Fürſtenthume Wales zu lan⸗ den beabſichtigen...“ Da dieſe ſo ſehnlich erwarteten Verbündeten nicht kamen, ſo beſchloſſen endlich die Wa⸗ leſer noch einmal, auf ihre eigenen Kräfte angewieſen, das Glück zu verſuchen. Gegen das Ende des Jahrts 1400 beging ein adeliger Waleſer, der an den Hof von Heinrich 1V. gekommen war, um daſelbſt zu glänzen, eine Beleidigung gegen den König,— die Geſchichte ſagt nicht, welche,— die ihn zwang, aus London zu fliehen. Verfolgt wegen der von ihm begangenen Beleidigung beſchloß er, dieſem Vorfall eine Wendung zu Gunſten ſeiner Nation zu geben. Er flüchtete ſich mitten unter ſeine Landsleute, gab ſich für einen politiſchen Geächte⸗ ten aus, rief die ganze Bevölkerung unter die Waffen 131 und ſtellte ſich an die Spitze dieſer Bewegung, welche Jedermann wünſchte, ohne daß es Jemand wagte, ſich zu ihrem Haupte zu proclamiren. Er hieß Owen Glendowr, ein Name, den man am Hofe von England, um ihm einen normanniſchen Klang zu geben, in Owen von Glendordy verwandelt hatte, und vom Tage der Empörung an wurde ihm der Titel eines Fürſten von Wales beigefügt. Die erſten Gefechte waren glücklich für die Inſur⸗ genten; ſie ſchlugen die engliſchen Milizen der Provinz Hereford; ſie ſchlugen die Flamänder von Roß und embroke; ſie rückten bis an die Gränzen von England vor. Hier aber fanden ſie König Heinrich in Perſon; er war mit bedeutenden Streitkräften gegen ſie marſchirt. „Vor dieſen Truppen wichen die Waleſer zurück, und ein Theil ihres Gebietes befand ſich abermals in der Gewalt der Engländer. Zum Glück ſiel dies im Herbſte vor. In Ermangelung der Verbündeten, welche von der Küſte der Normandie kommen ſollten, kamen die Herbſtregen, durchnäßten die Straßen, ſchwellten die Bäche an und machten die Flüſſe überſtrömen. König Heinrich war genöthigt, Halt zu befehlen. Da aber, wo ihm die Hinderniſſe den Weg abſchnitten, ſchlug er ſein Lager und ſchwor, er werde ſo unter dem Zelte und ganz bewaffnet warten, bis der Winter vorüber und die ſchöne Jahreszeit wiedergekehrt ſei. König Heinrich hatte ohne die Krankheit und die Hungersnoth gerechnet, ohne dieſe zwei bleichen, zittern⸗ den Geſpenſter, die den verſpäteten Heeren nachziehen. Sie erſchienen im Lager der Engländer, und in ihrem Gefolge verbreiteten ſich alle die alten Volksmährchen, welche den waleſiſchen Zauberern die Macht, über den Wind und den Regen zu verfügen, zuſchreiben. „DOywen Glendowr hatte, im Geiſte der Engländer, einen Vertrag mit der Königin der Stürme gemacht. Das war nicht der einzige Vertrag, den Owen Glen⸗ dowr geſchloſſen, denn er hatte folgenden Anterzichnete 13² „Karl, durch die Gnade Gottes, König von Frank⸗ reich, und Owen, durch dieſelbe Gnade, Fürſt von Wales, erklären, vereinigt und mit einander verbunden zu ſein durch die Bande wahrer Allianz, wahrer Freundſchaft und guter und ſolider Union, inſonderheit gegen Heinrich von Lancaſter, den Feind der genannten Herren, König und Fürſt, und gegen ſeine Begünſtiger und Anhänger.“ Dieſer Karl von Frankreich war der ſechſte ſeines Namens, der, welcher zehn Jahre ſpäter wahnſinnig werden und durch ſeinen Wahnſinn Frankreich den Eng⸗ ländern überliefern ſollte. Diesmal kam die verſprochene Hülfe. Es war eine ziemlich ſtarke Flotte; ſie lief von Breſt aus und hatte an Bord ſechshundert Reiſige und achtzehnhundert Mann Fußvolk unter den Befehlen von Jean von Rieux, Mar⸗ ſchall von Frankreich, und Renaud von Hengeſt, Groß⸗ meiſter der Armbruſtſchützen. Sie landete ungefähr drei Meilen von dem Dorfe, das ich bewohne, mein lieber Petrus, nämlich in Milford. Hätte ich damals gelebt, ſo hätte ich von dem Berge herab, der das Pfarrhaus beherrſcht, mittelſt meines Fern⸗ rohrs Alles ſehen können, bis auf den letzten Mann dieſes kleinen Heeres, das ſich mit den aufſtändiſchen Walleſern verband, mit ihnen gegen Caermarthen marſchirte, durch Llandovery zog und den Weg nach Woreeſter einſchlug. Ein paar Meilen von dieſer Stadt trafen Inſurgenten und Franzoſen ein ſtarkes engliſches Heer, welches, ſtatt ihnen eine Schlacht anzubieten, ſich auf die Berge zurückzog, wo es ihren Angriff erwartete. Doch, ſtatt ihre Feinde anzugreifen, verſchanzten ſich Franzoſen und Waleſer ihrerſeits auch und warteten ebenfalls. Man ſtand ſo acht Tage einander gegenüber, ſchar⸗ muzirend, doch ohne ſich in ein ernſtes Treffen einzu⸗ laſſen; während dieſer acht Tage wurden ungefähr hun⸗ dert Mann getödtet und dreimal ſo viel ſtarben in Folge von Strapazen, Hunger und Krankheit. Bei den Fran⸗ zoſen beſonders, welche nicht an das Klima gewöhnt 133 waren, machte ſich die Sterblichkeit fühlbar; ſie bewogen auch das waleſiſche Heer, eine Ueberrumpelung zu ver⸗ ſuchen. Man verließ in einer Nacht geräuſchlos die Ver⸗ ſchanzungen und warf ſich, nicht auf das engliſche Heer, ſondern auf das Heergeräth und die Küchen, die man plünderte. Die haliſchen Truppen von König Heinrich wurden von einem heftigen Schrecken ergriffen, ſie zer⸗ ſtreuten ſich und kehrten auf das engliſche Gebiet zurück. Das war der Augenblick für die Inſurgenten, ſie zu verfolgen und den Sieg vollſtändig zu machen; doch was die Franzoſen vom Lande Wales erſchaut hatten, genügte ihnen: ſie ſahen ein, bei einer ſolchen Expedition habe man viele Gefahren auszuſtehen, ſei wenig Ruhm u ernten, ließen die Cambrier, wie ſie es verſtünden, ſich gegen das neue Heer wehren, das der Prinz von Wales, der Sohn Heinrichs IV, herbeiführte, landeten in Saint⸗Pol de Leon, erzählten mit ihrer gewöhnlichen Prahlerei, ſie haben einen Feldzug gemacht, den nie vor ihnen Franzoſen zu unternehmen gewagt, und in dieſem Feldzuge haben ſie ſechshundert Meilen Land von den Beſitzungen des Königs von England verwüſtet. Sie waren alſo, wie es ſcheint, nach dem Lande Wales nicht gekommen, um die Waleſer zu unterſtützen, ſondern um ſich an Heinich IV zu rächen. Ihrer Verbündeten beraubt, wurden die Waleſer zum erſten Male am Ufer des Fluſſes Usk geſchlagen. Von dieſer Schlacht datirte der wirkliche Untergang der waleſiſchen Nationalität, und, ſeltſamer Weiſe! bei⸗ nahe zu gleicher Zeit, da die Bretagne, dieſe Ahnfrau Cambriens, ſich mit Frankreich durch die Heirath von Ludwig XII und der Herzogin Anna, der Witwe von Karl VIII, verband, drangen die Cambrier, welche die Partei von Heinrich Tudor ergriffen, der auf den eng⸗ liſchen Thron von Seiten ſeiner Mutter, einer Nichte von Eduard III, Anſpruch machte, und ſich um die rothe Fahne, die er aufgepflanzt, ſammelten, drangen, ſagen wir, die Cambrier mit Heinrich Tudor bis Bosworth, in der 134 Provinz Leiceſter, vor und lieferten unter ſeinen Befehlen die Schlacht, mit der durch den Tod von Richard III, welcher vergebens, wie der große Shakespeare ſagt, ſeine Krone für ein Pferd bot, der Krieg der zwei Roſen endigte. Von da an war das Fürſtenthum Wales wirklich mit England vereinigt; Alles aber, was die Cambrier bei dieſer Vereinigung gewannen, war, daß König Heinrich VII in ſeinem Wappen den cambriſchen Drachen zu den drei Leoparden von England ſetzte und die neue Stelle eines Wappenherolds unter dem Namen„Rother Drache“ ſchuf. Seit dieſem Tage haben die Könige von England, als handelte es ſich um die Vollziehung eines unter ihnen abgeſchloſſenen Vertrags, während ihre Race wechſelte, ihre Politik in Betreff der armen Waleſer nicht geändert. Sie waren nach und nach bemüht, die alten Gebräuche der Cambrier, die Ueberreſte ihres ſocialen Zuſtandes, zu zerſtören und ſogar ihre Sprache zu vernichten,— dieſes letzte Denkmal der Nationalität, das noch unter ihnen beſteht, aber alle Tage mehr ver⸗ ſchwindet. Und Sie können ſich dennoch keinen Begriff von dem Unterſchiede machen, der zwiſchen den Waleſern und uns Engländern vom platten Lande ſtattfindet; ich für meinen Theil, ich muß geſtehen, mein lieber Petrus, ich habe große Mühe, mich hieran zu gewöhnen, und obſchon ich ſeit vierzehn Tagen mitten unter ihnen bin, bebe ich unwillkürlich, wenn ich an der Biegung einer Straße einem Abkömmling dieſer alten Kymris in ſeiner maleriſchen Tracht begegne, und er ſagt mir mit ſeinem gutturalen Accent und in der alten gäliſchen Sprache: „Gegrüßet ſeiſt Du mit Deiner Geſellſchaft, Mann der Ebene!“ Da nun dieſer Gruß eben ſo wohl an mich gerichtet wird, wenn ich allein bin, als wenn ich mit Begleitung gehe, ſo erkundigte ich mich bei einem alten Barden, 135 einem Ueberreſte vergangener Tage, was dieſe Worte bedeuten, die mir ziemlich ſinnlos dünkten, wenn ich allein war, und ziemlich unverſchämt, wenn ich mit Fidel ſpazieren ging,— obſchon Fidel ein guter Hund iſt;— ich erkundigte mich, ſage ich, bei einem alten Barden, was die Worte:„Gegrüßet ſeiſt Du mit Deiner Geſell⸗ ſchaft!“ bedeuten. Da antwortete er mir: „Der Menſch iſt nie allein. Gott gibt ihm am Tage ſeiner Geburt einen Schutzengel, der ihn erſt in der Stunde ſeines Todes verläßt. Sagen wir alſo zu Dir: „„Gegrüßet ſeiſt Du mit Deiner Geſellſchaft!“« ſo be⸗ deutet dies:„„Gegrüßet ſeiſt Du und der Schutzengel, den Dir der Herr gegeben!“ Dies, mein lieber Petrus, iſt eine kurze Ueberſicht der Geſchichte und eine flüchtige Zeichnung des Volkes, in deſſen Mitte ich mich befinde; ich habe mich übri⸗ gens doch vielleicht ein wenig zu weit über den einen und den andern Gegenſtand verbreitet; aber mir ſcheint in dieſem Augenblick: mein wahrer Beruf iſt weder das Epos, noch die Tragödie, noch das Drama, noch die Philoſophie, noch ſelbſt der Sittenroman; mir ſcheint, es iſt die Geſchichte, und das große Werk, das meinen Ruf und mein Vermögen gründen ſoll, wird eine Chro⸗ nik ſein,— ſei es nun in der Manier von Monſtrelet und Froiſſart, ſei es eine Erzählung in der Art derje⸗ nigen, welche Hume in dieſem Jahre über England ver⸗ öffentlicht hat, oder der, welche Robertſon unverzüglich über Schottland veröffentlichen ſoll. In jedem Falle ſteht mein Gegenſtand feſt: es iſt die Geſchichte der Gallo⸗Kymris ſeit dem Tage ihres Abganges aus der Bretagne bis auf unſere Tage. 136 XL. Die graue Dame. Am nördlichen Ende dieſes ſeltſamen Landes, bei der Saint⸗Brides⸗Bai, höchſtens drei Meilen von Mil⸗ ford und fünf Meilen von Pembroke, erhebt ſich im Hintergrunde eines düſtern Thales das Dörſchen Waſton. Im Mittelpunkte des Dörſchens liegt das Pfarrhaus an die Kirche angelehnt wie ein Schwalbenneſt; zu ſei⸗ ner Linken hat es die Straße, die einzige des Dorfes, zu ſeiner Rechten den Friedhof, einen wahren Hamlets⸗ Friedhof, mit großen immer grünen Bäumen, mit zer⸗ brochenen Grabſteinen und unter dem Graſe verborgenen Kreuzen. Während der nebeligen Tage, wenn die todte Jahres⸗ zeit kommt, die der Schrecken der Eroberer war, wenn die Wolken den Gipfel der Chelian⸗Berge umhüllen und für das Thal einen ſcheinbaren Himmel machen, den man mit der Hand berühren zu können glaubt, nimmt Alles dies einen wilden, verzweifelten Anblick an, dem bei Nacht einen noch düſterern Charakter das Gemurmel der Wellen gibt, welches auf den Flügeln des Weſtwindes, den Klagen des Meergeiſtes ähnlich, herbeikommt. Die Kirche iſt aus dem zwölften Jahrhundert, ganz romaniſch, überragt von einem viereckigen Thurme, der einſt als Feſte hat dienen müſſen. Krähen umgeben ihn faſt beſtändig mit ihrem kreisförmigen Fluge und ermüden die Nachbarſchaft durch ihr klägliches Geſchrei. Von Zeit zu Zeit läßt ſich eine zahmere Krähe auf das Dach des Pfarrhauſes nieder und ladet vergebens ihre Gefährtinnen ein, ſich hier zu ihr zu geſellen. Dieſes Pfarrhaus iſt groß, doppelt ſo groß als das, welches wir verlaſſen haben. Das Dach iſt mit Moos bedeckt und das ganze Gebäude durch den Rauch der Steinkohlen geſchwärzt, Da es urſprünglich von Holz 137 und Erde gebaut war und da und dort, ſo wie es in Verfall gerieth, mit Backſteinen geflickt wurde, deren Farbe mehr oder minder lebhaft, je nachdem die Flickerei mehr oder minder alt iſt, ſo hat ſein Ausſehen nicht nur nichts Liebliches beim erſten Anblick, ſondern es bietet ſogar ein Ganzes, an das man ſich nur mit Mühe gewöhnen kann. Ohne Zweifel wegen des geringen Reizes, den es dem Auge bietet, und in Betracht der von der Gemeinde der Fabrik) überlaſſenen Fähigkeit, über anliegende Terrains zu verfügen, hat der Rath ſchon zwanzigmal die Abſicht gebabt, ein neues Pfarrhaus zu bauen; doch, als wäre es eine Ruchloſigkeit, dieſes einzureißen oder zuſammenfallen zu laſſen, wurden die Baupläne immer wieder aufgegeben, und der jeweilige Pfarrer begnügte ſich, mit Hülfe des Maurers vom Orte mittelſt neuer Backſteine und neuer Stützen die Beſchädigungen auszubeſſern, welche im Vorüberziehen der Flügel der Zeit dieſem gebrechlichen Gebäude zu⸗ fügte, das immer zum Einſturze bereit ſcheint, und dennoch ſeit vier Jahrhunderten Generationen auf Ge⸗ nerationen ſich folgen und erlöſchen ſieht. Auf beiden Seiten der Hausthüre erheben ſich zwei ungeheure Linden, die ſelbſt im Sommer, einen un⸗ durchdringlichen Schatten auf die Schwelle werfend, mit einer ewigen Nacht den geheimnißvollen Eingang einer neuen Trophonius⸗Höhle zu bedecken ſcheinen. Was aber beſonders dem Hauſe einen finſteren Charakter und eine phantaſtiſche Färbung gibt, das iſt, als ſollte er ein Seitenſtück zu den vor der Hausthüre ſtehenden zwei Linden bilden, ein alter Ebenbaum, monſtruos ſeinem Stamme, ungeheuer ſeinem Blätter⸗ werke nach, deſſen Aeſte, eben ſo vielen aus einem gemeinſchaftlichen Neſte hervorkommenden Schlangen ahnlich, beladen mit dunkelgrünem Laube am Ende —— *) Die Einkünfte einer Kirche und ihre Verwaltung. 138 eines langen, ſchmalen, nur mit Gemüſen und Blumen bepflanzten Gartens ſich krümmen, vorſpringen und zurückfallen. Dieſer Baum, deſſen Alter Niemand kennt, ſcheint der Zeitgenoſſe des Felſen zu ſein, an den er ſich anlehnt, eines rauhen, ſchroffen, bizarr geformten Felſen, aus deſſen Spalten beſtändig Tröpſchen eiskalten Waſſers hervorquellen, welche nie, wenigſtens ſeitdem dieſer Ebenbaum erxiſtirt, ein Sonnenſtrahl getrocknet hat. An den Felſen angelehnt, verloren unter dem Schatten des Zauberbaumes, läßt ſich kaum eine völlig mit Moos bedeckte, ganz von einem Epheunetze um⸗ rankte und halb im Boden begrabene Granitbank er⸗ kennen. Dieſes Moos und dieſer Epheu, die ſie mit voller Freiheit umhüllen, deuten an, daß ſich ſelten ein menſchliches Geſchöpf auf die Bank ſetzt;— eine Einſam⸗ keit, welche ſich übrigens hinreichend erklärt, nicht allein durch die Idee der Bewohner des Landes, der Ebenbaum ſei den geheimnißvollen Mächten geweiht, ſondern auch durch die Kühle, die Traurigkeit und die Feuchtigkeit des Ortes, den dieſer Ebenbaum mit ſeinem Schatten beſchirmt oder vielmehr bedroht. Dieſer Winkel des Pfarrhofes iſt auch der Haupt⸗ ſchauplatz der Sage, welche trotz der den Seelſorgern gewährten pecuniären Vortheile ſie von der Pfarrei Waſton fern hält. Die Sage hatte ich während der acht bis zehn Tage, die unſere Reiſe dauerte, faſt vergeſſen in Folge des Wechſels der Oertlichkeiten und der Ereigniſſe, die eine Reiſe immer mit ſich bringt. Als ich aber in Waſton ankam, als ich in dieſes düſtere Pfarrhaus eintrat, als ich dieſen myſteriöſen Garten beſuchte, belebte ſich die Tradition allmälig wieder und kehrte auf dem Wege der Augen in meine Phantaſie zurück. Mein lieber Petrus, ich bin ein Menſch; ich glaube nicht mehr Schwäche als ein Anderer im Geiſte und im Herzen zu haben; hören Sie aber wohl Folgendes: der Garten der Witwe mit ſeinem kleinen Baſſin, mit ſeinen 139 drei Weiden von ungleicher Größe, die ihre Zweige im unbeweglichen Waſſer badeten, mit ſeiner auf dem höchſten Zweige der höchſten von den drei Weiden ſingenden Nach⸗ tigall, das war die Melancholie. Das Pfarrhaus von Waſton mit ſeinem traurigen, finſteren Ausſehen, mit ſeinen roth und ſchwarz geflickten Mauern, mit ſeinem langen, ſchmalen Garten und deſ⸗ ſen krankhaften Blumen und ſpärlichen Bäumen, mit die⸗ ſem Garten, der in dem monſtruoſen Ebenbaume mit dem düſtern Laubwerk und in der mooſigen, ſelbſt mitten am Tage in der Dunkelheit verlorenen Granit⸗ bank endigt, und die über Allem dem ſchwebende Tra⸗ dition, das iſt der Schrecken. Dieſe Tradition, vor der ich ſchon ſo lange zurück⸗ weiche, nehme ich endlich in Angriff. Sie wird einem Fluche zugeſchrieben, der auf den das Pfarrhaus bewohnenden Geiſtlichen laſtet, und zwar von Generation zu Generation. Nur ſind in Betreff der Urſache dieſes Fluches und der Perſon, die ihn gethan, die Erzählungen ſo wider⸗ ſprechend, daß ich, der ich ſo ſehr dabei intereſſirt bin, die Wahrheit zu erfahren, da dieſer Fluch in einem gegebenen Falle auf mir laſten ſoll, trotz meiner Fragen, meiner Erkundigungen und Forſchungen ganz bin wie die Anderen, nämlich im Zweifel. So verſchiedenartig aber die Verſionen ſind, ſie laufen alle gegen den Ebenbaum zuſammen, deſſen An⸗ blick und Lage ich Ihnen zu zeigen verſucht habe. Hören Sie mit einem Worte, was man ſagt: „Wenn den Bewohnern des Hauſes ein Unglück widerfahren ſoll, ſo öffnet ſich am 28. September um Mitternacht, in dem Momente, wo die Zeit eine Stufe überſchreitet und vom Tage der heiligen Gertrude zu dem des heiligen Michael übergeht, es öffnet ſich, ſagen wir, von ſelbſt die ſeit dreihundert Jahren geſchloſſene Thüre eines Zimmers vom Pfarrhauſe; eine Frau in grauer Klei⸗ dung, geſchnitten nach der Mode unter der Regierung 140 von Eliſabeth, kommt heraus, ſteigt geräuſchlos die Treppe hinab, durchſchreitet das Haus, tritt in den Garten ein, erreicht, beim Mondſcheine, den Schatten des Eben⸗ baumes, der durch die Nacht noch düſterer und erſchreck⸗ licher iſt, ſetzt ſich einen Augenblick auf die Granitbank, löſt ſich dann gleichſam auf, verdunſtet ſich und ver⸗ ſchwindet wie ein Nebel. Dieſe Erſcheinungen ſinden der Sage nach bei zwei Veranlaſſungen ſtatt: Einmal, wenn die Frau des Pfarrers empfangen hat und Zwillinge gebären ſoll; Und dann, wenn man das Jahr erreicht hat, wo, nach dem auf den Vater und auf die Kinder geworfenen Fluche, einer von den Zwillingen den andern tödten ſoll. Sie kennen aber die alte anglo⸗normanniſche Sage über die Wanderung unſerer Seelen. Dieſe Tradition behauptet, ehe ſie zu ihrer Beſtimmung gelange,— möge dieſe Beſtimmung der Himmel, die Hölle oder das Fegfeuer ſein,— bringe die Seele die erſte Nacht ihrer Reiſe bei der heiligen Gertrude und die zweite beim heiligen Michael zu. In dieſer zweiten Nacht entſcheidet der Herr, der das Gute und das Böſe, was dieſe Seele auf der Erde gethan, abgewogen hat, über ihr Loos, theilt ſeine Entſcheidung dem heiligen Michael mit, und dieſer führt ſie an den Ort ihrer Freude oder ihrer Strafe. Ich weiß wohl, dies hat keine Beziehung zu der grauen Dame des Pfarrhauſes,— ſo nennt man die Erſcheinung,— dennoch aber, da alle Dinge in der Welt ſich berühren, dachte ich, es gebe vielleicht zwiſchen dieſer Seele im Fegfeuer und ihren zwei Wächtern etwas, was eine Tradition der andern nähere. Es ſind im Dorfe noch zwei Perſonen, welche die Erſcheinung geſehen haben, eine Frau und ein Mann. Dieſer Mann und dieſe Frau haben ſie zu zwei verſchiedenen Epochen geſehen.. Jedes Mal iſt das von ihr prophezeite Unglück ein⸗ getroffen. ppe ein, den⸗ reck⸗ unk, ver⸗ wei gen wo, enen ſoll. Sage tion das hrer beim das han, dung den der die der ſchen vas, die ann. zwei ein⸗ 141 Das erſte Mal verkündigte ſie die Empfängniß der Zwillinge; das zweite Mal verkündigte ſie den Tod von einem derſelben durch den andern verurſacht. Ich habe dieſen Mann und dieſe Frau aufgeſucht. Die Frau konnte mir nicht viel Auskunft geben. Der Garten des Pfarrhauſes wird links durch einen anſtoßenden Garten begränzt und rechts durch einen Fußpfad, der an demſelben in ſeiner ganzen Länge hin⸗ läuft und gegen die Oeffnung eines Bergwerks mündet. In der Nacht, wo die Erſcheinung ſtattfand, war die Frau in ihrem Garten. Sie hatte ſich erinnert, daß ſie Wäſche auf dem Raſen ausgelegt, ohne ſie zurückzuholen, war um Mitter⸗ nacht von dieſem Gedanken beunruhigt aufgeſtanden und in ihren Garten gegangen, um die Wäſche zu ſammeln. Dieſes Geſchäft beendigte ſie eben, als ſie über die kleine Hecke, welche den Garten des Pfarrhauſes einfaßt, zu bemerken glaubte,— der Himmel war in dieſer Nacht duͤſter,— eine menſchliche Geſtalt trete aus dem Pfarr⸗ hauſe heraus und gehe langſam und mit geſenktem Kopfe auf den Ebenbaum zu. Da dachte ſie, es ſei die Frau des Pfarrers, welche ein Beweggrund dem ähnlich, der ſie zu ihrem nächt⸗ lichen Gange veranlaßt, nach dem Garten ziehe. „Gute Nacht, Nachbarin!“ rief ſie. Doch bei dieſem Rufe hob die graue Dame nur den Kopf in die Höhe, ohne zu antworken, ſchritt weiter auf den Ebenbaum zu und verſchwand in ſeinem Schatten. In dieſem Augenblicke bemächtigte ſich die Angſt der Nachbarin, ſie ließ ihre Wäſche zuruͤck, lief raſch nach Hauſe und weckte, ganz zitternd vor Schrecken, ihren Mann. Ihr Mann, der ein kräftiger Wagner war, ſtand auf, nahm eine Felge, wie es Hercules mit ſeiner Keule gethan hätte, ging trotz der Bitten ſeiner Frau, welche befürchtete, es könnte ihm ein Unglück widerfahren, wenn 142² er ſich an der grauen Dame reibe, aus ſeinem Hauſe hinaus und ſchritt gerade auf den Ebenbaum zu. Doch der Schatten war verlaſſen, die Bank ſtand einſam da, und der Wagner kehrte in ſein Bett zurück und behandelte ſeine Frau als eine Närrin; was dieſe nicht abhielt, gegen ihre Freundinnen zu behaupten,— ſie wiederholte dies mir ſelbſt,— ſie habe mit ihren eigenen Augen die graue Dame geſehen. Und dieſe Behauptung gewann um ſo mehr Anſehen im Dorfe, als acht Tage nachher die Frau des Pfarrers, welche in andern Umſtänden war, Zwillinge gebar. So viel, was die Erzählung der Frau betrifft; ich ſage Ihnen Alles, was ich, die Fragen vervielfälti⸗ gend, während einer zweiſtündigen Unterredung aus ihr herausziehen konnte. Sie geſteht übrigens ſelbſt, ſie habe dergeſtalt Angſt gehabt, daß Alles, was ſie verſichern könne, die Wirk⸗ lichkeit der Erſcheinung ſei, was aber die Einzelnheiten betreffe, ſo ſei ſie zu ſehr erſchrocken geweſen, um ſolche beſtimmt angeben zu können. Gehen wir nun zur Erzählung des Mannes über. Es war ein Bergmann; er ſtand damals in ſeinem beſten Alter, das heißt, er hatte ſein vierzigſtes Jahr erreicht; die Hälfte ſeines Lebens, mehr als die Hälfte ſogar hatte er unter der Erde und in der Dunkelheit zugebracht; eine Folge hievon war, daß ſeine Augen, welche bei Tage blinzelten wie die einer Cule, bei Nacht eine außerordentliche Stätigkeit und Sicherheit erlangten. Er hatte den Sonntag mit ſeinen Kindern zugk⸗ bracht und kehrte gegen Mitternacht zurück, in der Ab ſicht, um drei Uhr ſeine Arbeit in einer Steinkohlengrube im Centrum des Berges wiederaufzunehmen. Er trug auf ſeiner Schulter eine Haue, eine furcht⸗ bare Waffe in der Hand dieſer Leute, denn einerſeits ſchneidet ſie wie ein Raſirmeſſer und andererſeits iſt ſie ſpitzig wie ein Dolch. 143 Als er ſeine Frau und ſeine Kinder verließ, hatte er nichts getrunken, als ein Glas Gin. Es war gerade dreizehn Jahre nach der von der Nachbarin conſtatirten Erſcheinung, nach welcher die Frau des Pfarrers bald Zwillinge geboren hatte. Dieſe Zwillinge waren zwei einander ſehr gleiche Knaben, die ſich ungemein liebten und durch dieſe Freundſchaft ihre Eltern über die Kataſtrophe, mit der ſie der Fluch bedrohte, zu beruhigen vermocht hatten. Beide waren am Abend, um mit ihnen zu ſpielen, zu den Kindern des Bergmanns gekommen, und dieſer hatte ihnen verſprochen, ſie eines Tags mit ihm eine Reiſe in das im Mittelpunkte der Erde liegende Reich der Gnomen machen zu laſſen. Abends um neun Uhr warer die Zwillinge, auf einander geſtützt wie Caſtor und Pollur im Alterthum, zu ihren Eltern zurückgekehrt, und zwanzig Minuten nachher hatte man alle Lichter des Pfarrhauſes erlöſchen ſehen, was andeutete, daß der Pfarrer, ſeine Frau und ſeine zwei Kinder ſchlafen gegangen waren und im Frieden ruhten. Gegen Mitternacht alſo folgte, nach ſeiner Grube zurückkehrend, der Bergmann bei einem ſchönen Mond⸗ ſcheine dem längs dem Garten hinlaufenden Fußpfade, als er, nachdem es gerade zwölf geſchlagen, die graue Dame auf der Schwelle des Pfarrhauſes erſcheinen zu ſehen glaubte. Es bedarf nicht der Erwähnung, daß es am 28. September, in der Nacht von der heiligen Gertrude zum heiligen Michael, war. Er hatte die Viſion der Nachbarin erzählen hören; dieſe Viſion hatte, wie geſagt, dreizehn Jahre vorher ſtattgefunden, und dennoch ſiel ſie ihm in dieſem Augen⸗ blicke mit allen ihren Einzelheiten ein. Der Bergmann blieb ſtehen und wartete ſtill⸗ ſchweigend. 144 Er war ungefähr beim Drittel des Gartens; die graue Dame war alſo hinter ihm erſchienen, und wenn er an demſelben Platze blieb und ſie weiter ging, ſo mußte ſie auf zwanzig Schritte an ihm vorüberkommen und hundert bis hundertundzwanzig Schritte von ihm ſich unter den Ebenbaum ſetzen. So fand die Sache in der That auch ſtatt. Die graue Dame ging mit ihrem bedächtlichen Schritte vorwärts und ſchien, wie die Frau geſagt, welche die erſte Erſcheinung erzählt hatte, mehr zu glei⸗ ten, als zu gehen. Er verlor ſie nicht eine Secunde aus dem Blicke, und da, wie wir wiſſen, ſein Blick bei Nacht ſchärfer war, als bei Tage, ſo behauptet er Folgendes geſehen zu haben: — Die graue Dame ſah ſehr bleich aus; ihre, kaum lebenden, Augen waren in den zehn Minuten, die er ſie betrachten konnte, nicht einen Moment durch ihre Lider geſchloſſen; ſie blieben ſtarr und wie ein⸗ geſchlafen. Sie trug ein graues Kleid von gemeinem Stoffe, dem ähnlich, welchen unſere Witwen ein paar Jahre nach dem Tode ihrer Männer tragen. Der Schnitt ihrer Kleidung war, wie ihn mir der Bergmann beſchrieb, der, den die Mode unter der Re⸗ gierung von Eliſabeth angenommen hatte. Der Greis,— er iſt nun ſechzig Jahre alt,— geſteht, bei dieſem Anblicke habe er ſeine Hean ſich auf ſeinem Haupte ſtraͤuben und einen Schweißtropfen an der Wur⸗ zel von jedem derſelben perlen gefühlt. Da es indeſſen ein muthiger Mann, der den Glauben an die Barmherzigkeit Gottes beſaß und über⸗ zeugt war, die Todten haben keine Macht über die Lebendigen, ſo fragte er in dem Augenblick, wo die graue Dame an ihm vorüberging: „Wer biſt Du? was willſt Du? wohin gehſt Du? 145 Die graue Dame ſchien bei dieſen drei Fragen zu ſchauern, als hätte ſie, ſeitdem ſte im Grabe war, den Ton der menſchlichen Stimme vergeſſen. Als ſodann mit einem feſteren Ausdrucke der Berg⸗ mann ſeine Fragen wiederholte, da hob ſie ſachte den Arm auf, winkte ihm zu bleiben, wo er war, und ſchritt weiter. Derjenige aber, welchem ſie dieſen ſtillſchweigen⸗ gen Befehl gegeben, war nicht der Mann, um ſo ohne Widerſtreben zu gehorchen. Er ließ die Dame ſich un⸗ gefähr fünfzig Schritte entfernen, machte mit einer Hand das Zeichen des Kreuzes, während er mit der andern den Stiel ſeiner Haue ſo feſt faßte, als wollte er ſie zwi⸗ ſchen ſeinen Fingern zermalmen, ſchwang ſich über die Hecke und eilte ihr nach. Als ſie zehn Schritte vom Ebenbaume angekommen war, blieb ſie ſtehen. Sie machte mit der Hand eine Geberde, welche vom übrigen Garten den Theil des Gartens, wo ſie ſich befand, zu trennen ſchien. Dann ſchritt ſie wieder auf den Ebenbaum zu. Während ſie unter ſeinem Schatten hinſchlüpfte, er⸗ reichte der Bergmann den Ort, wo ſie eine Theilungs⸗ geberde gemacht hatte.. Hier ward es ihm unmöglich, weiter zu gehen. Der Boden,— ohne Zweifel ergriff ihn ein Schwin⸗ del,— ſchien ihm von einer tiefen Spalte durchſchnit⸗ ten; dieſe Spalte ging bis in die Eingeweide der Erde und in dieſen Eingeweiden brannte mit einem Geräuſche dem des Meeres bei einem Sturme ähnlich jenes Cen⸗ tralfeuer, aus dem die Vulcane ihre Flammen, ihre Lava und ihren Rauch ſchöpfen ſollen. Die Spalte war zu breit, daß er darüber ſpringen konnte, und überdies geſteht er, daß er, wenn ſie auch ſchmal geweſen wäre, nicht den Muth gehabt hätte, den Sprung zu machen. Der Pfarrer von Aſhbourn. II. 10 146 Mittlerweile drang die graue Dame unter den dich⸗ teſten Schatten des Ebenbaumes ein und ſetzte ſich auf die mit Moos bedeckte Bank. Der Bergmann, der ihr nicht nachfolgen konnte, ſchaute ihr zu, und vermöge der von ihm erlangten Fähigkeit, mitten in der Finſterniß leichter zu ſehen, als am hellen Tage, verlor er nicht die geringſte Ein⸗ zelheit von dem, was vorging. Indeß er ſie anſchaute, fing er an hinter einan⸗ der fuͤnf Pater und fünf Ave zu ſprechen. Während des erſten Theiles vom Gebete blieb die graue Dame das, als was er ſie geſehen, nämlich ein Schatten, der allen Anſchein eines Körpers hatte. Ihre Züge, ihre Geſtalt, ihre Umriſſe waren vollkommen ſichtbar. Während des zweiten Theiles vom Gebete ſchien es dem braven Manne, die Züge vernebeln ſich gleichſam, die Form verwiſche ſich allmälig, die Umriſſe werden unſicher. Während des dritten Theiles endlich fand die Auf⸗ löſung vollends ſtatt; die graue Dame verwandelte ſich in eine Wolke, die ſich ſelbſt dergeſtalt verflüchtigte, daß weder ein Schein, noch eine Spur davon übrig bliebe. Und ſo wie die Erſcheinung verſchwand, verſtummte das unterirdiſche Geräuſch; das Feuer erloſch; die Spalte ſchloß ſich wieder. In dem Augenblick, wo die Wolke ſelbſt nur ein Dunſt war und der Dunſt dann verſchwand, war auch das Hinderniß, das den Bergmann vom Ebenbaume, vom Felſen und von der Bank trennte, völlig ver⸗ ſchwunden. 3 4 Dann ging er weiter, der beherzte Forſcher; doch der Schatten war einſam; doch die Bank war leer; nur⸗ eine Nachteule ließ ihr unheimliches Geſchrei in den Zweigen des Ebenbaumes hören. Da er aber nicht eimal ſeinen Augen traute, ſo wollte er, einen Sinn durch den andern vervollſtändi⸗ 147 end, daß ihm ſeine Hand daſſelbe Zeugniß gebe wie ein Blick, der Taſtſinn daſſelbe wie das Geſicht. Er berührte Alles:. Den knorrigen Stamm des Ebenbaumes; den feuch⸗ ten ſchwitzenden Felſen; die mooſige, mit Epheu über⸗ zogene Bank. Es war Niemand da. Er nahm einen Stein auf und warf ihn nach der Nachteule. Die Nachteule ſtieß einen letzten Schrei aus, erhob ſich mit ihrem ſtillen Fluge und ſetzte ſich dann auf einen der Eibenbäume des Kirchhofes, deren dunkle Gipfel man über dem Dache des Hauſes emporragen ſah. Um ſich gewiſſer Maßen ſelbſt zu verſichern, daß er wache, und daß Alles das, was unter ſeinen Augen vorgefallen, nicht die Wirkung eines Traumes ſei, ver⸗ ſuchte es dann der Bergmann, eine Volksballade zu ſin⸗ gen, die er ganz beſonders liebte. „Es war vergebens: er geſteht, daß ſeine Stimme keinen Ton finden konnte, obgleich ihn ſein Gedächtniß vollkommen an die Worte erinnerte.. „Er entfernte ſich alſo ſtill wie die Nachteule, die ihren Flug nach dem Kirchhofe genommen hatte. Nur entfernte er ſich in der entgegengeſetzten Rich⸗ tung; zehn Minuten nachher trat er unter das finſtere Gewölbe des Berges, und eine Viertelſtunde nachher traf er mit ſeinen Kameraden zuſammen. „Ho! ho!« riefen dieſe, indem ſie ihn anſchauten und ihre Lichter an ſein Geſicht hielten,„was iſt Dir ſeit geſtern begegnet? Die Hälfte Deiner Haare iſt weiß geworden!“« „Und in der That, mein Herr,“ ſprach zu mir der Greis, ſeine Erzählung vollendend,„was ich von weißen Haaren habe, rührt von dieſer Nacht her.“ 10* XILI. Die zugemauerte Stube. Wie es die Nachbarin dreizehn Jahre vorher ge⸗ than, ſo erzählte auch der Bergmann, was er geſehen. Die graue Dame hatte nicht mit ihm geſprochen; kein Stillſchweigen war ihm durch eine menſchliche oder übermenſchliche Macht auferlegt; er hatte alſo keinen Grund, nicht zu ſagen, was ihm begegnet war. Nur, wie man richtig gemuthmaßt, die erſte Er⸗ ſcheinung habe die Geburt der Zwillinge prophezeit, muthmaßte man nun, die zweite Erſcheinung verkün⸗ dige den Tod vom einen oder vom andern derſelben. In der That, gegen das Ende deſſelben Monats September, in welchem dieſe Erſcheinung ſtattgefunden hatte, ſah man eines Abends einen von den beiden Knaben ganz beſtüͤrzt, ganz bleich, ganz in Thränen nach Hauſe eilen. 3 Einen Augenblick nachher vernahm man im Pfarrt⸗ hauſe gewaltige Schmerzensſchreie. Dann öffnete ſich die Thüre. Der Pfarrer und ſeine Frau erſchienen um Hülfe rufend und liefen wie Wahnſinnige nach dem kleinen Fluſſe, von dem ich Ih⸗ nen ſchon geſagt habe. 8 Hören Sie, was geſchehen war: Der Aeltere von den Zwillingen war allein ausgegangen, da er ſeine Aufgabe vor ſeinem Bruder beendigt hatte. Die zwei Knaben liebten ſich ſo ſehr, daß ſie nut ſelten ihre Erholungsſtunde nicht mit einander genoſſen. Der Schauplatz ihrer Recreationen war beinahe im⸗ mer entweder das Ufer des Flüßchens, oder der Berg, der es beherrſcht, und von deſſen Höhe man ein Dutzend Küſtenorte und den düſtern, unermeßlichen Ocean ſieht, der zu gewiſſen Zeiten ganz durchfurcht iſt von weißen um Ra La⸗ er Ab beg jäh ent und 149 Segeln, welche, wegen der Entfernung, auf der Ober⸗ fläche des Waſſers ſpielende Mewen zu ſein ſcheinen. Der zuerſt Angekommene hatte ungefähr das Drit⸗ tel des Berges erſtiegen. Hier beluſtigte er ſich damit, daß er Steine auf dem jähen Abhange hinabrollen ließ. Die Steine, nachdem ſie eine Zeit lang, je nach den Unebenheiten des Terrain geſprungen und gerollt waren, kamen an eine Stelle, wo der Berg ſenkrecht abgeſchnitten war, als hätte ein Luftgeiſt die Felſen mit einer Rieſenart geſpalten. Der Felstheil, der dem Berge fehlte, fand ſich im Fluſſe zerbrochen in ungeheure Blöcke, welche das Waſ⸗ ſer durch ihre Hemmung ſchäumen machten. Der zweite Sohn des Pfarrers eilte, nachdem er ſeine Aufgabe auch beendigt hatte, aus dem Hauſe, um ſeinem Bruder zu folgen. Doch der gekrümmte Fußpfad des Berges war zu langſam für ſeine Ungeduld; er verſuchte es,— was er übrigens zwanzigmal gethan hatte,— den Berg ſchräg zu erklettern. Der Aeltere entwurzelte einen Felſen, den er in den Abgrund ſtürzen wollte, wie er in denſelben bis dahin gewöhnliche Steine geſtürzt hatte. Dieſer Fels widerſtand lange, doch nach einem Kampfe von einer Viertelſtunde rührte er ſich in dem um ihn her durch ſeine Erſchütterung gegrabenen leeren Raume, wie ein halb ausgezogener Zahn in ſeiner Lade zittert; unter den Anſtrengungen des Titanen gab er endlich nach und rollte, völlig entwurzelt, nach dem Abgrunde. Ein Freudenſchrei, den der Sieger von ſich gab, begleitete dieſen Sturz. „ Doch in dem Augenblick, wo der Fels auf dem jähen Abhange verſchwunden war, antwortete ihm ein entſetzlicher Schrei, ein Schrei, gemiſcht aus Schrecken und Schmerz.. 150 Der Aeltere von den beiden Knaben erkannte die Stimme ſeines Bruders und blieb unbeweglich, beſtürzt, die Hände in ſeine Haare gepreßt, die ſich vor Schrecken auf ſeinem Haupte ſträubten. Ein zweiter Schrei folgte auf den erſten. Ddieſer war ein Todesſchrei: er kam aus der Tieſe des Abgrunds. Dann ſtieg das Geräuſch von zwei ſchweren Kör⸗ pern, welche eine Secunde von einander ins Waſſer fielen, grauenhaft, ſchmerzvoll, bis zur Plattform em⸗ por, wo ſich der unwillkürliche Brudermörder, der un⸗ ſchuldige Kain befand. Der von ihm entwurzelte Fels hatte in ſeinem Laufe ſeinen Bruder getroffen und in den Abgrund geriſſen. Der Fels, der ſchwerer war, hatte ſich ſodann zu⸗ erſt in den Fluß verſenkt; eine Secunde nachher war ihm der Körper des Knaben dahin gefolgt. Daher die zwei Geräuſche ſchnell hinter einanderz daher der zweite Schrei! Alles dies war klar, ſichtbar, gewiß für den un⸗ glücklichen Knaben; und dennoch zweifelte er, wie man es bei jedem unerwarteten, entſetzlichen, unerhörten Unglück thut. Er ſtieg raſch, auf die Gefahr, ſelbſt hinabzufallen, bis zu dem Orte nieder, wo der Felſen ſenkrecht abge⸗ ſchnitten war, klammerte ſich an einem Wachholderbuſche an und neigte ſich über den Abgrund. Er ſah den Körper ſeines unglücklichen Bruders, der, nachdem er einen Augenblick der Strömung des Flüßchens folgend geſchwommen war, an der Felſen⸗ ſperre anhielt, die das Bett des Waſſers entzwei ſchnitt. Dann, da er nicht mehr zweifelte, lief er nach dem Piurchanſe und brachte ſeinen Eltern die entſetzliche unde. Dieſe ſtürzten, wie geſagt, in Thränen zerfließend aus dem Hauſe und eilten nach der Sperrung, wo ſie den Leichnam ihres Kindes an die Felſen ſchlagend fanden · ——— 2& —— 15¹ Ein Theil der Dorfbewohner war ihnen gefolgt, denn der Pfarrer und ſeine Frau waren vortreffliche Leute, welche bei der ganzen Gemeinde in gutem An⸗ denken ſtehen. Die Mutter kniete an den Rand des Fluſſes nie⸗ der, der Vater wagte ſich mit fünf bis ſechs Bauern auf dieſe gebrochene, naſſe, ſchlüpfrige Brücke, deren Baſis beſtändig von dem über das Hinderniß, das man ihm entgegenſetzte, wüthenden Fluſſe gepeitſcht wurde, den man brauſend, ſeinen Schaum über den Granitdamm ſchleudernd ſich drehen ſah. Mit Hülfe von Baumzweigen und Stricken gelang es, den Leichnam aus dem Waſſer zu ziehen; die Bauern luden ihn auf ihre Schultern, trugen ihn bis ans Ufer und legten ihn zu den Füßen der verzweifelnden Mutter. Der zweite Sohn ſah ein, in dieſem Momente wäre ſein Anblick ein Schmerz; er zog ſich hinter einen Fel⸗ ſen zurück, warf ſich mit dem Geſichte auf die Erde, weinte bitterlich und raufte ſich die Haare aus. So lange ſie Thränen hatte,— und die Mütter haben viele!— erſchöpfte die arme Frau ihren Schmerz auf dem Leibe ihres Kindes. Dann, als ihre Augen brennend und trocken wur⸗ den, ſchaute ſie umher und ſuchte ihren zweiten Sohn. Man mußte ihm lange ruſen, daß er ſich zeigte. Der unglückliche Knabe vermuthete nicht, daß er, die Quelle des Schmerzes, zu gleicher Zeit eine Quelle der Freude ſein ſollte, daß die Liebe einer Mutter nicht ver⸗ loren ſein kann, und daß die ganze Liebe, welche die arme Niobe für den todten Sohn hegte, ſich auf den lebendigen übertragen ſollte. Die arme Mutter fand alſo neue Thränen, indem ſie ihren andern Sohn wiederfand. Sie nahm ihn in ihre Arme und hielt ihn an ihre Bruſt gedrückt, wobei ſie die Augen ſchloß, um nur mit dem Herzen zu ſehen. Man benützte dieſen Moment, um den Leichnam 152 von ihr zu entfernen. Der Vater trug ihn bis ins Pfarrhaus, wie er es that, wenn er ihn früher lebend und entſchlummert trug und die Mutter ihm den an⸗ dern Knaben tragend folgte. Man wuſch den Körper des armen Kindes; man verband ſeine Wunden, als ob es nicht todt wäre, und legte es auf ſein Bett, als wäre dieſer finſtere Tod nur ein ſüßer Schlaf geweſen.— Zwei Tage nachher ſprach ſein Vater die Todten⸗ gebete über ihm, und in Gegenwart des ganzes Dorfes wurde der Sarg in ein Grab verſenkt, über dem man noch heute einen an der Ecke zerbrochenen Stein mit der Inſchrift ſieht: Hier ruht John Benters, Zweiter Sohn des Pfarrers Edgar Benters und von Eliſabeth Egburn. Er ſtarb durch einen Unfall am 22. Sept. 1737. Wanderer, bete für ſeine unſchuldige Seele. Der Leib war nur 13 Jahre alt. Die graue Dame hat ſeinen Tod prophezeit. In den drei Jahren, welche auf dieſe Kataſtrophe folgten, ſtarben der Pfarrer und ſeine Frau. 3 Schwerer getroffen, weil ſie Mutter war, ſtarb die Frau zuerſt; der Pfarrer folgte ihr.. Der junge Clarence Benters verſchwand, und nie hat man ſeit ſeinem Verſchwinden wieder von ihm im Dorfe Waſton reden hören. Da nun die Bauern alle dieſe Unglücksfälle,— ich habe Ihnen nur den letzten erzählt,— dem Einfluſſe der grauen Dame zuſchrieben, ſo erbot ſich ein Maurer, die Thüre der einſamen Stube zuzumauern, welche be: ſtändig geſchloſſen blieb und ſich nur für die Erſchei⸗ nungen oͤffnete. . 453 Von dieſer Stube hatte übrigens nie ein Pfarrer den Schlüſſel gehabt, und ſeit Menſchengedenken hatte es Niemand gewagt, ſie öffnen zu laſſen. Das Anerbieten des Maurers wurde angenommen. Man ließ den Pfarrer des benachbarten Dorfes kommen, um der Ceremonie einen religiöſen Charakter zu geben, und unter Gebeten, wie ſie das Rituale für die Be⸗ ſchwörung lehrt, wurde die Thüre zugemauert. Dieſe Operation wurde 1741, vierzehn Jahre vor unſerer Ankunft, vollführt. Während dieſer Zeit bewohnte ein einziger Geiſt⸗ licher das Pfarrhaus; er war Witwer, ſechzig Jahre alt, und hatte nur einen Sohn gehabt, der in der Schlacht bei Fontenay getödtet worden. Er hatte fünf Jahre hier zugebracht; dann war er ein gutes Andenken im Geiſte ſeiner Gemeindegenoſſen hinterlaſſend geſtorben. Seit den vier Jahren aber, daß er geſtorben, war die Pfarrei erledigt geblieben, und Niemand hatte ſie einnehmen wollen. 4 Auf die Klage der Einwohner, die ſich durch die Verlaſſenheit des Pfarrhauſes des göttlichen Wortes be⸗ raubt ſahen, war auch der Gehalt der Stelle verdoppelt worden. Trotz dieſer Erhöhung, welche aus der Pfarre eines armen Dörfchens eine Pfarrei erſten Ranges machte, hatte ſich Niemand um dieſelbe beworben, bis zu dem Augenblicke, wo Ihr würdiger Bruder, mein lieber Pe⸗ trus, mir dieſelbe anbot, ein Antrag, den ich, in der Ralh, in der ich mich befand, mit Dankbarkeit an⸗ nahm. Sie ſehen übrigens, daß ich die Zeit ſeit meiner Ankunft nicht verlor, und alle Erkundigungen, welche nur immer einzuziehen waren, auch einzog. 3 Zu den materiellen Einzelheiten kommen nun die, welche die Einbildungskraft der Bauern beifügt. Ich ſage, die Einbildungskraft, denn trotz aller 154 von mir angeſtellten Nachforſchungen, konnte ich aus den Aelteſten der Gemeinde keinen poſitiven Umſtand, außer dem von mir mitgetheilten, herausbekommen. Ueber die Erſcheinung der grauen Dame, über die Veranlaſſungen, bei welchen dieſe Erſcheinung ſtattfin⸗ det, über die Reſultate dieſer Erſcheinung kann man keinen Zweifel haben, und hierüber iſt Alles zur Gewiß⸗ heit bei den Bauern übergegangen. 3 Sie ſagen,— doch Sie begreifen wohl, mein lie⸗ ber Petrus, dieſe Suppoſitionen bleiben im dunſtigen Zuſtande der Legende,— ſie ſagen, die graue Dame ſei die Witwe eines ehemaligen Pfarrers aus dem An⸗ fange der Reformation, welche durch innere Verfolgun⸗ gen zum Selbſtmorde angetrieben worden. Da die Leiden, die ſie zum Selbſtmorde bewogen, durch den Dienſtnachfolger ihres Gatten veranlaßt wor⸗ den ſeien, ſo habe ſie vor ihrem Tode einen gräßlichen Fluch über die Pfarrei verhängt. Die Wirkungen dieſes Fluches, den ihre Seele im Fegfeuer verfolgt und vollführt, haben Sie geſehen. Zur Unterſtützung dieſes Glaubens zeigt man end⸗ lich in der dunkelſten, feuchteſten Ecke des Kirchhofes ein kleines ſteinernes Kreuz mit einigen verwiſchten Buch⸗ ſtaben, die mir, wenn ich ſie zuſammenſtellte, den Na⸗ men Anna und den Namen Goldſmith zu geben ſchienen. Der Todtengräber behauptet überdies,— und er ſagt, er wiſſe es von ſeinem Vorgänger, der es von dem ſeinigen erfahren habe,— dieſes einſame, verlorene, vergeſſene, aber in ſeiner Vergeſſenheit erſchreckliche Grab ſei wirklich das der unglücklichen Selbſtmörderin. Der Handwerksmann, der die Stubenthüre zuge⸗ mauert, lebt noch und hat mir jede Auskunft über die Operation gegeben: dieſe Thüre liegt im zweiten Stocke zwiſchen einem Speicher und einer Weißzeug⸗ kammer.. Es iſt noch leicht an der Wand der Vereinigungs⸗ punkt des alten und des neuen Gypſes zu ſehen und 15⁵ durch dieſen Vereinigungspunkt die Form einer Thüre zu erkennen. An der äußern Facade bezeichnen zwei geſchloſſene, in Trümmer zerfallende Läden die Fenſter der verfluch⸗ ten Stube. Ich muß Ihnen geſtehen, mein lieber Petrus, daß dieſe Erzählungen, ſo phantaſtiſch und unglaublich ſie ſcheinen, uns, Jeannie und mich, nicht gleichgültig ge⸗ laſſen haben. Wir ſind,— was wir nie geglaubt hätten,— da⸗ hin gekommen, daß wir Gott danken, daß er Jeannie, ohne ihr Alter zu haben, zur Unfruchtbarkeit von Sarah verurtheilt zu haben ſcheint. 8 XLII. Der Buſtand der Oertlichkeiten. Sie wundern ſich, mein lieber Petrus, daß ich Ihnen noch nichts von unſerem Einzuge in das Pfarr⸗ haus geſagt habe, und daß uns die phantaſtiſche Seite unſerer Wohnung ſo ſehr ihre materielle Seite hat aus dem Blicke verlieren laſſen. Ach! ich habe von dieſer materiellen Seite ein paar Worte geſagt und ſie Ihnen traurig und düſter gezeigt, doch ſicherlich immer noch minder traurig und minder düſter, als ſie in Wirklichkeit iſt. Das Pfarrhaus hat das Privilegium der verfluch⸗ ten Häuſer. Ohne Zweifel waren die Geiſtlichen, welche hierher gekommen und hier geſtorben ſind, nicht alle verlaſſene Weſen; ſie hatten Verwandte und folglich Erben; nun denn, wie groß auch die Habgier dieſer Verwandten oder dieſer Erben geweſen ſein mag, nicht 456 Einer iſt je erſchienen, um auch nur ein einziges Stück vom Mobiliar der Verſtorbenen in Anſpruch zu nehmen. Die alleinigen Erben der Pfarrer von Waſton ſind alſo die Nachfolger der Hingeſchiedenen. Dies, mein lieber Petrus, wird Ihnen einen Be⸗ griff von der Furcht geben, die dieſes Haus einflößt. Das Hausgeräth beſteht alſo aus einem ſeltſamen Gemiſche von Meubles aus allen Zeiten und von Uten⸗ ſilien aller Art; dieſe hinkenden, verſtümmelten, dienſt⸗ unfähigen Meubles ſchienen mir der Mehrzahl nach nur aus einem abergläubiſchen Beweggrunde behalten wor⸗ den zu ſein. Da mich ein ſolches Motiv nicht beſtimmen konnte, das Haus mit all dieſem alten Plunder überfüllt zu laſſen, ſo beauftragte ich den Schulmeiſter, ſich im Dorfe zu erkundigen, ob irgend Jemand auf dieſe Mo⸗ bilien Anſpruch zu machen habe, oder ob ein armer Bauer die Gegenſtände, die mir für meinen Dienſt über⸗ flüſſig ſcheinen, in ſeinen Nutzen zu verwenden wünſche; ich würde mir in dieſem Falle ein wahres Vergnügen daraus machen, das Beſte von dem von mir zur Ver⸗ nichtung verurtheilten Geräthe wegnehmen zu laſſen. Niemand reclamirte; Niemand nahm mein Aner⸗ bieten an. Dem zu Folge, da ſeit der Zerſtörung der Wälder durch die Könige von England, welche befürchteten, dieſe Wälder könnten als Zuflucht für die Geächteten dienen, das Holz in der Gegend ziemlich ſelten iſt, ſchleppte ich ſelbſt ausgerenkte Truhen, hinkende Tiſche, wurmſtichige Stühle mitten in den Hof; ich that das, was die Zeit thun ſollte, ich zerbrach ſie vollends und bildete,— ein Holzvorrath für meinen Winter,— aus allen ihren Trümmern einen ungeheuren Scheiterhaufen, der die ganze an den Kirchhof anſtoßende Seite der Mauer des Hofes einnahm. Nachdem dieſe Execution vollzogen und das Haus theilweiſe ausgeräumt war, hatten wir unter allen Zim⸗ 157 mern dieſes Hauſes diejenigen zu wählen, welche wir bewohnen würden. Fünfzehn Perſonen hätten bequem in dieſem Pfarr⸗ hauſe gewohnt, und wir waren nur Jeannie und ich. Ich wollte eine Magd nehmen, Jeannie aber widerſetzte ſich; ihrer Anſicht nach konnten wir nicht zu ſparſam ſein, nicht ſchnell genug unſerem Wirthe dem Keſſelſchmied die fünfzig Pfund Sterling zurückgeben, die er uns auf eine ſo zarte Art geliehen hatte. Uebrigens hatten wir, mit Recht bedenkend, es werden von uns für unſere Einrichtung einige unerläß⸗ liche Ausgaben zu machen ſein, die zwölf Pfund Ster⸗ ling angenommen, welche uns die guten Eltern von dem Gelde angeboten, das ſie für uns entlehnt. Es wurde alſo beſchloſſen, daß wir keine Magd im Hauſe halten und uns mit einer Beiläuferin begnügen ſollten, welche gegen zwei Pences täglich alle grobe Geſchäfte, die Jeannie nicht verrichten könnte, bei uns beſorgen würde. Das war ein Grund mehr, um unſere Wohnung einzuſchränken. Wir beſchränkten uns alſo, was den unterſten Theil des Hauſes betrifft, auf ein Vorzimmer, das natürlich eine Art von Corridor bildete, der gegen eine hölzerne Treppe mündete; dieſe Treppe ging bis oben ins Haus, führte nach ſünfzehn Wendelſtufen auf den Ruheplatz des erſten Stockes, und ſtieg dann ſteil und gerade wie eine Leiter vom erſten zum zweiten empor, wo ſie einen neuen Ruheplatz fand, gegen den früher drei Thüren ſich geöffnet hatten und nun Wwei ſich öffneten. Die Thüre links war die des Speichers, die Thüre rechts war die der Weißzeugkammer, die Thüre der Treppe gegenüber, welche der Maurer verſtopft hatte, war die Thüre der verfluchten Stube. So nannte man dieſe Stube vor uns; ſo nannten auch wir ſie. Dieſen zweiten Stock brauchten wir nicht; über⸗ 158 dies ſchien die Treppe, ſchon in ſchlechtem Zuſtande und unter den Füßen bei jedem Tritte krachend vom Erd⸗ geſchoſſe zum erſten Stocke, noch viel mehr verdorben vom erſten zum zweiten Stocke. Ich ließ nur die Dächer vom Decker unterſuchen; er legte überall Ziegel auf, wo fehlten, und verſtopfte ſo ein paar Quellen, die an Regen⸗ und Hageltagen ihren Lauf auf den Speicher nahmen und durch den Boden in Tröpſchen ſiekerten denen ähnlich, welche vom Felſen des Ebenbaumes auf die Moosbank des Gartens fielen. Der erſte Stock war alſo beinahe, nicht vor der Feuchtigkeit, aber vor dem Regen bewahrt. In dieſem erſten Stocke wählten wir ein Zimmer beſtimmt für Jeannie und folglich auch für mich. Die⸗ ſem Zimmer wurde ein Ankleidecabinet beigefügt, und da dies Alles war, was wir von Wohnung nöthig hat⸗ ten, ſo verſchloß man die nach andern Stuben gehenden Thüren des Schlafzimmers und des Ankleidecabinets. Auf dem Corridor des Erdgeſchoſſes,— wir gehen abwärts, wie Sie ſehen, mein lieber Petrus,— auf dem Corridor des Erdgeſchoſſes waren drei Thüren angebracht. Die eine ging nach einem Speiſezimmer, einem großen Salon und der Küche. Die andere, gegenüber, nach einem Zimmer von mittlerer Größe, das mir als Arbeitscabinet zugetheilt wurde, und das ich als Erſatz für das Schlafzimmer der Witwe wählte. Mit dem ganzen Mobiliar des übrigen Hauſes richteten wir das Speiſſeimmen, den Salon und das Arbeitscabinet ein. Da aber vor Allem Jeannie be⸗ haglich wohnen ſollte, da ich ihr Zimmer geſund und ſauber haben wollte, ſo verwandten wir,— oder ver⸗ wandte vielmehr ich, ohne daß Jeannie es wußte, zwölf Pfund Sterling dazu, daß ich ihr Zimmer tapeziren und mit neuen oder beinahe neuen Meubles, die ich in Milford kaufte, ausſtatten ließ⸗ —0—& ́ 8 —,———,— —. — 159 Dieſe Meubles waren ein vollſtändiges Bett, vier Fauteuils und ein Canapé mit Zitz uͤberzogen, ein Tiſch, zwei Seſſel und drei bis vier Tabourets. Für dieſe Ausgabe athmete das Zimmer von Jeannie einen gewiſſen Luxus, und das übrige Haus,— hierunter ver⸗ ſtehe ich den bewohnten Theil,— und das übrige Haus war ziemlich anſtändig eingerichtet. Eines nur that mir unendlich leid: daß ich genö⸗ thigt geweſen war, in Aſhbourn das Fortepiano von Jeannie zurückzulaſſen; einmal war es für ſie eine un⸗ geheure Entbehrung, nicht Muſik zu machen, und dann hatte ſie das Klavier von ihrem Vater bekommen, und unter dieſem Titel war es ihr doppelt koſtbar geweſen. Doch der Transport von einem ſolchen Geräthe durch einen großen Theil von England würde uns eine wahnſinnige Summe gekoſtet haben, abgeſehen davon, daß es auf den Wegen, denen wir folgten, aus allen Fugen gebracht hätte ankommen können. Wir ſprachen über dieſe Schwierigkeit mit Herrn Smith; in ſeiner doppelten Liebe als Vater für ſeine Tochter und als Lehrer für ſeine Schülerin, ſchien er mehr noch als ich in Verzweiflung bei dem Gedanken, daß Jeannie nicht nur nicht mehr die anbetungswürdige Zerſtreuung zarter Seelen, die Muſik, genießen, ſon⸗ dern auch das, was ſie wußte, vergeſſen ſollte. Dann nahm Herr Smith immer den Fall an, wenn wir Kinder haben würden, und da er nicht da ſein ſollte, um ſeinen Enkeln oder Enkelinnen Lectionen zu geben, wie er Jeannie gegeben, ſo hätte er wenigſtens gewünſcht, daß dieſe ihn bei ſeiner männlichen oder weiblichen Nachkommenſchaft erſetzen könnte. Dem zu Folge hatte er ſich anheiſchig gemacht, das Klavier zu verkaufen und uns das Geld dafür zu ſchicken, ſo daß ich im Stande wäre, ein anderes in Milford, oder Pembroke zu kaufen. Doch ich hatte nur durch dieſe zwei Städte zu rei⸗ ſen gebraucht, um zu beurtheilen, daß man in ſolchen 460 Neſtern keine des Talentes von Jeannie würdige Kla⸗ viere fand. Ich ſchrieb alſo Herrn Smith, er möge auf ein anderes Mittel bedacht ſein. Herr Smith war darauf bedacht. Eines Morgens wurden wir benachrichtigt, es ſei ein vom Hauſe Samuel Barlow und Compagnie in Liverpool expedirtes Ballot in Milford angekommen, unter der Adreſſe des Hauſes Baring, mit der Em⸗ pfehlung, jede Sorge für genanntes, als etwas ſehr Zerbrechliches bezeichnetes, Ballot zu tragen und mich von ſeiner Ankunft in Kenntniß zu ſetzen. Dies war, wie geſagt, alsbald geſchehen. Sogleich begab ich mich nach Milford und in das Comptoir von Herrn Baring. Man zeigte mir das Ballot. Es war eine ungeheure, außen ganz mit Stroh umbundene Kiſte: man hätte glauben ſollen, es ſei ein Elephant, ein Maſtodon, ein antediluvianiſches Thier vom zoologiſchen Muſeum der Hauptſtadt an ein Provinz⸗ muſeum überſchickt. Ich brauchte nur einen Blick auf das Ballot zu werfen, um zu erkennen, um was es ſich handelte. Es war offenbar das Klavier von Jeannie, das uns zur See, unter der Obhut Gottes, wie die Spe⸗ dit ionsbriefe ſagten, und unter der Garantie der Häuſer Samuel Barlow und Baring zukam. Ich war zum Voraus entzückt bei dem Gedanken, welches Vergnügen dieſe zweite Ueberraſchung Jeannie bereiten würde, und mit Hülfe der Commis von Herrn Baring gelang es mir, die Kiſte auf einen Transport⸗ wagen zu laden, der ſanft genug hing, daß ich hoffen durfte, ſie ſicher und unverſehrt nach Waſton zu führen. Nach zwei Stunden hielt der Wagen vor der Thüre des Pfarrhauſes an. 8 So ſchnell als ich erkannte Jeannie die Form des Ballot, und, wie ich, empfing ſie mit einem Freuden⸗ V 8 161 ſchrei dieſen alten Freund, der uns in unſerer Einſam⸗ keit beſuchte. Nun fragte es ſich nur, ob Alles in gutem Zu⸗ ſtande war. Hierüber verſchafften wir uns auf der Stelle Sicher⸗ heit, indem wir die Stricke durchſchnitten und das Packtuch ausweideten. In der Mitte ſeiner ausgepolſterten Umhüllung fand ſich, wie ein Kern mitten in einer Pfirſich, das koſt⸗ bare Inſtrument, eine Melodiereſerve für unſere lan⸗ gen Wintertage, dieſes Inſtrument, auf deſſen Taſten, nach der Hoffnung des guten Herrn Smith, nicht nur die behenden und geübten Finger von Jeannie hinlau⸗ fen ſollten, ſondern auch die Händchen unſerer Kinder, fleiſchige Händchen, deren Grübchen Vater und Mutter ſo gern kuͤſſen. In einem Augenblick war das Klavier auf ſeinen vier Füßen; Jeannie glitt raſch mit ihren Fingern über die Taſten hin, von der höchſten bis zur tiefſten Note: jede derſelben gab einen Ton von ſich. Keine ernſte Beſchädigung war zu befürchten. Nur hatte ſich das Klavier ein wenig verſtimmt. Doch das war die Sache von Jeannie. Sdie verließ das Inſtrument nicht, bis es wieder in völlig gutem Zuſtande war, und ſie mit einem Aus⸗ drucke, den ich doch von ihr kennen mußte, der mir aber in der Tiefe unſerer Verbannung ganz neu vorkam, die Fabel geſpielt, die ihr Vater für ſie gemacht und ihr an ihrem Geburtstage zugleich mit ihrem Klavier über⸗ ſchickt hatte. Sie können ſich keine Idee machen, mein lieber Petrus, welchen Contraſt dieſe düſtere Stube, ihr un⸗ gleichförmiges, wurmſtichiges Geräth, ihre dunklen, ſeſchwärzten Wände mit dieſer ſüßen, aus dem zier⸗ ichen Klaviere hervorkommenden Muſik, mit dieſer fri⸗ ſchen, aus roſigen Lippen entſtrömenden Stimme bildeten; Der Pfarrer von Afhbourn. II. 11 16² mir ſchien, ich ſehe die Porzellane auf ihren Brettern, die Gemälde in ihren Rahmen, die Flamme im Kamin vor Erſtaunen ſchauern. Das Fenſter war offen, um einen der letzten Strahlen der Herbſtſonne, welche bis zum Ende des October dem flüchtigen Jahre gefolgt war, eindringen zu laſſen; und durch dieſe Oeffnung zog die Harmonie hinaus und verbreitete ſich dann außen, wie durch die Sprünge eines Gefäßes ein Wohlgeruch ent⸗ duftet. In dieſem Augenblick kam ein Bauer vorüber; er blieb wie angenagelt an ſeinem Platze. „Ar corrigan!« rief er, indem er einem ſeiner Ge⸗ fährten winkte. Dieſer lief herbei: „Die Fee!“ hatte Jener gerufen. Dann, nach den zwei Erſten, kamen ein Dritter, ein Vierter, ein Fünfter, und nach zehn Minuten war die Hälfte des Dorfes vor dem Pfarrhauſe gruppirt. Als Zeannie geendigt hatte, blieben ſie in Er⸗ wartung, ohne daß ſie etwas zu verlangen wagten, jſe doch noch hoffend. Da bat ich Jeannie, ihr Spiel und ihren Geſang fortzuſetzen. 8 Sie begriffen, um was ich ſie bat, und Alle rie⸗ fen einſtimmig: „C'hoaz! c'hoaz!(Noch mehr! noch mehr!)“ Jeannie lächelte und ſang, ſo lange ſie wollten. Als es aber Nacht wurde, ſtand ſie endlich auf und grüßte die Bauern. Alle klatſchten ſodann in die Hände, und der alte Bauer, von dem ich Ihnen ſchon geſagt habe, trat ernſ vor und ſprach folgende zwei Verſe eines waleſiſches, Liedes: Hag ann adar, agan eur c'han Ker kaör ma taw ar mor ledan! Was in gewöhnliche Sprache überſetzt bedeutet: = tern, amin um e bis war, g die wie ent⸗ über; Ge⸗ , ein r die Er⸗ 1, je eſang e rie⸗ en. fund r alte ernſt ſiſches 163 „Der Vogel ſang einen ſo ſüßen Geſang, daß ſelbſt das große Meer verſtummte.“ Und Alle ſagten, während ſte weggingen: „Die Frau des neuen Pfarrers hat eine Schaar Nachtigallen in einer großen Schachtel eingeſchloſſen; ſie läßt ſie ſingen, wenn man ſie darum bittet, ſelbſt wenn diejenigen, welche ſie bitten, arm ſind. „Gott bewahre die Frau des neuen Pfarrers vor dem Fluche der grauen Dame!“« XLIII. In der Nacht. Der Name der grauen Dame, den ich alle Augen⸗ blicke um mich her ausſprechen hörte, würde meinen Geiſt zu der ſeltſamen Tradition zurückgeführt haben ſelbſt wenn er ſich davon entfernt hätte. Doch ich muß geſtehen, ſie nahm mein Inneres dergeſtalt in Anſpruch, daß man mich nicht daran zu erinnern brauchte. Ich beſchloß, Alles in der Welt zu thun, um den Grund dieſer geheimnißvollen Geſchichte kennen zu lernen. Ich fing damit an, daß ich die Archive der Pfarrei durchſtörte. „Jeden Abend, während Jeannie bei dem, durch die Trümmer vom Hausgeräthe unſerer Vorgänger genährten, Feuer ſtickte oder zeichnete, brachte ich auf den Tiſch einen Bund Geburts⸗ und Todesſcheine, und ich las mit einem Eifer ohne Gleichen dieſe einſchläfernden Schriften, ohne ein einziges Blatt zu übergehen. Jeannie ſchaute mir zu; mehr als einmal that ſie den Mund auf, offenbar, um mich zu fragen. 11* 164 Doch als hätte ſie errathen, welcher ſeltſame Ge⸗ dankte mich beſchäftige, ſchloß ſie ihn wieder, ohne auch nur ein Wort zu ſprechen. Ich hatte die Bewegung geſehen, doch als befürch⸗ tete ich, ſie könnte mir geſtehen, ihre Beſorgniß ſei der meinigen gleich, wagte ich es nicht, ſie zu fragen: „Was willſt Du mir ſagen 2*1 Leider waren die alten Regiſter mit großer Nach⸗ läſſigkeit geführt; es fehlten ganze Jahrgänge, unter Anderem das Jahr 1643, welches das iſt, wo Cromwell die Citadelle von Pembroke einnahm und alle Dörfer der Grafſchaft zerſtörte. Nach drei Monaten ängſtlicher Nachforſchungen hatte ich noch nichts gefunden; ich verzweifelte indeſſen nicht, und ich fand am Ende auf einem vergelbten Papiere eine mit faſt unleſerlicher Schrift geſchriebene kleine Notiz, welche, ohne mir eine Gewißheit zu ge⸗ ben, nichtsdeſtoweniger mit dem Gegenſtande meiner Forſchungen in Verbindung zu ſtehen ſchien. Dieſe Notiz betraf das kleine ſteinerne Kreuz in der Ecke des Kirchhofes, von dem die Tradition ſagte, es beſchirme das Grab der Selbſtmörderin. Ich gebe Ihnen hier Wort für Wort, mein lieber Petrus, den Inhalt dieſer Notiz, welche meine Neu⸗ gierde nur verdoppelte. „Im Jahre der Menſchwerdung Unſeres Herrn 1650 habe ich Albert Martronius, Magiſter der Theologie und Pfarrer dieſes Dorfes, das kleine ſteinerne Kreuz in der Ecke des Kirchhofes wieder aufrichten und reſtauri⸗ ren laſſen. „Der Herr gewahre die Ruhe den ſterblichen Ueber⸗ reſten der Ungluͤcklichen, welche darunter liegt.“ Das Wort Ruhe war doppelt unterſtrichen. Wcorauf konnte ſich das Wort Ruhe beziehen, wenn nicht darauf, daß der Doctor Albert Martronius die 165 Ruhe der Seele der unter dieſem Steine beerdigten Per⸗ ſon wünſchte, damit ſie ſich, endlich den Frieden ge⸗ nießend, der ihr fehlte, ruhig verhalte in ihrem Grabe, wie es eine Seele thut, die nichts quält? 3 Ich hatte offenbar, wie ein Jäger, der ein Revier durchſucht, eine Spur entdeckt. Nur verlor ich dieſe Spur ſogleich wieder, nachdem ich ſie gefunden hatte. In der That, welchen Schluß konnte ich,— an⸗ genommen, ſie beziehe ſich auf die graue Dame,— aus dieſer Notiz ziehen? Sie ſagte mir wohl, die unter dem ſteinernen Kreuze beerdigte Perſon ſei nicht der Ruhe einer chriſtlichen Seele theilhaftig; doch ſie ſagte mir nicht, durch wel⸗ ches Creigniß, durch welches Abenteuer, durch welche Kataſtrophe die Seele der Todten den Verluſt dieſer Ruhe verſchuldet habe. 1 Allerdings antwortete in dieſer Hinſicht die Tradi⸗ tion:„Durch einen Selbſtmord!« Doch wer hatte dieſen Selbſtmord verurſacht? und wie konnte ſich der Selbſtmord der in der Ecke des Kirchhofs beerdigten Frau als ein Fluch auf die Pfar⸗ rer erſtrecken, welche, unſchuldig an aller Berührung mit dieſer Frau, die geſtorben war, lange ehe jene ge⸗ boren worden, die Pfarrei Waſton bewohnt hatten? Warum hatte dieſer Fluch keine Gewalt über ſie, ſo lange ſie keine Kinder beſaßen, oder wenn ſie nur Kinder in den gewöhnlichen Bedingungen beſaßen? Warum laſtete dieſer Fluch, waͤhrend er bei den andern Kindern keine Wirkung hatte, nur auf dem Haupte der Zwillingsbrüder? Das waren die poſitiven und folglich gewichtigen Fragen, welche die Notiz, die ich gefunden, durchaus nicht beantwortete. Ich ſtoͤrte in den Archiven fort bis zum Jahre 1382, um welche Zeit die Verdammung über die zehn Propo⸗ ſitionen von Wielef ausgeſprochen und der Ueberſetzer ———— 166 der Bibel, der Vorläufer von Huß und Luther, der Morgenſtern der Reformation nach Orford verbannt wurde. Ich fand durchaus nichts. Jeannie, die mich ewig mit Nachforſchungen be⸗ ſchäftigt ſah, ſchien zu glauben, es geſchehe dies für die Vorbereitung des großen hiſtoriſchen Werkes über den Urſprung, die Exiſtenz und den Verfall der Gallo⸗ Kymris; ſie mußte dies um ſo mehr glauben, als das Erſte, was ich, nachdem mein Schreibtiſch gehörig ein⸗ gerichtet, gethan hatte, war, daß ich den Titel dieſes Werkes auf ein herrliches Papierheft ſchrieb. Doch ich dachte an etwas ganz Anderes, als an die Gallo⸗Kymris: ich dachte an die graue Dame! Indeſſen verlief die Zeit; ſeit drei Monaten war ich Seelſorger der Pfarrei Waſton, und da man mir, aus beſonderer Gunſt, bei meinem Einzuge in das Pfarr⸗ haus ein Vierteljahr zum Voraus bezahlte, ſo hatte ich wirklich in den erſten Tagen des Januar die Hälfte meines Gehaltes von einem Jahre, nämlich hundert Pfund Sterling, bezogen. Durch die Erſparniſſe, die wir gemacht, blieben uns von dieſen hundert Pfund Sterling ſechsundſiebenzig. Wir legten fünfundzwanzig zurück für unſern Wirth den Keſſelſchmied; das war eine Abſchlagszahlung an den fünfzig, die er uns geliehen; ferner fünfzehn, die wir dem guten Herrn Smith ſchuldeten, der ſie ſelbſt ſchuldig war. Somit blieben uns ſechsunddreißig Pfund Ster⸗ ling, um das nächſte Vierteljahr abzuwarten, das heißt, das Doppelte von dem, was ſparſame Leute, welche wie wir mit Wenigem zu leben gewohnt waren, brauchten. Seit einigen Tagen bemerkte ich eine leichte Stö⸗ rung in der Geſundheit von Jeannie; es hatte ſich ihrer eine unbeſtimmte Beſorgniß in Betreff ihrer Eltern be⸗ mächtigt. 167 Ich war vom Hauſe Baring benachrichtigt worden, ein Schiff, geführt von einem der Söhne dieſes Hau⸗ ſes, ſei im Begriffe, nach Liverpool unter Segel zu gehen. Von Liverpool nach Wirksworth hatte man nur zwanzig Meilen, und zwar auf einer ſehr bequemen Straße. Ich ſchlug Jeannie vor, ſie möge ihren Eltern einen kleinen Beſuch machen und ſelbſt die fünfzehn Pfund Herrn Smith und die fünf und zwanzig unſerem Wirthe bringen. Das war im Grunde der Wunſch von Jeannie; ſie ſträubte ſich einen Augenblick und nahm es dann an. Ich beauftragte ſie, Herrn und Miſtreß Smith die Gefühle meiner Zuneigung auszudrücken, und gab ihr einen Brief an unſern Wirth den Keſſelſchmied, in welchem ich ihn auf das Freundlichſte einlud, uns zu beſuchen, wenn er in das Fürſtenthum Wales käme. Alles war alſo zur Abreiſe bereit, nur, da der Wind von Nordweſt und folglich ganz conträr blies, wurde dieſe Abreiſe beinahe um drei Wochen verſchoben. Als aber gegen das Ende des Januar der Wind wieder günſtig geworden war, erhielten wir Nachricht vom Hauſe Baring, das Schiff ſei ſegelfertig, und ich führte Jeannie ſelbſt nach Milford. Man erwartete, wie es ſchien, nur unſere Ankunft, um die Anker zu lichten; kaum hatte ich Zeit, Jeannie zu umarmen und ihr die Hand zu reichen, um die Steuerbordleiter zu erſteigen, als das Schiff ſich in Bewegung ſetzte, majeſtätiſch das Gewäſſer der St. Anns⸗Bai durchſchnitt, und nach einer Stunde hinter dem Vorgebirge verſchwand, das gegen die Inſel Stock⸗ ham hinausläuft. So lange ich Jeannie zu unterſcheiden vermochte und ſo lange Jeannie mich ſehen konnte, blieben wir, ſie auf dem Hintertheile des Schiffes und ich auf dem 168. Ufer und wechſelten Zeichen, ſie mit ihrem Taſchentuche, ich mit meinem Hute. Endlich vermengte die Entfernung die Gegenſtände; ich verweilte indeſſen, ſo lange ich dem Schiffe mit dem Blicke folgen konnte, an derſelben Stelle. Ich wußte, daß mich Jeannie eben ſo wenig zu ſehen vermochte, als ich ſie ſah; ich wußte aber auch, daß ſie ihre Augen auf den Ort geheftet hielt, wo ſie mich zu ſehen aufgehört hatte, und ich hätte es als eine Art von Untreue an unſerer gemeinſchaftlichen Liebe be⸗ trachtet, das Ufer zu verlaſſen, ehe das Schiff völlig verſchwunden war.. Als man am Horizont nur noch den Himmel und das Meer ſah, ſetzte ich meinen Hut wieder auf den Kopf, ſtieß einen Seufzer aus und ſchlug den Weg nach Waſton ein. Der Menſch iſt ein ſeltſames Ding, mein lieber Petrus! ich bete Jeannie an, ich habe ſie nie eine Stunde verlaſſen, die Nacht ausgenommen, die ich im Gefängniſſe von Nottingham zubrachte,— eine Nacht, die mir ewig dünkte,— und dennoch war dieſer Seufzer, den Sie für einen Seufzer der Traurigkeit halten könn⸗ ten, wenn ich Ihnen nicht eine Erklärung daruͤber geben würde, ein Seufzer der Erleichterung. Die Abweſenheit von Jeannie ſollte mir mehr Frei⸗ heit gewähren, um meine Nachforſchungen über die graue Dame anzuſtellen, und ich muß geſtehen, mein lieber Petrus, dieſe graue Dame war die große Beſchäftigung meines Lebens geworden, auf das ſie, ich befürchte es ſehr, obſchon ich noch nicht weiß wie, einen furchtbaren Einfluß hat. Zeannie ihrerſeits ſchien, während ſte mich mit einem wahren Bedauern verließ, im Grunde ihres Herzens ein dem meinigen ähnliches Gefühl zu ver⸗ bergen; man hätte glauben ſollen, es dränge ſie, ihre Mutter wiederzuſehen, um ihr irgend Etwas mitzu⸗ theilen, woraus ſie mir noch ein Geheimniß machte. — =FnSͤ SSee ͤ en d A. 3222— — 169 Ich kam ganz nachdenkend nach Waſton zurück. Hundert Schritte von den erſten Häuſern begegnete ich dem Maurer, der die Thüre der Stube der grauen Dame zugemauert hatte; ich ließ ihn zum dritten oder⸗ zum vierten Male dieſe Operation von einem Ende zum andern erzählen. Dann ſchüttelte ich den Kopf und ſagte: „Iſt es ein wirklicher Geiſt, iſt es ein wirkliches Geſpenſt, ſo liegt ihm wenig an Eurer Backſteinmauer. Wie die graue Dame durch dieſe Thüre ging, von der Niemand den Schlüſſel hatte, ſo wird ſie durch Eure Mauer gehen.“ „»Nein!“ verſetzte er,„denn ich habe ihr einen Streich geſpielt, auf den ſie nicht gefaßt war.“ „Welchen Streich 2 „Ich habe vom Pfarrer in Nolton das Waſſer weihen laſſen, um damit den Kalk anzumachen, mit dem die Backſteine eingemauert wurden.« Und der Maurer entfernte ſich, indem er mit dem Kopfe ein kleines Siegerzeichen machte, das mir bewies, wie tief ſein Glaube an ſein Auskunftsmittel war. Und in der That, mein Freund, der Glaube dieſes Menſchen hat in ſeiner Unwiſſenheit vielleicht eben ſo ſicher in ihr Grab dieſe Seele verſchloſſen, als das ſtei⸗ nerne Kreuz, welches auf daſſelben der ehrwürdige Doctor Albert Martronius, Magiſter der Theologie, geſetzt hat. In jedem Falle befand ich mich allein im Pfarr⸗ hauſe, was ich ſeit langer Zeit wünſchte, obgleich ich mir dieſen Wunſch ſelbſt nicht geſtand, und ich ſollte mich nun frei allen Forſchungen, die mir einfallen würden, hingeben können. Ich muß indeſſen ſagen, dieſe Einſamkeit, als ich ſie erlangte, erſchreckte mich einiger Maßen; die Ein⸗ ſamkeit iſt dem Menſchen antipathiſch, und damit ſie ihm gefallen ſoll, muß ſein Geiſt krank oder ſein Herz betrübt ſein. Die Einſamkeit iſt beſonders erſchreckend für ihn, 170 wenn es ſich um jene dunklen, geheimnißvollen Fragen handelt, bei denen weder die Vernunft, noch die Wiſſen⸗ ſchaft, noch die menſchliche Intelligenz etwas zu thun haben. Muß er einer von den unbekannten, übermenſch⸗ lichen Gefahren trotzen, welche in der Finſterniß ent⸗ ſtehen und ſtattfinden, dann hauptſächlich verdoppelt die Einſamkeit die phantaſtiſchen Verhältniſſe dieſer Gefahr. Dann iſt jeder Gefährte eine Stütze, und wäre dieſer Gefährte ein Weib, ein Kind, ein Hund; denn die Stärke ruft,— als eine Macht, welche viel reeller, als die Stärke,— die Frömmigkeit des Weibes, die Unſchuld des Kindes oder den Inſtinct des Thieres zu ülfe. Ich blieb allein, völlig allein: ſelbſt Fidel war ſei⸗ ner Gebieterin gefolgt. Folglich keine andere Hülfsquelle, als in mir, keine andere Unterſtützung, als in meinem Muthe. Dieſes Muthes, von dem ich rede, mein lieber Petrus, bin ich übrigens ſelbſt nicht ganz ſicher. Ich habe nie die Gelegenheit gehabt, ernſtlich zu prüfen, ob ich unter einem gegebenen Umſtande muthig oder feigherzig bin. Das werde ich erkennen im Angeſichte der Gefahr, die ich ſuche, wenn dieſe Gefahr nicht vor mir flieht.— Ein einziges Mal hatte ich Gelegenheit, in meinem Herzen allen Zorn der Verachtung, allen Haß der Ver⸗ wünſchung brullen zu fühlen: das war an dem Tage, wo Herr Stiff die Hand gegen Jeannie ausſtreckte, um ihr Gewalt anzuthun, und wo ich auf den Schrei, den meine Frau ausſtieß, eintrat. Doch das war eine gewöhnliche, ſo zu ſagen, familiäre Gefahr; eine von den Gefahren, wie man ſie auf jedem Schritte im Leben trifft, und vor der zurück⸗ zuweichen einem Manne von Herz nicht erlaubt iſt. Um mich dieſe Gefahr muthig bekämpfen zu laſſen, 171 hatte ich in mir und mit mir alle Rechte des Bürgers, des Mannes und des Gatten. Der Erſte der Beſte würde, von einer Frau in Gefahr zu Hülfe gerufen, daſſelbe gethan haben, was ich that ich that. Doch bei der Gefahr, die ich aufzuſuchen im Be⸗ griffe ſtand,— denn ich war feſt entſchloſſen, ſie auf⸗ zuſuchen,— hatte ich nichts von Allem dem. Was mich veranlaßte, dieſe Gefahr zu ſuchen, war nicht eine Pflicht, ſondern eine einfache Neugierde. Traf ich ſie bei Tag oder bei Nacht, ſo mußte ich von Gott allein Beiſtand gegen ſie verlangen: denn Gott allein konnte mir mit der himmliſchen Rüſtung des Glaubens ein Geſpenſt bekämpfen helfen. Das Reſultat von allen dieſen Betrachtungen war, daß ich, als ich zurückkam und mich in dem alten, in Trümmern zerfallenden Pfarrhauſe einer erſchrecklichen Tradition gegenüber allein fand, von einem Gefühle er⸗ griffen wurde, das die Gegenwart von Jeannie, ſo ſchwach das arme Geſchöpf war, fern zu halten genugt hatte. Es erfaßte mich ein Gefühl beharrlicher Neugierde, zugleich aber auch unbeſiegbarer Bangigkeit. Ich beſchloß, an dieſem Abend nichts zu unter⸗ nehmen und meine Stunden, wie ich es an den vor⸗ hergehenden Tagen gethan hatte, mit Leſen oder mit Schreiben zuzubringen. Nur, da ich ſehr bei Ihnen im Rückſtande war, mein lieber Petrus, entſchied ich mich für das Zweite und nahm mir vor, nicht eher zu Bette zu gehen, als bis ich Ihnen gegenüber meinen Bericht auf das Lau⸗ fende gebracht hätte. Das that ich wirklich, und ich muß ſagen, da dieſer Bericht die ganze Periode meiner Ankunft hier und die erſten Forſchungen über die graue Dame umfaßte,— da in dieſen erſten Nachforſchungen die doppelte Erzäh⸗ lung der zwei Erſcheinungen begriffen war, nämlich die 172 eine bei der Nachbarin, um die Geburt der Zwillings⸗ brüder Benters zu verkündigen, die andere beim Berg⸗ mann, um die Tödtung von John durch ſeinen Bruder Clarence zu prophezeien, ſo hatte ich gegen die Schwäche der menſchlichen Organiſation zu kämpfen und ich konnte ſchon in der erſten Nacht das Maß von meinem Muthe nehmen. Ich weiß nicht, ob mein Muth wachſen wird, mein Freund, wahrſcheinlich iſt dies jedoch; doch ich weiß, daß er heute Nacht auf eine furchtbare Probe geſtellt wurde, und daß, wenn er nicht unterlag, dies ſo war, weil ihm der Zufall, oder beſſer geſagt, weil ihm die Vor⸗ ſehung keine Gelegenheit zum Kampfe gab. Alles ging gut bis zur erſten Erzählung; als ich aber in dieſer düſtern Einſamkeit, in der ich mich ver⸗ loren ſah, in dieſer großen Stube, von der meine Lampe nur einen ſchwachen Theil erleuchtete, während ſie das Uebrige in der Finſterniß ließ, die phantaſtiſche Ge⸗ ſchichte anfangen mußte, da fühlte ich meine Stirne feucht werden und meine Hand zittern. Selbſt die Stille ſchien mir eine Drohung zu ſein. Ich beſchloß indeſſen, dieſen erſten Anfall von Angſt zu überwinden, ſchaute nach rechts, ſchaute nach links, ſchaute hinter mich. Die Tiefen dieſer ungeheuren Stube verloren ſich in einer beunruhigenden Dunkelheit. Wohl ſagte mir meine Vernunft, ich habe nichts zu befürchten; was vermag aber die Vernunft gegen Beklemmungen von der Art derjenigen, welche ſich mei⸗ ner bemächtigt hatten? 1 Ich war in eine Atmoſphäre voller Schauer gehüllt. c Richi deſioweniger gewann ich die Oberhand und rieb. Waͤhrend ich aber ſchrieb, fielen die Schweißtropfen von meiner Stirne, und meine feuchten Finger ließen ihre Spur auf dem Papiere zurück. 173 Ich vollendete die erſte Erzählung, die von der Nachbarin.. Doch in dem Augenblick, wo ich die zweite, die vom Bergmann, anfing, und wo meine unruhige Hand ſchon die erſten Zeilen geſchrieben hatte, kniſterte meine Lampe und ſchien verſcheiden zu wollen. Ich mochte es immerhin verſuchen, ſie wiederzu⸗ beleben, indem ich den Docht mit meinem Federmeſſer herauszog: das Oel war erſchöpft, und man konnte ſie unmöglich länger lebendig erhalten. Ich wußte nicht, wo ich ein anderes Licht finden ſollte; überdies wagte ich es nicht, dieſes andere Licht bei dem abnehmenden Scheine desjenigen, welches er⸗ loſch, zu ſuchen. Ich war inſtinctartig aufgeſtanden, ich hatte die Lampe ergriffen und hielt ſie feſt in meiner Hand; das Kniſtern, das ihr Ende verkündigte, wurde immer ſtärker, ſo wie ihr Licht immer ſchwächer wurde. Endlich gab ſie eine Helle eben ſo glänzend als raſch von ſich, mein Blick umfaßte alle im Zimmer enthalte⸗ nen Gegenſtände, Meubles, Geräthſchaften, Bilder; alle dieſe Gegenſtände ſchienen mir mit Leben und Be⸗ wegung begabt. 1 Dann erloſch die Lampe, und ich befand mich in einer völligen Finſterniß. Oh! mein lieber Petrus, ich geſtehe Ihnen, in die⸗ ſem Augenblicke ſchien mich mit dem Lichte das Leben zu verlaſſen. Es gab einen Moment, wo ich nach dem kalten Schweiße meiner Stirne, nach dem Schauer, der zwiſchen meinen Schultern hinlief, in Ohnmacht zu fallen glaubte. Gerade in dieſer Secunde zerſprang eine Saite im Klaviere von Jeannie mit einem ſo traurigen Vibriren, daß es bis in der tiefſten Tiefe meiner Bruſt wiederklang. Ich würde einen Schreckensſchrei ausgeſtoßen haben, hätte ich nicht gefühlt, der Ton meiner Stimme müßte meine Angſt noch vermehren. Sicherlich wäre mir auch meine Lampe entfallen, 174 4 hätten ſie nicht meine krampfhaften Finger wie in einer eiſernen Zange feſt gepreßt gehalten. Ueber zehn Minuten blieb ich unbeweglich ſtehen; endlich, da ſich nichts um mich her rührte, da kein Ge⸗ räuſch hörbar wurde und ich nicht ewig ſo bleiben konnte, beſchloß ich, in unſer Zimmer zu gehen. Das war ein großer Entſchluß: dieſelbe Treppe, welche zum Zimmer von Jeannie führte, führte auch zur Stube der grauen Dame. Indem ich mich entſchloß, in den erſten Stock hinaufzugehen, ging ich alſo gleichſam der Erſcheinung entgegen. Die zugemauerte Thüre und die Vorſichtsmaßregel, welche der Maurer dadurch genommen, daß er ſeinen Kalk mit geweihtem Waſſer angemacht,— eine Maßregel, die dieſem Manne unfehlbar dünkte,— ſchienen mir ungenügend. In dieſem Momente ſiel mir ein, daß ich einen Augenblick den Gedanken gehabt hatte, die Mauer aufzubrechen und das verfluchte Zimmer zu beſichtigen. Allerdings hatte ich am hellen Tage und beim Lichte der Sonne dieſen Gedanken gehabt. Aber bei Nacht, aber in der Finſterniß, aber die erloſchene Lampe in der Hand haltend, ſchauderte ich nur bei dieſer Idee allein. Es war, wie geſagt, viel für mich, daß ich in mein Zimmer ging. Doch ich unternahm die gefahrvolle Odyſſee. Auf meinem Wege und ehe ich zur Thüre meines Arbeitscabinets kam, ſtieß ich an ein paar Meubles. Jedes Mal blieb ich ſtehen, um dem von mir ver⸗ urſachten Geräuſche die Zeit zu laſſen, zu erlöſchen, und den Zuckungen meiner Nerven die, ſich zu beruhigen. Als ich an die Thüre kam, zögerte ich, ſie zu öffnen. Mir ſchien, die graue Dame erwarte mich jenſeits. Durch eine Willensanſtrengung öffnete ich ſie endlich raſch. 175 Die Hausflur war leer; ein durch eine Scheibe eindringender Mondſtrahl durchſchnitt ſie ſchräge. Ich zog die Thure hinter mir zu, ohne daß ich mich umwandte; ich befürchtete, wenn ich ſie offen ließe, ver⸗ folgt zu werden... von was oder von wem? wußte ich es? von meiner eigenen Angſt! Ich fing dann an die Treppe hinaufzuſteigen; jede Stufe krachte unter meinen Tritten, und bei jedem Kra⸗ chen blieb ich ſtehen. Je näher ich dem erſten Ruheplatze kam, deſto langſamer ging ich; denn ſo wie ich mich dem Zimmer näherte, das Jeannie und ich bewohnten, ſo näherte ich mich auch der Stube der grauen Dame. Auf dem erſten Ruheplatze fand ich denſelben Mond⸗ ſtrahl wie in der Hausflur; mit Hülfe dieſes Strahls hätte ich mit meinem Blicke bis in den zweiten Stock vordringen können; doch ich hatte nicht den Muth hiezu. Die Thüre des Zimmers von Jeannie war offen; ich erinnerte mich in der That, ſie ſo gelaſſen zu haben. Ich ſtürzte in das Zimmer und ſchloß die Thüre hinter mir mit dem Schlüſſel und dem Riegel. Ein ſchwacher Wall, um einen Menſchen zu ver⸗ theidigen, den eine mit Backſteinen vermauerte Thüre nicht beruhigte! Hier fuͤhlte ich mich ein wenig mehr zu Hauſe; dieſes Zimmer, das ich mit den Augen der Erinnerung ſah, hatte nichts von der auf der übrigen Wohnung ver⸗ breiteten düſteren, phantaſtiſchen Tinte. Ich ſtellte die Lampe auf eine Commode, und ich hatte den Gedanken, Feuer zu ſchlagen und eine Wachs⸗ kerze anzuzünden. Ich wußte, wo auf dem Kamine der Feuerſtahl, der Zunder und die Schwefelhölzchen zu finden waren. Hatte ich einmal die Kerze angezündet, ſo war ich beinahe ſicher, es würde der Schrecken, dem ich preis⸗ gegeben, verſchwinden. Um ſie aber anzuzünden, mußte ich Feuer ſchlagen, 476 und ich befürchtete beim flüchtigen Scheine der Funken irgend ein monſtruoſes Geſpenſt zu erſchauen. Ich legte die Hand auf den Kamin, ich fühlte die Kälte des Stahls, die ſammetartige Weiche des Zunders, doch ich ſchob den einen und den andern auf die Seite. Indem ich dies aber that, machte ich, daß der Feuerſtein auf den Boden fiel. 3 Oh! mein lieber Petrus, es iſt etwas Seltſames um die Furcht! Wäre dieſer Feuerſtein auf eine der empfindlichſten Faſern meines Herzens gefallen, ſein Schlag würde nicht tiefer in meiner Bruſt vibrirt haben. Ich ſah ein, daß ich ganz und gar der Sklave der Nacht und der Angſt war, und ich hatte keinen andern Ehrgeiz mehr, als den, das Bett zu erreichen, mich auszukleiden und mich ſchlafen zu legen. Dies gelang mir unter zahlloſen Schauern. In dem Augenblicke, wo ich mich in mein Bett legte, ertönte der erſte Schlag der Mitternachtſtunde. Ich zog das Leintuch und die Decke über meinen Kopf und zählte die elf anderen Schläge nach denen meines Herzens.... XLIV. Am Tage. Als es Tag geworden, verſchwanden die Sinnen⸗ täuſchungen. Sobald ich erwachte, ſprang ich aus dem Bette, öffnete raſch die Laͤden und ließ einen heitern Sonnen⸗ ſtrahl ins Zimmer eintreten. Dieſes ſchöne, goldene Licht, das mitten im Gemache eine Menge luſtiger Atome tanzen ließ, verjagte vollends die Träume der Nacht. 177 en O ſanftes Licht des Tages, lauer Hauch des Herrn, belebende, ſeinem göttlichen Blicke entfloſſene Flamme, fe nie warſt du einem Sterblichen ſo willkommen, als du 3 es bei mir warſt an dem Morgen, der auf die erſchreck⸗ te. liche Nacht folgte! er Sagen Sie mir doch, mein lieber Petrus, mein ggroßer Philoſoph, wie kommt es, daß unſere Seele, . dieſe unſterbliche Tochter Gottes, auf eine ſo verſchiedene 7 Art ihre Eindrücke empfängt, je nachdem ſie dieſelben in der Finſterniß oder bei der Tageshelle empfängt? hi Mir ſchien, alle meine Gemüthsbewegungen in der Nacht ſeien nur ein finſterer Traum, ein häßlicher Alp geweſen. Ich würde bezweifelt haben, daß ich das, was ich empfunden, in wachem Zuſtande empfunden, hätte rn ich nicht auf der Erde den Feuerſtein, den ich vom ich Kamin herabgeſtoßen, und auf der Commode meine er⸗ loſchene Lampe geſehen. Ich ging zum Zimmer hinaus und ſchaute kühn te, bis uüͤber die Treppe empor. Ich erblickte die Linie, welche die neue Maurerarbeit en bezeichnete, mittelſt der die Thüre der verfluchten Stube een verſchloſſen worden war. Am Abend vorher war ich mit geſenktem Kopfe hier vorbeigegangen. Ich zuckte die Achſeln in der Erinnerung an meine eigene Angſt. Ich hätte vor einem Spiegel ſtehen mögen, um nach dem Ausdrucke meiner Phyſiognomie zu be⸗ urtheilen, welche Summe von Verachtung ich gegen mich ſelbſt fühlte. Als ich hinabging, lächelte ich bei dem Krachen der en⸗ Treppe, das mich Tags zuvor ſo ſehr erſchreckt hatte. Hier waren die Spuren meiner Schreckniſſe noch te, auffallender, als irgend ſonſtwo: einer der Stühle, an en⸗ die ich nach der Thuͤre gehend geſtoßen, lag umgeworfen, und was noch viel mehr meine Gemüthsbewegung be⸗ che urkundete, war der Brief, den ich Ihnen ſchrieb, mein ds lieber Petrus; unterbrochen beim Anfange der zweiten Der Pfarrer von Aſhbourn. II. 12 178 Erzählung, bezeichnete er durch die zitternde Schrift und durch ſeine von Schweiß befleckten Blätter, wie die letzten Zeilen unter der Herrſchaft einer tiefen Angſt geſchrieben worden waren. 1 Es erfaßte mich einen Augenblick die hoffärtige Verſuchung, die zwei letzten Blätter zu zerreißen, ſie wieder anzufangen und Ihnen kein Wort von meinen Aengſten zu ſagen; doch Sie haben die Wahrheit von mir verlangt, mein lieber Petrus, ich habe ſie Ihnen verſprochen, ich bin ſie Ihnen ſchuldig und gebe ſie. Die Wahrheit, wenn man ſie verſprochen hat, iſt eine Schuld ſo heilig als die anderen Schulden. Nur erlauben Sie mir, Ihnen eine Bemerkung zu machen. Bei dem großen Werke, das Sie über die Menſchheit ſchreiben, und zu deſſen Vollendung die Er⸗ zählung, die ich Ihnen ſchicke, mitwirken ſoll, iſt es unnöthig, daß Sie ſagen:„Das hat bei dieſer oder jener Veranlaſſung, unter dieſen oder jenen Umſtänden der Herr Pfarrer William Bemrode gethan oder empfunden. Schreiben Sie nur, ohne mich zu nennen:„Das hat unter dieſen oder jenen Umſtänden ein Mann geſagt oder gethan, auf deſſen Wahrheitsliebe ich mich voll⸗ kommen verlaſſen kann.“ Mein Name würde das Gewicht der Thatſachen — nicht verſtärken, und es könnte mir, wenn er bekannt würde, von Nachtheil ſein in der Werthſchätzung der Halbphiloſophen oder der Halbgläubigen, denen ich in Ich beſchloß alſo, Alles in stalu quo zu laſſen. um Ihnen aber zu beweiſen, in welchem Grade ich von meinen albernen Befürchtungen zurückgekommen war, und wie wenig ſie nun Einfluß auf mich hatten, kehrte ich an meinen Schreibtiſch zurück und ſetzte die Erzaͤh⸗ lung auf demſelben Blatte fort, indem ich ſie gerade bei dem Punkte, wo ich ſie verlaſſen hatte, wieder auf⸗ ahm. Sie können aus der Verſchiedenheit der Handſchriften —,— —9——+8 ——+——+ —— 2—— ———. f — 20 ☛☚ ù 179 die Verſchiedenheit der Empfindungen entnehmen, und ich hoffe, Sie laſſen mir die Gerechtigkeit widerfahren, daß Sie ſagen, diejenige, welche folgt, ſei eben ſo feſt, als die, welche voranging, zitternd war. Nach dem Frühſtück, das mir meine Beiläuferin bereitete,— es war entfernt nicht ſo gut als das, welches mir gewöhnlich Jeannie bereitet, nichtsdeſto⸗ weniger aber verſchlang ich es, dergeſtalt hatten mich die Gemüthserſchütterungen der Nacht hungerig ge⸗ macht,— nach dem Frühſtück beſchloß ich, den Garten des Pfarrhauſes im Detail in Augenſchein zu nehmen, was ich noch nicht gethan. Vor Allem aber machte ich einen Beſuch bei der Nachbarin, welche zuerſt die graue Dame geſehen; dann trat ich unter dem Vorwand, ſeine Breite zu meſſen und mit der des meinigen zu vergleichen, in ihren Garten ein und ſchritt bis zu der Rabatte vor, über der die Waͤſche hing, welche die gute Frau eben abziehen wollte, als ihr die graue Dame erſchien. Hier angelangt, blieb ich ſtehen und ſchaute ent⸗ ſchloſſen nach der Thüre des Pfarrhauſes, durch welche die graue Dame herausgekommen war. Die Thüre blieb geſchloſſen. Ich wartete fünf Minuten. Es war vergebens; die graue Dame fürchtete, wie es ſcheint, das Licht noch mehr, als ich die Nacht fürchtete. Ich lächelte über alle meine kindiſchen Aengſten. Dann kehrte ich durch das Haus der Nachbarin zurück, ohne ihr etwas von dem Beweggrunde zu ſagen, eer mich nach ihrem Garten gezogen, ging ins Dorf, nahm den Weg um das Pfarrhaus, und ſchlug den Fuß⸗ pfad ein, der nach dem Berge führte, und dem der Derinann bei der zweiten Erſcheinung des Geſpenſtes olgte. Zehnmal hatte ich mir den Platz zeigen laſſen, wo er ſtehen geblieben war. 12* 180 Ich blieb ebenfalls ſtehen. Je mehr ich in meiner Erpedition vorrückte, deſto mehr fühlte ich mich in meinem Innern wiederbefeſtigt. Allerdings ſchoß eine glühende Sonne in Feuereasca⸗ den vom Himmel herab; allerdings ſangen die Vögel und hüpften in den Gebüſchen; allerdings zirpten die Grillen im hohen Graſe; allerdings hatte die Natur das Feſt⸗ kleid des Lebens angezogen, und ihr Herz ſchlug zugleich in den Elementen, in den Thieren und im Menſchen. Da dieſes Leben mich überſtrömte, da mein Herz, ein von dieſem allgemeinen Herzen gelöſtes Atom, freu⸗ dig in meiner Bruſt ſchlug, ſo fuͤhlte ich mich eben ſo ſtark und unerſchrocken, als ich in der Nacht ſchwach und furchtſam geweſen war. Ich begnügte mich nicht damit, daß ich die graue Dame erwartete, ich forderte ſie mit den Augen heraus, ich winkte ihr mit der Geberde zu mir, ich rief ſie mit der Stimme herbei. Obgleich es elf Uhr Morgens und dies nicht die Zeit ihres Erſcheinens war, hoffte ich doch, ſie werde von ihrer Gewohnheit abgehen und mir erſcheinen. Beging ſie eine ſolche Unvorſichtigkeit, ſo konnte ſie ſich auf einen guten Empfang gefaßt machen! Während ich in der Stellung eines Beſchwörers da ſtand, ſchien es mir, als ſähe ich die unbewegliche Thuüre ſich bewegen. Ich täuſchte mich nicht, die Thüre drehte ſich langſam auf ihren Angeln und öffnete ſich. Hatte die graue Dame meine Stimme gehört? Erſchien mir die graue Dame? Sollte ich mich von Angeſicht zu Angeſicht der grauen Dame gegenüber befinden? Auf jeden Fall, obgleich mein Herz heftig ſchlug machte ich einen Schritt gegen die Thüre. Es erſchien eine Frau.... Doch verzeihen Sie die Täuſchung, mein lieber Petrus: es war nicht die graue Dame, welche kam, um dem Dorfe ein neues Unglück zu verkündigen. fü 181 Es war die Beiläuferin, welche im Garten Gemüſe für mein Mittagsbrod pflücken wollte. Ich beſchloß nichtsdeſtoweniger, ihre Gegenwart zu benützen. „Mary!« rief ich mit feſter Stimme. Sie erkannte meine Stimme, hob den Kopf in die Höhe und ſuchte mich mit den Augen. Als ſie mich erblickte, ſagte ſie: „Ah! Sie ſind es, Herr; was machen Sie denn da? „Bekümmert Euch nicht um das, was ich mache,“ antwortete ich ſtolz.„Sagte ich Euch, was ich mache, ſo könntet Ihr es doch nicht begreifen: ich beſchwöre die geheimnißvollen Mächte der Nacht und der Hölle.... Kommt zu mir!“ Sie ſchaute mich mit Verwunderung anz ich ſprach zu ihr im Tone des Befehlens, den ſie nie von mir gehört hatte. Sie kam zu mir; doch um raſcher zu gehorchen, durchſchnitt ſie ſchräge den Weg. „Nein,“ rief ich, indem ich den Arm ausſtreckte, um ſie zurückzuhalten,„nein, nicht ſo. Folgt dem mitt⸗ leren Wege, folgt ihm recht langſam... habt mehr das Anſehen, zu gleiten, als zu ſchreiten... Geht vor mir her, winkt mir mit der Hand, und ſetzt Euch auf die ſteinerne Bank, in den Schatten des Ebenbaumes.“ „Oh!“ verſetzte die arme Perſon,„der Herr ſpottet ſicherlich meiner.“ „Thut, was ich Euch ſage!“ ſprach ich mit höchſt gebieteriſchem Tone. „Aber, Herr, ich werde nie das Herz haben!“ „Warum nicht?« „»Weil der Schatten dieſes Ebenbaumes verflucht iſt; weil ſich auf dieſe ſteinerne Bank die graue Dame ſetzt.“ Ich antwortete durch eine Geberde der Verachtung und fragte: „Ihr habt alſo Angſt?“ „Allerdings habe ich Angſt.“ 182 „Angſt? Bin ich nicht da? Bin ich nicht ein Mann, der bereit iſt, Euch zugleich durch die weltlichen und die geiſtlichen Mittel zu beſchützen, da ich zugleich Menſch und Prieſter bin?« „Es iſt wahr, wenn der Herr mir ſagt, es ſei nichts zu befürchten...“ „Ich ſage es Euch.“ „So bin ich bereit, zu thun, was mir der Herr befehlen wird.“ „Es iſt gut, folgt dem mittleren Wege.“ Sie folgte dem Wege. „Sachte, ſachte! man ſieht, daß Ihr ein menſch⸗ liches Geſchöpf ſeid; gleitet, ſtatt zu gehen.“ „Ei! es iſt nicht leicht, zu gleiten; ah! im Winter, beim Eiſe, das wäre etwas Anderes!“ „Langſamer! noch langſamer!... Macht eine Ge⸗ berde, während Ihr an mir vorbeigeht... durch dieſe Geberde verbietet mir, Euch zu folgen... es iſt gut.... Ah! du verbieteſt mir, dir zu folgen, Geiſt der Hölle!“ rief ich;„du wirſt ſehen, wie ich dir gehorche!“ Und ich ſchickte mich an, über die Hecke zu ſteigen. „Ah! Herr,“ ſagte Mary,„nehmen Sie ſich in Acht, Sie werden Ihre Hoſen zerreißen.“ Und in der That, auf die Gefahr deſſen, was mir prophezeit war, ſtieg ich über die Hecke und lief, wie es der Bergmann in der Nacht von der heiligen Gertrude zum heiligen Michael gethan hatte, der grauen Dame auf der Spur nach. Ich ſage der grauen Dame, weil ich mich am Ende mit der Lage dergeſtalt identificirt hatte, daß ich, würde Mary eine neue drohende Geberde gemacht, das geringſte Wort der Vernichtung ausgeſprochen haben, ihr an den Hals geſprungen wäre und ſie erwürgt hätte! Zum Gluück aber beſaß ſie die Klugheit, nichts der Rolle, die ich ihr vorgeſchrieben, beizufügen; ſie ſetzte ſich ruhig in den Schatten des Ebenbaums, auf die Granitbank. err 183 Und als ſie hier ſaß, fragte ſie: „Iſt es ſo, Herr?« „Ja, phantaſtiſches Weſen, ſo iſt es!“ antwortete ich;„ſo erſchreckſt du die Andern; doch mich, mich! mich erſchreckſt du nicht; ich, ich trotze dir; ich, ich fordere dich heraus; ich, ich ſchmähe dich! Verſchwinde, ich befehle es dir!“ „Oh!l Herr,“« verſetzte Mary,„von Herzen gern. Es iſt ſo feucht an dieſem ſchlimmen Orte daß man Feſſentnchen bekäme, wenn man nur zehn Minuten hier iebe.“ Hienach wollte Mary auf dem kürzeſten Wege ins Haus zurückkehren; doch ich machte ihr mit der Hand eine ſo majeſtätiſche Geberde, daß ſie eine krumme Linie beſchrieb, auf der ich ihr, mich auf mir ſelbſt drehend wie die Spitze eines Cirkels, folgte, ohne ſie eine Secunde aus dem Blicke zu verlieren. Ich blieb in derſelben Stellung, mit demſelben Befehlen in der Geberde und derſelben Drohung in den Augen, bis zu dem Momente, wo Mary, nachdem ſie ihre Gemüſe gepflückt und mich zum letzten Male mit Erſtaunen angeſchaut hatte, durch die Hofthüre ver⸗ ſchwunden war. „Und nun,“ rief ich,„nun mag die graue Dame kommen, ſo werde ich ſie behandeln.“« Dann ſetzte ich mich in den Schatten des Eben⸗ baumes und auf die Granitbank und ſagte: „Die arme Frau! ſie hatte Angſt!“ 184 XILV. Das hitzige Fieber. Sie begreifen wohl, mein lieber Petrus, daß ich nicht ohne eine gewiſſe Eraltation zu dieſem Grade von Heldenmuth gelangt war. Während meiner Eraltation entwarf ich einen Plan. Dieſer Plan war, durch den Maurer die Wand, die er gebaut, einreißen zu laſſen, durch den Schloſſer die verſchloſſene Thüre öffnen zu laſſen und die Stube der grauen Dame zu beſichtigen. Sollte ſich irgendwo ein beſtimmter Aufſchluß finden, ſo war es in dieſer Stube. Fand ich hier wider Erwarten keinen Aufſchluß, ſo würden das Niederreißen der Mauer, das Oeffnen der Thüre und das Beſichtigen der Stube wenigſtens der grauen Dame beweiſen, wie wenig ich mir aus ihr machte, da ich ihre Thüre ſprengte und ihre Anſtalt in Augenſchein nahm. Weil ſie nach einer ſolchen Herausforderung ſehen müßte, mit wem ſie es zu thun hätte, ſo bezweifelte ich, daß ſie es wagen würde, ſich an mir zu reiben. Mittlerweile kehrte ich in das Pfarrhaus zurück; denn der Platz war, wie Mary geſagt hatte, ſehr kühl, und ich fing an kalt zu bekommen. Meine Abſicht war, wie die Spanier ſagen, den Stier bei den Hörnern anzugreifen. Ich ging geraden Weges in den erſten Stock hinauf, und nach einem Augenblick des Zögerns that ich an die Mauer, an der Stelle, wo dieſe eine Verbindung bezeichnete, einen Fauſtſchlag, der bei einer Belagerung und wenn es ſich um das Niederreißen einer Citadelle gehandelt haben würde, auf eine vortheilhafte Art den Kopfſtoß eines Widders hätte erſetzen können. Die Mauer gab einen dumpfen Ton von ſich. — 185 Sie mußte wenigſtens einen doppelten Backſtein dick ſein. Um eine ſolche Mauer zu demoliren, brauchte ich offenbar die Steinhaue von meinem Freunde dem Berg⸗ mann. Ueberdies war es weder meine Abſicht, ſie ſelbſt zu demoliren, noch dies auf der Stelle zu thun. Als ich dieſer Thüre gegenüberſtand, dachte ich, dies ſei ein Act, der Ueberlegung verdiene. Ich muß Ihnen ſagen, mein lieber Petrus, daß ſelbſt bei Tag der Ruheplatz vor der Stube der grauen Dame ziemlich dunkel iſt, weil das Licht nur vom Fenſter des erſten Stockes hierher dringt. Da ein zu langer Aufenthalt auf dieſem Ruheplatze eine ärgerliche Aenderung in einem Entſchluſſe, den ich für gut hielt, herbeiführen konnte, ſo beeilte ich mich, die Thüre des Speichers und die der Weißzeugkammer zu öffnen. Durch dieſe zwei Thüren kam, wie durch zwei auf den Ruheplatz geöffnete Augen, ein doppeltes Licht. Ich trat nach und nach in den einen und in den andern von dieſen zwei Gelaſſen ein, welche beide an die Stube der grauen Dame anſtießen, immer in der Hoffnung, einen mit dieſer geheimnißvollen Stube in Verbindung ſtehenden Eingang zu ſinden. Eine gründliche Unterſuchung der Wände bewies mir, daß keiner da war. Während dieſer Unterſuchung fühlte ich immer mehr Kälte meinen Leib durchziehen; bald konnte ich mir nicht verbergen, daß ſich ein ungewöhnliches Mißbehagen meiner bemächtigt hatte. Ich ging hinab und ließ mir, obgleich man mitten im Sommer war, Feuer anzünden; doch trotz dieſes Feuers, an das ich mich in einem großen Lehnſtuhle und in meinen Winterſchlafrock gehüllt ſo nahe als möglich geſett hatte, gelang es mir nicht, mich wieder zu er⸗ wärmen. 186 Am Abend nahm dieſes Mißbehagen zu; war es Schwächung des Geiſtes, war es Schwächung des Kör⸗ pers,— ich ſah die Nacht mit Beſorgniß kommen. Meine Schreckniſſe in der vergangenen Nacht, meine Heldenthaten am Tage kämpften in meinem Kopfe einen ſeltſamen Kampf mit einander. Ich fühlte das Fieber, das Delirium kommen, und mit dem Delirium die phantaſtiſchen Erſcheinungen, die das Bett eines Fieberkranken umgeben. Mary, welche ſah, wie ernſt mein Uebelbefinden wurde, machte mir zum Glück von ſelbſt den Vorſchlag, die Nacht bei mir zuzubringen. Ich hätte es als einen Verrath an mir, als eine Schwäche meines Herzens betrachtet, ſie hierum zu bitten; doch ſobald ſie es war, die ſich mir als Nacht⸗ wache anbot, nahm ich es mit Freuden an. Ich habe einige Begriffe von der Arzneiwiſſenſchaft und konnte alſo durch mich ſelbſt beurtheilen, daß mein Zuſtand von einer gewiſſen Bedeutung war. Die Symptome, die ich empfand, waren die der Gehirnentzündung; ehe das Uebel größere Fortſchritte gemacht hatte, nannte ich Mary die Tränke, die mir nöthig waren, und ſie beeilte ſich, mir dieſelben nach meinen Vorſchriften zu bereiten. Dann, da es bei der Behandlung der Gehirnentzün⸗ dung Operationen gibt, welche die Kunſt des Chirurgen erfordern, wie der Aderlaß, die mehr oder minder ge⸗ eignete Anwendung des Eiſes auf die Stirne und auf die Schläfe, die Senfpflaſter auf die Fußſohlen und die Waden, machte ich Mary darauf aufmerkſam, daß es, wenn ich in der Nacht vom Delirium befallen werde, nöthig ſei, einen Arzt in Milton holen zu laſſen. Was ich vorhergeſehen, geſchah ganz genau, wie i es vorhergeſehen, ſo unfehlbar iſt die Wiſſenſchaft! Gegen elf Uhr verdoppelte ſich das Fieber. Da überſetzten ſich alle unzuſammenhängende Ideen der vergangenen Nacht für mich in wirkliche Thatſachen. 187 Obgleich Kerzen und eine Lampe im Zimmer ange⸗ zündet waren, ſtellte ich mir doch vor, ich ſei in einer völligen Finſterniß. 3 4 6 Dieſe Finſterniß beunruhigte mich ungemein, wie es eint. Ich ſchrie aus Leibeskräften: „Zündet die Kerzen an! zündet die Lampen an! So⸗ gleich ſchlägt es Mitternacht! die graue Dame kommt!“ Die arme Mary mochte mir immerhin wiederholen: „Aber, Herr Bemrode, Sie ſind alſo verrückt! aber, Herr Bemrode, Sie ſind alſo blind! aber, Herr Bem⸗ rode, Sie ſehen alſo nicht, daß hier eine vollſtändige Beleuchtung iſt! Alles, was wir an Kerzen und Lam⸗ pen haben, iſt angezündet.“ 85 ſchrie nichtsdeſtoweniger fortwährend aus vollem alſe: „Zündet die Kerzen an! zündet die Lampen an! Es ſchlägt ſogleich Mitternacht! die graue Dame kommt!“ ary erwartete auch mit großer Angſt den Augen⸗ blick, wo die Uhr ſchlagen würde. Es war nicht möglich, zu verhindern, daß ich es hörte; die Glocke vibrirte gerade über meinem Kopfe; überdies hörte ich, das Auge offen, das Ohr geſpannt, mit allen Fähigkeiten meines Herzens und meines Geiſtes. Spobald der erſte von den zwölf Schlägen ertönte, rief ich: „Stille! es ſchlägt Mitternacht! die graue Dame kommt!« Und ſo wie die zwölf Schläge ertönten, folgte ich der grauen Dame in ihrem Gange und ſprach: „Nun öffnet die graue Dame die Thure oben... nun geht die graue Dame durch die Mauer... nun ſteigt die graue Dame die Treppe herab... nun bleibt die graue Dame ſtehen... nun entſchließt ſich die graue Dame, hier einzutreten, ſtatt ſich unter den Eben⸗ bauun zu ſetzen... nun tritt die graue Dame ein... nun ſchreitet die graue Dame auf mein Bett zu... nun 188 will ſich die graue Dame zu mir in's Bett legen... Warte, warte, warte, Du ſollſt ſehen!«“ 4 Es ſcheint, mein lieber Petrus, es fand ſich in Allem dem eine Miſchung von Illuſion und Wirklichkeit. Cs war nicht die graue Dame, die auf mich zuſchritt, es war Mary. Sie wollte ſich nicht zu mir in's Bett legen: ſie wollte mich einen beruhigenden Trank nehmen laſſen. Da ich mich aber zugleich über ihre Abſicht und üͤber ihre Identität täuſchte, ſo ſprang ich ihr an die Gur⸗ gel, warf ſie zu Boden, und ich war ohne Zweifel nahe daran, ſie zu erwürgen, als zum Glück ihr Mann, der nach dem von mir gegebenen Befehle kam, um ſich zu erkundigen, ob man nach Milford gehen müſſe, ihr Nothgeſchrei hörte, die Treppe heraufeilte und in dem Augenblick in's Zimmer ſtürzte, wo die arme Frau den Athem verlor und ſogar zu glauben anfing, ſie werde das Leben verlieren.. Der Kampf zwiſchen dem Ankömmling und mir war, wie es ſcheint, lang und heftig; in meinem Delirium war ich überzeugt, ich habe es mit der grauen Dame ſelbſt zu thun, und da ich ſie feſt hielt, ſo wollte ich ihr den Garaus machen. Endlich gelang es der falſchen grauen Dame, ſich meinen Händen zu entziehen, und während ich mich in den Armen ihres Mannes zerarbeitete, rief ſie eiligſt den Maurer und den Schloſſer zu Hülfe, und dieſe liefen auch Beide herbei. Es brauchte nicht weniger als die vereinigten An⸗ ſtrengungen dieſer drei Männer, um mich zu beſiegen: ich kämpfte wie ein Verzweifelter; endlich war man im Stande, mir die Hände zu binden und mich an mein Bett zu befeſtigen. Sobald dieſe Operation beendigt war, machte ſich einer von den drei Männern von der Gruppe los und lief nach Milford, um den Arzt zu holen. Der Arzt kam bei Tagesanbruch. Er nahm zwei reichtiche Aderläſſe vor, die mich ein 189 wenig beruhigten; er wandte Senf auf den Füßen und Eis auf dem Kopfe an, ſchrieb eine Verordnung und entfernte ſich mit dem Verſprechen, am andern Tage wiederzukommen. Er kam in der That am andern und an den folgen⸗ den Tagen mit viel Gefälligkeit und Ausdauer. 4 Sünf bis ſechs Tage ſchwebte ich zwiſchen Leben und od. Endlich trugen meine Jugend, meine kräftige Con⸗ ſtitution und mein vortreffliches Temperament den Sieg davon, und ich ging meiner Geneſung entgegen. In der Zwiſchenzeit war ein Brief von Jeannie an⸗ gekommen. Jeannie hatte die Reiſe zu Waſſer und zu Land ohne irgend einen Unfall gemacht; ſie war bei ihrem Vater und ihrer Mutter in dem Augenblick eingefallen, wo es die wackern Leute am wenigſten erwarteten. Sie überließ es mir, zu beurthein, welche Summe von Freude und Glück ihre Gegenwart im Hauſe bereitet habe. Alles hatte ſie wiederzuerkennen und als eine Freun⸗ din zu begrüßen geſchienen: ihre Hühner, ihre Vögel und ſelbſt ihre Blumen. Sie hatte die fünfzehn Guineen ihrem Vater zurück⸗ gegeben; er hatte ſie durchaus nicht annehmen wollen und erſt hiezu eingewilligt, nachdem er vernommen, dieſe Wiedererſtattung beenge uns nicht im Geringſten. Am andern Tage ging ſie mit ihrer Mutter nach Nottingham, um unſerem Wirthe dem Keſſelſchmied die fünfundzwanzig Guineen zu bringen. Sie endigte ihren Brief damit, daß ſie mir eine gute Neuigkeit bei ihrer Rückkehr verſprach. Sie können ſich nicht vorſtellen, mein lieber Petrus, wie wohl mir dieſer Brief that; das war mitten in meinem hitzigen Fieber,— welches Alles, was mich um⸗ gab, in eine Feuerwüſte verwandelt zu haben ſchien,— eine auf die kühle Oaſe der Vergangenheit geöffnete 190 Thüre; es war eine Rückkehr auf einen der Haltpunkte meiner Glückstage! Ich ſah wieder das reizende kleine Pfarrhaus von Wirksworth mit ſeiner großen dreifarbi⸗ gen Mauer; ſein heiteres, wie ein lächelnder Mund, nach dem Felde geöffnetes Fenſter; ſeinen Gürtel von Weißdorn, ſpaniſchem Flieder und Hohlunder; ſeine großen Pappelbäume, ſich ſchaukelnd wie bewegliche Kirchthürme; ſeinen belebten und lebendigen Hof; ſeinen Garten voll von Wohlgerüchen, Blumen und Vogel⸗ geſängen, und am Ende dieſes Gartens, bei dem Buſche, wo das Grasmückenneſt war, die auf den düſtern Raſen gehende Thüre; den Weg längs den Weiden; die den Bach beſchattenden Weiden; dann die Wieſe mit ihren duftenden Heuſchobern und ihren Büſcheln von Vera⸗ trum, welche ſo friſch, ſo durchſichtig, daß man hätte glauben ſollen, es ſeien Glasblumen, die unter den Fingern brechen müſſen. Ich ſchloß die Augen, ich legte dieſen Brief auf meine Stirne, und ich verſetzte mich im Geiſte an den Rand des kleinen Baches, an dem Tage, wo ich Jeannie geſtand, daß ich ſie liebe.... Ohl! mein Gott, warum iſt die Vergangenheit immer die Zeit des Glücks und die Gegenwart die Zeit der Betrübniß! XIVI. Eine Thüre muß offen oder geſchloſſen ſein. So ſchwach ich war, beeilte ich mich doch ſchon am andern Tage, Jeannie zu antworten. Ich erzählte ihr von meiner Unpäßlichkeit, aber ohne ihr die Urſache davon zu ſagen; denn beurtheilen Sie, mein lieber Petrus, wenn die Befangenheit, = —& 191 in die mich dieſe alberne Geſchichte mit der grauen Dame verſetzt, auf mich, der ich ein Mann voll Muth und Stärke bin, den Einfluß hat, daß ſie mich krank macht, welchen Einfluß müßte ſie auf Jeannie haben, die, da ſie nur ein Weib iſt, den Ereigniſſen nicht eine der meinigen gleiche Stärke, nicht einen dem meinigen gleichen Muth entgegenzuſetzen vermöchte. „Es iſt der Pflicht des Menſchen und der Größe des Philoſophen angemeſſen, der Schwäche des Leibes und der geringeren Kraft des Geiſtes einen Theil zu ge⸗ waͤhren. Darum beſchloß ich, vor der Rückkehr von Jeannie einen Beſuch in der Stube der grauen Dame zu machen. Ich ließ auch, ſobald ich mich aufrecht halten konnte, den Maurer kommen, da Jeannie ſchon zwölf bis vierzehn Tage abgereiſt war, und ich jeden Augenblick ihrer Rück⸗ kehr entgegenſah. Dieſer Mann glaubte ohne Zweifel, es handle ſich um einen neuen Fieberanfall, und er kam mit einem Päckchen Stricke in der Fauſt und mit ſeinem Hand⸗ langer an der Seite, um mich mit aller Leichtigkeit und mit allem Beiſtand, wenn es nöthig wäre, an mein Bett binden zu können. Er fand mich in meinem Lehnſtuhle ſitzend und ſchnatternd an der Ecke des Feuers. Die Oeffnung der Stube der grauen Dame war bei mir eine ſo fire Idee, daß ich, um ſie in Ausführung zu bringen, nicht einmal wartete, bis ich geneſen. Der Maurer machte leicht die Thüre auf und trat auf den Fußſpitzen und unter allen möglichen Vorſichts⸗ maßregeln ein. Da ich einen Zweifel über das hatte, was in ſeinem Geiſte vorging, ſo beruhigte ich ihn hinſichtlich ſeiner Befürchtungen. 3 Dann ſetzte ich ihm auseinander, wie ich wünſche, daß er die Arbeit, die er gemacht, wieder zerſtöre, das heißt, die Thüre aufbreche. 19²2 Doch er ſchüttelte den Kopf und ſagte: „Herr Bemrode, gäben Sie mir ein halbes Jahr von Ihrem Gehalte und ſogar ein ganzes, ich würde das nicht thun.“ Ich beſtand auf meinem Wunſche, aber vergebens. Er winkte ſeinem Handlanger ihm zu folgen, und entfernte ſich, indem er wiederholte: „Ohl nein, gewiß nicht, nicht für hundert Pfund! es iſt mir zu viel am Heile meiner Seele gelegen. Das Geld iſt etwas Gutes, doch es iſt kein Erſatz für die ewige Verdammniß. Gott befohlen, Herr Bemrode!“ Als er die Thüre erreicht hatte, rief er zum letzten ale: „Gott befohlen, Herr Bemrode!« Und er ſchloß die Thüre und entfernte ſich rückwärts ſchauend, als ob er von der grauen Dame verfolgt zu werden befürchtet hätte. Die Furchtſamkeit dieſes Mannes brachte auf mich die Wirkung hervor, die ſie natürlich hervorbringen mußte, das heißt, ſie eraltirte meinen Muth. Ich be⸗ trachtete mich als einen ſehr beherzten Mann, da ich einen Act vollführen wollte, an den Einer von meines Gleichen nicht einmal zu denken wagte. Ich war nur um ſo mehr in meinem Vorhaben angefeuert; ich dachte an den Bergmann, der die graue Dame geſehen, der ſie verfolgt, der ſie beſchworen hatte; ſein Muth hatte damals die Bewunderung des ganzen Dorfes hervorgerufen, und ich muß ſagen, in der Nacht, welche dem Tage, wo ich krank wurde, vorherging, habe ich ihn, indem ich mich erinnerte, was dieſer Menſch gethan, ich, der ich es nicht wagte, Feuer zu ſchlagen, ich, der es nicht wagte, mich umzuſchauen, ich, der ich, als es Mitternacht ſchlug, meine Naſe unter meine Decke ſteckte,— ich habe ihn, ſage ich, indem ich mich dieſes Muthes erinnerte, aufrichtig bewundert.. Mir ſchien alſo, dieſer Mann ſei würdig, mein Gefährte bei dem Abenteuer zu werden, das ich unter⸗ — — — 193 nehmen wollte, und ich ließ ihn auch bitten, zu mir zu kommen. Er war nicht zu Hauſe: er arbeitete im Bergwerke. Zum Glücke aber, da der andere Tag ein Sonntag war, ſollte er noch an demſelben Abend nach ſeinem Domicil zurückkehren. M Die ſechs anderen Tage der Woche ſchlief er in den inen. Am Abend um ſieben Uhr kam er zurück. Um acht Uhr klopfte er an die Thüre des Pfarr⸗ hauſes: er hatte ſich nur Zeit genommen, ſein Abend⸗ brod zu verzehren. Ich habe die Menſchen genug ſtudirt, mein lieber Petrus, um zu wiſſen, welcher Unterſchied, ſelbſt bei den ſtärkſten Organiſationen, zwiſchen einem leeren Ma⸗ gen und einem vollen Magen ſtattfindet. Ich wünſchte mir alſo Glück, daß ich es mit einem vollen Magen zu thun hatte, in der Hoffnung, ich werde ein muthi⸗ geres Herz finden, als es das eines leeren Magens ge⸗ weſen wäre. „Er trat in der That mit einem Lächeln auf den Lippen in mein Zimmer ein. „Auf, Vertrauen!“ dachte ich,„ich habe meinen Mann gefunden.“ Doch bei den erſten Worten, die ich ihm von mei⸗ nem Vor haben ſagte, antwortete er mir, den Kopf ſchüttelnd: „Herr Bemrode, gäben Sie mir ein Jahr von Ih⸗ rem Gehalte und ſogar zwei, ich würde nicht thun, was Sie von mir verlangen; nein, nicht für zweihundert Pfund Sterling! nicht für vierhundert!“ „Warum nicht?« fragte ich. „Warum nicht? Sie fragen noch, warum nicht?2 Ei! weil die graue Dame in der Stube ſein könnte!“ „Nun, und dann? Iſt es nicht eine alte Bekannte von Euch ² Der Pfarrer von Aſhbourn. II. 13 194 „Allerdings.“ „Sagtet Ihr mir nicht, Ihr habet ſie in einer Nacht geſehen.“. „Ja, gewiß; doch gerade weil ich ſie geſehen, habe ich nicht Luſt, ſie wiederzuſehen.“ „Mir ſcheint aber, es iſt Euch, weil Ihr ſie ge⸗ ſehen, kein Unglück widerfahren?“ „Herr Bemrode, ich ſuchte ſie nicht; iſt ſie mir er⸗ ſchienen, ſo geſchah dies, weil ſie mir zu erſcheinen be⸗ ſchloſſen hatte; das ſtand ihr ſo an, und meine Ver⸗ wegenheit war von keinem Gewichte bei dem Schauſpiele, dem ich beiwohnte. Sie ſehen jedoch, dafür daß ich ſie einmal erſchaut, dafür daß ich ſie unvorſichtiger Weiſe verfolgt, kecker Weiſe beſchworen habe, iſt die Hälfte meiner Haare weiß geworden. Herr Bemrode, es laufe der graue Dame nach, wer da will, ich werde es nicht thun, das ſchwöre ich Ihnen... Man muß nicht Gott verſuchen, Herr Bemrode!“ Und er drehte ſich auf ſeinen Abſätzen und ging weg, indem er wiederholte: „Das heißt, nicht für fünfhundert Pfund Sterling, nicht für tauſend würde ich thun, was Sie von mir verlangen. Gott befohlen, Herr Bemrode!“. „Ah! wahrhaftig, mir ſcheint, ich habe es mit tüchtigen Haſenfüßen zu thun!“ ſagte ich zu mir ſelbſt. „Nun, ich werde darum nicht zum Lügner werden; znns ſie nicht mit mir zu thun wagen, will ich allein un. Und ich ſchickte Jemand ab, um die Haue des Maurers zu bekommen. Doch er verweigerte ſie mir, weil er vermuthete, zu welchem Gebrauche ſie mir dienen ſollte. Dann wollte ich das Brecheiſen des Bergmanns holen laſſen, doch er antwortete:. „Ich danke, ich weiß, was Herr Bemrode damit machen will.“. Sie begreifen, mein lieber Petrus, wie ſehr mich —— 195⁵ nn dieſe Weigerungen in meinen eigenen Augen er⸗ öhten. Ich war hundert Ellen hoch, und ich ſchaute alle Menſchen von der Höhe meines Stolzes herab an. Ich begann ſelbſt in allen Winkeln des Pfarrhauſes zu ſuchen und fand am Ende einen Meißel, einen Ham⸗ mer und eine Hebeſtange. Das war Alles, was ich brauchte, um die Opera⸗ tion zu vollführen. Nur, als ich dieſe verſchiedenen Gegenſtände in Händen hatte, beſchloß ich, noch ein paar Tage zu warten, damit meine Kräfte völlig wiederhergeſtellt wäͤren. Ich vergaß, Ihnen zu ſagen, daß ich aus Furcht vor neuen Kriſen bei Nacht in meinem Zimmer den Mann meiner Beiläuferin ſchlafen ließ. Sobald es Tag wurde, ſchickte ich ihn weg. Vielleicht auch,— ich geſtehe es Ihnen, da ich die Verbindlichkeit, Ihnen Alles zu geſtehen, übernom⸗ men habe,— vielleicht auch war es mir nicht unan⸗ genehm, mir dieſen Gefährten und Bundesgenoſſen gegen die graue Dame gerade in dem Augenblicke zu geben, wor i eine ſo furchtbare Expedition gegen ſie vorbe⸗ reitete. dt Sie wiſſen, in welchem Grade ich ſie bei Tag ver⸗ achtete. Eine Folge dieſer Verachtung war, daß ich an einem ſchönen Morgen meine Hebeſtange, meinen Meißel und meinen Hammer nahm und, feſt entſchloſſen, meine Breſche anzufangen, in den zweiten Stock hinaufſtieg. Dieſer zweite Stock war teufelmäßig finſter und brachte einen ſeltſamen Eindruck auf mich hervor, ſo oft ich mich dahin wagte. Mein auf dem Ruheplatze des erſten Stockes feſt gefaßter Entſchluß ſchwankte bei jeder Stufe, die ich auf⸗ wärts ſtieg, und ſtolperte am Ende auf der letzten. Ich nahm meine Zuflucht zu meinem⸗ewöhnlichen 196 Stärkungsmittel: ich öffnete die Thüre des Speichers und die der Weißzeugkammer, und mittelſt dieſer zwei Oeffnungen ſah ich hell auf dem Ruheplatze. Ueberdies hörte ich Mary im Hauſe hin und her⸗ gehen; ich rief ihr zu, ſie ſollte das Pfarrhaus nicht verlaſſen, ohne mich davon in Kenntniß zu ſetzen. Beruhigt durch das Verſprechen, das ſie mir gab, ſchritt ich dann zur Arbeit. Anfangs, ich muß es Ihnen geſtehen, mein lieber Petrus, ſchlug ich ſchwach eben ſo oft neben den Meiſ⸗ ſel, als auf denſelben; am Ende aber befeſtigte ſich meine Hand, meine Schläge wurden kräftiger und ſicherer, und die erſten Theile der Mauer zerſprangen in Stücke; ich erhitzte mich bei der Arbeit und gerieth all⸗ mälig in den ſieberhaften Eifer, mit dem der Menſch bei jeder Zerſtörung zu Werke geht; in weniger als einer Viertelſtunde war die Mauer ganz durchbrochen, und ich fühlte jenſeits der Backſteine die Thüre. Da ergriff ich die Hebeſtange: ich ſchob ſie in das durch den Meißel ausgegrabene Loch, erſchütterte nach und nach einige Backſteine und machte ſie dann heraus⸗ ſpringen. 1 Durch dieſe Oeffnung erblickte ich einen Theil der Thüre. 3 Es war eine alte eichene Thüre mit kupfernen Nägeln; das Eichenholz war wurmſtichig, die Nägel hatten ſich orydirt. Man hätte glauben ſollen, es ſei die Thüre eines unterirdiſchen Gewölbes, einer Gefängniſſes, eines Ker⸗ kers, kurz eines entſetzlichen Ortes. Ich geſtehe, daß ich ſchauerte, als ich dieſe Thüre ſah.— „Mary!“ rief ich,„Ihr ſeid immer noch da?« „Ja, Herr,“ antwortete mir diejenige, an welche ich mich wandte. „Und was macht Ihr?“ „Das Frühſtück für den Herrn.“ „Verlaßt es nicht.“ — —4-——eS .— ers vei er⸗ icht ab, ber eiſ⸗ ſich und in all⸗ iſch als ſen, das ach us⸗ der nen gel nes der⸗ ſah. lche 197 „Ich werde mich wohl hüten; ah! ja, damit die Milch überläuft!« Sie haben keinen Begriff, mein lieber Petrus, wie wenig unter gewiſſen Umſtänden genügt, um das Herz wieder zur Ruhe zu bringen; ich, was mich betrifft, ich weiß, daß dieſer Dialog, ſo kurz und unbedeutend er war, mir äußerſt wohl that. Bei der Gewißheit, meine Milch könne nicht überlaufen, weil Mary darüber wache, fühlte ich mich auf's Neue voll Muth, und ich ging mit mehr Eifer als je wieder an die Arbeit. In einem Augenblick war das untere Drittel der Thüre frei ge⸗ macht, trotz des Widerſtandes des Cements; und dieſer Widerſtand war groͤß; mein Freund der Maurer hatte die Dinge gewiſſenhaft gethan. Ich hatte aus Neugierde angefangen, aus Stolz fuhr ich fort. „Ah!“ ſagte ich zu mir ſelbſt bei jedem Backſteine, den ich ſprengte,„ah! ein Maurer, deſſen Handwerk es iſt, niederzureißen, ah! ein Bergmann, deſſen Geſchäft es iſt, auszugraben, wagen es weder auszugraben, noch einzureißen! ſie haben Furcht, die Feigen! und ich, ein Mann der Kirche, gebe ihnen das Beiſpiel des Muthes! Wahrhaftig, das iſt ſchmählich für ſie... zugleich aber iſt es ſehr ruhmwürdig für mich! Welch ein Unglück, daß eine ſolche Handlung der Unerſchrockenheit, in einem armen Dörſchen von Wales bekannt und geſchätzt, der übrigen Welt unbekannt bleibt! Nehmt einen größeren Schauplatz an, nehmt andere Mittel der Veröffentlichung zu meiner Verfügung geſtellt an, und in einigen Tagen beſchäftigt ſich halb England nur mit mir; man ſagt: „»Wißt Ihr, was der brave, der beherzte, der helden⸗ müthige Bemrode gethan hat? wißt Ihr es?ℳ„„Nein.“ „Nun, ſo vernehmt was er gethan hat... Zum Unglück hörte ich gerade in dieſem Augen⸗ blicke die Thüre des Pfarrhauſes ſchließen. „Mary!“ rief ich,„Mary! wohin geht Ihr? Ich habe Euch verboten, wegzugehen!« 198 Niemand antwortete mir. Ich lief haſtig hinab. Mein Fruühſtuͤck war bereit, und Mary hatte ſich ganz einfach entfernt, um Zucker beim Specereihändler zu holen. Ich folgte ihr mit den Augen auf ihrem kurzen Gange; ich ſah ſie in den Laden des Kaufmanns ein⸗ treten und mit der Colonialwaare verſehen, die ſie ge⸗ holt, nach dem Pfarrhauſe zurückkehren. Das führte mich darauf, daß ich mich fragte, war⸗ um es in den Colonien keine Tradition gebe der ähn⸗ lich, welche ich zu bekämpfen beſchäftigt war, und ich antwortete mir mit einer treffenden Richtigkeit, in Ja⸗ maica, in St. Domingo, in der Havannah, auf der Inſel Bourbon, auf der Inſel Maurice, unter dieſem ſchönen, reinen Himmel, bei dieſer Sonne ohne Wolken, bei dieſem Monde ohne Schleier, dieſer Erde ohne Ne⸗ bel, dieſer Schöpfung mit den ſcharf geſchnittenen Um⸗ riſſen, dieſer durchſichtigen Atmoſphäre, dieſen blauen Fernen ſei kein Zufluchtsort für die armen Schatten. Was würde ein Geſpenſt thun in dieſen heißen Lände⸗ reien, welche ſo glühend bei Nacht als bei Tag und immer ohne den kleinſten Nebel? Es würde aufgeſpürt, umſtellt, überfallen werden, zehn Minuten nachdem es ſich aus der Erde hervorgewagt hätte. Alle dieſe Fan⸗ tome unſerer Einbildungskraft brauchen die dicke, nebe⸗ lige Atmoſphäre des Norden, ſie brauchen die alten Thürme am Rande der Seen, ſie brauchen den durch das Schilfrohr pfeifenden Nachtwind, ſie brauchen die Ausdünſtungen einer feuchten Erde, ſie brauchen das hohe grüne Gras der Kirchhöfe, ſie brauchen den ſchlüpf⸗ rigen gepflaſterten Boden der Klöſter, den beweglichen Stein der Gräber, den der Regen ablöſt, den das Moos zerfrißt, den der Aberglaube aufhebt. Darum haben ſich, wie jene beſiegten Völkerſchaften, welche vor dem Sieger zurückweichen, verſchwinden und allmälig ſich vernichten, darum haben ſich die Geiſter, die Geſpenſter/ —,— z— —, 199 die Fantome unter die Menſchen des Norden, in die ſchwarzen Wälder Deutſchlands, in die alten Schlöſſer Schwedens, in die Hochgebirge Schottlands, in die düſteren Thäler von Wales und auf die großen Ebe⸗ nen Irlands, welche grüne Seen zu ſein ſcheinen, ge⸗ flüchtet. Ich verberge Ihnen nicht, daß ich mit der Defini⸗ tion ſehr zufrieden war.. Geſtehen Sie in der That, mein lieber Petrus, daß die Löſung des Problems äußerſt ſinnreich iſt, und daß es, um ſie ſo klar und ſo beſtimmt zu geben, wie ich ſie gebe, dieſer Hellſichtigkeit des Geiſtes, dieſer Schärfe der Ideen bedurfte, die ich mitten unter den ernſteſten Beſchäftigungen und Beſorgniſſen, ſelbſt im Schooße der größten Gefahren bewahre. Dieſe natürliche Selbſtzufriedenheit brachte mich auf den Gedanken, es ließe ſich ein ſchönes Werk über die abergläubiſchen Traditionen der verſchiedenen Völ⸗ ker, modifirirt nach ihrem Klima und ihrer geographi⸗ ſchen Breite, von den Aegyptern bis auf uns, verfaſſen. Das wäre ganz einſach die poetiſche Geſchichte der elt. Warum ſollte ich dieſe poetiſche Geſchichte nicht machen, welche viel intereſſanter, viel philoſophiſcher, viel pittoresker, als die allgemeine Geſchichte von Boſ⸗ ſuet? Warum ſollte ich ſie nicht machen,“ rief ich,„ſtatt der trockenen, unfruchtbaren Chronik der Gallo⸗Kymris, welche im Ganzen immer nur die eines kleinen Volkes ſein wird, das geboren wurde, gelebt hat und erloſchen iſt in untergeordneten Verhältniſſen, mag es in ent⸗ fernten Epochen einen Theil der vier⸗ bis fünfhundert Völkerſaaften Galliens gebildet haben, oder mit den Pieten Ceſars, mit den Sachſen von Harold oder den Nor⸗ mannen vm Wilhelm zuſammengeſchaart geweſen ſein!« Und pölich erleuchtet durch eine Idee, ſtürzte ich in mein Caunet. Ich zerriß das Blatt, auf das die Worte geſchrichen waren: 200 Geſchichte der Gallo⸗Kymris, mit neuen Forſchungen über ihren Urſprung, ihre Sitten, ihre Sprache, ihre Wanderungen, ihren fünfhundert- jährigen Kampf gegen Großbritannien und ihren Ver- fall im letzten Jahrhundert. Und ich ſchrieb auf das folgende Blatt: Abergläubiſche Traditionen der ganzen Welt, oder Geſchichte der Geſpenſter, der Fantome, der Larven, der Lamien, der Schatten, der Geiſter, der Erſchei⸗ nungen, der Dampyre und der Goules*), ſeit Homer bis auf den Vater Griffet. XLVII. Kriegshkunſt. „Ah! ah!“« ſagte Mary, als ſie zurückkam,„Sie da, Herr Bemrode! Eil es iſt nicht der Mühe weeth, daß Sie eine Arbeit anfangen... Sie werden nun frühſtücken.“ „Warum,“ fragte ich, während ich aufſtand, mit einer ſtrengen Miene,(denn mir ſchien, ich nüſſe die Stellung in der Höhe behaupten, zu der ich ſe geführt hatte),„warum ſeid Ihr trotz meines Verbaes ausge⸗ gangen, Weib 2. *²) Weibliche Vampyre. n, 1- n, er 201 „Ausgegangen, trotz Ihres Verbotes!“ wiederholte Mary ganz erſtaunt,„heißt es ausgehen, über den Platz laufen, um beim Specereihändler etwas zu holen?“ „Gleichviel, ſobald Ihr Euch entferntet, mußtet Ihr es mir ſagen.“ „Ahl bei meiner Treue, Herr Bemrode, ich habe Sie ſo mit Ihrem Niederreißen beſchäftigt geſehen, daß ich Sie nicht wegen dieſer Kleinigkeit ſtören wollte.“ „Es iſt gut, ich laſſe es Euch diesmal hingehen; ſogleich aber werdet Ihr, da Miſtreß Bemrode jeden Augenblick ankommen kann, das Zimmer im erſten Stocke in Ordnung bringen.“ „Auf der Stelle, Herr Bemrode... während Sie frühſtücken; wenn Sie wieder hinaufkommen, wird es geſchehen ſein.“ „»Nein! nein!“ rief ich;„während ich frühſtücke, be⸗ dient mich; Ihr wißt, daß der Arzt mich ſo wenig als möglich allein zu laſſen empfohlen hat.« „Ja, ſo lange Sie das hitzige Fieber hatten; doch nun, da Sie es nicht mehr haben... 4 „Es kann wiederkommen, Unkluge!“ „In dieſem Falle, Herr Bemrode, wenn Sie mich den ganzen Tag behalten, wäre es billig, daß Sie meinen Lohn verdoppeln würden... wie Sie mir es auch ſagen müßten, wenn Sie meinen Mann alle Nächte behalten wollten...“ „Ah! Euer Mann wird Euch, ſobald Miſtreß Bem⸗ rode kommt, zurückgegeben werden; auch wird man Euch eine genügende Entſchädigung für die Störung bezahlen, die ich in Eurem Leben verurſacht habe.“ „Ah! wenn Sie ſo billig ſind, Herr Bemrode, ſo kann man nichts Anderes thun, als ſich in Ihre Be⸗ fehle fügen.“ „Meine Beſehle habt Ihr erhalten,“ ſprach ich majeſtätiſch. Und ich frühſtückte gründlicher, als ich es noch ſeit meiner Krankheit gethan hatte, einmal, weil die Geſund⸗ 20² heit bei mir, den Appetit mit ſich führend, wiederkehrte, und dann, weil ich das Bedürfniß hatte, für die Opera⸗ tion, die mir zu vollenden blieb, neue Kräfte den Kräften die ich ſchon beſaß, beizufügen. Ein Glas purer Wein krönte das Mahl und machte mit einer ſanften Wärme einen neuen Muth in meinen Adern kreiſen. Was Mary betrifft,— ſie war ſo zufrieden mit dem Verſprechen, das ich ihr gegeben, daß ſie ein altes waleſiſches Lied ſingend hinaufging, ohne ſich um das ert zu bekuͤmmern, welches ich im zweiten Stocke voll⸗ ührte. Ich, der ich wußte, was ich zu thun vorhatte, ging ernſter und nachdenkender hinauf. Der Ruheplatz war wieder finſter geworden; ohne Zweifel hatte der Wind in meiner Abweſenheit die zwei Thüren zugeſchlagen. Ich beſaß den Muth, ſie abermals zu öffnen. Allerdings hörte ich Mary fortwährend ihr Lied ngen. Ich nahm wieder meine Hebeſtange und ſetzte meine Sprengungsarbeit fort; nach einer halben Stunde war die Thüre völlig entblößt. „Mary!“ rief ich. „Herr?« verſetzte die gute Frau, auf den Ruheplatz laufend. „Mary,“ fragte ich,„ſolltet Ihr zufällig im Hauſe einen alten Schlüſſel kennen, der die Thüre der mitt⸗ leren Stube öffnen würde?“ „Wie, der mittleren Stube? „Ja, der Stube der grauen Dame.“ „Jeſus und Gott!“ rief Mary, die Hände faltend, „Sie würden es wagen, dieſe Thüre zu öffnen, Herr Bemrode?«. „Warum nicht?“ erwiederte ich, indem ich mich hoch aufrichtete. „Eil im Ganzen, warum nicht?« ſagte Mary,„da — 203 die graue Dame nur bei Nacht erſcheint, und zwar in der Nacht von der heiligen Gertrude zum heiligen Mi⸗ chael... Warten Sie, Herr Bemrode ich will Schlüſſel ſuchen und Ihnen, ſo viel ich finde, bringen.“ und ſie ging hinab, um Alles zu holen, was ſich an Schlüſſeln im Hauſe fand. „Mary!“« rief ich,„Mary, kommt herauf, ſtatt hinabzugehen.“ Doch ſie gehorchte nicht, obgleich ſie hörte, und antwortete äußerſt richtig, während ſie ſich entfernte: „Da Sie Schlüſſel verlangen, Herr Bemrode, ſo muß ich wohl ſuchen.“ Ich hätte auch hinabgehen und dieſelbe Nachſuchung wie ſie vornehmen können; einen Augenblick hatte ich dieſen Gedanken. Doch ich beſchränkte mich darauf, daß ich ein paar Stufen hinabſtieg und ſie erwartete; nach fünf Minuten kam ſie mit einem Dutzend Schlüſ⸗ ſel herauf. „Hier,“ ſagte ſie.»„Ohl mein Gott, welche Ver⸗ wüſtung haben Sie angerichtet!“ „Ihr ſeht, Mary,“ ſprach ich ganz ſtolz,„ich habe gethan, was weder der Maurer, noch der Bergmann zu thun gewagt haben.“ „Ohl weil Sie, Herr Bemrode, ein unterrichteter Mann ſind und nicht an alle dieſe Albernheiten glauben. Das iſt gut für uns arme Leute aus dem Volke.“ Mein Stolz empörte ſich bei dem Gedanken, ich ſollte dadurch, daß man Ungläubigkeit bei mir voraus⸗ ſetzte, den ganzen Vortheil meines Muthes verlieren. Es war wohl der Mühe werth, mich durch meine unerſchrockenheit völlig über den gemeinen Haufen ge⸗ ſtellt zu haben, um kein anderes Verdienſt, als das eines ſtarken Geiſtes daraus zu ziehen. Das, wonach mein Ehrgeiz trachtete, war nicht der Ruf eines ſtarken Geiſtes, ſondern der eines ſtarken Herzens. „Mary,“ ſagte ich ernſt,„mir ſcheint, Ihr ſprecht 204 mit großem Leichtſinn über die geheimnißvollen Pro⸗ bleme des Grabes und die dunkeln Myſterien der Ewig⸗ keit. Statt dieſen Glauben an Erſcheinungen zu ver⸗ nichten, bekräftigen ihn die profane Geſchichte und die heilige Geſchichte durch Beiſpiele. Oreſtes wurde, nach der Ausſage von Aeſchylos, vom Schatten ſeines Va⸗ ters verfolgt, der jenem ihn zu rächen befahl. Ninos ſtieg, nach der Behauptung von Herodot, aus ſeinem Grabe, um Semiramis ſeinen Tod vorzuwerfen. Die Bibel erzählt, auf die Beſchwörung der Zauberin von Endor ſei das Geſpenſt von Saul Samuel erſchienen. Plutarch gibt an, in Sardes habe ſich der Geiſt von Cäſar vor Brutus erhoben und ihm verkündigt, bei Philippi werde er ihn wiederſehen. Die Erſcheinung des Vaters von Hamlet iſt eine nationale Ueberlieferung, geheiligt durch den göttlichen Shakeſpeare. Man ver⸗ ſichert, in der Nacht, welche der Schlacht von Bosworth vorherging, habe Richard III. einen Theil ſeiner Opfer wiedergeſehen, deren blutige Schatten zurückgekehrt ſeien, um ihn zu verfluchen und ihm ſeinen Tod zu verkün⸗ digen. Glaubwürdige Leute endlich, wie die Nachba⸗ rin und der Bergmann, behaupten die graue Dame geſehen zu haben. Meinem großen Muthe gebührt alſo Ehre für den Entſchluß, den ich gefaßt, und nicht mei⸗ ner Unglaͤubigkeit.“ Mary ſchaute mich mit Verwunderung an. „Es iſt doch erſtaunlich, wie Sie Alles das ſagen, Herr Bemrode! Sie ſagen das ſo gut, daß ich nun nicht mehr Angſt habe als Sie...Probiren Sie doch alle dieſe Schlüſſel, Herr Bemrode... Ahl ich bin ein wenig neugierig, zu erfahren, was in der Stube der Hexe von einer grauen Dame iſt... Da iſt ein Schlüſ⸗ ſel, der mir gerade ausſieht, als paßte er ins Schloß.“ Bei dieſen Worten reichte ſie mir einen Schlüſſel. Ich nahm ihn. „Nun,“ ſagte ſie,„probiren Sie ihn geſchwinde.“ Ich näherte den Schlüſſel dem Schloſſe. 20⁵ Doch ich muß ſagen, mein lieber Petrus, wie groß auch mein Muth war, es gelang mir nicht völlig, meine Gemüthsbewegung zu mäßigen; mein erhabener Geiſt mochte immerhin meinem Körper befehlen; die Seele mochte immerhin die Materie beherrſchen: die Materie zitterte. Mary bemerkte dieſe unwillkürliche Aufregung. „Ahl es iſt drollig, wie Sie zittern!“ ſagte ſie. „Meine liebe Mary,“ erwiederte ich,„ich glaube, es hat mich wieder ein Fieberanfall gepackt.“ „In der That, das iſt außerordentlich... nicht zu rechnen, daß Ihnen das Waſſer von der Stirne läuft. Trocknen Sie ſich ab, Herr Bemrode, und geben Sie mir dieſen Schlüſſel: ich will es verſuchen.“ Und da mein Zittern fortwährte, und meine Zähne zu klappern anſingen, fügte ſie bei: 8 „Ohl das iſt wirklich das Fieber... Wollen Sie zu Bette gehen, Herr Bemrode? Ich werde die Thüre allein zu öffnen ſuchen, und Ihnen dann ſagen, was in der Stube iſt.“ Dieſer Vorſchlag rief mich zu mir ſelbſt zurück; ich ſchämte mich, daß er mir von einem Weibe gethan wurde. „Es iſt wahr, ich habe das Fieber,“ antwortete ich;„es iſt wahr, ich ſchnattere, es iſt wahr, ich zit⸗ tere, es iſt wahr, meine Zähne klappern. Nur, was iſt ſo bewegt? Der Leib, den die Krankheit ſchüttelt; doch die unſterbliche Seele ſchwebt über allen dieſen Er⸗ bärmlichkeiten. Meine Seele gibt mir die Kraſt, hier zu bleiben. Probirt Eure Schlüſſel, Mary, probirt ſie, und wenn einer derſelben in die Thüre paßt, ſo öff⸗ net... So ſtark auch das Fieber ſein mag, ich werde noch ſtärker ſein.“ Mary ſchaute mich mit Erſtaunen an; ſie begriff dieſe erhabene Würde nicht. Da aber der Befehl, den ich gab, vollkommen klar war, da man ſich nicht darin täuſchen konnte, ſo ver⸗ 206 ſuchte ſie zuerſt einen Schlüſſel, den ich ihr bezeichnete, dann alle andere, doch ohne daß ein einziger ſich im Schloſſe drehen konnte. „Ah!« ſagte Mary, als der letzte widerſtanden hatte, „welch ein Unglück!... Ich hatte ſo große Luſt, zu ſe⸗ hen, was in dieſer verfluchten Stube iſt!« Die proſaiſche Art, wie ſich Mary ausdrückte, veran⸗ laßt, daß ich darüber nachdachte, wie klein die Veränderung in den Worten ſein dürfe, um ihren Ausdruck drama⸗ tiſch oder burlesk zu machen, und während ich hierüber nachdachte, fühlte ich mein Fieber ſich beruhigen, als Mary, welche ganz ärgerlich umhergeſchaut hatte, plötz⸗ lich ausrief: „Sie haben ja da etwas Beſſeres, als einen Schlüſ⸗ ſel, Herr Bemrode; Sie haben einen Hammer, einen Meißel und eine Hebeſtange. Gut! da Sie eine Mauer durchbrechen konnten, ſo werden Sie wohl auch eine Thüre ſprengen.“ „Ahl ah!“ erwiederte ich,„ja, es iſt wahr, ich habe einen Hammer, einen Meißel und eine Hebeſtange... „Gut] warten Sie... wiſſen Sie nicht wie man eine Thüre ſprengt?« „Nein... doch... aber... „Nichts kann einfacher ſein; ſie ſtecken das Ende Ihrer Hebeſtange zwiſchen die Wand und das Schloß, dann machen Sie eine Wiegung.“ „Ahl ich mache eine Wiegung!“ „Ja, Herr Bentrode... nehmen Sie die Hebe⸗ ſtange auf.“ „Gut, ich begreife.“ Ich nahm die Hebeſtange auf, doch ich kann Ihnen nicht ſagen, mein lieber Petrus,— das war ohne Zweifel eine Wirkung des Fiebers,— ich kann Ihnen nicht ſagen, wie furchtbar ſchwer ſie mir zu ſein ſchien. Ich verſuchte es, ſie an den bezeichneten Ort zu ſchieben; es gelang mir ſogar; dieſe Anſtrengung hatte 207 mich aber ohne Zweiſel erſchöpft, denn ich konnte die Thüre nicht erſchüttern. In Wahrheit, ich möchte nicht ſagen, ich habe alle meine Kräfte angewendet. Als ich mich zu Vollführung des Actes, den ich ſo lange geträumt, in die Enge ge⸗ trieben ſah, ſchien es mir, ich begehe eine Art von Ruchloſigkeit. MNary bemerkte, mit welcher Schwäche ich zu Werke ging. „Ah! Herr Bemrode,“ rief ſie,„ich hatte ſehr Recht, wenn ich behauptete, Sie ſeien krank... Wahr⸗ haftig, Sie ſind nicht ſtärker als ein Kind! Warten Sie, warten Sie!“ und das Ende der Stange ergreifend, machte ſie, wie ſie geſagt hatte, eine Wiegung, doch eine ſo ſo⸗ lide, eine ſo kräftige, daß die Thüre beim erſten Drucke krachte, beim zweiten ſtark erſchüttert wurde, und beim dritten ſich weit öffnete. Ein doppelter Schrei drang, zu gleicher Zeit aus⸗ geſtoßen, aus der Bruſt von uns Beiden hervor, ſo daß ich nicht zu ſagen vermöchte, mein lieber Petrus, ob Mary den Schreckensſchrei ausſtieß und ich den Freu⸗ denſchrei, oder ob im Gegentheil Mary den Freuden⸗ ſchrei ausſtieß und ich den Schreckensſchrei. Uebrigens blieb,— ſeltſame Wirkung des durch das plötzliche Oeffnen der Thüre verurſachten Gegen⸗ ſchlags!— Mary blieb vorwärts geneigt, daß man hätte glauben ſollen, ſie werde auf die Naſe fallen; und ich, ich blieb zurückgeworfen, daß man hätte glauben ſollen, ich müſſe auf den Rücken ſtürzen! XIVIII. Was in der zugemauerten Stube war. Trotz der Verſchiedenheit unſerer Stellungen, tauch⸗ ten unſere Blicke zu gleicher Zeit in die Tiefe der Stube. Die Läden waren geſchloſſen, und da, ein paar Lö⸗ cher ausgenommen, durch welche der zerſtörende Zahn der Zeit zu gehen ſchien, keine Oeffnung das Licht von außen eindringen ließ, ſo blieb die Stube in Dunkel⸗ heit. Nichtsdeſtoweniger war es, vermittelſt des geringen Lichtes, das durch die geſprengte Thüre eindrang, nicht ſo finſter, daß man im Helldunkel, nicht eine zwiſchen den zwei Fenſtern ſtehende alte Kiſte, ein altes Bett der Kiſte gegenüber, ein paar hinkende Stühle und einige wurmſtichige, auf dem Boden umher zerſtreute Schemel zu unterſcheiden vermochte. Plötzlich rief ich, die Hand ausſtreckend und er⸗ bleichend: „Die graue Dame! die graue Dame!“ Mary hatte dies nicht ſobald gehört, als ſie nach der Treppe ſtürzte und ſchleunigſt fünf bis ſechs Stufen hinabſtieg. Nachdem ſie dieſe fünf bis ſechs Stufen hinabge⸗ ſtiegen war, wandte ſie ſich um. 3 Da ſie nun ſah, daß ich mich, ſtatt zu fliehen wie ſie, auf den Ruheplatz gerade bei der Stelle, wo ich mich befand, niedergeſetzt hatte und immer noch die Hand egen den von mir bezeichneten Gegenſtand ausſtreckte, d faßte ſie wieder Muth, ſtieg, indem ſie mich fragte: „Wo denn? wo denn?“ langſam und eine um die an⸗ dere die Stufen wieder herauf, kam zu mir zurück, ſtützte ſich, ohne Zweifel die Entfernung vergeſſend, die zwiſchen uns ſtattfand, da ſie die Magd war und ich der Herr, ſie ſtützte ſich, ſage ich, auf meine Schulter und rief: 209 „Nun! was haben Sie denn geſehen, Herr Bem⸗ rode? So ſprechen Sie doch!“ Ich weiß nicht, warum ich ein ſo beharrliches Still⸗ ſchweigen beobachtete, mein lieber Petrus; es war ſicher⸗ lich in dieſem Stillſchweigen weder Halsſtarrigkeit, noch Verachtung; zwei⸗ oder dreimal verſuchte ich es, zu ſpre⸗ chen, doch die Stimme ſtockte in der Kehle,— vox faucibus haesit,— ohne weiter gehen zu können. Nur deutete ich auf den Gegenſtand, den ich von Anfang für die graue Dame gehalten hatte; dieſer Ge⸗ genſtand aber nahm, immer ſchärfer für meine Blicke, die ſich mehr und mehr an die Finſterniß gewöhnten, hervortretend, die Form eines, mit einer Haube dar⸗ über, beim Bette haͤngenden Weiberkleides an. Durch eine zerbrochene Scheibe und durch eine Oeff⸗ nung des Ladens ſtrich der Wind herein und gab, ſanft dieſe Kleidungsſtücke bewegend, einem trägen, leeren Ge⸗ wande den Anſchein von Leben und Bewegung. „Nun! was?« fragte Mary. Ich deutete fortwährend auf den Gegenſtand, der uns erſchreckt hatte. „Dort?« murmelte Mary;„dort 2« Und ſie ſtreckte die Hand in derſelben Richtung aus, wie ich. Ich machte eine Anſtrengung: ein Wort entſchlüpfte. Dieſes Wort war allerdings ein einſylbiges. „Ja,“ erwiederte ich. „Oh! Sie ſehen alſo nicht, daß das, was Sie mir dort zeigen, ein alter Rock iſt, der an der Mauer hängt?⸗ Es iſt doch etwas Seltſames um eine Sinnentäu⸗ ſchung, mein lieber Petrus! und wie gut erklärt mir dies die Luftſpiegelung, welche die Reiſenden in der Wüſte beirrt, ſie anlockt und, wenn ſie an den Saum eines ſcheinbar erſchauten Waldes oder an den Rand eines eingebildeten Sees gekommen ſind, plötzlich ver⸗ ſchwindet!. Bei dieſem einfachen Worte von Mary hörte die Der Pfarrer von Aſhbourn. II. 14 210 Illuſion auf, die graue Dame verſchwand, und die Ge⸗ genſtände, die ich vor Augen hatte, erſchienen mir in ihrem wahren Anblick. „Ah!“ rief ich, über mich ſelbſt lachend,— und vielleicht auch ein wenig aus Freude daruͤber, daß wir es, ſtatt mit der Todten, mit ihren Kleidern zu thun haben ſollten,—„ah! eine gute Geſchichte!“ Und ich verſuchte es, aufzuſtehen, doch Sie wiſſen, mein lieber Petrus, das Lachen hat einen ſolchen Ver⸗ luſt von Kräften zur Folge, daß es mir nicht auf das erſte Mal gelang, und daß ich auf mein Hintertheil zurückſiel. „Eine gute Geſchichte, ſo lange Sie wollen, Herr Bemrode!« rief Mary;„doch ich, ich nenne das einen ſchlechten Spaß!... Jeſus und Gott! weil Sie keine Furcht haben, weil Sie beherzt ſind wie Judas Makka⸗ bäus, iſt das ein Grund, um ein armes Weib vor Angſt ſterben zu machen? Ah!“ fuhr ſie fort, während ſie in . 1 die Stube eintrat,„von Anfang ließ ich mich bethören.... Wiſſen Sie, daß Sie für einen Geiſtlichen ein wenig Poſſenreißer ſind, Herr Bemrode?²« Und indeß ſie ſo ſprach, war ſie bis zum Fuße des Bettes vorgedrungen. Sobald ſie hier war, drehte ſie ſich um und rief: „Nun! ſo kommen Sie doch!“ Während der Bewegung, die ſie vorwärts gemacht, hatte ich mich erhoben. „Nun!“ wiederholte ſie,„kommen Sie denn nicht?“ „Meine liebe Freundin,“ erwiederte ich,„ſeit drei⸗ hundert Jahren vielleicht ſind dieſe Fenſter nicht mehr eöffnet worden, die Stube muß entſetzlich nach ein⸗ geſchloſſener Luft riechen, und die ſchlechten Gerüche ſind mir unerträglich; macht zuerſt die Fenſter auf, dann werde ich eintreten.“ „Ohl das iſt richtig, Herr Bemrode,“ verſetzte die gute Mary;„die Stube hat allerdings Luft nöthig. Warten Sie, ich will ihr geben.“ 211 Und ſie ging nach und nach an die beiden Fenſter, öffnete ſte und ſtieß die ganz ausgerenkten Läden auf. Das Licht drang in die Stube und brach in die⸗ ſelbe ein, wie das Waſſer in ein Baſſin durch eine Schleuſe, die man aufzieht, nämlich in Wellen und Strömen. Ich habe in der Welt nichts Traurigeres geſehen, als dieſe Stube; jedes Ding ſchien hier ein lebendiges Beiſpiel von der Maxime des Evangeliums zu ſein: „Du biſt Staub und wirſt wieder zu Staub werden!« Jedes Ding ſchien in der That nur auf die Berührung eines materiellen und ſoliden Körpers zu warten, um zu nichte zu werden. Die Tapete zerfiel in Fetzen; der Grund des Bettes war aufgegürtet, und die Matratzen hingen auf die Erde hinab. Die den Stubenboden bil⸗ denden Platten waren mit einem zolldicken Staube be⸗ deckt, der der Detritus von drei Jahrhunderten zu ſein ſchien; ein Spiegel, welcher noch fortwährend den Kamin ſchmückte, hatte durch lange Einſamkeit die Fähigkeit, die Gegenſtände wiederzugeben, verloren; auf dem Boden,— was ganz beſonders meine Einbildungskraft in Thätigkeit ſetzte,— krümmten ſich endlich meh⸗ rere Stricke von verſchiedenen Längen und Dicken, als ob, nachdem die Wahl zwiſchen ihnen getroffen war, die Perſon, welche gewählt, einen genommen und die andern verächtlich hätte liegen laſſen. Sobald dieſe erſte Beſchauung beendigt war, rich⸗ teten ſich meine Augen ſpecieller auf gewiſſe Gegenſtände, je nachdem ſie mir mehr oder minder meine Aufmerk⸗ ſamkeit zu verdienen ſchienen. Der erſte von dieſen Gegenſtänden war die an einem Nagel hängende Kleidergruppe, die ſich über dem Bette ſchaukelte, welches offenbar keine Hand berührt hatte, eitdem man, aller Wahrſcheinlichkeit nach, den todten Leib der grauen Dame daraus weggetragen. Dieſe Kleidergruppe, die ich für die graue Dame ſelbſt angeſehen, und die mir einen ſo großen Schrelen ver⸗ 212 urſacht hatte, daß ich mich nicht mehr auf den Beinen hatte halten können,— ich kann Ihnen das geſtehen, mein lieber Petrus, nun, da ich vermöge der Willens⸗ kraft, die mich charakteriſirt, in dieſe Stube eingetreten bin und ſie ſo muthig beſichtigt habe, als es der beherz⸗ teſte Mann der drei Königreiche gethan hätte,— dieſe Kleidergruppe beſtand aus einer Haube, aus einem Bruſt⸗ ſchleier, wie ihn in der Mitte des 16. Jahrhunderts die Frauen vom Mittelſtande trugen, einem Unterrocke, der weiß geweſen und grau geworden, und einem grauen Kleide, das ſchwarz geworden war. Wir erkannten dieſe verſchiedenen Gegenſtände, indem wir einen nach dem andern aufhoben; denn ſie vom Nagel herunterzunehmen und im Einzelnen zu unter⸗ ſuchen weigerte ſich Mary mit einer Furchtſamkeit, die ich übrigens ihrem Geſchlechte verzeihe, ſie weigerte ſich ent⸗ ſchieden, obwohl ich ihr die Kleider zum Geſchenke anbot. Es iſt nicht zu leugnen, ich machte ihr damit ein mittelmäßiges Geſchenk: das Ganze wäre an einen Tröd⸗ ler ſicherlich nicht um zwei Pence verkauft worden, ſo ſehr war Alles verdorben, ſei es nun durch die Thätigkeit der Zeit, welche verlaufen, ſeitdem man die Kleider an dieſen Nagel gehängt, ſei es durch den Gebrauch, den die Perſon, welche ſie getragen, davon gemacht hatte, ehe dieſe Perſon ſie auszog, um nackt in die Ewigkeit einzutreten, wie ſie aus derſelben hervorgegangen war. Doch das war nicht der Grund, den Mary geltend machte; ſie antwortete einfach, es bringe Unglück, nicht allein die Kleider eines Todten anzuziehen, ſondern ſie nur zu berühren. Sie begreifen wohl, daß ich in ein Gelächter aus⸗ brach, als ich einen ſolchen Aberglauben äußern hörte, und um der armen Frau zu beweiſen, wie ſehr ich den⸗ ſelben verachte, ſtreckte ich die Hand gegen eben dieſe Kleider aus. Kaum hatte ich ſie aber berührt, als der Nagel, ohne Zweifel vom Roſte zerfreſſen, brach, die ganze 213 Kleidergruppe, mit einem kläglichen Rauſchen an der Wand hinabgleitend, zu Boden ſiel und dabei den un⸗ heimlichen Staub emportrieb, der ſich aus der Tiefe der vertrockneten Gräber erhebt. „Oh! Herr Bemrode,“ rief Mary,„Sie haben die Kleider der grauen Dame angerührt, das wird Ihnen Unglück bringen.“ So lächerlich dieſe Prophezeihung war, ich muß Ihnen ſagen, mein lieber Petrus, daß ich in Folge des Ausdrucks der Ueberzeugung von Mary, in Betracht des Ortes, wo dieſe Worte geſprochen wurden, und bei den Umſtänden, in denen wir uns befanden, einen Schauer meine Adern durchlaufen fühlte. Dann kam mir ein anderer Gedanke in den Kopf, der nicht geeignet war, den Eindruck des erſten zu ver⸗ mindern: die Kleider, welche ich berührt, und die ſo ſchnell bei der Berührung meiner Hand heruntergefallen waren, ſeien vielleicht diejenigen, welche die graue Dame anziehe, um zu erſcheinen. In dieſem Falle hatte ich nicht nur die Kleider einer Todten, ſondern auch, was noch ſchlimmer, die eines Geſpenſtes angerührt. Ich entfernte mich alſo mit einem Grauen von die⸗ ſen Kleidern, welche an dem Orte blieben, auf den ſie gefallen waren. Dann unterſuchte ich die Schränke. Abgeſehen von dem, der beim Kamine ſtand und einiges Küchengeräthe enthielt, was bewies, daß die graue Dame ſich ſelbſt in ihrer armſeligen Stube kochte, fanden ſich in den andern Schränken nur einige Fetzen Wüßs Weißzeug, ſei es für den Tiſch, ſei es für den eib. „Von Papieren, von Manuſcripten, welche irgend einen Aufſchluß uͤber dieſe finſtere Geſchichte hätten geben können, war nicht die Rede. Wir betrieben unſere Nachforſchungen mit der größten Aengſtlichkeit, ließen keine Schublade, ohne ſie zu öffnen, 214 keinen Rahmen, ohne ihn aufzuheben, und ſchauten ſo⸗ gar hinter den trüben Spiegel, der das glaſige, todte Auge dieſer traurigen Stube zu ſein ſchien, um zu ſehen, ob nicht irgend ein Stück beſchriebenes Perga⸗ ment oder bedrucktes Papier dahinter verborgen ſei. Ich wiederhole Ihnen, mein lieber Petrus, wir fan⸗ den nichts. Ein Gefühl der Unruhe, das Sie übrigens leicht begreifen werden, veranlaßte mich, dieſe Nachforſchung zu beſchleunigen. Es lag mir nicht am Herzen, daß in der Nacht die Thüre offen bleibe und die Mauer nicht geſchloſſen; man hätte hiedurch der grauen Dame eine zu große Leichtigkeit, ihren nächtlichen Spaziergang zu machen, gewährt. Ich entſchied mich alſo,— da ich verzweifelte, Etwas zu finden, was mich über das, was ich wiſſen wollte, unterrichten könnte,— die Thüre wieder zu verſchließen und die Mauer ſo ſchnell als möglich wieder aufzu⸗ auen. Was das Schließen der Thüre betrifft, ſo fand ich, nachdem ich den Schaden, den ich angerichtet, unterſucht hatte, die Sache völlig unausführbar; der Theil der Mauer, in den der Riegel einlief, war ausgebrochen worden. Ich hätte zugleich den Schloſſer und den Maurer gebraucht. Was aber das Verſtopfen der Mauer betrifft, ſo war dies minder ſchwer. Ich brauchte hiezu nur einen Sack Gyps und einige Backſteine, um ſie den Trümmern der Mauer beizufügen und diejenigen Backſteine erſetzen zu laſſen, welche dur den Meißel oder durch die Hebeſtange zerbrochen worden waren. Einen Augenblick hatte ich den Gedanken, durch Mary beim Maurer einen Kübel voll Gyps und eine n; en, tte, zen hen trer nige gen irch den urch eine 215⁵ Kelle holen zu laſſen und während dieſer Zeit das Haus u bewachen; doch ich befürchtete, in der Unruhe, in der ſe ſich natürlich nach der Expedition, die wir gemacht, befinden müßte, wüßte ſie nicht genau das zu verlangen, was ich nöthig hatte, und ich zog es daher vor, ſie zu Hauſe zu laſſen und ſelbſt zum Maurer zu gehen. Dem zu Folge theilte ich ihr meinen Entſchluß mit und forderte ſie auf, in's Erdgeſchoß oder in den erſten Stock hinabzugehen, wenn ſie im zweiten bleibend Angſt hätte. Doch ſie antwortete mir ruhig: „Bekümmern Sie ſich nicht um mich, Herr Bem⸗ rode; holen Sie Ihren Kübel, Ihren Gyps und Ihre Kelle. Ich werde unterdeſſen ſortſuchen, ob ich nicht einen Aufſchluß über die arme Seele im Fegefeuer finde, der der Herr barmherzig ſein möge!“ „Es iſt gut, Mary,“ erwiederte ich;„ich hatte Luſt zu bleiben und Euch zum Maurer zu ſchicken, da Ihr, Euch aber nicht fürchtet...“ „Verzeihen Sie, Herr Bemrode,“ unterbrach mich Mary;„beliebt Ihnen, daß ich gehe und daß Sie bleiben? In dieſem Falle... 1 „Nein, nein, nein,“ rief ich lebhaft;„da es einmal ſo beſchloſſen iſt, ſo mag es auch ſo ſein!« Und ich ſprang die Treppe hinab und überließ die unerſchrockene Mary ihrer Nachforſchung. 3 Ich habe geſagt, die unerſchrockene, denn, mein lieber Petrus, obgleich der Muth dieſer Frau ſicherlich von jener Inferiorität der Organiſation herrührt, welche es verhindert, daß gemeine Perſonen die Eindrücke mit derſelben Schärfe und derſelben Feinheit aufnehmen, wie die ausgezeichneten Perſonen, ſo kann ich doch nicht, während ich, ich wiederhole es, dieſer Inferiorität der Organiſation ihren Theil mache, ich kann nicht umhin, ber Unerſchrockenheit dieſer Perſon meine Achtung zu ezeugen.. Ich bin vor Allem, wenn nicht der gerechte Mann 216 des Dichters Horaz, doch wenigſtens der unparteiiſche Mann des Apoſtel Paulus. XIIX. Die große Neuigheit. Nach einer Viertelſtunde kam ich mit den Gegen⸗ ſtänden, die ich geholt hatte, zurück. Nur hatte ich mich wohl gehütet, dem Maurer zu ſagen, zu welchem Gebrauche ich ſeinen Kübel und ſeine Kelle von ihm entlehnte und ihm ſeinen Gyps abkaufte. Vielleicht hätte er mir ſeinen Kübel und ſeine Kelle niih leihen und ſeinen Gyps nicht an mich verkaufen wollen. Ich nahm eine Ausbeſſerung, die an der Mauer im Hofe zu machen ſei, zum Vorwande. War einmal die Thüre des Pfarrhauſes geſchloſſen, wer wußte, welche Mauer ich ausbeſſerte? Ich ſchloß die Thüre und ſtieg mit meiner Kelle, mit meinem Gyps und meinem Kübel in den zweiten Stock hinauf. Mary hatte während der ganzen Zeit meiner Ab⸗ weſenheit geſucht, jedoch nichts gefunden. Es war für mich klar, daß man, wenn ein Auf⸗ ſchluß dieſe ganze Kataſtrophe überlebte, anderswo ſuchen müſſe, als in der Stube der grauen Dame. Der große Act, den ich vollbrachte, hatte wenigſtens das Reſultat, daß er mich über einen Punkt beruhigte: die Stube war vollkommen leer. Keine Erſcheinung, kein Geiſt, kein Geſpenſt hatte ſich unſerer ſorgfältigen Unterſuchung der Oertlichkeiten widerſetzt. Indem ich die Mauer wieder ſchloß, ſchloß ich ſie vor einer völlig öden Stube. 1 8 217 Wer aber konnte fortan aus dieſer Stube hervor⸗ kommen, da ſie nicht einmal, was ich einen Augenblick durin zu finden befürchtet hatte, einen Leichnam ent⸗ ielt? Ich befahl alſo Mary, die Fenſter zu ſchließen,— etwas ganz Einfaches, da ſie dieſelben geöffnet hatte. 94 Mary that dies indeſſen ohne irgend eine Schwie⸗ rigkeit. Dann ging ſie hinaus. Sie hatte wohl auch einige Luſt, ſich nach Hauſe zu begeben und ihrem Manne das Mittagbrod zu be⸗ reiten; doch ich bedurfte eines Handlangers und hielt ſie zurück. Mein lieber Petrus, da ich Ihnen nur von der Seite des Mannes der Wiſſenſchaft und der Philoſophie bekannt bin, ſo können Sie an meiner Geſchicklichkeit bei der Arbeit, die ich unternommen, zweifeln; doch mein Vater, der aus mir den Mann gemacht, den Sie ken⸗ nen, hat ihn zum Glücke noch vollſtändiger gemacht, als Sie glauben, indem er mich gewiſſer Maßen eine Art von Reſumé von Handarbeiten lehrte. Dies kam davon her, daß er Anfangs den Ge⸗ danken hatte, ich ſollte Seefahrer werden; Robinſon war dem zu Folge die Lieblingslecture meiner Jugend geweſen. Mein vortrefflicher Vater wollte nun, daß ich, ſollte ich, wie der Held von Daniel von Fos, an einer öden Inſel landen, wie dieſer in mir alle Hülfsmittel finden könnte, welche der Herr von Freitag ſo geiſtreich auf die Verbeſſerung ſeiner einſamen Exiſtenz anwandte. Ich war alſo ein wenig Maler,— Sie haben den Beweis davon bei der Verzierung des Zimmers von Jeannie geſehen;— ich war ein wenig Zimmermann, ein wenig Tiſchler, und endlich ein wenig Maurer. Ich mußte mich jener Arbeiten meiner Jugend erinnern, bei denen ich den Zweck hatte, Hundeniſchen, Hühnerhäuſer und Kaninchenſtälle zu bauen. Und nun muß ich in Beziehung auf Robinſon einer 218 tiefen Bemerkung erwähnen, die aus mir entſprungen iſt, und deren Verdienſt, ich darf es wohl ſagen, Keiner vor mir ſich zuſchreiben darf. Was aus dem engliſchen Volke das vorzugsweiſe Seevolk und aus England die Königin der Oceane zu machen anfängt und in Zukunft machen wird, ſei ſeine Lage inmitten der Meere, werden Sie mir ſagen? Jedes Kind von Großbritannien lernt im Robin⸗ ſon Cruſoe leſen oder lieſt ihn, ſobald es leſen kann. Trotz ſeines Schiffbruchs, trotz ſeiner Verlaſſenheit, trotz der Strapazen, die er auszuſtehen hat, iſt es das Verlangen jedes Kindes, ein Robinſon Cruſoe zu werden. 85 dies zu werden, wünſcht jedes Kind Seemann u ſein. 1 Auf das Meer, auf den Ocean, auf das Unendliche ſind alle Augen von drei Vierteln der männlichen, zwölf bis achtzehn Jahre alten Generation geheftet. Wie ſoll dieſes Volk, für welches die Marine nicht nur ein Stand, ſondern auch ein Ehrgeiz iſt, nicht eines Tages das erſte Seevolk und das erſte Handelsvolk der Welt werden? Ich habe alle dieſe Reflexionen gemacht, während ich an Sie ſchreibe, mein lieber Petrus, und darum werfe ich ſie auf das Papier; doch ich muß ſagen, ſo lange ich meine Mauer wieder aufbaute, dachte ich an etwas ganz Anderes. Das Schließen der Fenſter hatte, ihre erſte Dun⸗ kelheit der Stube wiedergebend, dieſer abermals einen phantaſtiſchen Anblick verliehen. Je weiter ich in mei⸗ nem Geſchäfte vorrückte, deſto mehr rückte auch der Tag vor, und obgleich ich mir nicht Zeit genommen, zu Mit⸗ tag zu eſſen, und auch Mary nicht ſich zu nehmen er⸗ laubt hatte, kam doch die Nacht raſch heran. Zum Glücke wuchs meine Geſchicklichkeit in dem Handwerke, das ich für den Augenblick trieb, immer mehr, ſo wie ich es ausübte. Am Ende ſetzten ſich die Backſteine unter meiner Hand auf, wie ſie es unter der Hand eines wah⸗ 219 ren Maurers gethan hätten. Amphion mit ſeiner Lyra hat nie raſcher gebaut, als ich ſelbſt mit meiner Kelle baute. Nur, während das Loch ſich verengte, ſchienen mir die in der Stube eingeſchloſſenen Gegenſtände ent⸗ weder ſich zu beleben oder ſich in erſchreckliche Formen zu kleiden; einen Augenblick glaubte ich, die auf dem Boden zerſtreuten Stricke ſich bewegen und ſich wie Schlangen winden zu ſehen; es ſchien mir, die Schränke, die wir offen gefunden, und die Mary nachher ſorgfäl⸗ tig geſchloſſen hatte, öffnen ſich ächzend wieder; mir ſchien endlich, die Kleidergruppe, deren Fall ich verur⸗ ſacht, und die jenen unheimlichen Staub emportreibend niedergeſtürzt war, ſteige an der Mauer bis zu ihrer erſten Höhe hinauf und nehme wieder mit dem Anſcheine einer Frau, welche da ſtehe und auf mich loszugehen bereit ſei, den Platz ein, den ſie bei meinem Eintritte in die Stube eingenommen hatte. Ich machte alle dieſe Bemerkungen, ohne daß ich dieſelben Mary mitzutheilen wagte; denn ich befürchtete, ſie könnte mich als einen Viſionär behandeln, und viel⸗ leicht war es auch eine Viſion. Indeſſen blieb ich überzeugt, mein lieber Petrus, ich habe geſehen, wie ſich die Stricke auf dem Boden ge⸗ wunden, wie die Schränke ſich wieder geöffnet, und wie ſich die Kleider an der Wand anfgerichtet. und ich war hievon ſo ſehr überzeugt, daß ich viel⸗ leicht, um mich zu verſichern, die ganze Arbeit, die ich gemacht, wieder eingeriſſen hätte, obſchon eine Kelle Gyps zu ihrer Vollendung genügte, als ich das Rollen eines Wagens hörte und ein wiederholtes Klopfen an der Thüre des Pfarrhauſes erſcholl. Ich ſchleuderte meinen Gyps an die Mauer, fuhr mit meiner Kelle darüber, damit er gleich würde, und ging raſch hinab, um die Thüre zu öffnen.. Als ich ſie öffnete, ſtieß ich einen Freudenſchrei aus: iſt ſtand Jeannie gegenüber. 220 Sie ſtürzte in meine Arme; dann ſprach ſie vor Allem: 4 „Mein Freund, ſei glücklich; die Neuigkeit, die ich Dir verkündigen ſollte, bringe ich Dir ſelbſt: der Herr hat die Gnade gehabt, Deinen und meinen Wunſch zu erfüllen; ich bin guter Hoffnung!“ Ich gab einen zweiten Schrei von mir; doch auch von dieſem, wie von dem, welchen ich ausſtieß, als die Thüre der grauen Dame ſich unter der Wiegung meiner Hebe⸗ ſtange öffnete, kann ich nicht ſagen, ob es ein Freuden⸗ ſchrei oder ein Schreckensſchrei war. Sie begreifen leicht, mein lieber Petrus, daß dieſe Kunde, die unter jeder andern Bedingung und in jedem andern Augenblicke meine heißeſten Wünſche erfüllt hätte, mir im Gegentheile unter den Umſtänden, in denen wir uns befanden, die lebhafteſten Befürchtungen einflößte. Wie ſeltſam, in der That,— Sie werden es zuge⸗ ben, mein Freund,— iſt dieſes Zuſammentreffen des Wirklichen mit dem Phantaſtiſchen! Meine große Ruhe in Beziehung auf die graue Dame, der Muth, den ich in allen den Fällen, wo ich des Muthes bedurfte, entwickelt, kamen haupt⸗ ſächlich von der Ueberzeugung her, die ich von ihrer Ohnmacht gegen uns hatte, denn die Macht der grauen Dame erſtreckte ſich offenbar nur auf die Kinder, welche im Pfarrhauſe geboren wurden, und beſonders auf die, welche Zwillinge waren. Jeannie reiſt ab. Ich benütze ihre Abweſenheit, um den verwegenen Act zu vollführen, den nie vielleicht ein Sterblicher vollführt hat, ſeitdem Hercules Theſeus aus der Hölle befreit, ſeitdem Orpheus Eurydice von Pluto zurückgefordert. Meine Verwegenheit,— ich ſchöpfe ſie beſonders aus dem Gedanken, Jeannie ſei unfruchtbar, und gerade in dem Augenblicke, wo unter meiner Hand die letzte Spur von meiner faſt fabelhaften Excurſion in das Reich der Todten verſchwindet, kommt —,— —8A8 — ð 221 Jeannie an, und ihr erſtes Wort iſt:„Sei glücklich, mein Freund: ich bin guter Hoffnung l Guter Hoffnung, arme Jeannie! Du biſt alſo nun, wie die andern Mütter, den Chancen der Erſcheinungen der entſetzlichen grauen Dame unterworfen! Ich ſchwor mir auch, Jeannie ſollte nichts von dem, was vorgefallen, erfahren! Nichtsdeſtoweniger aber iſt es wahr, daß ſie, als ſie mir dieſe Neuigkeit verkündigte, welche das Herz einer Frau in das Herz ihres Mannes zu ergießen ſo zuß fin⸗ det, an der Verſtörung meiner Geſichtszüge wahrnahm, daß dieſe Neuigkeit auf mich eine ganz andere, als die von ihr erwartete Wirkung hervorbrachte. Aber mit ihrem ſcharfſichtigen Geiſte oder vielmehr mit ihrem verſtändigen Herzen begriff ſie ſogleich, was mich bei dieſer beſeligenden Kunde erſchreckte. „Gut!“ ſagte ſie lachend,„mein lieber Träumer denkt nur an ſeine graue Dame, und weil ich ſie ver⸗ geſſen, hoffte ich, er denke nicht mehr an ſie!“ „Oh!« erwiederte ich,„Du, meine theure Jeannie, Du warſt ſehr fern von hier, in unſerem reizenden Lande der Notts, indeß ich in dieſen abſcheulichen Bergen und in dieſem finſteren Pfarrhauſe lebte.« „Dieſes finſtere Pfarrhaus wird heiter werden, wenn es unſer Kind, unſer William oder unſere Jeannie, mit pinen Gelächter erfüllt und mit ſeiner Gegenwart er⸗ ellt.“ „Ja,« murmelte ich,„wenn die Güte Gottes er⸗ laubt, daß dieſes Kind allein kommt.... Doch, wenn Zwillinge kämen!..“ Und mit einem ſchweren Seufzer trat ich in's Haus ein. Vorſichtsmaßregeln. Vom Augenblicke der Rückkehr von Jeannie in unſer Haus nahm Alles wieder ſeinen gewöhnlichen Lauf. Sie war freudig und voller Hoffnung. Ich war düſter und ſorgenvoll, denn ich dachte nur an die graue Dame. Ich hatte mir ſelbſt Wort gehalten, und wie groß auch meine Luſt geweſen, ihr meine Expedition in die zugemauerte Stube zu erzaͤhlen, welche Befriedigung meinem Stolze eine ſolche Erzählung gewährt haben würde, ich hatte nicht eine Sylbe geſagt. Jeannie hatte meine Befangenheit wahrgenommen; Jeannie hatte bemerkt, daß der Gyps, der die Stube der grauen Dame verſchloß, neu aufgetragen war. Sie befragte Mary. Mary, welche wahrſcheinlich vor Begierde, Alles zu ſagen, ſtarb, wie Jeannie vor Verlangen, Alles zu hö⸗ ren,— Mary erzählte das Ereigniß in allen ſeinen Einzelnheiten. Jeannie lief zu mir. Aus ihren erſten Worten entnahm ich, daß ſie Alles wußte. Ich ließ ſie die Er⸗ zählung von Mary von einem Ende zum andern wie⸗ derholen; ich verbeſſerte einige allzu naive Punkte dieſer Erzählung, die mich vielleicht nicht ganz unter dem Lichte zeigten, ich ſage nicht, in dem ich mich ſelbſt ſah, ſondern unter dem ich von Jeannie geſehen zu werden wünſchte; denn es iſt, meiner Anſicht nach,— und ich bin überzeugt, daß Sie denken wie ich, mein lieber Petrus,— es iſt meiner Anſicht nach die Aufgabe einer guten Politik, ſich ſeiner Frau nur mit allen Vorzügen und mit der ganzen Ueberlegenheit zu zeigen, die der Mann beſtändig über ſie behaupten muß. Zu meinem großen Erſtaunen brachte dieſe ganze —— 223 phantaſtiſche Odyſſee eine mittelmäßige Wirkung auf Jeannie hervor. Sie ſah in dieſer Stube nur das, was wir materiell darin geſehen hatten, das heißt, in Trümmer zerfallende Läden, in Fetzen herabhängende Tapeten, ein eingeſunkenes Bett, leere, gähnende Schränke, ein paar auf dem Boden liegende Strickenden und einen an einem Nagel hängenden Kleiderpack. Was den Fall dieſes Kleiderpackes bei meiner Be⸗ rührung betrifft, ſo ſchien er ihr ganz natürlich. „Was iſt dabei Wunderbares?“ ſagte ſie zu mir mit ihrem naiven Blicke und ihrem vertrauensvollen Lächeln,„was iſt dabei Wunderbares, daß ein vom Roſte zerfreſſener Nagel, der ſeit dreihundert Jahren eine Laſt trägt, bei der geringſten Erſchütterung, die man dieſer Laſt gibt, bricht?“ Nachdem der Nagel gebrochen, war es noch viel weniger wunderbar, daß kraft des Geſetzes der Schwere, welches will, daß die feſten Körper, ſobald ſie ihres Stützpunktes beraubt ſind, zu ſtürzen ſtreben, die Klei⸗ dergruppe auf den Boden gefallen war. Was den Staub betrifft, der durch ihren Fall em⸗ porgetrieben wurde, ſo hatte er in einem ſeit dreihun⸗ dert Jahren geſchloſſenen Orte nichts Auffallendes, und die Abweſenheit dieſes Staubes hätte im Gegentheile als ein Wunder erſcheinen müſſen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß bei dieſem Poſitivis⸗ mus des Geiſtes Jeannie die ſich von ſelbſt wieder⸗ öffnenden Schränke, die ſich belebenden und ſich auf dem Boden windenden Stricke und die an der Wand hin⸗ aufſteigenden und ihren urſpruͤnglichen Platz an einem dreihundertjährigen Nagel wiedereinnehmenden Kleider nicht zuließ. 4 Sie behandelte dieſen ganzen Epilog des Gedich⸗ tes, wie man eine Schöpfung des Geiſtes, einen Traum der Einbildungskraft behandelt, das heißt, ſie gewährte dem Genie des Dichters ihre Anerkennung, leugnete aber die Realität der Erzählung. Da ſie indeſſen nicht leugnete, 224 alle dieſe Gerüchte haben eine Quelle, und da ſie mich tief und ernſtlich beſorgt ſah, ſo beſchloß ſie, mir ſo viel als in ihrer Macht liege, zu dieſer Quelle aufſteigen zu helfen, denn ſie war überzeugt, ſo wie wir gegen die Wirklichkeit vorrücken, werde die Wirklichkeit Alles das verſchwinden machen, was Erſchreckliches in der Tradi⸗ tion lag, und unſerer philoſophiſchen Schätzung eine faſt unbedeutende Sache überlaſſen. Ich meinerſeits ſuchte fortwährend in den Papieren der Saeriſtei und in den Archiven der Gemeinde, doch ich mochte immerhin Acten und Regiſter Seite um Seite durchblättern, ich fand nichts Anderes, als die ſchon angeführte Note vom Doctor Albert Martronius, Magiſter der Theologie,— eine, wie Sie wiſſen, auf die Reſtauration des kleinen ſteinernen Kreuzes in der Ecke des Kirchhofes bezügliche Note. Die zugemauerte Thuͤre trocknete allmälig, und kein Riß deutete an, die graue Dame habe einen Verſuch ge⸗ macht, ſie wieder zu öffnen. Jeannie rückte indeſſen in ihrer Schwangerſchaft vor; ſie hatte den ſechsten Monat erreicht, und wir waren am Anfange des Juni. Ich berechnete mit einer großen Freude, der Zufall oder die Vorſehung habe die Epochen ſo combinirt, daß Jeannie niedergekommen ſei vor der Nacht vom 28. auf den 29. September, das heißt, vor der Nacht von der heiligen Gertrude zum heiligen Michael, in der die graue Dame zu erſcheinen pflegte. Da aber am Ende nirgends geſagt war, die graue Dame erſcheine nur in der genannten Nacht, ſo fühlte ich mich durch dieſes Datum nicht völlig beruhigt; und da ich es für die Wirkſamkeit ihrer Erſcheinung nothwendig glaubte, daß ſie entweder dem Vater oder der Mutter der Kin⸗ der, die ſie bedrohte, erſcheine, ſo war ich dafür beſorgt, daß weder Jeannie, noch ich uns auf dem Wege befan⸗ den, den ſie zu machen hatte, um von der zugemauerten Stube zum Ebenbaume zu gehen. Ich veranderte dem zu Folge meine Arbeitsſtunden. 225 Oft hatte mich Jeannie darüber geſcholten, daß ich bei Nacht arbeitete, ſtatt bei Tag zu arbeiten, und im In⸗ tereſſe meiner Geſundheit war ſie beſorgt geweſen, daß ich ihr ſo ſpät in's Bett folgte. Einnes Tags erklärte ich ihr, ich ſei vollkommen ihrer Anſicht in Betreff der Vorwürfe, die ſie mir zur Zeit gemacht,— Vorwürfe, auf die ſie nicht mehr zu⸗ rückkam, da ſie dieſelben ohne Zweifel für unnütz hielt, — und fortan wolle ich, daß um neun Uhr Jedermann, ſelbſt ich, im Pfarrhauſe zu Bette gegangen ſeiz auf dieſe Art könnte ich mit Tagesanbruch und ohne An⸗ ſtrengung aufſtehen; ich würde ſo meine literariſchen und philoſophiſchen Arbeiten,— welche eine ſo unge⸗ heure Entwickelung nehmen ſollten, ſobald mein Geiſt frei genug wäre, daß ich zu meinem großen Werke ſchreiten könnte,— mit den Pflichten meines Amtes und den Obliegenheiten meines Standes verbinden. Jeannie fragte mich nicht nach der Urſache dieſer Aenderung; ſie empfing ſie mit Freuden. Sie hatte die Dinge immer ſo im Pfarrhauſe von Wirksworth gehen ſehen und kehrte folglich ganz einfach in die Gewohn⸗ heiten ihrer Kinderjahre zurück. „Durch dieſe neue Combination lief ich nicht, wie fruͤher, Gefahr, der grauen Dame zu begegnen, wenn ich mein Cabinet verließ, um in das Zimmer meiner Frau hinaufzugehen, da die graue Dame,— ich ge⸗ ſiel mir im Glauben, dies ſei eine erwieſene Thatſache— da die graue Dame nie zu einer andern Zeit, als um Mitternacht erſchien. „Siie werden mir ſagen, mein lieber Petrus, ſie könne eben ſo gut im Zimmer von Jeannie, als auf der Treppe, in der Hausflur oder im Garten erſcheinen; hierauf aber antworte ich, daß ich, ſeitdem mir der Ge⸗ danke gekommen, ein großes Werk über die Erſchei⸗ nungen zu machen, die Sitten der Geiſter ſehr ſtudirt habe; daß ſie ihrerſeits angenommene Gewohnheiten Der Pfarrer von Aſhbourn. II. 15 haben, auf die ſie nicht ſo leicht wie ich verzichten; und da es die Gewohnheit der grauen Dame war, aus ihrer Stube zu gehen, die Treppe hinabzuſteigen, den Garten zu durchſchreiten, um ſich unter den Ebenbaum zu ſetzen, ſo hoffte ich, ſie werde halsſtarrig genug ſein, um nicht ihren Gewohnheiten abtrünnig zu werden. Hätte ſie es übrigens verſucht, mir zu erſcheinen, ſo weiß ich nicht, wie ſie ſich, wenn ich einmal lag, da⸗ bei benommen haben würde. Unter der Zahl der neuen Gewohnheiten, die ich annahm, war die, mit dem Kopfe unter meiner Decke zu ſchlafen. Ich hatte zuerſt Muͤhe, mich hieran zu gewöhnen. Mehr als einmal erſtickte ich am Anfange beinahe; endlich aber gewann ich die Oberhand, und heute bin ich dazu gelangt, mein lieber Petrus,— das ſcheint mir eine Thatſache zu ſein, welche nicht ohne Bedeutung für die Wiſſenſchaft iſt, und wenn Sie dieſelbe in irgend einem Werke bezeichnen, ſo wei ich nichts dagegen einzuwenden, daß Sie meinen Namen beifügen,— ich bin dazu gelangt, daß ich ungefähr Piermien weniger Luft im Schlafen, als im Wachen con⸗ umire. Jeden Abend um neun Uhr alſo hatten wir uns unabänderlich zu Bette gelegt, und jede Nacht um die Mitternachtsſtunde ſchlief ich, oder ich gab mir wenigſtens den Anſchein, als ſchliefe ich, wobei meine Augen mit einer ganz andern Hartnäckigkeit geſchloſſen waren, a im Schlafe, denn ſie waren es durch meine Willenskraft⸗ Dann, dafür ſtehe ich Ihnen, ſo ſehr iſt die Willens⸗ kraft in mir entwickelt, wäre es allen grauen Damen der Welt nicht gelungen, zu machen, daß ich meine Deite zurückgeſchlagen oder meine Augen wieder geöffnet hätte. Jeannie, welche die Urſache dieſer Vorſichtsmaßre⸗ gel nicht kannte und mich wiederholt in Ermangelung von Luft dem Erſticken nahe ſah, machte mir mit ihrer gewöhnlichen Sanftmuth einige Hemerkungen in dieſer Hinſicht; doch ich fuͤhrte ihr das Beiſpiel von mehreren 3 227 großen Mäͤnnern an, welche ſo handelten: der tapfere Epaminondas hatte die Gewohnheit, völlig in ſeinen Mantel gewickelt zu ſchlafen, und der verfrorene Auguſtus, der, wie Jedermann weiß, wollene Strümpfe ſelbſt in ſeinem Bette trug, ſchlief nie anders als die Decke über ſeinen Kopf gezogen. Sie begreiſen, daß vor ſolchen Beiſpielen die be⸗ ſcheidene Jeannie ſchwieg und es zugab, daß ich mich, nanaſten auf dieſer Seite, nach dieſen großen Männern richtete. Nichtsdeſtoweniger verdoppelten ſich meine Bangig⸗ keiten, je näher das Ziel ihrer Entbindung kam. Wir erreichten endlich die erſten Tage des Auguſt ohne irgend eine Veränderung im Zuſtande von Jeannie oder in den Gewohnheiten des Hauſes. Als wir ſo weit waren, erklärte Jeannie ſelbſt, ſie glaube ſich um ein paar Wochen getäuſcht zu haben, und ihre Niederkunft möchte näher ſein, als ſie denke. Dem zu Folge ließ ich den Arzt von Milford, der ſchon bei meinem hitzigen Fieber in's Pfarrhaus von Waſton gekommen war, benachrich⸗ tigen und ihn bitten, ſich bereit zu halten, da man ihn an einem dieſer Tage oder in einer dieſer Nächte zu einer Entbindung holen werde. Der Arzt, dem ich die zwei Beſuche, die er mir gemacht, ſehr gut bezahlt hatte, antwortete mir, er werde ſich bereit halten und auf die erſte Aufforderung im Pfarrhauſe ſein. Wenn ich ihm hatte ſagen laſſen, man werde ſeinen Beiſtand an einem dieſer Tage oder in einer dieſer Nächte in Anſpruch nehmen, ſo begreifen Sie ſehr wohl, welchen Vorzug ich in dieſem Falle dem Tage vor der Nacht gab. In der Nacht konnte die graue Dame die Dunkelheit benützen, uͤm zu erſcheinen, wäh⸗ rend ich das Vertrauen hatte, ſie werde bei Tag, be⸗ kannt mit meinem wenig geſchmeidigen Charakter, nicht erſcheinen. Sie werden mir vielleicht ſagen⸗ mein licher Petrus, 5 es ſeien zwei ſtarke Meilen, um nach Milford zu gehen, und folglich ebenfalls zwei ſtarke Meilen, um zurückzu⸗ kommen; während mein Bote zuerſt und der Arzt her⸗ nach den Weg machte, hätte ſomit Jeannie,— beſon⸗ ders wenn der Arzt nicht zu Hauſe wäre,— alle Zeit, um u leiden. Hierauf aber antworte ich Ihnen: ich habe die geographiſche Lage des Dorfes Waſton nicht beſtimmt, und ich habe dieſes auch nicht verhindert, einen Zuwachs zu erlangen, der groß genug⸗ daß es ein Arzt für geeignet erachten würde, ſich hier niederzulaſſen. Ueberdies be⸗ ſitzt, in Ermangelung des Arztes, das Dorf eine Art von Hebamme, welche in gewöhnlichen Fällen für die Bäuerinnen völlig genügt, und in ihren Händen würde die arme Jeannie, wohl oder übel, wenn ſte dieſen kri⸗ tiſchen Augenblick erreicht hätte, den Arzt erwarten. Bewunderungswürdig gebildeten Körpers, bewun⸗ derungswürdig ſtarken Geiſtes, hatte überdies Jeannie nur die gewoͤhnlichen Unfälle zu befürchten. Meiner Anſicht nach, mein lieber Petrus, iſt nun die Frau gan beſonders aus den Händen des Herrn zum Zwecke in den Händen der Natur das Werk er üllt, für das ſie geſchaffen worden iſt. Ich war alſo viel mehr unruhig über die Stunde, in der das Creigniß ſtattfände, als über die Art, wie es endigen würde. Doch man hätte glauben ſollen, der Herr ſelbſt wolle meinen Befürchtungen gnädigſt entgegenkommen; am Morgen des 15. Auguſt gegen ſieben Uhr fühlte Jeannie die erſten Wehen. 3 Ich lief vor Allem zu Mary und befahl ihr, die Hebamme zu holen. Fünf Minuten nachher waren die Hebamme und Mary bei meiner theuren Kranken. irB- 229 Ich war entſchloſſen, mich ſelbſt nach Milford zu begeben, wohin ſicherlich Niemand ſo ſchnell gehen würde als ich; nichtsdeſtoweniger wollte ich mich erſt entfernen, wenn Mary und die Hebamme angekommen wären. In dieſem Augenblicke, mein lieber Petrus,— Sie, der Sie ein Junggeſelle ſind, wiſſen das nicht,— ruft man die Hoffnung von allen Seiten herbei, und woher ſie auch kommen mag, die Hoffnung iſt willkommen. Als ich die Hebamme eintreten ſah, eilte ich ihr daher entgegen und ſagte zu ihr, indem ich auf Jeannie deutete, die mir, um ihre erſten Schmerzen vor mir zu verbergen, zuläͤchelte: „Hier iſt diejenige, welche ich Eurer Fürſorge empfehle, während ich ſelbſt nach Milford gehe, um den Beiſtand des Arztes in Anſpruch zu nehmen; nicht wahr, gute Frau, Ihr glaubt wohl, daß ſie ſtark genug iſt, um ein Kind zu gebären?« „Stark genug, um ein Kind zu gebären 2 rief die Matrone;„ah! ich glaube wohl, Herr Bemrode, und ſogar eher zwei, als eines.“ Ich geſtehe Ihnen, mein lieber Petrus, daß mich der Schlag mitten in's Herz traf; es fehlte nicht viel, daß ich einen Schrei ausgeſtoßen hätte. Ich fühlte den Angſtſchweiß auf meiner Stirne perlen, und wenn es Nacht geweſen wäre, ſo hätte ich es nicht gewagt, aus⸗ zugehen. Doch es war heller Tag; ich nahm Stock und Hut und umarmte Jeannie; ſie drückte mich an ihr Herz und flüſterte mir zu: „Komm ſchleunigſt zurück, mein Freund.“ Und ich ſtürzte aus dem Zimmer und murmelte meinerſeits: „Cher zwei als eines!... eher zwei als eines!... Der Teufel drehe Dir den Hals um, alte Hexe!“ II. Der ewige Jude. Das war ein ſchlimmer Wunſch, ich weiß es wohl, beſonders von Seiten eines Geiſtlichen, doch was wollen Sie? ich war über die Antwort dieſes Weibes ganz f außer mich gerathen. Die Erbitterung, in der ich mich befand, hatte das Vortheilhafte, daß ſie, mein Nervenſyſtem auf⸗ regend, ohne daß ich es wahrnahm, die Geſchwindigkeit meines Laufes verdoppelte und es verhinderte, daß i die geringſte Müdigkeit fühlte. Meine Muskeln ſchienen von Stahl zu ſein und meine Beine functionirten zu⸗ gleich mit einer ganz mechaniſchen Behendigkeit und Starrheit. Hätte ich einen langen Bart und eine Tunica ge⸗ habt, ſtatt daß ich ein rafirtes Kinn hatte und eine kurze Hoſe trug, ſo würden mich die Leute, die mich vorübergehen ſahen, ſicherlich für den Helden des alten fenazöſiſhen Liedes vom Ewigen Juden gehalten haben. Ich ſtellte bei mir ſelbſt dieſe Betrachtung an und zählte dabei meine Schritte, welche die Entfernung durchmaßen wie ein ungeheurer geometriſcher Zirkel. Und hinſichtlich dieſer Reflexion, die der Zufall in meinem Geiſte entſtehen machte, erkennen Sie, mein lieber Petrus, den Reichthum der menſchlichen Ein⸗ bildungskraft im Allgemeinen und die Ueberfülle der meinigen insbeſondere: ich hatte nicht ſobald meine Ge⸗ danken auf die poetiſche Fiction des Ewigen Juden geheftet, als ich ſie in meinen Augen ſich verwirklichen und wachſen ſah, wie in den Augen von Camoéns die Biſton des Rieſen Adamaſtor. Mir ſchien, der Schriftſteller, der ſich dieſer Fiction des Juden aus dem Geſichtspunkte der Legende bemäch⸗ ——,—— 231 tigen würde; der im unſterblichen Verfluchten den Fort⸗ ſchritt des menſchlichen Geiſtes incarniren würde; der ihn durch alle Zeitalter gehen und bald am Hofe von Nero, bald an dem von Philipp II., bald an dem von Ludwig XIV. erſcheinen ließe; der Ereigniſſe für die Zukunft und eine Entwickelung der analog, welche die heilige Schrift der Welt als Seitenſtück der Sündfluth verheißt, erfinden würde; der Dichter, der dieſem Menſchen, dem Bilde der Reue, einen Engel, das Symbol der Unſchuld, zur Seite gehen ließe; der den Engel in den Menſchen verliebt machte, doch verliebt nach Art der Engel, das heißt, durch das Mitleid und die Barm⸗ herzigkeit; mir ſchien, dieſer würde ein ſchönes Buch ſchaffen, das weder die Ilias, noch die Aeneis, we⸗ der die Göttliche Komödie, noch das Verlorene Paradies, noch die Dunciade wäre, ſondern ein originelles, intereſſantes Buch voll des Pittoresken und der Poeſie, ein Buch, das mit dem Style wechſeln müßte nach den Epochen und mit der Farbe nach den Jahrhunderten. Und während ich den Schritt verlängerte, ſagte ich zu mir ſelbſt: „Warum ſollte ich nicht dieſes Buch machen? was hindert mich daran? was vwiderſetzt ſich? hat mir Gott nicht das erforderliche Wiſſen, die nothwendige Einbildungskraft und die Poeſie gegeben? habe ich nicht den Menſchen unter allen ſeinen Geſtalten, die Schöpfung in allen ihren Einzelheiten ſtudirt? bin ich nicht, ohne daß ich noch ein Cpos, eine Tragödie, ein Drama, eine philoſophiſche Abhandlung oder Geſchichte gemacht habe, Dichter, Tragiker, Dramaturg, Philoſoph, Hiſtoriker2 Ja, ich bin Alles dies! Mehr noch: da dieſes Buch erſt zu machen iſt, ſo war derjenige, welcher es machen ſollte, noch nicht gekommen. Dieſer werde ich mit Gottes Hülfe ſein! Und das Erſte, was ich, ſobald ich nach Hauſe zurückgekehrt bin, thun will, iſt,— da⸗ mit mir Niemand meinen Gegenſtand nimmt,— iſt, 232 daß ich den Titel ſchreibe und meiner Abſicht jede mög⸗ liche Oeffentlichkeit gebe. So wird dieſer Titel mein Eigenthum werden, und Niemand in England, da man weiß, der Doctor William Bemrode werde früher oder ſpäter dieſen Gegenſtand behandeln, Niemand wird es wagen, ſich deſſelben zu bemächtigen*). Die einfache Abtheilung des Gegenſtandes in Epochen beſchäftigte mich dergeſtalt, daß ie nach Milford kam, ohne bemerkt zu haben, welchen Weg ich gemacht. Bei den erſten Häuſern blieb ich ſtehen und fuhr mit der Hand nach meiner Stirne, wie ein Menſch, der zu ſich ſelbſt kommt. Dieſer wunderbare Gegenſtand, den ich gefunden, wie man meiſtens die köſtlichſten Schätze durch einen Zufall findet, hatte ſich dergeſtalt meiner Einbildungs⸗ kraft bemeiſtert, daß er daraus jeden andern Gedanken vertrieben, und daß ich völlig vergeſſen hatte, was ich in Milford thun wollte. Ich glaubte einen Augenblick, ich werde genöthigt ſein, nach Waſton zurückzukehren, um dort den abgebro⸗ chenen Faden meiner Ideen wieder anzuknüpfen; doch durch eine gewaltige Anſtrengung meines Willens be⸗ fand ich mich endlich im wirklichen Leben, und ich erin⸗ nerte mich. Ich war gekommen, weil meine theure, gute Jeannie in Kindesnöthen lag. *) Da die verſchiebenen Ereigniſſe, die ſich im Leben des Paſtor William Bemrode folgten, ihn verhinderten, dieſen Rieſen⸗ gedanken in Ausführung zu bringen, und von ihm nur der Titel des Buches auf das Papier geworfen wurde, ſo erlaub⸗ ten wir uns, ſeine Idee da aufzunehmen, wo er ſie fallen ließ, und, wie man ſehen konnte, unter dem Titel Iſaak Laquedem die Veröffentlichung eines Werkes zu beginnen, das nichts Anderes ſein wird, als die Entwickelung des Ge⸗ dankens, der dem würdigen Pfarrer in den Kopf kam, als er nach Milford ging, um einen Geburtshelfer für ſeine Frau zu dolen. Alexandre Dumags. — 233 Eiligſt begab ich mich zum Arzte. Er war ausgegangen, und ich ſah mich genöthigt, eine halbe Stunde zu warten. In meiner Ungeduld war ich im Begriffe, mich an einen Andern zu wenden, als er nach Hauſe kam. Ich ſetzte ihm den Zweck meines Beſuches ausein⸗ ander; er gab ſogleich Befehl, zu ſatteln, und da er an dem Staube, der meine Kleider bedeckte, ſah, daß ich zu Fuße gekommen war, ſo erbot er ſich, mich hinter ihm auf ſeinem Pferde mitzunehmen. Doch Sie wiſſen, mein lieber Petrus, ich habe auf die Cultur meines Geiſtes eine ſo große Sorgfalt ver⸗ wendet, daß ich mich den Leibesübungen nur wenig widmen konnte, und eine von denjenigen, in welchen ich mir am wenigſten Geſchicklichkeit zutraue, iſt die Reitkunſt. Ich ſchlug alſo das freundliche Anerbieten des Doctors aus, indem ich zum Vorwande nahm, die Ueberlaſt, die durch mich das Pferd bekäme, würde den Reiter aufhalten, und die Sorge dieſes gelehrten Rei⸗ ters ſei für meine theure Jeannie das dringendſte Be⸗ dürfniß. Und dann, ich geſtehe es, ſtark wie Zeno gegen den Schmerz, der mich perſönlich betrifft, bin ich ſchwach wie ein Kind vor dem Schmerze Anderer, beſonders wenn der Andere derjenige Theil meines Herzens iſt, der in einem andern Körper lebt. Ich wünſchte daher, in meinem Egoismus, anzukommen, wenn Alles been⸗ digt wäre,— wobei ich mich überdies gegen ernſte Un⸗ fälle beruhigt fühlte durch die Ueberzeugung der un⸗ glücklichen Hebamme, Jeannie ſei gemacht, eher zwei Kinder zu bekommen, als eines. Beſtimmt durch die Gründe, die ich ihm angab, und beſonders durch den, der die Nothwendigkeit der Eile hervorhob, entzückt ohne Zweifel auch, ſein Pferd von der zweiten Laſt, welche das arme Thier bedroht hatte, zu erleichtern, nahm ſich der Doctor nur Zeit, mit einem Glaſe Portwein auf die glückliche Entbindung 234 von Jeannie zu trinken, ſchwang ſich auf ſein Roß und ritt in ſtarkem Trab in der Richtung von Waſton weg. Ich folgte ihm. Der Gedanke, den ich gehabt, mich mit Zeno zu vergleichen, blieb mir im Geiſte, und meine Einbildungs⸗ kraft kehrte in die ſchönen Zeiten des Alterthums zuruͤck. Ich fragte mich, warum dieſes Alterthum, das ſo be⸗ wunderungswürdig, ſo gelehrt, ſo voll Atticismus und Eleganz bei Aleibiades und Perikles, ſo voll Energie bei Krates und Diogenes, ganz materialiſtiſch ſei, ab⸗ geſehen von Sokrates und Plato. So repräſentirt Alles bis auf den Namen ſtoiſch, den man der Schule gegeben, deren Haupt Zeno iſt, im Alterthum die materielle Idee; denn ich brauche Ih⸗ nen nicht zu ſagen, mein lieber Petrus, daß ſtoiſch von groc kommt, was Säulenhalle bezeichnet, und zwar, weil Zeno ſeine Schule unter der berühmten Säulen⸗ halle von Athen hielt. Bei dieſem Zeno,— den einige falſche Gelehrte mit Zeno aus Elea verwechſelt haben, der unter Parmenides ſtudirte, als er ſein Vaterland hatte befreien wollen, in die Gewalt eines Tyrannen fiel (der Name dieſes Tyrannen iſt mir unbekannt; hat er ſich Ihnen durch Ihre gelehrten Forſchungen geoffen⸗ barek, ſo laſſen Sie ihn mich wiſſen*), in die Gewalt eines Tyrannen ſiel, ſage ich, und ſich die Zunge mit ſeinen Zähnen abbiß, um ſeine Genoſſen nicht zu ver⸗ rathen;— bei dieſem Zeno, ich wiederhole es, der in Kition auf der Inſel Cypern geboren und ein Schüler vom Cyniker Krates, von Stilpo, Diodor von Megara und den Akademikern Penokrates und Polemo iſt, fin⸗ den wir einige Begriffe von Gott und der Seele, ob⸗ ſchon er behauptet, alle unſere Ideen haben ihren erſten Urſprung in unſeren Sinnen. In der Naturwiſſenſchaft —— *) Ohne der gelehrten Anſicht von Petrus vorgreifen zu wollen, glauben wir, daß dieſer Tyrann Nearchos hieß. D. Ueberſ⸗ 235 unterſcheidet er in der That zwei Prineipien: das eine paſſiv, die Materie, den Körper; das andere activ, be⸗ lebend, Gott und die menſchliche Seele. Nach ihm iſt die Seele eine glühende Luft; Gott ein feuriges, allge⸗ mein verbreitetes Princip, das jedes Ding belebt und durch ſeine Vorſehung(rr9 νι),— denn er ſpricht das Wort aus, mein lieber Petrus,— und das durch ſeine Vorſehung alle Weſen nach den unmittelbaren Ge⸗ ſetzen der Ordnung und der Vernunft regiert. Und in dieſer Hinſicht entfernt er ſich vom Cyniker Krates, der trotz ſeiner Mißſtaltung, wie Sie wiſſen, die ſchöne und reiche Hipparchia heirathete, nachdem er alle ſeine Güter verkauft und den Preis derſelben unter ſeine Landsleute vertheilt hatte,— und von Stilpo, der die Realität der abſtracten Ideen leugnete und die Weisheit in der Antipathie und in der Unempfindlichkeit beſtehen ließ: ein falſcher Grundſatz, welcher aber nichtsdeſtoweniger die Augen von Demetrius Poliorketes dergeſtalt blendete, daß er, als er die Zerſtörung von Megara befahl, ſei⸗ den Soldaten das Haus des Philoſophen zu ſchonen gebot... Warum aber denn beinahe immer vom phyſiſchen Schmerze reden und beinahe nie vom moraliſchen Schmerze? Weil der göttliche Tröſter, derjenige, welcher ge⸗ kommen iſt, um dem Menſchen zu ſagen:„Mein Reich (und folglich das Deinige) iſt nicht von dieſer Welt,“ noch nicht erſchienen war. Ddieſer iſt wahrhaft der Gott der Betrübten’, mein lieber Petrus, und die Stütze, die er der menſchlichen Schwäche gab, war ſeine göttliche Stärke. Ich kehrte zurück, während ich alle dieſe Dinge mir ſelbſt ſagte, und wie ein Freund, der mit Euch ganz leiſe von der Vergangenheit ſpricht, ging mein Ge⸗ dächtniß unter einer beinahe ſichtbaren Form neben mir her und flüſterte mir Alles zu, was ich Ihnen wieder⸗ hole, mein lieber Petrus, und ich widmete dieſem eine ſo reelle Aufmerkſamkeit, daß ich, als ich auf den Platz 236 von Waſton kam, ſtehen blieb, um meinem Gedächtniſſe zu antworten, dem meine Vernunft einige Einwendun⸗ gen zu machen hatte. Mein Gedächtniß und meine Vernunft hatten aber eine völlige Discuſſion angefangen, der ich bei dem In⸗ tereſſe, das ich hieran nahm, ur weglich beiwohnte, bereit, ein gerechter Richter, denjenigen, welcher Necht hätte, den Prozeß gewinnen zu laſſen, als ich wie durch eine Wolke auf meiner Thürſchwelle Jemand, der mir Zeichen machte, zu erblicken glaubte. Ich ſchlug die Augen auf, es war Mary; Mary, die mich nicht nur mit der Geberde, ſondern auch mit der Stimme rief. „He! Herr Bemrode!“ rief ſie, meine Unbeweglich⸗ keit einem Zögern und meine Zögern der Furcht zu⸗ ſchreibend,„he! Herr Bemrode! kommen Sie doch, Alles iſt vorbei!“ „Wie!“ rief ich,„Alles iſt vorbei 2 „Ja, ja.“ Ich eilte nach dem Hauſe. „Jeannie iſt niedergekommen?« „Und glücklich, Gott ſei Dank, Herr Bemrode!“ „Ahl wie gut iſt Gott! wie groß iſt Gott!“ ſprach ich die Hände faltend. Und ich trat ins Haus ein. Unten an der Treppe begegnete ich dem Doctor; er trug ein Kind auf ſeinen Armen. „Sehen Sie, glücklicher Vater,“ ſagte er zu mir, „küſſen Sie Ihr Kind.“ „Ohl Doctor,“ rief ich, indem ich das Kind aus ſeinen Armen riß und an meine Bruſt drückte,„oh! Doctor, es iſt ein Sohn!... Doctor, in der That, Sie ſagten es wohl, ich bin ein glücklicher Vater!“ Und ich bedeckte das Neugeborene abermals mit Küſſen. 1 In dieſem Augenblick hörte ich Schreie eines Kin⸗ des im Zimmer von Jeannie. 237 „Ohl mein Gott!« fragte ich erbleichend,„was quäkt denn ſo!“ „Ei! das andere!“ erwiederte der Doctor. „Wie! das andere!“ rief ich. Und ich war nahe daran, das Kind aus meinen Armen rollen zu laſſen. „Allerdings das andere... das andere, das die Hebamme einwindelt... Miſtreß Bemrode hat Zwil⸗ linge geboren... Nun, was machen Sie denn?* Er nahm das Kind zurück, das ich zu tragen nicht mehr die Kraft hatte. Ich ſtieß einen Schrei aus und ſtürzte in das Zim⸗ mer, wo mich Jeannie mit offenen Armen erwartete, und mehr todt als lebendig ſank ich vor ihrem Bette auf die Kniee. „Oh! Zwillinge! Zwillinge!« rief ich. „Nun wohl!“ erwiederte mir Jeannie,„glaubſt Du, Gott ſei nicht maͤchtig genug, daß ſich ſeine Barm⸗ herzigkeit auf dieſe zwei armen kleinen Unſchuldigen erſtrecke 2 „Gewiß, Gott vermag Alles, was er will,« ant⸗ wortete ich mit einem Seufzer;„wird aber Gott wollen?« „Stille!« ſagte Jeannie;„bei Jedem iſt zwei⸗ ſeln nur zweifeln; bei Dir aber, mein Freund, bei Dir, dem Prieſter des Herrn, iſt zweifeln blasphe⸗ miren.“ Doch ich wiederholte nichtsdeſtoweniger leiſe und den Kopf ſchüttelnd: „Zwillinge! Zwillinge!“ 238 LII. Die Zwillinge. Da ſie nun aber einmal gekommen waren, die zwei armen Kinder, ſo mußten wir ſie ſo gut als immer möglich aufnehmen. Nur gab es kein Hinderniß, die Vorſichtsmaßregeln zu ergreifen, welche den verfluchten Einfluß des Geſtirns, das bei ihrer Geburt präſidirt hatte, neutraliſiren konnte. Vor Allem fing ich damit an, daß ich ſie taufte und. hiedurch unter die unmittelbare Obhut des Herrn ellte. Sie erinnern ſich, mein lieber Petrus, es wurde zur Zeit, wo Jeannie noch nicht einmal guter Hoffnung war, beſchloſſen, wenn ſie mir je eine Tochter gäbe, ſo ſollte dieſe Tochter Jeannie heißen, wie ihre Mutter, gäbe ſie mir aber einen Sohn, ſo ſollte dieſer Sohn William heißen, wie ich. Jeannie hatte mir in ihrer mütterlichen Verſchwen⸗ * dung nicht einen Sohn, nicht eine Tochter, ſondern zwei Knaben geſchenkt. Wir wünſchten, daß ſie, ſo weit dies möglich, unſere Namen führen ſollten. Dem zu Folge nannten wir den Einen,— den, welcher, weil er zuerſt gekommen, als der Aeltere angeſehen wurde,— William John, und den Andern,— das heißt den, welcher, weil er als der Zweite gekommen war, für den Jüngern galt,— John William.. Dieſe Gleichheit in den Namen, wobei der Unterſchied nur in ihrer Stellung beſtand, war um ſo gerechter, als die zwei Kinder ſich auf eine Weiſe ähnlich zu ſein verſprachen, welche ſpäter unſere väterliche und mütter⸗ liche Scharfſichtigkeit irre führen ſollte. Als dieſe erſte Maßregel getroffen war, beſchloß ich, im Alterthum alle 239 Situationen zu ſuchen, welche einige Analogie mit der der zwei Unglücklichen haben und mich, um ihr böſes Geſchick zu bekämpfen, mit der Erfahrung der Geſchichte und ſogar mit der der Fabel unterſtützen konnten. Sie wiſſen, mein lieber Petrus, Heroen und ſelbſt Götter des Alterthums waren der Gegenſtand von Weiſſa⸗ gungen denen ähnlich, welche meine theuren Zwillinge verfolgen. Zuerſt Jupiter. Es war Saturn prophezeit worden, einer von ſei⸗ nen Söhnen werde ihm den Thron rauben, den ihm ſein Vater Uranus unter der Bedingung abgetreten hatte, daß nach ſeinem Tode dieſer Thron an ſeinen Bruder Titan zurückfallen würde. Um die Prophezeiung, welche ihn wortbrüchig machen ſollte, zu neutraliſiren, ver⸗ ſchlang Saturn ſeine Kinder ſogleich bei ihrer Geburt. Er hatte ſchon nicht wenige auf dieſe Art verſchluckt, als Rhea, die den Jupiter geboren, dieſes Kind, füͤr das ſie eine größere Zärtlichkeit als für die andern em⸗ pfand, dem grauſamen Looſe, mit dem es bedroht war, zu entziehen beſchloß. Sie windelte deshalb einen Mark⸗ ſtein ein und reichte ihn Saturn, der ihn, ohne Zweifel in dieſem Augenblicke zerſtreut, verſchlang, ohne darauf Acht zu geben. Durch dieſe Unterſchiebung verwirklichte ſich die Prophezeiung, und von ſeinem Sohne entthront, ſtieg Saturn vom Himmel auf die Erde herab und rächte ſich dadurch, daß er die Welt mit der Regierung be⸗ ſchenkte, die man das goldene Zeitalter nannte. Trotz der getroffenen Maßregel ging alſo die Prophe⸗ zeiung in Erfuͤllung, was mich glauben läßt, daß, wie die von Jupiter, die unſere auch eines Tags in Erfül⸗ lung gehen werde, und zwar mit um ſo mehr Wahr⸗ ſcheinlichkeit, als mir das von Saturn angewandte Verfahren widerſtrebt, und ich mich, ſollte ich auch von einem meiner Söhne entthront werden, nie werde entſchließen können, ſie zu verſpeiſen. Sodann Achilles, der jüngere Bruder von ſieben 240 Kindern, welche im Schooße ihrer Mutter geſtorben. Ihm war ein glorreicher, aber frühzeitiger Tod prophezeit worden; als Thetis dieſes Kind ſah, das zuerſt zur be⸗ ſtimmten Zeit auf die Welt gekommen war und ſie mit dem Mutternamen begrüßt hatte, beſchloß ſie auch, ihren Sohn unverwundbar zu machen, und unterwarf das Kind einer auf dieſes Reſultat abzielenden Operation. Nur ſind die Geſchichtſchreiber oder vielmehr die Mythologen über dieſe Operation nicht einverſtanden. Apollonius von Rhodus behauptet poſitiv, Thetis habe ihren Sohn, um ihn unverwundbar zu machen, in das Waſſer des Styr getaucht, und dabei die mäch⸗ tige Formel geſprochen, welche die Ordnung der Natur verkehrte und die Unſterblichkeit verlieh. Unglücklicher Weiſe mußte ſie das Kind, damit es nicht unterſank, an irgend einem Punkte des Körpers halten. Thetis hielt Achilles bei der Ferſe; die Ferſe blieb trocken, und mit dem leichten Pfeile von Paris oder vielmehr von⸗ Alexander,— denn es iſt nun erwieſen, daß A4EE0s der wahre Name des Sohnes von Priamus und He⸗ cuba iſt,— und mit dem leichten Pfeile von Alexander drang der Tod in dieſe Feſte ein, die man hatte unein⸗ nehmbar machen wollen. Nach Apollodor wurde die Operation, ohne ein beſ⸗ ſeres Reſultat zu haben, auf eine andere Art vorge⸗ nommen. Achilles hatte kaum die Augen geöffnet, als ihn Thetis mit Ambroſia beſtrich und ins Feuer legte, um ihm Alles das zu benehmen, was an vergänglichen Elementen in ihm war. Leider hatte ſie vergeſſen, Pe⸗ leus hievon in Kenntniß zu ſetzen, und als dieſer er⸗ wachte und ſeinen Sohn mitten in den Flammen ſah, ſtürzte er aus ſeinem Bette, um ihn einer eingebildeten Gefahr zu entreißen, und bemächtigte ſich des Kindes, indem er es bei der Ferſe ergriff, eine verhängnißvolle, profane Berührung, welche Alles das, was Thetis ge⸗ than hatte, neutraliſirte. Mag nun die erſte oder die zweite von dieſen Ver⸗ 241 ſionen wahr ſein, das Orakel ging nichtsdeſtoweniger in Erfüllung, und, von einem unſterblichen Ruhme gekrönt, fiel Achilles, um ſich nicht mehr zu erheben, auf der Schwelle des Apollo⸗Tempels. Und bemerken Sie wohl, die Vorſichtsmaßregeln von Thetis hatten ſich nicht darauf beſchränkt, daß ſie ihren Sohn in den Styr getaucht oder mit Ambroſia beſtrichen. Die Prophezeiung, die ihr in ihrer Hoch⸗ zeitnacht gemacht worden war,— die Einen ſagen, von den Parzen, die Anderen ſagen von Themis,— hatte eine zu tiefe Spur in ihrem Geiſte oder vielmehr in ihrem Herzen hinterlaſſen. Mit vierzehn Jahren wird der zu⸗ künftige Freund von Patroklus zu ſeinem väterlichen Großvater Lykomedes geſchickt; denn man rüſtet ſich zum Kriege mit Troja, und Achill ſoll in dieſem Kriege den Tod finden. Der junge Held kommt nach Skyros in Weiberkleidern, aber ſo ſchön, daß Nireus, dieſer Sohn von Aglaia, der durchſichtigen Schönheit, und von Charops, dem anmuthigen Geſichte, ſich von ihm beſiegt erklärt. Hier bleibt er eine Zeit lang verborgen unter den Frauen, welche die junge Fürſtin Deidamia, die Tochter von Lykomedes, umge⸗ ben; Ulyſſes dringt aber in dieſen weiblichen Hof ein, zieht unter ſeinem Mantel ein Schwert und einen Schild bedur⸗ und Achilles offenbart ſich dem Ruhme und der iebe. Ich habe alſo auch nichts zu hoffen, wenn ich für meine Kinder das Beiſpiel von Thetis befolge. Ueber⸗ dies wüßte ich nicht, wo ich den Styr, der die Unver⸗ wundbarkeit verleiht, und die Ambroſta, welche unſterblich macht, finden ſollte. Ich ſetze nun meine Reyue fort und komme zu Oedipus, dem eine ganz andere Prophe⸗ zeiung gemacht worden war. Das Orakel hatte geſagt: „Das Kind, das von Laius und Jokaſte geboren wirh. wird ſeinen Vater tödten und ſeine Mutter hei⸗ athen. Der Pfarrer von Aſhbourn. II. 16 242 Gegen ſeine Gewohnheit war das Orakel diesmal we klar geweſen. Bo Das Kind wurde auch einige Stunden nach ſeiner Gr Geburt einem Hirten übergeben, der zugleich Befehl me bekam, es zu ermorden. Doch der Hirte durchbohrte nur die Füße des ver⸗ fluchten, namenloſen Kindes und hing es mittelſt eines Riemens an einen Baum: eine Bluttaufe, die dem der Knaben den Namen Oedipus von oldecy:, anſchwel⸗ me len, und nous, Fuß, gab. Ach! das Verhängniß wollte mi ſein Opfer nicht verlieren: Phorbas, ein Hirte von th Polybus, dem König von Korinth, lief auf die Schmer⸗ zensſchreie des Kindes herbei, band es los, und brachte 31 es nach dem Palaſte von Polybus; dieſer, der kein de Kind hatte, glaubte, der Knabe ſei ihm vom Himmel de geſandt, adoptirte ihn und ließ ihn wie ſeinen Sohn D erziehen. Sie kennen das Uebrige, mein lieber Petrus; P Sie kennen ſogar den Anfang, und gewiß eben ſo gut lie als ich, doch ich kann nicht umhin, bei allen dieſen in Einzelheiten zu verweilen, in der Hoffnung, darin einen ge Weg des Heils zu finden. Zum Unglück iſt das Ver⸗ ko hängniß ein Labyrinth, deſſen Faden die Vorſehung noch ſte Niemand gegeben hat. Eines von meinen Kindern töd⸗ we ten, damit es das andere nicht tödte, heißt mich deſſelben m Verbrechens ſchuldig machen, das ich dieſes begehen zu ſehen befürchte. Beide ausſetzen oder ein einziges aus⸗ ge ſetzen, würde nichts nützen. m Ich habe nur Etwas bemerkt: daß die ausgeſetztn de Kinder große Geſchicke hatten; hievon zeugen Bacchus, pf der Indien eroberte; Theſeus, der König von Athen ni wurde, und Romulus, der Rom gründete. Findet nicht die Aehnlichkeit zwiſchen Romulus und William John oder John William ſtatt, daß jener einen an Zwillingsbruder Remus hatte, und,— ich zogere dieſe Worte zu ſchreiben, mein lieber Petrus,— und daß er er ſeinen Bruder tödtete? 3 Ohl wäre ich nur wenigſtens ſicher, derjenige, w — — = 2 —— „* 243 welcher den andern überlebt, werde ein Eroberer ſein wie Bacchus, ein Ungeheuerbändiger wie Theſeus oder der Gründer einer Stadt wie Romulus, das würde nicht mein Herz tröſten, wohl aber meinem Stolze ſchmeicheln. Mein Stolz! Ah! mein Freund, ich habe da ein erſchreckliches Wort ausgeſprochen, ein Wort, dem ich mehr als je mißtrauen muß, heute, da der Herr, in⸗ dem er mir zwei Söhne bewilligt, meinen Freunden, wie meinen Feinden ſagen zu wollen ſcheint, er thue für mich nichts dem Aehnliches, was er für die Andern hut. Die Tage verliefen indeſſen unter allen dieſen Zweifeln, Meditationen und Träumereien. Nichts ſchien dem glücklichen Eintritte ins Leben der zwei Kinder und der raſchen Geneſung ihrer Mutter entgegen zu ſein. Da es uns, Gott ſei Dank, bei meinen zweihundert Pfund Gehalt nicht an Geld fehlte, ſo hatte man reich⸗ lich genug Wickelzeug zugerichtet, daß es, wenn auch in der Vorausſicht eines einzigen Kindes verſertigt, ſtreng genommen und für den Augenblick doch für zwei dienen konnte; es war alſo nur eine Supplementwiege zu be⸗ ſtellen, und wie zwei unſchuldige Engel benützten mittler⸗ weile die zwei Brüder daſſelbe Bett und ſchliefen ſich mit den Armen umſchlingend. Es vergingen nicht acht Tage, als die zweite Wiege ganz nach dem Muſter der erſten gemacht und durchaus mit denſelben Stoffen ausgeſchlagen und behängt war, damit von dieſer erſten Periode ihres Daſeins an die Ver⸗ pflichtung gegen die Zwillingsknaben übernommen wäre, nie für den Einen das zu thun, was man nicht für den Andern thun würde. Auf dieſe Art, indem wir ihnen einen gleichen Theil an unſerer Liebe gaben, hatten Jeannie und ich die gerechte Hoffnung, daß, wenn je eine Uneinigkeit zwiſchen ihnen entſtünde, ſie nicht durch unſere Parteilichkeit gegen John William oder gegen William John verurſacht werden würde. 16* 244 Es verſteht ſich übrigens von ſelbſt, daß ich, ob⸗ ſchon ich ſeit der Geburt der zwei Kinder die Erſchei⸗ nung der grauen Dame viel weniger fürchtete,— da ſie nach der Tradition gewöhnlich erſcheinen ſollte, um dieſe Geburt zu prophezeien,— nicht einen Augenblick von meinen Vorſichtsmaßregeln abgegangen war. Jeden Abend um zehn Uhr waren wir, die beiden Kinder, Jeannie und ich, im Schlafzimmer eingeſchloſſen, und um eilf Uhr,— ſo weit die Herren John William und William John die Erlaubniß hiezu gaben,— ſchlief alle Welt im Pfarrhauſe. Die Geneſung von Jeannie machte raſche Fort⸗ ſchritte, und am zehnten oder elften September konnte ſie aufſtehen, und ſie fing aufs Neue an den Geſchäften ihrer Haushaltung obzuliegen. Wir hatten Beide eine ſolche Angſt, es könnte dem einen oder dem andern von unſern lieben Kindern Unglück widerfahren, daß wir, da wir ſie nicht fremden Händen anvertrauen wollten, die geeigneten Anordnungen trafen, damit immer eines von uns Beiden bei ihren Wiegen wachte. Eines Abends, als die Reihe an mir war und Jeannie mit Mary ein kleines ſchwarzes Cabinet aus⸗ räumte, deſſen Benützung der Zuwachs unſerer Familie zu einem ſichtbaren Bedürfniſſe für uns machte,— ein Cabinet, das vielleicht ſeit zweihundert Jahren kein menſchliches Geſchöpf auf ſeiner Schwelle hatte erſchei⸗ nen ſehen,— dachte ich, es ſei Zeit, das große, herr⸗ liche Buch vom Ewigen Juden wiederaufzunehmen, und während ich, die Augen zum Himmel emporge⸗ richtet, mein Kinn in meiner Hand, Remus mit einem Fuße und Romulus mit dem andern wiegte, ſuchte in einen der Größe des Stoffes würdigen Eingang, als plötzlich die Thüre ſich öffnete und meine Frau, in der Hand ein Kiſtchen von geſchnitztem Holze haltend, eintrat. 5 „Höre, William,“ ſagte ſie zu mir,„hier iſt ein Kiſtchen, das ich in einem Winkel des ſchwarzen Cabi⸗ nets gefunden habe; ich konnte es nicht öffnen, da der Schlüſſel davon verloren gegangen iſt, doch Du wirſt es mit einem Meißel, mit einer Feile, mit irgend einem Werkzeuge öffnen... Gut Glück! und möchteſt Du nehe finden, was Du mit ſo großer Hartnäckigkeit uchſt!« Und ſie ſtellte das Kiſtchen auf meinen Schooß, kuͤßte mich nach ihrer Gewohnheit auf die Stirne und kehrte zu Mary zurück, nachdem ſie einen Blick auf unſere zwei kleinen Engel geworfen und ſich verſichert hatte, daß beide einen guten Schlaf ſchliefen. Sie ſchliefen in der That einen ſo guten Schlaf, daß, obſchon ich ſie zu wiegen ganz aufhörte, weder der eine, noch der andere erwachte. Ich hörte auf ſie zu wiegen, weil ich, ohne Zweifel durch eine Ahnung deſſen, was dieſes Kiſtchen enthielt, in dem Augenblicke, wo es Jeannie auf meinen Schooß ſetzte, etwas wie einen Schauer meinen ganzen Körper durchlaufen fühlte. Ich berührte dieſes wurmſtichige und mit einem zweihundertjährigen Staube bedeckte Kiſtchen mit einer Art von Angſt. Die Neugierde trug indeſſen den Sieg avon; ich hoffte Anfangs, es ohne fremde Mittel öffnen zu können; doch obſchon ich fühlte, daß Schlöſſer und Scharniere ſehr durch die Zeit verdorben waren, ſah ich bald ein, ohne irgend einen als Hebel dienenden Gegenſtand werde es mir nicht gelingen, den Deckel zu ſprengen. Ich ſtand auf und ſchaute umher. Auf dem Kamine lag ein kleines Zuckerbeil. Ich ſchob es in den Zwiſchenraum, wiegte von oben nach unten und ſprengte den Deckel. Das Kiſtchen enthielt ein mit Pergament umgebe⸗ nes Manuſcript. Dieſes erſte Blatt, das als Einband diente, trug zehn bis zwölf Zeilen von einer Schrift an ſich, die mir nicht unbekannt ſchien. 3 246 In der That, kaum hatten ſich meine Blicke auf fei dieſe Zeilen geheftet, als ich mich der Note vom ehr⸗ zu würdigen Doctor Martronius, Magiſter der Theologie und Pfarrer des Dorfes Waſton, erinnerte, welche Note ich in den Archiven ſtörend gefunden hatte. Die in lateiniſcher Sprache geſchriebenen Zeilen ſagten wortgetreu, was folgt: „Dieſes Manuſeript ohne Namen des Verfaſſers ſcheint mir geſchrieben worden zu ſein von der in der Ecke des Kirchhofes begrabenen unglücklichen Frau, de⸗ ren ſteinernes Kreuz durch meine Fürſorge reſtaurirt worden iſt. „In dieſer Ueberzeugung ſchließe ich es ſorgfältig hier ein, und ich empfehle meinen Nachfolgern, den Geiſtlichen der Pfarrei Waſton, in ihrem eigenen In⸗ tereſſe, für die Ruhe der Seele dieſer unglücklichen daſ⸗ ich ſelbe Mitleid zu haben, das ich ſelbſt gehabt habe. ſo „Möge es dem allmächtigen Herrn gefallen, ſie aus dem Orte des Leidens zu ziehen, in den ſie durch ih ihr Verbrechen verſenkt worden iſt, und ihr einen Platz, m und wäre es auch nur der letzte, in ſeinem göttlichen is Paradieſe zu bewilligen! Waſton, am 10. Juli des Jahres der li Menſchwerdung 1675. F „Albert Martronius.“ Dieſe Note verdoppelte, wie man wohl begreift, meine d Neugierde, eine Neugierde, welche, ich muß es geſtehen, w mein lieber Petrus, nicht ganz von Angſt frei wr. 4 Ich hob alſo mit einer, ein wenig zitternden, Hand u das erſte Pergamentblatt auf und kam zum Manu⸗ ſcripte ſelbſt. Ein vergelbtes Papier, das hundert Jahre älter te zu ſein ſchien, als die Decke, bot ſich meinen Augen. In eine einzige Zeile von ſeltſamem Ausdruck ein⸗ 1 geſchloſſen, zog ſich der Titel des Manuſcripts mit einer ſuß — — ½ 2 X 65 247 feinen, leicht zitternden Handſchrift mitten über dieſes zweite Blatt hin. Das Manuſeript war betitelt: Was eine Frau erdulden kann. LIII. Das Mannſeript der Selbſtmürderin. Ich las zweimal den Titel. Beim zweiten Male hatte ich keinen Zweifel mehr: ich hielt in der Hand, ich hatte in meinem Beſitze die ſo emſig geſuchte Geſchichte der armen Selbſtmörderin. Nachdem ich dieſen Schatz erlangt, brauchte ich ihn nur noch mit Ruhe zu genießen; zu dieſem Ende mußte ich mich iſoliren und dafür beſorgt ſein, daß ich von Niemand, da wo ich wäre, geſtört würde. Ich rief vor Allem Jeannie; ſie kam, wie gewöhn⸗ lich, mit lächelndem Geſichte.. „Wie weit biſt Du mit Deinen Anordnungen, liebe Frau?“« fragte ich ſie. 8 „Ohl mein Gott,“« erwiederte ſie,„ich bin ſogleich damit fertig, und ich wollte dann zu Dir heraufkommen, weil ich dachte, es könnte nöthig ſein, daß man Dich ablöſe... Haben die Kinder nicht geweint, daß Du meiner nicht bedurfteſt?« „Die Kinder haben geſchlafen wie zwei Cherubim; doch Du ſiehſt, meine Freundin, ſie errathen ihre Mut⸗ ter, und ſie erwachen nun und verlangen ihr Abendbrod.« Ddie Kinder machten in der That zu gleicher Zeit die Augen auf und drückten ihren Wunſch durch ein ſanftes Wimmern aus. 1 Jeannie ſetzte ſich und öffnete den Leib ihres Klei⸗ 248 des, während ich ein Kind nach dem andern aus der Wiege nahm und auf ihren Schooß legte. Bald hing jedes von ihnen an einer der Brüſte, in welche die gute und vorſichtige Natur die unverſieg⸗ bare Quelle ihres Daſeins eingeſchloſſen hatte. Es ließ ſich nichts ſo Schoͤnes, Liebliches, Reizen⸗ des denken, wie dieſe junge Mutter, die ihre Kinder auf dem Schooße hielt! Ich ſchaute ſie einen Augenblick an und preßte voll Bangigkeit das Manuſecript an meine Bruſt. Dann näherte ich mich der geliebten Gruppe, küßte die Mutter und die Kinder und ſagte: „Jeannie, das Kiſtchen, das Du mir brachteſt, ent⸗ hielt ein ſehr intereſſantes, merkwürdiges Manuſeript, das ich in der That ſeit langer Zeit ſuchte... Ich gehe in mein Cabinet hinab, um es zu leſen; ich werde es bis zum Ende leſen; das dauert vielleicht lange, denn die Handſchrift iſt ſchwierig; doch ſo lange auch dieſes Leſen dauern mag, ich wünſche nicht geſtört zu werden.“ Ich begleitete meine Bitte mit einem Blicke zum Himmel und ging hinaus, während,— ich wußte nicht, warum,— eine tiefe Traurigkeit mein Herz über⸗ ſtrömte. Ich rief Mary, die ſich noch nicht entfernt hatte. Sie war damit beſchäftigt, daß ſie meine Arbeits⸗ lampe zurichtete, denn ich hatte geſagt, ich wolle noch an demſelben Abend mein großes Werk anfangen. Ich ließ dieſe Lampe angezündet in mein Cabinet tragen, da es ſchon beinahe Nacht geworden war. Dann ſetzte ich mich an meinen Schreibtiſch, bedeu⸗ tete Mary durch ein Zeichen, ſie möge die Thüre hinter ſich zuziehen, damit ich ſo viel als möglich iſolirt wäre, und begann mit einem Intereſſe, das Sie begreifen wer⸗ den, folgende Leſung. 3 Das Manuſeript war, wie geſagt, betitelt: Was eine Frau erdulden kann. — 249 Was eine Frau erdulden kann. I. Es gibt in dieſer Welt Geſchöpfe, welche ohne Zwei⸗ fel dazu beſtimmt ſind, die Fehler und die Verbrechen ihres Nächſten zu ſühnen; ein Siegel wird ihnen bei ihrer Geburt aufgedrückt, und es iſt ihnen ebenſo wenig möglich, das Unglück zu vermeiden, als es der mitten aus ihrem Geburtswalde ausgewählten Eiche möglich iſt, nicht das zu werden, was dem Zimmermann anſte⸗ hen wird. Wird aus dem Eichenſtamme ein Richtblock, ſo iſt das nicht ſeine Schuld; es iſt die einer höhern Macht, die ihn in dieſer Abſicht abgeviert und in ſeine Nähe ein Beil gelegt hat, die die Köpfe herbeibringt und zu ſei⸗ nem Niveau beugt. 4 Ach! die Vergleichung iſt falſch; ich bin nicht die unempfindliche Eiche, die der Arm des Scharfrichters mit einem fremden Blute färbt; ich bin der Kopf ge⸗ beugt zum Niveau des Todes durch die Verzweiflung, dieſen Henker der Menſchheit, und ich erwarte, ſo nieder⸗ geworfen, den letzten Streich, mit dem mich zu treffen dem Herrn belieben wird. Am letzten Freitag, in der Nacht vom 28. auf den 29. September 1583, zwiſchen St. Gertrud und St. Michael, wie die Papiſten ſagen, habe ich meinen Mann, den dritten Pfarrer des Dorfes Waſton, verloren. Am Tage nach ſeinem Tode, ehe nur der würdige Mann, mit dem ich ſechsundzwanzig Jahre glücklich ge⸗ lebt, in's Grab gelegt war, kam ſchon ſein Nachfolger an. Das iſt ein Mann von hartem Geſichte, und ich bezweifle, ob die Pfarrkinder von Waſton unter ſeiner Leitung ſo glücklich ſein werden, als ſie es unter der meines armen Mannes geweſen ſind. Seine Frau ſcheint mir in phyſiſcher wie in mora⸗ 250 liſcher Hinſicht eine Null zu ſein; das Verwiſchte ihrer Züge prophezeit bei ihr eine geringe Erhabenheit der Gefühle. Sie haben zwei Kinder, Zwillinge, ziemlich hübſche Knaben, ſie ſcheinen mir aber durch die zu große Liebe, welche ihre Eltern für ſie hegen, verdorben zu ſein Sie kamen von Newport; ein Wagen mit ihrem Hausgeräth folgte ihnen. Es ſcheint, die Stelle meines armen Verſtorbenen iſt zu ſeinen Lebzeiten ſollicitirt und bewilligt worden. Man wird ihnen ſogleich einen Boten zugeſchickt haben: das muß ſo ſein, da ſie am andern Tage na dieſem Tode angekommen ſind. Der Leichnam ſeines Vorgängers war alſo noch da, als der neue Pfarrer eintraf. 2 Er wollte ſo gut ſein, uns, meiner Tochter Eliſa⸗ beth und mir, Zeit bis zum folgenden Tage zu gönnen, um dieſen Leichnam beerdigen zu laſſen. Zum Glück oder vielmehr zum Unglück,— denn viele Schmerzen find vielleicht für mich unter dieſer ſcheinbaren Gunſt verborgen,— zum Glück beſteht eines von den mit der Pfarrei verbundenen Privilegien da⸗ rin, daß die Witwe des letzten Geiſtlichen eine Woh⸗ nung im Pfarrhauſe behält. Dieſe Wohnung haben wir ſchon gewählt, Betſy und ich, und zwar in den beſcheidenſten Bedingungen, um den neuen Pfarrer ſo wenig als möglich zu belä⸗ ſtigen. Es iſt eine große Stube im zweiten Stocke, zwiſchen ſinem Speicher und einer Art von Weißzeugkammer ge⸗ egen. Ich wollte die Weißzeugkammer meiner Wohnung beifügen, und ich hatte das Recht dazu; doch meine arme Betſy ſagte mit ihrem ſo ſanften, ſo ſchwermüthi⸗ gen Tone zu mir: „Gute Mutter, trennen wir uns nicht, nicht einmal durch eine Scheidewand; wir glaubten unſern geliebten 251 Todten noch zehn, fünfzehn, vielleicht zwanzig Jahre zu behalten, und nun verläßt er uns, und wir müſſen uns von ihm trennen. Wer weiß, Gott ausgenommen, wie lange oder wie kurz wir hienieden beiſammen bleiben werden 2 Und zum erſten Male, während die Arme dieſe Worte ſprach, ſchaute ich ſie mit Beſorgniß an. Zum erſten Male bemerkte ich die Schwäche ihrer ganzen reizenden Perſon, die Dunne ihrer Haare, die Durchſichtigkeit ihrer Haut, welche das Blut ſtellenweiſe färbt, die Klarheit ihrer Augen, die gemacht ſcheinen, um zu frühe den Himmel zu reflectiren, die Röthe ihrer Lippen, die Biegſamkeit ihres, für ihren Wuchs ein we⸗ nig zu langen, Halſes, die geringe Entwickelung ihrer Schultern, die Enge ihrer Bruſt und jene Art von kin⸗ diſcher Mattigkeit, welche ſie vorwärts beugt. Und indem ich ſie ſo anſchaute, fühlte ich einen dum⸗ pfen Schmerz mir in's Herz ſchneiden und eine eiſige Thräne zu meinen Augen aufſteigen. „Oh! ja,“ rief ich,„Du haſt Recht, mein Kind, verlaſſen wir uns nicht eine Minute, nicht einen Augen⸗ blick; denn die Augenblicke, wo man ſich unnöthig ver⸗ laſſen hat, ſind da wie eben ſo viele Gewiſſensbiſſe, wenn man ſich für die Ewigkeit trennen muß.“ Dem zu Folge wählten wir eine einzige Stube, die von mir genannte. Wir werden allerdings enge wohnen; wird aber derjenige, welchen wir beklagen, nicht noch enger wohnen, als wir? O letzte Behauſung, du ſcheinſt mir die einzige zu ſein, wo man Ruhe findet! und wer weiß?... Die Stunde uns für immer auf dieſer Welt, — Betſy von ihrem Vater, ich von meinem Manne,— zu trennen, iſt gekommen. Ich wollte nicht, daß der arme Verſtorbene durch die fremden Händen des Man⸗ nes beſtattet werde, der uns aus der Stube vertrieben hatte, wo meine Tochter geboren worden und er geſtor⸗ ben iſt; ich benachrichtigte daher den ehrwürdigen Pfar⸗ rer von Milford, John Muller, unſern zwanzigjährigen 2⁵5² Freund, und er kam zur beſtimmten Zeit mit ſeiner Frau und ſeinen zwei Töchtern an. Der würdige Mann brachte Gebete für den Todten und Thränen fuͤr diejenigen, welche ihn überleben. Wir haben keinen Verwandten, daß ich wüßte, auf der Welt, und meine Tochter und ich ſind die Letzten der Familie. Hat Gott uns, die Eine und die Andere, zu ſich genommen,— wenn nicht etwa Betſy heirathet und Kinder hinterläßt,— ſo wird keine andere Spur von unſerer Familie übrig bleiben, als die leichte Erhöhung, die ſich auf den Gräbern bildet, in einigen Jahren jedoch ſelbſt wieder unter dem Graſe verſchwindet. Und wir werden ſo verſchwinden! denn, mein Gott! wer wird in einer höheren Stellung eine Waiſe ohne Vermögen heirathen wollen? Und die Frau eines Arbei⸗ ters werden,— dazu wird Betſy, wie ich, nie ein⸗ willigen! Die Ankunft des guten Herrn Muller hat eine neue Thränenquelle geöffnet. Ach! bei den großen Unglücks⸗ fällen und wenn man heftig geweint hat, denkt man bisweilen, die Quelle ſei erſchöpft, verſiegt bis auf den letzten Tropfen; man fragt ſich, da man ſein Herz trocken und ſeine Augenlider brennend fühlt, woher man neue Thränen nehmen werde; und plötzlich, beim Anhören eines einzigen Wortes, beim Anblicke eines al⸗ ten Freundes, ſchwillt das Herz von Neuem, die Thränen ſteigen, der Damm bricht und das Geſicht bedeckt ſich mit Zaͤhren, welche zahlreicher und trauriger als je. Dies geſchah bei uns, als wir auf der Schwelle des Hauſes Herrn Muller und ſeine Familie erſcheinen ſahen. Ihr Anblick war eine zweite Trennung zwiſchen uns und dem vielgeliebten Todten; bis zur Ankunft von Miſtreß Muller und ihren zwei Töchtern waren wir, Betſy und ich, in der Leichenſtube geblieben und hatten von Zeit zu Zeit unſere Lippen auf den unempfindlichen Sarg gedrückt, als müßten ſie das Holz durchdringen und den N +S—. B 8— 8S=SAEA 253 Todten in ſeinem Leichentuche beben machen. Als aber Herr Muller gekommen war, da mußten wir den Sarg dem Todtengräber, den Leib dem Grabe, die Seele der Ewigkeit übergeben! Wir ſagten ein letztes Gott befohlen! dieſer Materie, die uns ſo ſehr geliebt, und ließen uns von Miſtreß Muller und ihren Töchtern in die Stube fortziehen, wo wir fortan wohnen ſollten. Uebrigens,— und dies war, als wir es bemerkten, ein großer Troſt für uns,— übrigens ſah man von den Fenſtern dieſer Stube in den Kirchhof. Beinahe mitten auf dem Gottesacker wartete ein gähnendes Grab: es war das, welches, ſich füllend, die Ewigkeit zwiſchen uns und einen Vater und einen Gatten ſetzen ſollte. Ohl als ich in dieſe Stube eintrat und dieſes aus⸗ gehöhlte Grab ſah, da war meine Erſchütterung ſo hef⸗ tig, daß ich in Ohnmacht zu fallen glaubte. Doch Betſy näherte ſich mir, hielt mich mitten um den Leib feſt und flüſterte mir ins Ohr: „Gute Mutter, ſei ruhig, es bleibt für uns Platz bei ihm.“ Sie weiß zu tröſten! Meine Thränen floſſen ſanfter; dieſe wenigen Worte hatten die Hoffnung darein gemiſcht, und mit meinem geliebten Gatten wiedervereinigt werden hieß doch meine theure Tochter verlaſſen. Aber das Herz hat ſeine Myſterien, ſeinen wahn⸗ ſinnigen Glauben, ſeine unmöglichen Hoffnungen. Dieſe paar Worte meines Kindes thaten mir mehr wohl, als die freundſchaftlichen Litaneien von Miſtreß Muller und ihren zwei Töchtern. Es iſt wahr, dieſe Worte wurden von Betſy ge⸗ ſprochen: von einer jeden Andern, als von ihr geſagt, zten ſie vielleicht kalt an meinem Schmerze abge⸗ glitten. Mittlerweile trug man den Leichnam weg. Der dumpfe Schall der Glocke verkündigte uns, daß er in 25⁵4 die Kirche kam; dann verging eine lange Zeit, wäh⸗ rend welcher kein Geraͤuſch unſer Ohr erreichte. Man ſprach ganz leiſe die Todtengebete, die, mit halber Stimme auf der Erde geſagt, den Raum durch⸗ dringen und auf den Flügeln des Glaubens zum Him⸗ mel emporſteigen. Plötzlich nahm die Glocke wieder ihre düſteren Klänge, ihre unheimlichen Vibrirungen an. Sie verkündigte uns, daß der Leichnam die Kirche verließ, um ſich nach dem Friedhofe zu begeben. Bei jeder dieſer Nachrichten, die uns das Beben der Luft vom theuren Hingeſchiedenen brachte, nahmen die Thraͤnen, die wir verſiegt geglaubt hatten, wieder ihren Lauf; das Schluchzen, das wir erloſchen gewähnt, ſprang wieder aus unſerer Kehle hervor. Wir ſaßen; doch durch eine ähnliche und gleichzei⸗ tige Bewegung ſtanden wir Beide auf und traten ans enſter. Es handelte ſich für unſere Augen und für unſere Herzen beſonders darum, den Sarg zum letzten Male zu ſehen. Miſtreß Muller und ihre Töchter, welche ohne Zwei⸗ fel befürchteten, dieſer Anblick werde unſern Schmerz bis zu ſeinem Paroxismus ſteigern, wollten uns nach einem Punkte der Stube dem entgegengeſetzt, welchen wir ſuchten, fartziehen, nach einem Punkte, von wo aus ſich unmöglich die Entwickelung des Leichenbegäng⸗ niſſes ſehen ließ. Unſere grauſamſten Feinde hätten nicht gegen uns verſucht, was dieſe ungeſchickten Freunde verſuchten. Am Ausdrucke unſerer Phyſiognomie, an der Ge⸗ berde, durch die wir ſie zurückwieſen, erkannten ſie, man müſſe uns ganz unſerem Entſchluſſe und unſerem Schmerze überlaſſen. Sie ließen uns den Weg frei. Betſy umſchlang mich: das ſchwache Kind, der arme Epheu hatte, wenn nicht die Macht, doch wenigſtens den Willen, mich aufrecht zu halten. Wir ſahen zuerſt die Leute vom Dorfe hereinkom⸗ men, welche einen großen Kreis um das offene Grab bildeten, dann die Diener der Kirche, Cantoren, Meß⸗ ner; dann kam Herr Muller, wahrhaft würdig, wahr⸗ haft ſchön. 1 Man gewahrte an ſeinem Blicke, an ſeiner melancho⸗ liſchen Heiterkeit, an ſeiner Ruhe voll Hoffnung und Reſig⸗ nation, daß er die ganze Größe der Sendung fühlte, die der Menſch vollbringt, wenn er mit ſeinem Gebete die Seele geleitet, die von der Erde zum Himmel aufſteigt. Hinter ihm gingen die Träger. Zwei Todtengräber warteten, der Eine auf ſeinen Spaten, der Andere auf ſeine Haue geſtützt, Beide in verſchiedener Haltung. Als der Leichnam ſich näherte, traten ſie auf die Seite, um ihm Platz zu machen. Das letzte menſchliche Werk war vollbracht. Die Träger ſetzten einen Augenblick den kahlen Sarg an den Rand des Grabes; wir waren ſo nahe dabei, daß wir die Nägel und die Schlöſſer ſehen konnten. Ich ſage wir, denn ich bin feſt überzeugt, was ich ſah, ſah Betſy zu gleicher Zeit. Man murmelte noch ein paar Gebete. Dann hoben die Träger den Sarg auf, nicht mehr mit der Tragbahre, ſondern mit den Seilen, hielten ihn einige Secunden im Gleichgewichte über dem Grabe und verſenkten ihn ſofort in den Abgrund, von wo der herchi⸗ zu Gott betet und wo der Sünder zum Herrn reit. Dann, als der Sarg den Boden berührt hatte, ließen zwei von den Trägern das Seil los, das ſie hielten, die zwei Andern zogen es an ſich, und die beiden Taue wanden ſich wieder, beweglich wie zwei Schlangen, auf der Erde und blieben endlich unbeweglich liegen. Da näherten ſich die zwei Todtengräber; der Eine 25⁵6 ſtieß ſeine Haue, der Andere ſeinen Spaten in die fri⸗ ſche Erde. Ich fühlte, daß dieſe erſte auf den Sarg geworfene Schaufel voll Erde die wahre Trennung, die unüber⸗ ſteigbare Mauer war. Ich ſtürzte nach dem Fenſter, um es zu öffnen: die drei Frauen ſtießen einen Schrei aus. Sie wußten nicht, was ich thun wollte. Nur Betſy, ſie wußte es. Sie ſtreckte ihnen auch die Hand entgegen und ſagte: „Laßt ſie!“ Ich öffnete das Fenſter, und ehe die Erde auf dem Sarge ertönt hatte, riefen wir Beide einſtimmig: „Gott befohlen!“ In dieſem Augenblicke rollte die Erde dumpf und beinahe murrend auf den Sarg. Mirr ſchien, dieſe erſte Schaufel voll falle auf mein Herz und begrabe es mit dem, welcher nicht mehr war. Ich gab einen ſchwachen Schrei von mir und fiel in Ohnmacht. Ich war beim Ende meiner Kraft, aber nicht beim Ende meines Schmerzes. Nach dieſen Ohnmachten der Seele, welche auf die großen Kataſtrophen des Herzens folgen, iſt es ſehr ſelten,— wenn dies nicht etwa bei ausnahmsweiſen Na⸗ turen geſchieht,— es iſt ſehr ſelten, ſage ich, daß der Körper ſogleich wieder ſeine Fähigkeiten erlangt. Es breitet ſich dann über das Leben etwas wie ein ſchwar⸗ zer Schleier aus; es bildet ſich dann im Daſein etwas wie eine finſtere Nacht; hinter dieſen dunklen Schleier und in die Tiefen dieſer Nacht kann die Erinnerung nicht tauchen, oder wenn ſie hineintaucht, ſo kann ſie nicht deutlich ſehen, was darin vorgeht. Ebenſo gibt es zwiſchen dem Wachen und dem Schlafen einige ungreifbare Minuten, während welcher alle Gegenſtände eine Aſchfarbe annehmen und ihre Um⸗ riſſe in dem phantaſtiſchen Nebel verlieren, den von ihren —,— —,— 257 ſchweigſamen Flügeln die Geiſter der Nacht zu ſchütteln ſcheinen. 1 In dieſen Augenblicken weiß man nicht, wie man ebt.. Nach dieſen Augenblicken weiß man nicht, wie man gelebt hat. Dann, endlich, kommt die Stunde, wo die Materie ſich wiederbeſeelt, wo der Körper wiedergeboren wird, wo allmälig alle Bedürfniſſe des Lebens wieder in ihre Rechte eintreten, ſich durch einen Schmerz fühlbar ma⸗ chen, und wo man ſich ſagt: „Ich lebe, da ich leide.“ Als ich aus dieſem Zuſtande der Fühlloſigkeit, den ich zu ſchildern verſucht habe, hervortrat, weinte meine Tochter am Fuße meines Bettes, und die Kinder des neuen Pfarrers ſpielten geräuſchvoll im Hofe 4 II. Sobald ich zum Leben zurückgekehrt war, mußte ich mich mit ſeinen Nothwendigkeiten beſchäftigen. Der Gehalt der Pfarrei war ſchwach: mein armer Mann bezog im Ganzen ſechzig Pfund Sterling jaͤhrlich. Keine Penſion war den Witwen der Pfarrer eines unglücklichen Dörfchens von Wales bewilligt. Nur zwei Geiſtliche hatten das Pfarrhaus vor uns bewohnt. Der Erſte war nie verheirathet. Der Zweite war es, doch ſeine Frau unterlag vor ihm. Bis dahin hatte alſo das Schauſpiel der Noth einer Witwe die Gemeinde noch nicht durch ſeinen betrüben⸗ den Anblick in Anſpruch genommen. Ich war die Erſte, an der das Unglück dieſen Ver⸗ ſuch machte. Im Verlaufe der fünfundzwanzig Jahre, in denen wir das Pfarrhaus bewohnt, hatten wir einige Erſpar⸗ niſſe gemacht: ungefähr einen Jahresgehalt. Der Pfarrer von Aſhbourn. II, 17 258 Doch die Krankheit meines Mannes hatte die Hälfte dieſer Summe weggenommen. In dem Augenblicke, wo der würdige Mann ſtarb, blieben mir alſo kaum fuͤnfundzwanzig Pfund Sterling. Das Hauptſächlichſte vom Mobiliar gehörte zum Pfarrhauſe; nur war in einer Art von Urkunde, die der Witwe des todten Pfarrers eine Wohnung zuſchied, geſagt, dieſe Witwe könne von dem Mobiliar, das zeitweiſe das ihrige geweſen, alle Gegenſtände behalten, welche als durchaus nothwendig erachtet werden. Ich war beſcheiden in meiner Wahl: ein Bett von Eichenholz für mich, eine Art von Gurtbett für meine Tochter, zwei Strohſtühle, zwei Lehnſtühle, ein Spie⸗ gel, ein Tiſch, ein Schrank, einiges Küchengeräthe, hier⸗ auf beſchränkten ſich alle meine Anſprüche. Ich ließ den neuen Pfarrer heraufkommen, damit er ſelbſt die Beſcheidenheit meiner Wünſche beurtheilen möge. Er inventirte gleichſam das Ganze mit ſeinem har⸗ ten Auge und ſagte: 3 „Es iſt gut; wenn Sie noch Etwas brauchen, ſo nehmen Sie es; nur nehmen Sie Alles ſogleich, damit wir einander nicht beläſtigen.“* „Ich danke Ihnen,“ erwiederte ich,„wir haben Alles, was wir brauchen.“ 5 Waͤhrend dieſer Zeit ſchauten die zwei Kinder, die auf der Treppe ſtanden, mit einem neugierigen Blicke durch die halbgeöffnete Thüre und bildeten einen Con⸗ traſt durch ihr Gelächter mit meiner armen Eliſabeth, welche weinte. Das Gelächter dieſer Kinder war mir ſchmerzlich; ich ging auf die Thuͤre zu, um ſie zu ſchließen. Doch meine Abſicht begreifend, ſagte der Pfarrer: „Es iſt unnöthig, ich gehe.“ 5 8 Und er entfernte ſich in der That. Auf einen Wink folgten ihm ſeine Kinder, doch nicht ohne ſich umzuwenden und durch ihr Gelächter un⸗ ſer Elend zu beleidigen. e 2* 2 — 259 Vielleicht ſieht auch mein leidendes Herz das Uebel da, wo es nicht iſt; die Sorgloſigkeit des Alters dieſer Kinder iſt vielleicht ihr einziges Verbrechen gegen mich. Mir ſcheint indeſſen, jedes Alter, ſo unwiſſend es ſein mag, achtet die Thränen. Der Schmerz iſt eine von den Seiten der Gottheit. Ohne Zweifel hatte Eliſabeth, obgleich ſie nichts geſagt, obgleich ſie die Heiterkeit der Kinder, die mir ſo ſchmerzlich geweſen, nicht zu bemerken geſchienen, dieſe Heiterkeit grauſam angegriffen; denn ſie ſtrich mit der Hand über ihre von Schweiß befeuchtete Stirne und ſtand auf, um das Fenſter zu öffnen; doch auf dem halben Wege,— ich folgte unabläſſig mit den Augen und mit dem Blicke einer Mutter dem armen Kinde,— doch auf halbem Wege blieb ſie ſtehen, erbleichte, wankte und rief, die Arme ausſtreckend, als wollte ſie ihrer Bruſt Luft geben: 4 „Ah! mein Gott! was habe ich denn, Mutter? Mir ſcheint, ich athme nicht mehr, ich erſticke.« Sie war in der That nahe daran, erſtickend nieder⸗ zufallen, als ich auf ſie zulief, ſie auf einen Stuhl ſetzte und den Stuhl an das Fenſter zog, das ich öffnete. Nach einigen Anſtrengungen, welche meine Bruſt noch mehr zerriſſen, als die ihrige, fand ſie am Ende ihren verlorenen Athem wieder, und mit dem Athem ſchien das Leben in ſie zurückzukehren. Ihre Augen öffneten ſich wieder, aber feucht; ihre vertrockneten Lippen verlangten Waſſer, und das Blut, als wäre es ihm erlaubt geweſen, ſeinen unterbrochenen Lauf wieder zu nehmen, floß haſtig nach den Schläfen, die es lebhaft ſchlagen machte, und nach den Wangen, die es mit Flammenflecken färbte. Ach! ſollte denn das arme Kind kränker ſein, als ich glaube? Ich werde unſere Freunde vom Dorfe bitten, ſie mögen den Arzt von Milford, wenn er zum Beſuche nach Waſton kommt, veranlaſſen, zu uns heraufzugehen. 17 260 Wir wurden, Eliſabeth in ihrer Rückkehr zum Le⸗ ben, ich in meinen traurigen Vorherſehungen, durch den Gewürzkrämer des Dorfes unterbrochen: er brachte mir die Rechnung von dem, was ich ihm ſchuldig war, zwanzig Schillinge, und kam, um uns zu ſagen, ſtatt vierteljährlich mit ihm abzurechnen, bitte er uns, fortan Alles gegen baar Geld zu nehmen oder an einen Andern die Ehre unſerer Kundſchaft zu übertragen. Ich begriff vollkommen, daß er, da er wußte, die Quelle unſeres Einkommens ſei durch den Tod meines armen Mannes verſiegt, in ſeinem geringen Vertrauen zur Zahlungsfähigkeit einer Witwe und einer Waiſe, dieſen keinen Credit zu geben wünſchte. Ich antwortete ihm ſtolz, ohne eine Veränderung in der Stimme, aber in Wirklichkeit mit thränenvollem Herzen, ſein neuer Beſchluß ſtehe ganz im Einklange mit dem unſern, gab ihm die zwanzig Schillinge, die er von mir forderte, und entließ ihn. Er war ohne Zweifel auf dieſe ſcheinbare Sanft⸗ muth und auf die ſchnelle Bezahlung ſeines kleinen Guthabens nicht gefaßt; denn auf dem Ruheplatze und ehe er ſich von mir trennte, verſuchte er es, einige Ent⸗ ſchuldigungen zu ſtammeln, welche ſich auf die Noth der Zeit und auf die Ermahnungen zur Sparſamkeit, die ihm ſeine Frau gebe, bezogen. Ohne ihn anzuhören, ſchloß ich die Thüre hinter ihm. Ich habe mir ſicherlich hiedurch einen Feind gemacht, während ich aber den Muth beſaß, ſeine Härte zu dul⸗ den, beſaß ich doch nicht den, ſeine Plattheit zu ertragen. Offenbar befürchtet er, unſere Kundſchaft, ſo elend ſte geworden iſt, zu verlieren. Ohl mein Gott! wenn es uns einmal an Gelde fehlt, was wird aus uns werden, aus meiner armen Betſy und mir, mitten unter einer Menſchheit, welche im Großen oder im Kleinen nach dem Muſter des Man⸗ nes geſchnitten iſt, der uns ſo eben verläßt? Wir fruͤhſtückten gewöhnlich eine Taſſe Milch. Unſer —,=BͤRX S 261 armer Verſtorbener,— der nicht ohne Beſorgniß für die Geſundheit ſeiner Tochter war und zuweilen mit einer ganz väterlichen Traurigkeit dieſe ſchwächliche Natur an⸗ ſchaute,— unſer armer Verſtorbener ſagte, die Milch ſe das beſte Nahrungsmittel, das ſie zu ſich nehmen önne. Um Betſy an dieſes Frühſtück zu gewöhnen, gegen das ſie Anfangs einen gewiſſen Widerwillen hatte, ge⸗ wöhnte ich mich an die Milch wie ſie und mit ihr. Am andern Morgen nach dem Tage, wo wir den Beſuch vom Gewürzkrämer erhalten hatten, bemerkten wir,— denn unſere Sorgſamkeit für einander war gleich,— wir bemerkten, ſage ich, daß weder die Eine noch die Andere von uns Honig in die Milch goß. Eine Einzige hätte die Entſchuldigung finden kön⸗ nen, ſie liebe das mehr ſo, aber wir Beide konnten uns nur einander in die Arme werfen und weinen. Endlich kam Eliſabeth zuerſt zu ſich. „Mama,“ ſagte ſie,„Gott ſei Dank, mein Vater hat mir eine gute Erziehung gegeben; obgleich wir in Wales wohnten, verſtehe ich doch das Engliſche und das Franzöſiſche; mir ſcheint, ich könnte in ein adeliges Haus eintreten, um die Erziehung einer Tochter zu leiten, oder bei einem reichen Kaufmann von Pembroke oder von Milford, um die Bücher zu führen.“ „Ja, gewiß mein Kind, das iſt möglich,“ erwie⸗ derte ich,„doch dann werden wir uns verlaſſen müſſen.“ Eliſabeth ſchlug die Augen zum Himmel auf und ſtieß einen Seufzer aus. Sie ſchien zu ſagen:„Ah! mein Vater, er hat uns auch verlaſſen, und zwar fuͤr immer. Gott lehrt uns durch dieſe ewige Trennung, daß es noch ein Glück iſt, ſich nur zeitweiſe zu verlaſſen.“ Ich wollte Alles bis auf den Gedanken entfernen, den die arme Geliebte in meinem Geiſte entſtehen ge⸗ macht hatte, und ſprach: „Mein Kind, zum Glücke ſind wir noch nicht ſo weit. Mit Sparſamkeit können wir von unſerem kleinen 26² Schatze ein Jahr und ſogar länger leben. Nun denn! iſt die ſchmerzliche Stunde gekommen, ſo werden wir Gott um die Kraft bitten, und ich hoffe, Gott wird ſie uns geben.“ Wir leerten dann vollends, jede ihrerſeits, unſere Taſſe Milch, und nach drei Tagen hatten wir uns voll⸗ kommen daran gewöhnt, ſie ohne Honig zu nehmen; wir fanden ſogar hiebei eine Feinheit des Geſchmacks, die wir bis dahin nicht wahrgenommen hatten. Ich war es, die dieſe Wahrnehmung zuerſt machte. „»Schau', Mutter,“ ſagte Eliſabeth,„ſchau', wie viele Bedürfniſſe die Gewohnheit ſchafft, und wie viele Dinge man, ohne darunter zu leiden, entbehren kann, wenn man nur recht will.“ Dieſe Bemerkung meiner armen Kleinen war das Signal zu neuen Reformen: Alles, was wir von unſe⸗ rem, ſchon ſo beſcheidenen, Leben abſchneiden konnten, wurde abgeſchnitten, und durch dieſe Sparſamkeit reichten wir, ohne eine einzige Schuld im Dorfe zu machen, mit weniger als zwölf Guineen ſechs Monate lang gus. Nur war die Erfahrung gemacht: es ließ ſich un⸗ möglich weniger ausgeben, als wir ausgaben. Wir hatten alſo noch ſechs Monate zu leben, wie wir gelebt, und dann wäre Alles vorbei. Ueberdies betrachtete ich von Zeit zu Zeit meine arme Eliſabeth mit wachſender Beſorgniß; obgleich ſie ſich nie beklagte, obgleich ſie, ſo oft ihr Blick dem mei⸗ nigen begegnete, zu lächeln ſuchte, obgleich ſie mich bei jeder Gelegenheit durch ein kleines Zeichen mit dem Kopfe beruhigte, veränderte ſie ſich ſichtbar,— beſonders für das Auge einer Mutter. Dann entſchlüpfte ihr zuweilen ein kurzer, nervöſer Huſten, anhaltender und hartnäckiger, wenn der Wind von Norden kam, und Schauer durchliefen ihren gan⸗ zen Körper, obgleich ihre Hände trocken und ſogar bren⸗ nend waren. Sie litt offenbar, doch wenn ich ſie über dieſes 263 Leiden befragte, war es ihr weder möglich, mir zu ſa⸗ gen, was die Urſache davon, noch wo der Sitz deſſelben. Allerdings nahm, ſo wie ihr Körper gegen ein zer⸗ ſtörendes Princip zu kämpfen ſchien, der Kopf eine im⸗ mer mehr göttliche Lieblichkeit an: lebend, ſchien ſie zum Himmel aufzuſteigen und ſich zum Engel zu machen, obgleich ſie noch auf der Erde war. Ich ſagte, ſie habe zuerſt den Gedanken einer Tren⸗ nung ausgeſprochen, und dennoch proteſtirten jedes von ihren Worten, jede von ihren Handlungen zum Voraus gegen eine ſolche Eventualität. Sie war vertraut mit allen Nadelarbeiten und ſtickte beſonders wie eine Fee. Sie ging ans Geſchäft und verrichtete Wunder; doch, abgeſehen von der Schwierigkeit, Nutzen aus dieſen Meiſterwerken in einem Dörfchen wie Waſton zu ziehen, war ſie genöthigt, auf die Arbeit zu verzichten. Sich gebückt halten erſtickte ſie. Von Zeit zu Zeit ſtand ſie auf, ſchüttelte den Kopf, verſuchte es, zu ath⸗ men, ſank aber bald unter entſetzlichen Krämpfen wieder auf ihren Stuhl und ließ den Kopf zurückfallen. Da vor Allem die Geſundheit des theuren Kindes erhalten werden mußte, ſo trat ich mit meiner mütter⸗ lichen Autorität dazwiſchen, und die Arbeit wurde unter⸗ brochen. 1 Es kam der Winter: wir hatten ohne ihn gerechnet. Dieſe Stube, welche unter den Ziegeln lag und im Sommer ein Ofen war, wurde im Winter eiskalt. Wir konnten unmöglich des Holzes und der Kohlen entbehren; eher hätten wir des Brodes entbehrt. Ueberdies huſtete die arme Betſy heftiger und an⸗ haltender als zuvor, ſeitdem die Kälte eingetreten war. Dieſer Huſten zerriß mir die Bruſt, und in der Hoff⸗ nung, ihn aufhören zu machen, wenn ich die Atmo⸗ ſphäre erwärmte, die uns umgab, hätte ich Alles, bis auf das Holz meines Bettes, ins Feuer geworfen. Eines Tags ſah ich, wie ſie ihr Taſchentuch mit Beſorgniß anſchaute. 264 „O meine Mutter,“ ſagte ſie,„was habe ich denn? Ich ſpeie Blut!“. Der Schlag traf mich um ſo ſchmerzlicher im Her⸗ zen, als ich ihr meine Angſt verbergen mußte. „Es iſt nichts,“ verſetzte ich,„Du haſt Dich wohl angeſtrengt, um zu huſten; kannſt Du nicht ſanfter huſten?« Sie lächelte ſchwermüthig und erwiederte: „Ich werde es verſuchen.“ Und ſie ſteckte ihr geröthetes Taſchentuch wieder ein. Ich ging hinab und begab mich zu einem gewiſſen Kräuterhaͤndler, der einige mediciniſche Studien in Pem⸗ broke gemacht hat und Traͤnke für arme kranke Leute bereitet. Ich ſagte ihm, was Betſy begegnet war. Er hörte mich aufmerkſam an, zuckte die Achſeln und erwiederte: „Was wollen Sie? die jungen Mädchen ſind ſo vielen Störungen der Geſundheit unterworfen! Laſſen Sie indeſſen dieſes Kraut in Waſſer ſieden, zuckern Sie die Tiſane mit Honig, und Ihr Kind wird ſich wohl befinden, vorausgeſetzt, daß das Zimmer warm iſt.“ Feuer und Honig, das wäre ein großer Luxus beim gewöhnlichen Zuſtand unſeres Lebens geweſen; doch für die leidende Betſy war nichts mehr Luxus, und jede Em⸗ pfehlung wurde eine Nothwendigkeit. Ich ging zum Gewürzkrämer. „Ah! Nachbarin,“ ſprach er,„man ſieht, Sie ha⸗ ben das, was ich Ihnen geſagt, buchſtäblich genommen: Sie erſcheinen ſehr ſelten.« Ich entſchuldigte mich mit unſeren geringen Be⸗ dürfniſſen. „Woher kommen Sie denn?« fragte er mit der Begehrlichkeit der Handelsleute von geringer Stufe. „Ich habe, Pflanzen beim Kräuterhändler gekauft.“ „Was für Pflanzen? Ich verkaufe auch Pflanzen; warum ſind Sie nicht zu mir gekommen? Ich hätte ſo gut an Sie verkauft als er.“ 3 „Ich wußte nicht, welche ich nehmen mußte.“ ̃— —2——, e 5—— dA 265 „Ah! ja, er hat Ihnen eine Verordnung gegeben; der Schuft miſcht ſich in Alles und ſpielt den Arzt! Wer iſt denn krank bei Ihnen?« „Eliſabeth.“ „Was hat ſie?« „ Sie huſtet, die Arme, und zwar ſo grauſam, daß ihr vorhin das Blut auf die Lippen gekommen iſt.“ „Laß ſehen, was gibt er ihr denn für dieſen Hu⸗ ſten?— Wollkraut? Vierblumen 2 „Nein, eine Art von Moos... Schauen Sie.“ „Ahl! isländiſches Moos! Sie iſt alſo bruſtkrank, Ihre Tochter?“ Ein kalter Schweiß floß mir über den Leib; die Brutalität dieſes Menſchen entſprach ſo unſelig meinem Gedanken, daß ich mich wankend fühlte. Ich hielt mich am Ladentiſche feſt, um nicht rückwärts zu fallen. „Und wie theuer hat er Ihnen das verkauft?« fragte der Gewürzkrämer. „Um zwei Pence,“ antwortete ich mit erſtickter Stimme. „Um zwei Pence?— Oh!l der Betrüger! Das iſt allerhöchſtens für einen Penny. Kommen Sie in Zu⸗ kunft zu mir, Nachbarin, ich werde Ihnen das Dop⸗ pelte geben, und zwar um den halben Preis, obgleich, ſehen Sie, das wahre Mittel für die Krankheit Ihrer Tochter,— wenn es überhaupt ein Mittel dafür giht,— ein Land ſein müßte, wo es wärmer wäre, als in die⸗ ſem Lande. Unſere Gebirgsluft iſt nicht gut für Bruſt⸗ kranke: ſie nimmt ſie nach und nach weg, und ich wäre nicht erſtaunt, wenn im naͤchſten Jahre, um dieſe Zeit, Ihre arme Tochter... ei! Sie begreifen, gute Nacht!“ „Ich konnte nicht antworten: das Schluchzen erſtickte mich. Ich nahm mit einer Hand meine Taſſe Honig, mit der andern mein Kräuterpäckchen, und kehrte nach dem Pfarrhauſe zurück, zitternd, es könnte während mei⸗ ner Abweſenheit meiner armen Eliſabeth ein neuer Un⸗ fall begegnet ſein. 266 Zum Glücke ging es beſſer; ſie ſaß am Tiſche und ſchrieb einen Brief, den ſie vor mir zu verbergen ſuchte. Ich kannte die Herzenskeuſchheit des armen Mäd⸗ chens und befragte ſie nicht einmal; ſie hatte alſo alle Zeit, das Papier in den Leib ihres Kleides zu ſtecken. Eine Stunde nachher ging ſie unter irgend einem Vorwande aus; durch den leicht geöffneten Vorhang folgte ich ihr mit den Augen, und ich ſah ſie ihren Brief auf die Poſt bringen. III. Mochte nun durch die Aufgüſſe von isländiſchem Moos mit Honig verſüßt, die ich mein armes Kind nehmen ließ, das Blutſpeien aufgehört haben, mochte mir Eliſabeth, aus Furcht, mich zu beunruhigen, ver⸗ bergen, daß es wiedergekehrt war, ich glaubte an eine Beſſerung, welche, wie ich denke, wirklich exiſtirte. Wir ſahen, in unſere Stube eingeſchloſſen, und ohne daß ich Eliſabeth auszugehen erlaubte, die drei letzten Monate des Winters verlaufen; von Zeit zu Zeit, wenn der Himmel weniger mit Wolken beladen, die Erde we⸗ niger mit Schnee bedeckt war, wenn dieſe große düſtere Fläche, welche ein über unſern Häuptern ausgebreitetes Leichentuch zu ſein ſchien, ſich zerriß und durch den Riß ein Sonnenſtrahl glitt, öffnete ich ſogleich das Fenſter dieſem befreundeten Strahle, und Betſy ſchleppte eilends ihren Stuhl herbei und ſetzte ſich in dieſe laue Atmoſphäre, welche der gute, mitleidige Herr einen Augenblick für ſie allein zu ſchaffen ſchien. Hier ſchien ſie wiedergeboren zu werden und ſich aufss Neue zu beleben; ihre matten, ſchmachtenden Augen öff⸗ neten ſich wieder; ihre Mund athmete die Luft ein; ihre Arme ſchienen ein unſichtbares Fantom, das nahe daran, ihr zu entgehen, wiederzuerhaſchen. Man ſieht nicht deut⸗ licher eine Blüthe zum Leben unter den Sonnenſtrahlen 267 des Mai zurückkehren, als man dann die arme Betſy zum Daſein zurückkehren ſah. Der Fruͤhling vollendete die Kur; einer Pflanze ähnlich, die der Gärtner durch große Sorgfalt vor dem Erfrieren bewahrt, war ſie vom Winter errettet. Doch, mein Gott! welche Vorſicht mußte man ge⸗ brauchen, und wie traurig wurde ſie, wenn ſie durch die geſprungenen Scheiben, durch ihr freudiges Geſchrei an⸗ gezogen, die zwei Kinder des Pfarrers über die gefrore⸗ nen Bäche hingleiten oder mit Schneeballen gegen im⸗ proviſirte Feinde kämpfen ſah. Endlich kam der Mai. Man hiätte glauben ſollen, es ſei für Eliſabeth auch der Monat der Blüthe. Nie färbte ſich eine Roſe friſcher, als ihre Wangen; nie ſchaukelte ſich eine Lilie anmuthiger auf ihrem Stängel, als ihr beweglicher Kopf auf ihrem biegſamen Halſe. Geöffnet wie der Kelch einer Blume, ſchien ihr Mund wie dieſer das Licht und den Thau einzuziehen, um beide in Wohlgerüchen zurückzuwerfen. Sie war ſo ſchön, daß ich mich zuweilen nahe daran fühlte, von der mütterlichen Liebe zur göttlichen Anbetung überzugehen und zu vergeſſen, daß ſie meine Tochter, um aus ihr eine andere Maria zu machen. Wenn ich ſie ſo ſah, wurde ich tief traurig; ſtatt mich zu beruhigen, erſchreckte mich dieſe Art von Verwand⸗ lung.„Gott zieht ſie zu ſich empor,“ ſagte ich zu mir ſelbſt, und ich ſchaute, ob ihre Füße noch die Erde be⸗ rührten. Dann geſellte ſich eine mehr materielle, aber nicht minder erſchreckliche Beſorgniß dieſer bei. Es war ein Jahr ſeit dem Tode meines Mannes verlaufen; während dieſes Jahres hatten wir mit weniger als zwanzig Pfund Sterling gelebt; wenn ich zählte, was uns noch blieb, ſo ſah ich, daß unſer ganzes Vermögen aus zwei Pfund drei Schillingen und ſechs Pence beſtand. Wie hatten traurig dieſe Berechnung gemacht, als der Poſtbote eintrat und einen Brief von Milford brachte. 4 268 Kaum hatte er geſagt, was ihn zu uns führte, als Eliſabeth einen Schrei ausſtieß und auf ihn zulief. Sie warf einen Blick auf die Adreſſe des Brieſes und öffnete ihn haſtig. Es war die Antwort auf den, welchen ich ſie einige Monate vorher hatte ſchreiben ſehen, und den ſie, als ich mich ihr näherte, im Leibe ihres Kleides verbarg. Es war auch eine Antwort der Vorſehung auf die Frage, die wir in dem Momente, wo der Brief ankam, mit den Augen, wenn nicht mit den Lippen, unſere zwei Pfund, unſere drei Schillinge und unſere ſechs Pence anſchamend an einander richteten:„Wie wird es uns er⸗ ehen? Eliſabeth hatte an einen alten Freund ihres Va⸗ ters geſchrieben und ihn gebeten, ihr einen Platz ent⸗ weder als Erzieherin in einem großen Hauſe, oder als Rechnmndsſüßrerin oder ſogar als Haushälterin zu uchen. Man bot ihr fünſzehn Pfund Sterling und die Koſt an, wofür ſie die Bücher beim reichſten Kaufmann von Milford führen ſollte. Ach! es war eine mit Traurigkeit gemiſchte Freude, die uns da zukam; Betſy und ich, wir hatten uns nie, ich ſage nicht einen Tag, ſondern eine Stunde verlaſſen. Allerdings würde ich, da Milford nur zwei Meilen von Waſton entfernt iſt, dann und wann einen Beſuch bei dem armen Kinde machen können.. Ohl ich erkläre, wäre die Trennung mehr eine völlige geweſen,— wie hätten wir gelebt? ich weiß es nicht;— wir wuͤrden beiſammen geblieben ſein, auf die Gefahr, Hungers zu ſterben. Ueberzeugt, ich werde es verſuchen, mich zu wider⸗ ſetzen, daß ſie das Anerbieten, das man ihr machte, be⸗ nuͤtze, raffte Eliſabeth alle ihre Kräfte zuſammen, um mich flehentlich zu bitten, ich möge ſie ein Opfer vollbrin⸗ gen laſſen, das unſere Eriſtenz ſichere. Dann, als ich nachgegeben hatte,— denn ich ſah die ganze Dring⸗ 269 lichkeit eines ſolchen Entſchluſſes ein,— war ſie es, der es an Stärke gebrach, die auf beide Kniee ſiel, die ihre in Thränen gebadeten Augen und ihre durch den Schmerz verdrehten Arme zum Himmel erhob. Es war übrigens keine Zeit zu verlieren, und der Entſchluß, welcher es auch ſein mochte, mußte ſogleich gefaßt werden. Man hatte ſechs Monate auf die Erledigung einer Stelle gewartet; dieſe Erledigung hatte ſich an demſel⸗ ben Tage, an welchem unſer Freund uns davon in Kenntniß ſetzte, ergeben. Der Kaufmann, der ſeine Bücher nicht im Rück⸗ ſtande laſſen konnte, gab Eliſabeth, um ſich zu entſchei⸗ den, nur drei Tage, den, an welchem der Brief geſchrie⸗ ben worden war, mitbegriffen. Wir hatten den Brief an einem Montag, Morgens um elf Uhr, empfangen; am Donnerſtag mußte ſich weiſh, wenn ſie annahm, an den Ort ihrer Beſtimmung egeben. Leider hatten wir keine Wahl: wir mußten anneh⸗ men oder Hungers ſterben. Ich bemerkte die Verwun⸗ derung der Bauern von Waſton, die mich mit großer Sparſamkeit leben, aber doch leben ſahen, die mich we⸗ nig kaufen, aber das Wenige, was ich kaufte, baar be⸗ zahlen ſahen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß unſere Garderobe nicht erneuert worden war; Eliſabeth, welche geſchickt wie eine Fee, war es jedoch gelungen, ſich,— womit? Gott weiß es!— eine Art von Ausſteuer zu machen. Ich, was mich betrifft, beſaß ein Trauerkleid, das, ſchlecht gefärbt, die Farbe gewechſelt hatte und grau geworden war, deſſen Stoff aber, ſolider als die Farbe, mir noch ziemlich lange den Dienſt zu thun verſprach. Eliſabeth hatte nicht nur nichts zu kaufen, ſondern ſie nahm ſogar die Stickereien mit, die ſie gemacht, und in deren Ausführung ſie die Schwäche ihrer Geſundheit unterbrochen hatte; ſie verſprach mir, wenn ſie einmal 270 in der Stadt wäre, irgend einen Nutzen daraus zu ziehen. 3 Der Augenblick der Trennung kam. Betſy hatte dem Freunde ihres Vaters geantwortet, ſie nehme den Antrag des Kaufmanns an, und dieſer hatte ſie dage⸗ gen benachrichtigt, ein Eſel,— das gewöhnliche Reit⸗ thier der Frauen und ſogar der Männer in unſerem Pande Wales,— werde ſie um die Mitte des Tags ab⸗ holen. „Der Eſel kam zur genannten Stunde mit ſeinem Kärer⸗ die Pünktlichkeit iſt die Haupttugend der Kauf⸗ eute. Dieſer Führer war ein Knabe von zehn bis zwölf Jahren; ich war hierüber entzückt; ſein Alter ermäch⸗ tigte mich, meinem geliebten Kinde bis Milford die Es⸗ corte zu bilden. Unſer Freund gab mir den Rath, meine Tochter nicht bis zum Kaufmann zu begleiten; ein Mann voll Mißtrauen, könnte dieſer, wenn er mich mit ihr kommen ſäͤhe, von der Idee erfaßt werden, ich hoffe mich bei ihm einzuſchleichen. Ahl wenn dieſer Mann mich hätte zu ſich nehmen wollen, ich glaube, ich wäre als Magd bei ihm ein⸗ getreten, um mich nicht von meinem Kinde zu trennen. Doch der Vorſchlag wurde mir nicht gemacht, und ich wollte ihn nicht machen. Anfangs wünſchte Betſy, da ſie wußte, ich müſſe zu Fuße zurückkehren, ich ſollte auf dem Eſel reiten. Aber, ach! ich, die mit Jahren belaſtete Frau, war die Stärkere; das Maͤdchen, im Frühling ſeines Lebens, das nur achtzehn Jahre zu tragen hatte, beugte ſich im Gegentheile unter dem Gewichte ſeiner Jahre. Als ſie ſah, daß ich mich hartnäckig weigerte, ſtatt ihrer auf den Eſel zu ſteigen, da wollte ſie neben mir gehen; ihren Bitten widerſtehen hieß ſie betrüben. Wir gingen neben einander, wobei ſie ſich zugleit auf meinen Arm und auf meine Schulter ſtützte, - 2 — deSS &ᷣ 22 —,— 271 Und dennoch, trotz dieſer doppelten Unterſtützung, hielt ſie nach einer Viertelſtunde keuchend an. Die Anſtrengung, die ſie mit großer Mühe, aber mit einem erhabenen Muthe vollbracht, hatte mich einen Augenblick an ihre Stärke glauben laſſen; als ich ſie aufmerkſam anſchaute, ſah ich den Schweiß auf ihrem ganzen Geſichte perlen; ſie erbleichte, drückte die Hand an ihr Herz und blieb ſtehen. Ein heftiges Herzklopfen benahm ihr den Athem. Sie huſtete mehrere Male, und ſie wandte ſich ab, um auszuſpeien. Sie war ſo ſchwach, und ihr Huſten war ſo ſtark, daß ſie wankte und mir dem Fallen nahe zu ſein ſchien. Ich eilte auf ſie zu und nahm ſie in meine Arme: ihr derbleichüer Kopf warf ſich dann auf meine Schulter zuruͤck. „Rühre Dich nicht, liebe Mutter,“ ſagte ſie mit erloſchener Stimme,„ich bin gut ſo.“ Und ſie ſtieß einen Seufzer aus. Ich ließ ſie einen Augenblick ausruhen; dann, als ich ſah, daß ſie unbeweglich blieb, wurde ich unruhig, und indem ich ihren Kopf von meiner Schulter auf mei⸗ nen Arm gleiten ließ, bemerkte ich, daß, wenn ſie auch nicht ohnmächtig war, doch eine Schwäche ſie angewan⸗ delt hatte. Ich ſtieß einen Schrei aus. Auf dieſen Schrei öffnete ſie aber wieder die Augen und hob den Kopf empor. „Ahl es iſt gut, zu leben!“ ſagte ſie. Und ihre ganze Perſon nahm ein Ausſehen von Glück an, daß man in der That hätte glauben können, ſie kebie von der Nacht zum Tage, vom Tode zum Leben zurück. Ich hatte eine Ahnung; ich wollte ſie nicht weiter gehen laſſen; mir ſchien, ich halte in meinen Armen eine Wolke, welche bereit, ſich aufzulöſen; ſie verlaſſen heiße ſie verlieren. 272 „Oh! Kind meines Herzens!“ ſprach ich zu ihr, „gehe nicht weiter, komm nach Waſton zurück, und wenn uns die Mittel fehlen, dann wird Gott für uns ſorgen.“ Sie ſchüttelte lächelnd den Kopf und erwiederte: „Warum dies? iſt der Entſchluß nicht gefaßt? Was hat ſich denn ſeit heute Morgen geändert? Wird mir das, was mir ſo eben begegnet iſt, nicht alle Tage be⸗ gegnen? Nein, gute Mutter! Hilf mir auf dieſes arme Thier ſteigen, das mich anſchaut und mich erwartet, und laß uns dann unſeres Weges ziehen. Wir ſuchten einen Stein, der Betſy ſich auf den Eſel ſetzen helfen könnte; da wir aber keinen fanden, ſo nahm ich ſie zwiſchen meine Arme und hob ſie auf. Ach! die Aufgabe wurde mir leicht, ſo leicht, als da ſie noch ein Kind war und ich ſie in meinen Händen aufhob, damit ſie weiter und über die Köpfe der Andern ſehen könnte. Dann marſchirten wir neben einander, ihre Hand in meiner Hand, ihre Augen auf meinen Augen, wäh⸗ rend der Knabe den Eſel am Zaume führte. Ihre Hand war glühend und voller unerwarteter Schauer; ihre großen blauen Augen ſchienen bei jedem Blicke die Funken des inneren Feuers, von dem ſie ver⸗ zehrt wurde, auszuwerfen. Ich fühlte unbeſtimmt, daß ſich etwas an dieſer unſichtbaren Gluth verzehrte, und daß dieſes Etwas das Leben meines Kindes war. Nur, wie viel Jahre, wie viel Monate, wie viel Tage ſollte die Nahrung die Flamme unterhalten 2 Ich neigte den Kopf, denn ich fühlte meine Thrä⸗ nen kommen; ich machte eine Anſtrengung, und ſie ſie⸗ len nach innen zurück. Sie, im Gegentheile, war lächelnd, glücklich, bei⸗ nahe in Extaſe; bei jedem Luftzuge öffnete ſie die Lippen und athmete den Wind ein; bei jeder Blume, die ſie erblickte, ſtreckte ſie die Arme aus; jedem Vogel, der 273 ſein Lied in der Eiche oder im Hagedorn ſang, ſandte ſie einen Gruß zu. Ach! der Weg ward auf dieſe Art bald zurückgelegt, obgleich wir kein Wort wechſelten. Wir kamen zu den erſten Häuſern von Milford. Es war Zeit, uns zu trennen. Die Kraft fehlte mir; doch ſie, mit ihrer ſanften Stimme, mit ihren kindlichen Liebkoſungen, mit ihrem Munde, der meine Haare küßte, mit ihren Händen, die über mein Geſicht ſtrichen, tröſtete mich. Wie der Wind, den ſie einathmete, wie die Blume, der ſie die Arme öffnete, wie der Vogel, den ſie begrüßte, ſchien ſie leich ein Luftzug, ein Wohlgeruch und ein Geſang zu ſein. Sie war in der That Alles, was vorüberzieht, Alles, was flieht, Alles, was entfliegt, Alles, was wieder zum Himmel aufſteigt! Es ſchlug die Stunde, zu der ſie bei dem Kauf⸗ mann einzutreffen hatte; man mußte ſich trennen. Ich nahm von ihr Abſchied, als ſollte ich Betſy nie wiederſehen, und, ſtreng genommen, war doch kein Hinderniß vorhan⸗ den, daß ich ſie am andern Tage wiederſah. Ah! diesmal ſtrengte ich mich nicht an, um meine Thränen zu verbergen; ich bedeckte ſie mit Zähren und Küſſen; dann ſchob ich ſie vorwärts, als wollte ich ſie von mir entfernen. „Sdiie verfolgte ihren Weg, gegen mich gewendet und mir nach Art der Kinder Küſſe zuſendend. Der Weg bildete eine Biegung, und um ſie länger zu ſehen, wich ich zurück, ſo wie ſie vorrückte. Endlich gelangte ich an den Rand der Straße, in dem Augen⸗ blicke, wo ſie bei der Ecke des erſten Hauſes ver⸗ ſchwand. Nun ſchien Alles in mir zu ſterben: Stärke, Ver⸗ ſtand, Vernunft; ich fühlte, daß ich, da mein Mann todt war, nur noch für dieſes Kind lebte, daß es mir, Der Pfarrer von Aſhbourn. II. 18 274 wenn dieſes Kind todt wäre, leicht werden würde, auch zu ſterben. 4 Das gewährte immer einen letzten und hohen Troſt. IV. Ich blieb ohne Kraft, vernichtet, mehrere Stunden ſitzen; als ich wieder zu mir kam, fing es an Nacht zu werden. 3 Einige Perſonen hatten ſich mir genähert, hatten mich angeſchaut und mit mir geſprochen; doch ich hatte ſie nur wie durch eine Wolke geſehen und gehört. Ich ſtand ganz wankend auf, preßte meinen noch unſichern Kopf zwiſchen meinen beiden Händen und ſchlug wieder den Weg nach Waſton ein. Nachdem ich eine Stunde gegangen war, kam ich an. Es war herrlicher Mondſchein; der Pfarrer ſtand vor der Thüre ſeines Hauſes. Seine Frau ſaß auf einer Bank und hielt auf jedem Knie eines ihrer Kinder. Dieſe Kinder, voll Leben, Kraft und Geſundheit, fuhren fort zu ſpielen, ſich zu ſchlagen, zu kämpfen, Alles lachend, ſogar auf dem Schooße ihrer Mutter. Es ergriff mich ein ſolches Gefühl von Neid, mich, die ich von meinem Manne durch den Tod, von meiner Tochter durch die Armuth getrennt war, als ich dieſe Frau mit ihrem Gatten an ihrer Seite und ihren Kin⸗ dern auf ihrem Schooße ſah, daß ich ſelbſt darüber erſchrak. Ich blieb auch ſtehen, und um dieſes ſchlimme Ge⸗ fühl zu bekämpfen, ſagte ich, obſchon ich ſelten mit dem Pfarrer und ſeiner Frau ſprach, die mich als eine ihnen zur Laſt liegende Fremde betrachteten und mich folglich nur mit Widerwillen zu ertragen ſchienen: 3 „Miſtreß, Sie ſind eine glückliche Frau, und Sie haben da zwei ſchöne Kinder! Wollen Sie mir erlauben, daß ich ſie küſſe?“ 275 Die Frau bebte wie erſchrocken bei dieſer Bitte; der Mann ſtreckte die Hand aus, als wollte er mich zurück⸗ ſtoßen; die zwei Kinder ſprangen vom Schooße ihrer Mutter herab und entflohen, indem ſie ſchrieen:„Wir wollen die graue Dame nicht küſſen.“ Ach! ſo nannte man mich im Pfarrhauſe und ſogar im Dorfe. Das ſchwarze Kleid— mein Trauerkleid— hatte ſich, wie ich ſchon erwähnt, entfärbt und war grau geworden, und man hatte mir den Namen der Farbe meines Kleides gegeben. 3 4 Dieſes einhellige Zurückſtoßen vernichtete mich. Ich hatte ſo eben meine einzige Liebe von mir ent⸗ femmi⸗ und ich fühlte mich von einem albernen Haſſe um⸗ geben. Ich kehrte mit geſenktem Haupte in's Pfarrhaus und den Tod im Herzen in meine Stube zurück. Ich kam ohne Licht, und in dem Augenblicke, wo ich eines anzünden wollte, hielt ich an. Wozu ſollte es nützen, klar zu ſehen? ich wußte, daß ich, in der Nacht oder im Lichte, ganz allein war. Die Einſamkeit fühlt ſich mit dem Herzen beſſer noch, als ſie ſich mit den Augen ſieht. Ich brachte eine grauſame Nacht zu, grauſamer vielleicht als die, welche auf den Tod meines armen Mannes ſolgte. 5—cegen den Tod meines Mannes hatte ich mein eind. ihtsiegen die Abweſenheit meines Kindes hattie ich nichts! Der Morgen kam. Es war in der Stube Brod und Waſſer vom vorhergehenden Tage übrig; ich brauchte alſo an dieſem Tage nicht auszugehen; ich aß das Brod und trank das Waſſer. Was hatte ich mehr nöthig? Mußten nicht meine Thränen jeder Speiſe und jedem Tranke dieſelbe Bitterkeit geben? Ich ging erſt am dritten Tage hinab, um meine Mundvorräthe zu erneuern; wenn ich leste wie ich dieſe — 276 Tage gelebt hatte, ſo konnte ich ſechs Monate mit den zwei Goldſtücken, die mir noch blieben, ausreichen. Und warum ſollte ich im Ganzen anders leben? Ich hatte ein Buch, das allen übrigen Bedürfniſſen entſpricht, die Bibel. Ich las die Bibel, und wenn meine Augen, zu ſehr ermüdet, ſich von ſelbſt von dem Buche abwandten, ſo ſchlug ich ſie zum Himmel auf, ließ meine Hand auf meinen Schooß fallen und dachte an mein Kind. Am fünften Tage erhielt ich einen Brief von Eli⸗ ſabeth. Arme, theure Freundin! ſie hatte eine Gelegen⸗ heit abgewartet, da ſie nicht wollte, daß mich ihr Brief den Penny koſte, den die Poſt nimmt, um die Briefe von Milford nach Waſton zu bringen. Sie ſagte mir, ſie ſei anſtändig, aber kalt von Herrn Wells,— dies war der Name ihres Kaufmanns,— empfangen worden. Er hatte ihr in einem vorläufigen Geſpräche alle Pflichten, die ſie erfüllen ſollte, aufge⸗ zählt, er hatte ſie in eine Art von gläſernem Käſich eingeführt, wo ſie vor einem Pulte mit Büchern, Regi⸗ ſtern und Cartons rings um ſich her von Morgens um ſieben Uhr bis Abends um fünf Uhr ſitzen ſollte. Die Sonntage, wohlverſtanden, waren ausgenom⸗ men. Am Sonntag ſchloß man bei Herrn Wells, einem ſtrengen Reformirten, Alles, bis auf die Fenſter der Zimmer. Auf den Sonntag lud mich Eliſabeth ein, ſie zu beſuchen; zwiſchen zwei Gottesdienſten hätten wir Zeit, eine Stunde mit einander zuzubringen. Ich erwartete dieſen Sonntag mit der größten Ungeduld; doch am Tage vorher erhielt ich eine Zeile von Eliſabeth. Haſtig öffnete ich den Brief; ich glaubte eine gewiſſe Verän⸗ derung in der Schrift zu bemerken. Ich täͤuſchte mich ohne Zweifel. Eliſabeth ſagte mir einfach, Herr Wells habe beſchloſſen, ſie mit ſeinen zwei Töchtern auf das Land mitzunehmen, und ſie habe es nicht gewagt, gegen dieſen, übrigens für ſie ſehr — 277 wohlwollenden, Beſchluß etwas einzuwenden; es würde folalich, da ſie nicht in Milford wäre, unnütz, daß ich ame. Sie bat mich, meinen Beſuch um vierzehn Tage zu verſchieben. Dem Briefe war eine Guinee beigefügt; ſie hatte Herrn Wells gebeten, ihr, wenn es möglich wäre, die Stickereien zu verkaufen, welche ſie wegen der Krämpfe, die ihr die Beharrlichkeit bei der Arbeit verurſacht, zu unterbrechen genöthigt geweſen war. Herr Wells hatte die Stickereien ſchätzen laſſen, er hatte ſeinen Töchtern ein Geſchenk damit gemacht und ſie Eliſabeth nach dem Schätzungswerthe bezahlt. Man hatte die paar Ohnmachten meiner armen Betſy zu einer Guinee geſchätzt! Meine Bangigkeiten und meine Thränen gingen in den Kauf. Ich küßte die Guinee, legte ſie beiſeit und ſprach ſeufzend: „Warten wir bis zum zweiten Sonntag.“ Aber warum vertröſtete ſie mich auf den zweiten Sonntag, und warum ſollte ich nicht am erſten kommen? Mein Gott! was ſollte während dieſer vierzehn Tage aus mir werden? Ich verſuchte es, die Treppen hinabzuſteigen und im Garten ſpazieren zu gehen; doch ich ſah, daß ich eine Beengung für die zwei Kinder und eine Beſorgniß für den Vater und die Mutter war. Was verlangte ich von ihnen indeſſen? Nichts oder ſehr wenig; die Träumerei am Abend unter dieſem alten Ebenbaume, wo Niemand, ſobald es Nacht geworden, träumen will oder zu träumen wagt. Seitdem der Garten nicht mehr mir gehörte, ſchien es mir, dieſe düſtere, unter dichtem Blätterwerke verlo⸗ rene Bank ſei ein ſo guter Ort, um von den Abweſen⸗ een zu träumen! Ich mußte darauf verzichten. Die Vertragsurkunde 278 der Pfarrei Waſton enthielt wohl den Punkt, daß ich das Recht auf eine Stube im Pfarrhauſe habe; allein ſie ſagte nicht, ich ſei auch berechtigt zum Spazieren⸗ gehen im Garten. Doch die Zeit verläuft für die Glücklichen, wie für die Unglücklichen; für diejenigen, welche fuͤrchten, wie für diejenigen, welche hoffen. Ich ſah allmälig den ſo ſehr erſehnten Sonntag herannahen. . Der Freitag und der Samſtag, die ihm vorher⸗ gingen, verliefen unter fortwährenden Bangigkeiten: ich zitterte jeden Augenblick, einen Brief zu empfangen, der mich meinen Abgang zu verſchieben auffordern würde. Zum Glücke kam kein Brief an. Ich erwachte mit dem Tage. Obgleich meine Toch⸗ ter mir, nach den ſtrengen Gewohnheiten des Hauſes Wells, empfohlen hatte, mich erſt um eilf Uhr, das heißt bei der Rückkehr vom Gottesdienſte, einzufinden, war ich doch ſchon um ſechs Uhr zum Aufbruche bereit. Um ſieben Uhr konnte ich meine Ungeduld nicht länger bewältigen, und ich begab mich auf den Weg. Um acht Uhr kam ich vor den erſten Häuſern von Milford gerade bei der Stelle an, wo ich von Eliſabeth Abſchied genommen hatte. Ich war alſo drei Stunden zu früh bei der Stadt. Ich ſetzte mich am Fuße derſelben Baumgruppe nieder, wo ich mich niedergeſetzt, als ich einen Monat vorher das arme Kind nach Milford gebracht hatte, und hier wartete ich. Doch nach einer Stunde wurde mir das Warten unerträglich: ich ſtand auf und ging in die Stadt hin⸗ ein; ich erkundigte mich nach dem Quartiere, wo Herr Wells wohnte, und ich wanderte nach ſeinem Hauſe, das an der Ecke der St. Annenſtraße und der Königin⸗ Eliſabethſtraße lag. 279 Ich konnte mich nicht täuſchen: über der Thüre ſtanden mit langen Buchſtaben die Worte geſchrieben: Haus Thomas Wells und Comp. Thüren und Fenſter waren geſchloſſen; man hätte glauben ſollen, es ſei ein großes Grab. Um halb zehn Uhr begann der Gottesdienſt. Ich ſtellte mich in eine Vertiefung, die das Nachbarhaus bildete, ſchlug die Capuze meines Mäntelchens über meine Augen vor, verbarg ſo mein Geſicht und wartete abermals. Ich würde wenigſtens meine theure Eliſabeth vor⸗ übergehen ſehen; ich würde meinen Platz ein paar Schritte von ihr in der Kirche nehmen und ſie nicht einen Augenblick aus dem Geſichte verlieren. Die Kirche lag in der St. Annenſtraße, kaum fünfzig Schritte vom Hauſe von Herrn Wells. Luii halb zehn Uhr erſchollen die erſten Glocken⸗ äge. Weim dritten Schlage, als hätte es nur dieſes Sig⸗ nal erwartet, öffnete ſich das Haus von Herrn Wells. Die zwei Töchter erſchienen zuerſt; dann kam Eli⸗ ſabeth, dann eine Kammerfrau, welche beauftragt war, ſie zum Gottesdienſte zu führen. d Uaetſp ging ein wenig hinter den beiden Miſſes ells. Die Kammerfrau ging hinter Betſy. Die Richtung war ſo genommen, daß Betſy ganz nahe an mir vorbeigehen mußte; wenn ich einen Sühritt vorwärts machte, konnte ich ihre Kleider be⸗ rühren. Ich machte dieſen Schritt und ſtreckte die Hand in dieſer Abſicht aus. „Durch den Schleier, der ihr Geſicht bedeckte, das, wie mir ſchien, noch bleicher als gewöhnlich, erblickte ſie mich, jedoch ohne mich zu erkennen. Ohne Zweifel hielt ſie mich für eine arme Frau, 280 welche ganz leiſe ein Almoſen fordere, denn ſie zog ihre Börſe, nahm das kleine Silberſtück, das darin enthalten war, gab es mir und ſagte: „Gute Frau, hier iſt Alles, was ich habe... Betet für meine Mutter.“ Hienach, da ſie, um mit mir zu ſprechen und mir die Münze zu geben, ein paar Schritte zurückgeblieben war, da die Miſſes Wells ſchauten, was aus ihr geworden, und die Kammerfrau wartete, kehrte ſie raſch in ihren Rang zurück, wenn ich ſo ſagen darf, und ging weiter. Ich blieb einen Augenblick auf demſelben Platze und ſah ihr nach; dann drückte ich das kleine Sil⸗ berſtück an meine Lippen und murmelte leiſe: „Armes, theures Kind! ich habe Deine Guinee ſchon beiſeit gelegt, doch dieſe kleine Münze, oh! ſie wird mich nie verlaſſen! Wenn ich eines Tags Hungers ſterbe, ſo wird man ſie in meiner geſchloſſenen Hand, auf meiner Bruſt, die zu ſchlagen aufgehört, finden!“ Doch ich werde nie Hungers ſterben! Ich brauche ſo wenig, um zu leben. Ich wickelte die Münze in den Brief, den mir meine Tochter vierzehn Tage vorher geſchrieben, und legte Alles, Münze und Brief, auf mein Herz. Dann, da die drei Mädchen und die Kammerfrau ſchon die Stufen des Tempels hinaufſtiegen, beeilte ich mich, ebenfalls einzutreten, um einen Platz ſo nahe als möglich bei meinem Kinde zu bekommen. Ein Pfeiler begünſtigte michz indem ich mich an dieſen Pfeiler anlehnte, berührte ich ſie beinahe. Unter meinem Mäntelchen verlor ich ſie nicht aus dem Geſichte; ſie folgte andächtig dem Gottesdienſte; nur ſchüttelte von Zeit zu Zeit ein kleiner trockener Huſten, der in meiner Bruſt antwortete, ihren ganzen Körper. Zwei oder drei Mal ſah ich ſie in Folge die⸗ ſes Huſtens ihr Taſchentuch an den Mund halten. Einmal verbarg ſie es nicht mit ſo großer Vorſicht, daß ich nicht einen Blutflecken daran ſah. 281 Ich ſiel beinahe in Ohnmacht. „Oh! mein Gott! mein Gott!« murmelte ich,„die Arme hat ſo ſehr nöthig, daß man für ſie betet, und ſie fordert, man ſoll für mich beten!« Es ergriff mich ſodann eine lebhafte Verſuchung, der ich kaum zu widerſtehen vermochte: ich wollte mich auf der Stelle zu erkennen geben und ſie ohne Verzug mit mir fortnehmen. Mir ſchien, wenn ſie unter meiner Obhut wäre, würde es das verſchleierte Geſpenſt, das ich am Horizont erſchaute, nicht wagen, ſich ihr zu nähern. Doch das hieß ein ganzes Aergerniß mitten unter dem Gottesdienſte erregen; welchen Grund ſollte ich überdies für dieſen ſeltſamen Entſchluß nennen? Gab nicht andererſeits mein mütterliches Herz leeren Schreck⸗ niſſen nach? Die zwei jungen Mädchen, welche ihren Platz in ihrer Nähe hatten, ſchienen nicht unruhig; ſie ſelbſt war nicht unruhig. Ich würde warten: das wäre beſſer. Nach Beendigung des Gottesdienſtes würde ich ſie bei Herrn Wells ſehen und über den Zuſtand ihrer Geſund⸗ heit befragen. DOhl wie lange ſchien mir dieſer Gottesdienſt! welch eine Ruchloſigkeit wäre eine Zerſtreuung wie die mei⸗ nige geweſen, hätte nicht dieſe Zerſtreuung eine in den Augen des Herrn ſo heilige Urſache gehabt! Endlich ſprach der Geiſtliche die letzten Worte; man ſtand auf und ging ab. Ich blieb bis zuletzt in der Kirche. Nun allein Gott gegenüber, warf ich mich auf die Erde nieder und flehte ihn an, wenn meine Tochter eine Gefahr laufe, mein unnützes Leben zu nehmen und ihr das ihrige zu laſſen. „Ich verrichtete vor einer Statue der Mutter des Heilands dieſes Gebet, vor einer aus dem Steine einer Säule ausgehauenen Statue, welche daran erinnerte, 288 daß die Kirche einſt dem katholiſchen Eultus geweiht geweſen war. Mir ſchien, die Mutter werde den Schmerz einer Mutter begreifen. Ich ſtand auf und küßte ihre Füße, indem ich mit meinen Armen die Säule umſchlang, auf der ſie ruhte. Dann flehten meine Augen ihrerſeits um die Gnade, um die vorher meine Lippen gefleht hatten. Aber ich blieb ſtumm, unbeweglich. Eine Thräne floß über die marmorne Wange der Statue. Was wollte dieſe Thräne beſagen? Weinte die Mut⸗ ter, welche alle Schmerzen gekannt hatte, daß ſie mich in dem meinigen nicht tröſten konnte? Ich zweifelte an meinen Augen; doch ich ſtieg auf einen Stuhl und wiſchte mit meinem Taſchentuch dieſe Thräne ab. Ich fühlte das Taſchentuch unter meinem Finger feucht werden.. Das war nicht das erſte Mal, daß ich das Waſſer in Tropfen über einen feuchten Marmor rinnen ſah. Vielleicht war das, was ich für eine Thräne der ſeligen Maria hielt, nichts Anderes, als der Dunſt von allen dieſen Hauchen der Gemeinde verdichtet durch die Kühle des Steins.— Das Zuſammentreffen war indeſſen ſo ſeltſam, mein Geiſt war ſo betroffen, daß ich, zwiſchen den Waſſer⸗ tropfen und eine Thräne geſtellt, an eine Thräne glaubte, daß ich, zwiſchen ein natürliches Factum und ein Wun⸗ der geſtellt, an ein Wunder glaubte. Dieſe Thräne war eine Antwort einer Mutter an eine Mutter. Ich erhob mich ganz ſchwankend und kälter als die Statue, welche über mich geweint hatte, und wandte mich nach dem Hauſe von Herrn Wells. ——,— —— — 283 N. Ich war von den traurigſten und ſchmerzlichſten Ahnungen bewegt. Ich ſagte mir, ich werde meine Tochter bleich, ohn⸗ mächtig, mit der ganzen Familie um ſie her, auf einem Bette oder einem Canapé liegend finden. Dieſe Viſion bot ſich mir mit ſo viel Wirklichkeit, daß es mir ſchien, ich habe nur meine Hand auszuſtrecken, um die eiskalte Hand meines Kindes zu berühren. Ich wurde von der Unruhe vorwärts gezogen und von der Furcht zurückgeſtoßen. Auf die Frage:„Wo iſt meine Tochter?« wähnte ich die Antwort:„Ach! treten Sie ein und ſehen Sie!“ zu hören. Ich legte die Hand auf den Klopfer der Thüre, hob ihn aber zweimal auf, ohne daß ich zu klopfen wagte. Endlich ließ ich ihn fallen und ſprach: „Es wird ſein, wie es Dir, o Herr, gefällt.“ Ich hörte Schritte ſich nähern. Dieſe Schritte gingen auf eine regelmäßige Weiſe. Eine Kammerfrau öffnete die Thüre. Ihr Geſicht war ruhig. Doch das war noch nicht genug, um mich zu be⸗ ſchwichtigen: ich kannte die Kälte unſerer Neubekehrten. Ich zögerte auch, mich nach meinem Kinde zu er⸗ kundigen. Mein Mund öffnete ſich und ſchloß ſich wieder, ohne einen Ton von ſich zu geben. Da war es dieſe Frau, die mich befragte. „Sind Sie nicht die Witwe des Pfarrers von Waſton?“ fragte ſie;„die Mutter von Miß Eliſabeth?« „Ja...“ murmelte ich.„Mein Gott! iſt ſie denn ſehr ſchlimm?« „Sehr ſchlimm?“ verſetzte die Kammerfrau, indem 284 ſie mich mit Verwunderung anſchauten„warum dies, ſehr ſchlimm? „Ich weiß es nicht... ich frage.. ich befürchte,“ erwiederte ich. „Nein,“ ſagte die Kammerfrau,„es geht ihr im Gegentheile vortrefflich, und ſie erwartet Sie; kommen Sie.“ Nach dieſen Worten ſchritt ſie mir voran. Ich folgte ihr, ohne an dieſe Kunde glauben zu können, taumelnd und an die Wände ſtoßend, als ob ich trunken wäre. Auf meinem Wege öffneten ſich zwei Thüren; aus jeder von dieſen Thüren kam ein junges Mädchen heraus und ſchaute mich an, als ich vorüberging; doch dies ernſt, kalt, ohne ein Wort zu ſagen. Daran lag mir wenig! Ich war nicht dieſer Mäd⸗ chen wegen gekommen: Betſy war es, die ich ſuchte; hätten ſe mit mir geſprochen, ſo würden ſie mich auf⸗ gehalten haben; ich wußte ihnen alſosDank für ihr Stillſchweigen und folgte fortwährend der Kammerfrau. Betſy erwartete mich in einem kleinen Cabinet im Hintergrunde der Hausflur: aus Furcht, gegen die ſtren⸗ gen Traditionen des Hauſes zu werſtoßen, hatte ſie es kaum gewagt, mir bis zur Thure entgegenzugehen. Ich hätte gern den Gang der Kammerfrau beſchleu⸗ nigen mögen; ich fühlte, daß mich mein Kind dort er⸗ wartete, daß ich es ſehen ſollte; ſeit einem Monate hatte ich es nicht mehr geſehen, und dieſe Frau, welche ohne Zweifel keine Mutter war, machte keinen Schritt ſchnel⸗ ler als den andern. Sie trat zuerſt ein. „Miß,“ ſagte ſie,„hier iſt die Perſon, die Sie er⸗ warten.“ Ich war alſo keine Mutter für dieſe Frau, ich war die Perſon, die man erwartete. Nachdem ſie mich ſo angekündigt hatte, ſetzte ſie ſich in eine Ecke auf einen hohen Stuhl, wie 1 in ihrer Claſſe die Lehrerin einer Koſtſchule ſetzt, 285 Dann zog ſie eine Bibel aus ihrer Taſche und fing an zu leſen. Ich war auf dem Punkte, die Arme zu öffnen und auszurufen:„Meine Tochter! mein Kind! meine Eliſa⸗ beth! ich bin es, es iſt Deine Mutter!«... Dieſe Kammerfrau mit ihrer Kälte, mit ihrer trockenen Stimme, mit ihrem Buche verblüffte mich. Oh! Eliſabeth war wohl noch dieſelbe, die Schöne, die Zärtliche, die Liebende! Nur ſah man, daß die Strenge dieſes Hauſes an ihr abfärbte. Das Herz lebte, ſchlug, liebte mich, doch die Ober⸗ fläche fing an ſich zu verſteinern. Mein Gottl mein Gott! wie lange wird das Herz widerſtehen? Sie ſtreckte die Hände gegen mich aus, die Theure, ſie preßte mich an ihre Bruſt, ſie umarmte mich, aber ſchuchtern, aber verlegen, aber mit Zwang. In dieſem Hauſe der Zahlen, der Rechnungen, der Tarife war Alles einer einförmigen Regel unterworfen, ſelbſt die Liebe einer Tochter für ihre Mutter. Und dieſe Kälte ſteckte mich auch an. Ich war mit ausgebreiteten Armen, mit ſtarren Augen, mit keuchen⸗ den Lippen gekommen: als ich unter meinen Lippen dieſe elfenbeinerne Stirne fühlte, als ich vor meinen Augen dieſe Bildſaͤule der Ehrfurcht ſah, als ich in meinen Armen dieſen ſteifen Körper preßte, da fielen meine Arme wieder träge nieder, meine Augen ſchloſſen ſich ſter⸗ bend, und mein Mund legte auf die Stirne, die mir Betſy bot, eher einen Seufzer, als einen Kuß. Mein Gott! war es das, was ich erwartet, war es das, was ich geſucht hatte? DOhl ſo viele Unruhen, ſo viele Bangigkeiten, ſo viele brünſtige, ſehnſüchtige Hinſtrebungen für einen Kuß auf die Stirne! Mein Gott! mein Gott! Und im Namen der Religion, um Dich beſſer zu verherrlichen, o Herr, breitete man einen ſolchen Eis⸗ 286 ſchleier zwiſchen dem Herzen einer Tochter und dem ihrer Mutter aus! Eliſabeth bot mir einen Lehnſtuhl, deutete mit der Hand auf einen Seſſel und fragte: „Erlauben Sie mir, daß ich mich vor Ihnen ſetze?“ So ſprechen die Miſſes Wells mit ihrer Mutter. Ob ich Dir erlaube, Dich zu ſetzen, armes, ſchwäch⸗ liches Geſchöpf? ob ich der Blume, die der geringſte Luftzug entblättert, dem Rohre, das der geringſte Wind beugt, erlaube, eine Stütze gegen den Wind, gegen die Luft zu ſuchen? „Theure Geliebte! war nicht Deine Stütze meine Bruſt? der mütterliche Stuhl, auf den Du Dich ſetzen ſollteſt, war es nicht mein Schooß? „Ohl ja, ja! ſetze Dich, mein Kind!“ rief ich; „denn Du biſt ſo ſchwach, daß es mir ſcheint, Du wirſt fallen!“ Bei dieſem Ausrufe, der ihr ohne Zweifel aus den Regeln des Wohlanſtandes herauszutreten ſchien, ſchlug die Kammerfrau die Augen von ihrem Buche auf. Eliſabeth ſchauerte und erröthete leicht. „»Meine Mutter, ich bitte Sie, duzen Sie mich nicht,“ ſagte ſie halblaut zu mir;„das iſt nicht in den Gewohnheiten des Hauſes.“ Die Kammerfrau machte ein Zeichen mit dem Kopfe, welches beſagen wollte: Gut! ganz richtig! Nun war es an mir, zu ſchauern; nur, ſtatt zu erröthen, erbleichte ich. „Oh! mein Kind,“ fragte ich leiſe,„iſt es in den Gewohnheiten des Hauſes, daß ich Dich bei der Hand nehme, während ich mit Dir ſpreche?« Eliſabeth warf einen Blick auf die Kammerfrau und ſtellte ihren Stuhl ſo, daß, ohne geſehen zu werden, ihre Hand in der meinigen bleiben konnte. Als ich dieſe Hand hielt, die Hand meines Kindes, edesſeadd ich nicht mehr: ich zog ſie raſch an meine ippen. 287 Dieſe Bewegung machte, daß die Kammerfrau ſich umwandte. „Meine Mutter,“ ſagte Eliſabeth,„es iſt nicht an Ihnen, mir die Hände zu küſſen; es iſt an mir, die Ihrigen zu küſſen und zu verehren.“ Und ſie küßte ehrerbietig meine Hand; was ihr von unſerem Argus ein neues Zeichen der Billigung eintrug. Ich fühlte durch dieſe auferlegte Kälte die Liebe meines Kindes, wie man die Flamme durch eine Ala⸗ baſterlampe ſieht,— trübe, geſchwächt, zitternd! Miein Gott! ich hatte ihr ſo viele Dinge zu ſagen, ſo viele Fragen an ſie zu machen! Mein Herz war ſo voll, ſo überſtrömend! Wie waren meine Lippen ſo ſtumm und ſo leer geworden? Oh! mein Gott! wer konnte den Gedanken haben, die Liebe einer Tochter zu einer Mutter abzumeſſen, wie man einem armen Bettler das Brod abmißt, ab⸗ ſchneidet, abwägt? War dieſe Liebe nicht das Band meines Herzens? Dieſes Brod, das es von ſo fern ſuchte, und nach dem es ſo hungrig war, warum gibt man ihm ſo wenig davon? warum iſt man, nachdem man mich ſo lange hat darauf warten laſſen, gegen mich damit ſo ſparſam? Meine Tochter ſagte:„Das iſt die Regel des Hauſes von Herrn Wells.“ 1 3 Ja, doch es gibt Eines, woran dieſe geizigen Lie⸗ besausſpender nicht dachten: daß die Miſſes Wells ihre Mutter alle Tage ſahen; daß ſie alle Tage ihrer Mut⸗ ter das Wenige gaben, was meiner Tochter nur nach Verlauf eines Monats zu geben erlaubt war. Kam nicht in einem Hauſe von ſo genauen Berechnungen meinem armen mütterlichen Herzen ein Rückſtand zu? Warum wird dieſer Rückſtand nicht am Verfalltage bezahlt? Ich war bei Betſy, und ſtatt Gott zu danken, die Vorſehung zu preiſen, mein Glück zu genießen, ver⸗ langte ich, forderte ich, ſchuldigte ich ganz leiſe an. 288 Und mußte ich denn nicht in den auf mich gehef⸗ teten ſchönen Augen meines Kindes Alles das leſen, was ſie nicht zu ſagen wagte? Mußte ich nicht im ſanften Drucke ihrer Hand ihre Liebe wiederfinden, die ſie nicht auszudrücken wagte? Ja, doch der Blitz ihrer Augen, doch das Schauern ihrer Hand,— war das nicht das Fieber, das glühende Fieber unter dieſem eiſigen Anſcheine? War das eine Bildſäule von Schnee verzehrende Fieber nicht ſeltſam und erſchrecklich? Dann, von Zeit zu Zeit, dieſer trockene Huſten, den ich nicht nur auf der Straße und in der Kirche gehört, ſondern deſſen unheimliches Echo ich auch in der Tiefe meines Herzens hatte; dieſer Huſten, welcher wiederkam, als wollte er darauf aufmerkſam machen, das Kind, das hier war, bedürfe aller Pflege ſeiner Mutter; dieſer Huſten war gräßlicher, als irgend anderswo, in dem Hauſe, wo eine Mutter ihr Kind nicht zu lieben wagte! Ohl wenn die Kammerfrau einen Augenblick hätte weggehen wollen! Ohl wenn ich während dieſes Augen⸗ blicks fern von allen Beobachtern hätte können meine Toch⸗ ter in meine Arme nehmen, ſie von ihrem Stuhle auf meinen Schooß ziehen, ſie an mein Herz drücken, ſie auf die Stirne, auf die Wangen, auf die Lippen küſſen, ſie mit meinen Liebkoſungen bedecken!.. Mein Gott ich hatte ſie ſo lange bei mir, und es ſtand mir frei, ſie als meine Tochter zu behandeln!... mein Gott! wie kalt war ich gegen ſie! Ohl mein Kind, Deine Mutter hat Dich ſechszehn Jahre Deines Lebens als eine Fremde behandelt, und nun beſtraft ſie der Herr dafür! Es ſchlug zwei Uhr. Die Kammerfrau ſtand auf. „Wie!“ rief ich,„was gibt es denn 2, Ich war erſchrocken, wie es ein Verurtheilter iſt. Bei jedem Geraͤuſche, das durch das Gefängniß zieht, 289 bei jeder Thüre, die ſich öffnet, glaubt er, man komme, um ihm den Tod anzufündigen. Betſy erbleichte und drückte mir ſtärker die Hand. »„Ich muß Sie verlaſſen, meine gute Mutter,« ſagte ſie. 3„Mich verlaſſen, und warum?« fragte ich mit einer erſchrockenen Miene. »Man ſpeiſt zehn Minuten nach zwei Uhr im Hauſe von Herrn Wells zu Mittag...« „Haſt Du denn Hunger?“« fragte ich in meiner Selbſtſucht Eine Thräne befeuchtete das Augenlid von Betſy. »Man fragt mich eben ſo wenig, ob ich Hunger habe, als ob ich liebe,“« erwiederte ſie leiſe.„Man ſpeiſt zehn Minuten nach zwei Uhr im Hauſe von Herrn Wells zu Mittag... das iſt das Ganze!« „Nehmen Sie ſich in Acht, Miß,“ ſagte die Kam⸗ merfrau;„Sie werden auf ſich warten laſſen!“ »Oh! nein, nein, ſeien Sie unbeſorgt,« verſetzte deiß bebend;„ſagen Sie, ich komme ſchon, ich folge nen.“ Die Kammerfrau zögerte einen Augenblick; dann, da ſich die Bewegung der Thüren, die man öffnete, hören ließ, ging ſie gegen die Hausflur und ſagte: „»Miß Eliſabeth kommt eben.“« 3 Einen Augenblick, eine Sekunde blieben wir allein. Kaum war die Kammerfrau, der Eliſabeth mit den Augen folgte, hinter der Thuͤre verſchwunden, als mir mein armes Kind um den Hals ſiel, mich an ſeine Bruſt drückte und aus der Tiefe ſeines Herzens ausrief: 3 „Oh! meine Mutter, meine gute Mutter!« „Dann murmelte Betſy unwillkürlich,“— denn teſe ſo lange in ihrem Herzen eingeſchloſſenen Worte erſtickten ſie: „»Wie unglücklich bin ich!« »Aber ſchreibe mir doch alle Tage, erzähle mir Alles, mein Kind,“ ſagte ich. Der Pfarrer von Aſhbourn. II. 19 290 „Man ſchreibt nur einmal in der Woche im Hauſe von Herrn Wells,“ erwiederte ſie,„und Miſtreß Wells lieſt die Briefe.“ „Wenn es aber Miſtreß Wells iſt!“ rief ich. „Oh! es wäre noch beſſer, ihr Mann würde es thun!... Doch ſtille, meine Mutter,“ ſagte Betſy. Und meine Tochter bot mir für meinen Abgang, wie ſie es für meine Ankunft gethan, die Stirne zum Kuſſe. Ich hoffte, ſie würde weggehen, und man würde mich allein laſſen. Mein Gott! es war nichts zu nehmen in dieſem Cabinet mit den grauen Wänden, mit den weißen Mouſſelinevorhängen, mit den vier Strohſtühlen. Es war der Stuhl, auf den ſie ſich geſetzt, anzu⸗ ſchauen, der Platz dieſer Wand, wo ſie ihren Kopf angelehnt, zu küſſen, nichts Anderes! Man gab mir dieſen Troſt nicht! „Miſtreß,“ ſagte die Kammerfrau,„Sie werden Schuld ſein, daß Ihre Tochter auf ſich warten läßt, und man wird ſie ſchelten!“ Wie gut hatte ſie gefunden, was man mir ſagen mußte, dieſe trockene Creatur! „Dich ſchelten, meine Betſy! mein Kind ſchelten! meinen Engel ſchelten!... Ohl nein, nein, man wird ſie nicht ſchelten! Wo geht man hinaus? Mein Weg? mein Weg? Ich hatte völlig das Gedächtniß verloren; ich ſah nicht mehr. Die Kammerfrau, da ſie meine Gemüthsbewegung nicht begreifen konnte, hielt mich ohne Zweifel für toll. Sie bekam Mitleid und ging voran. 1 Während ſie uns einen Augenblick den Rücken drehte, hatte ich Muße, die Hand meiner Tochter zu ergreifen und ſie leidenſchaftlich zu küſſen. Sie wandte ſich wieder um, die unbarmherzige Ker⸗ kermeiſterin. 7. „Ich komme, ich komme!“ ſagte ich. 291 Und ich folgte ihr. Oh! mein Gott! warum nennt man dieſe Religion die reformirte Religion? Die Klöſter der Katho⸗ liken ſind ja weniger ſtreng! ter Man ſchließt ſich wenigſtens darin ein, um zu ieben. Die Kälte zwiſchen einer Mutter und einer Toch⸗ ter... ohl das iſt ſchlimmer, als der Haß zwiſchen Fremden! Ich weiß nicht, wie ich auf die Straße kam; ich weiß nur, wie ich zur Thüre hinaus geſchoben wurde und wie dieſe ſich hinter mir ſchloß. O verfluchtes Haus, o finſteres Grab! muß eine Mutter für fünfzehn Pfund Sterling jährlich dich ihre Tochter lebendig verzehren laſſen? 6534 kehrte nach meiner Stube zurück und fragte mich: „Unglückliche, wo kannſt Du Magd werden, um Deine Tochter aus dieſem Grabe zu ziehen? VI. 4 Ach! ich mochte mich immerhin erkundigen, ich mochte immerhin ſuchen, ich fand nichts. Es vergingen vierzehn Tage. Ddie Zuſammenkunft war ſo ſchmerzlich geweſen, daß ich lieber meine Tochter nicht mehr ſehen, als ſie ſo ſehen wollte. Sie, ihrerſeits, begriff das; denn ſie ſagte mir nicht, ich ſolle ſie beſuchen. Bei ihren Briefen bemerkte man wohl, daß ſie durch die Cenſur von Miſtreß Wells gegangen waren. Eine Mutter,— war das glaublich?— eine Mut⸗ ter ſtellte ſich zwiſchen die Liebe einer Mutter und ihrer Tochter! In jedem ihrer Briefe ſagte Betſy immer, es gehe beſſer bei ihr!— Hätte ich aber dieſer Verſicherung gläuben ſollen, 1 292 ſo müßten ihre Briefe ſelbſt gelebt haben, während ſit in der That nur Leichname von Briefen waren. Weit entfernt, mich zu beruhigen, machten mich dieſe Briefe vielmehr traurig; wie jene Irrlichter, die man auf den Gräbern tanzen ſieht, und von denen man fühlt, daß ſie nicht Lebensflammen, ſondern Aus⸗ ſtrömungen des Todes ſind, ſchienen die Briefe von einer andern Welt zu dieſer aufzuſteigen. Es vergingen drei Wochen, dann ein Monat. Ich erhielt noch zwei weitere Briefe. Der letzte lag zwei Tage da, ohne daß ich ihn öff⸗ nete; wozu? Eines Morgens trat ein Unbekannter in meine Stube ein; ich hielt dieſen Brief in meiner Hand und war im Begriffe, ihn zu öffnen. Ich ſah die letzte Zeile durch den Umſchlag; das mußte die ſein, welche alle andere ſchloß:„Leben Sie wohl, meine liebe Mutter; es geht immer beſſer bei mir, und ich bin ſehr glücklich bei Herrn und Miſtreß Wells.“ Ein Unbekannter trat, wie geſagt, ein. „Sie ſind die Mutter von Miß Eliſabeth?« ſagte er. „Ja, mein Herr.“ „Von Miß Eliſabeth, welche in Milford im Hauſe Wells und Compagnie wohnt?“ „Ja, mein Herr,“ wiederholte ich;„kommen Sie im Auftrage meiner Tochter?« „Nein, doch ich komme, um mit Ihnen über ſie zu ſprechen.“ „Ohl mein Gott!“« rief ich erbleichend,„ſollte es ſchlimmer bei ihr gehen?“ Er antwortete mir nicht; er ſchaute nur umher, als wollte er ſehen, was das Haus vermöge, in das er eintrat. Alles war ſo reinlich gehalten, daß man mitten unter der Armuth an einen gewiſſen Wohlſtand hätte glauben können. 3 ha der ſol ger me wer He ſo 9 ſch her, 3 er tten ätte 293 »Miſtreß,“« ſprach endlich der Unbekannte,„ich bin Arzt in Milford.« „Oh! mein Herr,“ fragte ich ganz ſchauernd, in⸗ dem ich auf ihn zuging,„was führt Sie hierher 2 „Die Menſchlichkeit, Miſtreß.“ „Ich bitte, mein Herr, ſetzen Sie ſich und ſprechen Sie.“ „Miſtreß, ich bin zu Herrn Wells berufen worden.“ „Wegen Eliſabeth?“ „Nein; wegen einer von den Miſſes Wells, die von den Pocken befallen war.“ „Ohl mein Gott! und meine arme Eliſabeth iſt von dieſer erſchrecklichen Krankheit angeſteckt worden?« „Nein, Miſtreß; doch im Hauſe ab⸗ und zugehend, hatte ich Gelegenheit, Ihre Tochter zu ſehen.“ „Nun, mein Herr 2 nc glaube nicht, daß ihr die Luft von Milford gut iſt.« „Ach! mein Herr,“ erwiederte ich,„glücklich iſt derjenige, welcher die Luft, die er athmet, wählen kann; doch wir gehören nicht zu dieſen!« „„»Miſtreß,“ fuhr der Arzt fort,„wären Sie aber, ſollte dieſe Luft Ihrer Tochter nachtheilig ſein, nicht geneigt, ein Opfer zu bringen?« „»Ein Opfer?« rief ich„oh! wenn es ſein muß, das meines Lebens!“ „Sie ſcheinen bemittelt zu ſein,“ bemerkte der Arzt. Ich dachte, wenn ich ihm unſere Armuth geſtehe, werde er nicht ſo frei ſprechen. Indeſſen wollte ich auch nicht lügen. „Sprechen Sie, als ob wir reich wären, mein Herr.« „Nun denn!“ fuhr er fort,„wenn Sie reich ſind, ſo erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß Sie großes Unrecht hätten, wenn Sie Ihr Kind, das von einer ſo ſchwachen Geſundheit, zehn Stunden täglich über Regi⸗ 294 ſter gebückt ließen. Eine gute Geſundheit würde dieſem unterliegen, und die ihrige iſt entfernt nicht gut.“ „Sie halten alſo mein Kind für ſehr krank, nicht wahr, mein Herr?« „Ich ſage dies nicht; ich ſage, daß ſie eingeſchloſſen die Anſtrengung der Arbeit entkräftet; daß ſie außen die Seeluft tödtet. Sie müßte eine mildere Luft haben, wie die im Süden von Frankreich oder in Italien.“ „Mein Gott! der Süden von Frankreich oder Ita⸗ lien könnten ſie alſo wiederherſtellen?« „Vielleicht; in jedem Falle würde dies das Uebel ſchlimmer zu werden verhindern. Wenn Sie mir alſo glauben wollen, wenden Sie alle Ihre Mittel auf.« „Alle unſere Mittel, mein Herr!“ rief ich in Ver⸗ zweiflung,„alle unſere Mittel belaufen ſich nicht auf drei Guineen!“ „Ohl unglückliche Frau,“ rief er;„was habe ich geſagt? was habe ich gethan?“ „Ihre Pflicht, mein Herr. Es geht Sie, den Mann der Wiſſenſchaft, nichts an, ob der Kranke arm oder reich iſt; Sie bezeichnen nur das, was er zu thun hat. Alſo ein warmes Land, der Süden von Frankreich, Italien, oder meine Tochter iſt verloren? „Ich ſage das nicht... Wenn ſie nur hierher kommen könnte, die Luft dieſes zwiſchen Bergen einge⸗ ſchloſſenen Thales iſt nicht ſchlecht; und dann iſt die Pflege einer Mutter, die ihre Tochter liebt, oft ſchon etwas Allmächtiges in den Augen des Herrn!« 3 „Oh! an dieſer Pflege, mein Herr, wird es ihr nicht fehlen, und müßte ich Almoſen fordern! Wer wird ſich übrigens weigern, mich zu unterſtützen, wenn ich die Hand ausſtrecke und ſage:„„Habt Erbarmen! es iſt eine Mutter, welche für ihre Tochter bittet!«« „Gut!« ſprach der Arzt;„ich ſehe, daß ich hier das Glück gehabt habe, mich an ein zugleich ſtarkes und zärtliches Herz zu wenden. Ich werde Sie nach meinen beſten Kräften mit meiner Fürſorge, mit meinen Be⸗ 295⁵ ſuchen und meinen Rathſchlägen unterſtuͤtzen; doch Ihre Tochter muß hierher zurückkommen, und zwar je eher, deſto beſſer!“ „Oh! ich verlange nichts Anderes, mein Herr! ſo⸗ gleich, im Augenblick! Wenn Sie wüßten, wie dieſe Verordnung meinen Wünſchen entſpricht, und wie Ihr Wille mit meinem Herzen im Einklange iſt! Doch Herr Wells, Miſtreß Wells, werden ſie mir meine Tochter zurückgeben?« „Das iſt meine Sache; nur erſchrecken Sie nicht über das, was ich ihnen ſagen werde, um ſie zu beſtim⸗ men, ihren Vertrag mit Miß Eliſabeth aufzuheben, und wachen Sie beſonders darüber, daß ihr die Gefahr, die ſie läuft, durchaus nicht bekannt wird.“ „Das wird um ſo leichter ſein, als ich glaube, daß ſie nichts vermuthet.“ Ich öffnete den Brief, den ich in der Hand hielt, als der Arzt eintrat, und zum Ende gehend, ſagte ich: „Wir wollen ſehen.“ Und ich las: „Leben Sie wohl, meine Mutter; es geht immer beſſer bei mir, und ich bin ſehr glücklich bei Herrn und Miſtreß Wells.“ „Ja,« murmelte der Arzt,„das iſt eine große Wohl⸗ that, die der Herr denjenigen bewilligt, die dieſe Krankheit trifft; ſeine allbarmherzige Hand iſt ſanft, ſelbſt gegen die, welche ſie tödtet.“ „Welche ſie tödtet!“ wiederholte ich;„Sie verzwei⸗ feln alſo an meinem Kinde, mein Herr?« „Es iſt unſere Pflicht, nie zu verzweifeln, Miſtreß. Wann wollen Sie, daß Ihr Kind hierher zurückkommt?“ „Ei! heute noch, wenn es möglich iſt. Nach dem, was Sie mir ſagen, iſt kein Augenblick zu verlieren.“ „ Heute, das iſt unmöglich; morgen, das wäre ſchwie⸗ rig; übermorgen kann es ſein.“ „Uebermorgen?« rief ich;„das iſt ſehr lange!“ 296 „Und wann hofften Sie denn Ihre Tochter zu ſehen?« fragte er mich. „Sie haben Recht, das Herz iſt inconſequent, be⸗ ſonders das einer Mutter. Es fühlt, aber es überlegt nicht... Wie wird ſie nun von Milford zurückkom⸗ men?“ „»Wie hat ſie ſich dahin begeben?« 3 „Ich habe ſie ſelbſt nach Milford begleitet! Ach! die Arme! ich wollte ſie ſo ſpät als möglich verlaſſen! ſie ritt auf einem Eſel, und ich ging neben ihr; doch ſie hat einen Theil des Wegs zu Fuße gemacht.“ „Sie war alſo damals noch ſtark 2« „Oh! mein Gott! iſt ſie ſeit zwei Monaten ſo ſchwach geworden 2 „Ich behaupte nichts; ich ſtelle mir ſelbſt eine Frage.“ „Wohl! ich werde ſie holen; ich werde ſie unter⸗ ſtützen; ich werde ſte in meinen Armen zurücktragen, wenn es nöthig iſt!« „Gut. Uebermorgen, um zwei Uhr Nachmittags, finden Sie ſich bei den erſten Häuſern der Stadt ein; ich werde Ihnen Ihr Kind übergeben, und es wird fortan an Ihnen ſein, über Ihrer Tochter zu wachen.“ „Ohl mein Herr!“ rief ich,„was konnte Ihnen dieſes Intereſſe für uns einflößen?« „Meine Pflicht als Arzt, Miſtreß; Ihre Tochter war verirrt, verloren, hinausgeſtoßen aus dem Kreiſe, wo ſie bis dahin gelebt hatte, und wo ſie vielleicht auch noch ferner leben kann. War es Zufall, war es Vor⸗ ſehung, ich traf ſie auf meinem Wege, und ich führe ſie zu ihrem Ausgangspunkte zurück. Machen Sie, wenn Sie können, daß ſie die zwei Monate vergißt, die ſie bei Herrn Wells zugebracht hat; zwei Monate ohne Wärme, zwei Monate ohne Sonne, das wird ſchwierig ſein für eine ſo ſchwächliche, ſo zarte Pflanze.“ „Mit der Hülfe des Herrn und der Ihrigen werde ich thun, was ich kann.“ »Wohl denn, ſeien Sie übermorgen um zwei Uhr bei den erſten Häuſern von Milford,“ ſprach der Arzt. Und er entfernte ſich. Ich blieb Anfangs niedergeſchmettert. Die Thure hatte ſich hinter ihm geſchloſſen; ich befand mich wieder allein wie zuvor, mit dem Briefe meiner Tochter in der Hand. War wirklich ein Menſch eingetreten? oder war es nur eine von den ſchlimmen Erſcheinungen geweſen, die das Unglück weiſſagen? Keine Spur war von dieſem Menſchen übrig ge⸗ blieben: eine Stimme in meinem Ohre, eine Angſt in meinem Herzen, nichts Anderes! Doch im Grunde von Allem dem, ich muß es ſagen, zuckte ein freudiges Gefühl. Ich ſollte meine Tochter wiederſehen; ich ſollte ſie nach meinem Belieben umarmen, nach meinem Willen an meine Bruſt drücken können; ich würde nicht mehr vor mir die lange, dürre Kammerfrauenfigur haben, um zu ſagen:„Miß, merken Sie auf... Miß, nehmen Sie ſich in Acht!...« Von dieſem Augenblicke an war ich auch nur noch mit Betſy beſchäftigt. Alles, was ſie von Gegenſtänden, die ihr gehörten, zu Hauſe gelaſſen hatte, wurde an ſeinen Platz gelegt. Am Morgen des Tages, an dem ſie zurückkommen ſollte, erwartete ſie Alles; man hätte glauben können, ſie ſei ſo eben aus der Stube weggegangen, und ſie werde ſogleich wiederkehren. Lange vor der beſtimmten Stunde brach ich auf; lange vor der Stunde ſaß ich am Nande der Straße, am Fuße der Baumgruppe, die Augen auf die Biegung des Weges geheſtet, wo ſie erſcheinen ſollte. Endlich ſchlug es zwei Uhr: ich ſtand auf. Einige Minuten nach zwei Uhr erſchien ſie. Ver⸗ gebens hatte mir der Arzt die Ruhe empfohlen, nicht für mich, ſondern für ſie; als ich ſie ſah, vergaß ich die 298 Empfehlung. Ich lief meiner Tochter mit offenen Armen entgegen; ich nahm ſie, ich preßte ſie an mein Herz, ich hob ſie auf, ich ſtellte ſie auf die Erde, damit ſie mehr in meinem Bereiche wäre. Ich ſuchte mit meinen Lippen ihren Mund, ihre Augen, ihre Stirne. Ihre Augen waren geſchloſſen, ihr Mund war keu⸗ chend, ihre Stirne feucht... Mein Gott! ihr armes Herz hatte die Gluth des meinigen nicht ertragen kön⸗ nen: ohne ein Wort zu ſagen, ohne eine Klage von ſich zu geben, war ſie ohnmächtig geworden; wie beim Kom⸗ men, als ſie hatte gehen wollen, hing ſie ſchwer an mei⸗ nem Arme: dies war das einzige Zeichen, an welchem ich erkannte, daß ſie das Leben für den Augenblick verlaſſen hatte. „ Das befürchtete ich,“ murmelte der Arzt;„das mußte ſo kommen. Nehmen Sie ſich in Acht, ſie von einer zu kalten Temperatur in eine zu heiße Atmoſphäre übergehen zu laſſen: die Strenge von Herrn Wells ver⸗ eiſte ſie, Ihre Liebe würde ſie verzehren.“ Ich trug meine Betſy zum Fuße der Baumgruppe fort; ich ſetzte mich und legte ſie auf meinen Schooß. Der Arzt zog ein Fläſchchen aus ſeiner Taſche und ließ ſie daran riechen. Es fand einen Augenblick ein Kampf in dieſer ſchwäͤch⸗ lichen Organiſation ſtatt: es war, als hätte ſie ſchon die Hälfte des Weges gemacht, der zum Tode führt, und als zögerte ſie, zurückzukommen. Was mich beunruhigte, während es,— ſeltſamer b Weiſe!— den Arzt im Gegentheile zu beruhigen ſchien, war der Umſtand, daß das Incarnat ihrer Wangen, auf den Backenknochen zuſammengedrängt, nicht erbleicht, ſondern vielleicht ſogar noch lebhafter geworden war. Endlich zitterten ihre Lippen; ſie ſtieß einen Seufzer aus, hob den Kopf empor, ließ ihn wieder fallen und murmelte ein paar Worte, in denen ich zu unterſcheiden glaubte, daß ſie mich rief. 1. „Ohl ja, mein Kind,“ ſagte ich,„hier bin ich, 5 299 hier bin ich! wo Du auch ſein magſt, rufe mir immer⸗ hin, und wo Du ſein wirſt, und wäre es im Grabe, dahin werde ich gehen!« „Stille!« flüſterte mir der Arzt zu,„ſie fängt an zu hören.“ Sie öffnete in der That die Augen und ließ ſie einen Moment auf den Wolken des Himmels umher⸗ irren, unter denen ſie Gott zu ſuchen ſchien, der viel⸗ leicht mit ihr während dieſes Schlafes des Lebens ge⸗ ſprochen hatte; dann lenkte ſie dieſelben auf die Erde zurück, ſie erblickte mich, lächelte, hob ihre beiden Arme in die Höhe und ſchlang ſie um meinen Hals; und ſachte ihr Geſicht dem meinigen nähernd, murmelte ſie: „Meine Mutter! meine gute Mutter!“« Die Thränen entquollen meinen Augen, wie zur Stunde, da ſie, ein ſtrauchelndes Kind, auf der ganz von Maßlieben geſprenkelten Wieſe zum erſten Male deutlich dieſe Worte ausgeſprochen hatte. „Oh! meine Betſy!« rief ich mit einer Art von Wuth;„mein theures Kind, meine geliebte Tochter, Du biſt es alſo! Du biſt alſo da!« Und es ſchien mir in der That, nach einem harten Kampfe gegen eine boshafte Macht habe ich ſo eben mein Kind wiedererobert. Der Arzt trat dazwiſchen. „Genug,“ ſagte er;„ſie iſt da, ich habe ſte Ihnen zurückgegeben. Vergeſſen Sie nun nicht, daß ihr jede Gemüthsbewegung ſchädlich iſt; behandeln Sie ſie wie eine von den ſchönen Lilien, für welche weder zu viel Wärme, noch zu viel Kälte taugt. Jedes Uebermaß iſt für ſie gefährlich, ſelbſt das Uebermaß Ihrer Liebe.“ Doch ich hörte kaum. Betſy war wieder völlig zu ſich gekommen; ſie ſah mich, ſie lebte, ſie ſprach. Sie ſagte mir, mit dem Blicke und mit der Stimme, Alles, was ſie ſeit zwei Monaten gelitten hatte, und ich hörte ſie mit Entzücken an. 30⁰0 Welch eine unbeſchreibliche Muſik iſt die Stimme eines Kindes für das Ohr einer Mutter! Der Arzt ſchob mir ein Papier in die Hand; es war eine Verordnung die Däät betreffend, die ich ſie ſollte befolgen laſſen; dann, um uns daran zu mahnen, daß es Zeit ſei, uns auf den Weg zu begeben, nahm 4 den Eſel beim Zaume und führte ihn in unſere ähe. Wonach er ein Geldſtück aus der Taſche zog, es dem kleinen Knaben gab, der das Thier nach Milford zurückzubringen beauftragt war, mir ein Zeichen des bichiedes und der Empfehlung machte und ſich ent⸗ ernte. Sah Eliſabelh oder ſah ſie nicht, was vorgefallen? bemerkte ſie, daß der Doctor nicht mehr bei uns war? Ich weiß es nicht. Es ſchien, die Arme habe nicht mehr Kraft, als um eine Empfindung zugleich aufzunehmen; dieſe Kraft hatte ſie zuerſt angewandt, um ihre Sinne wiederzuerlangen, dann, um zu mir zurückzukehren; Alles, was ſie thun konnte, war, zu leben und mich zu lieben. Außer dieſen zwei Beſchäfti⸗ gungen ſchien ſie nicht zu ſehen und nicht zu hören. Ich ſetzte ſie wieder auf den Eſel, und wir begaben uns auf den Weg, ohne daß ſie mich fragte, ob nicht eine dritte Perſon bei uns geweſen ſei, und was aus die⸗ ſer dritten Perſon geworden. Allerdings hatte ſie eine Art von Fieber ergriffen; die einen Augenblick durch ihren ganzen Körper erlo⸗ ſchene Empfindlichkeit überſtrömte ſie in Wogen: jede. der Fibern ihres Leibes ſchauerte wie in den Stunden, die dem Sturme vorhergehen, die Saiten einer Harfe. Man hätte glauben ſollen, nachdem ſie nicht mehr ge⸗ lebt, lebe ſie zu ſehr. In dieſem Augenblicke ſprach ſie raſch, ſieberhaft. Sie erzählte mir ihre ſchmerzliche Exiſtenz bei Herrn Wells,— ſchmerzlich für ſie, welche durch ihre Natur und ihre Erziehung dazu beſtimmt, in Berührung nit ime es ſie en, hm ſere ord des nt⸗ 301 dem Leben und der Liebe zu ſein; denn ſich uͤber eine einzige Perſon des Hauſes beklagen, das war ihr un⸗ möglich. Nur hatte ſie mit Geſchöpfen einer andern Welt gelebt; ein belebtes, zuckendes Fleiſch, war ſie mitten in ein Haus von Schnee, bewohnt von Eis⸗ ſtatuen, gefallen. 4 Und obgleich etwas Beunruhigendes in dieſem ra⸗ ſchen, abgeſtoßenen, zuweilen heiſeren Sprechen war, ließ ich mich doch dadurch täauſchen, und ich fragte mich: „Aber was ſagte denn der Arzt, ſie ſei ſchwach? Spräche ich, wie ſie es ſeit einer Stunde thut, ſo wäre ich todt vor Müdigkeit. Oh! nein, ſie iſt jung, ſie iſt ſtark, ſie wird leben!« Wir gelangten nach Waſton. Ungeduldig, wollte ſie bei den erſten Häuſern ab⸗ ſteigen; man hätte glauben ſollen, ſie befürchte, nicht an Ort und Stelle zu kommen; ſie hatte Eile, ſich wieder in der armſeligen Stube zu befinden, die keinen andern Horizont bot, als die Mauern eines Kirchhofes, keine andere Ausſicht, als die auf Gräber. Ich verſuchte es, ſie zu bewegen, ſachte zu gehen, doch das war unmöglich. „Sachte gehen?« ſprach ſie,„und warum? Du glaubſt alſo, ich ſei krank? Im Gegentheile, ich habe mich nie ſo wohl befunden; ich bin ſtark; mir ſcheint, ich habe Flügel, und um zum Himmel aufzuſteigen, brauche ich nur zu wollen.“ Ach! ja, das arme Kind, es hatte die Flügel des Fiebers, Flammenflügel, die den Leib verbrennen, den ſie tragen. Und ſie beſchleunigte in der That ihren Gang, ſchritt mir voran, winkte mir mit der Hand und ſagte: „Komm! komm doch, meine Mutter!« Ich folgte ihr, aber unruhig, mehr als unruhig, erſchrocken! Dieſe Kraft, die ſie unterſtützte, hatte etwas Geheimnißvolles; dieſes Leben, von dem ſie lebte, hatte etwas Phantaſtiſches. 302 Mir ſchien, ich ſehe einen Schatten vor mir her⸗ gleiten, und nicht einen Körper, der das menſchliche Peben, das gemeinſchaftliche Leben, unſerer Aller Leben ebe. Mein Gott! war ſie ſchon todt, und lebte ich durch einen Zauber, der mächtiger als der Tod, mit ihrem Schatten? Ich war beinahe ſo weit gekommen, daß ich die Rückkehr der Schwäche wünſchte, die mir ſo viel Angſt verurſacht hatte. Ich ſollte grauſam erhört werden. Sobald wir zur Schwelle der Thüre kamen, zu die⸗ ſer Schwelle, auf der ſie, als Kind, ihren Vater und mich ſo oft hatte ſtehen ſehen, kniete ſie nieder; dann ſenkte ſie den Kopf und drückte ihre Lippen auf den feuchten Stein. Als ſie ſich wieder erhob, rief ſie: „Der Kirchhof! der Kirchhof! gehen wir raſch auf den Kirchhof, meine Mutter!“ Man hätte glauben ſollen, ſie fühlte ſich nur noch ſtark genug, um bis dorthin zu gelangen. Ich folgte ihr, wie ich es ſeit einigen Augenblicken that, denn ich begriff, daß ſie das Grab ihres Vaters begrüßen wollte, dieſes Grab, welches ſie ſonſt alle Tage beſucht, und auf das ſie ihre ſchönſten Roſen⸗ ſtöcke gepflanzt hatte. 3 Ach! in meiner bangen Sorge um mein Kind wa⸗ ren meine Augen beſtändig auf Milford geheftet gewe⸗ ſen, und ich hatte darüber dieſes Grab vernachläſſigt, beinahe vergeſſen. Sie ging durch das Gäßchen, welches das Pfarr⸗ haus vom Kirchhofe trennte, ein ſchmales, feuchtes Gäß⸗ chen mit moosbedeckten Mauern, ein wahrer Gang vom Leben zum Tode. Dann ſtieß ſie die hölzerne Thüre auf, die ſich an Weidenbändern drehte, und eilte durch die hohen Grä⸗ 303 ſer grüne Wogen, die den Wellenformen der Gräber folgten. Sie war ganz weiß gekleidet, und obgleich dies am hellen Tage geſchah, konnte ich doch das Gefühl von Furcht nicht überwinden, das mich ſie als einen Schat⸗ ten betrachten ließ. Sie ſchritt gerade auf das Grab ihres Vaters zu. Bei dieſem, von einer kleinen ſchwarzen, hölzernen Schranke umgebenen, Grabe war ein Platz für mich auf⸗ bewahrt. Dann, zwiſchen unſern zwei letzten Lagern, ein Zwiſchenraum, von dem Betſy mehr als einmal geſagt hatte, ſie wolle hier, wenn die Reihe an ſie gekommen ſei, in der Ewigkeit ſchlafen, um ſich nicht von uns zu trennen. Sie ſchwang ſich über die Schranke, als ob ſie in der That Flügel gehabt hätte, oder als ob vielmehr ihr luftiger Körper das Vorrecht gehabt hätte, durch die Hinderniſſe zu gehen, ohne 65 zu überſteigen oder zu beſeitigen. Sie kniete nieder und verrichtete ihr Gebet. Ein einziger Roſenſtock war am Leben geblieben, und auf dieſem blühte eine einzige weiße Roſe. Nachdem ſie ihr Gebet verrichtet hatte, nahm ſie mit jener Art von Fieber, das ſie belebte, die Roſe und pflückte ſie. Doocch während ſie dieſelbe an ihre Lippen und an ihr Herz drückte, ſtieß ſie einen ſchmerzlichen, kurzen, ſchrillen Schrei aus, wie man ihn ausſtoßen muß, wenn man im Herzen getroffen iſt. Ich ſtürzte auf ſie zu: ſte lag gerade zwiſchen dem Grabe, wo ihr Vater ſchlief, und dem Grabe, wo ich ſchlafen ſollte; ſie lag gerade an dem Platze, der für ſie vorbehalten war. Ohnmächtig!... Ohnmächtig! ich begriff das; eine Organiſation 304 wie die meines Kindes konnte aus einer ſolchen Eral⸗ tation nur durch die Ohnmacht herauskommen. Doch ſie hatte einen Schrei ausgeſtoßen! Warum dieſer Schrei? Ich neigte mich zu ihr hinab und unterſuchte ſie. Es fand ſich auf ihrer linken Seite ein leichter Blutflecken. Als ſie die Roſe an ihr Herz drückte, hatte ſie ein langer Dorn in die Bruſt geſtochen. Der Schmerz von dieſem Stiche hatte ohne Zweifel ihren Schrei veranlaßt. Sie hielt übrigens die Roſe feſt in ihrer Hand. Ich nahm ſie in meine Arme und trug ſie hinweg. Als ich nach dem Pfarrhauſe zurückkam, fand ich die zwei Kinder des Pfarrers an der Thüre, die nach dem Gäßchen führte. Sie hatten Alles geſehen, was vorgefallen, da ſie uns gefolgt waren; ſie liefen uns voran, um ihrem Vater und ihrer Mutter Alles zu erzählen. z Der Vater und die Mutter ſahen uns vorüber⸗ gehen. Die Kinder ſchauten uns auch zu, doch halb hinter einer Thüre verborgen und lachend. Weder die Einen, noch die Andern boten uns ihren nallend an; nur hörte ich die Frau zu ihrem Manne agen:. „Es war wohl der Mühe werth, ſte vom Kirchhofe zurückzutragen!“ VII. Ich legte meine Tochter auf ihr Bett und kniete vor ihr nieder. Nach einem Momente gab ſie einen Seufzer von ſich, öffnete ſie wieder die Augen und kehrte in's Leben ohne Erſchütterung zurück, wie dies ſchon bei ihr in Folge ähnlicher Ohnmachten der Fall geweſen war. 30⁵ Nur ſchien es mir jedes Mal, ſie behalte von ihren Ohnmachten ein wenig mehr Schwäche im ganzen Körper und ein wenig mehr Bläſſe auf ihrem Geſichte. Wenn ſie wieder zu ſich gekommen war, hatte ſie übrigens dieſe Wanderungen in die Welt der Todten völlig vergeſſen. Als ſie die Augen öffnete, ſchien ſie ſo glücklich, ſich wieder in unſerer dürftigen Stube zu befinden und mich bei ſich zu fühlen, daß mich die Freude, die ſich auf ihrem Geſichte malte, die Bläſſe deſſelben ver⸗ geſſen ließ. Dann zog ſie lächelnd aus ihrer Taſche eine kleine Börſe; in dieſer Börſe waren drei Guineen und einige Schillinge. Das war genau der Preis der Zeit, die ſie bei Herrn Wells zugebracht hatte; zwei Monate, ſieben und zwanzig Tage, zwölf Minuten und fünf und vierzig Secunden. Der ſtrenge Geſchäftsmann hatte Alles berechnet bis auf die Secunden: eine Münze der kleinſten Gat⸗ tung entſprach den drei Viertelsminuten. — Wir hatten hiedurch ungefähr fünf und ein halbes Pfund. Ich konnte alſo,— wenigſtens in der erſten Zeit,— ohne Unruhe mein Kind pflegen und die Vorſchrift des Arztes befolgen. Die Vorſchrift war übrigens nicht ſehr complieirt. Der Doctor hatte verſprochen, die erſte Gelegenheit zu ergreifen, um uns zu beſuchen, und dann je nach dem Grade der Geneſung oder den Fortſchritten der Krank⸗ heit die Behandlung zu modificiren. Mittlerweile ſollte Eliſabeth ſchleimige Subſtanzen zu ſich nehmen; ſie ſollte wenig eſſen,— vorzugsweiſe Kalleite von Fleiſch,— und beim Eſſen laues Waſſer rinken. „Der Arzt glaubte indeſſen nicht, es werden vor einem Monat, von der Rückkehr von Eliſabeth an, Der Pfarrer von Aſhbourn. II. 20 306 andere Erſcheinungen eintreten, als die, welche wir ſchon kannten. Und in der That, abgeſehen von einem ſeltſamen, unerwarteten, unerhörten Falle, ging Alles, wie es der Arzt vorhergeſehen. Der Fall, von dem ich ſprechen will, war der Stich des auf einem Grabe gewachſenen Roſendorns, ein un⸗ merklicher, aber immer offener Stich, der ſich nie ſchloß. Im Zuſtande der Ruhe konnte das Auge dieſen Stich kaum wahrnehmen. Doch bei jedem Huſtenanfalle kam ein Blutstropfen daraus hervor,— Anfangs roſiges und friſchrothes Blut, das aber, ſo wie das arme Kind in ſeiner Krankheit vorrückte, bleicher und, ſo zu ſagen, minder lebendig wurde. So war in dieſem langſamen Gange von Betſy zum Grabe etwas Uebernatürliches, was zum Voraus anzudeuten ſchien, jeder Widerſtand ſei vergeblich und der Kampf beinahe eine Ruchloſigkeit. Man hätte glauben ſollen, während ich ſie mit einer Hand im Leben zurückhalte, ziehe ſie ihr Vater mit der andern zum Tode hinüber. Der Monat verging ohne wirkliche Schmerzen, aber mit einer ſtufenweiſe zunehmenden Entkräftung. Während der erſten Tage konnte Eliſabeth noch die Treppe hinabſteigen, ausgehen, ein paar Schritte vor dem Dorfe machen.. Dann wurde allmälig ihr Spaziergang beſchränkter. Die Bauern ſahen uns vorübergehen und ſchuͤttelten den Kopf. „Seht,“ ſagten ſie, indem ſie auf uns Beide deu⸗ teten,„ſeht die graue Dame und die lebendig Todte. Und Anfangs trat man vor die Thüren, um uns vorbeigehen zu ſehen; hernach ging man hinein, wenn wir vorbeikamen. Ich weiß nicht, welche abergläubiſche Furcht ſich an uns anhing. hon een, der pfen lut, kheit rde. etſy raus und mit gater uns venn h an 307 Vielleicht glaubte man, die Krankheit von Eliſa⸗ beth ſei anſteckend, und ſie iſt doch in England bekannt, dieſe unſelige Auszehrung! Was den blutenden Stich betrifft, den ſie am Her⸗ zen hatte, ſo wußte Niemand etwas davon. Ebenſo⸗ wohl, um das Geheimniß meiner Tochter zu bewahren, als aus Sparſamkeit wuſch ich ſelbſt ihre Wäſche. Sie hatte indeſſen einige Augenblicke der Ruhe; das war während ihres Schlafes. Gott und ich, die Einzigen, die ſie ſchlafend geſe⸗ hen, können ſagen, wie ſchön ſie dann war. ieſer Schlaf, wenn er ohne Fieber, ſchien für das keuſche Kind eine Anſchauung des Himmels zu ſein. Obſchon ihre ſchönen Augen, die die Farbe dieſes Himmels hatten, geſchloſſen waren, nahm doch ihr Ge⸗ ſicht einen engeliſchen Ausdruck an, als ob ſie ſchon durch das Licht, das dem Antlitze des Herrn entſtrömt, erleuchtet geweſen wäre. Zum Unglücke erfaßte ſie dieſer himmliſche Schlaf einahe immer am ⸗Tage, denn die Nächte waren im egentheile ſehr bewegt, vom Fieber beunruhigt, und faſt nie endigte dieſer Schlaf auf eine natürliche Art. Man haͤtte glauben ſollen, dieſe unglücklichen Kin⸗ der des Pfarrers, die mich haßten,— warum? ich weiß es nicht; ohne Zweifel wegen des Rechtes, das ich hatte, als Witwe des vorhergehenden Geiſtlichen trotz ihrer Eltern im Pfarrhauſe zu wohnen; man hätte glauben ſollen, dieſe unglücklichen Kinder errathen den Schlaf eer Kranken, und wie wohl er ihr thue; denn ſie ver⸗ doppelten dann ihren Lärmen, ihr luſtiges Geſchrei. Sehr oft ſchlug, vom Hofe geſchleudert, ein Ball an die Fenſterſcheiben oder von der Treppe aus ein Stein an die Thüre. Dann, beim Klirren der auf den Boden fallenden Scheiben oder beim Anſtoßen des Steines an das Holz, zuhr meine arme Tochter aus dem Schlafe auf, ihr tödtlicher Huſten beſiel ſie wieder, und ſße ehrt⸗ durch 308* eine qualvolle Erſchütterung in das Leben und in den Schmerz zurück. Und wenn ich mich bei den Eltern beklagte, ſag⸗ ten ſie: „Es iſt nicht unſere Schuld, wenn ſich unſere Kin⸗ der wohl befinden, während Ihre Tochter krank iſt; ſteht Ihnen übrigens die Wohnung nicht an,— wir halten Sie nicht zurück; gehen Sie anderswohin.“ Nach Ablauf eines Monats beſuchte uns der Arzt. Schon ſeit acht Tagen ging Eliſabeth nicht mehr aus und ſogar nicht einmal mehr die Treppe hinab. Sie blieb in meinem großen Lehnſtuhle bei dem Fenſter ſitzen, das den Anblick des Kirchhofes bot. Da wandte ſich ihr Geſicht unabänderlich nach dem unſerer Familie vorbehaltenen Punkte; ihr Auge heftete ſich auf das Grab ihres Vaters; ein unbeſtimmtes La⸗ cheln trat auf ihrem Geſichte hervor; ſie machte kleine Zeichen mit dem Kopfe und unmerkliche Bewegungen mit den Lippen. Sie ſchien Dinge zu ſehen, welche unſere menſch⸗ lichen Augen nicht ſehen, und ſich leiſe mit den Geiſtern einer andern Welt zu unterreden. Dieſe ſeltſamen Geſpräche endigten beinahe immer mit einem Huſtenanfalle und der Huſtenanfall mit dem Ausquellen eines immer bleicheren Blutstropfen. Es hatte ſich indeſſen ein ſonderbares Phänomen, das in unmittelbarem Zuſammenhange mit dieſem un⸗ heilbaren Stiche zu ſein ſchien, bewerkſtelligt. Das Blutſpeien hatte aufgehört. Als der Arzt eintrat, ſaß Betſy, das Auge ſtarr, den Mund leicht geöffnet, das Geſicht lächelnd, wie ze⸗ wöhnlich, am Fenſter. Ich hörte Tritte auf der Treppe, und da es gerade ein Monat ſeit unſerer Rückkehr von Milford war, ſo dachte ich, es ſeien die des Arztes; ich ging alſo dieſen Tritten entgegen und öffnete die Thüre dieſem Bei⸗ ſtande, den mir der Herr gegen den Tod ſandte. Kin⸗ ſteht lten rzt. nehr dem dem ftete Lä⸗ eine igen iſch⸗ tern mer dem 309 Er trat ein, ohne daß Betſy zu bemerken ſchien, daß Jemand eingetreten war. Nur, als er auf ſie zuging, reichte ſie ihm, als hätte ſie ihn errathen, erkannt mit Hülfe eines unſicht⸗ baren Sinnes, ohne ſich umzuwenden, die Hand und machte mit dem Kopfe eine kleine Bewegung. Dann murmelten ihre Lippen die kaum hörbaren drei Worte: „Guten Morgen, Doctor.« t leide Doctor nahm ihre Hand und fühlte ihr den uls. „Seltſame Krankheit!« ſagte er;„man ſollte glau⸗ ben, dieſes Kind verliere das Leben tropfenweiſe, wie ein geſprungenes Gefäß die Flüſſigkeit, die es enthält, tropfenweiſe ausſickern läßt.« Dann erzählte ich ihm, außer dem ſichtbaren Uebel, das er kannte, weil er es errathen, ſtudirt, ergründet hatte, das ſeltſame Phänomen des Blutstropfen, der ſich bei jedem Huſtenanfalle ergoß. Er nahm meine Erzählung mit einem ungläubigen Lächeln auf. Doch ich zeigte ihm an der Stelle des Herzens auf dem Hemde meines Kindes den von Tag zu Tag blei⸗ cher werdenden Blutflecken. „»Um auf eine ſo ſeltſame Erzählung zu antworten, müßte ich dieſe angebliche Wunde ſehen und unterſuchen,“ ſagte er. Doch das keuſche Kind kreuzte ſeine beiden Hände auf ſeiner Bruſt und ſprach, als wüßte es die Erklärung dieſes Geheimniſſes und könnte ſie geben: „Unnöthig! Gott hat geſtattet, daß ich dieſes Blut, das ich durch den Mund mit ſchmerzlichen Convulſionen verlor, ſanft durch den Stich dieſes Noſendorns verliere; ſo wie dieſes Blut erbleichen wird, ſo werde ich immer ſchwächer werden. Eines Tags wird aus dieſem Stiche nur noch ein Waſſertropfen hervorkommen; an dieſem Tage werde ich todt ſein!... 310 Und ſie ſagte dies lächelnd, als wäre die Stunde des Todes die des Glückes. Ich ſchaute ſie an, ich faltete die Hände und ſprach leiſe zu mir ſelbſt:„Ließe unſere Religion die Heiligen zu, wie die katholiſche Religion, ſo hätte ich ſicherlich eine Heilige vor den Augen.“ »Und wenn ich es verſuchte, dieſes Blut zu ſtillen?« fragte der Arzt. „Sie würden es vergebens verſuchen,“ erwiederte ſie. „Wenn es mir aber gelänge ² „Ich würde ſogleich ſterben, ſtatt in zwei Monaten zu ſterben.“ Der Arzt ſchauerte ſelbſt. War es nicht etwas Unerhörtes, dieſes Mädchen, das, kaum in's Leben eingetreten, ſo vom Tode ſprach? Ich, ich weinte. „Zwei Monate!“ murmelte ich,„zwei Monate! In zwei Monaten wird ſie alſo todt ſein?« „Es mag ſein,“ ſprach der Doctor, als antwortete er der Kranken und mir, der Gewißheit der Tochter und der Angſt der Mutter,„es mag ſein, doch wir werden kämpfen.“ Dann wandte er ſich an mich, doch nicht leiſe ge⸗ nug, daß ihn Betſy nicht hörte: „Die Krankheit iſt gerade auf dem Punkte, wo ich ſie zu finden erwartete. Die Luft von Milford war zu ſcharf, die von Waſton, welche ich für milder hielt, iſt immer noch zu ſcharf. Sie müſſen Ihrer Tochter eine künſtliche Luft machen, welche mehr athembar iſt, als die natürliche Luft. Heute noch treffen Sie eine Ueberein⸗ kunft mit einem Pächter von Waſton oder der Umge⸗ gend, und laſſen Sie die Kranke in einem Stalle woh⸗ nen: dies iſt meine letzte Hoffnung; und erxiſtirt ein Wüttel,efe zu retten, ſo iſt es das, welches ich Ihnen angebe. „Ach!“ erwiederte ich,„überall, wo ſie ſein wird, wenn ſie nur von dieſen unglücklichen Kindern entfernt — 22 —,—,—-———,———,,—,———,,——— ———", 22— 311 iſt, die ſie quälen, wird ſie beſſer ſein, als hier. Ich werde thun, was Sie ſagen.“ Dann wandte ich mich an Betſy und fragte: „Du hörſt?2 „Ja, meine Mutter, und ich bin ganz bereit, Dei⸗ nen Willen zu thun, obgleich Alles, was man verſucht, um mich wiederherzuſtellen, unnütz iſt.“ „Aber, unglückliches Kind,“ verſetzte ich,„was gibt Dir denn dieſe traurige Gewißheit?« „Höre, meine gute Mutter. Als ich mich ganz wohl befand und mein Vater ſtarb, ſchien mir, ich ſei von ihm auf immer getrennt durch eine dicke, undurchſich⸗ tige, unüberſteigbare Mauer; dieſe Mauer war die, welche das Leben vom Tode ſcheidet. Mir ſchien ferner, daß es mir, obſchon diejenigen, welche im Grabe liegen, eine Stimme haben, mit der ſie zu Gott ſprechen, un⸗ möglich ſei, dieſe Stimme zu hören, die für mein Ohr ein Geräuſch ſchwächer, als es keimend ein Getreide⸗ korn macht, von ſich gab.. Ich täuſchte mich, Mutter. So wie ich ſelbſt gegen das Grab vorrücke, wird die Mauer, die mich davon trennt, immer durchſichtiger und die Stimme der Hingeſchiedenen immer verſtänd⸗ licher. Durch die Mauer ſehe ich meinen Vater lächelnd und die Arme gegen mich ausſtreckend; auf der Ober⸗ fläche der Erde höre ich ſeine Stimme wie einen Wind murmeln:„„Komm, mein Kind! Gott hat Dich viel⸗ leicht bezeichnet, daß Du unter ſeinen Auserwählten ſein ſollſt; die himmliſche Seligkeit harret Deiner. Glücklich ſind die, welche jung ſterben!“« Und darum lächle ich und ſpreche leiſe, wenn ich in dieſem großen Lehnſtuhle an dem Fenſter ſitze, das nach dem Kirchhofe geht. Ich lächle, weil mein Vater mir erſcheint; ich ſpreche leiſe, weil ich ihm antworte.“ „Und was ſagſt Du ihm?“ „Ich ſage ihm:„„Ich gehe, Vater, ich gehe; nur mache mir den Weg des Todes leicht, mache mir das Thor des Grabes ſanft!«⅛ 312 „Unglückliches Kind!“ rief ich,„Du denkſt alſo nicht an mich 2 „Oh! doch... und mehr als einmal habe ich ihn gefragt:„„Und meine Mutter? und meine Mutter 2ℳ „Nun 2 „Jedes Mal ſah ich Thränen ſeinen Augen ent⸗ fließen, und er antwortete mir:„Komm geſchwinde, und wir werden zu zwei ſein, um für ſie zu beten, und zu zwei werden wir vielleicht den Herrn erweichen!“« „Und aus welchem Grunde den Herrn erweichen? Was für ein größeres Unglück, als das, Dich zu ver⸗ lieren, kann mir denn widerfahren, meine geliebte Toch⸗ ter? Oh! wenn as wahr iſt, daß Du mir wieder ge⸗ nommen werden ſöllſt, und Du biſt todt, ſo fürchte ich nichts mehr, und ich trotze ſogar der Allmacht Gottes! „Stille, meine Mutter!« ſprach die Kranke, indem ſie ihren abgemagerten Finger an ihre Lippen legte; „ſtille!... Mir daͤucht, ich höre eine unbekannte Stimme, eine Simme, welche von der andern Welt zu kommen ſcheint und mir in mein Ohr den Vers ſpricht: „Die Jungfrau iſt ein Engel nur zur Erd' geſandt! „Was bedeutet dieſer Vers? Ich begreife es nicht?« „Mag er bedeuten, was er will,“ verſetzte der Arzt, „genug über dieſen Gegenſtand. Solche Geſpräche geben entweder das Fieber, oder ſie ſind das Reſultat davon. Beſchleunigen wir nicht den Gang der Krankheit; ihre Schritte werden raſch genug ſein.“ „Und Sie verzweifeln dennoch nicht?« fragte ich. Er zog mich beiſeit, führte mich bis an's Ende der Stube und ſagte zu mir: „»Wer nicht für die Heilung ſtehen kann, muß es wenigſtens verſuchen, das Leben zu verlängern. Als Wohnung ein Stall, oder beſſer, eine gegen einen Stall geöffnete Stube, damit die Kranke die durch die Gegen⸗ wart der Thiere lau gemachte Luft einathmet; als Ge⸗ tränke Aufgüſſe von isländiſchem Moos, Schneckenbruͤhe, un He ſel St Me arn geb Pe. gab daß Ste ihn den der Me und ders Küt ner 313 Milch; als Speiſe Fleiſchgallerte, wohl zu verſtehen! In einem Monat werde ich wieder kommen.“ Er hatte ſehr leiſe geſprochen, und dennoch hatte am andern Ende der Stube die Kranke nicht ein ein⸗ ziges von ſeinen Worten verloren. „Es iſt gut,“ ſagte ſie,„in einem Monat, Doctor! In einem Monat werde ich noch nicht todt ſein!« VIII. Oh! mein Gott! wie ſelten iſt doch das Mitleid, und wie wenige Menſchen üben die Vorſchrift unſeres Piern„Du ſollſt Deinen Nächſten ieben, wie Dich ſelbſt.« Sobald der Arzt weggegangen, war meine erſte Sorge, nachzuſehen, was ich während des abgelaufenen Monats ausgegeben, und wie viel mir noch von unſerem armen Schatze blieb. Ich hatte etwas über zwei Pfund Sterling ausge⸗ nben, und es blieben mir noch drei, weniger einige Pence. Der Auszug meines armen Kindes ſollte neue Aus⸗ gaben nothwendig machen. Ich mußte mich mit einem Pächter verſtändigen, daß er meinem Kinde und mir geſtattete, uns in einem Stalle einzuquartieren. „ Ich beſuchte vier oder fünf; Alle aber, wenn ich ihnen auseinanderſetzte, was ich haben wollte, ſchüttelten den Kopf und ſchlugen es ab. ie Meiſten antworteten, es ſei die Gewohnheit der Teufelsbanner, die Dämonen aus dem Leibe der Renſchen in den Leib der Thiere übergehen zu machen, und wenn meine Tochter beſeſſen ſei, ſo ſolle ſie an⸗ derswo, als bei ihnen, ein Hülfsmittel ſuchen. „ Endlich ließ ſich ein armer Bauer, der nur zwei Kühe hatte, durch meine Bitten erweichen; da aber ſei⸗ ner Meinung nach ſeine Kühe Gefahr liefen, die Krank⸗ 314 heit meiner Tochter zu bekommen und ſtatt ihrer zu ſterben, ſo verlangte er, daß ich ihm dreißig Schillinge für einen Monat gebe. Das war beinahe die Hälfte von dem, was wir beſaßen. Da uns indeſſen die Andern um keinen Preis auf⸗, nehmen wollten, ſo mußte man ſich wohl in die For⸗ derung von dieſem ergeben. Man fegte eine Ecke des Stalles; man breitete Stroh darauf aus; auf dieſes Stroh trug ich eine Ma⸗ tratze, Leintücher, Decken. Das war für meine Tochter. Ich, ich ſollte bei ihr auf einem Stuhle wachen, ſchlafen: in dem engen Stalle war kein Platz für zwei Betten. Ich hatte mir das Recht vorbehalten, die Nahrung und die Medicamente im Hauſe meines Wirthes zu be⸗ reiten. 4 Eliſabeth fand wieder Kraft genug, um die Treppe hinabzuſteigen; als ſie aber unten anlangte, mußte man, da man eine Viertelmeile vom Pfarrhauſe bis zu dem Hauſe des Bauern zu gehen hatte, und ſie nicht mehr ſtark genug war, um auf einem Eſel oder auf einem Pferde geführt zu werden,— mußte man ſie auf einer Matrage liegend tragen. ei Männer, welche für dieſe Arbeit anderthalb Schillinge gefordert hatten, trugen ſie auf einer Trag⸗ bahre. Ach! es war etwas Trauriges um dieſen Trans⸗ port einer Sterbenden; doch ſie hatte Mittel gefunden, eine Art von Feſt daraus zu machen. Sie hatte mich erſucht, ihr Kornblumen von den Feldern zu bringen und Maßlieben auf dem Kirchhoft 3 zu pflücken. Und um ihr Vergnügen zu bereiten, hatte ich einen Arm voll Kornblumen und Maßlieben geholt. r zu linge wir auf⸗ For⸗ eitete Ma⸗ chen, zwei rung be⸗ eppe nan, dem nehr nem iner halb rag⸗ ans⸗ den, den hofe nen 315 Aus den Maßlieben hatte ſte einen weißen Kranz gemacht, aus den Kornblumen ein azurblaues Geſtreu. Als ſie Eliſabeth ſo auf Blumen liegend und von Blumen bekränzt vorüberkommen ſahen, nahmen die zwei böſen Kinder des Pfarrers bei ihrem Vater zwei Kerzen, folgten ihr und ſangen den Todtenpſalm:„Aus der Tiefe rufe ich zu Dir, o Herr!« Sie faltete ihre Hände und antwortete nach jeder Strophe: Amen! Oh! dieſe elenden Kinder, welche ſo den Tod paro⸗ dirten und den Schmerz einer Mutter verſpotteten,— ich war nahe daran, ſie zu verfluchen! Die engeliſche Sanftmuth meines Kindes entwaff⸗ nete mich. Mein Zorn verſchwand in Thränen, und fnutt ſie zu verfluchen, antwortete ich, wie meine Toch⸗ er. „»Herr, gib die ewige Ruhe den Todten und laß leuchten ihren Augen das unendliche Licht!« Als ſie aber dieſe mit einer Matratze bedeckte Trag⸗ bahre, dieſe mit Blumen bedeckte Matratze und mitten unter dieſen Blumen ein liegendes Mädchen erblickten, eem ſeine Mutter in Thränen folgte, da wurde das ganze Dorf von Rührung ergriffen, kam auf die Straße heraus, näherte ſich der Sterbenden, ſtatt ſie zu fliehen, und begleitete ſie. Dann wurde das, was Anfangs von dieſen zwei unglücklichen Heidenkindern eine Parodie geweſen war, ein Gebet. Alles, was es im Dorfe von mitleidi en Herzen gab, bildete unſer Geleite, und es war nicht mehr allein die ſpöttiſche Stimme der Zwillinge, welche höhnend kreiſchte:»Selig ſind die Todten, die im Herrn geſtorben!« es war auch die religiöſe Stimme beinahe der ganzen Einwohnerſchaft von Waſton, welche die rromme Litanei wiederholte.. Der Zug verließ uns erſt vor der Thüre des auern . Auf dem ganzen Wege beleuchtete ein, zwiſchen 316 zwei Wolken durchgleitender, warmer Sonnenſtrahl das Antlitz des keuſchen Kindes. b Zehn Minuten nach unſerer Ankunft hatten wir unſer Quartier im Stalle bezogen, und Betſy athmete ſeine laue Luft ein. In den erſten Tagen ſchien es mir in der That, die theure Kranke befinde ſich beſſer. Nur raubte mir der unſelige Blutstropfen, der ſich von Tag zu Tag mehr entfärbte, immer wieder meine Hoffnung, ſo oft ich ſo wahnſinnig war, mich daran anklammern zu wollen. 8 Obgleich mein armes Kind wenig trank, obgleich es kaum aß, verzehrte es doch raſch unſere Mittel. Bald blieb mir nur noch die Guinee, die Betſy mir von Mifford geſchickt hatte, und die der Preis für die Stickereien war, welche ſie Anfangs für ſich ſelbſt gemacht, hernach aber verkauft hatte, um mir das Geld zu ſchicken. Ich war entſchloſſen, ſie nur in der äußerſten Noth zu wechſeln. V Dem zu Folge wollte ich es verſuchen, die drei Dinge, die mir fehlten, auf Credit zu kaufen. Brod für mich;— ich aß ſehr wenig: mit einem halben Pfunde täglich lebte ich. Ich kaufte ein Brod für zwei und einen halben Penny und hatte genug auf acht Tage. Ich ging zum Bäcker; als er mich erblickte, nahm M er aus ſeinem Schranke das Brod, das ich zu kaufen pflegte. Es war das erſte Mal, daß mir dergleichen begeg⸗ nete; mehr als zehn Jahre kaufte ich meinen Bedarf bei dieſem Manne. 3 4 Als er mich aber vergebens in meinen Taſchen ſtö⸗ ren ſah, ſagte er: 8 1 „Hm! ich wußte wohl, das würde hiemit endigen, In dem Augenblicke, wo ich bezahlen ſollte, that 4 ich, als ob ich mein Geld zu Hauſe habe liegen laſſen. das wir mete hat, mir Tag oft - zu leich etſy für elbſt Geld doth drei nem Brod auf ahm ufen that ſſen. geg⸗ darf ſi⸗ gen, und es wundert mich nur, daß Sie ſo lange zögerten, Ihr Geld zu vergeſſen.“ Da das Brod für mich war und ich den Reſt vom andern am Abend vorher gegeſſen hatte, ſo konnte ich warten. „Es iſt gut,“ verſetzte ich;„ich habe noch zu Hauſe, morgen werde ich dieſes holen und Ihnen Ihr Geld bringen.“— Er ſchämte ſich. „»Nein,“ erwiederte er;„behalten Sie es, behalten Sie es; ma ſoll nicht ſagen, ein Kunde ſei, als es ihm zum erſten Male begegnet, daß er ſeine Börſe vergeſſen, mit leeren Händen von hier weggegangen; nur, Sie begreifen, nicht wahr? ein Mal iſt keine Gewohnheit.“ Ich entfernte mich mit meinem Brodlaibe; doch meine Augen waren voll Thränen. Nach dem Brode hatte ich isländiſches Moos und Honig beim Gewürzkrämer zu kaufen, um Betſy einen ſchleimigen Trank zu machen; dann Fleiſchſtücke von mittlerer Qualität, um ihr Gallerten zu bereiten. Seit der Krankheit meiner Tochter kaufte ich meinen BVedarf beim Gewürzkrämer, und ich hatte nicht eine Minute Credit von ihm verlangt. Es war eben ſo beim Schlächter. Mit einigen Schwierigkeiten, wie ſie der Bäcker ge⸗ macht hatte, gab mir der Gewürzkrämer ſein isländiſches Moos und ſeinen Honig auf Credit. Doch der Schlächter nahm mir aus der Hand das Fleiſch, das ich ſchon darin hielt. Ich war entrüſtet. „Um nicht wechſeln zu laſſen, habe ich Credit von Ihnen verlangt,“ rief ich, indem ich mein letztes Gold⸗ ſtück aus der Taſche zog. O elender Einfluß dieſes gemeinen Metalls! Kaum ltte der Schlächter das Pfund geſehen, als er ſich be⸗ ruhigte. »Oh!« ſagte er,„verhält es ſich ſo, dann iſt es 318 etwas Anderes! wenn Sie übermorgen Ihren Bedarf holen, werden Sie mir das Ganze mit einander be⸗ ahlen.“ 1 Doch ich wollte keine Verbindlichkeit gegen dieſen Menſchen haben; ich warf das Goldſtück auf die Fleiſch⸗ bank und verlangte, daß er es wechſle. Am zweiten Tage nachher hütete ich mich wohl, beim Bäcker und beim Gewürzkrämer nicht zu bezahlen. Wenn meine Mittel erſchöpft wären, ſo hätte ich zwei Tage Credit beim Barmherzigſten der drei Lieferanten. Was den Schlächter betrifft, ſo war mir das gleich⸗ gültig; ich würde die Ueberreſte von dem Fleiſche eſſen, dies aß von Tag zu Tag, und ſo wie das Blut bleicher wurde, Betſy immer weniger. Sie wuͤrde offenbar bald nur noch trinken. V Ich würde die Ueberreſte von ihren Tiſanen und ihrer Milch trinken: ich habe ſagen hören, man könne lange leben, ohne etwas zu eeſſen, wenn man nur trinke. Ein Monat verging ſo. Ich hatte die dreißig Schillinge, die der Bauer für die Miethe ſeines Stalles gefordert, beiſeit gelegt. Ich kam zum letzten, und ich mußte ſo für unſere Wohnung von der Münze von unſerer Guinee nehmen. Anfangs verſuchte ich es, von unſerem Wirthe Cre⸗ „Gut,« ſagte er,„Ihre Matratze iſt wohl zehn Schillinge werth, ich werde Ihnen zehn Tage Credit auf Ihre Matratze geben.“ „Doch am elften Dage?« fragte ich. „Am elften Tage wird die Matratze mir gehören, und ich werde ſie um vier Pence für den Tag an Sie vermiethen.“ Was beſagen wollte, man werde an dem Tage, wo ich die vier Pence nicht bezahle, die Matratze meinem armen Kinde unter dem Leibe wegziehen. — edarf r be⸗ ieſen eiſch⸗ vohl, blen. zwei ten. eich⸗ ſen, ber⸗ cher und nne nur für 319 „Aber, mein Freund,“« verſetzte ich,„mir ſcheint, Ihr ſeid in einem Irrthume begriffen, und Ihr taͤuſcht Euch wenigſtens um die Hälfte über den Werth der Ma⸗ tratze. Die Matratze, die Leintücher und die Decke ſind wohl zwanzig Schillinge werth.“ „Ja, ſie wären es werth, wenn Ihre Tochter eine gewöhnliche Krankheit hätte, doch der Gewürzkrämer hat mir geſagt, Miß Betſy habe die Auszehrung, und das ſteckt an. Ich werde alſo genöthigt ſein, wenn Ihre Tochter geſtorben iſt, die Matratze ein paar Stunden von hier zu verkaufen, damit man nicht weiß, wem ſie gedient hat; denn wenn man es weiß, ſo wird ſie nicht nur keine zwanzig Schillinge, keine zehn Schillinge werth ſein, ſondern ich werde ſie nicht einmal für einen Penny verkaufen können.“ „Nun denn,“ ſagte ich,„ich werde Euch fortwährend bezahlen; Ihr ſeht, daß ich Geld habe...(Ich zog eine Hand voll Münze aus der Taſche.) Nur gewähret mir einen Nachlaß.“ Der Bauer ſchüttelte den Kopf. „„Weit entfernt, Ihnen einen Nachlaß zu gewähren, müßte ich ſogar den Preis erhöhen... Seitdem Ihre Tochter hier iſt, ſcheint ein Fluch auf meinem Vieh zu ruhen: die armen Thiere ſind traurig und nehmen im⸗ mer mehr ab. Die Schwarze gibt ein Maß, die Braune ein halbes Maß Milch heute weniger, als vor einem Monat; abgeſehen davon, daß ſie jetzt die ganze Nacht ſo traurig blöken, daß geſtern erſt die Frau von John, dem Bergmanne, zu mir ſagte:„„Man ſieht wohl, daß Ihr Jemand, der in den letzten Zügen liegt, bei Euch habt, Meiſter Peters, Eure Thiere blöken den Tod.“ Ich bekam Angſt, dieſer Mann werde wirlich ſeinen Preis ändern, und ich ſagte ihm ſchleunigſt, ich wolle ihn fortwährend, wie bis daher, bezahlen. Zu gleicher Zeit gab ich ihm den Schilling für den Tag. 320 1 Er nahm ihn, jedoch den Kopf ſchüttelnd und mur⸗ melnd: 3 „Zum Glücke hat die Tochter nicht mehr lange zu leben, ſonſt würde ich der Mutter ſagen, ſie möge ihr verfluchtes Geld anderswohin tragen. Mein Gott! der Tod muß alſo etwas Entſetzliches ſein, was den Menſchen eine große Angſt einflößk, daß mein armes Kind, das ſo ſanft, ſo ſchön, ſo ergeben, auf dieſe Art von der Furcht zurückgeſtoßen wird, ſtatt vom Mitleid aufgenommen zu werden! Kaum war ich in den Stall zurückgekehrt, ganz niedergeſchlagen bei dem Gedanken, was uns für die Zukunft die Unmenſchlichkeit derer, die uns umgaben, vorbehalte, als der Arzt eintrat. Ich habe ſchon geſagt, daß ich ihn erwartete, da ein Monat ſeit ſeinem letzten Beſuche abgelaufen war. Betſy erkannte ihn, lächelte ihm zu und richtete ſich in ihrem Bette auf; ſeit drei bis vier Tagen ſtand ſie nicht mehr auf. „Nun?« fragte er ſie. Doch ich, ich ſah an ſeinem Geſichte, daß er ſie einfach anredete, um eine Frage an ſie zu machen, und daß ihn der erſte Blick, den er auf ſie geworfen, belehrt hatte, was er denken ſollte. „Doctor,“ antwortete ſie,„in den erſten Tagen habe ich leichter geathmet, und es ſchien mir, meine Kräfte kommen wieder ein wenig; doch ſeitdem iſt meine Bruſt abermals beklommen, und ſeit drei Tagen ſtehe ich nicht mehr auf.“ Der Doctor erwiederte nichts. Er nahm die Hand der Kranken und fühlte ihr den Puls. An der Bewegung ſeiner Lippen, die den Schlägen folgte, ſah ich, daß die Pulſirungen raſcher und zahl⸗ reicher waren. „Fünf und neunzig!« ſagte er, ohne darauf zu mer⸗ fen, daß ich horchte und folglich hören konnte. Ich wußte, daß der Puls im gewoͤhnlichen Zuſtande ———ę—Z—ZOO—QCBCOC—;OC—Z—— 321 bei den jungen Leuten ſiebenzig bis fünfundſiebenzig⸗ mal ſchlägt. Das waren alſo zwanzig Pulsſchläge mehr in der Minute; das war alſo das Fieber und ſogar ein ſehr ſtarkes Fieber. „Schlafen Sie?« fragte ſie der Arzt. „Ich ſchlummere, aber ich ſchlafe wenig, und dieſe immer fieberhaften, immer von Traͤumen erfüllten Augen⸗ blicke einer ſchlechten Ruhe werden von plötzlichen Schau⸗ ern unterbrochen. Mir ſcheint, ich gleite auf einem ſchmalen Wege aus; ich falle von einem Felſen herab; ich rolle in Abgründe, und die Geſchwindigkeit meines Sturzes benimmt mir den Athem. Dann fahre ich ganz in Schweiß gebadet aus dem Schlafe auf; ich huſte und...« Der Doector ſah, daß ſie ihren Satz zu vollenden zögerte. „»Und der angebliche Blutstropfen 2« ſagte er. „Warten Sie,“ erwiederte Betſy. Sie drückte dann ihr Taſchentuch an ihre Bruſt, huſtete, zog es wieder zurück und reichte es dem Doctor. Das Taſchentuch war in der Größe eines kleinen Geldſtückes roth gefärbt, doch mit einem Roth, das viel bläſſer war, als das, welches der Doctor bei ſeinem letzten Beſuche hatte wahrnehmen können. „Und wenn Sie wach ſind,« fragte er,„wie be⸗ finden Sie ſich?« „Oh! viel beſſer, denn wach fühle ich mich mitten unter Allem dem, was ich liebe. Sind meine Augen offen, ſo ſehe ich meine Mutter hier, lebend; ſind meine Augen geſchloſſen, ſo ſehe ich meinen Vater dort, todt.“ »Nun!...« ſagte der Doctor, als ob der Wiſſen⸗ ſchaft, nachdem ſie das Ende der Forſchung erreicht, nur noch dieſer Ausruf des Zweifels bliebe. Dann wandte er ſich gegen mich und ſprach: .»Es geht gut; wünſcht ſie Etwas, ſo muß man es ihr geben.« Der Pfarrer von Aſhbourn. II. 21 322 Obſchon dieſe Worte ſehr leiſe vom Arzte geſprochen wurden, hörte ſie doch die Kranke. „Ja, Doctor,“ ſagte ſie,„ja, ich wünſche Etwas, und zwar ſehnlichſt.“ „Was, mein Kind?« „Ich wünſche in die Stube im Pfarrhauſe zurück⸗ zukehren, von deren Fenſter aus ich das Grab meines Vaters erblicke. Mir ſcheint, ich werde in dieſer Stube beſſer und ruhiger ſterben.“ In dieſem Momente richteten ſich ihre Augen auf mich; ſie ſah, daß ihre Worte mir das Geſicht mit Thränen bedeckt hatten. „Oh! meine Mutter! meine Mutter!“ rief ſie, in⸗ dem ſie ihre bleichen Hände und ihre abgemagerten Arme gegen mich ausſtreckte. Ich ſetzte mich auf ihr Bett. „Warum ſprichſt Du immer vom Tode, mein Kind?2« fragte ich ſie;„haſt Du den Doctor nicht ſagen hören, es gehe Alles gut?« „„Ich danke, guter Doctor,“ ſprach ſie.„Doch, meine liebe Mutter, haſt Du ihn nicht auch ſagen hö⸗ ren, man müſſe mir Alles, was ich wünſche, geben? Das hat der Doctor, der meinen armen Vater behan⸗ delte,— Du erinnerſt Dich ſeiner,— acht Tage vor dem Tode ſeines armen Kranken ebenfalls geſagt, auch indem er zugleich verſicherte, es gehe beſſer.“ Ich ſchauerte, denn dies war wahr. „Doch ſei ruhig, liebe, gute Mutter,“ fügte Eliſa⸗ beth raſch bei,„ich habe mehr als acht Tage zu leben.“ „Mein Gott! mein Gott!“ rief ich,„Du erſchreckſt mich! Weißt Du denn, wie lange Du zu leben haſt, und kennſt Du den Tag, an dem Du ſterben ſollſt?« „Bäte ich meinen Vater inſtändig, Gott das zu fragen, ſo würde es Gott uns ſagen.“ Ein Schauer durchlief meine Adern; ich erbleichte. Der Doctor nahm mich bei der Hand, zog michz ſich und ſprach: 323 „»Das iſt das Fieber; ich habe den Puls unterſucht; er ſchlägt fünfundneunzigmal in der Minute: fünf bis ſechs Pulſirungen mehr, und es iſt das Delirium.« „Nein, Doctor, nein,« verſetzte das Kind,„es iſt weder das Fieber, noch das Delirium. Wollen Sie wiſ⸗ ſen, an welchem Tage und zu welcher Stunde ich ſterben werde?« „Stille, mein Kind,“ erwiederte der Doctor;„ſpre⸗ chen wir nicht hievon; das iſt Tollheit!« Dann näherte er ſich Betſy und ſagte leiſe zu ihr: „Sehen Sie denn nicht, welchen Kummer Sie Ihrer armen Mutter bereiten?« „Lieber Doctor,“ ſprach das Kind,„Sie, der Sie ein Gelehrter ſind, müſſen Eines wiſſen: daß das ſchlimmſte von allen Mißgeſchicken das iſt, welches von Hoffnung umgeben zu uns kommt. Eines Tags, in einem Augenblicke, wo man am wenigſten darauf gefaßt iſt, erſcheint es uns um ſo unerträglicher, je mehr es unerwartet war; dann fehlt es dem Herzen an Stärke, und es bricht. Kennt man dagegen das Unglück, iſt es vorhergeſehen, weiß man, daß es unpermeidlich, ſo er⸗ wartet man es, und das Herz, das ſich daran gewöhnt hat, iſt, ſchwach, wenn man es ihm verkündigt, ſtark ge⸗ worden in der Erwartung und in der Ueberzeugung, daß ein großer Schlag zu empfangen und zu ertragen var.« Der Doctor ſchaute mich mit Erſtaunen an. Dieſe Worte waren ſo wenig die eines jungen Mädchens, daß er, obſchon er den Mund, der ſie ſprach, ſah, gewiſſer Maßen nicht an ihre Wirklichkeit glauben konnte. Die Kranke errieth, was in ſeinem Geiſte vorging. „Oh!« ſagte ſie,„Sie begreifen wohl, daß ich es nicht bin, die das erfindet. Die Todten ſagen es mir ganz leiſe in's Ohr, und ich wiederhole es Ihnen laut.“ Das Verlangen nach Forſchung trug nun beim Doctor die Oberhand über die Furcht, mir wehe zu thun, davon. 21* 324 „Mein liebes Kind,“ ſagte er,„Sie behaupten alſo, Sie würden, wenn Sie wollten, genau die Stunde Ihres Todes angeben ². „Ich habe Ihnen ſchon geſagt, wenn ich meinen Vater bäte, ſo würde mich mein Vater damit bekannt machen.“ „Oh! nein, oh! nein!“ rief ich. „Laſſen Sie ſie reden und glauben Sie nicht ein Wort von dem, was ſie ſagen wird,“ ſprach der Arzt, von der Neugierde angetrieben.„Sie ſehen wohl, daß ſie das Delirium hat.« Dann drückte er meine Hand in der ſeinigen, wandte ſich abermals an das Kind und fuhr fort: „Gut, es ſei! fragen Sie Ihren Vater, an welchem wage und zu welcher Stunde Sie ihm nachfolgen wer⸗ en. „Ja,“ antwortete einfach die Kranke. 1 Und ſogleich ſchloß ſie die Augen und ſtreckte die Hände vor ſich aus, wie es Einer thut, der eine finſtere Treppe hinabſteigt und in der Nacht geht. Die Arme ſchien in den Tod hinabzuſteigen. Und ſo wie ſie auf dem verhängnißvollen Wege fort⸗ ſchritt, erbleichte ihr Geſicht und verlor ſeinen Ausdruck. Endlich wurde ſie ſo bleich und ſo unbeweglich, daß ich zitternd, ſie könnte im Augenblick verſcheiden, eine Be⸗ wegung machte, um mich von der Gewalt des Doctors zu befreien. Doch er hielt mich zurück und ſprach: „Warten Sie, das iſt die Starrſucht; es iſt dieſes Falles in den alten Autoren erwähnt: Hippokrates be⸗ ſtätigt ihn. Warten Sie, ſie wird ſogleich wieder zu ſich kommen; ſollte ſie übrigens zögern, ſo ließe ich ſie an dieſem Flacon riechen, und das Bewußtſein würde bei ihr zurückkehren.“ Dies war unnöthig. Eine leichte roſenfarbige 6. 2...5 8 n Tinte erſchien wieder auf den Dauentuschen der arme Betſy; ein ſchwacher Ausdruck von Leben verbreitete ſich ——. 325 auf ihrem Geſichte. Das Blut, das einen Augenblick ſtille geſtanden zu haben ſchien, nahm allmälig wieder ſeine Thätigkeit an; die Bildſäule ging zum Leben über; der Marmor beſeelte ſich. Ich war unbeweglich, erſchrocken, den Blick auf die ſeltſame Reiſende geheftet, welche ſo nach ihrem Belie⸗ ben das Land des Todes beſuchte, an meinem Platze geblieben. Nach einer kurzen Erwartung öffnete ſie die Augen wieder; dann ſprach ſie mit einer Stimme, welche nichts Lebendes zu haben ſchien: „In der Nacht vom 17. auf den 18. September, beim letzten Schlage der zwölften Stunde, werde ich ſterben.“ Hierauf ſchloß ſie die Augen auf's Neue und ließ ihren Kopf auf das Kiſſen zurückfallen, wie es nach einer langen Wanderung ein Reiſender thut, der der Ruhe bedarf. „Doctor, Doctor!“« murmelte ich. „Seien Sie unbeſorgt,“ erwiederte er raſch;„ich werde die Nacht vom 17. auf den 18. September bei ihr zubringen.“ Gab er mir dieſes Verſprechen aus Theilnahme oder aus Neugierde? „Es iſt gut, Doctor,« ſprach die Kranke, die ihn gehört hatte;„in der Nacht vom 17. auf den 18. Sep⸗ tember, beim letzten Schlage der zwölften Stunde Und ſie ſank in einen ſo ruhigen, ſo friedlichen laf, daß man, wenn man ſie hörte, hätte glauben können, man befinde ſich bei einem Kinde, das lange Jahre des Glückes und der Liebe vor ſich habe. Am andern Tage ließ ich Eliſabeth auf ihre drin⸗ genden Bitten in unſere Stube im Pfarrhauſe zuruͤck⸗ bringen. IX. Der Eindruck, der ſie bei der Rückkehr in ihre Stube ergriff, war ein ſo freudiger, daß er ihr einen Augenblick ihre Kräfte wiedergab. Sie ging allein von der Thüre zum Fenſter, ſetzte ſich in ihren großen Lehnſtuhl und ſagte, während ſie mit mehr Freiheit athmete: „Ahl wie glücklich bin ich!« „Aber, mein Kind,“ fragte ich dann,„wenn es ſo ſehr Dein Wunſch war, hieher zuruͤckzukommen, warum aͤußerteſt Du es nicht? „Du hoffteſt noch, meine Mutter, der Aufent⸗ halt im Stalle könne mir die Geſundheit wiedergeben, und obſchon ich vollkommen wußte, es ſei unmsglich, mich zu heilen, wollte ich Dir doch um keinen Preis dieſe Hoffnung benehmen.“ „Später aber haſt Du mich grauſam enttäuſcht!“ „Mein Vater ſagte leiſe zu mir:„„Beruhige Deine arme Mutter; ſie hätte nicht die Stärke, Deinen Tod zu ertragen, wenn ſie nicht zuvor von dem Tage und der Stunde, wo dieſer Tod eintreten ſoll, benachrichtigt wäre. Ich ſchüttelte den Kopf, als wollte ich dem Glau⸗ ben entgehen, den in mir der Ausdruck der Ueberzeu⸗ gung, mit welchem ſie ſprach, entſtehen machte, und ich wiederholte wie der Arzt: „Es iſt das Fieber, es iſt das Delirium!... Glauben wir nicht ein Wort von dem, was ſie ſagt!« Ich murmelte das Anfangs leiſe, dann ſprach ich es mit halber Stimme, dann ganz laut. Dies geſchah, weil ich mir ſelbſt nicht glaubte, und weil mir ſchien, je lauter ich mit mir ſpräche, deſto mehr würde ich mir gauben. Doch als hätte ſie Alles errathen, was in meinem Herzen vorging ſagte ſie mit einem zugleich ſanften und ernſten Tone: ———— 20 —==SS=SͤGESEO,— 327 „Meine Mutter, verſuche es nicht, gegen den Glau⸗ ben zu kämpfen: es iſt eine Gottloſigkeit, das, was die Todten ſagen, nicht zu glauben.“ „Aber wie ſoll ich denn glauben,“ rief ich, die Augen in Thränen gebadet,„wie ſoll ich glauben, daß Du, mein Kind, Du, die Du da biſt, Du, die Du lebſt, Du, die Du mich liebſt, mich ſo verlaſſen wirſt, um zu ſterben, um mich nicht mehr zu lieben 2. „Meine Mutter,« erwiederte Betſy,„ſterben iſt nicht ſich verlaſſen; ſterben iſt nicht aufhören ſich zu lie⸗ ben: das iſt aus den Augen verſchwinden, jedoch im⸗ mer im Herzen bleiben. Du ſiehſt wohl, daß mein Vater, obgleich er todt iſt, mich nicht verlaſſen hat, und mich noch liebt.« „Oh! Dich ſterben ſehen, mein Kind, unmöglich! Mein Gott! mein Gott, viel eher ſelbſt ſterben!« „Du glaubſt, das ſei ſchwer, meine Mutter, weil Du nicht weißt, wie ſich das zuträgt. Ich will es Dir ſagen. Es wird ein heftiger Sturm am Tage ſtattge⸗ funden haben; der Oſtwind wird die Dünſte, welche die Erde bedecken, wenn der Herbſt kommt, verjagt ha⸗ ben; es wird eine ſchöne Nacht Anfangs durch die Sterne erleuchtet ſein;— dann vom Monde erleuchtet, der um zehn Uhr Abends hinter den Bergen aufgehen wird; ſein Strahl wird durch die Fenſterſcheibe ein⸗ dringen und mich in meinem Bette begrüßen. Dann, obgleich ſchwach, werde ich mich erheben, um dieſen ſchönen Himmel anzuſchauen, und da das Wetter ru⸗ hig und mild ſein wird, ſo werde ich Dich bitten, das Fenſter zu öffnen. Sobald das Fenſter geöffnet iſt, wird ein in den Zweigen des Roſenſtrauches verborgener klei⸗ ner Vogel ſingen. Was er ſagt, werde ich dann ver⸗ ſtehen, denn ich werde in das große Geheimniß der Na⸗ tur eintreten, deſſen Löſung in der Tiefe des Grabes iſt. Um Mitternacht wird der Geſang des Vogels auf⸗ hören, und die Uhr wird zu ſchlagen anfangen; beim letzten Schlage werde ich auf das Kiſſen zurückfallen; 328 ich werde einen Seufzer ausſtoßen, und Alles wird be⸗ endigt ſein.““ Obſchon ich diesmal feſt überzeugt war, das Fieber allein mache aus der Kranken eine Prophetin, ſiel ich auf die Kniee, verbarg meinen Kopf an der Bruſt mei⸗ nes Kindes und drückte meine Hände an meine Ohren, um nicht zu hören. Aber trotz der außerordentlichen Schwäche ihrer Stimme,— denn der Hauch ihrer Rede hätte kaum ein Grashälmchen gebeugt,— drang jedes Wort verſtändlich und vibrirend bis in mein In⸗ nerſtes; man hätte glauben ſollen, der Gehörſinn habe bei mir den Ort veraͤndert, und ich höre mit dem Herzen. „Genug, genug! mein Kind!“ murmelte ich;„ge⸗ nug, Du toͤdteſt mich!« Betſy hörte auf zu ſprechen; doch die Worte, die ſie geſagt hatte, ſind von denen, welche man nicht mehr vergißt. Ich hatte übrigens nicht lange zu warten, um ihre Wahrheit zu beurtheilen; wir waren am 3. Sep⸗ tember, und das entſetzliche Ereigniß ſollte, nach der Behauptung von Betſy, in der Nacht vom 17. auf den 18. ſtattfinden. Die Tage verliefen; doch jener Schein von Kraſft, den die Kranke bei der Rückkehr in ihre Stube gefun⸗ den, kam nicht wieder.— Sie aß beinahe nicht mehr und trank kaum. Da ich mir aber nicht vorſtellen konnte, das Leben ziehe ſich zurück, oder da ich vielmehr glaubte, es werde ſich raſcher zurückziehen, wenn der Körper der Nahrungs⸗ mittel entbehre, ſo verſuchte ich es, Speiſen und Ge⸗ tränke zu erfinden, welche ihren Appetit erwecken ſollten, allein, immer ſanft, koſtete ſie mit den Lippen, dankte ſie mir durch einen Händedruck, wandte den Mund ab und ſagte: „Genug, meine Mutter!« Alle dieſe fruchtloſen Verſuche erſchöpften die Reſte unſerer Guinee; doch ich hatte noch ſechs Schillinge, mit 329 das war mehr, als ich brauchte, um vom 12. bis zum 17. September zu kommen, und ich fing an zu glauben, da ich das Schwinden der Kräfte von Betſy und die Entfärbung der Blutstropfen,— eine Art von geheimniß⸗ vollem Symbol,— ſah, es könnte, wie es das arme Kind geſagt, in der Nacht vom 17. auf den 18. Alles beendigt ſein! Was aber mein Leiden vermehrte, war, wenn ich bei meiner ſchlummernden Tochter weinen konnte, ohne geſehen zu werden, das freudige Geſchrei der Kinder, es war der Lärmen, der zu ſeinem Ausbruche immer die Stunde, wo mein Kind ſchlief, zu wählen ſchien. Eines Tags ſaß ich bei ihr; ſie machten einen ſo gewaltigen Lärmen, daß ich mich auf das den Schmerz andeutende Beben ihres Geſichtes entſchloß, hinabzu⸗ gehen, und ich wollte, welchen Widerwillen ich auch hatte, mit ihren Eltern zu ſprechen, dieſe inſtändig itten, ſie mögen den Kindern gebieten, ein paar Tage zu ſchweigen. Vor der Thüre fand ich einen Bettler; er ſtreckte die Hand gegen mich aus. Ich gab ihm eine kleine Münze und ſagte: „Betet für mein Kind, das ſtirbt.“ „Ich kenne zwei Meilen von hier, im Thale Nar⸗ berth, einen Hirten, der wunderbare Geheimniſſe beſitzt,« prach er. „Geheimniſſe, welche die jungen Mädchen zu ſter⸗ ben verhindern 2« rief ich. „Ich habe ihn wenigſtens Viele heilen ſehen.“« z Ich ergriff beide Hände dieſes Menſchen und fragte ihn haſtig: »Mein Freund, wo iſt er? wo iſt er 2 „Geben Sie mir einen Schilling,“ erwiederte der Bettler,„und ich werde ihn holen.“« „Ich hatte nur noch ſechs Schillinge; doch was lag mir daran? meine Tochter aß und trank, wie geſagt, 330 nicht mehr; ich war alſo ſo reich, wie wenn ich zwanzig tauſend Pfund beſeſſen hätte. Ich gab dem Bettler den Schilling. „Wann wird der Hirte hier ſein?? fragte ich ihn. „In zwei Stunden,“ antwortete er. „Geht, mein Freund, ich erwarte Euch.“ Ich ging wieder zu Betſy hinauf, denn ich hatte die Urſache, aus der ich herabgegangen, vergeſſen. Ueberdies waren die zwei Kinder, als ſie mich erblickt, auf die andere Seite des Platzes entflohen und hatten gerufen: „Die graue Dame! die graue Dame!“ Betſy hatte die Augen offen, als ich zurückkam; ſie ſchien mich mit dem Blicke zu ſuchen. „Warum biſt Du denn weggegangen, meine Mut⸗ ter?« fragte ſie mich;„Du weißt, das ich nichts brauche.“ „Ja, doch ich, mein Kind, brauche etwas; die Hoffnung, und ich hoffe...“ Sie lächelte traurig. „Höre, mein Kind,“ ſagte ich;„ich habe einen Bettler vor der Thüre gefunden und ihm ein Almoſen gegeben.“ „Du haſt wohl daran gethan, meine Mutter; die Bibel ſagt:„„Der den Armen gibt, leiht dem Ewigen.“ „Dieſer Bettler holt einen Hirten, der große Ge⸗ heimniſſe beſitzt, um zu heilen, und heute Abend wer⸗ den Beide hier ſein.“« Sie ſchüttelte den Kopf. 3„Dn glaubſt alſo nicht an die Wiſſenſchaft?« ragte ich. „Haſt Du nicht gehört, was der Arzt ſagte?« „Du glaubſt alſo nicht an Wunder? ſprich: glaubſt Du, daß Jairus, dem der Herr ſeine Tochter wiedergegeben, glaubſt Du, daß Martha, der er ihren nzig hn. jatte ſſen. lickt, atten am; Nut⸗ ichts die inen oſen — 331 Bruder wiedergegeben, der Eine und die Andere mehr geweint haben, als ich 2 „Nein, meine Mutter, ich weiß, daß Du mich liebſt, wie nie eine Tochter geliebt worden iſt. Doch die Zeit der Wunder iſt vorbei; Chriſtus iſt zum Him⸗ mel emporgeſtiegen und offenbart ſich uns nicht mehr; ſeine Erſcheinung auf der Erde hat ihre Frucht getra⸗ gen; dieſe Frucht, die Hälfte der Welt lebt davon durch den Geiſt und durch das Herz. Beten wir Chri⸗ ſtus an, meine Mutter; verlangen wir aber nicht mehr von ihm, als er uns gewähren kann.“ Und ſie faltete die Hände und ſprach mit halber Stimme: f„Herz Jeſu, in dem wir die Ruhe unſerer Seelen nden; „Herz Jeſu, unſere Stärke und unſere Zuverſicht am Tage der Betrübniß; „Herz Jeſu, voller Gnade gegen die, die Dich an⸗ rufen; „Herz Jeſu, in der Stunde meines Todes erbarme Dich meiner und vornehmlich meiner Mutter!« Und nach dieſem Gebete, in welchem ſie die erha⸗ benſten Fähigkeiten ihres Weſens vereinigt zu haben ſchien, verſank ſie in einen tiefen Schlaf.. Sie ſchlief noch, als man leiſe an die Thüre klopfte. Ich öffnete. Es waren der Bettler und der Hirte von Narberth. Ich machte die Thüre weit auf, wie für einen König und ſeinen Miniſter. Der Hirte war ein Mann von fünfzig Jahren mit ſchon grauen Haaren, in der Tracht der Gebirgs⸗ bewohner. Seine Phyſiognomie druͤckte eine ſeltſame Miſchung von Schlauheit und Habgier aus. Als ich ihn erblickte, behielt ich die Hoffnung, verlor aber das Vertrauen. 3 33²2 Er näherte ſich dem Bette, wo Eliſabeth lag. Ich wollte ihm die Krankheit ſagen, ihm erklären, was die Leidende empfand, von ihren Träumen, von ihren Sinnentäuſchungen, von ihrem doppelten Ge⸗ ſichte ſprechen. Er unterbrach mich. „ Ich weiß Alles dies, ohne daß man es mir ſagt,“ verſetzte er;„nur haben Sie mich ſehr ſpät holen laſſen.“ „Zu ſpät?“ fragte ich mit Bangigkeit. „Es iſt nie zu ſpät, ſo lange ein Reſt des Lebens in uns iſt. Ich habe manchmal einen ganzen Herd mit einem letzten Funken wieder angezündet.“ „Hofft Ihr etwas 2 „Ich werde thun, was ich kann... aber...“ „Was aber?“ „Aber ich beſitze die Kräuter nicht, die ich brauche, und ich muß ſie mir verſchaffen. Haben Sie Geld ² „Ach! ſchaut umher, und Ihr werdet ſehen, daß ich arm bin.“ „Sie haben doch einen Schilling dem Manne gege⸗ ben, der mich geholt?“ „Ich habe ihm gegeben, was er von mir verlangte; es bleiben mir noch vier Schillinge... wenn Ihr dieſe wollt?“ „Ich brauche zehn.“ Eine Blendung zog mir vor den Augen vorüber. „Das iſt ein Unglück,“ ſagte der Bettler,„doch menn er zehn Schillinge verlangt, ſo braucht er aue ehn.“ 3 3„Mein Freund,“ ſprach ich zum Hirten, indem ich ihm den Reſt von der Guinee reichte,„hier ſind die vier Schillinge, und wenn Ihr ſie genommen habt, ſchwöre ich Euch, daß mir nur noch dieſe kleine Münze bleibt, mit der ich begraben zu werden wünſche. Die Augen des Hirten ſchleuderten einen Blitz der Habgier beim Anblicke des Geldes. Er ſtreckte die Hand aus, als wollte er es nehmen. 333 Doch er machte eine Anſtrengung gegen ſich ſelbſt und ſagte: „Nein, mit vier Schillingen kann ich nichts thun.“ „„Oh!« ſprach der Bettler mit einer mitleidigen Miene,„aus Mangel an ein paar Schillingen ein ſo ſchönes Kind ſterben laſſen, welche Sünde!“ „Ach!« rief ich,„könnte ich das Blut meiner Adern münzen, Du biſt Zeuge, mein Gott, ich würde ſie auf der Stelle öffnen li⸗ „»„Haben Sie nicht im Dorfe oder in der Umgegend einige Freunde, die Ihnen ſechs Schillinge leihen wür⸗ den?« fragte der Bettler. Ich ſchaute dieſen Menſchen an. Von was lebte er? von Almoſen; und dennoch war er groß und ſtark; ſtatt ihm eine Spende zu reichen, konnte man zu ihm ſagen:„Arbeite, mein Freund!“« Da man ihn nicht zu⸗ rückſtieß, ſo gab es alſo noch in dieſer Welt einige barmherzige Seelen. Eine Hoffnung regte ſich in meinem Innern. „Es iſt gut, mein Freund,“ ſagte ich zum Hirten; kommt in zwei Stunden wieder, ich werde die ſechs Schillinge zu erhalten ſuchen.“ „ Ich bedarf einer Haarlocke von Ihrer Tochter und eines viereckigen Stückes Leinwand, das ihr Körper be⸗ rührt hat.“ Ddie langen Haare von Betſy wogten aufgelöſt über das Kopfkiſſen; ich nahm eine Scheere, als ich ſie aber dem geliebten Kopfe näherte, zauderte ich. „ Das iſt nicht, um eine Ruchloſigkeit zu begehen?“ fragte ich. »Es iſt, um es zu verſuchen, ſie zu retten; ver⸗ weigern Sie mir dieſe Dinge?« „Oh!“ ſagte ich leiſe zu mir ſelbſt,„findet eine Ruchloſigkeit ſtatt, ſo wird ſie auf denjenigen zurück⸗ fallen, welcher ſie begangen hat, und nicht auf dieſes keuſche Kind, deſſen Leben ich vom Herrn erflehe.“. Die Haare knirſchten unter der Scheere, und ich 334 gab ſie in die Hand des Hirten, in ein viereckiges Stück Leinwand gewickelt, das aus einem Taſchentuche geſchnitten war, welches die vorhergehende Nacht an die Bruſt von Eliſabeth angepreßt gelegen hatte. Ach! ſelbſt die Roſenfarbe war verſchwunden; noch einige Tage, und das Blut würde die Durchſichtigkeit des klarſten Waſſers haben. Der Hirte nahm die Haare und die Leinwand und entfernte ſich mit der Bemerkung: „In zwei Stunden werde ich wiederkommen.“ Der Bettler folgte ihm. Und ich, ich warf mein Mäntelchen auf die Schul⸗ tern, ſchlug meine Capuze auf mein Geſicht nieder und ging zu gleicher Zeit mit ihnen weg. Die zwei Knaben waren auf der Schwelle des Pfarrhauſes. Sie traten auf die Seite, um uns vorbeigehen zu laſſen. bath gehen.“. Ich weiß nicht, wohin die zwei Männer gingen, ich aber, ich kann es ſagen, ich forderte Almoſen von Thüre zu Thüre. Ich kam nicht eher zurück, als bis ich die ſechs Schillinge hatte. 4 Ich gab ſie mit den vier, die ich ſchon beſaß, dem Hirten von Narberth. Der Bettler und er entfernten ſich, indem ſie mir ſagten, ſie werden mir einen Trank bringen, der mein Kind heilen müſſe. Ich ſah ſie nie wieder! Wenn ſie nur nicht mit der Haarlocke und dem viereckigen Stücke Leinwand eine Ruchloſigkeit began⸗ gen haben, welche die Seele meines Kindes gefährdet, mehr verlange ich vom Herrn nicht. „Sieh,“ ſagte der Aeltere zu ſeinem Bruder,„das ſind zwei Hexenmeiſter und eine Hexe, die zum Sab⸗ mei leg ein nur ſie ſah Sab⸗ gen, von ſechs dem mir mein dem gan⸗ rdet, 33⁵ Es bleiben mir ſieben bis acht Pence; das iſt zum Glücke mehr, als ich brauche, um bis zur Nacht vom 17. auf den 18. zu gelangen. X. Wie die ſieben Tage vergingen, die auf das Ver⸗ ſchwinden dieſer zwei Menſchen folgten, deren Habgier mir meine letzten Mittel geraubt hatte, will ich mich zu erinnern bemüht ſein, damit, wenn irgend ein auf dem Abgrunde der Verzweiflung hinrollendes Herz ſich an meinem Unglücke anzuhalten ſucht, es ſieht, daß mein Unglück größer iſt, als das ſeinige. 3 Es iſt immer ein Troſt für den Leidenden, zu wiſſen, daß ein anderes Geſchöpf von derſelben Gat⸗ tung wie er, mehr gelitten hat, als er. 3 Ich hatte gut gerechnet, als ich ſagte, die acht bis zehn Pence würden mir mehr als genügen für die ſie⸗ ben Tage, die mein armes Kind noch zu leben hatte. Von dieſem Augenblicke an verlangte Betſy bloß nich Waſſer, und dies nur, wenn das Fieber ſie durch⸗ glühte. Sonſt ſchien ſie ſchon das luftige Leben der Engel zu leben. Ich, für meinen Theil, trank, was ſie in dem Glaſe, aus dem ſie getrunken, übrig ließ. Und dies geſchah weniger aus Bedürfniß, als um meine Lippen dahin zu legen, wohin ſie die ihrigen ge⸗ legt hatte. Der Schlaf war mir ſo unnöthig geworden, als die Nahrung; überdies hätte ich ſchlafend meine Betſy einen Augenblick aus dem Geſichte verloren. Beim Bette ſitzend, verließ ich meinen Lehnſtuhl nur, wenn es die Sorgen der Krankheit forderten. Von Zeit zu Zeit entſchlummerte Betſy, und wenn ſie die Augen wieder öffnete und mich in ihrer Nähe ſah, bat ſie mich, ein wenig der Ruhe zu pflegen. * 336 Ruhe! wozu? Bedarf man der Ruhe, wenn man üͤber ſeinem ſterbenden Kinde wacht? Denn ich geſtehe, je mehr wir uns dem unheilvol⸗ len Tage näherten, deſto mehr glaubte ich, die Kranke habe richtig prophezeit. Uebrigens war es ein großes Glück, daß die arme Kranke keiner menſchlichen Unterſtützung bedurfte; wo würde ich gefunden haben, was ſie verlangt hätte? und würde man mir verweigert haben, was ſie verlangte, weil ich kein Geld beſaß, was hätte ich gethan?² Gott verzeihe mir! ich fühle, daß ich für mein Kind geſtohlen hätte. Credit, darauf war nirgends zu hoffen, beſonders ſeitdem man wußte, daß ich gebettelt hatte. Dieſe fromme Handlung, welche Gott, wie ich hoffe, im Himmel aufgezeichnet hat, verleumdete man noch; man ſagte, das Geld, das ich durch Almoſen ge⸗ ſammelt, ſei beſtimmt geweſen, einen Hexenmeiſter zu belohnen, der mir verſprochen, mich einen Schatz entdecken zu laſſen, wenn ich ihm zehn Schillinge, Haare von mei⸗ ner Tochter und ein viereckiges Stück Leinwand, das ihr Körper berührt, gebe. Ohl ja, er hatte mir einen ſehr koſtbaren Schatz verſprochen, einen Schatz, für den ich meinen letzten Blutstropfen gegeben hätte: das Leben meiner Tochter! Der Elende! er ſtahl mir nicht nur mein letztes Geld, ſondern auch meine letzte Hoffnung. Allmälig vergingen die Tage: um eine gewiſſe Ver⸗ ſchiedenheit in dieſelben zu bringen, hätte ich mit einer Feder in der Hand die tauſend Bangigkeiten, die ſich meiner bemächtigten, niederſchreiben müſſen; heute, da dieſe Tage verlaufen ſind, ſind alle dieſe Bangigkeiten in einen einzigen ungeheuren Schmerz verſchmolzen. Am 16. September verlangie Betſy einen Geiſtli⸗ chen: von den neun Pence, die mir blieben, gab ich drei dem Boten, der den Pfarrer von Nolton benach⸗ richtigte, eine Sterbende bitte um ſeinen Beiſtand. „ da eiten 1. iiſtli⸗ b ich nach⸗ 337 Es war mir das lieber, als den Nachfolger meines Mannes, der mich die Gaſtfreundſchaft, die er mir ge⸗ zwungener Weiſe gab, ſo theuer bezahlen ließ, in An⸗ ſpruch zu nehmen. Gegen zehn Uhr kam der Geiſtliche. Dieſer war ein noch junger Mann, mit ſtrengem Geſichte, abgemagert durch das Gebet und die Ent⸗ behrungen; er hatte nicht heirathen wollen, um mehr, wie er ſagte, ganz den Armen und den Unglücklichen zu gehören. Ich trat ihm meinen Platz beim Bette der Ster⸗ benden ab und ſetzte mich mit der Bibel in der Hand an das andere Ende der Stube. Da fand das arme Kind, das ſeit zwei Tagen kaum mehr ſprach, wieder Kräfte, um den Mann des eerrn zu empfangen. Nach einer Unterredung von einer Stunde, bei der beide Theile leiſe ſprachen, ſtand der Geiſtliche auf, kam, das Geſicht ganz in Thränen gebadet, auf mich zu und ſagte: 4 „Ach! bei dieſem keuſchen, reinen Kinde bin ich ein Suͤnder. Sie ſchickte nach einem Tröſter, und ſie hat mich getröſtet. Auf alle Befürchtungen, auf alle ihre Zweifel, ſollten ihr noch bleiben, antworten Sie alſo mit Vertrauen:„„Sei ruhig, mein Kind, der Herr iſt mit Dir!«. Und da er ſeine Gegenwart bei einem ſolchen En⸗ gel für unnütz hielt, ſo entfernte er ſich. Am andern Tage, Morgens um zehn Uhr, trat der Arzt ein. Der Pfarrer war im Namen der Religion gekom⸗ men; er kam im Namen der Wiſſeenſchaft. „ Er ging neugierig an das Bett der Kranken, die ihn erkannte und ihm die Hand reichte. „Ah! Sie erſcheinen zur beſtimmten Zeit, Doctor,“ ſagte ſie;„ſeien Sie willkommen.“ Dann fügte ſie leiſe bei: Der Pfarrer von Afhbourn. II. 22 338 „Nicht wahr, Sie werden bei meiner Mutter blei⸗ ben? Heute Nacht braucht ſie, nicht Einen, der ſie trö⸗ ſtet,— ach! Niemand, wenn nicht Gott, wird ſie in ihrer Trübſal tröſten,— ſondern Einen, der ſie unterſtützt.“ „Sie glauben immer noch, es werde um Mitter⸗ nacht geſchehen² „Sehen Sie, Doctor,“ erwiederte ſie. Und ſie zog aus ihrem Buſen das Taſchentuch, das ſie bei jedem Huſtenanfalle an die Bruſt drückte. Es war beſeuchtet, doch wie mit Waſſer; vom Blute blieb kaum eine Spur. Der Arzt betrachtete das Taſchentuch, fühlte Betſy den Puls und verſank in eine tiefe Träumerei. Ich ſchaute ihn mit Bangigkeit an; mir ſchien, im Alter von Betſy habe die Natur ſo viele Hülfsquellen, daß die Wiſſenſchaft nicht machtlos ſein müſſe. „Oh!« ſagte ich zu mir ſelbſt,„wenn ich ſo viel wüßte, wie dieſer Mann, wie würde ich, ſtatt zu träu⸗ men, handeln! wie fände ich in meinem Herzen Mittel gegen alle dieſe Krankheiten! Es iſt unmöglich, daß der gute, barmherzige Gott, der das Gegengift neben das Gift gelegt, nicht auch das Heilmittel neben das Uebel gelegt hat! Dieſes Heilmittel,— man hat ſich bis jetzt getäuſcht; man hat es geſucht, wo es nicht war. Eines Tags, das iſt gewiß, wird man es ſinden; ich lebe dann vielleicht noch, aber meine Tochter, ſie wird todt ſein!.., Ohl was iſt mir dann daran gelegen, daß man es findet! Der Arzt ſtand auf und kam zu mir. Ich befragte ihn mit dem Blicke. „Was wollen Sie!“ ſagte er;„was bei dieſem Kinde geſchieht, wirft alle menſchliche Berechnungen über den Haufen; erzählte man es mir, ſähe ich es nicht, ſo würde ich mich weigern, zu glauben.“ 3 „Ach! wie würden Sie ſtaunen, Doctor, wenn Sie wüßten, daß ſie beinahe Stunde für Stunde dieſen Tag vorhergeſagt hat, und daß nun ihre Vorherſagung in Erfüllung zu gehen anfängt?« au ber mi wa gel. den Linde den / ſo Sie Tag ng in 339 Da erzählte ich ihm, wie das arme Kind zum Vor⸗ aus vor meinen Augen alle Ereigniſſe des 17. Septem⸗ ber entrollt hatte, welcher, mit dem Sturme beginnend, mit dem Tode endigen ſollte, und ich deutete auf den Himmel, der ſich mit Wolken bedeckte und den Sturm verkündigte. Die Kranke richtete ſich auf, ſtreckte die Arme aus und verlangte nach Luft. Dann ſank ſie wieder auf ihr Kiſſen zurück und ſprach: „»Mir ſcheint, wenn Gott mir Luft gäbe, könnte ich noch leben.“ Ich eilte auf ſie zu und rief den Arzt. „Unnöthig!« erwiederte er;„Sie ſehen wohl, daß ſie von Gott Luft verlangt, und nicht von mir! Kann ich dem armen Kinde Luft geben?« „Was iſt aber zu thun? Sie wird ohnmächtig!« „Ganz einfach, was Sie da thun: ſie in Ihren Armen aufheben, damit ſie wenigſtens an einem Herzen, das ſie liebt, ohnmächtig wird.“ „Es iſt alſo Alles vorbei!“ rief ich. Der Arzt fühlte ihr den Puls und fand ihn nur noch zwiſchen dem Handgelenke und der Aderlaßſtelle. „Noch nicht,“ ſagte er,„doch bald.“ Eliſabeth erwachte aus ihrer Ohnmacht durch einen heftigen Huſtenanfall. „Aber geben Sie ihr doch etwas, Doctor!« rief ich; „Sie ſehen wohl, daß ihre arme Bruſt ſich zerreißt!« Der Doctor ging hinab und bereitete ſelbſt einen Trank, den er nach einer Viertelſtunde brachte. Er ließ die Kranke einen Löffel voll davon nehmen; ſie bekam ein wenig Ruhe und ſchien zu entſchlummern. Ich war mit dem Blicke und mit dem Herzen Allem, was er gethan, gefolgt. „Nun, Doctor,« fragte ich,„es ſcheint, es iſt Ihnen gelungen?« „Ja, aber nur das Leben zu hemmen, wie man den Lauf eines Baches, der ſich in's Meer egießt, hemmt. 340 Sogleich wird das Leben über den Damm ſtrömen, den ich ihm entgegengeſetzt, und in vollen Wellen dem Tode zurollen.“ „Dann habe ich nur noch zu beten,“ ſagte ich. Und ich ſiel auf die Kniee. „Beten für einen Engel,“ verſetzte der Arzt,„wozu?* „Oh!« erwiederte ich, in ein Schluchzen ausbre⸗ chend,„nicht für ſie bete ich, ſondern für mich.“ Während dieſer Zeit ſtieg der Sturm, den ſie pro⸗ phezeit, am Himmel auf; der Donner hallte dumpf; der Regen fing an die Fenſter zu peitſchen; die Blitze zeich⸗ neten in der Luft Feuerſchlangen. „Oh!“ rief ich,„könnte einer von dieſen Blitzen uns Beide umhüllen und mit demſelben Streiche verzehren „Meine Mutter! meine Mutter!« ſprach Betſy, ohne die Augen wieder zu öffnen, und als ob meine Anrufung ihre entſchlummerte Seele aus der Tiefe des Schlafes hervorgeholt hätte,„meine Mutter, man darf den Tod nicht fürchten, wenn er im Namien des Herrn kommt; aber man muß ihn auch nicht rufen, wenn er ſich fern von uns hält: denn dann kann er im Namen des böſen Geiſtes kommen. Es gibt einen guten und einen böſen Tod, meine Mutter: der gute Tod verei⸗ nigt, der böſe Tod trennt.“ Es war etwas ſo Seltſames in dieſen Worten, welche aus einem beinahe geſchloſſenen Munde hervorkamen, ohne daß ein einziger Zug des Geſichtes an dem Gedanken, den ſie ausdrückten, Theil nahm, daß ich mich eiskalt werden fühlte, als wären dieſe Worte von einem Ge⸗ ſpenſte geſprochen worden. „Ohl? ſagte ich zum Arzte,„wecken Sie ſie auf, und ſollte ſie auch leiden. Leiden iſt noch leben, und mir ſcheint, ſie iſt ſchon todt.« In dieſem Augenblick erſcholl ein furchtbarer Don⸗ ner, und die Blitze verwandelten den Himmel in ein Feuermeer. 1t Der Arzt, der am Fenſter ſtand, wich erſchrocken zuruͤck⸗ — den Lode u 2 bre⸗ pro⸗ der eich⸗ uns en!« etſy/ neine des darf derrn in er imen und erei⸗ elche b ohne nken, skalt Ge⸗ auf, dmir Don⸗ n ein 341 2 0 verbarg meinen Kopf in den Betttüchern von Betſy. Sie aber ſagte mit derſelben Stimme, mit der ſie ſchon zu mir geſprochen: „Herr, wie der Prophet, habe ich Dich mitten unter dem Donner und den Stürmen vorüberziehen ſehen; ich habe Deine Macht erkannt und Deinen heiligen Namen verherrlicht!“ Der Arzt ſchüttelte den Kopf. Ich geſtehe, in meinem Schmerz ſah ich mit einem gewiſſen Stolze dieſes Erſtaunen der Wiſſenſchaft vor dem Glauben. Dbhl nie war im Angeſichte des Todes der Glaube ſo groß und die Wiſſenſchaft ſo klein! Der Sturm fing an ſich zu zerſtreuen, und Betſy kam allmälig wieder zum Bewußtſein. So lange der Trank gewirkt, hatte es geſchienen, als brauchte ſie nicht mehr zu athmen, um zu leben. Ihr erſtes Wort, als ſie die Augen wieder öffnete, war: „Luft! Luft! Warum gibt man mir nicht Luft, wenn ich verlange?“ Ich machte das Fenſter auf. Ach! es war nicht die Luft, was der Armen fehlte; es war ihre gepreßte Bruſt, die ſich weigerte, ſie auf⸗ zunehmen. Es kam der Abend; ich konnte mich nicht enthalten, einen Blick auf die Landſchaft zu werfen; der Oſtwind entführte dem Himmel die letzten Wolken des Sturmes und der Erde die letzten Dünſte des Regens. Die ganze Natur ſchien bereit, dieſe Ruhe zu genießen, welche auf die Convulſionen der Elemente folgt. Als ich dieſe allgemeine Ruhe, dieſes allgemeine Wohlbehagen ſah, wandte ich mich gegen meine Tochter um, da ich mir nicht denken konnte, ſie nehme nicht Theil daran. Sie ſchien in der That mehr ausgeruht, 342 Das war dieſe Ruhe des Abends, die ſie vorher⸗ mi geſagt. ſich Der Arzt näherte ſich ihr, ſuchte den Puls, fand gl ihn aber nicht. der „Alles wird in Erfüllung gehen, wie ſie geſagt hat,“ murmelte er. der Und er ſetzte ſich zum Bette und wartete. Die Finſterniß fing an vom Himmel herabzuſteigen; je dunkler es in der Stube wurde, deſto mehr erweiterte nee ſich der Augenſtern der armen Sterbenden; Alles, was an Flamme in ihrem Körper blieb, concentrirte ſich in ihrem Blicke.„de Dieſer Blick ſchien das über ihrem Kopfe ausge⸗ wie breitete Gewölbe zu durchdringen und die Sterne zu zählen, die ſich nach und nach am Himmel erſchloſſen. ein Ich wollte eine Lampe anzünden; doch, meine Ab⸗ ſicht errathend, hielt mich Betſy zurück. die „Ohl nein,“ ſagte ſie,„bleibe; ich bin gut ſo, um un zu ſterben!“ ner Und ſie nahm mich bei der Hand. „Aber ich, mein Kind!“ rief ich,„aber ich ſehe Kit Dich nicht in dieſer Finſterniß!“ wit „Der Mond wird ſogleich kommen; das iſt das am wahre Licht der Sterbenden, das iſt die Sonne der Hin⸗ un geſchiedenen!... Komm, Mond, komm les murmelte ſie. ein Und der Mond, als hätte er ihrem Worte gehoccht, fing an über dem Gebirge zu erſcheinen. no Da dehnte ein ſanftes Lächeln das bleiche Geſicht che der Sterbenden aus; ſie ſchien den nächtlichen Strahl von einzuathmen und zu ſich zu rufen: er, ſeinerſeits, beleuchtete zuerſt den untern Theil ihres Bettes, ſtieg allmälig auf We und gelangte bis zu ihrem Geſichte. Hit Von dieſem Augenblicke an gerieth ſie in eine Art die von Entzückung. glä „Ah!“ ſprach ſie,„ich ſehe jenſeits der Sterne; der der Himmel öffnet ſich; da ſind die Engel; da iſt Gott! Vo Und Alles dies wurde mit einem ſolchen Glauben, 343 mit einer ſo tiefen Ueberzeugung geſagt, daß mein Blick ſich von ihr abwandte und dem ihrigen folgte. Ich glaubte, ich werde auch den Himmel offen, die Glorie der Engel und die Herrlichkeit des Allerhöchſten ſehen. Doch wenn ſie Alles dies ſah, ſo geſchah es mit den Augen des Geiſtes und nicht mit denen des Leibes. Es ſchlug elf Uhr im Kirchthurme. Eine in den Roſenſträuchen, welche das Grab mei⸗ nes Mannes bedeckten, verborgene Grasmücke fing an zu ſingen. „Hörſt Du? hörſt Du?« murmelte die Sterbende; „da iſt der Vogel!... Oh! wie ſüß iſt ſeine Stimme! wie gut ſingt er!« Ich hatte in der That nie einen ſo ſüßen Geſang, eine ſo wunderbare Stimme gehört. Man hätte glauben ſollen, es ſei ein Vogel, der dieſer Seele, welche zu entfliegen bereit, entgegengekommen und nur auf den letzten Seufzer warte, um ſie auf ſei⸗ nen Flügeln fortzutragen.. Könnte etwas eine Mutter über den Verluſt ihres Kindes tröſten, ſo wäre es dieſes allgemeine Zuſammen⸗ wirken göttlicher Dinge geweſen, welche Theil nahmen am Ende eines irdiſchen Geſchöpfes, das verborgen war unter einer Falte der Geſellſchaft, wie ein Veilchen unter einem Grasbüſchel. In der That, da es vor dem Herrn weder Große, noch Kleine gibt, warum ſollten nicht dieſelben Vorzei⸗ chen für den Tod meines Kindes erſcheinen, wie für den von Cäſar? So war der Sturm gekommen; ſo hatte ſich das Wetter aufgeheitert; ſo hatte der Wind die Wolken am Himmel und die Dünſte auf der Erde gefegt; ſo war die Finſterniß herabgeſtiegen; ſo hatten die Sterne ge⸗ glänzt; ſo hatte der Mond die Erde beleuchtet; ſo hatte der Vogel ſeinen Geſang begonnen; und damit die ganze Vorherſagung in Erfüllung gehe, hatten nur noch die 344 Glocke zu ſchlagen, der Vogel zu ſchweigen und der Tod einzutreten. Und ich, die Mutter, erwartete dieſen Augenblick, der mit demſelben Schlage das Leben meines Kindes und mein Herz brechen ſollte! Ich erwartete ihn, ohne ihn durch meine Thränen, durch mein Geſchrei, durch meine Gebete eine Secunde zurückhalten zu können. Ich war da, ich bedeckte mein Kind mit meinem Leibe, ich beſchützte es mit meiner Liebe. Alles war vergebens, der Tod ſollte eintreten, mich mit dem Finger entfernen, und ſie am Herzen berühren. Und nichts, nichts im Himmel und auf der Erde, konnte es verhindern, daß dieſer Augenblick kam. Und ich zählte nicht mehr, wie einſt, nach Monaten; wie vor einer Woche nach Tagen; wie dieſen Morgen nach Stunden; wie vor einer Stunde nach Minuten. Alles, was ich dem Himmel bot, zuerſt, um ſie wiederherzuſtellen; dann, daß ſie noch zehn Jahre lebe, dann noch fünf Jahre, dann ein Jahr, dann acht Tage, dann einen Tag, ich hätte es nun gegeben, daß ſie eine Stunde lebe. 3 Ohl eine Stunde iſt eine Ewigkeit, wenn der erſte Schlag von Mitternacht ertönt, und der letzte Cuch Alles, was Ihr in der Welt liebt, rauben ſoll. Der Vogel hörte auf, zu ſingen. Ich fühlte, daß die Sterbende meine Hand drückte. »Mutter,“ ſprach ſie,„nähere Dich mir, die Stunde iſt da Dann ſagte ſie leiſe: „Komm, kleiner Vogel, Hüter meiner Seele.“ Und, war es Zufall, oder eilte der Vogel wirklich auf ihren Ruf herbei, wir ſahen ihn plötzlich ſich auf die Fenſterbank ſetzen. 1 Der Arzt betrachtete Alles dies mit Erſtaunen, bei⸗ nahe mit Bangigkeit. Ich, ich wartete in Verzweiflung. m Es war ein kurzer Zwiſchenraum zwiſchen den letzten Noten des Geſangs der Grasmücke und den erſten Vibrirungen der Mitternacht ſchlagenden Glocke: die Zeit, die der Vogel brauchte, um vom Roſenſtrauche auf die Fenſterbank zu fliegen. Ich hörte das Knirſchen, das dem Geräuſche der Glocke vorhergeht; dann ertönte der erſte Schlag von Mitternacht. Eliſabeth richtete ſich ſachte in ihrem Bette auf. Ich ſchlang meinen Arm um ihren Leib. Würde der Tod nicht ſchnell genug kommen, ohne daß ſie ihm gleichſam entgegenginge? Doch ich mochte mich immerhin anklammern, um ſie auf ihr Kiſſen zurückzulegen,— dieſer durch einen Hauch belebte Schatten war ſtärker als ich. Die Glocke ertönte elf Mal, und bei jedem Male machte ſie, die Augen ſtarr, die Arme ausgeſtreckt, eine Bewegung vorwärts. Zwiſchen dem elften und zwölften Schlage ſagte ſie raſch:. „Lebe wohl, Mutter!... Hier bin ich, mein Gott!«. Der letzte Schlag erſcholl. Ich fühlte in meinen Armen dieſen Körper mit den ſtarren Muskeln erſchlaffen. Das Geräuſch des Hammers verſtummte! Der Vogel gab einen ſchwachen Schrei von ſich und entflog. Meine Tochter fiel auf ihr Bett zurück. Ein leichter, lauer, liebkoſender Hauch zog über mein Geſicht. Das war ihr letzter Seufzer!... Ich ſtieß einen gewaltigen Schrei aus und ſtemmte mich, das Geſicht krampfhaft zuſammengezogen, den Mund halb geöffnet, den Blick ſtarr, auf meinen Fäu⸗ ſten an. Der Arzt legte ihr die Hand auf das Herz. 346 „Muth, arme Mutter,“ ſprach er,„Deine Tochter iſt todt!« 3 „Unmöglich!“« rief ich,„unmöglich!... Sie hat die Augen offen, ſie ſchaut mich an!“ Der Arzt berührte mit der Fingerſpitze eines ihrer Augenlider und ſchloß es. Ich drückte meine Lippen auf das andere und fiel in Ohnmacht. Einen Augenblick war ich ſehr glücklich: ich glaubte, ich ſterbe auch. Ohl warum rief mich der Arzt zum Leben zurück? Auf dem Punkte, wo ich mich befand, war es ſo leicht, mich in den Tod hinübergleiten zu laſſen! Als ich zu mir kam, erzählte mir der Doctor, er habe die Bruſt der Todten entblößt, um zu ſehen, ob ihre Vorherſagung bis zum Ende in Erfuͤllung gehe. Dann habe er, wie durch die letzte Pulſirung des Herzens angetrieben, aus dem Stiche in der Bruſt, nicht mehr einen Blutstropfen, ſondern einen wahren Waſſertropfen,— rein, klar, durchſichtig wie ein Thau⸗ tropfen oder wie die Thräne einer Jungfrau,— hervor⸗ kommen ſehen. XI. Bei Tagesanbruch verließ mich der Arzt, und ich war allein mit dem Leichname meines geliebten Kindes. Ein Troſt blieb mir wenigſtens, und ich ſchöpfte ihn aus meinem eigenen Elende: da man mich zum Verhungern arm wußte, ſo würde keine Hand ſich an⸗ bieten, um Eliſabeth in's Leichentuch zu legen. 1 Wie bei ihrer Geburt ich es geweſen war, die ihr die erſte Pflege gegeben, ſo würde ich ihr bei ihrem Tode die letzte Pflicht erweiſen. Ueberdies war ſie allerdings todt, doch ich war noch nicht von ihr getrennt; ihr Tod war ſo ſanft ge⸗ zu 347 weſen, daß ſich ſelbſt die zarteſten Linien ihres Ge⸗ ſichtes nicht verändert hatten. Was hinderte mich alſo, zu glauben, ſie ſchlafe, und auf ihr Erwachen bis zu dem Augenblicke zu warten, wo ich mich durchaus von ihr trennen mußte? Zum Glücke war dieſer Augenblick noch fern: die Beerdigung fand gewöhnlich erſt ſechsunddreißig bis vierzig Stunden nach dem Tode ſtatt. Ich hatte alſo einen ganzen Tag bei dem gelieb⸗ ten Leichname zu bleiben. Plötzlich, als ich den Kopf erhob, tauchten meine Augen in den Kirchhof, wo, wie mir ſchien, zwei Män⸗ ner ein Grab zu bereiten beſchäftigt waren. Ein Grab!... Für wen denn? Wer war denn am vorhergehenden Tage geſtorben? Ich ſtand auf und ging an's Fenſter. Dieſes Grab, man grub es bei dem meines Man⸗ nes, gerade an der Stelle, die für uns vorbehalten war. Es unterlag keinem Zweifel; dieſes Grab war für mein Kind. Doch warum heute ein Grab für einen Leichnam bereiten, der erſt morgen beerdigt werden ſollte? Ich öffnete das Fenſter. Das Geräuſch, das durch das Oeffnen entſtand, erregte die Aufmerkſamkeit der zwei Todtengräber. Sie grüßten mich. „Was macht Ihr denn da?“ rief ich ihnen zu. „ Sie ſehen es wohl,“ erwiederte Einer derſelben, indem er ſich auf ſeinen Spaten ſtützte,„wir graben ein Grab.“ „Ein Grab? „Allerdings.“ „Für wenn denn 2 „Für Ihre Tochter, die heute Nacht geſtorben iſt.“ „Wer hat Euch den Befehl gegeben, dieſes Grab zu bereiten? „Der Herr Pfarrer.“ 348 „Der Pfarrer! In was miſſchte ſich dieſer Menſch? Würde ich, wenn eines von ſeinen verfluchten Kindern geſtorben wäre, oder ſogar wenn Beide geſtorben wären, vor der Stunde, wo ſie beerdigt werden ſollten, den Befehl geben, ihr Grab zu bereiten? Dahinter war ein Geheimniß. Dieſes Geheimniß bedrohte mich. Ich ſchloß das Fenſter und kehrte raſch zum Bette meiner Tochter zurück. Fünf Minuten nachher klopfte man an meine Thüre. Ich antwortete nicht; nur ſchloß ich dieſen zarten lebloſen Körper in meine Arme und wartete. Man klopfte ein zweites Mal, dann ein drittes Mal, doch ich antwortete eben ſo wenig. Beim dritten Male wurde die Thuͤre geöffnet. Es war der Schreiner, der einen Sarg brachte. Er blieb auf der Thürſchwelle ſtehen, unſchlüſſig, ob er eintreten ſollte. Ohne Zweifel war ich erſchrecklich anzuſchauen: ich hielt mein Kind in den Armen und ſchaute dieſen Menſchen unter meinen zerſtreuten Haaren hervor mit einem funkelnden Blicke an. „Was wollt Ihr?« rief ich ihm zu;„was macht Ihr hier?« „Was ich hier mache? Ich bringe dieſen Sarg.“ „Für wen?“ „Iſt nicht Ihre Tochter heute Nacht geſtorben?« „Wer hat denn aber dieſen Sarg bei Cuch beſtellt?« „Der Herr Pfarrer.“ Abermals der Pfarrer. Während ich in meinem Geiſte ſuchte, welcher Be⸗ weggrund den Pfarrer veranlaſſen konnte, ſich mit die⸗ ſen Leichenangelegenheiten zu beſchäftigen, ſtellte der Schreiner den offenen Sarg mitten in die Stube und entfernte ſich wieder. Dieſer Sarg war einer von denen, wie man ſie für die allerärmſten Leute macht. 349 35 Er war von weißem Holze und faſt durchſichtig ünn. Oh! meine theure arme Betſy, wie ſchlecht würde ihr zarter Körper da innen ſein! Ich verſenkte meinen Kopf in ihre erkaltete Bruſt und brach in ein Schluchzen aus. Doch bald ſchien es mir, als hörte ich, durch mein Schluchzen, eine Stimme, welche mit mir ſprach. Ich ſchaute empor. Eine alte Frau ſtand an der Thüre. Ich erkannte ſie: es war diejenige, welche bei den Todten in der Gemeinde wachte. „Der Herr ſei mit Ihnen, meine gute Dame,“ ſprach ſie zu mir. „Gut, gut,“ erwiederte ich,„was wollt Ihr? Ihr wißt, daß ich arm bin und Euch kein Almoſen geben ann. „Ich komme nicht, um Almoſen zu fordern, meine gute Dame; ich komme, um Ihr Kind zu begraben.“ „Mein Kind begraben! Ihr?“ „Ei! man hat mich hiefür bezahlt, und wenn man das Geld empfangen hat, muß man die Arbeit thun.“ „Wer hat Euch denn bezahlt?“ t „Der Herr Pfarrer.“ Der Pfarrer! immer der Pfarrer! „In was miſcht ſich denn dieſer Menſch?“ rief ich. „Ah! das iſt es,“ ſagte ſie,„da Sie bei ihm woh⸗ nen. 4 „Oh! zu meinem Unglücke, ich weiß es.“ „Nun denn, er hat Angſt.“ „Angſt! für wen?“ „Für ſeine Frau und ſeine Kinder.“ „Wovor hat er Angſt?“ „Vor der Anſteckung.“ „Vor der Anſteckung?“ „Ja... Miß Eliſabeth, Sie wiſſen es wohl, iſt an einer anſteckenden Krankheit geſtorben, ſo daß der 3⁵⁰0 Pfarrer durch den Rath hat beſchließen laſſen, daß ſie ſogleich beerdigt werden müſſe; wonach man Alles, was ihr gedient hat, verbrennen wird.“ „Meine Tochter ſogleich begraben! Alles, was ihr gedient hat, verbrennen! Was ſagt Ihr denn da?“ „Das iſt eine Thatſache: zum Beweiſe, daß die Krankheit anſteckend iſt, dient, daß die Kuh, welche Ihrer Tochter Milch gab, geſtorben, und daß die andere krank iſt. Man muß alſo Ihr Kind ſchleunigſt begraben, damit ſich die Krankheit nicht im Dorfe verbreitet.“ Ich ſchaute auf dieſen Körper nieder, von dem man hätte glauben ſollen, er werde durch den göttlichen Hauch beſchützt, ſo ſehr hatte er, ſeitdem er die Schönheit des Lebens verloren, die des Todes erlangt. „Ohl mein Gott! mein Gott!“ murmelte ich,„die Menſchen werden mich alſo bis zum Ende verfolgen!“ „Und dann,“ fuhr die Alte fort,„dieſer würdige Herr Drummond(Drummond war der Name des Pfar⸗ res)! er hat Eile, ſeine Frau und ſeine Kinder zurückkom⸗ men zu laſſen.“ „Wo ſind ſie denn?“ „Ich weiß es nicht, in Milford oder in Pembroke wahrſcheinlich, wohin man ſie aus Furcht vor der An⸗ ſteckung geſchickt hat. Die arme Miſtreß Drummond, ſie liebt ihre Kinder ſo ſehr, daß ſie ſterben würde, wenn ſie einen von den Zwillingen verlöre.“ „Sie würde nicht ſterben, da ich nicht geſtorben bin,“ erwiederte ich.„Es iſt gut, geht.“ „Ich bin aber gekommen, um das Kind zu be⸗ graben.“ „Ihr ſeid gekommen, um meine Tochter zu be⸗ graben, und man hat Euch geſagt, ſie ſei an einer an⸗ ſteckenden Krankheit geſtorben?“ „Gewiß.“ „Ihr habt alſo keine Furcht vor der Anſteckung 20¹ „Doch, ich fürchte ſie.“ „Warum ſetzt Ihr Euch dann derſelben aus 24* 351 „Weil das mein Geſchäft iſt, meine gute Dame.“ „Ein ſchlechtes Geſchäft, da Ihr dadurch ſolchen Gefahren preisgegeben ſeid!“ ſagte ich ironiſch. „Was wollen Sie?“ erwiederte die Alte mit Re⸗ ſignation,„man muß wohl leben!“ Und ſie näherte ſich dem Bette meines Kindes. Doch ich ſtellte mich zwiſchen ſie und den Leichnam und ſprach: „Ich danke Euch, arme Frau, für die Bemühun⸗ gen, denen Ihr Euch für meine Tochter unterziehen wolltet, ſo lohnſüchtig ſie auch ſind; doch Niemand außer mir wird meine geliebte Todte berühren.“ „Der Herr Pfarrer hat mich aber bezahlt.“ „Ihr werdet ihm ſagen, Ihr habet Euer Leichen⸗ geſchäft verrichtet, und das Geld, das er Euch gegeben hat, behaltet Ihr.“ „So geht Alles gut... Ihre Dienerin, meine gute Dame.“ „Gott befohlen.“ Die Alte entfernte ſich wieder. Es war der Pfarrer, der das Grab graben ließ; es war der Pſarrer, der den Sarg beſtellt hatte; es war der Pfarrer, der die Leichenfrau geſchickt; es war der Pfarrer, der zur raſchen Beerdigung antrieb, und Alles dies aus Furcht für ſeine Frau und ſeine Kinder. Ich wunderte mich auch, daß dieſe boshaften Zwil⸗ linge meine Tochter ſo ruhig hatten ſterben laſſen. Was ich am Klarſten hiebei ſah, iſt, daß ich mich von meiner Tochter einen Tag früher, als ich glaubte, trennen mußte. Ich hätte es wohl verſucht, zu kämpfen, doch ich würde das ganze Dorf gegen mich gehabt haben. Ich fing alſo an die Todte zu ſchmücken. Ich kämmte ihre ſchönen blonden Haare und legte fie rechts und links über ihren Körper. Sie gingen bis über die Kniee hinab. Ich kreuzte ihre Arme auf ihrer Bruſt, 352 Ich wählte im Schranke das feinſte Leintuch, das uns blieb, und begann die Einhüllung bei den Füßen, um ihr geliebtes Geſicht ſo lange als möglich zu ſehen. Beim Geſichte hielt ich an. Ich wollte mich des Anblicks dieſes Engelsgeſich⸗ tes erſt im letzten Momente berauben. Ueberdies hatte ich etwas Anderes zu thun. Ich nahm das Kopffiſſen, das ihr ſeit ihrer Kind⸗ heit diente, und breitete es im Sarge aus. Ihr Kopf würde wenigſtens ſanſt ruhen. Dann hob ich ſie in meinen Armen auf und legte ſie in ihr letztes Bett. Mein Gott und Herr! warum iſt dieſes letzte Bett ſo ſchmal, daß nicht zwei darin Platz haben 2 In dieſem Augenblicke trat der Meßner ein. „Sie wiſſen, daß es auf elf Uhr beſtellt iſt?“ ſagte er. „Ich weiß es nicht,“ erwiederte ich;„thut, was Ihr wollt.“ Er ging hinaus; doch mit ihm war ein anderer Menſch eingetreten: der Schreiner. „Was wollt Ihr noch?“ fragte ich. „Ich will den Sarg zunageln,“ erwiederte er. „Hat denn das ſo große Eile?“ 1 „In einer Viertelſtunde muß der Leichnam in die Kirche gebracht ſein.“ „So thut es.“ Ich küßte die eiſigen Lippen meines Kindes, dann nähte ich wieder am Leichentuche. Als ich zu den Augen gelangt war, küßte ich dieſe dun letzten Male, und ich vollendete die ſchmerzliche Arbeit. Der Schleier der Ewigkeit war über ihrem Ge⸗ ſichte ausgebreitet. 1 Ich legte mich auf ihr Bett, an die Stelle, die ſie eingenommen, gleichſam in die Form, die ſie ein⸗ gedrückt hatte. ten n die dann dieſe zliche 353 „O Anſteckung! Anſteckung!“ rief ich,„da du ſo erſchrecklich, ſo grauſam, ſo unverſöhnlich biſt, warum nimmſt du mich nicht und legſt mich zu meinem Kinde?““ Der erſte Hammerſchlag erdröhnte; ich ſtieß einen durchdringenden Schrei aus und warf mich von mei⸗ nem Bette herab. „Oh! mein Freund,“ rief ich flehend,„ſeid barm⸗ herzig, wartet noch eine Secunde!“ Er war ſo religiös, zu warten. 3 Ich kniete nieder; ich küßte abermals,— doch dies⸗ mal durch das Leintuch,— die Augen und die Lippen meines Kindes; dann nahm ich, den Kopf zurückgewor⸗ fen, die Hände an die Ohren gedrückt, wieder auf dem Bette den Platz ein, den ich verlaſſen hatte. „Nun verrichtet Euer Geſchäft,“ ſagte ich zu dem anne. Und die Hammerſchläge erſchollen mit einer ge⸗ wiſſen Regelmäßigkeit. Nein! nein! nein! die ſelige Maria hat nicht mehr 3 gelitten, als ſie das Getöſe des Hammers hörte, der ihren Sohn an das Kreuz nagelte! Ich mochte immerhin meine Hände an meine Oh⸗ ren preſſen, um mir den Kopf zu zerdrücken, ich hörte jeden Schlag, und bei jedem Schlage war es mir, als dringe der Nagel in mein Herz ein. Das Getöſe hörte auf. Ich wandte mich um: die Arbeit war vollendet; der Mann wiſchte ſich die Stirne mit ſeinem Aermel ab. Es war übrigens Zeit. Die Glocke der Kirche fing an zu ertönen. Zwei Träͤger traten ein.. „Wie iſt es?“ fragten ſie. Der Schreiner zeigte ihnen den Sarg. „Warum iſt der Pfarrer nicht gekommen?“ fragte ich. „Er erwartet die Leiche in der Kirche,“ antworte⸗ ten die Träger. Der Pfarrer von Aſhbourn. II. 23 354 Und ſie bemächtigten ſich des Sarges und hoben ihn auf ihre Schultern. „Ahl gut,“ ſagten ſie,„dieſe iſt nicht ſchwer; man hat nicht alle Tage ſo leichte Arbeit!“. Und ſie gingen die Treppe hinab; ich folgte ihnen. XII. Was von dieſem Augenblicke an und während der paar folgenden Tage vorging, vermöchte ich nicht genau anzugeben. Eine unbeſtimmte Erinnerung, der eines Traumes ähnlich, bleibt mir: ich entſinne mich einer kalten Platte, auf der ich mich während der Todtengebete ausſtreckte; der traurigen, langſamen Geſänge, welche mir jedoch zu kurz ſchienen, der ſchmerzvollen Pilgerung, die ich allein,— denn die Idee der Anſteckung hatte Jeder⸗ mann entfernt,— die ich allein von der Kirche nach dem Friedhofe vollbrachte; des Geräuſches der auf den Sarg rollenden Erde; dann des Thaues am Abend, der mich zu mir ſelbſt zurückrief. Es war Nacht. Ich fand mich bei dem Grabe meiner Tochter liegend; ich ſtand maſchinenmäßig auf;z ich nahm eine Hand voll Erde, die ich an meine Bruſt drückte, und ging zurück mit geſenktem Kopfe und bei jedem Schritte murmelnd:„Schlafe wohl! ſchlafe wohl! ſchlafe wohl!“ Auf dem Platze vor dem Pfarrhauſe ſpielten Kin⸗ der lachend und tanzend um ein großes Feuer; unter die⸗ ſen Kindern erkannte ich, luſtiger und lärmender als die andern, die zwei Söhne des Pfarrers. Sie waren zurückgekommen; ihr Vater befürchtete nicht mehr für ſie: meine Tochter war beerdigt: Als ich mich naherte, entſlohen alle Kinder undriefen: „Die graue Dame! die graue Dame!“ Ich jagte allen dieſen kleinen Unglücklichen Schrecken ein. Warum? ich weiß es nicht. en an 3⁵⁵ Es war mir wenig daran gelegen! Nun, da meine Tochter todt, haßte ich die Kinder. Und beſonders dieſe abſcheulichen Zwillinge, die ſo lärmend und ſo höhniſch. Ich kehrte in meine Stube zurück, ſchloß die Thüre vur ging, ohne Licht, gerade auf das Bett von Eliſa⸗ eth zu. Es gewährte mir einen gewiſſen Troſt, mich auf dieſem Bette auszuſtrecken, das fortan das meinige ſein ſollte. Es würde mir leicht ſein, wenn die Reihe an mich käme, auf dem Bette zu ſterben, wo meine Tochter ge⸗ ſtorben war. Doch ich ſuchte es vergebens mit meinen ausge⸗ ſtreckten Händen; das Bett, das für mich ein Altar geworden, war nicht mehr da. Ich konnte nicht an dieſes Verſchwinden glauben. Ich zündete die Lampe an. Der Platz war leer! Es fehlte nicht nur das Bett, ſondern es waren auch alle Gegenſtände verſchwunden, von denen man erkannt hatte, daß ſie im Gebrauche meines Kindes geweſen. Da erinnerte ich mich, was die alte Leichenfrau geſagt: daß man wegen der Anſteckung Alles, was Betſy gehört, Alles, was ſie berührt, vernichten ſollte. Das Feuer, das ich geſehen, und um das die Kin⸗ der lachten und tanzten, war der Herd, wo ſich Alles verzehrte, was meinem armen Kinde gehört, und was es berührt hatte. Es blieb mir nichts von Betſy, als die kleine Münze, die ſie mir in der Straße von Milford an dem Tage gegeben, wo ſie geglaubt hatte, ich fordere ein Almoſen von ihr. Ich drückte ſie voll Leidenſchaft an meine Lippen und ſchwor auf's Neue, daß ſie mich nie, nicht einmal im Tode, verlaſſen ſollte. 298 3⁵6 Dann warf ich mich, gelähmt, vernichtet, unver⸗ mögend, zu weinen, und beſonders dem Verfluchen nahe, auf mein Bett. Ich wiederhole, es wäre mir ſchwierig, die Ein⸗ zelheiten meines Lebens während der drei bis vier Tage, welche auf den Tod und die Beerdigung meines Kin⸗ des folgten, zu erzählen. Es blieben mir, wie ich erwähnt habe, vier bis fünf Pence; ich ging einmal des Tages hinab, um ein wenig Brod zu kaufen. Meinen ganzen Weg entlang hörte ich mit ängſtlichem Tone wiederholen:„Die graue Dame! die graue Dame!“ Die Kinder flohen; die Wei⸗ ver öffneten ein wenig ihre Thüren und ſchloſſen ſie ſogleich wieder; und ich, ich ging, auf meinem Wege einen Schrecken erweckend, deſſen Urſache ich nicht kannte, kalt und unempfindlich vorüber. Ich würde dieſe Urſache wahrſcheinlich nie erfah⸗ ren haben, wäre ich nicht eines Morgens ohne einen Penny geweſen. Ich war für Alles unempfindlich geworden, aus⸗ genommen für das Geſpötte der Kinder des Pfarrers. Man hätte glauben ſollen, es liege für ſie in dem tie⸗ fen Schmerze, von dem ich verzehrt wurde, ein unbe⸗ kanntes Motiv der Freude: mochte ich ausgehen oder nach Hauſe kommen, ich fand ſie ewig auf meinem Wege. Ihr Anblick brach mir zugleich das Herz und er⸗ altirte mir den Geiſt; ich fuͤhlte inſtinctartig, daß, ſollte mich ein neues Unglück treſſen, daſſelbe von die⸗ ſer Seite kommen müſſe. Doch welches Unglück in der Welt konnte mir be⸗ gegnen, das den Namen Unglück verdiente, nach dem, deſſen Opfer ich geweſen? An dem Tage, wo ich ohne einen Penny war, ging ich alſo hinab, um ein Stück Brod vom Bäcker zu verlangen. — — A&— ð 3⁵⁷ Als er mich erblickte, reichte er mir meine gewöhn⸗ liche Ration. „Weniger als dies,“ ſagte ich. „Marum weniger?“ „Weil ich kein Geld habe, und weil das Brod, das ich von Euch verlange, ein Almoſen iſt.“ Der Bäcker brach das Stück Brod entzwei und gab mir das kleinere von den zwei Stücken. „Es iſt alſo nicht wahr, was man im Dorfe ſagt?“ fragte er. „Was ſagt man?“ „Man ſagt, Sie ſeien in einer Nacht im Gebirge mit dem Hirten von Narberth und einem Bettler ge⸗ weſen, und dort haben Sie Ihre Seele Satan gege⸗ ben; ſo daß Sie ſeit jener Nacht keinem der Bedürf⸗ niſſe des Menſchengeſchlechtes mehr unterworfen ſeien.“ „Hätte ich meine Seele Satan gegeben, ſo wäre es geſchehen, um meine Tochter zu retten, und meine Tochter würde folglich nicht geſtorben ſein; wäre ich keinem der Bedürfniſſe des Menſchengeſchlechtes unterworfen, ſo käme ich nicht, um ein Stück Brod von Euch zu fordern.“ Ich zuckte die Achſeln und kehrte nach dem Pfarr⸗ hauſe zuruck. Nun war mir der Schrecken der Bauern erklärt. Man glaubte, ich ſtehe im Verkehre mit dem Feinde des Menſchengeſchlechts. Ich wußte, daß die Kinder des Pfarrers alle dieſe Gerüchte verbreiteten, und mein Haß gegen ſie ver⸗ mehrte ſich noch. Als ich zurückkam ſetzte ich mich, wie gewöhnlich, auf den Kirchhof, zwiſchen das Grab meines Mannes und das meiner Tochter. Ich hatte mit großer Mühe einen breiten Stein dahin gebracht, und, auf dieſem Steine ſitzend, den Körper gebeugt, meine beiden Hände auf meinem Schooße gekreuzt, das Auge ſtarr, den Geiſt in eine einzige Idee verſunken, in einer einzigen Er⸗ innerung verloren, blieb ich ganze Stunden unbeweglich. 358 Dann, wenn der Abend gekommen war, ſtand ich auf und kehrte in meine Stube zurück, auch ein Grab, das gegen die andern den Nachtheil hatte, daß es leer war. 7 Einmal,— das war geſtern, am Abend des 27. auf den 28. September,— fand ich in dem Augen⸗ blicke, wo ich aus dem Kirchhofe weggehen wollte, die Thüre, welche mit dem Pfarrhauſe in Verbindung ſtand, geſchloſſen. 3 3 Das war eine neue Bosheit der zwei Kinder des Pfarrers. Darüber konnte kein Zweiſel ſein: als ich die Au⸗ gen aufſchlug, ſah ich ihre beiden Köpfe in der Oeff⸗ nung des Fenſters vom Speicher. Dieſes Fenſter ging auf den Kirchho f. Beide waren da verborgen, um ſich an meiner Ver⸗ legenheit zu weiden. Ich verſuchte es nicht, die Verbindungsthüre zu öffnen, was vergeblich geweſen wäre, ſondern ich ging an die gemeinſchaftliche Thüre: ſie war ebenfalls geſchloſſen; ich kehrte dann um und ſetzte mich auf den Stein. hi„Bracht⸗ ich nicht hier einen Theil meines Daſeins in? Was lag mir daran, ob ich den Tag oder die Nacht hier blieb? Es war kälter bei Nacht; fühlte ich aber die Kaͤlte? Um fünf Uhr Morgens trat der Todtengräber ein; er kam, um den Platz eines Grabes zu bezeichnen. Er fand mich erſtarrt, unbeweglich und ſtumm wie eine Bildſäule, an der Stelle, auf die ich mich am Abend vorher geſetzt hatte. Er näherte ſich mir, ſchüttelte mich am Arme und weckte mich auf. 4 Ich entfernte mich durch den Ausgang, der mir geöffnet war, und kehrte, ohne ein Wort zu ſagen, wie ein Geſpenſt, den Platz umgehend, in meine Stube zurück. des Au⸗ deff⸗ Ver⸗ zu gan ſen; ſeins kacht ilte? ein; wie lbend und mir Stube 359 Kaum waren die Kinder erwacht, als ſie an die Verbindungsthüre liefen, welche vom Pfarrhauſe in den Kirchhof führt. Sie war geſchloſſen wie am Tage vorher. Sie öffneten ſie ſachte und ſchauten durch die Oeff⸗ nung hinein. Ich war nicht mehr da. Der Todtengräber hatte ſich auch entfernt. Wie war die graue Dame herausgekommen? Vielleicht war die graue Dame auch nicht heraus⸗ gegangen, ſondern in irgend einem Winkel verborgen; vielleicht hatte ſie hinter einem Baume Schutz gegen die Kälte der Nacht geſucht. Sie wagten es nicht, in den Kirchhof einzutreten, um dies zu ergründen; denn ich erregte bei ihnen, wie geſagt, beinahe eben ſo viel Angſt, als Neugierde. Sie ſtiegen in den Speicher hinauf, wo ich ſie am Abend vorher erblickt hatte, und deſſen Thüre ganz nahe bei der meiner Stube war. Vom Fenſter des Speichers aus verſicherten ſie ſich, daß der Kirchhof wirklich verlaſſen war. Ich hatte dieſes ganze Manoeuvre geſehen oder er⸗ rathen. 3 Als ſie aus dem Speicher weggingen, kamen ſie abermals an meiner Thüre vorüber; doch diesmal blie⸗ ben ſie davor ſtehen. War ich in meine Stube zurückgekehrt oder nicht zurückgekehrt? Dies war das Problem, um deſſen Auf⸗ klärung es ſich handelte. Das ließ ſich leicht aufklären, ſie durften nur durch das Schlüſſelloch ſchauen. Achl unter meinem ungeheuren Schmerze hätte ich Bos⸗ heiten von Kindern keine Aufmerkſamkeit ſchenken ſollen. Aber, im Gegentheile, dieſe Verfolgungen waren mir unerträglich geworden. In dem Augenblicke, wo ſie ſich bückten, um durch das Schlüſſelloch zu ſchauen, öffnete ich plötzlich die 360 Thüre, erſchien drohend, mit aufgehobenem Arme auf der Schwelle und rief: „Elende!« Sie gaben einen Schrei von ſich und entflohen nach der Treppe. Doch die Treppe war ſteil und ſchmal: der Aeltere ſtieß den Andern und ſtürzte ihn hinab. Ich hörte einen Ausruf des Schreckens, einen hef⸗ tigen Fall, dann einen Schmerzensſchrei. Ich ſchloß meine Thüre wieder, erſchrocken und zitternd. Ich fühlte, daß ſich ein großes Unglück zugetragen hatte, und daß ich die unwillkürliche Urſache davon war. Auf den letzten Schrei folgten Hin⸗ und Herlaufen, Thränen, Schluchzen. 1 Dann ſtieg Jemand mit ſchwerem Tritte die Treppe herauf. Meine Thüre wurde geöffnet. Der Pfarrer erſchien, ſeinen jüngeren Sohn ganz blutig in den Armen haltend. Seine Hirnſchale war offen. 3. „Unglückliche!« ſprach der Pfarrer,„ſieh, was Du gethan haſt!“ Ich konnte erklären, wie ſich die Sache zugetragen; ich konnte die unabläſſige Verfolgung dieſer Zwillings⸗ knaben erzählen; was aber einem Vater ſagen, der ſei⸗ nen Sohn beweint? Ich bedeckte meinen Kopf mit meinem Mäntelchen und ſchwieg. In dieſem Augenblicke ſtieß der Knabe einen Seuf⸗ zer aus. „Ahl« rief der Vater, ver iſt noch nicht todt! zu Hülfe! zu Hülfe!“ 3 Und er eilte die Treppe hinab, nur noch an Eines denkend: daß ſein Knabe nicht todt, und daß es vielleicht noch Zeit war, ihn zu retten. Man ſchickte nach dem Arzte in Milford. Er kam. tra 361 Es war derſelbe, der meine Betſy behandelt hatte. Gegen drei Uhr Nachmittags kam er herauf und trat bei mir ein. „Nun?« fragte ich ihn. „Nun,“ erwiederte er,„das Kind iſt todt.“ Ich ſeufzte. »Sie wiſſen, was es iſt, ſein Kind verlieren?« fuhr er fort. „Ohl ſie hatten wenigſtens zwei Söhne.“ »»Man liebt immer denjenigen, welchen man ver⸗ liert, am meiſten.“ Ich ſeufzte auf's Neue. „Sie begreifen, daß Sie nach einem ſolchen Unglücke unmöglich im Hauſe bleiben können,“ ſagte er. „Die Witwe des verſtorbenen Pfarrers hat das Recht, in demſelben Hauſe mit dem lebenden Pfarrer zu bleiben.“ „Hatte man den Fall vorhergeſehen, wenn dieſe Witwe die Urſache des Todes von einem Kinde wäre?« Ich ſeufzte abermals. „Der Vater und die Mutter wollten ſelbſt herauf⸗ kommen, um Sie von hier wegzujagen, Sie hinaus⸗ zuſchleppen, vielleicht das ganze Dorf gegen Sie aufzu⸗ wiegeln... Ich widerſetzte mich und ſagte, ich werde gehen, und ich bin gegangen.“ „Ich habe aber das Recht für mich,“ murmelte ich. „Ja, aber gegen ſich haben Sie die Thatſache. Die Bauern, die Sie umgeben, ſind grob und unwiſſend; die groben, unwiſſenden Menſchen werden leicht boshaft. Sie halten Sie für eine Hexe, für eine Verworfene; ſie würden vielleicht Gott gefällig zu ſein glauben, wenn ſie Sie in Stücke zerhauten.“ »„Ich ſoll dieſe Stube verlaſſen, wo mein Kind ge⸗ ſtorben iſt? ich ſoll gehen, ohne ein Andenken an mein armes Kind?... ich ſoll in der Nacht um das Dorf her irren? Und wie werde ich in den Kirchhof, wo mein Herz niedergelegt iſt, hineinkommen?« 362 „Die Klugheit heiſcht, daß Sie ſich entfernen, daß Sie auf einem andern Punkte Englands leben.“ Ich ſchüttelte den Kopf. 5 „Wenn es Ihnen an Mitteln fehlt,“ ſagte der Arzt, „nun! ich werde Sie nach Maßgabe meiner Mittel unter⸗ ſtützen. Nur müſſen Sie gehen.“ „Wann 2 „Je eher, deſto beſſer.“. Ich überlegte einen Augenblick. Ein furchtbarer Entſchluß hatte ſich meinem Geiſte geboten; die Ver⸗ zweiflung hatte ihn mit ihrer gewöhnlichen Geſchwindig⸗ keit aufgenommen. „Es iſt gut,“ erwiederte ich.„Sagen Sie ihnen, ich werde noch heute Nacht abgehen.“ „Brauchen Sie etwas?« fragte der Arzt. „Ich brauche nichts und danke Ihnen.“ „Auf Wiederſehen.“ „Leben Sie wohl.“ Er entfernte ſich. Ich blieb allein. Während dieſes Zwiſchenraumes, einer Art von Brücke in meinem Daſein zwiſchen dem Leben und dem Tode, nehme ich die angefangene Erzählung wieder auf, und ich ſchreibe dieſe letzten Zeilen. Man wird meinen Tod auf verſchiedene Art beur⸗ theilen; man wird mein Leben verleumden; man wird mich vielleicht verfluchen. Es iſt wichtig, daß man erfahre, was ich gelitten habe. Ein gutes und mitleidiges Herz, das fuͤr mich beten wird, genügt vielleicht, um den Zorn in den Häͤn⸗ den des Herrn zu feſſeln.. 3 Der Entſchluß, den ich gefaßt habe, iſt der, mich zu tödten!... Ach! es war nicht das erſte Mal, daß er ſich mei⸗ nem Geiſte bot.. Dooch ich hatte ihn verworfen. Hatte ich nicht dieſe Stube, wo meine Tochter geſtorben, um an ſie zu dene ken Gre ele 3 kein ſobe was aus wer gra daß mei liche mor den oder mac bere das daß rzt, ter⸗ rrer ger⸗ dig⸗ nen, von dem auf, eur⸗ vird tten nich dͤn⸗ nich nei⸗ dieſe dene 363 ken? hatte ich nicht dieſen Stein in der Nähe ihres Grabes, um darauf zu weinen? So lange man mir dieſen Stein und dieſe Stube gelaſſen hätte, würde ich wenigſtens gelebt haben, bis ich Hungers geſtorben wäre: Hungers ſterben wäre kein Selbſtmord geweſen. Sobald man mich aber aus meiner Stube jagt, ſobald man mir den Eintritt in den Kirchhof verbietet, was ſoll ich machen, wenn nicht ſterben? Sterbe ich hier in dieſem Hauſe, ſo werden ſie mich aus Mitleid in einen Winkel des Kirchhofs werfen; ich werde aber wenigſtens dort ſein. Sterbe ich in der Ferne, ſo wird man mich da be⸗ graben, wo ich mich befinde. Wäre der Stein auf meinem Grabe zu ſchwer, daß ich ihn aufheben und mein Kind beſuchen könnte, mein Gott! was ſollte aus mir in der Ewigkeit werden? Dooch vielleicht iſt der ſchwerſte Stein, den die gött⸗ liche Gerechngkeit auf einem Grabe ausbreitet, der Selbſt⸗ mord? Gleichviel!... Ich habe keinen andern Weg, als den des Verhaͤngniſſes, und ich folge ihm. XIII. Ich bin herabgegangen auf die Gefahr, dem Vater oder der Mutter zu begegnen; ich hatte zwei Beſuche zu machen. Einen Gott, den andern meinem Kinde. Ich fand die Kirche und den Friedhof geſchloſſen. Es ſind abermals ſie, die mich dieſes letzten Troſtes berauben. Zum Gluͤcke ſehe ich von meinem Fenſter aus das Grab von Betſy.. Ich will am Fenſter niederknieen und beten. 364 XIV. Während ich auf den Knieen am Fenſter betete, ſtieg ein Gewitter am Himmel auf. Dieſes Gewitter erinnert mich an das, welches an dem Tage toſte, wo meine Tochter ſtarb. Es brach mit Blitzen, Donner und Regen los. Dann beſänftigte es ſich, und die Natur wurde wieder ruhig, als ob kein Sturm durch die Luft gezogen wäre. Ich habe auch einen Sturm im Herzen. In einigen Augenblicken wird dieſer Sturm los⸗ brechen. Dann wird Alles ruhig werden um mich her und ſogar in mir! XV. Ein Punkt hatte mich beunruhigt: daß ich, um ir⸗ gend ein Todeswerkzeug,— Kohle, Dolch oder Gift,— zu kaufen, das Geldſtück wechſeln muſſe, das mir meine Tochter geſchenkt, denn man weiß, ich beſitze keinen Penny mehr, und ſeit geſtern Abend habe ich von dem Stücke Brod gelebt, das mir der Bäcker gegeben. Ich könnte mich vom zweiten Stocke hinabſtürzen und es verſuchen, mich ſo zu tödten. Doch ich erinnere mich, daß ich einen armen Decker, der vom Dache der Kirche gefallen, mit gebrochenen Glie⸗ dern nach Hauſe tragen ſah. 3 Dieſer Mann iſt ein Krüppel geblieben, doch er iſt nicht geſtorben. Ich aber muß ſterben. Ich glaube mich zu entſinnen. XVI. Ich täuſchte mich nicht.. Ich glaubte mich zu entſinnen, ich habe Wäſche in der gehä Arte dieſer ' b derſe was he in gehängt geſehen. Ich komme von da zurück, und ich konnte mehrere Arten von Stricken nehmen; ich brauche nur noch unter dieſen zu wählen. Ah! der Sturm fängt an zu brauſen. f XVII. Ich habe gewählt. Ich werde alſo ſterben: Um Mitternacht gehe ich hinab; am Ende des Gartens, an einem düſtern Orte, ſteht, einen ewig wei⸗ nenden Felſen masquirend, ein großer Ebenbaum; unter dieſem Ebenbaume iſt eine ſteinerne Bank, und mit Hülfe dieſer ſteinernen Bank werde ich meinen Strick am ſtärkſten Aſte des Baumes befeſtigen. Dort werden ſie mich morgen finden. Seltſames Zuſammentreffen! es iſt gerade ein Jahr u den Tag, daß ich meinen armen Mann verloren habe! f m..:: 8 der Weißzeugkammer, die an meine Stube anſtößt, auf⸗ XVIII. Scggleich wird es Mitternacht ſchlagen... O mein Aind, ich werde mich alſo mit Dir auf ewig wieder⸗ ereinigen... oder mich, wer weiß, vielleicht auf ewig von Dir trennen. Herr! Herr! der Du weißt, was ich gelitten habe, iih ſetze mein Vertrauen in Deine Barmherzigkeit. 6 Erbarme Dich meiner. Waſton, Nacht vom 28. auf den 29. September 1584. Unter dieſer Note, mein lieber Petrus, und von beiben Sandſchriſt wie die Note am Anfange, las ich, olgt: V V 366 „Die Tradition gibt nun an: „Beim letzten Schlage vor Mitternacht, zwiſchen Hau zwei Donnerausbrüchen, hörten der Pfarrer und ſeine Frau, habe welche weinend beim Leichenbette ihres Sohnes wachten, rufe eiwas wie einen Fluch, worauf ein gewaltiger Schrei folgte. 5 „Es war in dem, was ſie gehört, etwas ſo Duͤſte⸗ Leich res, ſo Geheimnißvolles, ſo Trauriges, daß Beide ein⸗ ander ſtillſchweigend und ſchauernd anſchauten, jedoch des ohne daß ſie es wagten, ſich zu erkundigen, woher das Ecke nächtliche Geſchrei gekommen. Kör „Sie horchten; doch die ganze übrige Nacht hörten ten ſie nichts mehr, als das Toſen des abnehmenden wen Sturmes. Zwi „Am andern Morgen, beim erſten Schimmer des Nier Tags, ſah ein Bauer, der in ſeinem Garten arbeitete, die graue Dame am Ebenbaume hängen. „Er ſtieg über die Hecke, verſicherte ſich der That⸗ St. ſache, und benachrichtigte den Pfarrer von dem neuen Ereigniſſe.. „„Das Gerücht von dieſem Tode verbreitete ſich im Dorfe. Da ſammelte Jeder ſeine Erinnerungen. 8 „Ein Bergmann, der dem Fußpfade längs dem ten, Garken des Pfarrhauſes gerade beim letzten Schlage von bel Mitternacht folgte, beſtätigte das, was der Pfarrer von ſe f dem Fluche und von dem Schrei, den er zu hören ge⸗ glaubt, geſagt hatte. weil „Er hatte auch gehört; doch er hatte zugleich die Worte unterſchieden. Che⸗ „Eine Stimme hatte geſprochen: lis „„Zur Stunde des Todes und zu dieſem Tode anu⸗ getrieben durch die Verſolgungen des Pfarrers, ſeiner we Frau und ſeiner Kinder, rufe ich Wehe über die Zwil⸗ vor linge, welche fortan im Pfarrhauſe geboren werden! ich: und möge der Eine von Beiden den Andern tödten, zu wie heute der Aeltere den Jüngeren getödtet hat. 446 „Auf dieſen Fluch war dann ein gewaltiger Schrei gefolgt. chen rau, ten, gte. iſte⸗ ein⸗ doch das rten nden des tete, hat⸗ euen im dem von von ge⸗ die an⸗ einer wil⸗ den! dten, 6 ſchrei 367 „Erſchrocken, außer ſich, war der Bergmann in ſein Haus zurückgekehrt und hatte ſeiner Frau erzählt, er habe den Geiſt des Sturmes Wehe über das Pfarrhaus rufen hören. „Alles war durch den am Ebenbaume hängenden Leichnam der grauen Dame erklärt. „Während man mit großem Gepränge den Sohn des Pfarrers beſtattete, warf man in ein Loch in der Ecke des Kirchhofs, in eine nicht geweihte Erde, den Körper der Selbſtmörderin. „Seit jener Zeit ſagt man, ſie ſei immer erſchienen, wenn die Frau von einem der Pfarrer von Waſton Zwillinge geboren habe, und zwar vor oder nach der Niederkunft, je nach dem Datum der Niederkunft: denn die Nacht ihrer Erſcheinung iſt unabänderlich die vom 28. auf den 29. September, das heißt die Nacht von St. Gertrud auf St. Michael. „Einige Zeit vor dem Brudermorde erſcheint ſie auch. „Ueber die Art ihrer Erſcheinung behauptet man nun: „ Beim erſten Schlage von Mitternacht verläßt ſie ihre Stube, ſteigt die Treppe hinab, erreicht den Gar⸗ ten, folgt dem mittleren Gange, ſetzt ſich unter den Ebenbaum und bleibt hier ein paar Minuten, wonach ſie ſich in Dunſt auflöſt. „Man ſagt nicht, ſie habe je geſprochen, doch zu⸗ weilen hat ſie Geberden des Befehlens gemacht. „Darum habe ich, Albert Martronius, Doctor der Theologie, nachdem ich dieſes Manuſcript geleſen, wie dies eine in den Archiven niedergelegte Note conſtatirt, das kleine ſteinerne Kreuz reſtauriren laſſen, das ohne Zweifel von einer frommen, unbekannten Hand errichtet worden iſt und in der Ecke des Kirchhofes ſteht, indem ich den Herrn bat, die Ruhe der Seele der Unglücklichen zu geben, welche darunter liegt. Waſton, am 28. September(dem gewöhnlichen Tage der Erſcheinungen der grauen Dame) im Jahre des Herrn 1650. I. Die Macht von St. Gertrud auf St. Michael. Hier, mein lieber Petrus, endigte nicht nur das Manuſeript der grauen Dame, ſondern auch die Note des Doctor Albert Martronius. Ich las dieſe ganz lange, klägliche Geſchichte mit einer ſolchen Aufmerkſamkeit, daß ich, ſo ſehr ich auch meiner Natur nach Commentator bin, nicht bei einem einzigen Kapitel anhielt, um mir ſelbſt meine Reflexio⸗ nen mitzutheilen. Nein, wie ein Menſch, der in einem raſchen Waſſer ſchwimmt, ließ ich mich von der Strömung fortziehen und ſagte mir nur am Ende von jedem Kapitel:„Wei⸗ ter, weiter, weiter!“ Und ſo ging es bis zum Ende fort.— Nun war mir alſo das große Geheimniß, deſſen Aufklärung ich mit ſo viel Beharrlichkeit geſucht hatte, enthüllt. Nicht nur die Erſcheinungen, ſondern auch die Ur⸗ ſachen der Erſcheinungen waren mir dargethan,— die Urſachen durch die graue Dame ſelbſt,— die Erſchei⸗ nungen, nicht mehr durch plumpe Bauern, ſondern durch einen gelehrten Doctor der Theologie, der, ohne daß es ihm gelang, Alles, was er konnte, gethan hatte, um dieſen Erſcheinungen ein Ende zu machen. Dieſe Erſcheinungen fanden, wie ich ſchon wußte, zwiſchen dem Feſte der heiligen Gertrud und dem des heiligen Michael,— katholiſchen Styls,— in der Nacht vom 28. auf den 29. September ſtatt. 3 Was ich aber nicht wußte, und worüber mich die Note meines Vorgängers, des gelehrten Doctor Albert Martronius, unterrichtete, das war der Umſtand, daß dieſe Erſcheinungen, von denen ich glaubte, ſie finden unveränderlich während der Schwangerſchaft ſtatt, eben ſo wohl auch nach der Niederkunft ſtattfanden. — 3 — 369 Die Sache hing einzig und allein von der Nieder⸗ kunft ab. Gebar die Frau, welche mit Zwillingen ſchwan⸗ ger war, nach der Nacht vom 28. auf den 29. Sep⸗ tember, ſo fand die Erſcheinung vor der Niederkunft ſtatt. Wurde ſie aber vor dieſer Nacht entbunden, ſo fand die Erſcheinung nach der Entbindung ſtatt. Dies war nun gerade der Fall bei Jeannie; die Niederkunft hatte am 15. Auguſt ſtattgefunden, und Jeannie hatte, wie Sie wiſſen, Zwillinge geboren. So lange die verhängnißvolle Nacht vom 28. auf den 29. September nicht vorüber war, konnte die graue Dame alſo erſcheinen. Am wie vielten des Monats waren wir? Mit leicht pochendem Herzen, mit einer von einem Anfange von Fieber bewegten Hand begann ich, um mir ſelbſt über das, was ich zu fürchten oder zu hoffen hatte, Rechenſchaft zu geben, einen Kalender zu ſuchen, mein lieber Petrus. Ich ſuchte mit um ſo größerer Ungeduld, als meine Lampe durch ihr Kniſtern andeutete, ſie komme beim Ende ihres Oeles und folglich beim Ziele ihres Da⸗ ſeins an. Endlich fand ich das, was ich ſuchte. Meine Augen richteten ſich mit Bangigkeit auf den Kalender, wir waren am vierten Donnerſtag des September. So wie ich die Calonne des Monats hinabſtieg und von einer Woche zur andern überging, vermehrte ſich mein Schauer. Plötzlich ſtieß ich einen Schrei aus, und meine Augen blieben auf das Datum dieſes vierten Donners⸗ tags geheftet; denn es war der 28. September, der Tag der heiligen Gertrud. Nur, welche Stunde war es 2 Ich hatte meine Taſchenuhr auf dem Kamine im Zimmer von Jeannie liegen laſſen, und ich war ſo mit Der Pfarrer von Afhbourn. II. 24 370 meinem Leſen beſchäͤftigt geweſen, daß ich die Stunden, welche die Uhr des Dorfes ſchlug, zu zählen vergaß. Ich mußte ſehr ſchnell hinaufgehen, um mich dieſer Stunde zu verſichern, und um zu erfahren, ob ſie vorbei ſei, oder ob ich noch lange darauf zu warten habe. Sollte ich darauf zu warten haben, ſo wünſchte ich, ſo muthig ich war, in Geſellſchaft zu warten. Dem zu Folge nahm ich meine Lampe und ging nach der Thüre. Auf dem Wege von meinem Schreibtiſche nach die⸗ ſer Thüre nahm das Kniſtern meiner Lampe dergeſtalt zu, daß ich hierin etwas Uebernatürliches ſah und mich beeilte; in meiner Haſt wäre ich beinahe gefallen, in⸗ dem ich mit großem Geräuſche meine Beine in ein Tabouret gleichſam verwickelte; ich mochte aber immer⸗ hin mit aller Eile fliehen, meine Lampe ſchien ihrer⸗ ſeits mit der Hartnäckigkeit zu Werke zu gehen, welche zuweilen lebloſe Dinge entwickeln; ihr Gekniſter ver⸗ doppelte ſich, und nach einem lebhafteren Lichte, das ziemlich dem Bouquet eines Kunſtfeuerwerks glich, er⸗ loſch ſie und ließ mich in der vollkommenſten Finſterniß. Je dunkler die Nacht war, die mich umhüllte, deſto mehr,— Sie begreifen das leicht bei der Dispoſition des Geiſtes, in der ich mich befand,— deſto mehr hatte ich Eile, hinauszukommen und von dem einſamen, düſteren Orte, wo ich war, nach einem bewohnten und beleuchteten Orte zu gelangen. Eine Hand auf meiner Stirne, um den Schweiß da⸗ von abzuwiſchen, und die andere Hand vor mir aus⸗ nrarkend ſuchte ich alſo die Thüre; dann, als die Thin gefunden und erkannt war, den Drücker. V Von da nach dem Zimmer meiner Frau war der Weg, ſelbſt in der vollkommenſten Finſterniß leicht. Man brauchte nur dem Flurgange zu folgen; am Ende des Ganges war die Treppe. Ueberdies öffnete ſich, wie man ſich erinnert, auf den Ru das He des ohn lan Th die kün wo bea ſchte ging die⸗ eſtalt mich in⸗ ein mer⸗ hrer⸗ elche ver⸗ das , er⸗ rniß. deſto ition mehr men, und 3 da⸗ aus⸗ hüre r der ;ʒ am f den 371 Ruheplatz vor dem Zimmer von Jeannie ein Fenſter, das, ſelbſt bei der Nacht, der Treppe eine gewiſſe Helle gab. Es brauchte nicht weniger, als dieſe Leichtigkeit des Weges, ich geſtehe es, mein lieber Petrus, daß ich ohne Hemmung zu dem ſo ſehr erſehnten Zimmer ge⸗ langte. Es ging übrigens Alles vortrefflich; ich hatte die Thüre gefunden; ich war dem Gange gefolgt; ich hatte die Treppe erreicht, ich hielt das Geländer. Plötzlich, in dem Augenblicke, wo ich den Fuß auf die erſte Stufe ſetzte, erſcholl die Glocke in der Kirche mit den vier Schlägen von verſchiedenem Klange, welche ver⸗ kündigen, daß die Welt um ſechszig Minuten älter ge⸗ worden iſt, und daß ſogleich die Stunde ſchlagen werde. Dann fing die Stunde an langſam, ſonor, traurig zu ſchlagen. Ich bebte am ganzen Leibe. Aller Wahrſcheinlichkeit nach war es Mitternacht. Ich ſtieg raſch die Treppe hinauf, indem ich unwill⸗ kürlich die Stufen unter meinen Füßen krachen machte; doch auf dem Ruheplatze angelangt, und als der dritte Schlas von Mitternacht ertönte, blieb ich beſtürzt ſtehen. Mir ſchien, ein Schatten komme mir, die Treppe vom zweiten Stocke herabſteigend, entgegen. Dieſer Schatten, ſo wie er eine Stufe weiter herab⸗ ſieg und dem Fenſter näher kam, wurde immer ſicht⸗ arer. Es war eine ſteife, ſchweigſame Frau, halb ver⸗ loren in der Dunkelheit wegen der Farbe ihrer Kleider. „Die graue Dame!“ murmelte ich, indem ich mich in die entfernteſte Ecke des Ruheplatzes zurückzog. Der Schatten blieb einen Augenblick ſtehen, als hätte er gehört, was ich zu mir ſelbſt geſagt, und als beabſichtige er, zu antworten: „Ja, ich!“ 24* 372 Dann ging er weiter. Doch, entſetzlicher Weiſe! ohne daß er die Stufen zu berühren ſchien, ohne daß er ein Gerauſch auf der wurmſtichigen Treppe erregte. Er kam ſo bleich, ſchweigſam, ſtumm auf einen Schritt an mir vorüber; ich hielt meinen Athem zu⸗ rück; ich zog meine Hände an mich; ich war wenigſtens eben ſo bleich, eben ſo ſchweigſam, eben ſo ſtumm, als die graue Dame, und ich lebte nur noch durch das Schla⸗ gen meines Herzens. In dem Augenblicke, wo der Schatten an mir vor⸗ überging, mochte mir nur die Angſt die Bruſt zuſam⸗ menſchnüren,— was nicht unmöglich, ich geſtehe es, mein lieber Petrus,— mochte wirklich eine Verände⸗ rung in der Atmoſphäre vorgehen, in dieſem Augen⸗ blicke ſchien es mir, als athmete ich nur noch eine Art von Dunſt ein, dem ähnlich, welcher, wenn man ſie öff⸗ net, aus den lange geſchloſſenen Gräbern hervorkommt. Ich war einer Ohnmacht nahe und fühlte, wie ich an die Wand ſank; ich hielt mich an dem vorſpringen⸗ den Fenſtergeſimſe feſt. Doch dieſer Zuſtand der Schwäche dauerte nur ſo lange, als die graue Dame brauchte, um an mir vor⸗ beizugehen. Kaum war ſie einige von den Stufen hinabgeſtie⸗ gen, die ich ſo eben heraufgeſtiegen war, als ich,— kehrte nun mein gewöhnlicher Muth bei mir zurück, wurde ich durch eine Neugierde, welche noch ſtärker als die Furcht, angetrieben, oder wurde ich endlich durch eine unwiderſtehliche Macht auf der Spur des Geſpen⸗ ſtes ſortgezogen,— als ich ebenfalls die Treppe hin⸗ abſtieg. Und was mich erſchreckte, iſt, daß meine Tritte in ihrem Gefolge ſo leiſe geworden waren, als die ihrigen. Es hatte vollends Mitternacht geſchlagen, als die graue Dame unten an der Treppe war. Sie nahm den Weg nach dem Garten. 373 Sie brauchte keine Bewegung zu machen, um ſich einen Durchgang zu verſchaffen. Die Thuͤren öffneten ſich vor ihr. Nichts beſchleunigte, nichts hemmte ihre Schritte; für ſie ſchienen die gekrümmte Treppe, die ſie hinab⸗ geſtiegen, oder der glatte Raſen des Gartens ein glei⸗ cher Abhang zu ſein, auf dem ſie, wie geſagt, mehr glitt, als ging. Sobald ich den Garten erreicht, ſah ich, obgleich der Mond durch Wolken verſchleiert war, deutlich das phantaſtiſche Weſen, mit dem ich es zu thun hatte. Es war wirklich das erſchreckliche Geſpenſt, das mir die Nachbarin und der Bergmann, der es geſehen, geſchildert hatten. Die graue Dame ſchritt auf den Ebenbaum zu, ohne eine Secunde von der geraden Linie abzugehen. Ich folgte ihr maſchinenmäßig, bis zu dem Augen⸗ blicke, wo ich fühlte, daß es mir unmöglich war, weiter zu gehen. Ich war ungefähr fünfzehn Schritte vom Eben⸗ baume entfernt. Ich blieb ſtehen, als hätte ſich ein Abgrund vor mir geöffnet. Die graue Dame ſetzte ſich ſodann auf die Granit⸗ bank, ließ ihre Arme an ihrer Seite herabfallen und blieb unbeweglich, wie eine Perſon, welche träumt. In dieſem Augenblicke zerriſſen ſich die Wolken, ein Mondſtrahl ſiel vom Himmel auf die Erde und beleuch⸗ tete durch die Zweige des Ebenbaumes das Geſicht des Geſpenſtes. 4 „Es war das einer Frau von fünf und dreißig bis vierzig Jahren, welche von einer vergangenen Schön⸗ heit Alles das hatte, was ein tiefer Schmerz übrig laſſen tann. Während ich aber mit Hülfe dieſes Mondſtrahls das Geſicht mit der größten Aufmerkſamkeit betrachtete, ſah ich es allmälig verſchweben; die Züge vermengten 374 ſich; ſelbſt der Körper verlor ſeine Umriſſe. Die graue Dame ſtand auf, wuchs, ſchien die Erde zu verlaſſen, wiegte ſich einen Augenblick wie ein Dunſt, und ver⸗ ſchwand... So waren alle Bedingungen der unſeligen Legende erfüllt; die Frau des Pfarrers von Waſton hatte Zwil⸗ linge geboren; die graue Dame war in der traditionel⸗ len Nacht vom 28. auf den 29. September erſchienen, durch dieſe Erſcheinung die Geburt der zwei Kinder und das furchtbare Recht, das ſie über ſie hatte, einweihend⸗ Sie hatte nur noch,— wenn die Tage abgelaufen waren,— zum zweiten Male zu erſcheinen, um den Brudermord zu verkündigen. Bei dieſem entſetzlichen Gedanken fand ich meinen Muth wieder. Durch eine heftige Anſtrengung entriß ich meine Füße der Erde, in der ſie ſeit einigen Minuten Wurzel gefaßt zu haben ſchienen, und, ſo zu ſagen, den Zauber brechend, der mich auf der Spur der grauen Dame fortgezogen hatte, lief ich nach dem Hauſe zurück. Diesmal begegnete ich weder im Flurgange, noch auf der Treppe irgend Jemand. Bleich, keuchend, öffnete ich haſtig die Thüre des Zimmers. Jeannie war nicht zu Bette gegangen; ſie erwar⸗ tete mich, verſchiedene Gegenſtände nähend, welche noch zu ihrem doppelten Wickelzeuge fehlten. „Die Kinder! die Kinder!« rief ich,„wo ſind die Kinder?« Jeannie mit ihrem heiteren Geſichte, mit ihrer un⸗ erſchütterlichen Ruhe, deutete auf die zwei Kleinen, welche in derſelben Wiege ſchliefen. Ihre Arme waren verſchlungen, ihre Geſichter be⸗ rührten ſich, der Eine athmete den Hauch des Andern ein. „Oh!“ rief ich,»wer könnte glauben, der Eine von dieſen zwei Engeln werde einſt Kain heißen u. und ich ſiel vernichtet auf einen Lehnſtuhl, in die Arme meiner erſchrockenen Frau zuruͤck. — Schlußwort. Geſchichte zweier Geſchichten. I. Claremont. Und nun iſt es, wenigſtens wie ich glaube, wichtig, daß ich erzähle, wie in meine Hände das Manuſeript des Buches gefallen iſt, das man ſo eben geleſen hat, und wie ich in die Fortſetzung dieſer Geſchichte einge⸗ weiht worden bin. Da ich aber nicht die Anekdote von Bougainville, und von jenem braven Pfarrer wiederholen will, den der berühmte Seefahrer die Reiſe um die Welt mit dem Hemde, das er auf dem Rücken, und mit den Strüm⸗ pen, die er an den Beinen hatte, machen ließ, da ich überdies wünſche, daß der Leſer, um ſich nicht unter Weges mit mir zu entzweien, gewiſſenhaft ſeinen Koffer packe, ſich mit einem bequemen Reiſeneceſſaire verſehe, und ſeiner Familie vor ſeinem Abgange Lebe⸗ wohl ſage, ſo mache ich ihn darauf aufmerkſam, daß wir eine ziemlich lange Reiſe in England ausführen werden. Aus welchem Anlaſſe ging ich nach England, ich, der ich der Anſicht von Porthos und Crescentini über Eng⸗ land und die Engländer bin? 376 Ich werde es erzählen, obſchon mit dieſer Erzählung für meine Eitelkeit ziemlich traurige Umſtände und Vor⸗ fälle vermiſcht ſind. Gleichviel! Ich will in dieſer Hinſicht offenherziger ſein, als Rouſſeau, und ſollte ich auch noch ärgerlicher shocking werden, als er. Man ſieht, daß ich mich ſchon in England glaube: ich ſpreche Engliſch oder beinahe Engliſch. Am 27. Auguſt 1850 ergriff ich zufällig eine von den Zeitungen, die mein Bedienter auf meinen Nachttiſch ge⸗ legt hatte, und bei den Nachrichten aus England las ich die Worte: „Man hat dieſen Morgen, den 26. Auguſt, in Lon⸗ don die Kunde vom Tode von Louis Philipp erhalten, der in ſeinem temporären Aufenthaltsorte in Claremont, wo er ſich mit ſeiner Familie befand, erfolgt iſt. Der verbannte Fürſt litt ſeit einiger Zeit, und ſogar ſeit ſeiner Abdankung an einer großen Nerveaſchwäche, die ohne Zweifel durch die Erſchuͤtterungen veranlaßt wurde, welche ſeine Organiſation durch die politiſchen Ereigniſſe erleiden mußte. Am Freitag verſchlimmerte ſich das Uebel ſo ſehr, daß man die Mitglieder ſeiner Familie zu ihm ru⸗ fen zu müſſen glaubte. Trotz der liebevollſten Pflege und der eifrigſten Beihülfe ſchwanden die Lebensgeiſter des kö⸗ niglichen Kranken raſch hin, und er verſchied dieſen Morgen um halb neun Uhr. Die Nachricht traf eine halbe Stunde nachher in London ein, wo ſie das tiefſte Bedauern erregte.“ Ich höre den Leſer fragen, was kann König Louis Philipp, todt oder lebendig, mit dem ehrwürdigen Pfar⸗ rer William Bemrode, ſeiner Frau und ſeinen Kindern gemein haben? und welcher Zuſammenhang kann zwi⸗ ſchen der königlichen Reſidenz Claremont und den ar⸗ men Dörfern Aſhbourn und Waſton beſtehen?2 1 Wenn derjenige, welcher mich lieſt, ſtatt von mei⸗ ner Willtür in einem Buche abzuhängen, mich in der ſeinigen auf einem Sperrſitze des Theaters hielte, wenn er, ſtatt eine einfache Erzählung, eine Phantaſie vor den Augen zu haben, von mir ein Drama in fünfzehn Tableaux oder nur ein Luſtſpiel in fünf Acten zu beur⸗ theilen hätte, ſo würde ich mich wohl hüten, in alle dieſe Abſchweifungen einzugehen, und ich würde nach der Vorſchrift von Horaz und Boileau gerade auf das Ziel zuſchreiten,— obgleich dieſe Geſchwindigkeit des Laufes und dieſe Geradheit des Weges das aufheben, was meiner Anſicht nach den Zauber der Reiſe bildet: das Unerwartete. Doch ich nehme meine Genugthnung: geduldig oder ungeduldig, wird mich der Leſer anhören. Ein Buch iſt nicht jenes ſchwache Gebäude, errichtet auf einer Na⸗ delſpitze, ſchwankend von ſeiner erſten bis zu ſeiner letz⸗ ten Scene, das Gebäude, das ein Zuſchauer von ſchlech⸗ ter Laune oder in ſchlechter Verdauung mit einem ein⸗ zigen Pfiffe fallen machen kann; nein, ein Buch iſt ein Ding, das iſt; ein Gegenſtand, der alle Bedin⸗ gungen der feſten Körper hat: Länge, Breite, Dicke; der ſich nicht flüſſig und vereinzelt darbietet, wie ein armes Theaterſtück, das, wenn es bei der Geburt ſtirbt, nur im ephemeren Gedächtniſſe der Schau⸗ ſpieler exiſtirt hat, welche bald mit dem Studium eines anderen Werkes beſchäftigt ſind; nein, ein Buch bietet ſich mit ſeiner ganzen Auflage,— tauſend, fünfzehn⸗ hundert, zweitauſend Bände!— das iſt nicht mehr Horatius Coeles auf der Sublieius⸗Brücke; es iſt nicht mehr Decius, der ſich in den Abgrund ſtürzt; es iſt nicht mehr Kynägiros, der das Schiff anhält und nach und nach bei dieſer unmöglichen Arbeit die rechte Hand, ie linke Hand und den Kopf verliert: vereinzelte Kämpfe, hochherzige Kämpfe, aber wahnſinnige Kämpfe; nein, es iſt die ganze macedoniſche Phalanr, compaet und mit ihrem ſpitzigſten Winkel erſcheinend. Iſt ein Buch gut angetrieben, ſo muß es eindringen, und ich darf es 378 wohl ſagen, je härter, je ſchwerer, je dicker es iſt, deſto mehr hat es Chancen, einzudringen. Ah! wenn das unglüͤckliche franzöfiſche Publieum, das immer die Scene verachtet, welche ſo eben beendigt worden iſt, das ſich immer bei der gegenwärtigen langweilt, das immer hinſichtlich der kommenden Scene ungeduldig wird, zu hören verſtände, ſogar trinkend, wie das engliſche Publicum; wenn es zu warten wüßte, ſelbſt rauchend, wie das deutſche Publicum, ſo hätten wir ein Theater ſo phantaſtiſch und ſo wechſelreich, wie das von Shakeſpeare, ſo tief und ſo poetiſch wie das von Goethe;— und Madame Sand, dieſes wunderbare Talent, unter welchem Geſichte es ſich auch zeigen mag, hätte nicht nöthig gehabt, in ihrer Vorrede zu Moliére mich zu fragen, mich, der ich hierüber nicht mehr weiß als ein Anderer, wie man ſich benehmen müſſe, um un⸗ geſtraft vor einem franzöſiſchen Parterre die Philoſophie in den Ideen, die Entwickelung in den Charakteren, und das Dramatiſche in den Situationen zu vereinigen. Dies iſt es, was das Buch erlaubt, und was das Theater nicht erlaubt; und zum Beweiſe dient, daß ich, wenn ich mich in einem Drama einer Abſchwei⸗ fung gleich der, welche ich mir ſo eben erlaubt, über⸗ laſſen hätte, zu dieſer Stunde kaum mit einem fünf⸗ bis ſechsfachen Pfeifen davon gekommen wäre. 1 Kehren wir aber nun zum Tode von Louis Phi⸗ lipp zurück und ſehen wir, welche Beziehung dieſer kö⸗ nigliche Tod zum Pfarrer von Aſhbourn haben kann. Ich liebte Louis Philipp weder als Menſchen, noch als König, und hieße es nicht mich rühmen, wenn i einen Augenblick glaubte, er habe irgend ein Gefühl, ein gutes oder ein ſchlechtes, in Betreff meiner gehabt, ſo würde ich ſagen, er habe mich auch nicht geliebt. Die Freundſchaft, die mir nach und nach drei von ſeinen Söhnen bezeigten, war für ſie,— mehr als einmal geſtanden ſie mir es ſelbſt,— eine fruchtbare Quelle 379 von Verweiſen; nichtsdeſtoweniger aber hatte ich eine Pflicht gegen den Mann zu erfuͤllen, der mir in Tagen des Unglücks und der Verlaſſenheit, auf die Empfeh⸗ lung des General Foy, ſeine Bureaur geöffnet und, mir ſeine Bureaur öffnend, für meine Arbeit mir, mei⸗ ner Mutter und meinem Sohne Brod gegeben hatte. Es war allerdings nur Brod, ſehr trockenes Brod, zuweilen mit Thränen benetzt, aber es war doch am Ende Brod! Als ich die Nachricht vom Tode von Louis Philipp las, beſchloß ich alſo, dem hohen Verſtorbenen die letzte Huldigung darzubringen, die ich ihm darbringen konnte, das heißt, wenn nicht mit Schmerz, doch wenigſtens mit Frömmigkeit ſeinem Leichenbegängniſſe beizuwohnen. In Folge dieſes Entſchluſſes ſtieg ich noch an dem⸗ ſelben Abend um halb acht Uhr in einen Waggon des Expreßtrain nach Calais. Ich gab einen Ausruf des Erſtaunens gemiſcht mit Freude von mir, als ich erkannte, daß ſich nur zwei Rei⸗ ſende im Waggon befanden, und daß dieſe zwei Reiſenden mein Freund der Doctor Pasquier und ſein Neffe waren. Beide machten denſelben Weg wie ich, wie ich ge⸗ führt von einer frommen Erinnerung. Am andern Tage, Morgens um halb elf Uhr waren wir in London.. Erſt am zweiten Tage fand das Leichenbegängniß att. Pasquier ſchickte ſich ſogleich bei ſeiner Ankunft an, der Familie einen Beſuch zu machen. Seine Stel⸗ lung als ehemaliger Arzt des Hauſes öffnete ihm na⸗ türlich alle Thüren und beſonders die des Schmerzes. Ich beauftragte ihn, den Prinzen meine Ehrfurcht zu bezeigen, beſonders dem Herrn Herzog von Aumale, welcher der Einzige war, den ich kannte, da ſich der Serr Herzog von Montpenſier damals in Sevilla be⸗ 1 380 Ich hatte den Herrn Herzog von Nemours ein ein⸗ ziges Mal geſprochen, den Herrn Prinzen von Join⸗ ville nie. Pasquier kam am Abend zurück; doch ich verfehlte ihn auf ſeinem Wege, und unter dem Vorwande, er ſei müde, ſchloß er ſich in ſeinem Zimmer ein. Ich hegte keinen Verdacht, Pasquier habe dieſes Manoeuvre gemacht, um mich zu vermeiden. Am audern Morgen um neun Uhr fragte ich nach Pasquier. Man ſagte mir, er ſei ſchon ausgegangen. Ich erkundigte mich. Es war in Claremont ein Regiſter eröffnet, in das ſich alle Perſonen einſchrieben, welche von Paris gekommen waren, um dem Leeichen⸗ begängniſſe beizuwohnen. Ich nahm einen Wagen und fuhr nach Claremont. Vor der Thüre des Parks hielt mein Wagen an. Ich ſtieg aus, ließ mir den Weg bezeichnen und ging zu Fuße nach dem Schloſſe. Vom Gitter bis zum Schloſſe begegnete ich Generalen, Adjutanten, Officie⸗ ren. Ich kannte alle dieſe Leute, doch alle dieſe Leute hatten das Anſehen, als kenneten ſie mich nicht. Ich laufe den Leuten wenig nach, welche ſich ab⸗ wenden, wenn ich vorübergehe; und ziemlich daran ge⸗ wöhnt, daß man zu mir kommt, gehe ich wenig zu den Andern. Ich verfolgte alſo meinen Weg. Nach zehn Minuten kam ich in's Schloß. 6 Im Veſtibule war in der That ein Regiſter auf einem Tiſche aufgelegt. Ich ſchrieb meinen Namen ein; dann kehrte ich durch den Park zurück, ſtieg wieder in meinen Wagen und fuhr nach London. Bei meiner Ankunft erſuchte ich einen Kellner des Gaſthofes, mich ſogleich zu benachrichtigen, wenn Pas⸗ quier nach Hauſe käme. 1 Um halb neun Uhr wurde ich von der Rückkehr von Pasquier in Kenntniß geſetzt. Che er Zeit gehabt ——— hat in leg in wir hen befe trat Arz gew Deit Kön offer eine 381 hatte, den Riegel ſeiner Thüre vorzuſchieben, war ich in ſein Zimmer eingebrochen. Pasquier war bei meiner Erſcheinung ſichtbar ver⸗ egen. Ich fing an die Wahrheit zu ahnen. „Ahl Du biſt es!« ſagte er zu mir. „Ja... Hatteſt Du zufällig vergeſſen, daß ich in London bin? »Ich!... Wie ſollte ich das vergeſſen haben, da wir mit einander gekommen ſind?« Ich ſchaute ihn lachend an. „Pasquier,“ ſagte ich,„einen Rath!« „Welchen?“ »„Soll ich morgen zur Beerdigung des Königs ge⸗ hen oder nicht gehen 2« »Verlangſt Du einen Nath von mir, um ihn zu befolgen? „Bei Gott! Du weißt, ich habe eben ſo viel Ver⸗ trauen zu Dir als dem Manne von Geiſt, wie zum Arzte.“ „Nun, dann gehe nicht.“ „Ah! ahl es iſt alſo von mir im Schloſſe die Rede geweſen 2 „Ja.“ »Und was hat man von mir geſagt?« „Man hat geſagt, man begreife nicht, wie Du mit Deinen republikaniſchen Anſichten zur Beerdigung des Königs kommen könneſt?« „»Und wer hat das geſagt?« „Jedermann.“ „Selbſt die Prinzen 2« „Selbſt die Prinzen.“ Ich zuckte die Achſeln. »Wein Lieber,“ verſetzte ich,„die Prinzen ſind offenbar... Prinzen!« „Hel he!“ rief Pasquier,„ich glaube, Du haſt eine derbe Impertinenz ausgeſprochen!« 382 „Du täuſcheſt Dich, mein Freund, ich bin nie ſo ehrerbietig geweſen.... Gute Nacht, Pasquier!“ Und ich kehrte in mein Zimmer zurück. Ich hatte für den andern Morgen um neun Uhr einen Wagen beſtellt. Auf den Schlag neun Uhr hielt der Wagen vor der Thüre des Gaſthauſes. Er ſchloß ſich der Reihe an. Drei oder vier an⸗ dere Wagen erwarteten die zum Leichenbegängniſſe Ge⸗ ladenen. Ein Theil von den wegen dieſes Ereigniſſes nach London gekommenen Franzoſen hatte ſich in meinem Hotel Rendez⸗vous gegeben. Wir frühſtückten Alle mit einander, dann gingen wir hinaus. Jeder ſetzte ſich in ſeinen Wagen.. „Nach Claremont!« ſagten die Gäſte der drei bis vier erſten Wagen. „Nach Claremont?“ fragte mich mein Kutſcher. „Nein,“ antwortete ich,„nach Hollandhouſe. Der Kutſcher peitſchte ſeine Pferde, und wir fuhren ab. II. Hollandhouſe. Was war das Ziel, das ich meinem Kutſcher in Ermangelung von Claremont bezeichnete? und was wollte ich in Hollandhouſe ſuchen? Zwei Dinge, von denen die Fürſten oft nur eines bieten können: einen großen Namen und ein großes Herz. 6 Ich hatte in Florenz den Großneffen von For, Lord Holland, kennen lernen. Ich hatte in Paris die Abkömmlingin der Stuarts, Lady Holland, kennen lernen. in has nes ßes ord ts, — 383 Mein Einführer bei dieſer war mein lieber armer Graf d'Orſay geweſen, derſelbe, dem meine Denkwür⸗ digkeiten gewidmet ſind, und der vor Kurzem, noch ſo jung und ſo ſchön, geſtorben iſt! Ich war von Lord Holland in Florenz und von Lady Holland in Paris eingeladen worden, wenn ich nach England käme, einen Beſuch in Hollandhouſe zu machen. Ich war nach England gekommen: ſchlecht empfan⸗ gen von dem Todten, den ich zu ſeiner letzten Ruhe⸗ ſtätte zu begleiten beabſichtigte, wollte ich ſehen, wie mich die Lebenden aufnehmen würden. Hollandhouſe liegt in der Vorſtadt Kenſington, am Ende von Hyde⸗Park. Es iſt ein Schloß erbaut vom Grafen von Orford gegen das Ende des 16. Jahrhun⸗ derts, unter der Regierung von Jakob I, dieſem furcht⸗ ſamen Sohne von Maria Stuart, den der Anblick eines bloßen Schwertes erbleichen machte. Allerdings ſah ſeine Mutter, als ſie mit ihm ſchwanger war, ſo viele Schwerter auf den armen Rizzio einhauen, daß man ſich nicht darüber wundern durfte, wenn der Sohn ih⸗ res Leibes bei einem ſolchen Anblicke ſchauerte. Es findet ſich nichts ſo Wundervolles, nichts, was ſo ſehr einen Begriff vom Reichthume und von der Macht gibt, wie dieſe großen engliſchen Reſidenzen. Kommt man vor Hollandhouſe an, ſo erblickt man ein Schloß, erbaut von Backſteinen wie das von Saint⸗ Germain, aber eben ſo leicht, als dieſes ſchwerfällig iſt, eine große Wieſe beherrſchend, auf der, wie auf einer Prairie, das Vieh weidet. Doch man ſehe nicht aus Analogie mit unſeren kleinen Parken, unſeren kleinen Gehölzen, unſeren klei⸗ nen Raſen, die Sache von der Seite der Lorgnette an, welche verkleinert; nein, nein, dreht die Lorgnette um, oder vielmehr ſchaut mit Euren eigenen Augen und macht ſie weit auf. 384 Die Wieſe iſt eine halbe Stunde lang; ſie iſt um⸗ geben von einem Gürtel hundertjähriger Bäume, welche eine breite Allee bilden, wo drei Wagen neben einander um den Rennpreis ſtreiten könnten. Und wenn ich ſage, es weide Vieh auf der Wieſe, ſo verſtehe ich darunter nicht ein paar weiß angemalte Schafe mit roſenfarbe⸗ nen Bändern, um die Kinder zu beluſtigen, und eine an einen Pfahl gebundene unglüͤckliche Ziege, die das Gras auf der ganzen Länge ihres Strickes abfrißt; nein, ich verſtehe darunter eine Herde von hundert Stück Hornvieh: Kühe, Ochſen, Stiere, liegend, wie⸗ derkäuend, brüllend und die vorübergehenden Reiſen⸗ den mit vorgeſtrecktem Halſe und ſtarren Augen an⸗ ſchauend. Mein Wagen ſetzte mich beim Eingange der Ter⸗ raſſe ab. Ich befürchtete nur Eines: Lord und Lady Holland, die ich, den Einen ſeit zehn Jahren, die Andere ſeit ſechs bis acht Monaten nicht geſehen, könnten in Paris, Florenz oder Neapel ſein. Der Zufall wollte mir nicht alle Verdrießlichkeiten für einen Tag aufbewahren: meine hohen Wirthe wa⸗ ren im Parke. Da aber der Park zwei bis drei(franzöſiſche) Meilen im Umfang hat; da er Gehölze, Berge, Ebenen, Obſt⸗ gärten, Prairien, Seen enthält, ſo übernahm es ein Bedienter, mich bis zu dem Punkte zu führen, den er die Blumenwieſe nannte.... Das war der Lieblings⸗ ort von Lady Holland.. Als wir auf einer Höhe angelangt waren, zeigte mir mein Führer ſeine edle Gebieterin, in ein weites Morgengewand von Batiſt gehüllt, einen azurblauen Capothut auf dem Kopfe, ein Buch in der Hand und mit langſamen Schritten dem Umfange einer wahren Blumenebene folgend. 1 Auf einem Raume von ungefähr einer Viertel⸗ meile wuchſen hier die Ritterſporne, die Geranien, die 385 Petunias und das Eiſenkraut, wie der Klee, die Eſpar⸗ cette und die Lucerne auf einem Acker wachſen. Es ließ ſich nichts für das Auge ſo Blendendes denken, als dieſer große, weiß, blau und roth geſtickte Teppich. Nachdem er mir Lady Holland mit der Hand ge⸗ zeigt hatte, entfernte ſich der Bediente. Die Aufmerkſamkeit, die ſie auf ihre Lecture ver wandte, machte, daß ſie mich weder kommen ſah, noch hörte; nur blieb ich am Rande des Weges, dem ſie folgte, ſtehen, und der Schatten, den ich in dem Augen⸗ blicke, wo ſie vorüberging, auf ſie warf, machte, daß ſie ſich umdrehte. Sie erwartete ſo entfernt nicht meinen Beſuch, daß ſie mich Anfangs nicht erkannte. Ihre Augen gingen indeſſen abwechſelnd von mir auf ihr Buch und von ihrem Buche auf mich über; dann ſprach ſie mit einem reizenden Lächeln: „Sehen Sie, was ich las.“ Und ſie reichte mir einen Band von Bragelonne, wohlverſtanden, Bruſſeler Ausgabe. „Ich ſuchte Jemand, um mich bei Ihnen einzufüh⸗ ren, Madame, und ich vermuthete durchaus nicht, die Sache ſei ſchon gemacht.“ „Sie ſind hundertmal liebenswürdig, daß Sie ſich Ihres Verſprechens erinnert haben!« erwiederte ſte.„Ge⸗ ben Sie mir den Arm, daß ich Sie zu Lord Holland ühre!« Ich gab den Arm dieſer, wie die Engländerinnen, aus Nebel und Thau gemachten und von einem bleichen Sonnenſtrahle belebten reizenden Frau, und ohne daß ich ſie ſich auf mich ſtuͤtzen fühlte, wandelte ich, von ihr geführt, nach einem Gewächshauſe, wo Lord Holland einem Secretär ſeine Diplomatiſchen Erinne⸗ rungen dictirte, ein vortreffliches Buch, in welchem, wie die drei edlen Metalle im Erze von Korinth, die Wiſſenſchaft des Staatsmannes, das höfliche Weſen des Der Pfarrer von Aſhbourn. II. 25 386 eileh und der Geiſt des Weltmannes verſchmol⸗ zen ſind. Noch ſehr jung, litt Lord Holland dergeſtalt an den Augen, daß er genöthigt war, zu dietiren, da er nicht mehr ſchreiben konnte. Beim Geräuſche, das wir eintretend machten, hielt der Secretär inne. Lady Holland ließ meinen Arm los, bae ihre Hand auf die Schulter ihres Gemahls und agte: „Mylord, hier iſt Herr Dumas; er kommt nach Hollandhouſe, um einen Roman in zwölf Bänden und ein Drama in fünfzehn Tableaux zu machen! Ich habe Befehl gegeben, die Wohnung der Dichter für ihn in Bereitſchaft zu ſetzen.“ Nur diejenigen, welche in England gereiſt ſind und dort auf eine vertraute Art die Ariſtokratie geſehen ha⸗ ben, können ſich einen Begriff von der Art machen, wie dieſe Gaſtfreundſchaft der Schlöſſer geübt wird. Wie Lucullus in ſeinem Landhauſe in Neapel Speiſeſäle von Diana, von Apollo und von Caſtor hatte, ſo hatte Hol⸗ landhouſe ſeine Wohnungen für Könige, für Geſandte und für Dichter! „Ein Drama in fünfzehn Tableaux und einen Roman in zwölf Bänden? Sie ſchenken uns alſo kaum einen Monat?“ verſetzte Lord Holland lachend. „Ach! Mylord,“ erwiederte ich,„ich bin nicht ſo glücklich, mir dieſe Freude erlauben zu können: ich habe Proben, die meine Gegenwart in Paris nothwendig machen; und ſtatt der guten und langen dreißig Tage, von denen Sie ſprechen, biete ich Ihnen dreißig arme, ſehr geſtutzte Stunden.“ „Mylord, Herr Dumas kennt Hollandhouſe noch nicht, da er ſo eben erſt ankommt; vielleicht wird er, wenn wir ihm die Honneurs deſſelben gemacht haben, dem Gute bewilligen, was er den Gutsbeſitzern ab⸗ ſchlägt... Addiſon war auch nach Hollandhouſe auf drei Tage gekommen, und er iſt fünf Jahre hier geblie⸗ 387 ben... Wollen Sie der Cicerone von Herrn Dumas ſein oder beauftragen Sie mich hiemit?« „Sie wiſſen, wie ſchwer ich gehe,« erwiederte Lord Holland.„Ich brauchte die dreißig Stunden, die uns Herr Dumas ſchenkt, um ihn das ſehen zu laſſen, was Sie ihm in einer Stunde zeigen werden. Machen Sie alſo die große Tour, während ich auf dem geradeſten Wege nach dem Schloſſe zurückkehre. Eine Viertelſtunde vor dem Frühſtücke, mein lieber Gaſt, wird Sie die Glocke in Kenntniß ſetzen.“ „Sind Sie mit dieſer Anordnung einverſtanden 2 fragte mich Lady Holland. Ich antwortete dadurch, daß ich ihr den Arm bot. Wir nahmen wieder unſern Weg durch die Blumen. Oben auf dem Hügel erhob ſich eine Gruppe von herrlichen Cedern. „Oh! Mylady!“ rief ich,„ich glaubte nicht, Hol⸗ landhouſe ſei ſo nahe beim Libanon 1⸗ „Sie ſprechen von jenen Cedern?« „Ja, ſie ſind herrlich!« „Herrlich, das iſt das richtige Wort, und zu ihrer vollen Würdigung fehlt uns nur die Sonne. Sie haben über⸗ dies mit ihren Brüdern in Paläſtina, mit denen Sie dieſelben ſo eben verglichen, einen Aehnlichkeitspunkt, der ihren Werth erhöht: ſie hätten beinahe Napoleon geſehen.“ „Wie ſo? im Jahre 1815 2 „Nein.. 1805.“ „Ahl beim Lager von Boulogne.“ „Ja... Beſorgt wegen der Rüſtungen des neuen Kaiſers, hatte die Regierung beſchloſſen, aus dieſem Hügel das letzte Bollwerk von London zu machen, und eine Batterie von fünſundzwanzig Kanonen ſollte im Schatten dieſer Cedern aufgepflanzt werden.“ „Oh! in der That, Hollandhouſe iſt ganz bevölkert von kaiſerlichen Erinnerungen! Lord und Lady Holland ſind die Vertheidiger von Napoleon im Parlament und 5 388 in den Salons von London geweſen, und der Gefangene von St. Helena, während er im Memorial von Las Caſes ſeinen böſen Geiſt von Longwood verflucht, ſegnet mehr als einmal ſeinen guten Geiſt von Hollandhouſe.“ „Ja; ſehen Sie, hier iſt eine Büſte in Bronze vom Kaiſer, welche, zum Zeichen der Proteſtation, gerade an dem Tage aufgeſtellt wurde, wo die engliſche Re⸗ gierung beſchloß, der Gaſt des Bellerophon ſollte an den Felſen von St. Helena gefeſſelt werden.“ Ein paar Schritte davon entfernt erhob ſich die coloſſale Statue von Charles For, der ein eben ſo großer Freund von Frankreich, als Pitt, ſein Nebenbuhler, der Todfeind der Franzoſen geweſen iſt. Wir waren ſo weit in unſerer Beſichtigung, als die Glocke zum Frühſtück ertönte. Nach dem, was der Herr des Hauſes geſagt, hatten wir noch eine Viertelſtunde vor uns, und dieſe Zeit benützten wir, um in dem, was man den franzöſiſchen Garten nennt, die Abkömmlinge der erſten Dahlia zu ſehen, welche im Jahre 1804 von Amerika für Lady Holland gebracht wurde. 4 Wohlverſtanden, dieſe gute Lady Holland, die Freundin von Napoleon, dieſe edelmüthige Frau, die ihm nach St. Helena Bücher, Brochuren und ſogar Wein ſchickte, der durch ſein Teſtament Napoleon eine Camee vermacht hat, und für die man 1804 von Ame⸗ rika die Dahlia brachte, deren reiche Nachkommenſchaft wir bewunderten, hatte nichts, als die Güte und die Erhabenheit des Herzens mit der anmuthigen Lady Holland gemein, die ich am Arme führte, und deren Großmutter ſie hätte ſein können. Nach den Dahlias kam das, was man in Holland⸗ houſe die Rogers⸗Grotte nennt;— denn das Wunder⸗ bare an dieſem königlichen Schloſſe iſt, daß es ſich eine Art von materieller Glorie aus allen vergangenen und gleichzeitigen Glorien gemacht hat.. Rogers, der Dich⸗ ter und der Banquier Rogers, der Verfaſſer der Werke: Jacqueline, die Thraͤne von Chloë, die Ver⸗ . 389 gnügen des Gedächtniſſes, das menſchliche Leben, iſt lange der Gaſt von Hollandhouſe geweſen. Mehrere Stücke des Gedichtes: die Vergnügen des Gedächtniſſes,— das Beſte von den Werken von Samuel Rogers,— ſind in dieſer Grotte verfaßt wor⸗ den, und es iſt nicht mehr die Grotte von Holland⸗ houſe, es iſt die Grotte von Samuel Rogers. Nach beendigtem Frühſtücke ſetzten wir im Innern des Schloſſes die außen begonnene Beſichtigung fort. Dann ließ man mich in die Wohnung der Dichter füh⸗ ren. Das war meine Wohnung für die ganze Zeit, die es mir im Schloſſe zu bleiben belieben würde. Che man es die Wohnung der Dichter nannte, nannte man es das Atelier der Maler. Van Oyk, der abenteuerliche Schüler von Rubens, Van Dyk, der Gold⸗ ſucher, hatte hier gewohnt und drei oder vier von den wundervollen Portraits gemalt, die ihn zum Nebenbuh⸗ ler von Titian machen. Nach ihm war dann eine ganze Reihe von Gäſten, — Künſtler, Reiſende, Geſetzgeber, Dichter,— gekommen: Chardin, Addiſon, Sheridan, Samuel Rogers und Byron. Ich nenne diejenigen nicht, welche nur Staatsmän⸗ ner waren, und es figuriren darunter doch Sully, der Geſandte von Heinrich IV., William Penn, der moderne Lykurg, und die meiſten Girondiſten, denen es gelang, aus Frankreich in Folge des 31. Mai zu entkommen. Dreißig Stunden nehmen wenig Platz im Leben ein. Wie viel dreißig Stunden entfliehen nach einander und ſind vergeſſen! „Wie kommt es alſo, daß ich in allen ihren Einzel⸗ heiten die dreißig Stunden erzählen könnte, die ich in Hollandhouſe zubrachte, und von denen, ſelbſt die der kaeht nicht ausgenommen, keine meinem Gedächtniſſe ehlt? 4 Dies iſt ſo, weil ich, in dem Bette liegend, wo Byron gelegen, während dieſer Stunden die Denk⸗ 390 würdigkeiten von Byron las, welche, obgleich verſtümmelt durch die Empfindlichkeit von Thomas Moore, doch ſo intereſſant geblieben ſind! Dieſe Lecture veränderte ein wenig meine Abreiſe⸗ ideen, nicht als hätte ich länger, als ich geſagt, meine trefflichen Wirthe beläſtigen wollen, aber ich war ent⸗ ſchloſſen, eine Wallfahrt nach dem Grabe des Dichters von Don Juan und Childe Harold zu machen. Nichts konnte leichter ſein. In drei Stunden kommt man von London nach Nottingham und in drei Vier⸗ telſtunden von Nottingham nach Newſtead⸗Abbey. Ich theilte am andern Tage dieſen Entſchluß Lord Holland mit; er ſpendete ihm Beifall und forderte mich auf, da ich auf drei Vierteln des Weges ſei, vollends nach Liverpool zu gehen. Ich bin ein wenig von der Natur der Hirſchkäfer: ſie haben Mühe, ſich zu erheben, doch haben ſie ſich ein⸗ mal erhoben, ſo ſteigen ſie ſo lange man ihnen Faden läßt. Ich hatte mich erhoben; man ließ mir Faden: Gott allein wußte, wo ich anhalten würde. Von Nevſtead⸗Abbey war ich im Stande nach Li⸗ verpool zu gehen, von Liverpool nach Irland und von Irland... bei meiner Treue! wie Berenzen nach Spitz⸗ bergen, oder wie Biard nach dem Nordeap. Nur hatte ich, da ich nach London einzig und allein gekommen war, um dem Leichenbegängniſſe von Louis Philipp beizuwohnen, keine für die Reiſe um die Welt hinreichende Summe, und Lord Holland, der mich zu meinen Ausflügen ermunterte, war ſo gefällig, mir einen Creditbrief für die Herren James Barlow und Com⸗ pagnie, Banquiers in Liverpool, zu geben.. Am Abend verließ ich Hollandhouſe, wobei ich mich ſehr kalt in meinen Dankſagungen gegen meine edlen Wirthe fand, und ich reiſte nach Nottingham, indem ich mir vornahm, ihnen beſſer bei der erſten Gelegenheit zu danken.. Dieſe Gelegenheit bietet ſich erſt nach zwei und der 391 und einem halben Jahre: daran iſt die Gelegenheit Schuld und nicht mein Herz. „Sehr gut!“ werden Sie ſagen;„doch der Pfar⸗ rer von Aſhbourn?“ „Sogleich! warten Sie: wir ſind auf dem Wege, der dahin führt!« III. Newſtead⸗Abbey. Ich ſtieg in Nottingham im Gaſthofe zum Gekrön⸗ ten Hirſche ab. Während ich mich auskleidete, erkun⸗ digte ich mich nach den Transportmitteln, um am an⸗ dern Tage nach Newſtead⸗Abbey zu kommen. Der Wirth zum Gekronten Hirſche antwortete mir, gegen eine Guinee wolle er für den ganzen nächſten Tag einen Wagen zu meiner Verfügung ſtellen. Wir kamen überein, daß es mir, wenn ich Luſt hätte, meine Reiſe nach Liverpool fortzuſetzen, frei ſte⸗ hen ſollte, mich von ſeinem Wagen nach Cheadle, nach Leek oder einer andern mir beliebigen Station führen zu laſſen, unter der Bedingung, daß ich die Guinee dem Kutſcher einhändige. Zu größerer Sicherheit übergab ich ſie meinem Wirthe ſelbſt und ließ mir meine Rechte auf dem Em⸗ pfangſcheine beſtätigen. Ich hatte einen vollſtändigen Byron bei mir; übri⸗ gens iſt Byron einer von den zwei Dichtern, die ich zuswendig kann... Der andere iſt mein theurer Vietor Hugo. Ich entſinne mich, daß bei der Rückkehr von ſeiner erſten Reiſe nach England Herr Buloz, der Redacteur der Revue des deux Mondes, mir in ſeiner Be⸗ Hunderung für unſere Nachbarn jenſeits des Canals agte: 392 „Sie haben keine Idee vom Luxus dieſer Leute; ſtellen Sie ſich vor, daß ſie mit engliſchen Pferden Poſt fahren!« Bei meiner Treue, ich war auf dem Punkte, nicht weniger zu erſtaunen, als Herr Buloz, da ich ſah, mit nelcher Geſchwindigkeit mich die Pferde meines Wirthes ührten. Wir legten in weniger als drei Viertelſtunden die Entfernung zurück, welche Nottingham vom alten Her⸗ renhauſe der Byron trennt, und dies durch eine herr⸗ liche Landſchaft mit belaubten Gehölzen, mit grüͤnen Prairien, in deren rieſigem Graſe die ungeheuren Ochſen mit den kurzen Beinen verſchwanden, von welchen man von der Straße aus nur den rothgelben Kopf und die ſchwarzen Hörner erblickt. Niemand beſitzt mehr, als ich, Gemüth für Erinne⸗ rungen. Byron hat durch ſein Genie ſo viel Einfluß auf mein Talent geübt,, daß es eine wahre Wallfahrt war, was ich vollbrachte! Als ich von fern die ſpitzigen Dächer von Newſtead⸗Abbey erblickte, ließ ich daher mei⸗ nen Wagen halten und ging zu Fuße und in frommer Sammlung des Geiſtes nach dem alten Herrenhauſe. Ich werde es nicht verſuchen, daſſelbe zu beſchreiben; dieſe Beſchreibung hat der Dichter ſelbſt im Don Juan gemacht; es möge die Ueberſetzung davon genügen. „....... 55. Nach Norman⸗Abbey fuhr das edle Paar, Die einſt ein altes Kloſter, aber jetzt Ein uralt Haus in ſeltnem Style war, Den man gemiſcht fuͤr gothiſchen geſchätzt, Von ſolchen Reſten gibt's nur kleine Schaar; Es war das Kloſter etwas tief geſetzt, Weil Mönche wünſchten, einen Berg zu finden, Um ihr Gebet zu ſchutzen vor den Winden. „ ——— 393 56. Umſchloſſen war's von einem reichen Thal, Umringt von hohem Walde, wo die Eiche, So wie Caractacus des Feindes Stahl, Mit rieſ'gen Armen trotzt dem Blitzes⸗Streiche. Aus ihr entfliegt im frühſten Morgenſtrahl Der Vögel muntrer Schwarm, der farbenreiche. Der vierzehnend'ge Hirſch mit ſeiner Heerde Sucht Troſt am Bach nach näͤchtlicher Beſchwerde. 57. Es wallte vor dem Haus ein klarer See, Durchſichtig, tief und breit, deß Spiegelglätte Ein Strom nährt, den des weiten Beckens Schnee Mehr Ruhe lehrt, als er gehalten hätte. Die wilden Enten ſchnattern hier ihr Weh Und niſten in dem ſchilfig⸗feuchten Bette. Den Strand ſah man mit Laubgehölz umrändet, Das ſeinen Blick zur blauen Woge wendet. 58. Des Beckens Ausſtrom war ein Waſſerfall, Aufſpritzt der Schaum mit Brauſen, bis dann tief, Wie ein geſtilltes Kind, der Fluthenſchwall In ſanfterem Gekräuſel ſich verlief, Das dann als Bach hinfloß mit leiſem Hall, Der allgemach in dem Gehölz entſchlief, Wo ſeine Wogen licht und dunkel wallen, Wie juſt des Himmels Schatten drauf gefallen. 59. Ein prächt'ger Reſt von einem Gothenbau (Als noch die Kirche römiſch) ſtand daneben, Ein großer Bogen, der, jetzt altergrau, Einſt manchem ſchmucken Gange Schutz gegeben; 394 Hehr ſtellte ſich die Wölbung noch zur Schau, Daß ſelbſt in rauhſter Bruſt Gefühle beben, Wenn trauernd ſie der Zeit Gewalt erwogen, Aufblickend zu dem würdig alten Bogen. 60. In einer Niſche, ſeitwärts droben ſtanden Zwölf Heil'genbilder aus geweihtem Stein; Sie ſtürzten(nach der Kunde, die vorhanden, Von längſt erloſchner Stämme tapfern Reih'n) Nicht als der Mönche Litanei'n entſchwanden, Vielmehr als Karl das Opfer mußte ſein, Als jedes Haus Burg ward den Cavalieren Deß, der nicht herrſchen konnt' und reſigniren. 61. In höhrer Niſch' allein ſtand, doch gekrönt, Die heil'ge Jungfrau mit dem Himmelskinde; Ward alles Heil'ge rings umher verhöhnt, Blieb ſie allein verſchont, die hehre, linde; Der Ort war weihevoll von ihr verſchönt! Ob man dies auch vielleicht als Irrwahn finde: Jedweden Glaubensortes Trümmer laſſen Andacht in unſern Herzen neu erfaſſen. 62. Ein rieſig Fenſter, hohl in ſeiner Mitten, Worin einſt tauſendfarb'ge Scheiben hingen, Durch die einſt bunte Glorienſtrahlen glitten, Die von der Sonne flohn wie Seraphsſchwingen, Gähnt jetzt zerſtört. Bald pfeifend, bald geſchnitten Bläſt durch das Schnitzwerk Wind, und Eulen bringen Ihr Grablied dar, wo vom verſtummten Chore Kein Hallelujah hallt zu Herz und Ohre. 63. Doch Mitternachts bei Mondſchein, wenn der Wind Vom rechten Punkt des Himmels bläſt und pfeift, ,—,— —.— —,———— — 1 71—772—,——— en gen ind 395 Wehklagt ein geiſter⸗grauſer Klang gelind, Tönt wie Mußti, ein Sterbelaut, und ſchweift Sich hebend, ſenkend durch das Steingewind. Ja, Manchem ſcheint es, wann die Nachtluft ſtreicht, Und drüberhin fährt auf dem Waſſerfalle, Ein Echo klagend im Gewölb der Halle. 64. Noch Andre wähnen, daß ein Säulenſchaft, Vielleicht ein alt verfall'nes Steingebilde, (Wenn auch nicht von der Memnonsſäule Kraft, Die regelmäßig klang im Nilgefilde), Den Zauberlaut in dieſen Truͤmmern ſchafft, Der wehmuthsvoll erklingt und doch ſo milde. Noch weiß den Grund ich nicht von dieſem Klange, Doch hört' ich ihn dereinſt wohl nur zu lange. 65. Im Hofe ſpielt ein Springquell der Najaden, Symmetriſch und mit Schnitzwerk voller Zier,— Figuren, ſeltſam wie auf Maskeraden, Ein Ungeheuer dort, ein Heil'ger hier, Wo grimme Mäuler ſich des Quells entladen, Der dann in ſeines Beckens Prachtrevier In tauſend Blaſen ſtiebend weiß zu ſprühen— Bild von der Erde Ruhm und ihren Mühen! 66. Das Landhaus ſelbſt war würdevoll und groß, Vorhanden mehr noch mönchiſches Gepränge, 4 Als ſonſt verſchont wohl blieb vom Zeitenſtoß: Noch ſtanden Refectorium und Gänge. Ein liebliches Kapellchen ſtand im Moos Des Alters bei der Alterthümer Menge; Der Reſt war neugebaut und halb verfallen, Von Schloß mehr zeugend, als von Kloſterhallen. .„...... 396 Geſtorben mit ſieben und dreißig Jahren, wie Ra⸗ phael, hat Byron nicht weniger Einfluß auf die Literatur ſeiner Epoche gehabt, als Raphael auf die Malerei ſei⸗ nes Jahrhunderts. „Es braucht einen Befehl vom Himmel, daß ein Sperling fällt!“ ſagt Hamlet. There is a special pro- vidence in the fall of a sparrow! Wir ſind der Anſicht von Shakeſpeare; nur ſagen wir, wenn ein Sperling nicht ohne einen Befehl des Himmels ſterbe, ſo geſchehe es auch nicht ohne einen Befehl des Himmels, daß ein Menſch geboren werde. Der Menſch hat in ſeinem Stolze lange geglaubt, die Ideen gehören ihm, und er ſetze ſie in's Werk. Wir glauben ganz im Gegentheile, in unſerer Demuth, daß der Menſch nur ein Werkzeug im Dienſte der Ideen iſt. An Jeden von uns kommt die Reihe am beſtimmten Tage und zur beſtimmten Stunde, Jeder nimmt ſeinen Platz, Bauer, Springer, Laufer, Thurm, Königin oder König, auf dieſem großen Schachbrette, das man die Welt nennt; Jeder bewegt ſich, handelt, verfährt unter der unſichtbaren Hand, nicht des Verhängniſſes, ſondern der Vorſehung,— und die ewige Partie des guten Princips gegen das ſchlechte, des Tages gegen die Nacht, der reihelt gegen die Unterdrückung dauert ſechstauſend Jahre. Nur ſind diejenigen glücklich und prädeſtinirt, welche für das gute Princip gegen das ſchlechte, für den Tag gegen die Nacht, für die Freiheit gegen die Unter⸗ drückung ſtreiten! Ihre Seele ruht im Schooße des Herrn, und ihr Name lebt im Gedächtniſſe der Völker! Derjenige, deſſen Grab ich beſuchte, war einer von dieſen Menſchen geweſen. Es geſchah am Freitag dem 17. Auguſt 1835, daß der Sarg von Byron in der alten Abtei Newſtead, ge⸗ folgt von einigen Freunden, eintraf. Am vorhergehenden 1. Juli war der Leichnam des edlen Lord von Miſſolunghi in London angekommen; Moꝛt ſtarl 397 er war an Bord des Schiffes die Florida in einem Sarge, an welchem man viele Löcher angebracht, und den man in eine Tonne Weingeiſt gelegt hatte. So hatte man auch den Leichnam von Nelſon nach der Schlacht bei Trafalgar transportirt und erhalten. Von Ekel und Ueberdruß erfüllt, das Herz gebro⸗ (chen, die Seele vereinzelt, hatte er zwei Jahre vorher, nachdem er einen nach dem andern ſeine drei Freunde Lang, Matthews und Shelley durch denſelben Tod ver⸗ loren: alle Drei waren ertrunken; nachdem ihm in Piſa ſeine natürliche Tochter geſtorben, auf der er alle Liebe concentrirt hatte, die ihn ſeine Frau von ihr und ſeiner legitimen Tochter zu entfernen gezwungen; nach⸗ dem er die Revolution von Neapel hatte fallen ſehen, der er ſeine Börſe und ſein Schwert geboten, und die, die eine und das andere annehmend, die Börſe leerte und das Schwert verbarg;— er hatte, ſagen wir, im Mo⸗ nat April 1823 den Gedanken gehabt, nach Griechen⸗ land abzureiſen und zur Befreiung des Vaterlands von Themiſtokles und Epaminondas mitzuwirken. Gegen das Ende des Juli verließ er Italien. Am Vorabend des Tages, an dem er ſich ein⸗ ſchiffte, ſchrieb er auf den Rand eines Buches, das man ihm geliehen hatte: „Iſt Alles das, was man von mir ſagt, wahr, ſo bin ich unwuürdig, England wiederzuſehen; iſt Alles das, was man von mir ſagt, falſch, ſo iſt England unwürdig, mich wiederzuſehen.“ Das war in einer Entfernung von zwei tauſenb Jahren eine Variante der Grabſchrift: „Undan kbares Vaterland, du ſollſt meine Gebeine nicht haben.“ Gegen das Ende des December landete Byron in Morega.— Am 19. April 1824, Abends um 6 Uhr, ſtarb er in Miſſolunghi! Er war vier Tage vorher krank geworden. 398 Welche Krankheit hatte ihn befallen? Nie konnten dies die griechiſchen Aerzte ſagen, die ſeit Hippokra⸗— tes offenbar viel ſchlechter geworden ſind. Eine Wahrſcheinlichkeit iſt es, daß er an dem ſtarb, was unſere Aerzte das Sumpffieber nennen. Am zweiten Tage nach der Ankunft des Leichnams in London wurde der Sarg geöffnet. Die Aerzte er⸗ kannten, Byron ſei geſtorben, weil er es nicht gedul⸗ det, daß man ihm zur Ader gelaſſen. Das war gerade das Gegentheil von dem, was der Doctor Thomas von Zante erklärt hatte. Der Körper wurde ausgeſetzt; doch man ſah vor⸗ her, der Zudrang werde ſo groß ſein, daß man be⸗ ſchloß, den Eintritt nur mit Billets zu geſtatten. Dieſe Vorſichtsmaßregel genügte nicht; am Tage der Ausſtellung mußte man die bewaffnete Macht zu Hülfe nehmen. Mehr als dreitauſend privilegirte oder nicht privilegirte, Perſonen warteten von Morgens um ſieben Uhr auf das Oeffnen der Thüre, das erſt um zehn Uhr ſtattfinden ſollte. Der Weingeiſt hatte, abgeſehen von der Bleifarbe, die er ihm gegeben, das Fleiſch gut erhalten. Die Hände beſonders, dieſe Hände, auf die der ariſtokrati⸗ ſche Dichter ſo ſtolz geweſen war, hatten nichts von ihren zierlichen Formen verloren. Nur waren ſeine Haare beinahe grau geworden;— mit ſieben und dreißig Jahren!— Jedes von dieſen Haaren hätte einen Schmerz erzählen können. Einen Augenblick hatte ſich bei der Ankunft von Byron in London ein Ruf der Genugthuung aus Aller Mund erhoben:„Byron nach Weſtminſter!«„ Byron hatte aber eine ſo beharrliche moraliſche, ſoriale und literariſche Oppoſition gegen alle engliſche Gewohnheiten gemacht, daß man eine Weigerung der Regierung befürchtete, weshalb die Familie des Dichters erklärte, er werde in der Gruft ſeiner Ahnen, in Huck⸗ nell bei Newſtead, begraben werden. V Dem 399 Es wäre indeſſen ſchön geweſen, den Verfaſſer von Marino Faliero zwiſchen Heinrich VIII. und Gar⸗ rick ſchlummern zu ſehen. Am 12. Auguſt verließ der Leichenzug London und wandte ſich nach Nottingham. Nie hatte ein königliches Leichenbegängniß auf ſeinem Wege einen ſolchen Zuſtrom von Menſchen herbeigezogen. 3 Er brauchte fünf Tage bis zur kleinen Kirche von Hucknell, wo den Ueberreſten des großen Dichters die letzte Ehre erwieſen wurde. Man verſenkte ſeinen Körper in eine Gruft, in der ſhen die Leiber ſeiner Ahnen und der ſeiner Mutter ruhten. Eine Art von Meßner, dem ich mich nur mit der größten Mühe begreiflich machen konnte, führte mich in das Allerheiligſte und zeigte mir eine Tafel von weißem Marmor, auf der folgende Inſchrift eingegra⸗ ben war: In dieſer Gruft hier unten, Wo mehrere von ſeinen Ahnen und ſeine Mutter begraben ſind, Liegt die Aſche von Georges Gordon Noel Byron, Lord Byron von Rochdale, In der Grafſchaft Lancaſter, Dem Verfaſſer der Pilgerfahrt von Childe Harold. Er wurde geboren in London am 22. Januar 1788. Er ſtarb in Miſſolunghi im weſtlichen Griechenland Am 19. April 1824, Betheiligt bei dem glorreichen Unternehmen, Griechenland ſeine alte Freiheit und ſeinen Alten Ruhm wiederzugeben. X Seine Schweſter Die ehrenwerthe Auguſta Maria Leigh, Hat dieſe ſeinem Andenken geweihte Tafel geſetzt. 4⁰⁰ Dieſer langen Inſchrift, vor der ich einige Zeit nachdenkend ſtehen blieb, hätte ich das einfache Wort: Byron! vorgezogen. 1 Iſt der Name eines großen Verſtorbenen nicht ſeine beredteſte Grabſchrift? „Allerdings... Doch der Pfarrer, der Pfar⸗ rer? „Ein wenig Geduld! wir ſind dabei!« IV. Herr Regnier. Erſt am Eingange des Parkes hatte ich erfahren, in der Kirche von Hucknell und nicht in den Gruft⸗ getwalben der ehemaligen Abtei Newſtead ſei Byron be⸗ graben. Ich hatte mich beeilt, zur Kirche zu gelangen. Als ich aber die Pilgerfahrt vollbracht hatte, kehrte ich 103 es kaum Morgens elf Uhr war, nach dem Schloſſe zurück. Es war wohl das vom Dichter beſchriebene Herren⸗ haus in der Tiefe ſeines Thales, mit ſeinen ſchattigen Hügeln, mit den Trümmern ſeiner Abtei, mit ſeinem See, an deſſen Ufer ich, wie mir Thomas Moore geſagt hatte, das Grab des armen Boatswain, den Byron ſeinen einzigen Freund nannte, finden ſollte. Boatswain war nichts Anderes, als der Lieblings⸗ hund des Dichters, ein ſanfter und verſtändiger Neu⸗ fundländer, der in Newſtead⸗Abbey an der Wuth ge⸗ ſtorben war, und dem ſein Herr ein Grabmahl hatte ſetzen laſſen. Es war ganz einfach, daß ich, nachdem ich die 4⁰¹ Grabſchrift von Byron abgeſchrieben hatte, die ſeines Freundes Boatswain abſchrieb. Ich erkannte von fern das Denkmal. Eine junge Frau ſaß an den Stein angelehnt; zwei Kinder ſpielten zehn Schritte von ihr im Graſe; ſie arbeitete an einer Stickerei und ſchlug zuweilen die Augen auf, um darüber zu wachen, daß ſich die Kinder nicht zu nahe an den See wagten. Ihr Gatte ging langſam, mit einem Buche in der Hand, in einer Allee ſpaziexen. Die Frau mochte fünf und zwanzig Jahre alt ſein; der Mann dreißig, die Kinder fünf bis ſechs. Das älteſte war ein Knabe, das jüngere ein Mädchen. Die junge Mutter war weiß gekleidet und hatte einen breiten Strohhut auf dem Kopfe, wie man dies im Can⸗ ton Vaud trägt; zwei ungeheure Büſchel blonder Haare fielen in Locken auf beiden Seiten ihres Geſichtes herab; ſie war eher anmuthig als ſchön, und ihre Anmuth hatte etwas von der Grazie der Pflanzen und der Blumen. Ich näherte mich ihr, und da ſie mir die Inſchrift verbarg, ſo bat ich ſie ſo höflich als ich konnte, mich das Epitaphium von Boatswain leſen zu laſſen. Doch ich bemerkte, daß ſie das Franzöſiſche nicht verſtand.— Ich, was mich betrifft, hatte, obſchon ich das Engliſche ziemlich geläufig las, nie einen Satz für bri⸗ tiſche Ohren verſtändlich ausſprechen können. In dieſer Hinſicht kenne ich mein ganzes Unver⸗ mögen; nichtsdeſtoweniger wagte ich drei bis vier Worte, welche geſchrieben ſicherlich meine Gedanken übertragen hätten, ausgeſprochen aber der jungen Frau keinen Sinn boten. Lächelnd bedeutete ſie mir durch ein Zeichen, ich möge Geduld faſſen; dann rief ſie den kleinen Jungen, der auf den zweimal wiederholten Na⸗ men Georges herbeilief... Das Mädchen, das ſich auf ſeine Hände und ſeine Der Pfarrer von Afbbourn. II. 26 40² Füße ſtützte, ſchaute ſeinem Bruder nach, als er ſich entſernte. Die Frau ſprach ein paar Worte zu dem Knaben; dieſer wandte ſich gegen mich um, heftete ſeine großen blauen Augen auf mich, erhob ſich auf den Fußſpitzen, um mich beſſer zu ſehen, und fragte mich in vortreff⸗ lichem Franzöſiſch: „Mein Herr, Mama wünſcht zu wiſſen, was Sie wollen?« „Mein liebes Kind,“ erwiederte ich,„vor Allem will ich Dich küſſen, wenn es Mama erlaubt.“ „Oh! ja,“ ſagte er. Und er ſtreckte ſeine beiden Arme gegen mich aus. Ich hob ihn unter den Achſeln auf und küßte ſeine guten, dicken, roſigen Backen. Die Mutter ſchaute uns lächelnd zu; eine Mutter lächelt immer, wenn man ihr Kind umarmt, „Und nun, was wollen Sie?“ fragte mich der Fleine Georges, als ich ihn wieder auf die Erde geſtellt atte. „Mein ſchönes Kind, ich wünſche die paar Zeilen abzuſchreiben, welche in dieſen Stein eingegraben ſind.“ „Ah! ja, die Grabſchrift von Boatswain.“ „Du kennſt Boatswain?“ fragte ich. „Den Hund von Lord Byron? ja, ich kenne ihn.“ Dann wandte er ſich an ſeine Mutter und über⸗ ſetzte ihr meinen Wunſch ins Engliſche. Die junge Frau lächelte, ſtand auf, küßte ihr Kind und ging auf dem geradeſten Wege über die Wieſe zu ihrem Gatten. „Ich verjage Deine Mutter, mein kleiner Freund?“ fragte ich den Knaben. „Ohl! nein,“ erwiederte er;„ſie holt Papa.“ Mittlerweile hatte ſich die kleine Schweſter wieder auf ihre Beine geſtellt und war herbeigetrippelt. „Georges,“ ſagte ſie in einem Franzöſiſch, welches ſo gut wie das, welches ihr Bruder geſprochen,„warum ſich een; ßen zen, reff⸗ Sie lem aus. eine tter der ellt llen d.“ n.“ ber⸗ ihr ieſe 2 der hes um 403 läſſeſt Du mich denn ganz allein? liebſt Du mich denn nicht mehr?« „Doch, Adda,“ ſprach der Knabe,„ich liebe Dich immer; Mama hat mich aber gerufen.« „Was will er, der große Herr? „Du ſiehſt es wohl,“ verſetzte der kleine Knabe; „er will die Grabſchrift des armen Boatswain ab⸗ ſchreiben.“ „Ah!“ fragte das Mädchen,„wozu denn?“ „Ei! ich weiß es nicht; vielleicht, um es in ein Buch zu ſetzen.“ Das Mädchen ſchaute mich neugierig an. Während dieſer Zeit ſchrieb ich die Grabſchrift des wackeren Neufundländers ab; ich finde ſie noch in mei⸗ nem Reiſenotizbuch: Hier unten Ruhen die Ueberreſte Von demjenigen, welcher die Schönheit ohne Hoffart, Die Stärke ohne Frechheit, Den Muth ohne Grauſamkeit, Kurz alle Tugenden des Menſchen Ohne eines ſeiner Laſter beſaß. Dieſe Lobesſpenden, Welche nur eine bedeutungsloſe Schmeichelei wären, Stünden ſie über menſchlichen Gebeinen, Sind ein gerechter Tribut für das Andenken von Boatswain, Hund, Geboren in Neufundland im Mai 1803, Und geſtorben in Newſtead Am 18. November 1808. Als das letzte Wort abgeſchrieben war, ſchaute ich auf, und ich ſah in meiner Nähe, außer den zwei Kindern, den Mann und die Frau. 404 „Mein Herr,“ ſagte der Mann zu mir,„ich habe die Ehre, Ihnen in meiner Eigenſchaft als halber Lands⸗ mann jede Auskunft anzubieten, die Sie wünſchen mögen.“ „Mein Herr, die Art, wie Ihre beiden Kinder und Sie das Franzöſiſche ſprechen, ermächtigt mich, Ihnen, nicht den Titel eines halben Landsmannes, ſondern den eines ganzen zu geben, und unter dieſem Titel nehme ich gern das Anerbieten an, das Sie mir machen; nur laſſen Sie mich Ihnen ſagen, wer ich bin, damit ich das Recht habe, Sie meinerſeits zu fragen, wer Sie ſind?« Ich nannte mich ihm. Er ließ mich zweimal mei⸗ nen Namen wiederholen; dann wandte er ſich gegen ſeine Frau um und ſprach zu ihr ein paar Worte eng⸗ liſch, worauf dieſe mich unmittelbar mit einer naiven Neugierde anſchaute. „Verzeihen Sie, mein Herr,“ unterbrach ich lächelnd, „ohne das Engliſche zu ſprechen, verſtehe ich es doch hinreichend, um Ihnen zu ſagen, daß Sie mir zu viel Ehre anthun. Ich komme weder als Nebenbuhler, noch als Nacheiferer hierher: ich komme als demüthiger Be⸗ wunderer, als frommer Pilger. Nun aber, mein Herr, iſt es an Ihnen, mir zu ſagen, wer Sie ſind, und mir zu erklären, welchem ſchönen Zufalle ich das Glück, Ihnen zu begegnen, verdanke.“ „Mein Herr,“ erwiederte er,„ich habe einen ſehr unbekannten Namen: ich heiße Regnier. Ich bin Fran⸗ zoſe der Abſtammung nach; im Jahre 1680 ent⸗ floh der Großvater meines Großvaters vor den Verfol⸗ gungen von Ludwig XIV. gegen die Proteſtanten und ließ ſich in England nieder. Seit jener Zeit wurden geboren und ſtarben mein Urgroßvater, mein Großvater, mein Vater auf dieſer Erde der Freiheit, welche ſo gaſt⸗ freundlich gegen uns, daß ſie uns ein zweites Vater⸗ land geworden iſt, oder es iſt nun Frankreich vielmehr mein zweites Vaterland, in Betracht, daß wir ſeit drei Generationen in England naturaliſirt ſind. Wir behiel⸗ ten die Gewohnheit bei, uns unter uns, in der Colonie, wie man ſagt, zu heirathen; ich aber brach zuerſt mit dieſer Gewohnheit und heirathete eine Engländerin. Ich wohne fünfzehn Meilen von hier, im Dorfe Afhbourn, deſſen Pfarrer ich bin. Newſtead⸗Abbey iſt einer meiner Lieblingsausflüge, und mittelſt der Eiſenbahn, die uns in einer Stunde in ſeine Nähe führt, kann ich mir ein⸗ mal im Monat das Vergnügen machen, mit meiner Frau und meinen Kindern hier umherzuſpazieren.“ „Sie ſind ein großer Bewunderer des Verfaſſers von Childe Harold, mein Herr?“ „Ich geſtehe es... Das iſt, wenn nicht die reinſte, doch wenigſtens die kräftigſte Poeſie, welche gemacht wor⸗ den iſt; uͤberdies hat mein Vater, der vor mir Pfarrer von Aſhbourn war, Byron in der Zeit gekannt, die man die Zeit ſeiner Tollheiten nennt. Er ſah ihn ſei⸗ nen Kampf gegen die ſchottiſchen Reviews beginnen, und ich habe noch in meinem Hauſe das Brouillon der fünfzig erſten Verſe ſeiner Satyre, die er meinem Vater, nachdem er ſie ihm vorgeleſen, geſchenkt hat.“ „Oh! wahrhaftig?* „Auch ſteht mein Leben durch einen ſeltſamen Um⸗ ſtand mit dem Tode von Lord Byron in Verbindung,“ fuhr der junge Pfarrer fort.„Ich wurde geboren am 17. Juli 1824, während man den Leichnam des großen Dichters in die Gruft ſeiner Ahnen verſenkte; mein Vater, der dem Leichenbegängniſſe beigewohnt, fand, als er am Abend zurückkam, einen neuen Gaſt im Pfarr⸗ hauſe von Aſhbourn. Dieſer neue Gaſt war ich.“ „Ich hätte ſehr gewünſcht, Sie würden aus Zufall dieſes Bruchſtück der Satyre, dieſen erſten Erguß des Zorns, der in Europa ſo großes Aufſehen erregte und Byron zum Dichter weihte, mitgenommen haben.“ „Haben Sie ſeine Handſchrift nie geſehen?“ „Doch. Lord Byron ſtand in Verbindung mit einem meiner Freunde, deſſen Name Ihnen wahrſcheinlich nicht unbekannt iſt, denn dieſer Name iſt noch populärer 406 in England, als in Frankreich,— ich meine den Grafen d'Orſay.« „Gewiß kenne ich ihn.“ „Doch ich hätte gern ſehen mögen, da Sie ſagen, es ſei ein Brouillon, was Sie beſitzen, ob Byron leicht gearbeitet hat, und ob er viel durchſtrichen.« „Ohl dem Beiſpiele, das ich in den Händen habe, müßten Sie nicht trauen. Die Verſe ſind leicht, wenn der Dichter, verletzt, die Muſe anruft, die man die Rache nennt. Bei den fünfzig erſten Verſen ſind kaum zehn Durchſtriche. Wenn Sie aber die Verſe zu ſehen wünſchen... warten Sie...“ Und er wandte ſich an ſeine Frau und ſagte ihr ein paar Worte engliſch... „»Thun Sie das nicht,“ unterbrach ich ihn lachend, „denn ich würde es annehmen.“ „Und das wäre für uns ein großes Vergnügen.“ Er machte ſeiner Frau den Vorſchlag, mich nach Aſhbourn zu führen und mir Gaſtfreundſchaft im Pfarr⸗ hauſe anzubieten. Dann, als käme ihm ein neuer Gedanke, ſagte er: „Ja, ja, kommen Sie, ich habe Ihnen ein Geſchenk zu machen!“ „Mir 2 „Ja Ohl! glauben Sie nicht, es ſeien die Verſe von Byron: dieſe Verſe find ein Familienerbe, und Sie begreifen, ich lege großen Werth auf ihren Beſitz.“ 1 »„Seien Sie unbeſorgt, ich werde mich wohl hüten, ſo unbeſcheiden zu ſein, Sie darum zu bitten.“ „Nun... das iſt alſo beſchloſſen?« fragte er mit einem Blicke und mit einem Tone, woraus ich erſah, welches Vergnügen ich ihm bereiten würde, wenn ich ſein Anerbieten eben ſo treuherzig, als es gemacht wurde, annähme.. 3 Ich reichte ihm die Hand und erwiederte: Stu Liv dah Ich wie ung eine fen 407 „ Das iſt beſchloſſen, und ich bin Ihr Gaſt bis zur Stunde des letzten Zuges.“ „Sie kehren nach London zurück?“ „Wahrſcheinlich.« „Und nachdem Sie drei Viertel des Weges gegen Liverpool gemacht haben, gehen Sie nicht vollends bis dahin?“ „Was Teufels ſoll ich in einer Handelsſtadt machen? Ich habe die größte Achtung vor der Induſtrie; aber wie alle reſpectabele Dinge langweilt mich die Induſtrie ungeheuer.“ „Sie haben Unrecht: Sie müſſen Liverpool ſehen.“ „Das ſagte mir geſtern Lord Holland. Er hat mir einen Brief an ſeinen Banquier mitgegeben.“ „Dieſer heißt?« „Warten Sie.“ Ich zog den Brief aus meiner Taſche. „James Barlow und Compagnie.“ „Blue⸗Tavern⸗Street.“ „So iſt es.“ „Ein Grund mehr, nach Liverpool zu gehen.“ „Sie glauben, wenn ich die Reiſe nicht Liverpools wegen mache, ſo werde ich ſie doch wegen der Herren James Barlow und Compagnie machen? „Sie werden Sie nicht dieſer Herren wegen machen, ſondern Ihnen zu Liebe!“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Nun, ſo nehmen Sie zum Beiſpiel an, ich gebe Ihnen, wenn Sie nach Aſhbourn kommen, den Stoff zu einem Romane von ſechs bis acht Bänden.“ „Vor Allem würden Sie mir damit ein Vergnügen bereiten, denn ein von Ihnen bezeichneter Stoff wäre ſicherlich etwas Ausgezeichnetes.“ „Nehmen Sie aber auch an, dieſe ſechs bis acht Bände ſeien nur eine erſte Abtheilung.“ „Gut, ich verſtehe... und die zweite Abtheilung finde ſich in Liverpool?«“ 4⁰8⁸ „Ja.“— „Bei den Herren James Barlow und Compagnie?« „Ganz richtig!« „Dann werde ich nach Liverpool gehen.“ „Ahl ich wußte es wohl« liſch Hierauf ſagte er, ſich an ſeine Frau wendend, eng⸗ iſch: „Herr Dumas kommt mit uns nach Aſhbourn.“ Sie ſchien einige Einwendungen in Betreff der Haushaltungsumſtände zu machen. „»Gut, gut, gut,« ſprach der Pfarrer franzöſiſch. „Meine Frau zittert bei dem Gedanken, einem Manne von Ihrem Range Hausmannskoſt zu bieten, und ich, ich ſage ihr, wir werden Sie mit den Briefen des Paſtor Bemrode beköſtigen.“ „Wer iſt das, der Pfarrer Bemrode? „Sie errathen nicht, daß dies der Held Ihres Ro⸗ mans iſt? ein ganz aus Gutmüthigkeit, Eitelkeit und Naivetät zuſammengeſetzter Charakter; Etwas zwiſchen Sterne und Goldſmith, zwiſchen dem Vicar of Wake⸗ field und der Sentimental Journey.“ „Ein Meiſterwerk alſo 2« „Bei meiner Treue!« „Gut, ich nehme das Meiſterwerk in Beſchlag.« „Nur iſt es in Briefen geſchrieben.“ „Welch ein Geſchrei wird mein Verleger erheben!« „Warum denn? „Warum? Das wird er ſelbſt nicht wiſſen; doch er wird immerhin ein Geſchrei erheben.“ „Er hat aber doch am Ende einen Grund 2. „Es beſteht bei uns ein Vorurtheil gegen die Ro⸗ mane in Briefen. Man ſagt, ſie ſeien langweilig.“ „Ohl! ja, ich begreife, wegen Clariſſe Harlowe und der Neuen Heloiſe. Sie werden das Vorurtheil widerlegen, indem Sie einen Roman in unterhaltenden Briefen herausgeben. Sie haben wohl ſchwierigere Dinge vollbracht.“ ſtel lich lan ver mei iſt bal und gut biet übe mat wie Kir ich erzäͤ im Add 409 „Eh!« „Und dann, wenn Sie die Briefe geleſen haben, ſteht es Ihnen immer noch frei, ſie nicht zu veröffent⸗ lichen.“ „Ich behalte alſo meinen freien Willen 2 „Das verſteht ſich! Weiß ich, was unterhaltend oder langweilig iſt? ich, ein armer Dorfpfarrer 2 „Oh! was das betrifft, ich würde eher auf Sie vertrauen, als auf gewiſſe Kritiken meiner Freunde oder meiner Feinde.“ „So laſſen Sie uns gehen... denn meine Frau iſt auf Kohlen bei dem Gedanken, die Eiſenbahn werde bald vorüberkommen, wir könnten dieſen Zug verfehlen, und ſie werde nicht die zwei Stunden haben, welche jede gute Wirthin verlangt, um ihrem Gaſte Mittagbrod zu bieten.“ Ich zog meine Uhr. 4 „Um wie viel Uhr kommt denn die Eiſenbahn vor⸗ über? „Um drei Viertel auf ein Uhr.“ „Es iſt zwanzig Minuten nach zwölf Uhr.“ »Und wir haben zwei Meilen mit Kindern zu machen.“ „Ich habe einen Wagen und Pferde, welche gehen wie der Wind!... Verſammeln Sie Ihre Herde(die Kinder hatten wieder angefangen Blumen zu pflücken); ich laſſe anſpannen, und wir fahren ab.“« „Sie haben aber Newſtead⸗Abbey kaum geſehen.“ „Sie werden mir das, was ich nicht geſehen habe, erzählen.“ „eſtehen Sie, daß Ihnen der Pfarrer Bemrode im Kopfe herumgeht?“ „Ohl ich geſtehe es „Nun, ſo laſſen Sie anſpannen... Georges! Adda!« In den Raſen verloren, erhoben ſich die zwei Kin⸗ 410 der, und man ſah ihre Köpfe über dem hohen Graſe erſcheinen. Ich lief ſchon nach dem Wagen. Der Kutſcher hatte angeſpannt, als die ſchöne junge Familie vor dem finſtern Thore von Newſtead⸗Abbey er⸗ ſchien. Wir ſtiegen in den Wagen. Eine Viertelſtunde nachher waren wir auf der Station; eine Stunde nach⸗ her ſtiegen wir in Cheadle aus. Hier ſtreckte mein Gefährte die Hand gegen Oſten aus und zeigte mir einen Kirchthurm, um den etwa hundert Häuſer, in grüne Wogen getaucht, gruppirt wa⸗ ren, Alles ungefähr zwei Meilen von uns. „Dort iſt Aſhbourn!« ſagte er zu mir. V. Die Briefe des Pfarrers Bemrode. Ich habe nicht nöthig, auch nur im Mindeſten mei⸗ nen Leſern das Dorf Aſhbourn zu beſchreiben, ſie kennen tac— auch nicht das Pfarrhaus,— ſie haben es be⸗ ſucht. Das Dorf hat ſich um etwa zwanzig Häuſer ver⸗ mehrt; das Pfarrhaus hat ſeine alte Phyſiognomie be⸗ wahrt; nur die Fresken des Pfarrer Bemrode, dieſe anmuthigen Hochzeitaltäre, dieſe ſanften Tauben, die ſich auf einem Köcher und einem Pfeile im Kreuze ſchnä⸗ belten, ſind unter einer perlgrauen Tapete mit dunkel⸗ grauem Aſtwerke verſchwunden. Das Speiſezimmer iſt daſſelbe; das Cabinet iſt daſ⸗ ſelbe, und es geht immer noch auf den kleinen Garten, wo nicht mehr dieſelben Nachtigallen, aber die Nachfol⸗ gerinnen von derjenigen ſingen, welche zur Zeit der guten Miſtreß Snart hier ſo melodiſch ſang, daß es der Do das das war Aus bew des dur Sch Kar gute Kar Küc Kin mich Fen mich Bri and⸗ mich daß doch die Pfa zu kehr meit 411 Doctor Bemrode für die Seele des letzten Kindes hielt, das ſeine Wirthin verloren. Doch man begreift wohl, bei meinem Eintritte in das Pfarrhaus, deſſen Traditionen mir völlig unbekannt waren, konnten mich alle dieſe Dinge nicht berühren. Was ich bemerkte, war das reinliche, gemächliche Ausſehen, das uns auf der Schwelle der von jungen Wirthen bewohnten Häuſer entgegen lächelt; das war die Freude des Hundes, der den Vater, die Mutter und die Kinder durch ſein eifriges Gebelle und das Wedeln ſeines Schweifes begrüßte; das war eine junge Magd, halb Kammermädchen, halb Köchin, mit dem Lächeln des guten Willens auf den Lippen. Sogleich nach ihrer Heimkehr übernahm die kleine Karavane ihr Departement. Die Frau ging in die Küche hinab; die Dienerin lief in den Gefluͤgelhof; die Kinder bemächtigten ſich des Gartens, und nachdem er mich in ein hübſches Stübchen im erſten Stocke, deſſen Fenſter auf die Straße ging, eingeführt hatte, verließ mich der Mann, um die Briefe zu holen. Nach zehn Minuten kam er mit ungefähr fünfzig Briefen in einer Hand und einem Manuſcripte in der andern zurück. „Sehen Sie,“ ſagte er, indem er die Papiere vor mich legte,„hier iſt Ihr Roman ganz fertig.“ „Ich danke Ihnen, mein Wirth... Sie wiſſen, daß die Stoffe mir ſo zufallen,— wie man ſagt; doch ich befürchte Eines...“ „Was?“ „Daß mir die Ueberſetzung mehr Mühe macht, als die Compoſition, und daß ich beim dritten Briefe den Pfarrer Bemrode verlaſſe, um zu einem Kapitän Paul, zu einem Harmental oder einem d'Artagnan zurückzu⸗ kehren.“ „Ich habe dieſen Fall vorhergeſehen,“ verſetzte mein Wirth.“ Ich ſchaute ihn an. 4¹² „Sie ſehen in die Zukunft!“ ſagte ich. „Ja Ich hatte immer den Gedanken, Sie oder einer von Ihren Collegen, Balzac, Sue oder George Sand, wuͤrde nach Newſtead⸗Abbey kommen, ich würde ſeine Gegenwart erfahren und ihm das Geſchenk anbieten, das ich Ihnen anbiete.“ „Und ſeien Sie offenherzig: welchem von den Vie⸗ ren würden Sie dieſes Geſchenk zu geben vorgezogen haben?“ „George Sand... Das iſt eine Sache im Genre der reizenden Paſtoralen dieſer Schrifſtellerin.“ „Ja; waͤhrend es bei mir, nicht wahr? leicht zu errathen ſein wird, daß es ein neuer Zufall iſt, der dieſes Manuſecript in meine Hände gebracht hat!“ „Das iſt um ſo wahrſcheinlicher, als es ganz und gar nicht Ihrer Manier entſpricht.“ „Was wollen Sie?. Ich werde der Kritik zu begegnen ſuchen; ich werde unſer Zuſammentreffen in allen ſeinen Einzelheiten erzählen, wie ich erzählt habe, auf welche Art ich in der Bibliothek das treffliche Ma⸗ nuſcript des Grafen de la Fere gefunden, aus dem die Musketiere genommen ſind. Ich werde.. ich werde die Wahrheit ſagen... und wollen mir dann Ei⸗ nige nicht glauben, ſo gilt es mir gleich!“ „Nur werden Sie ſagen können, Sie haben die Briefe vom Original überſetzt, und es bleibt Ihnen dann das ganz kleine Verdienſt der Ueberſetzung.“ „Was mich in Verlegenheit bringt, iſt gerade die Ueberſetzung.“ „Sie iſt ganz gemacht.“ „Wie, ganz gemacht?“ „a „Durch wen?“ „Durch mich.“ „Durch Sie?“ „Sehen Sie, hier iſt das Manuſcript.“ Ich nahm das Manuſcript aus ſeinen Händen. arn — 4¹3 „Das iſt die Ueberſetzung von dieſem ungeheuren Packe Briefe?“ 4 „In meinen verlornen Augenblicken habe ich mich damit beluſtigt, ſie zu machen.“ „Wahrhaftig, Sie ſind ein koſtbarer Mann!“ „Ei! Sie begreifen, das iſt vielleicht nicht ſehr literariſch, aber wenigſtens ſehr literaliſch.“ „Aber, mein lieber Wirth, da die Arbeit ganz be⸗ endigt iſt, ſo müßte man, wie mir ſcheint, etwas ſehr Einfaches thun.“ „Was denn?“ „Die Briefe unter Ihrem Namen herausgeben.“ Der Pfarrer lächelte. „Ich habe nicht den Ehrgeiz, den beſtändig der arme Herr Bemrode hatte.“ „Welchen Ehrgeiz?“ „Den, gedruckt zu ſein.“ „Er hatte dieſen Ehrgeiz?“ „Sie werden es in ſeinen Briefen ſehen.“ „Nun denn, ich ſtehe Ihnen für Eines: dafür, daß, wenn ein Intereſſe in dieſer ganzen dicken Ge⸗ ſchichte iſt,— und dieſes Intereſſe muß exiſtiren, da ein Mann wie Sie ſich die Mühe gegeben, ſie zu über⸗ ſetzen,— dieſer Ehrgeiz des wackern Pfarrers befrie⸗ digt werden wird.“ „Eine ſchöne Freude für ihn!“ „Wie, eine ſchöne Freude! Er iſt alſo todt?“ „Ja, er iſt vor vierzig oder fünfzig Jahren ge⸗ ſtorben.“ „Teufel!“ „Stille! Nun verlaſſe ich Sie... Sie haben zu Ihrer Linken die Originalbriefe, zu Ihrer Rechten die Ueberſetzung, und in jenem Winkel ein Fernrohr.“ „Ein Fernrohr! und wozu?“ „Wer weiß? Sie werden vielleicht die Gegend an⸗ ſchauen wollen.“ 414 „Mein lieber Wirth, Sie ſind geheimnißvoll wie das Schloß von Udolf.“ „Zum Werke! und in zwei Stunden komme ich zurück, um Ihnen zu ſagen, das Mittagbrod ſei auf⸗ getragen.“ „Gehen Sie!“ Mein Wirth entfernte ſich. 8. Man muß gerecht ſein, ſelbſt gegen ſich ſelbſt: ich will mir alſo die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß ich ſage, ich habe zuerſt die Originalbriefe zu leſen ver⸗ ſucht; ich muß aber beifügen, daß ich bei der Hälfte des erſten dieſe Arbeit aufgab, um mich mit dem ein⸗ fachen Leſen der Ueberſetzung zu beſchäftigen. 4 Nach zwei Stunden, auf die Minute, kam mein Wirth zuruͤck. Ich hörte ihn nicht eintreten; ich ſtand mit dem Fernrohre in der Hand am Fenſter. 4 Er berührte meine Schulter; ich wandte mich um. „Nun,“ fragte er,„Sie leſen nicht mehr?“ „Nein; ich ſuche das Haus von Herrn Smith.“ „Haben Sie es gefunden?“ „Ich glaube... Nur mag ich immerhin nach dem reizenden kleinen Fenſter ſchauen, durch welches das jungfräuliche Stübchen der Tochter des Pfarrers er⸗ leuchtet wird, kein Stieglitz in ſeinem Käfich, kein hübſches Mädchen mit einem Strohhute, der die Hälfte ſeines ſchönen Geſichtes und einen Theil ſeiner goldenen Haare beſchatten würde: ausgebreitete Betten, Wäſche, welche trocknet, Hemden, die ſich mit ſteifen Aermeln und angeſchwollenem Bauche ſchaukeln, nichts Anderes.“ n ſie ihrem Gatten ein „ wiedervereinigt... 415 Doch ſchieben Sie nun die Röhren Ihres Fernglaſes in einander und kommen Sie zum Mittageſſen.“ „Sehr gern, denn ich ſterbe vor Hunger.“ „Sagen Sie das nicht ſo laut: Sie erſchrecken die Herrin des Hauſes... Ahl wo ſind Sie ſtehen ge⸗ blieben?“ „Beim Augenblicke der Abreiſe der beiden Gatten.“ ich„Nach dem Gefängniſſe?“ daßß„Nein, nach der Pfarrei Waſton, in Wales.“ ver⸗„ Wie finden Sie das!“ älfte„Wahrlich reizend! da es beſchloſſen iſt, daß ich ein⸗ es unterzeichne!“ „Ja, aber nehmen Sie an, Sie unterzeichnen es 74 nein nicht „Ich würde vor Allem ſagen, ich habe einſt einen dem MNoman von Auguſte la Fontaine geleſen, der gerade ſo anfange, wie dieſer.“ um..„Auguſte la Fontaine iſt gegen das Ende des vo⸗ rigen Jahrhunderts nach England gekommen: wer ſagt Ihnen, er habe dieſen guten Herrn Bemrode nicht ge⸗ kannt?.. Gehen wir alſo zu einer andern Kritik über.“ 7 dem„Nun, mir ſcheint, dieſe ewige Erzählung ſeines das ebens im Munde von Herrn Bemrode iſt ein wenig kein nonoton.“ „Ich hätte im Gegentheil geglaubt, es ſei etwas Neues in dieſem Studium ſeiner ſelbſt gemacht durch einen gewiſſenhaften Mann, der ſeinen Fehlern nach⸗ ten, gibt, jedoch indem er ſie kennt; der alle ſeine Gefühle fen hinter einander analyſirt, der alle ſeine Empfindungen hts durchgräbt, bis er auf den Granit kommt,— und dies beſonders für Sie, dem es an der Analyſe fehlt...“ hs„Gut! he„Der Sie die Ereigniſſe des Zufalls und der Phan⸗ taſie an die Stelle des wahren Lebenslaufes ſetzen.“ „Bravo!“ Der Sie mehr Begeiſterung, Schwung, Redefer⸗ . tigkeit, als Philoſophie haben.“ 4¹6 „Ich danke, mein Wirth!“ „Iſt es nicht die ſtrenge Wahrheit, was ich Ihnen da ſage?“ „Die Wahrheit des großen Gottes! Doch Sie ken⸗. nen das Sprüchwort:„„Es iſt nicht immer gut, die. Wahrheit zu ſagen.““ „Ah! ja wohl... bei einem Anfänger, doch bei Ihnen!“ „Darum iſt es nicht minder wahr, daß, wenn.. zum Beiſpiel...“ „Was?“ „Wenn der Doctor Petrus?...“ „Nun! wenn der Doctor Petrus?“ würd „Das würde gegen die Wahrheit verſtoßen.“ „In welcher Hinſicht iſt etwas Falſches dabei, daß antworten?“ wir auf die Briefe eines Mannes, der uns ſchreibt, „Mein lieber Herr Dumas, Sie haben den Cha⸗ rakter des Doctor Petrus ſchlecht ſtudirt.“ 7 „Bah! „Sie haben nicht den Theil eines Gelehrten ge⸗ macht, der mit ſo wichtigen Problemen beſchäftigt iſt, wie es die ſind, an deren Löſung er gerade arbeitet, denn ſonſt...“ „Nun, ſonſt?...“ „Sonſt haͤtten Sie errathen, warum er nicht ant⸗ wortete.“ „Und warum antwortete er nicht?“ „Mein lieber Herr Dumas, erfahren Sie Folgen⸗ des: im Jahre 1824, als der würdige Doctor Pe⸗ trus Barlow in Cambridge im Alter von hundert Jah⸗ ren weniger acht Tage ſtarb, fand man auf ſeinem Schreibtiſche, den ſeit ſechzig Jahren keine andere Hand als die ſeinige berührt hatte, einen ungeheuren Pack Briefe mit der Aufſchrift: Zu leſen, wenn ich „Von Zeit zu Zeit Herrn Bemrode antworten e.. 417 Zeit haben werde. Man öffnete den Pack: er ent⸗ hielt ungefähr fünfzig noch verſiegelte Briefe.“ „Nun?“ „Nun, dieſe Briefe waren die des Pfarrers Bem⸗ rode!“ „Wie! dieſe Briefe, in denen der würdige Mann ſich eine ſo große Mühe gab, um ſich ſelbſt auf den kleinſten Irrwegen ſeiner Eitelkeit, in den geheimſten Faalten ſeines Herzens zu ſchildern.“ .. rten daß ibt, ha⸗ „Der Doctor Petrus Barlow hatte ſie mit der größ⸗ ten Sorgfalt jeden nach ſeinem Datum elaſſificirt, um ſie zu leſen, wenn er Zeit hätte.“ „Er iſt mit hundert Jahren weniger acht Tage ge⸗ nſtorben?“ 3„Ohne daß er Zeit gefunden hatte, ſie zu leſen, mein lieber Herr; ſo verhält es ſich mit der Wahrheit. Sie hätten ihn die Briefe ſeines Freundes leſen laſſen; Sie hätten nicht gewollt, daß dieſe Arbeit des ſich ſelbſt ſtudirenden Mannes für denjenigen verloren geweſen wä⸗ ren, auf deſſen Verlangen er ſie gemacht, und Sie wür⸗ den einen falſchen Weg eingeſchlagen haben.“ „Alſo die Freuden, die Trübſale, die Triumphe, die Täuſchungen, die Träumereien dieſes armen Herrn Bemrode.. „Ich bin der Einzige, der je damit bekannt ge⸗ worden iſt! Von Cambridge hat man das Paquet nach Aſhbourn zurückgeſchickt; es fiel in die Hände meines Vaters, der ſich ebenſo wenig darum bekümmerte, als der Doctor Petrus; aus den Händen meines Vaters ging es in die meinigen über; bei mir war es etwas Anderes; ich öffnete das Paquet; ich las die Briefe; ich überſetzte ſie und bewunderte die Vorſehung des Herrn, welche, wäh⸗ rend ſie dem guten Herrn Bemrode nicht erlaubte, eines von den Werken zu componiren, die er auszuführen im Sinne gehabt hatte, ihn, ohne daß er daran dachte, eines machen ließ, das mehr werth iſt, als alle diejenigen, Der Pfarrer von Aſhbourn. II. 27 418 welche er geträumt, weil er, indem er es machte, nicht vermuthete, daß er es mache.“ „Mein lieber Wirth,“ ſagte ich,„das beſtimmt mich: ich finde die Geſchichte des würdigen Paſtors ent⸗ ſchieden voll Intereſſe. Ich nehme ſie auf meine Rech⸗ nung, ich indoſſire ſie, ich unterzeichne ſte... Gehen wir zum Eſſen.“ Wir gingen hinab. Die beiden Kinder ſaßen ſchon an einem Tiſchchen. Drei Gedecke erwarteten uns auf einem größeren Tiſche; wir nahmen unſere Plätze und thaten dem improviſirten Mahle von Madame Regnier alle Ehre an.. VI. Der Weg des Glückes. Während des ganzen Mahles war ich mit einem ein⸗ zigen Gedanken beſchäftigt, mit dem Gedanken, ſobald der Nachtiſch abgetragen wäre, nach Wirksworth zu gehen, die Runde um das Haus von Herrn Smith zu ma⸗ chen, wenn ich nicht durch daſſelbe gelangen könnte, und über die Wieſen nach Afhbourn zurückzukehren. Abgeſehen von einer kleinen Unhöflichkeit, war es mir leicht, mir dieſes Vergnügen zu bereiten; ich hatte nur, ſobald das Mitta eſſen beendigt war, meine Peigrit zu verlangen ung dann nach Wirksworth zu laufen. Doch ich nahm mir vor, allein dahin zu gehen. Ich wollte lieber gar nicht gehen, als den Weg mit irgend Jemand auf der Welt, ſelbſt mit dem Nachfolger von Herrn Bemrode machen. Dieſer ſah wohl, daß ich in meinem Innern in An⸗ — Hnu 8 SG N [ IV r o —i 419 ſpruch genommen war, und fragte mich, was mich be⸗ ſchäftige.— „Bei meiner Treue!“ erwiederte ich,„Ihr verteu⸗ felter Pfarrer von Aſhbourn geht mir ſo im Kopfe herum, daß ich vor Verlangen, einen Gang nach Wirks⸗ worth zu thun, ſterbe.“ Mein Wirth ſchaute mich lächelnd an. „Iſt es durchaus nöthig, daß ich Sie begleite 2 fragte er. „Nein, im Gegentheile, und ich geſtehe ſogar, daß ich es vorziehe, allein dahin zu gehen.“ „Das kommt vortrefflich!«« „Bah!“ „Ja. Ich bin ſo träge geweſen, die Ueberſetzung des Manuſcripts der grauen Dame nicht zu vollenden, und ich werde ſie in Ihrer Abweſenheit beendigen.“ „Was iſt das, die graue Dame 2 „Ohl das iſt die große Sache der zweiten Abthei⸗ lung, die Sie heute Abend leſen werden. Suchen Sie um Mitternacht hiebei zu ſein, und Sie werden mir ſagen, ob ich es verſtehe, in Scene zu ſetzen.“ „Ahl ich ſehe, Sie kennen das Handwerk, und wenn Sie mir nach dem Beiſplele Ihres Vorgängers fünfzig Briefe ſchreiben wollten, ſo würde mir das einen zweiten Pfarrer von Aſhbourn geben.“ „Gut! damit Sie, wie der würdige Doctor Petrus: „»Zu leſen, wenn ich Zeit haben werde!“« darauf ſetzen würden!“ „Ohl ſeien Sie unbeſorgt, ich werde Ihnen nicht den Poſſen ſpielen, daß ich erſt mit hundert Jahren weniger acht Tage ſterbe.“ „Hm! Sie ſind ganz gebaut, um an der Auszeh⸗ ung zu ſterben!“. 3 ch ſtand lachend auf, küßte Madame Regnier die Hand, umarmte die Kinder und ging weg. folgende Zeilen des Manuſcripts wieder ein: 27* (* vobald ich außerhalb des Dorfes war, fielen mir „ 420 „Brauche ich Sie daran zu erinnern, mein lieber Petrus, daß ich kaum zwanzig Jahre alt war, und daß Jeannie erſt neunzehn zählte? „Wir waren im Leben weniger vorgerückt, als die Natur im Jahr: die Natur war im Monat Juni, und wir waren noch, Jeannie im April, und ich im Mai.“ Weder die Natur, noch ich, befanden ſich ganz in derſelben Lage, wie der würdige Paſtor Bemrode. Die Natur war im September, und ich, ich zählte ſechs und vierzig Jahre; die Natur und ich, wir waren ſchon auf dem weſtlichen Abhange des Lebens, der die Natur zum Winter, den Menſchen zum Grabe führt. Nun denn, vermöge der glücklichen Organiſation, die ich vom Himmel erhalten habe, und der ich es ver⸗ danke, daß das Unglück aus mir nie einen unglücklichen Menſchen hat machen können, marſchirte ich mit der Jugend der Herzens, wenn nicht mit der der Jahre, auf dem Wege, dem faſt ein Jahrhundert vorher der gute Herr Bemrode gefolgt war. Ich hatte keine Jeannie, die mich in dieſem weißen Häuschen, mit dem damals geöffneten, heute aber ge⸗ ſchloſſenen Fenſter erwartete; doch ich hatte die Poeſie, dieſe ewige Geliebte, welche eben ſo wollüſtig mit der Hand über die weißen Haare von Homer, als über die ſchwarzen von Byron ſtreicht. Woran dachte ich? an das, was mich auf meinen Neiſen oft beſchäftigt hat. Meine Freunde, diejenigen, welche ich acht Tage zuvor verlaſſen, dachten ſie an mich? Und wenn ſie an mich dachten, was that ich in ihrer Phantaſie zur gegen⸗ wärtigen Stunde? Was ich that, vermutheten ſie entfernt nicht: ich lief auf der Landſtraße einem vor fünfzig Jahren ver⸗ ſchwundenen doppelten Geſpenſte nach: dem anmuthigen Schatten von William Bemrode und von Jeannie. Bei meiner Treue! läuft nicht, wer da will, dem Schatten der Jugend und der Liebe nach? 3 —— —,„— —, d—ed A dD .5& „ 421 So wie ich auf dem Wege fortſchritt, erſchien mir das kleine Haus des Pfarrers Smith verjüngt durch einen grauen Anſtrich und die grüne Malerei ſeiner Läden. Der alte Epheu war groß geworden; doch er ſchien das Privilegium zu haben, groß zu werden, ohne zu altern. Hausſperlinge in Menge hatten ihre Wohnung hier genommen und ſchwatzten um die Wette; ohne Zweifel erzählten ſie ſich in ihrer Sprache die Creigniſſe des Tages. Als ich mich dem Hauſe näherte, öffnete ſich das viel erwähnte Fenſter, von dem das Auge des Pfarrers Bemrode ſo ſehr angezogen worden war, und es erſchien eine Frau von ſechs und zwanzig bis acht und zwanzig Jahren, welche ein einjähriges Kind in ihren Armen ſpringen ließ. Ich blieb ſtehen und ſuchte meinen Blick in das Innere des Zimmers zu tauchen. Statt des Kattuns von Jeannie bedeckte eine geſtreifte Papiertapete die Wände. Das jungfräuliche Bett mit ſeinen Vorhängen hatte einem breiten Bette mit einem Himmel, von dem Vorhänge von Baumwollenzeug herabfielen, Platz gemacht. Man hätte glauben ſollen, das Zimmer habe einen Schritt im Leben gethan und ſei von der Jungfrau⸗ ſchaft zur Mutterſchaft übergegangen. Die Mutter, als ſie einen Fremden ſah, der ſich auf den Fußſpitzen erhob, um in das Allerheiligſte des engliſchen Hauſes, das man ein Schlafzimmer nennt, zu ſchauen, ſchloß raſch das Fenſter und entzog mir die Einſicht in ihr Tabernakel. Sie würde ſehr erſtaunt geweſen ſein, hätte ich ihr geſagt, nicht ſie ſei es, die ich ſuche, ſondern die Erin⸗ nerung an ein ſchönes Kind, das dieſes Zimmer unge⸗ fähr hundert Jahre vor ihr bewohnt. Ich ging rings um das Haus. Das Gitter, von dem der Pfarrer Bemrode ſprach, war verſchwunden. Irgend ein Beſitzer hatte gethan, was ſo eben die junge 42²2 Mutter gethan: müde, die Blicke der Vorübergehenden bei ſich eindringen zu ſehen, hatte er wahrſcheinlich das Gitter verkauft und mit dem Gelde des Gitters eine Mauer bauen laſſen. Rechts vom Hauſe fand ich ein Gäßchen; orientirte ich mich geſchickt, ſo mußte mich dieſes Gäßchen zur Gartenthüre führen. Ich irrte mich nicht: nach hundert Schritten fand ich dieſe Thüre, durch welche, um auf die Wieſe zu kommen, die zwei ſchönen und munteren jungen Leute hinausgegangen waren. Die Thüre war nicht geſchloſſen, ſie war nur an ihr ſteinernes Geſims angelehnt. Ich machte ein wenig auf und ſteckte den Kopf durch die Oeffnung. Ein paar Kinder ſpielten mitten im Garten, in deſſen materieller Form ſich nichts geändert hatte. Nur, ſtatt der Frühlingsblumen, der Roſen, des ſpaniſchen Flieders und der Balſaminen, ſchaukelten ſich auf ihren hohen, biegſamen Stengeln die lebhaften Margarethen⸗ blumen, die Goldblumen, die Dahlias, dieſe reizende Importation von Amerika, welche zur Zeit von Jeannie noch unbekannt war. Als ſie mich erblickten, ſchrieen die Kinder und ente flohen. Ich hatte Luſt, ihnen nachzulaufen und ſie zu⸗ rückzuhalten; was würde man aber im ehemaligen Hauſ⸗ des Pfarrer Smith von einem Manne denken, der ſich auf die Fußſpitzen erhob, um in die Schlafzimmer zu ſchauen, und in die Gärten eindrang, um den Kindern nachzulaufen 2 Immerhin könnte ich ſagen:„Auf dem Platze, wo dieſe Kinder ſpielen, ſprach vor einem Jahrhundert ein mir befreundetes Mädchen mit den Schmetterlingen, ſang es mit den Vögeln, vermengte es ſeinen Athem mit dem Wohlgeruche der Blumen.. ich bin eingetreten, um die Spur ſeiner Füße auf dem Sande, den Durchzug ſeines Leibes in der Luft wiederzufinden!“ die Entſchuldigung würde mittelmäßig erſcheinen, ſelbſt wenn ich demüthig ωCA8Ku 8= 8 — n d 423 beifügte, ich ſei einer von den Träumern, die man Dich⸗ ter nenne. Ich zog alſo die Thüre an mich, und nach zehn Schrit⸗ ten befand ich mich auf der Wieſe, auf der kühlen, ſchat⸗ tigen Wieſe, mit einer Generation von Bäumen, welche ſicherlich anders als die, die Jeannie am Arme von Bemrrode hatte vorübergehen ſehen, aber immer noch aus Erlen und Zittereſpen beſtehend. Ich erkannte die Weidenalleen. Oh! dieſe Weiden mußten dieſelben ſein, wenn ſie nicht etwa noch bucke⸗ liger, verkrümmter, ausgehöhlter waren, als um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts. Die abgelaufenen hundert Jahre hatten ſie nicht getödtet, doch dieſe hun⸗ dert Jahre hatten ſie ein wenig alt gemacht; ſie waren etwas kahler und runzeliger, als da Jeannie und der Pfarrer Bemrode ſich unter ihrem Schatten gelagert hatten. Ich ſuchte und glaubte den Platz zu entdecken, auf den ſich die jungen Leute neben einander ſetzen mußten, und ich ſetzte mich auch und ließ die Füße die Böſchung hinabhängen, daß ſie beinahe den Bach berührten, der ſo waſſerreich, ſo durchſichtig, ſo murmelnd, als an dem Tage, wo er ihr doppeltes Bild wiederſpiegelte. Vor mir breitete ſich die duftende Wieſe aus, die Heuſchober waren davon weggenommen worden, doch man konnte noch die Stelle ſehen, wo ſie ſich erhoben. Es ſtand mir frei, zu glauben, dieſe kürzlich in die Scheune eingebrachten Heuſchober ſeien dieſelben gewe⸗ ſen, auf denen die Augen der beiden jungen Leute ver⸗ weilt hatten, und deren ſcharfe Gerüche im Manuſcripte meines Wirthes bezeichnet geblieben ſind. Warum war es nicht im letzten Monat Juni, daß Jeannie und Wil⸗ liam ſich dahin geſetzt hatten, wo ich ſaß, Jeannie einen Strauß von Blumen ihres Gartens gemiſcht mit Feld⸗ blumen bindend, William, mit niedergeſchlagenen Augen, nach und nach ſeine Liebe geſtehend? Dieſer Gedanke gewann eine ſolche Feſtigkeit in 424 meinem Geiſte, daß ich umher ſchaute und ſuchte, ob ich nicht in der Ferne unter den Weiden oder in der Tiefe einer Gruppe von Zittereſpen das junge Mädchen mit dem Strohhute und dem blauen Gürtel, den jungen ann mit dem ernſten Gange und dem dunkelen Kleide erblicke. Ich ſtieß einen Seufzer aus bei dem Gedanken, daß Beide nur noch in meiner Einbildungskraft exiſtirten. Dann, da die Sonne, am Horizont niederſinkend, den zitternden Gipfel der hohen Pappelbäume vergoldete, ſtand ich auf, ſchritt über die Wieſe hin und kehrte all⸗ mälig nach Aſhbourn zurück. an muß in den Wäldern und auf den Bergen erzogen worden ſein, dann fünf und zwanzig Jahre mitten unter dem Geräuſche der Städte, unter dem Tumulte der Revolutionen, unter den Stürmen des literariſchen Lebens zugebracht haben, um zu wiſſen, was Alles von ſüßen Erinnerungen, von jugendlicher Beſchwörung, von Kindheitsdüften in einem Gange iſt durch die fetten Wieſen der Grafſchaft Derby, an einem ſchönen Abend am Anfange des September, wenn die Sonne an der ſilbernen Ruckſeite der Zittereſpe hingleitet, wenn die Amſel aus den Büſchen hervorkommt, umherhüpft, ſcheu wird und pfeifend entfliegt, wenn man den letzten Ge⸗ ſang der Grasmücke unter dem Weißdorn und das Zir⸗ pen der im Graſe verborgenen Grille hört. So kam ich, ohne daran zu denken, wieder zu den erſten Häuſern von Aſhbourn. 4 Hier blieb ich ſtehen, um einen letzten Blick auf die Landſchaft zu werfen, die ich durchwandelt hatte. 3 Es läßt ſich nichts Milderes, Ruhigeres und Rei⸗ zenderes vorſtellen, als dieſer Anblick. Er erſtreckte ſich über die ganze Länge eines wenig tiefen Thales, in dem ſich ein kleiner Fluß hinzog, der in einer der letzten Widerlagen der Cheviots⸗Berge ent⸗ ſpringt, welche unter den Strahlen der untergehenden Sonne gegen Schottland hinlaufen, wie eine Schaar 425 ſcheu gewordener Büffel. Der Fluß ſchien Goldplättchen mit ſich zu führen; auf jeder von ſeinen Seiten entrollten ſich große ſmaragdgrüne Wieſen, in deren Mitte ſich Pappel⸗ bäume erhoben, welche Gruppen von Häuſern mit rothen Dächern und blauem Nauche beſchatteten; von allen Theilen ſtieg ein durchſichtiger, azurner Dunſt empor, hinter dem, in der Ferne des Thales, die Weiden, zerzauſten Geſpen⸗ ſtern ähnlich, ſich zu verlieren anfingen; in einiger Ent⸗ fernung ſpielte ein Schäfer die Sackpfeife. Die Glocke ertönte ſechsmal mit einer ungleichen und, ſo zu ſagen, hinkenden Modulation. Es war drei Viertel auf acht Uhr. Die Landſchaft verdüſterte ſich ſchon; es war Zeit, zu meinem Wirthe zurückzukehren. Ich eilte nach dem Pfarrhauſe, wo mich das Ehe⸗ paar erwartete, um den Thee zu nehmen. VII. Ende der Geſchichte der erſten Geſchichte. Eine Stunde nach meiner Rückkehr in's Pfarrhaus war ich in dem Stübchen einquartiert, das der arme Bemrode mit Mühe und Sorge mit ſeinen Fresken ge⸗ ſchmückt hatte.. Ach! vergebens ſchaute ich umher; ein unbarmher⸗ ziger Nachfolger,— der Neffe des Rectors wahrſchein⸗ lich,— hatte dieſe koſtbaren Zeichnungen, welche unver⸗ ſehrt zu finden mich ſo glücklich gemacht haben würde, mit einer erſten Tapete bedeckt, welche je nach dem Ge⸗ ſchmacke der Beſitzer ſeit jener Zeit und während der vier Generationen von Pfarrern, die dieſes Zimmer be⸗ 426 wohnt, wenigſtens vier verſchiedenen Tapeten hatte Platz machen müſſen. Ich konnte dem Verlangen, das Fenſter zu öffnen und unter allen dieſen Lichtern das zu ſuchen, welches aus dem ehemaligen Zimmer von Jeannie kam, nicht widerſtehen; doch ich mochte immerhin die Finſterniß mit meinem Blicke durchgraben, ohne Zweifel waren die Läden geſchloſſen, denn das Fenſter blieb dunkel. Nach einer Viertelſtunde verlor ich die Geduld; überdies hatte ich den zweiten Theil des Manuſeriptes zu leſen. Dieſes Manuſeript lag da, auf dem Tiſche, gerade an dem Orte, wo aller Wahrſcheinlichkeit nach die erſten Briefe des guten Pfarrers Bemrode geſchrieben wurden. Ich verſicherte mich, daß die Geſchichte der grauen Dame vollſtändig war: dann legte ich mich zu Bette, und mit der ruhigen Wolluſt eines Menſchen, der ſich nach einem Tage der Strapazen auf einer guten Matratze zwiſchen zwei Leintüchern findet, begann ich meine Leſung. Ich geſtehe meine Vorliebe für die Geſchichten, in denen die Geiſter eine Rolle ſpielen: ich habe die Auf⸗ regung, ohne die Furcht zu haben; ich glaube an Er⸗ ſcheinungen, und wer meine Denkwürdigkeiten geleſen hat, weiß, warum. Es war mir alſo leichter, als einem Andern, mich an den Platz des Pfarrers Bemrode der unſeligen Erſcheinung gegenüber zu verſetzen. Es ſchlug Mitternacht, als ich zu der Stelle kam, wo der würdige Pfarrer in das zugemauerte Zimmer eindringt. Man ſieht, daß mein Wirth nach ſeinen Wünſchen bedient war. Die Leſung beſchäftigte mich bis um zwei Uhr Mor⸗ gens; um zwei Uhr war ich, ſehr wider meinen Willen, genöthigt, mich vom Pfarrer, ſeiner Frau und ihren Zwillingen zu trennen. Ich hatte Alles bis auf die letzte Zeile verſchlungen. — — — ◻»8ʃ ——2— 427 Es erfaßte mich eine ungeheure Luſt, aufzuſtehen und meinen Wirth zu wecken. Ich ſtarb vor Verlangen, zu erfahren, auf welche Art ſich die zweite Geſchichte entrollte, und ob die Vorherſagung in Erfüllung ging oder nicht in Erfüllung ging. Ich bedachte indeſſen, dieſer Schritt wäre unbeſchei⸗ den, und durch Raiſonnements gewann ich es über mich, bis zum andern Tage zu warten, um ſo mehr, als, da es ſchon zwei Uhr Morgens, dieſer andere Tag derſelbe Tag war. Gleichwohl entſchlummerte ich; während meines Schlafes beſchwor ich aber alle Brudermorde des Alter⸗ thums herauf: Eteokles und Polynikes, Romulus und Remus, Timoleon und Timophanes, und mit Hülfe von allen dieſen Fabeln baute ich eine Fabel, die mir, ſo lange ich ſchlief, herrlich und höchſt ſinnreich dünkte, welche aber, als ich erwachte, in einen ungreifbaren Rauch verſchwand, um mich dem Nichts gegenüber zu laſſen. Zum Glücke war es heller Tag. Ich ſtand auf, ohne daß es mir einfiel, mein Fen⸗ ſter zu öffnen und das Fernrohr meines Wirthes zu be⸗ nützen; die Richtung meines Geiſtes war völlig verän⸗ dert. Was ich zu ſehen Luſt hatte, war das Pfarrhaus von Waſton mit ſeinen grünlichen Mauern, ſeinem feuch⸗ ten Hofe, ſeinem langen Garten, ſeinem ungeheuren Ebenbaume mit den gekrümmten Wurzeln; was ich zu erfahren Luſt hatte, war die Geſchichte von William John und von John William. In einem Nu war ich auch angekleidet und im Stande hinabzugehen. Herr und Madame Regnier waren längſt aufge⸗ ſtanden. Madame Regnier beſchäftigte ſich mit dem Frühſtücke; Herr Regnier war ausgegangen, um bei zinen von ſeinen kranken Pfarrkindern einen Beſuch zu machen. Ich pflanzte mich auf der Schwelle des Pfarrhauſes 428 auf und befragte mit den Augen die drei Gaſſen, welche nach demm Platze mündeten, auf dem ſich das Pfarrhaus erhob. Bald erblickte ich meinen Wirth am Ende von einer dieſer Gaſſen; ich machte ihm alle mögliche Zeichen mit der Hand; aber ſah er mich nicht oder hielt er es nicht ſeiner Würde angemeſſen, ſeinen Gang zu beſchleunigen, er verfolgte ſeinen Weg mit demſelben Schritte. Ich begriff nun Mahomed, der, da er ſah, daß der Berg aus böſem Willen nicht zu ihm kam, ſich ent⸗ ſchloß, zum Berge zu gehen. Der junge Pfarrer blieb rechts und links auf der Schwelle der Häuſer ſtehen, fragte, plauderte, lächelte, ſtellte ſich beſonders, als ſähe er mich nicht, und ergötzte ſich innerlich an ſeinem Triumphe. Endlich erreichte ich ihn. „Ah! Sie da, mein Gaſt a ſagte er zu mir.„Ha⸗ ben Sie gut geſchlafen 2« „Sehr ſchlecht.« „Bah!... War Ihr Bett ſchlecht?⸗ „Nein.« „Sind Sie ſo unvorſichtig geweſen, Ihr Fenſter offen zu laſſen 2« „Nein.“ „Sollten die Katzen auf dem Speicher ſpielend Lär⸗ men gemacht haben 2 eh„Nein; ich hatte das Verlangen, Sie wiederzu⸗ ehen.“ „Das iſt liebenswürdig; doch nicht allein, um mich zu ſehen, hatten Sie das Verlangen, mich wiederzu⸗ ſehen?« „Nein... Ich habe Alles geleſen...« „Alles!... bis zum Ende 2 „Bis zum letzten Satze.. bis zu den Worten: „„Wer könnte glauben, der Eine von dieſen zwei Engeln werde einſt Kain heißen 2ℳ. „Nun 2 — — —— + 429 „Nun, ich will wiſſen, was aus William John und John William geworden iſt.“ „Ei!... ich weiß es nicht...« „Wie! Sie wiſſen es nicht? „Nicht ein Wort davon.“ „Ah! ah!« „Habe ich Ihnen nicht erzählt, auf welche Art die Briefe des Pfarrers Bemrode in meine Hände gera⸗ then ſind?« „Doch!« „Nun wohl, ich weiß von der Geſchichte des Pfar⸗ rers Bemrode Alles, was er davon an den Doctor Pe⸗ trus Barlow geſchrieben hat, und nicht ein Wort mehr. Die folgenden Ereigniſſe ſind, wie ich glaube, an andern Orten vorgefallen, in Liverpool, in Milford, ſogar in Amerika.“ „Was iſt dann in Beziehung auf das Ende zu thun? „Was Sie in Beziehung auf den Anfang gethan haben: die Orte beſuchen, wo die Ereigniſſe vorſielen, die Leute befragen, welche, durch Ueberlieferung, im Stande ſind, ſie zu kennen.“ „Aber, alle Teufel! ich kann doch nicht bis Amerika gehen, um die Fortſetzung Ihrer Geſchichte zu erhalten! Ich würde ſie lieber ſelbſt machen.“ „Das iſt ein letztes Mittel, welches Ihnen nie feh⸗ len kann, und zu dem die Zuflucht zu nehmen es immer noch Zeit ſein wird.“ »Und Sie können mir keine Auskunft über die Nach⸗ forſchungen geben, welche anzuſtellen ſind 2 „Keine.. Dieſe Geſchichte iſt mir ſo fremd, als ſie es Ihnen ſelbſt iſt. Der Zufall hat den erſten Theil davon in meine Hände geführt. Das iſt Alles. Ich gebe Ihnen denſelben; mehr kann ich nicht thun: neh⸗ men Sie ihn? „Ich glaube wohl, daß ich ihn nehme!... Nur entſchuldigen Sie mich.. ich muß eiligſt abreiſen.“ 43³⁰ Der Pfarrer zog ſeine Uhr aus ſeiner Taſche. „Es iſt halb acht Uhr,“« ſagte er;„der Zug kommt um neun Uhr in Cheadle vorüber. Sie haben Zeit, zu frühſtücken und mit dem Zuge um neun Uhr abzu⸗ gehen.“ „Kehren wir alſo in Ihr Haus zurück. Doch warten Sie..« „Was denn? „Wir muſſen unſere Bedingungen feſtſetzen.“ „Welche Bedingungen?« „Sie können mir nicht ſo ganz einfach ein Geſchenk von ſechs Bänden machen.“ „Gut! warum nicht 2c. „»Nein.. Ich biete Ihnen kein Geld, obſchon ich denke, daß dies noch das Einfachſte wäre; doch Sie wün⸗ ſchen ſich wohl etwas Anderes 2 4 „Sie haben meine Frau und meine beiden Kinder geſehen... Was ſoll ich mir wünſchen 2 „Ihre Frau wünſcht ſich aber vielleicht Etwas?“ „Ohl Sie haben Recht: Sie hegt ein Verlangen...« „Teufel! wohl aufgepaßt! Etwas, was ihr Mann ihr nicht hat geben können! werde ich hiezu reich und mächtig genug ſein 2« »Oh! ja, beruhigen Sie ſich, es handelt ſich um.. Gehen Sie bald nach Italien 2 „Ich gehe immer nach Italien; nur ſage ich Ihnen zum Voraus, wenn es Indulgenzen ſind, was Sie zu haben wünſchen,— ich ſtehe ziemlich ſchlecht mit dem neuen Papſte.“ „Nein. Als proteſtantiſcher Geiſtlicher habe ich wenig Vertrauen zu dieſem Zweige des römiſchen Han⸗ els.“ „Was iſt es denn 2 „Ein Strohhut von Florenz.“ „Ah! was das betrifft, das übernehme ich: der ſchönſte von Toscana wird für Madame Regnier ſein.“ „St! ſprechen Sie leiſe. Hier kommt ſie.“ & SAASASAOS—„¼·ↄ/ 431 „Sie wollen ihr eine Ueberraſchung bereiten..ich verſtehe.“ „Nein.“« „Dann verſtehe ich nicht.“ „Sie dürften nur das Verſprechen vergeſſen... „A table, messieurs!“ rief unſere Wirthin, die dieſe drei Worte franzöſiſch wagte. Ich frühſtückte die Augen auf die Pendeluhr ge⸗ heftet. z Ein Viertel nach acht Uhr ſtand ich auf. „Mein lieber Wirth, Sie ſind Franzoſe,“ ſagte ich zum Pfarrer,„und in dieſer Eigenſchaft kennen Sie das älteſte von unſeren Sprüchwörtern, denn es geht auf König Dagobert zurück:„„Die Geſellſchaft mag ſo an⸗ genehm ſein, als ſie will.. ℳ. „Ohl Sie ſind von der unſern noch nicht befreit.“ „Wie ſo 2 „Wir führen Sie bis Cheadle und verlaſſen Sie erſt auf der Eiſenbahn.“ 1 Und er zeigte mir einen kleinen unbedeckten Wagen, der vor der Thüre wartete. „Bravo! das heiße ich die Gaſtfreundſchaft, ver⸗ ſtehen!« „Nein, das heißt, das Leben verſtehen. Wir pro⸗ teſtantiſchen Pfarrer ſind nicht wie Ihre katholiſchen Geiſtlichen, die ſich Entbehrungen über Entbehrungen, Kaſteiungen über Kaſteiungen auferlegen; wir betrachten das Leben nicht als eine Bewilligung, ſondern als ein Geſchenk Gottes: wir glauben, daß der Herr ſagt, indem er es uns gibt:„„Ich ſchenke Euch, was ſich Schönſtes auf der Welt findet, macht daraus, was es Süßeſtes gibt!“« Dann empfangen wir jedes Vergnügen, das er auf unſern Weg legt, wie einen Engel, der im Auf⸗ trage des Herrn zu uns kommt, und ſtatt ihn durch unſere traurige, mürriſche Miene zu verſcheuchen, ſuchen wir ihn an unſere irdiſche Atmoſphäre durch alle Arten von Liebkoſungen und Zuvorkommenheiten zu acclimati⸗ 43² ſtren. So, zum Beiſpiel, heute Morgen, als ich ſah, daß das Wetter ſchön war, traf ich Anſtalten zu dieſer Fahrt. Das war ein Mittel, Sie länger zu haben und meinen Kindern und meiner Frau einen halben Tag Luft, Sonne und Blumen zu geben.“ „Herr Regnier, Sie verſtehen das Leben ſo gut, daß Sie den Tod bewunderungswürdig verſtehen müſſen. Glücklich ſind diejenigen, denen Sie leben helfen; glück⸗ lich beſonders diejenigen, welchen Sie ſterben helfen.« Ich ſchaute nach der Uhr. e oi haben nur noch fünf und dreißig Minuten,“ agte ich.’ „Das iſt fünf Minuten mehr, als wir brauchen. Gleichviel! kommen Sie le „Aber mein Koffer?« „Er iſt im Wagen.“« „Aber das Manuſcript?« „Es iſt im Koffer.“ „Ah! Sie ſind, wie Sie ſo eben ſagten, der Mann der Zuvorkommenheiten! und es wundert mich nicht mehr, daß das Glück bei Ihnen bleibt.“ Wir ſtiegen in den Wagen und fuhren ab. Eine halbe Stunde nachher waren wir auf der Station. In dem Augenblicke, wo wir den Fuß auf den Bo⸗ den ſetzten, hörten wir den ſcharfen, gedehnten Schrei, den die Locomotive von ſich gibt, um die Reiſenden, welche ſie erwarten, von ihrer Ankunft zu benachrich⸗ tigen. Sie erſchien in der That bei der Biegung des Weges raſch heranrückend und einen rieſigen Helmbuſch von Rauch ausſtrömend. 8 „Auf,“ ſprach mein Wirth,„umarmen Sie meine Frau, meine Kinder, geben Sie mir einen Händedruck und ſagen Sie uns Lebewohl.“* „Warum Lebewohl?« 433 „Weil ich es nicht wage, Sie zu bitten, uns:„„Auf Wiederſehen 1«⁴³. zu ſagen.& „Ach! Sie haben Recht: Auf Wiederſehen, das iſt die Lüge; Lebewohl, das iſt die Wahrheit.« er Zug war angekommen und die Stationschefs riefen den Reiſenden. er Pfarrer näͤherte ſich einem von den Menſchen, welche die Schläge öffnen, und ſagte ein paar Worte leiſe zu ihm. „Yes!e antwortete ihm dieſer, indem er meinem Wirthe durch einen Wink bedeutete, er möge ihm folgen. „Was haben Sie von ihm verlangt?“ fragte ich. „Ob er nicht einen Waggon habe, wo Sie allein ſein könnten. Ich weiß nicht, warum, doch ich glaube, daß in dieſem Augenblicke Ihre Stimmung für die Ein⸗ ſamkeit iſt.“ Der junge Pfarrer lächelte und rief ſeine Frau und ſeine Kinder herbei. Seine Frau bot mir ihre weiße, reine Stirne zwi⸗ ſchen zwei Büſcheln goldener Haare, wie es eine Schwe⸗ ſter bei ihrem Bruder gethan hätte; die zwei Kinder boten mir ihre runden, roſigen, friſchen Backen, wie ſie es einem Freunde gethan hätten; Herr Regnier und ich, wir warfen uns einander in die Arme. Endlich gab die Pfeife des Zugmeiſters das Zeichen zur Abfahrt. Ich ſprang in den Waggon; der Schlag unter und legte mich mit dem halben Leibe aus der Oeffnung, um noch einmal dieſe Freunde vom vorher⸗ gehenden Tage zu ſehen, die ich mit mehr Betrübniß verließ, als viele alte Freunde. So lange ich ſie ſehen konnte, winkte ich ihnen mit Der Pfarrer von Afhbourn. II. 28 43³⁴ der Hand, der Mann und die Frau antworteten mir mit ihren Taſchentüchern, die Kinder ſandten mir Küſſe zu. Nach fünf⸗ bis ſechshundert Schritten aber machte die Bahn eine Biegung, und Alles verſchwand. Drei Stunden nachher war ich in Liverpool. Da nun das, was ich weiter zu erzählen habe, die natürliche Vorrede der Geſchichte iſt, die zu leſen bleibt, ſo erlaube man mir, dieſe Erzählung erſt in dem Augen⸗ blicke wiederaufzunehmen, wo die Convenienzen meines Verlegers und beſonders die meinigen den Kindern die Blätter des Buches, das ſich ſo eben hinter dem Vater und der Mutter geſchloſſen hat, wieder öffnen werden. Das belletriſtiſche Ausland wird ſich beeilen, die hie⸗ mit verſprochene zweite Abtheilung des Pfarrers von Afh⸗ bourn ſogleich nach ihrem Erſcheinen ſeinen Leſern in der Ueber⸗ ſetzung zu bieten.