ibliot 3 von... Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 4 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe zines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 5 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:„. 8 ☛e E ᷣ für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— 2 4 auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Nrk. Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher Anamentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. V ——=— 8 4 — *2 Der Pfarrer von Aſhbourn. Alexander Dumas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Zoller. Erſtes bis viertes Bändchen. — 424 64— Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1854. Druck der K. Hofbuchdruckerei Zu Guttenberg in Stuttgart. J. Der große Pope. An den Herrn Petrus Varlow, Profeſſor der Philoſophie an der Univerſttät Cambridge. Aſhbourn, bei Nottingham, 5. April 1754. „ Werrheſter Collega! Laſſen Sie mich Ihnen dieſen freundſchaftlichen Titel eines Collega geben, geliebter Petrus, denn meiner Anſicht nach gebührt Ihnen dieſer Titel, obgleich Sie ein gelehrter Doctor der Philoſophie ſind, während ich nur ein einfacher Dorfpfarrer bin. Sie haben die Sorge für die Leiber, wie ich die Sorge für die Seelen habe; ich bereite zum Sterben vor, Sie aber bereiten zum Leben vor, und Gott allein weiß, wer von uns Beiden die heiligere Sendung erfüllt.. Es begegnet mir allerdings zuweilen, mein lieber Collega, daß ich genöthigt bin, zu verbeſſern, was Sie gethan haben. Ihre unglückliche Philoſophie neigt ſich immer ein wenig auf die heidniſche Seite, und ich bin oft berufen, anzuerkennen, daß, obgleich die Jlias und die Bibel, der Phädon und das Evangelium ſehr ſchöne und beſonders ſehr beredte Dinge ſind, die Ilias und die Bibel ſich zuweilen widerſprechen; der Phädon und das Der Pfarrer von Aſhbourn. I. 1 2 Evangelium ſtimmen nicht immer mit einander überein. Und Sie begreifen, mein lieber Petrus, wenn ſolche Oppoſitionen hervortreten in meiner Gegenwart, ſo ver⸗ möchte ich nicht zuzugeben, der Phädon oder die Ilias haben Recht. Aber, wie Sie mir in Ihrem letzten Briefe ſagten, trotz der Diſſidenzen zwiſchen den Autoren, die wir erläutern, und den Dingen, die wir bekennen, wollen wir hoffen, daß es einen Punkt auf der Straße gibt, auf welchen unſere zwei Wege, ſo ſehr ſie zu divergiren ſcheinen, eines Tags auslaufen werden. Dieſer Punkt iſt der Glaube an die ewige Gerechtigkeit, und beſſer noch, an die göttliche Barmherzigkeit, welche uns Bei⸗ den, dafür ſtehe ich, mein lieber Petrus, Rechnung tragen wird für die guten Abſichten, ohne zu große Schwierigkeiten bei denjenigen von unſern Fehlern oder Irrthümern zu machen, welche aus der menſchlichen Schwäche entſpringen würden. Bis es dem Herrn gefällt, über uns in der Welt zu verfügen, welche nach der unſern folgen ſoll, wid⸗ men wir uns in dieſer, jeder ſeinerſeits, einem Studium, das beim erſten Anblick und mit einem oberflächlichen Auge geſehen, daſſelbe ſcheinen dürfte, während es dem Fhiloſopben und dem Denker bedeutende Unterſchiede ietet. Sie, mein lieber Petrus, Sie ſtudiren den Men⸗ ſchen, und ich, ich ſtudire die Menſchen. Möchte es Ihnen Ihrerſeits mehr glücken, als es mir meinerſeits geglückt iſt, beſonders bei meinen De⸗ buts im Leben. Dieſes Studium des Menſchen, das heißt des Men⸗ ſchengeſchlechts durch die Individuen, wünſchen Sie nun an mir zu machen, wie Sie es an den Andern gemacht haben. In Ihrer Nachſicht gegen den armen Pfarrer behaupten Sie, ich habe einige gute Eigenſchaften; hierauf antworte ich dadurch, daß ich mich großer Feh⸗ —-————— 6Qᷣ—— 3 ler bezüchtige. Um ſich eine poſitive Meinung zwiſchen unſern verſchiedenen Meinungen zu verſchaffen, verlangen Sie, daß ich mich vor Fefdlugen ausſtelle, wie ich aus den Händen des Schöpfers hervorgegangen bin,— solus, pauper et nudus; gut, ich will von meinen Schul⸗ tern den Mantel des Demüthigen gleiten laſſen, durch deſſen Löcher man oft das Herz des Hoffärtigen ſieht. Machen Sie ſo langſam und ſo neugierig, als Sie wollen, die Runde um meine arme Perſon, ich werde es nicht verſuchen, einen einzigen von meinen Fehlern, eine einzige von meinen Lächerlichkeiten vor Ihnen zu verbergen; denn ich hoffe, Gott wird mich um ſo höher erheben, je tiefer ich mich erniedrigt habe. Ich bin geboren 1728 im Dörſchen Beeſton, wo mein Vater Pfarrer war. Meine Mutter war die Toch⸗ ter eines Hochbootsmanns von der Handelsmarine, wel⸗ cher drei Jahre vor meiner Geburt in einem Sturme umkam, wobei das Schiff, auf dem er diente, und in dem er ſein Gepäck hatte, verſank. Alles war alſo mit ihm verloren, mit Ausnahme eines vortrefflichen See⸗ fernrohres, welches er einem ſeiner Freunde geliehen hatte, und dieſer Freund, da er nicht wußte, wann mein Vater unter Segel gehen ſollte, brachte es erſt zwei Tage nach ſeiner Abreiſe zurück. Ich bezeichne dieſen Umſtand, weil genanntes Fern⸗ rohr eine bedeutende Rolle in meinem Leben ſpielt. Was aber mein Vater in der Frau ſuchte, die er mit ſeinem Geſchicke verbinden wollte, das waren die Eigenſchaften, welche das wahre Leibgedinge der Gattin und die fromme Mitgift der Mutter bilden. Der Man⸗ gel an Vermögen konnte ihn nicht zurückhalten; er nahm meine Mutter arm, verwaiſt, kurz ſo, wie das Unglück ſie gemacht hatte, und das einzige Geräthe, das ſie in die Gemeinſchaft brachte, als ſie mit dem Gattin⸗ titel über die Schwelle des Pfarrhauſes ſchritt, war dieſes vortreffliche Fernrohr, das man Ahrſrchts vaſ — 4,4☛ 4 —2 über dem Kamine, als, an⸗ dem geachtetſten und am meiſten in die Augen fallenden Orte des Hauſes, auf⸗ hing. 6 So jung ich war, mein. Weer gab mir ein ſchönes Beiſpiel: er war ſeſt, muthig, aufrichtig, mild gegen die Armen, aber wenig ſchonend gegen die Vornehmen und die Reichen, denn er behandelte ſogar den Edel⸗ mann des Dorfes ſtrenger, als den Bettler, der ihn vor der Kirchthüre erwartete und die Hand gegen ihn aus⸗ ſtreckte, und den er nie ohne ein Almoſen und einen Rath, oder eher mit dem erſten allein, als mit dem zweiten ohne das erſte wegſchickte; er dachte in dieſem Falle, es ſei durchaus nicht nöthig, daß auf ein Almo⸗ ſen ein Rath folge, während der Rath ohne das Almo⸗ ſen ſehr mager und dürr ſei. Das Reſultat dieſer un⸗ parteiiſchen Gewohnheit und dieſes unbeugſamen Ernſtes war, daß er von einem Theile ſeiner Pfarrgenoſſen ge⸗ liebt und vom andern geachtet wurde. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß die Armen es waren, die ihn liebten. Bei mir war es nicht einfach Liebe, was ich für meinen Vater fühlte, es war Ehrfurcht; mehr als Ehr⸗ furcht: Bewunderung! Ich betrachtete ihn als ein erha⸗ benes Geſchöpf, als ein Weſen über der Menſchheit, und ich würde es nie gewagt haben, meine Lippen auf die Wangen oder nur auf die Hände dieſes würdigen Man⸗ nes zu drücken, hätte er mich nicht dazu durch eine Einladung ermächtigt, welche zuweilen, um befolgt zu werden, beinahe in die Form eines Befehles gekleidet werden mußte. Als ich eines Tags auf einem Teppich zu den Füßen meiner Mutter lag, trat mein Vater, einen Brief in der Hand haltend, ein. Sein Geſicht ſtrahlte, und es war leicht zu ſehen, daß ihm dieſer Brief eine große Nachricht brachte. In der That, ein Verwandter, den wir in South⸗ RðN2D q—— — A — A —— RX 8 a⸗ ₰. ie — — 8 ne zu det den nen te, ine th⸗ 5 well hatten, kündigte meinem Vater an, der berühmte Pope, der ein Kamerad eben dieſes Verwandten auf der Univerſität Orford geweſen war, werde auf der Reiſe nach York am folgenden Donnerſtag bei ihm einſprechen. Er lud dem zu Folge meinen Vater, der ihn über zehn Jahre nicht mehr geſehen, ein, dieſe Gelegenheit zu benützen, um ihn zu beſuchen und zu gleicher Zeit Bekanntſchaft mit dem Verfaſſer des Verſuches uͤber den Menſchen und der Dunciade zu machen. Dieſe Einladung var es, was meinen Vater ſo freudig ſtimmte. Ich fragte, wer Pope ſei. „Der Verfaſſer des Buches, das Du in den Händen hältſt,« antwortete mir mein Vater. Mein Vater hatte mir wirklich kurz vorher die Ueberſetzung der Ilias vom berühmten Autor geſchenkt, ein Buch geſchmückt mit herrlichen Kupferſtichen, welche an meiner Bewunderung ebenſo viel Antheil hatten, als der Text. Als ich vernahm, mi dem Manne, der die ſchönen Verſe geſchrieben, die ich auswendig wußte, ſei mein Vater zum Mittageſſen eingeladen, rief ich: „Und ich auch, nicht wahr, mein verehrter Vater, ich werde auch mit Ihnen gehen?« „ Ja, gewiß,“ antwortete mein Vater, bei dem ich in dieſem Augenblick die Flamme der Begeiſterung glän⸗ zen ſah;„ja, mein Sohn, man ſoll nicht ſagen, ich habe Gelegenheit gehabt, Dich den größten Dichter des Jahrhunderts ſehen zu laſſen, und ich habe dieſe Gele⸗ genheit nicht benützt.“ Ich ſprang auf und klatſchte in die Hände; doch in demſelben Augenblick hielt ich ganz beſchämt wieder inne; es begegnete mir zum erſten Male, daß ich mich einer ſolchen Ausſchweifung in Gegenwart meines Va⸗ ters überließ. Aber, war nun mein Vater ſelbſt aus allen ſeinen Gewohnheiten hinausgeworfen, oder hatte er die Bewe⸗ gung, die ich gemacht, nicht bemerkt, er gab mir keinen Verweis und ſagte nur zu meiner Mutter: „Auf! Frau, wir müſſen uns mit dieſer Reiſe be⸗ ſchäftigen.“ Wir hatten indeſſen noch drei Tage vor uns und nur zwanzig Meilen zu machen*). Doch das Ereigniß war ſo unerwartet, das Ziel ſo herrlich, daß während dieſer drei Tage von nichts An⸗ derem mehr im Hauſe geſprochen wurde. Die ganze Toilette mieines Vaters wurde gemuſtert; man machte ein Päckchen aus ſeinem ſchönſten Rocke und ſeiner ſchönſten Hoſe, Beides von ſchwarzem Sammet; man hütete ſich wohl, ſeine ſeidenen Strümpfe und ſeine Atlaßweſte zu vergeſſen; man rieb die ſilbernen Schnal⸗ len ſeiner Schuhe, bis ſie glänzten wie Spiegel: und meine Mutter, die ſich für die Ehre ihres Gatten auf⸗ opferte, machte ihm ein Jabot und Manchetten von einem prächtigen engliſchen Spitzenkragen, den ſie von ihrer Mutter geerbt, und den ihre Mutter von ihrer Großmutter hatte. Ich, für meine Perſon, erhielt ein ganz neues ka⸗ ſtanienfarbiges Kleid. Dasz war eine Verſchwendung, welche keine Vorgänge hatte, und auch keine Nachfolge in ſeinem Leben, wie in dem meinigen haben ſollte. Zehn Perſonen vom Dorſe und ſogar von der be⸗ nachbarten Stadt boten nieinem Vater ihren Wagen für dieſe große Reiſe an; in einem Augenblick von Citel⸗ keit war mein Vater nalze daran, die Caroſſe des Guts⸗ herrn anzunehmen, gegen deſſen Hoffart er zuweilen auf eine allerdings verblünzte, dabei aber doch ſo klare Weiſe, daß Niemand, nicht einmal er ſelbſt, ſich täuſchen konnte, gepredigt hatte; wurde er aber nun durch den Gedanken zurückgehalten, das Anerbieten habe keinen andern Zweck, als ihn, in die Sünde verfallen zu machen, *) In dieſem Buche immer engliſche Meilen. 3 7 welche um ſo verzeihlicher für den Menſchen, als der Schönſte der Engel ſie begangen hat, oder ging er aus eigenem Antrieb in ſich,— mein Vater ſchlug das An⸗ erbieten des Gutsherrn aus und nahm das ſeines Päch⸗ ters an. Am Morgen des großen Tages fanden wir alſo vor der Thüre die demüthige Carriole, die uns von Beeſton nach Southwell führen ſollte. Ich werde mich ſtets dieſer Reiſe erinnern, mein lieber Petrus! Wäre ich nach dem vom großen Geſetz⸗ geber den Hebräern verheißenen Lande abgereiſt, ich könnte nicht freudiger und ſtolzer geweſen ſein. Es ſchien auch die ganze Natur,— und zum erſten Male ſchenkte ich ihr Aufmerkſamkeit, da ich ſie ſo glän⸗ zend geſchmückt ſah,— es ſchien auch die ganze Natur ihrerſeits freudig und ſtolz zu ſein. Wie wir, hatte ſie ihr Feſtgewand angezogen: das grüne Kleid des Mo⸗ nats und den duftenden Blumenkranz. Man ſah die ganze Straße entlang nichts als Büſche von Blätter⸗ werk vom Winde geſchüttelt, als Himmelsſchlüſſel und Sinngrün, den Boden beſprenkelnd, und Vögelchen flat⸗ ternd, ſingend und nur ausruhend, um Gott zu loben, der ihnen erlaubte, mit dem Menſchen, ſeinem geliebten Sohne, dieſe Welt zu theilen, welche jedes Jahr ſo ſchön, ſo friſch, ſo wohlriechend wiedergeboren wird, daß der Menſch, weil er die Welt nicht altern ſieht, auch nicht wahrnimmt, daß er altert. In der Carriole neben meinem Vater ſitzend, den ich nicht anzureden wagte, und der, obgleich lächelnden Blickes, nicht ein Wort zu mir ſagte, wohnte ich glück⸗ lich, aber geſammelt dieſem Feſte der Natur bei; ich fühlte im Grunde meines Geiſtes den Keim aller der Ideen ſich regen, die ihn ſeitdem beſchäftigt haben, und die dieſe Maiſonne zu erwecken und ins Leben zu rufen ſchien, wie ſie es mit dem grünen Graſe, mit den weißen Margarethenblümchen und dem Sinngrün mit den azur⸗ blauen Blüthen machte. Die Vergleichung war um ſo treffender, als ich eine 8 Thräne in meinen Augen rollen fühlte, wie ich im Kelche der Blumen einen Thautropfen zittern ſah. In jedem Dorfe hielt die Carriole vor der Thüre des Pfarrers an; mein Vater ſtieg aus, ließ mich auch ausſteigen, trat bei ſeinem Collega mit mehr Geräuſch vielleicht, als es ſich für unſern demüthigen Stand ge⸗ ziemte, ein und ſagte: „Mein theurer Freund, wünſchen Sie mir Glück!“ „Und wozu?« fragte der Collega.„Schickt Ihnen Gott eine Biſchofsmütze oder iſt Ihre Frau zum zweiten Male in andern Umſtänden?« „Mein Freund, ich werde mit dem großen Pope, dem erſten Dichter Englands, der Welt und ſogar des Jahrhunderts zu Mittag ſpeiſen.“ Da erhob derjenige, an welchen er ſich wandte, die Arme zum Himmel und ſprach: „Mein Freund, Sie ſind ein glücklicher Mann!“ Und die Frauen ſagten zu ihren Kindern, indem ſie auf meinen Vater deuteten: „Meine Tochter,— oder— mein Sohn, ſchau den Pfarrer Bemrode an; er wird heute mit dem erſten Dichter des Jahrhunderts, der Welt, Englands.... mit dem großen Pope zu Mittag ſpeiſen.“ Und dann entſtand um meinen Vater ein Gemurmel neidiſcher Bewunderung, unter dem er größer zu werden ſchien, wie der Prieſter unter einer Vseihrauchwolke zu wachſen ſcheint. Und wir ſtiegen wieder ein, und immer ſchöner, immer lachender, immer verſchwenderiſcher an Wohl⸗ gerüchen, je höher ſich die Sonne am Horizont erhob, ſchien die Natur dem Reiſenden auch ichren Tribut an Glückwünſchen zu bringen. Eine Meile weiter hielt der Wagen abermals an; mein Vater ſtieg wieder aus, und dieſelbe Scene wieder⸗ holte ſich. Eine Folge dieſer hoffärtigen Stationen, die der Feind des Menſchengeſchlechts vielleicht auf ſeinen Feuer⸗ —— 9 tabletten aufzeichnete, war, daß wir, obgleich wir Mor⸗ gens um fünf Uhr von Beeſton abreiſten und der Päch⸗ ter uns ſeinen beſten Läufer gegeben hatte, beim Vetter meines Vaters erſt um zwei Ühr Nachmittags ankamen. Zum Glück war der große Pope noch nicht da. Aber gerade weil er ein wenig auf ſich warten ließ, war Alles beim Vetter in Bewegung. Dieſer Vetter, von dem ich als von einem einfachen, runden Manne hatte reden hören, war an dieſem Tage ganz aufgeblaſen vor Stolz; weiß gepudert wie ein Februar⸗ morgen, warf er den Kopf zurück, ſtieß er den Fuß vor, huſtete er, ſpuckte er aus und nahm von fünf zu fünf Minuten mit großem Geräuſche und großem Gepränge aus einer Doſe von ſächſiſchem Porzellan eine Priſe Tabak, von der drei Viertel in Casraden auf ſein ge⸗ ſtärktes, einem Hahnenkamme oder dem Rückgrathe eines Fiſches ähnliches Jabot fielen. Der Stolz, der durch ſeine ganze Perſon eingedrun⸗ gen war, verrieth ſich in ſeiner Stimme, wie in ſeinem Blicke und in ſeinen Geberden; er ſprach langſam und ernſt. . Siargin, ſagte er, indem er ſich um den Tiſch drehte,„hierhin ſetze ich den großen Pope, den berühm⸗ ten Verfaſſer der Dunciade, des Verſuches über den Menſchen und ſo vieler anderer erhabener Werke. Zu ſeiner Rechten werde ich ſitzen, zu ſeiner Linken meine Frau; ihm gegenüber mein Vetter Bemrode, und rechts und links von meinem Vetter Bemrode die ehren⸗ werthen Dechante von Newark und Cheſterfield. Die Tafel iſt rund, wie Sie bemerken, meine Herren,“ fügte er bei, indem er ſich an ſeine Gäſte wandte,„weshalb, obgleich wir zu vier und zwanzig bei Tiſche ſind, der große Pope von Jedermann geſehen und gehört werden kann.“ Dann kehrte man in den Salon zurück, wo zwei ſchöne Mädchen von ſechszehn bis ſiebenzehn Jahren Kränze von Lorbeeren, gemiſcht mit Roſen, bereit hielten, 40 welche Kränze davon zeugen ſollten, daß der große Pope gleich glücklich in der lyriſchen, wie in der leichten, flüch⸗ tigen Poeſie geweſen ſei. Bei jedem Geräuſche, das im Vorzimmer hörbar wurde, entſtand eine Revolution im Salon; Jeder ſtand auf und fragte ſeinen Nachbar voll Neugierde: „Iſt es der große Pope?“ Meine Beklommenheit war ſo groß, daß ich die Hausflur nicht verließ und, die Augen auf die Thüre geheftet, Alles bis auf mein kaſtanienbraunes Kleid über dem Manne, zu deſſen Ehren es gemacht worden, ver⸗ geſſend, aufmerkſam auf das geringſte Geräuſch, das von der Straße kam, auf die leichteſte Erſchütterung der Thüre, alle Minuten ausrief: „Mein Vetter, man klingelt!“ Oder: „Mein Vetter, man klopft!« Und während ich ſo rief, ſchlug mein Herz ſtärker, als es noch bei den wichtigſten Dingen meines Kinder⸗ lebens geſchlagen hatte. Es dünkte mir nur ganz ſon⸗ derbar, daß ich nicht Trommeln und Trompeten hörte, welche meiner Anſicht nach dieſe Feierlichkeit verkündigen mußten. Ich glaubte,— ſo viel hatte man mir vom großen Pope geſprochen!— ich müſſe einen Rieſen ein⸗ treten ſehen, der mit dem Kopfe den Plafond berühren werde, oder allerwenigſtens etwas jenen Königen Aehn⸗ liches, mit denen ich in meinen Feenmährchen Bekannt⸗ ſchaft gemacht hatte: eine prachtvolle Perſon in einem Kleide von Goldſtoff mit Demantſternen und Kreuzen wie ein vornehmer, großer Herr und mit einem Gefolge von Pagen und Livreebedienten. Plötzlich klopft man an die Thüre, doch ſo beſchei⸗ den, daß ich nicht einmal, wie ich es vorher gethan: „Man klopft!“« rufen zu müſſen glaubte. Die Thüre öffnete ſich nichtsdeſtoweniger und ge⸗ währte Eingang einem kleinen Manne von fünfzig bis zwei und fünfzig Jahren, ein wenig hinkend, ein wenig —ü — /H se O nd die re ver er⸗ as ng er, ber⸗ on⸗ te, gen om in⸗ ren hn⸗ ant⸗ nem zen olge hei⸗ an: ge⸗ bis enig 11 buckelig und mit grauem Rocke. Ich war im Begriffe, ihn hochmüthig zu fragen, was er wolle, als ich einen gewaltigen Lärmen vernahm; die Gäſte ſtürzten, der Amphitryon an ihrer Spitze, durch die Gänge und von den Treppen herbei und riefen: „Er iſt es! er iſt es! es iſt der berühmte Dichter, es iſt der große Pope! Heil dem unſterblichen, erhabe⸗ nen, univerſalen Manne!“ Und ich ſchaute umher und ſuchte, wen dieſe Leute meinten, die mir Narren zu ſein ſchienen, indeß ſie dieſen hinkenden, buckeligen kleinen Mann begrüßten und verherrlichten, der ganz verwirrt, da er einen ſo geräuſchvollen Empfang und eine ſo zahlreiche Geſell⸗ ſchaft fand, während er in das einfache, beinahe ein⸗ ſame Haus eines Freundes einzutreten geglaubt hatte, grüßte, ſtammelte und, unfähig, mit der Stimme die Gemüthsbewegung, die ihn ergriff, auszudrücken, wenig⸗ ſtens durch Geberden ſeinen Bewunderern und Bewun⸗ dererinnen zu danken verſuchte. Als die erſte Hitze der Begeiſterung gedämpft war, hielt unſer Vetter an den großen Pope— denn dieſer hinkende, buckelige, kleine Mann war wirklich er!— eine lange Rede, die er zum Voraus gemacht hatte, und von der ich mich nur erinnere, daß er ihn darin mit Homer, Virgil, Dante, Petrarca und Taſſo verglich, wobei er, wohlverſtanden, Pope den Vorzug vor dieſen fünf Dichtern, ſeinen Vorgängern, gab. Nach welcher Rede die zwei weiß gekleideten Mädchen ihre Kränze von Lorbeeren und Roſen überreichten. Pope antwortete auf die Rede nur mit ein paar Worten, küßte die zwei Mädchen und ging auf den Salon zu, gefolgt von der ganzen Geſellſchaft, welche beinahe eine Viertelſtunde brauchte, um über die Thür⸗ ſchwelle zu kommen, ſo ſehr glaubte ſich Jeder verpflich⸗ tet, mit ſeinem Nachbar Komplimente zu machen. Ich denke, Einige von den Bewunderern des großen Pope wären noch da, hätte man nicht, wie man es bei 12² den Fürſten thut, die das Haus eines Privatmannes mit ihrem Beſuche beehren, verkündigt, der berühmte Verfaſſer des Verſuches über den Menſchen ſei bedient; eine Verkündigung, welche, den durch das lange Warten geſchärften Appetit verdoppelnd, die Saumſeligen beſtimmte, ihre Höflichkeiten einzuſtellen, und die Hunge⸗ rigſten bewog, voranzugehen. Dieſe Erinnerung iſt, wie Sie aus allen Einzel⸗ heiten, die ich Ihnen gebe, erſehen können, meinem Ge⸗ dächtniſſe tief eingeprägt geblieben,— als eine der erſten Enttäuſchungen meines Lebens. Ich erwartete einen Rieſen, Etwas, was mich an den Koloß von Rhodus oder an die Statue von Nero erinnern ſollte, — und ich hatte ein hinkendes, buckeliges Männchen eintreten ſehen. Ich ſtellte mir vor, es werde ein König erſcheinen, bekleidet mit einem glänzenden Mantel und, wie geſagt, bedeckt mit Goldſtoff, der ganz von Dia⸗ mantenſtickerei funkle, und die Thüre ließ einen Men⸗ ſchen in grauem Rocke ein, den ein vornehmer Herr gewiß nicht zu ſeinem Lackei hätte haben wollen. So oft mir im Verlaufe meines Lebens ſtatt eines ungeduldig erwarteten glücklichen Ereigniſſes ein trau⸗ riges oder ſchmerzliches Abenteuer begegnete, ſo oft mir ſtatt des glänzenden, ſonnenvollen Tages, der mir ver⸗ ſprochen war, ein düſterer, regneriſcher Tag aufging, dachte ich an dieſe bei unſerem Vetter in Southwell zugebrachten Stunden; ich brachte dem Herrn dieſe neue Enttäuſchung dar und murmelte die Worte, welche ich allein verſtehen konnte, und die viele Leute in Erſtaunen ſetzten: „O großer Pope!“ Dieſer Beſuch hatte nun noch einen andern Einfluß auf mich; doch da mein Brief ſchon ſehr lang geworden, und da die r Einfluß,— wie das Fernrohr meines Groß⸗ vaters, des Hochbootsmanns,— nicht ohne Bedeutung in meinem Leben geweſen iſt, ſo erlauben Sie mir, mein lieber Petrus, von Ihnen Abſchied zu nehmen, Sie zu 1³ bitten, mich bei Ihrem Bruder, Samuel Barlow in Liverpool, in geneigtes Andenken zurückzurufen und laſſen Sie mich auf meine nächſte Epiſtel verſchieben, was ich Ihnen noch über dieſen Gegenſtand zu ſagen habe,— eine Erzählung, die, wenn ich ſie in den Raum dieſes Brie⸗ fes einſchlöſſe, natürlich eines Theils der für ſie noth⸗ wendigen Entwickelung beraubt würde. Doch ich befürchte ſehr, lieber und verehrter Col⸗ lega, daß Sie, wenn ich Ihnen mein Leben erzählt und geſagt habe, was Sie zu wiſſen wünſchen, getäuſcht in Ihren Erwartungen, wie ich es ſo oft geweſen bin, auch ausrufen: „O großer Pope!“ II. Auf welche Weiſe ich ein graßer Mann werden werde. Was mir als Eindruck von dieſem Tage blieb, war das Verlangen, ſelbſt ein großer Mann zu werden, da⸗ mit man einſt für mich thue, was ich für den großen Pope hatte thun ſehen. Und dieſes Verlangen war um ſo gewaltiger, als mir, da ich mich zum erſten Male in einem Spiegel beſchaute, meine Eitelkeit ſagte, ich ſei weder hinkend, noch buckelig, ſondern im Gegentheil ein ziemlich hüb⸗ ſcher Knabe. Ich würde alſo nicht, wenn man mich ſähe, die Enttäuſchung hervorbringen, welche bei mir der große Pope hervorgebracht und auch bei Andern hatte hervor⸗ bringen müſſen, was im Ganzen ſchon ein Vorzug war, den mir der Himmel vor ihm bewilligte.— Nur, auf welche Art würde ich ein großer Mann werden? Das war die Frage, die ich mir ſtellte? 14 Auf die Art von Achilles, von Alexander, von Cä⸗ ſar, von Karl dem Großen oder von Richard Löwenherz? Ich hatte nie einen großen Beruf zum Eroberer⸗ handwerk; wie die Kirche, zu der ich gehöre oder viel⸗ mehr nicht gehöre,— denn dieſe Lehre iſt katholiſch,— hege ich einen Abſcheu vor dem Blute. Ueberdies waren alle große Männer, deren Namen ich ſo eben angeführt, ſelbſt Söhne von Königen, oder ſogar Abkömmlinge von Göttern oder Göttinnen, welche an einem beſtimmten Tage Mannſchaft und Geld, ſo viel ſie zur Eroberung von Troja, von Indien, von Gallien, von Sachſen oder vom heiligen Lande nöthig hatten, unter ihrer Hand fanden, indeß ich der Sohn eines einfachen Dorfpfar⸗ rers mit einem Einkommen von fünfzig Pfund Ster⸗ ling war, der einen ſehr großen Einfluß auf die Seelen, aber nur eine ſehr mittelmäßige Gewalt über die Leiber beſaß. 1 Ich ſollte alſo entſchieden nicht als Eroberer ein großer Mann werden. Wäre es auf die Weiſe von Apelles, von Zeuris im Alterthum oder von Leonardo da Vinci und von Raphael im Mittelalter? Ich muß ſagen, daß ich gegen die Malerei nicht denſelben Widerwillen wie gegen den Krieg hatte. Im Gegentheil, ich war ein großer Bewunderer der Malerei und ich ſchätzte ſehr Apelles, Zeuris, Leonardo da Vinci und Raphael. Aber man mag ſich immerhin ſagen wie Correggio. „Ich bin auch ein Maler!«— Auch' io son pittore! man muß eine Werkſtätte und einen Meiſter finden; nicht jeder Giotto, der ein Lamm auf ein Stück Schiefer zeichnet, während er ſeine Schafe hütet, trifft einen Eimabue, welcher ihn, ſein Talent erkennend, in die Künſtlergemeinſchaft aufnimmt. Um Maler zu werden, und zwar ein berühmter Maler, bedarf man der langen und geduldigen Studien, der großen Stadt, eines unge⸗ ρ △‿ 5 * — 15 heuren Mittelpunktes, und wir wohnten in einem armen Dorfe der Notts. 1. Folglich konnte ich auch nicht als Maler ein großer Mann werden, und ich ſah mich genöthigt, auf die Malerei zu verzichten, wie ich auf die Eroberung ver⸗ zichtet hatte. 3 1 Sollte es auf die Art von Homer, von Virgil, von Dante, von Petrarca, von Taſſo oder von Pope ſein? Inſpiration ſollte das Uebrige thun. Ich entſchied alſo in meinem Innern, daß ich ein großer Mann, auf die Art von Homer, Virgil, Dante, Petrarca, Taſſo und Pope werden würde. Sobald ich hierüber im Reinen war, beſchloß ich, keine Zeit zu verlieren, um es in Ausführung zu bringen. Ich bat meinen Vater um Geld, um die für den neuen Stand, den ich ergreifen wollte, nothwendigen Utenſilien zu kaufen, und entzückt, bei mir endlich dieſes Streben nach Arbeit, auf deſſen Erſcheinung er ſo un⸗ geduldig wartete, hervorbrechen zu ſehen, zog mein Vater majeſtätiſch aus ſeiner Taſche einen Schilling, den er 46 mir gab, und hiemit kaufte ich ein Buch weißes Pa⸗ pier, ein Paquet Federn und eine Flaſche Tinte. Von dieſem Tage an ſchien es mir der höchſte Grad des Ruhmes und der Herrlichkeit zu ſein, wenn ich meine Ideen in ungleichen Zeilen in einem in Schafleder gebunde⸗ nen oder auch in einfachem Papier brochirten Buche ge⸗ druckt ſehen könnte; denn von welcher Velleität in Proſa zu ſchreiben ich auch ſeitdem erfaßt wurde, ich habe immer eine entſchiedene Vorliebe für die Poeſie, und unter allen Arten von Poeſie für die epiſche gehegt. Was ich alſo in einem Alter von dreizehn Jahren beſchloß, war: ein epiſches Gedicht zu machen. Welchen Gegenſtand ſollte ich nun wählen? Die Ilias war ein ſehr ſchöner Gegenſtand, doch Homer hatte ihn genommen! 4 Die Aeneis war ein ſehr ſchöner Gegenſtand, doch Virgil hatte ihn genommen! Die Divina comedia war ein ſehr ſchöner Gegen⸗ ſtand, doch Dante hatte ihn genommen! Ohl wäre das befreite Jeruſalem nicht von Taſſo und das verlorene Paradies nicht von Milton genommen worden, das wären zwei Gegenſtände geweſen, die ſich für den Sohn eines Pfarrers wohl geziemt hätten! Doch Taſſo und Milton hatten das Glück gehabt, der Eine zweihundert fünf und dreißig, der Andere hun⸗ dert und zwanzig Jahre vor mir geboren zu werden! Dieſes Gluͤck war ein unerſetzlicher Nachtheil für mich, weil ſie dieſen Zufall der Geburt benützt hatten, um die zwei einzigen Gegenſtände epiſcher Poeſie zu nehmen, welche bei den Modernen zu behandeln blieben. Glauben Sie übrigens nicht, mein lieber Petrus, daß ich mich ſo auf der Stelle habe ſchlagen laſſen, und daß ich beim erſten Angriffe gewichen ſei, fliehend wie Horaz und meine Ehre und meinen Schild auf dem Schlachtfelde zurücklaſſend.. Nein, mein Freund, nein, ich ſtrebte im Gegentheil mit allen meinen Kräften wider die Armuth der Geſchichte an und ſuchte mit en⸗ ſſo nen ſich abt, un⸗ een! ich, um nen, rus, und wie dem und, ften mit 17 einer Zähigkeit, welche über meinem Alter, ſowohl in den Büchern, als in meiner Phantaſie einen Helden, der der poetiſchen Forſchung meiner Vorfahren entgan⸗ gen wäre. Ich ließ alle Jahrhunderte die Revue paſſiren: ich verlangte von jedem einen Gegenſtand, der mir das Aequivalent von denjenigen bieten könnte, welche ich dadurch, daß ich zwei⸗ bis dreihundert Jahre zu ſpät in dieſer Welt angekommen, verloren hatte; doch der eine war nicht national, der andere war antireligiös, dieſer bot nicht die unerläßlichen Bedingungen des epi⸗ ſchen Gedichts, das heißt den möglichen Austauſch von Beziehungen zwiſchen den Menſchen und den Weſen von einer höhern Natur, Göttern, Genien und Dämonen; jener endlich ſündigte durch die obligate Entwickelung, welche fordert, daß die Hauptperſon des Gedichtes Sie⸗ ger ſei, während meine Helden, wie Hector, Hannibal, Turnus, Wittekind, ſtatt zu ſiegen, beſiegt worden waren. Ich ſchrieb mit herrlichen kalligraphiſchen Buchſtaben mehr als zwanzig Titel in mein weißes Heft; doch nach den ſo eben erwähnten Betrachtungen ging ich nie über den Titel hinaus. Und da ich, ſowie ich eine Enttäu⸗ ſchun erlitt, den eingeſchriebenen Titel zerriß, um auf das nächſte Blatt einen neuen zu ſchreiben, ſo erfolgte hieraus, daß ich nach fünf Jahren, gerade an meinem Geburtstage, in der Stunde, wo die Zeit den letzten Tag meines achtzehnten Jahres abſchnitt, das letzte Blatt meines Papierheftes zerriß. Von dieſem Augenblick an war ich überzeugt, es ſei für mich unmöglich, ein großer Mann als Verfaſſer eines epiſchen Gedichtes zu werden, nicht als ob ich nicht Alles hätte, was man brauchte, um dieſes Gedicht zu machen, ſondern ganz einfach, weil mir der Gegen⸗ ſtand fehlte. Es blieb mir die dramatiſche Poeſie. Allerdings waren die Namen, die ich 2 defülrt, Der Pfarrer von Afhbourn. I. 18 wenn auch die glänzendſten, doch nicht die einzigen, die am Himmel der Vergangenheit funkelten. Neben den Namen der großen epiſchen Dichter flammten die von Aeſchylos, Sophokles, Euripides, Ariſtophanes, Plautus, Shakespeare, Corneille, Moliéère und Racine! Warum ſollte ich nicht, ſtatt ein epiſcher Dichter zu ſein, ein dramatiſcher werden? Freilich würde ich in Beeſton weder Theater noch Schauſpieler haben; doch was lag hieran? Ich würde thun, was Sophokles that, welcher ſeine Poeſien in Kolonos dachte, träumte, ausführte, und, wenn ſie beendigt waren, in Athen ſpielen ließ; ich würde thun, was Corneille that, der ſeine Tragödien in Rouen träumte, dachte, ausführte, und ſie in Paris ſpielen ließ. Ich würde meine Dramen in Beeſton kriumen, denken und ausführen, und in London ſpielen aſſen. Mehr noch: ich könnte, wie Shakespeare und Mo⸗ lière, um ſicher zu ſein, daß mein Gedanke gut wieder⸗ gegeben würde, meine Dramen ſelbſt ſpielen. Ich will es nicht leugnen, Letzteres widerſtrebte mir ein wenig; ich hatte einſt wandernde Schauſpieler in Nottingham geſehen, und der Unterſchied zwiſchen dieſen würdigen Künſtlern und Zigeunern, die ich ein paar Stunden vorher auf der Landſtraße getroffen, hatte mir nicht groß geſchienen; es war übrigens zu beachten, daß dieſe Schau⸗ ſpieler Stücke aufführten, deren Verfaſſer ſie nicht geweſen; indeß ich,— was etwas ganz Anderes war und mich ungemein in meiner eigenen Schätzung erhob,— indeß ich meine Werke ſpielen würde! Nur mußte ich in dieſem Falle meinen würdigen Vater beſtimmen, ſei⸗ nen einzigen Sohn die Bretter betreten zu ſehen, was, ich bezweifelte es nicht, eine großer Schwierigkeit bieten würde; doch im gegebenen Augenblick wäre es noch Zeit, ſie zu bekämpfen. Die Hauptſache war, daß ich das Werk zu machen anfing, und war das Werk ge⸗ macht, ſo würde ich vielleicht unter den ausgezeichnetſten Künſtlern von London einen Schauſpieler finden, der wür bliel Sen ein Ich rung denn das mir Stüc Arte xime ſobal zulie um zu d etwa Planr hatte epiſch zuſte Freig verde ſtren wage piert ten; ſtehen erſte. dran erfol n, die n den te von autus, barum , ein weder eran? ſeine und, ; ich zödien Paris heeſton pielen Mo⸗ ieder⸗ will denig; gham digen unden groß ſchau⸗ veſen; mich indeß ch in „ſei⸗ was, bieten noch ß ich k ge⸗ etſten , der 19 würdig wäre, es darzuſtellen; fände ich keinen, nun! ſo bliebe mir immer noch übrig, das erhabene Wort von Seneca und von Corneille, in Medea, auszuſprechen, ein Wort ſo erhaben, daß es für zwei dienen konnte. Ich würde alſo denjenigen, welche, in ihrer Bewunde⸗ rung für mein Werk, mich fragten:„Aber, wer wird denn Eure Hauptperſon ſpielen?« kurz antworten: „Ich!«. Nur würde ich nicht beifügen:„Ich, ſage ich, und das iſt genug!“« denn, ſo groß auch mein Vertrauen zu mir ſelbſt war, ich zögerte nicht, anzuerkennen, ein Stück für eine Perſon allein würde zum Anhören fünf Arte hindurch ſehr lang ſcheinen, ſo ſchön auch die Ma⸗ rimen, ſo bewunderungswürdig die Verſe wären, und ſobald dieſes Stück zehn, zwölf oder fünfzehn Perſonen zuließe, brauchte ich neun, eilf oder vierzehn Perſonen, um die andern Rollen zu geben und mir als Trabanten zu dienen. Doch, zum Voraus wohlverſtanden! ſie ſollten nie wan Anderes als die Trabanten ſein, und ich wäre der Planet. Als ich Alles dies in meinem Geiſte feſtgeſtellt hatte, als ich entſchloſſen war, aus den Wolken des epiſchen Gedichts auf die Höhen der Tragödie herab⸗ zuſteigen, nahm jch abermals meine Zuflucht zu der Freigebigkeit meines Vaters, welcher, obgleich ein wenig verdrießlich über die Unfruchtbarkeit meiner erſten An⸗ ſtrengungen, nicht anſtand, einen neuen Schilling zu wagen, der unverzüglich zum Ankauf eines zweiten Pa⸗ pierheftes, eines zweiten Bundes Federn und einer zwei⸗ ten Flaſche Tinte diente. Da begann eine neue Arbeit, die, ich muß es ge⸗ ſtehen, mein lieber Petrus, ſo unfruchtbar war, als die erſte. Es hatte ſeit der Erſchaffung der Welt noch mehr dramatiſche Dichter, als epiſche Dichter gegeben. Dadurch erfolgte eine größere Conſumtion von Gegenſtänden und eine größere Hungersnoth hinſichtlich der, Helden,— 20 abgeſehen davon, daß der epiſche Dichter ein Gedicht in ſeinem ganzen Leben macht, während ein dramatiſcher Dichter zehn, zwanzig, dreißig Tragödien und noch mehr ſchreibt. Zeuge hievon ſind Aeſchylos, der vierzig, Eu⸗ ripides, der vier und achtzig, Sophokles, der hundert und drei und zwanzig gemacht hat. Ich bemerkte auch mit Schrecken, indem ich den Katalog der Alten und der Neuern las, daß keine große Kataſtrophe gekommen war, daß kein großer König, kein großer Feldherr exi⸗ ſtirt hatte, ohne daß die Kataſtrophe als Sujet und der König oder der Feldherr als Held für ein Trauerſpiel oder ein Schauſpiel hatten dienen müſſen. Alles war benützt worden! Aeſchylos, der doch die Wahl der Helden hatte, da er zuerſt kam, war bis zu Prometheus, das heißtzum Titanen⸗Schöpfer der Welt hin⸗ aufgeſtiegen. Racine, der zuletzt kam, war bis zu Bajazet, das heißt faſt bis zur gleichzeitigen Geſchichte herab⸗ geſtiegen. Was die Andern betrifft, ſo hatten ſie mit vollen Händen rechts, links, da, dort geerntet. So⸗ phokles hatte Ajax, Philoktetes, Antigone, Elektra, Oedipus Tyrannos, Oedipus auf Kolonos genommenz er hatte ſo viel genommen, daß er am Ende genöthigt geweſen war, denſelben Ge⸗ genſtand zweimal zu nehmen. Euripides hatte Hekate, Alkeſtis, Medea, Iphigenia in Aulis, Iphi⸗ genia in Tauris genommen, ein Beweis, daß er auch, wie ſein Vorgänger Sophokles, mit den Stoffen zu Ende geweſen war. Shakespeare hatte Hamlet, Macbeth, Richard Il., Richard III., Julius Cäſar, Coriolan, König Lear, Heinrich VIII., Titus Andronicus, Antonius und Cleopa⸗ tra genommen, ſo daß es ihm an einem ſchönen Mor⸗ gen auch an hiſtoriſchen Helden fehlte, und daß er, da die Geſchichte durch ihn und ſeine Vorgänger erſchöpft war, Stoffe von ſeiner Einbildungskraft forderte, die ihm auch, gehorſam und ſruchtbar, Othello, den Kaufmann von Venedig, Romey, die zwei 21 edlen Veroneſen, Falſtaff, Proſpero— was weiß ich? gab. Corneille hatte den Cid, die Hora⸗ tier, Cinna, Attila, Sertorius, Polyeukte, Rodogune, Pompejus, Hannibal genommen. Als er ſo weit war, fehlte es ihm dergeſtalt an Stoffen, daß er zum großen Nachtheil ſeines Ruhmes ſeine Zu⸗ flucht zu Per tharite, Othon und Surenno⸗ nahm, ſo daß er, nachdem er dieſen parthiſchen General behan⸗ delt hatte, da er nicht mehr wußte, wen, noch was er in Verſe bringen ſollte, am Ende die Nachfolge Chriſti wählte!— Racine endlich hatte Eteokles und Polynikes, Alexander, Andromache, Britannicus, Mithridates, Berenike, Iphi⸗ genia, Phädra genommen, und in Folge hievon ſchienen ihm die Stoffe dergeſtalt erſchöpft, daß er erſt zehn Jahre ſpäter Eſther und vierzehn Jahre ſpäter Athalia componirte. Die Commentatoren ſagen, ein religiöſes Motiv habe den großen Dichter auf ſeiner Laufbahn aufgehalten, ich aber ſage, ich behaupte, ich verſichere, die wahre Urſache war das von ſeinen Vor⸗ gängern angerichtete Gemetzel. Und ich ſage es mit um ſo viel mehr Grund, mein lieber Petrus, als es während der drei Jahre, da ich einen Vorwurf für ein Trauerſpiel oder ein Schauſpiel ſuchte, bei der Tragödie und beim Drama ging, wie es beim Epos geweſen war. Ich ſchrieb die Titel von mehr als fünfzig Tragödien oder Dramen in mein Heft; als ich aber nach Verlauf von drei Jahren ſah, daß es mir unmöglich war, einen jungfräulichen Stoff zu fin⸗ den, und da ich mich nicht zum Stande eines Plagia⸗ tors oder eines Abſchreibers erniedrigen wollte, ſo ver⸗ zichtete ich,— nachdem das letzte Blatt meines zweiten Heftes zerriſſen war,— ich verzichtete darauf, ein großer Mann durch das Trauerſpiel oder Schauſpiel zu wenden, wie ich darauf verzichtet hatte, die Höhen des Ruhmes durch das epiſche Gedicht zu erreichen. Man wird mir ſagen, es wäre mir das Lumſtſpiel 22 geblieben,— dieſes unermeßliche Bergwerk, das zu ewi⸗ gen Erzgängen die Laſter, die Lächerlichkeiten der Menſchen, die Irrthümer und Verkehrtheiten der Menſch⸗ heit hat; als ich aber von der Tragödie und, vom Drama zum Luſtſpiel übergehen wollte, bemerkte ich da ich in Beeſton oder Southwell kaum andere Menſchen, als meinen Vater und mich, unſern Vetter und den großen Pope geſehen, da ich keine Gelegenheit gehabt hatte, irgend ein Laſter oder eine Lächerlichkeit zu beobachten, ſo könne ich auch nicht die Menſchen, und wäre es nur lachend, züchtigen; wie ich, da ich keine andere Geſell⸗ ſchaft kannte, als die des Dörfchens, das wir bewohnten, nicht im Großen die Irrthümer und Verkehrtheiten der menſchlichen Geſellſchaft, von der mir Beeſton nur eine unmerkliche Miniature bot, zu malen im Stande ſei. Ich verzichtete alſo auf das Luſtſpiel aus Gründen, die, wie Sie ſehen, nicht minder erheblich, als die Mo⸗ tive, welche mich ſchon auf das Epos, auf die Tragödie und das Drama hatten verzichten laſſen. Ueberdies geſchah im Verlaufe dieſes dritten Jah⸗ res,— welches das ein und zwanzigſte meines Alters war,— ein doppeltes Ereigniß, das, mein ganzes Herz und alle meine Thränen für wahres und perſönliches Unglück in Anſpruch nehmend, meinen Geiſt, wenigſtens für den Augenblick, verhinderte, länger fremdem oder eingebildetem Unglück nachzuhängen. Mein Vater und meine Mutter ſtarben, ſie zuerſt, er hernach, im Zeitraume eines Monats von einander. Der Tod meiner Mutter war für mich ein unge⸗ heurer Schmerz.... der meines Vaters war zugleich ein ungeheurer Schmerz und eine große Verlegenheit! Warum dies? Das werde ich Ihnen in meinem nächſten Briefe erklären, mein lieber Petrus, da dieſer meiner Anſicht nach ſchon die Gränzen eines gewöhn⸗ lichen Briefes überſchritten hat. Doch es brauchte nicht weniger, als die zehn bis zwölf Blätter, aus denen er beſteht, um Ihnen aus⸗ einan Dicht oder ſein, Plau nur ſehen was ſen, Wei cher valen nichte ewi⸗ 23 einanderzuſetzen, wie ich, ſtatt ein großer epiſcher Dichter, wie Homer, Virgil, Dante, Petrarca oder Taſſo, oder ein großer dramatiſcher oder komiſcher Autor zu ſein, wie Aeſchylos, Sophokles, Euripides, Ariſtophanes, Plautus, Shakespeare, Corneille, Moliére oder Racine, nur ein einfacher Dorſpfarrer bin wie Swift, abge⸗ ſehen von ſeinen tauſend Pfund Sterling Einkommen, was ich nicht beziehe, und ſeinen Gullivers Rei⸗ ſen, ſeinem Mährchen von der Tonne, ſeinen Weiſſagungen von Bickerſtoff und ſeiner Bü⸗ cherſchlacht, die ich nicht gemacht habe, deren Aequi⸗ valent ich aber, daran verzweifle ich nicht, eines Tages nichtsdeſtoweniger machen werde. Denn obſchon ich gerade heute bei meinem Geburts⸗ tage angelangt bin, obſchon ich heute, ohne daß ich mich bis jetzt entſchließen konnte, die erſte Zeile von dem Buche zu ſchreiben, das mich verherrlichen wird, mein ſechs und zwanzigſtes Jahr zurückgelegt habe, hege ich doch die Hoffnung, mit der Hülfe des Herrn der Nach⸗ welt einen Namen hinterlaſſen zu können, der ſich, wenn nicht durch die Poeſie, auf die ich beinahe verzichtet, doch durch ein ſchönes Buch in Proſa, wie es Rabelais, Mentane und Daniel de Foë gemacht, Ruhm erwor⸗ ben hat. III. Erſter Rath meines Hauswirthes des Keßlers. In meinem letzten Briefe, mein lieber Petrus, ſagte ich Ihnen, der Tod meiner Mutter ſei für mich ein ungeheurer Schmerz, der meines Vaters aber zugleich ein ungeheurer Schimerz und eine große Verlegenheit geweſen. Ich ſagte Ihnen auch, mein Vater ſei nicht reich 24 geweſen. Bei ſeinem Tode bemerkte ich, daß er nicht nur nicht reich war, ſondern ſogar arm, mehr als arm: in der Noth! Obgleich ein Mann von einem ſtrengen, kalten Aeußern, hatte mein Vater ein nachſichtiges, gutes Herz. Die Armen, mit denen er in der Ausübung ſei⸗ ner Functionen zu thun hatte, wußten es wohl, und nicht ohne Grund liebten ſie ihn. Donnerte er von der Kanzel herab gegen die ſelbſtſüchtigen, geizigen, mitleid⸗ loſen Herzen, ſo war ſeine Börſe leer: er ſah rings um ſich her Unglück, das er nicht erleichtern konnte, und ſeine Entrüſtung überſtrömte gegen diejenigen, welche Gott reich gemacht hat, damit ſie die zweite Vorſehung der Armen ſeien, und die ſich, indem ſie ihre Seele für die Klagen der Armen verſchließen, unwürdig gegen die Sendung verfehlen, die ſie vom Himmel erhalten haben. Mein Vater konnte in der That nicht zwei Hände gefaltet ſehen, ohne ſie durch ein Almoſen auseinander zu thun, nicht bedenkend, daß er der erſte Dürftige ſei⸗ ner Gemeinde. Seine Güte war in dieſer Hinſicht ſo bekannt, daß ein armer Weber unſeres Dorfes, der für ſechszig Pfund Sterling leinenes Garn bei einem Kauf⸗ mann in Nottingham gekauft hatte und, weil ihm ſein Haus abbrannte und er hiebei Alles verlor, den Kauf⸗ mann, der ihm die Waaren geliefert, nicht bezahlen konnte, als er wegen dieſer Schuld gerichtlich verfolgt und verhaftet wurde, ſich zu meinem Vater in Begleitung des Attorney, achtzehn Monate vor ſeimem Tode, führen ließ, obgleich er wohl wußte, daß mein Vater dieſe Summe nicht zu ſeiner Verfügung beſaß. Doch er rechnete auf das, was geſchah: von Mitleid bewegt, ging mein Vater mit ihm nach der Stadt, fing damit an, daß er den Kaufmann zu erweichen ſuchte, und als er ſah, daß ihm dies nicht Pelang, und daß der arme Weber ins Gefängniß ge⸗ racht werden ſollte, bürgte er für ihn und machte ſich verbindlich, vier Pfund Sterling jährlich für ihn zu bezahlen, welche Verbindlichkeit er pünktlich erfüllte, ſo nicht rm: lten utes ſei⸗ und der eid⸗ um und lche ung für die ben. inde nder ſei⸗ t ſo für auf⸗ ſein auf⸗ hlen olgt des ließ, nicht was ihm ann nicht ge⸗ ſich zu ſo 25 lange er lebte, ſo daß er bei ſeinem Tode ſchon ſechs Pfund von den ſechszig bezahlt hatte. Dieſe Armuth machte, daß der Anwalt, an den ich mich wandte, mir, nachdem er die Lage der Dinge unterſucht hatte, rieth, die Erbſchaft meines Va⸗ ters nur unter der Rechtswohlthat des Inventars anzu⸗ nehmen, was zu thun ich mich entſchieden weigerte, weil ich durch eine ſolche Handlung das Andenken meines Vaters zu verletzen geglaubt hätte. Ich forderte alſo die Gläubiger, die mein Vater im Dorfe haben konnte, auf, ihre Anſprüche vorzubringen. Und da, nachdem das Leichenbegängniß vorüber und dem würdigen Manne die letzte Ehre erwieſen war, mir nur eilf Schillinge im Pfarrhauſe blieben, ſo ließ ich unſer ganzes armſe⸗ liges Mobiliar verkaufen, mit Ausnahme des Fernrohres von meinem Großvater dem Hochbootsmann, von dem mich nie zu trennen, in welche Noth ich auch gerathen möchte, meine Mutter mich hatte verſprechen laſſen, weil ſie es nicht nur als eine Familienreliquie, ſondern auch als einen Talisman des Glücks betrachtete. Als das Mobiliar verkauft war, fand es ſich, daß ich ſechs Pfund Sterling vor mir hatte, daß ich aber vier und fünfzig dem Kaufmann in Nottingham ſchuldig war. Ich hätte dieſe Schuld vielleicht ſtreitig machen können, denn ſie betraf meinen Vater nicht perſönlich; doch es ſollte, wie geſagt, nicht der Schatten von einem Flecken auf ſeinem Andenken bleiben. Ich übernahm ſeine Schuld unter denſelben Bedingungen, und ich machte mich an ſeiner Stelle verbindlich, obgleich es nicht ſehr klug von mir, der ich durchaus nichts beſaß, war, ſo mich verbindlich zu machen, vier Pfund Sterling jedes Jahr zu bezahlen, beſonders da in dem Vertrage, der dieſe Schuld begründete, ſtand: ſollte die Bezahlung zwei Jahre hinter einander nicht geleiſtet werden, ſo werde die Geſammtſumme acht Tage nach dem Ausbleiben der 26 Bezahlung von dieſem zweiten Jahre auf einen einfachen Befehl exigibel. Doch, trotz meiner Enttäuſchungen in der epiſchen und in der dramatiſchen Poeſie, hoffte ich immer zu Ruf und Vermögen zu gelangen, wenn ich einen von den tauſend Zweigen der Literatur ergreifen würde, welche ich noch nicht verſucht hatte, ſo daß ſie immer zu meiner Verfügung blieben, ſobald ſich mein Genie zu ihnen herablaſſen wollte. Ich glaubte alſo dieſe Verbindlichkeit ohne Furcht übernehmen zu können, und ich übernahm ſie. Dann, da ich im Ganzen, bis ich das große Werk machte, das meinen Namen verherrlichen und mein Vermögen con⸗ ſolidiren ſollte, irgend eine Laufbahn ergreifen mußte, erwählte ich die, welche mein Vater ſo würdig ver⸗ folgt hatte. Ich ließ mich weihen, was nur eine ein⸗ fache Förmlichkeit war, da ich alle meine theologiſchen und claſſiſchen Studien unter der Leitung des Mannes gemacht hatte, den ich beweinte, und der, nachdem er uͤber allen meinen Bedürfniſſen während ſeines Lebens gewacht, auch noch meine Zukunft nach ſeinem Tode icherte. Doch es war nicht Alles, daß ich geweiht wurde; damit mir dieſe Weihe zu etwas nütze, mußte ich zu irgend einer Pfarrei ernannt werden, ſo klein ſie auch ſein mochte und ſo gering der Gehalt wäre. Ich war ſo ſehr gewohnt, von Wenigem zu leben, daß dieſe Pfar⸗ rei, davon glaubte ich überzeugt ſein zu dürfen, für meine Bedürfniſſe genügen und mir noch das Mittel geben würde, an den Kaufmann von Nottingham die Schuld abzutragen, die mein Vater eingegangen hatte, um aus einer grauſamen Verlegenheit den armen Weber von Beeſton zu ziehen, auf den ich übrigens nicht zu meiner Unterſtützung zählen durfte, da der würdige Mann einen Monat, auf den Tag, vor meinem Vater geſtor⸗ ben war. Im Uebrigen bezweifelte ich nicht, ſobald man er⸗ mich thun meir 2 hatte San und gewe bilde 5 27 fahre, ein Mann, der Hoffnungen, wie die meinigen, gebe, laſſe ſich herbei, Dorfpfarrer zu werden, müſſe der Rector von Nottingham, von dem alle Pfarreien der Umgegend abhingen, ſich beeilen, mir die Wahl unter denen zu laſſen, welche erledigt wären. Man mußgeſtehen, daß mein Ehrgeiz nicht übertrieben war: die Lecture der griechiſchen und lateiniſchen Auto⸗ ren aus dem Jahrhundert von Perikles und aus dem von Auguſtus waren meine tägliche Nahrung, und ich las ſie mit mehr Leichtigkeit, als die engliſchen Schrift⸗ ſteller des dreizehnten und des vierzehnten Jahrhunderts; ich ſprach wie meine Mutterſprache Franzöſiſch und Deutſch; ich hatte einen gewiſſen natürlichen Witz, ge⸗ miſcht mit einer hoffärtigen Naivetät, die mich laut meine Hoffnungen, ſo lächerlich ſie waren, ausſprechen ließ; in Ermangelung praktiſcher Studien hatte ich end⸗ lich ſo viel geleſen, ſo viel behalten, ſo viel die Jahr⸗ hunderte mit den Jahrhunderten, die Menſchen mit den Menſchen verglichen, daß ich zu einer tiefen Kenntniß der Menſchheit gelangt zu ſein glaubte, welche Kenntniß mir erlaubte, in der tiefſten Tiefe der Herzen den wirk⸗ lichen und wahren Beweggrund aller Handlungen dieſer Welt zu ſuchen, und wären ſie in die dichteſten Schleier des Egoismus, in die dunkelſten Falten der Heuchelei gehüllt. In der Theorie, mein lieber Petrus, waren in der That meine Raiſonnements vollkommen; ſobald ich aber von der Theorie zur Praxis übergehen mußte, brachte mich der Anblick der Menſchen, mit denen ich es zu thun hatte, ganz in Verwirrung. Dieſe Einſamkeit meiner Jugend, wo ich alle die großen Ideen geſchöpft hatte, mit deren Hülfe ich in der Stille und in der Sammlung der Arbeit meinen Namen zu verherrlichen und mein Glück zu machen gedachte, war unvermögend geweſen, mich zur Berührung mit den Menſchen zu ilden. Meine in der Ruhe der Ueberlegung gefaßten Ent⸗ 28 ſchlüſſe verſchwanden, die Logik meiner Urtheilskraft verlor ſich unter dem Zittern meiner Lippen und dem Stammeln meiner Stimme. Und im Angeſichte der Gefahr, der ich von fern getrotzt, die ich durch meine ſiegreiche Dialektik bekämpft, niedergeſchmettert hatte, fand ich nur Phraſen ohne Gehalt, Worte ohne Werth, ein völliges Unvermögen, nicht einmal um anzugreifen, ſondern um mich zu vertheidigen. Und ein wirkliches Unglück bei dieſer ärgerlichen Beſchaffenheit meines Temperaments war, mein lieber Petrus, daß ich, wenn ich trotz Allem dem das Gefühl meines eigenen Werthes und folglich das Bewußtſein meiner geiſtigen Ueberlegenheit über diejenigen hatte, welche mich ſo zu Boden drückten, meine Niederlage nicht ihrem wahren Urſprunge, nämlich einer unüberwind⸗ lichen Schüchternheit, zuſchreiben wollte oder vielmehr konnte; ich ſuchte im Gegentheil dafür eine fremde, für meine Eitelkeit ſchmeichelhafte Urſache, welche vor der Lächerlichkeit dieſes Ich ſchützte, auf deſſen Wuͤrde ich um ſo eiferſüchtiger war, als mitten unter Leuten, die es meines Crachtens ſchlecht ſchätzten, ich allein ihm ſeinen wahren Werth zuerkannte;— ein Werth, der einſt glänzend und unbeſtritten aus dem großen Werke her⸗ vortreten ſollte, das ich der Bewunderung meiner Mit⸗ bürger übergeben würde, wie die Sonne majeſtätiſch und flammend aus den Dünſten der Nacht oder den Wolken des Sturmes hervortritt! Doch, um zu der Abfaſſung dieſes großen Werkes zu kommen, bedurfte ich der Ruhe des Geiſtes, die mir allein, ſo klein es ſein mochte, ein beſtimmtes und geſichertes Einkommen, das der Seele die unabläſſige Beſorgniß in Betreff der Bedürfniſſe des Leibes benähme, geben konnte. Zu dieſem Ende, und in Erwartung der Pfarrei, die mir früher oder ſpäter unfehlbar bewilligt werden mußte, verließ ich Beeſton, wo ich keine Hülfsquelle ſah, ging nach Nottingham, wohin ich als einziges Meuble das Fern⸗ rohr meines Großvaters, des Hochbootsmanns, mitnahm, kraft dem der eine atte, erth, ifen, chen eber fühl ſein atte, nicht ind⸗ 29 und quartierte mich in einem kleinen Zimmer ein, das an mich gegen fünf Schillinge monatlich im dritten Stocke ſeines bei der Marienkirche liegenden Hauſes ein wackerer Keßler aus Devonſhire vermiethete, der, obgleich ganz uncultivirt hinſichtlich der Erziehung, doch mit einem gewiſſen natürlichen Geiſte ausgerüſtet war. Sobald ich mich in Nottingham niedergelaſſen hatte, war es meine Abſicht, mich in der Welt zu produciren und, überall auf meiner Spur den Eindruck zurück⸗ laſſend, den natürlich meine geiſtige Erhabenheit hervor⸗ bringen mußte, dieſe Erhabenheit zu benützen, um den Rector zu veranlaſſen, daß er mir die Pfarrei verleihe, nach der ich trachtete. Leider kannte ich, um mich in der Welt vorwärts zu bringen, in Nottingham Niemand, als den Kauf⸗ mann, dem ich vier und fünfzig Pfund ſchuldig war, von denen ich jährlich vier bezahlen ſollte. Die Logik ſagte mir, dieſer Mann habe jedes Intereſſe, zu machen, daß es mir gelinge, da er, indem er mir zu meinem Fortkommen auf dem Wege des Glückes behülflich ſei, ſich nicht nur ſein Guthaben ſichere, ſondern auch die Bezahlung deſſelben beſchleunige, in Betracht, daß ich begreiflicher Weiſe von dem Tage an, wo ich Glück gemacht hätte, eine ſo erbärmliche Schuld nicht hinterlaſſen würde. Ich beſchloß alſo, obſchon ich ihm die vier Pfund erſt am Ende des Jahres zu bezahlen hatte, ich beſchloß, ſage ich, da die erſten drei Monate dieſes Jahres abgelaufen waren, ihm ein Pfund von den drei bis vier Guineen, die mir blieben, zu bringen. Das war ein Opfer, doch ohne allen Zweifel würde dieſe Vorausbezahlung meinen Gläubiger günſtig für mich ſtimmen und mir durch eine geſchickte Speculation viel mehr eintragen, als eine Guinee, und wuͤrde ſie zu dem höchſten geſetzlichen oder wucheriſchen Intereſſe angelegt, gewöhnlich in einem Jahre einträgt. Geſtehen Sie mir nun zu, mein lieber Petrus, daß ich, während ich in den Regeln der ſtrengſten Ehrlichkeit 30 blieb, oder vielmehr mich bis zum Sublimen des Zart⸗ gefühls erhob, da ich in Wirklichkeit neun Monate voraus bezahlte,— geſtehen Sie zu, daß ich hiebei eine Combination gefunden hatte, die ein Meiſterwerk zu⸗ gleich von Logik und von Speculation war. Ich bezweifle auch heute nicht, daß dieſe Combina⸗ tion gegluckt wäre ohne den Dazwiſchentritt meiner be⸗ klagenswerthen Schüchternheit, welche ſie, ich ſage nicht in ihrer Blüthe oder in ihrer Frucht, ſondern ſogar in ihrer Wurzel ſcheitern machte. In der That, ſobald ich mich bei dem Kaufmann, ſobald ich mich in ſeiner Gegenwart und in der ſeiner Frau, einer magern, dürren, mürriſchen Perſon, befand, ſobald die Guinee aus meiner Taſche gezogen und in die meines Gläubigers übergegangen war, der mir,— ich muß ihm dieſe Gerechtigkeit widerfahren laſſen,— auf der Stelle einen Schein gab, konnte ich kein Wort finden, um die Hauptfrage, das heißt die meiner Prä⸗ ſentation in der Welt, in Angriff zu nehmen, ſo linkiſch und provinziſch fand ich mich, als ich mich in einem ungeheuren Spiegel betrachtete, dem mich ein unglück⸗ licher Zufall gegenüber geſtellt hatte. Dann wollte das Mißgeſchick, daß ich, um dem Scheine entgegen zu laufen, den mir der Kaufmann brachte, nachdem er ihn in ſeinem Bureau geſchrieben, ſelbſt mich von meinem Sitze erhob, ſo daß ich mit meinem Hute in der Hand mitten im Zimmer ſtand, wie ein Menſch, der Abſchied zu nehmen im Begriffe iſt. Das Geſuch, das ich meinem Kaufmann vorzutra⸗ gen hatte, erforderte aber eine gewiſſe Entwickelung; ich mußte ihn nicht nur bitten, mich in der Welt vorzu⸗ ſtellen, ſondern ihm auch auseinanderſetzen, in welcher Abſicht ich dieſe Bitte an ihn richtete. Mich wieder niederſetzen, nachdem ich aufgeſtanden war, ſchien mir linkiſch; meine lange Auseinanderſetzung ſtehend zu ma⸗ chen dünkte mir unmöglich; überdies dachte der Kauf⸗ man offenbar, wir haben uns nichts mehr zu ſagen. — 31 Ich hatte mich verbeugt, um ihm den Schein aus den Händen zu nehmen; im Glauben, ich verbeuge mich, um ihn zu grüßen, hatte er ſich ſeinerſeits auch verbeugt. Als er ſah, daß ich mich nicht wieder auf⸗ richtete, richtete er ſich auch nicht auf, und da weder der Eine noch der Andere von uns ſich rührte oder ſprach, ſo hatten wir das Ausſehen von zwei Parenthe⸗ ſen, welche auf den Satz warten, der ihnen als Ver⸗ bindung dienen ſoll. Durch ihre Verlängerung,— und ſie verlängerte ſich,— wurde die Lage ſo grotesk, daß ich ſah, wie ſich die ſo magere, ſo dürre, ſo mürriſche Frau ab⸗ wandte, um zu lachen. Da gerieth ich in Verwirrung; meine Verwirrung vermehrte ihre Heiterkeit; dieſe Hei⸗ terkeit, welche der Kaufmann zu theilen anfing, machte, daß ich völlig den Kopf verlor. Ich war nur noch dar⸗ auf bedacht, eine Phraſe zu finden, mit der ich auf eine anſtändige Art meinen Rückzug nehmen könnte. End⸗ lich glaubte ich ſie gefunden zu haben; ich erhob mich und ſprach: „Mein Herr, in drei Monaten werde ich Ihnen eine andere Guinee bringen.“ Ohne Zweifel machte mich dieſes Verſprechen minder lächerlich in den Augen des Kaufmanns, denn, vom Lachen zu einem einfachen Lächeln übergehend, ſagte er: „Bringen Sie, mein Herr, und Sie werden will⸗ kommen ſein.“ Worauf er mir freundlich ſeine Hand reichte, die ich Vntiſch mit einer kalten, feuchten, zitternden Hand ergriff. Ich fühlte in der That ganz wohl, daß ich durch das, was ich geſagt, eine Albernheit begangen hatte, indem ich dieſem Manne gegenüber eine unnütze Ver⸗ bindlichkeit übernahm, welche zu übernehmen nichts mich zwang. Mehr noch: dieſe Verbindlichkeit war nicht nur unnütz, ſondern ſogar gefährlich! Kam ich in Folge die⸗ ſer Verbindlichkeit in drei Monaten und brachte ihm die Guinee, ſo wußte er mir keinen Dank dafür, weil er 32 zum Voraus davon in Kenntniß geſetzt warz kam ich dagegen nicht, ſo brach ich, obſchon ich dieſe Guinee erſt in ſechs Monaten hätte bezahlen ſollen, mein Wort, und ich mißſtimmte ihn gegen mich. Der Fehler war ſo groß, daß ich, wie immer, außerhalb meiner Organiſa⸗ tion eine Urſache für das Unglück ſuchte, das mir be⸗ gegnete. Endlich glaubte ich dieſe Urſache entdeckt zu haben; ich ſagte mir: wäre die Frau nicht da geweſen. ſo hätte ich mich vortrefflich von Mann gegen Mann mit ihrem Gatten erklärt. An dem, was mir wider⸗ fuhr, war alſo dieſe Frau Schuld; dem zu Folge ging ich ſie verfluchend weg, indeß ich in Wirklichkeit doch mich allein verfluchen mußte. Ich kam zu meinem Keßler zurück und erzählte ihm mein Mißgeſchick, indem ich mir in ſeinen Augen ein für meine Eitelkeit ganz befriedigendes Anſehen gab, und dieſer Mann, welchem gegenüber ich durchaus nicht eingeſchüchtert war, ſagte zu mir: „Bei meiner Treue, Herr Bemrode, an Ihrer Stelle würde ich gar keine Umwege machen; ich ginge gerade zum Rector. Sie präſentiren ſich ſo gut, und Sie ſpre⸗ chen mit ſo viel Beredtſamkeit, daß ich nicht einen Augenblick zweifle, Sie erhalten von ihm Alles, was Sie von ihm verlangen.“ Dieſe Idee traf mich wie ein Blitzſtrahl, und ich wunderte mich nur, daß ſie mir nicht früher gekommen. Der Rector war nicht verheirathet; ich würde folglich bei ihm aller Wahrſcheinlichkeit nach keine Frau finden, die mich einſchüchterte. Ich drückte meinem Keßler die Hand mit einer ganz andern Treuherzigkeit, als ich ſie meinem Kaufmann gedrückt hatte. „Sie haben Recht,“ rief ich;„ich werde zum Rector gehen: er ernennt die Candidaten.. Ich werde mich ihm mit der edlen Dreiſtigkeit vorſtellen, welche für den Bittſteller einnimmt und bewirkt, daß man es nicht wagt, ſein Geſuch zu verwerfen. Ich kenne die Men⸗ ſchen, mein lieber Hauswirth! und nach den erſten 33 Worten, die er an mich richtet, werde ich ſeinen Cha⸗ rakter beurtheilen. Iſt er ſtolz, ſo werde ich ihm ſanft und in den Gränzen ſchmeicheln, in denen einem Chri⸗ ſten die Schmeichelei geſtattet iſt; iſt er empfindſam, ſo werde ich ihn beim Herzen nehmen und rühren; iſt er gelehrt, ſo werde ich wiſſenſchaftlich mit ihm reden und ihm zeigen, daß mir die Wiſſenſchaft auch nicht fremd iſt; iſt er ein Ignorant, ſo werde ich ihn durch den Umfang meiner Kenntniſſe in Erſtaunen ſetzen. In dem einen oder dem andern Falle wird er mir wohl, wie Sie ſehen, mein lieber Hauswirth, das was ich ver⸗ lange, bewilligen müſſen.« Mein Wirth hatte mich aufmerkſam angehört, doch 3 64 offenbar, daß er meinen Enthuſiasmus nicht eilte. Nach einem Augenblick brach er das Stillſchweigen. »Was Sie da geſagt haben, Herr Bemrode, iſt ſehr gut geſagt.. „»Nicht wahr?« rief ich, äußerſt befriedigt durch ſeine Beiſtimmung. „Ja.. nur würde ich nicht ſo verfahren.“ „Weil Sie die Menſchenkenntniß nicht haben, mein lieber Wirth.« »Das iſt möglich, ich habe nur den Inſtinct... den Inſtinct eines Thieres vielleicht... doch dieſer In⸗ ſtinet hat mich nie getäuſcht.“ Ich lächelte, und da ich wiſſen wollte, wie mein Hauswirth verfahren würde, ſo fragte ich mit einem Protectorstone: „Nun denn, was würden Sie an meiner Stelle thun, mein lieber Freund? Reden Sie, ich höre.« Und um ihn mit mehr Bequemlichkeit anzuhören, ſtreckte ich mich in ſeinem großen hölzernen, mit Schnitzwerk verzierten Lehnſtuhle aus. »Nun,“ verſetzte mein Wirth,„ich würde ihm ganz einfach ſagen:„„Herr Rector, Sie haben vielleicht von einem wackern Manne gehört, der dreißig Jahre Pfarrer Der Pfarrer von Aſhbourn, I. 3 4 8 3 1 5 1 34 der Gemeinde Beeſton geweſen iſt: während dieſer drei⸗ ßig Jahre hat er ſich, eine ſchwierige Sache! die Ach⸗ tung der Reichen und die Liebe der Armen zu erwerben und zu erhalten gewußt. Ich bin ſein Sohn, Herr Rector, das heißt, nichts, gar nichts durch mich ſelbſt! und ich komme im Namen meines verſtorbenen Vaters und bitte Sie um eine kleine Dorfpfarre, damit ich die Tugenden üben kann, von denen er mir vom Tage meiner Geburt bis zum Tage ſeines Todes das Beiſpiel gegeben hat.“““ Das würde ich ihm ſagen, Herr Bem⸗ rode, ich, der ich die Menſchen nicht kenne, und ich bin feſt überzeugt, dieſe paar Worte, ſo einfach und naiv ſie ſind, würden den Rector mehr rühren, als alle Ihre großen, zum Voraus ſtudirten und verfertigten Reden.“ Ich lächelte mitleidig und erwiederte: „Mein Freund, Ihre Rede,— denn es iſt eine Rede, obgleich ſie, wenn man die von Cicero in ſeinem Buche de oralore gegebenen Vorſchriften darauf anwen⸗ det, gegen die Form verſtößt,— mein Freund, Ihre Rede iſt zu einfach, es gebricht ihr an der erhabenen Kunſt, die wir die Beredtſamkeit nennen. Die Beredtſamkeit iſt aber das Einzige, was rührt, bewegt, fortreißt. Plinius ſagt, die Alten haben die Beredtſamkeit mit goldenen Feſſeln dargeſtellt, die aus ihrem Munde her⸗ vorgekommen, um damit zu bezeichnen, ſie ſei unum⸗ ſchränkte Gebieterin dieſer Welt, und alle Menſchen ſeien ihre Sklaven... Ich werde alſo beredt ſein, und da ich meine Beredtſamkeit dem Geiſte, dem Tempe⸗ rament, dem Charakter Ihres Rectors anzupaſſen ge⸗ denke, ſo wird es mir glücken. Ich auch,“ rief ich in meiner Begeiſterung,„ich habe auch goldene Feſſeln, welche an meinen Lippen hängen, und mit dieſen Feſ⸗ ſeln werde ich die Welt gefangen nehmen! „Es geſchehe ſol« murmelte mein Wirth, mit einer Miene, welche beſagen wollte:„Ich wünſche es Ihnen, mein Freund, doch ich glaube es nicht.“ w⸗ mant mein zu ve einer es m war, ander Recht nicht wahr! in m einen 0 nung, am( fünfzi lers e es he legenl Studt wie g weiter nen m recht fache Anfan unſtrei an eit unſtrei Beredt gung, 35 IV. Iweiter Nath meines Hauswirthes des Keßlers. Da ich wegen meines Beſuches bei meinem Kauf⸗ mann mein ſchönſtes Kleid anhatte, ſo beſchloß ich meinen Beſuch beim Rector nicht auf den andern Tag zu verſchieben, und meine Toilette zu benützen, um mit einer Klappe zwei Fliegen zu treffen. Ueberdies ſchien es mir, weil ich auf der einen Seite ſo völlig geſcheitert war, ich könnte an demſelben Tage nicht auch auf der andern ſcheitern. Ich war zu ſehr vertraut mit der Rechtswiſſenſchaft, um die Marime des non bis in idem nicht zu kennen. Endlich ſchöpfte ich, wie dies bei wahrhaft muthigen Herzen der Fall iſt, eine neue Kraft in meiner Niederlage, und ich beeilte mich, ſie durch einen Sieg zu verwiſchen.— Ich begab mich alſo, den Kopf hoch und voll Hoff⸗ nung, auf den Weg. Zum Ungluück wohnte der Rector am Ende der Stadt; hätte er zehn, zwanzig, ſogar fünfzig Schritte vom Hauſe meines Wirthes des Keß⸗ lers entfernt gewohnt, ſo würde ich ihn, ich bezweifle es heute noch nicht, mit der unerſchuͤtterlichen Ueber⸗ legenheit angeredet haben, die mir natürlich das tiefe Studium der Menſchen, das ich gemacht, verlieh. Doch, wie geſagt, er wohnte am andern Ende der Stadt; je weiter ich gegen ſein Haus vorrückte, deſto weniger ſchie⸗ nen mir die Argumente, die ich vorbereitet hatte, folge⸗ recht und bündig, und unwillkürlich ſiel mir die ein⸗ fache Rede meines Wirthes des Keßlers ein. Von Anfang verwarf ich ſie mit Verachtung, denn ſie litt unſtreitig, wie ich es dem Autor ſelbſt geſagt hatte, an einer beklagenswerthen Formſchwäche; aber, auch unſtreitbar, war in ihr eine von den Bedingungen der Beredtſamkeit, eine allerdings untergeordnete Bedin⸗ gung,— submissa conditio, wie Cicero ſagt,— jedoch 3 36 eine Bedingung, welche ihr Verdienſt hat: die Ein⸗ fachheit. Dieſe Vergleichung unſerer zwei Reden, der Rede von mir und der von meinem Wirthe dem Keßler, er⸗ regte einen erſten Zweifel in meinem Geiſte. War es beſſer, mit dem Rector im erhabenen Style, oder im ein⸗ fachen Style zu ſprechen? mußte man großartig oder natürlich ſein? Bei einer Angelegenheit, von der meine Zukunft bhind⸗ war es wohl der Muͤhe werth, dieſe Frage zu ellen. Ich hielt einen Augenblick an, ohne auf das Er⸗ ſtaunen zu merken, das die Voruͤbergehenden kundga⸗ ben, als ſie dieſen Menſchen gewahrten, der mitten auf der Straße geſticulirte und allein ſprach. Dieſe Conſultation,— bei der ich mich ſelbſt zum Advocaten des erhabenen und des einfachen Styls mit einer Unparteilichkeit machte, welche den ausgezeichnetſten Rechtsgelehrten Groß⸗Britanniens zur Ehre gereicht hätte,— hatte zum Reſultat, den Advocaten in den Richter zu verwandeln und dem Richter einen des König Salomo würdigen Spruch zu dictiren. Dieſer Spruch war, es ſollte eine glückliche Mi⸗ fchung des edlen und pathetiſchen Styls mit dem ein⸗ fachen und vertraulichen Style angewandt werden, wo⸗ durch ich mit einem Glücke und mit einer Wiſeenſchaft, die nur mir eigenthümlich, die zwei entgegengeſetzteſten Gränzen der Beredtſamkeit berühren müßte,— meinem Worte gebietend, das ich nach meinem Willen in raſche Thätigkeit ſetzen oder zügeln würde, wie ein geſchickter Wagenlenker zwei Pferden von verſchiedenen Racen, von denen das eine hitzig und ungeſtüm, das andere ſanft und geſchmeidig, beſiehlt, ſie durch ſeine Geſchick⸗ lichkeit zwingt, denſelben Schritt zu gehen und den Wagen, in welchem er nach dem Ziele des Sieges hin⸗ ſtrebt, mit gleicher Kraft und gleicher Geſchwindigkeit zu ziehen. 3 37 Nachdem dieſer Punkt feſtgeſtellt war, handelte es ſich nur noch darum, dieſe beiden Reden zu verſchmel⸗ zen und aus dem mit dem einfachen gemiſchten erha⸗ benen Style den gemäßigten Styl zu bilden. Ich war ſogleich hierauf bedacht. Doch da ſtieß ich auf eine Schwierigkeit, welche ſich, in Betracht der kurzen Zeit, die mir zu Löſung derſelben blieb, unüberſteigbar vor mir erhob. Ich mochte mich immerhin aller der von den alten und neuen Rednern, welche die Miſchung des Einfachen und des Erhabenen behandelten, gegebenen Lehren und Vorſchrif⸗ ten erinnern, die Lage dünkte mir eine ganz eigenthüm⸗ liche, und die zwei Reden ſchienen mir die zwei einzigen zu ſein, welche dieſer glücklichen Verſchmelzung nicht unterworfen werden könnten. Mehr noch, ſie hatten, ich weiß nicht warum, gegen einander eine Antipathie, wie ſie zwiſchen gewiſſen Menſchen und gewiſſen Racen ſtattfindet, und ich erinnerte mich in dieſer Hinſicht eines iriſchen Sprüchworts, welches, um die Antipathie zu ſchildern, die England von Irland trennt, mit mehr Wahrheit als Poeſie ſagt:„Laßt drei Tage lang einen Engländer und einen Irländer in demſelben Topfe ſie⸗ den, und nach Verlauf dieſer drei Tage werdet Ihr zwei getrennte Fleiſchbrühen haben.“ Nun denn, mein lieber Petrus, mir ſchien, es walte eine ſolche Antipathie zwiſchen meiner Rede und der meines Hauswirthes des Keßlers ob, daß man, ließe man ſie drei Tage und ſogar ſechs in demſelben Topfe ſieden, nie dazu käme, eine einzige Fleiſchbrühe daraus zu machen. Ich war ſo weit in meiner geiſtigen Arbeit und in meinen philoſophiſchen Reflexionen, als ich plötzlich zu meinem Schrecken bemerkte, daß ich vor der Thüre des Rectors angekommen. Die Entfernung, welche dieſes Haus von dem mei⸗ nes Wirthes des Keßlers trennte, war zugleich zu klein und zu groß. 38 Sie werden zugeſtehen, mein lieber Petrus, daß dergleichen Unglucksfälle, welche außer allen Combina⸗ tionen liegen, nur für mich allein gemacht ſind. Das Reſultat dieſer Entfernung, die ſich ſchlecht für die Lage der Dinge eignete, war, daß meine Rede, der ich heute noch bei Weitem den Vorzug vor der andern gebe, hätte von mir ohne irgend eine Ver⸗ änderung geſprochen werden und folglich eine ſchlagende Wirkung hervorbringen können, wäre, wie geſagt, das Haus des Rectors von dem meines Wirthes nur zehn, zwanzig oder ſogar fünfzig Schritte entfernt geweſen; daß eine gemäßigte, verſchmolzene, in Harmonie ge⸗ brachte Rede aus der Vereinigung der beiden Reden hätte hervorgehen können, wäre das Haus des Rectors zum Beiſpiel, ſtatt eine halbe Viertelſtunde von dem mei⸗ nes Wirthes entfernt zu ſein, eine Viertelſtunde entfernt geweſen, während dieſes Haus bei ſeiner mittleren Di⸗ ſtanz entfernt genug war, daß meine erſte Rede Zeit gehabt hatte, umgeſtürzt zu werden, und zu nahe, als daß ich Zeit gehabt hätte, aus den Trümmern dieſer erſten eine zweite zu erbauen. Ich trat alſo beim Rector ein, ohne daß ich auch nur entfernt wußte, was ich ihm ſagen ſollte, denn mein Geiſt wurde in umgekehrter Richtung von zwei gleichen Kräften hin⸗ und hergezerrt. Und da in der Dynamik, wie Sie wiſſen, mein lieber Petrus, zwei gleiche Kräfte ſich neutraliſiren, ſo werden Sie ſich nicht wundern, wenn ich Ihnen ſage, daß in dem Augen⸗ blick, wo der Diener, der mich einführte, die Thüre vom Vorzimmer des Rectors öffnete, mein Geiſt völlig neutralifirt war. Ich hatte noch eine Hoffnung;— denn Gott hat mir im höchſten Grade, ſei es nun Glaube an ihn, oder Selbſtvertrauen, die herrliche Gabe der Hoffnung ver⸗ liehen, durch die ſich die Zukunft mit den glänzendſten Reflexen vergoldet und in den reichſten Farben erſcheint; Reflexe und Farben, welche allerdings verſchwinden, ſo * daß bina⸗ hlecht eine g vor Ver⸗ gende „das zehn, eſen; ge⸗ deden etors mei⸗ fernt 1⸗ Zeit als dieſer auch denn zwei der zei licht gen⸗ ʒüre llig hat der ver⸗ ſten nt; ſo 39 wie die Zukunft zur Gegenwart wird und die Gegen⸗ wart zur Vergangenheit, die aber nichtsdeſtoweniger machen, daß mein ganzes Leben ein langer Lobgeſang auf den Herrn iſt. Ich hoffte alſo Eines: der Rector wäre in Geſell⸗ ſchaft und könnte mich nicht ſogleich empfangen. Wäh⸗ rend ich wartete, bis es ihm gefiele, würde ich Ord⸗ nung in meine Gedanken bringen, und, mit der Klar⸗ heit des Urtheils, die ich zu beſitzen mich rühme, be⸗ rechnete ich, daß ich nur eine Viertelſtunde brauche, um meine Rede zu filtriren und abzuklären, ſo trübe ſie auch ſein dürfte. Zum Unglück war der Rector allein, und nachdem der Diener die Worte geſprochen:„Herr Rector, darf ich Herrn Bemrode, Sohn des ehemaligen Pfarrers von Beeſton, einführen?« hörte ich eine rauhe Stimme ant⸗ worten: „Laßt ihn eintreten!“« Dieſe Antwort trieb mir das Blut zu den Wan⸗ gen und den Schweiß auf die Stirne. Der Diener wandte ſich gegen mich um und ſagte: »Treten Sie ein, der Herr Rector will Sie em⸗ pfangen.“ Eine Wolke zog über meine Augen; ich trat ſchwan⸗ kend vor, und durch dieſe Wolke ſah ich, an ſeinem Schreibtiſche ſitzend, eine Plattmütze von ſchwarzem Sam⸗ met auf dem Kopfe und in einen großen Schlafrock von ausgeſtreckt und mit der rechten Hand mit einem Inſtru⸗ mente ſpielend, das ich Anfangs für einen Dolch hielt, ald aber erkannte ich, daß es ein einfaches Meſſer, um das Papier zu ſchneiden, war. In dieſer Haltung voll nachläſſiger Würde ſchien mir der Rector ſo majeſtätiſch, daß ich gewiß nicht be⸗ klommener geweſen wäre, hätte man mich unmittelbar 40 in das Cabinet und zu der erhabenen Perſon von König Georg II. eingeführt. Sie begreifen auch, mein lieber Petrus, was zwi⸗ ſchen ihm und mir vorging; ſtatt daß ich von Anfang die Oberhand dadurch an mich riß, daß ich ihn be⸗ ſiegte, bekämpfte, unterjochte, redete er mich zuerſt an und fragte mich nach der Urſache meines Beſuches und was ich bei ihm wollte, und dies mit einer ſolchen Schärfe der Betonung, mit einer ſolchen Tiefe des Blickes, daß ich, der ich ſchon ganz verwirrt war durch die kurze Zeit, die ich gehabt hatte, um die zwei Re⸗ den zu verſchmelzen, betroffen von dieſem durchdringen⸗ den Blicke und dieſer metalliſchen Stimme vollends den Kopf verlor und kaum die Worte: theologiſche Studien, Dorfpfarre und evangeliſcher Beruf, ſtammeln konnte. Aus Allem dem, wußte indeſſen der Rector mit einem Scharffinn, der ſeinem Verſtande die größte Ehre machte, zu entnehmen, was ich wünſchte; denn, wäh⸗ rend es mir zugleich ſchien, als ſähe ich ein verächtliches Lächeln auf ſeinen Lippen hervortreten, antwortete er mir, oder ich glaubte vielmehr zu hören, denn der Ge⸗ hörſinn war bei mir gerade ſo desorganiſirt wie die anderen Sinne, ich glaubte zu hören, ſage ich, er ant⸗ worte mir, ich ſei noch ſehr jung, ältere und verdien⸗ tere Leute warten ſeit Jahren, ohne eine Stelle zu fin⸗ den; alle Pfarreien, bei denen ihm die Ernennung zuſtehe, ſeien verſprochen, und in ſeinem Gerechtigkeits⸗ und Unparteilichkeitsgefühle müßte er es ſich zum Ver⸗ brechen anrechnen, wenn er zu meinen Gunſten Jemand übergehen würde; er fordere mich alſo auf, meine Studien zu beendigen, welche die Vervollſtändigung ſehr nöthig zu haben ſcheinen, und in ein paar Jahren wieder zu ihm zu kommen. Mehr als je ſtammelnd, flehte ich ihn ſodann an, er möge die Güte haben, meinen Namen in ſeine Ta⸗ bletten einzuſchreiben, daß er zuweilen ſeinen Augen ſich darbiete und ihn ſo an meine Perſon erinnere; er aber —— 20——— =SSUSAERS be König 3 zwi⸗ nfang n be⸗ rſt an 3 und olchen 2 des durch i Re⸗ ngen⸗ 3 den dien, 41 ſagte mir,— ſo ſchien es mir wenigſtens,— indem er vom verächtlichen Lächeln zum ſpöttiſchen Tone über⸗ Und, in der That, gebückt und ſtammelnd, wie ich vor ihm ſtand, mußte ich ihm, je nach der ſtolzen Na⸗ tur ſeines Geiſtes oder der barmherzigen Dispoſition ſeines Gemüthes die erhabenſte Verachtung oder das tiefſte Moochte ich ihm nun die eine oder das andere von dieſen Gefuͤhlen eingeflößt haben, ich nahm Abſchied von ihm in einem Zuſtande der Geiſteszerrüttung, der dem Blödſinne glich, und der ſich, ſobald ich von ſeiner Gegenwart frei war, in ein Gefühl von Wuth verwan⸗ delte gegen dieſes Haus, das ſich in einer ſo dummen Entfernung von dem meines Wirthes des Keßlers fand, und gegen dieſen Bedienten, der mich, ſtatt mir Zeit zu laſſen, daß ich mich erholen und faſſen konnte, ſo⸗ bald ich erſchien, bei ſeinem Herrn einführte. Mein Wirth der Keßler wartete vor ſeiner Thüre und das Geſicht nach dem Wege gerichtet, auf dem ich zu ihm zurückkommen mußte; ſobald er mich von fern erblickte, begriff er, daß die Dinge zwiſchen mir und dem Rector ſchlecht abgelaufen waren, und als ſeine Stimme mich erreichen konnte, ſagte er, den Kopf ſchüttelnd, zu mir: »Ich wußte es, mein lieber Herr Bemrode, Ihre Rede war zu beredt! Sie haben wohl dem Rertor ſo kühne Dinge geſagt, daß er ſich dadurch verletzt fühlte und Ihnen die Pfarre abſchlug. Ahl ſo ſind die 42 den Beſchützer macht... Nicht wahr, der Herr Rector wollte nichts von Ihren Feſſeln, obgleich ſie von Gold waren? Hievon Ihre Traurigkeit, Herr Bemrode, doch ich muß Ihnen geſtehen, als ich Ihre Zuverſicht bei Ihrem Abgange ſah, war ich gefaßt auf dieſe Enttäuſchung bei der Rückkehr... Auf, erzählen Sie mir das und ſa⸗ gen Sie mir, wie ſich die Sache zugetragen hat.« „Mein lieber Wirth,“ erwiederte ich majeſtätiſch, vich glaube in der That, wie Sie ſagen, einen ziemlich unangenehmen Eindruck auf den Herrn Nector hervor⸗ gebracht zu haben... Ich hatte mich getäuſcht, mein Freund, und ich konnte auf der Stelle wahrnehmen, daß ich nicht zum Bittſteller gemacht bin. Nun wohl, es ſei,“ fuhr ich fort, indem ich voll Entſchloſſenheit den Kopf wiegte,„da es der Wille der Vorſehung iſt, ſo werde ich meinen Weg ganz allein machen; es wird um ſo ehrenvoller ſein, wenn ich zum Ziele ohne Pro⸗ tection, ohne Gunſt, ohne Intriguen gelange und mein Glück nur meinen Talenten und meinen Tugenden ver⸗ danke!“ „Ahl das iſt wohl gedacht und wohl geſprochen, mein lieber Herr Bemrode,“ rief mein Wirth,„und wie ärgert es mich, daß meine gute Freundin, die Frau des Pfarrers von Aſhbourn, Sie nicht gehört hat! Das iſt eine Frau von Verſtand, und ſie würde Sie nach den paar Worten, die Sie ſo eben geſagt, beurtheilt und Ihnen vielleicht einen guten Rath gegeben haben; doch es iſt nichts verloren: ſie iſt in der Bude und plaudert mit meinem Weibe; wir ſpeiſen mit einander zu Mittag... Michen Sie mir das Vergnügen, von der Geſellſchaft zu ſein.« Das kam mir ganz erwünſcht; mehr als einmal, wenn ich, um die drei bis vier Pfund Sterling, die mir noch blieben, ſo lange als möglich dauern zu laſ⸗ ſen, als ganzes Mittageſſen ein Stück Brod und eine Schnitte geräuchertes Ochſenfleiſch, befeuchtet mit einem einfachen Glaſe Waſſer, verzehrte,— mehr als einmal, ——,;-9—ℳ 3-ʒ 43 ſage ich, war der Geruch einer kraͤftigen Küche, aus den unteren Theilen des Haufes hervorkommend bis zu nehm gereizt. Dieſer Geruch plaidirte ſo ſiegreich die Sache meines Wirthes, daß ich, ohne die geiſtige und geſellſchaftliche Entfernung zu meſſen, welche einen Red⸗ ner von einem Keſſelſchmied trennt, die Einladung an⸗ nahm; dem zu Folge ging er, mir voranſchreitend, in's Haus hinein und rief ſeiner Frau zu:. „Liebe Freundin, danke Herrn Bemrode: er will uns die Ehre erweiſen, mit uns zu Mittag zu ſpeiſen.“ Dann wandte er ſich an eine Fremde, die mit ſeiner Frau plauderte, und ſprach: eine liebe Miſtreß Snart, da Sie eine fromme Frau ſind und Gott Sie zuweilen in dieſer Eigenſchaft inſpirirt, ſo erlauben Sie mir, Ihnen einen jungen aun vorzuſtellen, deſſen Name Ihnen ſicherlich nicht unbekannt iſt, und der es in dieſem Augenblick ſehr nöthig hat, daß ihm eine verſtändige Frau, wie Sie, einen guten Rath gibt. Es iſt der Sohn des ehren⸗ werthen Herrn Bemrode, des ehemaligen Pfarrers von Beeſton; der Herr Rector hat ihm eine Pfarre abge⸗ ſchlagen, und er möchte nun gern, da er keine andere Glückschance hat, durch ſein eigenes Verdienſt durch⸗ dringen.« Hierauf wandte er ſich auf's Neue an mich und ſagte zu mir: „Herr Bemrode, ſetzen Sie Miſtreß Snart ausein⸗ ander, was zwiſchen Ihnen und dem Herrn Rector vor⸗ gefallen iſt, und erklären Sie ihr Ihren Wunſch, ſich der evangeliſchen Laufbahn zu widmen, auf der Ihnen Ihr Vater einen ſo ſchönen und heiligen Weg vorge⸗ zeichnet hat.“ Ich habe Ihnen ſchon geſagt, mein lieber Petrus, in welchem Grade ich die redneriſche Fähigkeit gegen⸗ über von Perſonen von einer niedrigern und ſogar von einer der meinigen gleichen Lebensſtellung beſitze; ſo⸗ 44 gleich entſprach ich alſo der Aufforderung meines Wir⸗ thes des Keßlers, und nachdem ich der würdigen Miſtreß Snart meine Zuſammenkunft ungefähr erzählt hatte, entwarf ich ihr ein Gemälde ſo voll Mildherzigkeit, Frömmigkeit und Salbung über die Art, wie ich das Leben eines Dorfpfarrers in ſeinen Beziehungen zu ſei⸗ nen Gemeindegliedern verſtand, welche nur eine Aus⸗ dehnung ſeiner eigenen Familie ſein ſollten, daß die wür⸗ dige Frau fühlte, wie ihr die Thränen in die Augen traten, indeß meine Wirthin die Keſſelſchmiedin ſchluchzte, und ihr Mann, faſt ebenſo bewegt, ſeine Augen mit ſeiner geſchwärzten Hand abwiſchend ausrief: „Nun! was ſagte ich Dir, Weib?.. Nun! Mi⸗ ſtreß Snart, was ſagte ich Ihnen?« Und während ich die Wirkung ſah, die ich auf dieſe wackeren Leute hervorbrachte, während ich die na⸗ türliche Beredtſamkeit bewunderte, die dieſe Wirkung herbeiführte, fragte ich mich, ohne auf dieſe Frage ant⸗ worten zu können, warum ich eine Stunde vorher nicht ſo mit dem Rector geſprochen habe; was mich um ſo mehr in dem Gedanken beſtärkte, bei den Unglücksfällen, wie der war, den ich ſo eben erlebt, walte immer ein Verhängniß ob, das gegen mein Genie käͤmpfe. Da offenbarten ſich bei Miſtreß Snart der richtige Geiſt und das gerade Urtheil, wovon mein Wirth der Keſſelſchmied geſprochen. „Mein lieber Herr Bemrode,“ ſagte ſie, die Augen noch in Thränen gebadet und mit einem Stimmtone, welcher bewies, daß dieſe Thränen vom Herzen kamen, „mein lieber Herr Bemrode, Ihr Entſchluß, allein, ohne Protection und ohne Intrigue das Ziel zu erſtreben, iſt edel, groß und hochherzig, und ich ſpende ihm meiner⸗ ſeits von ganzer Seele Beifall. Wie aber hiezu gelan⸗ gen? ich will Ihnen das Mittel geben.“ „Ah! meine liebe Dame,“ rief ich,„wie ſehr werde ich Ihnen zu Dank verpflichtet ſein, wenn Sie mir eine Laufbahn öffnen, die, indem ſie mir Sicherheit über 45 und der ungeſtöoͤrten Ruhe bedarf... Meine liebe Mi⸗ ſtreß, ich übernehme die feierliche Verbindlichkeit, Ihnen dieſes Werk zu widmen und ſo im Angeſichte der Nachwelt den Dank zu heiligen, den ich Ihnen ſchuldig ſein werde.“ Die gute Frau lächelte mit einer ſchwermüthigen wir Ihnen die Einſamkeit und die Ruhe verſchaffen, die Ihnen ſo ſehr nothwendig ſind, um das fragliche große Werk zu verfaſſen, und iſt dieſes große Werk ein⸗ mal verfaßt, ſo werden Sie, davon können Sie uber⸗ zeugt ſein, eine Perſon von größeren Verdienſten, als ich ſie habe, finden, um es ihr zu widmen.“ „Nie, Miſtreß Snart! nie le rief ich.„Durch Ih⸗ ren Beiſtand wird das Werk geſchaffen worden ſein, Ihnen wird es alſo gehören. Wie Sie aber mit der Schärfe des Geiſtes, die ich ſo ſehr bewundere, ſagen: denken wir vor Allem an das Dringendſte, nämlich an das Mittel, mich bekannt zu machen und, folglich, allein „Das iſt ſehr einfach, Herr Bemrode, und ich werde kein großes Verdienſt haben, daß ich es gefun⸗ den. Bitten Sie die Pfarrer der Umgegend, die alle Ihren Herrn Vater ekannt haben und Ihnen ſicherlich w ſchlanan werden, um die Erlaubniß, einen Tag an ihrer Stelle vor ihren Gemeindegenoſſen zu predigen. Nehmen Sie zu Gegenſtänden Ihrer Pre⸗ digten die am meiſten für Ihre Beredtſamkeit geeigneten 46 Terte des Alten oder des Neuen Teſtaments;z machen Sie ſich einen Ruf in den Dörfern und Flecken der Graf⸗ ſchaft Nottingham, und ich bezweifle nicht, daß bei der erſten Erledigung einer Pfarre die Einwohner von einem dieſer Dörfer oder Flecken Sie ſelbſt zum Seel⸗ ſorger verlangen. In ein ſolches Verlangen wird ſich der Herr Rector, welches Vorurtheil er auch gegen Sie haben mag, fügen müſſen; Sie werden Ihre Pfarre und zugleich die edle Befriedigung haben, ſie nur Ih⸗ rem eigenen Verdienſte zu verdanken.“ „Ah! meine liebe Miſtreß Snart,« rief ich aber⸗ mals,„mein Wirth ſagte mir wohl, Sie ſeien eine Frau von gutem Rathe! Ja, ich werde die Kanzel be⸗ ſteigen! ja, ich werde predigen! ja, ich werde Gott ver⸗ herrlichen und die Böſen niederſchmettern von der Höhe meiner Beredtſamkeit! Ich fühle mich ſchon begeiſtert nur bei dem Gedanken, vor dieſen Menſchen zu ſprechen, die ich ſo lange ſtudirt habe und ſo gut kenne... Nur eine Gelegenheit!... Sie, die Sie ſo viel für mich gethan haben, Miſtreß Snart, bieten Sie mir dieſe Gelegenheit, und ich widme Ihnen nicht nur mein erſtes Werk, ſondern auch mein zweites Werk! mein drittes Werk alle Werke, die ich verfaſſen werde!« „Ach! Herr Bemrode,« antwortete mir Miſtreß Snart,„dieſe Gelegenheit bietet ſich leider von ſelbſt, und ich werde nicht die Mühe haben, ſie weit zu ſuchen. Mein Mann, der ſchon ſeit einem Jahre krank iſt, hütet ſeit drei Monaten das Bett; ſeine Gemeindegenoſſen, die er an das Wort Gottes gewöhnt hat, brauchen Je⸗ mand, der ihn vertritt.... Ich kehre noch heute Abend zu ihm zurück, ich ſetze ihn von Ihrem Wunſche in Kenntniß, und iſt einmal das Beiſpiel, Ihnen ſeine Kanzel zu leihen, durch den Pfarrer Snart gegeben, ſo werden alle Kanzeln der Umgegend für Sie offen ſein.“ „Ahl meine liebe Miſtreß Snart,“ ſagte ich, immer 47 dankbarer gegen die würdige Frau,„bei meiner Seele, Sie retten mir das Leben. „Nun, wann wünſchen Sie zu predigen?« „Sobald als möglich, ſogleich... morgen, wenn der Herr Pfarrer Snart dazu einwilligt.“ „Morgen, das iſt ein wenig bald,« erwiederte die gute Frau mit ihrem ſanften, ſchwermüthigen Lächeln; „man hätte nicht Zeit, die Feierlichkeit Ihres erſten Auftretens zu verkündigen.“ „Alſo am nächſten Sonntag, meine liebe Dame,... ich bitte Sie inſtändig, nicht ſpäter! ich brenne vor Ver⸗ langen, meine Laufbahn zu eröffnen... Nicht wahr, nächſten Sonntag 2 „Bedenken Sie, daß es heute Dienſtag iſt.“ „Wohl, ich habe vier Tage vor mir, ohne den Mor⸗ gen des fünften zu rechnen, mehr brauche ich nicht, Miſtreß Snart.“ „Sie kennen beſſer als ich die Mittel Ihres Gei⸗ es und die Reichthümer Ihrer Bildung, Herr Bem⸗ nade⸗ der Tag, den Sie wählen, wird alſo unſer Tag ein.“ „Aber Herr Snart 2 fragte ich ängſtlich. „„ Herr Snart wird Ihnen morgen durch einen Brief für den Dienſt danken, den Sie ihm leiſten.“ „Am nächſten Sonntag alſo!« rief ich in der größ⸗ ten Freude. „Am Samſtag Abend, Herr Bemrode, nehmen Sie das Bett an, das ich Ihnen in meinem Hauſe biete, und am Sonntag Morgen werden die Kirche, die Kanzel und das Dorf Aſhbourn Ihnen gehören.“ nur Eines, was ſchlechter iſt, als eine ſchlechte Predigt,— ich ſage dies ohne Anſpielung auf die, welche Sie am 48 nächſten Sonntag halten werden, und die, ich bin es überzeugt, ein Meiſterwerk ſein wird,— das iſt ein kalt gewordenes Mittageſſen! „Zu Tiſche!“ wiederholte ich,„zu Tiſche! ich weiß nicht, wie Ihr Mittageſſen iſt, doch Sie ſollen ſehen, wie meine Predigt ſein wird.“ Das Mittagbrod meines Wirthes des Keſſel⸗ ſchmieds war vortrefflich; wie meine Predigt war, wer⸗ den Sie in meinem nächſten Briefe erfahren, mein lie⸗ ber Petrus. V. Dritter Rath meines Wirthes des Keßlers. Am andern Tage erhielt ich wirklich einen Brief von Miſtreß Snart, die mir ſchrieb, ihr Verſprechen ſei von ihrem Manne gutgeheißen worden, meine Pre⸗ digt ſei ſchon im Dorfe angekündigt und die Gemeinde⸗ genoſſen von Aſhbourn zählen auf mich für den nächſten Sonntag. Ich hatte nicht auf dieſen Brief gewartet, um zum Werke zu ſchreiten, und ſchon am Abend meines Be⸗ ſuches beim Rector und meines Mittageſſens bei mei⸗ nem Wirthe dem Keſſelſchmied hatte ich in Folge des verbindlichen Anerbietens von Miſtreß Snart meine Predigt angefangen. ochte ich nun in einer reizbaren Stimmung des Geiſtes ſein, oder war mir der Gedanke gekommen, wenn ich eine große Wirkung hervorbringen und meine Zuhörer in Erſtaunen ſetzen wolle, müſſe ich kräftig ſchlagen und durch meine Strenge imponiren, ich be⸗ ſchloß, zum Gegenſtande meiner Predigt die Laſter der Zeit und die Entſittlichung des Jahrhunderts zu nehmen. —,——,—=——=—, &&—6 8 iin es ſt ein weiß ſehen, deſſel⸗ wer⸗ lie⸗ Brief echen Pre⸗ inde⸗ hſten zum Be⸗ mei⸗ des neine des nen, eine iftig be⸗ der nen. 49 Der Gegenſtand war herrlich, glänzend, ohne Gränzen! Hätte ich vor dem franzöſiſchen Hofe, vor dem ſpaniſchen Hofe und ſogar vor dem engliſchen Hofe zu ſprechen gehabt, ſo zweifle ich nicht an der Wirkung, die eine ſolche Rede im Munde eines Boſſuet, deſſen ſie in der That würdig, hervorgebracht haben müßte; doch vielleicht für ein Dörſchen von fünfhundert Seelen wie Aſhbourn, für gewöhnliche und meiſtens in Betreff der Laſter, gegen die ich donnerte, unwiſſende Geiſter, für eine Bevölke⸗ rung, bei der alle Stunden die Woche hindurch der Arbeit, alle Stunden am Sonntag der Frömmigkeit und der Ruhe gewidmet waren, und unter der die Trinker, die Müßiggänger und die Wüſtlinge eine höchſt ſeltene Ausnahme bildeten, war vielleicht, ſage ich, eine ſolche Rede. nicht vollkommen an ihrem Platze. Leider bemerkte ich dies nicht. Ich that, was ein dramatiſcher Dichter thäte, der ein Stück wie Hamlet oder Don Juan mit fünfzig Perſonen und fünf und zwanzig Verwand⸗ lungen für ein kleines Marionettentheater verfaſſen würde, durchſtoßen haben würde, hätte ihn die Luſt erfaßt, ſich von dem Stuhle von Gold und Elfenbein, auf dem er ſaß, zu erheben. Statt kalt den Schauplatz und die Zuſchauer zu beurtheilen, blendete ich mich ſelbſt beim Glanze meines Gegenſtandes; ich berauſchte mich in den ogen meiner eigenen Beredtſamkeit, und als ich am amſtag Morgen zu meinem Wirthe dem Keßler aus meinem Stübchen hinabging, um ihm meine Predigt vorzuſprechen, bedauerte ich aufrichtig, daß die Calvin, die Wielef, die Zwingli, die Boſſuet, die Fénelon, die Flöchier, die Bourdaloue und die Maſſillon, kurz, daß alle die Prediger, welche exiſtirt hatten oder noch exiſtirten, nicht am andern Tage in der kleinen Kirche von Aſhbourn 50 3 An meiner wichtigen, ſelbſtzufriedenen Miene er⸗ kannte mein Hauswirth der Keßler, daß etwas Neues vorging. „Nun, mein lieber Herr Bemrode, was werden Sie uns Gutes ſagen?« fragte er. „Mein würdiger Mann, ich will Ihnen ſagen, daß meine Predigt fertig iſt.“ „Und Sie ſind damit zufrieden?“ „Das heißt,“ antwortete ich mit meiner gewöhn⸗ lichen Offenherzigkeit,„das heißt, ich betrachte ſie als ein Meiſterwerk.« „Hm! hm!“ machte mein Wirth. „Sie zweifeln?“ verſetzte ich hoffärtig. „Mein lieber Herr Bemrode,“ erwiederte der wür⸗ dige Mann,„ich weiß nicht, ob es mit den Predigten iſt wie mit den Caſſerolen und mit den Keßlern wie mit den Predigern; doch ich habe immer geſehen, daß die ſchlechten Arbeiter mit ihren Werken zufrieden ſind, während die Meiſter, die ächten Meiſter, ſtets warten, bis das Lob der Kenner über das Verdienſt ihrer eigenen Werke entſchieden hat.“ „Nun, mein würdiger Mann, gerade darum komme ich zu Ihnen herab, ich will Sie um Ihre Anſicht bitten und Ihnen meine Predigt vorleſen, und wenn Sie ſie gehört haben, werden Sie mir offen ſagen, was Sie davon denken.“ „Sie erweiſen mir zu viel Ehre, daß Sie mich ſo zum Richter wählen,“ ſagte mein Wirth, indem er den Hut abnahm.„Fragen Sie mich, ob ein Keſſel von gutem oder ſchlechtem Kupfer, ob eine Caſſerole gut oder ſchlecht verzinnt iſt,— ich werde in meinem Ele⸗ mente ſein und Ihnen dreiſt und ſicher antworten; doch bei einer Predigt kann ich Ihnen nur den Eindruck ſchildern, den ich empfinde, ohne es zu verſuchen, meine Meinung zu begründen.“ „»und was Sie da thun, wird die Handlungsweiſe eines vernünftigen Mannes ſein, und ich ſehe wohl, ne er⸗ Neues derden daß vöhn⸗ ie als 51 daß Sie die Anekdote von Apelles und dem Schuſter kennen.“ »„Sie irren ſich, Herr Bemrode,“ verſetzte einfach mein Wirth,„ich kenne ſie nicht.“ „Nun, ſo will ich ſie Ihnen erzählen. Sie wird vortrefflich als Vorrede zu meiner Predigt dienen; nur müſſen Sie annehmen, ich ſei Apelles und Sie ſeien der Schuſter.“ „Ich werde Alles, was Ihnen beliebt, annehmen, Herr Bemrode. Laſſen Sie die Anekdote hören,“ ſprach der Keßler. 4 Und mit einem Gefühle der Bewunderung, für das ich ihm Dank wußte, fügte er bei: „»Wahrhaſtig, ſo oft ich Sie verlaſſe, nachdem ich mit Ihnen geplaudert, frage ich mich, mein lieber Herr Bem⸗ rode, wo Sie Alles das, was Sie wiſſen, gelernt haben!e Ich lächelte mit einer zufriedenen Miene und ver⸗ beugte mich leicht, als wollte ich im Fluge das Kom⸗ pliment auffangen, das von den Lippen meines Wirthes gefallen war. „Apelles«, ſagte ich,„war ein berühmter Maler von Kos, von Epheſus oder von Kolophon: ſeine Biographen ſtimmen in Betreff ſeines Geburtsortes nicht überein; man weiß nur, daß er ungefähr 332 Jahre vor Chriſtus blühte.“ »Teufel!« unterbrach mich lächelnd mein Wirth, „332 Jahre vor Chriſtus! Wiſſen Sie, daß das nicht geſtern war, Herr Bemrode, und daß es mich nicht wundert, wenn man ſeinen Geburtsort vergeſſen hat? Wer wird in zwei tauſend Jahren wiſſen, wo wir, Sie und ich, geboren worden ſind? „Oh! mein Freund, was mich betrifft, man wird es wiſſen, denn damit die Nachwelt nicht im Zweifel bleibe oder einen Irrthum in dieſer Hinſicht begehe, werde ich beſorgt ſein, in der Vorrede zu dem großen Werke, das ich ſogleich nach meiner Ernennung zu machen gedenke, zu eonſtatiren, ich ſei am 74 Juli 1728 52 im Dorfe Beeſton geboren.... Doch kommen wir auf Apelles zurück, der, weil er dieſe Vorſichtsmaßregel ver⸗ nachläſſigt hatte, die Nachwelt im Zweifel ließ. ⁰ „Ich höre, mein lieber Herr Bemrode; Sie ſprechen wahrlich wie ein Buch.“ „Ich ſagte alſo, Apelles habe 332 Jahre vor Chriſtus geblüht. Er lebte am Hofe von Alerander, dann an dem von Ptolomäus; das war ein großer Arbeiter, ein Maler, der keinen Tag vorübergehen ließ, ohne ſeinen Pinſel in die Hand zu nehmen, wie ich es keinen Tag verſäume, meine Feder zu ergreifen; und weil er be⸗ ſcheiden war, wie es ſich für ein großes Talent geziemt, ſo ſtellte er ſeine Gemälde öffentlich aus und hörte darüber die Anſichten der geringſten Leute.“ „Wie Sie es thun, mein lieber Herr Bemrode, da Sie in dieſem Augenblick mich um die meinige fragen wollen.“ „Hören Sie alſo, mein Freund. Eines Tages machte ein mit der Menge vermiſchter Schuhflicker eine ſo richtige Bemerkung über eine Sandale von einer der gemalten Perſonen, daß ihm Apelles dankte und den von dieſem Menſchen bezeichneten Fehler verbeſſerte, worüber der Wundarzt in alter Fußbekleidung, wie unſer bewunderungswürdiger Shakeſpeare ſagt, ſo ſtolz wurde, daß er am andern Tage wiederkam und ſich nicht damit begnügte, daß er die Sandalen tadelte, ſondern auch das übrige Gemälde zu kritiſiren anfing. Doch diesmal ſchnitt ihm Apelles ſeine Bemerkungen kurz ab; er legte ihm die Hand auf die Schulter und ſprach:„„Schuſter, bleibe bei Deinem Leiſten!“« was im Lateiniſchen heißt: Ne sutor ultra crepidam! und im Griechiſchen: M unreg r0 drrodνμα σσκινιοιντοισιε „Und das war wohl geſprochen, lieber Herr Bem⸗ rode; nur weiß ich nicht, was ich Ihnen, wenn nicht vom Küchengeſchirr in Ihrer Predigt die Rede iſt, dar⸗ über werde agen können, denn Sie werden mir wahr⸗ ſche Ke ein nu⸗ Eit He nac hör ſeit Un ſitz we rauf ver⸗ eechen riſtus n an , ein ſeinen Tag er be⸗ ziemt, rüber nrode, einige nachte ichtige nalten dieſem der unſer 53 ſcheinlich, wie Apelles ſeinem Schuhflicker, antworten: Keßler, bleibe bei Deinem Keſſel!“ „Ich verlange von Ihnen weder einen Tadel, noch ein Lob meiner Rede, mein beſter Wirth; Sie ſollen nur mein Auditorium ſein und mir ſagen, welchen Eindruck meine Predigt auf Sie hervorgebracht hat.“ „Ohl! wenn Sie nicht mehr fordern, mein lieber Herr Bemrode,— das iſt etwas Leichtes, und Sie ſollen hach Wunſch bedient werden. Fangen Sie alſo an, ich öre.“ „Setzen Sie ſich, um ganz wie in der Kirche zu ſein; ich ſpreche für ſitzende Leute, und Cicero ſtellt einen Unterſchied feſt zwiſchen den Reden, welche vor einem ſitzenden oder vor einem ſtehenden Auditorium gehalten werden ſollen.“ „Ich werde mich ſetzen, da Sie es wünſchen, Herr Bemrode,“ erwiederte der Keßler. Und er ſetzte ſich. Ich blieb ſtehen; denn der Prediger ſteht auf der Kanzel, was ihm eine große Erleichterung für die Ent⸗ ſendung des Wortes und für den Wechſel in den Ge⸗ berden gewährt. Dann ſpackte ich aus, huſtete ich, wie ich es ver⸗ ſchiedene Redner bei den Predigten, denen ich beigewohnt, hatte thun ſehen, und ich begann meine Vorleſung. Unter uns muß ich Ihnen geſtehen, mein lieber Petrus, daß ich meine Predigt dem Keſſelſchmied nicht nur vorlas, um ſeine Meinung darüber zu hören, ſon⸗ dern auch, um mich auf die Feierlichkeit am andern Tage vorzubereiten; kurz, die Leſung ſollte mir als Generalprobe dienen, wie die Dramaturgen und die Tragödiſten ſagen. Ich vernachläſſigte auch keine von den Kunſtfertig⸗ keiten des Wortes, welche die Macht des Redners ver⸗ ſtärken. Ich beſaß, was Cicero für den Menſchen fordert, der öffentlich ſpricht: die leichte Zunge, das angenehme Geſicht und die edle Geberde, 54 Stimme, Geberde und Geſicht, ich brachte Alles mit einer außerordentlichen Geſchicklichkeit in Einklang; ich war geringſchätzend, wenn ich von den Mächtigen der Erde ſprach, vor denen der niedrigſte Bettler den Vortritt im Himmel haben werde; ich war finſter und ſtreng, wenn ich von den Laſtern der Zeit und der Sittenverderbniß handelte; ich war furchtbar, unbarm⸗ herzig, niederſchmetternd, wenn ich die den Sündern in den von Dante, dem großen florentiniſchen Dichter, geſchilderten ſieben Kreiſen der Hölle vorbehaltenen Strafen aufzählte. Ich kam endlich zu meinem Rede⸗ ſchluß ſelbſt dergeſtalt gelähmt von der Heftigkeit, mit der ich meine Predigt wiederholt hatte, daß ich bei der letzten Phraſe oder vielmehr bei dem letzten Worte dieſer Phraſe,— denn die Begeiſterung hatte mich bis zum letzten Worte aufrecht erhalten,— auf einen Stuhl ſiel, der ſich zum Glück hinter mir fand, was beſagen will, ich wäre auf die Erde gefallen, hätte ſich dieſer Stuhl nicht hier gefunden. Ich hatte nicht mehr die Kraft, zu ſprechen, aber ich befragte meinen Wirth mit dem Blicke. Er blieb jedoch ſitzen, ſagte kein Wort und kratzte ſich am Ohr. „Nun?« fragte ich endlich, denn dieſes verlängerte Stillſchweigen fing an Beſorgniß bei mir zu erregen. „Nun,“ erwiederte er,„was Sie mir da vorgeleſen haben, iſt in der That ſehr ſchön, Herr Bemrode.“ „Ah!“ machte ich aufathmend, indem ich ſtolz mein Haupt erhob und es vorwärts und rückwärts ſchüttelte. „Aber...“ ſetzte zögernd mein Keßler hinzu, der ſich ohne Zweifel der Anekdote von Apelles und dem Schuhflicker erinnerte. „Aber...“ wiederholte ich,„was aber?« „Aber ich hielt Sie nicht für ſo böſe, Herr Bem⸗ rode.... Ahl wie gehen Sie ins Zeug! Wiſſen Sie, daß Sie uns arme Sünder teufelmäßig ausſchelten 2« „Nicht ich bin böſe,“ erwiederte ich mit Stolz, Alles lang; btigen r den r und d der barm⸗ ndern ichter, ltenen Rede⸗ „mit ei der dieſer zum lfiel, will, Stuhl aber ratzte ierte en. eleſen &6 mein telte. „ der dem Bem⸗ Sie, 20 tolz 7 5⁵ „die Menſchen ſind es. Da ich nun die Menſchen kenne, ſo behandle ich ſie nach ihren Verdienſten.“. „Ei! mein lieber Herr Bemrode,“ ſprach mein Wirth,„ich bin nur ein einziges Mal im Theater ge⸗ weſen: das war im vorigen Jahre, als eine Komö⸗ diantentruppe von London nach Nottingham kam; man ſpielte ein Stück, deſſen Verfaſſer ich nicht kenne, und deſſen Titel ich vergeſſen habe; ich erinnere mich nur, daß es folgende Maxrime hatte:„„Gäbe man die Ruthen Allen denen, die es verdienten, welcher Menſch wäre ſicher, nicht gepeitſcht zu werden?“ „Sie behaupten alſo, mein lieber Wirth,“ rief ich, ein wenig gereizt, ich geſtehe es, durch dieſe Citation von Hamlet, welche mir, wie der ſcharfe Nachtwind, von dem der däniſche Prinz ſpricht, ins Geſicht ſchnitt; „Sie behaupten alſo, die Menſchen ſeien gut, und ſie haben weder Laſter, noch Fehler?« „Ich habe nicht geſagt, die Menſchen ſeien gut, lieber Herr Bemrode; ich ſagte, ich habe Sie nicht für ſo böſe gehalten.... Ich ſage, Sie werden Mühe haben, Ihre Zuhörer zu überzeugen, Sie ſeien das einzige ge⸗ rechte, redliche, ehrliche, keuſche und ſanfte Weſen, das es auf der Welt gebe.... Uebrigens wiederhole ich Ihnen, Ihre Predigt iſt ſehr ſchön, zukünftiger Herr Pfarrer; doch ich erwarte Sie morgen bei Ihrer Rück⸗ kehr von Aſhbourn. Auf Wiederſehen und glückliche Reiſe, Herr Bemrode.“ Und hienach nahm er ſeinen Hut, ging hinaus und ließ mich allein unter ſeinen Keſſeln, mit meiner Predigt in der Hand. Ich war einen Augenblick ganz betäubt durch das Urtheil meines Wirthes des Keſſelſchmieds; dann aber erhob und ſchüttelte ich das Haupt und ſchlug den Weg nach dem Dorfe ein, wo ich am andern Tage meine Debuts machen ſollte, und wo mir eine ſo rührende und ſo väterliche Gaſtfreundſchaft geboten war. Ich hatte beſchloſſen, zu Fuße zu gehen, um an 56 meinen Guineen,— welche trotz meiner Oekonomie und der Entbehrungen, die ich mir auferlegte, ſichtbar abnahmen,— die Koſten eines Wagens zu erſparen. Hiedurch kam es, daß mir, da ich ſieben Meilen auf. einer wenig beſuchten Straße zu machen hatte, das Urtheil meines Wirthes immer wieder einfiel. Je weiter ich mich von ihm entfernte, um mich dem Dorfe zu nähern, wo ich predigen ſollte, deſto mehr milderte ſich meine Gereiztheit gegen den armen Mann, und all⸗ mälig ſchien es mir, ſeine Meinung, wenn ſie auch zu ſtreng, entbehre nicht der Vernunft. Mit welchem Rechte wollte ich, ein dreiundzwanzigjähriger junger Mann, folglich minder alt, als die Mehrzahl der Zuhörer, die ich haben ſollte, mit welchem Rechte, ſage ich, wollte ich ſie niederſchmettern durch das Gewicht meiner Strenge, ihnen Laſter vorwerfen, die ſie vielleicht nicht hatten, Verbrechen, die ſie ohne Zweifel nicht begangen? Ich war nicht ihr Seelenhirt; ich hatte nicht unter ihnen gelebt; alle dieſe mir zugewandten Geſichter ſollte ich zum erſten Male ſehen. Setzte ich mich nicht, indem ich mich ſo zu ihrem Richter aufwarf, ihrem Urtheile aus? Konnte mir meine tiefe Menſchenkenntniß, eine Kennt⸗ niß, die ſie nicht zu ſchätzen im Stande waren, als Entſchuldigung dienen? Es ließ ſich hierüber ſehr viel ſagen, was mir mein Wirth der Keßler nicht geſagt hatte, einmal weil ich ihm nicht die Muße hiezu ge⸗ laſſen, und vielleicht auch, weil ſein geſunder, jedoch roher Verſtand wohl ein Ganzes auffaſſen, aber nicht eine ſo große Anzahl von Einzelnheiten umfaſſen konnte. Gewiß war darum meine Predigt nicht minder ſchön, ſie mußte nicht minder ein herrliches Stück der Beredtſamkeit bleiben; nur fragte ich mich, ob dies eine Beredtſamkeit ſei, wie ſolche vor gemeinen, plumpen Weſen zu ergießen paſſend erſcheine? Hieß das nicht einen falſchen Weg einſchlagen und, wie man zu ſagen pflegt, die Perlen vor die Schweine werfen? Dies waren die Reflexionen, die mich den ganzen Weg entlang befielen mie tbar ren. auf, das eiter 2 zu ſich all⸗ h zu echte ann, die ollte nge, tten, 57 und, ich wiederhole es, bei jedem Schritte, den ich machte, dringlicher wurden. 3 Zum Unglück hatte ich nicht mehr die Zeit, eine neue Rede zu verfaſſen; meine Predigt war ange⸗ kündigt und wurde am andern Tage erwartet; ich be⸗ ſchloß alſo, die Nacht damit zuzubringen, daß ich ſie durchſehe, die Haupthärten mildere und die heftigſten Stellen ausmerze. Dieſe Modificationen gaben mir meine eigenen Reflexionen ein, welche durch die Be⸗ merkungen meines Wirthes des Keßlers und durch den Anblick der Landſchaft und ihrer Bewohner hervor⸗ gerufen wurden. Der Anblick der Landſchaft war der einer ſchon unter den heißen Sonnenſtrahlen des Som⸗ mers ergelbenden, von köſtlichen Baumgruppen, Oaſen ähnlich, durchſchnittenen Ebene,— Alles belebt durch gute Bauern, die ſich mit den verſchiedenen Feldarbeiten, wie ſie die Jahreszeit heiſchte, beſchäftigten. Alle dieſe Leute, die der Landſchaft durch ihre Arbeit und durch ihre Geſänge Leben verliehen, hatten das Ausſehen von ehrlichen Sterblichen, welche unfähig, übel zu denken, oder böſe zu handeln; ſo daß ich, als ich von fern den Kirchthurm des Dorfes ſah, nach welchem ich mich be⸗ gab, mehr als je überzeugt war, diesmal, wie immer, benne Wirth der Keſſelſchmied Recht, und ich habe nrecht. „Unter dieſem Eindrucke kam ich im Pfarrhauſe an. Die gute Miſtreß Snart erwartete mich vor der Thüre; ſie führte mich zu ihrem Manne, der ſeit einem Monat auf einem Canapé lag, nicht mehr ausging, nicht mehr aufſtand und an einer Lungenſchwindſucht hinſtarb. Der Kranke reichte mir die Hand, hieß mich mit erloſchener Stimme willkommen und lud mich ein, neben das Canapé, an den für ſeine Frau und mich gedeckten Tiſch zu ſitzen. Ich hatte ſisben Meilen zu Fuß gemacht, ich war jung, geſund, beſaß großen Appetit; ich nahm mir nur 58 Zeit, in das wie ein Brautgemach weiße, für mich bereit gehaltene Stübchen zu gehen, und kehrte, nachdem ich meine Toilette ein wenig aufgefriſcht hatte, zu meinen beiden Wirthen zurück. Man ſah, daß ſich das Haus, ohne reich zu ſein, des Wohlſtandes erfreute; der Pfarrer ſagte mir in der That, ſeine Stelle trage ihm jährlich neunzig Pfund Sterling ein, was mehr als hinreichend, um in einem Dörfchen von fünfhundert Seelen zu leben. Es war auch Alles ſchön, friſch glänzend im Innern: Wäſche, Porzellan, Silberzeug. Eine einzige Magd beſorgte die kleine Haushaltung; doch ſie war reinlich, gut gekleidet, freundlich, las in den Augen ihrer Herrſchaft ihre Wünſche und kam ihnen zuvor, ehe ſie ausgeſprochen waren. Abgeſehen vom Sterbenden, der übrigens, wie alle Bruſtkranke, ſeinen Zuſtand nicht vermuthete und die ſchönſten Pläne für die Zeit entwarf, wo er geneſen wäre, ſchien Alles geſegnet um dieſes Canapé, auf dem er mit dem Tode rang. Nur, wenn das Auge auf dem ſchwermüthigen Geſichte der Frau oder auf dem beſorg⸗ ten Blicke der Magd verweilte, begriff man, es ſei hier auf der einen Seite ein ungeheurer Schmerz und auf der andern eine große Angſt, was die zwei Frauen vor den Augen des Kranken und ſogar vor ihren eigenen Augen zu verbergen ſuchten. Ich war um fuüͤnf Uhr angekommen; das Mahl, das wir machten, und das eher einem Veſperbrode, als einem Mittageſſen glich, dauerte bis halb ſieben Uhr. Als ich von Tiſche aufſtand und mich anſchickte, aus⸗ zugehen, hatten wir alſo noch ungefähr zwei Stunden Tag. Ich ſage, als ich mich anſchickte, auszugehen, weil ich, unabläſſig gequält durch die unglückliche Pre⸗ digt, von der ich nicht einen Augenblick meine Gedanken abwenden konnte,— ſie ſchien mir immer mehr unzeit⸗ gemäß,— beſchloſſen hatte, einen Gang durch das Dorf zu machen und nähere Bekanntſchaft mit den Einwohnern von Aſhbourn anzuknüpfen. Herr und Miſtreß Snart, ereit ich inen ſein, der fund nem war ſche, die idet, ihre chen wie und heſen dem dem org⸗ hier auf auen enen ahl, als Uhr. aus⸗ nden hen, Pre⸗ nken zeit⸗ Horf nern aart, die mir ſchon ein Wort von der Herzenseinfalt und der Sittenreinheit dieſer wackeren Leute geſagt hatten, for⸗ derten mich auch hiezu auf, als hätten ſie meine Be⸗ ſorgniſſe im Grunde meiner Seele leſen können, und als hätten ſie errathen, ich bedürfe des Anblicks von einem dieſer milden Dorfabende, um meine Ideen zu berichtigen. Ich ging alſo aus, ſchaute mit einem ängſtlichen, ſcheuen Blicke umher und befürchtete nichts ſo ſehr, als ſich vor meinen Augen das Schauſpiel eines unſchuldigen, ruhigen Lebens entwickeln zu ſehen. Ach! mein lieber Petrus, ein Abend des goldenen Zeitalters wäre nicht friedlicher, heiterer geweſen, als es der war, welcher ſich meinen Blicken bot, vergoldet durch die letzten Strahlen der Sonne! Die alten Mütter ſpannen am Rädchen vor ihren Thüren; die Greiſe plauderten, auf Bänken von Stein, Holz oder Raſen ſitzend; die Männer von mittlerem Alter ſpielten Kegel oder Siam; die Mädchen und die Jünglinge endlich tanzten beim Klange einer Geige oder einer Flöte unter einer großen Linde, welche den gemeinſchaftlichen Platz des Dorfes beſchattete. Man errieth, daß es der Abend des Samſtag, das heißt das Ende des letzten Tages der Woche war; man begriff dieſes freudige Hingehen zur Ruhe des andern Morgens, und man fühlte, daß alle dieſe wackeren Leute, welche doch den Horaz nicht geleſen hatten, ſchon die vergangene Anſtrengung vergeſſend und um die zukünftige ſich nicht bekümmiernd, wie dieſer Fürſt der Dichter und dieſer König der Epicuräer ſagten: Valeat res ludrica! Ich geſtehe zu meiner Schande, mein lieber Petrus, dieſes des Pinſels eines Van Oſtade oder eines Teniers würdige Bild betrübte mich tief, ſtatt mich zu ergötzen, wie es hätte thun müſſen. Ich hätte gern Singen und Schreien in den Schenken, Streit und Händel an den Straßenecken haben mögen! ich hätte dieſen unter den Blicken der Eltern tanzenden jungen Leuten verſtohlene Gruppen wie Schatten hinſchlüpfend und duckmäuſeriſch 60 nach dem Felde ſchleichend vorgezogen; ich haͤtte den Reichen dem Dürftigen das Almoſen verweigernd und den Armen weinend und fluchend gewünſcht; ich wollte endlich Etwas, was meine Rede am andern Tage recht⸗ fertigen würde... während ich im Gegentheil, nach welcher Seite ich auch meine Augen wandte, bloß das friedliche Schauſpiel einer ehrlichen Bevölkerung fand, die ſich ohne Aergerniß beluſtigte und ihre Spiele nur unterbrach, um mich wohlwollend zu grüßen und mir freundſchaftlich zuzulächeln, denn als man mich allein, fremd in den Gaſſen des Dorfes umherirren ſah, ver⸗ muthete man, ich ſei der junge Hirte ohne Herde, der herbeikomme, um in ſeinem evangeliſchen Eifer das Wort des Herrn auf dem Boden auszuſäen, den die Krankheit von einem ſeiner Collegen ungebaut laſſe. Ich blieb in der Hoffnung, die Dunkelheit, welche ſich auf die Erde herabſenkte und die Mutter der ſchlim⸗ men Gedanken und das Aſyl der ſchlechten Handlungen iſt, werde eine Veränderung unter dieſer unſchuldigen Bevölkerung herbeiführen, die nur eine Familie zu bilden ſchien. Ich taͤuſchte mich: es kam die Abenddämmerung, dann die Nacht,— eine Nacht finſter, wie ſie das Laſter und das Verbrechen ſelbſt würden befohlen haben, hätten ſie ihrer bedurft. Doch bei Einbruch dieſer Nacht gingen Alle nach Hauſe, nachdem ſie ſich fromm geküßt oder ſich freundſchaftlich die Hand gedrückt hatten; die Lichter erloſchen eines nach dem andern; das Geräuſch hörte allmälig auf, und ich befand mich auf dieſem Platze allein, mit gekreuzten Armen, an eine von den Linden angelehnt, welche den heitern Tanz beſchirmt hatten... düſterer als dieſe Nacht, die mich umhüllte. Ich kehrte beſtürzt nach dem Pfarrhauſe zurück. 61 VI. Mein redneriſches Debut. Meine gute Wirthin hatte auf mich gewartet, ob⸗ gleich ſie meine lange Abweſenheit gar nicht begreifen konnte. Sie wollte mich bei ſich behalten, um den Thee mit ihr zu nehmen, doch ich bat ſie demüthig um Er⸗ laubniß, mich in mein Zimmer zurückziehen zu dürfen, wobei ich die Strapazen des Marſches und das Be⸗ dürfniß der Ruhe vorſchützte. Oh! ich war nicht müde, ich hatte nicht Luſt, zu ſchlafen, das ſchwöre ich Ihnen, mein lieber Petrus. Nein, ich wollte allein ſein, um meine Predigt zu verbeſſern. Ich verwandte hierauf die ganze Nacht; die ganze Nacht war ich beſchäftigt, die zu heftigen Stellen zu mildern, die zu ſcharfen Farben zu verwiſchen, ſodann, als dieſe Farben verwiſcht, als dieſe Stellen gemildert waren, ſie laut zu repetiren, um ſie meinem Gedächt⸗ niſſe einzuprägen. Ach! nach dieſer Arbeit ſchien mir meine Predigt abermals nicht für das ſanfte, reizende Dorf Aſhbourn, ſondern für irgend eine verfluchte Stadt, wie Babylon oder Gomorrha, wie Carthago oder Sodom, wie London oder Paris, gemacht! Ah! welche Wirkung hätte dieſe Rede in Saint⸗ Paul oder in Notre⸗Dame hervorgebracht! 3 Am Ende dieſer Nacht, einer der härteſten, die ich je durchlebt, entſchlummerte ich, gelähmt vor Müdigkeit, in dem Augenblick, wo die erſten Sonnenſtrahlen an den Rändern meines Fenſters durch die Rebenblätter, die blühenden Levkojen und die Nelken ſpielten. Das war ein abſcheulicher Schlaf, dieſer Schlaf von zwei Stunden, der mir mehr Müdigkeit als Ruhe brachte.... Endlich ſchlug die Stunde,— und ſie fand 62 mich noch über meine Predigt gebeugt, die ich mit Durchſtrichen, Auskratzungen und Einſchaltungen be⸗ deckt hatte; ich ſteckte ſie in meine Taſche und wandelte nach der Kirche. Ich hatte ungefähr noch eine halbe Stunde vor mir; ich trat in die Sakriſtei ein, verlangte eine Feder und Tinte, und wandte dieſe halbe Stunde dazu an, auf's nenf alle Rauhheiten dieſer unglückſeligen Rede zu obeln. Ich hegte nur noch einen Wunſch: den, etwas Flaches, Farbloſes daraus zu machen; leider war meine Predigt zu reich an Ideen und zu mächtig der Form nach, um zu einer ſo völligen Nichtigkeit zu gelangen. Endlich kam der entſetzliche Augenblick; mit wan⸗ kendem Schritte beſtieg ich die Kanzel. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß die Verſammlung zahlreich war; das Gerücht, ein fremder Geiſtlicher, ein junger Mann vom höchſten Verdienſte, der Sohn des Pfarrers Bemrode, ſollte am erſten Sonntag des Juni predigen, hatte ſich raſch verbreitet, und die Kirche war voll, ſo voll, daß man auf dem Vorplatze, wie vor den Thüren eines Theaters, eine lange Reihe von Leuten ſah, welche nicht mehr hatten hereinkommen können. Alle Bauern der Umgegend ſtanden da in ihren Feſt⸗ tagskleidern, den Mund offen in der Erwartung und dis dugen mit einer verzehrenden Neugierde auf mich geheftet. Nun erſt, mein lieber Petrus, als ich alle dieſe einfachen Geſichter, alle dieſe redlichen Mienen ſah, be⸗ griff ich, daß ſich in dieſer ganzen Verſammlung vielleicht nicht ein Menſch fand, der ſchuldig war auch nur eines von den Freveln, gegen die ich fulminiren wollte, und deren Katalog ſich vor mir wie ein Heer von Geſpenſtern, von denen die einen drohend, die andern höhniſch, erhob; es ſchien mir zum Voraus, als hörte ich ihre zornigen Stimmen mich der Ungerechtigkeit und der Bosheit bezüchtigen; es ſchien mir, als ſaͤhe ich denjeni⸗ was neine nach, van⸗ ſich das vom ode, ſich daß ines nicht Feſt⸗ und mich dieſe be⸗ eicht ines und ern, iſch, ihre der eeni⸗ 63 gen, der ſich mit Unrecht zum Richter aufgeworfen, mit Recht gerichtet, ohne Mitleid und Barmherzigkeit ge⸗ richtet, weil er ſelbſt ohne Mitleid und Barmherzigkeit geweſen. Zwei Greiſe unter Anderen, mit weißen Haaren, mit Patriarchengeſichtern, mit ſanften, heiteren Phy⸗ ſiognomien, ſtanden vor mir und ſchauten mich mit einem Lächeln an, wie ſie ihren Sohn angeſchaut hätten. Ich ſtellte mir ſchon vor, wie ſich dieſe beiden Ge⸗ ſichter zuſammenzogen, wie dieſe beiden Phyſiognomien ſich verdüſterten, und dieſes Lächeln des Wohlwollens deungendrne des Zornes und der Entrüſtung Platz machte. Hätte ich es gewagt, ſo würde ich mein Auditorium zuvörderſt wegen der Rede, die ich vor ihm zu halten im Begriffe war, um Verzeihung gebeten haben. DOh! wäre mein Wirth der Keſſelſchmied da ge⸗ weſen, ich ſchwöre Ihnen, mein lieber Petrus, ich hätte mich in ſeine Arme geworfen und ihm zugerufen: „Mein Freund, mein einziger Freund, erbarmen Sie ſich meiner und ſagen Sie allen dieſen guten Leuten, welche gekommen ſind, um mich zu hören, ich ſei ein Boshafter und ein Hoffärtiger, unwürdig, mit ihnen im Namen des Herrn zu reden, der ganz Milde und Liebe iſt!« Dooch er war nicht da, dieſer würdige Mann, und ich mochte immerhin umherſchauen, nicht ein bekanntes Geſicht,— außer dem der guten Miſtreß Snart, die mich zugleich mit den Lippen und mit den Augen, mit dem Lächeln und dem Blicke aufmunterte. Zum Glücke ſang man während dieſer Zeit das Lied; ich benützte die Friſt, um zum letzten Male mein Heft zu durchlaufen und darin mit dem Bleiſtift die letzten Veränderungen vorzunehmen und, wenn mir die Unruhe meines Geiſtes nicht erlaubte, dieſe Verände⸗ rungen zu machen, kleine Kreuzchen zu zeichnen, welche beſagen wollten: Auszulaſſen! 64 Das Lied ging zu Ende, die Stimmen erloſchen, das Auditorium huſtete, ſpuckte aus und ſchnäuzte ſich, dann trat eine tiefe Stille ein. Ich fing an. Nach den wahren Vorſchriften der Redekunſt hatte ich das Gemälde der Verbrechen für den zweiten Theil meiner Rede und das der Strafen für den Schluß vor⸗ behalten. Der Anfang meiner Predigt ging ziemlich gut, das war eine Schilderung der göttlichen Barmherzigkeit, die, um müde zu werden, eine ſolche Summe von Ver⸗ brechen braucht, daß ſie die Verzweiflung allein dahin bringen kann, daß ſie Gerechtigkeit übt. Man hörte daher dieſe Auseinanderſetzung nicht nur vollkommen wohlwollend, ſondern auch mit ſichtbaren Zeichen der Befriedigung an. Nichtsdeſtoweniger, ſtatt mich zu be⸗ ruhigen, erſchreckten mich dieſe Zeichen des Wohlwollens, dieſe Merkmale der Befriedigung für die Zukunft: es waren jene Dünſte, die ſich am Morgen von der Ober⸗ fläche des Bodens erheben, die die Sonne, ſie mit ihren Strahlen vergoldend, ſie mit ihrem Lichte prismatiſirend, aufſaugt und eine Stunde nachher als Sturm, Regen, Hagel, Donner und Blitz zurückgibt! Sie begreifen auch, mein lieber Petrus, mit welcher Angſt ich fühlte, daß ich mit jedem Worte dem zweiten Theile näher rückte, von dem ich nicht die erſte Zeile auswendig wußte, dergeſtalt hatte er ſucceſſive Abände⸗ rungen erlitten; dieſer zweite Theil ſchien mir ſogar, ſelbſt wenn ich zu meinem Hefte die Zuflucht nehmen würde, ſo ſehr mit Durchſtrichen, Verſetzungen, Ueberſchreibungen und Auskratzungen überladen, daß ich die Unmöglichkeit, mich auszukennen, ahnete. In der That, ſchon beim Anfang bemerkte ich, daß die nach und nach am erſten Texte vorgenommenen Correcturen meinem Gedächtniſſe entgingen, trotz meiner vergeblichen Anſtrengungen, um ſie feſtzuhalten; man hätte glauben ſollen, es ſeien ſcheue Vögel, die, ſo wie ich auf ſie zuging, ihre Flügel öffneten und ins Unab⸗ 6⁵ ſehbare entflohen. Nur der erſte Text allein, der voll von den Gemälden abſcheulicher Laſter, die ich den Menſchen vorwarf, welche ich zu kennen glaubte, bot ſich meinem Geiſte und klopfte, ſo zu ſagen, an die Pforten meines Gedächtniſſes. Ich wollte die Verbeſſe⸗ rungen feſthalten und den Tert wegwerfen; mein Geiſt rief die einen herbei und ſuchte den andern zu verjagen; ich fühlte, daß ich mich verwickelte, und welche Nieder⸗ lage auch mein Ruf erleiden ſollte, ich nahm meine Zuflucht zum Texte.... Ich ergriff das Heft mit einer Art von Wuth, und da ich fühlte, es ſei mir unmöglich, länger aus dem Gedächtniſſe zu reden, und ich werde, wenn ich hartnäͤckig fortfahren wolle, ſtecken bleiben, ſo verſuchte ich es, leſend zu endigen; doch die urſprüng⸗ liche Predigt war in Wirklichkeit unter den Radirungen, Verſetzungen und Ueberladungen verſchwunden. Dieſe rettenden Blätter erſchienen mir wie ein weiter Kirchhof ganz bedeckt mit unfruchtbarem Geſträuche, mit Gräbern und Todtenkreuzen! Ich durchſchritt Alles dies mit weit geöffneten Beinen, ſtolpernd und ſprechend, ohne zu wiſſen, was ich ſagte; ich wagte es nicht mehr, meine Zuhörer anzuſchauen; doch ohne ſie anzuſchauen, mit den Augen meines Geiſtes, ſah ich ihre Verwunderung, ihre Entrüſtung, ich möchte beinahe ſagen, ihren Schrecken. Endlich kam ich zum heftigſten Stücke, zur Anwendung, das heißt, zur Schilderung der gräß⸗ lichen Qualen, die der Sünder harrten: zu den Feuer⸗ ſeeen, welche die Meineidigen verzehrten, zu den Eis⸗ meeren, welche die Selbſtſüchtigen verſchlangen, zu den Mänteln von ſiedendem Peche, welche die Heuchler ver⸗ brannten, zu den Schlangen, welche mit ſcharfen Zähnen am Fleiſche der Unzüchtigen nagten, kurz zu allen den erſchrecklichen Bildern, welche Dante mit ſeiner rieſigen Einbildungskraft aus dem Verlangen nach einer rieſigen Rache ſchöpfte. Nur, da ich einſah, daß ich, als die Bilder immer ſtärker und unverſöhnlicher ſich aufhäuften, um die Wirkung dieſer unglaublichen Diatribe zu neu⸗ Der Pfarrer von Aſhbourn. 1. 5 66 traliſiren durch die Milde meines Tones die Herbheit meiner Drohungen mäßigen mußte, machte ich meine Stimme zarter, liebkoſender, väterlicher; ſo daß ich am Ende mein Auditorium in die erſchrecklichen Qualen der Hölle mit derſelben Stimme einweihte, mit der ich ihm die unbeſchreiblichen Süßigkeiten des Paradieſes verſprochen hätte. Bei dieſer Stelle meiner Rede wurde das Gemurre nicht mehr unterdruͤckt; einige Weiber gingen, die Hände nnnd die Augen zum Himmel erhebend, weg und ſprachen aut: „Herr, mein Gott! habe Mitleid mit ihm, denn er iſt ein Narr!“ Andere ſagten: „Es iſt ein Fallſüchtiger; er hat ſeine Augenblicke, wo er ſich ſanft benimmt, doch man darf ihm nicht trauen.“ Wieder Andere,— und ſie waren die am wenigſten Böswilligen,— ſchlugen ein Gelächter auf;— und dieſes Gelächter vollendete meine Verwirrung. Ich fühlte, daß das Blut in meinen Schläfen kochte, daß eine Wolke vor meinen Augen ſchwebte, und daß ich ohnmächtig werden würde, wenn ich bis zum Ende gehen wollte. Ich kürzte meine Qual ab, welche, ich bin es feſt überzeugt, ſchlimmer als eine von denen, die ich be⸗ ſchrieben, und ſagte ungeſtüm: „Amen!“ Dann las ich die Gebete wo möglich noch ſchlechter, als ich die Rede geſprochen, ſtieg keuchend, wankend von der Kanzel herab und ging mitten durch den Reſt der Zuhoͤrer, die hartnäckig meine Predigt bis zum Ende hatten hoͤren wollen,— demüthig, den Kopf gebeugt und den Schweiß der Scham auf der Stirne. Sobald ich an die Thüre der Kirche gekommen war, nahm ich meinen Lauf quer durch das Dorf in gerader Linie nach der Straße von Nottingham, ohne daß ich den Muth hatte, im Vorübergehen bei der würdigen —.—— — —, ——n—,——— 11— A᷑ bheit neine ham talen r ich ieſes nurre ände achen in er licke, nicht gſten und ihlte, Lolke chtig ollte. feſt be⸗ hter, kend Reſt Ende eugt war, ader zich igen 67 Miſtreß Snart anzuhalten, um ihr, ſowie ihrem Manne, für die Gaſtfreundſchaft zu danken, die ſie mir an ihrem Tiſche und unter ihrem Dache gewährt. Ich kam zurück in meine Wohnung in Nottingham, außer Athem, mit Staub bedeckt, triefend von Schweiß, in phyſiſcher Hinſicht,— und in moraliſcher verrückt, in Verzweiflung, zu Boden gedrückt unter der Scham und, ich möchte beinahe ſagen, unter den Gewiſſensbiſſen! VII. Die Großmuth des Herrn Rectors. 3 Es war ein ſehr würdiger Mann, mein Hauswirth der Keſſelſchmied!— Ein Anderer hätte ausgerufen: „Nun! Ah! ahl ſagte ich es Ihnen nicht vorher?“ Er aber vermied es ganz im Gegentheil, ſich auf meinem Wege zu finden, ſo daß ich ein paar Tage allein bleiben und meine Demüthigung verdauen konnte. Nach Ablauf dieſer Zeit kam er zu mir herauf, und ohne nur auf meine unglückliche Reiſe nach Aſh⸗ bourn und auf das, was dort vorgefallen, anzuſpielen, ſagte er zu mir: »Mein lieber Herr Bemrode, Sie äußerten zur Zeit gegen mich Ihren Wunſch, einige Schüler für das zu finden, was Sie die gelehrten Sprachen nennen, und was ich die unnützen Sprachen nenne; ich habe Ihnen das gefunden, und hier ſind die Adreſſen.“ Er reichte mir in der That vier bis fünf Karten, auf welche die Namen der bedeutendſten Einwohner der Stadt geſchrieben waren. Der wackere Mann hatte in meiner Abweſenheit eine Runde bei ſeinen Kunden ge⸗ macht und nicht nur vier bis fünf Schüler geſammelt, ſondern auch, bekannt mit meiner beklagenswerthen 68 Schuchternheit, meine Intereſſen verhandelt, die Stunden der Lectionen feſtgeſtellt, ſowie den Preis dafür beſtimmt, ſo daß ich nur an den betreffenden Thüren anklopfen und die Uebungen beginnen durfte. Das war es, was ich brauchte! Sobald es ſich nur um Griechiſch und Lateiniſch, um Homer und Virgil, um Ariſtoteles und Cicero handelte, ſchwamm ich im vollen Waſſer, fand ich mich in meiner wahren Mitte. Hiedurch verdiente ich einiges Geld, und nach drei Monaten konnte ich mich zu meinem Kaufmann begeben und ihm die verſprochene Guinee bezahlen; nachdem aber dieſe Guinee bezahlt war, beſaß ich nur noch ein Dutzend Schillinge, und als wir von einander Abſchied nahmen, ſagte nicht ich, ſondern mein Gläubiger:„In drei Monaten!“ Mein Fall in Aſhbourn war ſo groß geweſen, daß ich es nicht einmal verſuchte, mich davon dadurch zu erheben, daß ich meine Genugthuung in irgend einem benachbarten Dorfe genommen und meine Niederlage durch einen glänzenden Sieg gut gemacht haben würde. Nein, ich war zu dem Gedanken des großen Werkes zurückgekehrt, das zugleich meinen Ruf und mein Ver⸗ mögen gründen ſollte, und da ich es nach und nach,— jedoch, wie man geſehen hat, ohne einen paſſenden Gegenſtand finden zu können,— mit dem Epos, mit der Tragödie und dem Drama verſucht hatte, ſo beſchloß ich, bei einer ungeheuren Abhandlung über vergleichende Philoſophie zu beharren, welche alle moraliſche Ideen der alten Philoſophen mit allen ſpirituellen Ideen der neueren Philoſophen vereinigen und ſo Sokrates mit dem heiligen Auguſtin, Plato mit Spinoza, Ariſtoteles mit Leibnitz verbinden ſollte. Ich war im Begriffe, mit allem Ernſte zu der Arbeit zu ſchreiten, der ich mich mit um ſo mehr Eifer zu wid⸗ men gedachte, als ich jede Hoffnung, eine Pfarre zu erhalten, verloren hatte; ich hatte ſogar ſchon auf das erſte Blatt eines weißen Heftes mit dicken Buchſtaben ——-—,ͤ——,—ꝛ, —— —————,—..———— N——— ,—-- i nden nmt, ppfen nur rgil, ) im eitte. drei eben hdem ein chied „»In daß h zu nem lage irde. erkes Ver⸗ nden mit hloß ende deen der mit teles beit vid⸗ zu das ben 69 den Titel des Werkes geſchrieben, als ich zu meinem großen Erſtaunen einen Brief vom Rector empfing, der mich einlud, zu ihm zu kommen. Ich geſtehe, daß beim Leſen dieſes Briefes ein Schauer meine Adern durchlief. Was konnte von mir dieſer Mann wollen, der mich ſo unfreundlich beim erſten Beſuche, den ich ihm gemacht, aufgenommen 2 Hatte er etwas Tadelhaftes in meinem Leben, in meinen Gewohnheiten oder in meinen Beſchäftigungen gefunden, und ließ er mich rufen, um mir einen Verweis zu geben? Da war auch noch die Predigt in Aſhbourn,— doch das mußte man als ein Unglück und nicht als einen Fehler betrachten. Der Eindruck dieſes fatalen Briefes war ſo tief, daß ich, um mich der Zuſammenkunft zu entziehen, die mir nichts Gutes verſprach, beinahe auf der Stelle Nottingham verlaſſen hätte und auf die Gefahr, dort Hungers zu ſterben, in eine unzugängliche Einſamkeit geflohen wäre. Doch mein Hauswirth der Keſſelſchmied, der die Livree des Rectors erkannt hatte, trat zum Glück in mein Zimmer ein und ſtärkte mich wieder. Unruhig wie ich wegen der Botſchaft, hatte er den Bedienten gefragt, wie ſein Herr ausgeſehen, als er ihm den Brief üͤbergeben, und der Bediente hatte geantwortet:„Wie gewöhnlich und ſogar eher freundlich, als erzurnt.“ Ich hätte mich bei den anderen Umſtänden ſo wohl befunden, würde ich die Rathſchläge meines Wirthes befolgt haben, daß ich diesmal keinen Augenblick zögerte. Da er der Meinung war, ich ſollte der Einladung des Rectors entſprechen, und da ich dieſen Beſuch ſogleich machen wollte, ſo zog ich meinen Feſttagsrock an, bürſtete meinen Hut mit meinem Aermel und wan⸗ derte nach dem Hauſe des hohen Mannes, von welchem mein Schickſal abhing. Dieſes Haus lag, wie ich er⸗ wähnt habe, am andern Ende der Stadt. Wie das erſte Mal, wurde ich eingeführt, ohne daß ich warten mußte. Doch meine Lage war viel beſſer 70 als damals, vorausgeſetzt, die Vorherſehungen meines Wirthes hatten dieſen nicht getäuſcht. Ich kam nicht von ſelbſt, um Seine Excellenz zu ſtören; Seine Ex⸗ cellenz ſtörte im Gegentheil mich, da ich ohne ihren Brief noch an demſelben Tage mein großes Werk über vergleichende Philoſophie begonnen hätte. Es war nicht mehr an mir, das Wort an den Rector zu richten, ich hatte im Gegentheil nur zu warten, daß er es an mich richtete. Machte man mir einen Vorwurf, ſo würde ich, — da mein Herz rein und meine Aufführung tadellos,— ſtark durch mein Gewiſſen, kühn und ſogar ſtolz ant⸗ worten. Aus allen dieſen Betrachtungen entſprang, daß, als ich beim Rector eintrat, mein Geiſt ſo feſt und ruhig war, als er das erſte Mal ſchwankend und unruhig ge⸗ weſen. Der Rector ſaß an ſeinem Schreibtiſche, in denſelben Schlafrock von Multon gehüllt und dieſelbe ſchwarze Sammetmütze auf dem Kopf. Er hatte eine nicht minder majeſtätiſche Haltung, als da ich zum erſten Male bei ihm erſchien; doch ich bemerkte, daß ſein Blick minder ſtreng und ſein Lächeln mehr wohlwollend war. Er winkte mir mit der Hand, während er mich zugleich mit der Stimme näher zu kommen einlud. Ich verbeugte mich und gehorchte. „Guten Morgen, Herr William Bemrode!“ ſagte er zu mir. Ich verbeugte mich abermals. „Der Eifer, mit dem Sie bei mir erſcheinen, ent⸗ zückt mich. Verbinden Sie mit allen Eigenſchaften, die Sie ſchon beſitzen, das Vorherwiſſen, und haben Sie errathen, ich werde Ihnen eine gute Kunde eröffnen?“ „Nein, Herr Rector,« antwortete ich;„doch eine Einladung von Ihnen war mir Befehl, und ich fühle mich glücklich, daß Sie die Güte gehabt haben, zu be⸗ merken, mit welchem Eifer ich dieſem Befehle entſprochen.“ „Vortrefflich!« rief der Rector.„So liebe ich es, daß man mir antwortet.« 71 Dann erhob er die Stimme, um ſeinen Worten mehr Gewicht zu geben, und ſprach: „Herr William Bemrode, ſeitdem Sie mir vor drei bis vier Monaten einen Beſuch gemacht, war mein Auge beſtändig auf Sie gerichtet. Ihre Geduld, Ihre gute Aufführung, die Pünktlichkeit, mit der Sie, trotz Ihrer Armuth, eine Schuld bezahlen, die Sie, wie ich weiß, nicht perſönlich betrifft, Alles dies verdient belohnt zu werden. Dem zu Folge habe ich Sie zu der ſeit geſtern, durch den Tod des Geiſtlichen, erledigten Pfarre Aſh⸗ bourn vorgeſchlagen.“ „»„Ohl mein Gott! Herr Rector!“ rief ich, fort⸗ geriſſen von einem erſten Gefühle,„dieſer gute Herr Snart iſt todt?2... Welch ein Unglück!“ „Wie! Sie gewinnen eine Stellung bei dieſem Tode, Sie erben eine Pfarrei, welche neunzig Pfund Sterling einträgt, und da Sie zugleich dieſe Kataſtrophe und Ihre Präſentation erfahren, geben Sie einen Ausruf des Schmerzes und nicht einen Freudenſchrei von ſich? Mein lieber Herr Bemrode, das iſt ganz und gar evan⸗ geliſch!« „dHerr Rector,“ erwiederte ich,„ich bitte um Ver⸗ zeihung, daß mein erſtes Wort nicht ein Wort des Dankes geweſen iſt; doch ich kannte den armen Herrn Snart, ich kenne ſeine Gattin, eine gute und würdige Frau, Herr Rector! und obſchon ich wußte, daß er ſehr krank, hoffte ich doch, er habe noch längere Tage zu leben!— Gott hat ihn zu ſich gerufen: der Wille Gottes geſchehe!“ Und ich murmelte leiſe ein paar Worte des Gebetes für die Ruhe der Seele des redlichen Pfarrers. Der Rector ſchaute mich mit einem gewiſſen Er⸗ ſtaunen an.. „Sie wiſſen nun, Herr Bemrode,“ ſagte er,„ich ernenne zu den erledigten Pfarreien, jedoch auf die Präſentation der Gemeinden. Sie haben einen Mit⸗ bewerber: kämpfen Sie mit ihm, halten Sie Ihre Probe⸗ predigt, er wird die ſeinige halten, und ich gebe Ihnen, 72 obgleich dieſer Mitbewerber mein Neffe iſt, mein Wort, lieber Herr Bemrode, daß, wenn die Gemeinde Sie ver⸗ langt, Sie ernannt werden ſollen.“ „Herr Rector,“ erwiederte ich,„ich geſtehe, das er⸗ füllt mich mit Bewunderung. Trotz des wohlwollenden Anerbietens, das Sie mir machen, bin ich auch bereit, mich vor Ihrem Herrn Neffen zurückzuziehen, und ich werde Ihnen darum nicht minder dankbar ſein, als wenn Sie mich ernannt hätten.“ „Nein, Herr Bemrode, nein!“ rief der Rector. „Man ſagt, Sie ſeien ſehr gelehrt in den alten Sprachen, völlig bewandert in der Philoſophie und in der Theo⸗ logie, beredt wie Demoſthenes und Cicero zugleich. Concurriren Sie mit meinem Neffen, mein lieber Herr William Bemrode; ich ſage Ihnen nicht nur, es iſt mein Wunſch, ich füge bei: es iſt mein Wille.“ Ich verbeugte mich und antwortete: „Herr Rector, vor einer ſolchen Kundgebung Ihres Willens würde ich Ihrem unparteiiſchen Wohlwollen eine Beleidigung anzuthun glauben, ſchlüge ich den Kampf aus, den Sie mir antragen. Es iſt wahr,“ ſuhr ich mit Dreiſtigkeit fort,„ich habe ziemlich gute Studien gemacht; es iſt wahr, ich beſitze einige Kenntniſſe in der Theologie und in der Philoſophie, und ich war ſogar im Begriffe, eine Abhandlung über letztere Wiſſen⸗ ſchaft anzufangen, als ich die Ehre hatte, von Ihnen gerufen zu werden; es iſt auch wahr, daß ich nicht ganz der Gabe des Wortes zu entbehren glaube, obſchon ich bis jetzt bei meinen Verſuchen, öffentlich zu ſprechen, geſcheitert bin; doch ermuthigt, unterſtützt, beſchützt durch Sie, Herr Rector, werde ich einen glücklichen 1 Erfolg erringen, wie ich hoffe; und ſiege ich nicht über einen Mitbewerber, der kein gewöhnlicher Menſch ſein muß, da er Ihr Neffe iſt, ſo habe ich wenigſtens die Sicherheit, daß ich mit Ehren unterliegen werde.« ſch hatte vom Anfange dieſer Unterredung, wie Sie ſehen konnten, mein lieber Petrus, ziemlich geläufig 73 auf die verſchiedenen Interpellationen des Rectors ge⸗ antwortet; ich glaubte ſogar zu ſehen, es beunruhige ihn, der mich ohne Zweifel nach meinem erſten Beſuche beurtheilt, ein wenig dieſe Leichtigkeit meines Vortrags. Ein ſpöttiſches Lächeln, das um ſeine Lippen ſpielte, als er mich mit Demoſthenes und Cicero verglich, ent⸗ ging mir nicht; doch die Abſicht, mir nützlich zu ſein, war ſo offen bei dieſem würdigen Manne; es wäre ihm ſo leicht geweſen, mich nicht kommen zu laſſen, würde er nicht die Abſicht gehabt haben, die er ausſprach; ich ſuchte ſo vergebens, welches Intereſſe er haben könnte, mich zu täuſchen, daß ich weder bei dieſer Unruhe, noch bei dieſem ſpöttiſchen Lächeln verweilte, und von ihm mit den Ausdrücken der lebhafteſten und beſonders der aufrichtigſten Dankbarkeit Abſchied nahm. Ich kehrte mit großen Schritten zu meinem Wirthe dem Keßler zurück, der mich mit Ungeduld erwartete. „Nun ²⁴⁴ fragte er, ſobald er mich erblickte. „Nun! mein lieber Wirth,“ antwortete ich,„die Zukunft hängt nicht mehr von mir ab. Der arme Herr Snart iſt todt, und der Herr Rector hat mich zu ſich kommen laſſen, um mir zu ſagen, ich ſei berufen, mich um die erledigte Pfarre mitzubewerben, was um ſo ſchöner von ihm, als in dieſem Augenblick für die Stelle nur ein einziger Concurrent da iſt, und dieſer Concurrent iſt ſein Neffe.“ „Sein Neffe! Teufel!“ rief der Keßler, ſich am Ohre fratzend.„Und auf welche Art concurriren Sie?« „Durch eine Predigt.... Er und ich, wir werden Jeder das halten, was man die Probepredigt nennt; die Gemeinde wird zwiſchen uns Beiden richten, und derjenige, welchen ſie präſentirt, wird ernannt.“ „Teufel! Teufel!“ wiederholte der Keßler, während er ſich immer ſtärker am Ohre kratzte.„Eine Predigt! und es erſchreckt Sie nicht, zum zweiten Male vor den Bewohnern von Aſhbourn zu predigen?« „Ich weiß nicht, wie das kommt, mein lieber Wirth; 74 geſtern waͤre ich, wie ich glaube, lieber geſtorben, als daß ich wieder die Kanzel, wo ich eine ſo ſchwere Niederlage erlitten, beſtiegen hätte; doch ſeit meinem Zuſammen⸗ ſein mit dem Rector ſagt mir Etwas, ich werde ſiegen, und ich bin voll Vertrauen zu dieſer geheimen Stimme und hoffe, daß ſie vom Herrn kommt und nicht von meiner Hoffart und Eitelkeit.“ „Gut!« verſetzte mein Wirth;„doch ich rathe Ihnen Eines, Herr Bemrode: vernachläſſigen Sie nicht zu ſehr Ihre Schüler; Sie werden vielleicht ſehr gluͤcklich ſein, ſie eines Tages wiederzufinden.“ „Im Gegentheil,“ erwiederte ich, mit einer Sicher⸗ heit lächelnd, die meinen Wirth zu erſchrecken ſchien, „im Gegentheil, ich brauche meine ganze Zeit, um meine Probepredigt vorzubereiten. Noch heute Abend ſchreibe ich an dieſe wackeren jungen Leute ein Circular, in welchem ich ihnen ankündige: zu meinem großen Be⸗ dauern ſehe ich mich, auf dem Punkte, zur Pfarrei Afhbourn ernannt zu werden, genöthigt, ihre Erziehung zu unterbrechen. Morgen gehe ich an die Arbeit, und am nächſten Sonntag halte ich meine Probepredigt.“ „Das iſt ein feſter Entſchluß, Herr Bemrode 2« „Unwiderruflich, mein lieber Wirth!“ „Dann wünſche ich, daß Sie ihn nicht bereuen mögen,“ verſetzte der brave Nann(. Und er entfernte ſich, indem er den Kopf ſchüttelte, ſich immer ſtärker am Ohre kratzte und murmelte: „Teufel! Teufel! Teufel! dieſe Großmuth des Herrn Rectors ſcheint mir nicht natürlich!...« Ich, was mich betrifft, ich ging in meine Stube hinauf, ſchrieb meine fünf Abſchiedsbriefe an meine fünf Schüler, und begann ſchon an demſelben Abend an meiner Probepredigt zu arbeiten. 3 75 VIII. H oc! Wenn Sie mich ſo ungeduldig zur Arbeit an mei⸗ ner Probepredigt ſchreiten ſehen, ſo müſſen Sie wohl vermuthen, mein lieber Petrus, es ſei mir für dieſe Predigt einer von den vortrefflichen Gedanken gekom⸗ men, die ſich des Menſchen von Einbildungskraft be⸗ mächtigen und ihm nicht eher Ruhe laſſen, als bis er mit ihnen abgeſchloſſen hat. Dieſer Gedanke war ganz im Geſchmacke und, ich möchte beinahe ſagen, nach der Mode der Zeit. Es war eine Art von evangeliſcher Charade be⸗ ſtimmt, die drei großen Tugenden Chriſti hervorleuch⸗ ten zu machen. Die Auflöſung der Charade war die lateiniſche Sylbe Hoc, welche aus drei Lettern beſteht, und dieſe bilden die Anfangsbuchſtaben der drei Worte, die als Tert für meine Predigt dienten: Humilitas, Obedientia, Castitas! Gewiß iſt uns das höchſte Beiſpiel von Demuth, Gehorſam und Keuſchheit von Chriſtus gegeben worden: Von Demuth, indem er als Sohn eines Zimmer⸗ manns geboren wurde, zu ſeinem Geburtsorte eine Krippe und zu Bewohnern dieſer Krippe einen Eſel und einen Ochſen wählte; Von Gehorſam, indem er die Gebote ſeines Va⸗ ters Punkt für Punkt befolgte und ergeben, ruhig und barmherzig, dem erſchrecklichen, ſchmählichen Tode ent⸗ gegenging, der die Welt erlöſen ſollte; „Von Keuſchheit, indem er die dreiunddreißig Jahre ſeines Lebens durchwanderte, ohne daß einer von den Flecken, welche aus den menſchlichen Leidenſchaften ent⸗ ſtehen, das weiße Kleid des Kindes oder den Mantel des Mannes beſchmutzt hat. 76 Ueberdies brauche ich Ihnen nicht zu bemerken, meint lieber Petrus, daß, foreirt man ein wenig die Bedeu⸗ tung, das Wort Hoc beſagen will: Hier,— da. So, daß ſich im Ganzen meine Predigt überſetzen ließ durch die Phraſe: 5 ite Danuth⸗ Gehorſam, Keuſchheit, hierin iſt das eil! Ich bezweifle, ob je ein Pfarrer einen ſchöneren Tert gefunden hat, und ich forderte leiſe, und ſogar laut, den Neffen des Rectors heraus, einen ähnlichen zu finden! g Nachdem aber der Inhalt gefunden war, blieb die orm. Obſchon ich, wie geſagt, die Feder an demſelben Abend ergriffen hatte, verharrte ich doch lange, mit der über dem Papiere ſchwebenden Feder, ohne ein Wort zu ſchreiben. In der That, in welche Form ſollte ich eine ſo herrliche Subſtanz kleiden? Ich kannte die Menſchen genug, um zu wiſſen, daß man alle Gewalt über ſie erlangt, entweder indem man ſie rührt, oder indem man ſie in Erſtaunen ſetzt. Die Gewalt wäre größer und die Wirkung verdop⸗ vrl würde ich ſie zugleich rühren und in Erſtaunen etzen. Bei Ausführung dieſes Planes war eine große Klippe zu vermeiden, beſonders den Leuten gegenüber, die wider mich eingenommen ſein mußten. Hielte ich eine einfache und ganz ihrer Faſſungs⸗ kraft angemeſſene Predigt, ſo würden ſie ſagen:„Ahl bei meiner Treue, ein ſchönes Wunder! der Erſte der Beſte von uns könnte es eben ſo gut machen.“ Hielte ich eine gelehrte und kunſtvolle Rede, ſo wären ſie im Stande, nichts davon zu begreifen. Nachdem ich die Sache reiflich erwogen hatte, be⸗ ſchloß ich nun Folgendes: 3 Ich beſchloß, die einfachen Theile meiner Predigt in meitt edeu⸗ ſetzen t das neren ſogar ichen b die elben der Vort ne ſo ſſen, dem ſetzt. dop⸗ inen roße ber, ngs⸗ Ahl der iren 77 prunkvollen Ausdrücken, und die prunkvollen Theile in einfachen Ausdrücken zu ſchreiben. Das war eine große und, dafür ſtehe ich Ihnen, durchaus nicht bequeme Arbeit, doch ich wurde damit fertig. Am Samſtag Morgen war meine Predigt beendigt, und ich ſtand, wie ich mich hiezu anheiſchig gemacht hatte, völlig bereit für den andern Tag. Ich bat dann meinen Wirth den Keßler zu mir heraufzukommen; ich wollte ihm meine Rede vorleſen und ich befürchtete, in ſeinem Laden könnte ſeine Auf⸗ mneskſennkei durch die Ankunft eines Kunden abgezogen werden. Auf meine erſte Einladung kam der wackere Mann herauf, und als er ſah, wie lebhaft mein Auge, wie freudig mein Geſicht, rief er: „Ahl ah! mein lieber Herr Bemrode, es ſcheint, unſere Predigt iſt fertig?«— „Ja, mein Wirth, ja,“ erwiederte ich, indem ich die Hände rieb. „Und Sie ſind damit zufrieden?“ „Entzückt.« „Deſto beſſer, deſto beſſer, lieber Herr Bemrode.“ „Doch damit iſt es nicht genug, daß ich darüber entzückt bin, ſie muß auch Sie entzücken.“ Mein Wirth lachte. „»Sie ſoll auch mich entzücken?“ wiederholte mein Wirth.„Was liegt einem Manne von Ihrem Ver⸗ dienſte an der Billigung oder Mißbilligung eines ar⸗ men Unwiſſenden meiner Art?« „Es liegt mir viel daran, mein lieber Wirth; denn mehr als einmal habe ich Gelegenheit gehabt, die Richtigkeit Ihres Verſtandes zu erkennen.“ „ err Bemrode, erlauben Sie mir, Sie ſelbſt an die Anekdote zu erinnern, die Sie mir über einen be⸗ rühmten griechiſchen Maler und einen armen athenien⸗ ſiſchen Schuhflicker mitgetheilt haben:„„Schuſter, bleib bei Deinem Leiſten!«« mir 8 78 „Gut! es ſei,« ſprach ich,„bleiben Sie in den Gränzen, die Sie ſelbſt Ihrer Intelligenz ſetzen zu müſſen glauben, doch in dieſen Gränzen rathen Sie mir.“ Mein Wirth machte ein Zeichen, welches beſagen wollte:„Da Sie es durchaus haben wollen, ſo höre ich. „Mein lieber Wirth,“ ſprach ich zu ihm,„es gibt zwei Dinge bei der Predigt, die Sie hören werden: den Fond und die Form.“ „Erklären Sie mir vor Allem, lieber Herr Bem⸗ rode, was dieſe zwei Dinge ſind, denn ich möchte Ih⸗ nen nicht gern eine Meinung über dieſelben geben, ohne ſie vollkommen zu verſtehen.“ „Das iſt leicht, mein lieber Wirth, und ich werde, um Ihnen die Demonſtration klarer zu machen, eine Ihrem eigenen Handwerk entnommene Vergleichung wählen. Der Fond iſt das Kupfer, aus dem Sie Ihre Keſſel ſchmieden, die Form iſt die äußere Geſtalt, die Sie ihnen geben.“ „Ich begreife,“ ſagte mein Wirth,„Sie können nun weiter gehen, Herr Bemrode.“ Ich fing in der That damit an, daß ich ihm mei⸗ nen Terxt erklärte und auseinanderſetzte, was dieſer Fond Geiſtreiches hatte; dann machte ich mit meinen beſten Kräften geltend, was die Form zugleich Gelehrtes und Angenehmes bot. Mein Wirth hörte mich an, ohne eine Sylbe zu ſprechen; nur ſah ich, wie er ſich von Zeit zu Zeit am Ohre kratzte, was mir bewies, daß er ſich von keiner ganz unbegränzten Bewunderung für meine Predigt er⸗ griffen fühlte. Als ich geendigt hatte, beobachtete er fortwährend daſſelbe Stillſchweigen, doch er kratzte ſich etwas ſtärker am Ohre. „Nun?« fragte ich mit einer gewiſſen Ungeduld, die ich nicht zu bemeiſtern vermochte. den zu Sie agen höre gibt den: Zem⸗ Ih⸗ ben, erde, eine hung Ihre die nnen mei⸗ dieſer einen hrtes de zu t am einer t er⸗ rend ärker duld, 79 „Nun! Herr Bemrode,“ antwortete er mir,„ich will Ihnen alſo zuerſt meine Meinung ſagen über den Fond Ihrer Predigt, über das Kupfer, aus dem ſie ge⸗ macht iſt, nicht wahr?« „Ja, mein lieber Freund,“ ſprach ich mit einer anmaßlichen Miene;„Sie müſſen mit dem Fond an⸗ fangen und werden dann zu den Einzelheiten über⸗ gehen.“ „Was den Fond betrifft,— das kommt ohne Zweifel von meiner Unkenntniß des Lateiniſchen her,— ich muß Ihnen ſagen, daß er mir ein wenig ſpitz⸗ findig, knabenhaft und folglich unwürdig der Größe und der Heiligkeit des Gegenſtandes ſcheint.“ »Mein lieber Wirth,“ entgegnete ich,„nichts iſt klein, nichts iſt groß; aus den kleinſten Dingen kann ein großer Geiſt die erhabenſten Lehren ziehen, gerade wie aus den größten Dingen ein mittelmäßiger Geiſt nur Schwaches und Alltägliches ziehen wird. Sehen wir alſo, was ich aus meinem Terte gezogen habe, das iſt die Hauptſache.“ „Gewiß, Herr Bemrode, Sie haben herrliche Dinge daraus gezogen; erlauben Sie mir indeſſen, über die Form eine Vergleichung zu machen, welche meinem Handwerk entnommen iſt, wie Sie ſagen.“ „Thun Sie das, mein lieber Wirth, thun Sie das,“ erwiederte ich lächelnd.„Ich bin in der That begierig, Ihre Vergleichung zu hören.“ „So hören Sie, Herr Bemrode. Sie wiſſen, daß ehaͤſſerolen von Kupfer und Caſſerolen von Silber gibt? „ Ja, mein lieber Wirth, ich weiß das,“ erwiederte ich,„obſchon ich viel öfter aus den einen, als aus den andern gegeſſen habe.“ „Sie wiſſen auch, daß man die ſilbernen Caſſero⸗ len vergoldet, während man die kupfernen Caſſerolen nur verzinnt?« „Ganz richtig.“ 80 »Nun, mein lieber Herr Bemrode, mir ſcheint, Sie haben gerade das Gegentheil gethan; mir ſcheint, Sie haben in Ihrer Rede das Silber verzinnt und das Kupfer vergoldet.“ 1. „So iſt es, mein lieber Wirth! vortrefflich!“ rief ich ganz freudig;„Sie haben meinen Gedanken erra⸗ then... Ah! Sie ſind in der That ein Mann von Verſtand und vom beſten Rath. Umarmen Sie mich, mein lieber Wirth, umarmen Sie mich! Der Neffe des Rectors iſt beſiegt, und ich bin Pfarrer vom Dorfe Aſhbourn.“ Mein Hauswirth entrunzelte ſich aber nicht, er ſchüttelte den Kopf und erwiederte: „Nehmen Sie ſich in Acht, Herr Bemrode, nehmen Sie ſich in Acht; ich habe bemerkt, daß Alles, was Sie mit Ihrem Herzen thaten, vortrefflich war, indeß Alles, was Sie mit Ihrem Geiſte machten, eine ſchlimme Wendung nahm. Ich befürchte nun Eines: daß Sie auch dieſe Rede mehr mit Ihrem Geiſte, als mit Ihrem Herzen gemacht haben.“ Ich mußte mir in meinem Innern zugeſtehen, daß Wahres in dem, was mein Hauswirth ſagte; doch meine Predigt war gemacht, ich fand ſie nach meinem Sinne und beſchloß, ſie zu halten ſo wie ſie war. Wie das erſte Mal, konnte ich zu Fuße gehen; ein Marſch von ſieben Meilen iſt nichts Erſchreckliches für dreiundzwanzigjährige Beine. Doch ich war nun ſo ſicher meiner Ernennung zur Pfarrei, daß ich keinen Anſtand nahm, mir den Luxus einer Carriole zu erlauben. Wäre es übrigens nicht etwas Armſeliges in den An⸗ gen meiner zukünftigen Gemeindegenoſſen, dieſer Pfar⸗ rer, der zu Fuße ankäme, wie ein Bettler oder ein Land⸗ ſtreicher? während die von der Stadt kommende Car⸗ riole ein gutes Ausſehen haben und bei dem Candida⸗ ten einen gewiſſen Wohlſtand andeuten würde. Es weiß aber Jedermann, daß es leider in den Gewohnhei⸗ ten der Menſchen liegt, beſonders demjenigen anzubieten, hmen was ndeß mme Sie mit daß neine Sinne 81 der es nicht nöthig hat; da man nun glauben müßte, ich hätte meine Pfarre nicht nöthig, ſo würde man ſie mir anbieten. Ich ließ dem zu Folge einen Fuhrmann kommen, der mir ein Pferd, eine Carriole von Weidengeflechte und einen Führer für die Summe von fünf Shillingen gab. Gegen dieſe Summe ſollte er mich auch noch zu⸗ rückführen, wenn ich am andern Tage heimkehrte; doch die Summe ſollte auf ſieben Shillinge erhöht werden, fände meine Rückkehr erſt am Montag ſtatt. Um eilf Uhr Morgens begaben wir uns auf den Weg; mein Wirth der Keßler ſtand vor der Thüre: er wünſchte mir eine gute Reiſe, unterließ es aber, mir glücklichen Erfolg zu wünſchen; dann ſah ich ihn zum bebtn Male den Kopf ſchüͤtteln und in ſein Haus hin⸗ eingehen. Dieſe Meinungshartnäckigkeit bei einem Manne, deſ⸗ ſen ſcharfen Verſtand ich kannte, fing an mich zu er⸗ ſchüttern. Ich zog meine Predigt aus der Taſche, befahl meinem Kutſcher auf der Seite der Straße zu fahren, um ſeiner Carriole und mir ſo viel als möglich Stöße zu erſparen, und begann mein Meiſterwerk wie⸗ derzuleſen.. Ich muß geſtehen, je weiter ich auf der Straße kam und je mehr ich mich in meine Predigt vertiefte, deſto mehr war ich genöthigt, mir ſelbſt zu geſtehen, daß ich mich ein wenig lebhaft einer Geiſteslaune über⸗ laſſen, die mich wohl hätte zum Paradoren führen kön⸗ nen; da aber der paradoxe Geiſt, obgleich unſtreitbar falſch, gut gehandhabt einer der glaͤnzendſten Geiſter iſt, und da es keinem Zweifel unterlag, daß nach In⸗ halt und Form meine Rede bewunderungswürdig ge⸗ handhabt war, ſo ſagte ich mir beſtändig, durch den Glanz, mit dem ſie bekleidet ſei, werde ſie blenden, wenn ſie nicht rühre. 4 „Nach einer dreiſtündigen Fahrt fing ich an die Merk⸗ male zu erkennen, welche die Nähe eines Dorfes bezeichnen. Der Pfarrer von Aſhbourn, I. 6 82 Von Zeit zu Zeit erblickte man am Rande der Straße, wie Vorpoſten eines Armeecorps, kleine weiße Häuſer mit grünen Läden, die ſich zwiſchen zwei Gärten erho⸗ ben: vorne ein Garten für die Blumen, ein blenden⸗ der von Nelken, Roſen und Jasmin duftender Garten; hinten ein Garten für das Obſt, an deſſen Bäumen die neuen Früchte, die der folgende Monat vergolden und reifen ſollte, ſich zu formen anfingen. Vor den Thüren dieſer Häuſer, unter Hennen, die ihre Küchlein führ⸗ ten, unter Hunden, die im Schatten lagen, und Katzen, die in der Sonne mit den Augen blinzelten, wälzten ſich halbnackte, roſige, blonde Kinder. Dieſes ganze Schauſpiel der heitern, fruchtbaren Natur öffnete mein Herz ſanften, zärtlichen Gefühlen. Ich gab im Vor⸗ überfahren und im Geiſte meinen Segen dieſen Häu⸗ ſern, dieſen Blumen, dieſen Früchten, dieſen Hühnern, dieſen Hunden, dieſen Katzen, dieſer ganzen belebten und lebendigen Natur, welche nach einem Daſein von ſechstauſend Jahren noch ſo friſch und jung, als hätte ſie der Schöpfer am Tage vorher aus ſeinen Händen fallen laſſen. Ich ſagte mir:„Du allein, o mein Gott, weißt du. dieſer Stunde, und ich allein werde es bald mit Dir wiſſen, wie viel dieſe demüthigen Hütten, welche unter Blumen blühen, Glückliche oder Unglückliche ent⸗ halten. Ich werde es wiſſen wie Du, denn wenn Du ihr Gott biſt, ſo werde ich ihr Hirte ſein, das heißt, der von der Vorſehung zwiſchen ſie und Dich, o mein Gott, geſtellte Vermittler. Dann, das verſpreche ich Dir, o Herr, werde ich all meine Sorge, all meinen Eifer, meinen ganzen Verſtand darauf verwenden, um den Einen zu zeigen, wie man das Glück verdient, den Anderen, wie man die Leiden erträgt. Hier, mein Gott,— wenn Deine Weisheit geſtattet, daß ich zu dieſem frommen Amte berufen ſein ſoll,— hier werde ich die Hände mit den Händen und die Herzen mit den Herzen vereinigen; hier werde ich die kleinen Kinder in 83 dem Augenblick empfangen, wo ſie nackt und ihren erſten Schmerzensſchrei ausſtoßend in's Leben eintreten; hier werde ich ſie vom Schooße ihrer Mutter dem Fleiſche nach in den Schooß der Kirche, ihrer Mutter dem Geiſte nach, übergehen laſſen; hier werde ich die Jugend unter⸗ richten und ſie Dich, o mein Gott, preiſen lehren; hier werde ich dem Alter die Augen ſchließen und es Dich ſegnen lehren für das Gute, wie für das Schlimme, für die Freude, wie für den Schmerz!« Und während ich ſo ſprach, preßte eine ſo außer⸗ ordentliche Gemüthsbewegung mein Herz zuſammen, daß Thränen meinen Augen entſtürzten, und daß ich, meine Arme zum Himmel erhebend, meine Predigt meinen Händen entfallen ließ. „Nehmen Sie ſich in Acht, mein Herr,“« ſagte der Kutſcher zu mir,„Sie verlieren Ihr Papier.“ Dieſe Worte riefen mich auf die Erde zurück, ohne mich indeſſen völlig meiner Extaſe zu entziehen. Ich hob meine Predigt auf und warf meine Blicke auf die erſten Zeilen... Ohl mein lieber Petrus, wie war ich, ehe ich bis zur Haͤlfte der erſten Seite gekommen, der Meinung meines Wirthes des Keſſelſchmieds! Die ſüßen Thränen, die ich vergoß, fuͤhlte ich, ſo wie ich meine Proſa weiter las, in meinen Augen vertrocknen; dieſe Begeiſterung, die mein Herz ſpringen machte, fühlte ich, ſo wie ich in meiner Rede weiter vorrückte, in meiner Bruſt er⸗ löſchen; dieſer Tert, ich ſah endlich, was er war: ein wahres Wortſpiel; dieſe Form, ſie erſchien mir endlich unter ihrem wahren Anſehen, nämlich falſch, ſchwülſtig, kleinlich. Ich verſuchte es, weiter zu gehen, es war mir unmöglich; ich fragte mich, wie man im Angeſichte dieſer reichen Natur und dieſer grünenden Menſchheit Effecte in Combinationen von Worten oder Spielen der Phantaſie und des Witzes ſuchen könne; ich erröthete ſelbſt über dieſe Treibhaus⸗Beredtſamkeit im Vergleiche mit einigen einfachen, aber reinen Gedaten, die mir 84 die Gegenſtände, welche ich vor Augen hatte, einga⸗ ben, und ich rief:„O Ihr, die Ihr von mir das Wort des Herzens verlangt, meine Brüder, beruhigt Euch! ich werde Euch nicht das Gift des Geiſtes brin⸗ gen; und ſollte ich morgen, wenn ich vor Euch getreten bin, Euch nur die Worte ſagen:„„O meine Brüder, liebet den Herrn und liebet einander!““ Nein, ich werde Euch nicht dieſe lügneriſche, alberne Rede halten, welche ſo mit Recht mein Wirth der Keßler verachtete,— dieſer Arme an Geiſt, der ſo reich iſt an Herz!“ Und da wir gerade in dieſem Augenblick die erſten Häuſer des Dorfes erreichten, ſo zerriß ich meine Pre⸗ digt, warf die Stücke aus der Carriole, und ſah mit Vergnügen, wie ſie der Wind forttrug und der Ver⸗ eſeueit übergab, wie Alles, was der Wind mit ſich nimmt. IX. Die Mitwe. Die Carriole hielt vor der Thüre von Miſtreß Snart anz beim Geräuſche der Räder erſchien meine alte Gönnerin auf der Schwelle; ſie war ſchwarz gekleidet; ihre gerötheten Augen und ihre ausgefurchten Wangen zeugten vom Durchzuge der Thränen, wie auf der Fläche der Erde die ausgegrabene Schlucht den Durchzug eines Gießbachs bezeichnet. Und dennoch fühlte man unter dieſem verſtörten Ge⸗ ſichte ein ruhiges Gemüth, eine reine Seele. Sie lächelte mir traurig zu, hieß mich willkommen und ſprach: „»Herr Bemrode, ich erwartete Sie; ich weiß, was Sie hieher führt, und wünſche, daß dieſes Haus, wo elche ieſer rſten Pre⸗ mit Ver⸗ ſich 8⁵ ich Sie vor drei Monaten empfangen habe und heute wieder empfange, das Ihrige werden möge.“ 4 Dieſer Wunſch wurde ſo einfach und zugleich mit einem ſo mitfühlenden Tone ausgeſprochen, daß ſich kein Zweifel über ſeine Aufrichtigkeit erheben ließ. Ich ſtieg aus und dankte ihr. Dann, während der Kutſcher das Pferd in den Stall führte und die Car⸗ riole unter die Remiſe ſchob, ſagte ſie zu mir: „Kommen Sie, Herr Bemrode; als Sie das erſte Mal die Güte hatten, uns zu beſuchen, war ich bei mir, und Sie waren mein Gaſt; heute, da es ſcheint, daß Sie Ausſichten haben, im Amte auf meinen armen Mann zu folgen, ſind Sie in Ihrem Hauſe, und ich bin Ihre Dienerin; kommen Sie, ich will Ihnen das Pfarrhaus in allen ſeinen Einzelnheiten zeigen.“ Und ſogleich ging ſie mir voran, ließ mich den Hof durchſchreiten, den Garten beſichtigen, in den Keller hinab⸗ und zum Speicher hinaufſteigen; dann führte ſie mich in daſſelbe Zimmer zurück, wo, als ich das erſte Mal in dieſem Hauſe war, der würdige Herr Snart auf einem Canapé lag, in Erwartung des kalten und letzten Lagers im Grabe,— und ſprach: „Das iſt Ihre zukünftige Wohnung, denn ich hege die Hoffnung, daß Sie die Pfarre erhalten, Herr Bem⸗ rode. Ich habe fünfundzwanzig Jahre glücklich mit dem Manne gelebt, den der Herr jüngſt zu ſich gerufen und dem bald nachzufolgen er mir, wie ich hoffe, in ſeiner Barmherzigkeit geſtatten wird.“ „Fünfundzwanzig Jahre!“ rief ich;„das iſt ein ganzes Leben. Wie ſchmerzlich muß es für Sie ſein, ein ſo lange von Ihnen bewohntes Haus zu verlaſſen!“ „Indem er es zuerſt verließ, lieber Herr Bemrode, gab mir der Mann, der hier fünfundzwanzig Jahre mit mir zugebracht hatte, das Signal zum Aufbruch! Da ich ſicher bin, daß ich früͤher oder ſpäter im Himmel mit ihm wieder zuſammentreffen werde, ſo liegt mir wenig an dem Orte, wo ich den Augenblick dieſer Wieder⸗ 86 vereinigung erwarte.. Doch folgen Sie mir hier durch, Sie haben noch ein letztes Zimmer anzuſchauen.« Sie ging voran, wie ſieres bis dahin gethan hatte, und führte mich in ein Schlafzimmer. „Sie ſind jung,« ſprach ſie,„Sie ſind im Alter, ſich eine Lebensgefaͤhrtin zu wünſchen: nehmen Sie eine vernünftige, liebevolle Gefährtin von einem dem Ihri⸗ gen gleichen Stande; nehmen Sie ſie aus Liebe und nicht aus Berechnung, wie Herr Snart mich genommen hat, und Ihre fünfundzwanzig Jahre der Freude und der Glückſeligkeit werden vorübergehen, wie die unſeren vorübergegangen ſind.“ Ich ſchaute dieſe Frau mit einem mit Ehrfurcht gemiſchten Erſtaunen an. Fünfundzwanzig Jahre der Freude und der Glückſeligkeit! Ich hatte weder bei den Alten, noch bei den Neuern je ein menſchliches Weſen ſeinem Gott für fünfundzwanzig Jahre des Glücks dan⸗ ken ſehen. „Meine Verehrteſte,“ fragte ich ſie,„haben Sie denn wirklich fünfundzwanzig Jahre glücklich gelebt? fünfundzwanzig Jahre, das heißt einen Zeitraum län⸗ ger, als der, welchen ich ſchon auf der Erde zugebracht,— hat keine Traurigkeit, kein Schmerz, keine Thräne dieſe Freude und dieſe Glückſeligkeit getrübt, für die Sie ſo eben Gott dankten?« Dann wandte ich mich gegen die nur mit einer einfachen Tapete bedeckten Wände und rief: „»O geſegnete Mauern! möchtet ihr einſt mein Haupt beſchirmen, wie ihr die Häupter dieſer beiden Ehegatten beſchirmt habt! und möchte ich ſpäter ſagen, wie mir heute dieſe in Trauer gekleidete Witwe ſagt: „»Ich danke Dir, mein Gott, für die fünfundzwanzig Jahre des Glückes ohne Störung und ohne Wolke, die Du Deinem Diener bewilligt haſt.« Miſtreß Snart lächelte, ſchüttelte ſchwermüthig den Kopf und erwiederte: wieber Herr Bemrode, Sie würden ſich irren, wenn EOSeSSEsnh 28 87 Sie dächten, dieſe lange Periode meines Lebens ſei, wie Sie ſagen, ohne Störung und ohne Wolke verlaufen; ich ſage nur,— da meiner Anſicht nach das wahre Unglück in der Sünde und im Vergehen liegt,— Gott habe uns geſtattet, fünfundzwanzig Jahre in der Reinheit der Seele und in der Heiterkeit des Gewiſſens zu leben... Ein Glück ohne Störung und ohne Wolke? oh nein! im Gegentheil, und ich hoffe, meine Schmerzen werden mir dereinſt angerechnet! Nein, ich habe hienieden viel gelitten; ich habe viele Thränen vergoſſen, und wenn das Herz bräche, lieber Herr Bemrode, ſo wäre mein Herz gebrochen, denn die Witwe hat nicht nur ihren Gatten verloren, ſondern die Mut⸗ ter hat auch ihre Kinder ſterben ſehen! Ich hatte drei Töchter, lieber Herr, drei Engel auf Erden, drei En⸗ gel im Himmel! jung, ſchön, rein! der Thautropfen, der am Morgen an der Spitze eines Weidenblattes zit⸗ tert, war nicht durchſichtiger als ihr Blick; der blaue Maihimmel war nicht reiner als ihr Herz! Eines Tags kam eine Mutter mit ihrem kranken Kinde in den Ar⸗ men und forderte ein Almoſen auf der Schwelle des Pfarrhauſes; die Jüngſte von meinen drei Töchtern legte ein Geldſtück in die ſtebernde Hand des Kindes. Das Kind hatte die Pocken; meine Tochter brachte den Tod für ſich und ihre Schweſtern zurück. Sehen Sie, da, da, Herr Bemrode, unter dieſen drei Ringen, welche an der Decke die Vorhänge der drei Betten feſthielten... in fünf Tagen war Alles zu Ende!... Ich war Mutter von drei Kindern; nach fünf Tagen war ich nicht mehr Mutter!... Drei kalte, unempfindliche Leichen nahmen hinter einander die Stelle meiner geliebten Töchter ein. Die Letzte, welche ſtarb, war die Aelteſte; ſtärker, kämpfte ſie auch länger. Sie hatte ſo eben ihr vierzehntes Jahr vollendet; als ſie ſtarb, ſagte ſie zu mir:„„Ich ſehe ſchon im Himmel und ich ſehe noch auf der Erde; auf der Erde biſt Du und weinſt; doch im Himmel ſitzen meine Schweſtern zur Rechten Gottes und winken mir, 88 daß neben ihnen noch ein Platz für mich ſei. Meine Mut⸗ ter, ſei ruhig, wir wollen zum Herrn für Dich und für unſern Vater beten, und oben werden wir uns wieder⸗ ſehen.. Der Menſch iſt nur ein Fremdling auf Erden! Da droben iſt ſeine wahre Heimath!“« Und bei dieſen Worten verſchied die Arme, oder ſie entſchlummerte viel⸗ mehr, denn einen ganzen Tag wollte ich nicht glauben, daß ſie geſtorben war; ich wachte bei ihr und ſprach zu den Beſuchern:„„Gehet leiſe, macht kein Geräuſch!ε³ ſo ruhig und lächelnd war ihr Geſicht geblieben. Endlich verließ ſie zuletzt dieſes Zimmer, wie es ihre zwei Schwe⸗ ſtern verlaſſen hatten. Dieſes Zimmer, das ſo viele Todesfälle geſehen und ſo viel Schluchzen gehört hat, iſt auch das einzige vom ganzen Hauſe, deſſen Verluſt ich beklagen werde.“ „Ohl liebe Miſtreß Snart,“ verſetzte ich mit beweg⸗ ter Stimme,„Gott beſchirme mich, und ich verſpreche Ihnen, daß Sie ihn nicht beklagen ſollen.“ „Ja,“ fuhr ſie, ohne auf mich zu hören, fort,„ja, ich werde ihn beklagen, denn hier in dieſem Zimmer, an der Wand, ſind nicht nur die Plätze, wo ihre Betten, weiß wie Jungfrauenſchleier, ſtanden, ſondern ich ſehe auch durch das Fenſter dieſes Zimmers die Bäume, die ihr Vater am Tage der Geburt einer jeden derſelben gepflanzt hatte... Ach! armer Vater, als er ſie pflanzte, dachte er nicht daran, daß die Trauerweiden Fried⸗ hofbäume, Gräberſchmuck ſind. In der That, welcher Vater oder welche Mutter kann, ihr neugeborenes Kind umarmend, glauben, dieſes Kind werde eines Dages ſterben?... Oh! Herr Bemrode, ich habe viel gelitten,“ fügte die arme Witwe, in ein Schluchzen ausbrechend, bei,„denn ich habe zugleich gelitten Alles, was eine Frau, und Alles, was eine Mutter leiden kann... Nun ſtehe ich allein in der Welt; Gott wird mich auch zu ſich nehmen: ich erwarte ſeinen Willen!« Und ſie ſchlug ihren Blick voll Glauben und Er⸗ gebung zum Himmel auf und wurde wieder ſtumm, Nut⸗ für der⸗ den! ieſen viel⸗ ben, h zu !⁴⁴ dlich zwe⸗ iele hat, t ich veg⸗ eche „ja, „an ten, ſehe die ben zte, ied⸗ cher ind ges n,« nd, ine kun zu Fr⸗ m, 89 während Thränen, ſo ſtill wie ſie, langſam uͤber ihre Wangen rollten. Ohne mir Rechenſchaft von dem zu geben, was ich empfand, fühlte ich, wie meine Kniee ſich bogen, und ich lag in Anbetung zu den Füßen dieſer neuen Schmerzensmutter. Ich ergriff eine von ihren Händen, küßte ſie und ſprach: „Nein, nein, Sie ſtehen nicht allein in der Welt; nein, Sie haben nicht alle Ihre Kinder verloren; denn es bleibt Ihnen ein Sohn, der Sie achten und verehren wird, meine Mutter, als wäre er die Frucht Ihres Leibes und der Säugling Ihrer Milch! Nein, nein, Sie werden dieſes Zimmer nicht verlaſſen! Gott wird mich inſpiri⸗ ren, Gott wird mich beredt machen, Gott wird mir den Sieg verleihen, wäre es nur für Ihre Verdienſte, meine Mutter, wäre es nur, um Ihnen zu erlauben, auch Ihre Augen in dem Zimmer zu ſchließen, wo diejenigen, welche Sie liebten, geſtorben ſind! Nein, Sie ſollen dieſes Zimmer nicht verlaſſen; Sie werden jeden Abend Ihr trauriges Gebet an der Stelle verrichten, das die drei Betten einnahmen, und am Morgen, bei Ihrem Erwachen, werden Sie durch das Fenſter die drei Weiden eehen,— Freudenbäume, welche Trauerbäume gewor⸗ den... Meine Mutter, das Haus ſei mein, und es gehört Ihnen, und ich bin immer nur Ihr Gaſt, wie an jenem Abend, wo ich, ohne zu wiſſen, was dieſes Haus an Tugenden, Verdienſten und Schmerzen in ſich chloß, gekommen bin, um Gaſtfreundſchaft zu verlangen. Nur, wenn je das Unglück mich trifft, wenn ich je mein Herz ſchwach werden fühle, wenn ſich Gott von mir abwendet, laſſen Sie mich in dieſes Zimmer kom⸗ men, meine Mutter, und Sie bitten, Sie mögen mich leiden lehren, da, wo Sie ſo viel gelitten!«“ Sdie ſchaute mich einen Augenblick erſtaunt an, als könnte ſie nicht glauben, was ich ſagte. Dann hob ſie mich auf, ohne daß ſie ein Wort zu ſprechen im Stande war, und ſchlang ihre Arme ſchluchzend um meinen Hals: das Schluchzen gab ihr die Sprache wieder. 90 „Oh! mein Sohn! mein Sohn!“ rief ſie,„ſei tau⸗ ſendmal geſegnet! Du ſuchteſt eine Mutter, wie ich ein Kind ſuchte! Gott hat uns einander in die Arme ge⸗ worfen; Gott thut wohl, was er thut... Mein Sohn, ich verlaſſe Dich nicht mehr: hier, bleibe ich; anders⸗ wohin, folge ich Dir; denn, mein geliebtes Kind, Du darfſt Dir nicht zu viel Illuſionen machen; der Kampf wird hart ſein.“ „Oh! ſeien Sie unbeſorgt, meine Mutter, ich habe es Ihnen geſagt, Gott wird mich inſpiriren!« „Ja, zählen Sie auf Gott, aber zählen Sie nicht zu ſehr auf Sie; erinnern Sie ſich Ihres erſten Beſuches in dieſem Dorfe 2 „Ich war ein Narr, ein Hoffärtiger! Gott hat mich geſtraft; dann komme ich, wie Sie wiſſen, mit der Pro⸗ tection des Rectors.“ „Enttäuſchen Sie ſich!“ rief lebhaft die würdige Frau;„Sie kommen, weil ſein Neffe, ein Menſch von wenig Verdienſt, um dieſe Pfarrei nachſuchte! Er wollte ſte ihm nicht geradezu geben, da er der Partellichkeit gegen die Seinigen beſchuldigt zu werden befürchtete; er ſchickte Sie hierher, um Ihre Probepredigt zu halten, damit nicht ein Anderer käme und den Sieg über ſeinen Neffen davon trüge, was bei deſſen Unwiſſenheit leicht hätte geſchehen können, während Sie...“ Sie hielt erröthend inne. „Vollenden Sie, gute Mutter,“ ſagte ich mit einem Lächeln. Und als ſie ſodann fortwährend ſchwieg, fügte ich bei: „Sprechen Sie doch, gute Mutter... Sie wollen nicht?... Ich glaubte, eine Mutter habe für ihr Kind nichts Verborgenes, doch ich täuſchte mich. Die meinige zögert, denn ihr Kind iſt ein Hoffärtiger. Nun, meine liebe Mutter, um mich für dieſe Hoffart zu beſtrafen, will ich Ihnen helfen: Während ich, nicht wahr? noch weniger Verdienſt habe, als dieſer Neffe.“ „Er hat es geglaubt; er hat ſich getäuſcht.“ hin⸗ lan⸗ hat. keit, eine das fes wie als Ihr heut tau⸗ ) ein e ge⸗ pohn, ders⸗ Du ampf habe nicht iches mich Pro⸗ dige von ollte kkeit ete; ten, inen eicht nem bei: llen eind nige ine fen, och 91 »Und Jedermann konnte es glauben; Sie zuerſt, meine gute Mutter.« „Ohl er täuſchte ſich; ich täuſchte mich auch; wir täuſchten uns Alle, und dies war erlaubt, mein armes Kind,“ fügte halblaut und mit ihrem ſanfteſten Tone Miäreß Snart bei,„denn die Predigt, die Sie gehalten haben.. „War abſcheulich, nicht wahr? Doch ſeien Sie ruhig, nicht daſſelbe wird bei dieſer der Fall ſein.“ „»Worüber predigen Sie morgen, mein liebes Kind?“ „Ich weiß es noch nicht, meine Mutter.“ »Wie! Ihre Rede iſt noch nicht gemacht?“ »„Sie war es.... ich habe ſie am Eingange des Dorfes zerriſſen.“ „Und warum denn?« „Weil ſie vielleicht noch ſchlechter war, als die e. „Es iſt viel, daß Sie es bemerkt haben, ehe Sie Ihre Predigt geſprochen.“ 3 „So wird es fortan mit allen meinen Reden ſein, meine Mutter; denn wenn ich ſie mit meinem Geiſte mache, den ich für falſch zu halten anfange, ſo werde ich ſie mit meinem Herzen beurtheilen, das, wie ich hoffe, richtig und gut iſt.« „»Nun,“ ſprach ſie,„ſo gehen Sie in Ihre Stube hinauf; es iſt die, in welcher fünfundzwanzig Jahre lang ein würdiger Pfarrer alle ſeine Predigten abgefaßt hat. Vielleicht waren es keine Muſter der Beredtſam⸗ keit, aber wohl Ermahnungen zu einer Frömmigkeit, zu einer Mildthätigkeit, zu einer Brüderlichkeit, wovon er das Beiſpiel gab. Die einfachen, guten Leute des Dor⸗ fes liebten ihn, denn ſie fanden ihn gut und einfach wie ſie: trachten Sie nicht danach, es beſſer zu machen. als er; es eben ſo gut machen wird für Ihr Glück und Ihr Heil genügen.“ „Oh! beruhigen Sie ſich, meine gute Mutter; von heute an, da ich nur Ihr Glück im Auge habe, ſtehe erſt 92 ich unter dem Schutze derjenigen, welche Sie liebten; dieſe werden mich inſpiriren, und Alles wird gut gehen.“ ch drückte ihr noch einmal die Hand und ging in die Stube hinauf; doch ich mochte immerhin den Willen haben, an meine Predigt zu denken, es war mir un⸗ möglich. Ich konnte nur Alles, was mir dieſe vortreff⸗ liche Frau geſagt hatte, wieder durchgehen und bewun⸗ dern, welche Beiſpiele von Frömmigkeit, Muth und Er⸗ gebenheit Gott zuweilen in einem dunklen Winkel der Welt verbirgt. Es kam die Stunde des Abendbrods. Miſtreß Snart hatte es ſelbſt bereitet; nach dem Tode ihres Mannes hatte ſie ihre Dienerin entlaſſen. Als das Abendbrod aufgetragen war, rief ſie mich. Ich hatte großen Hunger,— einen dreiundzwan⸗ zigjährigen Appetit, mein lieber Petrus... dabei ein zufriedenes Herz, ohne Sorge für den andern Tag, denn diesmal fühlte ich, daß der Herr mit mir war. Sie, im Gegentheil, die arme Mutter, aß kaum und trank nur ein Glas Waſſer. Als ſie ſah, wie ich mich zu Tiſche ſetzte, an den Platz, den gewöhnlich ihr Gatte einnahm, traten in ihre Augen große Thränen, welche ſie zurückgedrängt hatte, die ihr aber auf das Herz gefallen waren. ſ„Und Ihre Predigt?“ fragte ſie am Ende des Abend⸗ eſſens. „Ich habe noch nicht daran denken können, meine gute Mutter; doch Sie ſehen, wie ruhig ich bin; Gott hat ſeine Abſichten auf mich, nicht wegen meiner Ver⸗ dienſte, ſondern wegen der Ihrigen.“. „Es ſei ſo,“ ſprach ſie lächelnd. Und ſie gab mir eine Lampe in die Hände und ſagte: „Gehen Sie und arbeiten Sie für mich, ich werde für Sie beten.“ Und ſie kehrte allein und ohne Licht in das Zimmer zurück, wo ihre drei Töchter und ihr Gatte verſchieden &Æ̈ denn aum ich ihr nen, das end⸗ eine Bott Jer⸗ und 93 waren; denn in der Dunkelheit ſchien es ihr, als ſähe ſie dieſe unbeſtimmten Geſtalten, ſtumme Bewohnerinnen des Reiches der Todten, wieder. X. Der Menſch iſt ein Fremdling auf Erden. .„Ich ging in meine Stube hinauf; es war die, welche ich bei meiner erſten Reiſe bewohnt hatte. Doch, mein lieber Petrus, welche Veränderungen waren in mir und um mich her ſeit meiner erſten Reiſe vorgegangen! Ich hatte angefangen, das„ο ο σάααœσηꝙνον von Sokrates auf mich anzuwenden, und in kurzer Zeit hatte mich dieſes Studium zum Zweifel an mir ſelbſt und zum Glauben an Gott geführt. Nachdem ich die Lampe auf den Tiſch geſtellt, ſank ich auf einen Stuhl und träumte. ch träumte von meinen ſueceſſiven Täuſchungen, von meinem Verſuche eines Epos, von meinem Verſuche einer Tragödie, von meinem Verſuche einer philoſophi⸗ ſchen Abhandlung, von meiner dreimal, wie Jakob, durch den Engel zu Boden geworfenen Hoffart,— und ich ſah im Austauſche gegen dieſen Kampf, der die lange Nacht meines Geiſtes hindurch gedauert hatte und ſich bei der Morgenröthe des Glaubeis an zerſtreuen anfing, — ich ſah das ruhige, friedliche Daſein des Mannes, deſſen Platz ich einnahm, dieſes Pfarrers, der bei der Einfachheit ſeiner Arbeit und ſeines Lebens nie ge⸗ ſcheitert war; der fünfundzwanzig Jahre lang ſeinen Pfarrkindern Beiſpiele von Frömmigkeit, von Brüder⸗ lichkeit und von Mildthätigkeit gegeben hatte, und die Hände voll, nicht von guten Büchern, ſondern von guten Handlungen, zu Gott aufgeſtiegen war. Ich ſagte mi ir meine Hoffart, der Dämon, den ich hauptſaͤchlich bekäͤm⸗ 94 pfen müßte, habe mich bis auf dieſen Augenblick hinter⸗ angen, indem er mich überredet, mein Genie ſei beru⸗ ken, Aufſehen in der Welt zu erregen, während es mir im Gegentheil erſt ſeit dieſem beglückenden Abend ſchien, ein ruhiges, friedliches, ſanftes Leben, das unter dem Flügel des Engels der Familie verlaufen würde, ſei die wahre Exiſtenz, für die ich beſtimmt. Bei dem Gedanken, in dieſem kleinen Winkel der Erde unbekannt zu leben und zu ſterben, ein Gedanke, der mir drei Tage vorher zur Verzweiflung gereicht hätte, fühlte ich etwas Tröſtliches, Belebendes ſich in meinen Adern verbreiten und ſanft zu meinem Herzen hingleiten. Zufällig befand ſich ein Spiegel vor mir; mein Blick verweilte darauf, und es ſchien mir, ich habe zu⸗ gleich ein inſpirirtes Auge, eine leuchtende Stirne und einen lächelnden Mund. Zum erſten Male in meinem Leben war ich, glaube ich, vollkommen glücklich, ohne ein Beklagen, ohne Wuͤnſche, und dennoch voll Hoffnung. Ich weiß nicht, wie lange ich in dieſem Zuſtande der Glückſeligkeit und der Extaſe blieb; ich wurde dem⸗ ſelben durch die Glocke der Kirche, an welche das Pfarr⸗ haus angelehnt iſt, entriſſen: es ſchlug neun Uhr. Ich öffnete das Fenſter. Es war eine herrliche Nacht, eine ſchöne Juninacht, gemildert durch ſanfte Abendlüfte; mein Fenſter ging auf den Garten des Pfarrhauſes zuerſt, dann auf an⸗ dere an dieſen anſtoßende Gärten, dann kam das freie Feld, deſſen Horizont durch eine kleine Hügelkette ge⸗ ſchloſſen war. Alles, was mein Blick unter der durchſichtigen Dun⸗ kelheit der Nacht umfaſſen konnte, bot das vollſtändigſte Bild der Unſchuld und der Ruhe. Nur drei Lichter brannten in dieſem Kreiſe, demü⸗ thige Parodien aller der funkelnden Fackeln, mit denen die azurne Unermeßlichkeit des Himmels beſät war. Lange heftete ſich mein Blick, nachdenkend und forſchend, SB 2OSE g nter⸗ beru⸗ mir hien, dem i die der anke, ätte, inen iten. mein zu⸗ und aube ohne ande dem⸗ arr⸗ 95⁵ auf dieſes Sternenheer, durch welches die Milchſtraße, wie ein Strom, wie eine Lauwine, wie ein Katarakt von Welten, zieht! Niedergedrückt unter der Größe des Schauſpiels, fühlte ich mich unfähig, in den Bewegungen, die ihnen eigenthümlich ſind, oder in denen, die ihnen gegeben werden, dieſen Geſtirnen, dieſen Planeten, dieſen Trabanten zu folgen, welchen Copernicus, Galilei und eewton, dieſe drei Erforſcher des Firmaments, ihre Laufbahn vorgeſchrieben haben, und ich ließ meine Augen wieder auf die Erde fallen, ohne mich meiner Schwaͤche zu ſchämen, denn ich erinnerte mich der Worte von Pascal:„Das ewige Stillſchweigen dieſer unendlichen Räume erſchreckt mich!« „Waährend der paar Momente, in denen ſich mein Blick auf die Fackeln des Himmels geheftet hatte, waren die Lichter der Erde erloſchen, und Alles war in die Dunkelheit zurückgekehrt. Ein ſchwacher weißlicher Schimmer erſchien in die⸗ ſem Augenblick auf dem Gipfel von einem der kleinen ſich kräuſelnden Hügel, die den Horizont ſchloſſen. „Meine Augen verweilten auf diefer nächtlichen Dämmerung. Es war der Mond, der ſich langſam, majeſtätiſch, glänzend erhob; aus ſeiner ſchlecht gerundeten Scheibe, welche allmälig hinter dem Kamme des Berges erſchien, ſprang, einer Glorie ähnlich und ſich ſchwächend, ſo wie es ſich vom Mittelpunkte entfernte, ein ſanftes, fried⸗ liches, ſilbernes Licht hervor; in demſelben Maße, in welchem die milde Königin der Nächte zu den Höhen des Firmaments emporſtieg, verbreitete ſich dieſes Licht auf der Ebene und machte hier die Bäche wie Mohr⸗ bänder funkeln und die Seen wie Silberſpiegel glänzen. Stufenweiſe entfloh der Schatten vor dem Lichte, das ſich nach und nach des ganzen von meinen Augen umfaßten Kreiſes bemächtigte, wie eine vom Horizont kommende Fluth allmählig ſich des ganzen Meerbettes, das bei ihrem Rückzuge die Fluth leer gelaſſen hat, bemächtigt, 96 und ſo wachſend, ſiegreich, unwiderſtehlich bis zum Gipfel der höchſten Felſen der Küſte emporſteigt. Plötzlich, in dem Augenblick, wo ſich dieſes Licht im Garten des Pfarrhauſes verbreitete und bis zu dem Fenſter gelangte, auf deſſen Rand ich geſtützt war, erhob ſich ein melodiſcher Geſang vom Ufer des Baſſin, und unter dieſer Finſterniß, welche ſo durchſichtig geworden, daß man hätte glauben ſollen, es ſei eine Morgendäm⸗ merung, erblickte ich den geflügelten Muſiker, deſſen Stimme allein die Rückkehr des bleichen Lichtes und die erhabene, ſtille Heiterkeit der Nacht begrüßte. Es war eine Nachtigall, die auf dem höchſten Zweige der größten von den drei Weiden ſaß,— oder vielmehr, ſagen Sie mir, mein lieber Petrus, denken Sie nicht wie ich, es ſei die Seele der jungen Tochter geweſen, die vom Gipfel dieſer Weide herab, welche an demſelben Tage gepflanzt worden, wo ihr vergänglicher Leib auf der Erde erſchienen war, mitten in der Finſterniß mit dieſem ſanften Geſange ihre troſtloſe Mutter im Auf⸗ trage ihrer Schweſtern, ihres Vaters und Gottes be⸗ grüßte? Ohl die milde, die ſchöne, die heitere Nacht! Wie verſchieden war ſie von der, die ich in derſelben Stube drei Monate vorher zugebracht, als ich, gebeugt über meine erſte Predigt, mit fieberhaftem Pulſe, die Stirne triefend von Schweiß, mit dem Dämon der Hoffart kämpfte, der heute von mir beſiegt war und gefeſſelt zu meinen Füßen lag! Es gibt Stunden, welche vorübergehen, ohne das Maß der Zeit mit ſich zu tragen; während dieſer Stun⸗ den weiß man nicht, ob man gelebt hat, wenigſtens das irdiſche Leben.. Der Mond glänzte die ganze Nacht hindurch; die Nachtigall ſang die ganze Nacht hindurch; ich ſchaute und horchte die ganze Nacht hindurch. Endlich, als die Reihe an ihn kam, ſah ich den glänzendſten der Sterne erſcheinen, den, welchen die Dichter zur Tochter von Jupiter und Aurora gemacht, ipfel Licht dem rhob und rden, däm⸗ deſſen d die veige nehr, nicht heſen, elben bauf mit Auf⸗ 3 be⸗ Wie Stube über stirne offart elt zu e das Stun⸗ s das Nacht urch; h den n die nacht, 97 und dem ſie den Namen Venus gegeben haben, während ihn unſere modernen Aſtronomen Lucifer nennen, weil er, der Sonne nur um ein paar Stunden vorhergehend, raſch am Himmel aufſteigt und auf ihren Weg das glänzende Licht des Morgens ſchüttelt. Die Nachtigall hörte auf zu ſingen, der Mond er⸗ bleichte; ich ſchloß mein Fenſter und legte mich nieder. Ich erwachte zur ſelben Stunde, wie das erſte Mal, doch ſtatt des entſetzlichen Alps, der mich während des andern Schlafes gedrückt, war ich nur durch ſanfte Träume beſucht worden, welche hervorgegangen aus dem elfenbeinernen Thore, das ſich am Abend für die durchſichtigen Viſionen öffnet. Beinahe zu gleicher Zeit klopfte meine gute Mutter an die Thüre und kündigte mir an, in einer Viertel⸗ ſtunde werde die Glocke ertönen. Ich ſtand aufz ich kleidete mich an und ſuchte zum letzten Male meine Gedanken für die Predigt zu ſam⸗ meln, die ich halten ſollte.... Unmöglich! Mein Geiſt war voll von den Bildern und Tönen, die ich ſeit dem vorhergehenden Tage geſehen und gehört hatte. Ich ſah nur dieſe ſchwarz gekleidete Witwe, dieſe drei Lichter, welche eines nach dem andern auf der Erde erloſchen, dieſe Myriaden von Welten, die ſich am Himmel ent⸗ zundeten und glänzten, dieſen Mond, der die Finſterniß vertrieb, und dieſen Morgenſtern, der den Mond verjagte und den Tag verkündigte. Ich hörte nur dieſe troſtloſe Mutter, welche über den Verluſt ihrer Töchter wehklagte, wie Rachel in Rama, und dieſe melodiſche Nachtigall⸗ die, um ſie zu tröſten, auf dem höchſten Zweige der Trauerweide ſitzend, deren Haupthaar ſich im düſtern Waſſer des Baſſin benetzte, die ganze Nacht hindurch geſungen hatte. Die Stunde ſchlug; es war in der Kirche noch mehr Volk, als da ich das erſte Mal gepredigt. Ich durch⸗ ſchritt dieſe Menge ohne Affectation, die Augen weder Der Pfarrer von Aſhbourn. I. 7 98 aufſchlagend, noch ſenkend, vollkommen ruhig im Herzen wie im Geiſte. Wie das erſte Mal trat ich in die Sacriſtei ein, dies Mal nicht mehr, um eine ſchlechte Predigt zu ver⸗ beſſern, ſondern um ein gutes Gebet zu machen. Ich kniete nieder, und nachdem ich demüthig mein Herz zu den Füßen Gottes gelegt hatte, kehrte ich in die Kirche zurück und beſtieg die Kanzel, ohne noch zu wiſſen, über welchen Gegenſtand ich predigen ſollte, doch überzeugt, Gott, dem ich mich mit ſo viel Glauben hingab, werde mich in dieſem äußerſten Augenblicke nicht verlaſſen. Während das Lied geſungen wurde, ſchaute ich um⸗ her, und ich ſah zu meiner Rechten, in einer Seiten⸗ kapelle, die ehrwürdige Witwe des Pfarrers Snart, die Augen auf die Wand gerichtet, knieen: an dieſer Wand hingen drei kleine Immortellenkränze und in der Mitte von jedem dieſer Kränze fand ſich ein Anfangsbuchſtabe. Ich errieth, daß dieſe drei Kränze den drei Mädchen gewidmet, und daß dieſe Anfangsbuchſtaben die ihrer Namen waren; ich rief dann im Geiſte die drei Engel der Reinheit an, damit ſie mich in dieſem Augenblicke begeiſterten und unterſtützten. In der That, als wäre mein Gebet erhört worden, erinnerte ich mich plötzlich der letzten Worte der Aelteſten der drei Schweſtern:„Der Menſch iſt nur ein Fremdling auf Erden!“ und ich be⸗ ſchloß, ſie zum Texte meiner Rede zu nehmen. Konnte es denn einen ſchönern, einen beſſer gewähl⸗ ten Text geben, um zu den Herzen Aller zu ſprechen? Je zahlreicher die Verſammlung war, deſto größer ſchien die Vereinzelung von Jedem. Es war alſo eine wahre Inſpiration, die mir vom Grabe zukam. Ich wandte mich gegen die drei Kränze, um ſie zu begrüßen, und ſah unſere würdige Mutter, die mich mit einem Geſichte voll Bangigkeit und mit Augen voll von Thränen anſchaute. Ich lächelte ihr zu und machte ihr ein Zeichen, um ſie zu beruhigen; dann, da in dieſem Moment der Geſang des Liedes aufhörte, wandte ich mich an meine zukünftigen Herzen ei ein, 1 ver⸗ Ich erz zu Kirche ü ber zeugt, werde 99 Pfarrkinder und bezeichnete mit einer zugleich ſanften und ruhigen, milden und feſten Stimme den Text, über welchen ich ſprechen ſollte. Bei dieſer einfachen Anzeige ging ein wohlwollendes Gemurmel durch die Verſammlung. Ich fing an. Sie können ſich nicht vorſtellen, mein lieber Petrus, mit welcher Schärfe ſich die Ideen meinem Geiſte und die Worte meinem Munde boten. Ich hatte keine Furcht, keine Unruhe, kein Zögern. Bei den erſten Worten, die ich ausſprach, ſchauten ſich die Zuhörer mit Erſtaunen an, als wollten ſie einander fragen, ob ich derſelbe Mann ſei⸗ der ihnen drei Monate vorher die verſchraubte, weitſchwei⸗ fige, unverſtändliche Rede gehalten. Ich nahm den Men⸗ ſchen bei ſeiner Geburt, ich verglich ihn mit einem Baume beladen mit grünen Blättern in ſeiner Jugend, alle Jahre ſeine Blätter verlierend, welche jedes Jahr wieder wach⸗ ſen, aber in einer gewiſſen Zeit minder friſch, minder lebendig, minder zahlreich zu wachſen anfangen, bis er endlich alt und entlaubt, einſam und verdorrt auf dieſer rde, die er einen Augenblick mit ſeinem Schatten bedeckt, nur noch einen runzeligen, knorrigen Stamm und kahle Arme ausſtrecke. Ich zeigte nicht nur, wie der Menſch als eine Viſion vorübergehe, ſondern auch, wie ſich die Gene⸗ rationen gleich Schatten folgen. Ungeheure Proceſſion! ephemer durch die Einheit, ewig durch ihre Maſſe! Ich zeigte den Menſchen, der nackt und wankend aus der Erde hervorgeht, der dieſe einen Augenblick, zum Himmel auf⸗ athmend, bewohnt und nach vierzig, fünfzig oder ſechszig Jahren, das heißt nach einer Stunde, einer Minute, einer Secunde, nach der Rechnung der Ewigkeit, ſeinen Körper nackt und wankend der Erde zurückgibt, aus der er hervorgegangen, während die unſterbliche Seele wie⸗ der zum Himmel, das heißt zu der göttlichen Wohnung, von der ſie herabgekommen, emporſteigt, zu dieſer Woh⸗ nung, wo ſie, welche fremd auf der Erde, der höchſte Lohn aus den Händen der höchſten Güte erwartet. Ich zeigte, 7 100 ſo wie der Menſch in das Leben eintritt, dieſen Menſchen Alles verlierend, was er geliebt hat: zuerſt den Vater, der ihm das Daſein gegeben, dann die Mutter, die ihn genährt, dann die Kinder, die er erzeugt, auf⸗ gezogen und genährt, welche ihn verlaſſen, nicht für das Leben, ſondern für den Tod; den Gatten, um in einer andern Stadt, in einem andern Lande, in einer andern Welt die für ſeine Exiſtenz, für die Exiſtenz ſeiner Frau, für die Exiſtenz ſeiner Kinder nothwendigen Mittel zu ſuchen; die Gattin, um überallhin, wohin er geht, ihrem Manne zu folgen. Ich zeigte ihn, ſo wie er dem Grabe zuſchreitet, an allen Winkeln der Straße einen Bruder, einen Verwandten, einen Freund verlierend, ſo daß er, wenn er je wieder zu dieſem Wege des Elends und der Thränen käme, ihm folgen könnte mittelſt der Gräber, die er wie Meilenſteine die ganze Straße entlang und auf beiden Seiten derſelben faͤnde. Dann wandte ich mich gegen meine gute Mutter, welche, während ſie mir zuhörte und mich anſchaute, Thränen der Rührung und der Freude vergoß, deutete auf die drei Kränze, vor denen dieſe Frau kniete, welche dreimal gelitten hatte, was die Mutter Gottes gelitten, und rief: „Ja, ja, der Menſch iſt ein Fremdling auf dieſer Erdel er erſcheint, er wächſt heran, er leidet, er weint, er geht hin,— und ein paar verdorrte Blumen, der erſte Buchſtabe eines Namens, die Furche, die er gezogen, die er mit ſeinen Thränen benetzt hat, und die ſich hinter ihm auf dem Abgrunde der Vergangenheit ſchließen wird, wie ſich der Sog eines Schiffes auf dem Abgrunde des Oceans ſchließt, das iſt es, was er von ſich hinterläßt! Aber beruhigt Euch, Ihr, die Ihr weint, mag es eine Mutter, mag es ein Vater, mag es ein Gatte, mag es ein Kind ſein, beruhigt Euch! Fremdlinge auf dieſer Erde, haben Euch diejenigen, welche Euch verlaſſen, nur für eine Zeit verlaſſen und ſind hingegangen, um Eu im Himmel, in dieſem Vaterlande zu erwarten, wo Ihr ſchen gater, die auf⸗ r das einer ndern Frau, el zu hrem Prabe uder, 3 er, änen rwie eiden neine mich goß/ niete, ottes dieſer eint, 101 eines Tags in der ſeligen Ewigkeit und im unermeßlichen Glanze mit ihnen wiedervereinigt werdet!...“ Mein lieber Petrus, ich kann Ihnen nicht aus⸗ drücken, zu welchem Grade von Rührung ich meine Zu⸗ hörer gebracht hatte, als ich ſo weit kam. Es war nicht eine einzige Perſon in dieſer Menge, die nicht in Thränen zerfloß, und meines wackern Vaters und meiner ver⸗ ehrungswürdigen Mutter gedenkend, weinte ich zuerſt reichlich. Sie wiſſen aber Eines: daß die beſten Freunde, die ſicherſten Freunde diejenigen ſind, welche mit einander geweint haben.... Als ich von der Kanzel herabſtieg, fand ich alle Arme geöffnet, um mich zu empfangen. Ich wurde im Triumphe in die Sacriſtei getragen. Die Greiſe,— diejenigen, welche ſchon am meiſten auf dieſer Welt verloren, mußten mich am Beſten begreifen!— die Greiſe umarmten mich, drückten mich an ihre Herzen und riefen mit einem Gefühle, das an die Begeiſterung gränzte: »Oh! Sie werden unſer Pfarrer ſein! Wir wollen keinen Andern als Sie, wir werden Sie vom Herrn Rector verlangen, und, müßten wir Alle nach der Stadt gehen, um dieſes Verlangen an ihn zu richten, unſer Wunſch ſoll in Erfüllung gehen.“ „Einen Augenblick konnte man glauben, dieſer Schritt wäre unnöthig, denn es verſicherte Jemand, den Herrn Rector in einem der dunkelſten, abgelegenſten Winkel der Kirche, wohin er ohne Zweifel in ſeiner Seelengüte, um meinem Triumphe beizuwohnen, gekommen war, auf meine Predigt horchend geſehen zu haben. Doch man ſuchte vergebens, er war verſchwunden. 102 XI. Gott lenkt. Meine gute Mutter erwartete mich vor der Thüre der Sacriſtei. Wir kehrten mit einander in Begleitung des ganzen Dorfes in das Pfarrhaus zurück. Hier nahmen die Alten von mir Abſchied, jedoch nur, um ihr Geſuch an den Rector abzufaſſen. Ich trat mit meiner Mutter in das Innere des Pfarrhauſes ein und ſah zu meinem Erſtaunen alle Schränke geöffnet, alle Schubladen herausgezogen. Ich fragte Miſtreß Snart, was dies bedeute. »Mein Sohn,“ antwortete ſie,„Sie haben mich zu Ihrer Mutter adoptirt. Es iſt alſo ganz natürlich, daß ich Sie als meinen Sohn anerkenne. Ehe Sie wußten, ob ich reich oder arm war, ſagten Sie zu mir:„„Sie werden dieſes Zimmer behalten, wo Sie glücklich und unglücklich geweſen ſind, wo Sie gelächelt und geweint haben, wo Sie Gattin und Mutter waren, wo Sie Mutter wurden, und wo Ihre Kinder geſtorben ſind.«« Ich habe dies angenommen, nehmen Sie Ihrerſeits an, was ich Ihnen anbiete, nämlich das Haus, wie es iſt, mit ſeinem Weißzeug, ſeinem Zimmergeräthe, ſeinem Silbergeſchirr. Zu meinen Lebzeiten wird Alles uns Beiden gehören; bin ich geſtorben, ſo gehört Alles Ihnen.“ Ich wollte eine Geberde der Weigerung machen. „Oh!« ſprach ſie,„ſchützen Sie nicht vor, ich beein⸗ trächtige diejenigen, welche auf das Wenige rechneten, was ich beſitze. Vor Allem habe ich nur entfernte Erben, denen kein wirkliches Recht auf mein kleines Vermögen zuſteht; dieſes kleine Vermögen, ſo wie es iſt, eine Gabe der Witwe, ein Pfennig der Mutter, gehört Ihnen, und heute noch, wenn Sie mich nicht tief betrüben wollen, gehen wir zum Notar von Wirks⸗ 103 worth, wo ich Ihnen eine Schenkung damit machen werde.« Ich dankte der guten Frau mit Thränen in den Augen und ſagte ihr, ich nehme Alles mit demſelben Herzen an, wie mir Alles geboten werde; doch ich bat ſie inſtändig, dieſe Schenkung auf ſpäter zu verſchieben, um mir nicht in den Augen meiner zukünftigen Pfarr⸗ kinder das Anſehen eines habgierigen und mißtrauiſchen Menſchen zu geben. Nach dem Erfolge, den ich gehabt hatte, nach dem dringenden Geſuche, das die Leute des Dorfes an den Herrn Rector zu richten mir verſprachen, könnte ſeine Entſcheidung unmöglich lange auf ſich war⸗ ten laſſen. Späteſtens in vierzehn Tagen würde ich zurück ſein, und es wäre dann frühe genug, um dieſe Schenkung zu machen, die ich zum Voraus annehme. Ich konnte es ihr jedoch nicht abſchlagen, mit ihr alle dieſe demüthigen, in fünfundzwanzig Jahren der Arbeit und der Sparſamkeit angehäuften Schätze der Haushaltung zu beſichtigen, und ich muß ſogleich be⸗ merken: bei der guten, würdigen Frau glich der Ueber⸗ fluß der Einfachheit faſt dem Luxus. Gott weiß, hätte ich ſie mit Lumpen bedeckt an der Ecke des Sarges des armen Pfarrers, der ihr vorangegangen, ſitzend gefunden, ich würde ſie auf⸗ genommen, geliebt und verehrt haben, wie ich es that; doch ich muß auch geſtehen, daß ich nicht ohne eine gewiſſe Befriedigung, welche nicht frei von aller Liebe für das Eigenthum, ſo meinen zukünftigen Reichthum die Revue paſſiren ließ. „Da fielen mir die paar Worte wieder ein, die ſie mir hinſichtlich der Wahrſcheinlichkeit geſagt hatte, daß wohl bald eine junge Gefährtin dieſes Pfarrhaus mit mir bewohnen werde; ich dachte daher mit Stolz, dieſe Weiſſagung werde ſich verwirklichen: wir werden mit dem erſten Schlage reich bei unſerem Eintritte in die Ehe ſein, wie es die Andern erſt nach Verlauf von zehn, zwanzig, dreißig Jahren ſind; meine Zäͤrtlichkeit für die 104 theure Schenkerin vermehrte ſich nicht, doch die Dank⸗ barkeit kam dazu und machte ein liebevolleres, ich möchte beinahe ſagen, ſo ſehr hält ſich die Liebe für das Eigen⸗ thum in einem Winkel des Herzens verborgen, ergebe⸗ neres Gefühl daraus. Wir ſetzten uns zu Tiſche. Sie wiſſen ſchon, mein lieber Petrus, daß mich die Natur mit einem vortreff⸗ lichen Appetit begabt hat; doch diesmal fügte der Ge⸗ danke, ich eſſe auf Faience und auf Silberzeug, das einſt mir gehören werde, eine weitere Befriedigung dem Mahle bei, und ließ mich daſſelbe nun, ſtatt gut, wie es war, vortrefflich finden. Dann, nach dem Mahle, bei welchem wir, ſie als eine gute Mutter, ich als ein guter Sohn, alle unſere Anordnungen für die Zukunft trafen, um⸗ armte ich ſie, ſtieg, trotz ihrer dringenden Bitten, daß ich noch einen Tag mehr bleibe, in die Carriole und ſchlug wieder den Weg nach Nottingham ein. Der wahre Grund dieſer Abreiſe war, daß es mich drängte, meinen Triumph meinem Wirthe dem Keſſel⸗ ſchmied mitzutheilen. Als ſie die Carriole vor dem Pfarrhauſe ſahen, verſammelten ſich ein Dutzend Bauern, um mich zu be⸗ grüßen; ich nahm Abſchied von ihnen, indem ich ſie bat, Wünſche für meine nahe Rückkehr zu thun. Sie ver⸗ ſprachen es mir mit entblößtem Haupte und die Hände ſchüchtern gegen mich ausſtreckend. Ich ergriff alle dieſe Hände nach einander und drückte ſie in der meinigen; dann umarmte ich den Aelteſten, verlangte von ihm ſeinen Segen und ſtieg wieder in die Carriole, in der ich nach Nottingham zurückfuhr. Die ganze Straße entlang traf ich Gruppen von drei bis vier Bauern, welche mit einander plauderten; beim Geräuſche der Carriole wandten ſie ſich um und lächelten mir zu, als ſie mich ſahen. Und ich, ich ſagte mir hoffärtig,— denn ach! mein lieber Petrus, Sie wiſſen nicht, was für ein ſchlimmes Kraut die Hoffart iſt,— und ich, ich ſagte mir: 105 „Sie ſprechen von meiner Predigt, und ſie ſind ſtolz darauf, einen Pfarrer zu haben, der beredter iſt, als alle Pfarrer der Nachbarſchaft!“ Dann fügte ich, im innern Forum meiner Seele, bei: „»Wie wird das erſt ſein, wenn ich mein großes Werk gemacht habe!“. Denn an dieſes große Werk, das ich auf immer zum Nichts verdammt geglaubt hatte, dachte ich doch von Zeit zu Zeit wieder. Es iſt wahr, bald wurde ich zerſtreut durch den Anblick der Landſchaft, dieſer Häuſer, dieſer Kinder, dieſer Thiere, die mir bei meiner Ankunft ſo heilſame Gedanken eingegeben hatten. Ich lächelte Alles dies an und ſegnete es im Vorüberfahren noch freudiger, als ich es am Tage vorher gethan, denn ich hatte nun als eine Gewißheit das zu betrachten, was zuvor nur eine unſichere Hoffnung geweſen war. Gegen zwei Uhr Nachmittags kam ich nach Notting⸗ ham zurück. Mein Wirth der Keßler war ausgegangen, um Arbeit in die Stadt zu tragen; da man mir aber ſagte, er werde bald nach Hauſe kommen, ſo wartete ich in ſeinem Laden. Nach einigen Minuten erſchien er wirklich auf der Schwelle. »Ah!“ ſagte er zu mir, als er mich erblickte und in meinem Geſichte eine mit Stolz gemiſchte Freude las, gman braucht Sie nicht zu fragen, ob ſie mit Ihrer Reiſe zufrieden ſind. Die Sache iſt gut gegangen, wie es ſcheint?« »Vortrefflich, mein lieber Wirth, und der Erfolg hat meine Hoffnungen übertroffen,“ antwortete ich. „Deſto beſſer,« verſetzte er,„deſto beſſer, und es macht mich glücklich, daß ich mich in meinen Vorher⸗ ſehungen getäuſcht habe. Ich erwartete Sie mit einer gewiſſen Unruhe, das geſtehe ich Ihnen, und ich hoffte nicht ſo Gutes von Ihrer Predigt. Doch was wollen Siel ich bin ein armer Menſch, der nichts von allen 106 dieſen Dingen der Theologie, der Literatur und der Wiſſenſchaft verſteht. Ich hatte Unrecht, und Sie hatten Recht.« Ich bekenne Ihnen, mein lieber Petrus, daß ein Reſt von der noch ſchlecht aus meiner Perſon vertriebe⸗ nen Hoffart geneigt war, dieſen wackeren Mann auf dem Glauben zu laſſen, er habe ſich getäuſcht, und ich ſei unfehlbar geweſen; doch ich ſchämte mich dieſer Be⸗ wegung der Hoffart, drängte ſie ſogleich zurück und erwiederte: 3 „ Nein, mein lieber Wirth, Sie waren es im Gegentheil, der Recht hatte, und ich, der Unrecht hatte... Von der alten Predigt, die Sie mit vollem Rechte abſcheulich gefunden, iſt nichts geblieben, als die Scham, ſie gemacht zu haben.“ Und dann erzählte ich ihm Alles, was vorgefallen, wie der Anblick aller der natürlichen reizenden Gegen⸗ ſtände, die ich auf meinem Wege getroffen, den Lauf meiner Gedanken verändert hatte, wie ich muthig meine Predigt zerriſſen, und wie ich mit der Hülfe Gottes eine andere improvifirt. „Ah!“ ſagte er, indem er auf mich zuging und mir die Hand reichte,„ich dachte es wohl, es iſt in Ihnen ein goldenes Herz; nur der Geiſt iſt zuweilen falſch; dies kommt aber davon her, mein lieber Herr Bemrode, daß Sie zu gelehrt ſind; es gibt viele Leute... ich zum Beiſpiel... die das Lernen nöthig hätten; Sie dagegen, lieber Herr, häͤtten es nöthig, zu vergeſſen.“ Ich lächelte ſtolz; denn ich hatte eine ſo gute Idee von dem Grade von Kenntniſſen, den ich beſaß, daß ich beinahe der Meinung meines Wirthes des Keßlers war und mir in meinem Innern ſagte, ich könnte in der That viel vergeſſen und immer noch wunderbar viel wiſſen. Ich nahm wieder Beſitz von meinem Stübchen und wartete geduldig auf die Entſcheidung des Herrn Rectors, zu dem ich mich zweimal begab, ohne die Ehre zu haben, empfangen zu werden. mein rief vor, zu b der gab, und nur richte ad der hatten nrecht vollem „als allen, hegen⸗ Lauf meine eine dmir thnen ilſch; rode, .ich Sie 107 Die würdige Miſtreß Snart hatte ſich offenbar nicht getäuſcht. Der Rector hatte darauf gezählt, meine zweite Predigt werde durchfallen wie die erſte; dann würde ſein Neffe auch predigen und da ſiegen, wo ich unter⸗ legen wäre; die Gemeindegenoſſen müßten ſelbſt dieſen jungen Mann verlangen, den ihnen der Rector bewilli⸗ gen würde,— den Anſchein der ſtrengſten Unparteilich⸗ keit wahrend, da ein öffentlicher Concurs zwiſchen den Candidaten ſtattgefunden und der Sieg, und nicht er, zu Gunſten deſſen, der am meiſten Verdienſte nachgewieſen, entſchieden hätte. Zum Unglück für dieſen ſchönen Plan und gegen alle Erwartung hatte ich, ſtatt des gehofften Durchfalls, einen unerwarteten Succeß errungen; ſtatt daß die Bauern den Neffen des Rectors für ihre Pfarre ver⸗ langten, ſchrieben ſie, ſie wünſchen mich zum Geiſt⸗ lichen, und ſie fügten bei: ihre Wahl ſei ſo entſchieden, daß es vergeblich wäre, wenn ein anderer Candidat erſcheinen würde. Der Neffe hatte ſich fern gehalten und war nicht wirklich aufgetreten, der Oheim aber, der einer ſolchen Einſtimmigkeit nicht entgegenzutreten wagte, aſihloß mir in einer erſten Bewegung übler Laune die hüre. Doch er war ein zu gewandter Mann, um mich öffentlich mit einer unmotivirten Härte zu behandeln; darum erhielt ich drei Wochen nach dem Tage, an welchem ich mit ſo günſtigem Erfolge gepredigt hatte, meine Ernennung zur Pfarrei Aſhbourn. 3 ieſe Ernennung erfüllte alle meine Wünſche, ſie rief um ſo mehr eine freudige Stimmung bei mir her⸗ vor, als mich das Stillſchweigen des Rectors ernſtlich zu beunruhigen anfing. Ich hatte auch kaum den Brief, der ſie enthielt, entſiegelt, als ich mich zum Rector be⸗ gab, um ihm zu danken. Diesmal empfing er mich, und auf meine Dankſagung antwortete er mir, er handle nur nach ſeinem Gewiſſen; um nicht durch falſche Be⸗ richte hintergangen zu werden, habe er mich ſelbſt ge⸗ 108 hört, und zufrieden mit meiner Weiſe, zu predigen, ſei er von Herzen denen, welche mir Glück gewünſcht, bei⸗ getreten. Nur glaube er mich auf Eines aufmerkſam machen zu müſſen: darauf, daß die Pfarrei des Dorfes Aſhbourn eine Verminderung erleiden könnte; die Er⸗ ſparniſſe würden immer nothwendiger, und ich dürfe mich nicht wundern, wenn die Pfarrei von neunzig Pfund Sterling auf achtzig und ſogar auf ſiebenzig herabgeſetzt werde. Ich erwiederte ihm, in dieſer Hinſicht verlaſſe ich mich auf ſein Wohlwollen gegen mich, ein Wohlwollen, Lon dem er mir ſo eben einen ſo großen Beweis ge⸗ eben. 3 Der Rector brummelte einige Worte, welche weder eine Verſicherung, noch eine Drohung waren; dann, da ich bemerkte, daß nach ſeinem Gefallen mein Beſuch lange genug gedauert hatte, nahm ich Abſchied von ihm und begab mich wieder nach Hauſe. Sobald ich ernannt war, drängte es mich, zu mei⸗ ner guten Adoptivmutter zurückzukehren und Beſitz zu ergreifen von dem ſchönen Pfarrhauſe, welches ſo gut mit allen Dingen ausgeſtattet war, daß, da ich durchaus nichts zu kaufen hatte, dieſe Verminderung von zehn Pfund jährlich, angenommen, ſie fände ſtatt, kaum empſindlich für mich ſein würde. Dem zu Folge benach⸗ richtigte ich, ehe ich zu meinem Wirthe dem Keſſel⸗ ſchmied zuruͤckging, den Wagenvermiether, er habe mir die Carriole mit ihrem Führer zu ſchicken und es ſo einzurichten, daß ich noch an demſelben Tag zur Mit⸗ tagsſtunde oder ſpäteſtens um ein Uhr abgehen könnte. Um ein Uhr ſtand die Carriole vor der Thüre. Mein Wirth der Keßler ſchien zugleich traurig und freudig über meine Abreiſe: traurig, daß ich ihn verließ, freudig, daß ich ihn wegen der guten Pfarrei verließ, von der ich oft mit ihm als von dem non plus ultra meiner Wünſche geſprochen hatte; in dem Augenblick, wo wir uns trennen ſollten, bat er mich auch ganz gen, ſei öt, bei⸗ rerkſam Dorfes die Er⸗ dürfe eeunzig benzig iſſe ich vollen, iis ge⸗ weder dann, Beſuch n ihm 109 gerührt, als Andenken an ihn drei bis vier Caſſerolen und ein paar kleine Keſſel, welche den Fond zu meinem Küchengeräthe bilden ſollten, annehmen zu wollen. Da ich aber bei meiner Witwe eine Menge von Caſſerolen und Keſſeln, welche ſchöner und größer als die, die mir mein Wirth anbot, geſehen hatte, ſo ſchlug ich das Ge⸗ ſchenk aus, indem ich ihm, vielleicht ein wenig zu naiv, die Urſache meiner Weigerung ſagte; er wurde hierüber empfindlich, hing ſeine Caſſerolen und ſeine Keſſel wieder an ihre Nägel und verabſchiedete ſich von mir mit einer Kälte, die mich ſchmerzte, welche aber zu bekämpfen ich nicht meiner Würde angemeſſen hielt. Es brauchte nicht lange Zeit, um meinen Auszug zu bewerkſtelligen: meine ganze Garderobe beſtand aus einem Ueberrock, einem Frack, zwei Paar Hoſen, zwei Weſten, vier Paar Strümpfen, fünf bis ſechs Hemden, zwei Paar Schuhen und einem Hute. Mein ganzes Mobiliar beſchränkte ſich auf das Fernrohr meines Großvaters des Hochbootsmanns. Ich legte meinen Kleiderpack in den Wagen, ich nahm mein Fernrohr zwiſchen meine Beine, gab ſelbſt durch ein Schnalzen mit der Zunge das Signal zum Aufbruch und entfernte mich, ohne meinen Wirth den Keſſelſchmied zu umarmen, wie große Luſt ich auch hiezu im Grunde meines Herzens hatte. Als ich bei der Abfahrt hinter mir durch ein im Fond der Carriole angebrachtes Fenſterchen ſchaute, glaubte ich zu ſehen, daß der würdige Mann den Kopf ſchüttelnd und eine Thräne abwiſchend in ſeine Wohnung zurückgehe. Ich hatte den Gedanken, umzukehren, um Frieden mit ihm zu ſchließen; doch ich befürchtete, mich zu täu⸗ ſchen und folglich einer lächerlichen Gemüthsbewegung nachzugeben. Meine Hand, welche ſchon ausgeſtreckt war, um die Schulter des Kutſchers zu berühren, hielt an und fiel wieder auf mein Knie, während ich leiſe murmelte: 110 „Ah! ſchlimm für ihn, warum iſt er ſo empfindlich!« Mein lieber Petrus, ich habe mir ſeitdem mehr als einmal geſagt, dieſe Empfindlichkeit ſei ſehr natürlich geweſen; was mir der wackere Mann bot, bot er mir von gutem Herzen, und ſo geringfügig eine Gabe ſein mag, es gibt eine Art, ſie anzubieten, daß ſie immer angenommen werden muß. Ich hätte mich vielleicht noch mehr mit dieſem Um⸗ ſtande beſchäftigt, wäre ich nicht davon durch ein Er⸗ eigniß abgelenkt worden, welches ernſt genug, um mich ſogleich die Erkaltung meines Wirthes des Keßlers ver⸗ geſſen zu laſſen. 3 Ich fand keine Veränderung auf dem Wege; er war immer heiter und lebendig; als ich aber zu den erſten Häuſern des Dorfes kam, ſchien es mir, als wärd ein Trauerſchleier über den Geſichtern, die ſich mit zeigten, ausgebreitet; ſtatt meiner Carriole entgegen⸗ zulaufen und mich willkommen zu heißen, neigten die Bauern das Haupt und wandten die Augen ab. Bii dieſem Anblick fühlte ich etwas ſo Schmerzliches mein Herz zuſammenſchnüren, daß ich nicht den Muth hattt, zu fragen. Ich ließ das Pferd ſeinen Marſch fortſetzen, ohne ſeine Schritte zu beſchleunigen oder zu hemmen, und gelangte ſo vor die Thüre des Pfarrhauſes. Meine Augen tauchten ſogleich in den Hof, und ich ſah dieſen Hof voll von ſchwarz gekleideten Leuten, welche alle fremd im Dorfe, alle mir unbekannt. Cs ſtanden ſolche Leute vor der Thüre, es ſtanden an den offenen Fenſtern, und Alle ſprachen mit einander voll Feuer und ſchienen ſehr geſchäftig. Ich ſing an ein furchtbares Unglück zu ahnen. Ich ſprang aus der Carriole, drang in das Haus, durchſchritt das Speiſezimmer und trat in die Schlaf⸗ ſtube ein; dieſe allein war leer, und hier auf der Erde, mitten in der völlig ausgeräumten Stube, ſah ich einen tannenen Sarg, deſſen ſchlecht angefügter Deckel be⸗ kundete, daß er noch nicht zugenagelt war. err die po dar ger riſſ au fül ſie Re ent grif von Leit leiſt kau ein Leie und dere zu keit wele Sar ihre ich, nam Han im welc nlich!« hehr als atürlich er mit be ſein immer m Un⸗ in Er⸗ n mich rs ver⸗ ge; er zu den 3 wärt h mir gegen⸗ en die Bei mein hatte, ſetzen, umen, nd ich euten, Cô n den r voll 1. Haus, chlaf⸗ Erde, einen Ibe⸗ 111 Ein Schauer durchlief meine Adern. Ich hatte Alles errathen! Ich ſchloß die Thüre hinter mir, blieb dann bei dieſer Thüre ſtehen und legte meine Hand auf mein pochendes Herz, um ein wenig Stärke zu ſammeln;— dann, als ich meiner wieder mehr ſicher war, ging ich gerade auf den Sarg zu und hob ſeinen Deckel auf. Meine gute Mutter lag hier in einem ganz zer⸗ riſſenen Tuche; ihr rückwärts geneigter Kopf ruhte hart auf einer hölzernen Querleiſte. „ Dieſe Männer und dieſe Frauen, welche das Haus füllten, waren die Erben im zehnten Grade, von denen ſie mir als von Leuten geſprochen, welchen ſie keine Rechenſchaft über ihr Vermögen ſchuldig ſei. Ich fing damit an, daß ich ein Gebet bei dem entſeelten Leibe verrichtete; von Scham und Trauer er⸗ griffen, daß ich dieſe würdige Frau, deren Schränke vom ſchönſten Weißzeug ſtrotzten, in einem ſo armſeligen Leintuche, mit dem Kopfe auf einer ſo harten Quer⸗ leiſte, liegen ſehen ſollte, ging ich aus der Stube hinaus, kaufte von einem der Erben ein Betttuch, vom andern ein Kopfkiſſen, kehrte zu ihr zurück, hüllte den armen Leichnam in das neue Tuch, nahm die Querleiſte weg und ſchob an ihre Stelle unter den Kopf der Todten, deren Angeſicht ſo ruhig, daß ſie nur eingeſchlummert zu ſein ſchien, dieſes Kopfkiſſen, auf dem er die Ewig⸗ keit hindurch ruhen ſollte. Ich kniete nieder und betete, bis die Schreiner, welche trinken gegangen waren, zurückkamen, um den Sarg vollends zuzunageln. z. Als ich ſie mit ihren Hämmern in der Hand und ihren Nägeln in ihren Schürzen eintreten ſah, begriff ich, es ſei die Stunde gekommen, dieſem armen Leich⸗ nam ein ewiges Lebewohl zu ſagen. Ich legte die Hände der Todten kreuzweiſe auf ihre Bruſt; ich pflückte im Garten einen Zweig von jeder der drei Weiden, welche an den Geburtstag ihrer Töchter erinnerten; 112 ich ſchob die drei Zweige unter ihre Hände und auf ihre. Bruſt, küßte ſie ehrfurchtsvoll auf die Stirne und ſprach: „Gehe, würdige Mutter! gehe, fromme Gattin! zur Wiedervereinigung mit Allem dem, was Du geliebt haſt.... Der Menſch iſt nur ein Frendling auf Erden.“ Einige Augenblicke nachher hatten ſechs Nägel und vier tannene Bretter zwiſchen ſie und mich den Abgrund der Ewigkeit geſetzt. XII. Auf welche Art ſich das leere Haus bevölkert. Wie war nun dieſe würdige Frau geſtorben?— Ich dachte Anfangs nicht daran, mich hienach zu er⸗ kundigen; ich hatte ihren Leichnam vor den Augen, ich konnte nicht an dieſem Unglück zweifeln,— mehr brauchte ich nicht zu wiſſen. Als man mich aber von ihr trennte, als ich ſie veerließ, um ſie nicht wiederzuſehen, erkundigte ich mich. Am Tage vorher, bei der Rückkehr vom Friedhofe, wo ſie ihr tägliches Gebet auf dem Grabe ihrer Töchter verrichtet, war ſie auf der Schwelle ihrer Thüre von einem Schlage getroffen worden, der ſie auf der Stelle etödtet hatte. Das Gerücht von dieſem Tode verbreitete ſicch raſch; ſogleich liefen die Verwandten herbei, und in Anweſenheit des Leichnams, vor ſeinem entblößten Ge⸗ ſichte, theilten ſie unter einander das ſchöne Weißzeug, das ſchöne Küchengeräthe, das ſchöne Silbergeſchirr, das mein Eigenthum ſein ſollte. Die Wägelchen ſtanden ſchon vor der Thüre bereit, um die Erbſchaft zu den verſchiedenen Erben zu trans⸗ portiren. ihre ach: zur liebt ing und rund von Stelle eeitete nd in Ge⸗ zeug, ſchirr, dereit, rans⸗ 113 Mein lieber Petrus, glauben Sie mir übrigens das, was ich Ihnen ſagen werde,— ich habe mich bis jetzt naiv genug vor Ihren Augen geſchildert, daß Sie hoffentlich nicht an meinem Worte zweifeln,— hätte in den niedrigen Theilen des Herzens einiges Bedauern über alle dieſe ſchönen Dinge, die mir entgingen, ob⸗ gewaltet, ſo wäre es bald erſtickt worden durch den rwlnund wirklichen Schmerz, den mir dieſer Tod ver⸗ urſachte. Die Beerdigung ſollte um fünf Uhr Abends ſtatt⸗ finden; da man nichts von meiner Ankunft wußte, ſo hatte man den Pfarrer von Wirksworth für das Leichen⸗ begängniß gebeten. Alle Erben hatten Eile, Afhbourn zu verlaſſen; Jeder wollte noch am Abend mit ſeiner Leichenbeute nach Hauſe zurückgekehrt ſein. Dieſer Pfarrer war ein Mann von ſechzig bis fünf⸗ undſechzig Jahren, mit ſanftem, freundlichem Geſichte; er begrüßte mich als ſeinen Collegen und ſagte mir, er habe von den Leuten des Dorfes ſo viel Gutes von meinem Talente und meiner Perſon ſagen hören, daß es ſein inniger Wunſch geweſen, mich zu ſehen. Dem zu Folge lud er mich ein, ihn in ſeinem Häuschen in Wirksworth, das er ſeit ſeiner Jugend bewohne, zu beſuchen. Er war verheirathet, hatte eine Frau und eine Tochter. Ich war weniger empfänglich für dieſe Complimente und ſeine Einladung, als ich es unter anderen Umſtänden geweſen wäre; alle meine Fähigkeiten waren in Anſpruch genommen durch den ungeheuren Schmerz, den ich über den Verluſt dieſer Miſtreß Snart empfand. Ich drückte alſo einfach Herrn Smith die Hand und ſtammelte ein paar Worte des Dankes; dann wandte ich mich ab, um zu weinen; die Thränen erſtickten mich. Ich hörte ihn murmeln:„Guter junger Mann! Man hatte mich nicht getäuſcht!“ Es ſchlug fünf Uhr. Die Träger hoben den Sarg Der Pfarrer von Aſhbourn. I. 8 114 auf; Herr Smith und ich ſchritten ihm voran, die Erben und die Leute vom Dorfe folgten. Bemerkenswerth ſchien mir hiebei, daß die wahrhaſt Betrübten die jeder Verwandtſchaft und jedem Intereſſe fremden Leute des Dorfes waren. Die Erben gingen mit einer beinahe ärgerlichen Gleichgültigkeit plaudernd hinter dem Sarge. Sie wiſſen, wie einfach bei uns die Leichenbegäng⸗ niſſe ſind: kein prieſterliches Gepränge, kein frommer Geſang; nur Gebete. 3 Nach einem Halt vor der Kirche brachte man den Leichnam in den Friedhof. Wäre er mir nicht durch das offene Grab bezeichnet worden, ich hätte dennoch den Ort erkannt, wo die würdige Frau für die Ewigkeit ruhen ſollte. Es war der Mittelpunkt von drei Gräbern, welche alle drei mehr das Ausſehen eines lachenden Gartens, als das einer Lagerſtätte von Leichen hatten. Das eine, das der Aelteſten, duftete ganz von Roſen; das zweite, das der Jüngeren, verſchwand unter Immergrün; das der Jüngſten,— eines armen ſiebenjährigen Kindes, welches das Almoſen in die Hand der Bettlerin gelegt und, zuerſt befallen, auch zuerſt ſeine Engelsflügel geöffnet hatte, um zum Himmel außzuſteigen,— das dritte war mit Veilchen bedeckt. Alle Tage ſeit dem Tode dieſer drei Kinder brachte Miſtreß Snart eine Stunde hier zu, pflanzte, begoß, pflegte die Blumen auf ihren Gräbern und bereitete ihre letzte Wohnung in der Mitte des heiligen Dreiecks. Der von ihr mit ſo viel Ungeduld erwartete Tag war endlich gekommen; ein Grab war gegraben und harrte gähnend. Wir, Herr Smith und ich, hielten Jeder eine kurze Rede über dem beſcheidenen Sarge, der, nachdem das Gebet vollendet war, an die engen Wände des Grabes ſchlagend, auf den Stricken hinabglitt. Bald verkün⸗ digten die Stricke, welche wieder heraufgezogen wurden, 115 der Sarg habe den Boden berührt. Ein letztes Gebet wurde durch die Grabesöffnung dem ſchon in den Schat⸗ ten der Ewigkeit ſchwimmenden Leichname nachgeſandt; dann rollte unter der Hand des Todtengräbers die erſte Schaufel voll Erde auf den Sarg hinab mit jenem dum⸗ pfen Gepolter, das derjenige, welcher es einmal gehört, nie mehr vergißt; hierauf folgten die andern Schaufeln immer weniger geräuſchvoll, und endlich erhob das ge⸗ füllte Grab über dem Graſe die graue Krümmung, welche, am Aeußern der Erde, an die Form des Sarges erinnert, den man in ihren Eingeweiden beſtattet hat. Ich hatte Luſt, auf dieſem Grabe ein paar Worte des Abſchieds zu ſprechen, doch in dem Augenblick, wo ich den Mund öffnete, erſtickte das Schluchzen meine Stimme. Dieſes Schluchzen ſagte mehr, als die beredteſte Leichenrede hätte ſagen können. Wäre ich zu ſprechen im Stande geweſen, ſo würde ich ungefähr Folgendes geſprochen haben: 8 „Fromme Frau, edles Herz, ſeliges Gemüth, der Tod, den Du ohne Ungeduld wie ohne Angſt erwarteteſt, iſt gekommen, Dich zu beſuchen, Deine Schmerzen zu ſtillen, Deinen Leiden und Deinen Bangigkeiten ein Ziel zu ſetzen.... Zu dieſer Stunde, gute Mutter, haſt Du Deine drei Kinder wiedergefunden; der Anblick ihrer Leichenkränze macht Deine Thränen nicht mehr fließen, denn dieſe Kränze ſchimmern friſch, duftend, unſterblich an ihren Engelsſtirnen! Derjenige, welcher weint, bin ich, der Dich überlebt, der ich noch nicht weiß, was mir das Daſein an Freuden und Schmerzen vorbehält, und der ich mich Deinen Gebeten anvertraue, o ſelige Frau, um von mir die Bekümmerniſſe abzuwenden, die Du ausgeſtanden, oder, wenn Du ſie nicht abwenden kannſt, um mir die Kraft zu verleihen, ſie zu ertragen, wie Du ſie ſelbſt ertragen haſt!« Das hätte ich laut geſagt, das ſtammelte ich leiſe. 8* 116 Ich kehrte, geſtützt auf den Arm des würdigen Herrn Smith, zurück, ohne ein Wort zu ſprechen. Vor der Thüre des Friedhofes zerſtreute ſich das Geleite, nur die Erben blieben in einer Gruppe ver⸗ einigt und beſchleunigten ihre Schritte, um ſo ſchnell als möglich das Haus zu erreichen. Sie hatten, wie geſagt, Eile, Jeder das, was ihm zukam, mitſchleppend, ſich aus dem Dorfe zu entfernen. Als ich ebenfalls an Ort und Stelle kam, konnte ich die letzten Wägelchen, mit Hausgeräthe beladen, ſich um die Ecke drehen ſehen. „Soll ich mit Ihnen eintreten oder Sie hier ver⸗ laſſen?« fragte mich Herr Smith. „Ich danke für Ihr Anerbieten,⸗ erwiederte ich, „doch es iſt für mich ein Bedürfniß, allein zu ſein.“ „Dann umarmen Sie mich,“ ſprach er,„und erin⸗ nern Sie ſich, daß Sie eine Meile von hier, im Dorfe Wirksworth, einen Freund haben.“ Wir umarmten uns, er drückte mir noch einmal die Hand und entfernte ſich. Ich wartete auf der Schwelle, bis ich ihn ebenfalls hatte verſchwinden ſehen, und dann trat ich in das einſame, leere, auf ſeine vier Wände beſchränkte Haus ein. Nein, in meinem Leben, mein lieber Petrus, hatte mich nie ein ſolches Gefühl von Traurigkeit, Verlaſſen⸗ heit, Vereinzelung ergriffen, nie wird mich ein ſolches Gefühl ergreifen! Alle Thüren und alle Fenſter waren gähnend; man fühlte, daß der Tod hier durchgezogen war, und daß ſich vor dieſem unumſchränkten Gebieter, wie vor einer geheiligten Majeſtät, Thüren und Fenſter geöffnet hatten. Ich irrte ſtumm und ſelbſt einem Schatten ähnlich überall umher. Ein einziger Schemel, den man für zu werthlos erachtet, um ihn mitzunehmen, war in einer Ecke ge⸗ blieben und ſtand hinkend an der Wand. d f 0 W 117 Dieſer Schemel und das Fernrohr meines Groß⸗ vaters des Hochbootsmanns bildeten den Kern meines zukünftigen Vermögens, und nebſt einer Guinee und ein paar in meiner Taſche verlorenen Schillingen meine ganze Habe auf der Welt. Ich ſchloß Thüren und Fenſter, trug meinen Schemel in das Zimmer der Witwe, ſtellte ihn an der Wand gerade auf den Platz, wo ihr Bett geweſen war, ſetzte mich darauf und murmelte: „Oh! wie hatteſt Du Recht, Madchen, als Du von Deinen ſterbenden Lippen die Worte fallen ließeſt:„Der Menſch iſt nur ein Fremdling auf Erden!“ Der Schatten ſtieg vom Himmel herab; er füllte das Innere des Hauſes, welches die Dunkelheit noch trauriger machte, als es der Tag gethan, und bald befand ich mich nicht nur in der Einſamkeit, ſondern auch in der Finſterniß. Wenig lag mir hieran, denn ſo finſter und ſo ein⸗ ſam das Haus, mein Herz war ſicher, immer noch leerer und düſterer zu bleiben. Am andern Morgen, bei Tagesanbruch, klopfte man an die Hausthüre. Ich ſtand von meinem Schemel, auf dem ich gegen ein Uhr Morgens endlich entſchlummert war, auf und öffnete die Thüre. Derjenige, welcher klopfte, war der Schulmeiſter. Ich winkte ihm, einzutreten, blieb dann im Speiſe⸗ zimmer ſtehen und wartete, daß er mir den Grund ſei⸗ nes frühen Beſuches erklärte. Der brave Mann ſchien ſehr verlegen zu ſein, er drehte den Hut in ſeinen Fingern hin und her und ſtammelte unverſtändliche Worte. 1 Ich ermuthigte ihn lächelnd und entſchuldigte mich, daß ich ihm keinen Sitz bieten könne, weil die Erben als einziges Geräthe nur den Schemel, auf dem ich die Nacht zugebracht, zurückgelaſſen haben. „Und das iſt gerade die Urſache meines Beſuches, 118 Herr Pfarrer,“ ſagte er.„Die Leute im Dorfe wiſſen, daß Miſtreß Snart, die Sie zur Mutter adoptirt hatten, Sie als ihren Sohn betrachtete und zu ihrem Erben machen wollte. Der Tod hat die würdige Frau weg⸗ gerafft, ohne daß ihr Zeit blieb, Schenkung oder Teſta⸗ ment zu ſchreiben, ſo daß Sie nun ohne einen Vorhang, ohne einen Stuhl, ohne eine Matratze ſind.“ „Es iſt in der That ſo,“ erwiederte ich,„und wollte ich Ihnen meine Entblößung auch verbergen, ſo könnte ich es doch nicht.“ „Nun wohl, Herr Pfarrer,“ ſprach der Schulmeiſter, der immer mehr Herz faßte,„hören Sie, was ſie mit Vorbehalt Ihrer Erlaubniß beſchloſſen haben....“ „Wer dies? „Ihre Pfarrkinder.... Geſtern Abend haben ſie ſich verſammelt und beſchloſſen, daß Jeder Ihnen nach ſeinen Mitteln einen Theil Ihrer Haushaltung anbieten ſolle: Dieſer die Bettlade, Jener die Decke, der Eine die Matratze, der Andere die Leintücher, ein Dritter die Vorhänge. Der Schreiner wird Ihnen einen Tiſch lie⸗ fern; der Dreher wird Ihnen Stühle geben, und ſo fort, Herr Pfarrer.“ „Wie,“ rief ich,„die wackern Leute haben dies be⸗ ſchloſſen?“ „Ja, Herr Pfarrer, immer mit Vorbehalt Ihrer Genehmigung. Und dieſen Morgen haben ſie mich zu Ihnen geſchickt und mir geſagt:„„Theile dem Herrn Pfarrer unſere Abſicht mit; bemerke ihm wohl, daß das, was wir ihm bieten, nicht viel iſt, wir wiſſen es, daß es ihm aber von gutem Herzen geboten wird. „Vortreffliche Leute!“ rief ich.„Wo ſind ſie denn, daß ich ihnen danke? „Oh! ſie ſind zu Hauſe und warten auf ein Wort der Erlaubniß, um herbeizueilen und eine kleine Opfergabe zu bringen; nur zwei oder drei ſtehen auf dem Platze und geben ſich das Anſehen, als plauderten ſie and 119 ſie.... Ich will ihnen ein Zeichen machen, daß Sie annehmen, nicht wahr, Herr Pfarrer?“ „Nein!« „Wie! Sie ſchlagen es aus?« „Im Gegentheil, ich will ihnen ſelbſt ſagen, wie dankbar ich bin,“ erwiederte ich. Dann ſtürzte ich nach der Thüre, öffnete die Arme und rief ihnen, mit Thränen in den Augen, zu: „Kommt! kommt! ich nehme mit ganzem Herzen und mit Freuden an, was Ihr mir bietet, und beur⸗ kunde öffentlich meine Armuth, damit Ihr wiſſet, Euer demüthiger Pfarrer habe nichts für ſich, und Alles, was er beſitze, gehöre Euch.“ Ich hatte nicht vollendet, als die drei Männer vom Platze in drei verſchiedenen Richtungen enteilten. Fünf Minuten nachher trat aus jeder Thüre ein Mann, ein Weib oder ein Kind hervor; Keiner hatte leere Hände, Alle ſchritten auf das Pfarrhaus zu. Mein Herz überſtrömte vor Freude und Stolz, und ich ſagte leiſe zu mir(ich bitte Gott und Sie, mein lieber Petrus, hierüber um Verzeihung): „Ich bin alſo Etwas werth, daß man mich ſo liebt?« Die Erſten, welche erſchienen, ſchloß ich in meine Arme; ich küßte ſie, Männer, Weiber und Kinder, wie ich meine Brüder, meine Frau oder meine eigenen Kin⸗ der geküßt hätte. „Herr Pfarrer,“ ſagte der Schulmeiſter zu mir, „Sie müſſen dieſe Leute nun machen laſſen, Sie müſſen ihnen das Pfarrhaus abtreten und bei mir frühſtücken. Ach! ich bin einer der Aermſten und konnte Ihnen nur das Frühſtück geben, doch meine Frau und meine Toch⸗ ter ſind Beide zum Werke geſchritten, und ſie Beide werden wohl am Ende etwas bereiten, was nicht un⸗ würdig iſt, Ihnen geboten zu werden.“ Ich gehörte nicht mehr mir, ich gehörte dieſen wackern Leuten und ließ ſie gewähren; da ich nicht mehr 120 ſprechen konnte, ſo ſehr erſtickten mich die Thränen, ſo dankte ich ihnen durch Zeichen und folgte dem Schul⸗ meiſter. len. hatte es geſagt, der brave Mann, ſein Haus war eines der ärmſten des Dorfes. Wir frühſtückten aus irdenen Schüſſeln und mit zinnernem Geſchirr, doch ich bezweifle, ob ich ſelbſt an der Tafel des Königs von England ein beſſeres Mahl gehabt hätte. Während des Frühſtücks ſtand mein Wirth zwei oder dreimal auf, um Conferenzen mit dem Einen oder dem Andern von meinen Pfarrkindern zu pflegen. Er hatte mich gebeten, nicht eher nach Hauſe zurückzukeh⸗ ren, als bis er mir ſagen würde, es ſei Zeit. Ich blieb alſo, mit ſeiner Frau und ſeiner Tochter plaudernd. Gegen eilf Uhr öffnete ſich die Thüre der armen Hütte. Die zwei betagteſten Greiſe der Gemeinde er⸗ ſchienen in ihren Feſttagskleidern auf der Schwelle und ſprachen: „Wenn der Herr Pfarrer nun kommen will, wir erwarten ihn.“ Ich ging hinaus. Das ganze Dorf war im Spalier die Straße ent⸗ lang aufgeſtellt; man hatte den Boden mit grünen Blaͤttern und Blumen beſtreut, wie man es an den Tagen großer Kirchenfeierlichkeiten thut; ſelbſt meine Thuüre war ganz beſchattet von Zweigen und Blumen⸗ gewinden. 3 Das war der Triumph des Demüthigen. Ich blieb auf der Schwelle ſtehen und forderte ſie auf, einzutreten; doch in einem außerordentlichen Zart⸗ gefühle weigerten ſie ſich. „Wir danken, Herr Pfarrer,“ ſagten ſie;„mit großem Vergnügen haben wir ein Drittel des Tages verloren; doch Jeder von uns muß zur Arbeit zuruͤckkehren, die Einen auf die Felder, die Andern in die Werkſtätte. Treten Sie in Ihre Wohnung ein und verzeihen Sie uns, daß wir es nicht beſſer gemacht haben.“ ſo hul⸗ aus kten doch von zwei oder Er keh⸗ blieb men -er⸗ und wir ent⸗ ünen den neine men⸗ ee ſie Zart⸗ oßem ren; die reten daß 121 Ich umarmte die zwei Greiſe, wandte mich dann an alle dieſe wackern Leute und ſprach: „Freunde, Ihr habt für mich Etwas gethan, was ich nie vergeſſen und wofür ich Euch eine ewige Dankbar⸗ keit bewahren werde. Geht im Frieden Eures Ge⸗ wiſſens und unter der Obhut des Herrn.« Alle dankten mir wie mit einer Stimme und ent⸗ fernten ſich dann, zufriedener und glücklicher, als ich es vielleicht ſelbſt war, denn ich, ich hatte empfangen, während ſie gegeben hatten. Ich trat in das Haus ein; zwei Stunden waren hinreichend geweſen, um ſeinen Anblick völlig zu ver⸗ wandeln; ich hatte es traurig und leer verlaſſen und fand es heiter und ausgeſtattet wieder. Ich fing mit dem Speiſezimmer an: in der Mitte ſtand ein runder Tiſch, bedeckt mit einer feinen Matte; um den Tiſch ſechs Strohſtühle; an der Wand ein Schrank von Nußbaumholz; in dieſem Schranke Gläſer, Steinkrüge, Porzellangeſchirr, worauf Blumen und Vö⸗ gel; Alles dies von gewöhnlicher Art, aber ſchimmernd und reinlich. In den Schubladen lagen zwölf zinnerne Gedecke glänzend wie Silber. An den Fenſtern hingen ſchneeweiße Vorhänge mit baumwollenen Haltern. Ich ging, die Hände faltend, um zugleich Gott und dieſen wackern Leuten zu danken, in das Schlafzimmer: ein gutes Bett erwartete mich hier; zwei große Lehn⸗ ſtühle öffneten ihre Arme; eine Commode ſtand dem Bette gegenüber; darüber hing ein kleiner Spiegel, und ſechs große Zitzvorhänge, von denen zwei vom Bett⸗ himmel und vier von den Fenſterſtangen herabſielen, vervollſtändigten das Ameublement. Ich ſtieg in die Küche hinab: nichts fehlte hier, und dennoch beklagte ich, einen Gedanken zurückwerfend, daß ich die drei oder vier Caſſerolen und die zwei Keſſel, die mir mein Wirth angeboten, ausgeſchlagen hatte. 122 Von der Küche begab ich mich in das Stübchen, das ich während der zwei Reiſen, die ich nach Aſhbourn gemacht, bewohnt hatte: es war von den wackern Leuten in ein Arbeitscabinet verwandelt worden, an deſſen Wand ſich ein mit Blumen geſchmückter, mit Tinte, Federmeſſer, Lineal, Federn, Bleiſtiften und Papier ver⸗ ſehener Schreibtiſch anlehnte. Das Papier war herrlich. „Oh!« rief ich,„nicht ſpäter als morgen werde ich mein großes Werk anfangen.... Morgen!“ fügte ich bei,„warum morgen und nicht auf der Stelle?“ Ich nahm alſo einen Stuhl, ich rückte ihn an den Schreibtiſch, ich ſetzte mich, ich ſchnitt eine Feder und ſchrieb auf die erſte Seite: Abhandlung über vergleichende Philo⸗ ſophie. Doch ich hatte zu viel auf die Stärke meiner Seele und die Klarheit meines Geiſtes gebaut. Die ſo eben vorgefallenen Ereigniſſe hatten einen mächtigen Eindruck auf mich gemacht; ich beſaß in dieſem Augenblick offen⸗ bar nicht die Macht, meine Gedanken mit einander in Verbindung zu bringen und ihnen eine Richtung zu verleihen; zerſtreut und umherirrend beim Anblick des Todes, wie beim Anblick des Wolfes erſchrockene Läm⸗ mer, mußten ſie Zeit haben, um ſich zu vereinigen und zu beruhigen. Mittlerweile hing ſich jeder von ihnen an eine hervorragende Stelle an: dieſe an die drei mit Roſen, Immergrün und Veilchen bedeckten Gräber, in deren Mitte ſich ein viertes Grab geöffnet hatte; jene an die ärgerliche Gleichgültigkeit der Erben, welche einem Leichenbegängniſſe mit demſelben Geſichte gefolgt waren, wie ſie es bei einer Hochzeit gethan hätten; und wie Bienen, die ſich an blühenden Zweigen gruppiren, ſchmiegten ſich die meiſten an die Güte der wackern Leute an, die mir in ihrer Mitte ein ſo gutes und ſanftes Neſt bereitet hatten! 123 Dann durchging ich in meinem Gedächtniſſe alle meine Reichthümer, und ich erinnerte mich deſſen, was mir bei meiner zweiten Reiſe meine gute Mutter über meine Jugend, über die Vereinzelung meines Herzens, über das Bedürfniß, eine Gefährtin zu beſitzen, das ich em⸗ pfinden werde, geſagt hatte. Ich ſagte mir in der That auch, ſo heiter mein Haus geworden, ſo lachend ſein Geräthe ſei, welche Liebe ich auch für meine Pfarrkinder hege, wie ſehr ſie mir meine Liebe durch ihre Zuneigung erwiedern, ich werde mich immer zu gewiſſen Stunden des Tages allein mit mir ſelbſt ſinden; ich fragte mich, was ich mit dieſer Haushaltung thun ſollte, welche viel⸗ leicht ein wenig knapp für zwei Perſonen, aber zu be⸗ trächtlich für eine einzige. Wer würde über der Ord⸗ nung des Hauſes wachen? wer würde ſich um die Mahl⸗ zeiten bekümmern? wer würde mich bei der Rückkehr von meinen Wanderungen nach dem Dorfe oder in die Umgegend auf der Thürſchwelle mit dem freudigen Ge⸗ ſichte erwarten, das ein wenig raſcher nach Hauſe den⸗ jenigen, welcher abweſend iſt, zurückführt? Sollte ich mit Allem dem eine Fremde beauftragen? Ach! mit einer Fremden im Hauſe würde das Haus nur noch leerer und mein Herz noch mehr allein ſein. Ich ließ die Feder aus den Händen fallen; ich ſtieß einen Seufzer aus, und da ich fühlte, daß mir das Blut zur Bruſt und zum Geſichte ſtieg, ſo öffnete ich das Fenſter, um freier zu athmen. Am andern Tage war mein Geiſt ruhiger, und nichts widerſetzte ſich, daß ich an meiner Abhand⸗ lung über vergleichende Philoſop hie zu ſchrei⸗ ben anfing. 124 XIII. Was ich aus dem Fenſter durch das Fernrohr meines Großvaters des Hochbontsmanns ſah. Sicherlich um Luft zu ſchöpfen trat ich an das Fenſter. Der Himmel war ſo bedeckt, die Atmoſphäre ſo nebelig, daß man kaum fünf Schritte vor ſich ſah. Doch als hätte dieſe Atmoſphäre nur auf meine Anweſenheit ge⸗ wartet, um ſich aufzuklaͤren, glitt in dem Augenblick, wo ich nach der Landſchaft hinausſchaute, ein ſchwacher Sonnenſtrahl zwiſchen zwei Wolken durch, drang in den Nebel ein und fing an ihn mit einem gelblichen Schim⸗ mer zu färben, der, bald verſchwindend, bald lebhafter wiedererſcheinend, am Ende ſich des ganzen Horizonts bemächtigte; und der Himmel zerriß und ließ einen Winkel von ſeinem Azur ſehen. Von da an war Hoffnung vorhanden, es werde der Tag ſchön werden. 3 heftete ich meine Augen auf das ſchöne Blau des Fir⸗ maments und ſagte mir mit jenem Aberglauben, der in dem Herzen jedes Menſchen liegt, und der vielleicht in dieſem bedeutungsvollen Momente meines Lebens mehr noch in meinem Herzen als in dem der Anderen ganzen Himmel ausbreitet, wenn dieſe Sonne, die das Gluck iſt, die Wolken und den Nebel verjagt, ſo wird es ein Zeichen ſein, daß Gott mich beſchützt und mir glückliche Tage vorbehält. Verſchwindet dagegen dieſer heitere Winkel des Firmaments, erliſcht die Sonne unter dem feuchten Schleier der Erddünſte, ſo wird mein Leben traurig, vereinzelt, unfruchtbar ſein.“ Sie begreiſen, mein lieber Petrus, welche Albern⸗ Mehr zu Träumereien als zur Arbeit geneigt, ar: „Wenn dieſer Azur, der die Hoffnung iſt, ſich am ohr . ſter. elig, als ge⸗ lick, icher den him⸗ rfter onts inen erde eigt, Fir⸗ der eicht bens eren am das wird mir ieſer inter eben hern⸗ 125⁵ heit es von mir war, das Geſchick meines Lebens an die Launen eines ſtürmiſchen Junitages zu knüpfen; aber muß ich Ihnen ſagen, Ihnen, dem vorzugsweiſen Philoſophen, daß der Menſch, ohne daß er die Urſache dieſer Erſchlaffung ſeines Muthes weiß, ſeine Tage der Kraftloſigkeit hat, an denen er vom Gipfel ſeiner Stärke und ſeiner Intelligenz bis zur Leichtgläubigkeit des Kindes oder bis zur Schwäche des Greiſes herabſinkt? Ich war an einem dieſer Tage; mein Herz hatte zu viel verſchiedenartige Empfindungen erfahren, meine Seele hatte zu viel ertreme Bewegungen durchgemacht, ſie brauchten beide, um ſie wieder in ihren natürlichen Zuſtand zurückzubringen, dieſe ſchlafartige Erlahmung, welche für den Geiſt das iſt, was die Morgendämmerung für den Tag: ein Uebergang zwiſchen der Nacht und dem Lichte, zwiſchen der Müdigkeit und der Ruhe. Meine Augen hefteten ſich alſo ſo glühend auf den Himmel, als hätte ich müſſen daran den Stern des Heils, der die auserkorenen Hirten zu der Krippe führte, oder die drei erſchrecklichen Worte, welche einen Augen⸗ blick vor dem Geſichte von Balthaſar den Abgrund er⸗ leuchteten, in den er fallen ſollte, erſcheinen ſehen. Ueber eine halbe Stunde war es mir unmöglich, zu errathen, ob dem guten, ob dem böſen Genius, welche mit einander kämpften, der Sieg bleiben werde; endlich aber gewann Oromazes die Oberhand. Ein leichter Wind, der ihm zu Hülfe kam, ſing an die Wolken, ſie in flockenartige Wellen theilend, durch den Raum ſchweben zu machen; dann zerriß ſich der wattirte Mantel des Himmels Stück für Stück; Strahlen, welche immer breiter wurden, je tiefer ſie zur Erde herabſtiegen, ſpalte⸗ ten die Ueberreſte des Nebels mit ihren goldenen Klingen; ganze Theile des Himmels entblößten ſich durch den Azur lächelnd; breite Oeffnungen erlaubten dem Blicke, ſich auf gewiſſen Punkten der Landſchaft auszubreiten: die Seen funkelten; die Kette der ſich am Horizont hin⸗ ſchlängelnden Hügel ſchnitt die Silhouette ihres Gipfels 126 über langen Dunſtbändern ab, welche ſie von ihren Baſen zu trennen ſchienen; eine Lichtwoge überſtrömte, einem Katarakte ähnlich, ein Dörſchen, das am Fuße des entfernteſten von dieſen Hügeln lag, dergeſtalt, daß man glaubte, man könne es berühren, wenn man die Hand darnach ausſtrecke, obſchon es eine Meile entfernt war. Endlich erloſchen aber nach und nach alle dieſe Sonnen⸗ ſpiele, alle dieſe atmoſphäriſchen Launen, und die Erde nahm wieder ihren wahren Anblick an;z der Himmel jagte in die Tiefen des Weſten alle ſeine Wolken bis auf die letzte; und triumphirend und ſtrahlend blieb die Sonne allein Herrin des Raumes, allein Monarchin des durch⸗ ſichtigen, unendlichen Reiches. Während ich den Triumph des königlichen Geſtirns theilte, einen Triumph, dem ich einen ſo glücklichen Einfluß auf mein Geſchick zuerkannte, ſuchte ich mit den Augen das Dörſchen, das, kurz vorher noch ſo glänzend und ſo nahe durch den Sonnenſtrahl, der es beleuchtet, ſich nun am Horizont verlor. Ich hatte einige Mühe, es wieder zu finden; endlich jedoch erblickte ich in den bläulichen Fernen etwas wie ein Hänuſerneſt, eine in ihren Einzelnheiten völlig unſchätzbare und in ihrem Ganzen beinahe unſichtbare Maſſe bildend. Da erfaßte mich das Verlangen, noch einmal dieſes Dorf zu ſehen, das aus der Nacht hervorgetreten war, um ſogleich wieder in dieſelbe zurückzukehren. Ich nahm das Fernrohr meines Großvaters des Hochbootsmanns, ich zog es zu ſeinem Punkte aus, ſtützte es auf die Ecke des Fenſters, ſuchte die Richtung des Dorfes und ſchaute. Anfangs, wie dies immer geſchieht, wenn man mit einem Fernrohre nicht vertraut iſt, ſo gut es auch ſein mag, ſah ich etwas weniger, als mit meinen eige⸗ nen Augen; nach und nach ſchienen ſich aber die Gläſer aufzukläͤren, die Entfernung näherte ſich, und ich unter⸗ ſchied vollkommen die Stelle, auf die der Zufall mein Fernrohr fixirt hatte. jren mte, kuße daß and var. nen⸗ Erde agte die onne ürch⸗ irns chen den zend htet, ühe, den e in rem ieſes war, des aus, tung man auch eige⸗ lãſer iter⸗ mein 127 Es war ein kleines vereinzeltes Haus, erbaut aus Backſteinen, welche einſt mit einer weißen Kalklage be⸗ deckt geweſen, dieſe aber war an mehreren Stellen ge⸗ ſprungen und ließ durch die Schrammen die urſprüng⸗ liche Natur erſchauen; die verſchiedenen Töne waren mit einander durch die Zweige eines rieſigen Epheus verbunden, der beinahe gänzlich dieſes Haus tapezirte, welches ſo für das Auge des Dichters, wie für den Pinſel des Malers ſich als ein reizender Punkt am Hintergrunde der Landſchaft geltend machte. An einer von ſeinen Ecken erhoben ſich, einem grünen Kirchthurme ähnlich, drei Pappelbäume ſo gut mit einander verbunden, daß ihre Stämme allein die Trilogie andeuteten, während die Zweige, vereinigt, an einander gepreßt und von derſelben Farbe, nur eine einzige Pyramide von Blätterwerk bildeten. An der andern Ecke ſtand in gedrängter Maſſe ein dichtes Buſch⸗ werk von Lilas, die der Mai hatte blühen ſehen, und dieſes Buſchwerk ſchloß ſich an eine Gruppe von weißen und roſenfarbenen Acacien an, deren wohlriechende, traubenförmige Blüthen man im Winde hängen und ſich ſchaukeln ſah. Ueber dieſen Acacien öffnete ſich das Fenſter eines Stübchens, in das der Blick eindrang, ohne in⸗ deſſen Anfangs in ſeinem Halbſchatten etwas Anderes unterſcheiden zu können, als weiße Mouſſelinevorhänge, die den Fuß eines Bettes umhüllten... Ich weiß nicht, warum das auf dieſes Fenſter geheftete Fernrohr meines Großvaters des Hochbootsmanns ſich nicht abwandte, um auf einem andern Theile der Landſchaft zu verweilen, ſondern im Gegentheil mit jener ſeltſamen Beharrlichkeit der lebloſen Dinge, die uns zuweilen könnte glauben machen, ſie haben eine Abſicht und einen Willen, ſich damit beluſtigte, daß es mir alle Einzelnheiten dieſes Stübchens zeigen wollte. In Folge der Halsſtarrigkeit meines Fernrohrs kam es ſo, daß mein Blick, ſtatt ein anderes Haus oder nur einen andern Geſichtspunkt an dieſem Hauſe zu ſuchen, ſich an dieſe Oeffnung feſſelte, 128 durch deren Rahmen ich nach und nach nicht nur die Gegenſtände, die ich zuerſt erſchaut, ſondern auch das übrige Zimmergeräth, das ſich im Kreiſe meines Geſichts⸗ ſtrahles fand, zu unterſcheiden vermochte. Das übrige Zimmergeräth, nämlich Alles, was ich davon ſehen konnte, beſtand aus einer Toilette, verziert mit Mouſſeline den Vorhängen ähnlich, aus zwei Lehn⸗ ſtühlen von weißem Stoffe mit roſa Blumen und einem Tiſche, der einen blauen Porzellantopf voll von Feld⸗ blumen trug. Ich war von dieſer Forſchung, welcher ich eine Aufmerkſamkeit ſchenkte, von der ich mir ſelbſt keine Rechenſchaft gab, tief in Anſpruch genommen, als ich etwas wie einen Schatten im Hintergrunde der kleinen Stube ſich bewegen ſah. Dieſer Schatten nahm, wäh⸗ rend er ſich langſam dem Fenſter näherte, einen Körper an, und dieſer Körper ſchien mir, ſo wie er immer deutlicher wurde, der eines Mädchens von achtzehn bis neunzehn Jahren zu ſein. Da ging eine ſeltſame Wirkung in meinem Geiſte vor; mir ſchien, dieſes Mädchen treie, indem es in meinen Horizont eintrat, zugleich auch in mein Leben ein. Die junge Unbekannte lehnte ſich an das Fenſter an, und der bis dahin leere Rahmen hatte nun ſein Bild. Und welches Bild, mein lieber Petrus! Ein Bild, das ſelbſt einen Profeſſor der Philoſophie an der Uni⸗ verſität Cambridge hätte träumen gemacht! Stellen Sie ſich, wie geſagt, ein Mädchen von achtzehn bis neunzehn Jahren vor, angethan mit einem weißen Kleide, wedihe an einer Taille, die zwiſchen zwei Händen Raum gehabt hätte, ein blauer Gürtel umſchloß, deſſen Enden flatternd am Leibe herabfielen; auf dem Kopfe des Mädchens einen Strohhut mit breiten Rän⸗ dern, der ſeinen Schatten auf die reizenden Züge warf; ſetzen Sie unter dieſen Hut ein rundes, weißes, roſiges Geſicht, umwallt von zwei reichen Büſcheln blonder, zarter, ſeidener Haare, die ſich bei der geringſten Laune 129 der Luft aufhoben, und Sie werden eine Idee von der anmuthigen Wirthin des kleinen Winkels haben, auf den der Zufall das Fernrohr meines Großvaters des Hochbootsmanns geheftet. Das Mädchen hielt in der Hand eine kleine Garbe von gelblichen Aehren und Kornblumen, woraus es einen Kranz machte. Dieſer Kranz war beſtimmt, die Form des Stroh⸗ hutes zu begleiten; ſobald ihn das blonde Kind vollendet hatte, knüpfte es auch die Bänder ſeines Hutes los und nahm ihn vom Kopfe. Ein Zufall, der der raffinirteſten Coquetterie ent⸗ ſprochen hätte, machte, daß in dieſem Augenblick die aufgebundenen Haare ſich löſten und frei herabwogten. O mein lieber Petrus, die herrlichen Haare! Und welche Muße ließ mir, da ſie ſich allein und unſichtbar glaubte, die ſchöne junge Unbekannte, um dieſe Haare zu beſchauen! Sie ſing damit an, daß ſie dieſelben in ihre beiden Hände nahm und über ihre Schulter vor ſich zog; ſie fielen tiefer als die Fenſterbrüſtung, und man erkannte, daß ſie bis auf ihre Füße gehen mußten! Die Sonne, die ſie reflectirten, machte daraus gleichſam einen goldenen, einer Glorie entſprungenen Strahl, der in einer Cascade auf das weiße Kleid hinabrollte, welches ihre Farbe und ihre ſeidene Natur hervorhob. Sie preßte ſie zuſammen, ſie drehte ſie, ſie band ſie wieder auf, ohne ſich nur in einem Spiegel zu beſchauen; man fühlte, daß in ihr jene vollkommene Sicherheit war, welche die Jugend und die Schönheit verleihen. Statt den Kranz von Kornblumen auf ihrem Hute zu befeſtigen, ſetzte ſie ihn auf ihren Kopf, wobei ſie ſich att jedes Spiegels nur einer Scheibe des Fenſters be⸗ iente. Ich vermöchte nicht, ich wagte es nicht, Ihnen, dem ernſten Manne, zu ſagen, mit welcher Anmuth der Haltung, mit welcher Einfachheit der Geberden alle dieſe Bewegungen vollbracht wurden. Man fühlte, daß Der Pfarrer von Aſhbourn. I. 9 130 in dieſen wieder aufgebundenen Haaren, in dieſem an⸗ geſchmiegten Kranze nur die naive Coquetterie des Mäd⸗ chens lag, das, vollkommen unwiſſend in der Kunſt, ſich der Natur bediente, um ſich ſchöner zu machen, nicht in den Augen der Andern, ſondern in ſeinen eige⸗ nen Augen, und ich bin feſt überzeugt, hätte meine Stimme die junge Perſon erreichen können und ich würde ſie gefragt haben:„Finden Sie ſich ſchön?“ ſie hätte mir geantwortet:„Ja!“ wie mir eine Roſe antworten würde, wenn ich ſie fragte:„Biſt du wohlriechend?« wie mir eine Nachtigall antworten würde, wenn ich ſie 9 fragte:„Haſt du einen ſüßen Geſang?« Ja, ſicherlich fand ſie ſich ſchön, und dennoch be⸗ ſchäftigte ſie ſich nur eine Secunde mit ihrer Schönheit, nur die Zeit, die ſie brauchte, um ſich anzuſchauen und ſich zuzulächeln; dann trat ſie in ihr Zimmer zurück, nahm einen leeren Käſich, den ſie an das Fenſter hing, ſtützte ſich auf die Brüſtung und neigte ſich mit dem Oberleibe hinaus.... Beinahe in demſelben Augenblick flog ein kleiner Vogel auf ihre Schulter, bepickte einige Male ihre Lippen, wie es jener von Catull unſterblich gemachte Sperling an denen von Lesbia that, wonach er von ſelbſt in den Käſich zurückkehrte, deſſen Thürchen offen blieb, ohne daß es ihm nur einſiel, aus dieſem engen Raume, den er offenbar als einen Schutzort und nicht als ein Gefängniß betrachtete, zu entfliehen. In dieſem Moment erſchien die Sonne, aus ihrer letzten Wolke hervorgetreten, ſo glühend, daß die junge Unbekannte die Schnur eines grünen Sommerladens losband; er fiel zwiſchen ſie und mich herab, entzog ſie meinem Blicke und verſchloß mir den Zugang zu dieſem Stübchen, wohin ihr nur noch meine Einbildungs⸗ kraft folgen konnte. Ich blieb noch eine halbe Stunde, ohne mit dem Fernrohr von dem Fenſter abzugehen, in der Hoffnung, der Sommerladen werde ſich wieder öffnen; aber, mochte nun meine ſchöne Unbekannte das Zimmer verlaſſen an⸗ Näd⸗ unſt, hen, eige⸗ neine ürde hätte orten nd2“ h ſie ) be⸗ heit, und rück, hing, dem blick nige blich nach rchen leſem und ihrer unge dens atzog g zu ings⸗ dem rung, ochte aſſen 131 haben, mochte ſie in der Kühle und der Dunkelheit, die ſie ſich gemacht, verweilen wollen, der Laden blieb beharrlich geſchloſſen. Ich mußte wohl, wenigſtens für den Augenblick, auf die Hoffnung, ſie zu ſehen, verzichten, und ſchob die Röhren des Fernglaſes meines Großvaters des Hochbootsmanns, deſſen wahren Werth ich zum erſten Male erkannte, wieder in einander. In der That, es war ein Schatz, ein ſolches In⸗ ſtrument, mit dem man faſt auf eine Meile unterſcheiden konnte, von welcher Familie eine Blume, von welcher Farbe Augen, von welcher Gattung ein Vogel. Ich wünſchte mir auch aufrichtig Glück, daß ich den Rath meiner Mutter befolgt, die mich oft ermahnt hatte, ich möge mich unter keinem Vorwand dieſes koſtbaren Fern⸗ rohrs entäußern. Oh!l mein lieber Petrus, nicht bei dieſem Umſtande allein habe ich wahrzunehmen geglaubt, daß die Mütter die Gabe des doppelten Geſichtes beſitzen. Sie haben bemerkt, wie ich die Röhren meines Fernglaſes in einander geſchoben, als wäre, nachdem dieſer Sommerladen geſchloſſen, nichts in der Schöpfung mehr würdig, geſehen zu werden. Und dennoch wäre ich, ich weiß nicht wie lange, am Fenſter geblieben, hätte ich nicht im anſtoßenden Zimmer etwas ſich rühren hören. 6 Ich wandte mich um und ſah die Tochter des Schul⸗ meiſters; ihr Vater ſchickte ſte, um meine Befehle für das Mittagsbrod einzuholen. Da ich weder Magd, noch Bedienten hatte, ſo dachte der Magiſter, ich würde ziem⸗ lich verlegen ſein, wie ich mein Mittagsmahl bereiten ſollte, und beauftragte ſeine Tochter, ſich zu meiner Verfügung zu ſtellen. Für diesmal nahm ich es an, während ich zugleich begriff, ich müſſe in dieſer Hinſicht einen Entſchluß faſſen. Ich konnte nicht ſo allein mit einem jungen Mädchen bleiben und ihm die Sorge ſür. mein Haus 13²2 üͤberlaſſen, denn ich ſah ein, daß ſein Ruf und der meinige bald darunter gelitten hätten. Ahl ich bedurfte, wie es mir die gute Miſtreß Snart geſagt hatte, einer Lebensgefährtin. Ich ſtieß einen ſchweren Seufzer aus und ging mit dem Mädchen hinab. Das Haus meublirend, hatten meine Pfarrkinder auch die Speiſekammer und den Keller ausgeſtattet, ſo daß ich ein paar Tage lang durchaus nichts zu kaufen brauchte. Ich übergab das Ganze der Tochter des Schulmeiſters und ging im Garten ſpazieren. Warum war ich zugleich ſo heiter und ſo traurig? Warum hatte die Stimme, die in meinem Herzen ſang, einen zugleich ſo ſanften und ſo ſchwermüthigen Ausdruck? Waren nicht alle meine Wünſche erfüllt? Hatte ich nicht dieſe Pfarre, nach der ich ſo ſehr getrachtet? Waren nicht die Schränke mit Weißzeug gefullt, die Truhe mit Geſchirr, der Keller mit Bier, der Kaſten mit Brod, War der Garten nicht mit Früchten geſchmückt? Gaben mir nicht die vier Linden, unter denen man meinen Tiſch deckte, am vollen Mittag den Schatten und die Kühle? Was fehlte mir noch, und was brauchte ich denn mehr? Ach! mein lieber Petrus, ich brauchte das, woran ich am Tage vorher noch nicht gedacht, und wovon ich nun, wie ich fühlte, unabläſſig träumen würde: ich brauchte ein Weſen, mit dem ich alle dieſe Güter, die mir der Herr ſandte, theilen könnte; ich brauchte Je⸗ mand, der ſich mit mir an dieſen Tiſch ſetzte, an welchen ich mich allein ſetzen ſollte. Und damit mein Glück vollſtändig wäre, würde mir der Herr dieſen Schutzengel meines Lebens bewilligen,— ſchien es mir unerläßlich, daß dieſer Engel lange blonde Haare, blaue Augen, einen roſigen Teint und ein weißes Kleid, umſchlungen von einem himmelblauen Bande, hätte... 4⁴m)rö¹˙xͤ* SͤSͤ ————4,——, ͤ..--——ͤ—— 13³ XIV. welchen Einfluß auf das Leben eines armen Jandpfarrers ein offenes oder geſchloſſenes Fenſter haben kann. In dem Augenblick, wo ich mein Mittagsbrod beendigte, führte die Tochter des Schulmeiſters einen Bauern zu mir. 1 Dieſer Bauer war ein Bote von meinem Collegen dem Pfarrer von Wirksworth, dem wackern, vortreff⸗ lichen Herrn Smith, von dem ich Ihnen, mein lieber Petrus, in meinem vorletzten Briefe ein paar Worte geſagt zu haben glaube,— es iſt der Mann, der meiner guten Miſtreß Snart die letzte Chre erwieſen hatte;— Sie erinnern ſich, nicht wahr? ſh Vernehmen Sie, aus welcher Veranlaſſung er mir rieb. Der Geiſtliche eines Dörfchens in der Nähe von Wirksworth war krank geworden, und ſeit mehr als ſechs Wochen entbehrten ſeine Pfarrkinder das Wort Gottes. Sie hatten ſich dem zu Folge an Herrn Smith gewandt, daß er, wenn auch nur einmal, die Stelle ſeines kranken Amtsgenoſſen vertrete. Nun hatte Herr Smith an mich gedacht und mich dieſen wackeren Leuten vorgeſchlagen, überzeugt, er mache mir ein Vergnügen und ſei mir nützlich, indem er mir die Gelegenheit zu einem neuen Triumphe biete. Da ſich aber das Gerücht von meinem Succeſſe geräuſchvoll in der ganzen Um⸗ gegend verbreitet hatte, ſo hatten die Bauern mit großer Freude eingewilligt, und Herr Smith ließ mich, weil die Sache nur noch von mir abhing, fragen, ob es mir zuſage, in Wetton,— ſo hieß das Dörſchen,— am nächſten Donnerſtag zu predigen. Er wählte den Donner⸗ ſtag in Betracht, daß der Sonntag mit Recht meinen Pfarrkindern gehörte. 134 Dieſer Donnerſtag war übrigens ein Feſttag und ſo kam es für mich auf eins heraus, da der Feſttag ein zahlreiches Auditorium verſprach. Nahm ich an, ſo würde mich der Pfarrer bei ſich erwarten, um mich nach dem Dorfe zu führen, das kaum eine halbe Meile von Wirksworth entfernt lag; dann würden wir zurückkehren, um in der Familie in ſeinem Pfarrhauſe zu frühſtücken. Er verlangte von mir eine beſtimmte Antwort, da⸗ mit ſeine Frau und ſeine Tochter, welche in zwei Stun⸗ den abgingen, um einen Beſuch, die Frau bei ihrer Schweſter, die Tochter bei ihrer Tante, zu machen, die in Cheſterfield wohnte, wenn ich die Einladung annähme, am folgenden Donnerſtag zurück wären; ſchlüge ich ſie dagegen aus, ſo würden ſie noch zwei Tage länger in Cheſterfield bleiben. Die Einladung war ſo herzlich, daß mir nicht ein⸗ mal der Gedanke kam, ſie auszuſchlagen oder auf einen andern Tag zu verſchieben. Ich ließ mir durch die Tochter des Schulmeiſters eine Feder, Tinte und Pa⸗ pier bringen und ſchrieb auf der Stelle meinem Colle⸗ gen, er könne auf mich für den bezeichneten Tag zählen. Um ihn nicht warten zu laſſen, werde ich um acht Uhr Morgens in Wirksworth ſein. 4 Ich wollte dem Boten einen Schilling für ſeinen Gang geben, doch er war bezahlt. Dann ließ ich ihn ein Glas Bier mit mir auf die Geſundheit des guten Paſtor Smith trinken, und er kehrte entzückt zurück. Mein lieber Petrus, warum hatte ich nun mit ſo viel Eifer, ich möchte faſt agen, mit ſo viel Freude an⸗ genommen? Geſchah es, um den Kreis meines Rufes auszu⸗ dehnen? geſchah es, um der Einladung von Herrn Smith zu entſprechen? geſchah es, um meinem Amtsge⸗ noſſen einen Dienſt zu leiſten? Es war ein wenig von Allem dem dabei. — 0 Hauptſächlich aber war dabei das Verlangen, mich dem Mädchen mit den blonden Haaren, mit den blauen Augen, mit dem roſigen Teint, mit dem weißen Kleide und dem azurblauen Bande zu nähern und zu erfahren, wer es war. Mit ein wenig Gewandtheit würde ich, ohne auch nur entfernt das Gefühl, dem ich nachgab, wahrneh⸗ men zu laſſen, zu meinem Ziele gelangen. Nach dem Mittageſſen dankte ich der Tochter des Schulmeiſters, ſchickte ſie weg und ging wieder in mein Zimmer hinauf. Warum ging ich mit ſo viel Eifer in mein Zim⸗ mer zurück? Sie errathen es, nicht wahr, mein lieber Petrus? Um das Fernrohr meines Großvaters zu neh⸗ men und es auf meinen Horizont zu richten, um zu ſehen, ob nicht zufällig der Sommerladen des unter ſeinem Epheugewande weiß und rothen Häuschens wie⸗ der aufgehoben ſei. Er war nicht nur immer noch niedergelaſſen, ſon⸗ dern ich blieb ſogar vergeblich, in der Erwartung, man werde ihn aufziehen, von drei bis fünf Uhr Nachmit⸗ tags am Fenſter ſtehen. Alles dies war höchſt einfach; an einem heißen Tage des Monats Juni ſchließt Jedermann ſeine Läden, um ſich ein wenig Dunkelheit und Kühle zu verſchaffen; die ſchöne Unbekannte hatte es gemacht wie alle Welt. Mit der Abenddämmerung würde ſich der Laden erheben, um das Stübchen durch dieſen auf die Land⸗ ſchaft geöffneten Mund die erſten Lüfte der Nacht, welche ſo friſch und liebkoſend nach einem ſtürmiſchen Som⸗ mertage, einathmen zu laſſen. Das Ganze war alſo, daß ich noch zwei Stunden zu warten hatte. Nur waren zwei Stunden ſehr lang. Sehr lang, zwei Stunden! um eine Frau wieder⸗ zuſehen! Begreifen Sie, mein lieber Petrus, ich, der ich dreiundzwanzig Jahre gewartet hatte, ohne die Länge 136 der Zeit wahrzunehmen, und ohne daß ſich in mir der Wunſch geregt, eine von den Frauen, die ich geſehen, wiederzuſehen, ich fand, zwei Stunden ſeien ſehr lang! Es gab übrigens für mich ein Mittel, die Zeit abzukürzen. Dies beſtand darin, daß ich in der Rich⸗ tung des Dorfes Wirksworth ſpazieren ging. Es war ganz einfach, daß ich, der Pfarrer von Aſhbourn, ein wenig Bekanntſchaft mit der Umgegend dieſes Dorfes machte. Da aber Wirksworth zur Umgegend von Aſhbourn gehörte, ſo fing ich mit Wirksworth an. Warum nicht? Es ließ ſich ebenſo gut mit Wirks⸗ worth als mit den andern Dörfern anfangen! Ich ging aus. Es war zu der Stunde des Tages, wo die Bauern nach vollendeter Arbeit heimkehren: die Wei⸗ ber erwarteten ſie auf der Thürſchwelle; die Kinder lie⸗ fen ihnen entgegen; Alles lächelte ſich zu, Alles um⸗ armte ſich in der großen menſchlichen Familie. Da dachte ich an unſern ſanften, zarten Virgil, mein lieber Petrus, an den beinahe chriſtlichen Dichter, der ſie ſo gut geſchildert hat, die großen, weißen Och⸗ ſen mit den langen Hörnern, wie ſie die blaſſen Gräſer unter dem Schatten der Eichen wiederkäuen, die Schafe, wie ſie gedrängt und mit geſenktem Kopfe unter der Obhut des Hirten und der Hunde beiſammen ſtehen, wenn ſich der Sturm am Himmel aufthürmt, und die Ziege, wie ſie an der Flanke des Felſen hängt und den bittern Geißklee frißt, und ich rief: O fortunatos nimium, sua si bona norint, Agricolas! Doch beinahe in demſelben Augenblick dachte ich, die Citation ſei unrichtig, und meine Bauern, die des Dorfes Aſhbourn, kennen ihr Glück und danken dem Himmel dafür, da ſie vor denen, von welchen Virgil ſpricht, den Vorzug haben, Chriſten zu ſein. Doch was machte dieſe Maͤnner ſo glücklich? Es — — 137 waren die Frauen, die ſie auf der Thürſchwelle erwar⸗ teten; es waren die Kinder, die ihnen entgegenliefen; es war das von fern ausgetauſchte Lächeln; es war der in der Nähe gegebene Kuß. Jeder von dieſen Männern hatte ſeinen Schutzengel, der das Haus in ſeiner Abweſenheit lebend, bei ſeiner Rückkehr liebend machte. Welcher Unterſchied findet zwiſchen einem leeren Hauſe und einem vollen Grabe ſtatt? Das Grab iſt unter der Erde gegraben: das Haus iſt darüber gebaut; das Haus iſt das Gefängniß der Zeit: das Grab iſt das der Ewigkeit. Ohl wie müßte mein Haus, das mir ein Grab dünkt, ſchön für mich ſein, erblickte ich, bei der Rück⸗ kehr von meinen evangeliſchen Gängen, von fern auf ſeiner Schwelle, die Arme ausgeſtreckt und den Blick auf mich geheftet, eine weiße Geſtalt, von der ich all⸗ mälig unter ihrem großen Strohhute das friſche Geſicht, die blauen Augen und die blonden Haare unterſcheiden würde! Und während ich dies ſagte, verließ ich das Dorf Aſhbourn und ging mit großen Schritten gegen Wirks⸗ worth zu. Es iſt wahr, je mehr ich mich dem grün, weiß und rothen Häuschen näherte, das wie ein Vor⸗ poſten an der Straße ſtand, deſto langſamer wurde mein Schritt; ich fing an durch die einbrechende Abend⸗ dämmerung mit bloßem Auge faſt ſo gut zu unterſchei⸗ den, als ich vom Fenſter meines Zimmers aus mit dem Fernrohr meines Großvaters des Hochbootsmanns unter⸗ ſchied; doch trotz der Rückkehr des Schattens, trotz der Abweſenheit der Sonne, trotz der Gegenwart der Kühle blieb das Fenſter immer geſchloſſen. Zum Unglück aßen hundert Schritte von mir ein* paar Familien von Dorfbewohnern in der friſchen Luft unter einem Baume zu Nacht, während fünf bis ſechs Kinder in der Runde auf dem Wege tanzten. Schon mehrere Male hatten ſie nach meiner Seite 138 geſchaut; kehrte ich um, ſo bekam ich das Anſehen, als flöhe ich vor ihnen: ich ging alſo auf ſie zu, mit der Abſicht, ſie auf eine gleichgültige Art über mehrere Oertlichkeiten des Dorfes und unter Anderem über die⸗ ſes Häuschen zu befragen, das nur noch drei⸗ bis vier⸗ hundert Schritte von mir entfernt war. Sie ſtanden auf, als ich mich ihnen näherte. Ich grüßte ſie; zwei von ihnen hatten mich predigen hören und erkannten mich wieder; ſie baten mich, einen Sitz bei ihnen anzunehmen und ihr Mahl zu theilen; doch ich dankte. Die Kinder hatten ihre Täͤnze unterbrochen b umringten mich; die Eltern wünſchten, daß ich ſie egne. 3„Ich bin noch ſehr jung, um zu ſegnen,“ antwortete ich ihnen;„doch gleichviel, ich ſegne ſie von Herzen, ſie, Euch, Eure Früchte, Eure Ernten und Eure Häuſer.“ Sie fragten mich, ob es wahr ſei, daß ich zwei Tage nachher in Wetton ſtatt des kranken Pfarrers pre⸗ digen ſollte. Ich bejahte dies und ſagte ihnen, Herr Smith habe mich zu dieſer kleinen Reiſe eingeladen und mir Gaſtfreundſchaft in ſeinem Hauſe angeboten. Da rühmten mir die Bauern die Redlichkeit, die Biederkeit, die Weisheit des wüͤrdigen Herrn Smith; ſeine Frau galt für die beſte Haushälterin der Umgegend, und obgleich die Pfarre kaum ſechzig Pfund Sterling jährlich eintrug, hatte es doch die würdige Frau dahin gebracht, daß ſie das am beſten eingerichtete und ver⸗ ſehene Haus des Dorfes beſaß: es war bei ihr wie im Schloſſe des Grafen von Alton, das man auf dem Hügel erblickte, und Herr Stiff, der Intendant des Grafen, der ſich mit einer reichen Erbin von Cheſter⸗ field verheirathen ſollte, hatte ſicherlich keine weißere und feinere Wäſche, kein ſchwereres und glänzenderes Sil⸗ berzeug, kein ſolideres und beſſer verzinntes Küchen⸗ geſchirr, als dies die Wäſche, das Silberzeug und das Küchengeſchirr der würdigen Miſtreß Smith waren. Was die Tochter des Pfarrers betraf, ſo ließ ſich nicht Verj und zurü von ſeine Silb und thät ber Man ſo e Sm Wor nur von den gen Wei 139 nichts Anderes von ihr ſagen, als daß es ein Engel des Verſtandes, der Religioſität und der Wohlthätigkeit! Alles dies hatte mich ſehr weit von dem grün, roth und weißen Häuschen entfernt. Wie ſollte ich dahin zurückkehren, nachdem ich durch das Schloß des Grafen von Alton, durch die Wohnung, die Herr Stiff für ſeine Frau in Bereitſchaft ſetzte, durch die Wäſche, das Silberzeug, das Küchengeſchirr der guten Miſtreß Smith, und durch den Verſtand, die Religioſität und die Wohl⸗ 4 thätigkeit von Miß Smith gegangen war? Das war ſchwierig, beſonders für mich, mein lie⸗ ber Petrus, der ich, ich geſtehe es Ihnen, nicht der Mann für Uebergänge bin. Dabei war ich faſt übler Laune, daß man mir ſo einſtimmig das Haus von Herrn Smith, von Miſtreß Smith und von Miß Smith rühmte, und nicht ein Wort von dem grün, roth und weißen Häuschen, das nur dreihundert Schritte von uns entfernt lag, und von dem reizenden Geſchöpfe mit den blonden Haaren, den blauen Augen und den roſigen Wangen ſprach, ge⸗ gen welches Miß Smith ſicherlich nur ein gewöhnliches Weib ſein mußte. Dieſe ſchlimme Laune machte, daß ich von den Bauern Abſchied nahm und ganz verdrießlich nach Aſh⸗ bourn zurückkehrte. Ach! von fern ſah ich das Pfarrhaus düſter in der Nacht; Niemand erwartete mich auf der öden Schwelle; ich hatte den Schlüſſel in meiner Taſche, ich öffnete die Thüre und ſuchte dann, ſtolpernd in der Finſterniß, den Feuerſtahl und die Schwefelhölzchen. „Ohl armer William Bemrode!“ rief ich mit einem Seufzer, als der Schwefelſchein die Wände der Stube entlang zitterte. Die Ueberreſte des Mittagbrodes waren in der Speiſekammer; doch ich beſaß nicht den Muth, mich zu Kiſche zu ſetzen. Ich ſtieg, meine Lampe in einer Hand 140 und ein Stück Brod in der andern, in das kleine Zimmer hinauf. Hier öffnete ich das Fenſter, rückte einen Stuhl daran und ſetzte mich. Diesmal ſprangen meine Blicke über das Dorf hinaus und gingen geraden Weges auf die Lichter zu, die am Horizont glänzten. Mitten unter allen dieſen Lichtern ſuchte ich eines, das in der Richtung des grün, roth und weißen Hauſes wäre. Ein großer, finſterer Raum dehnte ſich in der Rich⸗ tung aus, wo es lag; man fühlte, daß in dieſem gan⸗ zen Raume die Nacht im Frieden herrſchte. Ich konnte mich indeſſen nicht entſchließen, dieſes Fenſter zu verlaſſen; ich zerbrach mein Brod in kleine Stücke und aß es traurig, ohne eine Secunde meine Augen von dem Punkte, auf den ſie geheftet waren, ab⸗ zuwenden. Endlich ſchlug es Mitternacht, und da mir keine Hoffnung mehr blieb, das kleine Fenſter ſich er⸗ leuchten zu ſehen, ſo ging ich, nachdem ich hinter ein⸗ ander die Klänge der Glocke, welche vom Kirchthurme entflogen, wie ein Nachtvogel mit ehernen Flügeln, ge⸗ zählt hatte, wieder hinab und legte mich zu Bette. Meine Nacht war noch mehr bewegt, als es der Tag geweſen; das Fieber verzehrte mich; mit der Zuſammen⸗ hangsloſigkeit der Träume ſah ich vor meinen Augen, weiß umſchleiert, die drei Töchter der Witwe mit ihren verwelkten Kränzen auf dem Kopfe vorüberziehen; ſie gingen zur Gartenthüre hinaus und entfernten ſich auf dem Wege nach Wirksworth... Da öfnete ſich das Fenſter, meine Unbekannte, mit einer goldenen Glorie, mit langen weißen Flügeln, neigte ſich gegen die drei Todten; ſie entblätterte auf ihre Häupter den Kornblumenkranz, den ich ſie hatte auf ihr eigenes Haupt ſetzen ſehen; dann entfernten ſich die drei Ge⸗ ſpenſter wieder querfeldein, allmälig verdunſtend, auf der Oberfläche der Erde ſchwebend, und ſtiegen lang⸗ ſam, wie drei durchſichtige Wolken, zur Himmel auf... leine btuhl Dorf c zu, ieſen rün, Rich⸗ gan⸗ dieſes leine neine ab⸗ mir ) er⸗ ein⸗ urme ge⸗ Tag men⸗ ien, chren 3 ſie ſich ſich enen egen den genes Ge⸗ auf ang⸗ ... 141 Hierauf ſuchte mein Blick, der ihnen gefolgt war, bis ſie ungreifbar im Aether zerſchmolzen, zurückkehrend wieder das Fenſter; doch das Fenſter, das Haus, Alles war verſchwunden! Ich ſah an ihrer Stelle ein ungeſtaltes Monument, halb Kirche, halb Grab, beinahe verloren in einer Wolke, über der der ſchöne Engel mit den blonden Haaren, mit den blauen Augen, mit den roſi⸗ gen Wangen, mit einem von einem azurfarbenen Bande umſchlungenen Kleide, ſchwebte. Und während aller dieſer Verwandlungen ſang die Nachtigall auf dem höch⸗ ſten Zweige der größten Weide, und ich ſah durch die Wände, als ob für mein geſchloſſenes Auge die mate⸗ riellen Hinderniſſe nicht beſtänden. Zehnmal erwachte ich: ermattet durch dieſen Traum rief ich zehnmal alle meine Geiſter zu Hülfe, um ihn zu brechen, zu vernichten; doch kaum hatten ſich meine Augen auf's Neue geſchloſſen, kaum hatte ſich die Dämmerung wieder in meinem Geiſte gebildet, als alle Fragmente des verſtümmelten Traumes ſich abermals verknüpften, wie die zerſchnittenen Stücke einer Schlange, und ich aber⸗ mals meine Rolle in dieſer phantaſtiſchen Welt ſpielte, welche für mich die lebendige und wirkliche Welt wurde. Ich erwachte mit dem Tag: es blieb von Allem dem nur der Geſang der Nachtigall übrig, welche die Morgen⸗ röthe begrüßte. Mit den erſten Sonnenſtrahlen hörte der Geſang auf. Man hätte glauben ſollen, die Geiſter der Nacht fliehen vor dem Lichte. Ich war gelähmt vor Müdigkeit. Ssgzleich ſtand ich auf und ging in mein Cabinet; ich brauchte mein Fernrohr nicht, um zu ſehen, daß der Laden an dem kleinen Hauſe noch geſchloſſen war, wie am Tage vorher... Dieſes kleine Haus war mein Panzer Horizont; ich ſchaute nicht anderswohin, ſondern chloß mein Fenſter wieder und ſetzte mich an meinen Schreibtiſch.. Ich fand hier das weiße Heft in Bereitſchaft fuͤr 142 mein großes Werk, deſſen Titel ſchon geſchrieben war, und das nur noch auf die Hand und die Feder wartete; doch wie anmaßend ſchien mir in dieſem Augenblick der Titel! wie leer dünkte mir der Gegenſtand! Ich ſchob das Heft, die Achſeln zuckend, zurück; die Philoſophie und die Philoſophen erregten mein Mitleid. Um acht Uhr ging ich in die Kirche, um das Morgengebet zu verrichten. Es waren kaum die Wei⸗ ber da; die Männer begaben ſich mit Tagesanbruch an ihre Arbeit. Ich verkündigte, am andern Tage werde ich keinen Gottesdienſt halten, weil ich in Wetton predige. Mit großer Aufmerkſamkeit hatte ich alle Frauen oder vielmehr alle Mädchen angeſchaut und mich ge⸗ fragt, ob ein einziges unter den letzteren ſei, aus dem ich meine Lebensgefährtin würde machen wollen; keines derſelben entſprach meinem Ideal. Einige fand ich hübſch; doch ſelbſt die Hübſcheſten waren gemein und ſchienen mir von geringer Erziehung zu ſein. Viele, deſſen bin ich ſicher, hätten vortreffliche Wirthſchafterinnen gegeben; doch während ſie die materiellen Bedingungen des Wei⸗ bes erfüllten, bot keine von dieſen jungen Perſonen die intellectuellen Bedingungen der Lebensgefährtin, der Gattin, der Ehehälfte. Unter dieſen jungen Mädchen war die Tochter des Schulmeiſters noch das ausgezeichnetſte und hübſcheſte. Doch zwiſchen der Tochter des Schulmeiſters und der Unbekannten mit den blonden Haaren, zwiſchen der Haltung der Einen und der Grazie der Andern, zwi⸗ ſchen dem Geſichte von Jener und der Phyſiognomie von Dieſer fand der Unterſchied ſtatt, der zwiſchen einer Pfingſtblume und einer Roſe, zwiſchen einer Glocken⸗ blume und einer Lilie ſtattfindet. Als indeſſen die Tochter des Schulmeiſters wie am Tage vorher wiederkam, um mir mein Mittagsbrod zu bereiten, folgte ich,— war ich nun müde, nach dem eene war, rtete; ck der rrück; mein das Wei⸗ ch an werde Jetton rauen h ge⸗ 3 dem keines übſch; zienen din ich eben; Wei⸗ en die „ der er des zeſte. und n der zwi⸗ e von einer ocken⸗ ie am od zu dem 143 beſtändig geſchloſſenen Fenſter zu ſchauen, oder war meine kleine Wirthſchafterin wirklich hübſch, und gewann ſie dabei, wenn man ſie in der Nähe ſah und aufmerkſam betrachtete,— ich folgte ihr mehrere Male mit den Augen bei den Gängen und Windungen, die ſie aus Einfalt oder Coquetterie, Gott weiß es, um mich her machte; am Ende rief ich ſie ſogar zu mir und verſuchte es, mit ihr zu plaudern; doch der Verſuch war unglücklich und fiel zum Nachtheil des armen Mädchens aus. Wahrlich, mein lieber Petrus, mit einer ſolchen Frau wäre ich noch mehr allein, als allein! Es iſt das Unglück der erhabenen Geiſter, daß ſie nur nach oben ſchauen können und immer nur das unterſcheiden, was ſich vom Himmel abhebt. XV. Welches die Fortſetzung des vorhergehenden iſt. Ich mochte immerhin faſt beſtändig in meinem Zimmer bleiben, ich mochte immerhin von zehn zu zehn Minuten das Fernrohr vor meine Augen halten: das Fenſter öffnete ſich nicht. Was wollte dies beſagen? Hätte mich meine Unbekannte ſehen oder vermuthen können, daß ich ſie ſehe, ſo würde ich ganz natürlich gedacht haben, die Beharrlichkeit, mit der ich nach ihr geſchaut, habe ſie verletzt; doch wahrſcheinlich wußte ſie nicht einmal etwas von meiner Exiſtenz; oder wenn ſie wußte, daß ein Pfarrer von Aſhbourn exiſtirte,— was wohl anzunehmen nach dem günſtigen Erfolge, den meine Predigt gehabt,— ſo wußte ſie ſicherlich nicht, dieſer Pfarrer beſchäftige ſich mit ihr in einem ſolchen Grade, und er beſitze ein Fernrohr, mit dem man auf 144 mehr als zwei Meilen ſo ſcharf ſehe, als mit bloßen Augen auf hundert Schritte. War ihr ein Unglück zugeſtoßen? Ohl wenn dies der Fall, warum ließ ſie nicht den Pfarrer von Aſhbourn holen! Welche Freude würde es ihm gewähren, ſie zu tröſten! Wie würde er für ſie ſanfte, zarte, religiöſe Worte finden! Wie würde er ihr den Himmel nach der Erde, Gott am Anfang und am Ende von Allem zeigen! Welches Glück müßte es für ihn ſein, dieſe ſchönen, von Thränen befeuchteten, blauen Augen, dieſe erbleichten Wangen unter ſeinen Ermahnungen, die einen ihre Ruhe und ihre Heiterkeit, die andern ihre friſche Tinte und ihre roſige Farbe wiedergewinnen zu ſehen. Doch dieſe Erſcheinung, welche vor meinen Augen mit der Geſchwindigkeit einer Viſton vorübergezogen, war es nicht eher ein Traum, den ich gemacht? Konnte ein ſo reizendes Weſen, ein ſo vollkommenes Geſchöpf wie das, welches ich in der Ferne erſchaut, auf der Erde exiſtiren? War das Sehrohr meines Großvaters des Hochbootsmanns nicht ein Zauberinſtrument, das an gewiſſen Tagen das Recht hatte, ſeinem Eigenthümer phantaſtiſche Bilder zu ſchaffen, Bilder beſtimmt, ihn die wirkliche Welt nur mit Geringſchätzung anſchauen zu laſſen? Ach! das war noch das Wahrſcheinlichſte; hievon die ſo dringende Ermahnung meiner Mutter, welche ohne Zweifel die Eigenſchaft dieſes Talismans kannte und nicht mit mir davon hatte ſprechen wollen, weil ſie dachte, früher oder ſpäter werde ſie ſich ſelbſt enthüllen. Nur befand ich mich weder an dem beſtimmten Tage, noch in der geforderten Bedingung; davon rührte es her, daß das Fernrohr unfruchtbar war und das Fenſter geſchloſſen blieb. Es kam der Abend; die letzten Stunden währten für mich am längſten. Endlich, auf den Schlag acht oßen den de es r ſie ihr am nen, chten ihre Linte ugen gen, unte höpf der aters das imer ihn auen evon ohne und ſie llen. 145 Uhr, verließ ich das Dorf Aſhbourn und wandelte nach dem Dorfe Wirksworth. Da es ſpäter war, als am Tage vorher, ſo zählte ich darauf, die Straße verlaſſen zu finden. In dieſem Falle würde ich bis zu dem Häuschen gehen; böte ſich diesmal die Gelegenheit, zu fragen, ſo würde ich ſie ergreifen. Bei jedem Schritte, den ich machte, hoffte ich, ein Licht hinter dem Laden glänzen zu ſehen, doch bei jedem Schritte wurde ich in dieſer Hoffnung getäuſcht. In dem Augenblick, wo ich in das Dorf eintreten ſollte, zog ich mich querfeldein, als ich mich aber dem Hauſe näherte, wurde ich plötzlich aufgehalten durch eine ſechs Fuß hohe Mauer, welche ich nicht bemerkt hatte, weil ſie durch eine Baumgruppe verborgen war. Dieſe Mauer bezeichnete die Gränzen des Gartens; ich umging ſie. Mein lieber Petrus, Sie, der Sie ein ſo großer Philoſoph oder vielmehr ein ſo großer Kenner der Phi⸗ loſophie ſind, ſagen Sie mir, warum mein Herz ſo hef⸗ tig ſchlug, und warum meine Beine ſo ſtark zitterten? Da unſere heilige proteſtantiſche Religion, ſtatt uns von der Geſellſchaft zu trennen und von der Familie abzu⸗ ſondern, uns Mann zu ſein, Gatte zu ſein, Vater zu ſein erlaubt, welche Schande war es denn für mich, daß ich zu derjenigen ging, die ich geſehen, und deren ſanftes Geſicht mich anzog? Ohl! es ſindet bei den erſten Schritten, die der Mann im Leben des Mannes macht, daſſelbe Zögern, dieſelbe Schüchternheit ſtatt, wie bei den Schritten, die das Kind im Leben des Kindes macht; der Eine und das Andere treten in eine unbe⸗ kannte Welt ein, und Beide ſtraucheln in der Sonne. Ich machte alſo einen Gang um die Mauer: alle Fenſter des Hauſes waren nicht nur geſchloſſen, ſondern hermetiſch mit ihren Läden bedeckt. Endlich kehrte ich zur Facade zurück; die Mauer machte einem Gitter Platze Ich tauchte meinen Blick Der Pfarrer von Aſhbourn. I. 10 146 durch dieſes Gitter, ein einziger Schein ſickerte durch die Spalten des Ladens einer untern Stube. Das ganze Leben des Hauſes hatte ſich alſo in dieſe untere Stube geflüchtet; das Uebrige ſchien todt. Meine Unbekannte konnte unmöglich zu Hauſe ſein; ihre Gegenwart allein hätte es belebt, erleuchtet. Sie war nicht mehr da, ſie hatte es verlaſſen, ſie war abgereiſt... Ohl ſo verhielt es ſich; warum hatte ich es nicht errathen? Wuͤrde nun ihre Abweſenheit lange dauern? Würde ſie eines Tages zuruckkommen? Würde ſie nie zurück⸗ kommen? Dieſes in der untern Stube ſchwankende Licht, war es die Hoffnung, welche bis über dem Grabe wacht? So weit war ich mit den Fragen, die ich an mich ſelbſt richtete, als ich Schritte ſich nähern hörte. Gewiß hatte ich, um das Haus herumſtreichend, keine ſchlimme Abſicht, und es war ein viel religiöſeres und zarteres Gefühl als die Neugierde, was mich antrieb, meinen Kopf durch das Gitter zu ſtecken; dennoch wurde mein Herz bei dieſem Geräuſche von Schrecken ergriffen. Was würde man ſagen, ſollte man den Pfarrer von Aſhbourn erkennen, der zwiſchen acht und neun Uhr Abends ſein Geſicht an das Gitter eines Hauſes vom Dorfe Wirksworth drückte? Ich entfernte mich daher raſch, um ſo raſcher, als ich, den Kopf umdrehend, drei Männer in der Richtung gegen mich herbeikommen ſah. Es ſchien mir überdies, als hörte ich in der Ferne das Geräuſch eines Wagens. Ich verdoppelte den Schritt, ohne mehr hinter mich zu ſchauen; es hatte ſich meiner eine Gemüthsbewegung ähnlich der bemaͤchtigt, welche man empfinden muß, wenn man eine ſchlimme Handlung begangen hat, und Gott weiß doch, ob dieſes Herz, das ſo ſtark ſchlug, rein war! Was ging alſo in mir vor? War ich verliebt? 147 Verliebt!— welche Tollheit! Verliebt in eine Frau, die ich nur mit einem Fernrohre auf zwei Meilen weit ge⸗ ſehen oder vielmehr erſchaut hatte. Indeſſen konnte ich nicht hierüber urtheilen, da ich nicht wußte, was die Liebe war. Ich kehrte raſch nach dem Pfarrhauſe zurück, und, tappend, ohne Licht oder Lampe anzuzünden, um mich von meiner Gemüthserſchütterung zu erholen, ſtieg ich in mein Cabinet hinauf und ſank in einen Lehnſtuhl. Das Fenſter war offen geblieben; mein Blick drang durch den Raum, und ich ſtieß einen Schrei aus. Ein Licht glänzte an dem Orte, wo das Fenſter meiner Unbekannten ſein mußte, gerade bei der Stelle, welche am Tage vorher in die tiefſte Finſterniß verſunken geweſen. Die Nacht war ſo finſter, daß man unmöglich, ſelbſt mit dem Fernrohre, etwas unterſcheiden konnte. Nun hatte ich eine Wahrſcheinlichkeit; doch ich mußte bis zum andern Tage warten, um eine Gewißheit zu aben. Ich ging hinab und legte mich zu Bette; es drängte mich, einzuſchlafen und raſch mit Hülfe des Schlafes biffe Nacht, die mich von der Wirklichkeit trennte, zurück⸗ zulegen. Doch es ſchläft nicht Jeder, der will: dieſer ſo ſehr von mir herbeigerufene Schlaf ſchien flüchtiger, als ſein Gefolge von Traͤumen, und erſt, als die Nacht weit vorgerückt, kam er, nicht um meine Augen zu berühren, ſondern um ſich auf meine Bruſt zu ſetzen. Ich werde es nicht verſuchen, Ihnen die Traͤume dieſer zweiten Nacht zu wiederholen, mein lieber Petrus; es war etwas den Abenteuern von Lucius in der Erzäh⸗ lung von Apuljeus Aehnliches: ein ganzer Weg beſäet mit Zauberinnen, Harpyien, Larven, den ich durchlaufen mußte; blutige Wunden, die ich ſchließen ſollte, und die ſich unabläſſig wieder öffneten; und, ſtatt de ſjten Ge⸗ 148 ſanges der Nachtigall, alles nächtliche Geſchrei der Thiere von ſchlimmer Vorbedeutung. Wie führte mich dieſer ſchwerfällige, mühſame Schlaf bis zur ſechsten Stunde des Morgens? Ich weiß es nicht; was ich aber weiß, iſt, daß es, als ich erwachte, heller Tag war. Oh! welch eine Nacht, mein lieber Petrus! Als ich die Augen öffnete, ſchien es mir, wie wenn ich von der Hölle in den Himmel überginge. Die erſte Idee, die mir kam, war die des Lichtes, welches ich am Abend vorher geſehen; doch meine Nacht war ſo fieberhaft, ſo bewegt geweſen, daß ich in der That die Wirklichkeit nicht vom Traume zu unterſcheiden wußte. Ich ſagte mir, ich habe mich getäuſcht, ich dürfe mir nicht eine voreilige Freude machen, welche ver⸗ ſchwinden werde, wenn ich ſie berühren wollte, und um meine Gewalt über mich ſelbſt zu verſuchen, beſchloß ich, mich langſam, und ohne eine von den Einzelnheiten meiner Morgentoilette zu verſäumen, anzukleiden. Dann verließ ich meine Schlafſtube, ich durchſchritt das Speiſezimmer, ſtieg langſam die Treppe zum Cabi⸗ net hinauf, und ſtatt an's Fenſter zu treten, ſetzte ich mich in den Lehnſtuhl an meinem Schreibtiſche. Nun erſt erlaubte ich meinem Blicke, ſich gegen das Fenſter zu wenden. Mit bloßem Auge unterſchied ich kaum die Gegen⸗ ſtände auf eine ſolche Entfernung; doch durch eine Oeff⸗ nung meines Vorhangs, welche mir ausdrücklich ange⸗ bracht ſchien, um den Geſichtsſtrahl durchzulaſſen, glaubte ich ein finſteres Loch an der Stelle der grünen Jalouſie zu ſehen. Ich ergriff das Fernrohr, das ich am Abend vorher nicht zuſammengeſchoben hatte, öffnete das Fenſter und hielt das Glas an mein Auge.. O Glück! die Jalouſie war aufgezogen, der Käſich war Käf Kon und Uhr um lorer nich geke wah und dem ſo n wölh ihr gew im Fre ſpie entf auß blie der ſchn hiere ſchlaf ß es ichte, Als von htes, Kacht n der eiden dürfe ver⸗ um chloß eiten hritt Labi⸗ 2 ich das egen⸗ Oeff⸗ unge⸗ lubte ouſie orher und äſich 149 war an ſeinem Platze, der kleine Vogel in ſeinem Käfich. Nur ſchien mir das Zimmer leer zu ſein. Doch was lag daran, daß das Zimmer leer war? Konnte nicht diejenige, welche es bewohnte, aufgeſtanden und weggegangen ſein? Nicht Jedermann erwachte, wie ich, erſt um ſechs Uhr Morgens; nicht Jedermann brauchte eine Stunde, um ſeine Toilette zu machen. DO)l! wie beklagte ich es, daß ich ſo viel Zeit ver⸗ loren! Plötzlich ſtieß ich einen Freudenſchrei aus und beklagte nichts mehr. Die junge Unbekannte war in ihr Zimmer zurück⸗ gekehrt; ich hatte ſie im Hintergrunde dieſes Zimmers, wahrſcheinlich von der Thüre zum Kamine, gehen ſehen und ſogleich erkannt. Bald blieb mir kein Zweifel mehr; ſie näherte ſich dem Fenſter, und ihre Züge wurden immer ſichtbarer, ſo wie ſie in den Kreis des äußern Lichtes eintrat. Sie war weiß gekleidet, wie gewöhnlich; wie ge⸗ wöhnlich, umſchloß ihr Kleid ein blaues Band. Nur ihr Geſicht allein war vielleicht friſcher und roſiger als gewöhnlich, und ihre blonden Haare flatterten ſchneeiger im Morgenwinde. Sie öffnete den Käfich und gab ihrem Vogel die Freiheit. Er aber flog dankbar zuerſt auf ihre Schulter und ſpielte einen Augenblick mit ihren Haarlocken; dann entflog er zum zweiten Male und ſetzte ſich auf die aͤnßerin Spitze eines Zweiges, wo er, ſich ſchaukelnd, ieb. Das Maädchen warf ihm eine Roſe zu, die es in der Hand hielt, trat in das Zimmer zurück und ver⸗ ſchwand. 4 Die Glocke rief mich zur Kirche; ich brachte dahin 150 dem Herrn ein Herz voll von Freude und Dankbarkeit und bat ihn, mich für den andern Tag zu inſpiriren. Ich ſuchte einen Text; es kam mir folgender in den Geiſt:— war es Gott, der ihn mir ſandte, oder fand ich ihn ganz einfach in dem Ideenkreiſe, in wel⸗ chem ich mich ſeit ein paar Tagen drehte?—„Und der Herr ſpricht zu Rachel: Du ſollſt Deinen Vater und Deine Mutter verlaſſen, um Deinem Manne zu folgen.“ Ich kehrte nach Hauſe zurück; mein erſter Beſuch galt meinem Cabinet, mein erſter Blick dem Fenſter. Es ſtand immer noch offen, doch das Zimmer war leer. 8 Zwei⸗ oder dreimal ſah ich indeſſen meine Unbe⸗ kannte darin erſcheinen, jedoch raſch und als wäre ſie ſehr beſchäftigt; man hätte glauben ſollen, es gehe ein großes Ereigniß im Hauſe vor, oder es werde eines am Abend oder am andern Tage vorgehen. Mein großes Ereigniß war die Rückkehr meiner Unbekannten; ich warf einen Blick auf meine arme kleine Wirthſchafterin, die Tochter des Schulmeiſters, und ich fragte mich, wie ich nur eine einzige Secunde das arme Mädchen habe anſchauen können. Am Abend ſchien meine Unbekannte ruhiger zu ſein; ſie blieb, auf die Brüſtung ihres Fenſters geſtützt, die ganze Zeit, die der Tag brauchte, um zu verſchwin⸗ den, und die Nacht, um zu kommen. Die Sonne ging in einem Bette von glänzenden Wolken, im Purpur und im Golde unter; ſie verlor ſie nicht einen Augenblick aus dem Geſichte, bis ſie der ſchimmernde Ocean ver⸗ ſchlungen hatte. Dann, als ob nach einem ſolchen Schauſpiele nichts in der Schöpfung mehr geſehen zu werden verdient pute⸗ zog ſie ſich zurück und ließ ihre Jalouſie nieder⸗ allen. 1 Und da, nachdem ſie verſchwunden, auch von mei⸗ ner Seite nichts mehr einen Blick meiner Augen ver⸗ diente, ſo ſchloß ich mein Fenſter wieder. erkeit iren. er in oder wel⸗ d der und gen.“ eſuch er. amer inbe⸗ ee ſie eein sam einer arme ters, unde 1⁵¹ Ohl dieſe Nacht war gut und ſanft! Ich hatte reizende Viſionen ſtatt des abſcheulichen Alps der ver⸗ gangenen Nacht, und es war die Nachtigall und nicht mehr das Käuzchen, was bis zum Frühroth an mein Ohr tönte. Mit der Morgendämmerung erwachte ich auch. Ich hatte verſprochen, um acht Uhr bei Herrn Smith zu ſein; ich kleidete mich nach meinen beſten Kräften an und friſirte mich ſo zierlich, als nur immer möglich. Leider war meine Garderobe mittelmäßig, und ſtatt der eleganten Perücken, welche die jungen Pute jener Zeit trugen, ſah ich mich genöthigt, mich mit meinen eigenen Haaren zu friſiren. Ich fand das nicht häßlich, vielleicht aber wäre meine Unbekannte nicht dieſer Anſicht. Was mich beruhigte, falls ich ihr begegnete,— und das war im Ganzen ſehr möglich,— was mi beruhigte, ſage ich, iſt, daß ſie ſich, ſtatt ſich, wie man dies zu jener Zeit that, mit zurückgeſchlagenen und ge⸗ puderten Chignons zu friſiren, ſelbſt ohne Puder ein⸗ fach mit Zöpfen und flatternden Locken friſirte. Zum erſten Male ſchenkte ich meinem Geſichte eine Aufmerkſamkeit, mein lieber Petrus; bis dahin hatte ich mich nie darum bekümmert, und es würde mir wahr⸗ haftig ſchwer geweſen ſein, zu ſagen, ob ich ſchön oder häßlich war. Ich bemerkte nun mit einer mit Stolz gemiſchten Freude, daß ich eher gut als ſchlimm ausſah. In der That, dieſe Haare, welche zu produciren ich mi völlig ſchämte, waren vom ſchönſten Schwarz, merkwür⸗ dig fein und von Natur gekräuſelt; mein Auge war dunkel⸗ blau, groß, und es fehlte ihm nicht an einem gewiſſen Ausdruck unter einer ſchwarzen, ziemlich wohl gebogenen Braue; meine Naſe war gerade, mein Mund groß und mit ein wenig ſtarken, aber bewunderungswürdig weißen Zähnen verſehen; meine Taille war wohlgeformt; ich war eher groß als klein... Indem ich den Chering meiner Mutter, welchen ich beſtändig trug, vom Finger ſtreifte, gewahrte ich, daß ich eine ziemlich ſchöne Hand hatte, und als ich meinen Schuh anzog, fand ich, daß mein Fuß lang, aber ſchmal war. Dieſes Ganze und eine Pfarre, welche jährlich neunzig Pfund Sterling einirug, machten aus mir einen Mann, der für Eltern nicht zu verachten und für ein junges Mädchen ſehr annehmbar war. Ich ging in mein Arbeitscabinet hinauf, um einen Blick nach dem Fenſter meiner Unbekannten zu werfen. Das Fenſter war offen, doch das Zimmer ſchien verlaſſen. Es ſchlug ſechs Uhr. Ich brauchte keine Stunde, um die zwei Meilen zu machen, welche Aſhbourn von Wirksworth trennten; doch bei der Alternative, eine Viertelſtunde zu früh oder eine Viertelſtunde zu ſpät zu kommen, hielt ich es für beſſer, eine Viertelſtunde zu früh zu kommen. Je weiter ich auf der Straße vorrückte, deſto ſicht⸗ barer machte ſich das Häuschen, und jeden Augenblick glaubte ich, meine Unbekannte werde erſcheinen; doch ſte war ohne Zweifel in einem andern Theile des Hauſes beſchäftigt, denn ich erblickte ſie nicht. Diesmal bedurfte ich nicht mehr des Fernglaſes, um Alles zu ſehen: der leere Käſich, die weißen Vor⸗ hänge, welche vom Bette herabfielen, die geblümte Ta⸗ pete, mit der die Wand überkleidet war, boten ſich nach und nach meinen Augen. In dem Moment, wo ich über den Weg ging, auf der Hohe der Mauer, die den Garten ſchloß und mich in meiner nächtlichen Forſchung zwei Tage vorher auf⸗ gehalten hatte, nahm der kleine Vogel, der ein Stieglitz war, ſeinen Flug über einen Baum des Gartens, ſetzte ſich auf einen Baum der Straße ganz in meiner Naͤhe und begann ſeinen Geſang, als hätte er mir im Namen ſeiner Gebieterin den Willkomm wünſchen wollen. Endlich kam ich an dem Hauſe vorüber; ich hatte 1⁵³ nicht recht den Muth, durch das Gitter zu ſehen; am Ende wagte ich es indeſſen, doch die Vorhänge waren zugezogen. Man konnte vielleicht durch die inneren Oeffnungen nach außen ſchauen; von außen konnte man aber ſicher⸗ lich nicht nach innen ſchauen. Ich wußte nicht, wo die Wohnung von Herrn Smith war; da jedoch gewöhnlich das Pfarrhaus an die Kirche angelehnt iſt, ſo ging ich auf die Kirche zu und er⸗ kundigte mich nach dem, was ich ſuchte, bei einem Manne, der mir der Meßner zu ſein ſchien. Er war es in der That. Er fragte mich, ob ich nicht der Pfarrer von Afhbourn ſei, und auf meine be⸗ jahende Antwort ſagte er mir: „Herr Smith hat mich hierher geſtellt, um Sie zu erwarten; denn er vergaß, Ihnen zu ſagen, er wohne nich bei der Kirche, ſondern ziemlich weit davon ent⸗ ernt.« „In dieſem Falle werden Sie die Güte haben, mein Freund, mir das Haus zu bezeichnen,“ erwie⸗ derte ich. „Ich werde etwas Beſſeres thun, Herr Pfarrer,“ verſetzte er;„mit Ihrer Erlaubniß werde ich Sie führen. Herr Smith hieß mich auf die Straße gehen, um Ihnen einen unnöthigen Weg zu erſparen, und ich wollte mich ſo eben dahin begeben, denn man erwartete Sie erſt um acht Uhr.“ Es ſchlug in dieſem Augenblicke drei Viertel auf acht Uhr. 3 „Sie haben Recht, mein Freund,“ ſagte ich,„nicht Sie ſind im Verzug, ſondern ich bin zu fruͤh gekommen. Gehen Sie alſo voran, ich folge Ihnen.“. Mein Führer ſchlug den Weg ein, den ich ſchon gemacht hatte, und ich folgte ihm. 154 XVI. Die Frau und die Tochter des Paſtor Smith. Ich war, wie geſagt, durch einen Theil des Dorfes gegangen und bekümmerte mich daher Anfangs nicht viel um den Weg, den mich mein Führer nehmen ließ. Als indeſſen die Häuſer ſeltener wurden, als am Ende nur noch eines blieb und das, welches blieb, das grün, roth und weiße Häuschen, d. h. das kleine Haus meiner Unbekannten war, da legte ich die Hand auf den Arm meines Führers und hielt ihn zurück. „Mein Freund,“ ſagte ich zu ihm,„wohin führen Sie mich 2⁴ „Ei! dahin, wohin Sie gehen ſollen, mein Herr,“ antwortete er mir,„zum Pfarrer Smith.“ „Wohnt denn der Pfarrer Smith in dieſem Hauſe?« fragte ich erbleichend. „Ja, mein Herr,“ erwiederte er,„es gehört ihm von Seiten ſeiner Frau, und er bewohnt es ſeit ſeiner Verheirathung.“ „Hat der Pfarrer Smith nicht eine Tochter?« fuhr ich zögernd fort. „Ja, mein Herr.“ „Blond... achtzehn bis neunzehn Jahre?« „So iſt es, ja... ein frommes Mädchen, mein Herr.“ „Ohl mein Gott!“ murmelte ich ganz wankend. „Was haben Sie denn?“ fragte mein Führer; „man ſollte glauben, es ſei Ihnen unwohl.“ „Nichts... nur ein wenig Schwindel,“ verſetzte ich. „Gehen wir.“ Und ich ging, ſelbſt die Hand nach dem Klopfer der Thüre ausſtreckend, auf das Haus zu. Doch in dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thüre, —, 0O——— nein d. rer; ich. pfer hüre, 1⁵5⁵ und ich ſah auf der Schwelle das lächelnde Geſicht des würdigen Herrn Smith erſcheinen. „Gut ſe ſagte er,„hier find Sie; es iſt ſchön, daß Sie ſo pünktlich eintreffen.... Doch was haben Sie? Sie kommen mir bleich und zitternd vor.”⸗ Ich beruhigte ihn durch ein Lächeln und einen Händedruck, denn ich befürchtete, wenn ich zu ſprechen wagte, ſo könnte man am Beben meiner Stimme meine Gemüthsbewegung wahrnehmen. Mein Führer antwortete für mich. „Ah!“ ſagte er,„ich weiß wahrhaftig nicht, was den Herrn Pfarrer zwanzig Schritte von hier befallen hat; er iſt bleich geworden, daß man hätte glauben ſollen, es ſei ihm übel.“ „Wie! es ſei ihm übel?“ rief Miſtreß Smith, welche hinter ihrem Gatten erſchien.„ Smith, gehe geſchwinde zur Apotheke, hole Meliſſengeiſt, Orangen⸗ bluthenwaſſer, Zucker, während ich Herrn Bemrode in's Zimmer führen werde. Geh doch! geh doch!“ Ich wollte Miſtreß Smith zurückhalten, doch es war nicht möglich; ſie ſchob ihren Mann nach der einen Seite und zog mich nach der andern fort. Sobald ich im Zimmer war, nöthigte ſie mich, in einen Lehnſtuhl zu ſitzen, und öffnete das Fenſter, das nach dem Garten ging, um mir Luft zu geben. Alles dies, während ſie zu mir ſprach, mich be⸗ fragte, ſelbſt auf ihre Fragen antwortete und dann wieder neue machte, auf die ſie auch antwortete. Der Pfarrer kam nach fünf Minuten zurück; er hielt in der Hand ein Glas, in welchem Waſſer mit der gehörigen Miſchung. Fünf Minuten hatten für Miſtreß Smith genügt, um mich zu belehren, daß, obgleich ihr Mann zwei⸗ undfünfzig Jahre alt, ſie doch erſt neununddreißig alt ſei; daß ſie eine Tochter habe, welche noch nicht neun⸗ zehn zähle, daß dieſe Tochter hübſch ſei, ſinge, Clavier ſpiele, zeichne, und noch mehr vermöge ihres vortrefflichen 156 Characters als durch ihre Talente und ihre Schönheit unfehlbar das Glück eines Mannes machen müſſe. Herr Smith trat gerade bei dieſer letzten Phraſe ein, und ich ſah, daß er die Achſeln zuckte, wie ein Menſch, der begreift, daß ein ſolches Lob im Munde einer Mutter immer verdächtig iſt. In der That, wie ſehr ich zu Gunſten meiner ſchönen Unbekannten eingenommen war, es wäre mir lieber geweſen, Miſtreß Smith hätte nichts geſagt und mich durch mich ſelbſt dieſe Vollkommenheit, welche ſie ſo laut proelamirte, ſchätzen laſſen. Ich mochte immerhin gegen Miſtreß Smith be⸗ haupten, mein Schwindel, wenn es ein Schwindel ge⸗ weſen, ſei völlig vorüber, ſie nöthigte mich, das von Herrn Smith bereitete Glas Waſſer zu leeren. „Gut!“ ſagte ſie.„Nun iſt unſe lieber Nachbar, Herr Bemrode, völlig wiederhergeſtellt.... Denn nicht wahr, Herr Bemrode, Sie fühlen nichts mehr von Ihrer Unpäͤßlichkeit?“ Ich bedeutete ihr durch ein Zeichen, daß es mir vortrefflich gehe. „Nun wohl! wir werden ihm unſere liebe Jeannie vorſtellen. Nicht wahr, mein Freund?« fuhr Miſtreß Smith fort. B „Aber, meine Gute,“ entgegnete Herr Smith, „unſere liebe Jeannie wird ſich wohl allein vorſtellen.... Mir ſcheint, Du gibſt dieſem kleinen Mädchen viel mehr Bedeutung, als es verdient.“ „Wie, mehr Bedeutung, als ſie verdient! Wie, ein kleines Mädchen!“ rief Miſtreß Smith;„ei! Jeannie iſt eine große Perſon von neunzehn Jahren, mein lieber Herr Bemrode, und ſie hat ſchon ſehr ſchöne Partien ausgeſchlagen. Ich bitte Sie, mir das zu glauben.“ „Und ich glaube Ihnen, meine liebe Miſtreß Smith,“ erwiederte ich lächelnd. „Stille!“« ſagte ſie,„ſtille! denn ich erblicke das liebe Kind, und ſie iſt, Gott ſei Dank! ſo gut erzogen, 1⁵57 daß ſchon das Wort Heirath allein ſie bis über die Ohren erröthen machen würde....“ Und bei dieſen Worten zog ſie mehr als ſie ſie ein⸗ führte, in das Zimmer Miß Jeannie Smith. Ich erwartete meine Unbekannte vom Fenſter zu ſehen, mit ihrem großen mit Blumen bekränzten Stroh⸗ hute, mit ihren blonden Haaren, ihren roſigen Wangen, ihrem weißen Kleide und ihrem um einen Leib ſo bieg⸗ ſam wie ein Rohr geſchlungenen Gürtel. Nichts: die Perſon, welche eintrat, war gleichſam in einer geraden Wurzel friſirt; ſie hatte rothe und weiße Schminke; ſie trug ein Kleid von brochirtem Peking; der untere Theil ihrer Taille war wie in einen Schraubſtock eingeſchnürt, und das Uebrige ihrer Perſon verlor ſich in ungeheuren Reifröcken. Es war immer noch ein reizendes Geſchöpf, ge⸗ kleidet nach der Mode des Tages, das ließ ſich nicht leugnen; aber, ach! es war nicht mehr meine Unbekannte vom Fenſter. Von Allem, was ich an ihr bewundert hatte, blieben nur noch ihre ſchönen blauen Augen unverſehrt; ihre ſchönen blauen Augen waren das Einzige, was die Kunſt nicht zu verderben vermocht hatte. „Ahl mein Gott!« rief Herr Smith, ſeine Tochter anſchauend,„wer hat Dich denn ſo aufgeputzt, meine liebe arme Jeannie?« „Wie!« rief Miſtreß Smith,„wer ſie ſo aufgeputzt hat? Ich.“ „Jeſus mein Gott!“ verſetzte der Pfarrer.„Und warum denn, liebe Frau?« „Ei! weil das Mode iſt.“ „Und was hat denn die Mode mit armen Land⸗ leuten, wie wir ſind, zu thun, meine liebe Auguſte? Die Mode, das iſt gut für die Leute aus der Stadt und für die Herrſchaften der Schlöſſer...“ „Mein lieber Herr Smith, beſchäftigen Sie ſich mit Ihren Predigten; Sie machen dieſelben ſehr ſchön, 158 obgleich man behauptet, unſer Nachbar, Herr Bemrode, mache ſie noch ſchöner, und überlaſſen Sie uns die Sorge für unſere Toilette.“ „Macht Eure Toilette, gut; doch, um des Himmels willen, entſtellt nicht Eure Leiber und Eure Geſichter!... Ahl meine arme Jeannie,« fuhr der gute Paſtor fort, „wie unbehaglich muß es Dir in einem ſolchen Corſet werden, Dir, die frei wie die Wespe und der Vogel zu ſein ewohnt iſt! Und wie häßlich mußt Du Dich unter einer pichen Maske finden, Du, die Du zur Schminke nie etwas Anderes genommen haſt als den Thau vom Mo⸗ nat Mai!“ „Erfahren Sie, mein lieber Herr Smith,“ rief die Frau des Pfarrers, die ſich über alle dieſe ſpöttiſchen Bemerkungen ihres Mannes ärgerte,„erfahren Sie, daß Jeannie in Folge der Reiſe, die wir ſo eben nach Theſterſield gemacht haben, ganz genau daſſelbe Coſtume trägt, welches Miß Eliſabeth Rogers an dem Tage tragen wird, wo ſie, Frau von Herrn Stiff geworden, dem Herrn Grafen und der Frau Gräfin von Alton vorgeſtellt werden ſoll.“ „Alles dies, meine Liebe,“ fuhr der Pfarrer, der ſichtbar ungeduldig wurde, fort,„Alles dies ſagt mir nicht, warum Jeannie, welche weder den Vortheil, die Frau des Herrn Intendanten Stiff zu ſein, noch die Ehre haben ſoll, dem Herrn Grafen und der Frau Gräfin von Alton vorgeſtellt zu werden, heute dieſes Coſtume trägt.“ Während dieſes ganzen Dialogs war Miß Jeannie Smith, ſehr verlegen und unter ihrer Schminke erröthend, auf einer Stelle ſtehen geblieben; als ſie aber ſah, daß eine Wolke den Azurhimmel der Ehe zu trüben drohte, ſagte ſie, die Hände faltend: „Guter Vater, ich bitte, laſſen Sie das! Sehen Sie nicht, daß Sie Mama, welche die Güte hat, ſich ſeit zwei Stunden mit mir zu beſchäftigen, wehe thun? „Ja, mein liebes Kind, ja, ich begreife,“ verſetzte 159 der Pfarrer Smith mit einem leichten Achſelzucken. „Komm und umarme mich.“ Dann wandte er ſich an mich und ſprach: „Mein lieber Nachbar, ich verſichere Sie, daß es Tage gibt, wo das arme Kind hübſch iſt.“« „Mein Vater!“ bat Jeannie halblaut. „Gut! gut!« ſagte der Paſtor,„ſprechen wir nicht mehr hiervon, und ſetze Dich... wenn Du kannſt.“ Jeannie drehte ſich, um mit der Spitze ihres Fin⸗ gers eine große Thräne abzuwiſchen, welche am Rande ihres Augenlides perlte, und nachdem ſie den breiteſten Lehnſtuhl des Zimmers gewählt, ſetzte ſie ſich mit Mühe. Der Pfarrer aber, der ohne Zweifel eingeſehen hatte, wie unbehaglich ich mich während dieſer kleinen Familien⸗ ſcene fühlen mußte, wandte ſich wieder auf meine Seite und richtete einige theologiſche Fragen an mich. Das kam gut, mein lieber Petrus! Sie wiſſen, die Theologie iſt meine Stärke; der Paſtor Smith war darin auch ſehr bewandert, ſo daß es nach einem Augen⸗ blick unſerem Geſpräche nicht an einem gewiſſen Intereſſe mangelte. Ich ſchenkte ihm indeſſen keine ſo völlig abſorbirende Aufmerkſamkeit, daß ich nicht Miſtreß Smith, deren Abſichten in Beziehung auf ihre Tochter ich mir klar machen wollte, in allen ihren Bewegungen folgte. Alle ihre Bewegungen aber ſtrebten nach einem ein⸗ zigen Ziele hin; nachdem ſie, ſo viel an ihr war,— ſie glaubte es wenigſtens,— die körperlichen Vorzüge von Miß Jeannie geltend gemacht hatte, war ſie bemüht, mir zu beweiſen, dieſe körperlichen Vorzüge ſeien nicht auf ſie allein beſchränkte, und der Mann, der dieſe theure Tochter heirathe, werde außer einer Mitgift, über welche man ſich nicht erklärt hatte, wahrſcheinlich eine höchſt voll⸗ ſtändige Ausſteuer finden.. Ddies ging aus der Sorge hervor, mit der Miſtreß Smith zum Voraus einen Theetiſch, von welchem wir erſt bei unſerer Rückkehr von der Predigt Gebrauch 160 machen ſollten, mit ſeinen Taſſen, mit ſeinem Tafelzeug, mit ſeiner Theekanne von reizendem chineſiſchem Por⸗ zellan und mit zwölf ſilbernen Löffelchen, obſchon wir nur zu Vier waren, ſchmückte. Ueberdies hatte ſie zwei⸗ oder dreimal hinter einander zwei große nußbaumene Schränke geöffnet, welche von oben bis unten mit Weiß⸗ zeug gefüllt waren, das trotz ſeiner etwas ſchwärzlichen Färbung äußerſt fein zu ſein ſchien. Dieſes ganze Manoeuvre war Herrn Smith ebenſo wenig als mir entgangen. Es ſchien ihm am Ende mitten unter unſerem Ge⸗ ſpräche ſo ärgerlich zu werden, daß er ſich plötzlich unter⸗ brach und zu mir ſagte: „Mein lieber Nachbar, ich bin ganz verſucht, zu glauben, Sie ſeien, ſtatt ein einfacher Dorfpfarrer zu ſein, wie ich, ein incognito reiſender Kirchenfürſt. Meine Frau hat Sie unter Ihrer Verkleidung erkannt; darum hat ſie ihre Tochter als Prinzeſſin angethan; darum nimmt ſie aus ihrem Etui unſere zwölf ſilbernen Löffel, die einzigen, welche wir beſitzen; darum zeigt ſie Ihnen all das ſchöne Weißzeug, das ſie ſelbſt geſponnen hat, denn trotz dieſer Dünſte des Ehrgeizes, die ſie bei großen Veranlaſſungen, wie die heutige, erfaſſen, iſt meine liebe Miſtreß Smith eine vortreffliche Wirthſchafterin.“ „Ich bezweifle es ganz und gar nicht, mein Herr,“ antwortete ich;„doch ſagen Sie mir, iſt es nicht Zeit, nach, dem Dorfe Wetton zu gehen, wo ich predigen oll? „Oh!« verſetzte Miſtreß Smith,„Sie haben noch eine gute halbe Stunde; gleichviel... Jeannie, hole Dein Geſangbuch; ich hoffe, Du verſäumſt nicht dieſe Gelegenheit, die ſchöne Predigt zu hören, welche Herr William Bemrode halten wird, um ihm bei ſeiner Rück⸗ kehr Dein Compliment darüber machen zu können.“ Miß Jeannie war offenbar entzückt über dieſe Ge⸗ legenheit, das Zimmer zu verlaſſen; nach einigen An⸗ ſtrengungen gelang es ihr, ſich aus ihrem Lehnſtuhle 161 herauszuziehen, und ſie ging hinaus, um ihr Gebetbuch zu holen. Was ich vorhergeſehen, geſchah: kaum war die Tochter weggegangen, als ihre Mutter, welche nur auf dieſen Augenblick wartete, um ihr Lob wieder anzu⸗ ſtimmen, ihre Sparſamkeit, ihre Talente in der Malerei, in der Muſik, in der Stickerei, in der Nähterei, in der Kochkunſt zu rühmen begann. Ich, was mich betrifft, ſing an, wahrzunehmen, daß die gute Miſtreß Smith, welche wußte, daß ich hei⸗ rathsfähig war, welche das Einkommen der Pfarrei Aſhbourn kannte und beſonders ihre Tochter in ihrer Nachbarſchaft unterzubringen wünſchte, ihre Augen auf Ihren Diener, mein lieber Petrus, geworfen hatte, um aus ihm ihren Schwiegerſohn zu machen. „So iſt es,“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„daher der auffallende Putz, der ſelbſt den guten Smith in Erſtau⸗ nen ſetzte; daher die Ausſtellung der ſilbernen Löffel und des Weißzeugs; daher der Abgang von Miß Jeannie, ein ohne Zweifel zwiſchen ihr und ihrer Mutter abge⸗ karteter Abgang, damit die Mutter hinter der Tochter und von der Tochter alles Gute ſagen könnte, was man nicht in ihrer Gegenwart zu ſagen wagt; nicht ſchlecht combinirt, Miſtreß Smith, nicht ſchlecht!« Und Sie, der Sie mich kennen, mein lieber Petrus, Sie, der Sie wiſſen, mit welcher Unfügſamkeit ich die mir auferlegten Bedingungen annehme, Sie müſſen begreifen, daß ich, je mehr Miſtreß Smith Miß Jeannie anpries, immer mehr, bei meinem unglücklichen Widerſpruchsgeiſte, geneigt war, Fehler an ihr zu finden. Mit ſeinem bewunderungswürdigen Inſtincte eines ehrlichen Mannes, der mehr werth iſt, als alle Combina⸗ tionen des Geiſtes, begriff dies wahrſcheinlich der wür⸗ dige Herr Smith, denn läͤchelnd, um ſeine Ungeduld zu verbergen, ſagte er zu ſeiner Frau: „Aber, meine liebe Auguſte, wahrhaftig, ich erkenne Dich nicht mehr in moraliſcher Hinſicht, wie ich ſo eben Der Pfarrer von Afhbourn. I., 11 162 Jeannie in phyſiſcher nicht erkannte.... Auf welchem Du Balſam, auf welchem erweichenden Kraute, auf welchem und Univerſalmittel biſt Du denn heute gegangen, daß die arme Jeannie, an der Du gewöhnlich ſo viele Fehler findeſt, dieſen Morgen vollkommen iſt?« hal „Ich! Fehler an Jeannie!« rief Miſtreß Smith St erröthend;„ich weiß nicht, woher Sie das nehmen. Bagatellen, Nichtſe höchſtens! denn in einem Monat, rie in ſechs Monaten, in einem Jahr habe ich zuweilen keine Gelegenheit, ernſtlich zu zanken.“ ihr „Ei! bemerke wohl, meine gute Freundin,“ verſetzte kon Herr Smith mit ſeinem ſanften Lächeln, das indeſſen trotz ſeiner Sanftheit nicht immer ganz von Spott frei war,„bemerke wohl, ich tadle Dich durchaus nicht, daß nac Du Jeannie heute ſo vollkommen findeſt, denn mehr als einmal, wenn das arme Mädchen fern von uns, wenn Ge wir Beide allein waren, machte ich Dir im Gegentheil M den Vorwurf, Du ſeiſt ein wenig ſtreng gegen ſie.“ un „Schön!“ ſagte ich in meinem Innern,„nun iſt die Reihe am Vater; die Komödie ſcheint mir gut ge⸗ nic lernt, und die Rollen ſind vortrefflich ausgetheilt.« Doch die gute Miſtreß Smith war nicht die Frau, welche einen Vorwurf annahm, ohne darauf zu ant⸗ worten; ſie war ſogar ſo empfindlich für den, welcher aus dem Munde ihres Mannes hervorgegangen, daß ſie einen Augenblick ihre Rolle vergaß, um darauf zu er⸗ wiedern: an „Streng!“ rief ſie,„ſtreng gegen unſere gute Toch⸗ 1 ter? Und dies, weil ich ihr immer die Sparſamkeit, die Wohlthätigkeit, die Frömmigkeit, die Einfachheit empfehle...“ „Ich ſage ſtreng, liebe Freundin, weil Du willſt, daß Deine Tochter, die nur ein Kind iſt, alle dieſe Eigen⸗ ſchaften in demſelben Grade wie Du, die Du eine Frau ner und eine Mutter biſt, beſitzen ſoll. Gib unſerer Jeannie nie eine zwanzigjährige Che, einen Mann, der ſie liebt, und von einem Kinde, was ſie iſt, wird Jeannie ſein wie Un hem chem die ehler mith nen. nat, eilen ſetzte eſſen frei daß als venn theil 3 n iſt ge⸗ rau, ant⸗ lcher iß ſie t er⸗ Toch⸗ keit, hheit eillſt, ien⸗ Frau nnie und wie 163 Du, meine liebe Auguſte, das Muſter der Gattinnen und der Mütter.“ Dann wandte er ſich wieder an mich und ſprach: „Und nun, mein lieber Collega, kommen Sie, wir haben gerade die Zeit, die wir brauchen, um die halbe Stunde nach Wetton zu machen.“ „Aber warten wir denn nicht auf die liebe Jeannie?« rief Miſtreß Smith. „Die liebe Jeannie braucht uns nicht, wenn ſie ihre Mutter hat; kommen Sie, mein lieber Bemrode, kommen Sie!“ Und er ſchritt voran und zeigte mir den Weg. Ich verbeugte mich vor Miſtreß Smith und ging nach dem vortrefflichen Manne hinaus. In dem Augenblick, wo wir das Haus aus dem Geſichte verlieren ſollten, wandte ich mich um und ſah Miß Jeannie mit ihrem Geſangbuche unter dem Arme uns folgen. Ich weiß nicht, warum ich meine Schritte beſchleu⸗ nigte, damit uns die zwei Frauen nicht einholten. XVII. Wo ich meine Unbekannte mit ihren blanden Haaren, ihrem Strohhute, ihren roſigen Wangen, ihrem weißen Kleide, umſchlungen von einem blauen Bande, wiederſinde. Doch! ich weiß, mein lieber Petrus, warum ich mei⸗ nen Gang beſchleunigte, damit die zwei Frauen uns nicht einholten. Weil meine Illuſionen in Betreff meiner ſchönen Unbekannten verſchwunden waren! 11 164 Wieeil ich eine mütterliche und ſogar eine väterliche Berechnung da ſah, wo ich von Anfang die Herzensein⸗ falt zu finden gehofft hatte. Weil ich endlich meine Frau wählen und nicht mir aufbürden laſſen wollte. Wir legten die Entfernung zurück, welche Wirks⸗ worth von Wetton trennte, ohne mehr als drei oder vier Worte zu wechſeln; Herr Smith achtete mein Still⸗ ſchweigen, er glaubte ohne Zweifel, ich wolle meine Pre⸗ digt vorbereiten. Dem war nicht ſo, ich dachte an meine Unbekannte. Ohl meine Unbekannte! Wenn ich ſie wiedergefunden hätte, ſo wie ich ſie bei ihren Erſcheinungen geſehen, mit ihren flatternden Haaren, ihren Blumen, ihrem Vogel, ihrem durchſichtigen Blicke, ihrer Naivetät, kurz mit allen Grazien, die ich ihr im Delirium meines Herzens, in der Tollheit meiner Einbildungskraft lieh! Wenn ihre Eltern, ſtatt ſie mir gewiſſer Maßen an den Hals zu werfen, gewartet hätten, daß ich ſie zur Frau begehre, wenn ſie ihr Zeit gelaſſen haͤtten, mich zu lie⸗ len, wenn ſie dann mit der patriarchaliſchen Einfachheit, dir man immer ſucht und nie findet, zu mir geſagt hätten: „Sie ſind arm, lieber Herr Bemrode, und unſere Tochter iſt arm, wie Sie; doch Ihr ſeid jung, doch Ihr liebt Euch, vereinigt die Armuth von Euch Beiden, und die Liebe wird einen Reichthum daraus machen.“ Oh! wenn ſie mir das geſagt häͤtten, wie würde ich die arme Jeannie angenommen und ihren Arm unter den meinigen gelegt haben! Wie hätte ich ſie mit Stolz nach meinem Hauſe in Aſfhhourn geführt, ohne von ihren Eltern etwas Anderes zu verlangen, als dieſen Strohhut, dieſes weiße Kleid und dieſen blauen Gürtel, dieſe Dinge, mit welchen ſie mir erſchienen war, und von denen ich mich, wenigſtens in meiner Erinne⸗ rung, nicht trennen konnte. Doch nichts war geſchehen, wie ich es hoffte, und iche ein⸗ mir rks⸗ oder till⸗ Pre⸗ inte. aden hen, hrem kurz ines lieh! den Frau lie⸗ heit, eſagt nſere Ihr und de ich unter Stolz von dieſen eirtel, war, inne⸗ und 165 Jeannie, ſtatt Seite an Seite mit mir frei, freudig, leicht zu gehen, folgte uns von fern, gehemmt, traurig und bei jedem Schritte ſtolpernd in ihren Schuhen mit den hohen Abſätzen. Wir kamen ungefähr zehn Minuten vor dieſen Damen in die Kirche. . Die Kirche war voll, und man erwartete mich offen⸗ bar mit Ungeduld. Doch ich geſtehe Ihnen, mein lieber Petrus, meine Predigt war in meinem Geiſte nur als etwas Secundäres, worauf ich, ganz in Anſpruch ge⸗ nommen von der Enttäuſchung, die ich erfahren, ein geringes Gewicht legte. Zum Glück, wenn ich mich am Allerwenigſten anſtrenge, um zu einem Reſultate zu ge⸗ langen, erreiche ich es am Sicherſten. Mein Tert war ſchön: es war die große Selbſtſucht der Natur, welche, immer vorwärts ſchauend und vor Allem beſeelt durch das Bedürfniß, daß die Generationen auf die Generationen folgen, zu der jungen Gattin durch die Stimme des Herrn ſpricht:„Du ſollſt Deinen Vater und Deine Mutter verlaſſen, um Deinem Manne zu folgen.“ 3 Und darum hat Gott, der für Alles vorhergeſehen, den Vätern und den Müttern eine ungeheure Liebe für ihre Kinder gegeben, während die Kinder, ohne undank⸗ bar zu ſein, da ſie den Intentionen des Herrn folgen, entfernt nicht für ihre Eltern dieſelbe Liebe haben, welche die Eltern für ſie hegen. Sagt zu einer Mutter:„Du wirſt Deine Tochter verlaſſen,“ wäre es auch, um eine heilige Pflicht zu er⸗ füllen, die Mutter wird nicht gehorchen, ſo ſehr iſt ihr das Kind ihres Leibes und ihrer Milch doppelt theuer. Sagt zur Tochter:„Du wirſt Deine Mutter verlaſſen, um Deinem Manne zu folgen,“ und die Tochter wird lächelnd gehorchen, ſie wird ſich wie die Roſe demjenigen entgegenſtrecken, der auf dem Wege einherkommt, der ſie im Vorübergehen pflückt, in ſein Knopfloch oder an 166 ſeinen Hut ſteckt, den Roſenſtock unfruchtbar läßt und die Blume und den Wohlgeruch mit ſich nimmt. Ich erhielt großen Beifall, machte alle Mütter wei⸗ nen und alle Kinder lächeln. Und es hatten doch zwei Dinge meinen Geiſt in eine gewaltige Unruhe verſetzt. Ich beſtieg die Kanzel ein paar Secunden, ehe meine Predigt beginnen ſollte, ſo daß ich die Augen zuvor noch auf meine Zuhörer werfen konnte, welche den Mo⸗ ment, wo ich ſprechen würde, mit mehr oder weniger Ungeduld, mit mehr oder weniger Neugierde erwarteten. Unter der Zahl dieſer Zuhörer waren Jeannie und ihre Mutter; ihre Mutter hatte ſich gerade mir gegen⸗ über geſetzt und die Tochter ſaß natürlich neben ihr. Doch kaum war ſie in die Kirche eingetreten, da verließen Jeannie jede Verlegenheit, jede Röthe, um einer ſanften, heiligen, ächten Frömmigkeit Platz zu machen: ſie bekümmerte ſich nicht einmal um das Auf⸗ ſehen, das um ſie her ihr Anzug, der viel zu elegant für ihren Stand, erregte, und als hätte ſie begriffen, Gott werde unter der goldenen Hülle das reine Herz ſehen, ſchlug ſie einen Moment die Augen zum Himmel auf und ſenkte ſie dann wieder auf ihr Buch, von dem ſie fortan nicht mehr abgingen. Es begann der Geſang; bei dem einfachen Gebete ſitzend, ſtand ſie für den Geſang auf. Da ſchienen ſich ihre Augen und ihr Mund mit einander zu öffnen, ihre Augen für die Frömmigkeit, ihr Mund für die Har⸗ monie; da ſchien ſie Alles zu vergeſſen, die Erde über dem Himmel, die Menſchen über den Engeln; da löſte ſich ein reiner, himmliſcher Klang von den andern Klängen; ihre Worte ſchienen Flügel zu haben und ſich allein mitten unter andern Worten in den Aether zu erheben und im Unendlichen zu verlieren! Ich erinnerte mich, daß ihre Mutter ſie mir als vortrefflich in der Muſik gerühmt hatte; was ſie aber hier machte, war etwas Einfaches und Großes, wie der Geſang eines ——-BSS X— — 167 Vogels, wie das Rauſchen eines Baumes, wie das Ge⸗ murmel eines Baches, kurz wie eine Stimme der Natur und nicht wie ein Geſang der Menſchheit. Dieſe ganze Harmonie ſprang von ihren Lippen ohne alle Anſtrengung; nur gab ihr Kopf, ein wenig auf die Schulter geneigt, — als wäre ihr anmuthiger Hals, ein Fehler der Schwäne, zu lang und zu biegſam, um ihn zu tragen,— ihr Kopf gab, ein wenig auf ihre Schulter geneigt, ihrer ganzen Haltung eine unbeſchreibliche Grazie und ihrer Phyſiognomie einen mächtigen Reiz; und dies währte ſo fort, ſo lange der Geſang währte; ihre Stimme, ein ſüßer Ausſtrom der Seele, welche mit ihm begonnen hatte, hörte mit ihm auf, entſtehend mit der Einfachheit des Gebetes, ſterbend mit der Größe des Glaubens. Dann ſetzte ſie ſich wieder, wie ſie aufgeſtanden war, ohne Oſtentation und ohne Geräuſch, ohne zu ver⸗ muthen, daß ſie eine himmliſche Note in ein göttliches Concert gemiſcht hatte. Nun war es an mir, zu reden. Bei den erſten Worten, die ich ſprach, erhoben ſich ihre blauen Augen zu mir, und ſie wandten ſich nicht mehr von mir abz es ließ ſich indeſſen leicht ſehen, daß es nicht der Menſch war, den ſie anſchaute, ſondern der Prediger, auf den ſie mit dem Blicke horchte, als ob die Ohren nicht genügt hätten, als ob ſie begriffen hätte, was man mit den Lippen ſage, könne nur vom Geiſte kommen, während, was man mit den Augen ſage, ſicher⸗ lich vom Herzen komme. Ich geſtehe, daß mich das, was ich geſehen und ge⸗ hört, ein wenig mit Miß Jeannie ausgeſöhnt hatte. Als meine Predigt beendigt war,— vielleicht, mein lie⸗ ber Petrus, geſchah es nur, um ihre Meinung zu hören; — doch ich wiederhole, als meine Predigt beendigt war, war ich feſt entſchloſſen, ihr den Arm zur Rückkehr nach Wirlsworth zu bieten. 168 Aber während der kurzen Station, die ich gemacht, war das Mädchen mit ſeiner Mutter weggegangen. In der Sacriſtei fand ich Herrn Smith, der mich erwartete und ſein Compliment gegen mich mit einem ſo aufrichtigen Ausdrucke ſprach, daß ich mich in ſeiner Abſicht nicht täuſchen konnte; vor der Thüre der Sa⸗ criſtei und der Kirche fand ich beinahe mein ganzes Auditorium, das mich ebenfalls erwartete, um mich zu beglückwünſchen. Das war ein Triumph, Sie werden es zugeſtehen, mein lieber Petrus; doch warum ſchien mir dieſer Triumph unvollſtändig? Weil demſelben eine Stimme fehlte, dieſe Stimme, welche ſo rein, daß alle andere Stimmen mir im Namen der Erde Glück zu wünſchen ſchienen, während ſie mir Glück wünſchend es im Na⸗ men des Himmels zu thun mir geſchienen hätte. Ich kehrte alſo nach Wirksworth zurück, wie ich gekommen war, nur in Geſellſchaft mit Herrn Smith, und ſchweigſamer noch bei der Heimkehr, als ich es nach Wetton gehend geweſen. Diesmal hatte ich nicht die Entſchuldigung des Nachſinnens, und dennoch über⸗ ließ mich der gute Paſtor Smith ganz meiner Träu⸗ merei. Ja, meiner Träumerei, mein lieber Petrus, denn unwillkurlich träumte ich von ihr; unter der durch ihre Mutter verwandelten Jeannie fand ich allmälig meine Unbekannte vom Fenſter wieder, und gleichwohl ſchüttelte ich den Kopf und ſagte zu mir ſelbſt:„Nein, nein, nein, nie!« Wir kehrten alſo nach Hauſe zurück, Miſtreß Smith und ihre Tochter erwarteten uns im Salon, Miſtreß Smith überſtrömte von Lobeserhebungen über meine Rede. Jeannie ſagte nicht ein Wort. Mein lieber Petrus, ich glaube, ich würde alle Lobeserhebungen der Mutter für ein Wort des Tadels der Tochter gegeben haben; das häͤtte mir wenigſtens 169 eine Gelegenheit geboten, mit ihr zu reden, ihr zu ant⸗ worten, mit ihr zu ſtreiten. Ihr Stillſchweigen brachte mich in Verzweiflung. Man meldete, das Frühſtück ſei aufgetragen. Ich ſetzte mich wüthend zu Tiſche. Hätte ich Jeannie nicht aufmerkſam und die Au⸗ gen von einem Ende der Predigt bis zum andern auf mich geheftet geſehen; hätte ich ſie nicht in dem Mo⸗ mente geſehen, wo ich von der Fähigkeit der Kinder, diejenigen, welchen ſie das Lebenslicht verdanken, zu verlaſſen, ſprach, hätte ich nicht geſehen, wie ſie mit einer Hand die Hände ihrer Mutter ſuchte und mit der andern eine Thraͤne in ihren Augen abwiſchte, ſo würde ich mir geſagt haben, ſie habe mich nicht gehört und folglich nicht verſtanden. Doch dies verhielt ſich nicht ſo; ſie hatte nicht ein einziges von meinen Worten ver⸗ loren, deſſen war ich ſicher. Ihr Stillſchweigen war li Halsſtarrigkeit, Unhöflichkeit oder wenigſtens Plump⸗ heit. Halsſtarrigkeit mit dieſen Augen ſo ſanft wie die einer Gazelle; Unhöflichkeit mit dieſer Stimme ſo zart wie ein Geſang; Plumpheit mit dieſer entzückenden Grazie! Das war ſchwer zu glauben, und dennoch mußte es ſo ſein.. Ich beſchloß auch, ihr Stillſchweigen mit meinem Stillſchweigen zu bezahlen; ich wußte, daß man das Frühſtück den Bemühungen von Miß Jeannie verdankte, und obſchon ich geſtehen muß, mein lieber Petrus, daß es vortrefflich war, obgleich dieſe Vortrefflichkeit noch gewürzt wurde durch einen entſetzlichen Hunger, der von meinen zwei Gängen am Morgen herrührte, ob⸗ ſchon ich allein die Hälfte dieſes Frühſtücks verſchlang, ſprach ich doch nicht ein Wort, welches glauben machen konnte, ich finde es gut. Nur fand zwiſchen uns Beiden der Unterſchied ſtatt, daß Jeannie ihr Stillſchweigen einfach und wie eine Perſon, die nichts zu ſagen hat, behauptete, wäͤhrend 170 ich ſchwieg wie ein Menſch, deſſen Herz voll iſt und den eine raſende Begierde, zu ſprechen, quält. Unter dieſem gegenſeitigen Stillſchweigen war das Frühſtuck ſehr verdrießllch, wie Sie ſich denken können, mein lieber Petrus. Miß Jeannie ſtand zuerſt auf und beſchäftigte ſich mit dem Thee mit derſelben Einfachheit, mit der ſie Alles ſeit unſerer Rückkehr von der Kirche gethan hatte. Mochte ſie ſich nun an ihr Coſtume ge⸗ wöhnt, mochte die Natur den Sieg über die unſelige Kunſt, in welche man ſie eingekerkert, davon getragen haben, allmälig nahm ſie wieder ihre natürliche Grazie und ihre gewöhnliche Einfachheit an. Ich war um ſo wüthender, daß ſie, die ſo einfach und natürlich, das Wort nur an mich richtete, um mir zu ſagen, der Thee ſei gemacht, und um mich einzula⸗ den, vom Tiſche zum Guéridon überzugehen. Was die Mutter betrifft, ſo ließ ſich leicht wahr⸗ nehmen, daß alle dieſe Zögerungen des Mahles und des Thees ſie bedrückten. Ich hatte auch kaum meine erſte Taſſe getrunken, als ſie, ohne mich zu fragen, ob ich eine zweite wolle, zu mir ſagte: „Herr Bemrode, Sie haben nur das Erdgeſchoß unſeres Häuschens beſichtigt; folgen Sie mir, und ich werde Ihnen den erſten Stock zeigen... Sie werden ſehen, daß er in ſeinen vier Mauern mehr Wohnungen enthält, als man von Anfang glauben ſollte, und daß ſtreng genommen, zwei Haushaltungen darin Platz hätten.“ Ich fühlte mich entzückt, das Zimmer zu verlaſſen, wo ſich Miß Smith befand, und wäre es nur, um ihr zu beweiſen, daß ich mich nicht im Geringſten um ihre Gegenwart bekümmere. Ich folgte alſo Miſtreß Smith mit einem grimaſ⸗ ſenhaften Lächeln, deſſen Tiefe ein feinerer Beobachter als der Greis oder eine neugierige Beobachterin als das Mädchen leicht ergründet hätten, von dem aber die gute Miſtreß Smith, der Pfarrer und Miß Jeannie nur die Oberfläche ſahen. und das nen, und heit, irche ge⸗ elige agen razie afach mir zula⸗ hahr⸗ und neine , ob ſchoß d ich ehen, hält, treng .44 aſſen, n ihr ihre imaſ⸗ achter 3 das gute ar die —— 171 Ich vermuthete, dieſe Reiſe in die erhabenen Brei⸗ ten des Hauſes habe keinen andern Zweck, als mir die Reichthümer zu zeigen, die mir unbekannt geblieben, da mir nur die unteren Regionen zu Geſichte gekommen. Ich täuſchte mich nicht. Das war eine zweite Ausgabe von der Forſchungs⸗ reiſe, die mich die gute Miſtreß Snart, als ſie mich im Pfarrhauſe zu Aſhbourn empfangen, hatte machen laſſen. Doch welch ein Unterſchied in der Abſicht, mein lie⸗ ber Petrus! Bei Miſtreß Snart war es Dankbarkeit; bei Miſtreß Smith war es Verführung. Ebenſo wie Miſtreß Snart leicht in mein Herz gelangt war, ebenſo beſchloß ich, mit aller Kraft meines Willens gegen Miſtreß Smith zu reagiren. Als ſie endlich ſah, daß ich trotz der Revue, die wir alle ihre Reichthümer paſſiren ließen, kalt und beinahe ſtumm blieb, ſagte ſie zu mir: „Lieber Herr Bemrode, ich glaube zu bemerken, daß Sie ein ſehr uneigennütziger Mann ſind.“ Ich machte mit dem Kopfe ein Zeichen, welches bedeutete, ſie täuſche ſich nicht. „Sie haben Recht,“ fuhr ſie fort,„die Uneigen⸗ nützigkeit iſt eine Tugend, welche um ſo lobenswerther, als ſie ſelten iſt. Doch glauben Sie mir, der weiſe Mann, undl ich, halte Sie für einen ebenſo weiſen als unin⸗ tereſſirten Mann, der weiſe Mann verachtet dieſen ehr⸗ lichen Wohlſtand nicht, ohne welchen die Ruhe des Geiſtes und der Friede des Gewiſſens beſtehen können, ohne den aber das wirkliche Glück nicht exiſtirt. In die Haushaltung mit Schulden eintreten, iſt ein ſchlech⸗ ter Anfang der Gemeinſchaft; man ſchlaͤft gut auf einem Strohſack mit Maisblättern gefüllt, aber man ſchläft noch beſſer auf weichen Roßhaarmatratzen. Ein Mann wie Sie bringt allerdings ſeiner Frau genug, wenn er ihr eine gute Pfarre wie die von Aſhbourn, und ein gutes Talent wie das Ihrige bringt. Aber in dieſem Falle muß die Frau etwas von ihrer Seite bringen, eine Mitgift, wenn auch nicht in Geld, doch wenigſtens in ſchönem Weißzeug und in gutem Haus⸗ geräth. Ich nehme an, Sie haben zuweilen hieran ge⸗ dacht, Herr Bemrode 24ε³ Der Angriff war ſo direct, daß ich meine Nerven ſich krampfhaft zuſammenziehen fühlte. „Nie, Miſtreß!“ erwiederte ich. „Wie!“ rief ſie,„nie? Sie haben nie an das Hei⸗ rathen gedacht?“ „Ich ſage das nicht,“ verſetzte ich.„Ganz im Ge⸗ gentheil, ich habe viel, ſeit einiger Zeit beſonders, daran gedacht.“ „Seit einiger Zeit!“ wiederholte Miſtreß Smith mit einer Stimme, deren Erſchütterung ſie nicht ver⸗ bergen konnte.„Sollten Sie denn ſchon Ihre Lebens⸗ gefährtin gewählt, ſollten Sie die Gattin Ihres Her⸗ zens gefunden haben?« Ich wollte, um welchen Preis es auch wäre, ſelbſt um den einer Lüge, dieſer Belagerung ein Ende machen. 1„Ja, Miſtreß,“ antwortete ich,„und zwar ſchon ange.“ „Sie ſind alſo im Begriffe zu heirathen 2 „Ich erwartete zu dieſem Ende nur, daß ich zum Pfarrer ernannt würde.“ „Und nun, da Sie es ſind? „Nun wird ſich hoffentlich nichts der Verwirklichung meiner Wünſche entgegenſetzen.“ „Ohl mein Gott!« murmelte Miſtreß Smith, in⸗ dem ſie eine Hand auf ihre Bruſt legte, als hätte ſie einen Stich mitten in's Herz bekommen, und die andere auf die Lehne eines Stuhles ſtützte, als ſchwankte ſie unter dem Streiche. Doch ſie erholte ſich alsbald wieder. Ich muß Ihnen bekennen, mein lieber Petrus, nach dieſem Geſtändniſſe war ich auf eine Veränderung in ihren Manieren gefaßt, und ich rechnete auf dieſe Veränderung, um in meinen Augen die Sünde zu ent⸗ ndere kte ſie etrus, erung dieſe ent⸗ 173 fuldigen, die ich durch eine ſo grobe Lüge begangen hatte. Doch es trat im Gegentheil ein ſchwermüthiges, wenn auch nicht ganz von einer gewiſſen Traurigkeit freies, Lächeln auf ihre Lippen; ſie reichte mir ihre Hand, die ſie einen Augenblick an ihr Herz gedrückt hatte, und ſagte zu mir: „Entſchuldigen Sie mich, lieber Herr Bemrode, ich wußte das nicht und hielt Sie für frei.“ An dieſen Worten, an dieſem Ausdruck, an dieſem Lächeln erkannte ich, daß ich mich in der Schätzung, die ich ein wenig oberflaͤchlich vom Charakter von Mi⸗ ſtreß Smith gemacht, getäuſcht hatte; ich ergriff die Hand, die ſie mir reichte, und ſtammelte: „Ich bin es, der Sie um Entſchuldigung bitten muß, liebe Miſtreß.“ „Und worüber?« verſetzte ſie;„darüber, daß Sie glücklicher ſind, als ich glaubte? Oh! nein, nein! es iſt kein Hintergedanke mehr in mir, keiner in meinem Geiſte, keiner in meinem Herzen; Herr Bemrode. Sie, lieben Jemand; die reine, die uneigennützige Liebe iſt das edelſte, ich möchte ſagen, das heiligſte von allen Gefühlen. Von dieſem Augenblick an werde ich jeden Tag Morgens und Abends zu Gott für Sie und für Ihre geliebte Lebensgefährtin beten. Sie lieben; ich habe Ihnen alſo nichts mehr zu wünſchen, als daß dieſe Liebe bis zum Grabe währen möge. Sie ſind gut, Sie ſind gelehrt, Sie ſind fromm; Ihre Pfarrkinder lieben Sie, achten Sie, bewundern Sie; Sie haben ein gutes Herz und ein gutes Gewiſſen: das iſt Alles, was man braucht, um den Segen des Himmels zu erlangen. Gott gibt Ihnen den ſeinigen, wie ich, ein armes Weib, Ihnen den meinigen gebe! Der Segen Gottes iſt das erſte Gut, das ſich der ehrliche Menſch in dieſer Welt wün⸗ ſchen kann... Sprechen wir nicht mehr hievon, lieber Herr Bemrode... Ihre Frau ſei ſanft, fromm, liebe⸗ voll... ſie mache Sie ſo glücklich als... 174 Sie unterbrach ſich, wechſelte raſch den Gedanken und fuhr dann fort: „Als ich Herrn Smith, der auch ein würdiger Mann iſt, glücklich zu machen geſucht habe. Kommen Sie, mein lieber Herr Bemrode, Sie haben nichts mehr zu ſehen, und ich habe Ihnen leider nichts mehr zu eigen.“ 1 Wonach ſie, eine verſtohlene Thräne abwiſchend, die Treppe hinabging. Ich folgte ir ganz gerührt und nahe daran, ſelbſt zu weinen, ohne recht zu wiſſen, ob ich ihr die Täu⸗ ſchung benehmen oder ſie im Irrthum laſſen ſollte. Doch ehe ich einen Entſchluß gefaßt, hatte ſie die Thüre vom Salon geöffnet. „Mein Freund, mein Kind,“ ſprach ſie, indem ſie ſich an ihren Mann und an ihre Tochter wandte,„ich habe Euch eine gute Kunde mitzutheilen: unſer theurer Nachbar, der Pfarrer Bemrode, iſt im Begriffe, ſich mit einer Perſon zu verheirathen, die ihn liebt und, wie ich hoffe, ſo glücklich machen wird, als er es zu ſein verdient.“ Der Pfarrer ſchaute ſeine Frau mit einer trium⸗ phirenden Miene an, Jeannie gab einen Schrei von ſich, der einem Freudenſchrei glich, und ſtürzte aus dem Zimmer. Ich muß geſtehen, ich ſah mit einem gewiſſen rſaunen dieſen Abgang, den ich mir nicht erklären onnte. Doch Herr Smith ließ mir nicht Zeit, mich hiemit zu beſchäftigen. „Kommen Sie hieher, mein junger Freund,“ ſagte er zu mir, indem er mir beide Hände reichte,„ich begreife, warum Sie dieſes Geſtändniß meiner Frau deinacht haben, und ich ſchätze Sie darum nur um ſo mehr.“ Dann wandte er ſich an Miſtreß Smith und ſprach: „Nun, Mutter, nun ſind wir erleichtert, und wir 175 werden heiterer zu Mittag ſpeiſen, als wir gefrühſtückt haben.... Mein lieber Nachbar,“ fügte Herr Smith lachend bei,„ich muß Ihnen etwas ſagen, was Sie ſchon bemerkt haben: die Mutter, dieſe vortreffliche Frau hier, hatte ſich nach dem Guten, was ich ihr von Ih⸗ nen bei meiner Rückkehr von Aſhbourn erzählt, eine gewiſſe Sache in den Kopf geſetzt, die liebe arme Frau! Zum Glück geſtattete Gott mit Ihrer Hülfe, daß ihre Thorheit nicht lange währte. Hievon die Reiſe nach Cheſterfield, um das abſcheuliche Damencoſtume zu kau⸗ fen, unter welchem ſie Ihnen, ohne mich zuvor davon in Kenntniß zu ſetzen, Jeannie gezeigt hat; hievon die zweideutigen Worte über die Heirath; hievon die Schau⸗ ſtellung aller unſerer Reichthümer... Wozu hat Dich Alles das geführt, Frau? Zum Untergange Deiner Hoff⸗ nung! Ah! ich ſagte es Dir wohl noch dieſen Morgen: „„Die unterirdiſchen Wege taugen zu nichts; ſobald man ſie betritt, hat man zwei Reiſegefährten, welche, der Eine vorne, der Andere hinten gehen; vorne der Zweifel, hinten die Angſt.““ Vom Morgen an gehſt Du ſo, Frau, und ich ſchaute Dir mit Traurigkeit, bei⸗ nahe mit Scham zu, wie Du auf jedem Schritte ſtol⸗ perteſt. Du ſchlugſt einen falſchen Weg ein, unſer Freund hat Dich auf den rechten Weg zurückgeführt!... Ich danke, Nachbar Bemrode, die Lection iſt gut geweſen, ich hoffe, ſie wird ſie benützen.“ „Mein Freund,“ ſagte Miſtreß Smith,„entſchul⸗ dige mich. Entſchuldigen Sie mich, Herr Bemrode, ich glaubte, es ſei nicht verboten, die Vorſehung ein we⸗ nig zu unterſtützen.“ „Frau,“ ſprach der Pfarrer,„behalte wohl Fol⸗ gendes: Die Vorſehung, eine Tochter Gottes, ſchwebt ſo hoch über unſern Häuptern, daß alle die kleinen Mittel, die wir anwenden können, um ſie unſern Launen unterwerfen, nicht zu der Hälfte der Höhe gehen, wo ſie ſich hält. Was in den Abſichten Gottes liegt, wird immer geſchehen, mag ſich der Menſch darein miſchen oder nicht darein miſchen; und das iſt ein Glück, denn Gott weiß beſſer als wir, was er uns verweigern oder gewähren ſoll. Danken wir alſo Gott ſelbſt für das ÜUngluͤck, das er uns ſchickt: was wir als ein Unglück betrachten, iſt zuweilen nur der Anfang unſerer Glück⸗ ſeligkeit. „Amen!“ murmelte traurig Miſtreß Smith. In dieſem Augenblick wurde die Thüre des Salon wieder geöffnet; ich wandte mich bei dem Geräuſche um und konnte mich eines Ausrufs des Erſtaunens und der Freude nicht erwehren. Es war Jeannie, nicht mehr ſo, wie ſie uns ver⸗ laſſen hatte, das heißt, mit ihrem gepuderten Chignon, ihren rechtwurzeligen Haaren, ihrem unter der rothen und der weißen Schminke verborgenen roſigen Teint, ihrem Kleide von brochirtem Peking, ihren rieſigen Reif⸗ röcken und ihren Schuhen mit den hohen Abſaͤtzen,— ſondern Jeannie mit ihrem mit Kornblumen bekränzten Strohhut, ihren im Winde flatternden blonden Haaren, ihrem friſchen Geſichte, ihrem weißen Kleide und ihrem blauen Gürtel. Sie trat lächelnd und hüpfend ein, ganz freudig, zugleich von ihrem Putze und von mir,— zwei Dinge, welche ſie ſehr zu beengen ſchienen,— befreit zu ſein. „Herr Bemrode,“ ſagte ſie,„Mama hat Ihnen ihre Wäſche, ihre ſilbernen Löffel und ihre nußbaumenen Schränke gezeigt; kommen Sie mit mir, ich zeige Ihnen meine Blumen, meine Hühner, meine Vögel. Sie er⸗ zählen mir von der jungen Miß, die Sie lieben und die ſehr hübſch ſein muß; und ich, ich werde mit Ihnen von Ihrer Predigt ſprechen, welche ſehr ſchön geweſen iſt.« Ich wandte mich gegen den Pfarrer und Miſtreß Smith um, als wollte ich ſie um Erlaubniß bitten, der Einladung des anmuthigen Kindes folgen zu dürfen. „Gehen Sie, gehen Sie,“ ſagte der Vater zu mir, „Gott will, was er will, und der Menſch iſt nur das blinde Werkzeug dieſes Willens.“ mit nn der das ück ick⸗ lon um der ver⸗ on, hen int, eif⸗ zten ren, rem dig, uge, n. hnen enen hnen e er⸗ und hnen iſt.“ iſtreß „ der en. mir, das 177 Ich nahm lebhaft den Arm von Jeannie und ging mit ihr hinaus. XVIII. Der Spaziergang. Muß ich Sie daran erinnern, mein lieber Petrus, daß ich kaum fünfundzwanzig Jahre zählte und Jeannie erſt neunzehn? Wir waren weniger im Leben vorgerückt, als die Natur im Jahre; die Natur war im Monat Juni, und wir, wir waren noch, Jeannie im April und ich im Mai. Unſer Herz blühte auch wie die Schlüſſelblumen, die den Weg beſprenkelten, und die Veilchen, die ihre Düfte darauf verbreiteten. Wir enteilten ganz freudig aus dem Auge der Eltern, wie der Vogel von Jeannie aus ſeinem Kaſich enteilte. Sie fragen ſich vielleicht, ob dieſe ganze Freude, dieſes ganze Glück, dieſe ganze Herzensluſt im Einklange mit meinem Titel als Pfarrer und mit der Sendung, mit der er mich betraue, geweſen ſeien. Ja, lieber Freund, ja; denn das Glück macht die⸗ jenigen, welche ſchlecht ſind, gut, und diejenigen, welche gut ſind, beſſer; ja, denn ich fühlte mich beſſer, als ich geweſen war. Ich hätte die Welt an meine ſprin⸗ gende Bruſt ſchließen mögen; ich hätte die Blumen meines Kranzes auf die Schritte der Menſchheit ent⸗ blättern mögen. 4 Wäre mir ein Bettler begegnet, ich würde ihm die Guinee und die paar Schillinge, die mir geblieben, gegeben haben. Was brauchte ich Geld? War ich nicht reich durch meine Liebe und mein Glück? War ich nicht Der Pfarrer von Aſhbourn. 1. 12 178 reich durch den Schatz, den ich verloren glaubte und wiedergefunden hatte: durch das ſchöne Mädchen mit den blauen Augen, den blonden Haaren, dem Strohhute und dem weißen Kleide? durch das ſchöne Mädchen, welches ſich auf meinen Arm ſtützte, als wäre es meine Schweſter geweſen, und für das ich, ich fühlte es, mehr als ein Bruder war. Jeannie aber hielt mich in ihrer Unſchuld für einen Freund, für einen Geſellſchafter, für einen Gaſt ihres Vaters, für nichts Anderes. Sie führte mich, wie ſie es geſagt, zu ihren Hüh⸗ nern, welche herbeiliefen, als ſie ſie erblickten, zu ihren Tauben, welche ſogleich um ſie her flogen. „Oh!l mein Gott!“ ſagte ſie,„arme Kleine! ich habe ihr Futter vergeſſen; zum erſten Male täuſchten ſie ſich, da ſie zu mir kamen.“ „Sie machen die armen Thiere ſehr ſelbſtſüchtig, liebe Jeannie, wenn Sie annehmen, ſie kommen nicht auch ein wenig um Ihretwillen.“ „Gleichviel,“ verſetzte ſie;„ich will nicht dieſe Er⸗ fahrung machen, die vielleicht zu meiner Beſchämung ausſchlagen würde; holen wir Futter.“ Wir liefen nach einer Art von Schoppen, wohin uns Hühner auf unſerer Spur trabend, und ſchöne, anmuthige weiße Tauben, um uns her flatternd, folgten. Ein an eine Kette gebundener Hund that Alles, was er konnte, um ſie zu zerreißen und auf uns zuzu⸗ ſtürzen; er heulte halb freudig, Jeannie zu ſehen, halb traurig, daß er ſie nicht liebkoſen konnte. Er war in Verzweiflung, nicht bei dem allgemeinen Feſte, dem ſich der Geflügelhof zu Ehren von Jeannie hingab, ſein zu dürfen. Scogar zwei Enten, ein Männchen und ein Weib⸗ chen, gefolgt von einem Dutzend junger Entchen, welche die gemeinſchaftliche Anziehungskraft aus der kleinen Lache zog, in der ſie plätſcherten, liefen hinter uns, die Nachhut dieſer ganzen gefiederten Schaar bildend, und mit ute hen, eine es, inen hres Hüh⸗ zu ich n ſie htig, nicht Er⸗ nung ohin böne, zten. lles, uzu⸗ halb inen unie Jeib⸗ elche einen uns, d, 179 Unter dem Schoppen war eine Kiſte und in dieſer Kiſte befand ſich allerlei Futter für die Gäſte des Ge⸗ flügelhofes. Hühner, Enten und Tauben kannten wohl dieſe Kiſte, die ſie, die Hühner pipend, die Enten quäkend, die Tauben ruchſend, begrüßten. Ich hob den Deckel der Kiſte und gab ihm meinen Kopf zum Stützpunkte, was uns mit beiden Händen daraus zu ſchöpfen erlaubte. Als unſere Hände voll waren, ließ ich den Deckel wieder fallen. Sie erinnern ſich, mein lieber Petrus, eines reizenden Kupferſtiches nach einem franzöſiſchen Gemälde, betitelt: Die kleine Pächterin? Es iſt eine ſchöne junge Frau, umgeben von einer ganzen geflügelten Welt, die auf ihr Futter wartet. Jeannie war das Original des Gemäldes. Die Hühner flogen, um ihre Hände zu erreichen, die Tauben ſetzten ſich auf ihre Schulter, die Enten erhoben ſich ungeſchickt auf ihren Pfoten und ſchlugen mit ihren Flügeln. Ich trat einen Augenblick zurück, um nach meiner Bequemlichkeit die Königin des geflügelten Reiches zu ſehen, und obſchon ich meine beiden Hände mit Korn gefüllt hatte, verließ doch nicht Einer der Unterthanen von Jeannie ſeine Gebieterin, um zu mir zu kommen. „Sehen Sie, liebe Nachbarin,“ ſagte ich zu ihr, „Sie waren ungerecht gegen dieſe armen Thiere.“ „Warten Sie,“ erwiederte Jeannie. Und ſie ſtreute ihr Korn aus. Die ganze geſiederte Familie warf ſich auf dieſes Korn, das in einem Augenblick verſchwand. 8 Dann blieb Alles mit dem Auge und dem Schnabel in der Luft, Alles drehte ſchwermüthig den Kopf hin und her und blinzelte mit dem Auge, um zu ſehen, ob dies wohl das Ganze ſei, was man von der kleinen Pächterin erwarten dürfe. 42* 180 „Nun iſt die Reihe an Ihnen,“ ſagte Jeannie. Und ich rief auch Hühner, Enten und Tauben mit der Stimme und der Geberde. Bei dem Futterregen, den ich um mich her ver⸗ breitete, entlief der ganze Hof von Jeannie ſeiner Ge⸗ bieterin, um mich als ſeinen König zu begrüßen, eine einzige weiße Taube ausgenommen, welche auf ihrer Schulter blieb, die roſigen Lippen von Jeannie mit ihrem roſenfarbigen Schnabel liebkoste und keine andere Nahrung nöthig zu haben ſchien, als die Küſſe, die ſie gab und empfing. „Nun, liebe Jeannie,“ ſagte ich,„Sie ſehen, daß es treue Herzen in dieſer Welt gibt.“ „Ja,« antwortete ſie lächelnd,„eines von fünfzig vielleicht, ich weiß es.“ „Ei!« verſetzte ich,„iſt das nicht viel, oder vielmehr, iſt das nicht genug? Sie nahm ihre Taube in ihre beiden Hände, küßte ſie, ohne etwas zu erwiedern, und warf ſie in die Luft. Doch, ſtatt in das Taubenhaus zurückzukehren, wo⸗ hin man ſie zu ſchicken ſchien, flog die Taube einige Augenblicke im Kreiſe um Jeannie her und ſetzte ſich wieder auf ihre Schulter. 4 „Jeannie,“ fügte ich lächelnd bei,„das beweiſt Ihnen, daß es nicht nur treue Herzen, ſondern auch ergebene Herzen gibt.“ Der Hund bellte fortwährend vor Freude und ſpannte ſeine Kette gegen ſeine Gebieterin an. „Laſſen Sie den armen Gefangenen nicht zu lange auf Ihren Beſuch warten,“ ſagte ich; ver würde einen Theil ſeines Verdienſtes verlieren.“ Wir gingen mit dem ganzen Zuge der Hühner und der Enten welche an unſere geringſten Schritte gefeſſelt zu ſein ſchienen, auf die Hütte des Hundes zu. „Es iſt Fidel,“ ſagte Jeannie;„als Nachbar müſſen Sie Bekanntſchaft mit ihm machen; binden Sie ihn ſelbſt los, damit dieſe Bekanntſchaft von Ihrer Seite durch 181 einen geleiſteten Dienſt und von der ſeinigen durch die Dankbarkeit beginne.“ Ich band Fidel los, und er ſprang freudig mitten unter den Hühnern, Enten und Tauben umher, ohne ſich darum zu bekümmern, wo er ſeine Pfoten auſſetzte. Die Tauben entflogen, die Hühner liefen erſchrocken davon, die Enten kehrten ſo ſchnell als ſie konnten nach ihrer Lache zurück. An Jeannie waren vor Allem die erſten Demon⸗ ſtrationen von Fidel gerichtet. In gerechter Theilung ſeines Dankes kam er dann zu mir. Ein paar Liebkoſungen, die ich ihm bezeigte, be⸗ gründeten unter uns einen Anfang von Freundſchaft. „Sehen Sie nun meine Blumen„ ſagte Jeannie. Ich hatte keinen andern Willen, als den der ſchönen Tochter des Pfarrers; mir ſchien, es ſei mein Beruf, hinter ihr zu gehen, dieſen Hals zu bewundern, der ſo ſchlank, dieſen Wuchs, der ſo zart, dieſen Fuß, der ſo leicht, daß ich jeden Augenblick befürchtete, das ätheriſche Ganze werde Flügel annehmen, zum Himmel aufſteigen und mich auf der Erde allein laſſen. Jeannie öffnete hinter einander zwei Gitter, und wir befanden uns in einem reizenden Gärtchen voller Blumen, wo Fidel mit der Berauſchung der Freiheit den Schmetterlingen nachſprang und hinter den Vögeln her bellte. Jeannie rief ihn zurück: Vögel und Schmetterlinge waren die Gäſte des Mädchens und die Einen und die Andern flatterten, da ſie wußten, daß ſie nichts zu be⸗ fürchten hatten, nach ihrer Gewohnheit rings um ſie. Fidel gehorchte, beruhigte ſich und folgte uns ernſt durch die Gänge, ſtatt in den Rabatten umher zu ſpringen. Dieſes Reich der Blumen war ein Zugehör der Herrſchaft von Jeannie. Mitten unter Roſen, Schwert⸗ lilien, Anemonen, Hyazinthen und Tulpen ſchien Jeannie 182 eine frei gemachte, lebendige, mit der Fähigkeit der Be⸗ wegung begabte Blume zu ſein. Sie ſprach mit dieſer ganzen glänzenden, wohlriechenden Vegetation, wie ſie mit ihren Hühnern, ihren Tauben und ihren Enten geſprochen hatte. Jede Blume hatte für Jeannie nicht nur ihren Blumennamen, ſondern auch ihren Freund⸗ ſchaftsnamen. Sie war die ältere Schweſter dieſer ganzen Familie, die ſie ſeit dem Frühling wie ein Mütterchen gepflegt hatte. Sie erzählte mir von der Unpäßlichkeit dieſer Syringe, von der Krankheit jener Ranunkel; ſie rühmte die ſchöne, kräftige Geſundheit dieſer Balſa⸗ minen.... Und man hätte glauben ſollen, die Blumen ihrer⸗ ſeits ſeien ihr dankbar, wie mit Gefühl begabte Weſen; man hätte glauben ſollen, ihre Wohlgerüche, die ſich zuweilen ſchaͤrfer zu ihr erhoben, ſeien eine Huldigung, die ihr die zärtlichſten darbringen; man häͤtte endlich glauben ſollen, das ſanfte Beben, das ihnen der Wind verlieh, deſſen Hauch ſie zu ihren Füßen beugte, ſei nichts Anderes, als die Anziehungskraft, die ſie auf die biegſamſten und die liebevollſten übe! Allerdings war dies eine Illuſion; doch mir ſchien, als verlängerten auf ihrem Wege die Roſenſträuche ihre Zweige, um ſie zurückzuhalten, als ließen die Syringen ihre Blüthenbüſchel flattern, als ſchüttelten die Jasmine ihren Schnee, und dieſe ganze balſamiſch duftende Welt begrüße ihre Gegenwart durch den Geſang der Nachti⸗ gallen, der Grasmücken und der Meiſen, welche ſo gut in den blühenden Gebüſchen verborgen, daß man un⸗ möglich wiſſen konnte, ob es die Wohlgerüche waren, welche Stimmen hatten, oder die Stimmen, welche Wohlgerüche hatten. An einer Ecke des Gartens, der durch ein Thürchen nach der Wieſe ging, angelangt, legte Jeannie ihren Finger auf den Mund, um mir Stillſchweigen zu em⸗ pfehlen; ich ſchwieg. Sie ging noch leichter und be⸗ zeichnete mir hiedurch, daß ich kein Geräuſch machen 183 dürfe, und ich folgte ihr, auf der Fußſpitze fort⸗ ſchreitend. Sie kam ſo zuerſt an ein dichtes Gebüſch von Schnee⸗ ballen und Syringen, das ſich von einer Gruppe grüner Bäume abhob. Sachte ſchob ſie die Zweige auseinan⸗ der, und mit einer Bewegung des Auges zeigte ſie mir ein im Blätterwerk verlorenes Neſt. Ich hatte Anfangs einige Mühe, es zu erſchauen, ſo künſtlich war es durch die weiſe Vorſicht der geflü⸗ gelten Architecten, die es gebaut, maskirt worden. Es war ein Grasmückenneſt; die Mutter ſaß darauf. „Fürchte dich nicht, Mütterchen,“ ſagte Jeannie mit ihrer ſanſten Stimme zu ihr. Und die Hand ausſtreckend, nahm ſie leicht die Mutter und hob ſie aus ihrem Neſte, in welchem ich fünf hellgraue, mit einem dunkleren Grau beſprenkelte Eier ſehen konnte. „Ohl« rief ich,„ſie brütet; ſetzen Sie ſie raſch wieder auf ihr Neſt. Sie wiſſen, daß die Vögel ihre Neſter verlaſſen, wenn ſie wahrnehmen, daß man es angerührt hat.“ „Die andern Vögel vielleicht,“ erwiederte Jeannie, „doch die meinigen nicht, Sie werden es ſehen.“ Und ſie hielt die Grasmücke an ihre Lippen und küßte ſie, dann an die meinigen, und ich küßte ſie auch, uokanſ ſie das arme Thierchen wieder auf ſein Neſt etzte. Die Grasmücke breitete ſogleich ihre einen Augen⸗ blick zuſammengezogenen Federn aus und verſenkte ſich in die Höhlung, die ſie ganz mit ihrem Leibe bedeckte. „Sehen Sie,“ ſagte Jeannie zu mir, indem ſie ſich gegen mich umwandte,„ſie entflieht nicht einmal.“ Ich machte ein bejahendes Zeichen. Ich ſah in der That, jedoch durch eine Wolke. Jeannie hatte mir, während ſie mir die Grasmücke zu küſſen gegeben, auch ihr Hand gegeben, ſo daß meine 2 184 Lippen ein wenig auf den Kopf des Vogels und viel auf die Hand des Mädchens gekommen waren. Jeannie lächelte in ihrer Unſchuld; ſie hatte nicht einmal dieſen mit einem Vogel getheilten Kuß gefühlt, der, indeß er ſie unempfindlich ließ, mir einen ſo ſüßen Schleier auf die Augen warf. f Sie bemerkte indeſſen dieſe Art von Blendung, der ich preisgegeben war. „Sie haben nicht wie ich einen großen Strohhut, mein lieber Herr Bemrode, und die Sonne thut Ihnen wehe,“ ſagte ſie;„gehen wir ein wenig in den Schatten.“ Und ſie öffnete die Thüre des Gartens, der auf eine ſchöne, mit vielen Bäumen bewachſene Wieſe ging, unter deren Schatten Fidel zuerſt hinausſtürzte, wohin ſie dann Fidel folgte, und wohin ich ihr folgte. XIX. Wo wir wenig von meiner Predigt und viel von der Frau ſprechen, die ich liebte. Es ließ ſich unmöglich dem Auge, dem Geruche, ich möchte beinahe ſagen, dem Gefühle, kurz allen Sinnen ein reizenderer Contraſt bieten, als der, wel⸗ chen die friſche, düſtere Wieſe, in die wir eintraten, mit dem Garten voll von Licht, Farben und Wohlgerüchen, den wir verließen, bot. Sie war die Mitte zwiſchen dem Tage und der Fin⸗ ſterniß, dieſe grüne Au bepflanzt mit ungeheuren Erlen und rieſigen Zitterpappeln; zu unſerer Rechten breitete ſich ein wahrer Wald aus, hauptſächlich beſtehend aus dieſen Bäumen, welche ſo gut auf den feuchten Terrains wachſen; zu unſerer Linken war eine lange Weidenallee, viel icht hlt, ßen der zut, nen 1.(0 auf ng, hin von che, llen wel⸗ mit hen, Fin⸗ rlen itete aus ains llee, 185 ein reizendes Bächlein einfaſſend, das ſein ewiges Lied murmelte, während es zugleich in ſeinem Laufe und auf ſeiner Oberfläche die azurnen Blüthen des Immergrün und die Augen der Mausöhrchen zittern machte. Jen⸗ ſeits des Baches, auf dem rauhen Teppich einer friſch eemähten Wieſe, erhoben ſich gelbliche Heuſchober, die den heißen Mittagslüften ihre ſcharfen Wohlgerüche zuwarfen. Wir marſchirten ſo ungefähr fünf Minuten, Fidel laufend und bellend, Jeannie dem kleinen Fußpfade folgend, der nur für eine Perſon breit genug war, und ich, meine Schritte nach denen von Jeannie abmeſſend; endlich blieb ſie unter einer Weide, welche dicker als die andern, ſtehen; das zerknitterte Gras am Fuße die⸗ ſer Weide deutete eine gewöhnliche Station an. Sie nahm ihren Hut ab, hing ihn an einen Zweig, ſetzte ſich und hieß mich durch ein Zeichen neben ſie ſitzen. Ich gehorchte. Fidel ſprang über den Graben, be⸗ ſchrieb einen großen Kreis auf der Wieſe und legte ſich ernſt uns gegenüber nieder. Während ſie dann einen Strauß von Blumen ihres Gartens und von Feldblumen zuſammenband, wandte ſich Jeannie gegen mich um und ſagte zu mir: „Mein lieber Nachbar, als wir Beide ausgingen verſprach ich, Ihnen meine Hühner, meine Tauben und meine Blumen zu zeigen; Sie habe Alles dies geſe⸗ hen... Ich fügte bei, ich werde Ihnen meine Com⸗ plimente uͤber Ihre Predigt machen. Ihre Predigt war ſehr ſchön, und Sie bezweifeln es nicht, denn Sie haben meine Thränen geſehen; Thränen aber ſind mehr werth als Lobeserhebungen. Endlich ſagte ich, Sie Ihrerſeits ſollen mit mir von der Frau erzählen, die Sie lieben. Sie haben nichts geantwortet, da⸗ durch aber, daß Sie nichts geantwortet, machten Sie ſich anheiſchig; wer nichts ſagt, willigt ein, oder das Sprüchwort iſt falſch. Es iſt alſo nun an Ihnen, zu ſprechen, und an mir, zu ſchweigen, lieber Nachbar. Sprechen Sie, ich ſchweige, ich höre.“ 186 Ich ſaß auf meinen Ellenbogen geſtützt neben ihr, ſchaute ſie im Profil an und fand ſie ſo anbetungs⸗ würdig; es war alſo von ihr, wie Sie ſehen, mein lie⸗ ber Petrus, der Augenblick gut gewählt, um mich auf⸗ zufordern, von der Frau zu ſprechen, die ich liebte. Es erfaßte mich die Verſuchung, entweder ſie in meine Arme zu nehmen, oder mich zu ihren Füßen zu werfen und auszurufen: 9„Jeannie, Jeannie! die Frau, die ich liebe, biſt u.“ Doch ich wagte es nicht, und dann, ſoll ich es Ihnen ſagen, mein Freund? die Lage war ſo ſüß, ich fühlte mich ſo glücklich, bei ihr zu ſitzen, ich fand ſie ſo ſchön anzuſchauen, daß ich noch nicht mit dem Glücke, welches mich erfüllte, endigen wollte, und wäre es ſo⸗ gar durch ein größeres Glück. „Theure Jeannie,“ ſprach ich,„Sie wollen alſo diejenige, welche ich liebe, kennen lerrnen?“ „Ja; mein Vater hat uns ſo viel Gutes geſagt...“ Sie ſah, welchen Weg ſie eingeſchlagen, und da ſie nicht zurückweichen wollte, ſo fuhr ſie lächelnd und zugleich erröthend fort: 4 „Mein Vater hatte uns ſo viel Gutes von Ihnen geſagt, daß Sie geſehen, zu welcher Tollheit dadurch meine Mutter angetrieben wurde.“ „Eine Tollheit, die Sie nicht einen Augenblick theilten, nicht wahr, Jeannie? „Ohl ich haßte Sie; waren Sie nicht Schuld, daß man mich an den Haaren zog, um die abſcheuliche ſteife Friſur zu Stande zu bringen, daß man meinen Leib in einen eiſernen Körper einzwaͤngte, daß man mich auf Abſätzen gehen ließ, die mich um zwei Zoll größer machten und mir die Füße verkrümmten? Mir ſcheint, es war da Grund genug vorhanden, um Jemand zu haſſen.“ „Ja, doch jetzt 24 „Oh!l jetzt, das iſt etwas ganz Anderes. Von dem 187 Augenblicke an, wo meine Mutter auf iihre Abſichten auf Sie verzichtet hat, von dem Augenblicke, wo ich meine kleinen Schuhe wieder anziehen, meinen eiſernen Kör⸗ per von mir werfen, und den Puder bis auf das letzte Theilchen aus meinen Haaren ſchütteln konnte, von ieſem Augenblicke haſſe ich Sie nicht nur nicht mehr, ſondern... „Wahrhaftig? Und Sie glauben, ich begnüge mich damit, daß Sie mich nicht mehr haſſen 2 „Sie haben mich unterbrochen,“ verſetzte ſie;„ich woollte Ihnen geſtehen, daß ich Sie nicht nur nicht mehr haſſe, ſondern ſogar wie einen Bruder liebe.“ „Dank!« rief ich, indem ich ihre Hand ergriff, Dank, Jeannie.“ „Da ich Sie nun liebe wie meinen Bruder, ſo will ich die Frau kennen, mit der Sie verlobt ſind, um ſie zu lieben wie eine Schweſter,“ fuhr das Mädchen fort. „Ich habe Ihnen nicht geſagt, ich ſei verlobt, Jeannie.“ 4„Ohl mein Gott!“« ſprach ſie, während ſie ihre Sand aus der meinigen zu ziehen ſuchte,„verlobt oder nicht, da Sie ſie lieben, und da Sie von ihr geliebt werden...“ Ich hielt ihre Hand feſt. „Ich habe Ihnen geſagt, ich liebe ſte, Jeannie, ch ſagte Ihnen aber nicht, ich werde geliebt.“ „Wie!“ rief Jeannie ganz erſtaunt, ohne ſich mehr um ihre Hand zu bekümmern, die ſie mir überließ, „Sie lieben eine Frau, die Sie nicht liebt?“ „Jeannie,“ ſprach ich, indem ich ſie mit Zärtlichkeit aanſchaute,„hat man nie geſehen, daß man Jemand liebt, der uns nicht liebt?“ 3„Ich weiß es nicht,“ antwortete ſie. Dann ſchaute ſie mich mit einer mitleidigen Miene an und fügte bei: „Ohl mein Gott! ſollten Sie das Unglück haben, zu lieben, ohne geliebt zu werden?“« 188 „Ich habe das Unglück, eine Perſon zu lieben, die nicht weiß, daß ich ſie liebe.“ „Haben Sie es nie gewagt, ihr Ihre Liebe zu geſtehen?“ „Ich habe ſie nur ein einziges Mal in meinem Le⸗ ben geſprochen.“ „Wie konnten Sie ſich in eine Frau verlieben, die Sie nur ein einziges Mal geſehen?«. „Ich ſagte Ihnen nicht, Jeannie, ich habe ſie nur ein einziges Mal geſehen, ich ſagte Ihnen, ich habe ſie nur einziges Mal geſprochen.“. „Ohl das iſt alſo ein ganzer Roman!“ rief heiter das Mädchen... „Ja, ein ganzer Roman, liebe Jeannie, ein Schäfergedicht von Longus.“ „Und Sie werden mir das hoffentlich erzählen.“ „Wenn Sie es erlauben, Jeannie...“ „Ob ich es erlaube? Ich glaube wohl, daß ich es erlaube; ich thue noch mehr, ich bitte Sie darum.“ Es wäre mir nicht möglich, Ihnen zu ſagen, mit welcher reizenden Coquetterie, die zugleich ganz den Stempel der Unſchuld und der Naivetät an ſich trug, Jeannie dieſe letzten Worte ausſprach. Hätte ich ſie nicht geliebt, ſicherlich wäre ich hier unter dieſer Weide, neben ihr ſitzend, bei dieſem zu un⸗ ſern Füßen murmelnden Bache, bei dieſen über unſern Häuptern ſingenden Vögeln, bei dieſem lebhaften, aus dem Schatten kommenden Maiblümchendufte, bei dieſem ſcharfen aus der Sonne kommenden Heugeruche, bei ihrer in der meinigen ruhenden Hand, bei ihren auf mich gehefteten Augen, bei ihrem ſanften, meinen Ge⸗ danken im Grunde meines Herzens ſuchenden Lächeln, bei ihrer meine Worte auf den Rand meiner Lippen rufenden Neugierde, ich wäre bei Allem dem ſicherlich zu dieſer Stunde, in dieſem Augenblick in ſie verliebt geworden. „Oh! ja, ja, Jeannie!“ rief ich, indem ich lebhaft 189 ihre Hand an meine Lippen zog,„oh! ja, ich werde Ihnen ſagen, wen ich liebe, und nicht wahr, Sie brin⸗ gen mich nicht dadurch in Verzweiflung, daß Sie mir erwiedern, man vermöchte mich nicht zu lieben 2 Das Mädchen ſchaute mich mit Erſtaunen an. „Hören Sie,“ ſprach ich,»es iſt das erſte Mal, daß ich liebe; vor acht Tagen kannte ich die Liebe nur dem Namen nach, oder vielmehr, ich kannte ſie nicht einmal dem Namen nach.“ „Vor acht Tagen? „Ja.“ „Und plötzlich,“ verſetzte ſie lachend,„plötzlich ha⸗ ben Sie dieſes Wunder der Schöpfung entdeckt, das Ihr Herz feſſeln ſollte, und Sie haben nur ſo geliebt?“ „Ganz richtig, Jeannie, es iſt geſchehen, was Sie ſagen. Hörten Sie nicht zuweilen erzählen, man habe in einem Winkel des Himmels, den man für öde hielt, plötzlich mit Hülfe eines Teleſkops einen bis dahin un⸗ bekannten, aber dennoch den ſchönſten, den glänzendſten der Sterne entdeckt?« „Und Sie haben dazu ein Teleſkop gebraucht?“ „Ja, Jeannie, und darum kenne ich den Stern, ohne daß er mich kennt, darum ſehe ich ihn, ohne daß er mich ſieht.... Zwei Tage iſt der Himmel bedeckt ge⸗ weſen; zwei Tage war der Stern verſchwunden; während dieſer zwei Tage habe ich nicht gelebt; die Erde ſchien mir entvölkert, der Himmel leer, die anderen Sterne exi⸗ ſtirten nicht mehr, oder ich ſchaute ſie vielmehr nicht an. Endlich habe ich ihn wiedergeſehen, doch nebelig, doch verſchleiert; da glaubte ich mich getäuſcht zu haben, ich zweifelte an meinem Teleſkop, ich zweifelte an meinen eigenen Augen, ich zweifelte an ihm ſelbſt. Zum Glück war es diesmal, daß ich mich wirklich täuſchte... Plötz⸗ lich befreite er ſich von den Wolken, die ihn umhüllten, und ich fand ihn wieder rein, keuſch, glänzend, ſo daß Sie mich nach allenz meinen Zweifeln, nach allen meinen Befürchtungen beruhigter und mehr als je in dieſen Stern verliebt ſehen.“ 190 „Hören Sie, Herr Bemrode,“ ſagte Jeannie, welche ernſter geworden war, ohne ſtrenger zu ſein,„ich verſtehe die figürliche Sprache nicht recht, und ich habe beſonders nicht den Geiſt, der ſubtil und geſchmückt ge⸗ nug wäre, um Ihnen in demſelben Style zu antworten. Laſſen Sie alſo Ihren Stern vom ſiebenten Himmel her⸗ abſteigen, wohin Sie ihn ſo geſetzt haben, daß man ihn nur vermittelſt des wunderbaren Teleſkops, mit deſſen Hülfe Sie ihn entdeckt, ſehen kann; iſoliren Sie ihn ein wenig mehr, ſtellen Sie ihn in meinen Geſichts⸗ ſtrahl, und dann erſt werde ich Ihnen ſagen, was ich davon denke, und was Sie davon denken llen. Indem ich ſie ſo hörte, begriff ich, mein lieber Petrus, der äußerſte Augenblick des Daſeins, wo es dem Menſchen gegeben iſt, zwiſchen der Freude oder der Traurigkeit, zwiſchen dem Leben oder dem Nichts zu wählen, ſei für mich gekommen; ich ſah ein, Gott habe das Leben und die Freude in meinen Bereich geſtellt, und ich brauche nur die Hand auszuſtrecken, um Beides zu ergreifen. Ich erzählte ihr Alles: meine Ankunft in Aſhbourn, wie ich von der Witwe des Pfarrer Snart aufgenommen worden, wie ich in dieſer würdigen Frau eine zweite Mutter zu finden geglaubt hatte, wie ſie mich einen Augenblick ihren Sohn genannt. Ich ſagte ihr meinen Schmerz, als ich ſie bei meiner Rück⸗ kehr todt fand, meine Vereinzelung, meine Noth; dann wie durch die Mildherzigkeit meiner Pfarrkinder meine Noth verſchwunden und nur die Vereinzelung geblieben war; wie ſofort durch eine Gnade der Vorſehung, durch ein Liebeswerk des Herrn auch dieſe Vereinzelung ver⸗ ſchwunden. Ich machte ihr eine Beſchreibung von dem weiß, roth und grünen Häuschen, das mit ſeiner Um⸗ gebung von Bäumen und Blumen mein einziger Hori⸗ zont geworden. Ich ſchilderte ihr dieſes Fenſter, den reizenden Rahmen eines noch viel reizenderen Portraits. Sie wohnte alle meinen Hoffnungen bei, wenn meine Unbekannte erſchien, allen meinen Bangigkeiten, wenn elche „i habe t ge⸗ rten. her⸗ man mit Sie ſchts⸗ s ich ieber o es r der 3 zu habe tellt, eides ft in art digen wie Ich Kück⸗ dann ꝛeine eeben zurch ver⸗ dem Um⸗ dori⸗ den aits. reine venn 191 das Fenſter leer oder geſchloſſen war. Ich verbarg ihr nicht meine zwei Ausflüge am Abend, nicht den einen, wo ich mich darauf beſchränkt hatte, auf die Landſtraße zu gehen und das Lob von Herrn Smith und ſeiner Toch⸗ ter zu vernehmen, nicht den andern, wo ich meinen Gang fortgeſetzt bis zu dem Hauſe, das erloſchen, faſt todt, mit Ausnahme eines Funkens von Licht und Leben in der untern Stube, den ich durch das Gitter an der Straße erſchaut hatte, von welchem Gitter ich durch die Stimme von drei Männern und das Geräuſch eines Wagens ver⸗ trieben worden war. Sie konnte mir nach meiner Woh⸗ nung folgen, mich in das Pfarrhaus eintreten ſehen, das düſterer, einſamer, leerer, als je; ſie konnte mit mir in mein Zimmer ohne Licht hinaufſteigen und hier wahr⸗ nehmen, wie ich maſchinenmäßig mein Fenſter öffnete und plötzlich, da ich den verſchwundenen Stern wiederfand, einen Schrei ausſtieß. Dann, nach dieſem Ganzen, kamen die Einzelnheiten: der Käſich und der Stieglitz, die weißen Bettvorhänge, die Lehnſtühle vonZitz mit roſenfar bigen Blumen, der blaue Porzellantopf, der Strohhut und der Kornblumenkranz; nichts wurde weggelaſſen, nichts ver⸗ geſſen, nicht einmal meine Enttäuſchung, mein Verdruß am Morgen, als ich meine blonde Unbekannte mit dem weißen Kleide und dem blauen Gürtel in eine ſteif friſirte Stadtdame mit einem Kleide von brochirtem Peking und ſchwankend auf Pantoffeln mit hohen Abſätzen verwandelt, wiederſah. Hier angelangt, mußte ich bis zum Ende gehen und Alles ſagen, bis auf meine Liebe. Ich ſagte ſie, ich ſagte aber auch meine Freude, mein Glück, als ich den reizenden Schmetterling, den ich geträumt, in dem Augenblick wiederfand, wo er glän⸗ zender, friſcher, luftiger, als je, aus ſeiner Puppe her⸗ vorkam. Ich nahm eine nach der andern alle die Ein⸗ zelnheiten dieſer letzten Stunde, welche raſch wie eine Secunde entflogen war, und dennoch mein ganzes zu⸗ künftiges Leben enthielt; ich ſprach vom Geflügelhofe 192 mit ſeinen Hühnern, ſeinen Enten, ſeinen Tauben, das chen heißt vom materiellen Leben; ich ſprach vom Garten mit meit ſeinen Blumen, ſeinen Singvögeln, ſeiner Sonne, das Wor heißt vom poetiſchen Leben; von dieſer Wieſe mit ihrem Schatten, ihrem murmelnden Bache, ihren entfernten tern Wohlgerüchen, das heißt vom träumeriſchen, geſammelten Leben; ich hielt in meiner Erzählung nur beim Ende Aug meines Romans ſelbſt an, der mich hieher unter dieſe gen⸗ Weide, wo ich neben ihr ſaß, führte; und dann rief ich der aus: wor „Jeannie, theure Jeannie, Sie kennen nun die führ Vielgeliebte meines Herzens; meine Freude oder mein Int Schmerz hängt von ihr abz ſagen Sie mir, meine theure um Jeannie, ſoll ich hoffen oder verzweifeln?“ ein Jeannie hatte den ganzen Anfang meiner Erzäh⸗ toff lung ihre ſchönen, lächelnden Augen fragend auf mich ſoge geheftet angehört, denn ſie begriff noch nicht und um glaubte, es ſei von einer Andern die Rede; dann, all⸗ des mälig, hatte ſie errathen, daß es ſich um ſie handelte. dieſ Da hatte ſie langſam ihre Augen geſenkt, doch ohne Wi daß ſie auf mich zu hören nachließ. Endlich war eine ſan lebhaftere Röthe uͤber ihre Wangen gezogen, eine raſchere ich Bewegung hatte ihre Bruſt gehoben; plötzlich war ſie wa aufgeſtanden, jedoch immer mehr erröthend, unbeweglich hal und einer Bildſäule der Beſcheidenheit ähnlich ſtehen geh geblieben.... Und ich, ich war bei den letzten Worten ſetz vor ſie niedergekniet und hatte ſie an ihrer ſchönen Hand me zurückgehalten, denn ſie hatte ſich entfernen zu wollen hat geſchienen;z doch bei meiner Bitte, bei dem leichten wu Schmerzensſchrei, der mir entſchlüpfte, als ich fühlte, Nu daß dieſe Hand nahe daran war, aus der meinigen zu wei gleiten, bekam ſie Mitleid mit mir und blieb. Ihr Mit⸗ ner leid machte mich glücklich, denn in dieſem Falle, wie Me Sie wiſſen, gelehrter Profeſſor der Philoſophie, in die M ſem Falle iſt das Mitleid nichts Anderes, als ein Anfang We von Liebe. 3 übe Ich blieb alſo mit einem Knie auf der Erde, keu⸗ 193 das chend, das Auge auf ſie geheftet, ihre Hand in der mmit meinigen preſſend, und hatte nur noch die Kraft, die das Worte zu murmeln:„Jeannie!... theure Jeannie!“ hrem Dann ſprach ſie mit ihrer ſanften und zugleich zit⸗ rnten ternden Stimme: eelten„Herr Bemrode, mir ſcheint, was Sie in dieſem Ende Augenblicke thun, iſt ſchlimm, und der Umweg, den Sie dieſe genommen haben, ſehr ſpitzfindig für einen Menſchen, ef ich der liebt. Doch gleichviel, ich werde Ihnen einfach ant⸗ . worten. Ja, als meine Mutter mich nach Cheſterfield n die führte, um mich kleiden zu laſſen, wie die Braut des mein Intendanten vom Grafen von Alton, als ſie mir ſagte, heure um Ihnen zu gefallen, müſſe ich meine Haare pudern, 1 ein abſcheuliches brochirtes Kleid und dieſe hohen Pan⸗ rzäh⸗ toffeln anziehen, die mich nicht nur zu laufen, ſondern mich ſogar zu gehen verhinderten, da ſchien mir, ein Mann, der, und um zu lieben, von einer Frau alle Opfer des Einfachen, „all⸗ des Natürlichen, des Wahren fordere, müſſe ſchlecht lieben; ldelte. dieſer Mann werde meine Vögel, meine Blumen, meine ohne Wieſe haſſen; es ſei ein anderes Leben, als mein ſo eine ganftes, ſo friedliches, ſo ruhiges, dieſes Leben, in das ſchere ich eintreten ſollte. Wie Sie gegen mich eingenommen ar ſie waren, ſo war ich dann gegen Sie eingenommen. Ich beglich habe meine Mutter, die mich zur Eile antrieb, zuruͤck⸗ ſtehen gehalten, um nicht den Weg mit Ihnen zu machen; ich Borten ſetzte mich, oder vielmehr, meine Mutter ſetzte mich zu Hand meinem Bedauern gerade der Kanzel gegenüber, und ich vollen hatte die Abſicht, Ihre Predigt ſchlecht zu finden; das eichten wurde mir unmöglich, denn Ihre Predigt war ſchön. fühlte, Nur hat mich der Text mehr noch, als Ihre Worte, gen zu weinen gemacht, denn der Text ſagte:„„Du ſollſt Dei⸗ Mit⸗ nen Vater und Deine Mutter verlaſſen, um Deinem „ wie Manne zu folgen,« und meinen Vater und meine n die: Mutter verlaſſen ſchien mir das größte Unglück der nfang Weltz; als die Predigt beendigt war, weinte ich zugleich über den Text und über Ihre Worte; denn ich wieder⸗ e, keu⸗ Der Pfarrer von Aſhbourn. I. 13 — 194 hole, Sie waren ſehr beredt; doch ich grollte Ihnen, daß Sie einen ſolchen Gegenſtand gewählt hatten.... Darum ging ich zuerſt weg, und wie ſehr auch meine Mutter in mich drang, ich wollte nicht auf Sie warten. Hievon mein Stillſchweigen bei Ihrer Rückkehr; zehnmal kam mir das Verlangen, Ihnen Glück zu wünſchen, doch ich hatte nicht den Muth hiezu. Als Sie mit meiner Mutter hinausgingen,— ich muß Ihnen doch wohl Alles ſagen?— als Sie mit meiner Mutter hin⸗ ausgingen, ſtand ich auf, trat auf meinen Vater zu, küßte ihn auf die Stirne, kniete dann vor ihm nieder, faltete die Hände und ſprach zu ihm:„„Nicht wahr, guter Vater, Du wirſt nicht verlangen, daß Deine Toch⸗ ter einen Mann heirathet, den ſie nicht liebt, und der ſie unglücklich machen würde 2 „Oh! Jeannie, Jeannie!“ rief ich. „Warten Sie doch,“ verſetzte das Mädchen mit einem anbetungswürdigen Lächeln,„Sie haben mir Alles ge⸗ ſagt, laſſen Sie mich Ihnen auch Alles ſagen. Mein Vater iſt gut, mein Vater liebt mich, er antwortete mir: „„Mein Kind, Du wirſt nie einem andern Manne ge⸗ hören, als dem, welchen Du gewählt haſt.«e Da ſiel ich ihm um den Hals und küßte ihn noch zärtlicher, als das erſte Mal. In dieſem Augenblicke geſchah es, daß Sie mit meiner Mutter zurücktehrten, und daß meine Mutter verkündigte, Sie lieben eine andere Frau und werden ſich bald verheirathen. Bei dieſer guten Kunde fühlte ich mein Herz lächeln; hätte ich es gewagt, ich würde in die Hände geklatſcht haben und vor Freude geſprungen ſein. Da es mir aber wenigſtens frei ſtand, wieder als das zu erſcheinen, was ich war, ſo eilte ich aus dem Zimmer und ſtieg raſch in mein Stübchen hinauf, um mich dieſes verhaßten Putzes zu entledigen, und ſowie ich meine Haare entpuderte, ſowie ich mein Kleid auseinander ſchnürte und an das andere Ende der Stube meine Pantoffeln mit den hohen Abſätzen warf, ſchienen Sie mir viel ſchöner, viel liebenswürdiger, daß eine ten. mal hen, mit doch hin⸗ zu, eder, ahr, och⸗ der inem 3 ge⸗ zater mir: 2 ge⸗ ſiel 19⁵5 viel beredter, als eine Stunde zuvor. Ich erinnerte mich, den Tert Ihrer Predigt in der Bibel geleſen zu haben, und da er in der Bibel ſtand, ſo wunderte ich mich nicht mehr, daß Sie ihn gewählt hatten. Endlich ging ich wieder hinab, behende, freudig, mit leichtem Herzen. Ich fand Sie im Salon, und ich ſagte mir, ich ſei ungerecht gegen Sie geweſen; mir ſchien, Sie müßten meine Vögel, meine Blumen, den Schatten der Weiden, den Spaziergang am Rande des Baches lieben; ich ſprach zu Ihnen:„„Kommen Sie!“« und Sie kamen. Da, als kennete ich Sie ſchon ſeit zehn Jahren, erzählte ich Ihnen meine Luſtbarkeiten, meine Freude, mein Leben; Sie gaben meinen Hühnern zu freſſen; Sie ſtreichelten Fidel; Sie küßten meine Grasmücke; Sie ſetzten ſich zu mir, athmeten die Düfte der Wieſe ein, und ich fürch⸗ tete Sie nicht nur nicht mehr, ſondern ich liebte Sie ſogar wie einen Bruder. Sie fragen mich nun, ob ich Sie anders lieben könne; ich weiß es nicht, denn da ich nie mit einem andern Menſchen, als mit meinem Vater und mit meiner Mutter Umgang gepflogen, da ich nur die Bauern dieſes Dorfes geſehen habe, ſo iſt mir die Liebe völlig unbekannt. Doch Sie, der Sie ſo gelehrt ſind, wenn ich Sie liebe, werden Sie es wohl ſehen, Sie werden es mir ſagen, und obgleich Sie ein⸗ mal gelogen haben, werde ich Ihnen doch zu glauben bemüht ſein.“ „Oh! Jeannie, Jeannie!“ rief ich,„Sie ſind ein Engel der Unſchuld! Ja, Sie werden mich lieben, wie ich Sie liebe!“ „Das iſt mir ſchon recht,“ verſetzte das Mädchen, während es mir wieder ſeine Hand gab, die es mir ent⸗ zogen hatte. Und ich drückte abermals meine Lippen darauf, doch diesmal geſchah es nicht durch Ueberfall. Ich fühlte auch dieſe Hand unmerklich, das erſte Mal, unter meinem Kuſſe beben. „Gehen wir nach Hauſe, Herr Benfodest ſprach 4 ½ 196 Jeannie;„mir ſcheint, nach dem, was wir uns geſagt haben, iſt es für mich ein Bedürfniß, meine Mutter zu umarmen.“ Und wir gingen neben einander, ohne uns ein ein⸗ ziges Wort zu ſagen, ſo voll waren unſere Herzen. XX. Die Prüfung. Ich kehrte allein in den Salon zurück... Nach⸗ dem ſie ihre Mutter, die ſie im Hofe traf, mit einer Zärtlichkeit und einem Erguſſe umarmt hatte, daß die gute Frau darüber in Erſtaunen gerieth, ging Jeannie in ihr Stübchen hinauf, wo ſie bis zur Stunde des Mittageſſens blieb. Und... ſeltſam!... dieſe Abweſenheit machte mich beinahe freudig; mein Herz ſagte mir, nicht um mich zu fliehen, ſondern im Gegentheil, um mit mir allein zu ſein, habe ſich Jeannie zurückgezogen; ſie habe das Stübchen wieder ſehen wollen, von dem ich mit ihr ge⸗ ſprochen, und vielleicht... das Herz ſchafft ſich raſch ſolche Eitelkeiten... vielleicht ſuche ſie ebenfalls mit den Augen mein Fenſter, wie ich das ihrige geſucht habe. Freien Geiſtes und freudigen Herzens, plauderte ich mittlerweile mit ihrem Vater... Worüber? Ich will es Ihnen ſagen, mein lieber Petrus: über die Men⸗ ſchen, die ich nie ſo gut gefunden; uͤber die Natur, die ich nie ſo ſchön gefunden; über Gott, den ich nie ſo groß gefunden. Und der Greis hörte mir mit einem zarten Er⸗ ſtaunen zu, ſchüttelte zuweilen den Kopf und ſagte: „O Jugend! o Jugend!“ Wie lange ſprach ich ſo überſtrömend, beredt, begei⸗ agt zu in⸗ eei⸗ 197 ſtert? Ich weiß es nicht; es war in mir eine unver⸗ ſiegbare Quelle des Dankes gegen den Herrn, der mir das Leben ſo ſüß und ſo leicht machte. Endlich kam die gute Mutter zurück; als ich ſie erblickte, erfaßte mich auch große Luſt, ihr um den Hals zu fallen; vielleicht war dies ſo, weil Jeannie ſie um⸗ armt hatte. Sie verkündigte, das Mittagsbrod ſei aufgetragen. Wir gingen in's Speiſezimmer. „Wo iſt Jeanie?« fragte Herr Smith. Die Mutter ſchaute umher. „Ich weiß es nicht,“ erwiederte ſie;„in ihrem Stüb⸗ chen ohne Zweifel. Herr Bemrode, ich bitte um Ver⸗ zeihung für die kleine Wilde, die uns ſo im Stiche läßt.“ Ohl theure Jeannie, wie wurde Dir verziehen. In dieſem Augenblick hörte ich, ſo leicht er war, ihren Tritt auf der Treppe, und ihr Kleid, das am Geländer hinſtreifte; ich errieth, mein Auge würde ſie beim Eintritt in das Zimmer erröthen machen, und wandte mich auch erſt eine Sekunde nach ihrer An⸗ kunft um. Erhabener Inſtinet der Liebe! Sie hatte mich be⸗ griffen und dankte mir mit dem Blicke. Jeannie bekam ihren Platz mir gegenüber, ihre Mutter ſaß zu meiner Rechten, ihr Vater zu meiner Linken. Auch hier noch ſah ich ein, wenn ich ſie anſchaute, würde ſie mein Blick beunruhigen, wenn ich ſchwiege, würde mein Stillſchweigen ſchwer für ſie zu ertragen ſein. Ich ſprach alſo, ich ſprach von den gleichgültigſten Dingen der Welt; doch es lag in meiner Stimme ein Ausdruck, welcher ſagte:„Jeannie, meine geliebte Jean⸗ nie, in Ermangelung meiner Augen ſchaut Dich mein Herz an! Jeannie, meine geliebte Jeannie, in Ermange⸗ nn meiner Stimme ſagt Dir mein Herz, daß ich Dich iebe!“ Und dieſer Blick und dieſes Geſtändniß meines Her⸗ 198 zens wurden von dem ſchönen Mädchen begriffen; es war in ſeinem Stillſchweigen etwas Keuchendes, was mir antwortete:„Ich höre Dich, ich verſtehe Dich!“ Und als ob das Alter und die Jugend zwei ver⸗ ſchiedene Sprachen ſprächen, ſahen der Vater und die Mutter nichts, hörten ſie nichts. Nur von Zeit zu Zeit ſchaute Herr Smith ſeine Frau lächelnd an. „Nun, Mutter,“ ſagte er zu ihr,„findeſt Du nicht, daß dieſes Mittagsbrod mehr werth iſt, als das Früh⸗ ſtück; daß wir hier behaglicher, freier, heiterer ſind,— Jeannie mitbegriffen, welche dieſen Morgen die Augen und die Ohren ſchließen zu wollen ſchien, um unſern lieben Gaſt weder zu ſehen, noch zu hören, und die ihn nun verſtohlen anſchaut und Alles, was er ſpricht, ver⸗ ſchlingt?“ Jeannie ſchlug die Augen nieder und erröthete, um die Roſe, die ſie in ihren Haaren trug, erbleichen zu machen. „Nun, woher kommt Alles dies?« fuhr der Greis fort;„davon, daß wir uns erklärt haben; davon, daß Iäden von uns frei und offen denkt, ſpricht und han⸗ delt.« „Das iſt wahr, Vater,“ erwiederte Miſtreß Smith, „was willſt Du? ich war toll.“ 3 „Sprich, Jeannie,“ ſagte der Greis,„biſt Du nicht der Anſicht Deiner Mutter? Findeſt Du Dich nicht behaglicher vor Herrn Bemrode, ſeitdem Du die Ab⸗ ſichten unſeres lieben Nachbars kennſt?... Nun, ſo antworte doch!« „Ja, lieber Papa,“ ſtammelte Jeannie.„Doch wünſchen Sie nicht, daß ich in den Keller gehe und eine Flaſche von dem alten Clairet hole, den Ihnen der Herr Graf von Alton bei ſeiner letzten Reiſe ge⸗ ſchickt hat 2 „Bei meiner Treue! Du haſt Recht, Jeannie, und ich weiß nicht, warum ich unſern lieben Nachbar damit zu bewirthen vergaß. Gehe, Jeannie, geh', und wir werd trint nahe meh bege zu; entf ſchli die 190 werden auf die Geſundheit des Paſtors von Aſhbourn trinken.“ 1 3 Jeannie, welche aufgeſtanden war, ſchwankte bei⸗ nahe. „Auf, auf!“ ſagte der Greis,„Du haſt doch nicht mehr die verdammten Pantoffeln an. Gehe, mein Kind.“ Sie ging hinaus, doch ehe ſie verſchwunden war, begegneten ſich unſere Augen; ich ſandte ihr mein Herz zu; ſie kreuzte ihre zwei Hände auf ihrer Bruſt und entfernte ſich, den Kopf ſchuͤttelnd, ohne die Thüre zu ſchließen. „Ei! was hat denn dieſes kleine Mädchen?“ fragte die Mutter. „Was Jeannie hat? verſetzte der Pfarrer.„Eine ſchöne Frage! Sie hat daß ſie noch ganz verwirrt iſt von Deinen Abüchten heute Morgen, für die ich Sie noch ein⸗ mal um Verzeihung bitte, mein lieber Collega. Sie dürfen darum der armen Creatur des guten Gottes nicht böſe ſein; ich habe den Fehler gemacht, daß ich ihr zu viel Gutes von Ihnen ſagte... Ah! Frau! Du brauchſt darum nicht zu erröthen; jede Mutter, die ihre Tochter liebt, wünſcht ihr Glück, und Du ſagteſt: „„Meine Jeannie wird glücklich ſein, wenn ſie die Frau von Herrn Bemrode iſt.« Und glauben Sie mir, lieber Nachbar, meine Jeannie iſt nicht zu verachten; denn nun darf ich es wohl ſagen, es iſt ein gutes, ein vor⸗ treffliches Kind; und wer auch der Mann ſein mag, der ſie zur Gattin wählen wird, er wird die Gewißheit haben, daß er in ſeine Arme ein keuſches und redliches Geſchöpf ſchließt... Sie werden es nicht ſein, das be⸗ daure ich, ſprechen wir nicht mehr davon, und verzei⸗ hen Sie uns. Bei dieſen Worten reichte mir der Greis die Hand. Ich fühlte, daß ich nicht die Kraft hatte, mein Geheimniß länger zu bewahren, mein Herz über⸗ ſtrömte. 200 Ich nahm die Hand des Pfarrers, zog ſie an meine Lippen und ſprach: „Mein Vater, ich bitte Sie um Verzeihung. Ich habe Sie getäuſcht, ich habe gelogen, als ich ſagte, ich liebe eine andere Frau; die Frau, die ich liebe, iſt Jeannie, es iſt Ihre Tochter, und ich liebe ſie ſo ſehr, daß, wenn Sie mir ſie verweigerten... ohl ich ſage Ihnen, ich würde darüber ſterben!“ Die Mutter ſtieß einen Schrei aus und richtete ſich kerzengerade auf. „Oh! mein Gott!“« rief ſie,„was ſagt er?« „Gut,“ ſprach der Pfarrer,„nun kommt etwas An⸗ deres; es iſt meine Tochter, die Sie lieben, und Sie werden ſterben, wenn wir ſie Ihnen verweigern.“ „Ohl diesmal lüge ich nicht, diesmal iſt es die reine Wahrheit.“ „Und Sie haben ihr etwas von dieſer Verände⸗ rung während Ihres Spaziergangs geſagt?“ „Etwas... ja,“ antwortete ich ſtammelnd. Und wie hat ſie dies aufgenommeln?« „Sie hat erwiedert, ſie liebe mich nochnicht, doch ſie werde auch nichts thun, um mich nicht zu lieben.“ „Oh! Vater! Vater!“ rief Miſtreß Smith,„das iſt eine Erlaubniß des guten Gottes!“ „Schweige doch, Frau, Alles dies iſt ſehr ernſt... Ihr Wort, mein lieber Bemrode, das Sie Jeannie nicht eine Sylbe von dem Geſtändniſſe ſagen, das Sie uns ſo eben gemacht haben?« „Aber lieber Herr Smith...“ „Ihr Wort? „Ich gebe es Ihnen.“ „Und nun ein Verſprechen.“ „Welches?“ „Daß Sie acht Tage lang weder hierher kommen, noch Jeannie zu ſprechen ſuchen werden.“ „Aber ſie wird glauben, ich liebe ſie nicht mehr!« von nach den Sie erſcht ihre rend plötz! Leibt das Ande Smi von dern Wer in ſe ſtan um, wie die Emp haup Seel ſtehe n, 164 201 „Ich erlaube Ihnen, ihr zu ſagen, wir haben dies von Ihnen verlangt.“ „Aber das Motiv einer ſo langen Abweſenheit, nach Allem dem, was ich ihr von meiner Liebe geſtan⸗ den habe.“ „Gut! ſo eben hatten Sie ihr nur etwas geſagt.“ „Oh! verzeihen Sie... ich werde Alles thun, was wollen?« „Stille! hier kommt Jeannie.“ Ich hörte in der That ihren Tritt ſich nähern; ſie erſchien wieder, in der Hand die Flaſche haltend, die ihre Abweſenheit veranlaßt hatte, eine Abweſenheit, wäh⸗ rend welcher ſo viele Dinge geſprochen worden waren. „Sie geſtehen alſo, lieber Herr Bemrode,“ ſagte plötzlich Herr Smith,„Sie geſtehen, daß Sie Locke Leibnitz vorziehen?« „Ich 2... ſtammelte ich ganz verwirrt;„ich ſage das nicht!“ „Sie ziehen alſo Leibnitz Locke vor?« „Ich ſage das ebenſo wenig!“ „Sie müſſen aber doch für den Einen oder für den Andern ſein, mein lieber Herr Nachbar,“ fuhr Herr Smith fort, der ſich mit meiner Verlegenheit beluſtigte. „Es iſt ſchwer, zwiſchen zwei Männern zu wählen, von denen man den Einen den Weiſen und den An⸗ dern den Gelehrten genannt hat.“ „Oh! ich frage Sie nicht über ihren perſönlichen Werth, ſondern über die Moralität ihrer Syſteme. Locke in ſeinem Verſuch über den menſchlichen Ver⸗ ſtand wirft die Hypotheſe der angeborenen Begriffe um, betrachtet die Seele im Augenblick ihrer Geburt wie einen glatten Tiſch, erklärt alle unſere Ideen durch die Erfahrung, aus der ſie durch zwei Kanäle: die Empfindung und die Reflexion, herkommen. Leibnitz be⸗ hauptet im Gegentheil, es handeln im Menſchen die Seele und der Leib nicht ohne einander, ſondern es be⸗ ſtehe zwiſchen dieſen zwei Subſtanzen eine ſo vollkom⸗ Si 202 mene Harmonie, daß jede von ihnen, während ſie ſich nach den ihr eigenthümlichen Geſetzen entwickele, Mo⸗ dificationen erleide, welche ganz genau den Modiſicatio⸗ nen der andern entſprechen. Das iſt das, was er, wie Sie wiſſen, mein lieber Nachbar, die vorher feſtgeſtellte Harmonie nennt. Nicht nur ſagt er mit der Schule: Nihil est in intellectu, quin prius fuerit in sensu, ſon⸗ dern er fügt ſogar bei: Nisi ipse intellectus... Fühlen Sie wohl den ganzen Werth von dieſem: Nisi ipse in- tellectus?“ Ich begriff ſo wohl den Werth, beſonders in die⸗ ſem Augenblick, mein lieber Petrus, daß ſich zwiſchen dem Pfarrer Smith und mir über den Materialismus und den Fatalismus von Locke und über den Spiritualis⸗ mus von Leibnitz ein Streit entſpann, der bis zum Ende des Mittageſſens währte und Jeannie volle Freiheit gab, zu denken, an was ſie wollte. Hbgleich wir die Flaſche Clairet geleert hatten, ver⸗ gaß man doch die Geſundheit der zukünftigen Gattin des Pfarrers Bemrode auszubringen. Nach dem Mittageſſen, während Herr Smith ſein Schläfchen machte oder ſich den Anſchein gab, als machte er es, und Miſtreß Smith mit den Haushaltungsſorgen beſchäftigt war, näherte ich mich Jeannie. Sie ſchien mir ein wenig zu ſchmollen; ohne Zweifel hatte ſie ge⸗ funden, ſo in ihrer Gegenwart über Philoſophie ſpre⸗ chen heiße einen freien Geiſt haben. „Liebe Jeannie,“ flüſterte ich ihr zu,„erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß es Eines gibt, was ich zu ſehen wünſchte und was Sie mir zu zeigen vergeſſen haben.“ „Was ²« fragte Jeannie. „Das Stuͤbchen mit den weißen Vorhängen und den Meubles von roſa geblümtem Zitz. Glauben Sie denn, ich ſei nicht begierig, in allen ſeinen Einzeln⸗ heiten dieſes Allerheiligſte zu ſehen, wo Sie zu Gott ſich No⸗ tio⸗ wie ellte lle: ſon⸗ hlen in- die⸗ hen mus alis⸗ Ende iheit ver⸗ attin ſein achte rgen ſchien e ge⸗ ſpre⸗ Sie ch zu geeſſen und Sie zzeln⸗ Gott 203 beten, der Sie ſo hübſch, ſo gut, ſo liebevoll gemacht hat, und zwar, wie ich hoffe, für mein Glück.“ „Lieber Nachbar,“ erwiederte ſie,„ich dachte, Sie, der Sie ſo viele Dinge wiſſen, wiſſen auch, daß die Schwelle des Zimmers eines jungen Mädchens nicht von einem Manne überſchritten werden darf, wenn dieſer Mann nicht der Bruder oder der Bräutigam von derjenigen iſt, welche er beſucht.“ „Nun, haben Sie mir nicht geſagt, Sie lieben mich ſchon wie einen Bruder, und Sie wurden ſich nicht ge⸗ gen Ihr Herz vertheidigen, wenn Ihr Herz die Idee bekäme, mich anders zu lieben? Bedenken Sie, theure Jeannie, ich werde Sie acht Tage... acht lange Tage nicht ſehen, außer etwa mit dem unſeligen Fernrohre, das leider zu ungenügend iſt, ſeitdem ich Sie von nahe geſehen, ſeitdem ich Sie geſprochen.“ „Acht Tage, ohne uns zu ſehen!“ erwiederte Jeannie, indem ſie ihre ſchönen Augen erſtaunt auf mich heftete; „warum dies?2« „Ihr Vater hat es mich verſprechen laſſen.“ „In welcher Abſicht?“ „Fragen Sie ihn das, Jeannie, und ſeien Sie be⸗ müht, daß er mir mein Verſprechen zurückgibt, denn acht Tage, ohne Sie zu ſehen, ich ſchwöre Ihnen, das wird ſehr lang ſein!... Darum, liebe Jeannie, möchte ich Sie gern ſehen, nicht nur, wenn Sie an Ihrem Fenſter ſein werden,— denn nicht wahr, Sie werden zuweilen daran erſcheinen?— darum ſage ich, möchte ich Sie gern ſehen, nicht nur mit den Augen des Lei⸗ bes, ſondern auch, wenn dieſes Fenſter geſchloſſen ſein wird, mit den Augen der Seele.“. „Gut,“ ſprach ſie;„doch mit der Erlaubniß mei⸗ ner Mutter.“. Und ſie näherte ſich der guten Frau, welche eben auf den Fußſpitzen eintrat, um Herrn Smith nicht zu wecken, der vielleicht nicht ſchlief, und ſagte mit leiſer Stimme ein paar Worte zu ihr, worauf Miſtreß Smith 204 lunt und die Augen zum Himmel aufſchlagend erwie⸗ erte: „Thue es, mein Kind, thue es. Hat nicht Dein Vater, der die Weisheit ſelbſt iſt, dieſen Morgen ge⸗ ſagt:„„Was in den Abſichten Gottes liegt, wird im⸗ mer geſchehen, mag ſich der Menſch darein miſchen oder nicht darein miſchen!“« Und ſie küßte Jeannie auf die Stirne. Dieſe trat auf mich zu und ſprach:„Kommen Sie, und da Sie das Zimmer Ihrer Schweſter zu ſehen wün⸗ ſchen, ſo wird Ihre Schweſter es Ihnen zeigen.“ Ich folgte Jeannie; während ich aber hinaus ging, ſchien es mir, als hätte der Paſtor Smith ein Auge geöffnet, und mit dieſem Auge einen Blick mit den zwei Augen ſeiner Frau gewechſelt. XXI. Das Ende meines Romans. Dieſes Zimmer war wohl das, welches ich von fern erſchaut hatte, und das ich geträumt haben würde, hätte ich es nicht erſchaut: ein wahres Schwanenneſt. 3 Ich begrüßte nach einander alle Gegenſtände, die ihm als Ausſtattung dienten: die Zitzvorhänge mit roſa Blumen, die weiß und blauen Porzellanvaſen. Ich küßte den Vorhang des Bettes. Jeannie ſchaute mir halb lachend, halb lächelnd zu. Ich war der erſte Mann, der je in dieſes Zimmer ge⸗ kommen. Das Fenſter ſtand offen, um die rothen Flammen einer ſchönen untergehenden Sonne einzulaſſen, und die beinahe horizontale Sonne glitt bis an den Hinter⸗ grund des Zimmers und verlängerte in's Unendliche ſheen Lichtſtrahl in einem Spiegel, den ſie zu brechen ien. — ohne neu nen die Wei rohr mei lich Ihr dor kon rief ſetz zw zw ſeit ma von chen wil Ta fern hätte , die miit id zu. er ge⸗ mmen nd die inter⸗ ndliche rechen 205 Das Mädchen ſetzte ſich an's Feſter und befragte, ohne etwas zu ſagen, den Horizont. Der Horizont war das Dorf Afhbourn. Unter allen den entfernten Fenſtern, die Jeannie neugierig befragte, erkannte ich das Fenſter meines klei⸗ nen Zimmers, welches wie das von Jeannie offen war. Obgleich ſie mich nicht gefragt hatte, ſagte ich ihr, die Hand ausſtreckend: „Das dort iſt es; das, welches ganz mit einer Weinrebe tapezirt iſt.“ Lächelnd ſprach ſie: „Es iſt ſehr weit für diejenigen, welche kein Fern⸗ rohr haben.“ „Jeannie,“ erwiederte ich,„ich würde Ihnen wohl das meinige ſchicken, doch wahrhaftig, ich verlöre zu viel dabei!“ „Oh! gleichviel,“ verſetzte ſie,„ich habe vortreff⸗ liche Augen, und ich werde wohl ſehen, wenn Sie an Ihrem Fenſter ſind.“ „Jeannie, ſeit fünf Tagen bin ich beinahe immer dort, und während der acht Tage, die ich nicht hierher kommen darf, werde ich kaum anderswo ſein.“ „Das will ich ſehen.“ 18 DAlſ werden Sie auch hier ſein, geliebtes Weſen? rief ich. „Iſt dies nicht das Zimmer, das ich bewohne?« ver⸗ ſetzte ſie.»„Wenn nicht etwa meine Mutter mich zum zweiten Male nach Cheſterfield führt, um mir dort einen zweiten Putz machen zu laſſen.“ „Oh! Jeannie, ich glaube, es wird nicht nöthig ſein, nach Cheſterſield zu gehen, um ihn zu beſtellen; man ſindet überall ein weißes Kleid und einen Kranz von Orangenblüthen.“ „Stille, Herr Bruder,“ ſagte Jeannie,„Sie ſpre⸗ chen von unſerer Heirath, als ob ich ſchon meine Ein⸗ willigung gegeben hätte.« „Das iſt wahr, ich vergaß, daß ich erſt in acht Tagen das Recht habe, eine Frage zu thun.“ 206 „Und Sie ſind alſo ſo ſicher, daß man Ihnen in acht Tagen antworten wird?« „Jeannie,“ erwiederte ich mit flehendem Tone und Blicke,„ich hoffe es!« „Und da die Hoffnung eine von den drei theologi⸗ ſchen Tugenden iſt, ſo will ich ſie Ihnen nicht benehmen.“ Oh! Jeannie! Jeannie!“ rief ich, während ich ihre Hand ergriff,„wie gut ſind Sie, und wie liebe ich Sie!« Jeannie zog ihre Hand zurück, legte den Zeigefin⸗ ger an ihre Lippen und ſagte: „Stille! Herr Bruder, dieſes Zimmer ſoll ſolche Worte nicht hören, und da ich glaube, daß Sie nicht für ſich ſtehen könnten, ſo wollen wir, wenn es Ihnen beliebt, wieder hinabgehen... Ueberdies iſt es ſpät, Sie haben Ihre Pfarrkinder ſeit dieſem Morgen nicht geſehen, und eines von ihnen kann Ihrer bedürfen.“ Was Jeannie ſagte, war wahr; ich hatte mich über die Stunde hinaus, bis zu der ich in Wirksworth blei⸗ ben ſollte, vergeſſen; ich ſtieß einen Seufzer aus, ſagte mit den Augen und mit dem Herzen jedem Geräthe dieſes Stübchens auf Wiederſehen und ging hinab. Der Pfarrer hatte ſein Mittagſchläfchen beendet, Miſtreß Smith hatte ihre Haushaltung beſorgt; Beide erwarteten mich im Salon. Sie dachten offenbar wie ihre Tochter, die Stunde, mich zu entfernen, ſei gekommen; überdies gibt es mit⸗ ten im Glück Augenblicke, wo der Menſch das Bedürf⸗ niß fühlt, mit ſeinen Gedanken allein zu ſein. Ich umarmte ſie und nahm von ihnen Abſchied; Jeannie küßte ich die Hand. Herr und Miſtreß Smith geleite⸗ ten mich bis zur Thüre zurück und verließen mich mit den Worten: „In acht Tagen!“ Ich ſuchte mit den Augen Jeannie, um ihr auch, wenn nicht mit der Stimme, doch wenigſtens mit dem Blicke zu ſagen: leite⸗ mit auch, dem 207 „In acht Tagen.“« Doch ſie war verſchwunden. Mein erſtes Gefühl war ein Bedauern, beinahe eine Anſchuldigung; wir trennten uns auf acht Tage, und Jeannie blieb nicht einmal bis zum Augenblicke unſeres Abſchieds bei mir. Was hatte ſie denn Dringenderes zu thun, als mir Lebewohl zu ſagen? nan Ich ſtieß einen ſchweren Seufzer aus und murmelte eiſe: „O Jeannie! Jeannie! warum Deiner Abweſenheit etwas beifügen, und wäre es nur eine Minute, wäre es nur eine Secunde? Eine Minute der Freude iſt ſo koſtbar! eine Secunde des Glücks iſt ſo ſelten!“ Plötzlich ſchlug ich mich vor die Stirne, meine Bruſt erweiterte ſich, das Lächeln kam auf meine Lip⸗ pen zurück, und ich beſchleunigte die Schritte. Ich hatte Eile, mich zu entfernen, ich hatte Eile, um die Ecke des Hauſes zu kommen, ich hatte Eile, mich wieder auf der Landſtraße zu befinden. Eine Hoffnung war mit gekommen! Jeannie hatte mich verlaſſen, um wieder in ihr Zimmer hinauf zu gehen; Jeannie mußte an ihrem Fenſter ſein. Oh! wie mein Herz ſchlug, als mein Kopf ſich umdrehte... Wenn ſie nicht da wäre! Doch, Gott ſei Dank, ſie war da. Ich machte eine ſolche Bewegung der Freude, ich ſtreckte beide Arme mit einem ſolchen Ungeſtüm gegen ſie aus, daß ſie ſich zurückwarf. Ich blieb an derſelben Stelle, flehend, mit gefalte⸗ ten Händen. Sie näherte ſich allmälig. Die Sonne ging vollends unter; ihr letzter Strahl traf gerade auf Jeannie, bildete ihr eine Glorie von Feuer und kleidete ſie in Gold. 208 Sie ſelbſt hatte keine Ahnung, wie ſchön ſie war. Man hätte glauben ſollen, es ſei eine von jenen Jungfrauen der katholiſchen Kirche, wie ſie nach dem Occident die italieniſchen Maler des vierzehnten Jahr⸗ hunderts ſchickten. Ich dankte Gott dafür, daß ich der reformirten Kirche angehörte; ich dankte ihm auch, es ſo gemacht zu haben, daß ich dieſen koſtbaren Schatz beſitzen konnte. Jeannie bedeutete mir lächelnd durch ein Zeichen, ich möge weiter gehen. Ohne dieſes Zeichen wäre ich da geblieben und haͤtte die ganze Welt in der Beſchauung ihres ſanften Geſichtes vergeſſen. Ich begab mich wieder auf den Weg, doch man hätte denken ſollen, ich habe wie der Gott Mercur Flügel an den Füßen, und dieſe Flügel ziehen mich rückwärts. Die Sonne ging unter; dann kam die Abenddäm⸗ merung, dann die Nacht; ſo lange ich Jeannie am Fenſter erblicken konnte, wandte ich mich um; ſehr lange ſogar, nachdem Alles in der gräulichen Tinte der erſten Finſterniß verſchwunden war, wandte ich mich immer noch um. Ich ſah ſie nicht mehr, doch ich errieth ſie. Das war an einem der heißen Tage am Anfang des Juli, wo man, ſo zu ſagen, das Herz der Natur ſchlagen fühlt, wo Alles in der Schöpfung ſingt, das Rothkehlchen im Buſche, die Grille im Graſe. Und ich hatte auch im Herzen einen Vogel, der ſein Freudenlied ſang: dieſer Vogel hieß das Glück. Ich weiß nicht, ob Sie je ſolche Augenblicke ge⸗ habt haben, mein lieber Petrus, doch dann gelangt man dazu, daß man glaubt, der Schmerz ſei für im⸗ mer von der Erde verbannt, und nicht begreift, wie man leiden könnte. Ich kehrte in mein Pfarrhaus zurück. Oh! diesmal war es nicht mehr leer, nicht mehr ar. enen dem fahr⸗ irten nacht unte. chen, ch da nung man ercur mich daͤm⸗ am ſehr e der mich rfang Katur das , der e ge⸗ langt r im⸗ „wie mehr 209 finſter. Vor mir ging ein ſanftes Phantom, durch wel⸗ ches es bevölkert und erleuchtet wurde. Es ſtieg heiter die Stufen der Treppe hinauf, welche zu meinem Zimmer führte; ich trat hinter ihm in dieſes ein; dann ſchien es durch das Fenſter zu ent⸗ fliegen, und ſtattſ einer ſah ich am Horizont ein Licht, einen funkelnden Stern, lebendig in der Nacht, und die⸗ ſem Sterne gab ich, ein neuer Copernicus, ein neuer New⸗ ton, ein neuer Galilei, den ſüßen Namen Jeannie. Ich begriff nun, daß ich ſie ſah und daß ſie mich nicht ſah. Raſch zündete ich eine Wachskerze an, und ſogleich bemerkte ich, daß mein Stern ſich bewegte. Mir ſchien es, als zeichnete ſie meine Schriftzüge in der Nacht. Ich antwortete ihr dadurch, daß ich durch flüchtige Lichtfurchen die erſten Buchſtaben unſerer Na⸗ men verſchlang; mein Stern ſchien ſich in den Himmel zu erheben und erloſch, ein Symbol des Glaubens, der zu Gott aufſteigt. Mein lieber Petrus, ich werde Ihnen nicht die Geſchichte dieſer acht Tage geben; das hieße Alles das wiederanfangen, was ich Ihnen erzählt, Alles das wie⸗ derholen, was ich Ihnen geſagt habe: am Morgen wartete das gerichtete Fernrohr auf die Erſcheinung von Jeannie, und da ſie mehr errieth, ich ſei da, als daß ſie mich ſah, ſo bewegte ſie ihr weißes Taſchentuch,— ein jungfräulicher Gruß, der mich in Betreff des Vergeſ⸗ ſens beruhigte! Am Abend erleuchtete ſich unſer Him⸗ mel, und wie viel Dinge ſagten wir uns mit der Be⸗ wegung unſerer Lichter! Ich glaubte, dieſe acht Tage würden nimmer en⸗ digen; und dennoch zögere ich nicht, zu ſagen, daß dies die acht ſüßeſten, zärtlichſten, geheimnißvollſten Tage geweſen ſind, die ich gelebt habe. 1 Während dieſer acht Tage,— ich habe mir das bemerkt, mein lieber Petrus,— ſtarb Niemand in meiner Gemeinde, drei Kinder wurden geboren, zwei Brautpaare heiratheten ſich. Der Pfarrer von Afhbourn. I. 14 210 Man hätte glauben ſollen, mein Gluͤck erſtrecke ſich auf dieſe ganze kleine Welt, zu deren Hirten mich die Vorſehung gemacht hatte. Mit welcher Freude, mit welcher Dankbarkeit, mit welchem Vertrauen zu Gott erfüllte ich alle meine geiſt⸗ lichen Functionen, die mir während dieſes Zeitrau⸗ mes ſo leicht geworden! Wie öffnete ich mit freudigen Worten das Leben dieſen Kindern, die ich zu Chriſten machte! Wie verſprach ich lange und glückliche Tage dieſen Brautleuten, die ich zu Gatten machte! Endlich verliefen die acht Tage; nur noch ein paar Stunden und eine Nacht trennten mich von dem Au⸗ genblick, wo mir die Thuüre von Jeannie wieder geöffnet ſein ſollte. Dann erſchien der Tag, und es waren nur noch Minuten. Schon in der Morgendämmerung hatte ich mich auf den Weg begeben, als ich aber im Kirchthurme von Alihbourn fünf Uhr ſchlagen hörte, da kehrte ich, wie Sie leicht begreifen, nach Hauſe zurück. Nun ſpielte das Fernrohr ſeine Rolle. Doch mochte Jeannie nicht aufgeſtanden ſein oder hatte ſie mir an dieſem Tage zu viele Dinge zu ſagen, ſie öffnete ihr Fenſter nicht, und die Vorhänge blieben ſogar herme⸗ tiſch geſchloſſen. Ich wartete bis um ſieben Uhr. Was ſollte dieſe Abweſenheit, gewiß eine freiwillige Abweſenheit, bedeu⸗ ten? Geſchah es, damit die Unruhe meinen Beſuch beſchleunigte? Ich legte es ſo aus und begab mich wieder auf den eg. Während dieſer zwei großen Meilen wandten ſich meine Augen nicht einen Moment von ihrem Ziele ab, hörte dieſes Fenſter nicht eine Secunde auf, mein Hori⸗ zont zu ſein. Oft ſah ich es nur durch eine Wolke, ſo ſehr ward mein Auge durch dieſes ſtarre Schauen an⸗ geſtrengt. trecke mich „mit geiſt⸗ trau⸗ digen riſten Tage paar Au⸗ öffnet noch ch auf e von , wie nochte mir te ihr erme⸗ dieſe bedeu⸗ Zeſuch uf den n ſich le ab, Hori⸗ ke, ſo n an⸗ 211 Jeannie erſchien nicht; nur ein einziges Mal glaubte ich den Vorhang zittern zu ſehen, als hätte er, leicht auf die Seite geſchoben, wieder ſeinen Platz eingenommen. Ich beſchleunigte meine Schritte; mein Herz ſchlug ſo gewaltig, daß ich es ſchlagen hörte. Endlich drehte ich mich um die Ecke des Hauſes; endlich erreichte ich das Gitter; ich ſtreckte meine zitternde Hand aus, um zu klopfen. Die Thüre öffnete ſich von ſelbſt, und der Pſarrer Smith und ſeine Frau erſchienen lächelnd auf der Schwelle. Meine Freude war ſo groß, daß ich mußte ſtehen bleiben, denn ich fühlte durch meinen ganzen Körper etwas wie einen Schwindel. Ich wollte reden, meine Stimme ſtarb in meiner vertrockneten Kehle. Der Pfarrer ſah, was in mir vorging, und ſprach: „Sei willkommen, mein Sohn, Deine Mutter und ich, wir erwarteten Dich auf der Schwelle dieſer Thüre, um Dich zu Deiner Braut zu führen.“ Ich ſtieß einen Freudenſchrei aus, und da ich im Hintergrunde der Hausflur Jeannie ſchüchtern und er⸗ röthend erblickte, ſo ſchob ich Beide auf die Seite, ſtürzte auf ſie zu und fiel ihr ohne Stimme und faſt ohne Bewußtſein zu Füßen. Sie neigte ſich gegen mich, und indem ſie mich, ſelbſt zu bewegt, um ein Wort zu ſagen, aufhob, bot ſie mir ihre Stirne zum Kuſſe. Endlich fand ich die Stimme wieder, und ich rief aus dem Grunde meiner Seele: „Allmächtiger Gott, ſei geprieſen für die Gnade, die Du mir erweiſeſt!“ Einen Monat nachher heirathete ich Jeannie. 14*¾ 212 XXII. Der Anfang meiner Geſchichte. Es gibt im Leben jedes Menſchen eine Stunde der höchſten Freude, wo er, fühlend, daß Gott ihm nicht mehr bewilligen kann, ihn bittet, nicht mehr, er möge das Glück ihm näher bringen, ſondern er möge das Un⸗ glück von ihm entfernen. Dies war das Gebet, welches ich an den Allmäch⸗ tigen, an dem Tage richtete, wo ich meine geliebte Jean⸗ nie zur Kirche führte. Der würdige Paſtor Smith vereinigte uns ſelbſt, und er nahm zum Texte der Rede, die er uns hielt, den⸗ ſelben Text, den ich für meine Rede fünf Wochen vor⸗ her genommen hatte:„Und der Herr ſpricht zu Ra⸗ chel: Du wirſt Deinen Vater und Deine Mutter ver⸗ laſſen, um Deinem Manne zu folgen.“ Vielleicht würde die Stimme des guten Pfarrers minder ſanft bewegt geweſen ſein, wäre dieſe Trennung, auf die er anſpielte, eine wirkliche geweſen; die Tren⸗ nung aber, von der er bedroht, war in der That keine große, da, wenn ſie zu peinlich wurde, ein Gang von drei Viertelſtunden genügte, um ſie aufhören zu machen. Ich kehrte als Sohn in das Pfarrhaus zurück, wo ich als Freund aufgenommen worden warv; ich kehrte als Gatte in das jungfräuliche Gemach zurück, in wel⸗ ches ich als Bruder eingetreten. Es war verabredet, daß ich am andern Tage meine geliebte Jeannie bei mir empfangen ſollte. Seitdem unſere Heirath entſchieden worden, traf ich Anſtalten zu dieſem Empfang; ich hatte für meine Frau das der Sonne geöffnete und auf das Feld gehende reizende Stübchen beſtimmt, aus welchem ich, ehe ich ſie kannte, mein Arbeitskabinet gemacht, und aus deſſen Fenſter ich ſie zum erſten Male erblickt. Sobald dieſe Beſtimmung feſtgeſtellt war, beſchloß der nicht nöge Un⸗ läch⸗ ean⸗ lbſt, den⸗ vor⸗ Ra⸗ ver⸗ rrers ung, ren⸗ keine von chen. wo ehrte wel⸗ reine tdem alten der eende unte, nſter cloß 213 ich, dieſes Zimmer ihrer würdig zu machen, und Alles zu Hülfe rufend, was mir mein armer Vater vom Zeich⸗ nen hatte lehren können, unternahm ich es, ein Zimmer in Fresco auf die Manier der franzöſiſchen Maler, näm⸗ lich mit Guirlanden von Blumen und Früchten, mit Hochzeitaltären, mit ruchſenden Tauben, kurz mit allen auf die Lage anwendbaren Emblemen zu malen. Dieſes Unternehmen war keine kleine Sache für mich, und die Arbeit dauerte lang und war mit Schwie⸗ rigkeiten verknüpft. Zum Gluͤck, da ich mit Waſſer⸗ farben und wie die Decorateurs malte, konnte ich bei Nacht arbeiten; den Tag widmete ich ganz meinen Hir⸗ tenpflichten und meinen Beſuchen bei Jeannie. Nur ge⸗ ſchah es zuweilen, daß, nachdem ich einen Theil der Nacht gemalt und mich vollkommen zufrieden mit mei⸗ ner Arbeit zu Bette gelegt hatte, es geſchah, ſage ich, daß ich bei meinem Erwachen am andern Morgen be⸗ merkte, ich habe mich der grünen Farbe ſtatt der blauen, und der gelben ſtatt der weißen bedient, und vice versa. Da mußte ich Alles wieder aufs Neue anfangen; doch ich fing wieder an, um zu ihrer Vollkommenheit eine für Jeannie unternommene Arbeit zu führen, und dies Kunbef ütt mich bei dieſem langen, aber reizenden Ge⸗ äfte. Am Tage vor unſerer Trauung legte ich die letzte Hand an den Hochzeitaltar und an die zwei Tauben, die ſich darauf erluſtigten. Ich gab den letzten Pinſelſtrich meinen Blumen und meinen Fruͤchten, und ſehr zufrieden mit mir ſelbſt, weidete ich mich zum Voraus an der Freude und der Dankbarkeit meiner theuren Jeannie, wenn ſie an mir ein Talent, das ſie nicht von mir kannte, entdecken und ſehen würde, daß ich dieſes Talent dem Wunſche, ihr angenehm zu ſein, gewidmet habe. Das übrige Ameublement wurde in Nottingham verfertigt; es beſtand aus einem hübſchen Canapé von geflochtenen Binſen mit weißem Bazin überzogen, aus 214 zwei Lehnſtühlen von geblümten Stoffen und einer klei⸗ nen Toilette, für welche die im Schlafzimmer in Wirks⸗ worth als Muſter diente. Was den Boden betrifft, ſo war dies ein friſches Parquet von tannenen Brettern, deſſen ewige Reinlich⸗ keit man mit einer Sandlage unterhalten konnte. Ich muß geſtehen, da ich das erſte Quartal meines Pfarrgehaltes noch nicht bezogen hatte, ſo war ich ge⸗ nöthigt, um alle dieſe Einkäufe zu machen, meine Zu⸗ flucht zu der Gefälligkeit meines Hauswirthes des Keſſelſchmieds zu nehmen, der den zarteſten Antheil an dem Glücke nahm, das mir widerfuhr, und ſogleich ſeine Börſe zu meiner Verfügung ſtellte. Sie begrei⸗ fen, mein lieber Petrus, ich mißbrauchte ſein Vertrauen nicht, und mit ſechs Guineen beſtritt ich die unerläß⸗ lichſten Anſchafſungen. Doch ich habe Ihnen verſprochen, mich ſo zu ſchil⸗ dern, wie ich bin, mein lieber Petrus; ich weiß nicht, welche ſchlimme Scham mich im Augenblick meiner Ver⸗ heirathung zurückhielt: ich wagte es nicht, den wackern Mann zur Hochzeit einzuladen, eine Unterlaſſung, die er übrigens nie gegen mich erwähnte und ohne Zweifel ganz natürlich fand. Nicht daſſelbe war bei mir der Fall; mehr als ein⸗ mal warf ich mir dieſe Unterlaſſung vor, ohne daß ich den Muth hatte, ſie gut zu machen. Das Haus war alſo bereit, ſeine neue Wirthin zu empfangen; ſeit mehr als acht Tagen wiſchte die Tochter des Schulmeiſters die Meubles ab, machte ſie das Küchengeſchirr glänzend und ſtäubte die Vorhänge aus; man hatte Blumen in alle Töpfe und Flaſchen geſetzt, und die ſeit dem Frühroth geöffneten Fenſter hat⸗ ten bis in die dunkelſten Winkel die Luft, das Licht und die Wohlgerüche eindringen laſſen. Wir umarmten den guten Paſtor Smith und gin⸗ gen dann durch den Hof, um von unſern Hühnern, von unſern Enten und von unſern Tauben Abſchied zu neh⸗ klei⸗ irks⸗ ſches lich⸗ eines ge⸗ Zu⸗ des l an leich grei⸗ auen rläß⸗ ſchil⸗ nicht, Ver⸗ ckern die veifel ein⸗ ß ich rthin die te ſie änge ſchen hat⸗ Licht gin⸗ „von neh⸗ — men. Wir banden Fidel los, um aus ihm unſeren Reiſe⸗ gefährten und den Zeugen unſeres Glückes zu machen. Wir, erreichten den Garten: Jeannie gab ihren Abſchieds⸗ kuß den Roſen, ihren Schweſtern, und mir ſchien, die ſchmeichelnden Blumen gehen eben ſo weit, um ihren Lippen enigegenzukommen, als ſie, um die Blumen aufzuſuchen. Ich küßte meinerſeits diejenigen, welche ihr Mund berührt hatte. Wir kamen ſo zum Ende des Gartens; die Grasmücke war in ihrem Gebüſche mit ihrer geflügelten Familie, fünf Junge hüpften von Zweig zu Zweig um ihre Mutter her. Dann traten wir auf die Wieſe hinaus; wir folgten demſelben Wege, dem wir fünf Wochen vorher gefolgt waren. Ich er⸗ kannte am Fuße der großen Weide den Platz, wo ich Jeannie geſagt hatte, ich liebe ſie; ich führte ſie zu der Stelle ſelbſt, auf der ich ihr dieſes Geſtändniß gethan, und ließ mich abermals vor ihr auf die Kniee nieder; nur war es diesmal nicht mehr ein Geſtändniß, was meinen Lippen entſchlüpfte, ſondern ein Schwur: der Schwur, ſie ewig zu lieben, was aus meinem Herzen kam. So privilegirt, wie wir waren, machten wir den freudigen Weg des Glückes wieder, den man ſo ſelten wiedermacht, und auf dieſem Wege fanden wir die Spur, die ſo raſch verwiſcht, die Spur vom Tritte des glück⸗ lichen Menſchen. Im Garten hatte ich die Blumen geküßt, die der Mund von Jeannie berührt, hier küßte ich die Erde, die von ihrem Fuße betreten worden war. Wir gingen freudig neben einander auf dem Wege hin, wobei Jeannie ihren Arm auf den meinigen ſtützte, als das Rollen eines Wagens, der hinter uns kam, unſere Aufmerkſamkeit erregte. Wir traten an den Rand der Straße, um dieſen Wagen zu vermeiden; als er aber unſere Höhe erreicht hatte, hielt er an, und zwei Köpfe, die ſich aus dem Schlage neigten, ſprachen der eine den Namen Jeannie und der andere den Miß Smith aus. 216 Ich kannte keine von dieſen zwei Perſonen, Jeannie aber kannte ſie beide. Es war ein Mann von vierzig Jahren und eine junge Frau, welche kaum die Hälfte dieſes Alters erreicht zu haben ſchien. Die junge Frau war dieſelbe Miß Rogers, deren Kleider Miſtreß Smith zum Muſter genommen hatte, um Jeannie das Coſtume machen zu laſſen, das faſt unſer kaum erſchloſſenes Glück getödtet hätte. Der vierzigjährige Mann war Herr Stiff, der In⸗ tendant des Grafen von Alton. Die junge Frau hatte in ihrer ganzen Perſon etwas Steifes, Gezwungenes, Hochmüthiges. Der vierzigjährige Mann bot beim erſten Anblick alle Nuancen der Geckenhaftigkeit und der Dummheit, von den leichteſten Tinten bis zu den dunkelſten. Beide hatten Jeannie erkannt und ihren Wagen halten laſſen, um ſie zu begrüßen, nicht aus Freund⸗ ſchaft, ſondern aus Stolz; ſie waren offenbar glücklich, demüthigen Fußgängern den herrlichen Wagen, in wel⸗ chem ſie reiſten, zeigen zu können. Zum Unglück gab eine auf den Wagenſchlag ge⸗ malte Grafenkrone kund, daß ſich der Herr Intendant im Wagen ſeines Herrn brüſtete. Ohne Zweifel hatten ſie gehofft, wir würden die⸗ ſen Umſtand nicht wahrnehmen; und in der That, ich muß ſagen, ich gewahrte ihn allein, denn Jeannie ſchenkte ihm keine Aufmerkſamkeit. Man öffnete den Schlag. „Oh! Sie ſind es, liebe Kleine,“ ſagte die junge Frau;„wie glücklich bin ich, Sie zu ſehen! Kommen Sie doch und küſſen Sie mich!« „Jeannie trat hinzu, ſtieg auf den Fußtritt, den ein Lackei herunter ließ, und mit dem Ende ihrer Lippen berührte Miſtreß Stiff die Stirne von Jeannie. Durch einen ſeltſamen Zufall hatten ſie ſich nicht nur an demſelben Tage, ſondern auch zu derſelben Stunde wie wir verheirathet. 217 Seit dem vorhergehenden Tage hieß Miß Rogers Miſtreß Stiff. Es fand eine gegenſeitige Erklärung ſtatt, und wir erfuhren dieſes Zuſammentreffen in unſern Geſchicken. „Ich hoffe, die Sache wird Ihnen Glück bringen, meine Schöne,“ ſagte Miſtreß Stiff;„aber ſtellen Sie doch Ihren Mann Herrn Stiff vor.“« Ich näherte mich und machte mit dem Kopfe und den Hut in der Hand die bei einem ſolchen Falle durch die ſtrenge Höflichkeit vorgeſchriebene Bewegung. Herr Stiff und ſeine Frau hatten ihre Wirkung nicht ver⸗ fehlt, ſie hatten das Glück gehabt, mir auf der Stelle entſetzlich zu mißfallen. Wäͤhrend ich grüßte, zählte die junge Frau mit lauter Stimme die Namen und Titel ihres Mannes auf. „Herr Adam Leonhard Stiff, erſter Intendant des Herrn Grafen Noel von Alton, Pairs von England.“ 3eann fragte ſie halblaut und ſo, daß ich es hören mußte: „Und Ihr Mann, liebe Kleine, welches Gewerbe treibt er?« 4 „Madame,“ erwiederte ich, ohne daß ich Jeannie Zeit ließ, zu antworten,„ich habe die Ehre, Paſtor der Gemeinde Aſhbourn zu ſein.“ „Ah! bravo!“ rief Herr Stiff,„das iſt gerade unſer Kirchſpiel, und Sie werden bei uns im Schloſſe den Gottesdienſt verrichten, mein guter Freund.“ Ich wurde wüthend, denn ich hatte, wenigſtens durch meine perſönlichen Gefühle, keine Urſache, mich für den guten Freund von Herrn Stiff zu halten. Dieſe Vertranlichkeit ärgerte mich, und ich war vielleicht im Begriffe, trocken hierauf zu antworten, als mir Mi⸗ ass Stiff das Wort abſchnitt, indem ſie zu Jeannie agte: „Denken Sie ſich doch, meine Liebe, als meine Kleiderſchneiderin mir ſagte, ſie habe Ihrer Mutter eines von meinen Muſtern gegeben, glaubte ich, ich 218 2 werde Ihnen Gluͤck zu wuͤnſchen haben, und Sie wer⸗ den einen Baronet oder irgend einen reichen Mann hei⸗ rathen, denn Sie müſſen zugeben, ich konnte nicht vermuthen, eine ſolche Toilette ſollte Ihre Perſon für einen armen Dorfpfarrer ſchmücken. Ich ſehe auch mit Vergnügen, daß Sie zu Ihrem einfachen Anzuge zurück⸗ gekehrt ſind, der Ihnen übrigens ſehr gut ſteht.... Nicht wahr, Herr Stiff, Miß Smith iſt reizend mit dieſem weißen Kleidchen, dieſem großen Strohhut und dem blauen Bande?« „Reizend, das iſt das rechte Wort!“ verſetzte Herr Stiff, der ſeine fünf Finger an ſeinen Mund hielt und ein leichtes Schnalzen mit den Lippen hören ließ. „Madame,“ ſprach Jeannie, ohne daß ſie die un⸗ verſchämte Beiſtimmung von Herrn Stiff zu bemerken ſchien,„ich fordere von Ihrer Güte den Glückwunſch, den Sie mir machen wollten, denn wenn ich weder einen Baronet, noch einen Geldmann heirathe, ſo heira⸗ the ich doch einen Mann, den ich liebe. Unſere Hei⸗ roth iſt weder eine Convenienzheirath, noch eine Ver⸗ nunftheirath, ſondern eine Liebesheirath.“ „Sehr gut!“ rief Herr Stiff,„nichts in der Welt rührt mich ſo ſehr, als dergleichen Verbindungen; man ſagt, ſie ſeien ſelten glücklich, doch ich hoffe, mein lie⸗ ber Herr, die Vorſehung wird eine Ausnahme zu Ihren Gunſten machen. Unſere Heirath iſt nicht ganz eine Liebesheirath, nicht wahr, Miſtreß Stiff?.... Es iſt eine Heirath aus.... Werthſchätzung. Ich habe da in der That das wahre Wort gefunden. Wir ſind auch,“ fügte er lachend bei,„wir ſind auch ſchon ruhig wie zwei alte Cheleute, während, als wir Sie von fern auf der Straße einhergehen ſahen, Miſtreß Stiff und ich uns fragten, wer wohl die zwei Turteltauben ſeien, mit denen wir zuſammentreffen ſollten.... Ah! ein Ge⸗ danke, Miſtreß Stiff.“ „Laſſen Sie hören,« ſagte die junge Frau. „Daß wir uns alle Vier geſtern zu derſelben Stunde 219 verheirathet haben, iſt ein Abenteuer, welches ſich in zwanzig Jahren, in hundert Jahren, nie vielleicht bie⸗ ten wird; es verdient auch gefeiert zu werden. Wir nehmen Miß Smith und ihren Mann nach dem Schloſſe mit und bringen einen Theil des Tages mit einander zu. Wie! Miſtreß Stiff, was ſagen Sie?“ „Ohl mein Herr,“ rief ich lebhaft,„das iſt un⸗ möglich!« „Nein, nein, wenn das nur Miſtreß Stiff anſteht.“ „Eil! gewiß, mein Herr, und wenn uns unſere jungen Nachbarn das Vergnügen machen wollen...“ „Ah! ob ſie wollen!« rief Herr Stiff halb lachend, halb ernſt;„es müßte ſchön anzuſehen ſein, wenn ſie es ausſchlagen würden.“ „Madame,“ verſetzte Jeannie,„wahrhaftig, ich glaube, es wäre ein Mißbrauch... „Mein Herr,“ unterbrach ich,„ich habe ſchon die Ehre gehabt, Ihnen zu ſagen...46 „Stille!“« rief der Intendant,„ſobald das Miſtreß Stiff anſteht, begreifen Sie wohl, daß es ſein muß. Ueberdies ſpreche ich im Namen des Herrn Grafen, und ich ſage Ihnen:»»Mein lieber Herr Paſtor, ich laſſe keine Entſchuldigung zu; ich will.“« Ah! was antwor⸗ ten Sie hierauf?« Ach! er hatte Recht, mein lieber Petrus; ich mußte antworten:„Sie wollen? Nun, ich, ich will nicht, weil Sie ein Dummkopf, und ein Geck und ein Unver⸗ ſchämter ſind!“ Und das hieß mich nicht nur mit einem mächtigen Manne, ſondern auch mit dem Diener eines mächtigen Mannes, was noch ſchlimmer war, entzweien. Ueberdies ſah Jeannie, welche die Augen auf mich geheftet hatte, mir bei dem Worte„ich will“ die Röthe zur Stirne ſteigen, und ſogleich nahm ſie meinen Arm, deiitne ihn ſanft und zärtlich mit ihrer Hand und prach: „Mein Freund, da Herr Stiff und ſeine Gattin uns auf eine ſo freundliche Art einladen, ihnen einen „ 220 Beſuch zu machen, ſo nehmen wir die Ehre an, die ſie uns gewähren wollen; nur werden wir von unſern ed⸗ len Wirthen gegen Mittag, oder gegen ein Uhr unſere Freiheit fordern, denn wir wollen auch von unſerem Quartiere Beſitz ergreifen, und wir haben tauſend, we⸗ nigſtens für uns, wichtige Dinge in unſerem armen Haͤuschen zu ordnen.“ „Oh! vortrefflich!“ ſagte Herr Stiff,„Sie werden frei ſein, ſobald Sie es wünſchen; für uns iſt zum Glück Alles zum Voraus geordnet. Als mir Miſtreß Stiff eröffnete, ſie habe einen Abſcheu gegen jedes Wirthſchaftsdetail, ſandte ich einen Tapezirer und zwei Lackeien ab, ſo daß, wie ich hoffe, nicht ein Nagel in unſerer Wohnung fehlen wird; im entgegengeſetzten Falle, ſollte ich mich unglücklicher Weiſe taͤuſchen, ſo werden es dieſe Burſche mit mir zu thun haben! Da dies nun beſchloſſen iſt, und Sie keine Einwendung mehr zu machen haben, wie ich annehme, ſo ſteigen Sie ein, liebe Miß Smith; ſteigen Sie ein, lieber Paſtor; ent⸗ ſchuldigen Sie mich, Miß Smith, wenn ich Ihnen nicht den Hinterſitz gebe; es macht mich unpäßlich, rückwärts zu fahren.“ Bei dieſer neuen Ungezogenheit war ich nahe daran, loszubrechen; doch mein Blick begegnete dem von Jean⸗ nie, und der Blitz, den er ſchleudern wollte, erloſch in ihrem Lächeln. Jeannie ſtieg zuerſt ein, nahm mit einer beſchei⸗ denen Miene auf dem Vorderſitze Platz, und ich ſetzte mich neben ſie und murmelte leiſe: „Mein Gott, verleihe mir die Geduld und der De⸗ muth, dieſe zwei großen Tugenden, ohne welche es kein wahrhaft chriſtliches Herz gibt.“ Vor der Thüre des Schloſſes machte ich einen letz⸗ ten Verſuch, um nicht weiter zu gehen und von dem Herrn Intendanten und der Frau Intendantin Abſchied zu nehmen; doch ſie waren wohl feſt entſchloſſen, wir ſollten nicht damit loskommen, daß wir ihren Wagen 221 bewundert hätten, ſondern wir müßten auch ihre Woh⸗ nung bewundern. Es ließ ſich nichts Anderes thun, als nachgeben. Miſtreß Stiff ſtieg leicht und ohne ſich umzudrehen die ſechs Stufen der Freitreppe hinauf und trat zuerſt ein. Was Herrn Stiff betrifft, ſo hatte er die Gnade, Jeannie vorangehen zu laſſen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß er vor mir ging. Aber Gott hatte mein Gebet erhört; ich war de⸗ müthig wie Abel und geduldig wie Hiob. Nur für Jeannie litt ich, für Jeannie, die mir ſo ſchön duͤnkte, daß ich kaum zugegeben hatte, eine Königin könne den Vortritt vor ihr haben. Doch das anbetungswürdige Geſchöpf lächelte mir mit ſeiner engeliſchen Sanftmuth zu, und jede Galle trocknete in mir. Herr Stiff hatte ſich indeſſen an die Spitze der Colonne geſtellt; er öffnete eine Thüre und ſagte zu verſeiner Frau: „Madame Stiff, das iſt Ihr Schlafzimmer; es iſt vom beſten Tapezirer in Cheſterfield meublirt worden; ich wünſche, es möge nach Ihrem Geſchmacke ſein.“ Doch Miſtreß Stiff würdigte die köſtliche Einrich⸗ tung dieſes Zimmers kaum einer Aufmerkſamkeit; ſie ſchaute umher und rief: „Wahrhaftig, mein Herr, ich glaube, Sie haben das Weſentlichſte vergeſſen.« „Was denn, Madame?« „in Vorzimmer; es wäre unerhört, daß man ſo mit dem erſten Sprunge in das Schlafzimmer einer Frau eintreten würde.“ Herr Stiff erwiederte lächelnd: „Ah! Sie halten mich nicht für ſo ungebildet, Madamel Ich habe Sie über die Geheimtreppe geführt; durchſchreiten Sie das Boudoir, den Salon und das Speiſezimmer, und Sie werden das Vorzimmer, das Sie verlangen, auf die Ehrentreppe gehend finden.“ 222 Miſtreß Stiff machte mit dem Kopfe ein Zeichen, welches beſagen wollte:„Ich wußte wohl, daß Sie nicht in dieſem Grade die mir ſchuldigen Rückſichten ver⸗ geſſen konnten;“ und ſie durchſchritt das Boudoir und den Salon, ohne anzuhalten, und verſicherte ſich, daß das Vorzimmer wirllich exiſtire. Ueber dieſen Punkt erbaut, kam ſie dann in das Boudoir zurück. Dieſes Boudoir glich einem Wunder; die Wände waren mit einem perlgrauen Seidenſtoffe tapezirt, wor⸗ auf kirſchrothe Sträußchen wie ein Sternenheer glänzten; die Stühle und die Vorhänge waren ebenſo; die andern Meubles waren von Roſenholz mit porzellanenen Me⸗ daillons. „Sie haben offenbar einen ziemlich guten Ge⸗ ſchmack, Herr Stiff,“ ſagte die junge Frau,„und die, ſes Boudoir iſt nicht übel. Was denken Sie davon⸗ Miß Smith?“ „Madame,“ erwiederte Jeannie mit einem Aus⸗ druck, der allen ihren Worten einen beſonderen Reiz verlieh,„ich denke, es iſt wahrhaft herrlich, und ich habe nie etwas Schöneres geſehen!“ Als Jeannie ſo ſprach, gewahrte ich an ihr eine Miene ſo ächter Bewunderung, daß mir die Thränen in die Augen traten. Der Schlag hatte mich ins Herz getroffen. „Sehen wir, wie man auf dieſem Sopha ſitzt,“ ſagte Miſtreß Stiff. Und ſie ſtreckte ſich nachläſſig darauf aus. „Kommen Sie, ſetzen Sie ſich neben mich, meine liebe Kleine,“ ſprach ſie zu Jeannie,„und Sie werden mir dann ſagen, ob Sie ſich behaglich fühlen.“ Und ſie zog Jeannie an ſich und nöthigte ſie, auf den Sopha zu ſitzen. „Oh! gewiß, Madame, man iſt ſehr gut hier!« rief Jeannie. 1 Ich ſchaute ſie mit einem Auge an, das ſie um 223 Gnade zu bitten ſchien, doch ſie ſah mich nicht, da ſie ganz und gar beſchäftigt war, den Stoff des Sopha zu unterſuchen. 3 „O, Weib!“ murmelte ich leiſe,„Du mußt alſo immer durch irgend einen Winkel Deines Herzens das ſchwache Geſchopf ſein, das den Menſchen zur Sünde fortgeriſſen hat.“ „Und nun, Madame Stiff,“ ſprach der Inten⸗ dant,„da Sie dieſes Zimmer beſichtigt haben und da⸗ mit zufrieden zu ſein ſcheinen, beliebt es Ihnen, auch im Einzelnen die übrige Wohnung zu ſehen, auf die Sie nur einen einfachen Blick geworfen?“ Bei dieſen Worten bot er mit einer ungewohnten Galanterie, die er ohne Zweifel aus dem Wunſche, un⸗ ſern Neid zu erregen, ſchöpfte, Jeannie den Arm. Ich aber, der ich nicht länger an mich halten konnte, ſagte zu ihm: „Ich bitte tauſendmal um Vergebung, Herr In⸗ tendant: meine Frau hat auch ihr Haus in Augen⸗ ſchein zu nehmen; ich weiß, ein ſehr armes Haus im Vergleiche mit dem Ihrigen, doch ſo wie ich es ihr mit einer großen Liebe und kleinen Mitteln habe machen können... Willſt Du kommen, Jeannie?“ „Oh! ja, ja!“ rief ſie;„gehen wir, mein Freund! Herr und Madame Stiff werden uns entſchuldigen; ſie wiſſen, daß man, je weniger man beſitzt, deſto eifer⸗ ſüchtiger auf das iſt, was man hat.“ — Der Intendant und ſeine Frau wechſelten einen Blick, der beſagen wollte:„Sie haben das geſehen, was wir wünſchten, daß ſie ſehen ſollten; laſſen wir ſie gehen.“ Und der Herr Intendant machte eine große Ver⸗ beugung vor mir und ſprach: „Wir hätten Sie gern zum Mittageſſen bei uns behalten, lieber Pfarrer, doch wir ſehen, Ihre Unge⸗ duld, ſich wieder mit Ihrer Frau unter vier Augen zu finden, iſt ſo groß, daß wir nicht in Sie zu dringen 224 wagen. Gehen Sie alſo, glückliche Gatten! ich ſage glücklich, denn ein lateiniſcher Dichter, glaube ich, hat geſchrieben, das Glück liege in der Mittelmäßigkeit. Sie müſſen das wiſſen, Herr Paſtor, Sie, der Sie ein Gelehrter ſind.“ „Ja, mein Herr, ich weiß das,“ erwiederte ich, und Jeannie und ich werden hoffentlich den Beweis ge⸗ ben, daß dieſes Axiom eine Wahrheit im neuen Evan⸗ gelismus iſt, wie es eine ſolche in der alten Geſell⸗ ſchaft war.“ „Meine liebe Miß Smith, was Ihr Mann da ge⸗ ſagt hat, iſt ſehr gut gedacht,“ ſprach die Frau Inten⸗ dantin mit einem leichten Zeichen des Beifalls,„und ich bedaure wahrhaftig, daß ich mich nicht länger durch ſeine Converſation unterrichten kann. Doch Sie wollen uns durchaus verlaſſen, und wir müſſen Ihrem Wunſche nachgeben... Gott befohlen alſo, meine liebe Kleine, und der Himmel beſchütze Sie.... Gott befohlen, Herr Pfarrer.“ Wir grüßten, Jeannie und ich; dann wollten wir uns durch die Thüre der kleinen Treppe, welche am nachüen war, entfernen, doch der Intendant hielt uns zurück. „Wie, mein lieber Herr Paſtor!“ rief er.„Ueber die große Treppe, wenn es beliebt. Nichts iſt zu ſchön für Sie; die andere Paſſage iſt für die Bedienten be⸗ ſtimmt.“ Und er ſchritt, um uns den Weg zu zeigen, voran und ließ uns abermals durch den Salon, durch das Speiſezimmer und durch das Vorzimmer gehen, deſſen Dringlichkeit ihm Miſtreß Stiff in dem Augenblick, wo ſie befürchtet, ihre Wohnung entbehre deſſelben, ſo ſcharf fühlbar gemacht hatte. Oh!l mein lieber Petrus, ich verließ das Schloß mit verwundetem Herzen; dieſes Zuſammentreffen, dieſer Zufall, dieſe Fatalität hatten den ſchönſten Tag meines Lebens getrübt, den Tag, von welchem ich geglaubt, ſage hat keit. ein ich, ge⸗ dan⸗ ſell⸗ pran das eſſen wo harf hloß ieſer ines ubt, 225 es ſei mir gegeben, an ihm meine Jeannie ganz allein zu beſitzen, ohne daß ich einen Wunſch hätte, der nicht erfüllt würde, ohne daß ihr ein Bedauern bliebe. Doch nun hatten der verdammte Intendant und ſeine Frau dieſes ganze reizende Gerüſte von Traͤumen mit einer elenden Wirklichkeit umgeſtürzt. Wie ſollte ich nach die⸗ ſem ſo guten, ſo ſanften Wagen Jeannie zu Fuß füh⸗ ren? Wie ſollte ich nach dieſem vergoldeten Salon, nach dieſem Boudoir von Seide, nach dieſem Zimmer von Atlaß Jeannie in das Stübchen mit Binſenmeubles und Zitzvorhängen eintreten laſſen? Es konnten ihm alſo nur meine für Jeannie ausgeführten Fresken Werth verleihen, und dieſe Fresken mußten offenbar erbleichen im Vergleiche mit den Thürgemälden und den Tru⸗ meaux, welche die Wohnung des Herrn Intendanten ſchmückten. Am Tage vorher, in dem Augenblick, wo ich abging, um Jeannie zu holen und ſie nach der Kirche zu führen, hatte ich mit ſo großer Freude mei⸗ nen ſchönen Schrank von Nußbaumholz mit den wohl geglätteten Thüren, meinen Tiſch von Birnbaumholz bedeckt mit einem blauen Teppich, mit ſeinen zwei ge⸗ ſchloſſenen Schubladen, und endlich den großen Spiegel betrachtet, der dem Fenſter gegenüber hing und, wenn dieſes geöffnet war, mir den geliebten Horizont wieder⸗ holte, deſſen Beſchauung mich ſo glücklich gemacht, ſo daß ich durch dieſen Spiegel, der eine ſcheinbare Land⸗ ſchaft durch die Reflexion einer wirklichen Landſchaft darſtellte, zugleich den Traum und die Wirklichkeit mei⸗ nes Glückes hatte. Oh! am Tage vorher hatte ich Alles dies mit viel Freude und vielleicht mit viel Stolz an⸗ geſchaut, und durch die Vergleichung erniedrigte nun Gott meinen Stolz und mäßigte meine Freude. Sollte ich es nun wagen, meiner Jeannie das We⸗ nige zu bieten, was ich beſaß, während ein Stiff, ein Mann ohne Erziehung, ein mittelmäßiger, plumper Menſch, ſeiner Frau Canapés von Seide, Schränke von Roſenholz und Tiſche von Boule bot? Bis zum Der Pfarrer von Afhbourn. I. 15 226 Augenblick unſeres Zuſammentreffens mit dieſem unglück⸗ lichen Wagen war mein Herz ſo zufrieden, ſo köſtlich gewiegt geweſen durch die Idee, meine Gattin in ihr klei⸗ nes Paradies einzuführen und bei der Einführung zu ihr zu ſagen:„Meine liebe Freundin, hier iſt Dein Zimmer.“ Doch dieſer verdammte Menſch hatte mir Alles geſtohlen bis auf meine Einführungsphraſe, abgeſehen von einer kleinen Variante. Hatte er nicht in ſeine Wohnung eintretend dieſelben Worte gebraucht, die ich in die meinigen eintretend gebrauchen wollte:„Madame Stiff, hier iſt Ihr Zimmer!« Allerdings war meiner Anſicht nach ein Abgrund in der Variante, Madame Stiff und meine liebe Jeannie. Aber ach! würde Jeannie, welche das Boudoir ſo herrlich gefunden, Jeannie, welche ſo wol⸗ lüſtig die Elaſticität des Sopha von Miſtreß Stiff ge⸗ ſchätzt hatte, meiner Anſicht ſein, wenn ſie dieſe waſſer⸗ grünen Wände mit ihren Roſenguirlanden ſähe, und heſonders, wenn ſie ſich auf ihr Canapé von Rohr⸗ geflechte mit weißem Bazin überzogen ſetzte? Oh! verflucht, hundertmal verflucht ſei dieſer Inten⸗ dant, der uns die Thüre geöffnet, durch welche das Auge meiner Jeannie in die unbekannte Welt geſchaut, die ich ihr nicht bieten konnte, ich, der ich wie der Dichter geſagt hätte:„Geliebte meines Herzens, ſchau nicht ſo verliebt dieſen Stern an! Ach! ich kann ihn Dir nicht geben!“ Ich war ſo weit in meinen ſchmerzlichen Betrach⸗ tungen, und ich hatte ein Stillſchweigen beobachtet, deſſen Traurigkeit ſich noch durch das Stillſchweigen von Jeannie vermehrte, als dieſe, während wir durch ein reizendes Wäldchen gingen, das uns von allen Blicken abſonderte, nachdem ſie ſich verſichert, kein indiseretes Auge könne uns ſehen, zwei große Thränen vergießend, ſtehen blieb, ihre Arme um meinen Hals ſchlang und rief: „Ohl mein Freund! nicht wahr, Du wirſt mich nie Madame Bemrode nennen?“ der hatte der als und keuſ unſe ück⸗ tlich klei⸗ ihr er.“ Ulles ehen 227 Ich ſtieß einen Freudenſchrei aus, ſo ſehr entſprach der Gedanke von Jeannie meinem Gedanken, ſo ſehr hatte ihr Herz mein Herz errathen. „Oh!l nie, nie!“ rief ich. Und ich drückte ſie an meine Bruſt und vergaß auf der Stelle Wagen, Atlaßcanapé, Thürbild von Watteau, als wäre dies ein böſer Traum geweſen, den ich gemacht, und der nicht wieder kommen ſollte. An meinem Arme meine Jeannie, die ihren blonden, keuſchen Kopf auf meine Schulter ſtützte, verfolgten wir unſern Weg und kamen, nachdem wir noch eine Viertel⸗ ſtunde gegangen waren, zur Schwelle unſeres geſegneten Hauſes. Fidel, der beſcheiden an der äußeren Thüre des Schloſſes geblieben war, da er begriffen hatte, es ſei ihm nicht erlaubt, in eine ſo reiche Wohnung einzutre⸗ ten, fing an ungeduldig an der des Pfarrhauſes zu kratzen, die ihm meine kleine Dienerin, die Tochter des Schulmeiſters, zu öffnen ſich beeilte. 8 Ein Vorzeichen des Glückes, trat er kläffend vor Freude zuerſt ein. Wir folgten ihm. Ich führte Jeannie in das Speiſezimmer, dann in die Stube von Miſtreß Snart, in dieſe durch den müt⸗ terlichen Schmerz geheiligte Stube; dann in das Hoch⸗ zeitgemach. Hier war die große Prüfung. „Theurer Engel meines Herzens!“ rief ich,„ich ſage nicht wie der Intendant zu ſeiner Frau:„„Ma⸗ dame Bemrode, hier iſt Ihr Zimmer.« Ich ſage: „„Meine Vielgeliebte, hier iſt unſer Zimmer; ich hoffe, wir werden es durch die Gnade Gottes bis an das Ende unſerer Tage mit einander bewohnen!“³ Und um meine Jeannie den Sopha der Intendan⸗ tin ganz vergeſſen zu laſſen, ſetzte ich mich auf unſer Binſencanapé und zog ſie auf meinen Schooß. Ohl mein lieber Petrus, ich ſage Ihnen im Na⸗ 15 228 men von Jeannie und in meinem Namen, in dieſem Augenblick waren uns die kahlen Mauern einer Hütte oder die vergoldeten Wände eines Palaſtes die einen ſo gleichgültig als die andern.... Was macht ſich aus dem Gluͤcke der Könige derjenige, welcher die Seligkeit der Engel koſtet! XXIII. Wo ich wahrhaft mit Jeannie Bekanntſchaft zu machen anfange. Unſere Tage der Einſetzung waren Tage des Glücks, die keine Wolke trübte. Ich fing damit an, daß ich Jeannie das oft er⸗ wähnte Fenſter zeigte, an dem ich ſo viele traurige und freudige Stunden zugebracht hatte; dann gab ich in ihre Hände das Fernrohr meines Großvaters des Hoch⸗ bootsmanns, damit ſie ſelbſt über die Wahrheit meiner Erzählung urtheile. Sie hielt das Rohr an ihr Auge, ſchaute aufmerk⸗ ſam, gab es mir dann mit einer Gemüthsbewegung, die mir nicht entging, zurück und ſagte: „Sieh doch.“ eh Und ſie blieb, die Hand auf meine Schulter ſtützend, ehen. Ich hielt das Fernrohr ebenfalls an mein Auge, und im Halbſchatten des Stübchens erkannte ich die gute Miſtreß Smith, welche am Fuße des Bettes ihrer Tochter kniete. „Arme Mutter!“ ſagte Jeannie,„wir vergeſſen ſie, während ſie ſo für uns betet.“ Und ſie wiederholte den Text meiner Predigt: „Und der Herr ſpricht zu Rachel: Du ſollſt Deinen eſem bütte inen aus gkeit lcks, t er⸗ und ‚in och⸗ iner ierk⸗ ung, end, uge, die hrer ſie, inen 229 Vater und Deine Mutter verlaſſen, um Deinem Manne zu folgen.“. Zwei große Thränen perlten am Winkel ihres Augenlides und rollten über ihre Wangen; da es aher Thränen des Glückes waren, ſo hütete ich mich, ſie aufzuhalten. In der That, wie hinter Wolken die Sonne glänzt, ſo glänzte fortwährend hinter dieſen zwei Thränen ihr Lächeln. Ich ließ dem ſanften Strahle der Freude Zeit, wie⸗ der ſeine ganze Macht zu gewinnen, zog ſie dann an mich und ſprach zu ihr: „Ohl wie wünſchte ich, daß Du zeichnen könnteſt, damit ich die Anſicht, ich möchte faſt ſagen, das Por⸗ trait von dieſem Hauſe von Dir gefertigt hätte! Hörte ich nicht Deine Mutter ſagen, Du habeſt einſt ge⸗ zeichnet? Jeannie erwiederte lächelnd: „Ja, einſt, ein wenig; doch nun, da ich nur darauf bedacht bin, eine gute Haushälterin zu ſein, vergeſſe ich Alles dies. Um Dir indeſſen Vergnügen zu machen, mein geliebter William, werde ich wieder anfangen.“ Und ſie ergriff die Gelegenheit, um mir Compli⸗ mente über meine Roſenguirlande, meine Tauben und meinen Hochzeitaltar zu ſagen. „Wenn Du willſt, meine gute Jeannie,“ ſprach ich zu ihr,„ſo wirſt Du in unſern Augenblicken der Muße,— angenommen, das Glück läßt uns ſolche,— Dich wieder auf das Zeichnen legen, und ich werde Dich mit meinem Rathe unterſtützen... Unſere heilige evangeliſche Reli⸗ gion iſt nicht ſo ſtreng, daß ſie die gute Haushälterin allein zu den Sorgen für die Küche und zu den Nadel⸗ arbeiten verurtheilt.“ „Ich werde Alles thun, was Du willſt,“ verſetzte Jeannie lächelnd. Es lag in ihrem, übrigens immer reizenden, Lächeln ein leichter Ausdruck, ich ſage nicht von Heiterkeit, ich 230 ſage nicht von Zärtlichkeit, der mir auffiel: es war etwas Gutes, Sanftes, Liebevolles, was die Mitte hielt zwiſchen dieſen zwei Gefühlen. Ich ſchaute ſie mit einem gewiſſen Erſtaunen an, dergeſtalt fand ich in dieſem Lächeln eine unerklärbare Nuance. „Nun!« fragte ſie mich,„was gibt es?« „Nichts,“ antwortete ich;„komm, meine Jeannie, ich muß Dir nun das Uebrige unſerer Beſitzungen zeigen.“ Wir ſtiegen die Treppe hinab, an einander gepreßt in ihrem engen Raume, doch für zwei Weſen, die ſich lieben, iſt Alles Freude. „Oft werden wir dieſe Treppe mit einander auf⸗ und abſteigen, liebe Jeannie,“ ſagte ich zu ihr, während ich auf der letzten Stufe ſtehen blieb und zu ihrem Lä⸗ cheln lächelte. Sie antwortete nicht, doch ſie ſtützte ſich auf meine Schulter, und wir erreichten den Hof. Fidel ſprang um uns her, plötzlich aber erblickten wir im Hofe ein Hundshäuschen. Bei dieſem Anblick ſchüttelte er den Kopf, nieſte er und zog ſich ängſtlich hinter uns zurück, was bewies, wie wenig der fragliche Gegenſtand ſeine Augen ergötzte. Armer Fidel, er hatte auf eine Freiheit ohne Hals⸗ Len und ohne Kette gehofft, und ich verſprach ſie ihm eiſe. „Sieh,« ſagte ich zu meiner Jeannie,„es wird hier Platz für Deine Tauben, Deine Hühner und Deine Enten ſein; ich ſage für die Deinigen, und nicht für andere; denn ſie kennen ihre ſanfte Gebieterin und müſſen ſich fern von ihr ſehr ungluͤcklich fühlen. Ich, was mich betrifft, da ich Alles liebe, was Dich liebt, möchte ſie gern hieher verſetzt ſehen.“ „Du biſt vortrefflich, mein lieber William,“ ſprach Jeannie;„in ein paar Tagen werden wir ſie holen.“ „Und, nicht wahr? Du wirſt zugleich Deiner Mut⸗ var titte an, dare nie, au.* reßt ſich und rend Lä⸗ eine kten e er dies, tzte. als⸗ ihm vird eine 231 ter ſagen, Gott, der ihr Gebet in der Gegenwart erhört hat, werde es wahrſcheinlich auch in der Zukunft erhören.“ „Ich werde ihr verſichern, ich ſei ſehr glücklich!“ Wir gingen nun um das Haus in den Garten; ich zeigte ihr die drei Trauerweiden und das Baſſin, in welchem ſie ihr grünes Haar benetzten; die Nachtigall war ſtumm, aber nicht unſichtbar geworden, denn wir fanden ſie in einem Weißdornbuſche, wo das Weibchen drei graue Cier mit rothen Flecken ausbrütete. Doch ſie kannte mich nicht, wie die Grasmücke Jeannie kannte, ſo daß bei unſerem Anblick Männchen und Weibchen entflogen und ſich ängſtlich auf einen Mandelbaum ſetzten. Wir entfernten uns raſch; wären die Eier kalt ge⸗ worden, ſo würde die Brut fehlgeſchlagen haben. Waͤh⸗ rend wir uns aber entfernten, verloren wir die Vögel nicht aus unſerem Blicke, und wir ſahen ſie bald zu ihrem Weißdorn zurückkehren und in ſeinem Blätterwerk verſchwinden. Die Geſchichte der Miſtreß Snart und ihrer drei zum Himmel aufgeſtiegenen Engel hatte Jeannie tief gerührt; der Anblick der Weiden belebte wieder in ihrem Herzen dieſe ganze traurige Erzählung, und in⸗ dem ſie ſich noch ſanfter auf meinen Arm ſtuüͤtzte, ſprach ſie zu mir: „Mein Freund, haben wir Beide nicht noch einen Beſuch zu machen?2« „Wem, Jeannie?« fragte ich. „Einer guten Frau, welche Du liebſt, weil Du ſie gekannt haſt, und die ich liebe, ohne ſie zu kennen.“ „Du willſt ſagen derjenigen, welche ich meine Mutter nannte 2 „Ja.“ „Komm, Jeannie, Du vergiſſeſt Niemand, komm!“ Und wir wandelten nach dem Friedhofe. Wir mußten durch das ganze Dorf gehen; denn 232 gegen die Gewohnheit lag der Friedhof nicht unmittel⸗ bar bei der Kirche. Stolz ſchritt ich mit meiner Jeannie am Arm durch die Straßen; alle Männer waren bei ihren Feldarbeiten: nur die Weiber und die Kinder blieben. Sobald die Kinder, welche auf den Gaſſen ſpielten, denen wir folgten, uns ſahen, liefen ſie in die Häuſer und riefen: „Der Herr Pfarrer Bemrode und ſeine Frau!« Und die Mütter eilten, ihre Töchter an der Hand haltend, auf die Thürſchwellen und grüßten mich freund⸗ ſchaftlich mit einem guten Morgen, den ſie zwiſchen mir und Jeannie theilten. Ich antwortete mit der Hand, und Jeannie lächelte. Wir kamen vor die Thüre des Friedhofes. Als Pfarrer hatte ich das traurige Vorrecht, einen Schlüſſel von dieſem Todtengarten zu beſitzen; doch ich hatte ihn, mit andern Dingen in meinem Geiſte beſchäftigt, ver⸗ geſſen. Ich ſchickte ein Kind weg, um ihn im Pfarrhauſe zu holen. Während dieſer Zeit blieben wir, Jeannie und ich, an das Gitter angelehnt. Bald überzog das Geſicht des ſanften Geſchöpfes ein Schleier der Schwermuth, und ihre Augen befeuch⸗ teten ſich. „Meine Jeannie iſt ein wahres Engelsherz,“ ſagte ich;„ſie kann nichts von menſchlichen Schmerzen ſehen, ohne daß ihre Güte ſich in Trauer kleidet.“ „Oh!“ erwiederte ſie mir,„Deine Liebe macht mich beſſer, als ich bin, mein William.“ „Und der Anblick dieſes Friedhofes betrübt Dich?« „Ja und nein; ein Kirchhof iſt der irdiſche Schmerz, doch es iſt die göttliche Hoffnung. Dann bietet ein Dorfkirchhof einen ganz eigenthümlichen Anblick. Bei meiner letzten Reiſe nach der Stadt ſah ich den von Cheſterfield und er brachte nicht dieſelbe Wirkung auf mich hervor, die mich vor dieſem ergreift; man ſollte glat Eleg Wil nich kant Jea meit erſt dru dieſ ſpre hot wen nur ſang Mu Tro 233 glauben, für dieſen habe Thomas Gray ſeine reizende Elegie gedichtet... Nicht wahr, Du kennſt ſie, mein William?“ Ich geſtand mit einer gewiſſen Scham, daß ich ichi nur die Elegie, ſondern auch den Dichter nicht annte. „Ohl darüber darf man ſich nicht wundern,“ ſagte Jeannie zu mir.„Thomas Gray iſt ein Freund von meinem Vater, er iſt mit ihm in Eton erzogen worden; erſt im vorigen Jahre hat er ein Bändchen Poeſien drucken laſſen, die er meinem Vater geſchickt, und in dieſem Bändchen findet ſich das Gedicht, von dem ich ſpreche.“ „Dieſes Gedicht iſt betitelt?« m„Elegie geſchrieben auf einem Dorffirch⸗ hofe.“ „Ohne Zweifel weiß meine Jeannie dieſe Elegie aus⸗ wendig?“ „Ja,“ ſagte Jeannie erröthend. „Ich höre,“ verſetzte ich;„die ſchönſten Verſe können nur gewinnen, wenn ſie von Dir geſprochen werden.“ „Schmeichler,“ rief ſie. Und mit einer Stimme ſo melodiſch wie ein Ge⸗ ſang fing ſie an das Gedicht zu recitiren, das in ihrem Munde einen anbetungswürdigen Ausdruck von naiver Traurigkeit und ländlicher Schwermuth annahm. Die Abendglocke tönt den Tag zur Ruh, Die Heerden ſchleichen blökend vom Revier; Der Pflüger rudert ſchwer der Hütte zu, Und läßt die Welt der Dunkelheit und mir. Der Glanz der Gegend ſchmilzt nun Zug für Zug, Und tiefe Feierſtille hält die Luft; Der Käfer dröhnt nur dort noch ſeinen Flug, Wo Schlummerklang zum fernen Pferche ruft. Nur dort tönt's noch durch alte Rudera, Wo es der Eule Murrſinn Lunen klagt, 234 Daß noch ein Wandrer, ihrer Grotte nah, Ihr ödes Heiligthum zu ſtören wagt. An dieſer Ulme, dieſem Eſchenbaum, Wo ſich der Grund in Moderhügeln hebt, Ruh'n rohe Ahnen in dem engen Raum, Die in dem kleinen Dörfchen einſt gelebt. Des Morgens Balſamduft am Lindengang, Vom Binſendach der Schwalbe Wirbellauf, Des Hahnes Kräh'n, des Hornes Wiederklang Weckt ſie nicht mehr vom kleinen Lager auf. Für dich brennt nun der gute Herd nicht mehr; Kein Hausweib ſorgt für deinen Abendgruß; Kein Knabe lauſcht des Vaters Wiederkehr, Und klimmt mit Neid am Knie um einen Kuß. Oft ſank das Korn in ihrer Eiſenhand, Oft riß das Brachfeld unter ihrem Pflug: Wie fröhlich trieb ihr Fuhrwerk über Land! Wie ſiel der Wald, wenn ihre Sehne ſchlug! Verſpotte nie der Ehrgeiz ihre Müh, Ihr unbekanntes Glück, ihr kleines Feſt; Hohnlächle nie die Größe über ſie, Wenn ſie das Buch der Armuth leſen läßt. Der Wappen Prahlerei, der Pomp der Macht, Was je der Reichthum und was Schönheit gab, Sinkt unerlöslich hin in Eine Nacht: Der Pfad der Ehre führet nur in's Grab. Ihr Stolzen, rechnet nicht es ihnen an, Wenn auf ihr Grab der Ruf nicht Marmor hebt, Wo durch das Chorgewölbe himmelan Des Lobes Note ſchwellend wieder bebt! Ruft je der Urne, ruft der Büſte Laub Mit Künſtlergeiſt den flieh'nden Hauch empor? —: Belebt des Ruhmes Stimme je den Staub? Rührt Schmeichelei des Todes kaltes Ohr? Vielleicht in dieſem dunklen Winkel ruht Ein Herz, auch einſt von Götterfeuer warm; Und Hände für der Laute Freudenglut, Und für des Scepters Schwung ein Heldenarm. Doch Wiſſenſchaft entrollt ihr großes Buch, Reich von der Zeiten Raub, nicht ihrem Blick: Der ſtarre Mangel hemmt den Kraftverſuch, Und drängt der Seele Schöpferſtrom zurück. Des Meeres fadenloſer Boden hält So manche Perle, deren Farbe glüht; Und manches Lenzes ſchönſte Blüme fällt, Die ungenoſſen in der Wildniß blüht. Hier ſchläft vielleicht ein Hampden, deſſen Muth Dem kleinen Dorftyrannen widerſtand; Ein ſtummer Milton unbekannter Glut; Ein Cromwell, ſchuldlos an dem Vaterland! Ihr Loos war nicht des Beifalls Jubelton, Nicht in dem Schmerz die ſtolze Apathie; Sie ſah'n ſich nicht im Blick der Nation, Der ihre Weisheit Ueberfluß verlieh. Ihr Tugendflug, ihr Laſterlauf begränzt, Verbot ihr Loos den Weg zu einem Thron, Der von dem Blute der Erſchlagnen glänzt, Oft allem wahren Menſchenſinne Hohn. Gewiſſensangſt war ihnen Strahlenlicht, Erſtickt war nie die Röthe holder Scham; Sie opferten dem Stolz der Schwelger nicht Mit Weihrauch, den man frech der Muſe nahm. Fern von des Thorenhaufens niedrem Zank, Verirrte nie ſich ihre Nüchternheit; 236 Geräuſchlos wandelten ſie ihren Gang Durch's kühle ſtille Thal der Lebenszeit. Ein kleines Denkmal, das als Ehrenſchild Nur ihren Staub vor⸗Schmäßhſucht decken ſoll, Ein harter Reim, ein ſchlecht geformtes Bild Verlangen eines Seufzers leichten Zoll. Ihr Nam', ihr Jahr von ungelehrter Hand, Iſt ihnen mehr als Ruhm der Dichtung werth; Und ländlich zieht die Muſe rund am Rand Den Spruch der Bibel, welcher ſterben lehrt. Am Freunde hing der Geiſt noch, als er ſchied, Die Zähre that noch dunkeln Augen gut; Auch aus dem Grabe ruft Natur ihr Lied, Und in der Aſche lebt die alte Glut. Von mir, der ich von meinen Brüdern hier Ganz ohne Kunſt das kleine Lied geſagt, Wenn einſam in Betrachtungen nach mir Einſt eine reinverwandte Seele fragt, Von mir ſpricht einſt vielleicht ein greiſer Mann: „Oft wenn das Morgenroth am Oſten hing, „Sahn wir ihn, wie er ſchnell den Berg hinan „Der Morgenſonn' im Thau entgegenging. „Dort, wo die Buche, deren Wurzel weit „Und hoch ſich windet, an dem Ufer nickt, „Lag er am Mittag mit Behaglichkeit „Lang über jenen Kieſelbach gebückt. „Verächtlich lächelnd ſchlich er dort herum „Am Walde, Grillen murmelnd und betrübt, „Wehmüthig, wie verloren, bleich und ſtumm, „Wie einer, welcher ohne Hoffnung liebt. „Einſt ſah ich früh ihn an dem Hügel nicht, „Nicht auf der Heide, nicht am Lieblingsbaum; einn ich Sti däch als von mei Ver 237 „Noch mißt' ich ihn am zweiten Morgenlicht „An ſeinem Bach, und an des Waldes Saum. „Den dritten Tag erſchien ein Leichenzug, „Der langſam ihn den Kirchengang herab „Mit Todtenmelodie zur Ruhe trug; „Komm, lies; dort deckt ein kleiner Stein ſein Grab: Grabſchrift. Sanft legt ſein Haupt hier in der Erde Schooß Ein Jüngling, der nie Glück und Ruhm gekannt: Der Muſe Lächeln war ſein beſtes Loos, Und Schwermuth hat zum Liebling ihn ernannt. Groß war ſein Herz und ſeine Seele ſchlicht; Deß lohnt ihm auch des Himmels Güte ſehr. Mit Armen weint' er, und mehr konnt' er nicht; Es ward ein Freund ihm, und er bat nicht mehr. Sucht ſein Verdienſt nicht weiter darzuthun, Gebt ſeine Schwachheit nicht dem Tadler bloß; Laßt beide ſie in banger Hoffnung ruhn, In ſeines Vaters, ſeines Gottes Schooß. un: Ich lannte dieſe Verſe nicht; ich kannte ſogar nicht einmal etwas Aehnliches in der Poeſie. Allerdings hörte ich zum erſten Mal Jeannie Verſe ſprechen. Zuweilen, wenn ſie das Wort ſuchte, mit dem die Strophe beginnt, ein Wort, das momentan ihrem Ge⸗ dächtniſſe entfloh, ſchlug ſie die Augen zum Himmel auf, als wäre es der Himmel, das Vaterland der Dichtkunſt, von dem ſie ihre Erinnerungen forderte, und dann, mein lieber Petrus, war Jeannie nicht die Frau, welche ; Verſe von Gray ſprach, es war die Muſe ſelbſt, die die 238 Inſpiration für ihre Rechnung ſuchte und für ihre Augen und ihre Stirne einen Strahl von den ewigen Strahlen entlehnte. Als das Kind mit dem Schlüſſel zurückkam, war die Elegie beendigt, und mein Geſicht,— ich weiß wohl, daß dies eine große Schwäche,— und mein Ge⸗ ſicht ganz mit Thränen bedeckt. Ich öffnete die Thüre, und wir traten ein. Nur gingen wir, ſtatt mit den Armen auf einander geſtützt zu gehen, religiöſer und ehrfurchtsvoller Weiſe neben einander. Man hätte glauben ſollen, die einfache Gegenwart des Todes genüge, um die am beſten zuſammengelöthe⸗ ten Herzen zu trennen. Es iſt wahr, wenn er die Herzen trennt, ſo ver⸗ einigt er die Seelen. Jeannie erkannte beim erſten Anblick und nach der Beſchreibung, die ich ihr davon gemacht, das Grab des verſtorbenen Pfarrers, der Witwe und ihrer drei Töchter. Sie näherte ſich dieſem kleinen Winkel der Erde, wo eine ganze verſchwundene Familie ſchlief, ohne eine andere Spur zu hinterlaſſen, als die, welche im Herzen eines Fremden blieb, nahm mit beiden Händen den Strauß, den ſie, den Garten durchſchreitend, gepflückt, und dem ſie Zweige von den drei Weiden beigefügt hatte, und ſtreute ihn auf die vier Gräber. Dann kniete ſie nieder und ſing an zu beten. Und ich, ich blieb an einem Baum angelehnt ſtehen und betete ebenfalls— für die Betende. ihre igen war veiß Ge⸗ nder Jeiſe vart bthe⸗ ver⸗ der des hter. erde, eine erzen den ückt, fügt ehen 239 XXIV. wo ich immer mehr Bekanntſchaft mit Jeannie mache. Während der acht Tage, die auf unſern Einzug folgten, hatte ich mich mit den Pflichten meines Amtes zu beſchäftigen, die ich ein wenig vernachläſſigt über dem wichtigen Ereigniſſe, das in meinem Leben in Er⸗ füllung gegangen war; doch meine guten Pfarrkinder ſahen mich ſo glücklich, daß ſie mir leicht verziehen. Jeannie begab ſich mehrere Male nach Wirksworth, um nach unſerer Uebereinkunft diejenigen von den Ge⸗ noſſen des väterlichen Hauſes, welche ihr nach dem ehe⸗ lichen Hauſe folgen ſollten, überſiedeln zu laſſen. Bei einigen von dieſen Gängen begegnete ſie auf der Straße dem Herrn Intendanten Stiff, der Arbeitern ſeine Befehle ertheilte. Der Herr Intendant hatte die Güte, ſie wiederzuerkennen, und erwies ihr die Ehre, ſie einen Theil des Weges zu begleiten. Er lud uns, wie mir Jeannie nachher mittheilte, dringend ein, einen zweiten Beſuch im Schloſſe zu machen; doch diesmal, um den ganzen Tag hier zu bleiben. Madame Stiff hörte nach dem, was ihr Gemahl behauptete, nicht auf, von ihrer guten Freundin Miß Smith zu reden, die ſie äußerſt hübſch und liebreizend in ihrem Kleidchen fand. Er hegte auch ein lebhaftes Verlangen, weitere Bekanntſchaft mit einem ſo ausgezeichneten Manne, wie ich es ſei, zu machen. Dem zu Folge werde er, wenn wir ihn nicht im Schloſſe beſuchten, für ſeine Frau und für ſich um die Erlaubniß bitten, uns im Pfarrhauſe beſuchen zu dürfen. Jeannie, welche Herrn Stiff und ſeine Frau ebenſo wenig liebte, als ich dies that, hatte hierauf artig geant⸗ wortet, denn ſie ſah wohl ein, von welchem Gewichte 240 es für uns war, daß wir uns nicht mit ſo mächtigen Nachbarn entzweiten; Jeannie hatte geantwortet die ſeit einem Monat vernachläſſigten Pflichten meines Amtes nehmen mir viel Zeit weg, was ſie abhalte, ſich in meinem Namen zu dieſem zweiten Beſuche anheiſchig zu machen; was aber die Abſicht von Herrn Stiff, mit ſeiner Frau nach dem Pfarrhauſe zu kommen, betreffe, ſo werde dieſer Beſuch mit aller Dankbarkeit, die eine ſo große Ehre verdiene, aufgenommen werden. Dann hatte man vom Regen und vom ſchönen Wetter geſprochen, von der Ernte, welche in dieſem Jahre gut ausfallen würde, von dem ungeheuren Ver⸗ mögen des Grafen und von dem großen Einfluß, den Herr Stiff auf dieſen hohen Herrn übe. Und ſo plaudernd, war man bis vor die Thüre von Herrn Smith gekommen, wo der Intendant ſodaͤnn von meiner Frau Abſchied nahm. Der neunte Tag nach dem unſeres Einzuges in das Pfarrhaus von Aſhbourn war mein Geburtstag. An dieſem Tage, dem neunzehnten Juli, trat ich mein ſechsundzwanzigſtes Jahr an. Ach! ſeit dem Tode meiner armen Eltern hatte ſich kaum Jemand mehr dieſes Jahrestages erinnert. Ich ſelbſt hatte ihn beinahe vergeſſen. Was Jeannie betrifft, ſo mußte ſie nichts davon wiſſen; mein Alter war ein einziges Mal in ihrer Ge⸗ genwart an dem Morgen, wo ich ihr Gatte wurde, ge⸗ nannt worden, und es wäre ein Wunder geweſen, wenn ſie ſich deſſelben erinnert hätte. Am vorhergehenden Tage lächelte ſie mich indeſſen auf eine ſonderbare Art an, wenn ich ſie über die Vor⸗ räthe, die ſie anſchaffte, befragte; am Morgen küßte ſie mich zärtlicher als gewöhnlich, und in dem Augenblick, wo ich in das ehemalige Schlafzimmer von Miſtreß Snart, das meine Arbeits⸗ und Studirſtube geworden war, hinabging, ſchien es mir, folgte ſie mir. In dieſe Stube eintretend, ſah ich Anfangs weder von Ge⸗ ge⸗ venn eſſen Vor⸗ e ſie blick, iſtreß orden beder 241 etwas Neues, noch etwas Außerordentliches; als ich aber an meinem Schreibtiſche ſaß, ſchaute, ich empor und gab einen Ausruf des Erſtaunens von mir. Ich hatte vor mir ein reizendes Gouachebild, das grün, roth und weiße Häuschen vorſtellend; das Fenſter dieſes Häuschens war offen und an dieſem Fenſter ſtand Jeannie mit ihrem Stieglitz auf der Schulter. Ich neigte mich gegen das Bild, ich betrachtete das Ganze zuerſt mit meinem Herzen, dann alle Einzeln⸗ heiten mit meinem Geiſte, und mein Geiſt war mit dieſer prüfenden Beſchauung ſo zufrieden als mein Herz. Das war componirt und, ich möchte faſt ſagen, ausgeführt wie ein Misris. Halb im Schatten des großen Strohhutes, halb im Lichte einer ſchönen Sonne, war das Jeannie ähnliche Geſichtchen von einer wunderbaren Zartheit. Die Mauer des Hauſes mit ihrer ganzen Beglei⸗ tung von Epheu, Syringen und Pappelbäumen hatte einen höchſt ſoliden Ton, der von einem geübten Pinſel zeugte. Mein Erſtaunen war ſo groß, daß ich mich nicht enthalten konnte, es laut auszudrücken. In dieſem Augenblick fühlte ich zwei Arme meinen Hals umſchlingen und einen lauen Athem mein Geſicht liebkoſen. Und ich hörte die ſchmeichelnde Stimme von Jeannie mir in's Ohr flüſtern: „Mein geliebter William, haſt Du nicht vor mir den Wunſch ausgeſprochen, Du möchteſt eine Anſicht von dem armen Haͤuschen beſitzen, an deſſen Fenſter Du mich zum erſten Male erblickt? „Ja, allerdings,“ antwortete ich. „Nun, ſind Sie nicht mein Gebieter? Habe ich Ihnen nicht Gehorſam geſchworen? Ihre Befehle ſind von Ihrer unterthänigſten Magd vollzogen, gnädigſter Herr,“ ſagte Jeannie⸗ Der Pfarrer von Aſhbourn. I. 16 242 Und ſie machte mir eine reizende Verbeugung, zu⸗ gleich voll Anmuth und voll Coquetterie. „Ja,“ verſetzte ich,„doch der Maler, der Maler? „Ohl der Maler iſt nicht ſchwer zu finden,“ erwie⸗ derte Jeannie mit einem Lächeln,„denn gegen ihn ſelbſt haben Sie die Gnade gehabt, Ihren Wunſch kund zu geben.“ „Wie!.... rief ich;„der Maler... der Componiſt dieſes köſtlichen Gouachebildes biſt Du?...“ Jeannie machte mir, immer lächelnd, eine zweite von der erſten copirte Verbeugung. „Alſo dieſes bewunderungswürdige Talent, von dem Du mir nie ein Wort geſprochen?...“ „Vergeßlicher! ich ſprach davon an dem Tage, wo wir hier einzogen.“ „Ja; doch wie davon eine Koſtſchülerin ſpricht, welche nach einem Modell zeichnet, und nicht wie eine Künſtlerin erſter Stärke, welche ſelbſt componirt und ausführt.“ Plötzlich erinnerte ich mich, daß ich mich erboten hatte, ihre Studien zu leiten. „O meine gute Jeannie,“ rief ich, nich begreife nun das Lächeln, mit dem Du meinen Vorſchlag ange⸗ nommen haſt.“ „William!“ „Und dieſe Fresken, die ich mit ſo viel Stolz im Zimmer meiner Braut gemalt habe!... Einen Pinſel, eine Bürſte, damit ich Alles dies vertilge!“ ni Winnie hielt mich zurück, als ich nach der Thüre ürzte. „Nein, mein Freund, Du wirſt nichts vertilgen; dieſe Fresken ſind das Denkmal Deiner Zuneigung für mich, und ehe ich herabging, kniete ich vor dem Altar nieder, dankte Gott, daß ich ſo geliebt werde, und küßte die zwei weißen Tauben, das Symbol unſerer Liebe.“ Ich ſtieß einen halb traurigen, halb freudigen Seufzer aus. im nſel, hüre 243 Die traurige Seite war an meinen Stolz gerichtet, mein lieber Petrus;— ich fange an zu glauben, daß der Stolz der Dämon iſt, der von ſeinem Meiſter Satan den Auftrag erhalten hat, mich in's Verderben zu ſtürzen. Ich bildete mir ein, ich wiſſe Alles, und nun kommt Jeannie und weiß, daß es einen Dichter gibt, der Thomas Gray heißt, und daß dieſer Dichter eine reizende Elegie gemacht hat! Ich bildete mir ein, ich könne malen, und nun kommt ein beſcheidenes, zurückhaltendes Dorfmädchen und gibt mir ganz einfach, ganz natürlich eine Lection in der Malerei! O Stolz, o Stolz, wann werde ich dir entſagen? Zum Glück hatte ich nicht Muße, mich tiefer in dieſe Betrachtungen zu verſenken, welche nur ſehr beun⸗ ruhigend für mein Heil geweſen wären. Man klopfte an die Thüre, Jeannie eilte hinzu, und ehe ich drei Schritte gemacht, hatte ſie ihrem Vater und ihrer Mutter geöffnet. Der gute Paſtor Smith kam mit ſeiner Frau, um meinen Geburtstag zu feiern. Das war der Beſuch, den Jeannie erwartete; die Mundvorräthe, die ſie ange⸗ ſchafft, hatten ihre Beſtimmung für dieſen Tag, der in der Familie zugebracht werden ſollte. O mein lieber Petrus! es gab einen Augenblick an dieſem Tage, wo ich mich der ſchönen Geſchichte erin⸗ nerte, die Herodot vom Tyrannen Polykrates erzählt, der riiüte uͤber ſein Glück ſeinen Ring in's Meer warf. Was kann ich in das Meer werfen, um das zu⸗ künftige Unglück zu beſchwören, und damit mir das Verhangniß mein gegenwärtiges Glück verzeihe? Ein Fiſch brachte Polykrates ſeinen Ring zurück, und einige Monate ſpäter, damit ſein Glück ſeinem Un⸗ glück gleich käme, wurde er durch Verrath von Orötes, dem Satrapen von Kambyſes, feſtgenommen, der ihn an ein Kreuz nageln ließ. 16* 244 Mein Gott, jeder Menſch hat ſeinen Orötes und ſein Kreuz. Wer iſt mein noch unbekannter Orötes, und an welchem ſchmerzvollen Kreuze gedenkt man mich auszuſtrecken, um mich mein Glück ſühnen zu laſſen? Drei Monate nach meinem Geburtstage war der von Jeannie; ſie trat in ihr einundzwanzigſtes Jahr ein, und während dieſer drei Monate ſuchte ich in meinem Innern, welches Geſchenk ich ihr an dieſem Tage machen könnte; doch meine, gewöhnlich ſo frucht⸗ bare, Einbildungskraft ließ mich bei dieſer großen Ver⸗ anlaſſung im Stiche. In der That, meine arme Jeannie erklärte ſich für ſo glücklich, daß ſie keinen Wunſch ausdrückte, und ſo ward es mir unmöglich, zu errathen, was ihr angenehm ſein könnte. Nach langer Neberlegung dachte ich, was wohl Jeannie am meiſten Vergnügen machen könnte, wäre ein ſchönes Hochzeit⸗ gedicht, in welchem ich unſer gemeinſchaftliches Glück feierte. Anfangs hatte ich die Idee, es in lateiniſcher Sprache abzufaſſen, damit es das Verdienſt der über⸗ wundenen Schwierigkeit hätte; doch ich bedachte, da ich genöthigt wäre, es in's Engliſche zu überſetzen, ſo würde es natürlich viel bei der Ueberſetzung verlieren. Ich beſchloß alſo, mich ganz einfach der gemeinen Sprache, der Sprache von Shakespeare, Milton und Pope zu bedienen. Dies wurde dann ſo leicht, beſonders für einen Mann, der, wie ich, fünf Jahre lang ein Epos und drei Jahre lang eine Tragödie geträumt hatte, daß ich laubte, es wäre immer noch Zeit, zum Werke zu ſchreiten. Darum beſchäftigte ich mich erſt drei Tage vor dem großen Tage ernſtlich mit meinem Hochzeitgedichte. Ich wollte zuerſt alle berühmte Hochzeiten des Al⸗ terthums die Revue paſſiren laſſen, mit der von Thetis und Peleus anzufangen; doch es war wahrhaftig un⸗ möglich, unſere beſcheidenen Hochzeiten mit den göttli⸗ chen Hochzeiten zu vergleichen, aus denen der trojaniſche * &—O& ◻☛ ͤ——— — 245 Krieg und alle Ereigniſſe entſprungen ſind, welche, wie die Ermordung von Agamemnon, die Fahrten von Ulyſſes, die Gründung von Rom u. ſ. w., eine Folge dieſer Kriege waren. Ich verließ alſo die Hochzeit von Thetis und Pe⸗ leus, um zu der von Perithous und Hippodamia zu kommen; doch dieſe war auch die Urſache einer ſo ent⸗ ſetzlichen Kataſtrophe geweſen, daß ich, und geſchah es nur wegen des ſchlimmen Vorzeichens, einen andern Texrt zu ſuchen beſchloß; in der That, kein Centaur hatte es verſucht, meine Hippodamia zu rauben; die Schüſſeln vom Tiſche hatten unverſehrt ihren ge⸗ wöhnlichen Platz auf der Truhe von Miſtreß Smith wieder eingenommen, und es war nicht nur kein Brand in der Kehle irgend eines Räubers erloſchen, ſondern man hatte ſogar, in Betracht der heißen Jahreszeit, kaum Feuer angezündet. So ſah ich mich genöthigt, die Hochzeit von Pe⸗ rithous und Hippodamia beiſeit zu laſſen, wie ich die von Thetis und Peleus gelaſſen hatte. Da war noch die Hochzeit von Perikles und Aſpaſia, welche nach der Ausſage von Plutarch drei Tage lang ganz Athen in Bewegung ſetzte, ſo neugierig waren die Athenienſer, dieſes geiſtreiche und unbeſtändige Volk, den Rivalen und Beſieger von Cimon den Gatten der Buhlerin von Milet werden zu ſehen. Obſchon ich mich aber in Beziehung auf Kenntniſſe, Atticismus und Geſchmack mit Aleibiades vergleichen konnte, ob⸗ ſchon ich, wenn ſich die Gelegenheit geboten oder die Lage gegeben hätte, ſo gut als er das Parthenon ge⸗ baut und meinen Namen meinem Jahrhundert vermacht hätte, ſo konnte ich doch in keiner Beziehung, die der Schönheit ausgenommen, meine Frau mit Aſpaſia ver⸗ gleichen. Ich mußte alſo auf die Hochzeit von Perikles und Aſpaſta verzichten, wie ich auf die von Perithous und 246 Hippodamig und die von Thetis und Peleus verzichtet hatte. Doch die Arbeit, die mein Geiſt, mein Gedächtniß und meine Bildung gethan hatten, um alle dieſe berühmten Hochzeiten die Revue paſſiren zu laſſen, hatte mir zwei große Tage weggenommen; erſt am Anfang des dritten und als nur noch vierundzwanzig Stunden vor mir waren, beſchloß ich alſo, etwas weniger Compli⸗ cirtes, einen einfachen Geſang des Herzens, eine reine Dankſagung für die unwandelbare Zärtlichkeit zu machen, von der mir meine Jeannie drei Monate lang beſtändig den Beweis gegeben. In dem Augenblick, wo ich, nachdem ich den Plan dieſes Verſeſtückes, aus dem ich gerade wegen ſeiner Geringfügigkeit ein Meiſterſtück zu machen gedachte, zuerſt durch den Gegenſtand und dann durch ein zwei⸗ ſtündiges Nachſinnen begeiſtert, die Feder in die Hand genommen und oben auf ein ſchönes Blatt weißes Pa⸗ pier:„An Jeannie!“ geſchrieben hatte, wurde zum Un⸗ glück der Schulmeiſter bei mir eingeführt, und dieſer erinnerte mich daran, daß ich eine Trauung zu voll⸗ ziehen hatte. Ich wußte zu gut durch mich ſelbſt, wie groß die Ungeduld eines Braͤutigams iſt, um dieſen warten zu laſſen. Raſch ſtand ich alſo auf und lief nach der Kirche, wobei ich mir vornahm, ſogleich bei meiner Rückkehr wieder an mein Hochzeitgedicht zu gehen. In der That, ich erpedirte ſo ſchnell als möͤglich und ohne Zweifel zu ihrer Zufriedenheit meine Brautleute, und während ſie nach dem proteſtantiſchen Gebrauche die jungen Männer und die Mädchen des Dorfes vor der Thuͤre erwarteten, um Blumen auf ihren Weg zu ſtreuen, ſchickte ich mich an, nach Hauſe zurückzukehren, geplagt, wie ich es war, durch den Dämon der Poeſie, der ſeinen erſten Vers in mein Ohr flüſterte. Als ich eben weggehen wollte, hielt mich der Schul⸗ meiſter auf. — ̈l —,—— 2— — tet niß ten nir des or bi⸗ ine en, dig lan ner zte, vei⸗ and Pa⸗ Un⸗ eſer oll⸗ die zu der ner hne und die der zu ren, eſie, zul⸗ — —— 247 „Herr Bemrode,“ ſagte der brave Mann zu mir, „mir ſcheint, Sie vergeſſen etwas.“ „Was, mein Freund ² fragte ich. „Daß der alte Blum geſtorben, und daß ſeine Be⸗ erdigung auf Mittag feſtgeſetzt iſt.“ „Ahl das iſt bei meiner Treue wahr!“ rief ich, „man hat es mir geſtern gemeldet, und ich ſelbſt habe die Stunde beſtimmt.“ „Da es aber halb zwölf Uhr iſt,“ fuhr der Schul⸗ meiſter fort,„ſo glaube ich nicht, daß es ſich für Sie der Mühe lohnt, nach Hauſe zu gehen; in einer halben Stunde wird der Leichnam bei der Kirche ſein.“ „Sie haben Recht, mein Freund,“ erwiederte ich; „benachrichtigen Sie Miſtreß Bemrode von dem, was vorgeht, und ſagen Sie ihr, ich werde bei meiner Rück⸗ kehr vom Friedhofe ſpeiſen.« „Ganz richtig,“ verſetzte der Schulmeiſter, der eine Berechnung in ſeinem Kopfe zu verfolgen ſchien;„die Beerdigung wird ſicherlich um ein Uhr beendigt ſein, und von ein Uhr bis zwei Uhr haben Sie dann alle Zeit, um zu Mittag zu ſpeiſen; ich will Miſtreß Bem⸗ rode davon benachrichtigen.“ Und der brave Mann verließ die Kirche. „Gewiß werde ich von ein bis zwei Uhr alle Zeit haben, um zu Mittag zu ſpeiſen,“ ſagte ich, indeß ich dem Abgehenden nachſchaute;„und dann will ich au mein Hochzeitgedicht gehen, und das iſt etwas ſo Leich⸗ tes, für mich beſonders, daß es heute Abend wird ge⸗ ſchehen ſein. Wer hindert mich übrigens, mittler⸗ weile daran zu arbeiten? Ich habe eine halbe Stunde, und, Gott ſei Dank, ich fühle mich inſpirirt.“ Ich war wirklich dadurch, daß ich beſtändig meinen Geiſt auf denſelben Gegenſtand fixirt hatte, zu dem Zuſtande gelangt, den wir Dichter mit dem Titel In⸗ ſpiration ſchmücken, als der Schulmeiſter ganz athemlos zurückkehrte. „Oh! Herr Pfarrer,“ ſagte er:„Miſtreß Bemrode bittet Sie, ſo raſch als möglich zu kommen; es iſt ein 248 ſchöner Wagen vor der Thüre des Pfarrhauſes, und zwei Lackeien in Livree ſitzen auf dem Bocke des Wagens.“ „Aber wer ſind denn die Perſonen, die der Wagen gebracht hat?“ fragte ich. „Ich wüßte es nicht zu ſagen, doch Sie werden es erfahren, wenn Sie der Bitte von Miſtreß Bemrode folgen; denn die Perſonen, welche der Wagen gebracht hat, ſind bei Ihnen und warten auf Sie, wie es ſcheint.“ Eiligſt ging ich aus der Kirche weg, und ich ge⸗ wahrte in der That eine Equipage vor der Thüre des Pfarrhauſes. Mit dem erſten Blicke erkannte ich den Wagen und die Livree: die Livree war die des Grafen von Alton und der Wagen der, in welchem wir Herrn und Madame Stiff begegnet waren. Ich geſtehe, daß mir meine geringe Sympathie für den Herrn Intendanten und die Frau Intendantin Anfangs die Idee eingab, nach der Kirche zurückzukeh⸗ ren und dort die Beerdigung zu erwarten,— ein ge⸗ nügender Vorwand für meine Abweſenheit; aber die Dringlichkeit, mit der Jeannie nach mir begehrt hatte, beunruhigte mich, und nachdem ich einen Augenblick über die Gefahr, meine hohen Beſuche zu verletzen, nachgedacht, ging ich weiter nach meinem Hauſe. XXV. Wie das Hochzeitgedicht unterbrochen murde. Es waren wirklich Herr und Madame Stiff; da ſie ſahen, daß wir nicht zu ihnen gingen, ſo hatten ſie ſich entſchloſſen, nicht ſtolzer zu ſein, als Mahomed gegen den Berg, und ſie kamen zu uns. Welcher von beiden Theilen des Chepaares hatte den Gedanken dieſes Beſuches gehabt? Ich weiß es nicht; 249 ſo viel aber weiß ich, daß ſich der eine und der andere die Aufgabe, uns den Beſuch ſo unangenehm als mög⸗ lich zu machen, geſtellt zu haben ſchienen. In dem Augenblick, wo ich eintrat, waren Herr und Madame Stiff, welche ebenfalls unſer Haus beſich⸗ tigten, gerade im Schlafzimmer. „Ohl mein Gott, meine Theure,“ ſagte Miſtreß Stiff zu meiner Frau,„was für einen Gedanken hat⸗ ten Sie, daß Sie Ihr Zimmer ſo decoriren ließen, ſtatt die Wände mit irgend einem Stoffe oder wenig⸗ ſtens mit einer Papiertapete zu bekleiden? Sie haben dieſe Fresken wohl von einem Dorfglaſer malen laſſen?“ Ich trat hinzu, und da mir das Compliment nicht ſehr angenehm war, ſo ſagte ich: „Nein, Madame, wir haben hiezu nicht einmal einen Dorfglaſer berufen; ich ſelbſt habe ſie gemacht.“ „Ah! in der That,“ verſetzte Madame Stiff, ohne ſich aus der Faſſung bringen zu laſſen,„das war noch ökonomiſcher.« Jeannie war raſch zu mir gekommen und hatte meine Hand ergriffen, die ſie zärtlich drückte, indeß mir ihre Augen Alles, was ſie litt, zu ſagen ſuchten. Herr Stiff aber trällerte ein Liedchen, während er mit dem Ende ſeines Stockes die Ueberzüge der Meu⸗ bles aufhob. Meine Ankunft ſchien keinen Eindruck auf ihn zu machen. „Ei! ei!“ rief er,„guten Morgen, mein lieber Herr, Paſtor; ſagen Sie mir, um ſich zu kaſteien, haben Sie wohl Binſenſtühle und Rohrcanapés? Teufel! wie ſchlecht muß man darauf ſein. Hören Sie, Madame Stiff, Sie, die Sie ſich darüber beklagen, Ihre Meubles ſeien hart... ah! gut, ich werde Sie hieher ſchicken und acht Tage in der Schule von Miß Smith leben aſſen.“ Dieſe Affertation, meine Frau fortwährend Miß Smith zu nennen, war mir ſchon aufgefallen; diesmal 2⁵⁰ beſchloß ich, die Ungezogenheit nicht vorübergehen zu laſſen, ohne ſie aufzunehmen, und ich ſagte: „Darf ich dem Herrn Intendanten bemerken, daß ſeit mehr als drei Monaten Miß Smith Miſtreß Bemrode geworden iſt?“ „Miſtreß Bemrode! ah! Miſtreß Bemrode! Sie heißen alſo Bemrode, Sie, mein lieber Herr Paſtor? Was für einen ſonderbaren Namen haben Sie da ge⸗ wählt! Ich wollte ihm etwas erwiedern; ſeine Frau ſchnitt mir das Wort ab. „Meine liebe Kleine,“ ſagte ſie,„wohin thun Sie denn Ihre Dienſtboten? Ich habe noch nicht einen ein⸗ zigen geſehen, ſeitdem ich bei Ihnen bin, und ich glaubte ſogar zu bemerken, daß Sie mir die Thüre ſelbſt öffneten.“ „Madame,“ ſprach Jeannie mit wunderbarer Würde,„wir ſind einfache Leute; ich bin die Tochter eines Pfarrers, mein Mann iſt Pfarrer; wahrſcheinlich würde das Einkommen der zwei vereinigten Pfarreien, der meines Mannes und der meines Vaters, nicht die Mittel geben, um damit die zwei Bedienten zu bezah⸗ len, welche auf dem Bocke Ihres Wagens ſitzen.“ „Ahl das iſt wahr, das iſt wahr,“ ſagte Herr Stiff; „meine liebe Freundin, bedenken Sie, daß der Kutſcher fünfzig Pfund Sterling nebſt Koſt und Kleidung hat; daß der andere Burſche, der neben ihm ſitzt, fünf⸗ unddreißig Pfund bekommt, um durchaus nichts zu thun. Sie ſehen wohl, daß die Bemerkung von Miß Smith äußerſt richtig iſt, und daß, wenn man die fünf⸗ zig Pfund des Einen mit den fünfunddreißig des An⸗ dern vereinigte und Koſt und Kleidung beifügte, der Ertrag der zwei Pfarreien nicht hinreichen würde. Die⸗ ſer Taugenichts von einem Kutſcher, der nie einen Fuß auf die Erde ſetzt, verbraucht und beſchmutzt ganz allein für mehr als fuͤnfzehn Pfund Sterling jährlich ſeidene Strümpfe!“ „Sie ſehen wohl,“ verſetzte lächelnd Jeannie,„ich habe Recht, daß ich mir keine Dienſtboten halte.“ — GG ½ AsAU½ ͤ — 4 251 „Sie thun alſo Alles ſelbſt, mein armes Kind?« fragte Madame Stiff. „Ein Mädchen aus dem Dorfe hilft mir, Madame, ein reizendes, äußerſt gutwilliges, gefälliges Kind, die Tochter des Schulmeiſters.“ „Ahl ja; und dieſe beſorgt die Küche,“ ſagte Ma⸗ dame Stiff, während ſie die Treppe hinabzuſteigen aufing. „Nein, Madame,“ verſetzte Jeannie,„dieſe Sorge geht mich an; ich habe den Geſchmack meines Mannes ſtudirt, kenne die Gerichte, die er liebt, und bin glück⸗ lich, wenn ich ſie ihm bereite, mir ſagen zu können: „„Mein lieber William wird mit Vergnügen eſſen.“ Die übrige Haushaltung iſt die Sache von Betſy.“ „Und das richtet Ihnen nicht die Hände zu Grunde 2* „Nein, Madame,“ erwiederte Jeannie. Jeannie hatte herrliche Hände, und ich ergriff dieſe Veranlaſſung, ihre Schönheit geltend zu machen; über⸗ dies hatte ich bemerkt, daß die Hände von Madame Stiff plump und gemein waren. „Meine liebe Jeannie, da die Frau Intendan⸗ tin(ich legte einen beſondern Nachdruck auf das Wort und ich bemerkte in der That, daß dieſes Wort Miſtreß Stiff erröthen machte), da die Frau Intendantin an dem, was Du behaupteſt, zu zweifeln ſcheint, ſo zeige ihr doch Deine Hände.“ „Warum dies?« fragte Madame Stiff. „Um Ihnen zu beweiſen, Madame,“ erwiederte ich freundlich,„daß man die Küche beſorgen kann, ohne zu Grunde gerichtete Hände zu haben... Zeige Deine Hände, Jeannie, zeige ſie, Du wirſt mir ein Vergnü⸗ gen machen.“ „Ohl da Du es willſt«... verſetzte Jeannie. Und ſie ſtreckte zwei weiße, fleiſchige, weiche Hände mit zart zugeſpitzten Fingern, woran Nägel von Perl⸗ mutter und Roſa, aus. „’Es iſt bei Gott wahr!“ rief der Intendant„Hände einer Herzogin!... Miß Smith, ich mache Ihnen mein Compliment.“ 25⁵² „Sie ziehen alſo Handſchuhe an, um zu kochen, meine liebe Frau?“ fragte die Intendantin. Dann ging ſie zu etwas Anderem über und ſagte: „Ah! ah! hier iſt das Speiſezimmer; es iſt ſehr ſchlecht beleuchtet! Wahrhaftig, ich kenne nichts Trau⸗ rigeres in der Welt, als in einer finſtern Stube zu eſſen. Man kann allerdings die Läden ſchließen und Kerzen an⸗ zünden, doch ich ſehe keine in dieſem Zimmer.“ „Das wäre für uns völlig unnütz, Madame,“ er⸗ wiederte Jeannie mit ihrer engeliſchen Sanftmuth;„ſeit den drei Monaten, die wir hier wohnen, iſt Ihr Be⸗ ſuch, für den wir Ihnen ſehr dankbar ſind, Madame, der einzige, welchen wir zu empfangen die Ehre gehabt haben, und wir werden vielleicht abermals drei Monate hier ſein, ohne einen andern zu empfangen.“ „Oh! nein, nein,“ rief Herr Stiff,„zählen Sie nicht hierauf; ich finde viel Vergnügen in Ihrer Geſell⸗ ſchaft und in der von Herrn... gut, nun habe ich den Namen Ihres Mannes vergeſſen, Be... Be... Bi...“ „Bemrode, Herr Intendant,“ ſiel ich ein. Ah! ja, Bemrode; ich widerrufe nicht, der Name iſt ſeltſam.“ „Aber,“ ſagte Madame Stiff,„Herr Bemrode hat wohl einen Ort, ein Cabinet, einen Winkel, wo er ſeine ſchönen Predigten, welche von allen unſern Bauern be⸗ wundert werden, ſtudirt und vorbereitet?« „Ja, Madame,“ erwiederte ich,„ich habe einen Ort... und wenn Sie ihn zu ſehen wünſchen, wie Sie das übrige Haus geſehen...“ „Ganz gewiß, vorausgeſetzt, daß es nicht zu hoch iſt; Ihre Treppe iſt ſo hart, mit ihren abſcheulichen Stufen ohne Teppich!“ „Beruhigen Sie ſich, Madame,“ ſagte ich,„die Reiſe, die Ihnen noch zu machen bleibt, wird Sie nicht ſehr ermüden.“ Ich öffnete die Thüre des ehemaligen Schlafzim⸗ mers der Witwe. „Hier,« ſagte ich zur Intendantin. ——— Sie trat zuerſt ein, dann kam Jeannie, dann Herr tiff. Während dieſer Bewegung, und da ich mich wun⸗ derte, daß Herr Stiff meine Frau hatte vor ihm ein⸗ treten laſſen, wandten ſich meine Augen nach der Thüre, und mir ſchien, Herr Stiff ſage zu Jeannie ganz leiſe ein paar Worte, die ſie erröthen machten. Doch in demſelben Moment wurde meine Aufmerk⸗ ſamkeit durch Madame Stiff abgezogen, die ſich meinem Schreibtiſche näherte und ihre Blicke auf das für das Hochzeitgedicht bereit liegende Blatt Papier warf. „An Jeannie!“ las ſie. Denn Sie erinnern ſich, mein lieber Petrus, der Titel war geſchrieben. „An Jeannie!... Was bedeutet das?“ „Nichts, Madame, nichts!“ rief ich, indem ich raſch das Blatt Papier ergiff, zwiſchen meinen Fingern zer⸗ knitterte und in meine Taſche ſteckte. Nachdem ſie mit dem Blicke meiner Bewegung ge⸗ folgt war, ſchaute Madame Stiff auf, und ihre Augen fielen auf das Gouachebild von Jeannie. „Ah! ah!“« rief ſie,„das iſt eine hübſche Zeich⸗ nung.“ „Es iſt ein Glück, daß ſich hier Etwas findet, was Diiner Aufmerkſamkeit würdig iſt!“ ſagte ich für mich elbſt. Dann ſprach ich laut: „Dieſe Zeichnung gefällt Ihnen, Madame?“ „Ja, erwiederte ſie;„ſehen Sie doch, Herr Stiff!« „Mit Vergnügen, Madame,“ ſagte der Intendant; „doch Sie wiſſen, daß ich mich nicht auf alle dieſe Lap⸗ pereien verſtehe; das ſtellt, wie mir ſcheint, ein Haus mit einer jungen Frau am Fenſter vor.“ Madame Stiff zuckte die Achſeln, ohne ſich darum zu bekümmern, ob ihr Mann die verächtliche Bewegung, die ihr entſchlüpfte, ſehe oder nicht ſehe. „Und von wem iſt die Zeichnung?“ fragte ſie. „Von meiner Frau, Madame. Sie ſtellt das Haus 254 ihres Vaters und das Fenſter vor, wo ſie mich zum erſten Mal erblickte.“ „Ei!“ ſagte die Frau Intendantin,„wie kommt es, liebe Kleine, daß Sie, da Sie ein ſolches Talent be⸗ ſitzen, nicht Nutzen zu Unterſtützung Ihrer Wirthſchaft daraus ziehen? „Madame,“ antwortete Jeannie,„mein Vater hat mich das, was ich von der Malerei weiß, als eine Zer⸗ ſtreuung und nicht als eine Hülfsquelle gelehrt. An dem Tage jedoch, wo das Unglück uns träfe, würde ich ſehen, ob es, was ich bezweifle, möglich wäre, Nutzen aus mei⸗ nem ſchwachen Talente zu ziehen.“ Ich war wüthend; dieſer Mann und dieſe Frau hatten ſeit meiner Ankunft den Mund nur aufgethan, um Jeannie und mir unangenehme Dinge zu ſagen. Gerade in dieſem Augenblick meldete man mir, der Leichnam meines Verſtorbenen ſei vor der Kirche an⸗ gekommen. Zu gleicher Zeit mahnte mich die Glocke durch ihre dumpfen, langſamen Töne daran, daß ich in der That erwartet wurde. Doch es koſtete mich Ueberwindung, aus dem Hauſe wegzugehen und meine Frau dieſen zwei böſen Geiſtern preisgegeben zu laſſen. So daß ich in meinem Innern ſagte: „Bei meiner Treue! mir gilt es gleich, Blum mag warten.“ Und ich blieb da wie jene durſtigen Reiſenden, welche in eine herbe Frucht beißen, die ſie aber, erregend durch ihre Herbheit, antreibt, bis zum Ende zu gehen. Madame Stiff hörte den Ton der Glocke und ſagte: „Ah! ahl es iſt Jemand in Ihrer Gemeinde ge⸗ ſtorben?* „Ja, Madame,“ antwortete ich. „Und Sie haben die Beerdigung zu vollziehen?“ *„Ja, Madame.“. „Ah! Herr Stiff, wir dürfen Herrn Bemrode nicht abhalten, zu ſeinen Geſchäften zu gehen.“ „Sie haben Recht, Madame,“ verſetzte ich,„um ſo mehr, als meine Geſchäfte die Geſchäfte Gottes ſind.« „Ah! verzeihen Sie, verzeihen Sie!“ rief Herr Stiff, der die Kunde von meiner Entfernung mit Freude auf⸗ genommen zu haben ſchien;„ich habe noch den Gar⸗ ten zu ſehen, und ich erlaſſe das Miß Smith nicht.“ „Nun wohl, ſo laſſen Sie ſich den Garten zeigen, mein lieber Herr,“ verſetzte Madame Stiff;„ich, ich bin müde, und da ich hier einen ziemlich guten Lehn⸗ ſtuhl ſehe, ſo will ich darin ausruhen.“ Und bei dieſen Worten warf ſie ſich wirklich in einen Lehnſtuhl. „Gehen Sie, gehen Sie,“ fuhr ſie fort, vund wenn Sie ein paar ſchöne Blumen ſinden, ſo machen Sie mir einen Strauß daraus; ich habe mich, ſeitdem wir Cheſterfield verlaſſen, ganz hievon entwöhnen müſſen.“ „Es iſt wahr,“ ſprach Herr Stiff,„wir haben im Schloſſe einen Gärtner, dem wir fünfzig Pfund Ster⸗ ling bezahlen, und der Burſche, der ſich nur mit ſeinen Mohrrüben beſchäftigt, hätte nie den Gedanken, einem nur eine Roſe zu bringen... Doch mir fällt ein, Ma⸗ dame, jeden Morgen, wenn Sie aufſtehen, werden Sie einen Strauß in Ihrem Boudoir finden, und das erſte Mal, daß es der Burſche unterläßt, einen ſolchen hinein zu legen, jage ich ihn weg... Gehen wir,“ fuhr Herr Stiff fort, indem er galanter Weiſe meiner Frau den Arm bot;„kommen Sie und laſſen Sie mich Ihre wahre Domäne ſehen.“ Jeannie warf einen fragenden Blick auf mich. „Liebe Freundin,“ ſagte ich zu ihr,„geben Sie Ihren Arm Herrn Stiff, und da mir noch einige Augen⸗ Flicke bleiben, ſo werde ich die Ehre haben, Sie bei Ihrer Excurſion zu begleiten.“ „Ah! Herr Bemrode,“ verſetzte Madame Stiff,„das iſt nicht galant. Sie ſehen, daß ich allein bleibe, und Sie verlaſſen mich.“ In dieſem Augenblick und als wollte man mir eine Antwort erſparen, welche ſicherlich in der Lage des 256 Geiſtes, in der ich mich befand, durchaus nicht artig für Madame Stiff geweſen wäre, öffnete ſich die Thüre, und ein Bauernburſche, der mir beim Gottesdienſte half, trat ein und ſagte: 1 „Herr Pfarrer, ich ſoll Ihnen im Auftrage des Herrn Schulmeiſters melden, der Vater Blum lang⸗ weile ſich.“ „Wer iſt der Vater Blum?« fragte die Intendantin. „Es iſt der Todte, Madame,“ antwortete der Bauern⸗ burſche. Madame Stiff brach in ein Gelächter aus. „Sehen Sie wohl, Madame,“ ſprach ich,„mit dem beſten Willen der Welt bin ich genöthigt, Sie zu ver⸗ laſen ich muß, wie Sie ſagten, zu meinen Geſchaͤften gehen.“ „Gehen Sie, mein lieber Herr, gehen Sie,“ ver⸗ ſetzte Madame Stiff. 4 Dann rief ſie den Bauernburſchen zu ſich und ſprach zu ihm: „Hier, mein Freund, hier haſt Du eine halbe Krone für das hübſche Wort, das Du geſagt... Wäre es nur dieſes Wortes wegen, ich würde es nicht bedauern, gekommen zu ſein.“ 3 Und ſie gab dem erſtaunten Knaben ein kleines Goldſtück. Ich nahm, die Wuth im Herzen, von Herrn und Madame Stiff Abſchied und ließ Madame Stiff im Lehn⸗ ſtuhle liegen und Herrn Stiff meine Frau am Arme nach dem Garten fortziehen. „Ah! bei meiner Seele,“ rief ich, während ich nach der Kirche zurückkehrte, gefolgt von meinem Bauern⸗ burſchen, der vor Freude ſprang und ſein Goldſtück küßte,„das ſind alberne, boshafte Leute!“