— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur — Eduard Ottm 9 mann in Gießen, Schloßgaſſe 9 Lit. A. Nr. 256. 3 eiß- und ftsahraune 4 3 Offensein der Bibliothek. Die er Vibliothet eht zur Em⸗ Pelhauehne und Rahaben ſer Büch r jeden Tag ſeh ,7 Uhr 8 Abends var 2 offen n Morgens 2. leseress Se 1 — Aatgir eines g jedem Tag 5 Pf. eigeliehenen Buches s wird von bezahlt. Die e Zeit s Tages iſt zu 24 Stun den anzendnmen 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, Lei d ſe eines Buches, eine dem Wert 1 e deſſelbe en Pnterlegen, welche bei deſſen Juriickgabe vo wird de Summe lnt vureeunime 6 et Abonnement. Daſſelbe muß voraus zag. werden und eträ Kgt: für wöchentlich 2 Büchen: 4 Bücher; uf 1 6 Bücher: — Tf. 1 Nr. 85 Jr 1=Vr . 3 4 haß 4 nte 5 aben ſu Hin⸗ 2 und 3 te eige 6 lurückſendung „ Gefahr ſe eidu zu ſorgen tz. igen beſchmutzund ich bel h zerriſſene, verlorene u und ei ſo chen mit Kupfern ꝛc.) muß der 3 der derht werden.— Iſt das zerriſſene, beſch. lorene oder defecte Buch ein Thei s grö der Leſe ſatz — mutzte, ver⸗ 3 gerkes, ſo iſt. es anzen derr Aichtet. Dieſelbe ge feſtgeſetzt und wird 8 3 aufmerkſam enft. da das W ücher nicht ſtute ind 2. —“ W eiterverleihen er nich fiüden darf⸗ indem checfenigen⸗ welche die⸗ ſelben von mir gel n haben —— — 1 ³ Der Pechvogel. Roman von Alexander Dumas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. G. Fink. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1860. Druͦck der K. Hofbuchdruckerei Zu Guttenberg in Stuttgart. n vurc — Genealogie, Geſchichte und Phyſtologie des Franz Guichard, genannt Pechvogel. CEhe die Marne ſich bei Charenton in die Seine ergießt, macht ſie allerlei Wendungen, Drehungen und Biegungen, wie eine Schlange die ſichs in der Sonne wohlſein läßt; ſie ſtreift am Ufer des Fluſſes hin der ſie verſchlingen ſoll, ſpringt aber dann plötz⸗ lich ab und entflieht fünf Meilen weit. Endlich nähert ſie ſich ihm zum zweiten Mal, entfernt ſich aber von Neuem, gleich als ob die keuſche Najade nur ſchwer zu dem Entſchluß käme ihre ſchattenreichen, grünenden Ufer zu verlaſſen und ihre ſmaragdenen aſſer mit der großen pariſer Goſſe zu vermengen. In einer der bezeichneten Krümmungen bildet ſie eine vollkommene Halbinſel deren Landenge den Flecken Saint⸗Maur einnimmt, und an welcher ent⸗ lang die Dörfer Champigny, Chennevidre, Bonoeil und Creteil mit ihren Gebieten ſich hinziehen. Im Jahr 1831 gehörte dieſe Halbinſel beinahe ganz dem erlauchten Hauſe Condé. Sie war, wie ſchon der Name la Varenne(das Gehäge) anzeigte, einer der zahlreichen Vergnügungsorte dieſer kriege⸗ riſchen Familie, in welcher ſich eine beindhe wahn⸗ 4 Dieſe ganz ſpecielle Familienneigung hatte zur 1772 gänzlich verödet blieb. Die Haſen, Faſanen und Rebhühner lebten da, durch dieſen breiten und tiefen aſſergürtel gegen Fallen, Schlingen und an⸗ dere Wilddiebsapparate geſchützt, lange Zeit in einer 3 ſap„ Bechützt, gehabt haben würde, wenn nicht von Zeit zu Zeit Flinte ſie daran erinnert hätte daß ſie, wenn auch königliches Wildpret, doch immerhin Wild⸗ 1793 wurde Varenne als Nationalgut verkauft; aber ſein ſandiger Boden, ſeine Wälder von ver⸗ krüppelten Birken und Eichen hatten für die Spe⸗ culanten ſo wenig Reiz, daß der letzte Condé, als er 1814 aus der Emigration zurückkehrte, es noch verödeter als früher fand, denn wenn die Men⸗ Niveau der Gleichheit unterworfen worden,. Alſo im Jahr 1831— mit dieſem bereits an⸗ öfe., verpachtet an einfältige Bauern die Getreide ſäeten, Kaninchen wachſen ſahen und Entſchädigungen 6 ihr ganzes Leben hindurch ſo geſchickt hanthiert hat⸗ ten, daß es ihnen ſammt und ſonders gelungen war auf die eine und ſelbe Manier aus dieſer Welt zu ſcheiden; wenn man daher Franz Guichard über das obenerwähnte Problem fragte, ſo antwortete er un⸗ veränderlich: Gehängt! gehängt! gehängt! Denn in der That waren alle gehängt worden, von Cos⸗ mus Guichard an, der 1473, unter der Regierung des guten Königs Ludwig XI, am Kreuz von Tra⸗ hoir verſchied, bis auf Joſeph Peter Guichards, der ohne den Marquis von Favras, welchem das Un⸗ blück dieſen eigenthümlichen Ruhm vorbehielt, der etzte Franzoſe geweſen wäre den man an einem Galgen aufhißte. Inzwiſchen darf man wegen des tragiſchen Endes dieſer elf Menſchenleben ni ht allzu ſtreng über die Grundſätze und Gewohnheiten der Guichards urthei⸗ len: wenn man einen Guichard hing, ſo hatte das Geſez ſich deſſen weit mehr zu ſchämen als der arme Sünder; dieſer konnte mit vollem Recht an die Nach⸗ welt appelliren. Die Guichards waren geborene Wilddiebe, wie wir bereits von den Condés bemerkt haben ſie ſeien gehorene Jäger geweſen. Zwiſchen ſeinem vierten und fünften Jahre ſchielte ein kleiner Guichard be⸗ reits mit lüſtern funkelnden Augen nach den Kanin⸗ chen des Königs die ſeinem Vater den Kohl weg⸗ fraßen; zwiſchen dem ſiebenten und achten begann er ſich zu fragen ob er nicht, in Anbetracht der Menge von Gemüſen die in den Bauch des Thieres gekommen, einiges Recht auf das Thier ſelbſt habe; zwiſchen dem achten und neunten gelangte er zur feſten Ueberzeugung von dieſem Recht, ſowie zu dem Entſchluß ſeinen Kohl überall wieder zu nehmen wo er ihn fände, und er legte eine kleine Schlinge von Roßhaar oder Meſſingdraht; zwiſchen dem neun⸗ ten und zehnten wurde er, Gott weiß wie, Beſizer irgend einer Feuerwaffe; mit zwölf Jahren ſtellte er Garne auf; mit zwanzig tödtete er, den Fortſchritten in der Waffeninduſtrie gemäß, Alles was in den Bereich ſeines Bogens, ſeiner Armbruſt oder ſeiner Flinte kam; endlich zwiſchen dem dreißigſten und vier⸗ zigſten Jahr kletterte der Henker ihm auf die Schultern. an darf indeß nicht wähnen daß die harte Lection welche die Guichards, einer um den andern, empfingen, für die Nachkommenſchaft der unverbeſſer⸗ lichen Wilderer verloren geweſen ſei. Die Hinrich⸗ tung hinterließ einen heilſamen Eindruck der während der folgenden Generation ausdauerte. Der Sohn des Gehängten verabſcheute die Kaninchen ordentlich, und beim Anblick dieſer harmloſen Thiere fiel er in Ohnmacht, gerade wie Heinrich von Valois beim Anblick einer Kaze oder Cäſar beim Anblick einer Spinne; er war nicht im Stand irgend ein Geſchoß von Bogen, Armbruſt oder Flinte auf daſſelbe zu richten oder ihm mit einem Meſſingdraht irgendwie nachzuſtellen. Das dramatiſche Hinſcheiden ſeines Vaters hatte für den jungen Menſchen alles be⸗ haarte oder befiederte Wild mit dem Bann des Tabou belegt, wie die Bewohner von Neucaledonien ſagen; aber da es ihm dabei unmöglich war ſich der Marodeursinſtincte zu entſchlagen die dem Gui⸗ dardichen Blut inwohnten, ſo rächte er ſich an den iſchen.“. 1 8 War ſein Vater Wilddieb geweſen, ſo wurde er ſelbſt Flußdieb, und wenn ſich in Flüſſen oder Bächen nicht Beute genug vorfand, ſo ſuchte er die Teiche, ſodann die Fiſchweiher und endlich die Schloßgräben heim, deren ungeheure, zwei⸗ bis dreihundertjährige Karpfen auf ſeine Einbildungskraft ſo mächtig wirk⸗ ten wie der Diamant auf das Eiſen; und er mochte es nun mit Haaren, Federn oder Schuppen zu thun haben, zuletzt fügte es ſich immer ſo daß eines Tags irgend ein Richter, Vogt oder Amtmann dem Sohne das zukommen ließ was er von der Erbſchaft ſeines Vaters noch einzuziehen hatte, nemlich den Strick an welchem man den Letzteren aufgeknüpft. So hatten es die Guichards, von Waldräubern zu Süßwaſſerräubern geworden, bis auf Franz ge⸗ bracht, der 1831 lebte, und mit dem wir uns ſofort beſchäftigen wollen. Sein Vater war, wie wir bereits beiläufig be⸗ merkt, der letzte Vertreter geweſen welchen das ſteuer⸗ und frohnpflichtige Volk an den Galgen ge⸗ ſchickt, wofür die Feudalität ſeiner Familie großherzig das Privilegium geſchenkt hatte. Dieſer hatte dem Haar und der Feder, den Vierfüßlern und dem Ge⸗ vögel den Krieg erklärt. Allerdings hatte er ſich, obſchon die Verordnungen über die Jagdpolizei ſeit der Thronbeſteigung Ludwigs XIV um ein Gutes milder geworden waren, genöthigt geſehen ſeinen befellten und befiederten Opfern einen armen Teufel von Zweihändler beizufügen, unter dem Vorwand daß derſelbe, ein Kerl der ein Blechlein und einen Dreiſpiz trug, ihn ins Gefängniß zu führen drohte; aber die erſte Urſache dieſes Unglücks war jedenfalls — — 9 dieſelbe geweſen, und deßhalb ſchwur Franz, der Ueberlieferung getreu, ſich vor einer ſo unheilbringen⸗ den Sünde wie das Wildern und einer ſo gefähr⸗ lichen Waffe wie die Flinte wohl zu hüten. Wir finden ihn alſo an den Ufern der Marne anſäßig, ſtatt daß wir ihn in des Waldes düſtern Gründen ſuchen müßten, wenn ſein Vater ſich zum Fiſchfang und nicht zur Jagd berufen gefühlt hätte. 1794, d. h. ungefähr vierthalb Jahre nach dem tragiſchen Ende ſeines Vaters, pflanzte Franz Guichard ſein Zelt in Varenne auf. Durch die Conſcription von 1796 fortgenommen, kam er von Mainz, nachdem er dieſe Stadt gegen die Truppen Friedrich Wilhelms vertheidigt hatte; er war in die Capitulation einbegriffen welche den franzöſiſchen Soldaten freien Abzug mit allen Kriegs⸗ ehren geſtattete, ohne daran eine andere Bedingung zu knüpfen als daß ſie ein Jahr lang nicht mehr dienen ſollten. Der Convent, der damals gegen die Meute der verbündeten Ariſtocratien und Könige Front machte, glaubte ſeine Verpflichtungen gegen Preußen nicht zu verlezen wenn er die Mainzer gegen die furchtbare, wuthknirſchende Vendee ſchickte. Um von Mainz nach Saumur zu gelangen, mußte man durch Frankreich ziehen. 3 Wenn die Trommel wirbelte, wenn die Trom⸗ pete ertönte, wenn die Marſeillaiſe erſcholl, be⸗ fand ſich Franz Guichard, dieſe Gerechtigkeit müſſen wir ihm widerfahren laſſen, auf der Höhe ſeiner Waffenbrüder; aber leider kann man, ſo hartnäckig auch ein Krieg ſein mag, nicht immer dreinſchlagen, und die Ueberle eifer Eintrag. Dazu kamen Geiſtererſcheinungen die ſich in die⸗ ſem ſchwachen Hirn leicht feſtſetzten. Er ſah im Traum die Geſpenſter aller ſeiner Ahnen in ihrer letzten Erſcheinungsweiſe; die einen waren Skelette deren Gebeine im Wind klapperten, wie hölzerne Lichter die vor einer Krämerbude aushängen; die Andern waren beſſer bei Fleiſch, ſahen aber nur um ſo ſchauerlicher aus; ihre Köpfe mit den zerbrochenen Wirbelbeinen wackelten auf den Schultern herum; die Augen traten blutig aus ihren Höhlen hervor, die Zungen hingen veilchenblau aus dem Munde. Unter der Herrſchaft ſolcher Geſichte ſchwand bei Franz Guichard ſeine Begeiſterung für Scharmüzel, Hinterhalte und Gefechte mit jedem Tage mehr. Als daher die Mainzer Bataillone nach Lagny kamen, da warf Franz Guichard auf der Brücke einen Blick voll von Verzweiflung und Lüſternheit zugleich über die Bruſtwehr hinab. Es war ſieben Uhr Abends, und, um uns eines Fiſcherausdrucks zu bedienen, die Fiſche thaten groß, d. h. ſie zeichneten ſpielend und ſchmauſend auf der 8 Oberfläche des Fluſſes allerlei kleine Kreiſe, deren 54 Menge eine hohe Idee von der Anzahl derjenigen erregte welche ſie hervorbrachten. 8 Franz Guichard ſtieß einen Seufzer aus. In Folge dieſes Seufzers kam ihm ein Beden⸗ ken deſſen Urſache ſeinen Character gewiß noch in der fernſten Nachwelt ehren muß. Er fand daß der Convent die Capitulationsange⸗ legenheit etwas leichtfertig behandelte; er ſchloß daß gung der Raſttage that ſeinem Feuer⸗ — 11 die Lage weit dringender geweſen ſei als die be⸗ rühmte Verſammlung dafürhielt; er beſchloß ſeinen Chef, den General Kleber, von einem Zehntauſend⸗ ſtel der Verantwortlichkeit zu befreien die auf ihm laſtete; er that als ob er einige farb⸗ und formloſe Lumpen die ihm als Fußbekleidung dienten zurecht⸗ machen wollte; er ließ die Colonne vorbeimarſchiren, verſteckte ſich unter dem Brückenbogen, blieb bis der letzte Nachzügler ſeinen Blicken entſchwunden war, warf ſeine Flinte und ſein mit rothen Flammen ge⸗ ſchmücktes Hütchen in den Fluß, ſchnitt mit ſeinem Meſſer ſeine Rockſchöße ab, zog ein linnenes Hemd über dieſe Art von Camiſol an und ging ſo ziemlich vermummt am Waſſer hinab, einzig und allein da⸗ mit beſchäftigt beim Mondſchein die Stellen auszu⸗ kundſchaften die fiſchreich ſein mochten. In jenen critiſchen Zeiten war die militäriſche Polizei nicht ſtreng und nahm es beſonders mit De⸗ ſerteuren und Widerſpenſtigen nicht zu genau; an⸗ dere Sorgen verſchlangen ihre Aufmerkſamkeit; über⸗ dieß füllten die freiwilligen Anmeldungen und der patriotiſche Enthuſiasmus ſo raſch die in den Reihen entſtandenen Lücken aus, daß man mit der Ein⸗ ſchreibung der Neueingetretenen genug zu thun hatte und keine Zeit mehr bekam auf die Ausreißer zu achten. Franz Guichard beunruhigte ſich über die Folgen ſeiner Fahnenflüchtigkeit ſo wenig, daß er ſchon am Tage nach ſeinem Abſchied von ſeinen heldenmüthigen Genoſſen unter der Weide ſaß die man noch heute bei der Fähre von Varenne erblickt, und mit bei⸗ den Händen einen Rohrſtock von mittlerer Länge 12 umfaßt hielt, während ſeine Augen auf einem Propf hafteten, auf der Oberfläche des Wirbels zu tanzen ſchien welcher hier den Hafen ausmacht. Dieſer Propf diente als Wegzeiger für eine Angelleine die er mittelſt eines Bindfadens verfertigt hatte. Franz ſchien ſo ruhig, ſo arglos, als wäre er ein Spieß⸗ bürger aus dem Faubourg Saint⸗Antoine geweſen der ſich ſeinen Sonntagsergözlichkeiten hingab. Es ſcheint daß der Pulvergeruch, womit die Hände des Erhelden nothwendig geſchwängert ſein mußten, den Fiſchen nicht allzu ſehr zuwider war, denn in einigen Stunden hatte Franz Guichard eine coloſſale Schüſſelvoll Weißfiſche, Gründlinge, Brach⸗ ſen und Rothaugen beiſammen, die er noch am ſelben Abend an einen Wirth in Vincennes verkaufte. Dieſer Fang war für ihn daſſelbe was der Milch⸗ topf für Perrette hätte ſein ſollen. Wir ſagen ſein ſollen, weil Franz Guichard, we⸗ niger unvorſichtig als das Bauernmädchen des guten Lafontaine— wir unterſtreichen das Prädicat gut und aus Gründen— ſeinen ſchuppigen Schaz nicht über die Straße ausſchüttete. Er verkaufte ihn im Gegentheil per Bauſch und Bogen, und zwar um ſo beſſer als in jener theuern Zeit die Lebensmittel hoch im Preiſe ſtanden. Vom Erlös kaufte er ſich einige hundert Angeln und etliche Knäuel Bindfaden. Er legte bei Nacht ſeine Leinen woran ſich Barben, Karpfen und Aale zu Duzenden verfingen. Bei Ta beſchäftigte er ſich mit der Herrichtung ſeiner Geräth⸗ ſchaften. Er holte Weiden aus den nahen Gebüſchen, machte Reuſen daraus und vervielfältigte mit deren Hilfe die Erzeugniſſe ſeines Gewerbfleißes ſo raſch, ͤ— 13 daß er ſchon zwei Monate nach ſeinem Austritt aus dem Dienſt eine kleine Fähre zu kaufen vermochte. Eine Fähre war das Ziel des ganzen damaligen Ehrgeizes unſeres Franz; erſtens weil er mittelſt einer ſolchen bald Geld genug verdienen konnte um Alles anzuſchaffen was der Fiſcher ſein Handwerks⸗ zeug nennt, d. h. Garnſack, Wurfgarn und Neze aller Art; ſodann weil der Herbſt herannahte und es ihn nach einer andern Lagerſtatt verlangte als nach dem hohlen Weidenſtamm welcher ihm bisher Schuz ge⸗ währt hatte; ein prächtigeres Obdach konnte er ſich natürlich nicht denken als ein tüchtiges Schiff aus Eichenholz, auf deſſen Bank er, in einen warmen Wollteppich eingehüllt, ſich ſtrecken und ſchlafen konnte. Drei Jahre hindurch beſaß Franz Guichard kein anderes Dach, kein anderes Schlafzimmer, kein an⸗ deres Bett. Aber er war glücklich! Warum hätte er es nicht ſein ſollen? Es lag klar am Tage daß das alte celtiſche Blut Jahrhunderte hindurch rein und unvermiſcht in den Adern aller Männer dieſes Stammes fortgefloſſen war. Es bewahrte jene Inſtincte ſtolzer Unabhängig⸗ keit und ſcheuer Freiheitsliebe die aus ihrem tief⸗ ſten Herzen gegen die Civiliſation proteſtirten und nur durch Rückkehr zum urſprünglichen Leben Be⸗ friedigung finden konnten. Die Vorſehung hatte, allen Wahrſcheinlichkeiten zum Troz, im vollen acht⸗ zehnten Jahrhundert dem lezten der Guichards das gewährt wornach ſeine Ahnen ſo pergeblich geſtrebt hatten; vier Stunden von Paris hatte ſie ihm eine Einſiedelei beſchieden wo er ſich mit ebenſo vollem Recht als Köni ſeiner Inſel. Und in der That ſtieß Franz Guichard während dieſer drei Jahre kaum von Zeit zu Zeit auf einen Bürgersmann aus St. Maur oder Charenton der ihm für einen Tag eine unmächtige Concurrenz auf dem Fluß machte. Er war deſſen einziger und all⸗ einiger Herr und Gebieter, von Champigny bis Creteil. Und ſo lange die Republik, das Directo⸗ 6 rium und das Conſulat währten, dachten die Ge⸗ meinden, die aus Mangel an Liebhabern auf die Verpachtung ihrer Fiſchereien verzichtet hatten, ſo wenig daran den Eindringling in ſeinem Genuß zu ſtören, daß dieſer an der Ewigkeit des lezteren nicht zweifeln konnte. Eines Tags als er zwiſchen den Inſeln nach Gründlingen ſiſchte, richtete er ſeinen Kopf empor und bemerkte unter den Weiden ein hübſches Mäd⸗ chen das am Ufer niedergekauert emſig wuſch und ein fröhliches Lied dazu ſang. Die ſchönen Arme, das lachende Geſicht und die herausfordernde Stimme der jungen Wäſcherin ver⸗ urſachten Franz Guichard Zerſtreuungen die er bis⸗ her nicht gekannt hatte. Er wußte nicht mehr was er that: er nahm ſeine Störſtange verkehrt, ſtieß mit dem Stiel in ſein Nez hinein und zerriß es ſo gründlich, daß, als er es aus dem Waſſer zog, die iſche einer um den andern durch die breite Breſche die ſeine Ungeſchicklichkeit ihnen bereitet hatte hinaus⸗ ſielen und zappelnd ihre feuchten Wohnungen wieder erreichten. Die Größe und Wirkllichkeit dieſes Verluſtes er⸗ g betrachten durfte wie Robinſon auf 15⁵ innerten Franz Guichard an ſeine materiellen In⸗ ſtincte. Er ſezte ſich in ſein Schiff, zog Faden und Spule aus ſeiner Taſche und begann zu flicken. Das junge Mädchen ſang beharrlich weiter und ſchlug mit ihrem Waſchbläuel den Tact dazu; da⸗ durch aber wurde die Aufmerkſamkeit des Fiſchers gegen ſeinen Willen allmählig ſo gänzlich in Beſchlag genommen, daß ſeine Spule, in Ermanglung einer methodiſchen Behandlung, gar phantaſtiſche Arabesken in dem Nez hervorbrachte.. Franz Guichard ließ jezt ſeine Geräthſchaften liegen. Er trieb die Fiſcherei weit mehr aus erblicher Leidenſchaft, wenn wir dieſen Ausdruck wagen dür⸗ fen, als aus Gewinnſucht; aber die Aufregung die her in dieſem Augenblick empfand, und die ihm bis⸗ her ganz fremd geweſen, trug über beide den Sieg davon. Franz Guichard, der ungeleckte Fiſcher für welchen bisher der Fang eines Karpfen oder Hechtes den Inbegriff der größten Genüſſe gebildet, verſank bei den Tönen des jungen Mädchens in tiefe Träu⸗ mereien. Mit einer Art von Schüchternheit bog er die Zweige auseinander um Etwas vom Geſicht der Sängerin zu erhaſchen, wenn dieſe während des Drauf⸗ klopfens mit dem Waſchbläuel ihren Kopf in die Höhe richtete, der vom Feuer der Arbeit geröthet war, während ihre Lippen und Augen vollſtändig den Ausdruck ihres Liedchens wiedergaben. Ddie Ertaſe währte bei Franz Guichard ſo lange bi das Mädchen ihr leztes Tüchlein ausgewunden atte.. Jezt legte ſie die Arbeit des Tages wieder in ihre Butte und machte ſich bereit dieſelbe auf ihre Schultern zu laden. Dieſes Weggehen paßte Franz Guichard nicht in ſeinen Kram; er wäre gerne die ganze Nacht da ge⸗ blieben um derjenigen zu lauſchen deren Klänge ihn bezaubert hatten, und er begriff nicht daß eine Per⸗ ſon die ſo ſchön ſang eine andere Beſchäftigung ha⸗ ben konnte als zu ſingen. Er fuhr ſachte mit ſeinem Haken ins Waſſer hinunter, gab ſeinem Schiffchen einen tüchtigen Stoß und machte es mit ſolcher Kraft und Geſchwindigkeit dahingleiten, daß er mit einem einzigen Ruderſchlag über den Flußarm hinüber kam. Die Wäſcherin ihrerſeits, als ſie ſich umdrehte um ihren Bläuel aufzuheben, bemerkte den jungen Mann der ſie mit offenem Mund und erſtaunten Blicken anſtarrte und ſo geräuſchlos herangekommen war, daß ſie eine Erſcheinung zu ſehen glaubte. Sie ſtieß einen kurzen Schrei aus; ſie wollte ihre Butte ergreifen und entfliehen; aber ihre Auf⸗ regung war von der Art daß ſie ſchwankte, und daß die rothen, blauen, grauen, weißen und bunten Lap⸗ pen aus der Butte über den Uferrand hinrollten. — Da ſeht her was Ihr angerichtet habt, ſagte die Wäſcherin zu Franz Guichard, der ſo eben ans Ufer geſprungen war. Recht angenehm das!... Meine Wäſche ganz verdorben. Franz Guichard zeigte jezt eine ſo beſtürzte Miene, er ſchien über den Unfall den er unwillkürlich ver⸗ anlaßt dermaßen betreten, daß der Ausdruck im Ge⸗ ſichte des jungen Mädchens, nachdem ſie ihn einen Augenblick angeſchaut, ſich allmählig ganz veränderte. 748 ͤ— DO—r—, n an 8R NSER 17 Die Thränen die ihr im erſten Augenblick des Aergers in die Augen getreten waren, blieben darin ſtehen; aber ihre Lippen, die bei dieſer Gelegenheit zweiunddreißig Perlen enthüllten, öffneten ſich zu einem luſtigen Lachen, ſo daß man glauben konnte ſie weine aus übertriebener Heiterkeit. Dieſe Heiterkeit des Mädchens brachte Franz Guichard vollends ganz aus dem Concept. Er ſah ſo unglücklich aus daß ſie Mitleid mit ihm faßte, und indem ſie ihm die Strafe auferlegte das ange⸗ ſtellte Unheil gutmachen zu helfen, gab ſie ihm eini⸗ gen Muth zurück. Er kniete in den Sand nieder und begann die Wäſche ſo geſchickt abzuſchwämmen wie nur die hübſche Wäſcherin ſelbſt hätte thun können. Aber dieſe ſang nicht mehr; ſie plauderte, und Franz Guichard hätte gerne die vierfache Arbeit auf ſich genommen um das Almoſen eines armſeligen Liedchens zu erlangen. Als er daſſelbe nicht kommen ſah, beſchloß er es hervorzurufen. — Sagg einmal, Bürgerin, wie kommt es daß Du, da Du doch die ſchönſten Lieder kennſt die je aus einer Mädchenkehle hervorgedrungen ſind, nicht auch das kennſt: 9. Richard, o mein König, Dich verläßt die ganze Welt. Und er begann einen Refrain zu trällern.. — Wer hat Dir geſagt daß ich es nicht kenne? antwortete die Wäſcherin. Dumas, Pechvogel. 2 — Ei, ich habe Dir zwei Stunden lang zuge⸗ hört, ja vielleicht noch länger, denn die Zeit iſt ſo ſchnell vergangen, daß ich unmöglich ſagen kann wie lang ich daſaß, und doch habe ich es nicht gehört. — Wenn Du es nicht gehört haſt, Bürger, ſo kommt dieß daher daß ich es nicht ſingen wollte. — Nun wohl, Bürgerin, da ich ſeit dem Tod meiner armen Mutter dieſes Lied nicht mehr gehört habe das mir als kleinem Jungen ſo wohlgefiel, ſo würde ich, wenn Du mirs ſingen wollteſt, gerne einen Handel mit Dir abſchließen daß ich Dir Deine. Butte bis auf die Höhe von Chennevidre trüge. — Ich ſchließe keine ſolche Händel ab, Bürger Franz Guichard. — Du kennſt mich alſo? — Ei warum denn nicht? Fiſcher und Wäſche⸗ rinnen ſind Geſchwiſterkinder, wie ich denke. — Alſo das Lied. — Nein, ich danke ſchön! Ein ariſtocratiſches Lied wegen deſſen man mich einſperren würde, wenn man nur die Melodie hörte. Hilf mir jezt meine Butte wieder aufladen. Ein Lied wie dieſes da ſingt man nur bei verſchloſſener Thüre, im Bette, ganz leiſe ſeinem Manne ins Ohr. Auf Wiederſehen, Bürger Guichard! Der Fiſcher ſah das Mädchen zwiſchen den Stäm⸗ men der Pappeln verſchwinden. Als ſie an die Reb⸗ berge kam, drehte ſie ſich um und warf ihrem Zu⸗ hörer einen ſchalkhaften Blick zu. Dieſer ſtand noch immer auf demſelben Fleck. „Er blieb hier lange, und obſchon er etliche hun⸗ dert Angeln vollſtändig in Bereitſchaft geſezt, ſo be⸗ —— 2—́1 19 gab er ſich doch nicht, wie er beabſichtigt hatte, nach dem Loch von Faviot, um ſie auszuwerfen. Er ruderte vielmehr nach dem Plaze zurück wo er ſo lange Halt gemacht hatte um dem jungen Mädchen zuzuhören. Sobald es dunkelte, legte er ſich zur Ruhe; aber er ſchlief nicht, ſondern hielt die ganze Nacht, den Nachtigallen lauſchend die ihre ver⸗ liebten Triller in die Finſterniß und Stille hinein⸗ warfen, ſeinen Kopf über den Rand ſeiner Fähre empor, gleich als wollte er die Wäſcherin am Ufer ſuchen. II.- Wo wir, nachdem wir uns mit der Genealogie des Franz Guichard beſchäftigt, zu ſeinen Liebesgeſchäften und ihren Folgen übergehen. An den folgenden Tagen war Franz Guichard äußerſt zerſtreut. Er vergaß ſeine Angeln zu ſpicken, und ein Fiſch hätte kein Atom von Hirn haben muͤſſen, um an dem nackten ſpizigen Eiſen ſich anzuhängen womit er ſie in Verſuchung zu führen ſich einbildete. Ganze Stunden lang brütete er über all die Me⸗ lodien die er von der ſchönen Wäſcherin gehört hatte, und während dieſer Zeit glitt ſein Schiffchen ganz ſachte den Bach hinab, das Wurfnetz müßig uber den Rand hingelegt; erſt an der Mühle von Bonoeil bemerkte er daß er ſein Garn auch nicht ein einziges Mal ausgeworfen hatte. Er nahm Pfeilkraut für die Anzeiger ſeiner Kö⸗ der, und während er das Flußbett ſo genau kannte 2* wie ein Bauer ſein Ackerfeld, warf er ſein Nez manch⸗ mal auf Schollen oder Baumſtämme, von denen er es ganz zerfezt zurückzog. Je weiter er fuhr, um ſo häufiger wurde ſeine Geiſtesabweſenheit. Eines Abends, als er ausgefahren war um ſeine Garnſäcke zurückzuziehen, hatte er ſich wieder unvor⸗ ſichtiger Weiſe dieſen gefährlichen Gedanken hinge⸗ geben, und vermochte diejenige Fähigkeit ſeines Ge⸗ hernan die ihm in dieſem Augenblick am nothwen⸗ digſten war, nämlich das Gedächtniß, nicht wieder zu finden. Von ſechzehn Garnſäcken die er ausgeworfen hatte, verlor er vierzehn, und von dieſen zog er noch einen ganz verkehrt aus dem Waſſer heraus, ſo daß⸗ ein prächtiger Karpfen der ſich darin verfangen hatte entwiſchte und ins Waſſer zurückfiel. Franz Guichard warf einen entſezten Blick um ſich, ob doch Niemand ſeine ſchülerhafte Ungeſchick⸗ lichkeit geſehen habe; er brüllte laut auf vor Zorn, zerbrach ſeine Nezſtange in tauſend Stücke und warf die Trümmer weit von ſich. Dann ſank er auf ſeine Bank nieder und blieb einige Augenblicke ganz ver⸗ nichtet ſizen; aber er war nicht von dem Teig aus welchem der liebe Gott die verzagten Liebhaber ge⸗ ſchaffen hat. Er begriff daß er einen entſcheidenden Entſchluß faſſen mußte, und zwar auf der Stelle. Mit einem wüthenden Ruderſchlag drehte er ſein Fahrzeug, landete am Ufer des Departement Seine und Marne, warf ſeinen Haken aus, band ſein Schiffchen daran feſt und ſchritt, mit jener verhängnißvoll ent⸗ ſchloſſenen Phyſiognomie die Wilhelm der Eroberer gehabt haben muß als er den Boden Englands betrat, 21 nach Chennevidre hinauf. Nur erſparten die Feinde des normänniſchen Herzogs ihrem künftigen Ueberwin⸗ der die Mühe und den Verdruß ſie ſuchen zu müſſen, indem ſie ſeiner Armee entgegenzogen, während Franz Guichard das junge Mädchen das dieſe unglaubliche Verwirrung in ſeiner Seele angerichtet erſt aufzu⸗ finden hatte. Er durchſtreifte der ganzen Länge nach die Straße des Dorfes, wo ſeine Gegenwart einen gewiſſen Ein⸗ druck hervorrief; denn nicht ſehr vertraut mit den Regeln ſogar bloß ländlicher Höflichkeit, öffnete der Flußwolf ohne Scheu alle Hausthüren an denen er vorüberkam, ſteckte ſeinen wilden Kopf hinein, beſich⸗ tigte den ganzen Inhalt jeder Wohnung und entfernte ſich dann wieder, ohne auf die. Flüche der Männer, die Schimpfreden der Weiber und die Angſtſchreie der Kinder die mindeſte Antwort zu geben. Er kam bis an die lezte Hütte auf der Straße von Champigny, ohne daß ſeine Hausunterſuchungen ein anderes Reſultat gehabt hätten, als daß ſie ihm ein Gefolge von kleinen Jungen und Mädchen ver⸗ ſchafften die ihm aus der Ferne nachzogen und ihr Intereſſe an ſeiner Narrheit durch ein verworrenes Geſchrei kundgaben. Franz Guichard kam auf den Einfall einen von den neugierigen Burſchen auszufragen; er war jedoch über die Art und Weiſe in Verlegenheit; er wußte nicht wie er den Gegenſtand ſeiner Nachforſchungen bezeichnen ſollte: ein hübſches Geſicht iſt kein Sig⸗ nalement. Nichts deſto weniger ging er auf die kleine Truppe zu; dieſe aber hatte nicht ſo bald ſeine Abſichten 22 geahnt, als ſie ſich in wilder Unordnung auflöste: die Vorderen warfen ſich auf die Hinteren, die Großen ſtießen die Kleinen um, die Einen fielen, die Andern brachten zu Fall, Alle entflohen als hätten ſie Flügel, wie ein Schwarm Spazen die beim Marodiren er⸗ tappt werden. Dieſe Wirkung, welche Franz Guichard gar nicht erwartet hatte, vollendete ſeine üble Laune: er er⸗ griff Einen von denen die auf dem Pflaſter liegen geblieben waren und ſchüttelte ihn ſo heftig, daß der arme Teufel in lautes Schluchzen ausbrach und fle⸗ hend ſeine Händchen zu ihm emporſtreckte. Franz Guichard verſuchte vergebens ihn zu be⸗ ruhigen; je freundlicher er zu dem Jungen ſprach, um ſo mörderiſcher ſchrie derſelbe. Er mußte ihn zulezt auf den Boden ſtellen; aber nun brach der kleine Schlingel in ein boshaftes Gelächter aus und lief aus Leibeskräften ſeinen Kameraden nach. Franz Guichard hatte ſeinen Gefangenen kaum losgelaſſen, als er es auch ſchon bereute; die Phy⸗ ſiognomie des Jungen hatte, ſobald er nicht vor Angſt Grimaſſen ſchnitt, eine Aehnlichkeit die ihm ſehr aufgefallen war. Dieſe großen ſchwarzen Augen, die feucht unter den zerzauſten Haaren ſtrahlten welche ihm über die Stirne hereinhingen, hatte er ſchon irgendwo geſehen; das Lächeln das auf ſeinen Wangen ſpielte, welche feſt wie ein Apfel und roth wie eine Kirſche waren, dieß war das Lächeln der hübſchen Wäſcherin. G Der Fiſcher verfolgte ſeinen Gefangenen; aber wenn Franz nicht übel lief, ſo war der kleine Schlin⸗ gel noch flinker. Er wandte ſich in ein Gäßchen 23 das ſich längs der Kirche hinzog, warf am Ende deſſelben ein Karrenthor auf, ſprang hinein und ſchloß es hinter ſich zu; ſodann verbarg er ſich aus lauter Angſt im Gemüſekeller. Dem guten Franz pochte ſein Herz vor Hoffnung, denn dieſes Gäßchen und dieſes Haus hatte er ni ht unterſucht. Er trat entſchloſſen da ein wo er den Jungen verſchwinden geſehen, und nun befand er ſich in einem Hof mit einer großen Miſte, auf welcher Hühner gackerten und Enten ſchnatterten. Aber es waren nicht blos Hühner und Enten in dieſem Hof. Es befand ſich auch ein Wagen da, und neben dieſem ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren der aus einem Schober Heu nahm um Bün⸗ del daraus zu machen; überdieß ſtand auf dem Wa⸗ gen ſelbſt ein junges Mädchen welches dieſe Bündel ſymmetriſch zwiſchen die Leitern des Wagens legte, je nachdem der Mann ſie ihr hinbot. Als das junge Mädchen Franz Guichard bemerkte, wurde ſie roth; aber der Fiſcher wurde noch röther, denn er hatte die hübſche Wäſcherin erkannt. — Guten Tagl ſagte der Mann mit dem Heu, ohne ſeine Arbeit zu unterbrechen. — Guten Tagl! antwortete Franz Guichard, in⸗ dem er ſich an den Schober feſtſtellte, denn ſein Rennlauf hatte ihn ganz außer Athem gebracht. Es entſtand ein Stillſchweigen, denn der Herr des Hauſes als ein ächter pfiffiger Bauer wollte ſeinem Gaſt den Gefallen nicht erweiſen ihn zu fra⸗ gen, und wartete bis er ſelbſt den Zweck ſeines Be⸗ ſuches erklären würde. — Ich komme um mit Euch über ein Geſchäft i zu ſprechen, ſagte endlich Franz Guichard mit einem l bedeutungsvollen Blick auf das junge Mädchen, das n mit verdoppeltem Eifer am Heu arbeitete um ſeine Verlegenheit zu verbergen. G — Ah! Ihr kommt um Wein zu kaufen? das G wird heuer eine theure Waare werden, mein Junge; 5 nicht als ob die Reben erfroren oder die Trauben 5 8 abgefallen wären; nein, es war weder zu trocken 2 noch zu naß, aber der Teufel hat es geſehen, die S Trauben geben nicht aus: es wird ſchwer halten a bis man nur eine Tonne bekommt. 3— Nein, ich komme nicht um Wein bei Euch zu V 1 holen, antwortete Franz Guichard, der wohl einſah h 3 daß ſeine Erklärung, wenn er ſie nicht vom Zaun ¼ herunterreiße, immer ſchwerer werde. Ich wollte Euch ze um die Hand Eurer Tochter bitten. ge Der Weingärtner ſchaute nicht auf, ſondern mu⸗ zu ſterte bloß den Liebhaber mit ganz beſonderer Leb⸗ be haftigkeit vom Wirbel bis zur Zehe. bi — Ah! Das iſt etwas Anderes, ſagte er, ob⸗ no ſchon es ſich auch hören läßt. Sie iſt eine ttüchtige G * Arbeiterin, meine Luiſe. Da ſchaut her. Sie hält Euch einen Centner Heu in die Höhe und mäht, daß m es eine wahre Luſt iſt. Ihr müßt es einmal ſehen. no Aber hört einmal, fuhr der Winzer fort, welcher nicht an der Mann zu ſein ſchien der eine gute Gelegenheit hinaus ließ, wenn Ihr zur Familie gehören wollt, B. ſo müßt Ihr Euch zeigen, mein Junge, und ſtatt br daß Ihr wie ein Taugenichts an dieſem Schober er ſtehen bleibt, müßt Ihr uns den Wagen aufladen dri helfen. He, he, he! Die Thaler die ich morgen 25⁵ in der Stadt dafür erhalte, werden eines Tags viel⸗ leicht in den Schrank meiner Tochter kommen. Vor⸗ wärts, vorwärts an die Arbeit! Dieſe Worte waren ein Peitſchenhieb welcher die Exaltation unſeres Franz bis zum Poroxismus trieb. Er ſtürzte ſich über das Heu her wie über einen Feind den er zu Boden ſchlagen müßte, er drückte es zuſammen und rollte es mit raſendem Eifer in Bünde; er arbeitete ſo raſch, daß der gewaltige Schober zuſehends abnahm und in Bälde vollſtändig auf den Wagen geladen war. Luiſe betrachtete ihren Liebhaber lächelnd; ihr Vater lächelte ebenfalls; aber dieſe beide Lächeln hatten einen ſehr verſchiedenen Ausdruck. Als das Geſchäft vollendet war, dankte der Win⸗ zer dem Fiſcher mit einer Erkenntlichkeit die eine gewiſſe ſpöttiſche Schattirung hatte; dann lud er ihn zu ſich auf den alten Stamm eines Vogelkirſchen⸗ baums ein, der eine der Hauptzierden des Hofes bildete, und fragte ihn allerlei über ſeine Stellung, nachdem er Luiſe aufgefordert hatte ihrem Gaſt ein Glas Wein anzubieten. Franz Guichard, der in dieſem Augenblick nicht mit dem erſten Conſul getauſcht hätte, und keine noblere Stellung in der Welt kannte als die ſeinige, antwortete ohne Bedenken daß er ein Fiſcher ſei. Bei dieſem Bekenntniß runzelte der Winzer ſeine Brauen, und als ſeine Tochter ihm den Weinkrug brachte, damit er ihrem Gaſt einſchenken ſollte, zeigte er ſich ſo karg, daß er ihm das Glas kaum zum dritten Theil füllte. Auf dieſe Art wollte Luiſens Vater ſeine Miß⸗ —,— 2— achtung gegen die geſellſchaftliche Stellung des Lieb⸗ habers an den Tag legen. Als jedoch dieſer Letzte darauf beſtand eine für ſein Schickſal entſcheidende Antwort zu erhalten, ent⸗ ſchloß ſich der Winzer noch nicht zu einer Weigerung, die er ſich gleichwohl bereits feſt vorgenommen hatte, ſondern wiederholte fünf bis ſechs Mal: Wir wollen ſehen, Junge! wir wollen ſehen. Es lag klar am Tag daß die Muskelkraft des Fiſchers einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht, und daß der ſchlaue Bauer bereits etliche Pläne auf ihn gebaut hatte. Franz Guichard entfernte ſich voll von verwegenen Hoffnungen. Als er die Anhöhe hinabging, ſang er aus voller Kehle, mit einer ebenſo falſchen als unharmoniſchen Stimme, den Refrain den er Luiſen abgelernt hatte, als er ſie im Weidenbuſch verborgen belauſcht. Am folgenden Tage ging er wieder nach Chenne⸗ vidre und brachte ſeinem zukünftigen Schwiegervater die Elemente eines Matroſen⸗Ragout, einer ſoge⸗ nannten matelote, mit. Der zukünftige Schwieger⸗ vater dankte ihm, ließ ihm aber nicht Zeit Luiſen guten Tag zu wünſchen, ſondern nahm ihn ſogleich in ſeinen Rebberg mit um da zu arbeiten.— Franz Guichard verrichtete bei der Umwühlung der Erde dieſelben Wunder wie bei der Verarbeitung des Heues. Tags darauf erſchien er mit einem Korb voll ſchöner, perlmutterartiger Gründlinge. Dießmal handelte es ſich um die Aufladung eines Wagens voll Miſt. „ ieb⸗ für ent⸗ ng, tte, llen des und ihn nen ang als ſen gen ne⸗ ater ge⸗ ger⸗ ſen eich ing ing voll nes 27 Der Verkehr war eingeleitet; der Winzer fand täglich ein neues Geſchäft für den jungen Mann. Er benüzte ſeinen Schwiegerſohn in spe zur Ver⸗ beſſerung ſeines Gütchens. Dieſer erſparte ihm täglich zwei Taglöhner; denn Franz Guichard fuhr fort für zwei Mann zu arbeiten, und dieß Verfahren hatte den Vortheil, daß es den Vater Luiſens nicht ein⸗ mal die Unterhaltung koſtete; denn wenn der Fiſcher ſich als Familienglied betrachten konnte ſo lang von Mühe und Arbeit die Rede war, ſo verhielt es ſich ganz anders ſobald man ſich zu Tiſche begab. Der Winzer zeigte ſich bei der Vertheilung des Getränkes noch immer eben ſo karg wie das erſte Mal. Franz Guichard empörte ſich nicht über die An⸗ forderungen die man an ihn ſtellte; Luiſens Lächeln, das Anfangs einladend geweſen, war zärtlich, ſogar mitleidig geworden, und dieſes Lächeln hatte dem Lieb⸗ haber geſagt:„Mein Herz wird der Lohn Deiner Mühen ſein.“ Ihr Vater dagegen blieb bei ſeinem Grundſatz: wenn Franz Guichard, der ſich allmählig an den Frohndienſt gewöhnt hatte und dadurch ſchüchtern ge⸗ worden war, ein beſcheidenes Drängen wagte, antwor⸗ tete er nur mit ſeinem ewigen„Wir wollen ſehen.“ So ging's einen Monat lang fort. Franz Guichard, bei Nacht ein Fiſcher, war den Tag hindurch ein wahrer Weingärtner geworden. Aber nach der Weinleſe kam der Winter; die purpurnen Blätter der Reben bedeckten das Thal; die Stöcke nahmen ihre troſtlos todte Phyſiognomie an, die Pfähle wurden bis zum kommenden Frühjahr auf einen Haufen gelegt. 28 Der Winzer gebrauchte zwar einige Zeit Franz Guichard zum Dreſchen, aber es kam ein Augenblick wo dem Stroh ſein letztes Kernchen ausgeklopft war, und an dieſem Tag ging der Fiſcher müßig. Da näherte er ſich Luiſen und die Brauen ihrés Vaters nahmen einen drohenden Ausdruck an. 3 Tags darauf, als Franz Guichard wieder nach Chennevidre kam, bemerkte er daß die Augen des jungen Mädchens roth waren. Sie hatte geweint. Der Winzer beantwortete den Morgengruß nicht den ſein Ehrenarbeiter ihm bot; es war klar daß, obſchon der Hof des Häuschens mit Schnee bedeckt war und das Dach von einem Rauhreif funkelte, ſo daß die Eisſpitzen herabhingen, ein furchtbares Gewitter den armen Fiſcher bedrohte. Daſſelbe kam bald zum Ausbruch. Mit gebieteriſchen Geberden befahl der Alte ſeiner Tochter hinauszugehen, deutete dem Fiſcher auf einen niedrigen Stuhl neben dem ſeinigen, in der Ecke des großen Kamins, worin zwei Pappelwurzeln rauchten bis ſie in Feuer geriethen, und erklärte ihm, ſeine Anweſenheit gebe der Nachbarſchaft viel zu reden, weßhalb er ihn auffordern müſſe Beſuche einzuſtellen welche der Zukunft Luiſens ſchaden könnten. Hätte Franz Guichard einen Elefanten in ſeinem Wurfnetz gefunden, er hätte nicht verblüffter ſein können. Mit ſeinen Arbeiten für den Vater ſeiner Geliebten hatte er das Draufgeld für das Geſchäft zu erwerben geglaubt das er mit ihm abzuſchließen wünſchte. Er wurde bald roth, bald blaß, er ſtammelte; aber auf einmal erwachte die angeborne Heftigkeit . 29 der Guichards wieder, und nun ſtieß er einen ſo furcht⸗ baren Fluch aus, daß der Winzer auf ſeinem nie⸗ drigen Stuhl erzitterte. Er wollte antworten, aber der Fiſcher ließ ihm keine Zeit dazu, ſein Zorn ſchaffte ſich in wüthenden Schimpfreden Luft. Der Winzer hütete ſich wohl dieſem Strome einen Damm entgegenſtellen zu wollen. Während der junge Mann ſprach, blieb er gegen den Herd vorgebeugt ſitzen und beſchäftigte ſich ſcheinbar damit die zwei Holzſcheite zuſammen⸗ zulegen, was er mit der ängſtlichen Sorgfalt eines Moſaikarbeiters that, indem er die hervorſpringenden und zurücktretenden Ecken der zwei gewundenen Klötze in einander zu fügen verſuchte, in der That aber bloß einen gewiſſen Unmuth zu verbergen wünſchte ber unwillkürlich auf ſeinem Geſicht zum Vorſchein am. Als Franz Guichard geendet hatte, antwortete Luiſens Vater: — Mein Junge, wenn Du für mich gearbeitet haſt, ſo thateſt Du das weil es Dir ſo gefiel, und da die Sache Dir gefiel, ſo wollte ich Dir nicht in den Weg treten. Im Leben leiſtet man einander ſolche kleine Dienſte, ohne daß es weitere Folgen hat; aber Dir meine Tochter zu geben, das müͤßte ich ſchon bedenklicher finden. Du haſt nichts als ein Handwerk das eigentlich eine bloße Faullenzerei iſt. — Faullenzerei! rief der Fiſcher, dem die Erin⸗ nerung an lange, ſchlaflos in Regen und Wind verbrachte Nächte einen Ton der Entrüſtung gab. — Ich will nicht gerade von Faullenzerei ſpre⸗ chen; ich gebe zu daß Du einen ordentlichen Wein⸗ 30 gärtner hätteſt abgeben können, aber Du haſt Deine Sache ungeſchickt angegriffen. Was iſt denn das für eine Profeſſion, die ihrem Manne nicht einmal das bietet was die geringſten Thiere bei uns haben, ein Dach und vier Wände! Du willſt eine Frau, wo willſt Du ſie hinlegen? In Dein Schiff? Eine hübſche Wohnung die Du meiner Tochter bieteſt! — Vater Pommereuil, ſagt mir was ich Eurer Tochter zubringen ſoll, und müßte ich wie ein Galee⸗ renſtlave arbeiten, ſo ſchwöre ich daß ich es in kurzer Zeit verdient haben werde. Die Stimme des Fiſchers hatte einen flehenden Ton angenommen, um dieſe Worte auszuſprechen; aber ſtatt den Winzer zu rühren, befreiten ſie ihn von der Unruhe worein der Anfang der Unterhal⸗ tung ihn verſezt hatte, und das Geſicht des Bauern wurde wieder ſpöttiſcher als je. — He, hel mein guter Junge, ſagte er, ich habe zweiundzwanzig Morgen Reben und zwei Kinder: das macht alſo elf Morgen für den Jungen und elf Morgen für das Mädchen; 500 Franken den Mor⸗ gen, das iſt wohl nicht zu theuer, nicht wahr? — Nein, antwortete Franz Guichard mechaniſch. — Alſo bekommt jedes von ihnen nach meinem Tod 5500 Franken. Außerdem noch was ihnen bei der Theilung meines Sparpfennigs zufällt, denn es iſt auch ein Sparpfennig vorhanden, mein lieber Mann. 5— Mein Gott! mein Gottl! rief Franz Guichard voll Betrübniß dazwiſchen. — Ha, ha! das erſchreckt Dich; zum Henker, man hat gearbeitet, ſiehſt Du, und der Weinberg iſt einträglicher als der Fluß; man hat zu leben, fügte 31 der Bauer mit einem Stolz hinzu der über ſeine ge⸗ wöhnliche Vorſicht den Sieg davon trug. Nun wohl, ſag' jezt, willſt Du daß ich Dir Gelegenheit geben ſoll das Ziel Deiner Wünſche zu erreichen? — Ob ich es will? Ich glaube wohl daß ich es will! Der Winzer nahm vom Kaminſims ein Buch deſſen Schnitt eben ſo ſchwarz war als ſeine Decke. Es war die Bibel. — Ich habe, ſagte er, da drinnen geleſen daß Jakob dem Laban zwanzig Jahre um ſeine Tochter Rahel diente. Füge Dich in die Bedingungen die Jakob eingegangen, und wenn Luiſe in zwanzig Jahren keine andere Wahl getroffen hat, nun wohl, ſo können wir ſehen. Vater Pommereuil begleitete ſeinen ewigen Re⸗ frain mit einem ſo boshaften Gelächter, daß Franz Guichard an der ſpöttiſchen Abſicht deſſelben nicht zweifeln konnte. Er erhob ſich barſch, ging hinaus und ſchlug die Thüre heftig zu. Mitten im Hof ſpürte er eine Hand die ihn von hinten ſachte am Kamiſol zupfte. Es war Luiſe, die wahrſcheinlich die Unterhaltung zwiſchen ihrem Vater und ihrem Liebhaber gehört hatte, denn ihr Geſicht ſchwamm in Thränen. Guichard wollte ihr von ſeiner Verzweiflung vor⸗ ſprechen; aber der Vater Pommereuil ließ ſich an den Riegeln ſeiner Thüre vernehmen. — Geh, geh! rief Luiſe, indem ſie ihre Worte mit einem Händedruck begleitete. — Du kommſt doch an den Fluß? fragte Franz Guichard. 32 — Ja, antwortete Luiſe mit einer Feſtigkeit welche den Fiſcher ſo vollkommen beruhigte, daß, als er die Anhöhe hinabging, troz der ſchlimmen Ab ichten aus denen Vater Pommereuil keinen Hehl gemacht hatte, ſeine Stimme heller und klangvoller als je unter den Bäumen erſcholl. 3 Von dieſem Tag an kam Franz Guichard nicht mehr nach Chennevidre, was nicht beſagen will daß die Liebenden ſich nicht mehr geſehen hätten; ſie ſahen ſich im Gegentheil oft, und der Fiſcher ſehnte ſich nicht nach ſeinen Beſuchen im Dorfe zurück, wo die Anweſenheit des Winzers, der früher ſtets die dritte Perſon bei ihren Unterhaltungen geweſen, eine Kälte um ſich verbreitete die ſo ſchlecht zum Zuſtand ihrer Seelen paßte. Eines Tages bemerkte Vater Pommereuil, der in ſeinem Weinberg arbeitete, auf der andern Seite des Fluſſes, juſt gegenüber der Spize der großen Inſel von Varenne, vier armſelige Mäuerchen die bereits zwei Fuß über die Erde emporragten, und an deren Erhöhung ein Mann mit unerhörtem Eifer arbeitete, indem er unverdroſſen Stein auf Mörtel und Mörtel auf Stein legte. Troz der Entfernung erkannte der Edle den Fi⸗ ſcher deſſen Liebe zu ſeiner Tochter er ſo vortheilhaft ausgebeutet hatte. — Hel hel ſagte er zu dieſe Pfähle einſtecken half, der Dummkopf da drunten hat doch endlich eingeſehen daß man ſich ein Neſt bauen muß bevor man eine Familie haben will. Wie er drauf los arbeitet! Sieh nur, Luiſe, und ſieh auch was das für ein hübſcher Käfig für den Vogel wird. ddie ihm ſeine 33 den er hineinſezen will. Noch beinahe dem Erdboden leich, hält das Mäuerchen ſchon nicht mehr recht das Gleichgewicht! Wenn ich daran denke daß Du, wenn Du keinen ſo geſcheidten Vater gehabt hätteſt, im Stande geweſen wäreſt Dich von dieſem lum⸗ pigen Weißfiſchhändler beſchwazen zu laſſen! Aber ich hielt die Bütte feſt im Auge, und als ich ſah daß es zu ſtark kochte, da machte ich der Gährung ſchnell ein Ende. Du wirſt mirs gewiß danken, wenn Du ſiehſt wie es dem armen Weibe geht das einmal da unten wohnen muß. Zum Glück für das Mädchen war der Pfahl den ihr Vater in die Erde bohrte auf einen Stein ge⸗ ſtoßen; er mußte ſich bucken um ihn herauszureißen, und ſo konnte er Luiſens Verwirrung und Verlegen⸗ heit nicht bemerken. Von dieſem Augenblicke an ließ Vater Pom⸗ mereuil nicht einen einzigen Tag vergehen ohne daß er die Arbeiten des Fiſchers beſichtigte. Die Mauern wuchſen empor; die Thüre wurde dem Fluß gegen⸗ über angebracht; die Fenſter öffneten ſich auf beiden Seiten des Giebels, daß Franz, ohne ſein Haus zu verlaſſen, Alles ſehen konnte was auf dem Fluſſe vorging, indem er vom einen Fenſter aus den gan⸗ zen Lauf der Manne bis hinauf zur Inſel Tire⸗Vin⸗ gigre, vom ane vis hinab zum Loch von Faviot beherrſchte. Als die Mauern aufgeführt waren, zimmerte Franz Guichard ſeine Sparren und Balken, bedeckte das Ganze mit einem Dach von Schilfrohr, und eines Tages ſah Vater Pommereuil, der jeden neuen Dumas, Pechvogel. 3 Fortſchritt in dieſem Bauweſen mit immer beißen⸗ deren Spöttereien empfing, wie der Fiſcher auf den Gipfel des Häuschens ſtieg und an das Kamin einen prächtigen Strauß von allen Frühlingsblumen heftete welche die Ufer ſeines vielgeliebten Fluſſes ihm zu liefern vermocht hatten. Der Winzer lachte ſich halb krank über ein Ge⸗ bahren worin er eine unverzeihliche Anmaßung von Seiten eines ſo geringen Maurers erblickte. Er be⸗ ſchleunigte ſeine Arbeit um recht bald nach Chenne⸗ viere zurückzukommen und Luiſen von dieſer neuen Lächerlichkeit ihres alten Liebhabers zu erzählen. Das Mädchen ſchien die Fröhlichkeit des Vaters nicht zu theilen; ſie erblaßte und blieb ſtumm; ſie ſaß den Reſt des Tages ganz nachdenklich da, und als der Abend kam, verſchloß ſie ſich unter dem Vor⸗ wand einer Unpäßlichkeit in ihr Stübchen. Um Mitternacht hatte ſie ſich indeß noch nicht ſchlafen gelegt; ſie ging barfuß in dem ſchmalen Zimmerchen auf und ab; ſie weinte, ſie wand ihre Arme, ſie befand ſich augenſcheinlich in einer gewalt⸗ ſamen Aufregung; zuweilen ſank ſie auf ihre Kniee und betete inbrünſtig. Ein kleiner Kieſelſtein der an ihr Fenſter flog unterbrach ihre Gebete; ſie erhob ſich haſtig, öffnete das Fenſter und ſah Franz Guichard rittlings auf der Mauer ſizen die nach der Straße zu ſah. — Ach mein Gott! murmelte ſie, wenn mein Vater erwachte! Wenn er ihn ſähe! Er würde ihn vielleicht tödten! Dieſer Gedanke ſchien über alle unſchlüſſige Be⸗ denken obzuſiegen. 3⁵ Sie gab ihrem Liebhaber ein Zeichen er ſolle ſich gedulden und ja nicht in den Hof herabkommen; dann hob ſie ein Päckchen auf, nahm ihre Schuhe in die Hände, ſchlich behutſam durch die Kammer wo ihr Vater ſchlief, öffnete das Hofthor und reichte Franz Guichard ihre Hand dar; dieſer hob ſie in ſeine Arme, trug ſie wie eine Mutter ihr Kind trägt, eilte, ohne ſie die Erde berühren zu laſſen, mit ihr den Hügel hinab und machte erſt dann Halt als er ſeine koſtbare Laſt in ſein Schiff niedergelegt und die Ruder ergriffen hatte um das andere Ufer zu erreichen. Es war Frühling; die Nacht war lau und duftig; ein ſanfter Wind kräuſelte leicht die Oberfläche des Waſſers und ſpielte in den ſpizen Blättern des Pfeil⸗ krauts; der Mond warf ſeinen hellen Silberſchein über den Fluß; in jedem Buſche ſang eine Nachtigall eine Liebeshymne. Luiſe gab ſich dem allmächtigen Einfluß dieſes Schauſpiels hin, ihre Thränen trockneten. Es war geſchehen: Franz Guichard hatte nach Art und Weiſe der engliſchen Lords und der Helden gar vieler Romane ſeine Frau erobert. III. Wie es Gott geſtel uͤber Franz Guichard ähnliche Prüfungen zu verhängen wie einſt über Hiob. Dieſes Ereigniß machte Lärm in der Ebene und auf der Höhe. 3* Acht Tage lang brauchten ſich die Gevatterinnen, von Joinville bis Ormeſſon, von Gravelle bis Sucy, nach keinem andern Text für ihre Klatſchereien um⸗ zuſehen. Lange Zeit ſchwazten die am Ufer knieen⸗ den Wäſcherinnen von dieſem Abenteuer, während ſie mit dem Bläuel auf ihre Wäſche losklopften. Im Allgemeinen und mit Ausnahme einiger bös⸗ artigen Murrköpfe gab Jedermann dem alten Pom⸗ mereuil Unrecht. Der Winzer hatte zu früh frolockt. Ohne alle Ahnung davon daß das Schickſal ihm ſolche Repreſſalien zudachte, hatte er die Unvorſich⸗ tigkeit begangen ſich öffentlich über die Geduld und Einfalt des Fiſchers luſtig zu machen, und dagegen die Feinheit und Pfiffigkeit zu rühmen womit er dedei Leidenſchaft für Luiſe auszubeuten gewußt abe. Man verſpottete ihn und dadurch wurde ſein Grimm über den Räuber immer giftiger. Chennevidre beſaß einen Maire, einen rechtſchaf⸗ fenen Mann der übrigens die reinſten Grundſäze jener Epoche eingeſogen hatte, einen wahren Römer in Holzſchuhen. Man nannte ihn den Bürger Cor⸗ nelius. Als Bürger Cornelius durch die Fama den Vor⸗ fall erfuhr, begab er ſich zu ſeinem Untergebenen und predigte ihm nach ſeiner Art und Weiſe; er er⸗ kannte zwar die Rechte des Vaters an, aber blos um dagegen an die älteren und unverjährbaren Rechte der Natur zu appelliren. Er beſchwor ihn ſich dieſer erhabenen Kundgebung des freien Willens nicht zu widerſezen; er ſprach von Plato, er ſprach von Rouſſeau, er wurde faſt bis zu Thränen ge⸗ ——————. ᷓ rERn Ge ☛ 9 37 rührt, als er ihm das Glück des Vaters ſchilderte dem es vergönnt ſei im Verein mit Amor zwei liebenden jungen Leuten den Kranz Hymens auf die Stirne zu druͤcken. Dieſe Predigt rührte den Vater Pommereuil ſehr wenig; aber glücklicher Weiſe machte ein Nachbar, ein etwas ſchreibereiverſtändiger Krämer, ihn darauf aufmerkſam daß Luiſe majorenn ſei, folglich ihr Muttergut anſprechen und mittelſt gewiſſer ſehr theu⸗ rer Formalitäten über den böſen Willen ihres Va⸗ ters obſiegen könnte, und ſo gab der alte Bauer nach. Er verabſcheute ſeinen künftigen Schwiegerſohn: zwanzigmal des Tags wünſchte er aus vollem Herzen derſelbe möchte an ſeinem Wurfnez hängen bleiben und in die tiefſte Marne hinabfahren; aber wenn er bedachte daß ein ſchönes Stück Geld, das er als ſein bleibendes Eigenthum zu betrachten ſich angewöhnt hatte, dieſem Lumpenpack von Gerichtsſchreibern in die Hände fallen ſollte, ſo erſchien ihm dieß als ein Aberwiz womit er ſein Gewiſſen unmöglich belaſten könnte.. Er willigte alſo darein daß Luiſe Pommereuil die Chefrau des Franz Guichard wurde, jedoch unter der Bedingung daß ſie einen förmlichen Verzicht auf die Hinterlaſſenſchaft ihrer ſeligen Mutter unterzeichnete. „Franz Guichard war alſo beſſer daran als ſeine Ahnen je geträumt hatten. „Niicht blos herrſchte er als unumſchränkter Ge⸗ bieter üͤber die Marne, nicht blos konnte er nach freiem Belieben ſeine Geräthſchaften darauf ſpazieren führen, ohne händelſüchtige Aufſeher oder eiferſüch⸗ 38 tige Eigenthümer fürchten zu müſſen, nein, er beſaß auch die einzige Frau die er je geliebt hatte, und was noch weit erſtaunlicher iſt, dieſe Frau hielt mehr als das junge Mädchen verſprochen hatte. Wenn je ein enthuſiaſtiſcher Eheherr auf ſeine Hälfte die Bezeichnung Schaz anwenden konnte, ſo war es Franz Guichard. Luiſe war rüſtig, dabei aber ſanft und unterwürfig; folglich hatte Frankreichs Himmel nie eine ſo vollendete Hausfrau geſehen. Sie flickte die Neze ihres Mannes; ſie begleitete ihn auf dem Fluß, ſie lenkte das Schiff wie ein äch⸗ ter Fiſcherknabe, und zwar mit ſolcher Geſchicklichkeit, daß ihre Ruder ſo wenig Lärm auf dem Waſſer machten, als eine Breitjungfer die über die See⸗ blumen hin hüpft, und daß Franz Guichard, wenn ſeine Leinen ſich irgendwo verfingen, niemals ge⸗ nöthigt war nach dem lezten Mittel, d. h. zum Meſſer, zu greifen. Ueberdieß wußte ſie es troz all ihrer Geſchäfte immer ſo einzurichten, daß er, wenn er nach Hauſe kam, eine Suppe oder einen Ragout ferti vorfand, was dem Fiſchersmann in ſeiner Hütte uß der Inſelſpize eine Idee von den gaſtronomiſchen Ge⸗ nüſſen der Bürger Directoren im Luxembourg bei⸗ brachte. Mit all dieſen Vorzügen verband Luiſe noch einen andern, der ſich bei armen Weibern die neben ſchwe⸗ rer Handarbeit die Schmerzen der Mutterſchaft durch⸗ zumachen haben ſehr ſelten vorfindet: ſie blieb ſchön. Allerdings hatte die Sonne ihren einſt ſo weißen Armen, ihrem ehemals ſo friſchen Geſichte die Farbe des florentiniſchen Erzes verliehen, aber ihre Züge 3 39 blieben rein, und dieſe warme, männliche Färbung ſtand ihr vortrefflich zu Geſichte. Zwanzig Jahre hindurch war Franz Guichard gewiß der glücklichſte Mann ſeines Departements, obſchon dieß das Departement der Seine war, das diverſe Millionäre unter ſeinen Bewohnern zählte. Aber das Glück gleicht jenen Wucherern die den reichen Söhnen ihre Caſſe öffnen, deren habgierige Gefälligkert und eigennüzige Beeiferung aber bei der Berechnung der Zinſen grell zu Tage kommen. Der Verfalltag nahte für die arme Familie in Varenne. Im Jahr 1813 beſaßen Franz Guichard und Luiſe Pommereuil drei ſchöne Kinder: zwei Söhne und eine Tochter. Die Conſcription nahm ihnen die beiden Jun⸗ gen weg. Der Fiſcher ertrug dieſe erſte Prüfung ziemlich gut, denn ſeine Erinnerungen an die Belagerung von Mainz verliehen ihm Kraft: er gedachte des rcans von Eiſen und Blei in deſſen Mitte er drei Monate lang gelebt hatte; er ſprach mit einer ge⸗ wiſſen Verachtung davon und behauptete die Canone mache mehr Lärm als nöthig ſei. Luiſens Herz blutete und ihre Augen weinten. Sie hätte gerne ihre zwei Kinder loskaufen mögen, aber in jenen Zeiten war das Menſchenblut theuer, und mit den Mitteln der armen Familie war es ſchlecht beſtellt. Aus Rache für den Ungehorſam ſei⸗ ner Tochter hatte der alte Pommereuil wieder gehei⸗ rathet, und troz ſeiner ſechzig Jahre hatte ein neuer Nachwuchs die Zahl ſeiner Erben vermehrt, ſo daß 40 bei ſeinem Tod der Antheil ſeiner älteſten Tochter auf die Hälfte herabgeſchmolzen war. Inzwiſchen konnte man durch Verkauf der Weinberge vielleicht für einen der beiden Söhne einen Erſazmann er⸗ ſchwingen; aber nun entſtand ein Wettſtreit an Edel⸗ muth unter den Brüdern, und da der eine nicht ohne den andern bleiben wollte, ſo war die Folge daß beide abzogen. Franz Guichard und ſeine Frau blieben allein im Hauſe, denn ihre Tochter war ſchon ſeit einem Jahr verheirathet. Sie hatte einen alten Soldaten dem man nach der Schlacht bei Wagram ein Bein abgenommen, und welcher der Buſenfreund von Franz Guichard geworden war. 3 Dieſer Veteran hatte als Invalidenlohn die Auf⸗ fehere über die Staatswaldungen von Varenne er⸗ alten. Kraft des traditionellen Rückſtoßes jagte Franz Guichard nicht, ſah aber gerne zu. Mehrere Male hatte der Fiſcher, wenn Peter Maillard— ſo hieß der alte Kriegsmann— dem Federvieh ſeiner Her⸗ ren zu Leibe ging, ihn als Liebhaber begleitet. Der Forſtmann hatte ein Kaninchen angeboten, der Waſſer⸗ mann hatte ſich mit einer Platte Fiſche revanchirt, und Plaudereien hatten vollendet was kleine Geſchenke begonnen. Peter Maillard war hoch erfreut gewe⸗ ſen in den Einöden von Varenne einen Mann zu treffen der zum Handwerk gehört hatte und mit dem er über die edle Kriegskunſt plaudern konnte; Franz Guichard ſeinerſeits, der ſich noch immer auf ſeine Anweſenheit bei der Belagerung von Mainz viel zu gut that, blieb ihm keine Antwort ſchuldig. —.— SCo=ce-CoAe SSAe, 41 Der Fiſcher hatte ihn mit Enthuſiasmus, Luiſe mit einer gewiſſen Kälte, das junge Mädchen mit Ergebung angenommen, denn er ſtand nicht mehr in der erſten Jugend, und troz fünf oder ſechs Narben die ihm, wie er behauptete, ein gewiſſes Etwas ver⸗ liehen, war er niemals ſchön geweſen. Troz einigem Widerwillen von Seiten der beiden Frauenzimmer kam die Heirath zu Stande, und keine von ihnen hatte ſie zu bereuen, denn die Herzens⸗ güte des Aufſehers bot reichlichen Erſaz für ſeine phyſiſchen Unvollkommenheiten. Gegen Anfang des Jahres 1814, an demſelben gedient hatte wie die zwei Söhne des Fiſchers, vor dem Hauſe Peters und meldete der unglücklichen Familie daß bei Montmirail eine und dieſelbe Kugel beide Brüder weggerafft habe. Franz Guichard ließ beinahe das kleine Mädchen fallen das Luiſe auf ſeine Arme gelegt hatte. Er gab es dieſer zurück und brach in Schluchzen, in Verwünſchun en, in Schmerzensſchreie aus. Dieſer „gegen ſich ſelbſt ſo harte, an ſchwere und rauhe Ar⸗ 42 beit gewöhnte Mann hatte herzzerreißende Töne, als er nach ſeinen beiden Söhnen rief; er wälzte ſich auf dem Boden, er zertrümmerte was ihm unter die Hand kam, er flehte zum lieben Gott um Gnade und Erbarmen; man glaubte er würde ein Narr werden. Dieſer Zuſtand ihres Mannes riß Luiſe aus dem Schmerz welchem ſie ſich ſelbſt hingegeben hatte; ſie ſuchte ihn zu beruhigen und verſchwendete die zärt⸗ lichſten Worte an ihn. Zum erſten Mal ſeit zwanzig Jahren ſtieß der Fiſcher diejenige zurück die er ſo heiß geliebt hatte. Jezt hatte die arme Mutter eine Eingebung: ſie bot ihrem Manne das neugeborne Kind zum zweiten Mal hin und ſchaute Franz mit ſo flehenden Augen an, daß dieſe verzweifelte Wuth aufhörte, wie der Regen aufhört wenn der Wind die Wolken in die Ferne jagt. Der Fiſcher drückte das kleine Mädchen an ſein Herz und verhielt ſich bis zum Abend ſtumm und unbeweglich; nur rollten über ſeine Wangen dicke Thränen hinab die auf die Windeln und auf das Geſicht des Kindes fielen. Dieſe Thränen waren die erſte Taufe des kleinen Mädchens das in unſerer Erzählung eine bedeutende Rolle ſpielen ſoll. Franz Guichard war untröſtlich; er blieb düſter und ſchweigſam: er floh ſeine Frau, er konnte ganze Tage zubringen ohne ein Wort zu ihr zu ſprechen; er hati⸗ die Gewohnheiten ſeiner Jugend wieder an⸗ genommen. Um das arme Zimmer nicht wiederſehen zu müſſen wo ſeine todten Kinder geboren worden, verbrachte er manche Nacht in ſeinem Schiffe. Wenn e, als te ſich ter die Gnade Narr 3 dem e; ſie zärt⸗ anzig er ſo : ſie eiten ugen der die ſchen umm igen auf inen ende 4³3 er zufällig mit Luiſe ſeine Mahlzeiten einnahm, wenn dann die Blicke von Mann und Frau ſich kreuzten, dann begannen alle beide in Thränen auszubrechen, ohne einander ihre Gedanken mitgetheilt zu haben. Eines Morgens wurde der Fiſcher in ſeiner Barko durch ein außerordentliches Getöſe geweckt. Es war Kanonendonner. Er kam nicht regelmäßig und in kleinen Zwiſchen⸗ zeiten wie bei den Uebungen von Vincennes, ſon⸗ dern dumpf und anhaltend wie fernes Donnergerolle. Franz Guichard ſaß auf der Bank ſeines Nachens und horchte. Eine Minute genauer Achtſamkeit be⸗ wies ihm daß dieſes Kampgetöſe nicht aus dem Fort kam; der Wind führte es von der Seite von Saint⸗Denis her. Tags zuvor hatten Flüchtlinge, als ſie auf der Fähre von Varenne über die Marne ſezten, gemeldet daß die preußiſchen Plänkler in der Gegend von Meaux herumſtreiften. Frankreich ſollte jezt, wie Franz Guichard, ſeine zwanzig Jahre des Glückes und Ruhmes büßen. Der Fiſcher richtete ſich in ſeinem Boote empor. Seine Augen waren mit Blizen geladen, ſeine Brauen gerunzelt, ſeine Naſenflügel weit geöffnet um den Schlachtengeruch einzuathmen der bis zu ihm zu ge⸗ langen ſchien; der Schmerz der ſeine Seele ſchwellte verwandelte ſich in Zorn; der alte Soldat der Re⸗ publik fühlte ſeinen furchtbaren Haß gegen die Aus⸗ länder neuerwachen, der Vater fühlte daß die Mör⸗ der ſeiner Söhne herannahten. Zum erſten Mal vielleicht in ſeinem Leben hing 44 er ſein Schiff nachläſſig ein und ſchritt auf das Haus zu. Er traf hier Peter Maillard, der mit einer Flinte auf der Schulter und einer andern in der Hand ihn erwartete. Als der Waldauſſeher ſeinen Schwiegervater er⸗ blickte, bot er ihm eine der beiden Waffen hin. Ohne eine Frage zu ſtellen, ergriff dieſer ſie; die beiden Männer hatten ſich verſtanden. Sie ſchloſſen, der eine ſein Weib und ſeine Tochter, der andere ſeine Schwiegermutter und ſein Weib, in ihre Arme; dann zogen ſie, Hand in Hand, dem Kanonendonner ent⸗ gegen, der offenbar immer näher an die Stadt kam. Die beiden Frauen blieben, knieten nieder und beteten für die beiden Männer ihrer Liebe. Aber die Frau Peters beſaß weder die Seelen⸗ ſtärke noch die Willenskraft womit das Beiſpiel und die Liebe des wackeren Fiſchers Luiſe Pommereuil begabt hatten. Allmählig wuchs und ſteigerte ſich ihre Verzweif⸗ lung; ſie verlor den Kopf; halb toll benüzte ſie einen Augenblick wo ihre Mutter ſie nicht ſehen konnte, entwiſchte auf das Feld und lief, ohne ihr Kind niederzulegen das ſie auf den Armen hatte, in der Richtung fort welche ſie die geliebten Männer ein⸗ ſchlagen geſehen hatte. Der Kanonenſchall leitete ſie übrigens wie er dieſe geleitet hatte; er kam eben jezt klar und deut⸗ lich von den Höhen von Montmartre und Romain⸗ ville herab. Die Tochter des Fiſchers ſtieß bei ihrem Lauf querfeldein auf kein Hinderniß; aber die Schnellig⸗ 45 keit womit ſie dahineilte, ſowie das Bewußtſein der Gefahr welcher ihr Vater und ihr Gatte entgegen⸗ gingen, ſteigerten ihre Verzweiflung noch mehr. Sie flog durch den Wald von Vincennes, kam bei Montreuil hinter diejenigen von unſern Solda⸗ ten die dem Schwarzenbergſchen Corps Stand hiel⸗ ten, und gelangte nach Belleville in dem Augenblick wo die Preußen von allen Seiten hereinbrachen. Zum erſten Mal hörte die Frau des Waldauf⸗ ſehers das Gekniſter des Flintenfeuers in die feier⸗ liche Stimme der Kanonen ſich miſchen; jeder Schuß fand ein Echo in ihrem Herzen, es war ihr als müßte die Flinten⸗ oder Kanonenkugel deren Bote er war einen ihrer Theuern getroffen haben. Aus allen ihren Stellungen vertrieben, von einem zwanzigfach überlegenen Feind erdrückt, wichen die Soldaten und Bürger welche für die Ehre der Fahne Frankreichs hatten ſterben wollen zwar zurück, kämpf⸗ ten aber fortwährend mit einer Entſchloſſenheit die ſich während dieſes ganzen Unglückstages nicht einen einzigen Augenblick verleugnete. In der lezten Reihe ging der Marſchall Marmont mit zerriſſenen, pulvergeſchwärzten Kleidern, bar⸗ häuptig, eine Soldatenflinte in ſeiner verſtümmelten Hand, Schritt für Schritt die Rue de Paris hinab. Als er ſich umwandte, als er einen jener Rufe: Vorwärts! ausſtieß die man aus der Bruſt eines der Helden der Ilias hervorgekommen glaubte, als er zuerſt ſich auf die Preußen losſtürzte die ihm auf hundert Schritt folgten, wichen dieſe entſezt zurück. ie ein von der Meute bedrängter Eber warf er ſich dann mit der Handvoll Tapferer die ihn umgab über die Feinde her; Leichenhaufen bezeichneten jeden dieſer Kämpfe; einen Augenblick hörte die Verfolgung auf, und die Beſiegten waren die Sieger. Aber die Maſſen die hinter den erſten kamen, waren ſo zahlreich und dicht daß die Arme der Helden vom Dreinſchlagen ermüdeten, und daß ſie, dieſen unauf⸗ hörlich neuerſtehenden Feinden gegenüber, an den Rückzug denken mußten. Die Tochter des Fiſchers kam, im Augenblick eines dieſer Handgemenge, durch eine Seitengaſſe in die Hauptſtraße von Belleville. Sie hatte das Bewußtſein der Gefahr ſo gänz⸗ lich verloren, daß ſie, troz der Kugeln die ſie von allen Seiten her umpfiffen und an die Wände fuhren, bis an die Ecke des Gäßchens vorſchritt. Ganz nahe bei dem Mann in geſtickter Uniform welcher die Kämpfer gegen einander trieb und durch Beiſpiel und Zuruf aufmunterte, bemerkte ſie durch dieſen dicken, von Blizen durchzuckten Rauch hindurch Franz Guichard und ſeinen Schwiegerſohn. Der Invalide ſchoß mit ſeiner Jagdflinte aus nächſter Nähe auf die Preußen; der Fiſcher, der ſeine Munition erſchöpft hatte, gebrauchte ſeine Flinte um⸗ gekehrt und hatte ſo eben mit einem Kolbenſchlag einen feindlichen Offizier zu Falle gebracht. Die junge Frau ſtürzte mit einem furchtbaren Schrei auf ſie los; bei dieſem Schrei drehte Peter Maillard ſich um und erkannte ſein Weib; er be⸗ merkte ſein Kind das ſie ihm hinbot, gleich als wollte ſie ihn im Namen dieſes unſchuldigen Geſchöpfes an⸗ flehen ſich nicht weiter auszuſezen; und ſiehe da, dieſer Mann der ſeit fünf Stunden mit der helden⸗ ſchreiendes kleines 47 ſinnigſten Tapferkeit gekämpft hatte, verlor jezt auf einmal ſeine Kraft und ſeinen Muth. Die Waffe entfiel ſeinen erſchlaffenden Händen; wahnſinnig vor Angſt um Alles was er in dieſer Welt liebte, ſtürzte er, ſo ſchnell ſeine Schwäche es ihm geſtattete, gegen ſeine Frau und ſein Kind zu. In dieſem Augenblick marſchirten die Preußen, hinter denen fortwährend Andere nachdrängten, vor⸗ wärts; ſie befanden ſich in bedeutender Anzahl zwei Schritte von Peter Maillard hinweg; zehn Bajonette kreuzten ſich zumal über dem flüchtigen Invaliden; er fiel von Stichen durchbohrt, indem er ſeinem Schwiegervater zurief: — Rette Deine Tochter! rette mein Kind! Dieſe Scene war Franz Guichard, der ſeinerſeits vollauf mit dem Feind zu thun hatte, gänzlich ent⸗ gangen. Bei dem Zuruf ſeines ſterbenden Schwiegerſohnes ſchaute er voll Entſezen nach der Richtung welche der lezte Blick des armen Invaliden i ſeiner Flinte ein ſo wüthendes Rad ſchlug, daß das ganze dichte Gemenge ſich vor ihm öffnete. An der Ecke dieſes Gäßchens fand er ſeine Tochter. Sie ſaß mit dem Rücken gegen den Weichſtein. Obſchon ſie ohnmächtig ſchien, drückte ſie doch ihr Kind kräftig an ihre Bruſt. Franz Guichard that was Peter Maillard gethan hatte: er warf ſeine Flinte weg, nahm ſeine Tochter in ſeine Arme, lud ſie auf ſeine Schulter und ent⸗ floh, ohne rückwärts zu ſchauen, in der Richtung von Varenne. Erſt im Walde von Vincennes machte er Halt. Jezt erſt bemerkte er daß ſein Hals und ſeine Schultern ganz feucht waren. Er griff darnach und überzeugte ſich daß dieſe Feuchtigkeit Blut war. Er legte ſeine Tochter auf den Raſen, und nun ſah er daß alle Kleider der armen jungen Frau da⸗ mit beſchmuzt waren. Er blieb ſtumm, unbeweglich ſtehen; er wagte es nicht mehr ſie zu berühren, er fürchtete ſich eine Be⸗ wegung zu machen, es ſchien ihm als ob der Him⸗ mel, die Bäume, Alles ſich um ihn drehte, als ob die Erde unter ſeinen Füßen wankte. Endlich entſchloß er ſich zu einer lezten Anſtren⸗ gung die ſeinem Muth weit ſchwerer wurde als alle Kämpfe des Morgens; er öffnete das Mieder des jungen Weibes und legte ſeine Hand an ihr Herz. Das Herz hatte aufgehört zu ſchlagen. Das Kind lag noch immer in den⸗Armen ſeiner Mutter, nur war es zulezt eingeſchlafen. Franz Guichard nahm ſeine Laſt wieder und kehrte nach Hauſe zurück. Dort legte er ſeine Tochter auf ſein Bett, be⸗ freite ſachte die arme Kleine aus der Umſchlingung der Todten, und ohne ein Wort zu ſagen, ohne in ſeinen vertrockneten Augen eine Thräne zu finden, raffte er ſeine Geräthſchaften zuſammen und kehrte nach ſeinem Boote zurück. —„ einer hrte be⸗ ung e in den, hrte 49 IV. Wo, in Folge der Einmiſchung der Großen der Erde, ſehr wenig dazu fehlt daß im Jahr der Gnade 1817 Franz Gui⸗ chard ſeinen kleinen Roman ebenſo endigt wie die kleinen Ro⸗ mane ſeiner Ahnen geendigt hatten. Wenn ein Wilderer Haſenpfeffer eſſen will, ſo ſucht er, er mag nun den berühmten Lehrſaz der bürgerlichen Kö chin kennen oder nicht, vor allen Dingen einen Haſen zu erbeuten. Als Franz Guichard auf den Einfall gerathen war Hausbeſizer zu werden, hatte er ſich, bevor er Bruchſteine in der Ebene geſammelt, ferner auf den Inſelchen der Marne ſein Bischen Bauholz geholt und die Binſen an den Ufern des Fluſſes abge⸗ ſchnitten hatte, einen Grund und Boden erwildert. Er hielt es für lächerlich Dinge zu kaufen die Der Prinz von Condé befehligte das Emigranten⸗ corps das am Rhein operirte; er hatte Franz Gui⸗ chard, bevor dieſer ſich in den Mauern von Mainz verſchloß, gar manchmal warm gemacht. Die Nation hatte die Güter des Geächteteten mit Beſchlag be⸗ legt; der Fiſcher ſagte ſich daß die Nation es ihm wohl nicht verübeln würde wenn er auf dieſelbe Dumas, Pechvogel. 4 Weiſe wie ſie gegen einen Mann verführe den er, ſo gut wie ſie, als einen perſönlichen Gegner zu be⸗ trachten das Recht hatte. Auf den alten Domänen der Familie Condé hatte Franz Guichard den Grund zu dem Hauſe gelegt das wir unter ſeinen Händen erſtehen ſahen. Er zeigte ſich übrigens beſcheiden und ſehr ge⸗ mäßigt bei ſeiner Beſiznahme. Die Pärke, Bann⸗ forſte und Kaninchengehäge hatten ſeiner Familie Un⸗ heil genug gebracht um in ihm den Wunſch nach einem ähnlichen eigenen Beſiz hervorzurufen; er konnte ſich etwa ein Duzend Morgen aneignen, und die Republik würde ſich gewiß nicht beleidigt gefühlt haben. Er begnügte ſich vier bis fünfhundert Meter einzuzäunen, die er in einen Garten umſchuf, und wo die für die arme Haushaltung nothwendigen Ge⸗ müſe ſowie die Blumen wuchſen aus denen er am St. Ludwigstag ſeiner Frau einen Strauß wand. Das Conſulat, ſogar das Kaiſerreich reſpectirte die democratiſche Eroberung unſeres Franz Guichard: unter Eroberern muß man ſich ſchon etwas zu gut halten. Aber eine der erſten Folgen der Rückkehr der Bourbonen beſtand darin daß man den Uſurpatoren die nicht verkauften Güter wieder abnahm und ſie ihren rechtmäßigen Beſizern zurückgab. Mit Chantilly, ſeinen Wäldern und ungeheuren Jagdrevieren nahm der Erbe der Condés auch von Demjenigen Beſiz was ſeinen Vätern in der Ebene von Varenne ge⸗ hört hatte, und bald ſezte ſich ein Verwalter auf dem Hauptgute feſt, an die beiden Enden des Ge⸗ biets aber wurden zwei Aufſeher geſtellt welche die G ,.)ö 51 Verrichtungen des verſtorbenen Peter Maillard zu übernehmen hatten. Einer dieſer Aufſeher, derſelbe für welchen das Häuschen beſtimmt war das der Schwiegerſohn des Fiſchers bewohnt hatte, war, wie Franz Guichard, aus der Umgegend von Rambouillet; er war der Großneffe desjenigen welchen der Vater Guichard's getödtet hatte. Der Mord hatte, obſchon er durch die Hinrichtung des Verbrechers geſühnt worden, ob⸗ ſchon Simonneau— ſo hieß der Aufſeher des Prin⸗ zen von Condé— ihn nur durch die Ueberlieferung kannte, bei Lezterem einen Gährungsſtoff von Haß zurückgelaſſen welchen die Nachbarſchaft mit dem Sohne des Mörders unvermeidlich wieder aufregen mußte. Dieß geſchah in der That. Simonneau hatte nicht ſo bald erfahren daß der Marnefiſcher, der Schwiegervater ſeines Vorgängers, ein Guichard war, ſo ſchilderte er ihn ſeinem Ver⸗ walter mit den düſterſten Farben, gab ihm eine kurze Geſchichte dieſer unverbeſſerlichen Wilddiebs⸗ familie und erklärte daß er, ſo lange ein ſo gefähr⸗ licher Menſch auf den Domänen des Prinzen wohne, nicht für die Erhaltung eines einzigen Faſans, eines einzigen Kaninchens gutzuſtehen vermöge. Die erſte Folge dieſer Erklärung war daß die beiden Aufſeher, die Gendarmen und der Verwalter ſelbſt dem armen Fiſcher aufzulauern anfingen. Man folgte ihm bei Tag, man beſpionirte ihn bei Nacht. Seit ſeine Tochter und ihr Mann den beiden Jungen ins Grab gefolgt waren, hatte Franz Gui⸗ chard ſich äußerlich und innerlich gleich ſtark verän⸗ * dert: ſeine Haare waren ſchneeweiß geworden, ſeine Wangen und ſeine Stirne waren von tiefen Runzeln durchfurcht. Er hatte Luiſe und das Häuschen gänzlich ver⸗ laſſen; er ſchien entſchloſſen Nichts mehr wiederzu⸗ ſehen was ihm eine von ſo ſchmerzlichen Erinne⸗ rungen erfüllte Vergangenheit zurückrufen konnte. Er erſchien mehr als traurig, mehr als düſter; er ſchien bösartig geworden zu ſein, und die Zuſam⸗ menziehung ſeiner Lippen ſowie das Runzeln ſeiner Brauen gaben ſeiner Phyſionomie einen ſolch un⸗ heimlichen Character, daß man ſich bei Begegnungen mit ihm kaum eines Schauders zu erwehren vermochte. Bei dieſen Gewohnheiten und dieſem Ausſehen mußte Alles was über Franz Guichard geſchwazt wurde nicht blos glaublich, ſondern gewiß erſcheinen. Inzwiſchen war es troz der ſtrengſten Ueber⸗ wachung unmöglich ihn auf der wirklichen That der Wilderei zu ertappen. Abends ſah man ihn, nach⸗ dem er Stunden lang, den Kopf in ſeine Händs ge⸗ ſtüzt, im Nachen geſeſſen, ſich in ſeine Decke ein⸗ wickeln und auf den Fußboden ſchlafen legen; im Geröhricht verſteckt, glaubte der Aufſeher ihn nicht aus dem Auge zu verlieren; aber wenn es wieder tagte, bemerkte er weit und breit kein Schiff mehr, er ſchlug ſogleich Lärm, das ganze Perſonal machte ſich auf die Beine, man durchſuchte jedes Gebüſch, durchſtreifte die Ebene und den Wald, und wenn man, ein paar Meilen von dem Ort wo man ihn geſtern gelaſſen, ans Ufer zurückkam, ſo fand man den Fiſcher ganz ruhig und friedlich mit Herrichtung ſeiner Werüthe beſchäftigt. 53 . Man ſchlich Luiſen nach wenn ſie in Creteil oder Saint⸗Maur Fiſche verkaufte; aber troz aller Pfiffe und Kniffe die man gebrauchte, war es unmöglich, unter den Körben voll Brachſen, Karpfen und Roth⸗ augen die ſie an ihre Kunden verkaufte, einen Fuß von einem Rebhuhn, ein Ohr von einem Kaninchen oder einen Schwanz von einem Faſan zu entdecken. Und gleichwohl fand man an allen Enden und Ecken des Waldes Schlingen; die Rebhühner ent⸗ flohen mit einer Sachkenntniß und Schnelligkeit welche anzeigten daß ſie mit knapper Noth dem Garn entgangen waren. Es gab wenig Nächte wo die Aufſeher nicht, während ſie alle Bewegungen von Franz Guichard beobachteten, Flintenſchüſſe hörten welche den aufgeſeſſenen Faſanen galten. Der natürliche Schluß den ſie daraus hätten ziehen müſſen, ging dahin daß irgend ein wohlunter⸗ richteter Wilddieb dieſes Mißtrauen gegen den Fiſcher ausbeute um in aller Ruhe das Wild des Prinzen zu bearbeiten; aber dieſer Schluß war viel zu ein⸗ fach als daß man dabei hätte bleiben mögen. Der Haß ergibt ſich nicht ſo leicht. Simonneau wollte lieber Wunderbares und Unmögliches annehmen. Er erklärte, der Abkömmling der Guichards beſize einen erblichen Zauber mit deſſen Hilfe ſeine Seele ſich von ſeinem Körper trenne: der Körper bleibe im Schiff um die Neugierigen zu täuſchen, während die eele über Berg und Thal ſtreife um die Faſanen zu bekriegen. Der Verwalter ſchauderte als er dieſes Märchen vernahm, und ſann auf Mittel die ihm anvertrauten Güter von einem Kerl zu befreien der mit dem leib⸗ haftigen Satan in ſo vertrautem Umgang ſtehe. Dieſe Idee führte ihn auf Nachforſchungen über die Art und Weiſe wie Franz Guichard Eigenthümer ſeiner Hütte und ſeines kleinen Gehäges gewor⸗ den ſei. Er ging aufs Finanzminiſterium um die Acten über den Verkauf der Nationalgüter einzuſehen, und ſo kam er bald zu der Gewißheit daß der Fiſcher ein Uſurpator ſei dem man, kraft eines berühmten Manifeſtes, augenblicklich zu Leib gehen müſſe um ihn wo möglich in die Marne zu werfen. Am Tag wo der Verwalter dieſe Entdeckung preisgab, herrſchte großer Jubel im Lager der Auf⸗ ſeher und Gendarmen; man aß eine Rieſengibelotte, man benezte ſie mit Fluthen von Sucywein, man trank auf die Vertilgung des Zauberers und ſeines ganzen Gelichters. Troz ſeiner Vertrautheit mit dem böſen Geiſt hatte Franz Guichard keine Ahnung von all dieſen Vorgängen. Die Fiſcherei war verpachtet worden; in andern Zeiten würde er ſich vielleicht geweigert haben die Gebühr zu bezahlen die man ihm für das Recht den Fluß zu durchſtreifen abforderte; aber unter dem Einfluß ſeiner damaligen Traurigkeit hatte er nicht mehr die Kraft für Etwas zu ſtreiten, nicht einmal für ſein Lieblingsprincip daß der Fiſch demjenigen gehöre der ihn zu fangen verſtehe; er bezahlte, er ſtellte ſich auf regelrechten Fuß mit dem Geſeze. Er hatte allerdings bemerkt daß die Nachfolger des ſeligen Peter Maillard ihn einer gewiſſen Ueber⸗ 5⁵ wachung unterſtellten, aber er beſaß, in Bezug auf Alles was außer ſeinem wäſſerigen Gebiete vorging, ein zu ruhiges Gewiſſen, als daß er dem Thun und Laſſen von Leuten die ihm nicht behagten die min⸗ deſte Beachtung geſchenkt hätte. Ohnehin nahmen andere Bekümmerniſſe ihn in dieſem Augenblick in Anſpruch. Seit einem Monat war Luiſe krank geworden. Dieſe geringe Bäurin beſaß ein ſtarkes, wackeres Herz. Die raſch auf einander erfolgten Schläge welche ſie getroffen, hatten ſie ebenſo ſchwer nieder⸗ gedrückt wie ihren Mann; aber um die Verzweiflung nicht zu vergrößern welche dieſer auf ſeiner Phyſio⸗ nomie leſen ließ, hatte ſie, ſelbſt auf die Gefahr hin daß er ſie der Gleichgiltigkeit zeihen könnte, verbor⸗ gen was in ihrem Innern vorging, ſie hatte all ihre Seelenqualen in ihrer Bruſt verſchloſſen, und außer dem wehmüthigen Ausdruck in ihrem blaſſen, mit einem ſchwarzen Wolltüchlein eingefaßten Geſichte verrieth ſich die Verwüſtung welche der Kummer in ihr anrichtete durch Nichts. So trieb ſie es ſo lang ihre Kräfte es geſtatte⸗ ten, ſo lange ſie das Uebel bezwingen konnte das ſie untergrub. Eines Morgens rief die kleine Huberte, die Tochter des Peter Maillard, nach ihr. Luiſe wollte aufſtehen, ihre Glieder verſagten jede Bewegung; ſie that ſich Gewalt an, ſprang aus dem Bett und fiel ohnmächtig am Fuß der Wiege nieder. Als das Kind ſeine Großmutter auf dem Boden liegen ſah, begann es zu ſchreien; die Frau des Fährmanns hörte es, eilte herzu, hob die arme Luiſe auf und lief zu Franz Guichard, der auf dem Fluſſe was Als der Fiſcher das blaſſe, farbloſe Geſicht der⸗ jenigen erblickte die er ſo heiß geliebt hatte, erſtarrte er vor Entſezen; er ergriff die kalte Hand der armen Frau und rief mit einem krampfhaften Lachen: — Und Du biſt die Fünfte! Sodann lief er, von einer plözlichen Eingebung erfaßt, nach Champigny und fragte nach dem Arzte, was ſeinen Ideen und Gewohnheiten ganz zuwider war; aber als er das lezte der Geſchöpfe die ihm die Krone eines glücklichen Mannes aufgeſezt hatten bedroht ſah, da hatte er ſich vorgenommen es aufs Hartnäckigſte zu vertheidigen.— Es war ein wunderlicher, aber erhaͤbener An⸗ blick wie dieſer Mann von rauhen Manieren und beinahe wilden Neigungen ſich in eine barmherzige Schweſter verwandelte und ſorglich, aufmerkſam wurde wie eines dieſer heiligen Mädchen. Er horchte mit angſtvoller Gier auf die Orakel des Doctors; er prägte ſich die Vorſchriften deſſelben aufs Pünkt⸗ lichſte ein, er hätte ſich lieber einen Arm abgehauen als daß er eine einzige von ihnen vergeſſen hätte. Er legte die arme Luiſe, deren thränenfeuchte Augen ihm dankten, in ihrem Bette zurecht; er ging bar⸗ fuß und mit unendlichen Vorſichtsmaßregeln auf dem ſteinernen Boden; er gönnte ſich, Tag und Nacht, keinen Augenblick Schlaf. Eines Abends gegen fünf Uhr wachte er an Luiſens Bett ſizend; er hielt die kleine Huberte in ſeinen Armen und ſpielte ſchweigend mit ihr, weil er fürchtete, das Kind möchte, ſich ſelbſt überlaſſen, 4 m r⸗ te en ig te, er m en fs n⸗ nd ge im bte 8; kt⸗ en te. en ar⸗ :m öt, an in eil en, 57 die Großmutter aufwecken. Man pochte heftig an die Thüre. Franz Guichard erhob ſich und zu öffnen, während er den Störer zu allen Teufeln der Hölle wünſchte. Der Störer war ein Mann der einen ſchlechten Ueberrock und ſchwarze, vom Staub grau melirte Hoſen trug. Dieſer Mann übergab ihm ein Papier, nachdem er gefragt hatte ob er wirklich Franz Guichard ſei. Der Fiſcher konnte weder leſen noch ſchreiben; er fühlte ſich verſucht den Mann zurückzurufen und zu fragen was da geſchrieben ſtehe; aber dieſer hatte ſich mit einer eigenthümlichen Haſt entfernt. Franz Guichard warf das Papier auf ein Tiſchchen; er ge⸗ dachte es Luiſe leſen zu laſſen ſo bald ſie etwas beſſer wäre. Am zweiten und an den folgenden Tagen aber wurde Luiſe nicht beſſer, ſondern vielmehr ſchlimmer, und Franz Guichard hatte ganz andere Sachen zu thun als ſich mit dieſem Wiſch abzugeben. Er dachte nicht mehr daran. Acht Tage nachher lag Luiſe in den lezten Zügen. Franz Guichard ſaß auf einer hölzernen Bank vor⸗ ſeiner Thüre und ſchaute in der Richtung von Cham⸗ pigny, ob der Arzt nicht komme. Vom Skepticismus in Bezug auf die mediciniſchen Wiſſenſchaften zum Aberglauben übergehend, wollte er ſich dem Doctor zu Füßen werfen, ihn anflehen ſein armes Weib zu retten, ihm ſein eigenes Leben für das der Kranken anbieten, als er bei einem Blick rückwärts nach der Fähre eine kleine Gruppe von Leuten bemerkte die auf ihn zu kamen. Voran ſchritten der Schwarze der acht Tage vor⸗ 4 her gelomgen war und der Verwalter des Prinzen; hinter ihnen kamen die zwei Aufſeher und drei Gen⸗ darmen. Sie näherten ſich dem Fiſcher. — Seid Ihr Franz Guichard? fragte der An⸗ führer. — Habt Ihr denn nicht mehr Gedächtniß als ein Weißfiſch, wenn Ihr mich nicht kennt? Erſt vor acht Tagen habt Ihr mich daſſelbe gefragt, und da habe ich Euch geantwortet daß ich allerdings Franz Guichard heiße. — Gut. Seid Ihr bereit der Aufforderung die ich Euch überbrachte Folge zu leiſten? Der Fiſcher zuckte die Achſeln. — Mein armes Weib liegt am Sterben, ſagte er; ich habe keine Zeit mich mit ſolchen Narrenpoſſen abzugeben; kommt in acht Tagen wieder; bis dahin wird ſie beſſer ſein, und man wird Euch antworten. Jezt war es der Mann des Geſezes der die Achſeln zuckte. — Das geht nicht ſo wie Ihr es wünſchet, mein Kamerad; Ihr habt acht Tage Zeit gehabt um Eure Vertheidigung und Eure Einwendungen vorzubringen; Ihr habt es nicht gethan und deßhalb müßt Ihr noch heute den Plaz räumen. — Den Plaz räumen! rief der Fiſcher, deſſen Stimme drohend und zitternd wurde. — Jal und wenn Ihr es nicht freiwillig thut, ſo werden wir Euch dazu zwingen. — Tauſend Donnerwetter! rief Franz Guichard, tretet nicht hinein, ſonſt ſpalte ich Euch den Kopf mit meiner Axt... Ha! die Lumpenhunde! die hin die tein ure gen; Ihr eſſen hut, ard, Kopf die 59 Lumpenhunde! ſie werden noch mein armes Weib aufwecken. — Verſuchet keinen Widerſtand, denn er wäre nuzlos, ſagte der Huiſſier; Ihr ſehts, wir ſind die Mehrzahl. — Machet doch keine Umſtände mit dieſem Elen⸗ den, ſagte einer der Aufſeher; wenn er ſich regt, ſo werden wir ihn ſchon zur Ordnung bringen. Die Aufſeher luden ihre Flinten. Franz Guichard wollte auf ſie losſtürzen, aber er dachte an Luiſe; wenn er getödtet wurde, ſo mußte ſie unfehlbar ſterben. Er bewältigte ſeinen Zorn und raufte ſich ſeine grauen Haare buͤſchelweiſe aus. — Mein Gott! mein Gott! ſagte er; habt Ihr denn nicht gehört daß drinnen eine Frau in den lezten Zügen liegt? — Bahl bah! ſagte einer der Aufſeher, der Venien iſt ein guter Arzt, er verläßt ſeine Diener nicht. Der Fiſcher blieb unempfindlich gegen dieſe Spötterei. — Laßt mich noch acht Tage in dieſem armſeli⸗ gen Häuschen bleiben; in acht Tagen muß das Schickſal Luiſens entſchieden ſein; wenn Gott ſie zu ſich ruft, ſo werde ich dieſe alten Mauern ſehr gern verlaſſen: wenn er mir erlaubt ſie zu behalten, ſo werde ich wenigſtens Zeit gehabt haben ein anderes Obdach für ſie zu ſuchen. In der Stimme des Fiſchers lagen ſo viele zu⸗ ſammengehaltene und zurückgedrängte Thränen, daß der Huiſſier, ſo ſehr er auch an ſolche Scenen ge⸗ wöhnt ſein mochte, gerührt wurde; er wandte ſich gegen die Aufſeher, als wollte er fragen ob man dem Unglücklichen nicht die geringfügige Gnade ge⸗ währen ſolle um die er flehte. — Nein! antwortete der Vornehmſte unter der Gruppe in rauhem Tone. Der Herr Prinz will morgen in Varenne jagen; der Plaz muß von dieſem Ungeziefer geſäubert werden. Vollziehen Sie Ihren Befehl. — Ich ſage Euch daß Ihr nicht hineinkommen ſollt, rief Franz Guichard. — Das wollen wir doch ſehen, antwortete der⸗ ſelbe Anführer. In dieſem Augenblick hörte man Luiſe, die er⸗ wacht war. — Franz! Franz! ſagte ſie, was gibt es denn? Warum ſtreiteſt du mit dieſen Herrn? Komm doch herein, laß mich nicht allein, ich fürchte mir. Dieſe kläglichen Töne machten den Fiſcher ſchwin⸗ delig; ein verworrenes Geſumme brauste in ſeinen Ohren, tauſend Feuerfünkchen hüpften vor ſeinen Augen umher, er verlor den Kopf. — Hal ihr elenden Geſellen! rief er, ihr wollt ſie tödten, und ihr geht zu ſieben auf einen einzigen Mann los! Aber gleichviel, ihr kommt nicht hinein, 5 ſage ich euch. Der Erſte der einen Schritt thut fä–llt 4 von meiner Hand. So ſprechend hatte der Fiſcher ſich vor ſeiner Thüre aufgeſtellt, indem er eine kleine Art ſchwang womit er Holz zu ſpalten pflegte. Auch die Ent⸗ 8 ſchloſſenſten wichen zurück. Simonneau, den ſein anererbter Haß gegen die Guichards trieb, warf ſich er ie 61 ganz allein vorwärts. Die Art war aufgehoben; ſie fiel, nicht auf den Aufſeher, ſondern auf die Flinte welche dieſer gegen ſeinen Feind zu gebrauchen verſuchte; die Waffe entfuhr, etwas unter dem Griff entzweigeſpalten, den Händen Simonneaus, und die Erſchütterung war ſo heftig, daß beide Hähne zu⸗ ſchnappten, beide Schüſſe zugleich losgingen, und daß das Blei, ſich zu einer Kugel ballend, zwei Löcher in die Thüre ſchlug vor welcher der Fiſcher ſtand, jedoch ohne ihn zu verlezen. Bei dieſer doppelten Exploſion erſcholl lautes Ge⸗ ſchrei aus der Hütte; es kam von der Sterbenden und der zum Tod geängſteten kleinen Huberte. Franz Guichard wartete einen zweiten Angriff nicht ab, ſondern ſtürzte auf ſeine Gegner los. Der arme Gerichtsdiener mußte den erſten Anprall aus⸗ halten. Der Fiſcher verſezte ihm mit ſeiner Schulter einen ſo derben Stoß, daß er rücklings auf das Ufer fiel, den ganzen Abhang hinabrollte und zulezt förm⸗ lich in den Fluß pflumpfte. Der Verwalter und ein Gendarm, denen es nicht unlieb war den Püffen eines ſo furchtbaren Angreifers ausweichen zu können, eilten dem Mann des Geſezes zu Hilfe. Der Kampf blieb auf die beiden Kameraden des Lezteren und die Aufſeher beſchränkt; aber was ſie auch thun mochten, ſie konnten den Fiſcher nicht feſtnehmen: ſeine herculiſche Stärke ſpottete aller ihrer Anſtren⸗ gungen. Sie mußten zurückweichen. In dieſem Augenblick trat der Fährmann auf Franz Guichard zu. — Fliehe, Franz, fliehe! ſagte er zu ihm; Du haſt Dich da in einen böſen Handel eingelaſſen; 62 Du kannſt zwei Gendarmen in die Pfanne hauen, aber Du wirſt zehn und zwanzig nicht bezwingen, und im Nothfall würde man die ganze Garniſon von Vincennes gegen Dich ausſchicken. Flieh alſo! wir wollen Deine Luiſe zu uns hinüberſchaffen; wir werden ſie ſo gut verpflegen als Du ſelbſt thun könnteſt; darum flieh, wenn Du ſie je wieder zu ſehen wünſcheſt. Der Fiſcher riß ſich eine Hand voll Haare aus, aber er ſah ein daß der Rath des Fährmanns ver⸗ nünftig war. Die Gegner von Franz Guichard bil⸗ deten ihre Reihen wieder und zeigten ſich feſt ent⸗ ſchloſſen den Angriff zu erneuern. Es war alſo keine Zeit zu verlieren. Der Fiſcher warf einen lezten Blick in ſeine arme Wohnung und ſah, aber nur undeutlich, die Silhouette ſeiner Frau gleich einem weißen Geſpenſt auf dem ſchwärzlichen Grund der Serſchevorhänge ſich abheben; ſie ſaß mit verſtörten Augen und zerzausten Haaren auf ihrem Bett und Förte voll Angſt auf das Getöſe des Kampfes das bis zu ihr gedrungen war. Er rief ihr zu: — Bald, Luiſe, bald! Dann umging er das Gehege und lief aus Leibes⸗ kräften querfeldein. Aufſeher und Gendarmen verfolgten ihn aufs Hartnäckigſte, während der Gerichtsdiener und der Verwalter, gleich erbittert über den Widerſtand und über das Bad welches der Erſtere genommen hatte, ihr trauriges Geſchäft vollzogen. Sie durchſtreiften den Wald bis in die Nacht, aber der Fiſcher entging n, nd on oir vir un zu us, ger⸗ bil⸗ nt⸗ her und rau hen ſaß auf töſe Er bes⸗ aufs der und atte, iften ging 63 allen Nachforſchungen; er war blos durch das Gehau gelaufen und ſodann in den Fluß geſtiegen an einem laz wo eine dichte Gruppe von Pappeln ſeine Ufer verdeckte; er war bis an den Hals ins Waſſer ge⸗ treten, hatte ſeinen Kopf unter einer überhängenden Weidenwurzel verſteckt und ſich dadurch für alle Welt, ausgenommen für ſeine alten Bekannten, die Fiſche, unſichtbar gemacht. Franz Guichard blieb da wie eine Otter zuſam⸗ mengekauert bis zum Abend, befand ſich aber in der heftigſten Aufregung; vergebens ſagte er ſich daß der Fährmann Mathias ſeine Luiſe ſo zärtlich verpflegen würde wie nur je ein Sohn ſeine Mutter verpflegt habe, und daß ſeine Rückkehr zur Fähre ſowohl den Zuſtand ſeiner Frau als ſeine eigene Lage blos ver⸗ ſchlimmern könnte; ſeine Unruhe und Bangigkeit wurde ſo qualvoll, daß ſein ſonſt ſo ſolider und dem Wirklichen zugekehrter Verſtand auf Augenblicke aus den Fugen wich. Die Fluthen in dhrem Geroll ſchienen ihm Klagen zu murmeln; er ſah menſchliche Geſtalten zwiſchen den criſtallenen Wellen umher⸗ ſchleichen die vor ihm dahinfloſſen; er hörte von den Glockenthünmen aller Dörfer der Umgebung Todten⸗ eläute. 9 Als die Nacht gekommen war, ſezte er ſo viel als möglich ſchwimmend über den Fluß, erreichte das Ufer von Chennevidre und ging hinab bis er ſeiner Wohnung gegenüber kam. Als er die Pappelbäume und die ſchattigen Maſſen der großen Inſel hinter ſich hatte, fiel ihm eine Centner⸗ laſt vom Herzen. Er bemerkte auf dem andern Ufer ſein Häuschen, 64 das ſich ſchwarz auf dem röthlichen Grund abhob welchen der Himmel in der Gegend von Paris ſelbſt in den dunkelſten Nächten behält. Dort ſtand es, aufrecht, unverſehrt zwiſchen den zwei Bäumen die ſeine Facade zeigten, und aus ſei⸗ nem Kamin ſtiegen Rauchſäulen auf, welche das Le⸗ ben im Innern der Hütte verriethen. Man hatte es alſo nicht zerſtört, wie man ihm zu verſtehen gegeben. Man ſah nicht blos Rauch, ſondern man ſah auch die Fenſterchen über der Thüre gleich Diaman⸗ ten funkeln.. Man hatte alſo die arme Kranke nicht aus ihrer Wohnung vertrieben; man hatte Mitleid mit ihr gehabt. Franz Guichard, der Abkömmling der Wilddiebe bei welchen die Ungläubigkeit erblich war, warf ſich auf ſeine Kniee und betete aus vollem Herzen. Da er nun überzeugt war daß Gott, der kaum erſt ſo viel für ihn gethan, ihn nicht mehr verlaſſen könne, ſo ſprang er mit großem Getöſe und ohne die geringſten Vorſichtsmaßregeln in den Fluß. Mit zehn Stößen befand er ſich am andern Ufer und wollte eben auf ſein Häuschen zulaufen, als ein Gedanke ihm durch den Kopf fuhr. Wenn hinter dieſer Ruhe, dieſer Beleuchtung ein Fallſtrick läge! Das Haus des Fährmanns ſtand fünfzig Schritte entfernt, aber Franz Guichard konnte es nicht über ſich gewinnen ſo weit auf Erkundigungen auszuziehen, während ſein eigenes Haus ganz in der Nähe und in demſelben ohne Zweifel Luiſe war. “ 8 SD—Soe—— 65 Er legte ſich auf ſeinen Bauch und kroch wie eine Schlange; ſo kam er an die Hütte, richtete dann langſam ſeinen Kopf bis zur Höhe des Fen⸗ ſters empor das den Fluß abwärts ſchaute, und warf einen Blick in das Innere des Hauſes. So wenig Franz Guichard für heftige Eindrücke geeignet war, ſo brachte ihn doch das was er jezt ſah in eine ſolche Beſtürzung als wäre er plözlich ins Thal Joſaphat verſezt worden, oder als hätte er in den Wolten die furchtbare Trompete des jüng⸗ ſten Gerichts erſchallen gehört. Das Fenſter an welches er ſich zur Beobachtung geſtellt hatte ſtand dem Bett gegenüber; in dieſem Bett hatte er Luiſe geſucht und er hatte eine voll⸗ ſtändig in ein weißes Tuch eingehüllte menſchliche Geſtalt geſehen. Bei dieſem Anblick blieb er eine Minute lang ſtumm und ſtarr vor Entſezen ſtehen. Die Helle der beiden Kerzen die um das Crucifix her brannten, und die neben dieſem Todtenbett auf einem Stuhle ſtehende Weihwaſſerſchale hoben die Formen des Leichnams ungemein hervor; die Ge⸗ ſichtszüge zeichneten ſich deutlich auf dem Leintuch ab: man hätte glauben können eine Marmorſtatue mel; er hielt die kleine Huberte auf ſeinem Schoß und gab ihr in kleinen Löffelnvoll von der Suppe zu eſſen die er aus einem Napf in der Ecke des Kamins ſchöpfte. Dumas, Pechvogel. I. 5 66 Dieſe ungewohnte Beleuchtung beluſtigte das Kind; es ſuchte durch ſein Geplauder die Stirne des Fährmanns zu entrunzeln, der in Gram verſun⸗ ken ſchien. Franz Guichard ſah Nichts von den Nebenpartien dieſes Gemäldes; ſeine Augen blieben auf den Leich⸗ nam wie auf ein Geſpenſt geheftet; durch die Um⸗ hüllung hindurch ſah er Luiſe ſo wie ſie wirklich unter dem Schweißtuche war, mit ihren langen ge⸗ ſenkten Wimpern, ihrem halboffenen Mund, ihren geſchloſſenen Zähnen, ihren etwas zuſammengezogenen Naſenflügeln und ihrer elfenbeinweißen Haut; aber ſein Herz wollte ſie nicht erkennen; er ſagte:„Nein, nein, ſie iſt es nicht.“ Der arme Fiſcher ſtürzte auf die Thüre zu, ſtieß ſie heftig auf, trat ein, und ohne ich um die kleine Huberte zu bekümmern, die ihm ihre Aermchen ent⸗ gegenſtreckte, riß er das Leintuch vom Geſicht der Todten weg. Seine Augen hatten ihn in ihrem übernatürlichen Scharfblick nicht getäuſcht: es war wirklich Luiſe Pommereuil die da lag. 3 Franz Guichard ergriff die Hand ſeiner Frau und behielt ſie bis zum Tag in der ſeinigen, in⸗ dem er ſie mit ſeinen Küſſen und Thränen bedeckte. — —— 67 V. Wo Franz Guichard auf einen Prinzen ſchießt und eine Schnepfe bekommt. Als der unbeſtimmte, ſchwankende Schein der Morgenröthe den Gipfel der Höhe von Chennevidre ſchattirte, erhob ſich Mathias, der Fährmann, der ſich bisher, mit jener Pietät welche ſelbſt der ſkeptiſchſte auer dem Tode gegenüber bewahrt, geſcheut hatte ſeinen Freund auch nur durch Unterhaltung des Feuers zu ſtören, und berührte Franz Guichard ſachte bei der Schulter. Dieſer aber drehte ſich nicht um. — Franz, ſagte der brave Mann zu ihm, man lebt nicht mit den Todten; man muß an die Leben⸗ digen denken; dieſe Leute werden bald wiederkommen. — GutV ſie ſollen nur kommen! antwortete Franz Guichard. Aus dem Ton womit er dieſe Worte geſprochen, aus dem Beben ſeiner Naſenflügel, aus dem drohen⸗ den Glanz ſeines Blickes erſah Mathias, der Fähr⸗ mann, daß Aufſeher und Gendarmen für das Schick⸗ ſal büßen ſollten, welches Franz Guichard die Nacht hindurch wegen ſeines Unglücks angeklagt hatte. — Hör' einmal, verſezte er in beſtimmtem Tone, Alles das ſind Dummheiten! Du kannſt einen, vielleicht auch zwei oder drei umbringen, dann wer⸗ den zehn dafür kommen; und wenn Du auch den Lezten zu Brei zermalmteſt, ſo würde das die arme Verſtorbene nicht ins Leben zurückrufen.— 5 — Dann habe ich ſie wenigſtens gerächt, erwi⸗ derte der Fiſcher mit knirſchender Stimme. — Dummheiten, Nichts als Dummheiten! wie⸗ derholte der Fährmann, der ſich in ſeinem geſunden Verſtand nicht irre machen ließ; Du habeſt ſie ge⸗ rächt, ſagſt Du? Vor allen Dingen, kannſt Du wohl glauben daß es ihr Vergnügen machen würde, dieſem armen Lamm Gottes das ſelbſt dem ſchlech⸗ teſten Hallunken nichts Böſes wünſchte? Und dann laß uns jezt vernünftig reden: an wem willſt Du Dich rächen, Franz? An Unſchuldigen. — Unſchuldig! dieſe Elenden? — Allerdings unſchuldig. Sogar Simonneau, der Schlechteſte von der ganzen Bande, der höchſt wahrſcheinlich die ganze Geſchichte gegen Dich ange⸗ zettelt hat, ſogar dieſer Simonneau iſt unſchuldig. Sein Herr liebt die Kaninchen. Franz Guichard iſt angeklagt daß er die Kaninchen beunruhige. Da ſagt der Herr zu Simonneau und ſeinen Auſſehern: „Jaget mir dieſen Kerl da aus meinem Revier fort.“ Dieſem Herrn mußt Du alſo die Schuld zuſchreiben, aber nicht armen Schluckern welche die erhaltenen Befehle blos vollzogen haben um ihr Brod nicht zu verlieren. — Aber, Mathias, beim Haupte meiner armen Frau, die da liegt, ſchwöre ich Dir daß ich ſeit meinem Aufenthalt hier nicht ein einziges Mal im Wald oder in der Ebene gearbeitet habe. Der Wilderersruf der Famile Guichard war in der öffentlichen Meinung dermaßen feſtgeſtellt, daß die Ableugnungen ihres lezten Vertreters die Ueber⸗ — 8 V — 69 zeugung ſeines Freundes Mathias nicht zu erſchüt⸗ tern ſchienen. Er ſchüttelte den Kopf. — Wieder Dummheiten! antwortete er; Du hät⸗ teſt Recht wenn Du zu einem Andern als zu mir ſo ſprächeſt; aber merke Dirs, Franz, daß ich un⸗ fähig bin einen Menſchen zu verkaufen. Der Fiſcher zuckte ungeduldig die Achſeln; da er es aber für unnöthig hielt auf dem lezteren Punct zu beſtehen, verſezte er: — Du glaubſt alſo daß der Prinz ſelbſt den Befehl gegeben habe mein Häuschen einzureißen? — Zum Henker, ja! Man iſt der Herr oder man iſt es nicht. Glaubſt Du etwa daß mein Knecht ſich erlauben würde ohne meine Einwilligung einem Paſſagier zu creditiren? Würden wohl die gelben Wehrgehänge von Saint⸗Maur ſich blos um dieſen Simonneau ſo viel Mühe gegeben haben? — Hal wenn ich es wüßte! murmelte der Fiſcher in dumpfem, drohendem Tone. — Inmer wieder deine Idee! Dieſer Mann lei⸗ ſtet Dir ja einen Dienſt. — Er leiſtet mir einen Dienſt! — Allerdings; indem er Dich zwingt in einem Augenblick auszuziehen wo Deine ſchlechte Höhle Dir doch entleidet wäre. — Entleidet! O wenn ich ſie nicht mehr hätte, ich will Dirs nur geſtehen, Mathias, ſiehe ſo würde ich mich bald mit meiner theuern Todten wiederver⸗ einigen. — Ei warum nicht gar? So lang die arme Todte noch lebte, und in dieſen lezten Zeiten gingeſt Du oft ganze Wochen lang nicht heim. — Dieß geſchah blos weil ich das arme Geſchöpf nicht betrüben wollte. — Weil Du Deine Frau nicht betrüben wollteſt? — Nun ja, freilich. Dieſe alten Mauern da die Du für ſtumm hältſt, verſtehen mich und ſprechen mit mir. Wenn ich heimkam, plauderte ich mit ihnen, ich befragte ſie, ſie antworteten mir, ſie erzählten mir mein Glück, mein entſchwundenes Glück; wir unterhielten uns von... ihnen. Der Sand im Garten erinnerte mich daran wie er unter den Holz⸗ ſchuhen der Kleinen krachte; die Zweige dieſer Bäume mahnten mich an ihre Spiele, wenn ſie ein Neſt erreichen wollten das ein Diſtelfink in dieſe Gabel gebaut hatte; ſieh, dieſe ſchwarzen, rauchigen Balken da wiederholten mir ihr Gewimmer in der Wiege; das Feuer im Kamin ahmte ſo gut ihr Geſchwäze nach, daß ich manchmal ihre rothen, ſchrundigen Händchen zu ſehen meinte, wie ſie mit der Zunge der Flammen ſpielten. Mein Herz war zerriſſen, aber Du glaubſt nicht welches Glück ich im Leiden fand; es war mir als müßte ich ſterben, aber dieſer Tod öffnete mir das Paradies wo ich ſie wiederzu⸗ ſehen hoffte. Inzwiſchen weinte ich, und obſchon dieſe Thränen mehr ſüß als bitter waren, ſo brach⸗ ten ſie doch Luiſe in Verzweiflung, und da ich mich, ſobald ich hier war, nicht enthalten konnte an die Dahingeſchiedenen zu denken, ſo war ich, um die Frau nicht zu betrüben, zulezt gar nicht mehr heimgekom⸗ kem. Jezt da ich auch ſie nicht mehr ſehen ſoll, jezt da dieſe armen Mauern, welche Zeugen ihrer Hochzeits⸗ und ihrer Todesnacht geweſen, Alles ſind was mir von ihr und von ihnen übrig geblieben, 4 „ 71 ſo begreifſt Du daß ich meinem einzigen Troſt nicht entſagen kann. Ich will ſie behalten, ich will ſie behalten oder mich in der Vertheidigung tödten laſ⸗ ſen, und dann... nun wohl! wo ſie auch ſein mögen, ſo werde ich bei ihnen ſein. Mathias betrachtete den Fiſcher mit inniger Be⸗ trübniß: er meinte der Kummer habe ſeinem Freund den Kopf verrückt. Da jedoch in dieſem vermeint⸗ lichen Wahnſinn etwas tief Trauriges lag, ſo wurde er davon gerührt. — Höre, Franz, ſagte er, es gibt ein Mittel die Sache ins Geleiſe zu bringen: Du mußt Dich ſtellen... — Mich ſtellen! — Laß mich doch ausſprechen. Du mußt Dich ſtellen, und während dieſer Zeit verpflichte ich mich die Mauern und Möbel deines Hauſes Stück für Stück nach Deinem kleinen Gütchen oben auf der Anhöhe zu tragen, ſo daß Du, wenn Du aus dem Gefängniß kommſt, Dein Haus, mit Ausnahme ſei⸗ nes früheren Plazes, ſo wieder finden ſollſt wie Du es gelaſſen haſt. — Was ſprichſt Du denn von Gefängniß? fragte Franz Guichard, der immer bläſſer und gelber wurde; warum ſollte ich ins Gefängniß wandern? — Zum Henker! antwortete der Fährmann etwas verlegen, weil Du mit dem Gerichtsdiener ein wenig grob verfahren biſt. Du haſt ihn geſtoßen, er iſt in den Fluß hinab gerollt, und es ſcheint daß es dieſen Leuten wie den Kazen geht; ſie lieben das Waſſer nicht, und wer ſie hineinwirft, kommt ins Loch. Als Du fort warſt, ſagte der Brigadier, der 72 ein guter Kerl iſt und keinem Menſchen Etwas zu Leide thut, es könne ſich um drei Monate handeln. — Drei Monate! — Nun jal ich ſagte alſo... höre wohl was ich ſagte: der Prinz kommt heute und Deine Sache kann auf den Abend ausgemacht werden. — Drei Monate! wiederholte Franz Guichard außer ſich. Und er ergriff den Arm des Fährmanns und zog ihn nach der Wiege der kleinen Huberte. — Mathias, ſagte er, biſt Du mein Freund? — Ei ſo ſei doch vernünftig, Franz; drei Mo⸗ nate, das geht vorüber, wenn es auch etwas lang iſt; ich werde während dieſer Zeit auf Dein Schiff und Dein Geräthe Acht haben. Aber Franz Guichard hörte ihn nicht an. — Schwöre mir auf Dein Wort als ehrlicher Mann daß Du dieſes Kind da nicht verlaſſen, daß Du Vaterſtelle an ihm vertreten und es, wenn auch nicht zu einem glücklichen, doch wenigſtens zu einem rechtſchaffenen Weib machen willſt. — Das ſchwöre ich von Herzen gern; aber ſage mir wenigſtens was Du thun willſt. — Nichts, Nichts, verſezte der Fiſcher mit Nach⸗ druck; leiſte mir nur den Eid den ich verlange, ſonſt ſpreche ich im Augenblick einen Andern darum an. — Ich ſchwöre Dirs, Franz; vor allen Dingen liebt meine Frau die Kleine ſehr, aber ich will mich vorher erkundigen... — Mehr verlange ich nicht, rief der Fiſcher, indem er ſich aus den Händen des von der Feierlichkeit ſeines Eides noch ganz betäubten Fährmannes los⸗ ree 73 machte: ſodann ergriff er eine über dem Kamin⸗ mantel hängende Flinte und lief fort. Der Prinz von Condé, von welchem die beiden Freunde ſoeben geſprochen hatten, vereinigte zwei Neigungen die man nicht ſo häufig beiſammenfindet als man zu glauben verſucht ſein könnte: er liebte ſowohl die Bürſch als den Anſtand. Die Erinnerung an ſeine ebenſo vollkommenen und geſchickt dreſſirten als zahlreichen Meuten iſt noch jezt die Verzweiflung der Jäger, welche den Leuten gerne weißmachen möchten daß die Wiſſen⸗ ſchaft deren Lehren König Modus zuerſt vorgezeich⸗ net mit dem lezten der Herren von Chantilly nicht geſtorben ſei. Die Schilderung dieſer wundervollen Jagden, bei welchen der ſiebzigjährige Nimrod einen verlaufenen Hirſch der ſich auf den Graspläzen der fürſtlichen Wälder luſtig machte bis in die Ardennen verfolgte, iſt noch jezt einer der ausgiebigſten Stoffe für die Jagdchroniken. le zwei Tage, was für Wetter es immer ſein mochte, und zwar bis zu ſeinem Tode, ritt der Prinz von Condé auf die Bürſch. Meiſtens trieben ſeine Meuten mehrere Thiere an einem einzigen Tage auf. Tags darauf ging er, um auszuruhen, in den Verhauen von Chantilly oder Morfontaine auf den Anſtand. Das waren dann ſchreckliche Hecatomben von Wildpret. Aber dieſe Mördereien unter Zäunen und Schlin⸗ gen, unter Förſtern und Treibern beluſtigten den hohen Herrn nicht ſehr. So oft es ihm möglich war, ſo oft die Etikette ihm geſtattete keine Beſuche zu 74 haben denen er die Honneurs ſeines Anſtandes machen mußte, entledigte er ſich ſeines Gefolges und durchſtreifte den Wald wie ein gewöhnlicher Sterb⸗ licher, mit einem Hund der vor ihm her lief und einem Jäger der hintendrein kam. Der Hund trieb das Wild auf, der Prinz tödtete es, der Jäger hob es auf und ſteckte es in ſeine Weidtaſche. Der Prinz von Condé befand ſich ſeit acht Tagen in Paris; er hatte ſich fortgeſtohlen um ſich ſeiner Lieblingszerſtreuung hinzugeben; aber beim Einſteigen in den vierſpännigen Wagen der ihn nach Varenne gebracht, hatte er ſich feſt vorgenommen das Ver⸗ gnügen der Jagd unter all den Bedingungen zu ge⸗ nießen wodurch ſie für ihn am angenehmſten wurde; er ließ alſo den Inſpector hart an, als dieſer wür⸗ dige Beamte, unter dem Vorwand es habe ſich ſeit geſtern ein gefährlicher Wilddieb im Walde verbor⸗ gen, ihn begleiten wollte. Mit Verluſt zurückgeſchlagen, verlangte der arme Mann daß Simonneau, welchen er für den ſtärkſten und muthigſten von ſeinen Untergebenen hielt, mit dem gnädigſten Herrn gehen ſolle. Der Inſpector muß ſich, wenigſtens zur Hälfte, in ſeinen Vorausſezungen getäuſcht haben; denn der Todfeind des Franz Guichard wurde ſehr blaß, als man ihm dieſe Entſcheidung ankündete. 3 Indeß gehorchte er ohne eine Bemerkung zu machen; der Prinz und Simonneau begaben ſich alſo auf den Weg. In zwei Jahren hatten ſich Ebene und Wald, troz der Mördereien deren man den Fiſcher bezüch⸗ 75 tigte, recht hübſch wiederbevölkert; man konnte an keinem Buſch anſtreifen ohne daß ein Kaninchen herausſprang; die Haſen tauchten zu Duzenden auf und entfernten ſich in einem ganz gemäßigten Tempo, welches die Vortrefflichkeit ihrer Beziehungen zu den Bewohnern der Halbinſel bewies. Die Faſanen und Rebhühner, die, ein Lieblingsausdruck des Prinzen, in ganzen Rudeln aufflogen und kaum hundert Schritte von dem Qrt wo man ſie aufgeſtört ſich zur Ruhe niederließen, gaben gleichfalls zu erkennen daß ſie Varenne als ein wahres Paradies auf Erden be⸗ trachteten. Der Prinz fand weder Raſt noch Ruhe; ſein Hund ſtellte jeden Augenblick ein neues Thier. Mit pulvergeſchwärzten Händen und beſchmuztem Geſicht lud er ſeine Flinte in einer fieberiſchen Aufregung. Simonneau bog ſich unter dem Gewichte des Wildprets. — Simonneau, ſagte Herr von Condé zu ſei⸗ nem Aufſeher, wirſt Du mirs glauben? ich amü⸗ ſire mich in Deiner Geſellſchaft beſſer als bei Herrn von Talleyrand, der doch der geiſtreichſte Mann von Frankreich und Navarra ſein ſoll. wärtigkeiten verſtrichen war. — Wie Schade daß dieß Alles jezt ſogleich auf⸗ hören muß! ſagte der Prinz von Conde. — Warum denn, gnädigſter Herr? verſezte Si⸗ monneau, dem es unendlich ſchmeichelte daß er an⸗ genehmer gefunden wurde als ein Mann auf welchen der Prinz ſo große Stücke hielt. Wir können den Wald noch einmal abſuchen; wir werden zwar den Wind nicht haben, aber das Wild wird ſo wenig beunruhigt, daß es ganz und gar nicht ſcheu iſt. — Und die Munition, Simonneau? Wenn ich dieſe zwei lezten Schüſſe da losgebrannt habe, ſo finde ich keine zwei weiteren mehr in unſern Taſchen. — Ich kann geſchwind heimgehen. — Nein, nein, man muß des Guten nicht zu viel thun, Simonneau, ſagte der Prinz mit einem Seufzer. Aber hör einmal, zum guten Ende laß mich doch auch etwas Anderes ſchießen als dieſe ewigen Faſanen, die mir gerade wie zahme Hennen vom Hühnerhof vorkommen welche man vor mir los⸗ läßt. Habt Ihr denn keine Schnepfen? — Eil gnädigſter Herr... — Hal wenn wir den Wilddieb getroffen hätten! — Gott bewahre uns davor, gnädigſter Herr! — Bahl bah! ich würde ihm einen Louisdor geben und dann würde ich ſogleich die Verhaue er⸗ fahren wo ſie ſich am meiſten aufhalten. Dieß iſt ein Wild das man in der Schlinge fängt; man be⸗ zahlt es euch Leuten, und deßhalb wollt ihr es nicht gerne Einem zeigen der es euch unbezahlt wegnähme; ich begreife das. Gleichwohl habe ich verdammt Luſt eine Schnepfe zu ſchießen. — Ach! gnädigſter Herr! verſetzte Simonneau, als hätte die Unterſtellung des Prinzen ihn zur Ver⸗ zweiflung gebracht. Es ſtand in den Sternen geſchrieben daß der Zufall ſich an dieſem Tag verpflichten ſollte die Un⸗ ſchuld Simonneaus darzuthun, wie auch den Eifer zu beweiſen womit er und ſeine Collegen für die ergnügungen ihres Gebieters ſorgten. Kaum hatte er ausgeredet, als ein röthlicher Vogel mit großem Geräuſch aus einem Eichenbuſche fuhr, ſich ſenkrecht über den Verhau emporſchwang und dann weiter flog, indem er die Gipfel der Bäume mit ſeinen lau⸗ niſchen Flügelſchlägen berührte. 5 Dieß war das Wild welches der Prinz gewünſcht atte. Er feuerte ſeinen erſten Schuß darauf ab, fehlte, erlegte es aber mit dem zweiten. Die Schnepfe fiel flatternd, was anzeigte daß ſie blos verwundet war. Simonneau ſprang durch das Gebüſch um ſie aufzuheben; der Hund folgte ihm nicht; er hatte ei⸗ nige Schritte von dem Gebüſch aus welchem der Vogel gekommen war ein anderes Wild geſtellt. Der Prinz von Condé ſchüttete eben Pulver in ſeine Pfanne als er einen lauten Schrei hörte und ſeinen Aufſeher ſchrecklich blaß und aufgeregt gegen ſich her laufen ſah. — Fliehen Sie, gnädigſter Herr, fliehen Sie! rief imonneau mit einer von Furcht erſtickten Stimme. Faſt zur gleichen Zeit, und als ob er ſich jezt erſt erinnerte daß er eine Waffe beſaß, legte Simonneau an und feuerte ſchnell hinter einander ſeine beiden Schüſſe ins dichteſte Gehölz ab; dann warf er ſeine Flinte auf die Haide, lief aus Leibeskräften davon und ließ ſeinen Herrn im Stich. 2 Der Prinz von Condé ſah ihn im Verhau ver⸗ ſchwinden, ohne daß er von dem ganzen Vorgang Etwas begriff; aber als er ſich umwandte, war eine dritte Perſon, welche die Zweige aus einander ge⸗ bogen hatte, in der Lichtung erſchienen. Es war dieß ein Mann in kurzer Blouſe und breiten Beinkleidern wie die Flußleute ſie tragen; in der Hand eine von Rauch bronzirte Commisflinte. Seine Phyſionomie war ſo drohend, daß der Prinz ſogleich begriff daß mit dieſem Manne der Tod kam. Er ſchien darüber nicht zu erſchrecken, ſteckte ſeinen Arm in den Tragriemen ſeiner Flinte und nahm dieſe auf ſeine Schulter. Der Mann ſeinerſeits blieb ſtehen und ſchaute den Prinzen an. — Nicht zufrieden daß Du mein Weib ermordet haſt, ſagte er mit durchdringender Stimme, haſt Du auch meinen Tod gewollt, Du haſt durch Deinen Knecht auf mich ſchießen laſſen. Seit zwei Stunden die ich Dir folge, habe ich Bedenken getragen einen Mord zu begehen; aber, ſo wahr uns der Tag be⸗ ſcheint, jezt mußt Du ſterben. Verrichte Dein Gebet. — Herr, antwortete der Prinz, mein Diener hat ohne meinen Befehl auf Euch geſchoſſen; ich bedaure es und würde Eure Drohungen nicht abgewartet ha⸗ ben um es ihm zu verweiſen. — Du haſt Angſt, aber Deine Feigheiten wer⸗ den Dich nicht retten. Beim Worte Angſt zuckte der Prinz von Condé die Achſeln und begann ein Liedchen zu pfeifen, in⸗ dem er die Arme kreuzte und ſeinen Sehner anſchaute. Als er dann ſah daß der Mann verblüfft über dieſe Kaltblütigkeit ſtehen blieb, ſagte er: — Nun wohl, auf was wartet Ihr noch? Er⸗ mordet mich, da das Eure Abſicht iſt. 79 — Nein, ich will Dich nicht ermorden; Du haſt eine Flinte, vertheidige Dich; ich bin ein alter Sol⸗ dat und kein Mörder. — Das kann Euer Ernſt nicht ſein, mein lieber Herr, antwortete der Prinz von Condé im Tone der höchſten Verachtung; ein Duell zwiſchen Euch und mir! Was fällt Euch denn ein? — Hal ſagte Franz Guichard, welchen unſere Leſer nothwendig erkannt haben, ſo ein vornehmer Herr Sie ſind, ſo wäre es doch nicht das erſte Mal daß wir Feuer auf einander gegeben hätten; wir ha⸗ ben in Deutſchland gekämpft, als Sie die Republik lelegten. Sie waren der Feind, ich war Frank⸗ reich. Bei dieſer Erinnerung fuhr der Prinz zuſammen, ſeine Lippen wurden weiß, ſeine Augen luden ſich mit Blizen; er fuhr unwillkürlich mit ſeiner rechten Hand nach dem Kolben der über ſeiner Schulter hän⸗ genden Flinte, dann aber warf er ſie zurück, kehrte dem Fiſcher den Rücken und machte eine Bewegung um ſich zu entfernen. — Und ich ſoll Dich gehen laſſen? ich ſoll Dein Verbrechen unbeſtraft laſſen? Nein, nein, Du mußt ſterben! Auch Du mußt ſterben; mein Weib und meine Kinder müſſen gerächt werden. Prinz von Condé, Franz Guichard iſt es der Dich tödtet. .So ſprechend legte der Fiſcher ſeine Flinte an, zielte dem ſich umdrehenden Prinzen auf die Bruſt und drückte los. Der Hahn ſchnappte mit einem trockenen Getöne zu, das Pulver der Zündpfanne brannte mit einem leichten Rauche auf, aber der Schuß ging nicht los. Im Geſichte des Prinzen von Condé hatte keine Muskel gebebt. Franz Guichard zertrümmerte ſeine Flinte an ei⸗ nem Eichenſtumpf. Bei dieſem Getöſe entflogen zwei Faſanen mit ungeheurer Schnelligkeit; der Prinz von Condé hatte ſeine Flinte ergriffen und auf dieſelben angelegt; er ſchoß nach rechts und ſchoß nach links. Eine Wolke von purpurrothen und goldgelben Federn wogte einen Augenblick im Wind, und die zwei prächtigen Vögel fielen unter Beſchreibung einer krummen Linie. — Glaubſt Du daß ich Dich gefehlt hätte? ſagte der Prinz in ruhigem Tone zu dem Fiſcher. Hier, fügte er hinzu, indem er eine Börſe aus ſeiner Taſche zog, hier haſt Du Gold; entferne Dich ehe meine Leute zurückkommen, und bitte Gott um Verzeihung für das Verbrechen das Du begehen wollteſt. Franz Guichard hatte zu zittern angefangen, ſeine Kniee wankten als wollten ſie unter ihm brechen. — Mein Gott! rief er, mein Gott! Wie iſt es möglich daß Sie zu gleicher Zeit ſo edelmüthig und ſo hartherzig ſind? — Hartherzig! ſagte der Prinz; zum Teufel, was ſchwazeſt Du mir da vor? — Daß Sie einem Menſchen der Sie ermorden wollte verzeihen, und daß Sie einen Mann aus dem Hauſe jagen wo ſeine Kinder geboren wurden, wo ſeine Frau um die Gnade flehte ſterben zu dürfen. — Weiß ich denn auch nur ob Du eine Frau haſt, ob Du Kinder und ein Haus haſt? Vor fünf Minuten, mein guter Freund, wußte ich nicht einmal daß Du überhaupt auf der Welt warſt. — —] ihn anflehte ihm die H 81 — O! verſezte der Fiſcher mit ungläubig fragen⸗ der Miene, o gnädigſter Herr, erinnern Sie ſich ein wenig an Franz Guichard. — Franz Guichard!... Wart einmal... Nachdem er ſodann einige Secunden ſeinen Er⸗ innerungen gewidmet, fuhr er fort: — Ah! Du biſt's der meine Faſanen umbringt, Spizbube! 3 — Ich, gnädigſter Herr! Wird denn gar Nie⸗ mand an meine Unſchuld glauben? Ich, gnädigſter Herr! Sehen Sie, mein armes Weib iſt heute Nacht geſtorben; ſie ſteht jezt vor dem Richterſtuhl Gottes; möge er ihr das Paradies verſchließen wenn ich Ih⸗ nen nicht die Wahrheit ſage; ich wollte lieber einen Strick um meinen Hals legen als einen Meſſing⸗ draht um den Hals eines elenden Kaninchens. — Ach warum nicht gar? verſetzte Herr von Condé; wie iſt Dein Vater geſtorben? — Gnädigſter Herr, er iſt in Folge eines Wild⸗ diebſtahls gehenkt worden. — Wirklich? — Gnädigſter Herr, man rühmt ſich nicht damit daß ſein Vater am Galgen gehangen, wenn es nicht wahr iſt. — Dieß iſt für Dich ein Patent auf Unfehlbar⸗ keit, ich kenne Deine Geſchichte und ich werde Dich bei meinen Herrn Waldaufſehern wieder zu bringen; erzähle mir jetzt was Dir mit ihne derfahren iſt. Franz Guichard gehorchte dem Prinzen. Als er Hütte zu laſſen wo, wie er noch Dumas, Pechvogel. 6 82 dieſen Morgen dem Fährmann Mathias geklagt, Alles ihm von den Kindern erzählte die er verloren hatte, da wurden die Augen des lezten der Condés feucht und glänzend. — Du biſt ſehr glücklich in Deinem Unglück, ſagte er; die Armuth hat Dir die Kraft gelaſſen Dich mit dieſen lezten, erdrückenden Tröſtungen zu nähren; ich bin ein Prinz, ich beſize Millionen und ich beneide Dich. Siehſt Du dort? fügte er hinzu, indem er mit dem Finger auf ein hohes, düſteres Gemäuer zeigte das zwiſchen den Bäumen des Ho⸗ rizonts emporragte. Das iſt Vincennes. Nun wohl! ſeit drei Jahren ſuche ich in meiner Seele vergebens den Muth auf einen Stein ſeiner Gräben niederzu⸗ knieen. Gleichwohl will ich es thun; es ſcheint mir als ob meine Seele Erleichterung finden würde, wenn ich dieſe Mauern berührte auf denen ſeine lezten Blicke geweilt; aber ſo oft ich mich zu nähern ver⸗ ſuche, entfliehe ich mit Entſezen. Der alte Condé blieb einige Augenblicke ſtumm und nachdenklich ſtehen; endlich huſtete er geräuſch⸗ voll um ſeine Aufregung zu erſticken. — Hebe dieſes Geld auf, fuhr er fort; Du kannſt dafür Deiner armen Todten ein Grab geben, was ſeit einem Vierteljahrhundert vielen Großen der Erde gefehlt hat; in Bezug auf Dein Haus kannſt Du ruhig ſein, man wird es in Zukunft reſpectiren. Franz Guichard ergriff die Hand welche der Prinz ihm hinbot, und bedeckte ſie mit ſeinen Küſſen und ſeinen Thränen. — Gnädigſter Herr, ſagte er, was kann ich thun um Ihnen meine Dankbarkeit zu beweiſen? 83 — Wenn Du für die Deinigen beteſt, antwortete der alte Prinz, ſo miſche den Namen des Herzogs von Enghien unter die Namen Deiner Kinder; das iſt Alles was ich von Dir verlange. Der Fiſcher wollte ſich entfernen, der Prinz von Condé rief ihn zurück. — Einen Augenblick, ſagte er; ich habe Dir den Boden geſchenkt auf welchem Du kraft Deines revo⸗ lutionären Rechtes ein Häuschen zu bauen Dir er⸗ laubt hatteſt. Da dieſer Boden mir gehörte, ſo habe ich blos von meiner Gewalt als Eigenthümer Ge⸗ brauch gemacht; aber Du haſt meine Aufſeher durch⸗ geprügelt, Du haſt einen Gerichtsdiener halb erſäuft, und dafür biſt Du Genugthuung ſchuldig. — Was verlangen Ew. Hoheit von mir? — Daß Du mir die Schnepfe wiederfindeſt welche dieſer Einfaltspinſel von Simonneau verloren gehen ließ. Du ſiehſt, ich bin kein ſehr ſtrenger Richter. Franz Guichard begann den Vogel zu ſuchen und fand ihn auch wieder. o wurde der Fiſcher rechtmäßiger Eigenthümer des Häuschens und des Gehäges bei der Fähre von arenne. Das ſo eben erzählte Ereigniß nahm fortan in den Erinnerungen des Franz Guichard einen ähnlichen und gleichbedeutenden Plaz ein wie die Belagerun von Mainz bereits darin behauptete; es ſchloß die Reihenfolge von Erlebniſſen welche den erſten Theil ſeiner Exiſtenz bezeichnet hatten. So ſehr die Seele des Fiſchers von Sehnſuchts⸗ ſchmerzen gequält wurde welche die Zeit nicht zu lin⸗ dern vermochte, ſo floßen doch die fünſzehn Jahre 6 die auf den Tod ſeines Weibes folgten friedlich und eintönig für ihn dahin. Einen Tag nachdem das von ihm ausgeſonnene Verbrechen einen ſo unerwarteten Ausgang gefunden, geleitete Franz Guichard ſeine Luiſe zu ihrer lezten Wohnſtätte; er verrichtete am Rande des noch offe⸗ nen Grabes ein kurzes Gebet, dann ging er heim und verbrachte den Reſt des Tages mit der kleinen Hu⸗ berte in ſeinem Haus eingeſchloſſen. Als er in dieſes Zimmer zurückkam, das noch voll von jenem herben Geruche war welchen der Tod hin⸗ ter ſich läßt, hatte er zu weinen angefangen; aber Huberte, welche die leztverfloſſenen Tage ſehr traurig hingebracht hatte und ſich nun an einem zwiſchen den Bäumen hindurchgleitenden und zu den Fen⸗ ſtern hereindringenden Sonnenſtrahl ergözte, Huberte ſchleppte ſich bis an den Stuhl des Fiſchers, kroch an ſeinen Beinen hinauf, ſezte ſich auf ſeinen Schooß, begann ihre beiden Händchen in die verwelkten, run⸗ zeligen Wangen des Alten einzugraben, zerrte die⸗ ſelben auseinander, drückte ſie wieder zuſammen und lachte laut auf über die Grimaſſen die aus dieſer Hinundherbewegung entſtanden. Franz Guichard wurde böſe, aber er hatte nicht ſo bald die Thränen über die roſigen und marmor⸗ nen Wangen des Kindes herabfließen geſehen, ſo vergaß er ſeinen eigenen Kummer, um nur noch an denjenigen zu denken welchen er dieſem unſchul⸗ digen Geſchöpfchen ſo eben verurſacht hatte; er be⸗ griff daß Gott ſelbſt ihn den gemeinſamen Beküm⸗ merniſſen der Menſchheit hatte entziehen wollen; er erkannte die Verpflichtungen welche ſeine Stellung 8⁵ gegenüber der Waiſe ihm auferlegten; er ahnte daß er Huberten nicht blos das tägliche Brod, ſondern auch all die Zärtlichkeit und ſanfte Pflege ſchuldete welche die vom Himmel ihr entriſſenen beiden Mütter ihr gewidmet haben würden. Guichard nahm die ihm zugefallene Mutterſchaft ogleich aufs Ernſthafteſte, und nie war eine Frau aufmerkſamer und zärtlicher gegen ihr Kind als Franz Guichard gegen ſeine kleine Enkelin war. Statt ſich noch länger dem Schmerz hinzugeben, nahm er ſeine Neze und machte ſich an ſeine Arbeit; aber während er ſeine Köder anſteckte, war er un⸗ ruhig und voll Bangigkeit: er hatte Huberte allein gelaſſen; es könnte ihr ein Unfall; geſt Das Haus war ſo nahe beim Waſſer und das Waſſer ſo tief. Alles ſchien ihr Gefahr zu drohen. Dieſer Gedanke erfüllte ihn mit Schrecken und friſchte zu gleicher Zeit ſeinen alten Schmerz wieder auf. Seine Bangigkeit wurde immer unerträͤglicher. Nach zehn Minuten ließ er ſeine Arbeit liegen, ging nach Hauſe zurück und verbrachte den Reſt des Tages amit daß er im hintern Theil ſeines Schiffes ein Plätzchen herrichtete wohin er die Kleine legen konnte, ſo daß er ſie in den ſeltenen Momenten wo er andte in Sicherheit wußte. Von dieſem Augenblick an trennte ſi Guichard nie mehr von der kleinen Huberte ſagte ſie k iſcher mit ſeiner Axt in die eichene Bank des Na⸗ chens geſchlagen hatte. Man wird die unendliche Liebe begreifen die ſich „er ent⸗ zen des Franz Guichard concentrirte. Huberte faßte für dieſen nicht blos die Welt und das Leben, ſon⸗ dern auch alle entſchwundenen Seligkeiten zuſammen deren lebendiger Zeuge ſie war. Ihre Gegenwart ließ nichts vergeſſen: ſie rief den Sehnſuchtskummer zurück, ſtatt ihn zu ſchwächen; ſie gab ihm einen Körper, eine Form, eine Erxiſtenz; und dieſe Erinne⸗ rungen, dieſe Sehnſuchtsſchmerzen hätte der Fiſcher nicht gegen eine Krone vertauſcht. Die äußern Kundgebungen ſeiner Traurigkeit hatten ſich nach dem Verluſt ſeiner Söhne und ſei⸗ ner Tochter verändert; was dieſelben hauptſächlich gekennzeichnet hatte, das war die üble Laune, dieſe Melancholie der Bauern; er war düſter, trotzig ge⸗ worden, und wenn man ihn in den Grabesträume⸗ reien ſtörte worin er ſich beinahe unaufhörlich geſiel, ſo wurde er ſo grimmig daß nur ſehr wenige Leute die beinahe wilde Härte ſeines Blickes ertragen konnten. Uebrigens häuften ſich lange Zeit hindurch dieſe Gelegenheiten nicht. Bis ins Jahr 1834 blieben die Varenne, die Fähre und Franz Guichard in einer tiefen, beinahe abſoluten Einſamkeit. Gleichwohl hatten die Bewohner von Champigny und Creteil, an welche Franz Guichard ſich wegen des Verkaufs ſeiner Fiſche wenden mußte, ergriffen von dem ſtets ſtummen, aber ſtets qualvollen Schmerz der auf ſeinem Geſichte ausgeprägt lag, ihm den Zunamen Pechvogel gegeben. Im Jahr 1834, wo die Erzählung beginnt zu welcher die vorſtehenden Capitel nur die Einleitun auf das Haupt dieſes kleinen Weſens und im Her⸗ 8 —, bilden, war Franz Guichard, genannt Pechvogel, fünfundſechzig Jahre alt. Trotz der unerhörten An⸗ ſtrengungen ſeines rauhen Handwerks hatte ſein Körper volle Manneskraft bewahrt; er hielt ſeinen Qberleib etwas vorgeneigt, aber blos weil er ſichs angewöhnt hatte den Ruckgrat zu biegen um ſeinen Rudern Nachdruck zu geben, denn wenn er, in ſein Wurfgarn drapirt, ſeine hohe Geſtalt emporrichtete um das Nez weithin zu werfen, ſo erinnerte er noch an den Schönſten in jener Maskerade römiſcher Kaiſer welche Leopold Robert die Fiſcher der Adria betitelt hat. In Folge eines ſehr logiſchen Contraſtes hatten ſich alle Simptome der Hinfälligkeit auf den Kopf und das Geſicht beſchränkt, wo mehr Lebensthätig⸗ keit und ſchmerzliche Leiden als rauhe Arbeiten ob⸗ gewaltet hatten. Die Sonne hatte der Haut des Alten einen fahlen Firniß gegeben, aber ohne Wärme, ohne jene röthlichen Marmorirungen die ihn gewöhn⸗ lich begleiten; es war der todte Ton der gebrannten Erde. Einige aderige, veilchenblaue Fäden, durch die Tauſende von Falten geſchlängelt die ſich über ſeinen Backenknochen und ſeinen Brauen bildeten, verhinderten nicht daß man unter dem Sonnenbrand eine bei Arbeitern ungewöhnliche Bläſſe ahnte. Die Augen, feſt in Höhlen eingerahmt über welche dichte Brauen herabhingen, waren roth, beinahe blutig. Dieſe Malzeichen der Verzweiflung worin der Fiſcher lebte, trugen ſtark dazu bei ſeiner Phyſiognomie jenes wilde Ausſehen zu geben das wir bezeichnet haben; ſie verſchwanden wenn man, bei aufmerkſamer rüfung, ſich überzeugte daß mitten in dieſer Um⸗ gebung der Augenſtern, deſſen Blau in Grau über⸗ 88 ſpielte, das Gepräge einer Sanftmuth beibehielt die oft bis zur Zärtlichkeit ging. Huberte, oder vielmehr die Blonde— denn ſo bezeichnete ſie gewöhnlich Vater Guichard, der ſeines Schwiegerſohnes maßloſe Verehrung für den Schutzpatron der Jäger nicht theilte— die Blonde ging in ihr ſiebzehntes Jahr. Ihre ländliche Erziehung war der vorwiegenden Neigung ihrer Natur trefflich zu ſtatten gekommen; ſie war groß, von kräftigem Knochengerüſt, ohne daß dieſe Fülle etwas Gemeines oder Plumpes hatte; ihr Wuchs war zwar keineswegs ſchlank, aber die Entwicklung ihrer Hüften, ſowie der freie Sitz ihres Halſes verliehen ihrer Tournüre, unter dem Zits⸗ kleid das ihre Formen ſtark anzeigte, etwas Ausge⸗ zeichnetes, was man bei den Frauenzimmern ihres Schlags ſelten vorfindet. Sie war nicht hübſch, aber man fand ſie allerliebſt. Ihre Stirne war etwas niedrig, ihre Naſe etwas kurz, ihr Mund groß und unbeſtimmt in ſeinen Um⸗ riſſen; ihr Kinn ſtand, wie bei den Träumern und ſchwachen Leuten, ein wenig zurück; die Sonne hatte ihr eine Schichte von jenem Rußbraun aufgelegt womit ſie ſich gegen Franz Guichard ſo verſchwen⸗ deriſch gezeigt hatte. Gegen Alles das war, wie man ſieht, viel einzuwenden; aber nur ein Weib wäre auf die Idee gekommen ſeine Zeit mit dieſer ſtrengen Analyſe zu verlieren. Ein Mann würde ſich begnügt haben dieſes lachende und aufgeweckte Geſicht, dieſen Kranz von goldenen und gewellten Haaren, deren Spiralen unter dem Madrastüchlein hervorbrachen das ſich vermaß ſie gefangen halten — 89 zu wollen, dieſe beweglichen, blaßrothen Naſenflügel, welche Leben und Freude zugleich zu athmen ſchienen, dieſe friſchen, jungen, fröhlichen Lippen, die zweiund⸗ dreißig Perlen zeigten wenn ſie ſich in einem Lächeln erſchloſſen, zu bewundern; er würde ihr nicht die goldenen Schattirungen ihrer Wangen vorgeworfen haben, wenn er unter der Falte des Halstüchleins ein Fleiſch entdeckte deſſen Weiße gegen die Farben derjenigen Theile abſtach den Unbilden der Jahreszeiten preisgegeben hatte. bevor es zehn Jahre zählte. Wenn Franz Guichard in den Ergießungen ſeiner der Vergangenheit zuge⸗ kehrten Zärtlichkeit Thränen über ſie vergoß, während er ſie an ſein Herz drückte, ſo erklärte die Blonde dieſe daher weil ſie die Einſamkeit ſeiner Hütte für ihn bevölkere; aber als ſie heranwuchs, regte ſich ihr Scharfblick, ſie forſchte nach den Urſachen der beſtändigen Melancholie ihres Großvaters, ſie ent⸗ deckte was in ſeiner Seele vorging; die Leichenhymne welche das Herz dieſes Gatten und Vaters ſang ge⸗ langte bis zu ihr, und im Drang ihrer Dankbarkeit zu empfinden welche Franz Guichard ihr gab, oder vielmehr des gänzlichen Mangels an Erziehung worin er ſie ließ, weil er ihr nichts Anderes beibringen 90 wollte als die Kunſt die Hamen zu ködern, die An⸗ geln zu entwirren, Netze zu flicken und einen Nachen gehörig zu tummeln. Sie unternahm es die Stirne des armen Mannes zu entrunzeln und ſie widmete ſich dieſer Aufgabe vollſtändig. Zu dieſem Behuf drängte ſie in ihre Seele die angeborne Melancholie zurück, welche man ſo oft bei Mädchen findet die ſchon in früher Kindheit Waiſen geworden. Sie wurde heiter, ſie bemühte ſich ihren Großvater in den Rundtanz hineinzureißen welchen ihre Einbildungs⸗ kraft und ihr Geplauder beſtändig um ihn her auf⸗ führten; das Lachen wurde ſtereotyp auf ihrem Munde, und es verging kein Tag wo nicht die Echos der Marnehügel von ihrem fröhlichen Singen und Rufen erſchollen. Der Plan welchen dieſe kindliche Liebe ſich vor⸗ geſezt, war dem Gelingen nahe. Nach den ſiebzehn Jahren an deren Ende wir unſere Perſonen wiederfinden, lebten Luiſe, die zwei jungen Soldaten und die Frau des Aufſehers noch immer im Herzen des Fiſchers, doch begann er ſich von der feierlichen Inſichgekehrtheit abbringen zu laſſen, worin er dieſe theuren Phantome ſo gerne betrach⸗ tete; er unterhielt ſich weniger oft mit ſeinen Todten, und ſeine Geſpräche mit der Blonden erhielten einen Zauber der über allen Willen und Entſchluß obſiegte; die Schmerzensrolle die er ſich auferlegt verſchwand nach und nach, und er überließ ſich allmählig dem Glück der Gegenſtand dieſer kindlichen Schmeicheleien, dieſer närriſchen Zärtlichkeiten, dieſer jeden Augenblick ſich erneuernden Aufmerkſamkeit von Seiten eines aller⸗ liebſten jungen Geſchöpfes zu ſein. 4 2 ν 2 ν 91 Das Glück iſt der wahre Strom der Vergeſſenheit. Das Verhängniß wollte daß Huberte den Zweck nicht erreichen ſollte den ſie ſich vorgeſezt hatte. Der Prinz von Condé war geſtorben. Die Va⸗ renne wurde aus einer fürſtlichen Domaine ein Spe⸗ culantenbeſitzthum; die ſchwarze Bande hatte ſich über die Verhaue, die Ebenen und Heiden der Halbinſel herniedergelaſſen; ſie verpachtete die Jagd an ehrliche ürgersleute, bis einmal der Augenblick kam das herrſchaftliche Gut mit Schnabel und Klauen zu zer⸗ hacken und allen Zufällen des Aufſtreichs preiszugeben. Schon vom früheſten Morgen an bedeckte ſich Wald und Feld mit Herren in Sammetröcken und ledernen Kamaſchen nebſt Jagdtaſchen und Flinten; deßglei⸗ chen mit Hunden von allen irgendwo beſchriebenen Arten, weißen, ſchwarzen, grauen, rothen, und dieſe Bande verbreitete Angſt und Schrecken unter der ganzen befellten und befiederten Bevölkerung der Gegend. Das bekümmerte unſern Pechvogel wenig. Aber zu gleicher Zeit begannen auch Abenteurer aus der Vorſtadt die ihre wöchentlichen Forſchungen bisher auf Saint⸗Maur beſchränkt hatten, angelockt durch die Gerüchte welche, nicht über die Schönheit er Lage, über den Glanz der Waſſer in der Va⸗ renne, ſondern von den fabelhaften Entwicklungen der Waſſerbevölkerung, von den beſchuppten und mit Floßfedern verſehenen Geſchöpfen, über welche Franz Guichard bisher als Tirann geherrſcht hatte, zu verlauten anfingen, ſolche Abenteurer begannen auf beiden Ufern der Marne ſich zu zeigen. Von Zeit zu Zeit, wenn er ſein Schiffchen ſanft dahingleiten ließ, ohne daß ſeine Ruder einen Lärm machten, ohne daß das Kielwaſſer des Fahrzeugs die Waſſerfläche kräuſelte, ſah der gute Mann mitten aus einem Weidengebüſch ein langes Rohr hervor⸗ ragen; am einen Ende dieſes Rohrs hing ein ſeide⸗ ner oder härener Faden an welchen ein Propf ge⸗ bunden war; am andern Ende entdeckte er einen Herrn der alle Intelligenz welche der liebe Gott dem König der Schöpfung zugetheilt darauf concentrirte, um den telegraphiſchen Signalen zu folgen welche dieſer Anzeiger der Gefräſſigkeit des Fiſches auf dem naſſen Spiegel machen könnte. Im Gegenſaz zu ihren Collegen in der Ebene, boten die Liebhaber der Ufer dem Auge eine große Mannigfaltigkeit dar; die Einen erſchienen in der Blouſe, die Andern im Camiſol, Einige in Hemd⸗ ärmeln, Andere im Frack, gleich als ginge es zu einer Hochzeit. Nur die Geſichter ſchienen eine Uniform zu tragen. Die Angelfiſcherei iſt die negativſte von allen Leidenſchaften; die Haupttugend der Jünger dieſer Kunſt heißt Geduld. Uebertriebene Beſchäftigung damit erlöſcht zulezt die Thätigkeit des menſchlichen Blickes, indem ſie ihm Etwas von der Schlaffheit mittheilt welche das Auge der von dem Fiſcher er⸗ ſehnten Beute kennzeichnet; zu gleicher Zeit lähmt ſie auch alle ausdruckſamen Muskeln des Geſichtes. So verſchieden zwei Angelfiſcher unter ſich ſein mögen, ſo findet ſich doch auf ihren Geſichtern immer eine Seite welche ſtarke Vergleichungspuncte darbietet: ſie haben es ſo weit gebracht daß ſie eine Abart in der menſchlichen Species darſtellen. ———— 93 Unglücklicher Weiſe errangen die Erſten die ſich auf bißſen jungfräulichen Boden gewagt hatten ſchöne Erfolge. Je geringfügiger, microſcopiſcher ſogar das Ziel iſt welches der Menſch anſtrebt, um ſo mehr be⸗ müht er ſich es zu heben, um es auf das Niveau des Stolzes zu ſtellen von welchem er ſich nie voll⸗ ſtändig losmachen kann. Der Fiſcher und der Jäger in Varenne aus der Marne zog, wogen nie weniger als ein halbes Pfund; von den Karpfen die ent⸗ „Noch unglücklicher fügte es ſich daß, während das einen Augenblick erheiterte Geſicht Pechvogels ſich von Neuem verdüſterte, Mathias der Fährmann im⸗ mer freundlicher und vergnügter wurde. 94 Mathias hatte keine Poeſie im Herzen; er hegte keinen höheren Wunſch in der Welt als daß die Zahl ſeiner Fahrkunden ſich vermehren, die Einſamkeit von Varenne ſich bevölkern möchte; Gläſergeklirre, Trink⸗ lieder und ſogar betrunkenes Geſtammel gingen ihm über Alles, beſonders wenn er ſeinen baaren Nuzen daraus ziehen konnte. Am Tage wo der erſte dieſer Pioniere der Ci⸗ viliſation mit lüſternem Auge auf die Fähre und ihre Umgebung geſchaut, hatte Mathias, um die Gelegenheit nicht zu verſäumen, eine mit ihren Zwei⸗ gen verſehene Tanne vor ſeinem Hauſe aufgepflanzt, einem Weingärtner von der Anhöhe drei Flaſchen blauen Wein abgekauft, von einem Keßler in der Rue de Lappe ein halb Duzend alter Caſtrole er⸗ ſtanden, ſein Ehegemahl keck in eine berühmte Köchin umgewandelt und an ſeine Mauer folgenden trüge⸗ riſchen Schild geſchrieben: Bum Stelldichein der geſchickten Fiſcher. Mathias, Weinwirth und Fiſcher. Gibt Trinkgelage und Feſtmahle, Mate⸗ loten und gebackene Fiſche. Salons und Geſellſchaftscabinete. Alles war erlogen in dieſer Ankündigung, aber Mathias hatte ihre Wirkſamkeit geahnt.. Die ſeinem Namen angehängte Bezeichnung als Fiſcher prangte in dreifachen Hauptbuchſtaben; auf ſie hatte er, in Folge ſeiner Beobachtungen über den Lieblingsgeſchmack der Gäſte die er von der Vor⸗ — 8——— 95⁵ ſehung erflehte, hauptſächlich gerechnet um ſein Glück zu machen. Er ahnte die Seligkeit von Leuten die nur gelegentlich, zum Zeitvertreib, ein Geſchäft trie⸗ ben, wenn ſie ſich mit wirklichen Männern vom Fach reiben und ihnen die Hände drücken dürfen. Ueber⸗ dieß gab das Beiwort deutlich genug zu verſtehen daß ein unglücklicher Liebhaber jederzeit Gelegenheit finden würde ſeinen Korb gegen billigen Preis mit Troſtmitteln zu füllen. Um die Wirkſamkeit ſeines Schildes noch zu er⸗ höhen, erſuchte er ſeinen Nachbar Guichard ſeine Neze und Garne aller Art vor der neuen Her⸗ berge trocknen zu laſſen; Mathias hatte auf dieſe Inſcenirung gerechnet um ſeine Kunden lüſterner zu machen. Es verſteht ſich von ſelbſt daß Franz Guichard dieſe Zumuthung mit Entrüſtung zurückwies; er nahm ſie zum Vorwand um mit ſeinem alten Freunde zu hrechen, deſſen Vorliebe für die Fremden ihn empört atte. Aber der Ruf der Varenne als Ziel eines Spa⸗ zierganges und als Schauplaz wunderbarer Fiſchzüge begann ſich zu begründen. Einige Stadtleute, Fa⸗ milienväter ließen ſich von ihren Weibern und Kin⸗ dern auf ihren Ausflügen begleiten; bald kamen die Spaziergänger in Duzenden von Saint⸗Maur her; jeden Sonntag mußte Mathias neue Verlängerungen zu den Tiſchen anfügen die er aus ungewaldrechte⸗ tem Holze zugehauen und am Ufer aufgepflanzt hatte. n Sonn⸗ und Feiertagen wiederhallte dieſer einſt ſo friedſame kleine Winkel von Geſchrei, Geſang, manchmal auch von Zänkereien, und eines Tags 96 endlich als Franz Guichard in Begleitung der Blon⸗ den, die einen Armvoll Neze auf ihrem Kopfe trug, zum Fiſchen auszog, wandte ſich dieſe gegen ihn und ſagte: — Ei ſieh doch, Vater, was ſind das für Leute da? Pechvogel bemerkte drei Männer von denen der Eine ein Stadtherr, die beiden andern aber Maurer zu ſein ſcheinen. Mit einer eiſernen Kettenlinie maßen ſie das Terrain ab welches zum Gehäge des Fiſcher⸗ häuschens gehörte. VI. Attila. Der Fremde welcher die graphiſchen Verrichtun⸗ gen der beiden Maurer leitete, war ein Mann von fünfunddreißig bis vierzig Jahren. Sein Anzug verkündete den Stadtherrn und zugleich den Arbeiter. Sein Rock mit bauſchigen Aermeln und ſteifem, bis über den Hinterkopf hinaufſtehendem Kragen hatte ſein Datum wie eine Medaille; dieſes Datum ging auf volle fünfzehn Jahre zurück. Gleichwohl war er — nemlich der Rock— noch ſo friſch und glänzend, als wäre er erſt geſtern aus den Händen des Kleider⸗ künſtlers hervorgegangen. Zwei ſtark ausgeſprochene Falten zwiſchen den beiden Schultern erklärten dieſe außerordentliche Erhaltung, indem ſie bewieſen daß dieſes Kleidungsſtück nur ſelten auf dem Rücken ſei⸗ nes Eigenthümers erſchien, und daß es den größeren —— 97 Theil ſeiner Exiſtenz ſorgfältig eingehüllt und geſchüzt gegen die Unbilden des Staubes in einem Schrank zugebracht hatte. Die Beinkleider dagegen verkündeten ausgezeich⸗ nete Dienſte. Sie waren grau oder aſchblond ge⸗ weſen; ſodann hatte man ſie ſchwarz gefärbt, und jezt gab der Gebrauch ihnen ihre Urfarbe zurück, indem er ſie bis zur Fadenſcheinigkeit abſchabte. Allerdings gab er ihnen auf die eine Art zurück was er auf die andere genommen hatte. An den Hüften, den Knieen, kurz an allen Orten wo die Hände auflagen, waren große Platten dicht beſchmiert, und auf dieſem Schmeer hatten der Staub der Werk⸗ ſtätten und das Feilicht der Metalle einen Ueberzug abgeſezt, der ſich damit gänzlich vermengte, gewiſſe Theile ſo glanzhell machte wie die Schabrake eines Huſarenpferdes und ihnen noch überdieß die Zähig⸗ keit von Leder verlieh. Dieſer Mann war von mittlerem Wuchs und vollſaftig ohne dick zu ſein. Bei ihm herrſchte das Lymphenſiſtem vor und trieb das Fleiſch auf. Man ſah ihm die Leere unter ſeiner Haut an. Sein Ge⸗ ſicht glich einer halb mit Luft angefüllten, da und dort gerunzelten Blaſe, hatte auch dieſe gelblichen und erdfahlen Farben. Es hielt ſchwer einen Ge⸗ danken in ſeinen Augen zu überraſchen, wovon das eine ſtarr und wie gläſern war, das andere aber unaufhörlich mit ſchwindelnder Schnelligkeit blinzelte. Seine eingekniffene Lippe, ſowie ſeine Gewohnheit beſtändig hineinzubeißen, verkündete eine Schlauheit die beinahe unaufhörlich mit den geringfügigſten Dumas, Pechvogel. 7 ——= —— ——— — 98 Einzelheiten des Lebens im Kampfe lag. Seine „Haltung war gemein, und ſeine Schultern rundeten ſich, wie man dieß bei Leuten findet deren Wirbel⸗ beine lange Jahre hindurch über einen Schraubſtock hingebeugt ſind. Dieſer Burſche hieß Attila Unité Quartidi Ba⸗ tifol, ein klarer Beweis daß er mitten in 93 gebo⸗ ren, und daß ſein Vater einer der feurigſten An⸗ hänger des revolutionären Kalenders geweſen war. Wie wir gleich Anfangs aus ſeinem Coſtüm ge⸗ ſchloſſen, gehörte er vermöge ſeiner Profeſſion dem Herren⸗ und dem Arbeiterſtande zugleich an. In der Innung der Bronzeciſelirer nahm er die Stel⸗ lung eines Faconmachers ein. Der Faconmacher iſt der Unternehmer welchem der Fabricant einen Theil der Arbeiten anvertraut die dieſer gegen eine gewiſſe Summe auf eigene Ge⸗ fahr ausführen läßt. Attila Batifol(der Faconmacher hatte ſeit langer Zeit auf ſeine andern Vornamen verzichtet) war von Haus aus zänkiſch, neidiſch, tückiſch und lügneriſch, wie man einäugig, hinkend, ſäbelbeinig oder buckelig auf die Welt kommt. Die Erziehung die er empfangen hatte konnte keine der ungeſunden Hervorragungen ſeines Gehirns hineinzwängen oder verſchwinden machen. Schon mit zehn Jahren war er Lehrling in einer Bronzewerk⸗ ſtatt, und hier wurde er von ſeinem Meiſter ſowie von den älteren Arbeitern ſchlecht genug behandelt um aus dieſen Widerwärtigkeiten ſeiner Jugend einen tiefen Haß gegen Seinesgleichen zu ſchöpfen. Mit zwölf Jahren dachte der kleine Batifol be⸗ **⁴ 99 reits an die Zukunft, und, was noch weit ſeltſamer iſt, die Zukunft hatte für dieſen jungen Träumer weder rubinengeſchmückte Mitren, noch dickquaſtige Epauletten, noch funkelnde Geſpanne, noch Ordens⸗ bänder; es war eine proſaiſche, ſpießbürgerliche Zu⸗ kunft, ſo wie die frühreifen Phantaſien ſie ſelten ſich vorſtellen. Die Zukunft beſtand für ihn darin daß er mit der Zeit ebenfalls Principal zu werden, An⸗ dern das empfangene Böſe mit Wucher heimzugeben und zu gleicher Zeit auch Genüſſe zu koſten hoffte nach denen ſeine dicke Lippe eine ſtarke Lüſternheit in Ausſicht ſtellte. Batifol hatte ſich nicht ſo bald ſeine Gedanken gemacht, ſo ging er auch ſchon ans Werk und be⸗ ſchäftigte ſich damit dieſe Zukunft auf den zuverläßig⸗ ſten aller Grundlagen, Ordnung und Sparſamkeit, ſicher zu ſtellen. Er ſcharrte aufs Gewiſſenhafteſte die groben Souſtücke zuſammen die er als Trinkgelder erhielt, er vertraute ſie einem alten Strumpfe an, verſteckte den alten Strumpf in einen Strohſack und verſenkte ſich in der Betrachtung ſeiner Schäze, die einzige Befriedigung die er von ihnen anzuſprechen ſich er⸗ laubte. Batifol beſaß noch mehr Ordnungsſinn als Spar⸗ ſamkeit. Er ließ Nichts unenuf. Der Metallſtaub der Werkſtatt gehört den Lehrlingen, welche ihn jeden Monat zu ihrem eigenen Vortheil verkaufen. Da nun Batifol drei Cameraden hatte, ſo fiel der An⸗ theil für den Einzelnen gering aus; er dachte alſo darauf den ſeinigen zu vergrößern und fegte mit 7* 100 einem Eifer welcher die Hausfrau in Erſtaunen ſezte und ihm ihre Sympathien erwarb. Sicherlich jedoch wäre die Gute weniger enthuſiaſtiſch geweſen, wenn ſie erfahren hätte daß dieſer Liebhaber der Sauber⸗ keit nie anders als ſeine Taſchen voll mit den ſchwer⸗ ſten Abfällen die Werkſtatt verließ. Er ſpeculirte auf die gebratenen Erdbirnen die er den Geſellen zum Frühſtück holen mußte. Aus zehn Tuten verſtand er es zwölf zu machen, ſo daß er ſeinen Schaz um zwei Sous vermehrte und über⸗ dieß ſein Frühſtück unentgeltlich hatte. Als er Geſelle wurde, trank er zwar nach Herzensluſt aus dem Brunnen, gönnte ſich aber in Bezug auf Nahrung nur das Allernothwendigſte um nicht zu verhungern; natürlich geſtattete er ſich nie⸗ mals eine jener kleinen wöchentlichen Orgien welche die Arbeiter eine noce nennen, und deren die beſten unter ihnen zuweilen bedürfen um neue Kräfte zu ſammeln. Ebenſo mied er die Geſangvereine die da⸗ mals ſehr im Schwung waren; die Fluthen Weins welche dort aus purer Begeiſterung für Desaugiers und Beranger ſtrömten, erfüllten ihn mit Entſezen, wenn er bedachte was ſie koſten mußten. Am aller⸗ wenigſten betheiligte er ſich bei politiſchen Geſell⸗ ſchaften; die Märtirersrolle ſagte ſeinen poſitiven Neigungen nicht zu. Er lebte demüthig, freudlos, mürriſch, einſam dahin, füllte ſeinen Strumpf bis zum Berſten, ließ ſeine Matratze hervorſtehen als läge ſie über Alpen⸗ hügeln, und ſchlief auf ſeinen Pfirſichkernen, oder vielmehr Kupfer⸗ und Silberſtücken, ſo ſelig als wäre ſein Strohſack mit Eiderdunen gefüllt, was, mit gü⸗ 101 gleichung zwiſchen unſern Vorzügen und Mängeln die Anhäufungen von Tugenden ſind ſelten; die Leute von Geſchmack und Talent haben gewöhnlich der ſie verhindert Nutzen aus dieſen Vortheilen zu ziehen; ſie hatte dieſelben klüglich Bati⸗ fol verweigert, der hundert Procent aus ihnen heraus⸗ raden ſehr wichtige politiſche Papiere, die nicht blos ſeinen Freund, ſondern auch den gefällige blosſtellen konnten, zur Aufbewahrung erhalten. apiere waren in einem alten Koffer übe Secretär verborgen; er hatte ih Kupferabfällen aufgefüllt. Eines Tags, während die Arbeiter beſchäftigt waren, drang die Polizei in die Werkſtatt; ſie verlor ihre Zeit nicht mit unnützen Hausſuchungen, ſondern ging geradenwegs auf den Koffer zu, ſchüttelte ſeinen Dieſe r ſeinem i mit Feilſpänen und —— — 10² Inhalt auf den Boden aus, ließ die Feilſpäne liegen und nahm die Papiere; dann führte ſie den unvor⸗ ſichtigen Ciſelirer mit ſich fort, der ſich auf ſolche Art in die Verſchwörung des Generals Berton, von wel⸗ chem er nie ein Wort gehört hatte, verwickelt ſah und zu dreijährigem Gefängniß verurtheilt wurde. Um mit dieſem unporſichtigen Freund fertig zu werden, wollen wir ſogleich ſagen daß ſeine Geſund⸗ heit dem Freiheitsverluſt und Kummer nicht wider⸗ ſtand, und daß er nach Verfluß von achtzehn Monaten in der Force ſtarb. Die Polizeiagenten hatten ſich kaum entfernt, als Batifol, während ſeine Cameraden über das Geſchehene plauderten, kaltblütig die Feilſpäne und Kupfertrümmer in den Koffer zurücklegte, der das ihm anvertraute Geheimniß ſo ſchlecht bewahrt hatte. Batifol war außer Stands ſeinen Gewohnheiten untreu zu werden. Die Arbeiter des eingeſperrten Ciſelirers warfen, ſo groß auch das Mißtrauen ſein mag das ſie ge⸗ wöhnlich kennzeichnet, auf Niemand einen Verdacht daß er den armen Teufel verrathen habe. Gleichwohl überraſchte einer von ihnen, der heller ſah als die andern, einige zärtliche Blicke die zwiſchen der Prin⸗ cipalin und Batifol ausgetauſcht wurden; auch be⸗ merkte er daß Attila, ſeit der Entfernung des Ge⸗ mahls, Principalshaltungen annahm die ihm eigen⸗ thümlich erſchienen. Aber er war ſo häßlich, er ſchien ſo wenig ge⸗ ſchaffen einer Frau auch nur das mindeſte Gefuͤhl einzuflößen das Aehnlichkeit mit Liebe hatte, daß kein einziger von denen welchen der hellblickende Arbeiter ſeine Vermuthungen mittheilte daran glauben wollte. Die Zukunft übernahm es ihm Recht zu geben. Drei Monate nach dem Tod des armen Gefangenen war das Aufgebot der Wittwe und ihres Arbeiters in der Mairie des neunten Bezirks angeſchlagen. Man ſchwatzte viel im Stadtviertel. Einige wollten in der Sache ein ebenſo geſchicktes als ruchloſes Complot erblicken womit der abſcheuliche Batiſol ſei⸗ nen ehemaligen Herrn eingeſponnen, und als Lieb⸗ haber der Frau habe er ſich des Mannes entledigt. Batifol ſpottete aller Nachreden. Ohne einen Sou auszugeben, wurde er Eigenthümer einer anſehnlichen Fabrik, und die Freude über dieſen unverhofften Er⸗ folg verdrängte alle unangenehmen Gedanken. Die Reue iſt eines jener ſtarken und mächtigen Gefühle die ſich nur bei großen Seelen entwickeln. „Die Batifolſchen Cheleute empfanden Nichts von dieſer Art. Wenn ſie einen Kummer hatten, ſo beſtand er darin daß der Verſtorbene ſeine Zeit nicht beſſer angewandt, ihnen keinen bedeutenderen Wohlſtand hinterlaſſen hatte, aber das war auch Alles. Für einen kleinen Thaler hätten ſie über ſeiner Aſche einen Galop getanzt. Damit iſt deutlich genug geſagt daß Frau Batifol für ihren neuen Mann wie geſchaffen war. Als Batifol das Ziel all ſeiner geheimen Wünſche erreicht hatte, ließ er ſeine Maske der Demuth und mitleidigen Ergebung fallen, vermehrte die Ziffer ſeiner Geſchäfte um ein Bedeutendes und rächte ſich bei jeder Gelegenheit an denjenigen die ihn bisher mißhandelt hatten, jezt aber durch Zufall oder Noth unter ſeine Botmäßigkeit gerathen waren. Wir ſagen Noth, denn nach einiger Zeit galt das Haus Batifol 104 als eine Galeere, wohin ſich nur Leute verleiten ließen die der Hunger zwang auf ihren verfluchten Bänken zu rudern; aber der Hunger iſt ein furchtbarer Bundes⸗ genoſſe, und wer mit ihm eine Allianz ſchließt, kann und muß zu ſeinem Ziele gelangen. Er lieh denjenigen die bedürftig waren Geld: in einem alten Rauchfaß das in einer Ecke der Werkſtatt ſtand legte er eine kleine Summe nieder; wer Etwas brauchte, der holte es dort und ſchrieb ſeinen Namen auf eine daneben feſtgenagelte Schiefertafel. Nie quälte Herr Batifol ſeine Leute um die Heimbe⸗ zahlung dieſer Vorſchüſſe; aber freilich machte er täg⸗ lich einen Strich hinter den betreffenden Namen, und dieſer Strich bedeutete daß der Schuldner täglich für jeden Franken den er bekommen einen weiteren Sou als Zins zu bezahlen hatte. 4 Das hieß den Hirſch mit Haut und Haar auf⸗ freſſen. Während Attila Batifol nach beſten Kräften ſeinen Nebenmenſchen niederdrückte, erlaubte er ſich ſelbſt noch immer kein Vergnügen; die Stunde ſchien ihm noch nicht gekommen um dieſen zweiten Theil ſeines Pro⸗ gramms zu halten. Um die in ſeiner Kindheit gehegten Pläne zu Lebensluſt und Freude auszuführen, wollte er warten bis ſein Vermögen vollkommen feſtgeſtellt und gegen jene Anfälle geſichert wäre vor welchen man ſich in der Handelswelt ſelbſt bei der größten Umſicht nicht zu wahren vermag. Der Geiz der ſich in Batifols Seele tief eingefreſſen, würde ihm dieſen Entſchluß leicht gemacht haben, ſelbſt wenn er Leiden⸗ ſchaften zu uͤberwinden gehabt hätte; aber Batifol — ⁸ —88— O O— ½———— — 10⁵ hatte keine Leidenſchaften, ſondern blos flüchtige Launen. Da indeß die Geſellſchaft ſeiner Frau zu Hauſe am Sonntag keine genügende Zerſtreuung war, ſo erlaubte er ſich nach reiflichen Erwägungen zulezt die Angelfiſcherei, eine Erholung die den doppelten Vortheil hatte, daß ſie ihn für einige Stunden von ſeiner Hälfte trennte und ein wohlfeiles Vergnügen iſt, welches immer mehr einzubringen verſpricht als es koſtet. Die Angelfiſcherei war es die ihn nach Varenne geführt hatte, und während er hier ſeine Angeln anköderte und ſeine Gründlinge heraufzog, hatte er bemerkt wie die bevölkertſte Vorſtadt von Paris ſich mit entſchiedener Vorliebe dieſer Richtung zukehrte. Seit geraumer Zeit, als der zwanzigſte Theil des jezigen Paris noch aus leeren Baupläzen beſtand, hatte dieſer intereſſirte Speculant eine Ahnung gefaßt daß es hier dereinſt Millionen mit Grund und Boden zu verdienen geben würde; aber ſeine Auvergnaten⸗ klugheit erlaubte ihm nicht Beſizungen aufzukaufen die möglicher Weiſe noch lange Zeit Nichts eintragen konnten. Wenn dieſer Knauſer nicht Manns genug war ſich in eine ſo große Operation hineinzuwerfen, ſo beſaß er doch Eigenliebe genug um auf ſeine Idee nicht gänzlich zu verzichten; nur lavirte er. Sctatt ſich bei der Madeleine, hinter der Rue de la Chauſſee d'Antin, den Faubourgs Poiſſonnidre und Saint⸗Denis anzukaufen, ließ er ſich einige tauſend Meter Grund und Boden in Varenne zuſchreiben. Zwar ließ ſich nur ein unbedeutender Vortheil 106 hoffen, aber dafür wagte er auch wenig. Diejenigen denen er, wie nun der Menſch einmal das Bedürfniß nach Beiſtimmung und Aufmunterung empfindet, ſein Plänchen anvertraute, verſpotteten und verhöhnten ihn dermaßen, daß Batiſol ſich von ihren Gründen überzeugen ließ, der Hoffnung auf großen Gewinn entſagte und ſich zulezt ſehr glücklich ſchäzte wenn ihm vom Verkauf ſeiner Güter der freie Beſiz eines Landhauſes übrig blieb. Kaum hatte er ſich dieſe ländliche Prämie als Ziel vorgeſteckt, ſo umfaßte er ſein Werk mit der Hartnäckigkeit die wir bereits an ihm geſehen haben; er verbrachte ſeine Zeit in Paris damit daß er den Plan zu ſeiner künftigen Wohnung mit Kreide auf ſeinen Werktiſch zeichnete; er ſchuf in ſeiner Einbil⸗ dungskraft Gärten mit Obſt⸗ und Gemüſearten wo⸗ von man bei Chevet Nichts wußte, und daneben ar⸗ beitete er wirkſamer auf die Ausführung ſeines Wun⸗ ſches los. Er beſuchte die Cafés und hielt vier Stunden lang am Abend, mittelſt einer einzigen, be⸗ ſcheidenen Ausgabe die er ſich erlaubte, eine ewige Abhandlung über die Zauber von Varenne und Saint⸗Maur; er glaubte dieſen Orten ſehr wenig Ehre zu erweiſen wenn er ſie mit dem irdiſchen Para⸗ dies verglich, und er verſicherte dreiſt daß die von der Marne umſchloſſene Halbinſel der Schauplaz des Fehltrittes unſerer Stammmutter geweſen ſei. Dieſes Siſtem, verbunden mit ſiſtematiſchen An⸗ zeigen in etlichen Journalen, hatte einen außerordent⸗ lichen Erfolg. In weniger als ſechs Monaten war Batifol den Grund und Boden los deſſen Beſitz ihn ein wenig erſchreckt hatte; es blieben ihm noch etwa 3——— v1˙—8B8—8Aͤ 107 zehntauſend Franken Gewinn und überdieß fünfzehn⸗ hundert Meter am Ufer. Als der lezte Vertrag unterzeichnet war, führte der Ciſelirer ſchon am folgenden Tag Arbeiter an Ort und Stelle und begann die Grundlagen ſeiner künftigen Wohnung feſtzuſtellen. Seine Pläne und Zeichnungen ſollten ſich endlich in Bau⸗ und Ziegel⸗ ſteinen verkörpern. Batifol hatte noch überdieß alle möglichen andern Gründe um ſich zu beeilen. Er ſah den Augenblick herankommen wo er end⸗ lich ſeinen Entwürfen freien Aufſchwung geſtatten durfte, und da Madame Batifol, in demſelben Maß wie die Villeggiaturneigungen ſich bei ihrem Gemahl entwickelten, immer deutlicher ihren Widerwillen kund⸗ gab, ſo verſprach dieſes Haus dem emancipirten Ciſe⸗ lirer nur um ſo mehr Reiz. Batifol hatte mehrere Male den alten Pechvogel über das Waſſer fahren geſehen; mehrere Male hatte er ihn auch angeredet, ohne daß der Fiſcher ihm einen Vorwand geſtattete die Unterhaltung zu ver⸗ längern. Dieſe Einſilbigkeit, die ſich leicht als Ver⸗ achtung auslegen ließ, hatte Batifol, den fünfzehn Jahre fortwährenden Glückes zu einem kleinen Wü⸗ therich umgeſchaffen, ſo bald es ſich um ſeine Wünſche handelte, ſchwer beleidigt. Als Huberte, mit ihrem Bund von Netzen, den ihre weißen runden Arme aufrecht hielten, auf dem Kopfe aus der Hütte trat, erkannte Batifol das junge Mädchen, das der alte Fiſcher begleitete. Aber zum erſten Mal und kraft ſeiner neuen Stellung erlaubte er ſich zu bemerken daß ſie ſchön war. Er biß ſich in die Lippen, ſo daß das Blut hervorſprang; ſein 108 lebendiges Auge beſchleunigte ſeine ſchwingende Be⸗ wegung, ſein erſchlafftes Auge ſchleuderte einen Fun⸗ ken, und mit dem Ende des Maßſtabes den er in ſeiner Hand hielt berührte er leicht das Genick des jungen Mädchens. Huberte drehte ſich um, und beim Anblick dieſer ſeltſamen Phyſionomie, dieſer blinzelnden Wimper, während das andere Auge gleich einem zinnernen Ventilator in Wirthshausfenſtern beſtändig umher⸗ rollte, warf ſie einen Spottrefrain in den Wind und begleitete ihn mit einem lauten Gelächter. Aber Pechvogel, der einige Schritte von ſeiner Enkelin entfernt war, konnte dieſe vermeintliche Be⸗ ſchimpfung nicht ertragen: er riß dem Fabrikanten ſeinen Maßſtab aus der Hand, zerbrach ihn in tauſend Stücke und warf ihm die Trümmer vor die Füße. Herrn Batifols erſte Regung war geweſen daß er ſich dieſem Vandalismus, wofür er es anſah, zu widerſezen ſuchte; als die Trümmer ſeines Geräthes zu ſeinen Füßen niederfielen, hob er ſie auf, ſah im Nu daß das Unheil ein für allemal geſchehen war, und rief mit einem ſchrecklichen Fluch: — Ihr habt meinen Maßſtab zerbrochen, Ihr werdet mir dafür bezahlen, hört Ihr? — Ich habe Euern Maßſtab zerbrochen weil er unverſchämt war, und ſo alt ich bin, ſo werde ich Euch ſelbſt ganz ebenſo behandeln, wenn Ihr fort⸗ fahret. — Ach, laßt es doch, Großvater, ſagte Huberte dazwiſchentretend. Ihr müßt ſolche Dummheiten nicht beachten. Unverſchämt! er möchte es allerdings ſein, aber er iſt viel zu häßlich; ſein Ausſehen ver⸗ 109 bietet es ihm; er gibt uns zu lachen wie ein Affe, und das iſt Alles. Kommt doch, Großvater, und laßt ihn ſeine Grimaſſen an ſeine Maurer ſchneiden. — Ja, Du haſt Recht, Blonde, Du haſt wohl gethan mich zurückzuhalten, denn ſonſt hätte ich ein Unglück angerichtet. Ha! dieſe Lumpenhunde von Pariſern! Dieſer lezte Ausruf drang ans Ohr des Herrn Batifol. — Ihr ſeid Alle dieſelben! rief er; ihr ſchimpfet über diejenigen denen ihr euern Lebensunterhalt ver⸗ danket, ihr Hundepack! Aber wir wollen ſchon ſehen, und zum guten Anfang ſollſt Du, da Du Dich ſo trozig anſtellſt, mir jezt antworten. Du wohnſt da drinnen? — Ja, und was weiter? ſagte Franz Guichard mit herausfordernder Miene. — Nun, Du wirſt die Gefälligkeit haben binnen vierundzwanzig Stunden dieſes Fenſter da zu ver⸗ mauern, das auf mein Eigenthum ſieht ohne die heſezlichen Bedingungen einzuhalten. Verſtehſt Du as? — Nun wohl, verſuchet's einmal es nur zu be⸗ rühren! erwiderte Pechvogel, indem er mit drohen⸗ der Geberde ſein Ruder ſchwang; rühret mein Fen⸗ ſter nur einmal an! — Ich werde es nicht anrühren, ſondern der Gerichtsbote den ich Dir morgen ſchicken werde, und der Dich ganz gewiß dazu beſtimmen wird. Seit ſeinem lezten Abenteuer war der alte Fi⸗ ſcher in Bezug auf Alles was mit der Juſtiz zu⸗ 110 ſammenhing ſehr ängſtlich geworden; er widerſtand der Blonden, die ihn fortzuziehen ſuchte. — Mein Fenſter berühren! erwiderte er; ha! ich werde den Richtern ſagen warum Ihr wünſchet daß ich es ſchließen ſoll. Darum weil ich von dort aus den Fluß abwärts überſehe, und weil Ihr, ſo lange ich Euch im Auge behalte, unmöglich die Ge⸗ räthſchaften und Fiſche des armen Mannes ſtehlen könnt, wie Ihr es im Brauche habt, Ihr Taugenichtſe von Pariſern! Nein, nein, die Juſtiz iſt zu gerecht, um mich dazu zu zwingen; ſeid unbeſorgt. — Gleichwohl iſt er in ſeinem Recht, Vater Pech⸗ vogel, ſagte einer der Maurer der näher getreten war; laßt es nicht auf einen Proceß ankommen, Ihr würdet verlieren. — In ſeinem Recht! Wer gibt ihm das Recht einem armen Chriſtenmenſchen Luft und Licht weg⸗ zuſchnappen? wer gibt ihm das Recht mir das zu rauben was der liebe Gott uns ſchenkt? — Das iſt noch nicht Alles, ſagte Attila Batifol mit einer Stimme welcher der Zorn etwas Vibriren⸗ des gab; gehört dieſer Birnbaum da Dir? Wohl! da ſind Zweige die auf meinen Boden hereinhängen. Nieder mit den Zweigen! Ich werde eine Mauer dahin bauen! Ich denke mirs wohl daß Du zu lumpig biſt um auf halbpart mit mir anzuſtehen. Laß Dirs ja nicht einfallen eine Nelke in meine Mauer zu pflanzen, eine Winde hinüberlaufen zu laſſen, einen Pflock daran anzulehnen; ſonſt gibt es Proceſſe, verſtehſt Du mich? Ich werde Dich aufs Schärfſte beobachten, lieber Nachbar, hörſt Du? und wenn Du Dir den geringſten Eingriff in meine 111 Rechte erlaubſt, ſo ſollſt Du Dein Häuschen, Dein Schiff, all Dein Hab und Gut einbrocken müſſen! .. Vergiß meine Drohung nicht. Und ihr— fügte er gegen die Arbeiter hinzu— ſputet euch; ich möchte das Haus gerne bald daſtehen ſehen, um die⸗ ſem Manne da mein Verſprechen halten zu können. Vorwärts, vorwärts, an die Arbeit; auch ihr ſeid weiter Nichts als Landfaullenzer; ich will euch zeigen wie ihr euch abſchinden müßt. Munter darauf los, ſchaffet mir das weg. Der Fabricant entfernte ſich. Pechvogel blieb einige Augenblicke ſtumm, unbeweglich, wie vom Blize getroffen, ſtehen. Er konnte ſich nicht darein ergeben daß er ſeinen Fluß, wie er ihn nannte, in fremder Gewalt ſehen ſollte; aber jezt ſtand es noch ſchlimmer. Unter all den Uebeln welche die Erſcheinung der Pariſer in Varenne ihm in Ausſicht ſtellte, hatte er nie⸗ mals an dasjenige gedacht das aus einer ſolchen Nachbarſchaft für ihn entſtehen mußte. Er hatte niemals daran gedacht daß ein Haus ſich neben dem ſeinigen aufpflanzen, daß man von ihm die Auf⸗ opferung der Weißdornhecke verlangen könnte die im Frühling ſo liebliche Wohlgerüche gab und im Som⸗ mer einen grünen Rahmen um das Gütchen bildete, einen Rahmen voll von Vögeln, luſtigen Muſikanten deren Concert die ganze Umgegend erheiterte, wäh⸗ rend der Alte und ſeine Enkelin im Schatten des Laubwerks ſaßen und ihre Neze flickten. Alle Wunden ſeiner Seele öffneten ſich und blu⸗ teten von Neuem; er weinte und fühlte ſich ſo muth⸗ 11² los, daß er ins Haus zurückgehen und für heute auf die Arbeit verzichten wollte. Huberte, welche einſah daß die Zerſtreuung dem Alten nothwendiger war als je, wußte ihn zu einer Fahrt auf dem Fluſſe zu beſtimmen, aber was ſie auch beginnen mochte, weder mit ihren luſtigſten Liedern, noch mit den ſeltſamſten Grimaſſen wodurch ſie die confiscirte Phyſionomie ihres künftigen Nach⸗ bars nachzubilden verſuchte, wollte es ihr gelingen das Geſicht ihres Großvaters zu entrunzeln. VII. Der Einfall der Barbaren. Herr Batifol ließ ſein Haus aufführen, und im Namen des Geſezes wurde Franz Guichard aufge⸗ fordert das Fenſter zu verſtopfen das auf das be⸗ nachbarte Gut ſchaute. Er tobte, raste, fluchte, aber er hatte einmal mit dem Geſez zu ſchaffen gehabt; er wußte alſo was eine Widerſezlichkeit koſtete. Er gehorchte. Man hatte Anfangs den Ciſelirer verſpottet, der auf den Brachfeldern Abſteckpfähle eingeſchlagen, Grundlagen geworfen, macadamiſirt und Straßen gezeichnet hatte, denen für den Augenblick nur noch die Hauptſache fehlte, nemlich die Häuſer; aber bald traten die Lacher auf ſeine Seite. Der Menſch gleicht dem Affen, mehr noch mo⸗ raliſch als phyſiſch, indem er ein weſentlich nach⸗ 113 ahmendes Geſchöpf iſt. Es gibt ſeit der Erſchaffung der Welt vielleicht nicht eine einzige Dummheit die ohne ihr Seitenſtück geblieben wäre, und um ſo mehr iſt dieſe ſelbe Welt geneigt ihren Inſtincten zu gehorchen, wenn das Beiſpiel allen Anſchein einer vernünftigen Handlung hat. Der Anſtoß war gegeben, die Schaafe Panurgs ſezten ſich in Bewegung, allmählig und in unglaub⸗ lich kurzer Zeit bevölkerte ſich die Einſamkeit, die Felder verwandelten ſich in Gärten, die Gebüſche in Mauern. Das Beiſpiel Batifols hatte die Käufer dieſer Grundſtücke electriſirbt. Ihm wollte es Jeder jezt gleichthun. Immer mehr ſteinerne Stockwerke erho⸗ ben ſich die Marne entlang, immer größer wurde die Bewegung. Die Pariſer Handelswelt, vom Chateletplaz an bis zur Barridre du Trone, gerieth in Gährung; das unermeßliche Verlangen das alle Menſchen treibt einen kleinen Winkel dieſer Erde zu beſizen, welcher Groß und Klein den Thon zurück⸗ geben muß den er von ihr entlehnt hat, wurde jezt ſo geſchickt ausgebeutet, man verſprach es ſo billig zu befriedigen, man ſtellte es als eine ſo unſchul⸗ dige und wohlfeile Liebhaberei dar, daß die beſon⸗ nenſten Leute ſich dieſem Villegiaturfieber hingaben, und eine Anzahl Privilegirter die über ein kleines Capital verfügen konnten, von den Enttäuſchungen aber die aller Schöpfer warten ganz und gar keine Ahnung hatten, begann architectoniſche Meiſterwerke auf der Inſel aufzuführen. Der eine, ſentimental und beſcheiden, beſchloß Dumas, Pechpogel. 1 8 114 ſeine Liebe unter dem Strohdach einer Hütte zu ſchüzen und wählte das Ländlichſte was die Kunſt ſeit Evander bis auf uns in dieſem Genre geleiſtet hat; ein anderer, ein Weinreiſender der nach einem zur Verherrlichung des rectificirten Weingeiſtes unter⸗ nommenen Ausflug ins Berner Oberland friſch vom Genfer See her kam, hatte eine unüberwindliche Vor⸗ liebe für die Sennhütten mitgebracht. Dieſe Vorliebe verkörperte ſich durch ein hölzernes Haus mit grünen Sommerläden, ausgezackten Balconen und gepflaſter⸗ tem Dach, um den Lawinen widerſtehen zu können; die weißen Mauern die ſein Gärtchen verdeckten, ſollten die Schneefelder des Montblanc und der Jungfrau vorſtellen. Ein Anderer ſah ſeine Luſt an einer plattdachigen italieniſchen Villa, mit terraſſen⸗ förmiger Baluſtrade. Ein Vierter endlich verſtieg ſich bis zu einem griechiſchen Tempel. Aber was die Bewunderung der eiferſüchtigen Nachbarn ganz beſonders erregte, das war die pit⸗ toreske Idee welche ein Müzenfabricant in der Rue Saint⸗Denis gehabt hatte, ſich ein Wohnhaus nach dem Muſter ſeines eigenen Schildes zu machen, zu welchem ſelbſt er hinwiederum durch eine vom Am⸗ bigutheater entlehnte Decoration aus dem Drama Barbaroſſa begeiſtert worden war. Die Anlage der Gärten war noch wechſelreicher als das architectoniſche Bild des neuen Dorfes; ſie war im Allgemeinen pittoresk: es iſt ſchwer die Blu⸗ men ins Gemeine zu ziehen und die Bäume lächer⸗ lich zu machen. Der Eine begnügte ſich mit einem Blumenbeet das er, in beſcheidener Verbindung des Nüzlichen mit dem Angenehmen, durch ein Spinat⸗ ——————„—„ſſſͤ 115 ſich mit ſeinen zwanzig Quadratmetern geradewegs auf den Getreidebau, und nachdem er ſechsundſechzig Körner Roggen ausgeſäet, ſtudirte er auf eine Denk⸗ ſchrift an die Academie der Wiſſenſchaften über den Brand und Mehlthau, welche dieſe Pflanze heim⸗ ſuchen, wie die Blattern vor der philanthropiſchen Entdeckung Jenners die Menſchheit heimſuchten. Ein Dritter verſuchte es mit allen Culturen, vermählte die Kartoffel mit der Maßliebe, die Arti⸗ ſchoke mit der Dahlie, mengte unter ſeine Kohlbeete kleine Rabatten wo Nachtſchatten, Balſaminen und Stiefmütterchen unter einander aufblühten, und wo die Sonnen, eine von den improviſirten Gärtnern wegen ihrer majeſtätiſchen Haltung ſehr geſchäzte Blume, mgjeſtätiſch emporſchoſſen; ein Vierter end⸗ lich, der ſeine Klempnerbude vernachläßigte, träumte, das Kinn in ſeine Hand geſtüzt, von der einſichts⸗ vollen Speculation ob er ſein Gauchheil, das ganz allein wuchs, das weder Samen noch Bewäſſerung koſtete, überdieß von den Vögeln ungemein geſchäzt wurde, ausreißen ſolle, um Gemüſe zu pflanzen oder zu ſäen die Miſt, Waſſer und doppeltes Hacken er⸗ forderten, bis ſie zu einem rauſchigen Wachsthum und einem wäſſerigen oder bitteren, aber jedenfalls un⸗ genießbaren Saft gelangten, je nachdem es die Natur des Bodens mit ſich brachte. Im Uebrigen bewies die commercielle Bewegung dieſe neue Criſtenz von Varenne.— In weniger als ſechs Monaten hatten ein halb Duzend Weinwirthe dem Fährmann Mathias Con⸗ currenz gemacht und ihm das Monopol 8 öffent⸗ und ein Lattich⸗Beet bereicherte; ein Anderer warf 116 liche Erfriſchungen das er ſo lange Zeit ausgeübt hatte entriſſen. Die verſchiedenen andern Bedürfniſſe des Magens konnten, ſo gut wie der Durſt, im Orte befriedigt werden. Am Sonntag begann das Ufer von ge⸗ bratenen Coteletten und geröſteten Blutwürſten zu duften, während, einem orientaliſchen Parfüm gleich, der Café den man vor den Häuſern röſtete ſein Aroma in alle Luftſtrömungen Marne auf und Marne ab ergoß. Dann ſah man neben den ſechs oder ſieben Wir⸗ then die den Wein von Chennevidre für Joigny und den Abſinthe aus der Rue des Lombards für ſchweizeriſchen verzapften, raſch hinter einander einen Mezger, einen Bäcker, einen Gewürzkrämer, ja ſo⸗ gar eine Puzmacherin ſich aufthun. Das iſt noch nicht Alles; zu gleicher Zeit wo die Ebene ein Dorf wurde, ſchuf ſich das Ufer zu einem Hafen um. Gegen zwanzig Nachen, Kähne und Fähren lagen der Reihe nach am Ufer feſtge⸗ bunden wo das Fahrzeug des Vaters Pechvogel ſo viele Jahre einſam verlebt hatte. Dieſes Ufer ſelbſt war vor der allgemeinen Umwälzung nicht ſicher; man erhöhte, man ebnete, man modelte es hier als jähen Abhang, dort als unmerkliche Böſchung; man rottete ſorgfältig die Binſen mit den langen lanzen⸗ förmigen Stielen aus, ebenſo die Rohre deren leichte Samenkronen ſich mit ſanftem Gemurmel im Winde wiegten, den mit Purpur und Smaragd geſchmückten wilden Sauerampfer, die Schmalzwurz mit den brei⸗ ten Blättern und den weißen oder violetten Glöck⸗ chen, kurz Alles was einen pittoresken oder wilden ———————„———..——·— 2— — —+₰— 117 Character hatte. Die Regelmäßigkeit wurde der ein⸗ zige Schmuck der Ufer, und die gelbliche Farbe des als Glacis zugehauenen Lehmbodens erſezte nach einer gewiſſen Zeit den grünen, feinen, dichten Grasteppich der ſonſt darüber ausgebreitet gelegen. Zu gleicher Zeit wurden auch die Sitten geſel⸗ liger. Das Schäferleben und die ländlichen Nei⸗ gungen der wackern Pioniere aus dem Faubourg währten gewöhnlich vom Samſtag bis zum Sonntag⸗ abend oder Montagmorgen. Wer an dieſen braven Stadtleuten in ihren Holzſchuhen, ihren Blouſen, mit ihren Stohhüten, Alles von übertriebener Einfach⸗ heit, vorbeigegangen oder ihnen begegnet wäre, wer ihnen zugeſehen hätte wie ſie hackten, gruben, ſchau⸗ felten, gäteten, puzten, Steine auf ihrem Rücken oder Gölten auf ihren Armen trugen; wer ihnen zugehört hätte wie ſie von Gartencultur, Fiſchfang und Jagd ſchwazten, wie ſie die wichtigen Fragen von Propfreiſern, Sezlingen, Knollen und Weinfäch⸗ ſern debattirten, der hätte ſich gewiß mitten in einer Ackerbaucolonie geglaubt; aber wenn man vierund⸗ zwanzig Stunden der unſchuldigen Comödie geweiht hatte woran Jeder ſich ergözte, ſo erſchien der Ueber⸗ druß, ein bleiches Geſpenſt mit herabhängenden Ar⸗ men und grämlich verzogenem Munde; man gähnte ein wenig, dann gewannen die Vergnügungen welche der Gebrauch zum Bedürfniß erhoben hatte all ihren Zauber und Reiz wieder. Jezt war es nicht mehr das Land das in der Stadt, ſondern die Stadt die in dem Lande aufge⸗ gangen war; die Legion von Wirthen ſah ihre Kun⸗ den ſich ins Unendliche vermehren, man trank, nicht 118 blos in den dem Bacchusdienſt geweihten Räumen, wie die Liederdichter des Caveau ſagten, die um dieſe Zeit blühten, ſondern auch noch auf der ganzen Uferlinie. Es gab weit und breit kein Stück Holz das einem Stuhl, Tiſch oder einer Bank gleichſah und nicht einem Betrunkenen zum Fußgeſtell dienen mußte wenn dieſer ſaß, oder einer Flaſche blauen Weins wenn der Betrunkene auf dem Boden lag. Die Fäſſer leerten ſich unter Begleitung von Trink⸗ liedern oder Fauſtſchlägen; die Idylle vom Morgen hatte ſich am Abend in eine Saturnalie verwandelt, und damit ſie vollſtändig wurde, fand man bei den zum Ball herbeigekommenen Bauernmädchen die Sit⸗ ten, die Sprache, die choregraphiſchen Haltungen der Barridrennymphen wieder, welche ſie ſich, mit einem Aſſimilationstalent das ihrem Verſtand und der Ge⸗ ſchmeidigkeit ihrer Taille die größte Ehre machte, in weniger als zwei Monaten angeeignet hatten. Dieſe gründliche Umwälzung der alten Varenne hatte auf Franz Guichard die Wirkung hervorge⸗ bracht die man natürlich von ihr erwarten mußte; es gibt ein Alter wo die zu ihrer Reife gelangten Ideen ſich gegen jede Aenderung ſträuben, und wo man nicht mehr mit Gewohnheiten bricht denen die Zeit ihre Weihe aufgedrückt hat. Vierzig Jahre friedlichen und unangefochtenen Genuſſes von Waſſer und Land hatten für Pechvogel eine Art von Beſiz⸗ thum begründet worin er eine ſolche Störung nie erwartet hatte. Er betrachtete daher die neuen An⸗ kömmlinge, ſo berechtigt auch ihre Anſprüche ſein mochten, als Barbaren, als hereinbrechende Fremde, als Feinde, hundertmal ſchlimmer als einſt die 119 Preußen die unter den Mauern von Mainz gegen ihn gefochten hatten. Sein angeborner Haß gegen die Pariſer war durch das unartige Benehmen des Herrn Batifol und die Verwüſtung ſeiner theuren Einſiedelei noch geſteigert worden, als er die weiße Mauer des Nach⸗ bars ſein Gärtchen umſchließen ſah, als die Maurer, ihrem Brodherrn zu gefallen, ſich den Spaß mach⸗ ten die hübſche Weißdornhecke die ſich im Frühjahr mit ſo ſchönen weißen und rothen Blüthen bedeckte mit Mörtel und Kalk zu bewerfen. Huberte mußte ſich dem Alten zu Füßen werfen, damit er ſich nicht thätlich an den Arbeitern vergriff die ihre Heraus⸗ forderungen mit Spöttereien begleiteten. Die Folge davon war daß eine neue Verände⸗ rung in dem Character des Fiſchers vorging. Von dieſem Tag an verſchwand ſeine Melancholie, um einer Wuth Plaz zu machen welche die ganze Woche hindurch ſtill und verſchloſſen blieb, d. h. ſo lange das neue Dorf gleich einem Prachtmöbel unter ſei⸗ nen Ueberzügen vergraben und verdeckt, ſo lange die Thüren und Läden an jedem Hauſe verſchloſſen, die Gärten ſtumm und verödet waren, kurz ſo lange Varenne noch eine Aehnlichkeit mit Pompeji oder Herculanum darbot; dagegen ließ dieſe Wuth keine Gelegenheit unbenüzt um ſich in tobſüchtigen Aus⸗ rufungen und heftigen Drohungen zu ergießen, wenn der Samſtagabend die wöchentliche Bevölkerung zu⸗ rückführte und in dieſen Leichnam von Ziegeln und Bauſteinen wieder Leben brachte, wenn an jedem Fenſter ein Licht funkelte, wenn die Kähne den Lauf der Marne in allen Richtungen durchfurchten, wenn 120 endlich Geſchrei aller Art, Geſänge, ſowie das Ge⸗ tön von Klapphörnern, Geigen und Clarinetten die Echos des Hügels von Chennevidre wachriefen. Die⸗ ſer Zorn hatte eine Gewalt welche weder die kind⸗ liche Zärtlichkeit noch die freundliche Heiterkeit Hu⸗ bertens beſeſſen; er zwang den Großvater das Land der Schatten zu verlaſſen um in die Wirklichkeit zu⸗ rückzukehren; er entfernte von ſeinen Gedanken die theuern Todten, bei denen er ſo gerne lebte; kurz er grub ihn ſo zu ſagen aus, und in Folge einer natürlichen Erſcheinung gab er ihm ſeine Kräfte und ſeine Jugend wieder. Von der Leidenſchaft gepeitſcht, begann ſein Blut ſich blau in dem Nez ſeiner Adern zu zeichnen, ſeinem braunen Teint einen wärmern Ton zu geben und ſich in ſeinen Adern durch Blize zu offenbaren. Im Uebrigen waren die Gewohnheiten und Ar⸗ beiten Pechvogels und der Blonden ſich gleich ge⸗ blieben. So lange die Sonne am Horizonte ſtand, blieben ſie auf dem Fluß, wo fünf oder ſechs Wochen⸗ tage lang die auf dem Land vorgenommene Revo⸗ lution noch nicht ſichtbar war. Wenn während die⸗ ſer Zeit irgend ein Neugieriger, ein Liebhaber, kurz irgend ein läſtiger Kerl— und für Franz Guichard waren Neugierige und Liebhaber nichts Anderes als läſtige, aufdringliche Menſchen— ſich der Fähre des alten Fiſchers näherte, ſo ſtellte dieſer ſeine Arbeit ein und wartete, bevor er ſie wieder aufnahm, bis der Fremde ſich entfernt hatte. Sein Mißtrauen als Waſſerwilderer hatte ſich bis ins Abſurde geſteigert: man hatte ihm ſeine Ruhe geſtohlen, man hatte die Erinnerungen die ſein ganzes Leben waren mit Füßen 121 getreten, und in ſeinem miſanthropiſchen Aerger hatte er ſich zulezt eingebildet, jeder Menſch der ihm be⸗ gegne ſei ſein Feind und wolle ihm ſeine Geheim⸗ niſſe, d. h. die Pläze wo er ſeine Neze ausſpannte, bloß ablauſchen um ihm ſeine Fiſche zu ſtehlen. Am Sonntag blieb er daher unabänderlich in ſeinem Hauſe eingeſchloſſen; vergebens flehte die Blonde, deren Character keineswegs die düſtere Mi⸗ ſanthropie ihres Großvaters angenommen hatte, auf⸗ gereizt durch die fröhliche Muſik die bis zu ihr drang, der Alte möchte ihr erlauben ſich auf eine Raſen⸗ bank unter den hohen Pappeln zu ſezen die ihre Zweige über die Hütte ausbreiteten: Franz Guichard geſtattete es niemals, und eines Tages als ſie, mit einer Aufmerkſamkeit die nicht ohne Gemüthsbewe⸗ gung war, durch das Fenſter hindurch einem Contre⸗ tanz zugeſehen den einige junge Leute am Ufer auf⸗ führten, ſagte er ihr die einzigen etwas harten Worte die er ihr in ſeinem Leben gegeben hatte. Pechvogel fürchtete dieſe Panduren für ſeine Tochter noch mehr als er ſie für ſeine Fiſche fürch⸗ tete. Es verſteht ſich von ſelbſt daß Franz Guichard die architectoniſchen Wunder die zwei Schritte von ihm aufgeführt wurden nie der geringſten Aufmerk⸗ ſamkeit würdigte. Herr Batifol war, das müſſen wir ſagen, äußerſt empfindlich über die Verachtung ſeines Nachbars, und dieſe Verachtung trug nicht wenig dazu bei ſei⸗ nen Aerger gegen denſelben zu verbittern. Wie alle Glückspilze die plözlich und unverhofft zu ihrem Ver⸗ mögen gekommen ſind, war er ſelbſt über ſeinen Reichthum noch mehr erſtaunt als irgend ein anderer. 122 Wenn er ſeine plattgedachte Villa, ſeine Balcone mit gebogenen Ziegeln betrachtete, ſo fragte er ſich ob es denn möglich ſei daß es ihm wirklich als volles Eigenthum angehöre. Er ſtreichelte ſeine grauen Tapeten mit Goldfädchen und ſeine mit Zizen überzogenen Möbel mit der bewunderungsvollen Zärt⸗ lichkeit welche eine Mutter der Frucht ihres Leibes widmet. Er beäugelte ſich in ſeinem Werk, wie ein Zierbengel in ſeinem Spiegel. Er begriff kaum wie man vor ſeinem Hauſe das er ſein Monument nemnde vorübergehen konnte ohne ſeinen Hut abzu⸗ ziehen. Ganz beſonders war im Innern dieſes Palaſtes ein Speiſeſaal worin der Maler die Muſter aller entdeckten und noch zu entdeckenden Holz⸗ und Mar⸗ morarten verſchwendet hatte, und den er als die Säulen des Hercules im Reiche des Schönen be⸗ trachtete. Er ließ daher bei jedem Wochenbeſuch die Fenſter deſſelben offen um ihn der öffentlichen Be⸗ wunderung preiszugeben, und wenn der alte Fiſcher, ſeine Müze bis über die Augen hereingezogen, dann vorbeiging ohne ſich nur darnach umzuſchauen, ſo empfand Attila Batifol ganz denſelben Zorn den ſein greiſer Nachbar bei jedem neuen Bauſtein der in den Boden geſezt wurde verſchlucken mußte. Aber Herr Batifol hatte gegen Pechvogel einen andern vielleicht noch ſtärkern Beſchwerdegrund als dieſe Gleichgültigkeit die er in Bezug auf ſein Haus zur Schau trug. Dieß war der Handwerksneid. Der Ciſelirer hatte ſich allmählig an der Angel verfangen die er für die Bewohner der Marne beſtimmte. Was Anfangs nur eine Zerſtreuung für ihn gewe⸗ -— 8— 123 ſen, war eine Manie geworden, und dieſe Manie hatte zulezt die Höhe der Leidenſchaft erreicht, ohne Zweifel weil ſie unglücklich war. Und wirklich hatte Herr Batifol es vergebens mit allen Inſtrumenten verſucht. Sein Mißgeſchick im Fiſchfang war auf zwei Meilen in die Runde ſprichwörtlich geworden; ſelbſt die unbedeutendſten Gründlinge, die geringfügigſten Weißfiſche ſchlugen unverſchämt und unbeſtraft mit ihren Schwänzen an den Köder woran er ſie zu fangen glaubte. Dieſe offenkundige Unterlegenheit erbitterte Batifol und hatte nicht wenig dazu beigetragen daß er den er⸗ fahrungsreichen Fiſcher, deſſen Heldenthaten die Fama noch vergrößerte, aufs Korn nahm. Gleichwohl ſchien Herr Batifol, nachdem er ſeiner übeln Laune eine Zeitlang ihren Lauf gelaſſen, auf einmal mildere Saiten aufziehen zu wollen. Mehreremale ſuchte er, ohne ſich durch die Grob⸗ heiten abſchrecken zu laſſen womit ſein Entgegenkom⸗ men gewöhnlich erwidert wurde, ein gleichgültiges Geſpräch mit dem alten Fiſcher über Regen, über ſchönes Wetter, über ſein Mißgeſchick auf dem Waſ⸗ ſer, über die Hoffnungen und endlich über die Wirk⸗ lichkeiten des Fiſchfanges einzuleiten, zugleich aber geberdete er ſich ungemein freundlich gegen Huberte. Anfangs hatte er ſich, wenn er ſie auf der Schwelle ihres Häuschens erſcheinen ſah, damit be⸗ gnügt daß er ſeine ungleichen Augen telegraphiſch ſchweifen ließ, um ſeine Bewunderung für die hübſche Nachbarin ſowie die verliebte Sympathie auszudrücken die er ihr widmete. Das Lächeln das ſeine An⸗ lockungen auf die kirſchrothen Lippen der Blonden 124 riefen, machte Herrn Batifol kühn. Die Dummheit geht ſtets Hand in Hand mit ihrer Schweſter, der Eitelkeit. Herr Batifol, der ſeine Bewerbungen angenom⸗ men glaubte, richtete ſeinen gekrümmten Rückgrat in die Höhe, ſteckte ſein ſpiziges Kinn tiefer in die Cravate, neigte wohlgefällig ſeinen Kopf hin und her und fuhr vergnügter als je mit der Hand über ſeine Möbel. Eines Tags endlich, als die Blonde ausging um die Geſchäfte des kleinen Haushalts zu beſorgen, folgte er ihr und redete ſie an. Was er ſagen konnte, erräth man ohne daß man es zu wie⸗ derholen brauchte; aber was wir nicht mit Still⸗ ſchweigen übergehen können, iſt die Thatſache daß die Gefühle welche Herr Batifol ausdrückte ſo grell gegen ſein eigenes Geſicht und ſeine Paviansfigur abſtachen, daß die Blonde ein Gelächter aufſchlug woran ſie beinahe erſtickte. Mit der Unklugheit der Jugend konnte ſie ſich das Vergnügen das der galante Ciſelirer ihr ver⸗ ſchaffte nicht verſagen. Man darf der Blonden dieſe kurze Verirrung nicht verübeln, denn ſeit Herr Bati⸗ fol ſich in den Kopf geſezt an den Ufern der Marne eine Stadt zu gründen, waren dieß die einzigen hei⸗ tern Augenblicke welche die Enkelin des Fiſchers ge⸗ kannt hatte. Aber die Heiterkeit des jungen Mädchens, die Herr Batifol für eine Aufmunterung nahm, hatte zur Folge daß er ſich beinahe gerade hielt, die Müze ſchief aufs Ohr ſezte, die Arme ſchlenkerte und ein Vaudevilleliedchen trällerte wenn er ſpazieren ging. Es war klar daß er unternehmend werden ſollte. 125 Eines Abends war Huberte ausgegangen. Ob⸗ ſchon man ſich in der ſchönſten Frühlingszeit befand, war doch der Tag kalt und feucht geweſen, und Pechvogel, der vom frühen Morgen bis in die ſpäte Nacht auf der Marne geblieben, trocknete ſein Wams an einem Feuer von Strauchwerk das er geſammelt hatte; eine am Herd hängende Lampe beſchien die rauchigen Wände des Zimmers ſo ſchwach, daß man die Möbel, die Geräthſchaften und die beiden Betten mit den grünen Sarſchbaldachinen nur dann zu er⸗ kennen vermochte, wenn das Feuer irgend ein trocke⸗ nes an den Zweigen gebliebenes Blatt ergriff und im Herd aufflammte. Der Alte, der beide Hände über dem Herd lie⸗ gen hatte, ſchien träumeriſch und war es auch in der That, als auf einmal ein Getöſe von haſtigen Tritten die von außen kamen ihn aufſchauen machte. In demſelben Augenblicke meinte er einen erſtickten Schrei zu hören und darin die Stimme ſeiner En⸗ kelin zu erkennen. Offenbar war Huberte irgend ein Unfall zuge⸗ ſtoßen. Den Alten überfuhr es eiskalt. Er ſprang mit ſolcher Haſt auf, daß er den Schemel worauf er ſaß umwarf, und lief nach der Thüre. Aber kaum hatte er zwei Schritte gethan als die Thüre ſich öffnete und Huberte eintrat. . Sie ſchien ſehr aufgeregt; augenſcheinlich hatte ſie ſich vor Angſt außer Athem gelaufen. Einmal im Zimmer, ſtieß ſie den Riegel der Thüre mit einer eigenthümlichen Lebhaftigkeit vor und warf ſich ihrem roßvater in die Arme.. 126 — Was haſt Du, Blonde?... Was iſt ge⸗ ſchehen?... Was hat man Dir gethan? ſagte der Alte mit der ganzen Angſt die dieſe ungewohnte Pantomime bei ihm hervorrief. Dann aber ſchien ihm plözlich ein Licht aufzu⸗ gehen, und ohne die Antwort des jungen Mädchens abzuwarten, gleich als hätte er geahnt daß ſie einem Schimpf ausgeſezt geweſen ſei, rannte er mit jugend⸗ licher Lebhaftigkeit ans Ufer hinaus. Das Ufer war verlaſſen; der Wind pfiff und warf die Wogen des Fluſſes empor, die im Schatten flimmerten, während die bewegliche Silhouette der Bäume ſich bog und wieder emporrichtete. — Ach kommt doch ins Haus zurück, Großvater! ſagte Huberte, die dem Greiſe gefolgt war und ihn ſanft am Kittel zupfte; was wollt Ihr in die⸗ ſer Stunde und bei einem ſolchem Wetter da außen ſuchen? — Ha, wenn ich den Kerl finde den ich ſuche! murmelte der Fiſcher, indem er mit drohender Miene die düſtere Maſſe des Batifolſchen Hauſes betrachtete, bis zu welchem er vorangegangen war. Wenn ich ihn finde, ſo zerreiſſe ich ihn, ſo wahr der heilige Franciscus mein Schutzpatron iſt. Siehſt du, dieſe Hand da— und er zeigte ſeine linke Hand— genügt um den Hund zu zermalmen. Dann fuhr er mit geſteigerter Stimme fort: — Aber wo verbirgt er ſich denn, der Elende? Sprich, ſagte er raſch, indem er ſich gegen ſeine Enkelin wandte, warum haſt Du ſo eben geſchrieen? Warum biſt Du ganz angſtvoll heimgekommen? Huberte zögerte. Franz Guichard, welchen die 127 Verlegenheit des Mädchens in ſeinem Argwohn be⸗ ſtärkte, näherte ſich der Batifolſchen Hausthüre und erſchütterte ſie mit einem ſo furchtbaren Fauſtſchlag, daß das junge Mädchen plötzlich den Muth zu lügen fand, der ihr bisher gefehlt hatte. — Vater, ſagte ſie, ich habe mir in meiner Dumm⸗ heit ſelbſt Angſt gemacht. — Angſt?... Du Angſt?... Du, die du ganze Nächte zu meinen Füßen im Boote geſchlafen haſt? — Ei warum hätte ich denn ſonſt Angſt haben ſollen, da Niemand auf der Straße iſt? — Ach ja, ja, ich ſeh es wohl daß Niemand da iſt; der Schlingel iſt heimgegangen und hat ſich hinter ſeinen vier Wänden verkrochen. Ha! aber ich werde ihn ſchon aus ſeinem Dachsbau herauszubringen wiſſen, und wenn ich das Haus Stein für Stein einreiſſen müßte. — Aber es ſind ja eben ſo wenig Bewohner in dem Hauſe als Leute auf der Straße ſind; man ſieht an keinem Fenſter ein Licht. — Schon gut. Als wir vor kaum einer Stunde nach Haus kamen, glänzten alle dieſe Fenſter wie St. Johannisfeuer. — Das iſt möglich, aber ſeit einer Stunde wird Herr Batifol nach Paris zurückgereist ſein. Dann ſchien ſie ſich zu ſchämen daß ſie auf die Unterſtellung des Alten einging, und fügte hinzu: — Aber was könnt Ihr denn denken, Groß⸗ vater? Pechvogels Antwort beſtand darin daß er einen Stein ſuchte um damit Batifols Thüre einzuſchlagen. 128 Dieſe Demonſtration erſchreckte Huberten. — Großvater, rief ſie, Großvater, was macht Ihr? Ich ſchwöre Euch... Der Greis ſchaute das Mädchen an. Huberte hielt inne. — Nun wohl, Blonde, ſagte er, ich warte da⸗ rauf daß Du mir ſagſt was Du mir ſchwören willſt. Und die Sanftmuth mit der er dieſe Worte aus⸗ ſprach, contraſtirte ſeltſam mit der Heftigkeit auf welche ſie folgte. Das Mädchen ſchlug die Augen nieder und blieb ſtumm. n Pechvogel ſchüttelte den Kopf und ließ ſeinen Stein allen. Dann nahm er Huberte bei der Hand und zog ſie in die Hütte, nachdem er gegen das Haus Bati⸗ fols, wie wenn die Steine und Ziegel ihn hätten hören und gleich dem Schilfrohr des Königs Midas die Worte nachſprechen können, gerufen hatte. 8 Du ſollſt beim Warten nichts verlieren, Hal⸗ unke!. VIII. Am Herd. Als ſie am Herd beiſammen ſtanden, ſtellte Pech⸗ vogel den Schemel den er umgeworfen hatte wieder auf ſeine drei Füße, ſetzte ſich darauf, nahm Huberte bei beiden Händen, zog ſie an ſich und ſagte: — Meine Tochter, deine Mutter und deine Groß⸗ mutter ſind geſtorben ohne je gelogen zu haben. cC2SBSSSSS=Oͤ al 129 Ein ſchwerer Seufzer welchen Huberte begonnen hatte, endete mit einem Schluchzen und war ihre ganze Antwort. — Nun, nun, Du mußt nicht weinen, ſagte Pech⸗ vogel, indem er ſie auf ſeinen Schoß nahm, während das junge Mädchen ihren Kopf am Kittel des Alten verbarg. Du mußt nicht weinen, Blonde. Du, wür⸗ deſt mir Zweifel an Dir ſelbſt erregen, und doch, beim Andenken an die Todten die uns hören, bin ich bereit jeden Augenblick einen heiligen Eid zu thun daß Du Dir nichts vorzuwerfen haſt. Komm, ſag mir die Wahrheit; dieſer Lump von einem Stadtherrn hat Dich verfolgt? beſchimpft vielleicht? Geſteh' es nur, ich bins überzeugt. Als Du ausgingſt, Du magſt's nun glauben oder nicht, da war ich unruhig, aufgeregt; etwas in meinem Innern ſagte mir daß eine Gefahr Dich bedrohe; komm, ſprich! Er wird Dir irgend eine Galanterie geſagt haben? der Hallunke! Ich hatte es wohl bemerkt daß er Dich mit Augen anſah die nicht natürlich waren. Aber um Gottes⸗ willen, antworte mir doch! drängte der Greis, als er ſah daß ſeine Enkelin in ihrem Schweigen beharrte. Du ſchweigſt aus Freundſchaft gegen mich, ich weiß es wohl; Du fürchteſt den armen alten Mann zu erbittern, welcher Dein einziger Vertheidiger auf der Erde iſt; aber ſei ohne Sorgen, Blonde; das Herz wird nicht grau wie die Haare oder runzlich wie die Stirne, und obſchon ich heute nicht mehr bin was ich vor dreißig Jahren war, ſo mache ich mir doch aus dieſem albernen Geſellen ſo wenig als aus einem Weißfiſchchen. Dumas, Pechvogel. 9 130 — Großpater, wagte die Blonde zu ſagen, nehmt Euch in Acht, Ihr werdet mit dieſem Manne Streit bekommen. — Ah, der Hallunke! verſetzte Franz Guichard, als er ſah daß ſein Argwohn ihn nicht getäuſcht hatte; ha, dieſe Hechtsſchnauze! Er wird mir in die Hände kommen, ich ſage weiter nichts als das. Es iſt bald ein Jahr daß ich mich gedulde, daß ich alle ſeine Niederträchtigkeiten ertrage, daß ich ſtumm bleibe wie ein Karpfen, wenn man mir meine Luft und meine Ausſicht ſtiehlt, wenn man mir meine Netze durchſucht, ſie zerreißt und zu Grunde richtet durch den Haken den ſie im Fluß herumſchleppen, weil ſie in ihrer Dummheit nicht damit umzugehen wiſſen. Nun wohl, er ſoll mir das Alles büßen; er iſt Schuld daran daß man das ganze Land verderbt, daß eine ſonſt friedliche und ehrliche Gegend jetzt einer Räuberhöhle gleicht, und er möchte mir auch noch meine Tochter rauben. Er taſtet mir mein Kind, meine Huberte an; aber Millionendonnerwetter, ich müßte ſo wenig ein Herz haben wie ein Weißfiſchchen, wenn er mir nicht meine Fiſcherſtange bis ans Heft verſchlingen ſollte; laß mich nur machen, Blonde, Du ſollſt ſchon ſehen. So ſprechend ſuchte Pechvogel Huberte aufzuheben und auf den Boden zu ſtellen um hernach ſeine Drohun⸗ gen auszuführen; aber das junge Mädchen umſchlang ihn noch heftiger, drückte ihre friſchen Lippen auf die verwitterten Wangen des Alten und ſagte: — O nein, Großvater, bleibet ruhig, ich bitt' Euch darum. — Nein laß mich los, Blonde; ich muß ihn ſo⸗ 1 S——— —D—j 131 gleich züchtigen, ſonſt fängt er morgen von Neuem an, der Tagdieb! — Ich ſoll Schuld ſein daß Euch etwas Schlim⸗ mes paſſirt, daß Ihr das Opfer ſeiner Brutalitäten werdet? Niel rief Huberte, indem ſie ungeduldig auf den Boden ſtampfte; ich will Euch erzählen was vorgefallen iſt, und Ihr werdet ſehen, Großvater, daß Ihr nichts Beſſeres thun könnt als die Reden eines ſolchen Menſchen zu verachten und über ſeine Gri⸗ maſſen zu lachen, wie ich bis auf den heutigen Tag gethan habe und auch in Zukunft zu thun ver⸗ ſpreche. — Wer über ſich ſelbſt lacht, der gibt ſeinem Nächſten Gelegenheit zu lachen, ſagte Pechvogel ernſt⸗ haft, indem er ſeinen Kopf aufwarf. Hätteſt Du niß geſezt, ſo brauchteſt Du jezt nicht um mich in Angſt zu ſein. Noch einmal, halte mich nicht zurück, Huberte, und zwing mich nicht zum erſtenmal zu Der Vorwurf den Pechvogel ſeiner Enkelin machte, war richtig. Er lähmte auch ihre ganze Entſchloſſen⸗ heit. Sie glitt vom Schoße ihres Großvaters hinab, kauerte ſich vor dem Schemel zuſammen und lehnte ihren Kopf daran, indem ſie mit einer kläglichen Stimme, deren Gewalt über liebende Herzen die Weiber in allen Lebenslagen kennen, murmelte: — Mein Gott! mein Gott! wie unglücklich bin ich! Franz Guichard, der auf die Thüre zuſchritt, blieb ſtehen, warf auf Huberte einen Püist doll un⸗ 132 ausſprechlichen Mitleids, ſezte aber nichtsdeſtoweniger ſeinen Weg fort. Das Rädchen ſprang auf, lief an die Thüre und ſtellte ſich vor dieſelbe.. — Nein, Großvater, ſagte ſie, ich laſſe Euch nicht hinausgehen. Ihr habt Recht, ich bin ein ein⸗ fältiges Ding geweſen, daß ich mich an den Dumm⸗ heiten dieſes alten Narren, an den lächerlichen Gri⸗ maſſen womit er mich anſchaute ergözte. Ich habe Unrecht, ich gebe es zu; aber ſeht, Großvater, wir haben wenig Zerſtreuung im Hauſe, und ich hielt es nicht für ſehr gefährlich wenn ich mich über dieſen garſtigen buckeligen Kerl luſtig machte. Auch iſt das Unglück bis jezt nicht groß, aber ich könnte mich über meinen Leichtſinn nicht tröſten wenn er Euch ein Unglück oder eine Beleidigung zuzöge; Ihr ver⸗ langet doch nicht daß ich einen Augenblick der Un⸗ vorſichtigkeit mein ganzes Leben hindurch bewei⸗ nen ſoll? Dann, als ſie ſah daß ſie Boden gewann und daß Pechvogel bedenklich wurde, fuhr Huberte fort: — Wenn Ihr Euch wegen einiger ungezogener Worte die dieſer Dummkopf zu mir ſagte einen Streit zuzöget, ſo würde ich Euch noch immer lieben, denn ſeht Ihr, es wäre mir unmöglich Euch nicht zu lieben; aber ich würde Euch nicht mehr ſagen daß ich Euch liebe, ich würde nicht mehr mit Euch ſprechen, und Ihr müßtet jeden Abend ins Bett gehen ohne Eure ſechs Küſſe empfangen zu haben, Ihr wißt ja, zwei für Eure Frau, zwei für meine Mutter und zwei für mich. Der lebhafter gewordene Widerſchein vom Herde iger hüre Luch ein⸗ nm⸗ Bri⸗ abe wir es eſen das nich zuch ver⸗ Un⸗ vei⸗ und ort: ner nen den, icht en ch Zett den, eine erde 133 beglänzte in dieſem Augenblick Hubertens Geſicht, welches die Rührung mit Purpur übergoß, während noch immer Thränen ihren Augen entſtrömten. Nun waren ihre Thränen, das wußte ſie, allmächtig über das Herz des Fiſchers, und der Eindruck welchen der Schmerz ſeiner Enkelin auf ihn machte, ließ ſich ohne Mühe aus ſeiner unſchlüſſigen Haltung er⸗ rathen. — CEi warum nicht gar? begann Huberte wie⸗ der, das wäre viel zu viel Chre für dieſen Herrn Batifol, wenn Ihr Cuch ernſtlich über ihn erzürnen wolltet. Seht, Großvater, fuhr ſie fort, indem ſie ihn mit einer leichten Anſtrengung zu ſeinem Schemel zurückführte und ganz unaufgefordert ihre erſte Haltung auf ſeinem Schoße wieder einnahm, wir wollen uns über ihn luſtig machen, das iſt alles was er ver⸗ dient. Er hat mich zweimal am Ufer angeredet, nicht wahr? Nun wohl, ich habe kein Wort von Allem behalten was er ſagte, aber ich habe auch keine Falte in ſeinem Geſichte vergeſſen. Er wollte lächeln als er zu mir ſprach; wißt Ihr wem er da gleich ſah, Großvater? Dem Hanswurſt den Ihr mir geſchenkt als ich klein war, und der zwiſchen ſeiner Naſe und ſeinem Kinn Nüſſe zerknackte. Und Huberte verſuchte mit noch thränenfeuchten Augen die groteske Pantomime Batifols nachzuahmen, aber Pechvogel blieb ernſthaft, obſchon er die reine Stirne und die blonden Haare des jungen Mädchens, das ſich auf der Höhe ſeiner Lippen befand, mit Küſſen bedeckte. — Höre, Blonde, ſagte er in ernſtem, aber ſanſtem Tone zu ihr, ich will Dir keinen Vorwurf 134 machen; ich will Dich bloß vor Dir ſelbſt warnen. Du lachſt gern; das Vergnügen lockt Dich wie der Köder den Weißſiſch. Daran iſt nichts Böſes, mein Kind. Sieh, Deine arme Großmutter z. B., die ſang vom frühen Morgen bis zum Abend, gerade wie eine Lerche. Es verging kein Decadi ohne daß ſie auf den Ball von Chennevidre ging. Nun wohl, Gott kann mir noch heute bezeugen daß ſie immer tugendhaft war. Aber die Zeiten haben ſich ſehr geändert, ſiehſt Du, Blonde. Wir Bauern lebten damals unter uns, und die öffentliche Verachtung ſtrafte denjenigen der ein Mädchen zu Schaden ge⸗ bracht hatte. Jezt kommen die jungen Mädchen mit den Pariſern zuſammen, von denen man nicht weiß woher ſie kommen und wohin ſie gehen. Die Brach⸗ ſen, Schleien und Karpfen ſind geſcheidter; ſie ziehen truppenweiſe aus und miſchen ſich nicht unter die Barſche und Hechte, für welche ſie nur ein Biſſen wären. Mache es wie ſie, Huberte; es iſt nicht lu⸗ ſtig mit einem Greis zuſammenzuleben, der immer nur von den Dingen und Leuten ſpricht die nicht mehr ſind, den ganzen Tag hart zu arbeiten, den Wind, die Kälte und die Näſſe auszuhalten; das kann Dich drücken, Blonde, ich begreife es. Nun wohl, fügte der Alte mit einem Seufzer hinzu, Du mußt einen braven Burſchen wählen und zum Manne nehmen. Ich hatte gehofft Dich mit einem vom Fach verheirathen und euch beiden den Strich abtreten zu können. Er iſt gut, der Stri„ und wenn man ſein Garn gehörig zu legen weiß, wenn man nicht den Krampf in den Händen hat und wenn man das Gras herauszureißen verſteht, ſo kann man auf ſchöne 1 13⁵ Züge hoffen. Aber auch das Handwerk geht zu Schanden wie alles Uebrige, wie die Wälder, die Felder und die Wieſen; der Pariſer reißt heut zu Tage Alles an ſich, und ich begreife daß ein junger Mann von Herz ſich nicht entſchließen kann, mitten unter den Orgien und dem Teufelslärm den man Tag und Nacht hört, auf dem Waſſer zu arbeiten. Dieſe lezten Worte hatte Franz Guichard mit einer erſtickten Stimme geſprochen, wobei ihn weit mehr der Gedanke an eine Trennung von ſeiner Enkelin als die Betrachtung über die traurige Lage ſeines Berufs betrübte. — Großvater, verſezte Huberte in koſendem Tone, welcher dem wahren Gedanken des Alten ent⸗ ſprach, man kann ein wenig leichtſinnig ſein und doch in der Welt noch nie etwas anderes gewünſcht haben als immer bei Euch zu bleiben. Ich verſichere Euch, der ſchönſte Pariſer von der Welt(Ihr be⸗ greift daß hier nicht von Herrn Batifol die Rede iſt) könnte mich nie einen Augenblick denjenigen ver⸗ geſſen machen deſſen Liebkoſungen dem Herzen ſo wohl thun. — Es iſt gleich, erwiderte der Alte, ich werde dafür ſorgen daß es nicht gar zu lange daure: und Du, Blonde, ſorge Du Deinerſeits dafür daß ich unſern beiden Vorangegangenen, wenn ich ſie droben wieder ſinde, ſagen kann, ich habe unſer Kind als ein rechtſchaffenes Mädchen und im Begriff ein recht⸗ ſchaffenes Weib zu werden zurückgelaſſen. Mein Gott! mein Gott! wenn es ſich anders verhielte, was ſollte aus mir werden? rief der Greis mit un⸗ ausſprechlicher Seelenqual, wie wenn ſeine Vermu⸗ 136 thung irgend eine Begründung gehabt hätte, und als ſtände er plözlich vor dem Richterſtuhl der bei⸗ den Mütter. Huberte entfernte die Hände womit der Groß⸗ vater ſein Geſicht verhüllt hatte. Sie küßte ihn, be⸗ deckte ihn mit Schmeicheleien, machte ihm ihr luſtig⸗ ſtes Geſicht, und endlich gelang es ihr wenigſtens für den Augenblick ſeine Traurigkeit zu verſcheuchen. Ihre gewöhnliche Stunde des Schlafengehens war längſt vorüber. Franz Guichard hüllte ſich in ſeine grünen Sarſchevorhänge und ging zu Bette, während Huberte vor einem an der Wand hängen⸗ den hölzernen Crucifix niederkniete und ihr Gebet ver⸗ richtete. Als ſie geendet hatte und ſich nun ebenfalls nie⸗ derlegen wollte, bemerkte ſie daß der Greis in großer Aufregung ſich beſtändig in ſeinem Bette hin und her wälzte. Huberte näherte ſich ihm und hob den Sarſche⸗ vorhang in die Höhe. — Großvater, ſagte ſie, ich habe meine Beichte noch nicht vollendet. — Ach, barmherziger Gott! rief Pechvogel, in⸗ dem er auf ſeiner Matraze emporfuhr. — Ich habe mich, fuhr das junge Mädchen fort, ſoeben bei Gott wegen einer Sache angellagt die ich für eine ſchwere Sünde halte; aber ich glaube daß ich nicht ruhig ſchlafen könnte, wenn ich Euch nicht dasſelbe Geſtändniß ablegte. — Nun ſo ſprich, ſprich doch, unglückliches Kind! ſagte der Greis, deſſen Geſicht in Schweiß gebadet war. — 137 — Großvater, ich habe meine Aufwallung ge⸗ habt wie Ihr die Eurige hattet; nur habe ich mich, da ich kein verſtändiges kleines Mädchen bei mir hatte das mich daran verhinderte, von meinem Zorn hinreißen laſſen; ich habe einen Menſchen geſchlagen. Hubertens Phyſionomie drückte eine ſo comiſche Zerknirſchung aus, daß jeder Andere als Pechvogel nicht hätte ernſthaft bleiben können. Ein Lächeln verſuchte ſich auf die Lippen des Alten zu ſtehlen, aber ſie hatten dieſe Gewohnheit verloren und ihre Zuſammenziehung brachte nur eine Grimaſſe zu Stande. — Ha, ha! Und wer war dieſer Menſch? fragte er. — Nun, natürlich Herr Batifol, antwortete Huberte.⸗ — Alſo? — Ich habe ihm eine Ohrfeige gegeben! — Hal! Aber doch gewiß eine aus dem Ff? — Ich glaube wohl, die Hand thut mir noch weh davon, ich glaube daß ich mir die Fauſt aus⸗ gerenkt habe; werdet Ihr mir verzeihen? Statt aller Antwort ſchloß Franz Guichard ſein Kind in ſeine Arme und entſchlief ganz ſelig in dem Bewußtſein daß der an ſeiner Tochter begangene Schimpf nicht ungerächt geblieben ſei. Der arme Aite hatte keine Ahnung von dem Sturm welchen dieſe unglückſelige Ohrfeige über ſein Haupt herbeiführen ſollte. 138 IX. Die Wiedereröffnung. Herr Batifol hatte ſchlechterdings keinen Grund an Tugend zu glauben; er war vollſtändig und ganz aufrichtig überzeugt daß die Tochter des armen Fi⸗ ſchers ſichs zur größten CEhre ſchäzen würde Gegen⸗ ſtand der Bevorzugung eines Mannes zu ſein der 5 ſelbſt den reichſten Bürger von Varenne genannt atte. Er hatte ſich mit dem erhabenen Selbſtvertrauen der Dummheit ans Werk gemacht. Die Enttäuſchung war ſchrecklich. Wenn Hubertens zierliche Hand das Geſicht des alanten Ciſelirers nicht ſtark beſchädigt hatte, ſo hatte ſie dagegen ſeiner Eigenliebe eine tiefe Wunde geſchlagen. Die Eigenliebe vertritt die Stelle des Herzens bei den Leuten die keines haben. Während alſo Pechvogel friedlich ruhte, brütete ſein reicher Nachbar über den ſchrecklichſten Rache⸗ plänen. Die Arbeit ſeines Geiſtes war um ſo mühſamer, als die Rache, um in Herrn Batifols Augen zur Götterwonne zu werden, eine weſentliche Bedingung 1 zu erfüllen hatte. Sie mußte möglichſt wenig Koſten verurſachen. Leute dieſer Art haben, ſo wenig ſie auch der liebe Gott nach dem Muſter des Antinous zuge⸗ ſchnitten hat, die Anmaßung um ihrer ſelbſt willen geliebt werden zu wollen; man darf daher auch 139 nicht erwarten daß ſie ſich bei Befriedigung eines Grolles als Verſchwender zeigen. Nach zehnſtündiger Schlafloſigkeit glaubte der Ci⸗ ſelirer gefunden zu haben was er ſuchte; er ſtand auf ſobald es Tag wurde und ging zu Herrn Pa⸗ deloup. Herr Padeloup war die ganze Woche über ein Fayencehändler der Place royale; am Sonntag wurde er enthuſiaſtiſcher Liebhaber der Pomologie. Obſchon es kaum ſechs Uhr war, befand er ſich be⸗ reits in ſeinem Garten und betrachtete mit Wonne⸗ gefühl die langen dünnen Reiſer ſeiner Birnbäume, deren roſenfarbige Perlen aus ihren gelblichen Scha⸗ len hervorzukommen anfingen. Herr Padeloup ließ Herrn Batifol keine Zeit das Wort zu ergreifen; er erfaßte ſeine Hand und rief auf ſeinen Baum deutend: — Da ſehen Sie, mein Herr, welche Pflanzung! Wenn man bedenkt daß dieſes Ding juſt ein Jahr hat! Aber welche Verheißungen, ſehen Sie doch, Herr Batifol, welche Verheißungen! Ich habe die Knospen numerirt, mein Herr, und ich darf wohl ſagen, dieſe Arbeit hat mir einige Mühe gemacht; es ſind ihrer ſiebzehn an dieſem einzigen Büſchel. Begreifen Sie das, Batifol? Siebzehn Birnen wo⸗ von die kleinſte größer wird als ein Kindskopf, wie der Gärtner mich verſichert hat! Herr Batifol machte ein Hm das der enthuſia⸗ ſtiſche Baumzüchter für einen Ausruf der Bewunde⸗ rung nehmen konnte; und während dieſer ſodann in ſeiner Einbildungskraft die köſtlichſten Früchte ſich munden ließ deren Erſtlinge er discontirte, brachen 140 beide zugleich in Lobeserhebungen über den Grund nins Boden aus der ſolche Wunder zu Tage fördern ſollte. Um ſich ſodann von ſeinem Gaſt nicht überflügeln zu laſſen, gerieth er in Ertaſe vor einem jungen Beſenſtiele der, laut der Etikette an einem ſeiner Zweige, die ſtolze Abſicht hatte mit der Zeit ein Pflaumenbaum zu werden. Herr Batifol wußte aus Erfahrung daß keine Schmeichelei dem Herzen ſeines Nachbars ſo wohl thun konnte, und er hörte, mit einer Geduld welche den Maßſtab für das ganze Intereſſe gab das er hatte ihm zu gefallen, Alles an was Herr Padeloup nicht bloß über die voraus⸗ ſichtlichen Vorzüge ſeiner Bäume, ſondern auch über den Preis den er dafür bezahlt, ſowie über all die merkwürdigen Umſtände welche ihren Ankauf, ihre Pflanzung und ihren erſten Trieb bezeichnet hatten, zu erzählen beliebte. 1 So legten ſie zwei Drittel des Gartens zurück und kamen an einen Ort wo er enger wurde und wo die Mauer einen Winkel machte.„ Herr Padeloup war ein zu großer Enthuſiaſt für die harmoniſchen Verhältniſſe der geraden Linie, als daß er ſeinem Gehege freiwillig dieſe Form gegeben hätte. Das Ende des Gartens von Franz Guichard war es wodurch das von dem Fayencefabricanten er⸗ worbene Terrain entzwei getheilt und ſein Enſemble zerſtört wurde. 1 Als pfiffiger Unterhändler hatte Herr Batifol ſeinem Freund, als dieſer den Wunſch ausgeſprochen Grundbeſizer in Varenne zu we den, eingeredet daß der Fiſcher ſich nie weigern würde die wenigen Me⸗ 141 ter Grund und Boden abzutreten die zur Aufführung einer beabſichtigten Mauer nöthig wären. Aber die Sache hatte ſich ganz anders geſtaltet. Pechvogel liebte die Pariſer und ihre Mauern viel zu wenig um zur Erbauung der lezten beizu⸗ tragen und den erſten angenehm ſein zu wollen. Er wies hartnäckig alles zurück was der Fayencefabri⸗ cant ihm bieten ließ. Dieſe unvollendete Mauer war die Verzweiflung des Herrn Padeloup, ſein Alp. Er verbrachte ganze Stunden, in ſchmerzliche Betrachtung verſunken, vor dieſer ſo unangenehmen Form ſeiner Mauer; er träumte jede Nacht davon. 2 Gleichwohl entſagte er, wie alle Leute die ein Steckenpferd haben, der Hoffnung noch nicht eines Tags das ſeinige beſteigen zu können; er ſchmeichelte ſich mit dem Gedanken, irgend ein Ereigniß würde ſein Geländer zu Ehren bringen und das was er als eine ſchreiende Ungerechtigkeit des Schickſals an⸗ ſah gut machen; er ließ daher in einer ſolchen Vor⸗ ausſicht die am Fuß dieſer Mauer gelegenen Rabat⸗ ten unangebaut und unbepflanzt. Herr Batifol kannte dieſe Schwäche; auf ſie ge⸗ dachte er zu ſpeculiren. Er deutete mit dem Finger auf dieſe breite, weiße Fläche an welcher ſich zwei magere Weinreben hinauf⸗ krümmten. 3 e. Wie Schade! ſagte er im Tone tiefen Mit⸗ eids. 3 Herr Padeloup machte Echo mit einem ſchweren Seufzer. — Wie Schade! wiederholte Herr Batifol. 142 — Ach ja, jügte der Fgyencefabricant hinzu, in⸗ dem er auf einmal über ſeinen Freund hinausſchritt. Uebrigens, bemerkte er noch mit einem gewiſſen Aerger, übrigens ſind Sie ſelbſt daran Schuld, Herr Batifol! — Ich! rief der Ciſelirer mit ſchmerzlichem Er⸗ ſtaunen. — Zum Henker, hätten Sie mir vorausgeſagt daß ich es nicht mit einem Menſchen zu thun haben würde, ſondern mit einem Holzkloz, ſo widerſpenſtig wie das Holz aus dem man ſein Schiff gemacht hat, dann hätte ich mich noch einmal beſonnen und mein Haus zehn Schritte weiter hinweg geſtellt. Batifol zuckte die Achſeln. — Aber nun will dieſer Kerl weder für Silber noch für Gold verkaufen, heulte Padeloup, deſſen Schmerz mit erneuter Bitterkeit erwachte. — Ei, wenn er einmal todt iſt, ſo wird ſeine Tochter dieſes Häuschen nicht behalten wollen, das ihr Nichts eintragen würde, während ſie vom Erlöſe daraus leben könnte. — Aber er kann noch zehn, noch fünfzehn Jahre leben, dieſer alte Froſchhändler; der Kerl iſt aus Quaderſtein gebaut; er kann mich begraben, mein Herr, ich kann ſterben ehe ich dieſer Mauer die Form geben konnte zu welcher ſie, wie mich dünkt, wohl berechtigt iſt. — Bah! Weil Sie weder Thatkraft noch Ge⸗ wandtheit beſizen! 4 4 Herr Padeloup täuſchte ſich über die Abſicht ſei⸗ nes Freundes. 3 — Herr, verſezte er Entrüſtung die ——*--r--xã 143 ſeine dicken Backen auftrieb und ſein dreifaches Kinn in Bewegung ſezte, ich bin ein ehrlicher Mann; ich verabſcheue den alten Guichard, das iſt wohl wahr; er hat mir ſo viel Leid zugefügt, daß ich mich be⸗ rechtigt glaube nicht zu weinen wenn der Vergifter meines Glückes einmal ſterben wird, aber dieſen Tag durch ein Verbrechen um eine Stunde oder auch nur um eine Minute ſchneller herbeizuführen, deſſen bin ich unfähig. — Wer ſagt Ihnen von einem Verbrechen? Ob er ſtirbt oder die Gegend verläßt, das kommt für Sie aufs Gleiche heraus, denn im einen wie im andern Falle iſt er genöthigt das Grundſtück wegzu⸗ geben deſſen Sie bedürfen. — Allerdings! Nun wohl? — Nun wohl! Wenn ich Padeloup hieße, wenn dieſer Winkel mir am Herzen läge, ſo hätte Franz Guichard mir ſchon vor ſechs Monaten den Plaz überlaſſen müſſen. — Wie ſo? — Dieſer Mann hat keine andern Subſiſtenz⸗ mittel als ſein Häuschen das ihm nichts einträgt, und ein Stück Weinberg das nicht genug abwirft um zwei Perſonen zu ernähren. Ueberdieß iſt der Fiſchfang für ihn eben ſowohl eine Liebhaberei, ein Bedürfniß als ein Gelderwerb. Nehmen Sie ihm den Fiſchfang, ſo iſt er genöthigt zwiſchen dem Elend, ſeiner Leidenſchaft und ſeiner Anhänglichkeit an dieſe arake zu wählen; ſeine Wahl kann nicht zweifel⸗ bunt ſein, und dann können Sie Ihre Mauer auf⸗ ühren. — Aber wie zum Teufel kann ich ihm das Fi⸗ 144 ſchen verwehren? ſagte Herr Padeloup, indem er ſich verzweiflungsvoll vor die Stirne ſchlug. — Indem Sie es ſelbſt treiben. — Ich! Ich! Ich weiß ja nicht einmal ob eine Angel den Fiſch an der Schnauze oder am Schwanze ackt. 1— Seien Sie ruhig; um Ihnen dieſes Recht zu geben, wird man Sie kein Examen beſtehen laſ⸗ ſen; wenn Sie nur den Pachtpreis bezahlen, ſo ver⸗ langt die Regierung weiter nichts von Ihnen. Herr Batifol erklärte jezt ſeinem Nachbar und Freund daß der Staat als Eigenthümer der Flüſſe und Bäche die Erzeugniſſe derſelben an den Meiſt⸗ bietenden und Zuleztdraufſchlagenden verpachte; daß Franz Guichard in der Marne nur in Folge der Duldung des gegenwärtigen Pächters fiſche, der ein durch die Zeit geheiligtes Recht in ihm reſpectire; daß aber die Zeit deſſelben demnächſt zu Ende gehe und daher ein neuer Zuſchlag erfolgen müſſe. Er ſolle alſo mit ihm bei dem Aufſtreich anſtehen; wenn ſie einmal Herren des Pachts ſeien, ſo ſtehe es ihnen frei dieſe althergebrachte Milde abzulegen, die er nun ohne alles Weitere als mißbräuchlich und un⸗ moraliſch erklärte, und das Land von dieſem Ver⸗ wüſter des ſüßen Waſſers zu befreien.— Herr Padeloup erſchrack ein wenig über den Macchiavelismus des Plans der ſich vor ſeinen Augen entrollte, aber er war bei ſeinem Gelingen zu ſehr intereſſirt als daß er ihn nicht ſogleich hätte begrei⸗ fen und nach Gebühr würdigen ſollen. Wenn er nicht augenblicklich ſeine Zuſtimmung ertheilte, ſo geſchah es nicht weil etwa die Idee ———— —̃ 4———-— 145 einem armen Mann ſein Brod rauben zu helfen in der Seele dieſes ſtarren Beobachters der Geſeze den mindeſten Scrupel erregt hätte; nein, er antwortete bloß darum nicht ſogleich, weil die Principien der Ordnung und Sparſamkeit in ſeinem Herzen mit ſeiner zärtlichen Vorliebe für die Regelmäßigkeit der Linien kämpften. Herr Batifol machte dem Fayencefabricanten den Vorſchlag noch eine dritte„ erſon für dieſes ſchöne Werk zu intereſſiren; er verſprach Herrn Berlingard hiefür zu beſtimmen, einen bis zum Aberwiz leiden⸗ ſchaftlichen Fiſcher, der nothwendig die Antipathie theilen mußte welche Vater Guichard bei allen den⸗ jenigen erregte die einige Anſprüche auf Benuzung des Fluſſes hatten. Vierzehn Tage nach dieſer Scene wurde Herr Batifol, im Namen ſeiner beiden Freunde und als Bürge für dieſelben, in Beſiz der Jagd⸗ und Fiſcherei⸗ rechte auf dem ganzen Flußarm geſezt der ſich von Joinville bis Charenton ausdehnte. Dieß Ereigniß machte einigen Lärm in dem neuen Dorfe, es erhöhte die Hochachtung welche man einem Manne widmete der reich genug war um eine ſo bedeutende Summe auf ſeine Vergnügungen zu ver⸗ wenden. Derjenige der ſich am wenigſten darum bekümmerte, war der am ſtärkſten Bedrohte. Was lag Pechvogel daran wer der Beſizer eines Privile⸗ giums war das er als imaginär betrachtete? Der fünfzehnte Juni, auf welchen die Eröffnung des Fiſchfanges feſtgeſezt war, brach heran. Die Wilddiebstraditionen der Familie Guichard Dumas, Pechvogel. 10 146 hatten ſich um ein Starkes vermindert, als ſie auf ihren lezten Vertreter kamen. Der alte Fiſcher huldigte dem Erhaltungsprincip, und obſchon die Milde wo⸗ mit das Geſez gehandhabt wurde ihm in dieſer Beziehung jede Freiheit ließ, ſo enthielt er ſich doch ſorgfältig aller ernſten Fiſcherei während der Zeit welche der Wiedererzeugung des Fiſches gewidmet war. 3 Aber der Tag wo er zum erſtenmal ohne Zwang wieder ſeinen Beruf ausüben konnte, der Tag der Wiedereröffnung des Fiſchfanges war für ihn ein Feſttag. An dieſem Tag beſtieg er ſein Schiff in ſeinem ſauberſten Kittel und in ſeinem Sonntagshut, ein Möbel das in die zwanzig Jahre zählte und nur bei dieſer einzigen Veranlaſſung jährlich zum Vor⸗ ſchein kam. Ueberdieß verlangte er daß Huberte an dieſem Tag ein wenig Toilette machte. Das Land hatte ſeine Geſtalt und ſein Anſehen verändern können, aber Pechvogel hatte an ſeinen Gewohnheiten nichts umgemodelt. Am vierzehnten Abends, bei einem dichten Nebel, machte er ſich an das Geſchäft ſeine Reuſen zu legen, ſeine Wurfgarne auszuſpannen, ſeine Angeln auszu⸗ werfen, und am fünfzehnten in der Früh verließ er ſein Haus im erwähnten Feſtornat. Es war eine ungewöhnliche Volksmenge auf dem Ufer verſammelt. Die Herren Batifol, Padeloup und Berlingard bildeten eine Gruppe; Mathias der Fährmann, die Weinwirthe, ſeine Collegen, ſämmt⸗ liche Bewohner des ſogenannten Hafens ſtanden vor 147 ihren Thüren. Augenſcheinlich warteten all dieſe Leute auf ein großes Ereigniß.. Der Ciſelirer zeigte ſich ſeit ſeiner Zudringlichkeit gegen Huberte heute zum erſtenmal vor den Bewoh⸗ nern des Häuschens; Herr Batifol und Huberte waren einander mit gleicher Sorgfalt ausgewichen. Wenn Pechvogel an ſeinem reichen Nachbar vorüberging, runzelte er ſeine dicken Brauen und murmelte einige drohende Worte. Um den Sturm abzuwenden den ihr Großvater unvermeidlich über ſein Haupt herbeiführte, beeiferte ſich die Blonde ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen. Sie rieb ſich ſchalkhaft die Wange und trällerte leiſe ein Lied⸗ chen deſſen Refrain: giroflé, girofla lautete, eine Anſpielung auf das was zwiſchen ihr und Herrn Batifol vorgefallen war. In dieſem Augenblick erzählte Herr Berlingard ſeinen beiden Freunden ſeine Unglücksfälle. Er hatte Tags zuvor einen Aal gefangen, ihn in den Kaſten ſeines Schiffes geworfen und, nachdem er ihn auf ſolche Art in gebührenden Gewahrſam gebracht, ihm ſeine Stelle in einer beabſichtigten Matelote anwei⸗ ſen zu dürfen geglaubt; aber der ſchlaue Fiſch hatte eine Spalte in den Brettern ſeines Gefängniſſes zur Flucht benüzt, nachdem er alle Mitbewohner ſeines Kaſtens aufgefreſſen. Dies war für Herrn Berlingard der Gegenſtand einer Dichtung welche den Umfang einer Ilias zu gewinnen drohte. — Sehen Sie, ſagte er hochweiſe zu ſeinen beiden Zuhörern, Sie haben einen Hund, Sie ver⸗ lieren ihn, er kommt zurück; eine Kaze ſucht ihr 10 148 Haus, ein Vogel zuweilen ſeinen Käfig, aber der Fiſch, ſehen Sie, der hat keinen Character. Wenn man bedenkt daß dieſer Aal mir mehr als zwei⸗ hundert Grundeln und noch andere Fiſche aufgefreſſen hat und daß er nicht zurückgekehrt iſt! Troz ſeines Schmerzes hatte Herr Berlingard die Geberde der Blonden und den Blick den ſie im Vorbeikommen dem Ciſelirer zugeworfen wohl be⸗ merkt.. 3 Herr Berlingard war was man in gewiſſen Ge⸗ ſellſchaftskreiſen einen liebenswürdigen Mann nennt, d. h. ein Einfaltspinſel der ſich das Vorrecht anmaßt die Leute dadurch zum Lachen zu bringen, daß er die Dummheit der Geſellſchaft im Allgemeinen und ſeine eigene insbeſondere ans Tageslicht ſtellt. — Oh, oh, ſagte er, indem er die Hälfte ſeines Geſichtes verzog um ihm einen boshaften Ausdruck zu geben, dieſes Dirnchen da ſieht mir gerade aus, als wenn es wichtige Geſchäfte mit unſerm Freund Batifol hätte. — Was wollen Sie damit ſagen? — Daß ich zu der Vermuthung komme daß Du nicht unſere Fiſcherei vertheidigen willſt, Batifol, ſon⸗ dern vielmehr Deiner geheimen Flamme zum Siege zu verhelfen gedenkſt, Du Hauptſpizbube! — Ich begreife nicht. — Du willſt Deinem Freund ein X für ein U vormachen, Batifol, ſo viel iſt gewiß. Nach der Art wie die Kleine Dich im Vorbeikommen angelacht hat, wollte ich ſchwören daß es zwiſchen Dir und ihr etwas gibt. Debureau hat mich in die Geheimniſſe der Pantomime eingeweiht, und ich habe begriffen, 149 obſchon die Kleine ſich ihrer Hand bedient hat ſtatt ihres Fußes, was ich vorgezogen hätte, weil ſie da⸗ durch den Traditionen treuer geblieben wäre. Du haſt ihr Herz begehrt, liebenswürdiger Spizbube, und ſie hat Dir geantwortet was Pierrot dem Caſ⸗ ſander antwortet, wenn dieſer ſeinen Finger in den Conſitürentopf ſteckt: da haſt Du eins. — Ich ſchwöre Ihnen, mein lieber Berlingard. — Schwöre nicht und beſonders erröthe nicht, tugendhafter Batifol; Du biſt Franzoſe, Du haſt das Recht, ja noch mehr, Du haſt die Verpflichtung ga⸗ lant zu ſein. Iſt es nicht wahr, Padeloup? Herr Berlingard klopfte Herrn Padeloup auf den Bauch und zerſchnitt damit ein beifälliges Lächeln das dieſer angefangen hatte. — Ich billige alſo Deine Leidenſchaft, o Bati⸗ fol! Nur werde ich dem hier anweſenden Padeloup den Vorſchlag machen daß man Dir die Leitung un⸗ ſerer gemeinſchaftlichen Intereſſen entzieht. Du hoffſt, o ich habe Dich wohl durchſchaut, Männchen, Du hoffſt die Tochter zur Zärtlichkeit zu ſtimmen, indem Du den Vater quälſt. Aber wer ſagt uns daß Du Dich nicht ſelbſt durch die Thränen des Mädchens erweichen laſſen wirſt, und dann Adieu Grundeln, adien Fiſchfang! Dieſer alte Seetiger wird nach Herzensluſt unſere Geräthſchaften zerſtören und nach wie vor ſeinen Kaſten auf unſere Koſten füllen, bloß weil ſein Mädchen zwei hübſche Augen hat; ich danke ſchön, da thue ich nicht mehr mit. — Ihr werdet ſehen, rief Batifol, daß ich mit dieſem Lumpen da ganz rückſichtslos verfahre. Mathias der Fährmann hatte ſich genähert; troz 15⁵0 der Erkaltung Pechvogels gegen ihn hatte er dem alten Fiſcher die ganze Neigung bewahrt deren ein von den Kümmerniſſen des arbeitſamen Lebens be⸗ ſtürmtes Herz fähig iſt; das allgemein verbreitete Gerücht hatte ihm geſagt was dieſe Herren im Schilde führten, und er war entſchloſſen zu Gunſten ſeines Freundes einzuſchreiten. — Herr Batifol, ſagte er, indem er ſich an den⸗ jenigen der drei Leute wandte der für den ange⸗ ſehenſten galt; man behauptet, Siez haben mit Pech⸗ vogel Streit wegen der Erlaubniß. Sie müſſen auf ſeine Worte nicht achten, Herr Batifol; bedenken Sie doch daß er frei fiſchte als dieſe Pappeln noch nicht gepflanzt waren, daß Jedermann ihn auf der Marne duldete, daß er auf zwanzig Meilen der äl⸗ teſte Fiſcher in der Runde iſt; er täuſcht ſich aller⸗ dings wenn er in ſeinem Recht zu ſein glaubt, aber man muß dem Alter auch etwas zu gut halten; wir werden alle einmal alt wie er. — Das wird uns nicht hübſcher machen, wizelte Herr Berlingard. — Sagen Sie nichts zu ihm, meine Herren. Die Nachbarn und ich, wir wollen das Geld für die Erlaubniß zuſammenlegen und Ihnen bezahlen. — Behaltet Euer Geld um Eure Fähre zu be⸗ zahlen, Mathias, antwortete Herr Batifol; Euer Pacht iſt ſeinem Ende nahe, ſagt man, und Ihr dürft nicht glauben daß man Euch künftig Tauſende und Hunderte gewinnen laſſen wird, wie zur Zeit wo Ihr bloß Dummköpfe zu Concurrenten hattet. — Sammelt ein um ihm das Bürgerrecht zu 15¹1 kaufen, dann wollen wir ihm die Erlaubniß wohlfeil überlaſſen, ſagte ſeinerſeits Herr Berlingard. — Meine Herren, verſezte Mathias, der eine lezte Anſtrengung machte, bedenken Sie doch daß dieß das lezte Subſiſtenzmittel des Unglücklichen iſt; von was ſoll er denn leben wenn Sie es ihm nehmen? — E;, wir ſehen gar nicht ein warum er leben ſoll, erwiederte Berlingard geiſtreich. Während der Fährmann noch mit dieſem Lezteren parlamentirte, war Herr Batifol auf Pechvogel zu⸗ deſchritten, der ſeine Fähre von der eiſernen Kette osmachte womit ſie an das Ufer feſtgebunden war. — Herr Guichard, ſagte der Ciſelirer, deſſen Stimme eine gewiſſe Gemüthsbewegung verrieth, ob⸗ ſchon die vorhergegangene Scene nothwendig ſeinen Muth aufgefriſcht hatte, Herr Guichard, ich wünſchte ein paar Worte mit Euch zu reden. — Was kann es zwiſchen einem ehrlichen Kerl und Dir Gemeinſchaftliches geben? antwortete Pech⸗ vogel, der ſogleich im höchſten Stadium ſeines Zor⸗ nes angelangt war; ich bin da, Du kannſt jezt eine arme Dirne nicht beſchimpfen, wenn Du auch alle Güter des lieben Gottes beſizeſt und Alles nur nach dem Geldwerth beurtheilſt. — Herr Guichard, verſezte Batifol erbleichend, wenn Ihr mit Beleidigungen anfanget, dann wird es ſchlecht enden. — Wie kann etwas anders endigen wo Du Dich darein miſcheſt, ſchlechter Feilſpanhändler? komm mei⸗ nem Schiff nicht zu nah, ſonſt gebe ich Dir einen Ruder⸗ 1⁵² ſchlag der Deine Schnauze gerade ſo platt legen ſoll wie Deine Seele bereits iſt. — Ich möchte nur fragen, Herr Guichard, warum Ihr mit Geräthen verſehen ſeid die zum Fiſchfang dienen können, und mit welchem Recht Ihr auf dem von mir gepachteten Revier zu fiſchen behauptet? Herr Batifol hatte große Feierlichkeit in ſeine Worte gelegt, aber ſtatt Pechvogel zu erſchrecken, ſchienen ſie ſeine Wuth beſchwichtigt zu haben; ſein Mund öffnete ſich maßlos und ein ſchallendes Ge⸗ lächter drang aus ſeiner Kehle.. In dieſem Augenblick kam ein Vogel haſtig um die Spize der Inſel geflogen und ließ die Saphire, Topaſen und Smaragden ſeines Gefieders in der Sonne funkeln. Er ſtreifte die Oberfläche des Waſ⸗ ſers, das unter ſeiner Bruſt ſich theilte und in tau⸗ ſend Diamanten und Perlen auseinanderſtob; dann ſtieß er einen kurzen ſchrillen Schrei aus und erſchien wieder mit einem Fiſch im Schnabel. echvogel zeigte ihn Herrn Batifol mit dem Finger. — Sehen Sie dieſen Vogel an! rief er; fragen Sie ihn kraft welchen Rechtes er dieſen Fiſch ge⸗ nommen habe, und wenn Sie dieſes wiſſen, ſo brauchen Sie mich nicht mehr um das meinige zu fragen, denn das iſt das gleiche. — Was Ihr da ſaget, Herr, antwortete Herr Batifol, den dieſe Abläugnung ſeiner ganzen Macht vollends erbitterte, was Ihr da ſaget, das geht gegen das Eigenthum; dieß ſind umwälzeriſche Grund⸗ ſene wofür die Juſtiz Euch zur Rechenſchaft ziehen önnte. 3 153 — Verlier doch Deine Zeit nicht mit Moral⸗ predigen an dieſen alten Geſellen, rief Herr Berlin⸗ gard, indem er ſeinen Aſſocié barſch auf die Seite ſchob; da ſieh wie man ſich mit ſolchen Leuten aus⸗ einander ſezt. Pechvogel, fuhr er gegen den Fiſcher fort, die Marne gehört uns die wir ſie bezahlen, und wenn Ihr das Unglück habt in unſerm Bezirk eine Angel oder ein Rez auszuwerfen, ſo werdet Ihr Euch vergebens hinter den Weidenbüſchen und hinter den Binſen verſtecken, wie es Eure Gewohnheit iſt, Ihr alte Waſſerratte, ich werde Euch zeigen mit welchem Holze Berlingard ſein Kamin heizt. Dieſe Drohung verdoppelte die Heiterkeit des Alten. — Mich verbergen, ha! Nicht doch, edler Herr, und zum Beweis will ich Ihnen ſogleich Gelegenheit bieten mich aufzufinden wenn es Ihnen gut dünkt. He, Gervais, fügte er gegen den Virtuoſen hinzu welcher das Vorrecht hatte den Varennern am Sonn⸗ tag zum Tanz aufzuſpielen, haſt Du Dein Inſtru⸗ ment da? Gervais ſpielte das Flageolet. Er zog das In⸗ ſtrument, das ihn niemals verließ, aus ſeiner Taſche und zeigte es Pechvogel. — Nun, ſo komm her und ſpiel mir Deine ſchönſten Melodien vor, während ich meine Angeln herrichte; für Deine Mühe bekommſt Du eine ganze Pfanne voll Weißfiſche die Du Deiner Mutter brin⸗ gen kannſt; es iſt heute Wiedereröffnung und man kann ihr nicht genug Ehre anthun. Gervais ließ es ſich nicht zweimal ſagen; er ſprang in den Kahn und ſezte ſich auf den Hinterſiz. Huberte wollte eine Bemerkung machen. 15⁵4 — Still, Blonde! ſagte Pechvogel, wir müſſen dieſen Leuten zeigen daß wir uns nicht fürchten und daß der Fluß des lieben Gottes, wie die Straße des Königs, allen Leuten gehört die daran leben. Und jezt da Du ſo gerne ſingſt, Blonde, ſo ſing mir Deine ſchönſten Lieder! Gervais ſoll Dich auf ſei⸗ nem Inſtrument begleiten. Dieſe Burſche da amü⸗ ſiren mich ſo daß ich um einen Stint tanzen würde. Der Alte nahm dieſes Ereigniß mit einer heitern Philoſophie, die ſo wenig in ſeinen Gewohnheiten lag, daß die Blonde, troz der Beſorgniß die eine genauere Würdigung der Rechte des Einzelnen ihr einflößte, ſich von der Lage hinreißen ließ, an welcher überdieß ihre angeborne Munterkeit einen großen Zauber finden mußte. Sie ſtimmte ein Liedchen an, die ſcharfen durchdringenden Modulationen des Fla⸗ geolets miſchten ſich in ihren Geſang, Pechvogel that zwei wüthende Ruderſchläge und die Fähre hüpfte über den Fluß hin. Das ganze Ufer, das mit Arbeitern und kleinen Geſchäftsleuten bedeckt war, welche die Bande die alle zuſammen an die große Familie der Bauern knüpften noch nicht abgeſchüttelt hatten, brach in Beifallsgeſchrei aus. Dieſer Beweis daß die allgemeine Sympathie für ihn war und daß ſein Haß gegen die Pariſer getheilt wurde, electriſirte Pechvogel. Eine ſeiner Hände ließ das Ruder fahren und ſchwang mit Eu⸗ thuſiasmus den Hut; der Geſang der Blonden wurde immer kräftiger und das Flageolet zerriß die Luft mit ſeinen grellſten Tönen.. Das Trio der neuen Gebieter der Marne war 15⁵ beſtürzt. Einer von ihnen entfernte ſich um polizei⸗ liche Hilfe in Anſpruch zu nehmen, während die an⸗ dern Pechvogel folgten, dem auch die Einwohner unter lautem Jubelgeſchrei das Geleit gaben. Unglücklicherweiſe entſprach die Endentwicklung der Scene dem heiteren Vorſpiel nicht. Der Fiſchereiaufſeher, welchen Herr Berlingard gerufen hatte, konnte troz ſeiner lebhaften Vorliebe für Guichard es nicht verweigern ein Vergehen zu notiren. Zur großen Ueberraſchung Pechvogels ergriffen die Gerichte Partei für die Herren Batifol und Compagnie. Sie verurtheilten den alten Fiſcher zu einer Geld⸗ ſtrafe, zu den Koſten und zu einer Entſchädigung an die Kläger. Das Ganze belief ſich auf mehr als 300 Franken, und um es zu bezahlen, mußte der kleine Weinberg verkauft werden. XI. Wo Herr Batifol, ſehr gegen ſeinen Willen, die unwider⸗ ſtehliche Macht Amors erkennt. Zum allgemeinen Erſtaunen ſchien Vater Guichard ſeinen Unfall mit gänzlicher Gleichgültigkeit zu er⸗ tragen. Aber, man begreift es wohl, dieſe Gleichgültig⸗ keit war erheuchelt. Der Kampf hatte, indem er zum offenen Ausbruch zwiſchen den Pariſern und ihm kam, ihn vollſtändig ins Leben zurückgerufen. 15⁵6 Er fand die fieberhafte Gluth ſeiner Jugend wieder; die Inſtincte von etwa zwölf Generationen von Wild⸗ dieben erwachten neu in ihm, und zwar ſo wirkſam und mächtig daß der Strick wieder das einzige Mit⸗ tel wurde womit man ſie ausrotten konnte. Da das erlaubte Fiſchen am hellen Tag ihm unterſagt wurde, ſo warf er ſich aufs Marodiren und ſezte alle Kniffe und Pfiffe in Bewegung welche lh eine zweihundertjährige Ueberlieferung vermacht atte. Mit dem Reſt vom Erlöſe ſeines Weinbergs kaufte er einen zweiten Nachen, der nicht nach Va⸗ renne kam, ſondern in den Gebüſchen der Inſel bei der Mühle von Bonoeil angebunden blieb, unter der Aufſicht des Müllers„welcher der Mitſchuldige des alten Fiſchers wurde. Er verſchaffte ſich Sackgarnſteine und alle Ge⸗ räthſchaften welche der erhaltende Geiſt der Verwal⸗ tung auf dem Fluſſe verboten hatte; er ſchlief bei Tag und ſeine Nächte widmete er der Verheerung des Fluſſes. 1 Der Geiſt der Empörung der über ſeine Seele geweht hatte, kam ſeiner ohnehin athletiſchen Con⸗ ſtitution zu Hilfe und verlieh ihm die Kraft Stra⸗ pazen zu ertragen die in keinem Verhältniß zu ſei⸗ nem Alter ſtanden. 1 Im Uebrigen wurde er in ſeinem lichtſcheuen Krieg gegen die Pariſer von Huberte aufgemuntert und aufrecht erhalten. So lange die Sehnſucht ihres Großvaters einer Einſamkeit gegolten deren Reize ſie nicht genügend zu ſchäzen wußte, hatte die Blonde ſie nicht getheilt; 157 aber ſeitdem die arme Familie durch einen directen Angriff der Eindringlinge gelitten hatte und das Mädchen ſich ſelbſt als die erſte Urſache des Un⸗ glücks betrachten konnte, hatte ſie den ganzen Haß Pechvogels zum ihrigen gemacht, und dieſes Gefühl noch übertrieben, wie dieß beim weiblichen Geſchlecht in ſolchen Fällen immer vorkommt. Huberte vertrat bei dem Alten die Freibeuter und Fouragirer die dem Feinde Böſes zufügen, und zwar weniger um ihres perſönlichen Vortheils willen als weil ſie ihre Luſt daran finden. Der alte Fiſcher war das Wild welches auf das bebaute Feld heraus⸗ kommt und ſichs wohl ſein läßt, unbekümmert um das was es mit Füßen tritt. Die Blonde war der Affe der Alles zerſtört was ſeine Hände erreichen können. Sie war es die, nicht zufrieden mit der Ver⸗ wirrung welche die Schleppneze unter den Geräth⸗ ſchaften und Angeln anrichteten womit die drei Di⸗ lettanten das Flußbett überdeckten, mit einem ge⸗ ſchickten Hakenzug die Bögen an den Wurfgarnen zu zerbrechen und die Reuſen an denen das Schiff des Großvaters vorüberkam zu zerſtören wußte; ſie war es die dieſe Geräthſchaften, wenn ihr eine da⸗ von unter die Hände kam, boshaft zerriß; ſie war es die bereits verfaulte Fiſche an die Angeln des Herrn Batifol und Herrn Berlingard ſteckte, gerade wie einſt Cleopatra an die Angel des Antonius. Herr Padeloup, deſſen Bäume wunderſchön blüh⸗ ten, konnte ſich wohl gedulden, obwohl er zuweilen ſeine Verwunderung darüber äußerte daß die panta⸗ grueliſchen Fiſchmahle nicht kamen die ſeine beiden 1⁵58 Aſſociés großmüthig mit ihm zu theilen verſprochen hatten, bis die theuerſten ſeiner Wünſche in Erfül⸗ lung gehen würden; die beiden andern aber waren raſend und wünſchten ſich zwanzigmal des Tags zu allen Teufeln der Hölle. Wenn ſie auf den Fluß gingen, ſo geſchah es nicht um Myriaden von Fiſchen einzuheimſen wie ſie geglaubt hatten, ſondern um ſich von ſchrecklichen Zerſtörungen zu überzeugen. Dadurch wurden die Herren Batifol und Berlin⸗ gard nicht bloß in ihren Vergnügungen verlezt, ſon⸗ dern noch ſchwerer betroffen und in ihren Intereſſen gefährdet. Der Fiſchfang iſt, obſchon man es ihm nicht anſieht, ein ſehr koſtſpieliges Vergnügen, und die beiden Städter hatten zu bemerken angefangen daß bei dieſem Handwerk nicht alles Profit ſei. Als es ſich um den Ankauf der nothwendigen Inſtrumente handelte, hatten ſich dieſe Herren zu einer Ausgabe von etwa tauſend Franken genöthigt geſehen; eine ſo koſtſpielige Zerſtreuung mußte nothwendig auf Speculation hinauslaufen, und es war beſchloſſen worden daß man, nach Abzug des kleinen dem Herrn Padeloup zugeſicherten Antheils an der täglichen Beute, jedesmal ſo viel Fiſche verkaufen wolle daß die beiden Aſſocies ihre Ausgaben zurückbekommen müßten. Troz ihres urſprünglichen Abſcheus vor den Fi⸗ ſchern von Profeſſion ergaben ſich die Herren Ber⸗ lingard und Batifol allmählig in dieſes Handwerk. Wenn man einmal etwas verkauft hat, ſo gibt es ka⸗ vründ⸗ mehr warum man nicht alles verkau⸗ en ſoll. 159 Aber Pechvogel untergrub das Unternehmen in ſeiner Grundlage. Die Geräthe nüßzten ſich ab, gingen verloren, zerriſſen; die Angelleinen waren ſo verwickelt daß es der Finger einer Fee bedurft hätte um ſie zu ent⸗ wirren; alles mußte neu angeſchafft werden, ehe man auch nur den Schwanz einer der Hoffnungen welche die Bitterkeit einer ſo bedeutenden Ausgabe verſüßt hätten aus dem Fluß ziehen konnte. Natürlich fiel der Argwohn der beiden Dilettan⸗ ten ſogleich auf Franz Guichard; er war der Ein⸗ ſige dem man dieſes Unglück in die Schuhe ſchieben onnte. Herr Batifol belauerte ihn mit der Gewiſſen⸗ haftigkeit die er in allen Dingen zeigte, aber nichts rechtfertigte die Beſchuldigungen deren Gegenſtand Pechvogel war. Bei Tagesanbruch ſtand der Alte in Hemdärmeln auf der Schwelle ſeiner Hütte, rieb ſich die Augen und ſtreckte ſeine Arme. Seine Kleider waren ſau⸗ ber, ſeine Schuhe geſchmiert, wo nicht gewichſt; ſie trugen keine Spur von Feuchtigkeit oder Schlamm; alles verkündete daß der alte Fiſchr eben aus dem Bett kam worin er ſeine zwölf Stunden in aller Unſchuld geſchlafen. Sein Schiff wiegte ſich, unberührt und unbefleckt wie ſein Eigenthümer, an ſeiner Kette, mit der gut⸗ müthigen Phyſionomie eines Möbels das nicht im Stande iſt zu einer ſchlechten Handlung, geſchweige denn zu einem Verbrechen, mitzuwirken. Huberte ging in der Hütte aus und ein und beſorgte die Geſchäfte des Haushaltes mit der Leb⸗ 160 haftigkeit und der aufgeweckten Miene eines Zaun⸗ königs. Ihre Erholung beſtand darin daß ſie ſich Nachmittags unter die Weißdornhecke ſezte und ihre ſchönſten Lieder dem Großvater vorſang, der unter ſchwermüthigen Blicken auf den Fluß ihr zuhörte. Nachdem Herr Batifol drei Tage lang das ganze Thun und Treiben ſeiner Nachbarn beobachtet hatte, kam er ſehr gegen ſeinen Willen beinahe zu der Ueberzeugung von ihrer Unſchuld. Gleichwohl blieb ihm noch eine Hoffnung. Zweimal in der Woche fuhr Huberte über die Marne und kam erſt ziemlich ſpät am Tage zurück. Wo war ſie geweſen? Dieſes Räthſel betraf nicht nur die Neugierde und das Intereſſe des Herrn Batifol, ſondern zu gleicher Zeit auch die Leidenſchaft welche das junge Mädchen ihm eingeflößt hatte. Er dachte, die Blonde habe vielleicht einen Liebhaber, und dieſe Vermu⸗ thung erregte in ihm daſſelbe unangenehme Gefühl das er in früheren Zeiten empfunden, wenn man ihm meldete daß ein Geſchäft das ihm ſelbſt miß⸗ lunden war einen ſeiner Concurrenten reich gemacht atte. In ein Unglück woraus der Nebenmenſch Nuzen zieht ergibt man ſich weit ſchwerer als in ein ſolches wovon man einfach ſelbſt den Schaden hat. Herr Batifol beſchloß auf der Lauer zu bleiben bis er in dieß Geheimniß eingedrungen wäre. Von dem Tag an wo der Ciſelirer über die mögliche Veranlaſſung der langen Abweſenheiten des Mädchens nachgedacht, hatte er die Ruhe und Kalt⸗ blütigkeit verloren die ſonſt ſeine ſtarken Seiten waren. 161 Bisher hatte das höhniſche Benehmen Hubertens in ihm bloß eine Art von banalem Aerger erregt der ſich durch ein im Allgemeinen übelwollendes Ent⸗ gegentreten von Seiten des ohnehin zänkiſchen Men⸗ ſchen, aber durch keine leidenſchaftlicha Heftigkeit kund⸗ that; jezt war Herr Batifol ganz erſtaunt darüber daß er einen tiefen Haß gegen dieſes Kind em⸗ pfand. Er täuſchte ſich; dieſer Haß war Liebe; Herr Batifol machte Bekanntſchaft mit dieſem Gefühl, nur nahm er es von der verkehrten Seite; in Folge der Eigenthümlichkeit ſeines Organismus begann er da wo die Andern oft aufhören. Aber ſo ſeltſam die Form ſein mag unter welcher die Liebe ſich verräth, ſo bleibt ſie doch unveränder⸗ lich in ihren Wirkungen. Man urtheile. Nichts war für Herrn Batifol leichter als vor Huberte über das Waſſer zu kommen, dort auf ſie zu warten und ihr zu folgen wenn ſie auf dem ent⸗ gegengeſezten Ufer gelandet hätte. Zwanzigmal hatte er daran gedacht es zu thun, aber er wagte es nicht. Laut ſagte er zu ſich: wenn dieſes Mädchen einen Liebhaber hat, was geht es mich an? Und leiſe: wenn es wahr wäre, ſo würde ich mich doch ſehr ärgern. Aber auf jeden Fall bewahrte er ſich die Hoff⸗ nung. Eines Abends träumte er wider ſeinen Willen von dieſem beunruhigenden Dilemma, das ſich ſogar mitten unter. ſeine theuern arithmetiſchen Beſchäfti⸗ Dumas, Pechvogel. 11 162 gungen eingeſchlichen und zwiſchen einer Subtraction und Multiplication ein Pläzchen gefunden hatte, als man an ſeiner Thüre klopfte. Es war der Commis des Herrn Berlingard, den ſeine Geſchäfte in Paris zurückhielten; er brachte einen Brief von ſeinem Principal. Dieſer Brief zeichnete ſich mehr durch den Lako⸗ nismus als durch den Atticismus ſeiner Phraſen aus. „Danke Gott daß er Dir ein Weib gegeben das Dir gleicht, ſchrieb Berlingard. Wie viel Unglück würde nicht das Bischen Bosheit das immer mit einem Bischen Schönheit verbunden iſt über Dein wohlwollendes Haupt herabbeſchworen haben! Man prellt Dich, man treibt ſein Geſpötte mit Dir, o Batifol, wenn anders Du nicht ſelbſt, verführt durch den aquatiſchen Liebreiz der Nymphe, Deine Feinde zum Beſten hältſt. Du meinſt, das Dirnchen nähe oder ſtricke zum Nuz und Frommen der Schienbeine ihres Großvaters; aber zweimal in der Woche bringt ſie ganze Gölten voll von Fiſchen in die Halle. Weine über Deine Schmach, Batifol; ich habe nichts zu ſagen als: räche uns!“ Anſtatt zu weinen, wie ſein Freund Berlingard ihm rieth, ſtieß Herr Batifol einen kurzen Seufzer der Befriedigung aus. Vergebens ſtachelte er ſeine Leidenſchaft und ſeine Eigenliebe als Fiſcher, vergebens rief er ſeine Würde als Eigenthümer zu Hilfe, vergegenwärtigte ſich die Verluſte die er erlitten, wog in ſeinen Gedanken die monſtröſen Fiſche die dieſer hölliſche Pechvogel ſich unter der Naſe der Aſſociation angeeignet hatte; alle ſeine Säze endigten beharrlich mit dem Schluß, ction als den achte dako⸗ aus. das glück mit Dein MNan , 0 urch inde nähe hine ingt alle. ichts gard afzer ſeine ürde die die ſich tte; luß, 163 es gebe noch viele Bewohner in der Marne, wäh⸗ rend es nur eine einzige Huberte gebe. Er verabſchiedete den Commis. Eine Minute hatte ihm genügt um aus der von Berlingard entdeckten Thatſache, ſowie aus ſeinen eigenen frühern Beobachtungen den Schluß zu ziehen daß Franz Guichard ſeine Fiſcherarbeiten bei Nacht verrichte. Es handelte ſich alſo nur darum den Aufſeher, der ſchon einmal gegen Pechvogel eingeſchritten war, in Kenntniß zu ſezen, ihm das Vergehen anzuzeigen und ihm ſeine Pflicht ans Herz zu legen. Herr Batifol vermuthete, im Uebrigen mit Recht, daß dieſer Aufſeher ſich einer ſtrafbaren Nachſicht gegen Pechvogel ſchuldig mache; aber wenn er ihm nicht von der Seite ging, ſo glaubte er darauf rech⸗ nen zu können daß er es nicht wagen würde ſein Mandat unerfüllt zu laſſen. Herr Batifol zog eine Blouſe über ſeine Kleider an, ſezte eine Müze auf, ergriff einen Stock und legte ſeine Hand auf den Knopf der Thüre, in der Abſicht den Aufſeher aufzuſuchen. Seine Hand vollendete die Bewegung nicht welche ſie angefangen. Es kam ihn ein ſchlimmer Gedanke an, der Ge⸗ danke dasjenige zu verrathen was Berlingard die Freunde nannte. Die drei oder vier Tage während welcher Herr Batifol die Wahrſcheinlichkeiten einer Liebſchaft Hu⸗ bertens gegen ſich ſelbſt bekämpft, hatten ſeine An⸗ ſchten über das ſchöne Geſchlecht vollſtändig ver⸗ ändert. 11* 164 Huberte würde ihm, er zweifelte nicht daran, ſeine Händel mit Pechvogel, den erſten Proceß und ſeine Folgen verzeihen, wenn er ſie der Verzweiflung ſeines Herzens zuſchöbe, aber die Verlängerung die⸗ ſer Verfolgung konnte Hoffnungen bloßſtellen die ihm durch ſeine neueſten Regungen gehäſſiger Eiferſucht wieder klar geworden waren. Herr Batifol war nicht gewillt dieß Opfer zu bringen. Er ließ den Knopf ſeiner Thüre los und gab ſomit Geräthſchaften und Fiſche den Verheerungen des Alten preis. Der folgende Tag war ein Samſtag, einer der Tage wo Huberte nach Paris ging. Herr Batifol ſezte, vor der Stunde wo das junge Mädchen ſich gewöhnlich auf den Weg machte, über den Fluß und verbarg ſich in dem Wäldchen das zum Park des Schloſſes von Retz gehört. Von ſeinem Beobachtungspoſten aus beherrſchte er Varenne und den Fluß. Er bemerkte die Blonde im Schiffe des Fähr⸗ manns, ſie ſtieg ans Land; ſtatt nach Chennevidre hinaufzugehen, ſchlug ſie den Weg nach Sucy ein, der ſich parallel am Fluſſe hinzieht. Herr Batifol folgte, indem er ſich beſtändig auf der Mitte des Bergabhangs hielt und ſich hinter den Weinreben verſteckte die damals in voller Vegetation ſtanden. 4 Auf der Höhe der Inſel, beim Loch von Faviot, angelangt, überſah Huberte die Straße, ob man ſie nicht beobachten könne, und als ſie Niemand be⸗ merkte, lief ſie über die Wieſe und ging in das eben jezt ausgetrocknete Flußbett hinabp, das im Winte an, und ing die⸗ hm icht var gab gen der ige ber das hte hr⸗ dre in, ꝛuf den on ot, an be⸗ en ter 165 den Ueberfluß der Waſſer des Parks von Ormeſſon der Marne zuführt.. Die Weiden, die Büſche und die Dornhecken die aus dieſem Flußbett ein wahres grünes Buſchwerk machten, begünſtigten die Abſichten des Herrn Ba⸗ tifol. Er konnte zehn Meter von dem jungen Mädchen hinweg gehen, ohne daß ſie ihn ſah oder das Getöne ſeiner auf dem Raſen erſterbenden Schritte hörte. An der Stelle angelangt wo das Flußbett in die Marne mündet, ſezte ſich Huberte auf die Bö⸗ ſchung des Ufers. Herr Batifol warf ſich auf den Bauch; er war im Graſe vergraben, aber indem er es ſachte aus⸗ einanderbog, konnte er das Fiſchermädchen beſtändig im Auge behalten; ſie bot ihm ihr Geſicht entgegen; ſie war ſo nahe bei ihm, daß er ihr Athmen höͤrte. In dieſem Augenblick war die Blonde wahrhaft reizend unter dem weiß und roth carrirten Tüchlein das ihr üppiges Haar ſchlecht zuſammenhielt. Ihr haſtiger Lauf brachte die Friſche ihrer Schön⸗ heit zum Vorſchein; ihre Farbe war belebt, ihre Augen ſtrahlten. Ihre halbgeöffneten Lippen waren roth wie die Blüthe des Granatbaumes. Sie zog ihre Schuhe, dann ihre Strümpfe aus und ſtieg entſchloſſen in den Fluß. Herr Batifol war ſo außer ſich daß er beinahe einen Angſtſchrei ausſtieß. Die Marne iſt in ihrem Bett ungleich und folglich gefährlich. Es ſchien ihm als könne das junge Mädchen in irgend einem Ab⸗ grund verſchwinden. Zum Glück oder Unglück erinnerte er ſich zu 166 gleicher Zeit gehört zu haben daß an dieſer Stelle ſich eine Untiefe befinde. Huberte ſezte ihren Weg fort und ſchritt nach der Inſel beim Loch von Faviot zu; ſie hielt mit ihren Armen ſo gut wie möglich das Gleichgewicht, indem ſie einen ſchmerzlichen Seußzer erſtickte und ihren wie Rohr geſchmeidigen Körper krümmte, wenn ihre Füße auf einen ſpizigen Kieſel ſtießen oder über einen bemoosten Stein hinglitten. Herr Batifol, der ſich halb erhoben hatte und keuchend dem Mädchen nachſchaute, ſah ſie ans Land ſteigen und inmitten der Weiden womit die Inſel bedeckt war verſchwinden. In demſelben Augenblick, und ohne an die Ge⸗ fahren denen er ſich ausſezte wenn er vom Wege abging oder an die Wahrſcheinlichkeit einer Erkältung zu denken, die er ſehr fürchtete, ſchritt der Ciſelirer in die Untiefe hinein. Die Liebe hatte Herrn Batifol närriſch gemacht ſo gut wie jeden andern. XII. Wie Herr Batifol dem Strafgeſetz der franzöſiſchen Marine verfällt. „Herr Batifol ging hinter Huberte einher und kam dem jungen Mädchen immer näher. Sie durchlief die Inſel ihrer ganzen Länge nach gegen das Ufer hinab und ſprang wie eine Bach⸗ ſtelze von Stein zu Stein, um über einen kleinen Arm des Fluſſes hinwegzukommen, welcher dieſe Inſel elle dach mit ct, und enn ber und and iſel Ge⸗ ege mg rer icht ind ach ich⸗ nen ſſel 2₰ 167 von den beiden parallelen Inſelchen trennte die hinten⸗ drein folgen. Zwiſchen dieſen beiden Inſelchen hielt Franz Guichard das Schiff verborgen womit er ſeine nächt⸗ lichen Wildereien trieb und worin er die Ergebniſſe ſeiner Schmuggelfiſcherei verſteckte. Dieſes Schiff war da vollkommen in Sicherheit; man konnte es von keiner Seite des Ufers aus be⸗ merken, und die Strömung iſt über dem Loch von Faviot ſo raſch, daß ſchon die bloße Furcht vor dem Wiederhinauffahren die Dilettanten welche Pechvogel allein zu fürchten hatte abhielt hinunterzufahren und folglich auf der Inſel zu landen. Herr Batifol verbarg ſich zum zweitenmal im Gebüſche. Seine Ungeduld war groß, ſein Herz ſchlug ſo heftig daß ihm manchmal der Athem beinahe, aus⸗ ging. Gleichwohl hatte ihn ſeine Aufregung die Scene nicht vergeſſen laſſen die ſeine erſte Unterhal⸗ tung mit Pechvogels Tochter bezeichnet hatte, und das Brett eines Nachens ſchien ihm ein etwas ge⸗ fährlicher Schauplaz mit einem ſo kräftigen Mädchen wie Huberte war. Dieſe zog unter der Bank des Schiffes eine Schöpfkanne und einen Korb hervor, öffnete den Kaſten und füllte den Korb mit Fiſchen aller Art; dann lud ſie ihre Laſt auf eine ihrer Schultern und ſchlug den Weg den ſie gekommen war wieder ein um nach der Inſel zurückzukehren. Herr Batifol dachte, dieß ſei die günſtige Stunde ſich zu zeigen; er trat aus ſeinem Verſteck hervor und richtete ſich, im Augenblick wo Huberte, mit 168 ihren Händen an den Zweigen und Wurzeln ſich an⸗ klammernd, das ſteile Ufer hinangeklettert war, ſei⸗ ner ganzen Länge nach empor.„. * Dieſe plözliche Erſcheinung erſchreckte das Mädchen dermaßen, daß ſie den Korb den ſie ſo eben wieder aufgehoben hatte fallen ließ; er wurde ausgeſchüttet und entleerte eine Fluth von Fiſchen aller Farben und Arten, die auf dem Gras zu zappeln anfingen, während einige, von ihrem guten Stern geleitet und von der Beſchaffenheit des Bodens begünſtigt, ſich das ſteile Ufer hinab arbeiteten und in ihr Element „zurückkehrten. — Ah! Ahl ſagte Herr Batifol, indem er eine übermenſchliche Anſtrengung machte um ſeine Phyſio⸗ nomie lügen zu laſſen, die gegen ſeinen Willen zärt⸗ lich und eurdlic blieb, dießmal habe ich Dich wirk⸗ lich erwiſcht, ſchöne Spröde! Huberte, die ſich auf der That ertappt ſah, ward blaß und ſtumm: ſie zitterte, ihre Kniee wankten unter dem Gewichte ihres Körpers und dicke Thrä⸗ nen ſprangen aus ihren Augen. Herr Batifol ſchlug ein luſtiges Gelächter auf; dieſes Gelächter bedeutete: „Ich glaube wohl daß Du mich heute anders empfangen wirſt als bei unſerer lezten Unterredung.“ — Hal begann er dann laut, indem er ſeine furchtbare Stimme wieder annahm; Ihr zerſtört un⸗ ſere Geräthe! Ha! Ihr ſtehlet meine Fiſche, und Ihr glaubt man werde Euch das ſo hingehen laſſen? Ganz gut; dießmal wird Dein Großvater nicht mit einer Geldſtrafe wegkommen, ſondern er muß ins Gefängniß wandern.* 169 — Verzeihen Sie ihm, Herr, verzeihen Sie ihm, ich bitte Sie um Alles! rief Huberte mit lautem Schluchzen; ich will Ihnen ſchwören daß er nicht mehr auf den Fluß zurückkehren ſoll, und er wird ge⸗ wiß meinen Schwur nicht verleugnen wollen; aber verzeihen Sie ihm, bitte, bitte. Herr Batifol weidete ſich an den Thränen des jungen Mädchens, worin er die ſchönſten Verheißungen erblickte; gleichwohl wollte er aus Tactik ſeinen Wider⸗ ſtand verlängern, aber Huberte ergriff eine ſeiner Hände, drückte ſie in den ihrigen, und die Berüh⸗ rung dieſer zugleich friſchen und feuchten Hand trieb dem Ciſelirer das Blut heftiger durch die Adern. — Und wenn man Dir verzeiht, wirſt Du dann wenigſtens liebenswürdig werden? fragte er mit ſei⸗ nem falſchen Lächeln. Es gehörte die ganze Einfalt Hubertens dazu um ſich über den Sinn dieſer Worte zu täuſchen. — Ja freilich, antwortete die Blonde überraſcht und beruhigt, man iſt liebenswürdig gegen die Leute die es auch ſind; iſt das nicht natürlich? Herrn Batifols Geſicht erheiterte ſich und ſein ge⸗ wöhnlich gelber Teint bekam einen ziegelrothen Ton. — Gut, gut, ſagte er, weine alſo nicht mehr, ſchönes Kind, ſondern mach mir ein freundliches Ge⸗ ſichtchen, dann will ich nicht nur ſelbſt keinen Proceß anfangen, ſondern noch dafür ſorgen daß Dich auch die Andern nicht quälen. — Ach Herr, wenn Sie ſo gut wären dieſes zu thun! — Ja, fuhr Herr Batifol fort, und wenn die Andern nicht zufrieden ſind, ſo wird man ihnen ſchon 170 ſonſt beizukommen wiſſen; Dein Vater ſoll künftig ihnen vor der Naſe fiſchen, und wenn ich ſelbſt da⸗ bei die Ruder führen müßte. Der Pacht iſt auf meinen Namen ausgeſtellt; man iſt pfiffiger als Berlingard; er mag wollen oder nicht, ſo muß er ſich bei Seite halten, und Pechvogel kann den gan⸗ zen Fluß ausfiſchen ſo lang es ihm gefällt; von Zeit zu Zeit ſoll er mir einige ausgewählte Fiſche geben, er ſoll meinen Kaſten verſorgen, wir theilen was er fängt, und was Dich betrifft, Schäzchen, ſo ſollen, ehe acht Tage vergehen, die hübſcheſten Mädchen der Vorſtadt vor Neid berſten wenn ſie Dich anſehen. — Schäzchen! ſagte Huberte mit einem ſichtbaren Anflug von Angſt. In ſeinem Enthuſiasmus bemerkte Herr Batifol dieſe Bewegung auf dem Geſichte des Mädchens nicht. — Verlange Kleider, verlange einen Shawl, ver⸗ lange eine Uhr, verlange Alles was Du willſt, ſo wahr ich Batifol heiße, ich werde Dir Alles geben; da ſieh, Du böſes Ding, wenn Du mich neulich an⸗ gehört hätteſt, wie viel Verdruß würdeſt Du Dir er⸗ ſpart haben! Huberte hatte Herrn Batifol endlich errathen. Sie war emſig beſchäftigt die im Gras und unter dem Geſträuche zerſtreuten Fiſche zuſammenzuleſen und wieder in den Korb zu legen. — Laß doch Deine Waare liegen, rief der un⸗ geduldige Ciſelirer, indem er mit ſeinem Fuß ein ſehr hübſches Rothauge in das Dickicht ſtieß; Du verdienſt heute mehr wenn Du auf der Inſel bleibſt, als wenn Du Deine Fiſche in der Halle verkaufſt. — He, hel machte die Blonde mit einem ſpöt⸗ 171 tiſchen Lächeln, wägen Sie mir einmal das, Herr Batifol, es iſt da wohl für drei Piſtolen, wiſſen Sie das? — Und wenn es für hundert wäre, glaubſt Du denn ich ſei nicht der Mann es zu bezahlen? — O Jedermann weiß das Gegentheil recht wohl; aber ſagen Sie einmal, ſind Sie allein ſo hieherge⸗ kommen um mich abzufangen, und iſt Niemand bei Ihnen auf der Inſel? — Sei doch ruhig, es kann uns Niemand hören. Huberte entfloh unter den Weiden. Herr Batifol nahm dieſe Flucht als eine Neckerei. Hätte er Virgil gekannt, ſo würde er Huberte mit Galatea verglichen haben. — Wenn Du davonläufſt, ſo nimm Dich in Acht vor dem Proceß, rief er, wie ein Mann der bewei⸗ ſen will daß er Scherz verſteht. — Ja wohl Proceß, erwiderte Huberte; um einen ſolchen anzufangen, müſſen Sie Zeugen haben, mein ſauberer Freund; wenn Sie ein Aufſeher ſind, ſo zeigen Sie Ihr Blechlein; aber dieſes Blechlein, das, wie der Großvater geſagt hat, aus einem Hallunken Ihres Gelichters einen Ehrenmann machen miürde⸗ dieſes Blechlein haben Sie Gott ſei Dank nicht. Dieſe Phraſe war eine eiskalte Douche über die Selbſttäuſchungen des Herrn Batifol; ſie vermochte jedoch ſeine Leidenſchaft nicht zu dämpfen, ſondern verdoppelte ihre Heftigkeit; er begann Huberte zu verfolgen, die wegen ihres ſchweren Korbes und weil ſie die Zweige herunterbiegen mußte um ſich Bahn zu brechen, nicht allzu ſchnell gehen konnte. 172 Gleichwohl war das junge Mädchen ſo geſchmei⸗ dig und flink, daß Herr Batifol ſie nicht erreicht ha⸗ ben würde, wenn ſie nicht an einem Baumſtamm geſtrauchelt und rücklings zu Boden gefallen wäre. Bevor ſie Zeit hatte zur Beſinnung zu kommen, ſtand der Ciſelirer neben ihr. Im ſelben Augenblick meinte ſie auf dem Fluß den tactmäßigen Schlag mehrerer Ruder zu erkennen. — 3u Hilfe! rief ſie, zu Hilfe! Herr Batifol drückte ihr ſo heftig den Mund zu, daß ſie einſah daß ſie verloren war. Ihre Kräfte ſchwanden, ſie fiel in Ohnmacht. Aber im gleichen Moment ergriff eine herculiſche Hand den Ciſelirer beim Kragen, hob ihn vom Bo⸗ den auf, wie ein Jäger ein Stück Wild aufhebt, hielt ihn einige Zeit zwei Fuß über die Erde und ſchleuderte ihn dann mitten in einen dichten Brom⸗ beerſtrauch. Derjenige der dieſen unzweideutigen Beweis von ungewöhnlicher Muskelſtärke gegeben hatte, war ein Mann von vier bis fünfundzwanzig Jahren. Er trug ein heut zu Tage ſehr populär gewor⸗ denes Coſtüm, das aber im Jahr der Gnade 1833 ſeltſam erſcheinen mußte. Es beſtand aus einer rothen, ſchwarzgeſtreiften Tricotjacke und weiten braunen Leinwandhoſen, um den Leib durch einen ledernen Gürtel zuſammenge⸗ halten, in welchem ein Meſſer mit einem Buchsgriff in einer Scheide hing. Dieſer Matroſenaufzug wurde durch einen niedern Strohhut vervollſtändigt auf deſſen flatterndem Band in goldenen Anfangsbuch⸗ ſtaben Möve ſtand. 173 Geſichte etwas Poſſenreißeriſches und beinahe Ge⸗ meines gab, und beſonders ſeine langen, flatternden Nachdem er ſich durch das bereits bezeichnete Verfahren des Herrn Batifol entledigt hatte, drehte er ſich um und betrachtete Huberte einige Augen⸗ blicke mit einem Phlegma als ob der Zuſtand des Kindes nicht ſeine ganze Sorgfalt in Anſpruch nähme. — Tauſend Stückpforten, rief er, eine wahre Pſyche! Die Haltung, die zierliche Rundung, die Reinheit der Linien, das Gefühl, alles iſt dal Ein ſolches Modell hätte ich zu meiner Ausſtellung haben ſollen! Zum Henker, fügte er hinzu, indem er ſich gegen die Seite wandte wo Herr Batifol lag, Du biſt kein Koſtverächter, Burſche. Im ſelben Augenblick trat ein zweiter junger ann hinzu. Dieſer trug kein Seemannscoſtüm, ſondern Rock und Mütze. — Richard, Richard, was fällt Dir denn ein? rief der neue Ankömmling; ſiehſt Du denn nicht daß das Mädchen ohnmächtig iſt? — Mein lieber Valentin, verſezte der Künſtler Matroſe, die Frau iſt auf die Welt geſezt worden um die Außen des Mannes durch ihre Schönheit zu 174 erfreuen, dieſes Mädchen iſt merkwürdig ſchön in ihrer Ohnmacht; ich glaube ihren eigenen Intereſſen und dem Willen der Vorſehung zu dienen wenn ich dieſen Zuſtand möglichſt verlängere. — Du bringſt mich mit Deinen Narrheiten noch zur Verzweiflung. Emanuel, Knirps, bringet Waſſer! — Keiner wird ſich rühren bevor der Capitän das Signal gibt. Ahl die Gölette Möve iſt eine ausgezeichnete Gölette; ſie beſizt eine wohldisciplinirte Mannſchaft und... — Um Gottes Willen, rufe ſie doch, Richard. Richard nahm eine an ſeinem Hals hängende Metallpfeife und entlockte ihr einen langen ſchril⸗ len Ton. Zwei neue Individuen, auf und nieder eben ſo wie Hubertens Retter coſtümirt, liefen herbei. — Waſſer! meine Freunde, Waſſer! wiederholte Valentin. — Niemand rühre ſich wenn ihm ſein Leben lieb iſt, rief Richard im Tone des Melodrams; iſt alles in Ordnung am Bord? — Ja, Capitän, ſagten die beiden Figuranten gleichzeitig. — Richard, wenn Du mit Deiner albernen Co⸗ mödie nicht aufhörſt, ſo nimm Dich in Acht, dieß ſage ich Dir als Freund. Richard ſchien dieſe Drohung nicht ſehr zu be⸗ achten. — Gut, ſagte er. Du, Emanuel, lauf nach dem Schiff und hole eine Spirituoſenflaſche aus der Victualienkammer... in ſſen ich och eer! 175 — Nein, nein, Waſſer, drängte Valentin. — Bring zu gleicher Zeit Waſſer mit; wenn dieſe Unglückliche den Schnaps verſchmäht, ſo be⸗ willige ich der Mannſchaft den Antheil den ſie ver⸗ ſchluckt haben würde. Dir, Knirps, reſervire ich das Commando einer Priſe die ich ſo eben gemacht habe. — Einer Priſe? antwortete Knirps wie ein ho. — Ja, ſie liegt in dieſem Gebüſch da, fuhr der Capitän fort, indem er auf Herrn Batifol deutete, der von ſeinem Fall wie zerſchlagen war und, da er nicht recht wußte mit wem er es zu thun, ſich noch keinerlei Bewegung erlaubt hatte; bewache die⸗ ſen Orangoutang, und wenn er einen Fluchtverſuch macht, ſo denke an den wackern Biſſon, dieſe Zierde der franzöſiſchen Marine, und verſenke Dich mit Dei⸗ ner Eroberung, nachdem Du ihr zuvor den Bauch aufgeſchlizt haſt, in den Fluthen. Knirps, ein Bürſchchen von ſiebzehn bis acht⸗ zehn Jahren, mit einer jener verſtändigen und ſchalthaften Phyſionomien wie man ſie nur in den Pariſer Werkſtätten trifft, bezeugte ſeine Befriedigung mit dem empfangenen Auftrag dadurch daß er eine ſchreckliche Grimaſſe gegen Herrn Batifol ſchnitt; aber mitten in ſeiner Grimaſſe hielt er inne. — Ei, ſieh da, den kenne ich! rief er; er gehört zu meinem Geſchäft; es iſt der alte Batifol, die ſchäbigſte aller Flanellweſten. Hal den braucht man mir nicht mehr zu empfehlen, ich will die Kamera⸗ den ſchön rächen. Während dieſes Geſprächs war derjenige von den beiden Matroſen der auf den Namen Emanuel ging zurückgekommen. Valentin hatte dem jungen Mäd⸗ chen Waſſer ins Geſicht und auf die Hände geſprizt, wie auch einige Tropfen Branntwein in den Mund gegoſſen, und ſie war wieder zur Beſinnung ge⸗ kommen. Als ſie die Augen aufſchlug, als ſie ſich mitten unter unbekannten, wunderlich coſtümirten Leuten ſah und ſich der Gefahr erinnerte der ſie entkommen war, da begann ſie in Thränen auszubrechen; aber in die⸗ ſem Augenblick bemerkte ſie Batifol, der bleich, angſt⸗ voll, mit verſtörten Augen und zerzausten Haaren dalag, während Knirps um ihn her den Scalpir⸗ tanz aufführte und mit Schnörkeln von ſeiner eigenen Erfindung verzierte. Dieſes groteske Bild entriß ihr ein ſchallendes Gelächter. Als der würdige Capitän, der ſeit einigen Augenblicken wahrſcheinlich auch etwas zur Wiederherſtellung des Mädchens beizutragen wünſchte, dieß ſah, betheiligte er ſich, auf die Ge⸗ fahr hin ſeine Würde bloszuſtellen, gleichfalls bei der furchtbaren Pantomime. Valentin blieb bei Huberte und befragte ſie was zwiſchen ihr und dem Mann vorgefallen ſei deſſen Händen ſein Freund ſie entriſſen habe. Von Zeit zu Zeit unterbrachen die drei Tänzer, denn Emanuel hatte ſich ſeinen beiden Kameraden angeſchloſſen, ihr wahnwiziges Geberdenſpiel um dem Mädchen zuzuhören. Herr Batifol wollte dieſe Friſt benüzen und einen Verſuch zu ſeiner Rechtfertigung machen, aber beim erſten Wort das aus ſeinem Munde kam, ſiel der Capitän über ihn her, ergriff ihn bei ſeinen rothen Haaren, ließ eine Meſſer⸗ ☛——— 177 klinge kreuzförmig über den Schädel des Unglücklichen ſchweifen und ſchrie oder heulte vielmehr ihm zu: — Sie iſt ſchön und Du biſt häßlich; Du biſt häßlich und Du biſt ein Dummkopf. Singe Dein Todtenlied, denn die Marne wird heute Abend Dei⸗ nen Leichnam verſchlingen. Valentin näherte ſich dem wilden Capitän. — He da, kannſt Du denn gar kein Körnchen Vernunft in Deinem verfluchten Gehirn finden? Du begreifſt doch daß wir in Betreff dieſes Menſchen — Er iſt bereits gefaßt und wir wollen ihn ſo⸗ — Genug der Narrheiten! Wir haben nur eine einzige Sache zu thun, nämlich dieſes Mädchen na C Polizeicommiſſär zu führen; dort wir wollen ſie mit unſerm Zeugniß bekräftigen. — Zum olizeicommiſſär! rief der Capitän mit Entrüſtung. edenke, Valentin, daß ich König an meinem Vard, folglich Beſizer dieſer Inſel bin die ich entdeckt haben könnte, und daß alle Verbrechen ie hier begangen werden der Juſtiz meines Scepters verfallen. 178 — Meine Herren, meine Herren, bat Herr Ba⸗ tifol, welchen dieſe Ausſicht noch mehr erſchreckte als die Drehungen und Windungen der Mannſchaft von der Möve. — Schweigl herrſchte Richard mit furchtbarer Stimme ihm zu. W — Bitte, meine Herren.. — Man hat Dir Schweigen geboten, wiederholte Knirps, indem er ſeine Mahnung mit einer Geberde begleitete die keine Antwort geſtattete. — Nimm Dich in Acht, Richard, ſagte Valentin, mit Deinen Gewaltthätigkeiten wirſt Du das Unrecht auf unſere Seite bringen. — Herr Valentin, antwortete der Capitän der Möve, Sie ſind Paſſagier am Bord, und als ſolcher werden Sie eingeladen den Gebieter dieſes Schiffes ſeine kleinen Händel nach eigenem Belieben aus⸗ machen zu laſſen. 9 Dann fügte er mit gedämpfter Stimme hinzu: — Laß mich doch machen, Kameel. Der Polizei⸗ commiſſär wird dieſen Kerl vielleicht mit einem Ver⸗ weis heimſchicken, dann wäre die Sache abgethan; ich aber verlange daß er ganz anders beſtraft werde. Valentin ſchwieg, ſei es nun daß er überzeugt war, ſei es daß er ſeinen Kameraden zu gut kannte um nicht einzuſehen daß jeder weitere Zuſpruch doch nichts helfen würde. — Ich rufe die Mannſchaft der Möve zu einem Kriegsgericht zuſammen, begann der Capitän wieder. — Die beiden Matroſen ſtießen ein Jubelge⸗ heul aus und Knirps führte um Herrn Batifol, der noch immer im Brombeerſtrauch lag, einen Solo⸗ 179 tanz auf den Händen und mit den Beinen in der Luft aus. Richard hatte zu ſeinem Präſidentenſtuhl einen Die beiden Bootsknechte ſtießen den Ciſelirer herum, bis ſie ihn ſo ziemlich vor das Angeſicht des⸗ jenigen geſtellt hatten der ſein Richter ſein ſollte. alentin und Huberte näherten ſich gleichfalls; leztere unruhig und überraſcht⸗ wegen dieſer ihr ſo neuen Manieren und Sprache; im Uebrigen ſehr neugierig was da geſchehen würde. Der junge Mann ſeinerſeits zuckte die Achſeln, ſchien ſich aber der Voll⸗ ziehung des vom Gericht zu erwartenden Urtheils⸗ ſpruches, wie er nun ausfallen mochte, keineswegs widerſezen zu wollen. — So viel ich von einem meiner Leute gehört habe, ſind Sie Spießbürger, begann der Capitän Richard. — Allerdings, antwortete Herr Batifol, der zu begreifen anfing daß es ſich um eine Comödie handle. — Und Sie ſchämen ſich nicht es zu geſtehen? — Ei zum Henker, ich glaube, Sie wollen mich verhöhnen. — Sie ſind Spießbürger, Sie ſind häßlich, Sie ſind einfältig; ich habe es Ihnen bereits geſagt, fuhr der Capitän fort; wie kann es Ihnen unbekannt ſein 12 180 daß es einem Menſchen der dieſe drei Fehler ver⸗ einigt verboten iſt hübſche Mädchen zu küſſen? — Mein Herr, antwortete Herr Batifol, welchem die Uebertreibung der Anklage wieder einigen Muth verlieh; ich meinerſeits möchte Sie fragen mit welchem Recht Sie ſich, nachdem Sie mich mißhandelt haben, auch noch zu meinem Richter aufwerfen. — Ich werfe mich zu Ihrem Richter auf weil Sie ein Miſſethäter ſind, erwiderte der unempfind⸗ liche Capitän, weil Sie den Enterhaken nach dieſem jungen Mädchen ausgeworfen haben. Ihr Verbrechen verdient den Tod. Herr Batifol zuckte die Achſeln; er war jezt überzeugt daß das Ende dieſer Scene nicht ſo un⸗ angenehm ausfallen würde wie er gefürchtet hatte; aber bei dem Worte Tod ſtürzte ſich Huberte, welche die Sache ernſthaft genommen hatte, auf den prä⸗ ſidirenden Richter zu. — Ach Herr, rief ſie, ſprechen Sie nicht ſo, Sie erſchrecken mich; Sie ſehen ſo drollig und doch dabei ſo wild aus, daß ich nicht weiß ob Sie die Sache im Spaſſe oder im Ernſt nehmen. Ach Herr, ich bitte Sie um Alles, laſſen Sie ihn gehen; ich ver⸗ ſichere Sie daß ich ihm verzeihe; überdieß hatte mein Vater zuerſt ſich gegen ihn vergangen: wir hatten kein Recht auf dem Fluß zu fiſchen den der Herr ge⸗ miethet hat. O ich wäre untröſtlich wenn irgend Jemand, ja ſelbſt dieſem Menſchen, um meinetwillen ein Unglück widerführe. — Hören Sie und benüzen Sie dieſe Großmuth wenn Sie fähig ſind ſie zu begreifen, elender Geldſack, ſagte Richard. In Betracht dieſes anmuthsvollen Kin⸗ 4 181 des will ich mich herbeilaſſen Ihre Strafe umzuwandeln. Fallen Sie uns zu Füßen, ich will Ihnen Gelegenheit geben ſich ſo edelmüthig zu zeigen wie ein großer Herr oder wie ein Matroſe der ſeinen Sold em⸗ pfangen hat. Geben Sie dieſem jungen Mädchen zehntauſend Franken Mitgift und laſſen Sie uns alle zuſammen bei Jambon in Creteil eine Matelote eſſen; ſind Sie's zufrieden? — Zehntauſend Franken der Tochter dieſes alten Fiſchdiebes! Halten Sie mich denn für einen Dumm⸗ kopf, mein ſchöner Bootsherr? Valentin ſah wohl daß der Capitän der Möve ſich nicht mit Ehren aus der Unterhandlung ziehen würde die er eingeleitet hatte; er ſchritt daher ein. arme Mädchen abverlangen, und zwar aus zwei Gründen: erſtens weil ich das Mädchen für ehren⸗ haft halte und weil ſie in dieſer Eigenſchaft das Geld nicht annehmen würde; zweitens, und dieß iſt der beſſere Grund, weil Sie, für ſo einfältig ich Sie Ihnen auf Ehre daß, wenn er es nicht thut, ich ſelbſt Sie verklagen werde, und zwar nicht beim Polizeicommiſſär, ſondern beim Staatsanwalt. Die Excentricitäten des Beherrſchers der Möve hatten Herrn Batifol eine ſolche Zuverſicht eingeflößt, 182 liſch blauen Augen ihm deutlich genug ſagten daß dieſer keine Comödie ſpiele, zur Antwort gab: — Nichts da! Ich gebe die Erlaubniß ſo wenig ich? Der Capitän hatte ſich augenſcheinlich ſehr dar⸗ über geärgert daß ſein Freund das Wort ergriffen. — Obwohl die Einſchreitung eines Paſſagiers bei einer gerichtlichen Angelegenheit allen Gebräuchen konnte. — Geht zum Teufel, ſagte der Eiſelirer, für welchen dieſe Worter hebräiſch waren; ich fordere Euch auf mich freizulaſſen; wenn Ihr mich nicht ſo⸗ gleich losgebt, ſo ſchwöre ich daß ich Euch und dieſen kleinen Zieraffen da, deſſen Verbrechen ich beweiſen werde, verklage. Und nach dieſen Worten, die er mit einer maje⸗ ſtätiſchen Stimme ausgeſprochen, wollte Herr Batifol ſich entfernen, aber die allmächtige Hand des Com⸗ mandanten der Möve ließ ſich von Neuem auf die Schulter des Ciſelirers nieder und warf ihn zu ſei⸗ nen Füßen. Zu gleicher Zeit zog Knirps einen 183 Strick aus ſeiner Taſche und band ihm die Hände, während Emanuel nach dem Schiff lief und ein klei⸗ nes Ankertau holte, deſſen die Bootsleute ſich be⸗ dienten um die Stromſchnellen hinaufzufahren. — Die Erlaubniß! wiederholte Richard. — Niemals! Ihr ſeid Elende, Ihr mißbraucht Eure Gewalt; aber wir wollen ſehen was für Ge⸗ ſichter Ihr ſchneiden werdet.... Herr Batifol vollendete nicht. Knirps hatte das Ankertau zwiſchen den bei⸗ den Armen des Ciſelirers hindurchgeſteckt, das Ende deſſelben über einen Weidenzweig geworfen der den Fluß beherrſchte, darauf hatten ſeine Kameraden und er das Tauſtück in die Höhe gezogen, und Herr Ba⸗ tifol ſchwebte ſechs Fuß hoch über dem Waſſer — Achtung aufs Commando! rief der Comfan⸗ dant der Möve, während Valentin ſich an den armen Sünder wandte und ihn zu überzeugen ſuchte daß es in ſeinem Intereſſe liege die verlangte Er⸗ laubniß zu unterzeichnen. Dem letztern würde es ohne allen Zweifel ge⸗ lungen ſein, denn der Schrecken begann mächtig auf den Ciſelirer zu wirken, aber der Capitän Richard, der ſo reglementariſche Vorbereitungen nicht unbe⸗ nüzt laſſen wollte, that einen furchtbaren Pfiff; die beiden Matroſen ließen zu gleicher Zeit das Tau los und Herr Batifol wurde aus der Höhe worin er ſchwebte plötzlich in die Tiefe eines Abgrunds hinabgeſchnellt der ſich wieder über ihm ſchloß. Sobald Herr Batifol unter dem Strudel ver⸗ ſchwunden war, der allein ſeine Anweſenheit in der Tiefe der Marne offenbarte, zog der Commandant 184 der Möve als pedantiſcher Formenmenſch ſeine Uhr heraus, um die Secunden zu zählen welche die Todesqual des Delinquenten dauern ſollte. Zum Glück für dieſen warf Valentin ſich auf das Anker⸗ tau, zerrte trotz des Widerſpruchs ſeines Freundes und der beiden Matroſen mit Macht daran, und ſo gelang es ihm den Ciſelirer auf die Oberfläche des Waſſers zurückzubringen. 3 — Ich willige ein, ſagte dieſer, indem er mit ſeinen Händen in der Luft herumfocht und das Waſſer ausſpie das er geſchluckt hatte, ich willige ein. Die Erlaubniß, die, zehntauſend Franken, alles was ihr wollt, aber laßt mich um Gottes willen nur her⸗ gaus... Hilfe! Hilfe! Hilfe! Valentin reichte ihm die Hand und zog ihn ans Ufer zurück. err Batifol war dermaßen erſchüttert, er hatte eine ſolche Furcht vor einer zweiten Probe mit dem naſſen Kielholen deſſen Bekanntſchaft er ſo eben gemacht hatte, daß er zuerſt Papier verlangte um das Verlangen ſeiner Quäler ſo ſchnell wie möglich zu befriedigen. Man übergab ihm ein Stück von demjenigen was der Befehlshaber der Möve großartig das Schiffsbuch nannte, und das weit öfters dazu diente die Pfeifen anzuzünden als die Reiſen der berühmten Gölette zu verzeichnen. Valentin las zu wiederholtenmalen was Herr Batifol mit zitternder Hand geſchrieben hatte: er wollte ſich verſichern daß die Erlaubniß in gebüh⸗ renden Ausdrücken ausgeſtellt ſei, er vergaß nicht dem Ciſelirer zu bemerken zu geben daß man, wenn 18⁵ er ſeine übernommene Verpflichtung nicht halte, immer noch Zeit habe die Klage einzuleiten womit man ihn bedroht. Dann ſchiffte ſich die Mannſchaft der Möve wieder ein und nahm Huberte mit, welcher Richard, als er hörte daß ſie nach Paris wollte, galant einen Plaz auf ſeinem Schiff angeboten hatte. Herr Batifol ſchaute, bevor er ſich wieder auf den Weg machte, ihrer Abfahrt zu. Knirps und Emanuel führten die Ruder: der Capitän hielt den Helmſtock und commandirte das Manöver mit einer klangvolleren Stimme denn je. Valentin und Huberte ſaßen nebeneinander vor dem Befehlshaber; dieſer und ſein Freund ſchienen bereits gegen die Liebenswürdigkeit des Mädchens zu Feld zu ziehen... Alle dieſe jungen Leute jubelten und ſangen, und die reine, friſche Stimme des Mädchens und ihr ſilbernes Lachen war mitten aus dem fröhlichen Concert herauszukennen. Unter dem Einfluß dieſer lärmenden Fröhlichkeit erblühte die Blonde wie eine Blume in den Sonnen⸗ ſtrahlen. Herr Batifol ſah die Geſellſchaft hinter der Spize von Faviot⸗Flamand verſchwinden, dann ſchüttelte er das Waſſer von ſeinen Kleidern ab, lächelte troz der Wuth die ihn verzehrte und ſagte: 8 — Schon gut, ſchon gut, ich glaube daß dieſer Kahn meinen Rächer trägt. 186 3 XIII. Oreſtes und Pylades. Die Freundſchaft zwiſchen den beiden Perſonen die wir ſoeben unſern Leſern vorgeführt, d. h. zwi⸗ ſchen dem Paſſagier und dem Capitän des Schiffes das Huberte nach Paris brachte, war wunderlich genug, daß wir einige Augenblicke dabei verweilen können. So gewiſſenhaft Richard Chullier das Commando des Kahnes verwaltete, den wir ihn mit ächt väter⸗ licher Anmaßung als die Gölette Möve bezeichnen hörten, ſo war doch dieſes Commando nicht ſein einziger Beruf; er war von Zeit zu Zeit, in ver⸗ lorenen Augenblicken oder wenn er ſchlechterdings nicht mehr anders konnte, Bildhauer. Nicht als ob es ihm an Talent gefehlt hätte; im Gegentheil; die erſten Zeiten ſeines öffentlichen Auftretens hatten einen gewiſſen Glanz gehabt, wie wir ſogleich erzählen werden. Die Natur gefällt ſich, vielleicht um den ganzen Werth der Ausnahmen beſſer fühlbar zu machen, zu⸗ weilen darin daß ſie die Verſprechungen und äußeren Zeichen von Genie mit freigebiger Dand verſchwen⸗ det. Zukünftige große Männer hat es ſtets im Ueberfluß gegeben, und wenn die wahren großen Männer ſo ſelten ſind, ſo kommt dieß daher, weil dieſe gute Mutter zu den Fähigkeiten womit ſie ſo wenig geizt ſehr ſelten den Willen fügt der noth⸗ wendig wäre um die Embryone aus ihrer Hülle her⸗ vorzuziehen. Die Vorſehung hatte Chullier ſogar den Schein d C e 8— ———— . 187 dieſer Gabe verweigert; er beſaß Phantaſie, Gefühl, Geſchmack, ein gewiſſes ſchöpferiſches Talent; aber er war ſchlaff, ſkeptiſch, gleichgültig gegen Alles was nicht eine unmittelbare Befriedigung ſeiner Sinne war; und, wie das ſo häufig geſchieht, die Ereigniſſe des erſten Theils ſeines Lebens hatten dazu beige⸗ tragen dieſe Fehler zu entwickeln, während die be⸗ lebenden Prüfungen des Leidens und Kampfes ſie vielleicht vermindert hätten. Aber alles ſchien dem jungen Mann zu lächeln bei ſeinem erſten Auftreten in der Welt der Kunſt. Er hatte im Jahr 1822 eine Gruppe ausgeſtellt welche den gefeſſelten Prometheus auf einem Felſen, nebſt dem Geier der ſeine Eingeweide zerfleiſchte, darſtellte. Der Erfolg war ſehr groß; der Künſtler erhielt eine Medaille erſter Claſſe, und ein Engländer be⸗ zahlte ihm 30000 Franken für das Werk. Es hätte ein anderes Hirn dazu gehört als das⸗ jenige welches der Himmel Richard Chullier zube⸗ ſchieden hatte, um ſolchen Zauberwonnen zu wider⸗ ſtehen. Gewiß daß er auf die Nachwelt übergehen würde, glaubte er nunmehr gegen die Zukunft voll⸗ kommen kitt zu ſein und begnügte ſich damit die Guineen Englands zu verzehren. Bei der königlichen Art und Weiſe wie der junge Künſtler zu Werke ging, war dieß bald geſchehen. Aber nach dem Tod ſeines Vaters erbte er unge⸗ fähr 80000 Franken und konnte ſein Leben in Saus und Braus noch vier weitere Jahre fortſetzen. Es verſteht ſich von ſelbſt daß während dieſer vier Jahre das Boſſirholz vollſtändig in Ruhe blieb. 188 Als der Bildhauer dem Ende ſeiner Wohlhaben⸗ heit entgegenſah! verſuchte er es an einem Tag nicht ſowohl der Beſonnenheit als der Langweile wieder aufzunehmen, aber ſeine Hand war im Müſſiggang plump geworden, ſie hatte ihre Kraft und Gewandt⸗ heit verloren, und, was noch ſchlimmer war, dieſe ſo lang fortgeſetzte Erſtarrung des Gedankens hatte ſein Hirn gelähmt; kurz und gut, er konnte nicht einen einzigen jener Blize mehr erhaſchen welche früher ſeinen Werken Bewegung und Leben gegeben hatten. Richard warf ſein Inſtrument ärgerlich weg, aber es kam ein Augenblick wo er es verſuchen mußte abermals darnach zu greifen. Dieß war derjenige wo er ſich von allen und jeglichen Subſiſtenzmitteln entblößt ſah. Nach einem Jahr unbeſtändiger Arbeit die hun⸗ dertmal unterbrochen und hundertmal auf die näm⸗ liche Weiſe wieder aufgenommen wurde, brachte er eine neue Statue zu Stande. Sie wurde im Salon zurückgewieſen. Richard ſchrieb dieſen Unfall der Eiferſucht zu die ſein erſtes Auftreten erregt habe und ſchrie über Ungerechtigkeit. Im Zorn zertrümmerte er ſeine Statue. Es blieb ihm noch ein leztes Mittel zu verſuchen übrig, nämlich für den Handel zu arbeiten, Uhren⸗ zierrathen, Leuchter und dergleichen für Bronzehand⸗ lungen zu modelliren, aber dieſe Arbeit erfordert, wenn ſie einträglich ſein ſoll, einen ungeheuren Fleiß, da ſie nur ſchlecht bezahlt iſt. Seine Trägheit ent⸗ ſezte ſich davor und ſein Hochmuth kam ihr zu Hilfe. b S————— ☚ 189 Er erklärte ſich ſelbſt daß er nicht auf ſolche Art ein Talent bloßſtellen dürfe welches von ganz Frankreich mit Beifall begrüßt worden; lieber wollte er bei gänzlichem Müßiggang in der äußerſten Entbehrung vegetiren, ſo daß er nur dann aß wenn ſein Gluͤck auf dem Billard oder dem Domino es gütigſt er⸗ laubte; im Uebrigen war er ſehr beliebt und unge⸗ mein geſchäzt im Café, das er nur verließ um zu ſchlafen, und nachdem er ſeine Eigenliebe ſo begränzt hatte daß er ſich mit den groben Genüſſen begnügte die ſeine Stellung als unbegriffenes Genie ihm eintrug. Um dieſe Zeit machte er ſeine Bekanntſchaft mit Valentin. Richard Chullier hatte abwechſelnd und je nach den Verhältniſſen ſeines Vermögens alle Stockwerke eines Hauſes bewohnt, zulezt aber ſein Quartier unter dem Dache genommen. 3 Zu ſeinem Manſardennachbar hatte er einen ar⸗ men Bijouteriearbeiter. So oft der Bildhauer demſelben auf der Treppe begegnete, machte dieſer Plaz und trat ehrerbietig auß die Seite. Dieſes Zeichen einer Hochachtung an welche er nicht mehr gewöhnt war fiel Richard a und da er überdieß bemerkte daß der junge Menſch ihm mit einer ſehr eigenthümlichen Neugierde nachſchaute, ſo wurde er nothwendig dadurch gerührt und redete ihn zuerſt an. An der Bewegung welche ſich jezt auf dem Ge⸗ ſichte des Nachbars ausprägte, erkannte der Künſtler daß er ſich in Betreff des Gefühls der Bewunderung 190 das er bei ihm vorausgeſezt nicht getäuſcht hatte. Er erſuchte ihn mit auf ſein Zimmer zu kommen, und da die maßloſe Ungezwungenheit Richards der Schüchternheit des Arbeiters zu Hilfe kam, ſo war die Bekanntſchaft bald geſchloſſen. Valentin zählte zwanzig Jahre. Er war ein vom öffentlichen Mitleid erzogenes Findelkind, klein, ſchmäch⸗ tig, ſchwächlich, beinahe kränklich, erſezte aber dieſe phyſiſchen Unvollkommenheiten durch den Zauber ſei⸗ nes Geſichtes, das zugleich offen und beſcheiden, ver⸗ ſtändig und entſchloſſen war. Auch ſonſt hatte die Natur ihn reichlich entſchä⸗ digt, indem ſie ihm eine Seele von ungewöhnlicher Schwungkraft und Höhe verlieh. In einem Alter wo trügeriſche Luftbilder gewöhn⸗ lich den Anblick der Zukundt entziehen, hatte er ein⸗ geſehen daß in ſeiner beſcheidenen Sphäre die Arbeit das einzige Ziel war auf das er ausgehen durfte. Ein wahrer Latour d'Auvergne unter den Arbeitern, hatte er ſich dieſes Ziel vor Augen geſezt, nicht in der Hoffnung ſich zu bereichern, ſondern um einer Pflicht zu gehorchen. Statt die ſeltenen Augenblicke der Muße die ſeine Werkſtatt ihm ließ den Vergnü⸗ gungen ſeines Alters zu widmen, verwandte er ſie auf Ausbildung ſeines Verſtandes, auf Bereicherung ſeiner Kenntniſſe, auf Entwicklung deſſen was ſeine Liebe zu allem Schönen, Großen und Edlen die Gott in ihn gelegt hatte befriedigen mußte. Wie alle diejenigen die in die traurigen Wirklich⸗ keiten des Handwerks nicht eingeweiht worden ſind, trug er ſich mit ſeltſamen Illuſionen in Bezug auf die Kunſt; er betrachtete ſie als den erhabenſten Aus⸗ b — 191 druck der Intelligenz; die Künſtler waren für ihn Halbgötter, beſtimmt die gewöhnlichen Menſchenkinder in Verkehr mit den himmliſchen Regionen zu bringen. Als er erfuhr daß einer dieſer Halbgötter zunächſt neben ihm wohne und daß er ſich mit einer eben ſo elenden Manſarde begnüge wie ſeine eigene war, daß er noch ärmer und entblößter ſei als die arme Waiſe ſelbſt, wurde er von einer ſchmerzlichen Rüh⸗ rung ergriffen, und der unglückliche Nachbar war der Gegenſtand ſeiner beſtändigen Gedanken und fei⸗ nes innigen Mitgefühls. enn er den Bildhauer blaß und hager, mit ſeinen blutunterlaufenen Augen, ſeinem verwilderten Bart und Haupthaar, ſo wie ſeinen ſchmuzigen Klei⸗ dern ſah, ſo war er weit entfernt an dieſen Brand⸗ malen die Verheerungen der Faulheit und Liederlich⸗ keit zu erkennen, ſondern warf, wie dieß die Schwäche guter, naiver, jugendlicher Seelen iſt, die Hauptſchuld auf den Egoismus und die Undankbarkeit ſeiner Zeit⸗ genoſſen. Als er zum erſtenmal in das Zimmer des Künſt⸗ lers trat, beim Anblick dieſer Unordnung die noch ſchrecklicher war als das Elend welches ſich in dieſem Neſt offenbarte, rollten zwei große Thränen über Valentins Wangen hinab; er trat ſchweigend auf Richard zu, ergriff ſeine Hand und küßte ſie, wie der Diener eines Königs gethan hätte, wenn er ſeinen Herrn in der Dürftigkeit und Verbannung wieder⸗ gefunden.. Der junge Arbeiter hatte in dieſe beſcheidene Ge⸗ berde ſo viel Einfachheit und Größe gelegt, daß der Bildhauer, der über Alles lachte und nicht einmal 192 an ſich ſelbſt glaubte, außer wenn er das Bedürfniß empfand vor ſeinen Nebenmenſchen eine gewiſſe Rolle zu ſpielen, ſich innig bewegt fühlte und nichts zu blaguiren wagte, wie er in ſeiner Künſtlerſprache geſagt haben würde. Inzwiſchen bemerkte Valentin nach einigen Tagen vertrauter Beziehungen daß ſein Göze thönerne Füße hatte; aber bereits hatte ſich die Zuneigung einge⸗ ſtellt, und ſein Herz lieferte ihm tauſend Gründe um eine Verbindung zu rechtfertigen die ſeiner früh⸗ reifen Beſonnenheit widerſtrebte. Er fragte ſich ob die Vorſehung ihn nicht aus⸗ erſehen habe um der Schwäche dieſes Genies zu Hilfe zu kommen. Die Gemeinſamkeit politiſcher Ueber⸗ zeugungen, der ganz neue Zauber welchen Valentin in der Unterhaltung mit Richard fand, alles ſprach zu Gunſten des Lezteren. Der Arbeiter widmete ſich mit Leib und Seele der Aufgabe dieſer Beſſerung. Sie war keineswegs leicht. Es ſcheint daß der moraliſche Fall eben ſo gut ſeine Geſeze hat wie die Schwerkraft der Körper; ſeine Stärke und Sehntalihid nimmt nach Maßgabe des ſchon vorher durchlaufenen Raumes zu. Iſt man bei einem gewiſſen Grad des Sinkens angelangt, ſo„ iſt nichts ſchwerer zu bewerkſtelligen als eine noch ſo ſchwache rückgängige Bewegung oder ein noch ſo kurzer Haltpunkt. Als die vertraulichen Mittheilungen der beiden Freunde gegen einander Valentin ermächtigten ſich in Richards Leben einzumiſchen, verſuchte er ihm einige Vorſtellungen über ſeinen Müßiggang und ſein un⸗ geeignetes Benehmen zu machen; dieſer aber, den 193 einige Monate brüderlichen Zuſammenlebens in eine behagliche Stimmung verſezt hatten, wagte was er dem ſympathiſchen Mitleid des Arbeiters gegenüber nicht gewagt hatte: er verhöhnte den jungen Mann über die Mentorsrolle die er ſich anmaßen wolle. Valentin verſuchte jezt dieſes verhärtete Herz durch Zuvorkommenheiten, Sorgfalt und Zärtlichkeit zu er⸗ weichen. Als geſchickter Arbeiter in ſeinem Fach erhielt er einen hohen Lohn; er hatte einige Erſparniſſe bei Seite gelegt; eines Tags als Richard ſich in der tief⸗ ſten Entblößung befand, erbot er ſich ſeine Kaſſe mit ihm zu theilen. Der Bildhauer erröthete. In dem großen Schiff⸗ bruch hatte er einen Reſt ſeines natürlichen Stolzes bewahrt. Er entlehnte ohne Scheu von ſeinen Trink⸗ brüdern, aber dieſes Geld anzunehmen wovon jedes Stück eine Arbeitsſtunde des armen Waiſenjungen vertrat, ihn der Mittel zu berauben die ihm in Folge einer Krankheit oder Arbeitseinſtellung jeden Tag un⸗ entbehrlich werden konnten, dieß widerſtrebte Richard im höchſten Grad. Valentin beruhigte ſeinen Freund, indem er den Vorſchlag machte dieſes Anlehen als Vorſchuß für eine Statuette zu betrachten welche der Künſtler ihm ſpä⸗ ter machen ſollte, und ſo beſtimmte er ihn zur An⸗ nahme. Aber die Gewiſſensbiſſe Richards entflogen mit dem lezten Thaler des Geldes das er von ſeinem ar⸗ men Kameraden empfangen hatte, und einen Monat ſpäter dachte er ſo wenig mehr an die Statuette als *wenn niemals davon die Rede geweſen wäre. Dumas, Pechvogel. 13 194 Valentin überwand den Widerwillen den ſein Zart⸗ gefühl empfand, und ſprach ſelbſt zuerſt davon; Richard ſchämte ſich ein wenig und ſagte daß es ihm mate⸗ riell unmöglich ſei in einer Dachſtube zu arbeiten. Hier war es wo Valentin ihn erwartete. Er fragte ihn ob es ihm etwa unangenehm wäre ſeine Wohnung zu verlaſſen, und als der Bildhauer dieß verneinte, führte er ihn einige Tage ſpäter in die Rue Saint⸗Sabin, wo er, ohne ihm etwas von ſeinen Plänen mitzutheilen, eine Wohnung für ſie beide gemiethet und in Bereitſchaft geſezt hatte. Dieſe Wohnung lag im Erdgeſchoß und beſtand aus zwei Schlafſtübchen ſowie einer Werkſtatt. Sie war einfach, aber ſauber möblirt. Mit einem beinahe weiblichen Zartgefühl hatte Valentin ſeinen Freund nicht zwingen wollen bei der Anſchaffung der nöthigen Inſtrumente zum zweiten⸗ mal ſeine Gefälligkeit in Anſpruch zu nehmen. Alle Inſtrumente der Bildhauerkunſt befanden ſich an ihrem Plaz; die Modellblöcke warteten auf ihre Anlagen, die Lehmklumpen lagen in einem Winkel der Werkſtatt aufgehäuft. Als Richard in dieſes Zimmer trat und dieſen neuen Beweis von der Liebe des Arbeiters empfing, da ſchmolz ihm das Herz troz des Skepticismus den er affectirte, ſeine Augen feuchteten ſich, er ſank Valentin in die Arme und ſchloß ihn mit Rührung an ſeine Bruſt. Schon am folgenden Morgen war er am Werk, und obſchon ſeine alten Gewohnheiten, mit denen er keineswegs ganz gebrochen hatte, allzuoft ſeine Ar⸗ beit ſtörten, ſo war doch nach Verfluß eines Monats art⸗ ard ae⸗ äre uer in don ſie an atte der en⸗ den auf tem ſen ng, den ank ing erk, er Ar⸗ ats 195 die für Valentin beſtimmte Statuette vollendet, und er traf Anſtalten ſie zum Guſſe zu geben. Es war im September 1830. Die beiden jungen Leute hatten mit Wärme die Sache der Revolution ergriffen deren Grundſäze ſie theilten. Noch unter dem Einfluß der Julikämpfe hatte Richard eine Gruppe modellirt, zwei Arbeiter dar⸗ ſtellend welche die dreifarbige Fahne auf einer Bar⸗ ricade aufpflanzten. i Morgen des Tags wo er ſein Werk voll⸗ „ enden ſollte, wollte Richard beim Erwachen noch einen Blick auf dasſelbe werfen: es war bisher ge⸗ genüber der Verbindungsthüre zwiſchen ſeinem Zim⸗ mer und der Werkſtatt aufgeſtellt geweſen. Er bemerkte es nicht auf dem Geſtelle. Im ſelben Augenblick trat Valentin mit einem ziemlich ſchweren Sack unter dem Arme herein. Er ging, ohne ein Wort zu ſagen, auf das Bett ſeines Freundes zu, knüpfte ſeinen Sack auf und ließ den Regen Danges in Zehnfrankenſtücken auf dieſen herabfallen. Richard fragte ihn was dieß bedeuten ſolle. — Dieß bedeutet, antwortete Valentin, daß ich nicht warten wollte bis Du mir Dein Erzbild ſchen⸗ ken würdeſt, denn dann hätte ich nicht das Recht gehabt es wegzugeben. Ich habe Zeit auf meine Statuette zu warten; Du haſt keine Minute zu ver⸗ lieren wenn Du Dich endlich zu einem ehrenhaften Leben entſchließen willſt. Ich wünſchte daher daß Dein erſtes Werk Deiner Ausſöhnung mit dem Handel gewidmet werden ſollte, der allein Dich noch verhin⸗ ern kann daß Du nicht wie ein Taßdieh an einer 1* 196 Straßenecke umkommſt; ich habe Deine Gruppe um fünfhundert Franken verkauft. — An einen Erzfabricanten? — Ja! — Um es vielleicht auf eine Standuhr zu ſtellen? — Wahrſcheinlich. Eine der Hände Richards drückte die Hand ſei⸗ nes Freundes; die andere unternahm jene drama⸗ tiſche Geberde welche ein Edelmann auf der Bühne macht wenn er ſeinen Wappenſchild entehrt ſieht. Dieſe Mimik verhinderte den Bildhauer nicht das ſchnöde Metall bis auf das lezte Fünffrankenſtück zuſammenzuraffen.. Valentin hatte, als er ſeine Batterien richtete, den Künſtler wohl beurtheilt; dieſer gewann Geſchmack, nicht an der Arbeit, aber an dieſem ſilbernen Thau; er war unfähig für die Leidenſchaft geworden und hatte den Sinn für die Kunſt verloren; kaum blieb ihm noch das Kauderwelſch derſelben, während er im erſten Theil ſeiner Laufbahn ſo ſtolz die Spieß⸗ bürger verachtet hatte; jetzt mußte er zählen wie dieſe; er hatte berechnet daß die Geſammtheit der aus der Arbeit entſtehenden Widerwärtigkeiten bei weitem nicht die Summe der Verdrießlichkeiten erreichte die er im Elend gefunden, und wenn das Bedürfniß ihn ſtachelte ſo entſchloß er ſich den Thon zu kneten. Dieſes Reſultat war weit entfernt demjenigen zu gleichen das Valentin ſich vorgeſezt hatte. Er hatte dem Himmel einen Stern, dem Ruhm einen Namen zurückzugeben geglaubt, und nun hatte er ganz ein⸗ fach die Schaubuden der Fabrikanten um einige 197 5 Motive vermehrt die etwas weniger gemein, etwas weniger unförmlich waren als ihre Nachbarn. Dieß war ein Sturz aus großer Höhe herab. Aber die Eigenliebe ſpielte mit den Gefühlen des ijoutier eine ſo mittelmäßige Rolle, ſein Herz war ſo rein von jeder perſönlichen Nebenabſicht, daß ſeine Neigung zu Richard durch dieſe vollſtändige Enttäu⸗ ſchung nicht verringert wurde. Die Wahrheiten altern nicht: die Vergleichung des Menſchen mit dem Epheu der nicht ohne Stüz⸗ punkt leben kann, kommt aus früher Zeit und iſt deßhalb nur um ſo triftiger. Ohne Familie, ohne irgend eine Art von Verbindung, vereinſamt inmitten der fünfzehnmal hunderttauſend menſchlichen Weſen die ſich um ihn her regten, war Valentin mit dem Künſtler dem er ſich angeſchloſſen zulezt ein Leib und eine Seele geworden. Er hatte zulezt einige Vorzüge in ihm entdeckt die er in Wirklichkeit nicht beſaß; er fand ſelbſt an ſeinen Fehlern einiges Wohl⸗ gefallen. Er war gegen ſeinen Freund zärtlich geweſen wie eine Mutter; er war nachſichtig wie eine ſolche, und in den drei Jahren die auf ihren Einzug in die Rue Saint⸗Sabin folgten, verläugnete ſich ſeine beharrliche Sorgfalt für Richard niemals; er mun⸗ terte ihn zur Arbeit auf, er nahm ſeine Intereſſen bei den Fabrikanten wahr, er richtete ihn in ſeinen häufigen Augenblicken niedergeſchlagener Verzagtheit wieder auf, er ſchalt ihn ſanft wegen ſeiner Faulheit oder ſeiner Narrheiten, er entſchuldigte ſeine Launen, er verzieh ſeine Grillen, und Gott weiß wie zahlreich ſie waren, und ſo unnüz auch alle ſeine Verſuche 198 ſich bisher erwieſen hatten, hörte er doch niemals auf, die Seele ſeines Freundes zu höheren Zwecken hinzulenken als er verfolgte. Es iſt dieß weit mehr eine wirkliche Wahrheit als eine Redefigur; alles Große beſizt eine Ausſtrah⸗ lung die ſich auf ſeiner Umgebung abſpiegelt. So groß auch der Unterſchied war der in Beziehung auf Alter, Erziehung und Stellung zwiſchen Richard und Valentin ſtattfand, ſo unterlag dieſer doch bis auf einen Punkt dem Einfluß ſeines Kameraden; ſeine Gewohnheiten waren zu tief eingewurzelt als daß er ſie verändern konnte; er wurde nicht beſſer, ſon⸗ dern nur weniger ſchlecht; er zeigte ſich zur Freund⸗ ſchaft und Dankbarkeit fähig; er brachte es zu einer aufrichtigen Liebe für Valentin; er würde unbarm⸗ herzig denjenigen getödtet haben der den jungen Arbeiter angegriffen hätte, er hätte ſich in Stücke hauen laſſen um ihn zu vertheidigen; dieß war ſchon etwas, noch mehr aber war es daß er während der ganzen Zeit ihrer Verbindung ſeine ſpöttiſchen In⸗ ſtincte, ſeine Neigung zu unverſchämten Hänſeleien dermaßen im Zaum zu halten wußte, daß er mit Valentin nie anders als im Tone ehrerbietiger Ver⸗ traulichkeit ſprach. „XIV. Die Statuette der Brüderſchaft. Der Wunſch den wir Herrn Batifol ausſprechen hörten ſchien in Erfüllung gehen zu ſollen. nals ecken rheit rah⸗ So auf und auf ſeine daß ſon⸗ und⸗ einer arm⸗ ngen tüde ſchon der In⸗ leien mit Ver⸗ echen 199 In Folge der Scene die wir im vorhergehenden Kapitel erzählten, war Varenne der Hafen geworden wo das Schiff von Richard Chullier gewöhnlich an⸗ legte, und Valentin, welchen der Bildhauer früher nur mit einiger Mühe zur Theilnahme an ſeinen nautiſchen Heldenthaten vermocht hatte, war der bleibende Paſſagier der Möve geworden. Eines Sonntags Morgens, ungefähr einen Mo⸗ nat nach dem erſten Zuſammentreffen der beiden jungen Leute mit Huberte, ging Valentin bleich und aufgeregt in dem mit beinahe mönchiſcher Beſcheiden⸗ heit möblirten Zimmer das er in der gemeinſchaft⸗ lichen Wohnung inne hatte auf und ab. ie alle Leute die weder von Gewiſſensbiſſen noch von Chrgeiz noch von Leidenſchaften gequält werden, hatte Valentin eine außerordentlich ruhige und heitere Phyſiognomie. Die Schwermuth die ſich jetzt darin abſpiegelte war um ſo augenfälliger, je ungewöhnlicher ſie war. Er blieb lange Zeit, mit dem Ellenbogen aufs Kamin geſtemmt, gegenüber der berühmten Statuette ſeines Freundes ſtehen, welche die einzige Zierde deſſelben bildete; er betrachtete dieſe Statuette, welche die Brüderſchaft vorſtellte, mit zärtlicher Rüh⸗ rung, gleich als hätte ſie die Macht gehabt ihn zu der glücklicheren Zeit zurückzuführen wo ſie modellirt worden war. Endlich ſchien er einen Entſchluß zu faſſen: er ſtieß einen Seufzer aus, fuhr mit der Hand über ſeine Stirne, die troz ſeiner Jugend ſich bereits zu enthaaren anfing, und trat in die Werkſtatt. Im vollen Contraſt gegen ſeinen Freund war 200 der Bildhauer ſehr heiter und ſchien ſeine Freude auch nicht verbergen zu wollen; er ſang mit einer weit mehr ſtarken als harmoniſchen Stimme die Barcarole der Möve. Dieſe Heiterkeit hatte, wie auch die Wahl des Liedes worin ſie ſich ausſprach, ihre Vorwände auf drei Stühlen ausgelegt, in Geſtalt von drei neapo⸗ litaniſchen Matroſencoſtümen die funkelneu prangten. Die Schiffsleute der Möve waren, wie dieß noch⸗ heutigen Tages beim Kahnfahren vorkommt, wackere Arbeiter die am Sonntag aus Liebhaberei Matroſen wurden und ſich zur Befriedigung dieſer ſportsmänniſchen Neigung an einen andern vom Him⸗ mel mehr begünſtigken Liebhaber anſchloſſen, welchem ſeine Mittel den Ankauf des Hauptinſtruments zu ihrem Vergnügen geſtattet hatten. Sie trugen mit ihren Armen bei wie jener mit ſeinem Kahn; ſie überließen ihm das Privilegium ſich auf die Bank des Steuerruders zu ſetzen; ſie geſtatteten ihm das Recht ſie Seehunde, Seewölfe zu nennen und ihnen noch andere im Wörterbuch des Salzwaſſers gebräuchliche Namen zu geben. Da⸗ degen konnte derjenige der ſich den Capitänstitel eilegte bei dieſer echt brüderlichen Aſſociation nichts Geringeres thun als daß er die Luxus⸗ und Phan⸗ taſieausgaben auf ſich nahm. Nun hatte das Reich der Phantaſie für Richard Chullier keine Grenzen. 3 Er hatte ſeine Schiffer nacheinander in alle See⸗ coſtüme geſteckt die er ſich verſchaffen konnte; aber ſeit einiger Zeit quälte ihn die Idee einer neuen Veränderung, die nach ſeinem Dafürhalten in dem 201 Hafen von Bercy und auf der ganzen Marnefahrt eine wunderbare Wirkung hervorbringen mußte. Marne fahrt nennt man die Promenade, wenn man durch den Kanal von Saint⸗Maur in dieſen Fluß einfährt und bis zu ſeiner Mündung in die Seine hinabſegelt, wobei man an Varenne vorüber⸗ kommt. Richard hatte, auf der einen Seite von ſeiner Faulheit, auf der andern von ſeinem Wunſche ge⸗ quält, einige Zeit geſchwankt, aber einige Tage vor⸗ her hatte dieſer Wunſch einen neuen Impuls zu er⸗ halten geſchienen: er hatte eine ganze Woche lang unabläſſig gearbeitet; die Gypsfigürchen befanden ſich in den Händen des Fabrikanten, und der Bild⸗ hauer ſeinerſeits war in den Beſiz dreier prächtiger neapolitaniſcher Matroſencoſtüme getreten. Nichts fehlte daran: weder die Sandalen noch die ſcharlachrothen Müzen; weder die Hoſen mit den langen, rothen und weißen Streifen welche das Bein halb nackt laſſen ſollten, noch die Kappenmäntel mit ihren Verzierungen die ſo buntſcheckig waren wie die Harlekinsjacken. Der des Capitäns hatte in Gemäßheit ſeines Grades einen leichten Goldpaſſepoil. Er konnte ſich nicht ſatt daran ſehen: er legte ihn über ſeine Schultern; er wiegte ſich um die flatternden Aermel mit aller Grazie ſpielen zu laſſen deren ſie fähig wären; er probirte wie die herabgelaſſene Kapuze ſeinem Geſicht anſtehe; er legte ſie wieder nieder und nahm ſie von Neuem. Beim Anblick dieſer Vorbereitungen runzelte Va⸗ 202 lentin ſeine Brauen und wurde noch bläſſer als er es bereits war. Richard war zu ſehr mit ſeinen ſchönen Kleidern beſchäftigt um dem was auf dem Geſichte ſeines Freundes vorging auch nur die mindeſte Achtung zu ſchenken. — Ah, ſagte er, als er ihn bemerkte, hätteſt Du Dich ins Paſſagierbuch der Möve eintragen laſſen, ſo würde ihr heute zu ihrem Glanze nichts fehlen. Was ſagſt Du zu dieſem Anzuge, he? Wer⸗ den wir uns hübſch ausnehmen? — Ich, antwortete Valentin, ſage daß dieſe Kleider bei der Heimkehr von der Courtille weit beſſer am Plaze wären als auf den Bänken Deines Boots. — Ei was, willſt Du etwa meinen Matroſen Moral predigen? Haſt Du Kummer? Es bleiben mir noch ſechzig Franken. — Nein, Du weißt daß die Maskeraden über⸗ haupt nicht meine Sache ſind. Und dürfte man vielleicht erfahren für wen Du alle dieſe Koſten auf⸗ wendeſt? 7 Valentin blickte bei dieſen Worten Richard ſo ſtarr an, daß dieſer ſich einer leichten Verlegenheit nicht erwehren konnte. — Für wen? für wen! Tauſend Stückpforten! Bloß um die Großmäuler von der Doris zu är⸗ gern die ihre Maſtwächter in ihren ſchlechten Kitteln von rothem Barchet ſo lange paradieren ließen; um den Spießbürgern Reſpect einzuflößen und dann.... — Nein, antwortete Valentin feſt; ich kenne Dich zu gut um glauben zu können daß Du Dich 203 bloß um dieſer einzigen Hoffnung willen zu einer achttägigen Arbeit entſchloſſen habeſt.. — Nun wohl, wenn ich Dir's geſtehen ſoll, ich habe auch noch eine andere Abſicht. — Welche? — Ich rechne auf die verführende Macht dieſer lniſorn um Etwas zu finden was mir ſchon lange ehlt. — Und was fehlt Dir denn? — Ein Schiffsjunge bei Gott! Jedes Schiff, ſo unbedeutend auch ſein Sarter ſein mag, hat den ſeinigen. Bei den Fiſchern iſt es ſogar Ordonnanz und dann hat es allen möglichen Vortheil; es iſt bequem im Privatleben und recht angenehm beim Schiffen; das holt den Tabak, das ſchenkt den Maſt⸗ wächtern Wein ein, das ſingt einem die Grillen aus dem Kopf. Ich muß durchaus einen haben; nur darf der meinige keine Gaſſendirne ſein wie Clara auf der Doris, und eben ſo wenig eine Maritorne wie Carabine auf der Waſſerhexe. — Und für wen beſtimmſt Du dieſes Amt? — Bei Gott! ich weiß nicht warum ich es Dir verbergen ſollte; für die Kleine da unten, ſagte Ri⸗ chard mit affectirter Leichtigteit und Gleichgültigkeit. — Für die Enkelin des Fiſchers von Varenne? für Huberte? — Findeſt Du nicht daß ſie allerliebſt ſein wird? Sie iſt geſchmeidig wie eine Oberbramſtange, ſie hand⸗ habt das Ruder wie ein alter Meerwolf, ſie macht Dir eine Spliſſung flinker als irgend einer auf der obern Seine; und bei alledem iſt ſie artig, einneh⸗ mend, fröhlich wie ein Zeiſig. So wahr ich ein 204 Schiffsmann bin, ich könnte lange ſuchen bis ich ein anderes ſo paſſendes Geſchöpfchen fände. — Aber, verſezte Valentin, deſſen Stimme ver⸗ ſagte, deſſen Hand zitterte an der Stuhllehne auf die er ſie gelegt hatte, aber bevor Du ihr einen ſolchen Vorſchlag machſt, mußt Du Dich verſichert haben daß ſie eine Neigung zu Dir empfindet.... daß ſie Dich liebt oder wenigſtens lieben könnte. — Du kennſt mich gut genug, verſezte der Bild⸗ hauer mit einem Erröthen, um zu wiſſen daß Gecken⸗ haftigkeit nicht meine Schwäche iſt; ich bin nicht ein⸗ fältig genug ſo zu handeln wenn ich mich nicht voll⸗ kommen dazu ermächtigt glauben dürfte. Valentin blieb einige Augenblicke ſtumm; der Athem ging ihm aus; es war als ſollte er erſticken, und ſeine Hand, die er fortwährend auf einer Stuhl⸗ lehne hielt, zitterte nervös. — Richard, ſagte er endlich, haſt Du wohl über⸗ legt was Du da unternehmen willſt? — Nun ja, erwiderte der Capitän der Möve, Du beginnſt ein moraliſches Kreuzfeuer auf Steuer⸗ bord und Backbord, aber ſiehſt Du, mit der Moral geht es mir wie einem andern mit dem Spinat, ich freue mich ſehr daß ich ſie nicht liebe, denn wenn ich ſie liebte, würde ich ſie eſſen, und ich kann ſie nicht ertragen. Wenn Du alſo Moral preisgeben willſt, ſo mache ich mich auf die Beine. — Nein, Du ſollſt nicht gehen. — Nun ſo ſage ſelbſt, waͤre ſie denn ſo ſehr zu beklagen wenn ſie ſich auf meiner Fregatte anwerben ließe? Ich liebe dieſe Kleine in allem Ernſt. — Nein Du liebſt ſie nicht; wenn Du ſie lieb⸗ ————— — ⏑——— u 205 teſt, ſo würde es Dir nicht einfallen als erſten Beweis ihrer Gegenliebe das Opfer ihrer weiblichen Würde zu verlangen; wenn Du ſie liebteſt, ſo würdeſt Du ſie reſpectiren, und bei dem Gedanken ſie auf den Standpunct der Geſchöpfe zu erniedrigen von denen Du eben ſpracheſt, würde Dein Herz voll Ent⸗ rüſtung ſich erheben. — Kurz und gut, ſie gefällt mir, verſetzte der Bildhauer in einem mürriſchen, beinahe drohenden Ton. — Ja, und weil ſie Dir gefällt, mußt Du ſie zu Grunde richten. — Sie zu Grunde richten! Sollte man nicht mei⸗ nen es handle ſich um die Königin der Marqueſasinſeln? — Biſt Du es wirklich der ſo ſpricht, Richard? Du den ich ſo oft ſeinen Plaz im Proletariat als ein Recht in Anſpruch nehmen hörte? Wenn ein vor⸗ nehmer Schlingel ein Mädchen vom Volk verführt, ſo iſt es vollkommen logiſch, er treibt weiter nichts als ſein Handwerk. Aber wir, dürfen wir unſere Schweſtern in Armuth und Verlaſſenheit antaſten? Pfui! das wäre eine Ruchloſigkeit. — Demnach wären alſo die Schiffsleute der Möve für gewöhnlich und für immer zu den Her⸗ zoginnen verurtheilt! Nein danke ſchön, ſie haben an dieſen genug. — Richard! Richard! Mach Dich doch nicht ſchlimmer als Du in Wirklichkeit biſt. In Folge eines providentiellen Zufalls haſt Du Huberte vor Schande gerettet, und nun wollteſt Du die Schlech⸗ tigkeit an welcher Du einen Andern verhindert haſt,⸗ gegen welche ich Dich eifern hörte, und die Du vor 206 meinen Augen beſtrafteſt, ſelbſt begehen? Ich glaube Dir's nicht, Richard.— — EB, verſezte der Bildhauer, deſſen Mißtrauen rege wurde, indem er ſeinen Freund feſt anſah, gleich als wollte er in ſeiner Seele leſen, ich habe noch nie geſehen daß Du Dich ſo lebhaft für ein Frauenzimmer intereſſirteſt. — Wie, Richard? antwortete Valentin, indem er ſeine Aufregung gut genug beherrſchte um ruhig zu erſcheinen, kannſt Du Dich wirklich darüber verwun⸗ dern wenn ich mich für diejenigen intereſſire die leiden? — Nein, verſezte der Bildhauer, wie wenn er zu ſich ſelbſt ſpräche, nein, Du biſt nicht derjenige der einen Freund hintergehen wollte. Ueberdieß kenne ich Dich, Du biſt geblendet; Dein Rückenſchild iſt gegen den kleinen Schlingel mit dem Köcher garan⸗ tirt, ich habe nie erfahren daß Du eine Geliebte hätteſt. — Und Du wirſt es auch nie erfahren. — Schwöre mir das, fügte der Gebieter der Möve hinzu, gleich als bedürfte er dieſes Eides um einen lezten Argwohn zu verſcheuchen der ihm gekommen war. — Ich ſchwöre dieß, antwortete Valentin mit einer gewiſſen Feierlichkeit und wie wenn er in der Seele ſeines Freundes geleſen hätte. f delhand ſchien ſich in großer Aufregung zu be⸗ nden. Die Lebhaftigkeit, die fröhliche Gemüthsart und die naive Anmuth Hubertens hatten den Bildhauer eben ſo ſehr verführt wie ihre Schönheit. Seit einem —-— —20 8+ 207 Monat ſchwelgte er in dem Gedanken ſie zu gleicher Zeit zur Souveränin ſeines Herzens und zu ſeinem Schiffsjungen zu machen, und ſo groß auch Valen⸗ tins Einfluß auf ihn ſein mochte, ſo konnte er ſich doch nicht entſchließen ſo lachenden Ausſichten zu entſagen.. — Tauſend Millionen Stückpforten, rief er, in⸗ dem er ſeine Phraſen aus dem Wörterbuch der Ma⸗ rine mehr als je vervollſtändigte, welche Narrheit von mir daß ich meinen Schild entdecken mußte ehe der Schiffsjunge an die See gewöhnt war! Warum mußte ich auch den Blödſinn begehen Dir von mei⸗ nen Plänen vorzuſchwazen? — Ich erſpare Dir Gewiſſensbiſſe, verſezte Va⸗ lentin; ſieh, ich habe noch nie Etwas von Dir ver⸗ langt; nun wohl, jezt bitte ich Dich, bringe unſerer Freundſchaft dieſes Opfer. — Man wird es verſuchen, ſagte der Herr der Möve brutal. Ja, es iſt heute die Kirchweih von Argenteuil und es finden Kahnfahrten ſtatt; meine Gölette ſoll heute ihren Kiel nach dieſer Seite hin ſpazieren führen, ſtatt die Marnefahrt zu machen. Ich werde trinken, werde mich tüchtig ins Zeug wer⸗ fen, ich werde alles unter den Tiſch ſaufen, und wehe dem der mir ein ſchiefes Geſicht zeigt! Hal es ſoll ſich nur einer regen! So ſprechend hatte der Bildhauer die drei nea⸗ politaniſchen Matroſencoſtüme aufgehoben, und als er ſeine Phraſe vollendet hatte, nahm er den Pack unter ſeinen Arm und entfernte ſich, ohne ſeinem Freund Adieu zu ſagen, mit der ſchmollenden, ver⸗ 208 drießlichen Miene eines Schuljungen dem man tüch⸗ tig den Kopf gewaſchen hat.. Als das Getöne ſeiner Schritte unter dem Hof⸗ thor verhallt war, ſuchte Valentin den Schmerz der ſeine Seele zuſammenſchnürte nicht mehr im Zaume zu halten; er ſank auf einen Stuhl und rief unter lautem Schluchzen: — Mein Gott! mein Gott! Sie liebt Richard! Er blieb lange in derſelben Stellung, die Stirne in ſeine Hand gelegt, während Thränen über ſeine Wangen glitten und wunderliche Zeichnungen auf dem Fußboden aufführten. Endlich richtete er ſeinen Kopf empor und ſagte mit einem wehmüthigen Lächeln: — Wenigſtens kann ich ſie jezt ohne Gefahr für ſie und für mich wiederſehen. Ich habe geſchworen. XV. Wie der Capitän der Möve beſchloß eine Enterung zu verſuchen. Wir haben geſehen wie Richard in ſehr ſchlechter Laune ſeine Wohnung verließ; er ging am Ufer des Kanals hin, und je weiter er kam, um ſo größer wurde ſein Zorn. Er hatte nie Etwas ertragen was ſeinen Launen entgegentrat, aber ſeine dießmalige Grille lag ihm vermuthlich mehr am Herzen als alle andern, und ſein Aerger gränzte an Wahnwiz. Er hielt einen mit ſtarken Pantomimen begleite⸗ 4 209 ten Monolog, worin er Valentin wegen einfältiger Sprödigkeit hart mitnahm. Er gab ihm die unpar⸗ lamentariſchſten Bezeichnungen, ſchonte übrigens auch ſich ſelbſt nicht, wenn er ſich die Schwäche vorwarf womit er ſich die moraliſche Ueberlegenheit ſeines Freundes gefallen ließ, und er bekräftigte ſeine Aus⸗ rufungen mit zahlreichen Fauſtſchlägen auf den Pack den er unter ſeinem Arme trug. Endlich kam er an die Marienbrücke, wo ſeine theure Gölette lag. 1 Der Bildhauer war ſo ärgerlich über ſeine ſtill⸗ ſchweigende Bewilligung der Bitte Valentins, daß er, zu großer Verwunderung des Waſchmannes unter deſſen Obhut das Schiff ſtand, die ſorgfältige Be⸗ ſichtigung des Rumpfes, ſowie des Maſt⸗ und Takel⸗ werkes, die er ſonſt bei jedem Wiederſehen mit väter⸗ licher Aengſtlichkeit vornahm, dießmal unterließ. Er fragte verdrießlich ob Knirps und ſein Ka⸗ merad gekommen ſeien, und auf die verneinende Antwort des Waſchmannes kehrte er ihm, ſtatt ein Geſpräch anzufangen, den Rücken und ſezte ſich auf eine der Bänke des Schiffes. Es gibt Tage die mit einem ſchwarzen Kreuz bezeichnet ſind und an denen euch nichts gelingt. Alles vereinigte ſich um den Zorn des Bildhauers zu vergrößern. Die unumſchränkten Herren, mögen ſie nun Kö⸗ nige oder Capitäne, wenn auch nur Capitäne einer Möve ſein, gleichen ſich alle. Richard, der auf eine ſchmerzliche Probe geſtellt wurde, dachte, um ſich in ukunft dieſe Widerwärtigkeiten zu erſparen, an Dumas, Pechvogel. 14 210 nichts Geringeres als an die Einführung der Seil⸗ hiebe in der Sequaner Marine. Endlich bemerkte er ſeine beiden Bummler; ſie kamen die Quaitreppe herab und hatten Maulaffen feil, wie Leute die durchaus keine Eile haben. — Millionen Donnerwetter! wollt ihr kommen, ihr Schlingel! heulte der Bildhauer. Die beiden jungen Leute drehten ſich um, und als ſie ihren Capitän bemerkten, ſchlugen ſie den Geſchwindſchritt an. — Tauſend Stückpforten, wollt auch ihr mich ver⸗ höhnen! ſagte Richard, als ſeine beiden Untergebenen die rechte Hand am Hut vor ihn traten. — Capitän, es iſt wahrhaftig nicht unſere Schuld, fing Knirps an. — Halt Dein naſeweiſes Maul! ich ſehe zum Voraus was für ſchöne Gründe Du vorbringen wirſt, und es wird mir wehe ehe ich ſie höre: der Dienſt vor allen Dingen. — Capitän, verſezte der hartnäckige Knirps, ſehen Sie, Challamel hier hatte mir eine Idee mit⸗ getheilt die ich ſehr verſtändig und wahrſcheinlich fand. — Challamel iſt ein Einfaltspinſel. — Ich will nicht das Gegentheil behaupten, Ca⸗ pitän. Da er jedoch Valentin in dem Guckuck ſah der nach Varenne fährt, ſo konnte er glauben, Sie würden ihn begleiten und wären entſchloſſen auf einen Tag der Möve untreu zu werden... ſo daß... — Du haſt Valentin in dem Wagen nach Va⸗ renne geſehen! rief Richard, indem er Challamel bei der Halsbinde ergriff und ſchüttelte, wie einen jungen 8 ⸗ 211 Maibaum von dem man die Maikäfer herabbrin⸗ gen will. — Allerdings, Capitän... aber Sie erdroſſeln mich ja. — Und wann haſt Du ihn geſehen? zuer den Baſtilleplaz ging. r. — Ich bleibe aber dennoch dabei, Beweis führe ich an daß die B daß Valentin den Kopf zum F Zum Henker, ſagte ich zu mir ſelbſt, der Kahn macht alle Wochen denſelben Weg, ich begreife daß das den Capitän langweilt.. Richard hatte Challamel losgelaſſen und war, wie niedergeſchmettert durch die empfangene Bot⸗ chaft, auf eine Bank geſunken. — Mich ſo zu verhöhnen! murmelte er; o der Elende! Meine Freundſchaft für ihn zu mißbrauchen, auf meine Loyalität zu ſpeculiren! Ha, ich hätte ſeinen ſentimentalen Zierereien und ſeinem tugend⸗ haften Gewinſel mißtrauen ſollen. i ſo dumm ſein nicht zu bemerken daß liebt war, und in di geſtellt hat, um ſich ganz frei bei ih können! 4 — Ihre Augen, Ihre Geberden, Ihre Phyſio⸗ nomie. Ich beda rf keines Dickcom aſſes um zu be⸗ p 14* 212 merken daß es in Ihren Kielen nicht richtig ausſieht und um die Urſache zu errathen. Sie und Valentin haben ſich beide in die kleine Fiſcherin verliebt; ich und Challamel haben ſchon früher davon geſprochen; dieſer Duckmäuſer von Valentin hat Sie ausſtechen wollen, ſonſt würden Sie ſich jezt nicht ſo ſchrecklich darüber ärgern daß er in Varenne iſt. Aber wahr⸗ haftig, eine ſolche Landratte wird ſich doch nicht mit dem flotteſten Seemann der obern Seine meſſen wollen. Die Chre der ganzen Marine ſteht auf dem Spiel; Sie müſſen ihm das Fiſcherjüngferchen weg⸗ ſchnappen, und wenn Sie einer ÜUnterſtüzung bedür⸗ fen, ſo ſind wir da, Capitän. — An die Ruder! an die Ruder, Kinder! rief Richard, wie wenn er ſeinen Entſchluß gefaßt hätte. Die zwei Matroſen hatten den guten Willen zu beweiſen den ſie ihrem Capitän verpfändet; in weniger als zwei Minuten war der Kahn geſchmückt, und die zwei jungen Leute ſaßen auf den Bänken, bereit ihre Ruder zu ergreifen. — Anker los, zugerudert! commandirte der Bild⸗ hauer. Die Ruder fielen mit gleichem Getöne ins Waſſer, und die Möve, leicht und ſchnell wie der Vogel deſſen Namen ſie trug, begann den Strom hinab⸗ zufahren. Sie kamen bis Champigny, indem ſie mit der Kraft und Eile ruderten welche die Matroſen ge⸗ wöhnlich für die Wettfahrten aufſparen, und hielten erſt dann an, als Richard, um den Gang des Schiffes noch mehr zu beſchleunigen, einen ſeiner Ka⸗ 8₰+½—— 2 SSͤSASAnRe es fa 213 meraden dem er Erleichterung zu verſchaffen wünſchte am Ruder ablöste. 4 Im Augenblick wo ſie an der Mauer des Parkes von Saint⸗Maur vorbeifuhren, hatte Richard das Steuerruder an Knirps abgetreten; er handhabte daſſelbe mit ſolcher Wuth daß es ſich unter ſeinem mächtigen Anſtoße bog wie ein Rohr. — Nicht ſo ſtark, nicht ſo ſtark, Capitän, ſagte Knirps; der arme Challamel hat kein Gewicht, und dieſe Gierſchläge hemmen den Gang der Möove. Seien Sie ruhig, wir werden ſchon ankommen. Sehen Sie, das Bruſtholz durchſchneidet das Waſſer ohne eine Furche zu machen; die Möve zieht wie ein Wallfiſch dahin, wenn man ihm nicht eine Floßfeder länger macht als die andere. Stop! Stop! Stop! fuhr Knirps plözlich fort. Beide erhoben ihre Ruder zugleich, aber das Schiff, das dem Gierſchlage gehorchte und ſchon in Tire⸗ Vinaigre eingefahren war, flog noch immer pfeil⸗ ſchnell fort. Auf einmal erklärte Knirps man müſſe ans Ufer fahren. — Was gibt es denn? fragte Richard. 8 — Das gibt es daß Sie jezt ſogleich den Be⸗ weis bekommen werden daß Challamel uns nicht an⸗ gelogen hat; das gibt es daß der Teufel uns günſtig iſt und uns ein Stück Wegs erſparen will; das gibt es daß diejenigen die wir ſuchen in unſerm Lager ſind. Der Bildhauer erhob ſich raſch und ſtellte ſich auf ſeine Bank, während Challamel den Kahn an⸗ hielt, indem er an einem der Gebüſche des Ufers einen Zweig ergriff. 214 Er bemerkte fünfhundert Schritte abwärts die Fähre Pechvogels, die mühſam und ſchwerfällig den Fluß hinauffuhr. Valentin ruderte und Huberte ſaß hinten. Die zwei jungen Leute waren allein, der Greis hatte ſie nicht begleitet. Als Richard dieſen unzweideutigen Beweis deſſen bemerkte was er den Verrath ſeines Freundes nannte, wurde er todtenblaß. Er ballte ſeine Fauſt und ſtrecke ſie mit drohender Geberde gegen die beiden jungen Leute aus. — Dank, Challamel, Dank, Knirps, ſagte er mit einer vom Zorn unterbrochenen Stimme, ich will ausſteigen. Fahret nach Champigny zurück und kehret bei Friſteau ein;ihr bedürfet einer Erfriſchung, meine Jungen. Che eine Stunde vergeht, bin ich bei euch. — Capitän, antwortete Knirps, wir ſind nicht diejenigen die ſichs wohl ſein laſſen wenn ein Kamerad unſer vielleicht bedarf; wir wollen das Schiff anlegen und dann zu Ihnen zurückkommen. —. Nein, ich muß allein ſein, meine Kinder; wenn ihr mir nüzlich ſein könnt, ſeid ruhig, ich werde es nicht vergeſſen daß ihr Freunde ſeid, und zwar wahre Freunde. Das Schiff entfernte ſich, und Richard erneuerte das Manöver das für Herrn Batifol ſo unglücklich geendigt hatte; er verbarg ſich hinter den Weiden und belauerte die beiden jungen Leute. Dieſe beſchäftigten ſich damit die Geräthſchaften des alten Fiſchers in Ordnung zu bringen. Sie be⸗ ſichtigten die Reuſen und die Wurfgarne, ſie warfen — 215 die Grundleinen aus. Sie waren beide ſehr ver⸗ gnüßt und der Wind führte dem Bildhauer das ſchallende Gelächter Hubertens zu, die ſich an den Ungeſchicklichkeiten Valentins, der im Fiſcherhandwerk höchſt unerfahren war, ſehr zu ergözen ſchien. Wie alle Eiferſüchtigen, bildete Richard, der das Geſpräch der jungen Leute nicht hören konnte, ſich ein, ſie machen ſich auf ſeine Koſten luſtig. Er zweifelte nicht daran daß ſein Freund die Blonde durch die Erzählung erheitere, wie er es angegriffen habe um den aufdringlichen Capitän der Möve an ben Betheiligung bei ihren Vergnügungen zu ver⸗ indern. Ihn erfaßte ein heftiger Wunſch zu hören was ſie etwa ſagen würden. Es war nur die Hälfte der Aufgabe die Leinen zurückzuziehen. Man mußte ſie in Ordnung bringen, ſie von den Angeln befreien, die einen von den noch anklebenden Köderreſten reinigen, die andern drehen und waſchen. Huberte verlangte ohne Zweifel von Valentin daß er ſie bei dieſen Berufsarbeiten unter⸗ ſtüzen ſolle, denn ſie legten die Fähre an und be⸗ Richard hatte kaum ſeine Stellung erkannt, als er ſich ſeiner Kleider entledigte, in den Fluß glitt 216 und auf die andere Seite hinüber um die Inſel ſchwamm. In einiger Entfernung von den beiden jungen Leuten angelangt, tauchte er entſchloſſen unter, und ohne an den Stengeln der Seeblume zu erſchrecken die wie Schlangen ſeine Beine umwanden, blieb er unter dem Waſſer, bis er über ſeinem Kopf den ſchwarzen Schatten bemerkte welchen die Fähre in dem gelblichen Strome warf. Daun kam er ſachte an die Oberfläche herauf und erreichte mit den Hän⸗ den tappend den Vordertheil des Schiffes, wo er ſich an einem Seil ſchwebend hielt. Dieſer Vordertheil, der ſich bei ſolchen Schiffen auf eine Länge von mehreren Fuß erhebt, bildete einen genügenden Schuz, ſo daß die drinnen Sizen⸗ den ihn nicht bemerken konnten, und ſo brauchte er kein Wort von ihrer Unterhaltung zu verlieren. — Der arme Vater! ſagte Huberte, er iſt im⸗ mer ſo vergnügt wenn er ſeine Geräthſchaften unter der Hand hat, daß es mich wahrhaftig traurig macht daß ich Sie um Ihre Hilfe anſprechen mußte, Herr Valentin, und daß mich das hindert Ihnen ſo zu danken wie ich ſollte. — Seine Unpäßlichkeit wird nicht von Bedeu⸗ tung ſein; ich hoffe dieß ſo feſt, Huberte, daß ich Ihnen beinahe ſagen möchte: ich bedaure ſie nicht ebenſo wie Sie zu thun ſcheinen. — Wirklich, Herr Valentin? Ei wie! Der Großpapa hat ſo viel Freundſchaft für Sie und Sie belohnen ihn mit ſolchem Undank? Das iſt recht artig; und warum, wenn ich fragen darf, bedauern Sie ſeine Krankheit nicht? 217 — Weil ſie mir eine Gelegenheit verſchafft hat die ich weder zu hoffen noch zu ſuchen gewagt hatte, mit Ihnen allein zu ſeinr.. — Nun, ſo werden Sie mir wohl jezt eine Liebeserklärung machen, juſt wie Herr Richard? Ach ich bitte, Herr Valentin, bemühen Sie ſich eben ſo drollig zu ſein wie er... nun fangen Sie an: „So wahr ich ein luſtiger Kumpan bin, ich bete Dich an!“ Oder auch ſo:„Bei meinem Dolch von Toledo, mein Fräulein, Ihre ſchönen Augen baben mir mein Hirn wirbelig gemacht; machen Sie daß es wieder feſt ſteht, wenn Sie nicht wollen daß ich zu Ihren Füßen mein Herz durchbohren ſoll.“ Bei dieſen Phraſen hatte Huberte den theatrali⸗ ſchen Ton, die Geberden und ſogar die Blicke nach⸗ geahmt deren ſich der Capitän der Möve bediente, um die zärtlichſten Perioden auszuſprechen welche er aus der Phraſeologie der Marine und dem mittel⸗ alterlichen Kauderwelſch entlehnte, das in dieſem Augenblick ebenfalls ſehr in der Mode war. Der Contraſt dieſer kindlichen Phyſionomie und der dra⸗ matiſchen Phantasmagorie welche ſie hervorrief war ſo ſpaßhaft, daß Valentin ſich eines Lächelns nicht erwehren konnte. — Ach, wenn Sie wüßten wie ſehr ich bedauere daß Herr Richard nicht mit Ihnen gekommen iſt! — Sie ſehnen ſich nach ihm, Huberte? — Gewiß! Sehen Sie, mein Leben iſt ganz verändert, ſeit ich ſo glücklicherweiſe mit Ihnen zu⸗ ſammengetroffen bin. Der Großvater, der neue Bekanntſchaften nicht leiden kann, hat Sie beide ſo⸗ gleich lieb gewonnen, weil Sie mir einen großen 218 Dienſt geleiſtet hatten, und dann auch weil Sie in ſeinen Haß gegen die Pariſer mit einſtimmen. Da er nun natürlicher Weiſe Vertrauen zu Ihnen bei⸗ den faßte, ſo hat er Sie in unſer Haus aufgenom⸗ men, und die Sonntage die ſonſt ſo traurig waren ſind Feſttage geworden, ſo wie wir ſie unter uns drei zubringen. Wenn Sie wüßten mit welcher Un⸗ geduld ich Ihnen entgegenſehe! wie lange mir die Woche erſcheint! Wie ich, wenn ich nach der Meſſe den Hügel hinabgehe, weit über den Fluß hinſchaue um zu ſehen ob ich Ihr Schiff nicht bemerke! Ich kenne ſeine ſchwarze Fahne mit den rothen Sternen ſo gut! Sie müſſen Ihren Freund tüchtig von mir auszanken; Sie müſſen ihm ſagen es ſei ſehr Un⸗ recht von ihm daß er uns beiden den Sonntag ver⸗ derbt habe, und zwar bloß um der Kirchweihe von Argenteuil willen: das iſt ſchon der Mühe werth. Während Huberte ſo ſprach, erblaßte Valentin ſichtlich und ſeine Augen wurden feucht. — Was machen Sie denn? fuhr Huberte fort; wickeln ſie auf dieſe Art eine Leine los? Ich werde ja mehr als eine Stunde dazu brauchen um den Knäuel zu entwirren den Sie da gemacht haben. O Herr Richard iſt weit geſchickter als Sie. Valentin warf voll Ungeduld die Leine weg. — Was kommt Sie denn an? O wie beftig Sie ſind! — Sie lieben ihn alſo ſehr? ſagte der Bijoutier mit einer gewiſſen Bitterkeit. — Wen? Herrn Richard? O aus vollem Herzen! Nun wohlan! Aber was regt ſich denn da unter dem Schiff? 3 —₰ ——— Herr Richard, 219 — Eine Waſſerratte... was liegt daran... verſetzte Valentin, ohne daß er ſich die Mühe nahm darnach zu ſehen. Huberte, fuhr er mit bewegter Stimme fort, haben Sie zuweilen daran gedacht daß ein rechtſchaffenes Mädchen ſeine Liebe nur dann verſchenkt wenn der Liebhaber zugleich ihre Hand begehrt? — Meine Liebe? Meine Hand? Ei was wollen Sie denn damit ſagen, Herr Valentin? — Denken Sie an meine Worte, Huberte. Es ſind die einzigen die ich Ihnen ſagen darf ohne das Zartgefühl zu verlezen, und doch würde ich mein lut für Sie geben. — Ah, meine Liebe! jezt hab ichs! rief die Blonde; Sie glauben daß ich die Flammen theile welche mir Herr Richard jeden Sonntag ſo gerne malen möchte; mit einem Worte, daß ich in ihn — Haben Sie es denn nicht ſo eben ſelbſt geſagt? — Ah, wahrhaftig, das iſt doch zu ſpaßhaft. Huberte endete nicht weiter, ſie ſchien in einem Anfall von Heiterkeit erſticken zu wollen. Nichts hatte ſich unter dem Vordertheil des Schiffes mehr geregt. Aber, begann Huberte wieder, wenn nur der allerdings recht hübſch iſt, ſich nicht einbildet daß ich, wie Sie gemeint haben, in ihn vernarrt ſei! Ich habe eine große Freund⸗ ſchaft für ihn, weil er mir einen Dienſt erwieſen hat den ich nie vergeſſen werde, weil er gutartig, nicht hochmüthig iſt, und ganz beſonders weil er mich, er mag wollen oder nicht, immer zum Lachen 220 bringt; aber daß ich mich in ihn verliebt hätte— o nein, nein! das iſt mir gar nicht eingefallen, und ich meine, das müſſe ſchwerer gehen als nur ſo. — Iſt das alles wahr was Sie ſagen, Huberte? — Wie dieſe Pariſer ans Lügen gewöhnt ſein müſſen! Das Wort eines braven Mädchens iſt ihnen nicht genug. Wohlan denn. Aber apropos, was macht das Ihnen aus? Wollen Sie wirklich Ihrem Freund ins Gehege gehen? Hubertens Frage hatte auf Valentin wie ein electriſcher Schlag gewirkt; ſie beſchwichtigte plötzlich die freudige Entzückung darüber daß das Herz des jungen Mädchens noch frei war; ſie brachte ihn zur Beſinnung zurück; er ſchämte ſich daß er nachgegeben; er begrif wie gehäſſig ſeine Rolle ſein würde, wenn er ſich deſſelben Verbrechens ſchuldig machte das er an Richard verurtheilt hatte, wie dieſer ihn mit allem Recht der Unehrlichkeit zeihen könnte wenn er ihn aus dem Herzen des jungen Mädchens verdrän⸗ gen würde. — Nein, ſagte er, nein, Huberte, ich hege gegen Sie eine echt brüderliche Zuneigung, aber keine Liebe. — Was Sie mir da ſagen, iſt vielleicht nicht ſehr galant, aber es iſt mir doch lieber; es iſt ſo etwas Schönes ein paar Freunde zu ſein, ſcherzen, lachen, ſingen, ſpazieren gehen zu können ohne etwas Böſes zu denken, ohne einander zu mißtrauen, und ſich nicht ſo genau um die Welt zu bekümmern weil das Gewiſſen rein iſt. Und dann Tanzen! Ach wie luſtig iſt das Tanzen! Eines Abends, an dem Tag wo der Großvater mich ſo ausgezankt hatte, war ich aus dem Hauſe gewiſcht und zu den Andern gelaufen, denen 221 zwei Geiger vor der Fähre aufſpielten. Im Anfang machte ich es wie die Andern, ohne daß ich großes Vergnügen dabei empfand, aber nach fünf Minuten war es etwas ganz anderes. Die Muſik die mir ſo gellend und mißtönend geſchienen hatte, war hinreißend geworden. Sie machte mich ſpringen wie ſie nur wollte, und zu gleicher Zeit wirbelte alles um mich her, die Bäume, die Häuſer, ſogar die Wolken; es ſchien als bildeten ſie eine unermeßliche Kette an welcher ich ein Ring ſei, und als hätten meine Füße die Macht die Erde zu verlaſſen, um ihnen zu fol⸗ gen. Ich meinte ich müßte närriſch werden, und dieſe Narrheit war ſo angenehm, daß ich in einem ihrer Anfälle zu ſterben wünſchte. O Sie werden mich doch bei der Kirchweihe von Varenne zum Tanze führen, nicht wahr, Herr Valentin??“? — Ich kann gar nicht tanzen, Huberte. — Sie können nicht tanzen! — Nein, mein Kind! — Aber wie werden Sie es denn anſtellen um derjenigen den Hof zu machen die Sie einſt lieben und heirathen möchten? — Ich werde ihr einen Arm anbieten auf wel⸗ chen ſie ſich mit Vertrauen ſtützen kann, ein Herz das nie für eine Andere als für ſie geſchlagen haben wird, und bei welchem ſie in den Prüfungen des Lebens Zuflucht ſuchen kann, ohne Kummer um die Vergangenheit, ohne Unruhe wegen der Zukunft. — Oh, auf ſolche Art hoffen Sie das Mädchen zu verführen? — Ja, denn es wird, hoffe ich, eine edle und aufrichtige Seele ſein welche den Zauber einer reinen 222 Liebe zweier ehrlicher Herzen zu würdigen weiß; ich werde ſie verführen indem ich ihr ein Bild von dem Glück entgegen halte wie ich es verſtehe. Zuerſt von zwei jungen Leuten die ſich ohne Hintergedanken einander gewidmet haben, und nur noch Ein Herz und Eine Seele ſind; er aufmerkſam verſorgend und voll Eifer, ſie ſanft und treu; er weiht ſie in Alles ein was er ſelbſt von den Herrlichkeiten der Natur oder den Wundern des Menſchengeiſtes kennt, ſo daß ſeine Gefährtin die holden Aufregungen theilen kann die daraus hervorgehen; ſie aber theilt ihm jene myſteriöſe Zärtlichkeit mit welche Gott ins Herz der Frau gelegt hat, ſie macht ihn mit allen ihren Ge⸗ danken, mit allen ihren Handlungen der Menſchen⸗ freundlichkeit und Liebe vertraut. Ich werde ſie da⸗ durch verführen daß ich ihr die ſtrengere, aber nicht minder ausgezeichnete Ausſicht entgegenhalte die ihrer als Familienmutter wartet, umgeben von ſchönen Kindern in welchen Vater und Mutter ſich ſelbſt gegenſeitig wieder aufleben ſehen, welche von ihr das Beiſpiel der Hingebung, Geduld und Recht⸗ ſchaffenheit erhalten, von ihm aber lernen ſollen wie man durch Arbeit Gott, der Gerechtigkeit und dem Vaterlande zugleich dient. Ich werde ſie end⸗ lich durch die Hoffnung verführen daß der Tod des Gerechten der ihrige ſein, daß ſie ſanft in den Ar⸗ men des einzigen Mannes den ſie auf Erden geliebt hat entſchlafen wird, mit der Gewißheit ihn bald in der Ewigkeit wieder zu finden. Denken Sie, Hu⸗ berte, daß dieß alles nicht wohl den Ball und den Tanz aufwäge? 3 Valentin hatte ſich warm geredet, und ſein Ton, 223 ſeine Geberde, ſo wie ſeine Worte ſchienen Eindruck auf das Mädchen zu machen; ſie betrachtete ihn mit einer Aufmerkſamkeit die einen geheimen Gedanken verrieth. — Allerdings, Herr Valentin, ſagte ſie, als der junge Mann geendet hatte, und um Etwas zu ant⸗ worten, denn es war augenſcheinlich daß ihre Worte nicht ausdrückten was in ihrer Seele vorging; aller⸗ dings, aber darum kann ein Ball doch ein ſehr großes Vergnügen ſein. Dann fuhr ſie, wie wenn ſie erſt ſeit einigen Augenblicken bemerkt hätte daß ſie mitten in der Einſamkeit des Fluſſes mit dem Arbeiter allein war, und wie wenn ſie endlich die Gefahr eines ſolchen Petecdste begriffe, mit auffallender Lebhaftigkeit ort: — Aber es wird ſpät, der Großvater wird un⸗ ruhig; laſſen Sie uns heimfahren, Herr Valentin, ich bitte Sie um Alles. Valentin machte die Fähre los, welche der Strom raſch fortriß, dann ergriff er die Ruder und ſteuerte nach dem Dorfe zu. Huberte hatte ſich hinten geſetzt; ſie plauderte nicht mehr wie es ihre Gewohnheit war, ſondern blieb ſtumm und nachdenklich, das Kinn in ihrer flachen Hand ruhend und den Arm auf ihre Kniee eſtemmt; von Zeit zu Zeit erhob ſie ihre blauen ugen gegen den jungen Mann und betrachtete ihn mit einer unruhigen Neugierde.. Im Augenblick wo ſie ſich entfernte kam ein Kopf aus einem Pfeilkrautbuſch hervor. Er gehörte dem Befehlshaber der Möve, der 224 ſich in dieſem Verſteck verborgen hatte, als die Be⸗ wegung des Schiffes ihm ſein erſtes Aſyl raubte. — Es iſt ganz gleich, ſagte Richard, Du magſt jetzt deine ſchönſten Lieder auf die Tugend ſingen, dir hab ichs doch zu verdanken daß ich weiß wo ich daran bin. Wir ſtehen jetzt eins auf eins, Freund Valentin, und jetzt oder nie handelt es ſich um die Hauptparthie. Der Bildhauer warf ſich in den Fluß und entwickelte beim Hinüberſchwimmen alle Grazie ſei⸗ ner ſchönen Marinehaltung. Er zog ſich wieder an, konnte ſeine Schiffsleute wieder erreichen und zeigte ſich den ganzen Abend hindurch ſehr vergnügt; als würdige Kinder Neptuns verlängerten der Herr und ſeine Untergebenen das Vergnügen bis in den hellen Tag. — XVI. Die Kirchweih von Varenne. Als Richard in die Wohnung der Rue Saint⸗ Sabin zurückkam und Valentin wieder traf, verlangte er von ſeinem Freund keine Erklärung; er vermied es in Zukunft das Geſpräch auf den alten Guichard und ſeine Enkelin kommen zu laſſen; er erkünſtelte in dieſer Beziehung eine Gleichgültigkeit von der ſich der Bijoutier vollſtändig täuſchen ließ. Am folgenden Sonntag fragte Valentin den Künſtler ob er ihn nicht nach Varenne begleiten wolle, und als er zu gleicher Zeit wie ſein Freund bei der Blonden eintraf, konnte dieſer bemerken daß agſt und die und derr den der 225 das Benehmen des Herrn der Möve ſich in Bezug auf das junge Mädchen ganz bedeutend verändert hatte. Er gebrauchte gegen ſie noch immer denſelben ungezwungenen Ton den er gegenüber allen Frauen⸗ zimmern zur Schau trug, aber wenigſtens enthielt er ſich der unehrerbietigen Vertraulichkeiten die er ſich ſchon in den erſten Tagen ſeines Zuſammenſeins mit der kleinen Fiſcherin erlaubt hatte. Valentin glaubte ſeinen Freund gründlich curirt; er wünſchte ſich Glück dazu daß er Einfluß genug auf den Bildhauer gehabt habe um ihn von ſeinen Plänen abzubringen; zugleich empfand er eine ge⸗ heime Freude über die er ſich nicht genau Rechen⸗ ſchaft ertheilte, und die ſich durch eine erhöhte freund⸗ ſchaftliche Gemüthlichkeit ausſprach deren Urſache Richard wohl durchſchaute. Die Leidenſchaft des jungen Goldarbeiters machte, als ſie von den Feſſeln befreit war die er ſich ſelbſt auferlegen zu müſſen „für Pflicht gehalten hatte, raſche Fortſchritte in ſeiner Seele. Dieß war leicht aus den Blicken zu erſehen womit er Huberte umfing wenn er bei ihr war, aus der Wonne womit er jedes ihrer Worte entgegen⸗ nahm, aus ſeiner träumeriſchen Miene, aus der Schwermuth die ſich in ſeinem Geſicht abſpiegelte wenn er nach Paris zurück kam. Gleichwohl ſchien es ihm als ob ſeit dem Opfer das er von ſeinem Kameraden verlangt hatte noch nicht Zeit genug verfloſſen ſei um, wenn auch in ganz andern Abſich⸗ ten als Richard hatte, die Stelle in Anſpruch zu nehmen die dieſer freiwillig erledigt ließ. Valentin ſuie⸗ über das was in ſeinem Herzen vorging; niemals war zwiſchen ihm und Huberte wieder ſo viel Dum gs, Pechvogel. 15 226 von Liebe und Vereinigung die Rede wie an dem Tag wo der Befehlshaber der Möve ihr Geplauder auf dem Fluß überraſcht hatte. Huberte behandelte die zwei jungen Leute ſo ziemlich gleich; ſie widmete beiden dieſelbe naive Freundſchaft, dieſelbe warme Herzlichkeit, dieſelbe kindliche Zärtlichkeit; hätte man jedoch einen Unter⸗ ſchied ermitteln wollen, ſo war ſo viel augenſchein⸗ lich daß ſie gegen Valentin in demſelben Maß rück⸗ haltender und kälter wurde als dieſer ſich enthuſiaſti⸗ ſcher und dringlicher zeigte, und daß ſie gegen Richard ſich liebenswürdiger erwies ſeit dieſer ſeine Anſprüche auf die Rechte guter Kameradſchaft beſchränkte. Wenn ſie mit dem erſteren allein war, erſchien ſie gezwun⸗ gen, verlegen, träumeriſch, beinahe traurig; ſie ſprach Beſprechung unter vier Augen zu wünſchen. Kam der zweite, ſo überließ ſie ſich ohne Zwang den Ein⸗ gebungen ihrer natürlichen Fröhlichkeit. hatte Valentin dieſe Schattirung in den Sympathien zu den ſoeben von uns aufgeführten Gründen warum erklärte. So kam man bis zu den erſten Tagen des Sep⸗ tembers, d. h. bis zur Zeit wo die Kirchweihe von Varenne gefeiert werden ſollte. Dieſes Feſt war ſeit zwei Monaten die Haupt⸗ beſchäftigung des Herrn Batifol, diejenige die ihn verhinderte die ganze Bitterkeit der Erinnerungen Argwöhniſch wie alle aufrichtig verliebte Herzen, er der Enkelin des alten Fiſchers ſeine Liebe nicht b wenig und lächelte kaum, ſie ſchien das Ende dieſer des jungen Mädchens vielleicht bemerkt; vielleicht geſellte ſich ein Zweifel an Hubertens Aufrichtigkeit 227 zu empfinden welche ſein trauriges Abenteuer bei ihm zurückgelaſſen haben mußte. Ganze Haufen von Menſchen erben die kleinen Leidenſchaften welche die Einzelnen für ſich beſitzen; nur vervielfältigen ſich dieſe Leidenſchaften in Folge der gegenſeitigen Aufmunterung die ſie einander geben; ſtatt auf dem Boden zu kriechen, wie dieß der Fall iſt wenn der Raum ihnen mangelt, ent⸗ wickeln ſie ungeſcheut eine wahrhaft tropiſche Vege⸗ tation. Die Mauern des neuen Dorfes waren kaum aus der Erde hervorgekommen, als bereits die Erbauer derſelben die trügeriſchſten Hoffnungen auf ſeine Be⸗ deutung faßten und einen neidiſchen Blick auf die benachbarten Dörfer warfen. Wenn man ſie hörte, ſo hätte die Regierung ihren Sorgen um die unfreundliche Haltung Euro⸗ pas entſagen und darauf bedacht ſein müſſen Varenne mit einer Kirche, mit einer Schule, einer Feuerſprize, kurz mit allen möglichen Einrichtungen auszuſtatten, ſelbſt den Feldſchüzen einbegriffen, Einrichtungen die ſie ohne Widerrede Gemeinden gewährte die aller⸗ dings mehr Seelen zählten, aber bei weitem nicht für ſo merkwürdig gelten konnten, als dieſer neue Mittelpunkt es vermöge der exceptionellen Auszeich⸗ nung jedes einzelnen Bewohners war. Bald kam es ſo weit daß ſie Saint⸗Maur den Beſiz des Gemeindehauſes ſtreitig machten und alle Municipalehren für ſich in Anſpruch nahmen. Wie zu erwarten ſtand, hatten dieſe ehrgeizigen Gelüſte und die zahlreichen Klagen von denen ſie begleitet waren durchaus keinen Erfolg; ſ wurden 228 in Maſſe zurückgewieſen, und darum ſuchten ſich die Varenner im Detail ſchadlos zu halten. Saint⸗Maur hatte eine Kirchweihe; die Häuſer der Halbinſel wollten ebenfalls ihre Kirchweihe haben. Herr Batifol hatte dieſen Wunſch eingegeben und geſchürt; er kannte den Preis und den Werth der Oeffentlichkeit; er nahm gerne Zuflucht zu ihr um den Verkauf ſeines noch übrigen Grundbeſizes zu fördern; bloß die bedeutenden Ausgaben womit ſie verbunden war hatten ihn aufgehalten; er fand eine Möglichkeit dieß auf Koſten ſeiner Mitbürger zu thun, er nahm da keinen Anſtand mehr, ſondern ſtellte ſich an die Spize des Unternehmens. Acht Tage nach Empfang der nothwendigen Er⸗ mächtigung verkündeten große gelbe Anſchlagblätter den Bevölkerungen von Paris und der Bannmeile daß man den Liebhabern der Villegiatur ein präch⸗ tiges Landhaus für ſo viel wie nichts biete. Dieß war eine Berechnung von Herrn Batifol; auf dieſe Art würde er um einen guten Preis etliche Meter ſeines Bodens los, die in einer Loterie her⸗ ausgelost werden ſollte, wovon jede bei der Kirchweih erſcheinende Perſon ein Billet zu empfangen hätte. Von einem Landhaus war auf dem Sande des Herrn Batifol ganz und gar nichts vorhanden; ſo viel aber iſt wahr daß der vom Glück Begünſtigte alles Recht hatte ein ſolches zu bauen. Der Anſchlag hatte einen außerordentlichen Er⸗ folg; alle öſtlichen Vorſtädte ſtrömten auf die Halb⸗ inſel der Marne; die Loterie ſollte nur einen einzigen Glücklichen machen, aber jeder hoffte derſelbe zu ſein, und diejenigen denen das Schickſal dieſes Vorrecht —,—.—D 2—O—— y u 229 verweigern würde, konnten ſich mit dem Lanzenbre⸗ chen, dem Fiſcherſtechen, dem Rennen nach Kürbiſſen und Enten, ſo wie Spielen aller Art, dem Ball und noch andern Ver nügungen tröſten, womit Herr Batifol, der in ezug auf die Liebhabereien des Publicums ſehr wohl unterrichtet war, das Haupt⸗ ſtück ſeines Programms noch verlockender zu machen ſich beſtrebt hatte. Von frühem Morgen an bot das Ufer einen ungewöhnlichen Anblick dar. Einige hartnäckige Neugierige beſprachen ſich ruppenweiſe über die Vergnügungen die ihnen zu heil werden ſollten; die Meßkrämer gaben ihren ephemeren Gebäuden den lezten Hammerſchlag, die Hunde, die von dieſer ungewohnten Bewegung überraſcht waren, bellten; die Kinder gingen mit lüſternen Geſichtern um die improviſirten Buden um⸗ her ſpazieren, die Wirthe ihrerſeits blieben auch nicht unthätig. Wenn man von außen nicht auf den Umfang ihrer Vorbereitungen ſchließen durfte, ſo war es gleich⸗ wohl leicht ſie nach dem ſchrecklichen Geruch von ver⸗ branntem Fett zu ſchäzen der die gewöhnlich ſo reine Atmoſphäre des Thals auf fünfhundert Schritte in der Runde verpeſtete. Herr Batifol in ſchwarzem Frack und weißer Halsbinde ging mit der ganzen Bedeutſamkeit eines Obergenerals ab und zu; er ertheilte ſeine Befehle in hochmüthigem und gebieteriſchem Tone, ließ die ojen für das Rennen aufſtellen, die Oriflammen. aufrichten, die Laubguirlanden aufhängen; aber er verſchmähte es auch nicht, wie er ſagte, ſelbſt die 230 Hand an den Teig zu legen un Errichtung des Klettermaſtes zu d den Arbeitern bei helfen. Bloß Pechvogel zeigte ſich gänzlich unberührt von dieſer allgemeinen Thätigkeit und Heiterkeit. Was Huberte auch ſagen mochte um ihn zur Theilnahme zu beſtimmen, der Alte, der mit ſo in⸗ nigem Behagen bei der Wiedereröffnung des Fiſch⸗ fanges mit ſeinem Hut die Honneurs machte, hatte ſich hartnäckig geweigert ſeine Sonntagskleider an⸗ zulegen. Gleich jenen Legitimiſten die noch lange nach der Throngelangung des Auguſt 1830 den Kö⸗ nig Ludwig Philipp fortwähren Orleans nannten, wollte Franz d den Herzog von Guichard das neue Varenne nicht anerkennen, und wie die alten Herzo⸗ ginnen der adeligen Vorſtadt bei den Nationalfeſten thaten, ſo war er entſchloſſen ſich von Varenne in ſeiner Wohnung — Und über was ſoll ich m zur Blonden; etwa darüber daß während des Feſtes zu verſchließen. ich freuen? ſagte er alles in der Gegend ſo gründlich umgewühlt iſt, daß ich die Orte nicht mehr zu erkennen vermag die ich mehr als fünfzig Jahre hindurch beſucht hatte? Etwa darüber daß ich alltäglich die Bäume fällen ſehe rung als Stüzpunkte dienten, u leeren Stelle die ſie hinterlaſſen auswachſen ſehen muß, der Dich, mein Kind, mor⸗ gen beſchimpfen wird, wenn er dich nicht geſtern beſchimpft hat! Ueber was ſoll ich Darüber daß dieſe Pariſer den haben welchen die Edelleute leer daß, wenn wir auch nicht mehr die haben, doch dieſelben Privilegie die meiner Erinne⸗ nd daß ich an der einen Pariſer her⸗ mich weiter freuen? Plaz eingenommen gelaſſen? Darüber ſelben Privilegirten in noch vorhanden 8( SS= —— — —— 231 ſind? Darüber daß dieſelbe Unverſchämtheit, derſelbe Stolz und Egoismus wozu früher der Degen den armen Leuten gegenüber ein Recht verlieh, heut zu Tage von dem Beſiz eines Fünffrankenſtückes ihre Berechtigung ableiten? Geh mir weg! Es ſteht Dir frei dich zu amüſiren, Blonde, da Du Deinen Sonn⸗ tagsflitter angelegt haſt, aber mir für meine Perſon ſagt mein Herz viel zu wenig um mithalten zu wollen. — Und ich wiederhole Euch, Großvater, daß Ihr Euch durchaus anziehen müßt; ich habe große und gewichtige Gründe darauf zu beſtehen. — Nun wohl, ſo ſag ſie mir, Deine Gründe. — Seht, Großvater, antwortete Huberte, deren Geſicht ſich mit einer leichten Röthe überzog, Herr Valentin und Herr Richard werden kommen... — Und Du verlangſt daß Dein Großvater ſich ſchön mache um ſie zu empfangen? Ich dachte, wenn Du ſchön ſeieſt, ſo ſei dieß Alles was Herr Valentin wünſchen könne, und es ſcheint mir daß in dieſer Beziehung nichts fehlen kann, denn Du haſt zu Deinem Aufpuz mehr Zeit gebraucht als ich zur Herrichtung von einem halb Duzend Wurfgarne. — Warum nennet Ihr gerade Herrn Valentin und nicht auch Herrn Richard? ſagte Huberte, indem ſie an einer Ecke ihrer Schürze drehte. — Ha, ha, ich habe meine Gründe, Blonde, und ich bin überzeugt daß Du ſie im Grunde gut findeſt, auch ohne ſie zu kennen. — Und dürfte man Eure Gründe erfahren, Groß⸗ vater? meinte das junge Mädchen lächelnd. — Sie beſtehen darin daß Herr Valentin, ob⸗ ſchon ſein Handwerk wenig Aehnlichkeit mit dem 232 unſern hat und er vielleicht etwas gar zu ſehr den Herrn ſpielt, mir ſo viel Vertrauen einflößt, daß ich ruhig da hinaufgehen würde wenn ich vor meinem Abſcheiden Deine Hand in die ſeinige gelegt hätte. Ich bin offen geweſen, Blonde, willſt Du es auch ſein? Sprich, gefällt er Dir, wie er mir gefällt? — Großvater, Herr Valentin mißfällt mir nicht. — Das iſt ſchon etwas. — Aber, fuhr Huberte lebhaft fort, wenn ich Euch die Wahrheit ſagen ſoll, nun... — Nun ja! — Zuweilen befrage ich mich ſelbſt; ich habe mich ſchon oft gefragt ob ich glücklich ſein würde wenn ich Valentin zum Mann hätte, und bei dieſem Gedanken iſt mir ein Schauder gekommen, ich weiß ſelbſt nicht warum, Großvater. — Bei dieſem Gedanken iſt Dir ein Schauder gekommen? — Ja, ſeht, ich bin ihm ſehr gut; wenn ich ihn ſehe und beſonders wenn ich ihn reden höre, wird es mir ganz wohl zu Muth. Nun wohl, troz alle dem empfinde ich in ſeiner Nähe eine Traurigkeit die ich mir nicht zu erklären vermag; er iſt ſo ernſthaft, ſo ſtreng! — Sag ſo tugendhaft. — Ueberdieß, Großvater. o darauf kann ich Euch ſchwören... hat Herr Valentin nie zu mir ge⸗ ſagt daß er mich liebe, und wir verlieren unſere Zeit mit ſehr unnüzen Vermuthungen. — Ja, ja, Du haſt Recht, man muß an ſchönen Träumen nicht feſthalten; aber ſei ruhig, Blonde, Herr Valentin wird ſich nicht ſchämen meine Hand 233 zu drücken, wenn ſie auch aus den Aermeln eines Arbeitskittels hervorkommen ſollte. Was den An⸗ dern betrifft, ſo glaube ich nicht daß er das Recht hat den Heiligen zu ſpielen, denn er macht abſicht⸗ lich große Theerflecken auf ſeine ganz neuen Wämſer, damit ſie den Anſchein gewinnen als ſeien ſie auf dem Meere geweſen; alſo ſei ganz ruhig, Blonde, und laß mich in Frieden. Man höre was Franz Guichard, ſo lange die Sonne am Horizonte ſtand, Frieden nannte. Er ſaß entweder in der Kaminecke oder in ſeiner Thüre, mit verſchloſſenen Augen, in gänzlicher Unbeweglich⸗ keit da ohne zu ſchlafen, aber auch ohne das Ge⸗ räuſch um ihn her zu vernehmen, ſo ſehr war er in ſeine Gedanken vertieft und von ſeinen Erinnerungen in Anſpruch genommen. Huberte wußte aus Erfahrung daß, wenn der Greis ſich auf ſolche Art mitten unter die Bilder ſeiner Vergangenheit geflüchtet hatte, es ſchwer hielt ihn herauszureißen; ſie beſtand nicht darauf, ſondern ging ans Ufer um die Ankunft der Schiffe zu er⸗ ſpähen. Sie war träumeriſch, das arme junge Mädchen; die wenigen Worte die ihr Vater geſprochen, hatten die Lage für ſie aufgeklärt, wie ein Windſtoß die olken am Himmel zerſtreut. Dieſer Himmel war jezt rein, aber war er auch heiter? Huberte hatte ſich mehr als einmal gefragt, und ſie wußte ſich ſelbſt eben ſo wenig zu antworten als ſie ihrem Va⸗ ter zu antworten gewußt hatte. Oft hatte ſie ſich gefragt wen ſie als Gatten vorziehen würde, Valen⸗ tin oder Richard. Das Gewicht der Vernunft neigte 234 zu Valentin hin, die Vergnügungsſucht zog ſie zu Richard. Sie ſaß alſo ſtumm und ſchwermüthig am Ufer, wo ſie ungefähr eine Stunde blieb. Aber ihr ganzes Geſicht erheiterte ſich und ſie ſprang nach dem Hauſe mit dem Ruf: — Da kommen ſie! da kommen ſie! Pechvogel erwachte aus ſeiner Erſtarrung und ſchritt ſachte gegen das Ufer. In der That zeigte ſich die Möve, begleitet von ſieben oder acht Kähnen die zum Rennen kamen, an den Winkel welchen der Fluß unter der Gardeinſel macht. Der Bildhauer hatte bei dieſer Gelegenheit einen großen Luxus mit Schilden entwickelt, und ſeine Matroſen hatten ihre ſchönen neapolitaniſchen Co⸗ ſtüme angezogen; die glänzenden Farben der Pavil⸗ lone funkelten in der Sonne. Zur großen Ueberraſchung Hubertens trennte ſich die Möve, ſtatt wie es der Brauch war an der Fähre zu landen, von der kleinen Flotille, drehte und ankerte gegenüber dem Plaz wo der Greis und ſeine Enkelin ſtanden. Der Befehlshaber der Möve ſtieg ſogleich ans Land; er erſchien ſtrahlend vor Freude und Stolz unter der rothgefütterten Kapuze die er auf ſeiner Schulter trug, ſo ſtrahlend daß man, troz ſeiner erwieſenen Liebhaberei für die unſchuldigen Triumphe ſeiner äußern Erſcheinung, wohl eine andere Urſache für eine ſo offenkundige Befriedigung annehmen konnte. Je näher dagegen die Gölette kam, um ſo mehr 235⁵ hatte Hubertens Geſicht ſich verdüſtert. Sie hatte vergebens mitten unter dieſem buntſcheckigen Gepränge die dunkle ſtrenge Farbe der Kleider geſucht die Va⸗ lentin gewöhnlich trug. Als der Kahn ſeine kreisförmige Bewegung ge⸗ macht, hatte ſie ſich überzeugt daß der junge Arbeiter nicht bei ſeinen Freunden war. Richard, der ſeine Augen nicht von Huberte ver⸗ wandte, hatte bereits die Enttäuſchung bemerkt die ſich auf dem Geſichte des jungen Mädchens aus⸗ drückte. Er wandte ſich zu ſeinen Matroſen und ſagte leiſe zu ihnen: — Achtung! Ihr müßt ganz geſittet thun wie Jungfräulein! Die Hängematten herunter! Heißt das, erſt auf den Abend! Challamel und Knirps antworteten mit einem Zeichen des Einverſtändniſſes.. So auffallend die Traurigkeit war die ſich der Blonden bemächtigt hatte, als ſie die Abweſenheit 4 Valentins bemerkt, ſo konnte dieſelbe doch vor dem Schauſpiel nicht Stand halten das Richard ihr gab, als er die in die Raſen des Ufers eingehauenen Stufen hinanſtieg; ſie lachte dem jungen Mann laut ins Geſicht, und Pechvogel ſeinerſeits fand den an⸗ deblichen Capitän mit ſeiner rothen Müze und ſeinen loßen Beinen ſo drollig, daß er troz ſeiner gewöhn⸗ lichen Ernſthaftigkeit ſeine Enkelin im Contrebaß ac⸗ compagnirte. „ Ddieſe Heiterkeit würde jeden andern als den prächtigen Bootführer aus der Faſſung gebracht ha⸗ ben; auf Richard machte ſie keinen ſichtlichen Ein⸗ druck. Er trat auf Huberte zu, gab ihr die Hand, 236 drückte ihre Taille mit einem Ausdruck ſcherzhafter Galanterie und ſagte dann zu Franz Guichard: — Pechvogel, Ihr erblickt in mir den Abgeord⸗ neten der luſtigen Brüder von der Seine. — Ich hätte Sie eher für den Abgeordneten der Kirſchenhändler gehalten; Sie ſehen einem Glieder⸗ männchen ſo gleich daß Sie die Spazen verſcheuchen könnten. — Pechvogel, verſezte der Capitän der Möve ſo laut, daß man den Alten nicht mehr hörte, Ihr ſeid der älteſte Mann am Fluſſe; Ihr ſeid der Ne⸗ ſtor der Waſſerbevölkerung mit welcher zu gehen wir uns zur Ehre ſchäzen; im Namen der in Varenne verſammelten Kahnführer habe ich die Ehre Euch den Vorſiz bei dem brüderlichen Feſtmahl anzubieten zu welchem wir uns nach dem Rennen vereinigen werden. — Das iſt in der That große Ehre für mich, Herr Richard, antwortete Franz Guichard, aber ich kann ſie nicht annehmen. Sie haben mein Kind ge⸗ rettet, wir ſind beinahe Kameraden, aber daraus folgt nicht daß ich der Freund Ihrer Freunde bin. Wir gehören allerdings demſelben Element an, aber wir beuten es nicht auf dieſelbe Art aus, Ihre Freunde und ich. Dieſe erſchrecken den Fiſch, ich aber ſchwimme ganz ſachte heran um ihm Vertrauen einzuflößen. Meine ernſte, kummervolle Miene würde die jungen Leute in ihrer Freude ſtören; dieſe ihrer⸗ ſeits wären im Stande meine Traurigkeit ſchmelzen zu machen, wie die Sonne im Frühling den Schnee auf unſern Ebenen ſchmelzen macht, und mir iſt meine Traurigkeit eben ſo lieb wie Ihnen Ihre Heiterkeit. — Ihr könnt es unmöglich ablehnen, ich habe Euch zum Präſidenten vorgeſchlagen, und Ihr ſeid durch einſtimmigen Zuruf angenommen worden. Und dann muß man einen Toaſt auf die Freiheit der Meere, auf die Emancipation der Fiſche, auf die Demüthigung Englands ausbringen, und da ziemt es ſich daß Ihr darauf antwortet. Franz Guichard widerſtand beharrlich, und der Befehlshaber der Möve ſah ſich genöthigt alle Schleuſen ſeiner Beredtſamkeit zu öffnen. Er war überzeugend und einſchmeichelnd, jezt wurde er ſogar pathetiſch; er ſprach von dem Dienſt den er Huberte erwieſen hatte, und begründete darauf das Recht daß der Alte die einzige Bitte nicht abſchlagen dürfe die er je an ihn gerichtet; er entwickelte eine ſo eigenthümliche Zähigkeit daß Pechvogel zulezt den Wünſchen des Bildhauers nachgab. Nachdem beſchloſſen worden daß Huberte und er ſelbſt dem Bankett anwohnen ſollten, ſagte Guichard: — Herr Valentin wird doch auch dabei ſein? Wie kommt es daß ich ihn nicht ſehe? — Vielleicht kommt er noch, ich weiß es nicht, verſezte der Capitän der Möve, indem er eine weit rößere Verlegenheit zur Schau trug als er in Wahr⸗ hei empfand. — Sollte er krank ſein? fragte die Blonde mit einer Lebhaftigkeit die einen Bliz des Zornes in die Augen des jungen Mannes brachte. — Oder iſt ihm etwas zugeſtoßen? fügte Pech⸗ vogel hinzu, der ſich ſeinerſeits von ſeinem innigen Mitgefühl für den Bijoutier leiten ließ. Richard antwortete mit einem Augenzwinkern und einem Zungenſchnalzen das für jeden Andern als für den alten Fiſcher etwas bedeutet haben würde; dann nahm er ihn bei Seite und ſagte mit gedämpfter Stimme, aber doch laut genug damit Huberte, die er aufmerkſam lauſchen ſah, ihn hören konnte: —— Zum Henker, Ihr begreift doch daß Freund Valentin, nachdem er der Freundſchaft ſo manchen Sonntag gewidmet, doch auch einmal der Liebe einen widmen muß. — Ich begreife Sie nicht. — Das heißt auf gut Deutſch: Valentin hat ſeine Geliebte nach Saint⸗Cloud ſpazieren geführt. Begreift Ihr mich jezt, Papa Stirnrunzler, Ihr tugendhafter und phänomenaler Mann, der Ihr mir b aber doch ausſeht als ob Ihr zu Eurer Zeit auch Eure Luſtſprünge gemacht hättet? Pechvogel zuckte die Achſeln, wie er zu thun pflegte wenn ſein Freund in ſeiner excentriſchen Laune war; aber Huberte wurde ſo weiß wie ihr Batiſt⸗ häubchen. Richard ſah dieſe Bläſſe. Unter dem Vorwand etwas auf ſeinem Schiff zu holen, näherte er ſich Knirps. —. Veranſtaltet ein großes Alarmzeichen, ſagte er zu ihm; es iſt mir ſchlecht bekommen daß ich es auf den Abend verſchieben wollte; in acht Tagen wäre es vielleicht nicht mehr Zeit geweſen. Um neun Uhr muß die Gölette vollſtändig geſchmückt ſein; ich kann ihrer bedürfen; überlaß dieß Geſchäft nicht Challamel, hörſt Du, Knirps? Er iſt ein uter Kerl, aber ſobald er nur eine einzige Flaſche im Leibe hat, kann man weder auf ſeine Pünktlich⸗ keit noch auf ſeine Verſchwiegenheit mehr zählen. Wache über ihn; ich will die Kleine auf das Anker⸗ lichten vorbereiten. 24 Richard wollte zu Huberte zurückgehen; ſie war ins Haus ihres Großvaters gegangen. Er folgte ihr dahin, und als er hineinkam, ſchien es ihm als ob das Möädchen haſtig Thränen mit ihrem Taſchentuch trocknete. In der That bemerkte er daß ihre Augen roth geweint waren. Der Befehlshaber der Möve hatte tauſend vor⸗ treffliche Gründe, um nicht den Anſchein haben zu wollen als bemerke er den Kummer welchen die Ab⸗ weſenheit Valentins dem jungen Mädchen verurſachte; er ſuchte ſie durch ſeine gewöhnlichen Poſſen, durch ſeine drolligſten Künſtlerſcherze zu zerſtreuen, und als er auf den Lippen der Blonden wieder ein Lächeln entdeckte, begann er allmählig die leidenſchaftliche Rolle wieder die er aufgegeben hatte; nur änderte er ſeine Tactik; während er der kleinen Fiſcherin von ſeiner Liebe vorredete, blieb er ſo ehrerbietig wie nur Valentin ſelbſt ihr gegenüber hätte ſein können. Huberte war lange Zeit unruhig und träumeriſch, dann aber begann ſie auf einmal, als wäre ſie von einem plözlichen Entſchluß beſeelt worden, als hätte ſie ſich vorgenommen mit läſtigen Ideen zu brechen und ein Sehnen zu erſticken das gegen ihren Willen fortwährend in ihrem Herzen auftauchte, allmählig wieder, wie gewöhnlich, mit Lachen, Spöttereien und Scherzen aller Art auf die glühenden Declamationen des Seemannes zu antworten; ja ſie ſchien zulezt Valentin ganz vergeſſen zu haben, ſie zeigte ſich ſo glücklich über die Anweſenheit des Bildhauers, ſie 240 bewies ihm ſo viel freundſchaftliches Mitgefühl, daß eer ſich beinahe ärgerte als Knirps ihn den Wonnen ſeines Teterh-téte entriß. Die Rennen ſollten beginnen. deleiicherweiſe für Richard gewann die Möve zwei Preiſe, und die Freude vor den Augen ſeiner Holden zu triumphiren, ſie in den Jubel einſtimmen zu ſehen der ſeinen Sieg begrüßte, berauſchte ihn der⸗ maßen, daß er die Rolle vergaß die er ſich aufer⸗ legt hatte. Er hatte Herrn Batifol bemerkt, und er konnte der Verſuchung nicht widerſtehen einen guten Spaß, wie er meinte, mit ihm aufzuführen. Wenn er Unrecht hatte eine ſo gut eingeleitete Parthie nicht ſogleich wieder aufzunehmen, ſo mußte er offenbar auch dadurch ſeinem Ziel näher kommen, daß er den Gegenſtand aller Antipathien des Groß⸗ vaters derjenigen die er verführen wollte verfolgte. Dieß war die Art zu raiſonniren welche der Ge⸗ bieter der Möve für die richtige hielt. Herr Batifol hatte, bei der Feierlichkeit des Tags, in eigner Perſon auftreten zu müſſen geglaubt; er hatte ſich zu einem Kahnrennen einſchreiben laſſen, womit die nautiſchen Vergnügungen des Feſtes en⸗ den ſollten. Er hatte einen Kampfhabit angezogen der vielleicht weniger reizend, aber ſicher eben ſo originell war wie der Aufzug der Matroſen von der Möve; er trug, mit Hinzufügung des von den modernen Sitten ver⸗ langten Ueberwurfes, das Coſtüm eines antiken Streiters. Sein ſchwächlicher Torſo, ſein gekrümmter Rücken, 241 ſeine knochigen Beine, ſeine ſchiefen Kniee machten den ſeltſamſten Eindruck unter dieſem baumwollenen Ueberwurf der ſich in tauſend Falten um ſeinen Leib drehte. Gleichwohl war der Tag für Herrn Batifol ſo ſchön geweſen, daß es ihm gar nicht einfiel das ſpöt⸗ tiſche Gelächter das ſich um ihn her erhob auf ſeine eigene Rechnung zu ſchreiben, und daß er ſogar daran dachte ſeine Arme, die bloß waren, nach Athleten⸗ art mit Oel einreiben zu laſſen. Endlich wurde das Signal zur Abfahrt gegeben. Herr Batifol krümmte ſich ſchwizend und keuchend auf ſeinen Rudern, er geberdete ſich wie ein Galeeren⸗ ſklave; er hatte einen Vorſprung vor ſeinen Neben⸗ buhlern, und alle dieſe Anſtrengungen ſchienen ihren Lohn empfangen zu müſſen. Auf einmal ſah er an ſeiner Seite das ſpöttiſche Geſicht des Bildhauers zum Vorſchein kommen, der auf einem ſehr leichten Kahn neben dem ſchweren Schiff des unglücklichen Fagonmachers herruderte, und ihn mit den ironiſchſten Aufmunterungen über⸗ ſchüttete. — Mein Herr, rief Herr Batifol, was Sie da thun, iſt den Statuten zuwider. Aber der Bildhauer ſchien ihn nicht zu hören; er kläffte mit jener eigenthümlichen Fiſtelſtimme wie man ſie nur bei den Pariſer Gamins findet: — Fahr immer zu, Männchen, Du wirſt gewiß den Haſen fangen, Du haſt ihn ſchon! und andere Scherze die nicht gerade ſehr geiſtreich waren, aber Herrn Batifol um ſo mehr erbitterten, weil die am Üfer ſtehenden Schiffer ihren Kameraden mit wahn⸗ ſinnigem Beifallsgeſchrei aufmunterten, Dumas, Pechvogel, 16 242 Eine Minute lang empfand Herr Batifol ein maßloſes Verlangen einen tüchtigen Ruderſchlag gegen das ſchwache Schiffchen ſeines Gegners zu führen; er ließ ſich davon durch nichts Geringeres als durch die Erinnerung an die Muskelkraft Richards abhalten, die er ſchon einmal auf eine ſo unangenehme Art erprobt hatte. Verzweiflung bemächtigte ſich ſeiner, er zog ſeinen Kahn aus dem Gewühl der andern Schiffe und ruderte ans Land zurück, indem er ſich fragte ob der Himmel ihm nicht einmal Gelegenheit ehen würde ſich an dieſem elenden Bildhauer zu rächen. Sein Wunſch ſchien erhört worden zu ſein. Herr Batifol hatte ſich unter eines der Zelte ge⸗ flüchtet welches die Wirthe auf dem Ufer zum Nuz und Frommen ihrer Kunden aufgeſchlagen hatten; in dieſem Augenblick hatte die Menge ſie verlaſſen um dem Wettkampf zuzuſehen; die Zelte waren ſo ziemlich verödet. Gleichwohl ſaßen an einem Tiſch, in der Nähe desjenigen an welchem der Fabrikant Plaz genom⸗ men, zwei Schiffsleute und plauderten bei einer Flaſche. Einer von ihnen, der Herrn Batifol entgegenſah, war ihm unbekannt; der andere, der dem Facon⸗ macher den Rücken drehte, trug das ſehr merkwür⸗ dige Coſtüm der Schiffsleute der Möve. In ſeine Gedanken verſunken, ſchenkte Herr Ba⸗ tifol im Anfang ihrem Geſpräch ſehr wenig Beach⸗ tung. Aber als er mehrere Male den Namen Ri⸗ chard ausſprechen hörte, ſpizte er ſein Ohr wie ein Jagdpferd wenn das Horn erſchallt.— Er hörte Folgendes: 243 — Ei wiel ſagte der erſte der Matroſen, indem er vergebens das Glas außzurichten ſuchte das der zweite umgeſtürzt hielt, Du Challamel, Du unſer alter Immerdurſtig, hängſt das Maul vor einem Glaſe Wein? — Ja, antwortete dieſer, deſſen ſchwere Zunge und ſtammelnde Ausſprache von einer etwas ver⸗ ſpäteten Nüchternheit zeugte; morgen ſo viel Du willſt, da ſoll die Schnappsbottlerei offen ſein; aber heute Reſpect vor einem Matroſen welcher der Selave ſeiner Pflicht iſt!— — Seiner Pflicht? — Ja, ſeiner Pflicht. Der Befehlshaber der Möve beehrt mich mit ſeinem Vertrauen und ich will dieſes Vertrauens würdig bleiben. — Noch ein Glas, dann bekommſt Du nur noch mehr Herz und eine um ſo geſchmeidigere Hand. — Meine Hand wird geſchmeidig genug ſein, um dieſen Gänſerich von Valentin zu rupfen; ich haſſe dieſen dummen Kerl der Waſſer in ſeinen Wein gießt, als ob die Wirthe uns nicht dieſe Mühe erſparten. — Valentin, den Buſenfreund des alten Guichard! — Ach ja wohl, Buſenfreund! und Challamel machte eine bedeutſame und ſehr energiſche Geberde. — Was iſt denn vorgefallen? — Still! ſagte Challamel mit einer Grimaſſe welche Verſchwiegenheit bedeutete, ſtill! aber Dir kann ichs ſchon ſagen, denn Du biſt ein Freund und gießeſt kein Waſſer in Deinen Wein wie dieſer Gendarm von Valentin. Wir haben einen Streich eingefädelt, ſiehſt Du, in deſſen Folge Riczard als 1 244 König der luſtigen Kumpane ausgerufen werden ſoll, ſo daß der Buſenfreund vor Zorn und Neid pla⸗ zen wird. — Erzähl mir doch das. — Da muß ich Dir vor allen Dingen ſagen daß dieſer Dachshund und unſer Capitän auf ein und dasſelbe Schiff Jagd machten, eine feine, famös zugeſchnittene Corvette, weich wie Unſchlitt und mit Klüſen im blauen Sammt, ſieh ſo groß! die Tochter Pechvogels, Du kennſt ſie. Valentin wollte den Capitän ausſtechen und heute Abend wirft der Ca⸗ pitän ſeinen Enterhaken in die Corvette. — Bah! — Ja, aber das Spaßhafteſte an der Sache iſt die Art und Weiſe wie der Capitän es angegriffen hat und ſeinen Nebenbuhler heute von Varenne fern zu halten. — Laß hören. — Denke Dir, heute früh hatte Valentin ſich auf der Möve mit eingeſchifft um hieher zu kom⸗ men. Zwiſchen der rothen Mühle und den Müh⸗ len von Gravelle thut dieſer Hauptſpizbube von Knirps, wie er mit dem Capitän verabredet hatte, einen falſchen Ruderſchlag; das Schiff neigt ſich, wir werfen uns alle auf die gleiche Seite, und na⸗ türlich liegen wir alle Viere in der Suppe. Du begreifſt daß wir und Valentin ebenfalls uns ſo wenig um einander bekümmerten als ein Bärbchen um eine Schleie. Wir beſchäftigten uns alſo die Möve wieder außzurichten und die Ruder wie⸗ der zu fiſchen, als auf einmal Knirps ruft: Aber wo iſt denn der Capitän? Valentin ſucht mit den — 245 Augen, wir thun als ob wir ebenfalls ſuchten, kein Capitän mehr: er war in der Schüſſel geblieben; Valentin ſtürzte ſich ins Waſſer, wir ebenfalls. Er tauchte unter, wir thun als ob wir ebenfalls unter⸗ tauchten; d. h. wenn wir ihn auf der Oberfläche zurückkommen ſahen, ſo tunkten wir den Kopf ein Bischen unter. Endlich nach halbſtündigen Anſtren⸗ gungen müſſen wir auf die Rettung unſeres unglück⸗ lichen Capitäns verzichten. Wir klagen mörderiſch über Froſt, denn wir wußten daß das Ufer an die⸗ ſem Orte ganz verlaſſen iſt und Niemand kommen würde; wir berathen uns. Endlich wird beſchloſſen daß Valentin, der ſich in ſeiner Verzweiflung bei⸗ nahe die Haare ausraufte, ſo daß ich ihm zwanzig⸗ mal unter die Naſe gelacht hätte, wenn es nicht ſo ernſthaft geweſen wäre, nach Bercy gehen, ſeine Er⸗ klärung abgeben und Schiffe holen ſollte um den Leichnam ſeines armen Freundes wieder aufzufinden, während wir, die wir uns über Kälte beklagten, das Schiff an ſeinen Plaz zurückführen ſollten. Er macht ſich unter beſtändigem Gewinſel davon; aber kaum hat er ſeine Abſäze gedreht, ſo kommt der Capitän wieder zum Vorſchein; dieſer ſataniſche Richard war untergetaucht, unter einem Floß hindurchgeſchwom⸗ men und hatte während der ganzen Scene ſeinen Kopf unter dem Knüppelholz verborgen gehalten. Wir ſchiffen uns wieder ein, rudern mit der Pagaje tüchtig darauf los, vertauſchen unſere Kleider gegen diejenigen die wir der Mannſchaft der Doris an⸗ vertraut hatten, und ſo wird dieſer Einfaltspinſel von Valentin, nachdem er den ganzen Tag in der Seine herumgeſucht, heute Abend in der Rue Saint⸗ 246 Sabin ſein Zuckerwaſſer mit ſeinen Thränen ver⸗ miſchen, während wir mit dem Jungferchen von Varenne das Weite ſuchen. Dieſe lange Erzählung hatte Challamel durſtig gemacht: er ging von ſeiner urſprünglichen Ent⸗ ſchließung etwas ob und reichte ſeinem Kameraden das Glas hin. Herr Batifol erhob ſich und verließ das Zelt; er war vollkommen befriedigt; er war auf die Idee gekommen diejenigen die er als ſeine Feinde betrach⸗ tete gegeneinander aufzuhezen, und er wollte dieſen Plan ſogleich ins Werk ſezen. Er entlehnte das Cabriolet Berlingards, gab dem Pferde tüchtig die Peitſche und fuhr nach Paris. XVII. Die Folgen eines ländlichen Balls. Der Ball von Varenne erinnerte nur ſehr we⸗ nig an den ſtädtiſchen Geſchmack welcher bei den meiſten Ergözlichkeiten des Tags vorgewaltet hatte. Der große Feſtordner Herr Batifol ſchien dieſen Theil ſeines Programms ganz zu verachten und dieß ganze Geſchäft der Natur überlaſſen zu haben; die Natur aber hatte es ſo eingerichtet daß, wenn auch nicht vielleicht Batifol und ſeine Freunde, doch we⸗ nigſtens alle Liebhaber des Pittoresken volle Be⸗ friedigung fanden. Man hatte den Ball in einem Walde von Ulmen und Buchen, genannt der Mönchswald, mitten auf —— 247 einen Kreuzweg verlegt, der von einem doppelten Spalier hundertjähriger Eichen beſchattet war. Herr Batifol hatte für die Decoration ſeines nautiſchen Schauſpiels eine ſolche Maſſe vielfarbigen Zizes verwendet, daß er unmöglich noch mehr auf⸗ treiben konnte um die plumpe hölzerne Gallerie der Muſikanten mit den nothwendigſten Fahnen auszu⸗ ſtatten; auch die Beleuchtung war mit häuslicher Sparſamkeit vertheilt; einige rauchige Lampen die an den Stämmen der Buchen hingen, ein Kron⸗ leuchter mit fackelnden Lämpchen und von den großen Zweigen herabhängend die ſich gleich den Armen eines ſchwarzen Rieſen über die Köpfe der Tänzerin⸗ nen bogen, beſchrieben ſpärlich einen leichten Licht⸗ kreis inmitten des Rondels; ihr Glanz machte die Strahlen des Mondes nicht erblaſſen, der den grü⸗ nen Dom mit ſeinem weichen zitternden Schein ver⸗ ſilberte, und deſſen milder Glanz zwiſchen dem Laub⸗ werk hin über die knotige Rinde der Bäume irrte. Der ſchallende Widerhall der Kupferinſtrumente, der ſich in das bereits gleich einer Winterdrohung trübſelige Geräuſch miſchte welches die Blätter ma⸗ chen wenn der Herbſt ſie ſchüttelt, der Anblick dieſer Schatten die im Halbdunkel auf und abſchwankten und ſichtbar wurden wenn ſie in die Lichtzone traten, ſodann wiederum verſchwanden um im Augenblick nachher wieder zu erſcheinen, die Wunderlichkeit der meiſten Coſtüme, das Geſinge, Geſchrei und Gelächter in der myſteriöſen Dunkelheit, alles das verlieh dieſem Ball einen ſeltſamen wilden Charakter der eindrucks⸗ fähige Seelen tief aufregen mußte. 3 Die Kahnführer waren, ſtatt ſich wie gewöhnlich 248 bei Nacht zurückzuziehen und die Deffmung der Schlagbäume zu benüzen welche die Marne ſchließen, in Maſſe dageblieben. Challamel hatte ſeiner ſchwazhaften Zunge, nach: dem ſie einmal in Bewegung geſetzt worden, keine Bande mehr anlegen können; das Gerücht von den Plänen des Capitäns der Möve hatte ſich unter all dieſen jungen Leuten verbreitet, die theils aus Corpsgeiſt, theils aus Neugierde voll Verlangen der weitern Entwicklung des Abenteuers entgegenſahen. Diejenigen unter ihnen die nicht tanzten ſtellten ſich auf die Zehen um das junge Mädchen zu ſehen, und lächelten boshaft ſo bald ſie erröthend die Augen niederſc=hlug, wenn ſie dem Flammenblicke Richards begegnete. Andere, die genaueren Freunde des Bildhauers hatten es übernommen Pechvogel, welcher die Blonde begleitet hatte, zu zerſtreuen und ihren Kameraden von einer Aufſicht zu befreien die ſeine Pläne durchkreuzen konnte. Dieß war indeß nicht nöthig. Franz Guichard hatte dem Mahle angewohnt, ſeine Nüchternheit hatte ihn vor dem Rauſche bewahrt den ſeine Nachbarn ihm anzuhängen gedacht, aber man war mit ſolchem Eifer auf ſeinen paradoxen Lieblingsgegenſtand ein⸗ gegangen; man hatte ſo weidlich über die Menſchen geflucht die ſich ein Eigenthumsrecht auf das Waſſer anmaßen; auf das was die Natur, ſchon dadurch daß ſie es in beſtändiger Flüſſigkeit ſchuf, zum allgemei⸗ nen Genuß des ganzen Menſchengeſchlechtes beſtimmt zu haben ſchien; man hatte die alberne Phraſe welche der alte Fiſcher ſchön wie das Evangelium fand: „Wenn dieſe Fiſche ihnen gehören, ſo ſollen ſie doch 249 das Zeichen vorweiſen womit Gott ſie geſtempelt hat, um ihren Beſiz zu rechtfertigen,“ ſo oft geheult; man hatte die Stadtherrn im Allgemeinen und Herrn Batifol insbeſondere ſo ſehr geſchmäht und herabgeſezt, daß der arme alte Mann ſich in Worten und Lärm, ſtatt im Wein, berauſcht hatte und in ſei⸗ ner Begeiſterung auf alle dieſe wackern jungen Leute das Vertrauen ausdehnte welches Valentin und Ri⸗ chard ihm bereits einzuflößen gewußt hatten. Huberte hatte im Anfang über die Abweſenheit Valentins geweint, zulezt aber ihren Freund gänzlich vergeſſen. Das Vergnügen will unbeſchränkt ſein; ſo lange es herrſcht, duldet es keine Nebenbuhler in dem Her⸗ zen worin es eingezogen iſt. Kaum daß von Zeit zu Zeit ein Seufzer, ein Gedanke den Buſen des jungen Mädchens hob oder ihre Wimpern ſchwer machte und im Namen des Abweſenden gegen dieſe Heiterkeit proteſtirte; ſie über⸗ ließ ſich rückhaltslos der Wonne einmal ums andere zu hören daß ſie ſchön ſei; ſie fühlte ſich unwider⸗ ſtehlich hingeriſſen von dieſen lärmenden Freuden denen ihr natürlicher Hang ſie nur allzu ſehr geneigt machte.— Der Ball vollendete die Bezauberung. Wir kennen bereits aus Hubertens eigenem Mund die Unruhe und Aufregung die er in ihrer Seele hervor⸗ rief; zwar der fade Contretanz welchen ſie am hellen Tage verſucht hatte, unter der Befürchtung von ihrem Großvater überraſcht zu werden, hatte noch nichts von dem Zauber und der Mocht dieſes Feſtes; aber dieſes Halbdunkel, dieſe lärmende Muſik, dieſes be⸗ 250 ſtändige Singen und Lachen, die glühenden Phraſen womit Richard ihr ſeit dem frühen Morgen unauf⸗ hörlich ſeine Liebe geſchildert hatte, alles das ſtei⸗ gerte die Unruhe ihres Herzens bis zur förmlichen Unordnung. Dieſe Unordnung nahm dermaßen über⸗ hand, daß ihre Freude zuweilen unter der Herrſchaft eines ſchrecklichen Ueberreizes in Leiden ausartete; es war ihr als wolle ihr Kopf ſich ſpalten, als wolle ihr Gehirn herausſpringen, und dennoch vermochte ſie die Kraft nicht in ſich zu finden um ſich dieſen unſeligen Aufregungen zu entreißen. Sie walzte; ſie war blaß, ihre Augen verſchleier⸗ ten ſich vorübergehend, dann öffneten ſie ſich wieder und ſchleuderten Blize in den Wirbeln des Wal⸗ zers; ein Theil ihres ſchönen Haares hatte ſich auf⸗ gelöst und umflatterte ihren Kopf wie ein durchſich⸗ tiger Heiligenſchein. — Huberte, Huberte, ſagte Richard, dem von allen dieſen Bewegungen in der Seele des jungen Mädchens nichts entgangen war; Huberte, gibt es auf Erden ein größeres Glück als das unſrige? Es iſt als drehe ſich der Himmel über unſern Köpfen, als hüpfe die Erde unter unſern Füßen wie ein⸗ Spielball! man könnte meinen, der Sturm entführe und wiege uns! Ach wenn Deine ſüße Stimme in einem ſolchen Augenblick murmelte: Ich liebe Dich, dann gäbe es unter dem Himmel kein Glück das dem meinigen gliche. Huberte antwortete nicht, aber Richard fühlte daß das Herz der Blonden ſchneller klopfte, und ihr Fuß beſchleunigte das Tempo, als wollte er voll Ungeduld den Raum verſchlingen. 251 — Huberte, man könnte ſagen, unſere Herzen ſeien miteinander verwachſen, denn ſie ſind in einem und demſelben Schlage vermengt, unſere Herzen bil⸗ den nur noch eines, Huberte; ſage mir daß Du ſie niemals trennen wirſt, dann mag auch alles Elend dieſer Welt, mag der Tod kommen, ich werde ihm Troz bieten. — Laß uns walzen, walzen! flüſterte das junge Mädchen. Richard antwortete damit daß er ſeine Tänzerin mit einer ſchwindelnden Schnelligkeit herumwirbelte, ſo daß das Auge ihr kaum zu folgen vermochte, dann neigte er ſich an ihr Ohr und ſagte: — Ja das Leben iſt kurz, man muß ſich beeilen wenn man es genießen will. Gott hat zwiſchen der Schale und den Lippen nicht Raum genug zu einer Ueberlegung gelaſſen. — Ei dieſe Muſikanten ſchlafen ja ein auf ihren Bänken! — Schneller doch, ihr Dorffiedler! rief der Com⸗ mandant der Möve. Ha, tauſend Stückpforten, ſie hängen die Köpfe auf ihre Pulte wie Neulinge auf ihre Ruder, und doch hat die Nacht kaum begonnen. Komm, wir wollen ſie vollends in Paris zubringen, Huberte, ich will Dich auf einen Ball führen wo die Muſik Deiner Aufregung zu Hülfe kommen ſoll. — Nein, nein, murmelte Huberte voll Schrecken. — Komm, komm, Deine Augen werden geblendet werden vom Glanze der Toiletten und Lichter, Deine Ohren werden bezaubert werden von den lieblichen Klängen des Orcheſters, und wir werden bei dieſen Klängen bis zum Tag ſpringen, während unſere Herzen an einander pochen. — O ich beſchwöre Sie, ſprechen Sie nicht ſo, Herr Richard! — Was kannſt Du fürchten? Werde ich nicht bei Dir ſein? Was iſt die Sorgſamkeit eines Vaters oder Bruders um ſeine Tochter oder Schweſter im Vergleich mit der Zärtlichkeit eines Liebhabers gegen diejenige die er liebt? Wer dürfte es alſo wagen Dir ein Haar zu krümmen wenn ich da bin meinen Schaz zu vertheidigen, der in meinen Augen koſt⸗ barer iſt als alle Schäze der Erde? — O Herr Richard, Valentin würde nicht ſo, ſprechen. — Valentin, verſezte der Bildhauer mit voll⸗ kommener Sicherheit; und was thut denn er in die⸗ ſem Augenblick? Gleich uns überläßt er ſich dem Vergnügen; iſt dieß nicht das Geſez das die ganze Erde beherrſcht? Komm! Komm! Ich werde ſo glück⸗ lich ſein in Deinem Glück, ſo ſtolz die erſten Re⸗ gungen zu überraſchen welche das magiſche Schau⸗ ſpiel das ich Dir vor Augen führe in Deiner Seele hervorrufen wird! Bedenke Dich nicht länger, Hu⸗ berte, komm! — Ich kann nicht, mein armer Vater... — Wir ſind zurück ehe er Deine Abweſenheit bemerkt; überdieß, wenn er ſie auch entdeckte, nun wohl, ſo würde ich zu ihm ſagen... ich würde zu ihm ſagen daß ich Dich liebe, daß Du mich liebeſt, und es bliebe ihm nichts Anderes übrig als uns zu ſegnen. Der Bildhauer hatte dieſer lezten Phraſe eine 253 ironiſche Abſicht gegeben, die wunderlich gegen den überzeugungstreuen Ton abſtach welchen ſeine Worte gehabt hatten, als er ſich genöthigt glaubte die großen Triebfedern der Leidenſchaft ſpielen zu laſſen. Huberte war zu treuherzig und zu naiv um es zu bemerken. — Wirklich, Herr Richard, Sie würden das wirk⸗ lich thun? — Ob ich es thäte? tauſend Stückpforten! — Sie lieben mich ſo ſehr, daß Sie ſich nicht ſchämen würden mich zu heir... — Ob ich Dich liebe, ob ich Dich liebe? Sieh, Himmel und Erde könnten vor mir ſtehen, ſo würde ich dieſe Frage nicht anders beantworten als ich ſie in dieſem Augenblick beantworte. So ſprechend neigte ſich der Bildhauer über den Kopf des jungen Mädchens hin und drückte einen Kuß auf ihre Stirn. Sie fuhr zuſammen als wäre ſie ihrer Aufregung unterlegen. lei— Plaz, Kameraden, bitte, bitte, ſagte Richard eiſe. Die tumultuariſchen Reihen der Tänzer öffneten ſich wie auf ein Zauberwort und ſchloſſen ſich ſo ſchnell wieder, der Walzer begann, während der Befehls⸗ haber der Möve die Blonde fortriß, mit ſolcher Hartnäckigkeit von Neuem, daß die Zuſchauer nicht Zeit hatten dieſe Bewegung zu bemerken. In dieſem Augenblicke erſchien ein Mann mit bleichem, verſtörtem Geſichte und kothbeſchmuzten Kleidern auf dem Ball. Es war Valentin. 254 Zehn Schritte hinter ihm ging Herr Batifol, der ſich vergnügt die Hände rieb und auf deſſen Lippen ein boshaftes Lächeln ſich zeichnete. Valentin ließ ſeinen Blick ängſtlich im Gewühl umherſchweifen und ſuchte die Tiefen deſſelben zu erforſchen; er ging auf dem ganzen Tanzplaz um⸗ her, und als er weder ſeinen Freund noch Huberte ſah, erweiterte ſich ſeine Bruſt, er fuhr mit der Hand über ſeine ſchweißgebadete Stirne und athmete laut. Er befand ſich gerade neben dem Plaz wo die Muſikanten ſtanden; als er denſelben umging, kam er plözlich Pechvogel gegenüber zu ſtehen, der unter einem Baum ſaß, umgeben von Bekannten denen er einige Fiſcherſtückchen erzählte mit jener ſelbſtgefälligen, den Greiſen eigenthümlichen Weitſchweifigkeit welche Homer ſo gut geſchildert hat, und die man bei den Fiſchern wie bei den Königen findet. Valentin lief auf Franz Guichard zu, ſchob barſch die ihn von dem Alten trennenden Perſonen bei Seite und rief: 4 — Wo iſt Huberte? — Huberte? antwortete der Greis, betäubt von dieſer plözlichen Erſcheinung. — Was habt Ihr aus Eurem Kinde gemacht? Antwortet! wiederholte der junge Mann. — Ich könnte Ihnen antworten daß es Sie nichts angehe, Herr Valentin, ich will aber lieber ſagen daß ich glaube, es gehe mit Ihren Augen wie mit den Geräthſchaften unſerer Stadtherren: das iſt zier⸗ lich gedreht, ſauber geflochten, aber es taugt zu nichts. Sie müſſen alſo nicht klar ſehen, wenn Sie nicht bemerkt haben daß Huberte ſich da drinnen mit der pen vühl zu um⸗ erte and aut. die kam nter er gen, lche den rſch eite von ht? hts gen mit ier⸗ bts. icht mit 255 Ihren Freunden und andern jungen Leuten ihres Alters luſtig macht. — Ach Guichard, Guichard, Ihr ſeid ein Narr! — Ei, ei! Herr Valentin, das iſt nicht ſchön von Ihnen daß Sie mir Grobheiten machen, denn bloß Ihnen und Herrn Richard zu Gefallen habe ich ihr ein Vergnügen erlaubt das, wie Sie wohl wiſ⸗ ſen, mit meinen Neigungen und Grundſäzen gar nicht zuſammenpaßt. — Aber ſie iſt nicht mehr da, ſie iſt nicht mehr da! rief Valentin, ſelbſt halb wahnſinnig vor Ver⸗ zweiflung. — Rücht mehr da? murmelte Pechvogel, wie wenn er ſeine Augen vor dem Abgrund verſchloſſen hätte den er ſich öffnen ſah, und deſſen Anblick ihn mit Schrecken erfüllte; nein, nein, das iſt unmöglich, ſie kann nicht ferne ſein! Huberte! Huberte! rief er dann laut, indem er ganz verſtört um den Kreis herumlief der ſich vor ihm gebildet hatte. Seine Stimme blieb ohne Echo. Der Alte war auf einmal wie zermalmt vom Schauer der Wirklich⸗ keit; dann drehte er ſich gegen Valentin um und rief mit einem unſäglichen Ausdruck von Angſt: Aber wo iſt ſie, wo iſt ſie? Valentin beugte ſein Haupt ohne zu antworten. So ſchwer Richard ſich gegen ihn vergangen hatte, ſo widerſtrebte es ihm doch den Namen ſeines ehe⸗ maüigen Freundes der Rache eines Vaters preiszu⸗ geben. — Nein, nein! ich kanns nicht glauben, begann Pechvogel wieder, indem er zum leztenmal gegen die Wahrheit ankämpfte die ſich in ſeiner Seele Bahn 256 brach. Huberte, mein Kind, mein einziges Kind! Nein, es iſt nicht ſo, Ihr wollet über mich ſpotten, meine Herren, Ihr wollet über die Unruhe eines armen Vaters lachen. Es iſt vielleicht nicht Recht die Zärtlichkeit eines Vaters zu verhöhnen und weiße Haare zum Geſpötte zu machen, aber gleichviel, ich verzeihe Euch; gebt mir ſie zurück, verlängert dieſes grauſame Spiel nicht, ich bitte Euch, meine Herren; ich liebe ſie ſo ſehr, es iſt auch wahrlich kein Wun⸗ der; als ſie noch ganz klein war, beweinte ich ihre Mutter und ihre Großmutter, meine Tochter und mein Weib; ich habe ſie gewiegt, ich habe ſie erzogen, ſie iſt in meinen Armen groß geworden, ich habe für ſie das Herz eines Vaters und einer Mutter zugleich . und dann habe ich nur ſie; andere Leute haben ihre Vergnügungen, ihren Chrgeiz, Gold, Titel, eine Menge Sachen die ihnen Zerſtreuungen geben; ich habe nichts als ſie; ſie iſt der Sonnenſtrahl der meine Wohnung etwas weniger düſter macht, ihr Lächeln ſoll mir beim Sterben helfen. Gebt ſie mir zurück, meine Herren, ich beſchwöre Euch darum. Dann, als er ſeine ganze Umgebung ſchweigen ſah, fuhr er fort: — Ha, Millionen Donnerwetter, wenn es wahr wäre! wenn man ſie mir entführt hätte!... wenn man mein Kind verzaubert hätte! wenn einer dieſer ſchlechten Burſche meine Huberte an ſeiner Leimruthe gefangen hätte, o wehe ihm! — Beruhiget Euch, Vater Guichard, beruhiget Euch! ſagte Valentin. Pechvogel ſchien ihn nicht gehört zu haben, aber in dieſem Augenblick bemerkte er Herrn Batifol in 257 ſeiner Nähe: er ſprang ihm an die Kehle, drückte ihm die Halsbinde ſo zuſammen daß er ihn beinahe erdroſſelte, und rief: — Ha, Du Elender, ha, Du niederträchtiger Hallunke, Du biſt es der mir mein Kind geſtohlen hat.. ich kenne alle Deine Schliche, nur Du biſt zu dieſem abſcheulichen Raube fähig... Was haſt Du aus ihr gemacht? Antworte oder ich zertrete Dich wie ein Ungeziefer das Du biſt, und ſollte es mich auch meinen Kopf koſten! — Herr Guichard, laßt mich los, ich beſchwöre Euch.. Polizei... Hilfe... Herr Valentin, hel⸗ fen Sie mir! Valentin und die Umſtehenden hatten die größte Mühe den Faconmacher den Händen des alten Fi⸗ ſchers zu entreißen. — Kommt, kommt, ſagte der Bijoutier zu dem Leztern, gehet nach Hauſe, Vater Guichard, gehet nach Hauſe, ich werde Euch begleiten. — Nach Hauſe gehen, wo ich meine arme Blonde nicht mehr finden werde, wenn ich nicht weiß wo ſie iſt! Nach Hauſe gehen, o mein Gott! mein Gott! fuhr der unglückliche Greis fort, indem er ſich die Haare ausraufte. Die meiſten Kahnführer hatten ſich entfernt, dieſe Scene hatte einen ganz andern Eindruck auf ſie ge⸗ macht als ſie erwartet hatten; Herr Batifol, welcher die durch Pechvogels Gewaltthätigkeit hervorgebrachte Unordnung in ſeinen Kleidern wieder gut gemacht hatte, näherte ſich dem Alten. Wie die Kahnführer, obſchon von einem ganz Dumas, Pechvogel. 17 258 entgegengeſezten Standpunkte aus, hatte Batifol auf eine ganz verſchiedene Endentwicklung gerechnet; der Schmerz dieſes Vaters genügte dem Grolle nicht welchen der Fabrikant auf die verſchiedenen Perſonen unſerer Geſchichte geworfen hatte. — Ihr habt mich ſo eben beſchuldigt, ſagte er; nun wohl, ich will Euch dazu verhelfen daß Ihr Euer Kind wieder findet. — Sie? — Ja ich. Aber wir dürfen keine Secunde ver⸗ lieren. Ich weiß daß ſie vor kaum zehn Minuten aufgebrochen ſind; ſie fahren die Marne hinab, ſie werden den Schlagbaum verſchloſſen finden, ſie müſ⸗ ſen den Kahn ans Land bringen und jenſeits der Schleuſe hinaufziehen. Wenn wir die Ebene quer huhſchneiden, kommen wir vor ihnen an den Schlag⸗ aum. — Fort, fort, rief der Alte, indem er ſich quer durch das Dickicht warf. Valentin wollte ihn zurückhalten, aber der Fiſcher war ſchon fern; es blieb nichts Anderes mehr übrig als ihm zu folgen. Herr Batifol that dasſelbe; er war überzeugt daß Richard ſeinen Raub nicht leicht loslaſſen würde. Alle drei durchſchritten die Ebene, indem ſie durch das Brachfeld in das Ackerland hingingen, über die Gräben ſprangen, die Hecken durchbrachen und ge⸗ radewegs auf die Pappeln von Creteil losſteuerten, die ſich ſchwarz am Horizont abzeichneten. Valentin und Batifol keuchten; den Athem Pech⸗ vogels hörte man nicht, und gleichwohl war er ſei⸗ nen beiden Gefährten beſtändig voran. l auf der nicht onen eer; Ihr ver⸗ uten „ ſie müſ⸗ der quer lag⸗ quer ſcher nehr eugt rde. urch die ge⸗ ten, ſech⸗ ſei⸗ 259 Endlich gelangten ſee an den Schlagbaum. Pechvogel, der zuerſt da war, fuhr mit ſeinen Händen über die Binſen, um ſich zu überzeugen ob nicht das Durchkommen eines ſchweren Körpers ſie auf die feuchte Erde niedergebeugt habe, und um eine Furche zu ſuchen welche der Kiel eines Kahnes gräbt wenn man ihn auf den Boden zieht. — Vielleicht ſind ſie ſchon vorüber, ſagte Herr Batifol. — Nein, antwortete Franz Guichard. — Still, ſagte Valentin, da ſind ſie. In der That hörte man hundert Schritte auf⸗ wärts regelmäßige Ruderſchläge, und zu gleicher Zeit erhob ſich inmitten der ſtillen Nacht eine kräftige, diüetendt Stimme, die Stimme Richards, welche ang: Unſchuld'ge Freuden mögen Andern Genügen in zufried'ner Bruſt, Wir lieben's hin und her zu wandern, Zu koſten feurigere Luſt. Wenn ſteigt der Schlaf aus Himmelsthoren, Wird oft das Segel losgemacht; Wir wünſchen guten Tag Auroren, Wir wünſchen Heſpern gute Nacht. Ihr Bürger, ſollt uns kennen müſſen, Ruft Pförtner, ruft die Diener vor, Laßt Thore und die Fenſter ſchließen, Hier kommt der frohen Schiffer Chor. Dann wiederholte ein Chor von Männerſtimmen den Refrain. 172 260 — Sie iſt nicht da, Valentin, ſie iſt nicht da! Ach mein Gott, wir haben im Hauſe nicht nachge⸗ ſehen, ſagte Pechvogel, der ſich von Neuem der Hoffnung hingab; vielleicht iſt ſie heimgegangen. — Schweigt, ſagte ſeinerſeits Herr Batifol. — Die Stimme fuhr fort: Das Boot ſtreicht auf dem Stromgeleiſe, Es zieht die Flagge flatternd auf, Und wie ein Schlittſchuh auf dem Eiſe Wählt's eine Furche kaum im Lauf. Ich bin der loſen Welle Schrecken, Und zwing', ein kühner Schiffersmann, Sie mit der feuchten Zung' zu lecken Den glatten Bauch von meinem Kahn. Ihr Bürger, ſollt uns kennen müſſen, Ruft Pförtner, ruft die Diener vor, Laßt Thore und die Fenſter ſchließen, Hier kommt der frohen Schiffer Chor. Aber dießmal, als der Chor die lezten Worte wiederholte, ſtieß Pechvogel ein leiſes Geächze aus; er ſezte ſich an das Ufer und verbarg ſein Geſicht in den Händen. Er hatte Hubertens Stimme unter den andern erkannt. Richard kam an ſeinen dritten Vers: Ha, ſeht ihr dort an den Geſtaden Den Tiſch gedecket zum Genuß? Friſch auf, ihr luſt'gen Kameraden, Laßt ſingend landen uns vom Fluß, der 261 Und von dem frühen Morgenſtrahle, Bis wiederkehrt des Tages Schein, Soll uns die tolle Bachanale Den Vorgeſchmack der Hölle leih'n. Ihr Bürger, ſollt uns kennen müſſen, Ruft Pförtner, ruft die Diener vor, Laßt Thore und die Fenſter ſchließen, Da kommt der frohen Schiffer Chor. — Die ungläubigen Hallunken! murmelte Herr Batifol. In ſeiner Entrüſtung über dieſen unmoraliſchen Geſang machte der Fabrikant eine Bewegung und trat aus dem Schatten der Gebüſche welche die kleine Gruppe beſchüzten. Ohne Zweifel bemerkte man ſeine Silhouette von der Barke aus, welche man wie eine ſchwarze, über die ſilberne Fläche hingleitende Geſtalt zu erkennen anfing, denn man hörte unmittelbar darauf wie Richard ſeinen Leuten Halt gebot. — Wer das fragte er. Pechvogel machte keine Bewegung; er ſchien we⸗ der zu ſehen noch zu hören was um ihn her vor⸗ ging. — Wer das wiederholte Richard. — Jungfer Huberte, antwortete Valentin, der es vermeiden wollte ſeinen ehemaligen Freund anzu⸗ reden, Jungfer Huberte, es iſt Ihr Großvater; er möchte gern mit Ihnen reden. — Mein Vater! Mein Vater! rief das junge Mädchen. Ach Herr Richard, laſſen Sie mich aus⸗ ſteigen, ich bitte Sie um Alles. — Fortgerudert! gebot der Commandant der 262 Möve ſeinen Matroſen, ohne auf die Bitte des jungen Mädchens zu antworten; wir fahren über den Schlagbaum hinweg, ſtatt zu landen. Achtung aufs Manöver und belaſtet das Hintertheil gehörig wenn es in die Schnelle kommt, damit die Möve ſich kräftig wieder erhebt. — Herr Richard, ich ſage Ihnen daß ich meinen Vater ſehen will, daß ich zu ihm zurückkehren will; Herr Richard, laſſen Sie mich los. — Ihr da, verlieret eure Zeit nicht damit daß ihr die Grimaſſen des Mädchens anſehet, vorwärts gerudert! tauſend Stückpforten! — Richard, Du biſt ein Clender, ein Schand⸗ bube, heulte Valentin. — Ho, he, ſchöner Kahnführer, der Sie die An⸗ dern ſo ſchön mit der Juſtiz bedrohen, ſagte zu gleicher Zeit Herr Batifol; es ſcheint mir, Sie ſind ſelbſt ſehr nahe daran in ihre Klauen zu fallen. — Richard, ich beſchwöre Sie, rief Huberte, wenn Sie mich lieben, wie Sie behaupten, ſo laſſen Sie mich zu meinem Vater zurückkehren; o bringen Sie mich nicht zur Verzweiflung! Sie haben mir ſo viel Glück verſprochen, mein Gott, daß Sie nicht wünſchen können daß unſere Verbindung mit dem Fluch dieſes armen alten Mannes beginne. Dann, als der Bildhauer Challamel und Knirps ein Zeichen gab ihre Anſtrengungen zu wiederholen, fuhr Huberte fort: — Wenn Sie meinen Wunſch nicht erfüllen, Richard, ſo ſpringe ich augenblicklich in den Fluß. Der Befehlshaber der Möve ſtieß einen wüthen⸗ den Fluch aus, ließ aber zu gleicher Zeit den Helm⸗ des den aufs venn ſich inen vill; 263 ſtock heftig arbeiten, und der Kahn, der nur noch einige Fuß von dem Waſſerfall entfernt war deſſen dumpfes Getöſe man hörte, drehte ſich um ſich ſelbſt und kam gegen das Ufer vor. — Vater Guichard, ſagte Valentin, den tauſend verſchiedene Empfindungen aufregten, als er den Alten bei der Schulter berührte; Vater Guichard, faſſet Muth, ſeht, da kehrt Eure Tochter zu Euch zurück.. — Wer kehrt zu mir zurück? ſprach der Greis, indem er ſich emporrichtete. Glauben Sie denn, eine Tochter könne ihren Vater nur ſo verlaſſen und wieder annehmen wie es in dieſen liederlichen Liebes⸗ geſchichten zu leſen ſteht?... Wer kehrt zu mir zurück? Es gibt einen Weg zum Hinabſteigen, aber nicht um wieder hinanzuſteigen. Nein, nein, ich habe kein Kind mehr; man rede mir nicht mehr von der⸗ jenigen die ich geliebt habe; die Erinnerung an ſie iſt nicht die Erinnerung an die Verſtorbenen; ſie tröſtet nicht, ſie ſchmettert nieder. — Vater, Vater, ſagte Huberte, die aus dem Kahn ans Ufer geſprungen war, ich bitte Euch um alles, verzeihet mir. — Was wollt Ihr? erwiderte der alte Fiſcher, indem er den Arm der Tochter zurückſtieß welche die Beine des Großvaters zu umſchlingen ſuchte; was wollt Ihr? ich kenne Euch nicht! — Ihr kennt mich nicht, mich, Huberte? — Es iſt hier keine Huberte, es iſt hier nur eine ſchlechte Dirne die ſich zum Spielzeug für lie⸗ derliche Geſellen hergibt, die ihnen zu ihren Aus⸗ ſchweifungen folgt und Schandlieder mitſingt; Hu⸗ 264 berte war brav und rein, es gibt keine Huberte mehr. Ihr meine Tochter! Könntet Ihr es wagen dieſes Zimmer zu betreten wo Eure Mutter und Großmutter beide rein und heilig wie die lieben Engel des Himmels geſtorben ſind? wahrhaftig, wenn Ihr es wagtet, die Decke würde über Eurem Haupte zuſammenbrechen. 3 — O mein Gott! o mein Gott! ſagte die Blonde, indem ſie verzweiflungsvoll die Hände rang. — Vater Guichard, ſagte Valentin, Ihr ſeid zu hart gegen dieſes Kind! 3 halte Richard für keinen ſchlechten Menſchen, und ſo groß auch das Aergerniß ſein mag, ſo läßt es ſich doch wieder gut machen. — O Richard, Richard, bedenken Sie was Sie mir verſprochen haben, ſprechen Sie mit dem Großvater, ſprechen Sie mit ihm, ich bitte Sie um Alles in der Welt, ſagte Huberte, indem ſie vor dem Bild⸗ hauer die Hände faltete. Und als Richard nicht ſogleich antwortete, be⸗ gann Pechvogel: — Dieſer falſche Arbeiter hat Dich verführt; nun wohl, wie alle Verführer, wird er den Vater rächen den Du beſchimpft haſt. Adieu! Der alte Fiſcher machte eine Bewegung um ſich zu entfernen, aber Huberte klammerte ſich mit der ganzen Kraft der Verzweiflung an ſeine Hände feſt. — Vater, Vater, ſagte ſie, laßt mich Euch fol⸗ gen, laßt mich mit Euch gehen; ich bin unſchuldig; ich bin noch des Andenkens derjenigen würdig die Ihr beweinet. — Wem willſt Du das weiß machen? Nein, das junge Mädchen iſt nicht mehr vorhanden, nur das — 265 Weib wird in meine Wohnung zurückkehren; dieſer Mann der Euch in den Augen Aller entehrt hat, mache ſeinen und Euren Fehler wieder gut, dann wird mein Haus Euch geöffnet ſein, dann werde ich verzeihen, wenn ich auch nicht vergeſſe. Früher ver⸗ ſuchet es nicht vor meiner Thüre zu erſcheinen, denn ich würde der Erſte ſein der Schmach und Schande über Euch riefe, und danket Gott wenn ich noch einige Tage warte bevor ich Euch fluche. Mit dieſen Worten machte der Alte ſich von der Umſchlingung ſeiner Enkelin los, ſprang auf die Böſchung und entfernte ſich raſch. Huberte war in Ohnmacht gefallen. Was Valentin betraf, ſo ſchien der moraliſche Schmerz den er empfunden, verbunden mit dem tiefen Eindruck welchen dieſe Scene auf ihn gemacht, alle ſeine Kräfte gelähmt zu haben; er hatte keine Geberde gemacht um Pechvogel zurückzuhalten, er machte keinen Verſuch ihn zu begleiten; aber als er Huberte auf dem Boden liegen ſah, als er das matte und dumpfe Geräuſch hörte welches der Kopf des jungen Mädchens bei ihrem Fall auf den Raſen machte, da eilte er auf ſie zu. Bereits waren der Commandant der Möve und ſeine Matroſen ihm zuvorgekommen; ſie verſuchten die Blonde aufzurichten. — Was willſt Du? fragte Richard brutal, als er ſeinen alten Freund auf das junge Mädchen zu⸗ kommen ſah. — Kannſt Du noch fragen? — Ich,verbiete Dir die Hand an meine Geliebte zu legen. 266 — Deine Geliebte? Nein, nein, ſie iſt nicht Deine Geliebte! Für ſo verdorben ich Dich auch halte, ſo hätteſt Du ſie nicht unter den väterlichen Fluch beugen laſſen, wenn ſie Deine Geliebte ge⸗ weſen wäre. Richard antwortete mit einem Gelächter in wel⸗ ches die beiden Matroſen einſtimmten und an wel⸗ chem auch Herr Batifol ſich betheiligen zu können glaubte. — Nein, ſie iſt nicht Deine Geliebte, und wenn ſie es wäre, ſo wäre es eine Niederträchtigkeit von Dir damit zu prahlen. — Weil Du bei Weibern tölpelhaft biſt, ſo iſt das kein Grund gegen Männer grob zu ſein, erwi⸗ derte der Bildhauer mit erkünſtelter Ruhe. — Richard, bei Allem was für Dich auf Erden noch heilig iſt, antworte mir: Iſt dieſes Mädchen Deine Geliebte? — Wenn ein junges Mädchen ſeinen Vater ver⸗ läßt um einem jungen Manne zu folgen, ſo ſind wohl einige Vermuthungen vorhanden daß beide durch irgend ein geheimes Band verbunden ſeien. Wenn Dir übrigens daran liegt dieſe Selbſttäuſchung zu Deinem Troſte in der Zukunft zu bewahren, ſo will ich ſie Dir von Herzen gern laſſen. — Der Glaube hat ſchon manchem Ehemann geholfen, bemerkte Challamel. — Und dieſer Herr beſitzt alles was nöthig iſt um es zu werden, fügte Knirps hinzu. Valentin verſchmaͤhte es auf dieſe Spöttereien zu antworten; er empfand einen unſäglichen Schmerz, ſein Herz war zerriſſen, ſeine letzte Hoffnung zerſtört; 8267 aber wie alle Seelen von gediegener Härtung fand er eben im Uebermaß ſeines Leidens ſeine Kalt⸗ blütigkeit wieder. — Richard, ſagte er mit feſter, obſchon von Auf⸗ regung noch vibrirender Stimme, Richard, Du haſt die Jugend und die Leichtgläubigkeit dieſes Kindes mißbraucht, es ſei; aber da Du im Grund ein recht⸗ ſchaffener Burſche biſt, ſo wirſt Du ſie nicht allen Folgen ihrer Unehre ausſezen. — Ich werde Deine Rathſchläge befolgen, Va⸗ lentin; Du weißt deren ſo gute zu ertheilen, wenn ſie Dir ſelbſt nüzen ſollen. — Du wirſt dieſes Mädchen heirathen, ſagte Valentin, ohne ihn ſcheinbar gehört zu haben. — So wäre es Dir angenehm ſie als die Frau Deines Freundes zu ſehen? — Du wirſt ſie heirathen, weil die Billigkeit es erfordert; Du verſprichſt es mir, nicht wahr? — Wir haben wohl Zeit daran zu denken, bis ich und ſie einmal graue Haare haben. — Du wirſt ſie unverzüglich heirathen. — Bah! Du willſt mir nicht einmal Zeit zum Raſiren laſſen? Wer will mich zwingen ſie zu hei⸗ rathen? — Jch. — Und wenn ich mich weigere? — So töͤdte ich Dich, Richard, verſetzte Valentin mit tiefer Stimme, die aber ziſchte wie eine Degen⸗ klinge wenn man ſie durch die Luft ſchnellt. — Ah, ah, ſagte Richard, der immer lebhafter zu werden anfing, als ſein ehemaliger Freund ſich kälter und ruhiger zeigte; es ſcheint, die Liebe hat Dich wüthend gemacht. Du läſſeſt eine Herausfor⸗ derung an mich ergehen, und da ich Dich keinen Augenblick auf dem Glauben laſſen will daß die Großſprechereien eines Gamin von Deiner Sorte mich einſchüchtern, ſo nehme ich ſie an. — Auf morgen. — Ja, auf morgen. Und Richard hob Huberte auf um ſie in ſeinen Kahn zu tragen. Valentin riß Challamel die Kette womit er das Schiff feſthielt aus den Händen und ſtieß es mit einem kräftigen Fußtritt ins Waſſer zurück. Die Möve drehte ſich mehreremale um ſich ſelbſt, gab der Strömung nach, gehorchte ihr langſam, be⸗ ſchleunigte ihre Bewegung, flog pfeilſchnell dahin, erſchien eine Sekunde lang mitten in der breiten Fläche welche das Waſſer beim Hinabſteigen in die Schleuſe machte, verſenkte ſich dann mit demſelben im Abgrund, und einige Balken welche die Fluth da und dort ſchaukelte, waren das Einzige was von der triumphirenden Gölette übrig blieb. Richard ſtieß einen furchtbaren Fluch aus. — Valentin, jezt iſt es an mir zu ſchwören daß ich Dich morgen tödten werde. — Es ſei, antwortete Valentin, es wird bald morgen werden, aber bis dahin bleibe ich ſo gut wie Du bei Huberte, und ich will erfahren ob Du mir die Wahrheit geſagt haſt. — Das wollen wir ſehen, verſezte der Bildhauer mit einem Hohnlachen. Zu gleicher Zeit, und troz der Laſt mit welcher er beladen war, eilte er quer⸗ feldein und entfloh mit ſolcher Schnelligkeit, daß — S —8—— S— ——,=—,— oee ſ —9 8& — —— 269 Valentin, der ihm folgte, ihn im Nebel bald aus dem Auge verlor. XVIII. Das Zimmer Valentins. Wes end der Nacht durchlief Valentin. alb⸗ inſel in ihrem ganzen Umfang. Er klopfte an allen Wirthshäuſern der umliegenden Dörfer an; aber nir⸗ gends fand er Richard, Niemand vermochte ihm Auf⸗ ſchluß über den Weg zu ertheilen welchen ſein ehe⸗ maliger Freund eingeſchlagen hatte. Jede der Strapazen die er ſeit beinahe vier und zwanzig Stunden, theils in Folge der Hinterliſt des Befehlshabers der dahingeſchiedenen Möve, theils nach dem Raube Hubertens ausgeſtanden, hatte auf den Kleidern des Arbeiters ihre Spuren zurückgelaſſen; ſie waren beſchmuzt vom Koth, triefend vom Waſſer, zerriſſen von den Geſträuchen. Der Schmerz der ſeine Seele zermalmte ſpiegelte ſich auf ſeiner Phy⸗ ſionomie; aber die ſittliche Thatkraft theilte dieſem ſchwächlich ſcheinenden Körper eine ſolche Macht mit, daß er, nachdem er überlegt daß der Bildhauer ohne Zweifel das Schiff eines ſeiner Kameraden benüzt habe um in die Stadt zurückzukommen, den Abgang der Wägen nicht abzuwarten beſchloß, ſondern ſich rüſtig zu Fuß auf den Heimweg machte. Der Tag begann anzubrechen; breite, rothgelbe Streifen erhoben ſich am Horizont über den Hügeln. welche die große Stadt einrahmen, als der junge⸗ Mann ſich an dem ungeheuern Zugang befand der 270 in Vincennes beginnt und mit der Barridre du Trone 1 endigt. Er beſchleunigte ſeinen bereits raſchen Schritt; 8 er betrachtete es als Chrenſache daheim zu ſein ehe T Richard oder ſeine Zeugen erſchienen wären; die Herausforderung welche der Bildhauer an ihn er⸗ S laſſen ertönte in ſeinen Ohren wie ein tröſtendes jzu odtengeläute. Sie war der Gegenſtand aller ſeiner 8 edanken, das Ziel ſeiner Hoffnungen geworden; F er hatte ein Recht darauf zu zählen daß ſein alter G de Freund ihr Folge leiſten wuͤrde: er kannte ihn als G tapfer, denn er hatte ihn in den Julikämpfen an ſei⸗ w ner Seite bei der Arbeit geſehen. V Er ging daher nicht in ſeine Werkſtatt, ſondern di wartete den ganzen Tag hindurch in der Rue Saint: tr Sabin, konnte aber in ſeiner fieberhaften Ungeduld keine Minute ruhig bleiben, ſondern ſchritt haſtig D in ſeinem Zimmer auf und ab, öffnete und ſchloßs di jeden Augenblick das Fenſter, und fuhr zuſammen N ſo oft es im Haus läutete. 2 Nicht jedoch als ob Valentins Herz ſich wilden Rachegelüſten hingegeben hätte; l und erhabene Naturen ſind niemals großmüthiger als wenn ſie E. leiden. Gleich den koſtbaren Metallen, glänzen ſie ar inmitten der Flammen in ihrer entzen Reinheit. 8 Welche Qualen er auch erdulden mochte, Valen⸗ he tin ſorgte nicht um ſich ſelbſt; ſeine Gedanken waren ausſchließlich derjenigen gewidmet die er liebte. Er he hielt es gar nicht für möglich daß der Kampf zu ſei⸗ nen Gunſten ausfallen würde; er wünſchte es nicht ge einmal. Sein eigener Tod intereſſirte Niemand; er ge würde keinem einzigen Auge eine Thräne entlocken, 271 während er, wenn er ſelbſt Richard tödtete, Huber⸗ tens Herz traf. Er war alſo mit vollkommener Er⸗ gebung zum Opfer ſeines Lebens entſchloſſen, und in dem Zuſtand der Niedergedrücktheit welchen die Täuſchungen ſeiner Liebe hervorgerufen, betrachtete er dasſelbe als die Ruhe, als den Hafen nach dem Sturm, ja er ſann ſogar auf Mittel ſeinen Tod dem jungen Mädchen noch nüzlich zu machen. Er zwei⸗ felte nicht daran daß die lezte Bitte eines ſterbenden Freundes, zumal wenn er von der Hand ſeines Freun⸗ des ſtarb, einen tiefen, heilſamen Eindruck auf den Geiſt, wo nicht auf das Herz des Bildhauers machen würde. Dieſe lezte Bitte formulirte Valentin zum Voraus in ſeinem Kopfe; ſie ſollte das Glück und die Zukunft des Kindes von Franz Guichard be⸗ treffen. Der ganze Tag verging in dieſer Erwartung. Die Schatten glitten an den Häuſern entlang hinab; die Nacht kam und Valentin wartete noch immer: Niemand war gekommen, Niemand kam. Eine Ahnung fuhr ihm durch den Kopf. Vielleicht war Huberten ein Unglück zugeſtoßen. Dieſe Vermuthung vermochte er nicht zu ertragen.“ Er ging haſtig aus, er lief zu allen Freunden Richards, an alle Orte die derſelbe gewöhnlich beſuchte, wie er in der vorhergehenden Nacht auf der Halbinſel herumgelaufen war; ſeine Nachforſchungen hatten in Paris eben ſo wenig Erfolg als ſie in Varenne ge⸗ habt hatten. Der Montag iſt ein Tag welchen die Schiffsleute gewöhnlich ihren Vergnügungen weihen; Valentin be⸗ gab ſich nach Bercy und begann auf den Quais 5 272 herumzuſchwärmen; er bemerkte in der That das kleine Geſchwader das die Seine in allen Richtungen durch⸗ kreuzte; er wagte es nicht die darauf befindlichen Perſonen anzureden; er fürchtete ihre Spöttereien nicht um ſeiner ſelbſt willen, ſondern weil ſie noth⸗ wendig auf Huberte zurückfallen mußten. Zuweilen erfaßte ihn tiefe Muthloſigkeit und er ſagte zu ſich ſelbſt: Wozu dieſe Nachforſchungen? Was ſoll mein Einſchreiten jezt noch helfen? Legt es nicht klar am Tage daß er mich nicht belogen hat und daß ſie wirklich ſeine Geliebte iſt? Warum eine Gewißheit ſuchen die mich nur vollends ganz zu Boden drücken kann? Dann verſuchte er ſich zu entfernen; er warf ſich in eine der Straßen die ins Innere der Stadt zu⸗ rückführen; aber nach einigen Schritten warf ein un⸗ überwindlicher Wille ſeinen Reiſeplan über den Hau⸗ fen und er befand ſich wieder am Ufer. So kam er an einen Reſtaurant deſſen Facade beleuchtet war. Zu dieſem Reſtaurant gehörte eine von rieſigen Kaſtanienbäumen beſchattete Terraſſe; hinter ihr be⸗ fand ſich ein Garten wo man Orcheſtermuſik hörte. Dieß war der Ball der Schiffsleute. Valentin ſchritt raſch über die Schwelle; aber als er ſich dem Tanzſaal näherte, als er das buntſcheckige aufgeregte Gewühl bemerkte, da bekam er Angſt. Befand ſie ſich bereits unter dieſem Schwarm? So viel Naivetät, ſo viel Unſchuld, ſo viele Reize, hatten ſie ſo ſchnell zu dieſem Pandämonium aller Befleckungen und aller weiblichen Laſter geführt? 273 Er ſchauderte bei dieſer Idee: er zitterte daß er Huberte bemerken möchte. Er flüchtete ſich unter die Lindenallee, die ihm verlaſſen ſchien. Am entgegengeſezten Ende vom Eingang bemerkte er, an einem der Tiſche die unter der Terraſſenmauer entlang ſtanden, einen Mann und ein Frauenzimmer. Er ſchaute lange hin; ſeine Augen täuſchten ihn nicht; dieſer Mann war wirklich Richard und dieſes Frauenzimmer war wirklich Huberte. Valentin wollte gerade auf ſie zugehen; er ließ ſich, ohne es ſelbſt zu bemerken, von einem jener Wuthanfälle hinreißen denen ſelbſt die Beſten ſich nicht entziehen können, als er die tiefgreifende Verände⸗ rung erkannte welche bloß vier und zwanzig Stunden auf den Zügen des jungen Mädchens hervorzubringen vermocht hatten. Man hätte ſagen können, ſie habe an einem ein⸗ zigen Tag die Friſche und Heiterkeit verloren die ihrem Geſicht ſo großen Zauber verliehen; ſie war blaß, ihre Wimpern von Thränen befeuchtet; von Zeit zu Zeit marmorirten ſich ihre Wangen, wie wenn das Fieber ihrem Blut den ihm mangelnden Anſtoß gegeben hätte, mit blauen Flecken; ſie hatte den Kopf auf ihre Hand geſtüzt, ihr Ellenbogen ruhte auf dem Tiſch, gegenüber einem vollen Teller den ſie noch nicht berührt hatte, ihre ganze Haltung war ſo trübſinnig und troſtlos, daß Valentins Zorn, der ſein Herz an⸗ gefreſſen und im erſten Augenblick das Mädchen und den Bildhauer im ſelben Verlangen nach Rache um⸗ faßt hatte, plözlich dahinſchwand. Ein matter Hoff⸗ Dumas, Pechvogel. 18 274 nungsſchimmer ſtellte ſich ein; was er vor Augen hatte, das waren weder die Liebe noch die Betäu⸗ bungen des Laſters; es konnte die Reue ſein, aber es konnte auch die Verzweiflung dieſer ehrlichen Seele über die Lage ſein in welche ſie ſich hatte hineinreißen laſſen. Richard ſprach mit außerordentlicher Heftigkeit, aber ſo leiſe, daß Valentin ſeine Worte nicht hören konnte. Von Zeit zu Zeit legte er die Hand an ſeine Bruſt, als wollte er ſein Herz als Zeugen für ſeine Worte anrufen; endlich hob er, wie ein ſchwörender Schauſpieler, ſeinen Arm in die Höhe. Bei dieſer Geberde erheiterte ſich das Geſicht Hubertens, die ihn bisher mit ziemlicher Gleichgiltig⸗ keit anzuhören geſchienen hatte; Thränen traten in ihre Augen, ihr Blick wurde mild und ſanft; ſie er⸗ griff die Hand des Bildhauers und führte ſie mit einem Ausdruck der Dankbarkeit an ihre Lippen. — Halten Sie Ihre Schwüre, Richard, ſagte ſie; dann werde ich nicht bloß den Kummer vergeſſen den Sie mir verurſacht haben, ſondern ich will auch meinerſeits ſchwören daß niemals ein Mann eine hingebendere und unterwürfigere Frau gefunden ha⸗ ben ſoll als Sie. „Valentin lauſchte nicht länger; er entfloh ohne hinter ſich zu blicken. Noch war er nicht um die Straßenecke gekommen, als er haſtige Tritte hinter ſich vernahm und ſeinen Namen laut rufen hörte. Es war ihm als erkenne er die Stimme Richards. Er hätte zehn Jahre ſeines Lebens dafür gege⸗ ben um ihm in dieſem Augenblicke ausweichen zu 275 können; er fühlte daß er dieſen Menſchen eben ſo haßte wie er ihn früher geliebt hatte; aber der Bildhauer kam ſeinem alten Freund immer näher. — Halt doch! Halt doch, Valentin! rief er; man ſollte meinen Du habeſt Angſt vor mir. Valentin machte plözlich Rechtsumkehrt und ſchritt dem Schiffer entgegen, der bald vor ihm ſtand. Richard ſchien ſo verblüfft, ſo verlegen, daß Va⸗ lentin in ſeiner Seelengröße dieſe Verlegenheit nicht noch durch die Bemerkung ſteigern wollte er habe den ganzen Tag auf ihn gewartet. — Was willſt Du von mir? fragte er. Der Bildhauer zuckte die Achſeln. — Soll dieſer Zwiſt zwiſchen zwei alten Freun⸗ den ewig beſtehen? antwortete er; verlangſt Du denn durchaus daß wir um eines Mädchens willen einan⸗ der die Hälſe brechen ſollen? — Nein, ſagte Valentin mit Anſtrengung. — Um ſo beſſer, tauſend Stückpforten, denn ich kann jezt nicht. — Freut mich daß Du zu beſſern Geſinnungen zurückgekehrt biſt, Richard. — Mir brauchſt Du nicht dafür zu danken, ſon⸗ dern ihr... ſie hat mir einen Schwur abgenommen daß ich auf unſer Duell verzichte. — Das iſt ziemlich natürlich, ſagte Valentin mit Bitterkeit. — Ja, ich habe mit einem ganzen Geſchwader von Schwüren aufrücken müſſen; aber auf dieſem da beſtand ſie ganz beſonders, fuhr Richard mit ſeinem gewöhnlichen plumpen Lachen fort. Valentin war dem Erſticken nahe. 18* * 276 — Im Uebrigen begreifſt Du wohl daß dieſes Duell auch ohne ihr ausdrückliches Verlangen nicht ſtattgefunden hätte; ich hätte wahrlich nicht alle die Verpflichtungen vergeſſen können die ich gegen Dich eingegangen habe. — Ich erlaſſe ſie Dir, adieu! — Ei wahrhaftig, ſagte Richard mit der maje⸗ ſtätiſchen Herablaſſung glücklicher Leute, ich will nicht länger dieſes Geſicht an Dir ſehen das auf eine Meile nach der Morgue riecht; ich erinnere mich noch ſehr wohl wie wir einander bei dem großen Contre⸗ tanz im Juli gegenüberſtanden, und daß es in der guten Stadt Paris Pflaſterſteine gibt auf welchen Dein Blut ſich mit dem meinigen vermengt hat... Tauſend Stückpforten! wenn ich gewußt hätte daß Dir ſo viel daran läge! — Und er glaubt ſie zu lieben! dachte Valentin, deſſen Betrachtung ſich durch einen tiefen Seufzer überſezte. — Hör einmal, ich will Dir jezt wiederholen was Du ſo oft zu mir geſagt haſt: Sei ein Mann, was Teufels! Bloß zwei und dreißig Pfund Guß⸗ eiſen in der Bruſt ſind ein Uebel das keine Abhilfe geſtattet; für das warum Du jezt ein ſo langes Ge⸗ ſicht ſchneideſt, für das was Deinen Lungen dieſe Seufzer entlockt bei denen die arme Möve, wenn ſie noch am Leben wäre, zehn Knoten ſchwimmen könnte, weiß ich Mittel genug, und zwar von aus⸗ gezeichneter Art. Komm, mach mit mir einen Gang auf den Tanzplaz, ſo will ich Dir welche von einem famöſen Modell zeigen. — Nein, Richard, nein, laß mich. 277 — Komm doch, ich verſichere Dich, ehe eine halbe Stunde vergeht, wird die Windſtille auf den Sturm folgen. Komm; wenn Huberte uns beiſam⸗ men ſieht, ſo wird ſie feſt überzeugt ſein daß ich Dich nicht umbringen werde, was ſie ſo ſehr fürchtete. Vielleicht wird das ſie beſtimmen auf den Tanzplaz zu gehen, den ſie nicht betreten will. Ei ſo komm, Du ſollſt ſehen daß ich alles Menſchen⸗ mögliche aufbieten werde um das Leid wieder gut zu machen das ich einem Freund zugefügt habe. — Ich verlange nur eine einzige Sache von Dir, Richard, ſagte Valentin mit ernſter und feſter Stimme. — Sprich, es iſt zum Voraus bewilligt, auf Männerehre! Ich wollte ſagen auf Matroſenehre, denn ich vergaß daß ich jezt ſo wenig mehr eine Gölette habe als der erbärmlichſte Gendarm. — Richard, ich will die Worte gebrauchen welche Huberte eben ſelbſt zu Dir ſagte: Halte die Schwüre die Du ihr gethan haſt, und vielleicht wirſt Du, wenn Du einigen Werth auf meine Freundſchaft legſt, ſie eines Tages wieder finden. Der BZildhauer antwortete einige Augenblicke nicht: dieſe Phraſe Valentins ſchien ſeine Reue und ſeine freundſchaftlichen Geſinnungen die er gegen ſei⸗ nen alten Kameraden ausgeſprochen hinweggeblaſen und ſie verſcheucht zu haben. — Ja, antwortete er, indem er ſeine üble Laune unter dem Schein beleidigten Stolzes zu decken ſuchte; ja, aber unter der Bedingung daß Niemand ſich in meine Angelegenheiten miſcht. — Immerhin, verſezte Valentin, wenn ſie nur 278 glücklich iſt, ſo ſoll mir nichts daran liegen daß ich ſelbſt nichts zu ihrem Glück beitragen konnte; Adieu! Der Bildhauer beantwortete dieſen Abſchiedsgruß ziemlich kalt; aber als ſein Freund einige Schritte gethan hatte um ſich zu entfernen, rief er ihn zurück. — Apropos, ſagte er, morgen werde ich in die Rue Saint⸗Sabin ſchicken um meine ſieben Sachen holen zu laſſen. — Du brauchſt Dir dieſe Mühe nicht zu geben, antwortete Valentin; ich nehme eine Stelle die man mir in London angeboten hat und kann Dir über⸗ morgen die Wohnung überlaſſen. — Wirklich? ah das trifft ſich gut, verſezte der Bildhauer, ohne ſeine Befriedigung verbergen zu wollen, denn die Bottlerei mag ſich allerdings für einen Honigmond recht gut ſchicken, aber ſie hat in Wahrheit nichts Olympiſches. Zwei Tage ſpäter erſchien Richard allein in der Rue Saint⸗Sabin. Der Concierge übergab ihm den Schlüſſel der Wohnung, mit dem Bemerken ſein alter Kamerad ſei am Abend zuvor abgereist. — Der Bildhauer holte ſogleich Huberte; die Wohnung der beiden Freunde war von Valentin mit einer Sauberkeit gehalten worden die ihr beinahe etwas Kokettes gab, und Richard empfand eine ſtolze Zufriedenheit ſie dem jungen Mädchen zeigen zu können. Er führte ſie in ſeine Werkſtatt und zeigte ihr alle ſeine Gypsfiguren, alle ſeine Anlagen, alle ſeine Möbel, welche ſie mit kindlicher Neugierde betrachtete. 279 — Wohin geht es da? fragte Huberte, indem ſie vor der Thüre ſtehen blieb die dem Zimmer Ri⸗ chards gegenüberſtand. — Das iſt das Zimmer Valentins, antwortete der Bildhauer, der, wenn er ſeine Geliebte betrachtet hätte, bemerkt haben würde daß ſie die Farbe wech⸗ ſelte; willſt Du es ſehen? — Nein, erwiderte Huberte. — Er hat den Schlüſſel ſtecken laſſen; nehmen wir ihn heraus und mißbrauchen wir das Vertrauen der Freundſchaft nicht. Richard verſteckte ihn in der Höhlung eines Gypskopfes. Aber ſobald der Bildhauer ausgegangen war, holte Huberte, die ſich das Pläzchen gemerkt hatte, den Schlüſſel, ſteckte ihn in das Schloß von Valen⸗ tins Zimmer, zögerte eine Weile, drehte ihn aber dann, einem gebieteriſchen Gedanken gehorchend, herum und öffnete die Thüre. Das Zimmer des Arbeiters war in der größten Unordnung verlaſſen worden. Die Schubladen der Commode ſtanden offen; in der Haſt der Abreiſe hatte er ſich nicht die Zeit ge⸗ nommen ſie wieder zu verſchließen. Das Bett war nicht zum Schlafen benüzt wor⸗ den, aber es war zuſammengedrückt, wie wenn Je⸗ mand ſich auf den Matrazen gewälzt hätte, und auf der Fußdecke befanden ſich zahlreiche Beſchmuzungen von Straßenkoth.— Vor dem Kamin lag die Gruppe der Brüder⸗ ſchaft in tauſend Stücke zertrümmert. Ohne zu wiſſen was ſie vorgeſtellt hatten, hob 280 Huberte voll Pietät die Trümmer auf und legte ſie dann auf dem Bette aus. Das Kiſſen hatte den Eindruck von Valentins Kopf bewahrt. Huberte legte ihre Hand darauf; ſie fühlte in der Leinwand eine eigenthümliche Feuch⸗ tigkeit; es ſchien ihr als habe man an dieſer Stelle geweint. Dann ſank ſie auf ihre Kniee und betete lange. XIX. Welcher Abſchnitt endet wie der Honigmond in vielen Liebesgeſchichten. Richard hatte Alles was er gewünſcht, und gleichwohl brachte ihm ſein Glück bisweilen weniger Wonnen als er gehofft hatte. Die Erſchütterung welche die ganze Eriſtenz Hubertens über den Haufen geworfen, hatte bei ihr einen Eindruck hinterlaſſen der ſich in ihr nicht leicht verwiſchen zu laſſen ſchien. Während ſie bei ihrem Großvater ſo gerne gelacht und geſcherzt hatte, zeigte ſie ſich jezt in der Rue Saint⸗Sabin ernſt, ſchwermüthig und ſchweigſam; ihre angeborne Sanftmuth hatte ſich nicht verändert; aber dieſe Sanftmuth bot große Aehnlichkeit mit Ergebung dar. Sie, die nie ihre Zeit mit Gedanken verloren hatte, blieb ſtundenlang düſter und vertieft ſizen und ließ ihren Geiſt in allen Gebieten der Träumerei umherſchweifen. Vergebens holte der Bildhauer das ganze Reper⸗ toire ſeiner Späſſe hervor, vergebens bemühte er ſich das Gekrähe des Hahnes, das Gebelle des Hundes, einem Bekannten begegne. 281 das Geziſche der Säge, das Geſumme einer Mücke am Fenſter nachzuahmen, Kunſtſtücke womit er früher ſo oft das Zwerchfell der armen Blonden erſchüttert hatte; es gelang ihm nicht die leichte Furche von ihrer Stirne zu verwiſchen welche die Schwer⸗ muth bereits darin eingegraben hatte; kaum ver⸗ mochte er ein Lächeln des Wohlgefallens auf die Lippen des jungen Mädchens zu locken, und auch dann war der Ausdruck dieſes Lächelns von der Art daß es nur als eine neue Kundgebung von Trau⸗ rigkeit erſchien. So wenig Richard erwartet hatte ſich bei dieſer Gelegenheit in einen Pygmalion umgeſchaffen zu ſehen, ſo entſagte er doch nicht ſogleich der Hoffnung dieſes ſo plözlich zu Marmor gewordene Fleiſch von Neuem zu beleben. Er verſuchte die Coketterie der Blonden anzuſtacheln; er brachte ihr ein Kleid, einige Juwelen, er wandte ſich an ihre bekannte Vergnü⸗ gungsſucht; ſie blieb kalt gegen ſeine Geſchenke, gleichgültig gegen ſeine Vorſchläͤge, die Seide blieb als Stück in der Schachtel, Huberte konnte ſich nie entſchließen ihn auf den Ball oder ins Theater zu begleiten wie der Bildhauer gewünſcht hatte, und als Richard zulezt, der Sache überdrüſſig, ſie um jeden Preis aus dieſer Erſchlaffung zu ziehen ſuchte, als er ſie bat ſeinen Arm zu nehmen und mit ihm einen ſentimentalen Spaziergang auf den Ufern des Kanals zu machen, da ſagte ſie: — Später, wenn ich einmal Ihre Frau bin, will ich Alles thun was Sie wünſchen; aber jezt iſt es mir als müßte ich vor Scham ſterben wenn ich 282 Der Bildhauer runzelte die Brauen und beſtand nicht mehr auf ſeinem Verlangen. Er befand ſich in der Lage eines Menſchen der den Vögelgeſang liebt und, um ihn recht für ſich allein zu haben, die Grasmücke aus ſeinem Garten im Schlage fängt, ſie in den Käfig ſezt und ſich dadurch für immer des lieblichen Gezwitſchers beraubt das die ganze Nachbarſchaft erheitert hatte. Der Künſtler mußte ſich in dieſes Leben zwiſchen vier Wänden, das nicht in ſeinen Gewohnheiten lag, ergeben, aber die Neuheit hatte ſolche Reize für ihn, daß er ſich dießmal noch von dem Zauber des Un⸗ gewohnten hinreißen ließ. Er fügte ſich ſo ziemlich in das was er bei ſeiner Geliebten als eine unbe⸗ greifliche Krankheit betrachtete, und er begann den Hausvater mit jenem Ernſte zu ſpielen welchen wir ihn entwickeln ſahen wenn er den Matroſen der Möve das Manöver commandirte. Um gegen Richard gerecht zu ſein, müſſen wir zugeben daß er ſich vielleicht nicht einzig und allein von dem Einfluß beſtimmen ließ den die Phantaſie auf ſeine Seele ausübte. Er war unfähig lange genug zu überlegen um eine ganz genaue Anſchauung von der Lage zu gewinnen die er Huberten geſchaffen hatte; aber vielleicht begriff er unbewußt daß ſein Verhalten gegen das Fiſchermädchen ihm ernſte Pflichten auferlegte, und ließ ſich dadurch zur Erfül⸗ lung derjenigen unter dieſen Pflichten beſtimmen die ſeinen Inſtincten am wenigſten widerſtrebten. Immerhin bleibt wahr daß er es acht Tage lang den muſterhafteſten aller Ehemänner im Quartier du Marais, das doch durch die ausgezeichnete Feigheit 283 der ehelichen Typen die es der Welt darbietet ſo berühmt iſt, weitaus zuvorthat. Er war es der am Morgen die Milch in dem blechernen Napf holte; er machte ſeiner Genoſſin die CEhre ſtreitig das Feuer in dem großen gußeiſer⸗ nen Ofen anzuzünden der die Werkſtatt heizte, und welchem man, ſeit Huberte die Wohnung bezogen, eine culinariſche Beſtimmung zuerkannt hatte. Er ſchämte ſich keineswegs ſeine Anlage zu verlaſſen um nach dem pot⸗-au feu zu ſchauen; er erſchien ganz glücklich und ganz ſtolz wenn er, nachdem er die Suppe in einer großen Schüſſel angerichtet die ur⸗ ſprünglich zur Benezung der Leinwand gedient hatte, ſich zu dem jungen Mädchen an einen Tiſch ſezte, der weit weniger durch den Luxus ſeiner Gedecke glänzte als durch die ſinn⸗ und geiſtvolle Art wie er, mit Hülfe von allerlei Figürchen aus der Werk⸗ ſtatt, den Mangel aller gaſtronomiſchen Utenſilien erſezte die man in den ärmſten Haushaltungen trifft, die eine ſolche aber welche den Künſtler als ihr Haupt anerkannte ſtets entbehren zu können glaubt. So angenehm dieſe Zerſtreuungen ſind, ſo wird man ihrer in der Länge doch müde. Bei Richard trat dieß um ſo ſchneller ein, als er von Knirps auf Beſchäftigungen ertappt wurde die einem Capitän, wenn er auch nur von der Sequanermarine, nicht gerade anſtanden; er ſchälte philoſophiſch Kartoffeln, während er einem Gericht Bohnen, mit Hammels⸗ braten der in einem gußeiſernen Pfännchen kniſterte, die nöthige Aufmerkſamkeit widmete. Knirps konnte ein ſpöttiſches Lächeln nicht verdecken. Der Excapitän der Möve warf ärgertlich ſeine Schalen und das 284 Boſſirholz womit er ſein Fleiſch umdrehte weg, und gab von nun an ſeiner Genoſſin die Verrichtungen zurück die ihrem Geſchlecht zukommen. Huberte nahm ſie wieder mit der Paſſtvität welche ſie ſchon gezeigt hatte als Richard ſie an ſich gezogen; aber ſo armſelig auch dieſe Hilfsmittel gegen die lange Weile waren welche den Bildhauer bereits zu quälen anfing, ſo waren ſie doch immerhin beſſer als gar nichts. Er ſchlief, er gähnte, er bemühte ſich von Neuem die Stirne ſeiner Geliebten zu entrunzeln; dann als ihm nichts gelungen war, dachte er an die Arbeit als den lezten Nothanker. 3 Bei einer Natur die ſo ſehr ihren erſten Ein⸗ gebungen folgt wie Richard, konnte es nicht fehlen daß eine erſte Idee, nachdem ſie kaum zur Welt ge⸗ kommen war, alsbald eine zweite erzeugte. Er wollte alſo arbeiten; er wollte eine Velleda machen und mit dieſer Velleda triumphirend in die Ausſtellung zurückkehren. Während Richard ſeine zukünftigen Erfolge in ſeiner Phantaſie berechnete, betrachtete er Huberte mit Aufmerkſamkeit. Der Kummer welcher das junge Mädchen unter⸗ grub, hatte ihr bereits den Reichthum der Umriſſe geraubt der gegen jede Vergleichung zwiſchen ihr und der Freundin proteſtirt hätte. So wie ſie in dieſem Augenblicke war, konnte eine vollendete Velleda aus ihr werden. Richard theilte ihr augenblicklich ſeinen Plan mit. Huberte war zu unwiſſend um etwas von den techniſchen Ausdrücken zu begreifen womit der Künſt⸗ ler ihr die Schönheiten bezeichnete die er zu benüzen und gen erte hon ber nge len bts. nem als als in⸗ len ge⸗ da die in rte er⸗ ſſe ihr ite it. en ſt⸗ en 28⁵ gedachte; aber ſobald ſie die Nothwendigkeiten des Coſtüms ahnte das zur Rolle der Velleda er⸗ forderlich war, empörte ſich ihre Sittſamkeit; ſie wies ſeinen Vorſchlag zuerſt mit Feſtigkeit, dann mit Ent⸗ rüſtung zurück.. Für dieſe gerade und ehrliche, von Künſtlerſpiz⸗ findigkeiten noch nicht verderbte Seele war eine ſolche öffentliche Darſtellung ihrer Formen eine Abſcheu⸗ lichkeit. Jezt brach der Sturm der ſchon ſeit langer Zeit in Richards Herzen ſich angeſammelt hatte in ſeiner ganzen Wuth aus. Er hatte eine Schlechtigkeit und eine Dummheit begangen; obſchon er ſich ſelbſt dieſe Wahrheit noch nicht geſtanden hatte, ſo machte ihn doch das Be⸗ wußtſein derſelben ſehr ärgerlich, und Huberte mußte das Gewicht dieſer üblen Laune ertragen. Mit der prächtigen Naivetät der Egoiſten über⸗ häufte er ſie mit Vorwürfen; er habe einen Augen⸗ blick des Rauſches benüzt um ſie aus dem väterlichen Hauſe wegzuziehen, nun aber könne er wohl ihr die ganze Verantwortlichkeit einer Verbindung zuſchreiben die ſein Leben lähme, ſeinem Genius Feſſeln anlege, die Quelle ſeiner Arbeit vertrocknen mache. Während er ſprach, betrachtete Huberte ihn mit verſtörten Augen; ſie blieb ſtumm, unbeweglich, und von Zeit zu Zeit fuhr ſie mit der Hand über ihre Stirne, als wollte ſie ſich verſichern daß ſie noch lebe und von keinem Traum irre geführt werde. Richard wartete übrigens keine Antwort von ihr ab; er ging hinaus und ſchlug die Thüre der Werk⸗ ſtatt heftig hinter ſich zu. 286 Er hatte noch keine zehn Schritte auf der Straße gemacht als ſein Geſicht ſich meder erheiterte. Die freie Luft einathmen, ſich am Lärm und an der Bewe⸗ gung erfreuen, Lebensluſt in ſeinen Adern fühlen, einer Traurigkeit entfliehen von welcher er einen Augenblick geglaubt hatte ſie werde anſteckend wer⸗ den: das war im Grund Alles was er wünſchte. Von dieſem Tage an wurde er wieder der Richard aus den ſchönen Zeiten der Möve. Er fand alle ſeine ehemaligen Freunde wieder und nahm alle ſeine alten Gewohnheiten von Neuem an: er ſtand ſpät auf, ging aus und kehrte ſehr ſpät in der Nacht heim. An den erſten Abenden öffnete er ſein Zimmer mit einer gewiſſen Aengſtlichkeit; er erwartete Hu⸗ berte in Thränen zu finden, ihr Schmollen mit an⸗ ſehen und ihre Vorwürfe hören zu müſſen. Zu ſeiner Ueberraſchung ſagte ſie ihm kein Wort über ſein langes Ausbleiben. Dieſe Gleichgiltigkeit verlezte zwar ſeine Eigenliebe ein wenig; aber auf der andern Seite taugte ſie ſo gut zu ſeinen unab⸗ hängigen Neigungen, daß er, wenn er im Grund ſeiner Seele noch einigen Groll gegen das Mädchen hegte, ſich doch wenigſtens den Anſchein gab als ob er ſie nicht bemerkt hätte. Wir müſſen nothwendig erklären wie Huberte zu dieſer in ihrer Lage ſo eigenthümlichen Ergebung ge⸗ kommen war. Ein Capitän welcher das Recht hatte ſich auf Bravour zu verſtehen ſagte: Der und der zeigte ſich brav an dem und dem Tag. Was ſich auf den * 287 Muth der Männer anwenden läßt, iſt eben ſo wahr von der Tugend der Frauen. Die Natur hat nichts Abſolutes gemacht; ſo auf⸗ richtig dieſe Tugend ſein mag, ſo kann ſie doch den menſchlichen Gebrechen, die ihr als Windeln dienen, einen Augenblick nachgeben, ohne daß ſie aufhört es zu ſein. Ein Augenblick der Schwäche darf nicht gegen ſie geltend gemacht werden; die gediegenſte Vernunft, die innigſte Liebe zum Guten haben jene Stunde gekannt in welcher ſie gegen die Erde ge⸗ beugt waren wie ein im Sturme ächzender Baum. Wenn dieſe Gefühle glücklich genug waren, daß die Verſuchung ſich nicht juſt zu dieſer Stunde ein⸗ ſtellte, ſo haben ſie Widerſtand geleiſtet; ſie können Gott danken, aber ſie dürfen nicht voll Citelkeit froh⸗ locken, denn während der Wipfel des Baumes im Sturm ſich krümmte und wand, hat eine feindliche Hand ihn in ſeinen Wurzeln untergraben; er ver⸗ mochte ſich nicht mehr aufzurichten, ſondern lag auf dem Boden. Huberte war nicht ſo glücklich geweſen: ein armer, vom Sturme gekrümmter Baum, hatte ſie ſich bis zum Brechen gebogen, und Richard hatte ſie beherr⸗ ſchen können als ſie nicht mehr ſich ſelbſt angehörte, als ſie ſich ganz ihrer Verzweiflung hingab. Ihre erſte Regung, als ſie das Vorgefallene mit kälterem Blut ins Auge faßte, war daß ſie ihr Un⸗ glück verwünſchte, und ihr erſter Gedanke war im Tode die Sühnung ihres Fehltrittes zu ſuchen. Zwei Beweggründe ſehr verſchiedener Art verliehen ihr die Kraft ihre Stellung zu ertragen. Sie wollte daß um jeden Preis ihr Unglück Valentin nicht das Leben 288 koſten ſollte, an welchen ſie, ſeit ſie einem Andern gehörte, mit einer für ſie ſelbſt überraſchenden Ge⸗ müthsbewegung dachte. Richards Verſprechungen, woran er es nicht feh⸗ len ließ, verliehen ihr die Hoffnung daß der Tag der Wiedergutmachung für ſie anbrechen könne, und dieſe Wiedergutmachung war das lezte Glück das ſie ihrem armen Großvater wohl ſchuldete; ſie überwand ihren Widerwillen, ſie verſtand ſich dazu bei Richard zu bleiben, ſie verweigerte dieſes Zuſammenwohnen nicht mehr, das einer Verbindung vorhergehen ſollte welche er zu einer wirklichen und giltigen zu machen verſprach, ſobald er die unumgänglichen Förmlich⸗ keiten erfüllt hätte. Erſt als ſie zur wirklichen Vollbringung deſſen kam was bereits ein Opfer war, bemerkte ſie daß ſie ihren Kräften zu viel zugetraut hatte, und nun bemächtigte ſich ihrer die Schwermuth die wir oben bezeichnet haben. Sie haßte Richard nicht, ſie hätte ihn gerne lie⸗ ben mögen; ſie war erſtaunt, dann empört darüber daß ihr Herz ſich gegen ihren Willen ſträubte; ſie kämpfte, aber was ſie auch thun mochte, ſie war nicht im Stande es zu bändigen. Mit jedem Tag ſchwanden die liebenswürdigen Eigenſchaften die ſie bei dem Bildhauer gefunden hatte, eine um die an⸗ dere dahin, wie die Sterne dahinſchwinden wenn die Sonne am Horizont erſcheint, und das Geſtirn das ihn erblaſſen machte war eine Geſtalt die ſich ge⸗ ſpenſtiſch vor dem jungen Mädchen emporrichtete und es mit Schmerz und Bangigkeit zugleich erfüllte: mit Schmerz weil ſie auf kein Wiederſehen auf dieſer 289 Welt mehr hoffte, mit Bangigkeit weil ihr Liebhaber ihr ſo oft wiederholt hatte ſie ſei vor Gott ſeine Frau, und ihrer Verbindung fehle nichts mehr als die von den Menſchen erfundene Beſtätigung, daß ſie dieſe Gedanken als ein neues Verbrechen betrachtete. Sie hoffte daß ſie, wenn ſie verheirathet wäre, wenn ſie das Recht hätte ſich Zerſtreuungen zu gön⸗ nen die ſie in einer falſchen Stellung ſich verweigern zu müſſen glaubte, die nöthige Thatkraft finden würde um ihren Widerwillen zu überwinden und eine der Vergangenheit zugekehrte Sympathie zu vergeſſen welche ſie ſich ſelbſt nicht zu geſtehen wagte. Aber die Zeit war vorangeſchritten; Richards flüchtige Neigung hatte ſich abgekühlt; er ſprach nichts mehr davon daß er den Banden welche ihn an das Opfer ſeiner Verführung knüpften die Weihe der Ge⸗ ſezlichkeit geben wolle, und als das junge Mädchen ihn ſchüchtern an das zu erinnern wagte was für ſie ein Anker des Heils geworden war, da antwortete er: — Wir haben noch alle Zeit dazu. Dieſe Antwort ſchlug Huberte vollends zu Bo⸗ den; ihre von Reue und Sehnſucht um die Ver⸗ gangenheit, von den Enttäuſchungen der Gegenwart und von den Schreckniſſen der Zukunft zerriſſene Seele überſtand alle Martern die ſie nur heimſuchen konnten. Sie war zu ſanft und zugleich zu ſtolz um ſich zu beklagen, und deßhalb weinte ſie bloß; ſie ver⸗ ſenkte ſich in ihren Schmerz dem keine Zerſtreuung zu Theil wurde, denn, wie wir bereits geſehen ha⸗ ben, Richard ließ ſie den Tag und den größten Theil der Nacht über allein. Dumas, Pechvogel. 19 290 Aber wenn dieſe Einſamkeit ihre Annehmlichkeit für betrübte Herzen hat, ſo iſt ſie auch voll von Gefahren. Ihren Träumereien hingegeben, ſah Huberte das Bild wieder bei deſſen Erſcheinung ſie zuſammenge⸗ ſchaudert war; ſie gab ſich dem einzigen Troſt hin den ſie in dieſer Welt empfangen konnte, nämlich der Betrachtung dieſes Bildes; ſie erkühnte ſich all⸗ mählig es bei ſeinem Namen zu rufen und der Schat⸗ ten verkörperte ſich; ſie öffnete das Zimmer Valen⸗ tins wieder, in welches ſie ſeit ihrem Einzug in die Rue Saint⸗Sabin nicht zurückgekehrt war; es ſchien ihr als ob ſie in dieſem ſchmalen Stübchen freier athmen könnte als in der großen Werkſtatt; ihr Kum⸗ mer däuchte ſie weniger bitter innerhalb der Mauern wo Valentin gelebt hatte; ſie empfand eine wunder⸗ ſam liebliche Aufregung wenn ſie die Gegenſtände berührte die er berührt hatte; wenn ſie auf dem Kiſſen weinte welches die Thränen des jungen Man⸗ nes eingeſogen hatte, ſo entfloſſen ihren Augen we⸗ niger herbe und weniger brennende Thränen; ſie verwandte einen ganzen Tag darauf die Trümmer der Statuette wieder zuſammenzulöthen die er zer⸗ ſchlagen hatte, und dieſer Tag verfloß ihr lieblich und raſch; ſie fand eine unendliche Erleichterung in dieſem Reliquiencultus der in der Religion der Er⸗ innerungen eine ſo bedeutende Stelle einnimmt; aber ſie wurde auch allmählig dahin geführt, daß ſie eine Vergleichung mit demjenigen anſtellte deſſen Liebe ſie nicht geahnt, und demjenigen deſſen Neigung ſo un⸗ heilvoll für ſie geweſen, und nun ſagte ſie ſich, in⸗ dem ſie mit einem Ausdruck frommen Vorwurfes die Augen zum Himmel erhob: 291 — Mein Gott, warum dieſer und nicht der Andere! 3 An dieſem Tag begriff Huberte daß ſie doppelt verloren wäre, wenn nicht irgend ein kräftiger Ent⸗ ſchluß ſie der Leidenſchaft entriſſe die ſich ihrem Her⸗ zen offenbarte. Sie verließ das Zimmer Valentins, verſchloß die Thüre und warf den Schlüſſel in ein Höſchen, auf welches eine Glasthüre die im Zimmer des armen Bijoutier das Fenſter⸗vorſtellte, ſowie die breiten Fenſter die der Werkſtatt Licht gaben, ſich öffneten. Sie hatte bloß ein einziges Mittel um ehrſam zu bleiben, um dieſe Reinheit, dieſe Treue der Seele zu bewahren welche ſie Richard troz aller ſeiner Ver⸗ ſchuldungen gegen ſie widmen zu müſſen glaubte, nämlich wenn ſie ſich über ihr Unglück betäubte. Sie war entſchloſſen dieſes Ziel um jeden Preis zu er⸗ reichen. Sie erwartete Richard, ging nicht zu Bett bevor er heimgekehrt war, und meldete ihm daß ſie ihn am folgenden Tag auf den Ball begleiten würde wohin er ſie ſchon ſo lange gern gebracht hätte. Der Bildhauer empfing dieſe Nachricht mit großer Befriedigung; die Entführung des Fiſchermädchens von Varenne und die begleitenden Umſtände hatten in der Schifferwelt großen Lärm gemacht. Man hatte den Excommandanten der Möve gefragt warum er ſeine neue Geliebte nicht in die Geſellſchaften der Schiffer der obern Seine führe; man hatte ſchlechte Wize über ſeine Eiferſucht geriſſen, was jedoch ein ungerechter Vorwurf war, denn der Bildhauer machte viel lieber öffentlich Parade mit ſeiner Geliebten, 19 292 als daß er ſich in der einſamen Betrachtung eines Schazes gefiel, und wäre dieſer Schaz auch ein hüb⸗ ſches junges Mädchen geweſen. Am folgenden Morgen war Huberte ausgegangen um die Tagesvorräthe einzukaufen, als ſie an einer Straßenecke ganz plözlich Mathias den Fährmann einherkommen ſah.. Huberte bebte zuſammen; der Anblick des Alten erinnerte ſie lebhaft an ihren Großvater, ſie eilte auf ihn zu. Aber der Fährmann wandte den Kopf ab, als ob er das junge Mädchen nicht bemerkte, und ging ſeines Weges weiter. So ſchmerzlich Huberte dieſe Verachtung fand, ſo ließ ſie ſich doch dadurch nicht aufhalten; ſie er⸗ griff den Arm des Fährmanns und ſagte: — Ich bitte Euch, Mathias, gebt mir Nachricht von meinem Vater. — Ob es ihm gut geht oder ſchlecht, das iſt Dir gleichgiltig, antwortete der Landmann, indem er ſich von den Händen loszumachen ſuchte die ihn feſthielten; Du haſt es deutlich genug bewieſen, ſcheint mir's. — O ich beſchwöre Euch, Mathias, fuhr Hu⸗ berte fort, antwortet mir; Ihr ſeid gut, Ihr ſeid menſchenfreundlich; ſo arm Ihr geweſen ſein möget, niemals hat ein noch Aermerer vor Euch vergebens die Hand ausgeſtreckt; verweigert das Almoſen eines Wortes einem Mädchen nicht das Euch mit demüthi⸗ gem und reuevollem Herzen darum bittet. Der auf dem Geſicht des Mädchens ausgeprägte Kummer rührte den Alten ſichtlich. Tor wie wer tret jeni nock Ker Alte wen will ſech Vat tuge ſind die han Hub man einz noch 293 nes— Huberte! Huberte! verſezte er in ſanfterem hüb: Tone, Du die Du die Perle unſerer Halbinſel warſt, wie konnteſt Du ſo ſchnell die Schande derſelben gen werden? iner Huberte beugte ihr Haupt unter dieſem Vorwurf. ann— Wenn einem Mädchen die Eltern in den Weg treten und ſie ſucht ſich, ihnen zum Troz, mit dem⸗ lten jenigen zu verbinden den ſie liebt, ſo läßt ſich das eilte noch begreifen; aber wie konnteſt Du dieſen liederlichen Kerl lieben, Huberte? als— Er will mich heirathen, Mathias. ung Mathias zuckte die Achſeln. — Sorge dafür daß er ſich ſputet, ſagte der nd, Alte mit einer ſehr ausgeſprochenen Ironie; denn er⸗ wenn er noch länger zögert, ſo wird er einen ganz . willkommenen Vorwand haben die Heirath noch um icht ſechs Monate zu verſchieben. — Und welchen? iſt— Deine Trauer, natürlich. tem— Meine Trauer! Ach mein Gott, mein armer ihn Vater, mein armer Vater! en,— Zum Henker! Die Thränen die man um tugendhafte Weiber vergießt wenn ſie geſtorben ſind, Du⸗ ſind im Ganzen nichts als Waſſer; ader diejenigen eid die man um ein Kind vergießt das ſo wie Du ge⸗ et, handelt hat, dieſe ſind Blut, mußt Du wiſſen, ns Huberte. es— Ach mein Gott! mein Gott! hi⸗— Er arbeitet noch und zwar mehr als je, aber man ſieht recht wohl daß er nur noch mit einem einzigen Flügel ſchlägt; er richtet ſeine Geräthſchaften noch immer um unſere Stadtherren zu ärgern, denen 294 es nie gelingt die guten Pläze zu entdecken wo er ſie anzubringen weiß; aber er thut das ſo mühſam, es wird ihm ſo ſauer die Ruder zu führen, die ſonſt ſo leicht in ſeinen Händen lagen, daß man ſogleich einſieht, er hat den Tod in den Armen. Siehſt Du, wenn ich ihn auf dem Fluß bemerke, den Kopf auf die Bruſt geſenkt, ſo blaß und verſtört als wäre es ein Leichnam der ein Schiff führe; wenn er mit niedergeſchlagenen Augen, gleich als hätte er ſich über Etwas zu ſchämen, an uns vorüberfährt, der arme, liebe Mann, ſiehſt Du, dann kann ich meine Thränen nicht mehr zurückhalten, ſonſt würde mir der Schädel zerſpringen wie eine allzu volle Tonne. Ach, ohne Herrn Valentin... — Herr Valentin! Mathias, was ſagt Ihr von Herrn Valentin? — Ich ſage daß Du, ohne die Tröſtungen die er bei dieſem braven Jungen findet, ihn ſchon lange los geworden wäreſt. Wahrlich, dieſer da hat ein Herz von Gold; das iſt kein falſcher Arbeiter wie der andere. — Herr Valentin iſt in Varenne? — Nein, natürlich nicht, aber er kommt drei⸗ oder viermal in der Woche, und das belebt den ar⸗ men Alten immer wieder ein wenig. Sie verſchließen ſich miteinander in dem Häuschen, und mein Weib hat ſie eines Tags beim Vorübergehen an der Thüre alle beide laut ſchluchzen gehört... Ach Huberte, bei einiger Rechtſchaffenheit bin ich überzeugt daß Du einen Mann gefunden hätteſt, ohne daß Deine Orangen⸗ blüthe in dem Winde hätte abfallen müſſen der dieſe gottverfluchten Kähne zu uns hergeführt hat. 295 — Valentin! Er liebte mich alſo? Ach mein Gott! mein Gott! was ſagt Ihr mir da, Mathias? — Ob er Dich liebte oder nicht liebte, das iſt jezt ganz gleichgültig; ein guter Entſchluß iſt mehr werth als alle Klagen, denk jezt nur an eine einzige Sache: wenn Du willſt daß die Hand Deines Groß⸗ vaters in ſeinen lezten Augenblicken auf Deinem Haupte ruhe, ſo mußt Du Dich beeilen, denn bald wird ſie kalt ſein. 8 — Mathias, Mathias, rief Huberte, deren Wangen ſich mit einer plözlichen Röthe übergoſſen, während ihre Augen funkelten; entweder kann ich bis morgen meinem Vater verſprechen daß ich bald ſeiner Verzeihung würdig ſein werde, oder ich ſterbe vor ihm. So ſprechend lief das junge Mädchen nach der Rue Saint⸗Sabin zurück. Richard ſchlief wie gewöhnlich bis tief in den Tag hinein; er erwachte an dem Lärm womit Hu⸗ berte die Schlafzimmerthüre aufriß, und als er die Augen aufſchlug, bemerkte er ſeine Geliebte, die zit⸗ ternd und mit verſtörtem Geſicht vor ſeinem Bette ſtand. — Was haſt Dus fragte er beinahe erſchrocken. — Richard, mein Großvater will ſterben. — Teufel! Teufel! Der arme Pechvogel, das wäre doch Schade; denn obſchon wir bei unſerem lezten Zuſammentreffen nicht gerade mit einem Hände⸗ druck von einander geſchieden ſind, muß ich ihm doch die Gerechtigkeit widerfahren laſſen daß er ein bra⸗ ver Mann war und tüchtig auf dem Waſſer. Nun denn, fuhr der Bildhauer mit einer Gutmüthigkeit fort welche bei ihm die Rührung vertrat, wenn er — — — — — — 296 krank iſt, ſo kann er nicht fiſchen; wenn er nicht fiſcht, ſo kann es keine Thaler in ſeine Taſche regnen. Es roch in ſeiner Hütte weit mehr nach Fiſchen als nach Ueberfluß. Ich will die Anlage zu ein Paar Leuchter die man bei mir beſtellte recht ſchnell fertig machen, dann kannſt Du ihm ein bischen Geld ſchicken, ohne daß er ahnt daß es von Dir kommt. — Geld iſt es nicht was ihm Noth thut, Richard. — Ich weiß es wohl, es wäre beſſer wenn man ihm ſo zwanzig Jahre von ſeinen Schultern nehmen könnte; aber zum Henker, Du kannſt nicht verlangen daß ich ein Wunder thun ſoll. — Thu Deine Pflicht als rechtſchaffener Mann, Richard, dann wird alles geſchehen was möglich iſt. Der Tod des Alten wird vielleicht hinausge⸗ ſchoben, und jedenfalls wird auf uns beiden nicht die Gewiſſensqual laſten ihn verurſacht zu haben. — Ah bahl rief der Bildhauer mit einiger Auf⸗ wallung die einem ſchlechten Gewiſſen ſtets zu Ge⸗ bote ſteht; willſt Du jezt alle Deine einfältigen Zierereien wegen des ehelichen Segens wieder an⸗ fangen? — Richard, Du haſt mir bei Deiner Ehre ge⸗ ſchworen daß ich Dein Weib werden ſoll. — Nun wohl, biſt Du es denn nicht? Was können uns die vier lateiniſchen Worte helfen die man über unſere Köpfe hinbrummt? — Sie geben mir das Recht an dem Bette nieder⸗ zuknieen in welchem mein einziger Verwandter in der Welt ſtirbt. — Das iſt eine Kinderei wozu ich die Hand zu reichen nicht einfältig genug bin; die Ehe iſt das 297 Todesröcheln der Liebe, und ich möchte Dich immer lieben; dieſen Schwur will ich auch erfüllen; ich halte ihn feſt, weil ich ein ſchlechter Kerl ſein müßte wenn ich Dich verlaſſen wollte. — Richard, verſezte Huberte, indem ſie vor ihrem Geliebten niederkniete und ihre Hände faltete, mir liegt ſo wenig an meiner eignen Perſon, daß ich, wenn es ſich nur um mich ſelbſt handelte, dieſen Troſt nicht mit einer Zudringlichkeit erkaufen würde; aber es handelt ſich um meinen Großvater, um den Mann der meine Kindheit gepflegt hat, um einen armen Greis der ſo vielen Jammer, ſo manche Qualen ausgeſtanden. Richard, Richard! ich be⸗ ſchwöre Dich, ſtoße meine Bitte nicht zurück; nenne mich Weib vor Gott und vor den Menſchen, wie Du es mir geſchworen haſt, dann will ich meiner⸗ ſeits Dir ſchwören daß dieſer Titel keine ſchwere Laſt für Dich ſein ſoll. — Nein, hundertmal nein, ich werde Deinem launigen Begehren nicht nachgeben; unſere beider⸗ ſeitige Freundſchaft zu feſſeln, das wäre das beſte Mittel daß wir einander verabſcheuen würden ehe ein Monat vergeht. Ich beſonders, der ich nie eine Kette am Hals ſpüren konnte, ohne daß ich Luſt empfand ſie zu zerreißen; nein, nein, machen wir es wie die Turteltauben, Huberte, lieben wir uns ſo lange die Federn es aushalten, aber hüten wir uns nach dem Geſez zu lieben. Ich für meinen Theil werde mich nie dazu verſtehen. — Auch dann nicht wenn es nicht bloß den alten Mann, ſondern auch ſeine Enkelin das Leben 298 koſten ſollte? ſagte Huberte, indem ſie ſich kalt, würdevoll, beinahe ruhig wieder aufrichtete. — Ach was, biſt Du ebenfalls krank? ſoll ich den Arzt holen, ſoll ich den Pfaffen rufen? — Wollte Gott, ich wäre krank, erwiderte Hu⸗ berte traurig, eine Krankheit würde mir vielleicht den lezten Gewiſſensbiß erſparen. Richard antwortete mit einem lauten Lachen. Es war ihm angenehm daß Huberte ihm einen Vorwand geliefert hatte die Unterhaltung auf einen ſcherzhaften Ton zurückzuführen der ihm beſſer als jeder andere zuſagte, und mit deſſen Hilfe er den Ernſt der Lage wegpractiziren konnte. Er übertäubte ſie mit ſeinen ſpizigſten Spöttereien, mit ſeinen poſſen⸗ hafteſten Späſſen. Das Mädchen ſchien ihn nicht mehr anzuhören. Gleichwohl hatte der Ausdruck womit Huberte ihr Todesverlangen geäußert einen gewiſſen Eindruck auf den Künſtler hervorgebracht; er beſaß nur die negative Bosheit die den Egoiſten eigenthümlich iſt; er weigerte ſich allerdings ſeine Freiheit dem Glück ſeiner Geliebten zu opfern, aber es würde ihn ſchwer betrübt haben wenn ihr ein Unglück widerfahren wäre: er that ſich alſo Zwang an, er zeigte ſich gut und freundlich gegen ſie, und obſchon das Mädchen ſein Entgegenkommen nicht erwiderte, obſchon ſie ſeinen Antrag in Bezug auf ihren Großvater abge⸗ lehnt hatte, ſo verließ er doch den ganzen Tag die Werkſtatt nicht und arbeitete emſig an ſeinen Can⸗ delabern... Huberte blieb dieſen ganzen Tag über düſter und nachdenklich. 299 Aber Richard, der dieſe Schweigſamkeit ihrer Bangigkeit wegen der Krankheit Pechvogels zuſchrieb, erſchrack nicht mehr darüber, weil der Abend heran⸗ kam, weil ſein ungewohnter Fleiß ihn müde gemacht, und weil er das Bedürfniß empfand im Straßen⸗ wind alle die Traurigkeiten abzuſchütteln welche die⸗ ſer Tag mit ſich gebracht hatte. Nachdem er ſeine Anlage mit einem feuchten Leintuch umwickelt und ſeine Geräthſchaften in Ord⸗ nung gebracht, ſagte er mit einigem Zögern zu Huberte: — Nun, gehen wir nicht auf den Ball? — Nein, nein, ein andermal, antwortete ſie, geh allein hin. — Ich beſtehe nicht darauf, weil ich ſelbſt ein⸗ ſehe daß, wenn der arme Alte auf ſeinem Schragen leidet, dieß wohl nicht der geeignete Augenblick zum Springen iſt, obwohl es ihm im Ganzen weder wohl noch wehe thut; aber wenn Du einmal nicht willſt... — Ich wiederhole Dirs, heute Abend nicht; geh Du nur; Adieu, Adieu, mein Lieber, ſagte Huberte zu dem Künſtler, der ſich während dieſer Unterhal⸗ tung zum Ausgehen rüſtete. — Wie ſonderbar Du dieß Adieu ſagſt! Fange mir nur jezt Deine Dummheiten von heute früh nicht wieder an! Komm, ſei doch vernünftig. Später, wenn noch einige Jahre etwas Blei in unſere Ge⸗ hirne gegoſſen haben, nun wohl, dann will ich's nicht verſchwören daß wir nicht noch den Weihwedel des Herrn Pfarrers zu Hilfe rufen. — Ja, mein Lieber, ja ich werde vernünftig 3⁰⁰ ſein, Du ſollſt Dich nicht mehr über mich zu beklagen haben; ſei ruhig, ich verſpreche Dirs. Mit dieſen Worten bot Huberte dem Künſtler ihre Stirne zum Kuß, und Richard, der über die empfangene Verſicherung ſehr erfreut ſchien, entwiſchte. Sobald er die Schwelle der Werkſtatt über⸗ ſchritten hatte, ſank Huberte von dem Stuhle auf welchem ſie geſeſſen auf ihre Kniee nieder und brach in heiße Thränen aus. Als ſie ſich wieder erhob, war die Nacht voll⸗ ſtändig eingebrochen; Huberte ging auf Valentins Zimmer zu. Erſt als ſie mit der Hand über die Thüre fuhr um den Schlüſſel zu ſuchen, erinnerte ſie ſich daß ſie denſelben hinausgeworfen hatte. Aber in dieſem Augenblick ſchien es ihr als hörte ſie flüchtige Tritte in dieſem Zimmer. Sie fragte wer da ſei, man gab ihr keine Antwort. In ihrer dermaligen Gemüthsverfaſſung konnte Huberte nicht leicht über etwas erſchrecken; ſie zün⸗ dete ein Licht an um den Schlüſſel zu ſuchen. Dieſes Zimmer war das einzige das einen Aus⸗ gang auf das bewußte Höſchen hatte; um dahin zu kommen, mußte ſie die Werkſtatt verlaſſen, den Haus⸗ gang ſeiner ganzen Länge nach durchſchreiten und eine Thüre öffnen die von dieſem Gang auf den Hof führte; alles das erforderte einige Minuten. Als ſie, die Hand vor das Licht haltend, in den Hof trat, war das Erſte was ihr in die Augen fiel der Schlüſſel deſſen ſie bedurfte; er glänzte mitten in dem Gras das zwiſchen den Pflaſterſteinen ge⸗ wachſen war. 301 Sie ergriff ihn und ging raſch auf ihr Zimmer zurück, ohne zu bemerken daß der Concierge und ſeine Frau ihre Aufregung wohl geſehen, vor der Thüre ſtehen geblieben waren und beide mit gleich erſtaunten Augen ſie angeſehen hatten. Endlich konnte ſie in Valentins Zimmer gelangen. Zu ihrer großen Ueberraſchung war dieſes Stüb⸗ chen das ſie leicht mit einem einzigen Blick über⸗ ſchaute leer, alle Möbel ſtanden an ihrem Plaz, nichts ſchien verändert zu ſein; die Vorhänge hatten die Falten behalten welche ſie ihnen in den erſten Tagen ihrer Sorgfalt gegeben, als die Herrichtung des von dem jungen Arbeiter bewohnten Stübchens ihr eine ſehr liebe Zerſtreuung geweſen war. Gleichwohl hatte ſie noch keinen Schritt vorwärts gethan als ſie mit einem Angſtſchrei zwei Schritte zurückwich. Sie hatte ſo eben auf dem Boden die Brüder⸗ ſchaftsgruppe bemerkt, deren Stücke ſie mit großer Mühe geſammelt, und die ſie mit ſo großer Sorg⸗ falt auf den Marmor geſtellt hatte; dieſe Gruppe war von Neuem in tauſend Stücke zertrümmert. Beim Nähertreten erkannte ſie augenblicklich daß der Zufall allein dieß nicht bewirkt haben konnte; der Gyps war buchſtäblich zu Staub zermalmt wor⸗ den, gleich als hätte man ihn mit einem Schuhabſaz zerdrückt, gleich als hätte man verhindern wollen daß ihm zum zweitenmal Körper und Geſtalt wieder ge⸗ geben werde. — Ah, ſagte ſie, er iſt hier; es iſt alſo doch wahr, er weiß alſo ohne Zweifel was hier vorgeht; er hat uns heute früh vielleicht gehört. Gott ſagt 302 mir daß ich Schuldbeladene mich opfern muß, da⸗ mit nicht Unſchuldige für mein Verbrechen zu büßen haben. Dann ſchritt ſie mit fieberhafter Thätigkeit zu ſeltſamen Vorbereitungen. Sie verſtopfte ſorgfältig alle Ausgänge, alle Spalten durch welche Luft ins Zimmer dringen konnte, verſperrte das Kamin, verriegelte die Glas⸗ thüre des Hofes, legte eine große Menge Kohlen in einen Ofen und zündete ſie an. Als die Grundlage der Pyramide welche ſie auf⸗ geführt ſich zu bepurpurn anfing und nach allen Seiten hin kniſternde Funken auswarf, ſchloß Hu⸗ berte ſich gegen die Werkſtatt zu ab, wie ſie ſich gegen den Hof abgeſchloſſen, und nachdem ſie dieſe lezte Barriere zwiſchen ſich und dem Leben errichtet, da ſchwebte ein trauriges Lächeln auf ihren Lippen; ſie glaubte ſich jezt berechtigt ihre lezten Gedanken demjenigen zu widmen deſſen Liebe ſie zu ſpät er⸗ kannt hatte. Sie machte ihre armſelige Toilette zurecht, glät⸗ tete ſorgfältig ihr glänzendes Haar vor dem Spiegel Valentins, dann legte ſie ſich auf das Bett des jungen Mannes. Nachdem ſie endlich ein ganzes Gebet, vielleicht ein Lebewohl für die Liebe gemurmelt, ſchloß ſie die Augen und erwartete den Tod, welchen die giftigen Dünſte die bereits das ſchmale Stübchen füllten ihr raſch bringen mußten. —,, = S S — 8— ‿ 303 XX. Ein neuer Beweis für die Thatſache daß die Gerechtigkeit nicht von dieſer Welt iſt. Richard wunderte ſich ſehr daß er auswärts nicht Zerſtreuungen fand auf welche zu rechnen eine lange Erfahrung ihm das Recht gegeben hatte. Kaum war er im Ballſaal erſchienen, als er ihn auch ſchon für abſcheulich langweilig erklärte. Er fand daß die Lampen rauchten, daß ſie einen grün⸗ lichen Schein gaben, daß das Klapphorn(welches damals die ganze Popularität der Neuheit beſaß) die Ohren auf ſchreckliche Art zerriß; endlich erwi⸗ derte er mit Grimaſſen und höchſt unparlamentari⸗ ſchen Complimenten die Neckereien mit welchen die Göttinnen des Orts einen ſo bedeutenden Mann wie der ehemalige Gebieter der Möve war heimzuſuchen für ihre Pflicht hielten. Er beſaß Verſtand genug um einzuſehen daß er, wenn alles ihm ſo unangenehm erſchien, dieß ledig⸗ lich der üblen Laune die er mitgebracht zuzuſchreiben hatte. Dieſe üble Laune wollte er durch einen En⸗ trechat abſchütteln. Er ſtellte ſich in eine Quadrille, aber auch das gelang ihm nicht. Er erſann Figuren und Haltungen welche bereits den ſpäteren Cancan an⸗ deuteten; aber ſein Tanz war linkiſch und albern, ſeine Beine bogen, ſeine Füße verwickelten ſich in einander, ein wichtiger Gedanke lähmte ihn mitten in einem Pas deſſen Ausführung leidlich angefangen war, und er blieb mit einem Bein in der Luft in einer grotesken Haltung ſtehen, während ſeine Phyſiognomie einen ernſten und ſorglichen Ausdruck angenommen hatte der gegen die Telegraphie ſeiner vier Glieder gar wunderlich abſtach. Er glaubte es müſſe ihm gelingen die unbeſtimmte Bekümmerniß die ihn drängte und die er ſpäter Ahnung nannte zu beſeitigen; er leerte Zug um Zug, ohne Athem zu ſchöpfen und unter allgemeiner Bewunderung, etwa ein Duzend von den ungeheuern Gläſern die etwa einen halben Litre enthalten; der rauſchende Beifall ſchmeichelte ihm, ohne daß er je⸗ doch ein Gefühl der Unruhe überwinden konnte, und der Wein verwirrte ſein Gehirn, ohne die Gedanken welche die gewöhnlich ſo ruhige und heitere Harmo⸗ nie deſſelben zerſtörten roſaroth zu färben; die Ge⸗ danken nahmen im Gegentheil einen immer düſterern Ton an. Der Gläſerklang ſchien ihm etwas von der Stimme Hubertens entlehnt zu haben und die Kla⸗ gen und die Appellation an den Tod zu wiederholen womit das junge Mädchen am Morgen die Unter⸗ haltung geſchloſſen hatte; wenn man glauben darf was er ſelbſt ſpäter erzählte, ſo gewannen die blauen Flecken welche der blaue Wein auf dem Tiſchtuch hinterlaſſen hatte in ſeinen Augen die hochroth glän⸗ zende Farbe des Blutes. Als Richard den Ball verlaſſen hatte, wurden dieſe Heimſuchungen noch gebieteriſcher; ohne es ſelbſt zu wollen, beſchleunigte er ſeinen Schritt. Am Hauſe der Rue Saint⸗Sabin angelangt, be⸗ merkte er mit einem gewiſſem Erſtaunen daß weder der Concierge noch ſeine Frau in ihrer Loge waren; er pochte vor der Thüre ſeiner Wohnung, man gab —— 305⁵ ihm keine Antwort; ſein Herz ſchnürte ſich zuſammen und mit einer heftigen Bewegung verſuchte er die Thüre einzuſtoßen. Der Widerſtand auf den er ſtieß gab ihm eine andere Idee ein; er ging nach dem Höfchen. Zu ſeiner großen Ueberraſchung fand er die Thüre nach demſelben offen. Als er eintrat, bemerkte er, von Valentins Zimmer kommend, ein helles Licht das einen röthlichen Rahmen an die Wand zeichnete die der Wohnung gegenüberſtand; in dieſem Rahmen ſah er die Silhouette eines Mannes auf⸗ und abgehen. Eine wüthende Anwandlung von Zorn und Eifer⸗ ſucht drängte die unheimlichen Ahnungen zurück welche den Bildhauer bisher bewegt hatten; Hubertens Schweigen und die Anweſenheit eines Fremden in dem unbewohnten Zimmer erſchienen ihm als ſichere Zeichen von Verrath; die Idee der Rache folgte in ſeinem Herzen auf die unklare Angſt die er empfand; er ſtürzte auf diejenigen zu die er als die Schuldi⸗ gen betrachtete. Beim Geräuſch von Tritten auf dem Plaſter er⸗ ſchien der Mann auf der Schwelle. Richard erkannte Valentin. — Du erwarteteſt mich nicht! rief der Liebhaber Hubertens mit einer Art von wüthendem Aberwiz. — Doch, ich erwartete Dich, antwortete Valentin, deſſen vibrirende Stimme, troz der Ruhe die er ſicht⸗ lich erkünſtelte, und gegen welche ſein verſtörtes Geſicht grell abſtach, einen drohenden Ton ange⸗ nommen hatte; ich erwartete Dich; da ſieh Dein Werk. Mit dieſen Worten ergriff der junge Arbeiter ſeinen ehemaligen Freund am Arm und zog ihn in das Zimmer bis ans Bett. Dumas, Pechpogel. 20 306 Auf dieſem lag Huberte, leblos, bleich, mit blaſſen Lippen, die Augen geſchloſſen und von einer leichten bläulichen Färbung eingefaßt. — Großer Gott, rief Richard, man muß ihr zu Hilfe kommen. Er ſuchte auf ſeine Geliebte loszuſtürzen, aber Valentins Hand, dieſe feine Hand, zart und ſchwach wie wenn ſie einer Frau gehörte, ſchien jezt eiſerne Muskeln bekommen zu haben und verhinderte den Bildhauer an jeder Bewe ung.. — Hal ſagte er mit tiefer Bitterkeit, glaubſt Du denn ich hätte Deines Rathes bedurft um alles zu thun was zu ihrer Rettung menſchenmöglich war? — Aber einen Arzt wenigſtens! Man muß einen Arzt rufen! — Er wird ſogleich kommen, aber es wird zu ſpät ſein. Du haſt ſie gut umgebracht, das muß ich ſagen; ſie iſt gründlich todt, Unglücklicher! — Das iſt nicht möglich! rief der Bildhauer, der eben ſo blaß wurde wie das junge Mädchen; nein, es iſt nicht möglich; ſieh, ihre Hand iſt noch lau. Er hatte ſeinen Arm ausgeſtreckt, und es war ihm gelungen ihre Hand zu berühren die todt vom Bette herabhing. — Richard, rief Valentin, ich verbiete Dir dieß Mädchen zu berühren. — Du verbieteſt mir's? — Erinnerſt Du Dich der Marneufer in jener Nacht als Du ſie ihrem Vater raubteſt? Du haſt mich zurückgeſtoßen als ich ihr zu Hülfe kommen wollte; Du ſagteſt zu mir: ſie iſt meine Geliebte. Damals lebte ſie; jezt da ſie todt iſt, ſage ich nit ner ihr der 307 meinerſeits zu Dir: ſie gehört mir; ich verbiete Dir ſie durch Berührung zu entweihen. — Valentin, Valentin, erwiderte der Bildhauer mit einer gewaltſamen Anſtrengung um ſeinen Zorn zu beherrſchen, die Vernunft verläßt Dich, faſſe Dich, Dein Kopf wird wirre. — Der Tod hat ſie jezt von allen Leiden ihres Lebens befreit, er hat ſie vom größten aller Schmer⸗ zen befreit, von dem Unglück Dir anzugehören. — Valentin! — Wage doch ſie von Gott zurückzuverlangen vor welchem Du ſie Dein Weib zu nennen Dich ſchämteſt. — Valentin, Du mißbrauchſt meinen Kummer um mich zu beſchimpfen; aber nimm Dich in Acht! — Ha, die Wahrheit erſcheint Dir als ein Schimpf; um ſo beſſer, das erleichtert meine Auf⸗ gabe, Richard. Weil ich den Kopf unter das Un⸗ glück gebeugt hatte das uns, d. h. ſie und mich, ge⸗ troffen, glaubteſt Du, ich habe aufgehört ſie zu lieben, an ſie zu denken; Du glaubteſt ſie habe keinen Schuz, keine Stüze mehr, Du könneſt ganz nach Belieben den niederträchtigen Schandbuben an ihr machen. — Valentin, rief der Bildhauer brüllend vor Wuth, meine Geduld iſt zu Ende, nimm Dich in Acht, nimm Dich in Acht! — Die meinige hat zwei Monate gewährt, die Deinige wird wohl noch einige Sekunden halten. Ja ſeit zwei Monaten war ich da— er deutete auf das benachbarte Haus deſſen düſtere Maſſe man durch die Thüre hindurch kannte— ich ſprach nie⸗ mals mit ihr, aber von Zeit zu Zeit bemerkte ich 3 20 308 ſie und las auf ihrem Geſicht den Kummer den Du ihr verurſachteſt. Ich theilte die Bangigkeiten und Qualen womit Du ſie marterteſt. Mit jedem Tag ſah ich ſie bläſſer und magerer werden... mit jedem Tag ſah ich ſie nach dem Grabe zu wanken das Du unter ihren Füßen grubſt... und dennoch wartete ich, ich ſagte zu mir ſelbſt: Nein, ein Menſch empört ſich gegen die Menſchen die ihn unterdrücken, gegen die Feinde die ihn auf dem Boden halten, aber man mordet nicht ein armes Geſchöpf deſſen ganzes Ver⸗ gehen darin beſtand daß es einen liebte; man mordet es nicht, beſonders wenn man geſchworen hat es lücklich zu machen. Richard wird Mitleid mit ihr Haen. Da ſieh jezt wie Du Mitleid mit ihr hatteſt... — Konnt' ich mir denn einbilden daß ſie ſo ver⸗ rückt ſein würde... — Um den Tod einem Leben voll Schande vor⸗ zuziehen? Nein, in Wahrheit, Richard, Du konnteſt das nicht denken; Du haſt Recht, aber ich, ich, der ich die ganze Chrenhaftigkeit dieſes armen Kindes ge⸗ ahnt hatte, ich hätte früher kommen und ihr ſagen ſollen: Verlaſſen Sie ſo bald als möglich den Elen⸗ ‚den der Sie getäuſcht hat; tröſten Sie ſich und richten Sie Ihr Haupt wieder empor; hier iſt die bund eines rechtſchaffenen Mannes um Ihre Hand zu ſtüzen. Nach dieſer Phraſe ſchien Valentin die Anweſen⸗ ſeit Richards ganz vergeſſen zu haben; er fuhr zu ſich ſelbſt redend fort: — Ach es iſt wahr, es iſt vollkommen wahr! Wenn ich ſo gehandelt hätte, ſo wäre ſie nicht ge⸗ 309 ſtorben; wir könnten ihre Stimme noch Mein Gott! mein Gott! wie leide ich! Und im wilden Drang ſeines Schmerzes ſtürzte er ſich auf den Leichnam des jungen Mädchens, nahm ihn in ſeine Arme, benezte ſein Geſicht mit Thränen und ſtieß dazwiſchenhinein verzweiflungsvolle Verwünſchungen aus. So verhärtet Richard, ſo demüthigend die Rolle war die er in dieſer Scene ſpielte, ſo brachte ſie doch einen tiefen Eindruck auf ihn hervor; zwei große Thränen rollten über ſeine, Wangen hinab. Auf einmal erhob ſich Valentin. — Haſt Du es begriffen, Richard, rief er, daß ich nur noch einen einzigen Gedanken habe, den Ge⸗ danken ſie zu rächen? — Es ſei, verſezte der Bildhauer; morgen werde ich Dir zur Verfügung ſtehen. — Morgen?... Was ſprichſt Du von morgen? ... Morgen? Unſinniger!... Weiß ich ob ich mor⸗ gen noch leben werde?. Ob Gott ſich morgen die Mühe nehmen wird die Sonne die ſie nicht mehr ſehen ſoll zu ſchicken, um die Erde zu beleuch⸗ ten?... nein, nicht morgen muß es ſein, ſondern ſogleich! — Und wo ſollen wir uns denn ſchlagen, Du Narr? — Hier, vor ihrem Leichnam. — Warum nicht gar? Ich werde nie in einen ſolchen Kampf willigen. — Du wirſt Dich ſchlagen, weil ich Dich dazu zwingen werde. — Und wie denn? hören... —— 310 — Indem ich Dir wiederhole daß Du ein Feig⸗ t ling biſt. — Ein Feigling! — Und wenn das nicht genügt, ſo werde ich Dir ins Geſicht ſpucken. — Tauſend Millionen Donnerwetter, wirſt Du aufhören? rief der Bildhauer, indem er Valentin, der näher getreten war, ſo heftig zurückſtieß daß dieſer auf das Bett fiel. — Ja, ein Feigling! wiederholte der Arbeiter, Du mißbrauchſt den Umſtand daß unſere Kräfte un⸗ gleich ſind und daß ich keine Waffen beſize; das wundert mich nicht. Haſt Du Dir nicht ſchon ein⸗ mal aus meiner Liebe und Verehrung für Huberte einen Wall gemacht? Feigling! Feigling! Feigling! Und Valentin machte die beſchimpfende Geberde womit er den Bildhauer bedroht hatte. Die Augen des Lezteren funkelten, ſeine Lippen zogen ſich zuſammen. — Es ſei, ſagte er, ſchlagen wir uns, und ich meinerſeits ſchwöre Dir jezt daß zwei Leichname aus dieſem Zimmer kommen ſollen. In fünf Minuten werde ich mit den Waffen da ſein. Er wandte ſich ab um hinauszugehen. — Waffen, Waffen, verſezte Jalentin, indem er ihn aufhielt; ach ja, ein Herr, ein Künſtler wie Du, kann nur nach den Regeln tödten, und dann möchteſt Du gerne den Vortheil Deiner Erfahrung benüzen. Nein, ich bin ein Arbeiter, und ich ſchlage mich mit dem was mir unter die Hand kommt; ſchließe nur die Hofthüre. — Wie Du willt, rief der Bildhauer; ich werde — —— 311 nöthigenfalls einen Schmiedehammer nehmen, wenn ich Dich nur zermalme und für Deine Beſchimpfung büßen laſſe. Während Richard in den Hof ging, verſchwand Valentin in der Werkſtatt. Er kam mit einem langen, ſpizig zugeſchliffenen, eiſernen Zirkel, ſo wie die Zimmerleute ſie gebrauchen, zurück. Vergebens verſuchte er ihn zu zerbrechen. — Gib her, gib her, ſagte Richard, indem er ihn Valentin ungeduldig aus den Händen nahm, ſpare Deine Kräfte für den nächſten Augenblick. Dann legte er den Zirkel um, drehte ihn zwi⸗ ſchen ſeinen Fingern und riß ihn am Gewinde aus⸗ einander. Daraus entſtanden zwei Dolche von je ungefähr ſechs Zoll. — Wähle, ſagte Richard, und ſputen wir uns; jezt bin ich eben ſo preſſirt wie Du, Valentin. Valentin ergriff die Waffe die man ihm bot und warf einen lezten Blick auf Huberte. Während dieſer Zeit hatte der Bildhauer ſein Fauſtgelenke mit einem Sacktuch umwunden, ſeine Waffe in eine der Falten deſſelben feſtgeſteckt und ſich in eine defenſive Haltung geſtellt. — und jezt komm, ſagte er, und möge Dein Blut auf Dein Haupt zurückfallen, Du haſt es nicht anders gewollt. Valentin antwortete nichts. Er ſchien in die Be⸗ trachtung der Todten verſunken. — Du ſollſt ſogleich gerächt werden, Huberte, oder ich werde bei Dir ſein, murmelte er. Dann drehte er ſich um und legte ſich in Pa⸗ 312 rade aus, ohne eine der Vorſichtsmaßregeln zu er⸗ greifen deren ſich der Künſtler bedient hatte. Richard ſtand am Fuße des Bettes, welchem er den Rücken kehrte; er hatte dieſen Plaz in Folge einer Berechnung gewählt, wie er auch ſeine Waffe ſorg⸗ fältig in ſeiner Hand zurecht gelegt hatte. Das Licht ſtand nämlich zu den Häupten Hubertens; Valentin mußte es alſo in die Augen bekommen, während er ſelbſt im Schatten blieb. Vielleicht wünſchte er auch den Anblick des Leich⸗ nams zu vermeiden welcher der einzige Zeuge dieſes Duells war. Wie dem nun ſein mochte, man ſah ein daß er, wie Valentin, entſchloſſen war den Kampf zu einem Die Füße Beider berührten ſich, die zwei Stücke Eiſen womit ſie ſich bewaffnet hatten, befanden ſich zwei Zoll von einander, und der Kampf begann, wie alle Kämpfe von Mann gegen Mann beginnen, mit jenem Augenduell worin der Blick dem Eiſen in die Bruſt des Gegners zuvorzukommen ſucht. zählend, wollte Richard, ging, auf Valentin los⸗ ſtürzen; dieſer aber fuhr ihm lebhaft mit der Spize ſeines Zirkels nach dem Geſicht. Richard ſprang zu⸗ rück, aber nicht raſch genug um nicht fühlen zu müſſen wie das Eiſen ſein Geſicht durchwühlte und das Blut über ſeine Wangen hinabfloß. Er nahm ſeine erſte Haltung wieder an und ſuchte ſeinen Feind durch plözliche und unvorhergeſehene Angriffe aus der Faſſun zu bringen. Aber Valentin war flink und gewandt. Indem 313 er mit beiden Armen parirte, wurde er nicht getrof⸗ fen, und der Bildhauer bekam zum zweitenmal die ſcharfe Spize zu empfinden die in ſeine Schulter rang. 3 die Demüthigung von einem Menſchen in Schach gehalten zu werden den er bisher wie ein ſchwaches Kind betrachtet hatte, machte Richard noch wüthen⸗ der. Aber dieſe Wuth blendete ihn nicht. Er kehrte zu ſeiner urſprünglichen Tactik zurück und ſpähte nach einem günſtigen Augenblick um auf Tod und Leben über den Arbeiter herzufallen. Valentin durchſchaute ſeine Abſicht, und gleich als hätte ſein glühender Wunſch Huberte zu rächen ihn mit einem doppelten Geſicht begabt, wußte er ſich mit der Gewandtheit eines geübten Kämpfers nicht bloß den tödtlichen Umſchlingungen Richards zu entziehen, ſondern ergriff auch dieſen beim Bein und warf ihn rückwärts. Nur die Bettlehne verhinderte daß Richard auf den Boden fiel. Valentin benüzte dieſen Umſtand um Richard zu ergreifen. Er vollbrachte dieß Manöver ſo raſch, daß er ihn mit ſeinen Armen umſchlang, ſo daß die bewaffnete Hand zwiſchen die beiden Brüſte zu lie⸗ gen kam und in Folge dieſer Stellung keine offen⸗ ſive Bewegung machen konnte. Valentins Waffe war über den Kopf Richards emporgehoben und im Begriff ſich zwiſchen ſeinen beiden Schultern einzubohren. Troz ſeiner verzwei⸗ felten Anſtrengung war der Bildhauer verloren, als auf einmal Valentins Arm zwar aufgehoben, aber unbeweglich blieb. 314 Sein Blick war auf Hubertens Geſicht gefallen, und die Augen des jungen Mädchens hatten ſich wieder geöffnet und ſchauten ſtarr dieſem Kampfe zu, von welchem ſie nichts zu begreifen ſchien. Ein kalter Schweiß legte ſich auf Valentins Ge⸗ ſicht, ſeine Haare ſtarrten empor, der Zirkel entglitt zwiſchen ſeinen Fingern, es war ihm als ob Huberte eine Bewegung machte, und mit offenem Munde, bleich, verſtörten Auges, vergebens zu ſprechen ver⸗ ſuchend, wich er wie vor einem Geſpenſte zurück. Er fand ſeine Stimme nur wieder um einen furchtbaren Schrei auszuſtoßen. Der Zirkel ſeines Gegners war vollſtändig in ſeine Bruſt eingedrungen. Ein ſchwacher unarticulirter Schmerzensſchrei ant⸗ wortete auf den erſten. Richard drehte ſich um. Es ſchien ihm als ob dieſen zweiten Schrei Huberte ausgeſtoßen hätte. Aber war es nun Schrecken oder war Valentins Geſicht bloß eine Blendung geweſen, Hubertens Augen hatten ſich wieder geſchloſſen, ihr Mund war wieder verſtummt. Das Getöſe womit Valentin auf den Boden fiel zwang Richard ſich umzuſehen. Er warf ſeinen Zirkel weit von ſich, fuhr krampf⸗ haft mit beiden Händen in ſeine Haare, ließ ſeine Augen zuerſt auf dem jungen Mädchen haften deſſen Leib wieder die ganze Starrheit eines Leichnams an⸗ genommen hatte, und heftete ſie dann wieder auf Valentn, der ſich im Todeskampf zu ſeinen Füßen wälzte. Mit einem Gebrülle das noch weit furchtbarer 315 war als die Zuckungen Valentins und die Unbeweg⸗ lichkeit Hubertens, ſtürzte er dann aus dem Zimmer und heulte: 4 — Ich habe ſie getödtet, ich habe beide ge⸗ tödtet! Etwas Schreckliches begab ſich in dieſem Zimmer wo der entfliehende Richard ſeine zwei Opfer zurück⸗ ließ, von denen das eine dem Tod entgegeneilte, das andere ins Leben zurückkehrte. In der That hatte Valentin ſich nicht getäuſcht. Huberte hatte wirklich die Augen geöffnet, ſie hatte wirklich eine Bewegung gemacht. Hubertens Todesohnmacht hatte nicht lange genug gewährt um vollſtändig zu ſein; der Einfluß der Luft die zu gleicher Zeit vom Hof und von der Werkſtatt hereindrang, hatte bewirkt was die unerfahrne Pflege des jungen Mannes nicht zu leiſten vermochte; die deläbmte Lunge hatte allmählig ihr Spiel wieder egonnen, das Blut hatte wieder angefangen in den Adern zu kreiſen, die Arterien pochten; nur war dieſe Auferſtehung langſam, ſo langſam daß Richard ſie nicht bemerkte. Aber allmählig traten ſichtbarere Lebenszeichen hervor: das Summen in den Ohren nahm ab, die Wimpern öffneten ſich wieder, die ſtarren, glanzloſen Augen bekamen Leben; der Nebel der alles Sehen verhinderte verzog ſich unmerklich, und zu gleicher Zeit nahmen die Verſtandeskräfte wieder Beſiz von dem Gehirn. HKuberte begann zu erkennen was um ſie her vor⸗ ging; ſie hörte einen Seufzer, ſie richtete ſich auf, ſie ſchaute hin und ſah Valentin, der auf dem Bo⸗ 316 den lag, die Arme nach ihr ausgeſtreckt, den Mund von einem röthlichen Schaum umſäumt 6 — Valentin, murmelte ſie, mein Freund! Als der junge Mann ſeinen Namen aus dem Munde derjenigen vernahm die er todt geglaubt hatte, raffte er alle ſeine Kräfte zuſammen und ſchleppte ſich zu Huberte. Endlich berührte ſeine ge⸗ ballte Fauſt die Hand des jungen Mädchens und es gelang ihm ſich an das Bett anzulehnen. — Ach, murmelte ſie, Valentin, mein Freund, was iſt Ihnen zugeſtoßen? alentin wollte antworten, aber das Blut das ſich innerlich ergoß erſtickte ſeine Stimme; er konnte bloß Rock, Weſte und Hemd aufreißen und ſeine Wunde zeigen. Sie war kaum ſichtbar und glich dem Stich eines Blutigels. Sie befand ſich zwei Zoll unter dem Herzen und gab kaum einige Tropfen Blut. Bei dieſem Anblick begriff Huberte alles; denn als ſie jezt ſah, ſtellte ſich die Erinnerung an das früher Geſehene wieder ein. Sie glitt vom Bett hinab, ſank auf ihre Kniee und drückte ihre Lippen auf die Wunde Valentins. In dieſem Augenblick hörte ſie ihren Namen ſeufzend flüſtern und fühlte Valentins Kopf der mit ſeinem ganzen Gewicht auf dem ihrigen lag. Sie machte eine Bewegung rückwärts. Valentin ſeinerſeits hatte ſeine Augen geſchloſſen und aus ſeinen bleichen blutigen Lippen drang das Röcheln des Todes. Sie ſchaute ihn einige Zeit mit verſtörten Augen 317 an, dann brach ſie auf einmal in ein nervöſes, kur⸗ zes, ſchreckliches Lachen aus und rief: — Du haſt wohlgethan uns zu vereinigen, Ri⸗ chard; Du haſt begriffen daß Valentin allein es war den ich liebte, und nun ſind wir für die Ewig⸗ keit getraut. XXI. Ophelia. Als Richard mit dem Arzt den er geholt hatte in Valentins Zimmer zurückkam, ſtieß er einen Schrei des Staunens aus und wich voll Entſezen zurück. Huberte lebte und Valentin ſchien todt. Das junge Mädchen ſaß, den Rücken an das Bett gelehnt, mit ſtarrem Blick und fieberheißem Auge, auf dem Boden; ſie hatte den Kopf des Ver⸗ wundeten auf ihren Schooß gelegt und ſang ihm leiſe ein Wiegenlied. Bei dem Schrei den Richard ausſtieß, richtete ſie ihren Kopf wieder empor und ſtreckte ihre Hand gegen diejenigen aus die ſie ſtörten. — Stillſ ſagte ſie mit der trockenen Stimme der Narren oder Wahnſinnigen, wecket ihn nicht; er ſchläft, er iſt müde, und das iſt kein Wunder, denn er hat einen langen Weg gemacht um zu mir zu kommen. Indem ſie dann mit der Hand eine Bewegung machte, als ſuchte ſie eine Wolke zu entfernen welche ſie verhinderte die Neuangekommenen zu erkennen, fuhr ſie fort: 318 — Morgen iſt unſere Hochzeit; Dank daß Ihr ekommen ſeid; wir warten nur noch auf meinen atet um in die Kirche zu gehen; aber ſeid ruhig; wenn er ſäumt, ſo weiß ich den Weg und ich werde ihn holen. Und ſie begann ihr Lied wieder. Richard war bis an die Wand zurückgewichen; er ſtand am Getäfel, beide Hände in ſeinen Haaren vergraben, und bemühte ſich ein Schluchzen zurück⸗ zuhalten das ihm die Bruſt ſprengen wollte. Der Arzt brach das Schweigen zuerſt. — Dieß arme Kind hat den Verſtand verloren, ſagte er; man muß ſie fortſchaffen oder wenigſtens in ein Nebenzimmer bringen, damit ich mich mit dem Verwundeten beſchäftigen kann. Richard machte eine Bewegung um den Wunſch des Doctors zu erfüllen, aber er fühlte nicht den Muth in ſich Huberte oder Valentin anzurühren und ſank unter lautem Schluchzen auf einen Stuhl. Der Arzt, dem jezt der Concierge beiſtand, ſuchte dem Mädchen den blutigen Leib zu entreißen den ſie in ihren Armen hielt, aber ſie klammerte ſich mit ſolcher Kraft an Valentins Kleidern feſt, daß zu befürchten ſtand die heftigen Erſchütterungen möchten die Blutung bei dem Sterbenden verſtärken. Um zu ſeinem Zweck zu gelangen, entſchloß ſich jezt der Arzt auf die Narrheit des armen Kindes einzugehen. — Laſſen Sie Ihren Bräutigam ſich zur Hoch⸗ zeit ankleiden, ſagte er, und kleiden Sie ſich ſelbſt, denn in dieſem Aufzug können Sie nicht in die Kirche gehen. 319 Huberte gab durch ein Kopfnicken ihr Einver⸗ ſtändniß zu erkennen und folgte dem Arzt ohne Widerſtand in die Werkſtatt; er kam allein zurück, und um bei ſeinem Verband nicht geſtört zu werden, ſchloß er die Verbindungsthüre. Richard blieb unthätig und ſtumm auf dem Stuhle ſizen auf den er geſunken war. Der Doctor beſichtigte die Wunde, er wagte ſie nicht zu ſondiren, ſo ſchwer ſchien ſie ihm. Zu⸗ weilen geſchieht es auch daß bei tiefen Wunden die Natur der Kunſt zu Hülfe kommt, und daß ein Klumpen ſich bildet welcher der Blutung Einhalt thut. Dieſen Btutklumpen kann die Sonde zerſtören, und dann tödtet nicht mehr die Wunde, ſondern der Arzt. In Fällen dieſer Art gibt es nur eine einzige Regel: man muß dem Kranken tüchtig zur Ader laſſen um dem Blut einen zweiten Ausgang zu öffnen. Nach einem reichlichen Bluterguß aus der Ader ſchien das Leben wieder Beſiz von dieſem Körper zu nehmen den man auf einen Augenblick für eine Leiche hätte halten können; endlich ſtellte ſich der Athem wieder her, die Wimpern öffneten ſich wieder, die matten Augen gewannen neuen Ausdruck und ſchweiften offenbar ſuchend im Zimmer umher. Sie hafteten auf Richard, der ſich von ſeinem Stuhl erhob und einen Schritt näher trat, indem er den Namen Valentin murmelte. Valentin konnte nicht ſprechen; aber ſeine Lippen bewegten ſich und ſeine Phyſionomie bekam einen nusbauc von Angſt worüber man ſich nicht täuſchen onnte. 320 ſtatt deutend, ſie iſt da, ſie iſt gerettet. Valentin ſtieß einen Seufzer aus und ein Bliz der Freude leuchtete in ſeinen Augen. — Sie lebt! ſtammelte er: Gott ſei gelobt! Am Uebrigen liegt wenig. Der Bildhauer trat einige Schritte näher und fiel vor dem Verwundeten du die Kniee. — Valentin, mein armer Valentin, murmelte er, o wenn Du wüßteſt wie ich leide; ſo ſchwer ich mich verſchuldet habe, Du würdeſt mir verzeihen, das ſchwöre ich Dir. Der Verwundete blickte ihn mit einem ſchmerz⸗ lichen Lächeln an, legte den Finger auf ſeinen Mund um ihm Schweigen zu empfehlen und wandte ſich dann an den Arzt. — Mein Herr, ſagte er mit einem Blick auf ſeinen Arm aus welchem noch ein Blutſtrahl drang, ich fürchte ſehr daß Sie ſich vergeblich bemühen. Ach! ich bin tödtlich getroffen, das fühle ich, und vielleicht, ich wiederhole es, iſt es beſſer daß es ſo iſt. — Warum verzweifeln? entgegnete der Arzt; die Wunden dieſer Art ſind ſchwer, aber nicht tödt⸗ lich; nur wünſchte ich zu erfahren wie Ihnen der Unfall zugeſtoßen iſt. Richard, der ſein Geſicht mit beiden Händen be⸗ deckt hielt, nahm dieſelben weg und betrachtete ſeinen Freund mit einem Ausdruck von Angſt welcher dem Arzt nicht entgangen ſein würde, wenn er nicht ſeine hanße Aufmerkſamkeit dem Verwundeten zugewandt d e. — Sie iſt da, antwortete Richard auf die Werk⸗ ——p— 8 321 — Ach mein Herr, ſagte Valentin, das iſt ganz einfach. Ich liebe das junge Mädchen das ſich im Nebenzimmer befindet. Als ich nach Hauſe kam, fand ich ſie auf ihrem Bett liegen, und zwei Schritte von ihr ſtand noch ein brennender Ofen mit Kohlen. Sie lag regungslos, ohnmächtig da; ich glaubte ſie todt, ich wollte ſie nicht überleben und ſtieß mir dieſen halben Zirkel in die Bruſt. Man beunruhige alſo Niemand um meines Todes willen. Es iſt ein Selbſtmord; wenn man daran zweifeln ſollte, ſo würden Sie meine Erklärung zu Protocoll geben, nicht wahr? Richard hatte ſeinen Kopf in die Tücher gegraben; er weinte und ächzte wie ein Kind. Der Blutfluß vom Aderlaß hatte aufgehört; der Arzt legte einen Verband auf die Wunde, Als er fertig war, ſagte Valentin zu ihm: — Mein Herr, Sie haben mich eben durch eine Lüge beruhigen zu müſſen geglaubt, für welche ich Ihnen danke; aber wenn Sie mich zu noch größerm Dank verpflichten wollen, ſo behandeln Sie mich als einen Mann. Wie lange habe ich noch zu leben? — Ich wiederhole Ihnen, antwortete der Arzt, wenn keine Gemüthserſchütterung eintritt, wenn kein neuer Unfall hinzukommt, ſo iſt es möglich daß Sie wieder geſund werden. Maläilin unterbrach ihn mit einem wehmüthigen ächeln. — Aber, ſagte er, nehmen Sie einmal ſolche Gemüthserſchütterungen und Unfälle an, wie viel Zeit habe ich dann noch vor mir? Der Arzt ſchaute den Verwundeten an. Dumas, Pechvogel. 21 322 Es lag eine ſolche Sicherheit in ſeinem Blick, daß er ihm Nichts verbergen zu dürfen glaubte. — Es iſt ein trauriger Dienſt den Sie von mir verlangen, antwortete er; aber wer uns auf eine ſolche Art fragt, dem ſind wir die Wahrheit ſchuldig. Alſo ſo gut Sie ohne Gemüthserſchütterung und Un⸗ fall davon kommen können, eben ſo gut können Sie auch bei dem geringſten Unfall, bei der geringſten Gemüthserſchütterung an Erſtickung ſterben. — Ha, Doctor, Doctor! rief Richard, wieder⸗ holen Sie mir daß er davon kommen kann; ſagen Sie mir daß er davon kommen wird. — Genug, genug, Richard, fiel Valentin ein, noch einmal Dank, Doctor; und jezt möchte ich ſehr wünſchen daß man mich mit meinem Freund allein ließe. Richard ſchien dieſes Téte-à-tête eben ſo ſehr zu fürchten als ſein Freund es augenſcheinlich wünſchte; aber der Doctor ſagte ihm ins Ohr: — Ich will mich inzwiſchen mit dem jungen Mädchen beſchäftigen, ſie kann meiner Hilfe bedürfen. Richard fuhr zuſammen. — Thun Sie das, ſagte er. Der Arzt ging ins Nebenzimmer, der Concierge kehrte an ſeine Thüre zurück, Valentin und Richard blieben allein. Lezterer flehte noch immer mit gefalteten Händen um Verzeihun Aber Valentin antwortete mit einem ſanften und ſchwermüthigen Lächeln: 4 — Gott macht alles wohl, mein guter Richard; es ſcheint daß dieſes Unglück nothwendig war, weil es Dir die Augen öffnen und die heiligen Geſeze — 323— des Rechtes und der Tugend zu Deiner Erkenntniß bringen ſollte. Ich weiß es wohl, Gott fordert mein Leben für das Wunder das er vollbringt; aber wenn mein Leben Dein und Hubertens Glück ſichert, ſo ſchwöre ich Dir, Richard, daß ich es ohne alles Bedauern hingebe. — Aber ich kann nicht glauben daß Du ſterben ſollſt, und zwar von meiner Hand ſterben, rief der Bildhauer, indem er ſich die Haare zerraufte; nein, nein, nein, das iſt nicht möglich! — Laß uns von der koſtbaren Zeit nichts ver⸗ lieren, Richard; dem Tod iſt alles möglich, er kann in dem Augenblick kommen wo ich mit Dir rede; er kann den Saz den ich ausſpreche entzweiſchneiden, das angefangene Wort unvollendet laſſen; aber ich will auch nicht ſterben, ohne daß Du mich verſichert haſt daß dein Schmerz ſich nicht bloß in leeren Ver⸗ wünſchungen äußern, ſondern daß er Dich zu beſſern Geſinnungen zurückführen ſoll, d. h. daß Du Dein Unrecht einſehen und Huberten die Genugthuung geben wirſt die Du ihr ſchuldeſt. Richard ſchien einen heftigen Kampf zu kämpfen, aber er blieb ſtumm. Dieſes Schweigen erſchreckte Valentin. — Mein Gott! ſeufzte er, indem er eine An⸗ ſtrengung machte um ſeine Hände zum Himmel zu erheben; ich hatte gehofft daß mein Märtyrerthum nicht vergebens geweſen wäre. — Nun wohl, nein, rief der Bildhauer, das ſoll es nicht ſein! So unangenehme Folgen es für mich haben mag, ſo ſoll Huberte mein Weib werden. Ach dießmal kannſt Du mir glauben; ich ſhwöne es 324 Dir, Valentin, bei allem Heiligen was es hienieden für den Menſchen gibt. — Ich glaube Dir, ich glaube Dir, ſagte der Verwundete, indem er mit ſeiner verwelkenden Hand die Hand Richards drückte; troz all Deiner Leicht⸗ fertigkeit haſt Du ein gutes Herz, Du möchteſt nicht die Gewiſſensqual auf Dich nehmen einen alten Ka⸗ meraden belogen zu haben der im Begriff iſt auf immer zu ſcheiden. Aber warum von Unannehmlich⸗ keiten reden? Glaube mir, Du begründeſt Dein eigenes Glück wenn Du Huberte glücklich machſt. Ihr Wüſtlinge ſprechet von der Heirath wie die Atheiſten von dem lieben Gott ſprechen. Aber alle Wizeleien können nicht verhindern daß der heilige Bund zwiſchen Weib und Mann die einzige Ruhe und das einzige Glück hienieden bleibt. Schwöre dieſe Ideen ab, Richard; gib Dein regelloſes aus⸗ ſchweifendes Leben auf; die Arbeit iſt der edelſte Zweck den der Menſch auf Erden haben kann, und in der neuen Stellung die Du einzunehmen haſt wird ſie zur Pflicht; Du wirſt die ganze Bedeutung dieſes Wortes zwar etwas ſpät erkennen, aber ſo⸗ bald Du angefangen haſt Deiner Pflicht zu gehorchen, wird Dir auch die ganze Wonne offenbar werden die man in ihrer Erfüllung findet. Meine Predig⸗ ten langweilen Dich, armer Richard, Du haſt es mir oft geſagt; aber nimm dieſe hier in Geduld hin, es iſt die lezte. Hör mich alſo an. Es ſind keine Rath⸗ ſchläge mehr die ich Dir ertheile, es iſt eine Bitte die ich an Dich richte. Huberte iſt jung, ſie tritt Derſt ins Leben ein, ſie wird mich vergeſſen; überdieß wirſt Du auf einen Todten nicht eiferſüchtig ſein können. 325 Richard antwortete bloß mit einem lauten Schluchzen. — Nun wohl, erinnere ſie zuweilen an mich, wenn ihr allein am Feuer beiſammen ſizet; laß mei⸗ nen Namen von Deinen Lippen auf die ihrigen über⸗ ehen. 3 Jezt war es Richard der ſeinem Freunde die Hand drückte. — Und nun, ich fühle es wohl, fuhr der Ver⸗ wundete fort, nein, nein, es ſtirbt nicht alles mit uns; meine Seele wird ſich, wenn ſie den Körper verlaſſen hat, niemals von dem Ort entfernen wo ihr weilet; meine Liebe zu euch wird ſelbſt den Tod überleben, und es däucht mich daß, wenn mein Geiſt da ſein, wenn er euch ſehen und hören wird, das Glück aus ihrem Munde meinen Namen zu hören, ihre Augen vielleicht der Erinnerung an mich eine Thräne widmen zu ſehen, alle Wonnen überſteigen wird die man uns im andern Leben verheißt. Richard vermochte kaum zu athmen; endlich ge⸗ lang es ihm einige Worte hervorzubringen. — O ich werde Dich nie vergeſſen, Valentin, ſagte er; und was Huberte betrifft... — Richard, flehte der Verwundete, indem er ſeinen Freund unterbrach, Richard, kann ich ſie nicht noch einmal ſehen bevor ich ſterbe? Richard antwortete nicht. — O! machte Valentin mit dem Ausdrucke des Vorwurfs. Der Bildhauer begriff den ganzen Schmerz der in dieſer einfachen Ausrufung lag.— — Unmöglich, Valentin, ich ſchwöre Dirs daß es unmöglich iſt. 1 326 — Unwmöglich! wiederholte dieſer, indem ſeine Augen ſich ſchrecklich erweiterten, unmöglich! Und weißt Du auch, Richard, daß Du einen ſeltſamen Argwohn in mir erregſt? ſollteſt Du mich getäuſcht haben mit Deiner Verſicherung daß ſie noch lebe? Richard, todt oder lebendig, ich will ſie ſehen, hörſt Du, ich will es. Und troz der Anſtrengung welche Richard machte um ihn ruhig zu erhalten, erhob ſich Valentin auf ein Knie..— — Was machſt Du, Unglückſeliger? rief Richard. Dan hat Dir jede Aufregung, jede Bewegung ver⸗ oten. — Ich gehe zu ihr, da Du ſie nicht zu mir kommen laſſen willſt. In dieſem Augenblick hörte man einen unarticu⸗ lirten Schrei aus dem Zimmer wo Huberte war. Valentin erkannte ihre Stimme. — Was gibt es denn? fragte er, indem er eine Anſtrengung machte um ſich auf ſeine Füße aufzu⸗ richten, und warum dieſes Geſchrei? — Um Gotteswillen, Valentin, bat Richard; bei allem was heilig iſt, nicht in dieſem Augenblick! Später! — Aber hörſt Du denn nicht? fragte Valentin, ſie ſchreit, ſie ruft um Hilfe. nd er wandelte zwei Schritte gegen die Thüre zu. — Nun wohl denn, es i*ſt vielleicht noch das Beſte, wenn Du die Wahrheit erfährſt. Huberte. Er zögerte. — Nun wohl, Huberte...? — Sie iſt wahnſinnig. —— d 327 Valentin ſtieß einen Schrei aus der mit einer Art von Geröchel endete; er ſchwankte, drehte ſich um ſich ſelbſt und fiel dann auf den Boden, wie ein entwurzelter Baum auf die Erde niederfällt. Bei dem Schrei Valentins, auf welchen ein nicht minder furchtbarer Schrei von Richard folgte, und bei dem Getöſe das der Verwundete in ſeinem Fall machte, öffnete ſich die Thüre von Hubertens Zim⸗ mer von Neuem und der Doctor erſchien wieder auf der Schwelle. Der Arzt und Richard ſtürzten auf Valentin zu und hoben ihn auf; ſeine Augen ſtanden weit offen, waren aber ſtarr und matt, ſeine Lippen bewegten ſich noch, konnten jedoch keinen Ton hervorbringen; ſein Körper krümmte ſich in einem lezten Krampf, ein ſchmerzlicher Seufzer ſtahl ſich aus ſeinem Munde. Mit dieſem Seufzer hatte er ſeine Seele ausge⸗ haucht. — Es iſt nichts mehr zu machen, ſagte der Arzt, er iſt todt. Der Bildhauer blieb unbeweglich, bleich, unter heftigen Nervenzuckungen, eine Zeitlang vor dem Leichnam ſeines Freundes liegen; er betete und weinte, denn es gibt Stunden wo das Gebet, wenn die Lippen es auch nicht auszuſprechen gelernt hätten, berch eigenen Drang aus der Tiefe der Seele auf⸗ ſteigt. Dann dachte er daß er, wenn etwas von uns wirklich uns überlebe, wie Valentin geſagt hatte, der armen Seele des Verſtorbenen den beſten Beweis für ſeine Reue, für ſeine Zärtlichkeit gegen Huberte geben könne. Er gab ſeinem ihm Mund und Augen zu, ein Betrunkener nach dem Zi chen gelaſſen hatte. zu ſeiner großen Ueberraſchung war der Arzt allein in dieſem Zimmer, gehende Thüre offen ſtand 328 Freund einen lezten Kuß, drückte dann taumelte er wie mmer wo er das Mäd⸗ deſſen nach dem Höfchen — Wo iſt Huberte? fragte er ihn in einem halb flehenden. halb drohenden arme Mädchen loszulaſſen — O, rief Richard, o Und er ſtürzte aus de cierge zu fragen. 4 Dieſer hatte Huberte ganz ze geſehen und war ihr nachgelaufen war in Folge des ſchrecklich nach der Straße zu offen g wie einen Schatten nach toine ſich bewegen geſehen. beim Namen gerufen, aber der Ecke der Straße von C Richard machte ſich eilig ſie wo möglich einzuholen. Die Nacht war kalt und Es blieb Richard noch Hoffnung ſchöpfte er aus Hu „Mein Vater bleibt ſo lange holen.“ ihren Vater holen der zu daher das Ge⸗ und zu Ihnen zu eilen. ich unglückſeliger Menſch! m Zimmer um den Con⸗ rzauſt herausſtürzen Unglücklicherweiſe en Ereigniſſes die Thüre eblieben; er hatte etwas dem Faubourg Saint⸗An⸗ Er hatte das Mädchen vergebens; ſie war an harenton verſchwunden. ſt auf denſelben Weg um regneriſch. eine Hoffnung. Dieſe bertens eigenen Worten: aus, ich muß ihn -—.— —9 ———— 329 Ohne Zweifel hatte ſie dieſe ihr wohlbekannte Straße eingeſchlagen, welche ſie ſo manchmal zurück⸗ gelegt hatte wenn ſie die Fiſche des Großvaters nach Parſs brachte und den Erlös dafür heimtrug. Er ging alſo nach der Barridre du Trone und blieb vor jedem Frauenzimmer ſtehen das auf der Straße umherwandelte, erkannte aber in keiner die⸗ ſer Perſonen ſeine Huberte. Im Uebrigen waren wenige Leute auf der Straße; im Augenblick wo er über die Barridre ging, ſchlug es zwölf Uhr. Auf dieſer langen, geraden Linie welche die Straße von der Barridre du Trone bis Vincennes bildet, hatte er einige Hoffnung die Geſuchte wieder zu fin⸗ den; aber er kam nach Vincennes, nach Joinville, nach Saint⸗Maur, ohne etwas geſehen zu haben. Von Zeit zu Zeit blieb er ſtehen und blickte um ſich; er hatte zwar die Idee Huberte zu rufen, aber er wagte es nicht, ohne ſich ſeine Unſchlüſſigkeit er⸗ klären zu können. Er hatte Furcht vor ſeiner eigenen Stimme. In Saint⸗Maur ging er von der Hauptſtraße ab und ſchlug ſich querfeldein; er ging gerade auf die Häuſergruppe zu welche damals das Dorf Va⸗ renne bildete und am Ufer ſtand. Mitten unter dieſen Häuſern zeichnete ſich die Wohnung des Franz Guichard durch ihr Alter aus. Er näherte ſich ihr mit pochendem Herzen und ſchwankenden Beinen. Es war das einzige Haus durch deſſen Fenſter ein Strahl von Licht ſikerte. Dieſer Lichtſtrahl erregte eine Hoffnung in ihm. 330 Richard näherte ſich dem Laden; wie er vorher⸗ eſehen, war derſelbe von innen nicht geſchloſſen, ondern bloß an die Wand angelehnt.— Er ſchob ihn ſachte weg. Troz der ſpäten Stunde hatte ſich Pechvogel nicht ſchlafen gelegt, ſondern ſaß vor dem Kamin; die auf einem Vorſprung ſtehende Lampe beſchien ſein Geſicht. Dieſes Geſicht war bleich und welk, als gehörte es einem Leichnam.. Pechvogel war unbeweglich wie eine Bildſäule, und man hätte ihn für todt halten können, wenn nicht von Zeit zu Zeit eine große Thräne ſich am Rand ſeiner Wimper geſammelt hätte und über ſeine Wange hinabgerollt wäre. Offenbar war Huberte nicht erſchienen. Richard, dem dieſer ſtumme Schmerz das Herz zuſchnürte, ſtieß ſachte den Laden auf. Dann ſagte er zu ſich daß Huberte wahrſchein⸗ lich in Joinville den Fußpfad eingeſchlagen habe der an der Marne hinführt, und daß er, wenn er den⸗ ſelben in entgegengeſezter Richtung einſchlüge, ihr begegnen würde.—— Er ging alſo auf dieſem Pfade hin. Durch das lange Laufen in der Finſterniß hatten ſich ſeine Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Gegenüber den lezten Hauferm von Chennevidre ſah er ein Schiffchen das auf dem Waſſer hinſchau⸗ kelte und ſich gegen Varenne hinab bewegte. Er ging bis ans Waſſer hinab und rief; da je⸗ doch keine Bewegung im Boot ſtattfand, da der Mond in dieſem Augenblick zwiſchen zwei Wolken 331 hinglitt und einen Lichtſtrahl auf die Marne fallen ließ, ſo wurde es ihm klar daß das Schiff leer war. Als er an die Gardeninſel kam, machte er Halt. Es war ihm als hätte er zwiſchen den Weiden und Gebüſchen derſelben eine weiße Geſtalt hinſchwe⸗ ben geſehen. Mehrere Male verſchwand dieſe Geſtalt und er⸗ ſchien wieder. Richards Herz pochte, daß es ihm die Bruſt beinahe ſprengte: ein eiſiger Schweiß rie⸗ ſelte von ſeiner Stirne. Endlich that er ſich Gewalt an und rief: — Huberte! Huberte! Die weiße Geſtalt blieb ſtehen, ſchien zu horchen, bückte ſich aber ſogleich von Neuem. Man hätte glauben können ſie pflücke Blumen. — Hubertel rief Richard abermals. 7 — Biſt Du'’s, Valentin? rief eine Stimme an welcher Richard die Geſuchte erkannte. Sein Herz pochte hoch. — Ja, ſagte er. — So erwarte mich, ſagte der Schatten. Und als wäre ſie gleich dem Apoſtel mit der Fähigkeit begabt auf dem Waſſer zu gehen, ſtieg ſie zwiſchen den Bäumen, Weiden und Gebüſchen an den Fluß hinab. Auf einmal ertönte ein Schrei. Richards Augen ſuchten vergebens nach dem Schatten. Er war verſchwunden. Der Bildhauer blieb einen Augenblick unbeweg⸗ lich vor Staunen und Schrecken ſtehen, dann ſprang er in den Fluß. 332 Aber vergebens tauchte er zu wiederholten Malen unter. Nachdem er ſich eine Viertelſtunde mit nuz⸗ loſen Nachforſchungen abgemüdet, ging er ans Ufer zurück und fragte ſich ob nicht ein Traum ihn ge⸗ narrt habe. XXII. Pechvogel. Der Regen hatte die Marne angeſchwellt; ſie floß hoch am Ufer, gelblich und ſchlammig dahin. Es war eine herrliche Zeit für den Fiſchfang. Die Fiſcher hatten ihr Verſteck verlaſſen und hielten ſich an den Ufern oder auf überſchwemmten Feldern auf. Alles was das Recht hatte ein Stückchen Bind⸗ faden ins Waſſer zu tauchen, erfreute ſich an dieſem geſegneten Augenblick zum Abend, zuweilen vom Abend bis zum Morgen, an dem Fluß. Franz Guichard erwies ſich als einer der hart⸗ näckigſten in dieſem Krieg, er wollte durch Zerſtreuung und Arbeit ſeinen Schmerz täuſchen. Obſchon er erſt gegen drei Uhr Morgens zu Bette gegangen war, ſo verließ er doch ſein Häuschen ſchon in aller Frühe und fuhr langſam den Fluß hinan, denn, wie Mathias der Fahrannd zu Hu⸗ berte geſagt hatte, ſeine Arme waren ſehr ſchwach geworden um gegen die Strömung zu kämpfen. Ueberdieß gebrauchte er immer gewiſſe Vorſichts⸗ maßregeln wenn er ſein Geräthe aufſpannte. und blieb vom Morgen bis 333 In der That täuſchte ſich Pechvogel nicht über die Sanftmuth des Herrn Batifol; wenn dieſer ihn auf dem Fluß duldete, ſo geſchah es hauptſächlich in der Hoffnung das Geheimniß gewiſſer bevorzugter Pläze zu erlauern, deren Kenntniß, wie man behaup⸗ tete, den Schlüſſel zu all den großen Erfolgen bil⸗ dete welche die Fama dem alten Fiſcher zuſchrieb. Auf der Höhe von Champigny angelangt, band er ſeine Fähre vom Ufer los, trieb mitten in den Fluß und begann ſein erſtes Wurfgarn aus dem Waſſer zu ziehen. Da er allein war, ſo konnte er ſich nicht mit Hilfe ſeiner Ruder gegen die Strömung behaupten und zu gleicher Zeit dem Fiſchfang obliegen; wenn er daher an eine Stelle kam wo eines ſeiner Neze ausgeſpannt war, ſo ſtieß er nach ſorgfältiger Unter⸗ ſuchung der ganzen Umgebung zwei lange eiſenbe⸗ ſchlagene Stangen in das Flußbett und machte ſeine Fähre feſt, dann ſuchte er mit Hilfe ſeines Hakens ſein Nez in der Tiefe des Waſſers. Er war ſo eben über die Gardeninſel hinausge⸗ kommen und mit ſeinem dritten Wurfgarne beſchäf⸗ tigt, als er auf einmal ganz zitternd einhielt: ſein Haken war auf einen ſeltſamen Widerſtand geſtoßen, über deſſen Urſache aber er ſich bei ſeiner langjäh⸗ rigen Praxis nicht täuſchen konnte. Er ſah ein daß er einen Leichnam auf die Ober⸗ fläche des Waſſers bringen würde. Er erhob ſeinen Haken, und die Falten eines weißen Kleides begannen zum Vorſchein zu kommen und in der Strömung zu wirbeln. Beim Anblick eines Frauenkleides bemächtigte 334 ſich eine unbeſtimmte Angſt des Greiſes und er wartete mehrere Secunden bis er die Leiche an ſich zog. Er wandte ſeinen Kopf ab und war nahe daran die Leiche, wer ſie auch ſein mochte, in den Fluß zurückfallen zu laſſen. Aber auf einmal faßte er einen kräftigen Ent⸗ ſchluß; er neigte ſich hinab, ergriff den Körper um die Taille, nahm ihn in ſeine Arme und legte ihn in die Fähre nieder. Nur ſank er neben dieſem Körper mit verſtörten Augen, bleichen Wangen und ſchweißtriefender Stirne auf ſeine Kniee. Es war wirklich Huberte. Obſchon ihre langen blonden Haare ſich um ihr Geſicht her verknäuelt hatten und beinahe eine Maske bildeten, ſo hatte der Großvater ſie dennoch auf der Stelle erkannt; überdieß hatte er, in dem Augenblick wo er den Leichnam berührte, einen ſol⸗ chen Stich im Herzen empfunden, daß ihm ſogleich die Auun aufging dieſer Leichnam gehöre ſeinem einde. Ein ſanftes Lächeln ſchien Hubertens Geſicht noch zu beleben, und in der Hand hielt ſie noch den ver⸗ welkten Blumenſtrauß den ſie, wie Ophelia, gepflückt hatte, als Richards Stimme zu ihr gedrungen war. Franz Guichard ließ ſein Schiff den Fluß hinab⸗ ſchwimmen und blieb lange in der Betrachtung des Leichnams verſunken, ohne zu bemerken daß eine gewiſſe Anzahl von Perſonen ihm auf dem Ufer olgte und den Arbeitern auf dem Felde Zeichen gab, damit ſie herbeieilten. Er ſchob die naſſen Haare ſeines Kindes weg, trocknete den Schlamm ab der + + 33⁵ das Geſicht der Todten beſchmuzte, fuhr mit ſeiner Hand über ihre Augen, die er wieder zu öffnen, über ihren Mund, den er zu ſchließen verſuchte; man hätte ſagen können er wolle alle ihre Züge, die ſeine Zärtlichkeit ſo tief in ſeine Seele eingegraben hatte, einen um den andern wieder erkennen. Endlich kam er mit der auf dem Boden liegenden Huberte zu den erſten Häuſern des Dorfes wo ſie ihre Kindheit verbracht und achtzehn Jahre lang tagtäglich ſingend und lachend geſeſſen hatte. Alle Müſſiggänger von Varenne waren ans Ufer gelaufen. Er landete im Angeſicht ſeines Hauſes. Man wollte ihm den Leichnam tragen helfen, aber er lehnte jeden Beiſtand ab und wollte Nie⸗ mand geſtatten dieſe heiligen Reſte zu berühren. Im Augenblicke wo er ſeine Hausthüre mit dem Fuß aufſtieß, blieb er ſtehen, drückte ſeine Lippen an die Stirne der Todten die er in ſeinen Armen hielt und ſagte: 5 — Jezt kannſt Du wohl auf dem Bette ruhen wo ſie geſtorben ſind; Du haſt es durch Dein Mär⸗ tyrerthum wohl verdient, armes Kind. Dann legte er Huberte wirklich auf ſein eigenes Bett und verſchloß ſich in ſeiner Hütte. Am Abend wagte es Mathias, der Fährmann, hereinzukommen und zu fragen ob ſein alter Freund nicht etwas bedürfe. Huberte lag auf dem großen Bette mit dem Sarſcheüberzug, beſchienen von dem Lämpchen, das über ihrem Kopf an der Wand hing. Ihr gegen⸗ über ſaß der Großvater, der eine ihrer eiſigen 336 Hände zwiſchen den ſeinigen drückte und mit einer Art von gieriger Wuth dieſes Geſicht betrachtete. Er dankte Mathias. Und als dieſer zum zweitenmal fragte ob er ihm nicht dienen könne, da antwortete er: — Ja, thu mir den Gefallen daß Du nach Pa⸗ ris gehſt und Herrn Valentin erzählſt was vorge⸗ fallen iſt: ſag ihm ich laſſe ihn bitten morgen zur Beerdigung Hubertens zu kommen; ich bin überzeugt, Herr Valegin wird Dir dankbar ſein wie ich. Ohne eine Einwendung wegen der fünf Stunden zu machen welche er zum Hin⸗ und Herweg brauchte, ging Mathias augenblicklich fort. Gegen drei Uhr Morgens kam er zurück und erzählte nach einigem Bedenken, im Augenblick wo er nach Paris gekommen ſei, hätten die Leichenbeſtätter Herrn Valentin in ſeinen Sarg eingenagelt. Die Beerdigung des jungen Mannes finde am nächſten Morgen um eilf Uhr ſtatt. Pechvogel hatte gethan als ob er dem Erzähler kein Gehör ſchenkte. Er hatte jedoch wohl gehört, denn er antwortete:— — Juſt zur ſelben Stunde! Arme Kinder! In der That ging am folgenden Morgen um halb eilf Uhr der Leichenzug des jungen Mädchens von der Hütte des Franz Guichard aus. Der Alte hatte ſelbſt Huberte in ihren Sarg gelegt, und er begleitete dieſen Sarg bis an den Kirchhof von Saint⸗Maur, wo bereits, die Mutter und die Groß⸗ mutter ſeines Kindes ſchliefen. Er hatte von ſeinem Haus an bis an das Grab nicht eine einzige Thräne vergoſſen und er wohnte er u eoͤ— 337 allen Details der Beerdigung mit einer unheimlichen Ruhe bei, welche die wenigen Nachbarn die ihn be⸗ gleitet hatten erſchreckte. Seine Augen ſchienen die Quelle ihrer Thränen vollſtändig erſchöpft zu haben; nur waren ſeine Wimpern brennend roth wie das aus der Schmiede kommende Eiſen. Als die Erde auf den Sarg mit jenem Getöſe herabfiel das man nie vergißt wenn man es ein⸗ mal gehört hat, wollte Mathias ſeinen alten Freund wegführen. — Noch nicht, ſagte dieſer. Und er wartete bis das Grab aufgefüllt war. Dann kniete er nieder und küßte fromm das Hügelchen unter welchem Huberte der Ewigkeit ent⸗ gegenſchlummerte. Hierauf wandte er ſich gegen die Umſtehenden und ſagte: — Jezt kann man mich erſt mit vollem Recht Pechvogel nennen. ** * In der folgenden Nacht wurden die Uferbewohner durch einen unheimlichen Schein erweckt den man mitten auf dem Waſſer bemerkte, und der den ganzen Fluß beleuchtete. Man lief hinzu und überzeugte ſich daß Franz Guichard ſeine Neze, Wurfgarne, Reuſen, kurz alle ſeine Geräthſchaften in ſeinem Schiff angehäuft und angezündet hatte. Der Brand hatte in dieſem Haufen von Faden Dumas, Pechvogel. 22 und dürrem Holz ſolche Fortſchritte gemacht, daß man an ein Löſchen gar nicht denken konnte. Man lief nach der Hütte des Alten; die Thüre war bloß mit der Klinke geſchloſſen, aber die Hütte ſtand leer. Niemand hatte ihn Varenne verlaſſen geſehen, niemand ſah ihn zurückkommen. Was wurde aus ihm? Wohin ging er? Wo ſtarb er? Niemand weiß es. ** * Das Verſchwinden des alten Fiſchers ließ dem Chrgeiz des Herrn Batifol freien Spielraum. Sobald das Waſſer geſunken war, durchforſchte er das Fluß⸗ bett, ſammelte diejenigen Wurfgarne welche der Alte in Folge ſeines ſchrecklichen Fundes nicht mehr ein⸗ gezogen hatte, und auf dieſe Art erfuhr der Fabri⸗ kant die Stellen wo man ſich nur zu bücken brauchte um Fiſche aufzuleſen. Seitdem gilt Batifol für den geſchickteſten aller Fiſcher an den Ufern der Marne, von Charenton bis nach Queue, und ſeine Concurrenten behaupten daß er ſich in ſeinem Triumph nichts weniger als be⸗ ſcheiden zeige. Was Herrn Padeloup betraf, ſo hatte die fort⸗ währende Ungewißheit über das Schickſal Pechvogels zur Folge daß er das ſo ſehnſüchtig gewünſchte Winkelchen Erde nicht bekommen konnte, dem zu lieb er ein ſo eifriges Mitglied des Triumvirats gewor⸗ den war das den armen alten Mann ſo grauſam verfolgte. 339 Richard lebte einige Zeit in düſterer Zurückge⸗ zogenheit, aber allmählig tröſtete er ſich. Der Ab⸗ ſinthe war jezt von unſerer Armee aus Africa, wel⸗ cher er ſo viele tapfere Leute hingerafft hatte die von den Kugeln und Yatagans der Araber verſchont eblieben waren, in die Mode gebracht worden, und 5 lange er dieſes Getränke ſchlürfte, ſpiegelte ihm ſeine Phantaſie die ſchönſten Erfolge vor. Ende. —