Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 f. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für oschentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— 5 ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 3 3„„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 9 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der ⁵ Ladenpreis erfetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkés, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des anzen verpflichtet. A 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 8 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 Der Page des Herzogs von Javoyen. Von Alexandre Numas. 2 Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Zoller. Elftes bis vierzehntes Bändchen. S Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshaudlung. 1856. Druck von Eduard Hallberger in Stuttgart. wurde freilich nicht beſſer behandelt.„Sie hatt ſagt derſelbe Mexgey, der ſo troſtlos, daß er auf das XXIV. Wo Nwoonnet jede Auskunft erhält, die er wünſchen mag. Der Vorwand, den der picardiſche Bauer und ſeine Tochter für ihren Eintritt in's ſpaniſche Lager genommen hatten,— vorausgeſetzt, daß es ein Vor⸗ wand,— war vortrefflich gewählt; man hat auch geſehen, daß von Emanuel Philibert dieſe Aufmerk⸗ ſamkeit des Krautgärtners, friſche Gemüſe für ihn und den König von Spanien zu bringen, vollkommen gewürdigt wurde. Es waren in der That, wenn man Mergey, einem Edelmann von Herrn de la Rochefoucauld, glauben darf, der in der St. Laurent⸗Schlacht gefangen ge⸗ nommen und noch an demſelben Abend in's ſpaniſche Lager geführt wurde, die Lebensmittel auf der Tafel des Prinzen von Savoyen nicht im Ueberfluſſe vor⸗ handen; er ward vor Allem auf das Waſſer be⸗ ſchränkt, gegen ſein Naturell, was ihn ungemein betrübte; ſein Gebieter, Herr de la Rochefoucau ſtatt aller Speiſen zu ſieben, die ſie bei Tiſche waren Waſſer beſchränkt ſein ſollte,„nur ein fauſtgroßes Stüͤck Kuhfleiſch, das ſie in einen Topf voll Waſſer ohne Salz, Speck oder Kräuter legten, und als ſie Alle bei Tiſche waren, hatten ſie blecherne Schüſſelchen, in welche ſie genannte Fleiſchbrühe goßen; ſodann wurde der Kuhfetzen in eben ſo viele Stücke zertheilt, als Menſchen bei der Tafel waren, mit ſehr wenig Brod.“ Man wird ſich alſo, wenn ſich die Chefs auf eine ſolche Enthaltſamkeit angewieſen ſahen, nicht mehr wundern, daß die noch weniger gut bedachten Sol⸗ daten ſich auf den mit Lebensmitteln beladenen Eſel warfen, den ſie vielleicht, trotz der Gegenanſtren⸗ gungen von Heinrich Scharfenſtein, dem Bauern und ſeiner Tochter, zu berauben im Begriffe waren, als Emanuel Philibert durch den Lärmen herbeigezogen aus ſeinem Zelte hervortrat, und, wie ein Friedens⸗ ſtifter, Ordnung in dieſes ganze Gemenge brachte. Obgleich unter den ſpeciellen Schutz von Gaëtano geſtellt, ſchienen der Bauer und beſonders ſeine Tochter alle Mühe der Welt zu haben, um ſich von dem Schrecken zu erholen, den ſie ausgeſtanden; der Eſel aber ſchien von einem minder für Eindrücke empfänglichen Temperamente zu ſein, und ſobald er wieder in Freiheit geſetzt war, fing er an munter die Gemüſe aller Art nachzuleſen, welche die Hitze des Kampfes auf dem Boden zerſtreut hatte. Erſt als der Bauer und ſeine Tochter Emanuel Philibert, der zum zweiten Male aus ſeinem Zelte trat, ſich entfernen und in der Richtung des Zeltes vom König von Spanien verſchwinden ſahen, ſchienen ſie wieder ein wenig Sicherheit zu erlangen,— ob⸗. wohl ſie, nach dem, was vorgefallen, und da der Prinz ihnen Schutz gewährt, im Gegentheile ver⸗ 4 5 nünftiger Weiſe ſeine Anweſenheit ſeiner Abweſenheit hätten vorziehen müſſen. Niemand gab ſich aber Rechenſchaft über dieſe Anomalie, außer dem Manne, der den Bruſtharniſch vom Connetable blank putzte und den Prinzen mit einer Aufmerkſamkeit ſich ent⸗ fernen ſah, die der gleich, welche auf dieſe Hand⸗ lung der Bauer und ſeine Tochter zu richten ſchienen. Was Heinrich Scharfenſtein betrifft, er hatte ſich wieder auf die Bank geſetzt, die er verlaſſen, um den zwei Opfern der Brutalität der ſpaniſchen Sol⸗ daten zu Hülfe zu kommen, und er war wieder in die tiefe Traurigkeit verſunken, die ihn zu verzeh⸗ ren ſchien. Einige Neugierige umgaben noch den Bauern und ſeine Tochter und ſchienen dieſe durch ihre Ge⸗ genwart ſehr zu beläſtigen, als ſie Gaëtano der Verlegenheit entzog, indem er ſie einlud, ſie und ihren Eſel, in den mit Pfahlwerk umgebenen Park einzutreten, der an das Zelt des Prinzen von Sa⸗ voyen ſtieß. Es handelte ſich darum, ſeine koſtbare Bürde abzupacken und die Lebensmittel in Empfang zu nehmen, welche die Freigebigkeit des Prinzen, unter der allgemeinen Hungersnoth, zu ihrer Verfügung zu ſtellen befohlen hatte. Als die Gemüſe abgeladen waren, erhielt der Bauer von Gastano ein Brod, ein Stück kaltes Fleiſch und ein Krüglein Wein. Das war, wie man ſieht, mehr, als man dem Grafen de la Roche⸗ foucauld und den ſechs Edelleuten, ſeinen Mitgefan⸗ genen, bewilligt hatte. Der Bauer und die Bäuerin gingen auch,— ohne 6 Zweifel, um ſich nicht einer neuen Mißhandlung die Lüſternheit der Soldaten reizend auszuſetzen,— mit aller möglichen Behutſamkeit weg, und ſchauten nach rechts und nach links, um zu ſehen, ob die Ueber⸗ läſtigen ſich zurückgezogen hätten und die Neugierigen verſchwunden wären. Es blieben auf dem Schlachtfelde, von wo man die Todten und die Verwundeten noch in Gegenwart von Emanuel Philibert weggetragen hatte, nur der Schwertfeger des Connetable, der ſeine Armſchiene wüthender als je polirte, und Heinrich Scharfenſtein, welcher in Abweſenheit des Bauern und ſeiner Toch⸗ ter nicht eine einzige Bewegung gemacht hatte. Ywoonnette wandte ſich nach einem kleinen abge⸗ ſonderten Schoppen, während ihr Vater in Aner⸗ kennung des Dienſtes, den ihm der Rieſe geleiſtet, Heinrich Scharfenſtein einlud, mit ihnen dem Früh⸗ ſtück, welches ſie der Freigebigkeit des Herzogs von Savoyen verdankten, Ehre anzuthun; Heinrich ſchüt⸗ telte aber nur den Kopf und murmelte: „Seitdem Franz todt iſt, habe ich keinen Hunger mehr!“ Der Bauer ſchaute Heinrich betrübt an, und nachdem er einen Blick mit dem Schwertfeger ge⸗ wechſelt, folgte er ſeiner Tochter; dieſe hatte ſich einen Tiſch aus einer Hafertruhe gemacht und er⸗ wartete den Urheber ihrer Tage auf einem Bund Stroh ſitzend. Kaum hatten ſie ihr Mahl begonnen, als ein Schatten bis auf den improviſirten Tiſch fiel; es war der des unermüdlichen Schwertfegers. „Teufel!“ ſagte er,„das iſt ein Luxus! ich habe o e 7 Luſt, den Herrn Connetable zu holen, um mit uns zu ſpeiſen.“ „Ahl bei meiner Treue, nein,“ entgegnete in vortrefflichem Franzöſiſch der Bauer,„er würde allein unſere ganze Portion eſſen.“ „Abgeſehen davon,“ fügte die junge Bäuerin bei,„abgeſehen davon, daß ein ehrbares Mädchen, wie man verſichert, große Gefahr in Geſellſchaft des alten Haudegens läuft.“ „Ja wohl, Du fürchteſt ſie, Du, alt oder jung, die Haudegen. Ahl alle Wetter! welch einen Fauſt⸗ ſchlag haſt Du dem Spanier gegeben, der Dich um⸗ armen wollte! Ich fing an zu vermuthen, Du ſeiſt es, doch an dieſem majeſtätiſchen Schlage erkannte ich ganz und gar... Eil was für ein Teufels⸗ intereſſe habt Ihr Beide, daß Ihr Euch der Gefahr ausſetzt, als Spione gehenkt zu werden, indem Ihr in das Lager von allen dieſen Bettelkerlen von Spa⸗ niern kommt?“ „Vor Allem das, Nachrichten über Dich, mein lieber Pilletrouſſe, und über unſere Gefährten zu erhalten,“ antwortete die Bäuerin. „Ihr ſeid ſehr artig, Mademoiſelle Yvonnette, und wenn Ihr die Güte haben wollt, dieſes dritte Glas zu füllen, das Ihr für mich gebracht zu haben ſcheint, ſo werden wir zuerſt auf die Geſundheit Eures Dieners trinken, die nicht ſchlecht iſt, wie Ihr ſeht, ſodann auf die unſerer Gefährten, welche ſich leider nicht alle ſo wohl befinden, als wir.“ „Und ich,“ ſprach Yvonnet,— denn ohne Zwei⸗ fel hat man den Abenteurer erkannt, trotz der Ver⸗ kleidung, in die er ſeinen Leib gehüllt, und der Sylbe, die er ſeinem Namen hinzugefügt,„ich werde Dir meinerſeits ſagen, in welcher Abſicht ich hier bin, und Du wirſt mir mit Deinen beſten Kräften meine Sendung vollbringen helfen.“ Und großmüthig Pilletrouſſe ein Glas voll Wein einſchenkend, erwartete Yvonnet mit einer gewiſſen Bangigkeit die verlangte Auskunft. „Ah!“ ſagte Pilletrouſſe, indem er jenes Schnal⸗ zen mit der Zunge hören ließ, das bei den verſtän⸗ digen Trinkern beinahe immer die Leichenrede des Glaſes Wein iſt, welches ſie getrunken, beſonders wenn der Wein gut;„ah! es macht Vergnügen, einen alten Freund wiederzufinden.“ „Sprichſt Du vom Weine oder von mir?“ verſetzte Yoonnet. „Von Beiden... Doch um auf unſere Ka⸗ meraden zurückzukommen, da iſt Maldent, der Dir über Procope, Lactance und ſich alle Auskunft geben mußte, die Du wünſchen konnteſt; denn,“ fügte Pille⸗ trouſſe bei,„ich habe ſagen hören, Ihr ſeiet mit einander begraben worden.“ „Ja,“ antwortete Maldent,„und ich muß hin⸗ zuſetzen, daß wir zu unſerer großen Bangigkeit im Grabe zwei Tage mehr als Unſer Herr Jeſus Chri⸗ ſtus geblieben ſind.“ „Doch Ihr ſeid mit Ruhm daraus hervorgegan⸗ gen, das war das Wichtigſte! Würdige Jacobiner! und wie nährten ſie Euch während Eures Todes?“ „So gut ſie nur immer konnten, man muß ihnen dieſe Gerechtigkeit widerfahren laſſen, und nie ſind Todte, ſelbſt der Mann der Matrone von Epheſus, der Gegenſtand ſo emſiger Fürſorge geweſen.“ —,.——— — 9 „Und die Spanier haben Euch keinen Beſuch ge⸗ macht in Eurer Gruft?“ „Zwei⸗ oder dreimal hörten wir das Geräuſch ihrer Tritte auf den Stufen der Treppe; als ſie aber dieſe nur von einer einzigen Lampe beleuchtete lange Reihe von Gräbern ſahen, zogen ſie ſich zurück, und ich glaube, wären ſie gekommen, und es hätte uns die Idee erfaßt, den Deckel unſerer Särge auf⸗ zuheben, ſie würden mehr Angſt gehabt haben, als wir.“ „Gut! dies, was drei und ſogar vier betrifft, da ich Dich auf Deinen Beinen und die Rüſtung des Connetable putzend ſehe.“ „Ja, Du erräthſt, nicht wahr? ich galt, Dank ſei es meiner Kenntniß der ſpaniſchen Sprache, für einen Freund der Sieger; ſodann ſchlich ich mich nach dem Zelte von Monſeigneur, ich nahm meine vier⸗ zehn Tage vorher unterbrochene Arbeit wieder auf, und wie ſich Niemand um meinen Abgang bekümmert hatte, ſo hat ſich Niemand um meine Rückkehr be⸗ kümmert.“ „Aber Franz? aber Malemort?“ „Sieh von hier aus den armen Heinrich, der weint, und Du wirſt wiſſen, was aus Franz gewor⸗ den iſt.“ „Wie des Teufels konnte ein ſolcher Rieſe von einem Menſchen getödtet werden?“ fragte Yvonnet mit einem Seufzer; denn man hat wohl nicht ver⸗ geſſen, welche zärtliche Freundſchaft die zwei Deut⸗ ſchen mit dem Jüngſten der Abenteurer verband. „CEi!“ erwiederte Pilletrouſſe,„er iſt auch nicht von einem Menſchen, ſondern von einem eingefleiſch⸗ ten Teufel getödtet werden, den ſie Eiſenbrecher nen⸗ nen,— ein Waffenträger, ein Milchbruder, ein Freund des Herzogs von Savoyen. Der Oheim und der Neffe waren zwanzig Schritte von einander entfernt und vertheidigten, glaube ich, die elfte Breſche. Dieſer Eiſenbrecher, ſonſt Scianca Ferro genannt, band mit dem Neffen an: der arme Franz hatte ſchon ein Zwanzig Mann getödtet; er war ein wenig müde und kam zu ſpät zur Parade; das Schwert ſpaltete ſ einen Helm und hieb ihm den Schädel bis auf die Augen aus⸗ einander! und, man muß es zu ſeinem Lobe ſagen, ſein Schädel war ſo hart, daß der verdammte Eiſen⸗ brecher, wie ſehr er ſich auch anſtrengte, nie ſein Schwert aus der Wunde herauszureißen vermochte. Während er mit aller Heftigkeit arbeitete, um es wieder zu bekommen, bemerkte der Oheim, was vor⸗ ging, und da er ſah, daß er nicht mehr Zeit hatte, um ſeinem Neffen zu Hülfe zu eilen, ſo ſandte er mit aller Gewalt ſeinen Streitkolben ſtatt ſeiner ab: der Kolben traf gerade ans Ziel und drückte, wie es ſcheint, den Küraß, das Fleiſch und ſogar die Rippen ein; doch es war zu ſpät: Franz fiel auf einer Seite und Eiſenbrecher auf der andern; nur fiel Franz, ohne ein Wort zu ſprechen, während Eiſenbrecher fallend Zeit hatte zu ſagen:„„Man thue demjenigen, welcher mir ſeinen Streitkolben an die Rippen ge⸗ ſchleudert hat, nichts zu Leide... Komme ich da⸗ von, ſo wünſche ich die Bekanntſchaft dieſer ſchätzens⸗ werthen Katapult zu cultiviren.““ Und er fiel in Ohnmacht, doch ſein Wille wurde heilig gehalten. Man nahm Heinrich Scharfenſtein lebendig gefan⸗ gen; was nicht ſchwierig war, da er, als er ſeinen 8NSg dS,— — — — 8 8 11 Neffen fallen ſah, auf ihn zuging, ſich auf die Breſche ſetzte, das Schwert aus ſeinem Schädel zog, den Helm von ſeinem Kopfe löſte, und den Kopf des Todten auf ſeinen Schooß legte, ohne ſich um das, was um ihn her vorging, zu bekümmern. Da nun er und ſein Neffe als die Letzten aushielten, ſo hatte der Kampf aufgehört, ſobald der Neffe todt war und der Oheim ſaß: man forderte alſo den armen Mann auf, ſich zu ergeben, und ſagte ihm, es werde ihm nichts zu Leide geſchehen.„„Wird man mich vom Leibe meines Neffen trennen?““ fragte er.„„Nein,““ antwortete man ihm.„„Wohl, dann ergebe ich mich: macht mit mir, was Ihr wollt.““ Und er ergab ſich in der That, ſchloß den Körper von Franz in ſeine Arme, folgte ſeinen Führern bis zum Zelte des Herzogs von Savoyen, wachte bei dem Todten einen Tag und eine Nacht, grub ſein Grab am Ufer des Fluſſes, beerdigte ihn, kam dann, getreu ſeinem Worte, nicht zu fliehen, wieder zurück und nahm den Platz auf der Bank ein, wo Ihr ihn getroffen habt. Nur ſoll er ſeit dem Tode von Franz weder gegeſſen, noch getrunken haben.“ „Armer Heinrich!“ murmelte Yvonnet, während Maldent, mochte er nun ein minder empfindſames Herz haben, oder wollte er es verhindern, daß das Geſpräch in die Clegie gerieth, raſch fragte: „Und Malemort, ich hoffe, daß er diesmal ein ſeiner würdiges Ende genommen hat“ „Nun,“ erwiederte Pilletrouſſe,„gerade hierin täuſcheſt du Dich: Malemort hat zwei neue Wunden bekommen; was ihm mit den alten wohl gezählt ſechs⸗ undzwanzig gibt, und da man ihn für todt und zwar — 12 für ſehr todt hielt, ſo warf man ihn in den Fluß; doch es ſcheint, die Kühle des Waſſers machte, daß el er wieder zu ſich kam, denn als ich die Pferde des K Herrn Connetable an die Somme zur Tränke führte,* ſ hörte ich einen armen Teufel ächzen: ich näherte mich und erkannte Malemort.“ ſe „Der nur auf einen Freund wartete, um in 1 ſeinen Armen zu verſcheiden?“ —„Durchaus nicht! der nur auf eine Schulter war⸗ tete, um ſich darauf zu ſtützen und wieder zum 3 Leben aufzuſteigen, wie unſer Dichter Fracaſſo geſagt d hätte, der Einzige, über den ich Dir keine Auskunft 1 geben kann.“ 8 „Nun wohl,“ ſprach Yvonnet noch ganz ſchauernd, ſ „er hat die Güte gehabt, mir Kunde von ſich zu 4 geben, und zwar in Perſon.“ Und er erzählte, nicht ohne zu erbleichen, ob⸗ 4 ſchon es heller Tag, was ihm in der Nacht vom. 27. auf den 28. Auguſt begegnet war. 1 Er war beim Ende ſeiner Erzählung, als eine große Bewegung verkündigte, die Conferenz, welche unter dem Zelte des Königs von Spanien ſtattgehabt, ſei geſchloſſen. Alle Chefs des ſpaniſchen, des flämiſchen und des engliſchen Heeres kehrten in der That in ihre Wohnungen zurück, wobei ſie wie Menſchen, welche Eile haben, die Befehle, die ſie erhalten, zu beför⸗ dern, die Soldaten von ihrer Armee oder die Leute 3 von ihrem Hauſe, denen ſie auf ihrem Wege begeg⸗ neten, zu ſich riefen; Alle ſchienen ziemlich übler Laune zu ſein. Nach einem Augenblicke erſchien Emanuel Philibert 13 ebenfalls; er trat wie die Andern aus dem Zelte des Königs von Spanien hervor; nur ſchien er noch ſchlimmerer Laune zu ſein als die Andern. „Gastano,“ rief er ſeinem Haushofmeiſter zu, ſobald er ihn von fern erblickte,„gib Befehl, daß man die Zelte zuſammenlegt, die Bagage aufpackt und die Pferde ſattelt.“ Dieſer Auftrag bezeichnete einen Abgang, ließ aber unſere Abenteurer in völliger Ungewißheit über den Weg, dem man folgen würde. Aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach war Paris bedroht; doch auf welcher Straße würde das feindliche Heer gegen Paris mar⸗ ſchiren? würde es ſeine Richtung über Ham, Noyon und durch die Picardie, der Somme folgend, nehmen, oder durch Laon, Soiſſons und die Ile⸗de⸗France, oder endlich durch Chalons und die Champagne? Dieſe drei Wege boten, wie man weiß,— abgeſehen von einigen in Laon um den Herzog von Nevers gruppirten Truppen und den Feſtungen Ham und la Fère, die man leicht umgehen konnte,— dem ſpaniſchen Heere kein Hinderniß. Zu wiſſen, welcher von dieſen drei Straßen das ſpaniſche Heer folgen würde, das war die Haupt⸗ ſache für Yvonnet. Pilletrouſſe begriff die Dringlichkeit der Lage; er ergriff den, ungefähr zu zwei Dritteln leeren, Wein⸗ krug, trank aus dem Kruge ſelbſt, um keine Zeit zu verlieren, und leerte ihn ſo vollends; dann lief er nach dem Zelte des Connetable, in der Hoffnung, dort etwas Neues zu erfahren. Unter dem Vorwande, ihren Eſel aus dem Ge⸗ tümmel zu ziehen, bei welchem er als zu den Laſt⸗ 14 thieren vom Heere des Prinzen gehörend betrachtet werden konnte, kehrten der falſche Bauer und die falſche Bäuerin in den Hof zurück und warteten,— wobei Maldent Cadet beim Zaume hielt und Ywonnet, einen Fuß in jedem Korbe, rittlings auf ſeinem Pack⸗ ſattel ſaß,— daß ſie eine Indiscretion der Dienſt⸗ boten über das belehre, was ſie wiſſen wollten. Die Indiscretion ließ nicht auf ſich warten. Gastano kam ganz verſtört heraus, um den Maulthiertreibern und den Stallknechten den Befehl zu eröffnen, den er erhalten; als er den Bauern und ſeine Tochter erblickte, ſagte er: „Ah! Ihr ſeid noch da, meine wackern Leute?“ „Ja,“ antwortete Ywonnette, die Einzige, von der man glaubte, ſie verſtehe das Franzöſiſche,„mein Vater wartet, um zu erfahren, wohin er nun ſeine Gemüſe bringen ſoll.“ „Ohl er findet gute Kundſchaft, wie es ſcheint! Nun, er komme nach Catelet, das wir belagern werden.“ „Ich danke, mein Junge! nur wird das für den Langohr zu zappeln geben; doch gleichviel, man wird dennoch nach Catelet gehen,“ ſagte der Bauer in ſeinem picardiſchen Patois. „Nach Catelet!“ wiederholte YDoonnet halblaut; „alle Tenfel! ſie wenden Paris den Rücken zu! Da habe ich König Heinrich II. eine reiche Kunde zu überbringen!“ Fünf Minuten nachher erreichten die zwei Aben⸗ teurer, mit Hülfe der Chauſſée, das linke Ufer der Somme; eine Stunde ſpäter galoppirte Yvonnet, 15 befreit von ſeinem Bäuerinrocke und in dem uns be⸗ kannten Coſtume, auf der Straße nach la Fore. Um drei Uhr traf er im Schloſſe von Compiègne ſeine Toque ſchwingend ein und rief: „Gute Kunde, reiche Kunde! Paris iſt gerettet!“ XXV. Gott beſchutzt Frankreich. In der That, ſobald Philipp II. und Emanuel Philibert nicht unmittelbar gegen Paris marſchirten, war Paris gerettet. Wie war ein ſolcher Fehler begangen worden? In Folge des unſchlüſſigen, argwöhniſchen Charakters des Königs von Spanien, oder vielmehr durch eine Wirkung der beſondern Gunſt, welche in den äußer⸗ ſten Lagen Gott Frankreich immer gewährt. Man erinnert ſich jenes Briefes, den König Philipp II. in dem Augenblicke in der Hand hielt, wo Don Luis de Vargas, Secretär des Herzogs von Alba, vor Rom ankam. Dieſer Brief war vom Biſchof von Arras, einem der Räthe von Philipp II., zu welchem dieſer, ſo wenig vertrauende, Fürſt das größte Vertrauen hegte. Philipp II. hatte ihm einen Courier zugeſandt, um ſich bei ihm über das Raths zu erholen, was er nach der St. Laurent⸗Schlacht zu thun habe, ſo wie über das, was nach der Einnahme von Saint⸗Quen⸗ tin zu thun wäre, wenn Saint⸗Quentin, wie dies wahrſcheinlich, in die Hände der Spanier fiele. Der Biſchof hatte, wie man dies erwarten mußte, als 16 ein Mann der Kirche, und nicht als Soldat geant⸗ wortet. 3 Der Cardinal Granvella hat uns, in der Samm⸗ lung ſeiner Staatspapiere, dieſen Brief aufbewahrt, der von ſo großem Gewichte in den Geſchicken Frank⸗ reichs war. Wir beſchränken uns darauf, daß wir folgende Stelle daraus ausziehen, und dieſe Stelle war es, welche Philipp II. mit ſo tiefer Aufmerkſamkeit las, als Don Luis de Vargas eintrat.. „Es wäre nicht klug, etwas gegen die Franzoſen während des übrigen Jahres zu verſuchen, da ſich die Jahreszeit ſowohl, als die Natur des Landes dieſem widerſetzen: es hieße die ſchon erlangten Vor⸗ theile und den Ruf der ſpaniſchen Waffen gefährden. Das Beſte wäre, den Feind dadurch zu beunruhigen, daß man ſein Gebiet jenſeits der Somme einäſchern und verwüſten würde.“ Es war alſo der Rath des Biſchofs von Arras, daß, trotz des doppelten Sieges der St. Laurent⸗ Schlacht und der Einnahme von Saint⸗Quentin der König von Spanien nicht weiter im Herzen Spaniens vordringe. Wenn auch dunkler in den Augen der Andern, war darum der Rath des Herzogs von Alba nicht minder klar in den Augen von Philipp II. „Sire, erinnert Euch des Tarquinius, wie er mit ſeinem Stabe die höchſten Mohnköpfe ſeines Gartens abſchlägt.“ Dies war der Rath des Miniſter⸗Feldherrn, deſſen finſterer Geiſt ſo gut mit dem entſetzlichen Tempera⸗ mente des Nachfolgers von Karl V. harmonirte, daß 17 der himmliſche Zorn Philipp II. für den Herzog von Alba und den Herzog von Alba für Philipp II. ge⸗ macht zu haben ſchien. War nun der Mohn, deſſen Kopf ſich ſo raſch erhob, nicht Emanuel Philibert? Allerdings, wenn er ſo raſch wuchs, ſo wuchs er auf den Schlachtfeldern, und der Ruhm begoß ſein Glück; doch je größer das Blendwerk war, das ſich mit der Perſon des Prinzen von Savoyen ver⸗ band, deſto mehr war dieſes Blendwerk zu fürchten. Marſchirte man, nachdem man in der St. Lau⸗ rent⸗Schlacht den Sieg davon getragen, nachdem man Saint⸗Quentin eingenommen, gegen Paris, und Paris fiele ebenfalls in die Hände von Emanuel Philibert, welche Belohnung wäre dann würdig eines ſolchen Dienſtes? wäre es genug, dem Sohne des Herzogs Karl die Staaten zurückzugeben, die ihm genommen worden? Lag es überdies im Intereſſe von Philipp II., der einen Theil davon vorenthielt, ſie ihm zurückzu⸗ geben? Hätte man ihm einmal Piemont wiederge⸗ geben, wer verſicherte, er werde nicht das Mailäͤn⸗ diſche Gebiet nehmen, und nach dem Maliländiſchen das Königreich Neapel?— dieſe zwei Beſitzungen der Krone von Spanien in Italien, welche ſchon, durch den doppelten Anſpruch, den Frankreich auf dieſelben hatte, Ludwig XII. und Franz I. ſo viel Blut gekoſtet, ohne daß ſie hatten, wir ſagen nicht ſie nehmen, aber ſie erhalten können. Warum hatten ſie weder Ludwig XII., noch Franz I., der Eine nach⸗ dem er Neapel, der Andere nachdem er Mailand genommen, zu erhalten vermocht? Weil weder der Dumas, der Page. III. 2 18 Eine, noch der Andere Wurzeln in Italien hatten; weil ſie genöthigt waren, alle ihre Hülfstruppen, jeden Succurs, deſſen ſie bedurften, von jenſeits der Berge herbeizuziehen.— Wäre es aber ebenſo bei einem Fürſten, der ſich im Gegentheile auf den öſt⸗ lichen Abhang der Alpen ſtützen würde und dieſelbe Sprache wie die Mailänder und die Neapolitaner ſpräche? Wäre dieſer Mann, ſtatt für Italien ein Eroberer zu ſein, nicht ein Befreier für daſſelbe? Das war das gigantiſche Geſpenſt, das ſich, dem Rieſen vom Stürmecap ähnlich, zwiſchen Saint⸗ Quentin und Paris erhoben hatte. Dem zu Folge hatte gegen die allgemeine Anſicht, und beſonders gegen die von Emanuel Philibert, welcher darauf drang, daß man unmittelbar gegen die Hauptſtadt marſchire, ohne Heinrich II. Zeit zum Athemholen zu laſſen, Philipp erklärt, die ſiegreiche Armee werde keinen Schritt mehr vorwärts thun, und man werde ſich für dieſen Feldzug darauf be⸗ ſchränken, daß man Catelet, Ham und Chauny be⸗ lagere, während man die Mauern von Saint⸗Quentin wieder aufbaue und aus dieſer Stadt das Bollwerk der Eroberungen des ſpaniſchen Heeres mache. Dieſe Kunde,— nicht in allen ihren Einzelheiten, aber in allen ihren Wahrſcheinlichkeiten,— über⸗ brachte Yvonnet dem König Heinrich, und ſie ver⸗ anlaßte ihn, mit ſo viel Dreiſtigkeit auszurufen: „Paris iſt gerettet!“ Bei dieſer Kunde, an welche Heinrich nicht glau⸗ ben konnte, kreuzten ſich neue Befehle in allen Rich⸗ tungen, von Compiègne nach Laon, von Laon nach Paris, von Paris nach den Alpen. alle Wa Laor Kön tigu tone ſend führ Maꝛ gew itali und Heitn Noy volle ſich den hobe nier den tin ſtatt gab dieſe hen; ihne 49 Eine Ordonnanz wurde erlaſſen des Inhalts, daß alle Soldaten, Edelleute und Andere, welche die Waffen getragen oder ſie tragen können, ſich nach Laon zu Herrn von Nevers, Generallieutenant des Königs, zurückzuziehen haben, bei körperlicher Züch⸗ tigung und bei Verluſt des Adels. Dandelot erhielt Befehl, nach den kleinen Can⸗ tonen abzureiſen und die Anwerbung von viertau⸗ ſend Schweizern, die man beſchloſſen, zu beſchleunigen. Zwei deutſche Oberſten, Rockrod und Reiffenberg, führten durch Elſaß und Lothringen viertauſend Mann herbei, die ſie an den Ufern des Rheins an⸗ geworben. Man wußte, daß achttauſend Mann von der italieniſchen Armee über die Alpen zurückpaſſirt waren und in Eilmärſchen ankamen. Zu gleicher Zeit,— und als ſollte hiedurch Heinrich, der, obſchon der Feind eine Spitze bis Noyon gemacht, Compisgne nicht verlaſſen hatte, vollends beruhigt werden,— erfuhr man, es haben ſich ernſte Zwiſtigkeiten zwiſchen den Engländern und den Spaniern bei der Belagerung von Catelet er⸗ hoben. Verletzt durch die hoffärtigen Manieren der Spa⸗ nier, die ſich alle Ehre der St. Laurent⸗Schlacht und den ganzen Erfolg der Belagerung von Saint⸗Quen⸗ tin zuſchrieben, verlangten die Engländer abzuziehen; ſtatt die zwei Völker zu vereinigen und zu verſöhnen, gab Philipp II., in ſeiner Vorliebe für die Spanier, dieſen Recht und erlaubte den Engländern, abzuzie⸗ hen; was ſie noch an demſelben Tage thaten, wo ihnen die Erlaubniß hiezu ertheilt wurde. Acht 20 Tage nachher lehnten ſich auch die Deutſchen auf, verletzt dadurch, daß Emanuel Philibert und Philipp II. ſich allein das Löſegeld der Gefangenen von Saint⸗ Quentin zu Nutze gemacht. In Folge dieſes Strei⸗ tes deſertirten dreitauſend Deutſche von der ſpaniſchen Armee und gingen, unmittelbar vom Herzog von Nevers angeworben, vom Dienſte des Königs von Spanien in den des Königs von Frankreich über. Der Sammelplatz aller dieſer Truppen war die Stadt Compiègne; der Herzog von Nevers ließ die Stadt mit außerordentlicher Sorgfalt befeſtigen und unter ihren Kanonen ein ſo geräumiges Lager ab⸗ ſtechen, daß es hunderttauſend Mann faſſen konnte. In den letzten Tagen des Monats September verbreitete ſich plötzlich das Gerücht in Paris, der Herzog Franz von Guiſe ſei mit Poſt von Italien angekommen. Eine prächtige Cavalcade, angeführt vom Herzog ſelbſt, der den Herrn Cardinal von Lothringen zu ſeiner Rechten, Herrn von Nemours zu ſeiner Linken und zweihundert Edelleute in ſeinen Farben hinter ſich hatte, kam am andern Tage aus dem Hotel Guiſe hervor, zog über die Boulevards, kehrte über die Quais und am Stadthauſe vorbei zurück, und erregte die Begeiſterung der Pariſer, welche glaubten, ſie haben nichts mehr zu befürchten, da ihr vielge⸗ liebter Herzog wieder da ſei. An demſelben Abend proclamirte man bei Trom⸗ petenſchall auf allen Kreuzwegen von Paris, der Herr Herzog Franz von Guiſe ſei zum General⸗ Statthalter des Königreichs ernannt worden. Vielleicht war dies von König Heinrich II. ein 21 bedenkliches Vergeſſen der Ermahnung, die ihm ſein Vater auf dem Sterbebette gegeben, es möge ſein erſter Grundſatz ſein, das Haus Guiſe nicht zu hoch zu erheben; doch die Lage war eine extreme, und dieſer weiſe Rath wurde vernachläſſigt. Am folgenden Tage, am 29. September, ging der Herzog nach Compiègne ab, und an demſelben Tage begann er die Ausübung der ihm übertragenen Charge dadurch, daß er die wie durch ein Wunder im verſchanzten Lager verſammelten Truppen muſterte. Am 10. Auguſt Abends waren vielleicht im gan⸗ zen Königreiche,— die Garniſon der Städte mit⸗ begriffen,— nicht mehr zehntauſend waffenfähige Mann übrig; und dabei waren dieſe zehntauſend Mann noch ſo entmuthigt, daß, diejenigen, welche im Felde ſtanden, zu fliehen, diejenigen, welche die Städte beſetzt hielten, ihre Thore zu öffnen bereit;— am 30. September hielt der Herzog von Guiſe Mu⸗ ſterung über eine Armee von ungefähr fünfzigtauſend Mann, das heißt um ein Drittel ſtärker, als es die Armee des Königs von Spanien ſeit ſeinem Bruche mit den Engländern und ſeiner Trennung von den Deutſchen war. Dieſe Armee war ſchön, voll Be⸗ geiſterung, und verlangte mit lauter Stimme gegen den Feind zu marſchiren. Ein glückliches Land, das Land, wo man nur mit dem Fuße, im Namen der Monarchie oder im Namen der Nation, auf den Boden zu ſtampfen braucht, um Heere daraus hervorſpringen zu machen. Am 26. October endlich erfuhr man, König Philipp habe, den Feldzug als beendigt betrachtend, gefolgt vom Herzog von Savoyen und dem ganzen 22 Hofe, Cambray verlaſſen, um nach Brüſſel zurückzu⸗ kehren. Da konnte Jeder ſagen, nicht nur wie Nvonnet bei ſeinem Eintritte in den Hof des Schloſſes von Compiègne geſagt hatte:„Reiche Kunde! Paris iſt gerettet!“ ſondern auch:„Reiche Kunde! Frankreich iſt gerettet!“ ückzu⸗ onnet 8 von is iſt kreich — Yritte Abtheilung. J. Eine Erinnerung und ein Verſprechen. Ein Jahr war verlaufen, ſeitdem König Philipp II. dadurch, daß er ſich von Cambray nach Brüſſel zu⸗ rückgezogen und den Feldzug von 1557 für beendigt erklärt, gemacht hatte, daß aus dem Munde von fünfundzwanzig Millionen Menſchen der Freuden⸗ ſchrei:„Frankreich iſt gerettet,“ erſchollen war. Wir haben geſagt, welche elenden Erwägungen ihn, aller Wahrſcheinlichkeit nach, abgehalten, ſeine Eroberungen zu verfolgen; alsbald werden wir am Hofe von Heinrich II. ein unſeliges Seitenſtück zu dieſem egoiſtiſchen Beſchluſſe finden, durch den, wie wir geſehen, Emanuel Philibert ſo tief betrübt wor⸗ den war. Der Verdruß, der den Herzog von Savoyen er⸗ füllte, da er ſich ſo am rechten Ufer der Somme aufgehalten ſah, war um ſo größer, als es ihm nicht ſchwer wurde, die Urſache dieſes ſeltſamen Be⸗ ſchluſſes zu vermuthen, der für einige moderne Ge⸗ 24 ſchichtsſchreiber ebenſo unerklärlich geblieben iſt, als es für die Hiſtoriker des Alterthums der berüchtigte Halt Hannibals in Capua war. Es gingen indeſſen große Ereigniſſe, mit denen wir den Leſer bekannt zu machen genöthigt ſind, während dieſes Jahres in Erfüllung. Das wichtigſte von dieſen Ereigniſſen war un⸗ ſtreitig das, daß Calais den Engländern durch den Herzog Franz von Guiſe wieder genommen wurde. Nach der verhängnißvollen Schlacht bei Crécy, welche Frankreich ſeinem Untergange ſo nahe gebracht, als das Mißgeſchick von Saint⸗Quentin, hatte Eduard III. Calais zu Waſſer und zu Land angegriffen: zu Waſſer mit einer Flotte von achtzig Segeln, und zu Land mit einem Heere von dreißigtauſend Mann. Obgleich von einer durchaus nicht zahlreichen Garni⸗ ſon vertheidigt, aber unter die Befehle von Jean de Vienne, einem der bravſten Feldherren ſeiner Zeit, geſtellt, hatte ſich Calais erſt nach einer einjährigen Belagerung und nachdem ſeine Einwohner das letzte Stück Leder gegeſſen, das ſich in der Stadt fand, ergeben. Seit jener Zeit, das heißt ſeit zweihundert und zehn Jahren, hatten ſich die Engländer, wie ſie es heute mit Gibraltar thun, nur damit beſchäftigt, Calais uneinnehmbar zu machen, und ſie glaubten, es ſei ihnen dies ſo ſehr geglückt, daß ſie gegen das Ende des vorhergehenden Jahrhunderts über das Hauptthor der Stadt eine Inſchrift hatten ein⸗ graben laſſen, die ſich durch folgende vier Verſe über⸗ ſetzen ließ: , als htigte denen ſind, r un⸗ h den zurde. velche , als d III. : zu id zu kann. arni⸗ in de Zeit, rigen letzte fand, und te es ftigt, bten, gegen über ein⸗ über⸗ 25 Calais, après trois cent quatre-vingts jours de siège, Fut, sur Valois vaincu, prise par les Anglais. Quand le plomb nagera sur l'eau comme le liége, Le Valois reprendront sur les Anglais Calais*)! Dieſe Stadt nun, bei der die Engländer drei⸗ hundert und achtzig Tage gebraucht hatten, um ſie Philipp von Valois zu nehmen, welche die Nachfol⸗ ger des Siegers von Caſſel, des Beſiegten von Crécy nur wiedererobern ſollten, wenn das Blei wie Kork⸗ holz auf dem Waſſer ſchwimmen würde, nahm der Herzog von Guiſe,— nicht durch eine regelmäßige Belagerung, ſondern durch eine Art von Handſtreich, — in acht Tagen. Nach Calais nahm der Herzog von Guiſe wieder Guines und Ham, während der Herzog von Nevers Herbeumant eroberte; und an dieſen vier Plätzen, Calais mitbegriffen, hatten die Engländer und die Spanier dreihundert metallene Kanonen und zwei⸗ hundert eiſerne Kanonen gelaſſen. Wenn wir von allen dieſen Tapferen ſprechen, die mit ihren beſten Kräften kämpften, um die Nie⸗ derlagen des vorhergehenden Jahres wieder gut zu *) Calais wurde, nach einer Belagerung von drei⸗ hundert und achtzig Tagen, dem beſiegten Valois von den Engländern genommen. Wenn das Blei auf dem Waſſer wie Korkholz ſchwimmt, dann werden die Valvis den Engländern Calais wie⸗ dernehmen. 26 machen, werden ſich vielleicht unſere Leſer wundern, war daß ſie nicht, wir ſagen nicht die Namen des Con⸗ ſchn netable und von Coligny,— bekanntlich waren Beide und minder ruhmwürdig, nicht minder franzöſiſch beſon⸗ ſem nack Der Name von Dandelot war in der That der Gefangene,— ſondern den von Dandelot, der nicht ders, nicht ausſprechen hören. einzige, welcher den des Herzogs von Guiſe, an Genie und Muth mit dem ſeinigen rivaliſirend, verdunkeln konnte. Das hatte der Cardinal von Lothringen begriffen, er, der ſo ſehr für das, in dieſem Augenblicke ganz auf in d dem Haupte ſeines Bruders beruhende, Glück ſeiner Familie beſorgt war, daß er zu Allem, ſogar zu einem ten Verbrechen fähig, um einen Mann zu beſeitigen, der dieſem Glücke ein Hinderniß entgegenſetzen konnte. Die Freundſchaft des Königs und die Dankbar⸗ keit Frankreichs mit dem Herzog von Guiſe theilen hieß aber, nach der Meinung des Cardinals von Lothringen, ein Hinderniß dem Glücke des ſtolzen Hauſes entgegenſetzen, deſſen Repräſentanten bald bene, Glück einſtürzen gemacht. Als der Connetable und der Admiral gefangen waren, beunruhigte alſo, wie geſagt, ein einziger Mann den Cardinal von Lothringen: dieſer Mann gefa Brie päp vins rere der dieſe Anſe Uebe zu e Jahr darauf Anſpruch machen ſollten, gleichen Rang mit Dah den Königen von Frankreich zu haben, und die ſich vielleicht nicht einmal mit dieſer Gleichheit würden begnügt haben, hätte nicht dreißig Jahre ſpäter Heinrich III. unter dem Dolche der Fünf und Vierzig dieſes, unkluger Weiſe von Heinrich II. emporgeho⸗ undern, s Con⸗ Beide er nicht beſon⸗ Hat der Genie unkeln griffen, war Dandelot; von da an ſollte Dandelot ver⸗ ſchwinden. Dandelot gehörte der reformirten Religion an, und da er ſeinen noch ſchwankenden Bruder zu die⸗ ſem Glauben hinüberziehen wollte, ſo ſandte er ihm nach Antwerpen, wo ihn der König von Spanien gefangen hielt, einige Genfer Bücher mit einem Briefe zu, in welchem er in ihn drang, daß er die päpſtliche Ketzerei verlaſſe und ſich dem Lichte Cal⸗ vins zuwende. Dieſer Brief von Dandelot fiel unglücklicher Weiſe nz auf in die Hände des Cardinals von Lothringen. ſeiner Das war die Zeit, wo Heinrich II. mit der größ⸗ einem ten Strenge gegen die Proteſtanten verfuhr. Meh⸗ itigen, rere Male ſchon hatte man ihm Dandelot als von onnte. nkbar⸗ heilen der Ketzerei angeſteckt denuncirt; er hatte aber an dieſe Anſchuldigung nicht geglaubt, oder ſich den Anſchein gegeben, als glaubte er nicht daran, ſo viel 3 von Ueberwindung koſtete es ihm, von ſich einen Mann tolzen zu entfernen, der in ſeinem Hauſe von ſeinem achten bald g mit ie ſich ürden ſpäter ierzig geho⸗ ungen ziger Nann Jahre an erzogen worden war und durch ſo große und reelle Dienſte die Freundſchaft, die ſein König für ihn hegte, bezahlt hatte. Doch bei dieſem Beweiſe von Ketzerei war es nicht mehr möglich, ſich zu ſtellen, als zweifelte man. Heinrich erklärte indeſſen, in dieſem Punkte ſei kein Beweis, und wäre es die Handſchrift von Dan⸗ delot, überzeugend für ihn, und er werde es einzig und allein auf die Bekenntniſſe des Angeklagten an⸗ kommen laſſen. Dem zu Folge beſchloß er, in Gegenwart des 28 ganzen Hofes Dandelot über ſeinen neuen Glauben zu befragen.. Da er ihn aber nicht durch Ueberfall fangen wollte, ſo erſuchte er den Cardinal von Chatillon, ſeinen Bruder, und Franz von Montmorency, ſeinen Vetter, Dandelot in das Luſthaus der Königin, das er damals bei Meaux bewohnte, kommen zu laſſen und ihn zu ſtimmen, daß er auf eine Art antworte, um ſich öffentlich zu rechtfertigen. Dandelot wurde alſo durch Franz von Montmo⸗ rency und den Cardinal von Chatillon eingeladen, ſich nach Monceaux zu begeben,— dies war der Name des Landhauſes der Königin,— und ſeine Vertheidigung vorzubereiten, wenn er es nicht unter ſeiner Würde erachte, ſich zu vertheidigen. Der König war bei der Mittagstafel, als man ihm meldete, Dandelot ſei angekommen. Heinrich II. empfing ihn vortrefflich und fing damit an, daß er ihm verſicherte, nie werde er die ausgezeichneten Dienſte vergeſſen, die er ihm geleiſtet; hienach die Frage der Gerüchte, welche über ihn im Umlauf waren, in Angriff nehmend, ſagte der König Dandelot, er ſei beſchuldigt, er denke nicht nur, ſon⸗ dern er ſpreche ſogar ſchlecht von den heiligen My⸗ ſterien unſerer Religion; endlich aber ſeinen Gedan⸗ ken ſchärfer zuſammenfaſſend, fügte er bei: „Dandelot, ich befehle Euch, hier Eure Meinung über das heilige Opfer der Meſſe auszuſprechen.“ Dandelot wußte zum Voraus, welchen Schmerz er dem König bereiten würde, und da er für Heinrich eine große Ehrfurcht und zugleich eine tiefe Freund⸗ ſchaft hegte, ſo erwiederte er in Demuth: 1 ſo tit auf vor möge Stär 3 zurüc zu ar G Frag hafte dener ich b und zwing die Herrn nicht, Folge daß Herrn ſonde ſchen 2 ſtreng die m der K Zorne C lauben fangen ktillon, ſeinen 1, das laſſen worte, ntmo⸗ laden, r der ſeine unter man ſing er die eiſtet; in im 29 „Sire, könntet Ihr es nicht einem ſeinem König ſo tief ergebenen Manne, wie ich es bin, erlaſſen, auf eine Frage des reinen Glaubens zu antworten, vor der Ihr, ſo groß und mächtig Ihr auch ſein möget, doch nur ein Menſch von der Größe und der Stäͤrke der andern Menſchen ſeid?“ Heinrich II. war aber nicht ſo weit gegangen, um zurückzuweichen; er befahl alſo Dandelot, kategoriſch zu antworten. Da er nun ſah, daß es unmöglich war, der Frage auszuweichen, ſo erwiederte Dandelot: „Sire, durchdrungen von den Gefühlen der leb⸗ hafteſten Dankbarkeit, für alle die Wohlthaten, mit denen mich zu überhäufen Eure Majeſtät geruht hat, bin ich bereit, für Euren Dienſt mein Leben preiszugeben und mein Vermögen zu opfern; da Ihr mich aber zwingt, Euch dieſes Geſtändniß zu machen, Sire: die Religion anlangend, erkenne ich keinen andern Herrn als Gott, und mein Gewiſſen erlaubt mir nicht, Euch meine Gefühle zu verhehlen. Dem zu Folge, Sire, ſcheue ich mich nicht, laut zu erklären, daß die Meſſe nicht nur eine weder von Unſerem Herrn Jeſus, noch von ſeinen Apoſteln gebotene Sache ſondern ſogar eine abſcheuliche Erfindung der Men⸗ ſchen iſt.“ Bei dieſer entſetzlichen Blasphemie, welche die ſtrengen Hugenotten als eine Wahrheit betrachteten, die man nicht laut genug zu bekennen vermöge, bebte der König vor Erſtaunen, und vom Erſtaunen zum Zorne übergehend, rief er: „Dandelot! bis jetzt habe ich Euch gegen diejeni⸗ gen, welche Euch angriffen, vertheidigt: doch nach 30 einer ſo ſchändlichen Ketzerei befehle ich Euch, aus meinem Angeſichte zu gehen, und erkläre Euch, daß ich Euch, wäret Ihr nicht gewiſſer Maßen mein Zögling, meinen Degen durch den Leib rennen würde.“ Dandelot blieb vollkommen ruhig, verbeugte ſich ehrerbietig, ohne auf dieſe furchtbare Apoſtrophe des Königs zu antworten, und ging ab. Heinrich II. hatte aber nicht dieſelbe Kaltblütig⸗ keit bewahrt. Kaum war der Thürvorhang des Speiſeſaals wieder hinter Dandelot niedergefallen, als er ſeinem Obergarderobemeiſter la Bordaiſière befahl, den Schuldigen ſogleich zu verhaften und gefangen nach Meaux zu führen. Der Befehl wurde vollzogen; doch das genügte dem Cardinal von Lothringen nicht; er verlangte, daß die Stelle des Generaloberſten der franzöſiſchen Infanterie, mit der Dandelot betraut war, ihm ge⸗ nommen und Blaiſe von Montlue gegeben werde, welcher dem Hauſe Guiſe ganz ergeben, da er Page von René II. Herzog von Lothringen geweſen. Dies war der Lohn von Dandelot für die unge⸗ heuren Dienſte, welche er dem König geleiſtet, und die der König nie zu vergeſſen verſprochen hatte. Man weiß, welcher Lohn ſpäter ſeinen Bruder den Admiral Coligny erwartete. Darum wurde der Name von Dandelot nie ge⸗ nannt unter allen dieſen Namen, welche jeden Augen⸗ blick glänzend, beleuchtet durch den Schimmer eines Sieges, hervortraten. Emanuel Philibert war ſeinerſeits nicht unthätig gebli Anſt Tern wonn die. ſie n denen geſag ſich e und, Griff reich Ather Phili 2 ſon d tauſer Fluſſ Tod an ei eine T verſch und ſ beſtan zehnte deutſe in So mitthe h, aus ch, daß n mein rennen gte ſich ohe des tblütig⸗ ig des efallen, daiſière n und genügte langte, öſiſchen hm ge⸗ werde, Page 1 unge⸗ , und tte. Bruder nie ge⸗ lugen⸗ eines thätig 31 geblieben, und er hatte kräftig gegen dieſe äußerſte Anſtrengung Frankreichs gekämpft. Die Schlacht von Gravelines, dem Marſchall von Termes durch den Grafen Lamoral von Egmont abge⸗ wonnen, war einer von den Tagen, den Frankreich unter die Zahl ſeiner Unglückstage einſchreiben mußte. Sodann, wie bei den Einzelkämpfen, wo, nachdem ſie mit gleichen Waffen geſtritten, zwei Gegner, von denen der Eine des Andern würdig, ohne ſich etwas geſagt zu haben, aber von einer gleichen Anſtrengung ſich erſchöpft fühlend, einen Schritt rückwärts machen und, ohne ſich aus dem Blicke zu verlieren, auf den Griff ihres Degens geſtützt ausruhen, ſchöpften Frank⸗ reich und Spanien, Guiſe und Emanuel Philibert Athem: der Herzog von Guiſe in Thionville, Emanuel Philibert in Brüſſel.. Was Philipp II. betrifft, er commandirte in Per⸗ ſon das Niederländiſche Heer, das, fünfunddreißig tauſend Mann und vierzehntauſend Pferde ſtark am Fluſſe Anthée gelagert war.— Hier erfuhr er den Tod der Königin von England, ſeiner Frau; ſie war an einer Waſſerſucht geſtorben, die ſie hartnäckig für eine Schwangerſchaft gehalten hatte. Die Hauptarmee Frankreichs lag hinter der Somme verſchanzt und verhielt ſich, wie das ſpaniſche Heer und ſeine Führer, für den Augenblick unthätig. Sie beſtand, außer ſechzehntauſend Franzoſen, aus acht⸗ zehntauſend deutſchen Reitern, ſechsundzwanzigtauſend deutſchen Fußgängern und ſechstauſend Schweizern; in Schlachtordnung aufgeſtellt,— wie uns Montluc mittheilt,— nahm ſie ein Terrain von anderthalb 32 Meilen ein, und man brauchte drei Stunden, um die Runde darum zu machen. Karl V. endlich war, wie wir in der erſten Ab⸗ theilung dieſes Werkes erwähnt haben, am 21. Sep⸗ tember 1558 im Kloſter Saint⸗Juſt, in den Armen des Erzbiſchofs von Toledo, geſtorben. Und da die Ereigniſſe der Erde nur eine Ver⸗ kettung von Contraſten ſind, ſo hatte die fünfzehn Jahre alte Königin Maria Stuart den ſiebzehnjäh⸗ rigen Dauphin Franz geheirathet. So ſtanden die politiſchen und Privatangelegen⸗ heiten Frankreichs, Spaniens, Englands und folglich der Welt, als an einem Morgen des Monats October 1558 Emanuel,— während er in jene Trauer gekleidet, von der Hamlet ſpricht, welche Trauer ſich von den Klei⸗ dern auf das Herz ausdehnt, einige militäriſche Be⸗ fehle Scianca Ferro gab, der ganz von ſeinen Wun⸗ den geheilt war, und ſich anſchickte, ihn als Courier an König Philipp abzuſenden,— in ſein Cabinet Leona eintreten ſah, Leona immer ſchön und lächelnd in ihrer gewöhnlichen Tracht, aber unfähig, eine unter ihrem Lächeln durchdringende tiefe Tinte von Schwer⸗ muth zu verbergen. Unter dem furchtbaren franzöſiſchen Feldzuge, der im vorhergehenden Jahre in Erfüllung gegangen war, haben wir Leona verſchwinden ſehen. In der That, um ſie nicht den Strapazen der Lager, der Schlachten und der Belagerungen auszuſetzen, hatte Emanuel Philibert verlangt, daß ſie in Cambray bleibe; ſodann, nachdem der Feldzug beendigt war, hatten ſich die zwei Liebenden mit einem größeren Glücke, mit einer tieferen Liebe als je wiedergefunden, und da, ſ Eman Oper genor verla ( Herze Eman Schw des 9 ] der I Eintri im Co ſchöne heimn bietige tauſch ihm( indem geräuf Er Le Lehnſt⸗ werden Ihre von ei „2 Kind? Dum , um in Ab⸗ .Sep⸗ Armen Ver⸗ nfzehn hnjäh⸗ legen⸗ olglich ctober leidet, Klei⸗ e Be⸗ Wun⸗ ourier abinet chelnd unter hwer⸗ e, der ingen n der „der hatte ibray war, lücke, und 33 da, ſei es aus Midigkeit, ſei es aus Widerwillen, Emanuel Philibert am Feldzuge von 1558, deſſen Operationen er von Brüſſel aus geleitet, wenig Theil genommen, ſo hatten ſich die Liebenden nicht mehr verlaſſen. Gewohnt, ſelbſt die geheimſten Gedanken des Herzens von Leona auf ihrem Geſichte zu leſen, war Emanuel Philibert betroffen von dieſer Tinte von Schwermuth, welche das beinahe gezwungene Lächeln des Mädchens verſchleierte. Minder geſchickt als ſein Freund in Ergründung der Myſterien des Herzens, ſah Scianca Ferro im Eintritte von Leona nur ihre tägliche Erſcheinung im Cabinet des Prinzen, und nachdem er mit dem ſchönen Pagen,— deſſen Geſchlecht längſt kein Ge⸗ heimniß mehr für ihn war,— einen halb ehrer⸗ bietigen, halb freundſchaftlichen Händedruck ausge⸗ tauſcht, nahm er die bereit gehaltene Depeche, die ihm Emanuel Philibert übergab, und entfernte ſich, indem er ſorglos ein picardiſches Lied trällerte und geräuſchvoll ſeine Sporen klirren ließ. Emanuel Philibert folgte ihm mit den Augen bis zur Thüre, und als der junge Mann verſchwun⸗ den war, richtete er ſeinen beſorgten Blick wieder auf Leona. Leona lächelte immer; ſie ſtand da auf einen Lehnſtuhl geſtützt, als ob ohne Stütze ihre ſchwach werdenden Beine ſich geweigert hätten, ſie zu tragen. Ihre Wangen waren bleich, und ihr Auge glänzte von einer letzten ſchlecht getrockneten Thräne. „Was hat denn dieſen Morgen mein geliebtes Kind?“ fragte Emanuel Philibert mit jenem Tone Dumas, der Page. III. 3 34 zärtlicher Vaterſchaft, den der Liebe der Uebergang, beim Manne, von der Jugend zum männlichen Alter ibt. 6 Am 8. Juli 1558 hatte Emanuel Philibert wirk⸗ lich ſein dreißigſtes Jahr zurückgelegt. Begünſtigt durch das Unglück, das ihn gezwungen, ein großer Mann zu werden,— was er vielleicht nicht gewor⸗ den wäre, hätte er ruhig die Staaten ſeines Vaters geerbt und ohne Widerſpruch regiert,— hatte Ema⸗ nuel Philibert in dem ſo wenig vorgerückten Alter von dreißig Jahren einen militäriſchen Ruf erlangt, der mit dem der Erſten ſeiner Zeit rivaliſirte, das heißt mit dem des Connetable, des Herzogs von Guiſe, des Admirals und des alten Marſchalls von Strozzi, welcher ſo ruhmvoll bei der Belagerung von Thion⸗ ville geſtorben war. „Ich habe zugleich eine Erinnerung bei Dir zu⸗ rückzurufen und eine Bitte an Dich zu richten,“ ant⸗ wortete Leona mit ihrer wohlklingenden Stimme. „Leona weiß, daß, wenn mein Gedächtniß un⸗ dankbar, mein Herz treu iſt. Laß zuerſt die Erin⸗ nerung ſehen, die Bitte ſehen wir nachher.“ Und während er klingelte, um einem Huiſſier Befehl zu geben, Niemand einzulaſſen, bedeutete er zu gleicher Zeit Leona, ſie möge Platz auf Kiſſen nehmen, welche neben ihm aufgehäuft und der ge⸗ wöhnliche Sitz des Mädchens waren, wenn es allein mit dem Geliebten. Leona nahm ihren gewohnten Platz ein, ſtützte ihre Ellenbogen auf die Lende von Emanuel und ihren Kopf auf ihre beiden Hände, und tauchte in die Augen des Herzogs einen unendlich ſanften Blich worit geben / das 1 das r Eman 8 d erwied verdier Er ſein C ſich zu heiten anſpiel „daß durch Stieres Schritt Teſſin ein bei ches ich war me „E genblick bedauer „ ſo oft ſ Gedächt gang, Alter wirk⸗ inſtigt großer gewor⸗ Jaters Ema⸗ Alter langt, heißt Guiſe, trozzi, Thion⸗ ir zu⸗ ant⸗ le. 3 un⸗ Erin⸗ uiſſier ete er Kiſſen er ge⸗ allein ſtützte und öte in Blich worin man eine Liebe, noch beſſer als dies, eine Er⸗ gebenheit ohne Gränzen leſen konnte. „Nun?“ fragte der Herzog mit einem Lächeln, das von ſeiner Seite die Beſorgniß offenbarte, wie das von Leona die Schwermuth verrieth. „An welchem Tage des Monats ſind wir heute, Emanuel?“ fragte Leona. „Am 17. November, wenn ich mich nicht irre,“ erwiederte der Herzog. „Erinnert dieſes Datum meinen vielgeliebten Fürſten an keinen Jahrestag, der gefeiert zu werden verdient?“ Emanuel lächelte freier als das erſte Mal, denn ſein Gedächtniß, das beſſer, als er es gemacht, hatte ſich zurückgewendet und ihm in allen ſeinen Einzel⸗ heiten das Ereigniß dargeſtellt, auf welches Leona anſpielte. „Es ſind heute einundzwanzig Jahre,“ ſagte er, „daß ich ungefähr zu dieſer Stunde, fortgeriſſen durch mein Pferd, das beim Anblicke eines wilden Stieres ſcheu geworden war, ein paar hundert Schritte vom Dorfe Oleggio, am Rande eines dem Teſſin zufließenden Baches, eine todte Frau und ein beinahe todtes Kind fand. Dieſes Kind, wel⸗ ches ich dem Leben wiederzugeben das Glück hatte, war meine geliebte Leona!“ „Emanuel, haſt Du ſeit jenem Tage einen Au⸗ genblick Anlaß gehabt, dieſes Zuſammentreffen zu bedauern?“ „Ich habe im Gegentheile den Himmel geprieſen, ſo oft ſich die Erinnerung an dieſes Ereigniß meinem Gedächtniſſe darbot,“ antwortete der Prinz,„denn 36 das Kind iſt der Schutzengel meines Glückes ge⸗ worden.“ „Und wenn ich Dich an dieſem feierlichen Tage bäte, mir ein Verſprechen zu leiſten, Emanuel, wür⸗ deſt Du finden, ich ſei zu anſpruchsvoll, und mir meine Bitte verweigern?“ „Du beunruhigſt mich, Leona!“ ſagte Emanuel⸗ „Welche Bitte kannſt Du an mich richten, von der Du nicht ſicher biſt, ſie auf der Stelle gewährt zu finden?“ Leona erbleichte, und mit zitternder Stimme, während ſie zugleich auf ein entferntes Geräuſch zu horchen ſchien, ſprach ſie: „Beim Ruhme Deines Namens, Emanuel, bein⸗ Wahlſpruche Deiner Familie: Gott bleibt dem, welchem Alles fehlt, bei den feierlichen Ver ſprechen, die Du Deinem ſterbenden Vater gegeben ſchwöre, Emanuel, mir zu bewilligen, um was it Dich bitten werde!“ 1 Der Herzog von Savoyen ſchüttelte den Kop wie ein Mann, welcher fühlt, daß er ſich verbindlit macht, ein großes unbekanntes Opfer zu vollbringen der aber zugleich überzeugt iſt, dieſes Opfer werde ſeinem Glücke und ſeiner Ehre zum Nutzen gereichen Dann hob er feierlich die Hand empor und ſprach „Alles, was Du von mir verlangen wirſt, Leona ausgenommen, Dich nicht mehr zu ſehen, werde it Dir bewilligen!“ „Oh!“ ſagte Leona mit leiſer Stimme,„ich ver muthete, Du werdeſt nicht ohne Vorbehalt ſchwören Meinen Dank, Emanuel!... Um was ich Dit nun bitte, was ich von Dir fordere, kraft des Eiden . Dir ſo w gleich 4 auf unter ckes ge⸗ en Tage el, wür⸗ und mir manuel von der ährt zu Stimme, äuſch zu A, bein t dem, en Ver gegeben was it n Kop bindlit pringen r werd rreichen ſprach Leona erde ih ich ver hwören h Dit 3 Eider denn Du geſchworen, iſt, daß Du kein perſönliches Hinderniß dem Frieden zwiſchen Spanien und Frank⸗ reich entgegenſetzeſt, für welchen Dir mein Bruder ſogleich, im Namen von König Philipp und König Heinrich, die Vorſchläge zur Entſcheidung unterwer⸗ fen wird.“ „Friede! Dein Bruder!... Woher weißt Du das, was ich nicht weiß, Leona?“ „Ein mächtiger Fürſt glaubte, er bedürfe bei Dir ſeiner unterthänigen Dienerin, Emanuel; und ſo weiß ich, was Du nicht kennſt, was Du aber ſo⸗ gleich erfahren wirſt.“ Hienach, da ein gewaltiger Lärm von Pferden auf dem Platze des Rathhauſes und unmittelbar unter dem Fenſter vom Cabinet des Prinzen hörbar wurde, ſtand Leona auf und gab, im Namen des Herzogs von Savoyen, dem Huiſſier Befehl, den⸗ Anführer der Cavalcade eintreten zu laſſen. Einen Augenblick nachher, während Emanuel Philibert Leona, die ſich entfernen wollte, am Arme zurückhielt, meldete der Huiſſier: „Seine Excellenz der Graf Odoardo Maraviglia, Geſandter Ihrer Majeſtäten der Könige von Spanien und von Frankreich.“ „Er trete ein,“ antwortete Emanuel Philibert mit einer Stimme faſt ſo zitternd, als es einen Au⸗ genblick vorher die von Leona war. 38 II. Der Geſandte Ihrer Majeſtäten der Koͤnige von Frankreich und von Spanien. Bei dem Namen, den ſie ſo eben ausſprechen hörten, haben unſere Leſer den Bruder von Leona erkannt, dieſen jungen Mann, der verurtheilt wor⸗ den war, weil er es verſucht, den Mörder ſeines Vaters zu ermorden, den Edelmann ſodann, den ſei⸗ nem Sohne Philipp II. Carl V. am Tage ſeiner Abdankung empfohlen hatte. Unſere Leſer werden ſich überdies erinnern, daß, obgleich in Odoardo Maraviglia Leona ihren Bru⸗ der erkennt, dieſer doch entfernt nicht vermuthet, Leona, die er kaum unter dem Zelte von Emanuel Philibert im Lager von Hesdin erblickt hat, ſei ſeine Schweſter. Der Herzog von Savoyen kennt alſo allein mit ſeinem Pagen das Geheimniß, das Odoardo das Leben gerettet hat. Wie iſt nun Odoardo zugleich der Mandatar von Philipp und von Heinrich? Das wollen wir mit ein paar Worten erklären. Sohn eines Geſandten von König Franz I., er⸗ zogen unter den Pagen in vertrautem Umgang mit dem Dauphin Heinrich II., öffentlich vom Kaiſer Carl V. am Tage ſeiner Abdankung adoptirt, genoß Odoardo eine gleiche Gunſt am Hofe des Königs von Spanien.— Man wußte überdies, ohne die Einzelheiten die⸗ den i Eröf zugle das dem! Sour nuel dieſer dem des H nicht das; König T Marc ſicht E von 2 limine einer warte! man d libert nicht k. die me Er es ſei großen rrankreich prechen Leona lt wor⸗ ſeines den ſei⸗ ſeiner n, daß, Bru⸗ nuthet, nanuel ei ſeine in mit o das ar von ir mit I., er⸗ ug mit Kaiſer genoß königs n die⸗ 39 ſes Ereigniſſes zu kennen, daß er Emanuel Philibert das Leben verdankte. Es war alſo ganz einfach, daß einer beim Frie⸗ den intereſſirten Perſon der Gedanke kam, die doppelte Eröffnung durch den Mann machen zu laſſen, der zugleich das Ohr des Königs von Frankreich und das des Königs von Spanien hatte, und daß, nach⸗ dem die Hauptartikel dieſes Friedens zwiſchen den zwei Souverains feſtgeſtellt waren, derſelbe Mann zu Ema⸗ nuel Philibert abgeſandt wurde, um ihn zur Annahme dieſer Artikel zu bewegen, beſonders, wie geſagt, nach⸗ dem ſich das Gerücht verbreitet, der Verwendung des Herzogs von Savoyen habe Odoardo Maraviglia nicht nur die Rettung ſeines Lebens, ſondern auch das zu verdanken, daß er mit Ehren überhäuft und König Philipp II. durch Carl V. empfohlen worden ſei. Der Mann, der den Gedanken gehabt, Odoardo Maraviglia voranzuſtellen, hatte ſich in keiner Hin⸗ ſicht getäuſcht. Gleich ſehr von Philipp II. und von Heinrich von Valois gewünſcht, hatte der Friede ſeine Prä⸗ liminarien raſcher geſtellt geſehen, als man es bei einer Angelegenheit von dieſer Wichtigkeit hätte er⸗ warten ſollen, und, wie man es gedacht, obſchon man die Urſachen der Sympathie von Emanuel Phi⸗ libert für den Sohn des Geſandten von König Franz I. nicht kannte, war dieſer einer der angenehmſten Boten, die man ihm ſchicken konnte. Er ſtand alſo auf, und trotz des Hintergedankens, es ſei für ihn ein Privatſchmerz im Grunde dieſes großen politiſchen Ereigniſſes verborgen, reichte er 4 40 Odoardo eine Hand, die der außerordentliche Ge⸗ ſandte ehrerbietig küßte. „Durchlauchtiger Herr,“ ſprach er zu ihm,„Ihr ſeht in mir einen ſehr glücklichen Menſchen, denn ich habe vielleicht ſchon in der Vergangenheit bewie⸗ ſen, und ich werde in der Zukunft Eurer Durchlaucht beweiſen, daß Ihr einem Dankbaren das Leben ge⸗ rettet.“ „Was Euch vor Allem das Leben gerettet, iſt die Großmuth des edlen Kaiſers, um den wir Alle Trauer tragen. Ich bin Euch gegenüber nur der demüthige Vermittler ſeiner Milde geweſen.“ „Es mag ſein, Durchlaucht; doch Ihr ſeid für mich der ſichtbare Bote der himmliſchen Gnade. Euch bete ich alſo an, wie es die alten Patriarchen bei den Engeln thaten, die ihnen den Willen Gottes überbrachten... Nun ſeht Ihr übrigens in mir, Durchlaucht, einen Friedensbotſchafter.“ „Als ſolcher ſeid Ihr mir angekündigt, Odoardo, als ſolcher wurdet Ihr erwartet, als ſolchen empfange ich Euch.“ 8 „Ich war Euch angekündigt? Ihr erwartetetmich?. Verzeiht, Durchlaucht, ich glaubte Euch zuerſt meine Gegenwart durch meine Gegenwart anzukündigen; und was die Vorſchläge betrifft, die ich Euch zu über⸗ bringen beauftragt wurde, ſie blieben ſo geheim...“ „Laßt Euch das nicht anfechten, Herr Geſandter,“ erwiederte der Herzog von Savoyen, indem er zu lächeln ſich anſtrengte.„Hörtet Ihr nicht ſagen, gewiſſe Menſchen haben ihren Hausgeiſt, der ſie zum Voraus von den unbekannteſten Dingen unterrichte? Ich bin einer von dieſen Menſchen.“ che Ge⸗ ’,„Ihr , denn bewie⸗ chlaucht ben ge⸗ ttet, iſt dir Alle rur der eid für 2. Euch den bei Gottes mmir, doardo, pfange lich?. meine -digen; u über⸗ m...“ nter,“ er zu ſagen, te zum richte? 41 „Ihr wißt alſo das Motiv meines Beſuches?“ ſagte Odoardo. „Ja, doch nur das Motiv. Es bleiben die Ein⸗ zelheiten.“ „Wenn es Eure Durchlaucht wünſcht, ich bin bereit, ihr dieſe Einzelheiten vorzutragen,“ antwor⸗ tete Odoardo. Und ſich verbeugend, bedeutete er Emanuel durch ein Zeichen, ſie ſeien nicht allein. Leona ſah dieſes Zeichen und machte einen Schritt, um ſich zu entfernen; doch der Prinz hielt ſie bei der Hand zurück und ſagte: „Ich bin immer allein, wenn ich mit dieſem jun⸗ gen Manne bin, Odoardo; denn dieſer junge Mann iſt der Hausgeiſt, von dem ich ſo eben ſprach... Bleibe, Leona, bleibe!“ fügte der Herzog bei.„Wir müſſen Alles wiſſen, was man uns vorſchlägt... Ich höre: ſprecht, Herr Geſandter.“ „Durchlaucht,“ fragte lächelnd Odoardo,„was würdet Ihr ſagen, wenn ich Euch meldete, gegen Ham, Catelet und Saint⸗Quentin gebe Euch Frank⸗ reich hundert achtundneunzig Städte zurück?“ „Ich würde ſagen, das ſei unmöglich,“ antwor⸗ tete Emanuel. „Durchlaucht, es iſt dennoch ſo.“ „Und ſetzt Frankreich unter die Zahl der Städte, die es zurückgibt, Calais?“ „Nein. Die neue Königin von England, Eliſa⸗ beth, die ſich unter dem Vorwande des religiöſen Gewiſſens geweigert hat, König Philipp II., den Witwer ihrer Schweſter Maria zu heirathen, iſt bei Allem dem ein wenig geopfert worden... Frank⸗ 42 reich behält indeſſen nur unter gewiſſen Bedingun⸗ gen Calais und die andern Städte der Picardie, welche der Herr Herzog von Guiſe den Engländern wieder genommen hat.“ „Unter welchen Bedingungen?“ „Nach Ablauf von acht Jahren wird der König von Frankreich genöthigt ſein, ſie zurückzugeben, will er nicht lieber fünfzigtauſend Thaler an England bezahlen.“ „Er wird ſie geben, iſt er nicht ſo arm als Bau⸗ douin, der die Krone Unſeres Herrn verpfändete!“ „Ja, doch das iſt eine Art von Befriedigung, die man der Königin Eliſabeth gewähren wollte, und glücklicher Weiſe hat ſie ſich auch hiemit begnügt, da ſie in dieſem Augenblicke viel mit dem Papſte zu thun hat.“ G „Hat er ſie nicht für einen Baſtard erklärt?“ „Ja, er wird aber hiebei ſeine Oberherrlichkeit über England verlieren. Eliſabeth ihrerſeits hat er⸗ klärt, alle durch die ſelige Königin Maria zu Gunſten der katholiſchen Religion veröffentlichten Edicte ſeien aufgehoben, ſie ſtelle im Gegentheile alle unter Eduard und Heinrich VIII. erlaſſenen Beſchlüſſe wieder her, und füge ihren königlichen Prärogativen den Titel Oberhaupt der anglicaniſchen Kirche bei!“ „Und was macht Frankreich mit ſeiner kleinen Königin von Schottland unter dieſem großen Con⸗ flicte?“ Heinrich II. hat Maria Stuart zur Königin von Schottland und England erklärt, als Erbin der ver⸗ ſtorbenen Königin Maria Tudor, als einzigen Nach⸗ kommen von Jacob V., Enkel von Heinrich VII., alle nien bou Gra dem gege gun⸗ ardie, ndern Lönig will gland Bau⸗ e!“ zung, und t, da e zu 2ℳ chkei t er⸗ nſten ſeien uard her, Titel einen Con⸗ von ver⸗ dach⸗ VII., 43 König von England, und kraft der Illegitimität von Cliſabeth, welche durch eine Acte, die man nie wi⸗ derrufen, als Baſtard erklärt worden war.“ „Ja,“ ſagte Emanuel Philibert,„gleichwohl iſt ein Teſtament von Heinrich VIII. da, das Eliſabeth zur Erbin der Krone in Ermangelung von Eduard und Maria erklärt, und auf dieſe Urkunde hat ſich das Parlament geſtützt, um Eliſabeth als Königin zu proclamiren. Doch wenn es Euch beliebt, Herr Geſandter, kommen wir auf unſere Angelegenheiten zurück.“ „Nun wohl, Folgendes ſind die Hauptbedingun⸗ gen des Vertrags, die Baſen, auf welchen man den⸗ ſelben feſtzuſtellen vorſchlägt: „„Die zwei Könige,— der König von Spanien und der König von Frankreich— werden gemein⸗ ſchaftlich darauf hinarbeiten, daß ſie der Kirche, zur Verſammlung eines allgemeinen Concils auffordernd, den Frieden wiedergeben. n„Es wird eine Amneſtie für diejenigen ſtattfin⸗ den, welche der Partei des einen oder des aͤndern Königs gefolgt ſind, mit Ausnahme jedoch der Ver⸗ bannten von Neapel, von Sicilien und vom Mai⸗ ländiſchen Gebiete, welche in der allgemeinen Be⸗ gnadigung nicht einbegriffen ſein ſollen. 2„Es wird ſodann ſtipulirt, daß alle Städte und alle Schlöſſer, welche Frankreich dem König von Spa⸗ nien genommen, und insbeſondere Thionville, Marien⸗ bourg, Ivoy, Montmédy, Damvilliers, Hesdin, die Grafſchaft Charolais und Valence in der Lomönie, dem genannten König von Spanien wieder heraus⸗ gegeben werden ſollen; 44 „„Daß Ivoy, als Compenſation des zerſtörten Thérouanne, geſchleift werden ſoll; „„Daß König Philipp die Prinzeſſin Eliſabeth heirathe, die er Anfangs für ſeinen Sohn Don Car⸗ los zur Ehe verlangt, und daß ihm mit dieſer Prin⸗ zeſſin eine Mitgift von viermal hunderttauſend Gold⸗ thalern gegeben werde; „„Daß die Feſtung Bouillon dem Biſchof von Lüttich zurückgegeben werden ſoll; „„Daß die Infantin von Portugal in den Beſitz der Güter geſetzt werden ſoll, die ihr von Seiten der Königin Eleonora, ihrer Mutter, Witwe von Franz I., gehören; „„Endlich, daß die zwei Könige dem Herzog von Mantua das zurückgeben, was ſie im Mont⸗ ferrat genommen haben, ohne die Citadellen, die ſie dort gebaut, zerſtören zu können.““ „Und alle dieſe Bedingungen ſind vom König von Frankreich zugeſtanden?“ fragte Emanuel. „Alle!... Was ſagt Ihr hiezu?“ „Ich ſage, das iſt vortrefflich, Herr Geſandter, und ſeid Ihr es, der dieſen Einfluß gehabt hat, ſo hatte Kaiſer Carl, als er vom Throne ſtieg, ſehr Recht, Euch ſeinem Sohne dem König von Spanien zu empfehlen.“ „Ach! nein, Durchlaucht,“ erwiederte Odoardo, „die zwei Hauptagenten dieſes ſeltſamen Friedens ſind Frau von Valentinois, die darüber ſich beunru⸗ higt, daß ſie das Glück der Guiſe und das Anſehen von Königin Catharina wachſen ſieht, und der Herr Connetable, welcher fühlt, daß während ſeiner Ab⸗ törten ſabeth Car⸗ Prin⸗ Gold⸗ von Beſitz beiten von erzog Nont⸗ „die könig mien ardo, dens mru⸗ ehen Herr Ab⸗ 45 weſenheit die Lothringer den Fuß auf ſein Haus ſetzen.“ „Ah!“ ſprach Emanuel,„das erklärt mir die häufigen Urlaube, um die der Herr Connetable König Philipp erſucht hat, um nach Frankreich zu gehen, und die Bitte, die er an mich richtet, ſich und den Admiral gegen zweimal hunderttauſend Thaler los⸗ zukaufen; eine Bitte, die ich zur Entſcheidung dem König durch meinen Waffenträger Scianca Ferro, der einen Augenblick vor Eurer Ankunft abgegangen iſt, unterworfen habe.“ „Der König wird dieſe Bitte ratiſiciren, will er ſich nicht tiefen Undanks ſchuldig machen,“ erwiederte der Geſandte. Sodann, nach einem Augenblicke des Stillſchwei⸗ gens, und den Prinzen anſchauend: „Doch Ihr, Durchlaucht, fragt Ihr nicht nach dem, was für Euch geſchehen werde?“ Emanuel fühlte die Hand von Leona, die er in der ſeinigen behalten hatte, ſchauern. „Für mich?“ antwortete der Prinz.„Ach! ich hoffte vergeſſen worden zu ſein.“ „ Dann hätten die Könige Philipp und Heinrich einen andern Unterhändler wählen müſſen, als den, welcher Euch das Leben verdankt, Durchlaucht. Oh! nein, nein, Gott ſei Dank, die Vorſehung iſt diesmal gerecht geweſen, und der Sieger von Saint⸗Quentin wird, wie ich hoffe, reichlich belohnt ſein.“ Emanuel wechſelte mit ſeinem Pagen einen ſchmerz⸗ lichen Blick und wartete, „Durchlaucht,“ ſagte Odoardo,„alle Plätze, die dem Herzog Eurem Vater und Euch genommen wor⸗ 46 den ſind, ſollen Euch zurückgegeben werden, mit Aus⸗ nahme von Turin, Pignerol, Chieri, Chivas und Villeneuve, in deren Beſitz Frankreich bleibt, bis zu dem Tage, wo Ihr einen männlichen Erben haben werdet. Ueberdies ſoll es bis zum Tage der Geburt dieſes Erben, der den großen Proceß von Louiſe von Savoyen und von Piemont abſchneiden wird, dem König von Spanien geſtattet ſein, Garniſonen in die Städte Aſti und Verceil zu legen.“ „Wenn ich alſo nicht heirathe...?“ fragte leb⸗ haft Emanuel Philibert. „So verliert Ihr fünf Städte ſo herrlich, Durch⸗ laucht, daß ſie für die Krone eines Fürſten genügen würden.“ „Seine Durchlaucht der Herzog von Savoyen wird aber heirathen,“ ſagte raſch Leona.„Eure Excellenz wolle alſo ihre Unterhandlung ſchließen und dem Prinzen erklären, zu welcher hohen Verbin⸗ dung er beſtimmt iſt.“ Odoardo ſchaute den jungen Mann mit Erſtau⸗ nen an; dann wandten ſich ſeine Augen zum Herzog zurück, deſſen Geſicht die grauſamſte Bangigkeit aus⸗ drückte. Der Unterhändler, ſo geſchickt er war, täuſchte ſich in dieſem Ausdrucke. „Ohl beruhigt Euch, Durchlaucht,“ ſagte er, „die Frau, die man für Euch beſtimmt, iſt eines Königs würdig.“ Und als die erbleichenden Lippen von Emanuel geſchloſſen blieben, ſtatt ſich zu der Frage zu öffnen, die Odoardo erwartete, fügte dieſer bei: „Es iſt Madame Margarethe von Frankreich, eing unb it Aus⸗ s und bis zu haben Geburt ſe von , dem in die te leb⸗ Durch⸗ nügen voyen „Eure ließen erbin⸗ rſtau⸗ derzog aus⸗ uſchte e er, eines anuel fnen, reich, 47 Schweſter von König Heinrich II.; und außer dem ganzen Herzogthum Savoyen bringt ſie als Mitgift ihrem glücklichen Gemahl dreimal hunderttauſend Goldthaler.“ „Frau Margarethe von Frankreich iſt eine große Fürſtin, ich weiß es,“ erwiederte Emanuel;„doch ich hatte mir immer geſagt, mein Herr, ich werde mir mein Herzogthum durch Siege und nicht durch eine Heirath wiedererobern.“ „Ja,“ ſprach Odoardo,„Frau Margarethe iſt aber würdig, der Lohn Eurer Siege zu ſein, und wenige Fürſten haben das Gewinnen einer Schlacht und die Wegnahme einer Feſtung mit einer Königs⸗ tochter und Königsſchweſter bezahlt.“ „Oh!“ murmelte Emanuel,„daß ich mein Schwert nicht am Anfange dieſes Feldzuges zerbrochen habe!“ Sodann, als Odoardo ihn mit Erſtaunen anſchaute, ſagte Leona zu dem Geſandten: „Würde Eure Excellenz die Güte haben, mich einen Augenblick mit dem Prinzen allein zu laſſen?“ Odoardo blieb ſtumm und befragte fortwährend mit dem Blicke Emanuel Philibert. „'ine Viertelſtunde,“ wiederholte Leona,„und in einer Viertelſtunde wird Eure Excellenz eine Ant⸗ wort empfangen, wie ſie dieſelbe wünſcht.“ Der Herzog machte eine verneinende Bewegung, welche ſogleich durch eine ſtumme, flehende Geberde von Leona zurückgedrängt wurde. „Odoardo verbeugte ſich und ging ab; er hatte eingeſehen, der geheimnißvolle Page könne allein den unbegreiflichen Widerſtand beſiegen, den der Herzog 48 von Savoyen den Wünſchen der Könige von Frank⸗ reich und von Spanien entgegenſetzen zu wollen ſchien. Durch den Huiſſier gerufen, trat nach einer Viertelſtunde Odoardo Maraviglia wieder in das Cabinet des Herzogs von Savoyen ein. Emanuel Philibert war allein. Traurig, aber ergeben, reichte er dem Unter⸗ händler die Hand und ſprach: „Odoardo, Ihr könnt zu denjenigen, welche Euch ſchicken, zurückkehren und ihnen ſagen, Emanuel Phi⸗ libert nehme mit Dank den Theil an, den die Könige von Frankreich und von Spanien dem Herzog von Savoyen zu machen die Gnade gehabt haben.“ III. Bei der Königin. Dank ſei es der Geſchicklichkeit des Unterhändlers, der mit der ganzen diplomatiſchen Feinheit begabt war, von welcher man behauptet, es ſei eine der Apanagen der florentiniſchen oder der mailändiſchen Race, Dank ſei es beſonders dem Intereſſe, das die zwei Könige dabei hatten, daß das Geheimniß ge⸗ wiſſenhaft bewahrt wurde, war noch nichts— ab⸗ geſehen von jenen unbeſtimmten Gerüchten, welche die großen Ereigniſſe begleiten,— bei Hofe von den wichtigen Projecten laut geworden, welche dem Her⸗ zog von Savoyen Odoardo Maraviglia auseinander⸗ geſetzt hatte, und deren Verwirklichung Frankreich ſo theuer zu ſtehen kam. ſtaun Waff Stra vier kunft, table er ſei den 4 piègn 3 die C hatte ganzer ließ a und wärts netabl einem in den reſiden Weg men h De Königi Connet Beide mit gle Dum Frank⸗ ſchien. einer n das Unter⸗ e Euch el Phi⸗ Könige g von 4 dlers, begabt e der ziſchen as die ß ge⸗ — ab⸗ welche 8n den Her⸗ under⸗ eich ſo 49 Es begegneten ſich daher mit einem großen Er⸗ ſtaunen zwei Cavaliere, jeder gefolgt von einem Waffenträger, und jeder auf einer entgegengeſetzten Straße ankommend, vor den Thoren des Louvre, vier Tage nach der von uns erzählten Zuſammen⸗ kunft, und erkannten ſich den Einen als den Conne⸗ table von Montmorency, von welchem man glaubte, er ſei Gefangener in Antwerpen, den Andern als den Herzog von Guiſe, den man im Lager von Com⸗ piègne glaubte. Zwiſchen dieſen zwei erbitterten Feinden währten die Complimente nicht lange. Als kaiſerlicher Prinz hatte der Herzog von Guiſe den Vortritt vor dem ganzen franzöſiſchen Adel: Herr von Montmorency ließ alſo ſein Pferd einen Schritt rückwärts machen, und Herr von Guiſe das ſeinige einen Schritt vor⸗ wärts; ſo daß man hätte glauben können, der Con⸗ netable ſei ganz einfach der Waffenträger von irgend einem Edelmanne vom Gefolge des Prinzen, wenn in den Hof des Louvre,— wo der König in Winter⸗ reſidenz war,— einreitend der Eine nicht ſeinen Weg nach rechts und der Andere nach links genom⸗ men hätte. Der Eine, der Herzog von Guiſe, begab ſich zur Königin Catharina von Medici; der Andere, der Connetable, zur Favoritin Diana von Poitiers. Beide wurden von der Einen und von der Andern mit gleicher Ungeduld erwartet. Man erlaube uns, den wichtigſten von unſeren Männern zu der, wenigſtens ſcheinbar, wichtigſten von den zwei Frauen, die wir genannt, zu begleiten, das heißt den Herzog von Guiſe zur Königin. Dumas, der Page. III. 4 9 50 Catharina von Medici war Florentinerin, die Guiſe waren Lothringer: man durfte ſich alſo ſtreng genommen nicht wundern, daß in dem Augenbliche wo die Unglückskunde von der Schlacht bei Saint, Quentin ſich in Frankreich verbreitete, Catharina und der Cardinal von Lothringen, die ihren Credit durch den Einfluß, den natürlich der Connetable als Che des Heeres erlangte, ſinken ſahen, nur einen Ge⸗ danken hatten,— nicht daß der Verluſt dieſer Schlach Frankreich an den Rand des Unterganges bringe, — ſondern, daß er, den Connetable und einen von ſeinen Söhnen zu Gefangenen der Spanier machend das Anſehen der Montmorency zu Grunde richte Das Anſehen der Montmorency konnte aber nu ſinken, wenn man durch ein natürliches politiſches und militäriſches Schaukelſpiel das Anſehen der Mont morency emporhob. Es war auch, wie wir erwähnt haben, die gang Civiladminiſtration des Königreichs in die Hände der Cardinals von Lothringen gelegt worden, während der Herzog Franz von Guiſe, als Retter aus Italien erwartet, bei ſeiner Ankunft die ganze militäriſch Gewalt in ſeinen Händen mit dem Titel General⸗ Statthalter des Königreichs concentrirt hatte. Wir haben übrigens geſehen, wie dieſe Allmach vom Herzog von Guiſe benützt wurde: das Heer rie organiſirt, Calais Frankreich zurückgegeben, Guines Ham und Thionville im Sturme genommen, Arlo überrumpelt,— dies war das Reſultat eines einzi gen Feldzuges geweſen. Der Herzog von Guiſe wiegte ſich alſo in einen ungeheuren Traume des Ehrgeizes, das heißt in n, die ſtreng ublicke, Saint⸗ na und t durch 8 Chej en Ge⸗ Schlach bringe en von achend, richte er nur litiſchen Mont⸗ ie gan nde de oährend Italiel täriſch zeneral Ullmach Heer re Guines Arlol s einzi n einen heißt in 51 einem der ſüßeſten Träume, den ein Guiſe machen konnte, als ihn ein unbeſtimmtes Gerücht aufweckte. Es war die Rede von der Rückkehr des Connetable nach Paris. Bei dieſem einfachen Gerüchte reiſte der Herzog von Guiſe aus dem Lager von Compiègne ab, und auf halbem Wege, nämlich in Louvres, begegnete er einem Expreſſen, den ihm der Cardinal von Lothrin⸗ gen mit der dringenden Aufforderung, ſo bald als möglich nach Paris zu kommen, zuſandte. Der Bote hatte keine andere Inſtruction; doch vorher ſchon auf⸗ merkſam gemacht, vermuthete der Herzog wohl, in welcher Abſicht man nach ihm verlangte. Als er Herrn von Montmorency vor dem Thore des Louvre traf, blieb ihm kein Zweifel mehr: Herr von Montmorency war frei, und der Friede ſollte aller Wahrſcheinlichkeit nach die Folge dieſer uner⸗ warteten Freiheit ſein. Herr von Guiſe hatte geglaubt, die Gefangen⸗ ſchaft des Connetable werde eine ewige ſein, wie die von König Johann: die Enttäuſchung war grauſam. Herr von Montmorency hatte Alles verloren, Herr von Guiſe hatte Alles gerettet, und dennoch ſollte der Beſiegte bei Hofe auf demſelben Fuße wie⸗ dererſcheinen wie der Sieger. Und wer konnte wiſſen, ob nicht, Dank ſei es der Protection von Frau von Valentinois, dem Beſiegten der gute Theil gemacht würde? Alle dieſe Gedanken waren es, die das Geſicht des Herzogs von Guiſe in dem Augenblicke verdü⸗ ſterten, wo er die zur Königin Catharina führende 52 Treppe hinaufſtieg, während im Gegentheile mit freudigem Geſichte der Connetable auf der andern Seite des Hofes die zu Frau Diana führende Treppe hinaufging. Der Herzog wurde offenbar erwartet, denn ſo⸗ bald man ſeinen Namen ausgeſprochen, ſah er den Thürvorhang des Zimmers der Königin emporgehen, und er hörte die Stimme der Königin, die ihm mit ihrem rauhen florentiniſchen Accente zurief: „Tretet ein, Herr Herzog, tretet ein!“ Die Königin war allein. Der Herzog Franz ſchaute umher, als ob er Jemand bei ihr zu finden erwartet hätte. „Ah! ja,“ ſagte die Königin,„Ihr ſucht Euren Bruder?“. „Weiß Eure Majeſtät,“ erwiederte der Herzog von Guiſe alle übliche Complimente abkürzend, wie es ſich bei einer ſo großen Lage geziemte;„weiß Eure Majeſtät, daß mir mein Bruder einen Courier mit der Einladung, mich auf der Stelle nach Paris zu begeben, zugeſandt hat?“ „Ja,“ antwortete Catharina;„doch da der Cou⸗ rier erſt Nachmittags um ein Uhr abgegangen iſt, —— ſo erwarteten wir Euch nur heute Abend, und ſogar ziemlich ſpät in der Nacht.“ „Ahl der Courier iſt mir auf halbem Wege be⸗ gegnet.“ „Und was führte Euch nach Paris?“ „Meine Unruhe.“ „Herzog,“ ſprach Catharina, die es diesmal un⸗ terließ, ihre Ränke zu gebrauchen,„Ihr habt Recht, unr grü eine eine Pri gin grü Rau ten und wel wiß von des Her Me leich Urle defi Her Adn tauſ er, mac mit ndern reppe i ſo⸗ den gehen, imit Franz inden FEuren erzog ,wie weiß zurier Paris Cou⸗ n iſt, ſogar ge be⸗ l un⸗ Recht, 53 unruhig zu ſein, denn nie iſt eine Unruhe mehr be⸗ gründet geweſen.“ In dieſem Augenblicke hörte man das Geräuſch eines Schlüſſels, der in einem erſten und ſodann in einem zweiten Schloſſe knirſchte; die Thüre eines Privateingangs, welcher nach den Corridors der Köni⸗ gin führte, öffnete ſich, und der Cardinal erſchien. Ohne ſich die Zeit zu nehmen, ſeinen Bruder zu grüßen, und als ob er bei einer Prinzeſſin von ſeinem Range oder ſogar von untergeordnetem Range eingetre⸗ ten wäre, ging er gerade auf Catharina und Franz zu, und mit einem Beben der Stimme, das bezeichnete, welche Wichtigkeit er dieſer Kunde beilegte, ſagte er: „Wißt Ihr, daß er ſo eben angekommen iſt? wißt Ihr es?“ „Ja,“ antwortete der Herzog Franz errathend, von wem er ſprach,„denn ich bin ihm beim Thore des Louvre begegnet.“ „Wer denn?“ fragte Catharina. „Der Connetable,“ antworteten gleichzeitig der Herzog und der Cardinal von Guiſe. „Ah!“ machte Catharina, als hätte ſie einen Meſſerſtich in die volle Bruſt bekommen;„doch viel⸗ leicht kehrt er, wie die anderen Male, nur mit einem Urlaub von einigen Tagen zurück.“ „Ohl nein!“ antwortete der Cardinal,„er kommt definitiv zurück: er hat es durch die Verwendung des Herzogs von Savoyen erlangt, daß er, er und der Admiral, gegen ein Löſegeld von zweimal hundert tauſend Thalern freigegeben wurde, welche Summe er, Ihr werdet es ſehen, den König bezahlen zu machen Mittel finden wird. Beim Kreuze von Loth⸗ 54 ringen!“ fuhr der Cardinal vor Zorn auf ſeinen Schnurrbart beißend fort,„die Dummheit war in der That zu ſtark, um von einem einfachen Edelmanne bezahlt zu werden; und hätte man den Preis darauf geſetzt, den ſie verdient, ſo wären die Montmorency, die Damville, die Coligny und die Dandelot zu Grunde gerichtet geweſen!“ „Was habt Ihr im Ganzen mehr erfahren, als das, was wir wiſſen?“ fragte die Königin. „Nicht viel; doch ich erwarte jeden Augenblick Euren früheren Boten, den Herrn Herzog von Ne⸗ mours,“ ſagte Carl von Lothringen ſich gegen ſeinen Bruder umwendend;„der Herr Herzog von Nemours iſt vom Hauſe Savoyen; man vermuthet nicht, daß er uns gehört, und da der Wind in dieſem Augen⸗ blicke von der Seite von Piemont bläſt, ſo wird er uns vielleicht Neues mittheilen können.“ In demſelben Momente kratzte man ehrfurchtsvoll an der Thüre, durch welche kurz vorher der Cardinal eingetreten war, und die er mit dem Schlüſſel wie⸗ der hinter ſich geſchloſſen hatte. „Ah!“ ſagte Carl von Lothringen,„er iſt es wahrſcheinlich.“ „So öffnet,“ ſprach Catharina. — Und ohne ſich darum zu bekümmern, was man denken könnte, ſähe man den Schlüſſel einer in ihr Zimmer gehenden Thüre in den Händen des Car⸗ dinals von Lothringen, ſchob ſie den Cardinal gegen dieſe Thüre. Es war in der That derſelbe Herzog von Nemours, den wir durch den Cardinal Carl von Lothringen in das Cabinet von Catharina anderthalb Jahre früher ſeinen ar in ranne arauf rency, ot zu , als iblick 1 Ne⸗ eeinen nours „daß ugen⸗ rd er tsvoll dinal wie⸗ iſt es man n ihr Car⸗ gegen ours, en in rüher 55 an jenem Morgen, wo der König und ein Theil des Hofes im Walde von Saint⸗Germain auf der Jagd waren, haben einführen ſehen. Er hatte weder die Beſorgniſſe des Herzogs von Guiſe, noch die Vertraulichkeiten des Cardinals: er wollte auch Catharina nach den Regeln der ſkrupu⸗ löſeſten Etiquette begrüßen; dieſe ließ ihm aber nicht Zeit hiezu. „Herr Herzog,“ ſprach ſie,„unſer lieber Car⸗ dinal hier ſagt uns, Ihr werdet uns wahrſcheinlich Neues mitzutheilen haben. Sprecht... Was wißt Ihr von dieſem elenden Frieden?“ „Ei!“ antwortete Herr von Nemours,„ich kann Euch hierüber genau belehren, und zwar aus erſter Hand: ich verlaſſe gerade den Unterhändler, Odoardo Maraviglia, der ſelbſt unmittelbar vom Herzog Ema⸗ nuel von Savoyen kommt.“ „Dann müßt Ihr wohl unterrichtet ſein,“ ſagte der Cardinal von Lothringen,„denn der Herzog Emanuel von Savoyen iſt am meiſten bei dieſer Angelegenheit intereſſirt, da ſein Fürſtenthum im Spiele iſt.“ „Nun wohll es iſt erſtaunlich!“ ſprach Herr von Nemours,„ſei es nun Gleichgültigkeit gegen die Größen und Herrlichkeiten, ſei es,— und das iſt viel wahrſcheinlicher,— eine myſteriöſe Urſache, wie es eine geheime Liebe oder gegen eine Andere ein⸗ gegangene Verbindlichkeiten wären, der Prinz Ema⸗ nuel Philibert hat die Eröffnungen, die man ihm gemacht, mehr mit Traurigkeit, als mit Freude em⸗ pfangen.“ „Vielleicht,“ erwiederte der Herzog von Guiſe im 56 Tone der Bitterkeit,„vielleicht iſt er auch ſchlecht durch die königliche Dankbarkeit bezahlt worden. Darüber dürfte man ſich nicht wundern: dieſer ge⸗ hört auch zur Zahl der Sieger.“ „In dieſem Falle,“ entgegnete der Herzog von Nemours,„wäre er ſehr ſchwer zu befriedigen, denn man gibt ihm ſeine Staaten faſt unverſehrt zurück, fünf Städte ausgenommen, und auch dieſe fünf Städte ſollen ihm zurückgegeben werden, ſobald er ein männliches Kind von ſeiner Frau hat.“ „Und ſeine Frau.. wer wird ſeine Frau ſein?“ fragte lebhaft der Cardinal von Lothringen. „Ahl es iſt wahr,“ antwortete Nemours,„man weiß die Neuigkeit noch nicht. Seine Frau wird Madame Margarethe von Frankreich ſein.“ „Die Schweſter des Königs?“ rief Catharina. „Sie wird ihr Ziel erreicht haben,“ ſagte der Herzog Franz;„ſie wollte nur einen ſouverainen Fürſten heirathen.“. „Nur,“ erwiederte Catharina mit der den Frauen, wenn ſie von einander ſprechen, eigenthümlichen Herbe, „nur wird ſie lange gewartet haben, die liebe Per⸗ ſon! denn, wenn ich mich nicht irre, iſt ſie in Kur⸗ zem ſechsunddreißig Jahre alt; ſie hat indeſſen, aller Wahrſcheinlichkeit nach, dadurch, daß ſie gewartet, nicht verloren.“ „Und wie hat Emanuel Philibert die Kunde von dieſer königlichen Verbindung aufgenommen?“ „Anfangs ſehr kalt. Der Graf Maraviglia be⸗ 3 hauptet, er habe den Augenblick vorhergeſehen, wo der Herzog ausſchlagen werde; ſodann, nach einer Ueberlegung von einer Viertelſtunde, hat er ange⸗ no⸗ ent po⸗ lan hal nich und Ph. ſten „1u rück nah und mät gen die wol Spe zurü lich höre gebe der dies ſo m der wem ſchlecht vorden. ſer ge⸗ og von „denn zurück, fünf ald er ſein?“ „man wird na. e der ainen auen, derbe, Per⸗ Kur⸗ aller artet, von be⸗ wo einer mge⸗ 57 nommen. Am Abend endlich, als er den Geſandten entließ, ſagte ihm der Prinz, er wünſchte nicht zu poſitiv in Betreff der Heirath verbunden zu ſein, ſo lange er die Prinzeſſin Margarethe nicht geſehen habe. Doch Ihr begreift wohl, daß der Geſandte nichts von dieſem Zögern hat durchblicken laſſen, zund im Gegentheile dem König Heinrich II. Emanuel Philibert als den freudigſten und dankbarſten Für⸗ ſten der Welt dargeſtellt hat.“ „Und,“ fragte der Herzog Franz von Guiſe, „und welche Provinzen ſind es, die man ihm zu⸗ rückgibt?“ „Alle,“ antwortete der junge Mann,„mit Aus⸗ nahme der Städte Turin, Pignerol, Chieri, Chivas und Villeneuve d'Aſti, die ihm bei ſeinem erſten männlichen Erben ſollen zurückgegeben werden. Uebri⸗ gens hätte der König von Frankreich Unrecht, über die Städte und die Schlöſſer zu handeln, da er ſo⸗ wohl der Königin von England, als dem König von Spanien etwas wie hundert und achtundneunzig zurückgibt.“ .„Gut!“ ſprach der Herzog von Guiſe unwillkür⸗ lich erbleichend;„und habt Ihr nicht zufällig ſagen hören, unter der Zahl dieſer Städte und dieſer Schlöſſer gebe der König Calais zurück?“ „Ich weiß hierüber nichts Genaues,“ antwortete der Herzog von Nemours. „Alle Teufel!“ rief der Herzog von Guiſe,„da dies mir ſagen hieße, mein Schwert ſei ihm unnütz, ſo würde ich es einem andern Souverain anbieten, der beſſer davon Gebrauch zu machen wüßte... wennich es nicht,“ fügte er zwiſchen den Zähnen bei, 58 „wenn ich es nicht etwa für mich ſelbſt behalten würde.“ In dieſem Augenblicke hob ein Kammerdiener, der von Seiner Eminenz auf einen Beobachtungspoſten geſtellt worden war, raſch den Vorhang auf und rief: „Der König!“ „Wo dies?“ fragte Catharina. „Am Ende der großen Gallerie,“ antwortete der Kammerdiener. Catharina ſchaute den Herzog Franz an, als wollte ſie ihn über das, was er glaube, daß zu thun ſei, befragen. „Ich werde ihn erwarten,“ ſagte der Herzog. „Erwartet ihn, Durchlaucht,“ ſprach der Herzog von Nemours:„Ihr ſeid ein Städteeroberer und ein Schlachtengewinner, und Ihr könnt alle Könige der Welt mit erhabener Stirne erwarten. Glaubt Ihr aber nicht, Seine Majeſtät, wenn ſie hier den Car⸗ dinal von Lothringen und den Herzog von Guiſe trifft, werde finden, das ſei genug ohne mich?“ „In der That,“ erwiederte Catharina,„es iſt nicht nöthig, daß er Euch hier ſieht.... Den Schlüſſel, mein lieber Cardinal.“ Der Cardinal, der den Schlüſſel für jeden Fall bereit hielt, gab ihn raſch der Königin. Die Thüre öffnete ſich vor dem Herzog von Nemours, und ſie hatte ſich kaum wieder behutſam hinter dem Neuig⸗ keitengeber geſchloſſen, als mit finſterem Geſichte und gefalteter Stirne Heinrich von Valois im Rahmen der entgegengeſetzten Thüre erſchien. ſtatt weil gen wir — größ größ dem 3 der wir tiers warr teter 0 mehr tinoi halten c, der voſten rief: e der , als thun g. erzog id ein e der Ihr Car⸗ Guiſe es iſt üſſel, Fall Thüre id ſie euig⸗ und hmen 59 IV. Bei der Favoritin. Sind wir zuerſt dem Herzog von Guiſe gefolgt, ſtatt dem Connetable zu folgen, ſo geſchah dies nicht, weil das, was bei Frau von Valentinois ſich zutra⸗ gen ſollte, weniger intereſſant war, als das, was wir bei Catharina von Medici haben vorgehen ſehen; — aber, wie geſagt, der Herzog von Guiſe war ein größerer Herr als Montmorency, und Catharina eine größere Dame als Frau von Valentinois.— Chre, dem Ehre gebührt. Nun aber, da wir ein Zeichen der Ehrerbietung der königlichen Suprematie gegeben haben, wollen wir ſehen, was ſich bei der ſchönen Diana von Poi⸗ tiers zugetragen hat, und in Erfahrung bringen, warum der König mit finſterem Geſichte und gefal⸗ teter Stirne bei ſeiner Frau erſchien. Die Ankunft des Connetable war ebenſo wenig mehr ein Geheimniß für die Herzogin von Valen⸗ tinois, als die Rückkehr des Herzogs von Guiſe ein Geheimniß für die Königin Catharina von Medici war; unter dem Obdache von Frankreich und unter der Rubrik des Königthums, ſpielte Jede ihr Spiel, — wobei Catharina:„Guiſe!“ rief, und die Her⸗ zogin von Valentinois:„Montmorency!“ Wie man kühne Reden über die Königin und den Cardinal führte, ebenſo übten ſich die ſchlimmen Zungen,— wir glauben dies ſchon geſagt zu haben, — an der Favoritin und dem Connetable. Wie 60 wäre nun ein achtundſechzigjähriger Greis, verdrieß⸗ lich, brummig, brutal, der Nebenbuhler eines vier⸗ zigjährigen Königs voll Eleganz und Galanterie ge⸗ weſen? Das iſt eines von den Geheimniſſen, deren Erklärung wir den geſchickten Anatomen überlaſſen, welche behaupten, keine Fiber des Herzens entgehe ihrer Forſchung. Reelles, Unbeſtreitbares, für Aller Augen Sicht⸗ bares hiebei war der beinahe paſſive Gehorſam der ſchönen Diana, dieſer Favoritin, welche mehr Köni⸗ gin als die Königin, nicht nur gegen die Wünſche, ſondern auch gegen die Launen des Connetable. Dies dauerte allerdings ſeit zwanzig Jahren, das heißt ſeit dem Alter, wo die ſchöne Diana dreißig und der Connetable erſt achtundvierzig zählten. Die Herzogin empfing alſo mit einem Freuden⸗ ſchrei die Meldung: „Monſeigneur der Connetable von Montmorency.“ Sie war indeſſen nicht allein; in einem Winkel des Gemachs, halb auf einem Haufen von Kiſſen liegend, verſuchten zwei ſchöne Kinder das Leben, in das ſie kurz zuvor durch die Pforte der Liebe ein⸗ getreten; das waren die junge Königin Maria Stuart und der kleine Dauphin Franz, ſeit ſechs Monaten verheirathet und mehr verliebt vielleicht als am Tage nach ihrer Hochzeit. Die junge Königin ſetzte auf dem Kopfe ihres Gemahls ein Sammettoquet zurecht, das ein wenig zu groß für ſie, von dem ſie aber behauptete, es ſei nicht zu klein für ihn. Sie waren ſo ſehr in dieſe ernſte Beſchäftigung vertieſt, daß ſie, ſo wichtig, politiſch zu ſprechen, dieſe welch krabb S I „ſind und! unbeſ heiten miſche drieß⸗ vier⸗ eie ge⸗ deren laſſen, ntgehe Sicht⸗ m der Köni⸗ einſche, 8. I, das reißig uden⸗ ney.“ Linkel Kiſſen beben, ein⸗ ttuart naten am ihres venig s ſei gung dieſe 61 Meldung war, welche die Rückkehr des hohen Gefange⸗ nen nach Paris beſtätigte, dieſelbe nicht hörten, oder wenn ſie ſiehörten, nichtim Geringſten darauf Acht gaben. Es iſt etwas ſo Schönes um die Liebe, mit fünf⸗ zehn und mit ſiebzehn Jahren, daß ein Liebesjahr ſo viel werth iſt, als zwanzig Jahre des Daſeins. Franz II., der mit neunzehn Jahren nach zwei Jah⸗ ren des Glückes mit der jungen und ſchönen Maria ſtirbt, iſt er nicht glücklicher als dieſe, welche dreißig Jahre länger lebte, als er, von dieſen dreißig Jah⸗ ren aber drei auf der Flucht und achtzehn im Kerker zubrachte?“ Diana ging auch, ohne ſich um die reizende Gruppe zu bekümmern, die in einem Winkel ihr ex⸗ ceptionelles und begünſtigtes Leben lebte, mit offenen Armen auf den Connetable zu und reichte ihm ihre ſchöne Stirne zum Kuſſe. Vorſichtiger als ſie, zögerte er einen Augenblick, die Lippen darauf zu drücken. „Holla!“ ſagte er,„mir ſcheint, Ihr ſeid nicht allein, meine ſchöne Herzogin.“ „Doch, mein lieber Connetable,“ antwortete ſie. „Ei! Madame, ſo alt ich bin, ich habe doch Augen, welche gut genug, um zu ſehen, daß dort etwas krabbelt.“ Diana lachte. „Dieſes Etwas, was dort krabbelt,“ ſagte ſie, „ſind die Königin von Schottland und von England und der Erbe der Krone Frankreichs... Doch ſeid unbeſorgt, ſie ſind dergeſtalt mit ihren Angelegen⸗ heiten beſchäftigt, daß ſie ſich nicht in die unſeren miſchen.“ 62 „Potz Henker!“ verſetzte der Connetable,„die al Angelegenheiten ſtehen alſo ſo ſchlecht jenſeits des ſe Meeres, daß die Art, wie ſie ſtehen, dieſe jungen Gehirne in Anſpruch nimmt?“ „Mein lieber Connetable, befänden ſich die Schot⸗ d ten in London oder die Engländer in Edingburgh, was im einen oder im andern Falle eine große Neuig⸗ ta keit wäre; riefe man dieſe Neuigkeit ſo laut aus, als man ſo eben Eure Ankunft ausgerufen hat, ich gl bezweifle, daß das eine oder das andere von dieſen m Kindern ſich umdrehen würde. Oh! nein, Gott ſei Dankl ſie ſind mit viel wichtigeren Dingen beſchäf⸗ zc tigt: ſie lieben ſich, mein theurer Connetable! was m iſt das Königreich England und Schottland gegen te das Wort lieben, welches das Himmelreich denen H gibt, die es zwiſchen zwei Küſſen ausſprechen!“ C „Oh! Ihr Sirene!“ murmelte der alte Conne⸗ le table.„Doch laßt hören, wie ſteht es mit unſeren Angelegenheiten?“ „Ei!“ erwiederte Diana,„mir ſcheint, unſere 9, Angelegenheiten ſtehen vortrefflich, da Ihr hier ſeid. .. Der Friede iſt gemacht oder beinahe gemacht; lc Herr Franz von Guiſe wird gezwungen ſein, ſein b. großes Schwert in die Scheide zu ſtecken; da man ſp keinen General⸗Statthalter nöthig hat, immer jedoch le eines Connetable bedarf, ſo wird mein lieber Con⸗ m netable wieder auf dem Waſſer erſcheinen, und auf's u Neue als der Erſte des Königreiches daſtehen, ſtatt il der Zweite deſſelben zu ſein.“ „Kopf Gottes! das iſt nicht ſchlecht geſpielt!“ 1 ſagte der Connetable.„Es bleibt die Frage des n Löſegelds: Ihr wißt, meine ſchöne Diana, daß ich Lonne⸗ nſeren unſere r ſeid. nacht; , ſein man jedoch Con⸗ auf's , ſtatt pielt!“ ge des daß ich 63 auf Ehrenwort entlaſſen, aber zweimal hunderttau⸗ ſend Goldthaler ſchuldig bin?“ „Nun?“ fragte die Herzogin mit einem Lächeln. „Nun, tauſend Teufel! dieſes Löſegeld, ich ge⸗ denke wohl, es nicht zu bezahlen.“ „Für wen ſchluget Ihr Euch, mein lieber Conne⸗ table, als Ihr gefangen genommen wurdet?“ „Bei Gott! für den König, wie mir ſcheint, ob⸗ gleich die Wunde, die ich erhalten, ganz hübſch für mich war.“ „Wohl, dann wird der König es ſein, der be⸗ zahlt; doch ich glaubte, ich habe Euch ſagen hören, mein lieber Connetable, wenn ich die Friedensun⸗ terhandlungen zu gutem Ziele führe, ſo werde der Herzog Emanuel, der ein großmüthiger Fürſt iſt, Euch wahrſcheinlich dieſe zweimal hunderttauſend Tha⸗ ler erlaſſen.“ 5 „Habe ich das geſagt?“ „Ihr habt es mir nicht geſagt: Ihr habt es mir geſchrieben.“ „Teufel, Teufel, Teufel!“ rief der Connetable lachend,„man muß Euch alſo bei der Speculation betheiligen. Nun denn, wir wollen offenes Spiel ſpielen... Ja, der Herr Herzog von Savoyen er⸗ läßtmir meine zweimal hunderttauſend Thaler; da aber mein Neffe, der Admiral, ein zu ſtolzer Burſche iſt, um eine ſolche Erlaſſung anzunehmen, ſo werde ich ihm kein Wort davon ſagen.“ „Gut! ſo daß er Euch ſeine hunderttauſend Tha⸗ ler bezahlen wird, als ob Ihr ſie dem Herzog Ema⸗ nuel Philibert entrichten müßtet?“ „Ganz richtig.“ 64 „So daß,“ fuhr Diana fort,„ſo daß der König Euch Eure zweimal hunderttauſend Thaler bezahlen wird, als ob Ihr ſie dem Herzog Emanuel Philibert bezahlen müßtet?“ „Ebenfalls richtig.“ „So daß das Euch dreimal hunderttauſend Tha⸗ ler macht, welche Niemand etwas ſchuldig ſind?“ „Doch, welche zu dem Vergnügen verbunden ſind, in meinen Händen der ſchönen Herzogin von Valentinois zu gehören... Da aber jede Mühe ihren Lohn verdient,— höret, was wir mit dieſen dreimal hunderttauſend Thalern machen...“ „Vor Allem,“ ſprach die Herzogin,„wenden wir zweimal hundert dazu an, daß wir den lieben Connetable für ſeine Feldzugskoſten und für die Verluſte und Nachtheile entſchädigen, die ihm ſeine achtzehn Monate Gefangenſchaft verurſacht haben.“ „Findet Ihr, das ſei zu viel?“ „Unſer lieber Connetable iſt ein Löwe, und es iſt gerecht, daß er ſich den Theil des Löwen macht... Und die übrigen hunderttauſend?“ „Wir theilen ſie alſo:— die Hälfte, das heißt fünfzigtauſend, um Pompons und Nadeln zu kaufen, die ſie an meiner ſchönen Herzogin befeſtigen ſollen;... und fünfzig, um meine armen Kinder auszuſteuern, die ſehr ſchlimm daran ſein werden, fügt der König nicht etwas der Mitgift bei, die ein unglücklicher Vater ſeinem Sohne ſich alles Blut abzapfend gibt.“ „Allerdings hat unſere Tochter Diana ſchon ihr Witthum als Herzogin von Caſtro, und dieſes Wit⸗ thum beträgt hunderttauſend Thaler... Doch Ihr begreift wohl, mein lieber Connetable, daß, wenn dönig ahlen libert Tha⸗ inden von Mühe dieſen enden jeben c die ſeine en.“ es iſt ... heißt ufen, .... uern, dönig licher gibt.“ n ihr Wit⸗ Ihr wenn 65 der König, in ſeiner Freigebigkeit denkt, das ſei nicht genug für die Frau eines Montmorency und die Toch⸗ ter eines Königs, ich es, zieht er die Schnüre ſeiner Börſe, um ſie zu öffnen, nicht bin, die ſie ziehen wird, um dieſe Börſe zu ſchließen.“ Der Connetable ſchaute die Favoritin mit einer gewiſſen Bewunderung an. „Gut!“ ſagte er,„unſer König trägt alſo immer noch den Zauberring, den Ihr ihm an den Finger geſteckt habt?“ „Immer,“ antwortete lächelnd die Herzogin;„und da ich, wie mir ſcheint, die Tritte Seiner Majeſtät höre, ſo werdet Ihr, glaube ich, den Beweis hievon erhalten.“ „Ahl ah!“ ſprach der Connetable,„er kommt alſo immer durch dieſen Corridor, der König, und er hat immer den Schlüſſel von dieſer Thüre?“ Der König hatte in der That den Schlüſſel der Geheimthüre von Diana, wie der Cardinal den Schlüſſel der Geheimthüre von Catharina hatte. Es gab viele Geheimthüren im Louvre, und alle hatten einen Schlüſſel, wenn ſie nicht zwei hatten. „Gut!“ ſagte die Herzogin, ihren alten Anbeter mit einem unbeſchreiblichen Ausdrucke von Spott anſchauend,„werdet Ihr nun nicht eiferſüchtig auf den König ſein?“ „Ich müßte es vielleicht ſein,“ brummelte der alte Haudegen. „ Ahl! nehmt Euch in Acht,“ ſprach die Herzogin, die ſich nicht enthalten konnte, auf den ſprüchwört⸗ lichen Geiz von Montmorency anzuſpielen,„das wäre Dumas, der Page. III. 5 66 Eiferſucht auf zweihundert Procent Verluſt angelegt, und nicht zu dieſem Zinſe pflegt Ihr anzulegen...“ Sie wollte ſagen:„Eure Liebe,“ doch ſie ließ ihre Zunge eine andere Wendung nehmen. „Was?“ fragte der Connetable. „Euer Geld,“ antwortete die Herzogin. In dieſem Augenblicke trat der König ein. „Oh! Sire,“ rief Diana ihm entgegenſtürzend, „kommt doch! denn eben wollte ich nach Euch ſchicken. ... Hier iſt unſer lieber Connetable, der zu uns zurückkehrt, immer jung und ſtolz wie der Gott Mars.“ „Ja,“ erwiederte der König, ſich der mytholo⸗ giſchen Sprache jener Zeit bedienend,„und ſein erſter Beſuch hat der Göttin Venus gegolten... Er hat Recht; ich ſage nicht:„„Jedem Herrn jede Chre*),““ ich ſage:„„Jeder Schönheit jede Majeſtät.““ Eure Hand, mein lieber Connetable.“ „Alle Teufel! Sire,“ brummte Montmorench, indem er ſein verdrießliches Geſicht wieder annahm, „ich weiß nicht, ob ich ſie Euch geben ſollte, meine Hand.“ „Gut! und warum nicht?“ fragte lachend der König. „Eil“ erwiederte der Connetable, immer mehr *) Dieſe ſprüchwörtliche Redensart: A tout seigneur tout honneur, iſt ſonſt gleich bedeutend mit: „Ehre, dem Ehre gebührt,“ kann aber hier nur wörtlich überſetzt werden. rency, nahm, meine d der mehr gneur mit: r nur die Stirne runzelnd,„weil mir ſcheint, Ihr habt mich dort ein wenig vergeſſen.“ „Ich, Euch vergeſſen, mein lieber Connetable?“ rief der König, der ſich zu vertheidigen anfing, wäh⸗ rend er ein ſo ſchönes Spiel hatte, um anzugreifen. „Ahl es iſt wahr, Herr von Guiſe blies ſo viel Fanfaren an Euern Ohren,“ ſagte der Connetable. „Ei! nun,“ rief Heinrich, da er ſich nicht ent⸗ halten konnte, durch einen geraden Stoß die Finte zu erwiedern, die ihm Montmorency machte,„Ihr könnt einen Sieger nicht verhindern, ſeine Trompeten ſchmettern zu laſſen.“ „Sire,“ entgegnete Montmorency, indem er ſich auf ſeinen Abſätzen aufrichtete, wie es ein Hahn auf ſeinen Sporen gethan hätte,„es gibt Niederlagen, welche ſo erhaben und ruhmwürdig ſind als ein Sieg.“ „Ja“ ſagte der König,„aber weniger vortheil⸗ haft, das werdet Ihr zugeſtehen.“ „Weniger vortheilhaft... weniger vortheilhaft,“ brummelte der Connetable,„ganz gewiß! Doch der Krieg iſt ein Spiel, wobei der Geſchickteſte die Par⸗ tie verlieren kann: der König Euer Vater wußte etwas hievon.“ Heinrich erröthete leicht. „Und was die Stadt Saint⸗Quentin betrifft,“ fuhr der Connetable fort,„ſo ſcheint mir, daß, wenn ſie ſich ergeben hat...“ „Einmal,“ unterbrach lebhaft Heinrich,„einmal hat ſich die Stadt Saint⸗Quentin nicht ergeben: die Stadt Saint⸗Quentin iſt genommen worden, und zwar genommen, wie Ihr wißt, nach einer helden⸗ 68 müthigen Vertheidigung. Die Stadt Saint⸗Quentin hat Frankreich gerettet, das...“ Heinrich zögerte. „Ja, vollendet: das die St. Laurent⸗Schlacht in's Verderben gebracht hat, nicht wahr? Das iſt es, was Ihr ſagen wollt?... Laßt Euch doch für einen König quetſchen, verwunden und gefangen nehmen, damit dieſer König Euch durch ein ſo ſüßes Compliment danke!“ „Nein, mein lieber Connetable,“ ſprach Heinrich, den ein Blick von Diana zur Reue zurückgeführt hatte,„nein, das ſage ich nicht, im Gegentheile.. ich ſagte nur, Saint⸗Quentin habe eine bewunderungs⸗ würdige Vertheidigung gemacht.“ „Alle Wetter! hiefür hat Eure Majeſtät ſeinen Vertheidiger gut behandelt.“ „Coligny? Was vermochte ich mehr, mein lieber Connetable, als ſein Löſegeld mit dem Eurigen zu bezahlen?“ „Sprechen wir nicht hievon, Sire... Es iſ wohl die Rede vom Löſegeld von Coligny! nein, es handelt ſich um die Gefangenſchaft von Dandelot.“ „Ahl ah!“ erwiederte der König,„verzeiht, mein lieber Connetable, Herr Dandelot iſt ein Ketzer!“ „Als ob wir nicht alle mehr oder minder Ketzer wären! Solltet Ihr zufällig die Prätenſion haben, Ihr gehet ins Paradies, Sire?“ „Warum nicht?“. „Bah! Ihr werdet gehen, wie Euer alter Mar⸗ ſchall Strozzi, der als Renegat geſtorben iſt. Fragt ein er ſ iſt dert werd ſein bend „„C ſind Nun und Grè dieſe vern gere Inſt heiſe Bele ' elbf im dies geſa was mein Dan Gef uentin chacht das iſt ch für angen ſüßes inrich, eführt ile... ungs⸗ ſeinen lieber gen zu Es iſt in, es elot.“ erzeiht, ſt ein Ketzer haben, Mar⸗ Fragt 69 ein wenig Euren Freund, Herrn von Vieilleville, was er ſeinen letzten Seufzer ausſtoßend geſagt hat.“ „Was hat er geſagt?“ „Er hat geſagt:„„Ich leugne Gott; mein Feſt iſt beendigt!““ Und als ihm Herr von Guiſe erwie⸗ derte:„„Nehmt Euch in Acht, Marſchall! denn Ihr werdet heute noch vor dem Angeſichte des Gottes ſein, den Ihr leugnet!““ da antwortete der Ster⸗ bende, indem er ſeinen Daumen ſchnalzen ließ: „„Gut! ich werde heute ſein, wo alle die Andern ſind, welche ſeit ſechstauſend Jahren geſtorben!..““ Nun wohl, warum laßt Ihr ihn nicht ausgraben, und warum verbrennt Ihr nicht ſeinen Leib auf der Grève? Es wäre hier ein Grund mehr vorhanden: dieſer iſt für Euch geſtorben, während die Andern nur verwundet worden ſind.“ „Connetable,“ ſprach der König.„Ihr ſeid un⸗ gerecht!“ „Ungerecht? Bah! wo iſt denn Herr Dandelot? Inſpicirt er Eure Reiterei, wie es ſeine Charge heiſcht, oder ruht er in ſeinem Schloſſe von der großen Belagerung von Saint⸗Quentin aus, wo er, wie Ihr ſelbſt zugeſteht, Wunder gethan hat? Nein, er iſt im Gefängniß im Schloſſe von Melun; und warum dies? weil er freimüthig ſeine Anſicht über die Meſſe geſagt hat!... Ah! Mord und Tod! ich weiß nicht, was mich abhält, Sire, Hugenott zu werden und mein Schwert Herrn von Condé anzubieten!“ „Connetable!“ „Und wenn ich bedenke, daß mein lieber armer Dandelot wahrſcheinlich noch Herrn von Guiſe ſeine Gefangenſchaft verdankt...“ 70 „Connetable,“ entgegnete der König,„ich ſchwöre Euch, daß die Herren von Guiſe keinen Theil an dieſer ganzen Geſchichte haben.“ „Wie! Ihr wollt mir ſagen, das ſei keine Ma⸗ chination Eures Höllencardinals?“ „Connetable, wünſcht Ihr Etwas?“ ſprach der König, die Frage umgehend. „Was?“ „Daß zu Ehren und zur freudigen Feier Eurer Rückkehr Herr Dandelot in Freiheit geſetzt werde?“ „Tauſend Teufel!“ rief der Connetable,„ich glaube wohl, daß ich das wünſche! ich ſage mehr: ich will es!“ „Connetable, mein Vetter,“ wand der König lächelnd ein,„Du weißt, daß der König ſelbſt ſagt: Wir wollen?““ „Nun denn, Sire,“ ſprach Diana,„ſagt:„„Wir wollen, daß unſer guter Diener Dandelot in Freiheit geſetzt werde, damit er der Hochzeit unſerer vielge⸗ liebten Tochter Diana von Caſtro mit Franz von Montmorency, Grafen von Dampoille, beiwohnen könne.““ 3 „Ja,“ ſagte der Connetable brummend,„wenn überhaupt dieſe Heirath ſtattfindet...“ „Und warum ſollte ſie nicht ſtattfinden?“ fragte Diana;„denkt Ihr, die zukünftigen Gatten ſeien zu arm, um es zu wagen, die Ehe einzugehen?“ „Oh! wenn es ſich allein hierum handelte,“ ſagte der König, der immer entzückt war, aus einer Ver⸗ legenheit um den Preis von Geld herauszu⸗ kommen,„wir werden wohl hunderttauſend Thaler N geg⸗ wöre il an „Wir eiheit ielge⸗ von ohnen wenn ragte en zu ſagte Ver⸗ uszu⸗ haler 71 in irgend einem Winkel der Kaſſe unſerer Domäne finden.“ 3 „Es handelt ſich wohl hierum!“ erwiederte der Connetable.„Tauſend Teufel! wer ſpricht da von Geld? Ich bezweifle, daß dieſe Heirath ſtattfindet, jedoch aus einem andern Grunde.“ „Und aus welchem?“ fragte der König. „Nun, weil dieſe Heirath Euren guten Freunden, den Herren von Guiſe mißfällig iſt.“ „Wahrhaftig, Connetable, Ihr zieht gegen Ge⸗ ſpenſter zu Felde.“ „Gegen Geſpenſter? Und warum glaubt Ihr denn, daß Herr Franz von Guiſe nach Paris zurück⸗ gekommen, wenn nicht um dieſer Heirath entgegen⸗ zuwirken, die meinem Hauſe einen neuen Glanz ver⸗ leihen kann... obgleich, im Ganzen,“ fügte er un⸗ verſchämter Weiſe bei,„obgleich Frau von Caſtro ein Baſtard iſt.“ Der König biß ſich auf die Lippen, und Diana erröthete; da er aber auf dieſe letzten Worte nichts erwiedern wollte, ſo ſagte Heinrich II.:. „Ihr täuſcht Euch vor Allem, mein lieber Conne⸗ table: Herr von Guiſe iſt nicht in Paris.“ „Wo iſt er denn?“ „Im Lager von Compiègne.“ „Gut! Sire.. Und Ihr werdet behaupten, Ihr habet ihm keinen Urlaub gegeben?“ „Wozu?“ „Eil um hierher zu kommen!“ „Ich? ich habe Herrn von Guiſe keinen Urlaub gegeben.“ „Nun, Sire, dann iſt Herr von Guiſe ohne Ur⸗ laub nach Paris gekommen, das iſt das Ganze.“ „Ihr ſeid verrückt, Connetable! Herr von Guiſe weiß zu gut, daß er das Lager ohne meine Erlaub⸗ niß nicht verlaſſen darf.“ „Es iſt thatſächlich, Sire, daß Euch der Herzog viel verdankt, ungeheuer viel verdankt; doch er hat vergeſſen, was er Euch verdankt.“ „Nun, ſo ſprecht, Connetable,“ ſagte Diana, ihr Wort zuſchleudernd,„ſeid Ihr ſicher, daß Herr von Guiſe... ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken ſoll... wie nennt man einen Disciplinfehler?... dieſe Unziemlichkeit begangen hat?“ „Verzeiht,“ erwiederte der Connetable,„ich habe ihn geſehen.“ „Wann?“ fragte der König. „So eben.“ „Wo?“ „Beim Thore des Louvre; wir ſind uns dort begegnet.“ „Warum habe ich ihn dann nicht geſehen?“ „Weil er ſich, ſtatt ſich nach links zu wenden, gegen rechts gewandt hat, und weil er, ſtatt ſich beim König einzufinden, ſich bei der Königin einge⸗ funden haben wird.“ „Ihr ſagt, Herr von Guiſe ſei bei der Königin?“ „Ohl Eure Majeſtät beruhige ſich,“ erwiederte der Connetable;„ich wollte wetten, daß er nicht allein dort iſt, und daß ſich der Herr Cardinal als Dritter dabei befindet.“ „Ah!“ rief der König,„das wollen wir ſehen. ... Erwartet mich Herr Connetable; ich bitte Euch nur um einen Augenblick.“ Und der König ging wüthend weg, während der Connetable und Diana von Poitiers einen Blick der Rache, und der Dauphin Franz und die kleine Maria, welche weder etwas geſehen, noch etwas gehört, einen Kuß der Liebe wechſelten. Darum erſchien König Heinrich II. bei Catharina von Medici mit finſterem Geſichte und gerunzelter Stirne. V. Wo, nachdem der Beſiegte als Sieger behandelt worden iſt, der Sieger als Beſiegter behandelt wird. Die Haltung der drei Perſonen war verſchieden und drückte ziemlich gut die Verfaſſung der Gemüther aus. Die Königin Catharina war noch bei der Geheim⸗ thüre, den Rücken an die Tapete angelehnt, die Hand, die den Schlüſſel hielt, hinter ſich verborgen; ihr ganzer Körper bebte, dergeſtalt hat der Ehrgeiz geheimniß⸗ volle Bewegungen, welche denen der Liebe gleichen. Der Cardinal ſtand in ſeinem kleinen, halb geiſt⸗ lichen, halb militäriſchen, Prälatencoſtume an einem zugleich mit Papieren und mit Weiberflitterkram be⸗ ladenen Tiſche; ſeine geſchloſſene Fauſt war auf den Tiſch gedrückt und diente ihm als Stütze. 3 Der Herzog Franz war iſolirt der Thüre gegen⸗ über; er hatte den Anſchein eines Streiters, der einen Kampfplatz behauptet, Jeden, der da kommt, 74 herausfordert, und ſich allen Streichen ausſetzt. In ſeiner faſt militäriſchen Tracht,— der Bruſtharniſch und der Helm fehlten allein ſeiner Rüſtung,— mit ſeinen langen, ganz mit Koth bedeckten Stiefeln, mit ſeinem um ſeinen Leib gegürteten Schwerte, das an ſeiner Seite feſthielt wie ein unbeugſamer, treuer Freund, bot er ganz den Anblick, den er auf dem Schlachtfelde anzunehmen wußte, wenn ſich die feind⸗ lichen Wogen an der Bruſt ſeines Roſſes brachen, wie bei einem Sturme an der Ecke eines Felſens die ſtürmiſchen Wogen des Meeres ſich brechen. Ent⸗ blößt vor der königlichen Majeſtät, hielt er in der Hand ſeinen von einer kirſchrothen Feder beſchatteten Filzhut; doch ſeine hohe Statur, ſtarr und gerade wie die der Eiche, hatte vor dem König nicht eine Linie von ihrer Größe verloren. Heinrich hatte ſich an dieſer Siegerwürde geſtoßen, welche irgend eine hohe Dame jener Zeit ſagen machte, gegen den Herzog von Guiſe erſcheinen alle andern Cdelleute nur als gemeines Volk. Er hielt inne, wie der Kieſelſtein inne hält, der an eine Mauer ſchlägt, wie das Blei, das am Eiſen abprallt. „Ah! Ihr ſeid es, mein Vetter!“ ſagte er, gich bin erſtaunt, Euch hier zu finden: ich glaubte, Ihr wäret als Commandant im Lager von Com⸗ piègne.“ „Gerade wie ich, Sire, ich war im höchſten Grade erſtaunt, dem Connetable beim Thore des Louvre zu begegnen: ich glaubte, er wäre Gefangener in Antwerpen.“ reuer dem eind⸗ ſchen, s die Ent⸗ der teten prade eine oßen, achte, dern der Eiſen er, ubte, Lom⸗ sſten des ener 75 Heinrich biß ſich bei dieſer barſchen Antwort auf die Lippen. „Das iſt wahr, mein Herr,“ erwiederte er;„doch ich habe ſein Löſegeld bezahlt, und für zweimal hunderttauſend Thaler habe ich das Vergnügen ge⸗ habt, einen treuen Freund und einen alten Diener wiederzuſehen.“ „Schätzt Eure Majeſtät nur zu zweimal hundert⸗ tauſend Thaler die Städte, die ſie, wie man ver⸗ ſichert, Spanien, England und Piemont zurückgibt? Da ſie ungefähr zweihundert zurückgibt, ſo würde das nur tauſend Thaler für die Stadt machen.“ „Ich gebe dieſe Städte zurück, mein Herr,“ entgegnete Heinrich,„nicht um Herrn von Mont⸗ morency loszukaufen, ſondern um den Frieden zu erkaufen.“ „Bis jetzt habe ich geglaubt,— in Frank⸗ reich wenigſtens,— erkaufe ſich der Friede mit Siegen.“ „Weil Ihr als lothringiſcher Prinz, mein Herr, die Geſchichte Frankreichs ſchlecht kennt... Habt Ihr unter Anderem die Verträge von Brétigny und von Madrid vergeſſen?“ „Nein, Sire; doch ich glaubte nicht, es finde Identität oder ſogar nur Aehnlichkeit zwiſchen den Lagen ſtatt. Nach der Schlacht von Poitiers war önig Johann Gefangener in London; nach der Schlacht von Pavia war König Franz I. Gefangener in Toledo. Heute iſt König Heinrich II., an der Spitze eines herrlichen Heeres, allmächtig in ſeinem Louvre! Wozu bei voller Wohlfahrt die Mißge⸗ ſchicke der Unglücksperioden Frankreichs erneuern?“ „Herr von Guiſe,“ ſprach der König mit Stolz, „habt Ihr Euch Rechenſchaft gegeben von den Rech⸗ ten, die ich Euch verlieh, indem ich Euch zum Ge⸗ neral⸗Statthalter des Königreichs ernannte?“ „Ja, Sire! Nach der unglücklichen Saint⸗Lau⸗ rent⸗Schlacht, nach der heldenmüthigen Vertheidigung von Saint⸗Quentin, als der Feind in Noyon war, als Herr von Nevers nur noch zwei bis dreihundert Edelleute um ſich hatte, als Paris im Aufruhr durch die zerbrochenen Barrièren floh, als der König, auf der Spitze des höchſten Thurmes vom Schloſſe von Compiègne, den Weg von der Picardie befragte, um der Letzte zu ſein, der ſich vor dem Feinde zu⸗ rückzöge,— nicht wie ein König, der ſich nicht den Streichen ausſetzen ſollte, ſondern wie ein General, wie ein Kapitän, wie ein Soldat, der einen Rückzug aushält,— da habt Ihr mich gerufen, Sire, und Ihr habt mich zum General⸗Statthalter des König⸗ reichs ernannt. Mein Recht war von da an, Frank⸗ reich zu retten, das Herr von Montmorency in's Verderben geſtürzt hatte. Was habe ich gethan, Sire? Ich habe nach Frankreich die italieniſche Armee zu⸗ rückgeführt, ich habe Bourg befreit, ich habe die Schlüſſel Eures Reiches vom Gürtel der Königin Maria Tudor, ihr Calais wiedernehmend, geriſſen, ich habe Guines, Ham und Thionville wiedererobert, ich habe Arlon überrumpelt, ich habe das Mißgeſchick von Gravelines wieder gut gemacht, und nach einem Jahre eines grimmigen Krieges habe ich im Lager von Compisègne eine Armee doppelt ſo ſtark verſam⸗ melt, als ſie es in der Stunde war, wo ich das stolz, Rech⸗ Ge⸗ Lau⸗ gung war, ndert durch auf von agte, e zu⸗ den teral, ckzug und önig⸗ rank⸗ in's Sire? 2 zu⸗ die taria habe habe von inem Lager ſam⸗ das Commando davon übernahm. War Alles dies in meinem Rechte, Sire?“ „Allerdings, allerdings,“ ſtammelte Heinrich ver⸗ legen. „Nun, dann erlaube mir Eure Majeſtät, ihr zu ſagen, daß ich die Frage nicht verſtehe, die ſie an mich gethan:„„Habt Ihr Euch auch Rechenſchaft ge⸗ geben von den Rechten, die ich Euch verlieh, indem ich Euch zum General⸗Statthalter des Königreichs ernannte?““ „Ich wollte Euch ſagen, Herr Herzog, daß ein König unter der Zahl von Rechten, die er einem Unterthanen verleiht, ſelten das der Vorſtellung begreift.“ „Einmal,“ erwiederte der Herzog Franz von Guiſe, indem er mit einer dergeſtalt affectirten Höf⸗ lichkeit, daß ſie eine Ungebührlichkeit wurde, ſich ver⸗ beugte,„einmal wage ich es, Eurer Majeſtät zu be⸗ merken, daß ich nicht gerade die Ehre habe, ihr Unterthan zu ſein: nach dem Tode des Herzogs Albrecht gab Kaiſer Heinrich III. das Herzogthum Ober⸗Lothringen Gerhard von Elſaß, dem erſten erb⸗ lichen Herzog und Stammvater unſeres Hauſes; ich habe dieſes Herzogthum von meinem Vater erhalten, der es von dem ſeinigen hatte... Durch Gottes Gnade werde ich es, wie ich es von meinem Vater empfangen, meinem Sohne vermachen! Das iſt, was Ihr im Großen bei Frankreich thut, Sire.“ 3„Wißt Ihr, mein Vetter,“ verſetzte Heinrich, der die Ironie in den Streit zu bringen ſuchte,„wißt Ihr, daß das, was Ihr mir da ſagt, mir eine Furcht macht?“ 78 „Welche, Sire?“ fragte der Herzog. „Frankreich könnte eines Tags Krieg mit Lothrin⸗ gen haben.“ Der Herzog biß ſich auf die Lippen. „Sire,“ erwiederte er,„die Sache iſt mehr als unwahrſcheinlich; geſchähe es aber dennoch, und ich hätte in meiner Eigenſchaft als ſouverainer Herzog mein Erbgut gegen Eure Majeſtät zu vertheidigen, ſo ſchwöre ich Euch, daß ich nur auf der Breſche meines letzten feſten Platzes einen Vertrag, welcher ſo unglücklich wie der, den Ihr eingegangen, unter⸗ zeichnen würde.“ „Herr Herzog!“ rief der König, den Kopf hoch aufrichtend und die Stimme erhebend. „Sire,“ ſprach Herr von Guiſe,„laßt mich Eurer Majeſtät ſagen, was ich denke und was wir alle den⸗ ken, ſo viel wir Edelleute ſind. Die Machtvollkom⸗ menheit eines Connetable iſt, wie man behauptet, ſo, daß er in einer äußerſten Nothwendigkeit das Drit⸗ tel des Reiches verpfänden kann. Nun wohl, ohne eine andere Nothwendigkeit als die, aus einem Ge⸗ fängniſſe herauszukommen, wo er ſich langweilt, koſtet Euch der Herr Connetable über ein Drittel Eures Reiches, Sire!... Ja, Eures Reiches, denn ich betrachte als zu Eurem Königreiche gehörig die Er⸗ oberung von Piemont, die der Krone von Frankreich vierzig Millionen Geld und dem Lande Frankreich mehr als zweimal hunderttauſend von ſeinen Kindern gekoſtet hat! Denn ich betrachte als zu Eurem Reiche gehörig die zwei ſchönen Parlamente von Turin und von Chambery, welche der ſelige König, Euer Herr und Vater, nach franzöſiſcher Weiſe dort eingeführt hatte! Denn ich betrachte als zu Eurem Reiche ge⸗ hörig alle die ſchönen transalpiniſchen Städte, wo ſo viele von Euren Unterthanen ihr Geſchlecht ge⸗ gründet und fortgepflanzt hatten, daß allmälig die Einwohner ihr verdorbenes Italieniſch verließen und ein Franzöſiſch zu ſprechen anfingen, ſo gut als das, welches man in Lyon oder in Tours ſpricht.“ „Nun wohl,“ fragte Heinrich, ziemlich verlegen, auf ſolche Gründe etwas zu antworten,„für wen werde ich Alles dies aufgegeben haben? Für die Tochter meines Vaters, für meine Schweſter Mar⸗ garethe.“ „Nein, Sire, Ihr werdet es aufgegeben haben für den Herzog Emanuel Philibert, ihren Gemahl, das heißt für Euren grauſamſten Feind, für Euren heftigſten Gegner. Sobald ſie verheirathet, iſt die Prinzeſſin Margarethe nicht mehr die Tochter des Königs Eures Vaters: die Prinzeſſin Margarethe iſt Herzogin von Savoyen. Soll ich Euch nun ſagen, was geſchehen wird, Sire? Kaum nach ſeinen Län⸗ dereien zurückgekehrt, wird der Herzog von Savoyen Alles ausreißen, was Euer Vater und Ihr dort gepflanzt habt; ſo daß der ganze Ruhm, den ſich Frankreich in Italien in einem Zeitraume von ſechs⸗ undzwanzig bis dreißig Jahren erworben, dort völlig erloſchen ſein und Euch die Hoffnung, eines Tags das Herzogthum Mailand wiederzuerobern, für immer entgehen wird. Und das iſt es noch nicht, was mir den Geiſt am meiſten beunruhigt und die Seele am tiefſten zerreißt: es i*ſt, daß Ihr dieſen Vortheil dem Generallieutenant von König Philipp, dem Reprä⸗ ſentanten des Hauſes Spanien, unſeres unheilvoll⸗ 80 ſten Feindes, gewährt! Durch die Alpen, deren Paſ⸗ ſagen der Herzog von Savoyen alle in ſeiner Ge⸗ walt hat, bedenkt das wohl, Sire, iſt Spanien vor den Thoren von Lyon! von Lyon, das vor dieſem Frieden im Mittelpunkte Eures Reiches war, heute aber eine Grenzſtadt iſt!“ „Ohl in dieſer Hinſicht ängſtigt Ihr Euch mit Unrecht, mein Vetter,“ entgegnete Heinrich II.„Durch eine zwiſchen uns getroffene Uebereinkunft geht der Herzog von Savoyen in Wirklichkeit vom Dienſte Spa⸗ niens in den unſern über. Stirbt der Herr Conne⸗ table, ſo iſt ſein Schwert dem Herzog Emanuel Philibert verſprochen.“ „Und darum hat er es ihm ohne Zweifel im Voraus bei Saint⸗Quentin genommen?“ ſagte der Herzog von Guiſe mit Bitterkeit. Alsdann, da der König eine Bewegung der Un⸗ geduld machte, fuhr er fort: „Verzeiht, Sire, ich habe Unrecht, ſolche Fragen müſſen ernſter behandelt werden... Ah! der Her⸗ zog Emanuel Philibert hat die Anwartſchaft bei Herrn von Montmorency? Ah! Herr von Savoyen wird in ſeiner Hand das mit Lilien geſchmückte Schwert halten? Nun wohl, Sire, an dem Tage, wo Ihr es ihm übergebt, fürchtet, daß er es auf die Art des Grafen von Saint⸗Paul gebraucht, der ein Frem⸗ der war wie der Herr Herzog von Savoyen, da er zum- Hauſe Luxemburg gehörte. König Ludwig XI. und der Herzog von Burgund machten auch eines Tags Frie⸗ den, wie Ihr ihn machen wollt, oder wie Ihr ihn mit dem König von Spanien gemacht habt; eine von den Bedingungen dieſes Friedens war, daß der Graf von und beg gun man von von auf Co⸗ De min dieſe Daß nun Her ich l durc Sain ſcheh es C fernt der die ten ſat Fran ſeine ſen, Save Gun Haus Du Paf⸗ Ge⸗ vor ieſem heute ) mit Durch t der Spa⸗ onne⸗ anuel A im e der Un⸗ ragen Her⸗ Herrn wird hwert Ihr Art Frem⸗ rzum d der Frie⸗ r ihn von Graf 81 von Saint⸗Paul Connetable von Frankreich werde, und er wurde es; kaum aber war er Connetable, da begünſtigte er unter der Hand den Herzog von Bur⸗ gund, ſeinen erſten Herrn, und von da an, wie man in den Denkwürdigkeiten von Philipp von Commines ſehen kann, ging er nur noch von einem Verrath zum andern über.“ „Nun denn,“ ſprach der König,„da Ihr mich auf die Denkwürdigkeiten von Philipp von Commines verweiſt, ſo werde ich Euch durch die Denkwürdigkeiten von Philipp von Com⸗ mines antworten. Was war der Erfolg von allen dieſen Verräthereien des Grafen von Saint⸗Paul? Daß er enthauptet wurde, nicht wahr?... Höret nun wohl, mein Vetter: beim erſten Verrathe des Herzogs Emanuel, das ſchwöre ich Euch,— und ich bin es, der Euch dies ſagt,— wird mit ihm durch mich geſchehen, wie mit dem Grafen von Saint⸗Paul durch meinen Vorfahren Ludwig XI. ge⸗ ſchehen iſt... Doch es wird dem nicht ſo ſein, wenn es Gott gefällt!“ fuhr der König fort.„Weit ent⸗ fernt, zu vergeſſen, was er uns ſchuldig iſt, wird der Herzog Emanuel Philibert immer die Stellung, die wir ihm gemacht, vor Augen haben; wir behal⸗ ten auch, mitten in ſeinen Ländereien, das Marqui⸗ ſat Saluzzo, als ein Ehrenzeichen für die Krone Frankreichs, und damit der Herzog von Savoyen, ſeine Kinder und ſeine Nachkommenſchaft nie vergeſ⸗ ſen, daß unſere Könige einſt ganz Piemont und ganz Savoyen beſeſſen haben, daß man ihnen aber zu Gunſten einer Tochter von Frankreich, die in ihr Haus verheirathet wurde, Alles, was ſie diesſeits Dumas, der Page III. 6 82 und jenſeits der Berge beſaßen, reſtituirt oder zu g vielmehr geſchenkt hat, um ſie durch dieſe ungeheure wird Freigebigkeit gehorſamer gegen die Krone Frankreichs theil und derſelben mehr zugeneigt zu machen.“ Lebe Sodann, als der König ſah, daß der Herzog an d von Guiſe nicht zu ihrem Werthe die Beſitzung des Marquiſats Saluzzo, das ſich Frankreich vorbehielt, malt zu ſchätzen ſchien, fügte er bei: zierd „Wenn Ihr übrigens wohl darüber nachdenken die wolltet, ſo würdet Ihr wie ich ſagen, Herr Herzog, Stre es ſei eine ſehr tyranniſche Uſurpation von Seiten und des ſeligen Königs, meines Herrn und Vaters, ge⸗ daß weſen, die er an dem armen Prinzen dem Vater ſonde des gegenwärtigen Herzogs von Savoyen gemacht; die denn er hatte kein Recht hiezu, und es hieß nicht unter als guter Chriſt handeln, ſo einen Sohn aus dem„ Herzogthum ſeines Vaters jagen und ſeines ganzen zum Beſitzthums zu berauben; und hätte ich kein anderes ritter Motiv als das, von dieſer Sünde die Seele des geben Königs meines Vaters zu entlaſten, ſo würde ich gen, gern Emanuel Philibert zurückgeben, was ihm ge⸗ gegeb hört.“ nen L Der Herzog verbeugte ſich. und? „Nun,“ fragte Heinrich,„Ihr antwortet nichts, dugen Herr von Guiſe?“ was! „Doch, Sire... nur, ſobald die Leidenſchaft des habe Augenblicks Eure Majeſtät dergeſtalt fortreißt, daß mich ſie den König ihren Vater der Tyrannei beſchuldigt, zieht ſo habe ich,— ich, der ich König Franz I. für einen mehr großen König halte, und nicht für einen Tyrannen, läſten — ich habe nicht mehr König Heinrich II., ſondern ne König Franz I. Rechenſchaft über mein Benehmen oder eure eichs rzog des dielt, nken zog, eiten ge⸗ gater acht; nicht dem nzen deres des e ich ge⸗ ichts, t des daß einen mnen, dern hmen 83 zu geben. Wie Ihr Euren Vater richtet, Sire, ſo wird Euer Vater mich richten, und da ich das Ur⸗ theil der Todten für unfehlbarer halte, als das der Lebenden, ſo appellire ich, vom Lebenden verurtheilt, an den Todten!“ Und ſich dem ſchönen Portrait von Franz I., ge⸗ malt von Tizian, nähernd, das heute eine der Haupt⸗ zierden vom Muſeum des Louvre iſt, damals aber die Hauptzierde des Zimmers war, in welchem der Streit ſtattfand, den wir ſo eben mitgetheilt,— und wäre es nur, um unſern Leſern zu beweiſen, daß es nicht die Spitze des ſpaniſchen Degens iſt, ſondern daß es die Augen einer ſchönen Frau ſind, die den unſeligen Frieden von Cateau⸗Cambreſis unterzeichnen machten,— ſprach der Herzog: „9 König Franz I., Du, der Du von Bayard zum Ritter geſchlagen wurdeſt, und den man den ritterlichen König nannte, da man Dir einen Titel geben wollte, welcher alle die ehrenvollen Benennun⸗ gen, die man den Königen Deinen Vorgängern gegeben, zuſammenfaſſe, Du liebteſt zu ſehr zu Dei⸗ nen Lebzeiten die Belagerungen und die Schlachten, und Du warſt zu ſehr Deinem ſchönen Frankreich zugeneigt, um nicht von da oben angeſchaut zu haben, was bei uns vorgeht! Du weißt, was ich gethan habe und was ich noch thun wollte; doch man hält mich auf dem Wege zurück, o mein König! und man zieht einen Frieden vor, deſſen Unterzeichnung uns mehr koſtet, als uns dreißig Jahre des Mißgeſchicks koſten würden! Mein Schwert des General⸗Statt⸗ halters des Königreichs iſt alſo unnütz, und da man nicht ſagen ſoll, ein ſolcher Friede ſei genehmigt wor⸗ 84. den, ſo lange der Herzog von Guiſe ſein Schwert an ſeiner Seite gehabt, ſo übergebe ich, Franz von Lothringen, der ich nie mein Schwert übergeben, es Dir, mein König, dem Erſten, für den ich es ge⸗* zogen, und der weiß, was es werth war!“ Bei dieſen Worten machte der Herzog Degen und Degengehenk los, hing das Ganze wie eine Tro⸗ phäe an den Rahmen des Portraits, verbeugte ſich und ging ab, indem er den König von Frankreich wüthend, den Cardinal niedergeſchmettert, Catharina triumphirend zurückließ. Die rachſüchtige Florentinerin ſah in der That in Allem dem nur Eines: die durch den Herzog von Guiſe Diana von Valentinois, ihrer Nebenbuhlerin, und dem Connetable, ihrem Feinde, widerfahrene Beleidigung. VI. Der Hauſirer. Zwiſchen dieſen zwei Gruppen von entgegenge⸗ ſetzten Beſtrebungen des Chrgeizes, welche, unter dem Vorwande der Würde des Königs oder der Größe Frankreichs, die Angelegenheiten ihrer Häuſer be⸗ trieben und die der rivalen Häuſer zu Grunde zu richten ſuchten, erhob ſich eine dritte ganz poetiſche,; ganz künſtleriſche, ganz dem Schönen, dem Wahren, dem Guten ergebene Gruppe; dieſe Gruppe beſtand aus der jungen Prinzeſſin Eliſabeth, Tochter von Heinrich II., aus der Witwe von Horazio Farneſe, Diana von Angouléme, Herzogin von Caſtro, aus den die ihre Grr geſt dern Tra nich ihne ſehe über chwert 3 von en, es 2s ge⸗ n und Tro⸗ te ſich nkreich Harina That g von Zlerin, ahrene genge⸗ unter Größe er be⸗ nde zu etiſche, ahren, eſtand r von arneſe, is dem 85 jungen Chepaare, das wir bei Frau von Valentinois erſchaut haben, und wurde beherrſcht durch das an⸗ muthreiche, heitere Weſen von Madame Margarethe von Frankreich, Tochter von Franz I., die der Friede mit Emanuel Philibert verlobt hatte. Um dieſe reizenden Geſichter flatterten, wie Schmet⸗ terlinge um ein Blumenbeet, alle Dichter jener Zeit: Ronſard, du Bellay, Jodelle, Daurat, Remy Belleau; ſodann, ernſter als dieſe, obwohl nicht minder gelehrt, der gute Amyot, Ueberſetzer des Plutarch und Hof⸗ meiſter des Prinzen Karl, und der Kanzler de l'Ho⸗ ſpital, Privatſecretär von Madame Margarethe. Das waren die Vertrauten: ſie hatten das, was man ſeit Ludwig XIV. die großen und die kleinen Entrées nannte; zu jeder Stunde des Tages konnten ſie ſich bei Frau Margarethe, ihrer Gönnerin, mel⸗ den laſſen; beſonders aber wurden ſie bei ihr nach dem Mittagsmahle, das heißt von ein Uhr bis zwei Uhr Nachmittags empfangen. Die Kunde vom Frieden, welche immer mehr an Conſiſtenz gewann, ſo daß man ſogar ſchon ſagte, die Präliminarien ſeien unterzeichnet, hatte, mit ihren großen weißen Flügeln vorüberziehend, auf die Gruppe, die wir ſo eben unſern Leſern vor die Augen geſtellt haben, für die Einen Lächeln, für die An⸗ dern Thränen fallen laſſen. Man erräth, daß bei dieſer Vertheilung von Traurigkeit und Freude Maria Stuart und Franz I. nichts anzuſprechen gehabt hatten: das Geſchick hatte ihnen ſchon ihren Theil gemacht, und wir haben ge⸗ ſehen, daß ſich weder das Eine noch das Andere über dieſen Theil beklagte. 86 Die ſchöne Witwe von Horazio Farneſe beklagte ſich auch nicht: ſie heirathete einen ſchmucken und edlen Cavalier von dreißig bis zweiunddreißig Jah⸗ ren, reich und einen großen Namen tragend; die Zukunft hatte alſo nur für ſie das Geheimniß von dem Mehr oder Weniger von Glück, das den Gatten die Harmonie der Neigungen oder der Widerſpruch der Charaktere gibt. Die Prinzeſſin Margarethe war diejenige, welche vom Füllhorne der ſchönen Göttin, die man den Frieden nennt, den reichſten Theil von Hoffnungen bekommen hatte. Man weiß, welches Andenken ſie von ihrer Reiſe nach Nizza an einen jungen Prin⸗ zen von zwölf bis vierzehn Jahren bewahrt; und nach ſechzehn Jahren von Enttäuſchungen, Hinder⸗ niſſen und ſogar Unmöglichkeiten wurde nun plötz⸗! lich der Traum ihres Herzens eine Wirklichkeit, nahm das Fantom eine Form an, und die Hoffnung ver⸗ wandelte ſich in ein gewiſſes Glück. Eine der Bedingungen des Friedens, von dem man ſchon ſagte, er ſei unterzeichnet, war ihre Hei⸗ rath mit dem kleinen Prinzen von Savoyen, der unter dem Namen Emanuel Philibert einer der erſten Feldherren ſeiner Zeit geworden war. Wir wiederholen auch, Madame Margarethe war ſehr glücklich. Ach! nicht daſſelbe war bei der armen Eliſabeth, der Fall. Zuerſt verlobt mit dem jungen Prinzen Don Carlos, der ihr ſein Portrait geſchickt und das ihrige erhalten, hatte ſie plötzlich durch den Tod von Maria Tudor das Gerüſte ihres Glückes, das ſie vor jedem Angriffe ſicher geglaubt, umſtürzen ſehen. OO ½—O ᷣ 18 deklagte in und g Jah⸗ d; die iß von Gatten rſpruch welche an den rungen ken ſie Prin⸗ ; und inder⸗ - plötz⸗? nahm g ver⸗ n dem e Hei⸗ t, der erſten de war ſabeth rinzen d das d von as ſie ſehen. 87 Witwer von Maria, von Eliſabeth von England zu⸗ rückgewieſen, hatte ſich Philipp II. gegen Eliſabeth von Frankreich umgewandt, und an den Friedensbe⸗ dingungen hatte man nur zwei Worte zu ändern gehabt, die das Unglück von zwei Perſonen und ſo⸗ gar von drei zur Folge haben ſollten. Statt der zwei Worte: Der Prinz Carlos wird die Prinzeſſin Eliſabeth von Frankreich heira⸗ then, hatte man die zwei anderen Worte geſetzt: „Der König Philipp wird die Prinzeſſin Eliſabeth von Frankreich heirathen.“ Man begreift aber, welchen entſetzlichen Schlag dieſe zwei Worte dem Herzen der armen Braut ver⸗ ſetzt hatten, welche ſo, ohne gefragt zu werden, den Bräutigam wechſelte. Mit fünfzehn Jahren war ſie, ſtatt einen jungen Prinzen von ſechzehn, ſchön, ritter⸗ lich, verliebt, zu heirathen, verurtheilt, ſich mit einem zwar noch jungen, aber vor den Jahren alten König zu vermählen, der ſie, finſter, mißtrauiſch, fanatiſch, in die Geſetze der ſpaniſchen Etiquette, der ſtrengſten von allen Etiquetten, einkerkern und ihr, ſtatt der Bälle, der Feſte, der Schauſpiele, der Turniere, von Zeit zu Zeit die gräßliche Zerſtreuung eines Auto⸗ da⸗Fe geben würde. Die verſchiedenen Perſonen, die wir ſo eben hier aufgezählt haben, waren nach ihrer Gewohnheit nach dem Mittagsmahle, das heißt von ein Uhr bis zwei Uhr, bei Madame Margarethe verſammelt, wobei jede von ihrer Freude oder von ihrem Schmerze träumte: Madame Margarethe bei ihrem halb geöffneten Fen⸗ ſter, durch das ein bleicher Sonnenſtrahl ſchlüpfte, welcher ſich am Golde ihrer Haare zu erwärmen 88 ſchien; Eliſabeth zu ihren Füßen liegend und den Kopf auf ihren Schooß geſtützt; Diana von Caſtro die Gedichte von Meiſter Ronſard leſend, in einem großen Lehnſtuhle ausgeſtreckt, und Maria Stuart auf einem Spinett, einem ehrwürdigen Großvater des Claviers und Urgroßvater des Piano, eine ita⸗ lieniſche Melodie ſpielend, der ſie Worte von ihrer Compoſition angepaßt hatte.. Plötzlich trat Frau Margarethe, deren blaue Augen am Himmel einen Azurwinkel, welcher ſie an ihr Vaterland erinnern würde, zu ſuchen ſchienen, aus der unbeſtimmten Träumerei hervor, in die ſie ver⸗ ſunken war, und ſchien, indem ſie ihren GCöttinblick auf die Erde zu ſenken geruhte, einige Aufmerkſam⸗ keit einer Scene zu ſchenken, welche ſich in einem Hofe zutrug, der durch eine Schlupfpforte mit der Erdzunge in Verbindung ſtand, die damals ſchräg bis zur Seine hinablief und von uns der Quai ge⸗ nannt werden ſoll, da wir ihr keinen andern Namen zu geben wiſſen. „Was gibt es hier?“ fragte Madame Margarethe mit jener, von allen Dichtern ihrer Zeit beſungenen, reizenden Stimme, welche noch mehr Zartheit annahm, wenn ſie mit Untergeordneten ſprach, als wenn ſie ſich mit ihres Gleichen unterhielt. Eine andere Stimme erwiederte von unten ein paar Worte, welche zu ihr, da ſie aus dem Fenſter geneigt war, gelangten, aber nicht bis zu den Ohren der vier anderen, ſo verſchiedenartig in ihrem Geiſte be⸗ ſchäftigten Perſonen drangen, die ſich im Innern des Zimmers befanden. Während ſie die letze Note des Liedes, das ſie —— —.— 89 geſungen, in die Luft ſchleuderte, wandte ſich indeſſen Maria Stuart gegen die Prinzeſſin Margarethe um, als wollte ſie von ihr die Erklärung des ſenkrechten Dialogs verlangen, von dem ſie nur ein paar Worte gehört hatte, nämlich die, welche von der Prinzeſſin ſelbſt geſprochen worden waren. „Meine liebe kleine Königin,“ ſagte Margarethe auf dieſe ſtumme Frage antwortend,„bittet meinen geliebten Neffen den Dauphin um Verzeihung we⸗ gen der großen Unſchicklichkeit, die ich begangen habe.“ „Ohl ſchöne Tante,“ erwiederte Franz, ehe Maria Stuart Zeit gehabt hatte, ein Wort anzubringen, „wir kennen Eure Unſchicklichkeiten dafür, daß es immer reizende Fantaſien ſind! ſie ſind Euch auch zum Voraus vergeben, angenommen, daß wir bei Euch das Recht des Tadels oder der Verzeihung haben.“ 3 „Was habt Ihr denn gemacht, Madame?“ fragte Diana von Caſtro, ihre Augen von ihrem Buche mit einem Schmachten aufſchlagend, das andeutete, ihre Träumereien rühren eben ſo viel von ihren Er⸗ innerungen oder ihren Hoffnungen, als von ihrer Lecture her. „Ich habe zwei italieniſchen Hauſirern, welche, wie ſie ſagten, nur uns die Schätze, die ihre Ballen enthalten, zeigen wollten, Erlaubniß gegeben, ſich bei uns einführen zu laſſen. Der Eine verkauft, wie es ſcheint, Juwelen und der Andere Stoffe.“ R„Ohl“ rief die kleine Königin Maria, wie ein Kind in die Hände klatſchend,„wie wohl habt Ihr gethan, Tantchen! Es kommen ſo ſchöne Juwelen von Florenz und ſo ſchöne Stoffe von Venedig!“ 90 „Wenn wir Frau von Valentinois holen wür⸗ den?“ fragte Diana von Caſtro, indem ſie eine Be⸗ wegung machte, um wegzugehen. Die Prinzeſſin Margarethe hielt ſie zurück und ſagte zu ihr: „Wäre es nicht beſſer, meine ſchöne Diana, un⸗ ſerer lieben Herzogin eine Ueberraſchung zu bereiten? Wir wählen zuerſt ein paar Gegenſtände, die wir ihr als Geſchenk ſchicken,— vorausgeſetzt, dieſe Han⸗ delsleute ſind ſo gut ver ſehen, als ſie behaupten;— ſodann ſchicken wir ihr die Handelsleute ſelbſt.“ „Ihr habt immer Recht, Madame,“ antwortete Diana von Caſtro der Prinzeſſin die Hand küſſend. — Dieſe drehte ſich gegen Eliſabeth um und fragte: „Und Du, mein liebes Kind, wirſt Du nicht ein wenig lächeln?“ „Wem ſollte ich lächeln?“ erwiederte die junge 8 f Prinzeſſin, ihre ſchönen, in Thränen gebadeten Augen gegen Margarethe wendend. „Wäre es nur den Leuten, die Dich lieben, mein Kind.“ „Ich lächle, da ich ſehe, daß ich noch unter Leu⸗ ten bin, die mich lieben; doch ich weine, indem ich bedenke, daß ich ſie bald werde verlaſſen müſ⸗ ſen... „Bah! ein wenig Muth, Schweſter!“ ſprach der Dauphin Franz.„Was Teufels! König Philipp iſt vielleicht nicht ſo erſchrecklich, als man ſagt; dann —— machſt Du Dir, wenn Du an ihn denkſt, die Idee eines Greiſes; ei! überlege doch, er iſt noch ganz jung; er zählt erſt zwei und dreißig Jahre, gerade das Alter von Franz von Montmorency, der Schwe⸗ — 5 agte: zt ein — junge lugen mein Leu⸗ ndem müſ⸗ ) der p iſt dann Idee ganz erade hwe⸗ —,-— 91 ſter Diana heirathen wird... und Du ſiehſt, Schwe⸗ ſter Diana, ſie beklagt ſich nicht.“ Eliſabeth ſtieß einen Seufzer aus und erwiederte: „Ich würde mich auch nicht beklagen, ſollte ich einen von den Hauſirern, welche ſogleich hereinkom⸗ men werden, heirathen, doch ich beklage mich, daß ich Philipp II. heirathen muß.“ „Gut! gut!“ ſagte die kleine Königin Maria, „die ſchönen Stoffe, die man uns zeigen ſoll, werden Deine Augen ergötzen... Nur, meine liebe Schwe⸗ ſter, trockne ſie, um beſſer zu ſehen.“ Und ſie näherte ſich Eliſabeth und wiſchte ihr zuerſt die Augen mit ihrem Taſchentuche ab; dann küßte ſie ihr dieſelben und rief: „Ruhigl ich höre die Handelsleute.“ Eliſabeth ſuchte zu lächeln. „Iſt unter allen ihren Stoffen ein ſilbergeſtreif⸗ ter ſchwarzer,“ ſagte ſie,„ſo behalte ich ihn zu mei⸗ nem Hochzeitkleide, und Ihr werdet ihn mir laſſen, nicht wahr, meine Schweſtern?“ In dieſem Augenblicke wurde die Thüre geöffnet, und man erblickte im Vorzimmer zwei als Hauſirer gekleidete Männer, von denen jeder auf dem Rücken einen von den Käſten trug, in welchen die Markt⸗ kaufleute ihre Waaren haben, und die ſie Ballen nennen. „Verzeiht, Hoheit,“ ſagte der Huiſſier, ſich an die Prinzeſſin Margarethe wendend,„die Leute unten haben vielleicht ſchlecht verſtanden...“ „Schlecht verſtanden?... warum?“ fragte die Prinzeſſin. 92 „Weil ſie ſagen, Ihr habet dieſen zwei Männern erlaubt, heraufzukommen?“ „Sie ſagen die Wahrheit,“ erwiederte Margarethe. „Dieſe Männer dürfen eintreten?“ „Gewiß.“ „Tretet ein, meine braven Leute,“ rief der Huiſ⸗ ſier, indem er ſich gegen die zwei Hauſirer umwandte, „und ſuchet Euch zu erinnern, wo Ihr ſeid.“ „Ohl ſeid unbeſorgt,“ erwiederte mit ſtark ita⸗ lieniſchem Accente derjenige, welcher der jüngere von Beiden zu ſein ſchien, ein hübſcher, roſiger, blonder Junge mit röthlichem Schnurrbarte und Backenbarte: nes iſt nicht das erſte Mal, daß man bei Prinzen und Prinzeſſinnen eintritt.“ „Gut!“ ſprach der Dauphin Franz,„man braucht nicht zu fragen, woher ſie kommen.“ Und mit leiſer Stimme fügte er lachend bei: „Tante Margarethe, das ſind wahrſcheinlich ver⸗ kleidete Geſandte, welche kommen, um zu ſehen, ob man ihren Herzog nicht getäuſcht hat, als man ihm ſagte, Ihr ſeiet die reizendſte Prinzeſſin der Welt.“ „In jedem Falle,“ erwiederte Margarethe,„ſind es meine zukünftigen Unterthanen, und Ihr werdet es nicht ſchlimm finden, wenn ich ſie als ſolche be⸗ handle.“ Sodann ſich gegen die Fremden umwendend, ſagte ſie: „Kommt, meine Freunde.“ „Eil ſo komm doch! hörſt Du nicht, daß dieſe ſchöne Dame, welche Gott ſegnen möge, uns einzu⸗ treten auffordert?“ Und, um ſeinem Gefährten das Beiſpiel zu geben, —— —·,—— ——, 93 trat der blonde Hauſirer mit der roſigen Haut und dem röthlichen Barte ein. Hinter ihm kam ſein Kamerad. Das war ein Mann von dreißig bis zwei und dreißig Jahren, kräftig gebaut, mit ſchwarzen Augen und ſchwarzen Barte, ein Mann, der unter ſeiner groben, dunkelfarbigen Kleidung das Anſehen einer ſeltenen Diſtinction behielt. Als ſie ihn erblickte, drängte die Prinzeſſin einen Schrei zurück, der nahe daran, ihrem Munde zu entſchlüpfen, und ſie machte eine ſo ſichtbare Bewe⸗ gung, daß es der blonde Hauſirer wahrnahm. „Hol ho! was habt Ihr, meine ſchöne Dame?“ fragte er, indem er ſeinen Kaſten auf den Boden niederſetzte;„iſt Euch der Fuß ausgeglitſcht?“ „Nein,“ antwortete lächelnd Margarethe;„als ich aber ſah, wie ſchwer es Eurem Gefährten wurde, ſich ſeines Kaſtens zu entledigen, da machte ich einen Schritt, um ihm zu helfen.“ „Gut!“ ſprach der blonde Hauſirer, der es bis dahin übernommen zu haben ſchien, alle Koſten der Converſation zu tragen,„das wäre das erſte Mal, daß die Hände einer Prinzeſſin den Kaſten eines Hauſirers berührt hätten! Ich muß Euch ſagen, der Burſche iſt erſt ſeit ein paar Tagen beim Geſchäft und noch ungeſchickt... nicht wahr, Beppo?“ „Ihr ſeid Italiener, mein Freund?“ fragte Mar⸗ garethe. „Si, Signora,“ antwortete italieniſch der Hauſirer mit dem ſchwarzen Barte. „Und Ihr kommt?“ „Von Venedig, über Florenz, Mailand und Turin 94 ... Als wir bei unſerer Ankunft in Paris erfuhren, es werden große Feſte in der Hauptſtadt bei Gele⸗ genheit der Vermählung zweier erlauchten Prinzeſ⸗ ſinnen ſtattfinden, da ſagten wir uns, mein Kamerad und ich, wenn wir bis zu Ihren Hoheiten gelangen könnten, ſo wäre unſer Glück gemacht.“ „Ei! Ihr ſeht, wenn er das Patois ſeiner Hei⸗ math wälſchen darf, ſo weiß er ſich beinahe ſo gut als ich durchzuhelfen,“ bemerkte der Blonde. „In der That,“ ſagte der ältere Hauſirer,„man hatte mir verſichert, es ſeien hier zwei oder drei Prinzeſſinnen, welche das Italieniſche wie ihre Mut⸗ terſprache ſprechen.“ Margarethe lächelte; ſie ſchien ein unendliches Vergnügen an der Converſation dieſes Mannes zu finden, in deſſen Munde das Patois des Piemont, das heißt die Sprache der Bauern, mit einer voll⸗ kommenen CEleganz gepaart war. „Hier iſt,“ ſagte ſie,„meine liebe Nichte Maria, welche alle Sprachen und beſonders die Sprache von Dante, Petrarca und Arioſt ſpricht. Komm! Maria, komm! und frage dieſen wackern Mann nach Neuig⸗ keiten aus dem ſchönen Lande, wo, wie der Dichter der Hölle ſagt, das si klingt.“ „Und ich,“ fragte der blonde Hauſirer,„werde ich nicht auch eine ſchöne Prinzeſſin finden, die Savoyiſch ſpricht?“ „Ich!“ antwortete Margarethe. wahr! „Ich ſpreche es nicht; doch ich will es lernen.“ „Ahl Ihr habt Recht: das iſt eine ſchöne Sprache!“ „Ihr ſprecht Savoyiſch?... Nein, das iſt nicht .1“ „ — 95 „Aber,“ ſagte die kleine Königin Maria im rein⸗ ſten Toscaniſch, das je von Piſa bis Arezzo geſpro⸗ chen worden iſt,„aber Ihr habt uns Wunder ver⸗ heißen, und obgleich wir Prinzeſſinnen ſind, ſind wir doch auch Frauen... Laßt uns alſo nicht zu lange warten.“ „Gut!“ ſprach der Dauphin Franz,„man ſieht wohl, daß Du noch nicht alle dieſe Schwätzer kennſt, welche von jenſeits der Berge zu uns kommen; wenn man ſie hört, tragen ſie auf ihrem Rücken die ſieben Wunder der Welt; öffnen ſie aber ihren Kaſten, ſo faßt ſich Alles dies in Ringe von Bergkriſtall, in Diademe von Filigran und in Perlen von Rom zu⸗ ſammen.— Beeile Dich alſo ein wenig, mein Freund, oder es wird Dir ſchlecht ergehen, denn je länger Du uns warten läſſeſt, deſto ſchwerer werden wir zu befriedigen ſein.“ 1 „Was ſagt der Herr Prinz?“ fragte der Hau⸗ ſirer mit dem ſchwarzen Barte, als ob er nicht ge⸗ hört hätte. „Die Prinzeſſin Margarethe wiederholte italieniſch die Worte des jungen Dauphin, milderte aber dabei diejenigen, welche ein wenig hart für den Hauſirer ſein konnten, den ſie als Piemonteſen unter ihren Schutz genommen zu haben ſchien. „Ich warte,“ antwortete der Hauſirer,„bis die ſchöne Dame, die auf dem Balcon iſt und ſo traurig zu ſein ſcheint, auch herbeikommt. Ich habe immer bemerkt, daß in den Edelſteinen ein mächtiger Zauber liegt, um in ſchönen Augen die Thränen zu trocknen, ſo bitter ſie auch ſein mögen.“ „Ihr hört, meine liebe Eliſabeth?“ rief die 96 Prinzeſſin Margarethe.„Steht auf! kommt! und nehmt ein Beiſpiel an Eurer Schweſter Diana, welche ſchon durch die Läden des Kaſtens die Juwelen ver⸗ ſchlingt, die er enthält.“ Eliſabeth ſtand nachläſſig auf und ſtützte auf die Schulter ihres Bruders Franz ihren bleichen Kopf. „Und nun,“ rief Franz ſpottend,„ſchickt Euch an, die Augen zu ſchließen, um nicht durch das, was Ihr ſehen ſollt, geblendet zu werden.“ Als hätte er nur auf dieſe Aufforderung gewar⸗ tet, öffnete der Hauſirer mit dem dunklen Barte ſeinen Kaſten, und, wie es der Dauphin geſagt, die Frauen, ſo ſehr ſie an koſtbare Edelſteine und reiches Geſchmeide gewöhnt waren, wichen geblendet zurück und gaben einen Schrei der Freude und der Bewunde⸗ rung von ſich. VII. Die Juwelen und die Hochzeitkleider. Man hätte in der That glauben ſollen, die Hand eines Erdgeiſtes habe vor den Prinzeſſinnen die Pforte von einer der Minen von Golconda oder Viſapoor geöffnet, dergeſtalt funkelten die vier Bret⸗ ter, welche die vier Etagen des Kaſtens bildeten, von der Flamme der Diamanten und von dem blauen, grünen und rothen Blitze der Sanffre⸗ der Sma⸗ ragde und der Rubinen, aus deren Mitte Perlen von allen Größen und von allen Formen die ſeltſame Blendung ihrer matten Bläſſe auswarfen. Die Prinzeſſinnen ſchauten ſich erſtaunt an und und velche ver⸗ if die nopf. Euch was war⸗ Barte , die iches urück inde⸗ dand die oder ret⸗ von ien, ma⸗ von ame und 97 fragten ſich mit den Augen, ob ſie reich genug ſein werden, um dieſe Juwelen zu bezahlen, die ihnen von einem einfachen italieniſchen Hauſirer angeboten wurden. „Nun?“ fragte Maria Stuart den Dauphin, „was ſagſt Du hiezu, Franz?“ „Ich?“ erwiederte geblendet der junge Prinz; „ich ſage nichts; ich bewundere!“ Der Hauſirer mit dem ſchwarzen Barte gab ſich den Anſchein, als hörte er nicht, und, als hätte er errathen, was im Augenblicke ſeines Eintritts in Betreff der Herzogin von Valentinois geſprochen worden war, als hätte er wiſſen können, welchen Einfluß die ſchöne Diana von Poitiers auf dieſe ganze fürſtliche und königliche Welt übte, unter der ſie ſich befand, ſagte er: „Fangen wir damit an, daß wir den Theil der Abweſenden machen; das iſt eine Pietät, welche die, die in der Nähe ſind, nicht verdrießen kann, wäh⸗ rend diejenigen, welche fern ſind, Euch dankbar ſein werden.“ 1 Bei dieſen Worten tauchte der Hauſirer ſeine Hand in den Wunderkaſten, und zog eine Art von Diadem daraus hervor, das, ans Licht gebracht, die Zuſchauer einen Schrei des Erſtaunens ausſtoßen machte. „Seht,“ ſprach der Hauſirer,„das iſt ein ſehr einfaches Diadem, das mir aber, in ſeiner Einfach⸗ heit, Dank ſei es der Hand des trefflichen Goldſchmieds, der es eiſelirt hat, der Perſon, für die es beſtimmt iſt, würdig zu ſein ſcheint. Es iſt, wie Ihr bemerkt, ein dreifacher Halbmond wie ein Liebesknoten ver⸗ Dumas, der Page. III. 7 8 98 ſchlungen; in der Oeffnung liegt der ſchöne Schäfer Endymion und ſchläft; und ſeht, in ihrem Perlmut⸗ terwagen mit den Diamanträdern beſucht ihn die Göttin Diana während ſeines Schlafes;... heißt nicht,“ fuhr der Hauſirer fort,„heißt nicht eine von den erlauchten Prinzeſſinnen, die ich vor den Auge habe, Diana von Caſtro?“. Vergeſſend, daß derjenige, welcher ſprach, ein ein⸗ facher Meßkaufmann war, trat Diana mit eben ſo großem Eifer, und, wir möchten faſt ſagen, mit eben ſo großer Höflichkeit vor, als ob ſie es mit einem Fürſten zu thun gehabt hätte, dergeſtalt macht der Anblick eines Kunſtwerks, eines koſtbaren Juwels, einer Sache, die einen fürſtlichen Werth hat, einen Fürſten aus dem, der ſie beſitzt. „Das bin ich,“ ſagte ſie. „Nun wohl, erlauchteſte Prinzeſſin,“ erwiederte der Hauſirer, indem er ſich verbeugte,„hier iſt ein Juwel, der auf Befehl von Herzog Coſimo I. von Florenz durch Benevenuto Cellini ciſelirt worden iſt. Ich reiſte durch Florenz; der Juwel war zu verkau⸗ fen: ich kaufte ihn in der Hoffnung, mich deſſelben vortheilhaft am franzöſiſchen Hofe zu entäußern, wo ich zwei Dianen ſtatt einer zu finden wußte. Sagt,⸗ wird er nicht vortrefflich auf der Marmorſtirne der Frau Herzogin von Valentinois ſtehen?“ Diana gab einen kleinen Ausruf der Freude von ſich. „Ohl meine Mutter! meine liebe Mutter!“ ſprach ſie,„wie vergnügt wird ſie ſein!“ „Diana,“ rief der Dauphin,„Du wirſt ihr ſagen 3 ſchäfer rlmut⸗ en die heißt ie von Augen n ein⸗ den ſo t eben einem ht der uwels, einen jederte iſt ein I. von den iſt. verkau⸗ eſſelben rn, wo Sagt, ene der de von ſprach r ſagen 99 es ſeien ihre Kinder Franz und Maria, die ihr das geben.“ „Da Monſeigneur dieſe zwei erlauchten Namen ausgeſprochen hat,“ ſagte der Hauſirer,„ſo wolle er mir gnädigſt erlauben, ihm das vorzulegen, was ich in meinem demüthigen Wunſche, denen, welche es tragen, angenehm zu ſein, um ihnen angeboten zu werden, vorbereitet hatte. Seht, Monſeigneur, das i*ſt ein Reliquienkäſtchen von purem Golde, das dem Papſte Leo XII. gehört hat und, ſtatt der gewöhn⸗ lichen Reliquien, ein Stück vom ächten Kreuze ent⸗ hält; die Zeichnung iſt von Michel Angelo, die Aus⸗ führung von Nicola Braschi von Ferrara; der Rubin, der über der zur Aufnahme der heiligen Hoſtie be⸗ ſtimmten Vertiefung eingeſetzt iſt, wurde aus Indien durch den berühmten Reiſenden Marco Polo zurück⸗ gebracht. Dieſer glänzende Juwel,— Ihr werdet mich entſchuldigen, wenn ich mich täuſche, Monſeig⸗ neur,— war in meinem Geiſte für die junge, ſchöne und erhabene Königin Maria beſtimmt, und er ſollte ſie in dieſem Ketzerlande, über das ſie einſt regieren wird, unabläſſig daran erinnern, daß es keinen an⸗ dern Glauben gibt, als den katholiſchen, und daß es beſſer iſt, für dieſen Glauben zu ſterben, wie der Gott⸗Menſch, von deſſen koſtbarem Kreuze ein Stück in dieſem Reliquienkäſtchen enthalten iſt, als ihn zu verleugnen, um ſo auf ſein Haupt die dreifache Krone von Schottland, England und Irland zu ſetzen.“ Maria Stuart hatte ſchon beide Hände ausge⸗ ſtreckt, um dieſes herrliche Erbe des Papſtthums zu empfangen, als Franz ſie zögernd zurückhielt. 100 „Ei!“ ſagte er,„nehmen wir uns in Acht, Maria! Dieſes Reliquienkäſtchen kann das Löſegeld eines Königs koſten.“ Ein Lächeln ſchwebte über die ſpöttiſche Lippe des Hauſirers. Vielleicht wollte er ſagen:„Das Löſegeld eines Königs iſt nicht theuer, wenn man es, wie Euer Großvater Franz I., nicht bezahlt.“ Doch er hielt an ſich und erwiederte: „Ich habe für den Ankauf Credit gehabt, Mon⸗ ſeigneur, und da ich volles Vertrauen zu dem Käu⸗ fer hege, ſo werde ich für den Verkauf Credit geben.“ Und das Reliquienkäſtchen ging aus den Händen des Kaufmanns in die der Königin Maria über, welche es auf einen Tiſch ſetzte und davor nieder⸗ kniete, nicht um ihr Gebet zu verrichten, ſondern um es ganz nach ihrer Bequemlichkeit zu bewundern. Franz, der Schatten dieſes reizenden Körpers, ſchickte ſich an ihr zu folgen, als ihn der Hauſirer mit den Worten zurückrief: „Verzeiht, Monſeigneur, hier iſt etwas, was ich für Euch erworben habe... Würdet Ihr mir die Gnade erweiſen, Eure Augen auf dieſe Waffe zu werfen?“ „Ah] der herrliche Dolch!“ rief Franz, indem er die Waffe aus den Händen des Hauſirers riß, wie es Achilles mit dem Schwerte in den Händen von Ulyſſes machte. „Nicht wahr, Monſeigneur, das iſt ein wunder⸗ volles Rüſtungsſtück? Es iſt ein Dolch, der für Lo⸗ renz von Medici, einen friedlichen Fürſten, beſtimmt war, den man zuweilen tödten wollte, der aber nie Jemand getödtet hat. Er wurde ciſelirt vom Gold⸗ Acht, egeld eippe Das man hlt.“ Non⸗ Käu⸗ den.“ nden ber, eder⸗ num 4 vers, ſirer 101 ſchmied Ghirlandajo, deſſen Laden auf dem Ponte Vecchio in Florenz iſt. Lorenz ſtarb, ehe der Dolch ganz vollendet war; ſiebenundſechzig Jahre lang blieb er das Eigenthum der Nachkommen von Ghirlandajo; ſie brauchten gerade in dem Augenblicke, als ich durch Florenz reiſte, Geld: ich bekam dieſes Wunder für ein Stück Brod, und ich will an Euch nur meine Reiſekoſten verdienen. Nehmt alſo in vollem Ver⸗ trauen: dieſe Bagatelle wird einen Dauphin von Frankreich nicht zu Grunde richten.“ Der junge Prinz gab einen Freudenſchrei von ſich, zog den Dolch aus der Scheide, und um ſich zu überzeugen, die Klinge ſei nicht geringer als die Faſſung, legte er ein Goldſtück auf den geſchnitzten eichenen Tiſch, vor dem Maria kniete und durchbohrte es mit einem Stoße, der feſter geführt war, als man es von einer ſo ſchwächlichen Hand hätte erwarten ſollen, von einer Seite bis zur andern. „Nun!“ rief er ganz freudig, indem er das Geld⸗ ſtück zeigte, durch welches die Spitze der Klinge er⸗ ſchien,„würdet Ihr das Gleiche thun, Ihr?“ „Monſeigneur,“ antwortete demüthig der Hauſirer, „ich bin ein armer Handelsmann, ſchlecht geübt in den Spielen der Fürſten und der Feldherren: ich verkaufe Dolche, ich bediene mich aber derſelben nicht.“ „Ahl mein Freund,“ entgegnete der Dauphin, „Ihr habt mir das Ausſehen eines Burſchen, der bei Gelegenheit mit dem Schwerte und dem Dolche ſo gut ſpielen würde, als ein Menſch der Welt! Verſucht zu thun, was ich gethan habe, und zerbrecht 10² Ihr aus Ungeſchicklichkeit die Klinge, nun, ſo ſoll der Schaden auf meine Rechnung kommen.“ Der Hauſirer lächelte. „Wenn Ihr es durchaus wollt, Monſeigneur, ſo werde ich es verſuchen,“ ſagte er. „Gut!“ ſprach Franz, indem er in ſeiner Taſche einen zweiten Goldthaler ſuchte. Während dieſer Zeit hatte aber der Hauſirer aus dem ledernen Beutel, der an ſeinem Gürtel hing, einen ſpaniſchen Quadrupel dreimal ſo dick als der Roſenobel gezogen, den der Dauphin durchbohrt, und ihn auf den Tiſch gelegt. Ohne Anſtrengung und als hätte er ſeinen Arm nur aufgehoben und wieder fallen laſſen, wiederholte er ſodann das Experiment des Prinzen, jedoch mit einem ganz andern Erfolge: denn nachdem er das Goldſtück durchſtoßen, als wäre es Pappe geweſen, drang die Klinge zwei bis drei Zoll in den eichenen Tiſch ein, den ſie auch von einer Seite zur andern durchbohrte, wie der Dauphin das Goldſtück durch⸗ bohrt hatte. Der Stoß hatte überdies ſo richtig in die Mitte des Quadrupels getroffen, als ob man das Maß dieſer Mitte mit einem Cirkel genommen hätte. Der Hauſirer ließ den jungen Prinzen den Dolch, wie er konnte, aus dem Tiſche ziehen und kehrte zu den Juwelen zurück. „Und ich, mein Freund,“ fragte die Witwe von Horazio Farneſe,„habt Ihr denn nichts für mich?“ „Entſchuldigt, Madame,“ erwiederte der Hauſirer, „hier iſt eine arabiſche Armſpange von größtem der reur, aſche ſirer ürtel als ohrt, Arm volte mit das eſen, enen dern irch⸗ Nitte Naß olch, 2 zu itwe für trer, tem 8 103 Reichthum und höchſter Originalität; ſie iſt in Tunis aus dem Schatze des Harems genommen worden, als Kaiſer Karl V., glorreichen Andenkens, im Jahre 1535, im Triumphe dort einzog. Ich habe ſie von einem alten Condottiere gekauft, der dem Kaiſer in dieſen Feldzug gefolgt war, und ſie für Euch auf die Seite gelegt; gefällt ſie Euch nicht, ſo könnt Ihr etwas Anderes wählen: Gott ſei Dank, Ihr ſeht, daß wir noch nicht beim Ende unſerer Schätze ſind.“ Und das erſtaunte Auge der jungen Prinzeſſin konnte in der That, wie in einen glänzenden Ab⸗ grund, in die Tiefe des Kaſtens vom Hauſirer tauchen.— Doch die Armſpange war, wie es der Handels⸗ mann geſagt hatte, zugleich zu originell und zu reich, um nicht die Wünſche von Diana von Caſtro zu befriedigen, ſo fantaſtiſch dieſelben auch ſein mochten. Die ſchöne Witwe nahm alſo die Armſpange und ſchien ſich nur um Eines zu bekümmern: ob es ihr möglich wäre, eine ſo prächtige Erwerbung zu be⸗ zahlen. Ss blieben die Prinzeſſin Eliſabeth und die Prin⸗ zeſſin Margarethe; die Prinzeſſin Eliſabeth wartete, daß ihr Theil ihr gemacht werde, mit der Melan⸗ cholie der Gleichgültigkeit, und die Prinzeſſin Mar⸗ garethe mit der Ruhe der Ueberzeugung. „Madame,“ ſagte der Hauſirer Jur Braut von Philipp II.,„würdet Ihr, obſchon ich etwas, um Curer Hoheit angeboten zu werden, auf die Seite gelegt habe, eher belieben, unter dieſen Juwelen zu wählen? Euer Herz ſcheint ſo wenig nach allen dieſen 104 reichen Bagatellen zu begehren, daß ich nicht nach Eurem Geſchmacke gewählt zu haben befürchte und es vorziehe, wenn Ihr ſelbſt wählt.“ Eliſabeth ſchien aus einer tiefen Träumerei zu erwachen. „Was?“ fragte ſie;„was verlangt Ihr von mir? was wünſcht Ihr?“ Da nahm Margarethe aus den Händen des Hauſirers ein herrliches Perlenhalsband von fünf Reihen, deſſen Schloß aus einem einzigen Diamant ſo groß wie eine Haſelnuß und von einem Werthe von einer Million beſtand und antwortete: „Man wünſcht, liebe Nichte, daß Du dieſes Collier anprobireſt, um ein wenig zu ſehen, wie es Deinem Halſe ſtehen wird, oder beſſer, wie Dein Hals ihm ſtehen wird.“ Und ſie hakte das Collier am Halſe von Eliſa⸗ beth ein, und ſchob ſie vor einen kleinen venetiani⸗ ſchen Spiegel, damit ſie ſelbſt beurtheilen könne, wel⸗ chen Glanz die Perlen auf ihren Hals werfen, oder welchen Eintrag ihr Hals den Perlen thue. Doch immer in ihren Schmerz verſunken, ging Eliſabeth zerſtreut, ohne ſtehen zu bleiben, am Spie⸗ gel vorüber, und ſetzte ſich zum Fenſter an den Platz, den ſie einnahm, als der Hauſirer eintrat. Margarethe folgte ihr traurig mit den Augen und bemerkte, als ſie ſich umwandte, daß die Augen des Hauſirers dieſelbe Richtung wie die ihrigen mit einem Ausdrucke nicht minder wahrer Traurigkeit genommen hatten. „Ach!“ murmelte ſie,„alle Perlen des Orients würden dieſe Stirne nicht aufklären.“ nach und ei zu mir? des fünf mant erthe bllier inem ihm eliſa⸗ ani⸗ wel⸗ oder ging pie⸗ den . gen gen mit keit nts 105 Sodann zum Hauſirer zurückkehrend und gleich⸗ ſam den Schleier der Schwermuth abſchüttelnd, der ſich über ihrem Geſichte ausgebreitet hatte, ſagte ſie: „Und ich, ich bin alſo die einzige Vergeſſene?“ „Madame,“ antwortete der Hauſirer,„der Zu⸗ fall oder vielmehr mein Glück ließ mich auf meinem Wege den Prinzen Emanuel Philibert treffen. Da ich von Piemont und folglich ſein Unterthan bin, ſo nannte ich ihm das Ziel meiner Reiſe und ſagte ihm, ich trachte nach der Chre, bis zu Eurer Hoheit zu gelangen. Da übergab er mir für den Fall, daß ich dieſes Ziel erreichen würde, mit dem Auftrage, ihn zu Euren Füßen niederzulegen, dieſen Gürtel, der von ſeinem Vater Karl III. ſeiner Mutter Beatrix von Portugal am Tage ihrer Verheirathung über⸗ reicht wurde. Es iſt, wie Ihr ſeht, eine goldene mit Azur emaillirte Schlange, die im Rachen eine Cha⸗ telaine hält, an der fünf Schlüſſel von demſelben Metall hängen: dieſe Schlüſſel ſind die von Turin, Chambéry, Nizza, Verceil und Villeneuve d'Aſti, ge⸗ ſchmückt mit den Wappen dieſer Städte, welche die fünf Perlen Eurer Krone ſind; jeder derſelben öffnet im Palaſte von Turin einen Schrank, den Ihr ſelbſt am Tage Eures Eintritts in den Palaſt als ſou⸗ veraine Herzogin von Piemont öffnen werdet. Was konnte ich Euch nach dieſem Gürtel bieten, was Eurer würdig wäre, Madame? Nichts, wenn nicht etwa einige von den reichen Stoffen, welche Euch ſehen zu laſſen mein Kamerad die Ehre haben wird.“ Da öffnete der zweite Hauſirer ſeinen Kaſten ebenfalls und entrollte vor den erſtaunten Augen der Prinzeſſinnen eine blendende Sammlung von 106 jenen reichen Echarpen von Algier, Tunis oder Smyrna, welche mit den Strahlen der Sonne Africas oder der Türkei geſtickt zu ſein ſcheinen, ein Sorti⸗ ment von den reichen Stoffen mit gold⸗ und ſilber⸗ brocatirten Blumen, wie ſie Paul Veroneſe auf die ariſtokratiſchen Schultern ſeiner Dogen und ſeiner Herzoginnen wirft, und deren koſtbare Wogen, nach⸗ dem ſie an ihren Körpern hinabgeglitten ſind, hinter ihnen die Stufen der Paläſte oder die Freitreppen der Kirchen fegen; eine Auswahl endlich von den langen Atlaßſtücken, welche, vom Orient nach dem Occident reiſend, zu jener Zeit einen Augenblick in Venedig Halt machten und ſich ſodann vor den Augen der ſchönen Damen von Antwerpen, Brüſſel und Gent ausbreiteten,— ein ungeheures, dreifaches Karavanſerei, von wo ſie wieder abgingen, nach England, Frankreich und Spanien, ein wunderbares Muſter von der indiſchen und chineſiſchen Geduld tragend, deren Nadel auf jedes dieſer Stücke, mit Farben glänzender als die der Natur ſelbſt, eine ganze Welt von fantaſtiſchen Vögeln, unbekannten Blumen und unmöglichen Chimären gezeichnet hatte. Die Prinzeſſinnen theilten ſich in dieſe Schätze mit der fieberhaften Hurtigkeit, von der die Frau, von welchem Stande ſie auch ſein mag, beim Anblicke dieſer Putzſachen ergriffen wird, die, in ihren Co⸗ quetterieideen, die Reize, die ſie von der Natur em⸗ pfangen, noch vermehren müſſen, und nach einer Viertelſtunde hatte der blonde Hauſirer mit dem röthlichen Barte einen ſo vollſtändigen Verſchluß ſeiner Stoffe, als beim brünetten Hauſirer mit 107 ſchwarzem Barte der ſeiner Juwelen und ſeiner Edel⸗ ſteine geweſen war. Es waren noch die Rechnungen in's Reine zu bringen. Um OQuittung bei den zwei Handelsleuten zu erlangen, hatte Jede ihr Hülfsmittel bereit: Diana von Caſtro gedachte ſich an die Herzogin von Valentinois zu wenden; Maria Stuart an ihre Oheime Guiſe; der Dauphin an ſeinen Vater Heinrich II.; Madame Margarethe an ſich ſelbſt. Was die Prin⸗ zeſſin Margarethe betrifft, welche dem, was vorge⸗ gangen, beinahe fremd geblieben war,— ſie bekümmerte ſich ebenſo wenig um die Bezahlung, als ſie ſich um den Ankauf bekümmert hatte. Doch in dem Augenblicke, wo die ſchönen Kun⸗ dinnen ſich anſchickten, die Einen, die Hand in ihre eigenen Taſchen zu ſtecken, die Anderen, in Börſen zu ſuchen, welche beſſer geſpickt waren, als die ihrigen, erklärten die zwei Handelsleute, ſie können nicht ſo⸗ gleich den Preis der Juwelen und der Stoffe ange⸗ ben, da ſie, um keinen Irrthum zu begehen, genöthigt ſeien, in ihren Facturen und Einkaufsbüchern nach⸗ zuſehen. Dem zu Folge baten ſie ihre erlauchte Kundſchaft um Erlaubniß, am andern Tage zur ſelben Stunde wiederkommen zu dürfen,— eine Friſt, die den dop⸗ pelten Vortheil hatte, daß ſie den Verkäufern die Zeit gab, ihre Rechnungen feſtzuſtellen, und den Käufern die, ſich das Geld zu verſchaffen. Sodann, nach dieſem Vorſchlage, der dem Intereſſe von Jedermann entſprach, luden die zwei Hauſirer ziemlich ungeſchickt ihre Ballen wieder auf ihre Schul⸗ ter, und Beide nahmen, der Eine als Savoyard, der 108 Andere als Piemonteſer, mit vielen Verbeugungen und Dankſagungen Abſchied von der erhabenen Ver⸗ ſammlung. Nur war während der Anſtalten zum Abgange Margarethe verſchwunden, und der Piemonteſer ſuchte vergebens mit den Augen die Prinzeſſin in dem Momente, wo ſich hinter ihm die Thüre des Salon ſchloß, in welchem die von uns erzählte ſeltſame Scene ſich zugetragen hatte. Als er aber ins Vorzimmer gelangte, trat ein Page auf ihn zu, legte ihm die Spitze des Fingers auf die Schulter und bedeutete ihm durch ein Zeichen, er möge ſeine Laſt bei der geſchnitzten Bank, welche rings im Gemache umherlief, niederlegen und ihm folgen. Der Hauſirer gehorchte, legte ſeinen Ballen an den bezeichneten Ort, und folgte dem Pagen in einen Corridor, in welchem mehrere Thüren angebracht waren. Beim Geräuſche ſeiner Tritte öffnete ſich eine von dieſen Thüren, er drehte den Kopf um und ſah ſich der Prinzeſſin Margarethe gegenüber. Zu gleicher Zeit verſchwand der Page hinter einem Thürvorhange. Der Hauſirer blieb erſtaunt ſtehen. „Schöner Juwelenhändler!“ ſagte die Prinzeſſin mit einem reizenden Lächeln zu ihm,„wundert Cuch nicht, daß ich Euch habe zu mir kommen laſſen; aus Furcht, Euch morgen nicht wiederzuſehen, wollte ich nicht länger die einzige Bezahlung, die Eurer und meiner würdig iſt, verſchieben.“. Und reich an jener vollkommenen Anmuth, die jede zeſſ ein der dar⸗ Ger nich ſode zöſi Ehr Chr ſieb kom Sar Ger Tag Em trar Vor hat belo zeſte tete weg den verz wäl 1 agen Ver⸗ ange uchte dem alon ſame ein igers chen, elche ihm n an einen dracht eine d ſah zinter zeſſin Euch aus te ich und , die 109 jede ihrer Bewegungen begleitete, reichte die Prin⸗ zeſſin dem Hauſirer die Hand. Dieſer ſetzte mit der Höflichkeit eines Edelmanns ein Knie auf die Erde, nahm ihre weiße Hand mit der Spitze ſeiner Finger, und drückte ſeine Lippen darauf mit einem Seufzer, den die Prinzeſſin der Gemüthsbewegung zuſchrieb, während er vielleicht nichts Anderes ausdrückte, als ein Bedauern. Nach einem Augenblicke des Stillſchweigens ſagte ſodann der Hauſirer, diesmal in vortrefflichem Fran⸗ zöſiſch: „Madame, Eure Hoheit erweiſt mir eine große Chre; weiß ſie aber wohl, wer der Mann iſt, dem ſie Chre erweiſt?“ „Durchlaucht,“ erwiederte Margarethe,„es ſind ſiebzehn Jahre, daß ich in's Schloß von Nizza ge⸗ kommen bin, und daß mich der Herzog Karl von Savoyen ſeinem Sohne als demjenigen, welcher mein Gemahl werden ſollte, vorgeſtellt hat: von dieſem Tage an habe ich mich als die Braut des Prinzen Emanuel Philibert betrachtet, und ich habe voll Ver⸗ trauen zu Gott auf die Stunde gewartet, wo es der Vorſehung gefallen würde, uns zu vereinigen. Gott hat das Vertrauen, das ich zu ihm gehegt, dadurch belohnt, daß er mich heute zur glücklichſten und ſtol⸗ zeſten Fürſtin der Erde macht.“ Hienach, da ſie ſo genug geſagt zu haben erach⸗ tete, warf die Prinzeſſin, mit einer doppelten Be⸗ wegung raſch wie der Gedanke, mit einer Hand um den Hals von Emanuel Philibert die mit Edelſteinen verzierte goldene Kette, die ſie an dem ihrigen trug, während ſie mit der andern den Vorhang niederfal⸗ 110 len ließ, der ſie von demjenigen trennte, mit welchem ſie die Verlöbnißgeſchenke gewechſelt hatte. Am andern Tage und an den folgenden Tagen erwartete man vergebens im Louvre die zwei Hau⸗ ſirer; und da die Prinzeſſin Margarethe Niemand über das, was bei ihrem Abgange aus dem Salon vorgefallen war, in's Vertrauen zog, ſo dachten die⸗ jenigen, welche der Wahrheit am nächſten kamen, die zwei freigebigen Ausſpender von Juwelen und Gewändern ſeien zwei Abgeſandte des Prinzen, von ihm mit dieſen Hochzeitgeſchenken beauftragt, ge⸗ weſen;— Niemand ging aber bis zu der Annahme, der Eine von Beiden ſei der Prinz ſelbſt, der Andere ſein treuer und unzertrennlicher Scianca Ferro geweſen. VIII. Was ſich im Schloſſe des Tournelles und in den Straßen von Paris in den erſten Tagen des Juni 1559 zutrug. Am 5. des Monats Juni 1559 kam eine glän⸗ zende Cavalcade, beſtehend aus zwanzig Trompetern, einem Wappenkönig, vier Herolden, hundert und zwanzig Pagen ſowohl von der Kammer, dem großen Stalle, der Jagd, als von anderswo, und dreißig bis vierzig Waffenträgern, die den Zug ſchloßen, aus dem bei der Baſtille gelegenen königlichen Pa⸗ laſte des Tournelles hervor, ſchlug den Weg durch die Rue Saint⸗Antoine ein, begleitet von einer gro⸗ ßen Zuſammenſchaarung des Volkes, das nie eine ſolche Pracht geſehen hatte, und hielt auf dem Platze des Stadthauſes an. lchem ragen Hau⸗ mand Salon n die⸗ amen, 1 und großen dreißig hloßen, een Pa⸗ g durch ter gro⸗ nie eine n Platze 111 Da erſchollen die Trompeten dreimal, um den Fenſtern Zeit zu laſſen, ſich zu öffnen, und denen, welche entfernt waren, näher zu kommen; ſodann als die Menge dicht gedrängt war, als alle Augen dieſer Menge ſehr ſtät und alle Ohren ſehr offen waren, entfaltete der Wappenkönig ein großes mit dem königlichen Siegel verſehenes Pergament, und nachdem die Herolde dreimal ausgerufen hatten: „Stille... höret, was man ſagen wird,“ fing der Wappenkönig an folgendes Cartel zu leſen: Auf Befehl des Königs. „Nachdem durch einen langen, grauſamen und heftigen Krieg die Waffen an verſchiedenen Orten mit Vergießen menſchlichen Blutes und anderen ver⸗ derblichen Acten, die der Krieg hervorbringt, geführt worden ſind, und Gott durch ſeine heilige Huld, Milde und Güte ſo gnädig geweſen iſt, der ganzen durch ſo viele Mißgeſchicke betrübten Chriſtenheit die Ruhe eines guten und ſichern Friedens zu geben, iſt es mehr als vernünftig, daß es ſich Jeder zur Pflicht macht, mit allen Kundgebungen von Freude, Vergnügen und Jubel eine ſo große Wohlthat zu feiern und zu preiſen, eine Wohlthat, welche alle Feindſchaften und Bitterkeiten in Süßigkeiten und Freundſchaften verwandelt, durch die engen Verwandt⸗ ſchaftsbande, die ſich mittelſt der durch den Vertrag des genannten Friedens beſchloſſenen Heirathen bil⸗ den,— nämlich: „Des allerhöchſten, großmächtigſten und groß⸗ müthigſten Prinzen Philipp, katholiſchen Königs der Spanier, mit der allerhöchſten und vortrefflichſten 112 Prinzeſſin Madame Eiiſabeth, älteſten Tochter des allerhöchſten, großmächtigſten und großmüthigſten Prinzen Heinrich, des Zweiten dieſes Namens, aller⸗ chriſtlicſten Königs von Frankreichs, unſeres ſouve⸗ rainen Herrn; „Und auch des allerhöchſten und großmächtigſten Prinzen Emanuel Philibert, Herzogs von Savoyen, mit der allerhöchſten und vortrefflichſten Prinzeſſin Madame Margarethe von Frankreich, Herzogin von Berry, einziger Schweſter des genannten allerchriſt⸗ lichſten Königs, unſeres ſouverainen Herrn. „Welcher, in Betracht, daß,— Dank ſei es den Gelegenheiten, die ſich bieten,— die Waffen entfernt von aller Grauſamkeit und Gewaltthat, mit Vergnü⸗ gen und Nutzen angewandt werden können und ſollen, von denjenigen, welche ſich in lobenswerthen Hand⸗ lungen zu üben und zu erproben wünſchen; „Kund und zu wiſſen thut allen Fürſten, Herren, Edelleuten, Rittern und Knappen, die das Waffen⸗ handwerk treiben und eine Probe von ihrer Perſon abzulegen wünſchen, um die Jugend zur Tugend an⸗ zufeuern und die Heldenthaten der Erfahrenen zu empfehlen, daß in der Hauptſtadt Paris das Kampf⸗ ſpiel eröffnet werden wird durch Seine Allerchriſt⸗ lichſte Majeſtät und durch die Prinzen Alphons, Herzog von Ferrara, Franz von Lothringen, Herzog von Guiſe, Pair und Oberſtkämmerer von Frankreich, und Jacob von Savoyen, Herzog von Nemours, lauter Ritter des Ordens, um gegen den, der mit der erforderlichen Eigenſchaft kommt, ausgehalten zu werden, und ſoll dieſes Spiel anfangen am ſech⸗ zehnten gegenwärtigen Monats Juni, und fortgeſetzt 2 1 ſtöße Neite wieſe dürfe aufge beſte bekon anher . 7 mit d des ſten ler⸗ ve⸗ ſten hen, ſſin von riſt⸗ den ernt mnü⸗ Uen, and⸗ ren, ffen⸗ rſon an⸗ zu mpf⸗ riſt⸗ ons, rzog feich, zurs, mit n zu ſech⸗ eſetzt 113 werden bis zu Erfüllung der folgenden Kämpfe und Artikel: „Der erſte Wettkampf, zu Pferde in den Schran⸗ ken, wird beſtehen aus vier Lanzenſtößen und einem für die Dame; „Der zweite Wettkampf, mit Schwertſtreichen, zu Pferde, einzeln oder zu Zwei und Zwei, nach dem Willen der Turnierherren. „Der dritte Wettkampf, zu Fuße, drei Pieken⸗ ſtöße und ſechs Schwertſtreiche. „Und ſtößt Einer rennend das Pferd, ſtatt den Reiter zu ſtoßen, ſo wird er aus den Schranken ge⸗ wieſen werden, ohne mehr dahin zurückkehren zu dürfen, wenn es der König nicht befiehlt. „Und für Alles dies werden vier Kampfrichter aufgeſtellt ſein, um über alle Dinge zu wachen. „Und derjenige von den Angreifern, welcher am beſten die Lanze gebrochen haben wird, ſoll den Preis bekommen, deſſen Werth dem Ermeſſen der Richter anheimgeſtellt ſein wird. „Desgleichen ſoll derjenige, welcher am beſten mit dem Schwerte und der Pieke gekämpft hat, den Preis nach dem Ermeſſen der genannten Richter be⸗ kommen. .„Es ſollen die Angreifer gehalten ſein, ſowohl die dieſes Königreichs, als die Fremden, einen der Schilde zu berühren, welche auf der Freitreppe, am Ende der Bahn aufgehängt ſein werden, je nach den Wettkämpfen, die ſie werden beſtehen wollen; ſie mögen ſo mehrere von denſelben berühren, nach ihrer Wahl, oder alle, wenn ſie wollen; und ſie werden Dumas, der Page. III. 8 114 hier einen Wappenofficianten finden, der ſie nach den Schilden, die ſie berührt haben, eintragen wird. „Es ſollen die Angreifer auch gehalten ſein, dem genannten Wappenofficianten ihren mit ihren Wap⸗ 5 pen verſehenen Schild zu bringen oder durch einen Edelmann bringen zu laſſen, damit dieſer Schild auf der Freitreppe drei Tage lang vor dem Anfange des Turniers aufgehängt werden kann. „Und im Falle, daß ſie in der genannten Zeit ihre Schilde nicht ſchicken oder nicht bringen, ſollen ſie beim genannten Turniere ohne die Erlaubniß der Platzhalter nicht zugelaſſen werden. „Und zum Zeichen der Wahrheit haben wir Heinrich von Gottes Gnaden, König von Frankreich, gegenwärtige Schrift eigenhändig unterzeichnet. „Gezeichnet Heinrich.“ Als dieſes Cartel vorgeleſen war, riefen die vier Herolde dreimal: „Es lebe König Heinrich, dem der Herr lange und glorreiche Tage ſchenken möge!“ Hienach wiederholte der ganze Trupp,— Wap⸗ penkönige, Herolde und Pagen— denſelben Ruf, den eine allgemeine Acclamation der Menge erwie⸗ derte. Sodann ſetzte ſich die Cavalcade, immer unter Trompetenſchall, wieder in Marſch, zog über den Fluß und die City hinauf bis zum Vorhofe von Notre⸗ Dame, und hielt hier mit demſelben Ceremoniell an; das Cartel wurde auf's Neue verleſen, und es er⸗ folgten die gleichen Rufe und ähnliche Fanfaren. Endlich kehrte über dieſelbe Brücke, die ſie ge⸗ wäl zurt reich ſtatt Bro geki⸗ wel Bor wol nig von der wele mit leut und das daue zog brac Cong mit nen 6 von. nach 8 Conn h den dem Wap⸗* einen d auf e des Zeit ſollen 8 der wir reich, 115 wählt, um zu kommen, die Cavalcade in die Stadt zurück, gelangte in die Rue Saint⸗Honoré und er⸗ reichte den Platz des Louvre, wo eine neue Leſung ſtattfand, immer unter Acclamationen und denſelben Bravos der Menge, die zu begreifen ſchien, das an⸗ gekündigte Schauſpiel ſollte das letzte dieſer Art ſein, welchem beizuwohnen ihr geſtattet wäre. Von da zog die Cavalcade über die äußeren Boulevards nach dem Palais des Tournelles zurück, wohin der König ſeinen Hof verlegt hatte. Es war in der That acht Tage vorher dem Kö⸗ nig Nachricht zugekommen, der Herzog Alba, der von König Philipp bezeichnet worden, um ihn bei der Hochzeitfeier und bei den Feſten zu vertreten, welche die Folge davon ſein ſollten, rücke gegen Paris mit einem Truppe von dreihundert ſpaniſchen Edel⸗ leuten vor. 3 Sogleich hatte der König den Louvre geräumt und ſich in das Palais des Tournelles zurückgezogen, das er während der ganzen Zeit, welche die Feſte dauern würden, ſeinen Palaſt des Louvre dem Her⸗ zog von Alba und den hohen Gäſten, die er mit⸗ brachte, überlaſſend, zu bewohnen gedachte. Bei dieſer erſten Kunde hatte der König den Connetable dem Herzog von Alba entgegengeſchickt, mit dem Befehle, zu marſchiren, bis er ihm begeg⸗ nen würde. Der Connetable traf in Noyon den Stellvertreter von König Philipp II. und ſetzte mit ihm ſeinen Marſch nach Paris fort. Als ſie in Saint⸗Denis anlangten, ſahen der Connetable und der Herzog von Alba den Herrn 116 Marſchall von Vieilleville, General⸗Oberintendanten, ihnen entgegenkommen; dieſer war vom König abge⸗ ſandt, um darüber zu wachen, daß die Spanier auf das Trefflichſte bewirthet werden. Zwei Stunden nachher, an einem ſchönen Mor⸗ gen des letzten Sonntags vom Monat Mai, hielt dieſe ganze Schaar, erquickt und geſtärkt, ihren Ein⸗ zug in Paris; ein herrlicher Einzug, denn dieſe Schaar zählte ſowohl an Fürſten, Herren, Edelleuten, als an Pagen und Waffenträgern über fünfhundert Reiter. Herr von Vieilleville ließ die Spanier ganz Paris durchziehen, von der Barrière Saint⸗Denis bis zur Barrière des Sergents; dann quartierte er, wie ihm hiezu der Befehl ertheilt worden war, den Herzog von Alba und die vornehmſten ſpaniſchen Herren im Palaſte des Louvre und die einfachen Edelleute in der Rue Saint⸗Honoré ein. Als die Leſung des Cartels auf dem Platze des Louvre ſtattfand, waren hier auch, um ſie zu hören, faſt ebenſo viel Spanier als Franzoſen da, und die Bravos erſchollen, nachdem ſie beendigt war, in zwei Sprachen. Will nun der Leſer, der der königlichen Procla⸗ mation vom Schloſſe des Tournelles nach dem Platze des Stadthauſes, vom Platze des Stadthauſes zum Vorhofe von Notre⸗Dame, und vom Vorhofe von Notre⸗Dame nach dem Platze des Louvre gefolgt iſt, ſie zurückbegleiten bis zum Schloſſe des Tournelles, von wo ſie vor zwei Stunden ausgegangen, ſo wer⸗ den wir ſeinen guten Willen benützen, um mit ihm die großen Arbeiten zu betrachten, die der König hier aus Anlaß der Turniere hat ausführen laſſen, aten, übge⸗ auf Mor⸗ hielt Ein⸗ chaar „als eiter. Jaris 3 zur ihm erzog in im te in e des bören, id die zwei rocla⸗ Platze 6 zum von gt iſt, nelles, dwer⸗ it ihm König laſſen, 117 welche durch das Cartel proclamirt worden ſind, das wir, ſo lang es war, ganz mittheilen zu müſſen ge⸗ glaubt haben, nicht nur als ein intereſſantes und authentiſches Stück, und als Probe von den Sitten jener Epoche, in der ſich der letzte ritterliche Seufzer Frankreichs aushauchte, ſondern auch weil die Geſetze dieſes Turnieres die Ereigniſſe, welche unter unſeren Augen in Erfüllung gehen ſollen, uns beſſer werden verſtehen helfen. Die äußere Bahn,— und unter dieſer Bezeich⸗ nung verſtehen wir den ganzen Umkreis des Ge⸗ bäudes,— war auf dem unbeſtimmten Terrain er⸗ richtet worden, das ſich vom Palaſte des Tournelles bis zur Baſtille erſtreckte; ſie hatte zweihundert Schritte Länge und fünfzig Breite. Das längliche Gerippe dieſer Bahn war von Brettern verfertigt und bedeckt mit Leinwand ähnlich der der Zelte, nur daß ſie reicher geſtreift war, näm⸗ lich mit Azur und Gold, was die Farben des Wap⸗ pens von Frankreich ſind. An den zwei Seitenverlängerungen hatte man den Zuſchauern, Edelleuten und Damen des Hofes vorbehaltene Eſtraden erbaut. Auf der Seite des Schloſſes öffneten ſich drei Thore, welche beinahe die Formen der drei Thore eines Triumphbogens hatten, denn das in der Mitte war höher als die zwei anderen. Das mittlere Thor erſtreckte ſich zwölf bis fünf⸗ zehn Fuß in die Bahn und bildete den Eingang und den Ausgang einer Baſtei, in welcher die vier Platzhalter, immer bereit, Jedem zu antworten, der ſie herausfordern würde, verweilen ſollten. Vor die⸗ 118 ſer Baſtei fand ſich eine Querſchranke, die die Schild⸗ knappen auf den Ruf:„Laßt gehen!“ öffneten. Die vier Platzhalter waren, wie man ſchon weiß: Der König von Frankreich, Heinrich II.; Der Prinz von Ferrara, Alphons von Eſte; Franz von Lothringen, Herzog von Guiſe; Jacob von Savoyen, Herzog von Nemours. Vier Maſten überragt von Wimpeln trugen jeder einen Schild mit dem Wappen der erlauchten Strei⸗ ter; die Angreifer, welche auf der entgegengeſetzten Seite der Bahn hereinkamen,— wo ein großer Saal gebaut worden war, in dem ſie ſich an- und auskleiden konnten,— ſollten mit dem Holze ihrer Lanze den Schild des Platzhalters, mit dem ſie zu kämpfen wünſchten, berühren, um anzudeuten, daß das, was ſie verlangten, ein einfacher Turniergang zu Ehren der Damen, ein Zweikampf mit ſtumpfen Waffen war. Auf dieſer Seite, wie auf der Seite des Schloſſes, gewährte eine Schranke, ſich öffnend, Roß und Rei⸗ ter Eingang. Trotz dieſer Vorſicht würde ohne Zweifel geſchehen, was bei ſolchen Veranlaſſungen geſchah: ein kräftiger Haß würde ſich plötzlich kundgeben; ein unbekann⸗ ter Ritter würde vom König, ſtatt eines Lanzenbre⸗ chers mit ſtumpfen Waffen, einen guten Kampf auf Leib und Leben verlangen, und nachdem er die Er⸗ laubniß hiezu von Heinrich, der nicht den Muth hätte, ſie ihm zu verweigern, erhalten, den Schild ſeines Gegners mit dem Eiſen ſeiner Lanze und nicht mit ihrem Holze berühren. Dann würde ſich, ſtatt eines Scheinkampfes, ein — jeder trei⸗ tzten oßer und ihrer e zu daß gang pfen dſſes, Rei⸗ ehen, tiger ann⸗ nbre⸗ auf Er⸗ hätte, eines mit „ein 119 wirklicher Kampf entſpinnen, bei welchem die zwei Gegner das gewöhnliche Spiel zu ſpielen aufhören und um ihr Leben ſpielen würden. Die innere Bahn,— die, in welcher die Kämpfe ſtattfinden ſollten,— war fünfzehn Schritte oder fünf⸗ undvierzig Fuß breit, was den Angreifern und den Platzhaltern Einer gegen Einen, Zwei gegen Zwei, oder ſogar Vier gegen Vier zu ſtreiten geſtattete. Dieſe Bahn war in ihrer Länge geſchloſſen durch eine Baluſtrade, die ſich bis zur Höhe von drei Fuß erhob und mit demſelben Stoffe bedeckt war, der das ganze Innere des Zeltes tapezirte. Schran⸗ ken, die ſich an jedem äußerſten Ende öffneten, er⸗ laubten den Kampfrichtern, in die Bahn einzutreten, oder den Angreifern,— wenn einige von ihnen die Genehmigung des Königs erlangten, mit einem der Kampfrichter ſtatt mit den beſtimmten Platzhaltern, zu ſtreiten,— von der Bahn in das große rechts und links für die Kampfrichter und die Eſtraden vorbe⸗ haltene Gevierte überzugehen, um mit dem Holze oder dem Eiſen ihrer Lanze den Schild von demje⸗ nigen zu berühren, mit welchem ſie es zu thun haben wollten.. Es waren eben ſo viel Richter, als Platzhalter, das heißt vier Richter. Dieſe vier Richter waren: Der Prinz von Savoyen Emanuel Philibert; Der Connetable von Montmorency; Herr von Boiſſy, Oberſtſtallmeiſter, den man ge⸗ wöhnlich Monsieur le Grand nannte; Und endlich Herr von Vieilleville, Oberſtkämmerer und Marſchall von Frankreich. 120 Jeder derſelben hatte in einem der Winkel des Geviertes eine kleine Baſtei, über der ſein Wappen angebracht war. Zwei von dieſen Baſteien,— die des Herrn Herzogs von Savoyen und des Connetable,— waren an die Fagade des Schloſſes des Tournelles angebaut. Die zwei anderen,— die der Herren von Boiſſy und von Vieilleville,— lehnten ſich an das für die Angreifer errichtete Gebäude an. Der Obertheil der Baſtei der Platzhalter bildete den für die Königin, die Prinzen und die Prinzeſſinnen beſtimmten Balcon; er war ganz mit Brocat behängt und ausgeſchlagen, und man hatte hier eine Art von Thron für die Königin, Fauteuils für die Prinzen und Prinzeſſinnen, und Tabourets für die Damen vom Hoſdienſte aufgeſtellt. Alles dies,— noch leer, aber jeden Tag vom König beſucht, deſſen Ungeduld die Augenblicke zählte, — harrte Angreifern und Platzhaltern, Richtern und Zuſchauern entgegen. X. Nachrichten aus Schottland. Am 20. des Monats Juni kam eine zweite Ca⸗ valcade nicht minder glänzend als die des Herzogs von Alba von Brüſſel auf demſelben Wege an und zog in Paris durch daſſelbe Thor ein. Sie ward angeführt von Emanuel Philibert, dem zukünftigen Gemahl von Madame Margarethe von Frankreich, Herzogin von Berry. — +8—— des ppen zogs 1 die oiſſy r die ldete nnen ängt von nzen mmen vom hlte, und Ca⸗ zogs und dem von 121 In Ecouen hatte man einen Halt gemacht. Man hatte ſodann bemerken können, daß der Prinz mit ſeinem Pagen in ein Haus eingetreten war, das ſie zu erwarten ſchien, denn es öffnete ſich bei ihrer Ankunft. Dieſes unter einem Gewölbe von grünem Laub⸗ werk verlorene Haus lag außerhalb der Stadt und erhob ſich vereinzelt hundert Schritte von der Land⸗ ſtraße. Die Escorte ſchien ſich nicht um das Verſchwin⸗ den des Prinzen zu bekümmern, machte auf der an⸗ dern Seite der Straße Halt und wartete. Nach Verlauf von zwei Stunden erſchien der Prinz wieder allein; er hatte auf den Lippen das traurige Lächeln derjenigen, welche ein großes Opfer vollbracht haben. Man bemerkte ganz leiſe, daß ſein Page, der ihn nie verließ, den Prinzen dennoch verlaſſen hatte. „Auf, meine Herren,“ ſagte Emanuel,„man er⸗ wartet uns in Paris... vorwärts!“ Sodann, nachdem er den Kopf mit einem Seuf⸗ zer umgewendet, als hätte er von dem, was er hin⸗ ter ſich ließ, eine letzte Ermuthigung gefordert, um eine peinliche Pflicht zu erfüllen, ſetzte er ſein Pferd in Galopp und erreichte die Spitze der Escorte, die ſich auf der Straße nach Paris ausdehnte. In Saint⸗Denis traf Emanuel Philibert ſeinen ehemaligen Gefangenen, den Connetable, der ihm entgegenkam, wie er dem Herzog Alba entgegenge⸗ kommen war,— im Auftrage des Königs, um ihn zu beglückwünſchen. Emanuel empfing die Complimente des Conne⸗ 122 table mit einem höflichen, zugleich aber ernſten und traurigen Geſichte. Man fühlte den Mann, welcher ſeine Reiſe nach Paris fortſetzte, der jedoch ſein Herz unter Weges gelaſſen hatte. Zwiſchen Paris und Saint⸗Denis ſah der Prinz einen anſehnlichen Cortége auf ſich zukommen; die⸗ ſer Cortége kam offenbar aus Rückſicht gegen ihn. Er ſandte Robert von Rovère, Kapitän ſeiner Gar⸗ den, ab, um die Schaar zu recognosciren. Sie beſtand aus zweihundert ſavoyſchen und piemonteſiſchen Edelleuten insgeſammt in ſchwarzen Sammet gekleidet und jeder eine goldene Kette am Halſe tragend; ſie wurde angeführt vom Grafen von Raconis, und nahm ihren Platz hinter der Escorte von Emanuel Philibert. An der Barrière angelangt, ſah der Cortége einen Stallmeiſter, der ihn ohne Zweifel erwartete, im Galopp nach der Seite des Faubourg Saint⸗ Antoine abgehen. Dieſer Mann war ein Bote des Königs, welcher ihm die Ankunft des Prinzen mel⸗ den ſollte. Auf dem Boulevard wandte ſich der Cortége gegen links und ritt nach der Baſtille zu. Der König erwartete den Prinzen am FJuße der Freitreppe des Schloſſes des Tournelles, ſ eine Schweſter bei der Hand haltend; hinter ihm, auf der erſten Stufe, waren die Königin Catharina und ihre fünf Kinder; auf den anderen Stufen ſtanden gleichſam amphi⸗ theatraliſch die Prinzeſſinnen und die für ihren Dienſt beſtimmten Edelleute und Damen. Emanuel Philibert hielt ſein Pferd zehn Schritte von der Freitreppe an und ſprang zu Boden; dann -e— nd her erz inz ie⸗ hn. ar⸗ ind zen am von rte ge ete, int⸗ des iel⸗ ége der ſter ufe, der; ohi⸗ enſt ritte ann -e— 123 ging er auf den König zu, dem er die Hand küſſen wollte; doch dieſer öffnete die Arme und ſprach: „Umarmet mich, mein geliebter Bruder.“ Hienach ſtellte er ihm die Prinzeſſin Marga⸗ rethe vor. Madame Margarethe trug ein hochrothes Kleid mit weißen ſpaniſchen Aermelſchnitten; ſie hatte ſtatt jedes Schmuckes den herrlichen emaillirten Gürtel mit den fünf goldenen Schlüſſeln, den ihr der Hau⸗ ſirer im Louvre von Seiten ihres zukünftigen Ge⸗ mahls angeboten hatte. Als Emanuel ſich ihr näherte, ſchien das Hoch⸗ roth ihres Kleides faſt ganz auf ihre Wangen über⸗ zugehen. Sie reichte ihm die Hand, und wie der Hauſirer im Louvre gethan, ſo that der Prinz bei den Tour⸗ nelles: er ſetzte ein Knie auf die Erde und küßte dieſe ſchöne königliche Hand. Sodann wurde er nach und nach vom König der Aürigi den Prinzen und den Prinzeſſinnen vorge⸗ ſtellt. Jedermann hatte ſich, um ihm Ehre anzuthun, mit dem aus dem Ballen des piemonteſiſchen Hau⸗ ſirers hervorgegangenen Juwele geſchmückt; man hatte begriffen, dieſer Juwel ſei ein Geſchenk des Bräutigams, ſobald weder der Eine, noch der An⸗ dere von den zwei fremden Handelsleuten gekommen war, um den Preis in Anſpruch zu nehmen. Frau von Valentinois trug als Diadem ihren dreifachen Halbmond von Diamanten; Frau Diana von Caſtro ihre arabiſche Armſpange; Madame Eli⸗ ſabeth ihr Perlenhalsband, das weniger blaß als ihr 124 Hals; und der Dauphin Franz ſeinen ſchönen floren⸗ tiniſchen Dolch, welchen aus dem eichenen Tiſche, wo ihn der kräftige Hauſirer eingeſtoßen hatte, dem Prinzen herauszuziehen gelungen war. Maria Stuart allein hatte ſich nicht mit ihrem koſtbaren Reliquienkäſtchen ſchmücken können; dieſes war die reichſte Zierde ihres Betzimmers geworden und ſollte dreißig Jahre ſpäter in der Nacht, die ihrem Tode vorherging, im Schloſſe Fotheringay die von Rom angekommene heilige Hoſtie empfangen, mit der ſie am Tage ihrer Hinrichtung communicirte. Alsdann ſtellte Emanuel Philibert ſeinerſeits die vornehmen Herren und Cdelleute vor, die ihn be⸗ gleiteten. 3 Das waren die Grafen von Horn und von Egmont, dieſe zwei Helden, der Eine von der St. Laurent⸗ Schlacht, der Andere von Gravelines, welche neun Jahre nachher als Märtyrer deſſelben Glaubens auf demſelben Schaffot ſterben ſollten,— verurtheilt von dieſem Herzog Alba, der ihnen aus dem Gefolge des Königs von Frankreich zulächelte und wartete, daß die Reihe an ihn käme, ihnen die Hand zu drücken. Ferner Wilhelm von Naſſau, ein ſchöner junger Mann von ſechsundzwanzig Jahren, ſchon düſter von jener Traurigkeit, die ihm ſpäter den Beinamen„der Schweigſame“ eintrug, und den man den Prin⸗ zen von Oranien nannte, weil er im Jahre 1545 das Fürſtenthum Oranien von ſeinem Oheim Renatus von Naſſau geerbt hatte. Endlich die Herzoge von Braunſchweig und die Grafen von Schwarzburg und von Mansfeld, welche, glücklicher als die anderen ſo eben von uns genann⸗ — 125 ten Perſonen, nicht mit ihrem Tode den düſtern Glanz des Schaffots oder der Ermordung verbin⸗ den ſollten. Sodann, plötzlich, als ob nichts bei dieſer Vereini⸗ gung zum Voraus vom Geſchicke bezeichneter Män⸗ ner und Frauen fehlen ſollte, als ob das Verhäng⸗ niß ihn zurückführte, ſah man über den Boulevard mit verhängten Zügeln einen Reiter herbeiſprengen, der, als er die herrliche Verſammlung ſah, die ſich um die Pforte der Tournelles drängte, ſein Pferd anhielt, abſtieg, den Zügel ſeinem Stallmeiſter zu⸗ warf und wartete, daß der König ihn anrede. Und dieſer Reiter konnte ruhig ſein: er war mit zu großer Geſchwindigkeit angekommen, er hatte zu geſchickt ſein Pferd Halt machen laſſen und war zu elegant abgeſtiegen, als daß Heinrich, ein vollendeter Reiter, nicht hätte ſollen auf ihn aufmerkſam werden. Der König hob auch den Kopf über die ganze glänzende Menge, die ihn umgab, empor und rief: „Oh! Lorges, Lorges! unſer Kapitän der ſchot⸗ tiſchen Garde, den wir Euerer Mutter, liebe Maria, mit dreitauſend Mann zu Hülfe geſchickt hatten, und der nun, damit nichts dieſem ſchönen Tage fehle, kommt, um Euch Nachrichten von Eurem Königreiche Schottland zu geben!— Raſch,“ fuhr der König fort,„komm hierher, Montgomery! komm! und da wir große Feſte und große Luſtbarkeiten haben wer⸗ den, nimm Dich in Acht vor den Bränden! Es gibt ein Sprüchwort, welches ſagt, man ſoll nie mit dem Feuer ſpielen.“ Es iſt zweckdienlich, unſern Leſern zu erklären, daß König Heinrich auf den Unfall anſpielte, deſſen 126 Urheber Jacques von Montgomery, der Vater von Gabriel, geweſen war, als er bei der Scheinbelagerung des Hotel Saint⸗Paul, das er gegen König Franz I. vertheidigte, dieſen mit einem Feuerbrande ans Kinn traf, eine Wunde, welche für mehr als hundert Jahre die Mode herbeiführte, den Bart lang und die Haare kurz zu tragen. Montgomery ging auf den König zu, ohne zu vermuthen, ein Unfall viel ernſter, als der, deſſen Urſache ſein Vater in Betreff des Vaters geweſen war, erwarte ihn ſelbſt in Betreff des Sohnes bei dieſen Feſten, welche Heinrich mit ſo großer Freude herbeikommen ſah. Er brachte aus Schottland gute politiſche Nach⸗ richten, düſtere religiöſe Nachrichten. Eliſabeth von England unternahm nichts gegen ihre Nachbarin; die Gränzen waren ruhig; doch das Innere von Schottland ſtand in Flammen. Der Brand, das war die Reform;, der Brand⸗ ſtifter, das war John Knox. Man kannte kaum in Frankreich dieſen furcht⸗ baren Namen, als Gabriel de Lorges ihn ausſprach. Was lag in der That dieſem eleganten Hofe der Valois, der in ſeinen Schlöſſern Louvre, des Tour⸗ nelles oder Fontainebleau lebte; was lag Franz I. mit ſeiner Herzogin d'Etampes, mit ſeinem Leonardo da Vinci, ſeinem Andrea del Sarto, ſeinem Benve⸗ nuto Cellini, ſeinem Boſſo, ſeinem Primaticcio, mit Rabelais, Budé, Lascaris und Marot; was lag Hein⸗ reich II. mit ſeiner Herzogin von Valentinois, mit Ronſard, Philibert Delorme, Montaigne, de Boͤze, du Bellay, Amyot, dem Kanzler de l' Hospital, Jean Goujon, Serlio, Germain Pilon, Catharina von Medici und ihren Chrenfräulein; was lag dieſer ganzen glänzenden, frivolen, tapfern, atheiſtiſchen Welt, in deren Adern, wie eine doppelte Quelle, das franzöſiſche und italieniſche Blut floß, welche unab⸗ läßig die Geſchichte mit dem Roman, das Ritterthum mit der Politik vermiſchte, welche die Prätenſion hatte, aus Paris zugleich Rom, Athen und Cordova zu machen; was lag allen dieſen Königen, dieſen Prinzen, dieſen Prinzeſſinnen, dieſen Edelleuten, dieſen Bildhauern, dieſen Malern, dieſen Schriftſtellern, dieſen Architekten, die beleuchtet waren vom Regenbogen des Ruhmes, der Kunſt und der Poeſie;— was lag ihnen an dem, was auf dieſem Winkel der Erdkugel, den ſie als das Ende der civiliſirten Welt betrachteten, bei einem armen, unwiſſenden, ungeſchlachten Volke vor⸗ ging, das man als ein Zugehör von Frankreich an⸗ ſah, wie einen von jenen mehr durch das Metall als durch die Arbeit intereſſanten Juwelen, den eine Königin der Agraffe der Chatelaine, die ſie am Gür⸗ tel trägt, beifügt? Sollte dieſes Land ſich eines Tages gegen ſeinen jungen König Franz oder gegen ſeine junge Königin Maria Stuart empören? Nun, dann würde man auf einigen vergoldeten Schiffen abgehen, wie es Wilhelm gethan hatte, als er Eng⸗ land eroberte, oder Roger, als er Sicilien eroberte! Man würde Schottland nehmen und mit einer gol⸗ denen Spange am Beine in Form einer Kette der Enkelin von Eduard und der Tochter von Jacob V. zu Füßen legen. Gabriel de Lorges berichtigte nun die Ideen des franzöſiſchen Hofes in Betreff Schottlands; er be⸗ 128 lehrte die erſtaunte Königin Maria Stuart darüber, daß ihr Hauptfeind nicht die erhabene Königin von England Eliſabeth, ſondern ein armer abtrünniger Prieſter des päpſtlichen Hofes Namens John Knox war. Er hatte ihn geſehen, dieſen John Knox, unter einem Volksaufſtande, und er hatte hievon eine ent⸗ ſetzliche Erinnerung bewahrt, die er in den Augen der zukünftigen Königin von Schottland bis zu der Höhe, in der ſie in ſeinem Geiſte geblieben war, zu vergrößern ſuchte. Er war ihm gefolgt während dieſes Aufſtandes, von dem Knox in folgenden Worten ſpricht: „Ich habe den Götzen von Dagon*) zertrümmert auf dem Pflaſter geſehen, und Prieſter und Mönche liefen über Hals und Kopf davon, Krummſtäbe, In⸗ fuln, Chorhemden und Plattmützen lagen zerbrochen und zerriſſen auf dem Boden umher; graue Mönche ſperrten den Mund auf, ſchwarze Mönche blieſen die Backen auf, keuchende Meßner entflogen wie die Krähen, glücklich, wer am Schnellſten das Lager er⸗ reichte; denn nie war ein ſolcher paniſcher Schrecken durch dieſe Generation des Antichriſts gelaufen!!!“ Derjenige, aus deſſen Mund der Wind blies, welcher einen ſolchen Sturm entfeſſelt hatte, mußte ein Titan ſein und war ein Titan. In der That, John Knox war eines von den Elementen mit menſchlichem Geſichte, wie man ſie im Augenblicke großer politiſcher oder religiöſer Revolu⸗ tionen erſcheinen ſieht. *⁴) Das Crueifix. D 129 Entſtehen ſie in Schottland oder in England zur Zeit der presbyterianiſchen Reform, ſo nennt man ſie John Knox oder Cromwell. Entſtehen ſie in Frankreich zur Zeit der politi⸗ ſchen Reform, ſo nennt man ſie Mirabeau oder Danton. John Knox war in Oſt⸗Lothian im Jahre 1505 geboren; er war alſo in der Zeit, die man erreicht hatte, vierundfünfzig Jahre alt. Er ſollte in einen geiſtlichen Orden eintreten, als das Wort Luthers von Worms nach Edinburgh erſcholl; ſogleich fing Knox an mit der Heftigkeit ſeines Temperaments gegen den Papſt und gegen die Meſſe zu predigen. 1552 zum Kaplan des Königs von England Eduard VI. ernannt, war er genöthigt, Großbritannien bei der Thronbeſteigung der blutigen Maria zu verlaſſen, und er begab ſich nach Genf zu Calvin. Als Maria todt war und Elifabeth den Thron beſtieg, hielt er den Augenblick für günſtig, und er kehrte nach Schott⸗ land zurück, wohin er Tauſende von Exemplaren des Pamphlets mitbrachte, welches er in Genf hatte drucken laſſen, und das zugleich ein Angriff gegen die gegenwärtige Regentſchaft von Maria von Lothrin⸗ gen und gegen die zukünftige Regierung von Maria Stuart war*). In ſeiner Abweſenheit war der von ihm gepflanzte Baum der Reform gewachſen, und er beſchirmte un⸗ ter ſeinem Schatten drei Viertel von Schottland. *) Dieſes Pamphlet war betitelt: Gegen die Weiberregierung. Dumas, der Page. III. 9 130 Er hatte ein katholiſches Vaterland verlaſſen; er fand ein proteſtantiſches Vaterland wieder. Das war der Mann, den Maria zu fürchten hatte. Wie denn! hatte Maria etwas zu fürchten? Schottland lag für ſie nicht nur in den Fernen des Raumes, ſondern auch in denen der Zukunft. Was hatte ſie mit Schottland zu thun, ſie die Frau des Dauphin von Frankreich; ſie die Schwie⸗ gertochter eines Schwiegervaters von kaum einund⸗ vierzig Jahren, der kräftig, ſtark, feurig wie ein jun⸗ ger Mann, ſie die Gattin eines neunzehnjährigen Gemahls? Was war die ſchlimmſte Prophezeiung, die man ihr machen konnte? zwanzig Jahre Regierung des Königs ihres Schwiegervaters, vierzig Jahre Exiſtenz des Königs ihres Gemahls.— Man wußte noch nicht, daß man ſo jung bei den Valois ſtarb! Wozu bedurfte ſie dieſer, mitten unter Felſen ge⸗ wachſenen, wilden Roſe, welche man die Krone von Schottland nannte, während ſie in Ausſicht die Krone von Frankreich hatte, welche, nach dem Worte von Kai⸗ ſer Maximilian, Gott ſeinem zweiten Sohne geben würde, wenn Gott zwei Söhne hätte? Wohl war das Horoſkop da, das von einem Wahrſager über den Tag der Geburt von König Heinrich II. geſtellt worden war, ein Horoſkop, über das der Herr Connetable ſo viel geſpottet, daß es der König in die Hände von Herrn de!'Aubeſpine nie⸗ dergelegt hatte, und das ſagte, König Heinrich II. werde in einem Duelle oder in einem Einzelnkampfe getödtet werden. Wohl war das verhängnißvolle die wie⸗ und⸗ jun⸗ igen man des ſtenz noch ge⸗ von rone Kai⸗ eben nem önig über 3 es nie⸗ )II. npfe volle 131 Mahl da, das Gabriel de Lorges zwiſchen beiden Brauen trug, dieſes Mahl, das Kaiſer Carl V. ſo ſehr beunruhigt hatte, bis ihm von ſeinem Aſtrologen erklärt worden war, es bedrohe einen Prinzen von der Lilie. Welche Wahrſcheinlichkeit war aber vorhanden, einer der größten Fürſten der Welt werde je ſich duelliren? Welche Wahrſcheinlichkeit war vorhanden, Gabriel von Montgomery, einer von den Heinrich II. am meiſten ergebenen Herren, ſein Kapitän der ſchot⸗ tiſchen Garde, welcher ihm gleichſam das Leben bei jener Wildſchweinsjagd im Walde von Saint⸗Germain gerettet hatte, der wir unſere Leſer haben beiwohnen laſſen, werde je eine mörderiſche Hand gegen den König erheben, deſſen Tod ſein Glück zertrümmerte? Weder Wirklichkeit, noch Prophezeiung, noch Ge⸗ genwart, noch Zukunft konnten alſo, und wäre es inſtinctartig, die ſchönen Geſichter dieſes freudigen Hofes trüben, als ihm der Bourdon*) von Notre⸗ Dame verkündigte, Alles ſei bereit, ſelbſt Gott, für die erſte von dieſen Hochzeiten, welche gefeiert wer⸗ den ſollten; dies war die von König Philipp II., vertreten durch den Herzog von Alba, mit Eliſabeth von Frankreich, die man Eliſabeth des Friedens nannte, wegen des Einfluſſes, den dieſe Heirath auf den Frieden der Welt gehabt hatte. *) Die große Glocke. Die Kampfſpiele der Rue Saint⸗Antoine. Es war am 27. Juni 1559, als der Bourdon von Notre⸗Dame, die alten Thürme von Philipp Auguſt erſchütternd, die Feierlichkeit dieſer Vermäh⸗ lung des Königs von Spanien mit der Tochter des Königs von Frankreich verkündigte. Der Herzog von Alba, begleitet vom Prinzen von Oranien und vom Grafen von Egmont, vertrat, wie geſagt, König Philipp II. Als man auf den Vorplatz der Metropolitankirche kam, ſank die arme Eliſabeth beinahe nieder; man mußte ſie bei den Armen unterſtützen, faſt tragen, um ſie bis zum Schiffe zu führen. Es waren der Graf von Egmont und Wilhelm von Oranien, dieſe zwei vom Verhängniß bezeichneten Männer, der Eine für das Schaffot des Herzogs von Alba, der Andere für die Kugel von Balthaſar Gerards, die ihr dieſen traurigen Dienſt leiſteten. Emanuel Philibert ſchaute ſie mit einem mitfüh⸗ lenden Lächeln an, deſſen Bedeutung Scianca Ferro, der Einzige, welcher wußte, was der Prinz in Ecouen zurückgelaſſen hatte, allein errathen konnte. Nach der Ceremonie kehrte man ins Schloß des Tournelles zurück, wo ein großes Mittagsmahl war⸗ tete. Der Tag verging in Concerten, und als der Abend gekommen war, eröffnete Emanuel Philibert den Ball mit der jungen Königin von Spanien, welche keinen andern Troſt hatte, als die Abweſen⸗ 133 heit ihres königlichen Gemahls, von dem ſie noch für einige Tage entfernt war; Jacob von Nemours tanzte mit der Prinzeſſin Margarethe, Franz von Mont⸗ morency mit Diana von Caſtro, und der Dauphin, den wir zuerſt hätten nennen müſſen, mit der Köni⸗ gin Maria Stuart. Freunde und Feinde waren für einen Augenblick hier vereinigt; alle die großen Leidenſchaften des Haſſes ſchienen, wenn nicht erloſchen, doch wenigſtens eingeſchlafen. Nur bildeten Freunde und Feinde zwei ſehr ge⸗ trennte Gruppen. Der Connetable mit allen ſeinen Söhnen; Coligny, Dandelot und ihre Edelleute. Franz von Guiſe mit allen ſeinen Brüdern: dem Cardinal von Lothringen, dem Herzog von Aumale, dem Herzog von Elbeuf... Man vergißt die Namen dieſer ſechs Söhne deſſelben Vaters. Die Erſten heiter, triumphirend, freudig. Die Andern düſter, ernſt, drohend. Man ſagte ſich ganz leiſe, wenn am andern Tage in den Schranken Einer von dieſen Montmorency mit Einem von dieſen Guiſe zuſammenſtieße, ſo würde man, ſtatt eines Kampfſpieles, einen wah⸗ ren Kampf haben. Heinrich hatte jedoch ſeine Vorſichtsmaßregeln getroffen. Er hatte Coligny und Dandelot verbieten laſſen, andere Schilde zu berühren, als den ſeinigen oder die von Jacob von Nemours und Alphons von Eſte. Daſſelbe Verbot war an Damville und Franz von Montmorency ergangen. 134 Die Guiſe hatten ſich Anfangs von dieſen Feſten entfernen wollen: der Herzog Franz ſprach von der Nothwendigkeit einer Reiſe in ſein Fürſtenthum; Ca⸗ tharina von Medici und der Cardinal von Lothrin⸗ gen brachten ihn aber von dieſem Entſchluſſe ab, der unklug war wie alle die, welche vom Aerger und vom Stolze eingegeben werden. Er war alſo geblieben, und der Erfolg bewies, daß er wohl daran gethan, zu bleiben. Um Mitternacht trennte man ſich. Der Herzog von Alba führte Eliſabeth bis in ihr Gemach, legte ſein rechtes Bein ins Bett und bedeckte es mit dem Leilacken; nach ein paar Secunden zog er es wieder unter der Decke hervor, verbeugte ſich und ging ab. Die Vermählung war vollzogen. Am andern Morgen wurde Jedermann durch die Fanfaren aufgeweckt,— König Heinrich ausgenom⸗ men, der nicht geſchlafen hatte, ſo ſehr hatte es ihn gedrängt, zu dieſen Turnieren zu kommen, von denen er ſich ſeit ſo langer Zeit Freude und Vergnügen verſprach! Obgleich das Turnier erſt nach dem Frühſtück beginnen ſollte, ſchweifte doch König Heinrich II. vor Tagesanbruch von der Stechbahn zu den Ställen hin und her und ließ ſeinen prächtigen Marſtall die Revue paſſiren, dem Emauuel Philibert,— ein glän⸗ zendes Geſchenk!— neunzehn Pferde völlig geſattelt und gezäumt beigefügt hatte. Als die Stunde des Frühſtücks gekommen war, ſpeiſten Platzhalter und Kampfrichter abgeſondert an einer Tafel von runder Form, um an die von König drin⸗ der und vies, rzog egte dem eder ab. die om⸗ ihn 135 Arthus zu erinnern, und wurden von den Damen bedient. Die vier Dienerinen der erlauchten Gäſte waren die Königin Catharina, die Prinzeſſin Margarethe, die kleine Königin Maria und die Herzogin von Va⸗ lentinois. Nach beendigtem Frühſtück ging Jeder in ſein Zimmer, um ſich zu rüſten. Der König hatte einen bewunderungswürdigen mailändiſchen Bruſtharniſch ganz mit Silber und Gold damascirt; ſein Helm, überragt von der könig⸗ lichen Krone, ſtellte einen Salamander mit ausge⸗ breiteten Flügeln vor; ſein Schild trug wie der, wel⸗ cher an der Baſtei aufgehängt war, einen an einem reinen Himmel glänzenden Halbmond mit dem Wahl⸗ ſpruche: DÖONEC TOTUM IMPLEAT ORBEM*)! Seine Farben waren Weiß und Schwarz,— die, welche Diana von Poitiers beim Tode von Herrn von Brezé, ihrem Gatten, angenommen hatte. Herr von Guiſe war angethan mit ſeinem Schlacht⸗ küraß, demſelben, welchen er bei der Belagerung von Metz getragen hatte: dieſer zeigte den ſehr ſichtbaren Eindruck,— den man heute noch im Muſée d' Artillerie in Paris, wo er aufbewahrt iſt, bemerken kann,— von den fünf Kugeln, die er bei der Belagerung von Metz erhielt, und die ſich auf dem rettenden Stahl abplatteten. *) Bis er die ganze Welt erfüllt! 136 Sein Schild ſtellte, wie der von König Heinrich, einen Himmel vor; nur war dieſer Himmel minder rein: eine weiße Wolke verſchleierte darauf einen goldenen Stern. Sein Wahlſpruch war: PRESENTE, MAIS CACHEE). Seine Farben waren Weiß und Hochroth,„Farben einer Dame,“ ſagt Brantome,„die ich nennen könnte, und der er huldigte, als ſie Hoffräulein war.“ Leider nennt Brantome die Dame nicht, und wir ſind durch die Unwiſſenheit, in der er uns gelaſſen hat, genöthigt, ſo verſchwiegen zu ſein als er. Herr von Nemours hatte einen mailändiſchen Bruſtharniſch, ein Geſchenk von König Heinrich; ſein Schild ſtellte einen Engel oder einen Amor vor,— es war ſchwer zu unterſcheiden, welchen von beiden, — der einen Blumenſtrauß mit dem Wahlſpruche trug: ANGE OU AMOUR, II VIENT DU CIEL**)! Dieſer Wahlſpruch ſpielte auf das an, was dem ſchönen Prinzen in der Stadt Neapel an einem Frohnleichnamsfeſte begegnet war. Als er der Proceſſion mit den anderen franzö⸗ ſiſchen Herren folgte, kam ein an einem zu dieſem Zwecke ausgeſpannten Eiſendrahte gleitender Engel *) Gegenwärtig, aber verborgen.(Dies bezieht ſich auf das weibliche Wort: l'étoile, der Stern). oder Amor, er kommt vom Himmel. 137 aus einem Fenſter herab und überreichte ihm von Seiten einer Dame einen herrlichen Strauß: Hievon der Wahlſpruch: Ange ou amour, il vient du ciel.. Seine Farben waren Gelb und Schwarz; welche Farben nach demſelben Brantome bedeuten; Genuß und Feſtigkeit, oder: Feſt im Genuſſe;„denn er genoß damals, wie man ſich ſagte, die Gunſt von einer der ſchönſten Damen der Welt, und mußte darum aus guten Gründen feſt und ihr treu ſein; da er es anderswo nicht beſſer zu finden und zu haben vermocht hätte. 3 Der Herzog von Ferrara endlich,— dieſer junge zu jener Zeit noch unbekannte Prinz, der ſpäter ſei⸗ nem Namen die traurige Berühmtheit, ſieben Jahre lang Taſſo ins Irrenhaus eingeſperrt zu haben, er⸗ werben ſollte,— war gerüſtet mit einem bewunde⸗ rungswürdigen venetianiſchen Bruſtharniſch. Sein Schild ſtellte Hercules den Nemeiſchen Löwen erle⸗ gend vor, mit dem Wahlſpruche: QUI EST FORT EST DIEU*)! Seine Farben waren Gelb und Roth. Um Mittag wurden die Thore geöffnet. In einem Augenblicke waren die auf den Eſtraden vor⸗ behaltenen Plätze von den Damen, den Edelleuten und Herren beſetzt, denen ihr Name das Recht gab, den Feſten beizuwohnen. 138 Sodann bevölkerte ſich der königliche Balcon ebenfalls. Am erſten Tage war es Frau von Valentinois, die den Preis geben ſollte. Dieſer Preis war eine herrliche Kette ganz glän⸗ zend von Rubinen, Saphiren und Smaragden, welche durch dreifach verſchlungene goldene Halbmonde von einander getrennt waren. Dieſe Halbmonde ſtellten bekanntlich das Wappen der ſchönen Herzogin von Valentinois vor. Am zweiten Tage ſollte der Sieger von der Hand von Madame Margarethe gekrönt werden. Der Preis war eine türkiſche Streitaxt von aus⸗ gezeichneter Arbeit, welche von Soliman dem König Franz I. zum Geſchenk gegeben worden. Der dritte Tag,— ein Chrentag,— war Ca⸗ tharina von Medici vorbehalten. Der Preis beſtand in einem Schwerte, deſſen Griff und Stichblatt von Benvenuto Cellini ciſelirt worden waren. Um Mittag ließen die Muſiker, die ihren Platz auf einem Balcon dem der Prinzen und Prinzeſſin⸗ nen gegenüber hatten, ihre Fanfaren hören. Die Stunde des Turniers war gekommen. Die Pagen eilten zuerſt wie ein Flug Vögel in die Bahn herein. Es waren zwölf Pagen für jeden Platzhalter, achtundvierzig im Ganzen, jeder mit Sammet und Seide in den Farben ſeines Herrn belleidet. Dann kamen vier Schildknappen für jeden Platz⸗ halter; ihr Auftrag war, die zerbrochenen Lanzen aufz wen Rüſ wele ren, der und an aus die ſtun im nem Kar Med von voye Ferd erka das zogi in( lipp die rend ———O::OͤPee:——— 139 aufzuheben und den Kämpfenden Hülfe zu leiſten, wenn es nöthig wäre. Sodann kamen die vier Kampfmeiſter in voller Rüſtung, mit niedergelaſſenem Viſir, auf ihren Roſſen, welche wie ſie gerüſtet und mit Decken bekleidet wa⸗ ren, die bis auf der Erde ſchleppten. Jeder von ihnen ſtellte ſich, mit ſeinem Stabe in der Hand, einer der Seitenbarrièren gegenüber auf und blieb unbeweglich wie eine Reiterſtatue. Da erſchienen die Trompeter der vier Platzhalter an den vier Pforten der Baſtei und blieſen ihre Her⸗ ausforderung nach den vier Hauptpunkten. Eine Trompete antwortete, und man ſah durch die Pforte der Angreifer einen Ritter in voller Rü⸗ ſtung, mit heruntergelaſſenem Viſir und die Lanze im Steigbügel herauskommen. Das Collier des goldenen Vließes hing an ſei⸗ nem Halſe;— an dieſer Inſignie, die er 1556 von Karl V. zugleich mit Kaiſer Maximilian, Coſimo von Medici, Großherzog von Florenz, Albrecht, Herzog von Baiern, Emanuel Philibert, Herzog von Sa⸗ voyen, Octavio Farneſe, Herzog von Parma, und Ferdinand Alvarez, Herzog von Alba, erhalten hatte, erkannte man Lamoral, Grafen von Egmont. Die Federn ſeines Helmes waren weiß und grün: das waren die Farben von Sabine, Pfalzgräfin, Her⸗ zogin von Baiern, die er fünf Jahre früher in Speier, in Gegenwart von Kaiſer Karl V., ſo wie von Phi⸗ lipp II., König von Neapel, geheirathet hatte, und die er zärtlich und treu bis zu ſeinem Tode liebte. Er rückte vor, ſein Pferd mit der Grazie füh⸗ rend, die ihm den Ruf eines der erſten Reiter der 14⁴0 ſpaniſchen Armee eingetragen hatte, ein Ruf, der ſich auf einen ſo hohen Grad ſteigerte, daß Heinrich II., welcher in dieſer Hinſicht, wie man ſagte, keinen Nebenbuhler hatte, eiferſüchtig darauf war. Als er bis zu drei Vierteln der Bahn vorge⸗ ritten war, begrüßte er mit der Lanze und dem Kopfe den Balcon der Königin und der Prinzeſſin⸗ nen, indem er die Spitze ſeiner Lanze bis auf die Erde, die Krone ſeines Helmes bis auf den Hals ſeines Pferdes neigte, und dann berührte er mit dem Schafte ſeiner Lanze den Schild von Heinrich II. Hierauf zwang er, unter ſchmetternden Fanfaren, ſein Roß, die ganze Länge der Bahn rückwärts zu gehen, und legte ſofort ſeine Lanze jenſeits der Bar⸗ rière ein. In dem Augenblicke, wo Egmont ſeine Lanze einlegte, kam der König in voller Rüſtung und zu Pferde hervor. Wäre Heinrich nicht König geweſen, das Bei⸗ fallklatſchen, das bei ſeinem Anblicke erſcholl, wäre nicht minder allgemein geweſen. Man konnte un⸗ möglich beſſer zu Pferde ſitzen, beſſer auf ſeinen Steigbügeln geſtellt ſein, kurz, ein ſoliderer und ele⸗ ganterer Reiter ſein, als es der König von Frank⸗ reich war. Wie der Graf von Egmont, hielt er ſeine Lanze in ſeiner Hand in Bereitſchaft. Nachdem er ſein Pferd um ſich ſelbſt hatte pirouettiren laſſen, um die Königin und die Prinzeſſinnen zu begrüßen, wandte er ſich gegen ſeinen Gegner und legte ſeine Lanze ein. Sogleich hoben die Schildknappen die Schranken „der 9 II., einen orge⸗ dem eſſin⸗ f die Hals dem J. aren, s zu Bar⸗ Lanze d zu Bei⸗ wäre un⸗ einen bele⸗ rank⸗ Lanze ſein n die andte Lanze anken — 141 auf, und die Kampfrichter, da ſie ſahen, daß die Streiter bereit waren, riefen einſtimmig: „Laßt gehen!“ Die zwei Reiter erwarteten nur dieſen Augen⸗ blick, um gegen einander loszuſtürzen. Beide trafen ſich mitten auf die Bruſt. Der König und der Graf von Egmont waren zu gute Reiter, um aus dem Sattel gehoben zu wer⸗ den, und dennoch verlor bei dem furchtbaren Stoße der Graf einen Steigbügel; und ſeine ganz vibrirende Lanze entſchlüpfte ſeiner Hand und fiel ein paar Schritte vor ihm nieder, während die Lanze des Königs in drei bis vier Stücke flog und nur einen unnützen Stumpf in ſeiner Hand zurückließ. Wie erſchrocken von dem Stoße und dem Geräuſche der Erſchütterung, blieben die zwei Pferde zitternd und auf ihren Hinterfüßen gebäumt ſtehen. Heinrich warf den Stumpf ſeiner Lanze fern von ſich. Während die Bahn vom Beifallklatſchen der Zu⸗ ſchauer erſcholl, ſprangen nun zwei Schildknappen über die Schranken, der Eine, um die Lanze des Grafen von Egmont aufzuheben und ſie ihm zu geben, der Andere, um dem König eine neue Lanze zu bieten. Beide nahmen wieder ihre Stellung und legten ihre Lanzen ein. Die Trompeter blieſen aufs Neue; die Schranken öffneten ſich wieder, und die Kampfrichter riefen zum zweiten Male: „Laßt gehen!“ Diesmal brachen die zwei Lanzen. Heinrich bog 1 4² ſich, wie ein vom Winde gekrümmter Baum, bis auf das Kreuz ſeines Pferdes; der Graf von Egmont kam aus beiden Steigbügeln und war genöthigt, ſich an ſeinem Sattelbogen zu halten. Der König richtete ſich wieder auf, der Graf ließ den Sattelbogen los, und die zwei Reiter, von denen man hätte glauben ſollen, ſie ſeien durch den furcht⸗ baren Stoß entwurzelt worden, fanden ſich beide wieder aufrecht und feſt auf ihren Steigbügeln. Die Lanzenſplitter waren rings um ſie her ge⸗ flogen. Sie ließen die Knappen die Trümmer der Lan⸗ zen aufheben und kehrten jeder hinter ſeine Schranke zurück. Hier überreichte man ihnen neue Lanzen, welche ſtärker als die erſten. Pferde und Reiter ſchienen gleich ungeduldig zu ſein; die Pferde wieherten und ſchäumten: viel mehr durch das Rennen und die Fanfaren, als durch die Sporen angereizt, nahmen die edlen Thiere offenbar ihren Antheil am Kampfe. Die Fanfaren erſchollen. Alle Zuſchauer ſchrieen vor Freude und klatſchten in die Hände, gerade wie hundert Jahre ſpäter, als Ludwig XIV. auf einem Theater erſchien und die Rolle der Sonne in einem Ballet: Die vier Jahreszeiten, gab. Nur waren, Heinrich als Krieger des Mittelalters, Ludwig XIV. als Poſſenreißer aller Zeiten, jeder der Ausdruck Frankreichs von ihrer Epoche: der Erſte repräſentirte das ritterliche Frankreich; der Zweite das galante Frankreich. „La als Heir des wäh des Gur war, glitt geho Erde dien ließ, des ſtelle erklä ſich Gefe und Euer könn ſo h Maj ſchen auf nont ſich ließ enen rcht⸗ deide ge⸗ Lan⸗ anke elche g zu nehr die nbar rieen wie inem inem tters, jeder der der 143 Kaum hörte man unter den Bravos den Ruf: „Laßt gehen!“ Der Stoß war das dritte Mal noch furchtbarer als die zwei erſten Male: einer von den Füßen von Heinrich verlor den Bügel unter dem Stoße der Lanze des Grafen von Egmont, welche in Stücke zerbrach, während die Lanze des Königs ganz blieb. Das Anprallen war ſo gewaltig, daß das Roß des Grafen die zwei Vorderfüße aufhob, und der Gurt, der durch die Heftigkeit des Stoßes gebrochen war, über den geneigten Rücken des Pferdes hinab⸗ glitt, ſo daß, ſeltſamer Weiſe! ohne aus dem Sattel gehoben worden zu ſein, der Reiter ſich auf der Erde fand. t Da er aber auf ſeine Beine zu ſtehen kam, ſo diente dieſer Sturz, der ſich unmöglich vermeiden ließ, dazu, die Geſchicklichkeit und die Gewandtheit des bewunderungswürdigen Reiters ins Licht zu ſtellen. Der Graf verbeugte ſich indeſſen vor Heinrich, erklärte ſich nichtsdeſtoweniger für beſiegt und übergab ſich höflich der Gnade des Siegers. „Graf,“ ſprach der König zu ihm,„Ihr ſeid Gefangener der Herzogin von Valentinois: geht alſo und gebt Euch ihrer Gnade anheim; ſie wird über Euer Loos entſcheiden, nicht ich.“ „Sire,“ erwiederte der Graf,„hätte ich ahnen können, eine ſo ſüße Sklaverei ſei mir vorbehalten, ſo hätte ich mich das erſte Mal, da ich gegen Eure Majeſtät kämpfte, überwinden laſſen.“ „Und das wäre eine große Erſparniß an Men⸗ ſchen und Geld für mich geweſen, Herr Graf,“ ant⸗ 144 wortete der König, entſchloſſen, ſich nicht in der Höf⸗ lichkeit beſiegen zu laſſen;„denn Ihr hättet mir St. Laurent und Gravelines erſpart!“ Der Graf zog ſich zurück, und fünf Minuten nachher kniete er auf dem Balcon zu den Füßen der Frau Herzogin von Valentinois nieder, die ihm die Hände mit einem prächtigen Perlencollier band. Während dieſer Zeit ſchöpfte der König, der ſeine drei Turniergänge gemacht hatte, wieder Athem und überließ die Bahn dem Herzog von Guiſe, dem zwei⸗ ten Platzhalter. Der Herzog von Guiſe kämpfte mit dem Grafen von Horn; die drei Turniergänge wurden gemacht ohne zu großen Nachtheil auf Seiten des flämiſchen Generals, der gegen einen Mann ſtritt, welcher für einen der beſten Lanzenbrecher ſeiner Zeit galt. Beim dritten Gange erklärte er ſich, mit einer der des Grafen von Egmont gleichen Höflichkeit, für beſiegt. Alsdann kam die Reihe an Jacob von Nemours. Er kämpfte mit einem Spanier Namens Don Fran⸗ cisco Rigonnez; beim erſten Lanzenſtoße verlor der Spanier einen Steigbügel; beim zweiten wurde er auf das Kreuz ſeines Pferdes zurückgeworfen; beim dritten wurde er aus dem Sattel gehoben und auf die Erde geſetzt. Das war übrigens der einzige Spanier, der das Glück der Turniere verſuchte; unſere Nachbarn von jenſeits der Pyrenäen erkannten ſich als uns nach⸗ ſtehend in dieſer Art von Kämpfen und wollten ihren Ruf, der ſchon durch die Niederlage von Don 145 Francisco Rigonnez gelitten hatte, nicht auf's Spiel ſetzen. Es blieb der Herzog von Ferrara. Er kämpfte mit Dandelot; indeſſen, obſchon das Glück zwiſchen ihnen ungefähr gleich blieb, geſtand doch der gewal⸗ tige Vertheidiger von Saint⸗Quentin, er ziehe einen wahren Kampf mit dem Schwerte gegen einen Feind Frankreichs allen dieſen Spielen vor, die ihm ein wenig heidniſch für einen Mann wie er ſchienen, der ſich ſeit kaum einem Jahre zur reformirten Religion bekehrt hatte. Dem zu Folge erklärte er, ſein Bruder Coligny werde ſeinen Platz einnehmen, wenn ihm das anſtehe, er aber werde keine Lanze mehr brechen. Und da Dandelot ein ſtrenger Mann war, ſo hielt er ſich ſelbſt Wort. Der erſte Tag ſchloß mit einem Kampf der vier Platzhalter gegen vier Angreifer; dieſe vier An⸗ greifer waren Damville gegen den König, Montgo⸗ mery gegen den Herzog von Guiſe, der Herzog von Braunſchweig gegen Jacob von Nemours und der Graf von Mansfeld gegen Alphons von Eſte. Abgeſehen vom König, der, war es wirkliche Stärke, war es Höflichkeit ſeines Gegners, über Damville einen bedeutenden Vortheil errang, hielten ſich die Kräfte das Gleichgewicht. Heinrich kehrte im höchſten Maße erfreut in ſein Schloß zurück. Allerdings hörte er nicht, was ganz leiſe um ihn her geſagt wurde, und darüber darf man ſich nicht wundern: die Könige hören ſelten auch nur die Dinge, welche laut geſprochen werden. Dumas, der Page. III. 10 146 Was man ganz leiſe ſagte, war, der Connetable ſei ein zu guter Höfling, um nicht ſeinen älteſten Sohn gelehrt zu haben, mit welchen Rückſichten man ſeinen König, ſelbſt mit der Lanze in der Hand, be⸗ handeln müſſe! XI. Das Cartel. Am andern Tage hatte der König ſo große Eile, die Kampfſpiele wieder zu beginnen, daß er das Mittagsmahl um eine Stunde vorrückte, um auf den Schlag zwölf Uhr in die Schranken treten zu können. In dem Augenblicke, wo Fanfaren den dreifachen Eintritt der Pagen, der Schildknappen und der Kampf⸗ richter verkündigten,— ein Eintritt, den wir in un⸗ ſerem vorhergehenden Kapitel zu ſchildern verſucht haben,— kam ein Reiter, auf dem Kopfe einen breitkrämpigen Hut, der den obern Theil ſeines Ge⸗ ſichtes verbarg, und, trotz der von einem Tage am Ende des Monats Juni unzertrennlichen Hitze, in einen dunkelfarbigen Mantel gehüllt, aus dem Mar⸗ ſtalle des Schloſſes des Tournelles heraus, reitend auf einem Berberroſſe, deſſen Geſchwindigkeit man beurtheilen konnte, als es ſich dem dreifachen Volks⸗ kreiſe, der die Gegend des Schloſſes, wo die Kampf⸗ ſpiele ſtattfanden, umlagerte, entzogen hatte. In der That, an der Ecke der Minimes angelangt, begann es einen raſchen Trab, der gegen die Seilen⸗ bahn der Enfants⸗Rouges ſich in einen Galopp ver⸗ table eſten man „be⸗ 147 wandelte, welcher ihm in einer Stunde den Weg von Paris nach Ecouen zurückzulegen geſtattete. Als der Reiter Ecouen erreicht hatte, eilte er mit demſelben Schritte ſeines Roſſes durch die Stadt und hielt erſt vor der Thüre des abgeſonderten, von großen Bäumen bedeckten Häuschens an, an wel⸗ chem wir ſelbſt mit Emanuel Philibert bei deſſen Ankunft in Paris Halt gemacht haben. Mit Gepäcke beladene Maulthiere, ein vollſtändig geſatteltes Pferd, das im Hofe mit dem Fuße auf die Erde ſtampfte, bezeichneten die Anſtalten zu einer Abreiſe. Emanuel Philibert warf einen raſchen Blick auf alle dieſe Anordnungen, welche ihm bewieſen, daß die Abreiſe, wenn ſie ſich vorbereitete, doch wenig⸗ ſtens noch nicht ausgeführt war, band ſein Pferd an einen Ring, ſtieg die Treppe hinauf, die in den erſten Stock führte, und ſtürzte in das Zimmer, in welchem eine junge Frau, ſitzend und zerſtreut, die letzten Agraffen eines äußerſt einfachen Reiſeklei⸗ des von dunkler Farbe vollends befeſtigte. In dem Augenblicke, wo der Prinz ins Zimmer trat, ſchaute ſie empor, ſtieß einen Schrei aus und warf ſich, einer erſten Regung ihres Herzens nach⸗ gebend, ihm entgegen. Emanuel empfing ſie in ſeinen Armen.. „„Leona!“ ſagte er im Tone des Vorwurfs zu ihr,„iſt es das, was Du mir verſprochen hatteſt?“ Doch die junge Frau, deren Lippen bebten, deren Augen geſchloſſen waren, konnte nur den Namen Emanuel ſtammeln. Der Prinz, der ſie immer in ſeinen Armen hielt, 148 wich bis zu einer Art von Canapé zurück, ſetzte ſich und ließ die junge Frau niedergleiten, jedoch ohne daß er aufhörte, ſie zu unterſtützen, ſo daß ſie ſich halb liegend und den Kopf zurückgeworfen auf einem ſeiner Kniee fand. „Emanuel! Emanuel!“ murmelte fortwährend die junge Frau, da ſie nicht die Kraft hatte, etwas An⸗ deres zu ſtammeln, als dieſen geliebten Namen. Emanuel Philibert ſchaute ſie ſtillſchweigend mit einem unbeſchreiblichen Ausdrucke von Zärtlichkeit an. Sodann, als ſie endlich die Augen wieder öffnete, ſagte er: „Es iſt alſo ein Glück, daß gewiſſe Worte Dei⸗ nes geſtrigen Briefes Deinen Plan verrathen haben, und daß ein ſchmerzlicher Traum, in welchem ich 8 Dich in Thränen und angethan mit einem Nonnen⸗ kleide erblickte, mir Deine Abſicht enthüllt hat... ſonſt reiſteſt Du ab! und ich ſah Dich erſt bei mei⸗ ner Rückkehr nach Piemont wieder!“ „Oder vielmehr, Emanuel,“ murmelte die junge Frau mit erſtickter Stimme,„oder Du ſahſt mich vielmehr nie wieder!“ Emanuel erbleichte und ſchauerte zugleich. Leona ſah die Bläſſe ſeiner Wangen nicht, doch ſie fühlte das Schauern ſeines Leibes. „Nein, nein!“ rief ſie,„nein, ich hatte Un⸗ recht!... Verzeih', Emanuell verzeih'!“ „Erinnere Dich deſſen, was Du mir verſprochen haſt,“ ſagte Emanuel mit demſelben Ernſte, wie wenn er, ſtatt ſeine Geliebte an ein Liebesverſprechen zu erinnern, einen Freund an eine Ehrenverpflich⸗ tung erinnert hätte.„Es war im Stadthauſe zu Brü wäh das ſen, rend Ant Hin Du höre laſſe von entb in! find neb⸗ haſt rett dan mir derl gen haft wie wele bis heit Tu wei hab das ſind ſich ohne ſich nem die An⸗ mit an. nete, Dei⸗ ben, 1 ich nen⸗ mei⸗ unge mich eona ühlte Un⸗ ochen wie echen flich⸗ ſe zu 149 Brüſſel; die Hand gegen ein heiliges Bild aufhebend, während Dein Bruder— dieſer Mann, dem wir das Leben gerettet haben, und der, ohne es zu wiſ⸗ ſen, das Unglück von uns Beiden macht!— wäh⸗ rend Dein Bruder vor der Thüre auf eine günſtige Antwort wartete, die Du, in Deiner himmliſchen Hingebung, ihm zu ertheilen mich batſt, verſprachſt Du mir, Leona! Du ſchworſt mir, ewig mir zu ge⸗ hören, mich nur am Tage vor dieſer Hochzeit zu ver⸗ laſſen, und dann ſollten wir uns,— bis der Tod von Einem von uns Beiden das Andere ſeines Eides entbunden hätte,— am 17. November jedes Jahres in dem kleinen Hauſe des Dorfes Oleggio wieder⸗ finden, wohin Du, ein ſterbendes Kind, von mir neben Deiner todten Mutter gebracht wurdeſt. Oft haſt Du mir geſagt:„„Du haſt mir das Leben ge⸗ rettet, Emanuel! mein Leben gehört alſo Dir; mache damit, was Du willſt.““ Nun wohl, da Dein Leben mir gehört, da Du dies im Angeſichte Chriſti wie⸗ derholt haſt, ſo trenne dieſes Leben von dem meini⸗ gen nur ſo ſpät als möglich... Und um gewiſſen⸗ haft dieſes Verſprechen zu halten, ohne welches ich, wie Du weißt, Leona, Alles abgeſchlagen hätte, ohne welches ich noch Alles auszuſchlagen bereit bin, treibe bis zur äußerſten Grenze die aufopfernde Ergeben⸗ heit, die höchſte Tugend der Frau, welche liebt, eine Tugend, die aus ihr mehr als einen Engel macht, weil, um ergeben zu ſein, die Engel nicht nöthig haben, die irdiſchen Leidenſchaften zu opfern, die das Erbtheil von uns, den unglücklichen Menſchen, ſind!“ „Ohl Emanuel! Emanuel!“ murmelte Leona, 150 welche unter dem Blicke und bei der Stimme ihres Geliebten zum Leben und zum Glücke zurückzukehren ſchien;„es iſt nicht die Ergebenheit, woran es mir fehlt: es iſt...“ Emanuel Philibert heftete ſeinen forſchenden Blick auf dieſen reizenden zurückgeworfenen Kopf. „Es iſt...?“ fragte er. „Ach!“ rief Leona,„es iſt die Eiferſucht, die mich bedrängt!... Oh! ich liebe Dich, ich liebe Dich, ich liebe Dich ſo ſehr, mein Emanuel!“ Und die Lippen der zwei Liebenden berührten ſich mit einem doppelten Ausrufe des Glückes. „Eiferſüchtig?“ fragte Emanuel;„Du, eiferſüch⸗ tig?... und auf was?“ „Ohl ich bin es nicht mehr!“ flüſterte die junge Frau;„nein, eine Liebe wie die unſere währt ewig! ... Ich habe ſo eben unter Deinem Kuſſe gefühlt, daß ſelbſt der Tod die meine nicht brechen kann, und daß ſie meine Belohnung im Himmel ſein wird! Wie ſollte denn die Deine auf Erden ſterben?“ „Du haſt Recht, meine Leona,“ ſprach der Prinz, indem er ſeiner Stimme den ſo zarten und ſo über⸗ zeugenden Ausdruck gab, welchen ſie anzunehmen fähig war,„Gott hat eine Ausnahme zu meinen Gunſten gemacht: indem er mir die ſo ſchwere Laſt einer Krone zuſandte, gab er mir zugleich die un⸗ ſichtbare Hand von einem ſeiner Engel, um ſie auf meinem Haupte feſtzuhalten. Höre, Leona: was in uns beſtehen wird, wird nichts von dem gleichen, was zwiſchen den anderen Liebenden exiſtirt. Wir werden immer das Eine für das Andere, immer das Eine mit dem Andern durch dieſe unauflösliche Ver⸗ 151 bindung des Herzens leben, die der Zeit und ſogar der Abweſenheit trotzen kann; abgeſehen von der wirk⸗ lichen Gegenwart, abgeſehen vom Anblicke zu allen Stunden und zu allen Minuten, wird unſer Leben daſſelbe ſein... Ich weiß wohl, daß dies das Leben des Winters iſt, ohne die Blumen, ohne die Sonne, ohne die Früchte; doch es iſt am Ende immer das Leben! Die Erde fühlt, daß ſie nicht todt iſt: wir werden fühlen, daß wir uns lieben!“ „Emanuel! Emanuel!“ ſagte die junge Frau, „ohl nun biſt Du es, der mich tröſtet, der mich unter⸗ ſtützt, der mich wieder aufleben macht!“ „Und laß hören,“ ſprach der Prinz,„laß uns wieder auf die Erde niederſteigen, meine geliebte Leona, und erzähle mir, was Dich eiferſüchtig machte.“ „Ohl ſeitdem ich Dich verlaſſen habe, mein lie⸗ ber Emanuel, trennen uns vier Meilen, und ich habe Dich erſt zweimal geſehen.“ „Dank Dir, meine Leona!“ erwiederte Emanuel; „doch Du weißt, Alles iſt mit den Feſten beſchäftigt im Schloſſe des Tournelles, wo ich wohne... Uebri⸗ gens traurige Feſte für zwei Herzen: für das der armen Eliſabeth und für das meine; es iſt aber nichts⸗ deſtoweniger wahr, daß wir, ſie und ich, unſere Rollen bei dieſen Feſten ſpielen, daß wir dabei er⸗ ſcheinen müſſen, und daß mich der König alle Augen⸗ blicke rufen läßt.“ „Wie konnteſt Du dann mitten unter den Tur⸗ nieren, in dem Augenblicke, wo Du als Kampfrich⸗ ter denſelben beiwohnen mußt, Alles verlaſſen, um mich zu beſuchen?“ Emanuel lächelte. 152 „Das iſt es gerade, was mich frei gemacht hat! Ich muß den Turnieren beiwohnen, doch ich kann ihnen mit heruntergelaſſenem Viſir beiwohnen... Denke Dir, ein Mann von meinem Wuchſe lege meinen Bruſtharniſch an, reite mein Pferd, verſehe meinen Dienſt als Kampfrichter...“ „Ahl Scianca Ferro!“ rief die junge Frau. „Guter Scianca Ferro! theurer Emanuel!“ „In meiner Beſorgniß, gequält durch den Brief, den ich empfangen, verfolgt durch den Traum, den ich gemacht habe, beſuche ich ſodann meine Leona, daß ſie mir den Schwur erneure, den ſie zu ver⸗ geſſen auf dem Punkte war... Ich ſtähle mein Herz an dem ihrigen, meine Seele an der ihren wieder, und wir verlaſſen uns ſtark wie jener Rieſe, der nur die Erde zu berühren brauchte, um ſeine Kräfte wieder zu erlangen.“ Und die Lippen des jungen Mannes ſenkten ſich zum zweiten Male auf das Geſicht von Leona, und umhüllten, die des Mädchens berührend, Beide mit der Flammenwolke, welche Mars und Venus den Blicken der andern Götter entzog. Laſſen wir ſie am goldenen Kelche ihre letzten Freudenſtunden erſchöpfen und ſehen wir, was wäh⸗ rend dieſer Zeit auf dem Turnierplatze des Palaſtes des Tournelles vorging. In dem Augenblicke, wo Emanuel Philibert ſich im raſcheſten Schritte ſeines Pferdes vom Schloſſe entfernte und Scianca Ferro, um ſeinen Dienſt zu verſehen, ſeine Rüſtung anlegen ließ, klopfte ein Knappe an das Thor des Schloſſes und fragte nach dem Prinzen Emanuel Philibert. hat! kann lege eſehe rau. 5 rief, den ona, ver⸗ mein hren tieſe, ſeine ſich und mit den tzten wäh⸗ aſtes ſich loſſe ſt zu ein nach 153 Der Prinz Emanuel Philibert war für den Augen⸗ blick Scianca Ferro. Man benachrichtete den jungen Mann, ein unbe⸗ kannter Knappe, der nur mit dem Prinzen ſelbſt zu thun haben wolle, verlange hartnäckig dieſen zu ſprechen. Scianca Ferro repräſentirte den Prinzen; über⸗ dies hatte Emanuel keine Geheimniſſe für ihn. Er ſetzte ſeinen Helm auf, den einzigen Theil ſeiner Rüſtung, mit dem er ſich noch zu bekleiden hatte, ſtellte ſich an den dunkelſten Ort des Zimmers und ſagte: „Laßt ihn eintreten.“ Der Knappe erſchien auf der Schwelle des Zim⸗ mers. Er war dunkelfarbig gekleidet und trug weder Wappen, noch Wahlſpruch, woran er zu erkennen geweſen wäre. „Ich habe die Ehre, mit dem Prinzen Emanuel Philibert zu ſprechen?“ „Ihr ſeht,“ erwiederte Scianca Ferro durch dieſe zwei Worte einer beſtimmten Antwort aus⸗ weichend. „Hier iſt ein Brief von meinem Herrn. Er er⸗ wartet eine Einwilligung oder eine Weigerung.“ Scianca Ferro nahm den Brief, entſiegelte ihn und las folgende Zeilen: „Ein Mann, der den Tod dem Prinzen Emanuel Philibert geſchworen hat, ſchlägt ihm bei dem Tur⸗ niere, das heute ſtattfinden wird, einen Kampf auf Leib und Leben, mit der Lanze, mit dem Schwerte, mit der Streitaxt, mit dem Streitkolben, mit dem 154 Dolche vor; er verzichtet zum Voraus auf jede Gnade von ſeiner Seite, wenn er beſiegt iſt, wie der Prinz auf jede Gnade dieſes Mannes verzichten muß, wenn dieſer Mann Sieger iſt. „Man nennt den Prinzen Emanuel Philibert einen tapfern Feldherrn; iſt er dieſes Rufes nicht unwürdig, ſo wird er den vorgeſchlagenen Kampf annehmen und bemüht ſein, für den Sieger jede Garantie von König Heinrich II. zu erlangen. „Ein Todfeind.“ Scianca Ferro las den Brief, ohne irgend eine Unruhe zu offenbaren, wandte ſich ſodann gegen den Knappen um und antwortete: „Sagt Eurem Herrn, es werde geſchehen, wie er wünſche, und ſobald der König ſeine Lanzen ge⸗ brochen habe, brauche er nur in der Bahn zu er⸗ ſcheinen und mit ſeinem Eiſen den Schild des Prin⸗ zen Emanuel zu berühren. Dieſer Schild hänge rechts von der Baſtei, im Gevierte, bilde ein Seiten⸗ ſtück von dem des Connetable und ſei dem von Herrn von Vieilleville gegenüber. Ich verpfände zum Vor⸗ aus mein Wort, daß ihm jede Garantie vom König gegeben werde.“ „Mein Herr hat eine geſchriebene Ausforderung geſchickt: er wünſcht eine geſchriebene Garantie,“ ſagte der Knappe. In dieſem Augenblicke erſchien Herr von Vieille⸗ ville auf der Schwelle; er kam, um ſich zu erkundigen, ob Emanuel Philibert bereit ſei. nade rinz denn bert nicht impf jede eine den wie ge⸗ t er⸗ zrin⸗ inge iten⸗ 155⁵ Scianca Ferro ließ das Viſir ſeines Helmes herunter, ging auf den Oberſtkämmerer zu und ſprach zu ihm: „Herr von Vieilleville, wollt in meinem Auf⸗ trage Seine Majeſtät bitten, das Wort bewilligt unter dieſen Brief zu ſchreiben. Ich bitte den König inſtändig, mir dieſe Gnade zu erweiſen, welche, von ihm verweigert, meine Ehre beflecken würde.“ Scianca Ferro war völlig mit der Rüſtung des Herzogs bekleidet; ſein heruntergelaſſenes Viſir verhinderte, daß man ſeine blonden Haare, ſeine blauen Augen und ſeinen rothen Bart ſah; Herr von Vieilleville verbeugte ſich vor demjenigen, von wel⸗ chem er glaubte, es ſei der Prinz, und da die Stunde des Turniers herannahte, ſo beeilte er ſich, den Auftrag, den er erhalten, zu vollziehen. Fünf Minuten nachher brachte er den Brief zurück. Das Wort bewilligt war unten an den Brief geſchrieben, und es folgte darauf die königliche Un⸗ terſchrift. Ohne ein Wort beizufügen, übergab Scianca Ferro den Geleitsbrief dem Knappen; dieſer verbeugte ſich und ging ab. Der vorgebliche Prinz ließ nicht auf ſich warten; nur trat er in ſeine Wohnung ein, um hier ſein Schwert und ſeinen Streitkolben zu holen, und als er am Waffenſchmied vorüberkam, befahl er ihm, drei Lanzen zuzuſpitzen. Dann nahm er der Schranke gegenüber den Platz 156 ein, den der Prinz am Tage vorher eingenommen hatte. Die Trompeter gaben das Zeichen; die Herolde riefen, die Bahn ſei geöffnet, und das Turnier begann. Der König machte den Anfang und brach ſeine drei Lanzen, eine gegen den Herzog von Braun⸗ ſchweig, die andere gegen den Grafen von Horn, die dritte gegen den Grafen von Mansfeld. Dann kam die Reihe an den Herzog von Guiſe, dann an Jacob von Nemours, dann an den Herzog von Ferrara. Alle dieſe Kämpfe waren Wunder der Geſchick⸗ lichkeit und der Stärke; offenbar aber war die er⸗ lauchte Verſammlung in ihrem Innern von der Erwartung irgend eines großen Ereigniſſes in An⸗ ſpruch genommen. Dieſes große Ereigniß war der Kampf, zu dem der König die Erlaubniß ertheilt hatte. Heinrich hatte nicht den Muth gehabt, das Geheimniß ganz zu bewahren: ohne zu ſagen, wer der Platzhalter war, hatte er doch den Kampf angekündigt. Jedermann wußte alſo, der Tag werde nicht vorübergehen, ohne daß Blut die für ein Feſt zuge⸗ rüſtete Arena röthe. Die Frauen ſchauerten bei dem Gedanken an einen Kampf mit geſchliffenem Eiſen. Doch während ſie ſchauerten, erwarteten ſie vielleicht mit mehr Un⸗ geduld als die Männer dieſen Augenblick äußerſter Aufregung. Was die Neugierde noch vermehrte, war der Umſtand, daß man nicht wußte, gegen welchen von men olde nier eine aun⸗ orn, uiſe, rzog hick⸗ er⸗ der An⸗ dem nrich ganz alter nicht uge⸗ an rend Un⸗ rrſter der von 157 den vier Platzhaltern oder Kampfrichtern die Aus⸗ forderung geſchehen war. Der König hatte noch etwas im Zweifel gelaſſen: er hatte nicht geſagt, ob der Kampf am zweiten oder am dritten, an dieſem oder am folgenden Tage ſtatt⸗ finden werde. Da man nun das Turnier des Königs, das Tur⸗ nier des Herzogs von Guiſe, das Turnier des Her⸗ zogs von Nemours, und endlich das des Herzogs von Ferrara hatte vorübergehen ſehen, ohne daß ſich etwas von dem, was man erwartete, zutrug, ſo fing man an zu glauben, die Nachricht ſei irrig oder der Kampf auf den andern Tag verſchoben. Nach dem Zweikampfe des Herzogs von Ferrara ſollte das allgemeine Turnier kommen. Die Trompeter gaben das Signal hiezu; doch ſtatt daß die vier Trompeter der vier Angreifer zu⸗ gleich antworteten, antwortete ein einziger, der eine ſeltſame Melodie mit ſcharfen Noten voller Drohun⸗ gen blies. Ein Schauder durchlief die Zuſchauer; ein Ge⸗ murmel zugleich der befriedigten Erwartung und der Bangigkeit erhob ſich von den Eſtraden; die Köpfe wogten wie ein Kornfeld unter dem Hauche des Windes. Zwei Perſonen in dieſer ungeheuren Verſamm⸗ lung wußten allein, für wen der Trompeter blies: dieſe zwei Perſonen waren der König und Scianca Ferro, der für den König wie für Jedermann kein Anderer war als Emanuel Philibert. Der König ſtreckte den Kopf aus der Baſtei her⸗ 158 vor, um zu ſehen, ob der Herzog an ſeinem Poſten ſei. Scianca Ferro, der die Abſicht des Königs be⸗ griff, neigte ſich leicht auf den Hals ſeines Pferdes. „Guten Muth, Schwager!“ ſagte der König. Scianca Ferro lächelte unter ſeinem Viſir, als hätte man ihn ſehen können, und hob, die Federn ſeines Helmſchmuckes ſchüttelnd, den Kopf wieder empor. In dieſem Momente wandten ſich Aller Augen nach der Baſtei der Angreifer. Ein Ritter in voller Rüſtung ritt in die Turnierbahn ein. XII. Der Zweikampf mit geſchliffenem Eiſen. Dieſer Ritter trug aufrecht auf ſeinem Steigbügel eine Lanze mit geſchliffenem Eiſen, ein Schwert hing an einem der Bogen ſeines Sattels, eine Streitaxt am andern. Sein Schildknappe kam hinter ihm und trug zwei andere Lanzen mit geſchliffenem Eiſen wie die ſeines Herrn. Der Reiter war in eine ſchwarze Rüſtung ge⸗ hüllt; die Federn ſeines Helmes waren ſchwarz; ſein Pferd war ſchwarz und mit einer ſchwarzen Decke behängt. Nur die Linie der Schneide ſeiner Axt und die ſcharfe Spitze ſeiner Lanze ſchimmerten von einem düſtern Strahle. Auf ſeinem Schilde konnte kein Wahlſpruch, auf ügel hing ttaxt zwei ines ge⸗ ſein Hdecke die nem auf 159 ſeiner Tartſche konnte kein Wappen verrathen laſſen, welcher Nation, noch welcher Klaſſe er angehörte. Eine goldene Kette an ſeinem Halſe, goldene Sporen an ſeinen Abſätzen bezeichneten indeſſen, daß er Ritter war. Beim Anblicke dieſes finſtern Menſchen, der der Abgeſandte des Todes ſelbſt zu ſein ſchien, fühlten alle Anweſenden, einen Einzigen vielleicht ausge⸗ nommen, einen Schauer ihre Adern durchlaufen. Der ſchwarze Reiter rückte langſam bis auf zwei Drittel der Bahn vor, grüßte die zwei Königinnen und die Prinzeſſinnen, ließ ſein Pferd rückwärts gehen, und befand ſich bald wieder jenſeits der Schranke, die ſich vor ihm ſchloß. Hierauf rief er ſeinen Schildknappen; dieſer legte auf die Erde die zwei Lanzen, die er in den Händen hielt, für den Fall, daß die erſte zerbrochen würde, nahm die, welche ſein Herr hielt, ließ ſich die Quer⸗ ſchranke öffnen, die in das Gevierte Eingang ge⸗ währte, ging gerade auf die Baſtei des Herzogs Emanuel zu und berührte mit dem Eiſen ſeiner Lanze den Schild mit dem Wappen von Savoyen, der mit dem perſönlichen Wahlſpruche des Herzogs: Spoliatis arma supersunt! umgeben war. Das Eiſen gab das Eiſen berührend einen un⸗ heimlichen Ton von ſich. „Emanuel Philibert, Herzog von Savoyen, vor dem König von Frankreich, vor den Prinzen, vor den erlauchten Herren, Edelleuten und Baronen, welche hier gegenwärtig; vor dieſen Königinnen, Prinzeſſin⸗ nen und edlen Damen, welche uns hören und ſehen, fordert Dich mein Herr zum Zweikampfe auf Leib 160 und Leben, ohne Gnade und Barmherzigkeit, wobei er Gott zum Zeugen für die Gerechtigkeit ſeiner Sache und alle hier Anweſende zu Richtern über die Art nimmt, wie er ſich betragen wird!— Gott und der Sieg ſeien für das gute Recht!“ Ein ſchwacher Schrei antwortete auf die Ausfor⸗ derung; dieſer Schrei entſchlüpfte den bleichen Lippen von Madame Eliſabeth, die nahe daran, in Ohn⸗ macht zu fallen. Dann trat eine tiefe Stille ein, während welcher man folgende Worte ausgeſprochen von demjenigen hörte, den Jedermann für Emanuel Philibert hielt: G„Es iſt gut. Sage Deinem Herrn, ich nehme den Kampf, ſo wie er ihn mir vorſchlägt, an, mit Gott zum Richter, mit dem König, den Prinzen, den Herren, den Edelleuten, den Baronen, den Prinzeſ⸗ ſinnen und edlen Damen, welche hier gegenwärtig zu Zeugen, und ich verzichte auf ſeine Gnade, wie er auf die meine verzichtet.— Und nun entſcheide Gott, auf welcher Seite das Recht iſt.“ Hierauf ſagte er mit einer Stimme ſo ruhig, wie wenn er ſeinen Commandoſtab als Kampfrichter ver⸗ langt hätte: „Meine Lanze!“ Ein Knappe, der drei Lanzen mit ſpitzigen, glän⸗ zenden Eiſen trug, trat vor. Scianca Ferro nahm, ohne zu wählen, die erſte die beſte, hob ſein Pferd zugleich mit der Hand und mit den Sporen auf, ließ es über die Seitenſchranke ſetzen und befand ſich in der Bahn. Hinter ihm erſchien ein Reiter in voller Rü⸗ bei ner ber Bott for⸗ pen hn⸗ cher gen jelt: hme mit den zzeſ⸗ rtig wie eide wie ver⸗ län⸗ ahm, sferd ließ h in Rü⸗ 161 ſtung im Gevierte und nahm den Platz ein, den er verließ. Das war der König in Perſon; er wollte den zwei Gegnern die Ehre erweiſen, ihr Kampfrichter zu ſein. Seit dem Einreiten des ſchwarzen Ritters in die Bahn, während ſeiner Herausforderung, während der Antwort, die darauf gegeben worden war, hatte eine tiefe Stille geherrſcht. Nur einiges Beifallklatſchen hatte die Leichtigkeit und Gewandtheit begrüßt, womit der Reiter über die Schranke ſein Pferd hatte ſetzen laſſen, ſo be⸗ täubt das edle Thier durch ſein Stirnblech und die Rüſtung desjenigen war, der es ritt; doch dieſes Beifallklatſchen war faſt in demſelben Augenblicke wieder erloſchen, wie von ſelbſt in einer Kirche oder in einer Gruft die Stimme erliſcht, welche, nachdem ſie mit lautem Tone angefangen, die Heiligkeit des Ortes oder die Feierlichkeit der Lage wahrnimmt. Mittlerweile maßen ſich die zwei Gegner mit den Augen durch ihr heruntergelaſſenes Viſir und legten ihre Lanze ein. Die Knappen hoben ſodann die Schranken auf, und der König ließ den Ruf hören:„Laßt gehen!“ Die drei anderen Kampfrichter ſchienen ihm dieſes Recht eingeräumt zu haben, als ob es einem König allein zukäme, das Signal zu einem Kampfe 4 geben, der den Tod eines Menſchen herbeiführen ann. Sie trafen mitten auf der Bahn zuſammen. Jeder hatte ſich für den Stoß, den er thun wollte, ein anderes Ziel gewählt: der ſchwarze Ritter hatte Dumas, der Page. III. 11 162 ſeine Lanze gegen das Viſir ſeines Gegners gerichtet, und dieſer hatte nach der vollen Bruſt gezielt. Erſt ein paar Secunden nach dem Stoße konnte man über den Erfolg urtheilen, den Jeder gehabt hatte. Der ſchwarze Ritter hatte die herzogliche Krone vom Helme von Emanuel Philibert abgeſtoßen, wäh⸗ rend die Lanze von demjenigen, welcher unter dem Namen und mit der Rüſtung des Herzogs kämpfte, in drei Stücke am ſtählernen Bruſtharniſch ſeines Gegners zerbrochen war. Der Stoß war ſo heftig geweſen, daß der ſchwarze Ritter, bis auf das Kreuz ſeines Pferdes zurückge⸗ worfen, einen Steigbügel verloren hatte. Doch in einem Augenblicke hatte er den Steig⸗ bügel wieder feſtgefaßt und ſich auf ſeinem Sattel emporgerichtet. Jeder von den Kämpfenden ließ ſein Pferd um⸗ wenden und kehrte an ſeinen Ausgangspunkt zurück. Der Schildknappe von Scianca Ferro brachte dieſem eine neue Lanze ſtatt ſeiner zerbrochenen. Der ſchwarze Ritter nahm auch eine neue Lanze, weil ſich die Spitze der ſeinigen am Helmſchmucke des Herzogs abgeſtumpft hatte. Kein Ausruf, kein Händeklatſchen, kein Bravo hatte dieſes Zuſammentreffen begrüßt; man fühlte, daß eine wirkliche Bangigkeit über der Verſammlung ſchwebte. An der heftigen, erbitterten Art, wie ſich die Gegner angegriffen hatten, ſah man in der That, daß es diesmal ein wahrer Kampf, und, wie der ſchw und die zum Dor ob boge war Her von ſteck zen niſch es d des den drei lich, nehn ten und über auf ſes jeder htet, unte ehabt rrone wäh⸗ dem ppfte, eines varze ickge⸗ Steig⸗ battel h um⸗ urück. rachte n. Lanze, mucke Bravo ühlte, mlung ich die That, ie der 163 ſchwarze Ritter geſagt hatte, ein Kampf auf Leib und Leben, ohne Gnade und Barmherzigkeit, war. Als die Lanze gewählt und eingelegt war, und die Roſſe vor Hitze ſtampften, da ſprach der König zum zweiten Male die Worte:„Laßt gehen!“ Ein zweites Geräuſch ähnlich einem Rollen des Donners wurde hörbar; dann erdröhnte ein Stoß, als ob der Blitz eingeſchlagen hätte. Die zwei Pferde bogen ſich auf ihren Hinterbeinen; die zwei Lanzen waren zerbrochen; nur behielt der Bruſtharniſch des Herzogs die Spur vom Eiſen des ſchwarzen Ritters, — nicht mehr,— während der Stumpf der Lanze von Scianca Ferro im Harniſche ſeines Gegners ſtecken blieb. Man konnte Anfangs glauben, es ſei dem ſchwar⸗ zen Ritter die Bruſt durchbohrt worden wie der Har⸗ niſch, doch man täuſchte ſich; das Eiſen, während es die Rüſtung durchdrang, hatte an den Maſchen des Halsſtückes angehalten. Der ſchwarze Ritter ergriff den Stumpf mit bei⸗ den Händen und ſuchte ihn auszureißen. Doch die dreifache Anſtrengung, die er machte, war vergeb⸗ lich, und er mußte ſeine Zuflucht zu ſeinem Knappen nehmen, und auch dieſem gelang es erſt bei der zwei⸗ ten Erſchütterung, ihn herauszuziehen. Nichts Entſcheidendes hatte ſich noch zugetragen, und dennoch fühlte man, daß der Vortheil, wenn überhaupt von einem Vortheile die Rede ſein konnte, auf Seiten des Herzogs von Savoyen war. Die Königinnen fingen an ſich zu beruhigen; die⸗ ſes erſchreckliche Spiel riß ſie unwillkürlich fort; bei jedem Gange wandte ſich Madame Margarethe allein 164 ab, und ihre Augen richteten ſich erſt wieder auf die Bahn bei den von den jungen Prinzeſſinnen und vom Dauphin an ihr Ohr geſprochenen Worten: „Schau... ei! ſo ſchau doch!“. Der König ſchwamm in voller Freude: er wohnte einem wahren Kampfe bei! Kaum dachte er daran, daß jede Chance unſicher iſt, und daß ſeine Schwe⸗ ſter Witwe werden konnte, ehe ſie Herzogin war; man hätte glauben ſollen, er habe keinen Zweifel über den Sieg, nach der Art, wie er rief: „Muth, Schwager! Sieg dem rothen Schilde und dem ſilbernen Kreuze!“ Indeſſen nahm jeder Gegner eine dritte Lanze und ſchickte ſich zum dritten Turniergange an. Kaum ließ der König der Waffe Zeit zum Ein⸗ legen, und zum dritten Male rief er: „Laßt gehen!“ Diesmal ſtürzte das Pferd des ſchwarzen Ritters nieder, und ſelbſt Scianca Ferro, der beide Steig⸗ bügel verlor, war genöthigt, ſich an dem Sattelbogen feſtzuhalten; nur hakte er mit einer bewunderungs⸗ würdigen Geſchicklichkeit mit einer Hand ſeinen Streit⸗ kolben los, und mit der andern zog er ſein Schwert; ſo daß man hätte glauben können, die Bewegung ſei nur in der Abſicht geſchehen, die Waffe, welche zerbrochen war, durch die zu erſetzen, mit welchen er den Kampf erneuern ſollte. Der ſchwarze Ritter ſeinerſeits berührte kaum die Erde: mit einem Sprunge ſtand er neben dem nie⸗ dergeſtürzten Pferde, und mit derſelben Gewandtheit, die ſein Gegner gezeigt, riß er ſein Schwert aus der Scheide und ſeine Streitaxt vom Haken. —— die und onte ran, hwe⸗ var; eifel und anze Ein⸗ tters bteig⸗ vogen ings⸗ treit⸗ wert; -gung velche en er m die n nie⸗ dtheit, is der —— 165 Jeder von den zwei Streitern machte nun einen Schritt rückwärts, um ſich Zeit zu nehmen, ſeine Streitaxt an ſeinen Gürtel zu hängen; als ſodann dieſe Waffe als äußerſte Reſerve in den Bereich der Hand gebracht war, ſtürzten die zwei Feinde, die ihren Schildknappen die Sorge überließen, die Pferde wegzuführen und die Lanzenſtümpfe fortzutragen, mit eben ſo großer Wuth auf einander los, als ob der Kampf erſt begonnen hätte. War die Stille groß geweſen, war die Aufmerkſam⸗ keit tief geweſen während der drei Gänge, ſo war es noch etwas ganz Anderes, als der Kampf aufs Schwert kam, von dem übrigens Jeder wußte, daß Emanuel Philibert ſich darin auszeichnete. Niemand wun⸗ derte ſich alſo über die Stärke und Gewalt der Streiche, die auf den ſchwarzen Ritter zu fallen anfingen; was aber die Zuſchauer hätte müſſen in Erſtaunen ſetzen, das war auf der Seite von dieſem die Geſchicklich⸗ keit der Paraden, die Geſchwindigkeit der Gegenhiebe; ſo raſch der Angriff war, die Vertheidigung gab ihr in keiner Hinſicht nach, oder es fand vielmehr kein Angriff von der einen Seite, keine Vertheidigung von der andern ſtatt: es war ein gleicher Austauſch von Streichen, ein entſetzlicher Austauſch! die zwei Waffen ſchienen zwei Flammenſchwerter zu ſein; kein Auge, ſo geübt es in dieſem Todesſpiele ſein mochte, hätte ihnen folgen können; man ſah, daß ſie den Schild, den Helm oder den Harniſch berührt hatten, an den Funken, die daraus hervorſprangen. Endlich führte Sciana Ferro einen ſolchen Streich auf den Kopf ſeines Gegners, daß der Helm, ſo gut gehärtet er auch hätte ſein mögen, geſpalten worden 166 wäre, hätte der ſchwarze Ritter nicht den Hieb mit ſeinem Schilde parirt; doch die furchtbare Klinge ſchlug den Schild in der Mitte entzwei, als wäre er von Leder geweſen, und machte noch einen tiefen Einſchnitt in die Armſchiene. Beläſtigt durch einen entzweigehauenen Schild, that der ſchwarze Ritter einen Schritt rückwärts, warf die Trümmer deſſelben fern von ſich, nahm ſein Schwert mit beiden Hän⸗ den, und führte nun ſeinerſeits einen ſo wüthenden Streich auf den Schild des Herzogs, daß die Klinge des Schwertes in zwanzig Stücke flog und das Heft allein in ſeinen Händen blieb! Da konnte man Scianca Ferro ein Gebrüll der Freude unter ſeinem geſchloſſenen Viſir ausſtoßen hören: je kürzer und maſſiver die Waffe wurde, deſto mehr fühlte er ſich im Vortheil gegen ſeinen Feind. Der ſchwarze Rit⸗ ter hatte den Griff ſeines Schwertes weggeworfen und ſeine Streitaxt losgehakt; der Stellvertreter von Emanuel Philibert warf auch ſein Schwert von ſich, und man ſah in ſeiner Hand wie einen goldenen Blitz den getreuen Kolben wirbeln, der ihm den Namen Scianca Ferro eingetragen hatte. Von dieſem Augenblicke an war es nur ein Schrei der Bewunderung in der Bahn, auf den Eſtraden, auf den Balcons. Jede Vergleichung würde mißlin⸗ gen, wollte man damit die Geſchwindigkeit und die Heſtigkeit der Streiche ſchildern. Da weder der Eine, noch der Andere mehr einen Schild hatte, ſo exiſtirte die Frage der Geſchicklichkeit nicht mehr für die zwei Streiter: es gab nur die der Stärke. Ge⸗ ſchlagen wie der Amboß durch den Hammer, blieb der ſchwarze Ritter Anfangs unbeweglich wie der — — ——— 167 Amboß, und beinahe ſo unempfindlich als dieſer: doch jeder Streich folgte dem andern mit ſolcher Schnelligkeit, daß er zurückzuweichen anfing. Da wich ſein Gegner auch zurück; der furchtbare Kolben drehte ſich in ſeiner Hand wie eine Schleuder, ent⸗ ſchlüpfte ihr pfeifend und traf den ſchwarzen Ritter mitten aufs Viſir!— Bei dieſem Schlage öffnete dieſer die Arme und ſchwankte einen Augenblick, wie ein Baum, der heftig erſchüttert dem Fallen nahe iſt; doch ehe er auf der Erde lag, war Scianca Ferro, der ſeinen ſpitzigen Dolch in der Hand hielt, mit einem einzigen Sprunge, mit einem Tigerſprunge auf ihm: man hörte das Geräuſch der zwei Rüſtun⸗ gen, die gequetſcht auf einander fielen, ſodann einen Schrei aller Frauen:„Erbarmen, Herzog von Sa⸗ voyen!... Herzog Emanual, Gnade!“ Scianca Ferro antwortete aber den Kopf ſchüttelnd:„Nein, kein Erbarmen für den Verräther! nein, keine Gnade für den Mörder!...“ und durch die Oeffnungen des Viſirs, durch die Blößen des Küraſſes, durch die Fugen des Halsſtückes ſuchte er einen Weg für ſei⸗ nen Dolch,— als plötzlich der Ruf:„Halt ein! beim lebendigen Gotte, halt ein!“ Aller Blicke auf einen Reiter zog, der mit verhängten Zügeln in die Bahn ſprengte, ſich von ſeinem Pferde zu Boden ſchwang, den Sieger um den Leib faßte, mit einer übermenſch⸗ lichen Stärke in ſeinen Armen aufhob, und zehn Schritte vom Beſiegten warf. Dann folgte auf den Schreckensſchrei, der ſich hatte vernehmen laſſen, ein Schrei des Erſtaunens: der Reiter, welcher mit verhängten Zügeln ankam, war der Herzog von Savoyen Emanuel Philibert! 168 „Scianca Ferro! Scianca Ferro!“ rief der Her⸗ zog ſeinem vor Zorn brüllenden Waffenträger zu, „was haſt Du gethan?... Du weißt wohl, daß das Leben dieſes Menſchen mir heilig iſt, und daß ich nicht will, daß er ſtirbt!“ 1 „Heilig oder nicht,“ erwiederte Scianca Ferro, „bei der Seele meiner Mutter! ich ſage Dir, Ema⸗ nuel, er wird nur von meiner Hand ſterben!“ „Zum Glücke wird es nicht diesmal ſein,“ ſprach Emanuel, während er den Helm des Beſiegten los— machte. In der That, der ſchwarze Ritter, obſchon ſein Geſicht mit Blut bedeckt, war nur ohnmächtig; keine ernſte Wunde hatte ihn getroffen, und aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach würde ihn die erſte Pflege eines Arztes wieder ins Leben zurückrufen. „Meine Herren,“ ſprach Emanuel Philibert zu den Herren von Vieilleville und von Boiſſy,„Ihr ſeid Kampfrichter: ich ſtelle dieſen Mann unter den Schutz Eurer Ehre! Iſt er ins Leben zurückgekehrt, ſo ſtehe es ihm frei, ſich zu entfernen, ohne ſeinen Namen zu ſagen, ohne genöthigt zu ſein, eine Ur⸗ ſache ſeines Haſſes anzugeben; das iſt mein Wunſch, das iſt meine Bitte, und wenn es ſein muß, ſo werde ich Seine Majeſtät um dieſe Gnade erſuchen, damit es auch der Befehl des Königs iſt.“ Die Knappen nahmen den Verwundeten in ihre Arme und trugen ihn weg. Während dieſer Zeit ſchnallte Scianca Ferro die Agraffe ſeines Helmes auf, von dem die Krone und der Helmſchmuck verſchwunden waren, und warf ihn voll Aerger fern von ſich. Her⸗ r zu, daß daß ferro, Ema⸗ prach los⸗ ſein keine Jahr⸗ eines ct zu „Ihr den kehrt, einen Ur⸗ inſch, verde amit ihre die und ihn Da erſt ſchien der König überzeugt. „Wie, Schwager,“ ſagte er,„Ihr waret es nicht?“ „„Nein, Sire,“ antwortete Emanuel Philibert,„doch es war, wie Ihr ſeht, ein Mann, der der Rüſtung, die er trug, Ehre machte.“ Und er ſtreckte ſeine Arme gegen Scianca Ferro aus; und dieſer küßte, knurrend wie ein Bullenbei⸗ ßer, den man loszulaſſen zwingt, der aber dennoch ſeinem Herrn gehorcht, ſeinen Milchbruder mit dem Ende der Zähne. Das bis jetzt durch die Angſt oder das Erſtau⸗ nen zurückgehaltene Beifallsgeſchrei brach von allen Seiten mit einer Gewalt los, welche die ganze Bahn zittern machte; die Frauen ſchwangen ihre Taſchen⸗ tücher, die Prinzeſſinnen ließen ihre Schärpen flattern, und Margarethe deutete mit der Hand auf die ſchöne Streitaxt, welche der Preis des Siegers ſein ſollte. Alles dies tröſtete aber Scianca Ferro nicht dar⸗ über, daß zum zweiten Male der Baſtard von Waldeck lebendig ſeinen Händen entſchlüpfte. Während er, geführt vom König und von Ema⸗ nuel Philibert, hinaufſtieg, um die Streitaxt aus den Händen von Margarethe zu empfangen, mur⸗ melte er auch: „Die Schlange falle zum dritten Male in meine Hände, Bruder Emanuel, und ich ſchwöre Dir, daß ſie diesmal nicht lebendig daraus entkommen wird!“ 170 XIII. Die Prophezeiung. Was ſich beim Turniere am 29. Juni zugetragen hatte, war ein Geheimniß nicht nur für die Maſſe der Zuſchauer, ſondern auch für diejenigen geblieben, welche ihre dem Herzog nähere Stellung in ſeine Geheimniſſe einweihen zu müſſen ſchien. Wie kam es, daß der Herzog von Savoyen, wel⸗ cher hätte anweſend ſein ſollen, abweſend war? wie kam es, daß in ſeiner Abweſenheit ſein Milchbruder Scianca Ferro ſeine Rüſtung angelegt hatte, und wie kam es, daß gerade in dieſem Augenblicke die⸗ ſer andere Er, dieſer Freund, dieſer Bruder ſtatt ſeiner einen ſo gewaltigen Kampf zu beſtehen hatte? Alle Fragen, die man hierüber an ſich richtete, waren vergeblich, und da der König ſelbſt, wie es ſchien, in dieſes Geheimniß eingeweiht zu ſein wünſchte, ſo bat ihn Emanuel lächelnd, er möge nicht den Schleier zu lüften ſuchen, der dieſen kleinen Winkel ſeines Lebens bedecke. Margarethe allein, mit der beſorgten Neugierde, die man der wahren Liebe verzeiht, hätte das Recht gehabt, ſich bei ihm zu erkundigen; doch ſie war ſo angegriffen von dieſem Kampfe, ſie war ſo glücklich, ihren theuern Herzog friſch und geſund wiederzuſehen, daß ſie nicht mehr verlangte, und daß das einzige Gefühl, welches in ihrem Herzen ſich erhob, eine Verdoppelung ſchweſterlicher Zuneigung für Scianca Ferro war. Dreimal hatte Emanuel nach dem Verwundeten fragen laſſen. Das erſte Mal war dieſer noch ohnmächtig, das zweite Mal kam er zu ſich, das dritte Mal ſtieg er zu Pferde.. Statt jeder Antwort auf die Beſorgniſſe des Prinzen hatte der Baſtard unter der Form einer Drohung die Worte gemurmelt: „Sagt dem Herzog Emanuel, wir werden uns wiederſehen!“ Hienach war er, für Alle unbekannt, mit ſeinem unbekannten Schildknappen abgegangen. Offenbar wußte er nicht, daß Scianca Ferro es war, und nicht der Herzog, mit dem er geſtritten hatte. Dieſe, übrigens ſo aufregende, Epiſode hatte den Luſtbarkeiten des Abends ein neues Feuer verliehen; nur ſagte Heinrich zu den Damen, welche mit ihrer gewöhnlichen Begeiſterung von dem Ereigniſſe ſprachen: „Was ſoll ich Euch morgen bieten, und welches Schauſpiel wird Eurer ſchönen Augen nach dem, welches Ihr heute geſehen habt, würdig ſein?“ Der arme König! er wußte nicht, das Schau⸗ ſpiel des folgenden Tages werde ſo gräßlich ſein, daß es ſelbſt die Geſchichtſchreiber das vom vorher⸗ gehenden werde vergeſſen machen. Es fehlte indeſſen nicht an Vorzeichen. Gegen acht Uhr Morgens erſchien eine von den Frauen vor Catharina von Medici bei Heinrich II. und ſagte ihm, ſie komme im Namen der Königin, um ihn unterthänig zu bitten, er möge ihre Gebie⸗ terin empfangen. 172 „Wie, ſie empfangen?“ rief der König;„ich werde zu ihr gehen, und zwar auf der Stelle... Iſt ſie nicht meine Königin und meine Dame?“ Nan meldete dieſe Antwort Catharina, dieſe ſchüt⸗ telte aber den Kopf. Sie war in der That wenig Königin, und noch weniger Dame. Die Königin und die Dame, das war die Her⸗ zogin von Valentinois. Bei Catharina eintretend, erſchrak der König über ihre Bläſſe. „Ei mein Gott!“ fragte er ſie,„was habt Ihr denn? ſolltet Ihr krank ſein, und hättet Ihr eine ſchlechte Nacht zugebracht?“ „Ja, mein lieber Herr,“ antwortete Catharina, „ich bin krank, doch aus Furcht!“ „Ahl guter Gott! und was fürchtet Ihr?“ „Das Ereigniß von geſtern hat mich beunruhigt, indem es mir die alten Bangigkeiten in die Seele zurückführte... Ihr erinnert Euch, Sire, der bei Eurer Geburt gemachten Prophezeiung?“ „Ahl ja,“ ſagte Heinrich,„wartet doch... han⸗ delt es ſich nicht um ein Horoſkop, das mich bedroht?“ „Ganz richtig, Sire.“ „Von Sterben in einem Duell, in einem Einzeln⸗ kampfe?“ „Nun, Sire?“ „Nun, Ihr ſeht, das Horoſkop täuſchte ſich: der⸗ jenige, welcher bedroht war, das war nicht ich: es war mein Schwager Emanuel. Doch dem Himmel ſei Dank, er iſt entgangen!.. Es iſt wahr, ich ver⸗ möchte nicht zu ſagen, auf welche Art, und ich be⸗ greife nicht recht, wie ſein Waffenträger,— dieſer a— — 173 Teufel, den man mit vollem Rechte Scianca Ferro nennt,— ſich hier gefunden hat, zur beſtimmten Zeit, in ſeiner Rüſtung, um an ſeiner Stelle zu kämpfen und dieſes grimmige Turnier gegen den ſchwarzen Ritter zu beſtehen...“ „Sire,“ entgegnete die Königin,„nicht Euer Schwager Emanuel war bedroht, Ihr waret es. Ihm verheißen die Sterne ein langes und glückliches Geſchick, während Euch im Gegentheile...“ Catharina hielt ganz zitternd inne. „Liebe Dame,“ ſprach Heinrich,„ich glaube we⸗ nig an Vorherſagungen, Nativitäten oder Horoſkope; ich habe aber immer ſagen hören, ſeit der Prophe⸗ zeiung, welche einem Monarchen des Alterthums Namens Oedipus im Augenblicke ſeiner Geburt ge⸗ macht wurde, bis zu der, welche man dem guten König Ludwig XII. am Tage ſeiner Hochzeit mit Frau Anna von Bretagne gemacht hat, ſeien alle Vorſichtsmaßregeln, die man gegen dieſe Dinge ge⸗ nommen, unnütz geweſen, und was geſchehen ſollte, ſei geſchehen... Vertrauen wir auf die Güte Got⸗ tes und auf die Vermittlung unſeres Schutzengels, und laſſen wir die Ereigniſſe ihren Gang gehen?“ „Sire,“ ſagte Catharina,„gälte es Euch nicht gleich, wenn Ihr heute nicht kämpfen würdet.“ „Wie, Madame... heute nicht kämpfen?“ rief Heinrich;„wißt Ihr denn nicht, daß ich beſchloſſen habe, heute im Gegentheile mit meinen drei Turnier⸗ gefährten zu kämpfen: mit Herrn von Guiſe, mit Herrn von Nemours und mit Herrn von Ferrara? Das iſt ein ſinnreiches Mittel, das ich gefunden, um die Bahn nicht zu verlaſſen und mir, da dies wahr⸗ ſcheinlich das letzte Turnier iſt, welches wir haben werden, das vollſtändige Vergnügen deſſelben zu geben.“ „Sire,“ ſprach Catharina,„Ihr ſeid der Herr; doch gegen die Warnungen der Geſtirne gehen heißt Gott verſuchen, denn die Geſtirne ſind die Buch⸗ ſtaben des himmliſchen Alphabets!“ „Madame,“ antwortete Heinrich,„ich bin Euch für Eure Beſorgniß im höchſten Grad dankbar; doch ohne die Warnung vor einer poſitiven Gefahr werde ich nichts am Programme des Tages ändern.“ „Sire, leider iſt nichts Poſitives bei meinen Be⸗ fürchtungen, nichts Reelles bei meinen Beſorgniſſen, und ich gäbe viel, wenn Jemand, der auf Euch einen größern Einfluß hat, als ich, von Euch verlangen würde, was Ihr mir ſo eben verweigert habt.“ „Niemand hat mehr Einfluß auf mich als Ihr,“ ſprach Heinrich mit Würde;„und glaubt mir wohl: was ich der Mutter meiner Kinder nicht bewillige, würde ich Niemand bewilligen.“ Hierauf küßte er galant ihre Hand, welche übri⸗ gens die ſchönſte der Welt war, und fügte bei: „Und nun, Madame, vergeßt nicht, ich bitte Euch, daß Ihr heute die Königin des Turniers ſeid, und daß ich mein Beſtes thun werde, um die Ehre zu haben, von Eurer Hand gekrönt zu werden.“ Catharina gab einen Seufzer von ſich; ſodann, als ob ſie ſich, nachdem dieſe Pflicht erfüllt war, Gott überließe, ſagte ſie: „Es iſt gut, Sire! ſprechen wir nicht mehr hie⸗ von... Im Ganzen kann es ein anderer Fürſt ſein, deſſen Tage bedroht ſind; doch, in der That, ich ben zu err; eißt uch⸗ Fuch doch erde Be⸗ ſen, nen igen 7 hr, ohl: lige, bri⸗ zuch, und 2 zu ann, war, hie⸗ Fürſt würde weniger ein wahres Duell, als dieſen Schein⸗ kampf fürchten; denn die Prophezeiung iſt beſtimmt, und bei einem Turniere oder einem Zweikampfe exiſtirt die Gefahr: Quem Mars non rapuit, Martis imago rapit! Der, den Mars verſchont hat, wird durch das Bild von Mars weggerafft werden!“ Heinrich war jedoch ſchon zu weit entfernt, um den Text der Wahrſagung zu hören, den Catharina leiſe gemurmelt hatte. War es Bangigkeit, war es ein anderer Beweg⸗ grund, Catharina wohnte dem Mittagsmahle nicht bei; doch ſie ſaß eine der Erſten auf dem königlichen Balcon. Man bemerkte ſeitdem, daß ſie ein Kleid von veilchenblauem Sammet mit Aermelſchnitten von weißem Atlaß trug, was die Trauer der Höfe iſt. In dem Augenblicke, wo er ſeine Rüſtung an⸗ legen wollte, rief der König, daß er ihm dieſen Dienſt leiſte, den Oberſtkämmerer Herrn von Vieilleville. Außerordentlicher Weiſe war der Oberſtſtallmeiſter Herr von Boiſſy nicht an ſeinem Poſten. Herr von Vieilleville meldete dem König die Ab⸗ weſenheit von Herrn von Boiſſy. „Nun, da Ihr da ſeid, Vieilleville,“ erwiederte der König,„ſo iſt das nur ein halbes Uebel: Ihr werdet mich bewehren.“ Herr von Vieilleville gehorchte; als er aber zum Helme gelangt war, und in dem Momente, wo er ihn dem König auf den Kopf ſetzen ſollte, ſchien dem Oberſtkämmerer der Muth zu fehlen; er ſtieß einen tiefen Seufzer aus, ſtellte den Helm auf den Tiſch und ſagte: 176 „Gott iſt mein Zeuge, Sire, daß ich nie eine Arbeit mehr mit Widerwillen vollbringe, als die, welche ich in dieſem Augenblicke verrichte.“ „Und warum dies, mein alter Freund?“ fragte der König. „Weil ich ſchon mehr als drei Nächte fortwährend träume, es geſchehe Euch heute eine Unglück, und dieſer letzte Juni werde verhängnißvoll für Euch ſein.“ „Gut! ich kenne die Geſchichte, und ich weiß, woher der Wind kommt.“ „Ich verſtehe Euch nicht, Sire.“ „Ich ſage, Du haſt die Königin Catharina heute Morgen geſehen.“ „Sire, ich habe die Ehre gehabt, die Königin zu ſehen, doch nicht heute Morgen, ſondern geſtern.“ „Und ſie hat Dir von ihren Viſionen geſagt, nicht wahr?“ 3 „Sire, die Königin hat mir ſeit drei Tagen nicht die Ehre erwieſen, mit mir zu ſprechen, und was ſie mir ſagte, hat keine Beziehung zu der Furcht, die ich Eurer Majeſtät ausgedrückt habe. Uebrigens,“ fuhr der Oberſtkämmerer fort, ein wenig gereizt da⸗ durch, daß der König zu glauben ſchien, er ſei bei dieſer Gelegenheit nur das Echo einer andern Perſon, „übrigens iſt der König der Herr und wird thun, wie ihm beliebt.“ „Höre,“ ſprach der König,„ſoll ich Dir ſagen, warum Du bange haſt? weil Du nur Marſchall auf mein Wort biſt, und das Patent noch nicht unter⸗ zeichnet iſt... Doch beruhige Dich, Vieilleville: werde ich nicht plötzlich getödtet, ſe erhältſt Du Dein Patent; kann ich es nicht mehr mit meinem ganzen Namen unterzeichnen, ſo werde ich es mit meinem Anfangsbuchſtaben unterzeichnen, was auf Eins her⸗ auskommt.“ „Sobald Eure Majeſtät es ſo nimmt,“ erwiederte Vieilleville,„habe ich ſie nur für das, was ich ihr zu ſagen gewagt, um Verzeihung zu bitten.. Sollte indeſſen dem König Unglück widerfahren, ſo mag er überzeugt ſein, daß es nicht mein Patent wäre, was ich beklagen würde, ſondern das dem König widerfahrene Unglück.“ Und er ſetzte ihm den Helm auf den Kopf. In dieſem Augenblicke trat der Admiral von Coligny ein. Er war völlig gerüſtet, mit Ausnahme ſeines Helmes, den ein Page hinter ihm trug. „Wollt mich entſchuldigen, Sire,“ ſagte er,„doch ich befürchte, es iſt etwas am Programm vom heu⸗ tigen Tage geändert worden: man ſpricht von einem Handgemenge, welches das Turnier beſchließen werde. Ich wünſchte zu wiſſen, was Wahres an Allem dem iſt, weil ich im Falle, daß dieſes Gemenge ſtattfände, in dieſer Hinſicht Eurer Majeſtät ein paar Worte von Bedeutung zu ſagen hätte.“ „Nein,“ antwortete der König,„es findet kein Gemenge ſtatt; ſagt mir aber immerhin, lieber Ad⸗ miral, was Ihr mir zu ſagen gehabt hättet, würde ein ſolches ſtattgefunden haben.“ 1 „Sire, der König verzeihe mir eine Frage, welche mir, ich ſchwöre es, nicht von der einfachen Neugierde eingegeben wird... Mit wem gedenkt der König zu ſtreiten?“ Dumas, der Page, III. 12 178 „Ohl mein lieber Admiral, das iſt kein Geheim⸗ niß, und Ihr müßt tief in Eure theologiſche Fragen verſunken ſein, um das nicht zu wiſſen. Ich kämpfe einmal mit Herrn von Guiſe; ſodann mit Herrn von Nemours; endlich mit Herrn von Ferrara. „Und Seine Majeſtät macht keinen andern Gang?“ „Nein, wenigſtens wie ich denke.“ Der Admiral verbeugte ſich und ſprach: „Dann erlaube mir der König, mich für glücklich und befriedigt durch das zu halten, was er mir mitgetheilt hat: das iſt Alles, was ich zu wiſſen wünſchte.“ „Nun wohl, mein lieber Admiral,“ ſagte lachend der König,„es braucht wahrhaftig wenig zu Eurem Glücke und Eurer Befriedigung!“ Und ſich an Vieilleville wendend: „Auf, auf, laßt die Trompeten erſchallen, Vieille⸗ ville: ich befürchte, wir ſind im Verzuge.“ Die Trompeten ertönten, und das Turnier fing an. Die Partie begann, wie der König geſagt hatte, zwiſchen ihm und Herrn von Guiſe; ſie war herrlich. Die zwei Streiter entwickelten dabei ihre ganze Ge⸗ ſchicklichkeit; beim dritten Zuſammentreffen war aber der Stoß des Königs ſo gewaltig, daß Herr von Guiſe beide Steigbügel verlor und, um nicht zu fallen, den Sattelbogen zu umarmen genöthigt war. Die Ehre blieb alſo dem König, obgleich Meh⸗ rere behaupteten, der Fehler ſei nicht an Herrn —C——Q—OꝭQ—Q— eim⸗ agen mpfe von dern icklich — mir viſſen chend urem ieille⸗ ernier hatte, erlich. e Ge⸗ aber von ht zu öthigt Meh⸗ Herrn 179 von Guiſe, ſondern an ſeinem Pferde geweſen, das ſtätiſch ſei. Nachdem dieſe drei Gänge gemacht waren, kam die Reihe an Jacob von Savoyen. Der König ließ ſein Pferd auf's Neue gürten und wählte ſelbſt ſeine Lanze mit der größten Sorgfalt aus. Wir haben geſagt, wie groß die Gewandtheit, die Stärke und beſonders der Ruf von Herrn von Nemours bei dieſem kriegeriſchen Spiele geweſen ſeien. Er behauptete ſeinen Ruf; doch der König verlor nichts von dem ſeinigen. Beim dritten Zuſammen⸗ treffen ſtürzte das Pferd von Jacob von Savoyen nieder, und da ihm gegenüber Roß und Reiter auf⸗ recht blieben, ſo wurde von den Kampfrichtern er⸗ klärt, der König ſei Sieger. Endlich gaben die Trompeten das Signal zum letzten Kampfe. Er fand, wie wir erwähnt haben, zwiſchen dem König und dem Herzog von Ferrara ſtatt. Obgleich erfahren in dieſer Art von Spiel, war Alphons von Eſte, der ſein Land in Feſten, Tur⸗ nieren und Carrouſels ruiniren ſollte, kein Gegner, um Heinrich II. zu beunruhigen. Königin Catharina, welche den Kämpfen mit einer wirklichen Angſt folgte, fing an ſich ein wenig zu beruhigen. Ihre Geſtirne hatten ihr geſagt, wenn der 30. des Monats Juni einmal vorüber, ſo ſei nichts mehr für ihren Gemahl zu befürchten, und wenn dieſer letzte Tage ohne Unfall verlaufe, ſo werde Heinrich lange und glücklich über Frankreich regieren. Die Trompeten ſchmetterten; der Herzog von 180 Ferrara und der König machten ihre drei Gänge. Beim letzten verlor Alphons beide Steigbügel, wäh⸗ rend der König unbeweglich blieb. Der König war alſo der Sieger. Doch das genügte ihm nicht: es war erſt vier Uhr Nachmittags; der Beifall hatte ihn berauſcht, und es koſtete ihn Ueberwindung, die Bahn zu verlaſſen. „Ahl bei Gottes Tod!“ ſagte er, als die Kampf⸗ richter riefen, Alles ſei beendigt,„das hieße zu wohl⸗ feilen Kaufes Sieger ſein!“ Und als er Montgomery erblickte, der, abgeſehen vom Helme, ganz gerüſtet in der Baſtei der Angrei⸗ fer verweilte, rief er: „He! Montgomery, Herr von Guiſe hat mir ge⸗ ſagt, Ihr habet ihn bei einem Turniere faſt bügellos gemacht. Setzt, während ich ein Glas Wein trinke, um mich zu erfriſchen, geſchwinde Euern Helm auf, und wir werden eine Lanze unſern Damen zu Ehren brechen.“ „Sire,“ erwiederte Montgomery,„mit gro⸗ ßer Freude würde ich die Ehre annehmen, die der König mir zu bewilligen geruht, doch es ſind keine Lanzen mehr hier, ſo viel ſind verbraucht worden.“ „Sind keine Lanzen mehr auf Eurer Seite da, Montgomery,“ entgegnete der König,„ſo gibt es doch noch auf meiner Seite, und ich will Euch drei davon ſchicken, damit Ihr zu wählen habt.“ Und ſich gegen ſeinen Waffenträger umwendend, rief er: nge. väh⸗ vier ſſcht, zu mpf⸗ vohl⸗ ehen grei⸗ ge⸗ ellos inke, auf, hren gro⸗ die ſind aucht da, t es drei dend, 181 „Holla! France, drei Lanzen, und zwar ſtarke für Herrn von Montgomery.“ Hierauf ſtieg er vom Pferde, kehrte in ſeine Baſtei zurück, ließ ſich ſeinen Helm abnehmen und verlangte zu trinken. In dieſem Augenblicke, und da er ſeinen Becher in der Hand hielt, trat Herr von Savoyen ein. „Einen Becher für Herrn von Savoyen!“ ſagte der König,„er ſoll mit mir trinken, er auf die Ge⸗ ſundheit von Madame Margarethe, ich auf die meiner Dame.“ „Sire, mit größtem Vergnügen thue ich Euch Beſcheid; doch laßt mich vorher meine Sendung erfüllen.“ „Sprecht,“ ſagte der König, ganz fieberhaft vor Wonne,„ich höre Euch.“ „Ich komme im Namen der Königin Catharina, Sire, um Euch zu bitten, keine Lanze mehr zu bre⸗ chen. Alles iſt glücklich beendigt: es wäre ihr heißer Wunſch, daß es Seine Majeſtät hiebei bewenden ließe.“ „Bah!“ erwiederte der König,„habt Ihr nicht gehört, daß ich Herrn von Montgomery herausge⸗ fordert und ihm Lanzen zur Auswahl zugeſchickt habe?... Sagt der Königin, ich kämpfe diesmal noch aus Liebe für ſie, und wenn dieſer Kampf be⸗ endigt iſt, werde Alles zu Ende ſein...“ „Sire...“ beharrte der Herzog. „Einen Becher! einen Becher für Herrn von Sa⸗ voyen! und für die Geſundheit, die er meiner Schwe⸗ ſter Margarethe ausbringt, werde ich ihm das Mar⸗ quiſat Saluzzo zurückgeben. Aber, um Gottes willen! 182 man verhindere mich nicht, dieſe letzte Lanze zu brechen!“ „Ihr werdet Sie nicht brechen!“ ſprach eine zweite Stimme hinter Heinrich. Der König drehte den Kopf um und erkannte den Connetable. „Ah! Du biſt es, mein alter Bär! Was haſt Du hier zu thun, wenn Du nicht etwa durſtig biſt? Dein Platz iſt in der Bahn.“ „Der König irrt ſich,“ entgegnete Montmorency, „mein Platz war in der Bahn, ſo lange die Bahn offen war; doch die Bahn iſt geſchloſſen: ich bin nicht mehr Kampfrichter.“ „Geſchloſſen?“ ſagte der König.„Nein! ich habe noch eine Lanze zu brechen!“ „Sire, die Königin Catharina...“ „Ach! Du kommſt auch in ihrem Auftrage!“ „Sire, Sie bittet Euch inſtändig...“ „Einen Becher! einen Becher dem Connetable!“ unterbrach der König. Der Connetable nahm den Becher brummend. „Sire,“ ſagte er,„nach dem Frieden, den ich unterhandelt habe, glaubte ich ein Geſandter von einigem Verdienſte zu ſein; doch Eure Majeſtät beweiſt mir, daß ich eine zu gute Meinung von mir hatte, und daß ich in die Schule zurückkehren muß. 11 „Auf, Herzog!“ rief der König,„auf, Conne⸗ table! trinken wir jeder auf die Geſundheit unſerer Dame; Ihr, mein Schwager, auf die von Margarethe, der Perle der Perlen; Ihr Connetable, auf die von Frau von Valentinois, der Schönen der Schönen; 3 3 V ——yjâ—— 183 und ich auf die von Königin Catharina... Herzog, und Ihr, Connetable, Ihr werdet ihr ſagen, ich habe dieſen Becher auf ihre Geſundheit getrunken, und ich breche dieſe Lanze ihr zu Chren.“ Es war nicht zu ſtreiten gegen eine ſolche Hals⸗ ſtarrigkeit. „Raſch, raſch, Vieilleville,“ rief Heinrich,„mei⸗ nen Helm.“ Doch ſtatt des Herrn von Vieilleville trat Co⸗ ligny ein. „Sire,“ ſagte er,„ich bin es abermals... Eure Majeſtät verzeihe mir.“ „Es iſt Euch ganz verziehen, Admiral... Und da Ihr gerade da ſeid, erweiſt mir den Dienſt, mir meinen Helm zuzuſchnallen.“ „Sire, zuvor ein Wort...“ „Nein, wenn's beliebt, mein lieber Admiral... nachher.“ „Nachher, Sire, wäre es zu ſpät für das, was ich Euch zu ſagen habe.“ „Sprecht alſo, und zwar ſo geſchwinde als möglich.“ „Sire, Ihr kämpft mit Herrn von Montgomery.“ „Ah! Ihr auch!“ rief der König,„als Par⸗ paillot“) müßtet Ihr doch nicht ſabergläubig ſein: dieſe Dinge ſind gut für die Königin, welche katho⸗ liſch und überdies Florentinerin iſt.“ „Sire, höret mich,“ ſprach Coligny mit ernſtem Tone.„Was ich Euch zu ſagen habe, iſt um ſo *) Ein Spottname der. Calviniſten. 184 gewichtiger, als Euch die Warnung von einem großen Kaiſer, der nun todt iſt, zukommt.“ „Ahl ahl es iſt eine Warnung von Kaiſer Karl V., die Ihr mir bei Eurer Ankunft von Brüſſel zu geben vergeſſen habt?“ „Der König täuſcht ſich: ich habe ihm dieſe War⸗ nung gegeben, doch mittelbar, indem ich ihn auffor⸗ derte, Herrn von Montgomery nach Schottland zu ſchicken.“ „Ahl es iſt wahr, der Rath kam von Euch... Nun wohl, er iſt dort geweſen und hat mir gut gedient.“ „Ich weiß es, Sire; doch vielleicht wißt Ihr nicht, warum ich Euch den Rath gegeben habe, Herrn von Montgomery nach Schottland zu ſchicken?“ „In der That, ich weiß es nicht.“ „Nun denn, Kaiſer Karl hatte von ſeinem Aſtro⸗ logen erfahren, Herr von Montgomery trage zwiſchen beiden Augenbrauen ein Mahl andeutend, er werde eines Tags unheilbringend für einen Prinzen von der Lilie ſein.“ „Bah!“ „Der erhabene Kaiſer Karl V. hatte mich beauf⸗ tragt, Euch von dieſem Horoſkop zu unterrichten; da ich aber Herrn von Montgomery für einen Eurer ergebenſten Diener hielt, da ich nicht bezweifelte, wenn er unheilbringend für einen Prinzen von der Lilie würde, ſo müßte dies unwillkürlich geſchehen, da ich ihm im Geiſte Eurer Majeſtät Eintrag zu thun befürchtete, wenn ich dieſe Prophezeiung bekannt mache, ſo beſchränkte ich mich darauf, daß ich dem König den Rath gab, ſeinen Kapitän der ſchottiſchen 5 2 — 2 — 185 Garde der Regentin von Schottland zu Hülfe zu ſchicken. Heute noch, Sire, als ich glaubte, es werde ein Gemenge ſtattfinden, kam ich zu Eurer Majeſtät und erkundigte mich, um,— fände es wirklich ſtatt,— Herrn von Montgomery davon fern zu halten, oder, wie ich es das letzte Mal gethan hatte, darüber zu wachen, daß er nicht mit Eurer Majeſtät zuſammentreffe. Es fand kein Gemenge ſtatt, folg⸗ lich hatte ich nichts zu ſagen, nichts zu thun. Zu dieſer Stunde aber, wo, durch eine Art von Ver⸗ hängniß, nachdem die Kampfſpiele beendigt waren, der König Herrn von Montgomery herausgefordert hat, wende ich mich an den König, und in der Hoff⸗ nung, dieſes Turnier zu verhindern, ſpreche ich:„„Sire, was ich Euch in Betreff des Grafen de Lorges zu wiederholen die Ehre gehabt habe, hat mir Kaiſer Karl V. ſelbſt geſagt! Sire, um des Himmels wil⸗ len, brecht keine Lanze mit Herrn von Montgomery! Herr von Montgomery ſoll einem Prinzen von der Lilie unheilbringend ſein, und von allen Prinzen der Lilie iſt der König der größte!““ Heinrich blieb einen Augenblick nachdenkend; dann legte er die Hand auf die Schulter von Coligny und erwiederte: „Admiral, hättet Ihr mir dieſen Morgen geſagt, was Ihr mir ſo eben geſagt habt, ſo würde ich wahr⸗ ſcheinlich Herrn von Montgomery nicht herausgefor⸗ dert haben; doch zu dieſer Stunde, da die Heraus⸗ forderung geſchehen iſt, hätte ich das Anſehen, als wiche ich aus Furcht zurück. Gott iſt aber mein Zeuge, daß ich nichts auf der Welt fürchte! Ich danke Euch nichtsdeſtoweniger, Herr Admiral; doch es iſt, und 186 müßte mir hiedurch ein Unglück widerfahren, zu ſpät, — ich werde dieſe Lanze brechen.“ „Sire,“ meldete Einer von den Schildknappen, der nach dieſen Worten eintrat,„Herr von Mont⸗ gomery iſt nach Eurem Befehle gerüſtet, und er er⸗ wartet den Willen des Königs.“ „Gut, mein Freund; der Wille des Königs iſt, daß Du mir den Helm zuſchnalleſt, und daß die Trom⸗ peter blaſen.“ Nur die Hälfte des königlichen Befehles wurde vollzogen: der Schildknappe ſchnallte den Helm zu; doch die Muſiker hatten im Glauben, das Turnier ſei beendigt, den Balcon verlaſſen, der ihnen als Eſtrade diente. Man meldete dieſen widrigen Umſtand dem König und ſagte ihm zugleich, ſie ſeien noch nahe genug, um ſie zurückzurufen, doch das könnte eine Viertel⸗ ſtunde wegnehmen. „Gut!“ antwortete der König,„das wäre zu lang... Wir kämpfen ohne Fanfaren.“ Dann ſtieg er zu Pferde, ritt aus der Baſtei heraus und rief: „He! Herr von Montgomery, ſeid Ihr bereit?“ „Ja, Sire,“ erwiederte der Graf, der aus der entgegengeſetzten Baſtei hervorkam. „Meine Herren,“ ſprach der König,„Ihr ſeht, daß wir nur auf Eure Erlaubniß warten.“ „Laßt gehen!“ riefen Herr von Savoyen und der Connetable. Und unter dem tiefſten, düſterſten Stillſchweigen ſprengten die zwei Streiter vor und trafen, ihre Lan⸗ 187 zen eine an der andern brechend, in der Mitte der Bahn zuſammen. Plötzlich, zum großen Erſtaunen der Zuſchauer, ſah man die Füße des Königs die Steigbügel ver⸗ laſſen und ſeine Arme den Hals ſeines Pferdes um⸗ ſchlingen, deſſen Zügel er losließ, während Mont⸗ gomery, wie verſteinert vor Schrecken, den Lanzen⸗ ſtumpf, der in ſeiner Hand geblieben war, zu Boden warf. Die Herren von Vieilleville und von Boiſſy, welche wohl nach der Haltung des Königs vermutheten, es ſei etwas Außerordentliches vorgefallen, ſprangen zu gleicher Zeit über die Schranke, ergriffen das Pferd beim Mundſtücke und riefen: „Um Gottes willen, was gibt es denn, Sire?“ „Mein lieber Vieilleville,“ ſtammelte der König, „Ihr hattet ſehr Recht, daß Ihr Euch dieſem ver⸗ dammten Turniere widerſetztet!“ „Seid Ihr denn verwundet?“ fragte voll Angſt der Oberſtkämmerer. „Ich glaube, ich bin todt!“ murmelte der König mit ſo ſchwacher Stimme, daß es die, welche ihn hielten, kaum hörten. An der Rüſtung des Königs hingleitend, hatte in der That der Lanzenſtumpf von Montgomery das Viſir von Heinrich aufgehoben, und ein Holzſplitter war, ihm das Auge durchſtoßend, bis in's Gehirn eingedrungen. Da ſagte der König, alle ſeine Kräfte in einem letzten Rufe zuſammenraffend: „Man beunruhige Herrn von Montgomery nicht: es iſt nicht ſeine Schuld...“ 188 Ein langer Schreckensſchrei erhob ſich aus den Reihen der Zuſchauer, und alle zerſtreuten ſich im Tumulte, als ob der Blitz mitten unter ſie geſchlagen hätte; Jeder floh auf ſeiner Seite und rief auf ſei⸗ nem Wege: „Der König iſt todt!... der König iſt todt!...“ XIV. Das Sterbebett. Die Herren von Boiſſy und von Vieillleville hatten indeſſen den König in ſein Zimmer getragen und, noch in voller Rüſtung, auf ſein Bett gelegt. Man konnte ihm ſeinen Helm nicht abnehmen, da der Splitter in der Wunde geblieben war und zwei bis drei Zoll daraus hervorſtand. Die beim Turnier gegenwärtigen Wundärzte eilten herbei; doch keiner von ihnen wagte, es auf ſich zu nehmen, den Lanzenſplitter aus der Wunde zu ziehen; und obgleich die Königin Catharina, der Dauphin und die Prinzeſſinnen,— welche allein in das Zimmer des Königs zugelaſſen worden waren,— ſie anflehten, dem Verwundeten Hülfe zu leiſten, ſchauten ſie doch, den Kopf ſchüttelnd, einander an und ſagten: „Man hole ſo ſchnell als möglich Ambroiſe Paré, denn ohne ihn werden wir nichts unternehmen.“ „Man finde Meiſter Ambroiſe Paré, wo er auch ſein mag!“ rief die Königin. Und auf der Stelle ſtürzten Diener, Pagen und Knappen in allen Richtungen fort und erkundigten * 189 ſich überall, wo man Auskunft über ihn zu erhalten hoffen durfte, nach dem trefflichen Wundarzte. Meiſter Ambroiſe Paré hatte wirklich zu jener Zeit den Gipfel ſeines Ruhms erreicht. Nachdem er nach Italien René von Montjean, den Oberſten des Fußvolks, begleitet hatte, war er nach Frankreich zu⸗ rückgekehrt, hatte ſeine Grade beim Collége von Saint⸗ Ednie genommen, war zum Vorſteher der Innung der Wundärzte ernannt worden, und verſah ſeit ſieben Jahren beim König die Function ſeines Ober⸗ wundarztes. Man fand ihn in der Bühnekammer eines armen Dachdeckers, der ſich, von einem Dache fallend, das Bein gebrochen hatte. Der Ruf:„Hier kommt Meiſter Ambroiſe Paré! hier iſt er! hier iſt er!“ verkündigte ſeine Ankunft. Alsdann erſchien auf der Schwelle der Thüre ein Mann von fünfundvierzig bis ſechsundvierzig Jahren, mit ernſtem Gange, geneigter Stirne und träumeriſchem Auge. Sobald man ihn erblickte, trat Jeder auf die Seite, um ihm einen Weg bis zum Bette des Ver⸗ wundeten zu öffnen. „Seht, Meiſter,“ ſagten die Aerzte. Und Aller Augen hefteten ſich auf denjenigen, welchen man allein in Frankreich für fähig hielt, dem König das Leben zu retten, wenn das Leben des Königs gerettet werden konnte. Wir ſagen in Frankreich, denn es gab außer Frankreich einen Mann, deſſen Ruf den von Am⸗ broiſe Paré übertraf, weshalb ſich der Letztere ſelbſt darin gefiel, ihn für ſeinen Meiſter zu erklären. 190 Dieſer Mann war André Veſale, der Wundarzt von Philipp II. Alle die auf Ambroiſe Paré gehefteten Blicke fragten beredter, als es das Wort gethan hätte, was man zu befürchten oder zu hoffen habe. Es war unmöglich, etwas auf der Stirne des ausgezeichneten Praktikers zu leſen; man konnte nur wahrnehmen, daß beim Anblicke der Wunde ſein Geſicht leicht erbleichte. „Ohl Meiſter Ambroiſe!“ rief Catharina von Medici,„vergeßt nicht, daß es der König von Frank⸗ reich iſt, den ich Euren Händen übergebe!“ Ambroiſe Paré hatte ſchon den Arm gegen Hein⸗ rich ausgeſtreckt; er ließ ſeinen Arm wieder nieder⸗ fallen und ſagte: „Madame, bei dem Zuſtande, in welchem ſich Euer erhabener Gemahl befindet, iſt der wahre Kö⸗ nig von Frankreich nicht er, ſondern ſein Nachfolger; ich bitte um Erlaubniß, ihn wie den letzten Soldaten ſeines Heeres behandeln zu dürfen; das iſt die ein⸗ zige Wahrſcheinlichkeit, die ich habe, ihn zu retten.“ „Es iſt alſo eine Wahrſcheinlichkeit vorhanden, Meiſter Ambroiſe?“ fragte Catharina. „Ich ſage das nicht, Madame,“ antwortete der Wundarzt. 4 „Thut Euer Beſtes, Meiſter!“ ſprach Catharina. „Man weiß, daß Ihr der geſchickteſte Mann des Königreichs ſeid.“ Ambroiſe antwortete nichts auf das Compliment; er ſtützte ſeine linke Hand auf den oberen Theil des Helmes, ergriff mit der rechten Hand den in der Wunde gebliebenen Stumpf, und mit einer Bewegung 191 ſo ſicher, als ob er, wie er geſagt hatte, am letzten Soldaten des Heeres operirt hätte, riß er den Holz⸗ ſplitter aus der Wunde. Heinrich ſchauerte durch den ganzen Leib und ſtieß einen Seufzer aus. „Nun nehmt dem König ſeinen Helm und ſeine Rüſtung ab,“ ſagte Ambroiſe,„und zwar ſo ſachte als möglich.“ Herr von Vieilleville legte die Hand an den Helm des Königs; doch er zitterte dergeſtalt, daß der Chi⸗ rurg ihn zurückhielt. „Laßt mich machen,“ ſprach dieſer;„ich bin der Einzige, deſſen Hand nicht das Recht hat, zu zittern.“ Und er legte den Kopf des Königs auf ſeinen linken Arm, und ſchnallte langſam aber ſicher, ohne irgend eine Erſchütterung, den Helm des Königs auf. Als der Helm abgenommen war, bot die übrige Rüſtung eine geringere Schwierigkeit. Die Entkleidung des ganzen Körpers wurde vol⸗ lendet, ohne daß der Verwundete eine einzige Be⸗ wegung machte. Es fand,— für den Augenblick wenigſtens,— eine völlige Lähmung ſtatt. Sobald der König in's Bett gelegt war, ſchritt Ambroiſe Paré zu einem Verbande. Die Unterſuchung des Splitters, den er mit der größten Sorgfalt auf einen Tiſch neben das könig⸗ liche Bett gelegt, hatte ihm angedeutet, der fremde Körper ſei ungefähr drei Zoll in den Kopf eingedrun⸗ gen, und aus den um das Holz gebliebenen Ueber⸗ reſten hatte er erſehen, er ſei bis zu den Gehirn⸗ häuten gelangt. 192 Ambroiſe Paré fing damit an, daß er die Wunde losſtrammte; dann hob er zart die Lefzen mit einem Spatel auf und ſondirte die Wunde mit Hülfe einer ſilbernen Senknadel. Dieſe Wunde war, wie er nach dem Lanzen⸗ ſplitter, den er herausgezogen, hatte beurtheilen kön⸗ nen, gräßlich! Er wandte ſodann an der Mündung der Wunde die geſtoßene Kohle an, der man ſich zu jener Zeit ſtatt der Charpie bediente; hierauf legte er auf das Auge eine Compreſſe von Eiswaſſer, welche von Viertelſtunde zu Viertelſtunde erneuert werden ſollte. Bei der Berührung des Waſſers zog ſich das Geſicht des Verwundeten zuſammen; ein Beweis, daß noch nicht jede Empfindlichkeit bei ihm erloſchen war. Der Anblick dieſer nervöſen Zuſammenziehung ſchien dem Wundarzte eine gewiſſe Befriedigung zu gewähren; er wandte ſich gegen die in Thränen zer⸗ fließende königliche Familie um und ſprach zur Kö⸗ nigin: „Madame, ich kann vorläufig nicht über das Beſſer oder Schlimmer entſcheiden; dafür kann ich aber Enrer Majeſtät ſtehen, daß keine augenblickliche Todesgefahr vorhanden iſt. Dem zu Folge rathe ich Euch, Euch zurückzuziehen, um ein wenig zu ruhen und Eurem Schmerze einen Moment Erho⸗ lung zu geben. Ich, was mich betrifft, werde von dieſer Stunde an bis zu der des Todes oder der Geneſung des Königs ſein Bett nicht mehr ver⸗ laſſen.“ Catharina näherte ſich dem Verwundeten und — neit ihm den ſcho nach für ein wun zenſt 4 / gethe 1 Ring der erkan die a ebenfe A begeg Wäſch König .„4 hin ge 5 Herr Seine „ 26 ein, H Euch in Dum — 193 neigte ſich, um ihm die Hand zu küſſen; während ſie ihm aber die Hand küßte, zog ſie ihm vom Finger den berüchtigten Ring, den ihm Frau von Nemours ſchon einmal entwendet hatte, und an den, der Sage nach, das Geheimniß der langen Liebe von Heinrich für Diana geknüpft war. Als hätte er empfunden, man reiße mit Gewalt ein Gefühl aus ſeinem Herzen, ſchauerte der Ver⸗ wundete, wie er es gethan hatte, als man den Lan⸗ zenſplitter aus ſeiner Wunde riß. Ambroiſe Paré trat raſch hinzu und ſagte: „Verzeiht, Madame, was habt Ihr dem König gethan?“ „Nichts, mein Herr,“ antwortete Catharina, den Ring feſt in ihre Hand ſchließend:„nur hat mich der König vielleicht aus der Tiefe ſeiner Ohnmacht erkannt.“ Hinter Catharina gingen der Dauphin, ſodann die anderen Prinzen und die anderen Prinzeſſinnen ebenfalls hinaus. Als ſie ſich vor dem Zimmer des Königs befand, begegnete Catharina Herrn von Vieilleville, der die äſche gewechſelt hatte, da er ganz vom Blute des Königs bedeckt geweſen war. .„Herr von Vieilleville,“ fragte die Königin,„wo⸗ hin geht Ihr?“ „Ich bin Oberſtkämmerer, Madame,“ antwortete err von Viellleville,„und meine Pflicht iſt es, Seine Majeſtät nicht einen Augenblick zu verlaſſen.“ „Eure Pflicht ſtimmt mit meinem Wunſche über⸗ ein, Herr von Vieillevielle... Ihr wißt, daß ich buch immer für meinen guten Freund gehalten habe?“ Dumas, der Page. III. 13 194 Herr von Vieilleville verbeugte ſich. Obgleich zu jener Zeit Catharina ihre guten Freunde min⸗ der ſchlimm behandelt hatte, als ſie es in der Folge that, ſo empfing doch nicht ohne eine gewiſſe Beſorgniß derjenige, welchem ſie einen ſolchen Titel gab, dieſe Gunſt. „Madame“, ſagte er,„ich danke Eurer Majeſtät unterthänig für die Achtung, die ſie für mich hegt, und ich werde thun, was mir möglich iſt, um nichts in ihren Augen zu verſchulden.“ „Ihr werdet zu dieſem Ende nur Etwas zu thun haben, und zwar etwas ſehr Leichtes: Frau von Va⸗ lentinois und Jeden, der dem Connetable angehört, verhindern, zum König zu gelangen.“ „Aber, Madame,“ entgegnete Vieilleville ziemlich verlegen über dieſen Auftrag, der ihn zwar allerdings in der Gunſt befeſtigte, wenn der König ſtarb, im Falle der Geneſung jedoch dieſe Gunſt ſehr zweifel⸗ haft machte,„wenn aber die Frau Herzogin von Valentinois darauf dringt, beim König eintreten zu dürfen?“ 1 „Ihr werdet ihr ſagen, mein lieber Graf, ſo lange König Heinrich von Valois bewußtlos ſei, re⸗ giere Königin Catharina von Medici, und Königin Catharina von Medici wolle nicht, daß die Courti⸗ ſane Diana von Poitiers in das Zimmer ihres ſter⸗ benden Gemahls eintrete.“ „Teufel! Teufel!“ verſetzte Vieilleville, indem er ſich am Ohr kratzte,„es exiſtirt, wie man verſichert, ein gewiſſer Ring.. „Ihr irrt Cuch, Herr von Vieilleville,“ unter⸗ brach die Königin;„dieſer Ring exiſtirt nicht mehr, — ode ren was Eue Ihr könt den das Ihr zoge ſeid, nach ſtrör geſch ohne ſich der 8( das Ereig in il begre ihr 1 1 wo d Hauc ſein: gleich min⸗ folge gniß dieſe jeſtät hegt, nichts thun n Va⸗ ehört, emlich dings , im veifel⸗ von en zu 7 af, ſo ei, re⸗ önigin Courti⸗ s ſter⸗ 3 em er ſichert, unter⸗ mehr, 195 oder er iſt vielmehr hier... Wir haben ihn unſe⸗ rem vielgeliebten Gemahl vom Finger gezogen, um, — ginge Seine Majeſtät vom Leben zum Tode über, was Gott verhüten möge!— mit ſeinem Ringe Euer Patent als Marſchall von Frankreich, das, wie Ihr wißt, noch nicht unterzeichnet iſt, ſiegeln zu können.“ „Madame,“ erwiederte Vieilleville, beruhigt durch den Anblick des Ringes und zugleich ermuthigt durch das Verſprechen von Catharina,„Ihr habt es geſagt, Ihr ſeid die Königin, und Eure Befehle ſollen voll⸗ zogen werden.“ „Ah!l ich wußte wohl, daß Ihr mein Freund ſeid, mein lieber Vieilleville,“ ſagte die Königin. Und ſie entfernte ſich, aller Wahrſcheinlichkeit nach, in ihrem Herzen, das am Ende davon über⸗ ſtrömte, eine große Verachtung gegen das Menſchen⸗ geſchlecht mehr mitnehmend. Der König blieb vier Tage unbeweglich und ohne Bewußtſein; während dieſer vier Tage fand ſich Frau von Valentinois mehrere Male ein; doch der Eintritt wurde ihr beharrlich verweigert. Einige von ihren Freunden gaben ihr den Rath, das Palais des Tournelles zu verlaſſen und die Ereigniſſe in ihrer Wohnung im Louvre oder ſogar in ihrem Schloſſe Anet abzuwarten, indem ſie ihr begreiflich machten, wenn ſie hartnäckig bleibe, könne ihr Unglück widerfahren. Doch ſie antwortete beſtändig, ihr Platz ſei da, wo der König ſei, und ſo lange der König einen Hauch von Daſein bewahre, werde ſie ſehr ruhig ſein: ihre erbittertſten Feinde werden es nicht wagen, 196 etwas gegen ihr Leben, oder nur gegen ihre Freiheit zu verſuchen. Am dritten Tage, gegen Abend— das heißt ungefähr zweiundſiebzig Stunden nach dem Ereigniß, — ſtieg ein ganz beſtaubter Mann vor dem Thore des Palaſtes des Tournelles von einem mit Schaum und Schweiß bedeckten Pferde, ſagte, er komme im Auf⸗ trage von König Philipp, und verlangte den König Heinrich zu ſehen, wenn er noch lebe. Man weiß, welche Befehle gegeben worden wa⸗ ren, und wie ängſtlich der Eingang in das Gemach des Königs bewacht wurde. „Welchen Namen ſoll man der Königin nennen laſſen?“ fragte der Huiſſier vom Dienſte, der mit Leib und Leben Herrn von Vieilleville für jede Per⸗ ſon ſtand, welche die Thüre öffnete. A „Nicht der Königin müßt Ihr meinen Namen z0 wiſſen thun,“ erwiederte der Unbekannte,„ſondern meinem gelehrten Collegen Ambroiſe Paré... Ich heiße André Veſale.“. Der Huiſſier trat in das Zimmer des Königs ein, der immer noch ohnmächtig und dem Anſcheine nach jedes Gefühls beraubt war; er näherte ſich Ambroiſe Paré, welcher, einen friſch abgeſchnittenen Kopf in der Hand haltend, im Innern des Gehirnes die noch unbekannten Geheimniſſe der Intelligenz und des menſchlichen Lebens ſuchte, und wiederholte ihm den Namen, den er gehört hatte. Ambroiſe Paré ließ ſich dieſen Namen zweimal ſagen, und gab, ſicher, daß er ſich nicht getäuſcht hatte, einen Freudenſchrei von ſich. „Ahl meine Herren,“ ſagte er,„gute Kunde! hheit eißt niß, des und Auf⸗ nig wa⸗ nach inen mit Per⸗ dern 8 nigs eine ſich enen nes und ihm mal iſcht dde! kann der König durch die nenſchliche Wiſſenſchaft gerettet werden, ſo iſt ein einziger Mann im Stande, dieſes Wunder zu thun... Meine Herren, danket Gott: dieſer Mann iſt da!“ Und raſch die Thüre öffnend, rief er: „Tretet ein, tretet ein, Ihr, der Ihr hier nun der einzige und wahre König ſeid!“ Hierauf ſprach er zu Herrn von Vieilleville: „Herr Graf, habt die Güte, die Königin zu be⸗ nachrichtigen, der treffliche André Veſale ſei beim Bette ihres erhabenen Gemahls.“ Glücklich, der Königin den Anſchein einer guten Nachricht zu bringen, ſtürzte Herr von Vieilleville aus dem Zimmer, auf deſſen Schwelle, wie geſagt, ein Mann von ungefähr ſechsundvierzig Jahren, von mittlerem Wuchſe, mit lebhaftem, verſtändigem Auge, mit braunem Teint, mit krauſen Haaren und krauſem Barte erſchien. Dieſer Mann war wirklich André Veſale, den König Philipp II., durch einen Courier des Herzogs von Savoyen von dem ſeinem Schwager widerfah⸗ renen Unfalle in Kenntniß geſetzt, in aller Eile dem Verwundeten zu Hülfe ſandte. Der Courier hatte den König von Spanien in Cambray getroffen, und da André Veſale, ſein Arzt, gerade in dieſem Augenblicke bei ihm war, ſo hatte ſich der treffliche Anatomiker am Ende des dritten Tages beim Bette des Sterbenden einfinden können. Man weiß, welchen ungeheuren Ruf André Ve⸗ ſale zu jener Zeit genoß, und wird ſich daher nicht über die Art wundern, wie er von einem ſo gewiſſen⸗ haften und ſo beſcheidenen Manne empfangen wurde, 198 wie es ſein College Ambroiſe Paré war, der Veſale weit überlegen in der manuellen Praxis, der viel geſchickter als er, um eine Kugel zu exſtirpiren oder ein Glied abzuſchneiden, dieſem aber in der Theorie, und beſonders in Allem dem, was ſich auf die ana— tomiſche Wiſſenſchaft bezog, nachſtand. Die Anatomie war in der That das unabläſſige Studium des ganzen Lebens des brabantiſchen Arztes. Zu einer Zeit, wo das religiöſe Princip den Leich⸗ nam heilig machte und ſich dem widerſetzte, daß man bis im Tode die Geheimniſſe des Lebens ſuchte, hatte er ſich dem Haſſe der Fanatiker preisgegeben, um es dahin zu bringen, daß die, in der Finſterniß der Unwiſſenheit ſtrauchelnde, Wiſſenſchaft ein paar Schritte mehr thue. Veſale ſtudirte auch zuerſt in Montpellier. Im Jahre 1376 hatten die Doctoren dieſer Schule von Ludwig von Anjou die Erlaubniß erhalten, die ihnen ſeitdem von Karl dem Böſen, König von Navarra, und von Karl VI., König von Frankreich, erneuert wurde, jedes Jahr den Leichnam eines hingerichteten Verbrechers zu nehmen und zu ſeciren. Veſale ſtudirte hier 1532; er war damals acht⸗ zehn Jahre alt; dann kam er nach Paris. Hier verſchaffte ihm die Kühnheit, mit welcher er den mit dem Handwerke eines Leichendiebes ver⸗ bundenen Gefahren trotzte, einen Ruf; alle Nächte ſah man ihn, die Kirchhöfe durchwühlend oder unter den Galgen nachleſend, den Hunden und den Raben oft ſchon in Fäulniß übergegangene Leichname ſtrei⸗ tig machen. Nachdem er drei Jahre mit dieſen traurigen Sti in mor eine bau Bel auf len Veſ nich der auf gine ſale zerp war Aug und zuei ab; gebr beka Sün Kett ihn ſale viel oder drie, ana⸗ ſſige ztes. eich⸗ man atte n es der ritte Im von onen rrra, zuert teten acht⸗ lcher ver⸗ ichte inter aben ſtrei⸗ igen 199 Studien zugebracht hatte, erhielt Veſale den Lehrſtuhl in Löwen, mit der Erlaubniß, hier anatomiſche De⸗ monſtrationen zu machen, bei welchen ihm der Beſitz eines vollſtändigen Skeletts die Hülfe ſeines Knochen⸗ baues gewährte. Dieſes Skelett erregte die Empfindlichkeit der Behörden. Vor ſie gerufen, wurde Veſale gefragt, auf welche Art dieſes Skelett in ſeine Hände gefal⸗ len ſei. „Ich habe es von Paris mitgebracht,“ ſagte Veſale. Der treffliche Anatomiker log; doch er betrachtete nicht als eine Sünde die Lüge, welche zum Wohle der Menſchheit beitrug. Wie hatte ſich Veſale dieſes Skelett verſchafft? Man höre. Als er eines Tages mit einem ſeiner Freunde auf dem für Hinrichtungen beſtimmten Felde umher⸗ ging, das eine Viertelmeile von Löwen lag, ſah Ve⸗ ſale einen Leichnam, der, vom Schnabel der Vögel zerpickt, zum Zuſtande eines Skeletts herabgeſunken war. Die von Weiße glänzenden Knochen zogen das Auge des erhabenen Heiligthumräubers auf ſich, und er beſchloß, ſich dieſes menſchliche Gerippe an⸗ zueignen. Die unteren Extremitäten löſten ſich leicht ab; doch aus Furcht, die Halswirbelbeine könnten, gebrochen durch das Gewicht des Henkers, der ſich bekanntlich vom Galgen auf die Schultern des armen Sünders gleiten ließ, nicht mehr tragen, war eine Kette um den Rumpf geſchlungen worden und hielt ihn am Galgen feſt. Man mußte den Reſt des Diebſtahls auf die 200 Nacht verſchieben. Die Knochen der Beine und der Schenkel wurden abgenommen und verborgen; als ſodann die Nacht eingetreten war, zu der Stunde, von der man glaubt, es treiben ſich während derſel⸗ ben nur die Eulen und die Hexenmeiſter auf den Feldern der Verwüſtung umher, kam Veſale ohne ſeinen Freund zurück, denn dieſer hatte es nicht ge⸗ wagt, ihn zu begleiten, und es gelang ihm, mit Hülfe ſeiner Hände allein das Skelett von der Kette zu reißen. In drei Nächten wurden die verſchiedenen Stücke von dem, was wie der, welcher ſich die Ueberreſte davon aneignete, ein lebender, denkender, liebender, leidender Menſch geweſen war, in die Stadt gebracht; drei weitere Nächte genügten, um ſie zu ſäubern, an ihren Platz zu bringen und mit Eiſendrähten zu befeſtigen. So hatte ſich André Veſale dieſes Skelett ver⸗ ſchafft, das unter den Behörden von Löwen Aerger⸗ niß erregte, und von dem er behauptete, er habe es von Paris mitgebracht. Dann kam der Krieg in Italien zwiſchen Karl V. und Franz I. Veſale folgte den ſpaniſchen Heeren, wie ſein College Ambroiſe Paré den franzöſiſchen folgte. Nur zweimal,— einmal in Montpellier, einmal in Paris,— hatte er Gelegenheit gehabt, der Oeffnung noch nicht in Fäulniß übergegangener menſchlicher Leichname beizuwohnen, und nun über⸗ ließ er ſich mit einer Art von Wuth, freier auf den Schlachtfeldern, obgleich immer heimlicher Weiſe, ſeinen, durch den Pinſel von Rembrandt verewigten, anatomiſchen Studien. 201 Stark durch mehrere theils öffentlich, theils in ſeinem Cabinet vorgenommene Leichenöffnungen, wagte es Veſale ſodann, Gallien zu berichtigen, der, da er Autopſien immer nur an Thieren vorgenommen hatte, von Irrthümern wimmelte. Er that mehr: er gab heraus und überreichte dem Prinzen Don Philipp ein Handbuch der Anatomie, was nur der Proſpectus des großen Werkes war, das er ſpäter zu veröffentlichen im Sinne hatte. Doch von dieſem Augenblicke griffen die Profeſ⸗ ſoren, ſeine Nebenbuhler und folglich ſeine Feinde, welche nun eine Oberfläche, um darein zu beißen, fanden, das Buch als eine Ruchloſigkeit an und erhoben von Venedig bis Toledo ein ſolches Geſchrei, daß Karl V. ſelbſt über dieſen Lärmen erſchrak und das Buch den Theologen der Univerſität Salamanca überließ, damit ſie entſcheiden, ob es den Katholiken erlaubt ſei, menſchliche Körper zu öffnen. Zum Glücke antworteten die Mönche durch fol⸗ genden Spruch, der mehr erleuchtet als diejenigen, welche gewöhnlich den religiöſen Orden entfließen: „Es iſt nützlich und folglich erlaubt.“ Da nun die erwieſenen Thatſachen unzulänglich waren, um Veſale zu verdammen, ſo nahm man ſeine Zuflucht zur Verleumdung. Es verbreitete ſich das Gerücht, Veſale, welcher zu große Eile gehabt, die Krankheit zu ſtudiren, an der ein ſpaniſcher Edelmann geſtorben war, habe den Körper dieſes Edelmanns geöffnet, ehe er den letzten Athem ausgehaucht. Die Erben des Todten, ſagte man, haben die Thüre des Schlafzimmers geſprengt, 20² wo ſich Veſale mit dem Leichnam eingeſchloſſen, und ſeien zu rechter Zeit gekommen, um zu conſtatiren, daß das bloßgelegte Herz noch gezuckt habe. Allerdings nannte man den Edelmann nicht; allerdings blieben die Erben, welche dabei intereſſirt waren, den Proceß zu machen, ſtumm und in der Dunkelheit; aber gerade weil die Anklage der Be⸗ weiſe ermangelte, wurde ſie ohne Prüfung angenom⸗ men, und es war für die Feinde von Veſale ein un⸗ beſtreitbares Factum, er habe einen noch lebenden Menſchen geöffnet. Diesmal war der Lärm ſo groß, daß es nicht weniger brauchte, als die Halsſtarrigkeit von Phi⸗ lipp II.,— der Ausdruck iſt nicht übertrieben,— um Veſale, nicht von einem öffentlichen Proceſſe, ſondern von einem Hinterhalte zu retten, in den er als ein Opfer der Volkswuth, die ihn als einen Ruchloſen und als einen Verfluchten bezeichnete, gefallen wäre. Leider wurde Philipp ſpäter müde, dieſen Mär⸗ tyrer des Genies zu unterſtützen. Genöthigt, Frank⸗ reich, Italien, Spanien zu verlaſſen, machte Veſale eine Pilgerfahrt nach dem Grabe Jeſu Chriſti, und bei der Rückkehr von den heiligen Orten durch den Sturm auf die Küſte von Zante geworfen, ſtarb er hier vor Hunger und Elend. Doch in der Zeit, zu der wir gekommen ſind, war der mächtige Arm, der ihn unterſtützte, noch nicht müde geworden, und der König von Spanien, über⸗ zeugt vom Genie ſeines Arztes, ſchickte ihn, wie ge⸗ ſagt, ſeinem Schwiegervater Heinrich II. zu. 203 XV. Florentiniſche Politik. André Veſale näherte ſich dem Verwundeten, unterſuchte ihn, ließ ſich von Ambroiſe Paré Bericht über die Behandlung erſtatten, die er befolgt hatte, billigte ſie in allen Punkten, und nachdem er dieſe Auskunft erhalten, verlangte er den Holzſplitter zu ſehen, den der geſchickte Wundarzt aus dem Auge des Königs gezogen hatte. Ambroiſe Paré hatte mittelſt einer auf dem Splitter gemachten Linie bezeichnet, bis wohin er eingedrungen war. Veſale fragte, in welcher Richtung er eingedrun⸗ gen ſei, ob horizontal oder diagonal oder ſchief. Ambroiſe Paré antwortete, er ſei ſchief einge⸗ drungen. Dann nahm er den Kopf, in deſſen Stu⸗ dium er gerade begriffen war, drückte ihm ins Auge den Splitter bis zu der Stelle, wo er in das von Heinrich II. eingedrungen, und gab dieſem Splitter genau die Richtung, die er nach ſeiner Erinnerung hatte, ehe er aus der Wunde gezogen worden war. „Hier iſt nun der Kopf,“ ſagte Ambroiſe Paré. „Ich war eben beſchäftigt, die Oeffnung deſſelben vorzunehmen, um aufs Neue zu ſehen, welche Ver⸗ wüſtung der Stoß im Innern des Gehirnes verur⸗ ſacht haben könne.“ Vier zum Tode Verurtheilte waren ſchon ent⸗ hauptet worden, damit die Chirurgen an ihren Köpfen das Experiment machen könnten, das Ambroiſe Paré mit ihm zu erneuern Veſale vorſchlug. 20⁴ Veſale erwiederte jedoch ſeinen Collegen unter⸗ brechend: „Das iſt unnöthig, ich ſehe durch die Länge des Splitters und durch die Richtung, die er genommen, welche Art von Verwüſtung er hat hervorbringen können... Es hat ſtattgefunden Bruch des erſten Augenbraunenbogens und der oberen Wand der Augen⸗ höhle... Durchſtoßung mit Bruch der Knochen und Zerreißung der dicken Hirnhaut, der dünnen Hirn⸗ haut, der Spinnenwebenhaut und des unteren Theils des vorderen rechten Hirnlappens... Verlängerung des Eindringens in den oberen Theil deſſelben Lap⸗ pens; wovon Entzündung, ſodann Congeſtion, aller Wahrſcheinlichkeit nach mit Ergießung in die zwei vorderen Hirnlappen.“ „Es iſt ganz genau ſo!“ rief Ambroiſe Paré tief erſtaunt,„und das iſt es, was ich an den Köpfen der Hingerichteten conſtatirt habe.“ „Ja,“ ſprach lächelnd Veſale,„außer der Ergie⸗ ßung, welche nicht ſtatthaben konnte, da die Wunde an Todten gemacht worden war.“ „Nun wohl,“ fragte Ambroiſe Paré,„was denkt Ihr von der Wunde?“ „Ich beſtätigte, daß ſie tödtlich iſt,“ antwortete Veſale. Ein ſchwacher Schrei wurde hinter dem Anato⸗ miker hörbar. Durch den Grafen von Vieilleville geführt, war Catharina von Medici in das Zimmer des Verwun⸗ deten während der von Veſale ſeinem Collegen ge⸗ gebenen anatomiſchen Deſinition eingetreten, und ſie hatte die von dem Erſten ausgeſprochene Meinung ater⸗ des nen, igen iſten gen⸗ und irn⸗ eils ung Lap⸗ ller wei aré pfen gie⸗ nde enkt tete ato⸗ var un⸗ ge⸗ ſie ing 205 gehört; hievon der Schrei, durch den die Aufmerk⸗ ſamkeit der zwei Wundärzte erregt worden war, welche, in ihre wiſſenſchaftliche Discuſſion vertieft, weder der Eine, noch der Andere die Gegenwart der Königin bemerkt hatten. „Tödtlich!“ murmelte Catharina,„Ihr ſagt, mein Herr, die Wunde ſei tödtlich?“ „Madame,“ erwiederte Veſale,„ich glaube, es iſt meine Pflicht, für Eure Majeſtät zu wiederholen, was ich für meinen gelehrten Collegen Ambroiſe Paré ſagte... Der Tod eines Königs iſt kein ge⸗ wöhnliches Ereigniß, und für diejenigen, welche ein Reich erben, iſt es zweimal nothwendig, daß ſie ge⸗ nau von der Stunde unterrichtet werden, wo dieſes Reich den Händen des Todten entſchlüpft, um in die des Lebenden überzugehen... Wie ſchmerzlich auch dieſer Spruch ſein mag, ich wiederhole, Madame, die Wunde des Königs iſt weſentlich tödtlich.“ Die Königin ſtrich mit einem Taſchentuche über ihre ſchweißbedeckte Stirne. „Aber,“ fragte ſie,„wird er ſterben, ohne wieder zum Bewußtſein gekommen zu ſein?“ Veſale näherte ſich dem Kranken, nahm ſeine Hand und zählte die Schläge ſeines Pulſes. Nach einem Augenblicke ſagte er zu Ambroiſe Paré: „Neunzig Pulsſchläge.“ „Dann hat das Fieber abgenommen,“ antwortete dieſer;„der Puls iſt während der zwei erſten Tage bis auf hundert und zehn geſtiegen.“ „Madame,“ ſagte Veſale,„geht der Puls fort⸗ während in dieſem Verhältniſſe zurück, und es findet 206 eine vorübergehende Reſorption der Ergießung ſtatt, ſo iſt es wahrſcheinlich, daß der König, ehe er ver⸗ ſcheidet, ein⸗ oder zweimal die Sprache wiederfinden wird.“ „Und wann dies?“ fragte ängſtlich Catharina. „Ah! Madame,“ erwiederte Veſale,„Ihr verlangt von der menſchlichen Wiſſenſchaft mehr, als ſie vermag! Setze ich aber die Wahrſcheinlichkeit an die Stelle der Gewißheiten, ſo ſage ich, ſoll der König aus dieſer Ohnmacht hervorgehen, ſo wird es um die Mitte des morgigen Tages geſchehen.“ „Vieilleville,“ ſprach die Königin,„Ihr hört! ... Bei der erſten Rückkehr des Königs zum Le⸗ ben benachrichte man mich. Ich muß hier ſein, und keine Andere, um zu hören, was der König ſagen dürfte.“ Am andern Tage, gegen zwei Uhr Nachmittags, war der Puls bis auf zweiundſiebzig Schläge gefal⸗ len, der Verwundete machte eine leichte Bewegung und gab einen ſchwachen Seufzer von ſich. „Herr von Vieilleville,“ ſagte Veſale,„unter⸗ richtet die Königin Mutter: der König wird aller Wahrſcheinlichkeit nach aus ſeiner Ohnmacht hervor⸗ gehen und ein paar Worte ſprechen.“ Der Oberſtkämmerer ſtürzte aus dem Zimmer, und als er fünf Minuten nachher mit der Königin zurückkam, fing Heinrich an zum Bewußtſein zu kommen, und er murmelte die kaum verſtändlichen Worte: „Die Königin... Man hole die Königin!...“ „Hier bin ich, Sire!“ rief Catharina, indem 207 ſie vor dem Bette von Heinrich II. auf die Kniee fiel. Ambroiſe Paré ſchaute erſtaunt den Mann an, der, wenn er nicht dem Tode und dem Leben be⸗ fahl, wenigſtens in alle ihre Geheimniſſe eingeweiht zu ſein ſchien. „Madame,“ ſagte Veſale,„befiehlt Euere Maje⸗ ſtät, daß wir, Herr Paré und ich, in dieſem Zimmer bleiben, oder daß wir abgehen?“ Die Königin befragte den Verwundeten mit dem Blicke. „Sie mögen bleiben,“ murmelte Heinrich.„Auch bin ich ſo ſchwach, daß ich jeden Augenblick ohnmäch⸗ tig zu werden befürchte...“ Da winkte Veſale, zog aus ſeiner Taſche ein Fläſchchen eine blutrothe Flüſſigkeit enthaltend, goß ein paar Tropfen davon in einen kleinen goldenen Löffel und flößte dieſen Trank dem König ein. Heinrich gab einen Seufzer des Wohlbehagens von ſich, und eine leichte Nuance von Lebenskraft erſchien wieder auf ſeinen Wangen. „Ohl ich fühle mich beſſer!“ ſagte er. Sodann umherſchauend: „Ah!l Du da, Vieilleville, Du haſt mich nicht verlaſſen?...“ „Oh! nein, Sire!“ antwortete ſchluchzend der Graf;„nicht eine Minute.“ „Du ſagteſt es mir... Du ſagteſt es mir,“ murmelte Heinrich,„doch ich wollte Dir nicht glau⸗ ben... ich hatte Unrecht... Und auf Euch habe ich auch nicht gehört, Madame... Vergeßt nicht, daß Herr von Coligny einer meiner wahren Freunde 208 iſt, denn er hat mir mehr als Einer von Euch da⸗ rüber geſagt: er hat mir Herrn von Montgomery als den Mann genannt, der mich tödten ſollte.“ „Er hat Euch Montgomery genannt?“ rief Ca⸗ tharina.„Und woher wußte er...“ „Ah! durch eine Prophezeiung, die man Kaiſer Karl V. gemacht hatte. Doch ſprecht: ich hoffe, Herr von Montgomery iſt frei?“ Catharina antwortete nicht. „Ich hoffe, er iſt es?“ wiederholte Heinrich.„Ich bitte und nöthigenfalls verlange ich, daß ihm kein Leid geſchehe.“ „Ja, Sire,“ ſagte Vieilleville,„Herr von Mont⸗ gomery iſt frei; zu jeder Stunde des Tages und der Nacht läßt er ſich nach Eurer Majeſtät erkundigen. ... Er iſt in Verzweiflung!“ „Er tröſte ſich... Armer de Lorges! er hat mir immer treu gedient, und kürzlich noch bei der Regentin von Schottland.“, „Ach!“ murmelte Catharina,„warum iſt er nicht bei ihr geblieben?“ „Madame, nicht ſein Wille, ſondern ein Befehl von mir hat ihn von Schottland zurückgeführt... Er weigerte ſich, gegen mich Lanzen zu brechen; ein Befehl von mir hat ihn hiezu gezwungen... Mein Unglück hat Alles gethan, und nicht er: empören wir uns alſo nicht gegen Gott, und benützen wir vielmehr dieſen Augenblick des Lebens, den er mir wunderbarer Weiſe läßt, um unſere dringendſten An⸗ gelegenheiten zu ordnen.“ „Oh! Sire!“ murmelte Catharina. „Und vor Allem,“ fuhr Heinrich fort,„denken n 209 wir an die unſern Freunden gemachten Verſprechun⸗ gen... ſodann werden wir uns mit den mit unſe⸗ ren Feinden eingegangenen Verträgen beſchäftigen. ... Ihr wißt, was Herrn von Vieilleville verſpro⸗ chen iſt, Madame?“ „Ja, Sire.“ „Sein Patent als Marſchall von Frankreich ſollte unterzeichnet werden, als mir der gräßliche Unfall widerfuhr: es muß in Bereitſchaft ſein.“ „Ja, Sire,“ antwortete Vieilleville,„Eure Ma⸗ jeſtät hatte mir befohlen, es vom Herrn Kanzler zu nehmen, um es bei der nächſten Gelegenheit unter⸗ zeichnen zu laſſen... und hier iſt es.. Ich trug es bei mir an dem unſeligen Tage des 30. Juni, und da ich mich ſeit dieſem Tage weder ausgekleidet, noch Eure Majeſtät verlaſſen habe, ſo iſt es noch bei mir.“ Nach dieſen Worten überreichte Vieilleville das Patent dem König. „Ich kann mich ohne große Schmerzen nicht rüh⸗ ren, Madame,“ ſagte der Verwundete zu Catharina; „habt die Güte, dieſes Patent für mich zu unter⸗ zeichnen, es von heute zu datiren, die Urſache, welche macht, daß Ihr es ſtatt meiner unterzeichnet, beizu⸗ ſchreiben, und es meinem alten Freunde zu geben.“ Der Graf von Viellleville ſtürzte ſchluchzend auf die Kniee und küßte die auf dem Bette ausge⸗ ſtreckte Hand des Königs, welche ſo weiß war, als das Leintuch, auf dem ſie ruhte. Mittlerweile ſchrieb Catharina unten an das Patent des Marſchalls von Frankreich: Dumas, der Page II. 14 210 „Für den verwundeten König, auf ſeinen Befehl, und an ſeinem Bette. „Am 4. Juli 1554.“ „Catharina, Königin.“ Sie las und zeigte dem König, was ſie geſchrie⸗ ben hatte. „Iſt es ſo gut, Sire?“ fragte ſie. „Ja, Madame,“ ſagte Heinrich,„und nun gebt das Patent Vieilleville.“ Catharina übergab dieſem das Patent, flüſterte ihm jedoch zu: „Ihr habt das Patent, haltet aber nichtsdeſto⸗ weniger Euer Verſprechen, mein guter Freund, denn es wäre noch möglich, es Euch zu entziehen.“ „Seid unbeſorgt, Madame,“ erwiederte Vieilleville, „Ihr habt mein Wort, und ich nehme es nicht zurück.“ Und er faltete das Patent ſorgfältig zuſammen und ſchob es in ſeine Taſche. „Nun ſprecht,“ ſagte der König,„ſind Herr von Savoyen und meine Schweſter verheirathet?“ „Nein, Sire,“ antwortete Catharina,„der Augen⸗ blick wäre für Trauungen ſchlecht gewählt geweſen.“ „Im Gegentheile, im Gegentheile,“ ſprach der König,„und ich wünſche, daß man ſie ſo ſchnell als möglich traue... Vieilleville, holt mir Herrn von Savoyen und meine Schweſter.“ Catharina lächelte dem König zum Zeichen der Beiſtimmung zu, begleitete Vieilleville bis zur Thüre und ſagte zu ihm: „Graf, holt Herr von Savoyen und Madame Margarethe erſt wenn ich dieſe Thüre wiedergeöffnet und Euch ſelbſt den Befehl dazu gegeben habe. hl, rie⸗ 211 Wartet im Vorzimmer, und, bei Eurer Frei⸗ heit, bei Eurem Leben, bei Eurer Seele, nicht ein Wort von dieſer Rückkehr des Königs zum Daſein, beſonders gegen Frau von Valentinois.“ „Seid ohne Furcht,“ erwiederte Vieilleville. Und er blieb in der That im anſtoßenden Zim⸗ mer, wo Catharina, nachdem die Thüre wieder ge⸗ ſchloſſen war, das Geräuſch der großen Schritte hören konnte, welche die Gemüthsbewegung des neuen Marſchalls bezeichneten. „Wo ſeid Ihr, Madame,“ fragte der König, „und was macht Ihr? Ich möchte nicht gern Zeit verlieren.“ „Hier bin ich, Sire. Ich ſagte Herrn von Vieilleville, wo er Herrn von Savoyen finden könnte, im Falle, daß der Prinz nicht zu Hauſe wäre.“ „Wie, im Falle, daß er nicht zu Hauſe wäre?“ „Ohl er wird zu Hauſe ſein... Erſt am Abend verläßt Herr von Savoyen das Schloß, und er iſt immer bei Tagesanbruch wieder zurück.“ „Ah!“ ſprach der König mit einem Seufzer des Neides,„es gab eine Zeit, wo ich auch auf den Straßen umherrannte, in den ſchönen Nächten und auf einem guten Roſſe: Per amica silentia lunae, wie meine kleine Maria Stuart ſagt... Es war ſüß, den friſchen Wind zu fühlen und das Blätter⸗ werk unter dem bleichen Lichte des Mondes zittern zu ſehen!... Ahl das Fieber brannte mich nicht wie zu dieſer Stunde!... Mein Gott! mein Gott! erbarme Dich meiner, denn ich leide ſehr.“ Mittlerweile hatte ſich Catharina dem Bette ge⸗ nähert, während ſie ſich aber demſelben genähert, 212 hatte ſie den zwei Aerzten durch einen Wink bedeu⸗ tet, ſie mögen ſich davon entfernen. Ambroiſe Paré und André Veſale antworteten durch eine ehrerbietige Kopfverbeugung, und begrei⸗ fend, dieſe zwei Fürſten der Erde haben ein großes Geheimniß in dem Augenblicke zu erörtern, wo ein Theil den andern verlaſſen ſollte, zogen ſie ſich aus dem Bereiche der Stimme in die Vertiefung eines Fenſters zurück. Catharina hatte ihren Platz wieder bei Heinrich eingenommen. „Nun,“ fragte der König,„nicht wahr, ſie wer⸗ den kommen?“ „Ja, Sire; doch will Euere Majeſtät mir erlau⸗ ben, ehe ſie kommen, ihr ein paar Worte über die Staatsangelegenheiten zu ſagen?“ „Sprecht, Madame, obſchon ich ſehr müde bin und die Dinge dieſer Welt nur noch wie durch eine Wolke ſehe.“ „Gleichviel! gleichviel!... Gott wird für Euch dieſe Wolke erleuchten, durch die Ihr ſeht, und er wird geſtatten, daß Ihr über dieſe Dinge ein Urtheil ausſprecht, welches vielleicht ſicherer, als wenn Ihr bei guter Geſundheit wäret.“ Heinrich wandte ſich mit Mühe gegen Catharina um und ſchaute ſie mit einem von Fieber und Ver⸗ ſtand glänzenden Auge an. Man ſah, daß er eine äußerſte Anſtrengung machte, um ſeine Schwäche auf das Niveau dieſes florentiniſchen Geiſtes zu bringen, deſſen Tiefe mit ſeinen Krümmungen er mehr als einmal zu ſchätzen Gelegenheit gehabt hatte. eu⸗ eten rei⸗ ßes ein aus ines rich wer⸗ lau⸗ die bin eine Euch ud er rheil Ihr arina Ver⸗ igung dieſes ee mit hätzen 213 „Sprecht, Madame,“ wiederholte er. „Verzeiht, Sire, es iſt nicht meine Meinung, es iſt nicht die der Aerzte, welche immer gute Hoffnung haben, ſondern es iſt die Eure, nicht wahr, Euer Leben ſei ernſtlich bedroht?“ „Ich bin tödtlich getroffen, Madame, und nur durch ein Wunder, ohne Zweifel, geſtattet mir Gott dieſe letzte Unterredung mit Euch.“ „Wohl, Sire, wenn es ein Wunder iſt, ſo laßt uns dieſes Wunder benützen, damit es der Herr nicht vergeblich gethan hat.“ „Ich höre Euch, Madame.“ „Sire, erinnert Ihr Euch deſſen, was Herr von Guiſe Euch bei mir in dem Augenblicke ſagte, wo Ihr im Begriffe waret, den unglücklichen Vertrag von Chateau Cambreſis zu unterzeichnen?“ „Ja, Madame.“ „Herr von Guiſe iſt ein großer Freund von Frankreich...“ „Gut!“ murmelte der König,„ein Lothringer!“ „Ich aber, Sire,“ ſagte Catharina,„ich bin keine Lothringerin.“ „Nein,“ erwiederte Heinrich,„Ihr ſeid...“ Er hielt inne. „Vollendet,“ ſprach die Königin,„ich bin eine Florentinerin und folglich eine wahre Verbündete des Hauſes Frankreich... Nun denn, ich ſage Euch, Sire, daß der Lothringer und die Florentinerin bei dieſer Gelegenheit mehr Franzoſen geweſen ſind, als gewiſſe Franzoſen.“ „Ich leugne das nicht,“ murmelte Heinrich. „Der Lothringer und die Florentinerin ſagten 214 Euch:„„Sire, ein Vertrag wie der, welchen man Euch vorſchlägt, oder den Ihr vielmehr vorſchlagt, war höchſtens annehmbar am andern Tage nach der St. Laurent⸗Schlacht oder der Einnahme von Saint⸗ Quentin; heute aber, da Herr von Guiſe von Italien angekommen iſt, da wir Calais wiedererobert haben, da wir fünfzigtauſend Mann wohlbewaffnet im Felde, dreißigtauſend in Garniſon an unſeren feſten Plätzen zählen, iſt ein ſolcher Vertrag ein Hohn!““ Das ſagten Euch der Lothringer und die Florentinerin, und darauf wolltet Ihr nicht hören.“ „Das iſt wahr,“ ſprach Heinrich, wie aus einem Traume erwachend,„und ich habe Unrecht gehabt.“ „Ihr geſteht es alſo?“ rief Catharina mit glän⸗ zenden Augen. „Ja, ich geſtehe es... doch es iſt zu ſpät.“ „Es iſt nie zu ſpät, Sire!“ „Ich begreife Euch nicht.“ „Wollt Ihr mich machen laſſen? wollt Ihr mir vertrauen? und ich gebe Euch alle Eure Städte in Frankreich, ich gebe Euch Piemont, Nizza und die Grafſchaft Breſſe zurück und öffne Euch den Weg nach dem Mailändiſchen..) „Und was muß ich zu dieſem Ende thun, Ma⸗ dame, wenn's Euch beliebt?“ „Ihr müßt, trotz der Volljährigkeit des Dauphin, ſagen, in Betracht ſeiner ſchwachen Geſundheit und ſeiner geringen Kenntniß der Angelegenheiten ernen⸗ net Ihr einen Regentſchaftsrath, der ein Jahr und im Nothfalle länger zu dauern habe, der aus Herrn von Guiſe, dem Herrn Cardinal von Lothringen und mir beſtehen und während dieſes Jahres die ohin, und rnen⸗ und derrn ngen 3 die 215 politiſchen, bürgerlichen, religiöſen und anderen An⸗ gelegenheiten ordnen werde.“ „Und was wird Franz ſagen?“ „Er wird ſich zu glücklich fühlen! denn er denkt nur an das Glück, der Gatte ſeiner kleinen Schott⸗ länderin zu ſein, und trachtet nach keinem andern.“ „Ja, in der That,“ ſprach Heinrich,„es iſt ein großes Glück, jung zu ſein, Gatte einer Frau zu 44 ſein, die man liebt!.. Und er ſtieß einen Seufzer aus. „Doch es gibt Eines, was Alles dies verdirbt;“ fuhr er fort:„daß er König von Frankreich iſt, und daß ein König von Frankreich an ſein Land denken muß, ehe er an ſeine Liebſchaften denkt.“ Catharina ſchaute Heinrich von der Seite an; ſie hatte große Luſt, ihm zu ſagen: „O König, der Du einen ſo guten Rath gibſt, warum haſt Du ihn denn nicht befolgt?“ Doch ſie befürchtete, die Erinnerung an Frau von Valentinois in ſein Gedächtniß zurückzubringen, und ſie ſchwieg, oder ſie ſagte vielmehr, das Geſpräch auf dem Wege, den ſie es hatte einſchlagen laſſen, fortführend: „Undich als Regentin, Herr von Guiſe als General⸗ Statthalter, Herr von Lothringen als Adminiſtrator des Königreichs, wir werden Alles übernehmen.“ „Alles!... Was verſteht Ihr unter den Wor⸗ ten:„„Wir werden Alles übernehmen?““ „Alles brechen, Sire... die hundert achtundneun⸗ zig Städte, Piemont, die Grafſchaft Breſſe, Nizza, Savoyen, das Mailändiſche Gebiet wiedernehmen.“ „Ja,“ ſprach der König,„und ich werde während 216 dieſer Zeit vor Gott beladen mit einem Meineide erſcheinen, nachdem ich meinen Tod zum Vorwande genommen, um ein Verſprechen nicht zu halten!... Das iſt eine zu große Sünde, Madame, und ich werde ſie nicht wagen... Sollte ich länger leben, dann würde ich nicht nein ſagen... ich hätte die Zeit, zu bereuen.“ Sodann die Stimme erhebend, rief der König: „Herr von Vieilleville!“ „Was macht Ihr?“ fragte Catharina. „Ich rufe Herrn von Vieilleville, der ſicherlich nicht zu Herrn von Savoyen gegangen iſt.“ „Und warum ruft Ihr ihn?“ „Damit er zum Herzog gehe.“ Vieilleville, der ſich hatte rufen hören, kam wirk⸗ lich in dieſem Augenblicke herein. „Herr von Vieilleville,“ ſagte der König,„Ihr habt wohl daran gethan, einen zweiten Befehl ab⸗ zuwarten, um zu Herrn von Savoyen zu gehen, da die Königin Euch hatte warten heißen; doch dieſen zweiten Befehl gebe ich Euch... Geht alſo auf der Stelle, und in fünf Minuten ſollen Herr von Sa⸗ voyen und Madame Margarethe hier ſein!“ Hierauf, da er ſich ſchwach werden fühlte, ſchaute er umher, und die zwei Aerzte erblickend, welche, da ſie Heinrich die Stimme hatten erheben hören, näher hinzu getreten waren, ſprach er: „Vorhin hat man mich ein paar Tropfen von einer Flüſſigkeit trinken laſſen, die mich wiedergeſtärkt hat... Es iſt für mich Bedürfniß, noch eine Stunde zu leben: man gebe mir ein paar neue Tropfen von dieſem Tranke.“ ein 217 Veſale nahm den goldenen Löffel, goß fünf bis ſechs Tropfen von dem blutrothen Tranke darein, und während Ambroiſe Paré den Kopf des Sterben⸗ den, ihm ſeine Hände hinter den Ohren durchſchie⸗ bend, emporhob, ließ er ihm die Tropfen in den Mund gleiten. Herr von Vieilleville, der es nicht wagte, dem König ungehorſam zu ſein, begab ſich indeſſen zu Herrn von Savoyen und zu Madame Margarethe. Beim Bette ſtehend, lächelte Catharina, Wuth im Herzen, dem König zu! XVI. Ein König von Frankreich hat nur ſein Wort. Fünf Minuten nachher traten Emanuel Philibert durch eine Thüre und Margarethe durch die andere ein. Ein Blitz der Freude zuckte über das Geſicht der zwei jungen Leute, als ſie den Verwundeten zum Leben zurückgekehrt ſahen. Es hatte ſich in der That, Dank ſei es dem faſt magiſchen Tranke, von dem Heinrich ein paar Tropfen geſchluckt, in Be⸗ ziehung auf den Zuſtand lethargiſcher Erſtarrung betrachtet, in welchem ſie ihn verlaſſen, eine merk⸗ würdige Beſſerung bei ihm bewerkſtelligt. Catharina machte einen Schritt rückwärts, um Emanuel und Margarethe den Platz abzutreten, den ſie beim Bette des Verwundeten einnahm. Beide knieten vor dem ſterbenden König nieder. „Es iſt gut,“ ſprach Heinrich, indem er ſie mit einem ſanften, traurigen Lächeln anſchaute,„Ihr 218 ſeid wohl ſo, meine Kinder... Bleibet alſo, wo Ihr ſeid.“ „Ohl Sire,“ murmelte Emanuel,„welche Hoff⸗ nung!“ „Ohl mein Bruder,“ ſagte Margarethe,„welch ein Glück!“ „Ja,“ erwiederte Heinrich,„es iſt ein Glück, und ich danke Gott dafür, daß das Bewußtſein bei mir zurückgekehrt iſt... Doch es iſt keine Hoffnung; rechnen wir alſo nicht auf das, was nicht ſein kann, und handeln wir als Leute, welche Eile haben. Emanuel, nehmt die Hand meiner Schweſter.“ Emanuel gehorchte; die Hand von Margarethe hatte allerdings die Hälfte des Weges gemacht, um die ſeinige zu finden. „Prinz,“ fuhr Heinrich fort,„ich habe Eure Heirath mit Margarethe zu einer Zeit gewünſcht, wo ich mich wohl befand... heute, da ich ſterbend bin, wünſche ich ſie nicht nur, ſondern ich verlange ſie.“ „Sire!“ wiederholte der Herzog von Savoyen. „Mein guter Bruder!“ ſagte Margarethe, indem ſie dem König die Hand küßte. „Höret,“ ſprach Heinrich, der ſeiner Stimme einen erhaben feierlichen Ausdruck gab,„höret, Ema⸗ nuel: Ihr ſeid nicht nur ein großer Fürſt, Dank ſei es den Provinzen, die ich Euch zurückgegeben habe, ein trefflicher Edelmann, Dank ſei es Euren Ahnen; ſondern Ihr ſeid auch ein redlicher Mann, Dank ſei es Eurem geraden Geiſte und Eurem biedern Her⸗ zen... Emanuel, an den redlichen Mann wende ich mich.“ Emanuel Philibert richtete ſeinen edlen Kopf auf; 249 die Ehrlichkeit ſeiner Seele glänzte in ſeinen Augen, und mit der ihm eigenthümlichen ſanften, feſten Stimme erwiederte er: „Redet, Sire.“ „Emanuel,“ fuhr der König fort,„ein Friede iſt unterzeichnet worden; dieſer Friede iſt nachtheilig für Frankreich.“ Der Prinz machte eine Bewegung. „Doch gleichviel, da er unterzeichnet iſt,“ ſagte der König.„Dieſer Friede macht Euch zugleich zum Verbündeten von Frankreich und von Spanien; Ihr ſeid Vetter von König Philipp, doch Ihr werdet Oheim von König Franz ſein; Euer Schwert iſt heute von großem Gewichte in der Wagſchale, wo Gott die Geſchicke der Königreiche abwägt: es iſt dieſes Schwert, das die Bataillons in der St. Laurent⸗Schlacht durch⸗ brochen, das die Wälle von Saint⸗Quentin nieder⸗ geſtürzt hat... Nun wohl, ich beſchwöre dieſes Schwert, eben ſo gerecht zu ſein, als ſein Herr red⸗ lich iſt, eben ſo furchtbar, als ſein Herr muthig iſt! Wird der zwiſchen mir und Philipp II. beſchworene Friede von Frankreich gebrochen, ſo wende ſich die⸗ ſes Schwert gegen Frankreich! wird dieſer Friede von Spanien gebrochen, ſo wende ſich dieſes Schwert gegen Spanien!.. Wäre die Stelle des Connetable erledigt, Gott iſt mein Zeuge, ich würde ſie Euch geben als dem Prinzen, der meine Schweſter gehei⸗ rathet hat, als dem Fürſten, der die Stufen meines Reiches vertheidigt; leider hat dieſe Stelle ein Mann inne, dem ich ſie vielleicht entziehen müßte, der mir aber am Ende redlich gedient oder zu dienen ge⸗ glaubt hat! Gleichviel! Ihr werdet Euch durch 220 nichts verbunden erachten, als durch die Gerechtigkeit und das Recht; ſind aber die Gerechtigkeit und das Recht für Frankreich, dann ſeien Cuer Arm und Euer Schwert für Frankreich! ſind die Gerechtigkeit und das Recht für Spanien, dann ſeien Euer Arm und Euer Schwert gegen Frankreich!.. Schwöret Ihr mir das, Herzog von Savoyen?“ Emanuel Philibert ſtreckte die Hand gegen Hein⸗ rich aus und ſprach: „Bei dieſem redlichen Herzen, das an meine Redlichkeit appellirt, ſchwöre ich!“ Heinrich athmete. „Meinen Dankl“ ſagte er. Sodann, nach einem Augenblicke, in welchem er Gott im Geiſte zu danken ſchien, fuhr er fort: „Und an welchem Tage werden nun die für Eure Heirath nöthigen Förmlichkeiten vollzogen wer⸗ den?“ „Am 9. Juli, Sire.“ „Wohl, ſo ſchwöret mir auch, daß Eure Hochzeit, ob ich todt oder lebendig bin, bei meinem Bette oder auf meinem Grabe, am 9. Juli gefeiert werden wird.“ Margarethe warf auf Emanuel einen raſchen Blick, in welchem ſich ein Ueberreſt von Bangigkeit verbarg. Doch der Herzog zog den Kopf von Margarethe an den ſeinen, küßte ſie auf die Stirne, wie er es bei einer Schweſter gethan hätte, und ſagte: „Sire, empfanget dieſen zweiten Schwur, wie Ihr den erſten empfangen habt... Ich ſpreche ſie beide mit der gleichen Feierlichkeit aus, und Gott gkeit das zuer und und Ihr ein⸗ eine 221 verhänge folglich eine gleiche Strafe über mich, ſollte ich den einen oder den andern brechen.“ Margarethe erbleichte und ſchien einer Ohnmacht nahe. In dieſem Augenblicke wurde die Thüre ſchüch⸗ tern und zögernd aufgemacht, und in ihrer Oeffnung erſchien der Kopf des Dauphin. „Wer kommt?“ fragte der König, bei dem alle Sinne die den Sinnen der Kranken eigenthümliche Schärfe erlangt hatten. „Oh! mein Vater ſpricht!“ rief der Dauphin, der, jede Schüchternheit verlierend, ins Zimmer ſtürzte. Das Geſicht von Heinrich klärte ſich auf. „Ja, mein Sohn,“ erwiederte er,„und Du biſt willkommen in dieſem Zimmer, denn ich habe Dir etwas Wichtiges zu ſagen.“ Sodann zum Herzog von Savoyen: „Emanuel, Du haſt meine Schweſter umarmt, welche Deine Frau werden ſoll; umarme meinen Sohn, der Dein Neffe ſein wird.“ Der Herzog nahm das Kind in ſeine Arme, drückte es zärtlich an ſeine Bruſt, und küßte es auf beide Wangen. „Du wirſt Dich Deiner beiden Eide erinnern, Bruder?“ ſagte der König. „Ja, Sire, und des einen ſo getreu als des an⸗ dern, das ſchwöre ich Euch.“ „Es iſt gut... Nun laſſe man mich mit dem Dauphin allein.“ Emanuel und Margarethe entfernten ſich. Catharina blieb aber auf demſelben Platze. 222 „Nun?“ ſagte der König, ſich an die Königin wendend. „Ich auch, Sir?“ fragte Catharina. „Ja, Madame, ja, Ihr auch,“ antwortete der König. „Wünſcht mich der König wiederzuſehen, ſo wird er mich rufen laſſen,“ ſagte die Florentinerin. „Wenn dieſe Unterredung beendigt iſt, dann könnt Ihr wiederkommen, mag ich Euch rufen laſ⸗ ſen oder nicht... Doch,“ fügte er mit einem traurigen Lächeln bei,„es iſt wahrſcheinlich, daß ich Euch nicht werde rufen laſſen, denn ich fühle mich ſehr ſchwach... Nichtsdeſtoweniger kommt immerhin.“ Catharina machte eine Bewegung, um unmittel⸗ bar hinauszugehen, ohne Zweifel aber überlegte ſie, und ſie kam, eine krumme Linie beſchreibend, vor das Bett des Königs und küßte ihm die Hand. Hienach ging ſie ab, gleichſam hinter ſich, im Zimmer des Sterbenden, einen langen Blick der Be⸗ ſorgniß laſſend. Obſchon der König gehört hatte, wie ſich die Thüre hinter Catharina geſchloſſen, wartete er doch noch einen Augenblick; dann fragte er, ſich an den Dauphin wendend: „Eure Mutter iſt nicht mehr da, Franz?“ „Nein, Sire,“ antwortete der Dauphin. „Schließt die Thüre mit dem Riegel und kommt raſch zu meinem Bette zurück, denn ich fühle, daß mich meine letzten Kräfte verlaſſen.“ Franz gehorchte eiligſt: er ſchob den Riegel vor, kam dann zum Bette des Königs zurück und ſagte: der ſche Eut lieg daß ſag⸗ All ich dieſ 223 igin„Ohl mein Gott! Sire, Ihr ſeid ſehr bleich!.. Was kann ich für Euren Dienſt thun?“ „Rufet vor Allem den Arzt.“ der„Meine Herren,“ rief der Dauphin ſich an die beiden Aerzte wendend,„kommt geſchwinde, der König vird verlangt nach Euch!“ Veſale und Ambroiſe Paré näherten ſich dem ann Bette. laſ⸗„Seht Ihr!“ ſagte Veſale zu ſeinem Collegen, nem den er wahrſcheinlich auf die nahe bevorſtehende ich Ohnmacht des Königs aufmerkſam gemacht hatte. nich„Meine Herren,“ ſprach Heinrich,„Kraft! Kraft! n.“ gebt mir Kraft!“ 4 tel⸗„Sire!“ erwiederte Veſale zögernd. ſie,„Habt Ihr nichts mehr von dem Clixir?“ fragte vor deerr Sterbende. „Doch, ich habe noch davon, Sire.“ im„Nun?“ Be⸗„Sire, dieſe Flüſſigkeit gibt dem König nur eine ſcheinbare Kraft.“ die„Eil gleichviel, wenn es nur Kraft iſt.“ och„Und vielleicht wird der Mißbrauch die Tage den Eurer Majeſtät abkürzen.“ „Mein Herr,“ erwiederte der König,„die Frage liegt nun nicht mehr in der Dauer meiner Tage... daß ich dem Dauphin ſagen kann, was ich ihm zu unt ſagen habe, und beim letzten Worte ſterbe, das iſt daß Alles, was ich verlange.“ „Sire, einen Befehl Eurer Majeſtät... denn or, ich habe Euch ſchon zögernd ein zweites Mal von : dieſem Tranke gegeben.“ 224 „Gebt mir ein drittes Mal von dieſem Elixir,“ ſprach der König;„ich will es.“ Und ſein Kopf ſank auf das Kiſſen zurück, und ſein Auge ſchloß ſich, und es verbreitete ſich eine ſolche Todesbläſſe auf ſeinem Geſichte, daß man hätte glauben ſollen, er ſei auf dem Punkte, zu verſcheiden. „Aber mein Vater ſtirbt! mein Vater ſtirbt!“ rief der Dauphin. „Beeilt Euch, André,“ ſagte Ambroiſe;„der König iſt ſehr ſchlimm.“ „Seid ohne Furcht, der König hat noch drei bis vier Tage zu leben,“ erwiederte Veſale. Und ohne ſich diesmal des goldenen Löffels zu bedienen, ließ er unmittelbar aus dem Fläſchchen auf die halb geöffneten Lippen des Königs ein paar Tropfen von dem Elixir fallen. Die Wirkung trat diesmal ein wenig langſamer ein, als die zwei vorhergehenden Male, doch die Flüſſigkeit war darum nicht minder wirkſam. Es waren kaum ein paar Secunden verlaufen, als die Geſichtsmuskeln bebten, als das Blut aufs Neue unter der Haut zu kreiſen ſchien, als die Zähne ſich aufthaten, und das Auge ſich wieder öffnete, Anfangs glaſig, allmälig aber ſich erleuchtend. Der König athmete oder ſeufzte vielmehr. „Oh! Gott ſei Dank!..“ ſagte er. Und er ſuchte mit dem Blicke den Dauphin. „Hier bin ich, mein Vater,“ ſagte der junge Prinz, während er ans Bett trat und davor nieder⸗ kniete. „Paré,“ ſprach der König,„hebt mich mit den Kiſſen auf, und legt meinen Arm um den Hals des Da hin ſcho tom Kiſſ Bet ſitze des dem des Lip. grof roll zehr Dir ir,“ und eine ätte den. dt!“ der bis zu auf aar mer die fen, ufs hne ete, nge er⸗ den des 225 Dauphin, damit ich mich die letzte Stufe des Grabes hinabſteigend auf ihn ſtütze.“ Die zwei Aerzte waren noch beim König; da ſchob Veſale mit der Geſchicklichkeit, welche die ana⸗ tomiſche Wiſſenſchaft des menſchlichen Körpers gibt, die Kiſſen eines Canapé hinter die Kiſſen des königlichen Bettes und hob Heinrich ſo auf, daß er aufrecht zu ſitzen kam, während Ambroiſe Paré um den Hals des Dauphin den Arm des Verwundeten rundete, dem die Lähmung ſchon die Kälte und die Schwere des Todes gab. Hienach entfernten ſich Beide discreter Weiſe. Der König machte eine Anſtrengung, und die Lippen des Vaters berührten die des Sohnes. „Mein Vater!“ flüſterte das Kind, während zwei große Thränen von ſeinen Augen auf ſeine Wangen rollten. „Mein Sohn,“ ſprach der König,„Du biſt ſech⸗ zehn Jahre alt, Du biſt ein Mann, und ich will mit Dir als mit einem Manne reden.“ „Sire!“ „Ich ſage mehr: Du biſt König!— denn kann ich noch auf der Welt zählen?.. und ich werde mit Dir als mit einem König reden.“ „Sprecht, mein Vater!“ „Mein Sohn, ich habe aus Schwäche zuweilen, nie aus Haß oder aus Bosheit, viele Fehler in mei⸗ nem Leben begangen!“ Franz machte eine Bewegung. „Laß mich Dir ſagen... Es geziemt ſich, daß ich Dir, meinem Nachfolger, beichte, damit Du dieſe Fehler, in die ich gerathen bin, vermeideſt.“ Dumas, der Page. III. 15 226 „Dieſe Fehler, mein Vater, wenn ſie exiſtiren,“ entgegnete der Dauphin,„ſo ſeid Ihr es nicht, der ſie begangen hat.“ „Nein, mein Kind; doch ich bin vor Gott und vor den Menſchen dafür verantwortlich.... Einer der letzten und der größten iſt auf Eingebung des Connetable und der Frau von Valentinois begangen worden... ich hatte eine Binde vor den Augen, ich war wahnſinnig... Ich bitte Dich um Ver⸗ zeihung, mein Sohn!“ „Oh! Sire, Sire!“ rief der Dauphin. „Dieſer Fehler iſt der mit Spanien unterzeichnete Friede... es iſt das Abtreten von Piemont, Sa⸗ voyen, der Grafſchaft Breſſe, dem Mailändiſchen Ge⸗ biete, von hundert achtundneunzig feſten Plätzen, gegen welche Frankreich nur Saint⸗Quentin, Ham und Catelet erhält... Du hörſt?“ „Ja, mein Vater.“ „Vorhin war Deine Mutter da... ſie warf mir dieſen Fehler vor und erbot ſich, ihn wieder gut zu machen...“ „Wie dies, Sire?“ ſagte der Dauphin mit einer Bewegung;„da Euer Wort gegeben iſt?..“ „Gut, Franz! gut!“ ſprach Heinrich;„ja, der Fehler iſt groß, doch das Wort iſt gegeben!.. Franz, was man auch ſagen mag, wie man auch in Dich dringen mag, welche Verführung man auch anwen⸗ den mag; ſollte Dich eine Frau im Alcoven anflehen; ſollte Dich ein Prieſter im Beichtſtuhle beſchwören, ſollte man mit Hülfe der Zauberei mein Geſpenſt hervorrufen, um Dich glauben zu machen, der Be⸗ fehl komme von mir, mein Sohn, bei der Ehre mei⸗ n,* der und iner des gen gen, Jer⸗ nete Sa⸗ Ge⸗ zen, am arf der ner der z, dich en⸗ en; en, nſt Be⸗ nei⸗ 227 nes Namens, welche die Vergoldung des Deinigen iſt, ändere nichts am Vertrage von Cateau⸗Cambreſis, ſo unglücklich er auch iſt! ändere nichts daran, be⸗ ſonders weil er unglücklich iſt, und behalte immer im Munde und im Herzen die Maxime von König Johann:„„Ein König von Frankreich hat nur ſein Wort!““ „Mein Vater, ich ſchwöre Euch bei der Ehre. Eures Namens, daß geſchehen wird, wie Ihr wünſcht.“ „Dringt Deine Mutter in Dich..?“ „So werde ich ihr ſagen, ich ſei eben ſowohl Euer Sohn, als der ihrige.“ „Befiehlt ſie?“ „So werde ich ihr antworten, ich ſei König, und an mir ſei es, Befehle zu geben, und nicht zu em⸗ pfangen.“ Und dieſe Worte ſprechend, richtete ſich der junge Prinz mit der den Valois eigenthümlichen Majeſtät hoch auf. „Gut, mein Sohn, gut!“ ſprach Heinrich;„das iſt es, was ich Dir zu ſagen hatte... Und nun, Gott befohlen! ich fühle, daß ich ſchwach werde; ich fühle, daß mein Auge ſich ſchließt, daß meine Stimme erliſcht... Mein Sohn, wiederhole auf meinem be⸗ wegungsloſen Körper denſelben Eid, den Du ſo eben geſchworen haſt, damit er zugleich beim Lebenden und beim Todten verpfändet ſei... Iſt ſodann der Eid geſchworen, bin ich ohnmächtig, folglich todt, ſo kannſt Du Deiner Mutter wieder öffnen... Gott befohlen, Franz! Gott befohlen, mein Sohn! Umarme Deinen Vater zum letzten Male... Sire, Ihr ſeid König von Frankreich!“ ſchloß Heinrich. 228 Und er ließ ſeinen bleichen Kopf auf das Kiſſen fallen, wo er unbeweglich liegen blieb. Franz folgte mit ſeinem wie ein junges Rohr geſchmeidigen, biegſamen Körper der Bewegung des Körpers ſeines Vaters; dann erhob er ſich, ſtreckte feierlich ſeine Hand über den Körper aus, den man von dieſem Augenblicke an als einen Leichnam be⸗ trachten konnte, und ſprach: „Mein Vater! ich erneuere Euch den Eid, getreu den beſchworenen Frieden zu halten, ſo unglücklich er auch für Frankreich iſt! dem Vertrage von Cateau⸗ Cambreſis nichts nehmen zu laſſen, ihm nichts beizu⸗ fügen, wie ſehr man in mich dringen mag, und wer auch die Perſon ſei, welche in mich dringt! Gott empfange meinen Eid, wie Ihr ihn empfangen habt!.. „„Ein König von Frankreich hat nur ſein Wort!““ Und er küßte zum letzten Male die bleichen, kal⸗ ten, kaum ein wenig durch den Hauch des Todes⸗ kampfes geöffneten Lippen ſeines Vaters, und ſchloß dann der Köngin Catharina auf, die er ſteif und unbeweglich vor der Thüre ſtehend fand, wo ſie mit Ungeduld auf das Ende dieſer Unterredung wartete, welcher beizuwohnen ihr nicht vergönnt geweſen war. Am darauf folgenden 9. Juli nahm beim Bette des Königs, bei dem das Leben beharrlich fort⸗ währte, obgleich es ſich nur durch einen leichten Hauch verrieth, deſſen Feuchtigkeit kaum einen Spie⸗ gel trübte, Emanuel Philibert feierlich zur Gemahlin Margarethe von Frankreich, Herzogin von Berry; der Cardinal von Lothringen hielt das Amt, und der ganze Hof wohnte dieſer Ceremonie an, welche beim Scheine der Kerzen und Fackeln ein 229 wenig nach Mitternacht in der Saint⸗Paul⸗Kirche endigte. Am andern Tage, am 10. Juli, gegen vier Uhr Nachmittags,— zur ſelben Stunde, wo er zehn Tage vorher ſo unglücklich vom Grafen von Montgomery getroffen worden war,— verſchied der König ohne Anſtrengung, ohne Convulſionen, wie es André Veſale vorhergeſagt hatte. Er war vierzig Jahre, drei Monate und zehn Tage alt und hatte zwölf Jahre und drei Monate regiert. Er hatte vor ſeinem Vater das Verdienſt, daß er todt Philipp II. ein Wort hielt, das ſein Vater Karl V. nicht lebend gehalten hatte.. Frau von Valentinois, welche bis zum letzten Seufzer des Königs im Palaſte des Tournelles ge⸗ blieben war, verließ an demſelben Tage dieſen Palaſt, um ſich nach ihrem Schloſſe Anet zurückzuziehen. An demſelben Abend kehrte der ganze Hof nach dem Louvre zurück. Die zwei Aerzte und vier Prie⸗ ſter blieben allein bei dem königlichen Leichnam, die zwei Aerzte, um ihn einzubalſamiren, die vier Prie⸗ ſter, um für ihn zu beten. Bei der Thüre des Schloſſes trafen Catharina von Medici und Maria Stuart zuſammen. Nach der ſeit achtzehn Jahren angenommenen Gewohnheit des Vortritts wollte Catharina zuerſt hinausgehen; doch plötzlich blieb ſie ſtehen, überließ den Vortritt Maria Stuart und ſagte mit einem Seufzer: „Geht voran, Madame, Ihr ſeid die Königin!“ 230 XVII. Wo der Vertrag zum Vollzuge kommt. Heinrich II. war als wahrer König von Frank⸗ reich geſtorben: er hatte ſich auf ſeinem Bette, wo er mit dem Tode rang, erhoben, um die geleiſteten Verſprechen zu ratificiren. Am 3. Juli 1559 wurden die Patente ausge⸗ fertigt, welche Emanuel Philibert ſeine Staaten zu⸗ rückgaben. Der Prinz ſchickte auf der Stelle, um zu dieſer Beſitzergreifung zu ſchreiten, drei von den Herren ab, welche ihm in ſeinem Unglück am ergebenſten geweſen waren. Das waren ſein General⸗Statt⸗ halter in Piemont, Amédée von Valpergue, ſein General⸗Statthalter in Savoyen, der Marſchall von Chatam, und ſein General⸗Statthalter der Grafſchaft Breſſe, Philibert de la Beaume, Herr von Mont⸗ falconnet. Die Treue, mit der Heinrich II. ſeine Verſprechen hielt, brachte den ganzen hohen Adel Frankreichs außer ſich; der Chronikſchreiber Brantome macht ſich zum Organe deſſelben und ſagt: „Es wurde die Sache in Berathung gezogen und ſtark in der Verſammlung darüber debattirt; die Einen behaupteten, Franz II. ſei nicht verpflichtet, die von ſeinem Vater beſchworenen Verbindlichkeiten zu erfüllen, beſonders einer untergeordneten Macht ge⸗ genüber; die Andern ſtimmten dafür, daß man die Volljährigkeit des jungen Königs abwarte: ſie ſagten, die Herzogin von Savoyen habe ſchon zu viel Vor⸗ 231 theile ihrem Gemahle gebracht, und die Verheirathung von zehn Töchtern von Frankreich hätte der Krone weniger gekoſtet. „Denn,“ fügt der Sire von Brantome bei,„von Groß zu Groß gibt es nur die Hand, doch nicht von Groß zu Klein. Es iſt die Sache des Großen, den Theil zu machen; es geziemt ſich für den Kleinen, ſich mit dem zu begnügen, welchen ihm der Stärkere zuſcheiden will, und dieſer iſt nur gehalten, ſich nach ſeinem Rechte und nach dem, was ihm anſteht, zu richten.“ Die Moral war, wie man ſieht, weit und leicht; und bringt man ſie in unſeren Tagen noch zur Ausübung, ſo verſchleiert man doch wenigſtens die Theorie davon. Die Franzoſen, welche Piemont ſeit dreiundzwanzig Jahren beſetzt hielten, verließen es auch im höchſten Grade ungern, und es fehlte nicht viel, daß ſie ſich gegen die Befehle des Hofes empörten. Es mußten nach und nach dem Marſchall von Bourdillon drei Befehle, daß er die Verſicherungs⸗ plätze räume, zugeſchickt werden, und ehe er ſie den piemonteſiſchen Officieren übergab, verlangte er, daß der Befehl beim Parlament einregiſtrirt werde. Emanuel Philibert, welches Verlangen er auch hegte, nach ſeinen Staaten zurückzukehren, wurde noch in Frankreich durch gewiſſe unerläßliche Pflichten zurückgehalten. Vor Allem mußte er nach Brüſſel gehen, von Philipp II. Abſchied nehmen, und dieſem das Gou⸗ vernement der Niederlande übergeben, mit dem er von ihm betraut worden war. 232 Philipp ernannte zum Statthalter in den Nieder⸗ landen, an der Stelle von Emanuel Philibert, ſeine natürliche Schweſter Margarethe von Oeſterreich, Herzogin von Parma; alsdann gedachte er, der ſelbſt ſehr lange von Spanien abweſend, dahin mit ſeiner jungen Gemahlin zurückkehren. Emanuel Philibert wollte Philipp II. nicht eher ver⸗ laſſen, als bis ihm, nach ſeinem Ausdrucke, die Erde fehlte, um dem König von Spanien zu folgen; er begleitete ihn daher bis Middelburg, wo ſich der Kö⸗ nig am 25. Auguſt einſchiffte. Emanuel Philibert kehrte ſodann nach Paris zurück, um der Salbung des jungen Königs beizu⸗ wohnen. Der junge König reiſte mit ſeinem ganzem Hofe nach dem Schloſſe Villers⸗Coterets ab, unter dem Vorwande, die Einſamkeit zu ſuchen, in Wirklichkeit aber, um ſich hier nach ſeinem Belieben zu beluſtigen. .. Die Väter, welche einen Thron als Erbe hin⸗ terlaſſen⸗ hinterlaſſen ſelten eine lange Betrübniß. „Der König,“ ſagt Herr von Montpleinchamp, einer der Geſchichtſchreiber von Emanuel Philibert, „ging um ſich zu beluſtigen nach dem Schloſſe Villers⸗Coterets und nahm den Herzog von Sa⸗ voyen, ſeinen Oheim, mit ſich, der hier am Fieber erkrankte.“ Von Franz I. angefangen, war das Schloß Villers⸗Coterets kurz zuvor von Heinrich II. vollendet worden, und man kann heute noch an der Facade, welche gegen die Kirche geht, den Namenszug von König Heinrich II. und von Catharina von Medici, ein IH und ein K,— Catharina ſchrieb ſich damals 233 mit einem K,— umgeben von den drei Halbmonden von Diana von Poitiers ſehen;— ſeltſame Verbindung, minder ſeltſam indeſſen zu jener Zeit, als in der unſern, die Verbindung der Maitreſſe mit dem ehe⸗ lichen Leben! Die gute Prinzeſſin Margarethe, die ihren ſchönen Herzog von Savoyen anbetete, geſellte ſich ihm als Krankenwärterin bei und wollte nicht, daß er etwas von einer andern Hand als der ihrigen nehme. Zum Glücke war das Fieber, das den Herzog befallen hatte, nur ein Müdigkeitsfieber gemiſcht mit düſterem Leide; Emanuel Philibert hatte ein königliches Her⸗ zogthum wiedergewonnen, doch er hatte das Herz ſeines Herzens verloren; Leona war nach Savoyen zurückgekehrt und erwartete im Dorfe Oleggio den 17. November, der ſie jedes Jahr wiedervereinigen ſollte. Endlich beſiegte die mächtige Fee, die man die Jugend nennt, Ermattung und Schmerz, das Fieber entflog auf einem letzten Strahle der Sommerſonne, und am 21. September konnte der Herzog Emanuel nach Rheims den jungen König Franz und die Kö⸗ nigin Maria Stuart begleiten,— welche mit einan⸗ der vierunddreißig Jahre zählten,— und der Cere⸗ monie ihrer Krönung beiwohnen. In dem Momente, wo Gott die Augen auf den⸗ jenigen ſenkte, welchen das heilige Oel zu ſeinem Auserwählten machte, mußte er ſicherlich Mitleid mit dieſem König haben, der nur ein Jahr leben, ſodann eines geheimnißvollen Todes ſterben ſollte, und mit dieſer Königin, welche zwanzig Jahre Gefangene bleiben und ſodann eines blutigen Todes ſterben ſollte! 234 In einem andern Buche, deſſen erſte Kapitel ſchon geſchrieben ſind“), werden wir es verſuchen, dieſe Regierung von vier Monaten und fünfundzwanzig Tagen zu ſchildern, während deren Dauer ſich ſo viele Ereigniſſe zugetragen haben. Als der König geſalbt und nach Paris zurück⸗ geführt war, ſah ſich Emanuel Philibert dieſen ge⸗ krönten Häuptern gegenüber quitt, und er nahm Ab⸗ ſchied von ſeinem Neffen Franz, wie er von ſeinem Vetter von Spanien Abſchied genommen hatte, um in ſeine Staaten zurückzukehren, aus denen er ſeit ſo vielen Jahren entfernt war. Die Herzogin Margarethe begleitete ihren Ge⸗ mahl bis Lyon; hier trennte ſie ſich aber von ihm. Es mußte etwas Beklagenswerthes um die Lage die⸗ ſes armen Herzogthums Savoyen nach einer drei⸗ undzwanzigjährigen fremden Occupation ſein, und der Herzog Emanuel hatte die ſehr natürliche Eitelkeit, daß er wieder ein wenig Ordnung in ſeine Staaten bringen wollte, ehe er ſie ſeine neue Gemahlin ſehen ließe; ſodann, wir müſſen es ſagen, rückte der Monat November heran, und ſeitdem Leona Emanuel in Ecouen verlaſſen hatte, war das Auge von Emanuel auf dieſen leuchtenden Punkt des 17. November ge⸗ heftet geblieben, wie in einer finſtern Nacht voller Traurigkeit das Auge des Steuermanns auf den einzigen Stern, der an ſeinem Himmel glänzt, gehef⸗ tet bleibt. *) Das Horoſkop, ein Roman, der auch im Belle⸗ triſtiſchen Auslande erſcheinen wird. 235 Scianca Ferro führte die Herzogin nach Paris zurück, und der Herzog, nachdem er einen Abſtecher in die Grafſchaft Breſſe gemacht hatte, reiſte wieder nach Lyon und ſchiffte ſich auf der Rhone ein, wo er in einem Sturme beinahe umgekommen wäre; ſo⸗ dann, nachdem er in Avignon gelandet war, begab er ſich nach Marſeille, wo ihn eine Schaar ſavoyſcher Herren unter Anführung von Andrea von Provana erwartete. Dieſe brave Schaar, beſtehend aus Edelleuten, welche dem Herzog treu geblieben waren, hatte in ihrer Ungeduld nicht auf ſeinem Gebiete die Ankunft des jungen Souverain abzuwarten vermocht: ſie eilte ihm entgegen, ſo drängte es dieſelbe, ihm ihre Hul⸗ digung darzubringen. Unter den Feſten, welche Marſeille dem Herzog von Savoyen gab, ſuchte Emanuel Philibert ein königliches Andenken auf: Franz II. ſchickte ſeinem Oheim die Halskette vom Orden des heiligen Michael. Das war übrigens kein ſehr ſeltenes Geſchenk: der König von Frankreich hatte es ein wenig auf's Ge⸗ rathewohl achtzehn Perſonen gegeben, unter denen wenigſtens zwölf von beſtreitbarem Verdienſte waren. „Man nannte auch dieſe Halskette,“ ſagt der Ge⸗ ſchichtſchreiber, von dem wir dieſe Einzelheiten ent⸗ lehnen,„die Halskette für alle Thiere.“ Doch mit ſeiner gewöhnlichen Höflichkeit nahm es Emanuel, küßte es und ſagte: „Alles, was mir von meinem Neffen zukommt, iſt mir theuer; Alles, was mir vom König von Frankreich zukommt, iſt mir koſtbar.“ Und der Herzog hing die Kette ſogleich an ſeinen 4 236 Hals neben die vom goldenen Vließe, um damit anzudeuten, er mache keinen Unterſchied zwiſchen den Geſchenken, die ihm vom König von Frankreich zu⸗ kommen, und denen, welche er vom König von Spa⸗ nien empfange. In Marſellle ſchiffte ſich der Herzog nach Nizza ein,— nach Nizza, der einzigen Stadt, die ihm ge⸗ blieben war, als er alle andere verloren, oder als alle andere ihn verlaſſen hatten... Nizza bedeutet allerdings Sieg; die Schriftſteller jener Zeit, Schön⸗ geiſter, wie es nur immer geben konnte, verfehlten auch nicht, zu bemerken, unter allen ſeinen Mißge⸗ ſchicen ſei der Sieg Emanuel Philibert treu ge⸗ blieben. Es mußte eine große Freude und ein großer Stolz für Emanuel ſein, als Mann, Fürſt und triumphi⸗ rend in dieſes Schloß zurückzukehren, in das er einſt ſchwach, ein Kind und flüchtig gekommen war. Wir werden es aber nicht verſuchen, zu ſagen, was in ihm vorging: das hieße die Geſchichte der Empfin⸗ dungen machen wollen, und wir kennen keinen Ge⸗ ſchichtſchreiber, der ſtark genug, um ſie zu erzählen. Hier erſt und durch die Berichte der treuen Diener, die er in Piemont, in Breſſe und in Savoyen be⸗ halten hatte, bekam er einen genauen Ueberblick über die Lage dieſer drei Provinzen: das Land war zu Grunde gerichtet. Die im franzöſiſchen Gebiete eingeſchloſſenen transalpiniſchen Provinzen waren völlig geöffnet und entzweigeſchnitten durch die Apanage des mit Frank⸗ reich verbundenen Herzogs von Nemours. Das war ein Ueberreſt der Politik von Franz I. 8 Emaꝛ rief„ Apan ſich; zogen lotte zogtht Germ geſehe ergeb A ſer C ſeinen nomn den 4 . ſtützt mit il U an Ve welche nur d wo ſie Savo⸗ hatter die fit Meub was Erbes an we diejen 237 Franz I., um von Karl III., dem Vater von Emanuel, ſelbſt ſeine nächſten Verwandten zu trennen, rief Philipp, den jüngeren Bruder des Erſten, deſſen „Apanage faſt eine Hälfte von Savoyen umfaßte, zu ſich; ſobald er ihn an den franzöſiſchen Hof ge⸗ zogen hatte, verheirathete er ihn ſodann mit Char⸗ lotte von Orleans und bekleidete ihn mit dem Her⸗ zogthum Nemours. Man erinnert ſich, in Saint⸗ Germain Jacob von Nemours, den Sohn von Philipp, geſehen, und zwar ganz den franzöſiſchen Intereſſen ergeben geſehen zu haben. Andererſeits machten die Berner und die Walli⸗ ſer Emanuel Philibert Alles das ſtreitig, was ſie ſeinem Vater an den Ufern des Genfer Sees ge⸗ nommen hatten, und da ihre Anſprüche durch Genf, den Herd der Ketzerei und der Unabhängigkeit, unter⸗ ſtützt wurden, ſo war es wahrſcheinlich, man werde mit ihnen unterhandeln müſſen. Ueberdies fehlte es Piemont, Breſſe und Savoyen an Vertheidigungsplätzen, da die Franzoſen diejenigen, welche ihnen unbequem waren, niedergeriſſen und nur die Citadellen der fünf Städte behalten hatten, wo ſie Garniſon haben ſollten, bis die Herzogin von Savoyen einen Sohn geboren hätte. Die Franzoſen hatten überdies die Steuern feſtgeſetzt und erhoben; die finanziellen Reſſourcen waren alſo nichtig, die Meubles der fürſtlichen Häuſer verſchleudert, und was die Juwelen ſeiner Krone oder ſeines väterlichen Erbes betrifft, ſo hatte der Prinz längſt diejenigen, an welchem ihm nichts lag, zu Gelde gemacht, und diejenigen, an welchen ihm lag, und die er eines —OQO·V̈ʒ,4:A˖·— 238 Tags zurücknehmen wollte, in die Hände der Wucherer gegeben. Um dieſer Nothdurft entgegenzutreten, kam der Herzog in ſeine Staaten mit nur fünf- bis ſechsmal hunderttauſend Goldthalern zurück, welche vom Mit⸗ gifte der Prinzeſſin Margarethe und vom Löſegelde von Montmorency und Dandelot herrührten. Sodann hatten die Abweſenheit und das Unglück, dieſe zwei großen Auflöſungsmittel aller Pflichten, jeder Liebe, jeder Ergebenheit, ihre gewöhnliche Wir⸗ kung hervorgebracht: der Adel, der Emanuel ſeit ſei⸗ ner Kindheit nicht geſehen, hatte ſeinen Fürſten ver⸗ geſſen und ſich daran gewöhnt, in einer Art von freien Conföderation zu leben. Die Dinge geſchahen auf dieſe Art im fünfzehnten und im ſechzehnten Jahrhundert, ſelbſt bei den geachteten Souverains, denen man gehorchte, um ſo viel mehr bei denjenigen, welche, unmächtig, ſich ſelbſt zu beſchützen, die An⸗ deren nicht beſchützen und aufrecht halten konnten. So hatte, zum Beiſpiel, Philipp von Comines den Herzog von Burgund verlaſſen, um ſich Lud⸗ wig XI. zu ergeben; ſo hatten ſich Tanneguy du Chatel und der Vicomte von Rohan, Unterthanen des Herzogs von Bretagne, Frankreich ergeben, und dagegen hatte ſich Durfé, ein Unterthan des Königs von Frankreich, dem Herzog von Bretagne ergeben. Mehr noch: Viele von dieſen Edelleuten waren, indeß ſie Savoyarden blieben, Penſionäre von König Franz oder von König Philipp und trugen die Schärpe von Frankreich und von Spanien; kurz, wie ein Aus⸗ ſatz des Herzens, hatte der Undank die Großen an⸗ 1 — geſte ware die hatt, erho wen ßen ſten welch zu ge von in 2 einer er er derer der mal Mit⸗ elde lück, bten, Wir⸗ ſei⸗ ver⸗ von ahen nten nins, gen, An⸗ n. ines Lud⸗ du men und nigs ben. ren, önig ärpe lus⸗ an⸗ 239 geſteckt, die Gleichgültigkeit und die Vergeſſenheit waren zu den Kleinen hinabgeſtiegen. Die Städte des Piemont hatten ſich allmälig an die Gegenwart der Franzoſen gewöhnt. Die Sieger hatten ſich übrigens hier ſehr gemäßigt gezeigt, ſie erhoben an Abgaben nur das, was durchaus noth⸗ wendig war, ſchrieben keine Ortspolizei vor und lie⸗ ßen Jeden leben, wie es ihm gutdünkte; da die mei⸗ ſtten Stellen käuflich waren, ſo ſteuerten die Beamten, weelche Eile hatten, wieder zum Preiſe ihrer Stellen zu gelangen, nicht oder nur ſehr ſchwach einem Raube, von dem ſie ſelbſt das Beiſpiel gaben. Wir leſen auch in dieſer Hinſicht in Brantome: „Zur Zeit von Ludwig XI. und Franz I. gab es Qin JItalien weder einen Statthalter des Königs, noch einen Gouverneur einer Provinz, der nicht, nachdem er ein paar Jahre in ſeinem Amte geblieben, wegen ſeiner Erpreſſungen und Ausſaugereien geköpft zu werden verdient hätte. Der Staat Mailand war uns friedlich und geſichert ohne die Plackereien und großen Ungerechtigkeiten, die man dort beging, und ſo verloren wir Alles.“ Eine Folge davon war, daß Alles das, was der Regierung ſeiner Fürſten anhänglich geblieben, zur Dunkelheit und zum Drucke verurtheilt war, denn Emanuel Philibert, dem General der öſterreichiſchen, flämiſchen und ſpaniſchen Heere, anhänglich bleiben hieß natürlich als unterdrückend und feindlich die franzöſiſche Occupation betrachten. Die paar Tage, welche Emanuel Philibert in Nizza zubrachte, waren Feſttage; Kinder, die einen Vater nach langer Abweſenheit wiederſehen, ein Vater, 240 der Kinder, welche er verloren glaubte, wiederſieht, drücken ihre Freude und ihre Liebe nicht auf eine zärtlichere Art aus! Emanuel Philibert gab auch in die Kaſſe der Feſtung dreimal hunderttauſend Gold⸗ thaler mit der Beſtimmung, die Wälle der Stadt wiederaufzubauen und auf dem Felſenkamme, der den Hafen von Villefranche von dem von Limpia trennt, das Schloß Montalban zu gründen, welches wegen ſeiner Kleinheit der venetianiſche Geſandte Lipomano das Modell in Relief einer Citadelle nannte. ... Dann reiſte er nach Coni der Stadt ab, welche ihm, nebſt Nizza, am Treuſten geweſen war und in Ermangelung von Kanonen ſolche auf ſeine Koſten gegoſſen hatte, um ſich für ſeinen Fürſten zu behaup⸗ ten. Emanuel belohnte ſie dadurch, daß er ihr in ihren gevierten Wappenſchild das weiße Kreuz von Savoyen gab. Eine andere ſehr ernſte Sorge beſchäftigte ihn noch: wie Frankreich ſeine Hugenotten hatte, welche den Thron von Franz II. und Karl IX. gewaltig erſchüttern ſollten, ſo hatte Emanuel die Reformirten der piemonteſiſchen Alpen. Genf hatte 1535 das Lutherthum angenom⸗ men und war kurze Zeit nachher der Hauptort der Lehren Calvins geworden; doch ſchon ſeit dem zehn⸗ ten Jahrhundert exiſtirte das Israel der Alpen. In der That, um die Mitte des zehnten Jahr⸗ hunderts Chriſti, das nach den Traditionen das letzte der Welt ſein ſollte, als die Hälfte dieſer Welt einen ungeheuren Angſtſchrei beim Herannahen der allge⸗ meinen Todesnoth ausſtieß, hatten ſich einige chriſt⸗ liche Familien, welche von den Paulicianern, einer von ſtam brei wore und Sait pflar rein, die wie ſchne der ropã krän der ren Rein ruhe rend Irrt alleit betite forn 1 Sitte Chrif den wahr 4) Du 241 von der der Manichäer losgetrennten Secte, her⸗ ſtammten und vom Orient kamen, in Italien ver⸗ breitet, wo ſie ihre Spur unter dem Namen Paterini, woraus wir Pataxins*) gemacht haben, zurückließen, und waren in die Thäler von Pragelas, Luzern und Saint⸗Martin eingedrungen. Hier, in der Tiefe dieſer abgelegenen Schlünde, pflanzten ſie ſich wie wilde Blumen ein und lebten rein, einfach, unbekannt in den Spalten ihrer Felſen, die ſie für unzugänglich hielten; ihre Seele war frei wie der Vogel, der den Azur des Himmels durch⸗ ſchneidet, ihr Gewiſſen war weiß wie der Schnee, der den Monte Roſa und den Monte Viſo, dieſe eu⸗ ropäiſchen Brüder des Thabor und des Sinai, be⸗ kränzt. Die Paterini erkannten als Stifter keinen der modernen Häreſiarchen: ſie behaupteten, die Leh⸗ ren der Urkirche haben ſich bei ihnen in ihrer ganzen Reinheit erhalten; die Arche des Herrn, ſagten ſie, ruhe auf den Bergen, die ſie bewohnen, und wäh⸗ rend die römiſche Kirche durch eine Sündfluth von Irrthümern überſchwemmt worden ſei, ſei bei ihnen allein das göttliche Licht entzündet geblieben. Sie betitelten ſich auch nicht Reformirte, ſondern Re⸗ formatoren. Und in der That, dieſe Kirche mit den ſtrengen Sitten, mit dem Rocke ohne Naht wie der von Jeſus Chriſtus, dieſe Kirche hatte fromm und gewiſſenhaft den Geiſt und die Gebräuche der erſten Chriſten be⸗ wahrt. Das Evangelium war ihr Geſetz; der Cul⸗ *) Albigenſer. Dumas, der Page. III. 16 242 tus, der dieſem Geſetze entfloß,— die am wenigſten complicirte von allen menſchlichen Cultusarten,— dieſer Cultus war das Band einer brüderlichen Ge⸗ meinde, deren Mitglieder ſich nur verſammelten, um zu beten und zu lieben. Ihr Verbrechen,— denn um ſie zu verfolgen, mußte man wohl ein Verbrechen für ſie finden!— ihr Verbrechen war geweſen, daß ſie behauptet hatten, Conſtantin habe, die Päpſte mit großen Reichthümern begabend, die chriſtliche Ge⸗ ſellſchaft verdorben; ſie ſtützten ſich auf zwei aus dem Munde Chriſti kommende Worte; erſtens:„Des Men⸗ ſchen Sohn hat nicht, daß er ſein Haupt hinlege!“ zweitens:„Es iſt leichter, daß ein Kameel durch ein Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher in's Reich Got⸗ tes komme.“ Dieſes Verbrechen hatte ihnen die Strengen eines erſt neu gegründeten Inſtituts, das man die Inquiſition nannte, zugezogen. Die Ermordungen und die Scheiterhaufen hatten vier Jahrhunderte gedauert;— denn von ihnen ſtamm⸗ ten die Albigenſer in Languedoc, die Huſſiten in Böhmen, die Waldenſer in Apulien her; nichts ver⸗ mochte aber bei ihnen den Glauben und den Geiſt der Bekehrung zu ſchwächen: ihre Miſſionäre reiſten beſtändig, nicht nur um die entſtehenden Kirchen zu beſuchen, ſondern auch um neue zu gründen. Ihre Hauptapoſtel waren: Valdo von Lyon, der ihnen den Namen Vaudois*) gegeben hatte; ſodann der bekannte Berenger; ferner ein Ludovico Pasquale, Prediger in Calabrien; ein Giovanni von Luzern, Prediger in *) Vaudois, Waldenſer. ſten Ge⸗ um denn chen daß pſte Ge⸗ dem den⸗ ge 44 ein Got⸗ die das tten m⸗ in ver— heiſt ſten 1 zu Ihre den nnte iger r in 5 24⁴3 Genua; endlich mehrere Brüder des Namens Mo⸗ lines, abgeſandt, um in Böhmen, Ungarn und Dal⸗ matien zu katechiſiren. Die Fürſten von Savoyen ſahen Anfangs in den Waldenſern nur eine iſolirte, harmloſe, wenig zahl⸗ reiche Colonie mit ſanften Sitten und reiner Lehre. Als aber dieſe großen Ideenumwälzer, dieſe großen Weltenumſtürzer kamen, die man Luther und Calvin nannte, und die Waldenſer ſich mit ihnen vereinigt hatten, da hörten die Waldenſer,— ein Zweig des ungeheuren Baumes der Reformation,— auf, eine Secte in der Kirche zu ſein, und wurden eine Partei im Staate. Während der Mißgeſchicke von Karl III. hatten ſie ſich, wie geſagt, in den Thälern von Pragelas, Luzern und Saint⸗Martin ausgebreitet und eine große Zahl Anhänger in der Ebene und ſogar in den Städten von Piemont, in Chieri, in Avignon und in Turin gewonnen; Franz IJ., ein Verbündeter der Türken von Conſtantinopel und der deutſchen Prote⸗ ſtanten, hatte auch im Jahre 1554 dem Senat von Turin befohlen, mit aller Strenge der Geſetze gegen ſie zu verfahren, und ſeinen Militärcommandanten, die Inquiſition zu unterſtützen, um die Waldenſer zu zwingen, die Meſſe zu hören oder das Land zu verlaſſen. Dieſe Verfolgung war unter Heinrich II. fortgeſetzt worden. Es herrſchte alſo die größte Gährung in den waldenſiſchen Thälern, als Emanuel Philibert am 16. November in Verceil, einem der Schlöſſer an⸗ kam, wo, wie man ſich erinnert, ſeine Kindheit ver⸗ laufen war. 244 XVIII. Der 17. November. Am Morgen des 17. Novembers ſtieg ein in ſeinen großen Mantel gehüllter Reiter vor der Thüre eines kleinen Hauſes in Oleggio vom Pferde und empfing in ſeinen Armen eine vor Freude und Glück halb ohnmächtige Frau. Der Reiter war Emanuel Philibert, die Frau war Leona. Obgleich kaum fünf Monate verlaufen waren, ſeitdem Emanuel Leona in Ecouen verlaſſen hatte, war doch eine ungeheure Veränderung bei der jun⸗ gen Frau vorgegangen. Dieſe Veränderung war die, die ſich bei einer Blume zutragen würde, welche ſich, an die Luft und an die Sonne gewöhnt, plötzlich in den Schatten verſetzt fände; die ſich bei einem Vogel, dem freien Muſiker der Lüfte, zutrüge, den man plötzlich in einen Käfich einſperren würde: die Blume würde ihre Farben verlieren, der Vogel ſeinen Ge⸗ ſang. Die Wangen von Leona waren erbleicht; ihr Auge war traurig geworden, ihre Stimme ernſt. Nachdem man den erſten Moment dem Glücke, ſich wiederzuſehen, geſchenkt hatte, nachdem die erſten Worte mit der tollen Verſchwendung der Freude aus⸗ getauſcht waren, ſchaute Emanuel ſeine Geliebte mit einer Miene der Beſorgniß an: die Hand des Schmer⸗ zes hatte ſich auf dieſes Geſicht gelegt und ihren unſeligen Eindruck darauf zurückgelaſſen. nen nes ing alb rau een, tte, un⸗ die, ich, in zel, nan me 245 Sie lächelte bei dem fragenden Blicke des Prinzen. „Ich ſehe, was Du ſuchſt, mein geliebter Ema⸗ nuel,“ ſprach Leona:„Du ſuchſt den Pagen des Herzogs von Savoyen, Deinen muntern Gefährten von Nizza und Hesdin; Du ſuchſt den armen Leone!“ Emanuel gab einen Seußzer von ſich. „Dieſer,“ fuhr ſie mit einem tief melancholiſchen Lächeln fort,„er iſt todt, und Du wirſt ihn nicht wiederſehen... Doch es bleibt ſeine Schweſter Leona, der er die Liebe und die Ergebenheit, welche er für Dich hegte, vermacht hat!“ „Oh! was liegt mir hieran!“ rief Emanuel; „Leona iſt es, die ich liebe, Leona iſt es, die ich immer lieben werde!“ „Dann liebe ſie geſchwinde und ſehr zärtlich,“ ſagte die junge Frau mit demſelben ſchwermüthigen Lächeln. „ und warum dies?“ fragte Emanuel. *„Mein Vater iſt jung geſtorben,“ erwiederte Leona;„meine Mutter iſt jung geſtorben; und ich, ich werde in einem Jahre das Alter meiner Mutter erreicht haben!“ Emanuel drückte ſie ſchauernd an ſein Herz und rief dann mit bebender Stimme: „Aber was ſagſt Du denn da, Leona?“ „Nichts ſehr Erſchreckliches, mein Freund, nun da ich ſicher bin, daß Gott den Todten erlaubt, über die Lebenden zu wachen.“ „Ich begreife Dich nicht, Leona,“ ſprach Emanuel, der ſich im Ernſte über die im Blicke der jungen Frau ausgedrückte tiefe Träumerei zu beunruhigen anfing. 246 „Wie viel Stunden haſt Du mir zu ſchenken, mein Geliebter?“ fragte Leona.. „Ohl den ganzen Tag, die ganze Nacht! Sind wir nicht mit einander übereingekommen, daß Du einmal des Jahres vierundzwanzig Stunden mir ge⸗ hören ſollſt?“ „Ja... Nun wohl, morgen, was ich Dir zu ſagen habe! Bis dahin, mein Geliebter, laß uns in der Vergangenheit wiederaufleben!“ Dann fügte ſie mit einem Seufzer bei: „Ach! die Vergangenheit, das iſt meine Zu⸗ kunft!“ Und ſie winkte Emanuel ihr zu folgen. Da ſie ſich erſt kurz zuvor im Dorfe Oleggio niedergelaſſen hatte, in dieſem Hauſe, das ſie gekauft und eher als Tabernakel errichtet, denn als Haus meublirt hatte, ſo war ſie noch allen Leuten unbe⸗ kannt; Emanuel Philibert, der ſeit ſeiner derhesg nicht mehr nach Piemont zurückgekommen, war no viel mehr unbekannt als ſie. Die Bauern ſahen alſo dieſen ſchönen jungen Mann von kaum dreißig Jahren und dieſe junge Frau, welche höchſtens fünfundzwanzig zu zählen ſchien, vorübergehen, ohne zu vermuthen, ſie ſehen mit einander den Fürſten, der in ſeinen Händen das Glück Piemonts hielt, und diejenige, welche in ihren Händen das Herz des Fürſten hielt, vorübergehen. Wohin gingen ſie? Es war Leona, welche Emanuel führte. Von Zeit zu Zeit hielt ſie an, näherte ſich einer Gruppe und ſagte: „Höre...“ 247 Alsdann fragte ſie die Bauern: „Wovon ſprecht Ihr, meine Freunde?“ „Wovon ſollen wir ſprechen, meine ſchöne Dame, wenn nicht von der Rückkehr unſeres Fürſten in ſeine Staaten?“ erwiederte ſie. Da miſchte ſich Emanuel in das Geſpräch und fragte: „Was denkt Ihr von ihm?“ „Was ſollen wir von ihm denken?“ antworteten die Bauern:„wir kennen ihn nicht. „Ihr kennt ihn dem Rufe nach?“ ſagte Leona. „Ja, als einen braven Kapitän); doch was gehen uns die braven Kapitäne an. Die braven Kapitäne ſind es, die ſich, um ihren Ruf zu behaup⸗ ten, den Krieg machen, und der Krieg, das iſt die Unfruchtbarkeit unſerer Felder, die Entvölkerung un⸗ ſerer Dörfer, die Trauer unſerer Töchter und unſe⸗ 7 Frauen!“ Leona ſchaute Emanuel mit einem flehenden Auge an. „Du hörſt?“ flüſterte ſie ihm zu. „Ihr wünſcht alſo von Eurem Fürſten, meine wackern Leute..?“ fragte Emanuel. „Daß er uns von den Ausländern befreie; daß er uns den Frieden und die Gerechtigkeit wieder⸗ bringe.“ „Im Namen des Herzogs verſpreche ich Euch Alles dies,“ ſagte nun Leona;„denn der Herzog *) Hier iſt das Wort Kapitän gleichbedentend mit Feldherr. 248 Emanuel Philibert iſt nicht nur, wie Ihr ihn nann⸗ tet, ein braver Kapitän, ſondern auch ein gutes Herz.“ „Dann lebe unſer junger Herzog Emanuel Phi⸗ libert!“ riefen die Bauern. Und der Prinz drückte Leona an ſeine Bruſt; denn wie eine andere Egeria machte ſie dieſen andern Numa mit den wahren Wünſchen des Volkes bekannt. „Ohl meine geliebte Leona,“ ſagte er zu ihr, „warum kann ich nicht ſo und mit Dir die Runde durch meine Staaten machen?“ Leona lächelte traurig. „Ich werde immer mit Dir ſein,“ ſprach ſie. Sie flüſterte alsdann ſo leiſe, daß nur ſie allein und Gott es hören konnten: „Und viel mehr noch ſpäter, als jetzt!“ Sie verließen das Dorf. „Mein Geliebter,“ ſprach Leona,„ich hätte Dich gern, wohin wir gehen, auf einem ganz von Blumen prangenden Wege geführt; doch Du ſiehſt, der Him mel und die Erde erinnern beide an den Jahrestag, den wir heute haben; die Erde iſt traurig und ent⸗ blößt, ſie ſtellt den Tod vor;— die Sonne iſt glän⸗ zend und mild, ſie ſtellt das Leben vor;— der Tod, der nur vorübergehend iſt wie der Winter; das Leben, das ewig iſt wie die Sonne!.. Erkennſt Du den Platz, wo Du mit einander den Tod und das Leben gefunden haſt?“ Emanuel Philibert ſchaute umher und gab einen Ausruf von ſich: er erkannte den Ort, wo er, fünf⸗ undzwanzig Jahre früher, an einem Bache eine todte Frau und ein beinahe todtes Kind gefunden hatte. „Ahl es iſt hier, nicht wahr?“ rief er. von ein 249 „Ja,“ erwiederte lächelnd Leona,„es iſt hier.“ Emanuel nahm ſeinen Dolch, ſchnitt einen Zweig von einer Weide ab und pflanzte ihn gerade an die Stelle, wo die Mutter von Leona gelegen hatte. „Hier wird ſich eine Kapelle der Jungfrau von der Barmherzigkeit geweiht erheben,“ ſagte er. „Und der Mutter der Schmerzen!“ fügte Leona bei. Dann fing ſie an am Rande des Baches einige ſpäte Herbſtblumen zu pflücken, während Emanuel Philibert, ernſt und träumeriſch, an die Weide an⸗ gelehnt, von der er einen Zweig abgeſchnitten hatte, ſein ganzes Leben an ſich vorübergehen ſah. „Oh!“ ſagte er plötzlich, indem er Leona an ſich zog und an ſeine Bruſt drückte,„Du biſt der ſicht⸗ bare Engel geweſen, der mich auf den rauhen We⸗ gen, die ich verfolgt, fünfundzwanzig Jahre hin⸗ durch, von dieſem Punkte an, von welchem ich aus⸗ gegangen, bis zu dem Punkte, zu dem ich zurückkomme, efuhr hat.“ „Und ich,“ erwiederte Leona,„ich ſchwöre Dir hier, mein geliebter Herzog, daß ich in der Welt der Geiſter die Sendung, die ich von Gott in der Welt der Menſchen empfangen habe, fortſetzen werde.“ Emanuel ſchaute die junge Frau mit der Beſorg⸗ niß an, die er ſchon bei ihrem Wiederſehen ausge⸗ drückt hatte. Die Hand ausgeſtreckt, das Geſicht bleich beleuch⸗ tet durch dieſe ſterbende Herbſtſonne, erſchien Leona ſchon mehr als ein Schatten, denn als lebendes Geſchöpf. Emanuel neigte das Haupt und ſtieß einen Seuf⸗ zer aus. 8 „Ahl Du fängſt an mich zu begreifen,“ ſagte 250 Leona.„Da ich nicht mehr Dir gehören konnte und nicht die Stärke beſaß, in dieſer Welt zu bleiben, ſo konnte ich nur Gott gehören!“ „Leona! Leona!“ rief Emanuel,„das iſt es nicht, was Du mir in Brüſſel und in Ecouen verſprochen haſt!“ „Oh!“ entgegnete Leona,„ich halte Dir viel mehr, als ich Dir verſprochen habe, mein geliebter Herzog! ich habe Dir verſprochen, Dich wiederzuſehen und einmal im Jahre Dir zu gehören, und nun finde ich, daß dies nicht mehr genug iſt, und durch die Kraft der Gebete habe ich von Gott erlangt, daß ich bald ſterben werde, um Dich gar nicht mehr zu verlaſſen!“ Emanuel ſchauerte, als ob ſtatt dieſer Worte, welche ſein Ohr berührt hatten, der Flügel des Todes ſelbſt an ſeinem Herzen hingeſtreift hätte. „Sterben! ſterben!“ ſagte er.„Weißt Du denn, was jenſeits des Lebens iſt? Biſt Du wie Dante Alighieri von Florenz in das große Geheimniß ung Grabes hinabgeſtiegen, um ſo vom Sterben zu reden?“ Leona lächelte. „Ich bin nicht ins Grab hinabgeſtiegen, wie Dante Alighieri von Florenz,“ erwiederte ſie;„doch ein Engel iſt daraus hervorgegangen und hat mit mir über die Dinge des Todes und des Lebens geſprochen.“ „Mein Gott! Leona,“ rief Emanuel, die junge Frau mit einer Miene anſchauend, in der ſich ein Anfang von Schrecken ausprägte,„biſt Du ſicher, daß Du Deine ganze Merdatt beſitzſt?“ Leona lächelte; man fühlte in ihr die ſanfte, tiefe Sicherheit der Ueberzeugung. „Ich habe meine Mutter wiedergeſehen,“ ſagte ſie. Emanuel entfernte Leona von ſich, jedoch ohne Stu te, mn,. ite es ie in ir 77 251 ſie mit den Händen loszulaſſen, und er rief, indem er ſie mit einem immer mehr erſtaunten Auge an⸗ ſchaute: „Deine Mutter?“ „Ja, meine Mutter,“ antwortete Leona mit einer Ruhe, die einen Schauer die Adern ihres Geliebten durchlaufen machte. „Und wann dies?“ fragte Emanuel. „In der letzten Nacht.“ „Und wo haſt Du ſie wiedergeſehen? zu welcher Stunde haſt Du ſie wiedergeſehen?“ „Um Mitternacht bei meinem Bette.“ „Du haſt ſie geſehen?“ „Jd. „Sie hat mit Dir geſprochen?“ „Sie hat mit mir geſprochen.“ Der Prinz wiſchte mit einer Hand den Schweiß , der auf ſeiner Stirne perlte, und preßte mit der andern Leona an ſein Herz, als wollte er ſich ver⸗ ſichern, es ſei wirklich ein lebendes Weſen, und nicht ein Geſpenſt, was er vor den Augen habe. „Ohl wiederhole mir dies, mein liebes Kind,“ ſprach er;„ſage mir, was Du geſehen haſt, ſage mir, was vorgefallen iſt.“ „Vor Allem,“ erwiederte Leona,„ſeitdem ich Dich verlaſſen habe, mein theurer Emanuel, träumte ich jede Nacht von den zwei einzigen Perſonen, welche ich auf der Welt geliebt habe: von Dir und von meiner Mutter.“ „Leona!“ rief der Prinz, indem er ſeine Lippen auf die Stirne der jungen Frau drückte. „Mein Bruder!“ antwortete dieſe, als wollte ſie 25² dem Kuſſe, den ſie empfing, die ganze Keuſchheit das einer geſchwiſterlichen Umarmung geben. 2„T Der Herzog zögerte einen Augenblick; dann ſagte er mit erſtickter Stimme: „Nun wohl, ja, meine Schweſter!“ 59 „Ich danke!“ rief Leona mit einem göttlichen Dir Lächeln.„Ohl nun bin ich ſicher, daß ich Dich nie mehr verlaſſen werde!“ nnnd Und von ſelbſt bot ſie zum zweiten Male ihre nem Stirne zum Küſſen dem Prinzen dar, der nur noch nem die ſeinige daran legte. oſt! „Ich höre,“ murmelte er. gen „Ich ſagte Dir alſo, theurer Geliebter, jede Nacht, Deir ſeit dem Tage von Ecouen, habe ich von Dir und Mal von meiner Mutter geträumt; doch Alles dies war„„ S nur ein Traum, und erſt in der letzten Nacht hatte höre ich die Erſcheinung...“ fort, „Sprich, ſprich!“— ₰ dem „Ich ſchlief und wurde durch einen eiſigen Ein 6 3 druck aufgeweckt; ich öffnete die Augen: eine weiß 1 Herz gekleidete, verſchleierte Frau war im Gange hinter wird meinem Bette; dieſe Frau hatte mich auf die Stirn geküßt. Ich wollte einen Schrei ausſtoßen, ſie hob ihren Schleier auf, und ich erkannte meine Mutter!“ Du „Leona! Leona! bedenkſt Du wohl, was Du ſagſt?“ Herr fragte der Herzog. Den Leona lächelte. 6wei „Ich ſtreckte meine Arme aus, um ſie darein zu ſchließen,“ fuhr Leona fort;„doch ſie winkte, und Du meine Arme ſielen träg an meinen Seiten hinab. laub Ich blieb auf mein Bett gefeſſelt; es war, als lebten meine Augen allein; meine Augen waren ſtarr auf ſpen 1 25⁵3 das Geſpenſt geheftet, und mein Mund murmelte: „„Meine Mutter!““ Emanuel machte ein Bewegung. „Ohl ich hatte keine Furcht: ich war glücklich!“ „Und Du ſagſt, Leona, das Geſpenſt habe mit Dir geſprochen?“ „Ja...„„Meine Tochter,““ ſagte es zu mir, „„nicht zum erſten Male erlaubt mir Gott ſeit mei⸗ nem Tode, daß ich Dich wiederſehe; und oft in Dei⸗ nem Traume mußteſt Du mich bei Dir fühlen, denn oft bin ich gekommen und zwiſchen Deinen Vorhän⸗ gen durchgeſchlüpft, wie ich hier bin, um Dich in Deinem Schlafe zu betrachten; es iſt aber das erſte Mal, daß mir Gott geſtattet, mit Dir zu ſprechen.““ „„Sprecht, meine Mutter,““ erwiederte ich,„„ich höre.““„Meine Tochter,““ fuhr das Geſpenſt fort,„„zu Gunſten des weißen Kreuzes von Savoyen, eem Du Deine Liebe geopfert haſt, vergibt Dir Gott aicht nur, ſondern er erlaubt Dir ſogar, daß Du den Herzog bei jeder großen Gefahr, die ihn bedrohen wird, warnſt...““ Der Herzog ſchaute Leona mit Zweifel an. „„Morgen, wenn der Herzog Dich beſucht, wirſt Du ihm ſagen, mit welcher heiligen Sendung der Herr Dich betraut; ſodann, wenn er zweifelt...““ Denn das Geſpenſt hatte vorhergeſehen, Du werdeſt zweifeln, mein Geliebter.“ „In der That, Leona,“ erwiederte Emanuel,„was Du mir ſagſt, iſt ſo außerordentlich, daß es mir er⸗ laubt ſein muß, zu zweilfeln.“ „„Sodann, wenn er zweifelt,““ fuhr das Ge⸗ ſpenſt fort,„„wirſt Du ihm ſagen, zu derſelben 254 Stunde, wo ein Vogel ſich auf den Weidenzweig, den er abgeſchnitten, ſetzen und ſingen werde, das heißt am 17. November, Nachmittags um drei Uhr, werde Scianca Ferro in Verceil, als Ueberbringer eines Briefes der Herzogin Margarethe, ankommen. Dann wird er zu glauben genöthigt ſein.““ Und das Geſpenſt ließ ſeinen Schleier herunter und murmelte: „„Gott befohlen, meine Tochter! Du wirſt mich wie⸗ derſehen, wenn es Zeit iſt!““ Wonach es verſchwand.“ Kaum hatte Leona zu ſprechen aufgehört, als ein unbekannter Vogel, der vom Himmel herabzu⸗ fallen ſchien, ſich auf den vom Herzog abgeſchnittenen Weidenzweig ſetzte und melodiſch zu ſingen anfing. Leona lächelte. „Du ſiehſt, mein Herzog,“ ſagte ſie,„in dieſem Augenblicke reitet Scianca Ferro in Verceil ein, und Du wirſt ihn morgen dort finden.“ verkündigſt, wahr iſt, ſo wird ein Wunder ſtattfinden „Und dann wirſt Du mir glauben?“ „, „Wirſt Du bei vorkommender Gelegenheit thun, was ich Dir ſage?“ „Es wäre eine Ruchloſigkeit, Dir nicht zu gehor⸗ chen, Leona, denn Du kommſt im Auftrage Gottes.“ „Das iſt Alles, was ich Dir zu ſagen hatte, mein Freund. Laß uns jetzt nach Hauſe kehren.“ „Armes Kind!“ murmelte der Herzog,„man darf ſich nicht wundern, daß Du ſo bleich biſt, da Du den Kuß einer Todten empfangen haſt...“ Als am andern Tage Emanuel Philibert nach „In der That, Leona, wenn das, was Du ming ☛ den der Ta dre von ein beg nac He libe eig. das Uhr, ger nen. das lte: vie⸗ nd.“ als bzu⸗ nen g. ſem und V miy n„ 4 „ 25⁵ dem Schloſſe Verceil kam, fand er Scianca Ferro, der ihn erwartete. Der brave Waffenträger war am vorhergehenden Tag in den großen Hof in dem Augenblicke, wo es drei Uhr ſchlug, eingeritten; er brachte einen Brief von der Herzogin! XIX. Die Todten wiſſen Alles. Der Brief der Prinzeſſin Margarethe war von einer Summe von dreimal hunderttauſend Thalern begleitet.. Der Marſchall von Bourdillon, der ohne Zweifel nach den geheimen Befehlen handelte, welche er vom Herzog von Guiſe erhielt, weigerte ſich, ſeine Gar⸗ niſonen zu verlaſſen, wenn nicht ſeinen Soldaten ein Soldrückſtand ausbezahlt werde. Als Emanuel Phi⸗ libert ſah, die Franzoſen räumen Piemont nicht ſo raſch, als ſie ſich hiezu verbindlich gemacht hatten, ſchrieb er an König Franz II. und beauftragte die Prinzeſſin Margarethe, ſeinen Brief ſeinem Neffen zu übergeben. Auf Eingebung der Guiſe antwortete Franz II., die Soldaten wollen Piemont nicht ver⸗ laſſen, bevor ſie eine Summe von hunderttauſend Thalern, die man ihnen ſchuldig fei, erhalten haben. „Da es nun,“ ſagte die gute Prinzeſſin Mar⸗ garethe,„da es nun unſtreitig die Sache Frankreichs iſt, und nicht die Eure, die franzöſiſchen Soldaten zu bezahlen, ſo ſchicke ich Euch, mein geliebter Herr und Meiſter, dieſe Summe von hunderttauſend Thalern, 256 den Preis meiner Mädchenjuwelen, die ich zum gro⸗ ßen Theile als Geſchenke von meinem Vater Franz I. empfangen habe. „Und ſomit,“ fügte ſie bei,„wird es Frankreich ſein, das bezahlt, und nicht Ihr.“ Den Franzoſen wurde alſo der rückſtändige Sold ausbezahlt, und es blieb nur noch Garniſon in den vier vorbehaltenen Städten: Turin, Chivas, Chieri und Villeneuve d'Aſti. Alsdann kam Emanuel nach Nizza mit Scianca Ferro zurück; dieſer berührte jedoch kaum die Bar⸗ rière und begab ſich ſogleich wieder nach Paris, um ſeinen Poſten bei der Prinzeſſin Margarethe einzu⸗ nehmen. Die Prinzeſſin ſollte erſt in die Staaten des Herzogs kommen, wenn jede Spur von Unordnung daraus verſchwunden wäre. Vielleicht ein wenig undankbar gegen ſie aus Liebe für Leona, ging der Herzog, um dieſe vor⸗ treffliche Prinzeſſin wiederzuſehen, nicht mit dem gan⸗ zen Eifer zu Werke, den ſie verdiente. Er ſchritt nichtsdeſtoweniger zur vollſtändigen Reorganiſation ſeiner Staaten und fing damit an, daß er den Theil der Treue, des Vergeſſens und des Undanks machte. Eine große Anzahl ſeiner Unterhanen hatte ſich den Franzoſen in die Arme geworfen; eine geringere Zahl hatte ſich abgeſondert zu Hauſe gehalten und war dem Herzog paſſiv treu geblieben; Einige end⸗ lich hatten beſtändig bei ſeinem Unglück ausgeharrt und einen thätigen Antheil an ſeinen Intereſſen ge⸗ nommen. Er beförderte die Letzten in Ehren und V Aemt macht Gefäl bot; er lie ſagte fahrt verla S haben rechti fen; ſtand einen weger Bean 1 vorm Occu lichen ſtand Parl es H und den! &Æ 58 80 = 15— Oͤ— 9 25⁷ Aemtern; er verzieh den Zweiten ihre Schwäche und machte ihnen ein gutes Geſicht, indem er ihnen ſogar Gefälligkeiten erwies, wenn ſich die Gelegenheit dazu bot; den Erſten aber that er weder Böſes, noch Gutes, er ließ ſie von den Angelegenheiten entfernt und ſagte: „Ich habe keinen Grund, ihnen in meiner Wohl⸗ fahrt zu trauen, da ſie mich in meinem Mißgeſchicke verlaſſen haben.“ Sodann erinnerte er ſich, die Bauern von Oleggio haben Behörden von ihm verlangt, welche die Ge⸗ rechtigkeit handhaben, ſtatt dieſelbe an ſie zu verkau⸗ fen; dem zu Folge ſtellte er an die Spitze des Rechts⸗ ſtandes Thomas von Langusco, Grafen von Stropiani, einen zugleich wegen ſeiner Unbeſcholtenheit und wegen ſeiner tiefen Kenntniß der Geſetze berühmten Beamten. AUeberdies traten zwei Senate an die Stelle der ormaligen Juſtizräthe und der von der franzöſiſchen Occupation eingeführten Parlamente. Auf dem weſt⸗ lichen Abhange der Alpen war das Sprüchwort ent⸗ ſtanden:„Gott bewahre uns vor der Billigkeit des Parlaments.“ Und dieſes Sprüchwort war,— wie es Hannibal und Karl der Große gemacht hatten, und wie es ſpäter Napoleon machen ſollte,— von den weſtlichen Alpen auf die ſüdlichen übergegangen. Es brauchte länger, um den Frieden, als um die Juſtiz feſtzuſtellen. Wir haben von den zwei Urſachen des Krieges, des Territorialkrieges und des Religionskrieges, welche im Schooße Savoyens exiſtirten, geſprochen. Territorialkrieg mit dem helvetiſchen Bunde, Dumas, der Page. III. 17 258 der das Waadtland, die Grafſchaft Romont, Gex und Chablais an ſich geriſſen hatte. Emanuel Philibert willigte ein, den Bernern das ganze rechte Ufer des Genferſees zu überlaſſen, unter der Bedingung, daß man ihm Gex, Chablais und die Aemter Ternier und Gaillard zurückgebe. Der Friede wurde auf dieſen Baſen beſchloſſen. Religionskrieg mit den Reformatoren der Thäler von Pragelas, Luzern und Saint⸗Martin. Wir haben geſagt, dadurch, daß ſie ſich mit den Calviniſten von Genf und mit den Lutheranern Deutſchlands verbunden, ſeien dieſe Schismatiker eine Macht geworden. Emanuel ſchickte gegen ſie den Baſtard von Achaie. Dieſer drang mit einem Heere von vier bis fünf⸗ tauſend Mann in die Thäler ein; man dachte, das ſei genug, um eine in den Waffen unfähige Menge, welche kein anderes Vertheidigungsmittel hatte, als ihr Ackergeräthe, zu bezwingen; doch Alles wird Waffe bei dem, der wirklich für die doppelte Freiheit des Leibes und der Seele kämpfen will. Die Männer verbargen die Weiber, die Greiſe und die Kinder in den nur ihnen allein bekannten Höhlen; von einer Invaſion bedroht, hatten ſie von ihren Brüdern in Genf beträchtliche Quantitäten Pulver erhalten; längs aller Straßen, denen die Katholiken folgen ſollten, minirte man die Felſen: kaum befanden ſich die Eindringlinge in den Eng⸗ päſſen, als ſie über ihren Häuptern einen Donner krachen hörten, welcher erſchrecklicher als der des Himmels! Die Berge zitterten unter dieſem Getöſe; plötzlich von ihren Baſen losgeriſſen, ſchienen die 259 Felſen Anfangs zu den Wolken aufzuſteigen; dann fielen ſie ganz oder in Stücken wieder herab, rollten über die Bergabhänge in Granitlawinen, und ſchlugen die Menſchen nieder, welche, wenn ſie ihre Gegner ſuchten, nichts ſahen, als erſchrockene Adler, die am Himmel ſchwebten. Dieſer Krieg dauerte beinahe ein Jahr. Ermüdet, kamen Waldenſer und Katholiken end⸗ lich zu Worten des Friedens; vielleicht hatte auch Ema⸗ nuel Philibert nur ein Unterpfand ſeines Verlangens, die Ketzerei auszurotten, den Guiſe geben wollen, welche Frankreich regierten, die Scheiterhaufen der Gréve errichteten, die Bartholomäusnacht vorberei⸗ teten, und Philipp II., der Spanien regierte und die Schaffote von Brüſſel, Antwerpen und Gent errichtete. Der Erfolg der Conferenzen war, es ſollten die Waldenſer ihre ungeſtümſten Barbas,— das war der Name, den die Reformirten der Gebirge ihren Prieſtern wegen der langen Bärte gaben, die ſie trugen,— wegſchicken, und wenn dieſe weggeſchickt wären, ſollten die Einwohner das Recht haben, ihren Cultus an den Orten zu üben, wo ſie ihn ſeit un⸗ denklichen Zeiten geübt hatten. Nur, da eine katholiſche Bevölkerung auch im Thale exiſtirte und, obgleich geringer der Zahl nach, ein Recht auf die Freiheit ihres Cultus hatte, be⸗ zeichnete man in jedem Thale zwei Dörfer, wo die Meſſe geleſen werden ſollte. 4 Die reformirten Prieſter nahmen Abſchied von ihren Familien, und aus Furcht vor einem Aufſtande unter den Einwohnerſchaften, wenn man in ihnen 260 Verbannte ſehen würde, reiſten ſie unter der Tracht von Hirten und Maulthiertreibern ab. Sobald ſie abgereiſt waren, ließ Emanuel an den Ausgängen der Thäler die feſten Schlöſſer la Peyrouſe, Villars und la Tour errichten. Als alle Dinge ſo in ſeinem Herzogthum beige⸗ legt waren, ſchrieb er der Herzogin, ſie möge ſich zu ihm nach Nizza begeben; ſodann, da man den 12. November des Jahres 1560 erreicht hatte, reiſte er nach ſeinem Schloſſe Verceil ab. Am 17. Morgens befand er ſich in Oleggio. Das war ſeit ſeiner Verheirathung der zweite Jahrestag ſeines Beſuches bei Leona. Leona erwar⸗ tete ihn wie im erſten Jahre auf der Schwelle des kleinen Hauſes. Es war in dieſen zwei Herzen, in dieſer keuſchen Liebe eine ſolche Gemeinſchaft der Gedanken, daß Emanuel nicht die Idee hatte, bei dieſem Rendez⸗ vous zu fehlen, und daß es Leona nicht einfiel, Ema⸗ nuel könnte dabei fehlen. Sobald er aus weiter Ferne Leona erblickte, die ſeiner harrte, ſetzte er ſein Pferd in Galopp, glück⸗ lich, ſie wiederzuſehen, zitternd, ſie bleicher und dem Grabe näher, als das letzte Mal, zu finden. Man hätte glauben ſollen, Leona habe vorher⸗ geſehen, welchen Eindruck ihr Geſicht auf ihren Ge⸗ liebten machen könne: ſie erwartete ihn mit einem Schleier bedeckt. Emanuel ſchauerte bei ihrem Anblicke: ſie hatte ſelbſt das Ausſehen jenes verſchleierten Schattens, deſſen Erſcheinung ſie ihm bei ſeiner letzten Reiſe erzählt hatte. 261 Sie hob den Schleier mit einer zitternden Hand auf, und zwei ſtille Thränen entſtürzten ihren Augen. Die Haut von Leona hatte die Weiße eines pariſchen Marmors angenommen, ihr Blick glich einer dem Erlöſchen nahen Flamme, ihre Stimme einem verſcheidenden Hauche. Sie machte offenbar eine Anſtrengung, um zu leben. Eine leichte Röthe zog über die Wangen der jungen Frau, als ſie den geliebten Herzog wiederſah. Ihr Herz lebte immer, und jeder von ſeinen Schlä⸗ gen ſagte noch:„Ich liebe Dich!“ Ein Imbiß ſtand bereit; Leona koſtete aber nicht davon: ſie ſchien ſchon den Bedürfniſſen und Schwä⸗ chen dieſer Welt entrückt. Nach dem Frühſtücke nahm ſie den Arm von Ema⸗ nuel, und Beide wiederholten durch das Dorf den Spaziergang, den ſie ein Jahr vorher gemacht hatten. Diesmal ſah man nicht mehr auf den Plätzen die Gruppen von beſorgten Bauern, die ſich über die guten Eigenſchaften oder die Fehler ihres Herzogs befragten: ein Jahr war verlaufen, und dieſem Jahre war es gelungen, ihn bekannt zu machen. Abge⸗ ſehen von dem auf die drei Thäler beſchränkten Kriege, der auswärts ohne Wiederhall war, hatte der Friede ſein mütterliches Werk gethan; die franzöſiſchen Garniſonen hatten die Städte verlaſſen, die ſie ſeit dreiundzwanzig Jahren zu Grunde richteten; die Ge⸗ rechtigkeit wurde unparteiiſch für die Kleinen wie für die Großen gehandhabt. Jeder war auch bei ſeiner 1 Arbeit: die Bauern auf den Feldern, die Handwerks⸗ leute in ihrer Werkſtätte. Man ſegnete den Herzog und ſprach nun noch 262 einen Wunſch aus: daß die Prinzeſſin Margarethe dem Throne von Savoyen einen Erben gebe. So oft dieſer Wunſch vor den zwei fremden Spa⸗ ziergängern ausgeſprochen wurde, bebte Emanuel und ſchaute Leona an. Leona lächelte und antwortete für den Herzog: „Gott, der uns unſeren vielgeliebten Fürſten wie⸗ der gegeben hat, wird Savoyen nicht verlaſſen.“ Am Ende des Dorfes ſchlug Leona den Weg ein, den ſie im vorhergehenden Jahre eingeſchlagen hatte, und nachdem ſie eine Viertelſtunde gegangen waren, befanden ſich Beide vor der kleinen Kapelle, die ſich an der Stelle erhob, wo der Herzog ein Jahr vorher einen Weidenzweig gepflanzt, und wo der un⸗ bekannte Vogel ſein wunderbares Lied geſungen hatte. Es war eine von jenen kleinen Kapellen des ſech⸗ zehnten Jahrhunderts, welche ſo elegant in ihrer Conſtruction, ſo ſchlank in ihrer Form; ſie war ganz erbaut von dem reizenden roſenfarbigen Granit, den die Gebirge des Teſſin liefern. Aus einer vergol⸗ deten Niſche bot eine ſilberne Jungfrau den Wan⸗ derern ihren göttlichen Sohn dar, der mit der aus⸗ geſtreckten rechten Hand ſegnete. Fromm wie ein Ritter aus der Zeit der Kreuz⸗ züge, kniete Emanuel nieder und verrichtete ſein Gebet. Während der Zeit, die es dauerte, ſtand Leona, die Hand auf ſeinen Kopf geſtützt, bei ihm; als er geendigt hatte, ſagte ſie: „Mein Geliebter, Ihr habt mir vor einem Jahre verſprochen, Ihr habt mir ſogar geſchworen, wenn Ihr bei Eurer Rückkehr in das Schloß Verceil Scianca 263 Ferro als Ueberbringer eines Briefes der Herzogin Margarethe findet, ſo werdet Ihr fortan Alles glau⸗ ben, was ich Euch ſage, ſo ſeltſam Euch auch meine Worte ſcheinen dürften, und Ihr werdet meine Rath⸗ ſchläge befolgen, ſo dunkel ſie auch ſein möchten.“ „Ja, ich habe Dir das verſprochen,“ erwiederte der Herzog;„ſei ruhig, ich erinnere mich deſſen wohl.“ „War Scianca Ferro in Verceil?“ „Ja, er war da.“ „War er zu der Stunde, die ich Dir genannt, angekommen?“ „Auf den Schlag drei Uhr war er in den Hof eingeritten.“ „War er der Ueberbringer eines Briefes der Prinzeſſin Margarethe?“ „Dieſer Brief war das Erſte, was er mir über⸗ gab, als er mich wiederſah.“ „Du biſt alſo bereit, meine Rathſchläge ohne Er⸗ örterung zu befolgen?“ „Meine Leona, ſprichſt du zu mir, ſo glaube ich, es ſei die Jungfrau ſelbſt, deren Bild ich ſo eben angebetet habe, welche mit mir durch Deinen Mund ſpreche.“ „Nun wohl, ſo höre alſo. Ich habe meine Mutter wiedergeſehen.“ Emanuel ſchauerte, wie er es ein Jahr vorher gethan, als Leona dieſelben Worte ausgeſprochen hatte. „Und wann dies?“ ſagte er. „In der vergangenen Nacht.“ 264 „Und was hat ſie... Dir geſagt?“ fragte der Herzog, der unwillkürlich wieder zu zweifeln anfing. „Ah!“ verſetzte Leona lächelnd,„nun zweifelſt Du wieder?“ „Nein,“ entgegnete der Herzog. „Diesmal werde ich alſo beim Beweiſe anfangen.“ Emanuel hörte aufmerkſam. „Ehe Du von Verceil abgegangen biſt, haſt Du der Prinzeſſin Margarethe geſchrieben, ſie möge zu Dir kommen.“ „Das iſt wahr,“ antwortete Emanuel mit Er⸗ ſtaunen. „Du ſagteſt ihr in Deinem Briefe, Du erwarteſt ſie in Nizza, wo ſie zur See von Marſeille ankom⸗ men werde.“ „Du weißt dies?“ „Du fügteſt bei, von Nizza werdeſt Du ſie nach Genua, dem Geſtade des Meeres folgend, über San⸗ Remo und Albenga führen?“ 8 „Mein Gott!“ murmelte Emanuel. „Sodann, von da, werdeſt Du ſie durch das ſchöne Thal der Bormida, über Cherasco und Aſti, nach Turin führen.“ „Das iſt wahr, Leona! doch Niemand außer mir kennt den Inhalt dieſes Briefes; und ich habe ihn einem Eilboten anvertraut, deſſen ich ſicher bin...“ Leona lächelte. „Sagte ich Dir nicht, ich habe heute Nacht meine Mutter wiedergeſehen?“ „Nun?“ „Die Todten wiſſen Alles, Emanuel!“ Einer unwillkürlichen Bangigkeit preisgegeben, 265 ſtrich der Herzog mit ſeinem Taſchentuche über ſeine ſchweißbedeckte Stirne. „Ich muß Dir glauben!“ murmelte er.„Wie weiter?“ „Nun wohl, mein lieber Emanuel, vernimm, was meine Mutter geſagt hatte:„„Du wirſt mor⸗ gen den Herzog ſehen; Du wirſt ihn auffordern, bei Nacht mit der Herzogin Margarethe über Tenda und Coni zu reiſen, und dem Wege am Meere eine leere Sänfte, escortirt von Scianca Ferro und hundert wohlbewaffneten Leuten, folgen zu laſſen.““ Emanuel ſchaute Leona mit einem fragenden Auge an. „„Es handelt ſich um das Wohl Savoyens!““ Das iſt es, was mir meine Mutter geſagt hat, Ema⸗ nuel; und ich ſage Dir: Du haſt verſprochen, Du haſt mehr als verſprochen, Du haſt geſchworen, meine Rath⸗ ſchläge zu beobachten; ſchwöre mir alſo, daß Du mit der Herzogin über Tenda und Coni reiſen wirſt, während Scianca mit einer leeren Sänfte und hun⸗ dert wohlbewaffneten Leuten dem Geſtade des Meeres folgt.“ Der Herzog zögerte einen Augenblick; ſeine des Mannes Vernunft, ſein Soldatenſtolz kämpften gegen das geleiſtete Verſprechen, gegen das gegebene Wort. „Emanuel,“ ſagte Leona ſchwermüthig den Kopf ſchüttelnd,„wer weiß, vielleicht iſt es das Letzte, um was ich Dich bitte!“ Emanuel ſtreckte die Hand gegen die Kapelle aus und ſchwor. Die Straße von San⸗Remo nach Albenga. Emanuel Philibert hatte in Nizza der Prinzeſſin Margarethe Rendez⸗vous gegeben, einmal, um ſeine getreue Stadt durch eine neue Gunſt zu belohnen; und dann, da die Reiſe der Prinzeſſin im Monat Januar ſtattfinden ſollte, wollte er ihr ſein Herzog⸗ thum durch ſein lachendes Angeſicht, durch den ewi⸗ gen Frühling von Nizza und Oneglia zeigen. Die Herzogin Margarethe kam wirklich am 15. Ja⸗ nuar an und landete im Hafen von Villefranche; ſie war lange durch die Feſte, die man ihr in Mar⸗ ſeille gegeben, aufgehalten worden; Marſeille hatte ihr zugleich als der Tante von Karl IX. und als der Herzogin von Savoyen gehuldigt; und unter dieſem Titel hatte ihr die alte Phocäer Stadt tauſend Ehren erwieſen. Der Herzog und die Herzogin blieben vier Mo⸗ nate in Nizza. Der Herzog benützte dieſe Zeit, um den Bau der Galeeren, den er befohlen hatte, zu betreiben.— Ein calabreſiſcher Corſar Namens Occhiati, ein chriſt⸗ licher Renegat, der Muſelmann geworden war, hatte Landungen in Corſica und auf der Küſte von Tos⸗ cana bewerkſtelligt; man behauptete ſogar ein ver⸗ dächtiges Schiff in den Gewäſſern an der Küſte von Genua geſehen zu haben. Endlich, am Anfange des März, mit dem erſten Hauche des lauen italieniſchen Fühlings, der die müde Bruſt ſo ſanft liebkoſt, beſchloß Emanuel ſeine Abreiſe. 267 Die Reiſelinie war zum Voraus bekannt; der königliche Cortége würde dem folgen, was man die Riviera von Genua nennt, das heißt das Geſtade des Meeres. Der Herzog und die Herzogin,— der Herzog zu Pferde, die Herzogin in einer Sänfte,— kamen über San⸗Remo und Albenga, wo Pferderelais bereit ſtanden. Die Abreiſe wurde auf den 15. feſtgeſetzt. Bei Tagesanbruch verließ der Cortége das Schloß von Nizza, der Herzog, wie geſagt, zu Pferde, mit heruntergelaſſenem Viſir, in voller Rüſtung, ne⸗ ben der Sänfte reitend, deren Vorhänge zugezogen waren. Fünfzig wohl bewaffnete Leute ritten voraus, fünfzig ritten hinten. In der erſten Nacht hielt man in San⸗Remo an. Am andern Tage begab man ſich frühzeitig wie⸗ der auf den Weg. Man machte in Oneglia Halt, um zu frühſtücken; doch die Herzogin wollte nicht aus ihrer Sänfte aus⸗ ſteigen, zu der ihr der Herzog ſelbſt Brod, Wein und einige Früchte brachte. Der Herzog aß, ohne etwas von ſeiner Rüſtung abzulegen, und hob nur das Viſir ſeines Helmes auf. Gegen Mittag gingen die Cavalcade und die Sänfte wieder ab. Ein wenig jenſeits Porto Mauriſio verengt ſich die Straße zwiſchen zwei Bergen; man verliert den Anblick des Meeres, und man befindet ſich in einem ſchmalen Engpaſſe, an welchem rechts und links Felſen emporſtarren,— ein zu einem Hinterhalte geeigneter Ort, wie ſich nur einer denken läßt. 268 Der Herzog ſchickte fünfundzwanzig Mann vor⸗ aus: das war eine übermäßige Vorſicht, denn was konnte manin dieſen Friedenszeiten zu befürchten haben? Die fünfundzwanzig Mann paſſirten auch, ohne beunruhigt zu werden. Der übrige Trupp ritt in den Engpaß ein. Doch in dem Augenblicke, wo der Herzog, der ſich immer bei der Sänfte hielt, ebenfalls in den Engpaß gelangt war, ertönte ein hauptſächlich auf den Herzog und auf die Sänfte gerichtetes Büchſen⸗ feuer; das Pferd des Herzogs wurde verwundet, eines von den Pferden der Sänfte ſtürzte todt nieder, und eine ſchwache Klage zog wie ein Hauch durch die Vorhänge. Zu gleicher Zeit wurde ein wildes Geſchrei hör⸗ bar, und man ſah ſich von einer Bande von Leuten in mauriſchen Trachten überfallen. Der Herzog wollte auf die Sänfte zueilen, als einer von den Angreifern, der ein herrliches arabiſches Roß ritt und vom Kopfe bis zu den Füßen mit einem türkiſchen Panzerhemde bedeckt war, unmittelbar auf ihn losſtürzte und ihm zurief: „Komm heran, Herzog Emanuel, diesmal wirſt Du mir nicht entgehen!“ „Oh! Du mir auch nicht!“ erwiederte der Herzog. Dann erhob er ſich auf ſeinen Steigbügeln, ſchwang ſein Schwert über ſeinem Haupte und rief ſeinen Leuten zu: „Thut Euer Beſtes, Ihr Leute! ich will Euch das Beiſpiel zu geben ſuchen!“ In dieſem Augenblicke wurde das Gemenge all⸗ gemein. men 6 ſem Men einern gege Pire pral digu Han ſeine ſchau Rhit Plät Bieg kolbe wöh Hän leiſte zuge mich corte wele verſe 269 Man erlaube uns jedoch, mitten unter dem Ge⸗ menge dem Kampfe der zwei Führer zu folgen. Man kennt die Gewandtheit des Herzogs in die⸗ ſem entſetzlichen Kriegsſpiele, bei welchem ihm wenig Menſchen widerſtehen konnten; diesmal hatte er aber einen ſeiner würdigen Gegner gefunden. Vor Allem ſchoß jeder von den zwei Streitern gegen den andern eine Piſtole los; die Kugel des Piraten glitt von der Rüſtung des Herzogs ab und prallte an ſeine eigene zurück. Obgleich als Türke bewaffnet, was die Verthei⸗ digungswaffen betrifft, hatte der Corſar doch in der Hand ein langes gerades Schwert und am Bogen ſeines Sattels eine Axt mit biegſamem Stiele und ſcharfer Schneide. Dieſe Aexte, deren Stiel von Rhinoceroshaut gemacht und ganz mit ſtählernen Plättchen beſchlagen war, hatten gerade wegen ihrer Biegſamkeit einen ungeheuren Schwung. Der Herzog hatte ſein Schwert und einen Streit⸗ kolben; das waren, wie man ſich erinnert, ſeine ge⸗ wöhnlichen Waffen; beide waren furchtbar in ſeinen Händen. Einige von ſeinen Soldaten hatten ihm Hülfe leiſten wollen, doch er hatte ſie entfernt und ihnen zugerufen: „Thut für Euch! mit Gottes Hülfe werde ich für mich thun!“ Und mit Gottes Hülfe that er wirklich Wunder. Die Piraten hatten offenbar keine ſo ſtarke Es⸗ corte zu finden erwartet, und ihr Anführer, derjenige, welcher den Herzog angegriffen, hoffte ihn mehr un⸗ verſehens und minder gut bewaffnet zu faſſen; indeſſen 270 obgleich er ſich getäuſcht, wich er doch nicht einen Schritt zurück. Man fühlte, daß bei den ſchrecklichen Streichen, welche er nach dem Herzog führte, ein Haß war, der noch ſchrecklicher als die Streiche; doch auf der mailändiſchen Rüſtung des Herzogs hatte das Schwert des Piraten, ſo gut gehärtet es auch war, keine große Gewalt; ebenſo wie ſich auf dem damascener Panzerhemde die Klinge des Schwertes von Emanuel Philibert abſtumpfte. Unter dieſem erbitterten Kampfe fühlte der Her⸗ zog, daß ſein verwundetes Pferd ſchwach wurde und nahe daran war, zwiſchen ſeinen Beinen niederzu⸗ ſinken; er raffte alle ſeine Kräfte zuſammen, um einen Streich nach ſeinem Gegner zu führen: das Schwert flammte in ſeinen beiden Händen. Der Pirat begriff, von welchem entſetzlichen Schlage er bedroht war; er warf ſich rückwärts, und während er ſich zurückwarf, ließ er ſein Pferd ſich bäumen. Das Pferd erhielt den Streich. Diesmal wurde das Stirnblech des Pferdes ge⸗ ſpalten, das von minder reinem Stahle als die Rü⸗ ſtung des Reiters, und zwiſchen die Ohren getroffen, ſank das Pferd auf ſeine Kniee. Der Maure glaubte, ſein Pferd ſei getödtet: er ſprang in dem Augenblicke zu Boden, wo das Pferd des Herzogs ſelbſt fiel. Die zwei Gegner waren alſo gleichzeitig zu Fuße. Jeder von ihnen lief nach dem Sattelbogen ſeines Pferdes, der Eine, um ſeine Axt davon loszureißen, der Andere, um ſeinen Streitkolben zu nehmen. Sodann, als hätte Jeder von ihnen die Waffe, 271 der er ſich bemächtigt, für mörderiſch genug gehalten, warfen beide Streiter ihr Schwert von ſich: der Pirat blieb mit ſeiner Axt bewaffnet, und der Herzog mit ſeinem Kolben. In den Höhlen des Aetna den Blitz Jupiters auf dem Amboß Vulcans ſchmiedende Cyclopen thaten nie ſo gewaltige Schläge! Man fühlte, daß der Tod ſelbſt, der König der blutigen Schlachten, ſeinen Flug hemmte und über dieſen zwei Männern ſchwebte, ſicher, in ſeinen Armen einen von ihnen im letzten Schlafe wegzutragen. Nach einem Augenblicke ſchien ſich der Vortheil für den Herzog zu entſcheiden. Die Arxt ſeines Gegners hatte Stück für Stück die Krone ſeines Helmes weggenommen; doch die ſtäh⸗ lernen Spitzen des Streitkolbens hatten offenbar durch das Panzerhemd furchtbare Vertiefungen gegraben. Sodann ſchienen ſich,— das Gegentheil der Kräfte des Herzogs,— die Kräfte ſeines Feindes zu erſchöpfen; ſein pfeifender Athem kam ſichtbar durch die Oeffnungen ſeines Helmes hervor; ſeine Streiche waren minder raſch und minder kräftig; der Arm, wenn nicht der Haß, erlahmte. Der Herzog ſchien dagegen bei jedem Streiche, den er führte, eine neue Energie zu erlangen. Der Pirat fing an zurückzuweichen,— Schritt für Schritt, auf eine unmerkliche Art,— doch er wich zurück! Sein Rückzug führte ihn an den Rand eines Abſturzes; nur beſchäftigt, Streiche zu pariren oder zu thun, ſchien er nicht zu bemerken, daß er ſich all⸗ mälig dem Abgrunde näherte. Beide,— der Eine zurückweichend, der Andere 272 verfolgend,— gelangten ſo auf die Plattſorm, welche über den Abſturz hinausragte; noch zwei Schritte, und dem Piraten fehlte die Erde unter den Füßen! Doch dahin wollte er ohne Zweifel kommen; denn plötzlich warf er ſeine Axt fern von ſich, packte ſei⸗ nen Gegner um den Leib und rief:t „Ah! Herzog Emanuel, endlich halte ich Dich, und wir werden mit einander ſterben!“ Und mit einer Erſchütterung, um eine Eiche zu entwurzeln, hob er ſeinen Gegner in ſeinen Ar⸗ men auf. Doch es antwortete ihm ein erſchreckliches Ge⸗ lächter. „Ich habe Dich erkannt, Baſtard von Waldeck!“ ſagte ſein Gegner, während er die eiſerne Kette ſei⸗ ner Arme löſte. Und er ſchlug das Viſir ſeines Helmes auf und fügte bei: „Ich bin nicht der Herzog Emanuel, und Du wirſt nicht die Ehre haben, von ſeiner Hand zu ſterben.“ „Scianca Ferro!“ ſchrie der Baſtard von Wal⸗ deck.„Ha! Fluch über Dich und über Deinen Herzog!“ Und er bückte ſich, um ſeine Axt aufzuraffen und den Kampf wieder zu beginnen; doch während dieſer Bewegung, ſo raſch ſie war, fiel der Kolben von Scianca Ferro, gewichtig wie der Felſen, auf dem die zwei Gegner kämpften, auf das Hinterhaupt des Renegaten nieder. Der Baſtard von Waldeck ſtieß ein Stöhnen aus und ſank ohne Bewegung zuſammen. „Ah! Bruder Emanuel,“ rief Scianca Ferro, „diesmal biſt Du nicht mehr da, um mich zu ver⸗ hindern, daß ich dieſe Schlange zertrete.“ Und da während des Kampfes ſein Gnadendolch aus der Scheide gegangen war, ſo ergriff er ein Felsſtück, hob es in ſeinen Armen mit der Stärke von einem der Titanen auf, welche den Pelion auf den Oſſa thürmten, und zerſchmetterte in ſeinem Helme den Kopf ſeines Feindes. Dann ſagte er mit einem Gelächter, das noch furchtbarer als das erſte: „Was mir beſonders bei Deinem Tode gefällt, Baſtard von Waldeck, iſt, daß Du, in der Rüſtung eines Ungläubigen ſterbend, wie ein Hund ver⸗ dammt biſt.“ Hienach des Seufzers ſich erinnernd, den er aus der Sänfte hatte hervorkommen hören, lief er zu dieſer und that die Vorhänge auseinander. Die Piraten flohen nach beiden Seiten. Mittlerweile folgten Emanuel Philibert und die Prinzeſſin Margarethe ruhig der Straße nach Tenda und Coni. Sie kamen in dieſer letzten Stadt unge⸗ fähr zur ſelben Stunde an, wo zwiſchen San⸗Remo und Albenga der von uns ſo eben erzählte entſetz⸗ liche Kampf ſtattgefunden hatte. Der Herzog Emanuel war ſorgenvoll. Was hatte der Grund von Leona ſein können, daß ſie von ihm dieſe Veränderung des Reiſeplanes gefordert? welche Gefahr lief er, wenn er der Ri⸗ viera von Genua folgte? und wenn eine Gefahr vorhanden, war dieſe Gefahr nicht auf Scianca Ferro zurückgefallen? Wer hatte Scianca Ferro von dem von ihm, Dumas, der Page. III. 18 274 Emanuel, Leona gegebenen Verſprechen unterrichtet? und wie kam es, daß in dem Augenblicke, wo er mit Scianca Ferro über die Veränderung ſeines Reiſeplanes ſprechen wollte, dieſer bei ihm erſchienen war und zuerſt mit ihm darüber geſprochen hatte? Das Abendbrod war traurig. Die Prinzeſſin Margarethe fühlte ſich müde; Emanuel Philibert ſeinerſeits ſchützte das Bedürfniß der Ruhe vor und zog ſich gegen zehn Uhr in ſein Zimmer zurück. Es ſchien ihm, jeden Augenblick müſſe ein Bote mit ſchlimmen Nachrichten ankommen. Er ließ einen Mann vor der Thüre wachen und einen andern im Vorzimmer, damit man ihn zu jeder Stunde der Nacht aufwecken und, wenn ſich etwas zu⸗ trüge, ihm mittheilen könnte, was vorgefallen. Es ſchlug elf Uhr; Emanuel öffnete ſein Fenſter: der Himmel war mit Sternen beſäet, die Atmoſphäre war ruhig und rein. Ein Vogel ſang in einem Gra⸗ natgebüſche, und es ſchien dem Herzog, es ſei der⸗ ſelbe Vogel, deſſen Geſang er in Oleggio gehört hatte. Nach einer halben Stunde ſchloß er ſein Fenſter wieder und ſtützte ſich mit den Ellenbogen auf ſeinen mit Papieren bedeckten Tiſch. Allmälig trübten ſich ſeine Augen, wurden ſeine Augenlider ſchwer; er hörte unbeſtimmt die erſten Schläge von Mitternacht ertönen; dann kam es ihm vor, als ſähe er wie durch eine Wolke die Thüre ſeines Zimmers ſich öffnen und Etwas, was einem Schatten glich, herbeiſchreiten. 2 Der Schatten näherte ſich, neigte ſich gegen ihn und flüſterte ſeinen Namen. — △△̈ 2——S5— „Se —,—-——+ In demſelben Augenblicke machte ihn ein eis⸗ kalter Eindruck, den er auf der Stirne fühlte, durch den ganzen Leib ſchauern; dieſer Eindruck brach die unſichtbaren Bande, die ihn feſſelten. „Leona! Leona!“ rief er. Es war in der That Leona, welche bei ihm ſtand, doch diesmal ohne Hauch auf den Lippen, ohne Flamme in den Augen; ein paar Tropfen von einem blaſſen Blute fielen aus einer Wunde, die ſie an der Bruſt erhalten hatte. „Leona! Leona!“ wiederholte der Herzog. Und er ſtreckte die Arme aus, um das Geſpenſt zu ergreifen; dieſes winkte aber, und die Arme des Prinzen fielen wieder nieder. „Ich ſagte es Dir wohl, mein Emanuel,“ flüſterte der Schatten mit einer Stimme ſo ſanft zugleich wie ein Hauch und wie ein Wohlgeruch,„ich ſagte es Dir, ich werde mehr bei Dir todt als lebendig ſein!“ „Warum haſt Du mich verlaſſen?“ fragte Ema⸗ nuel, der ſein Herz in Schluchzen zerſchmelzen fühlte. „Weil meine Sendung auf Erden vollbracht war, mein geliebter Herzog,“ antwortete der Schatten; „doch ehe ich zum Himmel aufſteige, erlaubt mir Gott, Dir zu ſagen, daß der Wunſch Deiner Unterthanen erfüllt iſt...“ „Welcher?“ „Die Prinzeſſin Margarethe iſt in geſegneten Umſtänden und wird einen Sohn gebären.“ „Leona! Leona!“ rief der Prinz,„wer hat Dir dieſes Geheimniß der Mutterſchaft enthüllt?“ „Die Todten wiſſen Alles!“ murmelte Leona. Und während zu gleicher Zeit der Leib in Dunſt zerfloß, ſprach das Geſpenſt mit einer faſt unver⸗ ſtändlichen Stimme: „Auf Wiederſehen im Himmel, mein geliebter Herzog!“ Und es verſchwand.. Der Herzog, der, ſo lange der Schatten bei ihm verweilt hatte, an ſeinen Lehnſtuhl gefeſſelt geblie⸗ ben war, ſtand auf und lief nach der Thüre. Der Diener von der Wache hatte weder Jemand eintreten, noch herauskommen ſehen. „Leona! Leona!“ rief Emanuel,„werde ich Dich wiederſehen?“ Und es ſchien ſeinem Ohre, ein kaum merkbarer Hauch flüſtere: „Id.“ * 3* * Am andern Tage, ſtatt die Reiſe fortzuſetzen, blieb der Herzog in Coni; es ſchien ihm ſicher, er werde Nachrichten erhalten. Gegen zwei Uhr kam in der That Scianca Ferro an. „Leona iſt geſtorben?“ war das erſte Wort, das Emanuel zu ihm ſagte. „Geſtern um Mitternacht,“ antwortete Scianca Ferro;„doch woher weißt Du das?“ „An einer Wunde in der Bruſt?“ fuhr Ema⸗ nuel fort. „An einer für die Herzogin beſtimmten Kugel,“ ſagte Scianca Ferro. 1 — —— „—— aſt 277 „Und wer iſt der elende Mörder, der einer Frau nach dem Leben trachtete?“ rief der Herzog. „Der Baſtard von Waldeck,“ erwiederte Scianca Ferro. „Ohl er falle nie in meine Hände.“ „Ich hatte Dir geſchworen, Emanuel, das erſte Mal, daß ich die Schlange wieder träfe, würde ich ſie zertreten...“ „Nun?“ „Ich habe ſie zertreten.“ „Wir haben alſo nur noch für Leona zu beten?“ ſprach Emanuel Philibert. „Es iſt nicht unſere Sache, für die Engel zu beten,“ erwiederte Scianca Ferro;„es iſt Sache der Engel, für uns zu beten!“ Am 12. Januar 1562 wurde, wie es Leona vorhergeſagt hatte, die Prinzeſſin Margarethe glück⸗ lich von einem Prinzen entbunden, der die Namen Karl Emanuel erhielt und fünfzig Jahre regierte. Drei Monate nach der Geburt des jungen Prin⸗ zen räumten die Franzoſen, nach dem Wortlaute des Vertrags von Cateau⸗Cambreſis, Turin, Chieri, Chi⸗ vas und Villeneuve d'Aſti, wie ſie ſchon das übrige Piemont geräumt hatten. Epilog. An einem ſchönen Morgen am Anfange des Septembers 1580, das heißt ungefähr zwanzig Jahre nach den von uns ſo eben erzählten Ereigniſſen, war⸗ teten etwa zwanzig von den Edelleuten, die man die Ordinären von König Heinrich III. nannte, und deren ganze Zahl ſich auf fünf und vierzig belief, im großen Hofe des Louvre auf die Stunde, wo der König ſie im Vorbeigehen mitnehmen würde, damit ſie mit ihm, ſie mochten wollen oder nicht, ihre An⸗ dacht verrichten; denn es war eine von den Ma⸗ nieen von König Heinrich III., ſich nicht nur mit der Sorge für ſeine Seele, ſondern auch mit der Sorge für die der Andern zu beſchäftigen, und wie König Ludwig XIV. fünfzig Jahre ſpäter zu ſeinen Günſt⸗ lingen ſagen ſollte:„Kommt und langweilt Euch mit mir,“ ſo ſagte Heinrich III. zu ſeinen Mignons: „Kommt und rettet Euch mit mir.“ Das Leben, das die Ordinären oder die Fünf und Vierzig*) Seiner Majeſtät führten,— man *) Man ſehe den auch im Belletriſtiſchen Auslande erſchienenen Roman von Alexandre Dumas: Die Fünf und Vierzig, eine Fortſetzung der Dame von Monſoreau. — .— — de —————99= g=g —ͤ————.— 279 bezeichnete ſie ohne Unterſcheidung mit dem einen und dem andern Namen,— hatte nichts ſehr Ergötz⸗ liches: die Regel des Louvre war beinahe ſo ſtreng, als die eines Kloſters, und der König, der ſich auf den Tod von Saint⸗Mégrin, von Buſſy d'Amboiſe und ein paar anderen Cdelleuten ſtützte,— ein durch ihre übertriebene Liebe für das ſchöne Geſchlecht ver⸗ urſachter Tod,— nahm dieſe Unfälle zum Texte, um gegen die Weiber zu donnern und ſie ſeinen Günſtlingen als untergeordnete und ſogar gefährliche Weſen darzuſtellen. Die armen jungen Leute waren alſo,— beſon⸗ ders diejenigen, welchen daran lag, in der Gnade des Königs zu bleiben,— darauf angewieſen, zu fechten, Ball zu ſpielen, Hausſperlinge mit Blaſe⸗ rohren zu ſchießen, ſich zu friſiren, neue Formen von Kragen zu erfinden, ihren Roſenkranz zu beten und ſich zu geißeln, wenn, mitten in dieſem unſchuldigen Leben, der Teufel, der nicht einmal die Heiligen reſpectirt, kam und ſie in Verſuchung führte. Nachdem dies geſagt iſt, wird man ſich nicht mehr wundern, daß einen guten alten Mann er⸗ blickend, dem nur noch ein Auge, ein Arm und ein Bein blieb, und der einen Chevau⸗léger von der Wache vor dem Hofthore um ein Almoſen bat, Einer von den Fünf und Vierzig dieſem Manne einzutreten winkte, und nachdem er ihm ein Geldſtück gegeben und ein paar Fragen an ihn gerichtet hatte, unab⸗ läſſig ſeine Kameraden herbeirief,— mit dem ewigen Bedürfniſſe der Mittheilung, das man in gleichem Grade bei den in die Mauern eines Collége einge⸗ ſchloſſenen Schülern, bei den in die Mauern eines 280 Kloſters eingeſchloſſenen Nonnen, und bei den in die Mauern einer Feſtung eingeſchloſſenen Soldaten findet. Die jungen Leute liefen herbei, umringten den Ankommenden und machten ihn zum Gegenſtande einer tiefen Unterſuchung. Bemerken wir ſogleich, daß derjenige, welcher die Ehre hatte, ſo die allgemeine Aufmerkſamkeit zu er⸗ regen, unterſucht zu werden wohl verdiente. Es war ein Mann von ungefähr ſechzig Jahren, der in ſeinem Aeußeren übrigens kein Alter mehr bezeichnete, in Betracht der ſeltſamen phyſiſchen Si⸗ tuation, in die ihn die Feldzüge, welche er mitge⸗ macht, und das abenteuerliche Leben, das er geführt zu haben ſchien, verſetzt hatten. Außer dem Auge, dem Arme und dem Beine, welche Glieder ihm fehlten, war das Geſicht des Bettlers von Säbelhieben zerhackt, waren die Finger der Hand durch Piſtolenſchüſſe zerſchmettert, war der Kopf an mehreren Stellen mit Blättchen von Blech geflickt. Seine Naſe war dergeſtalt mit Schmarren und Narben aller Art bedeckt, daß ſie einem von den Kerbhölzern der Bäcker glich, auf denen man einen Einſchnitt bei jedem Brode macht, das auf Credit genommen wird. Ein ſolcher Wurfpfahl, man wird es zugeſtehen, war wohl etwas Intereſſantes für junge Leute, welche, in Ermangelung ſüßerer Luſtbarkeiten, das Duell unter die Zahl ihrer Zerſtreuungen ſetzten. Die Fragen fielen auch hageldicht auf den Bett⸗ ler.„Wie heißeſt Du?— Wie alt biſt Du?— —————— 281 In welcher Schenke haſt Du Dein Auge verloren? — In welchem Hinterhalte haſt Du Deinen Arm gelaſſen?— Auf welchem Schlachtfelde haſt Du Dein Bein vergeſſen?“ „Ahl meine Herren,“ ſagte einer von den Fra⸗ genden,„bringen wir ein wenig Ordnung in unſere Fragen, ſonſt wird uns der arme Teufel nicht ant⸗ worten können.“. „Man müßte aber vorher wiſſen, ob ihm nicht die Zunge fehlt.“ „Nein, Gott ſei Dank, meine braven Herren; und wollt Ihr einige Güte für einen alten Aben⸗ teurer⸗Kapitän haben, ſo werde ich ſie damit beſchäf⸗ tigen, daß ſie Euer Lob ſingt.“ „Abenteurer⸗Kapitän, Du? Ah bah!“ erwiederte einer von den jungen Leuten,„willſt Du uns nicht etwa glauben machen, Du ſeiſt Kapitän geweſen?“ „Das iſt wenigſtens der Titel, den mir mehr als einmal der Herzog Franz von Guiſe, dem ich Calais wiedernehmen half, gegeben hat; ebenſo der Admi⸗ ral Gaspard von Coligny, dem ich Saint⸗Quentin vertheidigen half, und der Prinz von Condé, dem ich wieder nach Orleans gelangen half.“ „Du haſt dieſe berühmten Kriegshelden geſehen?“ fragte einer von den Cdelleuten. „Ich habe ſie geſehen, ich habe mit ihnen ge⸗ ſprochen, und ſie haben mit mir geſprochen... Ah! Ihr ſeid brav, meine edlen Herren, ich bezweifle es nicht; doch erlaubt mir, Euch zu ſagen: das Ge⸗ ſchlecht der Tapfern und der Starken iſt dahin ge⸗ gangen!“ „Und Du biſt der Letzte?“ rief eine Stimme. 282 „Nicht von denen, von welchen ich rede,“ erwie⸗ derte der Bettler,„aber in der That der Letzte von einer Verbindung von Braven... Wir waren zehn Abenteurer, ſeht Ihr, meine Herren, mit denen ein General Alles verſuchen konnte; doch der Tod hat uns Einen um den Andern einzeln weggenommen.“ „Und was waren,“ fragte einer von den Ordi⸗ nären,„ich ſage nicht die Abenteuer, ſondern die Namen dieſer zehn Braven?“ „Ihr habt Recht, daß Ihr nicht nach ihren Abenteuern fragt: ihre Abenteuer würden allein ein Gedicht machen, und derjenige, welcher es ſchreiben könnte, der arme Fracaſſo, iſt leider an einer Zu⸗ ſammenziehung am Halſe geſtorben;— was aber die Namen betrifft, das iſt etwas Anderes...“ „Laßt die Namen hören.“ „Da war Dominico Ferrante: dieſer iſt zuerſt ab⸗ gegangen. Als er eines Abends mit zwei Kameraden ganz nahe an der Tour de Nesle vorüberging, kam ihm der Gedanke, einem verteufelten florentiniſchen Bildner anzubieten, er wolle ihm einen Sack voll Geld tragen helfen, den dieſer ſo eben aus den Händen des Schatzmeiſters von König Franz I. em⸗ pfangen. Benvenuto, der ſich verſpätet hatte und in dieſem Augenblicke in Saint⸗Germain⸗des⸗Prés Mitternacht ſchlagen hörte, glaubte in einem Aner⸗ bieten, das reine Höflichkeit war, eine Verſuchung der Habgier zu ſehen; er zog vom Leder und nagelte mit einem raſchen Stoße den armen Ferrante an die Wand!“ „So geht es, wenn man zu höflich iſt!“ bemerkte einer von den Zuhörern. ——— O p S—S=S 0ͤ—2& annn ————— u 283 „Der Zweite war Vittorio Albani Fracaſſo, ein großer Dichter, der nur beim Mondſcheine arbeiten konnte. Als er eines Tages einen Reim in der Gegend von Saint⸗Quentin ſuchte, fiel er durch Zu⸗ fall mitten in einen am Wege des Herzogs Emanuel Philibert gelegten Hinterhalt; er war ſo mit der Widerſpänſtigkeit dieſes Reimes beſchäftigt, daß er vergaß, die Hinterhalter zu fragen, in welcher Abſicht ſie da ſeien: ſo daß, da mittlerweile der Herzog Emanuel vorüberzog, Fracaſſo ſich mitten im Ge⸗ menge befand; er that ſein Beſtes, um ſich heraus⸗ zuziehen, als er betäubt von einem Kolbenſtreiche, den ihm der Waffenträger des Herzogs Scianca Ferro, ein verdammter Schlaghart, verſetzte, nieder⸗ fiel. Der Hinterhalt mißglückte, Fracaſſo blieb auf dem Schlachtfelde, und da er, in Betracht der Ohn⸗ macht, in die er verſunken war, den Zufall ſeiner Gegenwart nicht erklären konnte, ſo zog man ihm einen Strick um den Hals und hißte ihn am Aſte einer Eiche auf! Obgleich der arme Fracaſſo, in ſeiner Eigenſchaft als Dichter, mager war wie ein Ziegen⸗ melker, ſo führte doch nichtsdeſtoweniger das Gewicht des Körpers die Zuſammenziehung der Schlinge, und die Zuſammenziehung der Schlinge die Erdroſſelung herbei. In dieſem Augenblicke kam er wieder zu ſich: er wollte die Erklärungen geben, die er für ſeine gewaltig gefährdete Chre für nothwendig erachtete; doch er war eine Secunde zu ſpät zu ſich gekommen: die Erklärungen konnten nicht paſſiren und blieben jenſeits der Schlinge; was Viele glauben machte, der arme Unſchuldige ſei mit Recht gehenkt worden.“ 284 „Meine Herren,“ ſprach eine Stimme,„fünf Pater und fünf Ave für den unglücklichen Fracaſſo!“ „Der Dritte,“ fuhr der Bettler ſchwermüthig fort,„der Dritte war ein würdiger deutſcher Aben⸗ teurer Namens Franz Scharfenſtein. Ihr habt ge⸗ wiß vom ſeligen Briareus und vom verſtorbenen Hercules reden hören? Nun wohl, Franz war ein Mann von der Stärke des Hercules und von der Geſtalt des Briareus. Er ließ ſich muthig auf einer Breſche bei der Belagerung von Saint⸗Quentin tödten. Gott hat ſeine Seele und die von ſeinem Oheim Heinrich Scharfenſtein, der blödſinnig in Folge von zu vielem Weinen geſtorben iſt!..“ „Sage, Montaigu,“ unterbrach eine Stimme, „glaubſt Du, wenn Du ſtürbeſt, Dein Oheim würde auch blödſinnig in Folge von zu vielem Weinen?“ „Mein Lieber,“ antwortete derjenige, an welchen die Frage gerichtet war,„es gibt ein Rechtsaxiom, welches ſagt: Non bis in idem. „Der Fünfte,“ ſprach der Bettler,„war ein wackerer Katholik Namens Cyrille Nepomucène Lactance. Dieſer iſt ſeines Heiles ſicher; denn nach⸗ dem er zwanzig Jahre für unſere heilige Religion gekämpft hatte, iſt er als Märtyrer geſtorben.“ „Als Märtyrer? Wetter! erzähle uns das.“ „Das iſt ganz einfach, meine edlen Herren. Er diente unter den Befehlen des bekannten Barons des Adrets, der in dieſem Augenblicke Katholik war. — Es iſt Ihnen wohl bekannt, daß der Baron des Adrets ſein Leben damit zubrachte, daß er vom Katholiken Proteſtant und vom Proteſtanten Katholik wurde.— Der Baron des Adrets war alſo ſür den + 8 S ☚ —- —.— D GxGXANNSog A * 28⁵ Augenblick Katholik, und Lactance diente unter ſeinen Befehlen, als, da der Baron am Vorabend des Frohn⸗ leichnamfeſtes einige Hugenotten gefangen genommen hatte und nicht wußte, welche Todesart er über ſie verhängen ſollte, Lactance von der heiligen Erfin⸗ dung erleuchtet wurde, ſie abzubalgen und mit ihren Häuten, ſtatt der Tapeten, die Häuſer des Dörſchens Mornas auszuſchlagen: der Baron fand großen Ge⸗ fallen an dieſem Rathe und ließ ihn am andern Tage zur Ehre unſerer heiligen Religion vollziehen! Doch es geſchah im folgenden Jahre, daß der Baron, der wieder Proteſtant geworden war, als Lactance in ſeine Hände fiel, ſich des Rathes erinnerte, den mein frommer Freund ihm gegeben hatte, und ihn, trotz ſeiner Reclamationen, ebenfalls abbalgen ließ. Ich erkannte die Haut des Märtyrers an einem Schönheitsmahle, das er über der linken Schulter hatte.“ „Es wird Dir vielleicht eines Tages daſſelbe wi⸗ derfahren, Villequier,“ ſagte einer von den jungen Leuten zu ſeinem Nachbar;„balgt man Dich aber ab, ſo wird es nicht geſchehen, um aus Deiner Haut eine Tapete zu machen, oder, alle Teufel! dann muß in Frankreich Ueberfluß an Trommeln ſein!“ „Der Sechste,“ fuhr der Abenteurer fort,„war ein hübſcher Stutzer von unſerer guten Stadt Paris, jung, ſchön, galant, immer den Weibern nachlaufend...“ „St!“ machte einer von den Ordinären;„ſprich nicht ſo laut, guter Mann: König Heinrich könnte Dich hören und Dich dafür beſtrafen laſſen, daß Du ſo ſchlechte Geſellſchaft geſehen haſt!“ 286 „Und wie hieß der Burſche, der ſolche Sitten hatte?“ fragte ein anderer Edelmann. „Er hieß Victor Felix Ywonnet,“ antwortete der Bettler.„Eines Tags oder vielmehr in einer Nacht, als er bei einer von ſeinen Geliebten war, hatte der Mann nicht den Muth, ihn zu erwarten und mit dem Degen in der Hand anzugreifen: er hob die Thüre, durch welche Nvonnet weggehen mußte, aus den Angeln,— eine Thüre von maſſivem Eichenholze, vielleicht drei Centner ſchwer!— und ſtellte ſie im Gleichgewichte an ihre Angeln. Um drei Uhr nahm Woonnet Abſchied von ſeiner Geliebten und ging gerade auf die Thüre zu, deren Schlüſſel er hatte; er ſteckte dieſen Schlüſſel ins Schloß, drehte zweimal um und zog an ſich; ſtatt ſich aber auf ihren Angeln zu wenden, fiel die Thüre gewichtig auf den armen Ywoonnet! Wäre es Franz oder Heinrich Scharfen⸗ ſtein geweſen, ſie würden die Thüre wie ein Blatt Papier zurückgeſtoßen haben; doch Yvonnet war, wie geſagt, ein ächter Liebesſtutzer, mit kleinen Hän⸗ den und kleinen Füßen: die Thüre zerſchmetterte ihm die Lenden, und am andern Tage fand man ihn todt!“ „Eil“ ſagte derjenige von den Fünf und Vierzig, welchen man Montaigu genannt hatte,„das iſt ein Recept, das man Herrn von Chateauneuf geben muß: es kann dies zwar nicht verhindern, daß er betrogen wird, doch es wird verhindern, daß ihn zweimal der⸗ ſelbe betrügt!“ „Der Siebente,“ fuhr der Abenteurer fort,„der Siebente hieß Martin Pilletrouſſe; das war ein ehr⸗ licher Edelmann, wie Herr von Brantome ſagt, der durch ein ärgerliches Mißverſtändniß das Leben ver⸗ 9—,———,.— 4 4 287 lor. Als eines Tags Herr von Montluc durch ein kleines Dorf zog und von allen Behörden die Rich⸗ ter ausgenommen bewillkommnet wurde, beſchloß er, ſich für dieſe Unhöflichkeit zu rächen; er erkundigte ſich zu dieſem Ende und erfuhr, es ſollte am andern Tage Gericht über zwölf Hugenotten gehalten wer⸗ den; er begab ſich ins Gefängniß, trat in die ge⸗ meinſchaftliche Stube und fragte:„„Wer iſt Huge⸗ nott hier?““ Pilletrouſſe, der Herrn von Montluc als wüthenden Hugenotten gekannt hatte und nicht wußte, daß er, wie der Baron des Adrets, die Religion ge⸗ wechſelt, befand ſich in dieſer Stube, ich weiß nicht welcher Erbärmlichkeit bezüchtigt; er glaubte, Herr von Montluc frage, welche die Hugenotten ſeien, um ſie frei zu laſſen; durchaus nicht: um ſie henken zu laſſen! Als der arme Pilletrouſſe ſah, um was es ſich handelte, proteſtirte er aus Leibeskräften; doch er mochte immerhin proteſtiren, man hielt ſich an ſeine erſte Erklärung, und er wurde als Zwölfter gehenkt? Wer war am andern Tage angeführt? Die Richter, da ſie Niemand mehr zu richten hatten. Mittlerweile war aber der arme Pilletrouſſe todt.“ „Requiescat in pace!“ ſagte einer von den Zuhörern. „Der Wunſch iſt chriſtlich, mein Edelmann,“ er⸗ wiederte der Bettler,„und ich danke Euch im Namen meines Freundes.“ „Und der Achte?“ fragte eine Stimme. „Der Achte hieß Jean Chryſoſtome Procope; er war Nieder⸗Normann...“ „Der König, meine Herren! der König!“ rief eine Stimme. 288 „Raſch, tritt auf die Seite, Burſche!“ ſagten die jungen Herren,„und laß Dich nicht auf dem Wege Seiner Majeſtät finden: er liebt es, nur hübſche Geſichter und anmuthige Tournuren zu ſehen.“ Es war in der That der König, der, Herrn von Guiſe zu ſeiner Rechten, den Herrn Cardinal von Lothringen zu ſeiner Linken, aus ſeinen Gemächern herabkam. Er ſchien ſehr ſchwermüthig zu ſein. „Meine Herren,“ ſprach er, ſich an die Edelleute wendend, welche an ſeinem Wege Spalier bildeten und, ſo gut ſie konnten, vor ihm den Mann mit dem Auge, dem Arme und dem Fuße zu wenig verbargen, „Ihr habt mich oft von der ganz königlichen Art, wie ich in Piemont vom Herzog Emanuel Philibert aufgenommen worden bin, reden hören?“ Die jungen Leute verbeugten ſich, um zu be⸗ zeichnen, ſie erinnern ſich deſſen. „Nun wohl, ich habe heute Morgen die ſchmerz⸗ liche Nachricht von ſeinem Tode erhalten, der ſich in Turin am 30. Auguſt 1580 zugetragen hat.“ „Und ohne Zweifel, Sire, iſt dieſer große Fürſt ſchön geſtorben?“ fragte einer von den Fünf und Vierzig. „Seiner würdig, meine Herren: er iſt in den Armen ſeines Sohnes geſtorben, zu dem er ſagte: „„Mein Sohn, lernet von meinem Tode, wie Euer Leben ſein ſoll, und von meinem Leben, wie Euer Tod ſein ſoll. Das Alter hat Euch ſchon fähig gemacht, die Staaten zu regieren, die ich Euch hinterlaſſe; habet Sorge, ſie den Eurigen zu erhalten, und ſeid ver⸗ ſichert, daß Gott ihr Beſchützer ſein wird, ſo lange Ihr in ſeiner Furcht lebt!...““ Meine Herren, 8 289 der Herzog Emanuel Philibert war einer meiner Freunde; ich werde acht Tage für ihn Trauer tra⸗ gen, und während dieſer acht Tage die Meſſe in Rückſicht gegen ihn hören. Wer es macht wie ich, wird mir Vergnügen machen.“ Hienach ging der König weiter ſeines Weges nach der Kapelle; die Edelleute folgten ihm und hörten andächtig die Meſſe mit ihm. Als ſie aus der Kirche kamen, war das Erſte, was ſie mit den Augen ſuchten, der Bettler; doch der Bettler war verſchwunden. Zugleich mit ihm waren die Geldtaſche von Sainte⸗Maline, die Con⸗ fectbüchſe von Montaigu und die goldene Kette von Villequier verſchwunden. Der Abenteurer hatte nur noch eine Hand, doch er wußte ſich derſelben, wie man ſieht, zu bedienen. Die drei jungen Leute wollten wiſſen, ob er ſich eben ſo gut ſeines einzigen Beines, als ſeiner ge⸗ trennten Hand bediene, liefen nach dem Thore und fragten die Schildwache, ob ſie ihnen Auskunft über das, was aus dem hinkenden Bettler geworden ſei, mit dem ſie eine halbe Stunde vorher geſprochen, geben könne. „Meine Herren,“ antwortete der Chevau⸗léger, „er iſt hinter dem Hotel du Petit⸗Bourbon verſchwun⸗ den; bei ſeinem Abgange ſagte er jedoch artig zu mir:„„Mein braver Mann, es kann ſein, daß edle Herren, mit denen ich ſo eben mich zu unterhalten die Ehre gehabt habe, das Ende meiner letzten Ka⸗ meraden zu erfahren und zu wiſſen wünſchen, wie der arme Teufel heißt, der ſie überlebt hat. Meine zwei Gefährten, welche Procope und Maldent hießen, waren der Eine ein Nieder⸗Normann, der Andere ein Dumas, der Page. III. 19 290 Picarder, Beide ſehr ſtark im Rechte; der Erſte iſt als Anwalt beim Chatelet geſtorben, der Zweite als Doctor der Sorbonne. Ich, was mich betrifft, ich heiße Céſar Annibal Malemort, ihnen zu dienen, wäre ich dazu fähig.“ Das ſind die einzigen Nachrichten, welche vom Letzten der Abenteurer zu den Fünf und Vierzig ge⸗ langten und bis zu uns gelangt ſind. Der Zufall hatte gemacht, daß derjenige, welcher zuerſt hätte unterliegen müſſen, wunderbarer Weiſe Alle überlebte! Ende. — —y