Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen,“4 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256.. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahm = A 8 e und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr. offen.— 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 1 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 4 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:.. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— 1P— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 2 . 7 1 1 5 9—„,— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 8 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— 2 ASt 1 —*——4 N Der Page des Herzogs von Savoyen. Von Alexandre Numas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Zoller. Sechſtes bis zehntes Bändchen. 4 Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1855. unt — III. Connetable und Cardinal. Zwei Stunden nach der von uns beſchriebenen Scene; nachdem die wirkliche oder officielle Aufre⸗ gung im Gemüthe der Anweſenden beſänftigt war; nachdem man Gabriel de Lorges, Grafen von Mont⸗ morency, und Jacob von Savoyen, Herzog von Ne⸗ mours, den zwei Rettern des Königs, die Glück⸗ wünſche über die Beherztheit und Gewandtheit, die ſie bei dieſer Veranlaſſung entwickelt, dargebracht hatte; nachdem dem Jägerrechte,— etwas ſehr Be⸗ deutungsvolles, was die wichtigſten Angelegenheiten nicht zu vernachläßigen erlaubten,— im großen Hofe des Schloſſes in Gegenwart des Königs, der Köni⸗ gin und aller in Saint⸗Germain anweſenden Herren und Damen Genüge geleiſtet war,— trat Hein⸗ rich II. mit lächelndem Geſichte, wie es das eines Menſchen iſt, der ſo eben einer Todesgefahr entgangen, und der ſich um ſo mehr voll Leben und Geſundheit fühlt, je größer die Gefahr geweſen, Heinrich II., ſagen wir, trat in ſein Cabinet ein, wo ihn, außer ſeinen gewöhnlichen Räthen, der Cardinal Karl von Lothringen und der Connetable von Montmorency erwarteten. Dumas, der Page. II. 1 Wir haben ſchon einige Male den Connetable von Montmorency genannt; doch wir haben es ver⸗ ſäumt, für ihn das zu thun, was wir für die an⸗ dern Helden dieſer Geſchichte gethan, nämlich ihn wieder auszugraben und vor unſere Leſer zu ſtellen, wie jenen großen Connetable von Bourbon, den ſeine Soldaten nach ſeinem Tode zu einem Ma⸗ ler trugen, daß er ihnen ein Portrait von ihm, ſte⸗ hend und in voller Rüſtung, als ob er lebend ge⸗ weſen wäre, mache. Anne von Montmorency war damals das Haupt der, von Bouchard von Montmorency, abſtammenden alten Familie von chriſtlichen Baronen oder Baronen von Frankreich, welche dem Königreiche zehn Conne⸗ tables geliefert hat. Er hieß und benannte ſich Anne von Montmo⸗ rency, Herzog, Pair, Marſchall, Oberſthofmeiſter, Connetable und erſter Baron von Frankreich, Ritter vom St. Michaels⸗Orden und vom Hoſenband; Ka⸗ pitän von hundert Mann der Ordonnanzen des Kö⸗ nigs; Gouverneur des Languedoc; Graf von Beau⸗ mont, von Dammartin, von la Fére⸗en⸗Tardenois und von Chateaubriant; Vicomte von Melun und Maontreuil; Baron von Amville, von Préaux, von Montbron, von Offemont, von Mello, von Chateau⸗ neuf, von la Rochepot, von Dangu, von Märu, von Thoré, von Savoiſy, von Gourville, von Der⸗ val, von Chanceaux, von Rougé, von Aſpremont, von Maintenay; Herr von Ecvuen, von Chantilly, der Isle⸗Adam, von Conflans⸗Sainte⸗Honorine, von Nogent, von Valmondois, von Compiègne, von Gandelu, von Marigny, von Thourout. ———— 3 Wie man durch dieſe Titelaufzählung ſieht, konnte der König König in Paris ſein, doch Mont⸗ morency war Herzog, Graf, Baron rings um Pa⸗ ris; ſo daß das Königthum in ſeine Herzogthümer, Grafſchaften, Baronien eingekerkert ſchien. Geboren 1493, war er in der Zeit, zu der wir gelangt ſind, ein Greis von vierundſechzig Jahren, der, während man ihm ſein Alter anſah, die Kraft und die Friſche eines Mannes von dreißig hatte; heftig und brutal, beſaß er alle plumpe Eigenſchaften des Soldaten: den blinden Muth, die Unwiſſenheit hinſichtlich der Gefahr, die Sorgloſigkeit in Betreff der Strapazen. Voll Hoffart, aufgeblaſen von Ei⸗ telkeit, ließ er den Vorrang nur dem Herzog von Guiſe, doch als Prinzen von Lothringen, denn als General und Commandant einer Expedition glaubte er ſich weit über dem Vertheidiger von Metz und dem Sieger von Renty. Ein wunderlicher Höfling, vom hartnäckigſten Ehrgeize, erlangte er zum Vortheil ſeines Vermögens und ſeiner Größe durch Grobheiten und Brutalitäten, was ein Anderer durch Geſchmei⸗ digkeit und Schmeichelei erlangt hätte. Diana von Valentinois unterſtützte ihn übrigens ſehr bei dieſem Geſchäfte, bei dem er ohne ſie geſcheitert wäre: mit ihrer ſanften Stimme, ihrem ſanften Blicke und ih⸗ rem ſanften Geſichte hinter ihm kommend, machte ſie Alles wieder zurecht, was er zerbrochen hatte. Er war ſchon in vier großen Schlachten geweſen, und in jeder hatte er die Arbeit eines kräftigen Kriegsmannes, in keiner aber das Werk eines ver⸗ ſtändigen Heerführers vollbracht. Dieſe vier Schlach⸗ ten waren einmal die von Ravenna: er zählte damals achtzehn Jahre und folgte zu ſeinem Vergnügen und als Liebhaber dem, was man die allgemeine Fahne nannte, und was nichts Anderes war, als die Stan⸗ darte der Freiwilligen;... die zweite war die bei Marignan: er commandirte hier eine Compagnie von hundert Reiſigen, und er hätte ſich rühmen können, die gewaltigſten Schwertſtreiche und Kolbenſchläge ſeien von ſeiner Hand ausgetheilt worden, wäre nicht neben ihm und oft vor ihm ſein großer Meiſter Franz I., dieſer hunderthändige Rieſe, geweſen, der die Welt erobert haben würde, wäre dieſe Eroberung demjenigen zugefallen, welcher am Kräftigſten ſchlug; die dritte war die bei der Bicoque, wo er Oberſter der Schweizer war, mit der Pieke in der Fauſt ſtritt und als todt auf dem Platze blieb; die vierte war die von Pavia: er war damals Marſchall von Frank⸗ reich durch den Tod von Herrn von Chatillon, ſeinem Schwager, geworden; nicht vermuthend, es werde am andern Tage eine Schlacht ſtattfinden, war er in der Nacht auf Recognoscirung abgegangen; beim Lärmen der Kanonen kam er zurück und wurde ge⸗ fangen genommen, wie die Anderen, ſagt Bran⸗ tome; und in der That, bei dieſer unſeligen Nieder⸗ lage von Pavia wurde Jedermann gefangen genom⸗ men, ſelbſt der König. Ganz das Gegentheil von Herrn von Guiſe, der bei den Bürgern und im Civilſtande große Sympa⸗ thien hatte, verabſcheute der Connetable die Bürger und verwünſchte er die Civilbeamten. Er ließ keine Gelegenheit vorübergehen, die Einen und die An⸗ dern anzuſchnauzen. Als eines Tags, da es ſehr heiß war, ein Präſident zu ihm kam, um von Amtes — .— N u—-———D——— ◻̈— 5 wegen mit ihm zu ſprechen, empfing ihn Herr von Montmorency mit der Mütze in der Hand und ſagte zu ihm: „Nun, Herr Präſident, ſchwatzt, was Ihr mir zu erzählen habt, und bedeckt Euch.“ Doch der Präſident, im Glauben, um ihm Ehre zu erweiſen, ſtehe Herr von Montmorency mit ent⸗ blößtem Haupte da, erwiederte: „Gnädigſter Herr, glaubt mir, ich werde mich nicht eher bedecken, als bis Ihr ſelbſt bedeckt ſeid.“ Da ſprach der Connetable: „Was für ein großer Dummkopf ſeid Ihr! Glaubt Ihr zufällig, ich ſei Euch zu Liebe entblößt? Nein, zu meiner Bequemlichkeit, weil ich vor Hitze ſterbe. Ich höre Euch, ſprecht.“ Worauf der Präſident ganz verblüfft nur ſtam⸗ melte, und Herr von Montmorency fügte bei: „Ihr ſeid ein Einfaltspinſel, Herr Präſident. Geht nach Hauſe, lernt Eure Lection, und wenn Ihr ſie könnt, kommt wieder zu mir, doch nicht vorher.“ Und er wandte ihm den Rücken zu. Als die Leute von Bordeaux ſich empört und ihren Gouverneur getödtet hatten, wurde der Conne⸗ table gegen ſie abgeſchickt. Sie, da ſie ihn kommen fühlten und zitterten, die Repreſſalien werden erſchreck⸗ lich ſein, zogen ihm auf zwei Tagereiſen entgegen und brachten ihm die Schlüſſel der Stadt. Er aber, der in voller Rüſtung zu Pferde ſaß, ſagte zu ihnen: „Geht, meine Herren von Bordeaux, geht mit Euren Schlüſſeln! ich weiß nicht, was ich damit thun ſoll.“ 3 4 Und auf ſeine Kanonen deutend. „Seht, hier ſind Schlüſſel, die ich mit mir führe: ſie werden eine andere Oeffnung machen, als die Euren... Ahl ich will Euch gegen den König re⸗ belliren und ſeinen Gouverneur tödten lehren! Wißt, daß ich Euch Alle aufhängen laſſe!“ Und er hielt Wort. Herr von Strozzi, der am Tage vorher mit ſeinen Leuten vor ihm manoeuvrirt hatte, beſuchte ihn in Bordeaux, um ihm ſeine Huldigung darzu⸗ bringen, obſchon er ein Verwandter der Königin war. Sobald ihn Herr von Montmorency erblicke, rief er ihm zu: „Eil guten Morgen, Strozzi! Eure Leute haben geſtern Wunder gethan, und waren wahrhaft ſchön anzuſchauen; ſie werden auch heute Geld erhalten: ich habe es befohlen.“ „Ich danke, Herr Connetable,“ erwiederte Herr von Strozzi;„es freut mich unendlich, daß Ihr mit ihnen zufrieden ſeid, denn ich habe in ihrem Namen eine Bitte an Euch zu richten.“ „Welche, Strozzi? Sprecht.“ „Das Holz iſt theuer in dieſer Stadt, und ſie richten ſich zu Grunde, um welches zu kaufen; ſie bitten Euch daher, ihnen ein Schiff, genannt der Montreal, zu ſchenken, das am Ufer liegt und nichts mehr taugt, um es zu zerſchlagen und ſich damit zu wärmen.“ „Ohl das will ich wohl thun,“ verſetzte der Connetable;„ſie mögen ſo raſch als möglich gehen, ———— 1 ihre Packknechte mitnehmen, das Schiff in Stücke zerſchlagen und ſich gut damit wärmen, denn das iſt mein Vergnügen.“ Doch während er zu Mittag ſpeiſte, kamen die Herren Schöffen der Stadt und die Räthe des Hofes zu ihm. Mochte nun Herr von Strozzi ſchlecht ge⸗ ſehen, mochte er ſich auf die Ausſagen der Soldaten verlaſſen haben, oder verſtand er ſich nicht auf neue oder alte Schiffe,— das, deſſen Zerſtörung er verlangt hatte, war noch zu langem und gutem Gebrauche fähig. Dieſe würdigen Beamten ſtellten auch dem Connetable vor, wie Schade es wäre, ein ſo ſchönes Schiff zu zerſtückeln, das erſt ein paar Fahrten ge⸗ macht habe und dreihundert Tonnen halte. Doch der Connetable unterbrach ſie mit ſeinem gewöhnlichen Tone beim vierten Worte und rief: „Gut! gut! gut! Wer ſeid Ihr, meine Herren Dummköpfe, daß Ihr mich controliren wollt? Ihr ſeid geſchickte Kälber, daß Ihr es wagt, mir hier⸗ über Vorſtellungen zu machen! Wenn ich wohl thäte, — und ich weiß nicht, warum ich es unterlaſſe,— ſo würde ich ſogleich Leute abſchicken und Eure Häuſer in Stücke hauen laſſen, ſtatt des Schiffes, und das werde ich auch thun, wenn Ihr Euch nicht ſtracks aus dem Staube macht. Geht raſch nach Hauſe und miſcht Euch in Eure Angelegenheiten und nicht in die meinen!“ Und an demſelben Tage wurde das Schiff in Stücke zerſchlagen. Seitdem man im Frieden war, ließ der Connetable ſeine größten Zornanfälle über die Geiſtlichen der reformirten Religion ausſtrömen, gegen die er einen grimmigen Haß hegte. Es war eine ſeiner Erholun⸗ gen, in die proteſtantiſchen Kirchen von Paris zu gehen und die Geiſtlichen von der Kanzel zu ver⸗ jagen, und als er eines Tags erfuhr, ſie haben mit Erlaubniß des Königs ein Conſiſtorium, begab er ſich nach Popincourt, trat in die Verſammlung ein, warf die Kanzel um, zerbrach alle Bänke und machte ein großes Feuer daraus, eine Expedition, von der er den Beinamen Kapitän Brule⸗Bancs erhielt. Und alle dieſe Brutalitäten geſchahen von Seiten des Connetable, während er Gebete murmelte, be⸗ ſonders das Gebet des Herrn, das ſein Lieblings⸗ gebet war, und das er auf die groteskeſte Weiſe mit den barbariſchen Befehlen, die er gab, und von denen man ihn nie abgehen ſah, zuſammenfügte. Wehe auch! wenn man ihn den Anfang ſeines Gebetes murmeln hörte. „Unſer Vater, der Du biſt im Himmel,“ ſagte er;„greift mir dieſen Menſchen!— Dein Name werde geheiliget;— hängt ihn mir an dieſem Baume auf!— Dein Reich komme;— laßt mir den Andern über die Pieken paſ⸗ ſiren!— Dein Wille geſchehe,— erſchießt alle dieſe Burſche in meiner Gegenwart! — auf Erden wie im Himmel!— haut mir in Stücke alle die Schurken, welche dieſen Thurm gegen den König behaupten woll⸗ ten!— gib uns unſer täglich Brod;— verbrennt mir dieſes Dorfl— vergib uns unſere Schulden, wie wir unſern Schuldigern vergeben;— legt an allen vier Ecken Feuer an, und daß nicht ein Haus entgehel— und führe uns nicht in ———— — 9 Verſuchung;— ſchreien die Lümmel, ſo werft ſie ins Feuer!— ſondern erlöſe uns von dem Uebel. Amen! Das nannte man die Paternoſter des Connetable. So war der Mann, den beim Eintritte in ſein Cabinet Heinrich II. dem feinen, dem geiſtreichen, dem ariſtokratiſchen Cardinal von Lothringen, dem höflichſten Kirchenfürſten und dem gewandteſten Po⸗ litiker⸗Prälaten ſeiner Zeit, gegenüberſitzend fand. Man begreift, welche Oppoſition ſich einander dieſe zwei ſo durchaus entgegengeſetzten Naturen machten, und welche Uneinigkeit in den Staat dieſe rivalen Ehrgeize bringen mußten. Und dies um ſo mehr, als die Familie Mont⸗ morency kaum weniger zahlreich war, als die Fa⸗ milie Guiſe, denn der Connetable hatte fünf Söhne: die Herren von Montmorency, von Amville, von Mäéru, von Montbron und von Thoré, und fünf Töchter, von denen vier an die Herren von la Tré⸗ mouille, von Turenne, von Ventadour und von Candale verheirathet waren, während die fünfte, die Schönſte von Allen, Aebtiſſin von St. Peter in Rheims wurde. Man mußte aber dieſe ganze reiche Nachkom⸗ menſchaft unterbringen, und der Connetable war zu geizig, um für die Unterbringung zu ſorgen, ſo lange der König da war. Als ſie Heinrich erblickten, ſtanden Alle auf und entblößten ſich. Der König grüßte Montmorency mit einer freund⸗ ſchaftlichen Geberde, indeß er an Karl von Lothringen eine ehrfurchts svolle Kopfverbeugung richtete. 10 „Meine Herren,“ ſprach er,„ich habe Euch rufen laſſen, denn der Gegenſtand, über den ich Euch zu Rathe ziehen muß, iſt ernſt. Herr von Nemours iſt von Italien angekommen, wo die Angelegenheiten in Folge des Wortbruches Seiner Heiligkeit und des Verrathes der Mehrzahl unſerer Verbündeten ſchlecht ſtehen. Alles war Anfangs vortrefflich: Herr von Strozzi nahm Oſtia; allerdings verloren wir in den Gräben der Stadt Herrn von Montlue, einen wackern, würdigen Edelmann, meine Herren, für deſſen Seele zu beten ich Euch erſuche. Dann zog ſich der Herzog von Alba, da er die nahe bevorſtehende Ankunft Eures erhabenen Bruders, mein lieber Cardinal, er⸗ fuhr, nach Neapel zurück. Alle Plätze in der Gegend von Rom wurden hienach von den Unſern beſetzt. In der That, nachdem er durch das Malländiſche gezogen, marſchirte der Herzog gegen Reggio, wo ihn ſein Schwager, der Herzog von Ferrara, mit ſechstauſend Mann Fußvolk und achthundert Reitern erwartete. Hier wurde ein Rath zwiſchen dem Car⸗ dinal Caraffa und Jean von Lodève, Geſandten des Königs, gehalten. Die Einen dachten, man müſſe Cremona oder Pavia angreifen, während der Mar⸗ ſchall von Briſſac die Feinde im Athem erhalten würde. Andere ſtellten vor, ehe man Zeit gehabt hätte, ſich dieſer zwei Plätze zu bemächtigen, welche zu den ſtärkſten Italiens gehören, würde der Herzog von Alba ſeine Armee durch Aushebungen in Tos⸗ cana und im Königreiche Neapel verdoppelt haben. Der Cardinal Caraffa war anderer Meinung: er ſchlug vor, in die Mark Ancona durch die Terra di Lavoro einzudringen, deren ſchlecht befeſtigte Plätze ———ꝛ—ꝛ:y — — ☛—— ½———-—S— —.— H l 11 ſich, wie er ſagte, alle bei der erſten Aufforderung ergeben würden; doch der Herzog von Ferrara ſei⸗ nerſeits erwiederte, da die Vertheidigung des heiligen Stuhles der Hauptgegenſtand des Feldzuges ſei, ſo müſſe der Herzog von Guiſe gerade nach Rom mar⸗ ſchiren. Der Herzog von Guiſe entſchied ſich für Letzteres, und wollte die ſechstauſend Mann Fußvolk und die achthundert Reiter des Herzogs von Ferrara mit ſich nehmen; doch dieſer hielt ſie zurück und ſagte, er könne jeden Augenblick entweder vom Großherzog Coſimo von Medici oder vom Herzog von Parma, der ſich Spanien zugewandt, angegriffen werden. Herr von Guiſe war alſo genöthigt, meine Herren, ſeinen Marſch mit den wenigen Truppen, die ihn begleite⸗ ten, fortzuſetzen, und ſeine einzige Hoffnung beruhte auf der Verſammlung, welche, nach der Ausſage des Cardinals Caraffa, das franzöſiſche Heer, um ſich ihm anzuſchließen, in Bologna erwartete. In Bo⸗ logna mit dem Herrn Cardinal Neffen angelangt, ſuchte der Herzog vergebens die Verſammlung: ſie exiſtirte nicht. Euer Bruder, mein liebex Cardinal, beklagte ſich laut; doch man antwortete ihm, er werde in der Mark Ancona zehntauſend Mann finden, welche kürzlich für Seine Heiligkeit ausgehoben worden ſeien. Der Herzog wollte dieſem Verſprechen wohl glauben und ſetzte ſeinen Marſch durch die Romagna fort. Keine Verſtärkung erwartete ihn hier; er ließ ſein Heer unter Führung des Herzogs von Aumale zurück und begab ſich unmittelbar nach Rom, um vom heiligen Vater ſelbſt zu erfahren, was er zu thun gedenke. Durch Herrn von Guiſe in die Enge getrieben, antwortete der Papſt, er ſei allerdings ——— 12 ein Contingent von vierundzwanzig tauſend Mann für dieſen Krieg ſchuldig, unter dieſen vierundzwanzig tauſend Mann ſeien aber die Leute begriffen, welche die feſten Plätze der Kirche zu bewachen haben, und es ſeien achtzehntauſend päpſtliche Soldaten, in den verſchiedenen Plätzen vertheilt, mit dieſer Sorge be⸗ auftragt. Herr von Guiſe ſah, daß er nur auf die Leute, die er mitgebracht hatte, rechnen konnte: doch, nach der Behauptung des Papſtes, mußten ihm dieſe Leute genügen, da die Franzoſen in ihren Unternehmungen auf Neapel nun geſcheitert waren, weil ſie den Papſt gegen ſich gehabt hatten. Diesmal, ſtatt gegen ſie zu ſein, war aber der Papſt für ſie, und durch dieſe Mitwirkung, obgleich es eine ganz moraliſche und ſpirituelle, mußte es den Franzoſen glücken. Herr von Guiſe, mein lieber Connetable,“ fuhr Heinrich fort,„iſt in dieſer Hinſicht ein wenig wie Ihr, er zweifelt nie an ſeinem Glücke, ſo lange er ſein Schwert an ſeiner Seite hat und einige Tauſend tapfere Leute hinter ihm marſchiren. Er beſchleunigte die Ankunft ſeines Heeres, und ſobald es mit ihm zuſammenge⸗ troffen war, ging er aus Rom ab, griff Campli an, nahm die Stadt im Sturme und ließ, Männer, Weiber und Kinder, Alles über die Klinge ſpringen.“ Der Connetable nahm die Kunde von dieſer Execution mit dem erſten Zeichen der Billigung auf, das er noch von ſich gegeben. Der Cardinal blieb unempfindlich. „Von Campli,“ fuhr der König fort,„zog der Herzog, um es zu belagern, vor Civitella, was, wie es ſcheint, auf einem abſchüſſigen, durch gute Fe⸗ ſtungswerke beſchützten Hügel gebaut iſt. Man fing —.—-———„» 1—₰— — 8ᷣ 9 — 13 damit an, daß man die Citadelle beſchoß, doch ehe die Breſche benützbar war, wollte unſer Heer, in ſeiner gewöhnlichen Ungeduld, den Sturm wagen. Zum Unglücke war der Ort, den es zu forciren ſuchte, auf allen Seiten durch Baſteien vertheidigt, und ſo wurden unſere Leute mit einem Verluſte von zwei⸗ hundert Todten und dreihundert Verwundeten zurück⸗ geſchlagen.“ Ein Lächeln der Freude ſchwebte über die Lippen des Connetable: der Unbeſiegbare war vor einem Neſte geſcheitert. „Mittlerweile,“ fuhr der König fort,„marſchirte der Herzog Alba, der ſeine Truppen in Chieti zu⸗ ſammengezogen hatte, den Belagerten mit einer Armee von dreitauſend Spaniern, ſechstauſend Deutſchen, dreitauſend Italienern zu Hülfe. Das war mehr als das Doppelte von dem, was der Herzog von Guiſe beſaß. Dieſe Inferiorität beſtimmte den Herzog, die Belagerung aufzuheben und den Feind im offenen Felde zwiſchen Fermo und Ascoli zu erwarten. Er hoffte, der Herzog Alba werde die Schlacht anneh⸗ men, die er ihm bot; doch der Herzog Alba, ſicher, daß wir uns von ſelbſt ruiniren, nimmt weder Treffen, noch Schlacht an, und wenn es geſchieht, ſo thut er es in Stellungen, die uns keine Chance eines glück⸗ lichen Erfolges laſſen. In dieſer Lage, ohne Hoff⸗ nung, vom Papſt Leute oder Geld zu erhalten, ſchickt Herr von Guiſe den Herrn Herzog von Nemours, um von mir eine beträchtliche Verſtärkung oder die Erlaubniß zu fordern, Italien verlaſſen und zuruͤck⸗ kommen zu dürfen. Eure Meinung, meine Herren? Soll man eine letzte Anſtrengung machen, unſerem 14 geliebten Herzog von Guiſe die Leute und die Gelder ſchicken, deren er nothwendig bedarf, oder ihn zu uns zurückberufen, und, indem wir ihn zu uns zu⸗ rückberufen, auf jeden Anſpruch auf das ſchöne Kö⸗ nigreich Neapel verzichten, das ich auf die Zuſage Seiner Heiligkeit ſchon für meinen Sohn Karl be⸗ ſtimmt hatte?“ Der Connetable machte eine Geberde, als wollte er das Wort verlangen, während er indeſſen an⸗ deutete, er ſei bereit, die Priorität dem Cardinal von Lothringen abzutreten, doch dieſer gab ihm durch eine leichte Kopfbewegung zu verſtehen, er könne ſprechen. Es war übrigens eine beim Cardinal gewöhnliche Tactik, ſeinen Gegner zuerſt reden zu laſſen. „Sire,“ ſprach der Connetable,„nach meiner Anſicht darf man eine ſo gut eingeleitete Sache nicht aufgeben, und keine Anſtrengung darf Eure Majeſtät zu viel koſten, um in Italien ihre Armee und ihren General aufrecht zu halten.“ „Und Ihr, Herr Cardinal?“ fragte der König. „Ich,“ erwiederte Karl von Lothringen,„ich bitte den Herrn Connetable um Vergebung, doch ich bin einer der ſeinen durchaus entgegengeſetzten Anſicht.“ „Das wundert mich nicht,“ erwiederte der Con⸗ netable mit Bitterkeit;„es wäre das erſte Mal, daß wir uns im Einklange fänden. Eurer Meinung nach, mein Herr, ſoll alſo Euer Bruder zurückkommen?“ „Ich glaube, es wäre gute Politik, ihn zurück⸗ zuberufen.“ — — 15 „Allein oder mit ſeinem Heere?“ fragte der Connetable. „Mit ſeinem Heere bis auf den letzten Mann.“ „Und warum dies? Findet Ihr, es laufen nicht genug Banditen auf der Landſtraße umher? Ich, ich finde, es gibt im Ueberfluſſe.“ „Es gibt vielleicht genug auf den Landſtraßen umherlaufende Banditen, Herr Connetable; ſie ſind ſogar vielleicht im Ueberfluſſe vorhanden, wie Ihr ſagt; keinen Ueberfluß gibt es aber an braven Krie⸗ gern und großen Feldhauptleuten.“ „Herr Cardinal, Ihr vergeßt, daß wir im vollen Frieden ſind, und daß man im vollen Frieden nichts mit ſo hohen Eroberern zu thun weiß.“ „Ich bitte Eure Majeſtät, den Herrn Connetable zu fragen, ob er im Ernſte an die Dauer des Frie⸗ dens glaube?“ ſagte der Cardinal ſich an den König wendend. 3 „Alle Teufel! ob ich daran glaube!“ rief der Connetable,„eine ſchöne Frage!“ „Nun wohl, ich, Sire,“ verſetzte der Cardinal, „ich glaube nicht nur nicht daran, ſondern ich denke ſogar, daß Eure Majeſtät, wenn ſie dem König von Spanien nicht den Ruhm des Angriffs laſſen will, ſchleunigſt den König von Spanien ſelbſt angreifen muß.“ „ Trotz des feierlich beſchworenen Waffenſtill⸗ ſtandes?“ rief der Connetable mit einer Hitze, daß man hätte glauben ſollen, er ſpreche wirklich aus Ueberzeugung ſo; vergeßt Ihr, Herr Cardinal, daß es eine Pflicht iſt, ſeinen Eid zu halten? daß das Wort der Könige mehr als irgend ein anderes Wort 16 unverletzlich ſein muß, und daß Frankreich nie von dieſer Treue abgewichen iſt— nicht einmal gegen die Türken und die Saracenen?“ „Wenn es ſo iſt,“ fragte der Cardinal,„warum hat aber dann Euer Neffe, Herr von Chatillon, ſtatt ſich ruhig in ſeinem Gouvernement Picardie zu ver⸗ halten, auf Douay einen Ueberrumpelungsverſuch gewagt, der ihm geglückt wäre ohne ein altes Weib, das zufällig an dem Orte, wo man die Leitern an⸗ legte, vorüberkam und die Schildwachen aufmerkſam machte?“ „Warum mein Neffe dies gethan hat?“ rief der Connetable, der in die Falle ging,„ich will es Euch ſagen.“ „Hören wir,“ ſprach der Cardinal: Und er wandte ſich an den König und fügte eine Abſicht bezeichnend bei: „Höret, Sire.“ „Ohl Seine Majeſtät weiß es ſo gut als ich... alle Teufel!“ verſetzte der Connetable,„denn erfah⸗ ret, Herr Cardinal, obſchon er ganz mit ſeinen Lieb⸗ ſchaften beſchäftigt ſcheint, laſſen wir den König doch nicht unwiſſend über die Staatsangelegenheiten.“ „Wir hören, Herr Connetable!“ ſprach kalt der Cardinal.„Ihr ſeid daran, uns zu ſagen, welche Urſache das Unternehmen des Herrn Admirals auf Douay habe motiviren können.“ „Die Urſachen! ich werde Euch zehn nennen und nicht eine, alle Teufel!“ „Nennt ſie, Herr Connetable.“ „Einmal,“ erwiederte dieſer,„der Verſuch, den der Herr Graf von Mégue, Gouverneur des Luxem⸗ — ine burg ſelbſt durch die Vermittelung ſeines Haushof⸗ meiſters gemacht hatte, welcher mit tauſend Thalern baar und dem Verſprechen einer Penſion von ähn⸗ lichem Betrage drei Soldaten der Garniſon Metz be⸗ ſtach, welche ihm die Stadt in die Hände liefern ſollten.“ „Die mein Bruder ſo glorreich vertheidigt hat,“ ſagte der Cardinal;„wir haben von dieſem Verſuche gehört, welcher, wie der Eures Neffen des Admirals, glücklicher Weiſe geſcheitert iſt. Doch das iſt nur eine Entſchuldigung, und Ihr habt uns zehn verſpro⸗ chen, Herr Connetable.“ „Ohl wartet... Wißt Ihr noch nicht, Herr Cardinal, daß derſelbe Graf von Mégue einen pro⸗ vençaliſchen Soldaten der Garniſon von Marienbourg verführt hatte, der ſich gegen eine große Summe, die er bekommen, anheiſchig gemacht, alle Brunnen des Platzes zu vergiften, und daß das Unternehmen nur fehlgeſchlagen hat, weil der Graf befürchtete, ein einziger Menſch genüge nicht für die ganze Arbeit, und, als er ſich an Andere wandte, die Andern den Anſchlag entdeckten? Alle Teufel! Ihr werdet mir nicht ſagen, die Sache ſei falſch, da der Soldat ge⸗ rädert worden iſt.“ „Das wäre nicht gerade ein Grund für mich, um überzeugt zu ſein: Ihr habt in Eurem Leben nicht wenig Leute henken und rädern laſſen, die ich für ſo unſchuldig und eben ſo ſehr für Märtyrer halte, als diejenigen, welche in ihrem Circus die heidniſchen Kaiſer, die man Nero, Commodus und Domitian nennt, ſterben ließen.“ „Alle Teufel! Herr Cardinal, werdet Ihr zu⸗ Dumas, der Page, II. 2 18 fällig das Unternehmen des Herrn Grafen von Mégue auf die Brunnen von Marienbourg leugnen?“ „Im Gegentheile, Herr Connetable, ich habe Euch geſagt, ich gebe es zu; doch Ihr habt uns zehn Ent⸗ ſchuldigungen für das Unternehmen Eures Herrn Neffen verſprochen, und das ſind erſt zwei.“ „Man wird ſie finden, alle Teufel! man wird ſie finden. Wißt Ihr, zum Beiſpiel, nicht, daß der Herr Graf von Berlaimont, Intendant der Finan⸗ zen von Flandern, mit zwei gasconiſchen Soldaten ein Complott geſchloſſen hat, durch das ſich dieſe anheiſchig machten, mit dem Beiſtande von Herrn von Voeze, Kapitän einer Compagnie Fußgänger, dem König von Spanien die Stadt Bordeaux zu überliefern, wenn ſie von fünf bis ſechshundert Mann unterſtützt würden? Sagt ein wenig nein zu dieſem neuen Complotte des katholiſchen Königs, und ich ant⸗ worte Euch, daß Einer von den zwei Soldaten, der bei Saint⸗Quentin vom Gouverneur des Platzes ver⸗ haftet wurde, Alles geſtanden hat, ſogar, er habe die verſprochene Belohnung in Gegenwart von Anton Perrenot, Biſchof von Arras, erhalten. Alle Teu⸗ fell ſagt doch nein, Herr Cardinal, ſagt nein!“ „Ich werde mich wohl hüten!“ erwiederte lä⸗ chelnd der Cardinal,„in Betracht, daß dies wirklich die Wahrheit iſt, Herr Connetable, und daß ich mich nicht damit beluſtigen werde, meine Seele für eine ſo große Lüge in Gefahr zu bringen; doch das macht von Seiten Seiner Majeſtät des Königs von Spanien nur drei Verletzungen des Vertrags von Vaucelles⸗ und Ihr habt uns zehn verſprochen.“ „Ich wiederhole, man wird ſie liefern, Eur⸗ gue Fuch Ent⸗ errn wird der nan⸗ daten dieſe derrn nger, r 30 Nann ieſem ant⸗ 1, der ver⸗ habe Anton danien celles Eur 19 zehn! und man wird, wenn es ſein muß, bis zum Dutzend gehen! Ah! zum Beiſpiel, iſt nicht Meiſter Jacques la Floèche, einer der beſten Ingenieurs von König Philipp II., die Furten der Oiſe ſondirend er⸗ tappt und nach la Fère geführt worden, wo er geſtanden hat, der Herzog von Savoyen, Emanuel Philibert, habe ihm Geld durch Herrn von Berlai⸗ mont bezahlen laſſen, daß er die Pläne von Mon⸗ treuil, Doulens, Saint⸗Quentin und Mezieères zeichne, — lauter Städte, deren ſich die Spanier bemächti⸗ gen wollen, um Boulogne und Ardres im Zaume zu halten und die Verproviantirung von Marien⸗ bourg zu verhindern?“ „Alles dies iſt vollkommen richtig, Herr Conne⸗ table; doch wir ſind noch nicht bei zehn.“ „Eil alle Teufel! muß man nothwendig bei zehn ſein, um zu ſehen, daß in Wirklichkeit der Waffen⸗ ſtillſtand von Seiten der Spanier gebrochen worden iſt, und daß mein Neffe, der Herr Admiral, wenn er einen Verſuch auf Douay gemacht hat, wohl berech⸗ tigt war, dies zu thun?“ „Ich hatte auch nicht die Abſicht, Euch dahin zu bringen, etwas Anderes zu ſagen, Herr Connetable, und ich werde mich mit dieſen vier Beweiſen begnü⸗ gen, um überzeugt zu ſein, daß der Waffenſtillſtand von König Philipp II. verletzt worden iſt. Da aber der Waffenſtillſtand nicht einmal, ſondern viermal verletzt worden iſt, ſo hat der König von Spanien, den Waffenſtillſtand verletzend, ſein Wort gebrochen, und der König von Frankreich wird es nicht brechen, wenn er ſein Heer und ſeinen General aus Italien zurückberuft und ſich zum Kriege bereit hält.“ 20 Der Connetable biß auf ſeinen weißen Schnurr⸗ bart: der ſchlaue Geiſt ſeines Gegners hatte ihn ge⸗ rade das Gegentheil von dem, was er ſagen wollte, geſtehen laſſen. Uebrigens hatte der Cardinal kaum zu ſprechen und der Connetable auf ſeinen Schnurrbart zu beißen aufgehört, als der Klang einer Trompete, welche eine ſeltſame Melodie im Hofe des Schloſſes Saint⸗ Germain ertönen ließ, hörbar wurde. „Ah! ah!“ ſagte der König,„wer iſt der ſchlechte Spaßmacher von einem Pagen, der mir die Ohren mit einer engliſchen Melodie zerreißt? Erkundigt Euch doch, Herr von Aubeſpine, und das Bürſchchen bekomme einen guten Schilling für dieſe Heiterkeit.“ Herr von Aubeſpine ging hinaus, um die Be⸗ fehle des Königs zu vollziehen. Nach fünf Minuten kam er zurück und meldete: „Sire, es iſt weder ein Page, noch ein Stall⸗ meiſter, noch ein Piqueur, der die fragliche Melodie geblaſen hat; es iſt ein ächter engliſcher Trompeter, der einen Herold begleitet, welchen Euch Eure Cou⸗ ſine die Königin Maria ſchickt.“ Herr von Aubeſpine hatte kaum dieſe Worte vollendet, als eine andere Melodie hörbar wurde und man ein ſpaniſches Blaſen erkannte. „Ah! ah!“ ſagte der König,„nach der Frau der Mann, wie es ſcheint!“ Dann ſprach er mit jener Majeſtät, welche im gegebenen Falle alle dieſe alten Könige von Frank⸗ reich ſo gut in ſich ſelbſt zu ſchöpfen wußten: „Meine Herren, in den Thronſaal! Benachrichtet Eure Officiere; ich will den Hof in Kenntniß ſetzen. ——— urr⸗ ge⸗ llte, chen ißen elche aint⸗ Was auch unſere Baſe Maria und unſer Vetter Philipp von uns verlangen mögen, man muß ihren Boten Chre erweiſen.“ IV. Der Krieg. Der doppelte Lärm der engliſchen und ſpani⸗ ſchen Trompete war nicht nur im Saale des Rathes, ſondern auch durch den ganzen Palaſt, wie ein dop⸗ peltes Echo von Norden und von Süden, erſchollen. Der König fand alſo den Hof faſt unterrichtet; alle Damen ſtanden, die Augen neugierig auf die beiden Herolde und ihr Gefolge geheftet, an den Fenſtern. An der Thüre des Saales trat auf den Conne⸗ table ein junger Officier zu, den ihm ſein Neffe der Herr Admiral ſchickte, derſelbe, welchen wir bei Kaiſer Karl V. am Abend ſeiner Abdankung haben ein⸗ treten ſehen. Der Herr Admiral war,— wir glauben dies geſagt zu haben,— Gouverneur der Picardie; er ſollte alſo im Falle einer Invaſion dem erſten Feuer ausgeſetzt ſein. „Ah! Ihr ſeid es, Théligny*),“ ſagte der Con⸗ netable halblaut. *) Dieſer Théligny hat nichts mit dem Schwieger⸗ ſohne des Admirals gemein, der in der Bartholo⸗ mäusnacht getödtet wurde. „Ja, gnädigſter Herr,“ antwortete der junge Officier. „Und Ihr bringt mir Nachrichten vom Admiral?“ „Ja, gnädigſter Herr.“ „Ihr habt noch Niemand geſehen und ſie keinem Menſchen mitgetheilt?“ 1 „Dieſe Nachrichten ſind für den König,“ erwie⸗ derte der junge Officier;„doch ich habe den Auftrag, ſie Euch zuerſt zu geben.“ „Gut,“ ſprach der Connetable,„folgt mir.“ Und wie der Cardinal von Lothringen den Her⸗ zog von Nemours zu Catharina von Medici geführt hatte, ſo führte der Connetable Herrn von Thöéligny zu Frau von Valentinois. Müulerwei verſammelte man ſich im Empfang⸗ ſaale. Nach einer Viertelſtunde gab der König,— der zu ſeiner Rechten die Königin, auf den Stufen des Thrones die Großwürdenträger der Krone, um ſich auf Fauteuils ſitzend Madame Margarethe und Ma⸗ dame Eliſabeth von Frankreich, Maria Stuart, die Herzogin von Valentinois, die vier Marien, kurz dieſen ganzen glänzenden Hof der Valois hatte,— der König gab Befehl, den engliſchen Herold einzu⸗ führen. Lange, ehe man ihn erſcheinen ſah, hörte man im vorhergehenden Zimmer das Geräuſch ſeiner Spo⸗ ren und derer der Leute, welche ſeine Escorte bildeten; endlich überſchritt er die Schwelle des Saales, trat bekleidet mit dem mit den Wappen von England und Frankreich geſchmückten Rocke und mit bedecktem Haupte inge 1?“ nem vie⸗ rag, Her⸗ ihrt gny 23 vor und blieb erſt zehn Schritte vom Throne des Königs ſtehen. Hier angelangt, entblößte er ſich aber, ſetzte ein Knie auf die Erde und ſprach mit lauter Stimme folgende Worte: „Maria, Königin von England, Irland und Frankreich, entbietet Heinrich, König von Frankreich, ihren Gruß!— Daß Du Verkehr und Freundſchaft mit den engliſchen Proteſtanten, den Feinden unſerer Perſon, unſerer Religion und unſeres Staates, unter⸗ halten, und ihnen Schutz und Beiſtand gegen die an ihnen geübten gerechten Verfolgungen verſprochen, erklären wir, William Norry, Herold der Krone von England, Dir den Krieg zu Waſſer und zu Land, und werfen Dir als Zeichen der Herausforderung hiemit den Fehdehandſchuh hin.“ Und der Herold warf zu den Füßen des Königs ſeinen eiſernen Handſchuh, der dumpf auf dem Boden dröhnte. „Es iſt gut,“ erwiederte der König, ohne aufzu⸗ ſtehen,„ich nehme die Kriegserklärung an; doch Jedermann ſoll erfahren, daß ich getreulich in Be⸗ ziehung auf die Königin beobachtet, was ich unſerer gegenſeitigen Freundſchaft ſchuldig war, und da ſie Frankreich aus ſo ungerechter Urſache angreifen will, ſo hoffe ich, Gott wird mir die Gnade gewähren, daß ſie eben ſo wenig hiebei gewinnt, als ihre Vorgän⸗ ger, wenn ſie die meinen angriffen, gewonnen haben. Ich ſpreche übrigens zu Euch ſo ſanft und höflich, weil es eine Königin iſt, die Euch ſchickt; wäre es ein König, ſo würde ich in einem andern Tone ſprechen!“ Und er wandte ſich an Maria Stuart und ſagte: — 24 „Meine liebliche Königin von Schottland, da dieſer Krieg Euch nicht weniger als mich angeht, und da Ihr auf die Krone von England eben ſo viel, wenn nicht mehr Rechte habt, als unſere Schweſter Maria auf die von Frankreich, ſo hebt, ich bitte Euch, dieſen Handſchuh auf, und ſchenkt dem wackern Sir William Norry die goldene Kette, die Ihr am Halſe tragt, welche Kette meine theure Herzogin von Va⸗ lentinois gefälligſt durch die Perlenſchnur erſetzen wird, die ſie am Halſe hat, und die ich ſelbſt ſo er⸗ ſetzen werde, daß ſie nicht zu viel dabei verliert. Ah! um den Handſchuh einer Frau aufzuheben, braucht es Frauenhände.“ Maria Stuart ſtand auf, löſte mit der ihr eigen⸗ thümlichen Anmuth die Kette von ihrem ſchönen Halſe, ſchlang ſie um den Hals des Herolds, und ſprach ſo⸗ dann mit jener Miene des Stolzes, die ihr ſo gut zu Geſichte ſtand: „Ich hebe dieſen Handſchuh auf, nicht nur im Namen Frankreichs, ſondern auch im Namen Schott⸗ lands! Herold, ſagt dies meiner Schweſter Maria.“ Der Herold ſtand mit leicht geneigtem Kopfe auf, zog ſich zur Rechten des Throns zurück und antwortete: „Es ſoll nach den Wünſchen des Königs Hein⸗ rich von Frankreich und der Königin Maria von Schottland geſchehen.“ „Führet den Herold unſeres Bruders Philipp II. ein!“ ſprach Heinrich. Daſſelbe Geklirre von Sporen wurde, den ſpa⸗ niſchen Herold verkündigend, hörbar; dieſer trat noch ſtolzer, als es ſein College gethan, ein, ſtellte ſich, 25 während er ſeinen caſtilianiſchen Schnurrbart kräu⸗ ſelte, zehn Schritte vom König auf und ſprach, je⸗ doch ohne ein Knie auf die Erde zu ſetzen, und nur ſich verbeugend: „Wir, Philipp von Gottes Gnaden, König von Caſtilien, Leon, Granada, Navarra, Aragonien, Neapel, Sicilien, Majorca, Sardinien, den Inſeln, Indien und Gebieten des Stillen Meeres, Erzherzog von Oeſterreich, Herzog von Burgund, von Lothrin⸗ gen, Brabant, Limburg, Luxemburg und Geldern; Graf von Flandern und von Artois; Markgraf des heiligen Reiches; Herr von Friesland, Mecheln, der Städte und Landſchaften Utrecht, Ober⸗Yſſel und Gröningen; Gebieter in Aſien und in Africa,— thun Dir, Heinrich, kund und zu wiſſen, daß wir, wegen der auf die Stadt Douay verſuchten Unter⸗ nehmen und der Plünderung der Stadt Sens, was Beides auf den Befehl und unter der Leitung Dei⸗ nes Gouverneur der Picardie ſtattgefunden hat, den zwiſchen uns in Vaucelles beſchworenen Waffenſtill⸗ ſtand als gebrochen betrachtend, Dir den Krieg zu Waſſer und zu Land erklären; und als Unterpfand dieſer Herausforderung werfe ich, Guzman d'Avila, Herold von Caſtilien, Leon, Granada, Navarra und Aragonien, im Namen meines Königs, Fürſten und Herrn hiemit den Fehdehandſchuh hin.“ Und er entblößte wirklich ſeine Hand und warf auf eine freche Weiſe ſeinen Handſchuh zu den Füßen des Königs. Da konnte man durch die ſchwärzliche Farbe, die es bedeckte, das männliche Geſicht von Heinrich II. 26 erbleichen ſehen, und er erwiederte mit einer leicht bebenden Stimme: „Unſer Bruder Philipp II. kommt uns zuvor und richtet die Vorwürfe an uns, die ihm gebühren; doch er hätte, da er ſo viel perſönliche Beſchwerden gegen uns hat, beſſer daran gethan, einen perſön⸗ lichen Streit mit uns anzufangen. Wir wären ſehr gern Leib an Leib für unſere Handlungen verant⸗ wortlich geweſen, und Gott der Herr hätte dann zwiſchen uns gerichtet. Sagt ihm indeſſen, Don Guzman d'Avila, wir nehmen von ganzem Herzen den Krieg an, den er uns erklärt, wenn er ſich aber eines Andern beſinnen und ein perſönliches Zuſam⸗ mentreffen dem unſerer Heere ſubſtituiren wolle, ſo werde ich mit noch mehr Vergnügen annehmen.“ Und da der Connetable ſeinen Arm mit Ab⸗ ſicht berührte, fuhr Heinrich fort: „Und Ihr werdet beifügen, bei dem Vorſchlage, den ich Euch gemacht, habet Ihr meinen guten Freund den Connetable meinen Arm berühren ſehen, weil er weiß, daß mir eine Prophezeiung geſagt hat, ich werde in einem Duell ſterben... Nun wohl, auf die Gefahr, daß die Prophezeiung in Erfüllung geht, beharre ich bei meinem Vorſchlage, obſchon ich be⸗ zweifle, daß dieſe Prophezeiung meinen Bruder hin⸗ reichend beruhigt, um ihn zur Annahme deſſelben zu beſtimmen.— Herr von Montmorency, ich bitte, hebt als Connetable von Frankreich den Handſchuh von König Philipp auf.“ Sodann zum Herold, indem er hinter ſich einen zu dieſem Ende bereit liegenden, mit Gold gefüllten Sack vorzog: 27 „Mein Freund, es iſt weit von hier nach Valla⸗ dolid, und da Ihr mir eine ſo gute Kunde gebracht habt, ſo iſt es nicht recht, daß Ihr auf dieſer langen Reiſe das Geld Eures Herrn oder das Eure aus⸗ gebet. Nehmet alſo dieſe hundert Goldthaler für Cure Reiſekoſten.“ „Sire,“ erwiederte der Herold,„mein Herr und ich ſind von dem Lande, wo das Gold wächſt, und wir brauchen uns nur zu bücken, wenn wir nöthig haben.“ „Ah! ah! ſtolz wie ein Caſtilianer,“ murmelte Heinrich.„Herr von Montgomery, nehmt dieſen Sack und werft durch die Fenſter das Gold aus, das er enthält.“ Montgomery öffnete das Fenſter und warf das Gold den in Menge in den Höfen ſtehenden Lackeien zu, die es mit Freudenſchreien empfingen. „Meine Herren,“ fuhr Heinrich fort, indem er aufſtand,„es iſt gewöhnlich ein Feſt beim König von Frankreich, wenn ihm ſein Nachbar den Krieg erklärt; es wird heute Abend ein doppeltes Feſt ſein, da wir zugleich die Kriegserklärung eines Königs und die einer Königin erhalten haben.“ Sodann ſich an die zwei Herolde wendend, welche der Eine rechts, der Andere links von ihm ſtanden: „Sir William Norry, Don Guzman d'Avila, in Betracht, daß Ihr die Urſachen des Feſtes, ſeid Ihr dazu, als Stellvertreter der Königin Maria, meiner Schweſter, und von König Philipp, meinem Bruder, von Rechts wegen eingeladen.“ „Sire,“ ſagte leiſe der Connetable zu König Heinrich,„gefiele es Euch, friſche Neuigkeiten aus 28 der Picardie anzuhören, die mir mein Neffe durch einen Lieutenant der Compagnie des Dauphin Na⸗ mens Théligny ſchickt?“ „Eil gewiß!“ erwiederte der König,„bringt mir dieſen Officier, und er wird willkommen ſein.“ Fünf Minuten nachher in das Waffencabinet eingeführt, verbeugte ſich der junge Mann vor dem König und wartete ehrfurchtsvoll, daß dieſer ihn anredete. „Nun, mein Herr,“ fragte der König,„was für Nachrichten bringt Ihr uns über die Geſundheit des Admirals?“ „Von dieſer Seite, Sire, vortreffliche, und nie hat ſich der Herr Admiral beſſer befunden.“ „So erhalte ihm Gott dieſe Geſundheit, und Alles wird gut gehen! Wo habt Ihr ihn verlaſſen?“ „In la Fere, Sire.“ „Und mit welchen Neuigkeiten hat er Euch für uns beauftragt?“ „Sire, er hat mich beauftragt, Eurer Majeſtät zu ſagen, ſie möge ſich für einen gewaltigen Krieg bereit halten. Der Feind hat über fünfzigtauſend Mann verſammelt, und der Herr Admiral glaubt, Alles, was er bis jetzt verſucht, ſei nur eine falſche Demonſtration, um ſeine wahren Projecte zu ver⸗ bergen.“ „Und was hat der Feind bis jetzt gethan?“ fragte der König. „Der Herzog von Savoyen, der das Obercommando führt, iſt in Begleitung des Herzogs von Aerſchot, des Grafen von Mansfeld, des Grafen von Egmont und der vornehmſten Officiere ſeines Heeres bis Givet 29 vorgerückt, wo der allgemeine Sammelplatz der feind⸗ lichen Truppen war.“ „Ich habe dies durch den Herzog von Nevers, den Gouverneur der Champagne, erfahren,“ ſagte der König;„er fügte ſogar in der Depeche, die er mir hierüber geſchrieben, bei, er glaube, Emanuel Philibert habe es hauptſächlich auf Rocroy oder auf Mezières abgeſehen, und da ich dachte, Rocroy ſei nicht im Stande, eine lange Belagerung auszuhalten, ſo empfahl ich dem Herzog, zu ſehen, ob man es nicht verlaſſen müſſe. Seitdem habe ich keine Kunde mehr von ihm erhalten.“ „Ich bringe Eurer Majeſtät,“ erwiederte Thé⸗ ligny.„Sicher der Stärke des Platzes, hat ſich Herr von Nevers darin eingeſchloſſen und, geſchützt hinter ſeinen Mauern, den Feind ſo gut empfangen, daß nach mehreren Scharmützeln, wobei er einige hun⸗ dert Mann verlor, dieſer genöthigt war, ſich durch die Furt von Houſſu, zwiſchen dem Dorfe Nismes und Hauteroche, zurückzuziehen; von da hat er ſeinen Weg über Chimay, Glayon und Montreuil⸗aux⸗Dames genommen; er iſt ſodann an la Chapelle, das er ge⸗ plündert, und an Vervins, das er in Aſche verwan⸗ delt, vorübergezogen; endlich iſt er bis Guiſe vorge⸗ rückt, und der Herr Admiral bezweifelt nicht, es ſei ſeine Abſicht, dieſen Platz, wo ſich Herr von Vaſſé eingeſchloſſen hat, zu belagern.“ „Was für Truppen commandirt der Herzog von Savoyen?“ fragte der König. „Flämiſche, ſpaniſche und deutſche Truppen, Sire: vierzigtauſend Mann Fußvolk und fünfzehntauſend Mann Reiterei.“ 30 „Und über wie viel Mannſchaft können die Her⸗ ren von Chatillon und von Nevers verſügen?“ „Sire, wenn ſie alle ihre Leute ſammeln, wer⸗ den ſie kaum über achtzehntauſend Mann Fußgänger und ſechstauſend Reiter verfügen; abgeſehen davon, Sire, daß unter den Letzteren fünfzehnhundert bis zweitauſend Engländer ſind, denen man im Falle eines Krieges mit der Königin Maria mißtrauen müßte.“ „Das ſind alſo, die Garniſon mit begriffen, die man in den Städten zu laſſen genöthigt ſein wird, höchſtens zwölf bis vierzehntauſend Mann, die wir Euch geben können, mein lieber Connetable,“ ſprach Heinrich ſich an Montmorency wendend. „Was wollt Ihr, Sire? mit dem Wenigen, was Ihr mir geben könnt, werde ich mein Beſtes thun. Wie ich gehört, hatte ein vortrefflicher General des Alterthums, Namens Xenophon, nur zehntauſend Sol⸗ daten unter ſeinen Befehlen, als er auf einem Raume von faſt fünfhundert Meilen einen herrlichen Rück⸗ zug vollbrachte, und Leonidas, König von Sparta, commandirte etwa tauſend Mann, als er acht Tage lang bei den Thermopylen das Heer des Königs Perxes aufhielt, welches viel zahlreicher war, als das des Herzogs von Savoyen?“ „Ihr verliert alſo den Muth nicht, mein guter Connetable?“ ſagte der König. „Ganz im Gegentheile, Sire! und, alle Teufel! ich bin nie ſo freudig und ſo voll guter Hoffnung geweſen! Ich möchte nur einen Menſchen haben, der mir Auskunft über den Zuſtand der Stadt Saint⸗ Quentin geben könnte.“ 31 „Warum dies, Connetable?“ fragte der König. „Weil man mit den Schlüſſeln von Saint⸗Quen⸗ tin die Thore von Paris öffnet, Sire. Das iſt ein altes Soldatenſprüchwort.— Kennt Ihr Saint⸗ Quentin, Herr von Théligny?“ „Nein, gnädigſter Herr; doch dürfte ich es wa⸗ gen...“ „Wagt es, alle Teufel! der König erlaubt es...“ „Nun, Herr Connetable, ſo ſage ich Euch, daß ich eine Art von Waffenträger bei mir habe, den mir der Herr Admiral gegeben, und der, wenn er will, Eure Herrlichkeit ſehr gut über den Zuſtand der Stadt unterrichten könnte.“ „Wie, wenn er will?“ rief der Connetable;„er muß wollen.“ „Allerdings wird er es nicht wagen, eine Ant⸗ wort auf die Fragen des Herrn Connetable zu ver⸗ weigern,“ erwiederte Théligny;„nur, da er ein ſehr gewandter Burſche iſt, wird er nach ſeinem Belieben antworten.“ „Nach ſeinem Belieben? das heißt nach dem meinen, Herr Lieutenant.“ „ Ahl das iſt gerade der Punkt, über welchem ich Eure Herrlichkeit ſich nicht zu täuſchen bitten möchte. Er wird nach ſeinem Belieben antworten und nicht nach dem Euren, in Betracht, daß Ihr, Herr Connetable, mit Saint⸗Quentin unbekannt, nicht miſen könnt, ob er die Wahrheit ſagt oder nicht agt.“ „Sagt er nicht die Wahrheit, ſo laſſe ich ihn aufhängen.“ „Ja, das iſt ein Mittel, ihn zu beſtrafen, doch — y; — 3²2 kein Mittel, um ihn zu benützen. Glaubt mir, Herr Connetable, es iſt ein ſchlauer, geſchickter Burſche, St ſehr brav, wenn er will... „Wie, wenn er will? Er iſt alſo nicht immer gn⸗ brav? 24 unterbrach der Connetable. „Er iſt brav, wenn man ihn anſchaut, gnädig⸗ ſter Herr, oder wenn man ihn nicht anſchaut und Sch es in ſeinem Intereſſe liegt, ſich zu ſchlagen. Etwas thu Anderes muß man von einem Abenteurer nicht for⸗ fen, dern.“ „Mein guter Connetable,“ ſprach der König, Kön „wer den Zweck will, will auch die Mittel. Dieſer Menſch kann uns Dienſte leiſten; Herr von Théligny und kennt ihn; laßt Herrn von Théligny das Verhör führen.“ „Es ſei,“ verſetzte der Connetable;„doch ich des ſtehe Euch dafür, Sire, ich habe eine Manier, mit den Leuten zu reden...“ auf „Ja, gnädigſter Herr,“ erwiederte lächelnd Thé⸗ harn ligny,„wir kennen dieſe Manier: ſie hat ihre gute brar Seite; bei Meiſter Yvonnet aber hätte ſie das Re⸗ ihn ſultat, zu machen, daß er bei der erſten Gelegenheit zum Feinde überginge, dem er alle die Dienſte lei⸗ mit ſten würde, die er uns gegen ihn leiſten kann.“ 8. „Dem Feinde, alle Teufel? dem Feinde, Saper⸗ ment?“ rief der Connetable;„dann muß man ihn weſen auf der Stelle henken! Das iſt alſo ein Schuft? das ſeine iſt alſo ein Bandit? das iſt alſo ein Verräther, die⸗ 2 ſer Menſch, Herr von Théligny?“ zu be „Es iſt ganz einfach ein Abenteurer, Herr Con⸗ ohne netable!“ den C ehrer 33 „Ho! ho! und mein Neffe bedient ſich dieſer Strolche?“ „Man muß ſich in Zeit und Umſtände ſchicken, gnädigſter Herr,“ erwiederte lachend Théligny. Sodann ſich an den König wendend: „Ich ſtelle meinen armen YWoonnet unter den Schutz Eurer Majeſtät und bitte, ihn, was er auch thun und ſagen mag, unverſehrt wegführen zu dür⸗ fen, wie ich ihn gebracht habe.“ „Ihr habt mein Wort, mein Herr,“ ſprach der König.„Holt Euren Waffenträger.“ „Mit des Königs Erlaubniß winke ich ihm nur, und er wird heraufkommen,“ ſagte Théligny. „Thut das.“ Théligny trat an das Fenſter, das auf den Raſen des Parkes ging, öffnete es und winkte. Nach fünf Minuten erſchien Meiſter Yvonnet auf der Thürſchwelle, bekleidet mit demſelben Bruſt⸗ harniſch von Büffelleder, mit demſelben kaſtanien⸗ braunen Sammetrock, mit denſelben Stiefeln, wie wir ihn dem Leſer vorgeſtellt. Er hielt in der Hand dieſelbe Toque, geſchmückt mit derſelben Feder. Nur war Alles um zwei Jahre älter geworden. Eine kupferne Kette, welche einſt vergoldet ge⸗ weſen, hing an ſeinem Halſe und ſpielte artig auf ſeiner Bruſt. Der junge Mann bedurfte nur eines Blickes, um zu beurtheilen, mit wem er es zu thun hatte, und ohne Zweifel erkannte er entweder den König oder den Connetable, vielleicht ſogar Beide, denn er blieb ehrerbietig bei der Thüre ſtehen. Dumas, der Page. II. 3 3 34 „Tretet näher, Yvonnet, mein Freund,“ ſagte der Lieutenant,„und wißt, daß Ihr in Gegenwart von Seiner Majeſtät König Heinrich II. und vom Herrn Connetable ſeid, welche Euch auf das Lob, das ich Euren Verdienſten geſpendet, zu ſehen ge⸗ wünſcht haben.“— Zur großen Verwunderung des Connetable ſchien Meiſter Yvonnet nicht im Geringſten erſtaunt, daß ihm ſeine Verdienſte eine ſolche Gunſt eingetragen. „Ich danke Euch, mein Lieutenant,“ erwiederte Yoonnet, während er drei Schritte machte und dann halb aus Mißtrauen, halb aus Ehrfurcht ſtehen blieb;„meine kleinen Verdienſte ſind zu Füßen Sei⸗ ner Majeſtät und zu Befehlen des Herrn Connetable.“ Der König bemerkte, welchen Unterſchied der junge Mann zwiſchen der dem König dargebrachten Huldigung und dem dem Connetable angebotenen Gehorſam zu beobachten gewußt hatte. Ohne Zweifel fiel dieſer Unterſchied auch dem Connetable auf. „Es iſt gut, es iſt gut,“ ſagte er,„keine Phra⸗ ſen, mein ſchöner Stutzer! und antwortet mir gerade heraus, oder...“ Yoonnet warf einen ſchiefen Blick auf Herrn von Théligny, der beſagen wollte:„Iſt es eine Ge⸗ fahr, die ich laufe? iſt es eine Ehre, die man mir erzeigt?“ Doch ſtark durch das Verſprechen des Königs, bemächtigte ſich Théligny des Verhöres und ſagte: „Mein lieber Ywonnet, der König weiß, daß Ihr ein galanter Cavalier, ſehr beliebt bei den Schönen ſeid und Eurer Toilette alle Einkünfte Euc 35 weiht, die Euch Euer Verſtand und Euer Muth ver⸗ ſchaffen können. Da nun der König Euren Verſtand ſogleich und Euren Muth ſpäter auf die Probe zu ſtellen gedenkt, ſo beauftragt er mich, Euch zehn Gold⸗ thaler anzubieten, wenn Ihr ihm und dem Herrn Connetable einige poſitive Auskunft über die Stadt Saint⸗Quentin zu geben einwilligt.“ „Hat mein Lieutenant die Güte gehabt, dem König zu ſagen, daß ich zu einer Verbindung von redlichen Leuten gehöre, welche alle geſchworen haben, zur Hälfte den Gewinn, den jeder von ihnen, ent⸗ weder mit Hülfe des Verſtandes, oder mit Hülfe der Stärke gemacht, einer gemeinſchaftlichen Maſſe zufließen zu laſſen, ſo daß von den zehn Thalern, die mir geboten ſind, nur fünf mein Eigenthum und die andern fünf das Eigenthum der Gemeinde wären?“ „Und wer verhindert Dich, alle zehn zu behal⸗ ten, Dummkopf!“ verſetzte der Connetable,„und den Andern nichts von dem Glücke, was Dir zufällt, zu ſagen?“ „Mein Wort, Herr Connetable! Peſt! wir ſind zu kleine Leute, um es zu brechen, unſer Wort!“ „Sire,“ ſprach der Connetable,„ich mißtraue ehr denjenigen, welche die Dinge nur um des Gel⸗ des willen thun.“ Ywonnet verbeugte ſich vor dem König. „Ich bitte Seine Majeſtät um die Erlaubniß, zwei orte ſagen zu dürfen.“ „Ahl dieſer Burſche...“ u onnenahle,“ ſagte der König,„ich erſuche Dann lächelnd zu Yoonnet: 36 „Sprecht, mein Freund.“ Der Connetable zuckte die Achſeln, machte drei Schritte rückwärts und fing an auf und abzugehen, wie ein Menſch, der keinen Theil am Geſpräche neh⸗ men will.. „Sire,“ ſagte Nwonnet mit einer Ehrfurcht und einer Grazie, die einem raffinirten Höflinge Chre ge⸗ macht hätten,„ich bitte Eure Majeſtät, ſich erinnern zu wollen, daß ich keinen Preis für die kleinen oder großen Dienſte beſtimmt habe, die ich ihr nicht nur leiſten kann, ſondern auch als ihr gehorſamer Unter⸗ than leiſten muß; es iſt mein Lieutenant, Herr von Théligny, der von zehn Goldthalern geſprochen. Da Seine Majeſtät ſicherlich nichts von der Verbindung wußte, die zwiſchen mir und acht von meinen Ka⸗ meraden beſteht, welche gleichfalls in den Dienſt des Herrn Admirals eingetreten ſind, ſo glaubte ich ſie darauf aufmerkſam machen zu müſſen, daß ſie, wenn ſie mir zehn Goldthaler zu geben meine, mir nur fünf hievon gebe und die fünf anderen für die Ge⸗ meinſchaft ſeien. Nun wolle Seine Majeſtät die Gnade haben, mich zu befragen: ich bin bereit, ihr zu antworten, und zwar, ohne daß von fünf, zehn oder zwanzig Goldthalern die Rede iſt; ſondern ganz einfach wegen der Ehrfurcht, des Gehorſams und der Ergebenheit, die ich meinem Könige ſchuldig bin.“ Und der Abenteurer verbeugte ſich vor dem König mit eben ſo viel Würde, als wäre er Ge⸗ ſandter eines italieniſchen Fürſten oder eines Grafen des heiligen Reiches geweſen. „Vortrefflich!“ verſetzte der König;„Ihr habt Recht, Meiſter Yvonnet, wir wollen nicht zum Voraus ——,—„ 37 mit einander rechnen, und Ihr werdet Euch wohl dabei befinden.“ Yvonnet lächelte auf eine Weiſe, welche bedeutete: „Ohl ich weiß, mit wem ich es zu thun habe.“ Da aber alle dieſe Zögerungen die ungeduldige Laune des Connetable reizten, ſo ſtellte er ſich wie⸗ der dem jungen Manne gegenüber, ſtampfte mit dem Fuße und rief: „Eil willſt Du mir nun, da die Bedingungen gemacht ſind, wohl ſagen, was Du von Saint⸗Quentin weißt, Schlingel?“ Yvonnet ſchaute den Connetable an und erwie⸗ derte mit dem ſpöttiſchem Ausdrucke, der nur dem Pariſer eigenthümlich iſt: Saint⸗Quentin, gnädigſter Herr? Saint⸗Quentin iſt eine Stadt, welche am Ufer der Somme, ſechs Mei⸗ len von la Fore, dreizehn Meilen von Laon, vier⸗ unddreißig von Paris liegt; ſie hat zwanzigtauſend Einwohner, einen Stadtrath beſtehend aus fünfund⸗ zwanzig Municipalbeamten, nämlich einem erſten Bür⸗ germeiſter, einem zweiten Bürgermeiſter, elf Geſchwo⸗ renen, zwölf Schöffen; dieſe Beamten wählen und ſchaffen ſelbſt ihre Nachfolger, die ſie unter den Bür⸗ gern in Folge eines Parlamentsbeſchluſſes vom 16. December 1335 und einer Verfaſſung von Karl VI. datirt von 1412 nehmen.“ „Ta, ta, ta, ta, tal“ rief der Connetable,„was Teu⸗ ſels ſingt denn da dieſer Unglücksvogel?... Ich frage Dich, was Du von Saint⸗Quentin wiſſeſt, Thier?“ „Nun, ich ſage Euch ja, was ich weiß, und ich kann Euch meine Angaben garantiren; ich habe ſie von meinem Freunde Maldent, der von Noyon ge⸗ bürtig iſt und drei Jahre in Saint⸗Quentin als Schreiber eines Anwalts zugebracht hat.“ „Sire,“ ſagte der Connetable,„glaubt mir, wir werden nichts aus dieſem Schlingel herausbringen, ſo lange er nicht auf einem hölzernen Pferde mit vier Zwölfpfündern an jedem Beine ſitzt.“ Wonnet blieb unempfindlich. „Ich bin nicht ganz Eurer Meinung, Connetable; ich glaube, daß wir nichts aus ihm herausbringen, ſo lange wir ihn wollen ſprechen machen; doch ich glaube auch, daß er Alles ſagen wird, was wir zu wiſſen wünſchen, wenn wir ihn durch Herrn von Théligny befragen laſſen. Weiß er, was er geſagt hat,— das iſt gerade das, was er nicht wiſſen müßte,— ſo ſeid ſicher, daß er noch etwas Anderes weiß. Nicht wahr, Meiſter Yvonnet, Du haſt nicht nur die Geographie, die Bevölkerung und die Con⸗ ſtitution der Stadt Saint⸗Quentin ſtudirt, ſondern Du kennſt auch den Zuſtand ihrer Wälle und die Stimmung ihrer Einwohner?“ „Mein Lieutenant wolle die Güte haben, mich zu befragen, oder der König erweiſe mir die Ehre, die Fragen an mich zu richten, auf die er eine Ant⸗ wort zu haben wünſcht, und ich werde thun, was ich kann, um meinen Lieutenant zu befriedigen oder meinem Könige zu gehorchen.“ „Der Burſche iſt ganz Honig!“ murmelte der Connetable. „Nun, mein lieber Yvonnet,“ ſprach Théligny, „ſo beweiſet Seiner Majeſtät, daß ich ſie nicht irre geführt habe, als ich ihr Euren Verſtand rühmte, und ſagt dem Könige, wie dem Herrn Connetable, gny, irre mte, ole, 39 in welchem Zuſtande ſich die Wälle der Stadt in dieſem Augenblicke befinden.“ Yoonnet ſchüttelte den Kopf. „Sollte man nicht glauben, der Burſche verſtehe ſich darauf?“ brummte der Connetable. „Sire,“ erwiederte Doonnet, ohne ſich um die Worte von Herrn von Montmorency zu bekümmern, „ich habe die Ehre, Eurer Majeſtät zu bemerken, daß die Stadt Saint⸗Quentin, da ſie nicht wußte, ſie laufe irgend eine Gefahr, und folglich keine Verthei⸗ digungsanſtalten getroffen hat, kaum vor einem Hand⸗ ſtreiche geſchützt iſt.“ „Sie hat aber doch Wälle?“ fragte der König. „Ja, allerdings, verſehen mit runden und vier⸗ eckigen, durch Courtinen mit einander verbundenen Thürmen, mit zwei Hornwerken, von denen das eine den Faubourg d'Isle beſchirmt; doch das Boulevard hat nicht einmal Bruſtwehren und iſt nur durch einen davor gezogenen Graben geſchützt; der Wall⸗ gang, der ſich nicht über die umliegenden Terrains erhebt, wird an vielen Stellen durch die benachbar⸗ ten Anhöhen und ſogar durch mehrere am Rande des äußeren Grabens liegende Häuſer beherrſcht; und rechts vom Wege nach Guiſe, zwiſchen der Somme und der Porte d'Isle, iſt die alte Mauer,— ſo nennt man den Wall auf dieſem Punkte,— iſt die alte Mauer dergeſtalt beſchädigt, daß ein Mann, ſeeden er ein wenig geſchickt, ſie leicht erſteigen ann.“ „Aber, Burſche!“ rief der Connetable,„biſt Du Ingenieur, ſo mußt Du es ſogleich ſagen.“ „Ich bin kein Ingenieur, Herr Connetable.“ 40 „Was biſt Du denn?“ Ywonnet ſchlug die Augen mit einer geheuchelten Beſcheidenheit nieder. „Yoonnet iſt verliebt, gnädigſter Herr,“ ſagte Théligny,„und um zu ſeiner Schönen zu gelangen, welche im Faubourg d'Isle, ganz nahe beim Thore dieſer Vorſtadt, wohnt, war er genöthigt, die Stärke und die Schwäche der Mauer zu ſtudiren.“ „Ah! ah!“ murmelte der Connetable,„das iſt ein Grund!“ „Fahre fort,“ ſagte der König,„und ich gebe Dir ein ſchönes goldenes Kreuz, um es Deiner Geliebten zu bringen, ſobald Du ſie bei Deiner Rückkehr wieder beſuchſt.“ „Und nie, ich darf es dreiſt ſagen, wird ein goldenes Kreuz auf einem ſchöneren Halſe, als der von Gudule iſt, geglänzt haben, Sire!“ „Ah! will nun nicht gar dieſes Thier das Por⸗ trait von ſeiner Geliebten machen!“ ſagte der Conne⸗ table. „Und warum nicht, wenn ſie hübſch iſt, mein Vetter?“ verſetzte lachend der König.„Du ſollſt das Kreuz haben, Meiſter Yvonnet.“ „Ich danke, Sire.“ „Und nun ſprich: es iſt wenigſtens eine Garni⸗ ſon in Saint⸗Quentin?“ „Nein, Herr Connetable.“ „Nein?“ rief Montmorency;„und warum nicht?“ „Weil die Stadt von militäriſchen Einquartie⸗ rungen frei und die Vertheidigung der Stadt ein Recht iſt, auf deſſen Erhaltung die Bürgerſchaft gro⸗ ßen Werth legt.“ helten ſagte ngen, Thore Stärke as iſt gebe deiner deiner d ein 8 der Por⸗ onne⸗ mein ſollſt arni⸗ ht 2¼ ertie⸗ ein gro⸗ 41 „Die Bürgerſchaft! Rechte!... Sire, glaubt mir, die Dinge werden ganz ſchief gehen, ſo lange die Bürgerſchaft, die Gemeinden ich weiß nicht was für Rechte in Anſpruch nehmen, die ſie ich weiß wahrhaftig nicht von wem haben!“ „Von wem? ich will es Euch ſagen, mein Vet⸗ ter: von den Königen meinen Vorgängern.“ „Nun, ſo beauftrage mich Eure Majeſtät, ſie der Bürgerſchaft wieder zu nehmen, dieſe Rechte, und die Sache wird ſchnell geſchehen ſein!“ „Wir werden ſpäter hierauf denken, mein lieber Connetable; mittlerweile beſchäftigen wir uns mit dem Spanier, das iſt die Hauptſache. Saint⸗Quen⸗ tin müßte eine gute Garniſon haben.“ „Darüber unterhandelte der Herr Admiral ge⸗ rade im Augenblicke meiner Abreiſe,“ ſagte Thé⸗ ligny. „Es muß ihm zu dieſer Stunde geglückt ſein,“ bemerkte Yvonnet,„in Betracht, daß er Meiſter Jean Pauquet für ſich hatte.“ „Wer iſt Meiſter Jean Pauquet?“ fragte der König. „Er iſt der Oheim von Gudule, Sire,“ ant⸗ wortete Yvonnet mit einem Ausdrucke, der nicht ganz von einer gewiſſen Geckenhaftigkeit frei war. „Wie, Burſche!“ rief der Connetable,„Du machſt der Nichte einer Magiſtratsperſon den Hof?“ „Jean Pauquet iſt keine Magiſtratsperſon, Herr Connetable.“ „Und was iſt er denn, Dein Jean Pauquet?“ „Er iſt der Syndicus der Weber.“ „Jeſus!“ rief der Connetable,„in welcher Zeit 42² leben wir, daß man genöthigt iſt, mit einem Syn⸗ dicus der Weber zu unterhandeln, wenn es dem König beliebt, eine Garniſon in ſeine Stadt zu le⸗ gen!.. Du wirſt ihm ſagen, Deinem Jean Pau⸗ quet, ich laſſe ihn aufhängen, wenn er nicht, nicht nur die Thore der Stadt, ſondern auch die Thüren ſeines Hauſes den Kriegsleuten öffne, welche ihm zu ſchicken mir gefallen werde.“ „Ich glaube, der Herr Connetable wird wohl daran thun, die Sache durch Herrn von Chatillon führen zu laſſen,“ erwiederte Wwonnet den Kopf ſchüttelnd;„er kennt beſſer als Seine Herrlichkeit die Art, wie man mit Jean Pauquet ſpricht.“ „Mir ſcheint, Du raiſonnirſt!“ rief der Conne⸗ table mit einer Geberde der Drohung. „Mein Vetter, mein Vetter,“ ſagte Heinrich, „ich bitte, laßt uns vollenden, was wir mit dieſem wackern jungen Manne angefangen haben. Ihr werdet im Stande ſein, ſelbſt über die Wahrheit ſeiner Behauptungen zu urtheilen, da die Armee unter Euren Befehlen ſteht, und Ihr Euch ſo bald als möglich zu ihr begeben ſollt.“ „Ah! nicht ſpäter als morgen,“ erwiederte der Connetable.„Es drängt mich, alle dieſe Bürger zur Vernunft zu bringen!... Alle Teufel! ein Weber⸗Syndicus!... ein ſchöner Herr, um mit einem Admiral zu unterhandeln... puh!“ Und er ging in eine Fenſtervertiefung und kaute an ſeinen Nägeln. „Sprecht nun,“ fragte der König,„ſind die Zu⸗ gänge leicht?“ „Auf drei Seiten, ja, Sire: auf der Seite des 43 Faubourg d'Isle, auf der Seite von Rémicourt und auf der Seite der Kapelle von Epargnemaille, doch auf der Seite von Tourrival muß man das Moor von Grosnard durchſchreiten, das voller Sumpf⸗ löcher iſt.“ Der Connetable hatte ſich allmälig genähert, um dieſen Umſtand zu hören, der ihn intereſſirte. „Und im Nothfalle,“ fragte er,„würdeſt Du es übernehmen, durch dieſes Moor ein Truppencorps zu führen, das in die Stadt oder aus der Stadt marſchiren wollte?“ „Allerdings; doch ich habe dem Herrn Conne⸗ table ſchon geſagt, Einer von unſeren Verbündeten, Namens Maldent, würde die Sache viel beſſer thun, da er drei Jahre in Saint⸗Quentin gewohnt hat, während ich nur bei Nacht dort geweſen bin, und den Weg immer ſehr raſch gemacht habe.“ „Und warum ſehr raſch?“ „Weil ich bei Nacht, wenn ich allein bin, Angſt habe!“ „Wie!“ rief der Connetable,„Du haſt Angſt?“ „Gewiß habe ich Angſt.“ „Und Du geſtehſt das, Burſche?“ „Warum nicht, wenn es ſo iſt?“ „Und wovor haſt Du Angſt?“ „Vor den Irrlichtern, den Geſpenſtern und den Wehrwölfen.“ Der Connetable ſchlug ein Gelächter auf. „Ahl Du haſt Angſt vor den Irrlichtern, den Geſpenſtern und den Wehrwölfen?“ „ a, ich bin entſetzlich nervös,“ erwiederte der junge Mann. 44 Und er verzog ſeine Haut, als ob er den Schauer itte. hät „Ah! mein lieber TWhöligny,“ ſagte der Conne⸗ table,„ich mache Euch mein Compliment zu Eurem Waffenträger! Ich bin nun unterrichtet, und ich werde ihn nicht zu meinem Nachtcourier nehmen.“ „Es iſt in der That beſſer, mich bei Tage zu verwenden.“ „Und Dich bei Nacht Gudule beſuchen zu laſſen, nicht wahr?“ „Ihr ſeht, Herr Connetable, daß meine Beſuche nicht unnütz geweſen ſind, und der König urtheilt ſo, da er die Güte hat, mir ein Kreuz zu ver⸗ ſprechen.“ „Herr Connetable, laßt vierzig Goldthaler die⸗ ſem jungen Manne reichen für die gute Auskunft, die er uns gegeben, und für die Dienſte, die er uns zu leiſten ſich erbietet. Ihr werdet noch zehn Tha⸗ ler beſonders beifügen, um Mademoiſelle Gudule ein Kreuz zu kaufen.“ Der Connetable zuckte die Achſeln und brummte: „Vierzig Thaler! vierzig Ruthenhiebe! vierzig Stockſchläge! vierzig Streiche mit dem Hellebarden⸗ ſchaft auf die Schultern.“ 1 „Ihr hört mich, mein Vetter, mein Wort iſt gegeben: laßt mich nicht mein Wort brechen.“ Und zu Thöéligny ſprach der König: „Mein Herr Lieutenant, der Herr Connetable wird Euch Befehle geben, um Pferde aus meinen Marſtällen im Louvre und in Compiègne zu nehmen, damit Ihr ſchneller marſchiren könnt. Fürchtet Euch nicht, ſie zu Tode zu reiten, und ſucht morgen in la chauer Conne⸗ Furem 45 Fére anzukommen. Der Herr Admiral kann nicht frühe genug davon unterrichtet werden, daß der Krieg erklärt iſt. Eine gute Reiſe, mein Herr, und viel Glück!“ Der Lieutenant und ſein Waffenträger verbeug⸗ ten ſich ehrerbietig vor Heinrich II. und folgten dem Connetable. Nach zehn Minuten ſchlugen ſie im Galopp den Weg nach Paris ein, und der Connetable kehrte zum König zurück, der ſein Cabinet nicht verlaſſen hatte. V. Wo ſich der Leſer wieder in bekanntem Lande findet. Heinrich II. erwartete den Connetable, um un⸗ vesaüaiſich Befehle von der höchſten Wichtigkeit zu geben. Herr von Montgomery, der ſchon einige Jahre vorher franzöſiſche Truppen der Regentin von Schott⸗ land zu Hülfe geführt hatte, wurde nach Edinburgh geſchickt, um zu verlangen, daß, gemäß dem zwiſchen dieſem Königreiche und Frankreich abgeſchloſſenen Vertrage, die Schotten England den Krieg erklären, und daß die den Regentſchaftsrath bildenden Herren nach Frankreich Abgeordnete ſenden, verſehen mit Vollmachten, um die Heirath der jungen Königin Maria mit dem Dauphin abzuſchließen. Zu gleicher Zeit faßte man eine Urkunde ab, durch welche Maria Stuart mit dem Gutheißen der Guiſen an den König von Frankreich ihr Königreich Schottland und die Rechte, die ſie auf das Königreich England hatte oder haben konnte, für den Fall über⸗ trug, daß ſie ohne männlichen Erben ſtarb. Sobald die Hochzeit gefeiert wäre, ſollte Maria Stuart den Titel Königin von Frankreich, Schott⸗ land und England annehmen. Mittlerweile gravirte man auf das Silbergeſchirr der jungen Fürſtin das dreifache Wappen der Valois, der Tudor und der Stuart. Gebieter, ſagen, auf welch muntere Weiſe man die Kriegserklärungen am franzöſiſchen Hofe empfing. Germain erleuchtete, ſprengten zwei Reiter auf herr⸗ lichen Roſſen aus den Höfen des Louvre und folg⸗ In Louvres hielten ſie einen Augenblick an, um ihre Pferde ſchnaufen zu laſſen, die wechſelten, wie dies verabredet war; wonach ſie ſich, trotz der vorgerückten Stunde der Nacht und der kurzen Ruhe, die ſie ſich gegönnt, wieder auf den Weg begaben, bei Tagesanbruch Noyon erreichten, hier eine Stunde ausruhten und ſogleich wieder nach la Fore aufbrachen, wo ſie Morgens um acht Uhr an⸗ kamen. Nichts Neues war hier ſeit dem Abgange von Théligny und Yvonnet vorgefallen. So wenig Minuten der Letztere in Paris zuge⸗ bracht, er hatte doch Zeit gefunden, ſeine Garderobe 47 bei einem ihm bekannten Trödler, der in der Rue des Prétres Saint⸗Germain⸗l'Auxerrois wohnte, zu er⸗ neuern. Der Leibrockund die kaſtanienbraunen Beinklei⸗ der hatten einem Wammſe mit einer Hoſe von grünem Sammet, Beides überall mit goldenen Poſamenten beſetzt, und einer kirſchrothen, mit einer weißen Fe⸗ der verzierten Toque Platz gemacht. Ein kirſch⸗ rothes, der Toque entſprechendes Tricot verlor ſich in den faſt tadelloſen Stiefeln, welche mit rieſigen kupfernen Sporen verſehen waren. War dieſes neue Kleid nicht ganz neu, ſo war es wenigſtens ſo kurz und von einem ſo ſorgfältigen Herrn getragen wor⸗ den, daß man hätte ein Menſch von ſehr ſchlechtem Tone ſein müſſen, um eine Bemerkung darüber zu machen, und beſonders, um wahrzunehmen, daß es aus der Bude eines Trödlers und nicht aus der Werkſtätte eines Schneiders kam. Was die Kette betrifft, ſo hatte Yvonnet, nach⸗ dem er ſie in allen Richtungen gedreht, entſchieden, es bleibe genug Vergoldung daran, um diejenigen zu täuſchen, welche ſie in einer Entfernung von einigen Schritten anſchauen. Es war ſeine Sache, nicht zu geſtatten, daß man ſie von zu nahe anſchaute. Bemerken wir ſchleunigſt, daß das goldene Kreuz gewiſſenhaft gekauft worden war; nur erfuhr Nie⸗ mand, ob YNoonnet hiezu gewiſſenhaft die zehn Goldthaler verwendet hatte, welche von Seiner Ma⸗ jeſtät König Heinrich II. ausgeſetzt worden waren, um dieſes Geſchenk der Nichte von Jean Pauquet zu machen. Unſer Glaube iſt es, daß in den Abfällen von 48 dieſem Kreuze Yvonnet das Mittel gefunden hatte, ſich nicht nur das Wamms und die Hoſe von grü⸗ de nom Sammet, die kirſchrothe Toque und die weiße Feder, die büffelledernen Stiefel und die kupfernen w Sporen, ſondern auch einen eleganten Küraß her⸗ he auszuſchneiden, der, in Form eines Mantelſacks auf de das Kreuz ſeines Pferdes gelegt, bei jeder Bewegung ſich von dieſem ein kleines, ganz kriegeriſches Eiſenge⸗ flü klirr vernehmen ließ. ir müſſen aber ſagen, daß Alles dies den ſch⸗ Zweck hatte, ſeine Perſon zu ſchmücken oder zu ſchützen, und da ſeine Perſon Mademoiſelle Gudule gehörte, ſo wäre, wenn Nvonnet die Abſchnittſel gel vom Kreuze ſeiner Geliebten benützt hätte, das Geld vor Seiner Majeſtät des Königs von Frankreich nicht und ſeiner Beſtimmung entfremdet worden. ehr Kaum hatte er übrigens das Thor von la Foͤre hinter ſich, als er beurtheilen konnte, welche Wir⸗ gebe kung hervorzubringen ſeine neue Toilette berufen Her war. Franz und Heinrich Scharfenſtein waren, in verr ihrer Eigenſchaft als Lieferanten der Geſellſchaft, be Mar ſchäftigt, einen Ochſen, den ſie gekauft, nach dem ſtänd Lager zu führen, und mit dem Erhaltungsinſtincte, 4 der die Thiere vom Schlachthauſe entfernt, weigerte carde ſich der Ochs, zu gehen,— ſo weit er dies ver⸗ hatte mochte;— denn Heinrich Scharfenſtein zog ihn an tin einem Horne, während ihn Franz von hinten an⸗ wie ſ trieb. B Bei dem Lärmen, das die auf dem Pflaſter macht ſchallenden Hufeiſen der Pferde machten, ſchaute kannte Heinrich empor, und unſern Reiter erkennend, rief er: M „O Franz! ſieh Herrn Yvonnet, wie ſchön iſt er!“ und e 49 Und in ſeiner Bewunderung ließ er das Horn des Ochſen los; die ihm gegebene Freiheit be⸗ nützend, machte dieſer eine halbe Wendung, und würde wohl den Stall in einem Laufe erreicht haben, hätte ſich nicht Franz, der, wie geſagt, in der Nähe des Schweifes ſtand, dieſes Gliedes bemächtigt und, ſich mit ſeiner herculiſchen Kraft anſtemmend, das flüchtige Thier kurz angehalten. Wonnet ſandte mit der Hand den beiden Deut⸗ ſchen einen Protectorsgruß zu und ritt weiter. Man kam zu Coligny. Der junge Lieutenant gab ſich zu erkennen und gelangte ſogleich ins Cabinet des Admirals, gefolgt von Ywonnet, der mit ſeinem gewöhnlichen Tacte und trotz der Veränderung, die an ihm vorgegangen, ehrerbietig bei der Thüre ſtehen blieb. Ueber eine von den unvollſtändigen Landkarten gebeugt, wie man ſie zu jener Zeit machte, ſuchte Herr von Chatillon dieſelbe durch die Aufſchlüſſe zu ie i ein vor ihm ſtehender ann mit feinem Geſichte, ſpitziger Naſe und ver⸗ g Dieſer Mann war unſer alter Freund der Pi⸗ carder Maldent, welcher, da er, wie Yvonnet geſagt hatte, drei Jahre Anwaltsſchreiber in Saint⸗Quen⸗ tin geweſen war, die Stadt und ihre Umgebung wie ſein Schreibzeug kannte. ei dem Geräuſche, das Théligny eintretend machte, richtete der Admiral den Kopf auf und er⸗ kannte ſeinen Boten. Naldent wandte ſachte die Augen nach der Thüre und erkannte Yvonnet. Dumas, der Page. II. 4 ———y 50 Der Herr Admiral reichte Théligny die Hand; Maldent wechſelte einen Blick mit Yvonnet, welcher aus ſeiner Taſche die Schnüre der oberen Oeffnung einer Börſe zog, um ſeinem Verbündeten anzudeuten, die Reiſe ſei nicht fruchtlos geweſen. Théligny erſtattete mit zwei Worten dem Admi⸗ ral Bericht über ſeine Zuſammenkunft mit dem Kö⸗ nig und dem Herrn Connetable und übergab dem Gouverneur der Picardie die Briefe von ſeinem Oheim. „Ja,“ ſagte Coligny, während er las,„ich habe gedacht wie er; Saint⸗Quentin iſt in der That die Stadt, deren Erhaltung höchſt wichtig. Eure Com⸗ pagnie iſt auch geſtern dort eingerückt, mein lieber Théligny. Ihr werdet ihr heute noch nachfolgen und meine baldige Ankunft verkündigen.“ Und ganz nur mit den Aufſchlüſſen beſchäftigt, die ihm Maldent gab, beugte er ſich abermals auf die Karte und ſetzte ſeine Anmerkungen fort. Théligny kannte den Admiral, einen ernſten, tiefen Geiſt, welchen man bei dem, was er that, laſſen mußte, und da ihm aller Wahrſcheinlichkeit nach Coligny, wenn er ſeine Notizen gemacht, in Beziehung auf Saint⸗Quentin neue Befehle würde zu geben haben, ſo näherte ſich der Lieutenant Ywonnet und ſagte leiſe zu ihm: „Erwartet mich im Lager; ich werde Euch im Vorüberreiten mitnehmen, wenn ich die letzten In⸗ ſtructionen vom Herrn Admiral erhalten habe.“ Yvonnet verbeugte ſich ſtillſchweigend und ging ab⸗ Er fand ſein Pferd wieder vor der Thüre und war in einem Augenblicke außerhalb der Stadt. fan⸗ war den zehr Fel vor ſtig zahl wen halt erh⸗ möc und zog⸗ ſitze nen der mit mac riſis war bei Er und das ren, bund dand; elcher nung uten, ldmi⸗ Kö⸗ dem einem habe it die Com⸗ lieber olgen ftigt⸗ 5 auf iſten, th at, chkei t, in bürde enant ) im In⸗ . gab. und 51 Das Lager des Herrn Admirals, das man An⸗ fangs in Pierrepont bei Marle aufgeſchlagen hatte, war nachher in die Nähe von la Fore verlegt wor⸗ den. Zu ſchwach, um ſich mit fünfzehn bis acht⸗ zehnhundert Mann, die er commandirte, im offenen Felde zu halten, hatte ſich der Admiral aus Furcht vor einem Ueberfalle in die Nachbarſchaft einer befe⸗ ſtigten Stadt begeben, weil er dachte, ſo wenig zahlreich auch ſeine Schaar ſei, ſo werde ſie ſich, wenn ſie einmal hinter guten Mauern, immerhin halten. Als er die Linie des Lagers überſchritten hatte, erhob ſich Yvonnet auf den Steigbügeln, um wo möglich einige von ſeinen Gefährten zu erkennen und zu erfahren, wo ſie ihr Domicil genommen. Bald wurde ſein Blick durch eine Gruppe ange⸗ zogen, unter der er Procope, auf einem Steine ſitzend und auf ſeinem Schooße ſchreibend, zu erken⸗ nen glaubte. Procope benützte ſeine Schreibereikenntniſſe: in der Stunde, wo man jeden Augenblick der Gefahr, mit dem Feinde zuſammenzutreffen, ausgeſetzt war, nuch er Teſtamente das Stück zu fünf Sous Pa⸗ riſis. Yoonnet begriff, daß es beim ehemaligen Huiſſier war, wie beim Herrn Admiral, und daß man ihn bei dieſer ernſten Beſchäftigung nicht ſtören durfte. Er ſchaute aufs Neue umher und erblickte Heinrich und Franz Scharfenſtein, welche, nachdem ſie auf das Vorhaben, ihren Ochſen nach dem Lager zu füh⸗ ren, verzichtet, demſelben die Füße zuſammenge⸗ bunden hatten und ihn mit Hülfe einer Wagen⸗ 52 deichſel, von der Jeder ein Ende auf ſeiner Schulter hielt, herbeitrugen. Ein Mann, der kein Anderer war, als Pille⸗ trouſſe, winkte ihnen vor der Thüre eines in ziem⸗ lich gutem Zuſtande befindlichen Zeltes. Yoonnet erkannte das Domicil, auf welches er zu einem Neuntel ein Recht hatte, und in ein paar Secunden war er bei Pilletrouſſe; doch dieſer fing, ehe er ſeinem Kameraden irgend einen Willkomm wünſchte, damit an, daß er ein erſtes Mal, dann, ein zweites Mal, dann ein drittes Mal die Runde um Yoonnet machte, welcher ihn einer Reiterſtatue ähn⸗ lich ſeine Umſchiffung mit einem Lächeln der Zufrie⸗ denheit vollbringen ſah. Bei der dritten Runde blieb Pilletrouſſe ſtehen und rief mit einem Schnalzen der Zunge, das ſeine Bewunderung bezeichnete: „Peſt! das iſt ein ſchönes Pferd und wohl vier⸗ zig Goldthaler werth! Wo des Teufels haſt Du das geſtohlen?“ „St!“ erwiederte Yvonnet,„ſprechen wir mit Achtung von dem Thiere; es kommt aus dem Marſtalle Seiner Majeſtät und gehört mir nur als Anlehen.“ „Das iſt ärgerlich,“ verſetzte Pilletrouſſe. „Und warum?“ „Weil ich einen Käufer hatte.“ „Ah!“ machte Yvonnet,„und wer war dieſer Käufer?“ „Ich,“ ſprach eine Stimme hinter Yvonnet. Yoonnet wandte ſich um und warf einen Blick auf den, welcher mit dieſem ſtolzen einſilbigen Worte hulter Pille⸗ ziem⸗ es er paar fing, komm dann, lunde ähn⸗ ufrie⸗ tehen ſeine vier⸗ das mit ſtalle 0 hen. jeſer Blic Borte 53 auftrat, durch das hundert Jahre ſpäter die Tragö⸗ die Medea ihr Glück machte. Der Liebhaber des Pferdes war ein junger Mann von dreiundzwanzig bis vierundzwanzig Jahren, halb bewaffnet, halb unbewaffnet, wie die Kriegsleute zu gehen pflegten, wenn ſie im Lager waren. Yoonnet brauchte nur ſeinen Blick auf dieſe viereckigen Schultern, auf dieſen von rothen Haupt⸗ haaren und rothem Barte umrahmten Kopf, auf dieſe hellblauen Augen voll Halsſtarrigkeit und Wild⸗ heit fallen zu laſſen, um denjenigen zu erkennen, welcher zu ihm ſprach. „Mein Edelmann,“ ſagte er,„Ihr habt meine Antwort vernommen: das Pferd gehört wirklich Seiner Majeſtät dem König von Frankreich, der die Güte gehabt hat, es mir zu leihen, um nach dem Lager zurückzukehren; fordert er es zurück, ſo iſt es nicht mehr als billig, daß ich es ihm wiedergebe; läßt er es mir, ſo iſt es zu Eurer Verfügung, wohlver⸗ ſtanden, nachdem ſein Preis zuvor zwiſchen uns ver⸗ handelt und feſtgeſetzt worden iſt.“ „So verſtehe ich die Sache,“ erwiederte der Edelmann;„bewahret es für mich: ich bin reich und gut zu behandeln.“ Yoonnet verbeugte ſich. „Auch iſt das nicht das einzige Geſchäft, das ich mit Euch abzuſchließen gedenke,“ fuhr der Sdel⸗ mann fort. „NYywonnet und Pilletrouſſe verbeugten ſich mit einander. „Zu wie viel ſeid Ihr bei Eurer Bande?“ „Bei unſerem Truppe, wollt Ihr ſagen, mein durch die Benennung. „Bei Eurem Truppe, wenn's Euch beliebt.“ „Iſt während meiner Abweſenheit nicht einem meiner Kameraden ein Unglück widerfahren,“ ant⸗ wortete Yvonnet Pilletrouſſe befragend,„ſo ſind wir zu neun.“ Ein Blick von Pilletrouſſe beruhigte Yvonnet, angenommen ſogar, Yvonnet wäre beſorgt geweſen. „Und neun Brave?“ fragte der Edelmann. Hvonnet lächelte; Pilletrouſſe zuckte die Achſeln. „Ihr habt allerdings hier ein hübſches Muſter, wenn dieſe zwei Braven bei Eurem Truppe ſind,“ ſagte der Edelmann auf Franz und Heinrich deutend. „Sie ſind dabei,“ antwortete laconiſch Pille⸗ trouſſe. „Nun, man wird unterhandeln können...“ „Verzeiht,“ erwiederte Nvonnet,„wir gehören dem Herrn Admiral.“ „Mit Ausnahme von zwei Tagen der Woche, in denen wir für unſere Rechnung arbeiten können,“ bemerkte Pilletrouſſe.„Procope hat dieſe Klauſel in den Vortrag aufgenommen, in Vorausſicht der zwei Fälle, 1) wo wir ein Unternehmen für uns ſelbſt zu machen hätten, 2) wo uns ein ehrenwer⸗ ther Edelmann einen Vorſchlag in der Art desjeni⸗ gen machen würde, welchen der Herr uns zu machen geneigt ſcheint.“ „Das iſt nur für einen Tag oder für eine Nacht; folglich kommt das vortrefflich. Wo werde ich Euch nun im Falle, daß ich Eurer bedürfte, wieder⸗ finden?“ Edelmann,“ entgegnete Yvonnet ein wenig verlect „In Saint⸗Quentin wahrſcheinlich,“ antwortete Moonnet;„ich weiß, daß ich, für meine Perſon, heute noch dort ſein werde.“ „Und zwei von uns,“ fügte Pilletrouſſe bei, „Lactance und Malemort, ſind ſchon dort. Was den Reſt des Truppes betrifft...“ „Was den Reſt des Truppes betrifft,“ unterbrach Yvonnet,„er wird uns alsbald dahin folgen, in Betracht, daß der Herr Admiral nach dem, was ich ihn ſelbſt habe ſagen hören, in zwei bis drei Tagen dort ſein ſoll.“ „Gut!“ ſprach der Edelmann.„In Saint⸗Quen⸗ tin alſo, meine Braven!“ „In Saint⸗Quentin, mein Edelmann!“ Der Letztere nickte leicht mit dem Kopfe und entfernte ſich. Yvonnet folgte ihm mit den Augen, bis er ſich in der Menge verloren hatte; dann rief er einen Packknecht, der die neun Verbündeten bediente und für ſeine Dienſte leibliche und geiſtige Nahrung empfing, und warf ihm den Zügel ſeines Pfer⸗ des zu. Die erſte Bewegung von Ywonnet war geweſen, ſich Pilletrouſſe zu nähern, um ihm ſeine Erinnerun⸗ gen in Betreff des Fremden mitzutheilen; ohne Zwei⸗ fel aber bedenkend, Pilletrouſſe ſei von einer ſehr materiellen Organiſation, um ein Geheimniß von dieſer Wichtigkeit zu empfangen, verſchluckte er wieder die Worte, die ſchon an den Rand ſeiner Lippen vorgerückt waren, und ſchien ſeine ganze Aufmerk⸗ ſamkeit dem Werke zu ſchenken, das Heinrich und Franz Scharfenſtein vollbrachten. ——— 56 Heinrich und Franz, nachdem ſie, wie geſagt, mit Hülfe der Wagendeichſel, die ſie ihm zwiſchen die vier Beine geſteckt, ihren widerſpänſtigen Ochſen bis mitten ins Lager getragen, hatten ihn, ganz ſchnaufend und die Augen entflammt, ihrem Zelte gegenüber niedergelegt. Dann war Heinrich in das Zelt eingetreten, um ſeinen Streitkolben zu holen, welchen zu finden er einige Mühe hatte, denn von einer poetiſchen Be⸗ geiſterung ergriffen hatte ſich Fracaſſo, um nach ſeinem Gefallen zu träumen, auf eine Matratze ge⸗ legt und aus dieſem Kolben ein Kiſſen gemacht, um ſeinen Kopf darauf zu ſtützen. Einfach ſeiner Form und demüthig ſeinem Stoffe nach, war dieſer Kolben eine an einer eiſernen Stange befeſtigte zwölfpfündige Kanonenkugel, und dies war, nebſt einem zweiſchneidigen Schwerte, die gewöhnliche Waffe der Scharfenſtein. Heinrich fand am Ende ſeinen Kolben, und trotz des Seufzers von Fracaſſo, den er gerade im ſchön⸗ ſten Feuer der Compoſition überraſchte, zog er ihn unter dem Kopfe des Dichters vor und kehrte zu Franz zurück, der ihn erwartete. Kaum hatte Franz die Vorderfüße des Ochſen losgebunden, da machte das Thier raſch eine An⸗ ſtrengung und war bald halb aufgerichtet. Heinrich benützte dieſen Augenblick: er hob den eiſernen Kolben auf, bis er auf ſeinen Rücken niedergeworfen ſeine Lenden berührte, und ſchmetterte dann mit ſeiner ganzen Kraft zwiſchen die zwei Hörner des Ochſen. Das Thier, das zu brüllen angefangen hatte, 4 —————. 57 unterbrach ſich und ſtürzte wie vom Blitze getroffen zuſammen. Pilletrouſſe, welcher, das Auge glühend und einem Hunde, der ſteht, ähnlich, nur auf dieſen Augen⸗ blick wartete, eilte auf den niedergeſchlagenen Ochſen zu und öffnete ihm die Halsarterie. Worauf er ihn von der Unterlippe bis zur entgegengeſetzten Extre⸗ mität aufſchlitzte und zu zerſcheiden anfing. Pilletrouſſe war der Fleiſcher der Geſellſchaft; Heinrich und Franz, die Lieferanten, kauften und tödteten das Thier; Pilletrouſſe zog ihm die Haut ab, zerhackte es, legte das beſte Stück für die Geſell⸗ ſchaft auf die Seite; dann breitete er auf einer Art von Fleiſchbank geſchmückt mit all der Kunſt, die ihn charakteriſirte, die verſchiedenen Stücke aus, deren er ſich zu entäußern wünſchte. Pilletrouſſe war aber ein ſo geſchickter Detailleur, ein ſo gewandter Han⸗ delsmann, daß er in der Regel, nachdem der Theil der Geſellſchaft auf zwei bis drei Tage gemacht war, aus drei Vierteln des Thieres ein paar Thaler mehr zog, als es gekoſtet hatte. Alles dies gereichte zum Nutzen der Verbindung, welche keine ſchlechte Geſchäfte machen mußte, da ſie von jedem ihrer Mitglieder unterſtützt wurde, wie ſie es von denjenigen war, welche ſo eben vor un⸗ ſeren Augen vorübergezogen ſind. Das Aushauen war beendigt, und der Verkauf im Aufſtreiche begann, als ſich ein Reiter durch dieſen Schwarm Platz machte, der die Fleiſchbank von Mei⸗ ſter Pilletrouſſe belagerte und,— Jeder nach ſeinen Mitteln,— Alles vom Lendenſtücke bis zu den Ein⸗ geweiden kaufte. 58 Dieſer Reiter war Théligny; verſehen mit Briefen vom Herrn Admiral für den Bürgermeiſter, für den Gouverneur der Stadt und für den Syndicus der Weber, Jean Pauquet, kam er, um NYvonnet ab⸗ zuholen. Er brachte auch die Nachricht, der Herr Admiral, ſobald er um ſich die Truppen, die er erwarte, ver⸗ ſammelt und mit ſeinem Oheim dem Herrn Connetable Verabredung getroffen habe, werde in Begleitung von fünf bis ſechshundert Mann nach Saint⸗HQuentin abgehen. Maldent, Procope, Fracaſſo, Pilletrouſſe und die zwei Scharfenſtein ſollten zur Garniſon gehören, und in der Stadt wieder mit Malemort und Lactance zuſammentreffen, welche ſchon dort waren, und Yvon⸗ net, der mit Herrn von, Théöligny abgehen ſollte, würde in ein paar Stunden daſelbſt ſein. Der Abſchied war kurz: Fracaſſo hatte ſein Son⸗ nett noch nicht beendigt und ſuchte auf das Zeitwort perdre einen Reim, den er nicht finden konnte; die zwei Scharfenſtein liebten Wonnet ungemein, waren aber von Natur wenig demonſtrativ, und Pilletrouſſe, — ſo ſehr war dieſer mit ſeinem Verkaufe beſchäftigt, — beſchränkte ſich darauf, daß er dem jungen Manne die Hand drückte und zu ihm ſagte: „Sorge dafür, daß Dir das Pferd bleibt.“ eiefen r den der t ab⸗ nral, ver⸗ table tung entin die ren, ance von⸗ llte, bon⸗ vort die rren iſſe, igt, nne 59 VI. Saint⸗Quentin. Es ſind, wie Ywonnet dem Herrn Connetable geſagt hatte, ſechs Meilen von la Fore nach Saint⸗ Quentin. Die Pferde hatten ſchon einen guten Marſch ſeit dem vorhergehenden Abend gemacht, und zwar ohne einen andern Halt, als eine Stunde, die man in Noyon zubrachte. Sie hatten ſo eben allerdings zwei Stunden ausgeruht; nichtsdeſtoweniger, da nichts die Reiter zur Eile antrieb, wenn nicht das Verlan⸗ gen von Ywoonnet, Gudule wiederzuſehen, brauchten ſie faſt drei Stunden, um die ſechs Meilen zurück⸗ zulegen, die ſie vom Ziele ihrer Reiſe trennten. Nachdem ſie über das äußere Boulevard geritten waren, nachdem ſie zu ihrer Rechten den Weg nach Guiſe gelaſſen hatten, der ſich hundert Schritte von der alten Mauer gabelförmig theilt, nachdem ſie ſich am Thore zu erkennen gegeben und durch das Ge⸗ wölbe gelangt waren, das ſich unter dem Walle Vereßßiht; befanden ſich die zwei Reiter im Faubourg d'Isle. „Will mein Lieutenant mir auf zehn Minuten Urlaub geben?“ fragte Yvonnet,„oder will er, ſich ein paar Schritte abwendend, Kunde von dem erhal⸗ ten, was in der Stadt vorgeht?“ „Ah!“ erwiederte Théligny lachend,„es ſcheint, wir ſind in der Nähe der Wohnung von Mademoiſelle Gudule?“ „Ganz richtig, mein Lieutenant.“ 60 „Wäre es indiscret...2“ fragte Théligny. „Durchaus nicht! Am Tage bin ich in Beziehung auf Mademoiſelle Gudule ein einfacher Bekannter, der mit ihr ein Wort und einen Gruß austauſcht. Es iſt immer mein Grundſatz geweſen, der Verſor⸗ gung der ſchönen Mädchen nicht zu ſchaden.“ Und ſich gegen rechts abwendend, ritt er in ein Gäßchen, das auf der einen Seite von einer langen Gartenmauer begränzt und auf der andern mit mehreren Häuſern beſetzt war, von denen jedoch nur ein einziges ein ganz mit Capucinern und Winden verziertes Fenſter hatte. Indem er ſich auf den Steigbügeln erhob, er⸗ reichte Nvonnet gerade das Fenſter, unter welchem ein Weichſtein angebracht war, der den Fußgängern, um von Liebe oder von Geſchäften zu reden, dieſelbe Leichtigkeit gewähren konnte, die Nvonnet zu Pferde fand. In dem Augenblicke, wo er ankam, öffnete ſich das Fenſter wie durch Zauber, und ein reizender Kopf, ganz roſig vor Freude, erſchien mitten unter den Blumen. „Ah! Ihr ſeid es, Gudule!“ ſagte Yvonnet, „Wie habt Ihr meine Ankunft errathen?“ „Ich habe ſie nicht errathen: ich war an meinem andern Fenſter, von welchem aus man über die Mauer auf die Straße nach la Fère ſieht. Ich ſah von fern zwei Reiter kommen, und obgleich es ſehr wenig wahrſcheinlich, daß Ihr der Eine oder der Andere, konnte ich doch meine Blicke nicht von dieſen zwei Reiſenden abwenden. So wie Ihr näher rück⸗ tet, erkannte ich Euch. Da lief ich hierher, ganz 61 zitternd vor Angſt; denn ich befürchtete Euch ohne anzuhalten vorübereilen zu ſehen, einmal, weil Ihr nicht allein, und dann, weil Ihr ſo tapfer und ſo ſchön ſeid, daß ich dachte, Ihr könntet Glück ge⸗ macht haben.“ „Die Perſon, welche ich zu begleiten die Chre habe, und die mir einen Augenblick mich mit Euch zu unterhalten erlaubt, iſt Herr von Théligny, mein Lieutenant, der ſogleich, wie ich, einige Fragen an Euch über den Zuſtand der Stadt zu machen haben wird.“ Gudule warf ſchüchtern einen Blick auf den Lieu⸗ tenant, und dieſer richtete einen artigen Gruß an ſie, den das Mädchen durch ein:„Gott ſchütze Euch, edler Herr!“ mit bewegter Stimme ausgeſprochen erwiederte. „Was das Coſtume betrifft, unter dem Ihr mich wiederſeht, Gudule,“ fuhr Yvonnet fort,„ſo iſt dies die Wirkung der Freigebigkeit des Königs, der ſelbſt, da er vernahm, ich habe das Glück, Euch zu kennen, die Gnade hatte, mich zu beauftragen, Euch von ihm dieſes ſchöne goldene Kreuz zu übergeben.“ Und er zog zugleich das Kreuz aus ſeiner Taſche und bot es Gudule dar, welche zögernd, daſſelbe anzunehmen, ausrief: „Was ſagt Ihr da, Ywonnet! und warum ſpottet Ihr eines armen Mädchens?“ „Ich ſpotte Eurer ganz und gar nicht, Gudule,“ erwiederte Yvonnet,„und mein Lieutenant hier wird Euch beſtätigen, daß ich die Wahrheit ſpreche.“ „In der That, mein ſchönes Kind,“ ſagte The⸗ 6²2 ligny,„ich war dabei, als der König Yvonnet be⸗ auftragte, Euch dieſes Geſchenk zu machen.“ „Ihr kennt alſo den König?“ fragte Gudule ganz erſtaunt. „Seit geſtern, Gudule, und ſeit geſtern kennt der König Euch, ſo wie Euren wackeren Oheim Jean Pauquet, dem mein Lieutenant einen Brief vom Herrn Admiral bringt.“ Der Lieutenant machte ein neues Zeichen der Beſtätigung, und Gudule, die Anfangs, wie geſagt, gezögert hatte, ſtreckte durch die Blumen ihre zitternde Hand aus, welche Yvonnet nahm und küßte, indem er ihr das Kreuz übergab. Da näherte ſich Théligny und ſagte: „Und nun, mein lieber Herr Yvonnet, wollt die ſchöne Gudule fragen, wo ihr Oheim iſt, und in welcher Stimmung wir ihn finden werden.“ „Mein Oheim iſt auf dem Rathhauſe, mein Herr,“ antwortete das Mädchen, das ſich nicht ent⸗ ſchließen konnte, ihre Augen von dem Kreuze abzu⸗ wenden,„und ich denke in der Stimmung, die Stadt gut zu vertheidigen.“ „Ich danke, mein ſchönes Kind... Vorwärts, Yvonnet...“ Gudule machte eine kleine Bewegung der Bitte, und erröthend bis ans Weiße der Augen ſagte ſie zu Théligny: „Alſo, mein Herr, wenn mich mein Vater fragt, woher ich das Kreuz erhalten...“ „So könnt Ihr ihm ſagen, es komme Euch von Seiner Majeſtät zu,“ erwiederte lachend der junge Officier, der die Furcht von Gudule begriff:„es ſei ——,—,——=n 63 Euch von Seiner Majeſtät geſchenkt worden als An⸗ erkennung der guten Dienſte, welche Euer Oheim Jean und Euer Vater Guillaume dem König ſchon geleiſtet haben und wohl auch ferner leiſten werden. Und wollt Ihr nicht,— was möglich iſt,— Herrn Woonnet nennen, ſo fügt Ihr bei, ich, Théligny, Lieutenant bei der Compagnie des Dauphin, habe Euch dieſes Kreuz übergeben.“ „Oh! Dank! Dank!“ rief Gudule ganz freudig, indem ſie ihre Hände an einander ſchlug;„ohne dieſes hätte ich es nie gewagt, das Kreuz zu tragen.“ Dann fragte ſie, Nvonnet leiſe und lebhaft: „Wann werde ich Euch wiederſehen?“ „Als ich drei bis vier Meilen von Euch war, Gudule, ſaht Ihr mich jede Nacht,“ antwortete Woonnet;„beurtheilt, nun, da ich in derſelben Stadt wohne...“ „St!“ machte Gudule. Und noch leiſer ſagte ſie: „Kommt frühzeitig: ich glaube, mein Vater wird die ganze Nacht im Rathhauſe zubringen.“ Woonach ſie ihren Kopf zurückzog, der hinter dem Vorhange von Blättern und Blumen verſchwand. Die jungen Leute folgten der Chauſſee, welche zwiſchen der Somme und der Fontaine Ferrée hinlief. Auf halbem Wege dieſer Chauſſee ließen ſie zu ihrer Linken die Abtei und die Kirche von Saint⸗Quentin⸗ en⸗Isle und ritten über eine erſte Brücke, die ſie zu der Kapelle führte, wo die Ueberreſte des heiligen Märtyrers aufgefunden werden ſollten, über eine zweite Brücke, dann über eine dritte, und nachdem 64 ſie dieſe hinter ſich hatten, befanden ſie ſich vor den zwei Thürmen, welche das Isle⸗Thor flankirten. Das Thor war bewacht von einem Soldaten des Regiments von Théligny und von einem Bürger der Stadt. Diesmal hatte Théligny nicht nöthig, ſich zu er⸗ kennen zu geben: es war der Soldat, der auf ihn zukam und ſich bei ihm nach Neuigkeiten erkundigte. Man ſagte, der Feind ſei ſehr nahe, und dieſe kleine Compagnie von hundertundfünßzig Mann, unter den Befehlen eines Secundlieutenants, fand ſich ein wenig iſolirt unter allen den Bürgern, welche erſchrocken dahin und dorthin liefen, oder ihre Zeit in Ver⸗ ſammlungen auf dem Rathhauſe verloren, in welchen Verſammlungen man viel ſtritt, aber wenig handelte. Saint⸗Quentin ſchien übrigens einem erſchreck⸗ lichen Tumulte preisgegeben. Die Hauptarterie,— welche die Stadt in zwei Dritteln ihrer Länge durchſchneidet, und in die ſich, wie die in einen Fluß ſich ergießenden Bäche, rechts die Rue Wager, die Rue des Cordeliers, die Rue d'Iſſenghien, die Rue des Ligniers, und links die Rue des Corbeaux, die Rue de la Truiequi⸗file und die Rue des Brebis warfen,— war gefüllt mit Menſchen, und dieſe Menge, welche in der Rue de la Sellerie noch dichter geworden, zeigte ſich auf dem großen Platze ſo compact, daß ſie, ſelbſt für die Reiter, eine undurchdringliche Mauer wurde. Als Yvonnet ſeine Toque auf die Spitze ſeines Degens geſetzt und, ſich auf ſeinen Steigbuͤgeln erhebend:„Platz! Platz den Leuten des Herrn Ad⸗ mirals!“ ausgerufen hatte, da reagirte die Menge, ——— J——— —1S SZSS2 — b rden des der t er⸗ ihn igte. leine den enig dcken Ver⸗ chen elte. reck⸗ 65 hoffend, es ſei eine Verſtärkung, was ihr angekündigt werde, allerdings dergeſtalt auf ſich ſelbſt, daß ſie am Ende den beiden Reitern einen Weg öffnete, der dieſelbe von der Saint⸗Jacques Kirche an bis zur Frei⸗ treppe des Rathhauſes führte, auf der ſie der Bür⸗ germeiſter, Meſſire Varlet von Gibercourt, erwartete. Die zwei Reiter kamen in gutem Augenblicke: es hatte hier eine Verſammlung ſtattgeſunden und,— Dank ſei es dem durch die Beredtſamkeit von Meiſter Jean Pauquet und ſeinem Bruder Guillaume über⸗ mäßig angereizten Patriotismus,— es war einſtim⸗ mig beſchloſſen worden, die Stadt Saint⸗Quentin ſollte ſich treu ihrem König, und ihrem heiligen Patron vertrauend, auf's Aeußerſte vertheidigen. Die Nachricht, welche Théligny hinſichtlich der baldigen Ankunft des Admirals mit einer Verſtärkung brachte, ſteigerte daher den Enthuſiasmus bis auf den höchſten Grad. Der Bürgermeiſter öffnete das Arſenal des Rath⸗ hauſes; zum Unglück war es dürftig verſehen: man fand fünfzehn Kanonen: ſowohl Batarden, als Feld⸗ ſchlangen, von denen einige in ſehr ſchlechtem Zu⸗ ſtande, und nur fünfzehn gewöhnliche Büchſen und einundzwanzig Hakenbüchſen; Hellebarden und Pie⸗ ken aber im Ueberfluſſe. Jean Pauquet wurde zum Kapitän von einer dieſer Compagnien ernannt und Guillaume Pauquet, ſein Bruder, zum Lieutenant einer andern. Man ſieht, die Ehrenſtellen regneten auf die Familie, doch die Ehrenſtellen waren gefährlich. Die Geſammtſumme der Truppen beſtand alſo für den Augenblick aus hundertundzwanzig bis hun⸗ Dumas, der Page. II. 5 66 dertunddreißig Mann von der Compagnie des Dau⸗ phin, commandirt von Théligny; aus ungefähr hun⸗ dert Mann von der Compagnie von Herrn von Breuil, Gouverneur von Saint⸗Quentin, welcher acht Tage vorher von Abbeville angekommen war; und endlich aus zweihundert Bürgern, in vier Compagnien jede von fünfzig Mann abgetheilt.— Drei dieſer Compagnien beſtanden aus Armbruſtſchützen, Helle⸗ bardieren und Piekenieren; die vierte war mit Büch⸗ ſen bewaffnet. Plötzlich ſah man eine fünfte erſcheinen, welche wegen ihrer unerwarteten Ankunft und der Elemente, aus denen ſie beſtand, allſeitige Schreie der Begei⸗ ſterung hervorrief. Sie kam durch die Rue Croix⸗Belle⸗Porte und beſtand aus hundert, Pieken oder Hellebarden tra⸗ genden, Jacobinermönchen. Ein Mann angethan mit einem Rocke, unter dem man einen Bruſtharniſch erblickte, führte ſie, ein bloßes Schwert in der Hand. Bei dem Geſchrei, das man, als ſie vorbeizogen, erhob, wandte ſich Nvonnet um, und ihren Kapitän aufmerkſam anſchauend, rief er: „Der Teufel ſoll mich brennen, wenn das nicht Lactance iſt!“ Vermuthend, es werde einen harten Feldzug geben, hatte er ſich zu den Jacobinern der Rue des Roſiers zurückgezogen, um hier Buße zu thun und ſich ſo viel als möglich in den Stand der Gnade zu ſetzen. Die guten Väter hatten ihn mit offenen Armen aufgenommen, und da er, unter ſeinem Beichten und Communiciren, den Patriotismus be⸗ — 7—= N—,——— Dau⸗ hun⸗ von Lacht und* mien dieſer delle⸗ Büch⸗ elche ente, egei⸗ und tra⸗ inter ſie, gen, ditän nicht dzug des thun nade enen inem be⸗ 67 merkt, der ſie belebte, ſo hatte er es für geeignet erachtet, hieraus Nutzen zu ziehen. Dem zu Folge hatte er ihnen, als eine Eingebung des Himmels, ſeinen Gedanken, ſie zu einer militäriſchen Compagnie zu organiſiren, mitgetheilt, und die Mönche hatten eingewilligt. Lactance hatte den Prior bewogen, eine Stunde von der Frühmette und eine halbe Stunde von der Vesper nehmen zu laſſen, um dieſe Zeit zu den Uebungen zu verwenden; nach Ver⸗ lauf von drei Tagen, als er ſeine Leute hinreichend im militäriſchen Manoeuvre unterrichtet glaubte, hatte er ſie aus dem Kloſter geführt und, wie ge⸗ ſagt, unter dem Zujauchzen der Menge, auf den Platz des Rathhauſes gebracht. Saint⸗Quentin konnte alſo in dieſem Augenblicke auf hundertundzwanzig Mann von der Compagnie des Dauphin, auf hundert Mann von der Com⸗ pagnie des Gouverneur der Stadt, auf zweihundert Bürger und hundert Jacobinermönche zählen. Im Ganzen fünfhundert ſtreitbare Männer. Kaum hatten der Bürgermeiſter, der Gouverneur der Stadt und die anderen Behörden die Berechnung ihrer Streitkräfte gemacht, da erſcholl gewaltiges Geſchrei von den Wällen, und man ſah durch die Rue de[Orfévrerie und die Rue Saint⸗André Leute herbeikommen, welche auf eine verzweifelte Art die Arme zum Himmel erhobn. Man fragte, man erkundigte ſich. Sie hatten auf der Ebene, die ſich von Homblières bis Mesnil⸗ Saint⸗Laurent erſtreckt, eine große Menge Bauern querfeldein und, ſo viel man bei der Entfernung, die ſie noch von der Stadttrennte, beurtheilen konnte, unter un⸗ 68. zweideutigen Zeichen des Schreckens herbeilaufen ehen. Auf der Stelle befahl man, die Thore zu ſchlie⸗ ßen und die Wälle zu beſetzen. Lactance, der, mitten unter den Gefahren, die Kaltblütigkeit eines wahren Chriſten behielt, gebot ſogleich ſeinen Jacobinern, ſich an die Kanonen an⸗ zuſpannen und ſie auf verſchiedene von ihm bezeich⸗ nete Punkte der Mauern der Stadt und des Fau⸗ bourg d'Isle zu führen. Théligny und Ywonnet, welche zu Pferde waren und, trotz des Laufes, den ſie ſeit dem vorhergehen⸗ den Tage vollbracht, fühlten, ihre Roſſe haben noch gute Beine und langen Athem, ritten durch das Rémicourt⸗Thor hinaus, durchwateten den Fluß und ſprengten durch die Ebene, um zu erfahren, was dieſe ganze Bevölkerung zur Flucht veranlaſſe. Der erſte Menſch, dem ſie begegneten, hatte ſeine Naſe und einen Theil ſeiner rechten Backe in ſeiner Hand, mit deren Hülfe er ſo gut er konnte dieſe zwei koſtbaren Gegenſtände an dem Platze, den ſie einge⸗ nommen, feſthielt, und machte mit der Linken Yvon⸗ net große Zeichen. Yoonnet ritt auf ihn zu und erkannte Malemort. „Ah!“ brüllte dieſer mit der ganzen Gewalt ſeiner Lunge,„zu den Waffen! zu den Waffen!“ Ywonnet verdoppelte die Geſchwindigkeit ſeines Laufes, und als er ſeinen Verbündeten ganz von Blut triefend ſah, ſprang er zu Boden und erkun⸗ digte ſich nach ſeiner Wunde. Sie war furchtbar aus dem Geſichtspunkte der Verwüſtung, die ſie auf einem jungfräulichen Ant⸗ mi 69 litz bewirkt hätte, doch das von Malemort war der⸗ geſtalt in allen Ricchtungen vernäht, daß dies nur eine Naht mehr gab. Yoonnet legte ſein Sacktuch vierfach zuſammen, machte in der Mitte ein Loch, um der Naſe von Malemort Durchgang zu gewähren, ſtreckte den Ver⸗ wundeten auf der Erde aus, drückte ihm den Kopf auf ſeinen Schooß, und verband ihm das Geſicht ſo leicht und ſo geſchickt, als es nur der gewandteſte Wundarzt hätte thun können. Mittlerweile zog Théligny Erkundigungen ein. Man vernehme, was geſchehen war. Am Morgen war der Feind im Angeſichte von Origny⸗Sainte⸗Benoite erſchienen. Malemort, der ſich dort befand und mit ſeinem gewöhnlichen In⸗ ſtincte witterte, von dieſer Seite müſſen die Streiche kommen, feuerte die Einwohner an, ſich zu verthei⸗ digen. Dem zu Folge zogen ſie ſich ins Schloß mit Allem, was ſie an Waffen und Munition zuſammen⸗ raffen konnten, zurück. Hier hielten ſie ſich beinahe vier Stunden. Doch von der ganzen ſpaniſchen Vor⸗ hut angegriffen, wurde das Schloß im Sturme ge⸗ nommen. Malemort that Wunder, er mußte ſich aber zum Rückzuge entſchließen. Zu nahe bedrängt von drei bis vier Spaniern, wandte er ſich um, tödtete Einen derſelben mit der Spitze, einen Zweiten mit der Schneide ſeines Schwertes, als er aber den Dritten angriff, ſpaltete ihm der Vierte durch einen Streich mit verkehrter Hand das Geſicht ein wenig unter den Augen. Malemort, der die Unmöglichkeit, ſich mit einer Wunde, die ihn blendete, zu vertheidigen, ren Gefährten nach, we Plünderung beſchäftigt aufſtand, ſeine Naſe und natürlichen Platz rückte, der gewöhnlich der Erſte heiten an der Spitze der zurück und riefen:„Zu hundert Mann, welche hatte, vierzig Kanoniere Unterkanoniere für das man glauben ſollen, ſie Anderes gethan. 70 begriff, ſtieß einen gewaltigen Schrei aus und ſank rückwärts, als ob er auf der Stelle getödtet worden wäre. Die Spanier durchſuchten ihn, nahmen ihm die paar Sous Pariſis, die er beſaß, und eilten ih⸗, lche mit einer fruchtbareren waren. Wonach Malemort ſeine Backe wieder an ihren Beides ſo gut er konnte mit ſeiner Hand feſthielt und nach der Stadt lief, um Lärm zu machen. So kam es, daß ſich Malemort, beim Angriffe und der Letzte beim Rückzuge war, diesmal gegen alle ſeine Gewohn⸗ Flüchtlinge befand. Théligny und Yvonnet wußten, was ſie wiſſen wollten. Nwonnet nahm Malemort hinter ſich auf ſein Pferd, und alle Drei kehrten nach der Stadt den Waffen!“ Die ganze Stadt erwartete ſie. In einem Au⸗ genblicke wußte man, der Feind ſei nur noch drei bis vier Meilen entfernt; doch die Einwohner waren ſo entſchloſſen, daß dieſe Nachricht, ſtatt ihren Muth niederzuſchlagen, ſie vielmehr begeiſterte. Glücklicher Weiſe fanden ſich unter der Zahl der Herr von Breuil gebrachte ; man vertheilte ſie bei den fünfzehn Stücken, die von den Jacobinern nach den Wällen gezogen worden waren. Es fehlten dräl Stück: die Mönche erboten ſich, die Batterien zu vervollſtändigen, und wurden angenommen. Nach einer einſtündigen Uebung hätte haben in ihrem Leben nichts Es war Zeit, denn nach einer Stunde gewahrte ank man ſchon die erſten ſpaniſchen Colonnen. den Der Rath der Stadt beſchloß, einen Eilboten zum ihm Admiral zu ſchicken, um ihn von der Lage zu unter⸗ ih⸗, richten; doch es fragte ſich, wer die Stadt im Augen⸗ eren blicke der Gefahr würde verlaſſen wollen. nort Ywonnet bot Malemort an. hren Malemort erhob ein Geſchrei; ſeitdem er verbun⸗ mit den war, fühlte er ſich, wie er ſagte, viel munterer um als zuvor; er hatte ſich ſeit fünfzehn Monaten nicht nort, geſchlagen: das Blut erſtickte ihn, und das Wenige, eetzte was er verloren, hatte ihn äußerſt erleichtert. ohn⸗ Yoonnet bemerkte ihm jedoch, man werde ihm ein Pferd geben; dieſes Pferd werde er behalten; in iſſen drei bis vier Tagen werde er im Gefolge des Herrn auf Admirals in die Stadt zurückkommen, und mittelſt Stadt dieſes Pferdes könne er bei den Ausfällen, die er mache, viel weiter gehen, als die Fußgänger. Au⸗ Dieſe letzte Erwägung beſtimmte Malemort. i bis Fügen wir übrigens bei, daß Yvonnet auf ihn en ſo den Einfluß übte, den immer die ſchwachen nervöſen Muth Naturen auf die mächtigen Naturen haben. Malemort ſtieg zu Pferde und ritt im Galopp ol der in der Richtung von la Foôre weg. brachte Man konnte ruhig ſein: ſo wie der Abenteurer ei den ſein Pferd führte, würde der Admiral in anderthalb h den Stunden unterrichtet werden. u drei Man hatte indeſſen die Thore geöffnet, um die rboten armen Einwohner von Origny⸗Sainte⸗Benoite auf⸗ surden zunehmen, und Jeder hatte ſich beeifert, ihnen Gaſt⸗ hätte freundſchaft zu bieten. Dann hatte man in alle um⸗ nichts liegende Dörfer, nach Harly, nach Rémicourt, nach 72 la Chapelle, nach Raucourt, nach Abbiette geſchickt, um alles Mehl und alles Korn, was man finden konnte, zu requiriren. Der Feind rückte in einer ungeheuren Linie und in einer Tiefe vor, daß man vermuthete, man werde es mit der ganzen ſpaniſchen, walloniſchen und deut⸗ ſchen Armee, das heißt mit fünfzig⸗ bis ſechzigtauſend Mann zu thun haben. Wie, wenn die Lava vom Krater des Veſuvs oder des Aetna herabfließt, ehe der Flammenſtrom ſie erreicht hat, die Häuſer einſtürzen und die Bäume ſich entzünden, ſo ſah man vor dieſer ganzen vor⸗ rückenden ſchwarzen Linie die Häuſer flammen und die Dörfer in Brand gerathen. Die ganze Stadt betrachtete dieſes Schauſpiel von den Rémicourt⸗Wällen aus, von den Gallerien der Collegialkirche, welche die Cité beherrſcht, und von der Spitze dreier hoher Thürme, und bei jedem neuen Brande, der ausbrach, erhob ſich ein Concert von Verwünſchungen und ſchien, wie eine Schaar Unglücksvögel, ſeinen Flug zu nehmen, um auf den Feind niederzufallen. Doch der Feind rückte immer weiter und trieb die Einwohnerſchaften vor ſich her, wie der Wind den Rauch der Brände forttrieb. Eine Zeit lang nahmen die Thore der Stadt fortwährend Flücht⸗ linge auf; bald waren ſie aber genöthigt, ſich zu ſchließen, ſo nahe kam der Feind. Und man ſah dann die armen Bauern der brennenden Dörfer ge⸗ zwungen, die Stadt zu umgehen und eine Zuflucht in der Richtung von Vermond, Pontru und Cau⸗ laincourt zu ſuchen. Bald raſſelten auch die Trommeln. Das war das Signal, daß Alles, was nicht ſtreitbar, den Wall und die Thürme verlaſſen ſollte. Endlich blieb auf der ganzen Linie nur noch die ſtreitbare Mannſchaft, ſtillſchweigend, wie es immer die verſammelten Menſchen beim Herannahen einer Gefahr ſind. Man fing an die Vorhut vollkommen zu unter⸗ ſcheiden. Sie beſtand aus Piſtolenſchützen, welche, nachdem ſie die Somme zwiſchen Rouvroy und Harly über⸗ ſchritten hatten, ſich mit Geſchwindigkeit auf dem ganzen Umkreiſe der Stadt verbreiteten und die Zu⸗ gänge der Rémicourt⸗, Saint⸗Jean⸗ und Ponthoille⸗ Thore beſetzten. Hinter den Piſtolenſchützen gingen drei⸗ bis vier⸗ tauſend Mann, bei denen man an der Regelmäßig⸗ keit ihres Marſches erkennen konnte, daß ſie zu jenen alten ſpaniſchen Banden gehörten, welche im Rufe ſtanden, ſie ſeien die beſten Truppen der Welt, ſie gingen, ſagen wir, ebenfalls über die Somme und wandten ſich nach dem Faubourg d'Isle. „Alles wohl berechnet, mein lieber Herr Yvon⸗ net,“ ſagte Théligny,„habe ich Urſache, zu glauben, daß auf der Seite des Hauſes Eurer Schönen die Muſik anfangen wird. Wollt Ihr ſehen, wie ſich die Melodie ſpielt, ſo kommt mit mir.“ „Sehr gern, mein Lieutenant,“ erwiederte Yvon⸗ net, der ſchon ſeinen ganzen Körper die nervöſen Schauer durchlaufen fühlte, welche bei ihm das Her⸗ annahen jeder Schlacht bezeichneten. Und, die Lippen zuſammengepreßt, die Wangen 74 leicht erbleichend, nahm er die Richtung nach der Porte d'Isle, zu der Théligny ungefähr die Hälfte ſeiner Leute führte, während er den Reſt zurückließ, um die Bürger zu unterſtützen und ihnen im Noth⸗ falle das Beiſpiel zu geben. Wir werden ſpäter ſehen, daß die Bürger es waren, die das Beiſpiel den Soldaten gaben, ſtatt es von ihnen zu empfangen. Man kam nach dem Faubourg d'Isle. Yvonnet war hundert Schritte vor der Truppe, was ihm Zeit ließ, ans Fenſter von Gudule zu klopfen, welche ganz zitternd herbeilief, und dem Mädchen den Rath zu geben, ſie möge in die unteren Stuben hinab⸗ gehen, da die Kanonkugeln aller Wahrſcheinlichkeit nach alsbald Kegel mit den Schornſteinen der Häu⸗ ſer ſpielen werden. Er hatte nicht vollendet, da pfiff eine Kugel vor⸗ bei und zerſchmetterte einen Giebel, deſſen Splitter wie ein Regen von Meteorſteinen um den jungen Mann niederfielen. Ywonnet ſprang von der Straße auf den Weich⸗ ſtein, klammerte ſich mit beiden Händen an der Randleiſte des Fenſters an, ſuchte mit ſeinen Lippen mitten unter den Blumen die zitternden Lippen des Mädchens, drückte einen ſehr zärtlichen Kuß darauf, ließ ſich wieder auf die Straße fallen und ſagte: „Widerfährt mir Unglück, ſo vergeßt mich nicht ſo raſch, und wenn Ihr mich vergeßt, ſo ſei es nicht um eines Spaniers, eines Deutſchen oder eines Eng⸗ länders willen.“ Und ohne die Betheurung, ſie werde ihn immer lieben, die ihm Gudule machen wollte, abzuwarten, 75 nahm er ſeinen Lauf nach der alten Mauer und befand ſich hinter der Bruſtwehr, ein paar Schritte von dem Orte, den er bei ſeinen nächtlichen Gängen zu erklettern pflegte. Wie es Theligny vorhergeſehen, der übrigens erſt hinter Ywonnet auf den Schauplatz des Kampfes kam, fing hier in der That die Muſik an. Die Muſik war geräuſchvoll und machte mehr als einmal den Kopf derjenigen, welche ſie hörten, ſich beugen; die Bürger, die Anfangs den Soldaten zu lachen gegeben hatten, gewöhnten ſich aber all⸗ mälig daran und wurden, ſobald ſie daran gewöhnt waren, hitziger als die Andern. Die Spanier folgten ſich indeſſen in ſo zahlreichen Gliedern, daß die Bürger ſich genöthigt ſahen, das äußere Bollwerk zu verlaſſen, das ſie Anfangs zu vertheidigen geſucht hatten, das aber, ohne Bruſt⸗ wehr und auf allen Seiten beherrſcht von den um⸗ liegenden Anhöhen, nicht haltbar war. Beſchirmt durch die zwei Kanonen und die Büchſenſchützen der alten Mauer, bewerkſtelligten ſie ihren Rückzug in guter Ordnung, ließen drei Todte zurück, brachten aber ihre Verwundeten in die Stadt. YDwonnet ſchleppte einen Spanier, dem er ſeinen Degen durch den Leib gerannt und ſeine Büchſe ab⸗ genommen hatte; da er aber nicht die Muße gehabt hatte, zu gleicher Zeit die am Wehrgehenke des Todten befeſtigten Patronen zu nehmen, ſo zog er das Ganze an ſich, in der Hoffnung, ſeine Mühe werde nicht verloren ſein, und er werde die Taſchen ſo wohl ausgeſtattet finden, als das Wehrgehenk. Dieſes Vertrauen wurde belohnt: außer dem drei⸗ monatlichen Solde, den man den Spaniern am Tage vorher ausbezahlt, um ihnen guten Muth zu geben, hatte Jeder ein wenig geplündert, ſeit den fünf bis ſechs Tagen, die man im Felde lag. Wir vermöch⸗ ten nicht zu ſagen, ob der Spanier von Ywonnet mehr oder weniger geplündert hatte, als die Andern; nachdem er aber ſeine Taſchen viſitirt, ſchien Yvon⸗ net mit dem, was er gefunden, ſehr zufrieden zu ſein. Hinter den Soldaten von Théligny und den Bürgern der Stadt nahmen die zwei ſpaniſchen Cheſs, welche Julian Romeron und Carondelet hießen, Be⸗ ſitz vom äußeren Bollwerke, und bemächtigten ſich aller Häuſer, welche an die Chauſſee nach Guiſe und an die nach la Fore gränzten und das bildeten, was man die obere Vorſtadt nannte; als ſie aber den zwi⸗ ſchen dem äußeren Walle und der alten Mauer be⸗ griffenen Raum überſchreiten wollten, wurden ſie von einem ſo wohl genährten Feuer empfangen, daß ſie nach den Häuſern zurückkehren mußten, aus deren Fenſtern ſie fortwährend ſchoſſen, bis die zunehmende Dunkelheit dem Kampfe ein Ziel ſetzte. Erſt zu dieſer Stunde glaubte Ywonnet, es ſei ihm erlaubt, den Kopf umzudrehen. Da ſah er, auf zehn Schritte hinter ſich, kaum die Böſchung des Wal⸗ les überragend, den bleichen Kopf eines reizenden Mädchens, das unter dem Vorwande, ſich zu ver⸗ ſichern, ob ſein Vater da ſei, trotz des ergangenen Verbotes, das Terrain der Kämpfenden betreten hatte. Sein Auge ging von dem Mädchen auf ſeinen Lieutenant über. n 77 „Mein lieber Yvonnet,“ ſagte dieſer zu ihm, „da Ihr nun bald zwei Tage und zwei Nächte im Felde lieget, ſo müßt Ihr müde ſein: überlaßt alſo Anderen die Sorge, auf dem Walle zu wachen, und ſuchet bis morgen eine gute, angenehme Ruhe zu genießen. Ihr werdet mich finden, wo das Feuer iſt.“ Yoonnet ließ ſich das nicht zweimal ſagen; er grüßte ſeinen Lieutenant, warf Gudule einen Seiten⸗ blick zu, und ſchlug, ohne daß er ſich um das Mäd⸗ chen zu bekümmern ſchien, den Weg nach der Chauſſee ein, als wollte er in die Stadt zurückkehren. Doch ohne Zweifel wegen der Finſterniß verirrte er ſich in der Vorſtadt; denn zehn Minuten nachher befand er ſich wieder in jenem Gäßchen, vor jenem kleinen Fenſter, und einen Fuß auf jenem Weichſtein, von dem aus man ſo viele Dinge thun konnte! Was Yoonnet that, war, daß er ſich an zwei weiße Händchen anklammerte, welche bald durch die⸗ ſes Fenſter hervorkamen und ihn ſo gut und ſo ge⸗ ſchickt in das Innere zogen, daß man leicht ſehen konnte, ſie geben ſich nicht zum erſten Male dieſer Uebung hin. Was wir ſo eben erzählt haben, ereignete ſich am 2. Auguſt 1557. VII. Der Admiral hält ſein Wort. Malemort hatte, wie man dies vorherſehen konnte, raſch die ſechs Meilen zurückgelegt, welche Saint⸗ Quentin vom Lager von la Fore trennten. 78 Nach kaum anderthalb Stunden war er vor der Thüre des Herrn Admirals. Sah man dieſen Mann in raſendem Galopp, mit ſeinen blutigen Kleidern und das Geſicht unter ſei⸗ nen Binden verborgen, ankommen, ſo war es, wenn auch unmöglich, Malemort zu erkennen wegen der Maske, welche nur die Augen und den Mund ent⸗ blößt ließ, wenigſtens leicht, in ihm einen Boten mißlicher Nachrichten zu erkennen. Er wurde daher auf der Stelle bei Coligny ein⸗ geführt. Der Admiral war mit ſeinem Oheim, dem Con⸗ netable, der ſo eben angekommen, beiſammen. Malemort erzählte die Einnahme von Origny⸗ Sainte⸗Benoite, die Niedermetzelung derjenigen, welche das Schloß hatten vertheidigen wollen, den Brand aller Dörfer auf der Linie, der die ſpaniſche Armee folgte, welche gleichſam einen Sog von Feuer und Rauch hinter ſich ließ. Sogleich wurden die Rollen zwiſchen dem Oheim und dem Neffen vertheilt. Coligny ſollte mit fünf⸗ bis ſechshundert Mann unmittelbar abgehen, um ſich in Saint⸗Quentin ein⸗ zuſchließen, und dort bis aufs Aeußerſte aushalten. Der Connetable ſollte mit dem Reſte der im Lager anweſenden Soldaten zum Heere des Herzogs von Nevers ſtoßen, das, kaum acht⸗ bis neuntauſend Mann ſtark und folglich zu ſchwach, um die ſpaniſche Armee, welche über fünfzigtauſend ſtreitbare Männer zählte, anzugreifen, ihr zur Seite ging, ſie beobach⸗ tete und ſich bereit hielt, ihre Fehler zu benützen. Dieſe kleine Truppe manoeuvrirte an den Grän⸗ zen des Lyonnois und der Thiérarche. Der Admiral ließ ſogleich zum Aufſitzen blaſen und zum Abmarſche ſchlagen; doch auf den Rath von Maldent, den er zum Führer gewählt, entſchloß ſich der Admiral, den Weg nach Ham einzuſchlagen, ſtatt den directen Weg zu wählen. Nach den Erkundigun⸗ gen, die man eingezogen, nahm er an, die Spanier werden Saint⸗Quentin durch Rémicourt, den Fau⸗ bourg Saint⸗Jean und den Faubourg d'Isle an⸗ greifen. Auf dieſen drei Seiten würde folglich Coligny einen Widerſtand gegen ſein Vorhaben finden. Der einzige Weg, bei dem man nach der Aus⸗ ſage von Maldent die Wahrſcheinlichkeit hatte, er werde frei ſein, war der von Ham nach Saint⸗Quen⸗ tin, der durch Sümpfe führte, welche nur für die allein, die die Paſſagen kannten, gangbar. Der Admiral nahm drei Banden Fußvolk mit ſich. Dieſe Banden wurden commandirt von den Ka⸗ pitänen Saint⸗André, Rambouillet und Louis Poy. „Doocch die dritte, welche an demſelben Tage von Gascogne angekommen, war ſo ermüdet, daß ſie auf der Straße von la Foͤre nach Ham blieb. „ In dem Augenblicke, wo der Connetable und der Admiral la Fore verließen,— der Admiral nach Ham marſchirend, der Connetable ihn geleitend,— fanden ſie mitten auf der Straße, auf ſeinem Hinter⸗ theile ſitzend und den Weg verſperrend, einen großen ſchwarzen Hund, der aus Leibeskräften heulte. Man jagte den Hund weg, doch er lief hundert Schritte vorwärts, ſetzte ſich wie Anfangs quer auf die Straße, 80 und heulte auf eine noch kläglichere Weiſe. Aufs Neue verjagt, fing er zum dritten Male dieſelbe Ge⸗ ſchichte wieder an und heulte noch ſtärker und noch verzweifelter. Da fragte der Connetable, Herrn von Coligny anſchauend: „Was Teufels denkt Ihr hievon?“ „Ci!“ antwortete der Admiral,„daß es eine ſehr widerliche Muſik iſt, mein Herr; und ich glaube, wir werden die Komödie liefern.“ „Ja, und vielleicht auch die Tragödie,“ verſetzte der Connetable*). Nach dieſer Prophezeiung umarmten ſich der Oheim und der Neffe; der Admiral zog weiter gegen Ham, der Connetable kehrte nach la Fore zurück, welche Stadt er noch an demſelben Abend verließ. Doch bei ſeinem Abgange erwartete ihn ſeiner⸗ ſeits ein anderes Vorzeichen. Kaum hatte er eine Meile auf der Straße nach Laon gemacht, als eine Art von Pilger, der einen langen Rock und einen langen Bart trug, ſeinem Pferde in den Zügel fiel und ihm zurief: „Montmorency! Montmorency! ich verkündige Dir, daß in drei Tagen Dein ganzer Ruhm zu 4 Staub ſein wird!“ „Gut,“ erwiederte der Connetable,„doch ich verkündige Dir, daß vorher Dein Kinnbacken zer⸗ bröckelt ſein wird!“ Und er gab ihm einen ſo gewaltigen Fauſtſchlag, **) Memoiren von Mergey. 81 daß in der That der arme Prophet ohnmächtig und mit völlig ausgerenktem Kiefer niederſtürzte*). Der Connetable zog ſeines Weges, wie es der Admiral gethan, Jeder ſein trauriges Vorzeichen mit ſich nehmend. Der Admiral kam Abends gegen fünf Uhr nach Ham. Er war entſchloſſen, ſeinen Weg ohne anzuhalten bis Saint⸗Quentin zu verfolgen. Nachdem er den Soldaten eine Stunde Ruhe gegönnt, ſetzte er ſich daher wieder in Marſch nur mit ſeinen Gendarmen und zwei Fußcompagnien. In Ham hatten die Herren von Jarnac und von Luzarches Alles gethan, um ihn zurückzuhalten, indem ſie ihm vorzuſtellen ſuchten, welche Dienſte er im offenen Felde leiſten könne, und ſich erboten, in Saint⸗Quentin an ſeiner Stelle ſich einſchließen zu laſſen; doch er hatte geantwortet: „Lieber wollte ich Alles, was ich Tapferes be⸗ ſitz, verloren haben, als dieſen braven Leuten, welche ihre Stadt zu vertheidigen ſo wohl geſinnt ſind, die Hülfe nicht bringen, die ich ihnen verſprochen!“ Und er brach, wie geſagt, ohne eine Minute Verzug zu der von ihm bezeichneten Stunde auf. Vor den Thoren von Ham traf er den Abt von Saint⸗Prix. Das war ein ſehr edler Prälat Na⸗ mens Jacques de la Motte; er war zugleich Dom⸗ herr von Saint⸗Quentin, von Chartres, von Paris und von Mans; er beſaß überdies zwei Prioreien, *) Memoiren von Melvil. Dumas, der Page. II. 6 82 und als er ſtarb, war er Domherr unter fünf Köni⸗ gen, mit Franz I. anzufangen, geweſen. Coligny, da er vermuthete, der hohe Reiſende komme von Saint⸗Quentin, ging auf ihn zu; der Kriegsmann und der Mann der Kirche gaben ſich gegenſeitig zu erkennen. Bei den erſten Kanonenſchüſſen, die man an der Porte d'Isle gefeuert, hatte der Prälat die Stadt durch den Faubourg de Ponthoille verlaſſen, und er wollte in aller Eile den König von der Lage von Saint⸗Quentin unterrichten. Es war alſo, wie es der Admiral vorhergeſehen, der letzte freigebliebene Weg der, welchen er verfolgte. „Herr Abt,“ ſagte er zu dem Prälaten,„da Ihr den König aufſucht, ſo thut mir den Gefallen, Sei⸗ ner Majeſtät zu melden, Ihr habet mich an der Spitze einer guten Schaar getroffen; ich gedenke mit Gottes Hülfe noch heute Nacht in Saint⸗Quentin ein⸗ zurücken, wo ich ihm einen guten Dienſt zu leiſten hoffe.“ Und grüßte den Abt und zog weiter. Nachdem er noch eine Meile marſchirt war, er⸗ blickte er die Flüchtlinge von Origny⸗Sainte⸗Benoite und anderen Dörfern in der Nähe von Saint⸗Quen⸗ tin, welche, da ſie in der Stadt keine Zuflucht hatten finden können, weiter zu fliehen genöthigt geweſen waren. Die Unglücklichen waren ganz gelähmt vor Müdigkeit; die Einen ſchleppten ſich noch mühſam fort, die Anderen lagen am Fuße der Bäume, ſter⸗ bend vor Hunger und Ermattung. Der Admiral theilte einige Unterſtützung unter ſie aus und ſetzte dann ſeinen Marſch fort. öni⸗ ende der ſich der btadt d er von ee es bene Ihr Sei⸗ pitze ottes ein⸗ eiſten „er⸗ noite huen⸗ atten veſen vor hſam ſter⸗ unter 83 Zwei Meilen von Saint⸗Quentin überfiel ſie die Nacht; doch Maldent war da: er ſtand denjenigen, welche ihm folgen wollten, für Alles, und in der Hoffnung, er werde eine gute Belohnung am Ende des Weges erhalten, erbot er ſich als Beweis, daß er des Vertrauens würdig, vor dem Pferde des Herrn Admirals mit einem Stricke um den Hals zu gehen. Der Trupp des Kapitäns Rambouillet ſchlug den bezeichneten Weg ein; doch der Kapitän Saint⸗ André behauptete einen guten Führer zu haben, und wollte in einer andern Richtung gehen. Jedermann war hier ſo für ſeine Rechnung, daß der Admiral nicht verlangen wollte, es ſolle ſich Alles, wie er es that, auf Maldent verlaſſen. Herr von Saint⸗André zog alſo auf ſeiner Seite weiter, und der Admiral auf der ſeinen. Kein Hinderniß bot ſich auf der Straße nach Saint⸗Quentin. Die Stadt war nicht völlig einge⸗ ſchloſſen worden; man hatte eine ihrer Seiten, die des Faubourg de Ponthoille, der engliſchen Armee vorbehalten, welche jeden Augenblick ankommen mußte, und auf dieſer Seite erſchien der Admiral. Auf der Höhe von Savy, das heißt eine ſtarke halbe Meile von Saint⸗Quentin, warf man einen Blick der Vorſicht auf den Platz, und man gewahrte die Feuer des feindlichen Heeres, die ſich von der Kapelle von Epargnemaille bis zu den Prés Gaillard erſtreckten; man hätte glauben ſollen, es ſei aus⸗ drücklich ein Weg für die kleine Schaar des Admirals freigelaſſen worden. 84 Es war dies ſo, daß es den Admiral beunruhigte: er fürchtete einen Hinterhalt. Procope, den ſeine häufigen Unterredungen mit Maldent mit dem picardiſchen Patois vertraut ge⸗ macht hatten, erbot ſich, auf Kundſchaft auszugehen. Der Admiral nahm dies an und machte in Er⸗ wartung ſeiner Rückkehr Halt. Nach drei Viertelſtunden kam der Abenteurer wieder: der Weg war vollkommen frei, und er hatte ſich dem Walle ſo ſehr nähern können, daß er die Schildwache bei der Porte de Ponthoille auf⸗ und abgehen ſah. Procope hatte ſodann über eine Art von Fluß⸗ arm, der zu jener Zeit am Fuße der Mauer hinlief, der Schildwache gepfiffen, welche ſogleich ſtehen blieb und die Finſterniß mit dem Blicke zu durch⸗ dringen ſuchte. Procope pfiff zum zweiten Male, und ſicher, daß er geſehen worden, verkündigte er mit halber Stimme das Anrücken des Herrn Admirals. Auf dieſe Art ſei der Poſten an der Porte de Ponthoille in Kenntniß geſetzt, und der Admiral werde ſogleich bei ſeiner Ankunft eingeführt werden. Coligny ſpendete dem verſtändigen Benehmen von Procope Beifall, billigte Alles, was er gethan hatte, und ſetzte ſich ruhiger, immer unter der Füh⸗ rung von Maldent, wieder in Marſch. Zwanzig Schritte vom Thore erhob ſich ein Mann aus einem Graben; er hielt eine Piſtole in der Hand, ganz bereit, Feuer zu geben, ſollte ſtatt eines be⸗ freundeten Truppes die Schaar, die ſich näherte, eine feindliche ſein. 85 Man ſah auf den Wällen etwas wie einen dü⸗ ſteren Schatten: hundert Mann waren auf dieſen Punkt gerufen worden für den Fall, daß die Mit⸗ theilungen von Procope an die Schildwache eine Ueberrumpelung verborgen hätten. Der Mann mit der Piſtole, der ſo zu ſagen aus dem Graben herausſprang, war der Lieutenant Théligny. Er trat vor und ſagte: „Frankreich und Théligny!“ „Frankreich und Coligny!“ antwortete der Ad⸗ miral. Die Erkennung war gemacht: es kam wirklich die verſprochene Verſtärkung an; man öffnete die Thore. Der Admiral und ſeine hundertundzwanzig Mann zogen ein. Sogleich verbreitete ſich das Gerücht von dieſer Ankunft in der Stadt. Die Einwohner kamen halb angekleidet unter einem Freudengeſchrei aus ihren Häuſern; Viele wollten beleuchten, Einige hatten ſchon angefangen. Der Admiral ließ das Geſchrei verſtummen und die Lichter auslöſchen. Er befürchtete, das feindliche Heer könnte auf⸗ merkſam gemacht werden, und es werde ſeine Wach⸗ ſamkeit verdoppeln. Ueberdies waren Saint⸗André und ſein Trupp noch nicht angekommen. Gegen drei Uhr Morgens hatte man noch nichts von ihnen gehört. Da aber der Tag demnächſt anbrechen ſollte und es ſehr weſentlich war, daß ſie nicht auf eine 86 ſpaniſche Abtheilung ſtießen, ſo trat Lactance mit ſechs oder acht von ſeinen Jacobinern vor. Die guten Väter, die ihre Kleidung vor jedem Verdachte ſchützte, machten das Anerbieten, ſich auf dem Lande auf ein paar Meilen zu verbreiten und die verirrte Compagnie herbeizuführen. Ihr Erbieten wurde angenommen, und ſie gingen durch die Porte de Ponthoille und durch eine Schlupf⸗ pforte ab. Zwiſchen vier und fünf Uhr Morgens erſchien ein erſter Trupp von ungefähr ſechzig Mann, geführt von zwei Jacobinermönchen. Sodann gegen ſechs Uhr ein zweiter Trupp von fünfundfünfzig bis ſechzig Mann, auch von einem Mönche geführt. Der Kapitän Saint⸗André war bei dieſem zwei⸗ ten Truppe. Ihr Führer hatte ſich verirrt und ſie mit ſich irre geleitet. Die anderen Väter kamen nach einander zurück, und Gott, der ſie beſchirmte, geſtattete, daß diesmal keinem von ihnen Unglück widerfuhr. Sobald die letzten Leute in der Stadt waren, ließ Coligny verleſen. Man fand, daß ſich durch ihn die Garniſon um zweihundertfünfzig Mann verſtärkt hatte. Das war numeriſch eine ſehr ſchwache Hülfe; doch die Gegenwart desjenigen, welcher ſie herbeiführte, hatte, den Furchtſamſten der Muth wiederver⸗ leihend, eine ungeheure moraliſche Wirkung hervor⸗ gebracht. 87 Théligny, der Bürgermeiſter und der Gouverneur der Stadt gaben dem Admiral eine genaue Erzäh⸗ lung von dem, was am Tage vorher vorgefallen war. Mehr als je überzeugt, man müſſe aufs Aeußerſte den Faubourg d'Isle vertheidigen, wandte ſich Co⸗ ligny zuerſt nach dieſem Punkte. Oben auf der alten Mauer ſtehend, mitten unter den Kugeln, die um ihn her pfiffen, beſchloß er, daß ſchon am Abend, bei Anbruch der Nacht, ein Ausfall gemacht werden ſollte, um die benachbarten Häuſer anzuzünden, von denen aus die Spanier unabläßig die Soldaten be⸗ unruhigten, welche auf den Wällen Wache hielten. Gelang dies, und man nahm den Belagerern das Bollwerk, deſſen ſie ſich am Tage vorher bemächtigt hatten, wieder ab, ſo könnte man eine Tranchée vor der alten Mauer graben, um ſie durch eine Maske zu bedecken und die Mittelwälle vor dem Feuer der Belagerer zu ſchützen. Mittlerweile und um auf dieſem Punkte alle mögliche Vertheidigungsmittel zu concentriren, befahl der Admiral, auf jeder Flanke des Walles eine Schieß⸗ ſcharte zu öffnen, in welche man zwei Kanonen ſtellte. Nachdem dieſe erſten Anordnungen, als Maß⸗ regeln der Dringlichkeit, getroffen waren, dachte Co⸗ ligny, es ſei Zeit, die Qualität und die Quantität der Feinde, mit denen man es zu thun hatte, zu prüfen. .Es war übrigens, nach den Bannern ihrer Zelte, leicht, die Nation, der die Soldaten angehörten, und die Fürſten, die ſie befehligten, zu erkennen. Von dem Orte, wo er war, das heißt vom vor⸗ 88 derſten Winkel der alten Mauer, erblickte der Admi⸗ ral, zu ſeiner Rechten, drei vollkommen abgeſonderte Lager, jedes auf einen Hügel geſtellt. 3 Das entfernteſte war das des Grafen von Schwarz⸗ urg. Das mittlere Lager war das des Grafen von Egmont und des Grafen von Horn, dieſer zwei Unzer⸗ trennlichen, welche nicht einmal der Tod trennen ſollte. Das nächſte Lager war das von Emanuel Philibert. Sich gegenüber hatte der Admiral die ſpaniſchen Truppen, gegen welche man am Tage vorher ge⸗ ſtritten; ſie wurden befehligt von Don Julian Ro⸗ meron und dem Kapitän Carondelet. Zu ſeiner Linken endlich trat die äußerſte Spitze des Hauptlagers vor. Dieſes Lager, das ein Terrain von faſt einer halben Meile* bedeckte, und in das der Herzog von Savoyen ſpäter ſeine Zelte ſtellte, war beinahe ganz umſchloſſen von der Somme, welche einen Halbkreis bildet von der Stelle, wo ſie entſpringt, bis zu dem Orte, wo ſie zwiſchen Saint⸗Quentin und dem Fau⸗ bourg dIsle durchfließt. Es erſtreckte ſich auf einer ganzen Seite der Mauer, vom Fluſſe bis zum Faubourg Saint⸗Jean. In dieſem Lager waren enthalten die Quartiere des Marſchalls von Binincourt, des Markgrafen von Berg, des Markgrafen von Valle r*), des *) Es iſt hier immer von franzöſiſchen Meilen, lieues, die Rede. 2 GS SSGE ASS ‿ — Lo 89 Herzogs von Saimana, des Grafen von Schwarz⸗ burg, des Grafen von Mansfeld, von Bernhard von Mendoza, von Ferdinand von Gonzago, vom Biſchof von Arras, vom Grafen von Feria, vom Grafen Rinago, vom Marſchall von Carcheris, vom Herzog Erich von Braunſchweig, von Herzog Ernſt von Braunſchweig, von Don Juan Manrique, von Meſſire von Bouſſu, von Meſſire von Berlaimont, vom Grafen von Mégue, vom Sieur Lazari von Schwendy; endlich das Quartier der ſchweren Rei⸗ terei und das Quartier der Hellebardiere. Vom Saint⸗Jean⸗Thurme bis zum großen Thurme, das heißt auf dem dem Faubourg d'Isle gerade ge⸗ genüber liegenden Punkte, erſtreckte ſich das flämiſche Lager und erhob ſich eine Batterie, welche ein ſol⸗ ches Feuer machte, daß von jenem Tage an der Weg, von wo aus ſie ſchoß, die Ruelle d'Enfer*) genannt wird. Es blieb endlich die Seite der Stadt, welche ſich vom Faubourg de Ponthoille bis Tourrival erſtreckt und, wie geſagt, völlig entblößt war, in Erwartung der engliſchen Armee, der man dieſe Stellung vorbe⸗ halten hatte. Nachdem dieſe Art von vorläufiger Revue ge⸗ macht war, ging der Admiral ins Rathhaus hinab. Hier befahl er, ihm eine Liſte von allen kräftigen Männern zu geben; alle Waffen außzuſuchen, die ſich noch in der Stadt finden könnten; ein Einſchreibe⸗ regiſter für die Arbeiter, Männer und Weiber, ab⸗ *) Höllengäßchen. 90 zufaſſen, welche am Aufführen von Erdwällen ar⸗ beiten wollten; eine Nachforſchung vorzunehmen, in der Abſicht, alle Werkzeuge, Butten, Schaufeln, Körbe, Hauen, Karſte, Spaten zuſammenzubringen; eine Berecnung von allem Getreide, Wein, Mehl, Rindvieh und allen ſowohl in den öffentlichen Ma⸗ gazinen, als in den Privathäuſern enthaltenen Vor⸗ räthen zu machen, um Ordnung im Verbrauche feſt⸗ zuſtellen und die Plünderung zu vermeiden. Endlich verlangte er einen genauen Etat nicht nur vom Ge⸗ ſchütze, ſondern auch von der Quantität des Pulvers, der Kugeln, und von der Anzahl der Leute, welche die Stücke bedienten. Bei der Runde, die er vollbracht, hatte der Ad⸗ miral nur zwei Mühlen geſehen: eine am Ende der Rue du Billon liegende Windmühle und eine Waſ⸗ ſermühle an der Somme, im unteren Faubourg d'Isle. Es genügten dieſe zwei Mühlen nicht, um das für die Conſumtion einer Stadt von zwanzig⸗ tauſend Seelen nothwendige Korn zu mahlen. Er ſprach dieſe Befürchtung aus. Sogleich beruhigten ihn aber die Schöffen durch die Verſicherung, man werde in der Stadt fünfzehn bis ſechzehn Handmühlen finden, die man beſtändig mit Hülfe von Pferden functioniren laſſe, ſo daß ſie, bei einer fortwährenden Arbeit, für die Nahrung der Stadt und der Garniſon genügen. Dann organiſirte Coligny die Einquartierung der Compagnien, wobei er die Eintheilung der Stadt in vier Viertel annahm, dieſe vier Viertel aber in ſechzehn Partien unterabtheilte, zu deren Beaufſich⸗ tigung er ſechzehn Officiere und ſechzehn Bürger be⸗ 9¹ ſtellte, damit alle Beſchlüſſe in Uebereinſtimmung gefaßt würden. Das Militär wurde zur Bewachung der Mauern gemeinſchaftlich mit den Bürgermilizen vertheilt, wobei jedes ſein reſpectives Quartier zu beſchützen hatte. Das Schöffenamt conſtituirte ſich in Permanenz, um bereit zu ſein, allen Requiſitionen, die an dasſelbe gerichtet würden, auf der Stelle zu entſprechen. Endlich ſtellte der Admiral dem Stadtrathe die Herren vor, welche das bildeten, was man heute ſeinen Generalſtab nennen würde, und die ſeine Mittels⸗ leute bei den Behörden ſein ſollten. Ueberdies, und außer dieſen Officieren, wurde der Kapitän Languetot zum Oberintendanten des Geſchützes ernannt, mit Verfügung über zehn Kriegs⸗ leute, denen man den Auftrag gab, bei den Kano⸗ nieren das Quantum des jeden Tag verwendeten Pulvers zu verificiren, und welche beſonders darüber zu wachen hatten, daß dieſes koſtbare Pulver vor jeder Gefahr geſchützt werde. Auf den Wällen umhergehend, hatte Coligny bei der Porte Saint⸗Jean eine große Anzahl Gärten voller Obſtbäume und umgeben von hohen buſchigen Hecken bemerkt; dieſe Hecken und dieſe Bäume boten dem Feinde ein Obdach, das ihm ſich den Wällen zu nähern erlaubte. Da die Gärten den Vornehm⸗ ſten der Stadt gehörten, ſo erſuchte der Admiral den Rath um ſeine Beiſtimmung, um ſie zu entholzen. Dieſe Beiſtimmung wurde ihm ohne alle Schwierig⸗ keit gegeben, und man requirirte auf der Stelle alle Zimmerleute der Stadt, um die Bäume und die Hecken zu raſiren. 92 Ihr Abholz erhielt die Beſtimmung, Faſchinen daraus zu machen. Als er ſodann die Verſammlung in einem und demſelben Geiſte geeinigt, Adelige, Bürger und Mi⸗ litär, wenn nicht von einem Enthuſiasmus, doch wenigſtens von einer gleichen Energie beſeelt ſah, zog ſich Coligny in das Haus des Gouverneur zurück, wohin er die Officiere aller Compagnien beſchieden hatte. Dieſes Haus lag in der Rue de la Monnaie, zwiſchen der Templerie und den Jacobinern. Hier wurden die Officiere mit dem, was geſchehen war, bekannt gemacht. Der Admiral ſagte ihnen vom guten Geiſte der Einwohner der Stadt, von ihrem Entſchluſſe, ſich bis aufs Aeußerſte zu ver⸗ theidigen, und forderte ſie auf, ſo viel in ihren Kräf⸗ ten liege, die Härte der Lage zu mildern und die Eintracht zwiſchen den zwei ſo ſelten und ſo ſchwer harmonirenden Gewalten: Armee und Bürgerſchaft, zu erhalten. Jeder Kapitän hatte überdies auf der Stelle einen Etat von ſeiner Compagnie liefern, damit der Ad⸗ miral genau die Zahl der Leute, über die er zu verfügen, und die Ziffer der militäriſchen Mäuler, die er zu füttern habe, kenne. Dann ſtieg er mit einem Ingenieur auf die Gallerie der Collegialkirche und bezeichnete von dieſem hohen Punkte, von wo aus man die ganze Umſchan⸗ zung der Stadt umfaßte, die Höhlungen, welche auszufüllen, und die Erhöhungen, welche zu ebnen waren. Als er dieſe Befehle gegeben hatte und mit S d d W I b t 3 1 93 dem Officiere allein war, den er an den Connetable zu ſchicken gedachte, um eine Verſtärkung der Truppen zu erhalten, ſo lange es noch Zeit wäre, den Platz zu verproviantiren, entſchied er, der ganz von Wein⸗ reben bedeckte und durch eine Kette kleiner Hügel bei der Kapelle von Epargnemaille ausmündende Weg von Savy ſei der günſtigſte, um die Truppen zum Platze heranrücken zu laſſen. Der Kapitän Saint⸗André war in der That am hellen Tage, und ohne geſehen zu werden, von dieſer Seite herbeigekommen. Nachdem auch dieſe Befehle gegeben, auch dieſe Anordnungen feſtgeſtellt waren, erinnerte ſich Co⸗ ligny endlich, daß er ein Menſch, und kehrte zu⸗ rück, um ein paar Stunden zu ruhen. VIII. Das Zelt der Abenteurer. Während alle dieſe Maßregeln der öffentlichen Sicherheit von Coligny feſtgeſtellt wurden, auf dem die ganze Verantwortlichkeit der Vertheidigung der Stadt ruhte, und, wie geſagt, ein wenig beruhigt durch den Eifer der Soldaten und den Muth der Bürger, der Admiral in das Palais des Gouver⸗ neur zurückgekehrt war, um ſich hier einen Augen⸗ blick der Ruhe zu überlaſſen, hatten unſere Aben⸗ teurer, bereit, auch für die Stadt zu kämpfen,— weil Coligny, unbeſchadet der von Procope gemachten Vorbehalte, ſie in ſeinen Sold genommen,— hatten unſere Abenteurer, ohne ſich um irgend etwas zu 94 bekümmern, geduldig das erſte Signal der Trompete und der Trommel erwartend, ihr Zelt hundert Schritte von der Porte d'Isle aufgeſchlagen und ihr Domicil auf einem freien Terrrain genommen, das ſich, den Franziskanern gegenüber, vom äußerſten Ende der Rue Wager zur Böſchung der Mauer erſtreckte. In Folge des Einmarſches von Coligny in Saint⸗ Quentin waren ſie alle vereinigt. Man machte die Rechnungen. Yoonnet hatte ſo eben getreulich in die Kaſſe die Hälfte der Summe entrichtet, die er der Freigebig⸗ keit von König Heinrich II. verdankte; Procope die Hälfte der Honorare, die er als Notar erhalten; Maldent die Hälfte des Lohnes, den er als Führer empfangen; Malemort die Hälfte der Gratification, die er dadurch verdient, daß er, obgleich verwundet, abgegangen war, um Coligny von der Ankunft der Spanier zu benachrichten; Pilletrouſſe endlich die Hälfte von dem, was er die Ochſen der zwei Schar⸗ fenſtein ſtückweiſe verkaufend gewonnen hatte. Was die Letzteren betriffr, ſo hatten ſie, da kein Kampf ſtattgefunden, nichts zur Maſſe zu bringen, und ohne ſich um den zukünftigen Mangel an Le⸗ bensmitteln zu bekümmern, den die Blokade herbei⸗ führen würde, beſchäftigten ſie ſich damit, daß ſie den Reſt von dem Ochſenviertel röſteten, das ihnen nach der Vertheilung der drei anderen Viertel durch Pilletrouſſe geblieben war. Lactance brachte zwei große Säcke Korn und einen Sack Bohnen, was er, ſtatt Geld, der Gemeinde anbot; das war ein Geſchenk, das unſeren Aben⸗ 9⁵ teurern das Jacobinerkloſter machte, deſ en in Streiter verwandelte Mönche bekanntlich Lactance zu ihrem Kapitän gewählt hatten. Fracaſſo ſuchte fortwährend, ohne ihn zu finden, ſeinen Reim auf das Zeitwort perdre. Unter einem in der Eile erbauten Schoppen kauten die zwei Pferde, das von Yvonnet und das von Malemort, ihr Stroh und fraßen ihren Hafer. Eine tragbare Mühle war unter dem Schoppen aufgeſtellt, nicht damit ſie ſich in der Nähe der Pferde fände, ſondern damit ſie ſo beſchirmt wäre; Heinrich und Franz übernahmen es, ſie zu drehen. Die Geldangelegenheiten der Geſellſchaft waren in gutem Zuge, und vierzig Goldthaler, ſorgfältig von Procope gezählt, von Maldent wiedergezählt, von Pilletrouſſe in Stößen an einander gereiht, waren bereit, in die gemeinſchaftliche Kaſſe einzu⸗ gehen. Dauerte die Geſellſchaft noch ein Jahr unter ſolchen Verhältniſſen, ſo nahm ſich Procope vor, die Schreibſtube eines Notars oder eines Anwalts zu kaufen; Maldent, einen kleinen Pachthof an der Land⸗ ſtraße von la Foͤre nach Ham zu erwerben, den er ſeit langer Zeit kannte, da, wie wir erwähnt haben, dieſe Gegend ſeine Heimath war; Yvonnet, eine reiche Erbin zu heirathen, auf deren Hand ihm fortan ein doppeltes Recht ſeine Eleganz und ſein Vermögen geben würden; Pilletrouſſe, wieder ein großes Schlächtergewerbe entweder in der Hauptſtadt oder in einer bedeutenden Provinzſtadt anzufangen; Fracaſſo, ſeine Gedichte drucken zu laſſen, wie Herr Ronſard und Herr Jodelle; Malemort endlich, ſich für 96 ſeine eigene Rechnung zu ſchlagen, und dies ſo lange, als es ihm beliebte, was ihn vor den Vorwürfen ſeiner Kameraden und der Leute, in deren Dienſte er trat, ſchützen würde, welche ihn unabläßig wegen der geringen Sorgfalt, die er auf die Erhaltung ſeiner Perſon verwandte, warnten und ermahnten. Was die zwei Scharfenſtein betrifft,— ſie hatten keinen Plan, weil ſie keine Idee hatten. In dem Augenblicke, wo Maldent die letzten Thaler wiederzählte und Pilletrouſſe den letzten Stoß an⸗ reihte, warf ſich eine Art von Schatten auf die Abenteurer, andeutend, ein undurchſichtiger Körper habe ſich zwiſchen ſie und das Licht geſtellt. Inſtinctartig ſtreckte Ywonnet die Hand nach dem Golde aus; Maldent bedeckte es noch raſcher mit ſeinem Hute. Ywonnet wandte ſich um. Derſelbe junge Mann, der im Lager von la Fore um ſein Pferd gehandelt, ſtand auf der Schwelle des Zeltes. So raſch Maldent das Geld mit ſeinem Hute zu bedecken beſorgt geweſen war, der Unbekannte hatte es doch geſehen, und mit dem ſchnellen Blicke eines Mannes, der mit Schätzungen dieſer Art ver⸗ traut iſt, hatte er berechnet, die Summe, die man ſeinen Augen zu entziehen ſich beeilt, könne ſich auf fünfzig Goldthaler belaufen. „Ah! ah!“ ſagte er,„es ſcheint, die Ernte iſt nicht ſchlecht geweſen!... Ein ungünſtiger Augen⸗ blick, um Euch ein Geſchäft anzutragen. Ihr werdet teufelmäßig hart ſein, meine Meiſter!“ it lle ite an nuf en⸗ det 97 „Je nach der Bedeutung des Geſchäftes,“ er⸗ wiederte Procope. „Es gibt verſchiedenartige Geſchäfte,“ verſetzte Maldent. „Sind Chancen eines Nutzens außer Euren Vor⸗ ſchlägen vorhanden?“ fragte Procope. „Wenn Schläge auszutheilen ſind, ſo wird man coulant ſein,“ bemerkte Malemort. „Iſt es keine Expedition gegen eine Kirche oder gegen ein Kloſter, ſo wird man übereinkommen können,“ ſprach Lactance. „Beſonders wenn es beim Mondſcheine vor ſich geht,“ ſagte Fracaſſo;„ich bin für die Expeditionen bei Nacht; das ſind die einzigen poetiſchen und pitto⸗ resken Expeditionen.“ Ywonnet ſagte nichts: er ſchaute den Fremden an. Die zwei Scharfenſtein waren ganz und gar vom Kochen ihres Ochſenviertels in Anſpruch genommen. Alle dieſe Bemerkungen, von denen jede den Character desjenigen bezeichnete, welcher ſie machte, ſprangen faſt gleichzeitig aus dem Munde der Aben⸗ teurer hervor. Der junge Mann lächelte. Er antwortete zugleich auf alle dieſe Fragen, indem er hinter einander immer denjenigen von den Abenteurern anſchaute, an welchen er den Bruch ſeiner Antwort richtete: „Ja,“ ſagte er,„das Geſchäft iſt von Bedeutung, von der höchſten Bedeutung ſogar, und obgleich Chancen von Nutzen außer meinem Antrage vor⸗ handen ſind, gedenke ich Euch doch, da Schläge in großer Anzahl zu geben und zu empfangen ſein Dumas, der Page. II. 7 98 werden, eine anſtändige Summe zu bieten, welche die Schwierigſten befriedigen ſoll... Die religiöſen Geiſter mögen ſich übrigens beruhigen,“ fügte er bei,„es handelt ſich weder um Kloſter, noch um Kirche, und es iſt wahrſcheinlich, daß wir der grö⸗ ßeren Sicherheit wegen nur bei Nacht handeln wer⸗ den; ich muß indeſſen ſagen, daß ich eine finſtere Nacht einer erleuchteten Nacht vorziehen würde.“ „Dann,“ ſprach Procope, der gewöhnlich die Intereſſen der Geſellſchaft zu verhandeln beauftragt war,„dann entwickelt den Vorſchag, und man wird ſehen, ob er annehmbar iſt.“ „Ihr ſollt Euch anheiſchig machen,“ antwortete der junge Mann,„mir, ſei es nun bei einer nächt⸗ lichen Expedition, ſei es bei einem Scharmützel, einem Treffen oder einer Schlacht am hellen Tage zu folgen.“ „Und was werden wir in Eurem Gefolge bei dieſer nächtlichen Expedition, bei dieſem Scharmützel, dieſem Treffen oder dieſer Schlacht zu thun haben?“ „Ihr werdet denjenigen, welchen ich angreife, an⸗ zugreifen, zu umzingeln und zu ſchlagen haben, bis er ſtirbt.“ „Und wenn er ſich ergibt?“ „Ich ſage Euch zum Voraus, daß ich ihm keine Gnade gebe.“. „Teufel!“ rief Procope,„das iſt alſo ein Haß auf den Tod?“ „Auf den Tod! Ihr habt das rechte Wort geſagt, mein Freund.“ „Gut!“ knurrte Malemort, indem er ſich die Hände rieb,„das heiße ich ſprechen.“ 99 „Aber,“ verſetzte Maldent,„... wenn jedoch das Löſegeld gut iſt, ſo ſcheint mir, es wäre beſſer für uns, Löſegeld anzunehmen, als zu tödten.“ „Ich werde auch über das Löſegeld und über den Tod zugleich unterhandeln, damit für beide Fälle vorhergeſehen iſt.“ „Das heißt, Ihr bezahlt uns den todten Mann oder den lebenden?“ fragte Procope. „Den Todten oder den Lebenden, ſo iſt es.“ „Wie viel für den Todten? wie viel für den Lebenden?“ „Denſelben Preis.“ „Gut!“ verſetzte Maldent,„mir ſcheint aber, ein lebender Menſch hat mehr Werth, als ein todter.“ „Nein, denn ich würde Euch den Lebenden nur abkaufen, um einen Todten daraus zu machen.“ „Sprecht, wie viel gebt Ihr?“ fragte Procope. „Einen Augenblick Geduld, Procope!“ rief Yvon⸗ net,„Herr von Waldeck muß uns auch gütigſt ſagen, von wem die Rede iſt.“ Der junge Mann machte einen Sprung rück⸗ wärts. „Ihr habt einen Namen ausgeſprochen... rief er. „Der der Eure iſt, mein Herr,“ erwiederte Yoonnet, während die Abenteurer ſich anſchauten: ſie fingen an zu begreifen, daß ſie dem Liebhaber von Mademoiſelle Gudule die Vertheidigung ihrer Intereſſen überlaſſen mußten. Der junge Mann zog ſeine dichten rothen Augen⸗ brauen zuſammen. 74 —;:— 100 „Und woher kennt Ihr mich?“ fragte er. „Soll ich es Euch ſagen?“ erwiederte Yvonnet. Waldeck zögerte. „Erinnert Euch des Schloſſes Pareg!“ fuhr der Abenteurer fort.— Waldeck erbleichte. „Erinnert Euch des Waldes von Saint⸗Pol⸗ſur⸗ Ternoiſe.“ „Gerade weil ich mich deſſelben erinnere, bin ich hier und mache Euch den Vorſchlag, den Ihr er⸗ örtert,“ ſprach Waldeck. „Dann iſt es Emanuel Philibert, der getödtet werden ſoll,“ ſagte Yvonnet ruhig. „Teufel!“ rief Procope,„der Herzog von Sa⸗ voyen!“ „Ihr ſeht, daß es gut iſt, ſich zu erklären,“ ſagte Ywonnet zu ſeinen Gefährten, indem er ihnen einen Seitenblick zuwarf. „Und warum ſollte man den Herzog von Sa⸗ voyen nicht tödten?“ rief Malemort. „Ich ſage nicht, man dürfe den Herzog von Sa⸗ voyen nicht tödten,“ erwiederte Procope. „Ahl gut!“ ſprach Malemort,„der Herzog von Savoyen iſt unſer Feind, da wir dem Herrn Ad⸗ miral gehören, und ich ſehe nicht ein, warum man den Herzog von Savoyen nicht wie einen Andern tödten ſollte.“ „Du haſt vollkommen Recht,“ antwortete Pro⸗ cope,„man kann den Herzog von Savoyen tödten wie einen Andern... nur iſt das theurer als ein Anderer.“ Maldent machte ein Zeichen der Beiſtimmung. 101 „Viel theurer!“ ſagte er. „Abgeſehen davon, daß man ſeine Seele bei dieſem Spiele gefährdet,“ ſprach Lactance. „Bah!“ verſetzte Waldeck mit ſeinem ſchlimmen Lächeln,„glaubſt Du, wenn er nicht wegen anderer Dinge in der Hölle iſt, Benvenuto Cellini ſei ver⸗ dammt, weil er den Connetable von Bourbon ge⸗ tödtet hat?“ „Der Connetable war ein Rebell, distinguo,“ entgegnete Procope. „Und dann war er gegen Papſt Clemens VII. ſtreitend excommunicirt,“ fügte Lactance bei;„ihn tödten hieß ein frommes Werk vollbringen.“ „Er iſt wohl der Freund von Papſt Paul IV., Euer Herzog von Savoyen!“ verſetzte Waldeck die Achſeln zuckend. „Eil es handelt ſich nicht um Alles dies,“ ſagte Procope,„es handelt ſich um den Preis.“ 4 „Gut!“ ſprach Waldeck,„das nenne ich auf die Frage zurückkommen... Nun, was ſagt Ihr zu fünfhundert Goldthalern, hundert als Handgeld, vier⸗ hundert, wenn die Sache geſchehen iſt.“ Procope ſchüttelte den Kopf. „Ich ſage, wir haben uns ſehr verrechnet.“ „Das thut mir leid,“ erwiederte Waldeck,„dennum keine Zeit zu verlieren, habe ich mein letztes Wort geſprochen und meinen letzten Preis genannt... Ich habe fünfhundert Goldthaler und keinen Carolus mehr; ſchlagt Ihr es aus, ſo werde ich genöthigt ſein, anderswo zu unterhandeln.“ Die Abenteurer ſchauten ſich an: fünf von ſieben ſchüttelten den Kopf. Malemort allein war der 10²2 Meinung, manſollte es annehmen, weiler hierin Schläge zu geben und zu empfangen ſah. Fracaſſo war wieder in ſeine poetiſchen Träumereien verſunken. „Es hat übrigens keine Eile,“ ſagte Waldeck. „Ihr werdet es Euch überlegen. Ich kenne Euch, Ihr kennt mich, wir wohnen in derſelben Stadt; es wird uns nicht ſchwer ſein, uns wiederzufinden.“ Und er grüßte die Abenteurer, leicht mit dem Kopfe nickend, drehte ſich auf ſeinen Abſätzen um und entfernte ſich. „Soll ich ihn zurückrufen?“ ſagte Procope. „Teufel!“ rief Maldent,„fünfhundert Goldthaler finden ſich nicht unter dem Hufe eines Roſſes.“ „Und dann,“ bemerkte YNvonnet, wenn dies Alles iſt, was er hat: das ſchönſte Mädchen der Welt kann nicht mehr geben, als es hat.“ „Meine Brüder,“ ſprach Lactance,„die Exiſten⸗ zen der Fürſten der Erde ſind unter der unmittelbaren Obhut des Himmels: man gefährdet ſeine Seele, wenn man ſie anrührt. Man muß ſie alſo für eine Summe anrühren, welche Jedem von uns erlaubt, die Indulgenzen zu kaufen, die wir nöthig haben werden, wenn es uns gelingt, wie wenn es uns nicht gelingt. Die Abſicht, meine Brüder,— der würdige Prior der Jacobiner hat es mir geſtern erſt geſagt,— die Abſicht wird für die That angeſehen.“ „Es iſt wahr,“ ſagte Pilletrouſſe,„das iſt mehr werth, als man uns bietet... Und wenn wir den Schlag für unſere eigene Rechnung thun würden 7... wie? „Ja, thun wir den Schlag!“ rief Malemort. „Meine Herren,“ unterbrach Procope,„der Ge⸗ 103 danke gehört Herrn von Waldeck, ihm ſeinen Ge⸗ danken nehmen, ihm, der uns denſelben anvertraut hat, wäre ein Diebſtahl... Ihr kennt meine Grund⸗ ſätze in Dingen des Rechtes.“ „Nun wohl,“ erwiederte Nvonnet,„wenn der Gedanke, wie Du ſagſt, ihm gehört und er das Eigenthum des Gedankens hat, ſo finde ich, daß man die fünfhundert Goldthaler annehmen muß.“ „Ja, nehmen wir an und ſchlagen wir!“ rief Malemort. „Ohl eilen wir nicht,“ ſagte Maldent. „Und wenn er mit Anderen unterhandelt?“ ver⸗ ſetzte Yvonnet. „Ja, wenn er mit Anderen unterhandelt?“ wie⸗ derholte Procope. „Nehmen wir an, und Schlacht!“ brüllte Ma⸗ lemort. „Ja, ja, nehmen wir an!“ riefen alle Stimmen. „Nehmen wir an!“ ſagten die zwei Scharfen⸗ ſtein, welche in dieſem Augenblicke auf einem Brette ihren Ochſenbraten tragend hereinkamen, und, ohne zu wiſſen, wovon die Rede war, wie immer ihren guten Charakter bethätigend der Anſicht der Majo⸗ rität beitraten. „Dann laufe ihm Einer von uns nach und rufe ihn zurück!“ ſagte Procope. „Ich!“ rief Malemort. Und er ſtürzte hinaus. Doch in dem Augenblicke, wo er hinauseilte, hörte er auf der Seite des Faubourg d Isle einige Schüſſe knallen, welche ſogleich die Conſiſtenz eines lebhaften Kleingewehrfeuers annahmen. 104 „Oh! Schlacht! Schlacht!“ rief Malemort, indem er ſeinen Degen zog und dem Lärmen zulief, der ſich in einer ganz der, welcher der Baſtard von Wal⸗ deck folgte, entgegengeſetzten Richtung hörbar machte. „Ho! ho! man ſchlägt ſich beim Faubourg d'Isle! Sehen wir ein wenig, wie es Gudule ergeht!“ rief Yoonnet. „Aber das Geſchäft?“ rief Procope. „Schließe es ab,“ erwiederte Nvonnet;„was Du thuſt, wird wohlgethan ſein... Ich gebe Dir Voll⸗ macht.“ Und er eilte Malemort nach, welcher ſchon die erſte Brücke überſchritten hatte und den Fuß auf die den Detroit Saint⸗Pierre bildende Inſel ſetzte. Folgen wir ebenfalls Malemort und Yvonnet, um zu ſehen, was im Faubourg d'Isle vorging. IX. Schlacht. Man erinnert ſich, daß ins Gouvernement⸗ gebäude eintretend der Admiral Befehl gegeben hatte, gegen Abend einen Ausfall zu machen, deſſen Zweck es war, die am äußeren Bollwerk liegenden Häuſer zu verbrennen, mit deren Hülfe die Spanier beſchirmt auf die Vertheidiger der Stadt ſchoſſen, welche, auf ein niedrigeres Plateau geſtellt, das Feuer empfingen, ohne ſich davor ſchützen zu können. Dieſer Befehl war den Herren von Théligny, von Jarnac und von Luzarches gegeben worden. Dem zu Folge verſammelten Abends um ſechs ——— 10⁵ Uhr die drei Officiere hundert Mann von ihren Com⸗ pagnien und hundert und zwanzig freiwillige Bürger unter Anführung von Jean und Guillaume Pauquet. Dieſe zweihundert und zwanzig Mann ſollten zweitauſend angreifen. Kaum dreißig Schritte von der alten Mauer theilt ſich die Straße gabelförmig, wie wir ſchon erwähnt haben. Einer ihrer Zweige führt nach Guiſe, der andere nach la Fore. An beiden Seiten dieſer Straße und an jedem von dieſen Zweigen erhoben ſich die Häuſer, um deren Zerſtörung es ſich handelte. Die kleine Schaar mußte ſich alſo, ſobald ſie außerhalb der alten Mauer war, in zwei Truppe theilen: der eine ſollte rechts angreifen, der andere links, beide ſollten zugleich in Brand ſtecken. Guillaume und Jean Pauquet, welche die Oert⸗ lichkeiten kannten, hatten es übernommen, jeder ei⸗ nen von den Truppen zu leiten. Um halb ſieben Uhr Abends öffnete ſich das Thor des Faubourg d'Isle, und die kleine Schaar zog im Geſchwindſchritt hinaus. Doch ſo geheim auch die Verſammlung ſtattge⸗ funden hatte, ſo raſch der Ausfall geweſen war, die Verſammlung war von den Schildwachen ſignali⸗ ſirt und der Ausfall von Carondelet und Don Ju⸗ lian Romeron vorhergeſehen worden. In Folge hievon fanden die Franzoſen bei der Ausmündung jeder Straße ein Peloton Spanier der Zahl nach doppelt ſo ſtark als ſie, und von jedem Fenſter kam der Tod auf ſie herab. 106 Das Ungeſtüm des Angriffes war aber ſo gewal⸗ tig, daß die ſpaniſchen Pelotons, welche die zwei Straßen vertheidigten, gebrochen wurden, und daß man, trotz des Feuers, das von den Fenſtern aus⸗ ging, fünf bis ſechs Häuſer erſtürmte. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß es Malemort ſchreiend, brüllend, fluchend und beſonders ſchlagend gelungen war, ſich an die Spitze von einer dieſer Colonnen vorzuſchieben und zuerſt in ein Haus ein⸗ zudringen. Als er im Hauſe war, vergaß er, daß man hier eindrang, um es in Brand zu ſtecken, und er ſtürzte nach der Treppe und erreichte das obere Stockwerk. Andererſeits vergaßen diejenigen, welche hier nach ihm eintraten, daß er vor ihnen eingetreten war, und nur ſich ihres Befehles erinnernd, häuften ſie die Reisbündel in den unteren Stuben und be⸗ ſonders am Fuße der Treppe auf. Dann legten ſie das Feuer an. Daſſelbe geſchah bei zwei oder drei an das Boll⸗ werk angränzenden Häuſern. Die Spanier hatten zuerſt den Angriff für einen gewöhnlichen Ausfall gehalten; an den durch die Fenſter des Erdgeſchoßes hervorkommenden Rauch⸗ ſtrömen erriethen ſie aber bald die Abſicht der Fran⸗ zoſen. Da rafften ſie alle ihre Kräfte zuſammen, fielen der Anzahl nach zehnmal überlegen über den kleinen Trupp her und warfen ihn zurück. Ohne ihn völlig erreicht zu haben, hatte dieſer jedoch einen Theil ſeines Zweckes erfüllt: die Flam⸗ — —— 7 —— 2.— men fingen an durch das Dach von einigen Häuſern zu dringen. Man erinnert ſich, daß Yoonnet, da er nicht für den Ausfall commandirt war, die Idee gehabt hatte, ſeine Zeit zu benützen und ſich zu Mademoi⸗ ſelle Gudule zu begeben, deren Bangigkeiten er ſo gut als möglich zu beſchwichtigen ſich bemühte; dieſe Bangigkeiten waren groß, denn der Vater und der Oheim des Mädchens dienten, wie geſagt, den bei⸗ den beim Ausfalle betheiligten Colonnen als Führer. Die Schreie, der Lärmen, das Knallen der Flintenſchüſſe ſteigerten ſich einen Augenblick bis zu einem ſolchen Grade, daß Yvonnet ſelbſt begierig war, zu erfahren, was vorging, und auf den Spei⸗ cher kletterte, gefolgt von dem Mädchen, das wie ſein Schatten an ihm hing,— ein wenig aus Furcht, viel aus Liebe. Da konnte er durch eine Dachlucke ſchauend be⸗ urtheilen, was ſich ereignete. Das Schießen rollte immer fort, und zu gleicher Zeit bezeichnete das Geklirr von aneinander geſto⸗ ßenen Eiſen, daß der Kampf Leib an Leib in den Straßen fortdauerte. Das war nicht Alles. Der Rauch kam, wie wir erwähnt haben, durch die Fenſter von vier bis fünf Häuſern hervor, und unter dem Rauche ſah d menſchliche Weſen ganz beſtürzt hin und her⸗ gehen. Das waren die durch den Brand überraſchten Spanier, welche, da die Treppen in Flammen ſtan⸗ den, nicht mehr von den oberen Stockwerken der Häuſer herabſteigen konnten. 108 In allen dieſen Häuſern war eine Bewegung der Angſt leicht zu bemerken; in einem derſelben ſchien aber die Angſt bis zum Schrecken zu ſteigen. Es war das, wo Malemort operirte, der, ohne ſich um den Brand zu bekümmern, angriff, ſchlug, mitten unter dem Rauche kämpfte. In dem Augenblicke, wo Yvonnet die Naſe an die Dachlucke legte, ſpielte die Scene im erſten Stocke. Die Behutſamſten von den Spaniern, welche dieſen erſten Stock vertheidigten und zugleich gegen den Brand und gegen dieſen Menſchen, der der Dä⸗ mon deſſelben zu ſein ſchien, zu kämpfen hatten, ſprangen aus den Fenſtern. Die Anderen eilten in den zweiten Stock. Malemort kümmerte ſich nichts mehr um dieje⸗ nigen, welche durch die Fenſter geſprungen waren, ſondern er verfolgte die Flüchtlinge in den zweiten Stock, ſeinen Lieblingsruf:„Schlacht! Schlacht!“ brüllend. Mittlerweile verrichtete das Feuer ſein Werk als zerſtörendes Element. Malemort verfolgte die Spanier; das Feuer verfolgte Malemort. Ohne Zweifel verdankte der Abenteurer diesmal eine Unverwundbarkeit, die ihm nicht gewöhnlich war, dem mächtigen Verbündeten, der hinter ihm marſchirte, und dem er keine Aufmerkſamkeit zu ſchenken ſchien. Bald verdunkelte der Rauch den zweiten Stock, wie er den erſten verdunkelt hatte, und der Brand ſchoß ſeine Flammenzungen durch den Boden. Ein paar Spanier ſprangen ſodann, der Gefahr ung ben gen. hne lug, an ſten lche gen Dä⸗ ten, eje⸗ ren, iten öt!“ Berk die mal lich ihm zu tock, and ahr 109 des Sturzes trotzend, aus den Fenſtern des zweiten Stockes, wie ihre Kameraden aus denen des erſten geſprungen waren. Die Anderen verſuchten es, durch das Dach zu fliehen. Man ſah zwei und die Hälfte von einem Dritten durch eine Dachlucke hervorkommen; wir ſagen die Hälfte von einem Dritten, weil dieſer plötzlich in ſeinem Abgange aufgehalten zu ſein ſchien und durch Phyſiognomiebewegungen, in deren Ausdrucke man ſich nicht täuſchen konnte, bezeichnete, auf dem im Hauſe gebliebenen Theile ſeines Leibes gehen die unangenehmſten Dinge für ihn vor. Es war Malemort, der mit gewaltigen Hieben ſeines Degens dieſen zu trägen Theil bearbeitete. Der Spanier, nachdem er vergebliche Verſuche gemacht hatte, um ſeinen auf dem Kamme der Dä⸗ cher hinlaufenden Gefährten nachzufolgen, fiel rück⸗ wärts und verſchwand am Ende gänzlich, trotz einer letzten Anſtrengung, ſich an der Randleiſte des Fenſters anzuklammern. Fünf Secunden nachher war es das Geſicht von Malemort,— erkennbar an der Leinwandmaske, die den Verband ſeiner letzten Wunde bildete,— was in der Dachlucke an der Stelle von dem des Spaniers erſchien. Er ſah ſeine zwei Feinde fliehen und unternahm ſogleich ihre Verfolgung. Man hätte glauben ſollen, Malemort ſei Dach⸗ decker oder Seiltänzer geweſen, mit ſo feſtem Fuße ging er auf dem ſchmalen Wege. Wäre er Muſelmann geweſen, ſo hätte ſein 110 1 Schatten zur Stunde des Todes ſicherlich, ohne Hülfe einer Balancirſtange, jene Brücke des Para⸗ dieſes von Mahomet überſchritten, welche von der Erde zum Himmel führt und nicht breiter iſt, als die Schneide eines Raſirmeſſers. Die zwei Flüchtlinge ſahen bald, von welcher Gefahr ſie bedroht waren. Der Eine von ihnen faßte ſeinen Entſchluß: auf die Gefahr, die Lenden zu brechen, glitt er am Abhange des Daches hinab, klammerte ſich am Rande einer Lucke an und verſchwand durch dieſe Lucke im Hauſe. Zwiſchen zwei Brände geſtellt, war dieſes Haus bis jetzt dem Feuer entgangen. Malemort bekümmerte ſich nichts um den Spa⸗ nier, der ſo glücklich die gefährliche Gleitpartie voll⸗ bracht hatte, und verfolgte fortwährend denjenigen, welcher blieb. Von ihrem Obſervatorium aus folgten Yvonnet und Gudule mit den Augen dieſer Luftgymnaſtik, Yvonnet mit der ganzen Anziehungskraft, den ein ſolches Schauſpiel auf einen Mann üben kann, Gu⸗ dule mit der ganzen Bangigkeit, die es bei einer Frau hervorbringen muß.. Die zwei Akrobaten erreichten ſo, von Dach zu Dach, das letzte Haus, das ſich, wie unſere alten Gebäude, zu neigen ſchien, um in den Fluß zu ſchauen. Das Haus war von Holz und flammte auf allen Seiten.. Am äußerſten Ende des Daches angelangt, wandte ſich der Flüchtling einſehend, daß er nicht weiter 111 gehen konnte,— wenn ihm nicht der heilige Jacob, der Patron der Spanier, Flügel lieh,— der Flücht⸗ ling, ſagen wir, der ohne Zweifel nicht ſchwimmen konnte, wandte ſich um, entſchloſſen, ſein Leben theuer zu verkaufen. Der Kampf begann, doch in dem Momente, wo er ſeinen höchſten Grad von Heftigkeit erreichte, fing das Terrain, auf dem er ſtattfand, an ſich zu ſpal⸗ ten, um den Rauch und hinter dem Rauche die Flamme durchzulaſſen; dann wankte das Dach, dann ſtürzte es, die zwei Kämpfenden in ſeinen erſchreck⸗ lichen Krater niederziehend, ein. Der Eine von ihnen verſchwand gänzlich. Der Andere hing ſich an einen ſchon entzündeten, aber noch feſten Balken an, erlangte ſeinen Schwerpunkt wieder, ging ganz brennend an das Ende des Bal⸗ kens und ſprang von der Höhe eines zweiten Stockes, um ſich auszulöſchen, in die Somme. Gudule gab einen Schrei von ſich; Dwonnet legte ſich faſt ganz aus der Dachlucke hinaus; Beide blie⸗ ben einen Augenblick mit ſtockendem Athem... War der kühne Taucher für immer untergeſunken oder ſollte er wiedererſcheinen? Dann, eine zweite Frage, war es der Spanier? war es Malemort? Bald brudelte die Oberfläche des Waſſers, und man ſah einen Kopf hervorkommen, dann Arme, dann einen Rumpf, was Alles nach dem Laufe des Waſſers ſchwamm, um hinter der alten Mauer zu landen. Sobald der Schwimmer dieſe Richtung nahm, konnte man faſt ſicher ſein, daß es Malemort war. 11² Yvonnet und Gudule ſtürzten raſch hinab und liefen nach dem Orte, wo aller Wahrſcheinlichkeit nach der Schwimmer das Land erreichen würde. Und, in der That, ſie kamen zu rechter Zeit, um aus dem Waſſer halb verſengt, halb ertränkt den erbit⸗ terten Kämpfer zu ziehen, der, völlig erſchöpft, in ihren Armen ſeinen Degen ſchwingend und mit erſtickter Stimme:„Schlacht, Schlacht!“ rufend in Ohnmacht fiel. So übel zugerichtet Malemort auch war, es hatte ſich nicht Jedermann ſo glücklich herausgezogen wie er. Wie geſagt, nachdem es ihnen gelungen, ein paar Häuſer in Brand zu ſtecken, zurückgeworfen durch die alten ſpaniſchen Banden von Carondelet und Don Julian, bildeten die Soldaten und die Bürger, welche bei ihrem Rückzuge nicht die ganze wünſchenswerthe Ordnung behaupten konnten, am Thore der alten Mauer eine Verſperrung, die es den Spaniern ſehr leicht machte, ihre Genugthuung zu nehmen. Zwanzig Soldaten und dreißig Bürger blieben auf dem Platze, und es fehlte nicht viel, daß der Feind durcheinander in die Vorſtadt mit denjenigen, welche er verfolgte, eindrang. Zum Glücke hörte Woonnet das Geſchrei der Spanier, welche ſchon brüllten:„Die Stadt iſt genommen!“ Er lief bis zum Zelte der Abenteurer, indem er fortwährend zu den Waffen rief, und kam mit einer Verſtärkung von ungefähr hundert Mann zurück, von denen ſich ein Theil auf dem Walle zerſtreute, indeß ſich der andere dem ſchon unter das Gewölbe eingedrungenen Feinde widerſetzte. 88—— S8AU —₰½ 413 Doch an der Spitze von denjenigen, welche der Vorſtadt zu Hülfe eilten, waren die zwei Scharfen⸗ ſtein, bewaffnet der Eine mit ſeinem Streitkolben, der Andere mit ſeinem langen zweiſchneidigen Schwerte. Die Streiche fielen auf die Spanier ha⸗ geldicht, wie die des Dreſchflegels auf der Tenne, und ſie ſahen ſich genöthigt, vor dieſen zwei Rieſen zurückzuweichen. Sobald die Spanier aus dem Gewölbe zurück⸗ gedrängt waren, handelte es ſich darum, die Thore zu ſchließen, was nichts Leichtes, denn die Angrei⸗ fenden leiſteten mit ihrer ganzen Energie Widerſtand, wobei die Einen das Thor mit ihren Händen, die Andern mit den Kolben ihrer Büchſen, wieder An⸗ dere mit Balken zurückdrückten; doch es gelang den beiden Scharfenſtein, zwiſchen die zwei Flügel und die Mauer zu ſchlüpfen, und, ſich mit den Füßen und den Händen anſtemmend, fingen ſie an das Thor mit einer langſamen, aber regelmäßigen und unwiderſtehlichen Bewegung fortzuſchieben, bis die zwei Flügel ſich verbunden hatten und die eiſerne Querſtange angelegt war. Nachdem ſie dieſe Arbeit vollbracht, athmeten ſie geräuſchvoll und ſo gleichſtimmig, daß man hätte glauben ſollen, ſie haben nur eine Bruſt für ihre zwei Körper. Kaum hatten ſie dieſe geräuſchvolle Ausathmung begonnen, da erſcholl der Schreckensruf:„Zu den Mauern! zu den Mauern!“ Es waren in der That zwei Breſchen in den Mauern gemacht worden, eine auf jeder Seite des Thores, in der Abſicht, Erde beſtimmt für die Platt⸗ Dumas, der Page. II. 8 114 formen des Geſchützes zu transportiren; dieſe Bre⸗ ſchen hatte man mit Hürden und Ballen Wolle ver⸗ ſtopft. lagerer dieſe Breſchen bemerkt, und ſie verſuchten es, dieſelben benützend, die Stadt durch einen Handſtreich zu nehmen. Aus dem Gewölbe ſtürzend, brauchten die zwei Scharfenſtein nur einen Blick umherzuwerfen, um die Größe der Gefahr zu beurtheilen. Trotz ihrer Ge⸗ wohnheit, mit einander zu kämpfen, war die Trennung ihrer Kräfte diesmal eine ſo dringende Nothwendig⸗ keit, daß ſie, nachdem ſie mit der Mäßigkeit der Sprache, welche dieſelben charakteriſirte, ein paar Worte gewechſelt, der Oheim zu der Breſche rechts und der Neffe zu der Breſche links liefen. Verſehen mit den langen Pieken, welche damals die Waffe des ſpaniſchen Fußvolks waren, lief der Feind einen doppelten Sturm, vor ſich her Bürger und Soldaten treibend, welche genöthigt waren, zuruck⸗ zuweichen vor dieſer ſtählernen Ernte, die gegen ſie der Hauch des Krieges neigte. Heinrich Scharfenſtein, für den Augenblick Eigen⸗ thümer des Streitkolbens, begriff, daß er nicht viel mit dieſer kurzen, ſchweren Waffe gegen die zehn Fuß langen ſpaniſchen Pieken vermochte; er hing, immer laufend, ſeinen Kolben an ſeinen Gürtel, hob ein Felsſtück auf, das auf der Mauer lag, und kam, ohne daß ſich die Geſchwindigkeit ſeines Laufes durch die ungeheure Laſt, die er trug, verminderte, zu der Breſche mit dem Rufe:„Aufgepaßt!“ Es war gerade die Breſche, wo Yvonnet ſtritt. Durch das Thor zurückgetrieben, hatten die Be⸗ 115 Dieſer erblickte ihn, begriff ſeine Abſicht und machte mit einer Bewegung ſeines Schwertes eine Art von Weg den Spaniern öffnen, welche ſogleich aufzuſteigen anfingen; doch in dem Augenblicke, wo ſie zur Hälfte der Mauer kamen, erſchien der Rieſe oben auf der Breſche, hob über ſeinen Kopf den Felſen empor, den er bis dahin auf ſeinen Schultern getragen hatte, und den Impuls ſeiner Kräfte mit dem natürlichen Gewichte des Wurfgeſchoſſes ver⸗ bindend, ſchleuderte er dieſes auf die erſte ſpaniſche Reihe mit einer Gewalt, welche die mächtigſte Cata⸗ pult um nichts zu beneiden hatte. Der Fels ging, durch die geſchloſſene Colonne ſpringend, Alles brechend, Alles niederſchmetternd, Alles zermalmend, hinab! Dann ſtürzte Heinrich durch dieſen offenen Weg, und rechts und links mit ſeinem furchtbaren Kolben ſchlagend, machte er den Garaus denjenigen, welche der Rieſenſtein verſchont oder nur halb getroffen hatte. Auf dieſer Seite war die Breſche in weniger als zehn Minuten gefegt. Franz hatte gleichfalls Wunder verrichtet. Er hatte auch:„Aufgepaßt!“ gerufen, und bei ſeiner Stimme hatten ſich die Glieder der Soldaten und der Bürger geöffnet; mit ſeinem großen zwei⸗ ſchneidigen Schwerte fing er dann an dieſes Lanzen⸗ feld zu mähen, wobei er mit jedem Streiche fünf bis ſechs Schäfte ſo leicht abſchlug, als einſt Tar⸗ quinius in den Gärten von Gabii die Mohnköpfe vor dem Boten ſeines Vaters abgeſchlagen hatte. Als er ſodann nur noch mit Stöcken bewaffnete Leute vor ſich ſah, warf er ſich in die ſpaniſchen 116 Reihen und mähte die Menſchen mit derſelben Wuth, mit der er die Lanzen gemäht hatte. Auf dieſem Punkte wichen die Spanier auch zurück. Doch durch einen unvorhergeſehenen Zwiſchenfall hätte der brave Franz beinahe die Frucht des glor⸗ reichen Beiſtandes verloren, den er den Bürgern von Saint⸗Quentin geleiſtet. Ein Mann, der noch hitziger als er bei der Men⸗ ſchenjagd, ſchlüpfte unter ſeinem Arme durch, ſchrie: „Schlacht! Schlacht!“ und eilte zur Verfolgung der Spanier. Das war Malemort, der, nachdem er wieder zum Bewußtſein gekommen, eine Flaſche Wein, die ihm Gudule gegeben, geleert hatte und zum Kampfe zu⸗ rückgelaufen war. Unglücklicher Weiſe bemerkten zwei oder drei von denjenigen, welche unſer Abenteurer verfolgte, daß ſie nur von einem einzigen Menſchen verfolgt wurden; ſie wandten ſich um, und obſchon ihnen ihre verſtüm⸗ melten Lanzen als einzige Waffe nur einen Stock ließen, ſchlug doch Einer von ihnen durch einen Streich mit dieſem Stocke Malemort ganz betäubt zu Boden. Bürger und Soldaten ſtießen einen Klageſchrei aus: ſie glaubten, der brave Abenteurer ſei todt. Zum Glücke hatte Franz zuverläßige Kenntniß von der Dicke des Schädels ſeines Gefährten; er lief auf ihn zu, ſpaltete den Spanier, der ihm mit einem Dolchſtoße den Garaus zu machen ſich anſchickte, mit einem Hiebe ſeines furchtbaren Schwertes entzwei, nahm Malemort beim Fuße und lief, da er dachte, es ſei keine Zeit zu verlieren, in aller Haſt zu der Breſche zurück, wo er Malemort niederlegte, welcher 117 die Augen:„Schlacht!“ murmelnd in den Armen von Lactance, der mit ſeinen Jacobinern herbeieilte, wieder zu öffnen anfing. Hinter den Mönchen kam der Admiral eine kleine Schaar auserwählter Büchſenſchützen anführend; dieſe eröffneten ein ſo wohl genährtes Feuer auf das äußere Bollwerk und die noch ſtehen gebliebenen Häuſer, daß ſich die Spanier ruhig und bedeckt hielten. Der Admiral erkundigte ſich: der Verluſt war groß geweſen, und es hatte wenig gefehlt, daß der Faubourg d'Isle im Sturme genommen worden wäre. Viele Kapitäne drangen in den Admiral, um ihn zu bewegen, dieſen Punkt aufzugeben, der der doppelten bürgerlichen und militäriſchen Garniſon ſchon über ſechzig Menſchen gekoſtet hatte; Coligny blieb aber beharrlich: er ſah, wenn nicht die Sicherheit der Stadt, doch das Verlängern der Belagerung in der Occupation dieſer Vorſtadt. Er befahl auch, die vorrückende Nacht zu benützen, um die zwei Breſchen auszubeſſern und alle Dinge wiederherzuſtellen. Die Jacobiner, welche ihre dunklen Röcke in der Finſterniß weniger ſichtbar machten, wurden mit die⸗ ſer Arbeit beauftragt, zu der ſie mit der unempfind⸗ lichen Hingebung des mönchiſchen Muthes ſchritten. Da man einen nächtlichen Angriff befürchtete, ſo wachten die Büchſenſchützen auf dem Walle, während, um Lärm zu machen, im Falle, daß der Feind die Idee hätte, die alte Mauer zu umgehen, Schildwachen von zwanzig zu zwanzig Schritten auf der ganzen Linie der Sümpfe der Somme aufgeſtellt wurden. 118 Es war eine entſetzliche Nacht für die Stadt Saint⸗Quentin, dieſe Nacht vom 3. auf den 4. Auguſt, wo ſie ihre erſten Todten zu beweinen hatte. Es wachte auch Jeder über ſein Haus und ſein Quartier, wie die Schildwachen über den Faubourg d'Isle wachten. Die armen Einwohner der Vorſtadt, welche be⸗ griffen, auf dieſem Punkte werden Angriff und Ver⸗ theidigung am heftigſten ſein, verließen ihre Häuſer und ſchleppten nach ſich auf Karren oder trugen auf Bahren, was ſie Koſtbarſtes hatten. Unter der Zahl der Auswanderer, welche die Vorſtadt verließen, um eine Zuflucht in der Stadt zu ſuchen, war Guillaume Pauquet, dem ſein Bruder Jean Gaſtfreundſchaft in ſeinem Hauſe angeboten hatte, das die Ecke der Rue du Vieux⸗Marché und der Rue des Arbalétriers bildete. Auf ſeinen Arm geſtützt, begab ſich ſeine Tochter Gudule, noch ganz betäubt von den Ereigniſſen des Tages, in die Stadt; ſie wandte von Zeit zu Zeit den Kopf um, angeblich wegen des großen Kummers, den es ihr bereitete, einer gewiſſen Zerſtörung dieſes aus zu überlaſſen, wo ſie geboren war, in Wirk⸗ lichkeit aber, um ſich zu verſichern, daß ſie der ſchöne Woonnet nicht aus dem Geſichte verlor. YMoonnet folgte in der That in einer vernünfti⸗ gen Entfernung dem Bürger, ſeiner Tochter und den Webergeſellen, welche ihm ſein Bruder geliehen hatte, um ihm beim Transporte ſeines Hausgeräthes zu helfen. Es war alſo ein großer Troſt für die arme Gu⸗ dule, zu ſehen, daß der junge Mann Saint⸗Quentin — 119 in ſeiner ganzen Länge durchſchritt, über den Platz des Stadthauſes von einem Winkel zum andern ging, der Rue Sainte⸗Marguerite, der Rue du Vieux⸗ Marché folgte, und von der Ecke der Rue aux Pour⸗ ceaux aus ſie bei ihrem Ohme, dem Eigenthümer des unter dem Schilde zum Bekränzten Schiffchen bekannten Hauſes, eintreten ſah. Unter dem Vorwande einer großen Müdigkeit, — und dieſer Vorwand hatte alle Wahrſcheinlichkeit nach einem ſolchen Tage,— verlangte Gudule, ſich ſogleich in ihr Zimmer zurückzuziehen, was ihr ohne Widerſpruch bewilligt wurde. Gudule fing an zu glauben, es gebe wirklich einen Gott für die Liebenden, als ſie ſah, daß ihr Ohm als Wohnung für ſie und ihren Vater eine Art von kleinem, den Winkel des Gartens bildenden Pavillon beſtimmt hatte, der auf den Rundenweg des Walles ging. Es war auch, ſobald ſie ſich in dieſem neuen Domicile allein befand, ihre erſte Sorge, ihre Lampe auszulöſchen, als ob ſie ſchlafen gegangen wäre, und ihr Fenſter zu öffnen, um die Umgegend zu erfor⸗ ſchen und zu ſehen, welche Leichtigkeit dieſes Fenſter für eine Erſteigung bieten könnte. Die Leichtigkeit war groß; dieſer Theil des Walles, der ſich zwiſchen der Porte du Vieux⸗Marché und der Tour Dameuſe erſtreckte, war ſicherlich der ödeſte der Stadt. Eine acht bis zehn Fuß hohe Leiter würde, an das Fenſter angelehnt, beim Pavillon der Rue des Arbalstriers denſelben Dienſt thun, den der Weichſtein beim Hauſe des Faubourg d'Isle that. Die Scheidewand, welche das Zimmer von Gu⸗ 120 dule von dem von Guillaume trennte, war freilich ſehr dünn, und das geringſte Geräuſch, das in die⸗ ſem Zimmer ſtattfände, würde die Empfindlichkeit des väterlichen Ohres erregen; doch war einmal die Leiter angelegt, was hinderte dann, daß, ſtatt daß Ywonnet ins Zimmer hinaufſtieg, Gudule auf den Wall hinabſtieg? Auf dieſe Art mußten die Liebenden entweder Unglück haben, oder das Zimmer wäre, einſam blei⸗ bend, genöthigt, ſtumm zu ſein. Gudule war in alle dieſe ſtrategiſchen Combina⸗ tionen verſunken, die für den Augenblick aus ihr einen Tactiker ſo geſchickt als der Herr Admiral machten, als ſie einen Schatten längs der Garten⸗ mauer hinſchlüpfen ſah. Ywonnet beſchäftigte ſich ſeinerſeits mit derſelben Unterſuchung und recognoscirte das neue Terrain, wo er manoeuvriren ſollte. Es war keine ſchwierige Belagerung, die des Hauſes von Meiſter Pauguet, beſonders für einen Mann, der, wie unſer Abenteurer, Verſtändniſſe am Platze hatte. Mit zwei Worten war auch Alles für die folgende Nacht feſtgeſetzt. Dann, da man auf der Treppe den, durch die Strapazen des Tages ein wenig ſchwer gewordenen, Tritt von Guillaume Pauquet hörte, ſchloß Gudule ihr Fenſter, und Ywonnet verſchwand durch die Rue Saint⸗Jean. V „ X. Herr von Théligny. Der Tag fand den Admiral wieder auf dem Walle. Weit entfernt, durch die Niederlage am vorher⸗ gehenden Tage verzagt geworden zu ſein, hatte Gas⸗ pard von Coligny beſchloſſen, es ſollte ein neuer Verſuch gemacht werden. Nach ſeiner Meinung wußte der Feind, daß Un⸗ terſtützung in die Stadt gekommen, doch er kannte den Belang derſelben nicht; man mußte ihn glauben machen, dieſe Unterſtützung ſei viel mächtiger, als ſie in Wirklichkeit war. 3 Man würde den Herzog Emanuel Philibert ſo dazu bringen, eine regelmäßige Belagerung zu un⸗ ternehmen, indem man ihm die Hoffnung raubte, ſich der Stadt durch einen Handſtreich zu bemächtigen; eine regelmäßige Belagerung aber, das war eine Friſt von zehn Tagen, von vierzehn Tagen, von einem Monate vielleicht, während welcher der Con⸗ netable ſeinerſeits einen Verſuch machen würde oder der König Muße hätte, ſeine Maßregeln zu ergreifen. Er berief daher den jungen Lieutenant der Com⸗ pagnie des Dauphin, Herrn von Théligny, zu ſich. Dieſer eilte herbei. Er hatte am Abend vorher Wunder im Faubourg d'Isle gethan, und dennoch war er unverſehrt aus dem Gefechte hervorgegangen, ſo daß ihn ſeine Soldaten, die ihn mitten unter dem Kugelregen, unter den Degen und den Lanzen geſehen, 122 als ſie ihn ohne eine Schramme wiederfanden, den Unverwundbaren getauft hatten. Er näherte ſich dem General, heiter und lächelnd wie ein Menſch, der ſo eben ſeine Pflicht gethan hat, und bereit iſt, ſie abermals zu thun. Der Ad⸗ miral führte ihn hinter die Bruſtmauer eines Thur⸗ mes und ſagte zu ihm: „Herr von Théligny, Ihr ſeht wohl von hier aus jenen Poſten der Spanier?“ Théligny erwiederte mit dem Kopfe nickend, er ſehe vollkommen. „Nun, mir ſcheint, es iſt leicht, ihn mit dreißig bis vierzig Reitern zu überfallen... Commandirt alſo dreißig bis vierzig Soldaten Eurer Compagnie; ſtellt an ihre Spitze einen ſicheren Mann, und laßt mir den Poſten dort dreiſt nehmen!“ „Ei! Herr Admiral,“ fragte lachend Théligny, „warum ſollte ich ſelbſt nicht der ſichere Mann ſein, der den Ausfall zu befehligen hat? Ich geſtehe, daß ich meiner Officiere ſicher bin, doch meiner ſelbſt noch viel ſicherer.“ Der Admiral legte die Hand auf ſeine Schulter und ſprach: 3 „Mein lieber Théligny, die Männer von Eurem Schlage ſind ſelten; darum muß man ſie nicht bei kleinen Handgemengen gefährden und bei Scharmü⸗ tzeln aufs Spiel ſetzen. Gebt mir Euer Ehrenwort, daß Ihr den Ausfall nicht commandirt, oder ich bleibe, obgleich ſterbend vor Müdigkeit, auf dem Walle.“ „Wenn es ſo iſt, Herr Admiral,“ erwiederte Théligny ſich verbeugend,„ſo zieht Euch zurück, ruht aus, und überlaßt mir die Sorge des Unter⸗ —.——-—— 123 nehmens: ich verpfände Euch mein Wort, daß ich nicht aus dem Thore der Stadt gehen werde.“ „Ich zähle auf Euer Wort!“ ſagte ernſt der Admiral. Sodann, als hätte er ihm begreiflich machen wollen, der Ernſt ſeines Geſichtes und ſeines Tones beziehe ſich nur auf dieſe Ermahnung, die Stadt nicht zu verlaſſen, fügte er bei. „Ich, mein lieber Théligny, kehre nicht einmal in die Wohnung des Gouverneur zurück, die ich zu entfernt finde: ich gehe zu Herrn von Jarnac, werfe mich auf ein Bett und ſchlafe ein paar Stunden... Ihr werdet mich dort treffen.“ „Schlafet ruhig, Herr Admiral,“ antwortete Théligny;„ich wache.“ Der Admiral ſtieg den Wall hinab und trat in das zweite Haus der Rue de Rémicourt ein, wel⸗ ches das war, wo Herr von Jarnac wohnte. Théligny folgte ihm mit den Augen; dann wandte er ſich gegen einen Fähndrich um und ſagte: „Dreißig bis vierzig Mann Freiwillige von der Compagnie des Dauphin!“ „Ihr werdet ſie auf der Stelle haben, mein Lieutenant,“ erwiederte der Fähndrich. „Wie ſo? ich habe noch keinen Befehl gegeben.“ „Das iſt wahr; doch die Worte des Herrn Ad⸗ mirals wurden im Fluge von einem der Zuhörer aufgefangen; er bedeutete durch ein Zeichen, er habe begriffen, lief in aller Haſt gegen die Kaſerne und ſchrie:„„Dauphins! Dauphins! zur Schlacht!““ „Und wer iſt der Menſch, der ſo gut die Befehle vollzieht, ehe ſie gegeben ſind?“ „Bei meiner Treue! mein Lieutenant,“ erwiederte lachend der Fähndrich,„er hat eher das Ausſehen eines Teufels, als eines Menſchen: die Hälfte ſeines Geſichtes iſt mit einem blutigen Verbande bedeckt, ſeine Haare ſind ganz glatt abgebrannt, ſein Küraß iſt vorne und hinten voll Beulen, und ſeine Kleider ſind in Fetzen.“ „Ahl ſehr gut,“ ſagte Théligny,„ich weiß, mit wem wir es zu thun haben... Ihr habt Recht: das iſt kein Menſch, das iſt ein Teufel!“ „Eil hier kommt er, mein Lieutenant,“ rief der Fähndrich. Und er zeigte Théligny einen Reiter, der im Galopp von der Porte d'Isle herbeiſprengte. Es war Malemort, halb verbrannt, halb ertränkt, halb erſchlagen beim Ausfalle am Tage vorher, der aber, da er ſich darum nur um ſo beſſer befand, einen neuen Ausfall zu machen verlangte. Zu gleicher Zeit kam von der entgegengeſetzten Seite, das heißt durch die Rue du Billon ausmün⸗ dend, an deren Ende eine Kaſerne war, ein kleiner Trupp von vierzig Reitern herbei. Mit der Thätigkeit, die ihn charakteriſirte, han⸗ delte es ſich darum, Hiebe auszutheilen oder zu empfan⸗ gen, hatte Malemort Zeit gehabt, ins Quartier zu laufen, den Befehl des Admirals dahin zu überbrin⸗ gen, ſich nach der Porte d'Isle zu begeben, hier ſein Pferd zu ſatteln und nach der Porte de Rémicourt zurückzukehren, wo er, wie man ſieht, zu gleicher Zeit mit den Reitern von der Compagnie des Dauphin ankam. Statt jeder Belohnung für den Eifer, den er 125 entwickelt, verlangte Malemort die Gunſt, an der Expedition Theil nehmen zu dürfen, was ihm be⸗ willigt wurde. Er hatte übrigens erklärt, wenn man ihn dem Hauptausfalle nicht beiordne, ſo werde er einen be⸗ ſonderen Ausfall machen; wenn man ihm die Thore nicht öffne, ſo werde er vom Walle hinabſpringen. Nur empfahl ihm Théligny, der ihn kannte, weil er ihn am Tage vorher bei der Arbeit geſehen, ſich nicht vom Hauptcorps zu entfernen und in den Glie⸗ dern anzugreifen. Malemort verſprach Alles, was man wollte. Das Thor wurde geöffnet, und der kleine Trupp ritt hinaus. Doch kaum außerhalb des Thores, konnte ſich Malemort, fortgeriſſen durch die Wuth, die ihn erfaßte, nicht bezwingen, um dem von dem kleinen Truppe gewählten Wege zu folgen, der unter einem Obdache von Bäumen und begünſtigt durch gewiſſe Abwech⸗ ſelungen des Bodens die vierzig Reiter ganz nahe zu dem ſpaniſchen Poſten führen ſollte; er durchſchnitt das Terrain in gerader Linie im ſtärkſten Galopp und ſchrie:„Schlacht! Schlacht!“ Mittlerweile hatte ſich der Admiral, wie er es geſagt, zu Herrn von Jarnac zurückgezogen und auf ein Bett geworfen; doch gequält von einer Art von Ahnung, und trotz ſeiner Müdigkeit außer Stande, einzuſchlafen, erhob er ſich nach einer halben Stunde wieder, und da es ihm ſchien, er höre Geſchrei auf der Seite des Walles, ſo nahm er ſeinen Degen in der Scheide in die Hand und ging raſch hinaus. Kaum hatte er zwanzig Schritte in der Rue de 126 Rémicourt gemacht, als er die Herren von Luzarches und von Jarnac herbeilaufen ſah. An ihrer be⸗ ſtürzten Miene ließ ſich leicht errathen, daß etwas Ernſtes vorgefallen war. „Ah!“ redete Herr von Jarnac den Admiral an,„Ihr wißt alſo ſchon...?“ „Was?“ fragte Coligny. Die zwei Officiere ſchauten ſich an. „Wenn Ihr nicht wißt,“ ſagte Herr von Luzar⸗ ches,„warum ſeid Ihr dann herausgegangen?“ „Ich konnte nicht ſchlafen: ich hatte etwas wie eine Ahnung... Da ich Geſchrei hörte, ſo ſtand ich auf, und hier bin ich.“ „So kommt!“ Und die zwei Officiere ſtiegen, den Admiral be⸗ gleitend, raſch wieder auf den Wall. Der Wall war mit Zuſchauern bedeckt. Man vernehme, was ſich ereignet hatte. Der voreilige Angriff von Malemort hatte Lärm gemacht. Der ſpaniſche Poſten war zahlreicher, als man gedacht; die Soldaten und die Officiere der Compagnie des Dauphin, die den Feind zu über⸗ rumpeln glaubten, fanden ihn zu Pferde und in einer Zahl doppelt ſo ſtark, als die ihre. Bei dieſem Anblicke wankten die Angreifenden; einige Reiter drehten ihre Pferde um; die Feigeren ließen die Tapferern im Stiche; die Letzten waren mit zu be⸗ deutenden Streitkräften handgemein, um nicht zu unterliegen, kam ihnen nicht ſchleunigſt Hülfe zu. Théligny vergaß das dem Admiral verpfändete Wort: ohne eine andere Waffe als ſeinen Degen, ſchwang er ſich auf das erſte Pferd, das ſich in ſeinem Be⸗ de⸗ 127 reiche fand, und ſprengte aus den Mauern, mit ge⸗ waltigen Schreien diejenigen, welche umgekehrt wa⸗ ren, ihren Kameraden zu Hülfe rufend. Einige ſchloſſen ſich ihm ſodann an, und mit acht bis zehn Mann ſtürzte er ſich blindlings mitten unter die Spanier. Einen Augenblick nachher ſah man das, was von den vierzig Reitern der Compagnie des Dauphin übrig blieb, raſch zurückgeführt. Sie waren um ein Drittel vermindert, und Herr von Théligny befand ſich nicht unter ihnen. Da hielten es die Herren von Jarnac und von Luzarches für wichtig, den Admiral von dieſer neuen Niederlage in Kenntniß zu ſetzen, gingen nach dem Hauſe, in das er ſich, um eine Stunde zu ruhen, zurückgezogen, und trafen ihn auf dem halben Wege. Man hat geſehen, wie alle drei auf den Wall eilten, der den Schauplatz dieſer Kataſtrophe be⸗ herrſchte. Hier befragte Coligny die Flüchtlinge, und dieſe erzählten, was wir ſo eben geſagt haben. In Beziehung auf Théligny konnten ſie nichts mit Sicherheit angeben: ſie hatten ihn wie der Blitz ankommen und dem ſpaniſchen Officier einen Stoß ins Geſicht verſetzen ſehen; alsbald war er aber umzingelt geweſen und, da er keine Angriffswaffe beſaß, nach ein paar Secunden von Stichen durch⸗ bohrt gefallen. Ein einziger Soldat behauptete, obgleich entblößt und von Stichen durchbohrt, wie dies Herr von Théligny war, habe dieſer brave Officier den Geiſt noch nicht aufgegeben, denn er habe ihn in dem Augenblicke, wo er an ihm vorbeigeritten, winken ehen. ; Obſchon dieſe Hoffnung ſehr ſchwach war, gab doch der Admiral den Officieren der Compagnie des Dauphin Befehl, zu Pferde zu ſteigen und um jeden Preis Herrn von Thöligny todt oder lebendig zu⸗ rückzubringen. Die Officiere, welche nichts Anderes verlangten, als ihren Kameraden zu rächen, fingen ſchon an nach der Kaſerne zu laufen, da trat eine Art von Goliath aus der Menge vor, legte ſeine Hand an ſeine Pickelhaube und ſagte: „Verzeiht, mein Herr Admiral, es braucht keine Compagnie, um dieſen armen Teufel von einem Lieutenant zu holen... Will mein Herr Admiral, ſo werde ich mit meinem Neffen Franz gehen, und wir bringen ihn todt oder lebendig zurück.“ Der Admiral wandte ſich gegen denjenigen um, welcher dieſen ehrlichen Vorſchlag machte: es war einer von den Abenteurern, die er in ſeinen Dienſt genommen, ohne zu viel auf ſie zu rechnen, während ſie, wie man ſieht, bei den wenigen Gefechten, welche vorgefallen waren, ſchon reichlich für ihre Perſonen bezahlt hatten. Er erkannte Heinrich Scharfenſtein; vier Schritte hinter ihm, in derſelben Haltung und wie der Schat⸗ ten ſeines Oheims, ſtand Franz. Am Abend vorher hatte er ſie Beide beim Werke, Jeder eine der Breſchen des Faubourg d'Isle ver⸗ theidigend, geſehen; es hatte für ihn ein Blick ge⸗ nügt, um ſie zu ſchätzen. ver⸗ 129 „Ja, mein Braver,“ erwiederte der Admiral, „ich nehme das an... Was verlangſt Du hiefür?“ „Ich verlange ein Pferd für mich und ein Pferd für meinen Neffen Franz.“ „Das iſt es nicht, was ich ſagen will.“ „Wartet doch... Ich verlange noch zwei Mann, welche hinter uns aufſitzen ſollen.“ „Gut; und ferner?“ „Und ferner? Das iſt Alles... Nur müßten es zwei fette Pferde und zwei magere Männer ſein.“ „Wohl, Du wirſt Dir ſelbſt Leute und Pferde wählen.“ „Gut!“ verſetzte Heinrich. „Ich wollte aber ſagen, daß in Betreff des Geldes...“ „Oh! das Geld, das iſt die Sache von Pro⸗ cope... „Procope iſt hiezu nicht nöthig,“ ſagte der Admi⸗ ral.„Ich verſpreche für Théligny, bringt Ihr ihn lebendig, fünfzig Thaler, und wenn Ihr ihn todt bringt, fünfundzwanzig Thaler.“ „Hal ha!“ rief Heinrich, auf ſeine plumpe Weiſe lachend,„um dieſen Preis werde ich Euch ſuchen, ſo lange Ihr wollt.“ „Nun, ſo geh,“ ſprach der Admiral,„und zwar ohne Zeit zu verlieren.“ „Auf der Stelle, mein Herr Admiral.“ Heinrich ſchritt in der That ſogleich zur Wahl der Pferde. Diejenigen, welche er vorzog, waren zwei Schwadronspferde, kräftig, breitrückig, ſolid auf den einen. Dumas, der Page. II. 9 Dann begann er die Inſpection der Leute. Plötzlich ſtieß er einen Freudenſchrei aus: er hatte auf der einen Seite Lactance und auf der an⸗ dern Fracaſſo erblickt. Ein Büßer und ein Dichter, das war das, was der gute Heinrich Magerſtes auf der Welt kannte. Der Admiral wußte nicht recht, was er von allen dieſen Vorbereitungen denken ſollte; doch er z 6 verließ ſich, wenn nicht auf den Verſtand, wenig⸗ ſtens auf den Inſtinct der zwei Rieſen. Die vier Abenteurer ſtiegen die Böſchung des Walles hinab und verſchwanden unter dem Gewölbe 1 1 der Porte de Rémicourt; dann, als man ihnen das z Thor geöffnet hatte, erſchienen ſie wieder zu zwei 4 t auf jedem Pferde; ſie nahmen aber diesmal alle Vor⸗ ſichtsmaßregeln hinſichtlich des Obdachs und des 3 1 Schattens, welche Malemort vernachläſſigt hatte. Dann verloren ſie ſich hinter einer Anhöhe rechts 9 von der Mühle der Couture. ſ Es wäre uns nicht möglich, auszudrücken, mit d welchem Intereſſe man die Erpedition dieſer vier 9 Leute verfolgte, die hingingen, um einen Leich⸗ 3 nam einer ganzen Armee ſtreitig zu machen, denn R die Anſicht derjenigen, welche am wenigſten Peſſi⸗ g miſten, war, Théligny müſſe todt ſein. 4 Das Stillſchweigen, das unter den drei⸗ bPis ei vierhundert auf dem Walle zuſammengeſchaarten Per⸗ ſo ſonen herrſchte, ſo lange die vier Abenteurer im Geſichte geblieben, dauerte auch fort, als ſie hinter de dem Hügel verſchwunden waren. in Man hätte glauben ſollen, dieſe ganze Menge L 131 habe bange, durch ein Wort, durch eine Bewegung die Wachſamkeit des Feindes zu erregen. Nach einem Augenblicke hörte man das Krachen von acht bis zehn Büchſenſchüſſen. Alle Herzen bebten. Beinahe zu gleicher Zeit erſchien Franz Scharfen⸗ ſtein wieder zu Fuße, nicht einen Menſchen, ſondern zwei in ſeinen Armen tragend. Hinter ihm deckten die Reiterei und das Fußvolk der Exrpedition den Rückzug. Die Reiterei beſtand nur noch aus einem Pferde und einem Manne; ohne Zweifel war eines von den zwei Pferden durch das Feuer, das man gehört, ge⸗ tödtet worden. Das Fußvolk beſtand aus Fracaſſo und Lactance; Jeder von dieſen hatte ſeine Büchſe in der Fauſt. Acht bis zehn ſpaniſche Reiter beunruhigten den Rückzug. Wurde aber das Fußvolk zu ſehr bedrängt, ſo unternahm Heinrich eine Charge und befreite es durch mächtige Kolbenſtreiche; war es dagegen die Reiterei, die ſich zu hitzig verfolgt fand, ſo ſtreckten zwei Büchſenſchüſſe, mit merkwürdiger Einheit und Richtigkeit abgefeuert, zwei Spanier zu Boden und gaben Heinrich Zeit, Athem zu ſchöpfen. Franz gewann indeſſen einen Vorſprung, und in einigen Secunden war er, Dank ſei es ſeinen Rieſen⸗ ſchritten, außer aller Verfolgung. Es war ein Schrei der Freude und der Bewun⸗ derung, als man ihn die Böſchung erklettern ſah, in ſeinen Armen dieſe zwei Körper, Menſchen oder Leichen, tragend, wie eine Amme zwei Kinder getra⸗ gen hätte. 13²2 Er legte die Hälfte der Laſt zu den Füßen des Admirals nieder und ſagte: „Hier iſt der Eurige; er iſt noch nicht ganz ge⸗ ſtorben.“ „Und dieſer?“ fragte der Admiral, auf den zweiten Verwundeten deutend. „Ohl dieſer,“ antwortete Franz,„das iſt nichts; das iſt Malemort... In einer Minute wird er wieder zu ſich gekommen ſein! Er iſt der Teufel und kann nicht getödtet werden!“ Und er lachte mit jenem dem Oheim und dem Neffen eigenthümlichen Gelächter, welches man das Gelächter der Scharfenſtein hätte nennen können. In dieſem Augenblicke kehrten die drei anderen Abenteurer, Reiterei und Fußvolk, unter dem Zurufe der Menge in die Stadt zurück. Théligny war wirklich, wie es Franz geſagt hatte, noch nicht todt, obgleich von ſieben Degenſtichen und drei Kugeln durchbohrt; was leicht zu ſehen war, denn die Spanier hatten ihn bis auf das Hemd ausgezogen und auf der Stelle liegen laſſen, wo er gefallen war, überzeugt, er werde nie wieder auf⸗ ſtehen. Man trug ihn ſogleich zu Herrn von Jarnac und legte ihn auf daſſelbe Bett, wo der Admiral eine Stunde vorher, gequält von der Ahnung deſſen, was geſchah, nicht hatte ruhen können. Hier, und als hätte er nur auf dieſen Moment gewartet, öffnete der Verwundete wieder die Augen, 4 ſchaute umher und erkannte den Admiral. „Einen Arzt! einen Arzt!“ rief lebhaft Coligny, 133 der ſich wieder an eine Hoffnung anklammerte, welche er völlig verloren hatte. Theligny ſtreckte aber die Hand aus und ſagte: „Ich danke, Herr Admiral; Gott erlaubt, daß ich die Augen wieder öffne und die Stimme wieder finde, um Euch demüthig um Verzeihung zu bitten, daß ich ungehorſam gegen Euch geweſen bin...“ Der Admiral unterbrach ihn. „Ah! mein lieber Herr von Théligny,“ ſprach er,„nicht mich müßt Ihr um Verzeihung bitten, denn wenn Ihr ungehorſam geweſen ſeid, ſo iſt es aus übermäßigem Eifer für den Dienſt des Königs geſchehen; ſeid Ihr aber ſo ſchlimm, als Ihr glaubt, und Ihr habt etwas zu bitten, ſo erbittet es Euch von Gott.“ „Oh! mein Herr,“ erwiederte Théligny,„ich habe glücklicher Weiſe Gott nur um Verzeihung für die Fehler zu bitten, welche einem guten Edelmanne zu geſtehen erlaubt iſt, während ich, indem ich Euch ungehorſam war, die Disciplin ſchwer verletzt habe. de zeih mir alſo, Herr Admiral, damit ich ruhig terbe!“ Herr von Coligny, ein ſo guter Schätzer von jedem wahren Muthe, fühlte die Thränen in ſeine Augen treten, als er dieſen jungen Officier hörte, der, auf dem Punkte, ein Leben ſo voll von ſchönen Verheißungen zu verlaſſen, nur dieſen Moment eines Vergeſſens der Befehle ſeines Generals zu bekla⸗ gen ſchien. „Da Ihr es durchaus wollt,“ ſagte er,„ſo ver⸗ zeihe ich Euch einen Fehler, auf den jeder brave Soldat ſtolz wäre, und wenn dies das Einzige iſt, 134 was Euch in Eurer letzten Stunde quält, ſo ſterbet ruhig und im Frieden, wie der Ritter Bayard, das Vorbild von uns Allen, geſtorben iſt!“ Und er bückte ſich, um ſeine Lippen auf die bleiche Stirne des Sterbenden zu drücken. Dieſer machte eine Anſtrengung und richtete ſich auf. Die Lippen des Admirals berührten, die Stirne des jungen Officiers; er murmelte das einzige Wort: „Dank!“ Und er fiel, einen Seufzer ausſtoßend, zurück. Es war der letzte. „Meine Herren,“ ſprach Coligny, eine Thräne abwiſchend, indem er ſich an ſeine Umgebung wandte, „da iſt ein braver Edelmann weniger... Gott gebe uns Allen einen ſolchen Tod!“ XI. Das Erwachen des Herrn Connetable. So ruhmwürdig die zwei Niederlagen waren, die der Admiral erlitten hatte, es waren darum nicht minder Niederlagen, die ihm begreiflich machten, wie ſehr es für ihn Bedürfniß, raſch einem zahlreichen Heere und einer ſo thätigen Wachſamkeit gegenüber Unterſtützung zu erhalten. Er beſchloß daher, den Augenblick benützend, wo die noch abweſende engliſche Armee eine ganze Seite der Stadt entblößt ließe, Boten an ſeinen Oheim den Connetable zu ſchicken, um von ihm die größt⸗ möglichſte Verſtärkung zu erhalten. * 4 13⁵ Zu dieſem Ende ließ er Maldent und Yvonnet kommen; Yvonnet, der der Führer des armen Thé⸗ ligny, und Maldent, der ſein eigener Führer ge⸗ weſen war. Der Connetable mußte in Ham oder in la Foͤre ſein; der Eine von den Boten würde alſo nach Ham, der Andere nach la Fère gehen, um Nachrichten zu überbringen und dem Connetable das Mittel zu bezeichnen, Unterſtützung nach Saint⸗Quentin gelan⸗ gen zu laſſen. Dieſes Mittel, das die Abweſenheit des engli⸗ ſchen Heeres erleichterte, beſtand einfach darin, eine ſtarke Colonne auf dem Wege von Savy, der nach dem Faubourg de Ponthoille mündete, vorrücken zu laſſen, während in dem Augenblicke, wo dieſelbe im Angeſichte der Stadt erſcheinen würde, Coligny auf der entgegengeſetzten Seite einen Scheinausfall machen ſollte, der, das feindliche Heer auf dem fälſch⸗ lich bedrohten Punkte beſchäftigend, der franzöſiſchen Colonne erlauben müßte, unverſehrt in die Stadt zu kommen.* Die zwei Boten gingen an demſelben Abend ab, und Jeder von ihnen nahm einen drängenden Auf⸗ trag, der Eine von Seiten des armen Malemort, der Andere von Seiten der troſtloſen Gudule, mit. Malemort, der einen Degenſtich durch die Rip⸗ pen bekommen hatte, welcher Stich zum Glücke durch eine alte Narbe gegangen war,— was ihm faſt immer begegnete, ſo verhagelt war er!— Malemort erſuchte Maldent, ihm gewiſſe Kräuter mitzubringen, die für ihn nothwendig, um den ausgezeichneten 136 Balſam, den er in einer ſo furchtbaren Menge ver⸗ brauchte, friſch zu bereiten. Gudule, die durch das Herz einen Stich, noch viel gefährlicher und tödtlicher, als es der von Ma⸗ lemort war, erhalten hatte, empfahl Yvonnet, mit der größten Sorgfalt über ein Leben zu wachen, an welchem das ihrige hing. In Erwartung ihres viel⸗ geliebten Nvonnet würde ſie alle ihre Nächte an ihrem Fenſter, das auf den Wall des Vieux⸗Marché ging, zubringen. Unſere zwei Abenteurer entfernten ſich durch die Porte de Panthoille; nachdem ſie ungefähr eine halbe Meile der Straße nach Ham gefolgt waren, zog ſich Wwonnet querfeldein, um den Weg nach la Fore zu erreichen, während Maldent auf dem Wege nach Ham blieb. Woonnet kam über die Somme zwiſchen Gauchy und Gruois und erreichte bei Cériſy den Weg nach la Fere. Wir werden uns mehr Yoonnet als Maldent an⸗ ſchließen, in Betracht, daß ſich der Connetable in la Fore befand. Um drei Uhr Morgens klopfte Yvonnet an das Thor der Stadt, welches ihm zu öffnen man ſich hartnäckig weigerte; als aber der Thorwart vernahm, der nächtliche Beſuch komme von Saint⸗Quentin, da öffnete er halb, um ihn einzulaſſen. Es war vom Connetable der Befehl gegeben worden, ohne Verzug jeden Boten zu empfangen, der von ſeinem Neffen komme, und den Abgeſandten bei ihm einzuführen, zu welcher Stunde es auch ſein. möchte. „— „= 137 Um halb vier Uhr Morgens weckte man alſo den Connetable. Der alte Soldat lag in einem Bette, ein Luxus, den er ſich ſelten im Felde erlaubte. Doch er hatte unter ſeinem Kopfkiſſen ſein Connetableſchwert und auf einem Stuhle neben ſeinem Bette ſeine Rüſtung und ſeinen Helm; was andeutete, er wäre beim ge⸗ ringſten Lärmen im Stande, anzugreifen oder ſich zu vertheidigen. Diejenigen, welche unter ihm dienten, waren überdies daran gewöhnt, zu jeder Stunde des Tages oder der Nacht gerufen zu werden, entweder um Rathſchläge zu geben oder um Befehle zu empfangen. Ywonnet wurde in das Zimmer des unermüdlichen Greiſes eingeführt, der, da er wußte, ein Bote ſei angekommen, dieſen halb auf ſeinem Ellenbogen auf⸗ gerichtet erwartete. Kaum hatte er die Tritte von Yvonnet gehört, als er ihm mit ſeinem gewöhnlichen barſchen Weſen zurief: „Vorwärts, Burſche! hierher!“ Es war nicht die Stunde, um den Empfindlichen zu ſpielen: Ywonnet trat vor. „Näher,“ rief der Connetable,„näher, daß ich Dir ins Weiße der Augen ſchaue, Schlingel! Ich ſehe gern diejenigen, mit welchen ich ſpreche.“ Ywonnet trat bis an den Rand des Bettes. „Hier bin ich, Monſeigneur,“ ſagte er. „Ahl Du biſt da... das iſt ein Glück!“ Er nahm die Lampe und ſchaute den Abenteurer mit einer Kopfbewegung an, welche nicht andeutete, die Prüfung ſei dem Boten günſtig. 138 „Ich habe dieſen Stutzer ſchon irgendwo geſehen,“ ſagte der Connetable, mit ſich ſelbſt ſprechend. Dann zu Ywonnet: „Wirſt Du mir nicht die Mühe machen, mich zu beſinnen, wo ich Dich geſehen habe, Burſche? Sage es mir auf der Stelle; Du mußt Dich deſſen er⸗ innern!“ „Und warum ſollte ich mich beſſer erinnern, als Ihr, Monſeigneur?“ verſetzte Nvonnet, der dem Ver⸗ langen, ebenfalls eine Frage an den Connetable zu richten, nicht widerſtehen konnte. 4 „Weil,“ antwortete der alte Soldat,„weil Du einmal zufällig einen Connetable von Frankreich ſiehſt, während ich alle Tage einen Haufen Schufte Deiner Art ſehe.“ „Das iſt richtig, Monſeigneur,“ erwiederte Yvon⸗ net.„Nun, Ihr habt mich beim König geſehen.“ „Wie,“ rief der Connetable,„beim König? Du kommſt alſo zum König?“ „Ich war wenigſtens dort an dem Tage, wo ich die Ehre hatte, Euch zu ſehen,“ ſagte Yvonnet mit der ausgeſuchteſten Höflichkeit. „Hm!... Ich erinnere mich im Ganzen: Du warſt mit einem jungen Officiere, der beim König im Auftrage meines Neffen erſchien...“ „Mit Herrn von Theligny.“ „So iſt es. Und es geht Alles gut dort?“ „Im Gegentheile, es geht Alles ſchlecht.“ „Wiel es geht Alles ſchlecht? Gib wohl Acht auf das, was Du mir ſagſt, Burſche!“ „Ich will Euch die Wahrheit ſagen, Monſeigneur. Vorgeſtern ſind uns, als wir einen Ausfall beim —— 139 Faubourg d'Isle unternahmen, fünfzig Mann kampf⸗ unfähig gemacht worden. Geſtern, als wir es ver⸗ ſuchten, einen ſpaniſchen Poſten vor der Porte de Rémicourt zu nehmen, haben wir fünfzehn Reiter von der Compagnie des Dauphin und ihren Lieute⸗ nant, Herrn von Théligny, verloren.“ „Théligny,“ rief der Connetable, der ſich für unverwundbar hielt, weil er ſo viele Schlachten, ſo viele Treffen, ſo viele Scharmützel überlebt hatte; „Thöligny hat ſich tödten laſſen? Der Dummkopf!... Und dann?“ „Nun, und dann, Monſeigneur... hier iſt ein Brief vom Herrn Admiral, der eine raſche Unter⸗ ſtützung verlangt.“ „Hiemit hätteſt Du anfangen müſſen, Schlin⸗ gel!“ rief der Connetable, während er dem Aben⸗ teurer den Brief aus den Händen riß. Und er las ihn, nach ſeiner Gewohnheit, indem er ſich unterbrach, um Befehle zu geben. „„Ich werde ſo lange, als ich kann, den Fau⸗ bourg d'Isle halten!““ „Er wird wohl daran thun, alle Teufell Man hole mir Herrn Dandelot!“ „„Denn von den Höhen der Vorſtadt kann eine Batterie in ſeiner ganzen Länge den Rémicourt⸗ Wall fegen.““ „Man rufe mir den Marſchall Saint⸗André!“ „„... Doch um den Faubourg d'Isle und die anderen bedrohten Punkte zu vertheidigen, müßte ich eine Verſtärkung von wenigſtens zweitauſend Mann erhalten, da ich in Wirklichkeit nur fünf bis ſechs⸗ hundert Mann unter meinen Befehlen habe!““ 140 „Wetter! ich werde ihm viertauſend ſchicken 1... Man laſſe mir den Herzog von Enghien kommen! ... Mit welchem Rechte ſchlafen dieſe Herren, wenn ich wach bin? Der Herr Herzog von Enghien, ſogleich!... Laß ſehen, was ſchwatzt er mir noch vor, mein Herr Neffe? 1 „„Ich habe nur ſechzehn Kanonen; ich habe nur vierzig Kanoniere; ich habe nur fünfzig bis ſechzig Büchſenſchützen; ich habe endlich nur Munition für vierzehn Tage und Lebensmittel für drei Wochen.““ „Wie, es iſt wahr, Alles, was er mir da ſagt?“ rief der Connetable. „Es iſt die ſtrenge Wahrheit,“ antwortete Ywonnet. „In der That, ich möchte wohl ſehen, daß ein Schlingel Deiner Art meinen Neffen Lügen ſtrafen würde!“ verſetzte der Connetable. Und er ſchaute Ywonnet mit einer grimmigen Miene an. Yoonnet verbeugte ſich und machte drei Schritte rückwärts. „Warum weichſt Du zurück?“ ſagte der Con⸗ netable. „Weil ich denke, Monſeigneur hat mich nichts mehr zu fragen.“ „Du täuſchſt Dich... Komm hierher.“ Yvonnet nahm wieder ſeinen Platz ein. „Und die Bürger, wie benehmen ſie ſich?“ fragte der Connetable.- „Vortrefflich, Monſeigneur!...“ „Die Burſche!... Ich wollte wohl ſehen, wenn es anders wäre!“ 86 141 „Alle bis auf die Mönche haben die Hellebarde ergriffen.“ „Pfaffen!... Und ſie ſchlagen ſich?“ „Wie Löwen! Was die Weiber betrifft, Mon⸗ ſeigneur...“ „Sie krächzen, ſie weinen, ſie zittern!... Die Weibsbilder taugen zu nichts Anderem.“ „Im Gegentheile, ſie feuern die Streiter an, ſie verbinden die Verwundeten, ſie begraben die Todten!“ „Gezücht!“ In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thüre, und ein Edelmann erſchien ganz gerüſtet, den Kopf jedoch nur mit einer Sammetmütze bedeckt, auf der Schwelle. „Ah! kommt hierher, Herr Dandelot,“ rief der Connetable.„Euer Bruder erhebt ein Geſchrei in ſeiner Stadt Saint⸗Quentin, daß man glauben ſollte, man ermorde ihn dort.“ „Monſeigneur,“ erwiederte lachend Herr von Dandelot,„erhebt mein Bruder ein Geſchrei, ſo kennt Ihr ihn, denke ich, genug, um zu wiſſen, daß es nicht aus Furcht geſchieht.“ „Ah! ja, alle Teufel! ich weiß es, daß es aus Böſem geſchieht, und das ärgert mich... Ich habe Euch auch rufen laſſen, Euch, den Herrn Marſchall von Saint⸗André...“ „Hier bin ich,“ unterbrach der Marſchall von Saint⸗André, der auch am Eingange des Zimmers erſchien. „Gut! gut! Marſchall!... Und Herr von Enghien, er kommt nicht!“ „Verzeiht, Monſeigneur,“ ſagte der Herzog eben⸗ falls eintretend. 142 „Därme und Kutteln!“ rief der Connetable, ſei⸗ nen großen Fluch mit um ſo mehr Heftigkeit aus⸗ ſtoßend, als er, da er ſah, daß Jedermann ſeine Pflicht erfüllt hatte, nicht wußte, wie er ſeine ge⸗ wöhnliche ſchlechte Laune, die den Grund ſeines Cha⸗ rakters bildete, ergießen ſollte;„Därme und Kutteln! meine Herren, wir ſind nicht in Capua, um, wie Ihr es thut, mit geſchloſſenen Fäuſten zu ſchlafen.“ „Nicht an mich iſt dies gerichtet, Monſeigneur,“ verſetzte der Marſchall,„denn ich war ſchon auf.“ „Und ich,“ ſagte der Herzog von Enghien war noch nicht zu Bette gegangen.“ „Nein, ich ſpreche von Herrn Dandelot.“ „Ich!“ erwiederte Dandelot;„Monſeigneur wird mich entſchuldigen: ich machte Patrouille, und wenn ich vor dieſen Herren hier angekommen bin, ſo war dies ſo, weil ich zu Pferde ſaß, als man mich traf, und in aller Eile hierher ritt.“ „Dann bezieht es ſich auf mich,“ ſprach Mont⸗ morency.„Es ſcheint, ich bin alt und zu nichts mehr tauglich, da ich allein im Bette lag... Kopf und Blut!“ „Aber, Connetable,“ rief lachend Dandelot,„wer Teufels ſagt dies?“ „Niemand, hoffe ich; denn demjenigen, welcher dies ſagte, würde ich die Knochen entzwei ſchlagen, wie dem Unglückspropheten, dem ich neulich auf der Landſtraße begegnet bin... Doch es handelt ſich um etwas Anderes: es handelt ſich darum, dieſem armen Teufel Coligny, der fünfzigtauſend Mann auf dem Nacken hat, Succurs zu bringen. Fünfzigtau⸗ ich 7 1I —⸗ —— œ—. 143 ſend Mann, was ſagt Ihr dazu? Mir ſcheint, mein Neffe hat Angſt, und er ſieht doppelt.“ Die drei Officiere lächelten gleichzeitig und mit einem ähnlichen Ausdrucke. „Wenn mein Bruder ſagt, fünfzigtauſend Mann,“ erwiederte Dandelot,„ſo ſind es fünfzigtauſend Mann, Monſeigneur.“ „Und ſogar eher ſechzigtauſend als fünfzigtauſend,“ ſprach der Marſchall von Saint⸗André. „Und Ihr, Herr von Enghien, was denkt Ihr?“ „Ei! Herr Connetable, ich denke gerade wie dieſe Herren.“ „Dann ſeid Ihr, wie immer, einer der meinen entgegengeſetzten Anſicht.“ „Nein, Herr Connetable,“ ſagt Dandelot,„nur ſind wir der Anſicht, daß der Herr Admiral die Wahr⸗ heit ſpricht.“ „Nun, ſeid Ihr bereit, etwas zu wagen, um dem Admiral beizuſtehen?“ „Ich bin bereit, mein Leben zu wagen,“ antwor⸗ tete Dandelot. „Wir auch,“ ſagten einſtimmig der Marſchall von Saint⸗André und der Herzog von Enghien. „Dann geht Alles gut!“ ſprach der Connetable. Und ſich gegen das Vorzimmer umwendend, wo man ein gewaltiges Geſchrei hörte, rief er: „Alle Wetter! woher kommt denn all dieſer Lärm?“ „Monſeigneur,“ antwortete einer der Unteroffi⸗ ciere von der Wache,„es iſt ein Mann, den man an dem Thore, wo man von Ham kommt, verhaf⸗ tet hat.“ „Man ſtecke ihn ins Gefängniß.“ 14⁴⁴ „Man vermuthet, es ſei ein als Bauer verklei⸗ deter Militär.“ „Man hänge ihn auf!“ „Er beruft ſich aber auf den Herrn Admiral und behauptet, er komme in ſeinem Auftrage.“ „Hat er ein Schreiben oder einen Geleitsbrief?“ „Nein, und das macht uns glauben, wir haben es mit einem Spion zu thun.“ „Man rädere ihn!“ „Einen Augenblick Geduld!“ rief eine Stimme im Vorzimmer,„man rädert die Leute nicht ſo, und wäre man Connetable.“ Und nach einem gewaltigen Geräuſche und einer Bewegung, welche einen Kampf andeutete, ſtürzte ein Mann vom Vorzimmer ins Zimmer. „Ei!“ rief Ywonnet,„gebt wohl Acht auf das, was Ihr thun wollt, Monſeigneur: es iſt Mal⸗ dent.“ „Wer iſt das, Maldent?“ fragte der Connetable. „Es iſt der zweite Bote, den der Herr Admiral an Euch abgeſchickt, und der, zu gleicher Zeit mit mir abgegangen, natürlich zwei Stunden ſpäter ankommt, da er den Weg über Ham gemacht hat.“ Und es war in der That Maldent; da er den Herrn Connetable in Ham nicht gefunden, ſo hatte er dort ein Pferd genommen und war mit verhäng⸗ ten Zügeln nach la Fore gejagt, aus Furcht, es könnte Yvonnet unter Weges ein Hinderniß zuge⸗ ſtoßen ſein. Wie kam nun Maldent, der in militäriſcher Tracht und mit einem Briefe des Admirals abgegangen 145 war, als Bauer gekleidet und ohne Brief an? Das werden, vermöge ihres gewöhnlichen Scharfſinns, unſere Leſer in einem der folgenden Kapitel errathen. XII. Die Ueberrumpelung. Unſere Leſer mögen ſich nicht wundern, wenn wir mit einer Genauigkeit, die ſich mehr für den Geſchichtſchreiber, als für den Romanendichter ſchickt, alle Einzelheiten, Angriff und Vertheidigung, dieſer glorreichen Belagerung von Saint⸗Quentin verfol⸗ gen,— eine Belagerung gleich ruhmwürdig für den, der ſie gemacht, wie für den, der ſie ausge⸗ halten hat. Nach unſerer Anſicht beſteht übrigens die Größe eines Landes eben ſo wohl in ſeinen Niederlagen, als in ſeinen Siegen: der Ruhm der Triumphe erhöht ſich durch den der Unfälle. Welches Volk wäre nicht wirklich unterlegen nach Crécy, nach Poitiers, nach Azincourt, nach Pavia, nach Saint⸗Quentin, nach Waterloo? Doch die Hand Gottes war über Frankreich, und nach jedem Falle hat ſich Frankreich im Gegentheile größer erhoben, als es vorher war. Nachdem er ſiebenmal unter der Laſt ſeines Kreu⸗ zes erlegen, erlöſte Jeſus die Welt! Saint⸗Quentin iſt eine dieſer Stationen von dem ſein Kreuz tragenden Frankreich. Das Kreuz, das war die Monarchie. Zum Glücke war hinter der Monarchie das Volk. Dumas, der Page. IHI. 10 146 Auch diesmal werden wir ſehen, wie hinter der gefallenen Monarchie das Volk ſtehen bleibt. In der Nacht, welche auf den Abgang von Yvon⸗ net und Maldent folgte, meldete man dem Admiral, die Schildwachen, welche im Faubourg d'Isle die Wache hatten, glauben ein Geräuſch von Untergrabung zu hören. Coligny ſtand auf und eilte an den bedrohten Ort. Der Admiral war ein erfahrener Feldherr. Er ſtieg von ſeinem Pferde, legte ſich auf den Wall, hielt ſein Ohr an die Erde und horchte. Dann ſtand er wieder auf und ſagte: „Das iſt kein Geräuſch von Grabungen, ſondern von Kanonen, die man rollt. Der Feind rückt ſeine Stücke näher.“ Die Officiere ſchauten ſich an. Da trat Jarnac vor und ſprach: „Herr Admiral, Ihr wißt, daß es Jedermanns Anſicht iſt, der Ort ſei nicht haltbar.“ Lächelnd erwiederte der Admiral: „Es iſt auch meine Anſicht, meine Herren, und dennoch halten wir uns ſeit fünf Tagen, wie Ihr ſeht... Hätte ich mich zurückgezogen, als ich drin⸗ gend von Euch hiezu aufgefordert wurde, ſo wäre der Faubourg d'Isle ſeit fünf Tagen in den Händen der Spanier, und die Arbeiten, die ſie noch zu ma⸗ chen haben, um die Stadt anzugreifen, wären vol⸗ lendet. Vergeſſen wir nicht, meine Herren: jeder Tag, den wir gewinnen, iſt uns eben ſo niützlich, als dies dem verfolgten Hirſche die letzten Hauche ſeines Athems ſind.“ „Eure Meinung iſt alſo, Herr Admiral?“ „Meine Meinung iſt, daß wir auf dieſer Seite Alles gethan haben, was Menſchen zu thun möglich iſt, und daß wir unſere Kraft, unſere Hingebung und unſere Wachſamkeit anderswohin tragen müſſen.“ Die Officiere verbeugten ſich, um ihre Beiſtim⸗ mung zu bezeichnen. „Bei Tagesanbruch werden die ſpaniſchen Ka⸗ nonen aufgepflanzt ſein, und das Feuer wird be⸗ ginnen; bei Tagesanbruch muß Alles, was wir hier an grobem Geſchütz, Munition, Kugeln, Ballen Wolle, Schubkarren, Tragbahren, Hauen, Pionnier⸗ geräthen haben, in die Stadt eingebracht ſein. Ein Theil von unſern Leuten wird ſich hiemit beſchäftigen; der andere wird in den Häuſern Reisbündel, Fa⸗ ſchinen, die ich habe bereiten laſſen, aufhäufen und ſie in Brand ſtecken... Ich ſelbſt werde den Rück⸗ zug überwachen und hinter uns die Brücken abbre⸗ chen laſſen.“ Als er ſodann um ſich her die armen Unglück⸗ lichen ſah, denen dieſe Häuſer gehörten, und die mit troſtloſer Miene ſeine Befehle anhörten, ſagte er: „Meine Freunde, von uns verſchont, würden Eure Häuſer von den Spaniern niedergeriſſen, welche hier Holz und Steine ſuchen würden, um ihre Mas⸗ ken zu bauen und ihre Trancheen zu graben; bringt ſie alſo ſelbſt dem König und dem Lande zum Opfer: Euch beauftrage ich, ſie in Brand zu ſtecken.“ Die Bewohner des Faubourg d'Isle ſchauten einander an, wechſelten leiſe ein paar Worte, und Einer von ihnen trat vor und ſagte: „Herr Admiral, ich heiße Guillaume Pauquet; 148 Ihr ſeht von hier aus mein Haus, es iſt eines der größten des Quartiers. Ich mache mich anheiſchig, Feuer an mein Haus zu legen, und meine Nachbarn und Freunde hier werden daſſelbe an den ihrigen thun, was ich an dem meinigen thun will.“ „Iſt das wahr, meine Kinder?“ fragte der Ad⸗ miral, dem die Thränen in die Augen traten. „Was Ihr da verlangt, Herr Admiral, verlangt Ihr für das Wohl des Königs und des Landes?“ „Haltet nur vierzehn Tage mit mir aus, meine Freunde, und wir retten Frankreich!“ ſprach Coligny. „Und damit Ihr Euch noch vierzehn Tage halten könnt, müſſen wir unſere Häuſer verbrennen?“ „Ich glaube, daß dies nothwendig iſt, meine Freunde.“ „Und ſind unſere Häuſer verbrannt, ſo ſteht Ihr dafür, daß Ihr Euch halten werdet?“ „Ich ſtehe dafür, daß ich Alles thun werde, was ein dem König und dem Lande ergebener Edelmann thun kann,“ antwortete der Admiral.„Wer von Uebergabe ſpricht, wird durch mich von den Mauern hinabgeſtürzt; ſpreche ich ſelbſt von Uebergabe, ſo thue man mir eben ſo viel.“ „Es iſt gut,“ ſagte einer von den Bewohnern der Vorſtadt,„befehlt Ihr, die Häuſer zu verbren⸗ nen, ſo wird man das Feuer anlegen.“ „Aber,“ verſetzte eine Stimme,„ich hoffe wohl, daß man die Abtei Saint⸗Quentin⸗en⸗Isle verſcho⸗ nen wird?“ Der Admiral wandte ſich auf die Seite um, wo⸗ her die Stimme kam, und erkannte Lactance. „Saint⸗Quentin⸗en⸗Isle weniger als alles 14⁴9 Uebrige,“ erwiederte der Admiral.„Von der Platt⸗ form von Saint⸗Quentin⸗en⸗Isle beherrſcht man den ganzen Rémicourt⸗Wall, und eine auf dieſer Platt⸗ form aufgepflanzte Batterie würde die Vertheidigung des Walles unmöglich machen.“ Lactance ſchlug die Augen zum Himmel auf und gab einen tiefen Seufzer von ſich. „Ueberdies,“ fuhr lächelnd der Admiral fort, „überdies iſt der heilige Quentin vor Allem der Be⸗ ſchützer der Stadt, und er wird uns nicht verhindern wollen, daß wir nicht aus ſeiner Abtei ein Mittel des Verderbens ſeiner Schützlinge machen.“ Dieſen Augenblick guten Willens benützend, der Jedem eine und dieſelbe aufopfernde Hingebung einzuflößen ſchien, befahl er, daß man anfange die Kanonen gegen die Stadt zu ziehen und die von ihm bezeichneten Gegenſtände eben dahin zu führen, — Alles in der größtmöglichen Stille. Man ſchritt zum Werke, und, man muß ſagen, mit eben ſo viel Muth diejenigen, welche die Fa⸗ ſchinen in die Häuſer trugen, als diejenigen, welche, an die Kanonen oder die Karren angeſpannt, Kano⸗ nen und Karren nach der Stadt zogen. Um zwei Uhr Morgens war Alles eingebracht, und es blieben vor der alten Mauer nur noch die nothwendige Anzahl von Schützen, um glauben zu machen, ſie werde immer noch vertheidigt, und die Leute, die ſich, mit den Fackeln in der Hand, bereit hielten, die Häuſer in Brand zu ſtecken. Bei Tagesanbruch, wie es der Admiral vorher⸗ geſehen, ſchoſſen die Spanier ihre erſte Salve. Eine Breſchebatterie war in der Nacht aufge⸗ 150 pflanzt worden, und die Arbeit, die man zu dieſem Ende verrichtete, war es wirklich, was der Admiral⸗ gehört hatte. Dieſe erſte Salve war das verabredete Signal, um die Vorſtadt in Brand zu ſtecken. Nicht Einer der Bewohner zögerte; Jeder näherte ſich helden⸗ müthig mit ſeiner Fackel in der Hand den Faſchinen, und nach einem Augenblicke ſah man zum Himmel einen Rauchvorhang aufſteigen, der bald einem Flam⸗ menvorhange Platz machte. Die Vorſtadt brannte von der Saint⸗Eloi⸗Kirche bis zur Saint⸗Pierre⸗au⸗Canal⸗Kirche; doch mitten unter dieſer ungeheuren Gluth, als ob eine über⸗ menſchliche Macht den Brand davon entfernt gehalten hätte, blieb die Saint⸗Quentin⸗Abtei unverſehrt. Dreimal, durch das Feuer, über fliegende Brücken ſchreitend,— denn die anderen waren abgebrochen worden,— wiederholten zuerſt Bürger, dann Sol⸗ daten und endlich Feuerwerker den Verſuch, und dreimal ſcheiterte er. Von der Porte d'Isle herab verfolgte der Ad⸗ miral die Fortſchritte der Zerſtörung, als Jean Pau⸗ quet, ſich von der Gruppe trennend, zu der er ge⸗ hörte, mit ſeiner wollenen Mütze in der Hand auf den Admiral zutrat und zu ihm ſagte: „Gnädigſter Herr, es iſt ein Alter von der Stadt hier, welcher behauptet, er habe ſeinen Vater ſagen hören, es beſtehe eine Pulverniederlage in einem oder dem anderen von den zwei Thürmen, welche die Porte d'Isle flanquiren, oder vielleicht in beiden.“ „Gut!“ erwiederte der Admiral,„man muß nach⸗ ſehen... Wo ſind die Schlüſſel?“ 151 „Ah! die Schlüſſel,“ verſetzte Jean Pauauet, „wer weiß das? Es ſind vielleicht hundert Jahre, daß man die Thüren nicht mehr geöffnet hat.“ „Dann nehme man Hebeſtangen, Brecheiſen, um ſie zu öffnen.“ „Man braucht keine Hebeſtangen und keine Brech⸗ eiſen,“ ſagte eine Stimme;„ich drücke an die Thüre, und ſie wird ſich öffnen.“ Und von ſeinem Neffen Franz gefolgt, machte Heinrich Scharfenſtein drei Schritte gegen den Ad⸗ miral. „Ah! Du biſt es, mein wackerer Rieſe?“ rief der Admiral. „Ja, ich bin es, und mein Neffe Franz.“ „Nun, ſo drücke, mein Freund, drücke!“ Die zwei Scharfenſtein näherten ſich Jeder einer Thüre, lehnten ſich mit dem Rücken daran an, und zählten, einer doppelten, einer und derſelben Be⸗ wegung gehorchenden Mechanik ähnlich, nachdem ſie ihren Stützpunkt genommen hatten: „Eins! zweil drei!“ Und beim Worte drei machte Jeder eine An⸗ ſtrengung, drückte Jeder den Flügel der Thüre ein, an den er angelehnt war, und dies ſo ſiegreich, daß Beide mit den Flügeln fielen. Nur, da die Thüren einen mehr oder minder großen Widerſtand entgegengeſetzt hatten, fiel Franz Scharfenſtein der Länge lang und auf den Rücken, während Heinrich mehr begünſtigt bloß auf ſeinen Hintern fiel. Beide ſtanden aber mit ihrem gewöhnlichen Ernſte auf und ſagten: 152 „So!“ Man trat in die Thürme ein. Einer derſelben enthielt wirklich, wie es Jean Pauquet geſagt hatte, zwei bis dreitauſend Pfund Pulver; doch dieſes Pulver, wie er auch geſagt hatte, war ſeit ſo lan⸗ ger Zeit hier, daß, als man es in den Tonnen auf⸗ heben wollte, dieſe in Staub zerfielen. Da befahl der Admiral, Tücher zu bringen, um das Pulver nach dem Arſenal zu ſchaffen. Als er ſodann ſah, daß man dieſen Befehl zu vollziehen anfing, ging er nach ſeiner Wohnung zurück, um zu frühſtücken und ein wenig auszuruhen, denn er war ſeit Mitternacht auf den Beinen und hatte ſeit dem vorhergehenden Tage nichts gegeſſen. Kaum hatte er ſich zu Tiſche geſetzt, da ſagte man ihm, einer von den Boten, die er zum Conne⸗ table geſchickt, ſei zurückgekehrt und verlange ihn un⸗ verzüglich zu ſprechen. Es war Ywonnet. Er trat ein und meldete dem Admiral, der von ihm geforderte Entſatz werde am andern Tage unter Anführung ſeines Bruders des Herrn Dandelot, des Marſchalls von Saint⸗André und des Herzogs von Enghien eintreffen. Dieſer Entſatz ſollte beſtehen aus viertauſend Mann Fußvolk, welche, nach der vom Admiral ge⸗ gebenen Andeutung, dem Wege von Savy folgen und durch den Faubourg de Ponthoille einmarſchiren würden. Maldent war in la Fore geblieben, um Herrn Dandelot als Führer zu dienen. edn—=0 S 153 Woonnet war ſo weit in ſeiner Erzählung und hob eben ein Glas auf, das man ihm eingeſchenkt, um auf die Geſundheit des Admirals zu trinken, als plötzlich die Erde bebte, die Mauern wankten, die Fenſterſcheiben in Stücke zerſprangen, und ein Lärm ähnlich dem von hundert Kanonen, welche zu gleicher Zeit donnerten, hörbar wurde. Der Admiral ſtand auf; Yvonnet, den eine ner⸗ vöſe Bewegung erfaßte, ſtellte ſein volles Glas auf den Tiſch. Zu gleicher Zeit zog eine Wolke über die Stadt, fortgetragen vom Weſtwinde, und ein ſtarker Schwe⸗ felgeruch verbreitete ſich in der Wohnung durch die zerbrochenen Scheiben. „Oh! die Unglücklichen!“ ſagte der Admiral,„ſie werden nicht mit der nöthigen Vorſicht zu Werke gegangen ſein, und der Pulverthurm iſt in die Luft geflogen.“ Sogleich, ohne Nachrichten abzuwarten, verließ er das Haus und lief nach der Porte d'Isle. Die ganze Bevölkerung ſtürzte nach derſelben Seite; der Admiral brauchte ſich nicht zu erkundigen: alle dieſe Leute liefen dem Lärmen nach, wußten aber nicht, was die Urſache deſſelben war. Coligny hatte ſich nicht getäuſcht: als er auf den Wall kam, ſah man den Thurm auseinandergeſprengt und rauchend wie der Krater eines Vulkans. Ein⸗ Flämmchen von der ungeheuren Feuersbrunſt, die ihn umgab, war durch eine der Schießſcharten ein⸗ gedrungen und hatte das furchtbare Brennmaterial entzündet. Vierzig bis fünfzig Perſonen waren umgekommen; 154 fünf Officiere, welche die Operation leiteten, waren verſchwunden. Der Thurm bot dem Feinde eine Breſche, durch die fünfundzwanzig Stürmende neben einander ein⸗ ſteigen konnten. Zum Glücke verbarg ein Schleier von Flammen und Rauch, der ſich zwiſchen der Vorſtadt und der Stadt ausbreitete, dieſe Breſche vor den Spaniern; die Hingebung der Einwohner, welche ihre Häuſer in Brand geſteckt, hatte alſo die Stadt gerettet. Coligny begriff die Gefahr: er ließ einen Aufruf an den guten Willen Aller ergehen, doch die Bürger allein antworteten darauf. Die Kriegsleute, die man aus der Vorſtadt zurückgezogen, waren ſich ſtär⸗ ken und erfriſchen gegangen. Zur Zahl derjenigen, welche ſich ſtärken und er⸗ friſchen gegangen waren, gehörten die zwei Schar⸗ fenſtein; da aber ihr Zelt nur fünfzig Schritte vom Schauplatze des Ereigniſſes entfernt lag, ſo waren ſie die Erſten, welche auf den Ruf des Admirals antworteten.— Es waren zwei koſtbare Hülfsmänner, der Oheim Heinrich und der Neffe Franz, unter ſolchen Umſtän⸗ den: ihre herculiſche Stärke, ihre rieſige Statur machten ſie zu Allem tauglich. Sie legten ihre Wämm⸗ ſer ab, ſchlugen ihre Aermel zurück und wurden Maurer. Drei Stunden nachher,— mochte nun der Feind nichts von der Kataſtrophe erfahren haben, mochte er ein anderes Unternehmen vorbereiten,— waren die Ausbeſſerungen ohne irgend ein Hinderniß bewerk⸗ 155 ſtelligt, und der Thurm war wieder ſo ſolid als vorher. Dieſer ganze Tag,— der 7. Auguſt,— verlief, ohne daß der Feind die geramgſte Demonſtration machte; er ſchien ſich auf eine einfache Blokade zu beſchränken. Ohne Zweifel erwartete er die Ankunft u9 engliſchen Heeres. Am Abend bemerkten die Schildwachen eine Be⸗ wegung auf der Seite des Faubourg d'Isle. Die Abnahme des Brandes benützend, fingen die Spa⸗ nier von Carondelet und Julian Romeron an in der Vorſtadt zu erſcheinen und ſich der Stadt zu nähern. Die ganze Wachſamkeit concentrirte ſich daher auf dieſer Seite. Am Abend um zehn Uhr berief der Admiral die oberſten Officiere der Garniſon zu ſich. Er theilte ihnen mit, in der Nacht werde aller Wahrſcheinlich⸗ keit nach die erwartete Verſtärkung ankommen. Man müſſe alſo insgeheim und in aller Stille die Mauer von Tourival bis zur Porte de Ponthoille beſetzen, um ſich bereit zu halten, Dandelot und ſeinen Leuten, wenn es nöthig wäre, Hülfe zu leiſten. Woonnet, der in ſeiner Eigenſchaft als Bote in dieſe Dispoſitionen eingeweiht worden war, hatte ſie mit Freude treffen ſehen, und ſo viel an ihm gewe⸗ ſen,— denn ſeine ganz beſondere Kenntniß der Oertlichkeiten verlieh ihm nothwendig einen gewiſſen Einfluß,— hatte er die nächtlichen Wächter gegen die Porte de Rémicourt, die Porte d'Isle und die Porte de Ponthoille hingetrieben. Dieſe Anordnung ließ in der That, abgeſehen 156 von einigen Schildwachen, den Wall vom Vieux⸗ Marché entblößt, wo, wie man ſich erinnert, das Haus von Jean Pauquet und beſonders der von Mademoiſelle Gudule bewohnte kleine Pavillon lagen. Gegen elf Uhr, in einer der finſteren Nächte, welche von den Verliebten, die ihre Liebſchaften beſuchen, und von den Kriegsleuten, die einen Ueber⸗ fall vorbereiten, ſo ſehr geſchätzt und geſegnet wer⸗ den, ſchritt auch unſer Abenteurer, gefolgt von ſeinen bis unter die Zähne bewaffneten Freunden Franz und Heinrich, vorſichtig durch die Rues des Roſiers, de la Foſſe und de Saint⸗Jean, durch welche man,— ungefähr hundert Schritte von der Tour⸗Dameuſe,— zum Walle des Vieux⸗Marché gelangte. Die drei Abenteurer folgten dieſem Wege, weil es ihnen bekannt, daß der ganze Raum, der ſich zwi⸗ ſchen der Tour⸗Dameuſe und der Porte du Vieux⸗ Marché erſtreckte, von Schildwachen entblößt war, da der Feind auf dieſer Seite noch keine Demon⸗ ſtration gemacht hatte. Das Bollwerk war alſo finſter und öde. Warum beſtand dieſer Trupp, der, trotz ſeines furchtbaren Anſcheins, keine feindliche Abſicht hatte, aus Heinrich und Franz einerſeits und aus Yvonnet andererſeits? Durch das Naturgeſetz, welches will, daß auf dieſer Welt die Schwäche die Stärke ſucht und die Stärke die Schwäche liebt. Mit wem unter ſeinen acht Gefährten hatte Yvon⸗ net die innigſte Verbindung geſchloſſen? Mit Heinrich 157 und mit Franz. Warum? Weil ſie die Stärkſten waren, und weil er der Schwächſte war. Sobald die zwei Scharfenſtein einen Augenblick Muße fanden, weſſen Geſellſchaft ſuchten ſie in aller Eile? Die von Yvonnet. Wenn Noonnet irgend einen Beiſtand nöthig hatte, von wem verlangte er ihn? Von den zwei Scharfenſtein. Unter ſeinem immer ſorgfältig gehaltenen, immer zierlichen Coſtume, das von der groben, ſoldatiſchen Tracht der beiden Rieſen ſtark abſtach, glich Nvonnet, von ihnen begleitet, einem Kinde von gutem Hauſe, das zwei Moloſſe an der Koppel führen würde. Vermöge der von uns erwähnten Anziehung der Schwäche zur Stärke und der Sympathie der Stärke für die Schwäche hatte ſich auch Yvonnet an die zwei Scharfenſtein gewandt, um ſie zu fragen, ob ſie mit ihm kommen wollten, und dieſe waren ſogleich aufgeſtanden, hatten ſich bewaffnet und geantwortet: „Sehr gern, mein Herr Yoonnet.“ Denn die zwei Scharfenſtein nannten Yvonnet mein Herr, eine Auszeichnung, die ſie keinem An⸗ dern von ihren Gefährten bewilligten. Ihre Freundſchaft für Yvonnet war mit einer tiefen Ehrfurcht vermiſcht. Nie wäre es dem Oheim oder dem Neffen begegnet, daß ſie ſich erlaubt hätten, das Wort vor dem jungen Abenteurer zu nehmen; nein, ſie hörten ihn von ſchönen Frauen, von ſchö⸗ nen Waffen, von ſchönen Kleidern reden und ſie be⸗ ſchränkten ſich darauf, daß ſie mit dem Kopfe nickend beiſtimmten und von Zeit zu Zeit,— bei ſeinen 158 Witzen wohlverſtanden,— mit ihrem ſchweren Ge⸗ lächter lachten. Wohin YNoonnet ging, wenn Yoonnet zu ihnen ſagte:„Kommt mit mir!“ daran lag ihnen wenig; er hatte geſagt:„Kommt!“ das genügte, und ſie folgten dieſer reizenden Flamme ihres Geiſtes, wie Trabanten einem Planeten folgen. An dieſem Abend ging Yvonnet zu ſeiner Liebſchaft; er hatte zu den zwei Scharfenſtein geſagt:„Kommt!“ und, wie man ſieht, ſie waren gekommen. Nur fragt es ſich, zu welchem Zwecke, wenn es ſich um eines von jenen Rendez⸗vous handelte, bei denen die Gegenwart eines Dritten immer läſtig iſt, hatte ſich Nvonnet von den zwei Rieſen begleiten laſſen? Vor Allem müſſen wir ſchleunigſt bemerken, daß die zwei Deutſchen durchaus keine unbequeme Zeugen waren; ſie machten ein Auge zu, ſie machten zwei zu, ſie machten drei zu, ſie machten vier zu, auf ein Wort, auf eine Geberde, auf ein Zeichen ihres Ge⸗ fährten, und hielten ihre Augen gewiſſenhaft ge⸗ ſchloſſen, ſo lange nicht ein Zeichen, eine Geberde oder ein Wort ihnen ſie wiederzuöffnen erlaubte. Woonnet hatte ſie mitgenommen, weil er,— man erinnert ſich deſſen,— um zum Fenſter des Pavillon von Gudule zu gelangen, einer Leiter be⸗ durfte, und ſtatt eine Leiter zu nehmen, hatte er es einfacher gefunden, die zwei Scharfenſtein zu nehmen, was ganz auf eins herauskam. Der junge Mann hatte, wie man leicht begreift, eine Sammlung von Signalen, von Geräuſchen, von Rufen, mit deren Hülfe er ſeiner Geliebten bedeu⸗ 159 tete, er ſei anweſend. An dieſem Abend war aber weder ein Signal, noch ein Ruf, noch ein Geräuſch nöthig: Gudule ſtand an ihrem Fenſter und wartete. Als ſie indeſſen drei Männer ſtatt eines einzigen ankommen ſah, zog ſie ſich behutſam zurück. Doch da machte ſich Yvonnet von der Gruppe los, gab ſich zu erkennen, und noch zitternd, aber nicht mehr erſchrocken, erſchien das Mädchen wieder in dem dunklen Rahmen. Mit zwei Worten erklärte Yvonnet ſeiner Ge⸗ liebten, welche Gefahr in einer belagerten Stadt ein Soldat lief, der mit einer Leiter auf dem Rücken ſpazieren ging: eine Patrouille konnte glauben, er trage dieſe Leiter in der Abſicht, mit den Belagerern zu verkehren; hatte ſich einmal dieſer Zweifel in der Geiſt der Patrouille einquartiert, ſo mußte man dem Anführer dieſer Patrouille zu einem Officier, zu einem Kapitän, vielleicht zum Gouverneur folgen und hier die Beſtimmung der Leiter erklären, eine Erklärung, welche, ſo zart ſie auch gegeben wurde, die Ehre von Mademoiſelle Gudule gefährdete. Es war alſo viel beſſer, ſich auf zwei Freunde zu verlaſſen, auf deren Discretion man bauen konnte, wie Yoonnet auf die ſeiner zwei Gefährten. Wie erſetzten aber zwei Freunde eine Leiter? Dies zu begreifen hatte Mademoiſelle Gudule einige Mühe. Ywonnet beſchloß, keine Zeit mit der Entwickelung der Theorie zu verlieren, und wandte unmittelbar die Demonſtration an. Zu dieſem Ende rief er die zwei Scharfenſtein, welche, den ungeheuren Cirkel öffnend, der ihnen 160 als Beine diente, mit ein paar Schritten bei ihm waren. Dann lehnte er den Oheim an die Mauer an und machte dem Neffen ein Zeichen. In weniger Zeit, als man brauchen würde, um es zu erzählen, ſetzte Franz einen Fuß auf die ver⸗ einigten Hände ſeines Oheims, einen andern auf ſeine Schulter; ſodann, als er die Höhe des Fen⸗ ſters erreicht hatte, faßte er um den Leib Mademoi⸗ ſelle Gudule, welche neugierig zuſchaute, und ehe ſie Zeit gehabt hatte, eine Bewegung zu machen, um ſich zu wehren,— eine Bewegung, die ſie übrigens vielleicht nicht gemacht haben würde, ſelbſt wenn ſie Zeit gehabt hätte,— ſah ſie ſich aus ihrem Zimmer gehoben und auf das Bollwerk neben Ywonnet nie⸗ dergeſtellt. „So!“ ſagte Franz lachend,„da iſt das verlangte Mädchen!“ „Ich danke!“ erwiederte Yvonnet. Und er nahm den Arm von Gudule unter den ſeinigen und zog das ſchöne Kind nach dem dunkel⸗ ſten Orte des Walles fort. Dieſer dunkelſte Ort war die runde Plattform von einem der Thürme, beſchützt durch eine drei Fuß hohe Bruſtmauer. Die zwei Scharfenſtein ſetzten ſich auf eine ſtei⸗ nerne Bank, welche am Mittelwalle angebracht war. Es iſt nicht unſere Abſicht, hier das Geſpräch von Ywonnet und Mademoiſelle Gudule zu berichten. Sie waren jung, verliebt; drei Tage und drei Nächte hatten ſie nicht mit einander geſprochen, und ſie hat⸗ ten ſich ſo viele Dinge zu ſagen, daß, was ſie ſich * 16¹ Alles in einer Viertelſtunde ſagten, ſicherlich in die⸗ ſem Kapitel nicht Platz hätte. Wir ſagen in einer Viertelſtunde, weil nach Verlauf einer Viertelſtunde, ſo belebt das Geſpräch war, Ywonnet ſich unterbrach, ſeine Hand auf den hübſchen Mund ſeiner Geliebten legte, den Kopf vorwärts beugte und horchte. Indem er horchte, ſchien es ihm, als ſähe er e was wie eine ungeheure ſchwarze Schlange am Fu ue der Mauer hinkriechen. Doch die Nacht war ſo finſter, das Geräuſch war ſo wenig merkbar, daß Alles dies eben ſo wohl eine Illuſion als eine Wirklichkeit ſein konnte,— um ſo mehr, als plötzlich Bewegung und Geräuſch auf⸗ hörten. 3 Woonnet ſchaute, horchte, und ſah und hörte nichts mehr. Während er indeſſen das Mädchen mit ſeinem Arme umſchlungen und an ſeine Bruſt gedrückt hielt, blieb er, die Augen ſtarr, mit dem vorgeſtreckten Kopfe zwiſchen zwei Schießſcharten. Bald glaubte er die rieſige Schlange ihr Haupt an der grauen Mauer aufrichten und ſich an dieſer Mauer, um die Bruſtwehr des Zwiſchenwalls zu erreichen, emporheben zu ſehen. Sodann, wie eine Hyder mit mehreren Köpfen, ſtreckte die Schlange einen zweiten Kopf beim erſten aus und einen dritten beim zweiten. Da war für Ywonnet Alles erklärt: ohne eine Minute zu verlieren, nahm er Gudule in ſeine Arme, ermahnte ſie zum Stillſchweigen, und warf ſie in die Hände von Franz, der ſie mit Hülfe ſeines Dumas, der Page. II. 11 162 Oheims in einem Augenblick, und mit demſelben Verfahren, durch das er ſie herausgenommen, wie⸗ der in ihr Zimmer zurückverſetzte. Hierauf lief der junge Mann zu der erſten Leiter, die er gerade in dem Augenblicke erreichte, wo der erſte Spanier den Fuß auf die Bruſtwehr des Zwi⸗ ſchenwalls ſetzte. So groß die Finſterniß war, man ſah eine Art von Blitz im Schatten glänzen; dann hörte man einen Schrei, und der Spanier, dem Yoonnet ſeinen Degen durch den Leib gerannt hatte, fiel rückwärts, mit dem Kopfe voran. Das Geräuſch ſeines Falles verlor ſich in einem furchtbaren Krachen; das war die ganz mit Menſchen beladene zweite Leiter, welche, vom nervigen Arme von Heinrich zurückgeſtoßen, an der Mauer hinſank. Franz ſeinerſeits hatte auf ſeinem Wege einen verlaſſenen Balken gefunden, er hatte denſelben über ſeinen Kopf emporgehoben und ſchief auf die dritte Leiter fallen laſſen. Die Leiter war ungefähr bei zwei Dritteln ihrer Höhe abgebrochen worden, und der Balken, die Lei⸗ ter und die Menſchen waren durcheinander in den Graben gefallen. Es blieb Ywonnet, der, während er nach ſeinen beſten Kräften ſchlug, aus vollem Halſe:„Herbei! herbei!“ ſchrie. Die zwei Scharfenſtein eilten ihm zu Hülfe in dem Augenblicke, wo ein paar Spanier ſchon den Fuß auf den Wall geſetzt hatten und Ywonnet leh⸗ haft bedrängten. Einer von den Angreifern fiel entzwei geſpalten 5 163 durch das ungeheure Schwert von Heinrich, der Zweite rollte erſchlagen unter dem Streitkolben von Franz hinab, der Dritte, der eben Ywonnet nieder⸗ ſtoßen wollte, wurde von einem der zwei Rieſen beim Gürtel gepackt und im Fluge über den Wall geworfen. In dieſem Momente erſchienen am Ende der Rue du Vieux⸗Marché Jean und Guillaume Pauauet, herbeigezogen durch das Geſchrei der drei Abenteu⸗ rer, und Fackeln in einer Hand, Aexte in der an⸗ dern tragend. Von da an war der Ueberfall verfehlt, und auf das vereinigte Geſchrei der Bürger und der Aben⸗ teurer kam eine doppelte Hülfe vom Saint⸗Jean⸗ Thurme und vom dicken Thurme, der zunächſt beim Faubourg de Ponthoille lag. Sodann, zu gleicher Zeit, und als ob alle dieſe Angriffe combinirt geweſen wären, um mit einander loszubrechen, hörte man auf eine halbe Meile in der Ebene das Krachen von einem Tauſend Büchſen, und man ſah zwiſchen Himmel und Erde den röth⸗ lichen Rauch emporſteigen, der über lebhaften Klein⸗ gewehrfeuern ſchwebt. Die zwei Unternehmen,— das der Spanier, um die Stadt zu überrumpeln, und das von Dandelot, um ihr zu Hülfe zu kommen,— waren entdeckt worden. Wir haben geſehen, wie durch einen Zufall das der Spanier geſcheitert war; ſagen wir, wie derſelbe Zufall das der Franzoſen ſcheitern gemacht hatte. XIII. Vom doppelten Vortheile, den es haben kann, das picardiſche Patois zu ſprechen. Bis jetzt haben wir alle Honneurs der Belage⸗ rung den Belagerten gemacht; es iſt Zeit, daß wir ein wenig,— und wäre es nur, um es zu beſichti⸗ gen,— unter das Zelt der Belagerer übergehen. In dem Augenblicke, wo Coligny und dieſe Gruppe von Officieren, die wir heute den Generalſtab nen⸗ nen würden, die Runde an den Mauern machten, um ſich von den Vertheidigungsmitteln der Stadt Rechenſchaft zu geben, vollführte eine andere nicht minder bedeutende Gruppe ihre äußere Umſchiffung, um ſich von den Angriffsmitteln Rechenſchaft zu geben. Dieſe Gruppe beſtand aus Emanuel Philibert, dem Grafen von Egmont, dem Grafen von Horn, dem Grafen von Mansfeld, und den Herzogen Ernſt und Erich von Braunſchweig. Unter den andern eine Gruppe im Gefolge der erſten bildenden Officieren ritt, immer unbekümmert um Alles, das Leben und die Ehre ſeines vielge⸗ liebten Emanuel ausgenommen, unſer alter Freund Scianca Ferro. Auf ausdrücklichen Befehl von Emanuel war Leona in Cambray mit den übrigen Leuten vom Hauſe des Prinzen geblieben. Das Reſultat der Unterſuchung war geweſen, nur geſchirmt hinter elenden Mauern, einer Garniſon —I.. 165 und einer hinreichenden Artillerie entbehrend, könne ſich die Stadt nicht über fünf bis ſechs Tage halten; und dies hatte der Herzog Emanuel Philipp II. ge⸗ meldet, der auch, nicht auf höheren Befehl, ſondern aus hoher Klugheit in Cambray geblieben war. Es trennten indeſſen nur ſechs bis ſieben Meilen die zwei Städte von einander, und hatte Emanuel für Leona die königliche Reſidenz gewählt, ſo war dies geſchehen, weil, da die Nothwendigkeit, mit Phi⸗ lipp II. mündlich zu verkehren, von Zeit zu Zeit den Generaliſſimus des ſpaniſchen Heeres nach Cambray führen mußte, dieſer berechnet hatte, jede der Reiſen, die er dahin mache, werde ihm eine Gelegenheit bie⸗ ten, Leona zu ſehen. Leona ihrerſeits hatte zu dieſer Trennung einge⸗ willigt, einmal und vor Allem, weil bei dieſem Leben der Hingebung, der Liebe und der Selbſtverleugnung, das ſie angenommen, ein Wunſch von Emanuel ein Befehl für ſie war; ſodann, weil dieſe Diſtanz von ſechs bis ſieben Meilen, obſchon ſie eine wirkliche Abweſenheit ſchuf, hinſichtlich der Entfernung illu⸗ ſoriſch wurde, da beim geringſten Anlaſſe zur Be⸗ ſorgniß, der ihr gegeben würde, Leona mit der Frei⸗ heit des Handelns, welche ihr die Unwiſſenheit ließ, in der Jedermann— außer Scianca Ferro— über ihr Geſchlecht war, in anderthalb Stunden im Lager von Emanuel Philibert ſein konnte. Uebrigens ſchien ſeit dem Anfange des Feldzuges Emanuel Philibert, wie groß auch die Freude war, die ihm die Wiederaufnahme der Feindſeligkeiten be⸗ reitete,— zu welcher Wiederaufnahme er durch die auf Metz und Bordeaux gemachten Verſuche wenig⸗ 166 ſtens eben ſo viel beigetragen hatte, als der Admi⸗ ral durch ſeinen Verſuch auf Douay,— ſeit dem Anfange des Feldzuges, ſagen wir, ſchien Emanuel Philibert moraliſch wenigſtens um zehn Jahre ge⸗ altert zu haben. Ein junger Feldhauptmann von kaum einunddreißig Jahren, ſtand er an der Spitze eines Heeres, das Frankreichs ſich zu bemächtigen beauftragt war, befehligte er alle die alten Chefs von Karl V. und ſpielte um ſein eigenes Glück hin⸗ ter dem Glücke Spaniens. In der That, vom Reſultate des unternommenen Feldzuges ſollte ſeine Zukunft nicht nur als großer General, ſondern auch als ſouverainer Fürſt ab⸗ hängen; es war Piemont, was er in Frankreich wiedererobern ſollte. Emanuel Philibert, obgleich Obercommandant der ſpaniſchen Heere, war immer doch nur eine Art von königlichem Cond ottiere; man iſt wirklich nur etwas in der Wagſchale des Geſchickes, wenn man das Recht hat, Menſchen für ſeine eigene Rechnung tödten zu laſſen. Uebrigens hatte er ſich nicht zu beklagen: wenig⸗ ſtens hierin den Ermahnungen und Empfehlungen nachkommend, die ihm vom Throne herabſteigend ſein Vater Karl V. gemacht, hatte Philipp II. in der Angelegenheit des Kriegs und des Friedens dem Herzog von Savoyen Vollmacht gegeben, und unter ſeine Befehle die ganze lange Liſte von Prinzen und Oberofficieren geſtellt, die wir, topographiſch die 5 Plätze bezeichnend, welche Jeder von ihnen um die Stadt einnahm, genannt haben. Alle dieſe Gedanken, unter denen der der Ver⸗ antwortlichkeit, welche auf ihm laſtete, nicht der ge⸗ 167 ringſte war, machten alſo Emanuel Philibert ernſt und ſorgenvoll wie einen Greis. Er hatte vollkommen begriffen, daß vom Erfolge der Belagerung von Saint⸗Quentin der Erfolg des Feldzuges abhing. War Saint⸗Quentin genommen, ſo blieben zwiſchen dieſer Stadt und Paris nur noch dreißig Meilen zurückzulegen und Ham, la Foͤre und Soiſſon zu erobern; nur mußte man Saint⸗Quentin raſch nehmen, um Frankreich nicht Zeit zu laſſen, eines von den Heeren zu vereinigen, die ihm faſt immer aus der Erde kraft man weiß nicht welches Zaubers hervorwachſen und ihre Bruſt anbieten, eine fleiſcherne Mauer zu Erſetzung der ſteinernen Mauern, die der Feind zerſtört hat. Man konnte auch ſehen, mit welcher beharrlichen Eile Emanuel Philibert die Belagerungsarbeiten be⸗ ſchleunigt, und welche Beaufſichtigung er um die Stadt feſtgeſtellt hatte. Sein erſter Gedanke war geweſen, die ſchwache Seite von Saint⸗Quentin ſei die Porte d'Isle, und von dieſer Seite würde er, bei der geringſten Un⸗ vorſichtigkeit der Belagerten, den Platz nehmen. Dem zu Folge hatte er alle Oberofficiere ihre Zelte vor die Rémicourt⸗Mauer ſtellen laſſen, welche im Falle einer regelmäßigen Belagerung effectiv der angreifbare Punkt des Platzes war, und er ſelbſt hatte das ſeinige, wie wir erwähnt, auf die entgegen⸗ geſetzte Seite, zwiſchen eine Mühle, die ſich auf einem Hügel erhob, und die Somme geſtellt. Von hier aus überwachte er den Fluß, über wel⸗ chen er eine Brücke hatte ſchlagen laſſen, und den weiten Raum, der ſich von der Somme bis zu der 168 alten Chauſſee nach Vermond erſtreckte, ein Raum, der durch die Lagerung des engliſchen Heeres aus⸗ gefüllt werden ſollte, ſobald dieſes Herr ſeine Ver⸗ einigung mit dem ſpaniſchen und flämiſchen bewerk⸗ ſtelligt hätte. Man hat geſehen, wie der Verſuch, die Vorſtadt durch einen Handſtreich zu nehmen, abgeſchlagen worden war. Da hatte Emanuel Philibert beſchloſſen, eine Lei⸗ tererſteigung zu wagen. Dieſe Erſteigung ſollte in der Nacht vom 7. auf den 8. Auguſt ſtattfinden. Welchen Beweggrund hatte Emanuel Philibert zur Ausführung dieſes Unternehmens die Nacht vom 7. auf den 8. Auguſt eher als eine andere Nacht wählen laſſen? Wir werden es ſogleich ſagen. Am Morgen des 6., in dem Augenblicke, wo er die Meldung hörte, die ihm von den verſchiedenen Patrouillechefs gemacht wurde, brachte man ihm einen Bauern vom Dorfe Savy, der mit ihm zu ſprechen verlangte. Emanuel, da er wohl wußte, daß kein Aufſchluß von einem militäriſchen Commandanten verachtet wer⸗ den darf, hatte befohlen, Jeder, der ihn zu ſehen ver⸗ langte, ſollte auf der Stelle vor ihn geführt werden. Der Bauer hatte alſo nur ſo lange gewartet, als Emanuel Zeit brauchte, um den Rapport zu Ende zu hören. Er brachte dem General einen Brief, den er in einem militäriſchen Wammſe gefunden hatte. Was das militäriſche Wamms betrifft, ſo hatte er dieſes unter dem Bette ſeiner Frau gefunden. — 169 Dieſer Brief war der, den der Admiral mit Du⸗ plicat an den Connetable ſchrieb. Dieſes Wamms war das von Maldent. Wie fand ſich nun das Wamms von Maldent unter dem Bette der Frau eines Bauern vom Dorfe Savy? Wir können nicht umhin, dies zu erzählen, denn das Geſchick der Staaten hängt manchmal an ſolchen Fäden, die leichter als die, welche, der Spin⸗ del der Jungfrau entſchlüpft, durch die Lüfte fliegen. Nachdem er Moonnet verlaſſen, war Maldent weiter gezogen. In Sapy angelangt, fand er ſich in Gegenwart einer Nachtpatrouille. Fliehen war unmöglich: er war geſehen worden; fliehen hätte Verdacht erregt; überdies hätten ihn ein paar Reiter, ihre Pferde in Galopp ſetzend, leicht eingeholt. Er warf ſich in den Ausſchnitt einer Thüre. „Wer da?“ rief eine Stimme. Maldent kannte die picardiſchen Sitten; er wußte, daß die Bauern ſelten ihre Häuſer mit dem Riegel ſchließen; er drückte auf die Klinke: die Klinke gab nach, und die Thüre öffnete ſich. „Biſt Du es, armer Mann*)?“ fragte eine Weiberſtimme. „Ah!l ja wohl, ich bin es,“ antwortete Maldent, der das picardiſche Patois in ſeiner ganzen Reinheit *) Dieſes, wie Alles, was die Bäuerin mit Maldent verhandelt, iſt im Original in picardiſchem Pa⸗ tois geſchrieben. 6 170 ſprach, da er von Noyon, einer der Hauptſtädte der Picardie, gebürtig war. „Oh!“ ſagte die Frau,„ich glaubte, Du ſeiſt mir geſtorben.“ „Gut!“ verſetzte Maldent,„Du wirſt bald ſehen, daß ich noch lebe.“ Und er ſchloß die Thüre mit dem Riegel und ſuchte das Bett. So raſch Maldent im Hauſe verſchwunden war, ein Reiter hatte ihn verſchwinden ſehen, doch ohne genau ſagen zu können, durch welche Thüre er ver⸗ ſchwunden. Da aber dieſer Menſch ein der Patrouille fol⸗ gender Spion ſein konnte, ſo klopfte der Reiter mit drei bis vier von ſeinen Kameraden ſchon an die Thüre des Nachbarhauſes,— eine Schnelligkeit, welche Maldent bewies, daß er keine Zeit zu verlieren hatte. Maldent kannte jedoch die Oertlichkeiten ſchlecht; er warf ſich blindlings auf einen mit Töpfen und Gläſern beladenen Tiſch. 3 „Was gibt es denn?“ fragte die Frau erſchrocken. „Es gibt... daß ich ſtolpere!“ erwiederte Mal⸗ dent. „Wie kann man ſo alt ſein und ſo dumm melte die Frau. Trotz dieſer durchaus nicht artigen Apoſtrophe 14 mur⸗ beſchränkte ſich der Abenteurer darauf, daß er mit ein paar Worten der Zärtlichkeit durch ſeine Zähne antwortete, und während er ſich auskleidete, näherte er ſich dem Bette. Er bezweifelte nicht, man werde bald an die Thüre klopfen, welche ſich ſo eben für ihn geöffnet, 171 wie man an die Thüre des Nachbarhauſes klopfte, und es lag ihm viel daran, daß man ihn nicht als fremd im Hauſe erkannte. Das Mittel aber, um nicht als fremd im Hauſe erkannt zu werden, war, den Platz vom Herrn des Hauſes einzunehmen. Die Gewohnheit, welche Maldent angenommen, die Anderen auszuziehen, machte, daß er ſehr flink im Selbſtauskleiden war; in einem Nu lagen ſeine Klei⸗ der auf der Erde; er ſtieß ſie mit dem Fuße unter das Bett, hob die Decke auf und ſteckte ſich darunter. Es genügte aber Maldent nicht, von den Frem⸗ den für den Herrn des Hauſes gehalten zu werden; auch das böſe Weib, das ihn ſo unhöflich wegen ſei⸗ ner Ungeſchicklichkeit angefahren hatte, mußte nicht ſagen können, er ſei es nicht. Maldent empfahl ſeine Seele Gott, und ohne zu wiſſen, mit wem er es zu thun hatte, beeiferte er ſich, ſeiner Wirthin, jung oder alt, zu beweiſen, er ſei nicht geſtorben, wie ſie geglaubt oder vielmehr zu glauben ſich den Anſchein gegeben hatte. Das war eine Art, ſeine Proben abzulegen, welche der guten Dame ſehr gefiel; ſie war es auch, die ſich zuerſt über die Störung beklagte, als, nach⸗ dem ſie das Nachbarhaus, das nur von einer ſech⸗ zigjährigen alten Frau und einem kleinen Mädchen von neun bis zehn Jahren bewohnt wurde, viſitirt hatten, die Reiter, welche durchaus wiſſen wollten, wer der Mann geweſen, den ſie erblickt, und der ſo ſchnell verſchwunden, an die Thüre des Hauſes klopf⸗ ten, in das Maldent wirklich eingetreten war. 172 „Ahl mein Gott!“ ſagte die Frau,„was gibt es denn, Goſſeu?“ „Schön,“ ſagte Maldent zu ſich ſelbſt,„es ſcheint, ich heiße Goſſeu... Es iſt immerhin gut, das zu wiſſen.“ Und zu ſeiner Wirthin: „Was es gibt?... Eil ſieh doch ſelber nach.“ „Aber, Gottes Zorn! ſie werden die Thüre ein⸗ ſtoßen!“ „Gut, ſie mögen ſie einſtoßen,“ erwiederte Mal⸗ dent. Und ohne ſich um die Soldaten zu bekümmern, nahm der Abenteurer das unterbrochene Geſpräch, wo er es verlaſſen, wieder auf, ſo daß, als die Thüre unter den Stiefelſtößen der Reiter nachgab, Niemand, — und einen Augenblick ſeine Wirthin weniger als irgend Jemand,— das Recht hatte, ihm ſeinen Haus⸗ herrntitel ſtreitig zu machen. Die Reiter traten unter Flüchen und Gottes⸗ läſterungen ein; da ſie aber ſpaniſch fluchten und blasphemirten, und Maldent ihnen picardiſch ant⸗ wortete, ſo wurde der Dialog bald ſo verwirrt, daß die Soldaten es für zweckmäßig erachteten, ein Licht anzuzünden, damit man ſich wenigſtens ſehe, wenn man ſich nicht verſtehe. 8 Das war der kritiſche Augenblick: während ein Soldat Feuer ſchlug, hielt es auch Maldent für klug, mit zwei Worten ſeine Wirthin von der Lage der Dinge zu unterrichten. Zur Chre von dieſer müſſen wir ſagen: es war ihre erſte Bewegung, ſich nicht bei der Verſchwörung zu betheiligen. 3 173 „Ah!“ rief ſie,„Ihr ſeid nicht der arme Goſſeu! ... Macht Euch hurtig aus dem Staube, großer Landſtreicher!“ „Gut!“ verſetzte Maldent,„ich bin Goſſeu, da ich in ſeinem Bette bin.“ Es ſcheint, der Schluß dünkte der Wirthin von Maldent entſcheidend, denn ſie widerſetzte ſich nicht länger, und nachdem ſie beim Scheine des Lichtes, das Flamme gefaßt hatte, einen raſchen Blick auf ihren improviſirten Mann geworfen, murmelte ſie: „Es iſt keine Sünde ſo groß, ſie kann vergeben werden! Man muß nicht den Tod des Sünders wollen, wie das Evangelium unſeres Herrn ſagt!“ Und ſie drehte die Naſe auf die Seite des Bett⸗ ganges. Maldent benützte das Licht, das man gemacht, um auch umherzuſchauen. Er war im Hauſe eines wohlhabenden Bauern; Tiſch von Eichenholz, Schrank von Nußbaumholz, Vorhänge von Sarſche; auf einem Stuhle lag der vollſtändige Sonntagsanzug, den durch die Sorge der Hausfrau der wahre Goſſeu bei ſeiner Rückkehr finden ſollte. Die Soldaten ſchauten mit einem nicht minder raſchen und nicht minder beobachtenden Auge, und da nichts in der Welt bei ihnen Verdacht in Bezieh⸗ ung auf Maldent erregen konnte, ſo fingen ſie an unter ſich Spaniſch zu ſprechen, jedoch ohne Drohung, was Maldent leicht erkannt haben würde, ſelbſt wenn er das Spaniſche nicht ungefähr ſo gut verſtanden hätte, als er das Picardiſche verſtand. Es handelte ſich ganz einfach darum, ihn zum 174 Führer zu nehmen, weil die Soldaten von Savy nach Dallon ſich zu verirren befürchteten. Da er ſah, daß er keine andere Gefahr lief, als dieſe, und daß die Gefahr, die er lief, jede Chance zu entweichen gab, ſo miſchte ſich Maldent laut ins Geſpräch und ſagte: „Ahl meine Herren Soldaten, Ihr müßt Eure Zungen nicht ſo in Euren Mäulern abrackern... Nennt geſchwinde Euren Willen*).“ Der Anführer, der ein wenig mehr Franzöſiſch ſprach als die Anderen und die Rede von Maldent ungefähr begriff, näherte ſich dann dem Bette und gab ihm zu erkennen, was man von ihm wünſche, ſei, daß er vor Allem aufſtehe. Maldent ſchüttelte aber den Kopf und ſagte: „Ich kann nicht.“ „Wie, Du kannſt nicht?“ fragte der Anführer. „Nein.“ „Und warum nicht?“ „Weil ich, durch den Wald von Bourbatrie paſſirend, in einen Steinbruch geſtürzt bin und mir den Fuß verſtaucht habe.“ Hiebei machte Maldent mit dem Oberleibe und beiden Ellenbogen das Bild eines Menſchen, der hinkt. „Gut!“ verſetzte der Sergent,„dann wird man Dir ein Pferd geben.“ „Oh!“ erwiederte Maldent,„ich danke! Ich kann nicht reiten.“ 4) Auch zu den Spaniern ſpricht Maldent in picar⸗ diſchem Patois. car⸗ „Dann wirſt Du es lernen.“ „Nein, nein, nein!“ rief Maldent, immer ſtärker den Kopf ſchüttelnd,„ich ſteige auf kein Pferd.“ „Ah! Du ſteigſt auf kein Pferd!“ ſagte der Spanier, indem er ſich Maldent näherte und ſeine Peitſche aufhob;„wir wollen doch ſehen!“ „Ich will reiten, ich will reiten!“ rief Maldent, der aus ſeinem Bette ſprang und auf einem Beine hüpfte, als ob er wirklich nicht auf dem andern ſtehen könnte.. „Schön!“ ſprach der Spanier.„Und nun klei⸗ den wir uns behende ein!“ „Gut! gut!“ verſetzte Maldent;„ſchreit aber nicht ſo ſehr, ſonſt weckt Ihr meine arme Cath'⸗ reine auf, die das Fieber hat, weil ihr ein großer Zahn wächſt... Schlafe, meine arme Cath'reine! ſchlafe!“ Und immer auf einem Fuße hüpfend, warf Mal⸗ dent Cath'reine das Leintuch über den Kopf, und dieſe hatte nichts Beſſeres zu thun, als ſich ſchlafend zu ſtellen.— Maldent aber, da er den Kopf von Catherine mit einem Leintuche bedeckte, hatte ſeinen Gedanken; er hatte auf dem Stuhle die funkelneuen Kleider von Meiſter Goſſeu erſchielt und die wenig liebreiche Idee bekommen, dieſelben ſich anzueignen, ſtatt des ganz zerlumpten Soldatenkleides, das er vorſichtig unter das Bett geworfen. Er fand bei dieſer Subſtitution einen doppelten Vortheil: einmal daß er neue Hoſen und ein neues Wamms ſtatt eines alten Wammſes und alter Hoſen bekam; und dann, daß er als Bauer gekleidet war, 176 ſtatt als Militär gekleidet zu ſein, was ihm eine größere Sicherheit gab, um den Reſt ſeiner Reiſe zu vollbringen. Er begann alſo die Sonntagskleider des armen Goſſeu mit eben ſo viel Ruhe anzuziehen, als ob das Maß an ihm genommen worden wäre, und als ob er ſie aus ſeiner eigenen Börſe bezahlt hätte. Man begreift übrigens, daß Catherine durchaus nicht beſorgt war, zu ſchauen, was vorging; ſie hatte nur ein Verlangen: daß ihr falſcher Mann gehe, und zwar ſehr ſchnell. Maldent ſeinerſeits, der jeden Augenblick auf der Thürſchwelle den ächten Goſſeu erſcheinen zu ſehen befürchtete, ſputete ſich ſo gut er konnte. Selbſt die Soldaten, welche Eile hatten, nach Dallon zu kommen, halfen Maldent den Staat von Goſſeu anziehen. Nach zehn Minuten hatte man die Sache abge⸗ than. Es war ein Wunder, wie gut die Kleider von Goſſeu Maldent gingen; Maldent ſtieß ſich aber an einen Schemel und ließ aus ſeinen Händen das Licht fallen, das ſogleich erloſch. „Ah!“ ſagte er, gegen ſich ſelbſt brummend,„es gibt doch nichts Dümmeres auf der Welt, als einen Bauern, der keinen Verſtand hat*)!“ Und wie zu ſeiner eigenen Befriedigung fügte er halblaut bei: *) Dieſer Satz heißt, um ein Beiſpiel zu geben, im picardiſchen Patois: Ah! gnia ren d'pus béte au monne qu'ein paysan qui n'a pau- d'esprit. zu ſa 1, im béte sprit. 177 „Mit Ausnahme jedoch eines Soldaten, der viel zu haben glaubt.“ Dann nahm er einen weinerlichen Ton an und ſagte: „Auf Wiederſehen! meine arme Cath' reine*)! gute Nacht! ich gehel⸗ Und der falſche Goſſeu ſtützte ſich auf den Arm eines Soldaten und ging ab. Vor der Thüre fand er ein bereit ſtehendes Pferd. Es war eine ſchwere Aufgabe, Maldent auf das Pferd zu bringen; er verlangte mit gewaltigem Ge⸗ ſchrei einen Eſel oder eine Eſelin; drei Männer muß⸗ ten ihn aufheben, daß es ihm gelang, rittlings auf den Sattel zu kommen. Als er im Sattel war, ging es noch ſchlimmer! Sobald das Pferd ſich in Trab zu ſetzen drohte, ſtieß Maldent klägliche Schreie aus, klammerte ſich er⸗ barmungswürdig an den Sattelbogen an und zog den Zügel ſo ſtark zurück, daß das arme Thier, ganz er⸗ ſchrocken, ſeinerſeits Alles that, was es konnte, um ſich eines ſo unangenehmen Reiters zu entledigen. Eine Folge hievon war, daß an einer Straßen⸗ ecke das Pferd den doppelten Umſtand, daß ihm der Sergent einen kräftigen Peitſchenhieb auf das Kreuz gab und zu gleicher Zeit Maldent ihm den Zügel nachließ und die Sporen in den Bauch ſtieß, benützte, um in dreifachem Galoppe davonzujagen. Maldent ſchrie aus Leibeskräften um Hülfe; doch *) A r'vir, ma Dov Cath reine! Dumas, der A. II.. 12 178 ehe man Zeit gehabt hatte, ihm beizuſtehen, waren Roß und Reiter völlig verſchwunden. Die Komödie war ſo gut geſpielt, daß erſt, nach⸗ dem das Geräuſch der Tritte völlig erloſchen, die Spanier zu begreifen anfingen, ſie ſeien die Geprell⸗ ten ihres Führers, der ſie, wie man ſieht, nicht lange geführt hatte. So war Maldent mit einem Schwadronpferde und einem Bauernanzuge nach la Foôre gekommen, und man hätte ihn beinahe eingekerkert, gehenkt oder gerädert, in Folge der Anomalie, welche zwiſchen ſeinem Reitthiere und ſeinem Coſtume beſtand. Nun bleibt uns noch zu erklären, wie der Brief von Coligny in die Hände von Emanuel Philibert gefallen war, was zugleich minder kitzelig und leich⸗ ter zu erzählen iſt. Zwei Stunden nach dem Abgange des falſchen Goſſeu war der ächte Goſſeu nach Hauſe gekommen: er hatte das Dorf im Aufruhr und ſeine Frau in Thränen gefunden. Die arme Cath'reine erzählte Jedermann, wie ein Räuber bei ihr eingedrungen ſei, — da ſie die Unvorſichtigkeit begangen, ihren Mann erwartend ihre Thüre nicht zu ſchließen,— und ſie mit der Piſtole in der Hand gezwungen habe, ihm die Kleider von Goſſeu zu geben, die der Schurke ohne Zweifel nöthig gehabt, um ſich den Nachforſchungen der Gerichte zu entziehen;— denn ein Menſch, der fähig, eine ſolche Gewaltthat gegen eine arme Frau zu begehen, konnte nur ein großer Verbrecher ſein! So gewaltig nun auch der Zorn des ächten Goſſeu war, der ſich auf eine ſo unverſchämte Art ſeiner neuen Kleider beraubt ſah, ſo konnte er doch nicht ren nch⸗ die ell⸗ nge rde nen, der hen rief bert ich⸗ hen gen. in hlte ſei, ann ſie die hne gen der rau ein! ſſeu iner iicht 179 umhin, ſeine Frau zu tröſten, welche mit einer ſo großen Verzweiflung rang; dann kam ihm der glück⸗ liche Gedanke, wenn er in den Taſchen der ſtatt ſei⸗ ner ſchönen neuen Kleider zurückgelaſſenen Lumpen ſtöre, finde er vielleicht irgend einen Aufſchluß, der ihn in der Aufſuchung ſeines ſchändlichen Diebes unterſtützen werde. Und er fand in der That den vom Admiral an ſeinen Oheim Herrn von Mont⸗ morency adreſſirten Brief, den der Abenteurer in ſeinem Wammſe vergeſſen hatte,— ein Vergeſſen, um das ſich dieſer wenig bekümmerte, da er den In⸗ halt auswendig wußte und ihn dem Connetable münd⸗ lich zu wiederholen bereit war. Man hat übrigens geſehen, daß der Mangel die⸗ ſes Briefes beinahe unglücklich für ihn abgelaufen wäre. Der erſte Gedanke des ächten Goſſeu, eines im Grunde ehrlichen Mannes, war, dieſen Brief an ſeine Adreſſe zu bringen; doch er bedachte, daß er, ſtatt ſeinen Dieb zu beſtrafen, dieſem einen Dienſt erwies, da er die Aufträge beſorgte, welche derſelbe zu beſorgen vernachläßigte, und der Haß, dieſer ſchlimme Rathgeber, blies ihm die Inſpiration ein, ihn zu Emanuel Philibert, das heißt, zum Feinde des Con⸗ netable zu tragen. Auf dieſe Art hätte der Bote nicht die Freude, ſeinen Auftrag beſorgt zu ſehen, ſondern er würde im Gegentheile mit Ruthen gepeitſcht, eingeſperrt, erſchoſſen werden, da im Connetable die Vermuthung, er habe ihn verrathen, entſtehen müßte. Wir müſſen ſagen, daß Goſſeu eine Zeit lang zwiſchen der erſten Bewegung und der zweiten ſchwankte; 180 doch als hätte er das Axiom gekannt, das drei Jahrhunderte ſpäter Herr von Talleyrand ausſpre⸗ chen ſollte, kämpfte er ſiegreich gegen ſeine erſte Be⸗ wegung, welche die gute war, und hatte den Ruhm, der zweiten nachzugeben, welche die ſchlechte war. Dem zu Folge, als es Tag geworden, begab er ſich, trotz der Bitten ſeiner Frau, die gutmüthig ge⸗ nug, ihn zu Gunſten dieſes Verruchten anzuflehen, auf den Weg und ſagte: „Ahl Cath'reine, laß mich in Ruhe mit dieſem Burſchen... Nein, nein, nein, das iſt aus und vorbei. Ich habe mir in den Kopf geſetzt, daß er gehenkt werden ſoll, und er wird in Saint⸗Quentin abfahren!“ Und ſeinen Entſchluß behauptend, brachte der halsſtarrige Picarder wirklich das Papier Emanuel Philibert, und dieſer machte ſich kein Gewiſſen dar⸗ aus, den Brief zu öffnen, aus welchem er die dem Herrn Connetable für die Verſtärkung, die man ſich von ihm erbat, von Herrn von Coligny vorgezeich⸗ nete Marſchroute erſah. Emanuel Philibert belohnte reichlich Goſſeu und ſchickte ihn nach Hauſe mit dem Verſprechen, er werde gerächt werden. Nichtsdeſtoweniger machte der Herzog von Sa⸗ voyen, ſo lange der Tag währte, keine Demonſtra⸗ tion, welche konnte glauben laſſen, er muthmaße das Project des Connetable; aber bedenkend, der Admiral habe ſich nicht darauf beſchränkt, daß er einen ein⸗ zigen Boten an ſeinen Oheim abgeſandt, und dieſer müſſe wenigſtens drei oder vier bekommen haben, ließ er, ſobald es Abend geworden war, fünfzig — — Æ S EEREAUl S ſem und er ntin der nuel dar⸗ dem ſich eich⸗ und erde — Sa⸗ ſtra⸗ das niral ein⸗ ieſer iben, nfzig! 181 Pionniere abgehen, und, in den Thälern von Rau⸗ court und Saint⸗Phal, die Wege von Savy und Ham durch breite Gräben flankirt mit Barricaden durchſchneiden.— Dann legte er hier die beſten ſpaniſchen Büch⸗ ſenſchützen in Hinterhalt. Die Nacht verging, ohne daß man etwas hörte. Emanuel Philibert erwartete dies, wohl vermu⸗ thend, der Connetable habe Zeit gebraucht, um ſeine Anordnungen zu treffen, und die Komödie werde, wie der Admiral ſagte, erſt am andern Tage los⸗ gehen. Am andern Abend waren die ſpaniſchen Büch⸗ ſenſchützen auch auf ihren Poſten. Doch es war nicht genug, daß man dieſen Ent⸗ ſatz in die Stadt zu kommen verhinderte. Emanuel Philibert hatte gedacht, um das Einrücken der Fran⸗ zoſen in Saint⸗Quentin zu begünſtigen, werde ſich die ganze Garniſon nach dem Faubourg de Ponthoille begeben und die übrigen Punkte entblößen; der Wall des Vieux⸗Marché beſonders, der ſeit zwei Tagen vom Feuer der flämiſchen Batterien bedroht zu wer⸗ den aufgehört, werde noch mehr entblößt ſein als die anderen, und er hatte eine Ueberrumpelung für dieſelbe Nacht befohlen. Wir haben geſehen, wie der Zufall, der in Pri⸗ vatangelegenheiten Yvonnet, gefolgt von den zwei Scharfenſtein, auf den Wall des Vieux⸗Marché ge⸗ führt, dieſen Ueberfall ſcheitern machte. Doch während der Ueberfall ſcheiterte, glückte zu gleicher Zeit, als Erſatz, der Hinterhalt, und zwar grauſamer Weiſe für die Belagerten, denen dieſer 182 günſtige Erfolg des Feindes ihre letzte Hoffnung benahm. Dreimal verſuchte es Dandelot, den An⸗ griff erneuernd, die Feuermauer zu überſteigen, die ihn von der Stadt trennte; dreimal wurde er zurück⸗ geſchlagen, ohne daß die Belagerten, in der Nacht und unwiſſend hinſichtlich der vom Herzog von Sa⸗ voyen getroffenen Dispoſitionen, es wagten, die Stadt zu verlaſſen und ihnen Hülfe zu bringen. Decimirt durch die Kugeln, zerſtreuten ſich endlich die drei⸗ bis viertauſend Mann, welche Dandelot anführte, auf der Ebene, und mit nur fünf bis ſechshundert kehrte er am andern Tage zum Connetable zurück; er er⸗ zählte ihm ſeine Niederlage, und der Connetable, nach⸗ dem er ihn brummend angehört, ſchwor, da die Spa⸗ nier ihn zwingen, perſönlich aufzutreten, ſo werde er ſie ein Stück vom alten Kriege lehren.— Von dieſem Augenblicke an entſchloß ſich alſo der Connetable, in Perſon und mit ſeinem ganzen Heere, — das übrigens an Zahl nicht dem Fünftel des ſpaniſchen Heeres gleich war,— Succurs an Mann⸗ ſchaft und Proviant der Stadt Saint⸗Quentin zu bringen. Es war am andern Tage ein entſetzlicher Schlag für die Belagerten, dieſe doppelte Kunde von der Ueberrumpelung, der ſie entgangen, und von dem Kampfe, bei dem der Entſatz, welchen ihnen der Bru⸗ der des Admirals zuführte, unterlegen war. Sie ſahen ſich alſo auf ihre eigenen Kräfte an⸗- gewieſen, und man hat geſehen, wie es mit ihren Kräften ſtand. Es war Maldent, der, nachdem er durch den Mund von Dandelot ſelbſt über die Art, wie er ſich benommen, freigeſprochen worden, querfeldein eilte und Morgens um drei Uhr an das Ponthoille⸗Thor klopfte. Die letzten Worte von Dandelot, Worte beſtimmt, ſeinem Bruder überbracht zu werden, waren gewe⸗ ſen, er möge nicht verzweifeln, und wenn der Ad⸗ miral ein anderes Mittel finde, um der Stadt Suc⸗ curs zu bringen, ſo könne er es ihm durch Mal⸗ dent bezeichnen. Das war ein Verſprechen, doch ein zu unbe⸗ ſtimmtes Verſprechen, daß man darauf irgend eine Hoffnung bauen konnte. Coligny fand es alſo ein⸗ facher, während er am anderen Tage dem Schöppen und dem Bürgermeiſter die mehr als ernſte Lage, in der man ſich befand, auseinanderſetzte, nicht ein Wort von dieſem Verſprechen zu ſagen. Die Bürger, wie Coligny in ſeinen Denkwürdig⸗ keiten erzählt, fingen damit an, daß ſie ſich ein wenig verwunderten; bald aber vereinigten ſie ſich, und der Admiral konnte, von ihnen unterſtützt, neue Maßregeln treffen. Viele arme Leute von der Umgegend hatten ſich aus Furcht vor dem Plündern,— eine Uebung, in der ſich die Spanier ihrem Rufe nach auszeichne⸗ ten,— wie geſagt, in die Stadt geflüchtet und da⸗ hin ihre koſtbarſte Habe gebracht. Unter der Zahl derjenigen, welche dieſe Gaſtfreundſchaft von Saint⸗ Quentin verlangt hatten, waren zwei Herren von edlem Hauſe und an den Krieg gewöhnt: die Sires von Coulaincourt und von Amerval. Coligny berief ſie zu ſich und forderte ſie auf, jeder ein Banner an dem Platze des Stadthauſes 184 aufzupflanzen und ſeine Anwerbungen zu machen, mit dem Verſprechen, jedem Manne, der ſich anwer⸗ ben ließe, einen Thaler Handgeld und ein Quartal zum Voraus zu bezahlen. Die zwei Edelleute willigten ein; ſie pflanzten jeder ſeinerſeits ein Banner auf, und nach Verlauf von vier bis fünf Stunden hatten ſie zweihundert und zwanzig Mann angeworben, welche, wie Coligny ſelbſt geſteht, ziemlich gut bewaffnet und in guter Equipage für den Ort waren. Der Admiral hielt noch an demſelben Abend Muſterung über ſie und ließ ihnen das Handgeld und das verſprochene Quartal zuſtellen. Sodann, da er dachte, es ſei der Augenblick ge⸗ kommen, zu den ſtrengen Maßregeln zu greifen, und da ihn der geringe Proviant, den die Stadt enthielt, zwang, alle unnütze Mäuler daraus zu entfernen, ließ er beim Schalle der Trompeten verkündigen, alle der Stadt Saint⸗Quentin fremde Männer oder Weiber, die ſich dahin aus den umliegenden Dör⸗ fern kommend geflüchtet, haben ſich zum Arbeiten an den Reparaturen anwerben zu laſſen, bei Strafe des Peitſchens das erſte Mal, da man ſie bei Verletzung des Befehls treffen würde, und des Henkens beim zweiten Male,„wenn ſie ſich,“ fügt die Bekannt⸗ machung bei,„nicht lieber eine Stunde vor Nacht am Ham⸗Thore verſammeln wollten, das man ihnen öffnen werde, damit ſie ſich entfernen könnten.“ Zum Unglücke für dieſe armen Leute, von denen die Mehrzahl die Entfernung der Arbeit vorzog, hatte man am Tage die Trommeln raſſeln, die Trom⸗ peten ſchmettern hören, und man hatte von der Seite ——,.,————.- 2— 185 von Cambray kommend eine neue blau gekleidete Truppe erblickt. Das war das zwölftauſend Mann ſtarke eng⸗ liſche Heer, welches ſich mit dem des Herzogs von Sa⸗ voyen verband und die Lagerplätze beſetzte, die man für daſſelbe bereit gehalten hatte; zwei Stunden nach⸗ her vervollſtändigte es die Blokade der Stadt, mas⸗ kirte ihre vierte Seite und erſtreckte ſich vom Fau⸗ bourg d'Isle bis Florimont. Die drei Generale, die es commandirten, waren Pembroke, Clinſon und Grey. Es ſchleppte in ſeinem Gefolge fünfundzwanzig Kanonen und beſaß ſo für ſich allein eine Artillerie doppelt ſo ſtark, als die, welche der Admiral auf dem ganzen Umkreiſe der Wälle der Stadt hatte ver⸗ zetteln müſſen. Von den Mauern herab betrachteten die Ein⸗ wohner mit Beſtürzung dieſe dritte Armee, welche ankam, um ſich mit den zwei andern zu vereinigen; doch der Admiral trat unter die Menge und ſprach: „Auf, Ihr braven Leute von Saint⸗Quentin, Muth! Ihr könnt nicht denken, ich ſei unter Euch gekommen, und ich habe ſo viele rechtſchaffene Men⸗ ſchen hierher geführt, um mich ins Verderben zu ſtürzen und ſie mit mir... Wären wir auch auf uns ſelbſt beſchränkt, bei meinem Worte, mit Unter⸗ ſtützung Eurer Beharrlichkeit halte ich die Garniſon für zureichend, um uns gegen unſere Feinde zu ver⸗ theidigen!“ Und hinter ihm erhoben ſich die Stirnen wie⸗ der, die Augen glänzten, und die Niedergeſchlagen⸗ ſten ſagten zu einander: 186 „Nun alſo Muth! Es wird uns nichts Schlim⸗ meres widerfahren, als dem Herrn Admiral, und da der Herr Admiral für Alles ſteht, ſo wollen wir uns auf ſein Wort verlaſſen!“ Doch es war nicht ſo mit den armen Bauern, die der Stadt fremd, und die, da ſie nicht die Ge⸗ fahr einer dem Feuer des Feindes ausgeſetzten Ar⸗ beit laufen wollten, aus der Stadt abzuziehen ſich bereit gehalten hatten. Die Ankunft des engliſchen Heeres hatte ihnen die Thore derſelben geſchloſſen, und bei der Wahl zwiſchen zwei Gefahren entſchloſſen ſich Viele, der zu trotzen, welche die Ausbeſſerungs⸗ arbeiten an den Mauern boten. Die Anderen beharrten dabei, daß ſie die Stadt verlaſſen wollten, und wurden vor das Ham⸗Thor gebracht. Sie waren ihrer über ſiebenhundert. Vierundzwanzig Stunden lang blieben dieſe Un⸗ glücklichen in den Gräben liegen, da ſie nicht durch die engliſche oder die ſpaniſche Armee zu ziehen wag⸗ ten; endlich aber nöthigte ſie der Hunger hiezu, und am Abend des zweiten Tages rückten ſie, zu zwei und zwei, den Kopf geſenkt, die Hände gefaltet, gegen die feindlichen Linien vor. Es war ein entſetzliches Schauſpiel für die Leute der Stadt, dieſe Unglücklichen wie eine Heerde von den ſpaniſchen oder engliſchen Soldaten umringt, durch gewaltige Schläge mit Piekenſchäften ins Lager getrieben und vergebens um Barmherzigkeit flehend zu ſehen. Alles weinte um den Admiral. Er aber ſagte: „Das war lauter Abladung, denn ich mußte ſie ent⸗ weder ernähren oder Hungers ſterben laſſen.“ Am Abend hielt Coligny Rath mit den guten Leuten von Saint⸗Quentin. Nun, da die Stadt völlig blokirt war, handelte es ſich darum, eine Paſſage zu finden, durch welche der Connetable einen neuen Entſatzverſuch machen konnte. Man entſchloß ſich zu der Paſſage der Somme durch die Sümpfe von Grosnard. Die Sümpfe waren ſehr gefährlich wegen ihrer tiefen Gruben und Schlammlöcher; doch an dieſe Sümpfe, die man für unpractikabel hielt, gewöhnte Jäger erklärten, wenn man ihnen fünfzig mit Fa⸗ ſchinen beladene Leute geben wollte, ſo würden ſie es noch in derſelben Nacht verſuchen, eine ungefähr zehn Fuß breite, eine Chauſſee mitten durch die Sümpfe bildende, bis an die Somme laufende Paſſage herzuſtellen. Was das linke Ufer betreffe, ſo brauche man ſich nicht darum zu bekümmern: dieſes ſei prac⸗ tikabel. Der Admiral geſellte Maldent den Arbeitern bei; er gab ihm einen Brief für ſeinen Oheim; in dieſem Briefe entwarf er dem Connetable einen Plan von den Oertlichkeiten, und er bezeichnete ihm, daß man ſich nicht täuſchen konnte, den Punkt, wo die Ein⸗ ſchiffung ſtattfinden mußte; nur empfahl er ihm, ſich mit flachen Böten zu verſehen, weil er bloß vier dienſtfähige Nachen beſitze und dieſe vier Nachen meiſtens kaum vier Mann faſſen. Würde die Chauſſee in der Nacht gemacht, ſo ſollte Maldent durch die Somme ſchwimmen und ſich zum Connetable begeben. Bekam er eine dringliche 188 Antwort, ſo ſollte er ſie auf dieſelbe Art zurück⸗ bringen. Um zwei Uhr kamen Jäger und Arbeiter zurück und ſagten, es ſei ein Weg gebahnt, auf dem kühn ſechs Mann neben einander gehen können. Die Arbeit war ohne irgend eine Störung voll⸗ bracht worden; die Ingenieurs, welche dieſe Sümpfe für den Herzog von Savoyen ſondirt hatten, hatten ihm berichtet, es wäre Wahnſinn von einem Trup⸗ pencorps, ſich darein zu wagen. Maldent war durch den Fluß geſchwommen und hatte ſich querfeldein nach la Fèͤre gewendet. Alles ging auf dieſer Seite gut, ſo gut als möglich, und das war eine, allerdings, ſchwache Hoff⸗ nung, die man aber im Vertrauen auf den Herrn mußte wachſen laſſen. Bei Tagesanbruch war der Admiral auf der Plattform der Collegialkirche. Das war am 9. Mor⸗ gens. Von dieſem hohen Punkte aus beherrſchte er das dreifache feindliche Lager und ſah alle Arbeiten der Belagerer. Seit den vierundzwanzig Stunden, daß Coligny ſein Obſervatorium nicht beſtiegen, hatten die Spa⸗ nier ihr Werk teufelmäßig beſchleunigt, und man ſah an den friſchen Erdhaufen, die ſich auf der Seite von Rémicourt erhoben, daß ihre Pionniere bei der Arbeit waren. Der Admiral ließ ſogleich einen vortrefflichen engliſchen Mineur, Namens Lauxfort, holen und fragte ihn, was er von den Arbeiten denke, welche die Feinde ausführen; dieſer war der Meinung, das ſei der Anfang einer Mine. Doch er beruhigte den 189 Admiral, indem er ihm ſagte, glücklicher Weiſe habe er ſelbſt ſeit ein paar Tagen ſo zweckdienlich zu con⸗ treminiren angefangen, daß er es auf ſich nehme, mit dieſer Arbeit des Feindes, welche den Admiral beunruhige, fertig zu werden. Doch zu gleicher Zeit mit dieſer Mine vollführten die Spanier eine andere Arbeit, welche nicht minder beunruhigend war: ſie gruben ihre Trancheen, und dieſe Trancheen näherten ſich,— allerdings langſam, doch ohne daß man ſich ihren Fortſchritten widerſetzen konnte,— der Stadt. Solche Trancheen waren es drei; alle drei be⸗ drohten den Rémicourt⸗Wall, gegen den ſie im Zick⸗ zack vorrückten: die eine dem Waſſerthurme gegen⸗ über, die andere dem Rémicourt⸗Thore gegenüber, die dritte dem rothen Thurme gegenüber. Der Admiral konnte ſich nicht wirkſam dieſen Trancheen widerſetzen; er hätte Mannſchaft genug haben müſſen, um Ausfälle zu machen und ſie zu zerſtören; Büchſenſchützen genug, um dieſe Ausfälle zu unterſtützen und den Rückzug zu decken; er hatte aber, wie geſagt, mit den neuen Rekruten kaum ſechs⸗ bis ſiebenhundert Mann, und alle Gewehre zuſam⸗ mentreibend, hatte er ſich nicht vierzig Büchſen zu verſchaffen vermocht; ſo daß er, wie er ſelbſt ſagt, kein Mittel beſaß, dieſen Arbeiten ein Hin⸗ derniß entgegenzuſtellen, worüber er ſehr betrübt war. Alles, was der Admiral thun konnte, war daher, ſo gut es ging wiederherzuſtellen, was die Spanier zerſtörten. Bald aber wurden dieſe Wiederherſtellungsar⸗ 190 beiten unmöglich. Am Tage des 9. hörte man eine neue Batterie donnern, und dieſe Batterie, welche auf der Plattform der Abtei von Saint⸗Quentin⸗en⸗ Isle errichtet war und den Rémicourt⸗Wall ſchief beſtrich, erlaubte kaum mehr Reparaturen, denn kein Arbeiter wollte ſich dahin wagen. Da aber dieſe Reparaturen um ſo dringlicher wurden, je bedeutender die Verwüſtungen des feindlichen Geſchützes waren, ſo fing der Admiral an den Stock zu gebrauchen; doch er ſah, daß das, unter anderen Umſtänden ſo wirkſame, Mittel bei dieſem unzulänglich war, und ſo machte man eine Liſte von Pionnieren, denen man einen Thaler täglich und eine gute Nahrung verſprach. Dieſe doppelte Lockſpeiſe, wie der Admiral ſagt, beſtimmte ungefähr hundert Arbeiter, ſich an⸗ werben zu laſſen. Maldent ſeinerſeits war wohlbehalten in la Foͤre angekommen, und ſobald der Connetable erfahren hatte, in welcher Noth ſich ſein Neffe befand, und wie die durch die Sümpfe ausgeführten Arbeiten es ihm leicht machten, demſelben Beiſtand zu bringen, hatte er ſich entſchloſſen, unverzüglich die Oertlich⸗ keiten ſelbſt zu beſichtigen. Dem zu Folge ging er eine Stunde nach der Ankunft von Maldent in la Fore an der Spitze von zweitauſend Mann Reiterei und viertauſend Mann Fußvolk ab und marſchirte bis Eſſigny⸗le⸗Grand, wo er Halt machte. Hier, nachdem er ſein Heer in Schlachtordnung aufgeſtellt, ſchickte er drei Officiere voran mit dem Auftrage, die Stellung der Spanier zu ſtudiren und zu ermeſſen, welche Entfernung ihre Vorpoſten von 191 der Stadt und dem Fluſſe trennte; dann rückte er ſelbſt mit ſeinen erfahrenſten Kapitänen ſo nahe als möglich zu den Sümpfen der Somme, das heißt bis zum Dorfe Gruois, vor. Die auf Recognoscirung abgeſchickten drei Offi⸗ ciere konnten, an einem Poſten von ſpaniſchen Büch⸗ ſenſchützen vorüberreitend, die Abbiette erreichen; nachdem ſie die Sümpfe von Gauchy recognosecirt und die Zugänge der Somme ſondirt hatten, kamen ſie zum Connetable zurück und beſtätigten Alles, was Maldent geſagt. Sogleich erhielt dieſer vom Connetable einen Brief an Coligny, der ihm anzeigte, er brauche ſich um nichts Anderes mehr zu bekümmern, als daß er ſich noch einen oder zwei Tage gut halte, und der verlangte Succurs werde ihm ſchleunigſt zukommen. Der Admiral war alſo aufgefordert, gut Wache zu halten, damit, zu welcher Stunde des Tages dieſer Succurs ihm zukäme, man ihn nicht vor den Thoren warten ließe. Dem zu Folge, und da in allen Fällen der Succurs von der Seite von Tourival kommen mußte, verdoppelte der Admiral die Poſten auf dieſer Seite und ließ viele Leitern unter die Schoppen des Pul⸗ vermagazins tragen, damit die Ankommenden zugleich durch das Sainte⸗Catherine⸗Schlupfthor eingehen und über die Mauer ſteigen könnten. Der Connetable traf mit ſeinem Heere in Eſſigny⸗ le⸗Grand, ungefähr in dem Augenblicke, wo Maldent in die Stadt zurückkehrte, wieder zuſammen. Der Entſchluß des Connetable war, Saint⸗Quen⸗ tin offen und am hellen Tage zu Hülfe zu kommen. 192 Die Liſt und die Finſterniß hatten das Unternehmen ein erſtes Mal ſo ſchlecht unterſtützt, daß er an die zwei großen Hülfsmittel des Muthes, das Licht der Sonne und die offene Stärke, appellirte. Der Connetable kehrte alſo nach la Fore zurück, verſammelte hier ſein Fußvolk, ſeine Reiterei, ſeine Artillerie, fünfzehn Kanonen, und ließ dem Marſchall von Saint⸗André, der ſich in Ham befand, den Be⸗ fehl zukommen, er habe ſich am 10. Auguſt früh⸗ zeitig auf dem Wege von la Fere nach Saint⸗Quentin mit ihm zu vereinigen. Nachdem er ſeine Botſchaft Coligny übergeben, kehrte Maldent unmittelbar zu dem Zelte der Aben⸗ teurer zurück. Er fand Jeden auf ſeinem Poſten; alle Geſichter waren lachend. Die Geſchäfte von Yvonnet gingen vortrefflich. Fracaſſo hatte den Infinitiv vom Ver⸗ bum perdre mit dem Particip der vergangenen Zeit vertauſcht, was ihm perdu gab, einen Reim, auf den er ſogleich pendu gefunden. Die zwei Scharfen⸗ ſtein hatten ſich eine kleine Induſtrie geſchaffen, die ihnen einen ziemlich ſchönen Nutzen eintrug: ſie mach⸗ ten mit einander nächtliche Ausfälle, legten ſich an den Paſſagen, welche von einem Lager in das an⸗ dere führten, in Hinterhalt, und hier erwarteten ſie mit einem großen Flegel von ihrer Erfindung, mit dem ſie auf die Entfernung von zehn Fuß treffen konnten, die Vorübergehenden, welche auf das Genick einen von Franz oder von Heinrich verſetzten Streich er⸗ hielten, ſo daß ſie ohne ach! zu ſagen niederſtürzten. Da nun die Spanier und die Flamänder kurz zuvor ihren rückſtändigen Sold und eine Feldzugseröffnungs⸗ 1 193 Gratification erhalten hatten, ſo zogen die beiden Rieſen den todten oder ohnmächtigen Mann an ſich, und plünderten ihn; war er todt, ſo erwachte er nicht; war er nur ohnmächtig, ſo erwachte er zu⸗ ſammengebunden wie eine Wurſt und mit einem Knebel im Munde, an der Seite von drei bis vier wie er gebundenen und geknebelten Gefährten. So⸗ dann, wenn die Stunde kam, ſich ſchlafen zu legen, luden die zwei Scharfenſtein auf ihre Schultern ihre drei bis vier Gefangenen, und ſo dürftig auch das Löſegeld war, unſere Deutſchen, als Leute von Ordnung, führten es beim Haben der Geſellſchaft auf. Procope übte fortwährend ſeine Induſtrie als Winkelnotar und Anwalt in partibus; er konnte nicht genug Teſtamente machen; er hatte auch ſeinen Preis verdoppelt und machte nur noch um ſechs Livres. Lactance räumte nach und nach den Keller der Jacobiner aus, der als der beſte in der Gegend bekannt war, und ließ ihn unter das Zelt der Aben⸗ teurer übergehen. Pilletrouſſe kam mit Börſen zu⸗ rück, die er in Huftritten gefunden zu haben be⸗ hauptete, und mit Mänteln, von denen er verſicherte, er habe ſie auf Weichſteinen entdeckt... Die Geld⸗ angelegenheiten wie die Liebesangelegenheiten gingen alſo vortrefflich; das Gold ſtrömte von allen Seiten herbei und verſprach, obgleich dies in kleinen Bächen geſchah, einen ſo großen Fluß zu machen, daß, wenn der Krieg nur noch ein paar Jahre dauerte, Jeder von unſeren Abenteurern mit einem anſtändigen Ver⸗ mögen ſich zurückziehen und im Frieden und mit Achtung der natürlichen Neigung folgen könnte, die den Einen zur Liebe, den Andern zur Poeſie hinriß. Dumas, der Page. II. 13 194 Das Lächeln war auf allen Lippen, mit Aus⸗ nahme von denen des armen Malemort. Malemort winſelte elendiglich: nie hatte er ſolche Seufzer vernehmen laſſen. Nicht, daß es ihm ſchlecht ging, im Gegentheile: aber Malemort hatte nach — dem Spruche von Sokrates: Iuοα σειαντο(lerne dich ſelbſt kennen), ein nicht pſychologiſches, ſondern anatomiſches Studium ſeiner ſelbſt gemacht; er kannte ſich aus dem Grunde; er fühlte eine entſcheidende Affaire kommen, und ſo raſch ſein Fleiſch vernarbte, ſah er doch klar, es werde ihm ganz unmöglich ſein, da⸗ bei ſeine Rolle zu ſpielen und eine neue Schramme zu erwiſchen. Maldent, indem er im Vertrauen die nahe be⸗ V vorſtehende Ankunft des Connetable verkündigte, ſteigerte die Verzweiflung ſeines Gefährten auf den höchſten Grad.. Es war die Stunde des Abendbrods; die Aben⸗ teurer ſetzten ſich zu Tiſche. Vermöge der tauſend Hülfsquellen ihrer Einbildungskraft war dieſer Tiſch ſicherlich beſſer beſtellt als der des Admirals. Der Wein beſonders, den, wie geſagt, Bruder Lactance lieferte, war zugleich köſtlich und im Ueberfluſſe vor⸗ handen. Man erſchöpfte alle Geſundheiten. Man trank zuerſt auf die gute Rückkehr von Maldent; auf das Sonnett von Fracaſſo, das ge⸗ diehen war; auf die Geſundheit von Malemort, dann auf die des Königs, dann auf die des Herrn Ad⸗ mirals, dann auf die von Mademoiſelle Gudule; endlich— ſagen wir es, das war eine Erinnerung von Maldent,— auf die der armen Catherine Goſſeu. zw der nme be⸗ igte, den ben⸗ ſend Tiſch Der ance vor⸗ 195 Nur die Scharfenſtein, welche keine Leichtigkeit des Vortrags beſaßen, hatten wohl getrunken, und zwar ihrer zwei mehr getrunken, als die ſieben An⸗ deren, aber noch keine Geſundheit ausgebracht. Endlich erhob ſich Heinrich, ſein volles Glas in der Hand, den Mund lächelnd unter ſeinem dicken Schnurrbarte, das Auge funkelnd unter ſeinen ſtarken Brauen, und ſprach: „Kameraden, ich ſchlage eine Geſundheit vor.“ „Stille, meine Herren!“ riefen die Abenteurer, „Heinrich ſchlägt eine Geſundheit vor!“ „Und ich auch,“ ſagte Franz. „nd Franz auch!“ riefen die Abenteurer. „Welche, Franz? Sprich zuerſt! das Wort gehört dem Jüngeren.“ „Die, welche mein Oheim vorſchlagen wird.“ „Ahl bravo!“ riefen die Abenteurer;„ein ehr⸗ furchtsvoller Neffe wie immer!... Laß Deine Ge⸗ ſundheit hören, Heinrich.“ „Ich ſchlage die Geſundheit des tugendhaften jungen Mannes vor, der uns fünfhundert Goldtha⸗ ler für das fragliche Geſchäftchen geboten hat... Ihr wißt...*).“ *) Wir geben hier als Beiſpiel vom Jargon der bei⸗ den Deutſchen obigen Satz dem Original getreu: Che brobose la zanté te ce fertueux cheune homme gui est fenu nous ovyrir cing zents égus d'or bour la bédide avvaire en guesdion.-. fous safez... 196 Und er machte die ein wenig gemeine Geberde eines Menſchen, der ein Kaninchen tödtet. „Ah! ja,“ ſprach Ywonnet, der Baſtard von Waldeck... Gut! wir haben ihn nicht wiedergeſehen; V er hat uns kein Handgeld hinterlaſſen, und uns nicht geſagt, an welchem Tage wir ihm gehören ſollten.“ „Gleichviel!“ verſetzte Heinrich,„er hat ſein Wort verpfändet, und ein Deutſcher hat nur ſein Wort: er wird kommen, er wird ſein Handgeld geben und uns einen Tag beſtimmen.“ „Ich danke, daß Du Dich für mich verbürgſt, Heinrich!“ erwiederte eine Stimme von der Thüre des Zeltes. Die Abenteurer wandten ſich um. 5 „Meine Herren,“ ſagte der Baſtard von Waldeck vortretend,„hier ſind die hundert Goldthaler, die ich Euch als Handgeld verſprochen habe, und Ihr gehört mir mit Leib und Seele für den ganzen mor⸗ gigen Tag, oder vielmehr für heute, denn es iſt ein Uhr Morgens.“ Und er warf hundert Goldthaler auf den Tiſch, nahm das Glas, das zu ſeinem großen Bedauern Malemort voll gelaſſen hatte, und ſprach: „Meine Herren thun wir dem wackern Heinrich Beſcheid... Trinken wir auf das Gelingen des Geſchäftchens!“ Die Abenteurer tranken freudig auf das Gelingen des Geſchäftchens, was nichts Anderes war als der Tod von Emanuel Philibert. erde von hen; uns ören Vort vort: und rgſt, hüre aldeck die Ihr mor⸗ t ein Tiſch zuern nrich des ngen 3 der 197 XIX. Die St. Laurent⸗Schlacht. Kehren wir zum Connetable zurück. An demſelben Tage,— denn es hatte, wie dies vom Baſtard von Waldeck richtig bemerkt worden war, die erſte Stunde vom 10. Auguſt 1557 in dem Augenblicke, wo er ſeinen Toaſt ausbrachte, geſchlagen,— an demſelben Tage, gegen ſieben Uhr Morgens, bewerkſtelligten die Truppen des Mar⸗ ſchalls von Saint⸗André, unter der Anführung des Grafen von Larochefoucauld von Ham kommend, ihre Vereinigung mit denen des Connetable. Dieſe zwei Heere oder vielmehr Armee⸗Brüche bildeten ſo vereinigt, um uns militäriſcher Aus⸗ drücke zu bedienen, einen Effectivſtand von neun⸗ hundert Gendarmen, tauſend Chevaulegers und reitenden Büchſenſchützen, fünfzehn franzöſiſchen Com⸗ pagnien und zweiundzwanzig deutſchen Compagnien Fußvolk. Geſammtſumme: neun bis zehntauſend Mann. An der Spitze dieſer ſchwachen Truppe wollte der Connetable eine Armee angreifen, die durch ihre Vereinigung mit dem engliſchen Corps ſechzigtauſend Mann ſtark geworden war! 3 Am Tage vorher, im Rathe, als er den Ver⸗ ſammelten ſeinen Willen, mit zehntauſend Mann einer von ſechzigtauſend Mann belagerten Stadt zu Hülfe zu marſchiren, mittheilte, machte ihm auch der Marſchall von Saint⸗André bemerkbar, wie ge⸗ fährlich ein ſolches Unternehmen ſei, und was er 198 von einem thätigen Feinde wie der Herzog von Sa⸗ voyen auf einem Rückzuge von ſechs Meilen durch Ebenen, welche keine Zuflucht bieten, zu befürchten habe. Der Connetable antwortete ihm aber mit ſeiner gewöhnlichen Artigkeit: „Alle Teufel! Ihr könnt Euch auf mich hinſicht⸗ lich deſſen, was ſich für das Wohl des Staates zu thun ſchickt, verlaſſen. Ich habe ſchon lange gelernt, wann und wie man eine Schlacht geben oder ver⸗ meiden muß! ſeid alſo unbeſorgt über den Erfolg. Der Connetable war in der Nacht aufgebrochen. Er hoffte Morgens um vier Uhr in der Mühle von Gauchy zu ſein; er kam erſt um zehn Uhr dahin, weil er in ſeinem Marſche durch die Bagage und die Kanonen aufgehalten worden war. Uebrigens war der Herzog von Savoyen von ſeinen Spionen ſo ſchlecht bedient, daß er von der franzöſiſchen Armee, welche plötzlich auf den Höhen von Gauchy erſchien, gleichſam überrumpelt wurde. Der Connetable hatte auch Zeit, zwei Compag⸗ nien von ihm, ſechshundert Mann bildend, welche vorgerückte Poſten einnahmen, aufzuheben. Hier angelangt, befand ſich das franzöſiſche Heer im Angeſichte der ſpaniſchen Armee; doch die Somme und die Sümpfe der Abbiette dehnten ſich zwiſchen den zwei Heeren aus, welche kein anderes Mittel hatten, um zuſammenzutreffen, als eine unten am ſpaniſchen Lager hinlaufende Chauſſee, auf der höch⸗ ſtens vier Mann neben einander paſſiren konnten. Nach Allem dem, was wir ſchon über die Be⸗ lagerung geſagt haben, werden zwei Worte genügen, 199 um die Stellung des Connetable klar und die Fehler, die er an dieſem verhängnißvollen Tage beging, greifbar zu machen. Die ganze ſpaniſche, flämiſche und engliſche Ar⸗ mee hielt das rechte Ufer der Somme beſetzt. Die vierzehn Fähnlein von Julian Romeron und Carondelet, ferner die zwei Compagnien, welche der Connetable am Anfange aufgehoben hatte, hielten allein, die vierzehn Fähnlein den Faubourg d'Isle, und die zwei Compagnien die Mühle von Gauchy beſetzt; Faubourg d'Isle und Mühle von Gauchy. lagen auf dem linken Ufer der Somme. Hatte man aber einmal die Mühle von Gauchy erreicht und die zwei Compagnien genommen, ſo war ein ſehr einfaches Manoeuvere auszuführen: dies war, in der Vorſtadt die vierzehn Fähnlein der zwei ſpaniſchen Kapitäne blokiren, ſechs Kanonen gegenüber der Chauſſee, der einzigen für das feindliche Heer practikabeln Paſſage, aufpflanzen, ruhig in einer Reihe hinter einander ſo viel Leute, als nothwendig war, gegen Saint⸗Quentin marſchiren laſſen, und ſich, nachdem die Stadt wieder verproviantirt, zurück⸗ ziehen, mit Aufopferung von zwei von den ſechs Kanonen und etwa hundert Mann, welche genügt hätten, um nach der Chauſſee zu ſchießen, und auch genügten, um dieſe Paſſage zu bewachen. Der Connetable hob die zwei Compagnien auf, blokirte die vierzehn Fähnlein im Faubourg d'Isle, und befahl, die Chauſſee völlig vernachläßigend, die vierzehn Böte, die er auf die Ermahnung der Be⸗ lagerten, welche nur drei bis vier kleine Barken be⸗ ſaßen, mitgebracht hatte, in die Somme zu ſetzen. * 200 Doch da bemerkte man, daß, ſtatt an die Spitze der Colonne geſtellt zu werden, die Wagen, welche die Böte führten, an den Schweif geſtellt worden waren. Man verlor zwei Stunden, um ſie herbeizubringen, eine Stunde, um ſie bis ans Ufer der Somme zu ſchieben und zu ziehen; als die Böte ſodann in den Fluß geſetzt waren, warfen ſich die Soldaten mit ſolcher Haſt darein, daß ſie, überladen, auf dem Schlamme des Teiches der Abbiette ſitzen blieben. Mittlerweile bezeichnete einer von den Schützen, welche man am Morgen in der Mühle von Gauchy gefangen genommen hatte, dem Connetable das Zelt des Herzogs von Savoyen. Der Connetable ließ ſogleich eine Batterie auf⸗ pflanzen, deren Zweck es war, dieſes Zelt zu be⸗ ſchießen.. Nach zehn Minuten gab die Batterie Feuer, und man konnte an der Bewegung, welche um das Zelt entſtand, ſehen, daß die Kugeln nicht verloren gingen. Indeſſen fingen die Barken, die man endlich ins Waſſer zu bringen vermocht hatte, an die Somme heraufzufahren, wobei ſie mit Hülfe von harzigen Stoffen einen großen Rauch machten, was das zwiſchen dem Connetable und Coligny verab⸗ redete Zeichen war. Auf den erſten Ruf, der die Erſcheinung des Connetable ſignaliſirt hatte, war Coligny auf den Tourival⸗Mittelwall gelaufen, von wo aus er die ganze Gegend bis zur Mühle von Gauchy über⸗ ſchaute. Er ſah in der Ferne die Böte, welche mit Mannſchaft beladen heranrückten; er befahl ſogleich ̈ — 201 einen Ausfall durch das Saint⸗Catherine⸗Schlupfthor, deſſen Beſtimmung es war, die Landung zu unter⸗ ſtützen; zu gleicher Zeit wurden Leitern an den Mauern herabgelaſſen und daran angelehnt, um es der Mannſchaft, ſo zahlreich ſie wäre, auf jede Weiſe zu erleichtern, in die Stadt zu gelangen. Er hatte eben dieſe Anordnungen, mit den Augen den Rauch der Schiffe verfolgend, die ſich immer mehr näherten, getroffen, als Procope auf ihn zu⸗ trat und, ſich auf den zwiſchen dem Admiral und den Abenteurern abgeſchloſſenen Vertrag berufend, Urlaub für den Tag verlangte, da die Abenteurer ein Privatunternehmen zu verſuchen beabſichtigten. Das war der Buchſtabe des Vertrags. Der Admiral hatte alſo nicht nur keinen Grund, ſondern ſogar kein Recht, ſich dieſer Laune zu widerſetzen. Es wurde Procope und ſeinen Gefährten jede Er⸗ laubniß ertheilt. Sie folgten daher den für den Ausfall comman⸗ dirten Leuten und befanden ſich bald außerhalb der Stadt. Der Baſtard von Waldeck ritt, in voller Rüſtung und das Viſir ſeines Helmes niedergelaſſen, an ihrer Spitze. Das Pferd von Yoonnet, die zwei Pferde von Maldent und ein viertes Pferd, das der Baſtard von Waldeck geliefert, bildeten die Reiterei. Dieſe Reiterei beſtand aus Yvonnet, Maldent, Procope und Lactance. Pilletrouſſe, Fracaſſo und die zwei Scharfenſtein bildeten die Infanterie. Um indeſſen den Marſch zu vollbringen, wenn 202 der Marſch lange währte, ſollten Pilletrouſſe und Fra⸗ caſſo bei Ywonnet und Lactance hinten aufſitzen. Um die zwei Scharfenſtein brauchte man ſich nicht zu bekümmern; ſie waren nie müde und folgten leicht dem Galoppe eines Pferdes. Der arme Malemort fehlte, wie man ſieht, al⸗ lein bei der Expedition; doch er konnte ſich weder zu Fuße, noch zu Pferde halten, und man hatte ihn zur Bewachung des Zeltes zurückgelaſſen. Die Abenteurer wandten ſich nach der Brücke, wo die Barken landen ſollten. Bald fuhren ſie auch am Ufer an; doch dieſelbe Haſt und dieſelbe Unordnung, welche bei ihrem Ab⸗ gange geherrſcht hatten, herrſchten auch bei ihrer Ankunft: ohne die Worte oder die Zeichen von den⸗ jenigen verſtehen zu wollen, welche der Admiral dahin geſchickt hatte, um ihre Ausſchiffung zu über⸗ wachen und ihnen den Weg zu zeigen, dem ſie auf der improviſirten Chauſſee mitten durch die Sümpfe zu folgen hatten, ſprangen die Soldaten ans Land und fingen damit an, daß ſie bis an den Gürtel in den Schlamm ſanken; erſchrocken über dieſen Unfall, drängten ſich die Einen nach rechts, die Andern nach links, Dieſe fielen in den Koth oder in die Sumpflöcher, Jene verirrten ſich in der Richtung des feindlichen Lagers. Dandelot und ungefähr vierhundert Mann folg⸗ ten allein der durch die Faſchinen gezogenen Linie und erreichten das feſte Land. Ganz in Verzweiflung, ſah Coligny vom Walle herab den ſo lange erwarteten Succurs ſich vermin⸗ dern und verlieren; vergebens rief er dieſen Leuten, —9——— ————-e—¼ ——B—.,—+ àN————— S ——,+ 0 8 8A 203 welche ſich zu Hunderten in den Moraſtlöchern zer⸗ arbeiteten, in die ſie ihre Halsſtarrigkeit geſtürzt hatte, und wo ſie nach und nach verſchwanden, ohne daß man ihnen Hülfe bringen konnte. Dandelot, nachdem er einige von ſeinen verirrten oder gefährdeten Leuten wieder verſammelt hatte, kam indeſſen an das Schlupfthor mit einer Truppe von fünfhundert Soldaten und fünfzehn bis ſechzehn Kapitänen, denen man einige Cdelleute beifügen muß, welche zu ihrem Vergnügen dahin ge⸗ kommen, wie Coligny ſagt. Dieſe Edelleute waren der Vicomte von Mont⸗ Notre⸗Dame, der Sieur de la Curée, der Sieur Matas und der Sieur von Saint⸗Rémy; ein Ar⸗ tillerie⸗Commiſſär und drei Kanoniere folgten ihnen. Nach dem Anblicke ſeines Bruders, der ganz durchnäßt vom Waſſer der Somme erſchien, war Coligny, wie er geſteht, der Anblick dieſer Kanoniere der, welcher ihm am meiſten Vergnügen machte, da er keine andere Artilleriſten hatte, als bürgerliche, die, wenn nicht, was den Muth betrifft, doch hin⸗ ſichtlich der Erfahrung und der Geſchicklichkeit ent⸗ fernt nicht den Bedürfniſſen einer belagerten Stadt entſprachen, und beſonders einer auf eine ſo furcht⸗ bare Art belagerten Stadt! Der Baſtard von Waldeck wartete ruhig mit den Abenteurern, bis die Soldaten ausgeſchifft, verirrt oder im Schlamme verſunken waren, und dann nahm er eines von ihren Böten, fuhr gefolgt von ſeinen acht Leuten den Fluß hinab, und landete an einem Erlenwäldchen, das ſich wie ein ſilberner Vorhang 204 an einem der Enden des Teiches der Abbiette aus⸗ breitete. Hier angelangt, übergab er Jedem eine ſpaniſche Schärpe, und er verlangte nichts Anderes von ihnen, als daß ſie ſich ſtill, verborgen und auf den erſten Befehl zu gehorchen bereit halten. Sein Plan war leicht zu begreifen. Schon am Tage vorher hatte er das Project des Connetable erfahren, in Perſon und mit ſeinem Heere zu kommen, um Saint⸗Quentin Succurs zuzuführen. Den Herzog von Savoyen kennend, hatte er gedacht, beim Anblicke des franzöſiſchen Heeres werde Ema⸗ nuel Philibert nicht hinter den Linien bleiben, ſon⸗ dern im Gegentheil daraus hervorgehen und ein Treffen auf dem linken Ufer der Somme beginnen. Dem zu Folge hatte er ſich in Hinterhalt in den Sümpfen der Abbiette gelegt, in deren Umgegend nach ſeiner Meinung das Treffen ſtattfinden mußte, und er hatte den Abenteurern roth und gelbe Schär⸗ pen gegeben, damit ſie, zu jener Zeit, wo die Uni⸗ formen noch nicht exiſtirten, für ſpaniſche Streifreiter gehalten, ſich, ohne Emanuel Philibert Mißtrauen einzuflößen, dieſem nähern und ihn umringen könnten. War Emanuel Philibert einmal umringt, ſo weiß man, was der Baſtard von Waldeck mit ihm machen wollte. Wir werden bald erzählen, ob er ſich in ſeinen Vorherſehungen getäuſcht hatte. Emanuel Philibert ſtand eben von Tiſche auf, als man herbeilief und ihm die Gegenwart des franzöſiſchen Heeres jenſeits der Somme meldete; ſein Zelt ſtand auf einem Hügel, ſo daß er nur hin⸗ 205 auszutreten und ſich nach der Seite von la Foère zu wenden brauchte, um die ganze franzöſiſche Armee in Schlachtordnung auf den Anhöhen der Abbiette zu ſehen; ſodann, als er die Augen ſenkte, ſah er unter ſich, doch außer Büchſenſchußweite, die Ein⸗ ſchiffung von Dandelot und ſeinen Leuten; zu glei⸗ cher Zeit ließ ſich jenes Pfeifen, in welchem ſich die Militäre nicht täuſchen, über ſeinem Kopfe hören, gefolgt von zwei bis drei ähnlichen Tönen, und eine Kanonenkugel, welche zu Füßen einſchlug, bedeckte ihn mit Sand und Kieſelſteinen. Emanuel Philibert machte einen Schritt vorwärts, um einen Punkt zu erreichen, von dem aus er mit dem Auge dem ganzen Laufe des Fluſſes folgen konnte; doch in dem Momente, wo er ſo zu ſagen dem Feuer entgegenging, fühlte er, daß ihn eine kräftige Hand beim Arme ergriff und zurückzog. Das war die Hand von Scianca Ferro. In dieſem Augenblicke drang eine Kanonenkugel in das Zelt ein und ging durch und durch. Länger auf dieſem Punkte bleiben, der augen⸗ ſcheinlich der Zielpunkt vom Geſchütze des Connetable geworden war, hieß ſich einem ſichern Tode ausſetzen. Emanuel Philibert, während er Befehl gab, daß man ihm ſeine Waffen bringe und ſein Pferd ſattle, eilte nach einer kleinen Kapelle, ſtieg auf die Platt⸗ form des Glockenthurms und konnte von hier aus ſehen, daß ſich das franzöſiſche Heer nicht weiter als bis Saint⸗Lazare erſtreckte, und daß ſogar dieſes Dorf nur durch ein unbedeutendes Reitercorps be⸗ wacht wurde. Nachdem er dieſe Beobachtungen gemacht, ſtieg 1 er herab, legte raſch ſeine Rüſtung unter dem Ein⸗ gange der kleinen Kapelle an, berief die Grafen von Horn und von Egmont zu ſich, ſandte einen Boten zum Grafen von Mansfeld und zum Herzog Erich von Braunſchweig mit dem Befehle, die Franzoſen zu recognosciren und beſonders ſich zu verſichern, ob die Chauſſee von Rouvroy nicht durch eine offene oder maskirte Batterie bedroht werde, und gab ihnen Rendez⸗vous im Quartier des Feldmarſchalls von Binincourt. Eine Viertelſtunde nachher war er ſelbſt beim Rendez⸗vous. Die Läufer des Herzogs von Braunſchweig und des Grafen von Mansfeld waren ſchon zurückgekehrt: die Chauſſee von Rouvroy war vollkommen frei, und der äußerſte Punkt des franzöſiſchen Heeres erreichte nicht Neuville. Emanuel Philibert befahl ſogleich zweitauſend Mann, aufzuſitzen, ſtellte ſich an die Spitze dieſer Reitertruppe, ritt zuerſt über die Chauſſee von Rouvroy, ließ ſeine zweitauſend Mann hinter ſich paſſiren und ſtellte ſie ſodann in Schlachtordnung auf, damit ſie den Uebergang der Infanterie be⸗ ſchützten. Sodann, wie ſeine Truppen ausmündeten, ließ er ſie in einer Reihe hinter einander gegen Mesnil durch Harly marſchiren; mittelſt dieſes Umweges entzog er ſie dem Blicke der franzöſiſchen Armee. Es waren ſchon über fünfzehntauſend Mann paſſirt, als ſich der Connetable noch damit beluſtigte, daß er nach dem leeren Zelte von Emanuel Phili⸗ bert ſchoß. S — 75 207 Vom Connetable mit den Gendarmen⸗Compag⸗ nien und mit den Compagnien Curton und d'Aubigné abgeſandt, um die Ebene von Neuville abzuſuchen, entdeckte plötzlich der Herzog von Nevers, auf einer Höhe anlangend, die von der ſpaniſchen Armee ge⸗ troffenen Dispoſitionen. Eine ungeheure feindliche Colonne, beſchützt durch die zweitauſend Reiter des Herzogs von Savoyen, rückte von jenſeits Harly herbei und entfaltete ſich, düſter und dicht, hinter Mesnil⸗Saint⸗Laurent, ſchon die Armee des Connetable in einem Halbkreiſe ein⸗ ſchließend. Der Herzog von Nevers, ſo ſchwach die Truppe war, die er commandirte, hatte einen Augenblick den Gedanken, zum Connetable zu ſchicken und ihm kund zu thun, er werde ſich mit ſeinen Leuten tödten laſ⸗ ſen, um dem franzöſiſchen Heere Zeit zu geben, ſich zurückzuziehen; doch der Connetable hatte ihm bei ſeinem Kopfe verboten, in ein Gefecht einzugehen; das wäre Ungehorſam gegen ſeine Befehle geweſen, und er wußte, wie herriſch der Connetable hinſicht⸗ lich der militäriſchen Disciplin war. Er wagte es nicht, die Verantwortlichkeit eines ſolches Actes auf ſich zu nehmen, zog ſich geſchloſſen gegen ein leichtes Reitercorps zurück, das, befehligt vom Prinzen von Condé, in Schlachtordnung bei der Mühle von Gratte⸗ Panſe aufgeſtellt war, und ſetzte ſein Pferd in Ga⸗ lopp, um ſchleunigſt in Perſon den Connetable von dem, was vorfiel, zu unterrichten. Der Connetable berief ſogleich zu ſich Herrn von Saint⸗André, den Grafen von Larochefoucauld, den Herzog von Enghien und die Vornehmſten ſeines 208 Heeres, und ſetzte ihnen auseinander, zufrieden, in Saint⸗Quentin den Succurs, den ſein Neffe verlangt, eingebracht zu haben, halte er es für gut, ſo wür⸗ dig als möglich, aber auch ſo raſch als möglich, den Rückzug zu machen. Er forderte daher jeden Corps⸗ chef auf, ſeinen Rang wieder einzunehmen und ſich in demſelben Schritte wie er, jedes Gefecht, zu dem man nicht gezwungen wäre, vermeidend, zurückzu⸗ ziehen. Doch der Connetable, der den Andern die ſtra⸗ tegiſche Vorſicht ſo gut empfahl, hatte nicht einmal die, ein Hundert Büchſenſchützen in jeder von den Windmühlen, welche auf der Seite von Urvilliers, von Eſſigny⸗le⸗Grand und von dem lagen, was man heute die Manufactur nennt, in Hinterhalt zu ſtellen, um die Fronte des Feindes zu brechen und ihn durch dieſes Feuer zu beſchäftigen. Es war die franzöſiſche Infanterie, welche die Spitze des Rückzuges einnahm; ſie rückte mit raſchem Schritte, aber in guter Ordnung gegen die Waldun⸗ gen von Juſſy vor, die ihr allein Schutz gegen die Angriffe der Reiterei gewähren konnten. Doch es war zu ſpät: es waren noch drei Vier⸗ telſtunden Weges, als fünfhundert Schritte vom fran⸗ zöſiſchen Heere die Schwadronen und die Bataillons der ſpaniſchen Armee, einen weiten Kreis um daſ⸗ ſelbe bildend, erſchienen. Man war einander gegenüber. Der Connetable machte Halt, ließ ſeine Kanonen aufpflanzen und wartete. Die numeriſche Ueber⸗ legenheit der feindlichen Cavalerie benahm ihm jede Hoffnung, den Wald zu erreichen. 209 Da theilte Emanuel Philibert ſeine Armee in drei Corps, übergab dem Grafen von Egmont das Commando des rechten Flügels, den Herzogen Ernſt und Erich von Braunſchweig das des linken Flügels, erklärte ihnen ſeinen Plan, reichte ihnen die Hand, erhielt von ihnen ihr Wort, nichts ohne ſeine Be⸗ fehle zu unternehmen, und ergriff das Commando des Centrums. Zwiſchen dem franzöſiſchen Heere und dem ſpani⸗ ſchen Heere befand ſich jene Maſſe von Marketendern, von herrenloſen Dienern, von Troßbuben, wie man ſie damals nannte, kurz jene ganze elende Menge, die ſich wie ein Ungeziefer den Heeren der Zeit an⸗ hing. Emanuel Philibert ließ ein paar Kanonen⸗ ſchüſſe auf dieſe ganze Canaille feuern. Die Wirkung war die, welche man hievon er⸗ wartete: der Schrecken fuhr unter ſie; ein Tauſend Männer und Weiber warf ſich mit entſetzlichem Ge⸗ ſchrei in die Reihen der Soldaten des Connetable. Man ſuchte ſie zurückzutreiben; doch die Angſt iſt manchmal mächtiger, als der Muth. Auf ſeinen Steigbügeln ſich erhebend, ſah Ema⸗ nuel Philibert, welche Unordnung dieſer Einbruch in den franzöſiſchen Reihen hervorbrachte. Da wandte er ſich gegen Scianca Ferro um und ſagte: „Der Graf von Egmont falle mit ſeiner ganzen flämiſchen Reiterei über die franzöſiſche Nachhut her; . es iſt Zeit!“ Scianca Ferro ging wie der Blitz ab. Sodann zum Herzog Ernſt, der bei ihm ge⸗ blieben: Dumas, der Page. II. 14 210 „Herzog, während Egmont die Nachhut mit ſei⸗ ner flämiſchen Reiterei angreift, nehmt Ihr, Ihr und Euer Bruder, Jeder zweitauſend reitende Büch⸗ ſenſchützen und greift die Spitze der Colonne an... Das Centrum iſt meine Sache.“ Der Herzog Ernſt entfernte ſich im Galopp. Emanuel Philibert folgte mit den Augen ſeinen zwei Boten, und als er Jeden am Orte ſeiner Be⸗ ſtimmung angekommen ſah, als er die Bewegung in Folge der ertheilten Befehle beginnen ſah, zog er ſein Schwert, hob es in die Luft empor und rief: „Blaſet, Trompeter! es iſt Zeit!“ Der Herzog von Nevers, der die äußerſte Linke des franzöſiſchen Heeres commandirte, war beauf⸗ tragt, den Angriff des Grafen von Egmont auszu⸗ halten. In der Flanke gefaßt von der flämiſchen Reiterei in dem Augenblicke, wo er durch das Thal von Grugies zog, wandte er ſich um und machte Fronte gegen den Feind mit ſeiner Gendarmen⸗Com⸗ pagnie; doch zwei Kataſtrophen lähmten ſeine Ver⸗ theidigung: eine Woge von dieſen Marketendern, welche längs dem Centrum der Armee, immer wie⸗ der zurückgeſtoßen, fortgerollt war, erſchien oben auf den Hügeln, fiel wie eine Lawine herab und ſtürzte den Pferden zwiſchen die Beine, während zu gleicher Zeit eine Compagnie engliſche Chevaulegers im Solde Frankreichs ihre Pferde umdrehte und ſich mit der flämiſchen Reiterei verband, mit der ſie ſogleich zu⸗ rückkam und die Gendarmen des Herzogs von Ne⸗ vers angriff, und dies auf eine ſo wüthende Art, daß ſie bis in das Thal der Oiſe ein Gros der 211 franzöſiſchen Reiterei, welches ſich dahin geworfen, verfolgte. Mittlerweile, und da trotz der übermenſchlichen Anſtrengungen des Herzogs von Nevers, der an die⸗ ſem Tage Wunder that, die Unordnung ſich des lin⸗ ken Flügels zu bemächtigen anfing, griffen die Her⸗ zoge Erich und Ernſt von Braunſchweig, den dem Einen und dem Andern ertheilten Befehl vollziehend, die Spitze der franzöſiſchen Colonne bei ihrem Ab⸗ gange von Eſſigny⸗le⸗Grand und in dem Augenblicke an, wo ſie auf der Chauſſee von Gibercourt erſchien. Doch dieſe Spitze der Colonne, welche nicht den Einbruch der Marketender und den Verrath der eng⸗ liſchen Chevaulegers gegen ſich hatte, hielt feſt, ſetzte ihren Marſch fort, ſchlug die Angriffe der reitenden Büchſenſchützen zurück, und gab dem Connetable und dem Hauptheere Zeit, ſich in Schlachtordnung mitten auf der weiten Ebene aufzuſtellen, die ſich zwiſchen Eſſigny⸗le⸗Grand, Montescourt⸗Lizeroles und Giber⸗ court ausdehnt. Hier, da er fühlte, daß er nicht weiter gehen konnte, hielt der Connetable zum zweiten Male an, wie das forcirte Wildſchwein, das den Hunden Stand zu halten ſich entſchließt, und während er ſeine Pa⸗ ternoſter ſprach, ließ er ſeine Armee im Carré for⸗ miren und ſeine Kanonen wieder aufpflanzen. Das war der zweite Halt; man war völlig um⸗ ringt: man mußte ſiegen oder ſterben. Der alte Soldat befürchtete nicht zu ſterben: er hoffte alſo zu ſiegen. Die alte franzöſiſche Infanterie, auf welche der Connetable gerechnet hatte, zeigte ſich in der That 212 ihres Rufes würdig und hielt den Anfall der ganzen feindlichen Armee aus, während nur bei ihrer An⸗ näherung die Deutſchen in franzöſiſchem Solde ihre Pieken ſtreckten und um Pardon flehend die Hände emporhoben. Jung und voll Eifer, eilte ſeinerſeits der Herzog von Enghien mit ſeiner leichten Reiterei dem Herzog von Nevers zu Hülfe; er fand ihn, wie er zum zweiten Male vom Pferde geworfen wieder in den Sattel ſtieg, trotz eines erſten Piſtolenſchuſſes, der ihm den Schenkel verwundete; wir ſagen ein er⸗ ſter Piſtolenſchuß, weil er gegen das Ende des Tages einen zweiten erhalten ſollte. Der Connetable hielt indeſſen Stand. Da ſein Fußvolk mit einer unglaublichen Unerſchrockenheit die Angriffe der flämiſchen Reiterei zurückſchlug, ſo ließ Emanuel Philibert Kanonen herbeiführen, um dieſe lebendigen Wälle zu vernichten. Zehn Stücke donnerten zugleich und fingen an Breſche in der Armee zu machen. Da ſtellte ſich der Herzog von Savoyen ſelbſt an die Spitze einer Reiter⸗Schwadron und griff an wie ein einfacher Kapitän. Der Choc war tief und einſchneidend; von allen Seiten umringt, vertheidigte ſich der Connetable mit dem Muthe der Verzweiflung; dabei ſprach er nach ſeiner Gewohnheit ſein Pater, und bei jedem Satze von dieſem Pater that er einen Schwertſtreich, der einen Mann zu Boden ſtreckte. Emanuel Philibert ſah ihn von fern, erkannte ihn, jagte auf ihn zu und rief: „Nehmt ihn lebendig! es iſt der Connetable!“ 3 blieben. 213 Es war Zeit: Montmorency hatte einen Pieken⸗ ſtich bekommen, und dieſer Stich hatte ihm unter dem linken Arme eine Wunde gemacht, durch welche ſein Blut und ſeine Kräfte entſchwanden. Der Ba⸗ ron von Batenbourg nnd Scianca Ferro, die den Ruf von Emanuel gehört hatten, ſtürzten vor, mach⸗ ten dem Connetable einen Wall aus ihren Leibern, zogen ihn aus dem Gemenge und forderten ihn auf, ſich zu ergeben, da jeder Widerſtand nutzlos ſei. Doch der Connetable, zum Zeichen, daß er ſich ergebe, überreichte nur ſeinen Dolch; er wollte dem Herzog von Savoyen allein, wie er ſagte, ſein Schwert übergeben. Dieſes mit Wappenlilien verzierte Schwert war auch das des Connetable von Frankreich. Emanuel Philibert ritt raſch auf ihn zu, gab ſich zu erkennen, und erhielt das Schwert aus der Hand von Montmorench. Der Tag war gewonnen für den Herzog von Savoyen, doch er war nicht geendigt; man ſchlug ſich fortwährend bis zur Nacht; Viele wollten ſich nicht ergeben und ließen ſich tödten. Zu dieſer Zahl gehörten Jean von Bourbon, Herzog von Enghien, der, nachdem man ihm zwei Pferde unter dem Leibe erſchoſſen, von einer Kugel durchbohrt wurde, als er den Connetable zu befreien ſuchte; Frangois de la Tour, Vicomte von Turenne, und achthundert Edelleute, welche auf der Wahlſtatt Die vornehmſten Gefangenen, außer dem Conne⸗ 3 5 table, waren der Herzog von Montpenſier, der Her⸗ 3 og von Longueville, der Marſchall von Saint⸗André, 214 der Rheingraf, der Baron von Curton, der Graf von Villiers, Baſtard von Savoyen, der Bruder des Herzogs von Mantua, der Herr von Montbron, Sohn des Connetable, der Graf de la Rochefoucauld, der Herzog von Bouillon, der Graf de la Roche⸗ guyon, der Herr von Lanſac, der Herr d'Eſtrées, der Herr de la Roche du Maine; endlich die Herren von Chaudenier, von Poudormy, von Vaſſé, von Aubigné, von Rochefort, von Brian und von la Chapelle. Der Herzog von Nevers, der Prinz von Condé, der Graf von Sancerre und der älteſte Sohn des Connetable zogen ſich nach la Fore zurück. Der Herr von Bordillon folgte ihnen dahin nach, die zwei einzigen Kanonen mitbringend, welche dieſer großen Niederlage entgingen, bei der Frankreich von einem Heere von elftauſend Mann ſechstauſend Todte, dreitauſend Gefangene hatte, und dreihundert Kriegs⸗ wagen, ſechzig Fahnen, fünfzig Standarten, das ganze Heergeräth, die Zelte und die Lebensmittel verlor. Es blieben nicht zehntauſend Mann, um der feindlichen Armee den Weg nach der Hauptſtadt zu verſperren. Emanuel Philibert gab ſeinen Truppen den Be⸗⸗ fehl, nach dem Lager zurückzukehren. Es war Nacht geworden, und ohne Zweifel nicht über das, was er gethan, ſondern über das, was ihm zu thun blieb, nachdenkend, folgte Emanuel Philibert, nur von einigen Officieren begleitet, der Chauſſee, welche von Eſſigny nach Saint⸗Lazare führte, als acht bis zehn Männer, hälftig zu Pferde, 215 raf hälftig zu Fuße, aus der Mühle von Gauchy her⸗ der vorkamen und allmälig unter die Cdelleute ſeiner on, Evscorte ſchlüpften. ild, Eine Zeit lang zog man ſtillſchweigend weiter; che: plötzlich aber, in dem Augenblicke, wo man an einem es, Wäldchen vorüberkam, deſſen Schatten die Finſter⸗ ren niß verdoppelte, ſtieß das Pferd des Herzogs von von Savoyen ein ſchmerzliches Gewieher aus, machte la einen Seitenſprung und ſtürzte nieder. . Da hörte man ein Geräuſch ähnlich dem des dé, Rieibens von Eiſen an Eiſen und in der Dunkelheit des den Ruf, der um ſo entſetzlicher tönte, als ihn Je⸗ mand nur mit leiſer Stimme von ſich gab: ach,„Drauf! drauf! auf den Herzog von Savoyen!“ eſer Kaum waren aber dieſe Worte geſprochen, kaum von hatte man errathen können, der Fall des Pferdes ſei de, nicht natürlich, und ſein Reiter ſei einer Gefahr gs⸗ preisgegeben, als ein Mann, Alles vor ſich nieder⸗ das werfend, Freund und Feind mit ſeinem Streitkolben ttel ſchlagend, ſich mitten unter dieſe düſtere, faſt un⸗ ſſiichtbare Tragöde ſtürzte und ausrief: der„Halt feſt, Bruder Emanuel! ich bin da!“ zu Emanuel hatte nicht der Ermuthigung von Scianca Ferro bedurft; er hatte in der That feſt gehalten, Be⸗? denn, obgleich zu Boden geworfen, hatte er einen von ſeinen Angreifern gepackt, ihn mit ſeinem Arme icht umſchlungen, auf ſich gelegt und ſich einen Schild vas aus ihm gemacht. uel Dem Pferde war eine von ſeinen Hälſen durch⸗ der ſchnitten worden; doch als hätte es die Nothwendig⸗ are keit, ſeinen Herren zu vertheidigen, gefühlt, ſchlug dde, es mit den drei Beinen, die ihm blieben, kräftig aus, 216 und mit einem ſolchen Schlage warf es eines von den nächtlichen Geſpenſtern nieder, die ſich plötzlich um den Sieger des Tages erhoben hatten. Mittlerweile und beſtändig ſchlagend, rief Scianca Ferro: „Zu Hülfe dem Herzog, meine Herren! zu Hülfe dem Herzog!“ Das war unnöthig. Alle Edelleute der Escorte hatten das Schwert gezogen, und Jeder hatte ſich, aufs Gerathewohl ſchlagend, in dieſes erſchreckliche Gemenge geworfen, wobei man keinen andern Ruf hörte, als den:„Tödtet! tödtet!“ und bei dem man weder wußte, wen man tödtete, noch wer tödtete. Endlich hörte man den Galopp von ungefähr zwanzig Reitern, und am Wiederſcheine der Flamme in den Bäumen erkannte man, daß ſie Fackeln trugen. Bei dieſem Anblicke und bei dieſem Geräuſche zogen ſich zwei Männer zu Pferde aus dem Ge⸗ menge und entflohen querfeldein, ohne daß man daran dachte, ſie zu verfolgen. Zwei Männer zu Fuße warfen ſich in das Ge⸗ hölze und verſchwanden, ohne daß man ihnen nach⸗ zuſetzen ſuchte. Jeder Widerſtand hatte aufgehört. Nach einigen Secunden beleuchteten zwanzig Fackeln dieſes neue Schlachtfeld. Die erſte Sorge von Scianca Ferro war, ſich mit dem Herzog zu beſchäftigen. War der Herzog verwundet, ſo hatte er nur einige leichte Wunden bekommen: der Mann, den er in ſeinen Armen gehalten, hatte ihn beſchützt und von lich nca ülfe orte ich, iche Ruf nan ähr ime gen. ſche Ge⸗ ran Ge⸗ ach⸗ teln ſich nur er ind 217 einen Theil von den Streichen bekommen, welche Ema⸗ nuel hätte bekommen ſollen. Er ſchien auch völlig ohnmächtig. Dies kam davon her, daß ihm Scianca Ferro, um ſich ſeiner zu verſichern, einen Schlag mit ſeinem Streitkolben an den Hinterkopf verſetzt hatte. Was die drei anderen Männer betraf, welche auf der Erde ausgeſtreckt lagen und todt oder ſehr krank zu ſein ſchienen,— Niemand kannte ſie. Derjenige, welchen der Herzog um den Leib ge⸗ packt und auf ſich niedergeworfen hatte, trug einen Helm mit Viſir, und dieſes Viſir war niederge⸗ ſchlagen. Man ſchnallte die Ohrblätter auf, man nahm den Helm ab, und man ſah das bleiche Geſicht eines jungen Mannes von vierundzwanzig bis fünfund⸗ zwanzig Jahren erſcheinen. Seine rothen Haare und ſein rother Bart waren mit Blut bedeckt, das zugleich aus dem Munde und aus der Naſe, ſo wie aus einer Quetſchung, die er am Hinterhaupte bekommen, hervorguoll. Trotz ſeiner Bläſſe, trotz des Blutes, das ihn bedeckte, erkannten ihn ohne Zweifel Emanuel Phi⸗ libert und Scianca Ferro zu gleicher Zeit, denn ſie wechſelten einen raſchen Blick. „Ahl ah!“ murmelte Scianca Ferro,„Du biſt es alſo, Schlange!“ Dann wandte er ſich gegen den Herzog um und agte: „Sieh doch, Emanuel, er iſt nur ohnmächtig! ... Wenn ich ihm den Reſt geben würde?“ Emanuel hob aber die Hand zum Zeichen des 218 Befehles und des Stillſchweigens auf, entzog ſelbſt den ohnmächtigen jungen Mann den Armen von Scianca Ferro, ſchleppte ihn auf die andere Seite des Grabens, der längs der Straße hinlief, lehnte ihn an einen Baum an und ſtellte ſeinen Helm neben ihn. Dann ſtieg er wieder zu Pferde und ſprach: „Meine Herren, es kommt Gott allein zu, zu richten, was zwiſchen mir und dieſem jungen Manne vorgefallen iſt, und Ihr ſeht, Gott iſt für mich!“ Als er hierauf Scianca Ferro brummen hörte und ihn den Kopf ſchüttelnd auf die Seite des Ver⸗ wundeten ſchauen ſah, ſagte er: „Bruder, ich bitte Dich... Es iſt genug mit dem Vater!“ Und zu den Anderen ſprach er: „Meine Herren, ich wünſche, daß die Schlacht, die wir heute am 10. Auguſt geſchlagen, und die ſo ruhmwürdig für die ſpaniſchen und die flämiſchen Waffen iſt, die St. Laurent⸗Schlacht zum Andenken an den Tag, an welchem ſie geliefert worden, hei⸗ ßen möge*).“ Und man kehrte ins Lager zurück, über die Schlacht plaudernd, doch ohne ein Wort über das Scharmützel, das nach derſelben ſtattgefunden, zu ſagen. *) Der 10. Auguſt iſt der Tag des heiligen Lauren⸗ tius. V ————„—— bſt on ite ite Im zu ne er⸗ ht, die Wie der Admiral Nachrichten uͤber die Schlacht erhielt. Gott hatte ſich noch einmal gegen Frankreich er⸗ klärt, oder vielmehr,— wenn wir die Geheimniſſe der Vorſehung tiefer erforſchen, als es die gewöhn⸗ lichen Geſchichtſchreiber thun,— Gott hatte durch Pavia und Saint⸗Quentin das Werk von Richelieu vorbereitet, wie er durch Poitiers, Crécy und Azin⸗ court das Werk von Ludwig XI. vorbereitet hatte. Sodann wollte er vielleicht auch das große Bei⸗ ſpiel eines durch den Adel ins Verderben geführten, durch das Volk geretteten Reiches geben. Wie dem ſein mag, der Schlag war eittſetzlich und traf grauſam das Herz Frankreichs, während er zugleich ungemein unſern großen Feind Philipp II. erfreute. Die Schlacht hatte am 10. ſtattgefunden: erſt am 12. war der König von Spanien hinreichend beruhigt hinſichtlich der Auferſtehung dieſes ganzen auf den Ebenen von Gibercourt liegenden Adels, um ſich zu Emanuel Philibert ins Lager zu begeben. Der Herzog von Savoyen, der dem engliſchen Heere das ganze zwiſchen der Somme und der Ka⸗ pelle von Epargnemaille begriffene wellenförmige Terrain abgetreten, hatte ſein Zelt wieder dem Rémi⸗ court⸗Walle gegenüber aufgeſchlagen, auf welchem Punkte er die Belagerungsarbeiten fortzuſetzen ent⸗ ſchloſſen war, ſollte ſich wider alle Erwartung bei der Kunde von der verlorenen Schlacht,— und zwar 220 unter ſo entſetzlichen Umſtänden verloren,— Saint⸗ Quentin nicht ergeben. Dieſes zweite Lager, das auf einem kleinen Hügel, — zwiſchen dem Fluſſe und den Zelten des Grafen von Mégue,— ſtand, war das nächſte bei den Wällen und erhob ſich kaum zwei Drittel einer Ka⸗ nonenſchußweite von der Stadt entfernt. Philipp II., nachdem er in Cambray eine Be⸗ deckung von tauſend Mann genommen, nachdem er Emanuel Philibert von ſeiner Ankunft benachrichtet hatte, damit dieſer ſeine Escorte, durch Truppen aus dem Lager abgeſchickt, verdopple oder verdreifache, wenn er es für nothwendig erachte, Philipp kam vor Saint⸗Quentin am 12. um elf Uhr Morgens an. An den Gränzen des Lagers erwartete ihn Ema⸗ nuel Philibert. Hier half er dem König von Spa⸗ nien vom Pferde ſteigen, und als ihm Emanuel nach der ſelbſt vom Prinzen zum König feſtgeſtellten Eti⸗ quette die Hände küſſen wollte, ſagte Philipp: „Nein, mein Vetter, nein, es iſt an mir, die Euren zu küſſen, die mir einen ſo großen, ſo glor⸗ reichen Sieg verſchafft haben, der uns ſo wenig Blut koſtet.“ In der That, nach der Verſicherung der Chronik⸗ ſchreiber, welche dieſe merkwürdige Schlacht erzählen, hatten die Spanier hiebei nur fünfundſechzig Mann und die Flamänder fünfzehn verloren. Was die engliſche Armee betrifft, ſie hatte nicht einmal nöthig gehabt, ſich darein zu miſchen, und von ihrem Lager aus hatte ſie zugeſchaut, wie unſere Niederlage ſich bewerkſtelligte. Wir haben es geſagt, dieſe Niederlage war gräß⸗ 221 lich geweſen: die Leichen bedeckten die ganze zwiſchen Eſſigny, Montescourt⸗Lizeroles und Gibercourt lie⸗ gende Ebene. Das war ein ſo klägliches Schauſpiel, daß es ein würdiger Chriſt nicht ſehen konnte, ohne davon gerührt zu werden. Catherine von Laillier, Mutter des Sieur Louis Varlet, Herrn von Gibercourt, Bürgermeiſters von Saint⸗Quentin, weihte und ließ einſegnen ein Feld genannt Champ du Vieux⸗Mou⸗ ſtier“), in welchem ſie ungeheure Gräber graben ließ, in denen man alle dieſe Leichen beerdigte. Seit jener Zeit verwandelte dieſes Champ du Vieux⸗Mouſtier ſeinen Namen in den: Cimetieère le Piteux**). Während dieſe würdige Dame das fromme Werk vollbrachte, zählte Emanuel Philibert ſeine Gefan⸗ genen; wir haben geſagt, wie beträchtlich ſie waren. König Philipp II. ließ ſie die Revue paſſiren; dann kehrte man ins Zelt des Herzogs Emanuel zurück, indeß man längs dem ganzen Laufgraben die in der Schlacht genommenen franzöſiſchen Fahnen aufpflanzte und zum Zeichen der Freude in den zwei Lagern, dem ſpaniſchen und dem engliſchen, die Kanonen löſte. Philipp II. wohnte auf der Schwelle des Zeltes vom Herzog von Savoyen allen dieſen Freudenbe⸗ zeigungen bei. *) Feld der alten Kirche. **) Der jammervolle Friedhof. 222 Er rief Emanuel, der mit dem Connetable und dem Grafen de la Rochefoucauld plauderte. „Mein Vetter,“ ſagte er,„ohne Zweifel habt Ihr noch eine andere Abſicht, als die, Euch zu ergötzen, indem Ihr all dieſen Lärmen macht?“ Und da man in dieſem Augenblicke die könig⸗ liche Standarte von Spanien aufſteckte, ſo antwortete Emanuel: „Ja, Sire, ich zähle darauf, daß der Feind, da er keine Chance, Beiſtand zu erlangen, mehr ſieht, ſich ergeben wird, ohne uns zu nöthigen, einen Sturm zu unternehmen, was uns erlauben würde, unmittelbar gegen Paris zu marſchiren und dort zu gleicher Zeit mit der Nachricht von der Saint⸗Laurent⸗ Niederlage anzukommen; und was die Standarte betrifft, die wir aufpflanzen, ſo geſchieht dies, um Herrn von Coligny und Herrn Dandelot, ſeinem Bruder, zu verkündigen, Eure Majeſtät ſei im Lager, und ſie hiedurch zu veranlaſſen, daß ſie mehr ſich zu ergeben begehren, in der Hoffnung, Beſſeres von Eurer königlichen Milde, als von jeder anderen Seite zu erlangen.“ Als aber der Herzog von Savoyen dieſe Worte vollendete, alle dieſe freudigen Artillerieſalven er⸗ wiedernd, welche die Stadt mit einer Rauchwolke um⸗ hüllten, da glänzte ein einziger Blitz, ein einziger Knall wurde auf den Wällen hörbar, und eine Ka⸗ nonenkugel fuhr pfeifend drei Fuß über dem Kopfe von Philipp II. hin. Philipp II. wurde entſetzlich bleich. „Was iſt das?“ fragte er. „Sire,“ antwortete der Connetable lachend, 223 „das iſt ein Parlamentär, den Euch mein Neffe ſchickt.“ Philipp verlangte nicht mehr: ſogleich gab er Befehl, ihm ein Zelt außer dem Bereiche der fran⸗ zöſiſchen Kanonen aufzuſchlagen, und bei dieſem Zelte angelangt, that er, als er ſich in Sicherheit ſah, das Gelübde, zu Ehren des heiligen Laurentius, um ihm für den augenſcheinlichen Schutz zu danken, den er den Spaniern am Tage des 10. Auguſt gewährt, das ſchönſte Kloſter zu bauen, das je gebaut worden. Dieſes Gelübde hatte zum Reſultate die Erbauung des Palaſtes von Escurial, dieſes düſteren, pracht⸗ vollen Monumentes ganz nach dem Geiſte ſeines Urhebers, in ſeinem Ganzen die Form eines Roſtes, des Marterwerkzeugs vom heiligen Laurentius, bietend; ein rieſiges Gebäude, woran dreihundert Arbeiter zweiundzwanzig Jahre beſchäftigt waren, wofür man dreiunddreißig Millionen Livres ausgab,— was zu jener Zeit den Werth von hundert Millionen in unſern Tagen hatte,— wo das Licht durch elf⸗ tauſend Fenſter eindringt, wo man durch vierzehn⸗ tauſend Thüren eintritt und kreiſt, deren Schlüſſel allein fünfhundert Centner wiegen!*) *) Bekannt iſt die Antwort eines gasconiſchen Edel⸗ manns, welchen man, nachdem man ihm das Kloſter in allen ſeinen Einzelheiten gezeigt hatte, fragte, was er davon denke:„Ich denke,“ ſagte er,„Seine Majeſtät König Philipp II. muß tüchtig Angſt gehabt haben, um ein ſolches Ge⸗ lübde zu thun.“ 224 Während ſich Philipp II. ein Zelt außer dem Bereiche der franzöſiſchen Kugeln aufſchlagen läßt, wollen wir ſehen, was in der Stadt vorging, welche noch nicht geneigt war, ſich zu ergeben, wenigſtens wenn man dem Parlamentär von Herrn von Coligny glauben durfte. Der Admiral hatte den ganzen Tag die Kanonen in der Richtung von Gibercourt donnern hören; doch er wußte nichts vom Ausgange der Schlacht. Als er ſich niederlegte, ſagte er auch, wer immer von auswärts käme und ihm Nachrichten bringen könnte, ſollte auf der Stelle vor ihn geführt werden. Gegen ein Uhr Morgens weckte man ihn auf. Drei Männer waren am Sainte⸗Catherine⸗Schlupf⸗ thore erſchienen, und ſie ſagten, ſie können Einzel⸗ heiten über den Tag liefern. Der Admiral ließ ſie ſogleich eintreten; es waren Wonnet und die zwei Scharfenſtein. Die zwei Scharfenſtein konnten nicht viel ſagen: man weiß, daß die Leichtigkeit des Vortrags nicht ihr Hauptverdienſt war; nicht ſo war es aber bei Ywonnet. Der junge Abenteurer meldete Alles, was er wiſſen konnte, nämlich, daß die Schlacht verloren war, und daß viele Menſchen getödtet und gefangen genommen worden; die Namen wußte er nicht: nur glaubte er von den Spaniern gehört zu haben, der Connetable ſei verwundet und gefangen worden. Uebrigens würde man vollſtändigere Nachrichten durch Procope und Maldent erhalten, welche ent⸗ kommen ſein müßten. Der Admiral fragte Yvonnet, aus welchem An⸗ 225 laſſe er und ſeine Kameraden, da ſie doch zur Gar⸗ niſon gehören, ſich in das Treffen gemiſcht haben, worauf ihm Ywonnet antwortete, er glaube, das ſei ein Recht, welches ihnen in dem Vertrage, den ſie mit dem Admiral gemacht, Procope vorbehalten habe. Das Recht war nicht nur vorbehalten, ſondern der Admiral war ſogar zuvor davon in Kenntniß geſetzt worden; er machte alſo dieſe Frage aus reinem Intereſſe für die Abenteurer. Ueberdies war kein Zweifel über den Antheil, den ſie an der Action genommen: Yoonnet trug ſeinen linken Arm, der von einem Dolchſtiche durchbohrt worden, in der Binde. Heinrich Scharfenſtein war das Geſicht durch einen Säbelhieb entzweigeſchnitten, und Franz hinkte bedeutend, weil er einen Fußtritt von einem Pferde bekommen, der einem Elephanten oder einem Rhi⸗ noceros das Bein gebrochen hätte, ihm aber eine ſtarke Quetſchung beigebracht hatte. Der Admiral empfahl den drei Abenteurern, die Sache geheim zu halten; die Stadt ſollte ſo ſpät als möglich die Niederlage des Connetable erfahren. Knappend kehrten Yvonnet und die zwei Schar⸗ fenſtein unter ihr Zelt zurück, wo ſie Malemort einem gräßlichen Alpe preisgegeben fanden; er träumte, man ſchlage ſich, er ſehe die Schlacht, und bis an den Gürtel in einen Sumpf eingeſunken, konnte er ſich nicht losmachen, um daran Theil zu nehmen. Das war nicht ganz ein Traum, wie man weiß; als ihn ſeine drei Gefährten aufgeweckt hatten, ver⸗ doppelte ſich auch ſein Stöhnen, ſtatt ſich zu ver⸗ mindern. Er ließ ſich alle Einzelheiten von dem Dumas, der Page. II. 15 226 Hinterhalte erzählen, der eine ſo ſchlechte Wendung genommen, und bei jeder Einzelheit, die einen An⸗ dern hätte wünſchen laſſen, er möchte hundert Meilen von einem ſolchen Gemenge entfernt ſein, ſagte er traurig: „Und ich war nicht dabei!“ Am Abend um fünf Uhr erſchien Maldent eben⸗ falls. Er war ohnmächtig auf dem Kampfplatze geblieben; man hatte ihn für todt gehalten; er war wieder zu ſich gekommen, und vermöge ſeiner Kennt⸗ niß des picardiſchen Patois hatte er ſich aus der Affaire gezogen. zum Admiral geführt, konnte er nicht mehr ſagen, als das, was Ywonnet geſagt hatte, weil er einen Theil des Tages im Schilfrohre des Teiches der Abbiette verſteckt geblieben war. In der folgenden Nacht kam Pilletrouſſe an. Pilletrouſſe war einer von denjenigen, welche ſich in das Wäldchen geworfen hatten, und die zu ver⸗ folgen Niemand eingefallen war. Pilletrouſſe war der ſpaniſchen Sprache faſt eben ſo mächtig, als Maldent des picardiſchen Patois; Dank ſeiner roth und gelben Schärpe und ſeinem rein caſtilianiſchen Idiom, hatte ſich Pilletrouſſe bei Tagesanbruch einem ſpaniſchen Truppe angeſchloſſen, der von Emanuel Philibert beauftragt war, unter den Todten den Herzog von Nevers zu ſuchen, wel⸗ cher ſich ſo ſtark und ſo oft den Gefahren ausge hatte, daß man nicht glauben konnte, er habe dieſe entſetzliche Schlacht überlebt. Pilletrouſſe und das ſpaniſche Detachement waren den ganzen T auf dem Schlachtfelde umhergeſchweiſt und hatten die 227 ung Todten um und umgedreht in der traurigen Hoff⸗ An⸗ nung, den Herzog von Nevers unter ihnen zu finden. ilen Es verſteht ſich von ſelbſt, daß man die Todten nicht eer um und undreht, ohne in ihren Taſchen zu ſtören; ſo daß Pilletrouſſe nicht nur ein frommes Werk voll⸗ bracht, ſondern auch ein gutes Geſchäft gemacht ben⸗ hatte: er kam ohne Quetſchung und mit vollen Hoſen⸗ latze ſäcken zurück. war Nach den gegebenen Befehlen wurde er zum Ad⸗ nnt⸗ miral gebracht, dem er die ausführlichſten Details der über die Todten und die Lebendigen gab, welche Details er alle von ſeinen Forſchungsgefährten hatte. nehr Durch Pilletrouſſe erfuhr alſo Herr von Coligny il er den Tod des Herzogs von Enghien und den des iches Herrn Vicomte von Turenne, ſo wie die Gefan⸗ gennehmung des Connetable, von Gabriel von Mont⸗ an. morency, ſeinem Sohne, dem Grafen von Laroche⸗ ſich foucauld und von allen den edlen Herren, die wir ver⸗ genannt haben. Der Admiral ermahnte ihn mehr als jeden An⸗ eben dern zur Verſchwiegenheit, und ſchickte ihn weg, in⸗ tois; dem er ihm ſagte, es ſeien vier von ſeinen Gefähr⸗ inem ten zurückgekommen. bei Gegen Tagesanbruch meldete man den Jacobiner⸗ ſſen, mönchen, zwei Bauern von Gruois bringen einen unter von ihren Brüdern todt. Der Leichnam war in wel⸗ einen Sarg genagelt, auf welchem man das eiſerne eſetzt. Hemd, das der würdige Mann einſt auf der bloßen dieſe Haut trug, ausgebreitet hatte. das Fünf⸗ oder ſechsmal unter Weges hatten die Spa⸗ auf nier die Träger angehalten; jedes Mal aber hatten die dieſe durch Geberden begreiflich gemacht, welche 228 fromme Sendung ſie vollbringen, indem ſie nach dem Jacobinerkloſter den Leib eines in der Ausübung ſeiner religiöſen Functionen geſtorbenen armen Mönches zurückbringen,— und immer hatten ſie die Spanier das Zeichen des Kreuzes machend weiter ziehen laſſen. Der Admiral hatte Befehl gegeben, die Lebenden zu ihm zu führen, und nicht die Todten; der Leich⸗ nam wurde alſo unmittelbar nach dem Jacobiner⸗ kloſter gebracht, wo man ihn mitten in der Kapelle niederlegte. Und als die würdigen Väter den Sarg umring⸗ ten und ſich ängſtlich nach dem Namen von dem⸗ jenigen, welchen er enthielt, erkundigten, da hörte man eine Stimme, die aus dem Sarge hervorkam, ſprechen: „Ich bin es, meine geliebten Brüder, ich, Euer unwürdiger Kapitän, der Bruder Lactance!... Oeffnet mir geſchwinde, denn ich erſticke.“ Die Brüder ließen ſich das nicht zweimal ſagen; bei Einigen war der Schrecken groß, doch Andere, welche muthiger, begriffen, es ſei eine ſinnreiche Kriegsliſt, die, um in die Stadt zurückzukehren, ihr verehrter Kapitän, Bruder Lactance, habe an. wenden müſſen, und ſie öffneten raſch den Sarg. f Sie täuſchten ſich nicht: Bruder Lactance erhob ſich, kniete vor dem Altare nieder, ſprach hier ſeine Dankgebete, kam dann wieder zu ihnen und erzählte ihnen, nach einer unglücklichen Expedition, an der er Theil genommen, habe er eine Zuflucht bei braven Bauern gefunden, und als dieſe eine ſpaniſche Haus⸗ ſuchung befürchtet, habe ihm Gott den Gedanken er hat glü har Sa Th ger alle mer nun vor zu übe Ad ſtan nich ſein Co He La⸗ — Z R ᷣ 229 eingegeben, ſich in einen Sarg nageln und, als ob er todt wäre, in die Stadt tragen zu laſſen. Das Strategem war um ſo leichter geweſen, als er gerade bei einem Schreiner Zuflucht gefunden hatte. Man hat geſehen, daß die Liſt vollkommen ge⸗ glückt war. Erfreut, ihren würdigen Kapitän wiederzuhaben, handelten die guten Väter nicht um den Preis des Sarges und um den Trägerlohn: ſie gaben einen Thaler für den Sarg und zwei Thaler für die Trä⸗ ger, und dieſe baten Lactance, ſie im Vorzuge vor allen Andern zu wählen, ſollte ihn die Luſt ankom⸗ men, ſich aufs Neue begraben zu laſſen. 4 Durch den Bruder Lactance, der keine Ermah⸗ nung vom Admiral erhalten hatte, ſing das Gerücht von der Niederlage des Connetable an ſich im Kloſter zu verbreiten, und vom Kloſter ging es in die Stadt über. Gegen elf Uhr meldete man Meiſter Procope dem Admiral, der auf dem Walle bei der Tour à l'Eau ſtand. Meiſter Procope kam zuletzt an, doch das war nicht die Schuld des würdigen Anwalts. Er hatte ſein Beſtes gethan, und kam mit einem Briefe vom Connetable. Wodurch hatte Meiſter Procope einen Brief vom Herrn Connetable? Wir werden es ſogleich ſagen. Meiſter Procope war ganz einfach im ſpaniſchen Lager erſchienen als ein armer Teufel von einem 230 deutſchen Reiter, der beim Herrn Connetable die Function habe, ſeine Waffen zu putzen. Er verlangte mit ſeinem Herrn wiedervereinigt zu werden; das Geſuch war ſo wenig anſpruchsvoll, daß es bewilligt wurde. Man bezeichnete Meiſter Procope die Wohnung, welche dem Connetable angewieſen worden war, und Meiſter Procope begab ſich dahin. Mit einem Blicke machte er dem Connetable be⸗ greiflich, er habe ihm etwas zu ſagen. Der Connetable antwortete durch einen andern Blick, und ſchickte am Ende, fluchend und ſchwörend, alle diejenigen, welche um ihn waren, fort. Als er ſich ſodann mit Procope unter vier Augen befand, ſagte er: „Ah! Burſche! ich begriff, Du habeſt mit mir zu ſprechen: ſchwatze mir raſch Deine Geſchichte vor und ſei klar, oder ich überliefere Dich als Spion dem Herzog von Savoyen, und er läßt Dich henken!“ Da erzählte ihm Procope eine ganze Geſchichte zu ſeinem größten Lobe. Der Herr Admiral, der alles Vertrauen zu ihm hege, habe ihn zu ſeinem Oheim geſchickt, um Nach⸗ richt von ihm zu erhalten, und Procope habe, um bis zum Connetable zu gelangen, den von uns ge⸗ nannten Vorwand gebraucht. Der Herr Connetable könne ihn alſo mit einer ſchriftlichen oder mündlichen Antwort für ſeinen Neffen beauftragen; er werde Mittel finden, in die Stadt zurückzukehren; das ſei ſeine Sorge. Herr von Montmorency hatte keine andere Ant⸗ 3. 231 wort für ſeinen Neffen, als die, ihm zu empfehlen, er möge ſich ſo lange als möglich halten. „Gebt mir dieſe Empfehlung ſchriftlich,“ ſagte Procope. „Aber Schurke!“ erwiederte der Connetable, „wenn man Dich mit einer ſolchen Empfehlung er⸗ greift, weißt Du, was geſchehen wird?“ „Ich werde gehenkt,“ antwortete ruhig Procope; „doch ſeid unbeſorgt, ich laſſe mich nicht ergreifen.“ Bedenkend, es ſei im Ganzen die Sache von Procope, gehenkt oder nicht gehenkt zu werden, und er könne kein beſſeres Mittel finden, um Coligny Nachricht von ſich zu geben, ſchrieb der Connetable den Brief, den Procope vorſichtiger Weiſe zwiſchen der linken Seite und dem Futter ſeines Wammſes verbarg. Sodann, indeß er voll Eifer den Helm, den Bruſtharniſch, die Armſchienen und die Beinſchienen der Rüſtung des Connetable putzte, die ſich nie ſo glänzend geſehen, als ſeitdem ſie in den Händen von Procope war, wartete dieſer auf eine günſtige Gelegenheit für ſeine Rückkehr in die Stadt. Am 12. Morgens bot ſich eine Gelegenheit. Philipp II. kam, wie wir erwähnt haben, im Lager an, was eine ſo große Bewegung hervorbrachte, daß es Niemand einfiel, einer ſo kleinen Perſon, wie es der Schwertfeger des Herrn Connetable war, irgend eine Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Es gelang alſo dem Schwertfeger des Herrn Connetable, zu entfliehen; er wurde bei ſeiner Flucht unterſtützt durch den Rauch der Kanonen, die man 232 zum Zeichen der Freude löſte, und ſo klopfte er bald ruhig an das Rémicourt⸗Thor, das man ihm öff⸗ nete. Der Admiral war, wie wir auch geſagt haben, auf dem Walle bei der Tour à l Eau, eine Stellung, von wo aus man das ganze ſpaniſche Lager über⸗ ſchaute. Er war herbeigelaufen beim gewaltigen Lärmen der großen Freudenfeier, welche im Lager ſtattfand, ein Lärmen, deſſen Urſache er nicht kannte. Procope unterrichtete ihn von der Lage der Dinge, gab ihm den Brief des Connetable und bezeichnete ihm das Zelt von Emanuel Philibert. Er fögte bei, dieſes Zelt ſei in Bereitſchaft ge⸗ ſetzt worden, um Philipp II. zu empfangen; eine Verſicherung, über welche dem Admiral kein Zweifel bleiben konnte, als er auf dieſem Zelte die königliche Standarte Spaniens aufpflanzen ſah. Mehr noch: Procope, der ein vortreffliches Ge⸗ ſicht, ein Anwaltsgeſicht hatte, behauptete, der ſchwarz gekleidete Mann, den man auf der Schwelle des Zeltes erblicke, ſei Philipp II. Da hatte Coligny den Gedanken, auf all dieſen Lärmen und all dieſen Rauch durch einen einzigen Kanonenſchuß zu antworten. Procope verlangte das Stück zu richten. Coligny dachte, er könne eine ſo kleine Befriedigung einem Manne nicht verweigern, der ihm einen Brief von ſeinem Oheim gebracht habe. Procope richtete das Stück ſo gut als es ihm nur immer möglich; und ging die Kugel drei Fuß über dem Kopfe von Philipp hin, ſo war das ſicher⸗ & 233 lich die Schuld vom Blicke des Abenteurers und nicht die ſeines Willens. Wie dem ſein mag, der Connetable hatte hierin die Antwort des Admirals erkannt, welcher über⸗ zeugt, Procope habe Alles gethan, was er gekonnt, Befehl gab, ihm zehn Thaler für ſeine Mühe aus⸗ zubezahlen. Procope kam gegen ein Uhr zu ſeinen Gefährten zurück, oder vielmehr zu einem Theile ſeiner Gefähr⸗ ten, nämlich zu Yvonnet, den beiden Scharfenſtein, Maldent, Pilletrouſſe und Malemort. Was den Dichter Fracaſſo betrifft,— man er⸗ wartete ihn vergebens: er erſchien nicht wieder. Die Bauern von Procope befragt behaupteten, ſie haben einen Leichnam an einem Baume hängen ſehen, gerade an der Stelle, wo das Scharmützel am 10. Abends ſtattgefunden; und Procope dachte vernünftiger Weiſe, dieſer Leichnam könne kein anderer ſein, als der von Fracaſſo! Armer Fracaſſo! ſein Reim hatte ihm Unglück gebracht*)! XVI. Der Sturm. Sobald der St. Laurent⸗Sieg und die Ankunft von Philipp II. vor Saint⸗Quentin die Uebergabe dieſer Stadt nicht herbeiführten, ſobald, ſtatt ſich *) Wie man ſich erinnert: perdu und pendu, verloren, gehenkt. 234 zu ergeben, Coligny, ohne Reſpect vor der kaiſer⸗ lichen Majeſtät, Philipp II. ſich zurückzuziehen zwang, indem er eine unverſchämte Kanonenkugel an ſeinen Ohren hinpfeifen ließ, wurde es augenſcheinlich, daß die Stadt ſich bis aufs Aeußerſte zu halten ent⸗ ſchloſſen war. Es wurde alſo beſtimmt, ſie ohne Unterlaß zu bedrängen. Seit zehn Tagen hatte die Belagerung begonnen: das war viel Zeit verloren vor ſo armſeligen Mauern. Man mußte ſo bald als möglich ein Ende machen mit der Halsſtarrigkeit dieſer frechen Bürger, die es wagten, noch auszuhalten, während ſie jede Hoffnung auf Entſatz verloren und nichts mehr in Ausſicht hatten, als eine im Sturme genommene Stadt und alle Mißgeſchicke, welche gewöhnlich auf ein ſolches Ereigniß folgen. Welche Vorſichtsmaßregeln Coligny auch genom⸗ men hatte, um vor den Einwohnern von Saint⸗ Quentin, die Niederlage des Connetable zu verheim⸗ lichen, die Kunde hievon verbreitete ſich dennoch in der Stadt; doch, ſonderbarer Weiſe! und der Admi⸗ ral geſteht das ſelbſt, hatte ſie mehr Einfluß auf die Kriegsleute, als auf die Bürger. Die große Schwierigkeit, die ſich dem Admiral immer mehr entgegenſtellte, und die ihm ſchon von Anfang an mißlich geweſen, war, Arbeiter zu finden, um die Verwüſtung der Kanonen auszubeſſern. Dieſe Verwüſtung traf beſonders den Rémicourt⸗Wall, und ſeit der Ankunft des engliſchen Heeres, das Caron⸗ delet und Julian Romeron ein Dutzend Stücke Ge⸗ ſchütz zugeſchickt hatte, war der Wall nicht mehr Q— X R& R SEE E — 235 haltbar. Es war in der That eine erſte Batterie, wie wir ſchon geſagt haben, auf der Plattform der Abtei von Saint⸗Quentin⸗en⸗Isle aufgepflanzt wor⸗ den und eine zweite in zwei Stufen auf den An⸗ höhen der Vorſtadt. Dieſe zwei Batterien beſtrichen in ſeiner ganzen Länge den Rémicourt⸗Wall, ſo daß die Arbeiter, vom Kopfe bis zu den Füßen bloß ge⸗ ſtellt und dieſem doppelten Feuer der engliſchen und der ſpaniſchen Batterien ausgeſetzt, es nicht mehr wagten, ſich dem Walle zu nähern, der an einem ſchönen Morgen von einem Ende zum andern ein⸗ zuſtürzen drohte. Es war Dandelot, der dieſem Nachtheile abhalf. Er hatte den Gedanken, auf den Wall alle alte Böte, die man ſich die Somme entlang verſchaffen könnte, transportiren zu laſſen und Querſchanzen daraus zu machen. Eines Abends, bei Einbruch der Nacht, begann die Arbeit. Franz und Heinrich, Jeder ein Boot wie einen ungeheuren Hut auf dem Kopfe, unternahmen dieſes ſchwierige Werk. So wie ein Boot quer auf den Wall gelegt war, füllten es Pionniere mit Erde. Man legte ſo in einer Nacht auf den Wall fünf Böte, die mit Erde gefüllt wurden und den Arbei⸗ tern Schutz boten. Da erſchienen die Soldaten wieder auf dem Boll⸗ werk und die Arbeiter nahmen ihr Geſchäft wie⸗ der auf. Mittlerweile waren zwei neue bedeckte Wege von den Belagerern unternommen worden; der erſte in 236 der Richtung der Tour à lEau; der zweite gegen⸗ über der Mühle des Rémicourt⸗Mittelwalls. Der Admiral ließ das Pflaſter in den Straßen aufreißen, die Pflaſterſteine in die Thürme tragen, und von den Thürmen herab, um die ſpaniſchen Pionniere zu beunruhigen, dieſe Pflaſterſteine in die Laufgräben werfen. Doch die Schanzkörbe, welche die Mineurs maskirten, beſchirmten ſie größten Theils vor der Wirkſamkeit dieſer Wurfgeſchoſſe und erlaub⸗ ten ihnen, das Werk der Zerſtörung fortzuſetzen. Philipp II., um die ſpaniſchen Kanoniere zum Errichten ihrer Batterien anzufeuern, beſuchte ſie manchmal während ihrer Arbeiten; der Admiral, der der Errichtung von einer dieſer Batterien zuſchaute, erkannte ihn aber eines Tages, rief ſeine beſten Schützen herbei und bezeichnete ihnen dieſen könig⸗ lichen Zielpunkt. Sogleich pfiff ein Hagel von Ku⸗ geln um den König, der, aufs Gerathewohl und aus Furcht vor einem Unfalle, ſeinen Beichtiger mit⸗ gebracht hatte, um immer bei der Hand eine Abſo⸗ lution in extremis zu haben. Beim Pfeifen der Kugeln wandte ſich Philipp II. gegen den Mönch um und fragte ihn: „Mein Vater, was denkt Ihr von dieſer Muſik?“ „Ich finde ſie ſehr unangenehm,“ antwortete der Mönch den Kopf ſchüttelnd. „Das iſt auch meine Anſicht,“ ſagte Philipp II. „Ich begreife wahrhaftig nicht, wie mein Vater Kai⸗ ſer Karl V. ſo viel Vergnügen daran finden konnte.⸗ Wir wollen gehen!“ Der König von Spanien und ſein Beichtiger gingen wirklich, um nie wiederzukommen. 237 Die Vollendung dieſer Arbeiten erforderte nichts⸗ deſtoweniger neun Tage; das waren ſchon neun Tage gewonnen für den König von Frankreich, der ohne Zweifel die Zeit nicht verlor, die ihm der Admiral und die wackeren Leute der Stadt Saint⸗Quentin gewannen. Am 21. endlich demaskirte man die Batterien, und am 22. fing man an ſie ſpielen zu laſſen. Nun erſt konnten die Saint⸗Quentiner die Gefahr beur⸗ theilen, die ſie bedrohte. Während dieſer Tage hatte Philipp II. von Cam⸗ bray alles Geſchütz kommen laſſen, das er von dort hatte wegziehen können, ſo daß der ganze zwiſchen der Tour à l'Eau und der Tour Saint⸗Jean begrif⸗ fene Raum nur noch eine ungeheure Batterie von fünf⸗ zig Kanonen bildete, welche eine Mauernlinie von ungefähr tauſend Mötres beſtrichen. Auf einer andern Seite hatten die flämiſchen Batterien der Ruelle d'Enfer ihr Feuer wieder auf⸗ genommen, und ſie beſtrichen den Mittelwall des Vieux⸗Marché und den des Dameuſe⸗Wachhauſes. Während die engliſchen Batterien, in zwei Theile getrennt, einerſeits die ſpaniſchen Batterien von Ca⸗ rondelet und Julian Romeron unterſtützten, und andererſeits, unter den Befehlen von Lord Pembroke, von den Höhen von Saint⸗Prix ihre Kugeln in den Faubourg de Ponthoille und gegen die Tour Saint⸗ Catherine ſchleuderten. Saint⸗Quentin war völlig von einem Feuerkreiſe umhüllt. Zum Unglück hatten die alten Mauern, welche Rémicourt gegenüber lagen, das heißt der mit der 238 größten Heftigkeit angegriffene Punkt, nur eine Au⸗ ßenſeite von Sandſtein und konnten nur einen ſehr ſchwachen Widerſtand bieten. Bei jeder neuen Ge⸗ ſchützſalve zitterte die ganze Mauer, und man glaubte auf ihrer ganzen Länge die Verkleidung, die ſich vom Walle losmachte, wie die Kruſte von einer Rieſenpaſtete einſtürzen zu ſehen. Von dieſem Augenblicke war es rings um die Stadt wie der Ausbruch eines ungeheuren Vulcans. Saint⸗Quentin ſchien der Salamander des Alter⸗ thums in einen Flammengürtel eingeſchloſſen zu ſein; jede Kanonenkugel riß einen Stein von der Mauer ab oder erſchütterte ein Haus; die Quartiers d'Isle und de Rémicourt boten nur noch den Anblick ei⸗ ner großen Ruine. Man ſuchte Anfangs die Häu⸗ ſer zu ſtützen; kaum war aber eines derſelben geſtützt, als das benachbarte einſtürzend das Haus nebſt den Stützen fortriß. Die Einwohner von dieſer verwü⸗ ſteten Quartieren zogen ſich zurück, ſo wie ihre Woh⸗ nungen einſtürzten, und flohen nach dem Quartier Saint⸗Thomas, das von allen am wenigſten ausge⸗ ſetzt war; und ſo groß iſt die Liebe zum Eigenthum, daß ſie die einſtürzenden Mauern erſt in dem Au⸗ genblicke verließen, wo ſie Alles dem Fallen nahe ſahen, und Einige gingen beim Verlaſſen ſo langſam zu Werke, daß ſie unter dem Schutte begraben wurden. Und aus dem Schooße dieſer Verwüſtung, aus der Mitte dieſer Trümmer erhob ſich dennoch nicht eine Stimme, um von Uebergabe zu ſprechen. Je⸗ der war überzeugt von der Heiligkeit ſeiner Miſſion und ſchien zu ſagen:„Wir werden unterliegen, 239 Stadt, Häuſer, Wälle, Bürger, Soldaten, doch unterliegend werden wir Frankreich retten!“ Dieſer Feuerſturm, dieſer Eiſenorkan dauerte vom 22. bis zum 26. Am 26. Auguſt war der Wall nichts Anderes mehr, als ein großer Stein⸗ ausſchnitt, in den elf Breſchen von den flämiſchen, engliſchen und ſpaniſchen Kanonen gegraben worden waren. Plötzlich, gegen zwei Uhr Nachmittags, ſchwiegen im Einklange die feindlichen Batterien; eine Todes⸗ ſtille folgte auf das erſchreckliche Gedonner, das ſich ſeit ſechsundneunzig Stunden unabläßig hörbar machte, und man ſah die Belagerer in Menge durch bedeckte Wege herankommen. Man glaubte, der Augenblick des Sturmes ſei erſchienen. Es hatte kurz zuvor eine Kugel beim Jacobiner⸗ kloſter liegende Hütten in Brand geſteckt, und man fing an zu löſchen, als plötzlich der Ruf:„Nach den Mauern!“ ertönte. Coligny eilte herbei; er forderte die Einwohner auf, die Häuſer brennen zu laſſen und die Wälle zu vertheidigen. Ohne zu murren, verließen die Einwohner ihre Spritzen und ihre Eimer, nahmen Pieken und Büch⸗ ſen und liefen nach den Mauern. Die Weiber und die Kinder blieben zurück, um ihre Wohnungen brennen zu ſehen. Das war ein blinder Lärm: der Sturm ſollte an dieſem Tage noch nicht ſtattfinden; die Belagerer näherten ſich, um die unter den Schanzen bereiteten Minen ſpielen zu laſſen. Ohne Zweifel fanden ſie 240 den Abhang noch nicht genug practikabel. Die Mi⸗ nen ſpielten und fügten neue Breſchen den erſten, neue Trümmer den alten bei, und die Belagernden zogen ſich zurück. Während dieſer Zeit hatte die Feuersbrunſt, ſich ſelbſt überlaſſen, dreißig Häuſer verzehrt! Der Abend und die Nacht verwandte man dazu, ſo gut als möglich die Breſchen der Angriffsfronte auszubeſſern und auf den Mauern neue Bruſtwehren zu errichten. Was unſere Abenteurer betrifft, ſo wurden, Dank ſei es unſerem Rechtsgelehrten Procope, ihre Anordnungen mit eben ſo viel Redlichkeit als Scharf⸗ ſinn getroffen. Der gemeinſchaftliche Fonds beſtand aus vier⸗ hundert Goldthalern; das gab Jedem, in Betracht des Todes von Fracaſſo und der Erbſchaft, welche die Folge hievon geweſen war, fünfzig Goldthaler. Jeder nahm fünfundzwanzig Goldthaler zu ſich und ließ der Maſſe die anderen fünfundzwanzig, welche in den Kellern des Jacobinerkloſters vergraben wur⸗ den, wonach Alle ſchwuren, dieſen Reſervefonds erſt in einem Jahre von dieſem Tage an und in Gegenwart aller Ueberlebenden zu berühren. Ueber die fünfundzwanzig Thaler, die man bei ſich hatte, konnte Jeder nach ſeinem Belieben und nach den Bedürfniſſen und Umſtänden verfügen.— Wohl verſtanden, der Theil von denjenigen, welche in der Zwiſchenzeit ſterben würden, ſollte den Ueberle⸗ benden gehören. Malemort, der weniger Chancen einer Flucht hatte, als die Andern, verbarg ſeine fünfundzwanzig Goldthaler beſonders, mit Recht be⸗ ncen eine be⸗ 241 denkend, wenn er ſie bei ſich behielte, wären ſie verloren. Am andern Morgen, bei Tagesanbruch, fingen die Kanonen wieder an zu donnern, und die Bre⸗ ſchen, die man in der Nacht ziemlich reparirt hatte, wurden wieder practikabel. Wir haben ſchon geſagt, es ſeien elf Haupt⸗ breſchen da geweſen. Man vernehme, welche Lage ſie hatten, und was ihre Vertheidigungsmittel waren. Die erſte, welche im Thurme der Porte Saint⸗Jean gemacht worden war, wurde bewacht vom Grafen von Breuil, Gou⸗ vernéur der Stadt. Die zweite wurde bewacht von der ſchottiſchen Compagnie des Grafen von Haron: dieſe Schotten waren die munterſten und geſchäftig⸗ ſten Soldaten der Garniſon. Die dritte im Thurme der Couture geöffnete, wurde bewacht von der Com⸗ pagnie des Dauphin, deren Lieutenant einſt Herr von Théligny geweſen war; dieſe Compagnie hatte zum Commandanten Herrn von Cuiſieux, ſeinen Nachfolger. Die vierte, welche die Tour Rouge ausweidete, wurde bewacht von der Compagnie des Kapitäns Saint⸗André und von Lactance und ſeinen Jacobinern: die Tour Rouge lag nur fünßzig Schritte vom Kloſter. Die fünfte, dem Palais des Gouver⸗ neur gegenüber, wurde bewacht von Coligny ſelbſt mit ſeiner Compagnie: er hatte bei ſich Yvonnet, Procope und Maldent. Die ſechste, geöffnet in dem Thurme, der links von der Porte de Rémi⸗ court ſtand, wurde bewacht von der Hälfte der Com⸗ pagnie des Admirals, die der Kapitän Rambouillet commandirte: Pilletrouſſe, der Freunde bei der Com⸗ Dumas, der Page. II. 16 242 pagnie hatte, war bei derſelben eingetreten. Die ſiebente wurde bewacht vom Kapitän Jarnac, von dem wir ſchon ein paar Worte geſagt haben: er war ſehr krank, doch ſo krank er auch war, er hatte ſich am 27. Morgens zur Breſche führen laſſen, wo er auf einer Matratze liegend den Sturm erwartete. Die achte, welche Zugang in die Tour Sainte⸗Pé⸗ rine gewährte, wurde bewacht von drei Kapitänen, die zu nennen wir noch keine Gelegenheit gehabt haben: ſie hießen Forces, Oger und Soleil; ein Vierter, der Herr von Vaulpergues, hatte ſich ihnen angeſchloſſen; ſie befehligten Soldaten von verſchie⸗ denen Waffen. Die neunte wurde bewacht von Dan⸗ delot mit fünfunddreißig Reiſigen und fünfundzwan⸗ zig bis dreißig Büchſenſchützen. Die zehnte, geöff⸗ net in der Tour à l'Eau, wurde vertheidigt vom Ka⸗ pitän von Lignières und von ſeiner Compagnie. Die elfte endlich, welche die Porte d'Isle ausgebrochen V hatte, wurde bewacht vom Kapitän Sallevert und von der Compagnie Lafayette, der ſich die zwei Schar⸗ fenſtein angeſchloſſen hatten, welche nur ein paar Schritte außer ihrem Zelte zu machen brauchten, um zu der Breſche zu kommen. Alle dieſe auf den verſchiedenen Breſchen ver⸗ theilten Kriegsleute beliefen ſich auf achthundert Nann: die mit ihnen vermengten Bürger bildeten eine dop⸗ pelte Zahl. Am 27. Auguſt fingen, wie geſagt, ſchon bei Tagesanbruch die Kanonen an zu donnern, und bis um zwei Uhr Nachmittags hörte dies nicht eine Se⸗ cunde auf. Es war unnütz, auf ein ſolches Feuer zu antworten, das die Wälle zermalmte, die Häuſer nien gele tete Wo wer Woͤ auf eine lich ſten Fal ſpre 2⁴3 niederſchmetterte, und die Einwohner bis in den ab⸗ gelegenſten Gaſſen traf. Man beſchränkte ſich alſo darauf, daß man war⸗ tete; um aber jedem Manne, der im Stande, die Waffen zu tragen, keinen Zweifel über die Noth⸗ wendigkeit ſeiner Mitwirkung zu laſſen, hörte der Wächter vom Wartthurme von Tagesanbruch an nicht auf zu läuten, und er unterbrach ſich nur, um mit einem Sprachrohre vom Thurme herab zu ſchreien: „Zu den Waffen, Bürger! zu den Waffen!“ Und beim Tone dieſer Glocke, bei dieſem kläg⸗ lichen, ewig wiederholten Rufe wurden die Schwäch⸗ ſten ſtark, gewannen die Furchtſamſten wieder Muth. Um zwei Uhr hörte das Feuer auf, und eine Fahne wurde von Emanuel Philibert auf dem Vor⸗ ſprunge des bedeckten Weges aufgeſteckt. Das war das Signal zum Sturme. Drei Colonnen rückten auf drei Punkten vor: die eine gegen das Jacobinerkloſter, die andere gegen die Tour à l Eau, die dritte endlich gegen die Porte d'Isle. Dieſe drei Colonnen beſtanden: die, welche gegen das Jacobinerkloſter marſchirte, aus den alten ſpa⸗ niſchen Banden unter Anführung von Alonzo de Cazieres, und fünfzehnhundert Deutſchen unter den Befehlen ihres Oberſten Lazarus Schwendy; die, welche gegen die Tour à l'Eau marſchirte, zählte ſechs ſpa⸗ niſche Bataillons commandirt vom Oberſten Navarez, und ſechshundert Wallonen des Grafen von Mégue; die endlich, welche gegen die Porte d'Isle marſchirte, ward geführt vom Kapitän Carondelet und von Julian 244 Romeron. Sie hatten unter ihren Befehlen drei burgundiſche Fähnlein und zweitauſend Engländer. Es wäre unmöglich, ſo kurz ſie war, die Zeit zu meſſen, welche zwiſchen dem Augenblicke, wo die Belagerer aus den Laufgräben hervorſtürzten, bis zu dem verlief, wo ſie mit den Belagerten zuſam⸗ menſtießen: in einem ſolchen Falle lebt man Jahre im Verlaufe einer Minute. Der Zuſammenſtoß fand an den drei bedrohten Punkten ſtatt. Auf dieſen drei Punkten ſah man eine Viertelſtunde lang nichts Anderes als ein gräß⸗ liches Gemenge; man hörte nichts Anderes als Ge⸗ ſchrei, Gebrüll, Flüche; ſodann einen Augenblick oben an der Brandung ſchwebend, fiel die emporge⸗ ſtiegene Woge zurückgeworfen wieder herab und ließ die Böſchung mit Todten bedeckt. Jeder hatte Wunder gethan; die drei mit aller Heftigkeit angegriffenen Punkte waren mit Verzweif⸗ lung vertheidigt worden. Lactance und ſeine Jaco⸗ biner hatten ſich ſehr kräftig gezeigt. Der Feind war von der Tour Rouge bis in die Gräben gerollt; doch über zwanzig Mönche waren durcheinander unter den Todten mit den ſpaniſchen Soldaten von Alonzo de Cazieres und den Deutſchen von Schwendy geblie⸗ ben. Die Wallonen des Grafen von Mégue und die Spanier von Navarez waren nicht glücklicher ge⸗ weſen, und gezwungen, bis zu den Laufgräben zu⸗ rückzuweichen, formirten ſie ſich wieder zu einem zweiten Sturme. An der Porte d'Isle endlich hatte ſich die Gegenwart von Malemort und der beiden Scharfenſtein wirkſam fühlbar gemacht; Carondelet war die Hand durch einen Piſtolenſchuß von Male⸗ V 245 mort zerſchmettert worden, und Julian Romeron hatte, von einem Kolbenſchlage niedergeworfen und von den Wällen durch Heinrich Scharfenſtein hinabge⸗ ſtürzt, bei ſeinem Falle beide Beine gebrochen. Es fand ein kurzer Halt auf der ganzen Linie ſtatt. Man athmete. Nun hörte man fortwährend den Ton der Sturmglocke vibriren und in beſtimmten Zwiſchenräumen den Wächter von den vier Ecken des Thurmes herabrufen: „Zu den Waffen, Bürger! zu den Waffen!“ Dieſer Ruf war nicht unnütz, denn, wie geſagt, die Sturmcolonnen formirten ſich wieder und kehr⸗ ten, nachdem ſie eine Verſtärkung durch friſche Trup⸗ pen erhalten, auf demſelben mit Todten beſtreuten Wege zurück, den ſie ſchon durchlaufen hatten. Was dieſe Vertheidigung erhaben machte, war, daß Anführer, Soldaten und Bürger wohl wußten, ſie ſei vergeblich und könne kein glückliches Reſultat haben. Doch es war eine große Pflicht, die man zu erfüllen hatte, und Jeder erfüllte ſie ernſt, fromm, edel. Es läßt ſich nichts ſo Düſteres, ſo Erſchreckliches denken, als dieſer zweite Angriff, den weder die Fan⸗ faren der Trompeten, noch das Raſſeln der Trom⸗ meln begleiteten. Belagerer und Belagerte trafen ſtillſchweigend zuſammen, und das einzige Geräuſch, das man hörte, war das des Klirrens von Eiſen an Eiſen. Da die Breſche, die er bewachte, nicht angegrif⸗ fen wurde, ſo konnte Coligny mit den Augen den Chancen des Kampfes folgen. Er ſah nun, daß eine Gruppe von ſpaniſchen Fähnlein, welche die Büch⸗ 246 ſenſchützen aus der Tour Rouge vertrieben hatten, dieſen Vortheil benützend und in einer Reihe hinter einander bis in den Thurm ſelbſt fortſchlüpfend zur V Bruſtwehr des Walles vorrückten. Coligny bekümmerte ſich anfänglich nichts um dieſen Angriff: der von den ſpaniſchen Fähnlein ge⸗ nommene Weg war ſo ſchmal und ſo ſchwierig, daß, wenn die Compagnie des Dauphin ihre Pflicht that, die Belagerer ſicherlich würden zurückgeworfen wer⸗ den; doch zum großen Erſtaunen von Coligny folgten ſich die Belagerer die Einen den Andern auf dieſem Wege, ohne daß es den Anſchein hatte, als würden ſie in ihrem Marſche beunruhigt. Plötzlich kam ein Soldat ganz erſchrocken herbei und meldete Coligny, die Breſche der Tour Rouge ſei forcirt. Wegen eines mit Erde gefüllten Bootes, das ſich zwiſchen ihm und der Tour Rouge erhob, war es Coligny unmöglich, zu ſehen, was auf dieſem Punkte vorging; nur begreifend, das Dringendſte ſei, dahin zu laufen, wo man ihm ſagte, der Feind ſei Sieger, rief er fünf bis ſechs Mann zu ſich, ſtieg vom Walle hinab, den er auf der andern Seite des Querwalls wieder hinaufzuſteigen gedachte, und ſchrie: „Herbei, meine Freunde! hier muß man ſterben!“ Und er lief in der That aus Leibeskräften nach der Tour Rouge. Doch er hatte nicht den halben Weg zurückgelegt, b als er hinter der Plattform der Windmühle den Fähndrich von der Compagnie des Dauphin in der V Richtung der Jacobiner mit anderen Kriegsleuten fliehen ſah, während Mönche und Bürger ſich eher — ◻ 8 &½ 8₰½ 247 tödten ließen, als daß ſie einen Schritt zurück⸗ wichen. Coligny dachte, ſeine Gegenwart ſei um ſo dring⸗ licher bei der Tour Rouge, als die Kriegsleute ſie verließen, und er verdoppelte ſeine Geſchwindigkeit; doch den Wall wieder hinaufſteigend, bemerkte er, daß der Wall genommen, und daß er blindlings in die ſpaniſche und deutſche Angriffscolonne gerannt war, welche ſchon Herrin, nicht nur der Breſche, ſondern auch der Mauer. Der Admiral ſchaute umher: ein einziger Page, faſt ein Kind, war ihm mit einem Edelmanne und einem Kammerdiener gefolgt. In dieſem Augenblicke griffen ihn zwei Männer an, der Eine mit Degenſtößen, der Andere, indem er aus nächſter Nähe auf ihn zielte. Der Admiral parirte die Degenſtöße mit der Kehrſeite ſeines mit Eiſen geharniſchten Armes, und ſchlug mit der Pieke, die er in der Hand hielt, den Lauf der Büchſe auf die Seite, ſo daß ſie in die Luft losging. Da ſchrie der kleine Page ganz erſchrocken ſpa⸗ niſch: „Tödtet nicht den Herrn Admiral! tödtet nicht den Herrn Admiral!“ „Seid Ihr wirklich der Herr Admiral?“ fragte derjenige, welcher Coligny mit Degenſtößen angegrif⸗ fen hatte. „Wenn es der Admiral iſt, ſo gehört er mir,“ rief der Mann mit der Büchſe. Und er ſtreckte die Hand nach Coligny aus. —— — 248 Doch dieſer ſchlug auf ſeine Hand mit dem Schafte ſeiner Pieke und ſagte: „Es iſt nicht nöthig, mich anzurühren, ich er⸗ gebe mich, und mit Gottes Hülfe werde ich für mein Löſegeld eine ſolche Summe finden, daß ſie Euch Beide befriedigen ſoll.“ Da wechſelten die Soldaten leiſe ein paar Worte, die der Admiral nicht hören konnte; ohne Zweifel war es eine Uebereinkunft, denn ſie ließen ab zu ſtreiten, um ihn zu fragen, ob die Leute, die ihn begleiten, ihm gehören, und wer ſie ſeien. „Der Eine iſt mein Page, der Andere iſt mein Kammerdiener, der Dritte iſt ein Edelmann von meinem Hauſe,“ antwortete der Admiral;„Ihr Lö⸗ ſegeld wird mit dem meinigen bezahlt werden; nur führt mich vom Wege der Deutſchen fort; ich will nichts mit ihnen zu thun haben.“ „Folget uns, und wir werden Euch an einen ſichern Ort bringen,“ ſagten die Soldaten. Und nachdem ſie vom Admiral ſeinen Degen verlangt hatten, führten ſie ihn zu der Breſche zu⸗ rück, welche nicht erſtiegen worden war, halfen ihm hinabgehen, und brachten ihn in den Graben an den Eingang einer Miene. Hier begegnete man Don Alonzo de Cazieres, mit dem die Soldaten ein paar Worte ſprachen. Don Alonzo näherte ſich ſodann Coligny und begrüßte ihn höflich, und auf eine Gruppe von Cdel⸗ leuten deutend, welche aus dem Laufgraben hervor⸗ kamen und, das Gefolge des Generaliſſimus der ſpa⸗ niſchen Armee bildend, auf die Mauer zuſchritten, ſagte er: 249 „Hier iſt Seine Durchlaucht Emanuel Philibert; habt Ihr eine Reclamation zu machen, ſo wendet Euch an ihn.“ „Ich habe ihm nichts zu ſagen,“ erwiederte der Admiral,„wenn nicht, ich ſei der Gefangene dieſer braven Leute, und ich wünſche, daß ſie den Preis meines Löſegelds erhalten.“ Emanuel Philibert hörte, was Coligny ſagte, und ſprach franzöſiſch mit einem Lächeln: „Herr Admiral, das ſind zwei Burſche, welche, wenn unſer Gefangener ihnen nach ſeinem Werthe bezahlt wird, reicher ſein werden, als gewiſſe Für⸗ ſten von meiner Bekanntſchaft.“ Und den Admiral in den Händen von Don Alonzo de Cacieres laſſend, erſtieg Emanuel Phili⸗ bert den Wall durch eben die Breſche, welche der Admiral vertheidigt hatte. XVII. Ein Fluͤchtling. Die Einwohner von Saint⸗Quentin wußten wohl, welches erſchreckliche Spiel ſie ſpielten, indem ſie der dreifachen ſpaniſchen, flämiſchen und engliſchen Ar⸗ mee, die ihre Mauern umgab, dieſen hartnäckigen Widerſtand entgegenſetzten, welchen das Glück von Philipp II. beſiegt hatte. Sie dachten alſo eben ſo wenig daran, um Gnade zu bitten, als, aller Wahrſcheinlichkeit nach, der Sie⸗ ger daran dachte, ihnen Barmherzigkeit zu bewilligen. Es war die Natur der Kriege jener Zeit, daß 250 ſie erſchreckliche Repreſſalien nach ſich zogen. Bei dieſen Heeren beſtehend aus Menſchen von allen Ländern oder aus Condottieri von einer und derſelben Nation, welche häufig gegen einander ſtrit⸗ ten, und wo die Geldverbindlichkeiten in der Regel ziemlich ſchlecht von den contrahirenden Partien ge⸗ halten wurden, war die Plünderung zum Voraus in Rechn ung gebracht und wurde ſogar manchmal, im Falle der Niederlage, der einzige Sold; nur plün⸗ derte man in dieſem Falle die Freunde, ſtatt die Feinde zu plündern. Die Vertheidigung war auch überall, wie wir geſehen, eine verzweifelte geweſen,— nur auf dem Punkte nicht, wo die Compagnie des Dauphin nach⸗ gegeben hatte. Der Feind hatte ſchon die Tour Rouge inne, der Admiral war ſchon gefangen genom⸗ men, Emanuel Philibert war ſchon auf dem Walle, als man ſich noch ſchlug, nicht mehr um die Stadt zu retten, ſondern um auf drei anderen Breſchen zu tödten oder getödtet zu werden: auf den Breſchen, welche vom Kapitän Soleil, von der Compagnie von Herrn von Lafayette und von Herrn Dandelot, dem Bruder des Admirals, vertheidigt wurden. Ebenſo war es an mehreren Punkten der Stadt: in den Platz durch die Rue du Billon eindringend, hatten die Spanier Gruppen bewaffneter Bürger gefunden, welche den Carrefour de Cépy und den Eingang der Rue de la Foſſe vertheidigten. Bei dem Geſchrei:„Die Stadt iſt genommen!“ beim Scheine des Feuers, beim Anblicke des Rauches erloſchen indeſſen dieſe partiellen Widerſtände; die Breſche des Kapitäns Soleil wurde forcirt, ſodann 251 die von Herrn von Lafayette und endlich die letzte, die von Herrn Dandelot. So wie dieſe Breſchen genommen waren, hörte man gewaltiges Geſchrei, auf das düſtere Stille folgte; dieſes Geſchrei war das des Sieges, dieſe Stille war die des Todes. War die Breſche forcirt, waren die Vertheidiger umgebracht, oder auf Löſegeld angenommen,— wenn man ſie nach ihrem Ausſehen für reich genug hielt, um ſich loszukaufen,— ſo ſtürzten ſich die Sieger auf den am nächſten bei dem Walle, wo ſie Fuß gefaßt, liegenden Theil der Stadt, und die Plünderung begann. Sie währte fünf Tage. Fünf Tage lang zogen der Brand, die Noth⸗ zucht und der Mord, dieſe verwüſtenden Gäſte der im Sturme genommenen Städte, durch die Straßen, ſetzten ſich auf die Schwelle der verlaſſenen oder eingeſtürzten Häuſer, und wälzten ſich ſelbſt auf den blutbefleckten Platten der Kirchen. Nichts wurde verſchont, nicht Weiber, nicht Kin⸗ der, nicht Greiſe, nicht Mönche, nicht Nonnen. In einer Pietät für die Steine, die er nicht für die Menſchen hegte, hatte Philipp II. Befehl gegeben, die heiligen Gebäude zu reſpectiren,— ohne Zwei⸗ fel befürchtend, die begangenen Sacrilegien werden auf ſein Haupt zurückfallen; der Befehl war frucht⸗ los, nichts hemmte die Zerſtörung in den Händen der Sieger. Die Saint⸗Pierre⸗ au⸗Canal⸗Kirche wurde wie durch ein Erdbeben niedergeworfen; die von den Kanonenkugeln durchlöcherte Collegialkirche, der die Geſchützſalven die herrlichen gemalten Glas⸗ 25⁵² ſcheiben zerſchmettert hatten, wurde ihrer Ciborien von Vermeil, ihrer ſilbernen Gefäße und ihrer Leuchter beraubt; das große Hotel⸗Dieu wurde niedergebrannt und das Hoſpital der Belles⸗Portes, das Notre⸗ Dame⸗Hoſpital, das Lembay⸗Hoſpital, das Saint⸗ Antoine⸗Hoſpital, die Beguinengemeinde und das Haus des Seminars boten nach Ablauf dieſer Tage nur noch einen Haufen von Trümmern. Sobald der Wall erobert und der Widerſtand der Straßen vernichtet war, war Jeder nur noch darauf bedacht geweſen, ſich ſeinem Schickſale zu unterwerfen, oder ihm zu entkommen; die Einen hatten den Hals dem Meſſer oder der Hellebarde dargeboten, die Andern hatten ſich in Keller, in unterirdiſche Gewölbe geflüchtet, wo ſie ſich den Blicken der Feinde zu entziehen hofften; wieder An⸗ dere hatten ſich an den Wällen hinabgleiten laſſen und es verſucht, durch die ſchlecht verbundenen Stücke der drei Heere zu ſchlüpfen; Alle aber, die dieſes letzte Mittel gewagt, hatten als Zielſcheibe für die ſpaniſchen Büchſenſchützen oder die engliſchen Bogenſchützen gedient, und ſehr Wenige waren den Kugeln der Einen oder den Pfeilen der Andern entkommen. Man ermordete alſo nicht nur in der Stadt, ſon⸗ dern auch außerhalb der Stadt; nicht nur auf den Wällen, ſondern auch in den Gräben, auf den Wie⸗ ſen und ſogar im Fluſſe, den einige Unglückliche zu durchſchwimmen ſuchten. Es kam indeſſen die Nacht, und der Lärm des Todtſchießens hörte auf. Es war ungefähr ſeit drei Viertelſtunden Nacht 253 geworden, es waren ungefähr zwanzig Minuten, daß man den letzten Büchſenſchuß gehört hatte, als ein leichter Schauer die Schilfrohre von dem Theile des Ufers der Somme bewegte, der ſich von den Quellen des Grosnard bis zu dem Einſchnitte er⸗ ſtreckt, den man Tourival gegenüber gemacht hat, um das Waſſer des Fluſſes in die Gräben der Stadt eindringen zu laſſen. Dieſer Schauer war ſo leicht, daß es dem ſchärf⸗ ſten Auge oder dem geübteſten Ohre unmöglich ge⸗ weſen wäre, auf eine Entfernung von zehn Schritten zu unterſcheiden, ob er durch die erſten Hauche der Nacht oder durch die Bewegung einer ſich der nächt⸗ lichen Uebung des Fiſchfanges überlaſſenden Otter verurſacht wurde. Alles, was man ſehen konnte, war, daß er ſich allmälig dem Strome des an die⸗ ſem Orte nicht tiefen Waſſers näherte; am Saume der Schilfrohre angelangt, hörte auch der Schauer einige Minuten auf, nach welchen man etwas wie das Geräuſch eines untertauchenden Körpers hätte hören können; zu gleicher Zeit ſtiegen Waſſerblaſen von der Tiefe des Fluſſes zur Oberfläche auf. Einige Secunden nachher erſchien ein ſchwarzer Punkt mitten in der Strömung des Waſſers, er blieb aber nur ſo lange ſichtbar, als ein in unſerer Atmoſphäre lebendes Thier braucht, um Athem zu holen, und verſchwand dann wieder. Zwei oder dreimal in gleichen Entfernungen, ohne ſich dem einen oder dem andern Ufer zu nähern und immer dem Strome folgend, verſchwand derſelbe Gegenſtand, um abermals zu erſcheinen. 254 Endlich ging der Schwimmer,— denn ſo wie er ſich von der vor Schmerz brüllenden Stadt entfernte und ein doppelter Blick, nach rechts und nach links geworfen, ihm verſicherte, daß die beiden Ufer der Somme verlaſſen waren, ſchien das Individuum, deſſen Spur wir verfolgen, weniger zu befürchten, es könnte erkennen laſſen, daß es der Gattung des Thiergeſchlechtes angehöre, die ſich aus eigener Macht⸗ vollkommenheit zur edelſten erklärt hat;— endlich, ſagen wir, ging der Schwimmer freiwillig von der geraden Linie ab, und nach ein paar kräftig durch⸗ arbeiteten Klaftern, wobei nur der Scheitel ſeines Kopfes allein auf der Oberfläche des Waſſers er⸗ ſchien, landete er am linken Ufer des Fluſſes, gerade bei einer Stelle, wo der Schatten einer Gruppe von Weiden die Finſterniß noch dichter machte, als an den entblößten Orten. Einen Augenblick hielt er mit gehemmtem Athem an, und ſo ſtumm und unbeweglich bleibend als der knorrige Baumſtamm, an den er ſich angelehnt, befragte er mit allen ſeinen Sinnen, welche der Ge⸗ danke der Gefahr, der er ſo eben entgangen, und derjenigen, welche ihn noch bedrohte, viel ſchärfer gemacht hatte, die Luft, die Erde und das Waſſer. Alles war ſtill und ruhig; gleichſam von einem Rauchbuſche bedeckt, aus deſſen Mitte ſich zuweilen ein Flammenſtrahl erhob, ſchien die Stadt allein, wie wir geſagt haben, ſich in den Qualen eines ſchmerzlichen Todeskampfes zu zerarbeiten. Der Flüchtling ſchien nun, gerade weil er ſich beinahe in Sicherheit fühlte, ein lebhafteres Bedauern zu empfinden, daß er ſich von einer Stadt tren⸗ 25⁵ nen mußte, in der er ohne Zweifel ſeinem Herzen theure Erinnerungen der Freundſchaft oder der Liebe zurückließ. Doch dieſes Bedauern, ſo lebhaft es auch war, flößte ihm gleichwohl nicht einen Augenblick das Verlangen ein, umzukehren; er be⸗ gnügte ſich damit, daß er einen Seufzer ausſtieß und einen Namen murmelte; und nachdem er ſich verſichert, daß ſein Dolch, die einzige Waffe, die er behalten, und die er am Halſe an einer Kette hän⸗ gend trug, deren Werth man bei Tage beſtreiten konnte, welche aber für Gold zu halten bei Nacht nichts hinderte; nachdem er ſich, ſagen wir, verſichert hatte, daß ſein Dolch leicht in der Scheide ſpielte und daß ſein lederner Gürtel, auf den er ein wirk⸗ liches Gewicht zu legen ſchien, fortwährend unter ſeinem Wammſe die ſchlanke, biegſame Taille, mit der ihn die Natur begabt hatte, umſchloß, eilte er mit dem Schritte, der die Mitte hält zwiſchen dem Geſchwindſchritte und dem gewöhnlichen Schritte, und den die moderne Strategie mit dem Namen gymnaſti⸗ ſcher Schritt getauft hat, gegen die Sümpfe der Abbiette. Für Einen, der wenig mit der Umgegend der Stadt vertraut, wäre der Weg, den der Flüchtling wählte, nicht ohne Gefahr geweſen. In der Zeit, wo die Ereigniſſe vorgingen, die wir erzählen, war der ganze Theil vom linken Ufer der Somme, auf den ſich unſer nächtlicher Wanderer wagte, von Süm⸗ pfen und Teichen eingenommen, durch die man nur mit Hülfe ſchmaler Chauſſeen gelangte; was aber Gefahr für einen unerfahrenen Menſchen wurde, bot im Gegentheil eine Chance der Rettung dem⸗ jenigen, welcher die Päſſe des ſchlammigen Labyrinths 256 kannte, und ein unſichtbarer Freund, der mit den Augen unſerem Manne gefolgt wäre und Befürch⸗ tungen über den Weg, den er nahm, gefaßt hätte, wäre ſehr ſchnell beruhigt geweſen. In der That, immer mit demſelben Schritte, und ohne einen Augenblick von der Linie des feſten Terrain abzuweichen, der er folgen mußte, um nicht in einer der Moorgruben zu verſinken, in denen der Connetable ſeine Soldaten ſo unglücklich hatte unter⸗ gehen laſſen, marſchirte der Flüchtling durch die Sümpfe, und er befand ſich bald auf der erſten An⸗ höhe dieſer hügeligen Ebene, die ſich vom Dorfe »'Abbiette bis zur Mühle von Cauchy erſtreckt und, wenn ſie mit Aehren bedeckt iſt, unter dem Hauche des Windes, der ſie beugt, den Anblick eines be⸗ wogten Meeres annimmt. Da es indeſſen ziemlich ſchwierig war, unter dieſen Getreidefeldern, welche der Feind halb ge⸗ ſchnitten hatte, um das Stroh für ſeine Bivouacs und das Futter für ſeine Pferde daraus zu machen, mit demſelben Schritte zu gehen, ſo zog ſich derjenige, welchem auf ſeiner abenteuerlichen Reiſe zu folgen wir uns zur Aufgabe gemacht haben, zu ſeiner Linken hin und betrat bald einen geſchlagenen Weg, welchen zu treffen ſein Hauptziel bei Ausführung der ver⸗ nünftigen Evolution, die er ſo eben gemacht hatte, geweſen zu ſein ſchien. Wie es geſchieht, ſo oft ein Ziel erreicht iſt, ſo hielt unſer Wanderer, als er unter ſeinen Füßen den Sand der Straße ſtatt der Stoppeln der Felder fühlte, einige Momente an, eben ſowohl, um einen den rch⸗ itte, itte, ſten nicht der ter⸗ die An⸗ orfe und, uche be⸗ nter ge⸗ lacs hen, nge, lgen nken ſchen ver⸗ atte, t, ſo üßen Ader linen 257 Blick umherzuwerfen, als um wieder Athem zu ſchöpfen; ſodann ſetzte er in einer Linie, die ihn mehr unmittelbar von der Stadt entfernte, als eine von denen, welchen er bis dahin gefolgt war, ſeinen Marſch fort. Er lief ſo ungefähr eine Viertelſtunde; dann hielt er aufs Neue, das Auge ſtarr, den Mund halb geöffnet, das Ohr geſpannt, an. Rechts, hundert Schritte von der Ebene, erhob ſich mit ihren großen Skelettarmen die Mühle von Gauchy; ihre Unbeweglichkeit gab ihr in der Finſter⸗ niß das Doppelte ihrer gewöhnlichen Größe. Was aber den Flüchtling plötzlich Halt zu machen beſtimmt hatte, war nicht der Anblick dieſer Mühle, die ihm wohl nicht unbekannt war, und die ihm ohne Zweifel nicht, wie Don Quixotte, unter der Geſtalt eines Rieſen, ſondern unter ihrer wahren Form er⸗ ſchien: was den Flüchtling anzuhalten veranlaßt hatte, war ein Lichtſtrahl, den er plötzlich durch die Thüre der Mühle gleiten ſah, und das Geräuſch eines kleinen Reitertruppes, das unmittelbar an ſein Ohr gelangte, während, unabläßig ſich ihm nähernd, eine compacte und bewegliche Maſſe ſich ſeinen Augen immer mehr ſichtbar machte. Es unterlag keinem Zweifel: das war eine ſpa⸗ niſche Patrouille, welche die Gegend durchſtreifte. Der Flüchtling orientirte ſich. Es war gerade der Ort, wo gegen Emanuel Philibert das Unternehmen des Baſtards von Waldeck ſtattgefunden, ein Unternehmen, bei welchem ge⸗ wiſſe Abenteurer von unſerer Bekanntſchaft ſo ſchlimm behandelt worden waren, und das beſonders für den armen Fracaſſo ſo beklagenswerthe Folgen gehabt Dumas, der Page. II. 47 258 hatte. Zur Linken lag das Wäldchen, durch das zwei von den Angreifenden entflohen waren; dieſes Wäldchen ſchien unſerem Unbekannten nicht fremd zu ſein: er warf ſich darein mit der Geſchwindigkeit eines aufgeſchreckten Hirſches und befand ſich unter dem Dache eines zwanzig⸗bis fünfundzwanzigjährigen Gehölzes, das ſtellenweiſe von großen Bäumen über⸗ ragt wurde, welche die Ahnen dieſes ganzen kleinen Waldes zu ſein ſchienen.. Es war Zeit: der Trupp kam auf den Weg fünfzehn Schritte von ihm in dem Augenblicke, wo er im Gehölze verſchwand. Mochte er nun denken, ſeine Gehörfähigkeiten nehmen durch die Berührung mit dem Boden zu, mochte er ſich auf dem platten Bauche liegend mehr in Sicherheit glauben, als ſtehend, der Flüchtling warf ſich mit dem Geſichte auf die Erde und blieb ſo unbeweglich und ſo ſtill als der Eichenſtamm, an deſſen Fuß er lag. Unſer Mann hatte ſich nicht getäuſcht; es war wohl ein Trupp feindlicher Reiter, der auf den Wegen umherſtreifte, und vielleicht ſogar, von der Einnahme der Stadt durch einen Boten oder den Anblick des Rauches und der Flammen, die am Horizont emporſchlugen, unterrichtet, ſeinen Antheil an der Beute fordern wollte. Einige ſpaniſche Worte von den Reitern aus⸗ geſprochen, als ſie in der Höhe des Flüchtlings ihre Identität. Er wurde daher unbeweglicher und ſtummer als je. V vorüberzogen, ließen dieſem keinen Zweiſel 9 Hac des han S ling lieb an war den der den zont der aus⸗ ings über b nmer 259 Als er ſodann, in dieſer Unbeweglichkeit und dieſer Stummheit, den nächtlichen Reitern Zeit ge⸗ laſſen hatte, ſich zu entfernen, als das Geräuſch ihrer Stimmen völlig erloſchen war, als der Wieder⸗ hall der Tritte ihrer Pferde dem Erlöſchen nahe war, richtete er wieder den Kopf auf, und er erhob ſich, — ſei es nun, um einen Entſchluß über den Weg zu faſſen, dem er folgen ſollte, um ſolche Begegnungen zu vermeiden, ſei es, um zu warten, bis die Schläge ſeines Herzens, deren Heftigkeit ſeine lebhaften Ge⸗ müthsbewegungen bezeichnete, ſich ein wenig beruhigt hätten,— er erhob ſich, ſagen wir, langſam, zuerſt auf ſeine Kniee, ſodann auf ſeine Hände, kroch un⸗ gefähr ein Klafter weit fort, und fühlend, daß er vom Schatten der von uns erwähnten, ſtellenweiſe im Gehölze emporragenden großen Bäume beſchützt wurde, drehte er ſich völlig um und ſaß nun, den Rücken faſt an den Stamm des Baumes angelehnt, das Geſicht gegen den Weg gewendet, da. Nun erſt erlaubte ſich der Flüchtling, frei zu athmen, und obgleich ſeine Kleider noch vom Waſſer der Somme durchnäßt waren, wiſchte er doch ſeine von Schweiß bedeckte Stirne ab und ſtrich mit ſeiner zarten, eleganten Hand durch die Locken ſeiner langen Haare. Kaum hatte er dieſe Operation vollendet, bei der er einen Seufzer des Wohlbehagens von ſich gab, da ſchien es ihm, ein beweglicher Gegenſtand, der über ſeinem Haupte ſchwebte, ſtreichle ihm ebenfalls und auf dieſelbe Art, wie er es gethan, das ſchöne Haar, das er, unter den gewöhnlichen Umſtänden des Lebens, mit einer beſonderen Sorgfalt zu be⸗ handeln ſchien. 260 Begierig, zu erfahren, was für ein belebter oder lebloſer Gegenſtand es war, der ſich bei ihm dieſe liebkoſende Vertraulichkeit erlaubte, warf ſich der junge Mann,— an der Geſchmeidigkeit und Elaſti⸗ cität ſeiner Bewegungen ließ ſich leicht errathen, daß der Flüchtling ein junger Mann war,— der junge Mann warf ſich alſo zurück, ſtützte ſich auf ſeine Ellenbogen und ſuchte durch die dichte Finſter⸗ niß die Form des Gegenſtandes zu unterſcheiden, der im Augenblicke ſeinen Geiſt in Anſpruch nahm. Alles war aber ſo dunkel um ihn her, daß er nichts unterſcheiden konnte, als eine kurz zuvor ſenk⸗ recht über ſeinem Haupte, nun über ſeiner Bruſt befindliche ſchmale Linie, die ſich ſteif im Hauche des Windes ſchaukelte, der den umherſtehenden Bäumen jenes nächtliche unentſchiedene Gemurmel entlockte, welches unwillkürlich den Wanderer, der geneigt iſt, es für die Klage von Geiſtern zu halten, ſchauern macht. Unſere Sinne ſind bekanntlich vereinzelt ſelten zureichend, um uns einen ſcharfen Begriff von den Gegenſtänden zu geben, mit denen ſie in Berührung ſtehen, und vervollſtändigen ſich nur durch einander⸗ Unſer Flüchtling beſchloß alſo, den Geſichtsſinn durch den Gefühlſinn, das Auge durch die Hand zu ver⸗ vollſtändigen; er ſtreckte wirklich die Hand aus und blieb unbeweglich und, ſo zu ſagen, verſteinert; ſodann plötzlich, als hätte er vergeſſen, daß die precäre Läge, in der er ſich befand, ihm die Stummheit und die Unbeweglichkeit zur Verpflichtung machte, ſtieß er einen Schrei aus und ſtürzte vom tiefſten Schrecken erfaßt aus dem Walde. Es war nicht eine Hand, die ſein ſchwarzes Haar der ieſe der iſti⸗ den, der auf ter⸗ den, hm. er enk⸗ ruſt des nen ckte, iſt, icht. lten den ung der. urch ver⸗ und ann äge, die 3 er ecken 261 verliebt geſtreichelt hatte: es war ein Fuß, und dieſer Juß war der eines Gehenkten! Es bedarf nicht der Bemerkung, daß dieſer Ge⸗ henkte unſer alter Freund der Dichter Fracaſſo war, der, wie ſich das Gerücht verbreitet, nach dem un⸗ glücklichen Unternehmen des Baſtards von Waldeck, im Particip der vergangenen Zeit den Reim gefun⸗ den hatte, den er ſo lange und ſo vergeblich im In⸗ finitiv geſucht. XVIII. Zwei Fluͤchtlinge. Der von den Hunden wiederaufgejagte Hirſch wirft ſich nicht aus dem Walde und durchfliegt die Ebene nicht in raſcheren Sprüngen, als es der junge Mann mit den ſchwarzen Haaren that, der hinſicht⸗ lich der Gehenkten,— eine Sorte von Menſchen, welche übrigens viel weniger nach als vor der Operation zu fürchten iſt,— eine unbegreifliche Nerventeiß⸗ barkeit zu beſitzen ſchien. Seine einzige Sorge war daher, als er am Saume des Wäldchens erſchien, Saint⸗Quentin den Rücken zuzuwenden und in einer der Stadt entge⸗ gengeſetzten Richtung davon zu laufen; der einzige Wunſch, den er zu haben ſchien, war, ſich ſo ſchnell V als möglich von dieſem Orte zu entfernen. Der Flüchtling hielt dem zu Folge über drei Viertelſtunden lang einen Lauf aus, wozu man einen Läufer von Prof eſſion unfähig geglaubt hätte, ſo daß er wohl in dieſen drei Viertelſtunden gegen zwei Meilen machen mußte. 262 Nachdem dieſe zwei Meilen gemacht waren, be⸗ fand er ſich jenſeits Eſſigny⸗le⸗Grand und dieſſeits Gibercourt. Zwei Dinge zwangen den Flüchtling zu einem augenblicklichen Halte: einmal fehlte ihm der Athem, ſodann wurde das Terrain ſo holpericht, daß man nur noch, ich ſage nicht laufen, ſondern mit einer außerordentlichen Vorſicht gehen konnte, wollte man nicht bei jedem Schritte ſtolpern. Bei der ſichtbaren Unmöglichkeit, weiter zu mar⸗ ſchiren, legte er ſich daher der Länge lang auf eine von den Erderhöhungen nieder, keuchend wie der Hirſch, der vor Mattigkeit umfällt. Ueberdies hatte er ohne Zweifel bedacht, die von den ſpaniſchen Vorpoſten beſetzte Linie ſei längſt überſchritten, und was den Gehenkten betreffe, wenn er hätte ſollen von ſeinem Baume herabſteigen und ihm nachlaufen, ſo würde er nicht drei Viertelſtunden gewartet haben, um ſich dieſes kleine Vergnügen von jenſeits des Grabes zu machen. Unſer junger Mann hätte ſich über dieſen Punkt eine noch viel vernünftigere Reflexion machen können: daß im Allgemeinen, wenn die Gehenkten vom Galgen herabſteigen könnten, möge er an der Ecke eines Scheideweges ſeinen kahlen, dürren Arm, oder im Walde ſeinen belaubten, ſaftreichen Aſt ausſtrecken, die Lage durchaus nicht ſo angenehm für ſie ſei, daß ſie nicht ſchon am erſten Tage herabſteigen würden. Iſt nun unſere Rechnung richtig, ſo waren vom Tage der Schlacht bei Saint⸗Quentin bis zum Tage der Einnahme der Stadt zwanzig Tage abgelaufen, und da Fracaſſo 263 geduldig zwanzig Tage an ſeinem Stricke hängen geblieben war, ſo hatte es alle Wahrſcheinlichkeit, er würde daran bleiben, ſo lange der Strick nicht bräche.. Während unſer Flüchtling wieder Athem ſchöpfte und ſich ohne Zweifel den Reflexionen überließ, die wir ſo eben gemacht haben, ſchlug es drei Viertel auf zwölf Uhr im Kirchthurme von Gibercourt, und der Mond ging hinter dem Walde von Rémigny auf. Hiedurch erfolgte, daß der Flüchtling, als er, nach vollendeten Reflexionen, das Haupt wieder er⸗ hob, bei den zitternden Strahlen des Mondes die Landſchaft erkennen konnte, deren belebteſten Theil er bildete. Er befand ſich auf dem Schlachtfelde, mitten in dem von Catherine von Laillier, der Mutter des Herrn von Gibercourt, improviſirten Friedhofe; das Hügelchen, auf dem er eine augenblickliche Ruhe ge⸗ ſucht hatte, war nichts Anderes als die Erhöhung eines Grabes, in welchem zwanzig franzöſiſche Sol⸗ daten die ewige Ruhe gefunden. Es war entſchieden, der Flüchtling ſollte nicht aus dem Leichenkreiſe herausgehen, der ſich, ſeitdem er Saint⸗Quentin verlaſſen, um ihn auszubreiten ſchien. Da indeſſen, wie es ſcheint, die Leichname, welche drei Fuß unter der Erde ſchlummern, für gewiſſe Organiſationen minder erſchrecklich ſind, als die, welche drei Fuß darüber baumeln, ſo beſchränkte ſich unſer Flüchtling diesmal darauf, daß er ſich einem nervöſen Zittern in Begleitung von jenem kleinen Schnattern der Stimme überließ, welches andeutet, 264 daß ein eiskalter Schauer zwiſchen der Haut und dem Fleiſche des armen, nach dem Haſen am leich⸗ teſten zu erſchreckenden Thieres,— nämlich des Men⸗ ſchen,— hinläuft. 4 Die Bruſt noch gehoben von einem Ueberreſte von Müdigkeit, der Folge des übermäßigen Laufes, den er vollbracht, fing unſer Flüchtling ſodann an auf das Geſchrei einer Nachteule zu horchen, das ſchwermüthig und regelmäßig aus einer Gruppe grüner Bäume hervordrang, welche ſtehen geblieben waren, um den Mittelpunkt des Friedhofes zu be⸗ zeichnen. Doch bald, ſo ſehr auch dieſer Todtengeſang ſeine Aufmerkſamkeit zu feſſeln ſchien, faltete ſich ſeine Stirne, und er drehte ſeinen Kopf leicht von rechts nach links, als ob ihn ein anderes Geräuſch, das ſich mit dieſem vermiſchte, in Anſpruch nähme. Dieſes Geräuſch war materieller als das erſte; das erſte ſchien vom Himmel auf die Erde herabzu⸗ ſteigen, das zweite ſchien von der Erde zum Himmel emporzuſteigen. Es war das Geräuſch von jenem entfernten Galoppe eines Pferdes, der ſo gut in der lateiniſchen Sprache nachgeahmt wird, nach der Behauptung der Profeſſoren, welche ſeit zweitauſend Jahren ganz von Bewunderung hingeriſſen ſind vor dem Verſe von Virgil: Quadrupedante putrem sonitu quatit ungula campum. Ich möchte nicht zu behaupten wagen, unſer Flüchtling habe dieſen Vers gekannt; ſicherlich aber kannte er den Galopp eines Pferdes: denn kaum war dieſes Geräuſch für ein gewöhnliches Ohr merkbar, 265 als der junge Mann den Horizont mit dem Blicke befragend da ſtand; nur da das Pferd nicht auf einer Landſtraße, ſondern auf einem ſtaubigen, durch die Märſche und Gegenmärſche der engliſchen und franzöſiſchen Armee aufgewühlten Boden lief, da dieſer Boden, von den Kanonenkugeln durchfurcht und von den Ueberbleibſeln der Ernte bedeckt, nur eine mittelmäßige Sonorität hatte, fand es ſich, daß in Wirklichkeit das Pferd und der Reiter viel näher beim Flüchtling waren, als dieſer ſich Anfangs eingebildet hatte. Der erſte Gedanke, der unſerem jungen Manne kam, war, der Steifigkeit ſeiner Beine mißtrauend habe der Gehenkte, dem er entflohen, aus dem Mar⸗ ſtalle des Todes ein fantaſtiſches Roß entlehnt, mit deſſen Hülfe er ihm nachgeſetzt ſei; und der raſche Lauf des Reiters, der geringe Lärm, den das Pferd auf dem Wege vorrückend vernehmen ließ, machten dieſe Suppoſition möglich, beſonders für eine nervöſe, noch durch die Ereigniſſe, welche in Erfüllung ge⸗ gangen, überreizte Natur. Als poſitiv bei Allem dem ergab ſich, daß Roß und Reiter nicht über fünfhundert Schritte mehr von dem jungen Manne entfernt waren, und daß dieſer das Eine und den Andern zu unterſcheiden anfing, ſo weit es erlaubt iſt, bei dem ein wenig dunklen Scheine eines Mondes in ſeinem letzten Viertel die Geſpenſter eines Reiters und eines Roſſes zu unter⸗ ſcheiden. Hätte der Lauf des fantaſtiſchen Centauren, der ſich näherte, unſern Flüchtling zwanzig Schritte rechts oder links laſſen ſollen, ſo würde ſich dieſer vielleicht 266 nicht gerührt haben, und ſtatt zu fliehen, hätte er ſich in den Schatten zwiſchen zwei Gräber gelegt, um die apokalyptiſche Viſion vorüberziehen zu laſſen; doch nein: er befand ſich auf der directen Linie, die der Ankommende durchlief, und er mußte aufs Schnellſte fliehen, wollte er nicht von dem hölliſchen Reiter be⸗ handelt werden, wie Heliodoros zwanzig Jahrhun⸗ derte vorher von dem himmliſchen Reiter behandelt worden war. Er warf alſo einen raſchen Blick nach dem Ho⸗ rizont, der dem entgegengeſetzt, an welchem die Ge⸗ fahr auftauchte, und kaum dreihundert Schritte vor ſich erblickte er wie einen düſtern Vorhang den Saum der Waldungen von Rémigny. Wohl hatte er einen Augenblick den Gedanken, ſich entweder in das Dorf Gibercourt oder in das Dorf Ly⸗Fontaines zu wer⸗ fen, da er halbwegs zwiſchen dieſe zwei Flecken ge⸗ ſtellt war, von denen ſich der erſte zu ſeiner Rechten und der zweite zu ſeiner Linken erhob; nachdem er aber die Berechnung der Entfernungen gemacht hatte, erkannte er, daß er wenigſtens fünfhundert Schritte vom einen und vom andern entfernt war, während er kaum dreihundert Schritte bis zum Saume des Waldes zu gehen hatte. 3 Er wandte ſich alſo nach dem Walde mit der Geſchwindigkeit des Hirſches, dem die von der Fährte abgekommene Meute die Muße gegeben hat, einige Augenblicke ſeine ſchon ſteif gewordenen Glieder aus⸗ ruhen zu laſſen; doch in dem Momente, wo er von der Unbeweglichkeit zur Bewegung überging, ſchien es ihm, als ſtieße der Reiter einen Freudenſchrei aus, der nichts Menſchliches hatte. Auf den dun⸗ V 267 ſtigen Flügeln der Nacht zu den Ohren des Flücht⸗ lings gebracht, gab dieſer Schrei eine neue Thätig⸗ keit ſeinem Laufe, und als dennoch das Geräuſch dieſes Laufes die in der Baumgruppe verborgene Eule erſchreckte und dieſe eine letzte Klage noch un⸗ heimlicher als die anderen von ſich gab, da benei⸗ dete er den düſtern Nachtvogel um ſeine raſchen, ſtillen Flügel, mit deren Hülfe er in einem Augen⸗ blicke in dem ſich vor ihm ausdehnenden Waldvor⸗ hange verſchwunden war. Hatte aber der Flüchtling nicht die Flügel der Eule, ſo ſchien das Pferd, das den Reiter trug zu ſeiner Verfolgung angetrieben, die der Chimäre zu haben; während er über die Gräber ſprang, warf der junge Mann einen Blick hinter ſich, und er ſah mit einer erſchrecklichen Geſchwindigkeit Roß und Reiter wachſen und näher kommen. Ueberdies wieherte das Pferd, und der Reiter brüllte. Hätten die Arterien der Schläfe des Flüchtlings nicht ſo gewaltig geſchlagen, ſo würde er begriffen haben, das Wiehern des Pferdes habe nur Natür⸗ liches, und das Geſchrei des Reiters ſei ganz einfach eine Wiederholung des Wortes: Halt anl in allen Tonarten von der der Bitte bis zu der der Drohung ausgeſprochen; da aber trotz dieſer aufſteigenden Tonleiter der Flüchtling, weit entfernt, anzuhalten, ſeine Anſtrengungen, um den Wald zu erreichen, verdoppelte, ſo verdoppelte der Reiter ſeine Anſtren⸗ gung, um den Flüchtling zu erreichen. Es fehlte übrigens wenig, daß das Athmen von dieſem ſo rauh war, als das des vierfüßigen Thieres, 268 welches ihn verfolgte; er war nur noch fünfzig Schritte vom Saume des Waldes entfernt; doch Roß und Reiter waren nur noch hundert von ihm. Dieſe letzten fünfzig Schritte waren dem Flücht⸗ ling das, was dem von den Wellen fortgerollten Schiffbrüchigen die letzten fünfzig Klafter ſind, die ihm zu zählen bleiben, um das Ufer zu erreichen; und der Schiffbrüchige hat noch die Chance, wenn ihm die Kräfte fehlen, werde ihn die Strömung viel⸗ leicht lebendig auf den Strand tragen, während keine Hoffnung dieſer Art den Flüchtling wiegen konnte, wenn er,— was mehr als wahrſcheinlich,— ſich nicht mehr auf den Beinen zu halten vermochte, ehe er das beſeligende Schutzdach erreicht hatte, wohin ihm die Eule vorangegangen, die mit ihrer unheim⸗ lichen Stimme ſeiner letzten unmächtigen Anſtren⸗ gung zu ſpotten ſchien. Die Arme ausgeſtreckt, den Oberleib vorgebogen, die Kehle ausgetrocknet, ein Brauſen in den Ohren, eine Blutwolke vor den Augen, hatte unſer Flücht⸗ ling nur noch zwanzig Schritte zu machen, um den Saum des Waldes zu erreichen, als er, ſich umwen⸗ dend, gewahrte, das immer wiehernde Roß, der im⸗ mer ſchreiende Reiter haben nur noch zehn Schritte zu machen, um ihn zu erreichen. Da wollte er ſeinerſeits ſeine Geſchwindigkeit verdoppeln; doch ſeine Stimme verſchied in ſeiner Kehle, ſeine Beine wurden ſteif; er hörte etwas wie ein Rollen des Donners hinter ſich, er fühlte etwas wie einen Flammenhauch auf ſeiner Schulter, er empfand einen Stoß dem ähnlich, welchen ein von einer Katapulte geſchleuderter Fels gegeben hätte, 269 und rollte halb ohnmächtig in den Graben des klei⸗ nen Waldes. Dann ſah er, wie durch einen Flammendunſt, den Reiter abſteigen oder vielmehr ſich von ſeinem Pferde herabwerfen, auf ihn zuſtürzen, ihn aufheben, auf die Böſchung ſetzen, ihn beim Mondſcheine anſchauen, und plötzlich hörte er ihn ausrufen: „Bei der Seele Luthers, es iſt der liebe Yvonnet!“ Bei dieſen Worten ſtrengte ſich der Abenteurer, der allmälig in dem Reiter ein menſchliſches Weſen erkannte, an, ſeine Lebensgeiſter wieder zu ſammeln; er heftete ſeine ſtarren Augen auf denjenigen, welcher nach einer ſo harten Verfolgung ſo beruhigende Worte an ihn richtete, und murmelte mit einer Stimme, welche die Trockenheit ſeiner Kehle dem Röcheln eines Sterbenden ähnlich machte: „Bei der Seele des Papſtes, es iſt Monſeigneur Dandelot!“ Wir wiſſen, warum Ywonnet vor Monſeigneur Dandelot floh; es bleibt uns zu erklären, warum Monſeigneur Dandelot Ywonnet verfolgte. Hiezu wird es für uns genügen, einen Blick rückwärts zu werfen und die Ereigniſſe wieder aufzjunehmen, wo wir ſie verlaſſen haben, das heißt in dem Augen⸗ blicke, wo Emanuel Philibert den Fuß auf die Breſche von Saint⸗Quentin ſetzte. Abenteurer und Kapitäaͤn. Wir ſagten, Maldent und Procope haben die⸗ ſelbe Breſche vertheidigt, wie der Admiral Coligny. Die Breſche war nicht ſchwer zu vertheidigen geweſen, da man ſie nicht angegriffen. Nur haben wir auch geſagt, wie die benachbarte Breſche von den ſpaniſchen Fähnlein überrumpelt worden ſei, und wie die Compagnie des Dauphin ſie habe ſo traurig nehmen laſſen. Wir haben endlich geſagt, gewahrend, was zu ſeiner Linken vorging, ſei Coligny fortgeeilt, habe diejenigen, welche ihn umgeben, ihm zu folgen auf⸗ gefordert, ſei nach dem Umwege, den ihn der Quer⸗ wall zu machen genöthigt, wieder auf den Wall emporgeſtiegen, deſſen ſich die Spanier ſchon bemäch⸗ tigt, und habe gerufen:„Hier muß man ſterben.“ Dieſer edle Entſchluß war ſicherlich im Herzen des Admirals, und ohne Zweifel that er Alles, was er konnte, um ihn zu vollführen, obgleich er nicht auf der Breſche ſtarb, ſei es durch eine göttliche Gunſt, ſei es durch eine himmliſche Rache, je nach⸗ dem man ſeine Ermordung in der Bartholomäus⸗ nacht aus dem proteſtantiſchen Geſichtspunkte oder aus dem katholiſchen Geſichtspunkte betrachtet. Doch dieſe Meinung, muthig von einem groß⸗ herzigen General ausgeſprochen, der auf ſeinen Schul⸗ tern eine ganze militäriſche und politiſche Verant⸗ wortlichkeit trug,— dieſe Meinung, man müſſe an dem Tage, wo man beſiegt werde, ſterben,— war 271 ohne Zweifel nicht die der drei Abenteurer, die ihm, durch die Vermittelung des Anwalts Procope, ihre Arme für die Vertheidigung der Stadt geliehen hatten. Als ſie ſahen, die Stadt ſei genommen, und es gebe kein Mittel mehr, ſie zu vertheidigen, dachten ſie, ihr Vertrag ſei mit vollem Rechte aufgelöſt, und ohne dieſe Anſicht ihren Genoſſen mitzutheilen, floh Jeder nach der Seite, wo er ſeine Rettung zu fin⸗ den hoffte. Maldent und Procope verſchwanden an der Ecke des Jacobinerkloſters, und da dieſe es nicht ſind, mit denen wir es für den Augenblick zu thun haben, ſo werden wir ſie ihrem guten oder ſchlimmen Schick⸗ ſal überlaſſen, um dem ihres Gefährten Nvonnet zu folgen. Anfänglich hatte er den Gedanken,— laſſen wir ihm dieſe Gerechtigkeit widerfahren,— den Weg nach dem Vieux⸗Marché zu nehmen und ſein Schwert und ſeinen Dolch ſeiner guten Freundin Gudule Pauquet anzubieten; ohne Zweifel dachte er aber, ſo furchtbar dieſe Waffen in ihrer unerfahrenen Hand wären, ſie könnten nur von geringem Nutzen für ein junges Mädchen ſein, das ſeine Schönheit und ſeine natürliche Anmuth viel wirkſamer gegen den Zorn der Sieger vertheidigen würden, als alle Schwerter und alle Dolche der Welt. Ueberdies wußte er, daß der Vater und der Oheim von Gudule in den Kellern ihrer Häuſer für ihre koſtbarſten Gegenſtände,— und in die erſte Reihe ihrer koſtbarſten Gegenſtände ſtellten ſie na⸗ türlich ihre Tochter und Nichte,— der junge Mann wußte, ſagen wir, daß der Vater und der Oheim von Gudule ein Verſteck, das ſie für unfindbar hiel⸗ ten, bereitet und darin auf jeden Fall Lebensmittel für etwa zehn Tage aufgehäuft hatten. So grimmig nun auch die Plünderung ſein mochte, es würde ſich höchſt wahrſcheinlich auf die Stimme der Führer die Ordnung in der unglücklichen Stadt vor dem zehn⸗ ten Tage wiederherſtellen, und wenn die Ordnung wiederhergeſtellt, würde ſich Gudule mit der Naſe aus ihrem Verſtecke hervorwagen und bei günſtiger Zeit wieder am Lichte der Sonne erſcheinen. Die Plünderung müßte alſo aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach, Dank ſei es den getroffenen Vorſichts⸗ maßregeln, ziemlich ruhig für das Mädchen vorüber⸗ gehen, das, den erſten Chriſtinnen ähnlich, aus den Katakomben, wo es verſenkt war, die Schlächterei und den Mord über ſeinem Haupte würde brüllen hören. Einmal überzeugt, ſeine Gegenwart, ſtatt Made⸗ moiſelle Gudule nützlich zu ſein, könnte ihr nur Schaden bringen, beſchloß Nvonnet, der überdies durchaus nicht begierig war, ſich acht bis zehn Tage lang wie ein Dachs oder wie ein Murmelthier zu begraben, Yvonnet beſchloß, auf die Gefahr, was auch daraus entſtehen dürfte, am hellen Lichte des Himmels zu bleiben, und, ſtatt ſich in irgend einem Winkel der eroberten Stadt zu begraben, ſetzte er ſchleunigſt Alles in Thätigkeit, damit vom Abend bis zum andern Morgen die größtmöglichſte Ent⸗ fernung zwiſchen der Stadt und ihm beſtände. Procope und Maldent verlaſſend, die ſich, wie geſagt, um die Ecke des Jakobinerkloſters drehten, erreichte er, nachdem er verſchiedene Straßen und Gã und und dop die ſein ſein den übe nen Pot ver ma tel hie den ſeir der ſein Th geſ 273 Gäßchen durchlaufen hatte, die Sainte⸗Catherine⸗Kirche und befand ſich auf dem Walle zwiſchen dem Thurme und dem Schlupfthore gleichen Namens. Während ſeines Laufes, und ohne wegen dieſer doppelten Operation anzuhalten, ſchnallte Yvonnet die Kuppel ſeines Schwertes und die Riemen von ſeinem Küraß auf, und da ihm ſein Schwert und ſein Küraß von keinem Nutzen bei dem Fluchtplane, den er improviſirt, ſein ſollten, ſo warf er ſein Schwert über eine Mauer der Rue de la Braſſette und ſei⸗ nen Küraß hinter einen Weichſtein der Rue de la Poterie. Dagegen befeſtigte er ſeinen Dolch an der vergoldeten kupfernen Kette, die ſich hoffärtig drei⸗ mal um ſeinen Hals ſchlang, und er zog den Gür⸗ tel enger, der die fünfundzwanzig Goldthaler ent⸗ hielt, welche die Hälfte ſeines Vermögens bildeten; denn wenn Malemort, der nicht fliehen konnte, die ſeinigen vergraben hatte, ſo hatte ſich doch Yvonnet, der auf die Behendigkeit ſeiner Beine rechnete, um ſeine Thaler und ſein Leben zu retten, nicht von dem Theile des Schatzes, über welchen zu verfügen ihm geſtattet war, trennen wollen. Auf dem Walle angelangt, ſtieg Ywonnet ent⸗ ſchloſſen über die Bruſtwehr und ſprang, ſteif und die Arme am Leibe, in den Graben, der mit leben⸗ digem Waſſer gefüllt war, welches ſich unten an der Mauer hinſchlängelte. Er war ſo ſchnell vorübergekommen, daß die Schildwachen kaum auf ihn aufmerkſam geworden waren; überdies hatte das Geſchrei, das in dieſem Augenblicke auf der andern Seite der Stadt erſcholl, etwas viel Intereſſanteres für ſie, als dieſer Menſch Dumas, der Page. II. 18 274 oder dieſer Stein, welchen man hatte in den Graben rollen hören, und der nicht wieder auf dem Waſſer erſchien, deſſen erweiterte Kreiſe ſich einerſeits an der Mauer, andererſeits an der beraſten Böſchung der Sümpfe von Grosnard gebrochen hatten. Das Individuum, deſſen Fall dieſe vielfachen Kreiſe verurſacht hatte, hütete ſich wohl, wiederzuer⸗ ſcheinen; nachdem es unter dem Waſſer fortgeſchwom⸗ men, hatte es ſich mitten unter eine Familie von Nenuphars gekauert, deren beſchützende Blätter vor Aller Blicken ſeinen, bis am Mund im Waſſer be⸗ grabenen, Kopf verbargen. Hier wohnte er einem Schauſpiele bei, das ganz fähig war, ſeine Nerven zu dem Zuſtande von Reiz⸗ barkeit vorzubereiten, zu dem wir ſie haben kommen ſehen. Viele Streiter, nachdem die Stadt einmal ge⸗ nommen war, folgten demſelben Wege wie er, die Einen, wie er es gethan, vom Walle hinabſpringend, die Anderen ganz einfach durch das Sainte⸗Catherine⸗ Schlupfthor fliehend; Alle aber hatten den unglück— lichen Gedanken, ſtatt die Nacht abzuwarten, es zu verſuchen, ſogleich zu fliehen. Sogleich fliehen war aber etwas Unmögliches, in Betracht des Kreiſes, den die Engländer parallel mit dieſer Seite der Mauer, von der alten Chauſſee von Vermand bis zu den Ufern der Somme, zu bilden beſorgt geweſen waren. Dieſe Flüchtlinge wurden alle mit Büchſen⸗ oder Pfeilſchüſſen empfangen und in die Sümpfe getrie⸗ ben, wo ſie den Engländern,— vortrefflichen Schü⸗ 275 tzen, wie man weiß,— das Vergnügen des Schei⸗ benſchießens gaben. Ein paar Leichname fielen zurückweichend bei Wonnet nieder und ſchloſſen ſich, dem Srome fol⸗ gend, dem Laufe der Somme an.* Das gab dem jungen Abenteurer eine Idee: die, eine Leiche zu ſpielen und, ſich ſteif und unbeweg⸗ lich haltend, die beſeligende Strömung zu erreichen, welche die Todten forttrug. Alles ging gut bis zu der Stelle, wo das Waſſer der Gräben ſich in die Somme wirft; als er aber hier angelangt den Kopf rückwärts neigte und vor⸗ ſichtig die Augen öffnete, ſah er eine doppelte Reihe von Engländern auf dem einen und auf dem an⸗ dern Ufer der Somme vertheilt, welche, da ſie keine Lebende zu erſchießen hatten, ſich damit beluſtigten, daß ſie nach den Leichen ſchoſſen. Statt die leichenartige Reiſe fortzuſetzen, die ihn auf der Oberfläche des Waſſers erhielt, knäulte ſich der junge Mann zu einer Kugel zuſammen, rollte in die Tiefe und erreichte auf allen Vieren das Schilfrohrdickicht, in dem er ohne Unfall verborgen blieb, und wo wir ihn haben ausmünden ſehen, um das andere Ufer zu erreichen. Da wir dem Reiſenden von dem Augenblicke an, wo er im Schatten der Weiden wiedererſchien, bis zu dem gefolgt ſind, wo er keuchend am Saume des Waldes von Rémigny niederfiel, ſo iſt es wenig⸗ ſtens unnöthig, daß wir uns weiter mit ihm beſchäf⸗ tigen. Wir werden ihn alſo verlaſſen, um nun, in allen Einzelheiten der Ereigniſſe, die ihm begegnet, Monſeigneur Dandelot, dem Bruder des Admirals —— 276 zu folgen, deſſen befreundetes Geſicht Ywonnet ver⸗ anlaßt hatte, einen ſo freudigen Ausruf der Erken⸗ nung von ſich zu geben. Wir haben geſagt, die Breſche, welche Dandelot bewacht, ſei zuletzt genommen worden. Dandelot war nicht nur ein General, ſondern auch ein Soldat; er hatte mit der Hellebarde und dem Schwerte geſtritten, wie es der letzte Reiter der Armee hätte thun können. Da ihn nichts von den Anderen unterſchied, als ſein Muth, ſo hatte man ihn wegen ſeines Muthes reſpectirt, der der Ueber⸗ zahl gewichen war; ein Dutzend Soldaten hatte ſich auf ihn geworfen, ihn entwafftet und gefangen ins Lager geführt, ohne zu wiſſen wer der Kapitän war, wir ſagen nicht, der ſich ihnen ergeben hatte, ſon⸗ dern der von ihnen gefangen genommen worden war. Sobald er ins Lager kam, wurde er vom Con⸗ netable und vom Admiral erkannt, welche, während ſie ſeinen Namen und den Grad der Theilnahme, die ſie als Oheim und als Bruder für ihn hegten, zu verbergen bemüht waren, ſich bei denjenigen, die ihn gefangen genommen, für ihn mit einer Summe von tauſend Thalern verbürgten, welche die zwei hohen Gefangenen zu gleicher Zeit mit ihrem Löſe⸗ gelde bezahlen ſollten. Doch es war nicht möglich, vor Emanuel Phili⸗ bert den Rang des Gefangenen zu verbergen; als er Dandelot zum Abendbrode einlud, wie er es beim Connetable und beim Admiral gethan hatte, befahl er auch, wie er es ebenfalls bei dieſen gethan hatte, daß die thätigſte Ueberwachung dieſe dritte Perſon ——— A — ,., —— S —9— ,eͤ— s—= * 277 umgebe, die er mindeſtens den zwei Anderen gleich⸗ ſtellte. Das Mahl verlängerte ſich bis um halb elf Uhr Abends mit einer den ſchönen Zeiten des Ritterthums würdigen Artigkeit. Emanuel Philibert ſuchte die⸗ ſen ganzen, wie am Tage nach Poitiers, nach Crécy, nach Azincourt gefangenen, franzöſiſchen Adel ver⸗ geſſen zu laſſen, daß er an der Tafel ſeines Siegers ſaß, und es war während des Abends viel mehr die Rede von der Belagerung von Metz und der Schlacht bei Renty, als von der St. Laurent⸗Schlacht und der Einnahme von Saint⸗Quentin. Um halb elf Uhr ſtand man, wie geſagt, von Tiſche auf; es waren Zelte für die edlen Gefangenen im Mittelpunkte deſſelben Lagers, in einer Umſchlie⸗ ßung von Paliſſaden, wo man nur durch ſchmale, mit zwei Schildwachen beſetzte Oeffnungen eindrang, in Bereitſchaft gehalten. Ein Kreis von Schildwachen war überdies außer⸗ halb dieſer Umſchließung mit Paliſſaden aufgeſtellt. Oft, in den langen Nächten der Belagerung, hatte Dandelot von der Mauer herab ſeinen Blick über das rieſige Feld hinſchweifen laſſen, das zu ſeinen Füßen lag. Er kannte das Quartier von jedem Chef, die Lage der Zelte, den zwiſchen den Leuten der verſchiedenen Nationen beobachteten Zwiſchenraum und ſogar die Unebenheiten des Bodens, welche die ganze Stadt mit den flatternden Fähnchen gleichſam ſich kräuſeln machten. Seitdem er Gefangener war,— und man weiß, daß dies nicht lange her,— hatte eine einzige Idee, 278 wie die Unruhe einer Pendeluhr, an beide Seiten des Schädels von Dandelot geſchlagen. Dieſe Idee war die, zu fliehen. Kein Wort band ihn, und er hatte ſich, wie ge⸗ ſagt, nicht ergeben: er war feſtgenommen worden; mit Recht dachte er nun, je eher er dieſen Flucht⸗ plan in Ausführung zu bringen ſuchen würde, deſto mehr hätte er Chancen des Gelingens. Man wird alſo nicht erſtaunt ſein, wenn wir ſagen, daß, nachdem er kaum das Quartier von Emanuel Philibert verlaſſen, um in das der Gefan⸗ genen zurückzukehren, ſein Auge anfing, gierig alle Gegenſtände zu befragen, die ſich ſeinem Blicke boten, mit dem Verlangen, aus dem vielleicht geringfügig⸗ ſten und unbedeutendſten dieſer Gegenſtände ein Mittel der Rettung zu machen. Ein Officier ſollte von Emanuel Philibert nach Cambray geſchickt werden, um dahin die Nachricht von der Einnahme der Stadt und die Liſte der an⸗ geſehenen Gefangenen, welche abgefaßt worden waren, zu bringen. Dieſe Liſte war während des Abendbrodes noch vermehrt worden, und der Officier, nachdem Emanuel Philibert von ſeinen Gäſten Abſchied genommen, war unter das Zelt des Obergenerals eingetreten, damit dieſer der Liſte die neuen Namen, durch die ſie vergrößert werden ſollte, beifüge. Eines von den Pferden aus den Ställen von Emanuel, unter den ſchnellſten Rennern gewählt, ſtand zehn Schritte vom Quartier des Prinzen, von einem Stallknechte am Gebiß gehalten. Dandelot näherte ſich dem Pferde als ein Lieb⸗ = 70 20 758 A —— OS ASoͤŔ Se —— haber, den der Anblick eines Racethieres anzieht; dann ſchwang er ſich, ſeinen Ruf, einer der beſten Reiter der franzöſiſchen Armee zu ſein, rechtfertigend, in den Sattel, ſtieß dem Pferde die Sporen in den Bauch, warf den Stallknecht zu Boden und ſprengte im Galopp davon. Der niedergeworfene Stallknecht ſchrie aus Lei⸗ beskräften, Dandelot war aber ſchon zwanzig Schritte von dem Punkte, von dem er abgegangen. Er jagte wie eine Viſion an den Zelten des Grafen von Mögue vorüber: die Schildwache legte auf ihn an, doch die Lunte ihrer Büchſe war erloſchen. Eine andere Schildwache, die mit einer Radmuskete bewaffnet war, vermuthete, es ſei der wie ein Wetterwirbel an ihr vorbeibrauſende Reiter, welchen ihr das von zwei Seiten ertönende Geſchrei bezeichne, ſchoß auf ihn und fehlte; fünf bis ſechs Soldaten ſuchten ihm den Weg mit Hellebarden zu verſperren; doch er warf die Einen nieder, ſetzte über die Andern weg, ließ Alle hinter ſich, gelangte auf ſeinem Laufe zur Somme, ſprang mit einem einzigen Satze bis zum Drittel des Fluſſes, ließ ſich, ſtatt es zu verſuchen, die Strömung zu durchſchneiden, von derſelben treiben, und landete durch ein Musketenfeuer, das kein an⸗ deres Reſultat hatte, als ihm ſeinen Hut zu entreißen und ſeine Hoſen zu durchlöchern, am andern Ufer. Hier angelangt, war er beinahe gerettet. Als vollendeter Reiter hatte er zu raſch den Werth des Pferdes begriffen, das er zwiſchen ſeinen Beinen preßte, um die Verfolgung anderer Pferde, vor denen er fünf bis ſechs Minuten Vorſprung hatte, zu fürch⸗ ten; das Einzige, was er alſo befürchten mußte, 280 war, daß ihn eine Kugel von ſeinem Pferde werfe „oder ſein Pferd ſo ſchwer verwunde, daß er an der Fortſetzung des Marſches verhindert werde. Dandelot hatte auch einen Augenblick der Beſorg⸗ niß, als er aus der Somme herauskam; dieſer Augen⸗ blick war kurz: nach fünf bis ſechs Sätzen hatte der Flüchtling erkannt, das Pferd ſei ſo wohlbehalten als er ſelbſt. Dandelot kannte die Landſchaft nicht, doch er kannte die Lage der bedeutendſten Städte, welche Saint⸗ Quentin umgaben und den franzöſiſchen Gürtel, Laon, la Foère, Ham, bildeten; er errieth inſtinctartig den Punkt, wo, fünfundzwanzig bis ſechsundzwanzig Meilen jenſeits dieſer Städte, Paris lag. Das Wichtigſte für ihn war, ſich von der Gefahr zu ent⸗ fernen; er ritt gerade aus und befand ſich natürlich auf der Linie von Gauchy, von Gruois und Eſſigny⸗ le⸗Grand. Im Avngeſichte dieſes letzten Dorfes ankommend, konnte ſich der Reiter, da der Mond aufgegangen war, Rechenſchaft geben, nicht von dem Wege, den er gemacht, nicht von dem Orte, wo er ſich be⸗ fand, ſondern von der Landſchaft und ihrem Anblicke. Dandelot hatte, wie man ſich erinnert, der Schlacht nicht angewohnt; er konnte alſo auch nicht betroffen ſein von dem Anblicke, den das Schlachtfeld bot, und der Ywonnet beunruhigt hatte. Er ſetzte ſeinen Marſch fort, jedoch den Schritt ſeines Pferdes ein wenig hemmend, ritt am Dorfe Benay hin und kam, nach rechts und nach links und gerade aus gierige Blicke werfend, zwiſchen den zwei Hinocourt⸗Mühlen durch. Was der Reiter 281 ſuchte, war ein einzelner Menſch, ein Bauer aus der Umgegend, bei welchem er ſich über den Ort, wo er ſich befand, erkundigen könnte, und der ihm als Führer dienen oder ihn wenigſtens auf ſeinen Weg bringen würde. Darum erhob er ſich alle Augenblicke auf ſeinen Steigbügeln und ließ ſeinen Blickſo weit hinſchweifen, als dieſer Blick tragen konnte. Plötzlich ſchien es ihm, als ſähe er mitten auf dem umgewühlten Boden des von uns erwähnten Cimetière le Piteux einen menſchlichen Schatten ſich erheben; er ritt unmittelbar auf dieſen Schatten zu, doch der Schatten ſchien eben ſo begierig, ihn zu fliehen, als er begierig war, denſelben zu erreichen. Der Schatten floh alſo über Hals und Kopf; Dan⸗ delot jagte ihm nach; der Schatten wandte ſich nach dem Walde von Rémigny. Dandelot errieth ſeine Abſicht und verdoppelte durch alle einem Reiter mögliche Mittel, das heißt durch die Sporen, durch die Kniee, durch die Stimme, die Geſchwindigkeit ſeines Pferdes, ließ es über Hügelchen, Gebüſche, Bäche ſetzen, um zu dem verdammten Walde vor dem Schatten zu kommen, den er verfolgte, und der der von Achilles dem Leichtfüßigen zu ſein geſchienen hätte, würde ihn nicht die Angſt, die er fühlen müßte, des glorreichen Namens von Achilles unwür⸗ dig gemacht haben. Der Schatten war nur noch zwanzig Schritte vom Gehölze entfernt; Dandelot nur noch dreißig Schritte vom Schatten; er machte eine letzte Anſtrengung, deren Reſultat wir geſehen haben: der Schatten,— der, ſo wie er ihm näher kam, die Solidität eines Körpers annahm,— rollte geſtoßen von der Bruſt ſeines Pferdes zu ſeinen — ——— 282 Füßen. Er warf ſich zu Boden, um dem Flüchtling Hülfe zu leiſten, deſſen Aufſchlüſſe ihm ſo koſtbar ſein konnten, und in dem keuchenden, faſt ohnmäch⸗ tigen, vor Angſt halb todten armen Teufel erkannte er zu ſeinem großen Erſtaunen und zugleich zu ſeiner großen Freude den Abenteurer Yvonnet. Woonnet ſeinerſeits erkannte mit einem gleichen Erſtaunen, doch mit einer noch viel größeren Freude den Bruder des Admirals Monſeigneur Dandelot von Coligny. XX. Die Erwartung. Die Nachricht vom Verluſte der Schlacht bei Saint⸗Quentin war wie ein unerwarteter Donner⸗ ſchlag durch ganz Frankreich erſchollen und hatte beſonders ſein Echo im Schloſſe Saint⸗Germain ge⸗ habt. Nie war für den Connetable von Montmo⸗ rency, dieſen unwiſſenden, mürriſchen alten Haudegen, um nicht gänzlich in Ungnade zu fallen, ein größeres Bedürfniß die unerklärliche Stütze geweſen, die ihm bei Heinrich II. die beſtändige und unerſchütterliche Gunſt von Diana von Poitiers gewährte. Der Schlag war in der That erſchrecklich; eine Hälfte des Adels mit dem Herzog von Guiſe bei der Eroberung von Neapel beſchäftigt, die andere ver⸗ nichtet! Einige Edelleute, gequetſcht und keuchend, um den am Schenkel verwundeten Herzog von Ne⸗ vers gruppirt, der großen Schlächterei entkommen, 283 — das war die ganze active Streitmacht, welche Frankreich blieb. Vier bis fünf arme Städte ſchlecht beſchützt durch Wälle in ſchlechtem Zuſtande, ſchlecht verſorgt mit Mund⸗ und Kriegsvorräthen, ſchlecht verſehen mit Garniſonen, Ham, la Fere, Laon, le Catelet und, als mitten im Feuer verlorene Schildwache, Saint⸗ Quentin, die am wenigſten feſte, die am wenigſten vertheidigte, die am wenigſten haltbare von dieſen Städten. Drei feindliche Armeen, eine ſpaniſche, eine flä⸗ miſche und eine engliſche, die zwei erſten erbittert durch eine lange Alternative von Siegen und Nie⸗ derlagen, die dritte ganz neu, ganz friſch, angelockt durch die Vorgänge von Poitiers, von Crécy, von Azincourt, begierig, das berühmte Paris zu ſehen, deſſen Mauern ein anderes engliſches Heer unter Karl VI., das heißt anderthalb Jahrhunderte vorher, geſehen hatte. Ein iſolirter König ohne perſönliches Genie, tapfer, aber von jener der franzöſiſchen Individug⸗ lität eigenthümlichen Tapferkeit, fähig, ein vortreff⸗ licher Soldat zu ſein, unfähig, ein mittelmäßiger General zu ſein. Als einziger Rath der Cardinal von Guiſe und Catharina von Medici, das heißt die verſchmitzte italieniſche Politik verbunden mit der franzöſiſchen Liſt und dem lothringiſchen Hochmuthe. Außerdem ein frivoler Hof von Königinnen und Prinzeſſinnen, von leichtfertigen und galanten Frauen: die kleine Königin Maria, die kleine Prin⸗ zeſſin Eliſabeth, Madame Margarethe von Frank⸗ 284 reich, Diana von Poitiers und ihre Tochter,— beinahe verlobt mit einem von den Söhnen des Connetable von Montmorency, François Charles Henry;— die kleine Prinzeſſin Margarethe endlich. Die unſelige Kunde vom Verluſte der Schlacht bei Saint⸗Quentin oder der St. Laurent⸗Schlacht erſchien auch aller Wahrſcheinlichkeit nach nur als die Vorläuferin von zwei anderen nicht minder er⸗ ſchrecklichen Nachrichten: der Einnahme von Saint⸗ Quentin und dem Marſche des dreifachen ſpaniſchen, engliſchen und flämiſchen Heeres gegen Paris. Der König fing damit an, daß er Anſtalten zu einem Rückzuge nach Orleans zu treffen befahl, nach Orleans, dieſer alten Feſte Frankreichs, welche, durch eine Jungfrau wiedergenommen, etwas über hun⸗ dert Jahre vorher als Tabernakel für die heilige Arche der Monarchie gedient hatte. Die Königin, die drei Prinzen, die kleine Prin⸗ zeſſin und der ganze weibliche Hof ſollten ſich bereit halten, bei Tag oder bei Nacht, auf den erſten Be⸗ fehl, der gegeben würde, abzureiſen. Was den König betrifft,— er ſollte ſich zu den Ueberreſten der Armee begeben, wo ſie auch wären, und gemeinſchaftlich mit ihnen kämpfen, bis er den letzten Tropfen ſeines Blutes vergoſſen hätte.— Alle Maßregeln waren getroffen, daß ihm der Dau⸗ phin Franz, im Falle ſeines Todes, auf dem Throne folgte, mit Catharina von Medici als Regentin und dem Cardinal von Lothringen zum Rathe. Ueberdies waren, wie wir ſchon geſagt zu haben glauben, Couriere an den Herzog Franz von Guiſe abgeſandt worden, damit er ſeine Rückkehr beſchleu⸗ nige imn war die und noc ſein kän bis 285 nige und Alles mit ſich zurückbringe, was er nur des immer vom Heere zurückbringen könnte. V Nachdem dieſe Anordnungen getroffen waren, wartete Heinrich II. mit Bangigkeit, das Ohr gegen die Straße von der Picardie gewendet. Da erfuhr er, daß gegen alle Wahrſcheinlichkeit und ſogar gegen alle Hoffnung Saint⸗Quentin ſich noch hielt. Fünfzehntauſend Mann waren unter ſeinen Mauern vernichtet worden; die heroiſche Stadt kämpfte gegen die ſiegreiche dreifache Armee mit vier bis fünfhundert Soldaten von allen Waffen. Aller⸗ dings beſaß Saint⸗Quentin außer ſeiner Garniſon jene muthige Bevölkerung, die wir bei der Arbeit geſehen haben. Man wartete mit derſelben Bangigkeit zwei Tage, drei Tage auf die Nachricht von der Einnahme der Stadt. Nichts dergleichen geſchah. Man erfuhr im Ge⸗ gentheile, es ſei Dandelot geglückt, mit einer Ver⸗ ſtärkung von einigen hundert Mann in den Platz zu gelangen, und der Admiral und er haben den Schwur gethan, ſich unter den Trümmern der Stadt begraben zu laſſen. Man wußte aber, daß, wenn Coligny und Dandelot ſolche Schwüre thaten, ſie dieſelben hielten; der König war alſo ein wenig be⸗ ruhigt: die Gefahr beſtand immer, doch ſie war minder bedrohlich. Die ganze Hoffnung Frankreichs fand ſich, wie man ſieht, in Saint⸗Quentin concentrirt. Heinrich II. forderte vom Himmel, daß ſich die Stadt acht Tage halten könne; mittlerweile, und um immer die neuſten Nachrichten zu haben, reiſte er 286 nach Compiègne ab; in Compiègne war er nur ein paar Meilen vom Schauplatze des Krieges entfernt. Catharina von Medici begleitete ihn. Handelte es ſich darum, einen guten Rath zu verlangen, ſo nahm Heinrich II. ſeine Zuflucht zu Catharina von Medici; handelte es ſich darum, einen ſüßen Augenblick zuzubringen, ſo wandte er ſich an Diana von Poitiers. Der Cardinal von Guiſe blieb in Paris, um die Pariſer zu überwachen und zu ermuthigen. Im Falle der Dringlichkeit ſollten der König und die Königin ſich trennen; der König ſollte ſich zur Armee begeben, wenn noch eine Armee exiſtirte, um ſie durch ſeine Gegenwart anzufeuern; Catharina ſollte nach Saint⸗Germain zurückkehren, um die oberſte Leitung des Rückzugs zu übernehmen. Heinrich fand die Einwohnerſchaften viel weniger erſchrocken, als er befürchtete. Die Gewohnheit der Heere des vierzehnten, fünfzehnten und ſechzehnten Jahrhunderts, bei ihren Eroberungen nicht eher ei⸗ nen Schritt zu wagen, als bis ſie ſich den Beſitz der Städte geſichert, die ſie auf ihrem Wege trafen, gab Compiègne, beſchützt durch Ham, le Catelet und la Foͤre, ein wenig Friſt. Heinrich quartierte ſich im Schloſſe ein. Auf der Stelle wurden Spione in die Gegend von Saint⸗Quentin abgeſchickt, um den Zuſtand von Saint⸗Quentin zu erforſchen, und Eilboten gegen Laon und Soiſſons, um ſich zu erkundigen, was aus dem Heere geworden. Die Spione kamen zurück und erzählten, Saint⸗ Quentin halte ſich vortrefflich; die Eilboten kamen 287 zurück und ſagten, zwei bis dreitauſend Mann,— das war Alles, was von der Armee blieb,— haben ſich in Laon um den Herzog von Nevers verſammelt. Aus dieſen zwei bis dreitauſend Mann hatte übri⸗ gens den Herzog von Nevers den größtmöglichſten Nutzen gezogen. Er kannte das langſame Weſen dieſes Belage⸗ rungskrieges, den,— war Saint⸗Quentin einmal erobert,— wahrſcheinlich die ſpaniſche Armee unter⸗ nehmen würde; er beſchäftigte ſich alſo nur mit der Verſtärkung der Städte, die den Marſch des Fein⸗ des verzögern konnten. Er ſchickte den Grafen von Sancerre nach Guiſe, wohin dieſer ſeine Reitercom⸗ pagnie, die des Prinzen de la Roche⸗ſur⸗Yon und die zwei Compagnien von d'Eſtrées und von Cui⸗ ſieux führte. Er ſchickte den Kapitän Bordillon nach la Fère mit fünf Fähnlein Fußvolk und eben ſo viel Compagnien Reiterei. Der Baron von Polig⸗ nac endlich ging nach le Catelet ab, Herr d'Humidères nach Péronne, Herr von Chausnes nach Corbie, Herr von Söſois nach Ham, Herr von Clermont d'Amboiſe nach Saint⸗Dizier, Bouchavannes nach Couzy und Montigny nach Chauny. Er ſelbſt blieb in Laon mit einem Corps von tauſend Mann; dahin ſollte ihm der König die neuen Truppen zukommen laſſen, die man auf die Beine bringen könnte, und die Verſtärkungen, die man aus anderen Theilen Frankreichs beziehen würde. So legte man einen erſten Verband auf die Wunde; nichts ſagte aber noch, die Wunde ſei nicht tödtlich. Es wäre ſchwierig, ſich etwas Traurigeres vor⸗ 288 zuſtellen als dieſes alte Schloß von Compiègne, das ſchon an und für ſich düſter war und durch die Gegenwart ſeiner zwei königlichen Gäſte noch mehr verdüſtert wurde. Wenn Heinrich II. in dieſe Re⸗ ſidenz kam,— und dies war drei bis viermal im Jahre,— ſo geſchah es, um Schloß, Stadt und Feſte mit dem prächtigen Hofe von jungen Frauen und jungen Cdelleuten, die er nach ſich ſchleppte, zu bevölkern; es geſchah, um die Corridors und die gothiſchen Säle mit dem Geräuſche der Feſtinſtru⸗ mente zu erfüllen, um den Wald vom Klange des Horns und vom Gebelle der Hunde widerhallen zu laſſen. Diesmal war es nicht ſo. Gegen das Ende des Tages hielt ein ſchwerfälliger Wagen vor dem Schloß⸗ thore an, ohne im Geringſten die Neugierde der Einwohner der Stadt, durch die er fuhr, erregt zu haben. Der Portier rührte ſich kaum wegen dieſes ſcheinbar unbedeutenden Ereigniſſes; ein Mann von ungefähr vierzig Jahren, mit faſt africaniſcher Ge⸗ ſichtsfarbe, mit ſchwarzem Barte und hohlem Auge, eine Frau von ſechsunddreißig Jahren, mit weißer, zarter Haut, mit lebhaften Augen, mit herrlichen Zähnen, mit ſchwarzen Haaren, ſtiegen aus dieſem Wagen, gefolgt von drei bis vier Hofofficianten. Der Schloßvogt ſchaute ſie mit Erſtaunen an und rief zweimal:„Der König! die Königin!...“ So⸗ dann, auf einen Wink, ſtumm zu bleiben, den ihm Heinrich gab, führte er ſie in den innern Hof, ſchloß das Thor wieder hinter ihnen, und Alles war abge⸗ than. Am andern Morgen erfuhr man in Compiègne, der herg und lebe noch alter Eur der mein Sai wird wie halt richt erhä ſie 1 Neu liche die und die lich nich der Par gen: D 289 der König und Catharina von Medici ſeien am vor⸗ hergehenden Tage angekommen und wohnen im Schloſſe. Sogleich gerieth die Einwohnerſchaft in Bewegung, und zog mit dem Rufe:„Es lebe der König! es lebe die Königin!“ nach der fürſtlichen Reſidenz. Heinrich war immer ſehr geliebt, Catharina war noch nicht verhaßt. Der König und die Königin erſchienen auf dem alten eiſernen Balcon. „Meine Freunde,“ ſprach der König,„ich bin in Eure Mauern gekommen, um ſelbſt der Vertheidiger der Stufen Frankreichs zu ſein. Von hier werden meine Ohren und meine Augen beſtändig gegen Saint⸗Quentin geſpannt ſein. Ich hoffe, der Feind wird nicht bis hierher kommen; doch für jeden Fall, wie es die braven Saint⸗Quentiner gethan haben, halte ſich Jeder zur Vertheidigung bereit. Wer Nach⸗ richten, gute oder ſchlechte, von der belagerten Stadt erhält, wird im Schloſſe willkommen ſein, wenn er ſie mir bringt.“ Der Ruf:„Es lebe der König!“ erſcholl aufs Neue. Heinrich und Catharina machten jene könig⸗ liche Geberde, die ſo lange die Völker getäuſcht hat, die Geberde, ſich die Hand auf das Herz zu legen, und zogen ſich zurück. Hinter ihnen ſchloſſen ſich die Fenſter wieder; Jeder ſetzte ſich ſo gut als mög⸗ lich in Vertheidigungsſtand, doch der König erſchien nicht mehr. Die Gärtner, als man ſie befragte, ſagten, der König gehe in den düſterſten Alleen des Parkes manchmal bis um ein oder zwei Uhr Mor⸗ gens umher, bleibe oft plötzlich ſtehen, hor he unbe⸗ Dumas, der Page. II, 290 weglich und lege ſogar ſein Ohr an die Erde, um das entfernte Krachen der Kanonen zu vernehmen... Doch es hatte, wie man weiß, jeder vorläufige An⸗ griff aufgehört, um Emanuel Philibert Zeit zu geben, den allgemeinen Angriff vorzubereiten. Dann kam der König unwiſſend, beſorgt, ins Schloß zurück; er beſtieg eine Art von Thurm, von dem aus man auf eine große Entfernung, die Chauſſee von Saint⸗Quentin überſchaute, mit der ſich die von Ham und Laon verzweigten. Der König war am 15. Auguſt angekommen, und die Tage verliefen einer um den andern, ohne daß er irgend einen Lärmen hörte, ohne daß er einen Boten erſcheinen ſah; er wußte nur, daß ſich Saint⸗Quentin noch hielt. Am 24. ging Heinrich, wie gewöhnlich, im Parke umher, als ihn plötzlich ein entferntes Getöſe beben machte. Er blieb ſtehen und horchte; doch er brauchte ſein Ohr nicht an die Erde zu halten, um zu begrei⸗ fen, es folgen ſich die donnernden Artillerieſalven ohne Unterbrechung. Drei Tage hinter einander machte ſich bis tief in die Nacht hinein und lange vor Tagesanbruch daſſelbe Getöſe hörbar; bei dieſem entſetzlichen Echo war es Heinrich unbegreiflich, daß ein einziges Haus in Saint⸗Quentin ſtehen bleiben konnte. auf. Was war geſchehen? was wollte dieſe Stille nach dem erſchrecklichen Lärmen, der ihr vorherge⸗ gangen, beſagen? Ohne Zweifel war Saint⸗Quentin, minder bevor⸗ Am 27. Nachmittags um zwei Uhr hörte der Lärm zugt Fra kreif Abe nich der Wa Unm mel Str in ſten dar ſuck Zu er Ob 291 im zugt, als jene fabelhaften Salamander, aus denen Franz J. ſein Wappen gemacht hatte, in einem Feuer⸗ en⸗ kreiſe erlegen. en, Er wartete bis um ſieben Uhr oder acht Uhr Abends, beſtändig horchend, ob das erloſchene Getöſe ins nicht wiedererwache. Er hoffte noch, die Ermattung von der Belagerer habe dieſe gezwungen, der Stadt einen ſſee Waffenſtillſtand zu bewilligen. von Indeſſen, um neun Uhr Abends, da er ſeiner Unruhe nicht mehr widerſtehen konnte, ſchickte er nen, mehrere Couriere ab, mit dem Befehle, verſchiedene hne Straßen einzuſchlagen, damit, wenn Einer von ihnen er in die Hände des Feindes fiele, die Anderen wenig⸗ ſich ſtens die Chance zu entkommen hätten. Bis um Mitternacht irrte er im Parke herum; arke dann kehrte er ins Schloß zurück, legte ſich zu Bette, eben ſuchte vergebens den Schlaf in ſeinem fieberhaften ichte Zuſtande, und da er nicht ſchlafen konnte, ſo ſtand grei⸗ er vor Tagesanbruch wieder auf, um ſich auf ſein lven Obſervatorium zu ſtellen. nder Kaum war er hier, als er am Ende der ſo oft ange von ſeinen Blicken erforſchten Straße den Staub leſen des Weges aufwühlend, den die erſten Sonnenſtrah⸗ daß len zu vergolden anfingen, ein Pferd im Galopp eiben“ zwei Reiter nach der Stadt tragend herbeijagen ſah. Heinrich hatte keinen Augenblick einen Zweifel: Lärm dieſe zwei Reiter konnten nur Boten ſein, die ihm Nachrichten von Saint⸗Quentin brachten. Er ſchickte Stille ihnen entgegen, damit ſie keinen Aufhalt am Thore gerge erleiden würden. Eine Viertelſtunde nachher hielt das Pferd vor dem Stacketenzaune des Schloſſes an, devor⸗ und Heinrich gab einen Schrei des Erſtaunens, faſt der Freude von ſich, als er Dandelot erkannte und ſah, wie hinter ihm, ehrerbietig auf der Thürſchwelle blei⸗ bend, eine zweite Perſon erſchien, deren Geſicht ihm nicht unbekannt war, obgleich er ſich nicht ſogleich erinnern konnte, wo er dieſes Geſicht geſehen hatte. Unſer Leſer, der ohne Zweifel mehr Gedächtniß hat, als Heinrich II., und dem wir überdies bei dieſem Punkte zu Hülfe kommen werden, wird ſich erinnern, daß es im Schloſſe Saint⸗Germain war, als unſer Abenteurer den unglücklichen Théligny begleitete, welcher in den erſten Tagen der Bela⸗ gerung getödtet wurde. Sieht man auf demſelben Roſſe Dandelot und YWwonnet ankommen, ſo wird man ohne Zweifel nicht verlangen, daß wir erzählen, wie ſich nach der Wie⸗ dererkennung, welche am Saume des Waldes von Rémigny ſtattgefunden, ſogleich die beſte Harmonie zwiſchen dem fliehenden Flüchtling und dem verfol⸗ genden Flüchtling gebildet hatte, wie Yoonnet, der die Gegend auswendig wußte, weil er ſie bei Tag und bei Nacht in allen Richtungen durchſtreift hatte, ſich Dandelot zum Führer angeboten, und wie, im Austauſche für dieſen Dienſt, der Bruder des Ad⸗ mirals den Liebhaber von Mademoiſelle Gudule auf⸗ gefordert hatte, hinter ihm aufzuſitzen, eine Anord⸗ nung, die den doppelten Vortheil hatte, daß ſie den Abenteurer nicht ermüdete und den Kapitän nicht aufhielt. Das Pferd hätte vielleicht eine andere Combi⸗ nation vorgezogen; doch das war ein edles Thier voll Muth und Feuer; man ſieht, daß es ſein Beſtes gethan und im Ganzen nur drei und eine halbe richt ſind ſum von der hall ung Col Gu fan ſich bel. wer Kri vor der Ph der 293 Stunde gebraucht hatte, um die Entfernung zurück⸗ zulegen, welche Gibercourt von Compiègne trennt, das heißt, um gegen elf Meilen zu machen! XXI. Die Pariſer. Die von den beiden Boten mitgebrachten Nach⸗ richten gehörten zu denjenigen, welche bald geſagt ſind, auf die man aber lange zurückkommt. Nach der ſummariſchen Erzählung, welche zuerſt von Dandelot von der Einnahme der Stadt gemacht wurde, ging der König zu den Einzelheiten über, und er erfuhr, halb durch den Kapitän, halb durch den Abenteurer ungefähr Alles, was wir unſeren Leſern erzählt haben. Kurz, die Stadt war genommen; der Connetable und Coligny,— das heißt in Abweſenheit des Herzogs von Guiſe die zwei beſten Feldherren des Reichs,— waren ge⸗ fangen, und man wußte noch nicht, ob das ſiegreiche Heer ſich damit, daß es ſich vor elenden Neſtern herumzankte, beluſtigen oder unmittelbar gegen Paris marſchiren werde. Vor ſolchen Neſtern ſtreiten, das war wohl ein Krieg, der dem furchtſamen, verzagten Temperamente von Philipp II. anſtand. Gegen Paris marſchiren, das war ein Entſchluß, der mit dem abenteuerlichen Geiſte von Emanuel Philibert harmonirte. Bei welchem von dieſen beiden Entſchlüſſen wür⸗ den die Sieger ſtehen bleiben? Das wußte Dandelot eben ſo wenig als Yvonnet. 294 Dandelot war der Meinung, der Prinz von Savoyen und der König von Spanien werden un⸗ mittelbar gegen Paris marſchiren. Was Moonnet betrifft, ſo überſtieg eine ſolche Frage die Höhe ſeiner ſtrategiſchen Einſichten; da aber der König durchaus wollte, daß er eine Mei⸗ nung ausſpreche, ſo trat er der von Dandelot bei. Es war alſo Stimmenmehrheit bei dem Punkte, die Sieger werden keine Zeit verlieren, und die Be⸗ ſiegten haben folglich auch keine Zeit zu verlieren. Auf der Stelle wurde beſchloſſen, nachdem ſie einige Minuten geruht, ſollten die zwei Boten, Dan⸗ delot auf ſeiner Seite und Yvonnet auf der ſeinen, der Eine und der Andere beauftragt mit einer Miſſion abgehen, welche der ſocialen und militäriſchen Stel⸗ lung entſpräche, die beziehungsweiſe Jeder von ihnen inne hatte. Dandelot ſollte Catharina von Medici nach Paris begleiten. Heinrich, der die Nachbarſchaft des Fein⸗ des nicht verlaſſen wollte, ſchickte die Königin ab, um einen Aufruf an den Patriotismus der Pariſer Bürger zu richten. Yoonnet ſollte nach Laon abgehen, Briefe vom König dem Herzog von Nevers übergeben, es unter irgend einer Verkleidung verſuchen, um das ſpaniſche Heer herumzuſtreichen und die Abſichten des Königs von Spanien hinſichtlich des Planes, den dieſer be⸗ folgen wolle, zu ergattern. Es waren viel Chancen vorhanden, daß der, welcher mit dieſer gefahrvollen Sendung beauftragt war, gefangen und gehenkt wurde, doch dieſe Idee, welche durch die Erinnerun⸗ gen, die ſie in ihm zurückrief, Nvonnet in der Fin⸗ b 295 ſterniß ſchauern gemacht hätte, übte keine Wirkung auf den jungen Mann, ſobald es Tag geworden. Ywonnet willigte alſo ein; er beſaß nur bei Nacht Nerven, dann aber beſaß er, wie man geſehen, ungeheuer. Herr Dandelot wurde vom König ermächtigt, ſich mit dem Cardinal von Lothringen, dem die Verwal⸗ tung der Finanzen übertragen war, über den Geld⸗ bedarf zu verſtändigen, den er und ſein Bruder in der precären Lage, in der ſie ſich befanden, haben könnten. Was Yvonnet betrifft,— er bekam zwanzig Goldthaler für die Botſchaft, die er gebracht, und für den Auftrag, den er übernehmen ſollte; überdies ermäch⸗ tigte ihn der König, wie er dies ſchon ein erſtes Mal gethan, aus ſeinen Ställen das beſte Pferd, das er finden würde, zu nehmen. Morgens um zehn Uhr, das heißt, nachdem Jeder ungefähr ſechs Stunden ausgeruht hatte, gingen die zwei Boten zu ihrer reſpectiven Beſtimmung ab; nur wandten ſie ſich vor dem Thore den Rücken zu, und der Eine ging gegen Oſten, der Andere gegen Weſten. Wir werden ſpäter Yvonnet, die unbedeutendere von unſeren zwei Perſonen, wiederfinden, oder, wenn wir ihn nicht wiederfinden, werden wir wenigſtens vom Hörenſagen wiſſen, was aus ihm geworden iſt, und ſo hängen wir uns an die Schritte von Herrn Dan⸗ delot an, die auch die Schritte von Catharina von Medici ſind, welche in ſeiner Geſellſchaft und unter ſeiner Obhut der Straße nach Paris ſo raſch folgt, als es die Schwere des mit vier Pferden beſpann⸗ 296 ten Wagens erlaubt, der ſie nach der Hauptſtadt führt. Kraft des Axioms, von fern geſehen ſei die Gefahr oft viel entſetzlicher, als von nahe geſehen, war der Schrecken vielleicht Anfangs größer in Paris geweſen, als er in Compiègne war. Nie, ſeitdem die Engländer von der Ebene von Saint⸗Denis die Thürme von Notre⸗Dame hatten erſchauen können, nie hatte ein ſolcher Schrecken Paris in Bewegung ge⸗ ſetzt. Dies war ſo, daß man, wenn man am andern Mor⸗ gen nach dem Tage, wo die Nachricht von der Schlacht bei Saint⸗Quentin von den Ufern der Somme zu denen der Seine gelangt war, die angeſpannten und mit Mobilien beladenen Wagen, die angeſchirrten Pferde mit Reitern und Reiterinnen im Sattel ſah, hätte glauben können, man ſei an einem jener Aus⸗ zugstage, wo das Drittel von Paris die Wohnung wechſelt. Es war dies aber mehr als ein Wohnungs⸗ wechſel, es war eine Flucht; die Hauptſtadt über⸗ ſtrömte auf die Provinz. Es iſt wahr, daß nach und nach, und als man ſah, daß die Nachrichten nicht beunruhigender wur⸗ den, Dank ſei es jener koſtbaren Organiſation, mit der unter allen Völkern das franzöſiſche Volk begabt iſt, und die darin beſteht, daß man über Alles lacht, diejenigen, welche in Paris geblieben waren, über die, welche die Stadt verlaſſen, zu ſpotten anfingen, ſo daß ganz ſachte die Flüchtlinge zurückkehrten, und ſie waren nun diejenigen, welche, durch die Ver⸗ ſpottung feſter gemacht, bis aufs Aeußerſte auszuhal⸗ ten geneigt ſchienen. Dies war die Stimmung, in der Catharina und dt ht, der en, nd er⸗ al⸗ nd 297 Dandelot am Nachmittag des 28. Auguſt 1552, durch die Barrière fahrend, die Pariſer fanden, denen ſie eine Nachricht brachten, welche noch furcht⸗ barer, als die der St. Laurent⸗Schlacht, nämlich die von der Uebergabe der Stadt Saint⸗Quentin. Von der Art, wie die Gerüchte verbreitet werden, hängt oft die Wirkung ab, die ſie hervorbringen. „Meine Freunde,“ ſprach Dandelot, indem er ſich an die erſte Gruppe von Bürgern wandte, die er traf,„Ruhm und Chre den Einwohnern von Saint⸗Quentin! Sie haben faſt einen Monat einen Platz gehalten, wo die Bravſten zu verſprechen, ſie werden acht Tage aushalten, gezögert hätten; durch dieſen Widerſtand haben ſie Herrn von Nevers Zeit gegeben, ein Heer zu ſammeln, zu welchem Seine Majeſtät König Heinrich II. jeden Augenblick neue Verſtärkungen abſchickt, und nun kommt Ihre Maje⸗ ſtät die Königin Catharina unter Euch, um an Euren Patriotismus für Frankreich und an Eure Liebe für Eure Könige zu appelliren.“ Bei dieſen Worten ſtreckte die Königin den gan⸗ zen Kopf aus dem Wagenſchlage hervor und rief: „Ja, meine guten Freunde, ich komme im Namen von König Heinrich II., um Euch zu ſagen, daß alle Städte bereit ſind, ihr Beſtes zu thun, wie es Saint⸗Quentin gethan hat. Erleuchtet alſo zum Zeichen des Vertrauens, das König Heinrich zu Cuch hegt, und das Ihr zu König Heinrich hegt. Und heute Abend im Stadthauſe werde ich mich mit Euren Behörden, mit dem Herrn Cardinal von Lothringen und mit Herrn Dandelot über die Maßregeln ver⸗ ſtändigen, welche zu nehmen ſind, um den Feind zu⸗ 298 rückzuſchlagen, welcher durch die Länge der von ihm gegen die erſte von unſeren Städten unternommene Belagerung entmuthigt iſt.“ Es lag eine große Kenntniß der Menge in die⸗ ſer Art, ihr eine der erſchrecklichſten Nachrichten, die je die Bevölkerung einer Hauptſtadt erhalten hat, anzukündigen; Dandelot hatte auch zu gleicher Zeit ſeine Rede und die der Königin Catharina vorbe⸗ reitet. Das Reſultat hievon war, daß dieſes Volk, das, wenn man ihm einfach geſagt hätte:„Saint⸗Quen⸗ tin iſt genommen, und die Spanier marſchiren gegen Paris!“ auseinander gelaufen, ganz erſchrocken durch die Straßen und über die Plätze gerannt wäre und gebrüllt hätte:„Alles iſt verloren; es rette ſich, wer kann!“ im Gegentheile aus Leibeskräften:„Es lebe Heinrich II.! es lebe die Königin Catharina! es lebe der Cardinal von Lothringen! es lebe Herr Dan⸗ delot!“ zu ſchreien anfing und, mit ſeinen Wogen den Wagen von Catharina und das Roß des hohen Reiters bedrängend, dieſen ein geräuſchvolles, faſt freudiges Geleite von der Barrière Saint⸗Denis bis zum Palaſte des Louvre bildete. Vor dem Thore des Louvre angekommen, erhob ſich Dandelot wieder auf den Steigbügeln, um die zahlloſe Menge zu beherrſchen, mit der der Platz, die anliegenden Straßen und ſogar die Quais be⸗ deckt waren, und ſprach mit ſtarker Stimme: „Meine Freunde, Ihre Majeſtät die Königin beauftragt mich, Euch daran zu erinnern, ſie werde ſich in einer Stunde nach dem Stadthauſe begeben, wohin Eure Behörden berufen ſind; ſie wird ſich zu 299 Pferde dahin begeben, um Euch näher zu ſein, und nach der großen Anzahl, in der Ihr anweſend, wird ſie Eure Liebe beurtheilen. Vergeßt nicht die Fackeln und die Illuminationen.“ Es erſcholl ein ungeheures Vivat, und die Kö⸗ nigin konnte von da an ſicher ſein, daß dieſe ganze Bevölkerung, die ſie ſich durch ein paar Worte er⸗ worben hatte, wie die von Saint⸗Quentin bereit war, alle Opfer zu bringen, ſelbſt das des Lebens. Catharina von Medici kehrte in Begleitung von Dandelot in den Louvre zurück; ſogleich wurde der Cardinal von Lothringen berufen, mit dem Befehle, die Behörden der Stadt, Bürgermeiſter, Schöppen, Handelsvorſteher, Gemeindeanwälte, Abends um neun Uhr auf dem Stadthauſe zu verſammeln. Man hat ſchon geſehen, daß Dandelot geſchickt in Scene zu ſetzen verſtand; er hatte dieſe Stunde als die des Effectes gewählt. Die meiſten Leute, welche vor dem Thore des Louvre verſammelt waren, beſchloſſen, um ſicher zu ſein, ſie werden zum königlichen Cortége gehören, und zu⸗ gleich, damit ihnen Niemand die erſten Plätze nähme, ſich nicht von dem Poſten, wo ſie waren, zu rühren; nur Einige gingen als Boten der Maſſen weg, um Fackeln zu kaufen. Andererſeits zogen jene Volksherolde, welche bei allen großen Ereigniſſen ſich ſelbſt zu öffentlichen Ausrufern weihen, durch die Straßen, die vom Louvre nach dem Stadthauſe führten, und riefen: „Bürger von Paris, erleuchtet Eure Fenſter: die Königin Catharina von Medici, die ſich nach dem Stadthauſe begibt, wird vorüberkommen.“ 300 Und auf dieſen Ruf, der nichts Gezwungenes hatte, ſondern im Gegentheile den Bürgern ihren freien Willen ließ, fing in jedem Hauſe an dem Wege, den die Königin machen ſollte, wie in einem großen Bienenkorbe Jeder an ſich zu rühren, nach Lämpchen, nach Laternen, nach Lichtern zu laufen, und an jedem Fenſter, einer leuchtenden Bienenzelle, ſeinen Enthuſiasmus zu überſetzen, den man nach der Zahl der brennenden Wachskerzen oder der glüh⸗ enden Unſchlittlichter ſchätzen konnte. Wir ſagen, die Ausrufer ſeien durch die Stra⸗ ßen gegangen; denn mit ihrem inſtinctartigen Ver⸗ ſtande hatten ſie wohl begriffen, die Königin werde der Linie der Straßen und nicht der der Quais fol⸗ gen; die Züge, welche den Quais folgen, irren ſich in ihrem Wege, wenn ſie Begeiſterung nöthig haben: die Quais entlang folgt ihnen die Begeiſterung, je⸗ doch hinkend wie die Gerechtigkeit; die Seite des Fluſſes iſt gezwungener Weiſe ſtumm. Als die Stunde gekommen war, erreichte die Königin, zwiſchen Dandelot und dem Cardinal von Lothringen reitend, begleitet von einem dürftigen und durchaus nicht zahlreichen Gefolge, wie es ſich für eine Königin geziemt, die an ihr Volk bei den Umſchlägen des königlichen Glückes appellirt, die Königin, ſagen wir, erreichte die Rue Saint⸗Honoré auf der Höhe des Chateau d'Cau, folgte der Rue Saint⸗Honoré bis zur Rue des Fourreurs, kam von da durch die Rue Jean⸗Pain⸗Mollet, und mündete auf die Grève durch die Rue de l'Epine aus. Dieſer Zug, aus dem die Ereigniſſe hätten einen Trauerzug machen ſollen, wurde ein wahrer Triumph⸗ 301 zug, an den von fern die berufenen Proclamationen des Vaterlands in Gefahr, in Scene geſetzt von Künſtler Sergent, erinnerten; hier war Alles genau vorbereitet; bei Catharina war Alles impro⸗ viſirt. Von vier Uhr bis neun Uhr hatte ſie Zeit ge⸗ habt, in Saint⸗Germain den jungen Dauphin Franz holen zu laſſen; das bleiche, kränkliche Kind war wohl das, was dem Drama anſtand: es war das Geſpenſt dieſer Dynaſtie der Valois, die dem Erlöſchen nahe, in der reichſten Nachkommenſchaft, die je ein König beſeſſen, Priamus ausgenommen. Vier Brüder! Allerdings wurden drei von dieſen Brüdern wahr⸗ ſcheinlich vergiftet, und der vierte ermordet. Doch an dem Abend, den wir zu beſchreiben verſuchen, war die geheimnißvolle Zukunft noch ver⸗ borgen in der glückſeligen Finſterniß, die ſie vor den Blicken der Menſchen verhüllt. Jeder beſchäftigte ſich nur mit der Gegenwart, und die Gegenwart brachte in der That eine hinreichende Summe von Beſchäftigung für die am meiſten nach Aufregung und Gemüthsbewegung Trachtenden mit ſich. Zehntauſend Perſonen begleiteten die Königin, hunderttauſend bildeten das Spalier an ihrem Wege, zweimalhunderttauſend vielleicht ſahen ſie von den Fenſtern aus vorüberziehen. Diejenigen, welche ihr folgten, und diejenigen, welche das Spalier bildeten, trugen Fackeln, deren Schein, verbunden mit dem der Illuminationen, ein Licht gab, welches allerdings minder glänzend, aber viel fantaſtiſcher, als das des Tages; die Leute, welche der Königin folgten oder ſie begleiteten, ſchwenkten ihre Fackeln; die Leute an 30² den Fenſtern ſchwenkten ihre Taſchentücher oder war⸗ fen Blumen herab. Alle riefen:„Es lebe der König! es lebe die Königin! es lebe der Dauphin!“ Sodann, von Zeit zu Zeit, zog etwas wie ein Hauch der Drohung und des Todes über dieſe Menge hin, und man hörte etwas wie eine düſtere Stimme brauſen mit Begleitung von an einander geſchlagenen Schwertern, mit Blitzen von geſchwungenen Meſſern und mit dem Krachen abgefeuerter Büchſen. Das war dieſer Schrei, der wer weiß nicht wo entſtand und ſich im Unendlichen verlor: „Tod den Engländern und den Spaniern!“ Und bei dieſem Schrei zog ein Schauer durch den Leib des Muthigſten, ſo ſehr fühlte man, daß dieſer Schrei der des eingefleiſchten Haſſes eines ganzen Volkes war. Die Königin, der Dauphin und ihr Gefolge, welche um neun Uhr vom Louvre abgegangen wa⸗ ren, kamen erſt um halb elf Uhr im Stadthauſe an; auf ihrem ganzen Wege hatten ſite die Menge durch⸗ ſchneiden müſſen, und diesmal,— der Ausdruck war buchſtäblich richtig,— ohne daß ein Soldat zu Fuße oder zu Pferde da war, um den hohen Reitern die⸗ ſen ſchlimmen Dienſt zu thun. Jeder konnte im Gegentheile das Pferd, die Kleider und ſogar die Hände der Königin und des Erben der Krone be⸗ rühren... Das Volk war ſehr begierig, dieſe Pferde anzurühren, die daſſelbe niederzutreten drohten, dieſe reichen Gewänder, welche ſo ſeltſam mit ſeinen Lum⸗ pen contraſtirten, dieſe Hände, die ihm ſeinen letzten Sou nehmen ſollten: das Berühren machte das Volk 20 60— — 1582 3⁰03³ vor Freude ſchreien, während es vor Schmerz hätte brüllen ſollen. Mitten unter dieſem Freudenſchreien und dieſen Ergebenheitsbetheurungen der ganzen Bevölkerung mündete alſo der königliche Cortége auf den Groͤve⸗ Platz aus, wo das Stadthaus— ein Juwel der Renaiſſance verdorben auf den Befehl von Louis Philipp, wie alle Baudenkmale, an die er ſeine an⸗ tiartiſtiſche Hand gelegt hat— kurz zuvor erbaut worden war. Alle Municipalbeamte, die Handelsvorſteher, die Gemeindeanwälte, die Chefs der Corporationen warteten auf der Freitreppe des Stadthauſes aufge⸗ ſtellt. Die Königin, der Dauphin, der Herr Cardinal von Lothringen und Dandelot brauchten eine Vier⸗ telſtunde, um über den Platz zu kommen. Nie war ein Neroniſcher Circus glühender er⸗ leuchtet, ſelbſt in den Nächten, wo man dort in Schwefel und Pechharz gerollte Chriſten verbrannte. Lichter funkelten an allen Fenſtern; Fackeln flamm⸗ ten über den ganzen Platz, erſtreckten ſich über die Quais, ſtiegen auf die Gallerien und bis auf die Spitze der Thürme von Notre⸗Dame empor. Der Strom ſchien flüſſiges Feuer mit ſich zu führen! Die Königin und der Dauphin verſchwanden nur unter der Vorhalle des Stadthauſes, um unmittelbar darauf wieder auf dem Balcon zu erſcheinen. Man wiederholte mit Begeiſterung die Worte, welche Catharina geſagt oder nicht geſagt hatte: „Stirbt der Vater Euch, Ihr guten Leute von Pa⸗ ris, vertheidigend, ſo bringe ich Euch meinen Sohn!“ 304 Und beim Anblicke dieſes Sohnes, der der arme kleine Franz II. kläglichen Andenkens ſein ſollte, klatſchte man in die Hände, ſchrie und brüllte man. Die Königin blieb auf dem Balcon, um die Be⸗ geiſterung zu unterhalten, und überließ es dem Car⸗ dinal von Lothringen und Dandelot, die Angelegen⸗ heiten mit den Behörden der Stadt Paris ins Reine zu bringen. Catharina hatte Recht: ſie thaten dies, und ſie thaten es gut. „Sie beruhigten,“ ſagt die Geſchichte von Heinrich II. vom Abte Lambert,„ſie beruhigten die Beamten und die vornehmſten Bürger von Pa⸗ ris über die Liebe und die Zärtlichkeit des Königs, der bereit, ſein Leben zu opfern, um die Gefahren zu entfernen, welche ſie zu bedrohen ſchienen; ſier verſicherten ihnen, wie niederſchlagend auch der Ver⸗ luſt, den Frankreich erlitten, ſo ſei doch dieſer Ver⸗ luſt nicht unerſetzlich, wenn Seine Majeſtät bei ihren getreuen Unterthanen den Eifer finde, den dieſe immer für den Ruhm und die Intereſſen des Staa⸗ tes gehabt haben; ſie fügten bei, der König, um ſeine Völker nicht zu überbürden, habe nicht angeſtanden, ſein eigenes Erbgut zu verpfänden, da er ſich aber dieſe Hülfsquelle genommen, ſo könne Seine Maje⸗ ſtät nur noch auf die freiwillige Unterſtützung rech⸗ nen, die ſie ſich von ihren Unterthanen verſpreche, und je dringender das Bedürfniß ſei, deſto mehr müſſe das franzöſiſche Volk Anſtrengungen machen, um ſeinen König in den Stand zu ſetzen, gleiche Kräfte denen ſeinen Feindes gegenüber zu ſtellen. Dieſe Rede brachte ihre Wirkung hervor: die ——— — Stadt Paris votirte, noch in derſelben Sitzung, dreimal hunderttauſend Livres für die erſten Koſten des Krieges und forderte die bedeutendſten Städte des Reiches auf, eben ſo viel zu thun. Was die Mittel zur immediaten Vertheidigung betrifft,— und man weiß, daß keine Zeit zu ver⸗ lieren war,— ſo ſchlug Dandelot folgende vor: einmal die Zurückberufung aus Italien von Herrn von Guiſe und ſeinem Heere; das war eine bekannt⸗ lich ſchon beſchloſſene Sache, und die auf die Rück⸗ kehr bezüglichen Befehle waren längſt abgegangen; ſodann eine Anwerbung von dreißigtauſend franzö⸗ ſiſchen Soldaten und zwanzigtauſend Fremden; die Chevaulegers endlich ſollten verdoppelt werden. Um dieſe rieſigen Koſten in einem Augenblicke zu beſtreiten, wo der öffentliche Schatz erſchöpft und die Domänen des Königs verpfändet waren, ſchlug Dandelot Folgendes vor: „Die Geiſtlichkeit ſollte, ohne Ausnahme irgend einer Pfründe, gebeten werden, dem König, unter dem Titel eines Geſchenkes, ein Jahr von ihren Einkünften anzubieten; „Die Cdelleute, obgleich durch ihre Privilegien von jeder Abgabe befreit, ſollten ſich jeder nach ſei⸗ nen Fähigkeiten ſelbſt beſteuern.“ Und das Beiſpiel gebend, erklärte Dandelot, er reſervire ſich für ſeinen Unterhalt und den ſeines Bruders nur die Summe von zweitauſend Thalern und trete dem. König die übrigen Einkünfte des Ad⸗ mirals und von ſich ab. „Endlich ſollte eine Berechnung vom Herrn Cardinal von Lothringen, dem Adminiſtrator der Finanzen, Dumas, der Page. II. 20 306 gemacht werden, die den dritten Stand nach ſeinen Mitteln beſteuern würde.“ Armer dritter Stand! man hütete ſich wohl, ihn mit einem Jahre ſeiner Einkünfte zu beſteuern oder ihm die Sorge, ſich ſelbſt zu beſteuern, zu überlaſſen! Ein Theil von dieſen Maßregeln wurde mit Be⸗ geiſterung beſchloſſen; die anderen wurden vertagt.— Es verſteht ſich von ſelbſt, daß die vertagten Maßregeln diejenigen waren, welche die Geiſtlichkeit und den Adel zu den Koſten der Anwerbung und der Unter⸗ haltung der Truppen beiſteuern machten. Was aber ſogleich beſchloſſen wurde, war, es ſollten vierzehntauſend Schweizer und achttauſend Deutſche angeworben werden; man ſollte in jeder Provinz des Reiches Compagnien von allen waffen⸗ fähigen jungen Leuten bilden. Im Ganzen war dies viel Arbeit an einem Abend gethan; um Mitternacht hatte man Alles be⸗ endigt und abgeſchloſſen. Einige Minuten nach Mitternacht ſtieg die Kö⸗ nigin die Freitreppe hinab; ſie hielt den Herrn Dau⸗ phin an der Hand, der, indeß er ſtehend ſchlief, anmuthig die Menge mit ſeinem kleinen Sammet⸗ toquet grüßte. 3 Um halb zwei Uhr kam die Königin in den Louvre zurück; ſie konnte gerade hundert Jahre vor ihrem Landsmanne Mazarin ſagen:„Sie haben ge⸗ rufen, ſie werden bezahlen.“ Ohl Volk! Volk! es war doch gerade dieſe Schwäche, die deine Stärke offenbarte; es war dieſe Verſchwendung deines Goldes und deines Blutes, die von deinem Reichthum zeugte! Diejenigen, welche —— —,— —— —,— 307 dich unter dem Joche hielten, kamen zu dir zurück in dem feierlichen Augenblicke, wo der hoffärtigſte König, die ſtolzeſte Königin dich um das Almoſen deines Blutes und deines Goldes im Sammettoquet des Erben der Krone bitten ließen! XXIII. Im ſpaniſchen Lager. Wir haben geſehen, was der Herr Herzog von Revers in Laon machte; wir haben geſehen, was König Heinrich in Compiègne machte; wir haben endlich geſehen, was die Königin Catharina, der Dauphin, der Cardinal von Lothringen in Paris machten. Wir werden ſogleich ſehen, was Philipp II. und Emanuel Philibert im ſpaniſchen Lager machen, und wie man hier die anderswo ſo gut benützte Zeit verlor. Vor Allem war, wie wir erwähnt haben, Saint⸗ Quentin, die Folgen ſeines Heldenmuthes erduldend, einer fünftägigen Plünderung preisgegeben worden. Dieſe Stadt, welche lebend Frankreich gerettet hatte, fuhr fort, es durch ſeinen Todeskampf zu retten: die Armee, die ſich grimmig an dieſe arme todte Stadt angeklammert hielt, vergaß, daß das übrige Frank⸗ reich lebte und, exaltirt durch dieſes Schauſpiel, eine verzweifelte Vertheidigung organiſirte. Wir werden alſo über dieſe fünf Tage hingehen, Tage des Brandes, der Trauer und der Verzweif⸗ lung, um zum 1. September zu gelangen, und wie wir in einem vorhergehenden Kapitel geſagt haben, 308 welchen Anblick die Stadt bot, ſo werden wir mit derſelben Genauigkeit ſagen, welchen Anblick das Lager bot. Alles war hier ſeit dem Morgen ungefähr wie⸗ der in die Ordnung zurückgekehrt. Jeder zählte ſeine Gefangenen, beſichtigte ſeine Beute, machte ſein In⸗ ventar, und lachte über das, was er gewonnen, oder weinte über das, was er verloren hatte. Um elf Uhr Morgens ſollte Rath unter dem Zelte des Königs von Spanien gehalten werden. Dieſes Zelt ſtand am äußerſten Ende des La⸗ gers; wir haben erklärt, warum: die Muſik der fran⸗ zöſiſchen Kanonenkugeln war, wie er ſelbſt geſtanden, den Ohren von Philipp II. beſonders unangenehm. Fangen wir bei der Spitze an und ſehen wir, was unter dieſem Zelte vorging. Der König hielt entſiegelt einen Brief in der Hand, den, ganz beſtaubt, ein auf einer ſteinernen Bank vor der Thüre des königlichen Zeltes ſitzender Bote gebracht hatte; ein Diener des Königs von Spanien ſchenkte dem Boten in ein Wirthshausglas einen goldenen Wein ein, deſſen Farbe den ſüdlichen Urſprung verrieth. Dieſer Brief, der mit einem großen Siegel von rothem Wachſe, ein Wappen mit einer Mitra dar⸗ über und einem Kreuze auf jeder Seite vorſtellend, verſehen war, ſchien den Geiſt von Philipp II. ſelt⸗ ſam in Anſpruch zu nehmen. In dem Augenblicke, wo er das wichtige Send⸗ ſchreiben zum dritten oder vierten Male wiederge⸗ leſen hatte, machte der Galopp eines plötzlich vor den Thüren ſeines Zeltes anhaltenden Pferdes, daß 309 er den Kopf aufrichtete, und unter ſeinen blinzeln⸗ den Lidern ſchien ſein trübes Auge zu ſuchen, wer derjenige ſei, welcher ſo große Eile habe, um ſich in ſeiner Gegenwart zu befinden. Es waren kaum ein paar Secunden verlaufen, als ſich der Vorhang, der den Eingang des Zeltes ſchloß, erhob und einer von ſeinen Dienern, welcher bis mitten in die Lager die Etiquette von Burgos und Valladolid verſetzte, dem König meldete: „Seine Excellenz Don Luis de Vargas, Secretär Seiner Durchlaucht des Herzogs von Alba.“ Philipp ſtieß einen Freudenſchrei aus; ſodann, als ſchämte er ſich ſich ſelbſt gegenüber, daß er ſich die⸗ ſem erſten Eindrucke überlaſſen hatte, legte er ſich gewiſſer Maßen ein kurzes Stillſchweigen auf und ſprach endlich mit einer Stimme, in der man un⸗ möglich die geringſte, angenehme oder unangenehme, Gemüthsbewegung unterſcheiden konnte: „Laßt Don Luis de Vargas eintreten.“ Don Luis trat ein. Der Bote war mit Schweiß und Staub bedeckt; die Bläſſe ſeiner Stirne bezeichnete die Strapazen einer langen Reiſe; der Schaum, der ſein Roß be⸗ deckte und die innere Seite ſeiner Stiefel befeuchtete, zeugte davon, wie ſehr er ſich beeilt hatte, um anzu⸗ kommen. Und dennoch, nachdem die Meldung ge⸗ macht war, blieb er, unbeweglich und den Hut in der Hand, zehn Schritte von König Philipp II. ſtehen und wartete, um die Nachrichten zu ſagen, die er brachte, bis der König ihn angeredet hatte. Dieſe Unterwürfigkeit gegen das Geſetz der Eti⸗ quette,— das erſte von allen Geſetzen in Spanien, 310 — ſchien den König zu befriedigen, und, mit einem Lächeln ſo unbeſtimmt als ein auf der Erde durch eine gräuliche Herbſtwolke ſpielender Sonnenſtrahl, ſprach Philipp II.: „Gott ſei mit Euch, Don Luis de Vargas! Was für Neuigkeiten aus Italien?“ „Gute und ſchlechte zugleich, Sire,“ antwortete Don Luis.„Wir ſind Herren der Lage in Italien; aber Herr von Guiſe kommt in aller Eile mit einem Theile des franzöſiſchen Heeres nach Frankreich zurück.“ „Der Herzog Alba ſchickt Euch, um mir dieſe Kunde mitzutheilen, Don Luis?“ „Ja, Sire, und er hat mir befohlen, den kürze⸗ ſten Weg zu nehmen und mich ſehr zu ſputen, damit ich in Frankreich Herrn von Guiſe wenigſtens um ein Dutzend Tage zuvorkommen könnte. Dem zu Folge habe ich mich auf einer Galeere in Oſtia eingeſchifft; ich bin in Genua gelandet, ſodann durch die Schweiz, über Straßburg, Metz und Mézières gekommen, und ich fühle mich glücklich, eine ſo große Reiſe in vier⸗ zehn Tagen gemacht zu haben, da, ich bin es feſt überzeugt, der Herzog von Guiſe das Doppelte brau⸗ chen wird, um in Paris einzutreffen.“ „Ihr habt in der That große Eile angewendet, Don Luis, und ich muß anerkennen, daß Ihr nicht in kürzerer Zeit kommen konntet. Doch habt Ihr keinen beſondern Brief vom Herzog von Alba für mich?“ „Seine Durchlaucht, in der Furcht, ich könnte ge⸗ fangen werden, hat es nicht gewagt, mir etwas Schriftliches anzuvertrauen. Nur befahl mir der Herzog, Euch die Worte zu wiederholen;„„Seine —— — Majeſtät erinnere ſich des Königs Tarquinius, wie er die höchſten Mohnköpfe, die im Garten wuchſen, abſchlug; nichts darf zu hoch wachſen im Garten der Könige, nicht einmal die Prinzen!““ Eure Majeſtät, fügte er bei, werde vollkommen begreifen, was dieſe Worte beſagen, und auf welches Glück ſie anſpielen.“ „Ja,“ murmelte der König von Spanien,„ja, hierin erkenne ich die Klugheit meines getreuen Al⸗ varez... Ich habe in der That begriffen, Don Luis, und ich danke ihm. Ihr, was Euch betrifft, ruht aus und laßt Euch von meinen Leuten Alles geben, was Ihr nöthig habt.“ Don Luis verbeugte ſich, ging ab, und der Vorhang fiel wieder hinter ihm nieder. Laſſen wir den König nach Muße über den Brief mit dem biſchöflichen Wappen und über die mündliche Botſchaft des Herzogs von Alba nachſinnen, und gehen wir unter ein anderes Zelt, das von dem ſeinigen nur einen Flintenſchuß entfernt iſt. Dieſes iſt das Zelt von Emanuel Philibert. Emanuel Philibert neigt ſich über ein Feldbett, auf dem ein Verwundeter liegt; ein Arzt nimmt den Verband von einer Wunde ab, die nichts Anderes als eine Quetſchung auf der linken Seite der Bruſt zu ſein ſcheint, während man jedoch nach der Bläſſe und der Schwäche des Verletzten beurtheilen kann, daß es etwas Bedeutenderes iſt. Das Geſicht des Arztes ſcheint ſich indeſſen auf⸗ zuheitern bei der Betrachtung der entſetzlichen Blut⸗ unterlaufung, von der man hätte denken ſollen, ſie 312 rühre vom Schlage eines von einer Katapulte des Alterthums geſchleuderten Steines her. Der Verwundete war kein Anderer als unſer alter Freund Scianca Ferro, dem wir nicht unter dem großen Ganzen des Sturmes, von welchem wir eine Idee zu geben verſucht, haben folgen können. Wir finden endlich wieder den braven Waffenträger unter dem Zelte des Herzogs von Savoyen, auf dem Schmerzenslager, von welchem man die Soldaten glauben gemacht hat, es ſei das Bett des Ruhmes. „Nun?“ fragte mit Beſorgniß Emanuel Phi⸗ libert. „Beſſer! viel beſſer, Durchlaucht!“ antwortete der Arzt;„und nun iſt der Verwundete außer Gefahr...“ „Ich ſagte es Dir wohl, Emanuel!“ unterbrach Scianca Ferro mit einer Stimme, der er Feſtigkeit zu geben ſuchte, die aber trotz ſeiner Anſtrengungen zitternd blieb.„Wahrhaftig, Du demüthigſt mich, indem Du mich behandelſt, wie Du ein altes Weib behandeln würdeſt, und Alles dies wegen einer elen⸗ den Quetſchung!“ „Eine elende Quetſchung, die Dir eine Rippe gebrochen, die Dir zwei andere eingedrückt hat und Dich ſeit ſechs Tagen bei jedem Athemzuge Blut ſpeien macht!“ „Es iſt wahr, der Schlag war ſolid gegeben!“ erwiederte der Verwundete, indem er zu lächeln ſuchte.„Reiche mir doch die fragliche Maſchine, Emanuel.“ Emanuel ſuchte mit den Augen das, was Scianca Ferro unter dem Titel fragliche Maſchine be⸗ zeichnete, und hob aus einer Ecke des Zeltes einen 2— 313 Gegenſtand auf, der in der That eine ächte Maſchine, und zwar eine Kriegsmaſchine war. So kräftig auch der Prinz, er hob dieſen Gegen⸗ ſtand nur mit Mühe auf und legte ihn auf das Bett von Scianca Ferro. Es war eine zwölfpfündige Kugel an einer eiſernen Stange befeſtigt; das Ganze mochte fünfundzwanzig bis dreißig Pfund wiegen. „Corpo di Baccok“ rief heiter der Verwundete, „Du mußt zugeben, Emanuel, daß das ein reizendes Spielzeug iſt! Und was hat man mit dem gemacht, der damit ſpielte?“ „Nach Deinen Befehlen hat man ihm nichts zu Leide gethan. Man hat von ihm ſein Ehrenwort gefordert, daß er nicht fliehen werde; er hat es ge⸗ geben, und er muß, wie gewöhnlich, ſeufzend und weinend, die Stirne in den Händen, ein paar Schritte vom Zelte ſein.“ „Ja, der arme Teufel!... Ich habe, wie Du mir geſagt haſt, bis zu den Ohren ſeinem Neffen, einem würdigen Deutſchen, der gut fluchte, aber noch beſſer ſchlug, den Kopf geſpalten!... Bei meiner Treue! hätten ſich nur zehn Mann wie dieſe zwei Burſche auf jeder Breſche gefunden, ſo wäre es etwas ge⸗ weſen, wie der berühmte Titanenkrieg, den Du mir erzählteſt, wenn Du das unglückliche Griechiſche erklär⸗ teſt, an dem ich nie anbeißen wollte, und eben ſo leicht hätte man den Pelion oder den Oſſa erſteigen können.“ Sodann horchend: „Eil alle Wetter! Emanuel, es ſucht Jemand Streit mit meinem würdigen Tedesco... Ich höre 3¹4 ſeine Stimme... Das muß teufelmäßig ernſt ſein, denn man hat mir geſagt, er habe ſeit fünf Tagen die Zähne nicht auseinander gethan.“ Der Lärm eines Streites gelangte in der That bis zu den Ohren des Verwundeten und von den⸗ jenigen, welche ihn umgaben, mit Begleitung von Flüchen in ſpaniſcher, picardiſcher und deutſcher Sprache. Emanuel überließ Scianca Ferro der Sorge des Arztes, und um dem Verwundeten Vergnügen zu machen, erſchien er auf der Schwelle ſeines Zeltes und erkundigte ſich nach den Urſachen dieſes Streites, der in ein paar Secunden in einen wahren Kampf ausgeartet war. Man erfahre, was,— in dem Augenblicke, wo, dem Neptun des Virgil ähnlich, Emanuel Philibert das Quos ego ausſprach, das die erzürnten Wellen beſchwichtigen ſollte,— man erfahre, was der An⸗ blick des Schlachtfeldes war. Vor Allem war,— wir bitten unſere Leſer um Vergebung, doch, wie die picardiſchen Bauern ſagen, mit denen wir nun wieder in Berührung kommen, — unbeſchadet der Achtung, die wir ihnen ſchuldig ſind, die Hauptperſon des Scharmützels ein Eſel. Allerdings ein herrlicher Eſel, mit Kohl, Rüben und Lattich beladen, ausſchlagend und ſchreiend, daß es eine Freude war, und mit ſeinen beſten Kräften ſeine Küchengartenlaſt ſchüttelnd, die ſich um ihn her zerſtreute. Nach dem Eſel war ohne Widerſpruch der be⸗ deutendſte Schauſpieler Heinrich Scharfenſtein, nach ————— —— ——— ——44—— —,— ☛ rechts und links mit einem Zeltpfoſten ſchlagend, den Her entwurzelt, und mit deſſen Hülfe er ſchon ſieben bis acht flämiſche Soldaten niedergeſchmettert hatte. Ein Schleier tiefer Schwermuth war über ſeinem Geſichte ausgebreitet; doch dieſe Schwermuth benahm, wie man ſieht, der Stärke ſeines Armes nichts. Nach Heinrich kam eine ſchöne junge Bäuerin, kräftig und friſch, welche, ſo gut ſie nur immer konnte, einen ſpaniſchen Soldaten puffte, der es wahrſchein⸗ lich verſucht hatte, ſich ihr gegenüber gewiſſen Ver⸗ traulichkeiten zu überlaſſen, die ihre Schamhaftigkeit nicht geſtatten konnte. Sodann der Bauer, der muthmaßliche Eigen⸗ thümer des Eſels, welcher beſtändig brummelnd ſeinen Lattich, ſeine Rüben und ſeinen Kohl aufhob, wonach die Soldaten, die ihn umgaben, ſehr lüſtern zu ſein ſchienen. Die Gegenwart von Emanuel Philibert brachte, wie geſagt, die Wirkung des Meduſenhauptes auf die Anweſenden hervor: die Soldaten ließen den Kohl, die Rüben, den Lattich und alle dieſe Garten⸗ gewächſe los, die ſie ſich ſchon angeeignet hatten; das ſchöne Mädchen ließ den ſpaniſchen Soldaten los, und dieſer entfloh mit halb ausgeriſſenem Schnurr⸗ barte und blutiger Naſe; der Eſel hörte auf auszu⸗ ſchlagen und zu ſchreien. Heinrich allein führte noch, wie eine Maſchine, die mit zu viel Kraft angetrieben iſt, um auf das erſte Zeichen ſtehen zu bleiben, zwei bis drei Streiche mit ſeinem Pfoſten, welche zwei bis drei Menſchen niederwarfen. 316 „Was gibt es?“ fragte Emanuel Philibert;„und warum mißhandelt man dieſe braven Leute?“ „Ah! Ihr ſeid es, gnädigſter Herr; ich will Euch das erzählen,“ ſagte der Bauer, der ſich dem Prin⸗ zen näherte,— die Arme beladen mit Kohl, Rüben und Lattich, und die Krämpe ſeines Hutes zwiſchen den Zähnen haltend, als wollte er ſein picardiſches Patois noch unverſtändlicher machen. „Teufel!“ murmelte Emanuel Philibert,„ich werde vielleicht einige Mühe haben, um zu verſtehen, was Ihr mir da ſagt, mein Freund! Ich ſpreche vollkommen Italieniſch, leidlich Spaniſch, ziemlich gut* Franzöſiſch, ein wenig Deutſch, picardiſches Patois aber gar nicht.“ „Gleichviel, ich will Euch das immerhin erzäh⸗ len... Ah! es iſt mir ein ſchlimmer Streich be⸗ gegnet! und meinem Eſel auch, und meiner Tochter auch!“ „Meine Freunde,“ ſprach Emanuel Philibert, „iſt Einer unter Euch, der mir ins Franzöſiſche, ins Italieniſche oder ins Deutſche die Beſchwerden dieſes Mannes überſetzen kann?“ „Ins Franzöſiſche?“ erwiederte der Bauer be⸗ ſtändig in ſeinem Patois...„Da ſteht meine Toch⸗ ter Yvonnette, welche in Penſion in der Rue de la Somme⸗Rouche in Saint⸗Quentin geweſen iſt; ſie wird Franzöſiſch mit Euch ſchwatzen wie unſer Pfarrer... Oh! wenn es nur das iſt, dann iſt es gut! Sprich, Ywonnette, ſprich!“ Das Mädchen trat ſchüchtern und erröthend vor und ſagte: „Gnädigſter Herr, entſchuldigt meinen Vater... — —— ———— er iſt vom Dorfe Savy, wo man nur Patois ſpricht, und... Ihr begreift?“ „Ja,“ verſetzte lächelnd Emanuel,„ich begreife, daß ich nicht begreife!“ „Wahrhaftig,“ murmelte der Bauer,„alle dieſe Gottesläſterer müſſen dümmer ſein, als die Hunde, daß ſie das Picardiſche nicht verſtehen!“ „St! mein Vater!“ ſagte das Mädchen. Sodann ſich an den Prinzen wendend: „Vernehmet, was geſchehen iſt, gnädigſter Herr. Geſtern hörten wir in unſerem Dorfe ſagen, in Be⸗ tracht der großen Verwüſtung, welche auf den um⸗ liegenden Feldern durch die Kämpfe und die Schlachten, die hier ſtattgefunden, angerichtet worden ſeien... in Betracht, daß der Platz le Catelet, der immer noch für den König aushält, die Zufuhren von Cam⸗ bray anzukommen verhindere, fehle es an friſchen Lebensmitteln im Lager, und beſonders an Gemüſen, ſogar auf der Tafel des Königs und auf der Euren, Durchlaucht.“ „Nun, ſo iſt es gut,“ rief Emanuel Philibert, „das heiße ich ſprechen!... Das iſt die Wahr⸗ heit, mein ſchönes Kind; ohne daß es gerade an Lebensmitteln fehlt, haben wir doch nicht das, was wir wollen; die Gemüſe beſonders ſind ſelten!“ „Ja,“ ſprach der Bauer, der das Wort nicht ganz ſeiner Tochter abtreten zu wollen ſchien;„da ſagte ich geſtern zuunſerem Mädchen:„„Ywonnettel...““ „Mein Freund,“ unterbrach der Prinz,„laßt Eure Tochter reden, wenn das Euch gleich iſt: wir werden Beide dabei gewinnen.“ „Gut! ſprich, Ywonnette! ſprich!“ 318 „Da ſagte geſtern mein Vater zu ſich ſelbſt: Ahl wenn ich meinen Eſel nähme und ihn mit Kohl, Rüben und Lattich belüde, und wir brächten Alles dies ins Lager, es würde vielleicht dem König von Spanien und dem Prinzen von Savoyen Ver⸗ n 4444 gnügen machen, friſches Kraut zu eſſen. „Ich glaube, bei Gott! es macht wohl unſerer Kuh Vergnügen, die nicht dümmer iſt, als Andere, friſches Kraut zu freſſen! warum ſollte das nicht einem König und einem Prinzen Vergnügen machen!“ „Wenn Ihr lange ſprächet, mein Freund,“ ver⸗ ſetzte lächelnd Emanuel Philibert,„ich glaube, ich würde Euch am Ende verſtehen; doch gleichviel, ich will lieber mit Eurer Tochter zu thun haben, als mit Euch... Fahret fort, mein ſchönes Kind, fah⸗ ret fort.“ „Dieſen Morgen,“ fuhr das Mädchen fort,„bei Tagesanbruch, gingen wir ſodann in den Garten hinab, mein Vater und ich; wir ſchnitten, was wir Friſcheſtes und Schönſtes an Gemüſen fanden; wir beluden damit den Eſel, und wir ſind gekommen... Haben wir denn ſchlimm gethan, gnädigſter Herr?“ „Im Gegentheile, mein Kind, Ihr hattet da eine ſehr gute Idee!“ „Eil wir glaubten es wie Ihr, Durchlaucht... Doch kaum waren wir im Lager, da fielen Eure Soldaten über unſern armen Eſel her. Mein Vater mochte immerhin ſagen:„„Das iſt ja für Seine Majeſtät den König von Spanien! das iſt ja für Seine Durchlaucht den Prinzen von Savoyen!““ ſie wollten nichts hören! Nun fingen wir an zu ſchreien, und unſer Eſel fing auch an zu ſchreien; doch trotz 3¹9 unſeres Geſchreies und des von Cadet waren wir nahe daran, ausgeplündert zu werden... als der brave Mann, der ſich wieder dort geſetzt hat, uns zu Hülfe kam und die Arbeit vollbrachte, die Ihr ſeht.“ „Ja, eine tüchtige Arbeit,“ ſagte Emanuel Phi⸗ libert den Kopf ſchüttelnd,„zwei Menſchen todt und vier bis fünf verwundet, wegen einiger elenden Ge⸗ müſe!... Doch gleichviel! er hat es in guter Ab⸗ ſicht gethan... Ueberdies ſteht er unter dem Schutze eines Freundes von mir; Alles iſt daher gut.“ „Es wird uns alſo kein Unglück widerfahren, daß wir ins Lager gekommen ſind, Durchlaucht?“ fragte ſchüchtern diejenige, welche ihr Vater mit dem NRamen Ywonnette bezeichnet hatte. „Nein, meine Tochter, nein, im Gegentheile!“ „Wir ſind müde, gnädigſter Herr,“ fuhr die Bäuerin fort,„denn wir haben fünf Meilen gemacht, um ins Lager zu kommen, und wir möchten uns gern erſt wieder auf den Weg begeben, wenn die Hitze vorüber iſt.“ „Ihr werdet gehen, wann Ihr wollt,“ ſprach der Prinz;„und da die gute Abſicht eben ſo wohl belohnt werden muß, als die That, und beſſer noch als die That, wenn das möglich iſt, ſo nehmt hier dieſe drei Goldſtücke für die Ladung Eures Eſels.“ Sodann ſich gegen Einige von ſeinen Leuten umwendend, welche die Neugierde herbeigezogen hatte: „Gastano, Du wirſt dieſe Mundvorräthe in die Feldküche des Königs bringen; dann wirſt Du dieſen wackeren Leuten gut zu eſſen und zu trinken geben 320 und zugleich darüber wachen, daß ihnen keine Belei⸗ digung widerfährt.“ Und da nun die Stunde der Verſammlung, welche unter dem Zelte des Königs von Spanien ſtatthaben ſollte, herannahte, da von allen Punkten des Lagers die Chefs auf dieſes Zelt zuzuſchreiten anfingen, ſo trat Emanuel Philibert unter das ſeinige, um ſich zu ver⸗ ſichern, ob der Verband ſeines Freundes Scianca Ferro vollendet ſei, und zwar,— ſo ſehr nahm ihn dieſe Sorge mehr als jede andere in Anſpruch,— ohne das ſchlaue Lächeln zu bemerken, das der Bauer und ſeine Tochter mit einem Burſchen von ſchlimmer Miene austauſchten, der mit einer wüthenden Fauſt die Armſchienen vom Küraß des Connetable von Montmorency putzend herbeikam.