A Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſehedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: ☛☛½ für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Wer 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 7 3 4— 3—— ..„„ 3„ 3„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruͤckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— — — Olympia von Cloves von Alerandre Numas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Zoller. Fünftes bis zehntes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1852. XXIX. Wo der Abbé kaſt wirklich ein Narr wird. Der Abbsé zeigte ſich im höchſten Maße erſchrocken bei der Ankunft von Bannière; trotz ſeiner ſchlechten Augen entging ihm die Verſtoͤrtheit dieſes Geſichtes nicht, und er ſah den Sturm vorher, der ausbrechen würde. Er hatte nicht Zeit, ſeine Worte zu erklären. „Herr Abbé,“ ſagte Bannidre, der kaum artikuliren konnte, dergeſtalt hatte ihn der Zorn mit ſeiner eiſernen Hand an der Gurgel gepackt,„erinnern Sie ſich, daß ich Ihnen ſchon einmal eine Guitarre auf den Schultern zerſchlagen habe!“ Der Abbé knirſchte bei dieſer Erinnerung mit den Zähnen. „Ja, nicht wahr?“ fuhr Bannidre fort,„und Sie waren doch nur des Frevels ſchuldig, daß Sie dieſe Dame mehr oder weniger ſchlechte Muſik hatten hören laſſen.“ „Mein Herr!“ „Beruhigen Sie ſich, oder vielmehr halten Sie Ihren Zorn zurück, ich will ihm ſogleich Gelegenheit geben, hervorzutreten. Diesmal, Herr Abbé, iſt es nicht Muſik, was Sie Olympia anzuhöͤren genöthigt haben, ſondern eine Beleidigung.“ „Eine Beleidigung!“ „Ja, eine wirkliche, eine vollſtändige, eine wahre Beleidigung. Ohl ich habe Alles gehört.“ Olympia von Cloves. I. 1 — ———— Der Abbé ſtemmte ſeine Fauſt in ſeine Seite wie ein Reiter. „So iſt es, wenn man an den Thüren horcht,“ ſagte er. „Madame weiß wohl, daß ich nicht an der Thüre horchte, da ich ins Theater gegangen war, um ihr Bericht über die Art zu erſtatten, wie die Catalane eine neue Rolle ſpielte. Früher, als ich ſelbſt glaubte, zurückge⸗. kehrt, hörte ich ſchallende Stimmen, und unwillkürlich war ich Zeuge des Antrags, den Sie Madame zu ma⸗ chen gewagt haben.“ „Ich ſinde mich nicht beleidigt einer ſolchen Klei⸗ nigkeit wegen, mein Frennd,“ ſagte Olympia, welche den Zorn dem Abbé zur Stirne ſteigen ſah und wohl wußte, das beſte Mittel für eine Frau, denjenigen, welchen ſie liebt, zu vertheidigen, ſei, offen auf ſeine. Seite zu treten, ein Manoeuvre, das den Feind im⸗ mer aus der Faſſung bringt. „Sie ſinden ſich nicht beleidigt, Olympia,“ erwie⸗ derte Banniére,„weil Sie die Vollkommenheit in Per⸗ ſon ſind; aber ich finde mich beleidigt, ich nehme die Beleidigung für mich und erkläre dem Herrn Abbé, daß ihn zweimal der Charakter, mit dem er bekleidet iſt, vor meinen Gewaltthätigkeiten bewahrt hat. Für ein drittes Mal würde ich ihm jedoch nicht ſtehen, und um ihm ein ſo großes Unglück und mir ein ſo großes Be⸗ dauern zu erſparen, bitte ich den Herrn Abbé, nicht mehr in meinem Domicil zu erſcheinen.“ Der Abbé fühlte nun ſeinen vermeintlichen Vor⸗ theil. Er war zu grauſam gedemüthigt, um nicht völlig den Kopf zu verlieren; er bildete ſich ein, dieſe Frau, deren Zaͤrtlichkeit erlangt zu haben er feſt glaubte, würde es nicht wagen, ſich gegen ihn zu wenden, aus Furcht, er könnte ſie durch ihre Entlarvung gefährden. Dieſer Gedanke war nicht edel; er ſtürzte den Abbé in's Verderben. 4 2 3 „Madame,“ ſagte er,„Herr Bannidôre ſpricht von ſeinem Domicil: ſind Sie hier nicht auch zu Hauſe?“ „Allerdings, mein Herr,“ erwiederte Olympia. „Madame, bin ich nicht, ſchon einmal aus dieſem Hauſe durch das aufbrauſende und unanſtändige Be⸗ nehmen von Herrn Bannière verbannt, durch Sie ſelbſt hierher zurückgerufen worden? Ich bitte, ſprechen Sie.“ Bannisre riß die Augen ganz erſchrocken auf. Es ſchien ihm, als ſollte er eine ſchlimme Kunde für ſeine Liebe erfahren. Dieſe zwei Männer hingen in der That an den Lippen der Frau, welche Beide beherrſchte. Olympia lächelte, denn ſle ſah die Falle, und ſie fing an den Abbé weniger zu ſchätzen. Dann waddte ſie ſich an dieſen und erwiederte ohne Verlegenheit: „Es iſt wahr, meln Herr, ich habe Sie für einen wackern Mann gehalten; es iſt wahr, ich habe es beklagt, Ihre etwas anſpruchsvolle, aber ehrenwerthe Freund⸗ ſchaft der Gefahr ausgeſetzt zu ſehen, ſich in einen Haß zu verwandeln, den die Größe Ihrer Stellung zu einem Unglück für mich gemacht hätte; es iſt endlich wahr, daß ich, zu gutherzig, den Fehler begangen habe, mich für Ihre Empfindlichkeiten zu intereſſiren, Ihre Unbe⸗ ſonnenheiten zu entſchuldigen und Ihnen mein Haus wieder zu öffnen, aus dem Sie Herr Bannidre mit Fug und Recht ausgewieſen hatte. „Den Fehler!“ rief der Abbé, der ſich ſo ſehr für den Sieger hielt, daß er über die Worte ſtreiten und über die Abfaſſung der Entſchuldigungen, die er erwar⸗ tete, feilſchen zu können glaubte.. „Ich habe geſagt den Fehler,“ wiederholte Olympia,„und ich füge bei, den unvergleichlichen Feh⸗ ler, da ich ihn mir nie vergeben werde.“ „Schließen Sie,“ rief mit einer unhöflichen Unge⸗ duld der Abbé, der auf den Schluß hoffte. „Wohl! mein Herr,“ erwiederte Olympia, die Stirne faltend,„ich ſchließe, indem ich Sie bitte, den Abſichten von Herrn Bannidre, der Gebieter im Hauſe iſt, nachzukommen.“ „Merken Sie wohl, daß Herr Bannière mir den Abſchied gibt.“ „Ganz richtig.“ „Und daß folglich Sie mir auch den Abſchied ge⸗ ben,“ fügte der Abbé, bleich vor Zorn, bei. „Ich mehr als er,“ erwiederte Olympia. „Madame!“ rief d'Hoirac, indem er ſich anſchickte, dieſes tu quoque durch ein quos ego zu bekräftigen. Und er machte einen offenſiven Schritt gegen die Thüre. Hier aber fand er die Coiffeuſe im Hinterhalte; ſte legte ihm die Hand auf den Mund und zog ihn mit einem Eifer fort, der Olympia rührte, während er Bannisre ein wenig verdächtig dünkte. Trotz dieſer erſtickenden Hand wollte der Abbé reden. „Schweigen Sie doch, dreifach Blinder,“ flüſterte ihm die Coiffeuſe ins Ohr,„oder Sie richten ſich auf immer zu Grunde.“ „Was Teufels, ich will mich erklären,“ verſetzte der Abbé, ſich ſträubend. „Ei! Sie werden ſich ſpäter erklären.“ „Dort alſo?“ „Dort.“ Betäubt, gelaͤhmt, niedergeſchmettert, ließ ſich der Abbé, indem er ſich um ſich ſelbſt drehte wie Arlequin, als man ihn bei Iſabelle ertappte, vor die Thüre ſchieben. Die ganze Straße entlang und während der ganzen Zeit, die er brauchte, um ſein Haus wieder zu erreichen, brummte er dann zwiſchen den Zähnen: „Bei Gott! demjenigen, welcher dieſe Frau be⸗ greift, gebe ich hundert tauſend Thaler und ein Wahr⸗ ſagerpatent.“ Stolz darauf, daß ſie ſo gut gehandelt, ging in⸗ deſſen Olympia, ſobald die Thüre hinter dem Abbé 5 geſchloſſen war, auf Bannidre zu und wollte ihn um⸗ armen. Bannidre aber ſtieß ſie zurück. Er warf ſich in ſeinen Lehnſtuhl und rief: „Ohl es iſt genug gezweifelt und folglich genug gelitten. Das muß ein Ende nehmen.“ „Mir ſcheint aber, das hat ein Ende genommen,“ erwiederte Olympia. „Ganz im Gegentheil, denn es fängt etwas an, wozu die Hand zu bieten mich alle Mächte der Welt nicht bewegen werden.“ „Was denn?“ „Olympia!“ „Nun?“ „Sie haben den Abbé zurückgerufen, den ich fortgejagt hatte.“ „Ich habe es eingeſtanden.“ „Als Sie dazu gezwungen waren, als Sie nicht ausweichen konnten.“ „Beargwohnen Sie mich zufällig?“ „Wenn ich Sie beargwohnen würde, Madame! Es ſind, wie mir ſcheint, hier Worte geſprochen wor⸗ den, die mir das Recht dazu geben.“ „Was iſt denn geſagt worden? Wiederholen Sie die Worte.“ „Es iſt, während ich horchte, ohne geſehen zu wer⸗ den, geſagt worden, Sie haben Geſchenke vom Herrn Abbé d'Hoirac empfangen.“ „Man kann ihn zurückrufen, und er ſoll ſagen, welche Geſchenke ich empfangen habe.“ „Unnöthig.“ „Und warum unnöthig?“ „Warum? weil mir der Zweifel lieber iſt als die Gewißheit,“ erwiederte Banntére mit einer Geberde der Verzweiflung. „Ahl der Zweifel iſt Ihnen lieber,“ ſagte Olym⸗ „ —— pia mit einem Tone voll Spott;„ich danke, Sie ſind ſehr gut.“ „Oh!“ verſetzte Bannidre,„ich bin weder wie er⸗ noch wie Sie; ich bin kein Patricier, gewohnt, auf An⸗ dere zu zählen; ich bin keine Venus, gewohnt, ange⸗ betet zu werden.“ „Ich verſtehe Sie nicht mehr. Was wollen Sie damit ſagen?“ „Ich will damit ſagen, ich ſei nicht von einem Prinzen zu einem andern übergegangen.“ „Nehmen Sie ſich in Acht,“ ſprach Olympia mit dem Stolze einer Königin,„denn nun ſind Sie im Be⸗ griffe, mich zu beleidigen.“ „Ja, Sie haben Recht, Olympia, ja, ich bin Herr Bannidre; ja, ich bin der Staub, den man mit einem Hauche vernichten kann; ja, ich bin der Verbrecher; ja, ich bin der aus dem Kloſter in Avignon Entwichene, der Flüchtling, den ein Mandat des Proviſor Mordon als Landſtreicher, Gottesvergeſſenen und Abtrünnigen in eigen unterirdiſchen Kerker kann werfen laſſen. Oh!l be⸗ ſchimpfen Sie mich auch nicht, mich, den Schwachen, den Verlaſſenen, der ich nichts in der Welt habe oder hatte, als Ihre Liebe. Ohl verleugnen Sie mich nicht, denn Sie waſſen wohl, daß ich ohne Sie verloren bin, Sie wiſſen wohl, daß ich mich degjenigen übergeben werde, welche mich ſuchen, Sie wiſſen wohl, daß ich mich ohne Sie in die Arme des Todes, meiner einzigen und letzten Geliebten, die mich wenigſtens nicht betrügen wird, ſtürze.“ „Schweigen Sie, Unglücklicher,“ rief Olymvia, indem ſie raſch aufſtand und ihre Hand auf den Mund von Bannidre drückte.„Wenn man Sie hören würde! Sind Sie denn wahnſinnig, daß Sie ſo ſchreien!“ Und ſie lief nach der Thüre und öffnete ſie, um zu ſehen, ob Niemand in der Nähe geweſen ſei, der dieſe traurige Offenbarung hätte hören können. Olympia ſah aber Niemand; es wurde nur unten 7 an der Treppe eine Thüre zugemacht; Olympia zeigte Beſorgniß und wollte ſich erkundigen. „Unterlaſſen Sie das,“ ſagte Bannidre.„Sie haben nur ein Mittel, mich zu retten.“ „Welches?“ „Ei! mein Gott! daß Sie mir ſagen, Sie lieben mich!“ „Sie haben nur ein Mittel, zu machen, daß ich Sie liebe: zweifeln Sie nie.“ „Dann laſſen Sie mich Ihnen die Wahrheit ſagen.“ „Sprechen Sie.“ „Werden Sie nicht böſe, denn Ihre zornigen Augen ſind Flammen, welche die Verzweiflung in meinem Her⸗ zen entzünden.“ „Seien Sie unbeſorgt, ich werde nicht böſe wer⸗ den; ſprechen Sie geſchwinde.“ „Wohl denn! der Mann, der um Ihre Liebe ge⸗ feilſcht, ſagt, er habe das Geſtändniß derſelben erhalten.“ „Ja, er hat das geſagt, doch er lügt.“ „Schwören Sie mir dies. „Bei was?“ „Bei etwas ſehr Heiligem, bei etwas, woran Sie glauben.“ „Ich ſchwöͤre Ihnen bei der Ehre meiner Mutter, daß er lügt.“ „Warum ſagte er es aber dann, in der Voraus⸗ ſetzung, Sie ſeien allein mit ihm? Warum ſgpielte er dieſe Komödie mit Ihnen, mit ſich ſelbſt?“ „Ich weiß es nicht.“ „Ohl dahinter ſteckt ein Geheimniß, das uns Je⸗ mand aufklären könnte.“ „Wer?“ „Befragen Sie Ihre Coiffeuſe.“ „Sie?“ „Ja, eine Frau, die zu Allem fähig iſt.“ „Sie glauben?“ —— „Ich ſage es Ihnen. Eine Freundin der Catalane, Ihrer Todfeindin; Sie hatten dieſe Frau weggejagt.“ „Es iſt wahr.“ „Warum haben Sie ſie dann wieder angenommen?“ „Was weiß ich! Warum thut man das Schlimme, während man das Gute zu thun glaubt? Sie ſehen da Dinge, die ich nicht einmal muthmaßen will; das iſt eine unnöthige Beſchwerlichkeit. Der Abbé iſt hinaus, er bleibe außen. Die Coiffeuſe iſt bei mir; ſoll ich Sie wegjagen?“ „Ich ſchlage dieſe Genugthuung nicht aus.“ Olympia klingelte. Der Lackei erſchien. „Die Coiffeuſe?“ fragte Olympia. „Madame, ſie iſt ſo eben ausgegangen,“ antwortete der Lackei. „Hat ſie nicht die Treppenthüre zugemacht?“ „Ja, Madame.“ „Woher kam ſie?“ „Ich glaube, ſie kam aus dem Zimmer von Madame.“ Olympia und Bannière wechſelten einen unruhi⸗ gen Blick. „Gehen Sie,“ ſagte Olympia zum Lackei. „Sie hat gehorcht,“ rief Bannière, als der Be⸗ diente weggegangen war. „Gut! und aus welchem Anlaß ſollte ſte gehorcht haben?“ „Wegen unſeres Streites.“ „Ach! wir ſtreiten uns oft genug, daß dies Niemand mehr intereſſirt,“ erwiederte Olympia;„doch gleichviel, die Coiffeuſe wird heute Abend aus dem Hauſe entfernt ſein, da Sie es wollen.“ „Neln! nein! ich will nichts, durchaus nichts! Ich bin verrückt vor Liebe, verrückt, daß ich arm, verrückt, daß ich zur Laſt bin. Ich gäbe mein Leben für ein Jahr mit hunderttauſend Livres.“ „So ſpielen Sie nicht mehr, da Sie immer ver⸗ tete 9 lieren. Häufen Sie das Geld auf, das Sie ſchon ver⸗ loren haben, und das, welches Sie noch zu verlieren im Begriffe ſind, und ſo, mein Gott! werden Sie etwas Beſſeres haben, als die Summe von hunderttauſend Livres: Sie werden die Ruhe des Geiſtes, erlangt durch die Gewißheit meiner Liebe, haben; und dann werden Sie reich ſein, denn ich werde Ihnen das Glück ver⸗ danken.“ Und während Olympia dieſe Worte ſprach, küßte fie Bannidère ſo zärtlich, daß der Abbé, wenn er es geſehen hätte, gewiß vor Wuth geſtorben wäre. XXX. Wo bewieſen iſt, daß die Coiffeuſe vallkommen gehört hatte. Doch der Abbé konnte dies nicht ſehen; er lief mit allen Kräften ſeiner kleinen Beine. Die Coiffeuſe ihrerſeits lief mit allen Kräften der ihrigen, und ſie kam ganz athemlos zu der Catalane. Dieſe machte einen Sprung rückwärts, als ſie ſie erblickte. „Alles iſt verloren,“ ſagte die Coiffeuſe. „Wie ſo?“ fragte die Catalane. „Dieſer Bannisre hat den Abbé hinausgeworfen.“ „Nun! und was weiter?4 „Weiter?“ „Ja.“ „Es muß demnächſt nothwendig eine entſchiedene und unzweideutige Erklärung zwiſchen Olympia und dem Abbé ſtattfinden.“ „Nein, wenn wir nicht wollen.“ „Und wie dies, wenn's beliebt?“ d „Das iſt gaaz einfach; der Abbé hat nur ein Mit⸗ tel, enttäuſcht zu werden, das, mich bei Licht zu ſehen, wenn ich die Rolle von Olympia im kleinen Hauſe ſpiele. Dieſes Mittel kann er, wenn er Zweifel hat, an⸗ ei wenden, und dann ſind wir wirklich verloren. Kommen wir ſchon jetzt überein, den Abbé nicht mehr in dem kleinen Hauſe zu empfangen: keine Spuren mehr, und man wird nie etwas entdecken. Olympia mag ſich im⸗ —— merhin ſträuben, ſie mag leugnen, toben, d'Hoirac wird h nicht glauben, daß ſie unſchuldig iſt. L „Ja, doch er wird mich ins Spiel bringen,“ ent⸗ pi gegnete die Colffeuſe.„Er wird mich zur Zeugſchaft J aufrufen, und ich werde zeugen müſſen.“ „Wohl, Du wirſt zeugen, und das wird das Ver⸗ derben von Olympia ſein.“ „Ja, und wie?“ „Einfältige, eine ſchone Schwierigkeit! Du wirſt b behaupten, Du habeſt das Haus für Olympia gemiethet, und man wird Dir glauben, in Betracht, daß man immer an die Scandale, beſonders von Seiten der Schau⸗ ri ſpielerinnen, glaubt.“ Die Coiffeuſe ſchüttelte den Kopf. „Wir werden uns dabei brennen,“ ſagte fie. „Bahl Haſt Du unſer Geheimniß Jemand anver⸗ traut?“ ge „Ich, Niemand!“ 3 „Fürchteſt Du Dich vor Olympia?“ „Nein, aber ich fürchte mich vor Bannidre.“ „Was ſoll er Dir thun?“ *— „Bannière? Er wird mich umbringen.“ me „Ci! nein; ich werde ihn durch Liebkoſungen be⸗ ſänftigen. Ich werde ihm eine Minerva ſcheinen, ſo bald rie er Olympia für ſchuldig hält.“ er⸗ 11 „Er wird mich umbringen, ſage ich Ihnen, und Sie mit mir.“ „Bah! wir laſſen uns durch den Abbé verthei⸗ digen.“ „Er wird auch den Abbé umbringen.“ „Wahrhaftig?“ „Ohl Sie kennen ihn nicht,“ ſagte die Coiffenſe mit einer träumeriſchen Miene. „Er iſt alſo ein Wüthender, dieſer Bannière?“ „Ohl ja.“ „Der liebe Junge!“ „Hören Sie mich an,“ ſprach die Coiffeuſe.„Es handelt ſich nicht darum, zu ſcherzen. Sie wollten eine Laune befriedigen und ſich das Vergnügen machen, Olym⸗ pia einen Liebhaber zu ſtehlen. Nicht wahr, das war Ihre Abſicht?“ „Gewiß.“ „Sie werden ihr nur den Abbé geſtohlen haben.“ „Warum?“ „Es ſteht geſchrieben, Bannière wird Olympia nicht betrügen.“ „Warum denn nicht?“ „Weil, wenn Sie dieſen Menſchen nicht zu Grunde richten, ich ihn zu Grunde richten werde.“ „Was nennſt Du zu Grunde richten?“ „Nehmen Sie Eines an.“ „Was?“ „„Daß ich ein Geheimniß von ihm weiß, welches gefährdend genug iſt, um ihn verſchwinden zu machen.“ „Hol hol hat er im Spiel betrogen?“ „Etwas Beſſeres.“ „Sprich geſchwinde.“ „Nein, es liegt Ihnen zu viel an ihm. Ich werde meine Angelegenheiten ſelbſt abmachen.“ „Wie! Du wiürdeſt dieſen Jungen zu Grunde richten?“ „Unverzüglich, weil, wenn ich ihn heute Abend nicht zu Grunde gerichtet habe, er mir morgen den Hals umdrehen wird, und dieſem widerſetze ich mich.“ „Du haſt mit Unrecht Angſt.“ „Laſſen Sie mich Ihnen den Gang der Ereigniſſe ſagen. Zu dieſer Stunde bin ich entweder eine Thörin, oder Olympia und Bannidsre find ausgeſöhnt. Morgen wird der Abbé mit Banniére ausgeſoͤhnt ſein. Die Männer ſind immer ſo: man glaubt, ſie ſchneiden einander die Kehle ab, und ſie umarmen ſich.“ „Das iſt ziemlich wahr.“ „Sind Bannidre und der Abbé verſöhnt, ſo werde ich geopfert; der Abbé iſt reich und mächtig; er wird mich ins Spital werfen laſſen.“ „Das wird ziemlich gerecht ſein.“ „Sie werden einſtweilen die Vortheile eingeſteckt haben, abgeſehen davon, daß Sie, waͤhrend ich im Spi⸗ tal bin, auch Gelegenheit finden müſſen, ſich mit Ban⸗ nière auszuſöhnen. Die Frauen ſind alle ſo: man hält ſie für Freundinnen, ſie ſind Liebhaberinnen.“ „Wahrhaftig, ich hielt Dich für keine ſo große Mo⸗ raliſtin. Sollteſt Du zufällig von Herrn de la Roche⸗ foucault abſtammen?“ „Nein, doch mittlerweile habe ich etwas Anderes erfunden, um nicht ganz und gar Opfer zu ſein, und bei Vollbringung dieſes Andern werden Sie mir helfen, wenn es Ihnen beliebt.“ „Laß höoͤren.“ „Sie werden mir dabei helfen, oder ich werde es ſelbſt thun.“ „Setze mir Deinen Willen auseinander, meine Tochter.“ „Der Abbé wird zur ſalſchen Olympia kommen.“ „Ahl ahl Du ſagſt mir das nicht, und ich bin im Nachtkleide!“ „Sie werden Toilette machen. Er wird wüthend darüber kommen, daß Sie ihn durch Bannidre haben wegjagen laſſen.“ * zw M tete und mer lich 13 „Ich werde ihn beſänftigen.“ „Es ſchlägt gerade eilf Uhr; er wird um halb zwölf Uhr kommen.“ „Du glaubſt?“ „Ich bin deſſen ſicher.“ „Teufel! wir haben gerade kaum noch Zeit. Hilf mir mich ankleiden.“ „Kommen Sie, kommen Sie, gehen wir in Ihr Ca⸗ binet, und hören Sie mich an. Sie werden das Ge⸗ heimniß erfahren, durch das wir, in drei Stunden, Sie zweltauſend Louis d'or mehr, ich, in drei Tagen, einen Bannisre weniger haben.“ Beide traten in das Cabinet ein, deſſen Thüre hin⸗ ter ihnen geſchloſſen wurde und ſo ihre kleinen Com⸗ plotte und ihre unreinen Speculationen auf die Boͤrſe und die Ehre ihrer Feinde erſtickte. XXXI. Was man für achtundvierzig tauſend Livres hat, wenn man bei Nacht unterhandelt und kurzſichtig iſt. Pünktlich beim Rendez⸗vous, obgleich wüthend, war⸗ tete der Abbé nicht lange auf die falſche Olympia. Was ſie betrifft, ſie kam, wie ſie alle Tage war, und ohne ſich um den Hagel von Vorwürfen zu beküm⸗ mern, den Herr d'Hoirac gegen ſie ſchleudern würde. „Ah!“ rief er, als er die Thüre öffnen hörte,„end⸗ lich iſt der Augenblick gekommen, um allen Schimpf zu —— ‿— —— rächen, den mich die Treuloſeſte der Frauen erdulden läßt.“ „Welchen Schimpf 2 fragte ſie ruhig. „Den, welchen ich heute Abend erlitten habe, Ruchloſe!“ „Wo dies?“ „Bei Ihnen.“ „Das heißt, bei Herrn Bannidre.“ „Ahl gut!“ rief der Abbé, fühlend, auf welches Ter⸗ rain man ihn zog,„Sie verſchanzen ſich abermals hin⸗ ter dem elenden Wall der Wohnung von Herrn Ban⸗ nisre und der Wohnung von Herrn d'Hoirac.“ „Das iſt meine Stärke.“ „Ich weiß es, bei Gott! wohl.“ „Es war, wie mir ſcheint, Waffenſtillſtand ge⸗ ſchloſſen.“ „Ja, doch es gab noch andere Conventionen, welche Sie verletzt haben.“. „Sie ſprechen von der Freundſchaft, welche mir Herr Bannidre vor einigen Stunden bezeigte.“ „Nun! was haben Sie hierüber zu ſagen?“ „Nein, nichts, wenn nicht, daß ich ihn nicht daran verhindern konnte.“ „Wie, Sie konnten es vor mir nicht verhindern?“ „Iſt das meine Schuld? Der arme Junge! er weiß nichts von Ihren Rechten und glaubt ſolche zu haben.“ „Das iſt abſcheulich, ſage ich Ihnen, und ich werde nicht länger eine ſolche Marter ertragen.“ „Und Sie haben Recht, Herr Abbé.“ „Ahl das iſt ein Glück.“ „Ich habe Ihnen auch dieſes Rendez⸗vous geben laſſen, um Sie zum letzten Male zu ſehen.“ „Wiel zum letzten Male!“ rief der Abbé. „Allerdings.“ „Man hat alſo ſein Spiel mit mir getrieben?“ nen lden abe, 23 15 „Wie ſo?“ „Gewiß, da Sie, wenn Sie ſich zwiſchen dem Schau⸗ ſpieler Bannidère und dem Herrn Abbé d'Hoirac zu erklären haben, Herrn Bannidre wählen.“ „Ei! mein Herr, Ihre Anſprüche ſind zu groß.“ „Meine Anſprüche, Madame, ſind die eines Man⸗ nes, deſſen Liebe ſich durch den Beweis der Ihrigen ver⸗ mehrt hat. Ohl Sie ſind nicht eiferſüchtig, das ſieht man wohl.“ „Aber was iſt denn zu thun?“ ſagte die Catalane mit betrübter Miene. „Finden Sie nicht das Mittel, mich in Ihrem Her⸗ zen zu befriedigen, ſo habe ich nichts mehr zu ſagen.“ „Ei!“ rief die falſche Olympia,„glauben Sie, es ſei ſo leicht in dieſer Welt, ſeine Neigung mit ſeiner Ehre in Einklang zu bringen 2“ „Ihre Chre! Ei! Madame,“ verſetzte der Abbé ein wenig wieder befeſtigt,„finden Sie nicht, daß es eben ſo ehrenvoll für Sie iſt, Herrn d'Hoirac zu lieben, als Herrn Bannidre?“ „Allerdings, aber.“ „Ob! Alles dies, Madame, Alles, was Sie ſagen, erbärmliche Gründe! Liebten Sie dieſen Menſchen etwas weniger, und mich mehr...“ Die Catalane gab ſich den Anſchein, als weinte ſie. Für den Abbé war es Olympia, welche dieſe Thrä⸗ nen vergoß, und dennoch blieb er feſt. „Sie müſſen Eines begreifen,“ ſagte er. „Was.?“ „Daß ich aufs Aeußerſte gebracht bin.“ Das Schluchzen der falſchen Olympia verdoppelte ſich. Eines der großen Talente der Catalane auf der Scene war, daß ſie zu weinen verſtand. „Was haben Sie denn?“ fragte der Abbé, der ge⸗ rührt zu werden anfing. „Sie ſehen es wohl, mein Herr, ich weine.“ „Weinen Sie, entſcheiden Sie aber etwas.“ „Oh! es iſt Alles entſchieden, mein Herr, wenig⸗ ſtens von Ihrer Seite. Verlaſſen Sie mich, verlaſſen Sie die Frau, die Ihnen Liebe bewieſen hat, wie Sie ſo eben ſagten.“ „Verlaſſen, verlaſſen! ich weiß wohl, Sie wün⸗ ſchen, daß ich Sie verlaſſe,“ erwiederte der Abbé, der ſich allmälig vertheidigte. „Ich 2 „Allerdings, Sie. In der That, die ganze Scene die Sie mir machen, iſt das Reſultat einer Laune.“, „Der arme Bannidre nimmt Ihnen alſo heute mehr, ale er Ihnen geſtern nahm?“ „Ja, denn er nimmt mir das Vertrauen, das ich zu Ihnen hatte.“ „Dann,“ rief die falſche Olympia,„wenn Sie kein Vertrauen mehr zu mir haben, bin ich ſehr unglücklich!“ Und die Thränen floßen aufs Neue mit einem Accompagnement von Schluchzen. Der Abbé ſchwieg. „Ah!“ ſagte ſie,„Sie ſind ein Grauſamer!“ „Und Sie, ſind Sie nicht auch grauſam, und zwar hundertmal, tauſendmal mehr als ich!“ „Nun denn!“ rief die Catalane,„wiſſen Sie, daß ich es mit einem Freunde und nicht mit einem Tyrannen zu thun haben will.“ „So reden Sie.“ „Nein. Es iſt an Ihnen, die Bedingungen zu die⸗ tiren, da Sie zu dieſem Ende gekommen ſind, und ich werde ſehen, ob ich dieſe Bedingungen annehmen ſoll; ich werde ſehen, ob ich es mit einem Manne zu thun habe, der mich wirklich liebt, oder mit einem Manne, der ſich anmaßt, mir jede Bedingung meines Lebens zu dictiren.“ „Ohl Gott behüte mich!“ „ Sorge iſt.“ Doch...“ Sie wiſſen ja wohl, daß Ihr Glück meine einzige Abl we dieſ ſen Abl lan bete ten alle fa ſſ Rol ſo in fehle hatt zwei Livre Ihre Ol 17 Sie ſchüttelte den Kopf in der Finſterniß, doch der Abbé errieth dieſe Bewegung. „Nicht wahr, Sie haben mir vor Kurzem den Be⸗ weis davon gegeben?“ ſagte ſie. „Oh!“ rief der Abbé gereizt,„Ihr Gluck iſt alſo, von dieſem Komödianten geliebt zu ſein?⸗ 1 „Ahl Sie ſind ein abſcheulicher Narr, und Sie wiſ⸗ ſen nicht, was Sie ſagen,“ rief die Catalane. „Aber mir ſcheint, ich habe gehört,“ verſetzte der 6. „Sie?“ „Ja, ich.“ „Gehen Sie doch, Sie haben nichts gehört.“ Der Abbé ſprang von ſeinem Sofa auf. „Oh! das iſt ſtark!“ rief er. „Nein, Sie haben nichts gehört,“ fuhr die Cata⸗ lane fort,„ſonſt würden Sie mich zu dieſer Stunde an⸗ beten.“ 3 „Das iſt ſehr ſtark.“ „Nein, denn wenn Sie da geweſen wären, ſo hät⸗ ten Sie auch alle Zeichen geſehen, die ich Ihnen machte, alles Lächeln, das ich an Sie richtete, um Sie Geduld faſſen zu laſſen.“ „Ich habe nichts hievon geſehen.“ „Dann ſind Sie zu bedauern.“ „In jedem Fall geben Sie mir da eine ſchöne Rolle.“ „Eil die, welche einem Manne vorbe halten iſt, der ſo indiscret, es ſich einfallen zu laſſen, anderswo zu be⸗ fehlen, als in ſeinem Hauſe.“ „Das iſt es aber nicht, was Sie mir verſprochen hatten.“ „Hatten Sie mir verſprochen, mir ohne alle Um ſtände zweitauſend Louis d'or und eine Rente von ſechstauſend Livres anzubieten? Hatten Sie mir verſprochen, während Ihrer zärtlichen Redensarten und Ihrer ſchoͤnen Antraͤge Olympia von Clsves. II. 2 werde ſich Herr Bannidre nicht in einem anſtoßenden Cabinet verbergen? Hatten Sie mir verſprochen, er werde von da aus nicht Alles hören, was Sie ſagten, nicht Alles ſehen, was Sie machten? Hatten Sie mir ver⸗ ſprochen, Sie werden ſich dieſe erſchreckliche Lection und mir dieſe gräuliche Scene zuziehen?“ „Sie mußten mich in Kenntniß ſetzen,“ ſagte er be⸗ ſänftigt. „Was habe ich denn gethan, Sie abſcheulicher Kurz⸗ ſichtiger?“ „Sie haben mich in Kenntniß geſetzt 2“ „Ich habe mir die Kinnbacken ausgerenkt, um Ih⸗ nen Warnungen zuzubrummeln; ich habe die Augen ge⸗ gen Sie verdreht, daß die Fugen faſt zerriſſen; ich habe eine ganz ſchwarze Zehe, ſo ſtieß ich an Ihr Fau⸗ teuil, das Sie indisereter Weiſe meinem Sofa näher rückten.“ „Und ich habe nichts geſehen.“ „Sie ſind der Letzte der Unbeſonnenen und der Blinden. Alles Schlimme, was Ihnen begegnet iſt, iſt durch 3 Schuld gekommen.“ ch 44 „Und nun ſeufzen Sie, das iſt ſehr ſchönz und nun erheben Sie Anſchuldigungen, das iſt ſehr freundlich! Ich werde mittlerweile leiden.“ „Sie werden leiden 2“ „Zweifeln Sie daran? glauben Sie, nach Ihrem Abgange habe mich Bannière geſchont? Halten Sie ihn für blind und taub, wie Sie ſind? Wenn er blind und taub iſt, ſo ſtehe ich Ihnen dafür, daß er nicht ein⸗ armig iſt.“ „Oh! mein Gott! ſollte er Sie bedroht haben?“ „Bedroht! Sie ſind ſehr gut! Er hat mich geſchla⸗ „Geſchlagen! Sie, armer Engel! Dieſer Nuchloſe hat Sie geſchlagen?“ „Zum Glück hat er ſeinen, im Ganzen ſehr trauri⸗ betreit lichen verthei enden werde nicht ver⸗ n und er be⸗ Kurz⸗ Ih⸗ habe Fau⸗ näher d der iſt, iſt nd nun nlich! Ihrem die ihn blind öt ein⸗ ben?“ geſchla⸗ uchloſe trauri⸗ 19 gen, Zorn an mir ausgelaſſen. Ich hatte ziemlich bange, er werde ihn an Ihnen auslaſſen: er hätte Sie auf dem Platze getödtet! Er iſt ſo heftig.“ „Ho! hol ich habe, Gott ſei Dank, Arme.“ „Ja, aber keine Augen, und er, er hat Arme, Au⸗ gen und einen Degen.“ „Glauben Sie, ich fürchte mich?“ „Ich halte Sle nicht für furchtſam; überdies ſind Sie keiner Gefahr ausgeſetzt.“ „Ich werde Sie vertheidigen. Ah! Sie zucken die Achſeln?“ „Ei! fangen Sie damit an, daß Sie ſich ſelbſt vertheidigen.“ „Meine Liebſte, Sie ſcheinen mir zu ſehr zu ver⸗ geſſen, was ich bin.“ „Ich vergeſſe es nicht, doch ich weiß auch, Ihr Charakter verlangt, daß Sie alle Maßregeln nehmen, deren ein Soldat ſich überheben würde. Wären Sie ein Dragoner wie Herr von Mallly, ſo würden Sie mich mehr mit einem Blicke beruhigen, als es Herr d'Hoirac mit einem ganzen Heere zu thun vermöchte.“ „Ich kann, wenn nicht mich ſelbſt rächen, doch es betreiben, daß...“ „uünd welchen Vorwand haben Sie, um einem ehr⸗ lichen Manne zu ſchaden, der im Ganzen nur ſein Gut vertheidigt?“ „Sein Gut? ſein Gut!.. Ich will es nicht dulden, daß er Ihnen ſchadet und Sie ſchlägt.“ 3 „Er wird ſich wenig um Ihre Vertheidigung beküm⸗ mern, und wenn Sie zu laut ſchreien, ſo wird er noch ſtärker ſchreien, als Sie.“ „Somit werden Sie dieſen Menſchen ewig dulden, adame.“ „Oh! nein! nein!“ „Wie ſo? Warum ſagen Sie nein?“ „Weil ich ein Mittel weiß, mich ſeiner zu entledi⸗ gen, wenn er zu läſtig ſein wird.“ 1 „ ſ—— —— „Warum wenden Sie dann dieſes Mittel nicht an? denn mir ſcheint, wir ſind ſehr beläſtigt.“ „Teufell er iſt heftig!“ „Vertrauen Sie ihn mir an.“ „Nein, nein.“ „Sie lieben mich alſo nicht? Sie haben alſo im Sinne, mich immer den Brutalitäten dieſes Burſchen zu unterordnen?“ „Ich ſage das nicht, doch es iſt etwas Anderes, ei⸗ nen Menſchen fortzujagen, der uns beläſtigt, oder einen Unglücklichen zu Grunde zu richten, der ſich uns anver⸗ traut hat, und deſſen Geheimniß man beſitzt.“ „Ah! es gibt ein Geheimniß?“ „Eil ein ſchönes.“ „Sagen Sie es Ihrem guten kleinen Freunde.“ „Nein, nein, es gibt keine Freunde.“ „Sie verleugnen mich als Ihren einzigen Freund, !. „Habe ich Unrecht?“ „Mir ſcheint..“ „Was haben Sie denn gethan, daß ich Sie meinen Pruuhn nennen ſollte? Etwa, weil Sie mein Liebhaber nd 44 „Aber, Olympia... „Das iſt kein Beweis. Ein Freund iſt derjenige, welcher ſo ergeben iſt, daß man nicht mehr an ihm zweifeln kann.“ „Ich bin es, wie mir ſcheint. Fordern Sie, ich habe meine Anträge ſchon ausgeſprochen; ich wüßte nicht, daß hier ein Herr Bannidre im Cabinet wäre.“ „Mein Gott, Herr Abbé,“ ſagte die falſche Olym⸗ pia,„es iſt hier eine hohe und delicate Frage zu be⸗ rühren, doch eine Frau muß ſich zuweilen hiezu ent, ſchließen, wenn es ſich um ihre Unabhängigkeit handelt.“ „Ihre Unabhängigkeit, meine Liebſte, wird nie ge⸗ ſichert ſein, ſo lange Sie mit dieſem Bannière leben,“ verſet laſſen wird, Ihne Geld nen den. ben, dieſer haber der w nen; finire geben Ihne heirat ¹ Ich mache 1 darf? 1 gen e einwi die zu 6 gierie ht an? lſo im urſchen res, ei⸗ r einen anver⸗ nde.“ Freund, meinen jebhaber erjenige, an ihm Sie, ich te nicht, Olym⸗ zu be⸗ azu ent⸗ andelt.“ nie ge⸗ leben, 21 verſetzte der Abbé voll Elfer;„Sie müſſen ihn alſo ver⸗ laſſen.“ „Dieſer Punkt iſt beinahe nicht mehr ſtreitig.“ „Es fragt ſich nur, ob Ihre Furcht ſtärker ſein wird, als Ihre Skrupel.“ „Ganz richtig.“ „Wohlan! mit zweitauſend Louis d'or, wie ich ſie Ihnen geboten...“ „Ohl nun ſprechen Sie ganz unumwunden von Geld,“ ſagte die Catalane bebend vor Freude. „Ich muß es wohl, um Sie zu beſtimmen, um Ih⸗ nen zu beweiſen, daß Sie, minder arm, freier ſein wer⸗ den. Ich muß es auch, damit Sie mir das Mittel ge⸗ ben, Bannidre im Falle eines Mißbrauchs, und nur in dieſem Falle, die Fähigkeit, zu ſchaden, die er Ihnen zu haben ſcheint, zu benehmen.“ „Hiezu werde ich mich nie entſchließen.“ „Hören Sie,“ ſprach der Abbé, der immer glühen⸗ der wurde, je weniger er Widerſtand fühlte,„ich will Ih⸗ nen zeigen, daß Sie Unrecht haben. Ein Freund. ſo de⸗ finiren Sie ihn, iſt derjenige, welcher ohne Rückhalt er⸗ geben iſt. Ich gehöre aber Ihnen, mein Vermoͤgen gehört Ihnen, meine Hand würde Ihnen gehören, wenn ich heirathen könnte.“ „Das heiße ich ſprechen,“ ſagte die Catalane. „Die zweitauſend Louis d'or, ich habe ſie in Kaſſe. Ich wollte wiſſen, ob Sie die Dinge auch ſo großmüthig machen würden, wie ich.“ d fus nennen Sie Großmuth, wenn ich fragen arf?“ „Ich will damit ſagen, ich wollte wiſſen, ob Sie ge⸗ gen eine elende Summe, die Ihnen die Ruhe geben wird, einwilligen werden, das Theater zu verlaſſen. Hier ſind die zweitaufend Louis d'or.“ Der Ab's reichte die Billets der Catalane, welche gierig mit ihrer gekrümmten Hand darnach griff. Als die Falſche die Berührung dieſes unverhofften, für ſte unerhöͤrten Reichthums gefühlt hatte, ging eine ſeltſame Wirkung in ihrem Herzen vor: der Abbé wurde ihr theuer und heilig. Bannière wurde ihr unnütz, ab⸗ geſchmackt und läſtigz und mit einem Tone, der mehr wirkliche Zärtlichkeit bezeichnete, als ſie je empfunden hatte, ſprach ſie: „Sie ſind ein gutes Herz, und Sie verdienen, daß man für Sie aus Liebe thut, was mich nichts zu thun beſtimmt haben würde. Sie verdienen, daß man Sie völlig beruhigt. Sie verdienen, unter Ihrer Abhängig⸗ keit den einzigen Menſchen zu haben, der Ihnen furcht⸗ bar iſt. Und da Sie die Nebenbuhlerſchaft dieſes Ban⸗ nière fürchten, da Sie vielleicht nicht der Stärkere in einem Kampfe gegen ihn wären, ſo gebe ich Ihnen die Waffen, die ich habe: ſie ſind tödtlich; die Ueberre⸗ dung, die Werthſchätzung, die Liebe nehmen ſie aus meinen Händen, um ſie in die Ihrigen zu übertragen.“ Der Abbé öffnete ſeine Ohren und ſchloß ſeine Arme. „Erfahren Sie,“ ſagte die Catalane,„erfahren Sie, daß Bannidre aus einem Jeſuiten⸗Noviciat ent⸗ wichen iſt.“ Der Abbé bebte. „Von wo?“ fragte er. „Von Avignon.“ „Der Proviſor dieſes Collegiums iſt mein Freund; er heißt..“ „Mordon, nicht wahr?“ „So iſt es.“ „Und er ſucht zu Waſſer und zu Land den Ueber⸗ läufer, den ich bis jetzt bei mir verborgen habe.“ „Güte des Himmels!“ rief der Abbé freudetrunken. „Sie begreifen, daß ich dieſes Geheimniß Ihnen als einem biedern Manne anvertraue. Sie begreifen, daß wenn es ſich anders verhielte und wenn ich Sie nicht gut kennete, der Unglückliche verloren wäre.“ „Oh! ja.“ ig eine wurde ttz, ab⸗ r mehr pfunden in, daß u thun n Sie pängig⸗ furcht⸗ Ban⸗ kere in nen die eberre⸗ ie aus ragen.“ 3 ſeine fahren at ent⸗ reund; Ueber⸗ 2 unken. 23 „Ein Jeſuiten⸗Zögling!“ „Gewiß.“ „Ein Jeſuiten⸗Zögling, der Schauſpieler wird!“ „Alle Sterne!“ „Ein Jeſuiten⸗Zögling endlich, der, nachdem er Schauſpieler geworden, mit einer Schauſpielerin lebt und Diener der Religion wie Sie beleidigt.“ „Ja! ja.“ „Der arme Junge! man weiß nicht, wo dies ein Ziel nähme.“ „Man weiß es nicht,“ wiederholte der Abbé zit⸗ ternd vor Freude. „Alſo, mein lieber d'Hoirac, ich gebe Ihnen da eine Waffe, von der Sie nur Gebrauch machen werden, wenn Sie Bannidre zu ſtark und zu laut bedrohte.“ „Ich danke, meine Seele.“ „Oh! ich habe viel gelitten, daß ich Sie im Streite mit dieſem ſchlimmen Kopfe geſehen, welchem Ihr Charakter und Ihr Kleid zu antworten verboten, wie Sie durch Ihr Herz und durch Ihren Namen hiezu angetrieben werden.“ „Ohl ja, ich habe gelitten,“ ſagte der Abbé mit Wuth,„doch.“ „Doch fortan,“ ſprach die Catalane,„fortan ſind Sie auf der Hut und gepanzert. Haben Sie nur die Tugend der Starken, ſeien Sie geduldig.“ „Fürchten Sie nichts.“ „Ich flehe Sie an, erzürnen Sie ſich nicht unnö⸗ thig; erinnern Sie ſich, daß ich, indem ich Ihnen dieſen armen jungen Mann preisgegeben, hinreichend bewieſen habe, Sie haben nichts von ſeiner Seite, was mich be⸗ trifft, zu befürchten.“ „Ich werde Punkt für Punkt Ihre Ermahnungen befolgen.“ „Empfangen Sie meinen Dank! Sie ſind ebenſo edelmüthig gegen die Männer, als gegen die Frauen. “ r Warum ſollten Sie nicht geliebt, was ſage ich? ange⸗ betet werden!“ Der Abbé bemerkte nicht, daß er an dieſem Abend für acht und vierzigtauſend Franken angebetet wurde. Nachdem ſie ihre bedrohte Barke ſo geſteuert, hatte die Catalane, mit Hülfe ihrer Genoſſin, das Geld und die Strafloſigkeit. Der Abbé hatte, mit Hülfe ſeines Geldes, ein paar Stunden Illuſion. Sehen wir, was Bannidre haben ſollte. XXXII. Der Ring von Herrn von Mallly. Der arme Bannidre wußte nichts von dem, was gegen ihn complottirt worden war. Er machte es wie die Kinder, die mit dem Pulver ſpielen und das Pul⸗ ver in der einen Hand und das Feuer in der andern halten. Er hatte beſchloſſen, ſich wegen Alles deſſen, was er ſich ſelbſt leiden machte, an Olympia, das heißt an der einzigen Perſon, die er ernſtlich in dieſer Welt liebte, zu rächen. Er hatte durch die Eiferſucht gelitten und be⸗ ſchloſſen, Olympia durch die Eiferſucht leiden zu laſſen. Auf die Gefahr, dieſes edle Herz zu brechen, wollte ſte der Wahnſinnige beſtrafen, weil ſte unklug geweſen, während die Unklugheit, welche Olympia begangen, ge⸗ rade von dem Adel ihres Herzens herkam. Am andern Tage nach der von ihm dem Abbé ge⸗ machten Scene, als Olympia Alles von Bannisre ver⸗ geſſen glaubte, als von ihrer Seite Alles vergeſſen war, 1 25 begab ſich Bannière zur Theaterprobe. Er fand die ganze Komoͤdie hier. Die Catalane lachte und die Coiffeuſe ſtudirte hinter den Couliſſen die Geſichter. Olympia pflegte, wie alle große Künſtler, mit Ernſt zu probiren. An dieſem Tage probirte ſie mit noch mehr Ernſt als gewöhnlich. Die arme Frau war bei der erſten Phaſe der Entmuthigung, die ſich durch die zum Zuſtande der Gewohnheit übergegangene Trau⸗ rigkeit ankündigt. Dann kein Geräuſch, kein Vergnügen mehr, weder in der Pflichterfüllung, noch in dem, was an gewoöhn⸗ lichen Tagen des Lebens eine Beluſtigung iſt. Das Auge iſt düſter, das Herz hat keine Seufzer mehr, die Wunde, die es dumpf zernagt, nimmt es genug in allen ſeinen Kräften in Anſpruch, daß es kaum die Kraft, pünktlich zu ſchlagen, findet. Olympia, ſagen wir, probirte ihre Rolle. Die Catalane lockte den Einen und den Andern in den Couliſſen an ſich. Bannisre ging gerade auf ſie zu und nahm ſie bei den Händen. Bannidre war ſchön an dieſem Tage, ſchoͤn durch ſeine natürliche Schönheit und mehr noch durch die Belebthelt, welche in den Zügen der Frau oder des Mannes eine ſehr mächtige Idee erweckt, und wäre es die Idee, ſeinem Nebenmenſchen Schaden zuzufügen. Bannidre fing an mit der Catalane zu ſpielen, und bald hatte ſie ſich gegen ſeine Zudringlichkeiten zu wehren. Die Catalane wehrte ſich Anfangs nicht nur gegen ſeine Zudringlichkeiten, ſondern ſie empfand ſogar bei ſeiner Annäherung ein Gefühl, das dem Schrecken glich. Ihr Gewiſſen machte ihr den Vorwurf, ſie habe dieſem Manne ſein Verderben bereitet. Es kam ihr vor, als ſähe ſie einen Verurtheilten 4 5 ſ—— 1 8 der nichts von ſeiner Verurtheilung wiſſe, gehen, ſpre⸗ chen, lachen. Dann hatte ſie auch vielleicht die Verachtung des Schauſpielers, welche ſeit ſo lange dauerte, verletzt. Bannidre ſchien jedoch nichts zu bemerken. Er war unermädlich in ſeiner Bewerbung um das Lächeln und die Freundlichkelt der Catalane. Er entwickelte, ſo fruchtbar an Mitteln iſt die Rache, einen ſeltſamen Geiſt, einen coquetten Geiſt, den man nicht von ihm kannte. Die Catalane aber war kein Mädchen von Geiſt. Es war auch keine ſchlimme Natur. Sie hätte Bannidre ſehr geliebt, würde Bannisre ſie geliebt haben. Man weiß, daß ſie ſich wenigſtens ebenſo zärtlich gezeigt hatte, als dieſer andere Joſeph grauſam geweſen war. Es dünkte ihr ſonderbar, daß ſie den Hoffärtigen in dem Augenblicke wieder zu ihr kommen ſah, wo ſie auf immer mit ihm gebrochen hatte. So wenig die Frau Philoſophin ſein mag, ſo hat doch die Alltäglichſte Zartgefüblsinſtincte, welche ſo viel werth ſind, als die Quinteſſenz aller dicken pſycho⸗ logiſchen Abhandlungen. Sie fing, wie geſagt, damit an, daß ſie Bannière hart anließ; als ſie ihn aber beharrlich bleiben ſah, verfuhr ſie beſtändig vertheidigungsweiſe, ließ ihn jedoch ſprechen. Anfangs kam ihr der unbeſtimmte Gedanke, Ban⸗ niére wolle ſie mit Nachſicht behandeln. Hernach mußte ſie auf dieſen Gedanken verzichten, denn wenn Bannidre etwas vermuthete, ſo würde er weder die Sanftmuth, noch die Zögerung anwenden, um eine ſo dringende Gefahr zu beſeitigen. Nein, Bannidre wußte nichts; er kam zurück, weil er zurückkam; er wurde einzig und allein durch den Magnetismus ihrer ſchönen Augen, durch die Anzieh⸗ ungskraft ihrer Schoͤnheit zurückgerufen. 27 Es war allerdings ein wenig ſpät, doch die Stunde hatte nun einmal geſchlagen. Man ſah die Leidenſchaft in jedem Blicke von Ban⸗ nière hervorbrechen; man ſah in jedem ſeiner Acte eine Entſchuldigung für ſein geringſchätzendes Benehmen in der Vergangenheit. Dieſes Verfahren wurde bemerkt; Olympia ſah es wie die Anderen. Das geräuſchvolle Gelächter von Bannidre ſtörte mehrere Male die Probe und zog den Delinquenten die ſtrengen und ſodann ärgerlichen„St!“* von Olympia zu. Sie gingen in einen dunkeln Winkel; man hörte ſie flüſtern. Dieſe Marter iſt für die Eiferſüchtigen unerträglich. Olympia bezwang ſich muthig, um den Anſchein zu haben, als bemerkte ſie das unſchickliche Benehmen von Bannidère nicht. Die Catalane gab ſich ganz ſanft dem Vergnügen hin, ſich von einem Liebesüberläufer den Hof machen zu ſehen. Die Probe endigte. Olympia entfernte ſich, ohne daß Bannidre es wahrzunehmen geſchienen hatte. Sie begab ſich nach Hauſe, ohne daß er ſie be⸗ gleitete. „Die Catalane war ſehr erfreut, ihrer Nebenbuh⸗ lerin Kummer zu machen. Bannidre kehrte am Abend ins Theater zurück, wo ihatdr, nicht ſpielte. eſe, als ſie ihn weggehen ſah, faltete die Stirne und ſagte nichts.“ eggehen ſah, f „Dooch der Zorn überwog die Würde. Olympia ging am Abend auf die Bühne, wo Bannidre, wel⸗ cher wohl ſie zu ſehen erwartete, der Catalane, deren Rolle an dieſem Abend ebenſo reizend als ihr Coſtume war, immer galanter den Hof machte. annidre hatte ſie durch ſeine eifrigen Manieren völlig beſtimmt; ſie bereute es, die Freiheit dieſes ar⸗ ———— “ 4 —— men Bannidre in dem Augenblick gefährdet zu haben, wo er ſie zu lieben im Begriffe war. Als ſie Olympia gegen ihre Gewohnheit in’'s Theater kommen ſah, als ſie dieſe ſtolze Olympia in die Schranken treten ſah, um ihren Geliebten ſtreitig zu machen, fühlte ſich die Catalane von einem unge⸗ heuren Verlangen, zu ſiegen, ergriffen. Sie benützte deshalb den Augenblick, wo Olympia den Einen und die Andere mit einem düſteren Blicke umfaßte, um zu dem jungen Manne zu ſagen: „Sie erklären alſo, daß Sie mich ſchön finden?“ 2 a.“ „Daß Sie mich lieben?“ „Glühend.“ „Daß Sie bereuen, es mir nicht früher geſagt zu haben?“ „Ich ſage das und wiederhole es.“ „Ich ſoll alſo vergeſſen, wie undankbar und un⸗ achtſam Sie geweſen ſind 2 „Ich bitte, vergeſſen Sie es.“ „Ich ſoll Ihnen alſo verzeihen?“ „Verzeihen Sie.“ „Wohl denn! damit Sie nicht glauben, ich drehe mich nach dem Hauche Ihrer Laune, damit Sie wiſſen, daß ich eine tiefe, aufrichtige Zuneigung hege, ja, eine tiefere, aufrichtigere, hören Sie wohl, als manche Liebe, die man zur Schau ſtellt...“ 4 Sie ſchleuderte einen ſchlimmen Blick gegen Olympia. Bannidre bebte. „Um Ihnen dies zu beweiſen,“ fuhr die Catalane fort,„bitte ich Sie, mit mir zu Nacht zu ſpeiſen.“ „Eine ſeltſame Manier,“ erwiederte Banndre, der zu ſcherzen ſuchte,„eine ſeltſame Einladung! Sie laden mich mit einer Art von Drohung ein.“ „Sehen Sie doch die zwei Geſchütze an, unter de⸗ ren Feuer ich mit Ihnen ſpreche.“ un⸗ ehe ſen, eine ebe, via. ane der den de⸗ 29 „Arme Olympia!“ dachte Bannidre, und er wich einen Schritt zurück. „Nicht wahr, Sie nehmen es an?“ fragte die Catalane. „Ob ich es annehme!“ „Ohl ich kenne Siel Ich weiß, welche Macht An⸗ dere über Sie haben; ich weiß, daß Sie, um anderen Leuten, die Ihnen bange machen, nicht zu mißfallen, der Unſchicklichkeit, einer angenommenen Einladung nicht zu entſprechen, Trotz bieten würden.“ „Ich gebe Ihnen hiemit mein Wort mit meiner Hand,“ ſprach Bannisre. „Um zehn Uhr,“ ſagte die Catalane. „Um zehn Uhr,“ wiederholte Bannidre. Er vollendete nicht; Olympia fiel wie der Blitz zwiſchen Beide. Aus der Faſſung gebracht, verſchwand Bannidère hinter den Couliſſen. Die Catalane ballte die Fäuſte, wie ein Weib, das ſich zu vertheidigen entſchloſſen iſt. Bleich und kalt, begann Olympia, nach einem flüchtigen Blick der Verachtung auf Bannidre, die Ca⸗ talane vom Kopfe bis zu den Füßen zu meſſen. „Sie haben da ein hübſches Coſtume,“ ſagte ſie mit einer ſanften Stimme,„und Sie ſind heute wun⸗ derbar ſchön.“ Die Catalane erwartete Beleidigungen, einen An⸗ griff: ſte war verblüfft. „Sie finden?“ ſagte fie. „ Sie find ſchön, um die Eiferſucht der Frauen und die Liebe der Geliebten zu erregen,“ fuhr Olympia fort. „Ich habe meinen Geliebten ſehr im Verdacht, daß er Liebe für Ste gefaßt hat; da ich aber nicht eiferſüchtig ſein will, ſo bitte ich Sie, mir offenherzig zu ſagen, ob er Sie wirklich liebt. Ohl ſagen Sie es, ſagen Sie es aufrichtig; ich finde Sie ſchoͤn genug, um zu begrei⸗ ſen, daß Sie die Ueberreſte meiner Zuneigung haben,“ — —, — 4 Zugleich befriedigt und gedemüthigt, ſchickte ſich die Catalane zu einer Antwort an; doch bei der erſten Geberde, die ſie machte, ſtieß Olympia einen furchtba⸗ ren Schrei aus. Sie hatte an ihrer mit Ringen bedeckten Hand den Rubin erblickt, der von Herrn von Mallly kam, den Rubin, den Bannidre an den Juden verkauft, den der Jude wieder an den Abbé d'Hoirac verkauft hatte, und den die Catalane von Letzterem beſaß. Olympia ſtürzte ſich auf dieſe Hand, ſchaute und erkannte in der Nähe den Ring, gab einen ſchwachen Seufzer von ſich und ſiel ihn Ohnmacht. Das Geräuſch ihres Falles auf den Boden des Theaters rief Bannidère zurück, der, wie die Catalane, nichts wußte und nichts begriff. Nur vergaß er, trun⸗ ken vor Schmerz, Alles, nahm Olympia in ſeine Arme und trug ſie, Thränen vergießend und verzweiflungsvoll ſich geberdend, nach Hauſe. Als es ihm gelungen war, ſie ins Leben zurückzu⸗ rufen, als er auf den Knieen den erſten Blick der armen Frau empfing, erſchrak er über den Zorn und den Haß, die dieſen Blick belebten. „Um Gottes willen! was haben Sie denn, meine liebe Olympia?“ ſagte er. Sie entzog ſich ſeinen Armen und erwiederte: „Was ich habe? Sie wiſſen es, laſſen Sie es mich Ihnen nicht wie derholen. Sie haben mir Ihre Liebe verſprochen, und in dieſem Augenblick bringen Sie mir Ihr Mitleid.“ „Ohl glauben Sie das nicht.“ „So eben ſchenkten Sie Ihre Liebe, ich weiß es, eine verachtenswerthe Liebe, dieſer Catalane; nun, da meine Schwäche mich verrathen hat, und da Sie mich zu tief verwundet zu haben befürchten, kommen Sie und verleugnen die Catalane bei mir, wie Sie mich bei ihr verleugnet haben.“ 3 „Nie! nie 12 31 „Lügen Sie nicht, haben Sie wenigſtens den letz⸗ ten Muth, den der Ehre. Sie wiſſen, daß ich Sie nicht mehr lieben kann. Trachten Sie danach, daß ich Sie wenigſtens noch achte.“ „Olympia, dieſe gräßlichen Worte verwandeln mich vor Schrecken in Eis; ſollten Sie ſo wenig Nachſicht mit kidem armen kranken, von Eiferſucht kranken Geiſte haben?“ „Eiferſüchtig, Sie?“ rief Olympia mit Verachtung. „Ohl als ich ſah, daß Sie dieſen Gecken, dieſen Pinſel, dieſen Abbé d'Hoirac empfingen, als ich ſeine beleidigenden Antraͤge hoͤrte, glaubte ich, er ſei dahin nur mit Ihren Ermuthigungen gekommen; ich zweifelte an Ihnen, ich wollte Ihnen zeigen, was diejenigen leiden, welche zweifeln; es mag ſein, ich habe einen Fehler, ein Verbrechen begangen, doch verzeihen Sie mir, ich habe Ihnen ja verziehen.“ „Sie!.. Ihnen, der Sie nur zweifelten, iſt es leicht geweſen, zu verzeihen. Ueberdies wußten Sie wohl, daß ich nicht ſchuldig war. Doch ich, kann ich zweifeln? habe ich nicht den Beweis vor den Augen?“ „Den Beweis! Sie haben den Beweis?“ rief er; „Sie haben den Beweis! und von was 2 „Ich habe Sie geſehen.“ „Sie haben mich mit dieſer Frau tändeln, ſpielen, ſie belügen, ihr falſch zulächeln ſehen, in der Abſicht, Sie zu beunruhigen, während ich Ihre Haltung beob⸗ achtete, um die Wirkung meines elenden Verfahrens zu berechnen. Das iſt es, was Sie geſehen haben.“ „Und das Abendbrod um zehn Uhr?“ „Es iſt zehn Uhr, und ich bin zu Ihren Füßen.“ „Das macht Sie zu einem Manne von Ehre, nicht wahr?“ verſetzte ſie mit einer entſchiedenen Verachtung; „doch es gibt noch etwas Anderes, was Sie vergeſſen, und was hinreicht, um Sie in meinen Augen zu ent⸗ ehren.“ „Was denn, Olympia?“ verſetzte Bannidre mit Bangigkeit. „Sie fragen mich das?“ „Ich bitte Sie inſtändig.“ „Die Frau, der Sie mich ſchändlicher Weiſe ge⸗ opfert haben, müßte, wie ich, eine zartfühlende und treue Perſon geweſen ſein; ſie müßte ſich damit begnügt haben, ängſtlich in ihr Schmuckkäſtchen Ihre Liebespfän⸗ der einzuſchließen, damit Niemand ſie als fortan ihr gehörig erkenne.“ Erſchrocken unter dem glühenden Blicke von Olympia, fuhr Bannière mit ſeiner Hand über ſeine geblendeten Augen. „Was ſprechen Sie von Liebespfändern?“ ſagte er; „was ſprechen Sie von Schmuckkäſtchen?“ „Ja, lügen Sie doch, verſuchen Sie es, zu lügen.“ „Ich begreife nicht...“ „Oh!“ erwiederte ſie die Achſeln zuckend,„was für eine armſelige Natur ſind Sie, Herr Bannidre, und wie wenig verdienen Sie, von einem Herzen, wie das meinige, geliebt zu werden! Glauben Sie denn, ich wäre beſtürzt geweſen, ich wäre in Ohnmacht gefallen, weil ich entdeckte, daß Sie dieſer Frau Rendez⸗vous gaben? Geben Sie ganz Lyon Rendez⸗vons, wenn Ihnen das beliebt; ich werde nicht daran denken.“ „Warum haben Sie dann den Verdruß gefaßt, der eine ſo erſchreckliche Wirkung auf Sie hervorgebracht hat?“ fragte Bannidte. „Ihre Feigheit, Ihre Ehrloſigkeit...“ Er bebte und erhob das Haupt. „Sie beſchimpfen mich wegen eines leichten Feh⸗ lers,“ ſagte er. „Ein leichter Fehler! Ah! Sie nennen mit dieſem Namen den Fehler, der, von mir im Polizeibureau er⸗ zählt, machen würde, daß Sie in zwei Stunden in Pierre⸗Anciſe eingeſperrt wären.“ „Man würde mich einſperren, weil ich von der mit ge⸗ und gnügt pfän⸗ n ihr mpia, ndeten te er; igen.“ „was nnidre, „wie n, ich fallen, z⸗vous Ihnen t, der bracht 33 Catalane ein Abendbrod angenommen habe, zu dem ich nicht gehe?“ „Es handelt ſich nicht um ein Rendez⸗vous!“ ver⸗ ſetzte Olympia voll Wuth. „Um was handelt es ſich dann?.. Sie werden mich am Ende verrückt machen!“ „Beſſer wäre es, ich würde Sie verrückt machen, als daß ich Sie öffentlich als Dieb bezeichnete!“ „Dieb!“ rief er leichenbleich;„oh! nehmen Sie ſich in Acht, Madame!“ „Ja, nicht wahr? nachdem man die Frauen beſtoh⸗ len hat, ſchlägt man ſie? Sie würden zur Catalane gehen und ſich damit rühmen?“ „Olympia! Olympia!“ „Und dann eines Tags werden Sie ſte ebenfalls beſtehlen und wegen einer Andern ſchlagen!“ „Olympia, ich werde blind! Nehmen Sie ſich in Acht, ich ſtehe nicht mehr für mich.“ „Ohl das iſt ein Ring, der wandern wird, bis er eines Tags im Bureau eines Richters als Ueberweiſungs⸗ ück figurirt.“ „Der Ring,“ murmelte er,„der Ring! Es iſt wahr, ich hatte es vergeſſen!“ Und er ſtürzte zu den Füßen von Olympia und ſchlug mit der Stirne auf den Boden. „Ach!“ ſprach ſie,„Sie ekeln mich an! Es fehlte Ihnen nichts mehr, als das Abſcheuliche der Angſt. Stehen Sie auf, mein Herr; gehen Sie, ich habe we⸗ der mehr Kummer, noch Zorn. Suchen Sie diejenige auf, welcher Sie Rendez⸗vous gegeben haben; ſagen Sie ihr, ſie könne fortan ruhig mit meinem Ringe um⸗ berſpezieren, ich werde ihr ihn nicht vom Finger eißen. Bannidre richtete den Kopf auf; ſein Geſicht war von Thränen durchfurcht.; din Gefts „Olympia!“ murmelte er,„was haben Sie geſagt?“ Olympia von Clsves, U 3 4 4 —— — „Ich habe geſagt, ich ſchenke dieſer Frau den Ring, den Sie ihr ſchon geſchenkt haben, nachdem Sie ihn mir geſtohlen. Ich ſpreche Euch Beide von den Ge⸗ wiſſensbiſſen und den Galeeren frei.“ Bannidre erhob ſich ganz zerzauſt und ganz zitternd. „Ich habe Ihren Ring der Catalane gegeben?2“ ſagte er. „Sie trägt ihn an ihrem Finger mit den Ringen ihrer Liebhaber; ſie hätte Ihnen wenigſtens die Chre erweiſen müſſen, denſelben allein zu tragen. Der Rubin iſt es wohl werth.“. „Sie ſagen, die Catalane trage am Finger Ihren Ring?“ „Den Ring von Herrn von Mailly, ja, Herr Bannidre.“ „O ympia, wir wollen die Catalane hierher kommen laſſen; Olympia, wenn Sie dieſen Ring am Finger trägt, ſo werden wir machen, daß ſie geſteht, von wem .. bei der Religion... Sie lachen!.. Ich erſticke vor Wuth und Schmerz! Ich ſchwöre Ihnen bei Ihrer Mutter, daß ich nie dieſen Ring der Catalane gegeben habe...“ „Die ihn am Finger trägt! Schwören Sie mir auch, daß Sie ihn mir nicht geſtohlen haben!“ „Ich habe ihn geſtohlen! ja, geſtohlen! Dieſes Wort iſt keine Strafe, welche ärgerlich genug! Ich habe ge⸗ ſtohlen! Olympia, das iſt wahr, doch es geſchah in der Abſicht, dieſen Ring zu verkaufen und mit dem Erlöſe zu ſpielen, um mich zu bereichern. Olympia, ich kann nicht mehr lügen; wozu? die Beweiſe ſind da. Ich habe den Ring an den Juden Jacob verkauft; er wird es Ihnen ſagen. Nie habe ich auch nur an dieſe Frau Ring, ie ihn n Ge⸗ tternd. ben 20 kingen Ehre Rubin Ihren Herr zmmen Finger wem Has es en bei Sie! erſticke Ihrer egeben le mir 35⁵ gedacht, Ihr den Ring von Ihnen ſchenken! oh! lieber wäre ich geſtorben!“ „Sie wollten ihr Ihre Liebe ſchenken.“ „Olympia, denken Sie das nicht. Und dann, was bin ich? nichts, als ein elender Gegenſtand! Ihren Ring verſchenken, Olympia, nie! nie!“ Olympia ſchüttelte den Kopf mit einer eiſigen Kälte, die Bannidre außer ſich brachte. „Sie glauben mir nicht?“ rief er. „Nein.“ „Seien Sie doch nicht ſo halsſtarrig; Sie werden es ſpäter bereuen. In einer halben Stunde wird der Beweis kommen; ich laufe zu dem Juden. Oh! nein, ich kann nicht dahin gehen: Sie würden glauben, ich habe mich mit ihm verſtändigt; ich bleibe hier. Gehen Sie zu ihm, Olympia; oder ſchreiben Sie ihm vielmehr, denn Sie ſind leidend, und Sie können nicht gehen. Mein Gott! haben Sie Mitleid mit mir! Sie ſehen wohl, daß ich nicht lüge. Daß ich Ihnen dieſen Ring genommen habe, iſt ein Verbrechen, doch es iſt kein Diebſtahl; ich habe mir dieſes Geld nicht zu Nutze ge⸗ macht und noch viel weniger dieſe Frau davon profitiren laſſen. Oh!l drücken Sie mich nicht zu Boden; ich haßte dieſen Ring, er iſt ein Andenken für Sie, ein vielleicht ſüßes Andenken, für mich ein gräuliches, ver⸗ haßtes! Olympia, ich ſlehe Sie an, laſſen Sie dieſe unempfindliche Mienel Olympia, treiben Sie mich nicht zur Verzweiflung. Sie klagen mich an, ich vertheidige mich. Greifen Sie nach den Beweiſen; es wird immer noch Zeit ſein, mich zu verdammen, wenn Sie den Be⸗ weis in Händen haben.“ „„Wozu?“ erwiederte ſie;„Sie ſehen mich todt, ſeitdem Sie mit mir ſprechen; ich habe Alles, was mir moͤglich war, gethan, um in mir ein merſchliches Ge⸗ fühl wiederzuerwärmen: ich finde nichts; die Liebe, oh! ſie iſt todt; das Mitleid, todt; zwiſchen den zwei Ertre⸗ men, welche Maſſe von Illufionen! Vertheidigen Sie 36 ſich nicht, es iſt nicht der Mühe werth; ich habe Ihren Ring am Finger der Catalane geſehen!“ „Warum ſollte ſie ihn nicht vom Juden gekauft haben?“ „Das iſt ſchwach, ſinden Sie etwas Anderes, Herr Bannière.“ 1 1 „Wenn es aber dennoch wahr iſt!“ rief der Un⸗ glückliche im Paroxysmus der Tollheit.„Wenn man Ihnen die Verſicherung gibt, wenn man es Ihnen be⸗ weiſt, wenn..“ „Wäre der Jude da und ſagte es mir, käme die Catalane zu meinen Füßen und ſagte es mir, ich würde es nicht glauben.“ „Olympia, mein Gott!“ „Das iſt das Unglück von dieſer Art von Abenteuern. Blind iſt diejenige, welche nie getäuſcht worden iſt, wie ich es bin! Vertrauen und Mißtrauen haben jedes eine Binde auf den Augen: jenes, weil es das Böſe nicht ſehen will, dieſes, weil es das Gute nicht ſehen will.“ Verwirrt, erſchöpft an Beweisgründen und Worten, trat Bannisre ans Fenſter, um ein wenig Luft zu ſchöpfen. Olympia blieb düſter und unbeweglich an ihrem Platze. ban der Secunde, wo Bannlere, nachdem er die Augen zum Himmel aufgeſchlagen, den er um eine Ein⸗ gebung bat, ſich wieder gegen Olympia umwandte, um einen letzten Verſuch zu machen, drang ein Schrei von der Straße empor und feſſelte ihn an ſeinen Platz. „Rühren Sie ſich nicht, Bannière, oder Sie ſind des Todes,“ ſagte eine Stimme. eines öffnet, verhaf Olym 2 von d zu ver tern, konnte L Die T 8 Ihren gekauft „Herr er Un⸗ n man nen be⸗ me die würde teuern. t, wie es eine enicht will.“ orten, uft zu ihrem er die 2 Ein⸗ e, um ei von e ſind 37 XXXIII. Die Schützen. Bannisre hörte die ſeltſame Ermahnung, die man bhn zurief, und neigte ſich gegen die ſchwarze Straße inaus. Olympia bebte. Bannidre war ernſtlich bedroht, und die Liebe war nicht ſo todt im Grunde ihres Her⸗ zens, als ſie es ſelbſt glaubte. Indem er ſich hinaus neigte, ſah Bannière dem Hauſe gegenüber Lederwerk von Soldaten und längs den auern glänzende Bajonette. Die Bewegung, die er gemacht, war beinahe un⸗ merklich und glich nicht einer Fluchtbewegung; dennoch richteten ſich die Flintenläufe gegen ihn. „Rühren Sie ſich nicht, oder man fenert auf Sie,“ wiederholte die Stimme. Olympia vergaß Alles. Sie eilte zu ihm. „Was iſt das?“ rief ſie erſchrocken. „Im Namen des Königs,“ ſprach unten die Stimme eines Commiſſär, der, nachdem man ihm die Thüre ge⸗ öffnet, in das Haus eindrang,„im Namen des Königs verhafte ich Sie.“ „Mein Gott! was bedeutet denn das?“ wiederholte Olympia, die ſich auf die Schulter von Bannidre ſtützte. „Oh! es ſind ohne Zweifel die Soldaten, die Sie von der Poltzei haben verlangen laſſen, um Ihren Dieb zu verhaften, Olympia,“ ſagte Bannidre, der das Zit⸗ tern, welches ſich ſeiner bemächtigte, nicht bewältigen konnte. Olympia hatte nicht einmal Zeit, zu proteſtiren. Die Thüre des Zimmers wurde geöffnet, und der erſchro⸗ ——— 2 ——— 2— —— ckene Lackei trat, dem Commiſſär und zwei Soldaten voranſchreitend, ein. „Das iſt Bannidre,“ ſagte der Beamte,„ich erkenne i u.“ 5„Aber was wollen Sie denn?“ fragte mit ſchwa⸗ cher Stimme der Unglückliche. Der Commiſſaͤr ging auf ihn zu, bezeichnete ihn mit dem Finger ſeinen Soldaten und wiederholte die Worte, die er ſchon geſagt hatte: „Ich verhafte Sie im Namen des Königs.“ „Was hat er denn gethan?“ rief Olympia. „Das iſt die Sache der Richter, die über den Herrn zu urtheilen haben werden. Ich habe ein Mandat, und ich vollziehe es.“ Man führte Bannidre ab. Von dieſem Unglücklichen durch die Soldaten ge⸗ trennt, ſiel Olymvia ſterbend in ihren Lehnſtuhl zurück. Es war in Allem dem Etwas, worüber ſie ſich keine Rechenſchaft geben konnte, und was ſie erſchreckte. Durch welches Verhängniß ſolgte unmittelbar auf die Drohung, die ſie bei verſchloſſenen Thüren ausge⸗ ſprochen, eine ſo furchtbare Wirkung Olympia unterlag den Gewiſſensbiſſen, daß ſie eine ſo barbariſche Aeußerung gethan, welche ſo ſchnell in Erfüllung ging. Bannidre aber war, von den Soldaten fortgezogen, ſchon verſchwunden. Er war verſchwunden, immer mehr überzeugt, Olym⸗ pia ſei die Urſache ſeiner Verhaftung. Bannidre täuſchte ſich. Seitdem ſie die Entdeckung von der Untreue von Bannidre und dem Verluſte ihres Ringes gemacht, hatte Olympia weder die Zeit, noch die Mittel gehabt, die Gerichte in Kenntniß zu ſetzen. Aber ſeit der Offenbarung der Catalane hatte der Abbé d'Hoirac vier und zwanzig Stunden gehabt. und göͤt ſein ver beg ſei wee kom gute Her in ren ſagt Nac zum der wird ſchl˖ redl ldaten rkenne ſchwa⸗ e ihn te die Herrn t, und en ge⸗ zuruck. h keine ar auf ausge⸗ e eine ell in zogen, Olym⸗ e von „hatte t, die tte der 39 Er hatte ſie benützt als ein Mann, den es drängt, ſeine Rache und ſeine Freiheit zu finden. Dem zu Folge hatte er ſich zum Official begeben und dieſem die Sache ſelbſt auseinandergeſetzt. War es nicht ſchändlich, daß mit Verachtung der göttlichen und menſchlichen Geſetze, ſo ſein Gelübde und ſeine Verpflichtungen brechend, ein Menſch die Kirche verlaſſen hatte, um ſich ins Theater zu werfen? Der Vicar des Erzbiſchofs zeigte ſich, wie man leicht begreift, ſehr empfindlich bei dieſem ſo geſtellten Theorem. Er antwortete, das Gelübde des Noviciats brechen ſei ein Vergehen. Entzückt darüber, daß ſeine Meinung ein Echo er⸗ weckt hatte, fuhr der Abbé d'Hoirae fort: „Nicht wahr, das Aergerniß geht abſcheulicher aus, kommt es von Leuten, welche eingeſetzt find, um ein gutes Beiſpiel zu geben?“ Der Vicar des Biſchofs erwiederte, er ſei glücklich, Herrn d'Hoirac, der einen etwas weltlichen Ruf habe, in einer ſo frommen Geſinnung zu finden. Der Abbé verbeugte ſich ſtrahlend. „Sie haben einen ärgerlichen Prieſter zu denunei⸗ ren?“ fragte der Vicar. „Ja, mein Herr,“ antwortete der Abbé. „Und dieſer Prieſter iſt Schauſpieler geworden?“ „Ja, mein Herr.“ „Unſere Macht iſt ſehr beengt durch das Parlament,“ ſagte der Vicar;„wir haben indeſſen immerhin das Nachforſchungsrecht.“ „Ah!“ rief der Abbé d'Hoirac,„ich ſage Ihnen zum Voraus, Sie haben es mit einem Burſchen zu thun, der eine feine Naſe hat, und während der Nachforſchung wird er die Jagd riechen und verſchwinden.“ „Wie heißt er?“ Der Abbé zögerte, ſeinen Namen zu ſagen. Eine ſchlechte Handlung kommt nie frei aus dem Herzen eines redlichen Mannes, aus dem ſie indeſſen zuweilen kommt. „Es iſt derjenige, welcher die Kaiſer im Theater der Stadt ſpielt,“ ſagte der Abbé. „Ah! Bannidre alſo?“ verſetzte der Vicar, der über Theaterdinge, wie gewiſſe Geiſtliche jener Zeit, ſehr unterrichtet war. „Ganz richtig.“ „Eil er ſpielt nicht ſchlecht,“ bemerkte der Vicar; „ich liebe ſein Auftreten; er hat ein edles Geberden⸗ ſpiel und eine wohlklingende und biegſame Stimme.“ „Ja. Ohl ich greife ihn durchaus nicht in dieſer Beziehung an.“ „Und Sie ſagen, es ſei ein entwichener Noviz?“ „Von den Jeſuiten in Avignon, ja.“ „Ich will an den ehrwürdigen Pater Mordon ſchrei⸗ ben, daß er ihn reclamirt.“ „Gut! Doch, wie ich Ihnen zu ſagen die Ehre ge⸗ habt habe, wenn die Reclamation des ehrwürdigen Pater Mordon ankommt, wird Bannière entflohen ſein.“ Der Vicar kratzte ſich einen Augenblick am Kinn. „Ich ſehe, was Sie gern haben möchten,“ ſagte er;„das wäre eine proviſoriſche Verhaftung, was wir beim Officialat einen Vorſichtsverhaft nennen.“ „Zur Verherrlichung der Moral,“ ſagte der Abbé. „Ja; ad majorem Dei gloriam,“ ſprach lachend der Vicar des Erzbiſchofs, der einen gewiſſen Geruch von Janſenismus ausſtrömte und nicht ungern der Ge⸗ ſellſchaft Jeſu einen Hieb verſetzte, wenn ſich die Gele⸗ genheit bot. Der Abbé d'Hoirac lächelte und zeigte dabei ſeine ſchönen weißen Zähne. „Sie intereſſtren ſich alſo für die Jeſuiten?“ fragte der Official lächelnd wie der Abbé, doch leider ohne Zähne. „Ich liebe ein wenig überall,“ erwiederte der Abbé, wund in dieſem Punkte folge ich dem Beiſpiele meines Verwandten, des Erzbiſchofs, der mehr Schäfer als Hirte iſt. Ihr Anderen, die Ihr von der alten Schule, heater er über „ſehr Vicar; erden⸗ ne.“ dieſer iz 7“ ſchrei⸗ re ge⸗ Pater 7 Kinn. ſagte 1s wir Abbé. achend Geruch er Ge⸗ Gele⸗ ſeine fragte ohne Abbé, neines r als ſchule, 41 Ihr ſeid ausſchließlich und begreift das nicht. Lebte der ſelige König, ſo würde man Euch noch als Arnoldi⸗ ſten und als Portroyaliſten tariren! doch ich, ein Jeſuit, das heißt der Biene von Horaz ähnlich, ich pflücke ein wenig da und dort die Blumen der Orthodoxie.“ „Und wären ſie auf dem Theater,“ ſagte mit ſei⸗ nem ſeinſten Lächeln der Official. „Ich habe geſagt überall, Herr Vicar,“ erwiederte d'Hoirac;„ſo werde ich alſo nicht nöthig haben, an den Freund meines Oheims den ehrwürdigen Pater Mordon zu ſchreiben, und Sie wiſſen mir Dank, nicht wahr, daß ich Ihnen das Verdienſt bei ihm laſſe?“ „Ganz gewiß, mein lieber Abbé, ich ſchicke mich vortrefflich darein, den Herren Jeſuiten nützlich zu ſein, wenn ſie uns angenehm zu ſein ſuchen. Der ehrwür⸗ dige Pater Mordon iſt ein Mann von Geiſt, er wird uns den Dienſt vergelten, den ich ihm leiſten will.“ „Und wann werden Sie dieſen Vorſichtsverhaft aus⸗ führen?“ fragte d'Hoirac. „Wann Sie es für dienlich erachten.“ „Wollen Sie beute Abend?“ „Heute Abend?“ „Ja.“ 4 „Iſt das möglich?“ „Vollkommen.“ „Heute Abend alſo. Geben Sie einer Art der Ver⸗ haftung den Vorzug?“ „Durchaus nicht. Laſſen Sie uns nur jedes Auf⸗ ſehen vermeiden.“ „Wir werden ihn alſo in ſeinem Hauſe verhaften?“ „Ich glaube, das wird das Beſte ſein.“ „Wo wohnt er?“ „Ich weiß es nicht genau.“ Der Abbé wollte nicht das Anſehen haben, als wüßte er, wo Bannidre wohnte: das hieß zu gut wiſſen, wo Olympia wohnte. 1 9 — r 4 —,— „Ah! Teufel!“ verſetzte der Vicar,„Sie wiſſen es nicht genau?“ „Man kann ſich im Theater erkundigen,“ bemerkte d'Hoirac. „Sie haben Recht, das wird geſchehen.“ „Eine letzte Frage.“ „Sprechen Sie.“ „Ich bitte, Herr Vicar, erklären Sie mir den Gang einer Angelegenheit von der Art derjenigen, welche uns beſchäſtigt.“ „Das iſt leicht.“ „Ich höre.“ „Vorſichtsverhaft, Einkerkerung.“ „Proviſoriſch?“ „Immer proviſoriſch! Ei! Herr Abbé, Sie wiſſen wohl, daß in einem ſolchen Falle Alles nur proviſoriſch iſt. Einkerkerung, habe ich geſagt, Reclamation des ehrwürdigen Pater Proviſor, Debatte, proviſoriſche Wie⸗ deraufnahme des Nopizen in das Kloſter, Inſtruction ſeines Prozeſſes vor dem Offi cial.“ „Ah! vor dem Ofſicial von Avignon?“ „Nein! nein! vor dem Official der Oertlichkeit, in der der Aufenthalt des Flüchtlings und ſeine Verhaf⸗ tung ſtattgefunden haben.“ „Sehr gut! der Official von Lyon folglich?“ „Der Official von Lyon, ja; iſt Ihnen das zufäl⸗ lig unangenehm?“ fragte hinterhältiſch der Vicar. „Durchaus nicht, mein Herr. Hernach?“ „Hernach, ſagen wir, Prozeß.“ „Nicht wahr, das dauert lange, ein geiſtlicher Prozeß?4 „Oh! das endigt nie, beſonders wenn ein Maͤchti⸗ ger ein Intereſſe dabei hat, daß es lange dauert.“ „Aber während dieſer Zeit wäre der Unglückliche alſo immer Gefangener?“ „Nein: ſobald er den Jeſuiten zurückgegeben iſt⸗ wird er wieder Zögling, und da die ehrwürdigen Väter außerordentlich geſchickt im Zurückhalten derjenigen ſind, ſſen es emerkte Gang he uns wiſſen iſoriſch on des e Wie⸗ ruetion keit, in Verhaf⸗ ückliche den iſt, Väter en ſind, 43 welche nicht bei ihnen bleiben wollen, da ſie ſehr unan⸗ genehm gegen diejenigen ſein koͤnnen, welche ihnen wi⸗ derſtehen, ſo iſt es beinahe gewiß, daß der Noviz nach Verlauf von zwei bis drei Jahren ſehr gutwillig Profeß thun wird.“ „Ei! wer weiß?“ erwiederte der Abbé, der, ganz voll von Erinnerungen an Olympia, wenig geneigt war, zu glauben, nachdem man ſie gekannt, könne man ſte vergeſſen. „In jedem Fall,“ fuhr der Vicar des Erzbiſchofs fort, welcher wohl ſah, daß den Abbé etwas peinigte, und der ihn durchaus beruhigen wollte,„in jedem Fall, mag er Gefangener, mag er Jeſuit ſein, wird unſer ärgerlicher Noviz in langer Zeit nicht mehr, nie mehr, was noch länger iſt, der Welt ſolche Aergerniſſe geben, die Ihnen mit Recht bei Ihrer frommen Geſinnung ſo verdrießlich geweſen ſind.“ Der Abbé dankte dem Official und nahm von ihm Abſchied, feſt entſchloſſen, erſt nach dem Verſchwinden des Haupthinderniſſes bei Olympia wiederzuerſcheinen. Und in der That, wie es der Herr Vicar vorher⸗ geſagt, ſchon an demſelben Abend wurde auf ſeine Re⸗ quifition Bannidre durch Bewaffnete, mit einem Com⸗ miſſär an der Spitze, verhaftet, was wir im vorherge⸗ henden Kapitel geſehen haben. Der Anzeigebrief kam dem ehrwürdigen Pater Mor⸗ don am Tage nach dem Vorſichtsverhafte zu. Entzückt, ſeine Beute wiederzufinden, richtete der Jeſuit an den Official von Lyon ſeine gerichtliche Re⸗ elamation; dieſe Reclamation wurde dem Läufer des ollegiums anvertraut, einem verſtändigen Boten, der, wie die Mauleſelin von Phädrus, wenn es ſein mußte und nach dem Bedürfniſſe des Ordens, und zwar immer ad majorem Dei gloriam, zu laufen und zu traben wußte, und der Bote kam zwei Tage nach der kleinen Escorte an, welche, Bannière ins Gefängniß führend, mit ziemlich haſtigem Schritte marſchirte. Es iſt dies die Gewohnheit aller Schützen, unruhiger Leute, welche nach dem A ugenblick ſtreben, wo ſie ihrer Verantwort⸗ lichkeit durch das Spiel von fünf bis ſechs guten Rie⸗ geln entbunden werden. Bannisre äußerte keine große Neigung, ſich zu empören. Er war in eine ſo düſtere Verzweiflung ver⸗ ſunken, daß man ohne die maſchinenmäßige Thätigkeit ſeiner Beine, welche dem Impulſe gehorchten, den ihnen von Zeit zu Zeit einige Püffe der Schützen gaben, den armen Jungen für verſteinert wie die Frau von Loth nach ihrer unglücklichen Neugierde häͤtte halten können. Die Schützen liefen alſo dem Commiſſär nach, und der Commiſſär ſchlug ſeinen Rock hinauf, um raſcher zu gehen, als bei der Wendung einer Straße dieſe Es⸗ corte mit einer andern zuſammentraf, welche aus der anliegenden Straße hervorkam. Der Commiſſär ſtieß an einen Dragoner, der eine Laterne trug; erzürnt gab ihm der Dragoner, welcher ihn nicht erkannte, den Stoß mit Heftigkeit zurück und rief ihm zu: „Tölpel, ſiehſt Du meinen Officier nicht?“ Der Commiſſär wollte ſich hierüber aufhalten und unterſuchen, ob der Officier nicht nur ein Lieutenant⸗ ſei; doch beim Scheine der Laterne erkannte der Beamte einen Oberſten; er ſteckte ſeinen Verdruß wieder ein und trat auf die Seite. Man konnte ſodann zwiſchen drei Dragonern, von denen zwei in einiger Entfernung folgten, einen ſehr ſchönen Cavalier, ganz friſch von Spitzen und ganz von Roſen duftend, ſehen. Hinter den Dragonern war ein kleiner Lackei, der ihm ſeinen Degen und ſeinen Mantel trug. Der Oberſt, nachdem er den Commiſſär und die Alguazils ſchief angeſchaut hatte, ſagte zu dem Manne mit der Laterne: „Ah! ahl leuchte ein wenig, Laverdrie; das iſt, glaube ich, Wildbret hinter einem Commiſſär.“ Se ſpr „S hien welche ſtwort⸗ n Rie⸗ ich zu g ver⸗ tigkeit ihnen n, den 1 Loth önnen. ), und raſcher ſe Es⸗ s der eine elcher k und n und tenant eamte er ein ern, einen bganz , der nd die Lanne s iſt, 45 „Ja, Herr Oberſt,“ antwortete demüthig der Schwarzrock. „Sehr gut, ſehr gut, thun Sie Ihren Dienſt,“ ſprach der Oberſt mit einer gewiſſen Verachtung... „Doch ſagen Sie, in welcher Straße bin ich?“ Der Commiſſär erwiederte: „In der Rue de la Réale, Herr Oberſt.“ „Ohl das iſt es nicht, was ich will. Iſt nicht hier in der Nähe die Rue Montyon?“ „Sie find bei derſelben; wir kommen daraus.“ „Sehr gut, ich danke.“ „Die erſte links, Herr Oberſt.“ „Vorwärts, Laverdrie.“ „Und Du,“ ſprach der Officier zum Lackei,„kund⸗ ſchafte mir ein wenig die Wohnung von Fräulein Olym⸗ pia von Cloves aus.“ Der Lackei ging raſcher und ſchritt bald denjenigen voran, welchen er kurz zuvor gefolgt war. eim Namen von Olympia ſchien Bannidre aus einem Todesſchlafe zu erwachen. Er öffnete die Augen, und ſein Geiſt erblickte die Later i, Epaulette, hörte die Tritte, die Sporen, die Stimmen. Dem zu Folge ſetzte er ſich auf einen Weichſtein, unfähig, einen Schritt mehr zu machen. 6 t¹'! mein Gott!“ wiederholte er,„ah! mein 0. 7 „Nun! g der Commiſſär „Herr Commiſſär, der Gefangene geht nicht mehr,“ antwortete ein Schütze. „Pufft, pufft!“ „Wir haben gepufft, Herr Commiſſär.“ „So ſtecht.“ „Wir haben Der Commi ehen wir oder gehen wir nicht?“ fragte geſtochen, Herr Commiſſär.“ ſär näherte ſich ganz wüthend. — —yʒʒ—ʒÿÿÿÿʒᷓÿᷓ 81. — Er hatte nie etwas Aehnliches geſehen; das Puffen fand zuweilen Widerſpänſtige, das Stechen nie. Bannidre ſaß auf dem Weichſteine ganz bleich, ganz entblößt, ganz gequetſcht. Seine glafigen Augen wandten ſich beharrlich der Rue Montyon und der Stelle zu, wo er den Lackei, die Laterne und die zwei Drago⸗ ner im Gefolge des Oberſten, der ſich ohne allen Zwei⸗ fel zu Olympia begab, hatte verſchwinden ſehen. „Ahl mein Gott!“ murmelte er,„ſo erklärt ſich die Sache: ſie erwartete einen neuen Liebhaber, und um ſich meiner zu entledigen, hat ſie mich verhaften laſſen. Ahl mein Gott!“. Ein ſolcher Gedanke war allerdings im Stande, die Haut eines Liebenden, und wäre es die empfindlichſte geweſen, dergeſtalt zu gerben, daß ſie Püffe und Stiche auszuhalten vermochte. Der Commiſſär wandte das letzte Mittel an, wel⸗ ches ihm das Geſetz ließ. Er befahl, Bannidre auf ein Bett von verſchlunge⸗ nen Flinten zu heben, und der arme Junge wurde auf dieſe Art bis zum Stadthauſe getragen, wo man ihn in's Gefängniß brachte. Die Schützen litten mehr als er; ſie fanden ihn ſehr ſchwer. XXXIV. Herr von Mallly. Olympia hatte ſich von dem Schmerze und dem Schrecken, verurſacht durch die Verhaftung von Ban⸗ nidre, noch nicht erholt, als ſie abermals Stimmen vor Puffen bleich, Augen Stelle Drago⸗ Zwei⸗ ärt ſich e, und rhaften Stande, dlichſte Stiche , wel⸗ hlunge⸗ de auf an ihn en ihn 47 ihrer Thüre auf der Straße und einen Augenblick nach⸗ her in ihrem Vorzimmer hörte.. Noch erſchrocken über den Beſuch der Schützen, zö⸗ gerte der Diener nicht, ohne ſie zu melden, eine neue geführt haben, wäre es, ſelbſt im Einzelnen, vor der Thüre ſeiner Gebieterin erſchienen. Olympla ſtürzte nach der Thüre, um die Urſache des Geräuſches zu erfahren, und in der Hoffnung, man bringe ihr Bannidre wieder; doch ſie wich plötzlich zu⸗ rück und rief: „Herr von Mailly!“ Immer gefolgt von ſeinem Laternenträger, durch⸗ ſchritt in der That der Oberſt die Wohnung, müde, zu fragen, ob Fräulein von Cléves zu Hauſe ſei, und un⸗ geduldig, weil er keine Antwort erhielt. „Ja, ich, Madame,“ ſagte er,„ich ſelbſt. Sie haben da einen ſehr ſchweigſamen Lackei.“ „Herr von Mailly!“ wiederholte Olympia, deren ſehr geſchwächter Geiſt dieſem neuen Sturme vollends unterlag. „Ei.. ich bringe hier die Wirkung eines Ge⸗ ſpenſtes.. die Wirkung eines Chemannes hervor!“ ſagte der Oberſt lächelnd. „Verzeihen Sie! verzeihen Sie!“ flüſterte Olympia. Die Dragoner und der Lackei entfernten ſich, als ſie ſahen, daß der Oberſt Fräulein von Clèves bei der and genommen hatte. Sie ſetzte ſich halb todt. „Ich erſchrecke Sie oder ich bin Ihnen läſtig,“ ſagte Herr von Mallly artig,„und ich will ebenſo we⸗ nig das Eine als das Andere, ebenſo wenig in der ähe als in der Ferne.“ lympia anwortete nicht: ſie erſtickte beinahe. „Ich denke, wir ſind immer Freunde,“ fuhr Herr von Mailly fort.„Ich erſcheine, um die CEhre zu ha⸗ ben, Sie zu ſehen, und ich hoffe, Niemand kann durch die Gegenwart eines Freundes bei Ihnen, der höflich erſcheint, beläſtigt werden.“ Olympia ſtammelte ein paar durch Seufzer unter⸗ brochene Worte. „Ich würde mich lieber zurückziehen, als Ihnen die geringſte Verlegenheit verurſachen,“ ſprach der Oberſt. „Ich kam hierher, um Ihnen eine, meiner Anſicht nach, gute Nachricht zu bringen. Nun befürchte ich, daß ſie ſchlecht iſt.“ Olympia faßte endlich Muth: ſie ſchlug die Augen zu Herrn von Mailly auf. „Eine gute Nachricht, Herr Graf?“ ſagte ſie mit einem traurigen Lächeln. „Doch da ich Sie nicht frei finde, ſo nehme ich Anſtand...“ fuhr der Graf fort. „Frei!.. verſetzte ſie. „Ohl ich weiß, daß Sie nicht frei ſind, da Sie die Freiheit, die ich Ihnen zurückgegeben, veräußert haben.“ „Mein Herr...“ „Ich hatte ſie Ihnen zurückgegeben, folglich konn⸗ ten Sie ſie benützen. Glauben Sie, daß ich mir nicht erlauben würde, Ihnen einen Vorwurf darüber zu ma⸗ chen. Man hat mir geſagt, Sie werden ſehr geliebt und ſeien ſehr glücklich.“ „Sehr glücklich!“ rief Olympia in Thränen zer⸗ fließend;„man hat Ihnen das geſagt?“ „Ja wohl; ſind Sie es nicht“ „Schauen Sie mich an.“ „Sie weinen; vor Freude?“ „Glauben Sie das?“ „Meine Gegenwart verletzt Sie.“ „Oh! nein.“ „Dann beruhigen Sie mich. Könnte ich Ihnen wirklich, wenn nicht angenehm, doch wenigſtens nütz⸗ lich ſein?“ Ihn ſich Fre⸗ für n durch höflich unter⸗ Ihnen Oberſt. t nach, daß ſie Augen ſie mit me ich da Sie haben.“ hkonn⸗ rnicht u ma⸗ geliebt n zer⸗ Ihnen nütz⸗ 49 „Herr Graf, ich habe nicht das Recht, etwas von hnen zu verlangen.“ „Ja, aber ich habe das Recht, Ihnen anzubieten.“ „Nichts, nichts, ich flehe Sie an. Wenden Sie ſich von mir ab; ich verdiene nicht, daß Sie mein Freund ſind.“ Er näherte ſich ihr und fragte ſie: „Steht es Ihnen frei, nach Paris zu gehen??“ „Warum?“ „Um dort bei der Comédie einzutreten. Ich habe für Sie einen Debut⸗Befehl.“ „Sie haben ſich alſo für mich intereſſirt?“ „Immer. Das iſt das Recht eines Freundes.“ „Selbſt, wäͤhrend Sie mich glücklich wußten.“ „Ich wußte, daß Sie es nicht waren. Ich kenne ganz den Mann, den Sie gewählt haben, und...“ „Sagen Sie nichts Schlimmes von ihm, er iſt ſo unglücklich.“ „Ich wollte nur ſagen, er ſei Ihrer nicht würdig geweſen.“ „Das iſt eine Verirrung von meiner Seite, eine Thorheit, die daraus, daß Sie mich verlaſſen, entſprun⸗ gen iſt.“ „Ich halte mich auch für die Urſache Ihres Un⸗ glücks, und dieſer Gedanke veranlaßte mich, Ihnen bei⸗ zuſtehen, Sie zu retten, wenn es noch Zeit iſt und wenn Sie Willen haben.“ „Reden Sie, Herr Graf.“ „Sie müſſen einen Entſchluß faſſen, Olympia, Sie müſſen dieſe n Menſchen verlaſſen, der Sie unglücklich macht und zu Grunde richtet.“ „Sie wiſſen?“ „Alles, wie ich Ihnen geſagt habe. Sie müſſen Herrn Bannidre verlaſſen; haben Sie dieſen Muth? „Achl es iſt geſchehen.“ „Sie haben ihn verlaſſen? Olympia von Clspes. I. 4 — — — * 1 —— — — — õmỹ— „Der arme Junge! wir find getrennt. Ja, man hat ihn ſo eben verhaftet.“ „Mein Gott! was hatte er gethan? Der Elende wird Sie entehren!“ „Der Unglückliche hat nichts gethan. Er iſt aus dem Kloſter entwichen. Sie wiſſen es vielleicht.“ „Allerdings. Und der Official hat ihn feſtnehmen laſſen?“ „Bei mir!“ rief ſie weinend. „Bei Ihnen? hier?“ „Kaum vor einer Viertelſtunde.“ „Ohl mein Gott! durch ſechs Schützen und einen Commiſſär.“ 4 „Ja!*⸗. „Iſt er nicht groß, brünet, ſchlank und gut ge⸗ wachſen?“ „Ja! ja!“ „Wie bleich war er!“ „Sie haben ihn geſehen?“ „Ich bin ihm unter den Schützen begegnet, als ich hierher kam.“ „Mein Gott! mein Gott! er wird Sie geſehen haben.“ „Er hat mich ſogar Ihren Namen ausſprechen und Ihre Adreſſe ſuchen hören.“ „Ohl der arme Jungel er wird darüber ſterben!“ „Er wird darüber ſterben!“ rief der Oberſt mit Erſtaunen,„und warum denn?“ 3„Weil er eiferſüchtig auf Sie iſt; weil er wohl weiß Olympia war im Begriff, ſich zu verrathen; ſte war im Begriff, das Geheimniß ihres Herzens zu ſa⸗ gen. Sie fühlte es aufrichtig, ſte, dieſes ein Jahr durch eine Luftſpiegelung von umherſchweifender Glückſeligkeit verführte Herz.. „Was weiß er?“ fragte der Oberſt, ſanft bewegt⸗ „Er weiß,“ ſprach Olympia mit feſter Stimme, „ man Elende ſt aus ehmen 51 „daß ich immer für Sie viel Achtung gehabt habe, Herr Graf.“ „Achtung?“ „Das iſt Alles, was ich für Sie zu bewahren mir erlauben konnte,“ flüſterte die junge Frau, abermals in Thränen zerfließend. er Oberſt nahm ihre Hand und drückte ſie. „Es thut Ihnen leid um ihn? fragte er; Sie be⸗ dauern ihn?“ „Ja, ich bedaure ihn.. nicht ſeinen Verluſt,„nicht das Leben, das er mich hat führen laſſen, ach! ob⸗ gleich ich ihn geliebt, obgleich ich ihn fortgeriſſen habe. Denn ich werde nicht feig ſein und nicht zur Verrätherin an meiner Zuneigung werden, und wäre ſie eine un⸗ würdige. Ich bedaure alſo nicht ſeinen Verluſt, wieder⸗ hole ich, aber ich kann nicht umhin, zu ſagen, daß er jetzt ſehr zu beklagen iſt, und daß ſein ganzes Leben hindurch der Unglückliche nicht nur leiden, ſondern auch mich ſeiner Leiden beſchuldigen wird.“. „Sie machen mir Vergnügen, Olympic, indem Sie ſo ſprechen,“ ſagte der Oberſt.„Als brav habe ich Sie gekannt, brav find Sie geblieben. Das iſt gut! Wenn Sie wüßten, wie wohlthuend es für das Herz iſt, zu ſehen, daß man ſeine Zuneigung gut angebracht hatte! Sie ſind ein edelmüthiges Weib. Ich werde Sie ret⸗ en. Ich wußte nicht, daß dieſer junge Mann verhaftet ihn verleugnen oder noch lieben ſehen.“ „Ach! in Ermangelung Ihrer Liebe, die Sie mir entzogen, habe ich wenigſtens noch Ihre Werthſchätzung.“ 8 — — ☛ 4 —— „Ich werde nichts von meinem Theater ſagen: ich weiß, daß der Befehl des Königs Alles löſt; laſſen Sie mich nur von einem unglücklichen Eingekerkerten reden, der vor Schmerz ſterben wird, wenn er meine Abreiſe in ſeinem Gefängniß erfährt. Er wird mich der Grau⸗ ſamkeit oder des Undanks bezüchtigen, wenn er nicht etwas noch Schlimmeres thut. Denn am Ende hat er mir zu Liebe die Jeſuiten verlaſſen.“ „Wir koͤnnen uns aber doch nicht mit ihm in Ver⸗ haft geben.“ „Sie können Ihr Anſehen benützen, um ihn aus dem Gefängniß zu bringen.“ „Ich habe keine Macht über die geiſtliche Gerichts⸗ barkeit.“ „Verſuchen Sie es.“ „Mit nichten; Sie betrachten ſich mit Unrecht als gegen dieſen Menſchen verbunden. Er iſt im Gefängniß, und er bleibe darin. Wünſchen Sie ſich Glück, daß Sie die Schwierigkeiten ſo durchſchnitten ſehen.“ „Nie! das wäre eine Feigheit; dazu bin ich un⸗ fähig. Ich werde ihn im Unglück nicht verlaſſen.“ „Das iſt eine rein verlorene Ritterlichkeit.“ „Nein, das iſt Herz!“ Sie können aber den Official nicht zwingen, einen gehörig überwieſenen Delinquenten frei zu laſſen.“ „Dann kein Paris mehr für mich, wenn dieſer Un⸗ glückliche nicht frei iſt. Stellen Sie ſich eine Frau ohne Gemüth vor, welche im Kerker, weil ſie ihn nicht mehr liebt, einen Mann vergißt, deſſen Verderben ſie verur⸗ ſacht hat; eine Frau ohne Mitleid, die dort das Leben genießt, während ein Geliebter, den ſie gewählt, vor Wuth und Schmerz in einer Kloſterzelle ſtirbt. Nein, nein, Sie würden eine Frau verachten, die Ihnen in dieſem Punkte nachgäbe, Herr Graf, Sie wärden ſie nicht lieben.“ „Olympia, Olympia, Sie ſind noch nicht gehellt. Sie haben für dieſen Menſchen mehr als Mitleid.“ 8 ‿ l lͤt nic ſuch men wer : ich Sie reden, breiſe Grau⸗ nicht hat er Ver⸗ naus ichts⸗ öt als nniß, 3 Sie h un⸗ einen 7 er Un⸗ ohne mehr berur⸗ Leben „ vor Nein, en in en ſie eheilt. 53 „Beſtehen Sie nicht hierauf,“ erwiederte ſie,„Sie würden machen, daß ich an Ihnen zweifelte, wenn Sie mich nicht begriffen.“ 3 „Olympia, rettete ich Ihnen dieſen Menſchen, ſo ließen S ſich wieder an ſeinen Ködern fangen.“ „ h 4 „Solche Leute haben keine Wirbelbeine, ſie ſind wie die eptilien; geſchmeidig und immer vernichtet, wenn der Schlag ſie bedroht, erheben ſie ſich hernach wieder: die Schlange hat Sie verführt, Tochter Eva's, und wird ie abermals verführen.“ „Herr Graf, verſprechen Sie mir, daß dieſer Un⸗ glückliche in zwei Stunden frei ſein wird, und in fünf⸗ zig Minuten bin ich auf der Straße nach Paris.“ „Ahl das heiße ich reden.“ „Verſprechen Sie es.“ Der Graf dachte einen Augenblick nach. „Sie ſind Ihrer ganz ſicher?“ ſagte er. „Geben Sie mir Ihr Ehrenwort als Edelmann gegen mein Wort als Fräulein von Stande.“ „Der Handel iſt abgeſchloſſen,“ ſprach der Graf; „helfen Sie mir nun eine Idee ſuchen.“ „„„Ohl hiebei tauge ich nichts. Sie ſehen mich ge⸗ lähmt, vernichtet; Ideen, Herr Graf! ich habe nicht eine in acht Tagen, ſeit einem Jahre gehabt; ich werde nicht eine in einem Jahre haben.“ „So warten Sie, daß ich ſuche.“ „Wie gut ſind Sie!“ „Ich ſehe nichts! Einen Ausreißer der Hand des Official entziehen heißt beinahe das Unmögliche ver⸗ lucherz eeren Sie indeffen, ich habe ein Mittel.“ 2 „Ja, doch um aus einer Sklaverei herauszukom⸗ men, muß ſich Ihr Schützling einer andern unter⸗ werfen.“ „Iſt ſie milder?“ „Oh! allerdings, und beſonders luſtiger.“ —— 3 „Was iſt es?“ „Er laſſe ſich bei meinen Dragonern anwerben; man wird den Werbvertrag ſchließen. Reclamiren die Jeſuiten, ſo ſagt man ihnen, ihr Mönch ſei Dra⸗ goner, und die Dragoner gehören dem König. Die Je⸗ ſuiten werden ihn wohl Seiner Majeſtat abtreten müſſen.“ „Das iſt in der That ein Gedanke,“ ſagte Olympla freudig. „Sie begreifen, meine Liebe: ſtatt von den ehr⸗ würdigen Vätern reclamirt zu werden, wird dieſer junge Mann von mir reclamirt werden. Das ändert die ganze Sache.“ „Sie ſind ein Mann voll Herz und voll Geiſt,“ ſprach Olympia mit ſanftem Tone,„und ich habe für Sie die Dankbarkeit, welche Bannidre hätte..“ „Gut! gutl die Ihrige iſt mir in der That lieber. Die Idee ſagt Ihnen alſo zu?“ „Trefflich!“ „Sie haben Alles wohl überlegt?“ „Alles.“ „Es wird keine Rückkehr bei Ihnen ſtattfinden?“ „Nie.“ „Der Jeſuit⸗Noviz hat Sie in Verſuchung geführt, der Dragoner⸗Noviz iſt wenigſtens ebenſo verlockend.“ „Sie wiſſen, Herr von Mailly, wenn ich durch dieſe Thorheit verführt worden bin, die beinahe mein Verderben zur Folge gehabt hätte, ſo iſt es geſchehen, nachdem Sie mich verlaſſen.“ „Ich weiß es, Olympla.“ „Sie wiſſen, daß ich Sie nie zu Lebzeiten Ihrer Liebe getäuſcht habe.“ „Ich laſſe Ihnen dieſe Gerechtigkeit widerfahren.“ „So zählen Sie alſo auf mich. Ich habe Ihnen verſprochen, Bannière nicht mehr zu lieben. Es iſt vor⸗ bei, ich werde ihn nicht mehr lieben.“ „Ich weiß aber, warum ich dies geſagt habe.“ erben; amiren Dra⸗ ie Je⸗ btreten ympla n ehr⸗ junge ganze Geiſt,“ be für lieber. n 2 führt, d.“ durch mein hehen, Ihrer ren.“ öhnen vor⸗ 5⁵ „Warum?“ „Man muß dieſen Jungen ſeine Anwerbung unterzeichnen laſſen; dieſer Schritt iſt zarter Natur; Sie allein können das übernehmen und bei einer ſolchen Ertremität kann das Herz der Muthigſten der Wort⸗ geberinnen ſchwach werden. Sie ſagten mir nun ſo eben, um mich zu beruhigen, Sie haben mich nicht getäuſcht, ſo lange Sie mein geweſen; das iſt wahr. Sie gehören nicht mehr mir, ſondern Herrn Bannidre.“ „Oh!“ erwiederte ſte, indem ſie ihn mit Thränen in den Augen anſchaute, nob ich Herrn Bannidre an⸗ gehöre oder nicht, was iſt Ihnen daran gelegen?“ „Sie ſehen wohl, daß ich, wenn ich zurückgekommen bin, wenn ich einen Debut⸗Befehl für Sie gebracht habe, Sie noch liebe.“ „Auf Ehre?“ „Auf Chre.“ „Wohl denn!“ ſprach Olympia,„ich werde Ihnen beweſſen, daß ich ein männliches Herz habe, was die Entſchloſſenheit und das Vertrauen betrifft. Es iſt auf den Ta ein Jahr, daß Sie mich verlaſſen.“ „Das iſt wahr, Olympia.“ „ Vergeſſen wir dieſes vergangene Jahr, Graf. Sie lieben mich noch, und ich habe Ihnen zu beweiſen, daß ich Sie immer geliebt.“ „Olympia!“ rief der Graf, deſſen Augen vor Freude glänzten.„Es gibt kein Weſb, das muthig wie Sie thäte, was Sie thun. Unter uns, Olympia, auf Leben und Tod!“ Er ſtand auf und küßte ſie ehrerbietig. „Sehen Sie,“ ſagte er zu ihr,„Sie machen mein Herz heute vielleicht mehr ſchlagen, als an jenem Tage, Sie errinnern ſich? wo ſie mir ſagten, Sie lieben mich.“ „Sie haben nun nicht mehr bange, mich ſchwach werden zu ſehen, wenn ich dem unglücklichen Gefangenen die Freiheit bringe.“ — „Ich werde S derte der Graf. Man hörte bald nachher die Dragoner von Herrn von Mailly auf der Straße laufen und dabei Reiter⸗ lieder trällern, welche die Commiſſäre und die Schützen, bei ihrer Rückkehr vom Gefängniß, in das man Ban⸗ nière eingeſperrt, beben gemacht hätten. Der unglückliche Bannidre vermuthete auf ſeinem Stroh und unter ſeinem feuchten Gewölbe nicht, daß zwei edle Herzen an ſeiner Befreiung arbeiteten. Das war indeſſen ſo wahr, als ſein Unglück. ie ſelbſt ins Gefängniß führen,“ erwie⸗ XXXV. Die Anwerbung. Bannisre war am andern Tage wirklich auf dem Stroh und in der Finſterniß, als ein Gefangenwärter eintrat und ihm ankündigte, es erſcheine ein Beſuch für ihn. Wir vermöchten nicht auszudrücken, bis zu welchem Grade die Einſamkeit und das Vergeſſen Aller die Ver⸗ zweiflung von Bannière geſteigert hatten. Das war einer von den nervöſen Gefangenen, welche in acht Tagen deliriren und in ſechs Wochen ſterben, entkräfteter und abgezehrter ſterben, als Andere mit ſechzig Jahren. Er hatte ſchon alle Grade von Hoffnung, Ent⸗ muthigung und Verzweiflung durchgemacht, welche An⸗ dere nie vor der Gerichtsverhandlung, der Folter und dem Urtheil durchlebten. 3 57 Seine grauſamſten Leiden waren der Argwohn und die Eiferſucht. Er beargwohnte Olympia, ſie habe ihn ins Gefäng⸗ niß werfen laſſen. Er beargwohnte ſie, ſie habe dem Dragoner⸗Ober⸗ ſten Rendez⸗vous gegeben. Ferner hatte er während des Ganges, den er voll⸗ ends mit den Schützen gemacht, ſagen hören, dieſer Oberſte ſei Herr von Malilly. Man denke ſich ſeinen Zorn und ſein Mißtrauen. Dies waren ſeine Eindrücke, als man ihm den Beſuch von Olympia ankündigte. Er ſprang, als er ſie erblickte, auf ſie zu, un⸗ leugbar mit einem Gefühle toller Freude, das alsbald durch das ſeiner perſönlichen Würde und auch durch die eiſige Miene, mit der ſich Olympia bei ihrer Ankunft bewaffnet hatte, gemäßigt wurde. „Ah!l“ ſagte Banntoère,„Sie ſind da!“ „Erwarteten Sie mich nicht?“ „Ich glaubte nicht, mein Fräulein, Sie würden, nachdem Sie mich in den Abgrund geſtürzt, den Muth haben, zu kommen, um mich zu beleidigen.“ „Machen wir keine unnütze Phraſen, Herr Ban⸗ niére. Sie ſpielen unglücklich auf dieſer Welt.“ „Und Sie helfen mir die Partie verlieren.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Verdanke ich es nicht Ihnen, daß ich im Gefäng⸗ niß bin?“ „Werfen Sie mir vor, daß Sie mich geliebt haben und meinetwegen Ihrem Berufe entlaufen ſind, ſo ſprechen Sie wahr, ich bin die Urſache Ihrer Einker⸗ kerung.“ „Das iſt es nicht, was ich ſagen will: ich will ſahen. daß ich Sie liebte, und daß Sie mich angezeigt en." „Eine ſolche Schändlichkeit! Sie wiſſen wohl, daß ich hiezu unfähig bin.“ —-— „Iſt er auch dazu unfähig, der Dragoner⸗Oberſte, der Sie geſtern Abend ſuchte und Sie ohne Zweifel gefunden hat?“ Olympia erbleichte. Obgleich ſie dieſen Schlag erwartete, fühlte ſie doch, daß es keine gute Vertheidi⸗ gung für ſie gab. „Sie haben Herrn von Mailly geſehen, nicht wahr?“ ſagte ſie mit einem Tone, aus dem das Mitleid her⸗ vordrang. Bannidre hielt dieſen Schmerz für Reue oder für Furcht. „Nun ſind Sie alſo überwieſen,“ ſagte er.„Es iſt bewahrheitet, daß Sie mit dieſem alten Liebhaber mei⸗ nen Untergang complottirt haben.“ „So wenig, Herr Bannière, daß ich im Auftrage von Herrn von Mailly gekommen bin, um Ihnen die Freiheit zu bringen.“ „Die Freiheit! mir?“ rief der junge Mann er⸗ ſtaunt. „Sie unterliegen einer Reclamation der Jeſuiten. Sie gehoͤren ihnen; nun denn, Herr von Mailly hat den Einfall gehabt, Sie eine Anwerbung bei ſeinen Dragonern unterzeichnen zu laſſen. Auf dieſe Art ge⸗ hören Sie dem König, der Sie auch reclamiren wird, und er wird Sie wohl zurückzunehmen wiſſen.“ „Das iſt edelmüthig!“ ſagte Bannidre ironiſch. „Sie haben Unrecht, von einer guten Handlung mit dieſem höhniſchen Tone zu ſprechen. Es ſtand Herrn von Mailly frei, Ihnen nicht dieſen Vortheil zu ge⸗ währen.“ „Ahl Sie vertheidigen ihn gegen mich. Sie finden ihn mehr edel, als Sie mich unglücklich finden.“ „Ihr Unglück, Herr Bannisre, Sie haben es wohl verdient,“ ſprach Olympia ernſt; doch das ſſt nicht der Augenblick zu Beſchuldigungen. Dieſe Anwerbung, welche Sie von den Jeſuiten, das heißt von der Einſperrung * zuge demſe Oberſte, Zweifel Schlag rtheidi⸗ vahr?“ d her⸗ der für „Es iſt er mei⸗ uftrage jen die in er⸗ ſſuiten. ly hat ſeinen rt ge⸗ wird, ch. adlung Herrn u ge⸗ finden wohl ht der welche rrung 59 errettet, iſt hier ohne Namenseinſchreibung. Wollen Sie dieſelbe unterzeichnen?“ „Vor Allem ſagen Sie mir, was Sie mit mir machen werden, denn Ihre Worte haben ein Ausſehen von Entſchloſſenheit, das mich in Erſtaunen ſetzt. Er⸗ klären Sie mir...“ „Nichts, ehe Sie dieſes Papier unterzeichnet haben.“ „Es iſt mir unmöglich, eine Gnade von einem Manne anzunehmen, den Sie vielleicht noch lieben.“ „Das geht Sie nichts an, Herr Bannidre; unter⸗ zeichnen Sie vor Allem.“ „Welches Intereſſe haben Sie denn, daß Sie meine Anwerbung ſo wollen?“ „Das, Sie zu retten, das, Ihnen zu beweiſen, daß ich nicht zu Ihrer Einkerkerung geholfen habe, da ich Hemn⸗ um Ihnen die Thuͤren zu öffnen. Unterzeichnen ie.“ Bannidre nahm die Feder, die ihm Olympia reichte; ſie hatte Alles vorbereitet. Er unterzeichnete, ohne die befreiende Anwerbung zu leſen. Sie legte das Papier zuſammen, nachdem ſie die nuterſchri getrocknet hatte, und ſchloß es in ihr Porte⸗ euille. „„Nun ſagen Sie mir, daß Sie mich immer noch lieben,“ ſprach er, Olympia die Hand küſſend. Doch ohne hierauf zu antworten, verſetzte ſie: gerade, um die nöthigen Schritte zu thun und die un⸗ erläßlichen Förmlichkeiten zu erfüllen.“ „Sie haben mir nicht geantwortet,“ unterbrach ſie Bannidre zärtlich;„ich fragte Sie, ob Sie mich immer noch lieben.“ „Werden Sie nicht unruhig, wenn Sie einigen Ver⸗ zug erleiden, mein Herr,“ fuhr Fraͤulein von Clèves in demſelben Tone fort,„Der Official wird nur mit Schwie⸗ ——— A A5 rigkeiten ſeine Beute loslaſſen, doch Herr von Mailly iſt entſchloſſen, mit Nachdruck zu handeln.“ „Olympia!“ unterbrach Banniere abermals mit mehr Stärke. „Ich habe ſogar gedacht,“ fuhr Olympia fort, ohne daß ſie zu bemerken ſchien, wie ſehr der Gefangene vor Begierde, ein anderes Geſpräch anzuknüpfen, brannte, „Sie müſſen befürchten, es werde Ihnen an Bei⸗ ſtand und Unterſtützung fehlen. Ich habe Ihnen Geld gebracht, damit Sie bei Ihrem Abgange von hier ſo⸗ gleich mit der für einen Soldaten nothwendigen äußern Haltung auftreten können.“ „Hören Sie, Olympia,“ ſagte Bannidère auf das Aeußerſte getrieben,„Sie wollen mir alſo nicht ant⸗ worten? Ich habe Sie gefragt, ob Sie mich immer noch lieben?“ „Ich wollte Ihnen in der That nicht antworten, Herr Bannidre.“ „Aber ich will, daß Sie mir antworten.“ „ Dann werde ich Ihnen meinen Gedanken ſagen: Nein, Herr Bannidre, ich liebe Sie nicht mehr.“ „Sie lieben mich nicht mehr?“ rief Bannidre erſchrocken über die Worte von Olympia und beſonders über den Ton, mit dem dieſe Worte ausgeſprochen worden waren. „Nein,“ wiederholte ſie. „Warum nicht?“ ſtammelte der Unglückliche. „Weil Sie Faſer um Faſer den goldenen Faden dieſer Liebe abgenutzt haben; weil Sie, ehe Sie ihn abgenutzt, die Farbe davon getrübt, beſchmutzt, vertilgt haben, und weil bei einem Weibe die Illuſton das iſt, was vor Allem die Liebe erhält. Sie haben mich aber betrogen, dann verſpottet, dann mißhandelt; ich habe keine Illuſton mehr bewahrt, folglich auch keine Liebe mehr.“ „Olymvia!“ rief Bannidre, indem er ſich ihr zu Füßen warf,„ich ſchwöre Ihnen, daß ich Sie nie betrogen habe.“ „Ich glaube Ihnen nicht!“ ailly iſt ls mit ct, ohne ene vor rannte, n Bei⸗ n Geld hier ſo⸗ äußern uf das t ant⸗ immer vorten, ſagen: hrocken er den waren. Faden je ihn ertilgt as iſt, aber habe Liebe Füßen habe.“ 61 „Olympia! ich ſchwöre Ihnen bei meinem Leben und dem Ihrigen, daß ich nie Ihren Ring der Catalane gegeben habe.“ „Ich glaube Ihnen nicht!“ „Höoͤren Sie, Olympia, da ich frei ſein werde, da ich handeln werde, ſo iſt das ſehr leicht: ich bitte Sie, mit mir zu ihr zu kommen, und ſie wird erzählen, was zwiſchen uns vorgegangen iſt; ſagt ſie, ich habe ihr Ih⸗ ren Ring gegeben, ſo thun Sie Alles, was Sie wol⸗ len: tödten Sie mich! nein, thun Sie mehr, verlaſſen Sie mich!“ Der Unglückliche ſprach dieſe Worte auf eine ſo kräftige und natürliche Art, er wälzte ſich zu den Füßen von Olympia mit ſo tiefer Verzweiflung und ſo tödtli⸗ uhs Angſt, daß dieſe erſchüttert war; ſie ließ es ihn ehen. „Wie ſollte ich,“ fuhr er fort,„wie ſollte ich, und wäre es auch nur einen Augenblick, eine andere Frau geliebt haben, da Sie Alles in meinem Leben, da Sie mein ganzes Herz ſind. Eine vorübergehende Untreue, mein Gott! Sie würden das verzeihen; ich würde es Ihnen verzeihen! Ohl ſehen Sie, ob ich Sie liebe. Hören Sie! kämen Sie und würden mir ſagen, Herr von Malilly ſei zurückgekehrt, er habe Sie angefleht, er habe Sie überredet, Olympia! ich bin ſehr unglücklich, ich bin ſehr feig! ich habe eine ſehr niederträchtige und ſehr elende Liebe!... ich würde Ihnen verzeihen, wenn Sie mir ſagten, Sie lieben mich noch!“ Olympia fühlte, daß die Schläge ihres Herzens ſtille ſtanden; ſie befü werden, ihre Hand in den Küſſen dieſes Menſchen zu laſſen, dem die beredte, wahre Liebe ſo viel unwiderſteh⸗ liche Macht verliehen. Es blieb ihr nur noch die rohe Gewalt. Sie ſchoͤpfte aus ihrem Herzen jene unbändige Feſtigkeit, welche die rauen, die nicht mehr lieben oder nicht mehr zu lieben glauben, darin zu finden wiſſen. 62 „Nun wohl,“ ſprach ſte,„Sie erſparen mir, Ihnen ge zu ſagen, was ich Ihnen verbergen wollte. Herr vor te 5 Mailly iſt zurückgekehrt, ich gehöre nicht mehr mir.“ un 4 Während ſie ſo ſprach, ſah man das Blut ſich von zu den Wangen und den Lippen von Bannloère zurückziehen S und nach ſeinem Herzen fließen. fül Er erſchien ſchrecklich der Frau, die ihn kurz zuvor 4 zittern machte. der „Ah! Olympia! Olympia!“ ſtammelte er. Und Se dieſes Zittern ſchüttelte alle ſeine Glieder und ſeine Beine ſchwanden unter ihm. Sp Bis jetzt knieend, ſank er rückwärts, und er waͤre ſeiner ganzen Länge nach gefallen, hätte er nicht den coq hölzernen Schemel, den einzigen Sitz der Gefangenen liet des Official, getroffen. Sie beobachtete ein düſteres Stillſchweigen. Er ſuchte das Leben zurückzurufen, das ihn floh. Endlich ſprach er mit Anſtrengung: ſie „Sie werden nicht unbeugſam ſein wegen eines Verbrechens, das ich nicht begangen, denn ich bin es B5. nicht wegen des Fehlers, den Sie geſtanden haben. Ich ere verzeihe Ihnen, Olympia, geben Sie mir Ihre Liebe zurück: nicht wahr, Sie ſind das meiner Feigheit ſchuldig?“ „Bannidre,“ erwiederte ſie mit dumpfem Tone, hind „hätte ich Sie nicht für ſchuldig gehalten, ſo würde ich die Treue, die ich Ihnen geſchworen, nicht gebrochen ha⸗ hrer ben. Laſſen Sie mich vollenden... Sie bereuen, ich den ſebe 6 wohl. Sie fühlen nun, was ich bin, doch es iſt und zu ſpät.“ Bannidre ſchaute ſie mit einer verdutzten Miene an. M. „Bannidre,“ fuhr ſie, ſich ermuthigend, fort,„wir erk — — — 1 un— werden fortan getrennt ſein; laſſen Sie mich Ihnen ſa⸗ lger gen, daß ich, wenn Sie gewollt hätten, Ihre treue Freun⸗ aß din für die Ewigkeit geweſen wäre.“ 2 „O mein Gott!“ murmelte er wie am Tage vor⸗ vfnn her, als er Herrn von Mallly erblickte. könnt „Unterbrechen Sie mich nicht mehr; ich habe es Ihnen ut . Er Indlich eines din es 1. Ich Liebe dig?“ Tone, de ich n ha⸗ n, ich es iſt ne an. „wir en ſa⸗ reun⸗ vor⸗ öhnen 63 geſagt, ich gehöre nicht mehr mir. Leben Sie, arbei⸗ ten Sie, vergeſſen Sie, was Ihnen leicht ſein wird, und bedenken Sie, daß von den zwei Looſen, die uns zugefallen, das Ihrige das beſſere iſt. Heute fühlen Sie ein Leid, wer weiß, ob nicht morgen ich ein Leid fühlen werde.“ Nach dieſen Worten, welche von der Zartheit und dem Adel ihres Herzens zeugten, machte Olympia einen Schritt gegen die Thüre. annidre, als er ſie weggehen ſah, machte einen Sprung oder begann vielmehr dieſen Sprung. „Nein,“ ſprach er, pes iſt unnütz! Sie iſt nicht coquette. Wenn ſie ſagt, ſie liebe mich nicht mehr, ſo liebt ſie mich auch nicht mehr.“ Er ſank niedergeſchmettert zu Boden. Olympia näherte ſich ihm, und als fie ihn in die⸗ ſem Zuſtand ſah, der an den Stumpffinn grenzte, reichte e ihm die Hand; er bemerkte es nicht. Sie ſchob ihm in ſeine Finger die mit Gold gefüllte Boͤrſe, welche ſie mitgebracht hatte; er zeigte nicht, daß er es bemerkte. Da wandte ſie ſich langſam wieder nach der Thüre, und er machte keine Bewegung, um ſie daran zu ver⸗ hindern. Eine entſetzliche Herzbeklemmung bemächtigte ſich ihrer: das Auge auf den armen jungen Mann geheftet, den ſie verließ, fühlte ſte ſich doch durch ihre Pflichten und durch ihre Redlichkeit hingezogen. Olympia ließ ſich die Thüren des Gefängniſſes oͤffnen und entfernte ſich erſchrockener als je, raſcher als der Blitz, denn ſie befürchtete, wenn ſie einmal außen, koͤnnte die Gegenwirkang eintreten, und ein Schrei des — ☛— Unglücklichen, eine Anrufung der Geliebten, eine Er⸗ ſchütterung der unbeugſamen Thüren könnten bis zu ihrem Ohr dringen, ihren Entſchluß ihr vorwerfen und ihren Muth wanken machen. Nichts! ſie hörte nichts, als das Kniſtern des Pa⸗ piers, auf welchem Bannière ſeine Capitulation als Dragoner unterzeichnet hatte, und deſſen Ecken ſich ge⸗ gen die dichte Seide ihres Kleides empörten. XXXVI. Wie das Plerd von Hanniere lief, bis es ſtehen blieb, und mit welchen ehrlichen Perſonen unſer Held in einem Flecken, deſſen Namen mir ver⸗ geſſen, Bekanntſchakt machte.*) Das Pferd war ein guter Renner. Bannière fühlte das Bedürfniß, zu rennen. Dadurch erfolgte, daß Ban⸗ nière dem Pferde, wenn es, zu ſehr ermüdet, langſam ging, die Sporen in den Bauch ſtieß, wonach das edle Thier im Galopp weiter eilte. Es erfolgte auch, daß das Pferd und der Mann in einem Zuge einen ſehr langen Lauf machten. Zwei Stunden nach ſeinem Abgange von Lyon war Bannidre indeſſen genöthigt, ein paar Augenblicke der Ruhe einmal ſich und ſodann ſeinem Roſſe zu gönnen. Dieſe Augenblicke der Ruhe benützte er für ſeine Perſon, um eine vortreffliche Flaſche Burgunder in An⸗ *) Der Leſer wird hier eine ſcheinbare Lücke finden. Al. Dumas füllt ſie in einem ſpäteren Kapitel aus. d. Uberſetzer. gri pel den ung tert Lau Thi die Roß gebe ſicht ſeine Auge es w je; e ſich: arme ſein Maill zu Ze wenig man Dram darum nière zweite Jeſuite erſte A er alle der ihr Olym — ne Er⸗ bis zu n und des Pa⸗ on als ich ge⸗ ſtehen unſer ver- fühlte Ban⸗ ngſam s edle Mann Lyon nblicke öͤnnen. r ſeine n An⸗ inden. ſnams tzer. 65 griff zu nehmen, und für ſein Pferd, um ihm eine dop⸗ pelte Ration Hafer geben zu laſſen, in die er edelmüthig den Reſt von ſeiner Flaſche goß. Während dieſes zweiſtündigen Laufes hatte Bannieère ungefähr acht Meilen gemacht. Als der Mann erfriſcht war und das Pferd gefüt⸗ tert, ſtieg der Mann wieder zu Pferde und ſetzte ſeinen Lauf fort. Der Wein und der Hafer thaten Wander: das Thier hatte den Teufel im Leibe; ſeine Füße berührten die Erde nicht. Man hätte glauben ſollen, es ſei das Roß von Fauſt, das zum Hexenſabbath laufe. llerdings hätte man an der Seite von Fauſt ver⸗ gebens Mephiſtopheles geſucht; doch ſichtbar oder un⸗ ſichtbar hat jeder Menſch ſeinen Mephiſtopheles, der an ſeiner Seite galoppirt. Der Mephiſtopheles von Bannière war in dieſem Augenblick ein Compoſttum von allen Leidenſchaften; es war vor Allem für Olympia eine Liebe heftiger als je; es war gegen Herrn von Mailly ein tiefer Haß, der ſich von Minute zu Minute mehr erbitterte; denn der arme Bannidre dachte, dieſe Minuten, während welcher ſein Haß ſich immer mehr erbitterte, bringe Herr von Mailly bei Onwapia zu; dann verband ſich von Zeit zu Zeit mit Allem dem ein Gefühl, das, wenn auch weniger erhaben, als die zwei Leidenſchaften, mit denen man ſo viele ſchöne Tragödien und ſo viele herrliche ramen gemacht hat,— die Liebe und der Haß— darum nicht minder heftig war: wir meinen die Angſt. Bannidre hatte bange, verfolgt zu werden, Ban⸗ nidre hatte bange, eingeholt zu werden; es geſchah zum zweiten Male, daß er ſo floh; das erſte Mal vor den Jeſuiten, das zweite Mal vor den Dragonern. Das erſte Mal floh er aber mit Olympia, und diesmal floh er allein, abgeſehen vom unſichtbaren Mephiſtopheles, der ihm zuflüſterte: Olympia von Clèves. II. 5 — „Hurtig! Bannidre, hurtig! und Du wirſt Olym⸗ pia einholen und wirſt Herrn von Mailly einholen, und Du wirſt den Dragonern entkommen, wie Du den Je⸗ ſuiten entkommen biſt. Hurtig! Bannidre, hurtig!“ Und jede Eingebung dieſes Gottes, der Bannidre ſtachelte, überſetzte ſich in Spornſtichen für das arme Roß. Erſchöpft, blieb endlich das Pferd von ſelbſt, ganz zitternd auf ſeinen Beinen, keuchend, vor Schweiß trie⸗ fend, ſtille ſtehen. Unſer improviſirter Reiter hatte in fünf Stunden fünfzehn Landmeilen wohlgezählt gemacht, was nach der niedrigſten Rechnung immerhin fünf und zwanzig Poſt⸗ meilen beträgt. Bannidre, als ſein Pferd ſtehen blieb, war in einem ſo tiefen Geſpräche mit ſeinem Mephiſtopheles begriffen, daß er nicht einmal bemerkte, wie er in einem großen Flecken angekommen war, deſſen Einwohner, auf der Schwelle ihrer Thüren ſtehend oder auf Bänken ſitzend, welche an die Fagade ihrer Häuſer angefügt waren, mit einer Art von ſelbſtſüchtigem Wohlbehagen, welches zu verbergen ſie ſich nicht einmal die Mühe nahmen, den von Staub ſo weißen Reiter, das von Schaum ſo weiße Pferd, beide völlig abgemattet, betrachteten, während ſie, die wackeren Landleute, damit zufrieden, daß ſie die Erde ſich drehen ließen, ohne ſich auf ihrer Oberfläche zu rühren, nicht aufgehört hatten, vollkommen glücklich, ruhig und unbeweglich zu ſein und jenes Wohlbehagen zu genießen, das die lateiniſchen Dichter, außerordentlich träge Leute, bewunderungswürdig begriffen haben. Als das Pferd ſtille ſtand und Bannldre ſeine vom Staube aufgeſchwollenen und durch das Blut erſchwer⸗ ten Augen öͤffnen konnte, ſah er zuerſt den von uns er⸗ wähnten großen Flecken, welcher aus einer Straße be⸗ ſtand, an deren Ende man die Ebene erblickte. Dann, wie das oft geſchieht, als er ſeinen Blick von den ent⸗ fernten Gegenſtänden zu den näheren zurückgeſenkt hatte, ſah er einen Mann von gutem Aeußeren, der den Zaum Olym⸗ en, und een Je⸗ g1“ annière ne Roß. „ ganz iß trie⸗ btunden ach der g Poſt⸗ meinem griffen, großen auf der ſibend en, mit ches zu n, den weiße tend ſie die Erde äche zu lücklich, behagen dentlich Dann, en ent⸗ t hatte, n Zaum 67 ſeines Pferdes hielt, und einen minder blühenden Mann, welcher den Steigbügel auf der linken Seite hielt. Zu gleicher Zeit ſprach eine Stimme, die einen freundlichen Ausdruck affectirte, zu ſeinen Ohren: „Guten Morgen, Herr Dragoner!“ „Holho!“ verſetzte Bannidre noch ein wenig betäubt, „ſpricht man zufaͤllig mit mir? Doch ein Augenblick der Ueberlegung genügte ihm, daß er wahrnahm, die Stimme könne nicht die Ankunft irgend eines Andern begrüßen, aus dem doppelten Grunde, weil er allein auf der Straße war, und weil keine Dra⸗ goner wahrſcheinlich auf zehn Meilen in der Runde exiſtirten. Er bemerkte auch, daß ſein Pferd, als ein mit In⸗ ſtinct, wenn nicht mit Vernunft begabtes Weſen, gerade vor der Thüre von einem der großen Wirthshäuſer Halt Der Spieß drehte ſich: junge Hähne und Rebhüh⸗ ner ſchmorten, während das duftende Heu durch den laſchenzug herabkam und ein ſchöner, ſchwarzer Hafer unter den Zähnen von dreißig Pferden krachte, welche den Stall bevölkerten. Süten Morgen, Herr Dragoner,“ hatte Jemand geſagt. „Guten Morgen, meine Herren,“ antwortete Ban⸗ nière, indem er ſeiner Stimme den Ausnruck einer dank⸗ baren Höflichkeit zu geben ſuchte, als er die zwei Män⸗ ner ſah, die ſich um ihn beeiferten. „Oh! der ſchöne Dragoner!“ ſagte eine dritte Per⸗ ſon; daß dieſe dem weiblichen Geſchlechte angehöre, er⸗ Snnte Bannidre ſogleich an dem ſanften Klange ihrer mme. „Teufel! Teufel!“ dachte Bannidre, während er mit den Augen die Eigenthümerin dieſes reizenden Klan⸗ 68 ges ſuchte, der, obgleich er ihn erſchreckte, zugleich ſanft ſeinem Ohre ſchmeichelte.„Teufel! ich muß mein Co⸗ ſtume wechſeln; ich bin ein wenig zu ſehr Militär für Jedermann in dieſer Gegend.“ Er beruhigte ſich indeſſen, als er ſah, daß die zwei Männer zwei bürgerliche Roͤcke und ſeine Lobrednerin eine junge Frau von zwanzig Jahren waren. 2 Die zwei bürgerlichen Röcke befanden ſich, wie ge⸗ ſagt, der eine am Zaume, der andere an der linken Seite des Pferdes pon Bannidre. Die hübſche zwanzigjährige Frau ſtand auf der Schwelle des Gaſthauſes. Bannidre warf auf Alles, was ihn umgab, einen raſchen Blick, und als er wahrnahm, daß nichts in die⸗ ſer Herberge oder um dieſe Herberge nach den Gerich⸗ ten roch, ſtieg er mit einer ganz enſchloſſenen Miene ab. Kaum hatte er ſich von ſeinem Pferde getrennt, als das Thier vom Hausknechte in den Stall geführt wurde, wonach er ſich ſachte nach dem Speiſeſaal führen ließ. d Es gibt bekanntlich unwiderſtehliche Strömungen, die den Menſchen immer dahin führen, wohin er zu gehen wünſcht. 1 Das Thier aber wünſchte in den Stall zu gehen und der Menſch in das Speiſezimmer: Beide gelangten daher um dieſelbe Zeit an das Ziel ihrer Wünſche. Die zwei Männer mit dem beruhigenden Ausſehen begleiteten Bannidre, als wollten ſie ihm die Honneurz des Hauſes machen. Bannidre ließ ſie, ziemlich erſtaunt über ihre Zu⸗ vorkommenheit, gewähren. 3 Die hübſche Dame war,— Bannidre wußte nicht wie, ohne Zweifel mit Hülfe von Sylphidenflügeln,— die hübſche Dame war von der Schwelle des Gauſthauſes verſchwun⸗ den, um auf der Schwelle des Speiſeſaales wiederzuer⸗ ſcheinen.. Zugleich durch das Herz, die Augen und den Ma⸗ ⸗ h ſanft n Co⸗ är für e zwei ednerin * vie ge⸗ Seite lährige einen in die⸗ Berich⸗ ene ab. trennt, geführt führen nungen, n er zu gehen langten he. usſehen onneurz jre Zu⸗ cht wit, hübſche ſchwun⸗ derzuer⸗ en Ma⸗ 69 gen gefuhrt, gab Bannidre dieſer dreifachen Anziehungs⸗ kraft nach. Und er mußte ſogleich einige Fragen aushalten, welche übrigens ſehr natürlich bei Leuten, die ihn mit ſolchen Zuvorkommenheiten überſchütteten, Fragen, die ſich im Ganzen auch alle in den folgenden zuſammen⸗ faßten: „Wohin gehen Sie, Dragoner?“ „Wohin ich gehe?“ antwortete Bannidre.„Das iſt, bei Gott! ganz einfach; ich gehe nach Paris.“ „Verzeihen Sie, Sie könnten anderswohin gehen.“ Bannidre ſchaute denjenigen, welcher ihm dies er⸗ wiederte, mit erſtaunter Miene an. Anderswohin, als wo ſich Olympia und Herr von Mailly befanden, das war etwas Unmögliches. Er ſchüttelte den Kopf und ſagte: „Nein, nein, ich gehe nicht anderswohin.“ „Es ſcheint, das iſt der Weg des Herrn,“ ſprach Einer von den zwei Männern.„Ich ſehe nichts Schlim⸗ mes darin, daß der Herr nach Paris geht; ich komme von dort her.“ Bannidre dachte, es ſei Zeit, ſich Rechenſchaft von den Perſonen zu geben, die er um ſich ſah, und wäͤhrend man den Tiſch deckte, nahm er, zugleich ſeine Stiefel mit ſeinem Sacktuch abſtäubend, eine detaillirte Prüfung derſelben vor. Der Eine, derjenige, welcher nicht wollte, daß Bannisre nach Paris ging, war ein kleiner Bürgers⸗ mann von ungefähr fünfzig Jahren, mit hochrothem Geſichte, rundlich, behäbig; er war bekleidet mit einem grau⸗braunen Rock, ähnlichen Hoſen und grau⸗blauen Zwickelſtrümpfen. Ziemlich groß, ziemlich mager um die Bruſt, hatte der Andere, der, trotz ſeiner bürgerlichen Kleidung, eine Feder auf dem Ohr trug, lange Arme, eine Naſe wie die Arme, eine dürre Hand, ein kleines, rundes, ganz ſchwarzes Auge, und in dieſer langen Naſe, man erlaube uns, hierauf zurückzukommen, die Sache iſt ſchon der Mühe werth, eine gewiſſe Abweichung von der geraden Linie, welche die mit dieſer Unvollkommenheit behafteten Perſonen mit der größten Sorgfalt durch die Orthopä⸗ die müßten verbeſſern laſſen, in Betracht, daß kein phy⸗ ſiognomiſches Anzeichen bündiger iſt, um die Unregel⸗ mäßigkeit der Moralität zu beweiſen. Leider war Lavater, bei dem wir uns über ſolche Dinge unterrichten, noch nicht geboren, oder, wenn er geboren war, hatte er noch nicht geſchrieben; Bannidte konnte folglich Lavater nicht geleſen haben. Er dachte, der Mann mit der langen und ſchrägen Naſe habe die Gewohnheit angenommen, ſich von rechts nach links zu ſchnäuzen, und aus dieſer unglücklichen Gewohnheit ſei das erwähnte Gebrechen hervorgegangen. Vielleicht ſah er gar nichts, dachte er gar nichts und gab er durchaus nicht, ſo ſehr war er in ſeinem Innern mit dem hübſchen Näschen von Olympia be⸗ ſchäftigt, auf die große, abſcheuliche Quernaſe des Man⸗ nes mit der Feder Achtung. Dieſer Mann warf ſich übrigens auf eine ſehr hoffärtige Art in die Bruſt und ſtreichelte zugleich ſeine Hüfte, die er cavaliermäßig vorwärts warf, und den einſt vergoldeten Knopf eines langen Degens. Zuweilen ſenkte er mit Wohlgefallen ſein kleines Auge auf die hübſche Frau, ſeine Gefährtin, deren Por⸗ trait es wohl verdient, daß wir ihm auch ein Dutzend Zeilen widmen. Wir Romanendichter rechnen übrigens nie mit den hübſchen Frauen, und die Frau des Mannes mit der Feder, denn es war ſichtbar ſeine Frau, war, wir wie⸗ derholen es, hübſch. Wir geben alſo ihr Portrait: man ſchaue es wohl an. Klein, blond und friſch; großes, entſchieden blaues Auge; fleiſchiger, fein gezeichneter Mund, oft lächelnd n der eraden fteten hopã⸗ phy⸗ regel⸗ ſolche enn er nniète hrägen rechts klichen angen. nichts ſeinem dig be⸗ Man⸗ e ſehr h ſeine nd den kleines n Por⸗ Dutzend nit den, nit der ir wie⸗ aue es blaues ächelnd/ 71 zuweilen ſchön thuend und dann das Herz erregend; zierliche Hände, relzend anzuſchauen. Sie ſah, daß die Reihe, prüfend betrachtet zu wer⸗ den, an ſie kam, und machte Bannidère einen artigen Knix. Das Geſpräch bewegte ſich im Allgemeinen, wie dies unter Leuten, die ſich nicht kennen, gewöhnlich iſt, auf Gemeinplätzen. Der Weg, das Wetter und das Pferd des Reiſen⸗ den trugen die Koſten der Unterhaltung. Bannidre war einſylbig in Betreff des erſten Punk⸗ tes: er hatte alle Arten von Urſachen, nicht zu ſagen, woher er kam. Er war gefällig in Betreff des zweiten; er geſtand, es herrſche eine Teufelshitze, gab aber zu, es ſei minder heiß, als in den Abruzzen, wie der Mann mit der Feder behauptete. Warum: Als in den Abruzzen? Wir werden es ſogleich ſagen. Doch beim dritten Punkte, bei dem des Pferdes, war er weitſchweifig, weitſchweiſig wie Ovid. Das läßt ſich begreifen; Bannidre hatte drei Gründe, um ſo zu handeln. Den erſten haben wir genannt: er wollte nicht wiſſen laſſen, woher er kam. Wass den zweiten betrifft, ſo konnte er nicht ver⸗ hindern, daß das Wetter war, was es war: ſehr heiß. Er konnte jedoch den Grad der Hitze beſtreiten und be⸗ haupten, es ſei ſo heiß, als in den Abruzzenz er that es nicht, mochte er nun über dieſen Punkt der Anſicht ſeines Gegenredners ſein, oder war ihm die Sache gleichgültig. Sein dritter Grund aber war, daß er ſein, wie die Cavaleriepferde, mit einer Lilie auf dem Kreuze bezeich⸗ netes und erkennbares, folglich auf dem ganzen Wege gefährdendes Pferd, verkaufen wollte. Der Mann mit den grau⸗blauen Strümpfen und 83 ———— der Mann mit der Feder fingen nun an das Pferd zu analyſiren. Der mit der Feder verſiegte nicht über ſeine Schön⸗ heit. „Erlauben Sie, Herr Marquis, daß ich Ihnen widerſpreche,“ ſagte der kleine Mann. „Hol ho!“ dachte Bannidre,„ich habe es mit einem Marquis zu thun. Teufel! laß einmal ſehen.“ Und je mehr er ſah, deſto mehr fand er, der Liebhaber des Schönen, dieſe Quernaſe unangenehm. „In welcher Hinſicht können Sie dieſes Pferd ta⸗ deln?“ erwiederte der Marquis.„Es iſt, was es iſt.“ „Es iſt reh, mein Herr.“ „Eil“ rief Bannidère,„wenn es nicht zu unhöflich wäre, dies Ihnen zu ſagen, ſo würde ich Ihnen antwor⸗ ten, Sie verſtehen ſich nicht darauf.“ „Ohl was das betrifft,“ entgegnete der Marquis, „ich werde nicht Ihrer Anſicht ſein. Ich vertheidige das Thier, das mir ein vortreffliches Thier zu ſein ſcheint, und für das ich eine Sympathie habe; doch ſollte ich ſagen, der Herr verſtehe ſich nicht auf Pferde, oh! nein! ohl nein! ohl nein! ich würde das nie ſagen.“ „Aber. verſetzte Bannlère. „Lieber Dragoner,“ ſprach der Mann mit der Fe⸗ der mit einem kleinen Protectorstone, der für Bannidre einen widrigen Klang hatte,„dieſer Herr iſt ein großer Seidenhändler, der mehr Pferde auf ſeinen Reiſen ge⸗ tödtet hat, als Ihr Regiment und das meinige je im Kriege getödtet haben, und hätten ſie den Krieg gegen Prinzen Eugen und Herrn von Malborough mitgemacht.“ „Ahl Sie haben ein Regiment?“ ſagte der Dra⸗ goner. „Das heißt, mein Herr, ich bin Kapitän in einem Regimente,“ antwortete der Marquis. „Der Herr Marquis,“ ſagte der kleine Mann mit den blau⸗grauen Strümpfen Bannidre ins Ohr,„der Herr Marquis iſt Kapitän beim Regimente der Abruzzen.“ 73 „Ah!“ verſetzte Bannière,„darum bemerkte er vor⸗ hin, als ich ſagte, es ſei heiß auf dem Wege nach Paris: Nicht ſo heiß als in den Abbruzzen?“ „Ganz richtig.“ „Ich begreife das nun.“ „Ein furchtbarer Cavalier,“ fuhr der Seidenhänd⸗ ler fort,„Sie haben ſicherlich von ihm reden hören 2“ Bannidcre verdrehte zugleich das Auge und den Mund, was ein Zeichen iſt, daß man ſich zu erinnern ſucht. Bannidre erinnerte ſich nicht. „Wie heißt er?“ fragte er. „Marquis de la Torra.“ „Nein... nein,“ erwiederte Bannière.„Der Mar⸗ quis de la Torra? Das iſt das erſte Mal, daß ich die⸗ ſen Namen ausſprechen höre.“ „Nun, Sie wiſſen, daß er ein Kapitän iſt!“ „Und ein Marquis,“ fügte Bannidre bei. „Sie ſagen alſo, das Pferd ſei reh?“ fuhr der Marquis fort. „Ich befürchte es ſehr.“ Der Marquis nahm eine Glocke und klingelte. Ein Aufwäͤrter erſchien „Gehen Sie in den Stall und melden Sie mir hernach, was das Pferd des Herrn macht.“ Nach fünf Minuten kam der Aufwärter zurück. „Nun?“ fragte der Marquis. „Es frißt,“ antwortete der Aufwärter. „Sie ſehen wohl,“ ſagte Bannidre. „Was?“ verſetzte der Mann mit den grau⸗blauen Strümpfen. „Ein Pferd, das reh iſt, frißt nicht.“ „Eil et!“ ſprach der Marquis, der ſich dem Gefühle ſeines Gefährten nähern zu wollen ſchien,„wir haben Pferde, welche, obgleich reh, noch ein paar Tage gehen, wenn ſie von Race ſind, wie es das Pferd des Herrn iſt.“ „Ohl was die Race betrifft,“ rief der kleine Mann ————— —— 1 mit den grau⸗blauen Strümpfen,„oh! was das betrifft, es iſt von Race, das habe ich ſogleich geſehen.“ „Sie gehen, ſage ich, einige Tage ſchnaufend,“ fuhr der Marquis de la Torra fort,„dann fallen ſie ploͤtzlich.“ „Nun wohl,“ verſetzte der kleine Mann,„bemühen Sie ſich nur an die Stallthüre, Herr Marquis, und Sie werden das Pferd des Herrn ſchnaufen ſehen.“ „Dragoner,“ ſprach der Marquis mit der Gewich⸗ tigkeit eines Obern,„was wird man bei Ihrem Regi⸗ mente ſagen, wenn man ſieht, in welchen Zuſtand Sie Ihr Pferd,— ohne Zweifel einer Liebſchaft wegen,— verſetzt haben? Ich,“ fuhr der Marquis, der ganz Ka⸗ pitän wurde, fort,„ich laſſe meine Soldaten peitſchen, wenn ſie meine Pferde verderben.“ Die Röthe ſlieg Bannidre zu Geſichte; er fand die Bemerkung unverſchämt, beſonders in Gegenwart der hüb⸗ ſchen Dame. „In Frankreich, mein Herr, peitſcht man die Reiter nicht,“ erwiederte Bannidre hochmüthig. „Nein, es iſt wahr, man peitſcht ſie nicht, aber man ſteckt ſie ins Gefängniß⸗“ ſagte der Seidenhändler. „Das Pferd gehört mir und nicht dem Regimente,“ ſprach Bannidre ruhig;„mein Vater hat es mir geſchenkt⸗ als ich Dienſte nahm. Ich mache alſo mit meinem Pferde, was ich will.“ „Verzeihen Sie,“ erwiederte höflich der Kaufmann. „Iſt Ihnen das Pferd von Ihrem Vater geſchenkt wor⸗ den, wie Sie ſagen, ſo gehoͤrt es unſtreitig Ihnen, und da es Ihnen gehört, ſo können Sie damit machen, was Sie wollen.“ „Mein Herr, entſchuldigen Sie mich,“ ſprach der Marquis;„da ich Sie in Uniform ſah, ſo hielt ich Sie für einen gewöhnlichen Soldaten, obgleich ich mir, als ich Sie reden hörte, ſagte: Das iſt ein ſeltſamer Sol⸗ dat. Und da ich Sie für einen gewöhnlichen Soldaten hielt, ſo beunruhigte ich mich, Sie begreifen, aus Her⸗ rifft, fuhr lich.“ ühen Sie wich⸗ Regi⸗ Sie 1,— a⸗ ſchen, d die hüb⸗ Reiter man ente,“ henkt, einem mann. wor⸗ 75 zensgüte, wie ich mich, zum Beiſpiel, beunruhigen würde, ſollten Sie ſich ohne Urlaub auf die Landſtraßen wagen.“ „Ich verlaſſe den Dienſt, mein Herr; ich habe mei⸗ nen Abſchied.“ „Ah! deſto beſſer!“ rief die junge Frau, welche noch nicht geſprochen hatte. „Nun, Madame!“ ſagte der Marquis de la Torra, mit einem Ausdruck voll Würde. „Nun, was?“ fragte die junge Frau mit einem viel einfacheren Tone. „Ich frage Sie, was geht es Sie an, ob der Herr den Dienſt verläßt oder nicht verläßt?“ „Nichts, mein Herr.“ „Sie haben aber geſagt: Deſto beſſer.“ „Das iſt möglich.* „Und Sie haben Unrecht gehabt, Marion; das Hand⸗ werk eines Soldaten iſt ein herrliches Handwerk.“ Und er ſchüttelte ſeine Feder. „Nun wohl! ſo herrlich es ſein mag, ich verlaſſe es,“ ſprach Bannidre;„damit will ich ſagen, daß ich mich gern meines Pferdes entäußern würde.“ „Wahrhaftig?“ verſetzte der Kapitän. „Ich frage, wozu würde es mir nützen?“ ſagte Bannisre mit dem Tone eines Bürgers, der ſich von den Geſchäften zurückgezogen.„Ein Schlachtroß taugt nur für einen Militär.“ℳ „Es iſt wahr, es iſt, bei meiner Treue! wahr,“ rief der Marquis de la Torra. „In der That, wenn der Herr den Dienſt verläßt...“ bemerkte der Seidenhändler. „Und Sie würden ſich auch Ihres Rockes entäußern?“ „Ohl des Rockes, der Weſte, der Hoſe und der Stiefel, mit größtem Vergnügen,“ erwiederte Bannière. „Doch was würden Sie mit Allem dem thun?“ fügte er lachend bei. „Ei! ei! ich habe große Luſt, dieſen Rock als Mu⸗ ſter einer Uniform zu nehmen. Ich will es verſuchen, die des Regimenis ändern zu laſſen, und ich bin feſt überzeugt, ſähe der Oberſte Ihren Rock..“ „Ohl bei Gott! er iſt zu Ihren Dienſten, Herr Marquis,“ ſagte Bannisre. „Um wie viel würden Sie ihn verkaufen?“ „Ohl ich würde ihn nicht verkaufen.“ „Was ſagen Sie? Ich verſtehe Sie nicht.“ „Ich würde ihn gegen ein bürgerliches Kleid ver⸗ tauſchen. Sie ſind groß, ich auch; es iſt wahr, Sie ſind magerer als ich; doch ich bin gern knapp gekleidet. Sie ſehen, daß wir ein Geſchäft machen können. Ge⸗ ben Sie mir irgend einen Rock.“ „Irgend einen! In der That, Sie find von einer gefälligen Laune. Irgend einen Rock! Wie ärgerlich iſt es, daß mein Gepäcke nicht angekommen; ich hätte Ihnen meinen Rock von leinblüthfarbenem Sammet mit roſa Atlaß gefüttert gegeben.“ „Nein, mein Herr, das wäre zu viel geweſen.“ „Ahl junger Mann,“ ſprach der Marquis, indem er ſich in die Bruſt warf,„wahrhaftig, es müßte einem Manne wie mir gut anſtehen, wenn er mit einem Dra⸗ goner einen geraden Tauſch machen würde! Ich liebe es, zu verbinden, mein Theurer; das koſtet mich hundert⸗ tauſend Thaler jährlich; doch was wollen Sie, man macht ſich nicht anders. Und überdies hat Gott die Edelleute hiezu in die Welt geſetzt; hiezu hat er ſie reich und zu Kapitänen von Regimentern gemacht.“ „Mein Herr,“ murmelte Bannidre, indem er ſich, unterjocht durch ſo viel Größe, verbeugte. „Welch ein herrlicher Mann ſind Sie!“ rief der Kaufmann, als hätte er ganz entzückt vor Bewunderung nicht an ſich halten können. „Wahrhaftig,“ ſagte Bannidre. Die junge Frau betrachtete ein an die Scheiben der Glasthüre geklebtes ſchlechtes Bild⸗ „Leider,“ fuhr der Kapitän fort,„leider ſind meine Koffer nicht angekommen.“ — 882 feſt berr der⸗ Sie det. Be⸗ ner lich ätte mit dem nem dra⸗ es, ert⸗ nan die eich ich, der ung ben eine 77 „Nun?“ fragte Bannidre. „Ich habe dieſe Kleidungsſtücke nicht.“ „Aber Sie haben wohl andere,“ verſetzte Banni dre. „Ein Mann wie Sie iſt wegen eines Rockes nicht ver⸗ legen.“ „Doch, bei meiner Treue; um leichter zu reiſen, habe ich Alles zurückgelaſſen. Ich habe nur eine ſam⸗ metene Hausjacke und Hoſen von Baſin.“ „Teufel! es iſt ein Nachtgewand, was Sie mir da anbieten,“ rief Bannidre. „Eil bei meiner Treue, ja, mein lieber Herr.“ Bannidre ſchaute den Marquis mit einem g ewiſſen Erſtaunen an. Er fragte ſich offenbar, wie ſich ein ſo bedeutender Mann ohne ein anderes Kleid, als das, wel⸗ ches er auf dem Leibe trage, auf die Reiſe begeben könne; ſeine Augen ſchweiften auch vom Kapitän zum Kaufmann über. Der Kaufmann glaubte, dieſe Augen befragen ihn über den Zuſtand ſeiner Garderobe. „Bei meiner Treue,“ ſagte er,„ich bin wie der Herr Marquis, nicht aus Zufall, ſondern aus Gewohn⸗ heit. Ich habe nur meinen Rock: nie wechſele ich da⸗ mit. Man vergißt die armen Anfänge nicht. Spar⸗ ſamkeit, mein Herr, Sparſamkeit!“ „Mit dieſer Sparſamkeit vergrößert man die Ver⸗ mögen,“ ſprach der Kapitän emphatiſch.„Hätten Sie übrigens auch zwei Röcke zum Wechſeln, ſo könnte man aus dieſen zwei Röcken doch kaum einen für den Herrn machen: er iſt um ein Drittel größer als Sie.“ „Laſſen Sie hören,“ ſagte Bannidre, ſeinen Ent⸗ ſchluß ſeſſend„dieſes Nachtgewand iſt wohl ſehr lä⸗ cherlich?“ „Wie, lächerlich!“ rief der Mann mit der Feder, indem er die Stirne ſaltete und Bannidre ſchief anſchaute. „Verzeihen Sie, ich will ſagen, ſehr luſtig.“ „Luſtig! luſtig!“ „Allerdings, mein Herr, man iſt immer luſtig ſo M coſtumirt,“ ſagte Bannidre mit einer gewiſſen Ungeduld. ta „Ahl ſehr gut, ſehr gut, ich höre Ihre Gründe,“ ſprach der Marquis ſich beſänftigend. he „Er iſt äußerſt empfindlich,“ flüſterte der Kaufmann M Bannidre ins Ohr. Die Sache war Bannière gleichgültig; er wollte ſer ſich indeſſen höflich zeigen. ge „Der Herr denkt wohl nicht, ich habe ihm in irgend ſta einer Beziehung unangenehm ſein wollen?“ ſagte er. ne „Nein, nein,“ erwiederte Madame Marion,„ſeien 5 Sie doch ruhig.“ A. „Ich will die Kleider bringen laſſen,“ ſprach der Marquis de la Torra.„Ich ſehe, daß es ein gutes Werk u iſt.“ „Bemühen Sie ſich nicht, Herr Marquis,“ ſagte d der Kaufmann;„ich gehe ſelbſt in Ihr Zimmer.“ ſu und er entſernte ſich.— . — ſar 1 . XXXVII. ein wo Wie, ohne ſo edel zu ſein, als Herr von Gram⸗ 2u mont, Hanniere die Ehre hatte, dieſelbe Partie zu machen, wie er. dar 1 die Alle dieſe Artigkeiten gaben Bannidre den höchſten his Begriff von der Stellung des Herrn Marquis. fal Macht ſich ein reicher Kaufmann ſo zum Gefälli⸗ au gen eines Kapitäns, dachte er bei ſich, ſo muß dieſer du Kapitän ein Millionär ſein. di — Dann nebenbei, aus Zerſtreuung, denn ſein Herz und ſein Geiſt liefen immer Olympia nach, lorgnirte er ſo uld. de,“ ann ollte gend e. ſeien der Werk ſagte ram- hartie ſchſten efälli⸗ dieſer Herz rte er 79 Madame Marion, um dieſer eine Höflichkeit im Aus⸗ tauſch für ihre Zuvorkommenheiten zu erweiſen. Der Kaufmann ging nur hinauf und kam wieder herab; ohne Zweifel war er vertraut im Zimmer des Marquis. Er brachte die verlangten Kleidungsſtücke. Die Jacke war allerdings von Sammet, und in die⸗ ſem Punkte hatte der Marquis de la Torra nicht gelo⸗ gen; aber von einem ſpiegelnden Sammet, deſſen Zu⸗ ſtand durchaus nicht mehr an irgend eine Friſche erin⸗ nerte. Es mußte ein Schlafrock aus der Zeit von Herrn von Noquelaure, dem Zeitgenoſſen von Tallemand des Réaur, ſein, deſſen zu ſehr abgenutzten oder durch einen Unfall zerſtörten Schöße die Amputation erlitten hatten, wodurch das urſprüngliche Kleid in eine Weſte mit Aer⸗ meln verwandelt worden war. Der Marquis ſah, daß Bannidère den Gegenſtand, der ihm geboten wurde, in ſeinen Einzelheiten unter⸗ ſuchte, und daß das Detail nicht zum Vortheil des Ge⸗ genſtandes war. „Nun, probiren Sie,“ ſagte er, um die Aufmerk⸗ ſamkeit des Liebhabers abzulenken. Bannidre probirte. Die Sache mußte, wie es Bannldre vorhergeſehen, ein wenig lächerlich ſein, denn Madame Marion, ſo wohlwollend ſie gewöhnlich gegen ihn war, konnte ſich eines ungeheuern Gelächters nicht erwehren, als ſte ihn in dieſem Kittel ſah. Es iſt nicht zu leugnen, eine Mütze, wie man ſie damals trug, eine rothe Hoſe und Stiefel bildeten mit dieſer Jacke die poſſirlichſte Vermählung. Bannidre hielt auch, während er die Jacke anprobirte, ſeinen Rock am Aermel feſt; endlich war er aber genöthigt, ihn fallen zu laſſen, und man hörte den zugleich filbernen und matten Ton einer auf der Platte aufſtoßenden, wohl geſpickten Börſe, deren metalliſches Geklirre die Dicke des Stoffes dämpfte. Da ſchauten ſich, wie von einer Feder berührt, der Marquis de la Torra und der Kaufmann mit einer Freudigkeit an, deren Bedeutung Bannidre ſicherlich be⸗ griffen hätte, wären die Unannehmlichkeit, ſich in einer ſo abgetragenen Jacke zu ſehen, und die übermäßige Länge der Aermel dieſer Jacke nicht geweſen. Madame Marion erröthete und wandte ſich gegen das erwähnte Bild an der Glasthüre um, das ſie auf's Neue betrachtete. Zuvor ſtolz, beeiferte ſich der Marquis alsbald, zu gefallen. Die Schwere der Börſe, nach dem Geräuſche berechnet, das ſie beim Fallen machte, bewies ohne Zweifel dem Marquis, daß er es nicht mit einem ge⸗ wöhnlichem Dragoner zu thun hatte. Die Sache war in der That vollkommen möglich. Bei den Dragonern, einem bevorzugten Corps, nahmen viele jnnge Leute von guter Herkunft Dienſte, und jeder junge Mann von guter Herkunft iſt ehrenwerth für die Kapitäne, hat er eine ſo wohl geſpickte Börſe, wie die von Bannidre zu ſein ſchien. Man ließ Bannidre, durch daſſelbe Verfahren, die Hoſe von weißem Baſin anprobiren; dann gab man ihm Pantoffeln, ſo abgenutzt als alles Uebrige, mehr als alles Uebrige. In dem Augenblick aber, wo man ſie ihm übergab, ſagte der Kapitän zum Kaufmann: „Eine Minute, eine Minute, was Teufels! Wie raſch gehen Sie zu Werke, mein Lieber! meine Jacke gut; meine Hoſe, auch gut; das ſind Gegenſtände ohne relativen Werth, und ich will dieſen jungen Mann wohl verbinden.“ Und während er ſo ſprach, ſchaute der Marquis Bannidre väterlich an.„Was aber die Pan⸗ toffeln betrifft, nein, nein, nein! Die Pantoffeln kann ich nicht geben: ſie ſind von Marion geſtickt, und ich lege einen großen Werth darauf.“ Bei dieſen Worten des Kapitäns warf Marion dem Dragoner einen ſo ſeltſamen Blick zu, daß der Dragoner, Olympia einen Moment vergeſſend, tiefer in » 81 die Pantoffeln hineinſchlüpfte und mit einem koſtbaren Lächeln ausrief: „Sie haben mir eine Secunde gehört, ſie haben keinen Werth mehr für Sie, Herr Marquis; ich appel⸗ lire an Madame ſelbſt.“ „Es iſt nicht möglich, beſſer zu ſprechen,“ rief der Seidenhändler.„Nein, Herr Marquis, nein, Frau Mar⸗ quiſe, Sie werden nicht die Grauſamkeit haben, dieſen wackern Edelmann dadurch zu verletzen, daß Sie ihm ſeine Pantoffeln wieder von den Füßen ziehen.... Halten Sie feſt, junger Mann, und Sie werden die Pantoffeln haben,“ fügte der Kaufmann leiſe bei. Der Marquis verbeugte ſich höflich, Marion lä⸗ chelte anmuthig, und die Pantoffeln blieben das Eigen⸗ thum von Bannlère. Um ſich eine Idee von der Meinung zu machen, die er von ſich ſelbſt hatte, mußte man Bannidre ſich mit dieſem ſeltſamen Coſtume bekleidet in dem kleinen zerſprungenen Spiegel der Wirthsſtube beſchauen ſehen. Von allen mehr oder minder ſeltſamen Coſtumen, welche Bannidre nach einander angezogen, hatte in der That keines ſeine natürliche Grazie ſo ſchlecht bedient. Er ſeußzte auch viel. Der Marquis beurtheilte die Sachlage als ein vollendeter Politiker und beeilte ſich, ihn durch folgende Worte zu tröſten: „Ja, ich begreife, mein ſchoͤner Soldat, Sie finden ſich ein wenig geopfert unter dieſer Kleidung; doch glauben Sie mir, die militäriſche Tracht iſt zuweilen läſtig. Wir haben ſehr viele Officiere im Can⸗ ton; Einige von dieſen Officieren ſind über die Maßen neugierig. Wenn es Einem von dieſen Officieren ein⸗ ele, Ihre Papiere unterſuchen zu wollen, und Ihre apiere waͤren nicht in Ordnung... hm! das gäbe eine ſchöne Geſchichte mit Ihrer Dragoner⸗Uniform! Wahrlich! Sie wären viel ruhiger unter meiner abge⸗ tragenen Sammetjacke!“ Olympia von Clsves. II. 6 Das war im Grunde die Anſicht von Bannière. Die naive Art, wie er in das Garn ging, das heißt, das Stillſchweigen, das er bei dieſer Bemerkung des Marquis zu beobachten für zuträglich hielt, überzeugte die zwei Fremden völlig von dem Dienſte, den ſie die⸗ ſem auf den Landſtraßen umherirrenden Dragoner geleiſtet hatten. Sie betrachteten ihn daher fortan als ihr Eigen⸗ thum, und als mittlerweile die Suppe aufgetragen wurde, ließen ſie ihn neben ſich zu Tiſche ſitzen. Neben ſich iſt nicht ganz genau, denn die Frau Marquiſe de la Torra wurde auf die linke Seite der von ihr geſtickten Pantoffeln geſetzt. Bannidre hatte Hunger, das Mittageſſen war ſchmack⸗ haft; das gaſtronomiſche Quartett widmete die erſten Augenblicke der Würdigung der Gerichte und Weine. Bannidre, der ſich Anfangs. des Coſtume ſchämte, mit dem man ihn aufgeputzt hatte, ermannte ſich ſtellen⸗ weiſe und brachte geiſtreiche Worte vermiſcht mit Seuf⸗ zern an. Die geiſtreichen Worte waren für Marion; die Seufzer waren für Olympia. Doch man weiß, Bannidre war zu ſehr verliebt, um beſtändig Geiſt zu haben. Wenn ſich ſeine Augen auf die Marquiſe hefteten, dn eine eigenthümliche Wirkung in ihm vor: die rinnerungen an Olympia gemiſcht mit den Erinne⸗ rungen an die Catalane kehrten in Menge in ihm zu⸗ rück,— Erinnerungen der Liebe, Erinnerungen des Haſſes, roſige Wolken, düſtere Wolken. Durch eine ſeltſame Combinatlon des Zufalls hatte die Marquiſe Marion in der That die Lippen der Ca⸗ talane und die Haare von Olympia. Daraus ging her⸗ vor, daß durch vieles Anſchauen der Marquiſe der arme Bannidre ſich mit vergangenen Chimären anſchwellte, was die unwürdigſte Nahrung für die Geiſter, welche 8³ ſich wohl befinden, und um ſo mehr für die krankhaften Geiſter iſt. Dieſe chimäriſchen Gedanken verhinderten ihn An⸗ fangs, zu bemerken, wie ſehr er durch einen Fuß des Tiſches beengt war, durch einen hartnäckigen Fuß, der ſich immer durch ſein Reiben widerſetzte, wenn er von ſeinen Pantoffeln Gebrauch machen wollte. Er beſchloß, zwiſchen ſeine Füße dieſen unglücklichen Fuß zu nehmen, und, ſonderbares Erſtaunen! er fühlte, daß dieſer Fuß, den er, ehe man das Tiſchtuch gelegt, für viereckig ge⸗ halten, rund war, und daß er zwiſchen ſeinen Knocheln entſchlüpfte, wie ein Häschen, das aus ſeinem Lager ſpringt. Ganz erſtaunt, bemerkte Bannidre an der Roͤthe der Marquiſe, daß dieſer Fuß nichts Anderes war, als der der Marquiſe Marion. Bannidre war nicht mehr geneigt, geckenhaft zu ſein,— das iſt ein Fehler, den man verliert, wenn man die Liebe gewinnt,— er wollte lieber,— über⸗ dies war dies eher gethan,— glauben, die junge Dame habe es gemacht wie er und einen Fuß von lebendigem Fleiſch fuͤr einen Fuß von todtem Holze gehalten. Er beeilte ſich daher, ſich anmuthig gegen Marion unter vielen Entſchuldigungen zu verbeugen, und Marion, ſagen wir es zu ihrem Lobe, erröthete nur um ſo ſtärker. Das Mittagsbrod endigte heiter auf Seiten des Marquis und des Kaufmanns mit den grau⸗blauen Strümpfen, für welche das, was unter dem Tiſche vor⸗ gegangen war, nichts Zweideutiges gehabt hatte. Der Fuß von Marion hatte Bannidre an den von Olympia erinnert. Bei dieſer Erinnerung hatte der arme Wahnfinnige Alles vergeſſen, was nicht dieſe Erinnerung ſelbſt war, die Marquiſe und ſeine Irrungen, und ſeine zwei Tiſchgenoſſen; er hatte den Wein getrunken und den Wein vergeſſen; er hatte ſeinen Dragonerrock ver⸗ kauft und nicht nur den Nock vergeſſen, ſondern auch die Werbung, die ihm dieſen Rock auf den Rücken ge⸗ bracht. Ueber dem geröoͤtheten Tiſchtuche, unter den an⸗ gezündeten Wachskerzen, ſchwebte ein reizendes Phan⸗ tom, das ſich zuweilen in den dunkeln Ecken des Zim⸗ mers verlor, dann unverſehens wieder erſchien und Alles zu einem geheimnißvollen Leben anfachte. Im Feuer, im Wein, in der Liebe, in der Zukunft ſah Bannidre nur Olympia. Er wurde ſeiner Träumerei durch einen ſchweren Seufzer der Marquiſe Marion entzogen. Doch er verſank beinahe im Augenblick wieder darein. 2 Dann durch einen Ausruf des Marquis: „Gottes Blut! unſer junger Mann hat keine Stie⸗ fel mehr!“ „Nein,“ verſetzte der Kaufmann,„da er ſie gegen Ihre Pantoffeln vertauſcht hat.“ „Dann wird er nicht mehr reiten können.“ „Das iſt auch wahr,“ ſagte der Kaufmann. „Das iſt wahr,“ ſprach Bannidre. „Keine Stiefel mehr, das iſt wahr,“ bemerkte die Marquiſe,„doch Mittel, um zu kaufen.“ Und ſie ſchoß an die Adreſſe von Bannidre einen Blick ab, der unter Weges blieb oder, wenn er ankam, nicht mit ſeiner wahren Bedeutung aufgenommen wurde. „Ohl dem Herrn Dragoner, davon bin ich feſt über⸗ zeugt,“ ſagte der Marquis mit demſelben Blicke, der Bannidre ſchon einmal beſtimmt hatte,„dem Herrn Dra⸗ goner liegt nicht mehr an ſeinem Pferde, als an ſeiner Uniform.“ Bannière bebte. „Er hat ſehr Recht,“ fügte der Marquis mit einem ausdrucksvollen Tone bei. „Leider iſt das Pferd reh,“ ſagte der Kaufmann, „ich hätte mich dazu bequemt. Es hat in der That Anſehen.“ „Gut!“ ſprach Bannière,„kaufen Sie es immer⸗ 8⁵ hin, und mit ein wenig Sorgfalt werden Sie es wie⸗ derherſtellen, dafür bürge ich Ihnen.“ „Unmoͤglich!“ „Warum?“ „Iſt es nicht überdies mit dem Zeichen des Regi⸗ ments oder der Lilie des Königs marquirt?“ „Es iſt mit der Lilie des Königs marquirt, wie jedes ausgemuſterte Pferd.“ „Ah! Sie geſtehen, daß es ein ausgemuſtertes Pferd iſt!“ „Bah!“ verſetzte Bannidre,„was macht die Mar⸗ que? Man ſieht die Marque nicht, wenn man es auf eine gewiſſe Art equipirt.“ „Wohll equipiren Sie es ſo, junger Mann. Für mich, begreifen Sie, iſt eine Marque ein Tadel; ſprechen wir übrigens nicht mehr von einem rehen Pferde... nein! nein!“ „Ich wäre indeſſen hinſichtlich des Preiſes leicht zu befriedigen geweſen,“ ſagte Bannière unkluger Weiſe. „So wenig theuer Sie es verkaufen mögen, ſo wird es immer noch zu theuer ſein,“ erwiederte der Kaufmann. „Eine Sache, welche zu nichts nützt, iſt immer zu theuer,“ ſprach ſentenziös der Marquis. „Aber, Kapitain!“ 1„Mecen 26 es, wie 3* wollen,“ ſagte der Mar⸗ quis,„laſſen Sie mich aber ſchlafen: i alle vor Schlaf um.“ 1 zlaſ ih ſ Und er machte es ſich bequem in einem Lehnſtuhle beim Kamin, wobei er darauf bedacht war, Bannière und Marion den Rücken zuzuwenden. Jünf Minuten nachher ſchnarchte der Herr Mar⸗ quis de la Torra wie ein Herzog. XXXVIII. Wer geſpielt hat, wird ſpielen. Dieſe unerwartete Schlaftrunkenheit war Bannière ſehr ärgerlich. Es lag ihm viel daran, ſein Pferd an⸗ zubringen, und ſollte er es nicht vortheilhafter anbrin⸗ gen, als dies bei ſeiner Uniform der Fall geweſen war. Der Kaufmann ſchien auch ſehr ärgerlich. „Hal“ rief er,„Der Herr Marquis iſt eingeſchlafen, ohne mir meine Revanche zu geben.“ „Welche Revanche?“ fragte Bannidre. „Ohl nichts, Revanche von einer Partie Piquet, was wir beinahe alle Abende ſeit unſerer Reiſe ſpielen.“ „Der Herr ſpielt nicht,“ ſagte raſch Marion, welche ſich Bannisre immer angenehmer zu machen ſuchte und zu dieſem Ende die Schlaftrunkenheit des Kapitäns benützte. Die Worte:„Der Herr ſpielt nicht,“ klangen in den Ohren von Bonnidre wie ein Echo von geſchüttel⸗ tem Gold, von umgeworfenen Stößen Silber, von Wür⸗ feln, die auf den Tiſch fallen, von einer Kugel, die ſich in einer Roulette dreht. „Selten, Madame,“ antwortete der Dragoner ſtammelnd. „Selten iſt nicht nie,“ ſprach der Kaufmann,„und dann iſt ein Unterſchied im Spielen: ſpielen, um ſich zu unterhalten, heißt nicht ſpielen.“ „Allerdings,“ erwiederte Bannidre. „Hören Sie,“ ſagte der Kaufmann, die Stimme dämpfend, als wäre er den Marquis nicht aufzuwecken bemüht,„hören Sie, Ihr unglückliches Pferd iſt keine fünf Piſtolen werth!“ „Hol ho!“ machte Bannlsre. 87 „Nein, es iſt nicht ſo viel werth. Nun, ich ſpiele mit Ihnen darum, gegen... gegen was?“ Und der Kaufmann ſchaute umher, als ſuchte er, gegen was er um das Pferd von Bannidre ſpielen ſollte. Der Marquis hörte auf zu ſchnarchen, öffnete die Augen und rief in der Secunde, wo Bannière antwor⸗ ten wollte: „Wer ſpricht vom Spielen? wieder dieſer ver⸗ dammte Kaufmann. Welch ein ſchlimmer Gaſt! Die⸗ ſer Teufelsmenſch iſt das eingefleiſchte Spiel!“ Der Kaufmann, der in der That ein ſtarker Spie⸗ ler zu ſein ſchien, verſuchte es, zu ſtreiten. „Aber, Herr Marquis...“ ſagte er. „Gottes Blut! laſſen Sie uns in Ruhe! Wie, dieſer Junge hat vielleicht nicht genug mit ſeinem Gelde, mit ſeinem armſeligen Gelde, und Sie wollen ihm noch davon abnehmen! Oh! das iſt eine Schande! Man ſieht wohl, daß Sie vom Bürgerſtande ſind, mein Lieber. Laſſen Sie ihn ſeines Weges gehen, und wenn er Gold hat, ſo ſoll er es behalten. Das Gold wächſt nicht zwiſchen den Pflaſterſteinen.“ „Aber Herr Kapitän,“ wiederholte der Kaufmann. „Schweigen Sie!“ entgegnete ungeſchlacht der Marquis;„was Sie da machen, iſt häßlich. Glauben Sie denn, Jedermann ſchöpfe aus einem Fonds von hundert tauſend Piſtolen?“ „Ohl der Herr Marquis übertreibt!“ erwiederte ſich verbeugend der Mann mit den grau⸗ blauen Strümpfen. „CEi nein! ich übertreibe nicht, Sie haben ſo viel; mögen Sie es nun in Thalern, oder in Stoffen haben, Sie haben es immerhin. Man ſoll nicht immer ſo ſpielen. Am Ende würde er mich noch zum Spieler machen, mich, der ich die Würfel haſſe und die Karten nicht riechen kann.“ Ohne auf die Blicke des Verſtändniſſes Acht zu geben, welche ihm Madame Marion zuſchleuderte, legte Bannière, Fürſprache für den guten Kaufmann ein, den der Verweis ganz roth gemacht hatte. „Ich betheuere Ihnen, Herr Kapitän, daß dieſer ehrliche Bürger, den Sie mißhandeln, mir keine Ge⸗ walt angethan hat,“ ſagte er.’ „Doch! doch! er wollte Sie zwingen, zu ſpielen; was Teufels! er ſprach von Ihrem Pferde! mich dünkt, ich habe es wohl gehört.“ Der Kaufmann ſchien ſich gegen die Autoritat des Marquis zu empören. „Und wenn ich davon geſprochen hätte,“ ſagte er mit einer gewiſſen Feſtigkeit, welche Bannidre edel fand, „ſollte man nicht glauben, man ſei deshalb laſterhaft?“ „Spielen Sie denn nie, Sie, Herr Marquis?“ „Doch, alle Teufel! ich ſpiele, und ich will ſogar ſpielen, aber um zu verlieren. Erfahren Sie, mein Herr, daß ich, glaubte ich zu gewinnen, nie ſpielen würde. Ich denke, Sie werden, ſo reich Sie auch ſind, Ihr Vermögen nicht mit dem meinigen vergleichen. Sollte ich ein Jahr unaufhörlich ſpielen und jeden Tag zehn tauſend Livres verlieren, ſo wäre mein Gut la Torra am Ende des Jahres nicht minder rund.“ „Was für zartfühlende Perſonen!“ ſagte Ban⸗ nisre zu ſich ſelbſt. „Man weiß es, mein Gott! man weiß es,“ rief der Kaufmann,„doch ſobald ich nichts von Ihnen auf Ihr Gut entlehne...“ „Ei!“ fuhr der Marquls fort,„da Sie ſich in dieſem Tone gegen mich benehmen, ſo will ich Ihnen etwas zeigen! Ah! Du willſt ſpielen, Burſche: ah! Du willſt Deine Thaler ſetzen, Gevatter. Gut, es ſei! ſetze Sie auf den Teppich, Deine Thaler, laß ſie den Tag ſehen; ſie ſterben vor Begierde, Luft zu ſchöpfen.“ „Aber, Herr Marquis,“ ſagte der Kaufmann, deſ⸗ ſen Geſicht eine lebhafte Unruhe auszudrücken anfing, ein um 89 „Rich bin kein Wüthender, wie Sie glauben; ich ſpiele ohne Leidenſchaft.“ „Und ich! rief der Marquis,„ſehen Sie doch, ob ich mich ängſtige! bin ich ruhig oder nicht? Ich ſchlief, da iſt ein junger Mann, der es beſtätigen kann. Sie haben mich aufgeweckt, mein Lieber; nun denn!l ich will heute Abend hundert tauſend Thaler verlieren oder Sie zu Grunde richten; ſteht das Ihnen an?“ „Wahrhaftig, Sie erſchrecken mich, Herr Marquis.“ „Auf, auf, Herr Spieler!“ „Es iſt kein Spiel, was Sie mir anbieten, ſondern ein Duell.“ „Wie viel haben Sie?“ „Bei mir 2 „Bei ſich oder im Portefeuille.“ „Aber, Herr Marquis...“ „Vorwärts!“ „Was?“ „Auf den Tiſch, auf den Tiſch, geſchwinde!“ „Aber, Kapitän..“ „Ah! er weicht zurück. Ja, ich begreife, muthig, wenn er es mit der armſeligen Börſe unſeres kleinen Dragoners zu thun hat, weicht mein Kompan zurück, da es ſich darum handelt, der Kaſſe von la Torra Stand zu halten. Laſſen Sie ſehen, haben Sie Herz? Ja? Wohlan, heraus mit den großen Thalern und den Louis d'or, und mit den Kaſſenbillets, wenn weder große Thaler, noch Louis d'or mehr vorhanden ſind; ein Schafskopf, wer hierauf verzichtet.“ „Gut alſo, da Sie es wollen,“ ſagte der Kauf⸗ mann. „Ob ich es will? ich glaube wohl.“ „Durchaus?“ „Durchaus.“ Hier wandte ſich der Kaufmann gegen Bannière um und murmelte: „Dieſer Teufelsmenſch hat das Herz eines Königs. 4 Beklagen Sie mich, Dragoner, ich bin ein ruinirter Mann.“ Und mit einem Seufzer nahm der Kaufmann Platz. In einem Augenblick war das Spiel gemacht. Der Marquis legte Kaſſenbillets in einem Haufen aus, der einen Bereicherten vom Miſſiiſſipi zittern zu machen im Stande geweſen wäre. Der Kaufmann aber, welcher zwanzigmal in ſeiner Taſche ſtörte und einen nach dem andern herauszog, pon⸗ tirte beſcheiden etwa fünfzehn Louis d'or, welche unter bleichen Silberthalern funkelten. Bannidre fühlte beim Anblick der Louis d'or und den Kaſſenbillets im Grunde ſeiner Seele alle Spieler⸗ inſtincte erwachen, während ſeine Hand krampfhaft in ſeiner Taſche die fünfzig bis ſechzig Louis d'or, die ihm blieben, marterte; das Kinn in der Hand, das Auge glühend, die Lippen zuſammengepreßt, ſtützte er ſich ſo⸗ dann mit den Ellenbogen auf den Tiſch und ſchaute zu. Die Marquiſe Marion aber ſtützte ſich, indeß ſie Zuckerwerk knaupelte, halb auf einen Lehnſtuhl, halb auf die Schulter von Bannidre. Nur war es offenbar, daß die Gemüthsbewegung von Bannidre nicht bis zu ihr aufſtieg. Sie mußte an dieſes Schauſpiel gewöhnt ſein. Die Coups folgten ſich wüthend; die Partie glich, wie es der Kaufmann geſagt hatte, nicht einem Spiele, ſondern einem Kampfe!. Der Marquis war Anfangs im Vortheil und ver⸗ ſpottete ſehr angenehm ſeinen Gegner. Alle Louis d'or des Kaufmanns machten, einen ausgenommen, Bekanntſchaft mit den Kaſſenbillets des Marquis. Doch bei dieſem letzten Louis d'or wandte ſich das Glück und der Kaufmann fing an zu gewinnen, aber dergeſtalt und mit einer ſolchen Heftigkeit, daß nun der Haufen Billets wie Butter ſchmolz und nach und nach zur Rechten des Kaufmanns wanderte. nirter Platz. aufen en zu ſeiner pon⸗ unter und ieler⸗ ft in ihm Auge h ſo⸗ ee zu. indeß halb egung te an glich, piele, ver⸗ einen s des ) das aber nun und 91 Bannidre verharrte in Bewunderung. Man konnte unmöglich mit mehr Anmuth und Leichtigkeit verlieren, als der edle Marquis. Obgleich nur einfacher Zuſchauer, fühlte Bannisre den Schweiß von ſeiner Stirne fließen. Iſt man wahr⸗ haft Spieler, ſo hat man nicht nöthig, zu ſpielen, um Eenützstauegungen zu erleiden: es genügt, ſpielen zu ehen. Die vom Haufen der Billets verſchwundenen Summen mußten ungeheuer ſein. Der arme Kaufmann ſah immer mehr verlegen aus. Er ſchämte ſich ſeines Glückes. Es war ein wahrer Sturm von Größe auf der einen Seite, von Ehrlichkeit auf der andern. Bannidre hatte Thränen in den Augen. Er fühlte ſich unfähig, ſo zu gewinnen oder zu verlieren. „Ah! mein Herr,“ ſagte der Kaufmann,„ahl Herr Marquis, ich bitte Sie inſtändig, laſſen Sie uns inhalten. Sie ſind im Unglück.“ „Gut!“ erwiederte der Kapitän,„wegen fünfzig tauſend Livres vielleicht; das iſt wohl der Rede werth! Fahren wir fort!“ „Frau Marquiſe,“ rief der Kaufmann, die Hände faltend,„flehen Sie den Herrn Kapitän an, daß er aufhört.“ „Bah! meine Frau wird zwei Diamanten weniger in dem Schmuckkäſichen haben, das ich ihr an ihrem Namenstage zu geben gedenke, und ſie wird darum ihrem Manne kein ſchlimmeres Geſicht machen; nicht wahr, Marion?“ Die Marquiſe zuckte die Achſeln. „Mein Glück iſt allerdings erſtaunlich, nicht wahr, Dragoner?“ ſagte der Kaufmann. „ In der That, erſtaunlich,“ erwiederte Bannisre, „ich habe nichts Aehnliches geſehen. Der Herr Mar⸗ quis könnte heute Abend Alles verlieren, was er beſitzt.“ Bannidre hatte kaum dieſe Worte geſprochen, als 92² eine Combination von Aſſen dem Marquis abermals zehn tauſend Livres raubte. „Ohl das iſt zu ſtark!“ rief der Kaufmann;„ich verzichte auf das Spiel, ich würde zu viel gewinnen.“ Und er warf die Karten weg, als wäre er ſeines Glückes überdrüſſig. „Ohl mein Lieber,“ ſagte der Marquis,„einen letzten Coup von zehn tauſend Livres.“ „Ahl Herr Marquis, bedenken Sie.“ „Was?“ „Bedenken Sie, daß Sie im Unglück ſind, und daß dieſe zehn tauſend Livres verlieren werden.“ „Nein; ich habe eine Idee.“ „Welche?“ „Bei dieſem Coup werde ich wieder zu meinem Gelde kommen.“ Der Kaufmann ſchüttelte den Kopf. „Auf, auf, einen letzten Coup!“ ſagte Bannidre, lebhaft intereſſirt. „Es ſei, da Sie es wollen,“ ſprach der Kauf⸗ mann.„Doch wie werden wir um dieſe zehn tauſend Livres ſpielen?“ „In einer Tour, auf den ſchönſten Rummel.“ „Gehalten.“ Man machte das Spiel. Der Marquis hatte ſechs Karten in Carreau, doch der Kaufmann hatte ſieben in Herz. Er ſtrich die zehn tauſend Livres ein; dann ſtand er auf und ſagte: „Wahrhaftig, Herr Marquis, ich bin ganz verle⸗ gen, und ich hoffe, Sie werden ſich erinnern, daß Sie mich zu ſpielen gezwungen haben.“ „Gut, gut,“ erwiederte lächelnd der Marquis „von zwei Männern, welche gegen einander ſpielen, muß durchaus immer Einer verlieren. Nur bitte ich Sie um das ſchöne Damaſtkleid, das Sie für die Prin⸗ Si 8 einem nière, Kauf⸗ uſend 93 zeſſin von Beautremont beſtimmt hatten; geben Sie es meiner Frau.“ „Cil Madame, dieſes und noch zwei andere, wenn ſte Ihnen angenehm ſind.“ Bannière wiſchte ſich mit ſeinem Taſchentuch die Stirne ab. „Nie habe ich eine ſolche Partie und ſolche Spieler geſehen,“ ſprach er laut. „Wie traurig iſt das!“ rief der Marquis philoſo⸗ phiſch, die Augen zum Himmel aufſchlagend,„und wie blind iſt das Glück! Ich laſſe ſechzig tauſend Livres einen Millionär gewinnen, während ich vor mir einen jungen Herrn habe, den das Drittel dieſer Summe vielleicht glücklich machen würde.“ „Ohl zwanzig tauſend Livres! Ja, zwanzig tauſend Livres würden mich ſehr glücklich machen,“ murmelte Bannidre, bedenkend, er würde von dieſen zwanzig tau⸗ ſend Livres fünfzehn ausgeben, um Olympia wieder aufzufinden, und es müßte ſehr unglücklich gehen, wenn er ſie mit dieſen fünfzehn tauſend Livres nicht fände. „Und was brauchte es hiezu?“ fuhr la Torra fort, der ſich in ſeine immer mehr philoſophiſchen Träume vertiefte;„was brauchte es? Daß der Herr,“ und er deutete auf Bannidre,„daß der Herr da ſaß, wo dieſer Dummkopf von einem Kaufmann iſt, und daß dieſer Dummkopf von einem Kaufmann ſaß, wo der Herr iſt.“ „Ahl was wollen Sie, Herr Marquis? das iſt das Geſchick,“ ſagte der Gewinnende, „Nein, das Glück. An Ihrem Platze hätte der Dragoner vielleicht nicht gewonnen.“ „Doch,“ entgegnete der Kaufmann mit Ueber⸗ zeugung. „Bahl und warum?“ fragte Bannidre. „Mein Herr, weil das Glück dem Platze gehört und nicht dem Spieler,“ antwortete ſentenziös der Mann mit den grau⸗blauen Strümpfen.. „Glauben Sie?“ verſetzte Bannidre. 94 „Er hat Recht,“ ſagte der Kapitän,„er hat bei meiner Treue Recht.“ „Sie treten alſo der Anſicht des Herrn bei?“ fragte Bannidre. „Ohl vollkommen; ich bin nicht halsſtarrig.“ „Setzen Sie ſich alſo ein wenig hierher, Herr Dragoner,“ ſagte der Kaufmann, indem er Bannidre an ſeinen Platz ſchob,„und verſuchen Sie es.“ „Ohl bei meiner Treue! nein!“ rief der Mar⸗ quis;„genug des Spieles! meine Hände ſind krank vom Bewegen der Karten.“ „Vorwärts!“ rief der Kaufmann. „Nein, die Chancen würden nicht fortdauern; ſie folgen dem Gelde auf dem Teppich und nicht der Idee des Spielers in ſeinem Gehirne.“ „Nun!“ ſagte Bannidre,„man kann es mit eini⸗ gen Thalern verſuchen.“ „Mit einem einzigen Thaler, aus Neugierde, gut,“ ſprach der Marquis. „Unmöglich,“ entgegnete Bannière mit ſeinem ari⸗ ſtokratiſchſten Tone. „Und warum?“ „Weil ich nur Gold habe.“ „Gut!“ ſprach gleichgültig der Marquis;„risqui⸗ ren Sie einen Louis d'or, da Sie es durchaus wollen.“ Und er ſetzte ſich wieder mit einer gewiſſen Nach⸗ läßigkeit und miſchte die Karten, wie ein Mann, der gar nicht gewohnt iſt, ſich die Mühe zu geben, die er ſich wegen eines ſo kleinen Spieles gab. Bannidre hob ab, der Marquis gab die Karten. Bannidre nahm ſein Spiel auf. Es fanden ſich darin drei Aſſe, drei Köͤnige, drei Damen und ein Rummel von ſechs Knoten. Bannidre warf zwei Damen und einen König weg⸗ denn er war in der Hinterhand. Er hob ein Aß und die zwei letzten Karten ſeines Rummels auf. t bei hi?“ Herr inidre Mar⸗ k vom der gar er ſich arten. , drei g weg⸗ ſeines 95⁵ Er legte ſein Spiel auf und hatte gewonnen. Der Marquis warf ihm einen Louis d'or zu, indem er ſich vor Lachen krümmte. „Ah! das iſt unendlich intereſſant,“ ſagte der Mar⸗ quis,„fahren Sie doch fort.“ Man fing wieder an. Bannidre gewann abermals. Man machte eine dritte Partie. Bannidre gewann immer. Da ſchlug der Kaufmann vor, zu verdoppeln, um zu ſehen, welche Summe Bannisre mit einem ſolchen Gluͤcke gewinnen könne. Der Dämon des Spiels war in ihm und brüllte in der Tiefe ſeines Herzens: „Gold! Gold!] Gold!“ Er nahm den Vorſchlag an. In einer halben Stunde gewann er zweitauſend Louis d'or in Kaſſen⸗ billets. Da wandte ſich die Chance. Ohne Zweiſel war das Glück erſchöpft. Bannidre fing an zu verlieren und war darüber entzückt. Wie der Kaufmann, ſchämte er ſich ſeines Glücks. Doch er fuhr fort, mit einem ſolchen Unglück zu verlieren, daß ſein Entzücken aufhörte. Bannldre hatte indeſſen nur das verloren, was er gewonnen; er konnte die gemachten Partien als einen Verſuch betrachten, hiebei ſtehen bleiben und ſeine Louis d'or nicht angreifen. Bannidre war ein ächter Spieler: er hatte dieſen Muth nicht. Er griff ſeine Louis d'or an. Sobald ſte angegriffen waren, deſilirten die Louis Dor zu zwei und zwei, zu vier und vier, zu ſechs und ſechs. Bannidre hatte ſechzig Louis d'or: das war im Ganzen die Sache von einer halben Stunde. Sechzig Louis d'or, das heißt mehr, als er brauchte, um nach Paris zu gehen und Olympia aufzuſuchen. — 96 Kalt und ohne ein ſichtbares Vergnügen, verbeugte ſich nun der Marquis und ſteckte die ſechzig Louis d'or von Bannidte ein. Bannlère wollte zwei Louis d'or entlehnen, um das Glück wiederzuerringen. Zwei Louis d'or, das war ſehr wenig für einen ſo reichen Marquis. Doch zu ſeinem großen Erſtaunen ſchüttelte der Kapitän den Kopf und ſagte: „Mein Grundſatz, ein Grundſatz, von dem ich nie abgehen werde, in Betracht, daß er auf der Moral be⸗ ruht, iſt, die Jugend nicht dazu zu ermuthigen, daß ſie ſich ruinirt. Bleiben wir alſo hiebei, wenn es Ihnen beliebt, mein Herr Dragoner.“ Bannldre war wohl ein wenig verblüfft, aber bei dem Worte Moral mußte er anerkennen, daß der Mar⸗ quis über ihm erhaben, der Marquis, der ohne ſein Geſicht zu verändern, ſechzig tauſend Livres verloren hatte. Er ließ alſo den Kopf hängen wie ein Schüler. Da neigte ſich der Kaufmann freundſchaftlich zu ihm und ſprach: „Auf, junger Mann, es bleibt Ihnen das Pferd. Was Teufels! laſſen Sie den Marquis Ihr Gold wieder herausgeben. Das Pferd gegen zehn Piſtolen.“ „Wie?“ verſetzte de la Torra. „Ich ſage, das Pferd gegen zehn Piſtolen,“ wieder⸗ holte der Kaufmann. Dann flüſterte er Bannidre zu: „Bei Gott! wenn Sie verlieren, verlieren Sie nicht viel.“ Es war am Marquis, die Karten zu miſchen. Er hatte in ſeinem Spiele beim letzten Coup gerade bae was Bannidre beim erſten in dem ſeinigen gehab atte. Das war außerordentlich. So viel Zähigkeit im Gewinnen ſetzte Bannidre, der unwillkürlich duͤſter zu werden anfing, in Erſtaunen, ugte d'or das ſehr der h nie l be⸗ aß ſie Ihnen er bei Mar⸗ e ſein rloren chüler. ich zu Pferd. wieder vieder⸗ en Sie en. G erade gehabt unnière, ſtaunen. 97 Es blieb ihm nicht einmal mehr etwas, um ſeine Rechnung dem Wirthe zu bezahlen. Er äußerte dies lachend. Allerdings lachte er mit dem Ende der Lippen. Doch ſtatt als vornehmer Mann zu handeln und ihm ſeine Dienſte anzubieten, pirouettirte der Marquis, zur großen Verwunderung von Bannidre, auf dem Ab⸗ ſatz und eilte nach der Thüre. Der Kaufmann war ſchon verſchwunden. Bannidre war vernichtet; der Gedanke, daß er jedes Mittel verloren, Olympia einzuholen und wiederzu⸗ bekommen, entriß ſeinem Buſen einen Seufzer und ſeinen Augen zwei große Thränen. Marion war im Begriff, hinter dem Marquis de la Torra aus dem Zimmer wegzugehen. Sie wandte ſich um, als ſie den Seufzer höͤrte, und ſah die zwei großen Thränen. Und ſie war offenbar gerührt, denn ſie hob ihren roſigen Finger bis zu ihren Lippen empor und blinzelte mit den Augen auf eine bezeichnende Art gegen Bannidre. Bannidre verſtand, daß dies beſagen wollte:„War⸗ ten Sie,“ und folglich:„Hoffen Sie.“ Er hoffte nicht viel, doch er wartete. Es waren nicht zwanzig Minuten verlaufen, als Marion am Fenſter des Erdgeſchoßes, an deſſen Schei⸗ ben ſie mit dem Ende ihrer roſigen Nägel klopfte, wie⸗ dererſchien. Bannidre öffnete haſtig. „Mein Herr,“ ſagte ſie leiſe,„Sie ſind beſtohlen worden.“ und ſie entfloh eilig, oder ſie entflog vielmehr wie ein Vogel, ohne nur zu warten, bis Bannidre die hüb⸗ ſchen Finger geküßt, welche ſo anmuthig auf den Schei⸗ ben getrommelt hatten. Olympia von Glsves. UI, 7 98 XXXIX. Wo Banniere ſeine Revanche nimmt. Bannidre blieb einen Augenblick ohne Stimme und ohne Bewegung. Er war ganz einfach erſtaunt über das, was er vernommen. Alles war in ihm verletzt: ſeine Liebe und ſeine Eitelkeit. Nach einem Augenblick kam ihm die Sprache wieder. „Beſtohlen!“ murmelte er, während ein Schauer ſeinen ganzen Leib durchlief.„Wie! der Marquis de la Torra, Kapitän beim Regimente der Abruzzen, wie! dieſer würdige Kaufmann, ein Millionär, haben ſich ver⸗ bunden, um mich zu beſtehlen! „Unmöglich!“ Dieſe Reflexionen wurden raſch gemacht, ſo raſch, daß ſie völlig im Geiſte von Bannidre gebildet waren, als ſich Marion noch nicht Stallungen befand, und ſie war doch ſehr leicht, die anmuthige kleine Frau. in der Mitte des Hofes der Bannidre war aber auch ſehr leicht, wenn ihn eine heftige Leidenſchaft antrieb. Mit einem erſten Sprunge war er im Saale, mit einem zweiten war er im Hofe, mit dem dritten Sprunge erreichte er ſie und umfing ſie zugleich mit ſeinen beiden Armen. „Meine liebe Marion,“ flüſterte Bannidre der jun⸗ gen Frau ins Ohr,„was haben Sie mir denn ſagen. wollen, als Sie mir ſagten, ich ſei beſtohlen worden?“ „Ich wollte Ihnen ſagen, was ich Ihnen geſagt „habe, und nichts Anderes.“ „Beſtohlen!“ „Ja. Wiſſen Sie, was ein Grieche iſt?“ „Ein Grieche?“ verſetzte Bannidre erſtaunt.„Ge⸗ wiß, ich habe es in der Schule gelernt: das iſt ein Menſch, der in Griechenland geboren iſt.” ihr ar 99 „Ei nein! mein lieber Herr.“ „Was iſt es denn?“ „Die Griechen ſind gewandte Leute, welche durch ihre Geſchicklichkeit die Launen des Glückes verbeſſern.“ „Gauner alſo?“ 3 „Gauner, das iſt ſehr hart; Griechen, das iſt artiger.“ „Der Kaufmann iſt alſo ein Grieche?“ „Allerdings.“ „Der Marquis iſt alſo ein Grieche? Alſo Ihr Ge⸗ mahl, der Kapitän...“ „Eil mein Herr, er iſt nicht Kapitän; er iſt nicht mein Gemahl.“ „In jedem Falle, wenn er das nicht iſt, find Sie ein Engel.. Doch noch ein Wort, meine kleine Marion. Wie hat mich der Marquis... Ich nenne ijn Uianhnis. weil ich ihn auf irgend eine Art nennen muf... „Er hat Sie im Einverſtändniß mit dem Kaufmann beſtohlen.“ „Aber all dieſes Geld, und all dieſe Kaſſenbillets, die ſie vor mir ausgebreitet haben, das war doch wohl Geld, das waren doch wohl Kaſſenbillets?“ „Das Geld war ächt, und das war der Grund der Kaſſe unſerer vorgeblichen Millionäre; die Billets waren falſch, und hätten Sie dieſelben in der Nähe betrachtet, ſo würden Sie es leicht erkannt haben.“ Sie waren ſo weit in ihrem Geſpräche, als ein Fenſter im erſten Stocke geöffnet wurde und man die Stimme des Kapitäns rufen hörte: „Marquiſe Marion! Marquiſe Marion! Nun, wenn's beliebt, wo ſind Sie?“ „Er ruft mich, hören Sie?“ ſagte die junge Frau, „er ruft mich. Oh!l mein Herr, laſſen Sie mich los, er würde mich umbringen.“ Und ſie machte ſich frei und verſchwand in der Dunkelheit. thte ötſ 69 100 Bannidre blieb allein mitten im finſtern Hofe. Da kam ihm Alles, was er von den geſchickten Gauklern hatte ſagen hören, welche die Volte vor den Augen ihres Gegners ſchlagen, ohne daß dieſer etwas davon ſieht, ins Gedächtniß. Er erinnerte ſich, daß er während aller Partien, die er mit dem vorgeblichen Mar⸗ quis gemacht, im Spiele beinahe beſtändig eine Karte, welche länger als die anderen, geſehen, gefühlt, errathen hatte, wie man ſagen will, und daß er es beim Miſchen der Karten mehrere Male maſchinenmäßig verſucht, dieſe Karte in das Niveau, das ſie überſchritt, zurückzudrücken. Er erinnerte ſich auch, daß der edle Marquis beim Abheben dieſe Karte immer unten ließ, ſo daß ſie den Talon für den, welcher in der Vorderhand war, bildete. „Marion hat Recht, ich weiß, was ich zu wiſſen brauche,“ ſagte er.„Wohlan, Bannidre, es handelt ſich darum, ſo fein zu ſein, als dieſe Herren. Auf einen Griechen anderthalb!“ Und er fing an zu überlegen, und wenn es Tag geweſen wäre, hätte man können ſein Geſicht ſtufenweiſe ſich im Strahle der inneren Flamme, die man den Geiſt nennt, aufklären ſehen. Nach Verlauf von fünf Minuten ſchien die Phy⸗ ſiognomie von Bannidre völlig erheitert: er hatte ſeinen Entſchluß gefaßt. „Ich habe meine Sache,“ ſagte er. Und auf der Stelle langte er, indem er ſich nach dem erleuchteten Fenſter richtete, das ihm als Leucht⸗ thurm diente, bei dem falſchen Marquis de la Torra an, der mit dem falſchen Kaufmann den Kaffee zu ſich nahm, den doppelten Kaffee, mit mehr oder weniger für das Geſicht und den Geruch angenehmen Liqueurs. Marion, das arme Kind, war ganz roth und ganz athemlos zurückgekommen. Sie hielt eine kleine Anſchnauzung aus, welche Bannidre dadurch unterbrach, daß er an die Thüre klopfte. ckten den twas aß er Mar⸗ rarte, athen iſchen dieſe icken. beim 2 den ldete. viſſen undelt einen Tag weiſe Geiſt Phy⸗ ſeinen 101 „Herein!“ antwortete man ihm ohne zu großes Zögern. Bannidre trat ein. Er war roſenfarben, artig, freund⸗ lich; Alles in ſeiner Haltung offenbarte eine vollkom⸗ mene Höſflichkeit. Der Schauſpieler hatte dem Spieler wieder ein Geſicht gemacht. „Herr Marquis,“ ſagte er,„ich habe Ihnen ein kleines Geheimniß mitzutheilen.“ Der Kaufmann ſtand auf. Das war ein ſehr disereter Mann. Er wollte ſich entfernen, um Bannidre und den Marquis allein und frei zu laſſen. Bannidre errieth aber ſeine Abſicht und hielt ihn mit Dringlichkeit zurück. „Eil mein Herr, ich bitte Sie inſtändig, bleiben Sie. Sind nicht bei einem biedern Manne wie Sie alle Geheimniſſe in Sicherheit?“ Der Marquis fühlte ſich, trotz dieſer höflichen Miene, nicht ganz behaglich. „Was iſt es, mein Lieber,“ ſagte er, indem er wie⸗ der ſein vornehmes Weſen annahm,„und was wollen Sie von mir?“. „Mein Herr,“ erwiederte Bannidre,„ich weiß wohl, daß es ſchwer zu ſagen iſt, doch ich muß am Ende meinen Entſchluß faſſen.“ „Sprechen Sie, Dragoner.“ „Nun alſo, mein Herr. ℳ „Ich höre.“ „Mein Herr, ich habe nicht meinen Abſchied vom Regiment genommen: ich deſertire.“ „Eil wir vermutheten es wohl,“ erwiederte mit hartem Tone der Kapitän.„Doch nehmen Sie ſich in Acht, junger Mann, das ſind keine Geheimniſſe, denen der Marquis de la Torra, Kapitän im Regimente der Abruzzen, ſeine Billigung gewähren kann.“ „Ahl es iſt wahr, mein Herr, ich hoffe aber, daß 6 102 Sie Nachſicht mit einem armen jungen Mann haben und mir einen Dienſt leiſten werden.“ Der Marquis de la Torra glaubte, es handle ſich um die Eröffnung eines Anlehens, und nahm das Ge⸗ ſicht eines Banquier an, der ſeine Kaſſe ſchließt. Er wollte Bannidre unterbrechen, als dieſer ihn ſelbſt unterbrach. „Stille! hören Sie,“ ſagte Bannidre geheimnißvoll. Inſtinctartig näherten ſich die zwei Männer; ſie fingen an etwas Unbekanntes zu wittern. „Meine Boͤrſe,“ fuhr Bannidre ſehr leiſe fort, „meine Börſe war nicht die einzige Delle, t die ich be⸗ ſaß, als ich hierher kam. Ich hatte noch. Er ſchaute umher. „Was, was hatten Sie?“ fragten die zwei Männer. „Ich hatte noch einen großen Sack mit Silber.“ „Ah,“ machten einſtimmig der Kapitän und der Kaufmann, durch dieſe vertrauliche Mittheilung zu einem itrlichen Intereſſe zurückgeführt. Einen Sack!“ „Ja.“ „Einen großen Sack?“ „Zehn tauſend Livres enthaltend.“ „Zehn tauſend Livres!“ riefen die zwei Männer. Und ſie ſtrichen mit der Zunge über die Lippen und ſchauten ſich von der Seite an. „Was haben Sie mit dieſem koſtbaren Sack ge⸗ macht, Dragoner?“ fragte väterlich der Marquis; „ſprechen Sie.“ „Ich glaubte mich verfolgt, ungefähr eine Viertel⸗ meile von hier, als ich auf die Markung dieſes Fleckens kam, und da mein Pferd furchtbar ermüdet war und der unglückliche Sack ein zu großes Gewicht hatte, ſo warf ich ihn in einen Graben, unter Weiden, indem ich mir ganz genau die Stelle merkte, wo ich ihn ließ, um in der Nacht zurückzukommen und ihn zu holen.“ „Ho! ho!“ machten die zwei Männer. „So, daß ich nun, da es Nacht geworden iſt..“ t 103 Bannidre machte den zwei Griechen ein Zeichen des Verſtändniſſes, dieſe ſchauten ſich aber ganz erſtaunt an. Sie hatten nie eine Dummheit wie die des Drago⸗ ners geſehen, der, ſchon einmal geplündert, ſo große Eile hatte, ſich noch einmal plündern zu laſſen. „Sie begreifen nun?“ ſagte Bannidre. „Nein, nicht vollkommen,“ antwortete der Marquis. „Und wenn der Herr Marquis nicht vollkommen begreift,“ fügte der Kaufmann bei,„ſo begreifen Sie, daß ich gar nicht begreife.“ „Nun wohl, Sie werden mich begleiten.“ „Gern.“ „Mit einer Laterne.“ „Ja. Doch warum Sie begleiten?“ „Ahl einmal, weil Sie die Gegend beſſer kennen, als ich, und mir helfen werden, daß ich mich zurecht ſin⸗ den; ſodann, weil ich es bei Nacht nicht ſehr liebe, allein auszugehen; endlich, weil der Wirth, ſähe er mich bei Nacht allein aus ſeinem Gaſthauſe mit einer Laterne weggehen, ſich beunruhigen und Verdacht ſchöpfen könnte. Er hat ſchon genug darüber erſtaunt geſchie⸗ nat daß ich vom Dragoner das geworden bin, was in.“ „Gutl gut! gut!“ riefen die zwei Männer u Ihren Befehlen.“ 9 3 1 7„1 „Dann nehmen Sie einen Stock,“ ſagte Bannisre zum Kaufmann;„Sie, Herr Marquis, werden Ihren Degen nehmen; ich nehme meinen Säbel.“ „Wozu Alles dies?“ „Aus Furcht wor Räubern. Ein Sack von zehn tauſend Livres iſt wohl werth, daß man ihn vertheidigt.“ „Das in vihtia, ſpraühen die zwei Männer. „Und ich,“ fragte arion,„i erde a nichts tengen h frag ion,„ich wer lſo „Sie, Frau Marquiſe,“ erwiederte Bannidte halb galant, halb einfältig,„Sie werden die Laterne tragen und uns leuchten.“ 104 Jeder that, wie es verabredet war: Marion nahm die Laterne, der Kaufmann bewaffnete ſich mit einem Stock, der Marquis ſchnallte ſeinen Degen um, den er auf einen Schrank gelegt hatte, um den Kaffee behaglicher zu ſchlürfen, und Bannidre, der ohne Zwei⸗ fel die Scheide und die Kuppel für unnöthig hielt, nahm ſeinen Degen bloß unter den Arm. Die ganze Karavane verließ das Gaſthaus mit leichtem Fuße, das Ohr auf der Lauer und die Naſe im Winde. Unruhig, voll Bewunderung für die Kaltblütigkeit von Bannière, brennend vor Neugierde in Betreff der Entwickelung, ging Marion an der Spitze und ver⸗ ſah mit ihrer Laterne den Dienſt des Irrlichtes. Bannidre regelte den Marſch, und Bannſore ging geſchwinde; man war auch bald außer dem Flecken. Es ſchlug eilf Uhr; die Landſchaft war finſter, ein⸗ ſam und ruhig. Man ſah nur am Horizont irgend ein verſpätekes Licht, einem Sterne ähnlich, glänzen und hörte von Zeit zu Zeit in der Ferne das Gebelle eines Hofhundes. Auf der Rechten des Weges, dem man folgte, erſtreckte ſich der erwähnte Graben; er war mit Weiden beſetzt und lief auf der einen Seite längs dieſem Wege und auf der andern an einer Wieſe hin, deren weichen Teppich man beim Scheine der Laterne wie einen Smaragd grün ſchimmern ſah. Man machte ſo ungefähr eine Viertelmeile. Bannidre blieb ſtehen und ſchien ſich zu orientiren. „Es iſt hier,“ ſagte er,„Frau Marquiſe, geben Sie mir die Hand und ſpringen Sie über den Graben.“ Der Marquis de la Torra öffnete den Zirkel ſeiner großen Beine und war ſogleich auf der andern Seite. Der Kaufmann machte einen kleinen, kurzen Sprung, zu kurz,“ denn er ſiel auf die Böſchung und glitt auf dem Bauch bis in die Tiefe des Grabens. Weder der Marquis, noch Bannidre bekümmerten ſich um ihn, und er war genöthigt, ſich allein aus der Patſche zu ziehen. im arion mit um, raffee wei⸗ hielt, ganze fuße, gkeit f der ver⸗ ging ein⸗ bhein und eines n ogte, eiden Wege ichen einen iren. eben ben.“ ſeiner Seite. cung, t auf r der und ehen. 10⁵ wozu er gelangte, ohne einen andern Verluſt, als den ſeines Stockes, welcher, da er ihn beim Fallen losge⸗ laſſen hatte, vom Waſſer fortgezogen worden war. Mittlerweile war Bannidre ſtehen geblieben, und der Marquis und Marion bildeten mit ihm eine Gruppe, zu der der Kaufmann, ganz triefend vom Gür⸗ tel bis zur Fußſohle, hinzukam. „Nun?“ fragte der Marquis, als die Gruppe vollſtändig war. „Nun?“ verſetzte Bannidre. „Wo iſt denn das, was wir ſuchen?“ ſagte der Marquis. „Das, was wir ſuchen?“ „Ja, das, was Sie verloren haben?“ „Was ich verloren habe, iſt da,“ erwiederte Ban⸗ nidre,„da, in Ihrer Taſche, und Sie werden es mir auf der Stelle zurückgeben.“ „Wie beliebt?“ rief der Marquis erſtaunt. „Ho!“ machte der Kaufmann. „Kein Geſchrei,“ fuhr Bannidre fort;„Sie ſind nicht Marquis; Sie find nicht Kapitän; Sie heißen nicht de la Torra: Sie ſind ein Grieche, ein Gauner, ein Dieb.“ „ Ich 24 „Ja, Sie. Ich habe Sie den ganzen Abend mich im Spiele betrügen ſehen.“ „Burſche!“ „Vorwärts, keine Worte; Sie haben einen Degen, ich habe einen Säbel, ziehen wir vom Leder, und zwar geſchminde, wenn Sie nicht wollen, daß ich Sie tödte, ohne daß ſie vom Leder ziehen, was mir ganz gleich⸗ gültig iſt, wenn ich Sie nur tödte.“ Der Kaufmann wollte ſeinem Gefährten zu Hülfe kommen, und in Ermangelung des ſchwimmenden Stockes, der ganz allein nach dem Dorfe ging, zog er ein Meſſer aus der Taſche; doch Bannidce ſuchtelte, und 106 ei dieſem Fuchteln verſetzte er ihm einen heftigen Schlag mit dem flachen Säbel. Der Kaufmann verlangte den Reſt ſeiner Rech⸗ nung nicht; er entfloh im Gegentheil ſtöhnend. Bleich und zitternd, ſchien der Marquis Wurzel gefaßt zu haben; er dachte nicht einmal daran, ſeinen Degen zu ziehen. „Auf, auf,“ rief Bannidre,„ergeben wir uns. Da wir uns nicht ſchlagen, ſo leeren wir die Taſchen.“ Marion wohnte, ganz erſchrocken und zugleich ganz entzückt, dieſem Siege des Dragoners über den Kapitän bei; ſie lächelte, ſie ſchrie, ſie ſtampfte. Es iſt unglaublich, wie ſehr die Frau immer den Mann, den ſte vom vorhergehenden Tage kennt, dem Manne, den ſie ſeit langer Zeit kennt, vorzieht. Will dies beſagen, daß die Frau veränderlich ſel, oder daß der Mann bei längerer Bekanntſchaft nicht gewinne? Auf das Aeußerſte gebracht durch die Schmähun⸗ gen von Bannière und das Geſchrei von Marion, nahm der Kapitän endlich den Degen in die Hand. Doch dieſe zitternde Hand war ſehr wenig feſt; mit der ſtarken Klinge ſeines Säbels band Bannidre das Eiſen und machte den Degen des Marquis in die Luft fliegen. Der Marquis hielt ſich für todt und fiel auf die Kniee. 3 Bannidre war aber barmherzigen Gemüths; er begnügte ſich damit, daß er den Marquis mit dem flachen Säbel durchbläute; dann ging er zur Haupt⸗ ſache, zur Unterſuchung der Taſchen, über. Er mochte jedoch die unglücklichen Taſchen immer⸗ hin um und umwenden, er fand von den ſechzig Louis d'or, um die ihn der Marquis im Spiele betro⸗ gen, mit großer Mühe nur zwei bis drei. „Ahl“ rief Marion mit Schmerz,„wenn ich ge⸗ wußt hätte, daß Sie hier ſuchten?“ ftigen Rech⸗ zurzel ſeinen . Da — gleich r den r den dem 107 „Nun?“ fragte Bannidre, während er, obwohl vergebens, den Kapitän zu durchſtören fortfuhr. „Ich hätte Ihnen geſagt, der Kaufmann habe die 4⁴ „Ahl“ rief Bannidre voll Wuth. Dann, da er ein Junge war, der raſch ſeinen Entſchluß faßte, ſagte er: „Laufen wir, laufen wir, wir werden ihn vielleicht einholen, ehe er im Wirthshauſe ankommt.“ „Ja, laufen wir,“ rief Marion, die auch ihren Entſchluß gefaßt hatte und gemeinſchaftliche Sache mit Bannidre machte;„laufen wir, wir werden ihn vielleicht einholen.“ Und Bannidre, nachdem er dem Marquis noch ein Poſtſeriptum von ein paar Hieben mit dem flachen Säbel gegeben hatte um das Maß gut zu machen, nahm wieder ſeinen Lauf nach dem Gaſthauſe. Marion hing ſich an ſeinen Arm und lief an ſeiner Seite, leicht wie Attalante. Der Marquis war ganz betäubt vor Schmerz und Scham, da er Marion in dieſem Grade glücklich und als Genoſſin eines Unbekannten ſah. Der Schrei, den er ausſtieß, glich ſehr einem Ge⸗ brülle. Er verſuchte es, den Flüchtigen nachzulaufen, aber Bannière drehte ſich um, und der Marquis blieb auf der Stelle. Als Bannidre dies ſah, machte er einen Schritt gegen den Marquis. Der Marquis gab Ferſengeld und entfloh. Bannidre ſetzte ſeinen Lauf fort; er rechnete auf die kleinen Beine des Kaufmanns, um ihn einzuholen; doch die Angſt hatte ſie ihm verlängert, und Bannidre konnte ihn nicht nur nicht wiedererwiſchen, ſondern der Flüchtling hatte ſogar, als Bannière nach dem Gaſthauſe kam, Zeit gehabt, das Haus rein zu machen. Wie Bildoquet, hatte er ſeine Kaſſe gerettet. 108 Bannidre lief in den Stall, in der Hoffnung, er habe wenigſtens das Pferd vergeſſen. Doch der Kaufmann beſaß ein gutes Gedächtniß, und trotz ſeiner Mängel und Fehler hatte er dem Thiere den Sattel auf den Rücken, den Zaum um den Hals ge⸗ legt, und war in ſtarkem Galopp weggeritten. Es blieb folglich Bannidre durchaus nichts mehr, als zwei Louisd'or und Marion. Der arme Junge gerieth in eine große Verzweif⸗ lung, als er ſich von dieſem Mißgeſchick überzeugt hatte; aber ſein Verluſt war unwiederbringlich; er durfte im Unglück nicht verzagen. Bannidre rief den Wirth und fing an ihm ſeine Geſchichte zu erzählen; eine Folge hievon war, daß ihn der Wirth auf der Stelle ſein Mittagsbrod und das der drei anderen Gäſte bezahlen ließ, eine Forderung, in welche ſich Bannière ohne viele Erörterungen fügte, da er durchaus nicht darauf bedacht war, Streitigkeiten mit den Be⸗ hörden des Ortes zu haben. Von den zwei Louis d'or blieben acht Thaler und Marion, Marion, welche unter allen Umſtänden, und wenn Bannidre Olympia vergeſſen gehabt hätte, ein genügender Troſt geweſen wäre. Bannidère hatte aber nur ein Herz für die Liebe; als er das ſchöne Kind ihn anſchauend weinen und mit gefalteten Händen flehen ſah, ſagte er weich: „Ahl meine Reizende, Sie haben es unglücklicher Weiſe mit einem an Herz und Börſe zu Grunde ge⸗ richteten Manne zu thun. Nie werde ich Ihre Freund⸗ lichkeit vergeſſen, ich werde Sie aber auch nicht dadurch beleidigen, daß ich Ihnen weniger anbiete, als Sie werth ſind. Hören Sie, ſie ſind ſchön genug, um zu wiſſen, was die Liebe iſt. Nun denn! ich liebe wahn⸗ ſinnig eine Frau, der ich nachlaufe, die mich ſchon zweimal deſertiren gemacht hat: das erſte Mal von den Jeſuiten, das zweite Mal von den Dragonern. Ich weiß wohl, daß Sie meinetwegen dieſen ſchurkiſchen ng, er ctniß, Thiere als ge⸗ mehr, rzweif⸗ rzeugt h; er ief den ählen; uf der nderen e ſich rchaus n Be⸗ er und , und „ ein Liebe; ad mit klicher de ge⸗ reund⸗. 109 Marquis und eine Lebensſtellung verlaſſen haben; viel⸗ leicht habe ich Ihnen aber, im Ganzen genommen, einen Dienſt geleiſtet; er hätte ſte eines Tags in Ge⸗ fahr geſetzt, und Sie wären gehenkt oder wenigſtens eingekerkert worden. Trennen wir uns alſo hier, wenn es Ihnen gefällig iſt, meine liebe Marion.“ Marion ſtieß einen ſchweren Seufzer aus und ſchaute Bannidre an. „Wie!“ ſagte ſie,„mitten in der Nacht, ohne Geld, ohne Zufluchtsort!“ Und ſie ſprach dieſe Worte mit einem ſo ſanften Tone, daß Bannidre davon ganz bewegt war. Er ſchaute ſie an und ſchüttelte traurig den Kopf. Er fühlte, daß ihm die Thränen in die Augen treten mußten. „Ich habe acht Thaler,“ ſagte er.„Hier find ſechs davon.“ „Aber da das Lager bezahlt iſt,“ verſetzte Marion, „warum ſollten wir nicht davon Gebrauch machen, mein Herr?0 Dieſe Frau war eine große Sirene und hatte in ihrer Stimme Klänge, welche den weiſen Ulyſſes ge⸗ rührt haben müßten, um ſo vielmehr Bannldre, der nie die Prätenſion gehabt hatte, an Weisheit mit dem König von Ithaka zu wetteifern. Und dennoch ſagt die Geſchichte nicht, Bannière habe den Rath angenommen. Marion blieb allein im Gaſthauſe. Sie verdiente ein milderes Loos, die arme Frau. Gewiſſe Frauen, wären ſie zu rechter Zeit angekommen, würden die Engel eines Lebens geweſen ſein, deſſen ganzer Pla rein war, als ihre ihe ſich bdie⸗ deſſen ganzer Plat XXXX. Zanniere in Paris. Bannidre, in chocoladefarbener Sammetjacke, in Hoſen von Bafin und in Pantoffeln, war, wie man leicht begreift, beſtimmt, das größte Aufſehen auf den Land⸗ ſtraßen zu erregen, wo er wanderte. Jeder blieb auch ſtehen, um ihn vorübergehen zu ſehen, und verfolgte ſeinen Weg erſt wieder, wenn Bannidre fern war. Bannidre hielt die Leute auf, die ihn vorübergehen ſahen, aber nichts hielt Bannière auf. Es blieben Bannidre nur noch drei Thaler, um eine Reiſe von hundert Meilen zu machen; wir ſagen drü Thaler, weil ihn die arme Marion genöthigt, drei von acht zu behalten, und weil ſie durchaus nur fünf hatte nehmen wollen. Und dabei hatte er noch ſtreiten müſſen. Vier Tha⸗ ler von acht nehmen heiße ſchon viel nehmen, ſagte ſie⸗ Bannidre habe einen weiteren Weg zu machen, als ſie Und dann ſei eine hübſche Frau ohne Geld nie ſo ſeht in Verlegenheit, als ein Mann ohne Geld, und wärz dieſer Mann für ſich allein ſo ſchön, als Endymion und Adonis.. Nun wohll mit dieſen drei Thalern,— es iſt un⸗ glaublich, doch ich habe Hoffnung, unſer Leſer wird es glauben, ſobald ich es ihm ſage,— wußte Bannizre noch Erſparniſſe zu machen und ein Paar Schuhe zu kaufen. Die Pantoffeln der armen Marion hatten Alles ge⸗ than, was wackere Pantoffeln thun können: ſie hatten zwanzig Meilen gehalten, wonach die Quartiere auf eine Seite und die Sohlen auf die andere gegangen waren⸗ — acke, in an leicht n Land⸗ theb auch derfolgte . dergehen um eine en drei drei von af hatte her Tha⸗ agte ſie als ſier ſo ſeht d wär ion und iſt un⸗ vird es annière zuhe zuͤ lles ge⸗ hatten uf eine waren 111 Die Nahrung war das, was Bannidre am wenigſten beunruhigte. Er lebte auf Koſten der Weinreben, der Nußbäume und der Haſelſtauden; dann, da zu jedem gu⸗ ten Mahle Gemüſe gehört, zog er aus dem erſten dem beſten Felde eine Rübe oder eine Zwiebel, worüber die Bauern oft ein gewaltiges Geſchrei erhoben; wenn er aber den Bauern und beſonders den Bäuerinnen ſagte, es hungere ihn, und um zu eſſen, habe er dieſen arm⸗ ſeligen Diebſtahl begangen, ſo endigte oft derjenige oder diejenige, welche mit dem Schreien angefangen hatte, damit, daß ſie ihr Brod mit ihm theilte. Er lebte ſo Gaſtfreundſchaft in den Ställen und in den Speichern fordernd, und wenn man ſie ihm ver⸗ weigerte, unter dem freien Himmel, in einem Heuſcho⸗ ber oder unter einem reich belaubten Baume ſchlafend. Das war das einzige Mittel, welches Bannidre ge⸗ funden hatte, um die Abenteuer zu vermeiden und der Liebe der Frauen zu entgehen. Denn man mußte das bemerken: ſobald der Unglück⸗ liche ſich zeigte, erregte er eine Leidenſchaft. „Ah!“ ſagte er, während er ſeine ländlichen Mahle verzehrte,„warum habe ich nicht, ſtatt des Magnets, der die Herzen anzieht, den Magnet, der das Eiſen anzieht; ich wäre ſchon reicher, als ich ſein müßte, um Olympla loszukaufen, und ſollte ſie im Serail des Großſultan ſein und dieſer als Löſegeld für fie verlangen, was Amurat vom Herzog von Burgund für den Grafen von Nevers verlangt hat.“ Von Zeit zu Zeit belehrte ſich Bannidre, ohne es zu wollen. Das war eines von den Producten der ur⸗ ſprünglichen Erziehung, welche Bannidre im Jeſuiten⸗ Kloſter erhalten hatte. Nach acht Tagen eines raſtloſen Marſches be⸗ merkte Bannidre, als er ſich, wie Narciſſus, im Spie⸗ gel einer klaren Quelle betrachtete, daß ſein Bart ſehr dem von Polyphem glich. Der Reiſende war genöthigt, ſich rafiren zu laſſen. 11² Nachdem er ſein frugales Frühſtück mit mehreren Schlücken von einem durchſichtigen Waſſer befeuchtet hatte, wanderte er nach dem erſten Dorfe, trat bei einem Barbier ein und ließ ſich raſtren. Dann, während man ihn raſirte, fragte Bannidre, um etwas zu ſagen: „In welchem Dorfe bin ich, mein Freund?“ Der Barbier ſchnitt ihn und antwortete: „Im Dorfe des Vertus, mein Herr.“ „Wie viel Meilen von Paris?“ fragte Bannidre, während er aus dem Augenwinkel, was ſchwierig iſt, den Blutstropfen zu ſehen ſuchte, der an ſeinem Kinn erlte. 3„Zwei kleine Meilen, mein Herr.“ Der Barbier ſagte zwei kleine Meilen, weil er, da er Bannidre geſchnitten hatte, dieſem eine Entſchädigung ſchuldig zu ſein glaubte. Bannidre hüpfte vor Freude. Er war weit entfernt, ſich ſo nahe bei Paris zu glauben, das er wegen des Morgennebels nicht hatte erblicken koͤnnen. Paris iſt ſehr ſchoͤn für die reichen Leute, aber, ſollte man uns auch als Parodoxenmacher behandeln, wir werden behaupten, daß es noch viel ſchoͤner für die armen Leute iſt. Doch beſonders hat Paris unvergleich⸗ liche Schönheiten für den Menſchen, der, wie Bannidre, ein verwegener Fiſcher das Netz in dieſem grundloſen Meere auswirft, um darin eine Perle und einen Schatz zu ſinden. Bannidre hatte gerade einen Thaler, als er in die Hauptſtadt eintrat; leider hatte er auch die Sam⸗ metjacke und die Baſinhoſe. Für die nachdenkenden Geiſter wird es vielleicht intereſſant ſein, zu erfahren, wie er ſich eines ſolchen Putzes entledigte, und diejenigen, welche ihn haben ſich ankleiden ſehen, müſſen wahrhaft beſorgt ſein, die Art zu ſehen, wie er ſich entkleidete. Der Dragoner, man muß es ſagen, wurde in den Vorſtädten wenig bemerkt. Paris wimmelt von excentri⸗ hreren luchtet it bei nidre, midre, ig iſt, Kinn er, da digung tfernt, gen des aber, andeln, für die xgleich⸗ nnidre, ndloſen Schatz er in Sam⸗ nkenden fahren jen gen, ahrhaſt dete. in den xeentri⸗ 113 ſchen Erſcheinungen. Vor Allem kam Bannidre, wie ge⸗ ſagt, am Morgen an; am Morgen aber gehen viele arme Bedienſtete des Königs oder Angeſtellte bei den Kauf⸗ leuten in Demuth Proviant für das Frühſtück holen und zeigen ſich ohne Umſtände ihren Mitbürgern in einem äußerſt einfachen Aufzug. Alles ging alſo gut im Faubourg Saint⸗Marcel; doch der Dragoner war nicht ſobald durch die Rue de la Harpe und über der Pont Saint⸗Michel in der Rue Saint⸗Denis eingedrungen, als er begriff, in welchem Grade eine anſtändige Kleidung nothwendig wäre, um die Pläne auszuführen, die er in ſeinem Gehirne um⸗ herwälzte. Sich anſtändig kleiden war aber die Sache von mindeſtens ſechs Thalern, gerade ſo viel, als er Ma⸗ rion hatte laſſen wollen, und das Doppelte von dem, was Marion ihm gelaſſen hatte. Bannidre konnte es alſo nicht machen, da er durch⸗ aus nur einen Thaler hatte. Das hielt ihn nicht ab, an dem Haken eines Tröd⸗ lers einen Rock von Berkan zu erſchauen. Bekanntlich heiſcht das Geſetz jedes Trödels, daß der Käufer eine Differenz bezahlt, mag er Gutes gegen Schlechtes, Mittelmäßiges gegen Schlechteres tauſchen. Das war nun nicht der Fall. Die Jacke des Marquis de la Torra zählte unter dem Schlechteren. Doch Ban⸗ nière war ein Gluͤckskind. Bannidre, der ſich entſchloſ⸗ ſen hätte, einen Menſchen zu tödten, um ſeine Verlaſ⸗ ſenſchaft zu bekommen, Bannidre hatte das Glück, ſich gerade an eine Frau zu wenden. Ganz der Negerin des Kapitän Pamphile entgegen⸗ geſetzt, welche eine männliche Negerin war, war der Trödler von Bannière eine Trödlerin. 1 Bannidre erſchien ſehr galant; das Theater hatte ihn an ein glänzendes Auftreten gewöhnt. Die Händ⸗ lerin mochte etwa dreißig Jahre alt ſein, das heißt, ſie Olympia von Cleves. II. 8 114 war noch jung; die Händlerin war beinahe hübſch. Sie ſah dieſen ſchoͤnen Jungen und lächelte ihm zu. Bannidre ſetzte ihr ſein Geſuch auseinander und bot ihr, halb lachend, halb bittend, ſeinen Thaler für den Rock von Berkan. Die Trödlerin ſchaute ihn abermals an, lächelte ihm abermals zu, nahm den Rock, ohne eine Bemerkung! zu machen, von ſeinem Haken und reichte ihn Bannidre. Bannidre hatte aber in ſeiner Weisheit beſchloſſen, auf dieſes Lächeln nicht Acht zu geben. Bannidre ging in die Hinterbude und kam nach zwei Secunden wieder heraus, mit der Befriedigung, ſich in einem zarten Sommerkleide zu ſehen, obgleich die Jahres⸗ zeit wie Bannière fortgeſchritten war und, wie er Paris erreicht, den Herbſt erreicht hatte; doch er hatte den Berkan gewählt, weil er ſich leichter mit dem Baſin ver⸗ mählen ließ, als dies bei Tuch oder Sammet der Fall geweſen wäre. Die Troͤdlerin lächelte Bannidre zum dritten und letzten Male zu, Bannidre ging jedoch trotz dieſes La⸗ chelns hinaus. Und er ſprach alſo zu ſich ſelbſt: „Ich habe nichts mehr, um zu eſſen, nicht einen Sou, nicht einen Denier, nicht einen Obol mehr, aber ich werde nicht mehr läͤcherlich ſein. Bleibe ich nüchtern, was ſeltſam in einer Stadt wäre welche achtmalhundert⸗ tauſend Seelen nährt, deſto ſchlimmer für meinen Ma⸗ gen, das geht ihn an; deſto ſchlimmer beſonders für meinen Geiſt, es bewieſe, daß er nicht fruchtbar an Auskunftsmitteln iſt.“ Dieſer Monolog verhinderte Bannidsre nicht, von ganzem Herzen der anmuthigen Trödlerin zu danken, die ihm mit ihrem freundlichen Auge folgte. Er wandte ſich auch mehrere Male um, ſowohl um ſie mit der Ge⸗ berde zu becomplimentiren, als um zu ſehen, ob die Vorübergehenden ſich auch umwandten. 1 Niemand war auf Bannidre aufmerkſam, was ihn Sie nd bot ir den ichelte erkung: nnidre. loſſen, b zwei ſich in ahres⸗ Paris te den in ver⸗ r Fall n und es Läͤ⸗ einen „ aber chtern, undert⸗ 115 ſehr erfreute, denn es diente ihm als Beweis, daß er grotesk zu ſein aufgehört hatte. Dieſe Seelenruhe erlaubte ihm, das Boulevard zu erreichen. Er ſetzte ſich zwiſchen zwei Weichſteine, in⸗ dem er ſich auf jeden mit dem Ellenbogen ſtützte, wie er es in einem Lehnſtuhle mit Armen gethan hätte, und beſchäftigte ſich damit, daß er die Hunde betrachtete, welche, glücklicher als er, ihr erſtes Mahl verzehrten. Es war aber etwas ganz Anderes, als die geſchei⸗ ten Hunde, die er ſeinem Ausſehen nach betrachtete, und das erſte Mahl, das ihn zu beſchäftigen ſchien, was das Auge von Bannidre ſtarr und ſeinen Geiſt wach erhielt: es war im Grunde die Sorge, zu wiſſen, wie er bei dem Zuſtande der Entblößung, in welchem er ſich befand, die nothwendigen Schritte, um Olympia aufzufinden, machen ſollte. „Sie iſt mit Herrn von Mailly entflohen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt;„Herr von Mailly hatte ſie einſt verlaſſen, um ſich zu verheirathen; da Herr von Mailly eine Frau hat, ſo hat er Olympia ſicherlich nicht in ſein Haus ge⸗ führt. Nein! doch er wird ſie in ein kleines Haus ein⸗ quartirt haben. Man müßte alſo wiſſen, wo die gehei⸗ men Häuſer der Reichen ſind.“ Da er nun einen Burſchen erblickte, der ein duften⸗ des Billetchen in der Hand hielt, ſo ſagte er zu ihm: „Mein Freund, wo findet man in Paris die Frauen, welche ſich verirren?“ Der Auvergnat, es war Einer, lachte und ging, ohne zu antworten, ſeines Weges. Bannidre ſchloß aus dieſem Stillſchweigen, die Frage ſei zu geiſtreich oder zu dumm geweſen, und der Auvergnat habe ſie nicht verſtanden. Das entſprach der Wahrheit. Dieſer falſche Schritt brachte ein gewiſſes Miß⸗ trauen in den Geiſt von Bannidre.„Wenn ich mich ſo verwirre,“ ſagte er,„ſo bin ich im Stande, nur Albern⸗ heiten zu machen. Ich weiß nicht, wie das zugeht, aber alle meine Initiativen ermangeln der Reife. Warum bin ich ein Dummkopf in Paris und hatte ich Geiſt in der Provinz? Weil ich Hunger und ein mageres Kleid habe; je mehr aber Stunden verlaufen, deſto mehr werde ich Hunger haben; je mehr Tage verlaufen, deſto mage⸗ rer wird mein Kleid ſein. 1 „Was machen ohne einen Sou?⸗ Dieſe letzte Frage, das ewige Problem der Armen und der Ehrgeizigen, ſtellte Bannière an ſich, während er den Berkanrock auf ſeinen in ſeine Taſchen vertieften Händen drapirte. 3„Was machen ohne einen Sou?“ wiederholte Ban⸗ nidre. Dann gab er plötzlich einen Schrei von ſich, und ſeine rechte Hand bewegte ſich lebhaft in ſeiner Taſche. O Glück! er hatte etwas Kaltes am Ende ſeiner Finger gefühlt, und er hatte die Berührung eines Geld⸗ ſtückes erkannt. Befühlen, herausziehen, ſehen, ſpringen, Alles dies geſchah in einer Secunde. Die Trödlerin hatte begriffen, wie ſehr Bannidre ſeines Thalers bedurfte, und ihn wieder in die Taſche des Berkanrockes geſteckt. Bannidre hatte alſo immer einen Thaler, Bannldre war alſo fünf und zwanzigmal reicher, als der ewige Jude. Er hatte zuerſt den Gedanken, nach dem Magazine zurückzulaufen und der Trödlerin den Thaler wiederzu⸗ geben. Doch er bedachte, zu welchen Ertremitäten ihn ein ſolcher Schritt führen konnte. Er beſchloß daher, es zu unterlaſſen und ihr ganz einfach dadurch Ehre an⸗ zuthun, daß er ſeine Ideen durch eine geſunde und reich⸗ liche Nahrung wiederherſtelle. Dem zu Folge trat er bei einem Garkoch der Rue du Ponceau ein. iſt in Kleid werde nage⸗ lrmen hrend ieften Ban⸗ , und rLaſche. ſeiner Geld⸗ s dies nnidre che des unlère ewige ꝛgazine ederzu⸗ een ihn daher, hre an⸗ reich⸗ er Rue 117 XLI. Wie Vanniere bei dem Garkoch der Rue du Ponceau frühſlückte, und von dem, was daraus erfolgte. Seit der ſehr entfernten Zeit, wo dieſe Geſchichte ſich ereignet, geben ſich die Menſchen unſeres Landes, das heißt, des einzigen Landes, wo man ißt, den An⸗ ſchein, als äßen ſie mehr, als man einſt aß, und eſſen in Wirklichkeit viel weniger: hundert Traiteurs von heute ſind vor dem Magen nicht ſo viel werth, als ein einziger Garkoch der Rue de la Huchette. Die Bude des Garkochs von damals war eine Welt, etwas, wovon der Kosmos von Herrn von Humboldt allein einen Begriff geben kann. Der Garkoch, das war das vielfache Weſen; es war der Obſthändler, der Eß⸗ waarenhändler, der Specereihändler, der Traiteur, der Paſtetenbäcker. Er war Alles, den Weinhändler ausge⸗ nommen, der, gegen alle Garkoͤche der Welt, ſeine Spe⸗ cialität bewahrte. Von der Brühe ſeines Geflügels (wohl verſtanden, wir ſprechen vom Garkoch), von der Brühe ſeines Geflügels machte er ausgezeichnete Sup⸗ pen; von ſeinem Geflügel gewiſſe Fricaſſées, deren Ge⸗ heimniß die Garköche allein belaßen. Er hatte Salat, Eier und Wildpret von allen Arten und widmete ſich ſogar dem Backen von Fiſchen für gewiſſe Kunden. Ueberdies ließ der Garkoch, wie wir erwähnt, ein Nebenbuhler des Paſtetenbäckers, im Ofen viele Phanta⸗ ſieſpeiſen kochen, während der rieſige Spieß, der ſich ächzend vor ſeinem Kamin drehte, Schmalze hervor⸗ brachte, welche in allen Küchen des Quartiers beliebt waren. 118 Ein Hungeriger, wenn er bei einem von dieſen Gar⸗ köchen eintrat, konnte nicht weggehen, wie er eingetreten war, ſo beſcheiden auch ſeine Boͤrſe ſein mochte; er fand in dieſer Arche gebratene Fleiſche, mit denen er ſich voll Wonne ſättigen konnte. Von der gemeinen Lerche für drei Sous bis zur Poularde für drei Franken, von der demüthigen Taube bis zum glänzenden, goldgelben Faſan bot der Garkoch den Conſumenten das ganze Thierreich. Dampfende Kaninchen, Haſen mit geſpickten Lenden, Nierenbraten, Schöpſenkeulen, Büge, Alles detaillirte der Garkoch, Zweifüßiges und Vierfüßiges, einen ganzen Ochſen, wenn man es verlangt hätte; überdies trug der Garkoch in die Stadt, und mit ſeiner Hülfe machte man zu Hauſe um wenig, wenn man wollte, die reell⸗ ſten und die köſtlichſten Mahle. Die natürliche Küche iſt ſeit dem Tage verſchwun⸗ den, wo die Garköche unterlagen. Sie werden ſich eines Tags wiedererheben, als eine Nothwendigkeit der kom⸗ menden Geſellſchaft, das wollen wir nicht bezweifeln. Uns hat nie ein Homeriſcher Schmaus, nie penguis ferma von Virgil den Gaumen und den Geruchſinn ſo in den Tagen unſerer großen Appetite gekitzelt, wie die dampfenden Braten, die wir in der Phantaſie über der Bratpfanne des Garkochs im achtzehnten Jahrhundert ſich haben drehen ſehen. Bannidre trat alſo bei dem Garkoch ein. Er wäͤhlte ein Huhn und einen Salat, was er ſich in die nächſte Schenke bringen ließ. In dieſer Schenke, eine Seltſamkeit, welche auf hundert und dreißig Jahre zurückgeht, in dieſer Schenke verkaufte man Wein, ächten Wein, wahren Wein, Traubenſaft.. Bannidre beſtellte zwei Dutzend Auſtern und zwei Flaſchen Burgunder. 3 Durch eine Willensmacht, die ſich in jedem gut Gar⸗ treten c fand h voll is zur Taube arkoch enden, aillirte ganzen ug der machte reell⸗ chwun⸗ h eines r kom⸗ feln. enguis finn ſo wie die ber der hundert er ſich he auf Schenke Wein, nd zwei dem gut 119 organifirten Geiſte wiederfindet, brach er ſodann unmit⸗ telbar mit allem Kummer und ſetzte ſich in eine Ecke, entſchloſſen als ein Mann von Herz, eine gewaltige Schlacht dem Vampyr, der ſich Langweile, dem Dämon, der ſich Schwermuth nennt, dieſen zwei ruchloſen Söh⸗ nen der Liebe und der Abweſenheit, zu liefern. Er aß. Hier betheuern wir unſere Achtung vor dem Pu⸗ blikum und unſern Geſchmack für die phyſiſchen und moraliſchen Delicateſſen. Niemand liebt es ſo ſehr, wie wir, einen Romanhelden auf jedem Schnitte zu vergolden. Aber wir müſſen bekennen, daß der Magen von Ban⸗ nidre, ſich empörend, die ganze Natur dieſes Menſchen verändert und ſeine Natur verändernd ihren Werth vermindert hatte. Der Magen, wenn er unzufrieden iſt, tödtet das Herz und das Gehirn. Es iſt unnsthig, beizufügen, daß er die Arme und die Beine unterdrückt. Kaum hatte auch der Erdragoner in ſeinen ver⸗ drießlichen Magen die friſche Auſter und den edlen Wein verſenkt, kaum hatte die ſanfte Wärme der Magenſäfte gegen die Augen und um die Schläfe des Hungerigen zu wirbeln begonnen, als er auf der Stelle ſeine Lage durch prismatiſche Hoffnungen ſah, die er ſeit vierzehn Tagen nicht kannte. Man hätte glauben ſollen, der Burgunder ſei nichts Anderes, als die magiſche Flüſſigkeit, welche die Theſ⸗ ſalierin Kanidia um Mitternacht auf die Gräͤber goß, um die Geſpenſter herauskommen zu machen. Unter dem Einfluſſe dieſes Weines wurde Bannidre wiedergeboren, oͤffnete er die Augen wieder, ſah er ſogleich wieder das, was er am meiſten auf der Welt zu ſehen wünſchte: Olympia,— in ſeiner Einbildungskraft, wohlverſtanden. Olympia, Olympia wiederſehen, das war am Tag vorher etwas Unmögliches. Wohl! heute war es die allereinfachſte Sache. War Olympia nicht in Paris? War er, Bannidre, nicht auch in Paris? Das Schwierigſte war alſo ge⸗ 120 ſchehen, da Bannidre, um ſich Olympia zu nähern, mehr als den neun und neunzigſten Theil, der ihn von ihr trennte, zurückgelegt hatte. Nun blieb noch Paris, das heißt, eln Labyrinth verwickelter als das von Dädalos. Was war aber im Ganzen genommen Paris? Eine begrenzte Umſchanzung, ſieben Meilen im Umfang, folglich in ſeiner größten Ausdehnung drei und eine halbe Meile im Durchmeſſer. Ein ſchöne Aufgabe für Beine, welche ſo eben hun⸗ dert und dreißig Meilen gemacht hatten, und in Folge der Auſtern, des Burgunders, des Huhns und des Sa⸗ lats ſich deſſen ſchon nicht mehr erinnerten. Man würde alſo Olympia wiederfinden, wenn man ſie überall mit Hülfe dieſer ausgezeichneten Beine ſuchte, Unter allen den vornehmen Herren, welche ſich in dieſem Augenblick in Paris befanden, konnte man nicht im Zwelfel ſtehen. Olympia hatte ſich ſelbſt im Ge⸗ fängniß von Lyon verrathen. Herr von Mailly war ge⸗ kommen, um ſie zu holen, Herr von Mailly führte ſie 3 weg. Olympla war alſo im kleinen Hauſe von Herrn von Mailly. Wo war nun dieſes kleine Haus? Das mußte er zu erfahren ſuchen. Nun! man würde es erfahren? Doch von wem? Ei, bei Gott! von Herrn von Mailly ſelbſt: Ban⸗ nloͤre würde Herrn von Mailly fragen, wo dieſes kleine Haus ſei, und gutwillig oder gezwungen würde er Olympia aus dieſem kleinen Hauſe wegbringen. Das war ein ganz einfacher Gedanke, der ihm aber noch nicht gekommen war, und, ſagen wir es, ohne die Auſtern, den Salat und das Huhn und beſonders den Burgunder nicht gekommen wäre. Wie traurig iſt es, geſtehen zu müſſen, daß das Moraliſche ſo tyranniſch dem Phyſiſchen unterworfen iſt. Man muß es aber doch zugeſtehen. Geſtehen wir es alſo und fahren wir fort. ihern, n von yrinth aris? nfang, beine hun⸗ Folge Sa⸗ n man ſuchte. ſich in nicht m Ge⸗ ar ge⸗ rte ſie Herrn ßte er wem? Ban⸗ kleine rde er n aber yne die ers den aß das fen iſt. 121 Bannidre, nachdem er ſeine zweite Flaſche geleert und ſeinen Entſchluß gefaßt hatte, machte ſich ſeine Rechnung und bemerkte, daß er einen Thaler weniger drei Sous ſchuldig war. Da er jedoch kein Bedürfniß mehr fühlte, ſo wurden ihm dieſe drei Sous überflüſſig. Er überließ ſie alſo majeſtätiſch dem Mädchen der Schenke, wo ihm ſeit einer Stunde ſo viel Muth ge⸗ wachſen war. Und nun war der Berkan zu warm, der Bafin zu reich; Bannidre war zu ſehr geputzt; er kleidete ſich ſeit ſeinem Frühſtück nur noch in ſeine lebhafte Jugend und in ſeine Liebe. Die Naſe im Winde, die Fauſt auf der Hüfte, wandelte Bannièce nun ganz natürlich nach dem Fau⸗ bourg Saint⸗Germain, wo das Hotel de Nesle lag, das Herr von Mailly aller Wahrſcheinlichkeit nach bewohnte. Es exiſtirte damals noch im zweibeinigen Geſchlechte, genus homo, eine Gattung, die ſich ſeitdem verloren hat, wie ſich alle Curioſitäten ſeit der Sundfluth ver⸗ Ueren, wie ſich alle Monſtruoſitäten vor ihr verloren aben. Der Leſer beruhige ſich: es handelt ſich hier weder um eine Diſſertation uͤber die Maſtodons, noch um eine Theſe über die Saurier; es handelt ſich ganz einfach un, Line kleine Abſchweifung über die Schweizer*) der otels. Dieſe Perſonen, welche wir in unſerer Kindheit bewundert haben, die in ihrer Würde durch die Revo⸗ lution von 1830, in ihrer Exiſtenz durch die Revolution von 1848 betroffen worden find, dieſe Perſonen herrſch⸗ ten damals despotiſch über die Grenze, welche das Aeußere vom Innern trennt, nnd ſie bewaffaeten ſich bald mit der Hellebarde, bald mit der einfachen Ver⸗ *) Portiers. 122 achtung, um die vom erſten Kammerdiener oder von der Lieblingskammerfrau ertheilten Befehle zu voll⸗ ziehen. Es war eine von dieſen helvetiſchen Doggen, an welche ſich Bannidre zuerſt wandte; doch der Schweizer, der mit einem Blicke berechnete, was ein Rock von Berkan und eine Hoſe von Baſin koſten konnten, und die ganze Fahr⸗ niß auf drei Thaler anſchlug, der Schweizer warf Ban⸗ nidre glorreich vor die Thüre. „Aber, Herr Schweizer,“ ſagte Bannidre,„ich frage nach dem Herrn Grafen von Mailly.“ „Der Herr iſt nicht hier,“ erwiederte der Portier in ſeinem Schweizer Jargon. Bannidre überlegte und begriff, daß das große Hinderniß gegen ſeinen Eintritt ſein Rock von Berkan und ſeine Hoſe von Baſin waren. „Ohl ſeien Sie unbeſorgt,“ ſprach er mit der ganzen Würde, die er aus ſeiner Herodes⸗Rolle hatte ſchöpfen können,„ich komme nicht, um Almoſen von ihm zu fordern.“ „Gleichviel! gehen Sie!“ verſetzte der Schweizer, ein wenig erſchüttert durch die Schärfe, mit der Ban⸗ nière ſeine geſellſchaftliche Stellung auseinandergeſetzt hatte. „Ich komme vom Regimente von Herrn von Mailly,“ ſprach Bannidre beharrend,„und ich habe ihm Dinge von Wichtigkeit zu ſagen. Nehmen Sie ſich alſo in Acht, mich abzuweiſen, denn Ihre Abweiſung wird nicht au mich, ſondern auf Sie zurückfallen.“ Der Schweizer maß zum zweiten Male und mit noch mehr Aufmerkſamkeit, als das erſte Mal, die fünf bis ſechs Ellen leichten Stoffes, welche unſeren Helden kleideten. „Vom Regiment?“ erwiederte er unruhig,„Sie ſagen, Sie kommen vom Regiment?“ „Ich komme davon!“ „Ho! ho!“ und habe gehe zeug Und bard Leib ſpra den rieth der iſt n kunf um erwi tige 123 „Sie betrachten meine Kleidung, nicht wahr? „Ja.“ „Wohl, merken Sie nicht darauf.“ „Hol ho!“. „Ich bin ein Dragoner von Herrn von Mailly, und da es ſich um ein Staatsgeheimniß handelt, ſo habe ich mich verkleidet, um auf dem Wege nicht auf⸗ gehalten zu werden.“.— „Ah! ah!“ rief der Schweizer, beinahe über⸗ eugt. ang„Laſſen Sie mich alſo paſſiren,“ ſagte Bannidre. Und er machte eine Bewegung, um zwiſchen der Helle⸗ barde und dem Körper des Rieſen durchzuſchlüpfen. Der Schweizer zog die Hellebarde näher an ſeinen Leib und verſperrte folglich Bannidre den Durchgang. „Nun?“ rief Bannidre. „Der Herr Graf von Mailly iſt wirklich nicht da,“ ſprach der Schweizer. „Auf Ehre?“ fragte Bannidre. „Auf Ehrel die Frau Gräfin iſt allein da.“ Das war ſo. Auf dem Theater daran gewöhnt, in den Augen der mit ihm redenden Perſon zu leſen, er⸗ rieth Bannière ſogleich an der Ruhe ſeines Blickes, der würdige Helvetier ſage die Wahrheit. „Die Frau Graͤſtn,“ dachte Bannidre;„Teufel! das iſt nicht meine Sache.“ Dann, nach einigem Ueberlegen, dachte er weiter: „Doch am Ende wird mir die Frau Gräfin Aus⸗ kunft über den Herrn Grafen geben.“ Und er wandte ſich wieder gegen den Schweizer um und ſagte: „Das iſt es gerade.“ „Was gerade?“ „Mit der Frau Gräſin will ich gerade ſprechen,“ erwiederte Bannière. Dabei hatte er eine ſo geſchäf⸗ tige Miene, daß der Schwetzer nicht länger zauderte. Er klingelte der Kammerfrau, für welche er in ſei⸗ 124 ner Loge eine beſondere Glocke hatte, und ſagte ihr, ſo bald ſie erſchien, es ſei ein Bote, der große Eile habe, von Lyon, wo das Regiment von Herrn von Mailly liege, angekommen und wünſche die Frau Gräfin zu ſprechen. So drang Bannidère um zehn Morgens in das un⸗ durchdringliche Allerheiligſte ein. XLII. Wo Dannisre unerſchöpfliche Quellen in ſeinem eerkanroche ſindet. Frau von Mailly, eine reizende Frau, mit ſchwarzen, lebhaften Augen, mit braunen, gelockten Haaren, mit bräunlicher zarter Haut, der die ſtrengſte Kritik, wie ein Geſchichtsſchreiber der Zeit ſagt, nur ein wenig flache Wangen vorwerfen konnte, Frau von Mailly hatte, wie wir am Anfange dieſes Buches erzählt, den Herrn Gra⸗ fen von Mailly, den Liebhaber von Olympia, gehei⸗ rathet. Sie war eines von den fünf Fräulein von Nesle, welche, wie man weiß. beſtimmt ſein ſollten, ein ſo großes Aufſehben in der Welt zu machen.. Die vier andern waren: Frau von Tournelle, Frau von Flavencourt, Frau von Ventimille und Frau von Lauraguais. Alle waren ſchön, einige waren ſogar ſchöner als Frau von Mallly, doch keine hatte den ſo verſchwen⸗ deriſch durch die Natur und die Erziehung über die ganze Perſon der Gräfin verbreiteten Zauber. Eine , ſo abe, iege, hen. un⸗ nem rzen, mit e ein lache wie Gra⸗ ehei⸗ tesle, roßes Frau von r als wen⸗ die Eine 125 Frau wird nicht immer geliebt, weil ſie die ſchönſte iſt: es gibt die Anmuth, welche vor der Schönheit kommt. Frau von Mailly mußte angebetet werden. Bannidre, als er zu ihr gelangte, erkannte ſogleich mit dem wahrhaft außerordentlichen Tact, den er beſaß, den ganzen Einfluß, den eine ſolche Frau auf die am wenigſten leicht zu bewegenden Männer üben konnte. Die Gräfin aber, als ſie Bannisre erblickte, wurde von einem ſeltſamen Gefühle ergriffen, da ſie ſah, welche Oppoſition ſeine gute Miene gegen ſeine Kleidung bildete. „Ah!“ ſagte ſie zu ihrer Kammerfrau,„wie iſt er gekleidet!... Und warum dieſe Verkleidung?“ Die Kammerfrau betrachte Bannidre als Kennerin, ſchüttelte den Kopf und erwiederte: „Die Leute von Herrn von Mailly find gut gewählt, wanndas ganze Regiment nach dieſem Muſter geſchnit⸗ en iſt.“ Durch eine wunderbare Operation ihres Geiſtes hatte ſich die Gräfin auch ſogleich geſagt, wenn Bannisre gut gekleidet wäͤre, müßte er ſehr angenehm anzu⸗ ſchauen ſein. „Nun, mein Freund,“ fragte die Gräfin mit einer ſanften Stimme,„Sie haben mich zu ſprechen verlangt?“ „Ja, Frau Gräfin.“ „Was wünſchen Sie mir zu ſagen?“ „Ein Geheimniß, welches fordert, daß ich die Frau Gräfin bitte, Sie moͤge mir geſtatten, mit ihr allein zu reden.“ Die Leute der vornehmen Welt find mißtrauiſch. Dieſe ſeltfame Kleidung, dieſe ausgezeichnete Höflichkeit, all dieſer wohlriechende Honig, der nicht von den Lip⸗ pen eines Dragoners zu duften pflegt, aber von den Lippen von Bannidre duftete, beunruhigten die Gräftn. „Dieſer Menſch iſt kein Dragoner,“ ſagte ſte;„er grüßt zu gut.“ Und ſie machte mit dem Augenwinkel ihrer Kam⸗ merfrau ein Zeichen, welches ſagen wollte: — — — 126 „Bleiben Sie.“ Bannlière, der mehrere Male die Kammerfrau an⸗ geſchaut hatte, um ihr gleichſam gegen den Willen ihrer Gebieterin den Abſchied zu geben, Bannidre wartete auf ihren Abgang, und entſchloſſen, nicht ein Wort vor ihr zu ſagen, keine Geberde vor ihr zu machen, blieb er auf derſelben Stelle, unbeweglich wie eine Grenz⸗ ſaͤule, ſtumm wie ein Fiſch. Zum Verſtändniß gewiſſer Geheimniſſe, welche ſolche zu ſein aufhören, wenn man zu der Vergangenheit zu⸗ rückgeht, darf man nicht vergeſſen, daß dieſe Geſchichte beinahe gleichzeitig mit der Regentſchaft iſt, und daß die jungen und ſchönen Frauen jener Zeit, das heißt, dieſe Königinnen der Liebe und des Vergnügens, wußten, wenn ſie ſich deſſen errinnern wollten, wie oft und auf welche Art, um bis zu ihnen zu kommen, die Lauzun im vorigen Jahrhundert und die Richelieu in dieſem ſich verkleidet hatten. Schlecht belehrt durch den gewöhnlichen Inſtinct der Frauen, ſah daher die Gräfin von Mailly in dieſem ſtummen, ſo grotesk gekleideten Menſchen einen Schmach⸗ tenden, der verwegener als die Andern, und ſogar ge⸗ wandter, folglich gefährlicher als dieſe, und ſing an die Stirne zu falten. So hübſch ſie war, ſie wurde beinahe häßlich, ſo ſehr that das zu Viel von Tugend dem Geſichte Eintrag. „Mein Herr,“ ſagte die Gräfin trocken,„wenn Sie gekommen ſind, um ganz einfach und ohne etwas zu ſprechen, vor mir zu ſtehen, ſo kehren Sie dahin zurück, woher Sie kommen, und beläſtigen Sie mich nicht zum zweiten Male.“ Das Wort„mein Herr“ war mit einer Betonung geſprochen worden, welche den offenherzigſten Abſchied enthielt, den ein Verfuͤhrer bekommen konnte. Bannisre bekümmerte ſich aber nicht im Geringſten um dieſen Abſchied: Er verbeugte ſich und erwiederte: an⸗ hrer ttete vor blieb tenz⸗ olche zu⸗ ichte daß eißt, ßten, auf uzun leſem ſtinct ieſem nach⸗ r ge⸗ n die inahe dem 1 Sie as zu nrück, zum vnung ſchied agſten 127 „Frau Gräfin, glauben Sie mir, ich bin ein Dra⸗ goner vom Regimente von Herrn von Mallly. Ich heiße Bannldre, und Gott ſoll mich behüten, daß ich die Ab⸗ ſicht habe, Sie zu beleidigen.“ „Dann ſprechen Sie. Nicht wahr, Sie haben ſich irgend eine Gnade von Herrn von Malilly zu erbitten, und durch mich hoffen Sie dieſe Gnade zu erlangen? Sprechen Sie alſo raſch und gerade heraus, wenn ich es verlange.“ „Frau Gräſin, ich wünſchte nur zu wiſſen, wo ich Herrn von Mallly treffen kann.“ „Warum wollen Sie Herrn von Mallly treffen?“ fragte die Gräfin. Bannidre hatte dieſe Frage nicht erwartet, die er doch erwarten mußte. Es fehlte ihm auch ganz an Einbildungskraft; ſtatt irgend einen Vorwand zu erfinden, ſagte er: „Erlauben Sie mir, zu ſchweigen.“ „Wenn Sie den Herrn Grafen von Mallly in ir⸗ gend einer Angelegenheit ſprechen müſſen, die Sie ſeiner Frau nicht ſagen koͤnnen, ſo hätten Sie nicht von ſeiner Frau ſeine Adreſſe verlangen ſollen. Leben Sie wohl, mein Herr.“ Hier fehlte es Bannidre nicht nur fortwährend an Einbildungskraft, ſondern es fing ſogar an ihm an Geiſt zu fehlen. Er ſpielte mit Frau von Mailly gerade ſo unglücklich, als er mit den Griechen geſpielt hatte. „Frau Gräfin!“ rief er,„ich ſuche den Herrn Gra⸗ fen von Mailly, weil er mir mein theuerſtes Gut ent⸗ führt hat.“ „Welches Gut hat Ihnen der Gaf entführen können?“ „Eine Frau!“ Die Gräfin bebte. Bannidre, ein naives, unwiſſendes Herz, bildete ſich ein, er benehme dieſer Frau allen Argwohn, wenn er ihr eine ſolche Offenbarung mache. Er hatte geglaubt ſie gegen ihren Gemahl ſtacheln heiße ſie im Ueberfluß ſprechen machen. Bannidre hatte auf die Griſette gerechnet und nicht auf die vornehme Dame. „Welche Frau?“ fragte die Gräfin. „Mademoiſelle Olympia! mein Leben, meine Seele!“ Die Graͤfin ſchauerte bei dem Feuer, das aus den Augen von Bannidre ſprang. Die Zofe aber geſtand ſich ſehr offenherzig, wenn ſie Mademoiſelle Olympia geheißen hätte, ſo würde ihr Bannidre nicht nachzulaufen gehabt haben. „Wer iſt Mademoiſelle Olympia?“ fragte die Grä⸗ fin entſchloſſen, Alles zu erfahren und von der Offen⸗ barung das zu nehmen, was ihr zuſagen würde, und das Uebrige zu laſſen. „Eine Schauſpielerin, Frau Gräfin.“. Frau von Mailly zuckte die Achſeln mit einem un⸗ beſchreiblichen Ausdrucke von Verachtung; dann ſagte ſie in einem Tone, den der geſchickteſte Erforſcher der Frauen nicht nach ſeinem wahren Schlüſſel hätte dechiffriren können: „Sie ſind ein Narr oder ein Lügner.“ „Narr! Lügner!“ rief Bannidre erſtaunt. „Ei! allerdings, mein Herr, denn iſt man kein Narr, ſo macht man keine ſolche Mittheilungen einer Frau über ihren Gatten, wenn ſie wahr ſind, und wenn ſie falſch ſind, nun, dann iſt man, wie ich Ihnen ſagte, ein Lügner.“ „Ohl Sie haben Recht, Frau Gräfin,“ erwiederte Bannidre,„ich bin ein Liebesnarr.“ Die Gräfin ſchaute Bannièdre aus dem Augenwin⸗ kel an, zuckte zum zweiten Male die Achſeln und kehrte nach ihrem Schlafzimmer zurück. 4 Bannidre ſtürzte ihr nach. Die Gräfin blieb auf der Thürſchwelle ſtehen und drehte den Kopf, um Bannidre über ihre Schulter an⸗ zuſchauen. Bli⸗ zu! Bar es was er e grar ſagt weil und ganz dieſe Glu Org als ungl auf im der? wohl Maig finde nidre Ban deſto mehr Ol. fluß nicht le!“ den venn ihr Brä⸗ ffen⸗ und un⸗ e ſie auen riren Karr, Frau n ſie , ein derte win⸗ ehrte und an⸗ 129 „Ah!“ machte ſie trocken mit jenem vereiſenden Blicke, der im Stande iſt, alle magnetiſche Stroͤmungen zu brechen, welche vom Zenith bis zum Nadir beben. Durch die Verzweiflung an ſeinen Platz gefeſſelt, fühlte Bannisre einen wachſenden Impuls, der ihn hinausſchob: es war die Zofe, welche mit ihren kleinen Händen that, was ſie konnte, um ihn aus dem Zimmer zu ziehen, wo er eine ſo große Tölpelei begangen hatte. Bannidre ließ ſie gewähren. Die Zofe war ebenſo mitleidig, als ihre Gebieterin grauſam geweſen; ſobald ſie an die Thüre gekommen, ſagte ſie auch zu Bannidre in Form eines Troſtes: „Hören Sie, die Frau Gräfin glaubte Ihnen nicht, weil ſie ein ſteinernes Herz hat, aber ich glaube Ihnen und beklage Sie.“ Bannisre antwortete nicht, er verließ das Hotel ganz betäubt, ohne etwas Anderes mehr vor ſich in dieſer Welt zu ſehen, als den Abgrund, in den ſein Glück gefallen war. Der Magen functionirte nicht mehr, das undankbare Organ verdaute, und während es verdaute, vergaß es. Es wäre ſchwierig, ſelbſt für eine beredtere Feder, als die unſere, die Lage zu beſchreiben, in der ſich der unglückliche Bannidre nach dieſer Scene befand. Keine Hoffnung mehr, nicht, Herrn von Mailly auf irgend eine Anzeige wiederzuerwiſchen: nichts war im Gegentheil leichter, als dies: man brauchte nur vor der Thüre ſeines Hotels zu warten; er würde, bei Gott! wohl eines Tags dahin zurückkommen: aber Herr von Mailly wiederfinden hieß noch nicht Olympia wieder⸗ finden, und Olympia nicht wiederfinden, das war, Ban⸗ nisre fühlte es, der Tod. Das Schlimmſte bei der Lage der Dinge war, daß Bannidre ſich, je mehr er ſich in Reflexionen verſenkte, deſto mehr auch in die Verzweiflung verſenkte. Kein Geld mehr, folglich auch keine Mittel mehr. Bannidre gerieth in eine Art von Niedergeſchlagen⸗ Olympia von Clsves. II. 9 130 heit, welche um ſo tiefer, je lebhafter ſeine Freude ge⸗ weſen war. Dann zuckte plötzlich etwas wie ein Blitz über ſein Geſicht; doch dieſer Blitz war mehr düſter, als heiter. „Ich habe meinen Diamant,“ ſagte er;„dieſer Diamant iſt wenigſtens dreihundert Piſtolen werth. Man wird mir hundert darauf leihen. Ich werde mir eine Verſchreibung in guter Form, eine Eigenthums⸗ urkunde in Gegenwart des Notars, kurz etwas Solides, Unbeſtreitbares machen laſſen. Mit dem Gelde werde ich Olympia wiederfinden, und dann führe ich ſie zum Notar und zeige ihr den Diamant, wenn ich bis dahin nicht das Mittel gefunden habe, ihn auszulöſen.“ Dann, plötzlich ſich eines Andern beſinnend, rief er: „Oh! meinen Diamant gefährden, den einzigen Beweis gefährden, den ich von meiner Liebe, von mei⸗ ner unbeſchränkten Ergebenheit gegen den Willen meiner Geliebten habe! dieſen Diamant anderen Händen, als den meinigen überlaſſen! Ich war verrückt, daß ich einen ſolchen Gedanken hatte. Kann Einer, der auf Pfänder leiht, nicht Bankerott machen und durchgehen? Kann ein Jude nicht verhaftet, eingezogen, eingekerkert werden? Kann man einem Notar nicht ſein Haus anzünden, ihn beſtehlen? Kann er ſich nicht ſelbſt aus dem Staube machen? Ahl das hat man geſehen, und wir haben auf den Galeeren Seiner Majeſtät in Toulon und in Breſt Notare, welche in Paris ſehr bekannt ſind. Ueber⸗ dies müßte ich vor einem Notar Namen, Vornamen und Eigenſchaften ſagen: Joſeph Bannidre, entwichen aus dem Jeſuiten⸗Kloſter in Avignon, Deſerteur aus der Kaſerne der Dragoner in Lyon. Das iſt unmöglich! Wäre es aber auch moͤglich, ſo würde es doch nicht geſchehen. Ich habe meinen Diamant wiedererobert; mein Diamant wird mich nicht mehr perlaſſen.“ Und er preßte verliebt an ſeine Lippen dieſen Diamant, den er von Olympia hatte, und ſuchte auf leber⸗ amen dichen aus glich! nicht bert; dieſen e auf 131 der kalten Oberfläche die Wärme der Küſſe, die ſie einſt darauf gedrückt. Der Gedanke, dieſen Diamant, und wäre es auch nur auf einen Monat, nur auf einen Tag, nur auf eine Stunde, zu veräußern, erregte einen ſolchen Abſcheu in ihm, daß er ſich in Erinnerung an ſeine guten klöſter⸗ lichen Gewohnheiten an die Bruſt ſchlug. Der Berkanrock erhielt abermals dieſen Schlag. Er war ſehr dünn, der arme Rock; er wußte, wie ein Wickelzeug, alle Formen anzunehmen. Unter dem Fauſt⸗ ſchlage aber, mit dem ihn Bannidre beſchenkte, nahm er eine Widerſtandshaltung an; der durchſichtige Stoff machte ſich zum Bruſtharniſch auf der Stelle des Herzens. Bannidre fühlte eine Dicke im Futter. Man ver⸗ zeihe, wir veranlaſſen das Publikum zu einem Irrthum, indem wir ſagen das Futter: der Rock hatte keines. Berichtigen wir das Factum: Bannidre fühlte ein Fut⸗ ter in dieſer Quaſidicke. Er ſchaute, nicht nur von Erſtaunen, ſondern von einer gewiſſen Achtung ergriffen; er ſchaute und ſah an der Stelle des Herzens hinter dem Stoffe dieſes Rockes etwas wie ein Viereck von weißer Leinwand, jenen Aus⸗ beſſerungsſtücken ähnlich, welche dazu dienen, die von einer erfahrenen Nadel behandelten Riſſe zu conſolidiren. „Das iſt ein ſchlecht angebrachtes Stück,“ ſagte er; „ſollte mich die Trödlerin betrogen haben?“ Und er ſtörte mit den Fingern. „Aber es iſt eine Dicke da,“ fügte er bei.„Wir wollen ſehen.“ Indem er dieſe Dicke mit einem gierigen Finger trennte, fand er in der That in dem Viereck von Lein⸗ wand eine Art von Säckchen, gemacht aus einem Bande von grünem Atlaß und einem Bande von roſa Atlaß, Alles in ſehr ſchlechtem Zuſtand, ſehr abgenutzt, ſehr entfärbt, ſehr welk; auf den roſa Atlaß war aber eine plumpe Figur des heiligen Julian, mit den Worten: Ora pro nobis, geſtickt. 13² „Ein Scapulier!“ rief Bannidre;„der Rock iſt alſo bezaubert. Sollte es zuſällig das Scapulier ge⸗ macht haben, daß ich einen Thaler in dieſem Rocke fand? Das iſt nicht wahrſcheinlich, wenn nicht der heilige Ju⸗ lian, der Patron der Reiſenden, den Berkan dergeſtalt begünſtigt, daß er ihn jeden Morgen mit einem Sechs⸗ Livres⸗Thaler ſpickt. Wir wollen im Scapulier ſehen. „Leer! ohl ſehr leer! Die reine und einfache von allen Zierrathen entblößte Religion.“ Am Scapulier hingen zwei ſeidene Schnürchen. Die Beſtimmung dieſes Scapuliers war offenbar, vom Halſe auf die Bruſt zu hängen. Bannidre hing, dem zu Folge, frommer Weiſe das Scapulier an ſeinen Hals, und den heiligen Julian an⸗ rufend, unter deſſen Schutz er ſich fortan geſtellt ſah, wählte er die erſte Straße, die er fand, ohne zu wiſſen, wohin dieſe Straße führte. Das ging ihn fortan nichts mehr an: das war die Sache des heiligen Julian. Kaum hatte er hundert Schritte gemacht, als er viele Leute an einer Straßenecke ſtehen ſah. Da Bannidre nichts drängte, ſo näherte er ſich dieſen Leuten, um zu ſchauen, was ſie da machten. Sie laſen einen Theaterzettel. Bannidre ſtieß einen ſchweren Seufzer aus: er er⸗ innerte ſich der Zeit, wo er, ganz der Kunſt und ſeiner Liebe hingegeben, den Herodes mit Olympia ſpielte und ſodann mit ſeiner wiedererweckten Marianna zu Nacht ſpeiſte. Was ſpielte man in Paris in dieſer Comédie⸗ Frangaiſe, von der Bannidre ſo viel hatte reden hören? Er erhob ſich auf den Fußſpitzen, um über dem Kopf der Leute zu leſen, welche vor ihm waren. Plötz⸗ lich gab er einen Schrei von ſich. Der Theaterzettel bezeichnete mit großen Buchſta⸗ ben den Namen von Olympia, deren Debuts für den⸗ ſelben Abend in der Comédie⸗Frangaiſe angekündigt waren. ſich er⸗ einer ielte 1 zu Zdie⸗ ren? dem lötz⸗ hſta⸗ den⸗ aren. XILIII. Der Menſch denkt, Gott lenkt. Die Blendung, welche über die Augen von Ban⸗ nidre hinzog, war ſo ſchwindelartig, daß er ohne den Wi⸗ derſtand, den ihm der Rücken des Liebhabers bot, über deſſen Kopf er geleſen, mit der Naſe gerade auf den Zettel gefallen wäre. Als er ſich von ſeiner Betäubung erholt hatte, las Bannlère wieder und wieder, und da er ſah, daß er ſich nicht getäuſcht, daß Olympia wirklich und zwar an demſelben Abend debutirte, wäre er vor Freude beinahe geſtorben. Das Reſultat der Entdeckung, welche Bannldre ge⸗ macht, war ungeheuer. Einmal war Olympia wiedergefunden, ſodann war Olympia frei, in Betracht, daß eine Frau, die ſich mit dem Theater beſchäftigt, weder eingeſchloſſen ſein kann, noch will, da die Arbeit der Proben fort⸗ während zu Ausgängen Anlaß gibt, woraus hervorgeht, daß nur derjenige eine Schauſpielerin nicht ſteht, welcher ſie nicht ſehen will, oder nicht in der Gegend eines Theaters zu lauern weiß. Bannidre lief geraden Weges nach der Comodie⸗ Frangaiſe; das war ein Mittel, nicht an das Mittags⸗ eſſen zu denken, und in der wenig glücklichen Lage, in der er ſich befand, war es auch das Beſte, was er thun konnte. Uebrigens ſah er, mochte es nun in Paris viele ſo neugierige oder ſo geldloſe Leute, wie er, geben, die Menge ſchon vor der Thüre verſammelt. Mit den Theatergewohnheiten vertraut, ging Banniare längs der Queue hin, ohne daran Platz zu nehmen, begab ſich zum Portier des Theaters und fragte ihn nach der Adreſſe von Mademoiſelle Olympia. Da entdeckte Bannidre etwas, was er nicht ver⸗ muthete, nämlich, daß in Paris die Portiers der vor⸗ nehmen Herren noch mehr taugten, als die Theater⸗ Portiers: die Erſahrung war traurig; aber beinahe nie lernt man etwas Neues, ohne daß einen dieſe Eroberung der Wiſſenſchaft eine Hoffnung oder eine Illuſion koſtet. Bannidre wurde noch barſcher abgewieſen, als es ihm je widerfahren, denn er bekam in das volle Geſicht eine ſo heftig zugeſchlagene Thüre, daß er darauf ver⸗ zichten mußte, ſich hier zu erkundigen. Hatte Herr von Mailly Olympia dem Schweizer empfohlen, oder hatte ſich Olympia ſelbſt empfohlen? Sie war wohl hiezu fähig. Bannidère ging hinaus und las den Zettel abermals. Auf dem Zettel ſtand mit großen Buchſtaben: Auf Befehl⸗ Britannicus, Trauerſpiel von Racine. Mademoiſelle Olympia wird in der Rolle von Junia debutiren. „Auf Befehl!“ las Bannidère noch einmal, und als er es noch einmal geleſen hatte, wiederholte er es. „Auf Befehl! was bedeutet dieſes auf Befehl?“ fragte ſich Bannidre.„Laͤßt zufällig der König meine Geliebte debutiren? Das iſt möglich, aber nicht ſehr wahrſcheinlich. „Hat Herr von Mailly Olympia wieder zum Thea⸗ ter gebracht? Das iſt nicht die Sache eines Verliebten, und wenn es die Sache eines Verliebten iſt, ſo iſt es nicht die eines Eiferſüchtigen.“ 4 Bannidre begriff, er wuͤrde in einem ewigen Zwei⸗ ſich der ver⸗ vor⸗ ater⸗ e nie rung oſtet. ls es eſicht ver⸗ veizer hlen? mals. eine. unia d als ehl 7 meine öt ſehr Thea⸗ iebten, iſt es Zwei⸗ 135⁵ fel ſchweben, wenn er ſich auf ſeine eigenen Eingebungen beſchränkte. Dem zu Folge erkundigte er ſich bei einem von den Müßiggängern, deſſen Geſicht ihm weniger widerwärtig vorkam, als das des Portier der Comédie. „Mein Herr,“ ſagte er zu ihm,„könnten Sie mir wohl die Urſache dieſer Feierlichkeit erklären?“ „Allerdings.“ „Sie werden mir damit einen Gefallen erweiſen.“ „Mein Herr,“ erwiederte der Müßiggänger,„Sie wiſſen, daß unſer kleiner König krank geweſen iſt.“ „Gewiß, mein Herr, und zwar ſehr gefährlich. Es iſt mir nicht unbekannt, und zum Beweiſe mag die⸗ nen, daß ich, wie alle gute Franzoſen, eine Wachskerze für ſeine Wiedergeneſung habe verbrennen laſſen.“ „Ahl ſehr gut, mein Herr.“ „Mein Herr, ich habe nur meine Pflicht gethan; doch um auf dieſe Vorſtellung zurückzukommen, wenn es Ihnen beliebt...“ „Nun, mein Herr, es geht beſſer beim König, und dieſen Abend wohnt er der Vorſtellung ſeiner Schau⸗ ſpieler bei. Es iſt das erſte Mal, daß er ſeit ſeiner Krankheit das Theater beſucht. Sie begreifen, wie man herbeiſtrömen wird, um ihn zu ſehen und ihn mit Ap⸗ plaus zu empfangen, beſonders da die Gegenwart des Königs mit einem wichtigen Debut zuſammentrifft.“ „Ja, mit dem von Mademoiſelle Olympia; ich ſehe das auf dem Theaterzettel. Kennen Sie dieſe Demoi⸗ ſelle Olympia, mein Herr?“ „Nein, nicht perſönlich. Ich bin Tuchhändler in der Rue Tiquetonne, mein Herr, und habe nie mit der⸗ gleichen Frauen Umgang.“ „ Haben Sie aber nichts von der Demoiſelle Olym⸗ pia ſagen hören?“ „Ich hörte ſagen, ſie komme von Lyon, wo ſie ſehr großen Sueceß gehabt habe, und ſie werde in Paris einen noch viel groͤßeren Sueceß haben. Da ich ſehr neugierig bin, dieſe Komödiantin zu ſehen, mein Herr, 136 ſo will ich mich auch mit Ihrer Erlaubniß an die Queue ſtellen.“ „Ich begreife Ihre Neugierde ſo wohl, daß ich mich ebenfalls an die Queue ſtellen will,“ ſagte Bannidre. Und ohne ſehr tief darüber nachzudenken, daß er keinen Pfennig in ſeiner Taſche hatte, beeilte ſich Ban⸗ nière, mitten unter den Gruppen Platz zu nehmen und zur Bildung von einem der Wirbelbeine des Thieres mit dem beweglichen Rückgrath beizutragen, welches man das Publicum nennt, und deſſen Kreuz, wie das des von Theſeus heraufbeſchworenen Ungeheuers bald ſich in Krümmungen umbiegt, bald ſich als endloſe Schlange ausſtreckt, bald, leider zu oft! den Blicken nur drei bis vier äußerſt magere Ringe bietet. An dieſem Tage war es Python mit Supplementen. Sobald Bannidre in die Wirbelbeine eingefügt war, dachte er ernſter, als er es bis dahin gethan, an ſeine Armuth, welche zum Elend geworden. Doch er machte ſich ein Raiſonnement ungefähr folgenden In⸗ halts: „Nicht Jedermann wird eintreten können; man wird ſich ſchlagen, und zwar viel; im Gemenge wird es gute Stöße für die Gardes⸗frangçaiſes und für den wider⸗ wärtigen Portier geben, dem ich ſeine Hellebarde bei der erſten Gelegenheit, die ſich bietet, auf dem Rücken zu zerſchlagen gelobe, und dieſe erſte Gelegenheit wird hoffentlich nicht lange auf ſich warten laſſen. Ueberdies wird daraus hervorgehen, daß viele Dummköpfe nicht in den Saal mit ihrem Gelde eindringen können, daß aber die gewandten und wenig an der Erhaltung ihres Berkans hängenden Lente, wie ich zum Beiſpiel, umſonſt mit der Gewalt ihrer Fauſt hinein kommen und be⸗ wunderungswürdig im Parterre ſitzen werden.“ Dieſes Raiſonnement, unſer Leſer wird es zugeſte⸗ hen müſſen, entbehrte nicht ganz der Logik für einen faſtenden und verliebten Menſchen. Hätte Bannidre bei dieſem Verhältniſſe ein anderes V 137 gemacht, ſo würde er allen ſeinen praktiſchen und theo⸗ retiſchen Kenntniſſen im Theaterweſen Abbruch gethan haben; er hätte beſonders die allmächtige Vermittelung des großen heiligen Julian, deſſen Scapulier er auf ſeiner Bruſt trug, benachtheiligt. Und während dieſer Zeit begann vor Bannidre und dem Müßiggänger, mit dem er die von uns mitgetheilte intereſſante Unterredung gehabt hatte, die Menge, ein Sturmbock mit bewaffnetem Kopfe, an die Thüre der Comédie⸗Francaiſe zu klopfen, welche nur geſprengt ſein wollten. Sie wurden es auch, ſobald die Bureaur geöffnet waren. Fünf Minuten ging Alles gut, doch nach Verlauf von fünf Minuten begannen der Eifer und eine An⸗ zahl von Raiſonnements dem, welches ſich Bannidre gemacht, ähnlich, einen Einfluß auf die bis dahin erhaltene allgemeine Eintrittsordnung zu üben. Mit unſäglichem Glück ſah Bannisre, wie zehn Schritte vor ihm die Fauſtſchläge auf eine Art ausgetauſcht zu wer⸗ den anſingen, welche regelmäßig genug, daß man hoffen konnte ſie werde lange dauern. Bannidère wurde hier, wie immer, durch ſeinen ſchönen Wuchs unterſtützt, und durch ſeinen ſchoͤnen Wuchs ſah er die Hüte fliegen und in wenig ſenkrechter Hal⸗ tungen die Flinten der Schützen glänzen, welche, von dieſem Sturme bedrängt, ſich bogen, wie es die armen Weiden während der heftigen Herbſt⸗ und Frühlings⸗ winde thun. Noch etwa zehn Minuten Kampf von Seiten der Vorhut, ein ebenſo langes Warten von Seiten des entrums, zu dem Bannidre gehörte, und Bannidre ſiegte ſicherlich. Die zehn Minuten vergingen. Es kam ſogar viel beſſer, als Bannidre erwartete. Der Sturm wurde zur Wetterſäule, und die Gardes⸗frangalſes verſchwanden, wie von einem Wirbel fortgetragene Strohhalme. Es handelte ſich nur noch darum, vorwärts zu 138 drücken und einzutreten. Man brauchte zu dieſem Ende nicht einmal etwas auf den Schultern des Portier zu zerſchlagen. Doch unſer Leſer hat, wie wir, Eines bemerken müſſen, nämlich, daß die Ideen in der Luft ſind, wo ſie wandern wie Schaaren von Vögeln. Daraus folgt, daß, wenn ein Menſch eine gute Idee hat, und natürlich dieſe Idee ganz allein zu haben glaubt, daß er dieſe Idee von einem Andern in dem Augenblick ausführen ſieht, wo er ſie ſelbſt ausführen will. Durch den Strelt, der ſich an der Thüre entſpon⸗ nen, und in welchem die bewaffnete Macht unterlegen war, waren mehr als vierzig Perſonen, welche vor Ban⸗ nidre und ſeinem Müßiggänger den Vorzug hatten, daß ſte ſich vor ihnen an die Queue geſtellt, waren mehr als vierzig Perſonen, ſagen wir, unter das Veſtibule gelangt, ohne daß ſie die Hand in den Geldbeutel zu ſtecken nöthig gehabt hatten. Es kam die Reihe an Bannidre; Bannidre berech⸗ nete, in einer Minute, in einer Secunde wäre er auch unter dem beſeligenden Veſtibule; ſchon nahm er ſeinen Anlauf, um die zwei letzten Linien niederzuwerfen, welche ihn noch vom Eingang trennten, als plötzlich dieſe zwei Linien, zögernd und anhaltend, wie die bekannte Co⸗ lonne von Fontenoy beim Angriffe von Richelien, ſich auf Bannidre zurückwarfen und ihn bis in die Goſſe drängten. Bannidre bemerkte jetzt erſt, daß der zum Voraus in ſeiner Einbildungskraft geſchlagene Portier Mann⸗ ſchaft holen gegangen war und gefunden hatte, daß die überwundenen Schützen ſich vermehrt hatten, wie die Soldaten unter den Zähnen des Drachen von Kadmos, daß ſich die Gardes⸗frangaiſes nicht durch eine erſte Niederlage für geſchlagen gehalten, und daß an der Stelle der verkrümmten und zerſtreuten Bajonette eine Verſtärkung von ſehr entſchiedenen, ſehr geraden und ſehr zahlreichen Bajonetten die der Ordnung zu⸗ wid in linit nich ſirt Ein mel weit ſeine eine „E und mehr tibule el zu erech⸗ auch ſeinen velche zwei Co⸗ . ſich Goſſe oraus Kann⸗ iß die he die dmos, erſte n der onette raden g zu⸗ 139 wider handelnden Zuſchauer hinausgetrieben hatte, und in guter Haltung vorrückte, um die anderen zu discip⸗ liniren. Dieſe Schlappe vermochte einen Kämpfenden nicht zu entmuthigen, der beim Kampfe ſo ſehr intereſ⸗ ſirt und folglich ſo ſehr erbittert, wie es Bannidre war. Ein Entſchluß wie der ſeinige capitulirt nicht vor einer mehr oder minder großen Anzahl von Eiſenſtücken. Bannidre blieb auch beharrlich, und ſtatt zurückzu⸗ weichen, wie die meiſten Anweſenden, verdoppelte er ſeine Energie und wurde vom Soldaten Obergeneral einer Menge von Meuterern, welche aus vollem Halſe: „Es lebe der König!“ ſchrieen und die Thüren und Schranken des Theaters zu erſtürmen trachteten. Das von Bannidre gegebene gute Beiſpiel ermu⸗ thigte die übrigen Flüchtlinge, ſie kehrten um, als ſie ſahen, daß das Treffen nicht ganz verloren war, ver⸗ banden ſich, ihrem neuen General folgend, mit dieſem und machten ein Loch durch die Schützen und die Polizei⸗ agenten, immer unter dem Geſchrei:„Es lebe der König!“ eine ſinnreiche Taktik, mittelſt welcher die Ruheſtöͤrer nur die Schranken zu zerbrechen, die Thüren einzuſtoßen und die Garden niederzuſchlagen ſchienen, um ihren Eifer und ihre Liebe für Seine Majeſtät Kö⸗ nig Ludwig XV. zu bezeigen, den man damals noch den Vielgeliebten nannte. Man kann ſich leicht denken, daß der Berkan von Bannidre, der ſich am Orte der Gefahr befand, nicht geſchont wurde. Dieſer Berkan war indeſſen von einer unbändigen Hartnäckigkeit; er war für ſich allein ſo viel werth, als eine ganze Armee. Was er an einem Tage an Muth, an Zorn, an Ergebenheit entwickelte, hätte ge⸗ nügt, die Römer der drei Schlachten bei Trebiä, beim Traſimenus und bei Cannä gewinnen zu machen. Die Anzahl trug den Sieg davon. Ein Dutzend Schützen opferte ſich und griff mit aller Macht den 140 muthigen Mann an, der würdig geweſen waͤre, ſchwächer angegriffen zu werden. Dann, und das war ein ſchmerzliches Schauſpiel für diejenigen, welche den wahren Muth zu ſchätzen wußten, dann ſah man in Fetzen unter ihren wüthenden Händen den Berkan fliegen, der bis dahin ſo gewaltigen Schlachten entkommen war. Bannidre, welcher, Allem zum Trotze, auch und wie diejenigen, nach deren Loos er ſo ſehr trachtete, in das Veſtibule des Theaters eingedrungen war, Bannidre, als er ſah, man würde ihn viertheilen, führe er fort, ſeine Füße und ſeine Hände durch die reichliche Aus⸗ theilung von Schlägen preiszugeben, die er nach rechts und nach links, nach vorne und nach hinten regnen ließ, Bannidre klammerte ſich, als hätte er ſie aufheben wollen, mit den Füßen und den Händen an eine in⸗ nere Säule an, und es begann dann unter dem Veſti⸗ bule ein Schauſpiel, das ſicherlich intereſſanter als das, welches die Liebhaber der geſunden Literatur im Saale hatten ſuchen wollen. Er ſchrie:„Es lebe der König!“ mit einer ſolchen Stärke, daß ſich ſein Geſchrei in ein Brüllen verwandelte. Er umklammerte den Stein mit einer ſolchen Kraft, daß die Schützen darauf verzichteten, ihn zum Loslaſſen der Säule zu nöthigen. Man hätte glauben ſollen, er ſei einer von den Bildhauern des Mittelalters, wie ſie die Baumeiſter von Straßburg und von Cöln an den rieſigen Pfeilern ihrer Kathedra⸗ len befeſtigten. Ach! warum können ſolche Beiſpiele von Muth und Aufopferung, ähnlich den von Kynägiros bei Ma⸗ rathon, nicht ſiegen, um der Nachwelt das ſüße und befriedigende Schauſpiel der belohnten Tugend zu hin⸗ terlaſſen? Doch es geſchah nicht ſo. Ein Commiſſär erſchien, erkundigte ſich, unterſuchte, ſchaute, und ſlatt ſich dem Gefühle allgemeiner Bewunderung anzuſchließen, 141 welches wie mit einer Glorie die ſchöne Vertheidigung von Bannisre umgab, ertheilte er mit einer kreiſchenden Stimme genaue und klare Beſehle, welche ungefähr alſo lauteten: „Schützen! nehmt dieſen Menſchen weg und führt ihn mir vor.“ Bannidre, der dem Geſetze nicht Trotz bieten wollte, ließ mit ſeinen Füßen vom Steine, ſpannte die Federn ſeiner krampfhaft um die Säule geklammerten Finger ab und fiel wehrlos unter ſeine Verfolger, wie eine Ciche, welche, ſchon durch einen Sturm entwurzelt, ſich unter einem Hauche beugt und fällt. Der Commiſſär hatte ſich ſchon in ſeine Höhle zurückgezogen. Die Schützen führten ihn dahin, indem ihn die Einen bei den Fauſtgelenken feſthielten, wäh⸗ rend ihn Andere energiſch von hinten ſchoben. Ban⸗ nière kannte dieſe Taktik; es war die, welcher man ſich ſchon bedient hatte, um ihn vom Hauſe von Olympia in das Gefängniß von Lyon zu führen. Durch die Erfahrung klug geworden, ſeiner erſten Verhaftung ſich erinnernd, zog Bannière unter dem Vorwande, gewiſſe Stücke ſeiner Kleidung, welche un⸗ geheuer gelitten hatten, wieder zurecht zu machen, ſeinen Diamant von ſeinem Finger und ſchob ihn ganz ſachte in ſeinen Mund. Man wird bemerken, daß unter den verdrießlichen Umſtänden ſeines Lebens dieſer Diamant das war, was Bannidère am meiſten in Anſpruch nahm. Die Sache wurde zur Zufriedenheit des Gefange⸗ nen ausgeführt, und Niemand bemerkte die für ihn ſo wichtige Bewegung. Man führte alſo Bannidre, immer ſtoßend und ſchiebend, dem Commiſſär vor. Der Commiſſär ſetzte alle Blitze ſeines Zornes in Bereitſchaft, um Bannière zu verhoͤren. Als die Inſcenirung beendigt war, begann das Verhör. 14² Bannidre hörte ruhig die Fragen an, die man an ihn machte. Bannidre hatte aber ſeinen Diamant in ſeinem Munde; er befürchtete, wenn er ihn zwiſchen die Zähne und die Wange ſchöbe, könnte der Diamant eine Vorragung bilden und ſich ſelbſt verrathen; er be⸗ heißt, er blieb ſtumm: denn es iſt rein unmoͤglich, mit einem Diamant auf der Zunge zu reden. Was, ſprechen macht, eerrwähnt nur des Honigs, der von den Lippen des Königs von Pylos floß, und überläßt Heſiod, der minder ſtreng als er in philoſophiſchen Materieu, die goldeneu Dinge, welche aus dem Munde der Beredt⸗ ſamkeit kommen. Es kam alſo nichts aus dem Munde von Ban⸗ nière, und wir wiſſen, warum: aber der Commiſſär, der entfernt nichts vermuthete, ſondern glaubte, dieſes Stillſchweigen rühre von einem ſchlechten Willen her, wurde der Fragen müde, auf welche keine Antwort er⸗ folgte, machte von ſeinem Rechte Gebrauch und ſchickte Bannière in's Gefängniß. Dieſelben Schützen führten nach dem Fort⸗ l'Evéque den jungen Mann, der, kurz zuvor noch voll Feuer und Kraft, nun mit düſterem Auge und geſenktem Kopfe, wie die Renner des ſchönen Hippolyt, einherging. n an t in ſchen mant r be⸗ das Was, richt, Vorte Neſtor n den eſiod, erien, eredt⸗ Ban⸗ niſſär, dieſes n her, ort er⸗ ſchickte Foéque er und fe, wie 143 XLIV. Das Fort-dEvéque. Kein Zwiſchenfall ereignete ſich auf vem Wege; Bannière blieb nur ſtumm, was die Schützen ungeheuer in Erſtaunen ſetzen mußte, in Betracht, daß ſie ihn auf eine ſo heftige und ſo anhaltende Art:„Es lebe der König!“ hatten rufen hören. Man führte Bannidre, wie geſagt, nach dem Fort⸗ l'Evéque und zeichnete ihn mit den gewöhnlichen Förm⸗ lichkeiten in die Liſte der Gefangenen ein Wäͤhrend der ganzen Zeit ſeiner Einſperrung gab Bannidre eben ſo wenig eine Sylbe von ſich, als er es vor dem Commiſſär und unter Weges gethan hatte. Sobald er eingeſperrt war, athmete Bannidère, nahm ſeinen Diamant aus ſeinem Munde und verbarg ihn in einer kleinen Spalte ſeiner Wand oder vielmehr der Wand des Königs; dann zog er ſein armſeliges Bett vor dieſe Spalte und legte ſich darauf, um ſeinen Dia⸗ mant nicht aus dem Geſichte zu verlieren, ſelbſt nicht während ſeines Schlafes, wie Herr de la Paliſſe geſagt hätte, der ſo viele gute Dinge ſagte.— Nicht ohne Grund handelte er ſo, denn man durch⸗ ſuchte ihn ſorgfältig, was nicht ſchwierig ſein konnte, da er mehr als halb nackt war. Man unterſuchte beſonders das Scapulier, welches man als leer und unſchuldig erkannte. Diesmal war es kein Commiſſär, der Bannidre, verhörte, es war ein Richter des Chatelet; die Cere⸗ monie wurde Achtung einflößend. 3 „BAannlôre hatte bis dahin zu wenig geſprochen, diesmal aber ſprach er zu viel. „Ihr Name?“ „Bann dre.“ „Ihr Alter?“ „Fünf und zwanzig Jahre.“ „Ihr Gewerbe 2“ „Ich habe keines.“ „Ihr Domicil?“ „Ich habe noch keines, da ich dieſen Morgen erſt in Paris ankam.“ „Ihre Eriſtenzmittel?“ Bannidre zeigte ſeine Arme, ein vortreffliches Exi⸗ ſtenzmittel; die Schützen wußten etwas davon und konn⸗ ten es zur Noth beſtätigen. Der Richter ging nun in das Detail der Beſchwer⸗ den ein, die man gegen Bannidre vorbrachte. „Warum haben Sie die Garde geſchlagen?“ fragte er. „Weil man mich verhinderte, in das Theater ein⸗ zutreten.“ „Was wollten Sie dort machen?“ „Bei Gott! das Schauſpiel ſehen.“ „Man hat Sie aber durchſucht: Sie hatten kein Geld.“ Hier gerieth Bannidre in Verlegenheit, mehr als bei Frau von Mailly, denn ſtatt einer ſchlechten Ant⸗ wort fand er diesmal gar keine, und mit ein wenig Geiſtesgegenwart wäre die Antwort doch leicht geweſen: er hatte nur die zahlreichen Wunden ſeines Rockes zu zeigen und zu ſagen: „Sehen Sie, ob meine Börſe in einem dergeſtalt zerriſſenen Kleide hat bleiben können!“ Und auf dieſe Art hätte er ſogar noch geſagt, er könne Entſchädigung beanſpruchen. Bannidre fand jedoch dieſe Lüge nicht, ſo einfach ſie war. Er blieb alſo verblüfft bei der Frage des Beamten. Wir müſſen indeſſen auch die volle Wahrheit ſagen, 145 damit unſer Leſer Bannidre nicht alberner macht, als er in Wirklichkeit war. Während der Beamte protokollirte, war Bannidre nur darauf bedacht, aus dem Gefängniß zu kommen. Dieſer Wunſch äußerte ſich plötzlich und in einem Augenblick, wo es der Beamte am wenigſten erwartete. „Wie viel Uhr iſt es?“ fragte er den Richter, der ihn ganz verwundert anſchaute. „Warum?“ erwiederte dieſer mit einer etwas ſpöt⸗ tiſchen Miene. „Warum eil um in die Comeédie zurückzukehren!“ rief Bannidre. Der Richter ſchaute die Schützen an. „Geſchwinde, geſchwinde,“ fügte Bannidre bei,„ich kann ſehr wohl noch bei dem Moment ankommen, wo Junia ſagt: O mein Fürſt!“ und dieſen Moment moͤchte ich vornehmlich ſehen. Olympia war darin ſo ſchön! ſo pathetiſch! ſo rührend!“ „Ho! ho!“ machte der Richter. „Beeilen Sie ſich alſo,“ fuhr Bannisre fort,„denn wenn Sie noch zögern, ſo werde ich nicht mehr bei dem Moment eintreffen, wo ſie zu Agrippina ſagt: „Verzeihet dies Entzücken, edle Frau.“ „Ahl was hat denn dieſer Teufelsmenſch?ℳ ſtam⸗ melte der Richter. „Nun, wird man wohl ein Ende machen?“ rief Bannidre mit einem Tone, dem man die Rückkehr eines Zornes anmerkte, welcher, einen Augenblick unterdrückt, abermals loszubrechen drohte. „Nun! nun!“ rief der Richter, indem er Bannidre mit einem gewiſſen Schrecken betrachtete,„ſind Sie ver⸗ rückt! Wiel ich fand Sie beinahe unſchuldig, und wollte Nachſicht mit Ihnen haben..“ „Oh! es wäre beſſer, man würde mit Strenge gegen mich verfahren! Habe ich etwas gethan? Man hat mich geſchlagen, man hat mir einen ganz neuen Olympia von Clapes. II, 10 146 Rock zerriſſen, Baſinhoſen, die ich zum erſten Mal trug, unbrauchbar gemacht, und Alles dies, weil ich das Schauſpiel ſehen wollte und:„Es lebe der König!“ rief.“ „Und er rief es ganz herzlich,“ bemerkte einer von den Schützen;„man muß ihm dieſe Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen.“ „Er iſt kein böſer Menſch, und er drückt ſich gut aus,“ ſagte der Richter. „Raſch, raſch alſo,“ rief Banniére,„öffnen Sie mir die Thüren, da ich ſo ſehr unſchuldig bin!“ „Aber er iſt verrückt!“ ſagte der Richter. „Verrückt! ich! gehen Sie doch!“ „Beruhigen Sie ſich, und wir werden ſehen.“ „Daß ich mich beruhige!“ „Ja.“ „Aber ich ſage Ihnen, daß ſie im Begriffe iſt, von der Scene abzugehen!“ „Wer?“ „Junia.“ „Wer, Junia?“ „Junia, tauſend Teufel! Wollen Sie mich denn verhindern, ſie bei ihrem Weggehen zu ſehen 12 „Junia.“ „Junia kleidet ſich aus?“ verſetzte der Richter, dem dies ein Aergerniß gab. „Allerdings! glauben Sie denn, ſie werde mit ihrer Tuniea und ihrem Peplos nach Hauſe kehren 2“ „Nun! was geht das mich an?“ „Aber mich geht es ſehr viel an; ich habe nur e iſt, denn ſagte Nenſch Fall nnidre , dem e mit ren?“ e nur 147 Zeit, zu laufen, um in dem Augenblick anzukommen, wo ſie aus dem Theater weggehen wird. Laſſen Sie mich los!“ „Es iſt entſchieden ein Narr!“ ſagte der Richter. „Es iſt ein Narr!“ wiederholten die Schützen, ent⸗ Zückt, wie der Richter zu ſprechen. „Ein Narr von der ſentimentalen Gattung,“ fuhr der Richter fort. Bannidre ſtürzte vor. Die Schützen hielten ihn auf ein Zeichen des Beamten zurück. Bannidre begann den Kampf wieder. Die Schützen legten Bannidre auf den Boden. Dann, als Bannisre auf dem Boden lag, ging der Richter rings um ihn und ſchaute ihn mit einer Aufmerkſamkeit gemiſcht mit Neugierde an. „Meine Herren,“ ſagte er,„dieſer Menſch iſt von einer der gefährlichſten Kriſen befallen, welche die Aerzte Wahnſinn aus Liebe nennen.“ Nachdem dieſes Urtheil gefällt war, brummelte der Beamte ein paar Worte, ſchrieb ein paar andere auf ein Stück Papier, das er dem Anführer der Schützen übergab, und machte ſich aus dem Staube. Bannidre, der ihn nicht aus dem Geſichte verloren, war, ſtatt ſich zu beruhigen, noch zorniger geworden, hatte gedroht, ſogar geſchlagen. Als der Richter weggegangen war, ließ man Ban⸗ niore bei den Beinen los, waͤhrend man ihn an den Armen immer noch feſthielt. „Vorwärts, mein Junge,“ ſagte der Auführer der Schützen,„ſtehen Sie gutwillig auf.“ „Aufſtehen? Wir werden...“ „Wir werden Iulie ſehen,“ ſagte der Schütze, der dieſen franzöſiſchen Namen, ſtatt des lateiniſchen Na⸗ mens von Herrn Racine, dem Verfaſſer von Britan⸗ nicus, gehört zu haben waͤhnte. annière ſprang auf, denn er glaubte, man werde ihn wirklich in Freiheit ſetzen. Doch er war bemüht, mit ſeinen Fingerſpitzen den 148 Ring von Olympia zu faſſen, und er ſchob ihn in das Scapulier, ein Aſyl, das unverletzlich geworden, ſeit dem man es ſo genau unterſucht hatte. Der arme Bannlère hatte Recht, daß er den Dia⸗ mant mit ſo großer Geſchicklichkeit verbarg, denn nach⸗ dem er viel in Paris in einer Richtung marſchirt war, welche, ſo weit er es beurtheilen konnte, nicht die der Comédie⸗Frangaiſe, ließen ihn die Schützen in einen Fiacre ſteigen und ſagten zum Kutſcher: 6 „Fahre nach Charenton. 3 Eine Stunde nachher ſtieg Bannidre mit ſeiner Escorte vor einem großen Hauſe aus; während man ihn unter ein Pförtchen gehen ließ, ſchrieb man, nach der Angabe der Schützen, denn Bann isre hatte nicht antworten wollen, da er nichts von dem was vorging, begriff, in das Regiſter: „Narr aus Liebe!“ Die Schützen entfernten ſich, er blieb allein. Und als er ſich gegen dieſe erſchreckliche Ver⸗ folgung des Schickſals empörte, kamen kräftige Män⸗ ner, banden ihm die Hände und Füße und warfen ihn in eine kalte Zelle, wo ſie ihn mit ſeiner Verzweiflung ließen, die nur Eines milderte: daß er unter Allem dem immer den Ring von Olympia hatte. das ſeit Dia⸗ nach⸗ war, ie der einen ſeiner man nach nicht rging, Ver⸗ Män⸗ en ihn eiflung Allem 149 XIV. Wie Herr von AMailly zu Olympia zurüchge- koanmen war. Die für Bannidre ſo ſtürmiſche Vorſtellung hatte indeſſen beſſer für die friedlichen Zuſchauer, welche ihren Platz bezahlt, als für ihn geendigt. Der König war ruhig zur bezeichneten Stunde ein⸗ getroffen. Der König hatte in ſeiner Loge unter einem Freudengeſchrei Platz genommen, welches ſich nur durch die wahnſinnige Liebe erklären läßt, von der um jene Zeit alle Unterthanen Seiner Allerchriſtlichſten Majeſtät erfüllt waren. Ludwig XV. zählte damals ungefähr ſiebenzehn Jahre. Er war in der ganzen Milde der Jugend, in der ganzen Blüthe einer kaum erſchloſſenen Schönheit; nachdem er das ſchönſte Kind Frankreichs geweſen, war er der ſchönſte Jüngling der Welt. Ueberdies beſaß kein Mann in einem ſo hohen Grade die Anmuth gepaart mit dem Adel. Der mächtige Zauber, den er über alle Franzoſen ausübte, welche in den Anfängen ſeiner Regierung die glänzende Morgenröthe eines langen Friedens und einer hohen Wohlfahrt ſahen, dieſer mächtige Zauber ließ ſich erklären durch die Furcht, in der man ſeit langer Zeit in Betreff ſeiner, wie die Freunde von Frau von Main⸗ tenon ſagten, immer durch den Herzog von Orleans und ſeine Genoſſen bedrohten Geſundheit lebte. Dooch der Herzog von Orleans war redlich die ihm von Gott gegebene Sendung, Frankreich dieſe auf ihrem Stängel erbleichende Lilie zu bewahren, erfüllend geſtorben; er war ganz Frankreich mit dieſer Sendung betrauend geſlorben. Ddieſer Prinz, der Gegenſtand von ſo vielen Be⸗ fürchtungen, hatte das Mannesalter erreicht. Er war ——— 150 ſtark genug, um Jedermann zu beruhigen, ſchwach ge⸗ nug, um intereſſant zu erſcheinen. Seine Bläſſe, eine Folge der Krankheit, aus der er wie aus einem Grabe hervorging, war für alle Anweſende ein Beweggrund, ihn zu lieben, ihn mit Klatſchen zu begrüßen und mehr zu bewundern, als ſie es zu einer gewöhnlichen Zeit gethan hätten. Nie, in der That, hatten ſeine Augen von einem ſo ſanften Feuer geglänzt, nie hatten ſeine ſchönen weißen Hände mehr Schmachtendes und mehr zarte Geſchmeidigkeit den bezauberten Blicken der Damen geboten. Als der enthuſiaſtiſche Empfang, den die Pariſer ihrem Idol bereitet, zu Ende war, beſchäftigte man ſich ein wenig mit dem, was auf der Bühne vorging. Olympia ſpielte wirklich die Junia. Der Theater⸗ zettel, den Bannidre geleſen, und der ihn geraden Wegs nach Charenton geführt, hatte nicht gelogen. Vielleicht iſt hier der Augenblick, unſern Leſern einige Erklärungen über das, was vorgefallen, zu geben. Von den Ereigniſſen, die wir erzählt, und die die Rück⸗ kehr von Herrn von Mailly und die Abreiſe von Olym⸗ pia enthalten, haben wir nur die Oberfläche geſehen; dringen wir ein wenig in den Grund ein. Eine Helrath war, wie wir am Anfang dieſes Buches geſagt, unter den Auſpicien des Koͤnigs, zwiſchen Herrn Louis Alexandre von Mallly und Fräulein Loulſe Julie von Nesle angeordnet worden. Das war eine von den Heirathen, welche die Vermögen verbinden, die Verwandtſchaften enger ſchließen, welche unter den Fami⸗ lienhäuptern feſtgeſetzt und von den Kindern beinahe nie bekämpft werden, weil ſie alle Convenienzen, wenn nicht des Glückes, doch wenigſtens des geſellſchaftlichen Le⸗ bens vereinigen. Ueberdies war eine Heirath um jene Zeit eine minder ernſte Sache, als in unſeren Tagen. Man hei⸗ rathete, um ſein Vermögen zu übertragen und ſein Ge⸗ ſchlecht fortzupflanzen. Um zu dieſen zwei Reſultaten ge⸗ s der alle mit ls ſie 2, in unften Hände it den ariſer n ſich eater⸗ Wegs Leſern geben. Rück⸗ Olym⸗ ſehen; dieſes viſchen Loulfe r eine en, die Fami⸗ he nie n nicht en Le⸗ it eine un hei⸗ ein Ge⸗ ultaten 151 zu gelangen, genügte es für einen Ehemann, einen Sohn zu haben. Wenig war ihm an den andern gelegen; die andern führten ſeinen Namen nicht, die andern theilten ſein Vermögen nicht; man widmete den Einen dem Schwerte, den Andern der Kirche: das waren der Herr Chevalier oder der Herr Abbé. Man ſehe nur Molidre; Molidère, der vor Eiferſucht geſtorben iſt; Molidre, der Sittenmaler, ſpricht nicht ein einziges Mal das Wort Adultère aus. Adultère iſt allerdings ein Wort der franzöſtſchen Sprache*), aber es iſt ein poeliſches Wort, wie Reaner ſtatt Pferd, wie Flamme ſtatt Liebe, wie Hinſcheiden ſtatt Tod; das laufende Wort, das gebräuch⸗ liche Wort, das komiſche Wort, das nur den ſpaßhaften Gedanken nach ſich zieht, man frage Molidre danach. Von dieſer doppelten Larve enthüllt Molière nur die⸗ jenige, welche das Lachen grimaſſirt; diejenige, welche den Schmerz ausdrückt, welche die Thränen durchfur⸗ chen, welche die Verzweiflung zuſammenzieht, bleibt im Schatten, und Niemand ſieht ſie, als der Mann viel⸗ leicht, wenn er in ſein Zimmer zurückgekehrt, ganz allein mit ſich ſelbſt, die andere ablegt und ſich im Spiegel betrachtet.. Heute iſt es etwas ganz Anderes; der Fehler iſt ein Verbrechen. Iſt die Gefellſchaft moraliſcher gewor⸗ den? Ja, vor Allem; wir behaupten es, und es wäre uns nicht ſchwer, dies zu beweiſen. Sodann hat ſich das Geſetz in die Sitten gemiſcht; das Geſetz hat die Ma⸗ jorate, die Erſtgeburtsrechte, die Fideicommiſſe aufge⸗ hoben; das Geſetz hat die gleiche Vertheilung der Güter des Vaters unter alle Kinder befohlen; kein Kloſter mehr für die Tochter, kein Seminar mehr für den jün⸗ geren Sohn; Alle haben denſelben Urſprung, Alle müſſen folglich daſſelbe Recht haben. *) Urſprünglich der lateiniſchen, adulterium, der Ehebruch. 15⁵² Sobald aber der Mann ſah, daß ſeine Kinder⸗ nach dem Geſetz, ein gleiches Recht auf ſein Erbe hatten, wollte er, daß ſie es nach der Natur haben, und von dieſem Augenblick iſt das Wort Adultdère das wirkliche Wort, nämlich ſynonym mit Verbrechen für die Gattin, mit Diebſtahl für das Kind geworden; darum hat das neunzehnte Jahrhundert das Wort ernſt genommen, welches das ſlebenzehnte komiſch genommen hatte. Darum hat Mollere Georges Dandin gemacht, darum habe ich Antony gemacht. Die Familie Nesle und die Familie Mailly hatten ſich alſo verbunden, um die zwei Verwandten, deren Namen und Vornamen wir ſo eben bezeichnet haben, eine von dieſen Heirathen ſchließen zu laſſen. Herr von Mailly hatte Avignon in dieſer Abſicht verlaſſen, war nach Paris gekommen, und hatte ſeine ſchöne Coufine in ungefähr eben ſo viel Zeit geheirathet, als Cäſar gebraucht, um den König von Pontus zu beſiegen*). Frau von Mailly war ein reizendes Mädchen von ſiebenzehn bis achtzehn Jahren. Wir wiſſen wohl, man hat viel über ihr Alter geſtritten, doch wir behaupten, daß ſie im Jahre 1700, das heißt in demſelben Jahre wie der König geboren war. Wir haben ihr Portrait gegeben, als Bannidre bei ihr eingeführt wurde. Mailly kannte ſeine Couſine ſeit ihrer Kindheit; es konnte alſo nicht wohl ein neues Gefühl aus der Verbindung der zwei Verwandten entſtehen: ſie waren Beide jung, Beide ſchön. Indeſſen, an die anmuthigen und geiſtreichen Zu⸗ vorkommenheiten von Olympia gewöhnt, ſtellte Mailly bald zwiſchen der Frau, die er genommen, und der Geliebten, die er verlaſſen, einen Unterſchied ſeſt, der, *) Ueber welchen Sieg Cäſar an den Senat in Rom die bekannten Worte: Veni! vidi! vieil ſchrieb D. Ueberſ. nach tten, von liche ttin, das men, arum habe atten deren aben, Jahre rtrait dheit; is der waren n Zu⸗ Nailly nd der , der, Rom ſchrieb⸗ rſ. 153 wir müſſen es ſagen, ganz zum Vortheil der Gelieb⸗ ten war. Uebrigens hatte Herr von Mallly, ſelbſt in der innigſten Vertraulichkeit, bei ſeiner Frau einen Hang zur Traurigkeit, eine Neigung zur Zerſtreutheit wahrgenommen; man hätte glauben ſollen, ein unbe⸗ kanntes Gefühl, das ſie vor den Andern und vielleicht vor ſich ſelbſt verberge, lebe im Grunde des Herzens der jungen Frau und offenbare, in einer unſichtbaren, tiefen Falte zuſammengezogen, ſeine Exiſtenz nur durch den ſcharfen Biß, den, ſo oft ſie erwacht, eine ſchlecht eingeſchläferte Leidenſchaft macht. Da jedoch über das Benehmen von Frau von Mailly nichts zu bemerken war; da er, nachdem er mit Aufmerkſamkeit ſtudirt hatte, mit welchem Tone, mit welcher Stimme, mit welcher Miene ſeine Frau nicht nur mit allen den Freunden, die er bei ihr eingeführt, ſondern auch mit allen Herren ſprach, die ſte bei Hofe ſah, von der Kälte ſeiner Frau gegen Jedermann über⸗ zeugt geblieben war, ſo hatte er gedacht, dieſe Kälte ſei etwas Natürliches bei ihr, und ſich nicht mehr darum bekümmert, trotz ſeiner Neigung zur Eiferſucht. So oft ſich ſein Herz dem Winde der Traurigkeit zuwandte, wandte er ſich gegen Olympia, und ein Seufzer ging von Paris aus, um das reizende Geſchöpf überall, wo es ſich fände, aufzuſuchen. Herr von Mailly kam endlich dazu, daß er ſich ſo ſehr nach Oiympia ſehnte, daß er ſie ſo ernſtlich, nicht nur bei ſeiner Frau, ſondern auch bei andern Frauen vermißte, daß er beſchloß, den Weg einzuſchlagen, den einer um den andern alle ſeine Seußzer eingeſchlagen hatten, und das zu thun, was ſeine Seufßzer nicht hatten thun können, nämlich Olympia nach Paris zu führen. . Würde er nun Olympia frei finden? wuͤrde ſie ihn folgen wollen? Das war die Frage, wie Hamlet agt. Doch dieſe Frage an die Eitelkeit eines Mannes ge⸗ ſtellt iſt ſehr raſch gelöſt. Wo würde Olympia in der 154 Provinz einen Cavalier finden, der vollendet genug, um ſie Herrn von Mailly vergeſſen zu machen? Selbſt in Paris, wo der Regent Verſailles entcentraliſirt hatte, ſelbſt in Paris, das ſich zum Rendez⸗vons aller Schön⸗ heiten und aller Eleganzen gebildet hatte, galt Herr von Mailly für einen ſchönen und eleganten Cavalier; es war alſo offenbar, daß Olympia nichts dem, was ſie verloren, Aehnliches gefunden, daß ſie folglich fortwäh⸗ rend den Verluſt ihrer zwei Jahre des Glückes und der Liebe beklagt hatte, wie Herr von Mailly ſte ſelbſt be⸗ klagte. Beli dieſer Geſinnung, und ſie konnte keine an⸗ dere haben, würde Olympia als ein Gluͤck dieſe Rück⸗ kehr betrachten, die ſie vielleicht wünſchte, aber nicht zu hoffen wagte. Indeſſen,— man mußte auf Alles gefaßt ſein,— indeſſen war es möglich, daß Olympia, an der Exfül⸗ lung ihrer Wünſche verzweifelnd, und auf die drama⸗ tiſche Laufbahn in Paris, worüber ſte ſo oft mit Herrn von Mailly geſprochen, verzichtend, ein Engagement mit einem Director in der Provinz abgeſchloſſen hatte; dieſes Engagement mußte man ungültig machen. Das war etwas Leichtes; ein Debut⸗Befehl für die Comédie⸗ Frangaiſe löſte alle Engagements. Herr von Mailly ließ ſich einen Debut⸗Befehl vom Kammerherrn der Comédie⸗Frangaiſe unterzeichnen und reiſte, mit dieſem Debut⸗Befehle verſehen, nach Lyon ab. Ueberdies, obgleich er im Grunde auf die Liebe und die Treue von Olympia rechnete, war es ihm nicht un⸗ angenehm, um dieſe Liebe wiederzubeleben und dieſe Treue zu ſtärken, vor ihr als Protector zu erſcheinen und ſich ein Gefühl der Dankbarkeit außer den Gefühlen zu ſchaffen, welche Olympia ohne Zweifel für ihn be⸗ wahrt hatte. Wir haben geſehen, unter welchen Umſtänden Herr von Mailly in Lyon ankam, wie er dort Olympia in Verzweiflung wiederfand, und wie Olympia, in ihrer Verzweiflung, und um ihn über die Zukunft ihres Ver⸗ 155 hältniſſes zu Bannidre zu tröſten, ihm zu folgen ein⸗ willigte. Die Freiheit von Bannidre war, wie wir auch ge⸗ ſehen, wenn nicht die Bedingung, doch wenigſtens das Reſultat dieſer Wiedervereinigung, welche, grauſam von Olympia Bannidre bezeichnet, dieſen beinahe wahnſinnig gemacht hätte. Herr von Mailly hatte alſo Olympia wiedergeſe⸗ hen, wenn nicht glücklich, ihm zu folgen, doch wenig⸗ ſtens glücklich, Lyon zu verlaſſen und in der Arbeit der Bühne und in den Studien, die ſie zu machen genoͤthigt wäre, eine Zerſtreuung von der Liebe für Bannidre zu finden, welche ſie durch die Verachtung erloſchen glaubte, während ſie nur durch die Eiferſucht getrübt war. Was war auch geſchehen? Olympia, nachdem ſie Bannière verlaſſen, hatte bemerkt, daß ſie ihn noch liebte; Olympia, nachdem ſie Herrn von Mailly wieder genommen, hatte bemerkt, daß ſie ihn nicht mehr liebte. Als eine Verzweifelte, die an nichts mehr glaubt, ſeitdem ſie ihr Glück verloren, als eine Verbannte, die an nichts mehr hält, ſeitdem ſie ihr Vaterland verloren, hatte ſich Olympia wieder an die einzige Leidenſchaft angehängt, welche die Frauen noch haben, wenn ſie keine Liebe mehr haben. Sie hatte ihre Unabhängigkeit wieder ergriffen. Die Unabhängigkeit für Olympia war aber das Theater. Da hatte es Herr von Mailly, welcher wahrge⸗ nommen, was in dieſem armen zerriſſenen Herzen vor⸗ ging, verſucht, Olympia zu ſich allein zurückzuführen, er hatte ſie aufgefordert, der dramatiſchen Laufbahn zu entſagen und keinen Gebrauch von dem Debut⸗Befehl zu machen, mit dem er ſich in einer andern Abſicht ver⸗ ſehen; aber im Grunde ihrer Seele verwundet, ohne daß ſie ihre Wunde Jemand zum Vorwurf machen konnte, hatte Olympia den Grafen an den Debut⸗Be⸗ fehl erinnert, von dem er mit ihr beim Wiederſehen 156 geſprochen; ſie hatte gebieteriſch das Auftreten ge⸗ fordert. Der Graf hatte nicht widerſtehen können; Olym⸗ pia debutirte alſo in Britannicus. XILVI. Herr von Mailly wird eiferſüchtig ank ſeine Geliebte.„— Es geſchah nun, was immer geſchieht. Da Olym⸗ pia weniger liebte, ſo liebte Herr von Mailly mehr. Dieſe Erſcheinung iſt gewöhnlich, weil die meiſten Her⸗ zen gewöhnlich ſind. Für jede wohlbeſchaffene und ſolid verliebte Seele verurfacht die Verdoppelung der Liebe bei dem geliebten Gegenſtand einen Zuwachs an Liebe; das iſt der ungeſchwächte Reflex, das iſt die phyſiſche Percuſſion auf die moraliſchen Geſetze angewandt. Herr von Mailly, ein Mann von Geiſt, ein braver Officier, ein vortrefflicher Edelmann, ein vollkommener Hoͤfling, war im Ganzen nur ein gewöhnliches Herz. Das war nicht ſeine Schuld, man kann ſeine Seele nicht wechſeln; man lebt mit derjenigen, welche man vom Himmel empfangen hat. Herr von Mailly, dem die Feinheit ſeiner Erzieh⸗ ung und ſein natürliches Zartgefühl als Dolmetſcher dienten, Herr von Mailly fühlte, er dürfe ſeinen Schatz nicht aus den Augen laſſen, unfähig, wie er war, ihn ſelbſt zu bewahren. Er wurde eiferſüchtig. Wohin Olympia ging, mochten es Proben oder Promenaden ſein, fand er Mittel, zu erſcheinen. Frei ne lym⸗ nehr. Her⸗ ſolid Liebe iebe; ſiſche raver nener Herz. Seele man zieh⸗ tſcher chatz ihn oder Frei 157 von ſeiner Frau, lebte er nicht im Hotel de Nesle, ſon⸗ dern bei Olympia; er empfing bei ihr ſeine Freunde, er bewirthete hier ſeine Bekannten, er machte hier ſeine dringendſten Geſchäfte ab. Von eiferſüchtig wurde er verdrießlich. Die Eiferſucht iſt ein Laſter, das nur mit Geduld von den Frauen ertragen wird, wenn ſie weinen, daß ſie nicht genug geliebt werden; ſonſt erzeugt die Eifer⸗ ſucht, welche die Wirkung eines Uebels’ ſein müßte, ſtets die Urſache davon. Der eiferſüchtige Mann hat dann am Ende immer Recht, daß er eiferſüchtig iſt. Allerdings iſt dies in der Regel in dem Augenblick der Fall, wo er es zu ſein aufhört. Man begreift wohl, daß Herr von Mailly, der in ſeiner Eigenſchaft als Eiferſüchtiger bei den Proben erſchien und die Promenaden kreuzte, auf dem Theater den Debuts von Olympia beiwohnte; auf der Bank der Edelleute ſitzend, hatte er dem Triumphe halb entzückt, halb in Verzweiflung beigewohnt. Che der Vorhang aufgezogen worden, war er in ihre Loge hinaufgegangen und hatte ihr Komplimente über ihre Toilette und über ihre Schönheit gemacht. Die Toilette von Junia war ein herrliches Kleid von weißem Damaſt, das ſich über einem Unterkleide von Silberbrocat öffnete; es war eine gepuderte Perrücke, wie man ſie zu tragen anfing, mit einem glänzenden Strauß von Federn, welche zierlich auf das rechte Ohr herabfielen. Das nannte man am Anfang des achtzehnten Jahr⸗ hunderts den einfachen Anzug. Olympia trat auf. Als ſie den Fuß auf die Bühne ſetzte, als ſie dieſe Lichter, dieſen Glanz, dieſen Putz, dieſe mit Federbüſchen geſchmückten Frauen wiederſah, deren Köpfe, wenn ſie ſchwankten, die Diamanten ſpiegeln machten, dieſe Män⸗ ner lächelnd und voll Begehrlichkeit, dieſe von vorneh⸗ men Herren gefüllten Logen, die Loge endlich, wo allein 1⁵5⁸ im leuchtenden Raume der junge König, die Sonne aller dieſer Trabanten, glänzte, als ſie das Gemurmel hörte, das ihre Schönheit erregte, als ſie die Bravos hörte, welche ihr Talent hervorbrechen machte, wurde Olympia gerührt, ſtatt ſich zu begeiſtern wie ein Strei⸗ ter im Treffen. Woran dachte ſie denn, die Frau, welche ſo ſich ſelbſt vergaß? Ach! ſie dachte an Bannidre, an die ſchönen Abende von einſt, die er ſchön durch ſeine Gegenwart machte; ſte dachte an das Feuer, das er um ſich her anfachte, an dieſe glühende Liebe, welche die Bretter und die Cou⸗ liſſen in Flammen zu ſetzen ſchien; ſie dachte an die Rolle des Nero, welche er allerdings ziemlich ſchlecht geſpielt, aber doch am Ende mit ihr geſpielt hatte. Wo war Banniére? wo war die Liebe? wo war das Glück? wo war das Leben? Ach! ſie vermuthete entfernt nicht, derjenige, wel⸗ cher ihre Liebe entſtehen gemacht und ihr Glück mitge⸗ nommen, habe ſie an der Thüre des Theaters geſtoßen, er habe die Schützen geſchlagen, er ſei in das Fort⸗ l'Evéque geführt und als Narr nach Charenton trans⸗ portirt worden. Oh!l wenn ſie das gewußt hätte, wie würde ſie Alles verlaſſen haben! wie hätte ſie dieſen Saal ver⸗ laſſen, dieſe Frauen mit dem von Diamanten beladenen Kopfputz, dieſe von Bewunderung ergriffenen vornehmen Herren, Alles, bis auf den jungen König, den Gegen⸗ ſtand der Blicke aller Frauen, um nach Charenton zu gehen und mit beiden Fäuſten an die Zelle zu klopfen, wo Bannière war! Olympia wußte aber nichts; Olympia war nicht bei der Gegenwart, ſondern bei der Vergangenheit, nicht bei der Wirklichkeit des Augenblicks, ſondern bei der Erin⸗ nerung, und dieſe Erinnerung war es, was ſie traurig mitten unter ihrem Triumphe machte. Die traurige Olympia war nicht mehr einfach eins hätte fehlt berü lenke ſchüt geſte ſpecu digke Ludn ren das erwo ſchie⸗ der zwiſe 159 Schönheit, es war etwas Glänzendes. Ueberdies gab die Rolle von Olympia Anlaß zur Melancholie, etwas Seltenes bei Racine, etwas Seltenes im Jahrhundert Ludwig XIV.); die Erſcheinung von Junia iſt nicht nalv, r iſt träumeriſch: es iſt eher ein Schatten, als eine rau. Eine Folge dieſer Traurigkeit von Olympia war, daß ſie bewunderungswürdig ſchön, allen denjenigen, welche ſie ſahen, ſchien. Sie dünkte dem König ſchön, und er neigte ſich zurück und fragte nach ihrem Namen. König Ludwig XV. hatte weder vor ſeiner Heirath, noch ſeit derſelben die Blicke auf eine andere Frau als die ſeinige geworfen. Er pflegte bekanntlich, wenn man mit ihm von irgend einer berühmten Schönheit ſprach, zu fragen:„Iſt ſie ſo ſchön als die Königin?“ Was die Herren vom Oeill⸗de⸗Boeuf lächeln gemacht hätte, während ſie weniger Höflinge geweſen; denn es fehlte viel, daß die Königin eine Schönheit war. Und war es den Höflingen gelungen, auf dieſe berühmte Schönheit die Blicke Seiner Majeſtät zu lenken, ſo verzog der König verächtlich die Lippen, ſchüttelte den Kopf und ſagte:„Die Königin iſt ſchöner.“ Eine große Anzahl ſchon unter den Führern feſt⸗ geſtellter Intriguen war auf dieſe Art geſcheitert. Gewohnt, auf die Scandale der Regentſchaft zu ſpeculiren, fingen die jungen Höflinge an über die Beſtän⸗ digkeit von Ludwig XV. ungeduldig zu werden. Gewohnt, aus den ſchwermüthigen Launen von Ludwig XIV. Nutzen zu ziehen, lauerten die alten Her⸗ ren auf den Augenblick, wo ſein Enkel in ſeinen Adern das ſtürmiſche Blut der Bourbons von der älteren Linie erwachen fühlen würde. Denn es fand, wie man weiß, ein großer Unter⸗ ſchied zwiſchen dem Blute der älteren Linie und dem der jüngeren Linie ſtatt. Dieſer Unterſchied, der ſich zwiſchen dem König und Monſieur fühlbar zu machen 16⁰ angefangen hatte, beſtand fort zwiſchen Ludwig XV., dem zukünftigen Liebhaber von Frau von Chateaurourx, Frau von Pompadour und Madame Dubarry, und Monſieur Lonis von Orleans, welcher im Palais⸗Royal ein Auto da Fe mit den Bildern von Carracci und Albano machte, deren Anblick ſeine devoten Augen nicht ertra⸗ gen konnten. Ludwig XV., der Gegenſtand von ſo vielen Spe⸗ eulationen, ſchaute übrigens Olympia an, ohne daß ihn ſein Geiſt zur Königin durch Vergleichung zu⸗ rückführte, und ohne daß die Vergleichung der mit dieſer ſo ſehr geliebten Königin in Parallele geſtellten Frau ungünſtig war. Nachdem er lange Olympia angeſchaut, neigte ſich der König alſo, wie geſagt, zurüͤck und fragte nach dem Namen dieſer reizenden Schauſpielerin. Derjenige, welcher ſie dem König antwortend nannte, war der Kapitän⸗Lieutenant der Chevauxlegers der Garde Seiner Majeſtät. Ludwig XV. liebte dieſen Herrn ſehr und hatte denſelben genug Herrſchaft über ihn gewinnen laſſen, daß man in dieſem Günſtling einen Stern ähnlich dem be⸗ grüßte, welcher hundert Jahre früher unter den Namen Chalais und Cinq⸗Mars geglänzt hatte. Der Kapitän war ein heiterer, in ſeinem Weſen ſehr offener Mann, der mehr darnach trachtete, der Freund des Königs, als ſein Günſtling zu ſein. Sehr vertraut mit dem König, war der Kapitän erſtaunt über den Reiz, den Ludwig in dieſem Augen⸗ blick am Theater fand. Olympia ſpielte ſo anmuthig, daß ſie aus dem König den aufmerkſamſten Zuſchauer machte. Dieſe außer allen Zweifel geſetzte Aufmerkſamkeit ging natür⸗ lich von der königlichen Loge in die andern Logen über. Als der letzte Vers von Junia geſprochen war⸗ dieſer letzte Vers, den Bannière, an welchen, Junia greift er ſel außer nigs hätte Oly natür⸗ über. war, Junia 161 ausgenommen, Niemand dachte, durchaus hatte hoͤren wollen, neigte ſich der Kapitän auch gegen den König und ſprach zu ihm: „Wahrhaftig, Sire, es würde mir leid thun, wäre ich einer andern Anſicht, als Eure Majeſtät; dennoch wage ich zu ſagen, daß es auf der Welt keine reizendere Perſon gibt, als dieſe Olympia.“ „Sie täuſchen ſich, Herzog,“ erwiederte der König ſehr befangen,„die Königin iſt ſchöner.“ Der Kapitän verbeugte ſich mit einem Lächeln, welches beſagen wollte: „Sire, wir wiſſen das, die Königin iſt ſchö⸗ ner, als alle Frauen, doch nach der Königin kommt Olympia.“ Und er ſchritt beim Abgang des Königs voran. Doch während er an Mallly, der mit andern Edel⸗ leuten am Wege Seiner Majeſtät das Spalier bildete, vorbeiſtreifte, ſagte er ihm ins Ohr: „Ci! Mailly, Du biſt nicht unglücklich, der König iſt für Deine Geliebte eingenommen.“ Und er ging mit dem König, welcher Herrn von Mailly freundlichſt grüßte, weiter. Dieſes Wort konnte nur leicht ſein, doch der Graf nahm es nicht ſo. Er wie die Andern und beſonders mehr als die Andern, der arme Verliebte, hatte die tiefe Aufmerk⸗ ſamkeit des Königs wahrgenommen und die ganz ſtrahlende Schönheit von Olympia hatte ihn noch mehr nachdenken gemacht, als ſie den Konig ergriffen. „Es gibt Schläge, bei denen ein Ciferſüchtiger be⸗ greift, daß es unmoͤglich iſt, ſie zu pariren, und würde er ſelbſt von der Liebe der edelſten Frau begünſtigt. Ein König von Frankreich, zum Beiſpiel, ſteht ſo außer andern Menſchen, daß man die Liebe eines Kö⸗ nigs von Frankreich nicht verachtet. Keine Franzöfin hätte dies im Jahre 1726 zu thun gewagt. Olympia von Clsves. I. 11 162 Und Herr von Mailly befürchtete, Olympia wäre V in dieſem Punkte nur zu ſehr Franzöſin. Das Wort des Kapitäns, ſtatt den Grafen zu er⸗ freuen, wie der Günſtling, der Mailly nach ſich ſelbſt beurtheilte, gedacht hatte, öffnete daher Mailly düſtere Horizonte. Er bildete ſich ein, der Koͤnig habe einen Willen geäußert. Sein Entſchluß war alsbald gefaßt. Da er, in die Tiefe ſeines Herzens hinabſteigend, wahrnahm, daß er dieſe Frau leidenſchaftlich liebte, da er wußte, nicht Einer von ſeinen Freunden würde ihn wegen ihres Ver⸗ luſtes beklagen, Alle würden ſich im Gegentheil beeifern, dem König ſie ihm nehmen zu helfen, ſo beſchloß er, die arme Olympia abzuſchließen. Nach dem Schauſpiel kehrte er deshalb auf das Theater ganz betrübt über das Wort, das ihm der Ka⸗ pitän geſagt, und über den freundlichen Gruß, den der König an ihn gerichtet, zurück. Olympia legte ihr Theatercoſtume vollends ab. Sie war immer traurig. Mailly war immer düſter. XLVII. Herr von Mailly ſchlägt einen kalſchen Weg ein. Statt dieſe Schwermuth zu bemerken und der wah⸗ ren Urſache davon nachzuforſchen, indem er ſie in dem Kreiſe neuer oder alter Ideen, welche gewoͤhnlich die Frauen quälen, geſucht hätte, ließ ſich Herr von Mailly, wie alle Eiferſüchtige, von den Gedanken, die ihn be⸗ fangen hielten, hinreißen. ihr gehe abw Sch fuhr nunl! Tal⸗ Erk darr g ein. er wah⸗ in dem lich die Mailly, ihn be⸗ 163 Er nahm eine freundliche Miene an, näherte ſich ihr lächelnd und ſagte:.. „Meine liebe Olympia, Sie haben heute einen un⸗ eheuren Suecceß gehabt.“ 3 dih„Sie glauben?“ verſetzte Olympia, ihre Schminke abwiſchend... „Sie haben auch zum Entzücken geſpielt, liebe Schöne.“ „Ah!“ erwiederte ſie nachläßig,„deſto beſſer.“ „Wiſſen Sie, daß Sie von ſich ſprechen machen?“ fuhr Herr von Mailly fort. „Wahrhaftig,“ ſagte Olympia mit demſelben Tone, „und das macht Ihnen Vergnügen?“ „Ohl nein, im Gegentheil.“ „Warum im Gegentheil?“ „Weil das nichts Angenehmes hat.“ „Wie! es hat nichts Angenehmes für Sie, daß ich Talent beſitze und daß man es fagt? Das fordert eine Erklärung.“ „Die Erklärung iſt leicht zu geben.“ „Sprechen Sie.“ „Wenn man zum Beiſpiel eiferſüchtig wäre?“ „Man hätte Unrecht.“ „Man hätte vielleicht Unrecht, aber man würde darum nicht minder leiden.“: „Ja, doch Sie ſind nicht eiferſüchtig.“ „Ich weiß es nicht beſtimmt.“ „Bah! auf was ſollten Sie eiferſüchtig ſein?“ „Cil mein Gott! ich weiß, daß Sie mich lieben,“ erwiederte der Graf mit jenem erſchrecklichen Aplomb, der immer einen völligen Mangel an Gleichgewicht bezeichnet. Olympia wandte ſich um und machte ihrem Spie⸗ gel eine Art von Miene, welche bei einer minder gut erzogenen Frau für eine Grimaſſe hätte gelten können. Der Graf ſah weder Olympia, noch den Spiegel, noch die Miene. 164 „Wle dem ſein mag,“ fuhr er fort,„ich bin nicht völlig beruhigt.“ „Und was ſoll ich thun, Graf?“ „Ahl meine gute Olympia, Dinge, welche Sie lei⸗ der nicht thun werden.“ „Ohl ich kann viele Dinge thun.“ „Nein, nein, Dinge, welche zu thun Sie ſich ſchon geweigert haben.“ „Das Weib iſt launenhaft.“ „So darf ich die Hoffnung nicht ganz verlieren?“ „Sie werden zugeben, mein lieber Graf, daß ich nicht im Stande bin, Ihnen zu antworten, ehe ich weiß, um was es ſich handelt. Iſt es eine Sache, oder find es mehrere Sachen, was Sie wünſchen?“ „Wenn man bei Ihnen wünſcht, Olympia, iſt es nicht der Mühe werth, wegen einer Kleinigkeit zu wün⸗ ſchen.“ „Wohl, ſo fangen Sie an.“ „Wo ſoll ich anfangen?“ „Bei der wichtigſten oder bei der ſchwierigſten Sache unter den Sachen, die Sie wünſchen. Faſſen Sie den Stier bei den Hörnern an.“ „Gut alſo, meine liebe Olympia: wollen Sie mich zum glücklichſten Menſchen machen 2 „Ich verlange nichts Anderes.“ „Verlaſſen Sie das Theater.“ 9 Olympia richtete den Kopf auf. Es war in ihrem Blicke ein zurückgehaltenes Flam⸗ men, das den Grafen ſchauern machte. „Wie!“ ſagte ſie,„Sie holen mich in Lyon mit einem Debut⸗Befehl ab; Sie führen mich nach Paris, um mich debutiren zu laffen; ich debutire mit dem günſtig⸗ ſten Erfolg, und Sie verlangen von mir, daß ich die Bühne am Abend meines Debut verlaſſe? Wenn ich das thäte, wäre ich toll; wenn Sie es mich thun ließen, wären Sie toll. Von der Bühne getrennt, würde ich mich langweilen und würde ich Sie langweilen; das ꝛnicht Sie lei⸗ ſchon eren?“ daß ich he ich e, oder iſt es wün⸗ rigſten Faſſen e mich 165 wäre zum Sterben für Beide. Glauben Sie mir, be⸗ ſtehen Sie nicht hierauf; es hieße unſer Verderben her⸗ beiführen.“ Herr von Mailly wollte beharrlich bleiben. „Meine liebe Olympia,“ ſagte er,„Sie wiſſen, daß es nicht das erſte Mal iſt...“ „Ganz richtig, ich weiß, es iſt nicht das erſte Mal, daß Sie das von mir verlangen, und ich weiß folglich auch, daß es nicht das erſte Mal iſt, daß ich es Ihnen abſchlage. Nun denn, ich bitte Sie, laſſen Sie es das letzte Mal ſein.“ „Aber.“ „Oh! brechen wir ab; hiebei beharren, mein Herr, häde ein Beweis, daß Sie zu wenig Achtung für mich aben.“ „Ach! theure Olympia, die Gelegenheiten beim Theater ſind ſo häufig.“ „Die Gelegenheiten wozu?“ „Ei!“ verſetzte Herr von Mailly niedergeſchmettert durch die Kaltblütigkeit, mit der Olympia dieſe ſeltſame Frage an ihn ſtellte,„die Gelegenheiten, geliebt zu wer⸗ den und zu lieben.“ „Ich nehme an, nicht in Beziehung auf mich ſagen Sie das, was Sie ſo eben geſagt haben, Graf?“ ſprach Olympia. Und ſie heftete auf Herrn von Mailly den klaren, furchtbaren blauen Blick, der die Herzen durchdringt wie eine Klinge von unbiegſamem Stahl. Er war gewöhnlich hochmüthig, und überdies hatte er an dieſem Abend einen böſen Sauerteig im Herzen, der gute Graf. Auch trieb ihn ſein Unſtern an. „Meine Theuere,“ ſagte er,„erlauben Sie mir, daß ich gegen Ihr ſtolzes Weſen proteſtire.“ „Warum 2“ „Weil es, zu meinem Unglück, nicht das erſte Mal 166 wäre, daß Sie eine von dieſen Gelegenheiten gefunden hätten.“ Graf,“ ſagte Olympia.„Dieſe Gelegenheit, iſt es nicht Herr Bannidre, was Sie damit meinen?“ „Ja.“ „Wohl denn!l dieſe Gelegenheit haben Sie gemacht, und ich habe ſie ergriffen.“ „Nun, meine Freundin, das iſt ein Unglück, dem ich Sie fortan nicht ausgeſetzt wiſſen möchte.“ „Sie täuſchen ſich abermals, Herr Graf: Herr Bannidre iſt kein Unglück für mich; ich war im Gegen⸗ theil ſicherlich ein Unglück für Herrn Bannidre.“ Der Graf ſah, daß das Geſpräch die Wendung eines Duells nahm. Er hielt inne, doch es war zu ſpät. Die Wunde wurde, der der Weſpen ähnlich, all⸗ mälig giftig in der Haut von Olympia. „Ich glaube, Sie verlieren den Verſtand, Herr „Sie wollen mir dieſes Opfer nicht bringen?0 fragte der Graf. „Nein, mein Herr!“ „Wenn ich Sie bäte, wenn ich Sie anflehen würde?“ „Das wäre unnütz.“ Er ſeufzte. „Ei! mein Gott,“ fügte er bei,„ich erkläre Ihnen, daß ich nicht die geringſte Beſorgniß habe: ich weiß, daß Sie die edelſte der Frauen ſind; aber wenn Ihre Seele edel iſt, ſo iſt Ihr Herz doch fähig, Eindrücke zu empfangen.“ „Gewiß.“ Dieſes Wort machte Herrn von Mailly beben. „Nun denn,“ ſagte er,„das iſt es, was ich be⸗ fürchte.“ 1 „Ohl wenn das kommt,“ erwiederte ſie,„ſeien Sie überzeugt, ich werde Sie davon unterrichten.“ Ein neuer Schlag für den armen Liebhaber. Sie ange wiſſe Veraͤ ſehr mein wied mir Thea wele quar Bew um nden Herr nicht nacht, m ich Herr egen⸗ dung all⸗ en?“ flehen Ihnen, weiß, Ihre icke zu en. ch be⸗ hen Sie 167 „Wiſſen Sie, meine liebe Olympia, daß das, was Sie mir da ſagen, ſehr redlich, aber zugleich ſehr wenig angenehm iſt,“ verſetzte Herr von Mailly mit einer ge⸗ wiſſen Affectation;„denn Sie laſſen doch am Ende eine Veränderung zu?“ „Man muß Alles zulaſſen.“ „Wie! Alles zulaſſen? ſelbſt Ihre Veränderung?“ „Kennen Sie etwas Unerſchütterliches?“ „Ich laſſe alſo zu. Nun wohl! ich ſage, es ſei ſehr ärgerlich, daß Sie mir nicht die Fähigkeit geben, meine ſchlimmen Chancen zu bekämpfen.“ „Ich werde ſie Ihnen alle geben, mein Herr,“ er⸗ wiederte Olympia,„außer derjenigen, welche Sie von mir verlangen.“ „Alſo,“ rief Herr von Mailly lebhaft,„außer dem Theater überlaſſen Sie mir Alles!“ „Alles.“ „Meinen Dankl ich fange an.“ „Was thun Sie?“ „Ich mache einen Haufen aus Ihren Juwelen, welche Ihre Kammerfrau mitnehmen wollte.“ „Was machen Sie damit?“ „Ich gebe ſte meinem Lackei, und dieſer trägt ſie...“ „Wohin?“ „In mein kleines Haus der Grange⸗Batelidre.“ „In Ihr kleines Haus?“ „Wo Sie ſich, ich bitte Sie inſtändig darum, ein⸗ quartieren werden.“ „Aber die Wohnung, die ich gemiethet?“ „Sie würde bald überſtrömt von der Menge der Bewunderer, die Sie ſich gemacht haben, während man, um zu mir zu kommen, ſich beſinnen wird.“ „Sie verurtheilen mich alſo zum Gefängniß?“ „Beinahe.“ Sie ſchwieg einen Augenblick. „Sie zögern?“ rief der Graf. „Ei! das Gefängniß!“ verſetzte Olympia. 168 „Sie haben geſagt: Alles.“ „Aber das Gefängniß!“ „Man wird den Käſich vergolden, meine ſchoͤne Klausnerin. Man wird danach trachten, daß die Frei⸗ baſt das Gut iſt, deſſen Verluſt Sie am wenigſten be⸗ lagen.“ „Die Freiheit!“ murmelte Olympia mit einem Seufzer. „Man ſollte glauben, ſie liege Ihnen am Herzen.“ „Ob ſie mir am Herzen liegt!“ rief Olympia. „Ahl Madame, es gibt ſchlimme Tage und i bin in einem ſolchen Tag.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Ich will damit ſagen, daß ich heute Abend Un⸗ glück habe, denn ich entdecke in Ihnen eine Kälte, die ich zu muthmaßen vielleicht nicht das Recht hatte.“ Olympia, die in eine tiefe Träͤumerei verſunken war, ſchien plöͤtzlich daraus zu erwachen. „Streiten wir nicht,“ ſagte ſie,„das ermüdet mich. Sie verlangen von mir, daß ich das Theater verlaſſe?“ „Oh! nein, nein; ich wage es nicht.“ „Sie verlangen wenigſtens von mir, daß ich die Geſellſchaft verlaſſe, nicht wahr?“ „Ich bitte Sie nur inſtändig, mir in mein kleines Haus zu folgen und ſich dort mit Ihren Leuten einzu⸗ richten.“ „Wohlan! das iſt abgemacht,“ ſprach Olympia, während ſie aufſtand.„Ich gehe nach dem kleinen Hauſe.“ „Ueberlegen Sie indeſſen,“ ſagte der Graf. „Ueberlegen! daß ich überlege! Sprechen Sie nicht hievon, Graf. Abgemacht, ſage ich Ihnen, doch gerade unter der Bedingung, daß ich nicht überlege.“ „Ich gehe nicht tückiſch gegen Sie zu Werke, Olympia. enn ich Sie bitte, in dem kleinen Hauſe zu wohnen, ſo geſchieht es, weil ich Sie dort verbergen will.“ 169 „Abgemacht.“ „Weil ich die Menſchen wählen will, die Sie dort werden empfangen können.“ „Abgemacht, immer abgemacht. Graf, beliebt Ihnen, daß ich nie ausgehe? Graf, beliebt Ihnen, daß ich Niemand ſehe? Reden Sie, befehlen Sie, oder vielmehr, nein, ich werde zu errathen wiſſen.“ „Olympia, Sie entzücken mich, und Sie erſchrecken mich zugleich.“ „Es iſt gut. Geben Sie mir Ihren Arm und laſſen Sie uns gehen.“ Ganz entzückt, ließ der Graf Olympia in ſeinen Wagen ſteigen, der beim Ausgange der Schauſpieler wartete, und befahl, nach ſeinem kleinen Hauſe der Grange⸗ Batelidre zu fahren. Olympia ſagte kein Wort mehr; ſie ſchaute, ohne ſie zu ſehen, die koſtbaren Gegenſtände an, von denen ſie umgeben war, und die von dieſem Augenblick, wie ihr Herr von Mailly ſagte, ihr Eigenthum wurden; dann ſetzte ſie ſich zu Tiſche, um zu Nacht zu ſpeiſen, und ſpeiſte nicht, lächelte, wenn der Graf mit ihr ſprach, kam aber nie dazu, daß ſie lachte. Kurz, ſie ſtrengte ſich an, um ſich in einer gewiſſen Liebenswürdigkeit zu erhalten, bis Herr von Mailly von ihr Abſchied genom⸗ men hatte.. Dann aber, als ſie ſich allein ſah, ſank ſie in einen Lehnſtubl beim Feuer und ſagte: „Ohl wie langweile ich mich!“ Ein erſchreckliches Wort, deſſen Tragweite die Men⸗ ſchen erſt begreifen, wenn es ſein Ziel erreicht hat. Herr von Mallly aber begab ſich nach Hauſe, ſehr glücklich, daß er Olympia dahin gebracht hatte, ſich vom Geräuſche und der Welt zu ſcheiden. Der Unglück⸗ liche hatte keine Ahnung von dem Todfeinde, mit dem er ſie im Kampfe ließ. „Oh!“ ſagte er,„die Schlacht iſt heftig geweſen, doch der Sieg iſt mein, ich habe ſie dort unter der 170 Hand. Der König wird ſie nur noch im Theater ſehen, und wenn er ſie im Theater zu viel ſieht, ſo werde ich ſie wohl verhindern, zu ſpielen; meine Freunde von der Kammer werden mich hiebei unterſtützen.“ Der unglückliche Herr von Mailly, er war bis an die Kniee in das Geleiſe der Liebe getreten, wo ſich Bannidre bis zu drei Vierteln ertränkt hatte. XILVIII. Herr von Kichelien. Am Abend der berühmten Vorſtellung, während welcher der König ſo aufmerkſam in der Perſon von Oſympia der Rolle von Junia gefolgt war, ging ein Ereigniß in Erfüllung, durch das der junge Monarch beinahe den ſchönſten Effect ſeines Eintritts in die Co⸗ médie⸗Fran gaiſe verfehlt hätte. Dieſes Ereigniß war eine Neuigkeit, welche wie eine platzende Bombe in den Saal ſiel, und dieſe Neuigkeit lautete: „Herr von Richelieu iſt von Wien angekommen.“ Gegen ſechs Uhr Abends fuhr wirklich ein ſchwer beladener Wagen, gezogen von vier kräftigen Pferden, welche den Galopp als ihren gewöhnlichen Gang an⸗ genommen zu haben ſchienen, durch die Barridre de la Villette und den Faubourg Saint⸗Denis hinab, folgte ſodann den Boulevards, ſchlug den Weg durch die Rue de Richelieu ein und gelangte in den Hof eines großen Hotels, das in der Rue Croix⸗des⸗Petits⸗Champs, zwi⸗ ſchen Hof und Garten, lag. hen, ich der 3 an ſich hrend von g ein narch Co⸗ wie dieſe nen.“ chwer erden, an⸗ de la folgte Rue roßen zwi⸗ 171 Beim Geräuſche dieſes Wagens liefen mehrere Be⸗ dienten mit Lichtern in der Fauſt herbei. Von der Frei⸗ treppe ſtürzten andere an den Fußtritt, öffneten den Kutſchenſchlag, und man ſah behende aus dieſem Schlage einen in einen Marderpelz gehüllten jungen Mann ſtei⸗ gen, der, während er mit der Hand ſein ganzes ihm entgegengelaufenes Hausgefinde begrüßte, dem Lackei, welcher mit ihm ankam und zuerſt vom Bock geſtiegen war, zurief: „Raffé, ich bin durchaus nur für die Bewußte zu Hauſe. Ich betraue Sie mit der Bewachung meiner Perſon.“ Wonach er unter das Veſtibule trat und im Innern der Gemächer verſchwand, die man zum Voraus geheizt hatte, eine Vorſicht, welche bewies, daß der Reiſende erwartet wurde. Dieſer Reiſende, man hat ihn an dem, was wir geſagt, erkannt, war der Herr Herzog von Richelieu, welcher in den erſten Tagen des November von ſeinem Geſandtſchaftspoſten in Wien zurückkam. Es heißt nicht den gelehrteſten Leſer, den Leſer, der am meiſten gewohnt iſt, in den Chroniken des achtzehn⸗ ten Jahrhunderts die Hofintriguen zu verfolgen, belei⸗ digen; es heißt nicht einmal ein weitſchweiſiger Erzähler ſein, wenn wir mit ein paar Zeilen das Potrait des Herzogs von Richelieu von damals, ſo wie mehrere von den Poträts entwerfen, welche ihn im Jahre 1728 der⸗ geſtalt umgeben, daß ſie nichts Anderes, als der Rah⸗ men des ſeinigen zu ſein ſcheinen. Der Herzog von Richelien war damals vier und dreißig Jahre alt; er war der ſchönſte Mann Frank⸗ reichs, wie Ludwig der XV. mit achtzehn Jahren ſein ſchönſter Jüngling. Der Herzog war berühmt durch ſeine Abenteuer mit der Tochter des Regenten, Fräu⸗ lein von Charolais, Frau von Gacé, Frau von Villars u. ſ. w. u. ſ. w., berühmt durch ſeine dreimalige Ein⸗ ſperrung in die Baſtille, berühmt durch ſeine Tollheiten. 172 Er war ein berühmter Geſandter geworden, und man hatte ihn nach Wien zu Kaiſer Karl VI. geſchickt, um dieſen Monarchen von ſeinem Bündniſſe mit der Kö⸗ nigin von Spanien zu trennen, welche mit der Präten⸗ ſion umging, die Krone von Frankreich an ihr Haus, inf all des Todes von Ludwig XV., übergehen zu aſſen. Dieſe Unterhandlung war nicht leicht. Kaiſer Karl war ein Mann voll von einer Energie, die er bis zur Rauheit trieb, voll von einer Umſicht, die er bis zu einem ſchroffen, zurückſtoßenden Weſen trieb. Ueberdies war der öſterreichiſche Hof ein furcht⸗ barer Aufenthalt für einen an die Genüſſe von Paris gewöhnten Menſchen, und die Politik dieſes Hofes eine herbe Lehre für einen an die Frivolitäten des Oeil⸗de⸗ Boeuf gewöhnten jungen Mann. Wien beſaß in den Augen von ganz Europa zwei Superioritäten, die ihm Niemand ſtreitig machte: Ge⸗ nerale, welche beinahe immer die franzöſiſchen geſchla⸗ gen, und Diplomaten, welche beinahe immer die fran⸗ zöſiſchen getäuſcht hatten. Der Herzog von Richelieu, der zu Allem fähig, ſelbſt zum Guten, wie von ihm der Regent, dieſer an⸗ dere Mann von Geiſt und Politik ſagte, deſſen wahren Werth man erſt erkannte, als ihm der Herr Herzog von Bourbon nachgefolgt war,— der Herzog von Riche⸗ lien zog ſich mit Ehren aus dieſer Unterhandlung, und kam, wie wir erwähnt, von Wien am Anfange des Jahres 1728 zurück. Allerdings war er durch die Geliebte des Prinzen Eugen ſehr bei dieſer diplomatiſchen Intrigue unterſtützt worden; eine neue Ariadne, hatte ſie ihm den Faden des Labyrinths von Schönbrunn in die Hände gegeben. Man begreift, wenn man auch nur ein wenig in die galante Chronik jener Zeit eingeweiht iſt, daß, ſo⸗ bald ſich die Nachricht von dieſer Rückkehr verbreitete, ganz Paris dem Angekommenen Beſuch machte. Der 173 Herzog bemerkte alſo, daß, wenn man ihn zwei Jahre vergeſſen, die ſchlechteſten Gedächtniſſe nur aufgefriſcht zu werden verlangten. Er war, wie wir am Anfange dieſes Kapitels er⸗ zählt, in ſeinem Hotel abgeſtiegen und hatte ſeinen Leuten eingeſchärft, Niemand zu ihm gelangen zu laſſen; das Verbot war auch militäriſch beobachtet worden. Herr von Richelieu gehörte bekanntlich zu den am beſten bedienten hohen Herren des Königreichs. Man ſah auch den Verdruß auf allen Geſichtern der Neugierigen oder der Dienſteifrigen, welche ſich be⸗ eilt hatten, an den großen Thüren auf der Straße, oder an den Geheimthüren im Gäßchen anzuklopfen. Hinter einer von dieſen Thüren, das Ohr an das Schloß gedrückt, das Auge auf die in der Mauer an⸗ gebrachten Spalten, bei den Angeln, gerichtet, wartete an dieſem Tag der vertraute Lackei von Herrn von Ri⸗ chelieu und lauſchte auf alle Geräuſche, die auf der Straße hörbar wurden. Nachdem er ungefähr eine Stunde gewartet hatte, hielt ein Fiacre unfern von dieſer Mauer an. Eine Frau, welche weder ihre Geſtalt, noch ihr Geſicht ſehen ließ, ſtieg aus, und an ihrem Gange, an der ſonder⸗ baren Art, wie ſie den Kutſcher wegſchickte, erkannte in ihr der Lackei die Perſon, die man ihm bezeichnet hatte. Der Schnee ſiel, es war Abend geworden. Keine Seele irrte mehr im Quartier umher. Der Lackei öffnete die Thüre, die er bewachte, ehe man angeklopft hatte, und durch dieſe offene Thüre ſchlüpfte die junge Frau, und ſie nahm ihren Lauf durch den Garten, wie eine Perſon, welche ſich ſelbſt im Hauſe zu leiten gewohnt iſt. Am Ende des Hofes fiel ſie in die Arme des Her⸗ zogs, der ſie in dem nach dem Garten gehenden Erd⸗ geſchoß erwartete; er küßte ſte zaͤrtlich und rief: „Ahl meine ſchöne Prinzeſſin! Sie erwartete ich 174 mit ſo großer Ungeduld, und ich hoffte nicht mehr, Sie zu ſehen.“ Prinzeſſin in der That, da dieſe Frau, welche den Herzog küſſend lachte und freundſchaftlich mit ihren kleinen Händen in die Hände von Richelieu ſchlug, Fräulein von Charolais hieß und folglich nicht nur Prinzeſſin, ſondern Prinzeſſin von Geblüt war. Der Herzog führte ſie in ein koſtbar meublirtes, nach der Temperatur eines ſchönen Frühlingstags ge⸗ heiztes Zimmer, das von Blumen und grünen Tapeten umſchloſſen war, auf denen Schäfer und Schäferinnen in Menge Muthwillen trieben. Eine beim Kamin ſervirte Tafel, zwei bequeme Lehnſtühle, ein Tiſch beladen mit Porzellan, ein noch ſeltener Luxus in jener Zeit, wo der Pompadour⸗Ge⸗ ſchmack unſere Geſellſchaft noch nicht durchdrungen hatte, und der gemilderte Glanz der Kerzen flößten ein Ge⸗ fühl des Wohlbehagens ein, das die Freude, welche die Prinzeſſin geoffenbart, noch ergußreicher machte. „Nun!“ ſagte ſie,„vor dem Abendbrod laſſen Sie mich Sie anſchauen.“ Und ſie ſtellte ſich gerade vor Richelieu. „Mich! Prinzeſſin, und warum?“ „Damit ich Sie wiedererkenne.“ „Oh! Prinzeſſin, Ihr Gedächtniß iſt weniger gut, als das meinige, wie es ſcheint.“ „Und warum dies?“ „Weil ich Sie mit dem erſten Blicke erkannt habe.“ „Ich bin alſo nicht zu häßlich geworden 2 „Sie ſind immer die Schönſte der Prinzeſſinnen, welche geboren ſind und noch geboren werden ſollen.“ „Aber Sie, warum fragen Sie mich nicht, wie ich Sie finde?“ „Ohl das iſt unnütz.“ „Bah! warum?“ „Ich zähle nicht mehr, ich bin ein Oeſterreicher, ein Barbar, ich habe die Gewohnheit angenommen, von der alſt iſt wie bin gel Sie der Si kon ger bir Sie den hren hlug, nur rtes, ge⸗ beten nnen ueme noch 2 Ge⸗ hatte, Ge⸗ he die Sie — gut, Fabe.“ nnen, en.“ die ich eicher, „ von 175 den Deutſchen angeſchaut zu werden; laſſen Sie mich alſo die Miene ablegen, die ich habe, Prinzeſſin, das iſt für mich die Sache von acht Tagen, und wenn ich wieder nicht nur Franzoſe, ſondern Pariſer geworden bin, dann werde ich mich zwiſchen Sie und Ihren Spie⸗ gel ſtellen.“ „Sie finden ſich alſo verändert?“ „Ungeheuer.“ „Sie find ehrgeizig geworden.“ „Das iſt wahr, Prinzeſſin.“ „Man ſagte es mir, doch ich glaubte es nicht.“ „Es iſt indeſſen die ſtrenge Wahrheit.“ „Laſſen Sie uns zu Nacht ſpeiſen; wollen Sie? Sie haben mich ſchon gelehrt, wie die Liebe in das Herz der Frauen kommt; während des Abendbrods werden Sie mich lehren, wie der Ehrgeiz in das der Männer kommt.“ Die Prinzeſſin ſetzte ſich zu Tiſche. „Wiſſen Sie, daß ich ſeit zwei Jahren Appetit gewonnen habe?“ ſagte ſie. „Nach was?“ „Ach!“ „Das iſt ein ſchwerer Seufzer.“ „Was ſchreiben Sie ihn zu?“ „Was ſchreibt man die Seufzer der Frauen zu?“ „Der Liebe, wollen Sie ſagen.“ „Gewiß.“ „Nun! Sie täuſchen ſich, mein lieber Herzog; ich bin nicht verliebt.“ „Sie ſagen das wie Jemand, der es noch ſein oder es werden möchte.“ „Nein, bei meiner Treue.“ „Wahrhaftig 2“ „ Sie werden mir glauben, wenn Sie wollen, doch in Ihrer Abweſenheit habe ich der Liebe Lebewohl geſagt.“ Der Herzog ſchlug ein Gelächter auf. 176 „Sie ſchmeicheln mir,“ ſagte ſie,„doch Sie machen nicht, daß das, was nicht mehr iſt, iſt, und daß die Hingeſchiedenen nicht todt ſind.“ „Oh! Prinzeſſin, Sie glauben alſo nicht an die Geiſter?“ „Wozu ſoll ich daran glauben, da die Geiſter Schatten ſind?“ „Prinzeſſin, es gibt Geiſter, welche von weiter her, als von der andern Welt kommen, von Oeſterreich zum Beiſpiel. „Ich zweifle nie, wenn Sie verſichern, Herzog; doch das ändert nichts an meinen Entſchlüſſen. Ich werde nicht mehr lieben, Armand.“ „Und wer iſt der Unglückliche, der vom Himmel und von der Erde verlaſſene Mann, der Ihnen eine ſolche Reue hat einfloͤßen können 2“ „Der Mann? Gibt es Männer in Frankreich, ſeit⸗ dem Sie abgereiſt ſind 20 „Ich danke, Prinzeſſin.“ „Nein, bei meinem Ehrenwort, ich denke das.“ „Sie werden mir aber wohl ſagen, woher dieſe Abneigung kommt, denn die ächten Liebenden ſind wie die ächten Spieler: nach dem Vergnügen, zu gewinnen, gibt es noch das Vergnügen, zu verlieren.“ „Herzog, es gibt hier weder mehr Schmerz, noch Vergnügen.“ „Ah! und ich komme zurück, weil ich mich dort zu ſehr langweilte! ich verrichte Wunder von Diplomatie, um das Recht zu haben, nach Frankreich zurückzukehren! und Sie ſagen mir ſolche Dinge: man langweilt ſich hier, in Verſailles! Und der König?“ Fräulein von Charolais erröthete beinahe. „Wiel der König? was wollen Sie damit ſagen? „Ich, nichts; ich wollte Sie nur fragen, wie er ſich befinde.“ „Sehr wohl,“ antwortete Fräulein von Charolais⸗ „Dieſes ſehr wohl befriedigt mich nicht.“ Herr Ol 177 „Wie brauchen Sie es, Herzog 20 „Ich möchte es gern heiter oder traurig haben: heiter, wäͤre es von einer glücklichen Frau, traurig, wäre es von einer eiſerſüchtigen Frau. Wählen Sie, Prinzeſſin. „Eiferſüchtig, ich! eiferſüchtig auf den König! aus welchem Anlaß ſagen Sie mir ſolche Tollheiten, Herzog?“ „Ei! ich hoffe nicht, daß er Ihnen Grund gibt, die Eine oder die Andere zu ſein.“ „Glücklich oder eiferfüchtig durch den König, ich?“ „Prinzeſſin, bei meinem Chrenwort, man ſollte glauben, ich ſpreche Hebräiſch.“ „Wahr iſt es, daß Sie ſich nicht mehr verſtändlich machen, mein lieber Herzog. Sie haben alſo ſeit zwei Jahren keine Nachrichten mehr aus Frankreich erhalten? Ich bildete mir ein, die Geſandten haben eine Corre⸗ ſpondenz und ſogar zwei Correſpondenzen: die öffentliche Correſpondenz und die geheime Correſpondenz, die poli⸗ tiſche Correſpondenz und die Liebescorreſpondenz.“ „Prinzeſſin, ich hatte keine zwei Correſpondenzen.“ „Nein, Sie hatten hundert.“ „Es iſt wahr, es hat mir alle Welt geſchrieben, Sie ausgenommen.“ „Dann hat man Ihnen geſagt, daß der König...“ „Daß der König ſchön iſt, ja.“ „Und daß er vernünftig iſt?“ „Man hat mir auch dies geſagt; da ich aber weiß, daß Herr von Fréjus meine Briefe aufbrechen ließ, ſo glaubte ich nicht ein Wort hievon.“ „Sie haben Unrecht gehabt.“ „Der Koͤnig iſt vernünftig?“ „Ja.“ „Das iſt undenkbar. Ah! gut, ich begreife,“ ſagte Herr von Richelieu. Und er lachte auf das Herzlichſte. Olympia von Cloves, II, 178 „Was begreifen Sie?“ fragte Fräulein von Cha⸗ rolais.“ „Bei Gott! Sie wollen ſich nicht ſelbſt denunciren, und Sie warten, bis ich mit Beweiſen komme.“ „Kommen Sie.“ „Nehmen Sie ſich in Acht!“ „Mein lieber Herzog, der König hat mich ſeit zwei Jahren nicht einmal angeſchaut.“ „Beſchwören Sie das ein wenig.“ „Bei unſerer alten Liebe, Herzog?“ „Ohl ich glaube Ihnen, denn Sie haben mich bei⸗ nahe eben ſo ſehr gellebt, als ich Sie liebte.“ „Das war die gute Zeit.“ 1„Ach! wie Sie vorhin ſagten, wir waren damals ung.“ „Eil wir betrüben uns, Herzog, und Sie betrüben mich beſonders. Sie machen mich alt.“ „Ich denke an Eines, liebe Prinzeſſin. Wenn der König keine Geliebte hat, muß der Hof in einer ſchreck⸗ lichen Unordnung ſein.“ „Mein Freund, das iſt ganz einfach das Chaos.“ „Offenbar. Denn wenn der Köͤnig keine Geliebte hat, ſo regiert Fleury Frankreich, und Frankreich iſt ein Seminar.“ „Herzog, es gibt Seminarien, welche leichtfertige Orte im Vergleiche mit Frankreich ſind.“ „Natürlich, iſt der Koͤnig vernuͤnftig, ſo will alle Welt vernünftig ſein.“ „Herzog, das iſt Schauder erregend.“ „Es entſpringt daraus bei Hofe eine Ueberfülle von Tugend, welche in die Straßen austreten und das Volk überſchwemmen muß. Und die Koͤnigin?“ „Die Königin, das iſt nicht Tugend, das iſ Wildheit.“ „Mein Gott! wetten wir, daß ſie dabei Politit treibt, die arme Frau.“ „Sie haben es geſagt.“ weif nicht Her noch ben, glau 179 „Gütiger Himmel, mit wem?“ „Mit wem ſoll ſie ‚das treiben? Nicht mit dem König, ohne Zweifel.“ „Warum?“ „Eil mein Lieber, ſie iſt ſo tugendhaft, daß fie bange hat, ſich ihren Gemahl zum Geliebten zu geben.“ „Bah! beräth man ſie?“ „Ja.“ „Dann hat ſie einen Lehrer in der Politik ge⸗ nommen?“ „Das heißt, ſie hat denjenigen behalten, welchen ſie hatte, denjenigen, welcher ſie zur Königin von Frank⸗ reich gemacht hat. Es gibt nichts Dankbareres als die Polen, und beſonders als die Polinnen.“ „Das iſt nicht wie bei den Franzöſinnen, nicht wahr, Prinzeſſin?“ „Oh! nein.“ „So conſpirirt ſie alſo mit Herrn von Bourbon?“ „Ganz richtig.“ „Der immer einäugig iſt.“ „Mein Gott! ja.“ „Der buckelig iſt.“ „Seine Leibesgeſtalt dreht ſich allerdings. Ich weiß nicht, ob dies von der Laſt der Geſchäfte herrührt.“ „Seht doch, dieſe duckmäuſeriſche Prie ſagte mir nicht ein Wort von der ganzen Sache!“ „Ah! gut, die Prie ſchrieb Ihnen nach Wien?“ „Gewiß.“ „Dann weiß ich nicht, warum Sie mich befragen, Herzog.“ „Ei! um zu erfahren.“ „Bleibt, wenn die Prie irgendwo geweſen iſt, noch etwas mitzutheilen?“ „Nun, meine liebe Prinzeſfin, Sie mögen mir glau⸗ ben, wenn Sie wollen...“ 3 9,39 ſage Ihnen zum Voraus, daß ich Ihnen nicht aube.“ „Ich ſchwöre... 1 ſchlimmer ſein.“ 4 „Ein Schwur! das wird noch „Ich ſchwöre Ihnen⸗ daß die Marquiſe ſo gleich⸗ gültig gegen mich iſt, als der König gegen Sie.“ Fräulein von Charolais zuckte die Achſeln und lachte. „Weil Sie von Wien kommen, glauben Sie, ich komme von Lappland?“ ſagte ſie. „Fahren Sie fort, liebe Freundin,“ verſetzte der Herzog, da er ſah, daß es völlig unnütz war, die Un⸗ gläubigkeit der Prinzeſſin zu bekämpfen. „Bei was ſoll ich fortfahren?“ „Bei dem, was Sie angefangen haben. Sie ſagen alſo, die Koͤnigin conſpirire mit dem Herrn Herzog von Bourbon? Und warum will ſie Fleury ſtürzen?“ „Weil Fleury ein alter Knauſer iſt, der es ihr an Geld fehlen läßt. Ahl was das Geld betrifft, Sie, der Sie der Freund der Prie ſind, ſagen Sie ihr doch, ſie habe einen abſcheulichen Geſchmack bei ihrer Proté⸗ gée gehabt.“ „Ah! Prinzeſſin, dieſe arme Königin, beklagen Sie ſie: ſie iſt mehr zu beklagen, als zu tadeln.“ „Ich beklage Sie mehr, als Sie es ſelbſt thun: ich beklage Sie beſonders, daß ſie zur Koͤnigin von Frankreich durch dieſe intrigan den iſt.“ „Wahrhaftig, Prinzeſſin, Sie ſetzen mich in Er⸗ ſtaunen, wenn Sie mir ſagen, Sie haben ſich ſeit zwei Jahren gelangweilt. Wenn man haßt, wie Sie haſſen, beluſtigt man ſich immer mehr oder weniger. Schonen Sie dieſe Marquiſe, und ware es nur um des Herrn Herzogs willen.“ —„Nein, nein, ich finde das Benehmen dieſer dummen Perſon ſchändlich: ſie macht zur Königin die Königin.“ Das war ihr Recht, da man ſie damit beauftragt hatte.“. „Ja! doch war es auch ihr Recht, der armen Prin⸗ te Marquiſe ernannt wor⸗ zeſſi ihre eine hätt tocht ich! hat, welch arme Herr ihrer bekon aus Harf 181 zeſſin ihren Brautſchmuck zu bringen, ihr ihr Strümpfe, ihre Hemden und ihre Unterröcke vorzuzählen, wie es eine Weißkrämerin einer Braut in der Provinz gethan hätte?“ „Hören Sie, Prinzeſſin, die Marquiſe war Stief⸗ tochter von Leblanc.“ „Ahl dieſe Güte ſöhnt mich mit Ihnen aus, und ich komme auf Herrn von Fréjus zurück*).“ „Nämlich auf unſern Knauſer.“ „Dieſer, da er weiß, daß die Königin kein Geld hat, läßt Orri, den Generalcontroleur, zu ſich kommen, welcher bevollmächtigt iſt, ein Anlehen im Namen der armen Maria Leczinska zu unterhandeln; Orri ſtellt Herr von Fréjus vor, die Königin ſei nicht im Stande, ihren Rang zu behaupten. Fleury geſteht, es ſei wahr, bekommt Mitleid mit dem Generalcontroleur und zieht aus ſeiner Caſſette, denn er hat eine Caſſette wie Harpagon...“ „Und zieht was?“ „Errathen Sie.“ „Ei! Sie ſagen wie Harpagon.“ „Herzog, verhüllen Sie Ihr Geſicht: er zieht hun⸗ dert Louis d'or heraus! Wir werden von einem Men⸗ ſchen regiert, der einer Königin hundert Louis d'or gibt! Sie waren in Wien Geſandter dieſes Menſchen.“ „Wenn ich dieſen Zug gewußt hätte, ich ſchwöre Ihnen, Prinzeſſin, ich wäre nicht vier und zwanzig Stunden geblieben. Was mußte er ſagen, als er er⸗ fuhr, ich habe bei meinem Einzug die Pferde von mei⸗ nem Gefolge mit Silber und die meinigen mit Gold beſchlagen laſſen.“ „Ja, und Sie haben es ſo eingerichtet, daß alle den *) Fleury war Biſchof von Frejus; dadurch erklärt es lich, warum die redenden Perſonen abwechſelnd Fleury und Herr von Freéjus ſagen. D. Ueberſ. —— 182 s Sie in Ihrem Hotel an⸗ us zurück. Sie was Sie mir Beſchlag verloren hatten, al kamen.“ „Kommen wir auf Herrn von Fréj haben keinen Begriff, wie ſehr mich das, ſagen, intereſſirt.“ Er zog alſo aus ſeiner Caſſette hundert Louis d'or Königin. Orri wurde roth wie ein Dompfaff u Gemüthe, Ihre Majeſtät 2 für die und führte dem Miniſter z brauche Geld.“ „Fleury ſtieß einen Seufzer aus. „Wenn ſie wirklich Geld nöthig hat,“ ſagte er, „ſo laſſen wir uns zur Ader.“ „Und er fügte fünfzig Louis d'or bei.“ „Ohl das iſt nicht möglich!“ rief Richelieu;„Sie ſchmücken die Sache aus.“ „Sagen Sie, es ſei nicht wahrſcheinlich, und ich bin Ihrer Anſicht. Doch ich bitte, warten Sie das Ende ab.“ „Das hat noch ein anderes Ende, als dieſes?“ „Orri, nachdem er erröthet war, fing an zu er⸗ bleichen. Als dies Herr von Fréjus ſah, vermuthete er, er werde ſich abermals beklagen. Gut, es ſei,“ ſprach der Miniſter,„vich füge noch fünf und zwanzig Louis d'or bei, doch ſie ſoll in einem Monat nichts mehr verlangen.““ Wonach Har⸗ pagon ſeine Caſſette ſchloß⸗“ „Hundert fünf und ſiebenzig Louis d'o „Fünf und zwanzig Louis'd'or weniger, als ich Ihrem Lackei gab, als er mir am Neujahrstag ein Billet von Ihnen brachte.“ Richelieu verbeugte ſich höflich. „Prinzeſſin,“ ſagte er,„ich geſtehe, es ſind in mel⸗ ner Abweſenheit Dinge von der andern Welt hier vor⸗ gefallen. Die Königin iſt alſo wüthend gegen Herrn von Fréjus?“ „Ganz wüthend 14 r le — 183 „Nun! warum erregt ſie nicht den Haß des Koͤ⸗ nigs gegen ihn?“ „Eil Herzog, ſtellen Sie ſich doch im Gegentheil vor, Herr von Fréjus will, daß der König ihr gehäſſig werde. Das iſt ſchauderhaft.“ „Das Graͤuel wird kommen, hüten wir uns, daran zu zweifeln. Man tadelt und ſchmäht wohl alſo von oben nach unten?“ „Ueberall.“ „Es gibt Fréjusianer und Bourbonianer?“ „Schlachtordnung 14 „Die Lage iſt alſo folgende: den König durch ir⸗ gend ein Verfahren beherrſchen. Herr von Bourbon ſucht ſich in der Gunſt der Königin zu behaupten?“ „Es wird ihm nicht gelingen.“ „Feiner als Herr von Bourbon, iſt Herr von Fréjus ohne Zweifel darauf bedacht, einen neuen Stern am Himmel aufgehen zu machen 2“ „Was ſagten Sie denn, Sie ſeien nicht unterrichtet? Bei Gott! welche Diplomatie!“ „Liebe Prinzeſſin, ich habe mich entſchieden nie über Herrn von Bourbon getäuſcht, wenn ich dachte, er ſei ein Dummkopf.“ „Ohl der König iſt beſtändig, Herzog.“ „Nun fangen Sie wieder an, Prinzeſſin. Oh! laſſen Sie mich nicht ſo zweifeln.“ „An wem und an was 2 „An Ihnen und an der Schönheit.“ „Was habe ich hiebei zu thun, Herzog?“ „Prinzeſſin, Herr von Bourbon ſucht, Herr von Fréjus ſucht, ich, ich komme von Wien an, und ohne zu ſuchen, habe ich gefunden.“ „Was gefunden?“ „Das Verfahren. Der König muß Sie lieben, Prinzefſin, und Ihre hohe Weisheit muß ihn berathen.“ „Oh! Herzog.“ „Sind unter allen Frauen, welche Seine Majeſtät 184 umgeben, Sie nicht am meiſten fähig, dem König jenes Gefühl zärtlicher Beherrſchung einzuflößen?“ „Seien Sie offenherzig, Sie ſpotten nicht?“ „Ich! Ohl Gott behüte mich!“ „Man hat Ihnen nichts dorthin geſchrieben?“ „Ueber was?“ „Nichts ſeit Ihrer Rückkehr geſagt?“ „Ueber wen?“ „Ueber mich.“ „Nein,“ erwiederte der Herzog mit einer naiven Miene. „Wohl, Herzog, derſelbe Gedanke iſt mir gekommen.“ „Wahrhaftig! und warum haben Sie ihn aufge⸗ geben? „Ich habe ihn nicht aufgegeben, im Gegegentheil.“ „Wiel Sie haben ihn in Ausführung gebracht?“ „Und ich bin geſcheitert.“ „Geſcheitert, Sie! Das iſt unmöglich!“ „Es iſt aber, wie ich Ihnen zu meinem Schmerz ſage, mein lieber Herzog, und ich ſage Ihnen dies, weil ich lieber will, daß Sie es von mir erfahren, als von einem Andern... Meine Niederlage rührt vielleicht von einem Umſtand her.“ „Sprechen Sie.“ „Ich war in den König verliebt.“ „Sie, Prinzeſſin? Oh! welcher Fehler!“ „Mein Gott! ja, und das hat mir meine Mittel benommen.“ „Ich begreife; Sie haben ſich in eine Ecke geſtellt, Sie haben Seufzer ausgeſtoßen, in Erwartung, daß er Sie anſchaue, und... und er hat Sie nicht an⸗ geſchaut.“ „Ich bin nicht hiebei ſtehen geblieben. Ich habe ein ziemlich hübſches Gedicht gemacht. Ich habe es mit meiner ſchönſten Schrift geſchrieben, die der König beinahe ſo gut kennt, als Sie, und ich habe es ihm in die Taſche geſchoben.“ nes ven en.“ fge⸗ eil.”¹ t?“ merz weil von eicht dittel ſtellt daß t an⸗ habe be es König in die * 185 „Eine Liebeserklärung?“ „Bei meiner Treue, ja: es muß doch zu etwas dienen, daß man Prinzeſſin von Geblüt iſt.“ „Es iſt wahr, man fordert ſeinen Tänzer auf. Ohl welch ein Unglück, daß Sie kein Gedächtniß haben, Prinzeſſin! Sie hätten mir Ihre Verſe recitirt, wir hätten geſehen, ob ſie ſo viel werth ſind, als die mei⸗ nigen, oder vielmehr als die von Raffé.“ „Unverſchämter!“ Wer, macht die Ihrigen, Prinzeſſin?“ „Daun müſſen Sie ſich derſelben erinnern.“ „Ich glaube wohl, daß ich mich erinnere; wenn ſie zu etwas genützt hätten, wüßte ich ſie nicht mehr. Hören Sie: Vous avez l'humeur sauvage Et le regard séduisant. Se pourrait il qu'à votre age Vous fussiez indifférent? Si l'amour veut vous instruire, Cédez, ne disputez rien. On a fondé votre empire Bien longtemps après le sien.*) „Ohl meine Prinzeſſin, das war ganz einfach an⸗ betungswürdig, und der König, als er ſolche Verſe in ſeiner Taſche fand und Ihre Handſchrift erkannte, iſt nicht vor Ihnen auf die Kniee gefallen?“ „Er war zu jung.“ „Sagen Sie das doch! Aber jetzt?“ *) Sie haben ein ſcheues Gemüth und einen verführe⸗ riſchen Blick. Sollten Sie in Ihrem Alter gleich⸗ gültig ſein? Will Sie die Liebe unterrichten, ſo geben Sie nach, ſtreiten Sie nicht. Man hat Ihre Herrſchaft lange nach der der Liehe gegründet. 186 „Jetzt iſt es etwas Anderes. Ich würde dieſe Verſe nicht wieder machen. Ich bin nicht mehr verliebt, und um nichts in der Welt würde ich eine Erklärung einem Manne ſchicken, den ich nicht liebe. Darum, Her⸗ zog, wird es mir nicht beim König glücken, der, um ſie zu fühlen, um davon inſpirirt zu werden, einer wah⸗ ren Liebe bedarf.“ „Ei! eil eil es iſt ſehr weiblich, was Sie da ge⸗ ſagt haben, liebe Prinzeſſin.“ „Nein, es iſt ſehr wahr.“ „Nunl das wollte ich ſagen.“ „Sie verzichten alſo auf Ihren Plan, Herzog?“ „Nein, doch ich werde etwas Beſſeres ſuchen.“ „Und was werden Sie mit Ihrer Dienerin machen?“ „Ich werde ſie anflehen, mein zu bleiben.“ „Herzog, ſcherzen Sie nicht. Ich ſage Ihnen,⸗ daß ich Niemand mehr liebe, und das iſt geſagt.“ „Wie! Freundſchaft in unſerem Alter?“ „Herzog, Sie haben noch acht Tage öſterreichiſches Weſen von Ihrem Geſichte zu nehmen; Sie haben das ſelbſt ausgeſprochen. Nehmen Sie ſie. Ich, eine Pa⸗ riſerin, ſage es Ihnen. Freundes Rath!“ Und ſie reichte ihm die Hand, die er mit der ver⸗ traulichen Artigkeit küßte, welche man in unſern Tagen nicht mehr hat. Die Prinzeſſin ſtand auf und wärmte einen Augen⸗ blick ihre kleinen Füße am Kamin; dann befahl der Herzog, einen Wagen am Ende der Straße warten zu laſſen, und führte Fräulein von Charolais ſelbſt bis zu dieſem Wagen. „Herzog, in acht Tagen werden Sie die Neuig⸗ keiten wiſſen; ich werde bei Ihnen nur eine Wilde ſein. Iſt eine dabei, die mich intereſſiren kann, ſo brin⸗ Sie ſie mir, Sie kennen die Wege.“ „Sie ſind frei?“ „Leider zu frei!“ Nach dieſen Worten trennten ſie ſich. Die Prin⸗ zeſf ver zw hat get 187 zeſſin ſtieg in den Wagen. Richelieu wartete, bis ſie verſchwunden war, und kehrte in ſeine Gemächer zurück. Sein Lackei übergab ihm eine Liſte von ſieben und uacdig Frauen, die er der Prinzeſſin wegen abgewieſen atte. Richelieu ſeufzte. „Bah!“ ſagte er,„noch ein Tag der Diplomatie geopfert! Ich werde morgen Cardinals⸗Gedanken haben.“ Und er entſchlief. Es ſchlug Mitternacht. XLIX. Frau von Prie. Richelieu entſchlief, während er an alle dieſe Frauen dachte und ſich fragte, welche liebreich genug wäre, um ihm beim König in der Politik den Einfluß zu ge⸗ ben, deſſen er bedurfte, nun, da er ehrgeizig geworden. Dergleichen Gedanken können, wenn nicht einem Diplomaten von ein und dreißig Jahren den Schlaf rauben, doch wenigſtens ihm ſehr angenehme Träume ſchicken. Gegen ein Uhr Morgens und als der Her⸗ zog, nachdem er eine Menge goldener Ideen in ſeinem Kopfe umhergewälzt hatte, dieſe Ideen allmälig ſich entfärben und vermengen fühlte, bildete er ſich ein, er ſei entſchlummert, und da er entſchlummert ſei, träume er. Und in ſeinem Traume hörte er etwas wie das Geräuſch von beharrlichen Stimmen vor dem Fenſter ſeines Gartens, in deſſen Erdgeſchoß er hatte ſchlafen wollen,— eine Mannsſtimme und eine Frauenſtimme, welche ſtritten. —— 188 Und es ſchien dem Herzog, dieſe Frauenſtimme ſei ihm nicht unbekannt, und jeder von ihren Klängen bringe ihm etwas wie eine höchſt reizende Erinnerung. Da überließ ſich der Herzog dieſem täuſchenden Traume, den er verfolgen wollte.. Iſt es Ihnen nicht ſchon begegnet, meine Leſerin, wenn Sie einen von den reizenden Träumen machten, wie Sie ſolche machen, daß Sie, ſelbſt während Ihres Schlafes, dieſem Traume alle Ausdehnung, die er haben konnte, geben wollten? Der Wille iſt eine ſo ſchöne und ſo mächtige Sache! Selbſt im Schlafe bringt er zuweilen ſolche Wirkungen hervor. Der Herzog ließ alſo ein Ohr wach und mit dieſem Ohr horchte er. „Nein, Madame,“ ſagte die Mannsſtimme,„Sie werden nicht weiter dringen; es iſt ſchon genug, daß Sie, ich weiß nicht wie, die Thüre des alten Hofes forcirt haben. Wahrhaftig, Madame, dieſe Dinge kön⸗ nen nicht geſchehen.“ „Drolliger Burſche!“ dachte der Herzog, immer ſchlafend. „Ob ich die Thüre des alten Hofes forcirt oder nicht forcirt habe,“ eerwiederte die ſcharf klingende Frauen⸗ ſtimme,„ich bin im Hauſe, nicht wahr?“ „Sie ſind darin, doch durch Ueberrumpelung.“ „Kurz, ich bin darin, gleichviel wie: die Hälfte der Arbeit iſt gethan. Laſſen Sie mich bis zum Her⸗ zog gehen.“ „Unmöglich, Madame. Der Herr Herzog hat ſich vor einer Stunde, ſehr wüde von der Reiſe, zu Bette gelegt und ſchläft.“ „Sehen Sie, hier iſt etwas, was Lärmen macht, wecken Sie ihn auf.“ Und der Herzog hörte den Klang einer unbeſtimm⸗ ten Anzahl von Goldſtücken, welche in einer Börſe ge⸗ ſchüttelt wurden. zwi ſem Sie daß ofes kön⸗ amer oder nuen⸗ — älfte Her⸗ t ſich Bette nacht, timm⸗ ſe ge⸗ 189 „Ho! hol“ murmelte der Herzog, immer träumend, „man gibt meinem Lackei Gold! Das geht gut, und der Platz iſt vortrefflich.“ „Aber, Madame,“ entgegnete der hartnäckige Die⸗ ner, dem daran lag, ſeinem Gebieter den Ruf eines Mannes von Liebesglück zu erhalten,„der Herr Herzog iſt nicht allein.“ Der Herzog murmelte das Wort:„Schurke!“ „Ei! was geht das mich an?“ erwiederte die Frauen⸗ ſtimme.„Ich habe in Geſchäften mit ihm zu ſprechen. Vorwärts, Junge, öffne, öffne.“ „Aber, Madame, der Herr Herzog hat verboten...“ „Er wußte nicht, daß ich kommen würde.“ „Madame, ich ſchwöre Ihnen, er wird aufwachen, er wird hören und mir den Befehl geben,— Sie zu⸗ rückzuweiſen, was von ſeiner Seite unverbindlich ſein wird, während, wenn ſie von meiner Seite kommt, die Bitte, die ich an Sie richte, nicht auf Ihrem Verlangen beſtehen zu wollen, nur die Folge eines Verbotes iſt.“ „Dieſer Teufel von einem Lackei ſpricht ſehr gut,“ ſagte der Herzog, in ſein Bett von Eiderdunen gewi⸗ ckelt,„hören wir ein wenig, was die Frau antworten wird. Ah!“ „Nun wohll ich,“ antwortete ſie,„ich wette, daß mich der Herzog nicht fortſchickt, beſonders wenn ich mich nenne.“ „Madame, nehmen Sie die Sache auf ſich und klopfen Sie an die Fenſterſcheiben.“ „Nein, nein, ich will die Hand nicht aus meinem Muff thun; es friert.“ „Teufel!“ dachte Richelieu,„es iſt eine vornehme Dame, da ſie ſo ſehr vor der Kälte bange hat. Warum nennt ſie nicht ſogleich ihren Namen?“ „Auf, klopfe, Junge!“ fuhr die Dame fort,„klopfe und ich werde ſagen: ich habe geklopft.“ „Madame, ich werde es thun, da Sie mich dazu zwingen, doch ich wünſchte Ihren Namen zu wiſſen.“ 190 „Ich auch,“ ſagte der Herzog. „Warum dies? iſt es nicht genügend, wenn ich ihn Deinem Herrn nenne?“ „Nein, Madame, denn wenn mich mein Herr auf der Stelle fortjagt, ſo find Sie mir eine Entſchädigung ſchuldig.“ „Das iſt nur zu richtig, und Du biſt ein Junge von Verſtand. Eine Entſchädigung! hier iſt eine Ab⸗ ſchlagszahlung von dem, was ich Dir vorbehalte.“ „Abermals Geld,“ murmelte der Herzog;„dieſe Frau iſt wahnſinnig in mich verliebt. Dergleichen Dinge ſieht man nur im Traume.“ „Nun muß ich nur noch Eines wiſſen,“ ſprach der Lackei,„Ihr Name?⸗ „Ahl Herr Raffé, Du machſt mich am Ende un⸗ geduldig.“ „Sie ſehen, Madame, da Sie den meinigen wiſſen, muß ich auch den Ihrigen wiſſen.“ „Nun wohl! die Marquiſe von Prie.“ Und zu gleicher Zeit erſcholl ein heftiger Fauſtſchlag an die Läden des Herzogs. „Frau von Prie!“ rief der Herzog, indem er raſch ſeinen Kopf unter den Decken vorzog.„Wiel ich habe das geträͤumt! ich habe geträumt, Frau von Prie, die Geliebte von Herrn von Bourbon, ſei in meinem Garten und ſtreite mit Raffé bei fünf Grad Kälte! Ein luſtiger Traum!“ In demſelben Augenblick machte ein zweiter Schlag, auf den mehrere verdoppelte, ungeduldige Schläge folg⸗ ten, das hohe Fenſter erzittern. „Doch nein, ich traͤume nicht, man klopft wirklich,“ rief der Herzog. „Herzog! Herzog! öffnen Sie!“ fuhr die Frauen⸗ gimme, durch den Aerger verſchleiert und durch die Kälte ein wenig heiſer, fort. „Oeffne!“ rief der Herzog, während er aus ſei⸗ nem ſich un⸗ ſſen, chlag raſch habe , die einem 1 Ein chlag, folg⸗ klich” rauen⸗ ch die s ſei⸗ 191 nem Bette ſprang, um in eine Hoſe zu ſchlüpfen und ſich in einen Schlafrock zu hüllen. Der Lackei eilte in das Zimmer ſeines Herrn. „Und die Marquiſe?“ fragte lebhaft der Herzog. „Hier bin ich, Herzog,“ rief die Marquiſe, auf der Schwelle erſcheinend.„Sind Sie aufgeſtanden?“ „Ja, Madame, immer für Sie aufgeſtanden. Zünde an, Raffé, zünde an.“ „Wiel ſchon angekleidet?“ ſagte Frau von Prie. „Gewiß.“ „Sie haben mich alſo gehört?“ „Ja, und ich habe Ihre Stimme erkannt.“ „Ahl Herzog, Sie ſind nicht ſo geckenhaft, wie man ſagt.“ „Warum?“ „Ein Geck wäͤre nicht aufgeſtanden.“ „Marquiſe, Sie vergeſſen, daß ich zwei Jahre von Paris abweſend bin. Aber ſetzen Sie ſich doch.. Feuer, Raffé, Feuer! Die Marquiſe friert; Du ſiehſt es wohl, mein Freund.“ „Es ſcheint,“ ſagte die Marquiſe lachend,„nach Mitternacht iſt das Haus ſo voll, daß man ſich genö⸗ thigt ſieht, Frauen im Garten antichambriren zu laſſen.“ „Ganz im Gegentheil, Marquiſe, das Haus war leer; ich erwartete Sie.“ „Ja, ſchlafend.“ „Erwartet man nicht ſo das Glück 2“ „Ohl das iſt reizend, Herzog.“ „Die Marqguiſe ſetzte ſich in den Lehnſtuhl, den ihr Richelieu bezeichnete; Richelieu nahm eine äußerſt an⸗ muthige Stellung; Beide lachten; das Feuer flammte; Raffé ging ab. „Ah! Marquiſe,“ ſagte Richelien,„wiſſen Sie wohl, daß es ein Uhr ſchlägt?“ „Und daß es friert, um die Steine berſten zu machen, Herzog.“ 192 „Es brennt alſo bei Herrn von Bourbon, daß Sie hierher eilen?“ „Bei meiner Treu, Herzog, ich mußte Sie durchaus zuerſt ſprechen.“ „Aber, verzeihen Sie, Madame, wie haben Sie es gemacht, um ſogleich herein zu kommen? In einem Halb⸗ ſchlafe oder in einem Halbtraume, wie Sie wollen, glaubte ich zu hören, Raffé ſpreche von einer Thüre, die Sie forcirt?“ „Forcirt, nein; geöffaet, ja.“ „Wie dies, Marquiſe?“ „Ei! mit einem Schlüſſel!“ „Wiel Sie haben einen Schlüſſel zu meinem Hauſe und ich liege ruhig im Bette, einer ſolchen Gefahr aus⸗ geſetzt?“ „Herzog, mir ſcheint, Sie haben mir einſt einen gegeben.“ „Ja, das iſt wahr, doch ich glaubte Ihnen den⸗ ſelben wieder genom men zu haben.“ „Was für ein grauſames Gedächtniß hat er!“ „Hören Sie doch, ein Staatsmann! Woher haben Sie übrigens dieſen Schlüſſel? Sie begreifen, was ich Sie frage, Marquiſe, bezieht ſich auf meine Hausordnung.“ „Ja, man könnte fabrieirt haben. Das wäre im Ganzen eine Speculation.“ „Marquiſe, Sie erſchrecken mich,“ „Beruhigen Sie ſich; ich habe bieſen Schlüſſel aus einer weniger unehrlichen Quelle. Es iſt kein falſcher Schlüſſel, es iſt ein ächter Schlüſſel!“ „Aber wo haben Sie ſich denn denſelben verſchafft?“ „Vor zwei Jahren, vor Ihrer Abreiſe nach Wien, theilten Sie mehrere in Paris aus.“ „Ja, doch wie ſoll ich annehmen, eine Frau unſerer Tage behalte zwei Jahre den Schlüſſel eines abweſenden Mannes, wenn ſie ihn nicht etwa in ihrem Gebetbuch vergeſſen hat!“ „Nun, darin irren Sie ſich, wir werden ſehr fromm. Sie haus ie es Halb⸗ ollen, hüre, Hauſe aus⸗ einen den⸗ 1“ haben as ich ung.“ ire im ſel aus alſcher gafft?“ Wien, unſerer eſenden betbuch fromm. 193 Die Frömmigkeit iſt in der Mode ſeit Ihrer Abreiſe. Sie haben den Herrn Regenten hier gelaſſen und finden Herrn von Fréjus wieder.“ „Alles dies ſagt mir nicht, wo Sie dieſen Schlüſſel geſiſcht, und haben Sie ihn nicht Jemand genom⸗ men..“ „Genommen! pfui doch! Sie behandeln mich als Prinzeſſin von Geblüt, mein lieber Herzog; Sie halten mich für Fräulein von Valois oder Fräulein von Cha⸗ rolais. Genommen! pfui doch! ich habe ihn gekauft.“ „Gekauft! Ah! man hat ihn an Sie verkauft?“ „Eine Kammerfrau, welche nicht wußte, was ſie an mich verkaufte. Sie begreifen, man ſieht einen Schlüſſel herumfahren; von dieſem Schlüſſel weiß Nie⸗ mand etwas; es kommt Jemand, der fünf und zwanzig Louis d'or für dieſen Schlüſſel gibt. Verlangt ihn die Gebieterin, ſo nimmt man eine erſtaunte Miene an und ſagt:„„Welchen Schlüſſel, gnädige Frau?““ Das iſt verführeriſch für eine Kammerjungfer.“ „Und dann, wie Sie geſagt haben, Marquiſe, der Schlüſſel eines Mannes, der in Wien iſt... Ahl man glaubte alſo ganz im Ernſte, ich würde nicht mehr von Wien zurückkommen?“ „Ja, mit Ausnahme von mir, die ich Sie, in meiner Eigenſchaft als Miniſter der auswärtigen Angelegenhei⸗ ten, unter Weges wußte.“ „Das iſt richtig.“ „Ich habe alſo dieſen Schlüſſel angekauft, weil ich dachte, Sie würden die Gewirre Ihrer Schlöſſer erſt am Tage nach Ihrer Ankunft verändern laſſen. Das iſt eine ziemlich klare Berechnung.“ „Eine ſehr gute, wie Sie ſehen.“ „So daß mir der Schlüſſel, wie ich hoffe, ein wenig mehr eintragen wird, als er mich gekoſtet hat. Doch es iſt ſeltſam, Herzog...“ unterbrach ſich die Marquiſe. Olympia von Cloves. II. 13³ 194 Und ſie zog den Athem mehrere Male mit voller Naſe ein. „Was denn?“ fragte Richelieu. Die Marquiſe fuhr fort in ſtarken Doſen zu athmen. „Es iſt Jemand hier.“ „Gehen Sie doch! Ich bin allein.“ „Ich ſage Ihnen, daß eine Frau hier iſt, deren Parfum ich kenne.“ „Marquiſe, ich ſchwöre Ihnen.“ „Ein Prinzeſſin⸗Parfum.“ „Ah! Sie ſchmeicheln mir, Marquiſe.“ „Geck! Er hat ſich nicht verändert.“ „Sie ſich auch nicht: Sie werden nur alle Tage ſchöner.“ „Ja, das werden mir wenigſtens meine Hofmacher ſagen, ſo lange ich in der Gunſt bin.“ „Sie ſind im höchſten Grade in der Gunſt.“ „Ich glaube es und komme ſogar, um Ihnen den Beweis davon zu bringen.“ „Ahl laſſen Sie hören.“ „Nein, es iſt Jemand da!“ „So wahr ich Richelieu heiße, bei meinem Ehren⸗ worte ſage i Ihnen, daß Niemand da iſt... Sie „Herzog, hätte ich über Liebesangelegenheiten mit Ihnen zu ſprechen, ſo würde ich, bei meiner Ehre, Ihren Worten glauben; doch da wir über polltiſche Dinge zu reden haben, und da bei dieſem Punkte jede Indiscre⸗ tion tödtlich iſt, ſo erlauben Sie mir, es zu machen, wie der heilige Thomas.“ „Vide pedes, vide manus.: „Sie ſagen mir das, damit ich glaube Sie können Lateiniſch.“ „Gott behüte mich, daß ich dieſe Prätenſion habe.“ „So entſchließen Sie ſich, den Beweis zu liefern.“ „Marquiſe, ich nehme den Leuchter,“ ſprach der auf ller nen. eren age cher den ren⸗ Sie mit hren e zu zere⸗ wie nnen abe.“ rn.“ der 195 Herzog, indem er aufſtand;„wir werden jede Höhle mei⸗ ner Wohnung durchforſchen, nicht wahr?“ „Wenn es Ihnen gefällig iſt, Herzog.“ „Wollen Sie beim Kamin anfangen? Doch es iſt Feuer darin; ich hoffe, Sie mißtrauen nicht.“ „Wenn ſich nicht etwa eine Prinzeſſin von Geblüt darin befindet; dieſe Damen ſind unverbrennbar wie die Salamander.“ „Warum kann man nicht daſſelbe von den Prinzen von Geblüt ſagen!“ rief der Herzog. Die Marquiſe lächelte bei dieſer Anſpielung. „Sehen wir zuerſt im Bettgang,“ ſagte fie. „Leer,“ verſetzte Richelieu,„treten Sie ein.“ „Cabinette für die Mantelbretter.“ „Oede, öde. Wollen Sie unter den Röcken ſchauen, Marquiſe?“ „Unnöthig, man würde die Beine ſehen.“ „Es bleibt die Geheimtreppe.“ „Unnöthig, die Riegel ſind vorgeſchoben, und die Treppe iſt nicht geheizt, ſeitdem wir beiſammen ſind; eine Frau von Stande würde hier vor Kälte geſtorben ſein, und ſie wäre folglich nicht mehr gefährlich.“ „Mächtig geſchloſſen!“ „Gut, wir ſind allein; laſſen Sie uns plaudern.“ „Laſſen Sie uns plaudern,“ wiederholte der Her⸗ zog, während er ſie zu ihrem Lehnſtuhle zurückführte. Die Marquiſe ſetzte ſich. Der Herzog ſtützte ſich auf die Lehne ihres Stuhles. L. Die Politik der Frau Marquiſe von Prie. „Marquiſe, liebe Marquiſe,“ ſagte der Herzog zu ihr, indem er ſie zärtlich bei der Hand nahm,„wenn Sie wüßten, wie ſehr ich es bedaure, daß mich Ihre bos⸗ hafte Laune einſt genöthigt hat, Ihnen dieſen Schlüſſel wieder abzufordern!“ „Warum?“ „Weil wir, wenn Sie mich in jenem Augenblick mehr geliebt hätten, heute, beſonders nach meiner zwei⸗ jährigen Abweſenheit, wahnſinnig in einander verliebt wären.“ „Herzog, ich bin gekommen, um von Angelegenhei⸗ ten mit Ihnen zu ſprechen... Laſſen Sie meine Hand; die Zeit vergeht.“ „Wie es Ihnen beliebt, Marquiſe,“ erwiederte der Herzog. Und er behielt die Hand. „Ich ſagte Ihnen alſo...“ „Sie ſeien mehr als je in der Gunſt.“ „Das ſetzt Sie in Erſtaunen?“ „Ja.“ „Warum?“ „Wegen eines ziemlich heftigen Krieges, den der alte Fleury mit dem Herrn Herzog ſühren muß.“ „Wir geben es ihm, Gott ſei Dank, zurück.“ „Er hat den König für ſich, Marquiſe, und Sie wiſſen, wenn man dem Koͤnig ſeinen Hofmeiſter nimmt, ſo weint der Koͤnig, ſchreit der König.“ „Ja, doch wir haben die Königin für uns, und wenn man dem König die Königin nimmt...“ „Sehen Sie ſich wohl vor, Marquiſe. Man ſagt⸗ alte Sie amt, und ſagt⸗ 197 die Königin werde tugendhaft, zu tugendhaft, und der Ais fange an ſie mehr zu fürchten und weniger zu ieben.“ „Ahl man hat Ihnen das geſagt?“ „Man hat mir ſogar mehr geſagt.“ „Was denn?“ „Man hat mir geſagt, Ludwig XV. fange an, was ihm nie geſchehen iſt, abgeſondert Geſellſchaft zu machen.“ „Das iſt wahr.“ „Ei! Marquiſe, mir ſcheint, Sie haben eine trau⸗ rige Stütze in der Königin.“ „Mein lieber Herzog, denken Sie, eine Königin könne etwas von ihrem Einfſluſſe in dem Augenblick ver⸗ lieren, wo ſie die Gewißheit hat, der Monarchie einen Erben zu geben?“ Richelieu ſprang auf bei dieſer Nachricht und gab einen Ausruf von ſich, der die Marquiſe ſehen ließ, wie intereſſant die Neuigkeit war, die ſie ihm mittheilte. „Ahl ſehr gut,“ ſagte er nach einem Stillſchweigen. „Sie begreifen, Herzog,“ fuhr Frau von Prie fort, „ein Dauphin, das iſt unſer Glück; die Koͤnigin, ſobald ſte Mutter iſt, wird den ganzen Ernſt ihres Standes annehmen. Sie iſt ſchon ernſt genug, ſie hat richtige Ideen, ſie iſt ehrgeizig, oder wird vielmehr zum Ehr⸗ geiz angetrieben.“ „Durch wen, Marquiſe?“ „Spielen Sie doch den Unwiſſenden! Iſt Wien ſo weit von den Herzogthümern Bar und Lothringen ent⸗ fernt, daß Sie nicht wiſſen ſollten, wie gern Stanislaus Einfluß auf unſere Angelegenheiten üben möchte?“ „Marquiſe, ich verſtehe Sie, und ich denke, Sie könnten wohl Recht haben.“ „Nicht wahr?... Ich habe auch ſogleich an Sie gedacht, um Sie unter unſere Freunde einzureihen.“ „Marquiſe, ich hoffe, ich gehöre ſchon dazu.“ 198 „Ja, doch ich ſpreche von einer andern Kategorie von Freunden... von politiſchen Freunden.“ „Werde ich dazu gehören?“ „Oh! das wird nur von Ihnen abhängen.“ „Laſſen Sie den Plan ein wenig hören.“ Herr von Richelieu ſchaute die Marquiſe zärtlich an. „Was haben Sie mich denn ſo anzuſchauen?“ Richelieu gab einen Seufzer von ſich. Die Marquiſe brach in ein Gelächter aus. „Seien Sie ernſthaft, wenn es Ihnen möglich iſt,“ ſagte ſie dann.„Sie ſind Botſchafter und ich bin außer⸗ ordentliche Geſandtin.“ „So kommen wir auf Ihren Plan zurück.“ „Hören Sie ihn: Augenſcheinlich will Herr von Fréjus Alles an ſich reißen...“ „Sogar den Cardinalshut, das iſt offenbar.“ „Und den Herrn Herzog fortjagen?“ „Und den Herrn Herzog fortjagen.“ „Hiezu braucht er alſo zwei Einflüſſe: den des Königs, er hat ihn; den von Jemand, der den König beherrſcht. Dieſe Herrſchaft, finden Sie es nicht mora⸗ liſch, daß ſie von der Königin auf den König, von der Frau auf den Mann ausgeübt werde 24 „Das iſt in der That moraliſch, Marquiſe.“ „Streben wir nach der Moralität durch alle mög⸗ liche Mittel.“ „Eil ei! ich empfehle Ihnen die unmoraliſchen Mit⸗ tel, Marquiſe.“ „Nein, der Koͤnig iſt vernünftig wie ein Mädchen.“ „Einverſtanden, Marquiſe. Doch man hat geſehen, daß Mädchen vernünftig zu ſein aufgehört haben; das iſt etwas ganz Gewöhnliches.“ „Die Königin wird ihn aufrecht erhalten; geben wir der Königin Gewicht.“ „Nichts kann leichter ſein. Es handelt ſich nur darum..“ 3 „Es handelt ſich darum, den Koͤnig mit guten Bei⸗ — rie 199 ſpielen zu umgeben, ſtatt ihn alle Arten von Sünden begehen zu laſſen!“ „Ja, Marquiſe, ja, ich ſehe ihren Plan. Sie wol⸗ len aus dem Hofe des Königs im Jungen das machen, was der Hof des verſtorbenen Königs im Alten war; ſo wäre Ludwig XV. Ludwig XIV., die Königin wäre Frau von Maintenon, der Herr Herzog würde die Rolle von Letellier ſpielen; Sie wären der Pater Lachaiſe, nicht wahr?“ „Beinahe, abgeſehen von der Langweile und dem Alter.“ „Eil ei! Marquiſe, Sie mußten doppelt auf meine Bekehrung rechnen, um mir ſolche Vorſchläge zu machen.“ „Ich rechne darauf, weil Sie ſich in der That ver⸗ ändert haben. Ich rechne darauf, weil Sie zu leicht⸗ fertig geweſen ſind, um nicht ernſt zu werden, weil Sie zu gefährdend geweſen ſind, um nicht discret zu ſein.“ „Marquiſe, dictiren Sie mir mein Benehmen.“ „Ich werde es thun und Ihnen die Vortheile in Ausſicht ſtellen.“ „Ich höre und ich ſchaue.“ „Sie werden morgen beim Spiele der Königin erſcheinen. Was ſage ich, morgen? heute, da es ſchon halb drei Uhr iſt.“ „Gut, das war meine Abſicht, Marquiſe.“ „Sie werden Senſation machen.“ „Um die Wahrheit zu ſagen, ich zähle ein wenig darauf.“ „Ich weiß nicht, ob Sie die Königin ſehr liebt.“ „Ich kann Sie hierüber vollkommen belehren. Ich weiß, daß ſie mich nicht liebt.“ „Sie werden bemüht ſein, daß ſte ihre Geſinnung gegen Sie ändert. Alles iſt Ihnen leicht, wenn Sie es nur ein wenig wollen.“ „Ich werde es verſuchen. Sie iſt Polin, ich werde Deutſcher ſein, das berührt ſich.“ 200 „Gut. Sind Sie einmal mit der Königin ausge⸗ ſöhnt, ſo rühmen Sie dem König ihre Vollkommen⸗ heiten; durch dieſes Mittel werden Sie raſch in Freund⸗ ſchaft mit dem König ſein, Herzog.“ „Ja, wenn ich ihn beluſtige.“ „Ohl Sie werden ihn beluſtigen.“ „Moraliſch, haben Sie wohl Acht, das iſt ſchwierig.“ „Er liebt vor Allem die Jagd.“ „Gut, doch man jagt nicht ohne Unterlaß.“ „Er liebt es, zu gärteln.“ „Ja, ich weiß, daß ihm Herr von Fleury den Ge⸗ ſchmack für Pflanzen, für Lattiche beigebracht hat, denen er zuſchaut, wie ſie wachſen und gelb werden. Ich, ich werde mich nie daran gewoͤhnen, die Erde umzugraben und die Lattiche zu raupen. Ich hätte einen vierten Aufenthalt in der Baſtille nöthig, um mich zu der Cul⸗ tur der Nelken zu entſchließen, trotz des Beiſpiels des großen Condé.“ „Sie werden ihm Geſchichten erzählen.“ „Ich weiß keine.“ „Dann erfinden Sie.“ „Sehen Sie, Marquiſe, es gibt nur drei Dinge auf der Welt, welche die Könige immer unterhalten können.“ „Welche?“ „Schauen Sie Ludwig XIV. an, das war ein Kö⸗ nig, der ſich vollkommen in ſeiner Jugend beluſtigt hat, ſo gut beluſtigt, daß ihn in ſeinem Alter nichts mehr beluſtigte. Nun denn, Ludwig XIV. liebte dieſe drei Dinge: die Weiber, den Krieg und den Aufwand.“ „Herzog! Herzog!“ „Sie werden mir ſagen, die Königin ſei zu eifer⸗ ſüchtig, um Nebenbuhlerinnen zu dulden, zu zärtlich, um den Krieg zu geſftatten, zu ſparſam, um den Aufwand zu erlauben.“ „Sie glauben?“ — 201 „Gewiß. Die gute Prinzeſſin, fragt ſie nicht ge⸗ wöhnlich, ehe ſte kauft: Was koſtet das?“ „Sie fragt: Wie viel koſtet das? weil Fleury fragt: Wie viel hat das gekoſtet?“ „Gleichviel, ich habe nichtsdeſtoweniger wie ein Orakel geſprochen.“ „Und Sie folgern aus Allem dem?“ „Ich folgere daraus, daß es mir ſchwer ſein wird, den König zu beluſtigen, Marquiſe.“ „Ei! allerdings, wenn Sie ſich Schwierigkeiten nach Belieben ſchaffen; wenn Sie nicht Jedem nach ſeinem Charakter Rechnung tragen wollen; wenn Sie ſich weigern, zu ſehen, daß ſich Ludwig XV. ſchon ganz zur Vernunft hinneigt, und daß Alles in ihm den guten Bürger athmet, der nur darauf bedacht iſt, in der Familie zu leben; wenn Sie endlich den König nach Ihrer Elle meſſen. Ahl Herzog! Herzogl es iſt nicht Jeder⸗ mann mit ſiebenzehn Jahren der Baſtille würdig.“ „Gut! nun beleidigen Sie mich,“ „Ei! ich ſchmeichle Ihnen im Gegentheil nur zu ſehr; auf! keinen Widerſtand mehr, Herzog, und beſon⸗ ders keine Paradoxen mehr!“ „Marquiſe, ich füge mich.“ „Sie willigen alſo ein, die Königin zu unter⸗ ſtützen?“ „Ich werde dem König ſagen, ſie ſei die unterhal⸗ tendſte Frau der Welt.“ 3 „Sie willigen ein, den König zu beluſtigen?“ „Ja, wenn Sie mir die Art der Beluſligung nicht beſtimmen.“ „Ich ſchließe Sie nur in die eheliche Liebe ein.“ „Streichen wir das, Marquiſe, ſtreichen wir: das iſt Ihre Sache und nicht die meinige. Ein Mann kann immerhin Tugend bei den Frauen treiben, das iſt guter Geſchmack; aber bei den Männern, das iſt Heuchelei. Streichen wir das, Marquiſe, ſtreichen wir.“ „Sie wollen alſo nicht, daß man Sie zum Mini⸗ 202 ſter macht, oder an einem ſchönen Morgen nach Flan⸗ dern ſchickt, um dort einen Marſchallsſtab zu holen?“ „Bahl Marquiſe, wenn es je von dieſer Waare regnet, ſo verſpreche ich Ihnen, der Erſte unter der Traufe u ſein.“ 1„Nun, da es durchaus ſein muß, ſo überlaſſe ich Ihnen den König; verderben Sie ihn nicht, das iſt Alles, was ich von Ihnen verlange.“ „Ich verſpreche es Ihnen.“ „Der Handel iſt alſo abgeſchloſſen, Herzog?“ „Welches Handgeld, Marquiſe?“ „Herzog, Sie würden die Negociantin geringſchätzen, wenn ſie ſich zum Voraus bezahlen ließe.“ „Marquiſe, Sie ſind ein Dämon der Anmuth und des Geiſtes.“ „Ohl geben Sie ſich nicht den Anſchein, als ſchmach⸗ teten Sie. Ich bin eine politiſche Frau, Sie würden nichts Angenehmes mehr in meiner Liebe finden, denn ſie wendet ſich dem Nützlichen zu. Kommen wir auf unſere Schlüſſe zurück.“ „Thun wir das. Erſtens..“ „Erſtens, Sie kommen heute Abend zum Spiel der Königin.“ „Ja, Marquiſe.“ „Zweitens, Sie ſetzen ſich wieder in den vorigen Stand.“ „Das iſt abgemacht.“ „Drittens, Sie nehmen mit uns Partei gegen den hochwürdigſten Herrn Biſchof.“ „Das entſpricht meiner Neigung.“ „Viertens, Sie ſchleichen ſich in die Gunſt des Königs ein.“ „Ich brauche Ihnen nicht zu verſprechen, daß ich Alles, was ich vermag, zu dieſem Ende thun werde: das iſt mein lebhafteſter Wunſch.“ „Fünftens, Sie laſſen den König vernünftig, wie er iſt, Sie thun nichts, um ihn zu verderben, Sie non Flan⸗ len?“ Jaare raufe ſe ich as iſt ätzen, h und mach⸗ ürden un ſie unſere Spiel rigen n den ſt des aß ich verde: , wie „Sie 203 fliehen alle Gelegenheiten, zu machen, daß er eine Ge⸗ liebte hat.“ „Ich verſpreche die Neutralität, wenn ſie der Koͤnig beobachtet.“ „Seien Sie ruhig, ich ſtehe dafür.“ „Gut, Marquiſe! Nun..“ „Was 2“ „Welche Verbindlichkeiten übernehmen Sie Ihrer⸗ ſeits? Sie wiſſen, ein Vertrag beſteht nur, wenn Ge⸗ genſeitigkeit ſtattſindet?“ „Unſererſeits machen wir uns verbindlich...“ „Erſtens?“ „Ahl ahl Sie wollen eine Verbindlichkeit in meh⸗ reren Artikeln?“ „Warum nicht?“ „Gut. Erſtens, Ihnen in dieſem Jahre, den Ge⸗ ſandſchaftspoſten, den Sie wollen, oder ein Miniſterium zu geben.“ „Auch nach meiner Wahl?“ „Ja, wenn es nur nicht das des Herrn Herzogs iſt.“ „Wohlverſtanden...Chre, dem Chre gebühret.“ „Ohl das wäre nicht das erſte Mal, daß Sie ge⸗ nommen hätten, was ihm gehörte.“ „Marquiſe, Sie ſind es, die das geſteht.“ „Zweitens!“ ſagte lebhaft die Marquiſe. „Ich protokollire.“ Zweitens: Sie zum Generallieutenant bei der er⸗ ſten Gelegenheit und zum Marſchall bei der zweiten zu ernennen.“ „Wie viel Zeit verlangen Sie für Alles dies, Marquiſe?“ „Setzen wir zwei Jahre feſt, wenn Sie wollen.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, das iſt kurz.“ „Ei nein! der Fleury wird vor dieſer Zeit vor Wuth geſtorben ſein, vor Wuth oder vor Alter, wie Sie wollen.“ „Vor Wuth iſt mir lieber, es iſt ſicherer.“ 204 „Vor Wuth, es ſeil Ihre Hand, Herzog.“ „Ei! Frau Marquiſe, ſeit einer Stunde reiche ich Ihnen beide.“ „Wohl, küſſen Sie mich, ich habe keine Schminke, und dann Gott befohlen.“ *Sie klingelte lebhaft. Raffé erſchien. „Wie! was! Marquiſe, Sie gehen ſchon!“ rief der Herzog;„das iſt Feindſeligkeit.“ „Soll ich Ihnen nun etwas ſagen?“ verſetzte die Marquiſe, während Sie die Thüre wieder erreichte. „Sprechen Sie.“ „Wohll Herzog; wenn Sie eben ſo viel Willen für uns haben, als ich ſeit einer Stunde gegen Sie gehabt habe, ſo iſt Herr von Fleury in einem Monat unten.“ Und ſie drückte ihm die Hand mit dem Ende ihrer eigenſinnigen Finger, warf ihm einen lezten Blick der Coquetterie und der Bosheit zu, und ſtürzte in den Gar⸗ ten, Raffé nach ſich ziehend, der ihr kaum in ihrem Fluge folgen konnte. „Teufel!“ ſagte Richelieu, als er allein war,„ich bin ſehr neugierig, zu erfahren, was mir Herr von Fréjus vorſchlagen wird.“ LI. Ein nächtliches Abenteuer. Kaum hatte Frau von Prie zehn Schritte ihrem Wagen entgegen gemacht, der ſie in einiger Entfernung erwartete und ſich näherte, als ſie der Kutſcher heraus⸗ kommen ſah, Raffé, der ihr aus Furcht vor einem Un⸗ fall geſch Mäͤt drei Bau ſten drei Sie zu n die und Gef eindt Lack uns, trou Herr der Du weil raſch Jün Gen ſolch Lack behe ainke, rief ſetzte ichte. illen Sie konat ihrer der Gar⸗ hrem nich von 20⁵ fall mit den Augen folgte, hatte noch nicht die Thüre geſchloſſen, als plötzlich drei aus Leibeskräften laufende Männer ſich in die Mitte dieſer Thüre warfen, wie ſich drei durch Windhunde verfolgte Kaninchen in denſelben Bau merken. Raffé ſuchte ihnen dadurch Widerſtand zu lei⸗ ſten, daß er die Thüre von ſeiner Seite zudrückte; doch drei gegen die ſeinige vereinigte Kräfte trugen den Sieg davon. Raffé war alſo nahe daran, bezwungen zu werden, als er zu parlamentiren verlangte. Da antwortete der Größte von den drei Männern, die Zeit dränge, die Unterhandlung würde lange dauern, und er fordere ihn daher auf, gutwillig ihn und ſeine Gefährten einzulaſſen, ſonſt wuͤrden ſie mit Gewalt eindringen. 2u„Aber, meine Herren! meine Herren!“ rief der ackei. „Eil ſchreie, ſo viel Du willſt! die Patrouille verfolgt uns, und wir haben nicht Luſt, auf die Wache zu gehen.“ „Ein Grund mehr, meine Herren; wenn die Pa⸗ trouille Sie verfolgt, ſo ſind Sie Miſſethäter. Meine Herren, ich rufe! meine Herren, ich ſchreie!“ „Ahl dreifacher Dummkopf!“ ſagte derſelbe Mann, der ſchon geſprochen hatte,„fur wen des Teufels hältſt u uns denn?“ „Eil eil meine Herren, die Diebe kleiden ſich zu⸗ weilen ſehr gut.“ Die Patrouille machte ihren Weg; man hörte ſie raſch herbeikommen. „Auf,“ rief der Kleinſte und wahrſcheinlich der Jüngſte von den drei Flüchtigen,„auf, laſſen Sie uns Gewalt brauchen, meine Herren.“ Und dieſe Stimme verlieh den zwei Andern einen ſolchen Muth, daß ſie unmittelbar über den Leib des Lackeien von Richelieu gingen. Der Größte von den drei Männern ſchloß indeſſen behend und feſt die Thüre wieder, während ſich Raffé, ganz betäubt auf ſeine Beine erhob und mit ſeinem ſchnellſten Schritt nach dem Erdgeſchoße lief, wobei er zu ſich ſelbſt ſagte: „Iſt das möglich, mein Gottl iſt das möglich!“ Raffé trat in das Zimmer des Herzogs gerade in dem Augenblick ein, wo dieſer ſich wieder zu Bette ge⸗ legt hatte und einzuſchlafen verſuchte. Raffé trat ein, haben wir geſagt; wir irren uns, Raffé ſtürzte hinein. „Nun, was gibt es noch, Raffé?“ fragte der Herzog. „Oh! gnädigſter Herr.“ „Was geht vor?“ „Ein Abenteuer, wie ſie nur Ihnen begegnen, Herr Herzog.“ „Sollte mich die Königin beſuchen?“ „Etwas Beſſeres, gnädigſter Herr, etwas Beſſeres als dies, wenigſtens, wie ich glaube. Kleiden Sie ſich raſch an, kleiden Sie ſich an.“ „Bah! iſt es nothwendig?“ „Hurtig! Herr Herzog, hurtig!“ Der Herzog ſprang aus ſeinem Bette, wie er es bei einem Ueberfall im Felde gethan hätte. „In große Gala, gnädigſter Herr,“ ſagte Raffé, „in große Gala.“ „Erkläre Dich doch, Schlingel 14 „Herr Herzog, ſie ſind zu drei.“ „Gut, und Du glaubſt ſie zu kennen?“ „Masken, Herr Herzog, Masken.“ „Ho! ho! die Bälle der Oper haben allerdings angefangen; doch wo ſind die Drei?“ „Im Hofe, Herr Herzog, im Hofe.“ „Sie haben alſo die Thüre forcirt?“ „Ja, gnädigſter Herr.“ „Und Du haſt ſie machen laſſen?“ „Ich habe ihnen Widerſtand geleiſtet, doch ſie find mir über den Bauch gegangen.“ „Ei! einen Musketon alſo?“ mißt gens gewit gen, Auge irre. den in ſe Hand gekat die i wach im 4 zogs drei „kau willi man auf in ge⸗ uns, rzog. gnen, ſeres e ſich er es ſaffo, dings e find 207 „Oh! Herr Herzog, hüten Sie ſich wohl.“ „Wie! drei Männer forciren meine Thüre und mißhandeln einen Diener von mir, um zwei Uhr Mor⸗ gens, und..“ „Herr Herzog, unter dieſen drei Männern iſt eine gewiſſe Stimme.“ „Eine Frauenſtimme?“ fragte lebhaft Richelieu. „Gnädigſter Herr, ich will Ihnen nicht mehr ſa⸗ gen, denn ich befürchte, für einen Dummkopf in den Augen des Herrn Herzogs zu gelten, wenn ich mich irre.“ „Dann laß mich in Ruhe.“ „Nein, Herr Herzog, nein; bemühen Sie ſich an den Ort, wo ſie ſind, und Sie werden ſehen. ℳ „Was 2“ „Was Sie ſehen werden.“ Der Herzog ſchlüpfte abermals in ſeine Hoſe und in ſeinen Schlafrock, nahm ſeinen Degen in ſeine linke Hand und folgte Raffsé nach. Die drei Männer waren hinter die kleine Thüre gekauert und horchten lachend auf die Aufforderungen, die ihnen von der andern Seite der Straße die Schar⸗ wache zurief. „Ah!“ ſagte der Sergent,„gut! gut! gut! Es iſt im Hotel des Herrn Herzogs von Richelieu!“ „Nun wohl! ja, es iſt im Hotel des Herkn Her⸗ zogs von Richelieu. Was dann?“ fragte einer von den drei Flüchtigen. „Es iſt gutl es iſt gut!“ erwiederte der Sergent; „kaum angekommen, fängt der Herr Herzog ſeine muth⸗ willigen Streiche wieder an.“ „Ei!“ ſagte Richelieu, der herbei kam,„es ſcheint, man arbeitet hier unter meinem Namen.“ Das Trio brach in ein Gelächter aus. „Oh!“ verſetzte der Sergent,„die ehrlichen Frauen auf den Straßen beleidigen und den Leuten des Königs 208 ins Geſicht lachen. Ein Herzog, ein Geſandter! Ich notire das!“. „Teufel! Teufel!“ ſagte der Herzog;„das iſt nicht meine Rechnung! Wie, meine Herren, es handelt ſich um Beleidigungen, welche ehrlichen Frauen auf der Straße angethan worden ſind?“ „Sie haben viel geſchrieen, um ehrlich zu ſein,“ verſetzte eine von den Masken. „Sie nehmen es ſehr leicht, meine Maske,“ ſagte der Herzog, indem er ſich demjenigen von den drei Un⸗ bekannten, welcher geſprochen hatte, näherte;„man ſieht wohl, daß Sie nicht Richelieu heißen, wie ich, und daß Sie nicht das Bedürfniß fühlen, ſich einen Ruf hoher Sittlichkeit zu gründen.“ „Der Herzog! es iſt der Herzog!“ flüſterten die zwei anderen Männer. „Meine Herren,“ fuhr Richelien fort, nich will Sie wohl für Edelleute halten; das ſind ſo meine Ma⸗ nieren, und ich verſtehe mich darauf. Gleichwohl wünſche ich,— und Sie werden das begreifen,— gleichwohl wünſche ich zu wiſſen, in welchem Grade Sie es ge⸗ nug ſind, daß ich brüderlich den Mißcredit, den Sie mir gemacht, auf mich nehme. Ich bitte alſo, legen Sie die Masken ab.“ Bei dieſen Worten entſtand unter den drei Män⸗ nern eine ſehr deutliche Bewegung des Zögerns. „Meine Herren,“ ſagte der Herzog, vich hoffe, Sie werden mich nicht nöthigen, ſelbſt meine Thüre den Leuten von der Scharwache zu öffnen?“ Da trennte ſich der Groͤßte von den Dreien von der Gruppe, ging gerade auf den Herzog zu und ſagte, indem er ſeine Maske aufhob: „Erkennſt Du mich?“ „Pecquigny!“ rief Richelieu.. „Er ſelbſt.“ „Was Teufels! treibſt Du Empörung gegen die „ 1 die — 209 Scharwache, Du, Kapitän der Chevaulegers Seiner Majeſtät?“ „Höre. Wir ſind nach dem Schauſpiel auf dem Balle der Oper geweſen; nach dem Balle haben wir zu Nacht geſpeiſt; nachdem wir geſpeiſt hatten, fühlten wir uns ein wenig erhitzt und liefen in den Straßen umher.“ „Ja, das iſt es, und Ihr habt ehrliche Frauen in⸗ ſultirt?“ „Ei nein! eine Erbärmlichkeit, mein Lieber.“ „Mein lieber Pecquigny, erlaube mir nur, eine Frage an Dich zu machen.“ „Welche?“ „Du haſt Deine Maske abgenommen.“ „Ei! Du ſiehſt es wohl.“ „Warte doch!.. Du haſt Deine Maske abgenom⸗ men, und ich kenne in Frankreich keinen beſſeren Edel⸗ man als Dich. Warum, da Du ſie abgenommen haſt, behalten Deine Gefährten ihre Maske?“ „Sie haben Gründe.“ 1„Mir ſcheint, dieſe Gründe könnte man mir wohl agen.“ „Beſtehe nicht hierauf, Herzog.“ „Sind es Frauen? Nein, das iſt unmöͤglich, ſie find zu groß.“ „Herzog...“ „Sind es vielleicht Prinzen von Geblüt?“ „Ich ſchwöre Dir.“ „Mein Lieber, wenn es weder Frauen, noch Prin⸗ zen von Geblüt ſind, ſo kenne ich keinen Grund, der ſie abhält, die Maske abzunehmen, wie Du es gethan haſt.“ Pecquigny zögerte noch. Wüthend, daß man ihnen auf ihre Aufforderungen nur mit Gelächter antwortete, fingen die Schützen indeſſen an die kleine Thüre des Hotels mit den Kolben ihrer Musketen zu erſchüttern. Ungeduldig, zupfte der Herzog Pecquigny an ſeinem anchette und ſagte zu ihm: Olympia von Cleves. II. 14 210 „Höͤre, Pecquigny, ich bin von Wien ſehr vernünf⸗ tig, ſehr gemäßigt, ſehr philoſophiſch, aber zugleich zornwüthig wie ein Truthahn, wenn ich ſchlecht ſchlafe, zurückgekommen. Du weckſt mich nun auf, Du myſti⸗ ficirſt mich, Du läſſeſt mir Scandal durch die Schar⸗ wache machen; wohl denn, ich, Richelieu, erkläre Dir, daß ich, wenn Du mir nicht die zwei anderen unver⸗ ſchämten Masken nennſt, welche hartnäckig bei mir bedeckt bleiben, Euch alle Drei mit Raffé angreife, der bei gegebenem Anlaß mein Prevot iſt. Auf, Raffé, nimm einen Degen! und zugeſtoßen! zugeſtoßen!“ „Ah! ah!“ rief Pecquigny, welcher den wunderli⸗ chen Charakter von Richelieu kannte und ſchon die De⸗ gen glänzen ſah,„ahl gemäßigter Philoſoph, vernünf⸗ tiger Geſandter, wie, Du erräthft nicht, wer der Kleinſte von uns Dreien iſt?“ „Ei! wie Teufels ſoll ich das errathen? Ich bin kein Oedipus.“ „Der Kleinſte von uns Dreien.. „Nun?“ „Das iſt der Größte.“ „Der König!“ konnte Richelieu auszurufen ſich nicht erwehren.. „Stille!“ „Wie, dieſer vernünftige und unſchuldige Monarch läuft i9 den Straßen umher und inſultirt die Frauen?“ t!“ „Wie iſt denn das zugegangen? Wahrhaftig, mein . Lieber, je mehr Du mir davon ſagſt, deſto unbeſcheide⸗ ner machſt Du mich.“ „Bei Gott! das iſt ganz einfach: während wir Abenteuer ſuchten, begegneten wir einer Frau und ih⸗ rer Dienerin.“ „Warte, mein Lieber, ich will zuerſt dieſe Schlin⸗ gel von Schützen wegſchicken; ſie werden am Ende das ganze Quartier aufwecken.“ gert nünf⸗ gleich hlafe, nyſti⸗ ſchar⸗ Dir, nver⸗ mir reife, Raffé, derli⸗ e De⸗ nünf⸗ leinſte h bin n ſich onarch uen?“ , mein cheide⸗ d wir und ih⸗ Schlin⸗ de das 211 Pecquigny begriff die Nothwendigkeit dieſer Maß⸗ regel und trat in den Schatten. Der Herzog öffnete die Thüre im Schlafrock und ſeine Laterne in der Hand haltend. „Was gibt es, meine Herren?“ ſagte er mit ge⸗ bieteriſchem Tone,„und was macht man zu dieſer Stunde an meiner Thüre?“ „Oh! verzeihen Sie, Herr Herzog,“ erwiederte der Sergent, von der Höhe ſeines Zornes herabfallend, der vor einer verſchloſſenen Thüre anwuchs und vor einer offenen Thüre verſchwand. „Nun! was willſt Du vom Herrn Herzog, daß Du ihn ſo aufweckſt, wie Du es thuſt?“ „Monſeigneur!.. es find...“ „Was?“ fragte majeſtätiſch der Herzog. „Drei von Ihren Leuten haben Lärm auf der Straße gemacht, und wir ſuchten ſie.“ „Woher wißt Ihr, daß es meine Leute ſind?“ „Wir haben geſehen, wie ſie ſich zu Ihnen ge⸗ flüͤchtet.“ „Das iſt kein Grund.“ „Gleichviel, Herr Herzog, mögen ſie Ihre Leute ſein oder nicht ſein, diejenigen, welche Scandal mach⸗ ten, ſind nichtsdeſtoweniger bei Ihnen, und Ihr Hotel, um ein Aſyl zu ſein, gilt nicht für eine Kirche.“ „Seht doch! Witz, Herr Burſche! Wir haben ſo viel ausgeſtreut, daß, bei meinem Chrenwort, Jeder⸗ mann davon aufhebt. Und was für einen Scandal machten dieſe Herren? laßt hören.“ „Nicht wahr, Monſeigneur kennt alle ſchöne Frauen von Paris?“ „Ja, ſo ungefähr.“ „Prinzeſſinnen von Geblüt, Damen vom Adel, Bür⸗ gerinnen?“ „Nun! Sergent?“ „Monſeigneur muß alſo die ſchöne Paulmier kennen?“ 21² „Die Wirthin zum Sprechenden Löwen? Ich kenne das.“ „Das iſt eine ehrliche Frau.“ „Hm!“ machte der Herzog;„weiter!“ „Nunl ſie ging mit ihrer Dienerin durch die Rue Saint⸗Honoré. Da kamen Ihre Leute.“ „Sergent, ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß dieſe Herren nicht meine Leute waren.“ „Dieſe Herren,“ fuhr der Sergent fort,„dieſe Herren traten ganz cavaliermäßig auf ſie zu, und der Kleinſte von den Dreien fing an ſie zu umarmen, aber zu umarmen, daß es demüthigend war.“ „Seht doch!“ rief Richelieu. „Der Groͤßte ſtreichelte indeſſen der Dienerin das Kinn. Die zwei ehrlichen Perſonen ſchrieen auch zum Herzzerreißen.“ „Aber was machten ſie denn zu einer ſolchen Stunde auf der Straße?“ „Eil Herr Herzog, ſie ſuchten die Wache.“ „Wie! ſie ſuchten die Wachel ſie erriethen alſo, man würde ſie inſultiren?“ „Eil nein, Herr Herzog, es geſchah, um Leute von Stande zu trennen, die ſich im Gaſthauſe von Made⸗ moiſelle Paulmier ſchlugen.“ „Warum haben ſie das dem Kleinen nicht geſagt? Das hätte ihn vielleicht beſänftigt.“ „Ahl ja wohl, der Kleine! ein wüthender Teufel, Herr Herzog!„„Die Wache!““ rief er.„„Ah! Sie ſuchen die Wache! Gut, warten Sie!““ Und er nahm Made⸗ moiſelle Paulmier um den Leib und zog ſie trotz ihres hel⸗ denmüthigen Widerſtands bis zum Poſten der Schweizer des Louvre fort. Hier, Herr Herzog, fing das wahre Vergehen an, denn Sie begreifen, eine Demoiſelle um⸗ armen, und wäre ſie auch ſehr hübſch, hübſcher noch als Mademoiſelle Paulmier, was übrigens ſchwer ſein dürfte, iſt kein Vergehen; doch der kleine Ruchloſe ahmte eine erhabene Stimme nach und ſing an zu rufen. zer gla ſein Köt und nied klein Ger kürl ſten ihre ſere⸗ ſten fall doch blich gan kunf hatt Min dure in 2 Ich Rue dieſe dieſe d der aber das zum tunde alſo, 2 von Nade⸗ ſagt? eeufel, ſuchen Nade⸗ 3 hel⸗ weizer wahre 2 um⸗ ch als bürfte, e eine ℳ 213 „Wen zu rufen?“ „„Foreſtier,““ rief er,„„Foreſtier!““ „Wer iſt das, Foreſtier?“ fragte Richelien. „Herr Herzog, das iſt der Commandant der Schwei⸗ zer von dieſem Poſten, der wahre Commandant.“ „Gut.“ „Nein, im Gegentheil ſchlecht, denn Herr Foreſtier glaubt die Stimme des Koͤnigs zu erkennen; er zieht ſeinen Degen in der Mitte des Poſten und ſchreit: „„Es iſt der Koͤnig, der ruft, bei Gott! es iſt der König!““ „Und alle Schweizer ſpringen nach ihren Degen und ihren Carabinern. Man läuft, man wirft ſich nieder, man ſucht auf der Straße.“ „Und man findet?“ „Mademoiſelle Paulmier und nichts Anderes; der kleine Ruchloſe, der kleine Fälſcher hatte mit ſeinen Genoſſen die Flucht ergriffen.“ „Und die Schweizer?“ fragte Richelieu, unwill⸗ kürlich ein Gelächter aufſchlagend. „Ah! Herr Herzog, die Schweizer waren im höch⸗ ſten Grade wüthend; da aber Mademoiſelle Paulmier ihre Geſchichte erzählte, da das vernünftige Weſen un⸗ ſeres vielgeliebten Königs bekannt iſt, da auch der Po⸗ ſten leer geblieben war und Herr Foreſtier einen Ueber⸗ fall befürchtete, ſo gab er Befehl zum Rückzug.“ „Das war klug.“ „Da kehrten die Schweizer nach dem Poſten zurück, doch zum Glück hatten ſie uns gerade in dem Augen⸗ blick getroffen, wo wir Mademoiſelle Paulmier, welche ganz in Thränen zerfloß, tröſteten. Sie gab uns Aus⸗ kunft über den Weg, den die Delinquenten genommen hatten, und wir eilten, ſte zu verfolgen. Nach fünf Minuten erblickten wir dieſe Leute, welche ganz ruhig durch die Straße gingen, als ob ſie nicht das Quartier in Aufruhr gebracht hätten. Wir griffen ſie an, und 214 ſie entkamen uns nur dadurch, daß ſie in Ihr Hotel eintraten.“ „Nun! das iſt eine ſchöne Geſchichte„“ ſagte der Herzog freundlich zu dem Sergenten,„ſchlimm für Jeder⸗ mann, Dich, mein Freund, und Deine würdigen Sol⸗ daten ausgenommen, denn wenn ich auch nicht will, daß meine Leute verhaftet werden, wie ſie es verdienen würden, ſo will ich doch, daß ſie die Koſten ihrer Un⸗ beſonnenheit bezahlen. Auf, auf, meine Herren, man beſteuere ſich,“ rief der Herzog, indem er ſich nach der Seite der Schuldigen umwandte. Und er ſtreckte die Hand aus. 9 Drei ziemlich gut geſpickte Börſen fielen in dieſe and. „Meine Kinder,“ ſagte der Herzog zu den Schützen, „nehmt dies und ſeid verſchwiegen, ſelbſt nachdem Ihr Alles, was dieſe Börſen enthalten, zu Ehren meiner glücklichen Rückkehr vertrunken habt.“ Der Sergent betaſtete das Gold mit Befriedigung und theilte es redlich mit ſeinen Leuten, das heißt, er gab ihnen eine Börſe für Alle und behielt zwei für ſich allein; dann verſchwand er, gefolgt von ſeiner Mannſchaft. „Nun, meine edle Herren,“ ſprach der Herzog mit vollkommener Liebenswürdigkeit,„entſchuldigen Sie, daß ich Sie nicht empfangen habe, wie ich es wünſchte; unter der Maske iſt jeder Menſch frei und geſtattet die Freiheit den Andern.“ Und nach dieſen Worten machte der Herzog eine Verbeugung, welche ungezwungen genug, daß ſie Pec⸗ qulgny gelten konnte, und dennoch ausdrucksvoll genug, daß ſie noch höher adreſſirt ſein konnte. Die drei Männer erwiederten ſeinen Gruß, und nachdem Pecquigny die Straße wohl erforſcht hatte, gingen ſie auch weg. Der Kleinſte, als er hinausging, machte Richelleu Hotel 2 der geder⸗ Sol⸗ „ daß ienen Un⸗ man h der dieſe ützen, Ihr neiner igung 4, er i für ſeiner 3 mit daß unter feiheit geine Pec⸗ genug, und hatte, helleu 215 ein Zeichen, in welchem ſich die auf das Zarteſte aus⸗ gedrückte Dankbarkeit offenbarte. Dann blieb der Herzog allein in ſeinem Hofe mit Raffé. Beide ſchauten ſich an. „Nun! Herr Herzog,“ fragte Raffé,„was denken Sie hievon?“ „Bei Gott! Du hatteſt Recht,“ erwiederte der Herzog nachdenkend. „Habe ich eine gute Naſe, Herr Herzog?“ „Oh! Raffé, ich habe nie daran gezweifelt.“ „Herr Herzog, Sie können ſich nun wieder zu Bette legen.“ „Du glaubſt, Raffé?“ „Ich bin feſt davon überzeugt. Es gibt bei den Abenteuern wie bei den Spielgeheimniſſen eine Progreſ⸗ ſion, deren Ziel der Culminationspunkt bezeichnet. Nach dem, was vorgefallen iſt, erwarten Sie nichts mehr, oder erwarten Sie vielmehr Alles.“ „Rafſé, Du biſt ein reizender Geiſt. Kannſt Du leſen und ſchreiben?“ „Wie, Herr Herzog?“ „Ich frage Sie, Herr Raffé, ob Sie leſen und ſchreiben koͤnnen?“ „Ich kritzle und ſchmiere.“ „Raffé, von dieſem Augenblick an biſt Du mein Secretaire, und werde ich je in der Academie aufge⸗ nommen...“ Richelieu machte eine Pauſe. „Nunl ſo wirſt Du meine Rede verfaſſen.“ „Ohl Herr Herzog!“ „Du wirſt ſie verfaſſen, oder der Teufel ſoll mich holen!“ „Legt ſich der gnädigſte Herr wieder zu Bette?“ fragte der Secretaire gewordene Lackei. „Nein, unmöglich, ich habe zu viel zu denken; nein, laß mich allein, Raffé.“ „Sie haben Feuer, Herr Herzog; ich verlaſſe Sie.“ 216 Rſchelien blieb allein. „Das iſt der Charakter, welchen zu moraliſiren Frau von Prie mich beauftragt! Wie! ich ſollte mir ſo viel Mühe geben, um dieſem reizenden jungen Manne beſchwerlich zu ſein, ſtatt ihm Vergnügen mit ſo geringen Koſten zu machen!“ Er träumte noch einige Augenblicke und ſagte dann: „Andere moͤgen ſich an den Flammen der Tugend ver⸗ brennen. Ich bin offenbar nicht für den Dienſt des Löſch⸗ horns geboren; ich habe einen guten Hauch, der Funke glänzt, der Stoff iſt brennbar; blaſen wir, alle Teufel! blaſen wir; überdies würde ich nicht ausloͤſchen.“ LII. Das Spiel der Königin. Trotz aller ſeiner Betrachtungen, verfehlte Herr von Richelieu vicht, am Abend deſſelben Tages zum Spiele der Konigin zu gehen: er hatte ein Verſprechen geleiſtet, dem er nicht untreu werden konnte, ohne ſich mit der Marquiſe zu entzweien. Man erwartete ihn. Die ganze zurückgehaltene Ungedold des Hofes kam zum Ausbruch, als er eintrat. Die Koͤnigin allein ſchien ihn nicht zu bemerken. Dieſe vortreffliche Prinzeiſin hatte aus Richelien ihr Schreckbild gemacht. Die Heldenthaten des Herzogs waren ihr zu Ohren gekommen, als ſie noch ein demü⸗ thiges junges Mädchen, und all dieſer Reiz des Laſters, den man in Verſailles ſo glänzend fand, hatte der tu⸗ / derr um hen ſich ene at. ien gs nü⸗ 1s, tu⸗ —— 217 gendhaften Prinzeſſin ein ungeſchickter, Verbrechen be⸗ deckender Firniß geſchienen. Sie hatte auch einen tödtlichen Haß dieſem Verder⸗ ber gelobt. Der Herzog ſeinerſeits konnte ſie nicht lieben. Aus dem Zuſammenſtoß dieſer zwei Feind⸗ ſeligkeiten mußte nichts Vortheilhaftes für die Polltik von Frau von Prie hervorgehen, welche im Gegentheil auf der Vereinigung von Herrn von Richelieu und der Königin beruhte. Die Königin wurde, ſo zu ſagen, gezwungen, Herrn von Richelieu anzuſchauen, den ſie nicht ſehen wollte. Der Herzog grüßte ſie mit jener vollkommenen Höflichkeit, welche alle Nuancen enthielt. Mit ſeinem wunderbaren Takt hatte Richelieu ſchon von der Schwelle des Zim⸗ mers aus die Feindſeligkeit der Fürſtin an der beinahe unmerklichen Bewegung erkannt, welche die Schultern be Maria Lesczinska gemacht, als ſie ihn hatte melden bren. „Guten Tag, mein Herr,“ ſagte kalt die Königin, und ſie ſetzte ſich wieder zu ihrem Cavagnole⸗Spiel. Der Herzog war nicht der Mann, der um die Gunſt bettelte: er wußte zu wohl, daß ſie den Hochmüthigen zufällt; er war nicht der Mann, der ſich übermäßig vor einer Frau erniedrigte, und wäre dieſe Frau Königin geweſen: er wußte zu wohl, daß die Frauen mehr die Stolzen, als die Demüthigen lieben. Aber es war für ſeigen Ruf als Hofmann und als Mann von Geiſt von Belang, es nicht bei einem ſo kalten, ſo ſchlechten Empfang beruhen zu laſſen. Was hätte man in der Diplomatie geſagt? Ein ſchon bei der erſten Verbeugung verächtlich abgewieſener Diplomat wäre ſogleich aus der Liſte geſtrichen worden. Der Herzog brachte ſein Gedächtniß voll von einer Menge von deutſchen Prinzeſſinnen, polniſchen Portraits, — für Maria Lesczinska theure Erinnerungen,— zurück; er war überzeugt, beim erſten Worte dieſer guten Fami⸗ lienplaudereien würde die hoffärtige Prinzeſſin ſogleich 218 das Ohr drehen. Herr von Nichelieu ſpeculirte auf Alles, ſelbſt auf die guten Eigenſchaften. „Madame,“ ſprach er,„ich kann mich nicht von Eurer Majeſtät entfernen, ſo ſehr ſie von ihrem Spiele in Anſpruch genommen zu ſein ſcheint, ohne ihr Alles zu melden, was mir Zäͤrtliches für die Frau und Ehrer⸗ bietiges für die Königin die Prinzeſſinnen von Braun⸗ ſchweig⸗Wolfenbüttel und Naſſau geſagt haben.“ Die Königin wandte ſich raſch um. „Ah!“ ſagte ſie mit einem Lächeln,„man denkt dort noch an mich?“ Das war die Gelegenheit für Richelieu, eines von den reizenden Worten anzubringen, wie er ſie oft fand; er beſchränkte ſich darauf, daß er ſich verbeugte und, nachdem der Pfeil abgeſchoſſen war, an ſeinen Platz zurückkehrte. Die Königin ſah ihn ſich entfernen und wurde nachdenkend: ſie hätte dieſer Unterredung einen Fort⸗ gang gewünſcht. Lange kämpfte ſie gegen dieſen Wunſch. Minder ſlark als ihr Herz, unterlag ſie endlich. Es war nicht nur eine gute Prinzeſſin, ſondern auch eine vortreffliche Frau, dieſe arme Königin. „Herr Herzog,“ ſagte ſie,„haben Sie in Wien nicht die Gräſin von Königsmark, meine zärtliche Freundin, geſehen 2 „Doch wohl, Madame,“ erwiederte der Herzog, in⸗ dem er mit einem ehrfurchtsvollen Eifer zur Koͤnigin zurückkehrte,„die Frau Gräfin ſpricht immer nur mit Thränen in den Augen von Curer Majeſtät: ohl das iſt rührend.“ „Gut!“ rief die Königin.„Rührend! Herzensge⸗ danken für Männer; ich glaubte, das ſei nur lächerlich.“ „Madame,“ erwiederte Richelien mit ernſtem Tone, „wollen Sie glauben, daß Alles das, was ein aufrich⸗ tiges Herz zeigt, die Männer von Herz ſehr tief ergreift, und wenn es ſich um die Bewunderung handelt, die auf urer e in s zu hrer⸗ aun⸗ denkt von and; und, Platz urde fkort⸗ nſch. dern nicht ndin, „in⸗ nigin mit das nsge⸗ lich.“ Tone, frich⸗ reift, „die 219 ſeine Fürſtin einflößt, ſetzt jeder gute Franzoſe, jeder Edelmann ſeine Ehre darein, nie gleichgültig zu ſein.“ Dieſe Antwort brachte eine große Wirkung auf die Königin hervor, welche verſtohlen einen Blick auf den Herzog warf und ſchwieg. Richelieu hatte ſeine Sache gewonnen. Sicherlich konnte der Herzog, wenn ihm viel daran gelegen geweſen wäre, in dieſem Augenblick die Unter⸗ handlungen im Sinne der Pläne des Herrn Herzogs von Richelieu anknüpfen. Die Tugend war inthronifirt. Doch der König trat ein. Der König war glän⸗ zend von Jugend und Schöönheit. Nichts, die ganze Welt ſtimmte darin überein, kam in Frankreich der an⸗ muthvollen Majeſtät des jungen Königs gleich. Als der Herzog Ludwig XV. ſo ſchön ſah, wollte er die Wirkung beurtheilen, die er auf die Koͤnigin hervorbrächte. Der König ſchien in der That ſehr beſorgt über die Haltung ſeiner Frau. Maria Lesczinska ſtand auf, machte die üblichen Verneigungen und ſetzte ſich wieder, nachdem ſie der Etiquette gegeben hatte, was die Eiiquette forderte, nicht mehr. Der König erröthete im Gegentheil, da er die Kö⸗ nigin, wenn nicht ſchön, doch wenigſtens intereſſant mit ihrer leidenden, ſchmachtenden Miene ſah. Als er aber ſtatt des Feuers, das in ſeinen Augen glänzte, bei der Königin nichts Sympathetiſches gewahr wurde, wie er es gewünſcht hätte, zog eine Wolke, bei⸗ nahe den Zornanfällen ahnlich, über ſeine Stirve; er ſeufzte und ſchaute die ſchönen, erröthenden Frauen an, die ſich um ihn verneigten. „Maria Lesezinska hat nicht einmal die Eiferſucht,“ dachte Richelieu. Ddie Koöͤnigin fuhr in der That fort, ganz friedlich ihre Marken zu ordnen. 220 Mit einer keuchenden Bruſt athmete Ludwig XV. gierig die Wohlgerüche und die Anbetungen der Frauen ein. Er erblickte den Herzog, der ſich ehrfurchtsvoll bei⸗ ſeit hielt, bereit, zu grüßen, wenn der Koͤnig an ihm vorbei käme. Als er ſich Richelieu näherte, richtete der König an ihn ein kleines Lächeln voll Feinheit und guter Laune. Dann wurde das Geſpräch, das ſo beſchränkt und ſo kalt von Seiten der Königin geweſen war, ſehr leb⸗ haft und ſehr freundlich von Seiten des Königs. Ueber ſeine Reiſen befragt, antwortete Richelieu immer auf eine Art, um die Einbildungskraft und den Geſchmack des Köͤnigs zu entflammen. Aber am Ende, als er bemerkt hatte, mit welcher ſtummen Undurch⸗ dringlichkeit es der Herzog vermied, eine Anſpielung auf die Abenteuer der Nacht zu machen, legte der König, der ſehr ſchüchtern war und wie die ſchuchternen Leute alle diejenigen liebte, welche ihn nicht in Verlegenheit ſetzten, legte der König, ſagen wir, eine Hand auf den Arm von Richelieu und ſagte zu ihm: „Herzog, Sie haben die Koönigin geſehen, Sie haben mich geſehen; Sie müſſen nun den Herrn Car⸗ dinal aufſuchen.“ „Das war meine Abſicht und mein Wunſch, Sire, und ich erwartete hierzu nur die Erlaubniß Eurer Ma⸗ jeſtät.“ „Gut! Sie werden dem Herrn Cardinal ungemein gefallen, ich bin feſt davon überzeugt.“ „Meine Achtung wird mir das Vermögen geben.“ „Der Herr Cardinal iſt ein ſehr unterrichteter Mann und ein guter Rathgeber. Sie haben viel Er⸗ fahrung, Herr Herzog.“ Dieſes Wort: Erfahrung, bei dem jungen König, bedeutete Alles, was das Jünglingsalter an Wünſchen und an Anbetung für die Wiſſenſchaft des Guten und des Böſen hat, mit der das reifere Alter vertraut iſt, 221 und die Herrn von Richelieu beſonders eigenthümlich war, da er ſo frühzeitig in den Baum, welcher ſie trägt, gebiſſen hatte. „Genug, Sire,“ antwortete der Herzog,„um im Stande zu ſein, meine Dienſte für Seine Majeſtät wirk⸗ ſamer zu machen.“ „Herzog, ich werde es nicht vergeſſen; ſuchen Sie alſo den Cardinal auf und ſagen Sie ihm, daß...“ Er ſchaute umher. Richelieu horchte. Der König fuhr fort: „Sagen Sie ihm, daß ich mich langweile,“ ſprach er mit einem düſteren Blick und mit einem Falten der Stirne, das den Olymp von Verſailles zittern gemacht hätte, wäre dieſes Falten von der Stirne von Lud⸗ wig XIV. ausgegangen. „Eure Majeſtät langweilt ſich!“ rief Richelieu, der den Erſtaunten ſpielte. „Ja, Herzog.“ „Mit Ihrem Alter, mit Ihrer Schönheit, mit dem Königreiche Frankreich?“ „Gerade deshalb langweile ich mich, Herzog: mein Alter verhindert mich, zu regieren, wie ich gern möchte. Das Köntgreich Frankreich verhindert mich, mich zu beluſtigen, wie ich könnte.“ „Sire, die Langweile iſt eine tödtliche Krankheit; ich werde es nicht dulden, daß Eure Majeſtät des Arz⸗ tes entbehrt.“ „Gut, der Herr Cardinal würde lachen, wenn er Sie hörte; er hat mir immer wiederholt, ein Menſch konne ſich auf Erden nicht langweilen.“ „Sire,“ erwiederte der Herzog,„das iſt ſo, weil Ihnen der Herr Cardinal offenbar nicht alle Mittel mitgetheilt, die er hat, um ſich zu beluſtigen.“ Es war das erſte Mal, daß ein Höfling es wagte, einen Scherz vor dem König über dieſen angebeteten Erzieher von Ludwig XV. zu machen. Herr von Ri⸗ 222 chelieu fühlte wohl, daß er ſich gefährdete; doch er wollte ein großes Spiel ſpielen, um mehr zu gewinnen. Der Koͤnig ärgerte ſich nicht; im Gegentheil, nach⸗ dem er einen Augenblick geſchwiegen, ſagte er mit ſanf⸗ tem Tone: „Herzog, Herr von Fleury hat Recht gehabt, mich nicht ſogleich alle Beluſtigungen der Welt zu lehren; bleibt mir Zeit, zu leben, ſo werde ich wenigſtens Ver⸗ ſuche zu machen haben.“ „Ich ſtehe dafür,“ ſagte Richelieu. „Sie werden mir helfen, Herzog?“ „Ich bin zu den Befehlen Eurer Majeſtät.“ „Beſuchen Sie alſo den Herrn Cardinal.“ „Schon morgen.“ „Und ſagen Sie ihm...“ „Ja, Sire, Euere Majeſtät langwelle ſich.“ „Und ich wolle Krieg führen, um mich zu unter⸗ halten,“ fügte der König mit einer Heuchelei bei, die den Herzog mit tiefer Bewunderung erfüllte, nach den Freiheiten dieſes Geſpräches, in welchem er das Herz des Königs und ſeine mehr verliebten, als kriegeriſchen Neigungen zu erſchauen geglaubt hatte. „Sire,“ ſagte er, indem er ſich in die Rolle ein⸗ ſchloß, die man ihm vorgezeichnet hatte,„ich werde meinen Ruhm darein ſetzen, Eurer Majeſtät in dem, was ſie wünſcht, zu dienen. Aus meiner Zuſammenkunft mit dem Herrn Cardinal geht, wie ich hoffe, die Löſung hervor, welche Eure Majeſtät zufriedener machen wird.“ Der König drehte ſich auf den Ferſen um. Ri⸗ chelieu vollendete ſeine tiefe Verbeugung. „Ah!“ ſagte er,„wenn ſich Frau von Prie nicht mit mir verſteht, ſo werde ich nicht mit ihr ſein, das iſt entſchieden.“ Sein Wagen erwartete ihn, er wechſelte einige Zeichen mit Pecquigny, der ihm zu der kleinen Thüre nachfolgte. „Nun! Pecquigny?“ ſagte er. nter⸗ die ) den Herz ſchen ein⸗ verde dem, kunft ſung ird.“ Ri⸗ nicht s iſt nige hüre 223 „Nun! Herzog, Du wirſt vom Koͤnig angebetet.“ „Gut. Sage mir: Wer war die dritte Maske heute Nacht?“ „Bachelier, der erſte Kammerdiener des Königs.“ „Ich danke,“ ſprach Richelieu. Und er kehrte allein nach Hauſe zurück. LIII. Der Kammerdiener von Herrn von Frejus. Herr von Richelieu hatte dem Koͤnig verſprochen, er wollte ſein Wort nicht brechen. Er machte alſo dem Herrn Cardinal von Fleury den Beſuch, den Saint⸗Ceran von einem Botſchafter, der von ſeiner Sendung zurückgekehrt, erwartete. Herr von Fleury, Biſchof von Fréjus, Erzieher des Königs, verdient wohl einige Züge unſerer Feder, und wäre es nur zum Verſtändniß der Rolle, die er in dieſem Buche ſpielen wird. Das war in der Zeit, um die es ſich handelt, ein betagter, verſchmitzter, überſättigter Geiſtlicher, wie ſpäter Beaumarchais ſagte, ein Greis jung für die In⸗ trigue, ein Geiſt fruchtbar an kleinen Mitteln, die er mit Muße unter der Regierung von Ludwig XIV. im Schatten der Roben des Pater Lachaiſe und von Frau von Maintenon ſtudirt hatte. Er kannte den Hof, er war des Königs ſicher; mehrere Verſuche, die man gemacht, um ihn aus dem Beſitze zu ſetzen, hatten ſich zur Verwirrung und Be⸗ ſchämung ſeiner Feinde gewendet, und er hatte nicht den geringſten Ruhm daraus zu ziehen geſchienen. 224 Im Gegentheil, bei jedem neuen Triumphe wurde er demüthiger, als zuvor. Man hatte bei drei kritiſchen Umſtänden, als ſchon ſein Credit zu wanken ſchien, den jungen König mit Thränen und Schreien ungeduldigen Zorns ſeinen alten Lehrer wiederverlangen ſehen, der ihn an Spielzeug, an Bonbons und an eine ſehr große Freiheit bei dem, was ihn nicht von ſeiner Politik entfernte, gewöhnt hatte. Fleury beſaß alſo das Geheimniß, das den Leuten von Hofe das Maß von allen denjenigen gibt, mit wel⸗ chen ſie es zu thun haben, ein unfehlbares Geheimniß, um zu regieren: das Talent, ſich hinter einem Throne zu ſchirmen und mit verborgenen Fäden die Arme und die Zunge des Automaten in Bewegung zu ſetzen, der unter dem pomphaften Namen Koͤnig figurirt. In dieſem Augenblick ſuchte ſich Fleury des Herrn Herzogs von Bourbon, des erſten Miniſters, zu entle⸗ digen, den er ſelbſt zu dieſem Amte nach dem Tode des Regenten hatte ernennen laſſen. Die Scandal⸗Liebhaber ſagten, Fleury wolle ſelbſt regieren; die Leute ohne Empfänglichfeit erklärten, der Herr Herzog verdiene die Intimität des Cardinals wegen ſeiner Manieren, welche die Regentſchaft unter einem Koͤnig fortſetzten, deſſen Character ſich als moraliſch und weſentlich reformirend ankündigte. Eine Thatſache iſt es, daß Herr von Bourbon oder vielmehr Frau von Prie den der Koͤnigin widerſtre⸗ benden Cardinal ſtürzen wollte, und daß der Cardinal alle Fugen am Harniſch des Miniſters ſuchte, um ihn an den guten Stellen zu treffen. Man kennt durch die Unterredung des Herzogs von Richelieu mit Frau von Prie die Wunden des Herrn Herzogs, und man wird vielleicht ſtaunen, daß unter Leuten von einer Moralität, welche ſo ſicher, ſich zu verſtehen, nicht mehr wirkliche Sympathie herrſchte. Der Leſer, der bei dieſer Angelegenheit ohne Herrn von zu te gekel in n lauf ging nern die höhe von dem Ande mit word ſeher Geb Einf demi des insge ſeine Mac gehr cheln des zu ſe ten, heit hatte Oly urde ſchon mit alten zeug, dem, böhnt euten wel⸗ nniß, hrone und der Herrn ntle⸗ des ſelbſt der degen inem aliſch oder rſtre⸗ dinal 225 von Richelieu rechnen würde, liefe jedoch Gefahr, ſich zu täuſchen. Der Herzog war nicht von Wien zurück⸗ gekehrt, um dieſer ganzen Hoſpolitik fremd zu bleiben, in welche wir den Leſer mit vollen Segeln haben ein⸗ laufen laſſen. Der Herzog kam beim Cardinal an. Fleury, der die Einfachheit bis zur Prätenſion trieb, ging, für die meiſte Zeit, nach Iſſy zu den Sulpicia⸗ nern, ſeinen Freunden, und that ſein Beſtes, um ihnen die Janſeniſten verfolgen zu helfen. Er ſtudirte gründlich die Theologie, ehe er zur höheren Politik überging. Umgeben von ſeinem Beichtiger, dem Abbé Polet, von ſeinem Kammerdiener Barjac, die ihn Einer nach dem Andern, zuweilen Einer zu gleicher Zeit mit dem Andern, führten, kam er mit Beſcheidenheit zurück,— mit der Beſcheidenheit eines Mannes, der Biſchof ge⸗ worden iſt und Papſt zu werden hofft. Die Menge beeiferte ſich immer, ihn in Iſſy zu ſehen, wenn er, der Hofmeiſter des Königs und der Gebieter Frankreichs, geruhte, die Thuren dieſer Einſtedelei offen zu laſſen; Thüren, an welche Jeder demüthig klopfte, und die beſſer bewacht waren, als die des Louvre. Hier bildete ſich auch Herr Hercules von Fleury insgeheim einen Hof, deſſen erſte Operationen ihn in ſeinen ehrgeizigen Abſichten unterſtützen und zu einer Mhaht führen ſollten, nach der er duckmäuſeriſch be⸗ gehrte. Leutſeligkeit gegen alle dieſe Söhne der Roués heu⸗ chelnd, die es nicht mehr wagten, ſich in Gegenwart des ehemaligen Gouverneur des Königs an den Tiſch zu ſetzen, wo ihre Väter, luſtige Gefährten des Regen⸗ ten, Orgie gemacht, hatte der Biſchof, um die Wahr⸗ heit zu ſagen, keinen erklärten Feind. Ich nehme die Kriegsleute aus, die ihn durchdrungen hatten, doch das war ein ſeltenes Privilegium. Olympia von Clsves. II. 45 226 Die Geiſtesart des Gouverneur gehörte ganz ihm, und dieſe Geiſtesart, die ihm eigenthuͤmlich war, hielt ihn ab, je auch nur ein wenig mehr davon zu zeigen, als er ſehen laſſen wollte. Die Leute mit Specialität haben das Problem der Univerſalität gelöſt oder glauben es wenigſtens gelöſt zu haben. In einer Sache ſich auszeichnen heißt die ganze Welt der Neidiſchen verletzen, heißt mehr vereini⸗ gen, als das Ganze der Vollkommenheiten, das die Welt gewöhnlich geſtattet. Die Welt der Höflinge hatte alſo für Herrn von Fleury ſo viel Verehrung und Vertrauen, als der Hof⸗ meiſter von Ludwig XV. wünſchen konnte. Sein ganz verſchleierter Ehrgeiz, wenn man ſo ſagen darf, gegen⸗ über einer ſo hellſehenden Welt, wie die, welche die Vorzimmer eines neuen Hofes füllt, ließ die Stellung errathen, die er einnehmen konnte; er ſchien ſie zu ver⸗ achten, und man wußte ihm allgemein Dank dafür, daß er ſie verachtete. Der Biſchof, ein gewandter Diplomat, benützte mit einer bewunderungswürdigen Weieheit alle einzelne Gewogenheiten, die ihm den Weg zu der Macht, nach der er begehrte bahnen ſollten. Mazarin, dieſer Zögling von Richelieu, der ſich eine Macht coaſtituirt, welche der große Cardinal vergebens an ſich zu reißen gehofft hatte, Mazarin und Richelieu betrachtete Herr von Feury als die Vorbilder, welche er ſchon durch die günſtigen Chancen, die ihm ſeine Zu⸗ kunft zu bieten ſchien, verwiſcht glaubte. Hätte man dieſem Mann das Vermögen von einem der Pairs der neuen Beförderung geboten, er würde es mit Geringſchätzung ausgeſchlagen haben. Tag ſür Tag ſeine kleine Intrigue für den andern Tag machen; eine Woche arbeiten, um die andere Woche zu verdienen, wenn er in der Begeiſterung war; einen Monat lang den folgenden Monat zu verdienen ſuchen, „ f wenn ihn ſeine Inſpiration unterſtützte, dies war ſein d ihm, hielt eigen, m der gelöſt t die„ ereini⸗ Welt n von Hof⸗ ganz gegen⸗ e die ellung 1 ver⸗ dafür, te mit nzelne nach h eine gebens helieu welche ne Zu⸗ einem würde andern Woche einen ſuchen, r ſein d 227 Leben, dies war ſeine unabläſſige Arbeit, ſeitdem er am Hofe hielt. Ludwig XV., der Enkel von Ludwig XIV., derjenige, welcher wie ſein Großvater ſagen konnte: „Der Staat, das bin ich!“ der König gehörte nicht Frank⸗ reich; er gehörte nicht ſich ſelbſt: er gehörte Fleury, der ihn für ſeine eigene Rechnung, für ſein eigenes Glück erzogen hatte. Fleury war auch auf alle Welt eiferſüchtig; Fleury betrachtete auch mit Eiferſucht die Königin, dieſe erſte Vergötterung des Königs, ſeit dem ihm ſeine Spielzeuge gleichgültig waren. Die Königin hatte begriffen: ſie gab ihm ſeine Feindſchaft zurück, ſie machte Gegengewicht mit dem Herzog von Bourbon und der Marquiſe von Prie, ihren Pathen, als es ſich um das Königreich Frankreich ge⸗ handelt hatte. Richelieu, indem er, am Tage vor ſeinem Beſuche, die Kälte der Königin hinnahm, ſpielte ein vortreffliches Spiel, um ſich dem Cardtnal zu nähern. Wir wollen ihm nach Iſſy in ſeinen Kartencombinationen folgen. Fleury erwartete ihn dort. Dieſer Mann, der in der Zurückgezogenheit lebte, dieſer einſame Mann wußte beſſer als der Polizeilieutenant Alles, was bei Hofe vorging. Richelien, der an ſeinen Gewohnheiten nicht zwei⸗ feln konnte, bereitete ſich auf die Reiſe vor. Er wünſchte ſich dazu Glück, denn ſchon im Vorzimmer traf er Barjac. Dieſer Barjac war eine ſonderbare Gattung von Menſchen; ergraut im Dienſte des Cardinals, deſſen Glück, eine etwas launenhafte Prinzeſſin, er unterſtützt, hatte durch dreißig Jahre der Treue, der Ergebenheit eine ſolche Herrſchaft über den Cardinal erlangt, daß dieſer ihm nicht nur die materielle Direction ſeines Le⸗ bens, ſondern auch einen großen Theil der geiſtigen uͤberließ. Barjac verdankte dieſes Vertrauen und dieſes An⸗ 228 ſehen einer großen Gewandtheit gemiſcht mit einer hin⸗ reichenden Doſis von Offenherzigkeit; er liebte wirklich und bewunderte ſeinen Herrn, was kein mittelmäßiger Beweis von ſeiner Gutmüthigkeit war, und da er Auf⸗ richtigkeit für das Intereſſe des Cardinals beſaß, ſo ließ man es ihm hingehen, daß er einige Anordnungen für ſein eigenes Intereſſe traf. Ein politiſcher Diener, ſagte er wir, wenn er von den Cabinetsangelegenheiten ſprach, wie er ehedem: unſer Silberzeug und unſer Park ſagte, wenn er von den Angelegenheiten von Herrn von Fréjus ſprach. Barjac mit Zartheit behandeln war eine Wiſſenſchaft erſter Nothwendigkeit bei Seiner Herrlichkeit, welche ſehr oft, wenn ihre Tafel voll war, die ausgezeichnetſten Höflinge zu Barjac mit den Worten ſchickte: „Es iſt kein Platz mehr hier, ſpeiſen Sie mit Barjac.“ Zwiſchen dem Worte von Richelieu:„Meine Herren, ich verlange, daß der König bedient werde,“ und dem Worte von Fleury:„Meine Herrn, ſpeiſen Sie doch mit Barjac,“ liegt die ganze Geſchichte des franzöſiſchen Adels ſeit 1620 bis 1720: ein Jahrhundert der Hin⸗ fälligkeit und Servilität. Doch dieſer ſo mächtige Barjac war kein Dumm⸗ kopf, der ſich leicht mit dem Zauber des Weihrauchs führen ließ: viele Höflinge hatten ſich die Finger daran ver⸗ brannt. Barjac wußte dieKohlen auf diejenigen zurück⸗ zuwerfen, die ihn mit Ungeſchicklichkeiten beräucherten. Als eines Tags ein Herzog und Pair, der bei ihm ſpeiſte, ihn umarmt, begrüßt, bei Tiſche mit tauſend Vertraulichkeiten überhäuft, ganz wie ſeines Gleichen behandelt hatte, ſtand Barjac auf, nahm einen Teller mit der rechten Hand, eine Serviette mit der linken, bediente den vornehmen Herrn und ſagte zu ihm: „Gnädiger Herr, wenn Sie ſich ſo bei Barjac vergeſſen, geziemt es ſich doch nicht, daß ſich der arme Barjae bei Ihnen vergißt.“ ner hin⸗ rklich ßiger Auf⸗ ließ n für r von nſer von h. ſchaft velche etſten mit erren, d dem h mit iſchen Hin⸗ umm⸗ ühren ver⸗ urück⸗ erten. i ihm uſend eichen Teller inken, zarjac arme 229 Ein ſolcher Kämpe war ſchwer zu bezähmen. Richelieu trat ein. „Guten Morgen, Barjac,“ ſagte er;„wie geht es Ihnen?“ „Der Herr Herzog!“ rief Barjac ſein Geſicht ent⸗ faltend, als ob er erſtaunt geweſen wäre. „Von fern zurückgekehrt, Barjac! Ah! Barjac, Sie werden ſtark, mein Freund!“ „Sie finden, Herr Herzog?“ „So geht es, wenn man ſich nicht mit der Politik beſchäftigt.“ Barjac lächelte fein. „Monſeigneur hat eine gute Reiſe gehabt?“ ſagte er. „Eine vortreffliche! Steht man Herrn von Fréjus?“ „Er war nicht benachrichtigt, doch er wird glück⸗ lich ſein, Sie zu ſehen.“ Sie werden mir einen Dienſt erweiſen, wenn Sie mich allein einführen.“ „Noch einen Augenblick Geduld, wenn es Ihnen ge⸗ fällig wäre; wir haben heute ein Gewimmel: lauter An⸗ gelegenheiten von der letzten Woche. Es iſt der Schweif der abſcheulichen Geſchichte mit Spanien, von der Sie etwas wiſſen.“ „Ja,“ ſagte Richelieu;„Ihre Katholiſche Majeſtät will durchaus nichts hören.“ „Ahl man muß geſtehen,“ verſetzte Barjac,„wir haben ſie grauſam dadurch verletzt, daß wir die In⸗ fantin zurückgeſchickt. Setzen Sie ſich an ihre Stelle, Herr Herzog, wenn Sie Kinder im Auslande etablirt hätten, und man ſchickte ſie Ihnen zurück wie irrthüm⸗ liche Waare!“ „Sie haben Recht, das wird endlos ſein.“ „Nur von Seiten der Königin von Spanien, denn der König...“ „Ohl Seine Katholiſche Majeſtät Philipv V. hegt kei⸗ nen Groll: er hat beinahe nicht mehr genug Grund hiefür; 230 doch, mein lieber Barjac, ſagen Sie mir, wird der Herr Cardinal lange warten laſſen?“ Barjac, der Kammerdiener, Barjae, dem ſeine kleine Gewalt doch nicht die volle Freiheit gegen die Manieren des vornehmen Mannes geben konnte, die ihn immer bezähmten, verführt überdies durch die wechſelnde Ver⸗ traulichkeit des Herzogs, ging Barjac auf der Stelle ab, um ihn dem Cardinal zu melden. Man führte den Herzog ſogleich ein. Beim Anblick des Herzogs ſtand ein ſtattlicher Greis von ſtrengem Geſichte, der bei Fleury ſaß, auf, grüßte ernſt und entfernte ſich alsbald, doch nicht ohne zuvor den ſehr abgemeſſenen Gruß von Herrn von Richelieu in Em⸗ pfang genommen zu haben. Denn dieſer Greis war die zweite Macht nach Herrn von Fleury oder vielmehr neben ihm. Es war der Pater Polet, ſein Beichtiger, der furchtbare Verfolger der Janſeniſten, dem ſicherlich nur Ludwig XIV. und die Gelegenheit fehlten, um den fran⸗ zöſiſchen Boden von den Ketzereien von Arnaud und Nicolle zu reinigen. Der Herzog blieb mit dem Biſchof allein. LIV. Herr von Frejus, Erzieher von König Ludwig XV. Der Cardinal war alt, aber noch friſch; er hatte eine ſalbungsreiche und überzeugende Leutſeligkeit, welche, in Augenblicken und für gewiſſe Angelegenheiten, ſeinen Mittheilungen die Feierlichkeit gab, der ihn der völlige Mangel an Genie bei den großen Veranlaſſungen be⸗ raubt hätte. d der leine jeren nmer Ver⸗ e ab, Greis rüßte r den Em⸗ nach der z nur fran⸗ ecolle XV. hatte elche, ſeinen öllige n be⸗ 231 Er hatte den ruhigen, forſchenden Blick des Mannes, der gewohnt iſt, ferner als im Geiſte zu ſuchen, das Gewiſſen zu durchgraben. In dem was man ihm ſagte, hörte er kaum etwas Anderes, als das, was man ihm nicht ſagte. Er durch⸗ drang die Form und verfehlte ſelten, das Uebrige zu errathen. Herr von Fréjus, Anfangs Abbé, dann Biſchof, dann Cardinal; Herr von Fleury, ein mittelmäßiger Menſch, der dennoch, unumſchränkt in ſeiner ſcheinbaren Demuth, die höchſte Stellung von Europa einnahm, machte ſeine Politik mit der Erinnerung der Traditionen der letzten Regiernng. Man hätte glauben ſollen, es ſei, in Abweſenheit von Ludwig XIV., ein Interim des Pater Letellier. Als Richelieu eingeführt war, begann Fleury mit Höflichkeiten. Der Geſandte, wie man ſich denken kann, blieb nicht gegen ihn im Rückſtand. Mit dem vollkommenen Takt, den er beſaß, hatte er ſchon aus dem Gruße, ſchon aus dem Blicke von Herrn von Fréjus errathen, daß er ſich nur ermuthigen zu laſſen brauchte. Der Cardinal machte ihm als ein Mann von gutem Kaſtand Complimente über ſeine Unterhandlung beim aiſer. —„Monſeigneur,“ ſagte Richelien,„die Sache war leicht, ich hatte Ihre Ideen.“ „Gleichviel,“ erwiederte Fleury,„es war ſchwierig für einen ſo jungen Mann, wie Sie ſind, dieſe, von der Wiege an ſchwerfällige, deutſche Köpfe zum Guten zu lenken.“ Richelieu lächelte. „Monſeigneur,“ entgegnete er,„Sie täuſchen ſich im Anſchein. Ich bin nicht jung.“ „Man ſagt es,“ verſetzte Herr von Fréjus, eben⸗ falls lächelnd.„Sollte das zufällig wahr ſein?“ „Oh! Monſeigneur, mit einem Worte werden Sie 232 beyreſfen, warum ich nicht mehr jung zu ſein noͤthig habe.“ „Sprechen Sie dieſes Wort aus, Herr Herzog.“ „Ich bin ehrgeizig geworden.“ „Gut! das mußte früher oder ſpäter bei dem Enkel des großen Cardinal kommen.“ „Nun! Monſeigeur, das iſt gekommen.“ „Werden Sie den Krieg oder die Diplomatie treiben?“ „Das Eine oder das Andere, nach der Wahl Seiner Majeſtät.“ Und indem er dieſe Worte ſprach, verbeugte ſich der Herzog auf eine Art, um Fleury zu beweiſen, während er eine falſche Adreſſe auf den Brief ſetze, den er auf die Poſt warf, wünſche er doch, daß dieſer Brief an die wahre gelange. Fleury erwiederte dies mit einem kleinen freund⸗ ſchaftlichen Gruße, welcher bedeutete, er habe vollkommen begriffen. „Sie ſtehen gut mit dem Könige?“ fragte er. „Ich hoffe es, Monſeigneur. Ich komme ſo eben an und bin ſeit zwei Jahren Niemand beſchwerlich ge⸗ weſen.“ „Wie haben Sie den König gefunden?“ „Bezaubernd.“ „Nicht wahr?“ „Und ganz königliche Manieren. Nur...“ „Was denn?“ fragte Herr von Fréjus. „Der König langweillt ſich.“ „Was ſagen Sie da!“ „Eine officielle Neuigkeit, Monſeigneur, denn der König in Perſon hat mich beauftragt, ſie Ihnen mit⸗ zutheilen.“ „Der Koͤnig langweilt ſich?“ „Zum Sterben.“ „Das iſt nicht möglich!“ „Es iſt wirklich ſo, Monſeigneur.“ „Und er hat es Ihnen geſagt?“ 8 8 zthig dg.“ Enkel den?“ beiner 2 ſich eiſen, ſetze, dieſer eund⸗ mmen eeben h ge⸗ 233 „Geſtern Abend, ausdrücklich.“ „Wo dies?“ „Beim Spiele der Königin, wohin ich mich mei⸗ ner Pflicht gemäß begeben hatte.“ Die acht letzten Worte unterbrachen auf den Lippen von Herrn von Fréjus eine nach den vier erſten ange⸗ fangene Grimaſſe. „Ohl das iſt äußerſt ernſt,“ ſagte der Cardinal, glücklich, durch dieſe zarte Gewandtheit von Richelieu mit⸗ ten in den Strom der Unterredung geworfen worden zu ſein. „Laſſen Sie uns das erwägen, wenn Sie mir einen Au⸗ genblick ſchenken können, Herr Herzog.“ „Das ganze Leben, Herr Cardinal.“ „Nun! ſo benützen wir es, um zu plaudern.“ Er klingelte, und Barjac trat ein. „Barjac,“ ſagte Herr von Fréjus,„heißen Sie Jedermann weggehen; ich bin müde und werde heute Niemand mehr ſehen.“ Barjac lächelte Richelieu zu und entfernte ſich wieder. „Ich kann mich über das, was Sie mir geſagt ha⸗ ben, nicht faſſen,“ rief Herr von Fréjus;„und in der That, wenn Sie es nicht wären...“ „Sie wiſſen, daß ich nicht mehr lüge.“ „Nicht mehr Nie?“ „Nie mehr, Monſeigneur... ausgenommen in Mien gegen die Spanier; auch geſchah dies nur einige ale.“ „Für das Wohl des Dienſtes?“ „Ich habe die Abſolution dafür gehabt.“ „Ein außerordentlicher Mann! Sie werden alſo immer derſelbe ſein?“ „Ohl nein, Monſeigneur: ich ſagte Ihnen ſchon, ich habe mich ſo ſehr geändert, daß ich mich nicht mehr erkenne.“ „Ich will ſagen, man müſſe ſich immer mit Ihnen vor der ganzen Welt beſchäftigen.“ 234 „Das iſt nicht meine Schuld.“ „Weſſen Schuld iſt es denn 2 „Es iſt die Schuld der Leute, welche die Güte haben, mir mehr Werth zuzuerkennen, als ich wirklich beſitze.“ „Gut! ich wollte mit Ihnen einzig und allein vom Koͤnig ſprechen, und ich ſehe mich dahin gebracht, daß ich nur von Ihnen rede.“ „Ein armſeliger Gegenſtand, Monſeigneur.“ „Lachen Sie nicht. Sie würden behaupten, Sie laſſen ſich die Abſolution geben „Ich bin ſehr religlös, Monſeigneur.“ „Ohl Herzog,“ ſagte der Greis den Kopf ſchüt⸗ telnd,„mir ſcheint, ich höre noch in meinen Ohren ge⸗ wiſſe Gerüchte von Wien klingen, welche alle dieſe Be⸗ kehrungswunder Lügen ſtrafen.“ „Wenn ich mich nicht ſehr täuſche, weiß ich, was Sie meinen,“ erwiederte Richelieu. „Ja, eine gewiſſe Scene.“ „Der Magie?“ „Ganz richtig.“ „Wohl!l Monſeigneur, erweiſen Sie mir die Chre, mir, einem armen Fremden, zu ſagen, wie man Ihnen die Sache erzählt hat; dann werde ich Ihnen die Wahr⸗ heit ſagen.“ „Ohl das iſt kurz. Man hbat erzählt, Sie haben mit Herrn von Sinzendorf Verſuche der weißen Magie gemacht.“ „Wo dies, Monſeigneur?4 „An einem abgelegenen Orte, bei Wien... in Steinbrüchen, glaube ich, und dort haben Sie mit dem Magier, der Sie zu viel oder zu wenig den Teufel habe ſehen laſſen, einen Streit bekommen, in Folge deſſen man den armen Teufel,— ich ſpreche vom Ma⸗ gier, wohlverſtanden,— todt,— ſagen wir das Wort, — ermordet gefunden.“ „Alles dies iſt die genaue Wahrheit, Monſeigneur; ſchr 235 ſchneiden wir nur von dieſer ganzen Erzählung ein Wort weg.“ „Das Wort ermordet, nicht wahr?“ „Wenn es Ihnen gefällig wäre.“ „Alſo weder Sie, noch Herr von Sinzendorf...“ „Keiner von uns Beiden hat den Magier er⸗ mordet.“ „Er iſt aber doch geſtorben.“ „Es iſt wahr, er hat uns dieſen boshaften Streich geſpielt; hoͤren Sie jedoch, wie ſich die Sache zuge⸗ tragen hat. Herr von Sinzendorf und ich, wir ließen uns die Nativität ſtellen.“ „Sie geſtehen es?“ „Ja, Monſeigneur, und hierin liegt die Sünde.“ Herr von Fleury beſtätigte als Theolog durch ein Nicken mit dem Kopfe. „Der Zauberer fing damit an, daß er uns einige Wahrheiten und viele Lügen erzählte. Er theilte uns gewiſſe in der Diplomatie unbekannte Hofgeheim⸗ niſſe mit.“ „Das war alſo ein Zauberer von gutem Hauſe?“ „Sodann erbot er ſich, Jedem von uns zu ver⸗ ſchaffen, was uns am meiſten gefiele.“ „Sie verlangten von ihm, immer von den Frauen geliebt zu werden?“ „Mein Gott! nein, Monſeigneur, denn darin lag gerade die Frage. Ich hatte die Eitelkeit, zu glauben, dieſes Verlangen ſei unnöthig.“ „Sehen Sie!“ „Ich verlangte den Schlüſſel zum Herzen der Prinzen.“ „Ahl ahl ich ſehe Sie kommen, immer Ihre Ideen des Ehrgeizes.“ „Sie haben um dieſe Zeit gekeimt.“ „Nunl hat er Ihnen dieſen Schlüſſel gegeben 2“ „Monſeigneur, die Sache war ihrem Abſchluſſe nahe, als ein unerwartetes Ereigniß unſere Pläne ver⸗ 236 rückte. Eiferſüchtig auf den Schlüſſel zum Herzen der Prinzen, in Betracht, daß er ihn zu beſitzen glaubte, verlangte Herr von Sinzendorf den Schlüſſel zum Herzen der Frauen.“ „Der Zauberer konnte Sie Beide befriedigen, ohne den Einen oder den Andern von Ihnen vor den Kopf zu ſtoßen.“ „Hier iſt gerade das Drama. Kaum hatte er dieſe unvorſichtigen Worte von ſich gegeben, als ihm der Zauberer antwortete, für gewiſſe Leute ſei der Schlüſſel zum Herzen der Frauen unnütz, weil die Frauen kein Herz haben.“ „Ho!“ machte Herr von Fleury. „Es war ein wenig Uebertreibung hiebei. Herr von Sinzendorf greift auch ſogleich die Sache auf und erklärt die Behauptung des Zauberers für verleumderiſch. 4 „Bah!“ „Das iſt begreiflich, Monſeigneur. Herr von Sin⸗ zendorf hatte in dieſem Augenblick die zärtlichſte Nei⸗ gung für eine Dame, auf deren Liebe er zählen zu können glaubte.“ „Vanitas vanitatum!“ murmelte Herr von Fleury. „Ganz richtig, Monſeigneur: mochte nun der Zau⸗ berer dieſe Leidenſchaft kennen, mochte er wirklich Zau⸗ berer ſein und ſie errathen: er antwortete: „„Mein Herr, Frau von***, die Sie lieben, iſt der ſchlechteſte Beweis, den Sie zur Unterſtützung Ihrer Anſicht über die Frauen wählen konnten.““ „Ohl der Pfeil war nicht ſtumpf.“ „Er ſtach auch Herr von Sinzendorf mitten ins Herz; der Zorn ſtieg ihm in die Augen, und er rief: „„Hal Burſche! Du lügſt!““ „„Mein Herr,““ erwiederte der Zauberer, ohne aus der Faſſung zu kommen,„„man müßte nie einen Mann, und noch weniger einen Zauberer Lügen ſtrafen, und beſonders müßte man nie denjenigen beleidigen, welchen man beläſtigt hat.““ der bte, zen hne dopf ieſe der üſſel kein Herr und iſch. Sin⸗ Nei⸗ n zu zury. Zau⸗ Zau⸗ ·, iſt Ihrer ins ief: aus dann, und echen 237 „Das war ein ſehr empfindlicher Zauberer.“ „Dieſe Reflexion machte ich mir auch, Monſeig⸗ neur. Seine Empfindlichkeit ſetzte mich in Erſtaunen. Er ſchien mir unter dieſer Sache etwas ganz Anderes zu errathen, als das, was Herr von Sinzendorf ſelbſt darin zu ſehen geglaubt hatte. Der Ort war ſchlecht gewählt, wie Sie geſagt haben, Monſeigneur. Wir be⸗ fanden uns mitten unter Steinbrüchen, eine Meile von Wien, bei Nacht, ohne Licht, nur von einem ziemlich bleichen Monde beſchienen; dieſer Zauberer hatte das Ausſehen eines Menſchen, der mit der Einſamkeit ziem⸗ lich vertraut und ganz bereit iſt, ſeinen Nutzen daraus zu ziehen. Ich bedeutete Herrn von Sinzendorf durch Winken, er moͤge ſchweigen. Doch er ließ ſich fortreißen. Er forderte den Zauberer heraus, ihm über Frau von * m etwas zu beweiſen, was ihm unangenehm wäre.“ „Was that dann der Zauberer?“ „Ah! Monſeigneur, der Zauberer wurde von ſeinem böſen Sterne angetrieben. Er ſprach, er ſprach beinahe eine halbe Stunde und unterrichtete Herrn von Sin⸗ zendorf, der bald krampfhaft zuckte, bald erröthete und erbleichte, von Dingen, die mich zugleich lachen, beben und zittern machten.“ „Was für ein Menſch war es denn?“ „Ein unglücklicher Menſch, Monſeigneur; er trieb Herrn von Sinzendorf aufs Aeußerſte, und dieſer wollte ihn beſtrafen; als dies der verdammte Zauberer ſah, zog er mitten aus den Steinen einen kurzen, aber ſoliden Degen, den er hier verborgen hatte, und empfing Herrn von Sinzendorf auf eine ſo derbe Art, daß die Partie ſich für meinen Gefährten in eine Kataſtrophe zu ver⸗ wandeln drohte.“ „Und was für ein Mann war Herr von Sinzen⸗ dorf?“ fragte Herr von Fleury. „Ein ſehr wohl erzogener, ſehr gut unterrichteter, doch er hatte es mit einer ſtarken Gegenpartei zu thun. Er wurde vom Zauberer mit ſolcher Gewalt angegriffen, 238 daß ich glaubte, es ſei Zeit, mich vom einfachen Zu⸗ ſchauer zum Schauſpieler zu machen. Es handelte ſich darum, Herrn von Sinzendorf zu retten; ein falſcher Schritt hatte ihm das Verderben bereitet, er war aus dem Lager gebracht, klitſchte rückwärts, ſiel nieder, und der Zauberer ſtuͤrzte auf ihn los, um ihm den Reſt zu eben.“ 4„Ei! das war alſo der Teuſel, dieſer Menſch?“ „Der Teufel in Perſon, Monſeigneur, ich habe es immer gedacht, und der Beweis.. 4 Herr von Richelieu hielt inne. „Ahl Sie haben einen Beweis?“ „Ja, Monſeigneur, zum Beweiſe dient, daß er von mir einen Degenſtich erhielt, der unter der rechten Bruſt eindrang und unter der linken Schulter heraus kam, ohne daß aus der einen oder der andern Wunde auch nur ein einziger Tropfen Bluts ausſiekerte.“ „Nun! Sie ſehen, er erhielt von Ihnen einen De⸗ genſtich, Herzog.“ „Ja, Monſeigneur, und zwei von Herrn von Sin⸗ zendorf, den die Hülfe, die ich ihm geleiſtet hatte, wie⸗ der in den gehörigen Stand ſetzte. Wir waren im Falle legitimer Vertheidigung, Monſeigneur, und mein Gewiſſen macht mir keinen Borwurf.“ „Kurz, Sie haben den Teufel getödtet, das iſt das Klarſte, was ich in Allem dem ſehe.“ „Monſeigneur kennt das Sprichwort: Es iſt beſſer, wir tödten den Teufel, als daß der Teufel.“ „Uns tödtet. Armer Zauberer! wie Schade, daß er es mit zwei Narren, wie Sie, zu thun gehabt hat! Wäre ich an Ihrer Stelle geweſen, ſo hätte der Zau⸗ berer mich nicht beleidigt, und ich hätte den Zauberer nicht beleidigt; ich hätte Alles erfahren, was Sie wiſ⸗ ſen, und noch viele andere Dinge; das iſt die Frucht der Geduld.“ „Oh! Monſeigneur, obgleich wir ein wenig lebhaft geweſen ſind, ich geſtehe es zu, ſo hatte der arme Teu⸗ 239 fel doch Zeit gehabt, uns von einer Menge guter Dinge zu unterrichten.“ „Ich glaube Ihnen; doch ich bitte, kommen wir auf Ihre Bekehrung zurück.“ „Sle datirt gerade von damals, Monſeigneur. Schuldig, beinahe einen Menſchen aus Gründen, die nicht ganz zu rechtfertigen, getödtet zu haben, brach ich mit der Neugierde, brach ich mit den Frauen, brach ich mit dem Zorn, was die drei großen Steine des An⸗ ſtoßes im Leben find.“ „Laſſen Sie hören, was hat Ihnen der Zauberer geſagt?“ „Wohl! Monſeigneur, er hat mir auf eine zuver⸗ wahe Art das Mittel angegeben, den Königen zu ge⸗ allen.“ „Hat er Geheimhaltung von Ihnen gefordert?“ „Monſeigneur, ich würde Sie nichts lehren, Sie, den der König vergöttert; laſſen Sie mich alſo ein wenig für mich die Vortheile behalten, die ich unter Weges einernte.“ „Da Sie ſo verſchwiegen ſind, ſo machen Sie allein von Ihren Mitteln Gebrauch; aber benützen Sie die⸗ ſelben ſchnell; der König langweilt ſich, ſagen Sie; ge⸗ fallen Sie ihm dadurch, daß Sie ihn beluſtigen.“ „Darauf ziele ich ab, Monſeigneur, das iſt auch der Grund meines Beſuches in Iſſy.“ „In Iſſy, Herr Herzog!“ rief der Cardinal, welcher glaubte, Richelieu überliefere ſich zu frühe, und noch länger ſeine Diplomatie deſtilliren wollte.„Sie ſagen, Sie ſeien nach Iſſy gelommen, um den König zu zer⸗ ſtreuen? Eil Herr Herzog, was köoönnten Sie dem König Anderes zurückzubringen finden, als eine Langweile, welche noch viel größer, als die ſeinige?“ „Monſeigneur,“ erwiederte der Herzog,„Sie haben mich nicht verſtanden. Ich habe nie danach getrachtet, durch weltliche Gedanken dieſe fromme Einſamkeit, in 240 der Sie leben, zu ſtoͤren. Gott ſoll mich behüten! Und dann ſind das meine Ideen.“ Der Cardinal ſchlug ſein beobachtendes Auge zum Herzog auf, als wollte er ihn fragen, welche Art von Ideen er haben könnte, ſollte er nicht die haben, von denen man wünſchte, daß er ſie hätte. Doch der Herzog hatte ſich eine Rolle gemacht. „Monſeigneur,“ ſagte er, nich habe wohl nachge⸗ dacht, ſeitdem ich den König ſo traurig geſehen, und ich habe mich damit beſchäftigt, ihm Unterhaltungen zu fedens über deren Gegenſtand ich Sie um Rath fragen will.“ „Ahl das heiße ich ſprechen,“ rief Fleury.„Laſſen Sie hören, Herr Herzog, laſſen Sie hören, Sie ſind ein Mann von gutem Rath, und in Dingen der Beluſtigung müſſen Sie von erſter Stärke ſein. Der König hat ſich nicht ſchlecht adreſſirt.“ Richelieu lächelte beſcheiden, wie ein Prediger, den man vor der Predigt lobt. „Monſeigneur,“ ſagte er,„ich habe eine ziemlich tiefe Kenntniß von den Gefühlen, welche die Könige Europas für unſeren jungen König hegen. Es iſt nicht nur Freundſchaft, es iſt wie Vaterſchaft mit etwas noch Zärtlicherem. Man ſollte glauben, es ſei eine Liebe und eine Neugierde zugleich.“ „Worauf zielt er ab 2“ fragte ſich der Cardinal, der, mit den Ellenbogen auf den Tiſch geſtützt, jedes Wort des Redners verſchlang. Richelieu fuhr fort: „Sie werden erfahren haben, daß Seine Majeſtät überall das Kind Europas genannt wird 7 „Man hat es mir geſagt,“ erwiederte Fleury;„doch ich ſehe nicht klar...“ „Was ich will? ich komme dazu, Monſeigneur. Bei einem Logiker von Ihrer Staärke glaubte ich die Vorſicht des Eingangs nicht vernachläſſigen zu dürfen; ich will Ihnen vorſchlagen, den König reiſen zu laſſen.“ Und zum von von . chge⸗ d ich n zu agen aſſen d ein gung hat , den mlich bönige nicht noch e und dinal, jedes ajeſtät „doch gneur. ch die ürfen; aſſen.“ 241 „Reiſen!“ rief Fleury. „Empfangsſeierlichkeiten, zahlloſe Freudenfeuer, Ac⸗ clamationen der Völker, Feſtmahle, Cavalcaden, See⸗ fahrten werden eine Beluſtigung ſein, die man ſechs Monate kann dauern laſſen.“ „Den König ſechs Monate reiſen laſſen!“ wieder⸗ holte Fleury ganz erſtaunt;„das fällt Ihnen nicht ein! Es iſt nicht möglich, daß Sie mir im Ernſte ſagten, ich ſoll mich ſechs Monate vom König trennen.“ „Sie ſollen ſich nicht von ihm trennen, Monſeig⸗ neur, da Sie ihn begleiten werden.“ „Ich, den Koͤnig begleiten!“ fuhr Fleury fort, in⸗ dem er ſich heftig in ſeinem Lehnſtuhl hin und her be⸗ wegte.„Ich, in dieſem unaufhörlichen Geräuſch leben! ich tauſend Meilen machen! Ah! Herr Herzog, haben Sie wirklich im Ernſte geſprochen?“ „Im Ernſte, Monſeigneur.“ „Den Koönig zerſtreuen! ihn tödten! mich auch tödten!“. „Ei! Monſeigneur man reiſt ſo bequem heut zu Tage! Und dann welche Bundeslade! Das iſt eine von Frankreich zu allen durch den Krieg von uns getrennten Reichen geſchlagene Brücke.“ Der Cardinal ſchüttelte den Kopf mit der Ver⸗ zweiflung, welche die beſten Diplomaten nicht verbergen können, wenn derjenige, welchen ſie überthören wollen, ſtatt in das Garn zu gehen, entwiſcht und ſie zu neuen Combinationen nöthigt. Scheinbar geärgert durch den geringen Erfolg ſei⸗ ner Eröffnung, weidete ſich Richelieu innerlich an der grauſamen Täuſchung des Greiſes. „Ihre Idee, Herr Herzog, iſt vielleicht vortrefflich,“ ſagte Fleury,„doch ſie iſt leider unausführbar.“ „Verzichten wir darauf, den König zu zerſtreuen,“ erwiederte Richelieu, indem er einen ungeheuren Seuf⸗ zer von ſich gab.“. Olympia von Clsves. U. 16 242 „Sie haben nichts Anderes gefunden, Sie, der Sie ſo erfindungsreich ſind?“ fragte der Cardinal. „Ach! nein, Monſeigneur.“ „Erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß Sie, als Sie Ihr Herr Vater im Alter des Königs nöthigte, mit Ihrem Hofmeiſter zu reiſen, die Sache nicht ſehr beluſtigend fanden.“ „Ohl gewiß nicht,“ rief Richelieu;„doch zwiſchen mir und dem Koͤnig, welch ein Unterſchied! Ich war mit allen Fehlern geboren, ich hatte mir alle Laſter an⸗ geeignet. Der Koͤnig iſt im Gegentheil von einer Frömmigkeit, von einer Solidität der Grundſätze, von einer Treue, daß ich nur ſtaunen muß.“ „Das iſt wahr,“ verſetzte Fleury. „Ich, ich war verdorben. Der König iſt ein Heili⸗ ger. Einen Edelmann unterrichten, heißt ihn beſſern; einen Köͤnig unterrichten, heißt ihn verderben.“ „Wahr! wahr! und ſehr gut geſagt!“ rief Fleury fortgeriſſen durch dieſe Maxime, die er ſo oft als Pro⸗ gramm aufgeſtellt hatte;„doch muß ein König, weil er König iſt, vor Langweile ſterben 2“ „Monſeigneur, die Langweile iſt in den Attributen des Königthums. „Oh! Herzog! Herzog!“ „Dann, Monſeigneur, beſorge der Koͤnig ſeine An⸗ gelegenheiten ſelbſt, er ſchreibe mit ſeinen Miniſtern, er überwache die Finanzen, er... er führe Krieg, und er wird ſich nicht langweilen.“ „Herzog, Sie ſpringen nun zu den Extremitäten über,“ rief der Cardinal erſchrocken.„Den König da⸗ durch beluſtigen, daß man Europa in Brand ſteckt! Und Sie ſagen, Sie ſeien vernünftig geworden d2 „Dann weiß ich nicht...“ verſetzte Richelieu mit ſcheinheiliger Miene;„nachdem ich Ihnen das Reiſen, die Arbeit, den Krieg vorgeſchlagen...“ „Suchen wir noch.“ „Von Herzen gern.“ buten e An⸗ rn, er „ und nitäten ig da⸗ 1 Und u mit Reiſen, 243 „Sehen wir in den nobeln Unterhaltungen.“ „Da iſt die Blumencultur,“ ſagte Richelieu;„doch der König hat ſich mit ſeinen Gemüſen überſättigt.“ Der Cardinal erroͤthete leicht; der Herzog ſprach zu treuherzig, als daß man ſich ärgern konnte. „Da iſt auch noch das Spiel,“ fuhr Richelieu fort. „Das iſt keine Unterhaltung für einen frommen Mann, und beſonders iſt es keine königliche Unterhaltung. Wenn der König ſpielt und er gewinnt, ſo verlieren die adeligen Herren, wenn der König ſpielt und er ver⸗ liert, ſo bezahlt das Volk.“ „Die Jagd.“ „Ohl der König jagt ſchon zu viel.“ „Wiſſen Sie, Monſeigneur, daß das in Verlegen⸗ heit ſetzt: keinen Krieg, keine Reiſen, keine Arbeit, kein Spiel!... Ahl ich vergaß Eines, was Ludwig XIV. ſo ſehr beluſtigt hat und von ſeinem Enkel nicht ein⸗ mal geahnet wird.“ „Was denn?“ „Das Bauen, Monſeigneur.“ „Das fällt dem König nicht ein, Herzog.“ „Seine Majeſtät iſt mit achtzehn Jahren nicht mehr unterhaltbar! Was läßt ſich machen? Dieſes Unglück iſt ſeinem Großvater erſt mit ſechzig Jahren begegnet.“ Nach dieſen Worten ſchwieg Richelieu. Fleury, nachdem er einige Minuten beobachtet hatte, wagte ſchüchtern ein paar Worte: „Ich bin der ſchlechteſte Rathgeber, den der arme Prinz haben kann. Prieſter und alt, vermag ich ihm nicht die Liebe zur Sünde einzuflößen.“ „Nicht einmal die Sünde der Liebe,“ ſagte lachend Richelieu mit einer genialen Kühnheit. Fleury ſchaute ihn ſtarr an und war durch ſeine Dreiſtigkeit ganz aus der Faſſung gebracht. „Eine abſcheuliche Sünde!“ murmelte er. Welche für Ludwig XV. nicht zu fürchten iſt,“ fügte Richelieu bei;„der König liebt ſeine Frau.“ 244 Fleury ſchwieg auch. dieſe „Im Ganzen, wie kommt es, daß der König, da Maꝛ er verliebt iſt, ſich langweilt? Das iſt ein Problemh Ball Der König iſt närriſch in die Königin verliebt, und langweilt ſich! Das läßt ſich nicht begreifen! Sie, Mon⸗ ſagt ſeigneur, der Sie alle Geheimniſſe des Königs kennen.. 4 Der Cardinal ſeufzte geräuſchvoll. hand „Was gibt es?“ fragte Richelieu. gebe Fleury ſeufzte abermals. wů wür „Mein Gott! Monſeigneur, Sie erſchrecken mich; ſollten der König und die Königin...“ „Ah! Herzog!“ 1 „Wie!l dieſe ſcheinbare Liebe! Oh! das iſt nicht Fleu möglich! Geſtern noch ſchaute der König ſeine Gemahlin ch mit Diamantaugen an.“ „Herzog, ich weiß nicht, ob Ihnen der Zauberer in Wien alle Geheimniſſe geſagt hat, doch das ſcheint denn nicht der Fall zu ſein.“ thue „Ich falle aus den Wolken, Monſeigneur.“ „Hören Sie, Herzog, der König iſt bis auf einen gewiſſen Grad entſchuldbbar. Er iſt der ächte Sohn ſeines Großvaters.“ „Und die Königin iſt eine ſtrenge Deutſche, nicht dert 6 wahr?“ „Ach! Sie ſehen da meine ganze Verzweiflung.“ WMein Gott! Monſeigneur, man muß dieſe Ehe fall. retten. Es iſt die Ruhe der Welt außer dem Glücke gehe unſerer Gebieter, was wir geſichert haben werden.“ Deg „Ja, Herzog, ja, man muß dieſe Ehe durchaus r retten, denn wenn ſich der König einmal langweilt, 3 wohin kann er gehen, um ſich zu zerſtreeuen? Das iſt drei erſchrecklich.“ ſchn „Monſeigneur, Sie ſagen, der König ſei mit einem dun 1 glühenden Charakter begabt.“ „Feuer, Herr Herzog!“ „Ich habe immer ſagen hören, bei Charakteren woh mich; nicht nahlin aberer ſcheint einen Sohn nicht ng.“ ſe Ehe Glücke n.“ irchaus gweilt, Das iſt t einem rakteren 245 dieſer Art ſei es nothwendig, daß man ſie bezähme. Man könnte ſehen... Anſtrengende Leibesübungen, das Ballſpiel, das Schwimmen.“ „Herr Herzog, vergeſſen Sie nicht, wir haben ge⸗ ſagt, der König langweile ſich.“ „Monſeigneur, es iſt alſo die Nothwendigkeit vor⸗ handen, dem König Gegenſtände der Zerſtreuung zu geben.“ „Ich weiß es wohl, Herr Herzog; doch Alles dies würde den König nicht unterhalten.“ Richelieu ſchwieg abermals. „Es iſt mir ſo eben ein Gedanke gekommen,“ ſagte Fleury.. „Ich bin hier, um Sie zu hören, Monſeigneur, und ich höre Sie mit allen meinen Ohren.“ „Nehmen wir an, der König, der der Gebieter iſt, denn er iſt am Ende der Gebieter; nehmen wir an, er thue, was er will...“ „Man muß das annehmen.“ „Es iſt unſere Pflicht, uns...“ „Uns zu neigen, Monſeigneur.“ „Und wenn er Boöſes thut?“ „Ihn zu beklagen und nicht nachzuahmen,“ erwie⸗ derte Richelieu mit frommem Tone. „Ganz gut, Herzog. Hören Sie meinen Gewiſſens⸗ fall. Wenn Sie, zum Beiſpiel, wüßten, auf der Jagd gehe mit dem König ſein Pferd durch, und es ſei im Begriffe, ihn in einen zwanzig Fuß tiefen Graben zu ſtürzen; wenn ſich auf dem Wege des Königs, um zum Graben zu kommen, ein kleinerer Graben von höchſtens drei bis vier Fuß fände...“ „Monſeigneur, ich würde dem Pferde die Häckſe ab⸗ Gt den, damit es den König in den kleineren Graben würfe.“ „Nicht wahr? Ich bitte Sie, Herzog, folgen Sie wohl meinem Raiſonnement. Da ihn die Hitze ſeines Charakters zum Abgrunde der Sünde fortreißt, wer weiß, ob er bei ſeinen Verirrungen nicht ſowohl die Chre ſeines Namens, als das Heil des Staates gefähr⸗ den wird?“ „Vortrefflich geurtheilt, Monſeigneur.“ „Was dann thun? Könnte man ſich nicht erlau⸗ ben, für den König den Graben zu wählen, in welchen er mit weniger Gefahr für ſeine Ehre und für das Wohl des Staates gleiten würde?“ Richelieu ſtellte ſich, als hielte er bei dieſem Ge⸗ danken an, wie wenn er ihn nicht vollkommen begriffen hätte. „Ich erkläre mir,“ fuhr Fleury ziemlich ärgerlich darüber fort, daß er in Einzelheiten eingehen mußte, die er zu geben ſich gern enthalten hätte,„ich erkläre mir den natürlichen Hang des Königs zum Vergnügen. Der König wird ſich blindlings darein ſtürzen. Sie ken⸗ nen beinahe ſo gut ais ich Seine Majeſtät, und Sie erheben nicht den geringſten Zweifel über dieſen Gegen⸗ ſtand. Der Koͤnig, ſage ich, wird ſich darein ſtürzen; iſt es nicht eine heilige Aufgabe für uns, dieſen Haag zu leiten?“ „Sehr gut! ſehr gut lu rief Richelieu;„ich fange an zu begreifen, Monſeigneur.“ „Wie ſoll man es dann machen,“ ſagte der Mini⸗ ſter,„wenn nicht ſo daß man ſich den Anſchein gibt, als billigte man ihn 24. Kaum hatte der Cardinal dieſes unvorſichtige Wort von der Zunge gelaſſen, als Richelien, der dies ſeit einer halben Stunde erwartete, darüber herfiel, wie der Sperber über das Feldhuhn, das er mit ſeinen Kreiſen auf einer Jagd ermüdet. „Billigen, die Ausſchweifungen des Koͤnigs billi⸗ gen!“ rief er aufſpringend.„Ahl Monſeigneur, welches Wort haben Sie ausgeſprochen 14 „Nein, nei, ich ſpreche nicht hievon, Herzog. Mein Gott! nein, ich ſpreche nicht hievon. Wer ſpricht vor Allem von Ausſchweifungen?“ die ihr⸗ lau⸗ chen das Ge⸗ iffen rlich ißte, kläre igen. ken⸗ Sie egen⸗ rzen; Haag fange Mini⸗ gibt, Wort s ſeit ie der dreiſen billi⸗ velches Mein cht vor 247 „Das wunderte mich, Monſeigneur; denn dieſe Tugend verdankt der König Ihnen allein, da ihr ſein Charafter entgegengeſetzt iſt.“ „Allerdings, allerdings! mittlerweile iſt er auf dem Punkte, ſie zu verlieren.“ „Sie glanben?“ „Alles beſtätigt dies. Er entfernt ſich nach und nach von der Königin. Mit einem Worte, ich denke, es bleiben dem König ſo viele Stunden zu verwenden, daß er Zeit hat, ſich zu Grunde zu richten, indem er ſeine Ehe zu Grunde richtet, wie wir Beide vorhin ſo gut ſagten. Ich komme auf meine Anſicht zurück. Es handelt ſich nicht um das Gute oder um das Böſe, es handelt ſich um das mehr oder minder Böſe; es han⸗ delt ſich nicht darum, den König tugendhaft zu erhal⸗ ten, da er den feſten Willen hat, bald aufzuhoͤren, es zu ſein, ſondern ihn ſo wenig, als man nur immer kön⸗ nen wird, ſündhaft zu erhalten.“ Richelieu ſchlug die Augen zum Himmel auf. „Herzog, ſtellen Sie ſich den Augenblick vor, wo wir erfahren werden, die arme Königin ſei verlaſſen, den Augenblick, wo der König öffentliche Liebſchaften zur Schau ſtellen wird.“ „Unmöglich! unmöglich! Monſeigneur, mit den Grund⸗ ſätzen, die er von Eurer Eminenz empfangen hat.“ „Ei! Herzog, die Gefahr iſt überall; ſie umgibt uns: ſie iſt in Frau von Charolais, welche dem König ſelbſt Verſe in die Taſche ſteckt, in Frau von Toulouſe...“ „Ach! Monſeigneur, er wird am Ende unterliegen, trotz Alles deſſen, was Sie gethan haben, und trotz Alles deſſen, was ich zu thun bereit bin.“ „Welch eine graͤß iche Verantwortlichkeit für uns, Herr Herzog, die wir dieſen Hang haben entſtehen ſehen, die wir ihn gefälliger Weiſe geduldet, nicht zu mäßigen gewußt haben werden, für uns, die er ver⸗ ſchlingen wird!“ „Was iſt zu thun? was iſt zu thun?“ 248 „Schwaches Gewiſſen! furchtſames Gewiſſen! Oh! wie ſchwankend und lau ſeid Ihr für das Gute, Ihr Kriegsleute! wie wenig wißt Ihr in den kranken Theil einzuſchneiden, um den geſunden Theil zu retten! Wenn man dieſe Männer der That zu Hülfe ruft, reißen ſie aus und machen dabei mehr umſtürzende Moral, als wir verbeſſerndes Boͤſes zu thun wagen.“ „Aber, Herr Cardinal,“ rief Richelieu,„ich bin ganz bereit, Ihnen beizuſtehen, ich bin zu dieſem Ende gekommen. Nur erwarten Sie ohne Zweifel nicht von mir die Erleuchtung, die Erfahrung eines Genie, wie Sie es ſind. Es waren ſiebenzig Winter nöthig, Herr Cardinal, um dieſe patriarchaliſche Vernunft zur Reife zu bringen, welche eines Tages aus Ihnen den allmäch⸗ tigen Herrn der Geſchichte Europas machen wird. Ich bin ein junger Mann, ich habe nur gute Abſichten, wenig Initiative für das Gute,— ein Ueberreſt von meinen ſchlimmen Gewohnheiten. Ich habe mich vom Boͤſen geſaͤubert, indem ich es floh, und ich ſehe es überall. Ich bin ein unvollſtändiger Geiſt, der noch nicht die Heilung vom Gifte in den Giften zu ſehen verſteht. Unterrichten Sie mich, erleuchten Sie mich, verwenden Sie mich; ich bin bereit, Ihnen treu zu dienen.“ „Geben Sie alſo Eines zu,“ ſprach der Cardinal mit ſanfterem Tone:„daß nichts den Character des Königs mäßigen wird, wenn nicht der Anſchein einer Befriedigung.“ „Das iſt wahr, und auch der Anſchein, Mon⸗ ſeigneur.“ „Geben Sie zu, daß ich mich nicht weltlich genug fühle, um die Fahne dieſer Theorien aufzuſtecken; ich beauftrage Sie damit. Geben Sie zu, daß der Mann, der ſich eine kleine Sünde vorzuwerfen hat, nur um ſo mehr ſich beeifert, ſeine Frau zu lieben.“ „Man ſagt es, und ich glaube es, Monſeigneur. — 249 Das iſt die Wirkung, die es auf mich hervorbrächte, wenn ich eine Frau hätte.“ „Wie! wenn Sie eine Frau hätten! Man ſollte wahrhaftig glauben, Herr Herzog, Sie vergeſſen, daß Sie verheirathet ſind.“ „Ohl ich bin es ſo wenig, Monſeigneur!“ „Es handelt ſich aber nicht um Sie.“ „Es handelt ſich um den König.“ „Nun, der König mag ſich Unrecht vorzuwerfen haben, und er wird auf das Beſte mit der Königin ſtehen,— nach Ihrem eigenen Syſtem.“ „Von Ihnen auseinandergeſetzt, Monſeigneur. Und dann rechnen Sie ohne die Eiferſucht dieſer armen Prinzeſſin von Polen.“ „Herzog, die Königin würde ſelbſt begreifen, oder man würde ihr begreiflich machen, daß dies das einzige Mittel iſt, ihn zu retten.“ „Alles käme dann in Ordnung.“ „Und man hätte eine völlige Ruhe für einige Zeit erlangt.“. „Ueberlegen wir das wohl, Monſeigneur, es iſt der Mühe werth. Ich, was mich betrifft, weiche auch vor der Verantwortlichkeit zurück.“ „Herzog, ſo oft Sie bei Ihren Geſandtſchaften Agenten nahmen, waren Sie verantwortlich?“ „Ja, Monſeigneur.“ „Nunl wie machten Sie es, um keine Unannehm⸗ lichkeiten zu haben?“ „Ich wählte die Agenten.“ „Das iſt es. Ich habe Ihnen nun nichts mehr zu ſagen. Machen Sie ſich zum Freunde des Koͤnigs, oder willigen Sie ein, einen Andern bei Ludwig XV. ſich dieſes Platzes bemächtigen zu laſſen, der mir entgeht. Nehmen Sie ſich in Acht, daß er nicht einem von Ihren Feinden zufällt. Stellen Sie ſich vor, was aus einer Combination hervorginge, welche an ihrer Spitze ent⸗ weder die Legitimirten des verſtorbenen Koöͤnigs, oder Fremde, wie die Spanier, hätte. Mißtrauen Sie dem Einfluß des Norden; Koönig Stanislaus treibt ſeine Tochter zur Politik an. Ich ſage Ihnen nicht mehr. Sie, wenn ich mich nicht täuſche, ſtehen nicht auf das Allerbeſte mit der Königin.“ „Alles, was Euere Eminenz ſagt, iſt in der Ecke mit dem vollkommenſten Genie bezeichnet, Monſeigneur, Sie werden mich auch, was geſchehen mag, nicht mit einem böſen Gefühle verfolgen.“ „Keinesweges, Sie werden für das Wohl des Staa⸗ tes gehandelt haben.“ „Im Falle, daß Sie erſter Miniſter würden, ſei es nun durch den Unwillen des Herrn Herzogs, ſei es durch den Einfluß, den auf den König eine neue Idee ge⸗ wänne, darf ich verſichert ſein, daß Sie mir nicht un⸗ gewogen wären?“ „Sollte ich je, was ich nicht glaube, weil ich es nicht wünſche, erſter Miniſter werden, wie Sie ſagen, Herr Herzog, ſo würde ich mich, frei gegen Jedermann, beſchützt vor der Politik der Königin, beeifern, Ihnen meine Dankbarkeit zu bezeigen.“ „Man muß auf Alles gefaßt ſein, Monſeigneur. Der König iſt in dieſem Augenblick unter dem Drucke des Herrn Herzogs. Die Combination, die wir gefun⸗ den haben, Sie und ich, macht den König frei und ſtürzt vielleicht den Herzog; aus dieſem entſpringt für mich eine mächtige Feindſchaft...“ „Herr Herzog, es gibt keine Feindſchaft gegen einen Mann, wie Sie ſind, wenn er zur Unterſtützung der Würden ſeiner Geburt die fundamentalen Würden des Staats kommen ſieht.„„Leiſtet mir heute einen Dienſt,““ ſagt das italieniſche Sprüchwort,„„und ich werde Euch morgen drei leiſten.““ „Sobald ich Gurer Eminenz einen Dienſt leiſte, bin ich zu gut bezahlt,“ erwiederte raſch der verſchmitzte Höfling. 251 Der Cardinal erröthete abermals und ſtand auf. Richelieu hatte ſeinen Abgang ſchon vorbereitet. „Monſeigneur,“ ſagte er,„die Zeiten ſind hart und der König iſt kalt für die Wohlthaten; verſprechen Sie mir, von ihm für mich zu verlangen, wenn ich nach Etwas Luſt haben werde?“ „Herzog, Sie werden den Preis ſelbſt machen.“ Zu gleicher Zeit reichte der Cardinal Herrn von Richelieu die Hand. „Er wird fallen oder Frau von Prie wird fallen,“ dachte der Herzog;„das iſt ihre Sache.“ „Noch ein Wort,“ ſprach der Cardinal, Richelieu zurückhaltend:„ich rechne auf Ihre ausgezeichnete Em⸗ pfindlichkeit, auf Ihren vortrefflichen Geſchmack, daß Sie den König gut umgeben.“ „Sagen Sie dieſes Wort nicht; ich habe die Ehre Ihres Vertrauens erhalten, das genügt mir. Von dieſem Augenblick an ſtrecken Sie die Hand in irgend einer Richtung aus, und Sie werden mich in dieſer Richtung gehen ſehen.“* „Herr Herzog, Sie überſchütten mich,“ erwiederte der Cardinal, während er Richelieu mit mehr Freund⸗ lichkeit als Ceremoniell zurückführte. Barjac erwartete den Herzog mit Augen, die vor Freude glänzten. Man konnte ſicher ſein, daß er in ſei⸗ ner Eigenſchaft als Kammerdiener an der Thüre zu horchen gewußt hatte. „Nun! gnädigſter Herr,“ ſagte er,„find Sie zu⸗ frieden?“ „Nicht an mich müſſen Sie dieſe Frage richten, Barjac,“ erwiederte der Herzog,„ſondern an Ihren Herrn.“ Und mit einem bezeichnenden Gelächter trennten ſich dieſe zwei Diplomaten. „Dieſer,“ ſagte Richelieu, als er wieder in ſeinen Wagen geſtiegen war,„dieſer wird mich wirklich beſſer bezahlen, und ich werde weniger Mühe haben.“ 25²2 Dann überlegend fügte er bei: „Es iſt nur noch eine Schwierigkeit: die Rechts⸗ frage iſt zugeſtanden; es bleibt die Frage hinſichtlich der Suche Wir werden hierüber ſprechen, Bachelier und ich.“ LV. Eine geheime AUnterzeichnung. Und nun, da wir Fräulein von Charolais und Frau von Prie zu Herrn von Richelieu, und Herrn von Richelieu zum Spiele der Koͤnigin und zu Herrn von Fréjus geſolgt ſind, glaube ich, daß es Zeit wäre, dieſen moraliſchen Mann alle ſeine kleinen Vorkehrungen mit Meiſter Bachelier, dem Kammerdiener des Königs, treffen zu laſſen und zu Frau von Mailly zurückzukehren, die wir kaum in ihrem Hotel als wir im Gefolge von Bannidre dort eintraten, erblickt und, nachdem wir ſie erblickt, wieder verlaſſen haben. Wir haben die ganze Geſchichte dieſer Heirath er⸗ zählt, nach der Herr von Mailly Olympia wieder auf⸗ geſucht hatte. Wir haben das Portrait von Frau von Mailly zu zeichnen verſucht, ein Portrait, das uns in allen ſeinen Einzelheiten die Geſchichte und beſonders die Scandal⸗ chronik der Zeit hinterlaſſen haben. Wir haben ſie braun von Haaren und weiß von Haut, mit blendenden Zähnen und Augen beſchattet von dichten ſchwarzen Brauen geſehen. Wir haben der unvergleichlichen Anmuth ihrer ganzen Perſon erwähnt; 253 doch wir haben vergeſſen, von ihrem Geſchmacke in der Toilette zu ſprechen, der ſo ſehr über dem Geſchmacke der andern Frauen erhaben war, daß ſechs Jahre lang ganz Europa ſich nach dem ihrigen richtete. Und auf die Gefahr, uns zu wiederholen, ſagen wir, daß ſie geiſtreich, uneigennützig, gut, eine Frau von den höchſten geſellſchaftlichen Formen, mit dem Hofe vertraut war und das menſchliche Herz kannte. Damit iſt geſagt, daß Fräulein von Nesle den Mann, den Sie heirathete, nach ſeinen guten Eigen⸗ ſchaften und ſeinen Fehlern zu ſchätzen wußte. Sie wußte ſehr wohl, daß ſie von ihm nur aus Eitelkeit und Vernunft geliebt wurde, doch, im Ver⸗ trauen auf ihr Verdienſt und ihren eigenen Werth kennend, hoffte ſie dieſe Vernunftliebe in eine Liebesver⸗ nunft zu verwandeln. Gewiſſe Frauen haben Geduld, und ſie thun wohl daran: ſie wiſſen, daß ihr Glück eine Zeitfrage iſt, und daß ſie früher oder ſpäter ihren Schätzer treffen werden. Zum Unglück für Frau von Mailly, lebte der Graf in einer Zeit, wo ein Mann von Herz einer Geliebten von Verdienſt und nicht einer Frau von Werth bedurfte. Die ſeinige kam ihm ſchwermüthig, träumeriſch und em⸗ pfindlich vor. Ueberdies war ſie concentrirt, ſtreng im Ceremoniell, und hatte wenig Vermögen. Es war alſo nichts in der Familie und wenig in der Frau zu ſchonen. So bald er verheirathet war, bemerkte er Eines, was er nicht einmal geahnet hatte: daß er anbeten mußte, ſtatt ſich ruhig anbeten zu laſ⸗ ſen. Viele Männer liegen zu den Füßen ihrer Ge⸗ liebten, während ſie ihre Frauen vor ſich knieen ſehen wollen. Mailly fing an darüber verdrießlich zu wer⸗ den, daß er in ſeinem Hauſe einen Hof zu machen hatte wie in Verſailles. Er ſehnte ſich nach den Ungleichheiten, den Ver⸗ ſchwendungen, den Myſterien des Junggeſellenlebens zurück; er nutzte raſch Alles ab, was ihm ſeine Frau 254 von ihrem Herzen oder ihrem Geiſte zeigte. Er zer⸗ knitterte die Blätter und glaubte das Buch geleſen zu haben. Das Buch war völlig für ihn verſchloſſen ge⸗, blieben; er kannte kaum die Vorrede davon. Als er ſo weit gekommen war, erfaßte ihn die Lang⸗ weile. Packt die Langweile einen Neuverheiratheten, ſo läßt ſie ihn nicht ſo leicht los. Die Langweile klam⸗ merte ſich am Grafen an. Er entfernte ſich allmälig, um ſich die Langweile zu vertreiben; allmälig wurden auch ſeine Abweſenheiten länger. Endlich eines Mor⸗ gens faßte er, wie wir erwähnt, einen großen Ent⸗ ſchluß. Er ſtieg in eine Poſtchaiſe und reiſte ab, um Olympia zu holen, die er raſend liebte, ſeitdem er ſie nicht mehr hatte. Man weiß das Uebrige. Aber was man nicht weiß und was wir nun be⸗ zeichnen wollen, das iſt der ſtille Schmerz der Gräfin; was man nicht weiß, das iſt die tiefe Verachtung, mit der ſie das Leben betrachtete, das ihr dieſe Heirath machte; was man nicht kennt, das iſt, als dieſe Ver⸗ achtung ſie ergriffen hatte, die vollkommene Gleich⸗ gültigkeit, mit der ſie bei dem Cultus der Gottheit zu Werke ging, bei der die am mindeſten Devoten viel⸗ leicht diejenigen ſind, welche ihr am meiſten opfern, wir meinen die Gottheit, die man die öffentliche Meinung nennt. Frau von Mailly war jung, ohne es zu ſehr zu ſein; ſie war mehr verführeriſch, als ſchön; ſie hatte Geiſt genug, um ſich nicht zu langweilen, wenn ſie ſich nicht zerſtreuen wollte, Vermögen genug, um unab⸗ hängig zu leben, Ordnung genug, um nie mit dieſem Vermögen, ſo mittelmäßig es auch einem Andern ſcheinen konnte, ihre Zuflucht zu ihrer Familie oder zu ihrem Gatten nehmen zu müſſen. Mailly war abgereiſt, ohne von ihr Abſchied zu nehmen; er war zurückgekehrt, ohne ihr von dieſer Rückkehr Nachricht zu geben; ein ganzer Monat war vergangen, ohne daß er wieder in das Hotel gekommen. 25⁵ Es war ſomit Stoff vorhanden, um, wenn nicht die Eiferſucht, doch wenigſtens die Neugierde einer jungen Ehefrau zu erregen. Frau von Mailly wollte wiſſen, was ihr Gatte machte, und ſie erfuhr es. Ihre Verachtung, ihre Gleichgültigkeit und ihr Verlangen nach Freiheit nahmen zu. Mittlerweile fand der bekannte, Beſuch von Ban⸗ nidre ſlatt, der Frau Mailly über Alles belehrt haben würde, wenn ſie nicht Alles gewußt hätte. Am Abend, am andern Tag und am zweiten Tag nach dieſem Beſuche dachte Frau von Mailly, welche ſchon nachgedacht hatte, noch tiefer nach. Das Reſultat dieſer Betrachtungen war der ent⸗ ſchieden gefaßte Entſchluß, aus einer Lage heraus zu treten, welche viele Frauen von Geiſt angenommen, ſogar erſtrebt hätten. Doch Frau von Mailly hatte etwas Beſſeres als Geiſt, oder vielmehr ſie hatte Geiſt und noch etwas Anderes. Sie hatte Herz. Mit Herz war es aber ſchwer, länger eine ſolche Stellung einzunehmen. Sie dachte, früher oder ſpäter würde Herr von Mailly in das Hotel zurückkehren, und lauerte auf ſeine Rückkehr. Herr von Mallly kehrte in der That zurück: er kam, um ein ſchönes Pferd zu ſehen, das ſeit drei Ta⸗ gen ſeinen Beſuch im Stall erwartete. Der Graf trat ein und ging gerade auf den Stall zu; er ließ das Pferd herausführen, unterſuchte es, ließ es laufen, war damit zufrieden und kaufte es. Sobald aber dieſer Handel abgeſchloſſen war, ſchritt er auf die Thüre des Hotel zu, in der Abſicht, hinaus⸗ zugehen. Es war ihm nicht einmal eingefallen, ſich nach ſeiner Frau zu erkundigen. Er ging ſchon über die Thürſchwelle, als er kleine 2⁵6 Tritte hinter ſich hörte, die ſich beeilten und in ſeiner Verfolgung begriffen zu ſein ſchienen. Er wandte um. Dieſe kleinen Tritte waren die der Kammerfrau, die wir ſo gefällig geſehen haben. Sie kam im Auf⸗ trage der Gräfin, um Herrn von Mailly zu bitten, das Hotel nicht zu verlaſſen, ohne zu ihr hinauf zu kommen. Obgleich eine ſolche Einladung dem Grafen ſelt⸗ ſam dünkte, machte er doch keine Schwierigkeit, derſel⸗ ben auf der Stelle zu entſprechen; er war ein Mann von Lebensart, und wie Herr von Grammont, der, nachdem ihm Hamilton ganz athemlos geſagt hatte: „Herr Graf, ich glaube, Sie haben in London Etwas vergeſſen,“ erwiederte:„Es iſt wahr, mein Herr, ich habe vergeſſen, Ihr Fräulein Schweſter zu heirathen, und werde ausdrücklich zu dieſem Zwecke zurückkehren,“ antwortete Herr von Mailly der Kammerfrau: „Sagen Sie der Frau Gräfin, ich habe ſie um die Gunſt bitten wollen, die ſie mir bewilligt.“ Kaum hatte ſie dieſe Antwort ihrer Gebieterin uͤber⸗ bracht, als Herr von Mailly, der hinter ihr hinaufge⸗ gangen war, auf der Schwelle erſchien. „Guten Morgen, Madame,“ ſagte er, indem er auf die Gräfin zuging und ihr die Hand mit der unge⸗ zwungenſten Miene küßte. 4 „Guten Morgen, mein Herr,“ erwiederte die Gräfin mit einem Ernſte, den der Graf für ein Schmo⸗ len hielt. Dann, nachdem er ſich umgewandt und geſehen, daß auf einen Wink der Gräfin die Zofe ſie allein ge⸗ laſſen hatte, ſagte er: „Sie haben nach mir verlangt, Madame?“ „Ja, mein Herr, ich habe Sie gebeten, gefälligſt zu mir heraufzukommen.“ „Ich unterziehe mich Ihren Befehlen, Madame!“ — 2⁵7 „Qhl ſeien Sie unbeſorgt, mein Herr, ich werde Ihre Augenblicke nicht mißbrauchen.“ „Gut,“ dachte Mailly,„ſie hat Geld von mir zu verlangen.“ Und da dies die Sache war, die ihn am wenig⸗ ſten zu geben koſtete, ſo nahm er ſeine freundlichſte Miene an. Das Geſicht der Gräfin erheiterte ſich nicht. „Mein Herr,“ ſagte ſie nach einer kurzen Pauſe, ihren entſchloſſenen Blick auf den Grafen heftend,„es ſt en voller Monat, daß ich Sie nicht mehr geſehen ha e.“ „Bahl Sie glauben, Madame?“ verſetzte Mailly wie ein Erſtaunter. „Ich bin deſſen ſicher, mein Herr.“ „Eil Madame, ich bitte Sie tauſend Millionenmal um Verzeihung wegen dieſer Abweſenheit, doch in der That, Sie koͤnnen ſich nicht vorſtellen, in welchem Grade einen Officier alle dieſe Provinzinſpectionen beſchäftigen.“ „Ich weiß es und mache Ihnen keinen Vorwurf,— Gott ſoll mich davor behüten.“ Der Graf verbeugte ſich als ein befriedigter Mann. „Nur,“ fuhr Frau von Mallly fort,„nur ſind Sie, wie ich Ihnen ſagte, etwas über einen Monat auswärts geblieben.“ „Und ich, ich habe die Ehre gehabt, Ihnen zu antworten, daß die Inſpectionen..“ „Die Officiere ſehr beſchäftigen; ja, mein Herr, ich habe vollkommen verſtanden; doch Sie begreifen, das iſt ein Grund mehr, daß ich mich erkundige, wie lange Sie noch außer dem Hotel zu bleiben gedenken.“ Alles dies wurde mit jener Ruhe des Wohlanſtands geſagt, welche nur einer gewiſſen Welt eigenthümlich iſt, und obgleich Herr von Mailly dieſer Welt angehörte, war er doch leicht verlegen, um auf dieſe Frage zu antworten. Olympia von Claves. II. 17 258 „Madame,“ ſagte er,„das hängt von den Umſtän⸗ den ab; reiſe ich wieder, ſo glaube ich wohl, daß ich werde einige Zeit auswärts ſein müſſen, wenn ich indeſſen nicht hier bleibe. Doch ich bitte, warum fragen Sie mich dies?“ „Weil ich Sie nicht geheirathet habe, um allein zu bleiben, und weil ich mich allein langweile,“ ant⸗ wortete unumwunden die junge Gräfin. „Ahl Madame, wenn die Erörterung dieſen Punkt behandeln ſoll, ſo erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß ich nicht zugleich Sie zu beluſtigen und den Dienſt des Koͤnigs zu thun vermöchte,“ ſagte der Graf. Die Erörterung wurde ernſt, und der Graf ſchickte ſich, wie man ſieht, an, mit harten Worten die Härte zu erwiedern, die ſich in den Blicken der jungen Frau zu offenbaren anfing. „Mir ſchien,“ erwiederte die Gräfin,„es ſei in unſerm Ehevertrag nicht enthalten, Sie heirathen mich, um den Dienſt des Königs zu thun.“ „Madame, ich habe Sie geheirathet, um den Poſten, den ich bei Hof einnehme, zu behaupten und noch zu vergrößern; iſt ein Nutzen dabei, ſo werden Sie die Hälfte davon ernten.“ „Ich weiß nicht, ob für mich ein Nutzen in der Zukunft ſein wird, aber ich weiß, daß in der Vergan⸗ genheit Langweile iſt; ich weiß nicht, ob es ein Avan⸗ cement für Sie in der Gegenwart gibt, aber ich weiß⸗ daß es ſicherlich Zerſtreuung gibt.“ „Zerſtreuung! wie ſo, und was wollen Sie damit ſagen, Madame?“ fragte der Graf erſtaunt über dieſen ruhigen, entſchloſſenen Ton. „Sie waren vorgeſtern in der Comédie,“ erwiederte die Gräfin;„Sie beluſtigten ſich oder ſchienen ſich we⸗ nigſtens ſehr zu beluſtigen.“ „In der Comédie, das iſt möglich; in der Comédie, Sie wiſſen, man findet dort von ſeinen Standes⸗ genoſſen.“ verſa erwe ſuche Frar Läch aber hoͤre mir Recc keine mich Verl dem Unre Mad Herr und gefo gime Grãä Gem gegn iſtän⸗ daß wenn arum allein ant⸗ Bunkt erken, Dienſt hickte Härte Frau ſei in mich, den i und n Sie n der rgan⸗ Avan⸗ weiß, damit dieſen ederte we⸗ médie, andes⸗ 259 „Ich will wohl glauben, daß Sie dort Ihren Dienſt verſahen, doch Sie waren nicht mit mir.“ „Wahrhaftig, Madame, man ſollte denken, Sie erweiſen mir die Ehre, Streit mit mir zu ſuchen.“ „Man würde ſich nicht täuſchen, Herr Graf! Ich ſuche in der That Streit mit Ihnen,“ ſagte die junge Frau mit dem gelaſſenſten Tone. „Ohl ich hoffe, Gräfin, Sie werden ſich nicht der Lächerlichkeit, eiferſüchtig zu ſein, hingeben.“ „Das iſt keine Lächerlichkeit, Graf: hoͤren Sie aber meinen Logik: Sie haben mich geheirathet, ich ge⸗ höre Ihnen; Sie müſſen alſo, aus Gegenſeitigkeit, mir gehören. Ich habe Sie nicht, Sie haben mich; Recapitulirung: Schaden für mich, Gewinn für Sie.“ „Erklären Sie ſich, Madame.“ „Das iſt leicht: Sie haben eine Geliebte, ich habe keinen Liebhaber. Sie beluſtigen ſich, ich langweile mich. Summa: Vergnügen für den Herrn Grafen, Verlaſſenheit für mich!“ „Ich, ich habe eine Geliebte!“ rief Mailly mit dem Zorne, den die Männer immer annehmen, wenn ſie Unrecht haben;„ich! eine Geliebte! ich! Den Beweis, Madame, den Beweis!“ „Oh! nichts läßt ſich Ihnen leichter geben, mein Herr. Es iſt vorgeſtern ein Menſch hierher gekommen und hat unter Thränen von mir ſeine Geliebte zurück⸗ gefordert, die Sie ihm genommen.“ „Ein Menſch! was für ein Menſch?“ „Was weiß ich? Ein Soldat von Ihrem Re⸗ gimente.“ „Ich weiß nicht, was Sie damit ſagen wollen, Gräfin,“ verſetzte Mailly erroͤthend;„ich habe nicht die Gewohnheit, Marketenderinnen zu nehmen.“ „Es iſt keine Marketenderin, mein Herr,“ ent⸗ gegnete ruhig die Gräfin,„es iſt eine Frau.“ „Was für eine Frau?“ „Ei! Sie begreifen, Herr Graf, daß ich mich nicht 260 bemüht habe, um Erkundigungen einzuziehen; die That⸗ ſache iſt für mich erwieſen, und da ſie nur mir gegen⸗ über erwieſen zu ſein braucht, ſo genügt das mir.“ „Erwieſen!“ rief der Graf.„Es iſt erwieſen, daß ich eine Geliebte habe?“ „Eil ſeien Sie doch natürlich!“ erwiederte Frau von Mailly;„geſtehen Sie doch, Sie ſtrengen ſich an, um zu leugnen, eine wahrhaft unnütze Anſtrengung!“ Mailly war in ſeiner Eitelkeit verletzt. „Und wenn ich eine Geliebte hätte,“ ſagte er ver⸗ drießlich,„wäre das ein Grund für eine Frau von Geiſt, wie Sie ſind, mir eine Eiferſuchtsſcene zu machen?“ „Vor Allem, mein Herr,“ erwiederte die Gräfin mit der vollkommenſten Gelaſſenheit,„ich mache Ihnen keine Scene; ich habe keine Eiferſucht; ich verliere Sie... was wollen Sie!l ich beklage mich und...“ „Und?“ „Und ich treffe meine Anordunngen.“ „Ahl Sie treffen Ihre Anordnungen?“ verſetzte ſpöt⸗ tiſch der Graf.„Auf welche Art treffen Sie Ihre An⸗ ordnungen, wenn ſich dies ſagen läßt?“ „Man muß geſtehen,“ erwiederte die junge Frau wie mit ſich ſelbſt ſprechend,„die Männer ſind von einem Egoismus, der die Grauſamkeit erreicht.„Nun fahren Sie mich an, nun verſpotten Sie mich! Und warum? weil ich richtig geſehen habe.“ „Nicht, weil Sie richtig oder unrichtig geſehen haben.“ „Und warum denn ſonſt?“ „Weil es nicht guter Ton iſt, die Schritte ſeines Mannes zu beſpähen.“ „Ich beſpähe durchaus nichts, mein Herr, und ich ſchmeichle mir beſonders mit Einem ſeit dem Anfang unſerer Unterredung.“ „Mit was?“ „Daß ich den guten Ton eben ſo gut kenne, als Sie. Her es wer mich Sie Ma Rai Her That⸗ gegen⸗ 41 daß Frau ich an, ng!“ er ver⸗ u von ene zu fin mit n keine 6... te ſpöt⸗ re An⸗ Frau einem fahren arum? haben.“ ſeines und ich Anfang 4 * ne, als 261 Sie. Und da Sie mir eine Lection geben wollen, mein Herr, ſo bitte ich Sie, eine anzunehmen.“ „Mir eine Lection?“ „Ja, mein Herr, warum nicht?“ „Ich höre die Lection, Madame.“ „Ich bin jung, ich habe mein Verdienſt; Sie ſehen es nicht, deſto ſchlimmer für Sie und für mich; doch ich werde Sie allein den Thoren ſein laſſen; nehmen Sie mich ſehr ernſtlich und ſehr vollſtändig wieder, oder geben Sie mir meine Freiheit.“ „Iſt das Ihr Ernſt, was Sie da ſagen?“ rief Mailly, der durch die Kaltblütigkeit und das unbeugſame Raiſonnement der Gräfin ganz außer ſich kam. „Nach der Art, wie ich mit Ihnen ſpreche, mein Herr, können Sie nicht daran zweifeln.“ „Sie ſchlagen mir einen Bruch vor?“ „Ganz offenherzig.“ „Mir! Ihrem Manne?“ „Allerdings. Ich würde ihn meinem Manne nicht vorſchlagen, wenn mein Mann mein Liebhaber wäre.“ „Verzeihen Sie, Madame, Sie ſind jung und ohne Erfahrung, obgleich ſich Ihr Charakter mit einer ſelt⸗ ſamen Entſchiedenheit ankündigt; ich, der ich das Leben kenne, kann Sie alſo nicht einen ſo nachtheiligen Han⸗ del machen laſſen.“ „Ich begreife Sie nicht, mein Herr. In welcher Hinſicht wäre hiebei ein Nachtheil für mich?“ „Der freie Mann, Madame, genießt eben durch dieſe Freiheit alle Güter des Lebens.“ „Die Frau auch, mein Herr.“ „Wünſchen Sie es deshalb zu ſein?“ „Gewiß.“ „Ich bewundere Sie.“ „Nehmen Sie an?“ „Aber...“ „Was aber?“ 262 „Sie haben alſo den Plan, Ihren Gatten zu erſetzen?“ „Sie legen mir keine Rechenſchaft ab; erlauben Sie mir, daſſelbe zu thun.“ „Indeſſen..“ „Uebrigens ſehe ich nicht ein, warum wir die Er⸗ örterung hierüber ſchwerfällig machen ſollten. Sie wün⸗ ſchen, daß ich mich erkläre?“ „Ich geſtehe, das wird mir Vergnügen machen.“ „Nun denn! ſo erfahren Sie, daß ich bis jetzt durch⸗ aus keinen Plan habe; hätte ich einen, Sie begreifen, ſo würde ich nur die Trennung verlangen, oder ich würde vielmehr gar nichts verlangen, während ich mit dem⸗ ſelben Eifer entweder die Trennung oder die Wiederver⸗ einigung fordere.“ Mailly fing an nachzudenken. Die Graͤfin heftete einen fragenden Blick auf ihn und ſagte: „Wahrhaftig, ſo ſind die Männer! vor dem Sichern zurückweichend, beſchuldigen Sie die Frauen der Launen⸗ haftigkeit und ſind noch launenhafter, als die Frauen, die Wolken, das Waſſer.“ „Hören Sie doch, Madame, die Sache iſt wichtig.“ „Was iſt wichtig?“ „Was Sie mir da vorſchlagen.“ „In welcher Hinſicht, frage ich Sie? Sind wir nicht ſchon vollkommen getrennt? Sind nicht ſchon ein Monat und einige Tage vergangen, wenn ich richtig zählte, daß ich Sie nicht geſehen habe? Nehmen wir an, es ſei nur ein Monat. Das iſt ein Monat von zwölfen der Ehe. Laſſen Sie hören, was verlieren Sie dabei, daß Sie gänzlich getrennt ſind? Nichts! Wohll ich, ich werde viel dabei gewinnen. Thun Sie das für mich, mein Herr, und das wird ein gutes Verfahren ſein, wofür ich Ihnen Rechnung tragen werde.“ „Ich wäre begierig, zu erfahren, Madame, was Sie bei dieſer Trennung gewinnen werden; ſagen Sie es mir, ich bitte Sie, um liebenswürdig zu ſein.“ „Ich werde dabei gewinnen, mein Herr, daß ich nicht daß Mar dabe jeder werd Her! er iſ zen 24 n Sie e Er⸗ wün⸗ en. durch⸗ en, ſo vürde dem⸗ erver⸗ heftete ichern unen⸗ auen, ztig.“ d wir n ein ichtig wir ölfen dabei, h, ich mich, ſein, s Sie ie es iß ich 263 nicht immer zu warten habe. Ich werde dabei gewinnen, daß ich mich nicht ermüde, um Toiletten für einen Mann zu machen, der ſie nicht einmal ſieht. Ich werde dabei gewinnen, daß ich von Ihnen geſchätzt werde wie jeder Gegenſtand, der im Streite begriffen iſt. Ich werde endlich meinen Werth wiedererlangen, den der Herr und Meiſter, verblendet durch das Eigenthum, wie er iſt, nicht kennt.“ „Und den Andere ſchätzen, nicht wahr?⸗ „Nein, mein Herr, noch nicht.“ „Aber wenigſtens ſchätzen werden?“ „Ohl das iſt möglich.“ „Madame!“ „Ich frage Sie doch ein wenig,“ ſprach ſtolz die Gräfin,„wenn dem ſo wäre, ich bitte Sie, mit welchem Rechte würden Sie es mir zum Vorwurf machen?“ „Madame, ich ſage das durchaus nicht und werfe Ihnen nichts vor, Gott ſoll mich behüten; ich wieder⸗ hole Ihnen nur, daß mich Ihre Feſtigkeit nach einer einjährigen Ehe mit Bewunderung erfüllt; ich kannte Sie in der That nicht, und nun, da ich Sie kenne...“ „Nun?“ „Geſtehe ich, daß Sie mir bange machen.“ „Sehr gut,“ ſagte die Gräſin,„das iſt mir lieber, als wenn ich Ihr Mitleid errege. Ein Grund mehr, wenn ich Ihnen bange mache, daß Sie einwilligen.“ „Wollen Sie Ihren Vorſchlag genau ausſprechen, Gräfin?“ ſagte Herr von Mailly, durch dieſe unverbind⸗ liche Beharrlichkeit auf das Aeußerſte gebracht. „Hören Sie, mein Herr.“ „Ich höre,“ erwiederte der Graf, der die Gräfin auch durch einen Anſchein von Entſchloſſenheit zu er⸗ ſchrecken beabſichtigte. „Das iſt ganz einfach, mein Herr: wir werden uns in Freundſchaft, ohne Lärmen, ohne einen offenbaren Bruch, trennen; Sie werden die volle Freiheit haben, zu 264 handeln, wie es Ihnen beliebt, und ich werde dieſelben Prärogative genießen. Iſt das klar?“ „Vollkommen; doch wohin führt das?“ „Es führt Sie dahin, daß Sie nicht mehr hören, was Sie heute hören, denn ich werde es Ihnen nie mehr ſagen, wenn Sie zu dem, was ich von Ihnen verlange, Ihre Einwilligung geben. Das iſt ſchon etwas, wie mir ſcheint. Scheint es Ihnen nicht auch?“ „Und wer iſt der Notar, der den Vertrag abfaſſen wird?“ fragte ironiſch der Graf. „Er iſt ſchon abgefaßt, mein Herr, und wir be⸗ dürfen keines Notars hiezu,“ erwiederte ruhig die Gräfin, indem ſie aus dem Leibe ihres Kleides ein zuſammenge⸗ legtes Papier zog.„Ich habe ſelbſt die Urkunde unſeres zukünftigen Glückes entworſen und abgefaßt.“ „Unter welcher Garantie ſoll der Vertrag ſtehen?“ „Unter der Garantie Ihres Ehrenwortes als Edel⸗ mann und unter meiner Garantie als Fräulein von Stande.“ „Leſen Sie, Notar,“ rief heiter der Graf. Frau von Malilly las: „Zwiſchen den Unterzeichneten: „Louis Alexandre, Graf von Mailly, und Louiſe Julie von Nesle, Gräfin von Mailly „Iſt folgende Uebereinkunft geſchloſſen worden.“ „Und Sie haben dies allein abgefaßt, Madame?“ fragte der Graf. „Ganz allein, mein Herr.“ „Das iſt wunderbar!“ „Ich fahre fort,“ ſagte die Gräfin. Und ſie fuhr fort: „Iſt folgende Uebereinkunft geſchloſſen worden: „Der Graf nimmt mit Genehmigung der Gräfin wieder ſeine volle Freiheit, die ihm durch ſeine Heirath entzogen worden iſt. m elben ören, mehr ange, wie jfaſſen r be⸗ räfin, enge⸗ nſeres hen?“ Edel⸗ von Louiſe n 44 me?“ 1: GHräfin eirath 265 „Die Gräfin nimmt gleichfalls wieder, mit Geneh⸗ migung ihres Gemahls, ihre volle Freiheit. „Kraft deſſen Beide bei ihrer Ehre ſich verbindlich machen, weder eine Störung, noch eine Beengung in den Vollzug gegenwärtigen Vertrags zu bringen, der auf der einen und der andern Seite unter den Schutz ihres Wortes geſtellt iſt. Doppelt ausgefertigt zu Paris, im Hotel de Nesle, am..“ „Sie haben das Datum weiß gelaſſen, Madame?“ „Eil Sie begreifen, mein Herr, da ich nicht wußte wann ich das Vergnügen haben würde, Sie zu ſehen..“ „Und es iſt nicht nöthig, das Datum des Vertrags zurückzuſetzen, Gräfin?“ „Von Ihrer Seite vielleicht, mein Herr, von der meinigen nicht.“ „Wir werden alſo unterzeichnen.. 24* „Mit dem heutigen Datum, wenn Sie wollen.“ „Es ſei.“ „Sie unterzeichnen?“ „Madame,“ ſprach der Graf,„ich bedenke, daß Sie mich mit einem Charakter, wie der Ihrige iſt, wirklich ſehr unglücklich machen würden. Ich bin nicht der Mann, um in meiner Haushaltung zu kämpfen; Sie würden mich beſtegen. Ich will lieber mit den Ehren des Kriegs capituliren.“ „Ich habe die Dinge alſo wohl gemacht, Graf?“ „Vortrefflich, Madame, und wenn ich unterzeichne...“ „Wenn Sie unterzeichnen?“ „So geſchieht es aus Egoismus.“ „Wie in der Liebe: Egoismus zu zwei,“ verſetzte ruhig Frau von Mailly. Der Pfeil drang in die Eitelkeit des Grafen ein und brachte ihr eine tiefe Wunde bei. Er ergriff eine Feder, die ihm die Gräfin reichte, und ſetzte unter den Vertrag eine energiſche Unterſchrift. 266 „Nun iſt die Reihe an Ihnen, Madame,“ ſagte er. Sie zeigte ihm, daß ſie zum Voraus unterzeichnet hatte. Er erröthete. Die Urkunde war doppelt ausgefertigt. Die Gräfin reichte ihm eine von den Urkunden und behielt die andere. Dann bot ſie ihm die Hand. Einen Augenblick war der Graf von der Verſuchung erfaßt, dieſe Hand zurückzuweiſen und mit Heftigkeit ab⸗ zugehen. Doch auch diesmal kam ihm der Stolz zu Hülfe: er nahm die Hand der Gräfin und legte einen äußerſt anmuthigen Kuß darauf. „Madame,“ ſagte er,„ich hoffe, Sie ſind nun wenigſtens befriedigt.“ G 5 ſehr, als Sie es morgen ſein werden, Herr raf.“. „Ich bitte, machen Sie keinen Mißbrauch...“ „Graf, keine Bedingungen außerhalb des abge⸗ ſchloſſenen Handels: volle Freiheit.“ „Volle Freiheit; es ſei!“ 8 Der Graf verbeugte ſich, empfing die Verneigung ſeiner Frau und ging weg, ohne ſich umzuwenden. Die Gräfin verſchloß ſorgfältig das Blatt, das ihr ihre Freiheit gab. Dann klingelte ſie ihrer Kammerfrau und ließ ſich ankleiden. Sie ſpeiſte dieſen Abend in Ramboulllet beim Herrn Grafen von Tonlouſe, der dem König Komödie gab. —— 267 LVI. Nambouillet. Rambouillet, ein herrlicher Aufenthalt, verſchönert durch alle Hülfsmittel der Kunſt und des Reichthums, gehörte dem Herrn Grafen von Toulouſe, einem der legitimirten Söhne von Ludwig XIV. und Frau von Monteſpan. Kein Hof war zugleich galanter und glänzender. Die Gräfin von Toulouſe führte hier den Scepter mit jener holden Majeſtät, deren Ueberlieferung zehn Jahre nach der letzten Regierung, einer Regierung der Urbanität des Geiſtes und der wahren franzöſiſchen Würde, zu verſchwinden anfing. König Ludwig XV. kam nach Ramboulllet, um die gute Luft und die Freiheit zu athmen, denn man behan⸗ delte ihn hier als verwöhntes Kind. Hier athmete er auch die edlen Wohlgerüche des Königthums, welche ſich an dieſem Orte verewigt hatten, wie die Ueberreſte der edlen Weine, von denen Horaz ſpricht, und deren berauſchenden Geruch die Amphora, ſelbſt wenn ſie leer iſt, bewahrt. Die Gräfin von Toulouſe war von Ludwig XV. geliebt worden. Schön und coquette ohne Geheimniß, denn ſie liebte ihren Gemahl, hatte ſie dem König Liebe eingefloͤßt. Das wahr ihr gelungen. Hier hatte der junge Prinz die Höflichkeit ſtudirt und gelernt, die er äußerlich, wenigſtens an ſeinem Hofe, zu bewahren wußte, bis an das Ende eines durch die gemeinen Or⸗ gien abgenutzten Lebens, das aber, obwohl im Grunde vom Brand angegriffen, immer elegant auf der Ober⸗ fläche blieb. Die gute Erziehung, die Zierlichkeit der Formen 268 und Manieren, welche die Frauen geben, iſt eine zweite Milch, deren Einfluß ſich ewig auf den Geiſt und die Sitten ausübt. Die Krankheiten, welche eine ſo be⸗ feſtigte Conſtitution durchziehen, können allerdings das Temperament verändern, zerſtoͤren es aber nie ganz. Obgleich jung und immer dem Einfluſſe des Car⸗ dinal von Fleury unterworfen, begriff Ludwig XV., ſeine Liebſchaft mit der Frau Gräfin von Toulouſe wäre nur ein Aergerniß und nie ein Vergnügen. Er ver⸗ zichtete daher raſch auf dieſe poetiſche Geliebte. Er behielt für die anmuthige, reizende Frau die Achtung und die Werthſchätzung, mit einem wohlwollenderen Ge⸗ fühle, als das der Freundſchaft, während es doch nicht die Liebe war. Es iſt nicht zu leugnen, Amor war, trotz ſeiner Binde, langſam, den Kopf zurückgewendet, entflogen, und war bereit, auf das erſte Zeichen zurückzukehren. Wir haben geſagt, König Ludwig XV. ſei oft nach dem ſchönen Schloſſe Rambouillet gekommen. Er jagte dort, machte Promenaden und beluſtigte ſich mit dem Hofe. Die Geſellſchaft, die er dort fand, hatte nichts mehr von der Regentſchaft an ſich. In ihr Schloß mit weniger Wuth, als die Herzogin von Maine nach Sceaux, zuruͤckgezogen, beſchäftigten ſich der Großadmiral von Frankreich und die Frau Gräfin von Toulouſe nur mit dem König und opferten die alten Chimären der Ligitimirung der Wirklichkeit des Grund⸗ ſatzes der ligitimen Erbſchaft. Die Politik war auch auf immer aus allen Unter⸗ haltungen verbannt. In Rambouillet plauderte man über Literatur, man opferte dort den Künſten, wie man um jene Zeit ſagte; man liebte und feierte die Schön⸗ heit, die Intelligenz und die Kriegsthaten. Das war der Hof des wahren Sohnes von Ludwig XIV. Man konnte an den Giebel des Schloſſes den Wahlſpruch des großen Königs: Nec pluribus impar ſetzen. Es fehlte nur, und das war ein Glück, der Ehrgetz, der das Herz ſchwärzt. ner⸗ man man hön⸗ der nnte yßen und irzt. 269 Der Köoͤnig fühlte, wenn er in Rambouillet, in dieſes Aſyl des Glückes eintrat, daß jede ſchädliche Befangen⸗ heit in Beziehung auf ihn entfernt worden war, daß die Blumen hier für ihn einen ſüßeren Wohlgeruch an⸗ nahmen, daß er hier in ſeiner wahren Familie war. Ludwig XV. brachte daher nach Rambouillet die ganze Tollheit ſeiner Jugend, die ganze Hitze ſeines Blutes, ſein ganzes Herz mit, wenn Ludwig XV. über⸗ haupt ein Herz hatte. Zum Voraus eingeladen, wurde Seine Majeſtät an dieſem Tage in Rambouillet erwartet. Der Graf von Toulouſe hatte die beſte Geſellſchaft gebeten, um das Gefolge der Lilien zu bilden. Man mußte es verſuchen, den König zu beluſtigen, der ſeit einigen Tagen von einer unbegreiflichen Schwer⸗ muth befallen zu ſein ſchien, und von dem die wunder⸗ lichen und wenig verbindlichen Köpfe erklärten, es ſei unmöglich, ihn zu beluſtigen. Die Einen ſchrieben dieſe Traurigkeit der Krankheit zu, die der König kurz zuvor ausgeſtanden; Andere ſuchten für dieſe tiefe Melancholie unbekannte Urſachen. Die großen Hoflinge kannten allein die wahren Motive dieſes Uebels, ohne die Mittel, um es aufhöͤren zu ma⸗ chen, zu kennen. Die Straße nach Rambouillet war den ganzen Tag bedeckt von Carroſſen mit Wappen verziert und wohl geſchloſſen wegen der Kälte, die ſehr ſcharf zu werden an⸗ fing, von Reitern, welche die Befehle oder die ſelte⸗ nen Beigerichte ü berbrachten, die man, obwohl ſie au⸗ ßer der Jahres zeit, in Paris, der Heimath der Früh⸗ producte, gekauft hatte, oder von Muſikern in Miethwa⸗ gen, welche heiter, als Künſtler, die Fahrt machten und ſich mit der königlichen Gaſtfreundſchaft des Schloſſes Rambouillet für die mageren Mahle und die Langweile des Weges zu entſchädigen hofften. Das Programm beſagte, der König werde während dieſes Tages im Walde jagen, er werde um ſechs Uhr 270 zum Souper zum Grafen von Toulouſe kommen, es werde ſodann Schauſpiel ſtattfinden, kurzes Schauſpiel, damit die Damen ſpielen und plaudern könnten, ehe ſie in ihre Gemächer zurückkehrten. Das Programm er⸗ füllte, wie man ſieht, alle Bedingungen des Vergnü⸗ gens und der Schicklichkeit. Der König kam in der That um eilf Uhr Morgens an. Er hatte ſelbſt die Stunde des Abgangs beſtimmen wollen. Die Prinzen, zwei Geſandte und ſeine Vertrau⸗ ten waren im Gefolge des Königs. Ludwig XV. jagte, nach der Ausſage von Sergens, den ganzen Tag mit Zerſtreuung. Er frühſtückte kaum bei einem Halt und hatte den Hirſch nehmen laſſen, ohne dem Halali beiwohnen zu wollen. Auf den Schlag fünf Uhr kam der König nach Ramboutlllet zurück. Die Gerüchte des Tages hatten ſich ſchon unter den Höflingen verbreitet. Man kannte ſein zerſtreutes Weſen, und dieſe königliche Niedergeſchlagenheit hatte eine Art von Traurigkeit bis in die Gemächer der Gräſin von Toulouſe gebracht. Jeder componirte ſich daher ſein Geſicht nach dem Geſichte des jungen Gebieters. Die Höflinge von Ale⸗ xander dem Großen trugen alle den Kopf auf die Schul⸗ ter geneigt nach dem Beiſpiele des Eroberers. Als der König die Gallerie durchſchritt, um ſich in den Salon zu begeben, bemerkte man, daß er ſeine ſo klaren und ſo ſchönen Augen eher auf die Männer, als auf die Frauen heftete. Er ſchien Jemand zu ſuchen, der nicht da war. Beim Mahle ſeufzte er wiederholt. Die Gräfin von Toulouſe ſaß bei Tiſche neben dem König. Sie hatte bei ihm die Vorrechte einer älteren Schweſter. Dieſe Traurigkeit des Königs, dieſe anhaltende Schwermuth, welche weder die Fahrt, noch die Jagd, noch die Vergnügungen, die man, um den Monarchen es piel, e ſie er⸗ gnü⸗ gens nmen trau⸗ gens, kaum ohne nach unter eutes hatte der dem Ale⸗ Schul⸗ n ſich ſeine inner, uchen, n dem ilteren ltende Jagd, archen 271 zu beluſtigen, zu vereinigen geſucht, hatten beſiegen koͤn⸗ nen, dieſe innere Pein beunruhigte die Gräfin. Von ihrem Privilegium als Weib, als Verwandte und als geliebte Frau Gebrauch machend, neigte ſich Frau von Toulouſe zu ihrem königlichen Gaſte und ſagte zu ihm: „Sire..“ Ludwig XV. ſchien aus einer langen Träumerei zu erwachen. Er ſchaute ſie an. „Sire,“ fuhr ſie fort,„Eure Majeſtät langweilt ſich in Rambouillet?“ „Madame, ich langweile mich ein wenig überall, ausgenommen hier, das verſichere ich Sie.“ „Eure Majeſtät hat ſchlecht gejagt?“ „Ich weiß nicht einmal, ob ich gejagt habe.“ Dieſes Wort wurde gehört, es rief bei den Anwe⸗ ſenden einen lebhaften Schrecken hervor. Der Koͤnig, da er ſo bleich war, da er ſo wenig aß, da er Zer⸗ ſtreuungen hatte, der König war alſo immer krank. Was ſollte man dieſe Krankheit zuſchreiben, nun, da der Regent todt? Zur Zeit, da der Regent lebte, hatte man die Verleumdung, und das war immerhin ein Troſt. Man befragte den König nicht. Frau von Tou⸗ louſe ſaß auf Nadeln. Sie wartete darauf, daß der König zuerſt ſpreche. Der König ſprach nicht. Nach dem Mahle ging der König in den Schau⸗ ſpielſaal, wo eine kleine Oper aufgeführt wurde. Als er in ſeinem Fauteuil Platz nahm, erſchien Herr von Richelieu. Auf der Stelle klärte ſich die Stirne des Königs auf, ſein Blick fixirte ſich, er machte dem Herzog ein kleines freundſchaftliches Zeichen, und dieſes Zeichen rief ihn zu Ludwig XV. Man kann ſich denken, mit welcher Geſchwindigkeit der Höfling dem Zeichen gehorchte, denn wir wollen es nicht leugnen, er hatte dieſes Zeichen ein wenig erwartet. 272 Die Oper begann. Nichts war zauberhafter, als dieſer ſo geſchmückte Saal. In dem reizenden Coſtume jener Zeit hundert Frauen ausgezeichnet an Schönheit, Jugend und Rang, hundert Männer mit Orden und Stickereien bedeckt; der Krieg, die Politik, die Finanzen, vom Miniſterium an bis zur Oberintendanz, Cardinäle, Erzbiſchoͤfe und Biſchöfe: das war es, was man im Saale bewunderte. Richelieu gerieth in Entzückung; der König fing an auf die Muſik zu horchen. „Wir wollen,“ ſagte Richelieu zu ſich ſelbſt,„wir wollen unter den hundert Frauen, die ich unter mei⸗ ner Hand halte, diejenige ſehen, welche der König an⸗ ſchauen wird.“ Und er ſchaute abwechſelnd den Koͤnig und die Frauen an. Plötzlich neigte ſich der König gegen Pecquigny und ſagte zu ihm: „Herzog, wenn man gewiſſe Rollen ſpielt, kann man gewiſſe andere auch ſpielen 2“ „Ja, ſicherlich, Sire,“ erwiederte der Herzog, ohne zu wiſſen, worauf der König abzielte,„gewiſſe andere, und noch andere.“ „Es war unerläßlich, dem Köͤnig immer zu ant⸗ worten, wenn er fragte, und ſollte man ihm auch mit etwas Widerfinnigem oder mit einer Lüge antworten. Ludwig XV. hatte ſeit ſeiner Jugend die Gewohnheit ange⸗ nommen, immer zu fragen, ohne je auf die Antwort zu warten. Es lag ihm alſo wenig daran, was dieſe Antwort war, wenn man ihm nur antwortete. Diesmal wartete er gegen ſeine Gewohnheit. Pecquigny war ganz erſtaunt und befürchtete, eine Albernheit geſagt zu haben. „Ah!“ verſetzte der König,„und wenn man ſpricht, kann man alſo auch ſingen?“ „Ja, Sire,“ antwortete Pecquigny. als auen ndert rrieg, 3 zur höfe: fing „wir mei⸗ g an⸗ d die uigny kann ohne undere, u ant⸗ ch mit vorten. ange⸗ vort zu ntwort e, eine ſpricht, 273 Diesmal war die Antwort durch die Betonung der Frage befohlen. Richelieu hörte Fragen und Antworten. „Warum, in des Henkers Namen, hat er dies Pec⸗ quigny gefragt?“ ſagte neugierig Richelieu zu ſich. Man erinnert ſich, daß, gerade am Abend des De⸗ but von Olympia in der Comédie⸗Frangaiſe angekom⸗ men, Richelieu bei dieſem Debut nicht anweſend ſein und daher die Folgen dieſes Debut, auf welches der König anſpielte, auch nicht kennen konnte; und nach den zwei Fragen, die dieſer an Pecquigny gerichtet, wußte Pec⸗ quigny auch nicht, was der König ſagen wollte. „Warten wir noch, bis er ſich offen bart,“ dachte der Kapitän der Garden. Es verging ein Stück, dann noch eines. „Wer fingt in dieſer Oper?“ fragte Ludwig XV. Man nannte ihm die Namen der Sänger. „Wie!“ ſagte er,„das iſt Alles? keine andere Schauſpieler, keine andere Schauſpielerinnen?“ Ein Blitz durchzuckte das Gehirn des Kapitäns. „Ah! ah!“ ſagte er,„gut, ich begreife.“ „Hätte Eure Majeſtät etwas Anderes gewünſcht?“ fragte Richelieu. Der König beobachtete ein Stillſchweigen: Pec⸗ quigny brach es. „Wetten wir,“ ſagte er,„Eure Majeſtät erwartet andere Geſichter auf dieſer Bühne.“ „Ich? und aus welchem Anlaß ſagen Sie mir das, Herzog?“ verſetzte Ludwig XV. „Weil Cure Majeſtät kein großes Vergnügen an der Oper zu finden ſcheint.“ „Ich haſſe die Mufik,“ erwiederte der König. Dann, nachdem er einen Augenblick geſchwiegen, fragte Ludwig XV. erroͤthend: „Das Mädchen von neulich, ſingt es?“ Es war ſichtbar, daß ſich der König angeſtrengt hatte, um dahin zu gelangen. Olympia von Clsves. II. 18 274 „Welches Mädchen?“ ſagte raſch Richelieu, der die Frage im Fluge auffing. „Mademoiſelle Olympia,“ erwiederte Pecquigny, „eine Schauſptelerin.— Nein, Sire.“ „Wer iſt dieſe Olympia?“ fragten die zwei Augen des Herzogs Pecquigny. „Ein Wunder, mein Lieber,“ antwortete der Ka⸗ pitän der Garden. „Ein Mädchen, das ich neulich am Abend in Bri⸗ tannicus habe ſpielen ſehen,“ fügte der Koͤnig bei. „Ahl er hat Jemand ausgezeichnet!“ dachie Riche⸗ lieu;„es iſt gut, davon unterrichtet zu ſein.“ „Er iſt entſchieden verliebt,“ ſagte Pecquigny zu ſich ſelbſt;„er hat wohl daran gethan, daß er ſich preis⸗ gegeben.“ Der König nahm keinen Antheil mehr am Schau⸗ ſpiel; er plauderte bis zum Schluſſe mit Frau von Tou⸗ louſe, und die Oper endigte, ohne daß er Beifall ge⸗ klatſcht hatte. „Er langweilt ſich wohl,“ dachte Richelieu.„Wie Schade, daß man nicht hier bei der Hand das Mittel hat, nach welchem er verlangt!“ Und er zog ſeine Tabletten aus der Taſche und ſchrieb auf's Gerathewohl und ohne daß Jemand ver⸗ muthete, was er that:„Olympia bei der Comsdie⸗ Francçaiſe.“ Dann durchging er langſam den blendenden Kreis ſchöner Frauen, auf denen der König, trotz des Lurus ihrer Toiletten und ihrer Reize, nicht einen Moment ſeine Blicke hatte verweilen laſſen, und ſagte: „Es iſt ſeltſam! in ſeinem Alter hätte ich alle dieſe Frauen geliebt.“ Als er ſo weit war, rief etwas Leuchtendes, gewalt⸗ ſam Anziehendes ſein Auge auf die Linke des Königs. Er erblickte am Ende der Reihe der Damen einen trotz der Hofſchminke bleichen Kopf, blendende Haare, große, ſchwarze, durch eine fieberhafte Aufmerkſamkeit erweiterte Auge ſchwe ſchön man jene erlau Er b ſicht Wur er d drei Spu Kön ſucht r die igny, lugen Ka⸗ Bri⸗ bei. Kiche⸗ ny zu preis⸗ Schau⸗ Tou⸗ ll ge⸗ „Wie Mittel e und d ver⸗ mödie⸗ Kreis Luxus koment e dieſe gewalt⸗ Lönigs. n trotz große, veiterte 275 Augen. Dieſes Geſicht hatte die Augen unveränderlich, ſchwärmeriſch auf ſeine Seite geheftet. Richelicu war ſchön, ein Mann, um den man ſich bewarb, nach dem man begehrte; er hatte oft, offen oder unter dem Fächer, jene ſtummen, aber ausdrucksvollen Liebeserklärungen erlauert. Richelieu bezweifelte nicht, dieſe Blicke ſeien für ihn. Er betrachtete die Frau mit größerer Aufmerkſamkeit. Dieſes, durch ſeinen Ausdruck, ſeltſam ſchöne Ge⸗ ſicht ergriff Richelien und erregte in ihm ſogleich den Wunſch, die Perſon, deren Augen ſo auf ſich zu ziehen er das Glück gehabt, beſſer kennen zu lernen. Nur war ihm dieſe Frau unbekannt: ſeit beinahe drei Jahren vom Hofe abweſend, hatte der Jäger viele Spuren verloren. Er näherte ſich alſo Pecquigny, und während der König die verzweifeinde Frau von Toulouſe zu überreden ſuchte, er unterhalte ſich ſehr gut, ſagte er: „Herzog.“ „Was?“ fragte Pecquigny, der plöͤtzlich aus ſeiner Träumerei auffuhr. Richelieu ſchaute ihn mit Erſtaunen an: es lag nicht in den Gewohnheiten des Kapitäns der Garden, zu träumen.. „Herzog,“ ſagte er;„wer iſt denn jene brünette Dame?“ „Wo dies? Wir haben viel zu viel Brünetten hier. Der Konig liebt die Brünetten nicht.* Pecquigny antwortete ſeinem Gedanken und nicht Richelieu. Dieſer lächelte. „Es handelt ſich nicht um den König,“ erwiederte er;„ich frage Dich, wer die brünette Frau ſei, dort, links, ganz am Ende der Gallerie, die Vorletzte beim Theater, in einem hellgrau und filbernen Kleide, mit ſpärlichen Diamanten und viel Glanz.“ „Ah!“ verſetzte der Kapitän.„Das iſt nichts.“ „Wie! das iſt nichts?“ 276 „Nein, es iſt die Frau von Mailly.“ „Bahl eine von Nesle?“ „Ja, mein Lieber, es gibt vier ſo. Kenaſt Du ihre Unterbringung?“ „Bemerkſt Du, wie ſie mich anſchaut? Sieh nur!“ „Ahl es iſt wahr!“ ſagte Pecquigny. Und er neigte ſich vorwärts. „Gut!“ verſetzte Richelieu.„Du erſchreckſt ſie.“ „Siehſt Du das?“ „Cil ſie wendet den Kopf ab. Was für eine Frau iſt es?“ „Ohl mein Lieber, eine unerträgliche Frau.“ „Was macht Mailly mit ihr“ „Was Du mit der Deinigen machſt, mein Lieber: er läßt ſie.“ „Ohl armes Weibchen!“. „Schau ſie doch nicht an, ſie iſt häßlich.“ „Es iſt ſonderbar! ich finde das nicht.“ „Abſcheulich! mager!“ „Ich glaube, Du haſt Recht, Herzog.“ „Ah! der Meiſter von uns Allen ſchmachtet nicht wegen ſo wenig.“ „Sie ſchaut übrigens nicht mehr.“ „Ohl ärgere Dich nicht, Herzog. Du kennſt die Mutter, die Töchter werden nicht von der Art laſſen. Willſt Du mit aller Gewalt, daß ſie Dich noch an⸗ ſchaut, nun, ſie wird Dich beim Teufel anſchauen.“ „Sie hat einen ſchlechten Ruf?“ „Noch etwas Schlimmers: ſie hat gar keinen.“ „Was macht aber dann Mallly mit ihr?“ „Mailly hat ſie heute verlaſſen, in Folge eines geheimen Vertrags, eines Vergleichs. Wenn Du die Geſchichte wiſſen willſt, geh' zum Orcheſter, er hat ſie Brancas erzählt, der ſie Dir erzählen wird, wie er ſie mir erzählt hat.“ „Mallly iſt nicht hier?“ „Nein; ſeine Frau ſucht, doch er, er hat gefunden.“ Her und wär den lieb Toi Geſ die Oht von ling gan frag lieb ieber: 277 „Ahl nun ſchaut ſie abermals. Weißt Du Eines, Herzog? Wenn Mallly nicht von ihr getrennt wäre, und wenn ich nicht ein Muſter von Weisheit geworden wäre, bei meinem Ehrenwort! ich würde dieſer Frau den Hof machen.“ „Du biſt verrückt.“ „Ich habe immer die Frauen geliebt, die alle Welt liebt oder die alle Welt lieben.“ „Du liebſt ſie alſo alle?“ „Das iſt ein wenig wahr.“ „Nimm Dich in Acht, der König hört Dich!“ In der That, während er ein Ohr Frau von Toulouſe lieh, öffnete der König das andere für das Geſpräch der zwei Sdelleute, und unſere Achtung für die Wahrheit nöthigt uns, zu ſagen, daß das offenſte Ohr nicht dasjenige war, welches ſich dem Anhören von Frau von Toulouſe weihte. Das Geſpräch war leichtfertiger Art. Sehr Neu⸗ ling in der Liebe, gab ſich der König auch, wie geſagt, ganz dieſem Geſpräche hin. Die Herzoge unterbrachen ſich. „Nun! was ſagen Sie, Herr von Richelieu?“ fragte der Koͤnig. „Ich, Sire?“ den„Ja, in Betreff der Frauen, welche alle Welt ebt... „Seine Majeſtät hat ein feines Gehör.“ „Das heißt nicht antworten, Herzog.“ „Sire, Pecquigny, der ein Schelm iſt, ſagte mir Schlimmes von den Frauen.“ „Und Sie?“ „Und ich, bei meiner Treue!l ich ließ es ihn ſagen.“ Das Schauſpiel war zu Ende; der König ſtand auf und bot der Gräfin von Toulouſe den Arm. Er hätte lieber an ſeinem Platze bleiben und das Geſpräch ſortſetzen mögen. r— — 278 Ludwig XV. ging in den Tanzſaal und tanzte ein Menuet mit Frau von Toulouſe. Richelien benützte dieſe Bewegung, um ſich Frau von Mailly zu nähern und zu ſehen, was die ſo ſtarr auf ihn gehefteten Augen machen würden. Sein Er⸗ ſtaunen war groß, als er, nachdem er den Platz ge⸗ wechſelt, wahrnahm, daß die Augen der Gräfin immer derſelben Richtung folgten. Nur, ſtatt ſich auf ihn zu heften, hefteten ſie ſich auf den König. Es war alſo der König, den die junge Frau ſo anſchaute.. Richelieu, der in dieſer Entdeckung eine Menge in⸗ tereſſanter Beobachtungen ſah, hütete ſich wohl, ſie zu unterbrechen. Es war ihm beinahe eben ſo lieb, daß Frau von Mailly den König anſchaute, als wenn ſie ihn angeſchaut hätte. Er ſtellte ſich hinter einen großen Lehnſtuhl und hörte ſeinerſeits nicht auf, die ſchoͤne Aufmerkſame anzuſchauen. Da ſah er ſie mit langen Zügen das Liebesgift trinken, das von den Augen zum Herzen geht. Er ſah ſie den Kopf ſo oft drehen, als Ludwig XV. den ſei⸗ nigen drehte, ihre ſchwarzen Augenbrauen zuſammenziehen, ſo oft Frau von Toulouſe bei dem, was ihr der König ſagte, lächelte. Frau von Mailly war nicht nur verliebt, ſondern auch eiferſüchtig. Allein, verloren in der Menge, durchaus nicht be⸗ merkt, weil ihr mehr daran lag, zu ſehen, als ge⸗ ſehen zu werden, ahnete ſie nicht, daß zehn Schritte von ihr ein forſchendes Auge jeden ihrer Gedanken in der Tiefe ihrer Seele las. Und ſie dachte mit jeder Muskel ihres Geſichtes, die arme Frau, wie ſie mit jeder Fiber ihres Herzens empfand.. Was konnten nun die Gedanken der Graͤfin ſein? Iſt es ſchwierig, dies zu ſagen? Nein. Da Herr von wohl im C geno zu f in f ihrer ſie plun rade gew geta ſie l und davo über die arm wen Kön Sch ren meit e ein Frau ſtarr Er⸗ 3 ge⸗ mmer hn zu au ſo ge in⸗ ſie zu daß in ſie roßen ſchöne esgift Ir ſah n ſei⸗ iehen, König ondern ht be⸗ ls ge⸗ te von in der ichtes, erzens Gräfin 2 Herr 279 von Richelieu auf dieſem Geſichte las, ſo werden wir wohl auch darauf leſen. Frei, mit Wonne athmend, im Gefühle, an keine irdiſche Kette mehr genietet zu ſein, genoß ſie das Glück, ihr ganzes Weſen mit neuen Säften zu füllen, zog ſie gierig die Eindrücke mit einem Geiſte in ſich, den bis dahin nichts hatte ſättigen können. Zum erſten Male ſeit ihrer Kindheit lebte ſie nach ihrer Phantaſie. Emancipirt durch den Gatten, hatte ſie das hohe, allen kleinmüthigen Leuten und allen plumpen Leuten unbekannte, Glück, ſich ein Glück ge⸗ rade in dem Augenblick zu verſagen, wo ſie es ſich gewährte. Sie hatte ihren Blick in die Verſammlung getaucht, um hier gemächlich ein Ideal zu wählen, welches ſie lieben könnte, da ihre Seele von Liebe überſtrömte und Niemand in der Welt ihr auch nur einen Anſchein davon bezeigte. „So,“ ſprach ſie in ihrer Einbildungskraft,„ſo, Ihr übermüthigen Prinzen, Ihr unbezähmbaren Alcibiadeſſe, die Ihr nicht einmal einen hoffärtigen Blick auf die arme Verlaſſene werfen würdet! ſo kann ich Euch lieben, wenn ich will. Was ſage ich, die Prinzen! Ich kann den König lieben, wenn es mir gefällt. Der König iſt der Schönſte, der Stolzeſte, der Anbetungswürdigſte der Her⸗ ren des Hofes; nun! nichts verhindert mich, ihn mit meiner Einbildungskraft für mich zu nehmen. Nichts verhindert mich, ihm zu ſagen, wie ich mir ſelbſt ſage: ſeine Augen haben den Glanz des Diamants, ſeine Züge ſeien edel, ſein Wuchs ſei reizend, er könne keinen Schritt, keine Geberde, kein Zeichen machen, ohne daß die Anmuth um ihn her ausdufte. Wer kann mich alſo verhindern, den König zu lieben? Ich habe das Recht dazu, unterzeichnet, in meiner Schublade.“ Obgleich gewohnt, in den Zügen der Frauen zu leſen, hatte Richelieu dieſen Gedanken nicht errathen; er hatte hauptſächlich, trotz ſeiner Wiſſenſchaft, die er für ſo vollſtändig hielt, nicht errathen, wie die Gräfin von Mailly durch die verführeriſchſten Illuſionen 280 gewiegt, ſchlecht rechnete, in dieſem Augenblick beſon⸗ ders, und wie ſehr ſie ihren Bruch mit Herrn von Mailly zu hohen Intereſſen angelegt hatte. LVII. Soll es ſein? Nach dem Menuet, das Ludwig XV. tanzte,— allerdings mit einem Lächeln auf den Lippen, aber ſicht⸗ bar ohne auch nur entfernt an die Tänzerin oder den Tanz zu denken,— kam er zu Pecquigny zurück. Pecquigny ging ebenſo betreten als Richelleu ſeit ſeiner Entdeckung umher. Als er den König auf ſich zukommen ſah, blieb Pec⸗ quigny ſtehen. „Pecquigny?“ ſagte der Koͤnig. „Sire?“ antwortete der Kapitän der Garden. Beide ſtanden einander gegenüber: der König ſchaute Pecquigny an, Pecquigny ſchaute den König an. Beide ſchwiegen einen Augenblick. Der König hätte offenbar gewünſcht, daß Pec⸗ quigny errathe, was er ihm ſagen wollte. Doch er errieth nicht. Der König mußte ſich entſchließen. „Pecquigny,“ fragte er endlich,„wie hieß denn das Mädchen, das die Junia ſpielte?“ „Ich doppelter Dummkopf, der ich bin!“ murmelte Pecquigny mit ſich ſelbſt ſprechend. Dann ſagte er laut und mit ſeinem reizendſten Lächeln: „Olympia, Sire.“ rmelte ndſten 281 „Ahl es iſt wahr! dieſer Teufelsname, ich kann ihn nicht behalten.“ „Der König iſt offenbar wahnſinnig verliebt,“ dachte Pecquigny. Und er erwartete eine andere Frage. Ludwig XV. fragte aber nicht mehr. Pecquigny, als er ſah, daß der König nicht mehr mit ihm ſprach, nahm das Geſpräch mit ſich ſelbſt wieder auf, wo er es gelaſſen hatte, nur legte er mehr Ehrfurcht darein und wandte die zweifelnde Form an. „Pecquigny, mein Freund,“ ſgte er,„wenn Du kein Einfaltspinſel biſt, wirſt Du, ehe drei Tage ver⸗ gehen, Deinem Herrn einen großen Dienſt geleiſtet haben.“ Und da er ſah, daß ihm der König nichts mehr ſagen wollte oder nichts mehr zu ſagen wagte, ent⸗ fernte er ſich ſorgenvoll und ſing ſeine Promenade wieder an. „Ja!“ ſprach er, ſeinen Monolog fortſetzend,„aber Olympia, das iſt die Angebetete von Mailly; wenn ich gegen dieſe Feſtung marſchire, ſo iſt das Geſchütz von Mailly da. Was iſt zu thun? Einen Herold an Mailly abſchicken, um ihm den Krieg zu erklären? Welchen beſſeren Herold könnte ich wählen, als mich ſelbſt! „Da der König verliebt iſt,— wahrhaft verliebt, daran läßt ſich nicht zweifeln,— ſo beſtimmen wir Mailly zu dieſem Opfer. Vorwärts!“ Er ſchaute empor und begegnete dem Blicke von Richelieu, der auch lauerte. „Gut, der Herzog vermuthet etwas,“ dachte erz „er iſt ſchlau wie ein Teufel; wenn er es mir an Schnel⸗ ligkeit zuvor thäte!“ Er näͤherte ſich ebenfalls dem jungen König. Ludwig wartete mit Intereſſe. Ohne Zweifel glaubte er, Pecquigny werde mit ihm von Olympia ſprechen. Der Köͤnig täuſchte ſich. 282 „Sire,“ ſagte Pecquigny,„die Befehle Eurer Majeſtät für heute Nacht?“ „Die Befehle? Welche Befehle?“ „Die Befehle für die Wache, Sire.“ „Schicken Sie meine Chevaulegers weg und be⸗ halten Sie nur die Schweizer.“ Das war die Gewohnheit des Königs in Ram⸗ bouillet. Pecquigny wußte es wohl. „Ahl die Schweizer,“ ſagte er;„Eure Majeſtät behält die Schweizer?“ „Warum dieſe Frage?“ „Sire, ich bin ein wenig leidend.“ „Sie?“ „Ja, Sire.“ „In der That, Sie ſind roth.“ Pecquigny verbeugte ſich. „Einen Augenblick, Herzog; ſollten Sie nicht die Pocken haben?“ Und der Köaig, der vor den Pocken zitterte, fing damit an, daß er einen Schritt zurückwich. „Nein, Sire, ich habe ſie gehabt,“ antwortete Pecquigny. Der König näherte ſich ihm. „Und Sie ſagen alſo?“ „Ich ſage, Sire, wenn Eure Majeſtät die Haustrup⸗ pen nicht behaften hätte, ſo würde ich Eure Majeſtät inſtändig gebeten haben, mir Urlaub zu geben und ſich mit dem Lieutenant der Schweizer für heute Nacht zu begnügen.“ „Sehr wohl, Herzog, gehen Sie.“ Pecquigny verbeugte ſich. „Pflegen Sie ſich, Herzog,“ rief ihm der König zu,„ich wünſche, daß Sie nicht krank werden.“ „Ohl der König iſt zu gut,“ ſagte Pecquigny ſtrah⸗ lend. Und er lief zu ſeinen Leuten, warf ſich in ſeinen Wagen und befahl, nach Paris zu fahren. mu ho It urer önig rah⸗ einen 283 Der König ſolgte ihm mit den Augen bis an die Thüre, wie man einer Hoffnung folgt. Dann, als Pecquigny verſchwunden war, ging er wieder im Salon auf und ab. Es herrſchte außen eine große Kälte; dieſe Kälte drückte auf die Scheiben tauſend Millionen von ſilbernen Zeichnungen geformt vom Froſt, der ſie in leuchtenden Linien perlte. Frau von Toulouſe, als gute Wirthin, verlor den König nicht aus dem Geſichte; ſie ſah die Verlegenheit und die Langweile des jungen Fürſten und ging auf hn zu. „Sire,“ ſagte ſie,„ich habe eine Idee.“ „Ah!l wahrhaftig, Gräfin?“ rief der König;„es muß eine gute Idee ſein, da ſie von Ihnen kommt.“ „Ich halte ſie für eine ſolche. Hören Sie, Sire.“ „Ich höore mit allen meinen Ohren.“ „Nehmen Sie zuerſt meine Hand.“ „Ohl ſehr gern.“ „Und trachten wir darnach, daß man uns nicht „Ohl Gräfin, wie gut fängt Ihre Idee an.“ „Es iſt ein Geheimniß.“ „Ein Geheimniß mit Ihnen! ohl ſo lange es Ihnen beliebt. Was wollen Sie mir ſagen?“ „Etwas, was ich Ihnen ſchon geſagt habe, Sire.“ „Sie vermöchten ſich nicht zu oft zu wiederholen, beſonders für mich, der ich Sie nicht zu oft zu hören vermöchte.“ „Sire, Sie langweilen ſich.“ „Ach! Gräfin,“ ſagte der König Frau von Tou⸗ louſe anſchauend, wie ſechzig Jahre ſpäter Cherubin die Frau von Almaviva anſchauen mußte,„an wem iſt die Schuld?“ Ein Blick des Vorwurfs, ein beinahe ſchmerzlicher Blick, ein Blick, der von den Augen von Ludwig XIV. 284 Wagedanden la Vallidre in die Verdammniß geführt ätte. Frau von Toulouſe beſchränkte ſich auf ein Lächeln. Sie kannte ſeit langer Zeit dieſe Blicke. „Seine Gäſte beluſtigen iſt eine Pflicht,“ ſagte ſie heiter;„ſeinen König beluſtigen iſt eine Chre.“ „Wohl denn!“ ſprach Ludwig XV.„ich überlaſſe mich Ihnen; haben Sie die Güte, beluſtigen Sie mich.“ „Zu dieſem Ende müſſen Sie thun, was ich Ihnen ſagen werde.“ „Blindlings.“ „Nun! ſo gehen Sie zu Bette.“ Der König ſchaute ſie au. „Was ſehen Sie Beluſtigendes hierin, Gräfin?“ fragte Ludwig XV. „Hernach wird Jedermann wegfahren oder Ihnen nachahmen, und wir kommen ſodann in einer kleinen, gut gewählten Anzahl zu Ihnen und ſuchen Sie dort zu unterhalten.“ Der Koͤnig drückte ihr ganz freudig die Hand. „Einen Augenblick Geduld,“ ſagte ſie;„wir haben noch nicht Alles beendigt.“ „Was bleibt uns denn noch zu machen?“ „Die Liſte der Glücklichen, die nicht ſchlafen werden.“ „Ohl Gräfin, wie ließe ſich hier vor aller Welt eine Liſte machen?“ „Ja, man würde uns errathen. Der König hat Recht.“ „Was iſt dann zu thun?“ „Ohl eine andere Idee...“ Wir ſpazieren mitten unter den Gruppen umher, Eure Majeſtät führt mich bei der Hand.“ „Immer, Gräfin, immer.“ „Ich werde Eure Majeſtät bei allen denjenigen zurückhalten, von denen ich glaube, ſie ſeien beluſtigend, und willigt Eure Majeſtät ein, daß dieſe bleiben, ſo wird ſie mir nur ſagen: Ja.“ 285 „Gut, ſehr gut, fangen wir an.“ „Fangen wir an.“ „Aber, Gräfin, Sie werden nie genug Gedächtniß haben.“ „Kein Gedächtniß, ich, Sire!“ erwiederte boshaft Frau von Toulouſe.„Man fieht wohl, daß es Eurer Majeſtät ſelbſt daran gebricht.“ Der König drückte ihr zärtlich die Hand. „Und dann,“ fügte ſie bei, um das Geſpräch ſo⸗ gleich abzulenken,„ich wäre ſehr unglücklich, Sire, wenn ich nicht genug Gedächtniß hätte, um ſieben bis acht Namen zu behalten.“ „Nicht mehr?“ rief der Konig. „Eil Sire, nehmen Sie ſich Acht, wenn Sie mehr Menſchen einladen, werden wir uns nicht beluſtigen.“ „Sie haben immer Recht, Gräfin.“ Und wie ein ungeduldiges Kind zog er Frau von Toulouſe in die Gruppen fort. Die erſte Perſon, der ſie begegneten, war Fräulein von Charolais. Die Prinzeſſin lachte auf das Herzlichſte, denn ſie war eine große Lacherin. Das Lachen machte ihre ſchönen weißen Schultern ſpringen und entblößte ihre Zähne, welche noch weißer durch den Contraſt ihrer wie die us dem Meere hervortretende Koralle rothen, feuchten ippen. Frau von Toulouſe ſchaute lächelnd den König an und ſagte: „Wenn dieſe Perſon nicht beluſtigend iſt, ſo iſt ſie doch wenigſtens ſehr beluſtigt.“ „Ja,“ erwiederte der König. „Eingeſchrieben alſo.“ Sie gingen weiter und trafen Herrn von Toulouſe. Die Gräfin hielt den König gerade ihrem Gemahl gegen⸗ über zurück. Doch der König gab keine Sylbe von ſich. Die Graͤfin blieb beharrlich. 286 „Gut,“ ſagte Ludwig XV.;„Sie mußten mich nicht wählen heißen, da Sie wählen. Nein, ſehen Sie, Gräfin,“ fuhr er fort,„wir haben das ſchlecht eingerichtet. Die Leute, die ich wähle, werden Ihnen nicht gefallen; die, welche Sie wählen, werden nicht genug nach meinem Geſchmacke ſein. Beſſer wäre es...“ „Sprechen Sie, Sire...“ „Beſſer wäre es, wir ließen den Zufall entſcheiden.“ „Wir können aber doch nicht über dieſe Gunſt das Loos ziehen; zu viele Leute würden ſich gegen das Ge⸗ ſchick empören.“ „Sie haben eine Idee gehabt, Graͤfin; nun iſt die Reihe an mir, auch eine zu haben.“ „Ohl ich bezweifle nicht, daß die Idee des Königs mehr werth iſt, als die meinige.“ „Mag ſie gut oder ſchlecht ſein, ich will ſie Ihnen geben. Sie präſentiren mir die Männer und die Frauen, die wir Beide wählen werden; ich richte eine Frage an ſie, und je nach ihrer Antwort ſollen ſie zurückgewieſen oder zugelaſſen ſein.“ „Sehr gut, Sire.“ „Kommen wir alſo überein. Ich werde mich jeder Perſon nähern, ſie anſchauen und zu ihr ſagen: Soll es ſein?“ „Das iſt nicht gefährdend.“ „Sie werden ſehen, Gräfin, wie viele Leute nein antworten!.. Sie werden ſehen!“ „Was muß man antworten, um zugelaſſen zu werden?“ „Ja. 4 3 „Nehmen Sie ſich in Acht, Sire, Sie ſetzen ſich ſehr aus. Niemand wird es wagen, Eurer Majeſtät nein zu antworten.“ „Sie glauben?“ „Ich bin deſſen ſicher.“ „Wohl, Sie ſollen ſehen; ich habe ein Mittel.“ Mitt werd richt wor klein wird Maj Ich zuri das gem Fre nicht fin,“ Die die, inem den.“ das Ge⸗ t die önigs hnen auen, ee an dieſen jeder Soll nein 287 „Ah! Sire, ich bitte, erklären Sie mir dieſes Mittel.“ „An dieienigen, welche ich will nein ſagen laſſen, werde ich die Frage mit einer unfreundlichen Miene richten.“ „Gut.“ „Zu denjenigen, welche ich gern möchte ja ant⸗ worten machen, werde ich ſoll es ſein mit einer kleinen auffordernden Miene ſagen, die ſie feſtnehmen wird. Die Gleichgültigen endlich...“ „Sire, ich muß ſogleich bemerken, daß es für Cure Majeſtät ſein wird, als ob es gar keine ſolche hier gäbe. Ich werde Eure Majeſtät nicht von den Gleichgültigen zurückhalten.“ Ludwig XV. lächelte. „Vor Allem,“ ſagte die Graͤfin,„zwei Theile ohne das Loos, einen für mich.“ „Von Herzen gern zugeſtanden.“ „Und den andern...“ „Und den andern?“ „Für Herrn von Toulouſe.“ „Unterzeichnet Ludwig, Gräfin.“ „Doch das arme Fräulein von Charolais, das ſchon gewonnen hatte?“ „Das Loos, Gräfin, das Loos!“ „Wohlan!“ Und der König und die Gräfin wandten ſich gegen Fräulein von Charolais. LVIII. Die magnetiſchen Ströme. Die Prinzeſſin plauderte mit ihrer Mutter und dem Herrn Herzog von Bourbon und lachte fortwährend. Der König blieb vor ihr ſtehen: das war das zweite Mal ſeit zehn Minuten. Sie ſchaute den König mit einer fragenden Miene an. „Soll es ſein?“ fragte ſie der König mit einer ſeltſam geheimnißvollen Miene. „Nein,“ antwortete die zum Widerſpruche geneigte Prinzeſſin. Der König fing an grauſam zu lachen; die Gräfin ſelbſt konnte ſich des Lachens nicht erwehren. „Eil was widerfährt mir denn?“ fragte erſtaunt die Prinzeſſin;„iſt das eine Wette?“ „Stille!“ erwiederte der König, indem er einen Finger auf ſeine Lippen legte. Und er ging weiter und ließ die Prinzeſſin ganz neugierig gemacht zurück. „Habe ich wenigſtens gewonnen?“ rief Fräulein von Charolais, die dem König, der ſchon fern war, nachlief. „Je nachdem!“ antwortete er. Die Prinzeſſin blieb ſtehen; man hatte ſich gegen ſie umgewandt; ſie erzählte ihr Abenteuer der ganzen Verſammlung. In einem Augenblick war Jeder auf dem Laufenden, und Jeder glaubte, indem er die Zeichen des Königs ſah, Fräulein von Charolais habe eine Wette gewonnen. Und da Fräulein von Charolais die Schweſter des Miniſters und mächtig war, ſo wähnte Jeder Wunder zu thun, wenn er ein Beiſpiel an ihr nahm und Nein auf das Soll es ſein des Königs antwortete. 289 Der König ſchlug ein Gelächter auf, und alle Welt lachte. Er riß die Gräfin in ſeinem Laufe und in ſeiner Heiterkeit mit ſich fort. Da dieſe Wuth der Nein anſteckend von einem Platze zum andern fortwirkte, ſo boten ſich nur noch Negationen als Antwort für Seine Majeſtät. Der Koͤnig kam zu Richelieu. Dieſer, ein hoͤchſt durchtriebener Höfling, begriff, daß etwas hierunter ſteckte; er entfloh aus Scherz vor dem König und der Gräfin und verbarg ſich hinter dem Lehnſtuhl, in dem Frau von Mailly ſaß. Einmal im Laufe, verfolgte ihn Ludwig XV.; doch er war genöthigt, vor Frau von Mailly anzuhalten, welche, als ſich der König näherte, aufgeſtanden war. Die Hand von Frau von Toulouſe hielt Ludwig XV. vor der Gräfin zurück. Die erſte Bewegung des Königs war eine Art von Erſtaunen oder vielmehr von Beſtürzung. Er hatte ſich, ohne es zu wiſſen, mitten in die Strom der Electricität geworfen, welche ſich den ganzen Abend, dieſen ſchwarzen Augen, der Hauptſchönheit von Frau von Mallly, entfließend, gegen ihn zuſammengezogen. Er wollte:„Soll es ſein?“ mit Härte ſagen, denn die Empfindung, die ihn Frau von Mailly gegen⸗ über ergriff, war keine angenehme. Es liegt ein Leiden in Allem dem, was zu lebhaft iſt, und wäre es ein Vergnügen. Aber bezaubert, aber bezähmt durch dieſe aus dem Geſichte der Gräfin hervorſpringende Flamme, milderte er unwillkürlich ſeine Geberde und ſeine Stimme. Sein Blick wurde von glühend ſchüchtern; ſeine Stimme nahm einen zarten, beinahe flehenden Ausdruck an. „Soll es ſein?“ fragte der König mit dem Ton, mit dem er gefragt hätte: „Lieben Sie mich?“ Betroffen von der Woge der Sympathie, welche Olympia von Clèves. II. 19 290 aus der ganzen Perſon des Königs hervorgeſtrömt war, erbleichte die Gräfin von Mailly, drückte ihre Hand auf ihr Her und erwiederte: a 41 Und es ſchien ihr, als hätte ſie geantwortet:„Lieben Sie mich?“ Alles dies dauerte weniger lang, als der Blitz. Nach Frau von Mallly blieb der Herzog von Ri⸗ doelien allein noch, ohne vom König gefragt worden zu ſein. Geſchützt, aber nicht verborgen hinter dem Lehnſtuhl, erhob er ſich. Er hatte aus dem ſo zarten Ausdruck dieſer zwei Stimmen Alles entnommen. „Ja,“ ſagte er zum König, ehe ihn Ludwig XV. fragte.„Ja, Sire, ja, ja, ja!“ Der Höfling hatte begriffen, daß er, um ſich zu empfehlen, nicht anders ſagen durfte, als Frau von Mailly geſagt hatte. „Gräfin,“ ſprach der König, während er Frau von Toulouſe an ihren Platz zurückführte:„Sie ſehen, daß wir durch eine äußerſt ärgerliche Wirkung des Zu⸗ falls von hundert Perſonen auf fünf beſchränkt find, von denen drei nicht einmal zu wählen gehabt haben. Ich frage Sie, was können wir zu fünf Perſonen thun? Nichts.“ „Zu fünf können wir in den vier Ecken oder blinde Kuh ſpielen.“ „Eil“ verſetzte der König,„bei letzterem Spiel wäre man ſicher, ſich nie zu irren: man würde ſich zu genau kennen.“ „Sie verzichten alſo, Sire?“ „Bei meiner Treue..“ Der Köͤnig wollte ja ſagen, als er plötzlich, indem er ſich umdrehte, als wäre er durch eine unſichtbare Kette rückwärts gezogen worden, auf ſich geheftet den hartnäckigen, unermüdlichen Blick von Frau von Mailly gewahrte. Unv Fran müſſ Gen er: werd der blick unte Wor Blie die fügt Alle in 8 gute dern dieſe glat blen war, bauf ieben 6. Ri⸗ orden iſtuhl, zdruck XV. ich zu u von Frau ſehen, es Zu⸗ — find, haben. thun? blinde Spiel ſich zu indem chtbare tet den Mailly 291 „Bei meiner Treuel nein, ich verzichte nicht; das Unvorhergeſehene iſt das Unterhaltendſte auf der Welt.“ „Gut; nur wird man Herrn von Richelieu und Frau von Mailly ſehr beluſtigend zu ſein empfehlen müſſen; ſonſt läuft Eure Majeſtät Gefahr, ſich in ihren Gemächern noch mehr zu langweilen, als bei der Oper.“ „Mich langweilen! mich langweilen!“ wiederholte er:„Nun! ich glaube nicht, daß ich mich langweilen werde.“ Und er ſchaute immer auf die Seite, wohin ihn der bezaubernde Blick zog. Dann, nach einem Augen⸗ blick, fügte er bei: „Unterrichten Sie Herrn von Toulouſe, Gräfin; unterrichten Sie auch dieſe Dame; ich... ich will ein Wort zu Herrn von Richelieu ſagen.“ Richelieu verließ den König eben ſo wenig mit dem Blick, als ihn Frau von Mailly verließ; er lief auf die erſte Geberde des Königs herbei. „Ich habe gewonnen, nicht wahr, Sire?“ ſagte er. „Bei meiner Treue, ja,“ antwortete der König. „Darf ich den König fragen, in welchem Spiele?“ fügte Richelieu ſich verbeugend bei. „Herzog, wir beluſtigen uns nachher ohne Zeugen.“ „Wo dies, Sire?“ „Bei mir. Kratzen Sie an meiner Thüre, wenn Alle ſchlafen gegangen ſind.“ Richelieu wäre beinahe vor Freude erröthet. Frau von Mallly aber erbleichte und wäre beinahe in Ohnmacht gefallen, als ihr Frau von Toulouſe dieſe gute Kunde eroͤffnete.— „Ich glaube,“ ſagte Richelieu, indem er wie die An⸗ dern Abſchied nahm, doch ohne, wie die Andern, durch dieſen vorgeblichen Rückzug hintergangen zu ſein,„ich glaube, dieſe Unterhaltung wird die Löſung meines Pro⸗ blems ſehr beſchleunigen.“ Und ſtatt zu ſeiner Carroſſe zu gehen, hockte er 292 ſich in ein kleines Cabinet, wo die Gräfin von Toulouſe ſchon Frau von Mailly verborgen hatte. Richelieu hatte in ſeinem Leben kein Wort mit Fräulein von Nesle geſprochen, und er hatte dieſe Dame nur während des Abends ausgezeichnet, deſſen Haupt⸗ abentener wir ſkizzirt haben. „Wenn ich wahrhaft Richelieu wäre,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„ſo würde dieſe Frau für mich ſchon morgen beim König verlangen....“ Dann ſich unterbrechend: „Ich Dummkopf, der ich bin! es iſt ſchon zu ſpät, mich in die Reihe der Bewerber zu ſtellen, und ich habe nur noch ein Mittel.“ Und er näherte ſich ſogleich Frau von Mailly und ſprach ohne alle Umſchweife zu ihr: „Madame, nie vielleicht werde ich mehr die Ge⸗ legenheit haben, Ihnen zu ſagen, was Sie zu Ihrem Schmerze hören ſollen.“ „Und was denn, Herr Herzog,“ fragte die Gräfin mit einer gewiſſen Bangigkeit. „Madame, ſeit zwei Stunde ſchaue ich Sie an.“ „Nunl mein Herr?“ „Nunl ſeit einer Stunde..“ Richelieu wollte ſagen:„liebe ich Sie.“ Ein Blitz erleuchtete ſeinen Geiſt. Er faßte ſich raſch und ſprach: i„Seit einer Stunde bemerke ich, daß Sie verliebt nd.“ „Ich!“ rief die Gräfin. „Raſend, Madame.“ „Mein Gott! und in wen denn?“ rief die Gräfin, die ihre Beklommenheit unter einem Gelächter zu ver⸗ bergen ſuchte. „Das iſt ein Glück, welches ich Ihnen überlaſſen will, wenn Sie es ihm ſelbſt ſagen werden.“ Halb niedergeſchmettert, halb wüthend, war Frau von Mailly im Begriff, eine Erklärung vom Herzog zu ouſe mit ame upt⸗ r zu rgen ſpät, habe und Ge⸗ hrem räftn 4 1. rliebt räfin, ver⸗ laſſen Frau og zu fordern, als plötzlich die Gräfin von Toulouſe, die mit ihrem Gemahl zurückkam, verkündigte, der König ver⸗ lange ſeine Geſellſchaft zu ſehen. Frau von Mailly war alſo genöthigt, in ihrer Bangigkeit zu bleiben. Alles war im Schloſſe erloſchen. Die Carroſſen führten nach Paris diejenigen von den Gäſten, welche keine bezeichnete Wohnung im Palaſte hatten. Die Be⸗ vorzugten wohnten ſchon in ihren Zimmern. Man hörte nur noch unter den Hallen und in der eiſigen Luft der Höfe das Geräuſch der Diener, welche die Thüren ſchloſſen, und die Schweizer, welche mit abgemeſſenem Schritt unter den Veſtibules und bei den Freitreppen marſchirten. Frau von Toulouſe zeigte ihren Gäſten den Weg; eine Geheimtreppe führte die vier Genoſſen Seiner Majeſtät in die Flur ihrer Wohnung. Eine tiefe Stille fing an im Schloſſe zu herrſchen. Nur im Hintergrunde der Höfe heulten einige Hunde, in die Ställe eingeſchloſſen, auf das Geſchrei der im Walde hinter den Faͤhrten verlorenen Hunde antwor⸗ tend. Nach dem Geheule das kräftige Athmen der durch den Froſt mit dem Schnupfen behafteten Pferde, der Lärmen der auf das Pfaaſter fallenden Flinten, ein kalter Wind, der die Aeſte der Bäume durchſchnitt und ſie an einander ſtieß,— das war Alles, was man hörte. In dieſem Augenblick krachten auf den Teppichen die kleinen Füße der Gräfin von Toulouſe und von Frau von Mailly, welche der König, ganz freudig über das muth⸗ willige Unternehmen, an der Thüre ſeines Salon em⸗ pfing. Der Herr Graf von Toulouſe und der Herzog von Richelien folgten den zwei Frauen. Der König zeigte ihnen lachend, daß er zwei Geiger und einen Imbiß hatte kommen laſſen; der Imbiß war⸗ tete in Schüſſeln von Vermeil, bedeckt mit prächtiger damascirter holländiſcher Leinwand. Der König ließ ſogleich die vier Auserwählten ein⸗ 294 treten und befahl, alle Thüren zu ſchließen, welcher Be⸗ fehl auf der Stelle vollzogen wurde. „Und nun, da wir hier ſind, um uns zu beluſti⸗ gen,“ ſagte der König,„beluſtigen wir uns.“ LIX. Blinde Kuh. Von den fünf ſo durch die Laune des Zufalls ver⸗ ſammelten Perſonen begriff nur eine einzige den Werth der Gräfin. Der Herr Herzog von Richelieu ſollte in vertrau⸗ teſter Nähe des Königs einer Scene beiwohnen, aus der ſein, gegen ein geheimes Ziel geſpannter, Geiſt in der That nützliche Folgen zu ziehen wiſſen würde. Der Graf und die Gräfin von Toulouſe ertrugen ungeduldig die Laune des Königs, die ſie für eine heim⸗ liche Vergnügenspartie mit einer unbeachteten Perſon, von gewöhnlichem, unbekanntem Adel, ohne ein großes Relief bei Hofe, verband.“ Ganz erſtaunt, ganz erſchrocken, der doppelten Mar⸗ ter ihres Innern und der Offenbarungen, die ihr dieſes Innere ſo eben gemacht, preisgegeben, noch angegriffen von ihrem Bruche mit ihrem Gatten, ſah ſich Frau von Matilly in eine andere Luft und in einen anderen Bo⸗: den verſetzt, wie eine ihrem Vaterlande entriſſene Pflanze, die ſich zwiſchen dem Leben und dem Tode ſindet. Der Koͤnig wußte nichts, wenn nicht, daß er die Etiquette des Schlafengehens vermeiden, ein paar Stun⸗ den Kurzweile treiben und eine Menge Leute ärgern ſollt ren Ank⸗ von bein ung in i in g gun den nern Fra nan Hof Par bekü den ſchli⸗ Alle abtt rech plat unt mit Alc geg beu der ner eine grü ver⸗ Werth ctrau⸗ s der in der rugen heim⸗ erſon, großes Mar⸗ die ſes griffen u von n Bo⸗ flanze, er die Stun⸗ ärgern 295 ſollte, die am andern Tag das bizarre Abenteuer erfah⸗ ren würden. Richelieu bemerkte wohl, daß Ludwig XV. bei der Ankunft der Damen artig die Hand der Frau Gräfin von Toulouſe nahm und der troſtloſen Frau von Mailly beinahe keine Aufmerkſamkeit ſchenkte. An der Seite Seiner Majeſtät ſtand gerade und ungezwungen ein kräftiger Mann, von einer offenen und in ihrer Alltäglichkeit feinen Geſichtsbildung. Er war in grünen Sammet gekleidet und hielt, als Hervorra⸗ gung und zugleich als Beſcheidenheit, die Mitte zwiſchen den ſehr erhabenen Leuten und den demüthigſten Die⸗ nern des Hofes. Das war der Leibkammerdiener des Königs von Frankreich, es war Bachelier, wie ihn Ludwig XV. nannte; es war Herr von Bachelier, wie man ihn bei Hofe nannte; Bachelier, ein einflußreicher Mann im Parlament, der ſich aber wenig um die äußere Politik bekümmerte. Bachelier, der glückliche Sterbliche, der den König vom Aufſtehen bis zum Schlafengehen ein⸗ ſchließlich unter ſeinem Einfluſſe hielt und das von Allen ſo beneidete Vorrecht genoß, welches er nicht hätte abtreten wollen und nicht abgetreten hätte, das Vor⸗ recht, im königlichen Zimmer zu ſchlafen. Während der Graf von Touloſe mit dem König plauderte, während ſich die zwei Frauen mit einander unterhielten, unterhielt ſich Richelieu, immer gewandt, mit dieſem allmächtigen Miniſter, mit dieſem Miniſter des Alcoven, der nie den erſten Schritt gegen Jemand that, gegen den Alles hinſtrebte, vor dem ſich Alles ver⸗ beugte. „Wir haben alſo eine Vergnügungspartie?“ ſagte der Herzog mit einem anmuthigen Lächeln zu dem Die⸗ ner, welcher den Erben des großen Cardinals mit einem Lächeln, das eben ſo ſtolz als freundlich, be⸗ grüßte. „Es ſcheint, Herr Herzog, wir werden die Nacht 296 damit zubringen. Deſto ſchlimmer für den König! denn ohne Zweifel wird Seine Majeſtät morgen krank ſein.“ „Wahrhaftigl Seine Majeſtät hat alſo keine kräf⸗ tige Geſundheit, Herr Bachelier?“ „Im Gegentheil, Herr Herzog; doch der König wird übermäßig aufgeregt ſein; Seine Majeſtät wird ſchlecht und mit unangenehmen Empfindungen oder mit Erinnerungen ſchlafen, und unſer morgiger Tag wird die Nachwehen davon haben.“ Bachelier ſagte— unſer Tag,— denn Bachelier hielt, mit Recht, den Tag Seiner Majeſtät für den ſeinigen. Richelieu lächelte. Er kannte Bachelier. „Sie glauben alſo, mein lieber Bachelier, Seine Majeſtät werde Erinnerungen bewahren 2“ „Sicherlich.“ „Die Frau Gräfin von Toulouſe beſchäftigt alſo den König immer noch?“ „Ohl nein, das iſt vorbei,“ erwiederte Bachelier. „Es wäͤre alſo Frau von Mailly 2“ fuhr Richelieu lebhaft fort. „Noch nicht, Herr Herzog. Doch es iſt ſchwer zu denken, daß dies nicht geſchehen ſoll.”² „Und warum, wenn ich bitten darf?“ „Schauen Sie doch, betrachten Sie dieſe Frau... Aber verzeihen Sie, Herr Herzog, ich berühre Sie hof⸗ fentlich in keiner Hinſicht?“ „In keiner Hinſicht, mein lieber Bachelier. Herr von Mailly gehört weder zu meinen Freunden, noch zu meinen Verwandten, Sie koͤnnen alſo offen reden. J fordere Sie ſogar dazu auf, denn es handelt ſich um unſere gemeinſchaftlichen Intereſſen.“ Herr Bacheller fühlte ſich äußerſt geſchmeichelt durch dieſe Phraſe des Herzogs, der ſich ſo mit dem erſten Kammerdiener Seiner Majeſtät verband. ſehe wie Bie ſcha Fra gan Aut den ſeit 297 nig!„Schauen Sie doch dieſe Frau an, Herr Herzog! krank ſehen Sie die Hände, den Hals, die Haare, die Augen: wie ſchön dies Alles iſt! Und die ſchöne Race in dieſer krãf⸗ Biegung der Taille! und die reizenden Zähne!“ „Sie iſt ein wenig mager,“ ſagte Richelieu. Cönig„Zu viel Leidenſchaft, Herr Herzog, zu viel Leiden⸗ wird ſchaft, und Sie können mir glauben. Ich kannte dieſe r mit Frau beinahe nicht, Monſeigneur, doch ich habe ſie dieſen 6 wird ganzen Abend angeſchaut.“ „Der Köͤnig ſchaut aber die Frauen nicht an.“ 1 helier„Er ſchaut ſie inwendig an,“ erwiederte Bachelier. den„Er iſt ſchüchtern.“ „Ja, nie wird Seine Majeſtät nur ein Liebeswort zu Einer ſagen.“ Seine„Wer wird dann anfangen oder machen, daß er anfängt? Die Chrfurcht wird Alle abhalten, dieſes Wort zuerſt zu ſagen.“ alſo„Das ſind Augen, die nicht lange brauchen wür⸗ den, um ſich auszudrücken,“ erwiederte Bachelier lächelnd; helier.„dieſe Augen würden wohl ſprechen und ſich gewiß ver⸗ ſtändlich machen.“ Hienach ſeufte Bachelier. „Bachelier,“ fragte der Herzog,„wann werde ich Ihnen ein Wort unter vier Augen ſagen können?“ Der Kammerdiener ſchaute den Herzog an. Weder der Eine, noch der Andere ſuchte in dieſem Augenblick ſeinen Gedanken zu verbergen. Sie verſtan⸗ den ſich. Herr„Wann Sie wollen, Monſeigneur.“ öch zu„Wann ſind Sie frei?“ Ich„Der König kehrt morgen nach Paris zurück.“ ch um„Im Wagen?“ „Ja, Herr Herzog.“ durch„Und Sie?“ erſten„Ich, zu Pferde mit dem Gefolge.“ „Ich werde auch zu Pferde ſein. Bleiben wir bei⸗ 5 ſeit; wir werden plaudern.“ 298 „Herr Herzog, zu Ihren Befehlen.“ „Bachelier?“ rief der König. Der König befahl ihm, einen Spieltiſch zu öffnen. Doch nach einiger Zeit dünkte das Spiel eine alberne Beluſtigung dieſen Perſonen, die es alle Tage öffentlich trieben. Man fing an, diesmal mit mehr Heiterkeit, zu Nacht zu ſpeiſen. Die Gaͤſte fanden ein Wohlgefallen an dem Scherz, das Geräuſch zu verhüten, darüber zu wachen, daß die Flaſchen nicht knallten, und das Geflüſter ihrer Stim⸗ men in den Klagen des Windes, der in den Tiefen des Parkes ſtöhnte, verloren gehen zu laſſen. Als das Mahl beendigt war, ſchlug der Herzog von Richelieu, der die Regierung bei dieſer Luſtbarkeit in ſeiner Eigenſchaft als erfahrener Mann übernommen hatte, die lärmenden Spiele vor. Man war des Still⸗ ſchweigens müde und begann daher eine Partie blinde Kah⸗ ein den Ueberraſchungen und Tollheiten günſtiges Spiel. In dem weiten Gemache, das der König bewohnte, wurde der Blinde mitten unter die Lacher geſchleudert. Der Graf von Toulouſe hatte zuerſt die ſchlimme Chance zu erfahren. Das Schickſal hatte entſchieden; der Herr Groß⸗ admiral war nicht glücklich geweſen. Der König belebte ſich. Er ergötzte ſich an den kleinen Schreien der Frauen, an dieſen ſo anmuthigen kleinen Schreien, welche mehr die Aufregung als die Furcht bezeichnen. Er ergötzte ſich beſonders an den kleinen Warnungen, die der verſchmitzte Bachelier jede Minute gab: „Sire, man wird vom Schloſſe aus hören.“ Endlich fing und errieth der Herr Graf von Tou⸗ louſe den König, der ſich fangen ließ⸗ Das war ein intereſſantes Schauſpiel.— Herr von Richelieu, der vollkommen die Lächerlich⸗ keit fühlte, die es bei ihm hätte, wenn er ſich vom nen. erne tlich zu herz, 3 die tim⸗ des erzog eit in nmen Still⸗ linde ſtiges ohnte, udert. hance Groß⸗ den higen ls die den jede Tou⸗ erlich⸗ vom 299 König fangen und errathen ließe, vermied ihn mit der ängſtlichſten Aufmerkſamkeit. Dagegen kämpfte in ihm die Furcht, ſeinen Für⸗ ſten zu lange leiden zu laſſen. Die beim Spiele intereſſirten Damen liefen und durchkreuzten ſich, und ſuchten Schutz hinter den Lehn⸗ ſtühlen und Tiſchen. Das Ohr auf der Lauer, die Arme ausgeſtreckt, wenig aufmerkſam auf das traditionelle Casse-cou*), lief der König den wohlriechenden Spuren nach, folgte er dem ſeidigen Rauſchen der Kleider und dem leichten Tone der Atlaßpantoffeln. Ein freudiger Schrei benachrichtigte ihn, ein an⸗ derer lenkte ihn ab; der Lärmen eines Meuble, an das man geſtoßen, trieb ihn in einer Richtung fort, ein Kastſcher in die Hände zog ihn nach einer andern eite. Seine Majeſtät ging beſonders den Frauen nach, deren haſtige Schritte, lautes Athmen und zarte Ge⸗ lenke, welche fortwährend beim Auftreten krachten, er hörte. Klein, rund, jedoch leicht, hüpfte die Gräfin von Toulouſe von Wall zu Wall; ihre Bruſt keuchte unter den Sammetknoten ihres Leibes. Größer, von feineren Formen, ſchlank und hoch gewachſen wie Diana, ſtreckte Frau von Mailly ihre ſchönen Arme aus, indem ſie vor Freude ihre abwech⸗ ſelnd in ein Schmachten verſunkenen oder von Flammen beladenen Augen funkeln ließ. *) Beim Colin-maillard, Blinde⸗Kuy⸗Spiel, wird Casse-cou(Halsbreche) bei den Franzoſen von den Mitſpielenden gerufen, um denjenigen, welcher die Binde um die Angen hat, darauf aufmerkſam zu machen, daß er ſich einer Stelle nähert, wo er ſich verletzen könnte. 300 Der König lief Frau von Toulouſe nach; die Grä⸗ fin von Mailly, welche bemerkte, Frau von Toulouſe ſei nahe daran, erreicht zu werden, glaubte, ſie hätte Zeit, den Salon hinter dem König zu durchſchreiten. Aber mitten in ihrem Laufe wurde ſie vom König gehört; ſie wurde durch das Rauſchen ihres von Silber⸗ lahn durchzogenen Kleides verrathen. Der König drehte ſich auf ſeinen hohen Abſätzen um, ſtürzte gegen ſie und brauchte nur die Arme auszuſtrecken, um die ganz zuckende ſchöne Gräſin in dieſelben, wie in eine Falle, einzuſchließen. Der König ſchrie: „Das iſt nicht die Frau Gräfin von Toulouſe 14 Dieſer Schrei entſchlüpfte ihm. Statt zu rufen:„Das iſt nicht die Frau Gräfin von Toulouſe!“ hätte Ludwig XV. allerdings rufen köoͤnnen: „Das iſt die Frau Gräfin von Mailly!“ Doch er hatte es nicht gewagt, ſich auf eine ſo förmliche Art auszu⸗ drücken. Für die arme Frau, welche die ſchüchterne Zurück⸗ haltung des Königs nicht begriff, hatte dieſer Ruf ſo viel Bedeutung gehabt, daß er ihr einen großen Seufzer, beinahe einen Schrei, beinahe Thränen ent⸗ lockte, und daß ſie, wie fortgeriſſen durch eine inſtinct⸗ artige Bewegung, antwortete: „Ach! nein, Sire, es iſt nicht die Frau Gräfin von Toulouſe.“ Ludwig liebte den Geiſt, er begriff ihn, er hatte ſelbſt Er fühlte das ganze Gewicht des Schlages, den er verſetzt hatte: ſeine Hände ergriffen die Häͤnde der Frau Gräfin von Mailly, die er kalt und zitternd fand. Es war ein Blitz des Verſtändniſſes zwiſchen dieſen zwei Naturen. Richelieu beobachtete Alles. „Das iſt ein Schimpf, aus dem die Frau Gräfin von 2 zieher 1 9 1 des K lichen von 7 geflof ¹ 0 warf Am .„—, Blick. nigs 1“ von anen: hatte uszu⸗ rrück⸗ Ruf oßen ent⸗ tinet⸗ von hatte den der fand. dieſen räfin 301 von Mailly, wenn ſie will, einen ſehr großen Vortheil ziehen wird,“ ſagte der Herzog zu ſich ſelbſt. Und er täuſchte ſich hierin nicht. Frau von Mailly löſte die Binde von den Augen des Königs und legte ſie, ganz geſchwängert von jugend⸗ lichen Duͤnſten, um ihre eiskalte Stirne. Alles Blut von Frau von Mailly war nach ihrem Herzen zurück⸗ gefloſſen. Das Spiel fing wieder an. Der König, der ſein Unrecht gut machen wollte, warf ſich als ein Verzweifelter der Gräſin entgegen. Am Ende erhaſchte ſie ihn. „Oh!'“ ſagte ſie,„das iſt wohl der König.“ Dann fügte ſie ganz leiſe bei: „Wer ſollte es denn ſein, wenn er es nicht wäre?“ Al dele und Bachelier wechſelten einen raſchen Ein Blitz der Freude hatte in den Augen des Kö⸗ nigs geglänzt. LX. Herzog und Kammerdiener. Es iſt das Eigenthümliche der ſtarken Gemüths⸗ bewegungen, daß ſte nothwendig die Ruhe nach ſich ziehen. Die übermäßige Aufregung, wie Bachelier ſagte, iſt die ältere Schweſter der Erſchlaffung. Die träumeriſche Neigung unſerer zwei durch die Sympathie in Verbindung gebrachten Perſonen brach um Mitternacht gleichſam ab. 30² Kein anderes Spiel wurde vorgeſchlagen. Nach einigen Geſprächsverſuchen, bei welchen Ri⸗ chelieu in Gedanken verſunken, der König ſchläfrig, der Graf und die Gräfin von Toulouſe lau und Louiſe von Nesle nervös waren, winkte der König Bachelier, der mit dem Handleuchter an der Thüre erſchien. Er brachte den Leuchter für den Herrn Grafen von Toulouſe; der Graf empfing ihn, ſich verbeugend, aus der Hand des Königs, und dieſe raſche Rückkehr zu den ernſten Dingen, das heißt zur Hofetiquette, fuhrte die Anweſenden vollends wieder zur Ehrfurcht, der Feindin aller Träumerei. Der König blieb allein lange vor der Stunde, die er ſich ſelbſt für das Aufhören der Vergnügungen der Nacht bezeichnet hatte. Richelien hülete ſich am andern Tage wohl, ſein Rendez⸗vous mit Bachelier zu vergeſſen. Während der Koöͤnig mit ſeinem Kapitän der Schweizer und Frau von Toulouſe nach Paris fuhr, während Frau von Mailly, welche zu gleicher Zeit ab⸗ gegangen, nicht einen einzigen bezeichnenden Blick des Koͤnigs, nicht einmal ein alltägliches Abſchiedswort hatte erhaſchen können und ſich allein in ihren großen Wagen begrub, der ſie nach Paris zurückführte, fand Richelieu Herrn Bachelier auf einem guten Klepper, ungefähr zwei hundert Schritte hinter dem Cortége, reitend. Man erinnerte ſich damals noch der Fahrten, die der verſtorbene König mit ſeinem ganzen Hofſtaate nach Fontainebleau machte, wobei dreißig Carroſſen, eine Reihe von einer Viertelmeile bildend, ſich in den Ebenen und unter den Waldgruppen hinſchlängelten, mit einer glän⸗ zenden Einfaſſung von Musketieren und Chevaulegers, welche lachten, trommelten und plauderten, um alle Elſtern des Cantons entfliehen zu machen. Bei dem herrlichen Schauſpiel der tänzelnden Pferde, der funkelnden Waffen, der ſchallenden Equipagen, die das Echo einiger Dörfer erweckten, erſchienen dann auf Ri⸗ der von der von aus den e die ndin , die n der ſein der fuhr, t ab⸗ k des hatte Jagen helieu efähr „ die nach Reihe n und glän⸗ egers, Alſtern ferde, n, die an auf 1 303 den Schwellen der Thüren, an den armen kleinen Fen⸗ ſterſcheiben die erſchrockenen Bauern und bewunderten und lachten zugleich, daß ſie ſo viele glänzende Herren ſahen. Wenn dann ein Hundediener, ein Piqueur, ein Stallknecht, der zurückgeblieben, Hunger oder Durſt hatte, wenn er angehalten hatte, um einen Gurt zu recht zu machen oder ein Loch in einen Riemen zu ſtechen, fiel das ganze Dorf, beruhigt, da es nur einen Einzigen zugleich ſah, über den Säumigen her, wie die Ameiſen über die verlaſſene Beute. Tauſend Fragen folgten den Anerbietungen von Milchwerk, Treberwein und Schwarzbrod. „Was macht der König?“ „Welches iſt der König?“ „Wer iſt die Dame, die ihn begleitet?“ „Wer iſt der Herr mit dem blauen Bande, der neben dem Schlage Seiner Majeſtät galoppirte?“ Ganz ſtolz auf ſeine Wichtigkeit, ließ ſich der Diener herab, mit den Bauern zu ſchwatzen, ihnen die Aben⸗ teuer des Tags zu erzählen, ſagte:„wir!“ und entfloh im Galopp ſeines ſchwerfälligen Roſſes, ſeine Zuhörer, die ihn im Staube aus dem Geſicchte verloren, in voller Verwunderung zurücklaſſend. Ia ſeiner Jugend, zur Zeit, da er von ſeinen Un⸗ terthanen angebetet wurde, erregte Ludwig XV. ganz andere Sympathien: das war Vergötterung, nicht Neu⸗ gierde. Ueberall, wo der König durchkam, ſah er nur aus⸗ geſtreckte Arme, knieende Frauen und Männer, welche mit thränenfeuchten Augen beteten. Dieſe träumten, ſie umarmen den Stiefel des Kö⸗ nigs; Jene hätten ihr Leben gegeben, um ihm die Hand küſſen zu dürfen; Viele hätten, wie die Götzendiener von Jagrenat, um die Wonne gebeten, ſich unter ſeinen vergoldeten Rädern zermalmen zu laſſen. Richelieu und Bachelier, welche zurückgeblieben 304 waren, begannen die Unterredung als Leute, welche den Werth der Zeit und eines unumwundenen Verſtänd⸗ niſſes kennen. „Nun!“ ſagte Richelieu,„haben Sie geſtern ge⸗ ſehen, wie Sie Recht hatten?“ Bachelier überlegte. Er wollte nicht zu ſehr Recht haben bei einem ſo vornehmen Herrn, wie es, wenn nicht dem Namen nach, doch nach ſeiner Stellung, Herr von Richelieu war. g 2 fragte er mit Demuth. „Recht worin, Herr Herzo „Recht in dem, was Sie vorhergeſehen?“ „Ich hatte alſo etwas vorhergeſehen?“ „Erinnern Sie ſich nicht mehr deſſen, was Sie mir geſagt haben?“ „In welcher Beziehung? „In Beziehung auf den König und Frau von Mailly.“ „Nun? „Der König hat Frau von Mailly gefangen.“ „Und Frau von Mailly hat den König gefangen.“ Bachelier lachte. Richelieu ahmte ihm nach. Für den Augenblick war es der Herzog, der dem Kammer⸗ diener den Hof machte. „Sagen Sie, mein lieber Bachelier, was wird denn aus Allem dem hervorgehen?“ „Nichts, Herr Herzog.“ „Ahl ahl Sie verſichern, der König ſei entzündbar, Sie ſagen, Louiſe von Mallly ſei von dem Charakter, von dem die Frauen von Nesle gemacht find, und be⸗ haupten, dieſe zwei Flammen werden ſich nicht vereinigen?“ „Das iſt wahr, Herr Herzog, doch der Koͤnig ſchwebt.“ „Zwiſchen wem? auf was 6 „Der König denkt an die Königin; er hat Ge⸗ wiſſensbiſſe, ſeitdem er Verſailles verlaſſen; er hat ſich an Verſailles erinnert; ſeitdem die Königin ihn verläßt, ſehnt er ſich nach der Königin, das Bild der Königin nimmt ihn in Anſpruch. Erfahren daß ich den Koͤnig zuweilen beim Anblick der Königin Sie, Herr Herzog,⸗ habe deutl ſeine Leide würd gege ſchwi dieſer rang den Rich fuhr 30⁵ habe beben und ſchauern ſehen, und daß ich dann ganz deutlich das Herz Seiner Majeſtät unter der Spitze ſeines Jabot ſchlagen hörte.“ „Das war Liebe.“ „Und zwar von der heftigſten Art. Dergleichen Leidenſchaften haben ein unendliches Gedächtniß. Ich würde darauf ſchwören, daß die Königin, ſo kalt ſie gegen ihren reizenden Gemahl iſt, ich würde darauf ſchwören, ſage ich, daß die Königin, die ſo rauh gegen dieſen ſchönen jungen Mann, wann ſie will, den Vor⸗ rang vor allen den launenhaften Bildern, welche um den König flattern, einnehmen wird.“ Bachelier warf ſich, wie man ſieht, in die Poeſie. Richelieu merkte nicht auf dieſe Ausſchweifung und fuhr fort: „Wird ſie es wollen, Bachelier?“ „Nein.“ „Sie ſind deſſen ſicher?“ „Ja, Herr Herzog.“ 3 Bachelier legte auf dieſes einſylbige Wort einen Nachdruck als ein Menſch, der den Werth jedes Buch⸗ ſtaben des Alphabets kennt. „Nun wohl!“ ſagte Richelieu,„da Sie der Gleich⸗ gültigkeit der Königin ſicher ſind, laſſen Sie uns von dieſem Punkte ausgehen, mein Freund. Sie ſagten, der König ſchwebe?“ „Ja, er iſt verliebt in einen Nebel.“ „Den Sie nennen?“ „Ahl Monſeigneur, hier fängt meine Verlegenheit an. Neulich am Abend hieß der Nebel Olympia: das war eine ſchoͤne Schauſpielerin, die er hat auftreten ſehen.“ „Bah! eine Schauſpielerin! und ich kenne das nicht?“ „Darüber dürfen Sie ſich nicht wundern: ſie kommt von der Provinz an, und Sie kommen von Wien.“ „Das iſt richtig. Laſſen Sie uns jedoch von Olym⸗ pia ſprechen, mein lieber Herr Bachelier. Wer iſt das?“ Olympia von Cleves. II. 20 306 „Ein Mädchen, das einen Knöchel hat ſo fein als der eines Rehs, große zugleich geſchloſſene und offene Augen, was ſte mörderiſch und ſchmachtend macht; Hände eines Kindes, einen Arm von Cleopatra, den Hals von Anna von Boleyn von Holbein.“ „Ahl mein lieber Bachelier, dieſe junge Perſon iſt alſo die Göttin Venus in Perſon. Und Sie ſagen, der König?“ „Der König hat von ihr geträumt, Monſeigneur. Sie gehört, ich weiß nicht wem.“ „Sie gehört dem König, bei Gott! wenn es der König will.“ „Man ſagt nein.“ „Sie wird alſo ſehr gut bewacht?“ „Noch beſſer, ſie bewacht ſich.“ „Bah! bah! Laſſen Sie hören, Bachelier, ſind Sie verſichert, daß der Koͤnig verliebt iſt?“ „Wenn ich deſſen verſichert wäre, Herr Herzog, ſo hätte ich ſchon den Gram des Königs zu heilen ver⸗ ſucht, doch ich befürchte, den Buſch leer zu finden. Sie, der Sie mit dem König gejagt haben, Herr Herzog,“ fuhr Bachelier lachend fort,„Sie wiſſen, wie das den König in üble Laune verſetzt.“ „Sehr gut, Bachelier; fahren Sie fort, Sie ſind ein großer Philoſoph, mein Freund.“ Bachelier verbeugte ſich. Bachelier dachte offenbar von ſich das, was der Herzog ſagte. „Ich habe geſagt, neulich am Abend habe ich ge⸗ glaubt, Olympia ſtecke ganz im Kopfe des Königs, wenn nicht in ſeinem Herzen; ich verlor ihn auch nicht aus dem Geſichte, während er wach war, um zu er⸗ fahren, ob er von ihr ſpreche; ich behorchte ihn während ſeines Schlafes, um zu erfahren, ob er von ihr träume. Er hat weder ſchlafend, noch wach etwas geſagt; im Gegentheil, ich habe ihn die Abfahrt nach Rambouillet verlangen ſehen: er war von der Königin angeſchnauzt worden. So oft er ſich eine Idee in den Kopf ſetzt, 307 geht er, um ſie zu ſühnen, zu Ihrer Majeſtät; er ver⸗ langt nichts Anderes, als ein Ehemann der Rue Saint⸗ Martin zu ſein! Die Königin iſt es, die einen Chemann von Verſailles aus ihm machen wird.“ „Sie haben viel Geiſt, Bachelier, und ich verzweifle nicht mehr am König.“ „Der Herr Herzog iſt zu gütig.“ „Fahren Sie fort.“ „Wohl denn, da er dieſen Morgen dreimal gefragt hat, ob die Königin nichts geſchickt, ſo hat der König geſtern viel an Jemand gedacht. Iſt es aber an Olym⸗ pia? Iſt es an Frau von Toulouſe? Iſt es an Louiſe von Mailly?“ Der würdige Bachelier ließ oft das Frau oder Fräulein mit einer Vertraulichkeit weg, welche von ſeiner Macht zeugte. „Nun?“ „Ich antworte mir ſelbſt,“ ſagte er, als er die Verlegenheit von Richelieu ſah:„nicht an Olympia, er hat ſie nicht wiedergeſehen. Nicht an Frau von Toulouſe, er hofft nicht.“ „An Frau von Mailly alſo, Bachelier?“ „Ja und nein, Herr Herzog.“ „Warten Sie,“ ſagte der Herzog,„ich will Ihnen einen Umſtand mittheilen, der Ihre Anſicht vielleicht feſtſtellen wird.“ Hier erzählte ihm Richelien die Bemerkung, die er beim Blinde⸗Kuh⸗Spiel gemacht hatte. „Frau von Mailly, Monſeigneur, hat Augenblicke des Schwindels wie jede gute Franzöſtn ihrem König gegenüber; im Ganzen aber hat ſie Grundſätze und einen Mann...“ „Einen Mann, mein lieber Bachelier, einen Mann, der ſte vernachläſſigt, der ſie verläßt, und ſie iſt ſtolz. Das iſt die Schwierigkeit. Ich muß übrigens geſtehen, huſ⸗ nicht gefunden, daß dies alle Schwierigkeiten in 444 3⁰8 „Sprechen Sie, Monſeigneur.“ 1 „Ich nehme an, daß der König verliebt, ſehr ver⸗ liebt ſogar in Louiſe von Mailly iſt, oder ich nehme an, daß er in Olympia verliebt iſt.“ Bachelier lächelte. „Das iſt,“ ſagte Richelieu, indem er mit Wohlge⸗ fallen Bachelier anſchaute, der ſich in den Augen des Herzogs zu ſpiegeln ſchien,„das iſt ein Lächeln, welches ich begreife. Es bedeutet, der Koͤnig werde nur verliebt ſein, in wen Sie wollen.“ „Monſeigneur, ich ſage das nicht.“ „Aber Sie denken es, mein lieber Bachelier, und das iſt noch mehr werth.“ „Monſeigneur, die höchſte Nothwendigkeit gebietet, daß es ſo ſei; ſonſt, und Sie wiſſen das ſelbſt, ſonſt würden die größten Unordnungen daraus entſpringen.“ „Sie treiben alſo auch Politik?“ „Für uns, ja, Monſeigneur; Lebel und ich, wir haben ein Bündniß geſchloſſen. Der König gehört uns, die wir ihn gepflegt, aufgezogen, unterrichtet haben- Er gehört uns mehr, als der ganzen Welt.“ „Das ſagt Herr von Fréjus auch.“ „Herr von Fréjus hat den König als König an⸗ gethan. Wir, wir haben den Koͤnig im Schlafrock⸗ Darum glauben wir ihn mehr zu haben, als Jedermann in der Welt. Wir haben den jungen Mann.“ „Und Sie haben Recht. Ich ſage alſo, Bachelier, Sie werden den König, der Ihnen gehört, nur mit den⸗ jenigen theilen, welche Sie für gut und dieſer Theilung würdig erachten.“ „Ja, Monſeigneur.“ „Wollen Sie Olympia?“ „Je nachdem.“ „Ich habe Luſt, offenherzig mit Ihnen zu ſprechen.“ „Sprechen Sie, um ſo mehr, als ich ſelbſt offen⸗ herzig ſein werde, Monſeigneur.“ „Iſt ein Gewinn dabei, den Koͤnig mit Ihnen zu theil ſoll, nicht daß Thal reich über Geif wen wern was wird ſubf wert ein ein als und Her Die und den, tern mei und ver⸗ hme olge⸗ des lches bliebt und hietet, ſonſt gen.“ „wir uns, aben. g an⸗ ffrock. mann helier, t den⸗ eilung 309 theilen, ſo will ich, daß es ein Gewinn für Sie ſein ſoll, ihn mit mir zu theilen.“ „Ahl ſehr gut!“ „Ich weiß, daß Sie Alles haben, daß Ihr Chrgeiz nicht maßlos iſt, daß Sie nicht viel auf Würden halten, daß Sie aber die einträglichen Güter und die ſchönen Thaler lieben.“ „Das iſt natürlich, Monſeigneur, ich bin kein hin⸗ reichend guter Edelmann, um es zu vermeiden, daß man über mich ſpotten würde, wollte ich Ritter vom Heiligen⸗ Geiſt⸗Orden oder Pair von Frankreich werden. Doch wenn ich Geld und Güter habe, wie Sie ſagen, ſo werden mein Sohn und meine Tochter Alles kaufen, was ihr Ehrgeiz ihnen ſich eines Tags zu geben rathen wird.“ „Bachelier, ich faſſe mich kurz. Sie kennen ein ſubſtituirtes Gut Fronſac? das kleine?“ „Dasjenige, welches ſechzehn tauſend Livres Rente werth iſt und von zwei Flüſſen beſpült wird?“ „Ja, Bachelier; lieben Sie es?“ „Ich hätte eine Leidenſchaft dafür, wäre es nicht ein mit Pairie verbundes Herzogthum.“ „Als ſubſtituirt, verliert es ſein Vorrecht; es bleibt ein Gut, das um ſo vortheilhafter zu verpachten iſt, als es ſeine Koſten und Amteien der Gerichtsbarkeit und des Straßenbaues verliert, um eine einträgliche Herrſchaft zu werden.“ „Ich begreife.“ „Es iſt die ſchicklichſte Apanage für einen guten Diener des Königs, der den Adelsbrief erhalten hat und in der dritten Generation die Möglichkeit erſchaut, den, wenigſtens freiherrlichen, Wappenſchild an den Git⸗ tern des Schloſſes zu ſehen.“ „Gut, Monſeigneur.“ „Bachelier, wenn ich zum König eine Geliebte meiner Wahl bringe, ſo werden Sie Fronſac kaufen, und ich quittire Ihnen gegen einen Händedruck.“ 310 „Monſeigneur, das heißt die Dinge als ein vor⸗ nehmer Mann, wie Sie ſind, abmachen.“ „Sie nehmen es an.“ „Einwendung. Soll dem König eine Geliebte ge⸗ geben werden, ſo will ich nicht, daß die Geliebte eine Frau iſt, welche Politik machen würde.“ „Was verſtehen Sie hierunter?“ „Ich verſtehe, und Sie werden verſtehen, wie ich, daß, wenn wir den König unter Vormundſſchaft ſtellen, die Vormünderin uns meiſtern wird.“ „Das iſt eine Schwierigkeit.“ „Kennen Sie Frau von Mailly genau? denn ich ſehe wohl, ſie iſt es, die Sie gern wählen möchten.“ „Sie oder eine Andere; es iſt mir nicht gerade an ihr gelegen. Nach dem, was Sie mir geſagt haben, muß ich ernſte Erkundigungen einziehen.“ „Begreifen Sie wohl, Herr Herzog, der Cardinal wird den Staat lenken wollen; der König von Polen wird die Koͤnigin lenken wollen; die Königin wird ihrerſeits den König lenken wollen. Der König würde vielleicht nicht zu gern von ſeiner Geliebten gelenkt werden. Was würde aus dieſem Conflicte entſpringen? Ein durchaus unvermeidlicher Krieg, ein Krieg, deſſen Pfeile alle auf den König, das heißt, auf uns regnen werden. Ich aber bin alt geworden; ich fange an fett zu werden. Dieſe Beleibtheit ſteht mir gut, wie die Leute ſagen: ich will ſie nicht verlieren. Darum will ich um jeden Preis die Ruhe im Hauſe.“ „Ahl ja,“ ſagte Richelieu;„das iſt nur zu billig, mein lieber Bachelier.“ „Wird die Königin eiferſüchtig und die Geliebte nimmt die Stellung einer zweiten Königin an, dann Krieg, Entfernung der Geliebten, denn die Königin wird bald einen Dauphin haben, der ein Gewicht in der Wage bildet. Iſt die Geliebte ſtärker, Demüthigung der Königin, die man hier liebt;z hieraus Haß der Pariſer, Steine in meine Fenſter und in die Scheiben Ihrer Herrf noch ren dem werd lich, diene Abha mißt. ſpiele keine mögl wird präſe Falle Man nur ſeine iſt n iſt: gehe die Blo läng wer vor⸗ heiben 311 Ihrer Wagen, Verbannungen, Baſtille, wer weiß? Die Herrſchaft Fronſac, Monſeigneur, würde weder für Sie, noch für mich mehr ihre guten Weine erzeugen. Pari⸗ ren wir dieſe gewichtigen Inconvenienzen, geben wir dem König eine Geliebte, über die wir Meiſter ſein werden.“ „Ahl Bachelier, Bachelier, wie weiſe find Sie! Wahr⸗ lich, der König Salomo wäre nicht würdig Ihr Kammer⸗ diener zu ſein,“ „Das Intereſſe, Monſeigneur, iſt eine philoſophiſche Abhandlung, welche alle Gefühle tarifirt und alle Fehler mißt. Ich hatte ſchon meine Zuſtimmung dieſer Schau⸗ ſpielerin gegeben, welche ohne Conſequenz geweſen wäre.“ „Ja, aber ſehen Sie zu, daß eine Schauſpielerin keine Herrſchaft über den König erlangt; das iſt un⸗ möglich. Und dann, das haben Sie nicht bedacht, dann wird der König ſeine Gelegenheitsgeliebte und ſeine Re⸗ präſentationsgeliebte haben. Bachelier, er wird in dieſem Falle ſo viele Bacheliers brauchen, als er Geliebten hat.“ „Ahl Monſeigneur, das iſt wahre Diplomatie. Man ſieht wohl, daß Sie Geſandter ſind, während ich nur Kammerdiener bin. Es muß entſchieden Jeder an ſeinem Poſten bleiben, und ich bleibe an dem meinigen.“ „Eine einzige Geliebte, ein einziger Bachelier, das iſt meine Anſicht.“ „Aber dann eine ſehr ſichere Geliebte.“ „Finden wir eine, welche in den König verliebt iſt: wir werden ihrer ſicher ſein.“ „Verliebt in den Koͤnig, Herr Herzog! wie raſch gehen Sie zu Werke! Ach! man findet nicht alle Tage die la Vallière!“ „Bahl man braucht nur eine Brünette ſtatt einer Blondine zu nehmen, das iſt das Ganze. Das dauert länger. Sie haben alſo nichts gegen Frau von Mailly?“ „Durchaus nichts, wenn Sie mir bewieſen haben werden, daß ſie nie Politik treiben wird.“ „Ich werde es beweiſen... wenn ſie es erlaubt.“ 312 „Ich mache Sie darauf aufmerkſam, daß ich ſchwie⸗ rig ſein werde: ich ſpiele ein zu großes Spiel.“ „In welcher Beziehung? Ich nehme zur Häͤlfte daran Theil.“ „Nein, Monſeigneur, Sie haben ein dem meinigen entgegengeſetztes Intereſſe. Bei Ihnen iſt es die Intrigue, was Sie brauchen; die Intrigue, das heißt der Krieg. Bei jeder Schlacht gewinnen Sie eine Stelle oder ein Ordensband; Sie haben von der Einen der Geliebten Dieſes, von der Andern Jenes; ich habe nur Schlimmes.“ „Bachelier, ich werde Ihnen beweiſen, daß ich den⸗ ſelben Haſen jage, wie Sie.“ „Dann, Monſeigneur, ſage ich Ihnen: Topp!“ „Doch, auf CEhre, es iſt dort noch nicht anderswo etwas angebunden?“ „Ernſtlich, nein.“ „Aber leicht?“ „Ah! das iſt etwas Anderes.“ „Seien Sie offenherzig, Bachelier.“ Bachelier hielt einen Augenblick ſein Pferd an. Richelieu that daſſelbe. Bachelier ſchaute umher. Die Blicke von Richelieu befragten alle Punkte des Horizonts. „Monſeigneur,“ ſagte der Kammerdiener,„es hat geſtern Abend Jemand mit mir geſprochen.“ „Wann denn? ich habe Sie nicht verlaſſen!“ rief Richelieu mit einer Lebhaftigkeit, welche das Gewichtige der Eröffnung bezeichnete. „Geſtern, ehe Sie ſich zu mir geſellt hatten.“ „Mein Gott, wer denn? Offenherzigkeit, Bachelier 14 „Offenherzigkeit, Monſeigneur, gegen Sie.“ „Wer denn, mein lieber Bachelieu?“ „Herr von Pecquigny.“ „Wegen Olympia?“ „Ja, Monſeigneur.“ ſehen, ſpieler litik i mein diener thun. „ dauern wird Mona 9 „ dem 4 haben ich ei ging? Werke mit ſ Karte hole eine ihm Geſch ſein, mir, trocke lange ſich 313 „Und Sie haben geſagt?“ „Ich werde es mir überlegen, Monſeigneur.“ Der Herzog faltete die Stirne.“ „Ah!“ ſprach er,„mein lieber Bachelier, Sie ſehen, daß ich richtig urtheile, und daß eine Schau⸗ ſpielerin...“ „Monſeigneur, eine Schauſpielerin wird nicht Po⸗ litik treiben; ich komme immer hierauf zurück, das iſt mein Delenda Carthago!“ Richelien fühlte den zähen Willen des Kammer⸗ dieners. Dieſer Schraubſtock würde ſich nicht auf⸗ thun. „Aber,“ fügte er bei,„ſie wird einen Monat dauern, Ihre Olympia!“ „Das mag ſein, Monſeigneur; nach dieſem Monat wird man eine andere ſinden, welche einen weitern Monat dauert.“ Richelieu hielt obermals an. „Sie ſehen, Monſeigneur, Sie haben die Abſicht, dem König eine politiſche Geliebte zu finden. Warum haben Sie Schlauhelt gegen mich gebraucht, während ich ein offenes Spiel mit Ihnen ſpielte und geradeaus ging? Warum gehen Sie mit Liſt gegen denjenigen zu Werke, der nur ja oder nein zu ſagen braucht, um Ihr mit ſo großem Fleiße und dennoch ſo ſchwach gebautes Kartenhaus über den Haufen zu werfen? Ich wieder⸗ hole Ihnen, der König wird nie mit meinem Willen eine Geliebte haben, ich werde nie eine Geliebte von ihm dulden, welche mit ihm von Politik ſprechen könnte. Geſchieht das, Monſeigneur, ſo dürfen Sie überzeugt ſein, daß ich nicht mehr leben werde, und glauben Sie mir, Herr Herzog, ich beſitze einen guten Fuß, ein trockenes Auge, und ich habe mir vorgenommen, ſo lange zu leben, daß man mich wird todtſchlagen müſſen.“ „Bachelier,“ ſagte endlich der Herzog, nachdem er ſich alle Zeit, um zu überlegen, genommen hatte,„ich 314 gebe Ihnen mein Wort, daß ich nichts ohne Sie thun werde. „Es iſt unnöthig, zu ſchwören, denn ich würde Sie herausfordern, etwas ohne mich zu thun.“ „Sie verſtehen mich nicht,“ erwiederte Richelieu, gereizt durch den Uebermuth des Kammerdieners, aber ſeinen Verdruß verbeißend,„ich verſichere Sie, ich ver⸗ ſpreche Ihnen, daß ich Sie von allen meinen Schritten in Kenntniß ſetzen werde.“ „Und ich, Monſeigneur,“ verſetzte Bachelier,„ich verſpreche, Ihnen Alles zu ſagen, was ſich anſpinnen wird. Uebrigens werden Sie nicht hundert Schritte ohne mich gemacht haben, bis Sie die Richtigkeit meiner Worte anerkennen. Jede ehrgeizige Frau, welche den Staat beherrſchen wird, wird Sie noch mehr beherr⸗ ſchen, als den König. Mißtrauen Sie alſo. Verliebt, wird ſie das Joch ertragen, es iſt ſanft. Trocken und concentrirt, wird ſie Sie benützen oder zerbrechen!... Nehmen Sie ſich in Acht!... Einfach, in den Tag hinein lebend, Sie und mich unumgänglich nothwendig findend, wird ſie ſich weder um Herrn von Fleury, noch um den Herzog von Burgund, noch um die Janſeniſten, noch um die Oeſterreicher bekümmern; ſie wird für den König thun, was die Königin von Spanien für ihren Gemahl Philipp gethan hat. Mein Gott! das iſt wohl genug! Europa hat geſagt, es ſei zu viel geweſen!“ „Bachelier, Sie haben mehr Geiſt in Ihrem Man⸗ telſack, als ich in meinem Geſandtſchaftspalais habe.“ „Seit einer Stunde, Monſeigneur, habe ich es zu vermuthen befürchtet. Doch ſehen Sie, man fängt an zurückzuſchauen. Man hat uns plaudern ſehen, man wundert ſich. Sie und ich, auf den zwei Sproſſen oben und unten, wir ſind die zwei Erſten des Hofes. Wir wollen uns trennen, das iſt vernünftig.“ „Mit Verſprechen?“ „Unter Bedingung.“ V N ſchlecht wig X ſpielſa bouille Erlau 4 verlier vorge ſiren S daß Herrr 1 Herrn welch zwan thun 1 Sie lieu, aber ver⸗ citten „ich innen hritte einer 2 den 315⁵ „Bachelier, ich nehme die Bedingung an.“ „Das Verſprechen wird gehalten, Monſeigneur.“ Wonach Bachelier und der Herzog ſich verließen. LXI. Die Jiebe zum Schatten. Man erinnert ſich, daß unter dem Vorwande einer ſchlechten Geſundheit Pecquigny Seine Majeſtät Lud⸗ wig XV. in dem Augenblick, wo man von dem Schau⸗ ſpielſaale in den Salon ging, um Erlaubniß, Ram⸗ bouillet verlaſſen zu dürfen, gebeten hatte. Man erinnert ſich auch, daß ihm der König dieſe Erlaubniß freundlich gegeben hatte. Pecquigny war alſo, ohne einen Augenblick zu verlieren, nach Paris zurückgekehrt; er hatte den König um zehn Uhr verlaſſen; um Mitternacht war er im Hotel Nesle. Man begreift, daß nach dem, was am Morgen vorgefallen, man ſich nicht an das Hotel Nesle adreſ⸗ ſiren mußte, um Mailly zu finden. Mailly war alſo nicht im Hotel Nesle. Pecquigny drang ſo ſehr in einen Kammerdiener, daß dieſer, der den Herzog als einen Freund ſeines Herrn kannte, leiſe zu ihm ſagte: „Es iſt dem Herrn Herzog daran gelegen, den Herrn Grafen ohne Verzug zu ſehen?„ „Cs liegt mir ſo viel daran, daß ich demjenigen, welcher mir ſagt, wo ich ihn finden kann, fünf und wanzig Louis d'or geben werde.“ 316 „Der Herr Herzog nimmt mir das Verdienſt, ihm dieſen Gefallen gratis zu thun.“ „Du wollteſt mir alſo ſagen, wo er iſt?“ fragte Pecquigny. „Gewiß.“ „Nun, ſo ſprich, mein Freund, und nimm an, ich gebe Dir das für etwas Anderes.“ „Das will ich annehmen. Der Herr Graf iſt in ſeinem kleinen Hauſe der Grange⸗Bateliére.“ „Gut 14 „Sie kennen es?“ „Ja. Es iſt gut, mein Freund, das iſt Alles, was ich wiſſen wollte,“ ſagte Pecquigny. Und er machte den großen Weg über den Pont⸗ Neuf, da die Thüren des Louvrre um Mitternacht ge⸗ ſchloſſen waren. Mailly war in der That, wie es ſein Kammerdie⸗ ner geſagt hatte, in ſeinem kleinen Hauſe der Grange⸗ Batelidre. Anfangs ganz betäubt von der Scene mit der Gräfin, hatte er das Pferd, das er eine Stunde vorher probirt und das man wieder in den Stall geführt, ſat⸗ teln laſſen. Er hatte ſich darauf geſchwungen und einen Spazierritt nach dem Cours⸗la⸗Reine gemacht. Die Jugend, die Gewohnheit des Umgangs mit Frauen, die Hoffnung auf eine glückliche Zukunft tröſten die Männer raſch über eine Niederlage, die ihr Stolz erlitten hat. Nichtsdeſtoweniger war der Graf einen Augenblick überraſcht geweſen, denn einen Augenblick hatte er ſich in einer bis dahin unbekannten Stimmung befunden. Dieſe Offenbarung des Charakters ſeiner Frau, eine höchſt unerwartete Offenbarung, hatte ihm in der That einen gewiſſen Kummer verurſacht, von dem er ſich keine Rechenſchaft geben konnte. Bald indeſſen bemerkte er Eines: daß nämlich, wenn er die traurigen Gedanken des Hotel Nesle die Ober⸗ hand i die Ol Hauſes das he Verdac man zu zu Olr Erden D mer da trifft ſi 8 verſchie geknete bärmlit teriſche war ker wenige ſchlimn er ſie ſchlimn ſie zu G Zufall blick ge Erſten dergen gewiiſſe Welt! C genug was Bont⸗ t ge⸗ erdie⸗ ange⸗ t der vorher ſat⸗ einen s mit röſten Stolz nblick r ſich en. Frau, n der m er wenn Ober⸗ 317 hand in ſeinem Geiſte nehmen ließe, dieſelben am Ende die Oberhand über die heiteren Gedanken des kleinen Hauſes der Grange⸗Batelière gewinnen würden. Mit einem Worte, er beſchloß, da er die Waffe bei der Hand hatte, Louiſe von Mailly durch Olympia von Cloves zu bekämpfen. Er wurde wieder der ächte Edelmann von 1726, das heißt der Mann der Regentſchaft, entfernte ſeinen Verdacht aus ſeinem Innern, ſchüttelte das Ohr, wie man zu ſagen pflegt, und eilte Abends gegen acht Uhr zu Olympia, aus der er ſeine einzige Glückſeligkeit auf Erden zu machen feſt entſchloſſen war. Die Männer ſind ſeltſam conſtruirt: ſte führen im⸗ mer das Beiſpiel der Anderen an, und das Beiſpiel trifft ſie nicht. Das iſt ſo, weil Jeder glaubt, er ſei aus einem verſchiedenartigen und über die anderen erhabenen Thone geknetet, den, was ihn betreffe, die Beiſpiele aller Er⸗ bärmlichkeiten der Andern vervollkommnen. So iſt eine leichtſinnige Frau haben, eine gebie⸗ teriſche Geliebte haben, ein doppeltes Unglück. Mailly war kein Dummkopf, ganz im Gegentheil. Nichtsdeſto⸗ weniger bildete er ſich ein, wenn ſeine Frau einen ſchlimmen Charakter habe, ſo ſei dies der Fall, weil er ſie zu frei laſſe, während, wenn Olympia einen ſchlimmen Charakter habe, dies davon herrühre, daß er ſie zu ſehr gefangen halte. Er hatte Paris verlaſſen, um ſie aufzuſuchen. Der Zufall hatte gemacht, daß er ſie gerade in dem Augen⸗ blick gefunden, wo ſie, wahnſinnig vor Verzweiflung, dem Erſten dem Beſten gefolgt wäre. Mailly hatte ſie wie⸗ dergenommen. Was konnte Mailly mehr wünſchen? Iſt das, was man beſitzt, nicht mehr werth für gewiſſe Menſchen, als das, was außer ihnen die ganze Welt beſitzt? Glücklich, hundertmal glücklich iſt der Mann, der genug Stolz, das heißt genug von jenem goldenen 318 Strahl enthält, um ſein Leben zu bereichern und den Werth deſſen, was er beſitzt, zu verhundertfachen. Dieſem Manne fehlt nichts; ſeine Kinder ſind ſchön, wie die der Nachteule in der Fabel, ſchön, weil ſie ſein find; ſein Kupfer iſt Silber, ſein Silber iſt Gold ſein Gold iſt Diamant. Wenn ſich dieſer Mann im Spiegel beſchaut, macht ſich Alles, was er Häßliches hat, ſchön, Alles, was er Schönes hat, wird glänzend. Mailly war, zum Glück für ihn, ſo beſchaffen: es bedurfte für ihn der Offenbarung des Unglücks, um die Gegenprobe aller Freuden ſeiner Einbildungskraft zu bewirken. Er begab ſich alſo, wie geſagt, zu Olympia, welche, ſorgfältig eingeſchloſſen, mehr noch durch ihren eigenen Willen, als durch den Willen des Grafen, nur aus dem kleinen Hauſe der Grange⸗Batelière wegge⸗ gangen war, um ihr zweites Debut zu machen, das eben ſo viel Succeß gehabt hatte, als das erſte. Olympia fing an ernſtlich in ihrem Innern darauf bedacht zu ſein, die grauſame Langweile abzuſchütteln, die ſte verzehrte. Ach! man hat nicht ungeſtraft die freie Luft ge⸗ athmet, man hat nicht ungeſtraft die Liebe gewechſelt, wie der Reiſende die Hemiſphäre wechſelt, man hat nicht verglichen, ohne nachzudenken. Die Verglei⸗ chung tödtet die Einigkeit. Als Mailly zu Olympia kam, fand er ſie träu⸗ meriſch: ſie war gelangweilt. Der Graf, der im Geiſte die eheliche Scene vom Morgen hatte, hatte zu gleicher Zeit vor den Augen der Gräfin geringſchätziges Geſicht gefaltet durch den in⸗ neren Zorn, der innen um ſo unbarmherziger, als ihn nichts außen verräth. Dieſe Bläſſe des Zwangs ent⸗ ſtellt innen ein wenig eine Frau; ſie benimmt ihren Augen den Glanz, den ſie haben ſollen, um ihnen ein düſteres Feuer zu geben, welches darin zu finden unnütz iſt. ruch d den achen. ſchön, e ſein d ſein macht , was n: es m die aft zu )mpia, ihren 1, nur vegge⸗ „ das darauf ütteln, uft ge⸗ echſelt, an hat erglei⸗ e träu⸗ ne vom gen der den in⸗ als ihn gs ent⸗ t ihren nen ein nütz iſt. 319 Die Graͤfin hatte zitternde Hände, eine bebende Stimme: es war weniger ein Frau, als eine Feindin. Als er aber ſeine Geliebte ruhig, glänzend von Schönheit, faſt von Sanftmuth erblickte, ſagte er zu ſich ſelbſt: „Vortrefflich! ich gewinne bei dem Tauſch.“ Er ging auf ſie zu, nahm ſie bei der Hand und ſprach: „Wie ſchön ſind Sie, Olympia!“ Olympia ſtand auf, betrachtete ſich im Spiegel⸗ ſetzte ſich wieder und antwortete: „Die Langweile verſchönert.“ „Sie haben ſich gelangweilt!“ fragte der Graf, in der Hoffnung, Olympia habe ſich gelangweilt, weil er ſie allein gelaſſen. „Ich langweile mich immer,“ ſagte ſie. „Wohl! ich,“ erwiederte Mailly,„ich bringe Ihnen Nachrichten, die Sie zerſtreuen werden, oder Sie müßten ſehr ſchwer zu befriedigen ſein.“ „Laſſen Sie dieſe Nachrichten hören.“ „Ich melde Ihnen, daß Ihre Debuts großes Aufſehen in der Stadt und ſogar bei Hofe gemacht haben.“ „Wahrhaftig? Sie ſind ſehr gut.“ „Es ſcheint ſogar, daß der König äußerſt zufrie⸗ den geweſen iſt.“ Olympia zuckte die Achſeln. „Ich weiß wohl,“ fuhr Mailly fort,„es iſt Ihnen an der Meinung des Köͤnigs wenig gelegen.“ Olympia lächelte. „Eine Frau von Ihrem Verdienſte iſt ſo viel werth als eine Königin; in der Eigenſchaft als Schauſpielerin iſt es indeſſen ſchmeichelhaft für das Talent..* „Ich habe kein Talent.“ „Sie haben kein Talent?“ „Ich habe keines mehr.“ „Für die Schönheit alſo..“ „Die Schoͤnheit iſt ein Balſam, der nur Wohlge⸗ ruch hat, wenn man ihn nach außen vergießt.“ 320 „Ho! ho!“ ſagte Mailly mit einem gezwungenen Gelächter,„erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß dies Marximen find, die mich bedrücken.“ „Warum?“ „Weil ich, meine Theuerſte, einem Geizigen ähn⸗ lich bin, der ſeinen Schatz bewacht.“ „Einen Schatz, der ſchläft.“ „Ja, der aber für ſeinen Eigenthümer ſchläft, meine liebe Olympia.“ „Wie Mann iſt nicht der Eigenthümer einer Frau.* 144 „Wenn ſie nicht Georgierin iſt, wie Mademoiſelle Ainé; wenn der Eigenthümer nicht Herr vom Féré⸗ olles iſt.“ „Ohl!..“ „Wenn er ſich nicht, ſtatt ſich Eigenthümer zu nennen, Kerkermeiſter nennt.“ Mailly fühlte einen Schauer ſeine Adern durchlaufen. „Wie!“ ſagte er,„ſprechen Sie wirklich mit mir, meine Liebe?“ „Eil mir ſcheint,“ erwiederte Olympia. „Was habe ich Ihnen denn gethan?“ „Sie, nichts.“ „Sagen Sie, Olympia, haben Sie mich nicht geliebt?“ „Einſt, ſehr, ja.“ „Sie empfangen mich alſo nicht mit Vergnügen 7 „Ich ſage das nicht.“ „Ich habe Sie gebeten,“ ſprach er ermuthigt durch dieſe ſcheinbare Unterwürfigkeit,„ich habe Gie gebeten, mein kleines Haus zu bewohnen, weil es für eine Frau Ihrer Art nicht anſtändig war, in der Stadt zu wohnen wie eine Schauſpielerin. „Bin ich nicht Schauſpielerin? „Sie ſind ein Fräulein von Stande.“ „Ich bin Theaterfräulein. „Heißen Sie nicht Fräulein Olympia von Cldèves?“ ngenen en, daß in ähn⸗ „meine Frau. ¹ moiſelle 4 Féré⸗ mer zu hlaufen. ait mir, h nicht ügen?“ t durch gebeten, ne Frau wohnen Alèves?“ 321 „Wenn Sie frei wären, Herr von Mailly, würden Sie Fräulein Olympia von Cidves heirathen?“ Der Graf war ganz erſtaunt. „Wahrhaftig,“ ſagte er,„Sie würden mich glauben machen, Olympia, Sie ſuchen einen Streit mit mir.“ „In welcher Hinſicht, Herr Graf?“ „Sie beklagen ſich, Sie ſeufzen, Sie zucken die Achſeln.“ „Das iſt wahr.“ „Und wenn ich frage, warum alle dieſe Merkmale von Betrübniß, ſo antworten Sie mir:„„Ich langweile mich.““ „Das iſt abermals wahr.“ „Sie wollen alſo die Freiheit.“ „Verlange ich etwas?“ „Sie begnügen ſich alſo nicht mehr mit meiner Liebe?“ „Graf, ich bitte Sie, befragen Sie mich nicht.“ „Und warum dies?“ „Weil die Fragen mich ermüden.“ „Aber Sie haben doch nicht durch Gewalt einge⸗ willigt, mir zu ſolgen?“ „Hier?" „Nein, dort in Lyon. Als ich Sie dort holte, haben Sie mir nichts geſagt, was mich Alles das vermuthen laſſen konnte, was Sie heute als ein Leiden bezeichnen; Sie haben mir, um mir zu folgen, keine Bedingung gemacht.“ „Keine, das iſt wahr.“ „Ich verſprach Ihnen Debuts. Sie haben ſie.“ „Beklage ich mich?“ „Nein, doch ſie ertragen mit Ungeduld den Aufent⸗ halt in dieſem Hauſe.“ „Habe ich meinen Widerwillen, hieher zu kommen, verborgen?“ „Was iſt Ihnen hier beſchwerlich?“ Olympia von Clsves. U. 21 322 „Herr Graf, wir werden uns nie verſtehen,“ ſagte Olympia. „Kurz, lieben Sie mich?“ „Ich habe viel Zuneigung für Sie; Sie ſind ein ſehr wackerer Edelmann,“ eerwiederte Olympia. Und ſie ſeufzte tief. Mallly hörte dieſen Seufzer; er faltete ſeine Stirne und ſchien einen Entſchluß zu faſſen. „Es iſt für mich um ſo ärgerlicher, daß ich von Ihnen ſo unfreundlich behandelt werde, Olympia, als ich mir ſo eben die volle Freiheit gegeben habe.“ Olympia ſchaute ihn an. „Waren Sie nicht frei?“ ſagte ſie. „Nicht gänzlich.“ Olympia ſchaute ihn abermals an. „Ich war verheirathet.“ „Ihre Frau iſt geſtorben?“ rief Olympia er⸗ ſchrocken. „Etwas Beſſeres: ſie hat mich eine Trennung un⸗ terzeichnen laſſen.“ „Und warum?“ „Ich mache ſie zu unglücklich.“ „Wenn Sie ſolche Dinge ſagen, Herr Graf, ſo ſagen Sie es wenigſtens auf eine Art, daß ich Sie verſtehen kann.“ „Sie?“ „Wie! Ihre Frau verläßt Sie, weil ſie zu unglück⸗ lich iſt!“ habe, Olympia.“ „Ohl rühmen Sie mir dieſes Opfer nicht.“ „Zu unglücklich wegen der Liebe, die ich für Sie „Ich rühme nichts, ich ſage das, was iſt.“ „Arme Frau!“ „Sie beklagen die Gräſtn?“ Allerdings; glauben Sie mir, es iſt beſſer, Sie verlaſſen mich und geben Frau von Mailly wieder den Frieden.“ geben deren einma ſchon rather man nicht ter zu boren daß i „Olympia, ſind Sie toll, daß Sie verlangen, ich ſoll Sie verlaſſen?“ „Sie haben wohl Ihre Frau verlaſſen! warum ſoll⸗ ten Sie nicht Ihre Geliebte verlaſſen?“ „Unmöglich, Olympia! ich liebe Sie mehr, als ich Sie je geliebt habe. Ich finde gewiß die Urſache hievon in Ihrer Schönheit, in Ihrem Geiſte, in Ihrer Güte für mich. Doch das iſt ein Beweggrund mehr, daß ich nicht einwillige, mich eines ſo koſtbaren Gutes zu be⸗ geben. Nein, um keinen Preis werde ich Sie zu an⸗ deren Liebesverhältniſſen übergehen laſſen.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, Sie haben mich ſchon einmal verlaſſen.“ „Ich glaubte Ihnen das Motiv dieſer Trennung ſchon erklärt zu haben. Man wollte mich verhei⸗ rathen, und man hat mich in der That verheirathet; man wollte den Familiennamen fortpflanzen, und das iſt nicht geglückt. Ah! hätte ich Sie, ſtatt Sie auf dem Thea⸗ ter zu finden, in der Welt gefunden, für die Sie ge⸗ boren waren.“ „Ahl ahl Graf, überlegen Sie, oder ich glaube, daß ich Sie Erbärmlichkeiten zu ſagen veranlaſſe.“ „Ich verſtehe Sie nicht, Olympia.“ „Sie haben mich verlaſſen, Graf, weil Sie genug an mir hatten; Sie haben mich wiedergenommen, weil Sie zu viel an Ihrer Frau hatten.“ „Ich will das wohl zugeſtehen; doch die Liebe iſt wie die neuen Gebäude, welche ſinken, um ihre Lage zu finden; ſobald dieſe Lage gefunden, iſt die Sache be⸗ endigt, und das Gebäude währt ewig.“ „Nun! Graf, das iſt ein Unglück.“ „Was?“ „Meine Liebe hat ihre Lage noch nicht gefunden.“ „So daß.. 4 „So daß ich mich langweile.“ „Noch ¹“ 324 „Immer.“ 1„Sagen Sie mir aber einen Grund dieſer Lang⸗ weile.“ „Wenn es nur die Unwiſſenheit über die Situa⸗ tion wäre, in der ich mich befinde!“ „Wie ſo?“ „Allerdings. Bin ich frei oder gefangen? Kann ich ausgehen oder muß ich bleiben?“ „Olympia! Sie ſind frei, Sie wiſſen es wohl. Nur wäre es mir ſchmerzlich, würde ich Sie ſich zer⸗ ſtreuen, würde ich Männer um Sie ſehen, die ſich Ge⸗ hör verſchafften. Olympia! ich bin mit der Eiferſucht nicht vertraut.“ „Sie rühmen ſich, nicht eiferſüchtig zu ſein?“ „Man rühmt ſich deſſen, ſo lange man es nicht iſt.“ „Und wenn man es iſt?“ „So ſieht man keine Möglichkeit, zu leben ohne Ueberwachung.“ „Sie überwachen mich alſo?“ „Gott behüte mich!“ „Und Sie ſind nichtsdeſtoweniger eiferſüchtig?“ „Ja. „Sehr eiferſüchtig?“ „Wahnfinnig.“ „Das iſt unnütz, Graf.“ „Warum?“ „Ei! mein Gott! weil ich an dem Tage, wo ich in Jemand verliebt ſein werde, es Ihnen ſage, ohne eine Stunde, eine Minute, eine Secunde zu zögern.“ „Ja, Sie haben es mir ſchon verſprochen.“ „Nun?“ „Ich finde dieſes Verſprechen das zweite Mal nicht beruhigender, als das erſte Mal.“ „Darum wundere ich mich, daß Sie mich einſperren, Graf. Sie wiſſen Eines wohl: wenn ich ausgehen will, werde ich ausgehen.“ „ einer Lang⸗ Situa⸗ Kann wohl. ch zer⸗ ch Ge⸗ ferſucht 2“ ht iſt.”¹ n ohne g ²“ wo ich 2e, ohne gern.“ 4 al nicht ſperren, usgehen „Ach! das iſt nur zu wahr!“ ſagte der Graf mit einer entſetzlichen Herzbeklemmung. „Darum,“ fuhr Olympia fort,„darum kann ich mit Jedem, wer es auch ſein mag, ſprechen, ohne daß Sie darüber in Unruhe gerathen.“ „Sie begreifen alſo meine Lage nicht?“ „Nein; erklären Sie dieſelbe.“ „Ei! mein Gott! ich kenne Sie, Olympia, und ich weiß, Sie werden nicht verfehlen, mich davon zu unterrichten, wenn Ihr Herz eingenommen iſt. Sie wer⸗ den mir ſagen: Ich liebe dieſen. Ach! wenn Sie das ſagen, meine Liebe, ſo werde ich Ihnen wie ein Dumm⸗ kopf die Gelegenheit, die Fähigkeit geboten haben. Wen werden Sie lieben? einen von meinen Freunden wahrſcheinlich, einen Mann, den ich bei Ihnen eingeführt, den ich Ihnen vorgeſtellt habe; und wenn Sie mir das ſagen, mein Gott! dann wird es ſchon zu ſpät ſein, daß ich vorbeuge; ich werde ein Unglück zu erdulden haben, das ich mir hätte erſparen können, erſparen müſſen; ich werde weit vorgerückt ſein, wenn Sie mir offenher⸗ zig ſagen: Ich liebe Sie nicht mehr.“ „Ohl das Raiſonnement iſt logiſch.“ „Sie ſehen wohl.“ „Sie vergeſſen jedoch den Fall, daß ich ohne Ge⸗ genſtand verliebt würde.“ „Ohl Olympia, dergleichen Liebſchaften ſieht man nur in den Romanen, und ſie ſind dort nicht gut an⸗ gebracht.“ „Graf, Graf,“ erwiederte Olympia,„es gibt kei⸗ nen ſchlimmeren Roman, als die Phantaſie einer Frau.“ „Sie! ohne Gegenſtand verliebt?“ „Ich ſage Ihnen, daß dies möglich iſt.“ „Dann werde ich nicht eiferſüchtig ſein. Was macht mir das Geſpenſt? Was iſt die Liebe zum Schatten?“ Olympia ergriff die Hand des Grafen von Mailly und ſchaute ihn tief an. Dann ſprach ſie mit einem Ausdruck, der ihm das Blut im Herzen geſtehen machte: „Uunglücklicher, Sie kennen das, was Sie verach⸗ 326 ten, nicht. Dieſe Liebe, auf welche Sie nicht eiferſüch⸗ tig zu ſein ſich ge Diejenige, welche den Schatten liebt, horcht, diejenige, trachtet, diejenige grüßt, diejenige, loben, iſt die allergefährlichſte Liebe. das Geſpenſt liebt, diejenige, welche diejenige, welche auf den Abendwind welche die verſcheidende Sonne be⸗ , welche den aufgehenden Stern be⸗ welche ſich vom Mondſtrahl liebkoſen läßt, diejenige iſt ohne Rettung für ihren Liebhaber verloren. Wenn ſie nichts liebt, ſo iſt dies ſo, weil fie nicht mehr etwas Und als ſie d liebt.“ en Schrecken wahrnahm, der ſich bei dieſen grauſam artikulirten Worten auf dem Geſichte des Grafen malte, „Ohl wünſch ſchen Sie nicht, da fuhr ſie fort: en Sie nicht, ich ſage es Ihnen, wün⸗ ß Sie Ihre Geliebte auf einen Schat⸗ ten eiferſüchtig macht. Auf das Weltall eiferſüchtig iſt derjenige, welcher ſein kann. Man nen Nebenbuhler, liebt, iſt ein unſich benbuhler, iſt ein hörter Schmerz, dulden Sie nicht, ben Sie nicht, daß keinen Preis geſch nicht auf einen Menſchen eiferſüchtig tödtet ſeinen Feind, man erdolcht ſei⸗ doch der Schatten, den Ihre Geliebte tbarer Feind, iſt ein ungreifbarer Ne⸗ unabläſſiger, unbarmherziger, uner⸗ welcher beißt, nagt, toͤdtet. Graf, daß ich mich langweile; Graf, erlau⸗ ich träume; Graf, laſſen Sie es um ehen, daß ſich die Leere in meinem Herzen bildet! Der Schatten würde darein eintreten, Graf, und Sie w ten iſt.“ Und nachdem pia, verzehrt von iſſen nun, was die Liebe zum Schat⸗ ſte dieſe Worte geſprochen, gab Olym⸗ dem, was ſie nicht geſagt, einen er⸗ ſtickten Seufzer von ſich, ſtand auf, um in ihr Zimmer zu gehen, ſchloß a erbleichte und ſiel ber auf dem halben Wege die Augen, ohne Bewußtſein auf den Teppich. Der Graf ſchaute ſie mit mehr Schrecken, als Be⸗ ſorgniß, mit mehr Angſt, als Liebe an; dann murmelte er, immer me hr ſich verdüſternd: kannte einer ſtoßen auch d faltent erach⸗ rſüch⸗ Liebe. velche dwind e be⸗ en be⸗ bkoſen phaber eil ſie ch bei eſichte wün⸗ Schat⸗ tig iſt ſüchtig ht ſei⸗ eliebte er Ne⸗ uner⸗ Graf, erlau⸗ es um neinem treten, Schat⸗ Olym⸗ nen er⸗ zimmer Augen, pich. ls Be⸗ urmelte „Bei meiner Seelel ich habe heute Unglück! Liebe ich zu ſehr, oder liebt ſie nicht genug?“ Dann ging er auf Olympia zu, nahm die Ohn⸗ mächtige in ſeine Arme und trug ſie in ihr Zimmer. In dieſem Augenblick ſtürzte Claire, die uns be⸗ kannte Kammerfrau, herein und rief dem Grafen zu, einer von ſeinen Freunden habe die Hausthüre einge⸗ ſtoßen und ſchicke ſich an, wenn man ſie ihm nicht oͤffne, auch die Thüre des Vorzimmers einzuſtoßen. „Und dieſer Freund?“ fragte der Graf die Stirne faltend,„hat er wenigſtens ſeinen Namen genannt?“ „Es iſt Herr von Pecquigny, welcher von Rambouillet kommt, und Sie durchaus ſprechen will,“ erwiederte die Kammerfrau. „Der Kapitän der Garden!“ rief Mailly,„das iſt für den Dienſt des Königs. Claire, bewachen Sie Ihre Gebieterin, ich will Peequigny empfangen.“ Und er eilte aus dem Schlafzimmer, das er ſorg⸗ fältig ſchloß. LXII. Dienſt des Königs. Die Gefahr war nicht ſo dringend, als ſie die Kam⸗ merfrau gemacht hatte. Pecquigny hatte allerdings die erſte Thüre einge⸗ ſtoßen, doch er war noch nicht in die Vorzimmer ge⸗ drungen. Er hielt ſich im Hofe auf einem von Schweiß trie⸗ ſenden Pferde. Ein Lackei war drei Schritte von ihm auf einem andern Pferd. 3²28 Dieſe zwei Männer, Herr und Diener, befanden ſich unter dem Strahle einer großen Laterne, welche den Hof erleuchtete, und beim Scheine dieſer Laterne ſah man die zwei Pferde Schaum und Rauch ſchnauben. Mailly erſchien auf der Thuͤrſchwelle. „Du biſt es, Herzog?“ fragte er. „Du biſt es, Graf?“ erwiederte der Herzog, eine Frage gegen eine Frage tauſchend. „Was iſt denn vorgefallen?“ ſagte Mailly, indem er ſich raſch dem Reiter näherte. „Ah! Vielerlei, Mailly, Vielerlei! Weißt Du, daß mir Deine Diener den Eingang in Dein Haus ver⸗ wehren?“ „Du darfſt ihnen nicht böſe ſein, daß ſie meine Befehle buchſtäblich vollziehen, Herzog; Du weißt, daß ich hier in meinem kleinen Hauſe bin.“ „Ja, und Du verſchließſt es, ſo gut Du kannſt.“ „Ganz richtig.“ „Ich hatte es errathen; doch wenn Du dieſes Haus verſchließſt, wo ſoll ich mit Dir ſprechen?“ „Du haſt mir alſo etwas zu ſagen 2 „Bei Gott! glaubſt Du denn, ich würde Dich ſonſt um Mitternacht aufjagen?“ „Graf, Du ſollſt mich nicht für elnen Kerl halten, der ſeine Freunde barſch abweiſt; ſleige vom Pferde, tritt ein und folge mir.“ „Speiſt man zu Nacht?“ „Wiel Du haſt nicht zu Nacht geſpeiſt?“ „Nein, bei Gott!“ „Woher kommſt Du denn?“ „Von Rambouillet, und ich habe Hunger.“ „Deſto beſſer.“ „Das nenne ich ein gutes Wort; erkläre es. „Das iſt leicht. Es ſcheint, die Nachrichten ſind nicht ſo erſchrecklich, als ich Anfangs geglaubt habe. Tritt ein, mein lieber Pecquigny, tritt ein, und wenn Du Hunger haſt, nun, ſo wirſt Du zu Nacht ſpeiſen.“ * zwei den des paar „doch Gaſt mach komt Leut chen Deit Fra Red verf ob vert anden e den 2 ſah uben. eine indem , daß ver⸗ meine „ daß nſt.“ dieſes ſonſt zalten, Bferde, n ſind habe. wenn 329 Er ließ den Herzog eintreten. Man brachte die zwei Pferde in den Stall. Der Kammerdiener erhielt den Auftrag, den Lackei von Pecquigny zu beherbergen. Mailly führte den nächtlichen Beſuch in den Saal des Erdgeſchoßes, nachdem er ſeinem Kammerdiener ein paar Worte ins Ohr geflüſtert hatte. „Großes Feuer und kleines Mahl,“ ſagte Mailly; „doch was willſt Du, man erwartete keinen ſo hohen Gaſt. Auf, mache es Dir bequem!“ Ohne ſich dies zum zweiten Mal ſagen zu laſſen, machte es ſich Pecquigny wirklich in einem Lehnſtuhle bequem. „Du kommſt alſo von Ramboulllet?“ „Ich bin vor zehn Minuten von dort ange⸗ kommen.“ „Wie befindet ſich der König?⸗ „Zu wohl, Graf. Nicht wahr, Du haſt Deine Leute weggeſchickt?“ „Ich habe nur einen Kammerdiener hier, den, wel⸗ chen Du geſehen haſt; er iſt, glaube ich, beſchäftigt, den Deinigen in der Office zu bewirthen.“ „Die Thüren find geſchloſſen, nicht wahr?“ „Sicherlich. Du haſt mir alſo etwas zu ſagen?“ „Etwas von der höchſten Wichtigkeit.“ „Sprich.“ „Hoͤre mich an... Ah! ſage, wie geht es Deiner Frau?“ „Sehr gut!“ „Was Teufels ſagte man mir in Ramboulllet?“ „Wie, in Ramboulllet war von meiner Frau die Rede?“ „Man ſprach nur von ihr.“ „Und, ich bitte, auf welche Art?“ „Du rühmſt Dich, ſie verlaſſen zu haben, wie man verſichert.“ „Ich weiß nicht genau, ob ich ſie verlaſſe, oder ob ſie mich entläßt. Kurz, es beſteht ein Trennungs⸗ vertrag.“ 330 „Von welchem Datum?“ „Von dieſem Morgen.“ „Unterzeichnet?“ „Unterzeichnet.“ „Das findet ſich vortrefflich. Der Vertrag hat noch nicht Zeit gehabt, ſeine Vollziehung zu erhalten.“ „In welcher Hinſicht ſagſt Du mir das?“ „Du wirſt Deine Frau wieder nehmen.“ „Ich 2⸗ „Ja; wir werden ſpäter hierüber ſprechen.“ „Wiel was ſagſt Du mir da, Pecquigny?“ „Das iſt ein Detail; ich habe mich geirrt: ich hätte es müſſen an ſeinem Platze laſſen. Verrückt man die Details von ihrer Stelle, ſo wirft man Dunkelheit auf das Ganze, mein lieber Graf.“ „Nun, nun, laß uns vernünflig reden, wenn dies überhaupt möͤglich iſt.“ „Oh! ich bin ſehr ernſt; nur begreiſſt Du, in der Lage 7* „In welcher Lage!“ „In der wir uns befinden. Die Neuigkeit, daß Du die Gräftn verlaſſen haſt...“ 6 Oh!“ „Stelle Dir nichts Unangenehmes vor, nein, bei Gott! Aber, mein Lieber, die Gräfin...“ „Nun! die Gräfin?“ „Iſt die Tugend ſelbſt.“ „Ich bin davon überzeugt, Pecquigny.“ „Warum verläſſeſt Du ſte dann?“ „Sie hat einen ſchlimmen Charakter.“ „Was macht das Dir?“ „Das macht mir, und zwar viel, das iſt für mich ganz unerträglich.“ „Da Du es nicht ertrugſt?“ „Das iſt abſcheulich!“ „Lil ſage nicht ſo viel Böſes von ihr.“ℳ noch pätte die auf dies der Du „bei mich „Es iſt klug.“ „Wiel! es iſt klug, nicht Böſes von meiner Frau zu ſprechen?“ „Ja; das würde Dich in Verlegenheit ſetzen an dem Tage, wo Du genöthigt wäreſt, hievon abzu⸗ gehen.“ „Ich verſtehe Dich nicht.“ „Es iſt doch ſehr klar. Ich empfehle Dir Zurück⸗ haltung; ſollteſt Du meinen Rath nicht befolgen, ſo würde Dir das ſpäter mir gegenüber peinlich ſein. Doch vor Allem: ſind wir voͤllig verſichert, daß keine Frau hier iſt, welche hören kann, was wir ſagen?“ „Ja, tauſendmal, ja; Du kannſt ſicher ſein. Sprich alſo, denn Du machſt mich ſterben.“ „Es iſt nicht leicht zu ſagen.“ „Du beunruhigſt mich. Weiß der König etwas?“ „Etwas von Deiner Frau?“. „Von meiner Frau oder von meiner Geliebten?“ „Sage mir, Deine Geliebte, Du liebſt ſie?“ „Gewiß.“ „Sehr?“ „Mit Leidenſchaft.“ „Teufel! das iſt ärgerlich!“ „Wiel das iſt ärgerlich! Es iſt ärgerlich, daß ich meine Geliebte liebe?“ „Allerdings, und es wäre viel moraliſcher, wenn Du Deine Frau lieben würdeſt.“ „Das iſt es gerade: weil ich meine Geliebte liebe, liebe ich meine Frau nicht.“ „Die Geliebte, welche Du mit ſo viel Leidenſchaft liebſt, wäre es..“ „Olympia von Cloves, ja.“ „Olympia von Cloves! Armer Junge! Und Du liebſt ſie leidenſchaftlich, ſagſt Du?“ „Wahnſinnig.“ „Ah! ahl“ Pecquigny kratzte ſich am Ohr. 332 „Nun! deſto beſſer!“ rief er ploͤtzlich,„das Opfer wird um ſo verdienſtlicher ſein.“ „Das Opfer von wem?“ „Das Opfer Deiner Geliebten Olympia.“ „Meiner Frau gebracht?“ „Ei! wer ſpricht von Deiner Frau?“ „Wem ſoll ich denn Olympia opfern, wenn nicht meiner Frau?“ „Wohlan,“ ſagte Pecquigny,„wohlan, wir müſſen zum Ziele kommen.“ „Wahrhaftig, ich verlange gar nichts Anderes.“ „Nun denn, mein Lieber,“ ſagte Pecquigny,„es iſt Dir nicht unbekannt, daß Fräulein Olympia von Cld⸗ ves neulich die Junia geſpielt hat.“ „Bei Gott! ich weiß es wohl,“ erwiederte Mailly; dafd habe ſie von Lyon hieher geführt und debutiren laſſen.“ „Ohl ich habe Dir ein wenig dabei geholfen.“ „Wobei?“ „Bei ihren Debuts.“ „Ja. Doch vorwärts. Ich brenne...“ „Gut alſo! Olympia hat ſo angenehm geſpielt und ſie iſt ſo ſchoͤn, daß ſich Einer in ſie verliebte, und zwar ſehr verliebte.“ „CEiner?“ „SJa.“* „Was liegt mir daran! Wenn nicht etwa...“ „Wenn nicht...“ Der Graf ſchaute Pecquigny an. „Wenn nicht Du es zufällig biſt.“ „Hol holu „Höre, Pecquigny, ich beeile mich, Dir zu ſagen, weil Du einer meiner beſten Freunde biſt, und weil ich Dir bei dieſem Titel nicht den geringſten Kummer machen moͤchte,— ich liebe Olympia. Dieſes Wort muß Dir genügen. Die Adverbia, die ich am Ende dieſes Wor⸗ tes aufhäufte, würden dem Ausdruck dieſer Liebe nichts pfer beifügen; ſte würden ihn vielleicht vermindern,— und da ich ſie liebe, ſo werde ich ſie Dir nicht abtreten.“ „Mein Freund, wenn es ſich nur um mich han⸗ delte, ſo wäre die Sache bald abgemacht, doch...“ „Um wen handelt es ſich denn?“ fragte Mailly, den der Ernſt von Pecquigny beunruhigte. nicht„Um Einen, mein beſter Freund, um Einen, dem man in dieſem ſchönen Königreiche Frankreich nicht zu üſſen widerſtehen pflegt. Mein Freund, es handelt ſich um den König.“ .4„Um Ludwig XV 2„ es iſt„Um Seine Majeſtät in Perſon.“ Clè⸗„Oh!l“ Herr von Mailly wurde ganz bleich. illy;„Der König iſt in Olympia verliebt!“ ſprach er, tiren indem er das Haupt erhob und Peequigny wie ein Menſch anſchaute, der aus einem Traume erwacht. 4„Es ſcheint, unſer erhabener Herr verliert darüber das Eſſen und das Trinken. Ein König, der weder ißt, noch trinkt, mein Freund, iſt ein bald todter Mann. Ich nehme nicht an, daß Du die Liebe für Deine Ge⸗ und liebte bis zum Königsmord treibſt.“ zwar„Höre, Pecquigny,“ erwiederte Mailly,„wenn Du einen Scherz gemacht haſt, wie man ihn bei Hofe liebt; wenn Du von meiner Frau abgeſchickt biſt, um mich zu quälen; wenn Herr von Maurepas, der die Polizei 2 verwaltet, Dich bezahlt; wenn die Jeſuiten Dich bedrän⸗ gen, nun wohl! dann verzeihe ich Dir; wenn Du aber glaubſt, ich müſſe Olympia abtreten, ſelbſt dem König, ſo täuſcheſt Du Dich, und ich verzeihe Dir nicht.“ „Alles ſchön! Alles ſchoͤn! Du brauchſt Deine agen, Augen nicht wie Piſtolen zu laden, damit wir uns il ich gegenſeitig mit Blicken tödten. Ruhe! das iſt ernſt!“ „Nein, das iſt einfach! Der König, ſagſt Du, liebe Oihuder Wohl! ich werde ſie behalten.“ „Bah!“ „Uebrigens, iſt das nicht wahr.“ 334 „Wie, das iſt nicht wahr?“ „Der König iſt nicht in Olympia verliebt.“ „Wenn ich es Dir aber ſage!“ „Er! ein Devoter! ein in Heiligkeit eingemachter Prinz! ein Muſterehemann! Das iſt unmöglich!“ „Gut! nun verleumdeſt Du den König! Majeſtäts⸗ beleidigung! Nimm Dich in Acht!“ „Es müßte ſchön anzuſehen ſein, wenn, nachdem ich mir die Mühe gegeben, ein reizendes Geſchöpf, ein Muſter auszugraben...“ „Ahl es iſt ein reizendes Geſchöpf! ahl es iſt ein Muſter! Mein Freund, Du ſiehſt wohl...“ „Was ſiehſt Du?“ „Daß man den König nicht getäuſcht hat, und Olympia iſt wirklich ſo reizend, als Du ſagſt.“ „Noch reizender.“ „Du erfüllſt mich mit Freude.“ „Biſt Du verrückt?“ „Wenn Du nich begriffen haſt, wirſt Du ſehen, ob ich weniger weiſe bin, als einer von den Sieben Griechenlands. Laß mich Dir meinen Plan entwickeln.“ „Du kannſt Dir ſchmeicheln, mir ſehr unangenehme Dinge zu entwickeln.“ „Lieber Graf, es gibt Unannehmlichkeiten, die einen guten Edelmann nicht fliehen können, und die ein guter Edelmann nicht fliehen kann: ſo bei Lugeac, dem man die Naſe abgeſchnitten hat, Unannehmlichkeit; ſo bei Chardin, der von ſeinem Schwiegervater, dem General⸗ vächter, enterbt worden iſt; ſo bei Deiner Frau, die das Glück hatte, von Dir befreit zu ſein, und die Dich wie⸗ der zu nehmen genöthigt ſein wird; Unannehmlichkeiten!“ „Ahl willſt Du, daß ich lache, oder daß ich mich ärgere? Scherzeſt Du oder ſpotteſt Du?“ „Das Eine und das Andere, doch das Eine nach dem Andern. Lache zuerſt; Du wirſt Dich hernach ärgern.“ „Genug, Pecquigny, laß uns hievon abbrechen.“ chter täts⸗ bdem ein ein und ehen, ieben eln.“ ehme einen guter man v bei keral⸗ e das wie⸗ ten!“ mich nach ernach „Nein, es ſteht mir nicht zu Gebot, abzubrechen, wo Du gern möochteſt, nicht einmal, wo ich gern moͤchte. Ich habe angefangen, ich muß alſo bis zum Ende gehen.“ „So gehe; doch geſchwinde!“ „Ich fahre in der Auseinanderſetzung meines Pla⸗ nes fort. Nimm vor Allem an, Du ſeiſt ehrgeizig.“ „Durchaus nicht!“ „Laß uns doch in Ruhe! Du, der Du immer ins Feuer gehſt wie ein Baske, liebſt Du die Orden und die Herzogthümer nichi?“ „Was hat Olympia mit einem Herzogthume gemein, und in wie fern kann mir Olympia einen Orden ein⸗ tragen?“ „Ich komme hiezu! Da der König in Olympia verliebt iſt und findet, ſie ſei ein Muſter, ein wahres Muſter, wie Du verſicherſt— täuſche uns wenigſtens nicht! denn fieh die Lage, in die Du mich verſetzen würdeſt.“ „Ahl Pecquigny, weißt Du, daß mir ein Gedanke gekommen iſt, während Du mir Deinen Plan einwickelſt, ſtatt ihn zu entwickeln?“ „Dir auch ein Gedanke! Zwei Gedanken! Das geht alſo vortrefflich! Sprich, mein lieber Mailly, ſprich, und Du wirſt ſehen, wie ich Dich anhöre!“ „Vernimm alſo meinen Gedanken: ich werde mich nicht ſo wie Du um die Wahrheit drehen. Pecquigny, Du biſt von meiner Frau zu mir geſchickt.“ „Ich! von Deiner Frau?“ „Pecquigny, Du biſt der Liebhaber meiner Frau!“ „Ich! ich!“ „Pecquigny, Du erklärſt mir, ohne daß Du es vermutheſt, den Streit, den meine Frau mit mir ge⸗ ſucht hat.“ „Du biſt ein Narr! Die Augen treten Dir aus dem Kopfe, mein Lieber!“ 336 „Ich ſcherze nicht mit meinem Namen, Herzog, ver⸗ ſtehſt Du wohl?“ „Eil Unglücklicher, wer ſpricht denn von Deinem Namen? wer denkt an Deine Frau? Ich kenne ſie nicht; Eure Trennung, ich bekümmere mich den Teufel darum, und ich habe ſie heute erſt erfahren.“ „Ich glaube es wohl! ſie datirt von zwei Uhr Nachmittags.“ 4 „Mailly, bei meiner Chre, es iſt nur ſecundär von Deiner Frau die Rede.“ „Du verlangteſt aber ſo eben von mir eine Ausſöh⸗ nung mit ihr.“ „Für Dein Wohl, mein Beſter, damit Du nicht allein bleibeſt, nachdem Du mit Olympia gebrochen. Die Einſamkeit, das iſt toͤdtlich für Phantaſien wie die Deinige, und in dieſem Fall iſt die Geſellſchaft einer Frau noch beſſer als gar nichts.“ „Bilde Dir nicht ein, Herzog, ich werde Dich noch eine Sylbe ſagen laſſen ohne ein Wort von Dir.“ „Welches Wort, Graf?“ „Herzog, ich drohe Dir nicht; wir ſind zu gute Edelleute und zu redliche Freunde, um ſo einander ge⸗ genüber zu verfahren. Du wirſt mir jedoch bei Deinem Herzogsworte ſchwoͤren...“ „Was ſoll ich ſchwören?“ „Daß Du meine Frau nicht kennſt, wie Du ſagſt.“ „Mein lieber Mailly, ich ſchwöre Dir bei meinem Herzogswort, bei der reinſten Ehre meines Hauſes, mei⸗ nes Blutes und meines Geſchlechts, daß ich Deine Frau nur dreimal geſehen habe: an Eurem Hochzeittage, da ich Dein Zeuge war; am Tage ihrer Vorſtellung bei Hofe und vor wenigen Stunden in Rambouilllet.“ „Ahl Louiſe war in Rambonuillet?“ „Ja, ich habe ſie erblickt, aber nicht einmal mit ihr geſprochen. Doch das erinnert mich auch an einen Umſtand.“ „Nenne ihn mir.“ 112 2 ſind, w Chema⸗ C .* Louiſe 1 gute er ge⸗ deinem ſagſt.“ neinem , mei⸗ Frau e, da ug bei al mit einen 337 „Was kann das Dir machen?“ „Das iſt je nach dem Umſtande.“ „Wenn es nun ein ganzbeſonderer Umſtand wäre?“ „Das kann mir nichts machen, da wir getrennt ſind, wie Du ſagteſt. Es iſt indeſſen ſchicklich, daß ein Chemann...“ „Ja, es iſt in der That ziemlich ſchicklich.“ „Meine Frau iſt frei.“ „Frei bis auf einen Herzog und Pair ausſchließ⸗ lich, und wäre er zweimal Herzog und zweimal Pair, nicht wahr?“ „Pecquigny!“ „Nun! mein Lieber, wenn es Dir mißfällt, daß Deine Frau zu ſehr Einen anſchaut, und daß dieſer Eine zu ſehr Deine Frau anſchaut, ſo iſt es Zeit.“ Der Graf fuhr mit einer Hand über ſein Geſicht. „Ah!“ ſagte er,„eine böſe Verſuchung! Ich kenne Louiſe: ſie wird wohl dahin oder dorthin einige wohl⸗ wollende Blicke werfen, das iſt aber Alles.“ „Du glaubſt alſo an Deine Frau?“ „Ich glaube.“ „Gut. Mein Freund, der Glaube hilft.“ Dann ſagte Pecquigny ganz leiſe zu ſich ſelbſt: „Wenn Slympia ein Muſter iſt, ſo iſt Mailly auch ein Muſter. Welches Paar! Und welch ein Unglück, daß ſie getrennt werden ſollen!“ „Ich habe alſo Dein Wort,“ fuhr Mallly fort,„und ich bin ſicher, daß Du von ſelbſt wegen Olympia hieher kommſt?“ „Ja, und ich gehe wieder in meinen Plan ein.“ „Lieber Freund, erkläre ihn mir nicht, das wäre verlorene Mühe.“ „Hol ho! ich hätte einen unnützen Plan gemacht?“ „Vollkommen. Ich habe die Liebe zu meiner Frau verloren, oder es iſt wenigſtens eine eingeſchlafene Liebe, welche aufwachen wird, wenn es Gott gefällt. „Oder dem Teufel.“ Olympia von Clsves II. 22² 338 „Ja, Herzog; doch was Olympia betrifft, ich wie⸗ derhole Dir, an ihr halte ich; ſie iſt mein, nichts wird ſie mir nehmen.“ „Das ſind Worte: Verba volant! wie der Pater Porée ſagte.“ „Du weißt, mein lieber Herzog, daß es Worte gibt, die man Ehrenworte nennt.“ „Gerathe nicht in Flammen und verſchwende beſon⸗ ders nicht die Ehrenworte.“ „Worin? Bin ich zufällig nicht der Herr meiner Neigungen?“ „Eil nein!“ „Das iſt ſeltſam!“ „Seltſam oder nicht, es iſt ſo. Ich denke, wenn der König eine Steuer von der Stadt erheben will, ſo kommt er nicht, um Dich um Rath zu fragen, nicht ein⸗ mal, um ſie um Rath zu fragen.“ „Ja, aber..“ „Es gibt kein aber... Mademoiſelle Olympia iſt Schauſpielerin, ſie gehört der Comédie; die Comédie ge⸗ hört dem Koͤnig, da ihre Schauſpieler die des Königs ſind.“ „Ah! Du ſcherzeſt!“ „Ich! ich bin tauſend Meilen davon entfernt.“ „Nun, ſo ſage dem Koͤnig, er möge kommen und mir Olympia nehmen, und wir werden ſehen.“ Pecquigny zuckte die Achſeln. „Der Koͤnig wird ſich wohl Zwang anthun, nicht wahr?“ „Pecquigny, Du biſt ein koſtbarer Freund. begreife Dein ganzes Zartgefühl. Du ſiehſt, welche Ge⸗ fahr mich bedroht, und willſt mich derſelben entziehen.“ „Wie?“ „Du weißt, daß man gegen meine arme Olympia conſpirirt hat, und ohne irgend das Anſehen davon zu haben, warnſt Du mich.“ 44 „Ich 8 „Das iſt gut, vertheidige Dich nicht, das iſt vortreff⸗ lich, ich danke Dir. Schon heute Nacht reiſe ich mit b des ſie: wür wol wie⸗ wird Gater Vorte eſon⸗ heiner 339 ihr nach meinem kleinen Gute in der Normandie ab, — Du kennſt es, das in der Nähe von Courbe⸗Epine, was Frau von Prie gehört.“ „Ich danke Dir, daß Du mich hievon unterrichteſt. Du kannſt ſicher ſein, daß Mademoiſelle Olympia nicht nach der Normandie gehen wird.“ „Bah!“ verſetzte Mailly erſtaunt,„warum ſollte ſie nicht gehen?“ „We ic es verhindern werde!“ „Du „Ich ſelbſt. Du begreifſt, mein lieber Graf, ich habe nicht Luſt, den König vor Gram ſterben zu ma⸗ chen, um meinen Platz neben Jacques Clément und Ravaillac zu nehmen.“ „Ah! das iſt ſtark.“ „Wenn es Deine Frau wäre, mein guter Mailly, dann wollte ich nichts ſagen, ich würde Dich ermächti⸗ gen, Dir empfehlen, ſie wohl zu verbergen; denn das wäre ein von Seiner Majeſtät verübter Diebſtahl, ob⸗ gleich es Vorgänge gibt, welche von Ludwig XIV. und Herrn von Monteſpan datiren.. Doch eine Geliebte.. 4 „Herzog!“ „Ah! ja wohl!“ „Du! mein Freund!“ „Außer dem Dienſt; doch hier, mein Lieber,⸗ Dienſt des Königs.“ „Mir die Frau rauben, die ich liebe!“ „Eine Komödiantin?“ „Wenn ſie aber der König liebt, warum ſollte ich⸗ ſie nicht auch lieben?“ „Der König, mein Freund, iſt der König!“ „Willſt Du mich in Verzweiflung bringen 24 „Wenn ich Dich deshalb in Verzweiflung fähe, würdeſt Du mich lachen machen.“ „Nun iſt es zu viel, Herzog, und ich denke, wir wollen ein Ende machen.“ 340 Pecquigny ſtand auf. „Ich hielt Dich für einen Mann von Geiſt,“ ſagte er. „Ja, aber nicht von Herz.“ „Gut; ſeit einer Stunde mache ich alle mögliche Wege und Umwege; ich häufe auf, ich lüge, ich brauche Liſt, ich lege Minen an...“ „Um wohin zu gelangen?“ „Ei! Du weißt es.“ „Um Olympia zu nehmen, ja.“ „Eil wenn es mir der Konig beſiehlt, ſo iſt das minder ſchwierig, als eine Baſtei.“ „Pecquigny, in den Baſteien, die Du genommen haſt, fandſt Du Spanier oder Deutſche.“ „Und bei Olympia werde ich Dich finden, willſt Du ſagen?“ „Jd. „Mein Theuerſter, das wird ein Kummer für mich ſein, doch ich werde den Kummer verſchlucken, und iſt er verſchluckt, ſo werde ich die Baſtei nehmen. Du kennſt meine Theorie der Unannehmlichkeiten.“ „Höre, Pecquigny, ein letztes Wort.“ „Sage es.“ „Wenn Olympia mich liebt?“ „Du ſprichſt nur Tollheiten, Du biſt geringer ſeit unſerer Unterredung. Was ich von Dir gehört habe, iſt ein Compoſitum von entſetzlichen Plattheiten. Wenn Olympia Dich liebt, ſagſt Du? Eil bei Gott! ja, ſie liebt Dich. Was beweiſt das?“ „Wie, was das beweiſt?“ „Allerdings; ich komme auf meine Vergleichung zurück. Lieben die Salzſteuern den König? Dennoch gehören Sie dem König. Wenn Mademoiſelle Olympia den Koͤnig nicht liebt, wird ſie Seiner Majeſtät ſagen, ſie haſſe ihn?“ „Ja, ſie wird es ihm ſagen.“ „Nun! mein Lieber, das wäre eine grobe Dumm⸗ heit, und hiezu halte ich ſie für unfähig. Nie wird ſie es dem König ſagen, weil ſie guten Ton hat, und weil der König geliebt zu werden verdient... Der König iſt bezaubernd... Wenn Du ihn heute Abend geſehen hätteſt! Er iſt viel ſchoͤner als Du. Er iſt viel jünger als Du. Und dann iſt er König, was wohl etwas iſt. Eine Frau, die den König nicht lieben würde, pfui doch! Eine Fraul Hoͤre, mein Theuerſter, Du urtheilſt gegen allen geſunden Verſtand! Die Liebe des Königs für eine Schauſpielerin wird nicht ewig währen! Alle Teu⸗ fen wenn Du dieſe Olympia liebſt, Du wirſt ſie wieder⸗ nden.“ „Ohl was Du ſagſt, iſt abſcheulich.“ „Du haſt hunderttauſendmal Schlimmeres gethan, als ich Dir da ſage. Faſſen wir die Sache zuſammen.“ „Sie iſt zuſammengefaßt. Ich ſchlage es ab.“ „Gut. So laß mich paſſiren, ich will mit der Dame ſprechen.“ Mailly warf ſich dem Herzog entgegen, um ihm den Weg zu verſperren. „Du willſt von dieſen Schändlichkeiten mit Olym⸗ pia ſprechen!“ rief er.„Nie, Herzog! nie!“ „Wenn ich nicht heute mit ihr ſpreche, ſo werde ich morgen mit ihr ſprechen: das iſt der ganze Unter⸗ ſchied.“ „Bei mir, nie!“ „Wenn nicht bei Dir, ſo wird es anderswo, ſo wird es im Schauſpielhauſe ſein.“ „Ich werde Dich eher tödten!“ „Wenn Du mich tödteſt, Mailly, ſo hinterlaſſe ich als Erbſchaft irgend einem Freunde meinen Plan, den Du nicht annehmen willſt. Mein Freund wird den Plan benützen, und Du wirſt genöthigt ſein, auch ihn zu tödten, um ihn zu verhindern, mit Deiner Olympia zu ſprechen.“ „Dann werde ich ſie toͤdten.“ „Gut! Nach den Tollheiten kommen nun die Albern⸗ heiten! Du biſt wie der Roͤmer Virginius, ein Herr, —— 34² welcher ſeine Tochter tödtete... ſehr gut; doch Virgi⸗ nius tödtete ſeine Tochter und nicht ſeine Geliebte; doch Appius war ein abſcheulicher Decemvir, während Ludwig XV. ein reizender König iſt.“ „Was liegt mir daran!““ „Doch, es liegt Dir daran, und Du wirſt ſehen, warum. Der König wird Dich nach ſo vielen Schläch⸗ tereien für verrückt halten, er wird Dich in die Baſtille einſperren laſſen, und dort wirſt Du, indem Du an die Wände Sonette zum Lobe Deiner Geliebten ſchreibſt, verfaulen. Freund, ich bitte Dich, ſchließe Dich in Dich ſelbſt ein. Ich habe die Lage ſcharf gezeichnet. Höre.“ „Mein Gott! ich habe Dich ſchon nur zu viel an⸗ gehört.“ „Der König liebt eine Frau; was ſagſt Du dazu?“ „Nichts, das iſt mir gleichgültig.“ „Dieſe Frau iſt die Deines Nächſten. Was ſagſt Du dazu?“ „Aber..“ „Nichts, nicht wahr? Noch beſſer, wenn es zum Beiſpiel die Frau Deines Freundes Pecquigny iſt, ſo lachſt Du darüber wie ein Haufe Fliegen in der Sonne. Geſtehe, mein Gott! geſtehe doch dieſe zwei Punkte.“ „Ja, doch die Frau, die der König liebt, iſt die⸗ jenige, welche ich auch liebe.“ „Wirſt Du die Andern verhindern, darüber zu lachen?“ „Nein; aber ich werde nicht lachen.“ „Gleichviel. Die Andern werden dem König Bei⸗ ſtand leiſten, wie dies zu thun, wenn man ein guter Franzoſe, natürlich iſt. Der König hat ſeine natürlichen Reize, und in Ermangelung ſeiner Reize, welche unwi⸗ derſtehlich ſind, gibt es die Baſtille: Baſtille für Olym⸗ pia, wenn ſie den König nicht liebt; Baſtille für Mailly, wenn er ſich gegen Seine Majeſtaͤt empört; Baſtille rechts, Baſtille links, Baſtille überall. Mein Freund, ich habe zu viel geſprochen. Die Kehle brennt mich⸗ Man! einmal die eir „ Genuß blie u verteu ſeien d Dir, auf ze man der T 5 ſchwu f nachd guter Spri indef ſiſche Dir vibri broch die L ſubti Fall nicht nicht ich Man hat mir während dieſer langen Unterredung nicht einmal eine Erfriſchung angeboten, wenn nicht etwa die eines Degenſtichs.“ „Oh! verzeih, mein lieber Herzog.“ „Ja, ich begreife, das iſt hart, doch ſelbſt für die Genugthuung des Degenſtichs haben wir die Connsta⸗ blie und die Baſtille. Immer die Baſtille! Welch eine verteufelte Ausſicht. Höre, man ſagte, die Pyramiden ſeien das höchſte Monument der Welt. Nun! ich ſchwoͤre Dir, daß dies falſch iſt, denn man ſieht die Pyramiden auf zehn Meillen nicht. Und dieſe raſende Baſtille ſieht man von überall. Sie iſt das höchſte Monument auf der Welt.“ Mallly verſank in eine tiefe Erſchlaffung. „Ohl alle meine Träume,“ ſagte er,„alle ver⸗ ſchwunden, alle verloren.“ „Bah! haſt Du nicht Eines bemerkt? daß man, nachdem man einen Traum beendigt hat, wenn man ein guter Schläfer iſt, beinahe immer einen andern anfängt. Sprich, biſt Du entſchloſſen 246 „Olympia zu verlaſſen? Nie.“ „Mich ſie vorbereiten zu laſſen?“ „Nie! nie!“ „Mein Freund, es iſt gut. Wir find nun Feinde, indeſſen immer mit der Redlichkeit, welche von franzö⸗ ſiſchen Kriegern unzertrennlich iſt. Und hier muß ich Dir Etwas ſagen.“ „Sage, Du wirſt keine einzige Feder mehr in mir vibriren machen; Alles iſt abgeſpannt, wenn nicht ge⸗ brochen.“ „Da es ſich um eine Weiberſache handelt, ſo iſt die Liſt unerläßlich. Statt zu brutaliſiren, werde ich ſubtiliſtren. Mißtraue mir; die Thüren, die Fenſter, die Fallthüren, Alles werde ich anwenden, und wenn Du nicht in die italieniſche Poſſe gerathen willſt, wenn Du nicht mit Olympia die Caſſandre ſpielen willſt, während ich ſie die Iſabellen ſpielen laſſen werde, nimm Dich 344 in Acht! Ich ſage Dir noch einmal, mein lieber Graf von Mailly, nimm Dich in Acht! Ich, Pecquigny, Dein Freund und zugleich Dein Feind, warne Dich.“ Nach dieſen Worten ging der Kapitän weg, ohne mit ſeinen Lippen das Glas berührt zu haben, das ihm Mailly, als Pecquigny dieſem den Vorwurf machte, er laſſe ihn vor Durſt ſterben, gefüllt hatte. LXIII. Der Schatten war ein Körper. Es war ſpät, oder es war vielmehr ſehr frühzeitig, als der Kapitän der Garden Seiner Majeſtät Ludwig XV. aus dem kleinen Hauſe von Herrn von Mailly wegging. Es ſchlug ſechs Uhr Morgens in der benachbarten Kirche; die erſten Strahlen des Tages fingen an zu er⸗ ſcheinen: ein grauer Tag, wie dieſe Herbſttage ſind, welche im Nebel aufgehen und im Nebel untergehen. Eine trockene durchdringende Kälte verſprach indeſſen einen ſchönen Mittag. An dieſem Morgen und gegen Mittag ſollte der König mit ſeinem ganzen Hofſtaate von Rambouillet zurückkehren. Die erſten Strahlen dieſes Tages brachen durch die Fenſter des Speiſezimmers ein, als Mailly aus einer Art von Lethargie erwachte, in die ihn der Plan des Kapitäns der Garden verſenkt hatte. Das Feuer war erloſchen, die Bedienten waren ſchlaftrunken oder zu Bette gegangen. Mailly ſchüttelte ſeinen Kopf, als wollte er die Woll aufg Feue verſch abgel geöff von Graf lang ſager Oly! es n Sint Seit ſenk „wi Tyr eitig, idwig kailly darten zu er⸗ ſind, hen. deſſen gegen ſtaate ich die einer in des waren er die Wolken herausfallen machen, die der Herzog daria aufgehäuft hatte, und ging zu Olympia hinauf. Er glaubte ſie eingeſchlafen zu finden. Sie ſaß auf ihrem Sopha, die Füße gegen ein Feuer gewandt, das allmälig erloſchen, während die verſchiedenen Wachskerzen auf die Leuchter von Vermeil abgelaufen waren. Olympia ſchlief nicht, ihre Augen waren weit geöffnet. Das war für Mailly ein neuer Schlag. Er ſchaute die junge Frau an und war betroffen von der Veränderung in ihren Geſichtszügen. „Schon aufgeſtanden?“ ſagte er. Olympia, die ſich bei dem Geräuſche, das der Graf eintretend gemacht, nicht gerührt hatte, drehte langſam den Kopf. „Noch nicht zu Bette gegangen, müßten Sie ſagen.“ „Sie ſind nicht zu Bette gegangen?“ „Nein.“ „Und warum nicht?“ rief Mailly.„Mein Gott! Olympia, ſollten Sie leiden?“ „Ich leide nicht.“ „Warum haben Sie ſich nicht zu Bette gelegt?“ „Ich habe mich nicht zu Bette gelegt, weil Sie es mir befohlen,“ erwiederte ſie. „Befohlen!“ wiederholte Mallly. „Ja, ich habe befürchtet, Ihnen mißfällig zu ſein. Sind Sie nicht mein Beſchützer?“ Beide Arme von Mailly ſielen träge an ſeinen Senten herab, während ſich ſein Kopf auf ſeine Bruſt enkte. „Ohl Sie grauſames, grauſames Weib,“ ſagte er; „wie laſſen Sie mich fühlen, daß Sie mich für einen Tyrannen halten!“ Olympia antwortete nichts. „Sie lieben mich alſo nicht mehr, Olympia!“ rief 346 er mit einem Ausdruck aufrichtiger Liebe.„Ohl ich, ich liebe Sie ſo ſehr.“ „Mein Herr,“ ſagte ſie,„Sie achten nicht auf die Wunde, die ſich in meinem Herzen geöffnet hat; ſchonen Sie dieſe Wunde.“ „Welche Wunde?“ Olympia lächelte bitter. „Oh!“ rief Mailly, der zum erſten Mal hieran dachte,„ich zittere, Sie zu verſtehen.“ „Ich habe Ihnen geſagt, Sie ſollen nicht tiefer forſchen.“ „Sie haben Liebe bewahrt... für...“ „Fügen Sie kein Wort bei.“ „Sie lieben noch dieſen Bannière!“ „Graf, wenn ich es nicht ſage, ſagen Sie es nicht.“ „Im Gegentbeil, ſagen wir es, Olympia, Sie lieben dieſen Menſchen, dieſen Komödianten, dieſen Sol⸗ daten?“ „Was liegt Ihnen daran, ob ich ihn liebe oder nicht liebe, da er mich nicht liebt?“ Mailly wollte aufſchreien:„Aber er liebt Sie immer noch! aber er iſt in Paris! aber er ſucht Sie.“ Doch er ſah ein, der furchtbarſte von ſeinen Nebenbuhlern ſei dieſer. Er mußte alſo Olympia glauben laſſen, Ban⸗ nidre ſei fern von ihr. „Olympia!“ ſagte er,„ohne Sie begreife ich die Möglichkeit einer Exiſtenz nicht; ohne Sie gibt es nichts mehr für mich auf der Welt. Entziehen Sie mir Ihre Liebe nicht: das hieße mir das Leben entziehen!“ „Ja, ich glaube, daß Sie mich lieben.“ „Nun wohl! wenn Sie glauben, daß ich Sie liebe, Olympia, ſagen Sie mir, daß Sie Ihrerſeits mich lieben, daß Sie mich nicht nur lieben, ſondern daß Sie mich auch Allem vorziehen, daß Sie keine Hul⸗ digungen dulden würden, welche nicht die meinigen wären. Ohl! es iſt für mich ein Bedürfniß, daß Sie meinig „ich f die onen heran iefer e es Sie Sol⸗ oder mmer er ſah eſer. Ban⸗ ch die nichts Ihre Sie erſeits ndern Hul⸗ nigen 3 Sie 8 weiß, mein Leben hängt vielleicht an dieſem Faden!“ mir das ſagen, daß Sie ſanft gegen mich find! Wer „Sie glücklich machen, ohne glücklich zu ſein, iſt es dies, was Sie verlangen? Streng genommen iſt das möglich „Wenn es möglich iſt, bewilligen Sie es mir.“ „Selbſtſüchtige Liebe!“ „Wie jede Liebe.“ „Graf,“ ſprach Olympia,„ich werde mich bemühen, Sie glücklich zu machen.“ „Hören Sie, das iſt noch nicht Alles.“ „Was gibt es noch? Sprechen Sie.“ „Es können ſich Ihrem Wohlwollen für mich Hin⸗ derniſſe bieten, meine Freundin.“ „Welche?“ „Nehmen Sie an, eine Macht, welche über der meinigen, ſuche mir Ihren Beſitz ſtreitig zu machen.“ „Ihnen meinen Beſitz ſtreitig machen?“ 74 „Ja. „Mit Gewalt?“ „Mit Gewalt, das heißt gegen meinen Willen.“ „Und auch gegen den meinigen?“ „Was das betrifft, das vermöchte ich nicht zu ſagen, Olympig.“ „Wer würde es wagen, von einer Frau Liebe zu verlangen, die ſie nicht geben will?“ „Was weiß ich „Derjenige, welcher dies thäte, wäre der Letzte der Menſchen.“ „Oder der Erſte.“ Oiwmpia ſchaute Mailly ſtarr an. „Ah!“ machte ſie. „Sie begreifen?“ „Vielleicht.“ „Dann deſto beſſer, Sie werden mir ſchmerzliche Einzelheiten erſparen.“ „Ich habe neulich in Britannicus geſpielt.“ 348 „Sie ſind dabei, Olympia.“ „Und es hat mich Einer ſchön gefunden?“ „So iſt es.“ „Und dieſer Eine iſt mächtiger als Sie?“ „Mächtiger als ich, Sie haben es geſagt.“ „Dieſer Eine iſt der König?“ „Es iſt der König.“ Olympia zuckte die Achſeln. „Nun! was iſt Ihnen daran gelegen?“ „Olympia, das bildet die Qual meines Lebens. Der König iſt ſchön, liebenswürdig, jung.“ „Der Koͤnig iſt jung, er wird nichts befehlen, was unredlich wäre. Man muß Nero ſein, um Bri⸗ tannicus zu vergiften und Junia zu rauben.“ Sie „Nehmen Sie aber an, Junia liebe Nero.“ „Nehmen Sie an, Junia liebe Nero, doch nehmen nicht an, Olympia liebe Ludwig XV.“ „Gebrauchte man aber...“ „Was?“ „Die Furcht.“ „Die Furcht?“ „Wenn man Sie mit der Baſtille bedrohen würde.“ „Graf, in der Lage, in der ich bin, kann mir nichts ſüßer ſein, als völlige Gefangenſchaft.“ „Olympia, werfen Sie mir nicht mehr vor, ich ſchließe Sie ein, ich verberge Sie vor Aller Augen. Sie ſehen wohl, daß ich Recht hatte, und dennoch ſind Sie von dieſem Augenblick frei.“ Sie werden den König lieben?“ „Man will mich alſo Ihnen entführen?“ „Man kündigt es mir ſo eben an.“ „Gibt es Etwas, was Sie beruhigen kann?“ „Ihr Wort, daß Sie der Furcht trotzen werden,“ „Was Sie verlangen, iſt wahrhaftig zu leicht.“ „Sie werden alſo nicht gehorchen?“ „Nur der Liebe.“ „Sie ſehen wohl, daß Sie zum Voraus ſagen, Gedanke Sie nut glauben ebens. fehlen, 1 Bri⸗ Lehmen ürde.“ nichts r, ich Augen. ch ſind 2“ rden,“ iicht.“ ſagen, „Ich ſage nichts und ich glaube nicht, daß ich den Köͤnig je liebe.“ „Oh! Sie werden ihn lieben, ſage ich Ihnen.“ ö„Sie ſehen wohl, daß alle meine Schwüre unnütz ſind und Ihnen nicht die Sicherheit geben werden; laſſen Sie ſich alſo blindlings führen.“ Mailly warf ſich Olympia zu Füßen. „Meine Freundin,“ rief er,„mein einziges Gut, ich will Sie lange anſchauen, ich werde mich an den Gedanken gewöhnen, daß Sie mich geliebt haben, daß Sie nur mich geliebt haben, und ich werde am Ende glauben, Sie werden immer nur mich lieben.“ 6 Fut nun gerathen wir wieder in die Illuſionen, ra. „Olympia, Sie ſind grauſam.“ „Nein, ich bin beſtimmt. Sie wiſſen, daß ich ggeſtern in Ohnmacht gefallen bin.“ „Ach! ja.“ „Nun wohl! als ich aus dieſer Ohnmacht erwachte, ſſchien es mir, als ginge ich aus einer Welt hervor, (um in eine andere einzutreten. Die Welt, aus der ich kam, war die Welt der Illuſtonen; die, in welche ich eintrat, war die Welt der Wirklichkeiten. Was bin ich? wohin gehe ich? warum dieſe Delicateſſen? Ich habe ſchon einmal den Herrn gewechſelt, vielleicht werde ich ihn abermals wechſeln. Ich bin ein Schatz, ſagen Sie; ein Schatz wird geſtohlen.“ „Olympia! Olympia!“ „Und ſehen Sie, vielleicht iſt das ein Mittel.“ „Ein Mittel?“ „Ja, Sie zu lieben. Wenn der König mich ſtiehlt... ich fühle, daß ich Sie dann vielleicht lieben werde.“ „lhmpia. Sie durchbohren mir das Herz!“ 2 „Ja, Sie ſind eine von den erſchrecklichen Frauen, welche ſich immer nach den Zuneigungen zurückſehnen, die Sie verloren haben.“ Olympia bebte. „Sie glauben das?“ ſagte ſie. „Ja, ich glaube es.“ „Dann hüten Sie mich vor einem einzigen Mann.“ „Vor dieſem Bannidre?“ „Ja. „Sie lieben ihn?“ „Ja.“ „Sie haben mir aber doch dort geſagt, Sie lieben ihn nicht mehr?“ „Ich glaubte es.“ „Unglückliche!“ 6„Ja, Unglückliche! denn ich liebe ihn immer no. „Sie lieben einen Komödianten!“ „Ich bin eine Komodiantin.“ „Sie lieben einen Spieler?“ „Er ſpielte, um mich zu bereichern.“ „Sie lieben einen Menſchen, der Sie verrathen hat?“ Die Stirne von Olympia verdüſterte ſich, ihre Lip⸗ pen zogen ſich krampfhaft zuſammen. Wem zu Liebe?“ fuhr Mailly fort;„einer un⸗ würdigen Nebenbuhlerin zu Liebe.“ „Mein Herr,“ verſetzte Olympia,„ſprechen wir nicht hievon, ich bitte Sie, und ich glaube, wir wer⸗ den beſſer daran thun.“ „Warum?“ „Weil ich, je mehr ich darüber nachdenke, deſto mehr zu dem Glauben gelange, daß unter der ganzen Geſchichte ein Verrath ſteckt.“ „Ja, allerdings, nur iſt der Verräther Bannidre.“ „Er hat mir in ſeinem Gefängniß geſchworen, er ſei unſchuldig.“ „Bahl ein Menſch ſeiner Art ſchwört immer.“ „Bannidre hat Ehre, Graf.“ „Olympia! Olympia!“ geſter ſpeiſe werde Alber zu de für n mit n erhalt immer nhat 24 hre Lip⸗ ner un⸗ den wir iir wer⸗ 2, deſto ganzen nnidre.“ ren, er 4 er. „Sie ſehen, daß ich Recht habe, wenn ich Ihnen ſage: ſprechen wir nicht von Bannidre.“ „Was liegt mir daran, daß wir nicht von ihm ſprechen, wenn Sie an ihn denken.“ „Ich kann meinem Worte befehlen, Graf, doch ich vermöchte meinem Gedanken nicht zu befehlen.“ „Und Ihr Gedanke 2“ „Richtet ſich unwillkürlich nach jenem Gefängniß zurück, wo er ſich zu meinen Füßen wälzte und zu mir ſagte:„„Ich bin unſchuldig, Olympia! ich bin un⸗ ſchuldig, und ich werde es Dir beweiſen.““ „Hat er es bewieſen?“ „Nein, doch wenn er es bewieſe?“ „Wenn er es bewieſe, was würde geſchehen? Sprechen Sie.“ „Dann wäre es nicht Ludwig XV., den Sie fürchten müßten.“ „Es wäre Bannidre.“ „Ja!“¹ „Oh! Sie haben Recht, Olympia, ſprechen wir von etwas Anderem.“ „Ich habe immer Recht.“ „So leiten Sie mich. Befehlen Sie. Was machen wir?“ „Was wir machen?“ „Ja.“ „Nun, Graf, laſſen Sie uns frühſtücken, da wir geſtern ſo ungeſchickt geweſen ſind, nicht zu Nacht zu ſpeiſen; das Leben benützend, wie man es nehmen muß, werde ich dann nach dem Frühſtuͤck ſchlafen, da ich die Albernheit begangen habe, heute Nacht nicht zu ſchlafen.“ „Wohl! es ſei, leben wir, ohne an die Zukunſt zu denken! Und wenn Du ſehen wirſt, daß Du Alles für mich biſt, meine Olympia, dann wirſt Du Mitleid un ei haben und Dich vertheidigen, um Dich mir zu erhalten.“ 3⁵² „Ich werde mein Möglichſtes thun,“ erwiederte Olympia. Um zwei Uhr Nachmittags ſchlief Mailly und träumte fern von Olympia, ſie liebe nur ihn. Das war ein zu reizender Traum, als daß er lange gedauert haben ſollte. Sein Kammerdiener kopfte an die Thüre und weckte ihn auf. „Was gibt es denn wieder?“ fragte Mailly,„und warum weckt man mich auf?“ „Der Herr Herzog von Richelieu will durchaus en Herrn Grafen ſprechen,“ antwortete der Kammer⸗ iener. „Der Herr Herzog von Richelieu? und aus wel⸗ chem Anlaß? „Dienſt des Königs!“ „Ahl Teufel!“ rief Mailly, während er raſch auf⸗ ſtand,„ſagen Sie, ich komme.“ LXIV. Herr von Mailly iſt eikerſüchtig auf ſeine Frau. Der Herr Herzog von Richelieu wartete wirklich, wie es der Kammerdiener geſagt hatte, auf den Grafen. Sie kamen ſich als wahre Cdelleute auf der einen und der andern Seite artig entgegen. Mailly war nicht der Mann, um wegen eines Vorſchlags, wie es der von Pecquigny geweſen, den Liebenswürdigſten von allen vornehmen Herren jener Zeit ſchlecht zu em⸗ pfangen. frau. klich, rafen. einen war die es n von em⸗ Man umarmte ſich: das war der Gebrauch. „Können Sie,“ ſagte der Herzog, nachdem er den Förmlichkeiten jede Genüge geleiſtet hatte,„können Sie mir ein halbes Stündchen opfern, mein lieber Graf?“ „Aber, Herzog, Sie wiſſen wohl, daß hier...“ „Ja, hier iſt das Haus der Beluſtigungen, und nicht das der Angelegenheiten.“ „In einer Angelegenheit kommen Sie?“ „Ja, und zwar in einer ſehr dringenden.“ „Ich, ich...“ „Sie ſind nicht allein?“ „Ganz richtig.“ 1„Mein Gott! ich bin in Verzweiflung, daß ich Sie öre.“ „Indeſſen, Herzog, wenn es durchaus ſein muß...“ „Es muß durchaus ſein.“ „Daan bin ich zu Ihren Befehlen. Wo beliebt es Ihnen, daß ich Sie empfange?“ „Wenn Sie mir die Wahl laſſen, ſo wünſchte ich, daß wir einen Spaziergang machten.“ „Wir haben den Garten.“ „Vortrefflich.“ „Kommen Sie alſo.“ Mailly ließ Richelien das Speiſezimmer durch⸗ ſchreiten, wo er Pecquigny empfangen hatte, und ſte gingen über eine ganz mit herrlichen, durch eine große Glasglocke beſchützten Blumen beladene Freitreppe in den Garten hinab, der, durch den erſten Froſt zu Grunde gerichtet, ein trauriges, kahles Ausſehen bot. Man konnte indeſſen noch in dieſen letzten Winter⸗ tagen beurtheilen, was er geweſen, und was er im lauen Hauche des Mai werden würde. Es war ein langes Gevierte, an den Mauern mit großen Sycomoren eingefaßt, an deren Zweige der Froſt ſeine Stalaktiten, die Winterzierrath, angehängt hatte. „Herr Herzog,“ ſagte Mailly,„Sie ſehen, wir ſind Olympia von Cloves. I. 23 354 nun ſo allein, als Sie es wünſchen mögen. Sprechen Sie alſo, ich höre. Sie ſcheinen als officieller Bote zu kommen.“ „Bei meiner Seele, es iſt ein wenig ſo, mein lieber Graf; erlauben Sie mir alſo, daß ich Ihnen zu Ihrem Scharffinn Glück wünſche.“ Die zwei Männer verbeugten ſich gegenſeitig. „Wiſſen Sie, daß Sie da ein reizendes Häͤuschen haben, Graf?“ „Da es von Ihnen kommt, Herr Herzog, iſt das Lob doppelt ſchmeichelhaft.“ „Und daß es ein ſehr reizender Vogel ſein muß⸗ ſoll er eines ſo ſchönen Käſichs würdig ſein.“ „Herzog!“ „Wenn der Ruf nicht übertreibt, ſo ſcheint übrigens Fräulein Olympia die Perle der Perlen zu ſein. In welches Waſſer ſind Sie getaucht, um uns einen ſolchen Schatz zurückzubringen?“ „Gut,“ dachte Mailly;„hat er es auch auf Olym⸗ pia abgeſehen?“ Dann ſagte er lächelnd zu Richelieu: „Sie ſprachen von einer officiellen Botſchaft, Herr Herzog; wechſeln Sie Ihre Reſidenz?“ „Wie ſo?“ „Ja. Sollten Sie, nachdem Sie bei dem großen Hauſe Oeſterreich beglaubigt geweſen ſind, dies nun bei dem kleinen Hauſe der Grange⸗Batellère ſein?“ „Ohl es iſt unglaublich, wie Sie errathen, mein lieber Graf! In der That, Sie haben Ihren Tag.“ „Gut,“ ſagte leiſe Mailly,„er wird nun auch Olympia von mir verlangen.“ Dann ſprach er laut: „Herr Herzog, mein Scharfſinn geht noch weiter, als Sie glauben.“ „Bah!“ machte Richelieu. „Denn ich habe nicht nur den Geſandten erkannt, ſondern auch das Motiy der Geſandtſchaft errathen.“ derkät f ſeiner Ihner zu be Olym⸗ V Herr großen weiter, kannt, en.* „Wahrhaftig?“ „Ja. Nur mache ich Sie zum Voraus darauf aufmerkſam, daß ich ſchlecht geſtimmt bin.“ „Ahl ah!l“ rief der Herzog erſtaunt. „Ja, man hat mich ſo eben über dieſen Gegenſtand ausgeforſcht, und die Unterredung iſt mir äußerſt un⸗ angenehm geweſen.“ „Man hat Sie ausgeforſcht?“ „Auf eine ſehr klare Weiſe.“ „Wäre es indiscret, Sie zu fragen, wer dies ge⸗ than hat, Graf?“ „Bei Gott! nein, um ſo weniger, als ich es ihm durch die Art, wie ich ihn empfangen, verleidet habe, wieder hierauf zu kommen.“ „Ja, doch mit Allem dem ſagen Sie mir nicht, wer der dienſtfertige Geſandte iſt.“ „Ohl es iſt ein Freund von mir.“ „Pecquigny vielleicht?“ fragte Richelieu aufs Ge⸗ rathewohl. „Ganz richtig!“ erwiederte Mailly;„woher wiſſen Sie das? „Teufel! Pecquigny!“ murmelte Richelien;„der verdammte Höfling, er hat es mir an Schnelligkeit zu⸗ vorgethan.“ Dann ſprach er laut: „Und Sle haben ſich geweigert, ihn anzuhoren?“ fragte der Herzog. „Im Gegentheil, ich hörte ihn bis zum Ende an. Dann, da ich keinen Zweifel mehr hegen konnte, habe ich ihn auf eine Art verabſchiedet, daß ich ihn ſehen ließ, es wäre mir äußerſt unangenehm, wenn er wie⸗ derkäme.“ „Aber, mein lieber Graf,“ verſetzte Richelien mit ſeiner einſchmeichelndſten Miene,„vielleicht hat er bei Ihnen nicht Alles, was in Erwägung zu ziehen und zu berückſichtigen iſt, geltend gemacht.“ 356 „Ohl ſo beredt Sie auch ſein mögen, Herr Her⸗ zog, ſo bezweifle ich doch, daß Sie es mehr ſind, als Pecquigny; er hat Demoſthenes übertroffen.“ „Ich bitte, Herr Graf,“ erwiederte Richelieu, „laſſen Sie uns erwägen, und um gut und vernünftig zu erwägen, vermengen Sie meinen Schritt nicht mit dem von Pecquigny; ich, ich bin Ihr Freund.“ „Gerade mit dieſer Verſicherung hat Pecquigny debutirt. Sie erſchrecken mich, Herr Herzog, dieſer Freundſchaft ſchreibe ich ſogar ſeine Beredtſamkeit zu.“ „So beredt er geweſen ſein mag, ich hoffe Ihnen Dinge zu ſagen, die er vergeſſen haben wird.“ „Verſuchen Sie es.“ „Vor Allem klären wir einen Punkt auf.“ „Thun Sie das, Herzog.“ „Es iſt gut, zu wiſſen, von wo man ausgeht... Und ſagen Sie, nicht wahr, es iſt beinahe gewiß, daß Sie Frau von Mailly verlaſſen haben.“ „Wiel das iſt ſchon bekannt?“ „Es iſt öffentlich!“ „Nunl ſie hat keine Zeit verloren.“ „Sie oder ſie?“ „Sie.“ „Gleichviel. In jedem Fall iſt die Sache mit einem ungeheuren Geiſte gemacht.“ „Das weiß man?“ wiederholte Mailly, der von ſeinem Erſtaunen nicht zurückkam. „Glauben Sie mir, Graf, wenn ich es nicht ge⸗ wußt hätte, würde ich nicht bei Ihnen erſchienen ſein.“ „Ahl ja, es iſt wahr.“ „Was iſt wahr?“ „Sie machen Eroberungspläne.“ „Was wollen Sie damit ſagen 2 Mailly ſchüttelte den Kopf mit einer ſchlauen Miene. „Ich begreife nicht,“ ſagte Richelien. „Aber ich begreife,“ erwiederte Mailly. Maill 1/ Herr ander ihre 7 einem r von ht ge⸗ ſein.“ plauen V b V „Will das beſagen, der Bruch mit Frau von Mailly ſei ernſt?“ „Das will beſagen, daß ich Ihnen Vollmacht gebe. Herr Herzog, Frau von Mallly und ich, wir ſind ein⸗ ander fortan fremd.“ „Sie ſagen das mit einer Miene... hm!“ „Mit welcher Miene ſage ich das?“ „Mit einer Miene, welche glauben machen würde, Sie beklagen ihren Verluſt.“ „Ich beklage ihn nicht, nein, Herzog, und dennoch hat ſie vortreffliche Eigenſchaften.“ „Sie iſt reizend.“ „Ohl ich bitte Sie, Herzog, loben Sie mir ſie nicht zu ſehr.“ „Und warum dies?“ „Weil ich am Ende ihr Gatte bin.“ „Nun! folgt aus dem, daß Sie ihr Gatte ſind, Sie müſſen unempfindlich für die Vorzüge der liebens⸗ würdigſten Frau ſein?“ „Sagte ich Ihnen nicht ſo eben, Herr Herzog, ſie habe vortreffliche Eigenſchaften?“ „Was Sie nicht abgehalten hat, Frau von Mailly ihre Freiheit zu geben. Eil ich begreife das. Made⸗ moiſelle Olympia...“ „Gut!“ dachte Mailly,„nun kommt er auf Olym⸗ pia zurück.“ Dann ſprach er:„Ah! haben Sie ſeit den drei bis vier Tagen, daß Sie von Wien zurückgekehrt ſind, ſchon Zeit gehabt, die Bekanntſchaft der Einen und der Andern zu machen?“ „Ihrer Frau, ja, von Mademoiſelle Olympia, nein; doch geſtern ſagte man in gutem Hauſe, ſie ſei reizend.“ „In Rambouillet?“ „Ganz richtig, woher wiſſen Sie das?“ „Erzählte ich Ihnen nicht, Pecquigny habe mich beſucht?“ „Es iſt wahr; in der That, er iſt es, der das ſagte.“ 358 „Und wem?“ „Dem König, glaube ich.“ Mailly ſtampfte mit dem Fuße. „Ahl“ fragte Richelien,„iſt keine Uebertreibung bei dem, was man ſagt?“ „Ueber wen?“ „Ueber Mademoiſelle Olympia. Man ſagt, ſie ſei ſchön!“ „Sehr ſchön!“ „Voll Liebreiz.“ „Es iſt eine Fee!“ „Und Talent dabei.“ „Sie iſt eine Künſtlerin vom größten Verdienſte!“ „Und ſie liebt Sie?“ „Was, des Teufels! iſt hierüber zu erſtaunen?“ „Nichts, bei Gott! Sie ſind ein reizender Cava⸗ lier, und das war eine ganz einfache Frage.“ „Es intereſſirt Sie alſo, ob Olympia mich liebt oder nicht liebt?“ „Ungeheuer.“ „Nun! Herzog, Sie liebt mich.“ „Und Sie, lieben Sie Olympia?“ „Das iſt eine lächerliche Frage; doch...“ „Doch?“ „Ich bete Sie ganz einfach an.“ „So daß nichts Sie von ihr zu trennen vermöchte, und daß keine Perſpective, ſo glänzend ſie auch wäre, Sie auf Mademoiſelle Olympia zu verzichten bewegen könnte?“ „Es könnte mich nicht nur nichts auf ſie zu ver⸗ zichten bewegen, ſondern wenn man ſie mir entführen wollte...“ „Was würden Sie thun?“ 8 „Ohl ich würde denjenigen tödten, der mit dieſem Auftrage für Rechnung eines Andern betraut wäre, und wäre es mein beſter Freund, und wäre es mein Bru⸗ der, und wären Sie es, Herzog.“ Mail reizer Kam Ihne geiſtt nöchte, wäre, wegen u ver⸗ führen dieſem ee, und Bru⸗ „Schlagen Sie ein!“ ſagte Richelieu, indem er Mailly die Hand reichte. „Wiel ich ſoll einſchlagen?“ 1„Sie machen mich zum freudigſten Menſchen der elt.“ „Dadurch, daß ich Ihnen ſage, ich liebe Olympia, Olympia liebe mich? daß ich Ihnen ſage, ich würde ſie Allen ſtreitig machen, ſelbſt dem König?“ „Welch ein Glück iſt das!“ rief der Herzog. „In welcher Beziehung iſt das ein Glück? Sie legen mich auf einen Roſt, lieber Herzog.“ „Das benimmt mir alle Bedenklichkeiten.“ „Sie hatten alſo ſolche?“ „Gewiß, mein lieber Graf; Sie begreifen, wie Sie vorhin ſagten: ein Gatte bleibt immer ein Gatte, es ſei denn, daß er es nicht mehr iſt, wie Sie.“ „Sie wollen alſo über Frau von Mailly mit mir ſprechen?“ „Allerdings, da ich nur deshalb komme; das iſt es, was mich befangen macht.“ „Ahl bei Gott! Herzog, ich möchte wohl wiſſen, wer der Befangenſte von uns Beiden iſt.“ „Offenbar ich,“ erwiederte Richelieu,„und zum Beweiſe dient, daß ich mich ſeit einer Stunde um die Frage drehe und nicht weiß, womit ich anfangen ſoll.“ „Soll ich Ihnen helfen?“ „Bei Gott! das wäre galant, mein lieber Graf.“ „Ahl das iſt ſehr leicht. Sie haben Frau von Mallly geſtern in Ramboutllet geſehen; Sie haben Sie reizend gefunden, und Sie wollten ſich, als guter Kamerad, über unſere Trennung Sicherheit verſchaffen.“ „Das iſt es, bei meiner Treue! Doch wer konnte Ihnen ſagen... 2“ „Ich bin unterrichtet; gehen Sie immer zu.“ „Wahrhaftig, mein lieber Graf, man kann nicht geiſtreicher ſein.“ „Ahl das iſt ſtark!“ rief Mailly, indem er laut auf⸗ 360 lachte, jedoch mit einer Heftigkeit, welche gerade bewies, daß er nicht herzlich lachte;„Sie wollen mich um Erlaubniß bitten, mir meine Frau nehmen zu dürfen!“ „Mein lieber Graf, würden Sie es vorziehen, wenn ich ſie Ihnen, wie ein armſeliger Burſche oder wie einer der ſchlechten Copiſten der Regentſchaft, ſtehlen würde, ohne: Aufgepaßt! zu ſagen, nur ſo ganz im Schatten Ihrer, noch halb unbekannten, Trennung? Pfuil das wäre entſetzlich alltäglich! Soll ich Ihnen erklären, Graf, warum meine erſten diplomatiſchen Ne⸗ gociationen geglückt ſind? Da man, um zu unterhan⸗ deln, zwei contrahirende Parteien braucht, ſo richte ich es immer ſo ein, daß ich meinen Gegner nicht über⸗ rumpele; ich benachrichtige ihn, ich gewinne durch meine Redlichkeit, und ich ſiege durch meine Logik.“ „Sie hoffen alſo,“ rief der Graf,„Sie hoffen mir zu beweiſen, es ſei gerecht von meiner Seite, daß ich Frau von Mailly anbeten laſſe?“. „Gewiß, ich zäͤhle hierauf.“ „Gut, ſehr gut!“ ſagte Mailly, unwillkürlich er⸗ heitert durch dieſe Seltſamkeit;„beweiſen Sie, beweiſen Sie, mein lieber Herzog, und wenn Sie mir das be⸗ weiſen, halte ich Sie, nachdem ich Sie als unbeſiegt anerkannt habe, für unbeſiegbar.“ „Einmal lieben Sie Ihre Frau nicht mehr.“ „Ich geſtehe es, ſie hat einen abſcheulichen Cha⸗ „Ahl ich hatte ſie für mich genommen.“ „Gut! Halsſtarrigkeit?“ „Wie ſo? „Nun ſagen Sie Schlimmes von Frau von Mailly!“ „Warum wollen Sie Gutes von ihr?“ „Graf, ich bitte, laſſen ſte uns ernſthaft ſein,“ ſagte der Herzog.„Ich ſchwore Ihnen, daß es der Mühe werth iſt, und da Pecquigny mit Ihnen geſprochen hat, ſo müſſen Sie die Lage der Dinge ſchätzen.“ 4 ſich ve Die 2 zwei dem 1 7 Urſach Engel Herzo 1 der 4 komm hatten , daß abniß wenn wie lehlen az im ung? Ihnen Ne⸗ rhan⸗ richte über⸗ meine n mir aß ich ch er⸗ veiſen 1s be⸗ befiegt Cha⸗ eilly!“ ſagte Mühe „Ganz richtig, Herzog.“ „Nun wohl! ich glaube, Sie müſſen dem, was ſich vorbereitet, keine Aufmerkſamkeit zu ſchenken ſcheinen. Die Blindheit compromittirt nie; überdies treiben Sie zwei Urſachen hiezu an, einmal der Wille des Königs, dem man nicht zu widerſtehen vermöchte.“ „Gutl das ſagte mir Pecquigny.“ „Sehen Sie, der Verderber! Sodann die beſte Urſache von allen denjenigen, welche Ihnen Ihr guter Engel ſelbſt gibt: die Unverträglichkeit, mein lieber Herzog, die Unverträglichkeit.“ „Wie beliebt?“ „Ich ſage die Unverträglichkeit. Sehen Sie, in der That, welch ein Glück, daß dieſe Trennung ſo ge⸗ kommen iſt,— gerade in dem Augenblick, wo wir ſie nöthig hatten.“ „Welche Trennung?“ „Ihre Trennung von Ihrer Frau.“ Mailly ſchaute den Herzog an. „Wahrhaftig!“ rief er,„ich weiß nicht, was meine Trennung von Frau von Mailly bei dieſer ganzen Sache zu thun hat.“ „Nun! Graf, ich ſagte Ihnen ja, Pecquigny habe nicht alle Motive geltend gemacht! Wiel iſt es nicht ein Wunder, daß gerade am vorhergehenden Tage, ohne Vor⸗ bedacht und ohne Scandal, Sie und Ihre Frau dieſe kleine Scheidung unterzeichnet haben, welche Sie vor der Lächerlichkeit, Ihre Frau vor der Anſchuldigung beſchützt.“ „Bei meiner Ehre,“ rief Mailly,„ich verſtehe Sie immer noch nicht.“ „Sie erſchrecken mich; ich erkläre mich doch!“ „Ohl ich wäre Ihnen dafür verbunden; denn Sie und Pecquigny, Sie würden mich verrückt machen.“ „Wohl denn! was hätte die Welt geſagt, wenn dieſe gluͤckliche Trennung nicht dem Schritte, den ich — 36² bei Ihnen thue, vorangegangen wäre?.. Herr von Mallly iſt ein Ehrgeiziger.“ „Ein Ehrgeiziger?“ „Frau von Mallly opfert ihren Gemahl, der nur ein Graf iſt, dem König, weil er der König iſt.“ „Dem König!“ rief Mailly erbleichend. „Eil allerdings dem König.“ „Wie! meine Frau?.“ „Nun?“ „Der König liebte ſie?“ „Sicherlich.“ „Und Sie?“ „Ich bin der Erſte, der Ihnen das Beiſpiel der Verleugnung glbt.“ „Sie kommen im Namen des Königs?“ „In welchem Namen ſoll ich denn kommen? Ich bin Geſandter von Frankreich, und Frankreich, das iſt der König! Was Teufels! mein lieber Graf, wenn man Richelieu heißt, betreibt man nur die Angelegen⸗ heiten des Königs oder die ſeinigen.“ Mailly blieb beſtürzt: ein unbekannter Horizont, an den er gar nicht gedacht, öffnete ſich vor ihm. Ganz nur mit Olympia beſchäftigt, hatte er bis dahin ge⸗ glaubt, von ihr ſei bei Richelieu die Rede. „Der Köͤnig iſt in meine Frau verliebt!“ murmelte er endlich, aus ſeiner Betäubung erwachend. „CGi!“ rief Richelieu,„man ſollte glauben, Sie fallen aus den Wolken! ſeit einer halben Stunde ſinge ich Ihnen daſſelbe Lied auf zehn verſchiedene Melodien.“ „Ah! Herzog, Herzog,“ murmelte Mailly,„iſt das wirklich wahr, was Sie mir da mittheilen?“ „Eil Sie hören alſo nicht?“ „Meine Fraul der König liebt meine Frau!“ Richelieu nickte bejahend mit dem Kopfe. „Das iſt unmöglich!“ rief Mailly. „Wie, unmöglich?“ liebe. bereit f 1 4 7 1 Graf dieſe wird nur e der Ich as iſt wenn legen⸗ rizont, Ganz in ge⸗ rmelte „Sie finge dien.“ ſtt das „Dieſen Morgen hat mir Pecquigny das Gegen⸗ theil geſagt. Herzog, Sie erfinden das!“ „Ich, alle Teufel!“ „Ja, Sie.“ „Und in welcher Abſicht?“ „In der, mir meine Frau zu nehmen.“ „Hol ho! Graf, was für Teufelsworte haben Sie mir da geſagt! Spricht man ſo in Paris, ſeitdem ich nicht mehr hier bin? Erfinden! ich, ich erfinde etwas! haben Sie das geſagt? aber, mein lieber Graf, Sie ſchweifen aus.“ „Ohl Pecquignyl Pecquigny!“ „Nun, was hat er Ihnen denn geſagt?“ 4„Er hat mir geſagt, Olympia ſei es, die der König liebe.“ „Wahrhaftig?“ verſetzte Richelieu. Und er ſchlug ein Gelächter auf. „Das erheitert Sie, Herzog!“ rief Mailly, ganz bereit, ſich zu ärgern. „Ja wohl.“ „Und warum?“ „Weil es wirklich drollig iſt.“ „Der Köͤnig ſollte zwei Frauen lieben!“ „Der König iſt dazu fähig, Graf.“ „Ohl ſcherzen Sie nicht ſo.“ „Er könnte Ihnen wohl Beide nehmen, mein armer Graf.“ „Ohl Herzog, wahrhaftig, Sie müſſen zugeben, dieſe Lage iſt unerträglich.“ „Es iſt allerdings eine ſeltſame Lage.“ „Olympia, die ich liebe!“ „So laſſen Sie Ihre Frau.“ „Frau von Mailly, die meinen Namen führt!“ „Dann laſſen Sie Ihre Geliebte gehen.“ „Herzog, ich bin ein verlorener Mann, ganz Paris wird über mich ſpotten, und Sie fangen ſchon an.“ „Gott behüte mich, mein lieber Graf, und ich bin 364 im Gegentheil voller Herzlichkeit, voll inniger Freund⸗ ſchaft für Sie.“ „Einen Rath alſo.“ „Bahl Sie ſcherzen!“ „Wie ſo?“ „Räth man den Leuten in Ihrer Stellung, den Leuten, welche eine Liebe und eine Eitelkeit haben?“ „Sie kommen aber doch aus einem Grunde hierher?“ „Eil ich kam, um Ihnen ein Mittel zu geben, ſich vor der Lächerlichkeit zu retten.“ „Geben Sie es geſchwinde.“ „Ich wollte Ihnen ſagen: Ihre Frau wird vom König geliebt; Sie haben nie Ihre Frau geliebt; Ihre Frau liebt Sie nicht mehr. Beeilen Sie ſich, Herrn von Monteſpan nachzuahmen, der ſein ganzes Leben vom König gefürchtet, von ſeiner Frau gehätſchelt und von aller Welt geſchätzt worden iſt. Es iſt möglich, daß die ewige Moral an Allem dem etwas auszuſetzen hat, doch in unſeren Tagen geſchehen die Dinge auf dieſe Art; man muß ſeiner Zeit angehören, ſo mittelmäßig ſie auch ſein mag.“ „Herzog, Herzog! es iſt ganz einfach die Chr⸗ loſigkeit, was Sie mir da rathen!“ „Sind Sie ein Mann, mein Lieber? Das iſt im Gegentheil die höchſte Chre; es iſt das, was man einen Entſchluß faſſen heißt.“ „Herzog, ich möchte gern die Dinge aus Ihrem Geſichtspunkte ſehen.“ „Ich beweiſe. Zaudern Sie, ſo fängt der König bei der ſchwachen Seite an, wie es immer geſchieht, wenn man einen Platz belagert: er liebt einmal Ihre Geliebte, und alle Welt billigt es.“. „Wie! alle Welt billigt es?“ „Ell alle Welt lacht gern, nicht wahr? Der König liebi ſodann Ihre Frau, und dies um ſo gewiſſer, als ſie, indem ſie ſich lieben läßt, Ihnen einen doppelten Streich ſpielt. Aus dieſem entſpringt, daß Sie zweimal geſchle wohnt das er auffuͤh 1„ 1 giren werfen Korn; bereite als H hervor nemen werde des T ſtattfi ſte ſich Herzo gute! worde greife Olym beſche dankt erlang den 2 1 er?“ ſich vom Ihre Herrn Leben t und glich, n hat, dieſe näßig Ehr⸗ ſt im man Ihrem König hieht, Ihre König , als pelten veimal geſchlagen ſind, und daß alle Welt der Komöͤdie bei⸗ wohnt; denn es gibt keinen Zuſchauer, der, nachdem er das erſte Stück hat aufführen ſehen, nicht das zweite aufführen ſehen will.“ „Hören Sie, Herzog, das iſt gräßlich!“ „Es iſt ſo. Haben Sie im Gegentheil Kopf. Arran⸗ giren Sie ſich ein ironiſches Lächeln. Wählen Sie: werfen Sie die Treſpe weg, behalten Sie das gute Korn; in dieſem Sturme, der Alles zu verſchlingen droht, bereiten Sie ſich ein Rettungsbrett. Gehen Sie hieraus als Herzog und Pair, als Ritter der Orden des Koͤnigs hervor; haben Sie das Verſprechen eines guten Gouver⸗ nement, haben Sie das Gouvernement ſelbſt, und Alle werden für Sie lachen, ſtatt gegen Sie zu lachen.“ „Das iſt unmöglich!“ „Sie verlieren den Verſtand. Lieben Sie Olympia?“ „Ich bin wahnſinnig in ſie verliebt.“ „Lieben Sie Ihre Frau?“ „Ich weiß es nicht.“ „Ahl gut!l ſchon Rückkehren! ſchon Schwankungen! Wie ſchwach, wie ſchwach ſind Sie! Haben Sie Ihre Frau verlaſſen oder haben Sie ſie nicht verlaſſen?“ „So ungefähr.“ „Ihre verlaſſene Frau wird ſich rächen.“ „Vielleicht.“ „Sie wird ſich rächen, ſage ich Ihnen. Warum, des Teufels! ſoll eine Ausnahme zu Ihren Gunſten ſtattfinden? Rächt ſie ſich nicht mit dem König, ſo wird ſie ſich mit einem Andern rächen; und dann, gute Nacht, Herzogthum, gute Nacht, Pairie, gute Nacht, Orden, gute Nacht, Gouvernement: Sie werden gratis betrogen worden ſein! Wahrhaftig, mein theurer Graf, ich be⸗ greife nicht, wie ein Mann von Geiſt, der Ihre reizende Olympia liebt, wie Sie es thun, und dem ſeine Frau beſchwerlich iſt, wie Ihnen die Ihrige, nicht dem Himmel dankt, daß er ihm eine Gelegenheit, ſeine Freiheit zu erlangen, ſchickt.“ 366 „Aber die Freiheit iſt in dieſem Falle die Schande!“ „Große Worte, Alles dies! Eil mein Herr, wenn Ihre Frau den Köͤnig liebt, verhindern Sie doch dieſe Schande.“ „Wenn meine Frau den König liebt?“ „Warum nicht? Iſt Ludwig XV. jung oder alt, häßlich oder ſchön, König oder Schäfer? Iſt der König nicht ſo viel werth, als Sie, ich und die Andern?“ „Ohl wie Pecquigny,“ murmelte der Graf. „Was Sie nicht mit dem Vortheil der Lage thun wollen, werden Sie zu dulden gezwungen ſein; dann werden Sie ſehen, Sie werden ſehen!“ „Herzog, das iſt, um ſich den Kopf zu zerſchmettern.“ Mailly verſenkte ſein Geſicht in ſeine beiden Hände. Richelieu ſchaute ihn mitleidig an, wie ein ſtolzer Sieger einen zu Boden geworfenen Feind anſchaut. „Ich bin gekommen,“ ſagte er,„um Ihnen eine gute Kunde mitzutheilen und Sie vom Stande der Dinge zu unterrichten; Sie nehmen die Sache verkehrt, ſpre⸗ chen wir nicht mehr davon.“ „Wiſſen Sie, daß das, was Sie da ſagen, eine Beleidigung iſt?“ rief Mailly das Haupt erhebend. „Geben Sie Acht, ſollten Sie mich herausfordern, ſo würde ich es annehmen! Ich bin Geſandter Seiner Majeſtät und muß die Ehre der Krone aufrecht er⸗ halten.“ „Wie Pecquigny!“ ſchrie der Unglückliche,„wie Pecquigny!“ Und er ſtützte den Kopf auf den marmornen Sockel einer Statue. Ohne Zweifel hatte der Herzog Mailly dahin ge⸗ bracht, wohin er ihn hatte führen wollen, denn den Augenblick der Niedergeſchlagenheit benützend, der ſich der unglückliche Graf überlaſſen, pirouettirte er auf dem Abſatz und verſchwand. LXV. Mailly geräth in Anruhe. Es iſt leichter, die Leiden von Mailly nach dem Abgange von Richelieu ſich vorzuſtellen, als ſie zu ſchildern. Liebhaber und Gatte, ſah er ſeine Frau, ſeine Ge⸗ liebte, Beide bedroht. Die Frau iſt immer nur Etwas für den Ungetreuen in dem Augenblick, wo er bemerkt, daß Andere ſie ausgezeichnet haben; doch in dieſem Augenblick iſt die Frau das Eigenthum, es iſt der Name, es iſt die Ehre, es iſt Alles. In dieſem Augenblick, welch ein koſtbares Beſitz⸗ thum iſt die Frau, und wie erſcheint Alles das, was man verachtet hat, glänzend, wie kommt der Grund, zu lieben, mit dem Grunde, zu haſſen, zurück! In einem Augenblick war Herr von Mailly in die Extreme geworfen. Er ſtellte ſich auf der Stelle ſeine Frau vor, die er vereinzelt, verzweifelt, abgeſchieden verlaſſen hatte. Er ſiellte ſich ſeine Frau von Schmeich⸗ lern, von Hofmachern umſchwärmt, von Weihrauch un glit vor. Ein glühender Dolchſtoß durchbohrte ſein erz. „Meine Frau abtreten!“ ſagte er zu ſich ſelbſt: „mein Gut demjenigen abtreten, der mir nur das Leben nehmen kann! Nie!“ Dann hielt er inne. „Aber,“ dachte er,„dieſe Intriguen⸗ und Verderb⸗ nißſchmiede haben es mir wohl geſagt: der König iſt gut, er will nicht Alles einem armen Gdelmann neh⸗ men. Von zwei Begierden wird er eine aufgeben, um Herrn von Mailly etwas zu laſſen. Der König iſt ein 368 Muſter von Enthaltſamkeit und Tugend. Er iſt Seipio oder Alerander, dieſer junge Monarch. „O glücklicher Mailly! Der König wird Dir nur Deine Frau oder Deine Geliebte nehmen. Es iſt Deine Sache, diejenige zu wählen, welche Dir nehmen zu laſſen Dir anſtändig iſt. Deine Frau, wenn Du willſt, Deine Geliebte, wenn Du willſt. Welche Großmuth! In der That, warum ſollte ich zugleich eine Frau und eine Geliebte haben? Das iſt eine Häufung, welche die Moral verwirft! „Und der König, den Herr von Fréjus erzogen hat, der König iſt ſo moraliſch. „Es gibt in Frankreich keinen Patriarchen als Seine Majeſtät. Der König allein kann ſich ein Serail machen, wenn es ihm beliebt. Du haſt eine Geliebte, die Dich liebt, und eine Frau, die Du lieben zu müſſen glaubteſt. Durchaus nicht! der König wird Dir be⸗ weiſen, daß dies zu viel iſt; er wird es beweiſen, ſei es durch die Baſtille, ſei es durch Vincennes, ſei es durch irgend ein anderes Mittel. „Er wird es Dir beweiſen, indem er Dir die Kapitäne der Garden mit langen Fuchteln bewaffnet ſchickt. „Er wird es Dir beweiſen, indem er Dir ſeine Diplomaten mit Protokollen und Spitzfindigkeiten ge⸗ panzert ſchickt. „Er wird es Dir durch die Verbannung beweiſen. „Er wird es Dir beweiſen, wie es David, bei Gott! für Bathſeba dem Uria bewies. „Er hat nicht nur für ſich das Beiſpiel von Lud⸗ wig XIV., ſondern auch das von David. „Beim erſten Treffen gegen die Spanier oder die Engländer weiſt man Dir einen ſo gut gewählten Platz an, daß eine Mine unter Deinen Füßen ſpielen wird, wie es Herrn von Beaufort vor Candia geſchehen iſt! „Oder Du wirſt von einem ſpaniſchen Jäger, muthig, von vorne, getödtet— Kriegsgeſchick! „Oder Du wirſt die Kugel von einem Deiner eipio nur Deine laſſen Deine n der eine die zogen Seine Serail iebte, nüſſen ir be⸗ n, ſei ſei es pitäne ſeine en ge⸗ veiſen. , bei Lud⸗ der die Platz wird, n iſt! Jäger, Deiner Greuadiere in die Lenden bekommen, eine bedauernswerthe Ungeſchicklichkeit, welche die empfindſamen Leute, die Zeitungsleſer weinen machen wird. „Mailly! Mailly! die Lage der Dinge iſt ernſt! „Sie iſt ernſt beſonders, weil ſie heftige Begier⸗ den bei dieſem jungen Fürſten ankündigt, den Frankreich, einſtimmig, den Vielgeliebten nennt. „Arme Frau! wenn ſie ihn beſſer kennen wird! Seine Frau, meine Frau und meine Geliebte! Maria Lesczinska, die Frau Gräfin von Mailly und Olympia von Cloves! Alles dies für einen Jüngling, das iſt ernſt. „Ja, Mailly, das iſt ernſt! und was wird er denn mit dreißig Jahren und beſonders mit ſechzig machen! „Wie viele Leute haben bei ſolchen Vorkommenheiten die Augen geſchloſſen, wie dieſen Morgen der Herr Herzog von Richelieu ſagte, kluge Leute, gewandte Leute, deren Angelegenheiten nicht aufgehört haben, auf einem guten Wege unter dem doppelten Impulſe der zwei ſo mächtigen, ſo vortrefflichen Bewegungskräfte, die man eine ſchone Frau und eine ſchöne Geliebte nennt, zu gehen. „Ahl dieſe ſind die Geſchickten. „Es iſt gewiß, daß, wenn ich dieſen Entſchluß nicht annehme, daß, wenn ich immer fortfahren will, wie derſelbe Herzog von Richelieu, auch ein Geſchickter, ſagt; daß, wenn ich meine Frau verachten, über ſie und den König lachen, mir eine Partei unter den alten ſauertöpſiſchen Höflingen, die Tugend kläffen, machen will, wenn ich mich umſchmelzen und mich zu ei⸗ nem Menſchen vom letzten Jahrhundert oder vielmehr von den Jahren der Frau Marquiſe von Maintenon bilden will, man mich Montanfier, Noailſe, Monte⸗ ſpan nennen und in den Almanachs ſegnen wird, welche ſie in Holland drucken; es iſt gewiß, daß, wenn ich den Widerſtand ſo weit treibe, daß ich die Verbannung erdulde, dem Koͤnig Vorſtellungen mache, Gerechtigkeit von der Königin verlange, die Rolle herrlich ſein wird. Olympia von Cleves. II. 370 „Mit ein wenig Takt,— ich habe Gott ſei Dank,— bringe ich Ihre beleidigte Majeſtät auf meine Seite, ich conſpirire mit Maria Lesczinska gegen meine Frau und laſſe mich in die Baſtille führen, escortirt— von allen unglücklichen und betrogenen Ehemännern, die aus mir ihren Cäſar oder ihren Pompejus machen werden. „Sodann Wiedereinſetzung nach der Verbannung, Würden, die nach der Baſtille auf mich regnen, oder wenigſtens ein Ruf, der im Stande iſt, alle Sieger dieſes verkleinerten Jahrhunderts erbleichen zu machen. „Etwas Anderes. Keinen Lärmen, kein Aufſehen, was ſich für einen Mann von gutem Geſchmack beſſer ſchickt; authentiſche Trennung ſtatt dieſes kleinen Scheidungs⸗ entwurfs, welchen Louiſe und ich durch Privatunterſchrift gemacht haben; Enterbung der ſogenannten legitimen Kinder, welche geboren werden könnten: Alles dies ſehr geheim und ſehr in der Ordnung. Dann für mich ein Leben ganz der Ruhe und ganz der Ehre. Niemand wird über den König lachen, vor dem ich mich gebeugt haben werde. Niemand wird über mich lachen, der ich mei⸗ nen Namen achten gemacht haben werde. Meine Frau wird nicht mehr meine Frau ſein, man wird ſie um⸗ taufen, man wird ſie die Vielgeliebte des Viel⸗ geliebten nennen. „Was kann beſſer ſein! „Nein, nein, man ſoll nicht ſagen, ein franzöſi⸗ ſcher Edelmann, wenn er ſeiner Frau ſeinen Namen geſchenkt hat, ſehe ſich genöthigt, dieſe Frau zu ver⸗ leugnen. Ich, Graf von Mailly, habe eine Frau, ich habe eine Frau durch meinen Willen, im Namen des Geſetzes, im Namen der Kirche genommen. König Ludwig XV. wird mir meine Frau nicht nehmen; nein, ich will es nicht. „Doch Olympia, doch meine Geliebte, das iſt lei⸗ der etwas Anderes. Ich habe eine Geliebte, und zwar weder im Namen des Geſetzes, noch im Namen der Kirche; es iſt aber dennoch ein durch den Gebrauch ge⸗ eitte, Frau von aus den. ung, oder eger chen. was ickt; ngs⸗ hrift men ſehr eben wird aben mei⸗ Frau um⸗ ie l⸗ z fi⸗ men heiligtes Recht. Es iſt ohne Beiſpiel beim Adel ſeit hun⸗ dert Jahren, daß ein Mann einer Geliebten entbehrt. „Ja, doch wenn es ohne Beiſpiel iſt, daß ein Mann einer Geliebten entbehrt, ſo iſt es auch ohne Bei⸗ ſpiel, daß eine Frau eines...“ Hier hielt Mailly inne. „Was wollte ich ſagen!“ rief er;„ich verurtheile mich ſelbſt! Ja, das iſt ohne Beiſpiel; wohl! ich, ich, Graf von Mailly, ich verhindere es dennoch. Mir, mir kommt auch die Willkür zu, da die Anderen für ſich das Monopol ſuchen wollen.“ Hienach ging Mailly, ganz zitternd, ganz bleich, ganz verſtört, hinauf, um ſeinen Degen zu holen, und ohne Olympia zu wecken, welche in tiefer Ruhe ſchlief, lief er pfeilgeſchwinde zur Gräſin von Malilly. Louiſe war ſachte in ihrem Wagen, im Gefolge des Königs, gewiegt auf ihrem Kiſſen, allein, ganz ihren Gedanken hingegeben, zurückgekehrt. Louiſe war entzückt von den Erinnerungen des vor⸗ hergehenden Tages. Geliebkoſt von Hoffnungen für die Zukunft, hatte ſie von Rambouillet an nicht aufgehört, den ſüßen Traum zu verfolgen, der der ſaftvollen Jugend die mitten in der Freiheit entſtehende Liebe einflößt. Die Gräfin dachte noch nicht beſtimmt das, was Richelien dachte. Nein. Eine auserwählte, keuſche und zurückhaltende Natur, jedoch ganz bereit zu den raſchen Bewegungen, die ihr die wahre Liebe, die wohl an⸗ gebrachte Leidenſchaft rathen würden, ſchmiedete ſich Louiſe nichts Chimäriſches in ihrem Geiſte; ſie fühlte wohl, daß in ihr das lag, womit ſie Alles verwirklichen konnte, was die Umſtände herbeiführen würden. Sie hatte wieder von ihrem Hotel Beſitz ergriffen, als ob der Herr Graf von Mailly nie mehr dahin zurückkehren ſollte. Dieſe Vergangenheit, dieſe Hei⸗ rath, dieſer hochzeitliche Segen gegeben in Gegenwart der Familien Mailly und Nesle, das war für ſie ein unbedeutender Graben, der ihr Leben vom vorhergehenden Jahre zum nächſten Jahre durchſchnitt, und nichts Anderes. 372 Louiſe von Nesle rechnete nicht mehr auf den Grafen von Mailly. Die Träume des abgelaufenen Tages hatten ſie den Gatten vergeſſen gemacht. Sie hatte gegen den Grafen von Mailly nichts Bitteres, nichts Feindliches, nichts Gehäſſiges. Wäre der Graf vor ihr erſchienen, ſie würde ihn Freund genannt haben, ohne in irgend einer Hinſicht ihren Geiſt oder ihren Mund zum Lügen zu zwingen. Was das Herz betrifft, ſo erwähnen wir desſelben nicht, da das Herz nicht bei den Angelegenheiten des Herrn Grafen von Mailly, des Gemahls von Fräulein von Nesle und Liebhabers von Olympia von Cloves, und der Frau Gräfin, welche in König Ludwig XV. verliebt, betheiligt war. Plötzlich wurde ihr der Graf durch die Kammer⸗ frau gemeldet, die wir Bannidre haben zulächeln ſehen. Herr von Mailly kam in aller Haſt im Hotel an. Sie ſtand erſtaunt auf, ſchaute durch die Fenſter⸗ ſcheiben und erblickte wirklich Herrn von Mailly, der die Stufen der Freitreppe mit der Geſchwindigkeit eines geängſtigten Menſchen heraufſtieg. Eine Minute nachher trat der Grafbei der Gräfin ein. Louiſe gab einen Ausruf des Erſtaunens von ſich. „Sie!“ ſagte ſie. „Ja, Madame, ich.“ Die Kammerfrau riß die Augen noch weiter und noch fragender auf, als ihre Gebieterin. Herr von Mailly ſah dieſe Augen im Spiegel. „Wollen Sie Mademoiſelle entlaſſen,“ ſagte er. Die Kammerfrau ging hinaus, feſt entſchloſſen, an der Thüre zu horchen. 3 Der Graf folgte ihr mit den Augen, bis die Thüre wieder zugemacht war. Dann wandte er ſich gegen ſeine Frau um. „Nun,“ fragte ſie,„was haben Sie, Herr Graf, und welchem Uaſtande verdanke ich die Ehre, Sie zu ſehen?0 „Einem ernſten Umſtande, Madame.“ „Oh! mein Gott, Sie erſchrecken mich.“ ged „ſo ger afen ages eres, vor aben, hren lben des von der iebt, mer⸗ hen. ſter⸗ der ines ein. ſich. — Mailly lächelte bitter: er hatte aufs Gerathewohl gedacht, ein bitteres Lächeln koͤnne nie ſchaden⸗ „Ich bitte, ſetzen Sie ſich,“ fuhr die Gräfin fort; „ſollte ich das Glück haben, Ihnen in irgend Etwas an⸗ genehm ſein zu koͤnnen, mein Herr?“ „Sie ſind mir unumgänglich nothwendig geworden.“ Nun war es an der Gräſin, zu lächeln. „Und wie denn, guter Gott! Sprechen Sie?“ „Sie vermuthen nicht, was mich hierher führt?“ „Nein! darum bin ich voll Neugierde.“ „Madame, wiſſen Sie, was man ſagt?“ „Wo 2 „Ueberall.“ „Sagen Sie das, was man überall ſagt, mein Herr, ich höre.“ „Wohl! man ſagt, der König...Ah! Sie er⸗ röthen ſchon!“ „Mein Herr, wenn Sie fortfahren, mich auf dieſe Art anzuſchauen, ſo werde ich nicht nur erröthen, ſon⸗ dern auch erbleichen. Ich bitte Sie alſo inſtändig, laſſen Sie dieſe Polizeilieutenants⸗Mienen und ſprechen Sie. Was ſagt man vom König?“ „Man ſagt, der König... der König...“ „Vollenden Sie.“ „Man ſagt, der König habe die Augen auf eine gewiſſe Dame geworfen, um ihr die Liebe anzubieten, welche die Königin verachtet.“ „Ah! man ſagt das,“ erwiederte Frau von Mallly ſehr beunruhigt. „Sie haben die Wahrheit geſprochen, Gräfin!“ rief der Graf.„Ahl nun erbleichen Sie, Madame.“ Louiſe ſtand auf. „Mein Herr,“ ſagte ſie,„ich weiß nicht, was der Zweck der elenden Komoͤdie iſt, die Sie mich hier ſpielen machen; in jedem Fall erfahren Sie, ehe Sie dieſelbe weiter treiben, daß ſie durchaus nicht meinem Geſchmacke entſpricht.“ 374 „Oh! Madame,“ erwiederte Mailly, nich bitte Sie, nehmen Sie immerhin eine Rolle darin an.“ „Keinesweges, mein Herr. Ich habe nicht die Gewohnheit, auf Dinge zu antworten, die ich nicht verſtehe.“ „Oh! ſeien Sie unbeſorgt, ich werde mich ver⸗ ſtändlich machen. Das wird nicht lange dauern. Dieſe Dame, welche der König gewählt haben ſoll,— man möchte gern wiſſen, ob ſie die Huldigungen des Königs annehmen wird, und da Sie ſie kennen, ſo beauftragt man mich, Sie um Ihre Meinung zu fragen.“ „Mein Herr, das iſt ein trauriger Auftrag für einen guten Edelmann. Ich bin, da ich Sie kenne, er⸗ ſtaunt, daß Sie ihn übernommen haben.“ „Ich bitte, Madame, erbittern Sie ſich nicht; Sie urtheilen zu raſch. Wenn ich den Auftrag übernommen, ſo hatte ich meine Beweggründe.“ „Welche, mein Herr?“ „Ich kenne dieſe Dame auch.“ „Dann beſorgen Sie Ihren Auftrag ſelbſt.“ „Ich thue das. Dieſe Dame ſind Sie.“ „Ich,“ rief Louiſe,„ich bin es, der der König huldigt?“ Sie ſprach dieſe wenigen Worte mit einer ſo un⸗ klugen Lebhaftigkeit, daß Herr von Mailly, wäre er nicht blind geweſen, ihre Bewegung nicht dem Zorne zugeſchrieben haben würde. „Sie ſelbſt,“ wiederholte er. Sie blieb einige Augenblicke in Gedanken verſunken. „Das iſt unmöglich,“ ſagte ſie endlich. „Wollen Sie glauben, daß ich gut unterrichtet bin?“ „Oh!l durch wen?“ „Daran iſt Ihnen wenig gelegen. Was Sie ſuchen, iſt nicht dieſes;: Sie möoͤchten vielleicht gern, daß man Sie weiter unterrichten würde.“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Ein Gatte, welcher ſpricht, iſt nie verſtändlich.“ „Aber, mein Herr, Sie vergeſſen, daß Sie nicht mein Gatte ſind!“ itte die icht er⸗ ieſe nan agt er⸗ Sie 375 „Genug des Scherzes, Madame!“ „Wie! genug des Scherzes! und unſer Vertrag?“ „Unſer Vertrag, unſer Vertrag,“ erwiederte Mailly verlegen,„ei! Madame, ich habe geſtern ein Spiel ſpielen können, welches heute zu ſpielen mir nicht mehr zuſagt.“ „Ich bitte Sie, immerhin zu ſprechen, damit ich unter allen dieſen Worten eines finde, welches mich be⸗ friedigen kann.“ „Das wird nicht lange anſtehen. Der König hul⸗ digt Ihnen, ſagt man, und ich nehme an, daß dies der Urſprung von dem ganzen ſtolzen, mürriſchen Weſen iſt, das Sie mich haben erdulden laſſen.“ „Ich mürriſch! ich ſtolz!“ „Ohl ich begreife, Sie werden es leugnen; bei einer ſolchen Treuloſigkeit iſt es ſchon der Mühe werth, daß man ſich entſchuldigt.“ „Herr Graf, Sie vergeſſen, daß Sie mit einer Frau ſprechen.“ „Ich ſpreche nicht mit einer Frau, ich ſpreche mit meiner Frau: das iſt ein großer Unterſchied.“ „Eil mein Herr, es war geſtern nicht mehr hievon die Rede.“ „Einverſtanden, doch es wird heute davon die Rede ſein, heute, da ich durch Sie lächerlich werden kann. Geſtern war nur vom Unglücklichſein die Rede.“ „Eine feine Unterſcheidung.“ „ine Unterſcheidung, die meiner Logik anſteht; ich bediene mich derſelben, wie ich kann. Madame, wenn es Ihnen alſo angenehm iſt, daß Ihnen der König ſeine Huldigungen darbietet, wollen Sie es ſagen.“ „Ich könnte Ihnen antworten, mein Herr.“ „Das verlange ich von Ihnen, Madame.“ „Ich werde mehr vernünftig ſein, als Sie när⸗ riſch find.“ „Ahl Sie leugnen, daß der König...“ „Ich leugne durchaus nichts, mein Herr; der König thut, was er will. Sprechen Sie mit ihm, und er wird Ihnen antworten.“ 376 „Das iſt eine ſeltene Dreiſtigkeit.“ „Sie finden?“ „Nehmen Sie ſich in Acht: ſeit geſtern frei, haben ſich heute zu ſehr emancipirt.“ „Seit geſtern frei, bin ich heute ſo, wie ich morgen ſein will, wie ich immer ſein werde. Dieſe Lage, Sie ſind es, der ſie geſchaffen hat: ertragen Sie die Folgen davon.“ „Die Folgen, wenn dieſe Folgen die Schande find?“ „Ohl mein Herr, wir ſind nicht hiebei.“ „Madame, gehen wir nicht weiter; ich will mich an Ihre Redlichkeit wenden: wird ſie antworten?“ „ Immer. Nur haben Sie wohl Acht: die Redlich⸗ keit einer Frau iſt die Offenherzigkeit.“ „Ich nehme das an. Der König gefällt Ihnen?“ „Sehr, mein Herr.“ „Das iſt Offenherzigkeit!“ rief der Graf mit einem gezwungenen Lächeln. „Sie haben ſie von mir verlangt.“ „Und Sie werden ſie bis zum Ende haben?“ „Bis zum Ende.“ „Wenn Ihnen der König ſeine Huldigungen an⸗ bietet, was ſind Sie zu thun entſchloſſen?“ „Mein Herr, haben Sie Mitleid, laſſen Sie mich nicht auf ſolche Impertinenzen antworten.“ „Sie vergeſſen, daß ich mich zum Geſandten ge⸗ macht und die Offenherzigkeit angenommen habe.“ „Sie beharren alſo?“ „Ich beharre.“ „Wohl, mein Herr, ich bin frei; ich habe einen mittelbaren Abſchied von meinem Gatten erhalten, der eine Geliebte genommen, als ich kaum die Zeit gehabt hatte, ihn meinen Gatten zu nennen. Ich bin jung, man ſagt, ich ſei ſchön, ich habe ein Herz, ich bin frei, ich werde aus meiner Freiheit Nutzen ziehen.“ „Sie werden lieben?“ „Wenn ich liebe, ja.“ Dieſer ſeltſamen Frau gegenüber, die ſich ihm ſo Si 8 aben rgen Sie lgen nd2“ mich lich⸗ en?“ inem an⸗ mich ge⸗ einen der ehabt jung, frei, im ſo ſtolz enthuͤllte, trieb Mailly den Zorn bis zur Drohung. „Madame,“ rief er mit einer heftigen Geberde, „nehmen Sie ſich in Acht.“ „Graf,“ erwiederte ſie kalt,„Sie werden mir voll⸗ ends Recht geben.“ Mailly hielt bezähmt inne. „Ich ſehe,“ ſagte er nach einem Augenblick des Zögerns, der ihm wieder ſich zu ſammeln erlaubte,„ich ſehe die Antwort, die ich zu geben haben werde. Ma⸗ dame, Sie lieben den König.“ „Das iſt wahr.“ „Werden Sie mir die Chre erweiſen, mir zu ſagen, ſeit wann, damit ich es nicht durch Andere erfahre 2.. denn Sie müſſen begreifen, Madame, es durch Andere erfahren wäre erſchrecklich für mich und für Sie.“ „Mein Herr,“ erwiederte die Gräfin, dieſelbe Ruhe des Geiſtes und des Geſichtes behauptend,„ich liebe meinen Gatten nicht mehr ſeit vorgeſtern, und geſtern habe ich den König zu lieben angefangen.“ Ein Blitz der Wuth, der Verzweiflung, ein Blitz der Eiferſucht glänzte in den Augen des Grafen. Plötzlich beruhigte er ſich „Geben Sie mir die Verſicherung, daß Sie nicht ſcherzen,“ ſagte er mit einem Ausdruck voll Schwer⸗ muth.„Ich bedarf dieſes Wortes ſehr, Louiſe.“ Und er kreuzte ſeine Arme über ſeiner von Seufzern angeſchwollenen Bruſt. „Mein Herr, ich erkläre es Ihnen mit ſchmerzer⸗ fülltem Herzen: es iſt hier kein Scherz zu machen, denn der Kummer iſt mir mit dieſer Liebe in die Seele ein⸗ gezogen.“ „Dieſe Liebe, die Sie mir zu geſtehen wagen, die Schande und das Unglück ſind das Ende davon. Ich bitte Sie, bedenken Sie wohl, Madame.“ „Ich habe bedacht.“ „Aber ich weroe Sie verhindern, in Ihr Verderben zu rennen.“ 378 „Mein Herr, ich glaube, wenn Sie das thäten, würden Sie mir einen Dienſt leiſten. Gleichwohl— ſehen Sie, wie weit meine Offenherzigkeit geht— gleich⸗ wohl mag ich Sie wahrhaftig nicht bitten, mir hiebei zu helfen.“ „Warum nicht?“ 3 „Weil, muß ich es Ihnen geſtehen? well ich glaube, daß ich Ihre guten Dienſte verfluchen würde.“ Malilly hielt inne. „Marmor! Ich ſtoße mich vergebens daran, ich ſuche vergebens eine Seele! Geduld!] Geduld! ich bin zum Unglück geboren. Es gibt in Frankreich vielleicht nur zwei Frauen, wie die Fräulein von Nesle und von Clèves, und Louiſe und Olympia müſſen mir zuge⸗ fallen ſein.“ und zu ruhigeren, wenn nicht zu minder ſchmerz⸗ lichen, Gedanken zurückgeführt, verbeugte ſich der Graf vor dieſem unerſchütterlichen Willen der Gräfin, und begnügte ſich, zu ſagen: „Zum Glück, Madame, bin ich noch Ihr Herr, und in der beziehungsweiſen Stellung, die wir uns ge⸗ macht haben, verbindet eine Privatunterzeichnung keinen von den contrahirenden Theilen zu Etwas.“ „Sie täuſchen ſich, Herr Graf, denn dieſer Ver⸗ trag beſtätigt meine Freiheit, und ich werde Gebrauch davon machen. Vor den Gerichten iſt er vielleicht un⸗ geſetzlich; Sie werden aber durch ihn alle Ihre Pro⸗ zeſſe vor der öffentlichen Meinung, dem einzigen Tri⸗ bunal, verlieren, von dem ich Etwas zu befürchten habe. Und nun, wenn Sie mir nichts Anderes mehr ſagen wollen...“ Und mit der Geberde einer Königin wies ſie ihm die Thüre. Mailly grüßte niedergeſchmettert und ging weg. —— —— . eunuue fffffffffffffffff 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16