——— — — —————————— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 6 Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat 1 WMk Pf 1M 5 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. 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Nach der Präſentation bei Hofe in Ninon's Cercle ſchien es nicht, als ſollte Kaver, Monſieur Dubois, wie er vorgeſtellt ward, den Magiſter Gouverneur ſofort bei mir ablöſen. Er hatte im Gegentheil, wie ich ſpäter erfuhr, dem Großvater Erlaucht ſein Bedenken und ſeine natürliche Scheu geäußert, einem jungen Manne, den er leiten ſolle, aufgedrängt und commandirt zu werden. Er wollte nicht gern ohne meine Wahl, wenigſtens nicht gern ohne meine Sympathie für ihn, mein Mentor ſein. Ich ſah ihn täglich bei Tafel, aber er rich⸗ tete nie ſeine Rede an mich. Ich fuhr, ich ritt mit ihm aus, nahm Theil an den Fechtübungen, die er mit einigen Hofherren regelmäßig hielt; aber ich kam ihm damit nicht näher. Er war in allen dieſen ritterlichen Uebungen ziemlich Meiſter; auch ſchien er ſich im Glanz dieſer Eigenſchaften des Cavaliers zu gefallen; es that mir faſt wehe, daß ich in alle dem ſein Herz nicht finden, den Kern ſeines eigent⸗ lichen Menſchen nicht entdecken, nicht für mich erobern konnte. Im Cirkel der Damen war er brillant und witzig, gegen den Reichsfürſten perſönlich devot, in ſeinen Aeußerungen mitunter keck und aufgeklärt, aber doch behutſam und auf der Lauer. Nur ſeine Bitterkeiten gegen Jeſuiten und Römlinge konnten Dem, der darum wußte, den früheren Zögling des Ordens verrathen. Bei'm Reichsgrafen machte er damit Glück, und doch war er mäßig im Genuß dieſer Triumphe. Um ſo ſicherer ſtieg er, wie Niemand jemals, in deſſen Gunſt. Dubvis ward, vielleicht ohne es zu wiſſen und zu wollen, der erklärte Günſtling, die mächtigſte Perſon am Hofe zu Belle Promeſſe. Seine Vergangen⸗ heit ſchien wie ein Grab für ihn abgeſchloſſen zu ſein. Daß er ſeine Beziehung zu mir nicht direct aufnahm, lag zum Theil auch in dem Umſtande, daß Magiſter Peterhagen mich damals noch zur kirchlichen Einſegnung erſt vorbereitete, um mich dann dem Hofprediger zum„Fertigmachen im Glauben“ zu überantworten. Bevor ich Menſch werden ſollte, mußte ich ein fertiger Chriſt ſein. Der Zutritt zum Salon der Oberſthofmeiſterin ward mir in jener Epoche nur ſelten, nur unter Beſchränkungen geſtattet. Die Tendenz zum Aphroditiſchen, ſagte mein Peterhagen, müßte in mir wieder abgedämpft werden!— Um dieſe Abdämpfung des Weltlichen vollſtändig zu erzielen, war Minna⸗Lottchen vom Hofe verſchwunden; man hatte ſie zu einer Baſe Ninon's nach Schwaben auf's Land gethan; ich ſah ſie als Jüng⸗ ling nie wieder. Ob der kleine angeſponnene Trödel mit ihr mein Herz verderbt, ob er das Chriſtenthum in mir beeinträchtigt, ob er nicht vielmehr meine innere Herausbildung gefördert: ich will es nicht entſcheiden. Ich weiß nur, daß ein Hang zur Sentimentalität, ſeit⸗ dem ihm die Nahrung der äußeren Sinne entzogen war, ſich tiefer der feineren Nerven meines Geiſtes bemächtigte und mich Kämpfe be⸗ ſtehen ließ, die ſchwieriger und drohender waren, als ein kleiner loſer Herzensſchwindel. In meinen Studien zum Chriſtenthum fing ich ſo ziemlich da wieder an, wo ich bei'm alten Pfarrer im einſamen Jagdhauſe ſtehen geblieben. Ich war reifer geworden, hatte eine Reihe von Erfahrungen hinter mir, einige Einblicke gethan in menſchliche Dinge: aber in Bezug auf die zehn Gebote begriff ich noch immer nicht, warum ſie Moſes vom Sinai herunter holte, ſie von oben herab decretirte, ſtatt ſie den Menſchen als ihr natürliches Bedürfniß aus ihnen ſelbſt zu entwickeln. Ich wollte das Gute lieben lernen, es mir nicht mit einem Anathem von Schreckworten andonnern, unter Höllenſtrafen androhen laſſen. Auch auf Golgatha ward mir nicht auf die Dauer wohl. Ich fühlte zwar, daß dort der edelſte und reinſte der Menſchen geopfert ward, allein ich begriff darum noch nicht die Nöthigung, daß Jeder eben ſo beſtimmt und bereit ſein ſolle zu ſchmachvollem Tode. Das Leben der Menſchen ſtrafte tagtäglich dieſe Forderung Lügen. Freilich ſorgten Haß, Verfolgungsſucht und Unduldſamkeit dafür, den Verkehr der Men⸗ ſchen zu einer wilden Hetzjagd zu machen. Aber Chriſtus, der milde, edle Liebling Gottes, wollte das nicht. Er wollte ſo wenig, daß —————————— h da tehen ngen ezug Noſes eden ckeln them ſſen⸗ ühlte ward, enſo n del rgten Men⸗ nilde, daß 185 wir auf ſeine Koſten und auf allzu ſichere Rechnung der Vergebung ſündigen, als daß wir in Sack und Aſche ewig Leid tragen. Neben Sinai und Golgatha gab es noch immer einen dritten Hochpunkt für die Menſchen, an deſſen Fuß ſie ſich anſiedeln mußten. Die Eiferer nannten dieſen dritten Hochpunkt den heidniſchen Olymp. Alle Cultur der Sinne wie des Geiſtes arbeitete dem Gipfel dieſes Berges zu; das Menſchengeſchlecht fand darin eine freithätige Entwickelung ſeiner Kräfte, das Bewußtſein eines ſelbſtverdienten Lohnes. Was in Wiſſen⸗ ſchaft und Kunſt erzielt wurde, ſtrebte dieſem Gipfel nach. Ich fühlte damals nur dunkel den für mich ungelöſten Widerſpruch zwiſchen den Forderungen der Religion und dem Menſchenleben. Ich ließ mit mir thun, was man wollte. Zur Feierlichkeit meiner Einſegnung traf der alte Philemon in Belle Promeſſe bei uns ein. Er hatte ſich's nicht verſagen können; er wäre, ſagte er, auch ohne meine Einladung gekommen. Mir war es ein Act beſonderer Rührung, mit meinem erſten Informator in Gottes Dingen an den Altar zu treten. Philemon war um Vieles noch älter geworden. Die gute Baucis hatte das Zeitliche geſegnet; ſeit⸗ dem war dem Pfarrer das Jagdhaus doch zu einſam geworden, auch die alte Magd hatte ihn verlaſſen und Knecht Jacob, der erſte Freund meines jungen Lebens, hatte abermals drüben beim Würzburger Biſchof in einem Kloſterhofe bei all' ſeinem proteſtantiſchen Chriſtenthum die gute katholiſche Koſt wieder vorgezogen. Der Pfarrer war dann in's nächſte Dorf gezogen, wo man ihm eine bequeme Hütte bereitete. Er nannte es jetzt ſeinen muthmaßlich letzten guten Tag, wo es ihm vergönnt ſei, mich in Perſon zum Tiſche des Herrn zu führen. Groß⸗ vater Erlaucht nahm den kirchlichen Act beſonders feierlich. Er genoß mit uns das heilige Abendmahl und richtete, wie die Männer Gottes nachträglich in der Sacriſtei mir glückwünſchend die Hände drückten, noch beſondere Worte der väterlichen Mahnung an mich. Ich ſei mit dieſer Handlung, ſo ſagte er, ein richtiger evangeliſcher Chriſt; er hoffe, ich werde als ſolcher treu und taetfeſt gegen alle Verſuchung zum Götzendienſt jedweder Art geſichert und geſtählt ſein. Darauf mufte ich ihm den Handſchlag geben. Wie er beide Hände auf meine Schulter legte, ſich zu mir bückte und ſeine Lippen auf meine Stirne drückte, rollte mir eine Thräne— mehr noch der Erſchütterung als der n h — Rührung— über meine Wange. Ich fühlte, wie viel es dem Manne foſten mußte, ſich mit mir ſo weit einzulaſſen, um ſich ſelbſt zu über⸗ winden. Es war der erſte— und auch der einzige Moment zärtlicher Vertraulichkeit. Dabei blieb doch in meiner Seele nach wie vor das Fragezeichen ſtehen: Hätteſt du mich nicht nach deinem Willen erziehen, mich zum evangeliſchen Chriſten ſtempeln können, auch ohne gegen Vater und Mutter ſo grauſam zu ſein?— Ich fiel um deßwillen, ſpäten Herr meiner ſelbſt geworden, nicht etwa ab von der mir zugeſprochenen und anerzogenen Form des Chriſtenthums. Aber dieſe Form gewann damit begreiflicher Weiſe keinen allzu eifrigen Parteimann und Ver— treter: Ich hing wirklich ſchon damals, ſchon mitten in den Vorberei— tungen zu dieſem kirchlichen Act, dem Gedanken nach, ob für die Zukunft der Welt nicht eine Religion aufzuſtellen ſei, die, frei von der er bitterten Spaltung, dieſe Spaltungen wenigſtens für nicht ſo wichtig hielte, um darüber den Zweck der Religionen, die Wohlfahrt der Menſchheit, zu verlieren. Gottesdienſt ſollte nicht Menſchenopfer koſten! Ich fühlte ſchon damals klar und feſt: das von menſchlichen Leiden⸗ ſchaften mißgeſtaltete Chriſtenthum ſollte zur einfachen Religion Chriſti zurückkehren. Zwiſchen der Religion Chriſti und dem Chriſtenthum, wie es die Menſchen geformt, iſt ein großer Unterſchied! Ich ſprach in einem unbewachten Augenblick gegen Dubois meine Verwunderung aus, daß eine ſogenannte Religion der Liebe ein Fanatismus des Haſſes werden konnte. Er ſah mich groß an und ſchwieg. Ich ſprach von meinem Verlangen nach einer Gemeinſchaft von Männern, die, über den Streit der Bekenntniſſe hinweg, zu einem Bruderbund unter Menſchen ſich die Hände böten. Ich deutete auf das Concil der Freunde des neuen Jeruſalems hin, von dem ich wußte, daß es in der Reichsſtadt Nürnberg abgehalten werden ſollte. Dubois blieb zurückhaltend und wortkarg. Es war klar, ich mußte etwas thun, um ſein Vertrauen zu gewinnen. Er hatte zum Theil blos ablehnend eingeräumt, die Maurerei ſei allerdings ein ſolcher Bund edel und frei Denkender, die der Welt die Blume und die Frucht ächten Menſchenthums zu erhalten beſtrebt wären. Ich ließ ein Wort fallen von einer gewiſſen Loge Melchiſedek, die ja wohl auch Juden aufnehme.„Ganz dem Geiſte der Maurerei entſprechend,“ ſagte Dubois lebhaft und faſt leidenſchaftlich.„Die ächte Maurerei d proteſtirt gegen jede Ausſchließlichkeit; ſie iſt nur inſofern chriſtlich, als ſie in Chriſtus einen Propheten, den edelſten Menſchen ſieht, der da ſprach, in ſeines Vaters Hauſe ſeien viele Wohnungen.“ Damit ſchien ich abgefertigt. Ich fühlte mich verletzt, daß ein Mann, den ich liebte, den ich bewunderte, mich faſt gewaltſam über⸗ ſehen, auf mein Bedürfniß nach Hingebung, auf meinen Drang nach Aufklärung ſo wenig achten wollte. Im Geſpräche mit Anderen war Dubois mittheilſamer; aber er gefiel ſich mitunter in paradoxen Be⸗ hauptungen, zu denen die Luſt am Widerſpruch führte, und die er dann, in die Enge getrieben, mit einer gewiſſen Erbitterung glänzend vertheidigte. Er theilte nicht die Lehre der franzöſiſchen Enecyelopä— diſten, aber er war Herr der Dialektik, womit jene Philoſophen das Keckſte beweiſen zu können glaubten. In einer Unterhaltung mit den Theologen am Hofe hatte Dubvis die Behauptung aufgeſtellt, im Chriſtenthum ſei nichts neu. Dem Aufruhr, den dies Wort erregte, folgte die Aufforderung, ſich näher zu erklären. Von allen Seiten gedrängt, mußte ſich Dubois auf Sokrates zurückziehen, den er geradezu für einen keineswegs uneben⸗ bürtigen Vorläufer Chriſti erklärte. Sokrates, ſagte er, ſei der Erſte geweſen, der den ächten Gottesglauben und die ächte Philoſophie vom Himmel heruntergebracht, in das Leben der Menſchen, in ihre bürger— liche Ordnung eingeführt und dieſe demnach einzurichten gelehrt habe. Chriſtus ſei in die Wüſte gegangen, um in ſich ſelbſt den ſtillen Punkt göttlicher Weisheit und Wahrheit zu finden. Sokrates ſei ſtundenlang mitten im Lärm des Marktes ſtillgeſtanden, ſtier vor ſich hinblickend, in ſich ſelbſt verſunken, als ſeien ihm Geiſt und Leib geſchieden. Da habe er Zwieſprache gehabt mit dem Dämon! ſagten die Alten. Dieſer Dämon war aber ein Geiſt des Guten, ein Geiſt Gottes, der Genius in ihm, der ihn abgehalten, Böſes zu thun. Kenophon und Platon, ſagte Dubois, laſſen ſchließen, dieſer Geiſt in Sokrates ſei providen⸗ tieller Natur geweſen, habe ſich bis zur Gabe der Prophetie geſteigert. In ſolchen Momenten, wo ihn der Geiſt beſchlichen, habe er Ent⸗ zückungen, Viſionen gehabt, die an Verklärung gränzten. Die reinſte Moral war der Inhalt, die edelſte humanſte Glückſeligkeit das Ziel ſeiner Lehre. Mitten in der verworrenen Welt, wo Neid, Haß und Tücke ſiegten, ſeines Gottes gewiß zu ſein: das ſei in Sokrates einfach, — ſchöner als in der Abſtinenz des Chriſtlichen zur Erſcheinung gekommen. Im Gefühl der Gerechtigkeit den Triumph eines reinen Bewußtſeins feſtzuhalten: das ſei— wenn man wolle— ächtes Menſchenthum oder ächtes Chriſtenthum. Sokrates ehrte die alten Götter nicht mehr; er war kein Heide, er hatte das tiefſte Gefühl von der Einheit eines göttlichen Weſens. Er ſetzte das Individuum der Welt gegenüber und fühlte doch eine Harmonie der Kräfte in ſich, die er die göttliche Muſik der Seele nannte. Sein ganzes Weſen, ſagte Dubois, war, wie bei Chriſtus, ein Horchen und Lauſchen auf die verborgene Gottheit, und der Unſterblichkeit ſeiner Seele gewiß, konnte er ruhig, den Giftbecher in der Hand, ſeinen Schülern die letzte geiſtige Speiſe, ſein Abendmahl reichen, wie wir es in Platon's Phädon finden. Plato läßt ihn von dem Schwane reden, der im Gefühl des nahen Todes lieblich ſinge. Dieſer dem Apollo geheiligte Vogel iſt nur ein Symbol Deſſen, den Gott einen Vorgeſchmack von der Seligkeit des ewigen Lebens ſchon hier empfinden läßt. Sokrates ſprach: Ich bin ſo ein Vogel, bin ein Prieſter des Gottes, ich bin die Wahrheit und das Leben.— Was will, was ſoll, fragte Dubois, uns Chriſtus anders ſein? Epochemachend in damaliger Zeit für mich war die Bekanntſchaft mit Rouſſeau's Heloiſe. Dubois ſelbſt gab mir das Buch, da ich nicht abließ, mich ihm aufzudrängen; er gab es mir unter dem Siegel der Verſchwiegenheit. Er kannte zu gut des Reichsgrafen Zorn, wenn er auf Jean Jaques' patagoniſche Wilde und auf Voltaire's ſataniſche Charlatane zu reden kam.„Wenn Rouſſeau Recht hat, dann ſind alle Menſchen Narren; wenn Voltaire Recht hat, ſind ſie Alle Schurken!“ Das war des Großvaters Wort. Er freute ſich ſogar des Voltaire'ſchen Witzes, daß man nach dem„Emile“ Luſt be⸗ komme, auf allen Vieren zu kriechen. So ſehr war die Aufklärung damals im Handgemenge mit ſich ſelber. Freilich iſt Rouſſeau's Natur⸗ und Muſtermenſch ein Phantafiethier, aber wahrlich keines, das Luſt hat, Eicheln und Gras zu freſſen. Der Menſch im Naturzuſtande, Phomme abstrait, iſt eine Fietion, aber auch das Paradies, wollen wir es zurückträumen, würde uns nicht vorwärts bringen, da erſt mit dem Sündenfall die Errungenſchaften des freien Menſchen beginnen und möglich werden. Und die Sehnſucht, frei zu werden von der mmen fiſeins moder hr er teines enüber öttliche , War, itheit, g, den Speiſe, Ploto Todes ur ein eit des Ich bin eit und hriſtus niſchaft da ich Siegel wenn taniſche n find, e Alle ſogar uſ be⸗ flärung Natur⸗ as Aut uftunde wollen er nit egimen on der 189 ſinnloſen und knechtiſchen Ueberlieferung, die Sehnſucht nach dem Naturzuſtande war damals wie ein fanatiſcher Drang über die Welt gekommen. Die Edleren, die Strebenden, verſtanden unter der„Natur“ das Aſyl der verfolgten Unſchuld und Liebe. Die Heloiſe war eines jener Bücher, welche die damalige Menſchheit nicht juſt reif, aber doch lüſtern machten, eine Neugeburt in allen Dingen zu erleben. Welch' eine erſchütternde Beredtſamkeit in dieſen Briefen, die freilich zu allem verführen kann, heute zum Selbſtmorde aus tiefem, gerechtem Menſchen⸗ haß, morgen zur Lebensluſt aus Tugend und heiligem Gefühl! Wie gefällt ſich ein junges Gemüth in der Rolle des Saint Preux, eines Weltweiſen, der Vernunft und Weltweisheit in den Himmel erhebt, ohne einen Funken davon ſelbſt zu haben! Und noch weit hinreißender iſt der Schmelz Juliens mit dieſer Hingebung des Geiſtes, dieſer willigen Empfangensluſt, dieſer Zärtlichkeit des Herzens, welcher Saint Preux, gleich zart und empfindſam, als einzige Rettung für fie und ſich die Spitzfindigkeit ſeiner Sophiſtik entgegenſetzt. Julie iſt der Philoſoph im Buche; ſie iſt nicht Saint Preux's, ſie iſt Rouſſeau's Schülerin; ihr leiht er ſeine ſchönſten, hingebendſten Gedanken. Das Geſchlecht lernte hier zum erſten Male, daß die Vernunft nicht blos ein kluger Pedant, ſondern auch begeiſtert, eine Schwärmerei ſein könne für die heiligſten Lebensgüter. Nicht die Beweisgründe des Buches ſcheinen mir ſein eigentlicher Inhalt zu ſein. Ich verſtand ſie nicht, ich las auch nur mit halben Sinnen, wo Rouſſeau überzeugen, mathematiſch definiren will. Die Stimmung, in die er ſein Jahr— hundert verſetzte, die Empfindung, zu der er befähigte, darin war er unüberwindlich. Die Begeiſterung hat er geweckt; ſie iſt ſeitdem nicht wieder erſtorben in der Menſchheit, die Begeiſterung, Wache zu halten für die heiligſten Güter des Lebens, der ſüße Reiz leiden⸗ ſchaftlicher Gefühle für die Wahrheit, jene faſt wollüſtige Empfindung, die aus Schmerz und Bewunderung zuſammengeſetzt iſt. Wolmar, der Atheiſt, ſagt: Die Natur kann nicht irren, Alles an ihr iſt gut. Saint Preux ſagt: Von Natur iſt der Menſch weder böſe noch gut, ſondern neutral. Julie ſagt mit Auguſtin's Prädeſtinationslehre: Gott hat Einige gut, Andere, ſehr Viele, böſe geſchaffen. Wer Julien bei⸗ pflichtete, fühlte das Verlangen nach einer Gemeinſchaft der Edlen, das Bedürfniß nach einer Loge ſchöner Seelen. 190 Damit war ich denn abermals auf den Punkt gerathen, auf welchen das Jahrhundert hinſteuerte, auf die Sehnſucht nach einer Verbrüderung und Verſtändigung, ſoweit von dieſer bei Illuſionen und bei Schwärmerei die Rede ſein konnte. Dubvis ſelbſt, ein ächter Schüler Rouſſeau's, war ein Schwärmer, aber ein Schwärmer mit erbittertem Scharfſinn. Seine Schickſale, das Gefühl heimathloſer Verlorenheit und eine Schule voll Erfahrungen hatten ihm dieſen Beigeſchmack gegeben. Er hatte den römiſchen Glauben nicht ab⸗ geſchworen, um im proteſtantiſchen einen Ruhepunkt und einen Halt zu finden, die Schule der Jeſuiten nicht durchgemacht, um ſich einfach abſchließen, befriedigen und gefangen geben zu können. Sein ganzes Sinnen und Trachten ging dem Probleme, den Mitteln und Wegen nach, dem Menſchengeſchlechte zu einer Wiedergeburt zu verhelfen. Seine Maurerei war nicht blos ein Syſtem von edlen ſchönen Gefühlen; er wollte helfen und retten. Er war kein Maurer, der ruhig zuſieht, ſondern einer, der den Bau der Welt in die Hand nimmt. Waren die Werkzeuge, mit denen er ſich befaßte, nicht die lauterſten: ſein Sinn war edel, und ſeine Vergangenheit hatte ihm keine andere Wahl gelaſſen. So viel war noch vom Jeſuitismus in ihm übrig geblieben, um mit Perſonen, die er ſelbſt gering achtete, die Loge zum neuen Jeruſalem zu ſtiften. Für ihn hatte die Geſchichte der Völker aufgehört, die Geſchichte der Menſchheit begonnen. Und ſo ſehr er ein Geſchöpf des Rouſſeau'⸗ ſchen Geiſtes war, ſo wenig ſteckte er doch mit ſeinen Gedanken im Geiſte des Franzoſenthums. Schon Rouſſeau war Weltbürger, ſo weit der Franzoſe das zu ſein vermag. Dubois war herrſchſüchtig von Natur, aber nur, um ſeinen Ueberzeugungen Bahn zu brechen. Seine Gewandtheit, ſeine kluge Rückſicht war das Ergebniß herber Erfah⸗ rungen; bei angeborenem leidenſchaftlichem Sinne hatte er ſich eine ſeltene Selbſtbeherrſchung und Enthaltſamkeit erworben. Er ſchien kaum auf die Triumphe zu achten, die er täglich am Hofe zu Belle Promeſſe feierte; Alles richtete ſich nach ihm, der Reichsgraf gab ihm eine unbeſchränkte Vollmacht. Daß er ſich nach allen Seiten ſeine Poſition erſt ſichern wollte, bevor er ſich als Gouverneur mit mir befaßte, war offenbar. Erſt mit dem ſteigenden Gefühl der Sicherheit wuchs ſeine Luſt, ſich ganz ſo wie er war zu ergehen. Er ward gegen ———— hlen ſieht, Paren ſein Wahl ieben⸗ neuen chichte ſeau⸗ en im — 191— die Theologen am Hofe immer bitterer, gegen die Forderungen der Etiquette immer ſpottender, er ſtand bald in Oppoſition gegen die geſammte Heuchelei der Cultur, wie er ſich ausdrückte. In Ninon's Cirkel hatte er von Anfang an feſten Fuß gefaßt; er war der Abgott dieſes Kreiſes, denn er war unerſchöpflich in Plai⸗ ſanterien, in jenen ünes reparties des franzöſiſchen Witzes. Ninon betete ihn förmlich an, er war das Idol ihrer verwegenſten Wünſche geworden. Wie mußte ſie nun ſtaunen, als er nach und nach immer kecker zu Felde zog gegen die Tyrannei der Mode, gegen den Nonſens der Toilette, welche die menſchliche Geſtalt, die zum Abbild Gottes geſchaffen ſei, verhunze! Er begann damit, den Puder zu verwerfen. Ein damals modiſcher bräunlicher Puder à la maréchal machte Blon⸗ dinen und Brünetten ganz gleich. Man fragte in der That damals nicht; iſt ſie blond, iſt ſie brünett? Die Individualitäten des Weibes waren aufgehoben, in das Niveau der Cultur eingegangen. Schwarzes Haar ward, weil es zu grell, gedämpft, lichtes, als zu matt, gehoben; damit rückten Brünetten und Blonden einander näher; die Parteiung für jene und dieſe hörte auf; der braune Modepuder, auf deſſen Glanz und Wärme im Ton, wie die Frauenzimmer ſagten, alles gut ſtand, verallgemeinerte gleichſam die ſpecielle Schönheit der weiblichen Natur. Dubois fand es abſcheulich, daß Poeten bei dieſem Stand der modiſchen Cultur nicht einmal das Haar ihrer Geliebten beſingen und feiern konnten. Zu einem Niveau war aber auch durch die Schminke die ganze Geſichtsbildung gebracht, entweder gehoben oder herabgedrückt, je nachdem. In Allgemeinen hebt Schminke. Das Augenlicht erſcheint leuchtender, blitzender, wie der Schauſpieler bei ſchärferem Licht dieſes Hülfsmittels bedarf, ſoll ſein beſtes Mienenſpiel mit ſeinen feinſten Nuancen wirken. Dubois erklärte, daß ein Jahrhundert herannahe, wo alle Schauſpielerei ſchwinden müſſe; die an aufgelegte Farben und coquettes Licht gewöhnten Geſichter würden dann vor der einfachen ungeſchminkten Wahrheit leichenblaß und fahl erſcheinen. Ninon war außer ſich; das Jahrhundert ging aus den Fugen, ihr Syſtem drohte zu wanken. Sie ſollte jedoch bald noch mehr an ihrem Liebling verzweifeln, ihr ganzer Glaube an Frankreich und fran— zöſiſchen Esprit ſollte durch Dubois erſchüttert werden. Ich erinnere mich einer Scene, die gleichſam eine Wetterſcheide machte. Heftig auf⸗ — 192— geregt trat ſie eines Abends an Faver's Arm in den Salon, ſchon ganz erzürnt, ja empört. „Est-il possible!“ rief ſie, ihre Unterredung fortſetzend, während Dubois mit der ruhigen Grazie eines ſchalkhaften Dämons ſeine Blicke über den Prachtbau ihrer Toilette gleiten ließ;—„est-il possible könnte ſich untreu werden? Frankreich nicht mehr die Blüthe der Cultur?!“ „Es hat ſo lange geblüht,“ ſagte Dubois,„daß man wohl endlich fragen darf, wie es mit ſeinen Früchten ſteht. Und ſiehe, ſie ſind faul, fallen ab, von Würmern zernagt!“ „Mon Dieu!“ entgegnete Ninon,„S Sie wollen fagen, von den Sphe etwas angepickt und benaſcht, und das, mon cher, ſind die ſüßeſten Früchte— ſagt man!“ „Sagt man!“ wiederholte Dubois,—„wir ſprechen alſo vom Hörenſagen.“ Der Satyr im Lächeln ſeiner Lippen erſchien im wunderbaren Widerſtreit mit dem faſt melancholiſchen Schimmer ſeines düſteren Auges.—„Gleichniſſe aus dem Bereiche des Scherzes und der Gourmandiſe,“ fuhr er gelaſſen fort,„reichen hier nicht aus; es handelt ſich um die moraliſche Fäulniß der ganzen Civiliſativn.“ „Aber Frankreich, Paris, der Heerd der Bildung!“ Ninon faltete ordentlich fromm die Hände; ſo weit ging ihr Erſtaunen. „Frankreich,“ ſagte Dubois,„wird nicht aufhören, der Heerd der Ereigniſſe zu ſein, den Völkern voranzugehen, wenigſtens zu experi⸗ mentiren. Es macht bereits den Anfang, die Verlorenheit der alten Exiſtenz einzuſehen. Ich fand in Verſailles am Hofe den Geſchmack à la Rouſſeau in Mode, freilich vor der Hand nur als Scherz, als Epiſode, um den piquanten Reiz der Natureinfalt zu probiren. Aber es wird tiefer greifen. Was man als Spielzeug liebgewinnt, wird in anderen Händen eine Waffe ſein. Man wird in der Cultur, wie ſie iſt, den Wurmfraß der Menſchheit erkennen lernen. Iſt man erſt zu der Parallele zwiſchen dem wilden und dem civiliſirten Menſchen gekommen, ſo kann man nicht zweifelhaft bleiben, auf welcher Seite die Rettung, die Möglichkeit zu einem vernunftgemäßen Leben zu ſuchen ſei. Die Civiliſation iſt zu einem Syſtem überlieferter Thor⸗ heiten geworden, denn Wahrheiten, die ſich ausgelebt haben und noch fortexiſtiren, ſind thöricht; waffnen ſie ſich gegen die Neuerung, ſchädlich; = — — 193— bleiben ſie hartnäckig, Wahnſinn. Der Menſch der Zukunft wird nicht mehr die Gliederpuppe eines Mechanismus ſein wollen, deſſen Drähte nur der Stumpfſinn der Gewohnheit lenkt. Es iſt nicht mehr die Tyrannei der Mode, nicht mehr die Sklaverei der Etiquette— man beginnt beides abzuwerfen,— es iſt der jahrtauſendalte Streit zwiſchen Mein und Dein, zwiſchen Haben und Sollen, der Fluch der Un⸗ gleichheit des Beſitzes, während der Menſch mit gleicher Berechtigung zn Allem geboren wird, was man als die Quelle des tiefen Elends einzuſehen beginnt. Es regt ſich ein Widerwille vor dem gleißneriſchen Maskenſpiel der Geſellſchaft, ein Ekel vor der übertünchten Lüge. Das Naturgefühl wird nicht länger ein Spott der Intrigue ſein; man wird ſich für dieſe beſpöttelte Natur fanatiſiren, man wird ſie zur Gottheit machen und als Märtyrer für ſie ſterben. Ja, Madame, wenn erſt Opfer fallen, dann wird der Witz aufhören und der Ernſt ſein Spiel treiben. Man hat endlich die Entdeckung gemacht, daß der Menſch frei geboren iſt, während Sitte und Gewohnheit ihn zum Sklaven machen. Eine Zeit lang wird man noch ſtaunen, ſich in Feſſeln zu ſehen; man wird ſich aber bald ſchämen, ſie länger zu en. »Mais, mon Pieu!“ rief Ninon und fuhr entſetzt in ihren Fauteuil zurück. Ihr Espagnolchen Malice ſaß betrübt vor ihr und wußte nicht, ob es heute Zuckerbrod bekommen würde.—„Aus welchem Urwald der Kentuckier,“ ſagte Ninon,„aus welcher Steppe der Hotten⸗ totten kommt uns dieſe Weisheit?“— Sie ſtarrte den Redenden an, wie Jemanden, der plötzlich ſeine Maske lüpft. „Dieſe einfache Weisheit, Madame, kommt ebenfalls aus Frank— reich,“ entgegnete Dubois ſehr ruhig.„Hier in Deutſchland finde ich nichts, als den Abſud des ſchon antiquirten Frankreich's, der mit germaniſcher Ehrlichkeit dem Stamm des Lebens eingeimpft iſt. Oh ciel! Amme und Präceptor müſſen auch hier Vater und Mutter erſetzen. Die Frauen haben aufgehört, Mütter zu ſein. Point de mère boint d'enfant! Die Bande der Natur ſind erſchlafft, die Stimme der heiligſten Triebe erſtickt. Nichts ſeh' ich, nichts find' ich als Tyrannen und Sklaven, Tyrannen der Willkür und Sklaven des Herkommens von der Wiege an, zwiſchen Eltern und Kindern, zwiſchen Mann und Weib, zwiſchen Fürſten und Volk!“ D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 13 — 194— „O, vous enfant gäté de la nature!“ rief Ninon und fuhr, die Hände übereinander werfend, mit ihrem Stuhl einen Schritt zurück. „Glauben Sie mir, Madame,“ fuhr Dubvis, ſeine Stimme mäßi⸗ gend, fort,„in Deutſchland ſteckt jetzt weit mehr vom alten Frankreich, als in Frankreich ſelber. Wer blos nachahmt, bleibt immer im Rück⸗ ſtande. Frankreich erfindet, iſt ſchöpferiſch, hat oft ſchon abgeworfen, was ſeine Nachbarn noch vergöttern. Ja, Madame, ſo wie Sie hier ſizen, könnten Sie einer Marquiſe de Pompadour den Rang ſtreitig machen. Träten Sie jetzt in Verſailles auf: man würde Sie als die Muſterprobe einer mumifieirten und antik gewordenen Weltordnung, als ein Petrefact aus einer leider in ihrer Jugendblüthe unter⸗ gegangenen Epoche bewundern. Aufrichtig! wer die Tugenden des alten guten Frankreich's en fleurs ſehen und ſtudiren will, der muß nicht nach Paris, der muß hier nach Klein-Verſailles, zu Ihnen, Madame, gehen; in Frankreich findet er die alte Zeit nicht mehr. Frankreich beginnt einen neuen Adam anzuziehen.“ „Lhomme naturel,“ ſchrie Ninon mit komiſchem Entſetzen,„est- ce que l'on cherche? Quel miracle! Et pour former cet homme rare, qu'avons— nous à faire?“ „Beancoup, Madame, c'est d'empécher que rien né soit fait.“ „Ah!“ hauchte Ninon erſchöpft und ließ gegen alle Anſtands⸗ regel die Arme ſchlaff von der Lehne fallen.“„Räthſelhafter Menſch das!“ ſagte ſie halb für ſich,„Sie ſfind entweder der Stifter einer neuen Religion oder“— „Oder ein Narr?“ ſetzte Dubois ihre Rede fort. Ninon faßte ſich zuſammen.„Gehört es auch zum neuen Frank⸗ reich, grob zu ſein?“ fuhr ſie auf. „Gegen ſich ſelbſt, warum nicht?“ lachte Dubois. „Man kann nicht blos grob ſein gegen ſich ſelber, ſo lange man Theil der Geſellſchaft iſt,“ ſagte ſie ſtrafend,„es verletzt auch Andere. Und wenn Grobheit dazu gehört, der Welt eine andere Geſtalt zu geben, ſo müßte das neue Frankreich erſt noch eine Zeit lang bei den Deutſchen in die Schule gehen.“ „Wäre nicht ſo undenkbar,“ ſagte Dubois, der heute unbarm⸗ herzig ſchien. Uhr, die urick. ne näßi⸗ ankreich, n Rück⸗ ewotfen, Sie hiet ſtreitig Sie als udnung, unter⸗ den des er muß Ihnen⸗ t mehr. „e ne raré tſait. ſtands⸗ Menſch er einer Frant⸗ 0 lange tzt auch andere ne Zeit nbarm⸗ — 195— „Mon Pieu, wie kommen Sie mir vor! Sie haben ſchon voll— ſtändig ein air allemand!“ ſagte ſie bitter und empört.—„Und in dieſem Sinne,“ ziſchte ſie leiſe für ihn, aber doch für Alle ver— ſtändlich—„in dieſem Sinne wollen Sie den Enkelſohn unſeres Fürſten erziehen?“ Sie war aufgeſtanden, ſie hatte ein letztes Wort geſprochen; ſie erwartete, er werde die Segel ſtreichen. Im Gegentheile, Dubois wich und wankte nicht. „Schlimm genug, Madame,“ ſagte er ſehr ernſt,„daß die Auf⸗ gabe, einen Menſchen zu einem Fürſten zu erziehen, ſchon vorweg als eine feſte angenommen wird. In Aegypten ward Jeder für den Stand ſeiner Geburt erzogen. In Europa hat nur der junge Fürſt das be⸗ klagenswerthe Vorrecht, dem Kaſtengeiſte unterworfen zu ſein. Schlimm genug ſchon für einen einzelnen Stand. Es würde manchem Prinzen eine Wohlthat ſein, erſt freie Wahl zu haben für ſeinen Beruf, erſt unter die Menge herabzuſteigen und zu lernen, unter Menſchen ein freier Menſch zu ſein. Wahl und Befähigung ſollten entſcheiden. Es liegt eine beleidigende Sklaverei in dem Gedanken, einen jungen Menſchen zum Fürſten prädeſtinirt zu wiſſen. Man gibt ſich überhaupt zu viel Mühe, junge Fürſten zu erziehen. Man mache ſie zu Menſchen: das iſt Alles und das iſt das Höchſte!“ Ninon fächerte ſo ſtark als wenn ſie Vapeurs verſcheuchen wollte; die große Zornader auf ihrer Stirne war hoch angeſchwollen. Mit unterdrückter Stimme, ihrer nur halb noch mächtig, machte ſie rund um für den Cirkel die große centrale Verbeugung, das Zeichen, daß man entlaſſen ſei. Ich drängte mich zu Dubois, ich legte die Hand in die Biegung ſeines Armes, ich fühlte mich unzertrennbar an ihn gefeſſelt. Er hatte ein großes Wort geſprochen, das Wort vom freien Menſchen. Es war mir als ſprühten vom Blitz dieſes Gedankens tauſend Funken aus ſeinen Augen, durch alle Adern ſeines Leibes. Ich fühlte mich elektriſch wie von einem Weſen höherer Art von ihm berührt. Wie ich zu ihm aufblickte, hing ſein dunkeles Auge leuchtend über mir. Er ſah mich lange ruhig, durchdringend an, als ſuche er nach einem tiefern Verſtändniß mit mir.„Wir werden Freunde ſein!“ ſagte er mit einer leiſen Feierlichkeit.—„Auf ewig!“ ſagte ich von meiner Bewegung hingeriſſen. Wie ich mein glühendes Geſicht an * 13* — 196— ſeine Schulter legte, fühlte ich den zärtlichen Druck ſeiner Hand. Es war ein Augenblick der Weihe, der durch meine Seele ging. Ich hatte einen Freund, ich hatte einen höheren Menſchen gefunden, der für mich die Freiheit als ein heiliges Anrecht forderte. Bei dieſer Proclamation des freien Menſchen fühlte ich aber gleich im nächſten Augenblicke wie ſehr ich Sklave der Hofordnung war. Fand das Souper bei der Oberſthofmeiſterin nicht ſtatt, ſo ſpeiſte Jeder zu Nacht auf ſeinem Zimmer. Sie hatte die Aſſemblee aufge⸗ hoben, und im Corridor nahm mein Gouverneur von mir Beſchlag, eh' ich noch Herr eines Entſchluſſes war. Erſt auf dem Wege zu unſern Gemächern kam mir der Einfall, Dubois bitten zu laſſen, mit uns zu ſpeiſen. Der Magiſter hatte nichts dagegen; er hatte nur noch Gewalt über mich, wenn er meinen Wünſchen, die ich ziemlich ſelb⸗ ſtändig zu äußern anfing, willfahrte; er fühlte zu gut, wie ſehr er von ſeinem Nachfolger im Erziehungsamte bereits aus dem Sattel gehoben war. Der Kammerdiener kehrte mit dem Beſcheide zurück, Monſieur Dubois habe kein Bedürfniß, zu Nacht zu eſſen, aber er werde ſpäter auf eine halbe Stunde kommen. Ich wollte ihn in meinem eigenen Zimmer empfangen. Ich ſehnte mich ſeit lange nach einem Moment der Vertraulichkeit mit ihm. Mein Zimmer war ganz nach meinem Sinne hergerichtet, es war eine Stätte meiner Erinnerungen und Reliquien. Auf einem beſonderen Poſtamente ſtand das Bild meines Vaters wie auf einem Altar; es war das Heiligthum, das mir die ſterbende Mutter hinterließ. Zu beiden Seiten hatte ich Kerzen aufgeſtellt, die in dem ſonſt dunkel! gelaſſenen Raume ihr Licht auf ſeine ſchmerzlich geliebten Züge warfen. Es ſollte mir ein feſtlicher Augenblick ſein, den Freund zu empfangen und ihm das Bild meines Vaters zu zeigen. Wie Dubois endlich im Gemache des Magiſters erſchien, ſah er verſtimmt, zerſtreut, gelangweilt aus. Er habe Briefe bekommen, ſagte er, die ihn auf unbeſtimmte Zeit abberiefen, Briefe aus ſeiner Heimath, von Freunden, die ſeiner harrten. Ich zitterte vor der Macht, die dieſe Freunde auf ihn übten; ich ſah ihn in den Händen des zweifelhaften San Germano, in den Netzen der Donna Carlotta, in Es 3 Ich Nor aber wer. ſpeiſte ufge⸗ ſchlas e zu 1, wit e nur ſelb⸗ deren 1 es 3u dunkel arfen⸗ angen ſah er mmen⸗ ſeiner Macht, n des ta, in — 197— einer Gemeinſchaft, die ihn uns zu entziehen drohte. Um ſo mehr that es noth, mich ihm unentbehrlich zu machen. Peterhagen hatte die Freundlichkeit, uns alsbald uns ſelbſt zu überlaſſen. Mein Herz klopfte hörbar, wie ich den geliebten Menſchen in mein Zimmer und vor das Bild führte. Im vollen Glanz der Kerzen ſtand meines Vaters Antlitz vor uns. Dubois machte bei dieſem Anblick eine raſche Bewegung, entzog mir gewaltſam ſeine Hand, ſtreckte ſie aus und legte ſie dann ſtill über ſein Geſicht. „Dubois, was iſt Ihnen?“ ſagte ich, ſeine Hand ergreifend. Er ſprach, mich abwehrend, von der Blendung der Augen durch das grelle Licht. Ich löſchte zwei Kerzen, rückte die anderen in mäßige Ferne. Dubois ließ ſich in den Seſſel nieder; er begann von allge⸗ meinen, von gleichgültigen Dingen. Aber ich hielt ihn bei der Sache, die mir eine heilige war, mir jetzt als die mir einzig wichtige nicht vorenthalten werden durfte. Ich erzählte ihm von meinem Vater; er mußte ſich ja als Mann aus Wälſchland für ihn intereſſiren. Ich erzählte ihm von der Begräbnißnacht, wo ich ihn an der offenen Gruft meiner Mutter ein erſtes und letztes Mal geſehen, ſagte ihm, wie ich ungeſucht Zeuge des Bekenntniſſes geweſen, däs mein Vater über ſich und ſein Leben abgelegt, von dem Religionskrieg meines Hauſes, der die Bande der Natur zerriſſen, die Geſetze der Liebe in Tyrannei und Willkür umgewandelt, meinen Vater zum Flüchtling gemacht, die Mutter hingeopfert. Ich ſprach das wie eine hülfeflehende Waiſe, die einen Anwalt zum Schutz ſucht. Dubois ſaß theilnehmend, aufhorchend, aber in ſich gedrückt vor mir; er ſchien ſich noch immer nicht das Recht zuzutrauen, ſich meiner zu bemächtigen, trotzdem meine Jünglingsſeele ſo vertrauensvoll und hingebend, ſo freundſchaftsbedürftig war. Das dunkle, unglückſchwere Auge des Vaters ruhte ſuchend und verlangend auf uns. Von Zeit zu Zeit warf Kaver einen zweifelnden Seitenblick auf das Bild. Es war faſt als wenn ſich zwei gleiche Augen begegneten, beide gleich tief und verſchleiert, beide in dem bläulichen Weiß ſchwimmend, das wie Perlmutter ſchimmerte; nur leuchteten im Stern des jüngeren Mannes bräunlich grüne Streiflichter, ſein Blick hatte auf Momente die Unruhe des gehetzten Wildes. Ich mochte nicht auch noch der zuſammenge⸗ wachſenen Brauen gedenken, die der Gräfin Branconi an Dubois — 198— aufgefallen waren. Ich verwarf ja zu ſehr die Spiegelfechtereien der phyſiognomiſchen Grübler, um darauf zu achten. Ich hatte mich ab⸗ ſichtlich gegen alle Geſichterſtudien verhärtet; ich nahm nichts wahr als zwei Naturen des heißen Südens, zwei Männer vielleicht deſſelben Landſtrichs. „Mein Gott,“ ſagte Dubois plötzlich, ganz mit dem Bilde beſchäftigt,„ſollte es mehr als eine bloße Täuſchung der Sinne ſein? Ich bin dieſem Manne ſchon begegnet, ich habe in dieſe Züge ſchon geblickt!“ „Wo?“ rief ich zitternd vor Erwartung. „In meiner Heimath,“ ſagte Dubois ganz in Erinnerungen verſunken,„in Genua, in dem alten Templerhauſe, wo ſie mich zum Roſenkreuzer einweihen wollten; nein früher ſchon, an der Riva levante, in ſtiller Nacht, unter den Genoſſen eines neuen Glaubens, unter den Freunden, die ſich insgeheim in der kleinen halbverfallenen Villa am Meeresſtrande verſammelten.“ „In der Villa Speroni?“ rief ich athemlos. „Ja, ja, in der Villa Speroni,“ ſagte Dubois, nicht wenig beſtürzt, den Namen von meinen Lippen zu hören. „In jener Villa,“ ſagte ich,„wo mein Vater unter dem Altar in altem Gerüll tief vergraben das Document auffand.“ „Welches Document?“ rief Dubvis erſchreckt. „Das Document,“ fuhr ich fort,„das der Reichsgraf bei ſeiner Vermählung ausſtellte, das man verfälſchte, das ihn binden, ihn zwingen ſollte, den Römlingen freien Spielraum in ſeinen Landen zu geben, jenes Document, das die Propaganda ſucht, das mein Vater Giuſeppe in dem großen Edelmuth ſeiner Natur dem Reichsgrafen, ſeinem Feinde und Verfolger, wieder zu Händen gab!“ „Es ſoll noch exiſtiren,“ flüſterte Dubois. „Im Archive unſeres Hauſes, drüben im alten Thurme des Schloſſes, nicht?“ rief ich laut. „Man ſollte es vernichten,“ fuhr Dubois fort,„uns wäre beſſer, es exiſtirte nicht mehr.“ Weinend vor Freude ſtürzte ich an ſein Herz. Mit dieſen Worten hatte er ſich als Freund meines Hauſes bekannt. Er geſtand mir ſpäter, daß er die Vernichtung des Documentes gewünſcht habe, um len der ich ab⸗ hr als ſſelben Bilde ſein? ſchon rungen ich zum evante, untel Villa wenig Altar ſeiner wingen geben⸗* iuſeppe ſeinen me des beſſer⸗ Worten nd nir e, un ſeinerſeits der Verſuchung, die an ihn erging, enthoben und außer Stande zu ſein, den geheimen Wünſchen der Propaganda Folge zu leiſten. Ich ſuchte ihn zu tröſten über den Verdacht der Unſicherheit des Verwahrortes. Er ſchüttelte das Haupt und entgegnete, daß vor den Sodalen eines gewiſſen Ordens kein Mund verſchwiegen, kein Siegel heilig, kein Schloß feſt genug ſei. Ich erinnerte ihn an den Prieſter von Genua, der den Trauact meines Großvaters in der Villa Speroni vollzog, das Document verfälſchen half, die Verfälſchung wenigſtens zuließ, aber das Falſum doch nicht der Propaganda auslieferte.„Er bewahrte das Geheimniß ſein Lebelang; auf dem Sterbebette jedoch“— „Er wollte mit keiner Lüge dahingehen,“ ſagte Dubois,„nahm das Sacrament und machte in ſeinem Teſtamente der Congregation in Rom das Geſtändniß. Man grub nach, aber man fand ſich ſchon zuvorgekommen.“ „So hat er meinem Vater“— fuhr ich fort—„vielleicht noch im Sterben die Mittheilung gemacht, und ehe man ſein Teſtament eröffnen konnte, war das Document gerettet!“ „Seltſame Schlangenpfade des menſchlichen Gemüthes!“ rief Dubois, die Hände zuſammenſchlagend.„Er ſtirbt mit der Kirche verſöhnt, denn ſein Teſtament enthüllt das Geheimniß, er geſteht freiwillig, wozu ihn keine Kirchenſtrafe, keine Drohung Roms zu zwingen vermochte; aber die Entdeckung iſt entwerthet, denn er machte ſie ſchon zuvor auch Demjenigen, der den Mißbrauch des Betruges hintertrieb! So hat er als Prieſter ſeiner Kirche gedient, und doch als Menſch das Böſe, zu dem er die Hand geboten, geſühnt! Ein ſeltener Mann! Ein Intriguant ſeines Ordens und doch zugleich in ihm ſo viel mildes verſöhnliches Menſchengefühl! Ein gewaltiger, durchdringender Verſtand und doch ſo viel Weichheit der Seele! Er hat Großes gewollt, aber er iſt an den Widerſprüchen ſeiner Aufgabe als Prieſter und Menſch geſcheitert. Ich kannte einen Solchen, er war Maurer.“ „Ihr habt ihn gekannt, Kaver? Er war der Provinzial des Ordens in Genua.“ „Pater Euſebio?“ fragte Dubois, mich mit beiden Händen erfaſſend. — 200— „Ich weiß ſeinen Namen nicht, mein Vater ſprach nur von einem Provinzial der Geſellſchaft Jeſu in Genua.“ „Kein Zweifel, jede Provinz hat nur Einen,“ ſagte Dubois. „Seltſamer Zuſammenſtoß zufälliger Schickſalsfügungen! Pater Euſebio war mein Lehrer, mein Wohlthäter, bis ich ihm entfloh. Ich war — o mein Gott! wie komm' ich dazu, dir, mein junger Freund, das zu beichten?“ Ich ſank an ſeine Bruſt, ich umarmte den Theueren mit der Heftigkeit meiner ſtürmiſchen Freundesliebe. „Sind wir unbelauſcht?“ fragte Kaver. Ich ſtürzte an die Thüre und öffnete; alles war im Nebenzimmer ſtill; der Magiſter hatte ſich zurückgezogen, mein Diener war auf dem Corridor beſchäftigt; wir waren ſicher. Für den Nothfall ſchloß ich beide Thüren ab und eilte zu Dubois zurück. Er lag im Lehnſtuhl und hielt beide Hände über ſein Geſicht geſchloſſen; er ſaß eine ganze Weile ſtumm und verſunken in den Zauberbann ſeiner Vergangenheit. Wie er aufblickte, ſtand ich vor ihm und ſprach in Blicken zu ihm, die ihn der ganzen Zärtlichkeit meines offenen Herzens verſichern mußten. Er ſtreckte mir beide Hände entgegen.„Es ſollte hier Niemand wiſſen,“ ſagte er,„ich bin gewarnt; aber ich will mich dir vertrauen!“ Ich bückte mich über ihn; er ſollte die Röthe, die meine Stirne bedeckte, den Verräther meiner Verlegenheit, nicht wahrnehmen; er ſollte nicht erfahren, daß ich ſein Warner geweſen.— Unvorſichtiger Weiſe ſiegelte ich in den nächſten Tagen einige Zeilen, die ich ihm zu ſchreiben hatte, mit dem Wappenringe, den ich in Zürich, wo ich die geheime Warnung ſchrieb, mit mir geführt. Das Siegel genügte, Faver auf die Vermuthung meiner Autorſchaft zu bringen. Zweites Rapitel. Saverio beginnt die Geſchichte ſeines Lebens. Pater Euſebio. Ich war, begann Dubois, ein Zögling des Collegiums, welchem Euſebio als Pater Rector in Genua vorſtand. Ein Findelkind, eine it 6 bal nen; er ſichtigel ſch ihm. wl ich enügte, — 201— elternloſe Waiſe, ſo viel ich wußte, war ich der Anſtalt als ein Ver⸗ mächtniß der Meinigen an die Kirche übergeben. Die Wildheit meines Temperamentes widerſprach dem Beruf, zu dem ich durch den Wahn frommer Gemüther beſtimmt war. Nicht daß ich als Knabe im Dienſte läſſig war, mich gegen die Eintönigkeit des Uſus, die Strenge der Disciplin empörte. Ich war der eifrigſte in der Meſſe, mein Fleiß in der Schule überflügelte die Genoſſen. Aber ich hatte kein Genüge an dem Einerlei der klöſterlichen Lebensordnung. Waren die Uebungen gethan, die Leiſtungen vollzogen, ſo war noch immer ein Reſt menſch⸗ licher Kraft, menſchlicher Begierde in mir vorhanden, der nach einem Gebrauch meiner Mittel, nach einer Befriedigung meiner Wünſche verlangte. Nur ſelten durchbrach ich aus Uebermuth den Gang der Ordnung im Kloſter, weit öfter verlangte mein Sinn ſtärkere Aufgaben, härtere Bußübungen, größere Probleme, als es der erſchlaffte Sinn unſerer Hierarchen für nöthig und für bequem hielt. Nicht an der Kühnheit der Wagniſſe, nicht an der Luſt, das Leben der Men⸗ ſchen zu beherrſchen, nicht an der Größe der Aufgabe, das Fleiſch der Welt zum höheren Dienſt der Kirche zu knechten: an der Schlaff⸗ heit des Wollens, an der Unfähigkeit, große Ziele anzuſtreben, an der Armſeligkeit ſchwacher Seelen, an der Geiſtloſigkeit der Gewöh⸗ nung, iſt die Weltherrſchaft der Prieſter zu Grunde gegangen. Ich war der Eifrigſte unter allen Büßern im Kloſter, ich ſchwang auf den entblößten Nacken am unbarmherzigſten die Geißel, war der Frühſte auf zur Mette, der Letzte, der den karg zugemeſſenen Nachtſchlaf ſuchte. Aber ich war leider auch im Durſt nach Wiſſen der Unerſättlichſte. Was die Sodalen ermüdete, regte meine Begierde erſt an; was jene erſchöpfte, ſtachelte meine Kräfte erſt zu neuer Thätigkeit. Ich redete in allen Zungen, wie es die Propaganda des Glaubens“ für alle Völker und Zonen nur wünſchen kann, ich triumphirte in der Löſung der ſchwierigſten Probleme über alle Mitbewerber, ja als Schüler bald über alle meine Lehrer. Das machte mich ſtolz und übermüthig. Ich ſpottete über die Grenzen, die die Wohlweiſen in ihrer Arm⸗ ſeligkeit, die ſie Demuth nennen, ſich und mir ſteckten, ich verachtete die Weichlinge, die ſich nicht blutig geißelten, ich verhöhnte zugleich die Feigen, die vor der Verheißung der Bibel: der Geiſt erforſchet alle Dinge, ſelbſt die Tiefen der Gottheit! zurückbebten. Ich war 202— nicht beſſer, aber ich hatte mehr Blut, ein ſtärkeres Naturell, das war 3 alles; aber es ward auch die Urſache meines Zerfalles mit dem Kloſter vus und mit der Kirche. Anfangs der Liebling der ganzen Anſtalt, gelobt, gefeiert, geprieſen, ward ich bald Allen eine Qual, ein ewiger, n wenn auch ſtummer Mahner, der ohne es zu wollen ihre Schwächen un entlarvte, ihr träges Gewiſſen aufſtörte. Ich war enthaltſam, dienſt⸗ it eifrig und pflichtgetreu. Aber ich war es in einem Grade, der den iin Läſſigen, ſelbſt den ſonſt Wohlwollenden unbequem ward. Meine zw Tugend erſchien Andern läſtig, meine Enthaltſamkeit, mir leicht, weil jin ich geſund und Herr meiner Kräfte war, galt für lächerliche Thorheit, i mein Wiſſensdrang für Hochmuth, ja für ein Symptom vom Geiſt des ben Böſen. Das rief in meiner jungen Seele einen Stolz wach, den ur ich vergeblich zu brechen ſuchte, den ich endlich auch nicht brechen ite wollte. Mein Selbſtbewußtſein führte mich zum Abſcheu der Schwäche, nn die ich um mich her wahrnahm. Dieſen Haß gegen die Armſeligkeit, ut die nicht entſchieden ſündigen, und nicht entſchieden tugendhaft ſein kann, dieſen Haß gegen die Heuchelei, die ſich ſelbſt belügt und hin⸗ ſh hält, trag' ich in mir und will ihn mit hinüber nehmen vor den 6 ewigen Richter mit der Frage: Iſt die Sünde, die die Natur begeht, ni weil ſie offen und wahr iſt, verabſcheuungswerther als die Lüge Derer, N die Gott zu dienen vorgeben und doch heimlich mit dem Teufel buhlen zn und ihm in ihrem Fleiſch huldigen? Ich ſah Andere leicht ſündigen, k eben ſo leicht ihr Vergehen beichten und ſich Abſolution verſchaffen. in Meine Seele war ſchuldlos; die Stimme der Natur und meines Ge⸗ u wiſſens ſagte mir, ich habe Recht, wenn ich in der Beichte nichts un Böſes von mir zu bekennen wußte. Man konnte mir nichts vorwerfen, u gegen die Regel des Ordens, gegen das Gebot der Satzung, gegen 3 den Dienſ des Tages mir keinen Fehl nachweiſen; aber man nannte in mein offenes Bekenntniß, nichts Böſes von mir zu wiſſen, den wahren ut Hochmuthsteufel. Das machte mich Anfangs ſtutzig, dann aber nach in und nach für die Wahrheit reif: daß der Gott, den die Prieſter ſin lehren, ein anderer ſein müſſe als der Gott, der in unſerm Innern ae ſpricht. Chriſtus ſelbſt, den wir doch unſern Herrn und Meiſter i8 nennen, ward deſſen inne, als er den Gott der Satzung nicht mehr ſ für den wahren hielt, das Geſetz des alten Bundes zerbrach und it in der Kindheit des Menſchen zu Gott einen neuen Bund ſtiftete. 4 . Kloſter lnſtalt, wigel, wächen d hin⸗ den begeht⸗ Derer, buhlen indigen, ſchaffen⸗ es Ge⸗ nichts twerfen⸗ gegen nannte wahren tur nh Prieſtet Innern Miſer. icht neht und ſiftete rac Ich war in meiner Unſchuld ſchon reif zum Ketzer, noch eh' ich wußte was Ketzerei ſei. Pater Euſebio hatte Theil an meiner Entwickelung, ohne zu ahnen, welchem Ziele ich entgegenging. Er hatte ſich von früh an meiner bemächtigt, ohne daß ich jemals den Beweggrund ſeiner Vor⸗ liebe für mich erfuhr. Schon im Findelhauſe, wo ich unter den Händen der barmherzigen Schweſtern erwuchs, war er der Einzige geweſen, der nach mir gefragt, mich belobt, mich angeeifert hatte. Die Frau, die mich geboren, war todt; die Kirche, ſagte man mir von früh, werde meine Mutter ſein. Mein Vater war— wenn nicht ebenfalls geſtorben, doch verſchollen; ich war, ein Kind in Windeln, nur mit der Bezeichnung meines Taufnamens Saverio, der Anſtalt übergeben; Euſebio ſagte, er vertrete Vaterſtelle an mir, er wolle mein zweiter, mein geiſtiger Vater ſein, da mein leiblicher für mich todt ſei. Ein Kind der Sünde im gemeinen Sinne, ein heimlicher Neben⸗ ſchößling war ich nicht: deſſen hat mich mein Freund und Lehrer wie⸗ derholt verſichert; aber ich war wegen eines ſchweren Vergehens in meiner Familie der Kirche, dem Orden Jeſu gelobt. Nur wenn ich das Gelübde erfüllt und Prieſter der Kirche, Mitglied der Geſellſchaft Jeſu geworden, ſolle ich Aufſchluß über meine Geburt, Aufſchluß über das ſchwere Vergehen der Meinigen erhalten, das Pater Euſebio als einen Abfall von Gott bezeichnete, von dem aber zu ſprechen ihm verboten ſei, weil man es in Rom für Todſünde erklärt. Euſebio war kein Finſterling; er gehörte im Gegentheil zu den aufgeklärten Prieſtern der alten Kirche, die es wohlmeinen mit den Fortſchritten der Menſchheit, aber dieſe Fortſchritte freilich nur für ein Heil erach— ten, wenn die Welt dazu langſam erzogen, geiſtig dafür reif gemacht wird. Ein Genueſe von Geburt, mit dem kecken Piratenzug in den Linien des Geſichts, der den Söhnen jener Felſenſeeſtadt eigen, nährte ſein Geiſt im Zuſammenhange mit einer weitverzweigten Genoſſenſchaft edler Männer großartige Plane zu einer Reform der Kirche im Sinne des fortſchreitenden Jahrhunderts. Seine weitgreifende Weltkenntniß, die er ſich in Frankreich und auf den bedeutendſten Miſſionsplätzen ſeines Ordens verſchafft, ließ ihn offenen Blickes die Möglichkeiten einer Neugeſtalt der Kirche an Haupt und Gliedern erfaſſen. Er ging, — ſo wie er die Propaganda verſtand und auffaßte, damit um, die abgefallenen Secten des Chriſtenthums wieder für die Mutterkirche zu gewinnen, aber die Mutterkirche theilnehmen zu laſſen an all' dem Gewinn, den jene Secten nach ihrer Läuterung und nach der Auf⸗ hebung ihrer iſolirten Verirrungen ihr zuführen müßten. Er glaubte an eine Verbrüderung aller chriſtlichen Schulen und Kirchen, an eine Loge freier Köpfe, die in und mit der Freiheit des Gedankens der alten Kirche in neuer Form die Herrſchaft über die Welt wieder ſichern würden. Er hielt das nicht blos für möglich, ſondern für nothwen— dig, falls die Kirche noch ihr Vorrecht, die Menſchheit zu leiten, behaupten wolle. Er verſprach mich einzuweihen in die bisher noch geheime Genoſſenſchaft jener Edeln, die ſich in verſchiedenen Klubbs, bald als Prieſter der katholiſchen Reform, bald als Sodalen der Auf⸗ klärung und als Menſchenfreunde über alle Länder der gebildeten Welt ſchon verbreitet. Er verhieß mir, mich theilnehmen zu laſſen an dieſen Planen, ſobald ich dafür reif, und nachdem ich zuvor Prieſter geworden. Ich habe den werthen Mann keiner Sophiſtik zu zeihen, wenigſtens keiner bewußten und bezweckten Fälſchung und Täuſchung über Mittel und Zwecke in ſeinen Abſichten. Auch iſt ja die katholiſche Kirche nie gewillt und geſtändig geweſen, das Heil der fortſchreitenden Menſchheit aus der Hand zu geben; es hat ihr nur an den Organen und an dem Muthe gefehlt, die Befreiung der Völker vom Joch des Aberglaubens für ihr Werk zu erklären und dies ihr Werk ſelber zu leiten! Die freie Forſchung hat die alte Kirche nie verboten, aber ſie erlaubt ſie nur dem Prieſter, ſo lange die große Menge vor den Verirrungen der zweifelnden Vernunft bewahrt bleiben muß. Nicht Alles für Alle! iſt einer von den Grund⸗ ſätzen der Geſellſchaft Jeſu. Euſebio war nicht blos freien und klugen Verſtandes, er war auch mild und gütig von Herzen. Er hatte unerbittlich feſt ein Ziel vor Augen: die Herrſchaft des Geiſtes über die Sinne und die Körperwelt, die Herrſchaft der Kirche über die Fürſten und Völker. Aber er hatte nichts vom Dominicaner in ſich: von Torquemada, jenem Beichtvater und Henker ohne Gleichen, datirte er den Ruin der alten Kirche. In der klugen und humanen Gewinnung der Verirrten ſuchte er zugleich das verlorene Heil der allgemeinen Kirche wieder z höch hit Ord der irh ſut En jui jn ch iſt ja Heil der ihr mu ung der ren und die alte ſo lange Vemunft Grund⸗ er war ein il und die d Lölkr rguenada⸗ uin der Luirten he wieder — 205— » zu erobern. Er war nicht liſtig; aber er hielt die Klugheit für die höchſte Tugend im Herrſchen, jene Klugheit, die er für Eins hielt mit der Fügſamkeit des Herzens. Wäre ſeine Wahl zum General des Ordens gelungen: wir hätten zunächſt eine Reform dieſer Satelliten der Kirche erlebt. Euſebio hielt große Stücke auf mich, er gedachte ſich in mir einen Erben ſeiner Plane zu erziehen. Ich ſollte nur erſt feſt in der Obſervanz ſein; innerhalb, nicht außerhalb der römiſchen Kirche ge— ſtattete er die Freiheit! Aber man überliefert Niemanden ein feſtes Glaubensſyſtem. Jeder muß ſich hineinleben nach ſeiner Weiſe; die Freiheit der Kinder Gottes verträgt ſich nicht mit der Knechtſchaft der Form. Ich für meinen Theil erkannte im ſtrengen Kloſterdienſt juſt bei Vollziehung und Beobachtung aller Formen deren Unzulänglichkeit. Ich ſah Andere leicht ſündigen und eben ſo leicht durch oberflächliche Buße ihre Fehle ſühnen. Sie nannten das vor Gott wohlgefällig 3 meinerſeits vollzog gewiſſenhaft Regeln, Vorſchriften, Uebungen, Pönitenzen; das einfache, natürliche Bewußtſein meiner Pflichterfüllung machte mich ſicher, ruhig, dreiſt, und gerade das nannten ſie Hochmuth und Signum des Teufels. Ich ward abwech— ſelnd bald irre an mir, bald irre an den Satzungen; und dieſer Zwieſpalt unterhöhlte mein Daſein phyſiſch wie geiſtig, trieb mich bis an den Rand des Unterganges. Euſebio hatte Großes mit mir vor. Im Collegium, wo die Zöglinge wohnten und Unterricht genoſſen, war ich Anfangs die Bewunderung, bald aber der Neid und endlich der Abſcheu der Ge— noſſen. Ich erſchien Allen im Wiſſen voraus; ich gab nichts darauf, es war mir natürlich. Ich theilte keine der Verirrungen, Vergehungen und Ausſchweifungen, blos weil mein Naturell geſünder und ſtärker ſchien. Ich war eine in ſich geſchloſſene Natur, die ihre Kraft bei⸗ ſammen hat. Man nannte mich, ich weiß nicht warum, Savoyard, ſchalt mich in Momenten der Aufregung Tölpel und Trotzkopf aus Savoyen. Ich bethätigte den Spottnamen nur ein einziges Mal, indem ich um einer unverdienten Schmähung willen meinen Stuben⸗ geſellen mit einem Fauſtſchlag ohnmächtig zu Boden ſtreckte. Ob ich wirklich ein Kind der Berge, erfuhr ich nicht, war mir auch gleich⸗ gültig, da die Meinigen, wie Euſebio mir ſagte, mich preisgegeben, —206 mich gleichſam geopfert, um ſich mit der Kirche zu verſöhnen. Ob ſonſt bei meiner Uebergabe in das Findelhaus, das mit dem Collegium disciplinariſch im Zuſammenhange ſtand, ein Wahr- und Kennzeichen meiner Geburt mit überliefert und vorhanden, ſchien mir nicht glaublich. Nie gelangte eine Kunde, eine Nachfrage, ein Zeichen der Theilnahme bis zu mir in's abgepferchte Kloſterhaus. Euſebio war mir Lehrer, Pfleger, Freund, Vater, Alles. Und doch konnte ich ihn nicht lieben, denn er erzog mich allzu abſichtlich für ſeine Zwecke. Inzwiſchen wurden die Differenzen im Collegium mit meinen Genoſſen immer ſtärker. Euſebio erwarb mir den Dispens, bei ihm im Profeßhauſe zu wohnen. Es gehört zu den Ordensregeln, daß der Jeſuit, deſſen Ich eigentlich in der Geſellſchaft ſtirbt und todt iſt, nicht als Individuum, ſondern nur zu Zweien exiſtirt. Er iſt todt für Alles in der Welt, lebendig nur für die Ziele, die ihm ein Oberer ſtellt. Nach einer alten Satzung heißt es: Zögling und Jünger Jeſu, du biſt Leichnam in dir ſelber, du lebſt nur in Gott, und was Gott will, ſagen dir deine Oberen! Nur zu Zweien wohnen die Schüler Loyola's und zu Zweien gehen ſie aus; jeder iſt der Spion des Anderen, lebt gleichſam nur in der Beobachtung der zweiten Perſon, ſeines alter ego. Meine Sonderlingsnatur ward jedem Mit⸗ genoſſen unerträglich, blos weil ich allzu einfach in meinen Be⸗ dürfniſſen, allzu keuſch und ſtreng in der Pflichtvollziehung war. Es wurde mir leicht, und war nicht mein Verdienſt; aber ich forderte endlich, daß ich um deswillen kein Gegenſtand des Hohnes ſei. Euſebio, damals noch Pater Rector, befreite mich von dem Zwange des Zwie⸗ geſpanns; ich wohnte bei ihm, war ſein Sodale, brauchte nur ihn zu begleiten, erſchien wie ſein zweites verjüngtes Ich. Wie er Pro⸗ vinzial wurde und zu Reiſen genöthigt war, blieb ich oft mondenlang mir ſelbſt überlaſſen und konnte frei über mich ſelbſt verfügen. Nur daß ſeitdem ein Anderer insgeheim jeden meiner Schritte begleiten, mein Thun und Laſſen beobachten und über mein Verhalten mit Umgehung der Inſtanz des Rectors und Provinzials nach Rom berichten mochte. Daß Euſebio ſelbſt, nachdem er bei der Neuwahl zum Ordensgeneral übergangen, unter höherer Controle ſtand, war eben ſo glaublich. Er hatte mich für das Seminar in Rom, für das Collegium der Propaganda, für jene großartige Stif⸗ — Ob ium hen ich. hme el en, iten Rit⸗ Es derte bio, wie⸗ ihn lang Nur iten, mit Rom der trole — 207— tung beſtimmt, die zur Aufgabe hat, allen Völkern das Heil zu ver⸗ künden, aber jedem in ſeiner Weiſe, ſo daß in Rom am heiligen Dreikönigsfeſte, wie einſt am Pfingfifeſte, die Kirche noch immer in allerlei Zungen den Herrn verkündigt. Ich ſollte Miſſionär werden, ich ſollte Proſelyten machen, nicht mit Feuer und Schwert, nicht mit der Gewaltſamkeit der Dominicaner, auch nicht mit Hinterliſt und Ränken, ſondern mit der einzig rechtmäßigen Waffe des Geiſtes, mit Milde und jener Klugheit, die den Bedürfniſſen der Menſchen zu Hülfe kommt. Ich lernte leicht die fremden Sprachen; in der Fertig⸗ keit, in einer anderen Zunge zu reden, glaubte mir Euſebio das rechte Werkzeug zu geben, um ein Volk, das von Rom abgefallen, zur Gemeinſamkeit einer alle Welt wieder umfaſſenden Kirche zurück⸗ zuführen. In jeder fremden Sprache lernte ich aber zugleich mit dem fremden Volke denken und fühlen. Indem ich die Glaubenslehren der Ketzer, um ſie widerlegen zu können, ſtudirte, lebte ich mich in deren Sinnesweiſe ein. Wer ſtand meinem Lehrer, dem weiſen Manne, dafür, daß ich, ohne an's Ziel zu kommen, auf halbem Wege ſtecken blieb? Pater Euſebio ſuchte meinen Ehrgeiz zu ſtacheln; er malte mir ferne Zonen, fremde Zuſtände mit goldenen Farben vor mein Auge; er ſuchte meinen Stolz zu reizen, den Sieg über abgefallene Fürſten und Völker mir als eine Genugthuung für mich ſelbſt hinzuſtellen. Ich hatte keinen andern Ehrgeiz als meine Wiſſensluſt, keinen an⸗ dern Stolz als meinen Wahrheitsdrang. Um mich für Miſſionen im deutſchen Norden zu befähigen, lernte ich deutſch. Das Studium dieſer Sprache führte mich zu den Myſtikern Eurer Nation, und hier gerieth ich in meinen Ueberzeugungen an ein Ziel, das mich entweder zum Wahnſinn oder zum Selbſtmord trieb. Ich ſtudirte die Verſe eines Poeten aus der Zeit des dreißigjährigen Glaubenskrieges, die tiefſinnigen Exaltationen jenes Johannes Scheffler Sileſius, der aus Schmerz über die Zerrüttung, in die der wilde Krieg ſein Vaterland geſtürzt, ſein Heil in der Rückkehr zur alten Kirche ſuchte. Das Gefühl der alten Zugehörigkeit zu einem großen, einigen Ganzen gab ihm Beruhigung; aber was er aus der evangeliſchen Freiheit mitbrachte, trug noch immer genug Zündſtoff in ſich, um einen Ketzer zu machen. Was ihn in den Schooß der alten Kirche zurückführte, — 208— trieb mich in meinen Gefühlen und Gedanken aus derſelben hinaus, machte mich heimathlos in der Welt des Geiſtes, jagte mich ſteuer und compaßlos auf das öde weite Meer der Irre. „Iſt Chriſtus tauſendmal in Bethlehem geboren, Und nicht in dir: ſo biſt du ewig doch verloren!“ So ſtand's in ſeinen Büchern, und dies Wort wurde in meinem Innern zu einer Flamme, die mich verzehrte. Der Gott, den wir im Heiligenſchrein anbeten, und der vor uns in der Wandelung ſein Myſterium feiert, half mir nicht dazu, ein wahrer Chriſt zu ſein. In mir ſollte der Gott ſeine Stätte haben und wohnen, in mir wollte er geſpeiſ't und getränkt ſein, in mir ſelber ſollte Chriſtus geboren werden, zur Sprache kommen, ſeine Schmerzen, ſeinen Tod erleiden, aber auch in und mit mir auferſtehen. Da ſtand ich denn wieder an dem Abgrunde, vor dem mir graute: entweder war die Satzung, die man der Welt überlieferte, oder die Stimme der Natur, die in mir laut ward, der wahre Gottesbegriff. Galt jene, die Satzung, ſo war ich, wie die Sodalen ſagten, ein Kind des Teufels. War die Stimme, die in mir rief, die rechte, Gott wohlgefällige, dann war all' das Thun, das mir geboten ward, der ganze heilige Dienſt, das ganze Prieſterweſen Lug und Irrthum. Ich hatte noch nicht die Jahre, um die Gelübde abzulegen; aber der Dispens war aus Rom gekommen, Euſebio hatte ihn mir erwirkt, ich konnte, ich ſollte, trotz der Unreife meines Alters, Prieſter werden. Man rechnete mir die Frühreife meines Geiſtes, auch wohl den tadelloſen Wandel, meine Führung, für ein Verdienſt an, das mich ſchneller als ſonſt zu einem Werk- und Rüſtzeug in Gottes Reiche befähige. Ich war, während man mir dies Zeugniß ſtellte, nie unwürdiger, die Weihen zu empfangen. Ich hatte gründlich nach Wahrheit gerungen und war in die bodenloſe Unergründlichkeit tiefer Verzweiflung geſunken. Die Sünde meiner Serupel konnte ich Keinem beichten, denn jeder Spruch von Außen war für den Zwie⸗ ſpalt in meinem Innern Partei; ich konnte keinem Geſalbten des Herrn geſtehen, daß ich ſeine Macht, zu löſen und zu binden, für ein bloßes Mährchen hielt; ich konnte Niemand bitten, mir meine Sünde zu vergeben, indem ich ihm geſtand, daß ich ihm dieſe Fähig⸗ keit zur Sündenvergebung abſprach. Was mich drückte, war wie eine — 209— Sünde wider den heiligen Geiſt, die Niemand vergibt. Sprach ich mich ſelbſt davon los, ſo erkannte ich eben nur den Gott in mir ſelber an, leugnete damit die ganze Satzung, räumte das ganze Ver⸗ hältniß zwiſchen Prieſter und Laien bei Seite, war ſomit Chriſt im Sinne der Ketzer. Ich ſollte die Weihe des Prieſters empfangen und fühlte tief in mir mein ketzeriſches Laienthum. Dieſer Zwieſpalt wurde für mich toddrohend. Ich hatte das Gelübde der Keuſchheit abzulegen, und ich kämpfte mit den Aufwallungen meines Blutes einen Kampf der Verzweiflung. Der Mann darf das Weib nicht berühren! Es iſt Kleinigkeit, ein grobes Verbot zu achten; aber auch die Gedanken⸗ ſünde vermeiden, auch den Willen, den Wunſch, die Ahnung, die Sehnſucht! Der Mann ſoll ganz Geiſt ſein und ſich von der Natur, vom Weibe, fernhalten, ſie verleugnen, ſie nicht kennen, ſie verdammen und in ſich tödten, keine Ahnung haben, daß Beide gemeinſam, Mann und Weib, den vollendeten Menſchen, Geiſt und Natur die von Gott gebotene und geſetzte Schöpfung ſind. Ja, Geiſt und Natur— es war und iſt durch die Jahrhunderte immerdar und überall derſelbe Streit. Wo haben wir Gott? Wo lauert unſer der Teufel?— O ſüßer Reiz der Weiblichkeit, Zauber, der du über die Welt ge⸗ kommen biſt, ſie zu beſeligen!— Ich kannte dich nicht, ich wußte, ein Kloſterzögling, nicht was Liebe ſei. Aber in der Ahnung fühlte ich dich, in der einſamen Zelle empfand ich von Ferne ein Rauſchen wie von Fittigen, einen Hauch, der über die Welt kommt, will ſie des Daſeins Wonne ſchmecken und fühlen!— Wer, ſüße Allmacht, ſteht außerhalb deiner Kreiſe? Wen, und flöhe er bis an den Rand des Meeres, erreichte nicht dein Pfeil? Alle Ereaturen beſeelt dein Strahl des Lebens, dem niedrigen Sklaven der Scholle, dem Wurme, gibſt du Momente, die ihn beflügeln, und den Heiligen in der Wüſte überkommt das Gefühl der Abſtinenz wie Wolluſt. O armer Menſch, der du dich einen Geſalbten des Herrn nennſt! In der lauen Sommernacht, wo alles Leben Liebe athmet, der leiſe Wind mit deinen Locken buhlt und deine Schläfe küßt, der Vogel ſich üppig wiegt im wehenden Hauch, die ſchwirrenden Käfer, des Tages Geſchöpfe, im Glücke der Liebe aufleuchten, vergehen und ſterben— . Trieb, den du, große Allmacht, den Deinen gibſt, kann er B. V. Kühne, Die Freimaurer. 14 Sünde ſein? Dann hat Gott Vater ein ſündhaft Geſetz gegeben, auf daß alle Creatur aus Nothwendigkeit und mit ſüßer Wonne dem Böſen verfallen bleibe! Und der Menſch! Iſt er darum höher, daß er irgend eine Kraft der Schöpfung in ſich tödtet? Die Natur walten laſſen und doch Gott dienen, weil Er, der Vater des All's, ſie walten läßt, ſollte das nicht höher empfinden heißen? Höher? lautete der Widerpart in mir, nein, glücklicher wohl, aber höher? Der Geiſt ſoll die Natur überwinden können; er kann es, wenn er ſtark genug iſt, es zu wollen! Mit dieſem Entſchluß ſchrieb ich mir faſt mein Todesurtheil als Menſch. Ich wollte ſehen, wie weit in mir der Geiſt die Natur vernichten könne. Ich begann meine Pönitenzen zu verdoppeln; ich faſtete, ich kaſteiete mich in einer Weiſe, daß ich oft ohnmächtig zu⸗ ſammenbrach, meine Wärter erſchrocken nach Hülfe eilten, wenn ſie das Blut über meinen Nacken herabfließen ſahen. Ich lächelte zu ihrer Angſt, ich fühlte einen Triumph in dem Gedanken, Herr der Natur in mir zu ſein. Der Leib ein Skelett: dann iſt der Geiſt Selbſtherrſcher aller Naturgewalt; was man tödtet, darauf ſetzt man den Fuß und beherrſcht es. Meine Faſtenübungen überſtiegen das Maß alles Gewöhnlichen, alles Hergebrachten und Gebotenen. Hager und dürr, ein Schatten meiner ſelbſt, der Schrecken aller Sodalen und Genoſſen, ſchlich ich mit eingefallenen Wangen, mit dem zehrenden Feuer im verſunkenen Auge, Tages und Nachts durch die Hallen des Collegiums, durch die Kreuzgänge und Capellen. Ich war's, der unerbittlich die Hora ſang, Mitternachts die Schläfer aufſtörte, die am Tage vergnüglich Verſammelten auseinanderſchreckte; ich war als Geſpenſt der Geiſt der alten Kloſterzucht, ein memento mori, ein Mahner an das jüngſte Gericht, das für den Chriſten zu jeder Stunde beginnen ſollte. Bald freilich nahmen meine Kräfte ſo ab, daß ich die Zelle nicht mehr verlaſſen konnte, mein Lager hüten mußte. In ſolchen Tagen und Nächten, wo ich aus Schwäche faſt lethargiſch gebunden dalag, hatte ich auf Augenblicke Empfindungen, die an die viſionären Verzückungen der alten Asceten und Anachoreten grenzten. Mein Nervenleiden überwuchs alle phyſiſche Vegetation in mir. Die mehr thieriſchen Organe begannen ihre Functionen einzuſtellen; der Geiſt ab⸗ 4 „N eben, dem daß atur nicht und hatte ngen eiden ſſchen — 211— ſtracter, fühlte feiner, empfand ätheriſch, und in dieſem Zuſtande kör⸗ perlicher Auflöſung durchrieſelte mich das Gefühl einer leiſen, nie geahnten Wolluſt. Der Geiſt triumphirte über die Natur in mir, ich fühlte mich am Rande des Unterganges, aber ich ſchmeckte lächelnd die Seligkeit einer vom Körper befreiten Fortdauer, die letzten Zuckungen des in mir erſterbenden phyſiſchen Lebens, fühlte aber auch noch mitten im Bewußtſein körperlicher Exiſtenz den Reiz eines ſinnlichen Wohl⸗ gefühls. Mitten im Gefühl des ſchwindenden Lebens war mir oft, als griffe von oben, wie aus den Wolken herab, eine ſanfte Hand über alle Glieder meines Leibes, und wie der Windhauch über die Aeolsharfe ſtreicht, ſang ich, meiner nicht mehr bewußt, leiſe verhau— chend ſtille Lieder, hatte, wie ich glaubte, einen Vorgeſchmack jenſeitiger Seligkeiten, und empfand doch nur den Reſt vom Nervengeiſt meiner Sinne. In ſolchem Zuſtande, fand mich mein Lehrer Euſebio, der *nach monatelanger Abweſenheit in Rom von meinem Zuſtande Kunde erhielt und eines Tages plötzlich in meine Zelle trat. Er fand die Blüthe ſeiner Hoffnungen auf dem Siechbette! Er war außer ſich vor Zorn und Liebe. Nach den Beſorgniſſen der Aerzte lag mein Leben in den letzten Zügen, wenn es nicht gelang, mir Nahrung einzuflößen. Ich weigerte mich ſtandhaft, ſie zu nehmen, ich hatte beſchloſſen, zu ſterben, mich zu tödten, ohne die Sünde des Selbſtmordes zu begehen. Euſebio beſchwor mich; ich ſah nicht mehr, ich fühlte ihn nur noch an meinem Lager knieen, ich fühlte, wie von ferne, daß ein heißes Naß, die Thränen der Liebe, meine trocknen, tiefen Augenhöhlen netzte. Ich lag halb aufgelöſ't in die Dämme⸗ rungen einer andern, wie ich glaubte höheren Welt. Vergebens waren die Bitten und Beſchwörungen meines geiſtlichen Vaters; nach ſo langer Abſtinenz war mein Körper auch unfähig geworden, Nahrung zu ſich zu nehmen. Euſebio erfand mit den Aerzten einen Balſam, mit dem meine Glieder beſtrichen wurden, ein Oel, das mir mit Ge⸗ walt in den Schlund geflößt ward und wie nahrhaftes Feuer in meine Magenhöhle drang. Ich ward nach unſäglicher Mühe gerettet, dem Leben wider Willen zurückgegeben. Mit der ſteigenden Kraft kehrte auch der Wille zu leben in mir wieder; der krankhafte Reiz einer Ahonderung des Geiſtes vom Leibe hörte auf. 212 In der Geneſung geſtand ich dem Freunde, daß auch noch in der Empfindung des allmäligen Sterbens eine Wolluſt liege, daß es thöricht ſei zu wähnen, der Geiſt könne ohne Natur, ohne Leib und Hülle exiſtiren, auch in ſeinem feinſten Nervenäther empfinde er noch den Reſt ſeiner ſchwindenden Sinnlichkeit. Die Natur ſei alſo nicht ſündhaft, denn auch in den Entzückungen, die dem heiligen Asceten die ſieben Himmel vorſpiegelt, ſei noch ſinnliche Thätigkeit des Blutes im Gehirn. Es ſei alſo thöricht, den Leib zu tödten, um rein als Geiſt zu exiſtiren, es müſſe ein Mißverſtändniß des göttlichen Willens ſein, in der Natur das Böſe zu ſehen. Euſebio widerſprach mir nicht mehr; er war nur darauf bedacht, mich ſich und dem Gottesreiche zu erhalten. Er verwies mich auf die Refori der Kirche in allen ihren Grundſätzen, wenn ich mich unfähig erklärte, die drei Gelübde des Prieſters zu erfüllen. Ja, er verwies mich auf ein viertes, geheimes Gelübde, das ſchon jetzt unter den Denkenden die Widerſprüche der andern aufhöbe und ausgliche. Ehedem gehörte dies Gelübde vielleicht zu den Geheimniſſen der Templer; der höhere ſchottiſche Grad in den Logen, ſagte Euſebio, führe eben darauf hin. „Gehorſam iſt das erſte Gelübde,“ ſagte ich zu Euſebio.„Du ſieheſt, mein Vater, wie ich gehorſam bin; der Verſuch, den Geboten getreu zu ſein, hat mich bis an den Rand der Auflöſung gebracht. Ich ſehe, daß Hunderte, Tauſende dies Gelübde leicht ablegen; aus dem Gehorſam der Prieſter iſt aber bloße Trägheit geworden, ſie ſind ſtumpf und taub; nur deshalb ſind die meiſten nicht ungehorſam. Dir will ich gehorſam ſein, mein Vater!“ „Und ich bleibe dein Oberer, mein Sohn,“ ſagte Euſebio. „Wenn du befiehlſt, will ich gehorchen,“ verſetzte ich,„und du wirſt mir Nichts befehlen, was meine heiligſten Ueberzeugungen kränkt und beleidigt.“ Wir lagen uns in den Armen, der Bund ward beſiegelt, und ich gelobte, Prieſter Gottes im Sinne eines ächten Menſchen, im Sinne eines Maurers zu ſein. Armuth mit Demuth gepaart, das zweite Gelübde, iſt in der Hierarchie vielfach in's Gegentheil, in Ueppigkeit und Hochmuth, ver⸗ kehrt.„Ich für meinen Theil,“ ſagte ich zu Euſebio,„will arm und „ demüthig ſein, nur laß ich mir das Bewußtſein meiner Demuth nicht für den Hochmuthsteufel verſchreien. Selig ſind, die reinen Herzens ſind, denn ſie werden Gott ſchauen!“ „Amen!“ ſagte Euſebio, küßte meine Stirn und gab mir ſeinen Segen. „Mit dem dritten Gelübde, dem Gelübde der Keuſchheit,“ ſagte ich,„wird viel geheuchelt, mein Vater. Ich habe nicht geſündigt, kann nicht leicht fehlen, um dann eben ſo leicht zu beichten und büßen. Ich nahm wirklich dies Kreuz auf mich, und du haſt nur mit Ge⸗ walt mich vom Tode gerettet. Ich werde das Gelübde halten, aber ich kann die Natur nicht verdammen, ich kann den Geiſt nur im Glück ſeiner Vermählung mit der Natur als vollkommen erachten. Geiſt von der Natur abgelöſ't, iſt Krankheit und Verirrung.“ „Aber Natur ohne den Geiſt“, fügte Euſebio hinzu,„eine bloße Materie, iſt ſinnloſes Daſein.“ „Nun dann“, fragte ich,„warum die Scheidung, warum das Cblibat, mein Vater?“ „Das Cölibat, mein Sohn, war und iſt nothwendig“, entgeg⸗ nete Euſebio,„weil die Kirche in den Prieſtern freier Satelliten bedarf, die nicht an die Scholle gefeſſelt, nicht von der Sorge der Weltlichkeit erfüllt ſind. Das Weib hebt des Mannes freie Selbſt⸗ herrlichkeit auf. Das Weib verhindert des Mannes Entfaltung. Die Kirche machte die Eheloſigkeit der Prieſter zum Geſetze, nicht da⸗ mit der Mann naturwidrig lebe, ſondern damit er frei bleibe von der Gemeinheit der weltlichen Haus- und Familienſorge. Wer die Frau nur als Sklavin, oder nur als ein Ding anſieht, ſündigt weniger, denn er erhält ſich ihr gegenüber den unbehinderten Spiel⸗ raum zur freien Größe ſeiner Entwickelung. Die freie Größe des Mannes beſteht in ſeiner Herrſchaft über die Welt. Hat die Kirche, in ihren Satzungen verroſtet, dieſe Herrſchaft verloren, ſo ſoll der Mann Jeſu ſie ihr wieder gewinnen. Geſetze, die verfallen ſind, ſind nur noch äußerer Zwang. Der Buchſtabe tödtet, der Geiſt macht lebendig. Der Buchſtabe des Geſetzes iſt für den Sklaven, nicht für den Freien, denn er handelt im Geiſte!“ Hier begann im Syſteme meines Lehrers die Sophiſtik des Jeſuiten. Sündigen und vor Gott ſtraffällig werden, ſetzt nach dieſer Caſuiſtik voraus, daß man von dem Böſen, das man thut, auch im Augenblicke des Thuns eine deutliche Erkenntniß, mindeſtens einige Zweifel oder Gewiſſensbiſſe habe. Fühlt man keine Beſorgniſſe der Art, hat man alſo in dem Augenblicke des Thuns keinen Begriff davon, daß die Handlung böſe ſei, ſo begeht man mit derſelben keine Sünde. Damit iſt alſo das Verbrechen ohne Ueberlegung, das Ver⸗ brechen, das ich ohne Serupel und gedankenlos thue, freigegeben, es macht vor Gott nicht ſtraffällig. Das iſt die Reservatio mentalis der Männer Loyola's. So lange der gröbere Verſtand, das geſunde Gefühl der Menge dieſe Lehre nicht verſtand, mußten ſie dieſelbe ge⸗ heim halten und ſich mit Dispenſationen begnügen.— Ich legte die drei Gelübde ab und empfing die Weihen; aber es trat ſeitdem zwiſchen mir und meinem Lehrer eine Spannung ein, die mich von ihm trennte. Ich glaubte nicht mehr nöthig zu haben, aufrichtig gegen ihn zu ſein, nachdem ich ſo tiefe Einblicke gethan in die halb unbewußte Selbſttäuſchung, mit welcher der Menſchengeiſt ſich hinhält, iſt er einmal von der Bahn der Natur, die immer gut und einfach iſt, abgewichen. Ich war römiſcher Prieſter, konnte ſegnen und fluchen, und was ich binden und löſen wollte, ſollte auch im Himmel gebunden und gelöſ't ſein. Ich habe nie davon Gebrauch gemacht, denn ich war mir ſelber nicht genug. Ich war zu ſtolz, mir den Schein einer Macht zu geben, und zu demüthig und aufrichtig, an dieſe meine Macht zu glauben. Drittes Rapitel. Der Abbé der Waldenſer. Vom Schloßthurme dröhnte langſam feierlich die Mitternachts⸗ ſtunde. Dubois ſchwieg. Er ſtand auf, ſtreckte, wie zur Betheuerung, beide Arme gen Himmel, preßte die Hände gegen ſein Antlitz und lehnte ſich dann erſchöpft in den Seſſel zurück. Wie ich mich über ihn beugte, wie er die Hände von ſeinen Augen nahm, ſah' ich, wie —— 215— ſeine Seele noch damit rang, die Erſchütterung niederzukämpfen, welche mit dem Schmerz der Erinnerung in ihm nachzitterte. „Und mein Vater?“ fragte ich ſanft, aber dringend,„wo ſaheſt du ihn im Leben?“ „Wen?“ fragte er entgegen wie befremdet. Ich wies auf das Bild, das vor uns ſtand. „Den Abbé der Waldenſer!“ ſagte er gedehnt, als machte es ihm Mühe, dieſe Geſtalt aus ſeiner Vergangenheit heraufzurufen, oder ſie mit mir, mit ſeiner und meiner Gegenwart zu verknüpfen.„O mein junger Freund“, ſprach er bewegt und noch erſchöpft,„was tauch' ich deine noch wenig berührte Seele in all' die Wirbel und Strudel, die hinter mir liegen, in all' die Schlünde, aus denen ich mich em⸗ porgerungen, in all' die öden Steppen, die ich durchwanderte? Es liegt ſoviel Schatten auf dieſen Bildern meiner Vergangenheit!“ Ich bat, ich beſchwor ihn; es galt ja das theuerſte Intereſſe meines Lebens. „Ich glaube dieſem Manne, deſſen Bild hier vor uns ſteht, und deſſen Sohn du biſt,“ begann Dubois von neuem,„dreimal in meinem Leben begegnet zu ſein, zuerſt in einer ſturmbewegten, unglückſchweren Nacht, wo ich mehr dem Tode, als dem Leben angehörte; das zweite Mal in einer Loge zu Genua unter Myſterien der Iſis; das dritte Mal nur vorüberſchwebend, in einem Momente, wo ich über mich ſelbſt vom Pater Euſebio Aufſchluß erhalten ſollte, während der neidiſche Tod ihn mir entzog. Der Mann, der mir als Abbé der Waldenſer bezeichnet wurde, kennt ſeinerſeits mich ſchwerlich. Soll ich dir aber, mein junger Freund, die dunkle Nachtſtunde, wo ich ihn zuerſt geſehen, ſchildern, ſo muß ich vor deinem keuſchen Auge von neuem den Schleier lüpfen, der über meinem innern Menſchen voll Weh und Fehl, voll Unglück und Qual gebreitet liegt. Ich war, wie ich dir ſagte, Prieſter der Kirche geworden. Noch in meiner langſamen Geneſung begriffen, hatte ich mich aller Beneſicien eines Kranken, aller Dispenſe eines Nobile, der nur die kurze Robe unſeres Ordens trägt, zu erfreuen. Ich ſollte meine ge— . 3 ſtörte Geſundheit herſtellen, damit ich, nach Euſebio's Plan, einer Miſſion der Propaganda zu Rom gewachſen ſei, und alle die Hoff⸗ nungen, die er noch immer auf mich ſetzte, erfüllen könne. Alles im 26 Collegium war jetzt mit mir ausgeſöhnt, ich galt für einen bevor⸗ zugten Ausnahmsmenſchen, man begegnete mir in jeder Weiſe mit bereitwilliger Dienſtfertigkeit. Ich fühlte das Gemiſch von Achtung, Mitleid und Scheu, das ich den Leuten einflößte. In früheren Zeiten würde ich zu einem Heiligen prädeſtinirt ſein; in einem Zeitalter der Glaubensloſigkeit, das freilich zu feig iſt, ſich ſeine Glaubensleere ein⸗ zugeſtehen, um der Wahrheit die Ehre zu geben,— zuckte man höchſtens über mich die Achſel. Ich benutzte jedoch den Vortheil, der mir daraus erwuchs. Ich konnte von jetzt an frei über meine Zeit, meine Studien und Uebungen ſchalten. Man ernunterte mich zu Ausflügen in's Land; ich hatte jederzeit den Ein- und Austritt ohne Zeugen, ohne Begleitſchaft frei. Ich fing an, das Leben der Menſchen kennen zu lernen. Ich verkehrte viel mit dem Volke der Schiffer am Strande. Lärm und Bewegung that meinen erſtorbenen Sinnen wohl, ich begann meine erſchlafften Sehnen und Muskeln wieder zu fühlen, und das Gefühl meiner wiedererwachten ſinnlichen Kraft er⸗ ſchien mir wie ein neuentdecktes Glück. Geſundheit iſt Glück, und Glück iſt des Daſeins Zweck und Ziel. Ich lernte das gemeine Volk liebgewinnen, ich beneidete es um ſeine friſche Anmuth, ſelbſt um den plumpen Ausdruck ſeines Naturgefühls. Ich ward bald ein gerngeſehener Gaſt in den Schiffertabernen der Hafenſtadt; nur daß mich die Leute doch nicht für Ihresgleichen hielten, mich um meines Kleides willen reſpectirten. Ich fing an mein Kleid zu haſſen, denn es ſchied mich vom Schooße des Volkes. Ich war beſchämt, wenn ſie meinen Segen verlangten,— Segen von mir, der ich nichts als Unglück und das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit in mir trug! Ich kam mir weit unwürdiger vor, als alle jene Menſchen mit kühn⸗ geſchnittenen Piratengeſichtern, die auf dem Meere mit den Stürmen, am Lande mit des Lebens Nothdurft gokämpft, unwürdiger, als der ſchlechteſte Fachino, der mit der Laſt auf ſeinen Schultern dem Thiere gleicht, das zur Mühle geht. Sie waren religiös dieſe Leute, das heißt, ſie glaubten an den Wolkenhimmel, den man ihnen über ihr heiter lachendes, wenn auch täglich in Mühen errungenes Leben ge⸗ breitet; ſie glaubten, daß man ſich für ein Stück Geld, für einen äußern Werkeldienſt ein Stück ewiger Seligkeit erkaufen könne. Für ihr diesſeitiges Glück ſorgten ſie ſelbſt und genoſſen es mit geſundem — 217— Hunger, mit vollen Zügen. Ich begann ihnen das Glück der ſinn⸗ lichen Natur als etwas Gott Wohlgefälliges zu erklären; Gott, ſagte ich ihnen, ſei der Inbegriff des Guten, er könne nicht wollen, daß die Creatur unglücklich ſei, nur müſſe Jeder in dem Bewußtſein des Guten erkennen lernen, daß das Böſe allein das Unglück ſei, das Gute ſich ſelbſt belohne. Einzeln hörte mich Jeder aus dem Volke gern an; wenn ſie jedoch in Maſſe beiſammen waren, ſtieg ihnen der Widerſtreit meiner Rede mit dem, was man ihnen ſonſt geſagt, zu Kopfe. Einige Kapuziner, die in den Tabernen ab— und zuſchlichen und die Gutmüthigkeit, wie den frommen Aberglauben ausbeuteten, verdarben mir alsbald wieder meine Saat und ſäeten ihr Unkraut dazwiſchen. Es gab Hader und Zank; die Meſſer blitzten, wenn die Zungen nicht ausreichten, um das Für und Wider auszufechten. Endlich flohen ſie mich, wie einen Sonderling. Ich verzweifelte an meiner Fähigkeit, Miſſionär zu werden. Man hätte mich denn zu den Wilden über's Meer ſchicken müſſen; einem kindlichen Urvolke hätte ich wohl das Heil einer wahren Gotteslehre, das Evangelium der Natur verkündigen mögen. Indeſſen duldeten ſie mich doch am Strande; ich hatte Keinem wehe gethan, Jeder fühlte, daß ich es nicht übel mit ihm meinte. Ich war freilich nicht mehr unbeachtet, man wußte im Collegium um meinen Verkehr mit dem Volke. Ich mußte mich darauf beſchränken, den Vortheil, den ich daraus zog, für mich ſelbſt zu genießen. Das Ruder zu ſchwingen, den Nachen zu regieren ward jetzt meine Luſt. Ganze Abende, halbe Nächte trieb ich, oft im Sturm der Wogen, aus dem Golfe weit in's Meer hinaus. Dies Element ward meine Liebſchaft. Ich badete mich in ſeinem Schaum und gedachte dabei, wie ja einſt die Göttin der Liebe, Aphrodite, als eine Geburt der menſchlichen Phantaſie, aus ihm hervorgeſtiegen. Schaum und Phan⸗ taſie,— das iſt es, was wir die Gottheiten nennen, der Natur und der Materie gegenüber.— Oft freilich wandelte mich im Verkehr mit der weiten Waſſerwüſte auch das Gefühl meines Unglücks wieder an. In der Unendlichkeit empfand ich recht eigentlich mein verlorenes, mein vereinzeltes, mein gleichgültiges Daſein. Eine Laune des Zu5 falls, eine höher gehende Welle— und ich war nicht mehr. Das Gefühl, überflüſſig zu ſein, rief in mir den alten Gedanken wieder — auf, freiwillig zu ſterben. Ich wollte den Tod nicht ſuchen, aber mich reizte die Erwartung, mich von ihm finden zu laſſen. Von Geburt ſchon ausgeworſen aus dem Kreiſe, zu dem ich gehörte; von den Meinigen, die ich nicht kannte, gleichgültig ausgeſetzt an den Strand des Lebens; Begrifſen geopfert, die ich nicht für richtig hielt; ohne meine Zuſtim⸗ mung, ohne freie Wahl und Ueberzeugung in eine Bahn gewieſen, für die mein Herz nichts empfand, mein Kopf kein Einverſtändniß ge⸗ funden; für die Plane eines Mannes erzogen, der in mir nur ein Werkzeug ſeiner Gevanken ſah; im Widerſtreit mit Gott und Natur, mit dem wenigſtens, was die Menſchen ſo nonnten: was konnte ich dieſer Welt ſein, was ihr nützen, welches Ziel mir ſelber ſtecken? Ich war zwecklos und ohne Bande, mein Daſein ohne Wurzel, mein Glaube zweifelhaft, mein Leben leer und eitel; auf dem weiten Ocean, der ſich vor mir ausbreitete, in der Unendlichkeit des Elementes als Atom gleichgültig und ſpurlos verſchwinden, däuchte mir einzig noch begehrenswerth, das wildeſte Gebrauſe der Wogen, dem ich im Nachen mich preisgab, dünkte mir die letzte willkommene Muſik im Gewirre der Welt. Ich bot mich allen Wirbeln der Strömung an, ließ mein Fahrzeug im Strudel tanzen: vergebens; keine Klippe zerſchellte es, keine Welle, und wenn ſie thurmhoch aufſchlug, wollte mich. Ich wußte ohnedies, daß ich ſchwimmen konnte, daß die Natur im letzten Augenblicke wider Willen ſich hilft und rettet. Ich begann darauf zu ſinnen, dem Tode gewiſſer die Hand zu bieten. Eines Abends zog vom Süden ein ſchweres Gewitter am Himmel herauf. Die Seeſchwalben ſuchten ſcheu ihre Unterkunft, die Schiffer im Hafen refften ihr Takelwerk ein, Alles flüchtete ſich, der Strand war menſchenleer. Da löſ'te ich unbemerkt meine Barke und ſtach in See. Einige Stunden von der Riva ragte ein Klippen⸗ eiland; dort belud ich mein Fahrzeug mit den ſchwerſten Felſenſtücken, die ich an Bord bringen konnte; das Boot ging ſo tief im Waſſer, daß die Wellen ſeinen Rand benetzten. So fuhr ich hinaus in's offene Meer, ziellos in der weiten Waſſerwüſte, dem herannahenden Sturme, nachdem ich das Ruder über Bord geworfen, zur Beute preisgegeben. Die heraufſteigende Fluth trieb den Nachen zurück, aber nicht dem Hafen, ſondern einer Felſenbucht zu, an deren Klippen Sturm und Wogen die Barke leicht zerſchellen konnten. Ich lag — weit hingeſtreckt auf dem Rücken, mit beiden Armen das Felsſtück, mit dem ich unterſinken wollte, umſpannend, über mir den ſchwarzen Nachthimmel, auf deſſen Wetterſtrahl ich harrte, neben mir zur Seite die gepeitſchten Wogen fühlend, die ſchon über mich hinwegſpülten. Noch ein günſtiger Windſtoß— und ich ſank hinab in die Tiefe. Ganz von Waſſer und vom niederrauſchenden Regenſtrome durchnäßt, halb nur noch meiner Sinne mächtig, durchrieſelten mich ſchon bei jedem neuen Donner die Schauer des naſſen Todes. Ich bekämpfte noch die letzte leiſe Reue, die nur ſchwach erwachte Mahnung des Gewiſſens, in ſelbſtmörderiſcher Willkür dem Walten der Notur ent⸗ gegen zu handeln; noch ein Mal blickte ich auf, ich erkannte bei'm Zucken des Blitzes eine fremde Küſte, mitten aus der Dunkelheit auf dem Felſenvorſprung ein mattes Licht. Ein neuer Donnerſchlag, als wollte das Gewölbe des Himmels berſten— und die nächſte Woge riß wild empört mich ſammt dem unſtürzenden Boote hinunter in die Tiefe. Ich klammerte mich feſt an das Felsſtück, aber es ent— glitt, von der Woge überſpült, meinen Händen; ich wollte die Kleider löſen, die mich nach oben zogen, um nie wieder Licht und Luft zu fühlen. Da griffen unter lautem Geſchrei Arme und Stangen nach meinem ſinkenden, auf und abgeſchüttelten Körper. Im letzten Mo⸗ mente meines Bewußtſeins dachte ich an ſtrafende Geiſter, die mich zum Richter jenſeits ſchleppen wollten; die wilde Gewalt des tobenden Sturmes, der brechende Donner und die hülferufenden Stimmen ver⸗ miſchten ſich, mir ein Vorgefühl vom ewigen Gericht zu geben. Aber ich lag alsbald am Strande. Nachzügler unter den Fiſchern hatten die freitreibende Barke unter ihre Hände bekommen und mich aufgefangen. Auf ſtämmigen Schultern ward ich eiligen Schrittes, während der Regen ſich noch über uns ergoß, die Bucht hinauf ge— tragen, dem kleinen Lichte entgegen, das mein Auge noch im Brechen wahrgenommen. Es ging Stufen hinan, da entſanken mir von neuem die Sinne. Wie ich aufwachte, lag ich auf Stroh und in Gewänder gehüllt. Mit der Wärme zog wieder Leben in meine erſtarrten Glieder. Ich erblickte in einer kleinen Tempelrotunde einen Kreis von Männern und Weibern, die ſich abwechſelnd mit mir am Boden Lie⸗ genden beſchäftigten, um dann wieder an ihr Geſchäft zu gehen. Ihr Geſchäft war ein frommer Dienſt. Sie begannen einen feier⸗ — 220— lichen Geſang, der an der Wölbung der Decke widerhallte. Dankten ſie Gott für meine Rettung? Oder für die Beute, die ſie an mir gemacht? Es waren wilde, bärtige, mit Keulen bewaffnete Männer, ich glaubte in einer Höhle von Räubern zu ſein. Ein Windlicht in der Mauerblende beleuchtete grell und unſicher die bewegte Gruppe, in die ſich auch zerlumpte Kinder und nackte Säuglinge miſchten. Eine edle hervorragende Geſtalt in ſchwarzer Kleidung, aber ohne geiſtliches Merkmal erhob ſich am Altar, der aus einem zertrümmerten römiſchen Säulenſchaft beſtand. Der Mann hielt in einfachen Sätzen, aber bewegt und eindringlich eine Rede über die Gefahren, die der Herr den Seinigen zur Prüfung ſende. Die Frauen weinten, die Männer ſahen trotzig drein. Nachdem der Redner geendet, nahm er aus einer Kürbisſchaale ein Brot, dankete, brach es und gab ihnen Allen davon. Deſſelbigengleichen nahm er auch den Kelch, in Ge⸗ ſtalt einer korbumflochtenen Wanderflaſche, trank und reichte ſie herum, Laien und Prieſter tranken, da ja doch das Blut des Herrn für Alle gemeinſam vergoſſen. Ich war unter einer Sekte Waldenſer, jener Hirten und Jäger aus den Bergen Piemonts, die ſich Nachts in der Einſamkeit verſammeln, um den Augen Roms und ſeiner Prieſter ihre Andacht zu verbergen. Ein feierlicher Geſang, nur mit halber Stimme geſungen, aber um ſo innerlicher und dumpf ertönend, beendrte den einfachen Gottesdienſt. Aus der offenen Thüre, durch die Spalten der morſchen Wände blickten Eſel und Maulthiere herein mit Körben, in denen ſchlafende Kinder hingen. Es fehlte nur die Wiege, und der erſte Schauplatz, auf dem die Wiege des Chriſtenthums geſtanden, war fertig. Wie man zum Aufbruch Anſtalt machte, berieth man ſich über meinen Zuſtand. Einige Weiber hatten ſich wieder über mich gemacht. Mit Leben und Wärme, die in mir zurückgekehrt, war zugleich ein neues Glaubenslicht in mir aufgegangen; ich ſtreckte verlangend nach den Hirten der Wüſte meine Hände aus. Sie nahmen es für ein Zeichen blos äußerer Bedürftigkeit. Die Decken, die man mir über den feuchten Leib geworfen, hatten mir wohlgethan; meine abgelegten Ge⸗ wänder lagen noch naß im Winkel; in der Eile mir zu helfen, hatte ſie Niemand unterſucht. Jetzt ſtörte ein altes Mütterchen in ihnen herum, zerrte den ſchwarzen Rock meines Ordens auseinander und kten wir — 221— brach mit lautem Schrei zuſammen. Das Prieſterkleid von der Ge⸗ ſellſchaft Jeſu jagte dem ganzen Haufen Schrecken, aber auch wilde Rachgier ein. Sie hatten einen Feind ihres Glaubens, einen Ver— räther ihres Verſteckes vom Untergange errettet; dieſe Beute hätten ſie gern dem Tode gegönnt. Ein dunkles Gemurmel wälzte ſich von Mund zu Mund, ich ſah Meſſer im Schein der Fackel blinken. Da trat der Redner wieder zum Altar, berief ſie noch ein Mal um ſich und ſprach wie ein Apoſtel, wie ein Mann des Volkes in den Worten der Schrift, vom barmherzigen Samariter. Sie krochen Alle, wie man ſagt, zu Kreuze, obſchon kein Kreuz daſtand, vor dem ſie ſich beugen konnten; ſie gingen vielmehr nur in ſich und fanden in ihren beſſern Gefühlen die Beſtätigung deſſen, was die Schrift verkündigt. Ich war zum zweiten Mal gerettet, zum zweiten Mal von Männern, deren Irrglauben die Kirche verdammt. Die kleine Truppe machte ſich zum Abmarſch fertig, ſo wie das Gewitter ſich ausgetobt. Zwei blieben zurück und pflegten mich die Nacht über mit Speiſe, mit Trank und mit Oel, das ſie mir einrieben. Ihr Prieſter aber, wenn er das war, hatte noch, als er ſchied, ſegnend und mit liebevollem Blick die Hand auf meine Stirn gelegt. Es war der Blick jenes Mannes, deſſen Bild hier vor uns ſteht. „Mein Vater!“ rief ich und ſank an Dubois' Herz. In den Ruinen der Villa Speroni hatte ich die Nacht zugebracht, fuhr er fort. Der Morgen lag ſchon hell und leuchtend vor uns, als mich die barmherzigen Samariter verließen; ſie waren bald in den Schluchten der Felſenbucht verſchwunden. Um Mittag trat ich zu Lande den Heimweg nach Genua an; tief in der Nacht erſt erreichte ich meine Wohnung. Die Sorge um mich hatte Euſebio wach ge— halten; alle Boten, die am Tage nach mir ausgeſendet worden, waren ohne eine Spur von mir zurückgekehrt. Ich erzählte dem Freunde mein Erlebniß; ich ſprach mit begeiſtertem Entzücken von dem Prieſter des einfachen Chriſtenthums. „Der Abbé der Waldenſer!“ rief Euſebio, mich krampfhaft mit beiden Händen erfaſſend, am ganzen Körper zitternd. Er wollte ſpotten, aber die heftige Bewegung, die in ihm aufwallte, erſtickte ſeinen Hohn.—„Und er hat ſich dir entdeckt?“ fragte er. „Er hat mich gerettet,“ ſagte ich,„die Hand ſegnend auf meine Stirn gelegt, was ſollte er mir noch thun?“ Euſebio hieß mich ſchweigen gegen Jedermann; er wußte ohne— dies, daß ich Niemanden als ihm Geſtändniſſe machte, Beichte ablegte. „Und du haſt meinen Vater nie wiedergeſehen, Kaver?“ fragte ich dringend. „Geſehen, aber nicht geſprochen,“ erwiederte er.„So oft ich auch die Villa Speroni von neuem, bei Tag und Nacht aufſuchte: ich fand keine Spur von der Verſammlung; die Gemeinde hatte nicht wieder gewagt, ſich dort einzuſtellen. Erſt zwei Jahre ſpäter, ich hatte ſchon das Kloſter, meinen Stand, meine Kirche verlaſſen, ich war nach Genf entflohen, glaubte dort ganz unerkannt zu hauſen, in den Studien und Pflichtübungen meines neuen Glaubens im evan⸗ geliſchen Sinne alle meine Vergangenheit begraben zu haben; da erhielt ich durch einen geheimen Boten aus Genua einen Brief mit den wenigen Zeilen von der zitternden Hand Euſebio's:„Mein theuerer Sohn in Gott, ich liege auf dem Sterbebette, auf dem Lager deiner ehemaligen Zelle. Ich trete bald vor den ewigen Richter, ich möchte nicht vor ihm ſtehen, ohne dir zwei Worte vertraut zu haben. Wenn das Leben zu Ende iſt, dann iſt es auch mit unſeren zerbrech⸗ lichen Planen und Hoffnungen aus: Eile zu mir, zu deinem ſter⸗ benden Freunde!“ Ich ſäumte keinen Augenblick, ich eilte Tag und Nacht um Genua zu erreichen. Ich kannte Weg und Steg, um durch einen heimlichen Gang in die Gemächer des Profeßhauſes zu dringen. Wie ich die Treppe hinaufſchreite, finde ich den Corridor, an den die Zimmer des Pater Rectors ſtoßen, von den Dienern des heiligen Amtes beſetzt. Niemand wird mehr zu dem Kranken gelaſſen, nur wenige Vertraute ſind um ihn, die Inquiſitionsbeamten mit dem großen Siegel des heiligen Amtes ſtehen ſchon bereit, die Papiere des Sterbenden in Empfang zu nehmen; ein Befehl von Rom bevollmächtigt das geiſtliche Gericht dazu, der Provinzial ſtirbt im Unfrieden mit dem General ſeines Ordens, eine ſchwere Unterſuchung iſt über ihn verhängt, nur die Nähe des Todes hält die Schergen zurück, Hand an ſeine Perſon zu legen. Nach langen, peinlichen Stunden des Harrens gehen die Flügelthüren auf, die Aerzte treten heraus, der Provinzial iſt ————— verſchieden. Die bewaffneten Diener der Gerechtigkeit ſperren den Weg, treiben die Anweſenden zum Hofe hinaus; unter ihnen ſeh' ich die Geſtalt des Mannes aus der Villa Speroni über den Corridor ſchreiten, verhängten Auges, aber hoch aufgerichtet und eilenden Fußes. Wie ich mich durch das Gewühl der Treibenden zu ihm drängen will, iſt er im Bogengang zum Portal der entgegengeſetzten Seite des Ge— bäudes verſchwunden; ich habe ihn nie wieder geſehen.“ Dubois war auſgeſtanden und ſchritt im Zimmer geſenkten Hauptes auf und ab. Plöslich ſtand er ſtill und horchte auf.„Es klopft,“ ſagte er,„ſchon zum wiederholten Male!“— Ich meinerſeits hatte nichts gehört, ging hinaus und hörte einen Diener, der im Vorſaale ſtand, nach Dubois ruſen. Ein Wagen, meldete er, halte an dem linken Schloßflügel, eine fremde Dame verlange dringend ihn zu ſprechen. Es ſei ihr nur kurze Zeit geſtattet zu verweilen, ließ ſie ſagen; zum Erkennungszeichen ſandte ſie eine Schleife mit eingedruckten Zeichen und Chiffren. Dubois griff danach und ſteckte die Bänder zu ſich, als wüßte er ſchon darum. Er reichte mir noch beide Hände, drückte mich ſtumm an ſich und ſchied mit dem Nachtgruße. Die Kerzen waren faſt heruntergebrannt. Ich eilte an's Fenſter, um Dubois' Schritte zu verfolgen; die Dunkelheit hinderte ſeine Geſtalt wahrzunehmen. Es duldete mich nicht im Zimmer, eine Angſt überfiel mich. Ich hatte ſchon öfter ab und zu heimliche Boten bei ihm anlangen ſehen; auf ganze Tage mitunter war er von Belle Promeſſe abweſend; ein ſcheues, in ſich gekehrtes Benehmen bezeichnete jedes Mal die Eindrücke, die ſein Verkehr mit Perſonen von außen hinterließ. Eine Ahnung befiel mich plötzlich; ich warf einen Mantel um die Schultern und ſchlich die Seitentreppe hinunter zum Hof und hinüber in den Flügel, wo Kaver's Zimmer lagen. Unfern des Pavillons, dicht am Park, ſtand ein Gefährt, eine leichte Carroſſe, mit einem Plane bezogen, mit Bauernpferden drei neben einander in der Breite beſpannt. Ein Diener hing ſchlafend auf dem Bocke, der Kutſcher fütterte die Thiere, die heute noch auf dem Wege nach Nürnberg zu eine Strecke weiter ſollten. Die Herr— ſchaft, erfuhr ich, ſei über den Hof gegangen und werde alsbald zurückkehren. Der Fuhrmann war ein Menſch aus der Nachbarſchaft, — 224— der Wege kundig; Wagen und Geräth dagegen fremdländiſch genug. Ich eilte über den Hof. In Dubvis' Fenſtern war noch Licht. Ich ſchlich ab und zu; endlich bewegten ſich oben Geſtalten, Thüren gingen auf und zurück. In lebhaftem Geſpräche, bald flüſternd, bald in lautem, prahleriſchem Gelärm, kamen mehrere Perſonen die Treppe herunter und traten zum Hauſe hinaus. Es war Kaver mit einer Dame und einem Herrn. In der Stimme des Letzteren erkannte ich ſofort den geheimnißvollen, verdächtigen Grafen; die verſchleierte Dame konnte niemand anderes als die Donna ſein, die wir in Zürich an ſeiner Seite ſahen. Alſo doch! Dubois im Bunde mit dieſen Menſchen! Angſt und Schrecken hielten mich eine Minute lang gebannt; aber die Sorge, Unheil verhüten zu müſſen, trieb mich wieder vor— wärts. Ich ſchlich ſeitwärts ihnen nach; ihr Geſpräch war jedoch nur auf Momente vernehmbar. Wie ſie am Schlage hielten und der Kutſcher ſein Geſpann bereit machte, wiederholten ſich alle Drei was feſt und ausgemacht war. „Wo wird man hauſen in Nürnberg?“ fragte Dubvis. Nirgends anders als bei ihm, beim Paſtor Dreikorn!“ lautete die Antwort.„Er läßt uns die Säle des alten Ordenshauſes, das zu ſeiner Pfarrei gehört, feſtlich herrichten, um die Abgeordneten der Logen würdig zu empfangen.“ „Mitten im Schooße einer lutheriſchen Pfarre?“ fragte Dubois. „Haha!“ lachte der Robuſte mit dem ſchallenden Baß,„wo Nie⸗ mand den heiligen Loyola wittert, kann er um ſo ungeſtörter niſten⸗ Ihr wißt ja, was Franz von Borgia, weiland General des Ordens, ſagte! Wie die Lämmer haben wir uns eingeſchlichen, wie Wölfe werden wir regieren, wie Hunde werden ſie uns vertreiben, aber wie Adler werden wir uns verjüngen und wiederkehren!“ „Vergeßt nicht, Saverio,“ ſagte die Donna,„daß Euer eigenes Schickſal Euch ruft! Die Congregation hat ein Zeugniß über Euere Her⸗ kunft und Geburt; es ſoll Euch werden, ſo wahr ich lebe! Verſäumt nicht Ort und Stunde! Auch der Abbé der Waldenſer harret unſer, er wird in Nürnberg ſein, ehe wir eintreffen.“ „Vergeßt nicht das Doeument!“ mahnte der Graf, während er einſtieg.„Es gibt uns hier im Ländchen Vorſchub, verheißt die Be⸗ s. en⸗ 1, lfe vie les mt ſer, 225 ſeitigung des ſtändiſchen Rechts, auf lediglich proteſtantiſche Fürſten zu beſtehen, verpflichtet uns die katholiſche Linie des Hauſes.“ „Ihr müßt Euch des beſagten Menſchen dazu bemächtigen!“ ſagte die Donna,„des Signor Sommolotto, oder wie er ſich nennt.“ „Sommerlotte!“ verbeſſerte Dubois. „Ihr wißt die Geſchichte des Unglücklichen?“ ziſchelte Carlotta. „Der ehemalige Barbier des Biſchofs von Bamberg iſt wider Willen und im Schlafe, im bewußtloſen Zuſtande abtrünnig gemacht. Er litt an Geſchwätzigkeit, war aber ſonſt ganz heiler Haut. Auf der Landſtraße, wo der Reich sgraf ſeine Razzia machen ließ, gerieth er in deſſen Hände und wurde als angeblich gemüthskrank in den Narren⸗ thurm geſperrt. Man machte ihm weiß, er ſei nie römiſch⸗katholiſch geweſen. So wie er ſich zu ſeinem alten Glauben bekannte, ward er wieder in die Zwangsjacke geſteckt, bis er zugab, er ſei evangeliſch. Das heiß' ich Proſelyten machen! Daß Gott erbarm'! Der arme Menſch muß erlöſt, muß wieder rückwärts gewonnen werden; Rom verläßt die Seinigen nicht.“ „O, hier herum,“ ſagte Carlotta's Begleiter ſpottend,„iſt manche gute Priſe zu machen! Freilich mit dem Schmelztiegel bei Hofe iſt's nichts mehr; aber das Land iſt gut, das Volk iſt dumm: Alles wird unſer ſein! Das Regiment Nebucadnezar's muß geſtürzt werden!“ Wie der Diener eine Blendlaterne in den Wagen hineinſtreckte, leuchtete mir das rothgeſchwollene Antlitz Saint Germain's mit den flammenden, zweifelsohne weinerhitzten Augen entgegen,— ein ſchreck⸗ haftes Bild bei grellem Licht! „Gehabt Euch wohl, mio caro, auf baldiges Wiederſehen!“ hört' ich noch im Dialekt des genueſiſchen Patois zum Abſchied.„Erfragt uns nur in der Pfarre des heiligen Dreikorn,— ich ſage heiligen! Denn wenn einer bei lebendigem Leibe heilig geſprochen zu werden verdient, ſo iſt es dieſer Mann Gottes vom falſchen Glauben, der uns ſo liebevoll hegt und pflegt. Addio! Auf Wiederſehen bei den Freunden des neuen Jeruſalems! Wahlſpruch: Jetzt oder nimmer! Ein Bund freier Menſchen! Das heißt niemals etwas für ungut! Sela!“ „Ich werde kommen, verlaßt Euch darauf!“ ſagte Dubois ſtill für ſich, während das Fuhrwerk raſſelnd davon flog. Er ſtand noch D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 15 226 eine Weile und ſah es, einen Spuk in der Nacht, in der Dunkelheit verſchwinden. Dann eilte er in ſeine Wohnung zurück; die Thüre fiel hinter ihm in's Schloß. Von Schreck und Angſt gebannt, war ich außer Stande ihm zu folgen. Wie ich, um meinen Heimweg einzuſchlagen, unter das erleuchtete Portal des Schloſſes trat, ſchlüpfte eine Geſtalt, die wie mein Schatten vor dem Licht zurückfuhr, in den Säulengang hinunter. Ich glaubte ganz ſicher den Geheimſeeretär Sommerlotte erkannt zu haben. War er Zeuge der Scenen geweſen? Gleichviel, Signor Sommolotto mußte gewonnen werden, um keinen Verrath zu ſpinnen! Viertes Rapitel. Se ſuit d Die Nacht war noch lang genug, um meinen Feldzugsplan feſt⸗ zuſtellen. Vom Großvater Erlaucht, der diesmal längere Zeit als gewöhnlich auf ſeinen Beſitzungen in der Pfalz verweilte, lief am nächſten Morgen, für meine Intrigue recht heilſam paſſend, ein Schreiben ein. Intriguirt mußte hier werden, ſchon um Unheil zu verhüten. Das Doeument mußte geſichert, im Nothfall vernichtet werden, um den Feinden unſeres Hauſes den Vorwand zu nehmen, Unfrieden in's Land zu ſäen. Um ſich des Documentes zu bemächtigen, war der Zutritt zum Archive nöthig, und um dieſen zu erlangen, bedurfte es der Hülfe Sommerlottens. Das Schreiben des Reichsgrafen bahnte mir dazu ungeſucht den Weg. Außer mancherlei Depeſchen an die Beamten zu Belle Promeſſe überbrachte ein Courier an die Oberſt— hofmeiſterin einen Brief mit häuslichen Anordnungen für die nächſten Wochen, über die hinaus Erlaucht die Rückkehr noch verſchieben müſſe, da das Reichsarmeecorps des fränkiſchen Kreiſes, das ein Lager bei Nürnberg beziehe, ſeine Zeit in Anſpruch nehme. Das Schreiben war wie gewöhnlich mit der Aufſchrift:„An's Geſammte“ verſehen, worunter Jeder, nach Belieben den Zuſatz ergänzend:„An's geſammte — 227—— Haus“ verſtehen konnte. Mitunter hatten derartige Familienordon⸗ nanzen die Adreſſe:„An die geſammten Belle⸗Promeſſer;“ in einem Anfall beſonderer Laune war auch ſchon zur Pein des expedirenden Kammerherrn:„An die geſammte Blaſe daheim“ die Cabinetsordre fürs Hausweſen eingelaufen. Diesmal enthielt der Brief im Kanz⸗ leiſtyl eine Nachſchrift mit folgenden, meine Perſon betreffenden Ver⸗ fügungen:„Da Wir zu Joſeph's, unſeres Enkelſohnes, demnächſt zu feierndem Geburtstage noch nicht wieder heim ſein werden, ſelbigen Tag alſo in Perſon mit ihm zu feiern behindert ſind, ſo hat Beſagter ſich in Gnaden etwas zu erbitten und dieſerhalb einen Wunſchzettel bei der Oberſthofmeiſterin im Einvernehmen mit Monſieur Dubois einzureichen, und darf, falls nicht widrige Zeugniſſe über ſein Wohl⸗ verhalten vorliegen, Unſerer Gewährung im Voraus gewiß ſein. Wie denn ſelbiger bei gutem, evangeliſch geſittetem Wandel und ſonſt tüch⸗ tigem Verhalten ſich Unſerer Geneigtheit für ſein weiteres Wohlergehen verſichert halten kann und Unſer Vertrauen zu gewärtigen nicht ver⸗ fehlen ſoll.“ „Juſtus Erich.“ Das Wort„Vertrauen“ im Briefe, von des Großvaters hoch⸗ ehrbarer Hand ſelbſteigen geſchrieben, jagte mir das Blut in's Geſicht, als ich in Ninon's Beiſein das Schreiben las. Stand ich doch juſt auf dem Punkte, das Vertrauen des Ge⸗ ſtrengen vielleicht auf ewig zu verſcherzen! Aber ich war hinter ſeinem Rücken ſchon zu tief in die Geheimniſſe des Hauſes eingedrungen, um noch theilnahmlos den Zufall, der uns Allen Unheil ſchaffen konnte, walten zu laſſen. Es hatte mir die Nacht keine Ruhe geſtattet; ſtundenlang war ich aufrecht im Bette geſeſſen, und hatte meine Lage überdacht. War Dubois doch tiefer verſtrickt in das Getriebe jener zweifelhaften Abenteurer? Ich entwarf einen Brief an Dubois, ich mußte ihm mein Herz ausſchütten, meine Zweifel gegen ihn äußern. Ich zitterte vor den Beweggründen, die ihn zwangen, gemeine Sache mit Menſchen zu machen, die ſeiner nicht würdig waren. Oder ging er wiſſentlich mit ihnen? Dann hatte Großvater Erlaucht in ſeinem unerbittlichen Argwohn doch Recht gegen die leiſe Schleicherei der Schüler Loyola's, gegen die Schlangenpfade, die Rom geht? 15 228 Mein Plan ſtand feſt: ich mußte Dubois nach Nürnberg be⸗ gleiten. Dort, gleichviel in welchem Zuſammenhange, den geliebten und erſehnten Vater zu finden: welche Macht der Erde hätte mich zurückgehalten! Das Lager, welches die Truppen des fränkiſchen Kreiſes bei Nürnberg bezogen, war Anlaß genug, dieſem meinem Wunſche einen unbefangenen Beweggrund zu geben. Das Lager der Reichstruppen mit Dubois zu beſuchen, war alſo mein erſter Geburts⸗ tagswunſch. Der zweite Punkt auf meinem Wunſchzettel, für den ich Ninon günſtig ſtimmte, ging dahin, im Archive ein für verloren ge— haltenes Bildniß meiner Mutter aus ihrer Jugendzeit aufſuchen zu dürfen, von dem ich in Erfahrung gebracht, es ſei dort beſeitigt und im Verlauf der Jahre mit anderem Zubehör aus ihrer Kindheit in Verſtoß gerathen. Dieſer Wunſch war natürlich, nachdem auf meine früheren Bitten vergebliche, aber ſtets nur oberflächliche Nachſuchungen gehalten waren. Ich wollte freilich jetzt nach mehr als nach dieſer Reliquie, ich wollte im runden Thurme des alten Schloſſes nach dem verhängnißvollen Documente forſchen. Aber ich gedachte damit nichts gegen das Wohl meines Hauſes, nichts gegen die Intereſſen des Großvaters zu unternehmen, wenn ich an Dubois' Seite und mit Sommerlotten's Hülfe den Raum zu betreten begehrte, der die heiligſten und ſchmerzlichſten Erinnerungen meiner Familie in ſich ſchloß. Zum Eintritt in die Gemächer des runden Thurmes gehörte die Bewilli⸗ gung des Gouverneurs von Belle Promeſſe. Dieſer, ein ziemlich be⸗ tagter, nicht allzu ſtrenger Beamter war für eine neue Unterſuchung zum bewußten Zwecke gewonnen, ſobald Sommerlotte, der eigentliche Inſpector des inneren Raumes, nicht entſchieden proteſtirte. Um dieſen zu ſtimmen, mußten freilich die Laufgräben tiefer angelegt werden. Ich entwarf ein myſtiſches, mit allerlei hieroglyphiſchen Zeichen ver— ſchnörkeltes Briefchen, in der Art, wie ich es in Zürich, um Unheil zu verhüten, an Dubois als Warnungsſtimme ergehen ließ. Som⸗ merlotte fand in ſeinem Zimmer ein bei nächtlicher Weile an ihn expedirtes Zettelchen folgenden Inhalts: „Unglücklicher, aber Edler, von der Welt Mißhandelter, von uns aber nie Verkannter, weil du wider Willen von dem ewigen Heil deiner Seele abtrünnig geworden! Sei uns gegrüßt, Dulder; dein harret die Krone, dir winkt der Lohn! Es ungibt dich der Geiſt be⸗ ten nich hen nem der rts⸗ ich ge⸗ zu und in eine gen eſer dem chts des mit ſten zum illi⸗ be⸗ ung liche eſen den⸗ vel⸗ iheil om⸗ ihn uns dein Geiſt — 229— Derer, die von deiner Wiege an deine Schritte leiteten, all' deinen Wandel durchſchauten und nie den Glauben an dein edles unverlo⸗ renes Selbſt verloren. Geheimer Märtyrer der Freiheit und Wahrheit, du biſt geprüft und haſt dich bewährt. Man hat dich knechten wollen, und du haſt dir ſtill deine freie Ueberzeugung gerettet. Dulder, du biſt reif zum Bunde freier Geiſter, die unter jeder Hülle den Mit⸗ fühlenden, unter jeder Form den Menſchen, unter jedem Bekenntniß und weß' Glaubens Kind er ſei, den Bruder erkennen und willkommen heißen. Auch der römiſche Chriſt ſoll reif ſein für die Loge zum neuen Jeruſalem, zur Loge Derer, die eine Verbrüderung Aller, eine Verſöhnung der Menſchheit wollen. Glückauf, Genoſſe des neuen Bundes! Die Zeit des Himmelreiches iſt nahe! Mißkenne nur nicht die Bundesfreunde, verachte nur nicht die Werkzeuge, du, der du ſelbſt ein auserwähltes Werkzeug höherer Plane biſt! Sei dem Jüngling Joſeph zur Hand, er iſt der Auserkornen einer. Hilf ihm, wo ſeine Jugend ſtrauchelt, ſteh' ihm bei, wo es des Hauſes Heil und zugleich der ewigen Seele Seligkeit gilt! Man kennt dich, Sohn und Genoß der alten Kirche! Es lebe die Gemeinſchaft Aller, die Loge des freien Glaubens! Wahlſpruch: Jetzt oder nimmer!“ „Die Wiſſenden im Verborgenen.“ An Dubois ſandte ich am nächſten Morgen folgende unverſtellte, als von mir ſelbſt ausgegangene Zeilen:„ „Theuerſter, Edelſter, Freund meiner Seele! Ich ſchied geſtern von dir, all der heiligen Empfindung voll, Vertrauter deines Lebens zu ſein. Es ließ mir keine Ruhe, ich ſchweiftc noch unter Gottes freiem Himmel um, den Stern meines Lebens ſuchend und ihn prei⸗ ſend, der dich zu uns geführt. Ich ſtand unter deinen Fenſtern ſtill, ich ſah dich im Geiſte vor mir wandeln, wie die Sterne ihre Bahn, in geheimnißvoller Nacht, und doch ſicher, feſt und klar. Da ſchreckte mich plötzlich die Wirklichkeit aus allen Träumen von Erha⸗ benheit und reiner Seelengröße: ich ſah dich an der Seite der Un⸗ edlen, der Charlatane!— Iſt er, iſt ſie deiner, unſer würdig?— Faver, Geliebter, ich bin zu tief in die Geheimniſſe deiner Vergan— genheit eingeweiht, um über dieſen Punkt im Dunkeln bleiben zu können. Ich beſchwöre dich bei Allem was heilig iſt: Wie kannſt du, Reiner, gemeinſame Sache haben mit jenen Unreinen, die die Schlangenpfade des Jeſuitismus wandern! Jeſus Chriſtus hat mit Zöllnern und Phariſäern zu Tiſch geſeſſen, aber nicht um ſich mit ihnen gemein zu machen.— Gib Aufſchluß deinem um dein ewig Heil bangenden Joſeph. Am Mittag erſchien Dubois nicht bei Tafel; dringende Vor⸗ bereitungen zu ſeiner Abreiſe, ließ er melden, behinderten ihn, zu erſcheinen. Ich zitterte vor dem Gedanken ſeiner Abreiſe ohne meine Begleitung. Die Oberſthofmeiſterin fand nichts mehr auffallend in Dubois' Verhalten; der Geiſt des Ungewöhnlichen ſelber, der Geiſt der ſubjectiven Willkür war nach ihrem Gefühl mit Dubois in Belle Promeſſe eingezogen, die Dehors waren beſeitigt, die mühſam aufrecht⸗ erhaltenen Schranken der alten Sitte niedergerannt, und dies Unweſen eines Kobolds mußte geduldet werden, bis Erlaucht ſelbſt ein Einſehen in dieſe Auflöſung aller Bande gewonnen. Dies war Ninon's heilige Ueberzeugung, die Ueberzeugung einer devoten Dulderin. Sie that nichts ohne Befehl, ſie war auf Ordre höhererſeits ſelbſt reglements⸗ widrig. Ich für meinen Theil hatte mich nach Möglichkeit emancipirt. Seitdem der Magiſter als mein Führer ſo gut wie beſeitigt war, ohne daß Dubois ſein Amt als Nachfolger förmlich bei mir angetreten, ſtand ich wie auf freien Füßen, fühlte die Schwingen wie ein flügger Vogel.„ Abends im Cercle bei Ninon überreichte ich meinen Wunſchzettel. Er fand Billigung; war er doch, lief keine Contreordre allerhöchſter⸗ ſeits ein, ſchon zuvor genehmigt. Dubois ſelbſt erſchien aber auch hier nicht. Ich konnte den Augenblick kaum erwarten, wo ich heimlich zu ihm eilen, ihn beſtürmen konnte. Mich peinigte der Argwohn, Dubois könne, mit den Feinden des Hauſes im Bunde, ſich plötzlich gegen uns kehren. Als es dämmerte, ſtand ich ſchon vor dem Flügel des Schloſſes, wo er wohnte. Wie ich in das Licht der Laternen trat, die ſoeben in der Säulenhalle angezündet wurden, huſchte wieder der alte Späher, der ewige Schatten, der graue Sommerlotte, an mir hin. Ich packte ihn mit feſtem Arm und hieß ihn Stand halten.„Bei ihm ge⸗ weſen?“ fragte ich.—„Bei wem?“ war die Entgegnung; der Menſch zitterte an allen Gliedern. iſtus um Um Vor⸗ zu eine in eiſt Zelle echt⸗ eſen ehen ilige that nts⸗ pirt. ohne eten, ger ettel. ſter⸗ auch mlich ohn, blich ſſes, eben äher, ackte nſch — 231— Ich deutete auf Dubois' Wohnung. „Pſt!“ flüſterte der Spion.„Empfängt Briefe, heimliche Boten kommen und gehen— Briefe von Rom,— mit einem Cardinals⸗ ſiegel!“ „Von welchem Cardinal?“ fragt' ich,„vom Führer der Pro⸗ paganda in Rom?“ Der Gepeinigte wußte keine Auskunft darüber. „Sommerlotte!“ ſagt' ich zu dem Lauſchenden,„laſſen wir den Geſpenſterglauben! Das Wohl des Hauſes erfordert Wachſamkeit; ſonſt aber ſei der alte, dumpfe, thörichte Religionshaß unter uns getilgt. Es gilt, einen Bund unter freien Menſchen, unter Brüdern zu ſtiften, die ſich gegenſeitig helfen und vom Wahn erlöſen. Ruhe und Zuverſicht, Sommerlotte! Die Wiſſenden im Verborgenen ſind ſich treu!“ Sommerlotte war wie umgewandelt. In dem trockenen Lauſcher war der lang verborgene, verzückte Schwärmer erwacht.„Ach, ach!“ rief er mit einem Blick gen Himmel,„die Zeit des Himmelreichs iſt nahe, Alle Eines Gottes Kinder!“ Er drückte meine Hand an ſein Herz, bückte ſich tief, küßte mein Kleid, wußte ſich in ſeiner ver— worrenen Haſt keinen Rath. Ein Strom von Thränen ſtürzte aus ſeinen Augen, wie er ein:„Heil meinem jungen Herrn! Alle Menſchen Brüder!“ mir zuraunte und von dannen ſchnellte. „Er iſt gewonnen!“ ſagt' ich zu mir ſelbſt,„der Brief hat ge⸗ wirkt.“ Nur wufßt' ich nicht, was mehr von Einfluß dabei geweſen, der Hinblick auf ein Bündniß freier Menſchen, oder die Anerkennung ſeines alten angeborenen, ſo lange in ihm gewaltſam unterdrückten römiſchen Glaubens. Rom iſt in leidenden, hülfsbedürftigen und verworrenen Gemüthern noch allezeit mächtig! Vor einer Seitenpforte, die zu Dubois' Zimmern führte, hielt ein ſchweißbedecktes Pferd. Oben im Vorſaal ſtand ein reitender Bote, ein Mann in der Bauerntracht der Gegend, aber fremdländiſch in Weſen und Sprache. In dem Augenblick, wo ich in Dubois' Gemach treten wollte, erſchien dieſer aus einer entgegengeſetzten Thüre, ein Portefeuille in der Hand, das er dem Fremden einhändigte. Er empfahl ihm auf Italieniſch die größte Pünktlichkeit;„der Brief nach Rom,“ ſetzte er hinzu,„muß von Bamberg aus befördert werden, durch die Kanzlei Sr. Eminenz des Biſchofs.“ Wie ich mit Dubois allein im Zimmer war, ergriff ich krampfhaft ſeinen Arm.„Um Gottes Willen!“ ſagte ich,„ſeien wir vorſichtig! Hier in Belle Promeſſe eine Correſpondenz mit Rom!“ Dubois lächelte.„Man wird Rom nicht los,“ ſagte er,„und flöhe man bis an den Rand des Meeres!“ „Aber bei dem Argwohn des Reichsgrafen!“ warnte ich. „Er weiß, daß ich Gegenminen grabe,“ erwiederte Dubvis. „Er weiß freilich nicht, daß die Minen auch gegen ihn gerichtet ſind!“ ſetzte er faſt ſpottend hinzu. „Um Gott, Dubois!“ rief ich,„welch' gewagtes Spiel!“ „Kein Spiel, mein junger Freund,“ entgegnete er ruhig und feſt,„kein Spiel, ein heiliger Ernſt! Prüfet Alles und das Beſte behaltet!“ „Aber nicht jedes Mittel heiligt den Zweck!“ ſagte ich warnend. „Der alte Vorwurf gegen die Jeſuiten!“ ſagte er achſelzuckend. „Als ob die Menſchen andere Wege gingen! Oder als ob die Fürſten allein dazu das Recht hätten! Auch die Völker werden auf⸗ ſtehen und das Recht der Creatur, ſich der Tyrannei der Satzung zu entwinden, geltend machen! Der edelſte, der reinſte Menſch, den ich kannte, mein väterlicher Lehrer Euſebio, war zu gleichen Theilen Mann der Kirche Roms und Freund der Freiheit des Menſchen⸗ geſchlechts. Als Jeſuit mußte er das Document mit der Fälſchung ſeinen Obern, der Propaganda, überliefern. Das duldete aber nicht der Menſch, der Maurer in ihm. Er beſeitigte, er machte unſchädlich, was er als Mann der Kirche nicht vernichten durfte, und als das heilige Officium ſein Teſtament eröffnete, hatte er durch ſein Privat⸗ geſtändniß ſchon dafür geſorgt, daß das widerrechtlich Erworbene kein Unheil ſtiftete. Er blieb der Kirche nichts ſchuldig, kam aber zugleich der inneren Stimme nach, die als ſein Gewiſſen gegen die Nöthigung ſeines Pflichtgebotes, als Anwalt des Naturgefühls gegen die Tyrannei der Satzung in ihm laut ward. Sind hier Trugſchlüſſe, ſteckt hier Selbſttäuſchung und Verwirrung der rathloſen Angſt, ſo frage ich: wer iſt frei von dieſem Erbtheil des Menſchen, wer hebt hier den erſten Stein auf? Ihr gewiß nicht, die Ihr den Jeſuitismus im Orden verfolgt und ihn im Rath Euerer Fürſten duldet, dem Staate einräumt, was Ihr der Kirche entzieht!“ fhaft ſtig! „Und — 233— „Aber Ihr wurdet doch in Wahrheit und mit Ueberzeugung Proteſtant?“ fragt' ich nach einer Weile bang und ſchüchtern. „Kein Zweifel, daß ich's bin,“ ſagte Dubois,„aber doch nur, um eben zu proteſtiren, nicht um mich an eine andere Form gefangen zu geben, aus dem Proteſt wieder eine beſondere, gleich ſehr ab⸗ gepferchte und verſchloſſene Kirche zu machen! Der Inhalt Eueres lutheriſchen Chriſtenthums reicht höchſtens für eine Sekte aus. Ich habe mich für meine Perſon losgeſagt von Rom, aber die Menſchheit braucht eine neue allgemeine Kirche, d. h. eine Gemeinſchaft der Gläubigen, ein Evangelium Gottes, das die Natur des Menſchen nicht kreuzt und geißelt. Sich von Rom losſagen, iſt ein perſönlicher Rettungsact; Rom reformiren, iſt das größere Problem, das Problem des Jahrhunderts, die Aufgabe des reifen Menſchengeiſtes!“ Ich ſenkte kleinlaut den Kopf.„Wenn der Zweck,“ ſagte ich, „rein iſt, können wir ihn mit unreinen Werkzeugen erreichen?“ „Was iſt rein— rein vor dem Auge Gottes, rein wie friſch— gefallener Schnee?— Glaubſt du es zu ſein, junger Freund?“ Dubois war aufgeſtanden, während er dies mit erhobener Stimme ſagte, legte die Hand auf meine Schultern und blickte mir tief in's Antlitz.„Und Vorſicht räthſt du mir? Müßteſt du nicht ſelbſt erſt die Einſicht gewinnen, daß man Briefe, die man im eigenen Namen, und Briefe, die man im Namen geheimnißvoller Wiſſender im Ver⸗ borgenen ſchreibt, nicht mit demſelben Siegel ſchließen darf? Iſt San Germano ein Charlatan, ſo macht er's wenigſtens klüger!“ Das väterliche Siegel, das ich in Zürich ſowohl dem Brief in Chiffren, wie dem in meiner Schrift aufgedrückt, hatte mich ver⸗ rathen. Dubois hatte in Zürich das Wappen mit dem roſenum— wundenen lateiniſchen T für das Kreuz und Signum der Roſenkreuzer genommen, die ſich ihm als„Wiſſende im Verborgenen“ genähert, bis er jetzt in Belle Promeſſe meinen Brief unter demſelben Siegel erhielt und auf ſeine Nachfrage erfuhr, daß das P im Wappen des Hauſes La Torre ſeine natürliche Stelle habe. Ich war damit entlarvt, beſchämt. Dabei hatte ich damals bei alledem noch keine Ahnung, wie verhängnißvoll ſonſt noch das Siegel meines väterlichen Wappens mir und uns Allen geworden. — 234— Dubois holte lachend meinen Züricher Brief und den ihm am Tage zuvor in Belle Promeſſe geſchriebenen aus einem Schubfache ſeines Tiſches und legte mir beide vor. Ich bekannte mich zu beiden, ich betheuerte, die beſte Abſicht mit meiner geheimen Warnung gehabt zu haben. „Der beſten Abſicht war hier alſo ein nicht ganz unſträfliches Mittel gerecht geweſen!“ ſagte Dubois, indem er drohend den Finger gegen mich erhob. „So jung, mein Freund,“ ſagte er ernſt,„und doch ſchon den Keim deſſen, was Ihr Jeſuitismus nennt, im Herzen, im Kopfe! Du beſchuldigteſt mich, Theil zu haben an Menſchen, die du Charlatane nennſt! Ich werde mich rechtfertigen vor dir. Ich diene Niemanden, bin zu keinem, mir fremden Plane behülflich, aber ich kann es nicht hindern, daß man mir Dienſte leiſtet. Ich täuſche Niemand, aber ich kann nicht Jeden hindern, ſich in mir zu täuſchen! Rein vor Gott bin ich nicht, der Irrthümer meines Lebens bin ich mir bewußt, ich habe manchen Kelch getrunken, ich trank ihn bis zur Hefe, im Wahn, es ſei Wahrheit, und es war oft nur Gift. Der Wahrheit ging ich nach und ſtrauchelte doch ſelbſt in jedem Augenblicke. Der Menſchheit will ich dienen und kann doch nicht umhin, auf Pfaden zu gehen, die nicht direct zum Ziele führen. Ihr aber mit Euerem gereinigten Chriſtenthum, die Ihr den Inbegriff alles Luges und Truges römiſchen Prieſterwitz und jeſuitiſche Ränkeſucht ſcheltet: ſeid Ihr denn rein, wie die Natur, rein, wie Gott Euch will? Ich verehre mit dir den erlauchten Mann, der mit ſeinem hohen Ernſt ſich gegen die Römlinge und Finſter⸗ linge waffnet, und doch, hat er nicht mit der Hinterliſt geheimer, wie Ihr's nennt: jeſuitiſcher Ränke, ja ſelbſt mit der Grauſamkeit eines Dominicaners gegen ſein eigen Fleiſch und Blut geſündigt? Fern ſei es von mir, Anklage gegen ihn zu erheben. Die Menſchheit, junger Freund, iſt der ärgſte Jeſuit. Wider Willen, ihrer Natur gemäß, wallt ſie Pfade, die nicht der gerade Weg zum Ziele ſind. Anders, denn auf Schlangenpfaden, geht oft ſelbſt der Geiſt der Wahrheit nicht. Der wahre Menſch iſt oft nicht allzu fern vom ächten Loyo⸗ liten.— Dieſe Erkenntniß hat mich fromm gemacht, wenigſtens gerecht und billig. Der ächte Menſch iſt der ächte Maurer, der Maurer aber klagt nicht an; er läßt geſchehen, er hindert nicht, wie man der am fache den, habt ches tane den, nicht ich Fott „ich ahn, ich heit hen, igten ſchen ie die chten iſter⸗ wie eines n ſei nger müß⸗ ders, rheit oho⸗ erecht — 235— Menſchheit dient. Wir werden in Nürnberg das Gewebe durchſchauen, wir werden vielleicht die Böſen und die Edelſten in ihren Netzen ſich fangen ſehen. Wir werden ſtille ſein und Alle walten laſſen. Der Wahrheit bleibt doch ſchließlich der Sieg, dem großen Baumeiſter der Welt und ſeiner Sache dienen Alle. Der wahre Maur Heiß das; er weiß, daß ſelbſt die Söhne Loyola's ſein Werk nur fördern können.“ Ich war in mich zuſammengeſunken, ich blickte ſchüchtern zu Dubois auf; das Uebergewicht ſeines Geiſtes lag drückend auf mir. Er war im Zimmer auf und abgeſchritten. Dann ſtand er vor mir ſtill und blickte mir ehrlich und offen in's Antlitz.„Uebrigens können wir ruhig ſein, junger Freund,“ ſagte er mit dem Ausdruck des ſicherſten Vertrauens,„meine Verbindung mit Rom iſt unſträflich.“ Aber der Brief mit dem Cardinalsſiegel! Dies ſtand als ſchwere Frage auf meiner Stirn. „Ich habe nichts gemein mit der Propaganda des römiſchen Glaubens,“ fuhr Dubvis fort, meiner Einrede zuvorkommend.„Ich kenne in Rom Niemand, als den Meiſter vom Stuhle jener Loge, deren Mitglied ich ward, als ich noch der Gemeinſchaft der römiſchen Kirche angehörte. Cardinal Bernis iſt es, der mir ſchreibt, mir das ſteigende Zerwürfniß zwiſchen dem römiſchen Stuhle und der Geſell— ſchaft Jeſu meldet. Das iſt wichtig, junger Freund. Entweder iſt der Orden fähig, ſich mit der Sache der Aufklärung zu befaſſen, oder er iſt es nicht. Im erſteren Falle wird er ſcheinbar triumphiren, aber der Früchte ſeines Sieges nicht froh werden, denn die Macht der Aufklärung, ein Mal auf den Thron erhoben, ein Mal als Sache der Kirche anerkannt, wird ſeine Macht brechen. Iſt er unfähig, der Sache der Menſchheit auch nur als Mittel zum Zwecke zu dienen, ſo wird er durch die Gewalt der öffentlichen Meinung beſeitigt. Sich von der Gemeinſchaft des Ganzen trennen und für die Freiheit des Glaubens einzelne Sekten ſtiften, heißt Freiheit und Menſchheit zerbröckeln. Alles gegen Rom, aber nichts ohne Rom! Dies, junger Freund, mein Wahlſpruch. Cardinal Bernis iſt ein Freund Rouſſeau's und zugleich ein Freund der Jeſuiten. Ein Cardinal der römiſchen Kirche und ein Anhänger des Evangeliums der Natur! Auch ein Wider⸗ ſpruch, nicht? Ein Schlangenpfad, den die Creatur, den die ganze Schöpfung wandelt. Du klagſt über den Doppelſinn, über die Zwei⸗ — 236— züngigkeit dieſer reservatio mentalis! Klage lieber über die Charla⸗ tanerie des menſchlichen Geiſtes! Es dürfte ſchwer ſein, hier die Gränze zu ziehen, ſchwer, zu ſagen, wo die Selbſttäuſchung beginnt, in dir, mein Sohn, in mir, in Jedem! Halten wir nur den Glauben feſt, daß der Menſch um ſeines Irrthums willen noch nicht aufhört, einer höheren Wahrheit, die Alle vereinigen wird, theilhaftig zu werden. Der Geiſt wird ſich Aller bemächtigen und ſie zu ſich erheben, den Schwachen eine Stütze, den Starken ein Band der Duldung und Liebe ſein.— Wird Monſignor Bernis im nächſten Conclave zum Papſte gewählt, dann beginnt für die geſammte Chriſtenheit eine neue Epoche, für Euſebio's Plan die Verwirklichung, für die römiſche Kirche eine Reform an Haupt und Gliedern, ohne daß die Gemein⸗ ſchaft der Kirche aufhört, die Idee einer Kirche ſich von der Idee der Menſchheit ſcheidet. Iſt dies im edelſten Sinne das Ziel der Geſellſchaft Jeſu, ſo darf ſich dieſes Zieles kein Maurer ſchämen; nur daß der Mann Jeſu weiter blickt und weiter greift; er will erobern, will verwirklichen, was der Maurer nur in Gedanken, nur als Ge⸗ heimniß für Eingeweihte, uneigennützig, aber doch nur immer für ſich und im Verborgenen auferbaut.“ Fünftes Rapitel. Monſeigneur Bernis und der heilige Gral. Was ich hier weiter von Saverio's Bekenntniſſen mittheile, iſt der Ertrag ſeiner vielfach vereinzelten Erzählungen bei nächtlicher Weile. Sein Bekenntniß hatte mir Zielpunkte geſteckt, die ich an— ſtaunte; meine Beſorgniß vor Mitteln und Wegen zu dieſem Ziele verſtummte vor der Größe des Blicks, die ſich mir öffnete, ſelbſt wo ich nur ahnen, nicht begreifen konnte. Jeden Abend, oft bis tief in die Nacht, waren wir beiſammen. Kaver's Vergangenheit, der oft bittere Kelch ſeines Lebens, ward mir tropfenweis zu Theil. Er ſaß dann, in den Seſſel zurückgelehnt, wie ein Seher mit geſchloſſenen Augen da und ließ, ganz in die Vergangenheit verſenkt, die Geſtalten ſeines Lebens an ſich vorüberziehen und Rede ſtehen. arla⸗ die innt, uben hört, rden den und zum neue liſche neil⸗ Idlt„ der nur bern, Ge⸗ ſi ch 237 „Ich lernte Bernis,“ erzählte Dubois in jenen nächtlichen Stun— den,—„ich lernte Abbé Bernis am Turiner Hofe und in jenen Logen kennen, in denen ſich die aufgeklärte Geiſtlichkeit Savoyens, namentlich die Männer ſeiner Nation, Franzoſen, zu treffen pflegten. Ich habe dir, junger Freund, die klöſterliche Epoche meines Lebens vertraut. Es wird noth thun, dich mit meiner weitern Entwickelung bekannt zu machen. Von dem mönchiſchen Zögling des Collegiums zu Genua bis zum Bekenner der Kirche von Genf liegt für mich noch eine Welt von Erfahrungen, ein Abgrund, den ich vielleicht nicht wieder zum zweiten Male überbrücken könnte. Mein Lehrer Euſebio ließ nicht ab, in mir ein Werkzeug ſeiner Plane zu ſehen. Aber ich mußte aufhören, Ascet zu ſein. Die Grübelei hatte mich an den Rand des Verderbens gebracht, ich war der freiwilligen Auflöſung entzogen, ich mußte wieder leben. Ich fing an, weltlich zu werden; das war meine Rettung, die Rettung eines Prieſters. Man gedachte einen geiſtreichen und eleganten Schüler Loyola's aus mir zu machen. Weil mir Sprachen geläufig waren, hoffte man, daß mein Sinn ſich auch bequemen würde, das Weſen des Weltmannes anzunehmen. Ich ſollte Miſſionär werden, nicht unter wilden Naturvölkern, ſondern an Höfen; man be zeichnete mir ſchon mehrere kleine deutſche Höfe, wo es galt, die Erben des Landes für Rom wieder zu gewinnen. Ich ging auf die Vorbereitungen zu ſolchen Unternehmungen ein; war ich doch in mir öde und leer, ich bedurfte der Zerſtreuung, ich wollte das Leben der Menſchen, das Gewirr ihrer Leidenſchaften und Intriguen kennen lernen. Man be— gann, mich auf Reiſen zu ſchicken, trug mir kleine Miſſionen auf, die mich allmälig zum Diplomaten bilden ſollten. Ich war mehrere Monate lang in ſcheinbar wichtigen, aber im Grunde doch über⸗ lüſſigen Geſchäften am Hofe zu Turin, ich gewöhnte mich an den geſchäftigen Müſſiggang der exeluſiven Welt. Ich trat in die Kreiſe iener Männer der Kirche, welche mit Hülfe der r Aufklärung, mit Hülfe der Logen eine Reform der Kirche, d. h. nach ihrem Sinne deren Ver— weltlichung bezweckten. Es waren vornehmlich franzöſiſche Geiſtliche, die dort den Ton angaben; franzöſiſcher Esprit erfüllte die geſammte Atmoſphäre. Vor Allen war es Abbé Bernis, der dort Alles be— herrſchte, ein Mann, der für den Typus unſeres Zeitalters gelten kann, das zwiſchen Rouſſeau und Voltaire hin und herſchwankt, das Naturgefühl des Einen theilen möchte und doch vom Hohn des Witzes, der den Anderen beſeelt, nicht laſſen kann. Abbé Bernis hat ſich aus der Dachſtube des armen Gelehrten in Paris bis zum Purpur aufgeſchwungen; das iſt der Vorzug der Demokratie des Geiſtes in der Hierarchie Roms! Bernis iſt ein Franzoſe von beſonderem Schlage. Von altem, aber zurückgekommenem Adel, hat er nur ſeiner Perſön⸗ lichkeit, ſeinem Talent, nicht ſeiner Verwandtſchaft mit großen Häuſern ſeine Stellung zu verdanken. In der Anmuth ſeiner Erſcheinung trug er, ohne damit zu prunken, Alles was er an Geiſt beſaß, zur Schau. Er verſpricht vielleicht mehr, als er hält, aber Offenheit und Sanftmuth, im Verein mit einer natürlichen Grazie, die faſt an die Unſchuld des Kindes erinnert, verſöhnten immer wieder, wenn der ſtrengere Sinn ſeine geſellſchaftlichen Talente für anſtößig, eines Prieſters nicht für würdig hielt. Er iſt ein Feind aller Heuchelei, aller heimlichen Schliche; alſo kein Jeſuit in dem Sinne, wie Ihr Lutheraner es nehmt. Er iſt ein Feind alles Aberglaubens, aller Tyrannei der Satzung, aller Gewaltherrſchaft und Finſterniß; alſo kein Dominicaner vom alten Styl. Er iſt ein Mann von eben ſo viel Feinheit des Geiſtes als Milde der Geſinnung, ein Beichtvater von liebenswürdiger Gefälligkeit, ein Abbé ohne Furcht und ohne Tadel. Seine galante Poeſie hatte ihn in Paris zum Abgott der Damen gemacht, man hatte in ihn jüngern Jahren la bouquetidre du Parnasse genannt, und er ſchien ſeinen Ruhm mit gelaſſener Be⸗ ſcheidenheit, mit jenem Lächeln zu tragen, das wohl ſelbſtgefällig, aber nicht gefallſüchtig iſt. Abbé Bernis war arm geweſen, ohne geld— gierig zu werden; in ſeiner Lebensluſt, aus der er kein Hehl machte, lag weder Schwelgerei noch Frivolität, ſein Epicuräismus war un— ſchuldiger Art, und er ſchien bei den Damen der großen Welt um ſo mehr Glück zu machen, als er ihnen nicht gefährlich war, keine Leiden⸗ ſchaft kannte. Seine Religioſität beſtand darin, an gute Sterne zu glauben, die über uns im Leben walten; aber er hatte zugleich das Talent, den Abglanz dieſer Sterne in der Kaffeetaſſe ſeiner mächtigen Freundinnen zu deuten und zu erklären. Er war in traulichen Abendſtunden im Boudoir der Damen der geſellſchaftliche Magier, der den Leuten aus dem Kaffeeſatze das Schickſal prophezeite. Wenn er das tzes, ſich rpur in age. ſön⸗ ſern ung zur und die der ines elei, Ihr ller alſo ſo ater ohne der tidre Be⸗ aber eld⸗ chte, un⸗ n ſo 239 Papſt wird, dann ſitzt doch einmal wieder ein Prophet auf dem Stuhle Petri,— und mich dünkt, ein harmloſer. Er wird die Auflöſung der alten römiſchen Kirche ſacrificiren, die Kirche Chriſti wird dann aufhören, eine Anſtalt der Asceſe zu ſein. Er wird den nicht⸗ katholiſchen Höfen freundlich entgegenkommen, eine Vereinbarung der geſammten Chriſtenheit anbahnen. Es wird nicht Alles, aber doch viel damit gewonnen ſein. Die Wahrheit tritt niemals nackt auf, ſie liebt Verhüllungen, ſie liebt Umwege. Ich hoffe nicht das Höchſte und Letzte von Abbé Bernis, aber ich verwerfe ihn nicht; er wird der Wahrheit dienen, wenn auch nur als Lückenbüßer. Wer will den Rathſchlüſſen vorgreifen, zu welchen die ewige Vorſehung oft unzu⸗ längliche Werkzeuge erwählt? Man hette wiſſen wollen, Frau von Pompadour habe ihn, den Abbé Bernis, ſchon vor ihrem Verhältniß mit dem Könige gekannt. Iſt das der Fall geweſen, ſo war ſeine Beſcheidenheit doppelt zu rühmen, denn der arme Abbé hatte ſich, auch als ihm die Sonne der Gunſt öffentlich leuchtete, lange Zeit mit einem Dachſtübchen in den Tuilerien begnügt. Er durfte die große Maitreſſe von Frankreich wöchentlich einmal in einer Abend⸗ ſtunde beſuchen; ſie empfing ihn mit ihrem Bon soir, cher Abbé! ſcherzte dann mit ihm über die Sterne am Himmel und über die Conjuncturen in der Kaffeetaſſe; beim Abſchied klopfte ſie ihm hochſtens mit den Fingerſpitzen die Wange. Lauſcher hatten ihre Seenen mit einander gewiſſenhaft beobachtet, und Verſailles ſchien allen Ernſtes nicht übel Luſt zu dem Glauben zu haben, man könne amuſant ſein, ohne laſterhaft zu werden. In dieſem Rufe ſtand Abbs Bernis, und ſeine Beſcheidenheit, die vielleicht nur das Ergebniß eines ruhigen Blutes war, wurde glänzend belohnt. Er wurde plötz⸗ lich zum Geſandten in Venedig ernannt. Die Miniſter ſtellten ihm ijedoch, entweder als Probe für ſeinen diplomatiſchen Beruf, oder als eine hinterliſtige Falle, die Aufgabe, ſich bei ſeiner Durchreiſe in Turin die Abſchrift eines Vertrages zu verſchaffen, den Sardinien ganz geheim mit Spanien geſchloſſen habe. Abbé Bernis ging in Turin geraden Weges zum Miniſter und ſtellte ihm offen ſeine Ver— legenheit dar. Dieſe Aufrichtigkeit in der Diplomatie war ſo neu, daß ſie Glück machte. Der Miniſter des Turiner Hofs gab ihm den Vertrag in Abſchrift, mit dem Bemerken, die Sache könne ohnedies 5 nicht lange ein Geheimniß bleiben. Seitdem war der Ruf des neuen Geſandten bei der Republik Venedig geſichert, und Abbé Bernis konnte in dem cul de sac der Lagunenſtadt unter dem Scheine der Aufrichtig— keit als ächter Diplomat nach Belieben ſeine Spinnennetze weben. Er hatte dort im Verkehr mit Abenteurern, Courtiſanen und Rittern der Farobank die europäiſchen Geheimniſſe ausgeforſcht und ſeinen Aufent⸗ halt in Venedig weiſe genug benutzt, um Frankreich mit dem alten Hauſe Oeſtreich zu verbinden. Seine Verdienſte um die heilige Kirche ſind nun mit dem Cardinalshut belohnt worden. Damals war er vom franzöſiſchen Hofe zum Staatsrath ernannt und wurde zurückberufen, verweilte jedoch noch einige Zeit in Turin und in Genua, wo ich ihn wie einen harmloſen Müſſiggänger im Hauſe eines weltluſtigen Freundes wiederſah. Niemand ahnte, daß ſeine Miſſion dahin ging, Sardinien und die Republit Genua für das europätiſche Bündniß gegen England und den verwegenen preußiſchen Friedrich, den famoſen Marquis von Brandenburg, zu gewinnen. In den Logen, wo ich mit ihm zuſammentraf, war Alles von ſeiner Anmuth entzückt.— Ich ſollte den Abbé in Genua an einem Orte wiederfinden, wo ich ihn nicht ſuchte,— in der Kirche. Es war eines Sonntags in San Lorenzo, als der letzte Ton vom hohen Chor verhallte. Ich ſtand noch vor einem Bilde des heiligen Lazarus, der das Leichentuch und die Decke des Todes von ſich ſchüttelt, auf den Zuruf des Herrn aus dem Grabe ſteigt und mit den Lebendigen wandelt. Lazarus! dacht' ich ſtill für mich, dein Glaube hat dir geholfen. Ein neuer Glaube könnte die Menſchheit, den armen Lazarus von heute, aus den Banden der Ohnmacht und der Knechtſchaft des Todes befreien! Die Welt hat keinen Glauben mehr; darum ſteht Niemand mehr auf, nimmt ſein Bett und wandelt. Der Dom war leer. Nur an der Sacriſtei hielt noch ein Haufe Schauluſtiger. Sie ſahen nicht danach aus, als hätten ſie an der feierlichen Handlung Theil genommen; ſie waren vielleicht gekommen, die Merkwürdigkeiten der Kathedrale in Augenſchein zu nehmen, ob es ſchon nicht der Tag war, an welchem man den heiligen Gral zeigt. Einige Kirchendiener, ſelbſt einige Geiſtliche, eilten geſchäftig auf und ab, um die Kapelle zu öffnen, in welcher die geweihte Schaale aufbewahrt wird. Wie ich näher trat, ſah ich den Abbé Uen inte tig⸗ Er der nt⸗ uſe ind oM en, ich en ig, iß en ich ch — 241— Bernis im Zuge einer Geſellſchaft, welche Filippo Durazzo, ein ehe⸗ maliger College von mir, zu führen ſchien. Signor Filippo war in früheren Jahren mit mir zugleich im Seminar des Ordens geweſen. Plötzlich Erbe eines großen Vermögens, hatte er den geiſtlichen Stand, zu dem er als Seitenſproß ſeiner Familie beſtimmt war, aufgegeben und in Paris ein geräuſchvolles Leben geführt. Er war ſeit kurzem zurückgekehrt, war in den Senat gewählt und hatte ſich nach dem Willen ſeines Erblaſſers mit einer älteren, reichen Dame vermählt. Er lebte ſehr ſchwelgeriſch, ſein Haus war der Schauplatz immer⸗ währender Feſtlichkeiten. Nur ganz flüchtig hatte ich die Bekanntſchaft mit ihm erneuert, und erſt Abbe Bernis gab die Veranlaſſung, daß er in der Kirche auf mich zueilte, um mich zum Zeugen eines Streites zu machen, in welchem die Anweſenden begriffen waren. „Es gilt eine Wette und ein kirchliches Geheimniß!“ flüſterte er mir lachend zu, nachdem ich die fremden Herren begrüßt.„Es hat Jemand, der ſich nicht nennen will, geſtern Abend an der Tafel des Dogen die frivole Vermuthung aufgeſtellt, der Smaragd, den die geſammte Chriſtenheit Jahrhunderte lang als den heiligen Gral ver— ehrte, und den wir hier als den größten Schatz der Republik heilig halten, ſei am Ende nichts weiter, als ein gewöhnlicher Glasfluß aus den venezianiſchen Spiegelfabriken.— Dergleichen Ketzerei,“ fügte er ernſt und laut hinzu,„darf man nicht auf ſich beruhen laſſen, denn die Ehre der Republik hängt daran!“ „Noch mehr die Ehre der heiligen Kirche!“ erinnerte ein Caplan von San Lorenzo. „Für den Aberglauben können wir jedoch nicht fechten!“ flüſterte einer von den Cavalieren. „Alles iſt hier Partei in der Sache,“ ſagte Bernis,„wer ſoll entſcheiden? Wir ſollten einen Naturforſcher zu Rathe ziehen, einen gelehrten Mineralogen. Jedoch müßte er für den Augenblick alle chriſtlichen Vorausſetzungen aus Liebe zur Sache fahren laſſen.“ „Das würde ſchwer halten,“ entgegnete Durazzo,„denn die Lehrer unſerer Hochſchule, auch wenn ſie blos über Steine und Pflanzen predigen, ſind auf den chriſtlichen Glauben verpflichtet. Wir Patrioten unſerer glorreichen Republik, die wir zu ſehr bei dem guten Ruf des heiligen Gral betheiligt ſind, wir haben ein Auskunftsmittel gefunden, D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 16 242 um einen unparteiiſchen Richter zu ſtellen. Hört, meine Herren! Wir haben, kraft unſerer jungen Würde als Senator der Republik, die Judenſchaft aufgefordert, uns ihren beſten Juwelenkenner zu ſenden.“ „Es iſt einer ihrer Rabbiner,“ ſagte der Caplan;„aber er hat früher auch mit Edelſteinen gehandelt. Er harrt draußen unſeres Winkes.“ „Hat man ihm auch“, flüſterte der Abbé,„einen Eid abge⸗ nommen, damit er nicht plaudere!“ Seine Frage wurde bejaht, und aus der Nebenpforte der Sa⸗ eriſtei trat die kleine, gebückte Geſtalt eines greiſen Juden, von deſſen Wunderkuren man ſich in Genua damals viel erzählte. „Sie ſchicken einen Gelehrten“, ſagte Bernis,„alſo fürchten ſie eine Religionsfrage.“ „Es iſt derſelbe weiſe Medicus, der dem Dogen mit Sprüchen aus dem Talmud, mit Spinngeweben, mit Mondſchein und allerlei kabbaliſtiſchem Hokuspokus die welke Hand geheilt hat.“ Der kleine Rabbi ſtand jetzt vor uns, blickte ſorgſam, aber ohne Furcht im Kreiſe um und neigte ſich demüthig nach allen Seiten. Dann faßte er ſeinen Talar ſauber zuſammen und ſah ruhig drein, der Dinge gewärtig, die da kommen ſollten. „Wißt Ihr, Jude, um was es ſich handelt?“ fragte Durazzo. „Wir haben einen Juwelenkenner verlangt.“ „Ich weiß, Eccellenza,“ erwiederte der Rabbi gutmüthig,„meine Genoſſen trauen mir die Kenntniß edler Steine zu.“ „Es iſt nur ein Scherz“, fuhr Durazzo fort;„im Grunde wiſſen wir ſelbſt ſehr gut, was wir an dem heiligen Steine haben.“ „Eccellenza,“ ſagte der Rabbi,„der Glaube kümmert ſich auch nicht um Mineralogie!“ Dies ſchüchtern als Warnung ausgeſprochene Wort wurde über— hört, während man die Kirchenthüren ſchloß, die Capelle ſich öffnete und die Geſellſchaft ſich um die ſmaragdne Schaale drängte. Es war Niemand zugegen, der nicht an dem Geheimniß der Prüfung des Steines Theil nahm und ſich als Mitwiſſender die Verpflichtung des Schweigens nicht ſelbſt auferlegte. „Ich kenne den Stein!“ ſagte der Rabbi, ſich jeder profanen Berührung des Heiligthums enthaltend, während die Männer des —„ e — zo. ine ſen uch ber⸗ ſete war des des nen des — 243 Chriſtenthums die von den Kirchendienern herabgehobene Schaale nach allen Seiten betaſteten. Man zwang den Juden, an der ſachlichen Prüfung Theil zu nehmen. Er ſchien mehr ſeine Verſucher, als den Stein prüfen zu wollen. In den Blicken ſeines klugen, ſanften Auges ſchien ſich das Bewußtſein über die Schwierigkeit des Falles, der ihm vorgelegt war, zu verrathen. Es war für ihn gleich ſehr von Gefahr, wenn er die Aechtheit des großen Smaragds bezweifelte, als wenn er ſie beſtätigte. Abbé Bernis zog mich bei Seite und erklärte mir den eigentlichen Stand der Sache. Der Doge habe in Zeiten der Noth für eine Anleihe von zwanzigtauſend Ducaten den Stein verpfändet. Es ſei ein Geheimniß der Republik, daß die Ju⸗ denſchaft, gegen eine ſchriftliche Anweiſung, auf den heiligen Gral die Summe mehrmals gezahlt.„Vielleicht wurden“, ſetzte Bernis lächelnd hinzu,„die Hebräer nur durch die Drohungen der Inqui⸗ ſition zur Zahlung vermocht, denn ich fürchte, der Stein iſt nicht die Hälfte werth. Es wäre ein unerhörter Schatz, wenn der Smaragd von Kennern als ächt befunden würde!“ „Nun, Jude, leg' den Prüfſtein daran!“ eiferte Durazzo, der mit dem Zollſtock die Wölbung der Schaale ausgemeſſen hatte. Der Rabbi konnte ſich noch immer nicht entſchließen, die ge⸗ wöhnlichen Verſuche mit Inſtrumenten anzuſtellen. „Vierzehn Zoll hat der Smaragd im Durchmeſſer“, ſagte Du⸗ razzo;„wollt Ihr Euer Gutachten nun abgeben, ob er ächt iſt?“ „Signor, ich kenne den Stein!“ wiederholte der Rabbi nach⸗ drucksvoll. „Es iſt die Schaale, aus welcher Chriſtus der Herr das Opfer⸗ lamm aß!“ ſagte einer der Geiſtlichen, um den Juden einzuſchüchtern. „O ich weiß“, betheuerte der Rabbi,„König Salomo erhielt ſie einſt von der Königin Saba, Joſeph von Arimathia fing darin aus der Seitenwunde des Gekreuzigten das Blut auf!“ Der kleine Hebräer muſterte zugleich mit ruhigen Blicken den Kreis der Verſammelten. Man verſicherte ihm, daß ſeine Ausſage ein Geheimniß bleiben ſolle. „Thut der heilige Stein kein Wunder mehr?“ fragte der Rabbi zögernd und ſcheu. 16 — 244— „Doch, doch!“ rief der Caplan zürnend;—„Du biſt nicht herberufen, um über die kirchliche Bedeutung des heiligen Grals ein Urtheil zu geben!“ Abbé Bernis klopfte dem Rabbi ſanft auf die Schulter und ſagte, es handele ſich bei ſeinem ſachlichen Gutachten bloß um die Materie des Steines. Der kleine Meiſter gerieth in eine wunderbare Aufregung. Es war nicht Furcht, was ihn bewegte, es war ein ſeltſames Gemiſch von Unwillen und Schmerz, von Zorn und Wehmuth. „Sehr edle und ſehr ehrwürdige Herren!“ begann er mit ſchwan— kender Stimme,„ich ſoll Rede ſtehen über den ſachlichen Werth eines heiligen Kleinods.— Ihr fühlt es nicht, wie bitter kränkend es iſt, daß der Jude nur über den Geldwerth des Steines ein Urtheil haben darf, nur ſagen ſoll, wie hoch ihn die Juweliere ſchätzen. Fühlt Ihr es nicht um Euretwillen, ſehr edle Herren, wie es mißlich iſt, daß unlautere Hände mit dem Prüfſteine am heiligen Gral herum⸗ taſten und ſeine Koſtbarkeit wie irdiſche Waare taxiren ſollen, während das Volk doch an die unberechenbare Wunderkraft der heiligen Schaale glaubt? Wenn ich nun ſagte,— wo Gott davor ſei!— der Stein ſei nicht ächt: Ihr müfßtet es doch als Geheimniß bewahren, damit das Volk nicht irre werde. Oder wollt Ihr das Volk aufklären über Dinge, die ſchon, wenn man hört, ſie könnten geprüft, bewieſen oder widerlegt werden, ihre Wunderkraft verlören?“ „Geht dich nichts an, Jude!“ rief Durazzo mit zorniger Gebährde. Mehrere von den Geiſtlichen waren beſchämt bei Seite getreten und verſteckten, ſo gut ſie konnten, ihre Verlegenheit. Die peinliche Stille unterbrach nur Durazzo's ſtürmiſche Haſt, der nicht abließ, ſcheltend und polternd in den Alten zu dringen. Es kam ihm viel— leicht nur darauf an, ſeine Wette zu entſcheiden. „Thue was deines Amtes iſt!“ rief er dem Rabbi zu, ihn bei'm Kleide zerrend, und dieſer, hart an die Schaale gedrängt, ſah ſich genöthigt, die Prüfung zu beginnen. Er bog ſich jetzt, eine tleine Feile in der Hand, über den Stein. Es galt, für den Kenner die Schwere, das Waſſer, den Lichtſtrom des Smaragds zu unter⸗ ſuchen. Aber der Rabbi gab ſich, wie es ſchien, nur den Anſtrich, icht ein und die 245 als ſei er wirklich mit der Schätzung des Kleinods beſchäftigt. Er blickte dann wieder unſicher und unruhig im Kreiſe um. Durazzo gab ihm das Ehrenwort, er dürfe ungefährdet ſprechen. „Signor!“ rief der Rabbi plötzlich, Filippo mit beiden Händen an der Schulter rüttelnd,—„Signor, glaubt Ihr an Gott?“ Beſtürzte Blicke richteten ſich auf die ſeltſame Bewegung des Juden, der mit dem ganzen Uebergewicht einer ſtillen Würde vor uns ſtand. Seine gedrückte Geſtalt hatte ſich in die Höhe gedehnt, jede Fiber ſeines Geſichts war in Spannung; in ſeinen Augen fun⸗ kelten ſprühende Blitze. Der Anfangs zitternde Ton ſeiner feinen, dünnen Stimme hatte plötzlich einen ſchmetternden Klang; es war, als wenn es an den ſilbernen Becken am Altare widerhallte, da er laut und dringend rief:„Signor, glaubt Ihr an Gott?“ „Gehört das zur Sache?“ murrte Durazzo verwirrt. „Wohl gehört es zur Sache“, rief der kleine Rabbi faſt empört, faſt erbittert.„Zweifelt Ihr an Gott, ſo gibt es keinen Gott, weder im Himmel, noch auf Erden. Er iſt nur, wofern man an ihn glaubt.“ Die Cavaliere ſahen ſich betäubt an; einige von den Prälaten blickten ſtill zu Boden, andere lächelten blöde drein. Ich hing mit Entzücken an den leuchtenden Augen des kleinen Mannes, der mit ſeinem altteſtamentlichen Eifer über die ſchlaffen Diener Chriſti trium⸗ phirte. Der Zorn eines Propheten ſtrahlte von ſeiner Stirn. Wie er das Haupt ſchüttelte, wogten die grauen, ſilberweiß untermiſchten Haare wirr durcheinander. „Aber der Stein, der Stein!“ ſchrieen Mehrere plötzlich, um ſich aus der Beſtürzung zu helfen. „Iſt zum Stein des Anſtoßes geworden!“ ſagte der Rabbi ernſt und doch ſanft. Die durchdringende Sicherheit und Wärme ſeiner Stimme hielt die Frager und Verſucher von neuem zurück. Der Rabbi lächelte, wie er ſie rathlos daſtehen ſah und den eitlen Uebermuth in Schran⸗ ken hielt. „Ob das Crucifix von Holz oder von Gold iſt“, ſagte er ruhig und mild,„das gilt doch wohl gleichviel. Der Glaube thut das — 246— Wunder, und dem Glauben genügt ein Kieſelſtein. Muß ich die Prieſter Chriſti an das Geheimniß der Wandlung mahnen? Wer darf da fragen, ob das Brot noch Brot, der Wein noch Wein? Im Reiche des Glaubens gibt es keine gemeine Wirklichkeit. Sind die heiligſten Dinge nicht eben nur das, wofür ſie unter Menſchen gelten? Mir iſt jeder Fetiſch heilig, ſobald ein Volk an ihn glaubt, aber es muß nur ehrlich und wirklich glauben!“ Er ſchwieg und eine peinliche Stille lag über der Verſammlung. Der Rabbi nahm ſein Gewand zuſammen und drückte ſich wieder ſcheu zurück. Nachdem er, wie er glaubte, ſein hinreichendes Gut⸗ achten gegeben, hätte er ſich gern verkriechen mögen. „Aber die Aechtheit des Steines!“ fuhr Durazzo von neuem auf ihn ein.„Ihr ſolltet ſeinen Werth abſchätzen!“ „Erlaubt mir, ſehr ehrenwerther Herr“, ſagte der Rabbi, mit ruhiger Gemeſſenheit wieder einen Schritt vortretend und ſich an Filippo wendend,„erlaubt! Wenn Niemand zweifelt, ob die Schaale ächt iſt, ſo iſt ſie ächt. Die Judenſchaft hat ſie ſchon mehrmals für gültig angenommen. Iſt das nicht genug? Erlaubt! In ihrem Geheimniß liegt der Werth der Wahrheit und der Schaale.“ Ich hatte mich dem weiſen Juden nähern, ihm die Hand drücken wollen, aber er trat bereits ſeinen Rückzug an.„Meine arme Weis⸗ heit iſt zu Ende!“ ſagte er mit unterwürfiger Verbeugung.—„Man geſtatte, daß ich mich entferne!“ flüſterte er dem Abbé Bernis zu, der ihm zunächſt ſtand. Bernis legte ſeine Hand wohlwollend auf die Schulter des Juden und nickte ihm zu. Er gab dann, bevor ſich die Beſtürzung und der Unwille der Andern in Worten entladen konnte, dem Kirchendiener einen Wink und der Rabbi verſchwand eilig durch die kleine Seitenthüre, die ihn zu uns geführt. Wie Signor Durazzo ſich nach ihm umſah, war er uns bereits entzogen. Die Verſammelten maßen ſich gegenſeitig mit Blicken, in denen ſich bald das Gefühl der Beleidigung, bald der Anreiz, ſich ſelbſt zu ver⸗ ſpotten, kundgab. „Nun, und die Wette!“ rief Bernis lächelnd,„iſt ſie entſchieden? Der Rabbi hat den Stein für heilig erklärt, iſt uns aber den Beweis ſchuldig geblieben, ob er ächt iſt.“ In d die ten! er es lung. ieder Gut⸗ leuen nit h an haale s für ihren ücken Weis⸗ Man 8 zl, d auf bevor laden wand Wie ogen⸗ ſi et⸗ eden eweis — 247— „Der Jude hat uns genärrt!“ ſtürmte Durazzo auf,„er hat nur ſchlau ſeine Unwiſſenheit bemäntelt.“— Durazzo machte eine Bewegung, als wolle er ihm nacheilen. „Halt!“ ſagte Bernis,„mich dünkt, der Jude hat ſich, indem er die Trüglichkeit der Wiſſenſchaft nicht förmlich eingeſtehen wollte, ſo gut wie möglich aus dem Spiele gezogen.“ „Er hat mehr als das gethan!“ nahm ich das Wort,„der Jude hat die Bekenner Chriſti beſchämt. Der Glaube iſt es, der Berge verſetzt, und das Wunder iſt noch alle Tage gültig, aber freilich nur für Die, deren Geiſt noch die Befähigung dazu het. Es gibt nur einen Gott für Den, der an ihn glaubt, ſich an ſeinem Daſein ſelbſt betheiligt fühlt. Ein ungläubiger Jude hat uns Chriſten an die Macht und Geltung des Glaubens gemahnen müſſen!“ Die Heftigkeit meines Unmuthes nahm ich ſelbſt erſt an der Wirkung wahr, die dieſer plötzliche Ausbruch auf die Geſellſchaft übte; mein Wort war nur ein Echo Deſſen, was der Rabbi geſagt, aber es war die Beſtätigung eines Chriſten. Man fand jetzt nicht wieder den beliebten und gewohnten Uebergang zum Scherz. An dem Ge⸗ murmel der geiſtlichen Herren, an den ſpöttiſchen Blicken der Cavaliere konnte ich ermeſſen, daß ich ihnen verdächtig erſchien. Der Abbé nahm mich freundlich bei der Hand und ſagte mit der Miene des diplomatiſchen Weltmannes:„Vielleicht ſteht es mit gar manchen Satzungen unſerer geheiligten Religion nicht viel beſſer, als mit der Frage über die Aechtheit der Schaale; man ſoll ſie gar nicht unter⸗ ſuchen wollen!“ Ich ſah ihn traurig än.„Damit ſprächet Ihr“, ſagt' ich,„Euch ſelbſt und Allen die Befähigung ab, die Grundwahrheiten des Chri— ſtenthums von den Satzungen der Menſchen zu ſcheiden.“ „Wer will Spreu und Weizen ſondern?“ fragte Bernis, und zog die Augenbrauen und die Schultern in die Höhe. „Jeder,“ ſagte ich,„dem es Ernſt iſt um die Wahrheit! Der Geiſt erforſchet alle Dinge, ſelbſt die Tiefen der Gottheit; nur muß der Geiſt durchdrungen ſein von der Heiligkeit dieſer Aufgabe.“ Bernis zog mich bei Seite und flüſterte mir zu:„Beſſer, der Verſtand forſcht gar nicht, denn ich fürchte, er wird kein anderes Ergebniß finden, als daß der Stein unächt iſt, auch wenn es ſich — 248— die Leute nicht eingeſtehen wollen, nicht dürfen. Man laſſe die Sachen im Dunkel! Inſofern hat der Jude Recht. Die Völker müſſen regiert werden, und dazu iſt das Chriſtenthum noch immer gut genug.“ Ich ſah ihn beſtürzt an. Mit dieſer Heuchelei auf dem freund⸗ lichen Angeſicht drückte er mir die Hand und ſchied. Das war alſo die gerühmte Aufklärung des Jahrhunderts; ſo weit verſtieg ſich die Kirche, wenn ſie freimüthig Zugeſtändniſſe machte? Filippo Durazzo war aus patriotiſchem Eifer untröſtlich, daß die Wette durch den gelehrten Juwelenkenner nicht entſchieden war. Mehrere ſeiner Gefährten lachten laut über den komiſchen Ausdruck ſeines Unmuthes. Der Caplan von San Lorenzo maß mich mit ſtrengen Blicken.„Die ganze Sache bleibt doch unter uns!“ ſagte er mit einem Tone, der mir zu verrathen ſchien, er finde es ſtraf⸗ würdig, daß ich in dem Ausſpruch des Juden eine Beſchämung des Chriſtenthums ſah. Die Geſellſchaft hatte ſich aufgelöſt und die Kirche verlaſſen. Einzelne Beter knieten noch in den Seitencapellen; es waren Bettler und Kranke, die auf Erlöſung hofften, alte Mütterchen, die längſt mit dem Leben abgeſchloſſen hatten, Kinder, die man willenlos an die äußere Uebung des Dienſtes gewöhnt. Sind das die einzigen Gläubigen noch in der Chriſtenheit? dachte ich ſtill für mich. Und die Weiſen und Mächtigen, die mit dem Heiligen ein frivoles Spiel treiben, halten das Volk, bloß um es ſicher regieren zu können, im alten Glauben feſt? Sechstes Rapitel. Belmar und die Loge Melchiſedek. Ich war wieder vor das Bild des Lazarus getreten und weidete mich an der ſchönen Wahrheit des Scheines, den der Pinſel eines alten geweihten Malers auf ein Stück Leinwand faſt zur handgreif⸗ lichen Wirklichkeit zu zaubern gewußt. ſchen iſſen ug.“ nd⸗ ſ hte! daf war. ruck mit agte ruf⸗ des ſen. tler ngſt an gen Und piel in ete nes eif⸗ — 249— Ich hatte bei der Betrachtung des Bildes einen Genoſſen, der meinen Schritten gefolgt war und ſchon längere Zeit hinter mir ſtand. „Ein ſchönes Bild!“ ſagte er, als ich den Platz verlaſſen wollte;— „von einem alten Meiſter, den ich noch nicht kannte“, fügte er hinzu und hielt mich am Kleide feſt. Ich gab dem Fremden den nöthigen Beſcheid. Er rühmte die Färbung, die Pinſelführung, die Anordnung der Gruppe, die Erha— benheit, in der es gedacht, die Kraft, in der es ausgeführt. „Der Glaube hat es geſchaffen!“ ſagte ich ſtill für mich. „Sehr wahr!“ erwiederte der Fremde in dumpfem Tone,—„und der Glaube war es auch, der den todten Lazarus auferſtehen hieß.“ „Beides iſt ſchon ſehr lange her“, ſagte ich,„das heutige Ge⸗ ſchlecht hat von dieſer Wahrheit keine Ahnung mehr.“ „Ihr irrt Euch!“ rief der Mann mit aufblitzenden Augen,„Ihr irrt Euch; was ein Mal wahr geweſen, iſt es auch heute noch, das Wunder wird noch täglich neu.“ „Ich weiß“, war meine Erwiederung,„ich kenne das Dogma von der Wandelung, deſſen buchſtäblichen Sinn ſie feſthalten, wäh⸗ rend ſie ohne alle Befähigung ſind, das Wunder an ſich ſelbſt zu erfahren.“ „Es gibt noch Gläubige!“ murmelte der Fremde.„Wenn der ächte Glaube an die Gräber tritt, ſo erweckt er auch heute noch die Todten. Er iſt nur nicht mehr innerhalb der Kirche zu ſuchen.“. Ich ſah den Sprecher verwundert an. Erſt jetzt fiel mir das Ungewöhnliche in ſeiner Geſtalt, das Seltſame in ſeiner ganzen Er⸗ ſcheinung auf. Der ſtarke Knochenbau ſeiner athletiſchen Schultern trug ein Antlitz, deſſen ſtarre Härte, wenn er ſchwieg, wie aus Erz gegoſſen ſchien. Die fleiſchloſen Wangen hatten in ihrer gelblichen Farbe etwas Mumienhaftes. Von hervortretenden Backenknochen ge⸗ ſchützt, von Brauen überhangen, blickten aus tiefen Höhlen ſtiere Augen; ſie leuchteten nicht, aber ſie hielten mit durchbohrenden Blicken ihre Beute feſt. Die Muskeln zuckten mehr unwillkürlich, als daß ſie freiwilliges Leben verriethen. Ein Zug von Schwermuth milderte, wenn er ſprach, das Abſchreckende ſeiner ganzen Erſcheinung. Man war ungewiß, ob Leidenſchaften oder Unglück ſein Geſicht ſo tief ge⸗ — 250—— furcht. Ein dunkles, talarförmiges Gewand gab ihm halb und halb einen geiſtlichen Anſtrich. Ich hatte ihn nicht ohne Theilnahme ge⸗ muſtert, wie er das Wort ſprach: der Glaube ſei nicht mehr inner⸗ halb der Kirche zu ſuchen. „Ihr ſeid kein römiſcher Chriſt“, ſagte ich leiſe. Er maß mich mit ſeinen ſtarren Blicken von Kopf bis zu Füßen und flüſterte:„An Euch iſt auch nur noch das Gewand römiſch.“ „Nehmt Euch mit Euern Aeußerungen in Acht!“ bat ich ihn. „Ihr ſeid ein Calviniſt!“ „Nimmermehr!“ erwiederte er mit eiſerner Ruhe.„Der Ver⸗ ſtand führt nicht zum Glauben zurück. Eine Religion, die keine Geheimniſſe mehr kennt, hat aufgehört Religion zu ſein. Wenn es dem Zeitalter am Glauben fehlt, ſo müſſen wir nicht vorwärts ſchreiten auf der Bahn der klügelnden Vernunft, ſondern uns rückwärts wenden zu den Quellen des alten Lebens. Mein Glaube iſt älter, als das geſammte Chriſtenthum, er hat im Orient an der Wiege des Ge⸗ ſchlechts ſeinen Urſprung.“ „So ſeid Ihr Jude?“ fragte ich. Er ſchüttelte das Haupt.„Das Judenthum hat den Muth verloren, die Welt zu erobern, und mit dem Muthe die Kraft Gottes, die Kraft, Wunder zu thun. Es geht ebenſowenig wie das Chriſten— thum auf ſeine Quellen zurück; ſonſt würde es die wahre Religion der Menſchheit finden. „Welche andere Quellen“, fragte ich erſtaunt,„welche ältere Urkunden, als die Bibel, könnt Ihr gefunden haben?“ „Wenn ſie die ganze Bibel hätten“, ſagte der Mann mit einer unerſchütterlichen Feſtigkeit,„dann würden ſich Juden und Chriſten nicht geſpalten haben, wie zwei thörichte Geſchwiſter, die ſich in das große Erbe der Menſchheit theilen wollen, ſtatt es gemeinſam zu ver— walten, weil es untheilbar und unveräußerlich iſt. Die Bibel ver⸗ dient hohe Achtung, ſie iſt, wie der Zentaveſt, wie die Edda, wie die Götterlehre aller Völker, ein heiliges Buch; aber wie Ihr ſie habt, iſt ſie nicht vollſtändig, ihr fehlen drei Kapitel: der Anfang, der Mittelpunkt und das Ende, ihr fehlt das Geheimniß der Welt⸗ regierung.“ b —— 251— Ich ſah ihn groß an; die Feſtigkeit ſeines dreiſten Ausſpruchs verwirrte mich.„Mich dünkt“, ſagte ich furchtſam,„der Welt könne geholfen werden, wenn ſie auf die reine Quelle der Bibel zurück⸗ kehrte! Welche Weisheit könnte dem Menſchengeſchlecht entzogen ſein, die ſich hierin nicht offenbarte, wenn ſie die Menſchen nur zu deuten wüßten!“ „Eben die Deutung“, ſagte er,„iſt Euch verſagt, weil Euch der Glaube an das täglich neue, täglich lebendige Wunder fehlt. Wie Tag und Nacht miteinander wechſeln, die Sonne auf⸗ und nieder— ſteigt, die Blume blüht und verwelkt, der Leib wächſt und ſtirbt: das Alles haltet Ihr für keine Wunder mehr, denn die Gewohnheit hat Euch ſtumpf gemacht und Ihr nehmt die Geheimniſſe des Lebens und Sterbens wie eine Alltäglichkeit, mit der ſich der Verſtand abgefunden. Daß Alles ein Wunder iſt, jeder Athemzug Eurer Seele, jede Re— gung Eures Leibes ſich in jedem Augenblick geheimnißvoll aus ſich ſelbſt erzeugt, das begreift Ihr nicht. Was Eure Prieſter Wunder nennen, das ſoll eine abgemachte Vergangenheit ſein. Hat Moſes, hat Chriſtus je auf Erden gewandelt, ſo wandelt er auch noch heute und geht als Geiſt um. Was ein Mal wahr geweſen, iſt es auch noch jetzt, oder es war niemals wahr!“ Eine ſeltſame Haſt war über den Mann gekommen, während er ſo ſprach. Seine Blicke liefen unheimlich am Gewölbe der Kirche auf und nieder, es loderte in ſeinem Innern ein quälendes Feuer, deſſen ſtürmiſcher Ausbruch bald ſchreckte und verwirrte, bald wieder verhängnißvoll reizte. „Und dieſen Glauben an die tägliche Erneuerung einer göttlichen Wunderkaft habt Ihr in Euch genährt?“ „Durch Einſamkeit, durch Nachtwachen, durch Weltentfremdung“, ſagte er mit ſeinem dumpfen Tone und ſah mich ruhig an.„Wer nach der verlorenen Reinheit der Seele ſtrebt, gelangt auch wieder zum Beſitz des verloren gegangenen ſchöpferiſchen Wortes, deſſen Ausſpruch hinreicht, um den Stein in Brot zu verwandeln. Es iſt dasſelbe Wort, mit welchem Petrus den Uebelthäter Ananias zu Boden ſtreckte; dasſelbe Wort, das Chriſtus zu Lazarus ſprach, alſo daß dieſer aufſtand, ſein Bett nahm und wandelte.“ Ich ſah ihn zweifelnd an.„Und Ihr kennt dies Zauberwort?“ —— 2— Er ſchien dieſen Ton des Zweifels zu verſtehen, nahm ſein Ge⸗ wand zuſammen und ſtarrte mich wieder regungslos an.„Nicht ich ſagte er mit gezwungenem, bitterem Lächeln,„ich bin nur ein Schüler in der Weisheit großer Meiſter.“ „Wen nennt Ihr Euere Meiſter?“ „Eben Die“, ſagte er mit einem Anflug von Beſcheidenheit, „eben Die, welche die Menſchen für todt halten, während es die einzig Lebendigen ſind. Nicht die Leiber ſind lebendig, ſondern die Geiſter, weil ſie am Weltall weben und wirken, und der wahre Glaube befähigt zum Umgang mit dieſen wahrhaft Lebendigen. Moſes, Elias, Chriſtus ſind drei von den großen Vorſtehern dieſes Erdballs, ſie ſind ſo lebendig, wie Gott ſelbſt, ſie helfen dem großen Baumeiſter der Welt in ſeinem Wirken und Schaffen.“ „So ſeid Ihr Freimaurer“, ſagte ich, und machte ihm das Zeichen. „Nicht in Euerm Sinne“, erwiederte er kalt und trocken, mich mit wegwerfendem Blick bis zur Sohle muſternd.—„Was nennt Ihr Maurer?“ fragte er nach einer Pauſe, mich von der Seite feſt in's Auge faſſend. „Ich nenne Den ſo,“ ſagte ich,„der an dem großen Werke mitarbeitet, die Menſchen zu einer allgemeinen Verbrüderung im Geiſte heranzubilden. Was die Kirche nicht mehr vermag oder nicht mehr will, das erſtrebt die Gemeinſchaft der Edlen, die ſich zum Bau eines unſichtbaren Tempels die Hände reichen.“ Er ſchüttelte den Kopf, während er ſpöttiſch lächelte.„Ihr wollt die Menſchen verbrüdern,“ ſagte er,„den Menſchen im Men⸗ ſchen heilig halten, und Ihr ſchließt die Juden aus! Mit welchem Rechte bildet Ihr Euch ein, den Tempel Salomonis aufzurichten?“ Ich ſchwieg. Ich kannte die chriſtliche Ausſchließlichkeit, obſchon ich Neuling war, bereits als einen Grundſatz der meiſten Logen. In der Miene des ſeltſamen Menſchen lag plötzlich die ganze Anmaßung eines kecken Dünkels. „Meine Loge“ ſagte er,„reicht weiter hinaus in den Schooß der Zeiten, meine Religion iſt nicht ſo arm und karg. Ihr macht das chriſtliche Bekenntniß zu einer Bedingung und habt von dieſem Bekenntniſſe doch nur den todten Buchſtaben in Händen. Somit — 253— fehlt Euch mit der wahren Religion auch das eigentliche Weſen der ächten Maurerei, Euch fehlt der Muth des Geiſtes, der die Geheim⸗ niſſe der Natur erforſcht und die Tiefe der Gottheit durchdringt. Ihr ſchaart Euch zu freundſchaftlichen Liebesmahlen zuſammen, beſingt und feiert menſchliche, humane Gefühle; aber Ihr kennt den Kern des Menſchen nicht, Ihr glaubt die Welt von der Knechtſchaft zu befreien, wenn Ihr die Ketten mit Blumen umwindet. Der ächte Maurer iſt der ächte Menſch, und der ächte Menſch der wahre Sohn Gottes.“ Ich erſchrak vor dieſer Selbſtvergötterung der Creatur. „Wie gewinnt man Zutritt zu Euerer Loge?“ fragte ich nicht ohne Verwirrung. „Vielleicht biſt du bald reif für unſeren Bund,“ ſagte der Mann mitleidig ſtolz,„noch biſt du erſt ein Kind im Glauben!“ „Und wie nennt ſich Euere Loge?“ „Für Jeden anders,“ ſagte er in gedehntem Tone,„für die Juden Melchiſedek, für Andere anders, für dich: zum heiligen Gral, denn du biſt hier zur Stelle deſſen inne geworden, was der Menſch⸗ heit gebricht. Jeder Ort, jede Stätte iſt heilig, wo der Menſch in der Einkehr in ſich ſelbſt den großen Unbekannten findet, den wir Alle ſuchen. Ich für meinen Theil bin Roſenkreuzer; der große Roſi— erucius hat mich gewürdigt, ſein Schüler zu ſein.“ Er legte den Talar über ſeine Bruſt zuſammen, verbeugte ſich ruhig und ſchritt nach der Thür. Wie ich ihm folgte, ragte die hohe, dürre Geſtalt des Mannes noch aus dem Volkshaufen hervor, in deſſen Gewühl auf dem Platze er meinen Blicken entſchwand. Der Räthſelhafte nannte ſich damals Abbé Belmar. Du kennſt ihn unter anderer Geſtalt, als Grafen San Germano. In dem ſtrotzenden, vollblütig prahleriſchen Lebemann von heute würde Niemand den Abbé Belmar wiedererkennen. Er iſt ſeitdem einige Jahre lang im Orient geweſen und hat dort, wie er ſagt, das Lebenselixir, den Verjüngungstrank gefunden und eine Metamorphoſe erlebt. Ein Ascet ging er hin, und ein ſtrahlender Lebemann, ein feiſter Genußmenſch kehrte aus den Katakomben Aegyptens wieder. — Ich beſuchte ſeitdem fleißig die Loge Melchiſedet, aber ich fand dort eben weder den heiligen Gral, noch den ächten Stein, den die Maurer zum Eckſtein ihres Gebäudes machen. Den ächten Stein, die Wunderkraft eines ächten Glaubens, fand ich bei einem Juden, bei dem kleinen Rabbi aus San Lorenzo. Ein Jude war's, der mich wieder gläubig machte. Siebentes Rapitel. Ein Jude vom ächten Glauben. Ich muß, mein junger Freund, begann Kaver am nächſten Abend, dich in der alten Hafenſtadt von Genua mit dem Volk der Schiffer und Fiſcher bekannt machen, ſoll dir deutlich werden, in welchem bewegten Moment ich Rabbi Laſſe wiederfand. Der Herbſt brachte uns die ganze Gluth des Nachſommers. Die Felſenſtadt Genua athmet dann gegen Abend die eingeſogenen Sonnen⸗ ſtrahlen wieder aus. Ich pflegte beim Anbruch der Dämmerung den Strand aufzuſuchen und wandelte gern am Bollwerk des alten Hafens, in der Nähe der Bucht am Palaſt Fiesco. Am Strande begann ein lebendiges Treiben.— Man ſagt, Genua habe ein Meer ohne Fiſche, ein Land ohne Bäume und Männer ena lede. Der erſte Satz des alten Sprüchworts hat die Genueſer tlug und erfinderiſch gemacht, um dem Elemente, auf das ſie ver⸗ wieſen ſind, dennoch den ſchuldigen Tribut abzugewinnen. Genua's Felſen ſteigen jäh aus der Tiefe auf, die Brandung geht ſelbſt bei der Ebbe hoch und ſchwer. Das mag der Grund ſein, weshalb die Fiſche ſich nicht leicht an die Oberfläche wagen. Man muß ſie erſt durch beſondere Mittel herauflocken. In der Stunde der ungewiſſen Dämmerung beſteigt man leichte Kähne. Je zu zwei ſitzen die Fiſcher in kleinen, ſchmalen Nachen und kreuzen am ufer hin und her. Der Vordere liegt ausgeſtreckt auf der Bruſt, mit dem Obertheil des Kör⸗ pers über den Schnabel des Kahnes hinwegragend, in der Linken —— 5— eine brennende Fackel, deren heller Schein die Thiere reizt, in der Rechten mit der Harpune gerüſtet, um die Keckſten unter ihnen, die aus der Tiefe heraufſteigen, zu treffen.— Dicht im ſpitzen Winkel der alten Bucht vor dem Palaſt Fiesco ſucht man ihnen auch noch auf andere Art beizukommen. Das Meer ſchäumt hier zwiſchen den Klippen mit der ganzen Gewalt ſeiner entfeſſelten Wuth. Dicht hinter den tobenden Wellen bildet ſich aber eine ruhige Waſſerſtelle. Wer dort ein Netz werfen könnte, würde Petri Fiſchzug halten. Kein Nachen aber wagt ſich hier durch die Brandung, und von der offenen See aus läuft man Gefahr, an die Klippen geſchleudert zu werden, bevor ſich jene friedliche Waſſerſtelle erreichen läßt. Aber der Genueſe weiß ſein treuloſes Element zu überliſten. Hüben und drüben auf den vorſpringenden Felſenſpitzen ſtehen und hangen die luſtigen Burſche mit den braunen Geſichtern, die rothe Mütze auf's Ohr gedrückt, ſonſt beinahe ganz nackt, vom Schaum der Wogen beſpritzt. Paar⸗ weis halten ſie eine Leine in Händen, die im Winkel des Golfs von einem Ufer zum anderen reicht; in der Mitte derſelben hängt der Angelhaken, den ſie dicht hinter der Brandung in die ruhige, flache Stelle des Waſſers ſenken. Auf dieſe Weiſe überbrücken ſie den Schlund und holen ſich ihre Beute dicht neben dem Rachen des Todes hervor. Wenn ſie die Leine in die Höhe ſchnellen und eine tüchtige Seebarbe in freier Luft am Haken zappelt, ſo iſt auch noch das Triumphgeſchrei der Zuſchauenden ihr ſicherer Lohn. Ich ſtand und ſah dem munteren Wettkampfe zu. Tiefer hin auf der Fläche des ſanft bewegten Meeres ſchoſſen die Fiſcher mit den Fackeln hin und her. Die Dämmerung wob bereits ihren Schleier um Meer und Felſen; die wilden Fiſcherbuben ſprangen noch immer wie Gemſen an den Klippen auf und ab. Ich wandte mich links bergan in eine jener Gaſſen, die das letzte Erdbeben in Trümmer ſtürzte. Die chriſtliche Bevölkerung pflegt dem Zorne Gottes zu weichen, und eine alte Satzung der Republik beſtimmt den Schauplatz ſolcher Verwüſtung zu einem Zufluchtsort für die orientaliſchen Juden. Der Jude baut ſich auch da noch gern an, wo der Chriſt Fluch und Verwünſchung fürchtet. Wie ich über Schutt und Gerüll die todte Gaſſe hinaufſtieg, ſaßen und hingen die Menſchen des alten Teſtamentes haufenweis auf den halbzerſtörten Mauern und 256 Dächern, einige wie friedliche Schwalben am Gebälk, andere mitten im peſtartigen Schmutz, wie Raben, die keinen Ort ſcheuen, wo Beute lockt. Lautes Getümmel und Geſchrei, das von der Bucht herauf er⸗ ſcholl, lenkte meine Schritte wieder zurück. Zwei Fiſcherknaben, die keckſten unter den Angelern, hatten beim Schwingen der Leine das Gleichgewicht verloren und waren von Klippe zu Klippe in die Bucht geſtürzt; ihr Hülferuf erſtarb im Geräuſch der Brandung. Schnell genug war das Ufer von Fackeln erhellt, aber erſt nach beträchtlicher Weile gab der Schlund ſeine Opfer wieder. Die Männer trugen die erſtarrten Körper an's Land, ſchüttelten und ſtülpten ſie kopfüber; zwei Weiber ſtürzten ſich mit dem Schrei der Verzweiflung auf die entſeelten Leiber ihrer Söhne.—„Ruft den gelehrten Juden herbei, den kleinen Rabbi!“ riefen mehrere Stimmen;„dort oben hauſt er in dem alten Eulenneſt, das ſich an den Fels klammert!— Tragt die beiden Buben zu ihm hinauf,“ ſagten Andere.„Ehe der Alte herunter kömmt, iſt es zu ſpät!“ Raſch waren die Körper der beiden Knaben, man konnte ſie vielleicht ſchon Leichen n auf die Schultern der Männer gehoben; der ganze Zug ſetzte ſich die Felſengaſſe hinauf in Bewegung; wie aus einem dumpfen Keſſel tönte das wilde Gewirr, das Geheul der Weiber, das Geſchrei der Kinder aus der engen Schlucht herunter. Vor einem halbzerſtörten Hauſe machte man Halt. Aus einer Mauer⸗ ſpalte, die mit zerbrochenem Glas- und Oelpapier verſetzt, ein Fenſter bildete, drang ein ſparſames Licht hervor. Die Bewohner der Höhle waren alſo daheim. Man hielt ſich nicht damit auf, an die verſperrte Thür zu klopfen und auf ihr Oeffnen zu warten; ohnedies genügten wenige Fauſtſchläge, die mürben Bretter, die den Eingang wehrten, zu zertrümmern. „Her mit dem Rabbi! Heraus mit dem Juden!“ ſchrie der tobende Haufe in der Gaſſe, während ich mich mit den Trägern durch die ſchmale Oeffnung in das Innere drängte, im halberhellten Raume mit Händen und Füßen ſuchend und tappend. Aus dem Winkel des Zimmers, eine ſpärliche Lampe in der einen Hand, den Talar mit der anderen feſt an die Bruſt gedrückt, erhob ſich die kleine, dünne, ſchwärzliche Geſtalt eines Mannes. Ein altes rußiges Weib, das ten wo — 257— neben ihm am Boden gekauert, ſuchte auf dem Heerde einen Spahn Holz zurecht, zündete ihn an und drückte den auflodernden Brand in die Mauerſpalte. Die Höhle war hell; es war der Rabbi Laſſe, mein kleiner, ſanfter, kluger Jude von San Lorenzo, der in ihrem eigenen Tempel die eben ſo überweiſen wie übermüthigen Chriſten beſchämte. Das ganze Zimmer war von dem lärmenden Schwarm angefüllt, während Die, welche der Raum nicht faßte, das Dach des Hauſes zu erſteigen Miene machten, um ſich zerſtörend und verwüſtend von oben her Eingang zu verſchaffen. „Er iſt ein Weiſer aus dem Orient!“ ſchrie die verworrene Menge.„Er verſteht die ſchwarze Kunſt! Er laſſe ſehen, ob ſeine Zaubereien gut genug ſind für Chriſtenkinder!“— Die beiden Körper der Jünglinge hatte man ihm zu Füßen hingebreitet. Es war nicht nöthig, dem Rabbi Muth einzuflößen, er war jetzt nicht ſcheu, nicht ängſtlich; er ſchien daran gewöhnt, daß man ihn ſo ſtürmiſch um Hülfe anging. Ein ſtummer Wink von ihm genügte, die Alte in Thätigkeit zu ſetzen, damit ſogleich das Nächſte und Nöthigſte geſchah. Die zwei entſeelten Körper lagen, in wär⸗ mende Decken gehüllt, am Boden, der Rabbi kniete hin und rieb die ſtarren Glieder, die Alte und ich waren mit wollenen Tüchern behülflich. Es war vergeblich; kein Puls wollte ſchlagen, kein Athem⸗ zug ſich regen. Auf die Stille, die während deſſen unter der lau— ſchenden Menge herrſchte, erfolgte von neuem ein dumpfes Gemurmel. Ich verſuchte umſonſt den Aufruhr der Gemüther zu beſchwichtigen; ſtatt der bisherigen Bitten, Erwartungen und Hoffnungen wurden drohende Stimmen laut. Der Rabbi ſaß ſtill am Boden, ſtarrte den Todten in's Geſicht, befühlte ihre Herzgrube und ſchüttelte leiſe das Haupt. Plötzlich ſprang er auf, fuhr mit ſeltſamen Gebährden im Zimmer herum und ſtreckte beide Hände gen Himmel.„Laßt mich allein mit den Jünglingen!“ ſchrie er laut;„Menſchenkunſt reicht nicht mehr aus; Gott, der alleinige Gott, muß helfen!“ Ein plötzlicher Entſchluß ſchien in ihm reif zu ſein. Er trieb den ganzen Schwarm aus dem Zimmer hinaus; Niemand wagte ſich ihm zu widerſetzen, ſo ſtürmiſch, mit lautem Geſchrei und Gezänt drang er auf Alle ein. Auch die Alte mußte weichen, und ſchon hatte er die Thür mit Brettern, mit Stuhl und Tiſch geſperrt, als — D. B. v. Kühne, Die Freimaurer. 17 258 er mich noch wahrnahm. Er ſchien Luſt zu haben, mich ebenfalls zu vertreiben; aber die Haſt und Angſt, die ihn befiel, geſtattete ihm keinen weiteren Verzug. Er holte allerlei Geräthſchaften herbei, warf ſich dann plötzlich wie ſinnlos nieder, drückte die Stirn wider den Boden, ſchrie und jammerte wie in letzter Todesqual; dann ſprang er zu dem Pult im Winkel, blickte in das aufgeſchlagene Buch und warf ſich von neuem ſingend und heulend über die beiden Leichen, küßte ihre Stirn, hauchte ihre Herzgrube an und beſtrich die ſtarren Glieder mit einem feinen eiſernen Stäbchen vom Wirbel herab bis zu den Fingern und Fußſpitzen.„O mein Himmel!“ rief er Athem ſchöpfend und die hellen Tropfen auf der Stirn trocknend,„es ſind ihrer zwei, und ich bin hier allein, allein mit meinem Gott!“ Er ſtierte mich an; ich wußte nicht, ob ein Dämon ſeine Sinne verwirrte. Es war eine bange Minute des Schweigens, während draußen das Gemurmel des Volkes ſich von neuem wie eine heranwachſende Fluth erhob. „Bete mit mir!“ ſchrie der Rabbi in höchſter Angſt,„du biſt kein Sohn Abraham's; aber ob Chriſt, ob Heide, bete zu deinem Gott! Helfen wird freilich nur der Eine, der Wahre, der Gott meiner Väter!“ Ich blickte mich erſchrocken um, ob kein Lauſcher da ſei, kein Zeuge des heiligen Amtes, kein Bote der Inquiſition. Der Rabbi warf ſich auf den Boden und ſang wunderbare Worte mit einer Stimme, die bald wie die Klage des Gefolterten, bald wie das Wimmern eines hülfloſen Kindes klang. Dann warf er den Talar, faſt ſeine ganze Bekleidung, von ſich. Es war ein ſchrecklicher Anblick, wie der kleine, mit greiſem Haar bedeckte Körper des Mannes in die wilde Bewegung eines Raſenden gerieth. Die grauen Locken flatterten über ſeine Stirn, in ſeinem ſonſt ſo ſtillen, ruhigen Auge loderte eine verzehrende Gluth. Von neuem war er über die Jünglinge hingeſtürzt, ſtrich und rieb auf und nieder, bald ſanft, bald heftig, und fuhr mit dem eiſernen Stabe über die ſtarren Glieder hin und her. Als er erſchöpft innehielt,— er lag mit ſeinem Körper ganz über die Knaben gebreitet,— trat ich zu ihm, berührte ihn ſanft mit der Hand und ſprach:„Seid ohne Furcht, Meiſter, ich ſchütze Euch, wenn Ihr das Unmögliche nicht leiſten könnt!“ „Hebe dich von mir, Zweifler! willſt du meinen Glauben ſtören? iſt dein Gott ſo ohnmächtig, ſo arm?“— Er rief es mit einer — — — 259— Begeiſterung, die an wilden Zorn grenzte.—„Sie leben, beide Jünglinge leben! Mein Gott hat mir geholfen. Gelobt ſei der Gott Abraham's, der alleinige Gott Himmels und der Erde!“ Er hatte ſich in die Höhe geſchnellt und ſank von neuem zu⸗ ſammen. Ich griff nach den Pulſen der Jünglinge; das Leben klopfte von innen leiſe an die Pforten des eiſernen Todes. Neue Wärme drang durch die Adern, die Knaben regten ſich, ſie ſchlugen die Augen auf:„Hallelujah!“ rief ich,„Meiſter, dein Gebet iſt erhört!“ Er raffte ſich auf, warf ſich in ſeine Kleider, entfernte ſorg⸗ fältig alle Geräthe, drückte dann beide Hände gegen ſeine Bruſt und ſprach mit geſenktem Haupte ſtille, leiſe Worte des Dankes in ſich hinein. Dann öffnete er die Thür und rief mit lauter Stimme: „Herein mit Euch! Euere Jünglinge ſind lebendig!“ Tobend und jubelnd brach die Menge in's Haus, Weiber und Kinder frohlockten laut, ein ſchallendes Halloh drohte die mürben Wände der Hütte zu erſchüttern. Die Geretteten erholten ſich raſch; die Männer hoben ſie auf die Schultern und trugen ſie unter lautem Triumph von dannen. Neue Schaaren hatten ſich von allen Seiten her in die Berggaſſe gedrängt, man zündete Fackeln an und gab den Trägern ein glänzendes Geleit. Vom Ufer herüber tönte das wilde Geſchrei der ausgelaſſenen Freude des Volkes. Die Brandung der Wogen, denen man ihre Beute entriſſen, donnerte dumpf im Felſen⸗ keſſel nach.— Der Lärm verklang, die Menge verlief ſich, es ſtanden nur noch Wenige umher, die Zeuge des Geſchehenen geweſen.— „An den Juden, an den Mann des Wunders denkt Niemand weiter,“ ſagte ich halblaut für mich hin. „Wohl ihm, wenn man es ihm nicht gedenkt!“ nahm mit ſcharfer, bitterer Betonung eine Stimme neben mir das Wort auf. Ich mußte meine Augen in die Höhe richten; auf der Baſtion des alten Hafens, dicht am Rande des Felſenabgrundes, ſtand eine tief in Gewänder gehüllte Geſtalt, einer Bildſäule gleich, auf dem kecken Poſtament ſtarr und regungslos emporragend. Ich hatte mich an die Brüſtung der Mauer gelehnt und richtete mich jetzt auf, um die Sprecherin in's Auge zu faſſen. Ein Weib ſchien es, ſo dumpf und tief auch der Ton, der aus der Hülle der Tücher drang, die 172 — 260— nach der Sitte des Morgenlandes ſelbſt die Lippen der Sprecherin verbarg. „Wer ſoll es ihm gedenken, im böſen Sinne?“ fragte ich. „Wer?“ entgegnete die Erſcheinung mit Spott und Hohn,„alle Welt wird es ihm nachtragen, Volk und Prieſter, Signorie und Pöbel. Das chriſtliche Volk nennt ihn einen Magier, und auf Ausübung dieſer Kunſt ſteht der Tod!“ Eine jener Töchter des Orients ſtand vor mir, wie ſie Tizian in ſeinen Bildern malte, eine jener Amazonen des Morgenlandes, die bei der gewaltſam zuſammengehaltenen Kraft ihres Muskelbaues jeden Augenblick im Stande ſind, zum Schwert zu greifen, um von einem Holofernes das Haupt zu fordern. Ihr großes junoniſch ge⸗ ſchwungenes Auge blickte, wie nach dem Donner ſuchend, ſtarr in den Nachthimmel hinauf, dann verachtungsvoll auf den Strand hinunter, wo ſich die lärmende Menge wie Gewürm in ihre Schlupflöcher verlief. „Wer,“ ſagte ich,„ſoll hier ſo grauſam ſein, eine alte erloſchene Satzung anzuwenden? Auf magiſche Künſte ſteht der Tod; wer aber würde hier Wohlthat mit Undank vergelten können?“ „Wer?“ entgegnete das Weib,„wer nicht? ſolltet Ihr fragen! Die Chriſten ſind treulos, ſie ſteinigen heute, dem ſie geſtern die wohlthuende Hand geküßt. Das Vorurtheil iſt ihr Gott, der Moloch, dem ſie die Welt ſchlachten!“ Ich war betroffen von der verwegenen Rednerin zurückgetreten, die ſo eben an der Baſtion hinunterſtieg, um hinter den Felſen einen Pfad nach der Tiefe zu ſuchen. Der Blitz ihres Auges fuhr noch leuchtend über mich hin, als ſie halb zurückgewendet zwiſchen dem Geſtein verſchwand. Ich gedachte des Rabbi; es trieb mich zu ihm zurück. Die Sorge, es könne ihm wirklich Wohlthat mit Undank vergolten werden, war in mir aufgetaucht; ich ſtieg eilig die Trümmergaſſe von neuem hinauf zu ſeiner Wohnſtatt. Es war ſtill geworden in der Hütte; nur die kleine Lampe mit ihrem unſicher flackernden Licht brachte eine unruhige Bewegung in das Bild. Der kleine Mann mit dem ſtarken Glauben, den Rücken dem Eingang zugewendet, ſaß friedlich ſtill in ſeinem Winkel. Auf ten, nen noch dem Die den, uem nit in ien uf — 261—— der Bank neben ihm ſtand ein Krug Waſſer, eine Schaale Honig und ein Brot; wie es ſchien, ſein Nachtmahl. Er hielt das Meſſer in der Hand und ließ es ſpieleriſch zwiſchen zwei Fingern in der Schwebe auf und nieder gleiten, und während er ſinnend vor ſich hinblickte, wiegte er zufrieden und wohlgefällig, ganz mit ſich ſelbſt beſchäftigt, ſein greiſes Haupt. Er ſchien keines Dankes gewärtig zu ſein, kein anderes Lob verdienen zu wollen, als das er ſich ſelbſt im Stillen gab. Ich ſtand hinter ihm, ohne daß er meinen Eintritt bemerkt hatte. „Meiſter,“ ſagte ich, meine Hand leiſe auf ſeine Schulter legend, „Meiſter, Euer Glaube hat geholfen, Euer Gott iſt ein mächtiger Gott!“ Er ſtand hoch auf und ſah mich verlegen und erſchrocken an. Dann drückte ſich die feine ſpärliche Geſtalt des Alten wieder kümmer⸗ lich zuſammen; aus dem milden, ſanften Augenpaar lugte die Vor⸗ ſicht wie ein furchtſamer Spion hervor. „Ah! ſeid Ihr's, Signor?“ ſagte er, ſich meiner erinnernd. „Verzeiht,“ flüſterte er ſchüchtern,„wenn ich im Drang der Noth Worte ausſtieß, die ungehörig waren.“ „Wer den ſtärkſten Glauben hat,“ ſagte ich bewegt,„der hat den wahrſten Gott!“ Er hatte mich jetzt von neuem mit Blicken gemuſtert, die auf meinem ſchwarzen geiſtlichen Gewande haften blieben. „Scheuet dieſe Hülle nicht!“ ſagte ich,„ſie bedeckt für diesmal ein Herz, das den Menſchen im Menſchen ſucht, ihn als Bruder be⸗ grüßen möchte. Laßt mich Euere Hand drücken, die ſelbſt an Eueren Feinden Gutes thut. Iſt das chriſtlich: fürwahr, mich dünkt, ſo ſeid Ihr ein Chriſt, ein beſſerer als Viele, die: Herr, Herr! rufen. Muß ich Euch um der Stärke Eueres Glaubens willen beneiden, ſo habe ich wohl Grund, ehrfurchtsvoll zu dem Gott aufzublicken, zu dem Ihr betetet. Und der Gott, der hier hülfreich war, iſt ja doch auch der Vater Aller, das Urelement der Welt! Nur die blinde Verworrenheit der Menſchen, Meiſter, hat es verſchuldet, wenn ſie ſich um der ver⸗ ſchiedenen Aeußerung ihres Glaubens willen verfolgen. Laßt es ein gutes Zeichen ſein, daß Ihr auch in dem Gewande eines chriſtlichen Ordens einen Menſchen fandet, der ſich Euch liebevoll naht!“ Er ſah mich ruhig an, aber in ſeinem braunen Auge ſpiegelte ſich noch leiſe der Argwohn, der im Hintergrund ſeiner Seele niſtete. Ich fühlte in ſeinem ſtillen Blick den Vorwurf einer jahrtauſendlangen Schmach, die das Chriſtenthum auf ſein Volk gehäuft. Dieſer Blick ſchien ſagen zu wollen: Bin ich ein böſer Zauberer? Meine Kunſt iſt trüglich, aber Gott iſt groß! Warum kommſt du zu mir? Vielleicht nachdem ich Euch Gutes gethan, um mir heimlich wehe zu thun?— Ich bezwang kaum die Bewegung, die ſich meiner beim Anblick der lächelnd ſtillen, ſchmerzlich bittern Leidensmiene des Mannes bemäch⸗ tigte; ich glaube, mir zitterte verſtohlen eine Thräne im Auge, wie ich meine Schuld, die Schuld der chriſtlichen Jahrhunderte, gegen den Juden fühlte. „Meiſter,“ ſagte ich,„ich habe neulich in San Lorenzo die Klugheit Eueres guten Verſtandes bei ſo viel ehrlichem Eifer für die Wahrheit bewundert. Laßt mir heute das freudige Erſtaunen über die Entdeckung eines ſtarken, großen, heiligen Willens, der die Natur bezwingt, weil er mit Gott im Bunde iſti Wir ſaßen unvermerkt uns gegenüber, Aug' im Auge. Er hatte mir den Platz neben ſich gegönnt auf der ſchmalen Bank. Die Hand, die er mir nicht reichen wollte, hatte ich von ſelbſt ergriffen, und er duldete, daß ich ſie hielt, er entzog ſie mir nicht. Auf ſeinem Antlitz wechſelten ruhige Gleichgültigkeit, ſtille Befremdung und eine Herzensgüte, die ſich gar nicht zutraut herauszutreten; er ſchien es nicht gewohnt, ſich liebevoll berührt zu fühlen. Die dürftige Lampe flackerte bald keck in die Höhe, bald glomm ſie ſchüchtern in ſich zu⸗ ſammen. Es war ſehr ſtill um uns her. Man findet nicht immer gleich das rechte Wort, wenn man mitten im Gewühl des ver⸗ worrenen Lebens plötzlich einen ächten, reinen Menſchen entdeckt. Es war mir, als läge draußen die Welt in Trümmern, als hätten die Jahrhunderte ihre Irrthümer und Gebrechen als Schutt um die kleine Hütte aufgehäuft und drinnen ſäßen, wie in den Gräbern Pompeji's, von kaltgewordener Lava überdeckt, zwei ſtille gerettete Geſtalten. „Meiſter,“ begann ich unſer Schweigen brechend,„die Welt iſt ſehr arm geworden an Glauben, ſehr arm und hülfsbedürftig. Sie — die die ber tur Er Die en, nen — 263— beten in ihrer Verworrenheit zu allerlei Heiligen und finden Gott nicht mehr heraus!“ Der Rabbi ſprang wie entſetzt von der Bank auf und ſtarrte mich an. Befiel ihn die Angſt, ich möchte in der Geſtalt des Verſuchers genaht ſein? Mit einer jähen Haſt löſte er den Gürtel ſeines Talars, ſchüttelte das Gewand ſo heftig, als wenn er es von Staub ſäubern wollte, ſah mich dann nochmals durchdringend an, ſetzte ſich aber wieder neben mich und legte langſam ſinnend ſein zerknittertes Kleid in regelrechte Falten. Er ſchien nach dem rechten Inſtrument zu ſuchen, um Aufſchluß über mich zu erhalten. „Ich weiß nicht,“ ſagte er endlich nach langem Schweigen, ſchüchtern und ängſtlich ſeine Blicke werfend,—„ich weiß nicht wie Euer Wort zu Euerem Kleide ſtimmt.“ „Ein Kleid verhüllt den inwendigen Menſchen,“ ſagt' ich,„aber es erdrückt, es begräbt ihn nicht. Ich bin Euch anſtößig im Gewand des Collegiums, das ſich nach dem Herrn und Heiland nennt. Ich werde es bald von mir thun; denn ich bin der Schule entwachſen.“ „Und Ihr meint wirklich, die Heiligen hätten in der Chriſten— heit Gott verdrängt?“ fragte Rabbi Laſſe ſo eifrig und dringend, daß der Ton ſeiner Rede wie ein heimliches Frohlocken klang. Er lenkte jedoch gleich wieder ein.„Das aber ſollen doch Euere Hei— ligen wohl nicht!“ ſetzte er hinzu,„ſie ſollen es nicht im Sinne Euerer Kirche, ſie ſollen Gott nicht verdrängen, ihn vielmehr mit der Creatur vermitteln, Stellvertreter ſein zwiſchen ihm und ihr! Meint Ihr nicht?“ „Eines Mittlers,“ ſagte ich,„bedarf die Welt, um den Gedanken der Kindſchaft Gottes feſtzuhalten, aber nur des Einen, der ſelber rein befunden wurde und zuerſt dieſen Gedanken in ſich entdeckte. Ich bin mit mir einig geworden, daß die römiſche Kirche ſich in dieſem Sinne verjüngen muß.“ „So ſeid Ihr reif“— fuhr der Rabbi heraus und zögerte auszureden. „Zum Ketzerthum!“ ergänzte ich ſeine Rede,„wenn Ihr ſo mit dieſem Namen das gereinigte Chriſtenthum bezeichnen wollt, das die Spreu vom Weizen ſondert, die Satzungen der Menſchen verwirft und am Kern der Sache Gottes feſthält! Meiſter, Ihr würdet dieſem — 264— Ketzerthume, wenn Ihr es kenntet, Gerechtigkeit widerfahren laſſen! Es gibt ein chriſtliches Ketzerthum, das einen ſo ſtarken Glauben hegt, wie er nur in den Propheten des alten Bundes ſich bekun⸗ dete.“ „Man nennt es im deutſchen Norden Lutherthum,“ ſagte der Rabbi. „Dies Lutherthum,“ fuhr ich fort,„das in der Perſon Chriſti ſeinen Mittelpunkt und ſeinen alleinigen Mittler ſucht, iſt auch zu⸗ gleich auf den alten Bund zurückgegangen, ſieht im neuen Teſtament nur die Beſtätigung des alten, indem es mit Chriſtus die Offenbarung ſchließt. Und wenn Ihr in dieſem Mittler auch nur einen Propheten, den letzten Eueres Volkes ſeht, ſo könnt Ihr Euch zu ihm bekennen und in dieſem Sinne Chriſt ſein.“ Die Ehrlichkeit meiner Worte zwang ihn, allen Argwohn fah⸗ ren zu laſſen. Die Falte auf ſeiner Stirn war verſchwunden, ſein bisher lauernder und bohrender Blick wurde ſanft und gütig; nur um ſeine feingeſchwungenen Lippen ſpielte noch ein heimlich verſtecktes Lächeln. „Ihr habt damit begonnen, meinen Glauben zu preiſen,“ ſagte er, indem er drohend den Finger gegen mich erhob,„und jetzt ſtürmt Ihr ſchon auf mich ein, als müßtet Ihr mich auf den einen ſchmalen Weg hindrängen, den Ihr, wie es ſcheint, für Euch gefunden habt. Kann es denn der Wege nicht viele geben? Sagte nicht Euer Herr und Meiſter ſelbſt, es gäbe der Wohnungen viele im Hauſe ſeines himmliſchen Vaters? Seid bei Euerem Lutherthum, wenn Ihr Eueren Glauben nach dem großen ſtarken Kämpfer gegen Rom ſo nennen wollt,— ſeid doch, bitt' ich, auf Euerer Hut, daß Ihr nicht die Ausſchließlichkeit der alten Kirche in die neue mit hinübernehmt!— Das Judenthum macht keine Proſelyten!“ Das ſtrafende Lächeln ſtand jetzt auf ſeinem ganzen Antlitz, funkelte in ſeinen dunkelbraunen Augen, thronte auf der hellen reinen Stirn. Ich fühlte mich beſchämt, ob mich ſchon ſein Argwohn nicht traf.—„Nur nach Austauſch mit Euch verlangt mich, Meiſter,“ ſagt' ich,„Belehrung ſuch' ich, ein Schüler bin ich, kein Sendling der Propaganda. Selbſt zum Prieſter eracht' ich mich zu gering. Mein Herz dürſtet nach reinem Quellwaſſer, und ich finde es bei S ſen! ben kun⸗ tiſti nent ung ten, nen len err nes eren nen die litz, nen icht ing ng bei — 265— Euch, während in der verworrenen Chriſtenheit ſelbſt das Verlangen danach erſtorben iſt.“ Die kleine Geſtalt des Mannes hob ſich vor meinen Augen mächtig in die Höhe; ein wehmüthiger Ernſt lag plötzlich auf ſeinem ſtillgewordenen Antlitz. Dann überkam ihn wieder die Unruhe, die ſich in der Haſt ſeiner Bewegungen verrieth. Er war aufgeſtanden, war im kleinen Raum des Gemachs ſtürmiſch auf und ab geſchritten; ietzt ſtand er wieder vor mir und ſah mich ruhig durchdringend an. „Ich glaube an Eueren Jeſus von Nazareth, als an einen von Gott geſandten Propheten!“ ſagte er feierlich.„Aber Ihr nennt ihn Gott. Ich begreife das nur, ſofern alles Prophetenthum gött⸗ licher Art iſt. Wer die reine Natur wieder in ſich findet, der iſt Gottes Kind. Die alten Weiſen des Morgenlandes ſind den Spuren der urſprünglichen Gottähnlichkeit des Menſchen nachgegangen. So— krates, der Heide, hat ſie in ſich entdeckt, die Propheten in ihrer Erleuchtung ſtanden in dieſem Zuſammenhange mit dem Herrn, alſo daß ſie ſich als ſeine Söhne fühlten, und hat Jeſus am vollkommenſten die göttliche Urnatur des Menſchen wieder aufgefunden, ſo war er der reinſte Menſch, und der reine Menſch iſt göttlicher Art. Aber auch der edelſte Sohn ſollte uns nicht den Vater verdrängen wollen!“ „Meiſter,“ ſagt' ich als er ſchwieg,—„wenn wir in Jeſus von Nazareth den Edelſten und Reinſten finden, ſo wollen wir eben nur mit ihm und an ſeiner Hand Theil haben an der Gemeinſchaft mit Gott. Der Sohn ſoll uns zum Vater führen!“ „Ihr behauptet,“ unterbrach mich der Rabbi ſehr ſtreng,„ſchon der Glaube an ihn mache ſelig. Die Römiſchen ſuchen ſich mit äußer⸗ lichen Werken von der Verdammniß loszukaufen; das Lutherthum verwirft die Werke, will durch den Glauben allein gerechtfertigt ſein. Mich dünkt, Ihr ſeid hüben und drüben einſeitig im Irrthum be⸗ fangen. Euere Werkthätigkeit iſt Euch ein gedankenloſes Thun geworden, und der Glaube iſt kein thatſächliches Leben mehr. Denn was heißt Euch Glaube? Die Annahme, daß Alles richtig und ab⸗ gethan iſt, die Erlöſung ſich ohne Euer Zuthun erledigt? Weſſen Glaube unter Euch iſt aber ſo in Liebe zu dem Menſchen hingegeben, daß die Natur Chriſti in ſein Schaffen und Wirken überginge? Vor lauter Lärm kommt der Römiſche nicht zur Beſinnung im ſtillen Gebet, 266 und Dem, der ſich zu Luther bekennt, erwächſt aus dem Gebet doch immer noch kein volles, freudiges Menſchenleben. Seid, bevor Ihr Chriſten ſein wollt, doch erſt Menſchen!“ Ich ſah betroffen zu Boden; ich dachte unwillkürlich wieder an den Spruch des deutſchen Angelius Sileſius: Iſt Chriſtus tauſendmal in Bethlehem geboren, Und nicht in dir, ſo bleibſt du ewig doch verloren! Es überlief mich heiß, und ich ſchwieg. Der Rabbi nahm mich gefangen mit ſeinem Blick, mit ſeinem Wort.—„All' Euer Chriſtenthum,“ fuhr er fort,„erſcheint mir nur wie ein nothdürftiges Auskunftsmittel, um den Urgeiſt, deſſen Walten Ihr nicht in Euch ſelber mehr entdecken könnt, Euch nach Außen fern zu rücken, es ſei in einem Dieſſeits oder in einem Jenſeits. Auch wenn Ihr Chriſtus für den Allmächtigen erklärt, der Euch in Euerer Reue und Buße erlöſen kann, ſo habt Ihr damit noch nicht Theil an ſeiner Natur, denn ſein Weſen war thätige Menſchenliebe. Ihr habt ihn, wenn Ihr ihn Gott nennt, ſtatt aus eigenem freien Entſchluß ſelber göttlich werden zu wollen,— habt ihn damit nur von Euch gethan und beſeitigt. Ich will nicht von dem Chriſtenthum reden, das die Neger mit Hunden in die Meſſe hetzte. Ich will nur von Euerer, wie Ihr ſagt, gereinigten Lehre ſprechen. Sie läßt Euch ſchwören, daß Ihr vom Leib des Herrn eſſet. Wer aber iſſet denn von ſeinem Geiſte? Die drei erſten Evangeliſten und die Apoſtel⸗ geſchichte wiſſen nur vom Menſchen Jeſus, aber von einem Menſchen freilich, den Gott erfüllte. Es war eine jüdiſche Gemeinde, die ſich um ihn verſammelte, und Er war in ſeiner vom Geiſt durchleuchteten Natur ein einfach ſtiller, tiefer Menſch. Was habt Ihr für Lärm und Geſchrei von ihm gemacht! Mit Pauken und Trompeten laßt Ihr ihn gen Himmel fahren, und habt ihn von Euch vertrieben und ver⸗ ſchüchtert. In ſeiner zarten Scheu vor aller Wirklichkeit hat er kein irdiſches Kirchenreich ſtiften können, in ſeiner weichen, in Gott auf⸗ gelöſten Seele hat er auch kein Dogma feſtſtellen wollen, auf deſſen Buchſtaben hin man ſich Seligkeit erwerben könne; ſeine Lehre war Hingebung in Liebe an die Menſchen. Erſt die Tobſucht der Stürmer und Fanatiker rief: Verflucht iſt, wer nicht an ſein Wort glaubt, auf ſeinen Leib verpflichtet iſt, von ſeinem Blute trinkt! Und ſo hat nem nir ſſen ach its. in icht ebe. ien ur um ur uch enn ſtel⸗ hen ſich eten irm aßt vel⸗ kein uf⸗ ſen war mel auf hat denn die Welt, jemehr ſein liebevoller Geiſt ihr abhanden kam, ſich um ſein Wort geſtritten, und iſt die große Verwilderung und Ver⸗ wüſtung da hereingebrochen, wo ſich der Geiſt der Demuth und Geduld, der Hingebung und Liebe, am friedlichſten und freudigſten bethätigen ſollte!“ Der Rabbi ſchwieg. Er ſenkte das Haupt, er drückte ſeine Stirn in beide Hände und blieb ſtumm. Ich ſaß lange und lauſchte auf ſeinen Athemzug. Er ſchlief nicht; ich weiß nicht, war er erſchöpft, oder hielt er eine ſtille Einkehr in ſich ſelbſt. Rabbi Laſſe hielt die Lehre Chriſti nur für eine Ergänzung des Judenthums, nur für die weibliche, für die paſſive Seite der ganzen Religion. Chriſtus, ſagte der Rabbi, habe nur ſelten von Moſes geſprochen, weil dieſer als ſein Gegenſtück mehr der auf That⸗ kraft dringende Held ſei. Er ſprach mir in jener Nacht auch von Hillel als einem der Vorläufer Chriſti, der ſchon Demuth gelehrt und ganz eingegangen ſei in die duldende Liebe. Er ſprach von Sirach und jener Zeit der Gefangenſchaft der Juden, die ſich ſchon ganz als eine chriſtliche Epoche, als eine Epoche der Einkehr des Geiſtes in ſich ſelbſt, verkündigt habe, und ſo gebe es vielleicht im Leben aller Völker Momente, wo ſie Gott fanden, jedes nach ſeiner Art und Weiſe zur Kindſchaft Gottes Beruf in ſich trug. Die wahre Religion der Menſchheit iſt keine abgeſchloſſene, in ſich fertige und alleinſeligmachende Kirche, zu der ſie jederzeit die Prieſter gemacht! Ich ſaß und ſann darüber nach. Es war der Nachklang von der Rede des Rabbi in mir ſelber.— Unvergeßliche Stunden, die ich in der Hütte des Meiſters zubrachte! War mir's doch als flat⸗ terten, obwohl ſcheu und ſchüchtern, gute Geiſter um uns, als rauſchten Engel mit ihrem Flügelſchlage draußen am kleinen Gitterfenſter und als hielten ſie Wache vor der Thüre, damit die Welt mit ihren Gräueln und mit ihrem Aberwitz die leiſe Stille nicht ſtörte, in der meine Seele von einem reinen Quell der Wahrheit trank. Die Nacht war ſchon weit heraufgezogen, als ich das Haus des Juden, der mir das Chriſtenthum gedeutet, verließ. Er hatte mir noch die Hand ſanft geſchüttelt, als er mit der Lampe in der Thüre ſtand, mir vorſichtig den Pfad durch das Gerüll der Steine bezeichnend. Im Innerſten erſchüttert, ſchlich ich fort. Und doch — 268— war mir eine Wohlthat erwieſen. Ich mußte an Nikodemus denken, der heimlich in der Nacht den Herrn beſuchte. Nur war hier der Anhänger Chriſti der Lernende, der Troſt⸗ und Hülfebedürftige, und ein Jude der Lehrende geweſen, der Segen ſpendete mit ſeinem Reden und Thun. Ich wandelte noch lange am Strande auf und ab. Erſt als die Sonne über die Felſen ſtieg, ſuchte ich meinen Heimweg. Achtes Rapitel. S5 Ein neuer Glaube thut noth, und ein neuer Gott, der Wunder thut, kraft dieſes Glaubens im Gebete! Und dieſer neue Glaube, dieſer neue Gott ſollte der ewig alte, der Gott der Erzväter und Propheten, der Gott des alten Bundes ſein? Das waren die Gedanken und Fragen die mich anderen Tages erfüllten. Dabei tauchte der Zweifel auf, ob der Rabbi bei der Errettung der Todten lediglich die Macht ſeines Gebetes habe walten und wirken laſſen. Ich hätte gern die Kraft ſeiner magnetiſchen Stäbe geprüft, über ſeine Kunſt der Todtenerweckung ein Näheres erfahren. Abends war ich wieder im alten Hafen von Genua und ſtieg, ſobald die Dämmerung den Beſuch begünſtigte, die Judengaſſe von neuem hinauf. Ich hatte von fern Licht im Hauſe des Rabbi geſehen. Die Thür war ohne Verſchluß. Sobald ich aber eintrat, war es finſter im Raume und Niemand regte ſich. Ich verließ die Hütte und beſuchte die benachbarten Behauſungen, um Erkundigung einzuziehen. Niemand konnte mir Auskunft geben. Der Rabbi, hieß es, ſei oft wochenlang verſchwunden, er verweile oft nur wenige Tage in der Hütte, um monatelang in der Ferne zu weilen, Niemand wiſſe wo. Betrübt ſtieg ich die Gaſſe hinunter, kehrte aber alsbald zurück. Ich hatte von neuem Licht im Fenſter des Rabbi geſehen; es konnte keine ken, der und den als lder he, und ges der lten täbe ieg, von bbi wat und hen. oft der 3i eine — 269— Täuſchung ſein. Und doch war der Raum, wie ich die Thüre des Gemachs öffnete, wieder dunkel. Ich rief; es erfolgte keine Antwort, aber im Hintergrunde bewegte ſich jetzt ein raſchelndes Gewand. Ich trat ein; das Geräuſch wiederholte ſich nach dem Fenſter hin. „Meiſter,“ ſagte ich,„entzieht Euch mir nicht! Ich bin's, ein Freund, der Euch geſtern auf dieſer Stätte begrüßte.“ Es blieb ſtill. Die unſichere Geſtalt, die ich noch immer für den Rabbi nahm, hob ſich vor mir bald in die Höhe, bald knüllte ſie ſich in den Mantel zuſammen.—„Elieſar!“ erhob ich von neuem meine Stimme,„ich komme Euch die Hand zu bieten, ein Menſch zum Menſchen, ein Hülfeſuchender, Rathbedürftiger zum Arzt und Retter!“ „Nennt ihn nicht Arzt!“ tönte eine Stimme aus dem Dunkel hervor. Es war die Stimme des Weibes, das geſtern am Hafen mit der Majeſtät des alten Bibelthums zu mir ſprach. „Warum ſoll der Rabbi nicht Arzt heißen?“ ſagt' ich.„Iſt er doch ein Arzt an Leib und Seele!“ „Nur weil es ihm glückte, in dringender Noth einem Mächtigen dieſer Erde Hülfe zu leiſten, nur weil er dem Dogen die verdorrte Hand geheilt, duldet man ihn. Führt den Meiſter nicht in Ver⸗ ſuchung und in Gefahr!“ warnte die Sprecherin.„Das Volk will immer Propheten haben, aber es ſteinigt, die zu ihm geſandt find!“ „Mich erfüllt eine ſtarke Zuverſicht zu der Wunderkraft ſeiner Hand. Vor meinen Augen hat er geſtern durch die Macht ſeines Gebets die beiden Jünglinge zum Leben erweckt; ich glaube an den, der mit ihm im Bunde iſt. Aber mich erfüllt zugleich der Drang des Wiſſens, welcher Mittel er ſich dazu bedient.“ „Elender Zweifel!“ ſagte das Weib,„ſchon das iſt Verrath am Werk der Wunderkraft. Wer fragt, der zweifelt, und wer zweifelt iſt unfähig, das Wunder zu thun oder nur zu ſchauen. Wem's der der Herr geben will, dem gibt er's im Schlaf. Ihr ſeid ſehr wiß⸗ begierig, Schüler Loyola's, aber nicht gläubig genug!“ „Hülfsbedürftig bin ich,“ war meine Entgegnung,„und voll Sehnſucht, den Greis wiederzuſehen, an deſſen Lippen ich hing, deſſen Worte Balſam ſind für ein nach Wahrheit dürſtendes Herz. Hier 270 war es, wo ſich mir geſtern in nächtlicher Stunde die ganze Freund⸗ lichkeit ſeines Geiſtes erſchloß. Das Leben iſt wüſt und wirr, und mitten in der Wildniß einen reinen Quell, einen wahren Menſchen zu finden, heißt ſich den Glauben an Gott rechtfertigen.“ Das Weib hatte Licht angezündet in der Hütte. Es war die Judithgeſtalt des geſtrigen Abends. Das faltige Tuch war heute von ihrem Antlitze zurückgeſunken; rabenſchwarzes Haar flatterte aufgelöſt von ihrem Scheitel auf die halbnackte Bruſt; das zornige Auge loderte in dem gefurchten Angeſicht mit der ganzen Gewalt altteſtamentlicher Weihe. So ſtand ſie vor mir mit der leuchtenden Kienfackel, die ſie vom Heerd genommen, eine Geſtalt auf der Gränze, wo das Weib Matrone wird und doch noch ſchön iſt in der ſtarken Fülle großer Formen und Züge. Sie war vor mich hingetreten und ſtreckte den Arm nach mir aus, wie betheuernd und gelobend.„Wohl gibt es noch Mächte des Geiſtes, die Wunder wirken,“ ſagte ſie,„wohl thut der Welt ein Glaube an die halb erloſchene Zauberkraft des Geiſtes noth. Aber führe uns nicht in Verſuchung, Chriſt, denn dein Glaube iſt nicht ächt! Dem Rabbi droht Gefahr von Euch. Zu Abbé Belmar geh', willſt du die Wunderkräfte kennen lernen, die die Natur in ihrem Schooße birgt. Er iſt Chriſt, er darf Wunder thun. Er übt ſie im Namen der alleinſeligmachenden Kirche und zum Vortheil der Propaganda Roms!“ „Ich bin nicht in deren Dienſt,“ ſagt' ich,„ich will rein von ihrer Quelle die Wahrheit!“ „Abbé Belmar,“ entgegnete ſie,„iſt ein Geweihter, einer der Wenigen, die da noch im Verborgenen wiſſen, was der Geiſt über den Leib, der helle Blick über die Oede der Vergangenheit und über das Dunkel der noch ungeborenen Zukunft vermag. Wenn ſeine magiſche Hand über meine Schläfe fährt, durchzuckt es mich wie mit Blitzen, durchleuchtet es meine Seele wie ferner Wetterſchein; die Flügelthüren der hinter uns liegenden Zeit, die Pforten der uns noch verhüllten Ferne vor uns rauſchen vor mir auf.“ Wie ſie mir die flackernde Leuchte entgegenſtreckte, fuhr ſie plötzlich mit gellem Schrei in die Höhe.„Heiland der Welt!“ rief ſie mit wilder Gebährde.„Biſt du ein Schatten der Unterwelt. Oder ſteigſt du, ein Gleichbild deiner ſelber, dein Doppelgänger, höhnend vor mir auf?“ — on Er eil on * Ich ergriff, wie der Spahn ihrer zitternden Hand zu enffallen drohte, ihren Arm; die ganze Geſtalt des Weibes ſank wie gebrochen unter meinen Händen zuſammen.„Rühr' mich nicht an,“ ſchrie ſie, ſich mir entwindend,„deine Hand gab mir ſchon einmal den Tod! Spuk böſer Geiſter, haſt du aus der Hölle, wo neckiſche Kobolde hauſen, dein Bild heraufbeſchworen? Oder biſt du's ſelbſt, der mich in Elend und Verzweiflung getrieben, als ich dir Alles gelobt, was ein Weib beſitzt, von der Welt verſtoßen dein Knie, um Erbarmen flehend, umklammerte und du mit kalter Hand mich zurückſtießeſt?“ Ein Strom wilder Thränen badete ihr Antlitz, wie ich die Sin⸗ kende in meinen Armen hielt. Sie ſah mich ſtarr an, die Fackel, die ich in die Wandſpalte geklemmt, warf ihr zitterndes Licht über uns her. Ich glaubte mit einer Wahnfinnigen zu ringen, wie ſie mich jetzt mit beiden Häuden erfaßte und mich mit Augen anſtierte, in denen ein innerer Schmerz loderte. Sie ſprach von Rom, vom Hauſe eines Cardinals, ſie nannte mir Namen, die ich nicht kannte, nie gehört. Ich ſchüttelte das Haupt, ich beſchwor ſie, ſich zu be⸗ ſinnen, erzählte ihr Alles, was ich von mir ſelber wußte, wie ich im Findelhauſe ausgeſetzt, im Collegium meines Ordens, von Pater Euſebio erzogen, der mich von Kindesbeinen auf behütet, mich, den Eltern⸗, den Heimathloſen. Sie fragte hundert Dinge, auf die ich keine Antwort wußte. Sie wollte mich vor langen Jahren geſehen und gekannt haben. Herrſchte hier eine ſeltſame Verwechſelung, oder war das einer jener Momente, von denen die Donna ſagte, es über⸗ ſchatte ſie ein höherer Geiſt, er überſchatte ſie und gebe ihr doch weite, lichte Blicke in, Zeit und Ort nach, Fernes. Ich zweifelte nicht an dem Schatten, der ſich über ihre Sinne gelegt; das Licht, das ſie heimſuchen ſollte, blieb, wie es ſchien, für diesmal aus. Wie ein Blitz zuckte dann und wann ein triumphirendes Lächeln über ihr ſchmerzverhülltes Antlitz; ſie glaubte für mein losgebundenes Daſein einen Punkt der Anknüpfung gefunden zu haben, aber was hier als Licht in dieſem Dunkel dämmerte, war nichts als ein Irrlicht, das in neue Finſterniß lockte. Carlotta iſt in Rom heimiſch, kennt manchen heimlichen Pfad, den die Propaganda wandelt, iſt aber vielleicht auch nur ein Opfer der Intrigue, wo ſie die Fäden ſelber zu leiten wähnt. — 272— In Rom muß ein Sonnentag anbrechen, um alles Nachtgevögel mit Eins zu verſcheuchen. Sie war endlich ruhiger geworden, ſah mir ſtill in's Geſicht, griff in meine Haare und ſtreichelte mir die Stirn; ſie war dann wieder mit ihren Gedanken ganz fern.„Was thut Ihr, was denkt Ihr?“ fragte ich, mich bei ihren Liebkoſungen leiſe ſchüttelnd.— „Verzeih'!“ ſagte ſie lächelnd und tief erröthend,„ich habe einen Mann, einen Chriſten deiner Art gekannt, der mich treulos verließ und verrieth!“ Sie weinte dann ſtill in ſich hinein, während ſie ihren Kopf an meinen Buſen lehnte. So ſaßen wir lange Zeit; ich war unfähig, mich ihrer zu erwehren; ich glaubte ein armes, geſtörtes Gehirn nicht kränken zu dürfen. Wie die Kienfackel erloſch, umgab uns das Dunkel der Nacht. Da bewegte ſich hinter uns die Thür. Es war die ſchmutzige kleine Alte. In zerlumpten Kleidern, einen Korb und eine Blendlaterne in den Händen, trat ſie ein. Wir waren, vor dem grellen Schein des Lichtes erſchreckt auseinandergefahren; ich ſtand im Winkel, vom Vorſprung des Pfeilers gedeckt. „Seid Ihr wieder da, Prinzeſſin von Saba?“ rief die Alte bei'm Anblick Carlotta's. Dieſe ſtand wie eine Bildſäule aufrecht, ſtarr und leblos, die Arme über die Bruſt geſchlungen, die Augen zu Boden geſchlagen. Der volle Strahl der Leuchte fiel auf ihr marmorbleiches Angeſicht. „Der Rabbi bleibt lange aus,“ plapperte die Alte im Kauder⸗ welſch ihres Stammes.„Er iſt nach der Küſte gewandert und kehrt vielleicht erſt morgen zurück. Der Gott Abraham's und Iſaak's mag wiſſen, welcher ſchnöden Chriſtenſeele er wieder zu Hülfe geeilt ſein wird! Aber hier ſteht Brot und Honig für ihn, wie er es liebt. Er mag ſeinen Nachtimbiß finden, ſollte er heute noch heimkehren.“ Sie ſetzte beides auf den Tiſch, ſchob das Geräth zurecht und machte ſich in der Hütte zu thun.„Wollt Ihr ihn hier erwarten?“ fragte ſie nach einer Weile, Carlotta von neuem beleuchtend,„das iſt recht ſchön von einer ſo ſtolzen Prinzeſſin!“ „Wann wirſt du mit deinem Spotte aufhören?“ entgegnete Carlotta, ſich von ihr abwendend und mit vorgeſtreckter Hand vor dem Schein der Leuchte zurücktretend. Ich dulde deinen Hohn ſchon i nit ſicht, dann denkt einen rließ örtes uder⸗ ehrt mag ſein iebt und n mete vor ſchon — 273— länger als ich ſollte!“ ſagte ſie zur Alten.„Wenn Ihr mich von Euch weiſet, ſo macht Ihr es den Chriſten gleich, die ſich mit blutiger Grauſamkeit verfolgen, weil der Eine und der Andere in verſchiedener Weiſe ſein Gebet ſpricht.“ „Was ſchlecht an uns iſt, haben wir von den Nazarenern gelernt,“ ſchnurrte die Alte mit ihrer näſelnden Stimme vor ſich hin, während ſie im engen Raume einhertrippelte,„ihre Tücke hat uns argwöhniſch gemacht und eiferſüchtig. Es thut noth, daß wir den Samen Abrahams rein halten. Ihr ſeid ſchlecht be⸗ wandert in den Gebräuchen des geheiligten Volkes, dag in der Wüſte an ſeinem Glauben irre ward, ihn aber im Feuer der chriſt⸗ lichen Verfolgungen erhärtete. Es ſchleicht ſo Mancher herbei, um dem Rabbi ſeine Weisheit abzulernen und ſie dann gegen uns zu gebrauchen.— Herr unſer Gott!“ ſchrie das Weib auf, wie der Strahl ihrer Blendleuchte auf mich fiel.„Herr des Himmels, Ihr habt Geſellſchaft, Prinzeſſin!“— Ihre grünen Augen funkelten ſpöttiſch aus dem vergilbten Angeſicht hervor, während ihre Lippen ſich zu einem boshaft grinſenden Lachen verzerrten. „Es iſt ein Hülfsbedürftiger,“ ſagte Carlotta,„ein Freund des Meiſters, der ihn ſchon geſtern heimgeſucht und mit ihm die Nacht über in den heiligen Büchern las.“ „Mag wohl wieder,“ murrte die Alte,„wie der große Teufelsbanner, ein frommer Abbate ſein, der dem Meiſter ſeine Geheimniſſe ſtiehlt!“ Wie ſie mir die Laterne entgegenſtreckte, fuhr ihr die Erinne— rung an mein geſtriges Erſcheinen zu Kopfe; ſie verbeugte ſich tief, mich erkennend.„Ein Herr von der heiligen Geſellſchaft!“ ſagte ſie nicht ohne Verlegenheit.„Nichts für ungut!“ bat ſie flehentlichſt, mein Gewand an ihre Lippen drückend. Ich gab ihr die Verſicherung, in beſter Abſicht gekommen zu ſein, nur um den Meiſter zu begrüßen. Sie beehrte mich, als ich aufbrach, mit ihrem Geleit; ich ſchied, weil keine Ausſicht vorhanden war, den Rabbi noch in der Nacht mit Sicherheit zurückzuerwarten. Wie die Alte mit mir auf die Gaſſe hinaustrat, ſtand ich noch ſtill, um von ihr Auskunft über die Räthſelhafte zu erhalten. „Eine Römerin, die ſich uns aufdrängt!“ ſagte das Weib,„von hoher Abkunft, und will doch unſeres Stammes ſein! Die Leute D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 18 — 274— nennen ſie die Nichte, wo nicht gar die Tochter eines Cardinals, daß Gott erbarme! Sie iſt eine Unglückliche,— und hier nicht recht in Ordnung!“ ſetzte ſie leiſe hinzu, den Finger an die Stirn legend, um den geſtörten Sinn der Armen anzudeuten. „Armſelige Lügnerin!“ ſchrie eine Stimme dicht hinter uns. Carlotta war unvermerkt uns gefolgt und hatte die Rede der Alten vernommen. Sie ergriff die Erſchrockene mit beiden Händen, entriß ihr die Leuchte und ſtreckte im Glanz des grellen Lichtes uns ihr furienwildes Antlitz entgegen.„Elendes Geſchlecht!“ rief ſie,„Ihr bedürft immerfort der Zeichen und Wunder, und verläſtert doch Die⸗ jenigen, die der Herr zu Euch ſendet. Propheten verlangt Ihr, aber Ihr verlangt auch das Recht, ſie zu ſteinigen. Wahnwitz ſcheltet Ihr es, ſpricht aus ihnen die Stimme des Herrn.— Gehe hin, Jüng⸗ ling und laß dich nicht irren! Ich weiß— wo du ſterblich biſt! Dein dunkles Schickſal wird ſich lichten, wenn die neue Sonne aufgeht und das armſelige Geſchlecht der Menſchen unter dem Symbol von der Roſe und vom Kreuz ſich im neuen Jeruſalem wiederfindet!“ Mit dieſen Worten legte ſie die Hand auf meine Schulter, ſah mir ſanft und liebevoll in's Antlitz, löſchte dann die Leuchte aus und verſchwand mit der Alten in's Haus zurück. Verwirrt und geblendet ſtand ich in Dunkel und tappte die Trümmergaſſe von Stein zu Stein hinunter.— Ich ſollte bald genug die Seltſame als Prophetin wiederſehen. Ich las ſeitdem in alten Schriften nach über die Geſchichte der Roſenkreuzer. Das alte Grundbuch ihrer Vereinigung:„Die chymiſche Hochzeit des Pater Chriſtian Roſenkreuz,“ zu Anfang des ſiebzehnten Jahrhunderts zu Straßburg von einem Mann Namens Valentin Andreä verfaßt, war damals von neuem in deutſchen Landen, zu Wien, im Druck erſchienen. Es ſchildert die Sitten des Jahrhunderts vor Luther's Geburt, die Mängel der chriſtlichen Theologie, den Mißbrauch der päpſtlichen Gewalt. Jener Mann, der ſich Roſenkreuz nannte, wollte die Alchymiſten und Aſtrologen, welche man in früheren Zeiten Mathematiker und Aſtronomen nannte, von ihren Irrthümern heilen; er bediente ſich eben deßhalb ihrer Sprache und ſchrieb im Style Derer, die, wie man ſagte, den Stein der Weiſen ſuchten. Je ihrer Neun wurden zu einer chemiſchen Hochzeit, wo ſich die Metalle daß t in end, uns. lten triß ihr Ihr . Pio⸗ Hie⸗ ber Ihr ing⸗ Nin geht von ſah us und von ame der ſche ten — 275— und Elemente vermählen ſollten, zugelaſſen. Faſten und leiblich ſich bereiten machte zu den Prüfungen geſchickt, Reinigung vom Schmutz der Sinnlichkeit war die Bedingung zur Aufnahme, deren Ceremonien an die Einweihung der alten Aegyptier zu erinnern ſchienen. Chriſtian Roſenkreuz wollte in Damaskus geweſen ſein, von chaldäiſchen Weiſen die Magie und Kabbala erlernt, im Morgenland über die wahre Natur Chriſti Aufſchluß erhalten haben. Die damalige römiſche Kirche hielt er für ein Mißverſtändniß; Jeder, ſagte er, müſſe ſich ſelbſt wieder Prieſter ſein. Wer die verborgene Natur Gottes begreifen, ſeinen geheimnißvollen Namen ausſprechen könne, der ſei im Stande, Wunder zu wirken, denn der Menſch könne ſich mit Gott und der Natur wieder in jene paradieſiſche Harmonie verſetzen, wo der reine Wille über die Elemente gebiete, der Geiſt die Körperwelt regiere.— Man hat vielfach den Argwohn gehegt, der Bund der Roſenkreuzer ſei eine Erfindung Roms geweſen, bevor noch Ignaz Loyola dem heiligen Vater eine Leibwache ſtiftete. Die ältere Geſchichte des Roſenkreuzerbundes liefert weit eher vom Gegentheile das Zeugniß. Dieſer Bund iſt ein deutſcher Gedanke. Zur Zeit des unheilvollen dreißigjährigen Glaubenskrieges machten die Roſenkreuzer die Sache der bedrückten Proteſtanten zu der ihrigen. Als auf den mildgeſinnten Kaiſer Mathias der hartherzige Ferdinand folgte, verſagten die meiſt proteſtantiſchen Stände ob der Ens die Huldigung. In der Dar⸗ ſtellung ſeines Lebens erzählt der Roſenkreuzer Andreä von ſeinen Reiſen nach Oeſtreich, die er auf Anſtiften des dortigen proteſtantiſchen Adels unternahm. Er geſteht ganz harmlos ein, in Linz einen ge⸗ heimen Auftrag gehabt und viele der reinen Lehre zugethanen Edel⸗ leute dort um ſich verſammelt zu haben. Das Kreuz vereinigte dieſe Braminen des Nordens, wie man ſie nannte, und die Roſe blieb ihnen als Symbol des Geheimniſſes gemeinſam. Sie hielten ſich für die ächten Maurer und ſeit der Reform der Logen in England hatten einzelne Abgeordnete ihren Ritus nach Deutſchland gebracht. 185 Ueuntes Rapitel. S r W Am nächſten Morgen, erzählte Kaver, erhielt ich von Signor Durazzo eine Aufforderung, den Abend einem Feſte in ſeinem Hauſe beizuwohnen. Ganz Genua war voll von den Wunderkuren, die der Abbé Belmar verübte. Er hatte wiederholt Heilverſuche gemacht, die alle Welt in Staunen ſetzten. Er machte Tolle vernünftig; aber die Vernünftigen wurden darüber faſt toll. Man glaubte in ihm an große geheime Naturkräfte. Er ging freilich mit ſeinem Gebet, mit ſeinen Wunderthaten nicht wie der Rabbi in's Kämmerlein, er gab Vor⸗ ſtellungen der Magie in den offenen Hallen der Großen. Seine Kunſt war zugleich unterhaltend, und Signor Durazzo lud mich zu einem ſolchen Schauſpiel ein. Es war ein lärmendes Gewühl in den ſchönen Marmorhallen der Villa ſeines Hauſes. Die Erlaubniß, in Masken zu erſcheinen, war zum Beſten hoher Herren von der Kirche gegeben, die gern un⸗ erkannt an der Luſtbarkeit der üppigen Welt theilnahmen. Mein ſchwarzes Ordensgewand war Maske genug für mich, aber ich hatte mich doch in einen Domino gehüllt. Wie ich im Vorzimmer an der Spiegelwand vorüberſchlich, mußte ich über die Mummerei lächeln, zu der ich mich verſtanden. Die Räume der Villa waren auf das Feſtlichſte geſchmückt; die Dame des Hauſes ſchien es ſich zur beſonderen Aufgabe gemacht zu haben, den geſunkenen Glanz der Familie ihres Gatten wieder zu heben. In den Adern der Signora war von Alters her ein Tropfen ſpaniſchen Blutes, und ſo brachte ſie in den Haushalt zugleich eine Grandezza, die der faſt franzöſiſchen Beweglichkeit des jungen Haus⸗ herrn ein Gleichgewicht gab. Vom bunten Gewühl und vom blendenden Glanz der Kerzen ermüdet, zog ich mich in die ſtilleren Nebengemächer zurück. In einer von Weinranken umſchirmten Grotte konnte ich das Gewühl der Ge⸗ ſellſchaftsluſt von fern genießen. Ein Schwarm junger Nobili nahm — 277— dicht vor mir, ohne mich zu bemerken, an dem kühlen Springbrunnen Platz, der das Moos der Grotte mit duftendem Waſſer benetzte. Sie lüpften die Masken, nahmen Eis und ergingen ſich in unge⸗ hindertem Austauſch. Es waren einige franzöſiſche Cavaliere unters ihnen, die ich früher in Monſeigneur Bernis' Umgebung geſehen. Doch war die Sprache Frankreich's in Genua aller Welt geläufig; auch die Nobili der Republik brüſteten ſich mit dem Pariſer Schliff und wetteiferten im feinſten Tone der Mediſance. Die Unterhaltung geſchah boshaft genug auf Koſten der Dame des Hauſes. „Ihr zu Gefallen,“ ſagte der Eine,„werden wir die ganze Nacht die Maske nicht ablegen dürfen; ſie liebt es, eine Larve über der Larve zu tragen.“ „Der Zaubermann,“ lachte ein Anderer,„ſollte ihr ſein Elixir nicht vorenthalten! Aber vielleicht ſcheitert an ihr ſeine Kunſt, das flüchtige Alkohol der Jugend zu feſſeln.“ „Sein Mittel müßte rückwärts wirken!“ flüſterte ein Dritter. „O, ſein aurum potabile, das trinkbare Gold, das er für ge⸗ prägtes verabreicht, hat dieſe Kraft! Seht dort den alten Herrn, den das Zaubermittel des Abbé Belmar ſchon ganz in die Kindheit zurückverſetzt hat!“ Es war der Bruder der Signora Durazzo, ein alter Hageſtolz, der ſeine ſpaniſche Abkunft in dem feierlichen Pathos ſeiner Haltung nicht verleugnete. Er war lange Zeit am Hofe zu Madrid geweſen und als ſpaniſcher Geſandter bei der Republik beglaubigt. Er ſchritt auf den rothen Abſätzen ſeiner Schnabelſchuhe wie auf Stelzen einher: den Orden des Vließes ließ er auf der Bruſt unter ſeinem Domino hervorſchimmern; der ungewöhnlich lange, weithin geſtreckte Degen ſtörte unaufhörlich ſeine Umgebung und verwickelte ihn links und rechts in ein Gewebe von Complimenten, die er gern zu veranlaſſen ſchien, um Gelegenheit zu haben, Ceremoniell und Etiquette zu ent⸗ falten. Dem Alten folgte, wie er an uns vorüberſchritt, das unter⸗ drückte Lachen der luſtigen Spötter. „Den hat der Abbs ſicher!“ flüſterte der Eine,„der Alte ſchlürft Tag und Nacht vom Verjüngungstrank.“ „Ihr nennt den Zauberer Abbé?“ fragte ich, aus dem Verſteck hervortretend und mich an den letzten Sprecher wendend, dem ich in — 278— Turin begegnet war. Die Geſellſchaft brach auf; nur der Angeredete hielt Stand.„Iſt Belmar franzöſiſcher Geiſtlicher?“ „Er nennt ſich Abbé,“ war die Erwiederung. „Und mit welchem Rechte?“ fragte ich. „Mit dem Rechte, das ſich Jeder gibt,“ war die Antwort. „Man hält in Geſellſchaft Jeden für das, wofür er ſich gibt. Einige halten ihn für einen portugieſiſchen Juden, der ſich taufen ließ, die Weihen empfing, dann excommunicirt wurde und nun eine neue Re⸗ ligion ſtiften will. Nach Andern iſt er aus Piemont gebürtig. Die Berge ſtecken ja voller Wunder und Wunderlichkeiten!“ „Ihr ſcheint Beides zuſammenzuwerfen!“ ſagte ich.— Er verließ mich mit einem gelangweilten Blicke; man wollte ſich unter⸗ halten, nicht ſich unterrichten. Nach einem Rundgange, den man Paarweiſe, die Dame des Hauſes an der Hand des Monſeigneur Bernis, durch die glänzenden Räume der weitläufigen Villa gemacht, zerſtreute ſich die Geſellſchaft von neuem nach Luſt und Gefallen. Mich verlangte danach, Bernis nach dem Abbs fragen zu können. Es hielt jedoch ſchwer, ſich ihm zu nähern; alle Welt hatte ihn in ſeiner Maske erkannt und drängte ſich um ihn. Er war, wo er ſtand und ging, immerfort der Mittel⸗ punkt neuer Kreiſe; bald ſtreute er alten Excellenzen Weihrauch und wußte ſie durch ſeine vertrauliche Beſcheidenheit zu gewinnen, bald neckte er einen Schwarm junger Flatterköpfe mit kecken Einfällen. Den Damen gegenüber war er ganz Bouquett vom Parnaß, wie Vol⸗ taire ihn nannte. Die Liebesgötter ſpielten Verſteckens hinter der Anmuth ſeines Witzes, während er doch in keinem Augenblick das Zutrauen verſcherzte, das ſeiner Würde zu Gute kam. Er ſchien hier der Einzige zu ſein, der von dem charakterloſen Wirrwar der feinen Bildung mit Bewußtſein Genuß und Vortheil zog. Bernis war in der Geſellſchaft der eigentliche Wundermann, während wir noch immer auf die Thaten des Magiers harrten. Von einem Schwarm junger Amouretten gedrängt, war er auf den Balkon der Villa hinaus⸗ getreten. Man durfte hier die Maske lüpfen und die Kühle des Abends genießen. Die Terraſſe lief bis an's Geſtade hinunter; in der Ferne ſpiegelte ſich im rothen Schein des aufſteigenden Mondes edete vort. nige die Er tet⸗ des den haft nis ihm gte tel⸗ und ald len. ol⸗ der das ier en in ner — 279— das leiſe bewegte Meer. Im Orangengebüſch des Gartens, der zu unſeren Füßen hinlief, brannten verſtohlen und lockend farbige Lampen. „Denken Sie ſich,“ ſagte Monſieur de Bernis zu den lauſchen⸗ den Damen,„denken Sie ſich alles Grün dieſer Gehege plötzlich in Weiß verwandelt, die Bäume gepudert, jeden Strauch frifirt à la neige, ſtatt jeder Frucht einen Zahn, faſt ſo leuchtend, wie die Perlen im ſchönen Munde! Das Licht einer blaſſen Sonne, die zu discret und zu diplomatiſch iſt, um alle ihre Strahlen zu entfalten, funkelt millionenfach in dieſen erſtarrten Tropfen, in dieſen Zacken vom ſchönſten Kryſtall. Denken Sie ſich das in der Phantaſie und Sie ſind— in Rußland.“ „Und Sie waren dort?“ tönte es aus dem Schwarm der jungen Damen. „Erſt geſtern noch,“ ſagte Bernis mit dem komiſchen Anſtrich eines hinter zweifelhaftem Ernſt verſteckten Lächelns. Ein leiſer Schreck lag auf den ſtaunenden Geſichtern. Der geiſtliche Diplomat ſchien in der That ſich die Rolle des Magiers aneignen und deſſen Triumphe in Beſchlag nehmen zu wollen. Er weidete ſich einige Augenblicke lang an den Wirkungen ſeiner kecken Behauptung, geſtand dann aber lachend ein, daß er damit nur die Zaubereien des Abbé Belmar bevorworten wollte.„Er iſt es,“ fuhr er fort,„der uns mit Einem Schlage in die erſtarrten Eisfelder des Nordpols verſetzen wird.“ „Wie? hier? noch in dieſer Stunde?“ tönte es wie aus Einem Munde. „Es bedarf nur eines Winkes von ſo ſchönen Augen,“ ſagte Bernis,„und ich gebe das Zeichen, daß die Landſchaft, die ſich vor uns hinbreitet, plötzlich erſtarrt und ſtirbt. Wäre der Zaubermann nicht ſo ernſthafter Natur, er würde ſich den Vortheil nicht nehmen laſſen, dieſe Bitte von den Damen ſelbſt einzuholen.“ Man beſtürmte Bernis und er machte die Mittheilung, daß auf die Anordnung der Wirthin des Hauſes ein beſonderes Zimmer der Villa zum Tempel der Magie hergerichtet ſei. In demſelben Augen⸗ blick ward auch ſchon das Zeichen gegeben und Alles drängte ſich nach dem hintern Raum, während Bernis der ſo eben eintretenden Dame Durazzo den Arm bot, um ſie nach dem Schauplatz zu führen. — 280— Es war eine weite, nur ſehr ſpärlich erleuchtete Rotunde, in welcher die Geſellſchaft Platz nahm. Der völlig dunkle Hintergrund war durch einen Vorhang geſchieden. Theils unter neckenden Scherzen, theils mit dem Vorgefühl eines leiſen Schauers hatte ſich die Ver⸗ ſammlung in der Dämmerung des Saales geordnet. Bernis fuhr auch hier fort, den galanten Cicerone zu machen.„Haben Sie keine Furcht, meine Damen!“ verſicherte er ganz ernſt,„die Eiszapfen Sibirien's bleiben uns fern, da wir im Sichern ſitzen, während die Welt vor unſern Blicken in Froſt erſtarrt.“ „Wird es nicht erlaubt ſein, nachher auch einen Blick hinter die Couliſſe zu werfen?“ fragte eine junge Herzogin, die ſich an Bernis drängte. „Sie verrathen ſchon,“ erwiederte dieſer,„eine ſehr verhängniß⸗ volle Wiſſensluſt! Aber die erſte Bedingung, um den Zauber nicht zu ſtören, iſt Schweigen,— in Sachen unſerer geheiligten Religion nicht minder, wie in den Scherzen Gott Amors und der Phantaſie! Eine würdige Schülerin des großen Roſierucius, eine zukünftige Ein⸗ geweihte in die Geheimniſſe von rose et crois darf nie nach dem pourquoi du pourquoi fragen!“ So erledigt der Franzoſe allen Lebensgehalt ſcherzend und ſpie⸗ lend.— Das ſchwache Dämmerlicht, das von der Kuppel aus die Rotunde erhellte, war jetzt ebenfalls erloſchen. Wir ſaßen in völliger Nacht; die allgemeine Stille erhöhte die Spannung. Nur im Hin⸗ tergrunde tauchte bald wieder ein leiſes Geflüſter auf, das nicht dazu geeignet ſchien, für die Erſcheinungen der Magie vorzubereiten; die franzöſiſchen Herren erzählten den Damen der Republik eben keine Geſchichten aus dem Geiſterreich. Als der Vorhang jetzt aufrollte, blickte man durch einen leeren Raum in ein ſcharf abgerahmtes Wand⸗ bild, das uns den Hafen von Genua im Halbkreis zeigte. Es war der Blick auf die wirkliche Landſchaft, die ſich uns mit der Ausſicht auf's Meer von der Terraſſe der Villa aus darbot. Aber der Mond leuchtete ſtrahlender, das Laubwerk der Gärten ſchien üppiger, zahlloſe Lichter und Fackeln unterſtützten die Beleuchtung, und ein Kranz blühender Orangenwälder zog ſich im Hintergrunde an der Riviera hin. Durch künſtliche Zuthaten war das Phänomen glänzender ge⸗ macht. Mit einem Schlage fuhr rauſchend ein fremder Lichtſchimmer — 281— über das Bild, die Landſchaft tauchte ſich in eine ganz andere Fär— bung. Die Welt vor uns ſtarrte in Wintereis. Kein Gegenſtand hatte ſich verändert, nur der Wechſel der Lichtgebung und des Far— benſpiels brachte dieſe täuſchende Verwandlung hervor. Eben ſo ſchnell traf ein elektriſcher Blitz dieſe Welt des ſtarren Nordens, und der ſüdliche Sommer ſtand wieder vor uns. Das Staunen der Geſell— ſchaft löſte ſich in Entzückungen. Wie der Vorhang fiel und dos bläuliche Milchlicht wieder durch die Kuppel herunterdämmerte, erging ſich Alles in Lobpreiſung des Zauberes, der der Geſellſchaft noch immer entzogen blieb. „Geſtehen Sie, meine Damen,“ ſagte Bernis,„der Winter hat auch ſeine Schönheiten, wie das Alter, der Jugend gegenüber; er hat nur ſeine anderen Farben, es iſt daſſelbe Muſikſtück aus Moll in Dur übertragen. Der Zauberer ſcheint es vielleicht zu verſtehen, das Alter jung, die Jugend aber alt zu machen, wie er uns dieſelbe Landſchaft aus dem Genueſiſchen in's Moscowitiſche überſetzt hat.“ Es folgten noch einige Darſtellungen dieſer Art; die Kunſt des Magiers ſchien ſich auf optiſche Täuſchungen zu verſtehen. Farbige Gläſer mit Hohlſpiegeln brachten dieſe artigen Scherze zum Vorſchein. Manches mochte an die magiſchen Landſchaften erinnern, in denen Baptiſta Porta einem barbariſchen Jahrhundert das Reich der Seligen in Spiegelbildern zeigte. Das Paradies, an das die gebildete Welt von heute glaubt, iſt mit den Reizen Muhamed's ausgeſtattet; möglich, dacht' ich, daß der gefällige Zauberer den Leuten gibt, was ſie und wie ſie's erwarten und wünſchen. Der Tempel der Magie entließ bereits einen Theil der Geſell⸗ ſchaft. Ich verließ den Schauplatz, trat auf die Terraſſe und ſtieg in den Garten hinunter. In den ſchattigen, halberleuchteten Gängen, in den duftenden Lauben fanden ſich kleine Kreiſe zuſammen, einzelne Geſtalten ſuchten und flohen ſich im Gebüſch, Geigen und Flöten tönten aus dem dämmerigen Verſteck. Im Schimmer der bunten Lampen, im Rauſch der lockenden Töne ſchwirrte Alles eben auch wie ein ma— giſches Traumbild vor mir auf und ab. Mohamed's Paradies ward hier in Scene geſetzt; es den Menſchen zu erſchließen, war weiter kein Zauberer nöthig. 282 Wie ich aus dem Gehege duftender Akazien trat, ſtand ich plötzlich ſtill. An dem Baſſin, deſſen Spiegel ein Kranz von Pech⸗ fackeln erhellte, hob ſich eine dunkle Frauengeſtalt. Sie glaubte ſich unbelauſcht; ſie hatte die Maske abgelegt, bückte ſich über die ſteinerne Brüſtung, tauchte die Hand in die kühle Fluth und benetzte ſich Stirn und Augen. Aus der Säule mitten im Waſſer ſtieg eben eine dunkelrothe Flamme, die weiße Leuchtkugeln in die Luft ſchleu⸗ derte. Ich glaubte die Geſtalt zu erkennen, wie ſie ſich jetzt um⸗ blickte, ihren Domino zuſammenraffte und nach dem Schatten des Gebüſches eilte. Es war die Königin von Saba, wie ſie in der Hütte des Rabbi hieß; ich hatte ſie an der Majeſtät ihrer phantaſti⸗ ſchen Bewegungen erkannt. Ich eilte ſie einzuholen. Sie irrte durch mehrere Gänge hin und her; ich ſchnitt ihr den Weg ab, wie ſie ſich der Villa näherte, und ſtand im Roſenlicht einer farbigen Lampe dicht vor ihr.„O mein Gott!“ ſagte ſie erſchreckt und verhüllte ihr Antlitz. Ich fragte, ob ſie mich nicht kennen wolle. Sie ſah mich ſtarr an und legte die Hand auf meine Bruſt.„Es iſt mein Fluch,“ ſagte ſie,„die Züge deines Antlitzes zu kennen! Ich kenne dich länger als du denken kannſt!“ „Du weißt um mich, um die Meinigen, meine Heimath?“ fragte ich. Sie wehrte mich ab mit der Hand und entzog ſich meiner Be⸗ rührung.„Frage mich nicht! Taſte den Schleier der Iſis nicht an!“ ſagte ſie und trat raſch in das dunkle Gebüſch. Ich folgte ihr, ſie rufend und beſchwörend. Plötzlich war ſie mir hinter dem Vorſprung einer Mauer verſchwunden, die zu einem Nebenflügel des Gebäudes gehörte, der nach der unbeleuchteten Seite des Gartens lief. Vergeblich taſtete ich an der Wand auf und ab, die mir die Fliehende entzogen. Es mußte das Erdgeſchoß ſein, in deſſen oberem Theile die Rotunde war. Ein bretterner Verſchlag am Ende des Gemäuers zog meine Aufmerkſamkeit auf ſich. Ich drängte den Balken zurück, erweiterte die Lücke, die ſich mir bot, und ſtieg, ohne zu wiſſen was ich bezweckte, in den dunkeln Raum. Eine Stimme aus dem Innern rief„Zurück!“ Ich bat um Einlaß zum Abbé Belmar. Auf die Forderung der Parole, die ich ſchuldig blieb, ch — 283— erfolgte einige Zögerung; aber es erſchien Licht und ich ſtieg eine kleine Wendeltreppe hinan, die mich in den obern Raum führte. Es war ein enger, mit Glasfenſtern geſchloſſener Pavillon, in deſſen Dämmerung ich trat. Der bedeckte Gang, der daran ſtieß, führte bis zu dem großen Marmorſaal, wo ſich die Geſellſchaft jetzt wieder verſammelt hatte und den Tanz eröffnete. Ich überblickte von oben her durch ein oeil de boeuf den ganzen Raum. Die Cavaliere um⸗ flatterten den bunten Reigen der Tänzerinnen, hier und da hatten ſich die Erſchöpften um kleine Tiſche vertheilt. Ueberall war rauſchende Luſt, lachendes Behagen, ſüßes Verſinken in die Betäubung der Sinne. Fillippo Durazzo flatterte wie ein Schmetterling durch die Reihen der phantaſtiſch geſchmückten Mädchen. Die Dame des Hauſes, noch immer maskirt, ſaß in einem Schwarm franzöſiſcher Schöngeiſter und ſchien unter dem Scherz der Schmeicheleien auf Augenblicke zu vergeſſen, daß hinter der jugendlichen Maske ihr altes Herz vielleicht noch immer vergeblich nach dem Verjüngungstrank des Zauberers ſchmachtete. Dieſer, der Mann der Wunder, ſtand plötzlich dicht neben mir, an die Brüſtung der Gallerie gelehnt. Sein Auge ſtarrte unverrückt auf den bunten Knäuel der luſtberauſchten Welt; der Widerſchein der Kerzen beleuchtete den faſt ſchreckhaften Ernſt ſeiner Mienen. Es war dieſelbe große, eckige, breitſchultrige Geſtalt mit der mumien⸗ haften Trockenheit der ſtieren Züge, der ich in San Lorenzo begegnet war. Es war, als wenn ſeine Blicke ſich aus dem Knäuel der bunten Welt ſeine Opfer herausſuchten, und in der That nahte ſich uns be⸗ reits ein ſolches Opfer. Es gelüſtete mich mit dem Manne ein Wort zu wechſeln, aber in demſelben Augenblicke, wo ich mich ihm nähern wollte, öffnete ſich dicht neben mir eine kleine Fallthür und mit Händen und Füßen ängſtlich taſtend, keuchend und ſtöhnend, arbeitete ſich die wunderliche Figur des ſpaniſchen Geſandten durch die Oeffnung in die Höhe. Belmar blieb in ſeiner Haltung unbeweglich, aber der Alte ſtürzte mit einer förmlichen Heißgier auf ihn ein. Er hette drängende Gewiſſensfragen; ſein langes ſchmales Geſicht hungerte nach Aufſchlüſſen. „Mann Gottes, Mann des Wunders!“ flüſterte er,„ſagt mir, muß ich denn wirklich, wie Ihr mir geſtern angedroht, erſt die Kabbala ſtudiren, um meinem Ziele näher zu kommen?“ — 284—— Der Zauberer ſtand unbeweglich neben ihm, er warf ihm gleich⸗ gültig eine Antwort hin.„Landſchaften färben,“ ſagte er,„iſt nur ein Spielwerk. Wenn ſich der eisgraue Menſch verjüngen will, ſo bedarf es einer großen Arbeit. Ihr müßt wenigſtens die Anfangs⸗ gründe in der geheimen Wiſſenſchaft kennen, müßt eine Ahnung davon haben, wie man die Worte der heiligen Schrift aus ihrem Verbande löſt und die Buchſtaben verſetzt, um die neue Combination der Bibel zu finden. In unſerer Loge haben wir die wateria prima wieder entdeckt. Dies iſt die Subſtanz, aus der Gott den erſten Menſchen unſterblich ſchuf. Durch die Sünde ging ſie dem Geſchlecht wieder verloren.“ „Beſter!“ rief der Alte,„ich will Alles thun was Ihr verlangt, wenn Ihr mir nur Hoffnung gebt zur Wiedergeburt. Ich will wie ein Karthäuſer leben, ich will täglich eine Meſſe leſen laſſen“— „Halt! Nicht mehr, als ich Euch angebe!“ unterbrach ihn der Magier.„Wenn es darauf ankommt, die Naturkräfte in Euch wieder in ein Gleichgewicht zu bringen, ſo müſſen auch die Geldkräfte neu organiſirt werden. Wie ich Euch ſagte: im zweiten Grade unſerer Loge kommen die Geweihten in den Beſitz des rothen Pulvers, das uns in den Stand ſetzt, jedes Metall, das wir im Schmelztiegel be⸗ handeln, zur Reife des Goldes zu bringen. Sämmtliche anderen Me⸗ talle ſind mehr oder weniger unreifes Gold.“ „Ah! Habt Ihr ſchon dieſen Grad fleißig cultivirt?“ fragte der Alte haſtig. „Ich arbeite in dieſem Zweige, bin aber noch weit von der Meiſterſchaft entfernt,“ ſagte Belmar trocken und kalt. „Aber im erſten Grade,“ drängte ihn der Alte,„aufrichtig, wie weit ſeid Ihr für Euch ſelbſt mit dem Verjüngungsproceß? Und in welchem Grade,“— flüſterte die Excellenz, ſcheu ſich umblickend,— „in welchem Grade des Ordens wird man wirklicher Roſenkreuzer?“ „Man ſpricht nicht gern von ſich ſelbſt,“ ſagte Belmar auswei⸗ chend,„auch iſt die Kunſt in unſerem glaubensleeren Zeitalter ſehr heruntergekommen. Graf Gualto in Venedig hat vielleicht ſchon das dritte Jahrhundert an ſeiner ewig jugendlichen Stirn vorüberziehen ſehen. Aber es ſind ihrer nur Wenige, die an's Ziel kommen.“ — 285— „Das dritte Jahrhundert? Was Ihr ſagt! Um Gotteswillen!“ rief der Alte zitternd und legte beide Hände dem Magier auf die Bruſt. In ſeinen Zügen ſpielte ein Wechſel von Grauſen und Ent⸗ zücken; ihn gelüſtete nach einer kleinen Unſterblichkeit, wenigſtens nach einer vorhaltigen Reparatur ſeines erbärmlichen Leibes; aber ihm graute doch zugleich vor dem Gedanken der Ewigkeit. Er wetzte die Zunge wie ein lüſterner Feinſchmecker, während doch Furcht und Angſt in ſeinen blöden Augen ſtand. Ich wußte noch immer nicht, ob der Abbs ein bloßes Spiel mit ihm trieb. Er behandelte die ſpaniſche Excellenz mit einer bewun⸗ dernswürdigen Gleichgültigkeit. Vielleicht brachte ihm dieſer ſichere Stolz und dieſe Sprödigkeit um ſo ſicherer das Opfer in die Hände! Aber er ſah aus wie einer, der an die Lüge, die er predigt, glaubt. Auf Belmar's Stirn lagerten ſchwere Falten, ſein Blick haftete ſich ſo feſt in den Boden als wollte er ihn klaftertief durchbohren. Das Schreckhafte ſeiner Erſcheinung verrieth doch den Trotz einer unge⸗ wöhnlich ſtarken Natur. „Heruntergekommen, ſagt Ihr?“ nahm die Eccellenza das Wort des Magiers wieder auf,„heruntergekommen? iſt die Kunſt herunter⸗ gekommen?“ „Dies Zeitalter voll weltkluger Zweifler,“ ſagte Belmar,„hat nur noch Wenige aufzuweiſen, die die Prüfungen überſtanden. Fünf Sechstel der Neophyten unterliegen den Proben, büßen ihren Drang zum Geheimniß mit dem Leben; man fand ſie todt im Bette, erſtickt im Qualm der Experimente; es fehlte ihnen an Muth und an Tugend.“ „An Tugend? Gehört auch Tugend dazu?“ ſtöhnte der Diplomat. „Geht nicht allzu hart mit mir um, Ihr fürchterlicher Cato, denn ich bin alt—“ „Und wollt wieder jung werden!“ unterbrach ihn Belmar in einem ſpottenden Tone.„Wir wollen den Verſuch mit Euch machen. Vielleicht könnt Ihr es bis zum Alter Methuſalem's bringen, wenn Ihr folgſam ſeid und Euch unbedingt meinem Willen unterwerfet. Die verſchwundene Jugend, die Grazie der erſten Anmuth werde ich Euch nicht wieder geben können, ich kann Euch höchſtens auf den — 286— status quo erhalten. Als Diplomat werdet Ihr wiſſen, daß das in menſchlichen Dingen oft ſchon viel heißen will!“ Der Alte huſtete heftig und hielt ſich mit beiden Händen die keuchende Bruſt.„Wenn Ihr Euch nur überzeugen ließet, ſtrenger Mann,“ ſagte er mit flehender Gebährde,„daß dieſer Huſten, der mich quält, nicht ſo eigentlich zu meiner Natur gehört! Auch das Zipperlein, das mich plagt, brauchte in den Friedenstractat nicht ſo nothwendig einbedungen zu ſein. Im Uebrigen bin ich mit dem status quo meines Befindens ganz zufrieden. Der Appetit, iſt Gott ſei Dank! noch da und mein Malaga erhält mich ſo leidlich auf den Füßen.“ „Alles was ſündhaft iſt, müßt Ihr abthun,“ ſagte der Magier mit ſtrengem Ernſt.„Wer ein Genoſſe der Geiſterwelt ſein will, muß aufhören der weltlichen Luſt zu fröhnen. Kein Neophyt darf bei der Ein⸗ weihung einen Wunſch haben, der ihn an die Welt feſſelt. Er muß rein ſein von der Liebe zum Weibe, frei von Habſucht und Ehrgeiz, frei von der Hoffnung auf irdiſchen Ruhm! All' dieſe Sünde tödtet den Menſchen, während ihn Gott im Paradieſe mit einem unſterblichen Leibe ſchuf.“ „Seid nur nicht ſo grauſam!“ bat der alte Herr.„Und wann bekomm' ich vom Elixir die erſte Gabe?“ „Für den Unvorbereiteten,“ fuhr Belmar fort,„iſt das Elixir das ſchärfſte Gift. Morgen werdet Ihr den erſten Tropfen dieſes Balſams nehmen. Wenn Ihr einen leiſen Krampf verſpürt, ſo ſoll Euch das nicht bange machen: es iſt im Gegentheil das erſte gute Zeichen, daß es wirkt. Ein laues Bad wird die Kraft des Elixirs wohlthätig vertheilen. Neun Tage darauf nehmt Ihr den zweiten Gran und Ihr werdet dann in einen tiefen Schlaf verfallen. Während dieſes Schlafes verliert Ihr Eure Haare und Zähne.“ „Werde damit nicht mehr viel verlieren können!“ ſagte der Alte und ſchlug die ziemlich leeren Kinnladen klappernd an einander. „In dieſem Schlaf,“ fuhr der Adept fort,„wird ſich Euer Körper mit einer neuen Haut bekleiden und der weitere Prozeß Euerer Wiedergeburt beginnen.“ „Und der Huſten, das Zipperlein?“ fragte der Diplomat. „Wir werden ſehen,“ tröſtete ihn der Abbé,„ob Mutter Natur an Euch noch mächtig ſein will. Jetzt verlaßt mich, denn Euere Schweſter, die Dame Durazzo, bedarf meiner.“ in die nger der das t ſo dem tſei en.“ gier nuß Ein⸗ rein von chen, ieſes tdes den allen⸗ — 287— „Mann Gottes!“ rief der Alte, indem er den Magier mit Thränen der Freude umarmte,„die Heiligen ſind mit uns!“ „Die laſſen wir aus dem Spiele!“ murmelte der Mann, der ſich Abbé nannte. „Aber Euer Werk iſt doch nicht des Teufels?“ flüſterte die Eccellenza. „Die Natur iſt rein und gut,“ verſicherte Jener,„nur der Menſch in ſeinen Sünden und Gebrechen iſt von Gott abgefallen.“ Er hatte die Fallthüre wieder geüffnet und der Alte ſtieg mühſam in den untern Raum zurück; der ſteife Paradedegen klapperte von Stufe zu Stufe hinter ihm drein. Wie ſich Belmar wieder allein ſah, trat er von neuem an die Brüſtung der Gallerie und ſah dem Getümmel der Tanzenden zu, von Zeit zu Zeit einige unverſtändliche Worte vor ſich hinmurmelnd. Es war für mich Zeit, aus dem Verſteck zu treten und ihn anzureden. Er ſchien ganz mit ſich ſelbſt beſchäftigt und ließ ſich nicht ſtören, als ich die kleine Thüre hinter mir in's Schloß drückte und mir damit den Anſchein gab, als träte ich jetzt erſt auf den Balkon der Gallerie. Ich ſtand ſchon eine geraume Weile dicht neben ihm, ohne daß ich ſeine Aufmerkſamkeit auf mich zog. Der Tanz war im Saale von neuem eröffnet, die Muſik tönte rauſchend zu uns herauf, die ſchwebenden Geſtalten der Tänzer wirbelten im Kreiſe zu unſeren Füßen. „Ihr ſcheint Euch nicht in die Geſellſchaft miſchen zu wollen,“ redete ich ihn an, da er unerſchütterlich in ſeiner Stellung beharrte. „Ihr herrſcht von oben herab und leitet die Menſchen an den ge⸗ heimen Fäden ihrer Schwächen und ihrer Bedürfniſſe.“ Er war weder überraſcht, mich an ſeiner Seite zu ſehen, noch von dem Tone des Spottes, der mein Wort begleitete, verletzt. „Guter Freund,“ ſagte er kalt und trocken, ohne mich eines Blickes zu würdigen,„Ihr denkt mit mir ganz gleich über die Menſchen, nur iſt Euer Gefühl zu weichherzig, um ſich ihrer zu bemächtigen.“ Sehr dreiſt, dacht' ich, von einem Gaukler, eine Sympathie nit mir zu behaupten!„Ich fürchte, Ihr irrt Euch in mir,“ ſagte ich eben ſo kalt und abweiſend. — 288— „Das Ennui der Vergnügungen,“ murmelte Belmar finſter vor ſich hin,„liegt wie ein Dämon auf der Bildung dieſes Jahrhunderts.“ „Das Zeitalter hat keinen Glauben mehr,“ ſagte ich,„deshalb nehmt ihr Beſchlag auf ſeinen Aberglauben. Das heißt vielleicht die Teufel durch Belzebub, den oberſten der Teufel, austreiben.“ „Dies Geſchlecht iſt in Sünden ergraut,“ fuhr der Mann fort, „der Sumpf der Gewohnheit zieht Alle in ſeinen ſchlammigen Boden. Das iſt das tiefſte Leiden der Menſchheit, daß die Bedürfniſſe einen Jeden zum feigen Sklaven machen, während er frei geboren iſt und vom einfachen Quell der Natur trinken ſollte.“ „Ihr ſprecht, wenn mir recht iſt, einen Satz von Jean Jacques Rouſſeau nach!“ ſagte ich lächelnd. „Ich ſah ihn in Venedig,“ fiel Belmar ein,„r vergoß Thränen beim Anblick einer Magdalena, eines verlorenen ſchönen Weibes.“ „Thränen ſind freilich nicht die rechte Arznei, die man dem Menſchen bieten ſollte!“ ſagte ich ſpottend.„Wer ein Arzt ſein will, muß das Uebel mit demſelben Uebel, Gift mit Gift, heilen. Das ſcheint wenigſtens Euere Methode zu ſein, indem Ihr der leicht⸗ ſinnigen Welt mit allerlei Scherzen das Geiſterreich eröffnet. Ihr ſeid ein Meiſter in optiſchen Täuſchungen. Sind das die Geheim⸗ niſſe Euerer Loge vom heiligen Gral oder von rose et croix?“ „Die Welt will getäuſcht ſein!“ ſagte er, meine Frage über⸗ hörend. „Wenn Ihr Maurer ſeid“, fuhr ich fort,„ſo nimmt es mich Wunder, daß Ihr Euch zu dieſem Geſtändniſſe bequemt. Rabbi Laſſe, wenn er Wunder thun will, geht in's Kämmerlein zum Gebet; Ihr gebt Schauſtellungen für den gebildeten Pöbel!“ Er zuckte die Schultern und lächelte mühſam:„Geſellſchaftliche Scherze dürft Ihr nicht zu ſchwer nehmen, ſie genügen der eitlen Menge. Der Denkende, dem es um die Erforſchung der Wahrheit zu thun iſt, wird wohl die Spreu vom Weizen zu ſondern wiſſen und einſehen, daß nur für ihn die Geheimniſſe unſeres Bundes ſind.“ „Rabbi Laſſe“— unterbrach ich ihn. „Iſt Roſenkreuzer“, ſagte Belmar,„gehört zu uns, iſt einer der Wenigen, die Wiſſende und Könnende ſind, einer der wenig r vor erts.“ halb ht die fort, oden. einen tund cques vergoß chönen den t ſein eilen⸗ leicht⸗ zh ehein⸗ . s nich Luſſt, Ir ftliche eitlen htheit wiſſen ſm“ eine wenig Reinen, die gefunden haben, wo wir Andern, die wir von den Schlacken noch nicht befreit find, nur erſt ſuchen. Ich vor Allen trete zurück vor dieſem Gotterwählten, den die Natur bevorzugte, und der im Athem ſeines Mundes, im Schweiß ſeiner Glieder, in der Berührung ſeiner Hände magiſche Götterkraft beſitzt, um Wunder zu thun.“ „Ich wüßte gern“, ſagt' ich,„in welchem Zuſammenhange er mit Euch ſteht, Euere Sache würde damit rein vor mir erſcheinen.“ „Es ſteht Jedem frei, uns zu prüfen!“ ſagte Belmar beſcheiden. „Was gehört zu der Einweihung in Euern Bund?“ „Wachen, Faſten, Beten und gläubig ſein.“ „An Glauben, Euch gegenüber, bin ich noch arm“, ſagte ich, „er müßte mir erſt werden!“ „Verſuche, ob der Zweifel ſchwindet vor der tieferen Einſicht!“ „Ich habe nichts zu verlieren“, ſagt' ich,„ich bin bereit, Euere Geheimniſſe kennen zu lernen.“ „Dieſe Nacht wird Filippo Durazzo aufgenommen in den Bund. Du kannſt dich ihm anſchließen; aber nach den Geſetzen, die uns binden, muß Jeder einzeln die Prüfungen beſtehen.“ „Ich bin Maurer; ich will verſuchen, ob ich Roſenkreuzer wer⸗ den kann.“ „In den Genoſſenſchaften der Maurer“, ſagte Belmar,„ſehen wir die erſten Mittel zum Zweck. Die Maurerei iſt das ABC vom Buche des heiligen Roſierucius. Zu welchem höheren Grade der Maurerei Ihr reif ſeid, wird Euer eigenes Verhalten bei der Auf⸗ nahme zeigen. Es ſteht Euch jedoch mitten in den Prüfungen frei, zurückzutreten, widerſtreiten die Formen Euerer Ueberzeugung.“ „Wohlan, ſo führt mich,“ ſagte ich entſchloſſen. „Nimm dieſe Binde um, mein Sohn, du biſt ſchon zur Stelle; die Brüder ſind bereit dich zu empfangen!“ „Hier?“ fragte ich,„wo Ihr der eitlen Weltluſt fröhnt und huldigt? Ich meinte, ein Tempel ſei Euer Haus!“ „Wohl, ein Tempel des unſichtbaren Gottes, und wo zwei in ſeinem Namen verſammelt ſind, da iſt er mitten unter ihnen!“ D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 19 — 290— Zehntes Rapitel. Die Einweihung zum Roſenkreuzer. Ich knüpfte das Band um die Augen, erzählte Dubois weiter, und fühlte nur noch, daß ein dichter Schleier über meinen Kopf geworfen wurde. Eine Thür öffnete ſich, aber es ſchien nicht jene, die zur Geſellſchaft führte. An der Seite meines Führers ſchritt ich einen langen, ſchmalen Gang hinunter. Ich weiß nicht, wechſelte Belmar mehrmals die Hand, die er mir reichte, oder ging ich an einer Reihe vieler Menſchen hin, die ſie mir wechſelweiſe drückten. Meine Einbildungskraft ward in der Dunkelheit rege, ich glaubte mich ſchon in der Mitte der verſammelten Brüder. Es war jedoch Alles ſtill und ich wußte nicht mehr, an weſſen Seite ich eine kleine Wendeltreppe hinunterſtieg. Der Weg wurde dann uneben, ich fühlte einen ſteinernen Fußboden, der Lärm der Straße kam mir näher. Ein Riegel ſchob ſich auf und hinter mir zu. Ich ward in einen Wagen gehoben, mehrere Begleiter rückten ſich neben mir zurecht und im ſcharfen Trabe ward ich fortgeführt. Auf meine Frage, ob mein erſter Führer mich verlaſſen, ertönte aus fremdem Munde das Gebot, zu ſchweigen. Nach etwa fünf Minuten hielten wir und ſtiegen aus. Ich ließ mich eben ſo willig aus dem Wagen heben; ein Thorflügel, der hinter uns zufiel, ſchnitt uns von dem Geräuſch der Straße ab, tiefes Schweigen umgab mich wieder; ich war in einem ganz fernen, fremden Raum. Neue Führer, ſo ſchien es, reichten mir wieder links und rechts die Hand, ich glaubte vor einer langen Reihe von Men⸗ ſchen die Muſterung zu paſſiren; es war ſchwül im Raume, die Luft war dick, wie vom Athmen vieler Menſchen. So ward ich Trepp' auf und ab durch ein Gewirr von Gängen gezogen. Als wir Halt machten, ſchwand plötzlich mit einem donnernden Getöſe der Boden unter meinen Füßen; ich ſchwebte ſchaukelnd in der Luft, bis ich rücklings in ausgeſtreckter Lage wieder feſten Halt unter mir fühlte. Die Binde war mir von den Augen gefallen; aber ich ſtarrte nach wie vor in völlige Finſterniß. Ich tappte mit den Händen umher, ein verſchloſſener Raum hielt mich eng umfangen. Mit der Schwüle —— iter, Koyf jene, ſchritt chſelte ch an ickten. laubte jedoch kleine fühlte näher. einen t und mein Gebot, as⸗ flügel⸗ ße ab, fernen, links Men⸗ eAft uf Halt Poden tis ic e nach unher⸗ hwüle — 291— der Luft wandelte mich der Gedanke an, ich ſei lebendig eingeſargt. Wie ich ungeſtüm gegen den Deckel über mir ſtieß, fiel er zurück, und eine dämmerige Ampel beleuchtete von oben die kleine gewölbte Halle, in der ich mich befand. Das Gemach hatte ganz die Bauart einer Todtenkapelle, und ich blieb nicht ohne die Aufregungen von Furcht und Widerwillen, als ich aus meinem ſchwarzen Gehäuſe ſprang, deſſen Sargdecke ich ſchon von mir geſchüttelt. Ueber dem Stuhle neben mir lag ein dunkles Gewand nebſt Stab und Pilgerhut. Auf dem Tiſche lag ein Todtenſchädel, aus deſſen Augenhöhlen ein bläu— liches Licht funkelte. Brot und ein Krug Waſſer ſtanden bei Seite. Die lateiniſche Bibel lag aufgeſchlagen und mein Blick fiel auf die Stelle: Die reinen Herzens ſind, werden Gott ſchauen! Das iſt freilich der Wahlſpruch, dem ich huldigen möchte; und um mich her lagen die Symbole des geheimnißvollen Brunnens, wo man Wahrheit und reines Leben ſchöpft. Es ſchien, als ſollte der Neuling, der nach Wahrheit dürſtet, ſich auf die einfachen Elemente der Welt beſinnen. — Unter dem Buch der Bücher fand ich einen Abraxas, einen jener geſchnittenen Steine aus den Cabinetten der alten ägyptiſchen Tempel, auf dem die Namen Jao, Jehovah und Sabaoth wunderbar verſchlun— gen ſind. Ich erinnerte mich, daß Dante, der alte geweihte Dichter meines Volkes, die Gottheit in denſelben Symbolen ſchildert. Gott Vater ſitzt auf dem Stuhle im Mittelpunkt der Welt. Chriſtus ſchwingt ein Bündel Sonnenſtrahlen um ſein Haupt. Der Hahn, das Bild des frühen Erwachens, deutet auf den anbrechenden Morgen. Chriſtus trägt auf dem Schilde vor ſeiner Bruſt das Wort„Jao“ im Dreieck. Die Umſchrift des Steines, den ich vor mir hatte, lautete in Chiffern: Gib mir Gnade und Sieg, denn ich habe dich, der du warſt, der du biſt und ſein wirſt, bei deinem verborgenen Namen gerufen! Von dem Brot und Waſſer mochte ich nichts genießen, ich wollte die Faſten, die man mit mir bezweckte, ſtreng halten. Darin ſeid Ihr, Pfleger der alten Mutterkirche, Meiſter und Kenner der menſch— lichen Natur. Faſten und leiblich ſich bereiten thut's freilich nicht! ſprach der Reformator des Glaubens. Wohl aber thut's der Geiſt, der dabei zu ſich ſelber kommt! 195 — 292— Ich lehnte mich an die Wand zurück und gab meine Sinne an die Dämmerung hin, die ſich um mich breitete. Ein Kirchenchoral drang jetzt an mein Ohr. Wir haben ihn eingeſargt,— ſo ungefähr war der Sinn des Liedes,— und mit ihm zugleich die Irrthümer des Lebens, den Aberglauben der Völker und den Wahn aller Religionen. Frei von ihnen feiere ſein Geiſt die Auferſtehung!— Der Chor ſchwieg und eine Orgel wiederholte noch die einfache Weiſe des Liedes. Wie aus einem gelinden Sprach⸗ rohr, aus weiter Ferne und doch vernehmlich, erſcholl jetzt die Stimme eines Mannes, deſſen Geſtalt mir noch unſichtbar blieb. Ich ward feierlich befragt, ob ich in die Geſellſchaft zur Verbreitung der reinen Lehre aufgenommen ſein wolle. Auf meine Bejahung ſprach der Mann aus dem Dunkeln weiter; ſeine Stimme drang bis in die Tiefen meiner Seele.„So zeige dich ſtark,“ ſagte er,„dem herge⸗ brachten Glauben deiner Kirche, ſowie der Sitte und der Gewohnheit deines Volkes zu entſagen. Du trittſt hier der Wahrheit um einen Schritt näher. Beſinne dich und ſtehe mir Rede, wie du den Inhalt unſerer Ueberzeugungen aufzufaſſen vermagſt. Die alten Gnoſtiker, die aus den Kabbaliſten hervorgingen, ſagten ihren Eingeweihten, daß Der, welcher den Gekreuzigten anbete, auf der unterſten Stufe der Weſenleiter ſtehe, und daß im Gegentheil Derjenige, der die Kraft habe einzuſehen, ein Menſch könne kein allmächtiger Gott ſein, die tiefere Weisheit inne habe. Die Kreuzfahrer brachten dieſe Lehre aus dem Oriente und die Tempelherren, die dafür bluteten, haben ſich zu ihr bekannt. Mit ihnen begann die Reform des chriſtlichen Glaubens, und dieſe Wahrheit legte den Grundſtein zum wahren Tempel Salomonis, zur unſichtbaren Kirche, an welcher die Menſch⸗ heit ſo lange im Geheimen baut, bis Aller Auge das Sonnenlicht erträgt. Es iſt leichter zu einem Chriſtus, der Gott iſt, zu beten, als in ihm die wunderbare Kraft menſchlicher Vollkommenheit zu begreifen. Den ſchönen Mythus von der unverletzten Jungfräulich⸗ keit, die den Jeſus von Nazareth gebahr, wollen wir dir nicht rauben, er iſt älter als die chriſtliche Kirche, er gehört zu den älteſten Sagen, welche die Menſchheit von Anfang an in ihrem Schooße trug. Unter den Chineſen fühlte die Mutter des Chao⸗Hao bei'm Anblick eines Sternes, deſſen Licht in ihre Seele drang, lebendiges Leben ſe an ihn nit ölker Geiſt rholte rach timme ward einen h der ndie herge⸗ nheit einen nhalt lichen ahren enſch⸗ enlicht beten, it z ulich⸗ auben⸗ lteſten Unblil Lebel 293 unter ihrem Herzen. Bei andern kindlichen Völkern drängte ſich eine glänzende Wolke an den Buſen einer Jungfrau, und der Gott überſchattete ſie; oder ein Regenbogen, die Brücke zwiſchen Himmel und Erde, ſenkte ſich in ihr Herz, und ſie ward die Braut des Herrn. Bei den Aegyptern wiegte ſich die keuſche Iſis im Lotoskelch, dem Symbol der geheimnißvoll zeugenden Natur. Die erſten Chriſten nahmen die Roſe mit dem Dorn als Zeichen dieſes Geheimniſſes und als Roſa myſtica verehrten ſie die Jungfrau Maria. Wir wollen vom Glauben der Völker nicht den Duft verſcheuchen, noch das Far⸗ benſpiel, das ihn umgibt, mit roher Hand verwiſchen; aber wir, die Eingeweihten, die wir die Wiſſenden ſein wollen, müſſen Mährchen und Wahrheit unterſcheiden lernen. Amen! Steh' uns Rede, Neu⸗ ling, bevor wir dich zu den Geheimniſſen unſeres Tempels zulaſſen.“ Der Redner ſchwieg, und ich hätte wohl eines längeren Beſin⸗ nens bedurft, um über ſo tiefe Sachen in aller Einfalt und Klarheit mein Bewußtſein zuſammenzufaſſen. In der Rede, die ich vernommen, blieb ein Doppelſinn, ein Widerſpruch zu löſen übrig. Chriſtus ſoll nicht Gott ſein! hatte die Stimme aus dem Dunkeln geſagt. Chriſtus ein Menſch? Nun wohl! Wenn er aber ein ſo göttlich reiner Menſch war, daß kein Fehl an ihm befunden wurde, warum ſoll ich ſeine heilige Natur nicht eine göttliche nennen? Sind wir alle Kinder Gottes, warum iſt er dann nicht der Sohn, der einzig reine, wahr— hafte, und darum bis in alle Ewigkeit gültige? Warum, wenn es der Brücke zwiſchen Himmel und Erde bedarf, halt' ich nicht an dieſem Grundpfeiler der Wahrheit feſt? Ihr Männer da im Finſtern, dachte ich, deren dunkle Weisheit ich gern ganz klar faſſen möchte, Ihr habt da im Glauben der Menſchen einen Unterſchied aufgerufen, den die Welt bisher wohl noch nicht kannte. Ihr wollt nicht, daß ich im Heiland den Gott anbete, welcher Menſch ward; aber Ihr gebt zu, den Menſchen in ihm zu ſehen, der den Quell der Gottheit in ſich entdeckte. Die Menſchen brauchen vielleicht einen Gott in ſeiner Perſon. Was die Völker bedürfen, das glauben ſie, und was ſie glauben, iſt ihre Wahrheit. Mich freilich drängt es mehr, einen Bruder von gleicher Art und gleichem Blute in ihm zu ſehen, der mir die Möglichkeit beſtätigt, der reine Menſch könne noch allezeit das Göttliche in ſich ſelbſt finden. Er hat den Gott im Menſchen — 204 entdeckt, warum ſoll ich ihn nicht Gott nennen? Und wenn Ihr den Zwieſpalt in den Religionen tilgen wollt, nun ſo denk' ich, hierin liegt der feſte Mittelpunkt der Eintracht aller Zeiten und aller Völker! Laßt mir wenigſtens die Freiheit, über dies Geheimniß zu denken wie ich es vermag! Ich ſprach dieſe meine Meinung, wie ich ſie damals hegte, ziem⸗ lich feſt und ſicher aus. Die Wand mir zur Seite öffnete ſich und in einem weiten Talar, mit den Symbolen eines Prieſters aus dem Orient, trat der Sprecher zu mir in's Gemach.— Joſeph, mein junger Freund, ich glaube, es war dein Vater, es war der Mann, deſſen Bild hier vor uns ſteht!— Er ging ſchweigend auf mich zu, legte die Arme auf c meine Schultern und küßte meine Stirn.„Ich begrüße dich hier⸗ mit,“ ſagte er feierlich,„als Neophyt unſeres Bundes, als Sohn der unſichtbaren Kirche, als Bruder der reinen Lehre!“ „Ich habe nichts gethan,“ ſagte ich,„als einen Zweifel erhoben, ob ihr wohl klar genug den Punkt der Eintracht für alle Menſchen gefunden!“ „Nichts als einen Zweifel?“ entgegnete der Abbé der Waldenſer. „O! mein Freund, der Zweifel iſt der Anfang des Wiſſens; das lehren dir ſchon die alten griechiſchen Weiſen. Im Gefühl des Zwieſpaltes liegt der Beginn der Eintracht, die Sehnſucht nach ihr. Das iſt ja eben das Unheil in den chriſtlichen Secten, daß ſie in der Ueberzeugung von ihrer Alleingültigkeit nicht zum Gefühl des großen Unglücks in der Spaltung kommen!“ Er wechſelte mit mir die Zeichen des Bundes, ziemlich dieſelben, wie ſie in den Logen der Maurer üblich ſind; dann ſteckte er mir einen Ring an den Finger und das Werk war gethan, ich ward bei Nacht und Nebel ein Mitglied der reinen Lehre, ein Candidat zur Roſenkreuzerei. Ich beſchloß, der Dinge, die da kommen konnten, gewärtig zu ſein, meinen Sinn aber nimmer gefangen nehmen zu laſſen. Der Sprecher verſchwand, als ein Männerchor aus der Ferne einen Lobgeſang des Höchſten begann. Raſch wechſelte dann die Scene um mich her und es begann hinter den Wänden, über der Decke und unter dem Fußboden eine raſchelnde Bewegung, als wenn Inr allet Sohn oben, ſchen enſet. ehren iegt eben gung ks in lben, nir d bei tzut mten, en j ßernt n die der wenn — 295— hundert geſchäftige Hände die kleine Halle zertrümmern wollten. Die Ampel erloſch und nur der Todtenkopf gab aus den Augenhöhlen ſein bläuliches Licht von ſich. Nach einer langen Stille erſcholl von oben herab eine Stimme:„Verlangſt du, wie man uns ſagt, Ein⸗ tritt in den Tempel Salomonis?“ „Zeigt mir den Tempel!“ ſprach ich,„und ich will Euch Ant⸗ wort geben, ob mich nach der Einweihung in Euern geheimen Dienſt gelüſtet!“ „So thue dein profanes Kleid ab, hülle dich in die Pilgertracht, die vor dir liegt, nimm den hänfenen Strick um den Leib und ſtrecke dich abermals in die vier Bretter des engen Sarges, der den Leib des Sterblichen umfängt, bevor ſein Geiſt zur Wiedergeburt in den Tempel des Lichts tritt.“ Ich that, wie mir befohlen, und der Deckel des Sarges fiel über mir zu. Bald aber nöthigte mich die Beklemmung in dem engen Raume, die bretterne Hülle wieder von mir zu ſtoßen. Es war noch dieſelbe Halle, die mich umfing, aber Kerzen brannten rings im Gewölbe und ein Kreis ſchwarz verhüllter Geſtalten umringte mich. Der eine der Vermummten, der am Fuße des Sarges ſtand, lüftete ſeinen Mantel, und ich glaubte in bekannte Züge zu blicken, ich glaubte meinen Lehrer, den Pater Euſebio, in einer zweiten Geſtalt den Cardinal Bernis zu erkennen. „Unſer Glaube,“ ſo begann der prieſterliche Sprecher wieder, „unſer Glaube iſt nicht der Glaube der Welt. Wir ſuchen das Dunkel, weil das Auge der Sterblichen noch nicht das helle Licht erträgt. So gelobe, bevor deine Prüfungen beginnen, heiliges Stillſchweigen über Ort, Zeit und Perſonen, die dich umgeben. Unſer Bund will die Menſchheit in ihre Rechte ſetzen, aber die Menſchheit iſt es, die unſer Thun noch verkennt und verfolgt. Die Wahrheit iſt auf dem Schauplatze der Erde noch immer ein Märtyrerthum. Schwöre alſo, Zeit deines Lebens geheim zu halten, was du in dieſer Nacht bei deiner Einweihung ſiehſt und hörſt!“ Die Männer entblößten ihre Degen, die Klingen blitzten im Schein der Kerzen, die zwölf Spitzen waren plötzlich auf meine Bruſt geſenkt. Ich ſprach den Eid nach der Formel des Redners, aber doch mit dem Vorbehalt meines freien Zurücktritts. Ich weiß nicht, — 296— überhörten oder mißachteten ſie meine Verwahrung; und wenn ich in dieſem Augenblicke, mit dieſer Erzählung, das Gelübde breche, ſo ge⸗ ſchieht es, weil meine Einweihung unterbrochen wurde, eine halbe Aufnahme in den Bund aber nicht bindet. Ich bin nicht völlig aufgenommen; ich leiſtete den Eid nur unter einer Bedingung, die nicht erfüllt wurde. „Wo du ihn brichſt, den Eid, ſo harret dein der Tod!“ ertönte es aus dem Munde der Zwölf. Ein zuckender Blitz und ein rollender Donner folgte dieſen Worten. „Genug, genug!“ rief ich.„Wozu ſucht Ihr mich zu ſchrecken? Zeigt mir die Geſtalt Eurer Wahrheit!“ Ich hatte mich raſch erhoben, um den Redner in's Auge zu faſſen. Er trat hinter die Vermummten zurück. In meinem Rücken ertönte die Antwort:„Iſis, die heilige Mutter der Natur, zu der wir beten, verhüllt dir ihre eigentliche Geſtalt, bis du den ſiebenten Grad eines Roſenkreuzers erreicht haben wirſt. Lerne zuvor ihre Schleier und die Symbole unſerer Maurerei verſtehen, und ant⸗ worte auf die vorgelegten Fragen, damit wir daraus erkennen, welchem Grade du entgegenreifeſt. Wenn die erſte Hülle von der geheimniß— vollen Göttin fällt, ſo wirſt du vier Thiere erblicken, die ſie umgeben. Lerne im Löwen die Erde, im Delphin das Waſſer, im Adler die Luft, im Salamander das Feuer erkennen!“ Mit flammenden Zügen erſchien die Geſtalt der Göttin, mit den vier Elementen bildlich umgeben, an der dunkeln Wand vor mir. „Glaubſt du,“ fuhr der Redner fort,„daß dieſe Elemente dem Geiſte dienſtbar ſind?“ „Welchem Geiſte?“ fragte ich. Der Sprecher ſchwieg. „Es gibt der Geiſter viele,“ fuhr ich fort.„Wenn ich meine Seele rein halte von aller Befleckung des Irdiſchen, frei von der Trübung der Begierde; wenn ich mein mißgeſtaltetes Ich und die mißgeformte Welt um mich her vergeſſe, den Urquell der Dinge wie⸗ derfinde und jenen ſtillen See betrete, auf deſſen Waſſern der Geiſt Gottes ſchwebt: habe ich dann Gewalt über die Natur, bin ich dann mächtig über die Elemente? Ich kenne einen edlen Juden, der durch die Kraft des Gebetes die Bande des Todes ſprengt. Iſt das eine K h in ge⸗ halbe öllig die tönte nder cen? e zu ücken det nten ihre ant⸗ chem niß⸗ eben. die den dem eine der die wie⸗ eiſt nn urch eine — 297— Kraft des Roſenkreuzers? Ich glaube, daß der reine Geiſt das ver⸗ mag, glaube, daß ſeine Kräfte ſich in geweihten Augenblicken aus⸗ dehnen über die Welt, das Auge weiter ſieht, das Ohr tiefer hinein⸗ horcht in den Zuſammenhang der Dinge. Ich glaube, daß die Elemente dem reinen, gotterfüllten Willen dienſtbar ſind. Aber ich will von Euch die Beweiſe ſehen, ob die reinen, die wiſſenden, die mächtigen Geiſter Euch dienen. An mir iſt es, Euch zu prüfen, ſoll ich an Euch glauben.“ Es war ſehr ſtille im Raume; der Redner hatte ſein Wort ver— loren, ein Anderer ſchien ihn nicht ablöſen zu wollen. Hatte ſie meine dreiſte Sprache irre gemacht?— Ich fuhr fort:„Man fabelt von einer Kunſt, die Metalle aufzulöſen und neu zuſammenzuſetzen, eine Wiſſenſchaft, die Materia prima, jene Subſtanz, aus der Gott den erſten Menſchen ſchon in ſeiner Leiblichkeit unſterblich ſchuf, wieder aufzufinden. Ich höre von der Gabe, das phyſiſche Leben zu ver⸗ längern. Um hier glauben zu können, verlange ich Thaten, ſoll ich Euer Werk für mehr als bloße Täuſchung und Blendwerk halten. Ruft mir Geiſter herbei aus der Vergangenheit, aus der Zukunft, einen Geiſt, der mir Rede ſteht über mein Schickſal, Rede ſteht über einen dunkeln Punkt meines Lebens!“ Unter den Männern vor mir machte ſich eine Bewegung merklich. „Zeichen und Wunder ſollen dir in Zukunft werden!“ ſprach der Redner.„Jetzt fehlen dir noch die Sinne zur tiefern Wahrnehmung des Ueberirdiſchen! Du wirſt draußen harren müſſen, bis ein heller Wetterſchlag der Wahrheit dir die verſchloſſene Pforte zum Tempel des Lichtes öffnet. Lerne zunächſt die Symbole unſeres Bundes kennen.“ Auf ein gegebenes Zeichen erſchien an der Wand ein großes lateiniſches T, das auch zugleich die Form des chriſtlichen Kreuzes abgeben konnte. An ſeinem Fuße kauerte ein Pelikan, der ſeine Jungen mit dem eigenen Herzblute nährte. Dies ward mir als das Bild gedeutet, unter welchem die Roſenkreuzer arbeiteten. Auf die Frage, ob ich die Kabbala kenne, mußt' ich mit Nein antworten und erhielt die Deutung, ſie ſei die mündliche Ueberlieferung, welche Moſes in den vierzig Tagen und Nächten auf dem Sinai von Gott empfing. Mündlich ging ſie auf Joſua, auf die ſiebenzig Aelteſten — 298— und auf die Propheten über und wurde, als die eigentliche Auslegung des Geſetzes, von Geſchlecht zu Geſchlecht fortgepflanzt. dem ſie aufgezeichnet, ward ſie nie überſetzt, damit ſie Sprachen andere Deutung erhielte.„Der Tempel, Auch nach⸗ nicht in andern in welchen du morgen als Laie treten wirſt,“ ſagte der Sprecher,„iſt demjenigen rähnlich, in welchem die Freimaurer arbeiten. wahren Lichts wollen wir dir einige Zeichen deuten, ganz als Neuling unter die Brüder trittſt. Als die Leviten des damit du nicht Der Kandelaber mit ſieben Armen und ſieben Lichtern deutet auf die ſieben Planeten und die ſieben Wiſſenſchaften. Die zwei Säulen, die du erblicken wirſt, erinnern an die Wolke, die den Kindern Israel am Tage voranging, und an das Feuer, das ſie bei Nacht durch die Wüſte führte. Mit Granatäpfeln und Lilien ſind unſere Hallen, wie der Tempel Salomo's, geſchmückt und in der Vereinigung dieſer Symbole haſt du dir reine Freundſchaft und unſchuldige Geſelligkeit zu denken. Der Stern der Maurer iſt der Stern der heiligen drei Könige, die nicht weltliche Fürſten waren, ſondern Magier. Dieſer Stern lei Maurer auf allen ſeinen Wegen. Wenn du auch un zweigen geſchmückt ſiehſt, ſo erkenne in dieſem sign Holz, aus welchem das Kreuz Chriſti gezimmert wurde. bedeutet uns eine Trauer, auf die bald Freude folgt. hatten den kubiſchen Stein, einen Eckpfeiler vom ze Salomo's mit geheimer Inſchrift. Auch die Maurere dell aller andern Steine und ſeine Inſchrift iſt für tet den ächten s mit Akazien⸗ um salutis das Dieſer Baum Die Leviten rſtörten Tempel i hat dies Mo⸗ ſie nicht mehr geheim, ſie lautet: Brüderliche Liebe, Hülfe, Wahrheit! Unter Win⸗ kelmaß und Compaß verſtehen wir die Verbindung des alten Geſetzes mit dem Gebote der Menſchenliebe. Das Buch mit den ſieben Sie⸗ geln deute dir nach deinem Gefallen, entweder als die heilige Schrift mit den ſieben Wiſſenſchaften, der Kirche, wenn du römiſch biſt. die geheime Zahl deutlicher werden. das Myſterium des verlorenen Wortes, das noch heute rer Geltung hat. ſchaft den Tod ihres göttlichen Meiſters betrauerten, unter dieſem Hiram die Freiheit, den Glanz und die Volkes. Als Roſenkreuzer oder mit den ſieben Sacramenten wird dir ſpäter Die Leviten feierten ein Feſt, für den Mau⸗ Wenn die Juden in der babyloniſchen Gefangen⸗ ſo meinten ſie Herrſchaft ihres Auch uns iſt Hiram ein Meiſter und Märtyrer, und ein legung nach⸗ andern en du enigen en des nicht er mit nund wirſt, nging, Mit omo', eine rn der eltliche ächten kazien⸗ is das Baun Lviten Lenyel s Mo⸗ t mehl Win⸗ eſetzes n Sit⸗ Schrift menten ſpätel n Feſ. Mal⸗ fangen⸗ ten ſie tihns nd ein altes Maurerſyſtem ſagt, Hiram ſei Chriſtus und ſeine drei Mörder ſeien Judas, Kaiphas und Pilatus. Wenn du auch uns bei den Arbeiten in der einen Hand die Kelle, in der andern den Degen führen ſiehſt, wie der Maurer im Grade des ſchottiſchen Ritters er— ſcheint, ſo ſchlag' das Buch Nehemiä auf, und du wirſt erfahren, daß der neue Tempelbau alſo begonnen ward, die Kelle ihn förderte, der Degen ihn gegen die Feinde ſchützte. Lerne überhaupt begreifen, daß die wahre Maurerei das Ergebniß dreier Religionen iſt; aus dem, was Aegypter, Juden und Chriſten der Welt überlieferten, er— wächſt der neue Tempelbau für die Menſchheit. Und hiermit“ ſchloß der Mann ſeine Rede—„indem ich dich als Maurer und Bruder begrüße, um dich dereinſt zum Roſenkreuzer heranreifen zu ſehen, lerne das Zeichen kennen, unter welchem du dich den Genoſſen kenntlich machſt.“ Ich wiederholte das Zeichen im Kreiſe der Zwölf und Jeder verſchwand, nachdem ich es mit ihm gewechſelt. Ich war nun überzeugt, daß die Loge Bose et Croix ihr beſon— deres Maurerſyſtem habe. Eine Zeitlang beſchäftigte mich noch der neue Zuſammenhang der Zeichen, die ich in meiner bisherigen Maurer⸗ loge anders geordnet fand. Körper und Seele waren mir endlich abgemüdet, die Nacht mußte vorüber ſein, und ich ſank ermattet in einen tiefen Schlaf. Draußen ſtand vielleicht die Sonne ſchon hoch, als ich, vom Bedürfniß nach Speiſe gequält, erwachte. Ich fand mich in derſelben Umgebung wieder. Nur ein ſilberner Pokal, der vor mir auf dem Boden ſtand, zog meine Neugier auf ſich; eine grüne, dicke Flüſſigkeit blinkte im ſchimmernden Gefäße. Ich führte ihn raſch an meine Lippen. Der betäubende Duft reizte mich, aber ein leiſer Schauer, der mich plötzlich ſchüttelte, hieß mich auf den Genuß des Trankes verzichten. Ich dachte nicht an Gift, aber ich bin doch Italiener genug, um Tränke zu kennen, die den Geiſt gefangen nehmen, indem ſie eine gewiſſe narkotiſche Begeiſterung hervorrufen. Vielleicht ſteckte in dieſem dunkelgrünen Weine die Befähigung, Geiſter zu ſehen. Ich wollte mit nüchternen Sinnen den Geheimniſſen und den Offen⸗ barungen entgegengehen, die man mir bereitete. Um jeder Verſuchung zu entgehen, ſchüttete ich raſch den Inhalt des Gefäßes an den Boden — 300— und bedeckte die feuchte Stelle mit dem Kruge. In demſelben Augen⸗ blicke hört' ich ſchon Tritte; zwei neue Geſtalten traten ein und grüßten mich als Bruder mit dem Gruße des Bundes. Der Eine hob den Pokal in die Höhe und überreichte ihn dem Zweiten mit einem Augenwink, an dem ich wahrnahm, daß es ihnen nicht gleich⸗ gültig ſchien, ihn geleert zu ſehen. Wie ich mich bereit erklärte, ihnen zu folgen, tauchten ſie ein Stirnband in eine rothe Flüſſigkeit und knüpften es mir um den Kopf. Sie ſelbſt trugen ein gleiches; ich hatte die Vorſtellung, es ſei mit warmem Aether durchnetzt. Ich fühlte mein Blut in Wallung gerathen; vielleicht fehlte mir nur noch die Wirkung des dunkelgrünen Weines, um einen Dämon des Auf⸗ ruhrs in mir zu entzünden. „Du biſt ſchon zur Stelle,“ hieß es, als ich auf die Thür deu⸗ tete. Ich blickte um mich, und in der That hatte ſich der Schauplatz um mich her verwandelt. Es war noch dieſelbe Grotte, grau und fahl, aber die Wände ſchimmerten durchſichtig und löſten ſich wie Nebel auf. Die Felder im Mauerwerk wurden lebendig, ſeltſame Thier- und Menſchengeſtalten, mich zu ſchrecken uͤnd zu locken, traten mir entgegen, und wichen zurück, wenn ich nach ihnen griff. Meine beiden Führer waren verſchwunden. Aus der Ferne ertönte eine Muſik, deren ſanfte Accorde immer mächtiger anſchwollen. Die Kerzen um mich her vereinigten ſich zu einem Strahlenkranz und aus den ungewiſſen Wolken, in die ſich die Wände des Gemachs auflöſten, hoben ſich dunkelrothe Säulen, aus deren Knäufen und Capitälern lebendige Blumen mit buntem Farbenſpiel hervorſprangen. Die kleine Todtenhalle hatte ſich nach und nach in einen ſtrahlenden Feſttempel umgeſtaltet, deſſen Kerzenſchein das Licht des Tages beſchämen konnte. Ich ſtand in einer offenen Rotunde, die den Mittelpunkt von mehreren Hallen abgab, die ſich nach den vier Himmelsgegenden öffneten. Ich ſah alle die Inſignien, die mir der Sprecher gedeutet hatte, den Stern, die Akazien, die Candelaber; nur die Lotosblume, die ſich in rieſen⸗ hafter Geſtalt mitten in der Rotunde aus dem Boden erhob, war mir noch neu. Der Stengel ragte wie ein Baum in die Kuppel hinauf. Ihre Blätter ſchloſſen ſich oben zu einem Kelch zuſammen; das Gewölbe über ihr gab den Anblick des geſtirnten Himmels. Ich at e in inz l hi Mol Be Re De e j lit be ur noch M⸗ ir deu⸗ auplatz u und ch wie ſtſame traten Meine e eine Kerzen us den löſten, itilern kleine tenpel onnte⸗ hreren ich ſoh Sten, „war ſuypel nmen 30 war in dieſem glänzenden Gebäude mit meinem dunkeln Pilgergewand der einzige unſcheinbare Gegenſtand. Es dauerte nicht lange, ſo füllte ſich die eine der vier Feſthallen, die an den mittleren Tempel ſtießen, mit Geſtalten in vielerlei Tracht, dunkelblau, himmelblau, blau und weiß, Einige mit rothen Mänteln, vielleicht je nach dem Grade und der Bedeutung ihrer Würde. Wäh⸗ rend eine Harmonika ihr nervendurchzitterndes, ſeelenzernagendes Spiel begann, gruppirten ſich Alle um eine hervorragende Geſtalt, vor der ſie die Akazienzweige ſenkten. Wie die alten Hierophanten trug dieſer ihr Meiſter auf einem Gabelkreuz eine Platte von Metall, auf der ich die Worte las: Wahrheit, Weisheit. Alles in ſeinem Anzuge ſchien ſinnreich. Ueber dem geſtickten purpurnen Gewand trug er ein Oberkleid von der Farbe der Unſchuld. Ein Diadem, mit Edelſteinen geziert, deren Zuſammenſtellung auf die Macht Gottes deutete, zierte ſeine Stirn. Als die ſinnverwirrenden Glastöne des Inſtrumentes ſchwiegen, ertönte aus dem Kelch der Lotosblume eine ſehnſüchtig llagende Frauenſtimme:„Iſis ruft Euch Sterbliche! Wer wird den Schleier heben, der mich verhüllt! Ich ſeufze ſchon Jahrhunderte lang nach Erlöſung!“ So erſcholl es aus der ſingenden Blume, und es war mir, als regte ſich im Kelch ein ſchmerzbeklommenes Herz, als ſei jedes Blatt ein Arm, der himmelan nach Hülfe griff. Die Verſammelten waren inzwiſchen niedergekniet, nur der Großmeiſter ſtand aufrecht, den Blick auf mich gerichtet. Sein Haupt umſtrahlte mit zitternden Flammen ein dunkelrother Schein. Er trat auf mich zu und winkte mir näher. Es war mir ein ganz fremder Mann; weder Euſebio, noch Bernis, noch den Abbé ſah ich mehr unter den Verſammelten; Belmar habe ich bei all' den Vorgängen der Einweihung nicht be— merkt; vielleicht war er der Lenker der Maſchinerien, der verborgene Deus in machina. „Neuling,“ ſprach der Großmeiſter, der jetzt vor mir ſtand,„die enge Zelle des Grabes hat ſich um dich her in eine Feſthalle der Freude verwandelt. Alſo iſt der Uebergang von der Finſterniß zum Licht, vom Tode zum Leben; in dem kleinen Punkt des Erdendaſeins liegt der Ring der Ewigkeiten. Unſer Streben iſt, aus dem Gege⸗ benen die Zukunft, aus dem Bekannten das noch Verborgene zu ent⸗ — 302— wickeln. Wir heißen dich, willſt du an unſeren Arbeiten theilnehmen, in dieſem Kreiſe willkommen und werden dich mit den Inſignien einer unteren Stufe unſeres Bundes bekleiden. An dem kleinen Ringe, den ich an deinen Finger ſtecke, findeſt du die vier Buchſtaben I. A. A. T. Sie bedeuten: Ignis, Aör, Aqua, Terra. Es ſtrebt der Geiſt allerdings, wie du eine Ahnung davon haſt, die vier Ele⸗ mente ſich dienſtbar zu machen. Aber weder im Feuer, noch in der Luft, im Waſſer und in der Erde biſt du heimiſch. Lerne nach und nach die Gewalten kennen und in ihrer Kenntniß die Macht, ſie zu beherrſchen. Kenntniß iſt Macht. Dir ſteht jetzt eine Frage frei an die elementare Geiſterwelt, und wofern dein Sinn rein, dein Herz voll Zuverſicht und Vertrauen iſt auf den göttlichen Baumeiſter der Welt, wird dich die Pythia unſeres Bundes, die in den Blättern der Lotosblume ſchläft, erhören. Tritt jetzt zurück in die kleine dunkle Halle zur Seite, überblicke dein Leben und ſammle deine Gedanken zu einem Wunſch, der dein Schickſal berührt und deinem Herzen der liebſte iſt.“ Er ſchwieg und der Geſang begann von neuem. Während deſſen hatten mich dienende Brüder mit der Schürze bekleidet, mir Winkel⸗ maß und Kelle in die Hände gedrückt. Als ſich neue Ankömmlinge in der noch leer gebliebenen Halle zeigten, ward ich raſch in ein kleines dunkles Seitengemach geführt, wo ich abgeſchloſſen mir ſelbſt über⸗ laſſen blieb. Ich ſetzte mich ermüdet auf den Säulenſchaft und ver⸗ ſank in die Träumerei meiner Empfindungen. Was mir bis jetzt von dem Orden der Roſenkreuzer vorgeführt war, widerſtritt nicht meiner Ueberzeugung von der Nothwendigkeit gewiſſer Formeln eines Geheim⸗ bundes. Es war ſelbſt für mich als Maurer nicht widerfinnig. Allein in den Geheimniſſen ſteckte als Kern die Kraft des großen Roſicrucius, die Zukunft zu wiſſen und aus der Vergangenheit eines Menſchen⸗ lebens die verborgenen Stellen zu kennen. Da ſammelten ſich denn bald meine Wünſche um den einen Punkt meines Lebens, den Punkt meiner dunklen Herkunft. Ein Findelkind ward ich dem Orden über⸗ geben, angeblich auf das Gelübde Derer, die mich in's Leben geſetzt. War ich eine Waiſe? War ich geraubt, eine willenloſe Beute frem⸗ der Gewalten, deren Herrſchaft über mich ich nicht anerkennen durfte? Wurde mir hierüber Aufſchluß,— das war mein Vorſatz,— ſo wo nit ſei kra Wo 6 Me tro i B we be w he hnen, einer inge, ſtaben ſtrebt Ele⸗ n der h und ſie zu rei an en er der lättern dunkle anken en der deſſen inkel⸗ mlinge leines über⸗ dwe tzt von meinr jhein⸗ Allein rueius, nſchel⸗ den Punk nüber geſetzt fren⸗ dft — ſt wollte ich den Eid noch einmal ohne Vorbehalt ſchwören, dem Bunde mit allen Kräften zugehören, mir gleichviel, ob ihm dieſe Kunde aus ſeiner weiten Verbrüderung und äußeren Macht, oder aus geheimer Offenbarung einer ihm innewohnenden, mir noch unbekannten Geiſtes⸗ kraft gekommen. Ich war auf die Pythia in der Lotosblume verwieſen; wohlan, ich wollte ſie prüfen, dieſe myſtiſche Roſe entblättern. Es mochte eine Stunde verſtrichen ſein, als der Act meiner Einweihung wieder aufgenommen wurde. Die Grotte, in der ich, meinem Nachſinnen überlaſſen, abgeſperrt war, öffnete ſich, und ich trat wieder in den Glanz der Rotunde mit der Kuppel, in deren Mitte der baumhohe Stengel der Lotosblume mit ihren Blättern wie eine Palme hinaufragte. Oben in der Krone, in den noch geſchloſſenen Blättern der weißen Rosa mystica nahm ich eine zitternde Bewegung wahr, als rege ſich dort ſchon in einer Geſtalt die Prieſterin der Iſis. Der Großmeiſter trat auf mich zu und redete mich an. Ich bejahte die Frage, ob ich in der Stille mit mir einig geworden, welche Frage ich der Pythia des Bundes vorlegen wolle.„Beſcheiden⸗ heit, Demuth und Vertrauen,“ ſagte der Mann,„ſeien die Tugenden des würdigen Neophyten; von meiner Frage werde der Grad meiner Reife abhängen.“ „Und von der Antwort,“ ſagte ich,„der Grad der Glaubwürdig⸗ keit des Bundes.“ „Es gehört zu den Regeln dieſes Bundes,“ ſagte der Großmeiſter, „daß der Neuling nochmals von dieſem Kelche trinkt, bevor ihm der Kelch der heiligen Blume ſich erſchließt; man reiche ihm den Pokal!“ Der Ceremonienmeiſter hielt ihn ſchon gefüllt in der Hand. So ſollte dieſer Kelch denn doch nicht von mir gehen! Es war der— ſelbe Becher, den ich ſchon kannte; dieſelbe grüne Flüſſigkeit blinkte mir entgegen.„Ich bedarf der Unterſtützung meiner Kräfte nicht!“ ſagte ich und nahm den Pokal zögernd. „Die Sitte will es,“ ſagte der Großmeiſter,„daß, wenn du zweifelſt, ein Gefährte mit dir trinkt. Wer von den ſo eben Ein— geweihten trinkt dem Zweifler zu?“ Auf die Stille im Raume folgte hinter dem einen Vorhang eine Bewegung. Filippo Durazzo trat hervor und ſtreckte die Hand aus. Er war in eine feuerfarbene Toga gehüllt, ein flammendes Diadem — 304— leuchtete um ſeine Schläfe, ſein Auge glühte in trunkener Entzündung. „Mir den Pokal!“ rief er laut,„ich, der letzte Eingeweihte dieſer Nacht, trinke ihm zu. Heil ihm, wenn er glaubt, Unheil, wenn er zaudert! Dem geheimnißvollen Orient gehören wir an, ich trinke ihm als Maurer eines höheren Grades zu!“ Er war auf mich zugeſtürzt, riß den Becher an ſich und trank. Ich war gezwungen, es ihm nachzuthun und leerte den noch übrigen Inhalt des Kelches. Ein Feuerſtrahl durchdrang meine Adern, hob meine Empfindung wie auf Flügeln.„Jetzt oder nie,“ rief es in mir,„wirſt du Geiſter ſehen!“ Und dennoch gelobte ich mir, nüch⸗ tern den Geheimniſſen entgegenzutreten. Der Großmeiſter ergriff meine Hand und legte die Binde um mein Haupt. Am Geräuſch um mich her nahm ich wahr, daß die Vorhänge der Seitenhallen nach allen vier Weltgegenden zurück⸗ rauſchten, am Gewühl der heranwogenden Menge, daß die Zeugen des Orakels bereit ſtanden, die Rotunde ſich füllte, während ein bald ſanfter und ſchmelzelnder, bald ſtark aufſchwellender Harmonikaton meine Sinne gefangen nahm. Ich ward dreimal im Saale herum⸗ geführt, hörte das Raſcheln der Gewänder, fühlte die Nähe hin- und herwogender Menſchen, bis plötzlich die Muſik ſchwieg und eine Stimme von oben erſcholl:„Iſis ruft! Sie ſchläft den heiligen Schlaf, aber ſie ſpricht im Traum, die Gottheit hat ihr die ſieben Siegel vom Buche des Lebens gelöſt!“ „So ſteig' denn hinauf, Jüngling,“ ſagte der Großmeiſter, der mich an der Hand hielt,„und befrage dein Schickſal.“ Er führte mich mehrere Stufen hinauf und ließ mich dann allein. Ich war dem untern Raum entrückt; an dem Schimmer, der meine Augenbinde durchdrang, fühlte ich mich dem Strahlenkranze der Kuppel nahe.„Sprich dein Begehr,“ hieß es,„neige dann dein Ohr und beuge dich, denn du ſtehſt vor der Lotosblume!“— Ein Rauſchen wie von Blättern, die ſich entfalteten, ſchien mir das zu beſtätigen.„Darf ich laut und vernehmlich die Pythia befragen, oder muß ich mein Schickſal geheim vernehmen?“—„Es ſteht dir frei!“ lautete die Erwiederung von unten her.—„Wohlan!“ ſprach ich, daß es laut im Raume ſchallte,„ſo will ich denn, wie es meiner Natur geziemt, offen und frank meine Frage ſtellen, nicht, um freventlich U ew U di Un O G zw we do we ung. ieſer n er rinke rank. tigen hob s in nüch⸗ e unm f die urüc⸗ ugen bald katon rum⸗ und timme er ſie Buhe dp del danſ t, der franze ndein Ein s zu ragen⸗ ht dir ſu⸗ meinel enllih 305 und tollkühn die Enthüllung von Geheimniſſen zu fordern, die der ewige Schöpfer vielleicht in ſeiner Weisheit dem ſterblichen Geiſte entzieht; auch nicht um die Geheimkunde der Brüder über die Zukunft und Unſterblichkeit auf die gewagte Probe zu ſtellen. Ich glaube an die Gemeinſchaft edler Gemüther, die ſich insgeheim verbrüdern müſſen, um dem Streben nach den Offenbarungen der Wahrheit Schutz und Schirm gegen den Fanatismus der Dummheit und des blöden Aber⸗ glaubens zu ſichern; ich glaube, daß die Menſchheit heranwächſt zur Erkenntniß des Wahren, und dieſe Wahrheit in der Verſöhnung zwiſchen Gott und Natur zu ſuchen iſt. Ich glaube an die Noth⸗ wendigkeit der Geheimhaltung gewiſſer Entdeckungen, für deren Licht das Auge der Menge noch zu umdunkelt iſt, um nicht geblendet zu werden; ich glaube, daß das Chriſtenthum der Zukunft nicht mehr die Natur knechten, ſondern erlöſen wird vom Wahn; ich glaube an die Gemeinſchaft edler Männer, die den nachtumflorten Blick der Menſchen aufhellen und das Jahrhundert der Freiheit heraufbeſchwören werden. Ich bin weit entfernt davon, dieſes Licht und dieſe Freiheit einem un— reifen Geſchlechte aufnöthigen zu wollen. Aber ich will, wo ich die Reife des Bewußtſeins dafür erkenne, kein Dunkel und keine Knechtſchaft dulden. Ich ſträube mich gegen Dunkel und Knechtſchaft meines eignen Lebens. Ich gehöre der Kirche an nach Gelöbniß Derer, die mich in die Welt geſetzt, nicht nach freiem Ermeſſen und eigener Wahl. Ich frage die Pythia des Bundes: Sind Diejenigen, die mich blind geopfert, und dies Opfer wie ein Schickſal über mich ver⸗ hängten, dazu berufen geweſen? War ihr eigener Wille frei, als ſie mich ſchon vor der Geburt in Bande ſchlugen? Darf ich ein Gelübde der Art für bindend halten? Steht es freien Männern zu, Zwang über ſich zu dulden? Und lebt noch Wer von Denen, die dieſen Zwang über mich übten? Dies vor Gott und dem Bunde der Wiſſenden meine Frage!“ Ich ſenkte mein Haupt, neigte mein Ohr, der Antwort gewärtig. Dicht vor mir rauſchten die Blätter der Lotosblume, es war mir, als arbeitete ſich eine Geſtalt aus dem Schooß derſelben hervor, als neigte ſich ein Antlitz mit warmem Athem zu mir. Ich hörte eine flüſternde Frauenſtimme:„Unglücklicher, frage das nicht!“ D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 20 — 306— Ich erſchrak; ich glaubte ſie zu kennen, dieſe Stimme; um ſo dreiſter erhob ich von neuem laut und Allen im Raum vernehmlich mein Wort:„Ich frage die Wiſſenden im Bunde, ich frage die Ver⸗ ſammlung freier Männer, ich frage die Pythia: Iſt Jemand am Leben, der mir Rede ſteht, weshalb und mit welchem Fug und Recht man über mich und mein Leben ſchaltete? Lebt von den Meinigen irgend Wer? Lebt mir ein Vater noch?“ „Er lebt!“ tönte zitternd und halb erſtickt die Stimme des Orakels. Auf die ſtille Pauſe erfolgte ein elektriſcher Schlag, der die Kerzen im Saale löſchte. Ich fühlte durch die Binde hindurch, daß die Rotunde in Nacht gehüllt war; kein Athemzug im ganzen Raume war hörbar. Ich kniete nieder und vernahm nur den Puls meines ſtürmiſchen Herzens. Plötzlich ertönte eine ferne Muſik wie Aeolsklang, ſie ſchwoll an nach dem Grade des wieder herandämmern⸗ den Lichtes in der Halle. Eh' ſie allzu laut erwuchs, nahm ich all' meine Kraft zuſammen und rief ſchallend heraus in die Verſammlung: „Wohlan denn, ſo frage ich weiter, was Vater oder Sohn verbrochen, daß man ſie trennt? Welche Macht zwiſchen ſie getreten? Warum der Sohn der Sklabe eines blöden Wahnes ſein ſoll? Liegt Sünde auf meiner Geburt? Beruht das Gelübde, das mich ſchon vor der Geburt der Kirche zum Dienſt geſtempelt, auf einer Miſſethat? Ich bin bereit, der Welt Laſt und Schmach zur Sühne zu tragen, aber ich will wiſſen, weshalb ich der Geopferte bin!“ Eine bange Stille herrſchte im Raume; nur im Kelch der Lotos⸗ blume war es, als wogten die Blätter in zitternder Haſt hin und wieder.„Haltet ein!“ rief plötzlich unten im Saale eine donnernde Stimme,„haltet ein, der Neophyt frevelt gegen die heilige Kirche!“ Aus einer Seitenhalle war ein Mann im dunkeln Domino, aber mit den Inſignien des Maurers in die Rotunde vorgeſprungen und rief dies ſein Veto in die Kuppel zum Sitz der Pythia hinalff. Ich konnte nicht zweifeln, wer der Mann ſei, der hier zwiſchentrat; ich kannte dieſe Stimme, es war die Stimme Deſſen, den ich meinen Lehrer, den Freund meines Herzens, meinen zweiten Vater nannte, die Stimme Deſſen, zu dem ich von Kindheit auf die einzige Be⸗ ziehung der Liebe gefühlt, der den Bann, der über mein junges Haupt verhängt war, nicht gelbſt, aber doch die Feſſeln, die mich knechteten, m ſo mlich Ver⸗ chen, Man gend des „der urch, anzen Puls wie nern⸗ all ung: chen, 307— mit milder Hand, mit edler Geſinnung, mit dem Hinweis auf größere Lebensziele nach Möglichkeit mir erleichtert. Die Stimme Pater Eu⸗ ſebio's drang mir in's Herz, im Ton ſeiner Worte lag ein ſo tief ſchmerzliches Gefühl, daß mich über mein Beginnen faſt Reue an⸗ wandelte. Aber es galt jetzt, wo die Frage über mein Leben und Schickſal auf dem Spiele ſtand, mich zu rechtfertigen; ich war an— geklagt, ich mußte mich vertheidigen. „Fern ſei es von mir,“ rief ich in die Halle hinunter,„fern, gegen die heilige Kirche zu freveln. Ich habe meine Jugend bisher in Qual und Zweifeln, die in mir nagten, verbüßt, ich habe ge⸗ rungen bis zur Todesangſt, die Stimme der Natur in mir mit den Geboten, die man mir vorſchrieb, in Einklang zu bringen. Das Leben eines Büßers, eines Anachoreten habe ich, ohne zu murren, geführt, Verzweiflung, Selbſtmord und Wahnſinn haben ſich um meine Seele geſtritten, und ich habe mich nicht gegen die Satzungen der heiligen Kirche aufgelehnt, ich habe das Kreuz, das der Herr den Seinigen auferlegt, getragen bis zu der Gränze aller Möglichkeiten, bis zu dem Augenblick, wo die Creatur eine Frage frei hat an die Weltordnung und ihr Schrei am Gewölbe des Himmels widerhallt. Ich frevelte nie gegen die Kirche Gottes, ich trete auch ietzt nicht als Kläger vor ſie hin; nicht ſie will ich zur Rechenſchaft ziehen, denn ſie vollführt nur, was man ihr ſie nahm blos von der Gabe Beſitz, die man ihr bot. Ob aber der fromme Wahn Derer, die über mich verfügten, Geltung hat für die ganze Ewigkeit meiner Seele: dies frage ich hier, und frage es wiederholt, wo es gilt, in den Bund freier Männer zu treten, die Gott und Natur zugleich dienen, über Geheimkräfte gebieten und ſich die Wiſſen⸗ den, ja die Mächtigen nennen, denen die Wahrheit ſelbſt Rede ſteht. Ich frage von neuem: Bin ich mit Fug und Recht für immer der Sklave fremden Willens?“ „Und ich ſtelle hier,“ rief Euſebio mit Ungeſtüm,„wiederholt die Forderung, daß der Neophyt zurückſteht von ſeiner Frage, welche die heilige Kirche beleidigt; ich gelobe ihm unter vier Augen Rechen— ſchaft zu geben von meinem Thun, ihm nach Möglichkeit jeden Auf⸗ ſchluß zu ertheilen, der ihn zufriedenſtellt.“ 20 — 308— „Der Kirche,“ rief ich hinunter,„meine Ehrfurcht, meine Unter⸗ werfung! Als Maurer verlang' ich mein Recht, als das Recht des freien Menſchen! Der Bund freier Männer, welche die Wahrheit wollen,„iſt eine Lüge, wird mir nicht mein Recht! Ich rufe den Bund auf, meine Sache zu der ſeinigen zu machen. Er biete mir ſeine Hülfe dar, das Wahre zu erkunden, iſt er nicht im Stande, mir jetzt ſchon genug zu thun. Mit ſeiner Macht und ſeinem Wiſſen ſteht es ſchlimm, weiß er keine Auskunft; mit ſeiner Wahrheitsliebe und Freiheit noch ſchlimmer, ſcheut er die Unterſuchung!“ Unten im Saale ward eine ſteigende Bewegung immer lauter, verworrenes Geſchrei für und wider ertönte, die Stimme des Groß⸗ meiſters erſcholl als ohnmächtiger Verſuch dazwiſchen, den Aufruhr zu bewältigen.„Ihm werde ſein Recht! Keine Eingriffe in die Freiheit der Logen!“ Dieſer Ruf ward immer allgemeiner, immer drohender. Das war nicht mehr eine Verhandlung zur Aufnahme eines Neulings, das lag ſchon außerhalb alles Ceremoniels der ge— heimen Geſellſchaft; ein Streit offener Parteiung war in ihrem Schooße ausgebrochen. Ich riß die Binde von den Augen und überſah den Schauplatz des Kampfes. Welch' ein wildes Gewoge nach hüben und drüben im bunten Knäuel der verſammelten Menſchen, die aus den Hallen in die Rotunde drängten und dort und hier ſich um die Vor⸗ fechter gruppirten! Mitten inne der Großmeiſter, der mit ausge⸗ ſtreckten Armen nach beiden Seiten Ruhe gebot; erſt, wie er mit dem Hammer an eine metallene Schaale auf dem Altare ſchlug, drang ſein Ruf zur Ordnung durch. Euſebio ſtand mit erhobener Hand im Sturm, den er ſelbſt herauf⸗ beſchworen.„Im Namen der Kirche, im Namen des Ordens, dem ich angehöre,“ rief er mit der ganzen Gewalt ſeines Zornes,„lege ich ein Veto ein gegen die Aufnahme des Neophyten, fordere von ihm, daß er ſich vor meinen Richterſtuhl ſtelle, und mache ihn im Auftrage des heiligen Amtes zum Gefangenen der Inquiſition!“ Das war das Signal zum vollen Ausbruch der Empörung. Das Spiel war zu Ende, das Maskenrecht verletzt, die Würde der Logenfreiheit verhöhnt. Die Degen blitzten aus der Scheide; wer ſich als Maurer fühlte, ſtand wie bei'm neuen Tempelbau Salomonis mit den Waffen bereit, ſein Werk gegen offene Gewalt zu ſichern; em ein ver nis n ich war der Gegenſtand und ſchien das Opfer des Streites zu werden. Da plötzlich fiel ein Schuß aus der Kuppel. Mit Einem Ruck löſchten die Kerzen im Saale, mit donnerndem Gepraſſel ſtürzte das ganze künſtliche Bauwerk der Lotosblume zuſammen. Ein wildes Gewühl ächzender Stimmen, verletzter Perſonen folgte dem Getöſe, einzelne Fackeln ſtreiften von draußen herein in das Chaos der Verwirrung, Dampf und Staub wirbelte in die Höhe und unter den Trümmern wühlten ſich rufend, und tobend, die ſeltſam zugerichteten Geſtalten heraus. Plötzlich ſtieg zur Seite eine grelle Lohe auf; die Vorhänge der Halle hatten Feuer gefaßt, das leichte Gebäu mit der Maſchinerie der Couliſſen war entzündet; mit dem Rufe nach Hülfe drängte die wüthende Menge den Ausgängen zu. Mit Gefahr meines Lebens, aber mit gutem Glücke hatte ich den Sprung von der Höhe des Stufengerüſtes, auf dem ich geſtanden, gewagt, ein freies Fenſter in der Niſche benutzt, um auf der ent⸗ gegengeſetzten Seite des auflodernden Brandes dem Schauplatz der Verwirrung zu entkommen. Ich gerieth in dunkle Gänge kreuz und quer; es waren die Seitenhallen des alten Templerhauſes, in deſſen Pavillon die Loge ihr Theater aufgeſchlagen. Die Räume waren mir völlig fremd; ich lief Gefahr, im dunklen Labyrinth der gewölbten Gänge meine halbgewonnene Rettung wieder einzubüßen. Lärm und Getöſe war ſchon weit hinter mir. Eine nahe Glocke läutete den Feuerruf; ich konnte ermeſſen, daß der entfernte Stadttheil, in welchem das Gebäude lag, zur Hülfeleiſtung in Aufruhr war. Endlich gelang es mir, einen Ausgang zu gewinnen; eine ſchrägſtehende Pfeilerwand ward mein Pfad, auf dem ich aus dem obern Stockwerk hinunterglitt. Ich ſtand im Freien, im alten Garten der Templer. Es war dunkel, nur ein ungewiſſes Licht aus der Ferne wies mir die Rich⸗ tung zu meiner weiteren Flucht. Vor dem Gitter, das den Seitenhof von der Straße ſperrte, hielt ein Tragſeſſel mit Maulthieren; Diener mit Fackeln ſtanden ihrer Herrſchaft gewärtig; dicht neben ihnen am Portal jedoch eine Wache mit Lanzenträgern. Nicht eingedenk, damit Verdacht auf mich zu ziehen, kletterte ich über das Gitterthor und ſtand außerhalb des Zwingers. Wie die Wache, deſſen anſichtig, mir Halt gebot, ſtürzte ich verzweifelt auf die Sänfte zu, in der ſo eben ein Mann in dunklem Domino Platz nahm. Ich ergriff ſein Gewand, — 310— ſeine Hülfe gegen die Häſcher anzurufen; ich machte das Zeichen, auf welches jeder Maurer im Genoſſen den Bruder erkennt und ihm hilft. Im Schein der Fackeln leuchtete mir plötzlich Monſeigneur Bernis' immer lächelndes Antlitz entgegen. Er erkannte mich, verleugnete mich nicht, gebot der Wache, ſich zu beruhigen; es ſei einer ſeiner Leute, ſeiner Gäſte, der neben ihm Platz nahm. Laut lachend drückte mich der graziöſe Kirchenfürſt in die Polſter des Tragſeſſels und führte ſeine Beute davon, während die Häſcher des heiligen Officiums viel⸗ leicht juſt mich zum Ziel ihrer Lauer machten. Der Brand war nicht bedeutend; die alten Mauern des Templer⸗ hauſes leiſteten dem Feuer des Pavillons Widerſtand. Der Morgen dämmerte bereits, als die Sänfte an der Wohnung meines Retters hielt, der mir als Maurer, als Freund und Bruder, ſeine Freiſtatt nicht verſagte.„Ja,“ ſagte Bernis ſcherzend,„wenn man allzu grelle Aufklärung, allzu helles Licht fordert in Dingen der Wahrheit: dann bricht Feuer aus, und Niemand weiß, wie weit der Brand um ſich greift! Zum Glück hat die Mutterkirche, wie die alte Templerei, ſtarke Mauern, die Gegenhalt bieten!“ Ich blieb den Tag über im Verſteck bei Bernis. Abends jedoch trat der werthe Mann mit bedauerlichem Geſicht und mit der Kunde zu mir, die Sache ſei ernſter, als er gedacht. Euſebio habe mich in aller Form vor das Tribunal des heiligen Amtes geladen; meine Wohnung im Collegium ſei mit Beſchlag belegt, an den Ecken des Hauſes ſolle meine Vorladung vor das Offickum angeſchlagen werden. Die Vor⸗ gänge im Templerhauſe, der Brand, das Gerücht von böſer Zauberei und Teufelsſpuk, der in den Paläſten einiger Großen zu Genua ge⸗ trieben werde, hatten das Volk aufgeregt, man lagerte in hellen Haufen vor der Signorie der Republik und forderte den Magiker Belmar. Vielleicht hätte man dem Zorn des Pöbels gern ein Opfer geſpendet, allein Belmar war nirgends zu finden. Der Zuſammen⸗ hang, den des„Teufels Braut“ mit der Judengaſſe hatte, leitete die aufgeregte Menge nach der Trümmerſtadt bei'm alten Hafen. Als des Teufels Braut ward niemand anders als die Pythia Donna Carlotta bezeichnet. Man ſtürmte des Rabbi Hütte; man zog ihn zur Rechen⸗ ſchaft, denſelben Mann, der noch vor kurzem dem Volke wohlgethan, ihm zwei todte Jünglinge zum Leben wiedererweckt hatte. Man for⸗ auf ifft. nis' mich ute, mich hrte iel⸗ ler⸗ tgen tters ſtatt relle ann ſich arke derte die Prinzeſſin von Saba von ihm; man zerrte ihn aus ſeinem Verſteck, mißhandelte ſeine alte Dienerin, rief die Schergen des heiligen Gerichts herbei, die ſich ſeiner bemächtigten. Doch überkam Viele, die ſeiner guten Heilkunſt eingedenk waren, alsbald bittere Reue; Volk ſtand gegen Volk auf, um den Häſchern das Opfer wieder zu entreißen. Ein wilder Streit wogte in der Fiſcherſtadt auf, die Meſſerklingen blitzten, Blut floß auf beiden Seiten. Als die bewaffnete Macht der Republik einſchritt, blieb auf der Wahlſtatt nichts zurück, als der Leich⸗ nam des Rabbi Laſſe, der unter den Händen des Volkes und der Scher— gen, unter den Händen ſeiner Befreier und ſeiner Peiniger zuſammen— ſank und ſeine edle, liebevolle Seele unter Mißhandlungen aushauchte. „Opfer der Art müſſen von Zeit zu Zeit fallen!“ ſagte Bernis achſelzuckend, als ich vor Schmerz über den Tod des armen Rabbi aufſchrie.„Das kommt davon, lieber Freund,“ fuhr der kluge Mann fort,„wenn man das Gelüſt nach Neuerungen über den Kreis ge⸗ ſelliger Scherze ausdehnt! Die Forſchung über Ihre Herkunft war nur innerhalb der Kirchengemeinſchaft erlaubt; auf Grund und Boden der Maurerloge durften Sie der Kirche nicht trotzen wollen. Ich fürchte, Sie ſind Urſache geworden, daß Ihr Orden mit der Maurerei ein für alle Mal zerfällt. Damit haben Sie Unheil ge— ſtiftet, denn die Art, wie die heilige Geſellſchaft, der Sie angehören, in den geheimen Verbindungen der Logen Fuß gefaßt hat, war ſtaunenswerth, bewunderungswürdig. Der Orden Jeſu hat die Miſſion, ſich der Forſchung, der Neuerung, des Zeitgeiſtes in jeder Form und Geſtalt zu bemächtigen. Theilnahme an den Bedürfniſſen der Menſch⸗ heit iſt die Bedingung, dieſe Bedürfniſſe zu leiten, die Menſchheit ſicher zu führen, wenn gleich oft nur ſcheinbar den Zielen zu, die ſie ſich ſelber ſteckt. Ich würde ſehr bedauern, dürfte der Orden in den Logen nicht ferner ſeine Gehülfen, ſeine weltlichen Sodalen haben!“ Ich wollte dem angehenden Cardinal nicht ſagen, wie wenig ich mich noch als Genoſſe des Ordens fühlte, wie reif ich längſt war zum Abfall von der alten Kirche. Ich war jedoch lange genug Mit⸗ glied der Geſellſchaft Jeſu geweſen, um die nach Umſtänden zeitweili ige Richtigkeit des Satzes: Nicht Jedes für Jeden— nicht Alles für Alle! einzuſehen. Am nächſten Tage ſtellte mir Bernis auf den Namen Kaver Dubois, Secretär der franzöſiſchen Kanzlei in Turin, einen — Geleitsſchein aus, mit welchem ich auf dem franzöſiſchen Poſtſchiff ſicher nach Marſeille gelangte. Dort verfaßte ich an Bernis ein aus⸗ führliches Bekenntniß, eine Darlegung meiner Grundſätze und meiner Entwickelung; es ſchloß mit dem Eingeſtändniß, daß ich mich ferner nicht mehr für fähig halte, der römiſchen Kirche ehrlich und treu an⸗ zugehören. Ich erhielt erſt nach Jahren, nachdem ich in Genf wirklich in die Gemeinſchaft der Reformirten übergetreten war, als Entgegnung, ſein Bedauern, daß ich ſo kleinmüthig ſei, auf eine Kirchenreform, die uns mit den Sekten verſtändigen müßte, im Ganzen und Großen zu verzichten. Niemals iſt mir von Seiten des Cardinals eine Verfolgung geworden. Auch Euſebio ließ ab, ſeines entflohenen Zöglings wieder Herr zu werden. Gegen ihn ſelbſt jedoch ſchritt das heilige Amt ein, ſeine Verbindungen mit den Logen zur Unterſuchung zu ziehen. Schwerz und Groll über den Verdacht, der ihn traf, warf ihn auf's Krankenlager. Er hatte für unantaſtbar gegolten und mußte ſich in ſeinen freiſinnigen, aber zum Heil der Kirche gereichenden Beſtrebungen verkannt ſehen. Im Gefühl der Nähe ſeines Todes traf mich in Genf ſein Bote, der mich zu ihm berief. Wollte er nicht mit einer Lüge gegen mich ſcheiden; mir ein Geſtändniß machen, das er der Schrift nicht anvertraute? Ich kam zu ſpät in Genua an; ich fand ihn todt, das Collegium von den Beamten des heiligen Officiums beſetzt, die ſich ſeiner Papiere bemächtigten. Mit Cardinal Bernis hab' ich nur in Sachen der Gräfin Bran⸗ coni gebriefwechſelt. Dies war die Dame, welcher er mich empfohlen hatte. Ich ward Erzieher ihrer Söhne, ging mit dieſen nach Paris, nach der Schweiz. Dann und wann kam von unbekannter Hand das Anerbieten zu Unterſtützungen. Ich wies ſie von mir; ich ſchrieb an Bernis, meine Ehre erlaube mir nicht, mir meinen Abfall von Rom bezahlen zu laſſen. Ich ward Zögling des reformirten Semi— nars zu Genf, ward reformirter Chriſt, bin aber im Grunde meiner Seele einer allgemeinen chriſtlichen Kirche zugethan, einer Kirche, die ihre Hallen zu einem Tempel der Menſchheit erweitert. In Zürich, in Lavater's Kreiſe, traf ich mit der Gräfin Branconi, mit Belmar und Carlotta von neuem zuſammen. Belmar war einige Jahre im Orient geweſen, wollte in den Katakomben Aegyptens ſeine Wieder⸗ geburt gefeiert haben, hatte ſein geiſtliches Gewand abgelegt und trat * ſſt naus⸗ meiner ferner u an⸗ irklich nung, n, die en zl lgung wieder t ein, ichen. aufs ich in ungen ch in einer et der fand ciuns Bran⸗ ohlen Pmis, d das* chrieb lvon eni⸗ neiner die 0 — 318— als Graf San Germano, als Lebemann, ſtrotzend in der Fülle phyſi⸗ ſcher Ueppigkeit, auf. Carlotta war und blieb in den Logen, die er hält, die Pythia in der Lotosblume. Er magnetiſirt ſie, verſenkt ſie künſtlich in Schlaf, und ihr ſteigen dann Geſichte auf, die ſie auf die ferne Zukunft, auf die entlegenſten Räume deutet. Mir iſt ſie im wachen Zuſtande noch nicht geſtändig geweſen, wie weit ihre Kenntniß meiner Perſon und meiner Herkunft reicht. Der Geiſt habe ſie noch nicht heimgeſucht! war ſtets ihre Ausrede, mit der ſie mich beſchwor, nicht ferner in ſie zu dringen. In welchem Zuſammenhange ſie mit Rom ſteht, iſt mir nicht ganz klar. Jedenfalls aber bereitet ſich jetzt in der alten freien Reichsſtadt Nürnberg ein neuer Verſuch vor, eine Roſenkreuzerloge zum heiligen Gral zu ſtiften. Eilftes Kapitel. ent. Naver's Vergangenheit lag jetzt offen vor mir. Gab es noch dunkle Punkte darin, ſo waren ſie ihm gleich ſehr verhüllt. Er ſelbſt ſtand rein und faltenlos da, er hatte nichts zurückbehalten, ich konnte bis auf den Grund ſeiner Seele blicken. War das Doecument ver⸗ nichtet, ſo war auch jeder Anreiz, jede Lockung für ihn verſchwunden, gegen das Intereſſe meines Hauſes zu handeln. Ich beſchloß, es ohne ſein Zuthun zu beſeitigen. Dann konnte Kaver den Abgeſandten iome ſchwören, daß es nicht mehr exiſtire, ohne daß ein Vorwurf der Mitſchuld ihn traf. Sommerlotte hatte mir geſtanden, daß das Document in einer Schatulle, die außer dem Reichsgrafen nur er ſelbſt zu öffnen wußte, im Archiv aufbewahrt werde. Ich zitterte vor jeder Möglichkeit, Helfershelfer könnten über Nacht noch Mittel und Wege finden, es mit oder ohne Sommerlottens Hülfe zu entwenden. Sommerlotte begriff die Wichtigkeit des Papiers, er pochte auf die Gleichberechti⸗ gung aller Chriſtgläubigen, die es für unſere Reichserblande feſtſtellte, — 314— auf die Emancipation der Katholiken, wie man es in einer ſpäteren Zeit nennt. Seitdem er mich jedoch als den vermeintlichen Erbfolger in Hohen—„Schwarzenfelſer Landen, als Genoſſen eines großen Geheimbundes kannte, der daſſelbe bezweckte, war ich ihm mehr werth, als alle Verbriefung, die der Ausſteller ohnedies für eine verfälſchte erklärte. Er hette, ſeitdem er ſich und mich für Candidaten und angehende Mitglieder einer großen freien Logenverbrüderung hielt, ſo unbedingtes Vertrauen zu mir, daß er mir Dinge geſtand, über die ich erſtaunte. Von der katholiſchen Linie unſeres Hauſes waren ihm, um ihr Intereſſe zu fördern, Anerbietungen gemacht, denen er bisher widerſtanden, die ihm jedoch immer wieder die Möglichkeit, von uns abzufallen, in die Hände gab. Nun er auf meine Zuſage wieder katholiſch ſein durfte und dafür nicht büßen ſollte, war er treu und wie er ſagte:„kreuzfidel.“ Ich nahm ihm förmlich einen Eid ab, nichts zu unſerem Nachtheil zu thun; er ſchwor es mir auf eine Hoſtie zu, die er ſich eilends aus dem nächſten bambergiſchen Dorfe von einem Pfarrer holte, den er zeitweiſe heimlich beſuchte. Mein Geburtstag war da. Vom Reichsgrafen war kein Gegen⸗ befehl eingetroffen, die Erlaubniß zum Beſuch des Archivs war vom betreffenden Kammerherrn erwirkt, und mit Kaver und Sommerlotte ſchritt ich früh Morgens über die raſſelnde Zugbrücke, die zum Schreck⸗ geſpenſt der Landbewohner von ehedem, zum runden Thurm und den Baſtionen des alten Schloſſes zu Belle Promeſſe führte. Nur flüchtig beſichtigten wir die Burgverließe, die Gefängnißräume, in denen der Reichsgraf in früheren Zeiten an Verbrechern und Narren ſeine Ex⸗ perimente gemacht. Es gehörte zu den Barbareien des Mittelalters, Gemüthskranke für vom Teufel Beſeſſene zu erklären und zu verbrenn Hier waren civiliſirte Barbareien verübt, hier war der Verſuch gen das kranke Gehirn der Menſchen nach ſouveräner Willkür, car tel est notre plaisir, zu euriren. Auf den Höfen der Burg waren be— ſondere Ställe, wo der Reichsgraf unter verſchiedenen Thiergattungen kreuz und quer allerlei Vermählungsproceſſe verſucht hatte, um die Spielarten der Natur durch menſchlichen Witz zu raffiniren und pikante Monſtra zu erzielen. Sommerlotte, der ehemalige Thurmbe⸗ wohner, an deſſen altgläubiger Seele ſo lange herumgedoctert war, bis er ſich einbildete oder gar eingeſtand, er ſei„ein aufgeklärter, äteren folger großen werth, ilſchte n und elt, ſo er die mihn, bisher nuns wieder u und id ab, f eine Dorfe egen⸗ rvom ſerlotte chrec⸗ nd den ichtig en der ſe 6y⸗ alters, ennen enacht, car lel en b⸗ tungen n die n und urmbe⸗ t wal, lärtel⸗ — i ein gereinigter Chriſt,“ machte nicht ohne herbe Spötteleien zu alle dem den Cicerone. Er nannte die ſcherz- und ſchreckhaften Experi⸗ mente an Thieren und Menſchen den proteſtantiſchen Forſchertrieb Sr. Erlaucht des hohen Herrn. Eine ſogenannte labyrinthiſche Treppe, wie ſie wälſche Baumeiſter erfanden, führte in den mittleren Raum des runden Thurmes. Hier war das chemiſche Laboratorium, die Küche, auf deren Heerd im Schmelztiegel ehedem ſo oft das rothe Pulver gekocht worden. Eine hohe ſchwarzrußige Eſſe wies die Spuren früherer Thätigkeit auf. Ueber dem Heerde, dicht neben dem Pentagramm ſtand ſeltſam genug das Wappen des Hauſes Hohen——, die alta famma, die zum Himmel lohet. Das Wappen paßte ſehr merkwürdig zu dem alchy⸗ miſtiſchen Schmelzofen, und doch ließ ſich der Großvater an dieſe italieniſche Abſtammung ſeiner Altvordern ungern erinnern. Der Zug des Hauſes ging immer wieder nach dem wälſchen Süden, er ſelbſt holte ſeine Gemahlin von dort. Statt aber mit Rom und Wälſchland Frieden zu ſchließen, ſtellte ſich damit immer nur die alte Feindſchaft von neuem feſt.— Zum Scherz machten wir mit bereit— liegenden Hölzern, die eine raſche Gluth gaben, ein Feuer an; Som⸗ merlotte wollte damit nur die alte Zugkraft des Ofens prüfen. Im Cabinet ſelbſt ſtanden bunt vermiſcht und tief beſtäubt Sphären, Welt⸗ kugeln, Planetenmeſſer, Gerippe, Todtenköpfe und anatomiſche Apparate aller Art. Das Studium an Menſchen- und Thierſchädeln ragte beim Großvater bekanntlich noch hinein bis in die neueſte Zeit. Das Thier im Menſchen intereſſirte ihn noch jederzeit: ʒ hielt es für un⸗ überwindlich, ſuchte noch immer die Structur der Seele lediglich im animaliſchen Menſchenſtoff, und war doch ſo fuchswild, wenn Jemand ih Zuſammenhang zwiſchen Thier und Menſchen auf den animaliſchen Magnetismus ſtieß. Großvater war in allen Stoffen mit Energie bis auf ihre Grenze vorgedrungen und in ſeiner Leidenſchaftlichkeit gegen die ſcharfe Scheidewand der Dinge mit der Stirne angerannt. Unter altem Gerüll fanden wir endlich das Bild meiner Mutter aus ihrer Jugendzeit heraus, ein ätheriſch blaſſes Mädchenbild.„Sie ſicht hier wie eine Nachtwandlerin aus!“ ſagte ich bei ſeinem Anblick. „Sie hat auch nachtgewandelt!“ ſagte Sommerlotte, wollte aber für jetzt darüber nicht weiter Rede ſtehen. — 316— Im Archiv, wo die Familienpapiere regiſtrirt und aufgeſtapelt lagen, zeigte uns Sommerlotte eine eigene Kofferkiſte mit der Auf⸗ ſchrift:„Für Joſeph, wenn er mündig iſt.“ Es waren die Tage⸗ bücher meines Vaters, die Aufſchrift von der Hand meiner Mutter. Ich kniete nieder und küßte die Züge, küßte das theuerſte Vermächtniß meines Lebens, das ich bald eröffnen, bald mein nennen durfte. Dicht daneben ſtand ein myſtiſcher Schrank, ein altes, ſeltſames Möbel. Sommerlotte drückte an einer geheimen Feder und mit einer Klappe ſprang ein Schreibpult heraus, juſt bequem genug mit allem Bedarf dazu. Hier pflegte Großvater Erlaucht als Bibliothekar und Chronikant ſeiner ſelber die Liſte über den Beſitzſtand des Archivs in eigener hoher Perſon zu führen. Einzelne Noten und Randgloſſen, kurz und oft barock genug, floſſen zwiſchenein; der Katalog konnte faſt als Leitfaden zur Geſchichte ſeines Lebens dienen. Wir ſchlugen im Buche alte Jahrgänge auf.. Aus der Zeit ſeiner alchymiſtiſchen Studien fand ſich manche abrupte Bemerkung, die poſſierlich klang und doch von dem Schreiber ernſt genug gemeint war. So hieß es unter Anderem unter Jahreszahl und Datum: „Heute wieder einmal die halbe Nacht allerlei Latwerge zuſam⸗ mengekocht. Augsburger Goldtinctur als elende Charlatanerie be⸗ funden. Hund von einem Eſel, der mir das hat aufgebunden!“ „Auno.... datum.... heute wieder einen Schafskopf von Al⸗ chymiſten durchgeprügelt und Treppe hinuntergeworfen. Gott ſei's ge⸗ klagt, daß dieſe Viecher ſo dumm ſind, Andere noch für dümmer zu halten! Mußt' ihm aber doch, wie der Schuft lendenlahm dalag, Schmerzensgelder zahlen. Ferſengeld freilich risquirt er noch recens, eilt er nicht Sturmſchritts von dannen.“ Nicht ſelten ſtanden unter ſpeciellem Datum, mit Angabe ℳ Ort und Stunde, ſogar allerlei ganz allgemeine Wahrheiten und Denkſätze aufnotirt. So„ Auno.... datum... Die Welt ſteckt voller Lumpenhunde. Aber ich will ſehen, wie man ſie ausfegt!“ Mit tiefer Beklemmung wies uns Sommerlotte die auf ihn ſelbſt bezügliche Note aus alter Zeit:„Heute dem Biſchof von Bam⸗ berg ſeinen Barbier und Chirurgen, halb närriſchen Kerl, auf der Landſtraße abgefangen und eingeführt. Schwätzt allerlei Zeug durcheinander. Wollen aber aufräumen bei ihm. Zugleich verſuchen, wie inh ſn eh eſtapelt Auf⸗ Tage⸗ Nutter. ichtnif 2 tſames einet allem nund lrchis loſſen, fonnte hlugen ſiſchen klang ieß es zuſam⸗ ie be⸗ on A⸗ s ge⸗ ner zl dalag, ecels e und Velt ſegt“ f ihn Ban⸗ f der 300 ſuchen⸗ 317 wie tief katholiſches Weſen ſteckt, ob es wirklich angeboren oder blos angewöhnt iſt. Muß ausgerodet werden, ad majorem gloriam ge⸗ ſunder Vernunft!“ „O, es gibt auch proteſtantiſche Jeſuiten, evangeliſche Domini⸗ caner!“ ſeufzte Sommerlotte. Im Hintergrunde des Schrankes, in einer Schatulle unter dop⸗ peltem Verſchluß, lag das Document, der Zielpunkt unſeres Strebens. Das halb morſch gewordene, halb vergilbte Papier enthielt ganz friſche Noten von des Großvaters Hand. Die neue Ueberſchrift lautete: Falſches, mir hundsföttiſch untergeſchobenes Document, daß ich ſoll den Römlingen in meinen Landen Vorſchub geben.“ Quer und ſchräg durch hatte er mit großen Buchſtaben geſchrieben: „Soll nicht vernichtet werden, Schandthaten müſſen, um Exempel zu ſtatuiren, aufbewahrt bleiben.“ Ich meinerſeits dachte an die chemiſche Tinte, von der mir Du— bois erzählt; mit ihr war es möglich, des Großvaters Noten und Zeugniſſe zu tilgen und das Schriftſtück in ſeiner alten Verfaſſung ohne alle Einſprache wiederherzuſtellen. Mein Entſchluß, es unſchädlich zu machen, blieb feſt. An der gehörigen Stelle ſtand am Rande:„Ausgelaſſen die Klauſel: Mit Vorbehalt ſeines(als wie meines) landesfürſtlichen freien Willens! Haha, Hallunken! Wart, ich will Euch— Ouos ego!“ Im Kataloge rubricirt, fand ſich noch ein denkwürdiger Erguß bei Angabe des bibliothekariſchen Gewinnes. Wir laſen:—„Dieſe Kerls— alleſammt Hallunken. Allein die Ehrlichkeit Eines Ge⸗ rechten macht die Schlechtigkeit von hundert Schurken unnütz. Der Pater aus Genua war ein Ehrenmann; hat's müſſen ausſtellen laſſen, nicht vernichten dürfen, aber in Verſtoß gethan. Ein Loyolit und doch ein rechtlicher Kerl! Merkwürdige Species, rara avis, Linné kennt ſie gar nicht, ich auch bis dato nicht. Aber dem Grafen Giu⸗ ſeppe della Torre, dem Manne meiner Tochter ſelig, ſoll's gedankt werden ewiglich. Hab' ich doch den Sohn Joſeph für rechtmäßig erklären laſſen von Kaiſer und Reich; ſchlägt er nicht aus der Art, ſoll er auch Reichsfürſt werden. Nur muß das Ding nicht wieder ſchief gehen, nicht aus der wälſchen Ecke blaſen! Sonſt hole Alle der“—— Deufel! ſetzte ich hinzu in der Sprechweiſe des alten — Herrn, der das Wort, das er hier zu ſchreiben unterlaſſen, immer ſehr weich, gleichſam reſpectvoll auszuſprechen pflegte. Sommerlotte äußerte, die Randbemerkung von Sr. Erlaucht eigner Hand entkräfte das Document. Dubois ſchüttelte den Kopf;„es gibt,“ ſagte er,„chemiſche Tinte, die allen friſchen Zuſatz verzehrt, die Noten und Zeugniſſe aus ſpäterer Zeit tilgt und das Schriftſtück in ſeiner alten Abfaſſung wiederherſtellt.“ In dem Augenblick lohte auf dem Heerde hinten die Flamme noch ein Mal auf, als lechzte ſie nach neuer Nahrung. Mein Entſchluß ſtand feſt; ich fürchtete nur in meinem Vorhaben behindert zu werden, ſonſt hätte ich die Genoſſen daran betheiligt. Ich glaubte im In⸗ tereſſe meines Hauſes zu handeln und wollte die Folgen allein ver⸗ treten. Ich richtete an Sommerlotte die Bitte, ein Inſtrument, das meine Aufmerkſamkeit auf ſich zog, von dem oberſten Geſtell herunter⸗ zuholen. Mit Hülfe der Leiter ſtieg er hinauf. Naver blätterte ver⸗ tieft im Kataloge. Da zog ich ſacht das verhängnißvolle Papier aus ſeiner Kapſel, knüllte es in der Fauſt zuſammen, ſprang zur Seite, eilte zum Heerde und warf es in die Gluth, die halb ver⸗ löſcht, raſch aufſchlug und den mürben Stoff verzehrte. Wie Som⸗ merlotte am Schrankpulte ſtand, hielt ich ihm die Kapſel, die ſich ſchwer zuſammendrücken ließ, mit beiden Händen gefaßt hin, um das innere ſpröde Schloß mit dieſer Hülfe eingreifen zu laſſen; der zweite Verſchluß ward eben ſo unbefangen vor den leeren Raum gelegt, das Pult fuhr in das Fach zurück und der myſtiſche Schrank ſtand wie eine leere Formel, wie die inhaltsloſen Geheimniſſe gewiſſer Logen vor uns. Noch am ſelbigen Tage erſchien vom Paſtor Dreikorn aus Nürn⸗ berg ein expreſſer Vote, der Dubois zum Aufbruch gemahnte und ihm und ſeinen Freunden die Wohnung in der Jacobspfarre als bereit meldete. Mit dem nächſten Aufgang der Sonne ſaß ich mit Dubois und Sommerlotte in der Reiſekaleſche, die uns nach der freien Reichsſtadt entführte. Das Wetter war wenig günſtig, auf glühende Hitze war Sturm und Regen gefolgt. Sobald wir unſer reichsgräfliches Gebiet ver⸗ ließen, liefen wir Gefahr, im Moraſte ſtecken zu bleiben. Selbſt † immer rlaucht heniſche ugniſſe fuſſung Flamne niſchl werden, in In in ver⸗ nt, das runter⸗ tte ver⸗ Popiet ing zur b ver⸗ eSon⸗ die ſih um das rzweite gelegt, i ſind geniſu Nim⸗ nir und rre als ich nit er fnien Stum — 319— Sommerlotte, der, ſeitdem er Luft bekommen, ganz und gar den alt— katholiſchen Menſchen herauskehrte, mußte einräumen, wie ſauber und ordnungsgemäß es in unſern Landen der liederlichen Wirthſchaft im Biſchöflichen gegenüber beſchaffen ſei. Freilich blieb auf Grund und Boden des ſtreng lutheriſchen Freibürgerſtaates Nürnberg auch gar Vieles zu wünſchen übrig. Die Ordnungsliebe war hier zur Cari⸗ eatur ihrer ſelber geworden, in despotiſche Bornirtheit ausgeartet. Eine bretterne Wand trennte die Nürnberger Zeitlebens von den Bam⸗ berger Dörfern, die bei ſchwerer Strafe kein freier Reichsbürger lutheriſcher Confeſſion betreten durfte. Endlich hielten wir vor dem erſten Nürnberger Schlagbaum; ein wohlconditionirter Rathsdiener, nach den Feldern des Stadtwappens in weiß und roth⸗getiegerter Jacke, caſſirte das Weggeld für Straßen, deren Untiefen wir nur mit Mühe entgangen waren. Sommerlotte begann von neuem über die proteſtantiſchen Frei⸗ bürger zu ſchimpfen.„Hoffentlich,“ ſagte er,„läßt man uns durch all' die Barrieren bei lebendigem Leibe ungeſchunden bis zur Jacobs⸗ pfarre vordringen. Wären wir Juden, ſo würden wir nach den Ge— ſetzen dieſer lutheriſchen Republik in Fürth übernachten, dürften nur gegen ſchweres Thorgeld bei Tage in die Stadt hinein und müßten uns von einem alten Weibe, das darauf vereidet iſt, Straß' auf, Straß' ab hin und her geleiten laſſen. Calviniſten und reformirte Chriſten ſind gehalten, in der Vorſtadt zu übernachten. Daß ſich Gott erbarm' über ſolchen Freiſtaat! Neunzehn lutheriſche Patrizier⸗ familien tyranniſiren das ganze, große Neſt dieſer knechtiſchen freien Reichsbürger. Sollte man's denken! Dieſe neunzehn Familien laſſen ſich glänzend füttern, ſich„Ew. Gnaden“ nennen und ſind nur dem Kaiſer in Perſon Rechenſchaft ſchuldig. Die Bürger dieſer Republik ſpalten ſich ſyſtematiſch gewiſſenhaft in vielerlei Claſſen und heißen entweder Ehrbare, oder auch Ehrbare und Wohlfürnehme, oder auch Ehrbare und Veſte. Und danach zahlen die guten Leute ihre Steuern. In dieſer merkwürdigen Schöppenſtadt hängt man Kei⸗ nen, man hätte ihn denn!“ Herr von Sommerlotte war ſo wohlaufgelegt und ſo geſprächig, als wenn ihm die Zunge gelöſt wäre; faſt drohte er in die ehedem an ihm gerügte barbiermäßige Schwatzhaftigkeit zu verfallen. Unter — 320— Anderm erzählte er uns auch die Entſtehung ſeines zweideutigen Adels. Als er aus dem Narrenthurm für geheilt entlaſſen, nachdem er ein⸗ geräumt und eingeſtanden, er ſei an Leib und Seele geſtört und krank geweſen, habe der Reichsgraf Erlaucht mit dem Bamberger Biſchof, trotz ewigem Zank, ewiger Fehde und Chicane, doch noch in gaſt⸗ nachbarlichem Vernehmen geſtanden. Beide hätten von Zeit zu Zeit in Schmauſereien und Feſtivitäten einander gern zuvorthun wollen. Biſchöfliche Gnaden, von Reichsgräflicher Erlaucht zu Tiſche gebeten, hätten einmal bei Annahme einer Einladung die boshafte Frage ge⸗ than, ob Se. Erlaucht als Wirth auch Junker genug habe, ſeine Tafel zu beſetzen. In der That war zu Belle Promeſſe, als noch große Feſte üblich, der Mangel an hoffähigen Cavalieren mitunter ſtark fühlbar geweſen. Raſch wurde in der Kanzlei des Reichsgrafen eine Anzahl von Adelsdiplomen ausgeſtellt an Seeretäre, Subaltern⸗ beamte und derlei junges Volk. Der Biſchof pflegte eine gute Menge Damen in ſeinem Gefolge mitzuführen, und dieſe halb abgeſungenen und ausgedienten italieniſchen Sängerinnen fühlten ſich diesmal von friſchen, gut herausſtaffirten Burſchen ganz artig bei Tafel und bei'm Balle flattirt und unterhalten. Hinterher, als der Biſchof dem Reichs⸗ grafen ſein Wohlgefallen über ſothane elegante Bewirthung ausge⸗ ſprochen, konnte dieſer freilich nicht umhin zu entgegnen, daß Junker bei ihm ſehr wohlfeil ſeien; habe er ſie nicht, ſo mache er ſie über Nacht in ſeiner Schreibſtube. Beſonders als der Biſchof erfuhr, daß ſein ehemaliger Barbier unter den adligen Cavalieren geweſen, mit denen er zu Tiſche geſeſſen, habe ſich ſelbiger in Gnaden ſehr erboſ't, ſei auch nie wieder an dem boshaft armſeligen Hofe zu Belle Promeſſe erſchienen. Ueber Nürnberg war Herr von Sommerlotte unerſchöpflich an ſchalkhaften Zügen. Wir rühmten dieſe gute Bürgerſtadt als einen Stapelplatz des deutſchen Fleißes. „O ja,“ ſagte Sommerlotte,„dieſe proteſtantiſch-lutheriſchen Düftler machen nette, kleine, hölzerne Figuren, beſonders Heiligen⸗ bilder, in großen Ladungen für Spanien. Dieſe freien Spieße liefern centnerweis Brummeiſen nach Rußland für die Völker in der Krimm. Muſelmänner röſten bekanntlich ihren Kaffee und ſtoßen ihn in Mör⸗ * „ ſe be Adels. et ein⸗ dkrank iſchof, ngaſt⸗ u Zeit wollen. ebeten, ge Re⸗ ſeine 6 noch itunter sgrafen altern⸗ Menge ngenen gl von bei'm ausge⸗ Junker ie über erfuhr, weſen, n ſehr Belle ich an einen eriſchel eiligen liefern Krimſ Mör⸗ ſern. Der Geiſt der deutſchen Freibürger iſt erfinderiſcher: die Nürn⸗ berger bearbeiten ihren Kaffee in Trommeln und Mühlen.“ Wir rühmten die Nürnberger als Künſtler in allerlei Schnitzwerk. „O ja,“ ſagte Sommerlotte,„ſeht nur, Signori, dort hinten ragt die Sebalduskirche hervor. Da haben ſie ihren„engliſchen Gruß,“ in Holz gearbeitet von Veit Stoß. Das wunderbare Kunſtwerk hängt vor dem hohen Altar von der Decke herab; aber ſie haben es in einen dicken Sack genäht, damit es kein ſcheeler Blick benagen könne!“ Der Regen goß in Strömen, als wir am letzten der vielen Schlagbäume hielten, mit denen ſich das deutſche Venedig ſorgfältig abſperrt.„Ja, hat ſich was! Deutſches Venedig!“ ſchimpfte Herr von Sommerlotte,„wenn rother Ziegelſtein gegen Marmor aus Cattaro aufkommen kann! Ein Venedig zu Lande! Wenn wir nur erſt im Trocknen wären und unter dem Deckmantel des großen Roſicrucius! Ob der uns wohl warm hält und trocken unterbringt? Auf dieſem verzweifelten Pflaſterdamm, einem Pflaſter, das mehr Wunden reißt als heilt, bricht uns unſere Landgondel noch über dem Kopfe zu⸗ ſammen!“ Die Caroſſe ſetzte ſich wieder in Bewegung; Paſtor Dreikorn hatte für uns gut geſagt. Sobald Dubois ſeinen Namen genannt, öffneten ſich uns die ſchweren, eiſernen Riegel des großen, lutheriſchen Burgverließes, und ſo hielten wir denn ungehindert unſern Einzug in die merkwürdige Stadt, in der jedes Haus mit ſeinen eckigen Schnörkeleien an die Verſe des wunderſamen Schuſters Hans Sachs, jeder ſcharfkantig hervorſpringende Giebel und Erker an ein Bild vom Meiſter Albrecht Dürer erinnert. Alles hier iſt ſo hölzern und knöchern, wie Jener dichtete, Dieſer malte, und doch waltet in Allem die ſtille Erhabenheit einer rührenden Einfalt der Seele. So in aller Demuth ſtark, ſimpel, aber kräftig, hausbacken, aber ehrlich treu: wenn das orthodoxes Lutherthum iſt, ſo müßte mir's, dacht' ich, wohlgefallen in der guten ehrſam befangenen Freiſtadt Nürnberg. Der Wagen hielt an der Jacobspfarre, vor der Amtswohnung des Paſtor primarius Dreikorn. Ein altes Gemäuer, den Bollwerken ähnlich, in welchen ſich weiland die deutſchen Ritter verſchanzten, nahm uns auf in ſeine weiten, wüſten Räume. Die eiſenbeſchlagene Thür D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 21 — fuhr raſſelnd hinter uns zu, wir ſtanden in einem gewölbten Vorſaal mit Eſtrich am wellenförmigen Boden, mit zerbröckelter Stuccatur am Sims. In den Kreuzgängen, die nach beiden Seiten hinunterliefen, hallte unſer Tritt dröhnend nach, und wenn man erſchreckt hinter ſich blickte, ſchien der Boden ſich heben, die alten ſteinernen Geſtalten aus den Niſchen treten zu wollen. In die oberen Räume führte eine kleine, ſeltſam geſchnitzte Wendeltreppe, die man wie eine Zugbrücke hinter ſich aufziehen konnte, falls etwa der Feind im untern Stock⸗ werk Fuß gefaßt. So kriegeriſch hauſte da das lutheriſche Wort Gottes, Hielten die Geiſter der alten Ritter im Harniſch Wache über ſeine Aechtheit und Reinheit? „Willkommen, Ihr Bundesbrüder, willkommen im Namen des großen Roſicrucius!“ ertönte eine ſalbungsvolle Stimme aus dem Cabinet, das ſich vor uns öffnete. In einem weiten ſchwarzen Talar, ein ſteifes, weißes Gekröſe um Hals und Nacken, ein ſchwarzes Barett auf dem Kopfe trat uns die hohe, magere, blaſſe Geſtalt Paſtor Dreikorns entgegen. Je weicher, ſchwärmeriſch verzückter ſein Auge, das über alle Einzelheiten der Umgebung hinweg ſuchend gen Himmel blickte, deſto trockener und hölzerner war das Pathos ſeiner Bewe⸗ gungen. Er drückte Jeden von uns an's Herz, er küßte mich ins⸗ beſondere auf die Stirn:„Noch ſo jung, auserwähltes Rüſtzeug des Herrn,“ ſprach er,„und ſchon ſo heilsbedürftig, um den Geheimniſſen des Bundes nahe zä treten?“ Das große träumeriſche Auge des Mannes hing über mir wie eine umflorte Sonne, während er beide Hände auf meine Schul⸗ tern legte. „Se. Erlaucht der Herr Reichsgraf in Gnaden ſind noch nicht erſchienen,“ erwiederte Ehrn Dreikorn auf Dubois' Erkundigung. „Die fränkiſchen Truppen draußen im Lager harren ſeiner; noch mehr die Abgeordneten der Logen, denn ohne Royal⸗York können wir kaum die große Verſammlung zum Ausgleich der verſchiedenen Syſteme er⸗ öffnen. Prinz Emil iſt bereits angelangt; er wird in der großen Sitzung den Hammer führen.“ Dubois ſah mich bedeutungsvoll an. Prinz Emil von Hohen⸗ ——⸗Bergen war unter den Agnaten unſeres Hauſes, katholiſcher⸗ ſeits, der deſignirte Nachfolger im Regiment unſeres Landes, falls orſal ur am liefen, er ſich naus eine brück Stoc⸗ Vort über ndes den Lalnr, Barett ßoſtor Auge, mmel Bewe⸗ ins⸗ 9 des niſſen r wie Schul⸗ nicht gung. nehr faun ne e⸗ roßen ohen⸗ fuls — 323— die Linie mit ihrem mächtigen Anhange in Wien und an andern Höfen ſiegte. Dreikorn wußte darum, und in dieſem Sinne ſagte er, zu Sommerlotte gewendet, in ſeiner überfluthenden Beredſamkeit:„Und ſo werden wir von fern und nah, Menſchen von allen Farben und Bekenntniſſen, zu dem großen Zwecke uns die Hände reichen, univerſell zu ſein im Glauben, Hoffen, Dulden, Lieben und Helfen. Einzelne Logen haben ſich uns ſchon angeſchloſſen: wie das ganze Syſtem Misraim, und erſt kürzlich in Frankfurt die Loge Melchiſedek.“ „Dieſelbe, die auch Juden aufnimmt?“ fragte ich. „Dieſelbe,“ ſagte Dreikorn.„Wir laſſen ſie zu, ob uns ſchon Symbole bezeichnen, die für ausſchließlich chriſtlich gelten. Das Kreuz vereinigt uns, und die Roſe iſt als Symbol des Geheimniſſes uns gemeinſam. Aber auch der Jude ſoll ſich der Wahrheit nähern dürfen, wenn der Menſch in ihm nach Wahrheit dürſtet. Bekennt er ſich nicht wie wir zu Einem Gott? Und unſere Arbeit nennen wir ja den Ausbau des Tempels Salomonis. Daß dieſer Bau ſich zu einem Himmelsdome wölbe, der alle Menſchen als Brüder umfaft, iſt unſer großes Ziel.“ „Ihr nennt Euch Roſenkreuzer?“ fragte ich.— Dubois und Sommerlotte waren ganz verſtummt. „Der Namen,“ ſagte Dreikorn ausweichend,„der Namen ſind ſo viele, wie der Wohnungen im Reiche unſeres himmliſchen Vaters. Trägt Er ſelbſt doch viele Namen, der große Unbekannte, und keiner erſchöpft ſeine ganze Natur! Fraternitas Christi heißt unſer Bund für Die, welche zum Gekreuzigten beten. Geſellſchaft zur Verbreitung der reinen Lehre nennen wir uns, ſofern wir nach Beſeitigung der alten Traditionen ſtreben; denn obſchon wir nicht die Bekenntniſſe der einzelnen Separatiſten und Secten annehmen und gutheißen, da wir vereinigen, nicht ſpalten wollen, ſo wird doch das patriarchaliſche Urchriſtenthum mit ſeiner apoſtoliſchen Einfalt das Feld ſein, auf dem wir die getrennte Chriſtenheit zu verſammeln trachten. Eine Loge der ſtillen Obſervanz nennen wir uns, ſo lange wir nicht offen mit unſerer Verſöhnungslehre heraustreten und den Vorurtheilen der Menſchen die Stirn bieten können. Roſenkreuzer nennen ſich vor⸗ zugsweiſe unſere Chemiker, die nach den verborgenen Kräften und 21* — 324— Quellen der Natur forſchen. Wir ſammeln, was zerſtreut iſt, reichen Jedem die Hand, der den Fluch der Vereinzelung mit Schmerzen fühlt. Wir wollen uns Alle um den Brunnen verſammeln, aus dem uns der Trank unſterblichen Lebens quillt. Wir erſtreben eine heilige allgemeine Kirche und halten die wahre ecclesia sancta catholica für älter und heiliger, als das Bisthum zu Rom. Die Glückſeligkeit der verbrüderten Menſchheit iſt unſer Zweck und Ziel, und zu dieſem Zweck und Ziel—“ Iſt jedes Mittel gerecht und erlaubt?— dacht' ich, ſagt“ es aber nicht. Ich witterte ganz unverholen den heiligen Loyola im lutheriſchen Prieſtertalar. Dreikorn ſprach immer von der wahren Katholicität, und auf meine Frage, wie weit eine ſolche mit dem Augsburgiſchen Bekenntniß zuſammenſtimme, verwies er auf Artikel 21 jener Bekenntnißacte, der in der That mit dem Gelöbniß ſchließt, „kein Dogma gegen die katholiſche Kirche, keine umformende und aufwiegleriſche Meinung zu lehren und zu billigen.“ Was wir die allgemeine chriſtliche Kirche nennen, gab er als katholiſche, konnte aber leicht die römiſche hinzudenken, um die ſichtbare Kirche Roms mit der unſichtbaren Chriſti zu vertauſchen. Sommerlotte, mit ſeinem katholiſchen Bekenntniß am proteſtan⸗ tiſchen Hofe des Reichsgrafen verketzert, war ganz entzückt von Drei⸗ korn's Idee einer Univerſalkirche. Dubois war in ſich gekehrt und ſchweigſam. Wie wir allein waren, ſagte ich ihm, der große Logen⸗ tag ſcheine wohl mehr eine Kirchenverſammlung zu werden. Was der große Roſicrucius dabei leiſten, wie er ſich offenbaren werde, war abzuwarten.„Wenn Großvater Erlaucht davon Wind bekommt,“ ſagte ich,„ſo gibt's einen Heidenlärm!“ Von meinem Vater, vom Abbé der Waldenſer, wußte hier Niemand. Von San Germano, von Donna Carlotta hatten wir in der Jacobspfarre keine Spur. Es war ein wüſtes, hohes, bogiges Gemach, in welchem ich mit Sommerlotte Unterkunft gefunden. Dubois erhielt ſein Zimmer dicht daneben, doch ſo, daß der Zugang zu ſeiner Behauſung nicht unmit⸗ telbar mit der unſerigen zuſammenhing. Ein Ungethüm von Kamin nahm faſt den dritten Theil unſeres Zimmers in Beſchlag; allerlei Stuccatur verzierte Sims und Mantel; an jeder Ecke war ein Vor⸗ ſprung mit ſchönem, altem Schnitzwerk in Holz. reichen merzen ls dem heilige ica für ligkeit dieſen t es ola in hren it den ikel 21 hließt, und ir die konnte s nit teſtan⸗ Drei⸗ t und ogen⸗ Was werde, unt,“ vom nano, U. h nit ditt mit⸗ anin lerlei Vor⸗ Wer hier in Nürnberg altdeutſche Kunſt ſuchen wollte in Holz, Stein und Stuck, hätte mondenlang alle Hände voll zu thun; aber er müßte darnach faſt graben, wie in Pompeji. Auf dieſen Schätzen des Kunſtfleißes ſitzen hier die Eigenthümer und Mäcene wie Harpagus Nachts auf ſeiner Kiſte. Aber Harpagus ſchläft, vom langen Wachen ermüdet, darüber ein, ſo daß man ihn, fürcht' ich, leicht bei Seite ſchieben und die ganze Kiſte forttragen kann — ad majorem Dei gloriam! Den engliſchen Gruß von Veit Stoß haben ſie wirklich, wie Sommerlotte ſagte, in einen Sack genäht; man müßte ſich zum Kirchenraube entſchließen, um ſich hier die Klei— nodien deutſcher Kunſt zugänglich zu machen. Wo uns aber ein Bild von Albrecht Dürer aus ſeinem Winkel entgegenblickt, da ath⸗ men wir die ächte Luft germaniſcher Kindlichkeit, die ſich im Schooße Gottes ſtark fühlt und ſicher weiß. In dieſen Bildern fährt die Mutter Gottes nicht gen Himmel; ſie ſitzt auf feſtem Poſtament mitten im Menſchenleben, ihres Dienſtes, als Magd des Herrn, ge⸗ wärtig.— Paſtor Dreikorn hielt neulich in der Jacobspfarre eine Predigt über die gnadenvolle Jungfrau. Wer will den ſüßen Zauber leugnen, den Maler und Dichter des Südens in ihrer Verzückung um Maria weben! Aber iſt denn Chriſtus todt im evangeliſchen Chriſtenthume? Iſt der Geiſt aus dem deutſchen Lutherthume ent⸗ flohen? Dann iſt's freilich kein Wunder, wenn der heilige Loyola kommt, vielleicht in der Geſtalt des großen Roſicrucius, und die hohl gewordene Form und Hülle mit neuem Spiritus füllt. Zu der hausbackenen Trockenheit des verknöcherten Lebens hier gehört auch das Ceremoniell des Umgangs. Baron Pölnitz, der große Kenner dieſer Menſchlichkeiten, nannte die Nürnberger les plus terribles complimenteurs. Eines Morgens trat in ſeiner getiegerten Amtstracht ein Rathsdiener zu uns in's Zimmer, um uns bei ſeinem Herrn Senator zum Abendſchmauſe zu laden. Man hat hier bei ſolcher Veranlaſſung gedruckte Verhaltungsregeln, die ein hoher Rath zu veröffentlichen pflegt, um die Sitte der Altvordern getreu und pünkt⸗ lich feſtzuhalten. Wir ſchlugen, nachdem wir die Einladung ſimpel angenommen, den betreffenden Paragraphen nach und hätten, länd⸗ lich üblich, die feierliche Einladung zur Suppe erſt eben ſo feierlich ablehnen, auf die zweite dringende Aufforderung eine ungewiſſe Ver⸗ — 326— ſprechung, und erſt bei'm dritten Anlauf des Rothweißgefleckten eine förmliche Zuſage erfolgen laſſen ſollen. Ueber dieſem Parlamentiren und Diplomatiſiren wäre freilich ein halber Tag verſtrichen. Im Hauſe des Senators, der zu den Eingeweihten des Bundes gehörte, war eine große Anzahl fremder Prälaten verſammelt. Einige in der einfachen Tracht der proteſtantiſchen Landpfarrer mit dem ſchlichten Zopf à la grenadier prussien, Andere in hoher wolkiger Perrücke mit breiten Buſenſchleifen und feinen Manſchetten, ſüß duftend, wie Clienten der Pompadour, alle Finger voller Ringe, als wären ſie jeden Augenblick in dem Falle, einer italieniſchen Bravourſängerin oder einem ſchmeichelhaften Narren für ſeinen witzigen Einfall ein Zeichen ihrer Gunſt verabfolgen zu laſſen. Es waren dies die lächelnden Inhaber der fetten Pfründen in Franken und der Pfalz. Auch an weltlichen Herren fehlte es nicht, noch an den Männern des Mars, die wohl darnach ausſahen, den kleinen Degen der Etiquette, den ſie an der Seite trugen, mit einem handfeſten Schwert vertauſchen zu können. Es waren alte Kämpen des ſiebenjährigen Krieges darunter. Ihre ſchweigende Würde ſchien zu verrathen, daß ſie hier nur auf Commando die Werkzeuge einer ihnen vielleicht unbekannten oder mißliebigen Sache abgaben. Auch an Loyoliten fehlte es nicht, hatten ſie gleich in Tracht und Haltung alle Kennzeichen abgethan. An ihrer ſchleichenden Gewandtheit, an ihrer feinen, leutſeligen Fügſam⸗ keit, an der verſteckten Herrſchſucht, die hinter weltkluger Beſcheidenheit und Demuth lauert, ſind ſie wohl in jeder Hülle herauszufinden. Und wenn ſich das Alles verläugnen, durch die Formen allgemeiner Weltbildung mildern läßt: eine gewiſſe ſüße Zudringlichkeit bleibt immer, die den ächten Schüler Loyola's bezeichnet. Freilich gibt es auch evangeliſche Männer Gottes, die in einer wehmüthig ſalbungsvollen Grandezza ausgezeichnet ſind. Alſo hatte Kaver doch vielleicht Recht, wenn er ſagte, der Jeſuitismus ſei Eigenthum der Menſchheit, nicht blos einer beſondern Kirche. Wie einige Carroſſen vorfuhren, kam ein reges Leben in die Ge⸗ ſellſchaft. Das Herz ſchlug mir in banger Erwartung, Großvater Erlaucht werde plötzlich mit feſtem Schritt und der Gewalt ſeines Herrſcherblicks eintreten. Die Herren machten Spalier, die Flügel⸗ thüren gingen auf; aber es war Prinz Emil, der mit ſeinem Gefolge neine nund undes ſige in lichten errücke , wie en ſie noder zeichen elnden uch an Mars, en ſie en zu unter. auf oder hatten An igſan⸗ enheit inden. meiner mmer, auch vollen Recht, nicht e Ge⸗ ſpater ſeines ligel⸗ folge — — 327— erſchien. Der Prinz iſt von mäßiger Geſtalt, blond, blaß, beinahe fahl, und in ſeinem ganzen, durchaus bürgerlichen Weſen unſcheinbar, wenn man nicht in den zerſtreut umherflackernden Blicken ſeines weichen Auges den Träumer entdecken will. In ſeinem ſchlichten Gewande verrieth er neben ſeiner mit Ordensbändern reichgeſchmückten Um⸗ gebung kaum etwas, das ſeine Stellung bezeichnete. Wie ich ihm zugeführt ward, in dem Incognito, das mich hier umhüllte, als der junge Herr von Schwarzenfels, ſtieg ſeine Schüchternheit merklich; aber wir reichten uns doch die Hand, die Herzlichkeit ſeines Weſens überwand bald die verlegene Stimmung, in die wir uns Beide ver⸗ ſetzt fühlten. Ich meine, man kann ihm Freund ſein und auf ſein Wohlwollen bauen. Er wird nichts Energiſches thun, um der Auf⸗ klärung die Ehre zu geben; aber auch nichts Verderbliches, um ſich von wälſchen Männern leiten zu laſſen. Mit dieſem Eindruck, den er mir hinterließ, war ich ganz tröſtlich zufrieden. Dubois war auch hier nicht gegenwärtig; er war uns ſchon die zweite Nacht entzogen. Endlich erfuhr ich, daß er ſtumm und willig in die Bedingungen zur Aufnahme als Roſenkreuzer gewilligt und dafür das Verſprechen erhalten, noch hier in Nürnberg das Geheimniß ſeiner Abkunft enthüllt zu ſehen. Seine in Genua unterbrochene Einweihung war in der letzten Nacht mit ihm wieder aufgenommen und vollzogen; er ſchwieg darüber, er war verdroſſen und kleinlaut. Für das, was ihm verheißen, ſagte er, dürfe man ſchon einige Opfer ſeiner Ueberzeugung bringen. In der alten Jacobspfarre war in den letzten Tagen ein ge⸗ ſchäftig Treiben und Wirthſchaften. Die geräumigen Hallen der ehe⸗ maligen Comthurei der deutſchen Ritter lagen in Höfen und Hinter⸗ gebäuden, die auf der entgegengeſetzten Straße ihren Ausgang hatten. Die eigentliche Pfarre, in der wir hauſten, war jedoch nicht weniger in Unruhe und Bewegung verſetzt. Bis ſpät Nachts kamen und gingen Geſtalten in geſchäftiger Haſt; für den großen Logentag, der jetzt an⸗ brach, waren die Zurüſtungen endlich vollendet. Der Reichsgraf, hieß es, werde Abends eintreffen und als deputirter Meiſter der geſammten Logen des Syſtems von Royal⸗York erſcheinen. Sommerlotte, die ganze Zeit über ernſt und ſtill bewegt, konnte es nicht verſchmerzen, daß er als Laie, ich ſelbſt als Unmündiger und — zur Aufnahme noch unfähig, von der Feier des großen Tages aus⸗ geſchloſſen ſein ſollten. Er hatte in ſeinem Spürſinn bei ſorgſamer Viſitation des alten Jacobshauſes und ſeiner halb mönchiſchen, halb ritterthümlichen Baulichkeiten einen geheimen Zugang zum Saale ent— deckt, wo die Logenbrüder zur Arbeit ſich verſammelten. Wie ich am verhängnißvollen Tage gegen Abend in unſer Zimmer trete, wo ich Sommerlotte zu finden gedenke und nicht antreffe, hör' ich, verwundert mich umſchauend, ein leiſes, immer lauteres Pochen an der Wand, dann meinen Namen flüſtern, der im Rauchfang des rieſenhaften Kamins ſeltſam hohl ertönte. Auf Beantwortung der Frage, ob ich es ſei, fuhr Sommerlotte mit einem kurzen Ruck den Schornſtein herunter und ſtand wie ein Geiſt, der durch die Eſſen auf⸗ und niederſteigt, höchſt ernſthaft feierlich vor mir. Mein Lachen änderte nichts am Pathos ſeiner Stim⸗ mung.„Hab's gefunden,“ ſagte er halb erhaben, halb verſchmitzt. „Dort oben eine eiſerne Lukenthüre in der Mauer des Kamins,— leiſe aufgedrückt,— Schloß roſtig geweſen, aber von mir reſtituirt und gar gut in Schmiere gehalten! Dann den Boden tief hinunter, links gewandt, rechte Schulter vor, Kopf geduckt, hingerutſcht, grad⸗ aus und— wir ſehen durch's Loch die ganze Proſtemahlzeit der hohen Herren von der Freimaurerei zu unſern Füßen vor uns! Vom großen Roſicrucius freilich— noch keine Spur gefunden!“ Ich fragte hin und wieder; Sommerlotte hatte den geheimen Zu⸗ gang wiederholt geprüft und ſchon mehrmals die Maſchinerien und die Arbeiten zur Ausſchmückung des Saales belauſcht. Er nöthigte mich jetzt, die Stiege zu prüfen, um heute Nacht mit ihm zur Spionage bereit zu ſein.„Wir müſſen wiſſen, was da geſchmiedet wird!“ ſagte er pfiffig ernſt,„es könnte uns dort an Kopf und Kragen gehen, und wir hätten nichts davon gemerkt!“ Sommerlotte war, ſeitdem es für ihn etwas zu„wittern“ gab, ganz wieder der alte Maulwurf und Minirer. Er hatte mir eine Fußſtiege auf den Heerd des Kamins geſetzt; ich ſchwang mich hinauf und ſaß querbeinig in der Eſſe, mit beiden Händen bereits die eiſerne Thür erfaſſend, durch die ich den Bodengang zur Gallerie betreten ſollte.„Horch! wer iſt das?“ ſchrie Sommerlotte plötzlich, wie von der Raſerei einer Höllenangſt erfaßt.—„Was gibt's?“ fragt' ich hinunter: meine Stimme tönte hohl wie aus dem Grabe. als⸗ ſaner halb ent⸗ h am o ich ndert dann mins fuhr ſtand iht tin⸗ litt. tuirt nter, rad⸗ der Bon z die nich lage gte en, ab, ine uf rne ten on ich — „Jeſus Maria!“ ſchrie Sommerlotte hinauf, ſchlug ſich aber raſch auf's Maul und corrigirte ſich auf gut evangeliſch:„Herr Jeſus, Herr Jeſus, Se. Erlaucht der Reichsgraf! Ich hör' ihn im Gange. es iſt ſein Tritt, ſeine Stimme, er ſtürmt herein, Gott ſei uns drei Mal gnädig! Oben geblieben, fort und hinein in die Luke!“ eiferte er auf mich ein, als ich Miene machte, hinunterzuſteigen.„Ruhe, Ruhe! Kalt Blut! Ich will den erſten Sturm aushalten!“ Ich hatte keine Ahnung von Sturm und Wetter, aber Sommerlotte kannte Tritt und Stimme des alten Herrn in allen ihren Nuancen zu gut, und die Anzeichen vom heraufſteigenden Gewitter trügten nicht. In ſeinen ſchwerſten Reiter⸗ und Reiſeſtiefeln, die Sporen raſſelten und klirrten zwiſchendrein, die ganze Meute ſeiner Doggen und Packans hinter ſich, war der Reichsgraf durch die Thüre hereingebrochen. Mit lautem Gepolter, die Peitſche um ſich ſchnalzend, fiel er mit dem Donner ſeiner Stimme über Sommerlotte her.„Wo iſt das Pack? Heraus mit dem Geſindel! Ha, biſt du da, alter Krypto⸗Filou? Und die Andern, der Joſeph und der ſaubere Signor Dubois, her mit Euch! Noch bin ich Euer Herr und Meiſter und will Gericht halten über Euch heilloſes Lumpenvolk!“ Die Doggen heulten wie zum Angriff auf Sommerlotte drein. Ein ſauſender Peitſchenhieb galt Thieren wie Menſchen; die Beſtien aber ſollten cvuchen, Sommerlotte Rede ſtehen über Verrätherei und Felonie, deren er beſchuldigt wurde. Fluchend und wetternd ſtürmte der alte Herr im Zimmer umher, hieb auf Tiſch und Stühle mit der ganzen Wucht ſeines ſtarken Armes, bis er erſchöpft auf einen Seſſel ſank; ich hörte es am Kniſtern des Holzes und am Stöhnen der er— ſchöpften Stimme, daß ein Moment der Ruhe, vielleicht auch der Be⸗ ſinnung eingetreten. Ich ſtand bereits in der Luke, zog aber die Eiſenthüre nur halb an mich, jedenfalls ſprungfertig, ſobald es galt und paſſend ſchien, vor Großvater Erlaucht aufzutreten. Das Verhör, das mit Sommerlotten begann, war ſtürmiſch genug. „Komm' ich endlich hinter Euere Flauſen!“ tobte der Großvater, „kehre nach Belle Promeſſe zurück und erfahre ſchöne Dinge, ſo hinter meinem Rücken geſchehen find! Seid im alten Thurm geweſen!“ „Mit Ew. Erlaucht Erlaubniß, zum Geburtstage des jungen Herrn!“ warf Sommerlotte dreiſt dazwiſchen. — 330— „Hund von einem Spion und Diebe!“ fuhr Großvater fort, „Menſchenthier, daß ich dich wie eine Schlange im Buſen nährte und es erleben muß, wie du mir heimlich eine Wunde verſetzeſt!“ „Geſtrenger Herr! Nimmermehr!“ rief Sommerlotte hoch und theuer und bekreuzte ſich unverſehens. „Haha! erkenn' ich dich, altes Gewürm, wie du dich krümmſt!“ höhnte der Reichsgraf.„Hab' ich mich mit dem Kerl abgemüht Jahrzehnde lang, und ihn vom alten Sauerteig erlöſen, ſeine confuſe Seele kuriren wollen, und mir den ſchlimmſten Feind an ihm erzogen! Hier ſoll's wohl losgehen wider mich, eine chemiſche Hochzeit der Roſenkreuzer gefeiert werden, was? Aber wart, Geſindel, ich komme Euch noch zur rechten Zeit auf die Sprünge und will Euch mit der Stallpeitſche auseinander treiben! Was wird denn hier gebraut für Unfug in der alten Jacobspfarre lutheriſchen Glaubens? Bonzen und Schleppſäcke ſcharwenzeln und ſchwänzeln aus und ein. Hollah! Ihr habt die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Ich will das Neſt ausfegen, und wenn es Staub und Stank ſetzt, daß Gott erbarm'! Noch gibt es Rad und Beil für Hallunken auf deutſchem Reichsboden, wenigſtens, Gott ſei Dank! eine ewige Unterſuchung vor dem Reichs⸗ kammergericht, und das ſoll Euch in eine Höllenlangeweile verſetzen, daß Ihr nach Spieß und Ruthen, wie nach einer Kurzweil und Erlöſung jammern ſollt.“ „Was Ihr verbrochen?“ fuhr der Reichsgraf über den Armen her, der ſich hoch und theuer verſchwor, nichts wider den geſtrengen Herrn, nichts wider des Hauſes Vortheil und Ehre im Schilde zu führen.„Verrätherei, Spionage, Durchſtecherei mit wälſchen Sub⸗ jecten, gemeinſame Plane mit Kutten und ſchwarzen Roben, Spitz⸗ büberei und Diebſtahl: was? Iſt das noch nicht genug? Wart, Eins ſoll Euch ſchon hinreichend den Hals brechen. Ein Bild h Ihr holen ſollen aus der Bibliothek im alten Thurm, und geſchnüffelt habt Ihr in allen Ecken und Löchern, ein heimlich Pult geöffnet, in meinem Tagebuch gekramt. Komm' ich da hin, ſchlage was nach: alle Blätter ſind verſchoben, ſuche weiter: das Document iſt geſtohlen, das falſche Zugeſtändniß, das ich habe machen ſollen, heimlich ent⸗ wendet, den Jeſuwidern, den Gottſeibeiunshelfershelfern in die Hände geſpielt. Verkauft bin ich und verrathen, ich alter Mann, von Hal⸗ r fott, rte und ch und muſt!“ gemiht confuſe zogen! eit der komne nit der aut füt Bonzen Hollah! as Neſ bam! sboden, Reichs⸗ en, duf rlöſung Amen ſrengen hilde z0 E Syit⸗ t, Eins I i göfn a8 nach: eſohlen⸗ ich en⸗ Hinde en hi⸗ * —— 33— lunken, denen ich Vertrauen ſchenkte, von einem Enkelſohn, den ich als ehrlich anerkennen ließ. Hol' Euch ſämmtlich der Dreideufel, dem Ihr Euch zum Complott wider mich verſchworen habt!“ Es ſchien mir jetzt Zeit, mich zu ſtellen und das Geſtändniß über die Verbrennung des Documentes abzulegen. Wie ich Anſtalt machte, mich aus der Luke in die Eſſe hinabzulaſſen, ſprang Erlaucht wüthend in die Höhe:„Was raſchelt da hinter der Wand?“ rief er in ſeiner Berſerkerwuth,„auch hier Lauſcher und Spione? Was? Himmel Element! Da ſteckt was im Kamine, he? Daß dich der Ungenannte hole!“ Er zog ſein Terzerol und ſchoß hinauf in die Eſſe. Die Kugel ziſchte dicht an mir vorüber; Dampf und Qualm wirbelten und verfingen ſich im Schlot und erſtickten mir faſt den Athem im gepreßten Raum. Wie der Schuß verhallt war, lag Sommerlotte vor dem Ge⸗ ſtrengen auf den Knieen und betheuerte nochmals hoch und heilig, von der Entwendung des Papiers nichts zu wiſſen, unſchuldig an Allem zu ſein, was die Entfernung deſſelben verſchuldet. Der Ge⸗ ſtrenge ſah ſich in den Händen eines verrätheriſchen Complotts und blieb gegen jede Einrede taub.„Eil' ich da,“ fuhr er in ſeiner Anklage fort,„hinüber in Euer Zimmer, erbreche Kiſten und Kaſten, namentlich bei dem ſaubern Herrn Dubois— richtig ein verkappter Jeſuit, briefwechſelt mit Rom, mit einem Cardinal, wenn auch nicht juſt mit einem Monſignor Rezzonico, doch mit Monfignor Bernis,— gleichviel, Art läßt nicht von Art, und ein Loyolit, ſelbſt wenn ihn gelüſtet hat von der Freiheit proteſtantiſcher Chriſten zu koſten, bleibt an heimlichen Strängen gebunden, gefliſſentlich oder unwiſſentlich, gleichviel. Hat Briefe von den heimlich Verſchworenen, den Wiſſen⸗ den im Verborgenen. Auch Er, Hallunke, ſteckt alſo mit im Complott! Will Er's läugnen? Was?“ Sommerlotte ſtotterte von einem Logenbunde, der allen Chriſt⸗ gläubigen das Menſchenrecht zuerkennen, keiner armen Seele, weß Glaubens ſie ſei, die Ehre abſchneiden werde; er trotzte auf die Ge⸗ meinſchaft edler, lieber Männer, der er angehören wolle. „Alſo eingeſtanden! Die Logen ſollen ſich zuſammenthun und den Jeſuwidern Dienſte leiſten? Und der Jeſuwiderorden will Auf⸗ klärung haben mit Hülfe der Logen? Der Orden ſoll aufgeklärt — 332— und die Maurerei verdunkelt werden, haha? Und darum heimlich meine Bücher durchſpionirt und mein Doeument geſtohlen? Schurke, Er vergißt, daß ich Sein Richter bin und Sein Henker ſein werde! Vergißt, daß ich Ihn foltern laſſen kann, bis Alles ausgepreßt iſt aus der heimtückiſch verbliebenen Seele. Lumpenhund, der ich dich großgeſäugt mit meinem beſten Vertrauen! Ich will den Büttel expreß kommen laſſen, ehe ich mich eigenhändig an dir vergreife!“ Der Geſtrenge mußte in ſeiner Berſerkerwuth den Unglücklichen am Halſe gefaßt und geſchüttelt haben. Auf eine wilde Bewegung im Zimmer folgte ein halberſtickter Hülfeſchrei. Ein helles Lachen übertäubte den Lärm; es war Hohn und Spott aus dem Munde des alten Herrn:„Hab' ich's nicht geſagt, ein Marienkreuzchen am Halſe, o du ſüßer Junge!“ Während er Sommerlotte am Halſe gefaßt und geſchüttelt, hatte er dieſe Entdeckung gemacht, die ſeine Tobſucht von neuem zur Raſerei ſteigerte.„Ei, was warte ich denn auf Büttel, Rad, Folter und Reichskammergericht!“ ſchrie er wild,„hier am Sims hänge, daß du blau wirſt, du Dieb und heimlicher Documentenſtehler!“ Ein Ruck am Mantel des Kamins, und es war ſtill im Zimmer. Noch einmal ein Lachen, dann ein Pfiff für die Hunde, und mit einem Peitſchenſchlag war die Scene beendet. Draußen polterte der alte Jupiter, die Meute Rüden hinter ihm drein, Gang und Treppe hinunter. Ein Sprung hinunter und ich ſah die gräßliche Beſcheerung. Sommerlotte an der Schnur mit dem Marienbilde und an dem Tuche, das um ſeinen Hals geſchlungen war, hing an der Ecke des Simſes unter dem Schnitzwerk des Kaminrandes, noch zappelnd mit Armen und Füßen, mit den Händen vergeblich bemüht, die Schlinge, in der er ſteckte, zu löſen, mit blau angelaufenem Geſicht, mit ſtier heraus⸗ tretenden Augen. Meinem Schrei des Entſetzens folgte ohne Beſinnen ebenſo raſch die That der Hülfe. Zwei Meſſerſchnitte in Schnur und Tuch ge⸗ nügten und gaben den Unglücklichen frei. Halb entſeelt ſtürzte Som⸗ merlottens Körper krachend auf den Boden. Meine Kraft hatte nicht ausgereicht, ihn zu halten, wo der Reichsgraf mit einem einzigen Griff die ganze klapperdürre Geſtalt des Mannes hinaufgehoben und wie einen abgelegten Frack an den Nagel gehängt hatte. Ich ſchrie imlich hurke, verde! ft iſt dich Büttel el lichen egung achen de des Halſe, t und t von üttel, Sins hler!“ nmer. mit te der reppe rung. Luche inſes rmen in der raus⸗ raſch ch R Soſ⸗ nicht igen un ſchri — laut auf bei dem Gedanken, nur noch die todte Hülle des armen Menſchen unter meinen Händen zu haben. Die Augen im Kopfe, die Adern am Halſe waren hoch aufgequollen, die Zunge lechzte nach Erquickung. Ich hatte nichts als friſches Waſſer, ich rief nach Hülfe zur Thür hinaus, den öden Kreuzgang hinunter. Niemand kam, der Ruf verhallte im Gewölbe, hatte wie zum Spott nur ſein eigenes Echo zum Gefolge. Ich ſtürzte wie wahnſinnig den Corridor hin⸗ unter, hin und her. Alles war in den hinteren Hofſälen, ſei's zur Theilnahme, ſei's zur Bedienung bei der großen Logenſitzung zu— gegen; der ganze Theil der Jacobspfarre, in dem wir hauſten, war wie ausgeſtorben. Zwölftes Rapitel. Der große Logentag und ſein Ende. Wie ich in's Zimmer zurückkehrte, ſaß Sommerlotte aufrecht am Boden, regte Hände und Füße und winkte mir zu mit dem Kopfe. Ohne mein katzenzähes Leben, pflegte Sommerlotte auch ſonſt zu ſagen, wär' ich längſt todt, hätt' ich die Kur und Tortur im Narren— thurm nicht überſtanden!— Daß Großvater Erlaucht in der Raſerei ſeiner Wuth wenigſtens jetzt das Leben dieſes Menſchen auf dem Gewiſſen hatte, war augenſcheinlich genug. Sommerlotte hatte ſich jedoch ſchnell ſo weit erholt, um mir durch Zeichen und Gebährden ſeinen Willen und einen Gedanken kundzuthun, der ihn peinigte, ihm auch halb gewürgt keine Ruhe ließ. Er deutete fortgeſetzt mit beiden Händen zum Kamin, zur Eſſe hinauf, gab, da ihm die Stimme ver— ſagte, durch Zeichen zu verſtehen, ich müſſe hinauf, eilig fort, den Bodengang hinunter und hinüber in den Saal zu den bereits begon⸗ nenen Verhandlungen.„Fort! fort!“ gurgelte er endlich aus dem geſchundenen Schlund herwor,„'s gibt'n Unglück! Erlaucht toben gegen Mann und Maus! Einmal in Wuth— Mord und Todt⸗ ſchlag— kein Pardon, hu!“ — 334— Es war vergebens ihm vorzuſtellen, wie nöthig vor Allem ihm ſelber Hülfe ſei, wie ſehr er meiner bedürfe.„Erlaucht toben!'s gibt Unheil, Mord und Todtſchlag!“ war das Einzige was er noch hervorbrachte, während er mich, ſo mühſam es ihm ward, zum Kamin drängte, deſſen Schlot er mit ſoviel erfinderiſcher Sorgfalt gangbar gemacht, um in das obere Geſtock des Hauſes und über die Boden— räume hinweg zu gelangen, um durch ein Luftloch am Sims in den großen Ritterſaal der ehemaligen deutſchen Herren zu blicken. Som⸗ merlottens Ungeduld ward immer heftiger, beinahe krampfhaft; es blieb mir nichts übrig als ihm zu Willen zu ſein und ſtatt ſeiner den Gang durch's Kamin zu machen, auf gut Glück, das zweiſelhafte Ziel zu erreichen. †=ch ſchwang mich abermals hinauf, durch die Eiſenthür im Schlot hindurch und ſah einen langen ſchmalen Gang vor mir, der in den bezeichneten Bodenraum führte. Eine kleine hölzerne Treppe brachte mich in ein höheres Stockwerk, das Thurmhöhe zu haben ſchien. Ich konnte der Lockung nicht widerſtehen, zog die Schuhe ab, um Geräuſch zu vermeiden, merkte mir die Windungen, um nöthigenfalls den Rück⸗ weg wiederzufinden, und tappte im Dunkeln, in einem Gewirr von Schlupfgängen und Höhlen einem Lichtſchimmer nach, der mir aus der Ferne einen Zielpunkt gab. Ich befand mich bereits in einem ganz andern Theil des Hauſes; die Furcht, mich zu verwirren, kämpfte mit dem Reiz, den Höhlenbau der Jacobspfarre und das Labyrinth ſeiner Hofgebäude kennen zu lernen. Der Wunſch, ungeſehen und von ungeahnter Seite her der geheimnißvollen Verſammlung in die Couliſſen blicken zu können, war ſchließlich der mächtigſte Trieb und entſcheidend für mich. Das Sparren⸗ und Lattenwerk unter dem Dache, zwiſchen deſſen Balken ich einherſchritt, ſah faſt einem alten Theater ähnlich. Ausgebrannte Sonnen und verbrauchte Feuerräder hingen neben allerlei Trödel von Decorationen aus Pappe, bunter Leinwand und Flittergold. Plötzlich hob ſich eine Fallthür; ein Mann trat durch den Lichtſchein hindurch, ſchritt dicht an mir vor⸗ über und verſchwand im Dunkeln. Ich glaubte die breitſchulterige Geſtalt San Germano's, dieſen Athleten der Magie, erkannt zu haben. Er war alſo oben, wo die Götter walten, vielleicht als großer Roſi⸗ erucius, als Deus ex machina thtig! Blies er vielleicht den Zau⸗ Un nihn n* noch kamin ngbar oden⸗ den om⸗ blieb rden lhafte 1 Schlot n den rachte I rüuſch Rüc⸗ 1von rans einem imyfte printh n und in die b und tden alten träder bunter t ein tvon lterige haben oſ⸗ all⸗ 13 — 335— berinſtrumenten ſeinen Athem ein und leitete die Drähte im Ver⸗ borgenen? e enn hinaufgeſtiegen, blieb offen Sewühl von Stimmen drang tief aus den unteren Räumen hervor. Ich betrat durch die Fallthür die Stufen, die in eine ſchmale Gallerie führten, ſteckte den Kopf in eine runde Oeffnung, „prachtvoll erhellten Saal, wo man, Kopf an Kopf gedrängt, in feierlicher Spannung einem Redner lauſchte. Es war die große Feſthalle der deutſchen Ritter von ehedem; mein Ochſenauge ſteckte zwiſchen den Blättern und Schnörkeln der alten Stuccatur. Auf die Gefahr hin, ſchmählich ertappt zu werden, blieb ich an der Brüſtung hängen und war Zeuge der Verhand— lungen. 6 Die Halle war gewölbt, die Wölbungen mit ihren Schwibbögen liefen jedoch in einem Centrum zuſammen, das offen ſtand und eine freie Verbindung mit dem oberen Stockwerk geſtattete. Ein halb transparenter Wolkenhimmel hing um den Mittelpunkt des Gewölbes; vielleicht der Sitz der Maſchiniſten, die ihre Blitze auf die Menſchheit unten ſchleudern wollten. Zu beiden Seiten des Saales liefen vom Podium in der Mitte aufſteigend bis zu den Wänden terraſſenförmig wie in altrömiſchen Circustheatern die Reihen der Bänke hin, in Abtheilungen, die vielleicht die einzelnen Logen, ihre abgeordneten Meiſter und Vertreter ſchieden. Alle waren in ihrer Arbeitstracht, mit Schürze, Kelle und Ordensband, den Degen zur Seite, die meiſten mit Dreieck oder Winkelmaß auf der Bruſt; die Würdenträger mit beſonderen Abzeichen. Dicht unter mir war der Präſidentenſitz; Prinz Emil präſidirte mit den Inſignien eines Großmeiſters ſeiner Landesloge, den Hammer in der Hand, gekreuzte Schwerter über dem Todtenſchädel vor ſich auf dem Tiſche, der ſonſt mit Schriften und Briefen bedeckt war. Seeretäre und Beamte ſtanden zur Seite, traten ab und zu, ſeines Winkes gewärtig. Ihm gegenüber in der Verſammlung hatten ſich, wie es ſchien, zwei Gruppen gebildet, die, wie in Gerichtsſälen Ankläger und Angeklagte, durch Schranken von einander getrennt waren. Ein Stufengang führte von jeder Wand⸗ ſeite zum Podium, das leer blieb, hinunter. Bühne und Schauplatz — 336— waren im Saale vermiſcht, das verſammelte Auditorium lieferte vor der leeren Bühne ſelbſt die Acteure. In jeder Partei hüben und drüben führten auf hervorragenden Sitzen Einzelne das Wort. Dann und wann trat ein Redner auch auf das Podium hinunter, um in Folge ſeines beſondern Geſuches und der Genehmigung des Vorſitzenden das Wort zu nehmen. Ich verſtändigte mich bald über das Thema, um das es ſich han⸗ delte. Die Loge, die ſich Rose et eroix nannte, forderte Anerken⸗ nung ihres Syſtems und Aufnahme in den allgemeinen Verband der Maurerei. Ein Redner, der neben dem Meiſter dieſer neuen Loge ſeinen Sitz einnahm, hatte das in Antrag geſtellt. Gegenüber ſaßen und ſtanden die Anhänger des alten Logenſyſtems, bunt gruppirt und um ihres Meiſters Stuhl geſchaart, der noch leer ſtand. Der deputirte Meiſter ſämmtlicher Landeslogen von Royäl⸗York ließ noch auf ſich warten, obſchon die Verhandlungen bereits eröffnet waren. Einige Sprecher unter ihnen bezogen ſich auf ſein baldiges, ſicher zugeſagtes Erſcheinen, erklärten ſich aber zuvor ſchon gegen die Auf⸗ nahme der neuen Verbrüderung, die ſich auf alte Roſenkreuzerei ſtütze; ſie als förmliche Maurerloge anzuerkennen, hieß es, ſtreite gegen die alte Conſtitution der ächten Maurerei, die ſich ſchon vor länger als zehn Jahren und wiederholt von allen Neuerungen losgeſagt habe, da es ihr Zweck ſei, die Geſetze und Gebräuche in alter Reinheit zu bewahren. Der Redner von„Roſe und Kreuz“ nahm von neuem das Wort. Er ſprach nicht ohne Bewegung, faſt mit nur mühſam un⸗ terdrückter Bitterkeit. Er ſprach franzöſiſch, und zwar in einem Dialekt, an welchem man den Ruſſen errieth. Wie ich ſpäter hörte, war es ein Graf Golowkin, ein Neffe des unglücklichen Abenteurers und Günſtlings, der in Sibirien ſein Ende nahm. Dieſe Familie, ur⸗ ſprünglich polniſchen Geblütes, muß nun ein Mal, wie es ſcheint, zu jeder Intrigue in Europa ihre Deputirten ſenden. Der Pro⸗ teſtantismus der tyranniſchen Hochkirche Altenglands, ſagte Graf Golowkin, habe den Verdacht gehegt, der Bund der Roſenkreuzer ſtände im Dienſte Roms. Es ſei deutſcher Männer unwürdig, hierin Englands Vorurtheilen beizupflichten. Die Geſchichte des Roſenkreu⸗ zerbundes liefere weit eher vom Gegentheil das Zeugniß. Zur Zeit erte vor i hüben Vort. inunter, ung des ſich han⸗ Anerken⸗ band der en Loge e ſußen gruypirt d. Det ieß noh waren. ſche ie Auf⸗ ſtütze; gen die get als t habe, theit zu neuen ſan Un⸗ Dialelt, war es s und e, ſcheint, Pr⸗ Gruf frelzer hiein enkrel⸗ Zlit — 337— des dreißigjährigen Glaubenskrieges hätten die Roſenkreuzer die Sache der bedrückten Proteſtanten zu der ihrigen gemacht, die proteſtantiſchen Stände ob der Ens, die dem hartherzigen Ferdinand die Huldigung ver— ſagten, unterſtützt. Jener Roſenkreuzer Andreä erzähle der Welt offen und frei von den Reiſen nach Oeſterreich, die er auf Anſtiften des evange⸗ liſchen Adels dort unternommen. In Linz geſtehe er einen geheimen Auf⸗ trag an die verſammelten, der neuen Glaubenslehre Luthers zugethanen Edelleute gehabt zu haben. Hätten die Roſenkreuzer in Deutſchland reli⸗ giöſe Richtungen gehabt, ſo habe ſich ihr Bund in England, auf politi⸗ ſchem Boden, politiſch geſtalten müſſen, und welcher Bund— er nähme die Maurerei nicht aus— ſei frei von dem, was ein Zeitalter be⸗ drängt und beſchäftigt? In England war ein königliches Haupt unter dem Beile gefallen; es erfolgte jene Zeit der vandaliſchen Roh⸗ heit, die Zeit der Puritaner. Nicht weil Karl ein Römiſchgläubiger, ſondern weil ſein Haupt gefallen und ſein Haupt das Diadem ge⸗ ſchmückt, habe der Bund der Roſenkreuzer ſich dort für ihn erklärt. Der Sohn Stuart's war geflüchtet; aber in Schottland und Irland habe es treue Seelen gegeben, die im Stillen ihm gehuldigt. Sie verſammelten ſich im Tempel Salomo's, ſie trauerten über den erſchla⸗ genen Hiram, ihren Herrn, ſie verwieſen auf das verlorene Wort, das da Sohn und Vernunft bedeutet. Die Wiedereinſetzung der königlichen Familie, ſagte der Redner, ſei von den brittiſchen Logen längſt beſchloſſen geweſen, noch ehe General Monk mit ihnen im Bunde den geflüchteten Karl zurückgeführt. Royaliſtiſch gefinnt, wie die Maurerei, ſei auch der Bund der Roſenkreuser. In Eng⸗ land ſei ihre politiſche Miſſion längſt erfüllt, ihre geſellſchaftliche bleibe dort wie überall noch unerledigt. Die religiöſe Aufgabe ſei, Dul⸗ dung zu befordern. Die geſellſchaftliche gehe dahin, die blutigen Wunden, welche ſich die Leidenſchaft der Menſchen geſchlagen, mit milder Hand und verſöhnlichem Sinn zu heilen. Die wiſſenſchaft⸗ liche Arbeit des neuen Bundes ſei, die Geſetze der Natur zu erfor⸗ ſchen, um in ihren Kräften der Menſchheit den Balſam zu entdecken, deſſen ſie bedürfe. Auf dieſem Gebiete aber— bei Allem was dem Menſchen und Chriſten offenbar und heilig ſei!— gebe es noch Geheimniſſe. D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 22 — 338— Gleich zu Anfang dieſes Vortrags war auf der entgegengeſetzten Seite des Redners, wo die Mitglieder von Royal⸗York beiſammen ſaßen, eine Bewegung entſtanden. Eine hohe, Ehrfurcht gebietende Geſtalt war eingetreten, hatte, an der Thüre ſtillſtehend, mit dem Blick des Herrſchers die Verſammlung überſchaut, und wie ſich Alles um ihn her erhob und ihm Platz machte, in Mitte ſeiner Partei auf dem leer gebliebenen, erhöhten Sitz ſeine Poſition genommen. Es war Niemand anders als Großvater Erlaucht. Ein leichter Mantel mit den Inſignien des Großmeiſters deckte ſeine Schultern. Wie er den Dreiſpitz, den er trug, abnahm, dampfte ſeine Perrücke wie Jupiters Wolkenſaum hoch auf. Sein Antlitz war blutroth, die blau aufgeſchwollene Zornader lief quer über die Stirn, ſein Auge funkelte ungewöhnlich in halb gezügelten Blitzen. Wie der Redner gegenüberjetzt ſchwieg, ergriff Niemand im Saale das Wort; vielmehr richteten ſich Aller Blicke auf den Reichsgrafen Juſtus Erich, als auf den Mann, dem jetzt das Wort ungeſucht, ungebeten zuſtehe, da ſeine Perſon, ſein impoſantes Anſehen als Menſch, ſeine machtvolle Stellung, wie nicht minder ſeine Miſſion als deputirter Meiſter eines großen, weitver⸗ zweigten orthodoxen Maurerſyſtems dies natürlich, ja nothwendig zu machen ſchien. Er für ſeine Perſon mochte jetzt mit Unwillen fühlen, wie ſehr er Gegenſtand geſammter Aufmerkſamkeit geworden, wie ſehr eine gewiſſe Entſcheidung von ihm abhing. Er warf ſich mürriſch im Seſſel hin und her, machte verſchiedene Verſuche, ſich in die Falten ſeines Mantels zu verkriechen. Wie das nichts half, ſtand er polternd auf, warf den Seſſel zurück, ſchlug auf das Pult vor ihm und begann mit Worten, deren jedes ebenfalls wie ein Fauſtſchlag, wenn nicht wie ein Schuß aus dem Feuergewehr, dröhnte. „Meine Herren,“ begann der Reichsgraf Großvater Erlaucht, „ich und die mich abgeordnet, heißt alſo das geſammte in England, Schottland, Holland, Scandinavien und Niederdeutſchland, mithin in allen germaniſch-proteſtantiſchen Ländern weitverzweigte Syſtem Royal⸗York: Wir alſo, mit Verlaub, ſind einträchtiglich und ent⸗ ſchieden gegen Aufnahme und Anerkennung der neuen Loge, ſo ſich als Roſe und Kreuz auf alte Roſenkreuzerei ſtützet, ſind dagegen aus dem einfachen Grunde, weil ſothane neue Verbrüderung ſich nicht ausweiſen kann, wie weit ſie ihren Geheimnißkram treibt. Keines⸗ — ſetzten mmen etende Blick es un f den wer el mit ie er e wie e blau unkelte erjett Aller dem „ſein nicht itver⸗ ig zu ühlen, ie ſeht ſch im Fulten lternd nund wenn aucht, gland, nithin yſen ent⸗ o ſih 1 aus nicht eine⸗ — 339— wegs, ſo lautet unſer Gutachten, werde dem einzelnen Mitgliede von Rose et croix der Eintritt in die alten Mutterlogen erſchwert, wie es denn auch billig und Uſus ſei, daß wir unſererſeits als Gaſt in jenem Verein willkommen. Allein die Chancen eines neuen Glau⸗ bensbekenntniſſes, das nur erſt im ſiebenten, noch von Niemand er⸗ reichten Grade klar werden ſoll, können wir nimmermehr auf uns nehmen. Den Johannesgrad und die ſchottiſchen höheren Maurer⸗ grade haben von uns doch Einige, und dieſe einige Wenige er⸗ meſſen und wiſſen, wie viel oder wie wenig dahinterſteckt. Allein vom ſiebenten Roſenkreuzergrade mit ſeiner Lebenstinktur, ſeinem aurum potabile, weiß kein Menſchenkind was Genaues, vernünftig Wahres. Daß bei gegenwärtiger Erſchlaffung des Freimaurerweſens unter verſtändigen Köpfen der Wunſch entſtand, eine thätige, nich blos eine mitleidig paſſiv humane Loge zu ſtiften, iſt gar ſehr be⸗ greiflich. Wollt Ihr das Logenweſen umgeſtalten, ſo räumt im Ce⸗ remoniell auf, düftelt nicht neue Myſterien, heckt nicht neue Alfanze⸗ reien aus! Das führt zu neuem Pfaffenkram! Ihr ſagt zwar, reiner Deismus bleibe bei Euch in Religionsſachen das Grundprinzip. Meine Herren, entweder iſt dem ſo, und dann brauchen wir keine neue Loge; oder dem iſt nicht ſo, und dann ſteckt Falſchheit und Lüge dahinter! Man ſagt uns, die Roſenkreuzer hätten in Oeſterreich auf der Seite der Proteſtanten geſtanden, gleichwohl in England die Partei des katholiſchen Stuart genommen. Meine werthen Herren, hier iſt keine Maurerei mehr, hier ſind Katzenbuckelſchliche, und in der That, ich wittere ſchon längſt in alledem den heiligen Jeſuwider, den alten Lügengeiſt und Ränkeſchmied. Iſt der große Roſierucius was Anderes? Heraus mit ihm! Er trete vor, wir wollen ihn anhören, examiniren, probiren, prüfen bis auf Herz und Nieren. Iſt er mehr als ein Gaukler, Heuchler und Charlatan? Heraus mit ihm, ſag' ich! Die Maurerei laſſen wir uns nicht zum Deckmantel von allerlei Intriguen machen! Baſta! Sela!“ Auf die athemloſe Stille, mit der man dieſer Rede gefolgt war, brach jetzt ein wilder Tumult in der Verſammlung aus.„Beleidi⸗ gung! Beſchimpfung!“ wurde hörbar aus dem Gewühl der Bewegung. „Erlaucht iſt zu weit gegangen, Erlaucht muß Rechenſchaft ablegen!“ hieß es dazwiſchen. — — 340— Dem Prinzen fehlte die Macht der Stimme wie die Gegenwart des Geiſtes, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. Er läutete mit der Glocke, er ſchwang den Hammer; vergebens. Großvater Erlaucht, noch immer aufrecht an ſeinem Platze, verſchaffte ſich ſelbſt Luft und Ruhe mit dem ſchmetternden Ton ſeiner Commandoſtimme. „Stehe daheim Jedem mit Rechenſchaft zu Dienſten!“ rief er laut und bannte mit Blick und Wort den Sturm, der über ihn heraufwogte.„Bin hier nichts denn Menſch und Maurer,“ ſagte er, „rede hier als Mann zu Männern, die ſich freie Maurer nennen, weil ſie frei ſind vom Wahn des Herkommens, vom Scharwenzel und Popanz des alten Aberglaubens, vom Phariſäismus heuchleriſcher Hierarchen. Wo nicht, ſo fordere ich doch freie Rede als Abgeſandter von Royal⸗York. Als ſolcher erheb' ich meine Stimme gegen die Magier und die Falſchmünzer in der Maurerei. Werthe Herren und Brüder, vergeſſen wir nicht, daß die Maurerei mit dem Wirrwar der Religionsmeinungen ſo wenig wie mit der Politik der Staaten zu thun hat! Als Menſch bietet der Maurer dem Bruder die Hand. Er glaubt mit ihm an ein Menſchenthum, das auf dem Boden der Wirklichkeit noch nicht Form, aber Geſtalt gewonnen hat im Bereich des Denkens. Meſſieurs, ich bin kein Schönredner, kein Katheder⸗ held. Wir gehen aber in die Loge, um den Disput loszuwerden. In der Religion werden wir geboren und erzogen; gut! Die Maurerei ſetzt das Chriſtenthum voraus; gut! Oder läßt es blos zu, wie Einige ſagen; meinetwegen auch gut! Allein eine Univerſalkirche, wo auch Juden und Türken mit ihren Gelüſten Platz hätten, gäbe keinen Salomoniſchen Tempelbau mehr, gäbe einen Babyloniſchen Thurmbau, und da wird denn, iſt der große Unbekannte, der große Roſicrucius der Baumeiſter dabei, auch wohl eine Babyloniſche Sünderei nicht fehlen. Oder man müßte denn die Geheimniſſe der Tempelherren erneuern wollen. Was? Habt Ihr wirklich in dem großen Roſicrucius einen neuen Götzen Baffomet⸗Mahomed bei der Hand? Wollt die Frei⸗ maurerei reformiren und die Maconnerie in Mahommerie verdrehen? Wie? Hol' Euch, in des Drei Deufels Namen,— Gott ſteh' mir bei, der Gerechte! Geheimniſſe und immer Geheimniſſe, und wo wir Aufklärung fordern: Wunder, Aberglauben, bis Alles auf die ver⸗ kehrte Wirthſchaft hinausläuft, wo der Menſch, der ſonſt aufrecht enwart ete mit rlaucht, ft und rief et er ihn gte et, lennen, zil und eriſcher ſandter en die Herren irwar taaten Hand. en der Bereich thedet⸗ n. In mreri . pie he, wo keinen bau, us der ſchlen. neuern einen Fri⸗ rchen! h mir oo wir ie ver⸗ gehende Menſch, auf allen Vieren kriecht und im feuchten Koth nach ſeiner verlorenen Vernunft ſucht, bis ihn dann ſchließlich ein char⸗ manter Jeſuwider tröſtet. Meine Herren⸗ ich habe auch meinen Aber⸗ glauben, aber ich behandle ihn als Privatſache, mache kein Geſchrei daraus, nöthige ihn Niemanden auf, noch ſuche ihn einzuſchmuggeln. Wer durchaus Gold machen will, ſetze ſich, mit Verlaub, zu Hauſe ſtil in den Winkel! Wenn das aber ſo fortgeht, daß jeder quere Kopf ſeine Nothdurft zum allgemeinen Bedürfniß, ſeine Scrupel zu Serupeln der Menſchheit erheben darf: dann wird noch jeder Bar— bier mit chemiſchen Verſuchen, jedes alte Weib mit Mondſchein, Nervenbeſtreichung und Hocuspoeus in die Maurerei hineinpfuſchen. Jeder Apothekerjunge, der den Mörſer ſtößt, und dem das Gewürz in's Gehirn ſteigt, wird noch kommen und ſagen, er habe ein Roſen⸗ kreuzergeheimniß, deſſen der Menſch in einem höheren ſchottiſchen Jo⸗ hannesgrade inne werde. Hol' Euch— na! Ich habe ſchon man⸗ chen ſogenannten Wundermann die Treppe hinuntergeworfen, und bedauere, ihm nicht Rippen, Beine, ſammt Genick gebrochen zu haben. Und, meine Herren,“— Großvaters Stimme war plötzlich tief und bewegt—„o, ich habe auch Lehr⸗ und Schmerzensgeld zahlen müſſen im Leben, Schmerzen hat mir's gekoſtet an meinem eignen und lieb⸗ ſten Fleiſch und Blut. Waren ſie mir doch zu Dach geſtiegen und hatten ſich bei mir bis in Herz und Nieren eingeſchmeichelt. Es hat mir'ne Tochter und mein geſammtes Familienglück gekoſtet, daß Gott erbarm', mein einzig liebes Töchterlein, ein blaß zart Mädchen, ner⸗ venſchwach, traumkrank, Schlaf und Wachen verwechſelnd und in ein⸗ ander wirrend. Da kam ein Mann von Rom mit Mondſchein auf der Zunge, mit magnetiſchem Fluidum, wie ſie's nennen, und elek⸗ triſchen Funken in den Fingerſpitzen. Damit beſtrich er mein leidend Kind, ihren Aufruhr beſchwichtigend⸗ ihre Nervenſtörung heilend, ihren halben Irrſinn löſend. Er hat ſie auch geheilt; ja, ja, ſie lief nicht mehr Nachts auf Dach und Firſt herum; aber ſie wandelte Nacht in anderer Weiſe, lief Tag und Nacht ihm nach, dem Wundermann, der es ihr angethan, warf ſich ihm ſinnlos an's Herz, von Zauberei be⸗ thört. Und bei Nacht und Nebel ging ſie denn auch davon und ward römiſch gläubig, Kind eines altproteſtantiſchen Hauſes, einzige Erbin einer rein evangeliſchen Reichsherrſchaft und Wirthſchaft— Oh, oh!“ Großvater ſchwieg, knickte in ſich zuſammen und ſaß wie ge⸗ brochen da auf ſeinem Seſſel. „Das iſt zu viel, das iſt unerhört!“ rief plötzlich eine Stimme aus der Roſenkreuzerloge heraus. Ich kannte dieſe ſchmerzdurchzuckte Stimme, ich kannte auch die Geſtalt, die ſich erhob, den Mantel zurückſchlug, die Hände wie betend, wie hülfeflehend gen Himmel ſtreckte. Es war mein Vater, den mein Auge vergeblich bisher geſucht. „Haha, mein Herr Graf Giüuſeppe della Torre!“ ſagte der Groß⸗ vater, ſich raſch wieder ſammelnd und erhebend,„hab' ich Euch aus den Federn geklopft? Hab' Euch längſt hier vermuthet, ob ich ſchon nur unverſehens Euere Sache ſtreifte und es mir leid thut, alte Schmerzen anzurühren.“ „Habt mich hier vermuthet,“ entgegnete mein Vater,„weil Ihr von neuem Lug und Trug aus Rom und aus der Geſellſchaft der Loyoliten wittertet! Schönen Dank dafür, und meine volle Aner⸗ kennung Euerer humanen edlen Geſinnung und Erkenntlichkeit! Ich hielt unſere Sache für ausgeglichen, nachdem das Opfer die kühle Erde deckt. Ich hielt Euch für verſöhnt, und Euer unerbittlicher, unverwüſtlicher Argwohn ſteht noch, wie eine alte Donnerwolke, über unſerm, über Euerm Hauſe, ewig im Begriff, ſich über Euch ſelbſt und Euer Haus zu entladen. Armer Thor, der Ihr an ſelbſtge⸗ ſchlagenen Wunden blutet!“ „Danke für gefälliges humanes Mitleid!“ murrte Reichsgraf Juſtus Erich. „Ich für meinen Theil,“ fuhr Vater Giuſeppe fort,„glaubte Alles gethan zu haben, was zur Sühne führen konnte, überließ Euch den Sohn, ſtellte Euch, zum Beweiſe der Verſöhnlichkeit ein Document anheim—“ „Haha, Document!“ lachte der Großvater bitter auf,„danke für geneigte Nachfrage, danke für die gefällige Großmuth, die es mir überlieferte! Solltet Ihr's, mein Herr Graf, noch nicht wiſſen: das Document, womit ſie mich zu fangen gedachten, iſt mir von Röm⸗ lingen geſtohlen. Es iſt nicht wahr, daß ich mit Drangabe meines freien Herrſcherwillens den Schülern Loyola's die Thore meines Reichs⸗ „ mue uckte ntel mel cht. den nur rzen Ihr der ler⸗ ihle her, iber raf bte ieß ein nir s landes offen zu halten gelobt, es iſt nicht wahr! Kaiſer und Reich würden mit Leichtigkeit dies verfälſchte Document verdammen; aber Kaiſer und Reich hängen auch gar oft, daß Gott erbarm! an wälſchen Fäden und an Drähten von da drüben! Weiß der Himmel, was ſie damit vorhaben! Ich glaubte das elende Stück Papier ſicher unter⸗ gebracht, aber ich war ſchon wieder in Haus und Hof von eitel Wälſchlingen umgarnt, ſteckte ſchon wieder bis über die Ohren in der Schlinge von jenſeits der Alpen. Erbrochen fand ich heimlich meinen geheimſten Schrank, durchſpionirt mein ganzes Archiv. Hin⸗ terliſtig betrogen bin ich, wo ich Treue und Glauben zu ernten ge⸗ dachte; vor gewiſſen Sodalen in der kurzen Robe iſt kein Schloß feſt genug und jeder Dietrich gerecht! Feuer vom Himmel möchte man rufen, um das Gezücht zu vertilgen!“ Ich ſaß oben in meinem oeil de boeut in der peinlichſten Angſt, preßte die Bruſt an den Fenſterrand, die Stirn wider den Pfeiler und rang ohnmächtig mit den Händen. Ich hatte es mit der Vernich⸗ tung des Papiers gutzumachen gedacht und nun dieſen Sturm her⸗ aufbeſchworen, dies Unheil angeſtiftet! Vater und Großvater ſtanden ſich wieder ſo feindſelig gegenüber, wie vor Jahren dicht am Grabe meiner Mutter. Ich war nicht mehr allein oben in meinem Verſtecke. Es hatte nicht lange gedauert, ſo hatte Sommerlotte, ſo gewürgt und gedroſſelt er war, ſich ſtark gemacht und unwiderſtehlich ſich getrieben gefühlt, die Reiſe durch den Kaminſchlot anzutreten. Angſt und Furcht, es könne noch Mord und Todtſchlag geben, hatten ihm keine Ruhe gegönnt, und es war ein Zug treuen Eifers, daß er, Schmerzen und Miß⸗ handlungen nicht achtend, den mühſeligen Weg über die Bodenräume ſich durchwand und zu mir kroch. Ich bedeutete ihn bald, wie es mit dem Documente ſtand. Er fletſchte die Zähne und ſah mit den hervorgetretenen Augen unglücklich drein. Es war im Saale eine Bewegung entſtanden, die bald da, bald dorthin drängte. Wie der Großvater von Männern Rom's wieder⸗ holt im beleidigendſten Sinne geſprochen, ſtanden in der Verſamm⸗ lung ganze Reihen von den Bänken auf, traten flüſternd in Gruppen zuſammen und machten dann⸗ theils einzeln, theils in Haufen Miene, den Schauplatz des Aergerniſſes zu verlaſſen. Es mochten Herren von — der hohen Kirche ſein.„Halt! meine Herrn, muß bitten!“ herrſchte ihnen, als ſie ſchon auf der Schwelle ſtanden, Großvater Erlaucht zu.„Muß bitten, den Platz nicht eher zu verlaſſen, als bis die Sache ausgefochten iſt. Auch iſt dafür, bitte! geſorgt, daß man uns bis zu Ende ſeine werthe Gegenwart ſchenkt; die Thüren ſind beſetzt.“ Ein neuer Tumult folgte der Mittheilung dieſer offenbaren Ge⸗ waltſamkeit. Der vorſitzende Prinz Emil machte wiederholt ſchwache Verſuche, die Bewegung in ihr Bett zu weiſen; er beſtand endlich darauf, zu dem Thema, das einzig und lediglich hier ſtatthaft ſei, zurückzukehren, und verwies jeden abſchweifenden Redner zur Ordnung. Der Reichsgraf bat von neuem um's Wort. Unordnung auf⸗ zudecken, ſagte er, gehöre recht eigentlich zur Ordnung; deſſentwegen ſei er, ein Ordnungsmann, kein unnützer Friedensſtörer. Intriguen, Ränke, Spitzbübereien zu entlarven, die eines Maurers unwürdig, ſei recht ſehr mit der Ordnung in einer guten Loge verträglich. Wenn Roſe und Kreuz Aufnahme und Anerkennung forderten, ſo ge— höre es hierher, den großen Roſicrucius, das geheime Götzenbild dieſer Loge, an's Licht zu ziehen.„Heraus mit dem großen Ungethüm, dem Quackſalber und Charlatan!“ rief Großvater donnernd nach allen Ecken und Enden im Saal,„herunter aus dem Wolkenhimmel, Deus ex machina, Zauberer und Fälſcher, ich ſpüre deine Künſte, auch wenn ſie nicht ſpielen. Wo ſind die Geiſter, die du erſcheinen läſſeſt, die Donner und Blitze von Colophonium, wo?« Eine ſchreckhafte Wuth ſtand blutroth im Antlitz des hohen Mannes, Donner und Blitz war bei ihm, er war der leider fanatiſch gewordene Jupiter, der hier, wie weiland Ajax, wüthete. Mein Vater, Graf Giuſeppe, gegenüber, fiel ihm von neuem in's Wort. Mild und ſanft floß ihm ſeine Rede von den Lippen, Verſöhnung, Verſtändigung, Aufhellung blöden Irrthums fordernd; aber ſein Wort goß nur Oel in's Feuer.„Man kündigt uns an, daß die Thüren des Hauſes beſetzt ſind,“ ſprach er,„man erklärt uns alſo für Ge⸗ fangene. Es iſt nicht ganz würdig, freie Männer, freie Maurer mit Zwang zu belegen. Aber faſſen wir ſelbſt den Entſchluß, nicht vor dem Ausgang der Sache, nicht vor der Abwehr der Anklage, deren Gegenſtand ich zumeiſt ſein will, den Platz zu verlaſſen. Ge⸗ — 3 nehmige der vorſitzende hochwürdigſte Meiſter die Anklage, als eine Sache, die hierher gehört!“ Ohne die Zuſage zur Fortſetzung der Verhandlung förmlich ab⸗ zuwarten, brauſ'te der Reichsgraf ſchon wieder einher mit dem Donner ſeiner Rede, mit der Heftigkeit ſeiner Gebährden, alſo daß Staub aufwirbelte um ſein hohes, ehrenwerthes, wahnumfangenes Haupt. „Wohl thut Ihr, mein Herr Graf Giuſeppe della Torre,“ ſagte Erlaucht,„wohl thut Ihr, gleich Euch ſelbſt als Ziel meiner An⸗ griffe, meiner Anklage hinzuſtellen. Was Euere Bonhommie und Großmuth mir eingehändigt, haben mir Römlinge heimtückiſch wieder entzogen. Dies iſt die Sache, dies das Factum. Ich hab's nicht vernichten wollen, das Document, denn Schande ſoll nicht in Ver⸗ geſſenheit gerathen, Schande ſoll documentirt, die Niedertracht ver⸗ brieft und handgreiflich bleiben für Kind und Kindeskinder, damit es alle Geſchlechter glauben, wie man in Wälſchland an deutſchen Herzen handelt! In ein Gewebe von Schlechtigkeit und Ränkege⸗ ſpinnſten bin ich mit Mann und Maus wieder hineingerathen, wieder und abermals! Find' ich da Briefe, die man aus Rom mit dem evangeliſch gewähnten Erzieher meines Enkelſohnes wechſelt, zur Her⸗ ſtellung einer katholiſchen Univerſalkirche mit Hülfe der Loyoliten, Briefe, die auf die Convertiten hoher Häuſer in deutſchen Landen mit Erfolg hinweiſen, Briefe mit dem Roſenkreuzerſiegel an beſagten Pädagogen und Philanthropen, den ich in mein Haus nahm, Briefe von den Wiſſenden im Verborgenen an meinen Knecht und Secretär, den Sommerlotte, den ich, Gott ſteh' mir bei, gewürgt und gehängt, und, ſoll mich der Herr ſtrafen, vergeſſen habe wieder abzuſchneiden. Hier und da, und da und nochmals hier! Da liegt der Plunder der geheimen Felonie, die mich umgarnte und nichts zum Ziele hatte als das Doecument, das Document!“ Schlag auf Schlag hatte er Papiere und Briefſchaften auf das Podium geſchleudert, die Beweiſe ſeiner Anklage. Lieber Himmel! es waren die Briefe, die er in Kaver's und Sommerlotten's erbro⸗ chenem Verwahrſam aufgefunden, die mit Cardinal Bernis gewech⸗ ſelten und die meinerſeits im beſten Sinne, wenn auch ſcherzhaft myſtificirten. Vater Giuſeppe hob die Schriften vom Boden auf. Er wußte Nichts von einem Kaver Dubois, aber er erkannte ſein — 346— Siegel, das Wappen unſeres Hauſes mit dem verhängnißvollen Verein der Roſe, die ſich mit ihren Blumen und Dornen um den Stamm des Kreuzes Chriſti ſchlingt. Er verwies den Reichsgrafen darauf. „Deſto ſchlimmer!“ ſtürmte dieſer einher,„deſto ſchlimmer, wenn Euer Haus ſo eng verbunden iſt mit Magiern und Roſenkreuzern, daß Euere und deren Inſignien ſich wie Roſenſtock und Kreuzelement ſo liebevoll umarmen und umgarnen! O! daß Ihr ein geborner Roſenkreuzer ſeid; ich wußte es, mein Herr, es war mein Kreuz, Ihr brachtet es mir in mein Haus und nahmt mir meine Roſe!“ „Herr des Himmels!“ rief mein Vater und ſtürzte auf den Greis zu, ſeine Schultern, ſeine Bruſt mit beiden Armen umſchlingend und an ſich preſſend.„Die Dornen, Vater meiner Geliebten, die Dornen ſitzen hier ſo tief, wie dort bei Euch! Seid barmherzig, ſeid gerecht, ſeid nicht vom Wahn bethört!“ Sie ſtanden Beide vorn auf dem Boden, ſie ſchüttelten ſich Beide Thränen aus den Felſen ihrer Bruſt. Vater Giuſeppe lehnte dann weich und ſtill ſein Haupt an Großvaters Schulter. Der harte Greis aber, Feind jeder Rührung, in der er neue Ränke und wälſche Intriguen witterte, warf ſich alsbald wieder unwirſch in die Höhe.„Unſer Handel, unſer Rechtsſtreit!“ rief er,„Herr Graf! wo iſt mein Document mit dem falſchen Zeugniß? Wer hat mir's geſtohlen? Was?“ In der Todesangſt, die ich erlitt, wußte ich mir jetzt keinen beſſern Rath, als laut auszuſchreien, was ich wußte. Sommerlotte, der neben mir über der Brüſtung hing, hatte ſchon längſt in mich hineindemonſtrirt, ohne daß ich verſtand und klar begriff, was er wollte. Jetzt ſchien mir der drängende Augenblick gekommen, um größeres Unheil zu verhüten.„Das Document iſt verbrannt, das falſche Zeugniß vernichtet!“ rief ich mit gellender Stimme, mit der ganzen Macht meiner Seele, mit der ganzen Angſt, die mich peinigte, weit hinaus und hinunter in die Verſammlung. Einen Herold dünkte ich mich, der vom Götterſitz Frieden und Sühne verkündet, wie meine Stimme an den Mauern des Saales ſchmetternd wider⸗ klang. Scheu und halb entſeelt vor Schreck fuhr ich jedoch ſofort mit meinem Kopfe zurück in's Dunkel und hinter den Pfeiler des oeil de boeuf. Nur Sommerlotte blieb, während Aller Augen — — in — ſtaunend ſich hinaufwendeten, in der Oeffnung mit ſeinem Antlitz hängen, mit dem Antlitz des halb vom qualvollen Tode Erſtandenen, mit den aus ihren Höhlen weit vorgequollenen Augen, mit dem roth⸗ geſtriemten Halſe ohne Tuch, frei und offen in ſchreckhafter Geſtalt. Der Kronleuchter warf ſein volles Licht auf ihn, wie er jetzt im regen Antheil an den Verhandlungen weit hinaus in den Saal ſein Angeſicht ſtreckte. „Geiſt des Erhängten, erſcheine mir nicht!“ ſchrie Großvater Erlaucht mit dumpfer, hohler Stimme. Er ſtarrte in die Höhe, wie man auf Geſpenſter, nie geglaubte und doch plötzlich erſcheinende, hinblickt. Er war an die Brüſtung der Terraſſenbänke zurückgeſunken; ſein ſchwerer Körper lag halb am Boden, während die Arme abweh— rend in die Luft hinausgriffen. Er wollte ſich aufraffen, er ver— mochte es nicht; er wollte zum Degen greifen, die Hand verſagte ihm den Dienſt; er wollte etwas commandiren, die Stimme erſtarb, kul⸗ lerte und rollte wie eine abgeſchoſſene Kugel im Sande. Die nächſte Umgebung war von den Sitzen aufgeſprungen, dem werthen alten Herrn zu Hülfe geeilt. Jedermann kannte, Jedermann ehrte ihn, verſtand man auch jetzt nicht ſeinen Aufruhr, billigte man auch nicht ſeine Leidenſchaftlichkeit, deren Quelle, wie deren Folgen Allen un⸗ bekannt geblieben. In meines Vaters Armen gelang es nicht ohne Mühe, die zuſammengebrochene, vom Schlage gelähmte athletiſche Ge⸗ ſtalt des Mannes wieder zurechtzurücken, auf hingebreiteten Seſſeln und Mänteln in eine angemeſſene, bequeme Lage zu bringen. Es gab im Saale jetzt keine Sitzung, keine Verhandlung mehr. Alles war aufgebrochen, nahm regellos Theil an dem Unfall, der den Reichsgrafen betroffen, oder ſtürmte und lärmte an den Aus⸗ gängen, die von Außen beſetzt und verriegelt waren und keiner Gewalt der dagegen Eifernden nachgeben zu wollen ſchienen. Prinz Emil war in den Kreis getreten, der um Erlaucht ſich gebildet; er ſprach liebevoll ſeine Theilnahme aus, fragte, was die Schließung der Thüren bezwecke, bat, nicht ferner die Erbitterung ohne Noth und Zweck zu ſteigern. „Ohne Noth? Ohne Zweck?“ lachte der Greis krampfhaft weinend auf,„ohne Noth, haha! und ohne Zweck? Ja, ohne ein Ziel zu erreichen! Ich Narr, der ich wähnte irgend ein Schloß, irgend ein — 348— Riegel könne feſt genug ſein vor wälſchen Schlichen und Ränken! O, o! ich alter, grauer Thor!— Doch Ihr habt Recht, mein Beſter, habt Recht, mein guter Vetter; dem Feinde ſoll man eher Brücken zur Flucht bauen, als ſie ihm abreißen. Laſſen wir ſie Alle, wie ſie da ſind, entwiſchen. Einen Mantel der chriſtlichen Liebe darüber! Nicht ſo, ſüßer Jüngling? Beſſer das, ad majorem Dei gloriam, was? Draußen ſteht auf mein Geheiß die Miliz der wohlehrbaren Stadt Nürnberg. Ohne mein Signal öffnet Niemand die geſperrten Thüren! Her damit; ich will das Commando geben.“ Er wollte mit der Rechten in die Buſentaſche greifen; der Arm fiel gelähmt auf den Schenkel zurück. Er biß die Lippen ſchmerzhaft übereinander, im Gefühl, daß es aus ſei mit ſouveränem Willen wie aller Selbſtherrſchaft; eine bittere Zähre zitterte über des Mannes erhabenes Antlitz, wie er an Arm und Bein, an der ganzen rechten Seite ſpürte, daß ihm ſein Körper nicht mehr parirte, nicht mehr gehorſam war. Linker Hand war er ſeiner Kraft noch mächtig, er warf ſich mühſam herum, mit einem ſo ſtarken Ruck, daß die Seſſel unter ihm krachten, griff links in die Buſentaſche, holte mit der Blitzesſchnelle letzter Kraftanſtrengung ein Piſtol hervor, ſpannte im Nu und ſchoß in die Höhe. Noch war das donnernde Echo in der Wölbung des Saales nicht verhallt, als auf dies Commandozeichen von allen Seiten die Flügelthüren aufſprangen und die rothweißgetiegerte Soldatesca der freien Reichsſtadt Nürnberg mit gefälltem Bajonett und Sponton einrückte und jetzt von innen die Thüren beſetzt hielt. Der Reichs⸗ graf erhob ſich, auf den linken Arm geſtützt, von ſeinem Lager und rief ſchallend ſein Commandowort:„Achtung! Gewehr bei Fuß. Patrouillen abmarſchirt in die Seitengänge links und rechts, hinten und vorn die Schlupfwinkel des geſammten Jacobsneſtes durchſpürt! Geſindel aufgegriffen, hergeſchleppt, die Ausgänge des Saales frei⸗ gegeben, aber das Nachtgeflügel aufgeſtöbert, abgefaßt! Marſch!— Etwas wird's doch zum Fange ſetzen, denk' ich, und damit hollah, und geh' zur Ruhe, alter Freund!“ Mit dieſen Worten, zu ſich ſelbſt geſprochen, warf er ſich wieder auf ſeine gelähmte Seite, ſtarr vor ſich murmelnd und knurrend. Die Verſammlung ſtob auseinander, der große Logentag war zu Ende, mehr geſprengt, als geſchloſſen. Als Befehlshaber der fränkiſchen Truppen im Lager von Nürnberg hatte er das Stadtmilitär zur Be⸗ ſetzung und Durchſuchung der Jacobspfarre beordert. Der Fang war unbedeutend; ich und Sommerlotte wurden von unſerm oeil de boeuf heruntergeſchleppt; aus dem obern Stock hinter Couliſſen und allerlei Präparaten, die außer Anwendung geblieben, ward noch ein zweites Paar herbeigeführt. Der Anführer der ſtädtiſchen Soldatesca war zu Erlaucht herangetreten, weiteren Befehls gewärtig. Der Prinz bückte 1 ſich über den alten Herrn, einige Worte flüſternd, auf die ein bei⸗ fälliges Nicken und die lächelnde Bejahung erfolgte:„Um scandalum pupblicum zu vermeiden, macht was Ihr wollt! Mein AB6 iſt zu t Ende. Das Reichskammergericht ſchiebt's doch nur auf die lange Bank, und die Nürnberger— die hängen Keinen, ſie hätten ihn denn!“ „Heiland der Welt! Sommerlotte, iſt Er noch bei Leibe?“ en ſchrie der Reichsgraf, plötzlich des mißhandelten, halb gehängten Men⸗ hr ſchen anſichtig werdend.„Todt? Was, Sommerlotte? Sogenannter er ſeliger Geiſt? Kerl, komm' her, biſt noch lebendig! Armes Menſchen⸗ el bruderherze, wer hat dich denn abgeſchnitten? Hol' mich der und er ſtraf' mich Gott, ich hatt's ſchändlich vergeſſen. Zappeln wollt' ich m dich laſſen, aber nicht— ſpediren, nein, mein Seel! Schlechtes Experiment an dir gemacht, was? Der oben wird dir's lohnen, jen⸗ es ſeits, und mich ſtrafen, Sela! Macht was Ihr wollt, meine Herren, ie ich ſündigte aus purer Ehrlichkeit. Wenn Gott der Herr als braver er Mann an mir handelt, wird er ein Einſehen haben. Adieu! Guten on Abend!“ ⸗ Der Reichsgraf ſank zurück und ſchloß die Augenlider. Ich nd ſtürzte über ihn her, laut heulend vor Schmerz und Angſt.„Groß⸗ . vater!“ rief ich, als könnt' ich noch ſein ſchwindend Leben feſſeln, en„Großvater, noch Einen Blick auf deinen Enkelſohn!“ t Und es gelang mir, den ſcheidenden Geiſt noch einmal zurück⸗ ei⸗ zurufen.„Der Tauſend, der Joſeph! biſt auch da, mein Jung?“ —„Er war's, der mich abſchnitt, der junge Herr!“ rief Sommer⸗ ah, lotte vor Wehmuth ſchluchzend und in's Knie ſinkend.„Auch hat's der junge Herr gethan, das Doeument verbrannt an Ort und Stelle der im alten Thurm, ſo wahr ihm Gott helfen wolle!“ Die de 7 — „Hat's verbrannt?“ ſagte der Großvater.„Ei, ſeht mir den Burſchen! Hat mit gefälſcht und intriguirt? Was, Teufelsjunge?“ Ich betheuerte hoch und feſt, ich hätte damit für unſer Haus das Beſte bezweckt und zu erreichen geſucht. „Nun und der Dubois?“ ſagte der Großvater,„iſt wohl auch eine liebe Unſchuld, hm?“ Kaver ſtand neben uns zu Füßen des Mannes. „Auch Roſenkreuzer?“ fuhr Erlaucht fort,„ſchöne Geſchichten das! Erzieher meines Enkelſohnes und Flüchtling aus der Jeſuiten⸗ ſchule, ei, daß dich ein Anderer! Lug und Trug ſind von daher über mich hereingebrochen von Anfang bis zu Ende. Herr des Himmels, dieſer Kelch, den du mir gereicht, war allzu bitter, und ging nimmer von mir. Ein Fluch—“ „Ein Fluch,— wenn wir's in der Blindheit der Leidenſchaft nicht beſſer verſtehen!“ nahm Kaver das Wort.„Und eine Lüge? Nein, ich hätt' es Jedermann geſtanden, daß ich ein Zögling des Collegs ſei, hätte man mich befragt. Nur die Furcht vor Ew. Erlaucht Aberglauben hielt mich ab, freiwillig meine Herkunft zu beichten. Ein Findling, ein Auswürfling der bürgerlichen Geſellſchaft, hab' ich freilich kein Herkommen, weiß meine Heimath nicht, kenne den Schooß nicht, der mich trug. Arm und elend, innerlich ein gelöſtes Atom, liebeleer hinausgeſtoßen, im Findelhaus untergebracht, nahm ſich ein edler Menſch, ein edler Prieſter Roms, Pater Euſebio, meiner an. Er ehrte den freien Geiſt in mir, als hätt' er mich um meines Schickſals willen, das über mich mit fremdem Willen verhängt war, ſchonen, mir zugutehalten müſſen, was an mir gefrevelt. Ich ver⸗ letzte nie die Satzung der heiligen Kirche, ich widerſetzte mich nie den Geboten meines klöſterlichen Lebens; es empörte mich blos, daß ſie mir ohne mein Zuthun, ohne meine Willensmeinung, ohne die Zuſage meines eigenen Herzens aufgebürdet werden ſollten. Ich wäre freiwillig vielleicht der beſte Prieſter der Kirche geworden, allein ich war ihr im Schuldbewußtſein Anderer gewidmet. Das trieb mich zur Widerſetzlichkeit. Mein Lehrer Euſebio wußte um mein Lebens⸗ geheimniß und durfte es mir nicht geſtehen. An ſein Sterbebett berufen, vielleicht um ſein Geſtändniß endlich zu hören, kam ich zu ſpät. Er hatte mich in den Plan denkender Männer eingeweiht, die 6 — 351— Aufklärung mit dem alten Glauben zu verſöhnen, mit Hülfe der Maurerlogen die Kirche zu reformiren, die Ergebniſſe der gereinigten Sektenlehren zum Gewinn des Ganzen nicht verloren zu geben und damit dem Gedanken einer Univerſalkirche der chriſtlichen Menſchheit Raum und Wirklichkeit zu verſchaffen. Euſebio ſcheiterte an ſeinem Werk, ich ſcheiterte an meiner heimathloſen Leere. Hätt' ich die Lippen meines Lehrers noch küſſen können, eh' ſein Athem ſchwand: ich hätte es vielleicht erfahren, welch' väterlicher, mütterlicher Wille mich zum Prieſter gelobt, ich hätte gewußt, warum ich das Kreuz Chriſti auf mich genommen. Ich warf es ab und kann doch auch im neuem Glauben, als Mitglied einer neuen Kirche, nur da wieder anfangen, wo ich als alter Chriſt aufgehört, das Werk zu fördern, das die Menſchheit am Altar Gottes und vor ſeinem Antlitz ver⸗ ſöhnt, brüderlich eint. Euſebio ſtarb und mit ihm mein Geheimniß. Aber ſein Erbe, ſein Verſöhnungsplan zu einer Religion für die Völker aller Zonen, dies ſein Erbe iſt mir überblieben!“ „Saverio, mein Sohn!“ rief ein Mann plötzlich, durch die Um⸗ ſtehenden ſich Raum brechend.„Saverio, ſo biſt du der von mir Geſuchte, mir von Euſebio Verkündete! Sohn meiner Mormona, die längſt mit Fittichen der Cherubim über mir ſchwebt! Uns entzogener, mir geraubter, im Herrn und in der Sache der Menſchheit Wieder⸗ gefundener! Ich erkenne dich an dem, wozu Euſebio dich heran⸗ gebildet. Ich erkenne dich an den Zügen deiner Mutter. O wenn Geiſter niederblicken, wenn es wahr iſt, daß ſie uns nicht entzogen ſind, auch wenn ſie, wie wir ſagen, ſchlafen gingen, wenn es wahr iſt, und es iſt wahr, daß ſie unter uns umgehen, ihr gelöſtes Leben in uns weiterführen: o ſo ſieh' herab, Mormona, ſelig Kind der Berge, Roſe, die du am Kreuz verbluteteſt! Sieh' herab, oder ſei unter uns, ſüßer, verklärter Geiſt! Dein Werk iſt vollendet, ich habe den Sohn wieder, den uns entzogenen und doch in deinem Sinne ge⸗ weihten Sohn, das Kind unſerer Liebe, unſerer Schmerzen und unſerer Luſt!“ Aller Augen waren auf Vater und Sohn gerichtet, die zitternd und an einander hängend, halb ungläubig ſich anblickten und dann wieder vom Rauſch ſeliger Beglaubigung erfaßt, ſich von neuem in die Arme ſanken. Kaver— mein Bruder! Welch ein Wonnegefühl der Ge⸗ „ — 352— nugthuung, welche Beſtätigung meiner inneren Stimme, meiner Nei⸗ gung, die mich zu ihm gedrängt!— Kaver iſt der Sohn meines Vaters erſter Ehe, der Sohn des Grafen Giuſeppe della Torre aus Piemont, deſſelben Mannes, der in ſeiner Jugend eine Waldenſerin gefreit, die im Tode wieder abgefallen war vom römiſchen Glauben, ein Abfall, zu deſſen Sühnung die Kirche den Sohn als Opfer forderte. Wie ich um mich blickte, ſah ich manches Auge feucht, nicht blos die Augen von Vater und Sohn. Es war eine Kirchenſtille um uns, es war ein heiliger Bibeltext hier Leben geworden, das alte Gleichniß vom verlorenen und wiedergefundenen Sohn, anders aus⸗ gelegt, mit anderen Umſtänden und anderer Moral; aber der Friedens⸗ hauch der Verſöhnung lang bekümmerter Gemüther war wie vom Herrn über Alle gekommen und der Sterbende, der noch Zeuge dieſes heiligen Menſchenactes war, nahm eine Tröſtung und eine Friedensbotſchaft mit hinüber in's Land ſeliger Geiſter. Ich hatte mich hinzugedrängt, ich der zweite Sohn zum Vater, mutterlos, wie mein Bruder, vom Vater feindlich geſchieden, wie er, und nun ihm gleichfalls wieder⸗ geſchenkt! Großvater Erlauchts Stimme rief mich wieder fort, denn dieſer Mann, an dem ich doch den meiſten Theil, das meiſte Anrecht hatte, wollte nicht verlaſſen ſein, nicht ſterben ohne den Handdruck der Liebe.„Joſeph,“ ſagte der Alte,„Joſeph, ſei mir nicht gram, Kind vieler Schmerzen! Hand her, ſag' ich, Junge, und nicht gemuckſt, aber auch nicht geſchluckſt! Wenn es ein Wiederſehen gibt, und ich ſage dir, es gibt eins, falls es einen Gott gibt,— und es muß einen geben, weil ſonſt Alles eitel,— ſiehſt du, und weil ein Gott, ſo auch ein Weiterleben, denn Geiſt geht nicht unter wie Fleiſch, Geiſt läßt nicht von Geiſt, hat Anwartſchaft auf ewiges Leben, und weil Gott der Geiſt, ſo muß Geiſt zum Geiſte gehen, hörſt du, — ſag' ich, weil es alſo ein Wiederſehen drüben gibt, ſo werd' ich's der Mutter, deiner Mutter Juſtine ſagen: ich ſei ein allzu arg⸗ wöhniſcher Thor geweſen, ein Bärbeiß, aber nur aus ſchlechtem Ueber⸗ fluß an gutgemeinter Angſt und Sorge. Sagen alſo werd' ich ihr, du ſeiſt brav und mir nicht gram. Macht's beſſer, wenn Ihr könnt; Rechtſchaffenheit kann ſich auch eine Grube graben. Und nun, Graf Giuſeppe della Torre, her zu mir, Alle her! Hand auf's Herz und rNi⸗ Paters enont, it, die Wfall ht blos le um s alte s aus⸗ edens⸗ Herrn eiligen iſchtft rängt, „vom wieder⸗ dieſer hatte, c der Find muc nd ich 5 muß il ein er wie Leben, n du dichs u arg⸗ Ueber⸗ önnt Guf n und 3 die andere mir gedrückt, ſo! Verzeihung für meiner Sünden Unbill und für Hartherzigkeit der ſteifgeborenen Seele, ſo mir innewohnte! Wir wollen ſcheiden, Graf Torre, verſöhnt, nehmt dies Naß hin— verſöhnt und einig,— ich will nicht ſagen als Chriſten einig, aber als Menſchen und Maurer, als Lehrburſchen am Werk des großen Baumeiſters droben, der Jeden in ſeiner Freiheit ſich verſuchen läßt. Läßt er ihn doch auch das Lehrgeld zahlen! Es iſt kein Meiſter unter uns; wir lernen Menſch ſein, das iſt Alles.— Prinz Emil, gebt dem Joſeph als Vetter die Hand, bitte! Kaiſer und Reich werden entſcheiden, was Euch, was ihm zukommt. Schlimmſten Falles laßt bei mir Land und Leute lutheriſch ſein, laßt Jeden ſelig werden in ſeiner Weiſe. Baſta! Lebt Alle wohl, ich ſage nicht Amen, aber ich ſage Sela!“ Eine neue Nervenzuckung war über die ſchweren Glieder des Mannes, während er ſprach, gefahren. Jetzt noch ein Mal die erhabene Bruſt aufbäumend, das Haupt noch ein Mal majeſtätiſch in die Höhe ſchnellend, lachte er plötzlich hell auf, zur Seite geneigt:„Ei, ſeht mir doch auch das alte Jeruſalem! Mit dem magiſchen Quackſalber, Sr. Hochgeboren Herrn Grafen San Germano!“ Es war das Paar, das die Soldatesca oben von der Gallerie heruntergeholt, Beide in phantaſtiſch orientaliſchem Koſtüm, die Dii ex machina, die freilich hier, der Eine weder als Jupiter tonans, noch als Pythia in der Lotosblume die Andere, in Scene treten konnten, und jetzt bei Licht beſehen, von den rothgetiegerten Schergen geführt, ziemlich nüchtern dreinſchauten.„Ei, du großer Alfanz,“ eiferte der Reichsgraf noch ein Mal auf San Germano ein,„ſag' Er mir doch, mein Allerwertheſter, wer iſt denn nun eigentlich hier der große Un⸗ bekannte, der große Roſicrucius? Iſt's ein Ding, das da iſt, oder ein bloßes Phantaſieſtück, was? Denn ein Etwas muß doch hinter jedem menſchlichen Unſinn ſtecken!“ Er hatte ſich aufgerichtet und machte die commandirende Ge— bährde, ihm den Inculpaten näher zu bringen.„Auf profane Fragen ſteht kein Maurer Rede,“ ſagte San Germano ſtolz und beleidigt. „J, ſeid doch ſo gut! Wir ſind ja hier unter uns!“ entgegnete der Reichsgraf, als wollte er Miene machen, allen Ernſtes zu ineri⸗ miniren.„Vielleicht hat Inculpat diesmal weiter nichts als den Decorateur bei der Feſtlichkeit gemacht?“ D. V. V. Kühne, Die Freimaurer. 23 4 —— „Jede Idee,“ ſagte Germano ſtolz und groß,„will ihre Perſon zur Vertretung. Wäre Chriſtus nicht wirklich auf Erden erſchienen, wir würden ihn uns erfinden müſſen. So faſſen wir unſere höchſten Gedanken in dem perſönlichen Begriff eines vollendeten Roſenkreuzers zuſammen und nennen ihn Roſicrucius. Sowie es noch keinen wahren Roſenkreuzer gibt, ſo iſt zur Zeit noch Niemand werth, den Roſicrucius vorzuſtellen. Vor der Hand—“ „Vor der Hand ſeid Ihr gut genug dazu?“ unterbrach ihn Groß⸗ vater Erlaucht, ſtieß mit dem Fuße aus, als ſucht' er ihn zu treffen, und wendete ſich knurrend abſeits.„Lumpenhund! Kann mir drei Mal— gewogen bleiben! Laßt den Kerl laufen! Und die Donna auch! Haben vielleicht mitſammen eine chymiſche Hochzeit feiern wollen. Na, nichts für ungut, daß ich Euch Scheidewaſſer zwiſchengegoſſen! Allen ſoll verziehen ſein, abgemacht, ſag' ich, Sela! Hokus Pokus bei Seite! Fort mit dem Alfanz! Luft, Licht, erhabenes Weſen! Ah!“ Mit dieſem Rufe ſtarb er hin, ſeine große, ſtarke Seele ver⸗ hauchend. Er, der gefehlt und geirrt, hatte noch Gericht über uns gehalten, ſeines Rechtes gewiß, auch wo er mit falſchen Mitteln Ver⸗ ſuche gemacht. Dies Gefühl wandelte uns Alle an; ſo gewaltig war die Macht, die ſein Geiſt geübt. Die letzte Nervenzuckung war lähmend auf die linke Seite, auf's Herz gefallen; ſein Herz ſtand ſtill, ſein Leben war beendet. Wie ein gepanzerter Rieſe ſtreckte er ſeine Glieder noch von ſich, drohend, kriegeriſch, zum Kampf bereit. Auf ſeiner Stirn blieb thronend das Bewußtſein ſtehen, immer Rechtſchaffenes, nie Kleines, immer Großes gewollt zu haben. Wie wir ihm die Augen ehrfurchtsvoll ſtill zudrückten, löſte ſich der krampfhafte Zug der Lippen und das Gepräge eines in ſeinem Gott und ſeinem Rechts⸗ gefühl Heimgegangenen lagerte ſich über den Frieden ſeines todten Antlitzes; der Anblick des Gerechten konnte nicht erhabener ſein. Paſtor Dreikorn in ſeinem Amtstalar— er hatte den Roſen⸗ kreuzermantel ſchnell von ſich gethan— trat zu uns, der Wirth des Hauſes, der Wirth des Feſtes, nun auch Herr des Todtenamtes, mit dem der Logentag ſchließen ſollte. Er ſprach mit Salbung einige Worte des Friedens. Saverio, mein Lehrer, mein Freund und nun mein Bruder, war in einer wunderbaren Stimmung; es überwältigte ihn, ſich plötzlich ſo reich zu fühlen als Sohn und Bruder. Kaum ———— nzur „vwir chſten uzers ahren uius ffen, drei onna ollen. oſſen! us bei Ah!“ vet⸗ uns Ver⸗ 9 war mend ſein lieder ſtiner fenes, n die g der echts⸗ todten n. ſoſen⸗ des einige d nun iltigte Kum gedachte Jemand von uns der wunderſamen Fügung, wie er zu uns geführt worden war, wie er unwiſſentlich ſeinem Ziele zugetappt; eben ſo wenig achtete man weiter auf die Aehnlichkeit unſerer Augen und Brauen, die ſchon in Zürich die Gräfin an uns entdeckte. Wie im Saale die nächſten Vorkehrungen getroffen waren, um dem Geſtorbenen eine würdige Stätte zu bereiten, ſah ich Vater Giuſeppe in lebhaftem, innigem Geſpräch mit Donna Carlotta. 5 wußtet jahrelang darum, Carlotta!“ ſagte mein Vater bewegt,„kanntet die Beſchlüſſe, die Plane der Propaganda zu Rom; der Cardinal gab Euch Brief und Siegel und Ihr verſchwiegt es mir, wer und wo mein Sohn, und daß er lebe?“ Die Prinzeſſin von Saba hatte alle Hoheit, allen Stolz von ſich abgethan, wie ihr mein Vater eindringlich dieſe Worte ſagte.„Ihr habt an Euſebio begriffen,“ ſagte ſie,„was er als Mann der Kirche verſchweigen mußte und als Menſch und Maurer doch nicht in's Grab nehmen konnte. Mich drückte derſelbe Zwieſpalt, derſelbe Fluch des Doppelſinnes und Doppellebens.“ „Sagt das dieſelbe Frau,“ ſprach Giuſeppe, mein Vater,— „dieſelbe Frau, deren Herz ſich mir einſt erſchloß? Wie löſ' ich mir dies Räthſel?“ Carlottens Auge füllten ſich mit einem Naß; ihre ganze Geſtalt gerieth in eine Bewegung, deren ſie nicht Herrin blieb.„Wenn das ein Räthſel bleibt,“ ſagte ſie endlich mit erdrückter Stimme,„ſo klagt Euch ſelbſt der Unfähigkeit, es zu löſen, an.“ „War es Rache, Carlotta?“ fragte mein Vater,„Rache, wo Liebe und Neigung einen Altar bauen wollten?“ Ein ſchwer verhängter Blick aus dem dunklen Auge unter dem langen Wimpernſchleier war ein ſtummer Abſchied; ſie hüllte ſich raſch in ihre Tücher und wankte hinaus, wo der Gefährte ihrer harrte. Vater Giuſeppe ſtand blaß und ſtill in tiefes Sinnen verloren, bis die zuthätige Liebe zweier Söhne ihn des Glücks der Gegenwart ver⸗ ſicherten. Carlotta's Name verſchwand im Strom der Geſchichte meines Hauſes. Sie blieb an der Seite des Gefährten, der bald genug in Paris als Graf Saint Germain mit mehr Glanz und Erfolg als —— in deutſchen Landen ſeine Rolle als Magier wieder aufnahm, nachdem 2 er als Magnetiſeur bei Mesmer dort in die Schule gegangen. Wie wir zur Beſtattung des Reichsgrafen in Belle Promeſſe einzogen, nahm mein Vater ſeine Papiere und Tagebücher aus dem Archiv zurück. Sie wurden mir zu Theil, als ich mündig war; aus ihnen ergibt ſich der Antheil, den Carlotta an ſeinem Leben hatte. —— — hden meſſe den aus tte. Olour& Grey Control Chart Mc Cyan Sreen Vellow Hed Magenta