6 Leihbibliothek deutſcher, engkiſcher und franzöſiſcher Literatur Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und geſebedingungen. 1 Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ fangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Desepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. CAution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegeknahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: Cduard Ottmann in Gieſen, „ für wöchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 WM 1 W 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — Ehotahatahahahrahatatapararat Die Freimaurer. Eäns Fumiläsugssshtechts aus dem vorigen Jahrhundert von F. Guſtav Kühne. Drittes Buch. Frankfurt a. M. Verlag von Meidinger Sohn& Cie. 1855. Druck von C. W. Leske in Darmſtadt. Drittes Ruch. Graf Giunſeppe della Torre. Erſtes Rapitel. Mormona, die Waldenſerin. De finſtern Alpenthäler Piemonts ſind meine Heimath. Wohl muß ich ihn finſter nennen, den Geiſt, der dort umgeht, ſind gleich an die dunkeln Waldſchluchten, an die kargen Felſenhöhlen die ſüßen Gefühle meiner Jugend geknüpft. Es iſt ein ſeltſam geartetes Land, mein Piemont. Mitten in unfruchtbaren Gefilden ſtößt man auf kurze Strecken, wo Blüthe und Frucht ein jähes, raſches Leben treiben 5 und mit einer Zauberpracht, wie der Kaktus, überraſchen, der für ſein ſaftiges Fleiſch, für das wunderbare Farbenſpiel ſeiner Blumen aus ſteinichtem Boden ſeine Nahrung ſaugt. So überraſchend ſind alle die Lieblichkeiten meines Landes, ganz dazu gemacht, den Wanderer zu ſchrecken, weil ſie mitten aus ödem Felsgerüll wie ein Räthſel aufſteigen. Hier und da drängt ſich ein ſchmales Thal zwiſchen ſteile Wände. Es lockt dich mit ſeinem dunklen Erlengrün immer weiter in eine geheimnißvolle Welt, wo du dem Quell des noch unberührten Lebens, dem Schacht der verſchloſſenen Tiefe dich zu nähern glaubſt, bis plötzlich ein wildes Bergwaſſer um die Felſenecke bricht, unver— muthet deinen Pfad überſchäumt und den geträumten Frieden ſtiller Verborgenheit in Nacht und Graus verſchüttet. Du mufßt fliehen, ſoll dich die Wildniß nicht verſchlingen. Du fliehſt und möchteſt doch von neuem in den Schooß jener Bergwelt zurück. So lockt und ſchreckt zu gleicher Zeit mein Piemont! Und die Menſchen in den Thalſchluchten find nur deren perſön— lich gewordenes Weſen, deren lebendige Seele. Sie locken und ſchrecken dich; Jeder iſt zugleich dein guter und dein böſer Geiſt. Die ſtille Einfalt ihrer Sitten ſchützen ſie mit wildem Ungeſtüm. Die ſchäu⸗ — „ — menden Waſſer und die toddrohenden Klüfte mußteſt du überwinden, wollteſt du eine kleine arme Hütte mit Wieſengrund finden. Den verwegenen Trotz der Kinder der Natur mußt du erſt zwingen, dir dienſtbar zu ſein, gehſt du darauf aus, ein unberührtes Menſchen⸗ herz zu entdecken, das in den rauhen Bergen mit ſeinem Gottesfrieden ſich angeſiedelt. Wie ihr Land, ſo ſind die Waldenſer, die ein grau⸗ ſames Geſchick aus dem großen Strom der Menſchenwelt bei Seite geſchleudert. Ich weiß nicht, iſt ihr Weſen in den Bergen erſt ver⸗ wildert, oder ſind ſie als fertige Sonderlinge hier eingewandert. Die Tücke der Verfolger hat ſie verſchüchtert; ihre Verſtocktheit, ihr Arg⸗ wohn gegen Alles, was ſonſt noch Gottes Welt erfüllt, iſt ſo felſen⸗ feſt wie die Berge, die ſie ſchirmen. Wohl mögen die ſtolzen Men⸗ ſchen, die ſich im Beſitz einer ausſchließlichen Wahrheit dünken, bei dieſen Kindern der Natur die ſchroffe Unzugänglichkeit verſchuldet haben. Die Waldenſer waren von je voll tiefen Grolls gegen die Welt, ſie erklärten uns fortwährend den Krieg, aber ſie tödteten ihre Feinde, wie die Parther, nur immer im Fliehen. Sie ſind hinter ihren Bergen geblieben und haben ſich nach jeder blutigen Berührung mit uns römiſchen Chriſten nur immer tiefer hineingegraben in die Einöden und in die wilde Seltſamkeit des Landes. Wo du aber mitten in der verwahrloſten Ungebährdigkeit ein ſtillfreudiges Herz, hinter der rauhen, felſigen Außenwand einen Quell friſchen Lebens findeſt, da glaubſt du als Menſchenfreund einen Fingerzeig Gottes zu erkennen, da jubelſt du über den Fund, weil in der vielverworrenen Menſchenwelt der reinen Quellen ſo wenige ſind. Iſt der Geiſt der Verfolgung bei den Tyrannen erlahmt, ſo übt der Unterdrückte un⸗ merklich eine Macht aus auf die gewaltigen Herren; der griechiſche Sklave beherrſchte zuletzt den Römer mitten in ſeiner eigenen Welt. Und ſo hab' ich's denn, der letzte La Torre, für eine Sühne des Schickſals gehalten, daß meine Mutter eine Waldenſerin war. Mein Vater war nicht der Erſte des Hauſes, deſſen Herz ein waldenſiſch Mädchen bezwang. Mit unwillkürlicher, geheimnißvoller Liebe ſollten die Nachkommen die blutige Schuld der Vorfahren ſühnen. Dieſe Rache übten die ketzeriſchen Waldenſer an uns. Gibt es eine Rache, die chriſtlicher wäre?— Aber der blinde Aberglaube, der blinde Wahn verſtand nicht immer den Wink des guten Gottes. Santa Maria, der Stamnſitz unſeres Hauſes, iſt auf dem Ab⸗ hange jener Hügelreihen erbaut, die ſich vom höheren Gebirge herab gemach in die Ebene verlieren. Unfern vom Bergſchloſſe liegt das uns zugehörige, uns gleichnamige Städtchen La Torre. Rückwärts reicht unſer Gebiet in's Ungewiſſe jener Felſenwelt hinauf, wo, wie man den Kindern ſagte, die Kobolde und die Ketzer hauſen. Beides ward dem Knaben ſchon früh als gleichbedeutend vorgeſtellt, der Pfarrer im Schloſſe und die alten Weiber im Hofe, Religionslehrer und Ammenmährchen ſchienen verbündet, meine junge Seele mit einem ſchickſalsvollen Glauben zu erfüllen, der mich ſchrecken und das Heil meines Lebens ſichern ſollte. Was aber ſchrecken ſoll, das reizt! Iſt das im menſchlichen Weſen allgemein gegründet? Oder war es nur für mein Geſchlecht eine verhängnißvolle Erbeigenthümlichkeit?— Der Hang zum Widerſpruch ſaß in mir ſo feſt wie in vielen meiner Vor⸗ väter, von deren Lebensſchickſalen ich hörte. In den Hallen eines halb verfallenen Schloßtheiles ging der Geiſt der Urmutter des Hauſes um. Sie hieß im Munde des Volkes„die alte Waldenſerin.“ Sie konnte, flüſterte man ſich zu, im Grabe nicht ruhen, denn ſie ſei, obſchon römiſch bekehrt, getauft und eingeſegnet, doch im Grunde des Herzens nicht ganz Chriſtin geworden, habe nicht ganz dem Ketzerthume ihrer Brüder in den Bergen entſagt. Das ſei den Waldenſern eigen, ſagten die Leute. Wo man ſie gewonnen zu haben glaubte für das Heil, das die Mutter Gottes bietet, da fügten ſie ſich nur zum Schein, gaben ſich nur in der Betäubung gefangen, wenn ſie wie gläubig nieder⸗ ſanken, fromme Thränen vergoſſen und nach römiſcher Art die Kügel⸗ chen am Roſenkranz drehten. Wenn ſie ſich aber aufrichteten, waren ſie plötzlich wieder die Alten, hoben den gebeugten Nacken in die Höhe und wandelten wie verſtockte Heiden mit dem ganzen Trotz ihrer inne⸗ ren Unüberwindlichkeit unter uns Schafen der alleinigen Heerde des Herrn einher. Einige liefen gleich nach der Bekehrung ſpornſtreichs in die Berge zurück; Andere entwichen nach jahrelangem Verkehr mit uns und verließen dann eben ſo plötzlich die vollen Fleiſchtöpfe in den Städten, um daheim wieder in der kargen Wildheit der Wüſte ihr Weſen zu treiben. Man wußte von bekehrten Waldenſern, die über Nacht Haus und Hof, Weib und Kind verließen, um wieder freie Söhne der Berge und ihres angeborenen Glaubens zu ſein. Die Ahnmutter meines Hauſes hatte die Ihrigen nicht wieder ver⸗ laſſen, aber ſie war, ſo hieß es, nicht vollſtändig bekehrt; im ver⸗ borgenen Winkel ihrer Seele, ſagte der Caplan, ſei ein Reſt Ketzerei ſitzen geblieben. Um deswillen, ſagten die alten Weiber, müſſe ſie umgehen und könne nicht Einkehr halten in den Wohnungen des Herrn. Von ihr ſchrieb ſich auch der Fluch her, der auf unſer Haus geſchleudert war.„Der Geiſt der Berge wird über Euch kommen! Und im Aufruhr der Elemente werdet Ihr zu Grunde gehen!“ So lautete die Verwünſchung, die ſich ſeit Jahrhunderten fortgepflanzt und die uns die heilige Kirche in ihrer Weiſe zu deuten ſuchte. Weil von Alters her mütterlicher Seits ketzeriſches Blut in unſeren Adern floß, ſo fehlte es bei uns nicht an geiſtlichem Zuſpruch, auch nicht an finſteren Gemüthern, die unter dem„Aufruhr der Elemente“ die wilde Berggegend und die Berührung mit den Waldenſern verſtanden. Der Ahnherr war nicht der Einzige geblieben, den es geheimnißvoll in die Berge trieb, wo ſein Herz den Magnet gefunden. Es war im Landvolk ſprüchwörtlich, daß von Zeit zu Zeit ein Graf La Torre von einer Nymphe im Walde bethört werden müſſe. Wer von uns gewiſſen Einflüſterungen ſein Ohr lieh, der ward eifrig bemüht, ſich durch Gebete und Gelübde vor dem Reiz der Berge zu ſchützen. Mancher ſah in blutiger Verfolgung ein frommes, gottgefälliges Werk. Nicht ſelten hatte ein Graf La Torre die Waldbewohner von allem Verkehr mit dem flachen Lande abgeſchnitten, gleichſam einen gläubig⸗ chriſtlichen Peſtcordon um die Schluchten gezogen und Demjenigen, der ihn überſchritt, mit dem Tode gedroht. Brachen dann die Be⸗ wohner der Berge hier und da hervor, ſo wurden ſie wie wilde Thiere gefangen, wie Verbrecher gerichtet. Die Behandlung der Unglücklichen wechſelte jedoch epochenweiſe. Nach ſolcher Hetzjagd über⸗ kam dann den nächſtgeborenen La Torre um ſo tiefer ein Zug der Milde, die vergüten wollte, was die finſtere Barbarei des Vorfahren in Haß verſchuldet. Und meines Vaters Herz erlag der Macht, die ein junges Kind der Berge auf ihn übte. Die Geſchichte meiner Mutter erſchien mir ſelbſt im Berichte des Caplans, meines Erziehers, wie eine Romanze auf die Liebe. Auf der Jagd hatte mein Vater ſie geſehen und der Zauberbann war raſch um ihn gezogen. Mit einem Rudel verwegener Burſche, die Wilddieberei getrieben, war ſie — —— 363— aus dem Verſteck aufgeſcheucht. Ihre Gefährten waren gefangen, lagen gebunden am Boden. Sie allein entſprang den Verfolgern und kletterte, ihre Büchſe in der Hand, vor den Augen ihrer Feinde die Felſen hinan. Sie lud und ſchoß nicht ohne Glück auf die Vor⸗ witzigen, die ihr nahten. Wie eine Gemſe ſtieg ſie von einer Kuppe zur anderen, der eiteln Verſuche ſpottend, ihr zu folgen. Als ihr das Pulver ausging, rollte ſie Felsſteine in die Tiefe. Die Erbit⸗ terung der Jäger ſtieg zur Wuth. Im Inneren meines Vaters aber wurden andere Gefühle wach. Ihn reizte die junge verwegene Mäd⸗ chenſeele. Er parlamentirte mit ihr wie mit einem ehrenwerthen Feinde, verſprach ihr die Freiheit, wenn ſie ſich ergeben wolle. Sie kam herunter und ſtreckte ihr Genvehr. Mein Vater gab den ganzen Haufen der Waldenſer frei. Das erſchütterte das junge Mädchenherz. Die räuberiſchen Geſellen, mit den Waffen in der Hand gefangen, des nahen Todes gewiß und ſo plötzlich aller Strafe ledig, ihres Lebens wieder froh, jubelten und lärmten in ausgelaſſener Luſt. Sie aber war ſtill geworden. Sie erklärte, nicht wieder in die Berge zurückzukehren; ſie bot ſich als Geißel an, als Bürgſchaft, daß keiner von den Ihrigen je wieder Waldfrevel üben werde. Sie ſchien faſt zu ſtolz, die Freiheit der Brüder ohne Gegenbuße als Geſchenk an⸗ zunehmen. Mein Vater führte ſie mit ſich fort. Während ſie ſich zu ſeiner Gefangenen erklärte, war ſein Herz ſchon in ihren Banden; der Geiſt der Berge war über ihn gekommen. Seine Großmuth hatte ſie überraſcht und ſie liebte ihn eben ſo plötzlich mit leidenſchaftlicher Gewalt. Sie wurde römiſche Chriſtin, wurde ſeine Gattin. Dauerte das Glück dieſes Bundes nicht länger als der erſte Rauſch der Gefühle? War für meinen Vater der Reiz mit der Be⸗ ſiegung der Hinderniſſe geſchwunden?— Die Unſchuld aus den Bergen war in die Dame ſeines Schloſſes verwandelt. Nun Alles geordnet ſchien, ſtiegen die Geiſter der Zwietracht auf. Mißverſtändniß und Reue hießen die„Elemente“, in deren Aufruhr das Glück meiner Eltern zu Grunde ging. Und ſo ſchien auch der zweite Spruch der alten Waldenſerin wieder einzutreffen. Meine Mutter ſtarb bald nach meiner Geburt. Sie lebte in der letzten Zeit wie verſtoßen in den inneren Gemächern des kleinen Schloß⸗ flügels, während mein Vater in der Welt herumſchwärmte, um — 3 gewaltſam den Frieden zu ſuchen, den ihn daheim ſein Gewiſſen nicht finden ließ. War in meiner Mutter die Waldenſerin nicht ganz ge⸗ tilgt? Hatte ſich in ihr jener unverwüſtliche Reſt des ſtarren Unglau— bens geregt? Es war Thatſache, daß ſie in Gram und Einſamkeit ſchnell alterte, für kurze Liebesfreude einen frühen Tod erntete. Sie ſtarb ſehr plötzlich, ohne Nachtmahl, ohne Verſöhnung mit ihrem Gatten, in der Entbehrung ihres einzigen Kindes, das man ihr entzog. Um mich vor ähnlichem Zwieſpalt und Unheil zu bewahren, ward ich ſchon früh aus dem elterlichen Schloſſe entfernt und nach Genua in das Seminar der Jeſuiten gebracht, wo ich unter Obhut unſeres ehemaligen Caplans heranwuchs, der von ſeinem Orden nach Genua zurückberufen, ſpäter Rector des Collegiums, endlich Provin⸗ zial der Geſellſchaft wurde. Ich wußte lange nicht, was ſich Ver⸗ hängnißvolles im Hauſe der Meinigen geſtaltete und dort noch immer⸗ fort Himmel und Hölle in Streit erhielt. Aber der Haß gegen Ketzer, der Abſcheu gegen die verlorenen Kinder in den Bergen ſollte in mir nicht blos als Aberglaube, ſondern durch Predigt und Moralphilo⸗ ſophie wiſſenſchaftlich begründet und ſo tief eingepflanzt werden, daß jede Berührung mit Ungläubigen mir wie Todſünde erſchien. So ward ich mehr prieſterlich erzogen als für die Welt und meinen Stand. Das alte Schickſal meines Hauſes ſollte mit allen weltlichen Gelüſten in mir ertödtet werden. Ich hatte vielleicht von früh an in meinem Weſen eine Scheu vor Menſchen, doch weil man angeblich aus Gottes⸗ furcht ſo aberwitzig war, mir förmlich Menſchenhaß zu lehren, ſo ward ich ſtutzig und ein geheimer Trotz in meiner Natur entſchied ſich bald für das Gegentheil; aus dem Haß, den man ſäen gewollt, wurde Mitleid und Liebe. Dieſer Trotz, dieſer Reiz zum Widerſpruch iſt wohl das eigentlich Schickſalsvolle in der Geſchichte meines Hauſes, nicht die waldenſiſchen Mädchen im Waldesgrün! Dieſer Trotz gab uns den Hang, das Verborgene, das Namenloſe, das Unenträthſelte aufzuſuchen. Und zu dieſem Geheimnißvollen gehörten freilich die Ketzer in den Bergen, die man uns als Kobolde, als Vampyre ſchilderte. Ich wuchs langſam auf, war zarter und ſchwacher Art. Man mußte mich ſchonen, that mir keinen Zwang an, und ſo ſtreng ſonſt — die jungen Zöglinge der Jeſuitenſchule gehalten wurden, ſo mußte man doch behutſam auf meine Geſundheit achten. War ich doch der einzige Sproß der alten Familie. Ich lernte ohne Sträuben, ſchien fügſam und gutartig. Bei alledem war ich trotz der ſcheinbaren Schwächlichkeit eine zähe Natur, paſſiv dauerhaft, obwohl in dem was vor Augen lag, nicht viel leiſtend. Ich duldete ruhig meine Zucht, es fiel mir nicht ein, lieber wie ein junger Cavalier zu Pferde ſitzen zu wollen, als klöſterlich mit Büchern zu verkehren. Der welt⸗ liche Trieb war jedoch nicht in mir erſtickt. Vielmehr hatte ich ſchnell durch eine Gunſt der Schickung eine Auskunft gefunden, die mein Inſtinet ſich ſelbſt verſchaffte. Der Drang zum Geheimniß war in mir da ich gab ihm eine ſchnelle Nahrung. Ich trieb Tages über meine Studien getreu und ehrlich, Nachts aber, wenn ich als ſchläfrig entlaſſen war, wenn die Hüter ſelbſt ſchliefen und ſicher zu ſein glaubten, ſchüttelte ich den Zwang von mir. Meine Seele athmete auf, wenn die Nacht aus dem Meere tauchte. Mich reizten die Schauer der Dunkelheit und die Gefahren auf den Wogen des unermeßlichen Elementes. Ich ſtieg aus dem Fenſter, ging an den Strand, lief an die Mole, wo die Fahrzeuge buchten, nahm ein Boot und fuhr in's Meer hinaus. Anfangs hielt ich mich in der Bucht zwiſchen den Hafendämmen. Der Fiſcher, den ich miethete, ward mein Freund, ich liebte ihn wie meinen Retter. Wenn Genua, die wunderbare Felſenſtadt, mit ihren Paläſten, Terraſſen und Thür⸗ men im Mondſchein hinter mir aufſtieg und die kleine Barke durch die hundert Schiffe hin und her glitt, hab' ich oft meinen Fährmann umarmt vor lauter Luſt am ſchönen, geheimnißreichen Leben, das mir in der Mitte der Nacht ſeine tiefſten Schätze, ſeine verborgenen Selt— ſamkeiten zu verheißen ſchien. Oft fuhr ich allein; ich lernte rudern, wagte mich weit hinaus in's offene Meer; erſt mit dem dämmernden Morgen kehrte ich heim. Ob mein Lehrer darum wußte, ob er zu⸗ weilen von weitem mir folgte, erfuhr ich damals nicht. Die nächt⸗ lichen Freiſtunden waren eine ſtillſchweigende Bedingung meines ſonſt guten Verhaltens. Ich vollzog, was man mir als Pflicht auferlegte, ich war dem Geſetze gehorſam, gewöhnte mich in einen großen Zu⸗ ſammenhang, der mir wie Nothwendigkeit erſchien. Aber ich verlangte innerhalb dieſer Schranken eine heimliche Freiheit, verlangte im Stillen 366 meinen eigenen kleinen Gottesdienſt. Dieſer Hang zur Willkür trat mit dem Reiz am Geheimnißvollen bald in einen Bund, ſo daß ich noch jetzt kaum meinen Trotz und meinen Drang zum Unerforſchlichen zu trennen weiß. Was ich ſonſt trieb und that, blieb mir gleich⸗ gültig, hatte es nicht einen Zuſammenhang mit dieſen meinen Ge⸗ lüſten. Ich1 lernte mechaniſch, ich that den frommen Dienſt ohne Aufregung der Seele, bis ich plötzlich begriff, es handle ſich in Re⸗ ligion und um das große Geheimniß, Gott und Natur zu finden und zu deuten. Wenn ich in den Hörſälen des Collegiums vom Tode, vom Lande Jenſeits reden hörte, ſchweiften meine kin⸗ diſchen Empfindungen lange Zeit ab auf's weite, ungewiß wogende Meer. Es war auch ſpäter derſelbe Reiz am Unerforſchlichen, am Verborgenen, der mich bei den Dogmen von den Wundern des ge⸗ heiligten Lebens ergriff. Aber jenen nächtlichen Wanderungen am Ufer, meinen verbotenen Ausflügen auf's Meer hatt' ich es zu ver⸗ danken, daß ich geſund blieb an Leib und Seele; mein junger Sinn ſchaffte ſich damit eine Befriedigung, bis er ſich reif fühlte zu den großen Entdeckungsfahrten, auf denen es gilt, ſich in den Wundern der geiſtigen Welt zurechtzufinden, das Ungeheuere, das Unermeßliche für die Menſchenſeele zugänglich zu machen. So war ich herangewachſen ohne eigentliche Beziehungen zu Menſchen, im Wechſel zwiſchen Kirchendienſt und dem geheimen Gelüſt zur Willkür, dem ich den Tribut entrichtete.— Mein Vater war von ſeinen Reiſen zurückgekehrt. Ich hatte mein ſechszehntes Jahr ange⸗ treten, als ich vor ihn beſchieden ward. Mein ruhiges, ſcheinbar ſtilles Weſen hielt er für eine gute Frucht meiner Erziehung; er meinte, es ſei nun genug geſchehen, um mich gegen die Gefahren der Ketzerei ſicher zu machen. Zum wirklichen Mönch war der letzte La Torre denn doch nicht beſtimmt. Ich blieb nun auf Santa Maria, lernte die ritterlichen Dienſte, ging mit auf die Jagd. Das Alles that ich ſo handwerksmäßig, wie ich im Collegium Latein ge⸗ lernt. Degen und Büchſe konnten mir erſt Reiz gewähren, wenn ich ſie willkürlich führte, nach freiem Drang ſie benutzte. Meiner Um⸗ gebung ſchien ich ein Menſch ohne Eitelkeit, ohne Ehrgeiz, ohne Aufregung der Sinne. Man hatte das in mir niedergehalten; kein Wunder, wenn mein Gemüth verſchüchtert war und in jene träume⸗ 1* w K ze fr Re li ih ſe w riſche Gleichgültigkeit verfiel, die das Gebotene mechaniſch übt, aber im Stillen auf die Stunde der Erlbſung harrt. Ich war bei alle⸗ dem bald der Liebling der ganzen Dienerſchaft, weil ich eben ſo leut⸗ ſelig war wie mein Vater herriſch. Sie erzählten mir von den wilden Verfolgungsſcenen im Gebirge, von der Ahnmutter und ihrem Fluch, von den letzten Schickſalen des Hauſes. Ich erfuhr, daß nicht eigent⸗ lich das Volk, vielmehr nur ſeine Führer und Vormünder grauſame Gelüſte und Aberglauben weiterſchleppen. Die Härte, die man auf Befehl meines Vaters gegen meine Mutter verübt, ſuchte man am Sohne reichlich zu vergüten. Nur die Schönheit der Mutter, ſagten die Leute, ſei das Unglück des alten Herrn geweſen. In den Wei⸗ bern aus den Bergen gehe für die Grafen La Torre der Teufel umher und ſuche, wen er verſchlinge. Man ſagte mir das, weil man mich, wo nicht für einen geiſtlichen Herrn, doch für einen gelehrten und tüchtigen Chriſten hielt, und man hielt mich⸗ dafür, weil ich fromm ſchien und den äußeren Kirchendienſt mit einer Pünktlichkeit übte, die den Leuten wie Eifer erſchien. Meine klöſterlichen Gewohnheiten erweckten dem Vater zuweilen ſogar Beſorgniſſe; er fing an, mich weniger ſtreng zu halten; es gab Augenblicke, wo er mich mit einer ſchwärmeriſchen Zärtlichkeit überhäufte. Vielleicht mochte ihn die Furcht überkommen, mit mir könne das Geſchlecht der La Torre erlöſchen. Hatte mich ſeine frühere Gleichgültigkeit unfähig gemacht, einem Ge⸗ fühle für ihn Raum zu geben, ſo mußt' ich jetzt fürchten, ſeine plötzliche Weichheit ſei nur augenblickliche Reue, eine Laune ſo gut wie die frühere Kälte, die mich Fremdlingen und der Zucht des Kloſters überließ. Für ſeine Liebe, die ſich mir jetzt als Schwäche zeigte, hatte ich keine Entgegnung; aber ſie gab mir eine Macht über ihn, die ich benutzte. In einer Stunde ſolcher weichen Hingebung fragte ich ihn dreiſt, warum er meine Mutter wie eine Gefangene gehalten. Mit dieſem Worte ſprengte ich die Pforte, die das Un— glück des alten finſteren Mannes verſchloſſen hielt. Von einem Zög— ling der Kirche hatte er die Frage nicht erwartet; aber ich ſtellte ſie ihm als Sohn, als Menſch. Er ſchien verwirrt und betäubt; er ſchwur, meine Mutter bis an ihr Ende geliebt zu haben, ihr treu ſein zu wollen bis über's Grab hinaus; die Heiligen, hoffte er, würden ſie dereinſt ihm wieder zuführen. Ich fragte, was ſie als — Gattin, als Mutter verbrochen.„Sie war keine Chriſtin!“ ſagte der Alte ſcheu und ſtill. Ich ſah ihn zornig an. Ein halbes Jahr nach meiner Geburt, in einer ſüßen Stunde der Umarmung, erzählte er mir, da hatte ſie ihm voll Uebermuth in's Ohr geflüſtert, nur ſeinetwillen mache ſie Alles ſo mit, wie es der Pater vorgeſchrieben, den ſie im Grund ihrer Seele haſſe. Wie könne ein Mann, der nie gewußt, wie Men⸗ ſchen menſchlich fühlen, ihr anbefehlen, wie ihr zu Muthe ſein ſolle! All' die Martergeſchichten ſeien ihr ein Gräuel, ſie könne mit ver⸗ moderten Gebeinen nicht ſchön thun, ja ſie ſchäme ſich der Heiligen, weil ſie zuließen, daß man ihnen ſo viel Thörichtes nachſage.„Ich ſchreckte auf aus ihren Armen,“ rief mein Vater mit Entſetzen.„Ich ſtarrte ſie an; ſie war mir unter den Händen wie verwandelt. Ein Schauder trieb mich vom Lager, es überkam mich die Erinnerung an den alten Fluch, daß„er Geiſt der Waldenſerin unter uns umgehe und nicht ſterben könne!“ Er hielt den Leichtſinn einer unbewachten Heiterkeit für den Dämon des Hauſes. Er hatte ſein Weib nie wieder berührt. Er eilte nach Rom und beichtete. Die Kirche ſtellte auf ſein Verlangen ihre Abgeordneten, um den böſen Geiſt auszutreiben. Mein Vater ſchwankte, ſein beſſerer Genius erwachte noch ein Mal. In der Angſt um ihr Seelenheil hatte ſich nur die irregeleitete Liebe verrathen, die zu falſchen Mitteln griff. Wie man ſie förmlich als Ketzerin behan⸗ deln wollte, empörte ſich ſein Stolz und er trieb die Abgeordneten der Inquiſition mit Gewalt aus den Hallen ſeines Schloſſes. Aber er ſelbſt blieb gegen meine Mutter der ſtrafende Dominicaner, der die Verurtheilte nicht ein Mal mehr hörte. Sie hatte keine Gewalt mehr über ihn, er blieb taub gegen ihre Reue, ihre Thränen, ihre Ver⸗ zweiflung. Daß ſie ihn ſehr heilig liebte, hat ſie ihm wohl zur Ge⸗ nüge bewieſen, weil ſie nicht lange ohne ſeine Huld leben konnte. Das Glück hatte ſie ſicher gemacht und das alte Ketzerthum ihres Stammes in ihr aufgerüttelt. Nachdem ſie ſeine Gunſt verſcherzt, war ſie wieder demüthig wie eine Magd, hielt ſich ſtill, faſtete und verzehrte ſich in Reue und Buße, wenn auch ohne förmliche Sühne mit der Kirche. Während er in der Welt herumirrte, auf Seezügen und Kriegsfahrten, um die Zweifel, die Unruhe und die Finſterniß — 369— ſeiner Seele zu bekämpfen, lag ſie auf dem einſamen Todtenbette. In einem Augenblicke der Angſt verlangte ſie nach dem kirchlichen Troſt. Bevor man ihr das Mahl des Herrn reichte, ſollte ſie beken⸗ nen, daß ein böſer Geiſt in ihr wohne. Da machte ſie ſich ſtark, fand ſich mit ihrem Gott allein zurecht, wandte ſich ſtolz und zornig ab und ſtarb ſtill und entſchloſſen, ohne Klage, ohne Furcht, aber auch ohne Verlangen nach dem Benedeiten. Das war das Ende meiner Mutter, der Schluß der Romanze von der treuen Liebe. Mein Vater hatte ſeine Erzählung beendet. Die Erinnerung hatte ihn überwältigt; matt und erſchöpft ſaß er vor mir im Seſſel. Ich ſprang auf und ſchüttelte mein Haupt.„Die Sünde, Vater, vergibt Euch Gott nicht!“ rief ich. Ich ſtand mit glühendem An⸗ geſicht vor dem Alten. Mein Wort fiel wie Feuer vom Himmel; der Schmerz machte mich mündig. Der Alte ſchreckte auf. Er erhob ſich langſam aus dem Seſſel und ſtarrte mich mit dem Blicke des unſicheren Entſetzens an. Er wollte reden, aber die Lippen zitterten wortlos. Er griff mit der Hand über die Stirn; er wußte nicht, mit wem er ſprach; das war der Zögling des Kloſters nicht, der ſo redete. Der Anblick ſeiner rathloſen Unſicherheit milderte meinen Groll; zwei große ſchwere Perlen rollten über ſein Angeſicht.„Vater,“ ſagte ich,„Ihr habt meine Mutter allzu raſch verdammt!“ „Ich habe dafür gebüßt,“ ſagte er dumpf und ſtill,„und die Kirche hat mir vergeben.“ „Die Kirche, ja, aber Gott nicht!“ „Wie?“ ſchrie er auf,„gibt es denn auch einen Gott noch außer⸗ halb der Kirche?“ Die finſtere Gluth ſeines Zornes entlud ſich in ſeinen Blicken. Ich lernte an dieſen Blicken den Dämon kennen, der das Glück meines Hauſes unterwühlte. Aber dieſer Dämon ſchreckte mich nicht mehr. „Vater,“ ſagt' ich feſt und ſicher,„es gibt einen Gott in uns, deſſen leiſe Rede kein Spruch der Kirche, keine Fürbitte der Heiligen über⸗ tönt, eine innere Stimme, die uns gegen die Satzungen der Gewohn⸗ heit zu thun gebietet. Meine Mutter iſt dem Herkommen des Glau⸗ bens geopfert, und ein Menſchenleben iſt doch wohl heiliger als ein Wort. Ein Menſchenleben iſt eine That Gottes!“ D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 24 370 Der Alte ſank ſtill und ſtumm in ſich zuſammen, verhüllte ſein Haupt und brütete für ſich hin. Er ließ nach wie vor eifrig Meſſen leſen für ſein und der Geſtorbenen Heil, betete und that gute Werke, wenn es ihn wie die Unruhe eines gequälten Geiſtes überfiel. Wir berührten dieſen Punkt nie wieder; denn wir hatten uns wie wild⸗ fremde Menſchen einander gegenüber geſtellt. Er war ſeitdem bald in finſterer Starrheit gefangen, bald zerdrückt und zerfloſſen; ſeine ganze Natur war aus ihren Fugen gerückt, aber er zeigte ſich mir nie wieder in einer Stunde, wo er, wie er ſagte, ſchwach war. Seine Ueberzeugungen blieben dieſelben, oder vielmehr ſie wurden ſtrenger und härter; er glaubte, es ſei noch nicht genug geſchehen, um das Unglück des Hauſes zu ſühnen; das Unheil ſei im Wachſen und ſei erblich auf mich übergegangen. Ich ließ von ihm ab. Auch war meine Aufregung bald ge⸗ ſchwunden; jener Gleichtact, zu dem ich im Kloſter erzogen war, ſtellte ſich in mir wieder her. Daß ein Mann ein Weib heilig liebte, und weil er entdeckt, ſie glaube nicht wie er an Gott, ſie verſtößt und verdammt, das hätte mich faſt für Beides, für die Liebe und für den Glauben, abtödten können. Es kümmerte mich damals noch zu wenig, wo der Wurm ſitzen mochte, der heimlich das Leben der Men⸗ ſchen zernagt. Seit jener Seene fühlte ich mich ſelbſtändig, hielt ich meine Erziehung für vollendet. Dem Unwillen gegen meinen Vater gab ich nicht weiter Sprache, aber ein wehmüthiger Groll gegen menſchliche Thorheit und Grauſamkeit ſetzte ſich ſehr feſt in meiner Seele. Faſt wünſchte ich mir mein eintöniges Leben im Collegium zurück; die Thorheit im Gewande der Weisheit ſchien mir noch die erträglichſte Maske unter Menſchen. Nachts trieb es mich vom Lager fort; das alte Bedürfniß zum Wandern regte ſich wieder. Ich wurde weniger als ſonſt beobachtet und die Diener im Schloſſe waren mir ſtillſchweigend zu Willen. Ich vermißte daheim das Meer, das Bild der Unendlichkeit in der dämmernden Stille der Nacht. Ich ſchlich in den alten verlaſſenen Sälen von Santa Maria umher; ich hätte mich gern an etwas Geheimnißvolles hingegeben. Der Geiſt der Ahnfrau wollte mir nicht erſcheinen; ich hätte ſie gern gefragt, weshalb ſie noch nicht ruhen wolle und noch immer den Sinn der Nachgeborenen tw h lihy ſit tüfe iih Rern Red ücki nur ſollt Rehr nuhe n Sit in tror des die den 0b ls ſ u Pri NMi hei Gei Und ir Ge ihr Ni lte ſein Meſſen Werke, [. 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Das Feſt der Schutzpatronin von Santa Maria della Torre war nahe. An dem Mauerwerk des alten Schloſſes klebte noch der heid⸗ niſche Name, der, oft vertilgt, immer wieder auftauchte. Es war Sitte, alljährlich die Ruinen zu weihen, ſie gleichſam von neuem zu taufen. Niemand anders als die Mutter Gottes ſelber war die Pa⸗ tronin des Ortes. Außer dem Frohnleichnamsfeſte gibt es keinen Tag des Jahres, den die ganze Gegend feſtlicher begeht. Je lebendiger die Sage von der alten Waldenſerin, deſto eifriger hing man an dem Brauche, die verödeten Mauern immer wieder einzuſegnen, als ob man den Geiſt der Ketzerin, die dort umging, für mächtiger hielt als das chriſtliche Weihwaſſer. Waſſer thut's freilich nicht! Es war Markttag in La Torre; das Landvolk war in Schaaren zuſammengeſtrömt. Es gehörte zur Sitte, aus ihnen die Glückliche zu erwählen, welche die Heilige des Tages vorſtellen mußte. Der Prieſter hielt ſeinen Unzug durch das Gewühl auf dem Platze. Die Mädchen beugten ſich vor ihm, ſchamhaft erröthend im Gefühl der heimlichen Eitelkeit; Jeder ſchlug das Herz, ſich wohl bewußt, der Geiſtliche werde die Gott und Menſchen Wohlgefälligſte, die Sittſamſte und die Schönſte auserleſen. Weltliches und Himmliſches miſcht unſere Kirche nach altem Brauche; ſie behauptet damit ihre Macht über die Gemüther, indem ſie auch die Volksfeſte heiligt, die Kinderſpiele in ihren Dienſt nimmt.— Mitten im Getümmel des Marktes ſtanden die Mädchen um den Caplan in Reihe und Glied. Männer und 24* 3 Weiber hatten die Buden verlaſſen und waren dem Ruf des Herrn gefolgt. Das Geſchrei der Melonenverkäufer, die unerſchöpfliche Kehl⸗ kraft der Zwiebelhändler verſtummte. Der Geiſtliche hielt jetzt Muſte⸗ rung; ſein Auge ſchweifte hinauf und hinunter, und wo ſein Blick weilte, lief eine bange Bewegung durch die Reihen; jede hielt ſich für berufen und zitterte doch, die Auserwählte zu ſein. Da fiel der Blick des Prieſters noch auf ein junges Weſen, das theilnahmlos ſchien und ſich nicht anſchließen wollte, wo doch jede berechtigt war. Sie ſaß auf ihrem Karren, ſchnitt Melonen auf und bot, gleichgültig um die feſtliche Handlung, die ſaftigen Stücke feil. Auf den Stangen des Fuhrwerks hing Wildgeflügel paarweiſe in ſchmucker Ordnung. Das Mädchen, in der Tracht des Landvolks aus den Bergen, war unſcheinbar, arm und einfach. Ein derber Burſche mit ſtruppigem Haar und wilder Häßlichkeit machte ſich um ſie zu thun und warf dem Eſel Diſteln vor. Wie der Caplan auf das Mädchen hinwies, ward ſie ſogleich der Zielpunkt aller Blicke. Er winkte; ſie ſah ihn an und verſtand ihn nicht. Er wollte ihrer Schüchternheit zu Hülfe kommen und rief, ſie ſolle ſich anſchließen. Da ward ſie feuerroth und bedeckte ihr Geſicht mit beiden Händen. Wie ſie aufblickte, ſah ſie in ihrer Verworrenheit ſo lieblich aus wie am Schöpfungstage die erſte Blumenknospe, die ſich dem hellen Lichte öffnet und im Spiegel⸗ bache vor ſich ſelbſt erſchrickt. Das Mädchen ward vielleicht zum erſten Male ihres Daſeins inne und fühlte die Blicke, die auf ihr ruhten. Sie blickte bang umher, ſie wollte ſich ungeſehen machen und wußte ſich keinen Rath. Endlich rief ſie ſchnell dem Buben ein Wort zu. Er ſtachelte ſein Thier, daß es laut aufſchrie und doch nicht gleich anzog. Sie wollten zur Seite biegen, aber die Menge umdrängte ſchon den Wagen und riß dem Jungen den Knittel aus der Hand. Sie ſchrie laut auf, wie man die Früchte vom Karren riß und Hand an ſie legte. Je mehr der Junge tobte und mit Fäuſten auf den Eſel ſchlug, deſto mehr ward das Mädchen der Gegenſtand des Ver⸗ langens. Der Tumult wuchs, das Volk ſchien wie von einer Raſerei ergriffen, ſie zur Heiligen des Feſtes erklären zu laſſen. Wie man ihr Gewalt anthun wollte, ſprang ich hinzu, ergriff ſie am Arme und hob ſie vom Wagen. Sie zitterte heftig; doch als ſie bemerkte, daß mein Erſcheinen die feindliche Berührung verhinderte, ſah ſie mich — traul ſtien ie ſie ſung hit fleh ihr M un Ar bleich, nd ſch ſein Fi der Ca N britſt gen, q ind. die ze Stin Veſen Hinde wo er nicht ſage dehein 03 inner , n ſhät ſigte di Norn in da ſen2 niſcht z war ppigem d warf inwies, ſah ihn uerroth te, ſch tage die piegel⸗ nerſten wußte ort zu. gleich rängte Hand⸗ Hand uf den ſoſtre man ih ne md ſe, deß ie nich 5 zutraulich an und kreuzte die Arme. Sie war kein Kind mehr und ſchien doch ſo hülfsbedürftig und ſchüchtern. Ich verſtand es nicht, wie ſie ſich tief beugte, den Kopf ſchüttelte und alle Zeichen der Wei⸗ gerung machte.„Mormona weiß das nicht zu machen!“ ſagte ſie mit flehender Gebährde. Man hielt das für Blödigkeit, und ich ſprach ihr Muth ein. Als der Caplan auf ſie zuſchritt, faßte ſie mich raſch am Arme und drängte haſtig zu der Mädchenſchaar. Sie war todten⸗ bleich, wie ſie jetzt mit dem Zuge fortſchritt. Ihr Begleiter lag tobend und ſchreiend am Boden, und der Eſel am Karren, ungebährdig wie ſein Führer, war das Geſpött der Buben, während der Zug nach der Capelle aufbrach. Mich beſchäftigte noch der Burſche. Es war ein ſtämmiger, breitſchulteriger Menſch mit dickem Kopf und ſchrägen blinzelnden Au⸗ gen, an jene Cretins erinnernd, wie ſie in den Bergen nicht ſelten ſind. Er war aufgeſprungen, als ich wieder zu ihm trat, ſammelte die zerſtreuten Früchte, hing das Geflügel zurecht, ſchlug ſich vor die Stirn und ließ dann am Eſel ſeinen Zorn aus. Wie ich ihm ſein Weſen verwies, ſetzte er ſich ruhig nieder, ſtützte ſeinen Kopf in die Hände und ſah mich furchtſam von der Seite an. Auf meine Frage, wo er her ſei, beſchrieb er mir eine Gegend in den Bergen, die ich nicht kannte.—„Wer iſt Mormona?“—„Meine Schweſter,“ ſagte er.—„Wem gehört Ihr an?“—„Niemanden; wir müſſen daheim verhungern, wenn wir die Vögel und die Gurken nicht abſetzen.“ — Ich gab ihm Geld, das er gleichgültig nahm.—„Zieht Ihr immer hieher zu Markte?“—„Mormona zum erſten Mal,“ ſagte er,„und gleich haben ſie ſie erwiſcht!“—„Jede Andere,“ ſagte ich, „ſchätzt ſich glücklich, wenn ſie beim Feſte mit aufzieht.“—„Herr!“ ſagte er ebenſo gutmüthig wie liſtig,„wir find zu dumm dazu!“ Von der Capelle aus wälzte ſich jetzt die Menge wieder zurück. Die prieſterliche Wahl hatte der Stimmung des Volkes entſprochen, Mormona war zur Heldin des Feſtes erkoren und lauter Jubel hieß ſie jetzt willkommen, als ſie an der Hand des Caplans erſchien, um in das Kloſter der frommen Schweſtern geführt und für den näch⸗ ſten Tag vorbereitet zu werden. In die Geſänge der Chorknaben miſchte ſich das Gebrüll des tollen Burſchen, der laut heulend ſich plötzlich mir zu Füßen warf und meine Kniee umklammerte. Ich — griff ihm in's Genick und ſchüttelte ihn von mir. Er ſprang wild auf und warf ſich mir entgegen.„Rettet Mormona!“ flüſterte er, „wir verſtehen nichts vom römiſchen Glauben.“—„Ihr ſeid Wal⸗ denſer!“ rief ich erſchreckt.— Er ſank zitternd zu Boden und kroch wimmernd unter die Kürbishaufen, die umher aufgeſchichtet lagen. Den ganzen Tag über hatte ich weder den Pfarrer von La Torre, noch unſern Caplan ſprechen können, noch auch das Kloſter beſuchen dürfen, um über Mormona Kunde zu erhalten. Erſt am andern Morgen erhielt ich Einlaß und fragte nicht ohne Furcht, wie ſich das Kind zum heiligen Dienſt anließe.—„Sie iſt ſehr unwiſſend,“ ſagten die frommen Schweſtern.—„Wie die liebe Dorfjugend in den zerſtreuten Gemeinden!“ war meine Erwiederung.— Sie wird ſchon die Hantierung lernen, hieß es, ſich in ihre Aufgabe ſchicken, auch wenn fſie nichts davon begreift!— Ausführlicher hatte ſich die alte Priorin des Stiftes mit Mormona beſchäftigt. Kurz zuvor ehe der Zug ſich in Gang ſetzte, ſprach ich die würdige Frau. Seit ge⸗ ſtern hatte das Mädchen gefaſtet, die ganze Nacht über geweint, aus Angſt, der großen Aufgabe nicht zu genügen. Aber am Morgen war ein guter Geiſt über ſie gekommen, ſie hatte Alle, die ſie einge⸗ kleidet, herzlich geküßt und um Vergebung gebeten, wenn ſie es nicht recht machte. Manches habe ſie noch nicht begriffen, ſagte die Alte, aber ihre Lieblichkeit verſöhne Jedermann, ſie ſei ein gutes gottgeliebtes Kind, wenn auch wild aufgewachſen. Das Geheimniß war alſo noch bewahrt. Ich mochte mich nicht zu den Geiſtlichen halten, um nicht Mor⸗ mona's Blicke auf mich zu ziehen, aber im bunten Gewühl der Menge ſuchte ich nur ſie, hatte nur Augen für das holde Kind, das ſo rein und lauter ſchien, wie der Quell in den Bergen, und alſo wohl würdig war, den Menſchen ein Symbol der von Gott begnadigten Unſchuld vorzuſtellen. Auf dem hohen Tragſeſſel, in dem blauen, ſternbeſäeten Kleide, unter dem Thronhimmel, den man über ihr hielt, erſchien ſie wirklich wie ein höheres Weſen, das herniedergeſtiegen, um das Werk der Menſchen zu heiligen. Sie war ſehr blaß, ſie drohte zu verwelken, wie die Alpenroſe in den Händen der Menſchen, die ſie in's Thal herunterbrachten. In ihren Augen war das bange Geſtändniß zu leſen, man habe ſich in ihr geirrt, ihr Schmuck als andern ie ſich e id,“ end in je wird ſchicken, ſich die vor che Seit ge⸗ nt, aus Morgen e einge⸗ es nicht ie Alte, geliebtes vat alſo ht Mor⸗ Menge ſo rein ſo vohl ndigten hlauen⸗ übet ihr geſiegen⸗ tuß, ſie Menſchen⸗ ss bange m¶ a Himmelskönigin ſei nur ein falſcher Schimmer. Und doch war eine Art Weihe über ſie gekommen, als ſei ihr Thun nicht mehr von dieſer Welt und ihre Lippen lächelten zu der holden Verwirrung ihrer Sinne. Die ſtille Verzückung eines Engels ſaß in ihrem leuchtenden Auge, eines Engels, der die Sprache der Sterblichen nicht verſteht, und doch mit Blick und Miene der dürftigen Creatur gern behülflich zur Seite ſteht. Sie war nicht mehr blöde, aber ſie ſchien wie ab⸗ weſend von dem, was um ſie her vorging, dem eigenen Gebote fol⸗ gend, das nur zufällig hier und da zu der übernommenen Rolle paßte. So ſaß ſie an geweihter Stätte und hörte die Geſänge, die ihr galten; ſo ging ſie an der Hand der beiden Prieſter durch die Hallen des Schloſſes mit gen Himmel gekehrtem Blick, als wolle ſie da oben den beſſeren Zuſammenhang der heiligen Handlung ſuchen. Mit rührender Anmuth, halb gläubig fromm, halb ungläubig lächelnd, beſprengte ſie die Schwellen des Hauſes und ſtreute Blumen unter die Menge, die ſich, berauſcht von ihrer Schönheit, um ſie drängte. Das Volk will vom Heiligen ein ſinnlich Abbild; es betet zur Mutter Maria, weil es die Wahrheit nur in der Geſtalt der Schönheit be⸗ greift. Es will und verlangt Symbole und Surrogate, und ſo bleibt der Geiſt Gottes den Völkern der große Unnahbare, an den ſich Niemand wagt; ſelbſt ſeine Geſandten und Propheten bedürfen noch menſchlicher Vertreter. Nach dem Schluſſe der Prozeſſion ward Mormona zu den Klo⸗ ſterfrauen zurückgebracht. Die Menge rauſchte auseinander und hatte bald das Kind vergeſſen. Den wilden Pirrho, der ſich ihren Bru⸗ der nannte, hatte Niemand geſehen. Am andern Tage hielt ich Nach⸗ frage bei der Pförtnerin der frommen Schweſtern. Da war große Unruhe und Aufregung. Ganz erſchöpft und nur halb ihrer mächtig war Mormona ihren Hüterinnen überliefert worden. Man hatte ihr Speiſe und Trank angeboten, Alles aber hatte ſie abgewieſen, nach Schlaf verlangt, ihre Feierkleider ſtill zuſammengelegt und Niemand weiter in der Zelle, wo ſie ſchlummern wollte, geduldet. Früh Morgens fand man die Stätte leer; Mormona war verſchwunden. Sie mufßte noch in der Nacht entwichen ſein. In der kleinen Seitenpforte fand man den Schlüſſel ſtecken: ſie mußte ihn der alten Schließerin aus dem Pulte entwendet haben. Somit ging ſie aller Belohnungen, die ſie — 376— zu gewärtigen gehabt, verluſtig.— War die Furcht vor Entdeckung ſo ſtark geweſen? Oder hatte die reine Kindernatur es nicht ertra⸗ gen, die Lüge, die ſie getrieben, auch noch belohnt zu ſehen? Der Aberglaube und die müßige Erfindung zogen aus der plötz⸗ lichen Flucht Mormona's Vermuthungen, die nur von fern die Wahr⸗ heit trafen.— Ein wildes Mädchen aus den Bergen hatte die Mutter Gottes vorgeſtellt, eine Ketzerin unſer Haus eingeſegnet! Man hätte heimlich lächeln ſollen über die ſeltſame Fügung; aber es regte ſich in mir eine Stimme, vor der aller Scherz verſtummte. Zweites Kapitel. Das Chriſtenthum in den Bergen. Von nun an wurden meine Wanderungen in die Berge eifriger betrieben, ſie hatten jetzt ein Ziel. Ganze Tage, halbe Nächte dauerten meine Streifereien. Ich durchſuchte die einzelnen Meiereien, die Wohnungen der Holzhauer, die Hütten der Köhler. Vergeblich; überall ſah ich an den Thüren, über den Fenſterſimſen das chriſtliche Kreuz; ich ſuchte Waldenſer, die, wie ich wußte, einen Schauder vor dem Symbol haben, vielleicht weil ſie ſo oft an's Kreuz geſchlagen wurden, an das ſie doch als Bekenner Chriſti ohnedies ſchon glauben ſollten. Die Ketzer haben keinen Mariendienſt und keine Meßopfer, ſie reden, wenn ſie beten, kein Latein, ſondern die Sprache ihres Herzens, ihre Prieſter dünken ſich keine Bevorzugte des Himmels, ſie machen keinen beſonderen Stand, ſie leben als Brüder mit dem Volke, theilen den Kelch mit ihnen und freien wie Alle um die Weiber, weil ſie im Menſchen den Menſchen nicht tödten. Die Waldenſer ſchwören nie, lügen alſo ſeltener, und leiſten keine Eide, die der ſchwache Sterbliche nicht zu halten vermag. Sie taufen nicht gern die Kinder, viel lieber die Mündigen, die mit Bewußtſein und Ueber⸗ zeugung den heiligen Act an ſich vollziehen. Sie treiben bei den Neugeborenen nicht den Teufel aus, denn ſie halten die menſchliche —— Sele ir ſ dring ſie he ſonde ſe, wie ſ ihrer preiſ eſch ſolz hielt nich ihre jene zu! des aus un ſen Vo heit wyr rech 3 wut an St un Pr olke, eiber, denſer der — 377— Seele für urſprünglich rein und gut. Sie laſſen nicht die Heiligen für ſich reden, ſondern wenden ſich ſelbſt an ihren Gott, wenn es ſie drängt. Sie flehen nicht um die Hülfe der Jungfrau Maria, denn ſie halten das Weib für ſchwach. Sie beten'nicht zum todten Chriſtus, ſondern zum allezeit lebendigen; nicht ſein Leiden und Sterben feiern ſie, wohl aber ſeine Geburt. Sie ſind Kinder und leben ſo hin, wie ſie aus der Hand der Natur hervorgingen, wie die Vögel nach ihrer Art ein Loblied Gottes ſingen, die Lilien ſeine Herrlichkeit preiſen nach innerem, ſchlichtem Naturgeſetz. Ich las ſeitdem die Ketzer⸗ geſchichten und begriff, daß oft eitel harmloſe Einfalt war, was wir ſtolze Herren des römiſchen Chriſtenthums für heidniſch in ihnen hielten. Ich war die ganze Zeit über mehr als je ſchweigſam und in mich gekehrt. Ich prüfte die Satzungen der Kirche und verfolgte ihre Entwickelung rückwärts hinauf bis zu ihrer Quelle. Ich begriff jenes apoſtoliſche Chriſtenthum, von dem die Welt nur noch wenig zu kennen ſcheint. Ich machte die Entdeckung, daß es kein Werk des Teufels ſein könne, wenn der Menſch bemüht ſei, die Wahrheit aus ſich ſelbſt zu finden. Wie jedem nach ſeiner Art zu Muthe und zu Sinne iſt, danach geſtaltet er ſich doch ungeſucht ſein Chri— ſtenthum; nach ſeinem Bedürfniß baut ſich unbewußt ein jeglich Volk ſeinen Glauben aus. Dieſe Entdeckung machte mich froh und heiter. Ich reinigte meinen Glauben, läuterte mein Wiſſen und wurde erſt jetzt der unverwüſtlichen Herrlichkeit des Chriſtenthums recht inne. Hätte man mich mitten in meinen Forſchungen und Zweifeln ertappt, ich wäre vielleicht als Ketzer verdammt. Aber ich wurde erſt jetzt ſtill für mich meines Gottes voll, ja, wurde von nun an erſt wahrhaft gläubig. Von der Quelle aus verfolgte ich die Strömungen der Völkergeſchichte wieder abwärts bis auf unſere Tage, und fand, daß auch das römiſche Chriſtenthum keine Erfindung der Prieſter ſei. Ich erbaute es mir neu und ſelbſtändig, indem ich mir die ganze Menſchheit zu einer einzigen großen Gemeinde geſtaltete, wo ſich der Einzelne mit und in dem Ganzen getragen fühlt, aber dieſe Nothwendigkeit ſeine Freiheit nicht erdrückt. Gewalt, Zwang, Fanatismus und jene engherzige Furcht, menſchliche Forſchung werde, ſich ſelbſt überlaſſen, die Wahrheit auf Erden zerſtören, blieben frei⸗ 55 lich von der Kirche, die ich erbaute, von dem Chriſtenthume in meiner Faſſung ausgeſchloſſen. Auch die Ketzer hatten Raum in meinem Gotteshauſe. Um dieſe Zeit war mein Erzieher, Pater Euſebius, der Rector des Collegiums, ehemals Caplan in Santa Maria, von Genua zum Beſuch bei uns. Euſebio war ein Diener Jeſu, wie ſie alle ſein ſollten. Sehr feſt und ſicher in ſeinen Grundſätzen und doch freundlich und duldſam gegen Andersmeinende. Das Dogma ſtand für ihn fel⸗ ſenfeſt, aber er ließ die menſchlichen Deutungen zu, nicht aus Hang zu den Künſteleien der Sophiſtik, ſondern nach Maßgabe ſeiner un⸗ gewöhnlichen Kenntniß menſchlicher Hülfsbedürftigkeit. Ihm verdanke ich meine Fügſamkeit und meinen Glauben an die Nothwendigkeit und an die Möglichkeit einer allgemeinen Kirche bei aller Forderung der freien Selbſtändigkeit des Einzelnen. Nach Euſebio's Meinung durfte und mufßte ſich die Kirche Gottes auf Erden, unbeſchadet ihres innern Gehaltes, dergeſtalt erweitern, daß alle Völker, trotz ihrem verſchiedenen Bedürfniß, Platz in ihr gewännen, der Mantel Chriſti Alle umfaſſen und am Segen theilhaftig machen. Wer nicht gleich Zutritt haben konnte zum großen Schiff der Kirche, um am Haupt⸗ altar zu beten, dem durfte, das war Euſebio's eigener Ausdruck, doch nicht die Seitencapelle oder das Bild in der Niſche verſagt und vorenthalten werden. In ſolchen Zuſammenhang brachte ſchon früh mein jugendlicher Sinn das Verhältniß zwiſchen der Menſchheit und dem Chriſtenthum. Meine Kirche, wie ich mir ſie dachte, hatte viele Seitenflügel, im Hauſe meines himmliſchen Vaters waren viele Woh⸗ nungen und in einer derſelben, einer ſtattlichen, lichten, nur vom Gewölbe des blauen Himmels überbauten Halle, brachte ich meine Waldenſer unter. Ich erzählte Pater Euſebio nichts von meiner Entdeckung des Mädchens aus den Bergen, deſſen Spur mir jetzt wieder entzogen war; aber ich ſtärkte an der milden Weisheit des Mannes meinen Entſchluß, den Kindern der Wildniß dereinſt ein freundlicher Herr zu ſein. Meines Vaters Thun und Denken ſtand damit im geraden Gegenſatz; und Euſebio's Nachfolger im Amte auf Santa Maria, Pater Uberto, ein Dominicaner, war ganz dazu ge⸗ macht, die dunkelrothe Gluth des Haſſes gegen Alles, was Ketzer hieß, zur vollen Flamme zu ſchüren. Nach Uberto's Anſicht, konnte fein heit lan dar ——— „— c— Fhriſti gleich aupt⸗ druck, t und früh tund der Mantel der Kirche nicht eng genug um die einzig rechtgläubigen Anhänger gezogen werden, und als wenn er die Grundſätze ſeines Glaubens entweder zu ſchwach oder zu gefährdet hielt, ſuchte er durch fanatiſchen Eifer zu erſetzen, was ihm an Sicherheit und Feſtigkeit abging. Mich kümmerte damals noch zu wenig der Widerſtreit bei⸗ der Männer, ein Widerſtreit, der ſich bei der gegenſeitigen Eiferſucht der Geſellſchaft Jeſu und des Ordens der Dominicaner bis zur feindſeligen Gehäſſigkeit ſteigerte. Ich erinnere mich nur, daß ich beide Männer ein Mal in Gegenwart meines Vaters in heftigem Wort⸗ kampf über die Ausſchließlichkeit der römiſchen Kirche fand; daß ſich daran das Schickſal meines Lebens knüpfte, ahnte ich damals nicht. Ich hielt mich jeder fremden Leitung für entwachſen, und der neue Geiſtliche blieb ohne weiteren Einfluß auf mich. Leider jedoch iſt es nicht genug, ſich vom Wahne frei zu halten. Wer ſich frei fühlt, muß fortgeſetzt gegen die Knechtſchaft kämpfen, ſonſt untergräbt man ihm doch langſam ſein Fundament. Ich ſchien damals Niemanden verdächtig. War ich doch ein ſogenannter ſtrenger Chriſt, der den Ritus hielt. Daß ich im Stillen ein noch weit beſſerer Chriſt war, indem ich auch die Ketzer zur Kindſchaft Gottes berufen glaubte, darum wußte Niemand als ich ſelbſt. Meine Streifereien im Gebirge fielen nicht auf. Ein junger Jägerburſche, der mir ganz zu Willen war, begleitete mich; er war für mich mit der Büchſe thätig, wenn ich müßig umherzog oder meinen Forſchungen nachhing. Meinem Vater konnte ich wenig ſein; er hatte eine Scheu vor mir, als ſpräche aus mir ſein unterdrücktes Gewiſſen. Pater Uberto war zu ſchroff, um ſogleich Einfluß auf ihn zu gewinnen; nach und nach jedoch brachte er ihn um ſo ſicherer unter ſeine Botmäßigkeit. Seitdem wurden die frommen Uebungen verdoppelt. Ich meinestheils gewann dadurch nur um ſo freieren Spielraum. Als Beide zum Oſterfeſt nach Rom gingen, war ich Herr meiner ganzen Zeit. Pirrho war nicht mehr nach La Torre zu Markte gekommen. Armes Volk aber muß doch irgendwo ſeine Gurken abſetzen. Darauf baute ich meinen Entdeckungsplan. Ich zog an den Markttagen von Flecken zu Flecken. Endlich, in einem meilenweit entfernten Orte hinter der Hügelreihe, mit der ſich das Land erhebt, fand ich den ſeltſamen Jungen unter einem Haufen Savoyarden wieder, die ihre Murmel⸗ —— 380— thiere tanzen ließen. Ich erkannte ihn an dem ſtruppigen Haar, an den geſchlitzten, ſchielenden Augen. Er ſaß auf ſeinem Karren und ſpielte die Maultrommel. Wie ich ihn anredete, ſtellte er ſich fremd, machte ſich über ſeine Früchte her, ſchnitt ſie von einander und bot ſie mit lautem Geplärre feil.—„Willſt du mich nicht kennen, Wal⸗ denſer?“ raunte ich ihm zu. Er grinzte mich an und griff nach ſei⸗ nem Meſſer, das am Gürtel hing.—„Ich bin gut Freund mit Euch!“ ſagt' ich,„gib mir die Hand, ich ſchwöre, dich nicht zu verrathen!“ „Wer ſchwört, fürchtet daß man ihm nicht glaubt!“ murmelte er finſter vor ſich hin. „Nun denn, wie ſoll ich dein Vertrauen gewinnen?“ „Küß' die Schneide dieſes Meſſers!“ lachte er wild. „Du haſt dich mir damals verrathen,“ ſagte ich,„was ſoll jetzt dein Argwohn?“ „Ich log aus Angſt!“ ſagte der Burſch. „Wenn Ihr katholiſche Chriſten ſeid, wozu dann die Furcht? Du lügſt, wenn du ſagſt, du hätteſt damals gelogen!“ Er war beſchämt und ſchlug in die Hand, die ich ihm reichte. Dummheit und Pfiffigkeit waren in ſeinem Weſen ſeltſam gemiſcht. Dabei blitzte mitten aus der Gutmüthigkeit Tücke und Rachluſt hervor. „Ich hätt' Euch mit dem Meſſer aufgeſchlitzt,“ flüſterte er faſt mit einer Art von Vertraulichkeit,„hättet Ihr Miene gemacht, Mor⸗ mona bei'm heiligen Amt anzugeben!“ „Thörichter Menſch, ich war ja nirgends in deiner Gewalt!“ „Hoho!“ lachte er,„ich war Euch überall hart auf der Ferſe, ſo lange das Feſt dauerte. Auch traf ich Euch mehrmals im Gebirge, und“— fügte er hinzu—„ich ſchieße ziemlich gut.“ „Wo iſt Mormona?“ fragt' ich,„wie entkam ſie aus dem Kloſter der frommen Schweſtern?“ „O, es gibt auch gute Menſchen unter Euch,“ ſagte er,„ge⸗ treue Helfer und Helfershelfer. Hier z. B. werden gleich zwölf Meſſer blank, wenn Ihr mir drohet. Armes Volk ſteht ſich bei, ob es zu den Heiligen betet oder zum Teufel!“ „Ich möchte wohl wiſſen,“ ſagt' ich,„wie Ihr daheim in den Bergen fertig werdet ohne alle Heiligen.“ Er kniff die Lippen zuſammen und ſchielte mich tückiſch an. danit ich a Pir nit blieh zu ſt ſei n ichſ Mach Sch Kop 3 e81 uf ride Pri Dhi ſu ſu ön ich vol ihn die Ge hin ſuch. gutet Hier überli — 381— „Ehrlich!“ fuhr ich fort.„Die Leute ſagen Euch allerlei Böſes nach. Ich kann's nicht glauben, möcht' aber gern wiſſen, ob ein guter Geiſt bei Euch hauſt. Ich ziehe mit Euch. Komm, führe mich. Hier nimm meine Büchſe, meinen Fänger, ich will mich Euch wehrlos überliefern.“ Er ſah mich ungläubig an; dann nahm er die Waffen, ſpielte h damit, prüfte den Hahn und lachte boshaft. Wie er jedoch ſah, daß n ich auf ſeine Drohung nicht achtete, ließ er ſich bald willig finden. Wir wurden handelseinig; er ſollte ſeine Früchte losſchlagen und mich mit ſich führen. Im Jagdrock, den ich auf meinen Streifereien trug, blieb ich unerkannt. Ich vermied es, ihm ein Geſchenk in Ausſicht zu ſtellen, um ſeinen Argwohn nicht zu reizen. Ich ſagte ihm, es jeßt ſei mir auch lieb, die Stege im Gebirge durch ihn kennen zu lernen; ich hätte mich neulich verirrt und Nachts kein Obdach gefunden. Wenn ich ſeine Hütte gewußt, wär' ich bei ihm eingekehrt. an und mo, hot bot ht„Signor,“ ſagte er,„Ihr müßt zuvor meinen Eſel füttern. Da, macht Brüderſchaft mit ihm und gebt ihm Diſteln!“ htr. Wie ich es geſchickt genug that, klopfte er mir gutmüthig auf die ſcht. Schulter. Er gab mir dann von ſeinen Früchten und ich ſteckte den oot. Kopf wie ein Maulthiertreiber in den rothen Saft der Kürbisſcheibe. füſt Ich beſtand alle dieſe Proben ſehr gut; ſein Vertrauen wuchs, obſchon ſot⸗ es noch nicht feſt genug ſchien. Er hatte mit meiner Hülfe bald aufgezäumt. Ich ſaß auf und Pirrho ſchritt munter neben dem zwei⸗ riderigen Wagen her, ſeine verſteckten Augen unverwandt auf mich rſe. gerichtet. Wenn ich ſeinen Blick traulich erwiederte, klopfte er das rge, Thier oder meinen Schenkel und ſagte, gleichviel, wen er meinte, mit freundlichem Grinſen:„Braver Kerl!“ Ich dachte an Mormona und oſter ſtaunte, wie die Berge ſo Verſchiedenes als Geſchwiſterpaar erzeugen tönnen, auf Einem Stengel einen Kobold und ein Elfenkind. Als „ge⸗ ich ihm das ſagte, lachte er über die Maßen und meinte, ich ſei doch ſſer wohl Keiner vom„heiligen Amt“, weil ich's nicht klug genug anfinge, z ihn zu täuſchen. Nur begriffe er nicht, was er davon habe, mich in die Berge zu führen. den„Gefällt es mir bei Euch,“ ſagt' ich,„dann ſollſt du mir den Gegenbeſuch machen und mit mir auf die Jagd gehen. Ich habe dort hinten mein eigenes Revier.“ — 382— „Euer eigenes Revier?“ lachte der Burſche.„Na, da iſt es leicht möglich; wir bewirthen Euch mit einem Stück Wildpret von Euerem Gehege.“ Das Chriſtenthum in der Wüſte! dacht' ich bei mir, gaſtfreie Räuber!—„Wenn ſie dich als Wilddieb erwiſchen,“ ſagt' ich,„ſo wirſt du gehängt, Pirrho!“ „Beſſer als Wilddieb hängen, denn als Ketzer brennen!“ rief er laut,„da weiß man doch warum, und hat den Braten genoſſen!“ Er hielt in dieſem Augenblicke ſein Thier an und ſah mich ernſt und forſchend an. Ich merkte, daß für mich erſt jetzt die rechte Probe begann. Ich ſagte ihm, von Ketzergerichten mit Feuer und Schwert wiſſe er doch wohl nur durch Hörenſagen; die Zeiten der Barbarei ſeien vorüber, und in Zukunft würden die Menſchen, wenn ſie nur Alle an Gott glaubten, ſich wie Brüder die Hände reichen. „Da drüben,“ ſagte er, nach den Thürmen von Santa Maria zeigend,„da hat Mormona die Mutter Gottes geſpielt. Die Komödie war nicht ſchlecht.“ „Die Mutter Gottes hatte ihre Luſt an dem frommen Kinde,“ ſagte ich ſehr ernſt.„Anfangs war Mormona ſchüchtern und ſträubte ſich gegen den frommen Dienſt.“ „Ja, ſie iſt zu gut für Euer Heidenthum.“ „Heidenthum?“ wiederholte ich;„wir Römiſchen halten Euch für heidniſch Volk.“ „Ja, das iſt's eben,“ fuhr er heftig auf und arbeitete mit beiden Händen auf mich ein, um ſeine Rede durch kräftige Zeichenſprache zu unterſtützen; mitunter kam ihm ein abgeriſſenes Stück Bibeltext, das er von irgend einem Prediger in der Wüſte aufgefangen, gar nicht übel zu Hülfe.„Ihr ſollt keine Götter haben neben mir! ſpricht der Herr unſer Gott! Kennt Ihr das Gebot wohl, Signor? Nun, wenn Ihr es kennt, ſo ſündigt Ihr doch alle Tage dagegen, denn Ihr betet zu zehntauſend Heiligen.“ Der kecke Burſche ſchlug mich mit ſeiner loſen Rede faſt danieder. „Aber die Heiligen,“ ſagt' ich nach einer Weile,„find ja keine Götter. Sie ſind Menſchen geweſen, wie die großen Propheten es waren, und wenn wir ihre Hülfe bei Gott für uns anflehen, ſo geſchieht das, 6 3 weil wir zu demüthig ſind, um uns mit unſerer Sündhaftigkeit in's Allerheiligſte zu drängen.“ „Ja, Ihr wißt Euch reinzubrennen!“ eiferte der Junge.„Und früher habt Ihr auch andere Menſchenkinder reinbrennen wollen, auf dem Holzſtoße, nicht?“ „Biſt du getauft, Pirrho?“ fragt' ich in meiner Verwirrung und aus Verlegenheit. Ich fühlte zum erſten Mal, wie ſchwer es ſei, dem geſunden Mutterwitz der bloßen blanken Natürlichkeit beizukommen. Pirrho war mit ſeiner Antwort ſchnell bei der Hand. Mormona habe geſagt, er ſei noch zu dumm dazu.„Aber ſie iſt klug,“ betheuerte er,„ſie iſt ſchon längſt getauft und hat auch immer ſo etwas von der Kraft Gottes an ſich gehabt. Bei Euch wär' ſie längſt verdorben, bei Euch, die Ihr Euch für ächte, reingebrannte Chriſten haltet. Das wahre Chriſtenthum, ſagt der lange Peter aus Savoyen, der Ziegen⸗ hirt oben in den Bergen, der unſer Prieſter iſt und allſonntags uns den Segen lieſt,— das Chriſtenthum der Jünger und Apoſtel, ſagt er, ſei nur bei uns!“ Die Waldenſer halten ſich alſo, ſagt' ich mir im Stillen, eben ſo ausſchließlich für ächte, unfehlbare Chriſten, als der römiſch Gläu⸗ bige! In den zerriſſenen Mantel Chriſti theilt ſich alle Welt, und Jeder hält ſeinen Fetzen für den wahren Rockſchoß des Herrn! Wir waren inzwiſchen immer weiter in die unwirthliche Gegend der kahlen Bergwelt hineingerathen. Die Wohnungen der Menſchen lagen ſchon weit hinter uns. Das Nadelholz wechſelte mit niederem Geſtrüpp, endlich hörte die Vegetation ganz auf, immer regelloſer ſpalteten ſich die Klüfte, immer verworrener ſchoben ſich die Felſen in einander. Hier konnte entweder nur das Unglück hauſen, das die Menſchen aus ihrem Schooß vertrieben, oder die Unſchuld, die be⸗ dürfnißloſe, die den Reichthum und die Fülle des Lebens nicht kennt. Die Sünde verliert hier freilich ihre Anlockungen, aber die Tugend kann hier nichts anderes ſein als ein Nothbehelf, ein eigenſinnig ſtarrer Trotz, ſo unfruchtbar wie dieſe Felſen. Dieſer Aufenthalt iſt freilich kein ſelbſtgewählter, er iſt eine Verbannung; die Thorheit der Welt, der Irrthum der Menſchen da unten hat dieſe Einöde bevöl⸗ kert. Das erſte Chriſtenthum barg ſich vor dem heidniſchen Rom in Höhlen und Klüften. Die Lehre von der Einfalt des Herzens war vor dem chriſtlichen Rom nicht viel beſſer auf der Flucht. Sie thun Recht, wenn ſie ſich dieſe Einfalt nicht rauben laſſen, aber dieſe Un⸗ ſchuld iſt doch wohl nur der Anfang eines menſchlichen Lebens, nur Kindheit, die, trotzig feſtgehalten, in eigenſinnige Barbarei verſinkt. Wenn man das Wort der Verſöhnung fände? Würde ſich der vom Strom des Lebens abgetheilte Arm nicht wieder zum Ganzen finden? Und wenn nun die Mutterkirche vom alten Frevel abließe, Rache zu rufen, wo nur das Wort der Liebe gilt? Wenn ſie anfinge, wirklich jener gute Hirte zu ſein, der die Neunundneunzig läſſet und das eine Verlorene ſucht! Und warum ſollte ich nicht der Miſſionär ſein können für meine waldenſiſchen Brüder! Der Pfad, immer ſteinichter und enger, hatte ſich unmerklich gehoben; dann ſenkte er ſich wieder, nachdem wir die erſte Felſenſchicht hinter uns hatten; er ſtieg nun keck und ſteil dem Kamm des Ge⸗ birges zu. Die Schlucht, die wir betraten, bohrte ſich immer tiefer, die Felſen ſchlugen faſt über unſeren Häuptern zuſammen, und die Dämmerung wurde zur Dunkelheit. Ich war abgeſeſſen und ging hinter dem rumpelnden Karren her, der bald links, bald rechts ge⸗ ſchleudert wurde. Der Eſel ging ſicher; Pirrho ſchritt vor ihm her, war luſtig und pfiff ein Lied. Endlich hielten wir. Eine Felswand hatte ſich dicht vor uns geſchoben.„Muth, Kamerad, wir ſind am Ziel!“ ſagte Pirrho.— „Mormona!“ rief er nach der Höhe hinauf.—„Pirrho!“ tönte eine helle Stimme herunter. Sie wechſelten einige Worte im gebirgiſchen Kauderwälſch. Raſch waren dann Fuhrwerk und Thier in einer Höhle untergebracht, die zum Stalle diente. Von dort führten in den Stein gehauene Stufen aufwärts. Ich beſtieg ſie auf des Burſchen Geheiß. Wie ich oben auf der Felſenplatte anlangte, fühlte ich eine weiche, warme Hand, die im Dunkel nach uns taſtete. Als aber Pirrho hinter mir auf des Mädchens Gruß antwortete, ließ ſie mich raſch los. Ich tappte nach ihr, und ſo leitete ſie mich über Stock und Stein an der Wand hin um die gefährliche Klippe. Schweigend betrat ich hinter ihr den engen Raum der Hütte. Die Thür ſprang auf, und wie der helle Schein des Heerdfeuers uns beleuchtete, fuhr das Mädchen mit einem lauten Schrei zurück und ſtand, mich ſprachlos anſtarrend, wie — 385— eine Bildſäule mitten im Gemach. Ich fand nicht gleich das rechte Wort des Grußes und des Wiederſehens. Sie hatte mich mit dem erſten Blick erkannt und die Scene, wo ich ſie auf dem Marktplatze zu La Torre vom Karren gehoben und die Zitternde durch die tobende Volksmenge geführt, trat wieder lebhaft vor meine Seele. Auch in ihr mochten die Bilder des Feſtes ſich erneuern. Sie ward ſo blaß wie ſie damals war, ihr banges Auge irrte wie ſuchend umher und mit den Lippen lächelte ſie wieder wie verklärte Geiſter, die ſich menſch⸗ lichem Thun zuneigen, es ſegnen und es in ſeiner Dürftigkeit doch nicht ganz zu begreifen ſcheinen. „Ja, ja,“ lachte Pirrho, der hinter uns eintrat,„das iſt der Herr aus La Torre, der dich zur Mutter Gottes machte.“ Mormona trat erſchrocken zurück und flüchtete ſich in den Hinter⸗ grund der Höhle. Der rohe Burſche ſchien nur dazu da, um mir aus dem Traume zu helfen, in den mich der Anblick des Mädchens in ſüh er in ſeiner mürriſchen Luſtigkeit fort,„ſie haben an Heiligen die Hülle und Fülle, und ſuchen doch immer noch, wen ſie fangen können! Haben ſich diesmal durch eine Ketzerin ihr Schloß weihen laſſen. Wohl bekomm's!“ Er ſchürte das Feuer, brummte ein Köhlerlied vom Hebebaum und Schüreiſen und ging dann hinaus, für ſein Bedürfniß ſorgend. Mormona ſtand im Dunkeln und wagte ſich nicht hervor. Ich hatte den Muth nicht, ſie anzureden. Sollt' ich gegen Pirrho meinem Zorne Worte leihen? Es war ihr Bruder, vielleicht das einzige Weſen, mit dem ſie zuſammenhing. In der rußigen Hütte, in dem verworrenen Trödel von armſeligem Hausbedarf erſchien ſie mir wie ein verſchüttetes Kleinod; aber ich wußte nicht, wie weit dieſe rauhe Wirklichkeit zu ihrem Weſen gehörte. Sie ſtand mir zugewendet und regte ſich nicht, aber ich fühlte aus dem Dunkel hervor, daß ihr Blick auf mir ruhte. Die bange Stille löſte ſie endlich ſelbſt.„Seid Ihr gekommen,“ ſagte ſie plötzlich,„mich zur Rechenſchaft zu ziehen? Hab' ich Euer Feſt entheiligt?“ Sie trat zögernd hervor. Der Schein der Heerdflammen umgab ihr Haupt wie eine Glorie. Es überkam mich wie prieſterliche Weihe, nur wußt' ich nicht, ob ich Segen ſpendete oder empfing. D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 25 „Was vor Gott rein iſt,“ ſagt' ich ſchüchtern,„kann das je ein menſchlich Thun entheiligen?“ Eine helle Freude leuchtete aus ihren Augen. Sie zitterte nicht; ſie war dreiſt und ſicher, wie ſie jetzt vor mir ſtand. Eine heftige Unruhe durchbebte mich, als ſie mir beide Hände zur Verſbhnung hinhielt. In der Verwirrung, die mich überfiel, legte ich die Hand auf ihre Schläfe; eine namenloſe Bangigkeit lief durch meine Seele. Sie ſah mich an mit ihrem unbewußten Lächeln, ſie wußte nicht was in mir vorging. Wußt' ich es ſelbſt? Pirrho trat lärmend ein. Er war geſchäftig, ſich das Mahl zu bereiten, und mit ihrer Hülfe war er bald damit am Ziel. Er ſchmähte auf mich, daß ich im Winkel blieb und nicht Theil an ſeiner Herrlichkeit nahm.„Das würd' ich hier oben wohl lernen müſſen!“ ſagte er lachend. Er tafelte haſtig, wie geſunde Kerle pflegen. Es war ihm nur neu, daß die Schweſter ihn heute bediente, und ſich ſtill gegen ihn verhielt. Dann ſchob er die Streu für ſich und mich zurecht und lud mich ein, als guter Kamerad wenigſtens das Lager mit ihm zu theilen. Ich bedeutete ihn, ich wolle auf dem Seſſel meine Nachtruhe halten, die Fenſterbrüſtung ſolle meine Lehne ſein.— Während dieſer lärmenden Zurüſtungen war Mormona ver⸗ ſchwunden; ſie hatte die Thür leiſe in's Schloß gedrückt. Pirrho lag ſtill, ich ſaß betäubt. Ueber unſeren Häuptern ſchlürften leiſe Tritte.„Wer iſt dort oben?“ fragt' ich Pirrho.— „Wer ſonſt als ſie!“ ſtöhnte er ſchlaftrunken und gab im nächſten Augenblicke die tiefen Athemzüge des verſunkenen Schläfers von ſich. Auf dem Heerde erſtarb die Gluth. Ich ſaß und ſann und lauſchte. Oben ſtreifte noch der Saum eines Gewandes den Boden. Dann war Alles ſtill. Dunkel und Traum woben ihre Schleier um meine Seele, ich ſchloß die müden Augen und die Natur forderte ihr Recht. Am andern Morgen war ich mit dem Früh'ſten wach und ſtieg, die Büchſe in der Hand, mit Pirrho auf die nahen waldigen Höhen. Er ging auf Gemſen, und ich mußte bald ablaſſen, dem gewandten Bergſteiger zu folgen. Er war ein Menſch von anderen Sehnen und glich an Sicherheit und keckem Schritt dem Thiere, dem er von Felſen zu Felſen nachſetzte. Ich begnügte mich, ſeiner Spur von fern zu folgen. Es war ein Grenzgebiet, wo er als Waidmann ſein Hand⸗ —— nd nd em 387 werk trieb. Daß es Sonntag war, hinderte ihn nicht an der Wild⸗ dieberei.— Gab es alſo für das Chriſtenthum in der Wüſte nicht einmal einen Feiertag?— Pirrho war nicht glücklich geweſen und kehrte mürriſch zurück, den kargen Morgenimbiß mit mir zu theilen. Dann ſtiegen wir in die jenſeitige Niederung hinunter. Auf einem ſchmalen Pfade geſellten ſich Einzelne von gleichem Schlage zu uns, Buben und Weiber kamen haufenweiſe herbei. Wir hatten mit ihnen denſelben Weg, daſſelbe Ziel. Es waren Viele darunter, deren rußiges Aeußere ihr Gewerbe in der Köhlerhütte ver⸗ rieth, auch loſes Geſindel, in abgetragenen Sommerjacken und ſchä— bigen Filzhüten. In einer Schlucht, die abſeits in eine Höhle aus⸗ lief, machten wir Halt. Der innere Raum, mit Baumſtämmen nach der offenen Seite umſchloſſen, vom überhangenden Geſtein halb ge⸗ deckt, war bald von Menſchen angefüllt, die ſich hier allſonntäglich begrüßten. Es war das Gotteshaus der Waldenſer. Während die Weiber ſchwatzten, die Buben ſich wälzten, ging unter den Männern die gemeinſchaftliche Feldflaſche herum. Es war Orangenwaſſer, mit Wein vermiſcht. Jeder that einen kräftigen Zug, um ſeine Kehle zu netzen. Dann erſcholl ein verworrener Geſang, der wie ein Fluch Verdammter tönend, am Gewölbe mit dumpfem Gebrüll nachhallte. Es war eine Art Andacht in dieſen Tönen, eine Andacht, die wie eine Verbrüderung zur Rache klang. Die Erſcheinung eines hohen, knochigen und bärtigen Mannes machte dem Geſange ein Ende. Es war der lange Pietro, der Ziegenhirt aus Savoyen, der das Amt eines Predigers der Gemeinde verſah. Die vier baumſtarken Männer, die ihm folgten, waren ſeine Söhne. Sie waren zugleich Gerber; bei der geſtrigen Wanderung hatte mir Pirrho ihre Hütten am Ge⸗ birgsſtrome gezeigt, wo dieſe Apoſtelfamilie ihr Geſchäft betrieb. Von ihrer Hantierung hatte das Chriſtenthum in den Bergen viel ange— nommen, wie es ſchien. Der höhere Standpunkt, wo Pietro als Kanzelredner Fuß faßte, war mit ſchönen Thierhäuten ausgeſchlagen. Er ſelbſt warf ein zottiges Fell, das an der Wand hing, um ſeine Schultern und ſtand fertig in ſeinem Ornate. Sein hartes, dürres Antlitz ſah aus, als ſei es in Schlachten ergraut. Die Keckheit des Piraten, die aus ſeinen Augen blitzte, ward aber durch die kummer⸗ 388 volle Miene des Alters, durch einen Zug des Leidens gedämpft. Er kam nie in die Niederungen herab, hatte ſeit Jahrzehnden nicht die Städte und Dörfer der Menſchen betreten. Schon die Heiligenbilder an den Straßen erregten ihm einen Widerwillen, den er nicht über⸗ wand. Er ſchlägt mit den Beinen ein Kreuz, hatte mir Pirrho er⸗ zählt, wenn er den Heiland am Kreuze ſieht, macht Kehrum und läuft davon! Pietro las die Epiſtel des Tages ſatzweiſe vor, ſo daß die Ge⸗ meinde insgeſammt die Worte nachſprach. Dann knüpfte der Redner in ſeiner harten, kargen, aber einfach kräftigen Weiſe ſeine Betrach⸗ tungen daran. Er ſprach von der Grauſamkeit der Welt, von den Qualen der unſchuldig Verfolgten. Es war der Trotz des ungerecht Mißhandelten, den er predigte; die Religion der Unſchuld, die dem Schaffot entfloh, gewann in ſeiner Rede ihren Ausdruck. Die Ge⸗ ſchichte der Waldenſer beſtätigte jedes ſeiner Worte, aber die Wahrheit ſeiner Behauptungen ſtützte ſich nur auf die Vergangenheit und ihre Sünden. Dies Chriſtenthum der Höhlen und Schluchten verliert wie das Judenthum ſeine Berechtigung, wenn die Verfolgungen aufhören. Es iſt ſo gut wie der römiſche Glaube an die Heiligen und Mär⸗ tyrer, eine überlieferte Lehre. Von eigenthümlicher Bedeutung war jedoch für mich der Schluß der Rede.„Sie feiern da unten,“ ſprach Pietro,„den Tod des Herrn. Sie umhüllen ihn mit ſchwarzen Ge⸗ wändern und umräuchern ſeine Leiche. Sie wiſſen nicht was ſie thun; wir aber wiſſen, daß er ihnen nicht verzeihen wird. Sie ſelber tödten den Herrn, denn ſie tödten ihn in Jedem von uns. Was ſie dem Geringſten unter uns thun, das thun ſie ihm, und ſo ſind ſie die Ungläubigen, die ihn alltäglich an's Kreuz ſchlagen, eine Schaar von Judas Iſchariots, die ihn ſtündlich verrathen und verkaufen. Herr, unſer Gott, wendeſt du dein Antlitz vom Schauplatz der Erde?“ Magſt du die aufgeputzten Gräuel der Welt nicht ſehen?— Wende dich wieder zu uns, Herr, und führe uns nicht in die Verſuchung, zu glauben, du könnteſt dich in uns tödten laſſen, ohne wieder auf⸗ zuerſtehen! Amen!“— Ein kurzes Gebet folgte der Rede, dann hatte der Geiſtliche ſein Amt verſehen, hing ſein Feiertagsfell wieder auf und miſchte ſich unter die Brüder, die von neuem den heulenden Geſang begannen. Eine allgemeine Umarmung vertrat die Stelle des 389 Segens. Dann war der Gottesdienſt beendigt, die Flaſche ging nochmals herum und Jeder ſuchte ſeinen Ausgang. Wie ich mit Pirrho auf der Höhe ſtand, ſah ich die wie im Winde zuſammengewehten Menſchen nach allen Seiten über die Felſen klettern oder den Niederungen zueilen, wo ſie der Wald wieder auf⸗ nahm. Die kleine Gemeinde, wenn man dieſen Haufen Menſchen ſo nennen will, war nur ein Nebenzweig der größeren waldenſiſchen Verbrüderung.— Was ächtes Chriſtenthum in ihnen iſt, muß der Welt zu Gute kommen, darf nicht im Winkel umkommen! Das waren meine Gedanken, als ich neben meinem Gefährten die Höhle verließ. Drittes Rapitel. Auf dem Rückwege wurde Pirrho vertraulich; er erzählte von ſeinem früheren Leben. Die Geſchwiſter waren aus Savoyen hieher gewandert. Die Alten, Köhlersleute, hatten eine eigene Schürhütte gehabt. In den Kriegsunruhen war ihr Hab und Gut eine Beute der Verfolger geworden. Sie hatten ſich mit genauer Noth aus dem brennenden Meilergehöft gerettet und waren auf der Flucht elend um⸗ gekommen. Die beiden Kinder hatten das Wanderleben fortgeſetzt, von einem Meiler zum andern, um Unterkunft zu finden. So waren ſie heimathlos erwachſen. Der Burſch hatte keine Luſt zum Köhler⸗ gewerk; er ſchweifte Tags und Nachts in den Wäldern um; wenn die Noth drückend wurde, ging er heimlich auf Wild. In unſern Bergen hatten ſie endlich Halt gemacht und ſich die Hütte zuſammen⸗ geflickt. Pirrho hielt ſich Karren und Eſel und führte den Kraut⸗ händlern am Abhang der Höhe ihre Frucht in die nächſten Ortſchaften zu Markt. Der Burſch hatte gerade ſo viel Pfiffigkeit, um ſich in der Welt durchzuhelfen, und gerade ſo viel Trotz, um es der Welt nie Dank zu wiſſen, wenn ſie ihn leben ließ. Ein Naturzuſtand der Art mag gerechtfertigt ſein. Aber etwas mehr Bedürfniſſe, leiblich . — wie geiſtig, etwas mehr Pflege des Gemüthes: und aus dieſem No⸗ maden wird von ſelbſt ein getreuer Anſiedler, der Sinn hat für Menſchenglück, Sinn für Recht und Sitte. Mitten im Zufall der Dinge dieſer Welt erkennt und fühlt er dann eine leitende Hand Gottes auch im Thun und Sein der Andern. Ich hing meinen Miſſionsgedanken nach, während Pirrho ſchwatzte. Ein einfaches Mahl vereinigte uns mit Mormona oben auf dem Felſen in der bretternen Hütte. Sie hatte ihr beſtes Geräth auf⸗ geputzt und ſchaltete und ſchaffte mit der ganzen Innigkeit ihres ſtillen Weſens, dem der Grundzug einer klaren, tiefen Heiterkeit eigen war. Nur die Worte fehlten zu den Blicken ihres dunkelblauen Auges, nur die hörbare Muſik zu den ſchönen Wellenlinien ihrer Bewegung, und ein fertiges Kunſtgebilde aus Gottes Hand ſtand vor mir in der Unſchuld der erſten Empfindung und mit dem Zauber jenes Lächelns, das nur verſchwiegen vom Glück des Daſeins weiß. Wie ſie mit ſchüchterner Demuth das Wenige, das ihr Vorrath bot, zu reichen und die Gabe durch die Anmuth des Gebens zu erhöhen wußte, wie ſie mit großer Entſchiedenheit dem unwirſchen Bruder zu begegnen, ihn zu beſchwichtigen und dadurch zu beherrſchen verſtand: in alle dem entwickelte ſie die ſichere Weisheit einer unbewußten Kinderſeele. Es war ſo viel Klugheit in ihrer Unſchuld, und dieſe Klugheit wußte nichts von ſich ſelber. In der Art, wie ſie den Bruder zu nehmen wußte, lag eine feine, liſtige Ueberlegenheit. Sie lenkte ihn, indem ſie ihm ganz zu Willen war; ſie kam ſeinen Wünſchen, ſeinen Ab⸗ ſichten und Zwecken voraus, und hatte ihn unvermerkt in ihrer Hand. Es ſchien faſt, als könne ſie ihn betrügen, indem ſie ihn nur für den Augenblick befriedigte, und ſich ſo für manche Unbilden an ihm rächte. In dem langen Umgang mit Pirrho hatte ſie ihm, nur um mit ihm fertig zu werden, ſeine Schwächen abgelauſcht und triumphirte über ihn wider Willen und Wollen. Auf den bloßen Augenblick war Pirrho's ganze Natur geſtellt. So hartnäckig ſein Trotz, ſo war er doch jedem neuen Eindruck, der ihm ſchmeichelte, unterworfen; man konnte ihn mit ſcheinbar dienlichen Mitteln von ſeinem Ziele ableiten. Mormona hatte in der Herrſchaft über den Bruder eine ſichere Vir⸗ tuoſität erlangt. Ich ſaß und ſann dieſem erſten Geſtalten menſch⸗ licher Zuſtände nach. Ein Miſſionär, dacht' ich, muß klug ſein wie ſie! —— 391— Rach der Mahlzeit lagerten wir uns auf den Decken, die Pirrho auf den Boden breitete. Durch die loſen Fenſter zog ein ſcharfer Weſt; doch waren ſie hoch genug, um uns nicht, wenn wir am Boden ſaßen, dem Luftſtrom preiszugeben. Das ganze kleine Geräthe der Wirthſchaft ſtand um uns; von oben lugte hier und da durch die Sparren des lockeren Gebäu's mit hellem Auge der Himmel herein. Es war, wie wir zwiſchen Melonen und Gurken, Kohlköpfen und Wurzeln Sieſta hielten, eine Idylle um uns her, wie man ſie wohl in den Bildern jenes Baſſano und anderer venezianiſcher Meiſter ſieht. An hell geſcheuerten kupfernen Keſſeln, in deren Glanz und Widerſchein man die ganze Scene noch einmal im Kleinen ſieht, fehlte es freilich, aber nicht am Duft der Gemüſe, der unſer Mahl würzte. Der Bube mit dem ſtruppigen Haar, den geſchlitzten, halb ſchielenden Augen, Befangenheit und Pfiffigkeit ſeltſam gemiſcht, gut⸗ müthig, trotz der Tücke, und bei aller Rachluſt offen und ehrlich,— der Bube machte das Bild um mich her zur Bambocciade. „Hört mal, Kamerad,“ unterbrach Pirrho die Stille,„hab' da eine Entdeckung gemacht! An Euerer Büchſe iſt ein Wappen. Ich bin kein Kenner ſolcher Dinge, aber ich ſehe, daß man Euch doch wohl zu den vornehmen Leuten zählen muß. Iſt es Euer eigenes Gewehr, oder gehört es einem Herrn, in deſſen Dienſt Ihr ſeid?“ „Es iſt mein eigen Gewehr,“ ſagt' ich.„Ich ſchenk' es dir, und wenn du ein Mal in Noth biſt, ſo zeig' es in Santa Maria vor und man wird das Wappen ehren.“ „Sie könnten freilich denken, ich hätte die Büchſe geſtohlen!“ „So laß dich vor mich führen und ich will dir helfen.“ „Nun, ſo ſeid Ihr ein mächtiger Herr?“ „Wenigſtens in Dienſten eines ſolchen,“ lenkte ich ein. „Sei es wie es ſei,“ rief Pirrho,„es wäre ein hübſcher Zug von Euch, wenn Ihr Euch zu uns armem Volk in den Bergen hieltet. Ihr braucht kein Waldenſer zu werden, aber wenn Ihr Geſchmack an uns findet und Ihr ein Mann ſeid, der es ehrlich mit uns meint und uns nicht belügt, ſo bleiben wir im Nothfall von Folter und Kerker verſchont. Nicht? Ihr ſolltet öfter kommen und uns heim⸗ ſuchen bei unſerem Gottesdienſt und in unſeren Hütten. Hart Brot und ein Trunk Ziegenmilch, das iſt all' Eins bei uns, und wie wir uns ſelbſt bewirthen, ſo dienen wir auch dem Herrgott, ſchlecht und recht. Ihr brauchtet ja nicht viel Weſens davon zu machen, daß Ihr ein Wohlgefallen an uns hättet! Da unten triebet Ihr als römiſcher Chriſt Euere Sache nach wie vor; nur wäret Ihr gegen uns menſchlich, ließet uns— wenn's nicht anders ſein kann durchprügeln, wenn Ihr uns im Walde auf falſcher Fährte ertapptet, aber uns nicht Zeitlebens einſperren, weil wir zu einfältig ſind, um Eueren ſtolzen Glauben zu begreifen. Wir Burſche ſtänden Euch dann alleſammt zu Gebote, wenn Ihr uns da unten das Wort reden wolltet, und ich würde Euch in Fällen der Noth einen Haufen Kerle werben, deren Freund zu ſein Euch nie gereuen ſollte. Dann und wann freilich müßtet Ihr, wie geſagt, hier oben bei uns hauſen; ſonſt glaubten wir's nicht und dächten, Ihr meintet's nicht ehrlich. Mein Seel', wenn Ihr gute Kameradſchaft mit uns hieltet, ich könnt' Euch Bruder ſchelten, ſo lieb wollt' ich Euch haben!“ „Nun Freund,“ ſagt' ich,„da würd' ich nur daſſelbe Vertrauen von Euch fordern. Ihr müßt mitunter bei mir hauſen, und du ſollſt mit mir auf die Jagd gehen und aufhören auf unrechter Fährte zu treiben. Das ehrliche Waidwerk nährt bei uns ſeinen Mann, und du ſollſt zu Pferde ſitzen, ſtatt den Eſel zu treiben.“ „Ja, wenn nur Euere— Schwarzröcke nicht wären!“ „Ich ſtehe für ſie ein,“ ſagt' ich zuverſichtlich. „Ja, wer da trauen könnte!“ lachte Pirrho. Ich hab' da unten im Kloſter ein Paar alte, gute Freunde, denen ich das beſte Geflügel bringe. Sie ſegnen mich immer; aber wenn ſie wüßten, daß die Hand eines Ketzers ſie bediente, ſie würden mir Gift ſtatt ihren Segen geben. Nuulich ſtreckte mir einer das Erucifix vor. Ich bückte mich drüber hin, ſteckte aber die Zunge heraus, ſtatt das Holz zu küſſen. Er ſah es und hieb mit dem Kreuze auf mich ein, faßte mich am Genicke und rief die Kloſterknechte. Mit genauer Noth entkam ich. Daß ich ihm geſtohlenes Wild bringe, das läßt er gut ſein, obſchon er darum weiß. Sobald ich aber nicht recht nach ſeiner Art den Anſtand habe, um mit dem Herrgott ſchön zu thun, wittert er gleich den Böſen in mir.“ „Wenn ich Eueren Pfarrer, den langen Pietro, verhöhnt hätte, mein Freund: Ihr hättet mich nicht lebendig von Euch gelaſſen!“ Pirrho gab das weder zu, noch mochte er's leugnen.„Ich kann mit einem todten Gott nicht ſchön thun,“ ſagte Pirrho,„ich lobe mir einen lebendigen. Wir machen mit ihm überhaupt nicht ſo viel Um— ſtände, nicht ſo viel Weſens, wie Ihr mit Eueren vielen Höflichkeits— bezeugungen, Euerem Knieen und Knixen, Euerem Flennen und Schluch— zen. In Rom, ſagt der lange Pietro, feuern ſie ſogar mit Kanonen drein, wenn ſie beten wollen. Sie meinen, der alte Herr im Himmel ſei taub geworden. Der alte Gott iſt auch nicht ſo böſ' und finſter, daß wir alle Zeit in Sack und Aſche vor ihm hinſtürzen müßten! Was ein ehrlicher Waldenſer iſt, der geht ſchlicht mit ſeinem Herrgott um, nimmt ihn ſozuſagen bei der Hand, ſchüttelt ſie ihm und ſagt: Lieber Herr, ſei gut mit uns, denn du biſt ja doch der einzige brave Kerl im Lande!“ Mormona war vor mich hingetreten, als wollte ſie den Zorn, der in mir aufſtieg, beſchwichtigen. Sie ſah zitternd zu mir auf und hob die Hände wie bittend in die Höhe. „Ihr kennt den alten Gott ſehr ſchlecht, wenn Ihr ihn wie Eueresgleichen behandelt!“ rief ich mit einem ſtrafenden Ernſt, der mich plötzlich gegen Pirrho überkam.„Ihr wollt keine Götter haben neben ihm, aber in Euerem Uebermuthe ſeid Ihr nicht mehr fähig, die Spuren ſeines Wandels auf Erden zu ſehen. Anders als in Zeichen ſpricht er ja nicht mit uns, Ihn ſelbſt ſchauen wir nicht. Sein Athem durchdringt die Welt, aber ſein Angeſicht bleibt uns Allen verhüllt. Die ganze Natur iſt der Schauplatz ſeines Wirkens, Alles um uns her iſt eine Kunde von ihm; warum ſollen wir ihn nicht in ſeinen Zeugen und Boten begrüßen? Selbſt am kleinſten Sandkorn iſt ſeine Heiligkeit zu ahnen und wir verſtehen ihn in ſeinen Wirkungen. Du aber, der du ihm ſelbſt nahen willſt, thue zuvor den Staub von deinen Füßen, ziehe die Schuhe ab, denn die Stätte iſt heilig. Du würdeſt erbeben und erblaſſen, wenn ſich der Herr in ſeiner ganzen Geſtalt dir zeigen wollte! Unſere Religion gibt uns die Bedingungen an, uns ihm allmälig zu nähern. Du freilich ſiehſt auch in der Art, wie ſich Menſchen zu einander verhalten und aus dieſem Ver— halten ein Gewebe von Recht und Sitte machten, eitel Willkür, Zufall und Hinterliſt. Du biſt ein fahrloſer, heiteter Schelm, der Böſes und Gutes noch nicht ſcheiden lernte, wahren Schmerz und wahre Freude noch nicht kennt. Wohl iſt das Leben nicht um des Todes willen da, aber eine Religion, die dem Tode und den Schmerzen nichts abzugewinnen weiß, verſteht wohl ſehr wenig vom Leben der Menſchen und ihrem dunklen Drange. Auch die Natur ſtirbt ab, hat Schmerzen und trauert. Der Orkan reißt die Hütten nieder und ein wilder Dämon läßt nicht ab und iſt immer geſchäftig, die Saat des Guten zu zerſtören. Wir müßten, wenn wir nicht um den geſtorbenen Chriſtus trauerten, der Natur ein Todtenfeſt halten, damit ſich der Menſch mit ſeinen Schmerzen ein Genüge ſchaffte.“ Mormona war am Boden niedergekniet, ſie hatte ihr Geſicht in beide Hände geſenkt. Mit weit aufgeriſſenen Augen ſtarrte mich Pirrho an. Dann wälzte er ſich wieder ſeinem Lager zurecht und murmelte vom langen Pietro, der es doch beſſer wüßte, wie es mit dem Chriſtenthum der Römer ſtände.— Was ich ihm geſagt, ging freilich über ſein nächſtes Bedürfniß hinaus, deßhalb verſtand er mein Chriſtenthum nicht. Ich aber glaubte das ſeinige zu ver⸗ ſtehen, ohne es für das alleinige Evangelium zu halten.„Euere Religion,“ ſagt' ich,„iſt in ihrem Urſprunge ſo heilig, wie jede. Nur ein Erleuchteter konnte den Gedanken faſſen, den Gottesdienſt wieder bis auf ſeine erſten Bedürfniſſe zurückzuführen. Euer einfacher Glaube iſt gültig, ſo lange Ihr ſelbſt die einfachen Geſchöpfe der Wüſte bleibt; Kindern genügt ein Kinderglaube.“ „Nu! nu! Wird ſind nicht ſchlechter als Ihr,“ murrte Pirrho. „Die Erwachſenen ſind nicht beſſer, aber ihr Leben iſt voller, reicher geworden, die Kräfte haben ſich erweitert. Iſt der Zwieſpalt ein Mal eingetreten, vom Baume der Erkenntniß die Frucht gebrochen, die Sünde als die That des freien Willens in die Welt gekommen, ſo herrſchen gute Geiſter und Dämonen im wechſelvollen Spiel. Die Menſchenwelt, mein Freund, hat ſich wie die Natur entwickelt t, ſtufen⸗ weiſe. Wer will das Pflanzenleben mißachten. Es iſt lieb⸗ licher, zarter, unſchuldsvoller, als die nächſte Stufe der Entfal tung; aber dieſe nächſte Stufe, das Thierreich, iſt eine Entwickelung reicherer Kräfte, ſtärkerer Gewalten. Leidenſchaften ſind in ihr wach geworden, der Selbſtwille fängt an ſich frei zu machen und zum Bewufßtſein über Bös und Gut iſt ein Schritt mehr gethan. Das römiſche Chriſtenthum iſt nur die reichere Entfaltung einer Summe von Wahr⸗ n 3 heiten und Bedürfniſſen. Euer waldenſiſches Chriſtenthum iſt eine Stufe für menſchliche Kindheit, Ihr ſeid Waiſen, die ſich trotzig gegen die Welt wehren und Niemand angehören wollen. Oder Euer Glaube müßte für eine Horde von Räubern ſein, die ihre Wildheit für be⸗ rechtigt halten, die Welt alles Heiligen zu entkleiden und ihr abzu⸗ trotzen, was ſie nicht freiwillig gibt!“ Pirrho lag ſtill am Boden, er ſchlief entweder, oder ſtellte ſich ſchlafen. Es hatte mir wohlgethan, mein Chriſtenthum vertheidigen zu müſſen. Ich glaubte jetzt erſt recht feſt an meinen Glauben, da ich die Weltregierung Gottes damit zu rechtfertigen hatte. Zugleich fühlte ich plötzlich, was unſerm Chriſtenthum fehlt. Unſern Prieſtern fehlt es an dem lebendigen Geiſt, der am Pfingſttag ausgegoſſen iſt. Jene Erleuchtung, die wie mit hundert Zungen redet, in die Welt zieht und alle Völker gewinnt, kommt nicht mehr über die Stell⸗ vertreter und Boten Gottes. Wie ich ſchwieg, war Mormona aufgeſtanden. Ihre Augen leuchteten mich ungewiß an. „Sind ſie denn Alle da unten ſo mild?“ fragte ſie mit ſcheuer, zitternder Stimme. „Die Menſchen, Mormona, haben immer verdorben, was urſprüng⸗ lich rein war vor Gott.“ „Lehren das auch Euere Prieſter?“ fragte ſie nach einer Weile von neuem. „Ich will es dir lehren, Mormona, ich will dein Prieſter ſein!“ Ich reichte ihr die Hand und ſie legte zögernd ihre Linke in die meinige, während ſie ihre Rechte an ſich preßte. Ihre Augen⸗ lider ſenkten ſich; aber ſie ward nicht roth, es zog vielmehr jene leiſe Bläſſe über ihr Antlitz, wie ſie mir am Heiligenfeſte erſchienen war, ſo durchſichtig hell, wie gelöſt von allem leiblichen Bande. Wie ich ihre Hand feſthielt, zuckte ſie in ſich zuſammen und wandte ſich ab. Pirrho regte ſich am Boden und wir traten auseinander. Die Däm⸗ merung brach herein; Mormona verließ ſchweigend das Zimmer. Ein ſanftes Feuer durchleuchtete mein Herz. Mitten im Dunkel ſah ich helle Geſtalten, lichte Schatten auf und niederſchweben, gute Genien, freundliche Abbilder meiner Seele, denen nur noch die Sprache fehlte, um ihr Glück zu ermeſſen, noch zu ſcheu und ſchüchtern, noch — 396— zu ſehr von Furcht befangen, um ſchon den Traum in Wirklichkeit zu verwandeln. Ich ſaß und lauſchte. Ihr leiſer Schritt ſchwebte wieder über den Balken, das Gewand rauſchte über den Boden hin. Ich zitterte heftig und doch wagte ich nicht mich zu regen. Wie gebannt ſaß ich auf der Stelle feſt und fühlte doch die Fähigkeit, meine Seele freier und ſelbſtändiger zu bewegen als ſonſt, von der Schwere des Körpers gelöſt und von einer wunderbaren Macht beflügelt. Ich fühlte Leib und Seele in mir getrennt und meinen Geiſt in einen lichteren Stoff gekleidet, in deſſen Hülle er ganz neu athmete. Es war mir, als ſtänd' ich oben unter dem Dach der Hütte, die ſich in einen Tempel Gottes verwandelt hatte, als kniete Mormona vor einem Altar, auf dem ſie ihr Herz darbringen wollte, und als wär' ich als Prieſter ihr links und rechts behülflich, ihr das Opfer zu erleichtern. Traum und Wirklichkeit liefen wirr durcheinander, und doch war ich mir des Wachens bewußt. Endlich ſchlief ich feſt und ſicher ein. Da war mir, als ſtieg ich, dem kecken Gemſenjäger gleich, von Fels zu Fels. Immer reiner ward die ätheriſche Luft, immer leichter mein Schritt. Oben auf der Spitze, den Firſt der Bergwand entlang, ſchwebte eine flatternde Mädchengeſtalt. Ich jagte ihr nach, und wie ich ſie endlich am Saume ihres Gewandes erhaſchte, ſank ſie plötzlich mit lautem Schrei in meine Arme. Es war Mormona. Aber ſie ſah unendlich leidend aus, ihr helles Auge ſchien in Gram aufgelbſt. Wie ich ſie küßte, lächelte ſie ſchmerzlich und ich hätte vor geheimem Weh vergehen mögen. Sie entwand ſich meinen Armen und ſchwebte wieder ungewiß in der Luft. Wie ſie ſinken wollte, ſchrie ich auf, denn ich war unfähig, ſie mit den Händen zu faſſen. Da rauſchte es wie mit Fittigen über ſie her, ein weiter Mantel umhüllte ſie von beiden Seiten, zwei Arme unſchloſſen rücklings ihren Leib, eine kräftige Geſtalt führte ſie auf Flügeln himmelwärts, und das dunkle Auge einer ernſten Frau blickte aus den Wolken auf mich herab. Ich weiß nicht, war es meine unglückliche Mutter oder die alte Waldenſerin, die Ahnmutter unſeres Hauſes, welche die Leidende an ihrer Hand hinauf in die Wohnungen der Seligen führte. Mit dem heranbrechenden Morgenlicht ſchwanden die Geſtalten; aber ich wußte, daß ich wach war, als mich Pirrho rief und zum Aufbruch gemahnte. Meine Miſſionsgedanken hatten ſeit jener Nacht das Ziel: Mormona um jeden Preis und gleichviel mit welchem Glauben und Bekenntniß mein zu nennen. Pirrho hatte raſch angeſchirrt und trieb mich mit geſchäftiger Eile fort. Ich wollte heim; er ging ſeinem Gewerbe nach. Der Strahl der Morgenſonne ragte noch nicht bis in die Schlucht hinab, aber umſäumte die Spitzen der Felſen und die bretterne Hütte, die wie ein Neſt zwiſchen den ſteilen Wänden hing. Mormona ſchlum— merte noch; Engel Gottes breiteten die goldenen Flügel um das kleine Haus. Wir ſaßen auf, ohne ſie begrüßt zu haben. „Alſo Ihr wollt wiederkommen?“ rief mir Pirrho zu, nachdem wir eine Zeitlang ſchweigend neben dem Eſel, ich hüben, er drüben, fortgeſchritten waren. „Unter der Bedingung, daß du nach Santa Maria kommſt,“ ſagt' ich. „Nach Santa Maria!“ wiederholte er.„So ſeid Ihr einer von den Leuten des alten geſtrengen Grafen, der ein waldenſiſch Mädchen zur Frau gehabt? Bei einer Jagd auf Wilddiebe hatte er ſie mit einem Rudel friſcher Burſche aufgefangen. Er gab den ganzen Haufen wieder los; dafür folgte ſie ihm wie eine getreue Magd in's Schloß. Und ſeitdem treibt kein Waldenſer mehr Dieberei im Ge— biete von La Torre. Es gibt der Reviere noch ſonſt genug. Das arme waldenſiſche Kind ward aber doch wohl ein Opfer Euerer Prieſter von Gottes Gnaden. Sie ſagen, ſie ſei plötzlich geſtorben, noch vor meiner Zeit. Nun, ſie ermorden Keinen mehr in ſeiner heilen Haut; ſo grauſam iſt man nicht mehr. Aber wer weiß, ob die arme Ketzerin im alten Schloſſe drüben nicht noch im Verſteck lebt unter Martern und Foltern! Sie ſagen, es gehe im Schloſſe um. Vielleicht ſind es die ehrwürdigen Herren ſelber, die wie Vampyre umgehen und Seelen fordern!“ „Menſch, du lügſt!“ ſchrie ich auf.„Muß denn Alles in der Welt ein Gewebe von Lug und Trug ſein!“ „Meinetwegen,“ ſagte er,„ich bin gegen Geſpenſter aller Art gewaffnet.“— Er zog ein Stilet aus dem Gürtel und ſteckte es ruhig wieder ein.—„Man ſagt,“ fügte er hinzu,„der junge Graf ſei ein ſehr finſterer Herr. Wird wohl in den Händen der heiligen — Männer Gottes ſein. Vielleicht gibt's einmal wieder eine Waldenſer⸗ hetze!“ Ich faßte ihn hart an der Bruſt.„Menſch!“ ſagt' ich,„Ihr wollt in den Bergen Euch rein halten von der Schlechtigkeit der Welt, und Euere Gedanken ſtecken voller Tücke, denn Ihr nährt Euch von der Lüge und der Argwohn hat Euere Herzen vergiftet.“ „Meinetwegen!“ ſagte der Junge ganz gedankenlos.—„Ich will Euch aufſuchen in Santa Maria. Es wär' recht gut, wenn wir einen Freund da hätten. Wie erfragt man Euch?“ „Zeig' dein Gewehr vor, und man wird dich zu mir führen!“ „Ehrlich und ohne Falſch?“ ſagte er,„topp!“— Ich ſchlug in ſeine Hand.—„Euere Büchſe ſoll mich führen,“ ſetzte er hinzu. „Ihr Lauf iſt gut und ich denke, mir entgeht nichts, wenn ich ſie regiere. Schaut ein Mal dort das Eulenneſt im Geklüft! Seht Ihr's?“. Ich hatte den Punkt in der Felſenſpalte mit den Augen kaum erfaßt, als der Schuß fiel, das Geflecht ſich vom Steine löſte und herabſtürzte.—„Nun wißt Ihr wenigſtens,“ ſagte Pirrho,„daß ich nicht der Kerl bin, den Ihr leichten Kaufes haben könnt.“— Lachend zog er ſeines Weges fort. Wie er um die Felſenecke ſammt Eſel und Wagen verſchwand, hörte ich noch lange ſeine Stimme, eine jener Melodien, die die Savoyarden zum Tanz der Murmelthiere ſpielen. So luſtig und ſo ſtarrköpfig, ſo zutraulich und ſo argwöhniſch ſind die Menſchen im Gebirg. Viertes Rapitel. Der Geiſt der Berge. Mein Ausbleiben hatte in Santa Maria doch mehr Aufſehen erregt, als ich wünſchte. Ich hatte meine Sorgloſigkeit zu bereuen. Der Jägerburſch, den ich auf dem Markte von La Torre verabſchie⸗ det, mußte geplaudert haben. Ich war zwei Nächte fortgeblieben und — 399 hatte Sorge erregt. Im Schloßhofe hielt Giacomo, der alte Haus⸗ hofmeiſter, mit den Dienern hohen Rath. Sie waren zu einem Streifzuge in die Berge gerüſtet, als ich plötzlich unter ſie trat. Die ſtaunende Freude verwandelte ſich in Scheu und Angſt, als ſie mich, obſchon mit heiler Haut, doch waffenlos vor ſich ſahen. Mein verworrener Anzug war Se meines Verkehrs mit der Wildniß. Ich gebot dem Alten, die Diener zu beſchwichtigen, und legte Allen Stillſchweigen guf. Giacomo, in der Freude mich wiederzuſehen, ge⸗ lobte der Mutter Gottes in der nächſten Dorfkirche ein neues Ge— wand ſammt Schleppe und Gürtel. Dabei lief es doch wie Furcht und Entſetzen über ſeine altes, mürbes Geſicht.„Gelobt ſei Jeſus Maria!“ ſagte er, mich argwöhniſch muſternd,„glaubt' ich doch, der Geiſt der Berge müßte über uns gekommen ſein. Die alte Walden⸗ ſerin iſt auch wieder erſchienen!“ „Mir auch!“ ſagte ich,„dieſe Nacht im Traume, oben in der Hütte, wo ich gaſtlich übernachtete. Sie trat im blauen Sternen⸗ mantel, wie die Mutter Gottes, vor mich hin; ein ernſter, aber ſeliger Geiſt, der längſt im Himmel ſeinen Frieden gefunden. Und ich gelobte ihr, auch auf Erden Frieden zu ſtiften, damit das Leben der Menſchen ein Schauplatz der brüderlichen Liebe werde!“ Die Diener murmelten und ſprachen von einer andern Geſtalt, die im Schloſſe erſchienen ſein ſollte.„Haſt du ſie geſehen?“ fuhr ich auf,„oder du? oder wer?— Wer will mit mir wachen im Schloſſe, damit der Geiſt uns Rede ſtehe?“— Niemand regte ſich. „So ſeid Ihr, kindiſches Volk! Zu prüfen, wie Männern ziemt, vah Keiner, und ſo bleibt Ihr Alle, wie Weiber und Kinder, in Euerem Glauben Narren und Sklaven. Euere Feigheit trägt die Schuld, wenn Hirngeſpinnſte mit der alten Schreckensmacht uns be— herrſchen. Es gilt Euch ein Kleines, ſeſ ein Menſchenleben Euerm Wahne zu opfern. Ihr ſelbſt ſeid es, die Ihr als Geſpenſter und als Gehäuſe des Aberglaubens umgeht bei hellem Tage! Euer Wahn iſt blutgierig, Euer finſterer Glaube iſt unſelig, nicht die gequälle Seele der Ahnfrau, die von Eueren Miſſethaten im Schooße Gottes ausruht. Aber es ſoll anders werden auf Santa Maria, ſo wahr ich hier eißiſt Herr bin! Die Freude ſoll einkehren in unſern Mauern, die Menſchenliebe ihren Sitz bei uns aufſchlagen. Das ſoll die — Sühne ſein für die Frevel, die wir an den Brüdern in den Bergen verübt!“ Die Diener ſchlichen bei Seite. Giacomo bekreuzte ſich und ſah mit ſeiner weisheitsvollen Wehmuth auf mich herab. Mit dieſer frommen, gutmüthigen und weichen Seele war er doch der harte Kerkermeiſter meiner Mutter geweſen. Es drängte mich, das Bild der Verewigten zu ſehen, das man im alten Schloßflügel in den verfehmten Zimmern vor Jedermanu verbarg. Mein Vater beging das Oſterfeſt in Rom; ich hatte bis zu ſeiner Rückkehr noch einige Tage Spielraum. Ich wollte ſie be— nutzen. Im großen Ahnenſaale fehlte das Bild der alten Walden⸗ ſerin. Ich brachte den Haushofmeiſter darauf, von dem Gemälde zu ſprechen, obwohl ich längſt wußte, welche Bewandtniß es damit hatte. In den letzten Tagen ihres Lebens hatte meine Mutter es vor ihr Bett bringen laſſen. Es war der Wunſch einer Sterbenden geweſen, man hatte ihr willfahren müſſen. Seitdem war es nicht wieder in die Reihe der Familienbilder aufgenommen. Giacomo zitterte, als ich in ihn drang, mir die Schlüſſel zu geben, die zu dem verbotenen Flügel des Schloſſes führten.„Um des Herrn und Heilandes willen! Dort iſt alles Unglück des Hauſes bei Seite geräumt!“ flehte er dringend. „Ja,“ ſagte ich,„was Ihr das Unglück des Hauſes nennt, das haltet Ihr wie einen peſtartigen Stoff fern, als läge die Anſteckung in der körperlichen Berührung! Ich ſage dir, ſie liegt in der Luft, die Alles durchdringt, und die Niemand abſchließt.“— Der Alte rang die Hände.—„Du machſt meinen Argwohn rege. Oeffne! Der Sohn will die Stätte betreten, wo ſeine Mutter ein Opfer Eueres Wahnes wurde. Eile, dein zukünftiger Herr befiehlt!“ Gegen meinen Zorn, gegen die Erinnerung an die Unbill, die der Verſtorbenen widerfuhr, war der Alte nicht gewaffnet; er holte die Schlüſſel aus einem geheimen Wandſchranke im Zimmer meines Vaters. Ich entriß ſie ihm und ging. Seiner Verſchwiegenheit konnte ich ſicher ſein; ich wußte, daß er, wie ich ſelbſt, gegen das Verbot meines Vaters handelte. Ich eilte den langen Gang hin⸗ unter, der zu den verlaſſenen Zimmern führte. Es war heller Mit⸗ tag, aber ich trat in einen völlig dunkeln Raum. Ich ſtieß die La⸗ — den von den Fenſtern. Der friſche Luftzug wirbelte Staub auf, die vergilbten Vorhänge zitterten, die alten Tapeten rauſchten, die dumpfe Luft und der Geruch des Moders beengten meine Bruſt. Es war ein Vorgemach, in dem ich ſtand. Ich tappte weiter und öffnete. Erſt im dritten Zimmer ſtand das Bett der Entſchlafenen mit Stuhl und Tiſch und all' der Umgebung ihrer letzten Augenblicke. Hier war ſie geſtorben; hier hatte ein freies Herz, verkannt und ver— ſchmäht, unter dumpfen Banden ausgeathmet; eine friſche Alpenroſe war hier in der ſchwülen Luft der Menſchenwelt ſo raſch verwelkt! Ich ſank in meine Kniee; der Schmerz überwältigte mich. Ich lag am Boden, ich weinte, aber gelobte eine Rache, über die alle ſeligen Geiſter im Himmel frohlocken ſollten. Labte ſich mein Herz doch an einem friſchen Quell der Liebe, konnte ich doch im Glück meiner nahen Zukunft ſchwelgen! In der Niſche hing das Bruſtbild der Mutter; ein lachender Mädchenkopf mit flatternden Locken, eine ſpielende Heiterkeit im dun⸗ kelblauen Auge. Sie blickte in der Friſche des erſten Frühlings, in der Luſt am ſchönen Leben, in der neckenden Freundlichkeit der erſten Jugendliebe ſo hell und keck in die weite Welt, die ſich ihr ſo bald eng und düſter verſchloß. Und hier, ſo dicht neben ihrer blühenden Geſtalt, das Bett und die traurigen Zeugen eines kummervollen Todes! Dem Bett gegenüber, den feſten Blick mir zugewendet, hing das Bild der waldenſiſchen Ahnfrau, in ganzer Geſtalt, in aufrechter Haltung, in der ſteifen, ſtolzen Tracht einer Dame des Hauſes von ehedem. Sie war es, die mir in der Nacht erſchien, als ich im Traume meine Hand nach Mormona ausſtreckte; nur war damals ihre Stirn mit einem hellen Schein umzogen, der Mantel der Kö⸗ nigin des Himmels breitete ſich um ihre Schulter.— Was wollte mir dies dunkelblaue Auge ſagen? Blickte es ſtrafend herunter oder warnend? Dieſe Züge waren ſo lebendig, dieſe weiße Hand ſtreckte ſich ſo frei heraus, als wollte die ganze Geſtalt aus dem Rahmen ſteigen und mich erfaſſen. Plötzlich war mir's, als liefen die Züge der Ahnfrau, die Züge der Mutter, die Züge Mormona's durchein⸗ ander. Daſſelbe dunkelblaue Auge, daſſelbe lichtbraune Haar und der ſchelmiſche Zug der ſanft geſchwellten Lippen. War das immer nur, nach Zeit und Alter wechſelnd, dieſelbe Geſtalt geweſen, die den D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 26 — 402— Söhnen meines Hauſes erſchienen war? Seltſames Spiel des Zu⸗ falls!— Ein wirrer Nebelſchleier zog ſich um meine Sinne, um meine Gedanken zuſammen. Ein Geräuſch hinter mir ſchreckte mich auf. Es war Giacomo, der mir nachgeſchlichen. „Menſchen!“ rief ich,„ſeht hier die Opfer eures Irrthums! ihr waret Alle Mörder aus frommem Wahn! Aber ich will den Fluch, den ihr über euch ſelbſt verhängt, in Segen wandeln, ich will die Schmach vom Hauſe nehmen, die Gräuel eueres Glaubens beenden. Die Liebe regiere auf Erden, der Haß ſei getilgt!“ Der Alte kniete auf der Schwelle und betete eifrig, vielleicht für mein Seelenwohl. Ich verließ mit ſtummer Scheu die Räume, in denen meine Mutter ſtarb. „Wer war um die Sterbende?“ fragte ich ihn, als wir die Gemächer ſchloſſen.“ „Eine Dienerin, die nicht mehr lebt,“ ſagte der Alte.„Dieſe hatte in der Angſt der Seele den Prieſter kommen laſſen; aber als er der Leidenden das Allerheiligſte reichte, ward er mit Unwillen wieder abgewieſen. Die Sterbende wollte das Kreuz nicht küſſen, das er ihr hinhielt.“ „Sie trug ſchwer genug an dem Kreuze, das ihr über ſie ver— hängtet!“ „Sie wollte auch zu keinem Heiligen beten! Heilige Mutter Gottes, bitt' für ſie!“ „Sie betete,“ unterbrach ich ihn,„zu der Heiligen ihrer eigenen Wahl. Darum ließ ſie ſich das Bild der Ahnmutter kommen, in deren ſtarken und feſten Blicken ſie Troſt ſuchte.“ „Sie iſt ohne Segen, ohne die letzte Oelung geſtorben!“ ſagte Giacomo. „Ohne den Leib des Herrn, ich weiß. Vielleicht bedurfte ſie ſeines Leibes weniger, weil ſein Geiſt ſie erfüllte und ihr Muth gab, der ſchnöden Welt zu trotzen. O, ihr Verblendeten! Ihr nanntet es Verbrechen, daß ſie ſich nicht zum Herrn wandte, und ihr wußtet nicht, wie tief und ſtill ſie ihn im Herzen trug.“ „Die Heiligen wollen ihr jenſeits gnädig ſein!“ flüſterte der Alte und ſah mich betäubt und verworren an. m — 403— Um die Todten kümmerte ich mich nicht: die Lebenden verlangten meine Sorge. Es trieb mich eine dunkle Regung, der Herkunft meiner Mutter nachzuforſchen. Ich wußte ſelbſt nicht warum, aber es war ja möglich, daß die Aehnlichkeit der Züge in einer nahen Blutsverwandtſchaft ihren Grund hatte. Oder war dieſe ganze Ent⸗ deckung nur ein Blendwerk meiner aufgeregten Sinne?— Ich eilte zum Kloſtermeier im nahen Walde. Er war früher um die Perſon meines Vaters geweſen, hatte ſeine Jugend mit ihm verlebt, war der Eingeweihte in ſeinen Verhältniſſen. Soviel er wußte, hatte die Verſtorbene keinen Anhang mehr in den Bergen. Ihre drei Brüder, da ſie ſich nicht zum römiſchen Glauben bekehren wollten, waren mit einem Jahrgehalte nach Genua verwieſen, hatten aber, unter Andro⸗ hung der Inquiſition, ſchwören müſſen, unſer Gebiet nicht wieder zu betreten. Die Republik brauchte Soldaten gegen das aufrühre⸗ riſche Corfika. Die drei Waldenſer nahmen Seedienſte, wurden aber von den Corſen gefangen und waren, als Genua mit franzöſi⸗ ſcher Hülfe wieder Beſitz von der Inſel nahm, entweder in den blu⸗ tigen Wirren umgekommen, oder mit dem abenteuernden König Theodor geflüchtet. Für den Fall, daß ſie noch lebten und ſich meldeten, lag die für ſie ausgeſetzte Summe in den Händen des Pater Rector im Collegium zu Genua bereit. Keiner von ihnen hatte in der Heimath Nachkommen gehabt. Mein Plan ſtand feſt, um mich Mormona's zu bemächtigen. Mein Herz duldete ſie nicht länger in der Wildniß der Berge. Ich eilte von Genua, wo ich mir dieſe Kunde verſchafft hatte, zum Klo⸗ ſtermeier zurück; ich that ſehr zuverſichtlich, als wär' es meinen Nach⸗ forſchungen gelungen, über die Abkunft meiner Mutter Aufſchluß zu erhalten.„Die drei Brüder,“ ſagte ich ihm,„waren nicht die ein⸗ zigen Anverwandten.“— Der Alte ſtaunte, aber ſchien gläubig, wie ich ihm von zwei weitläufig verwandten Sprößlingen aus Savoyen erzählte, die in unſern Bergen hauſten. Auf meinen Streifereien, ſagte ich ihm, hätt' ich ſie ausfindig gemacht, und gedächte ſie nicht ferner ſich ſelbſt zu überlaſſen. Der Alte wehklagte, daß das Ge⸗ webe eines ſchickſalvollen Zuſammenhangs des Hauſes mit den Ketzern dort oben unauflöslich ſei. Und wenn alle die verwaiſten Kinder in den Bergen, rief ich, zur Sippſchaft der Mutter gehörten, ſo wolle 26* — 404— ich es unternehmen, ihnen wohlzuthun und ſie als Brüder anzuer⸗ kennen. Gott ſei ein Gott der Liebe und kein Gott des Zornes; die Heiligen würden mit mir ſein, um die verlorenen Schafe zur Heerde des Herrn zu verſammeln. Ich wendete mich ab; mein glü⸗ hendes Antlitz war der Verräther meiner Lüge. Aber die Liſt gelang; der Alte bot willig die Hand, räumte in der Meierei ein entlegenes Zimmer ein und war des Beſuchs, den ich ihm zuführen wollte, ge⸗ wärtig.„Ein einfach gutes Kind,“ ſagte ich ihm,„ein Mädchen iſt es, fromm uud ſtill, und ein wilder Burſche, der ſich nicht ein⸗ zäunen läßt und gern im freien Walde herumſchwärmt!“ Der Klo— ſtermeier gelobte Verſchwiegenheit, denn weder der Vater, noch die Sprößlinge ſelbſt dürften vorläufig wiſſen, in welcher Beziehung ſie zum Hauſe La Torre ſtünden. Ich athmete frei, als ich wieder aufſaß und der alte Meier mir ſeinen Segen nachrief.„Der Geiſt des Unheils komme nicht über Euch!“ ſagte er und hob die Hand gen Himmel. Ich lachte und frohlockte im Innern meines Herzens. Wohl war der Geiſt der Berge über mich gekommen, aber dieſer Geiſt war ein Genius im Feierkleide, ein Engel, der einen neuen Frühling vom Paradieſe brachte. In Santa Maria hört' ich, ein wilder Junge habe ſich vor kurzem gemeldet, ſich zum Stallmeiſter führen laſſen, aber dieſem ge⸗ ſagt, er ſuche Jemand Anders. Er wußte keinen Namen anzugeben, aber zeigte eine Büchſe vor, mit dem Wappen des Hauſes.„Es war Eure Büchſe, Herr! Wir verweigerten ſie ihm, als er ſie wie⸗ derforderte. Wie er hörte, es ſei das Gewehr, das Ihr jüngſt von der Jagd nicht wieder heimgebracht, erſchrak er heftig, entriß uns die Waffe und ſprang mit der Schnelligkeit, mit der Wuth eines Raubthieres durch's Thor über den Graben. Die Hunde ſetzten ihm nach; wir konnten ihn nicht erreichen, ſeine Spur verlor ſich im Walde.“ „Pirrho!“ rief ich.—„Kommt er wieder, ſo haltet ihn gut, er iſt mein Freund.“ „Wohl gar der Vetter?“ flüſterte mir der Kloſtermeier mit allen Zeichen des Schreckens in's Ohr. Ich dachte dem nicht weiter nach und eilte fort. Bald ſtand ich in den Bergen und fand die Schlucht, die zur Hütte führte. 16 es m t, 405 Eine Geſtalt ſprang mir zur Seite aus dem Dickicht hervor; es war Pirrho. Er hing drüben am Felſen, der Waldbach brauſte zwiſchen uns.„Laßt ab von dieſem Pfade!“ ſchrie er mir zu,„ein Graf La Torre wandelt hier auf falſcher Fährte!“ „Pirrho,“ rief ich,„biſt du's, Freund?“ „Freund?“ lachte er zornig und ſchlug an's Gewehr, ließ es aber raſch wieder ſinken.„Meidet die Waldenſer! Unſere Kugeln ſind ſchneller, als Euere Schloßhunde. Ich warne Euch, hier iſt Euer Gebiet zu Ende.“ „Höre mich, Pirrho, es war ein Mißverſtändniß; komm' mit mir zurück nach Santa Maria, ſie werden ihr Unrecht an dir ver— güten!“ „Lüge, alles Lüge, wie Ihr ſelbſt!“ ſchrie er wild.„Hütet Euch vor Eurer eignen Waffe!“ Der Gießbach ſchäumte. Pirrho's Worte verrauſchten im Ge⸗ toſe der Fluthen. Ich ſtreckte die Hand nach ihm aus, da er meine Stimme nicht hörte. Er hob drohend die Fauſt und verſchwand. Ich hoffte ihn oben zu finden, ihm Alles aufklären, ihn be⸗ gütigen zu können, und ſetzte meinen Weg fort. Noch eine Stunde, und ich war am Ziele. Wie ich an der Bergwand hielt, auf deren Höhe die Hütte ſtand, gab ich das bekannte Zeichen. Marmona erſchien auf der Platte. Ich rief ihr zu; ſie antwortete nicht; aber wie ich das Maulthier in die Grotte zog und die Stufen im Felſen hinanſtieg, öffnete ſich oben der Deckel, der den einzigen Zugang auf die Höhe möglich machte. Ich ſprang hinauf und umfaßte das Mädchen mit beiden Händen. Sie entwand ſich meinen Armen und ſah mich un⸗ gewiß an.„Pirrho iſt nicht hier!“ ſagte ſie zögernd. „Ich weiß,“ war meine Erwiederung,„ich will ihn hier er⸗ warten. Oder bin ich Euer Gaſtfreund nicht mehr?“ Sie blickte beſchämt zu Boden und trat langſam zurück. „Mormona,“ rief ich,„willſt du dich von mir wenden, weil ſich zwiſchen mich und Pirrho ein Irrthum drängte? Was die Menſchen da unten zu Haß und Tücke treibt, was die Religion der Prieſter in einen düſtern Fanatismus verwandelt, regt ſich das nun auch bei Euch, unter den freien Kindern der Natur, wo der Menſch offen — 406— zum Menſchen tritt? Bin ich dir plötzlich fremd geworden, Mor⸗ mona?“ Sie fand kein Wort der Erwiederung, ſie zitterte bang in ſich zuſammen; ſie wollte fliehen und hatte mir doch den Eingang ge⸗ ſtattet. Sie wußte nicht, was ſie wollte, indem ſie mich den ſchmalen Pfad an der Felſenwand hinführte und dann an der Schwelle der Hütte doch wieder ſtillſtand. Mir zur Linken lief der ſchaurige Ab— grund in die Tiefe und rechts, an die ſteile Wand gelehnt, hielt mich die kleine Hand des zitternden Mädchens. Endlich trat ſie in die Thür, und wir ſtanden an dem trau— lichen Heerde.„Mormona,“ ſagt ich,„unter dieſes Dach ſollt' ich nicht mehr treten, wo ich den wichtigſten Lebenstraum geträumt, den ich zur Wirklichkeit machen will? Ich bin einer jener La Torre, in deren Adern waldenſiſch Blut fließt. Ein alter Zauber treibt uns in die Wildniß und unſer Herz ſucht nach dem reinen Thau des Himmels aus Gottes Hand. Der alte Glaubenshaß, den die Prieſter gelehrt, will ſeine Sühne. Der Ahnherr ſündigte gegen die Ahnmutter des Hauſes und der Zwieſpalt des alten Irrwahns lief bis auf unſere Tage herab. Mein Vater hielt ſeine Gattin, die ihm aus den Bergen gefolgt, für verloren, weil ſie Gott in einer andern Sprache angeredet. Mormona, was die Väter gefrevelt, ich bin be⸗ rufen es zu ſühnen! Hier, wo du hinknieteſt, um auf mein Wort zu lauſchen, ob ich die Grauſamkeit der Prieſter theilte, hier hab' ich im Stillen gelobt, zwiſchen deinem und meinem Glauben einen Friedensbund zu ſtiften. Und Nachts ſtiegen gute Geiſter in meinen Traum, mein Thun zu ſegnen. Mormona, im Namen aller jener Waldenſerinnen meines Hauſes, du ſollſt mir die Hand zum Bunde reichen. Laß uns treu aneinander halten, um die Welt vom Wahne zu befreien, laß uns Verſchworene ſein, die das heilige Werk voll⸗ führen, daß der Menſch nicht mehr den Menſchen um ſeines Glaubens willen verflucht! Gott verſteht jede Sprache des Herzens; er ver⸗ wirft weder die lallende Zunge der kindlichen Völker, noch die zitternde Stimme eines altgewordenen Jahrhunderts. In ſeinen Geheimniſſen forſcht die Menſchheit bis in alle Ewigkeit, jedes Alter, jede Stufe des Lebens, Kind, Jüngling, Mann und Greis, jedes Volk, jedes Land, jeder Himmelsſtrich ſucht und findet ſeinen Gott; und der hau lief ihn dern he⸗ zort ab nen nen ner nde hne ens nde ſſen tufe des der — 407— große Geiſt, auf den alle Abbilder der Menſchen deuten, bleibt nur ſich ſelbſt ewig derſelbe, während die Vorſtellungen, die ſich die Men⸗ ſchen von ihm machen, wechſeln. Wer darf ſagen, er habe den allei⸗ nigen Gott Himmels und der Erde gefunden? Und wer es wähnt und glaubt und dem Bruder flucht, der zum ewigen Weſen in an⸗ derer Weiſe betet, dem iſt der gute Geiſt, Gott ſelbſt, der die Liebe iſt, gewiß am fernſten. Mormona, heilig biſt du mir und unantaſtbar bleibe mir dein Glaube. Nur dein Herz will ich, freilich dein Selbſt, und ohne deinen Glauben biſt du nicht denkbar. Aber wie dem auch ſei; ich glaube an die Macht der Liebe und will dein Herz, deine Hand. Ihr wollt nichts hören von Schwur und Eid, Ihr ſeid zu oft getäuſcht von den ränkevollen Menſchen; ſo gelobe ich mir ſelbſt im Namen Gottes zum Heil der Welt, ewige Treue dir und meinem Verſöhnungswerk.“ Sie ſah zu mir auf und erhob willenlos und wie im Traum ihre Hand, als ich meine Rechte gen Himmel hielt. Dann zitterte ſie heftig, ihre ganze Geſtalt drohte zuſammenzuſinken und weinend ſtürzte ſie an meine Bruſt. Sie wollte nicht mehr frei ſein, nicht mehr unabhängig; mit dem Argwohn erſtarb in ihr auch jede Kraft des ſelbſtändigen Willens. Mir anzugehören war das einzige Ge⸗ fühl, das alle Schleuſen ihres Innern durchbrach. Ihrem Volke zn leben hatte ich ihr gelobt, und dafür gewann ich ſie ſelbſt zu eigen. Wir ſaßen ſtill beiſammen, ganz verſunken in das heilige Glück, uns als zuſammengehörig zu fühlen. Es gab für uns keine Ver⸗ gangenheit mit ihrem Fluch, keine Zukunft mit ihren Drohungen. Wie ich daran gemahnte, es ſei mein Plan, ſie bald als meinen Beſitz, als meinen Raub davon zu tragen, fand ſie kein Wort der Erwiederung; ſie lächelte, als ſchwanke ihr Herz zwiſchen Glauben und Unglauben. Im Rauſch der ſtummen Seligkeit fuhren Stunden auf ihren Schwingen über uns hin. Plötzlich ſchreckte Mormona aus meinen Armen auf.„Pirrho!“ rief ſie. Ihr ſcharfes Ohr glaubte ſein Zeichen, ſeine Stimme zu vernehmen. Sie ſtürzte an's Fenſter, an die Thür, dann wieder zurück. —„Sei ruhig, Mormona,“ ſagt' ich ihr,„ich beſchwichtige ihn!“ „Er iſt wild in ſeinem Zorn,“ rief ſie,„er glaubt ſich ver⸗ hohnt, verrathen, er ſieht nur den römiſchen Chriſten in dir, und das — 408 Blut der gemarterten Brüder ſchäumt in ihm auf, geräth ſein Haß in Gährung.“ „Er komme! Ich will ihm Rede ſtehen,“ ſagt' ich. Sie ſtand unſchlüſſig, ob ſie ihm öffnen ſollte. Einen zweiten Einlaß gab es nicht. Wenn ſie den Querbalken, der die Fallthür an der Stiege ſperrte, nicht zurückſchob, ſo war der Zugang unmög⸗ lich. Der Fels, auf dem die Hütte ſtand, lief nach allen Seiten ſteil hinab, nicht eine Gemſe konnte ihn erklimmen. Heftige Schläge gegen den Deckel über der Höhlung der Felſen⸗ treppe meldeten jetzt wiederholt Pirrho's Begehren zum Eintritt. Das ſonſt ſo ſtarke Mädchen rang die Hände und drückte ihr Geſicht in's Tuch; aber plötzlich ſchüttelte ſie die Haarflechten von der Stirn zurück und ſchien gefaßt. Ein ſtrahlendes Feuer ſtrömte aus ihren Augen; ihre Nerven, ihre Muskeln waren geſpannt, ihre ganze Ge— ſtalt entwickelte ſich zur Heldin.—„Er weiß, daß du hier biſt,“ ſagte ſie,„das Maulthier in der Höhle verrieth dich, und ich werde dich nicht verleugnen!“ ſetzte ſie ſtolz und entſchloſſen hinzu. Die Beſorgniß, die ſie vor Pirrho's Wuth gezeigt, war jetzt auf mich übergegangen. Da fiel draußen ein dumpfer Schuß. Mor⸗ mona ſtürzte hinaus. Der Deckel der Fallthür über der Treppe war geſprengt. Mit wildem Geſchrei, von der Gewalt der Anſtrengung erhitzt, war Pirrho hinaufgeſprungen, Wuth und Empörung ſchnau⸗ bend ſtand er vor uns auf der Platte und ſtreckte drohend ſeinen Arm in die Höhe. Gefahr für ſie fürchtend, war ich Mormona nach⸗ geeilt. Sie ſchwebte auf dem ſchmalen Rande, der an der Felſen⸗ wand und dicht am Abgrund hinlief. Es konnte kein Zweiter vor— bei, wenn ſie den Pfad beſetzt hielt. So ſtand ſie zwiſchen ihm und mir, Beide mit den Händen abwehrend. „Wo iſt der Verräther? Alles iſt Lug und Trug!“ ſchrie Pirrho wie von Wahnfinn befallen.— Wie er vordringen wollte, machte ſie Miene, ihn in die Tiefe hinabzudrücken.—„Verrätheriſcher La Torre! Denkſt du ſtatt Gemſen waldenſiſche Mädchen zu erjagen? Soll Euerem Todtendienſt ein neues Opfer fallen? Ich habe dir gelobt, dich mit deiner eigenen Waffe zu treffen. Nimm die Kugel hin als Gegengeſchenk!“ Haß ——— Mormona ſchrie vor Entſetzen auf, als er den Hahn ſpannte. Ihre Bewegung, um den Lauf der Büchſe in die Höhe zu ſchnellen, mißglückte, ſie glitt zu Boden, der Schuß fiel ungehindert. Ich ſah den Blitz kaum. Getroffen, erſchüttert, wankte ich einen Augenblick zurück, raffte mich wieder zuſammen und ſah, wie Mormona ſich mit wilder Gewalt auf den Bruder ſtürzte, wie ſie mit ihm in wilder Verzweiflung rang.„Mörder du!“ hörte ich ihre Stimme rufen. „Hinab mit ſeinem Leib in den Schlund!“ rief Pirrho,„mag er am Felſengezack hängen bleiben, für Geier ein langſamer Fraß!“ Sie griff wild in ſein Haar, hing ſich mit Löwenſtärke an ſeine ſtruppigen Mähnen und ſchleuderte ihn rückwärts nieder. „Wie!“ ſchrie er,„du willſt ihn ſchützen?“ „Dir fluchen will ich, dich verderben, rührſt du ſeinen Leib an! Ja, ich will ihn ſchützen, denn ich liebe ihn; ich werde ihn ewig ſchützen und lieben, denn ich will ſein Weib ſein!“ Sie ſtand wie ein Racheengel vor ihm, wie einer Judith glühte ihr das Geſicht, zuckten ihre Muskeln. Pirrho ſtarrte ſie an. Er taumelte zurück wie ein Nachtwandler, der plötzlich an ſich ſelber irre wird. Weinend und heulend brach er zuſammen. Die Büchſe entfiel ſeiner Hand. Ich hörte ſie ſtürzen von Felſen zu Felſen bis tief unten in die Schlucht; ſie ſtürzte ſtatt meiner. Es war der letzte Laut, den ich hörte. Von alle dem ein thatenloſer Zeuge, lag ich gebrochen da. Wie ſich mir jetzt das Auge verfinſterte, ſah ich noch Mormona's Antlitz durch die Wolke ſchimmern, die meine Stirn umzog. Ich trank noch den Athem ihres Mundes, fühlte ihre brennende Lippe auf meiner Stirn; dann ſank ich zurück und Alles um mich her war ſtill.* Fünftes Rapitel. Mormona⸗Maria. Wie ich aus der Betäubung erwachte, lag ich auf weiches Moos gebettet; ein Oelbaum breitete ſeine grauen Schatten über mich her. — 410— Mormona kniete vor mir. Sie hatte ihr Tuch vom Buſen gelöſt und ſuchte meine Wunde von neuem zu verbinden. Sie bog ſich auf meine Bruſt und ſog das Blut mit ſanften Zügen in ſich. Der brennendſte Schmerz und die ſüßeſte Empfindung miſchten ſich zu einem namenloſen Entzücken, eine wunderbare Seligkeit rieſelte durch meine ſchwindenden Lebensgeiſter. Sie hatten mich, Mormona mit Pirrho's Hülfe, vom Felſen heruntergeſchleppt, auf das Maulthier gehoben und ſo eine Strecke weit fortgeſchafft, um mich ärztlicher Hülfe zuzuführen. Aber die Bewegung hatte den Bluterguß erneut; in der Niederung war Halt gemacht. Aus Mormona's glühendem Antlitz ſprachen der Muth und die Tapferkeit der unternehmenden Liebe, aber zugleich die irre Angſt der tiefen Bekümmerniß. In dieſer Rathloſigkeit und die Gefahr der Wunde nicht erkennend, hatte ſie mich der Ruhe in der Hütte entzogen und damit wider Willen meinen Zuſtand verſchlimmert. Der wilde Pirrho kauerte bleich und entſtellt zu meinen Füßen; ſeine Wuth war in ihr Gegentheil, in Furcht und Reue, verwandelt. Wie ſie das Tuch von neuem um meine Bruſt geknüpft hatte, ſtand ſie auf und herrſchte ihm Befehle zu. Ich verſtand die Worte nicht, ich ſah nur ihre zürnende Bewegung, die Grazien des holden Kindes waren in Furien ver— wandelt, und der Unglückliche, der in Raſerei eine That verübt, die er nun ſelbſt bedauerte, lief in Angſt geſchäftig und winſelnd hin und her. Er brachte friſches Quellwaſſer herbei und Mormona benetzte damit meine Wunde, mir den brennenden Schmerz lindernd. Ich hatte nur ein ſchwaches Lächeln für die Wohlthat der geliebten Hand. So ſahen wir uns ſchweigend an, drei auf den Tod verbündete Ge⸗ fährten. Pirrho kniete tief in Demuth nieder, den ſcheuen Blick auf das zürnende Mädchen gerichtet. Er umfaßte meine Kniee; ſie ſtieß ihn zurück, und wie er nicht weichen wollte, ergriff ſie die Stange, die den Tragkorb des Maulthiers hielt und ſetzte ſie ihm wie eine Keule auf die Bruſt. Es war mir, als müßte ich Gnade rufen, aber der Laut erſtarb im Gefühl des erneuten Schmerzes, und ich ſank wieder zurück in Betäubung. Der Marſch war dann mit Mühe fortgeſetzt. Pirrho hatte Hülfe herbeigeholt, auf einer Tragbahre war ich nach der Meierei gebracht. Sie lag näher als das Schloß, und es dunkelte bereits, als wir an⸗ ———= = hi nde de nd ch — 411— langten. In demſelben kleinen Zimmer des Wirthſchaftsgebäudes, das für Mormona's Zuflucht beſtimmt war, erwachte ich, von den beſtürzten Dienern umringt, unter den Händen des Arztes, der eben tief in der Wunde nach der Kugel fühlte. Sie war zwiſchen Schulter und Bruſt in das Fleiſch gedrungen und hatte ſich während des Marſches weiter hineingewühlt. Nur nach wiederholten Verſuchen gelang es, ſie aus der Wunde zu löſen. Mein erſter Schrei, deſſen die Lippen fähig wurden, war:„Mormona!“ Sie hatte ſich vor den Männern, die mich umringten, in den Winkel des Zimmers ge⸗ flüchtet. Jetzt zertheilte ſie den Kreis der Diener und ſank weinend vor meinem Bette nieder. Wie ich die Hand auf ihr Haupt legte, verſiegte der Strom ihrer Thränen.„Meine Retterin!“ ſagte ich zum Kloſtermeier, deſſen altes, bekümmertes Antlitz ſich fragend über uns neigte. Ich blickte im Kreiſe um; Pirrho war nicht unter uns. Sie mochte meinen ſuchenden Blick verſtehen, ſah mich an und ſchüttelte ihr Haupt. Pirrho war, ſobald ſeine Hülfe nicht weiter nöthig ſchien, entflohen; der Schweſter Fluch hatte ihn verſcheucht. Der Aufruhr unter den Dienern, die ſich jetzt auf den Wink des Arztes mit ſcheuem Geflüſter entfernen wollten, gab mir die Nöthigung, zu reden. „Ich hatte einem Wilddiebe aufgelauert,“ ſagte ich, ſie bedeutend, „mein Schuß ſtreckte ihn in demſelben Augenblicke, wo ſeine Kugel mich traf, todt zu Boden. Sucht den Thäter nicht unter den Leben⸗ den! Sein Leichnam liegt in der Schlucht, die der Waldſtrom über⸗ ſpült!“— Mormona's Thränen, die meine Hand benetzten, waren das Letzte, was ich fühlte. Ich ſprach wie ein Scheidender und wühlte krampfhaft mit meiner Hand in ihrem aufgelöſten Haar. Es vergingen Tage voll dumpfer Stille. Meine Wunde brachte Todesgefahr; es waren edle Theile nahe am Herzen verletzt; der Arst ſchien in Sorge. Ich lag in tiefem Schlaf gefangen, aber doch fühlte ich leiſe durch Alles hindurch den Hauch der geſchäftigen Liebe, die als Genius mein Lager umgab. So verlief die ſogenannte ſtille Woche. Am Oſtertage athmete ich leichter und ſaß aufgerichtet. Aber der Arzt hatte ſeine ſteigende Beſorgniß ausgeſprochen. Mormona's bleiches Antlitz verkündete mir ſeine Furcht, ob ſie gleich mit aller Kraft der Seele ſich zwang, ihren Schmerz in die Farbe der ſanften Ergebung zu kleiden. Ich glaubte mich allein mit ihr.—„Mormona,“ ſagt' — 412— ich,„wenn ich ſcheide, mußt du zuvor die Meine ſein! Du biſt das einzige Gut, das ich mit hinübernehme, mein einziger Gewinn, ſchwer erkauft, theuer errungen; aber ich ſterbe überreich und glücklich, wenn ich mir deine Liebe, deinen Beſitz durch den Tod errang!“ Sie unterdrückte ihr heftiges Zittern, ihr Buſen bezwang den Aufruhr ihrer Seele, aber die zurückgedrängten Schläge ihres Herzens waren hörbar. Sie ſah mich ſcheu an; der Kloſtermeier ſtand hinter uns. Sie bog ſich zu mir, ſie flüſterte mir ſcheue Worte in's Ohr. Ich verſtand nicht, was ſie ſprach, die Verwirrung drohte ihre Bruſt zu zerſprengen. Dunkle Gluth wechſelte auf ihren Wangen mit der Farbe der blaſſen Angſt. So im Aufruhr aller Elemente raffte ſie ſich auf und ſtürzte fort. Der alte Freund des Hauſes trat ſchüchtern aus dem Winkel hervor und ſah mich furchtſam und fragend an. „Sie iſt noch Waldenſerin!“ ſagt' ich leiſe zu ihm. Er legte er⸗ ſchrocken beide Hände über das zitternde Geſicht.„Der Geiſt der Berge iſt wieder über uns gekommen!“ ſagte er mit dumpfem Schmerz. „Sei er uns ein guter Geiſt! Er bringt Verſöhnung!“ tröſtete ich den Alten und lächelte gläubig in ſeine bekümmerte Miene. Ein Diener rief ihn ab. Mormona blieb noch immer aus; es war faſt eine volle Stunde vergangen. Plötzlich trat ſie an der Hand eines Geiſtlichen in's Zimmer; der Kloſtermeier folgte ihnen mit gebücktem Haupt, mit gefalteten Händen. Es war der Pfarrer von La Torre, derſelbe Prieſter, der ſie zur Königin des Feſtes ein⸗ geweiht. Er verſah in des Schloßcaplans Abweſenheit auch in Santa Maria den Dienſt. Zu ihm war ſie geeilt, ihm hatte ſie ſich entdeckt, und was ſie mir heimlich nicht geſtehen wollte, verkündete ſie jetzt mit entſchloſſener Freudigkeit. Noch ſtand ſie ſchweigend vor mir, den Blick zu Boden geſenkt, als ſuche ſie ſich zu ſammeln; beide Hände drückte ſie noch ein Mal an ihren Buſen, als koſte es einen letzten Kampf; dann ſchüttelte ſie die wallenden Locken von der lachenden Stirn und blickte mich mit dem Glanz ihrer ſtrahlenden Heiterkeit an. Der Geiſtliche trat an mein Bett, ſuchte nach dem Wort, das er nicht gleich fand und neigte nur ſein Haupt zu mir, als wollte er ihren Entſchluß bejahen.—„Mormona,“ rief ich,„du willſt mein Weib ſein?“ in te det He en gli Er N e D ve iht de K we P nta nit den ten — 413— „Erſt deinem Glauben angehören!“ ſagte ſie mit der Feſtigkeit eines Siegers, der ſich ſelbſt überwunden. Aus ihren Augen ſprach freudetrunken die Begeiſterung eines Kindes, das die ganze Bedeutung des eigenen Wortes nicht verſteht und doch voll Hingebung und veldenmuth der Welt ſeinen Entſchluß verkündigt. Der Prieſter legte ernſt und ſanft die Hand auf ihre Schulter. Es galt, eine Irr⸗ gläubige zu gewinnen, und er war willig zur Bekehrung dieſer Seele. Er ſprach von einer langſamen Vorbereitung.„O,“ ſagte ſie freudigen Muthes, auf mich hindeutend,„ich bin ſchon gar ſehr gut römiſch geſinnt; er hat mich gewonnen, ſein Glaube ſoll der meinige ſein. Oben in der Hütte auf dem Felſen hat mir Giuſeppe Euere Religion verkündet, das Chriſtenthum einer Mutterkirche, die wie die Henne ihre Küchlein ſucht, die Lehre von der Liebe Gottes und der Liebe der Menſchen unter einander. Wie er dort oben ſo weiſe und doch ſo freundlich ſprach, da bin ich ſchon leiſe im Innern zuſammen⸗ gebebt und gläubig geworden für die Wunder der Welt. Die Heiligen werden mir gnädig ſein, iſt noch Schuld und Sünde in mir!“ Sie ſprach das mit der Zuverſicht eines Engels, der ohne Reue und Buße mit ſeinem Bekenntniß ſich kindlich offen an Gottes Herz drängt. Dieſe Einfalt rührte mich zu Thränen, wie ich ſie nie ſo rein und fromm geweint; ich hätte aufjauchzen, allen guten Geiſtren ein Loblied ſingen mögen. Nur der Kloſtermeier wechſelte mit dem Pfarrer ſtille, bedenkliche Blicke. Wie dieſer jetzt von der Nöthigung ſprach, ſie ſtufenweiſe in die Geheimniſſe unſerer Religion einzuweihen, unterbrach ſie ihn raſch und gemahnte ihn an das Feſt, wo ſie ja ſchon die Heilige vorgeſtellt und ſich ganz gut gebährdet habe. Und was ſie damals nur geſpielt, das wolle ſie jetzt werden, denn der Ernſt des Lebens habe ſie nun erfaßt, da es ſich um Tod und Leben handle. Mein Zuſtand erinnerte allerdings daran, daß wir auf der Schwelle von beiden ſtanden. Mich verlangte nach dem Bunde mit Mormona und der Wunſch eines Sterbenden war dringend. Die halbe Nacht, den ganzen Tag über ſchloß der Pfarrer ſich mit ihr ein, ihr den Glauben unſerer Kirche und die römiſchen Gebote be⸗ greiflich zu machen. Die Liebe beflügelte ihren Willen und ſie erweckte ihm faſt die Ueberzeugung, als ſei ſie des Heils ſchon lange bedürftig — 414— geweſen. Im Schloſſe war Trauer und bange Sorge. Von den Eil⸗ boten, die nach Rom gegangen waren, lief noch immer keine Kunde ein. Pater Euſebio hätte bei der Gefahr, in der ich ſchwebte, nicht ge⸗ ſäumt, nach Santa Maria zu eilen, aber die Briefe erreichten ihn nicht, er war in Geſchäften ſeines Ordens über Turin nach der Schweiz gereiſt. Die Furcht vor meinem Tod beherrſchte die Ge⸗ müther um mich her; in der Kapelle wurde Tag und Nacht Meſſe geleſen. Das entzündliche Fieber wiederholte ſich; die Miene des Arztes wurde bedenklicher. Der Prieſter freilich zögerte noch immer. Da lief ein Brief vom Pater Rector über Genua ein; er ſchrieb, er werde kommen, er werde eilen und am nächſten Tage bei uns ſein. Dies entſchied; der Pfarrer, ein Weltgeiſtlicher, wollte aus Eiferſucht einem Geiſtlichen von den Vätern Jeſu das Amt nicht abtreten, zu dem Eile und Noth drängte; Abends trat er, Mormona an der Hand, feierlich in's Gemach.—„Sie iſt dem Herrn übergeben!“ ſagte er,„die Heiligen wollen ihr Herz behüten!“— Er hatte ſie nach kurzer Einleitung getauft und eingeſegnet. Die Kunde von Euſebio's naher Ankunft hatte plötzlich meine Kräfte belebt, aber der Arzt hielt es für das letzte Aufflackern meiner Lebensgeiſter und der Prieſter fügte, bevor er mir das Abendmahl reichte, meine und Mor⸗ mona's Hände in einander. Die Chorknaben ſangen draußen mit gedämpfter Stimme ein Loblied Gottes. Wie der Prieſter das Aller⸗ heiligſte vor uns erhob, ſtürzten alle Anweſenden in's Knie; ich ſank betäubt in die Kiſſen meines Lagers zurück. So war Mormona römiſche Chriſtin und mein Weib geworden. Die Trauung am Krankenlager geſchah in Beiſein vieler Zeugen; in Gegenwart der Beamten des Schloſſes hatte der Prieſter unſere Ehe eingeſegnet. Mormona's raſche Aufnahme in den Schooß der alten Kirche war heimlich in der nahen Dorfeapelle geſchehen; an ihrer Be⸗ kehrung zu den Wahrheiten des römiſchen Glaubens wollte der Pfarrer noch fortgeſetzt im Stillen arbeiten. Vor meinem Vater durfte ſie nur, wie der Spanier ſagt, als eine„alte Chriſtin“ erſcheinen. Ihr Familienname erinnerte an ein erloſchenes Geſchlecht aus der italieni⸗ ſchen Schweiz; dies genügte, ſie vor der erſten Nachforſchung ihrer Herkunft ſicher zu ſtellen. Ihr ganzes Weſen ſtand im Einklang mit ſolcher Angabe ihrer Heimath; war ſie doch wirklich aus Savoyen + — S—„ von ten rrer ſie r eni⸗ n nit en 415 . eingewandert; wir verſchwiegen dabei nichts als ihre Abkunft von Köhlern. Den Vorurtheilen meines Vaters und ſeinem Aberglauben vom Fluch des Hauſes waren wir dieſe Verheimlichung ſchuldig; war Alles in Segen verwandelt, ſo durfte man vielleicht durch offenes Geſtändniß Verzeihung erhoffen. Daß Mormona meine Lebensretterin, war Thatſache. Um das Geheimniß ihrer ſchnellen Bekehrung zur Mutterkirche wußte nur der Kloſtermeier; dieſer hatte dem Pfarrer auf's Sacrament das Gelübde des Schweigens geleiſtet. Alles Andere überließen wir der gütigen Fügung des Himmels. Aus Genua waren Briefe angekommen, daß mein Vater, ohne von den Boten erreicht zu ſein, von Loretto nach der Küſte geeilt und in Livorno zur See gegangen war. Erſt in Genua erfuhr er die Ereigniſſe in der Heimath; der letzte Bericht, den der Arzt ihm lieferte, meldete die Nähe meines Todes. In Begleitung Euſebio's traf er plötzlich in Santa Maria ein. Er erfuhr ſchon von Dieſem die wunderbare Rettung ſeines Sohnes aus den Händen der Wild⸗ ſchützen; er fand mich in der Pflege des geliebten Weſens, das, falls mein Leben noch zu erhalten war, zum zweiten Mal als meine Retterin erſcheinen mußte. Der letzte La Torre auf dem Todtenbett! Der Gedanke war genug für ihn, um Alles, was geſchehen war, gut zu heißen. War Mormona doch auch jetzt noch der Schutzgeiſt, der mein Lager umſchwebte, ſie war die Bedingung meines Lebens; der Alte konnte im Drang der erſten Sorge nicht umhin, ſie als Tochter, als des Weib des todtkranken Sohnes zu begrüßen. Sie hieß Maria, ſeitdem ſie römiſche Chriſtin war. Mit dem alten Namen hatte ſie auch die Kleidung abgelegt, die an das Mädchen aus den Bergen erinnerte. Sie fand ſich leicht in die Rolle der Dame des Hauſes, ſie brachte über Alle einen friſch belebenden Geiſt. Der Liebreiz ihres Weſens war auch bald für den Alten ein Zauber; an ihrem Blick, an ihrem Thun und ihrer Pflege ſchien plötzlich ſein wie mein Glück zu hangen. Die Lebensgefahr war vorüber; ich genas, wenn auch langſam. Der Arzt gab die Hoffnung einer möglichen Herſtellung; ich konnte ſchon nach Verlauf der nächſten Woche in's Schloß geſchafft werden. Noch ehe ſich äußerlich meine Heilung kundgab, hatte ich längſt das Gefühl, daß die Heiterkeit voll tiefen Glückes, die mein Herz durch⸗ — 416— leuchtete, von Innen her Geneſung bewirkte. Die Wohlthaten von liebender Hand haben magiſche Kraft. In Mormona's Armen wäre mir der Tod ſüß geweſen; wie ſollte das neuerwachende Leben in ihrer Nähe, in ihrem Beſitz nicht ein Gefühl von Wonne in mir ver— breiten! So ſehr iſt der Körper der Seele unterthan. Meine Ge⸗ neſung war für die Aerzte ein Räthſel; nicht für mich. In kurzer Zeit konnte ich mit Mormona auf der Terraſſe des Schloſſes wan⸗ deln und den Balſam der Gewächſe einathmen. Alles erſchien mir neu, der Himmel, die Luft, der Baum, der Fels. Alles war für mich in das Licht einer Verklärung, die ganze Welt um mich her in einen ſtillen Zauber getaucht, um deſſen geheimnißvolle Löſung nur ich ſelber wußte. Aus Allem ſog ich Heilung; ein Glanz der Heiterkeit, den man wohl das tiefſte Glück einer gottgefälligen Seele nennen darf, durchleuchtete Seele und Leib in mir. Es war das Alles nur der Abglanz von Mormona's Weſen, und das Gefühl der Geneſung, ſo ſehr ich auf langſame Vegetation angewieſen war, ſchlug in mir raſche Funken der Kraft, belebte mich, wie die erſte Schöpfung ein Frühlingstag. In Mormona's Armen war ich der Phönix, der ſich aus der Aſche wieder erhebt. Mormona fühlte ſich Mutter. Sie barg mir nicht ihr Glück; ſelbſt den Vater überraſchte ſie mit der freudigen Botſchaft. Es war, als hätte uns ein Taumel der Freude erfaßt; ſo ſchleunig waren wir aus Tod und Traurigkeit, aus dem Umſturz unſeres Lebens er⸗ ſtanden. Wir begannen ein fröhliches, leicht bewegtes Leben. Es wurden Spazierfahrten unternommen und bald zu Reiſen ausgedehnt nach den luccheſiſchen Wäldern, nach Genua, die Riviera levante ent— lang, nach dem Buſen von Spezzia, Anfangs in der Sänfte und bald auf den getreuen Schultern des Maulthiers. Alles gelang; der Himmel ſtand lachend über uns, weil er in uns fröhlich leuchtete. In's Gebirge hinauf drängte es Niemand von uns. Selbſt Mor⸗ mona hatte nicht den Wunſch, die wilden Steppen ihrer Vergangen⸗ heit wieder zu betreten. Sie ſchien gar keine Erinnerung an ihr früheres Leben zu haben, ſo ſehr war ſie, von der Gegenwart erfüllt, ganz die Unſerige, gehörte nur mir und meiner Welt. Daß wir vor dem Vater Geheimniſſe hatten, trübte kaum auf Augenblicke den reinen Himmel unſeres Lebens, vielleicht erhöhte es für mich nur no ſill hä ſ — 417— noch den Reiz unſeres paradieſiſchen Glückes, daß die Quelle des⸗ ſelben verſchwiegen war. Ich weiß nicht, wie lange dies harmoniſche Leben dauern konnte, hätte es ruhig in ſich ſelbſt ſeinen Verlauf gehabt. Trägt jedes Glück einen Keim des Todes in ſich? Dürfen die Ungethüme im Men⸗ ſchenherzen nicht allzulange in ihren Höhlen ſchlafen?— Werden ſie wach, ſo umſchleichen ſie erſt von fern den Schauplatz, wo ſich Men⸗ ſchenglück anſiedeln wollte, umkreiſen es in immer engern Linien; die Beute iſt ihr, auch wenn ſie von weitem nur lauern. Setzen ſie dir plötzlich die Tatze auf die Bruſt, dann erſparen ſie dir das lange bange Vorgefühl der immer wachen Sorge! Unſer Glück machte uns übermüthig. Wir waren des Gottes in uns ſo ſicher, daß wir dem Götzen, dem die Menſchen dienen, den Tribut zu geben vergaßen. Es mochte in dem Zuſtande Mormona's begründet ſein, daß ſie allerlei Launen ſeltſamer Art hatte. Sie ver⸗ rieth mitunter Gelüſte, die an das freie Mädchen aus den Bergen erinnerten. Mein Vater begann mißtrauiſch zu werden. Mormona's Widerwille gegen dieſe und jene kirchliche Uebung und Sitte ſtieg; ſie war endlich nicht mehr dazu zu bringen, in unſerer Capelle die Meſſe zu hören. Sie gab vor, der Geruch des Weihrauchs errege ihr Uebelkeiten. Daß ſie die Bilder des gemarterten Gottes, den man der Welt preisgibt, nicht ſehen mochte, ließ ſich phyſiſch erklären. Aber ſie mochte auch keinen Fixus über ihrem Bette dulden. So lange ich krank auf dem Lager war, hatte ſie das Kreuz, das ich auf der Bruſt krug, geküßt und war, das Auge auf den Gekreuzigten über mir an der Wand gerichtet, mit Inbrunſt niedergekniet. Seit der Zeit hatte ſie ſelbſt auch ein Kreuz am Halſe getragen und in jeder Weiſe die gute, katholiſche Chriſtin gezeigt. Jetzt ließ ſie Alles, was an ſolchen Dienſt erinnerte, aus ihrer Nähe entfernen. Ihr Widerwille gegen Weihrauch und Heiligenbilder wurde zu einer kränk— lichen Apathie, die man ſchonen mußte.„Ich halte das Gefühl der Verweſung nicht aus!“ ſagte ſie mir entſchieden, als ich ihr für den ſtrenggläubigen Vater Rückſichten gebot. Der Weltgeiſtliche, der Pfarrer von La Torre, war noch eine Zeit lang regelmäßig gekommen, um ihr, wie er ſagte, im Glauben nachzuhelfen, und ſie hatte den beſten Willen gehabt, auf ſeine ge⸗ D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 27 — 418— linde, verſtändige Rede zu merken. Unſer herumſchweifendes Leben unterbrach dieſe ſtille Seelſorge des guten Mannes. Von einem unſerer Ausflüge zurückgekehrt, fanden wir einen Stellvertreter im Amte zu La Torre, einen wildfremden Menſchen, der nichts von uns wußte. Es fiel uns nicht auf, daß der Pfarrer ſo ſchnell nach einem andern Wirkungskreiſe abberufen war, allein es that uns leid, daß er ohne alle Rückſprache mit uns ſeine Stelle verlaſſen hatte. Wie ich ſpäter erfuhr, war er auf Antrag meines Vaters von ſeinem Bi⸗ ſchof plötzlich befördert; es hieß, er ſei auf ein ſtilles Dorf ver⸗ wieſen. Nie hab' ich wieder von ihm gehört. Auch der Kloſtermeier wurde uns bald entzogen. Sein Geheimniß ſchien ihn zu drücken; krank und matt, ſcheu und grambeladen, ward er das Opfer einer ſtrengen Bußfahrt, die er ſich auferlegte. Es war uns keineswegs tröſtlich, die beiden Zeugen unſerer Heimlichkeiten nicht mehr um uns zu wiſſen. Gegen meinen Vater äußerte ich das Bedauern, den werthen Pfarrer einzubüßen, da ſich Mormona an ihn gewöhnt. Mein Vater ſah mich durchdringend an und ſchwieg. Dann deutete er auf den Pater Uberto, den Caplan des Schloſſes, der ſpeben in's Zim⸗ mer trat.„Dieſer,“ ſagte er,„weiß um alle meine Sorgen, er ſchlichtet alle meine Zweifel, er iſt ſtreng, aber ſein Wille und ſein Wort iſt ein Spiegel Gottes!“ Der düſtere Dominicaner ſchien mir nicht gemacht für Mor⸗ mona's Seelſorge. Gleichwohl ward ich ausdrücklich auf ihn ver⸗ wieſen, da er alsbald auch die Pfarre in der Stadt übernahm. Mormona ſelbſt ſchien Muth genug zu haben, dem Dominicaner zu beichten. Sie machte ihm keine Geſtändiſſe, die unſer Geheimniß verriethen; ſie brachte im Gegentheil nur leichte Serupel vor, die er widerlegen ſollte. Sie ſei wild aufgewachſen in ihrer Heimath, ſagte ſie ihm, aber ſie habe herzliches Verlangen nach den Wahr⸗ heiten der geheiligten Religion. In ihrem ſtolzen Uebermuth raunte ſie mir in's Ohr, ſie wolle ſehen, wer den Andern bezwingen werde und weſſen Gott der mächtigere ſei. Das ſtille, ſcheue Kind der Berge war im Glück ihres Muttergefühls ein ſtrahlendes Weib ge⸗ worden, das die Welt zum Kampf herauszufordern ſchien. Ich hatte den Pater Uberto vorbereitet und zur Rückſicht auf ihren Zuſtand geneigt gemacht, bevor ich Mormona ihm als Beicht⸗ — 419— kind zuführte.„Die Kirche iſt mild!“ ſagte der Caplan,„wer ſich ihr hingibt, den trägt ſie auf Händen, bis ihn Engel auf ihre Fittiche nehmen. Iſt die Kirche nicht ſelbſt Mutter, eine Mutter für Alle, auch die Verlorenen?“ „Er iſt nicht ſo ſchlimm, wie er ausſieht!“ lachte mir Mormona nach ihrer erſten Begegnung mit dem Dominicaner entgegen.„Er hört mir zu und läßt mich reden!“ Ich mahnte ſie an die nöthige Zurückhaltung; ſie ihrerſeits war froher und guter Dinge, und in ihrem Uebermuthe wagte ſie ſich bald zu weit heraus. Pater Uberto blieb plötzlich aus, Mormona ließ ihn nicht mehr kommen. Ich ſtellte ſie zu Rede. Sie gab vor, ſie hätte ſich mit ihm entzweit. Sie nahm das ſo leicht; ich erinnerte ſie an den Ernſt der Sache. Sie ſeufzte tief auf, bevor ſie ihrer Klage freien Spielraum gab. „Es thut nicht gut,“ ſagte ſie endlich,„daß der Pater behaup⸗ tet, um feſt und ſicher zu werden im Glauben, müſſe man Die ver— abſcheuen, die ihn nicht theilten. Iſt denn der Himmel ſo eng und klein,“ hab' ich ihm geſagt,„daß ich Andere erſt verdrängen muß, um ſelig zu werden? Ketzerthum iſt doch höchſtens nur Dummheit und Die um das Heil nicht wiſſen, können doch unbewußt Gottes Kinder und Erben des Himmels ſein, beſſer oft als die Klugen und Geſcheidten, die ſich darüber zanken!“ Wie ich ihr Vorwürfe machte, verſiegelte ſie mir mit einem Kuß den Mund.„Giuſeppe,“ ſagte ſie ernſt und ſah mich treuherzig an, „dir gegenüber und wie du es meinſt, hat Alles Wahrheit und ſcheint Alles gut und glaublich, was ſie in der Kirche thun und treiben. Aber erſt der Sinn, den du darin findeſt, macht es mir begreiflich, und wo ich noch nicht den Verſtand dafür habe, gibt mir dein Wort doch die Ahnung deſſen, was ſich mir noch verſchließt und verhüllt. Selbſt die Thorheiten find' ich dann oft menſchlich ſchön und mich dünkt, man müſſe auch eben das Thörichte als gerechtfertigt und als er— klärlich einſehen, will man die Wahrheit verſtehen. Mein Glaube, Giuſeppe, wurzelt nur in dir, nur weil ich dich liebe, biſt du über⸗ zeugend für mich. Was ich von der heiligen Religion verſtehe, weiß ich ja nur von dir. Mein römiſches Bekenntniß begann auf dem Markte von La Torre, mit dem Augenblick, wo du mich vom Karren 2 — hobſt und das zitternde Mädchen zu dem Herrn Pfarrer führteſt, der mich in die Reihe der Gläubigen ſtellte. Früher in den Bergen hatte ich gemeint, der Menſch ſei viel zu dumm, um viel von Gott zu wiſſen, oder wenigſtens würde ich zur Weisheit noch Zeit haben, wenn ich alt und grau werde. Als ich bei jener Proceſſion in den himmelblauen, ſternbeſäeten Kleidern die fleckenloſe Jungfrau, die Kö⸗ nigin des Himmels und der Erde ſpielen ſollte, da überkam es mich wie ein Mährchen in Freude und Angſt. Ich freute mich, daß der Menſch auch in ſeiner Sündhaftigkeit von der Gnade erfaßt werden könnte, und ich hatte doch Furcht davor, daß dies katholiſche Mähr⸗ chen Wahrheit ſein könne. Ich war beſtürzt, aber ich dachte, ein guter Geiſt würde mir ſchon eingeben, was ich thun und laſſen ſollte. So ſaß ich denn ſtill unter dem Thronhimmel, wo die heilige Taube brütet, und wartete darauf, ſie würde vielleicht den Schnabel auf⸗ ſperren und für mich zeugen und einſtehen für die Wahrhaftigkeit meiner Darſtellung der Mutter Gottes. Aber die Taube ſaß oben ſo ſtill, wie ich unten mit geſpannten Augen und Ohren, und ſo ließ ich über mich ergehen, was da wollte. Und der brave Pfarrer von La Torre kam und ſagte, ich hätte mich gut gehalten. Ich hatte aber dumm und von Nichts wiſſend drein gelächelt. Ich hätte ſo heilig und überirdiſch ausgeſehen! ſagten die frommen Schweſtern im Klo⸗ ſter. Nun, dann muß es wohl der heiligen Jungfrau eben ſo im Traume gekommen ſein, ſie wußte nicht wie. Und der Meinung möcht' ich beinahe ſein, daß Dummheit vor den Menſchen oft Weis⸗ heit vor Gott ſein kann. Den Kindern gibt's der Herr im Schlaf und Die, die nichts wiſſen, ſollen das Himmelreich erben. Dumm ſein und nichts vom Böſen wiſſen iſt viel beſſer, als klug ſein und ungerecht. Hab' ich doch damals beinahe ſelbſt an meine Würdigkeit als Jungfrau Maria geglaubt, trotzdem ich nicht wußte, wie mir ge⸗ ſchah. Nur in der Kirche, in der gepolſterten und grell ausſtaffirten Herrlichkeit, mit der man mich behing, ward ich wieder irre an meiner Rechtmäßigkeit. Wie die Orgel ſo kläglich that, die Poſaunen mich ankrächzten, die alten Nonnen die zerfetzten Fahnen über mich ſenkten und die bunten Burſchen mir den Dampf der Rauchfäſſer in's An⸗ geſicht wirbelte, da hätt' ich, wie von Geſpenſtern erſchreckt, laut auf⸗ ſchreien mögen; aber ich blieb ſtumm, von ſtarrem Entſetzen befangen, ſt, der Bergen Gott haben, in den ie Kö⸗ nich ß der verden Miht⸗ . ein ſollte taube auf⸗ igkeit oben 0 ließ t von e aber — 421— ich kämpfte gegen die Angſt, die in meinen Adern pochte. Ich hielt ſtreng an mich, und wer weiß, ob ich nicht am Ende zur Mumie ein⸗ getrocknet wäre, hätt' ich da länger ſitzen müſſen. Wie es aus war, beneideten mich die guten Kloſterfrauen: aber ich kam mir recht ſchlecht und verworfen vor, daß ich noch eine beneidenswerthe Miene anneh⸗ men konnte, nachdem ſich mein Herz mit Widerwillen erfüllt. Ich war betäubt und beklommen und athmete erſt auf, als ich Nachts den Schlüſſel ſtahl und Pirrho draußen an der Mauer mit der Strick⸗ leiter ſtand. In den Bergen erſt ward ich wieder froh, daß man dort mit dem Herrgott nicht ſo viel Weſens macht, nicht ſo lärmt und tobt, um ihm wohlzugefallen.“ So ſprach das ſüße Weib. Ich ſah bewegt und gerührt in ihr klares Angeſicht; mir unbewußt ſtürzte eine Thräne aus meinen Augen. Erſchrocken blickte ſie auf und ſchmiegte ſich an mich. „Ach, verzeih' mir die einfältige Rede, Freund meines Her⸗ zens!“ fuhr ſie fort.„Ich bin wohl wieder recht ſündhaft und ſchlecht, aber ich kann jetzt erſt wieder beten, wenn ich mit meinem Herzen ganz allein bin. Lehre du mich dein beſſeres Chriſtenthum, und Gott wird mit mir ſein! Du hatteſt mir ja damals in der Hütte auf dem Felſen gelobt, mein Prieſter zu ſein. Warum biſt du es nicht mehr ausſchließlich und allein, ſeitdem ich dein Weib geworden?“ Wir ſaßen auf der Terraſſe des Hauſes, während ſie ſo ſprach. Die Sonne ſank hinter den Bergen. Ihre glühenden Strahlen um⸗ ſäumten Mormona's Geſtalt, wie ſie neben mir ſaß und ihr Haupt an meine Schulter lehnte. Dann blickte ſie mich lange durchdringend anz ein plötzlicher Ernſt überſchattete ihr Geſicht.„Wenn du nicht zu mir in die Berge gekommen wäreſt,“ ſagte ſie faſt mit klagender Stimme, „ſo wäre das Feſt in La Torre und in Santa Maria ein Traum für mich geblieben und niemals Wirklichkeit geworden. Von dem Augen— blicke aber, wo du mir wieder erſchieneſt, hielt ich mich für berufen, begriff ich auch nicht wozu, glaubte mich aber befähigt zu einer höheren Welt. Du biſt meine höhere Welt und unſere Liebe iſt mein Cultus und mein Glaube. Als du oben auf dem Felſen in unſere Hütte trateſt, da dacht' ich, daß ich wohl Maria ſein könnte, wenn du mein Joſeph wäreſt. Und biſt du es nicht? Bin ich nicht die Maria deiner Liebe? Hat mich nicht der Geiſt des Herrn überſchat⸗ — 422— tet, bin ich nicht benedeiet von Gott und Natur? Siehe, was die Prieſter von der unbefleckten Jungfrau Maria ſagen und lehren, das muß ich doch viel beſſer wiſſen, als ein alter, finſterer, liebeleerer Menſch! Wohl war Maria's Herz rein und unbefleckt, aber doch nicht unberührt von der Liebe zum Geliebten. Die Berührung hat ſie ja nicht erniedrigt, vielmehr ihre ganze Seele erſt beflügelt. Meint Ihr, ich wüßte das nicht? Stammt mein Muttergefühl nicht auch vom Himmel?— O, glaube mir, es iſt ſehr heilig, in aller Demuth zu fühlen, daß Joſeph und Maria immer von neuem einen Bund ſchließen, wo ein junges Leben im Keime ſich regt!“ Sie war, wie ſie das ſagte, aufgeſtanden, hatte ihre Hände auf meinen Scheitel gelegt und ſah ſtill und feſt hinauf zum Himmel. Eine Weihe voll tiefer Zuverſicht lag in ihrer ruhig ſtrengen Miene. Es war die Beglaubigung von Gott, daß ein kindlich Gemüth, ſelbſt im Aberwitz ſeiner ſpieleriſchen Einfalt, niemals könne verworfen werden. Ich ermahnte ſie, an den Tribut zu denken, den man dem Glau⸗ ben und der Sitte ſeiner Mitmenſchen ſchuldig ſei.„Ich will Alles thun, wie du willſt,“ ſagte ſie,„aber der Dominicaner darf mir nicht kommen mit ſeiner Drohung einer ewigen Verdammniß, wenn ich nicht Alle für verloren hielte, die anders dächten und glaubten. Wenn ich nicht mit denſelben Worten betete, wie er ſie mir vor⸗ geſprochen, ſo bliebe noch immer ein Stück Heidenthum in mir ſitzen, hat er geſagt.“ „Heidenthum?“ rief ich,„ſagte er das? O mein Gott! So weiß er um unſer Geheimniß?“ „Ich ſagt' es ihm nicht,“ erwiederte Mormona,„aber er meinte, Ketzer könne man riechen auf eine halbe Meile weit. Ich will nichts davon wiſſen, und ich will nicht beſſer ſcheinen, als ich bin und ſein kann. Gott erhört mich auch in meiner Weiſe und ich denke mich mit ihm in meinem Herzen abzufinden. In den Bergen habe ich beten können, und es war Segen in meinem Gebet, auch wenn ich nicht den Fluch ausſprach über Alle, die anders beteten. Der Caplan ſoll mich nicht ſchrecken und martern, es gäbe für Heiden und Ketzer kein Himmelreich. Ich will ſie nicht verdammen, ich will ihnen nicht fluchen, ich will höchſtens beten: Herr Gott, erleuchte auch ſie, wenn —, s die das leerer doch hat Reint auch muth Bund e auf mmel. diene⸗ ſelbſt orfen Glal⸗ Alles rnicht mn ih ubten ſitzen⸗ weiß einte, nichts d ſein abe ich m ich Faylan Ketzer wenn — 423— du uns erleuchtet zu haben glaubſt! Auch will ich nichts mehr ſehen und hören von den Wundenmalen der geſpießten und geſchundenen Heiligen! Ich könnte Euere Bilder zerreißen und die Fetzen in die vier Winde ſtreuen! Daß der Tod etwas Heiliges iſt, das hab' ich an deinem Lager erfahren. Damals hab' ich zu den großen Duldern und Märtyrern gebetet und habe das Kreuz geküßt, weil ich in Nöthen war, die Schwere des Kreuzes empfand und den Schwertſtreich, der durch Maria's Seele ging, fühlte. Nun aber Leben ſich in mir regt, heiliges, junges Leben unter meinem Herzen ſich kündet, will ich nichts wiſſen vom Tode und ſeinen Herolden. Leben iſt Gottes Gebot, und die Heiterkeit einer demüthigen Magd des Herrn iſt auch wohl würdig, ihn zu empfangen.“ „Amen!“ ſagte ich.„Es geſchehe uns zum Heile!“ Aber mein Gemüth fühlte ſich bedrückt, wenn ich an den finſtern Glauben dachte, der uns umgab. Mormona beichtete nicht wieder bei'm Pater Uberto. Sechstes Rapitel. S den ich6 Mein Vater war ſeit einiger Zeit tiefer in ſein menſchenſcheues Weſen verfallen. Er vermied, wo er konnte, die Veranlaſſung zum Beiſammenſein mit uns. Das Geheimniß konnte nicht verrathen ſein. Der Kloſtermeier war todt; er war in der Fremde, in einer abgelegenen Hütte am Wege geſtorben; arme Leute hatten ihm die Augen zugedrückt, kein Prieſter hatte ihm das letzte Geſtändniß ab⸗ genommen. Es war alſo von dieſer Seite die Verletzung eines Beicht⸗ geheimniſſes nicht möglich; den Pfarrer, der uns entzogen war, hatten wir nur als ehrenwerthen Mann gekannt. Aber man konnte von ſelbſt die Entdeckung gemacht haben, daß Mormona das Mädchen war, das an jenem Einweihungsfeſte die Mutter Gottes dargeſtellt. Iſt der Argwohn ein Mal rege, ſo wird er erfinderiſch. Was für Ge⸗ — 424— danken mit wcher Entdeckung im Innern finſterer Menſchen Raum gewonnen, davon hat uns Niemand Rede geſtanden; wir erfuhren es nur an den Wirkungen, ſo ſorgfältig man ſie gegen uns verheimlichte. Die Veränderung meines Vaters war ſchon lange merklich genug; wir beſaßen nicht mehr ſein Vertrauen. Seine Stirn war wieder mit Gram belaſtet, ſeine finſtere Braue hing wieder tief und aus den Augenhöhlen blickte jenes dunkle Etwas, das ich als das eigentlich Schickſalsvolle unſeres Hauſes kannte: die blöde Furcht vor unſerem Geſchick, die ſchwüle, dumpfe Angſt vor dem, was er den alten, ungeſühnten Fluch nannte. Mein Vater verdoppelte wieder ſeine ſtrengen Bußübungen und ich zitterte vor ſeiner Entdeckung, eine Waldenſerin zu den Seinigen zählen, ſie Tochter nennen zu müſſen. Der Geiſt der Berge ſtand alſo doch mit ſeinen Schrecken über unſern Häuptern. Es vergingen Monate in verſchwiegener Angſt und Sorge. So lange es möglich war, mit Mormona Ausflüge in die Nach⸗ barſchaft zu machen, blieb unſer drohendes Verhalten zu einander erträglich. Ich hoffte noch immer, der Ausbruch des Wetters, das über uns hing, würde ſich bis zu der Entſcheidung hinhalten, der Mormona entgegenging. Seitdem ihr Zuſtand den Wechſel des Auf⸗ enthalts, die Entfernung von Santa Maria unmöglich machte, ward jedoch die Stimmung der Gemüther gedrückter und banger. Dieſe fort⸗ geſetzte Sorge nagte an meiner Ruhe, äußerte auf mich ſelbſt ihre un⸗ günſtige Wirkung. Meine Geneſung, die man für vollendet gehalten, erwies ſich als wenig geſichert, ich machte Rückſchritte, und es gab ganze Tage, wo ich, auf mich ſelbſt verwieſen, Mormona in ihrem Verkehr mit Andern weniger behüten konnte, den Alten unbeachtet ſich ſelber überließ. Mein Geſundheitszuſtand erregte bald ernſtliche Beſorgniſſe. Ich mußte dem Drängen des Arztes, der mir Seeluft und Bäder empfahl, von Zeit zu Zeit nachgeben. Wir beſaßen ein Landhaus an der Riviera, wo ich unter günſtigeren Bedingungen für mein inneres Wohlſein gewiß mich bald erquickt hätte. Die Villa war das Erbe eines benachbarten ausgeſtorbenen fürſtlichen Hauſes, deſſen letzter weiblicher Sproß an den proteſtantiſchen Erbprinzen einer deutſchen Grafſchaft vermählt war. Sie hatten den Mann damit für Rom gewonnen, ſo hieß es; aber es war kein Segen in dem Gewinn, der Graf war wieder in ſeine nordiſchen Wälder gezogen, ſeine aum nes — 425 Gattin aber, das Opfer des Ränkeſpiels, erlag bei der Geburt eines Kindes; ein Denkſtein am Ufer deutete mit ſeiner Inſchrift auf das unglückliche Bündniß zwiſchen Rom und Germanien. Die maritime Villa mit ihren zerfallenen Mauern ward mein Lieblings⸗ aufenthalt, ohne daß ich ahnte, wie ſehr der geſtürzte Altar der Venus im Atrium des Hauſes auch für mich Bedeutung hatte. Dann und wann ging ich auch nach Genua zu Euſebio. Ihm hatte ich mich längſt vertraut. Aber es duldete mich nirgends lange ich erlaubte mir überall nur kurze Friſt, es drängte mich dahin zurück, wo Luſt und Leid, Glück und Unglück für mich auf einer drohenden Spitze ſchwebte. Es war in einer wolkenſchweren Julinacht, als ich von einem jener Ausflüge in der Sänfte nach Santa Maria zurückkehrte. Ich hatte den Tag über ruhen, die ſpäten Abendſtunden benutzen müſſen. Die regelmäßige Botſchaft von Mormona's Befinden hatte mich erreicht, mich beruhigt; es war nichts gemeldet, das mich aufſtören konnte; dennoch befiel es mich wie Gewitterſchwüle, als ich im Schloßhofe anlangte. Die Diener ſtanden in Haufen beiſammen und flüſterten in ſcheuer Haſt; ſie traten raſch auseinander, als ſie mich erblickten. Es wurde mir etwas verheimlicht, und ich wußte nicht, ob ich dem nachforſchen ſollte. Erſt nach langen Ausweichungen ging ein Diener mit der Sprache heraus. Er nannte es einen unbedeutenden Vorfall, der nicht neu ſei. Ein wilder, verwegener Menſch hatte ſich ſeit einiger Zeit am Gitter der Seitenpforte gezeigt; mit ſeinem ver⸗ dächtigen Begehren um Einlaß mehrmals abgewieſen, hatte er ſich endlich dreiſter, mit Waffen in der Hand, den Zutritt in's Haus verſchafft. Er bettelte nicht; er ſchien trotzig, wie Räuber, die kleine Beute verſchmähen, um eines großen Fanges gewiß zu ſein. Im Wortſtreit mit den Leuten ließ er unſinnige Reden fallen: er gehöre hierher, habe ein Recht, hier aufzutreten, er ſuche die junge, ſchöne Gräfin La Torre. Pirrho! ſagte ich mir im Stillen. Wir hatten ihn allzulange aus den Augen gelaſſen, nachdem meine erſten Nachforſchungen über ſeinen Aufenthalt vergeblich geweſen waren.„Aus dem Wortwechſel,“ fuhr der Haushofmeiſter fort,„wurde ein Handgemenge. Der wilde Menſch verwundete die Knechte; ſie banden ihn, bis auf ſein wiederholtes — 426— Begehren, vor den Grafen gebracht zu werden, dieſer ſelbſt auf den Altan des Hauſes trat. Er ließ den Burſchen vor ſich führen. Er war eine ganze Zeit mit ihm allein; dann öffnete er die Thür und übergab ihn gebunden, wie er geblieben war, den Wächtern. Ge⸗ duldig ließ ſich der ſeltſame Menſch abführen und hinter Schloß und Riegel legen. Er weint und lacht und hat alle Gebährden eines Tollen. Der Herr Graf läßt ihn verpflegen, hält ihn aber ſtreng feſt und führt ſelbſt den Schlüſſel zu ſeinem Gemach. Einige unſerer Leute wollen ihn ſchon früher geſehen haben.“ So war es alſo am Tage! Mein längſt gefaßter Entſchluß, dem Vater zu Füßen zu fallen und Alles ehrlich zu geſtehen, was ihm vorenthalten war, kam zu ſpät. Mormona wußte nichts von dem⸗ Vorfall. Sie war heiter und ſorglos wie die ganze Zeit über, wenn ſie ſich nicht von ihrem Zuſtande beläſtigt fühlte. Eine junge Zofe, ein Mädchen aus der Meierei, das ſich an ſie gewöhnt, war ihre einzige Gefährtin. Mormona hatte kein Arg vor der Welt, ſie ſchien es nicht ein Mal zu ahnen, daß ſie in der gottvollen Einfalt ihres Weſens der allgemeine Gegenſtand eines düſtern Argwohnes, eines fanatiſchen Aberglaubens war. Die Diener beteten ſie faſt an, aber doch wie eine fremde Geſtalt, vor der ſie eine bange Scheu empfanden. Der Caplan gab ſeiner feindſeligen Stimmung keine Worte, aber eben weil er ſich von ihr fern hielt, ſteigerte ſich in Allen das Gefühl der peinlichen Ungewißheit, das ihre Nähe ver— breitete. Der Vater behandelte ſie nach wie vor ſehr aufmerkſam, aber was früher Zärtlichkeit war, ſchien jetzt nur gewiſſenhafte Pünkt⸗ lichkeit. Sie wurde auf ſeinen Befehl in allen Stücken als die Dame des Hauſes angeſehen, aber er ſelbſt hob, wo er konnte, den Verkehr mit ihr auf, und wenn er ihren Liebkoſungen ſich nicht entzog, ſo that er es nur mit Ueberwindung. Es ward ihm ſchwer, den inneren Groll zu bergen; aber ſie ſelbſt, das fühlte er, durfte nicht das Ziel ſein, gegen das ſich ſein Zorn entladen konnte. Ich war entſchloſſen geweſen, ihm Alles zu bekennen. Das Bewufßtſein der geheimen Selbſtverſchuldung erſchien mir drückender als der ganze Haß des Alten; ich wollte geſtehen und um die ſchwerſte Buße bitten. Er ließ mich nicht zu ſich, und als ich mich zu ihm drängte, gab er mir kein Gehör; er hieß mich Mormona's Zuſtand bedenken und jede 427 Aufregung vermeiden. Auf meine Anfrage, wen er in den hintern 9 Zimmern gefangen halte, ließ er mir entgegnen: Einen Vagabunden aus den Bergen, vielleicht einen jener Waldenſer, für die wir Alle Buße thun müſſen! Das Blut ſchoß mir nach dem Herzen, ich hatte zur Faſfung meine ganze Kraft nöthig. Es war die höchſte Zeit, mich ihm zu erklären; es ſollte ſchriftlich geſchehen. In welchem Zuſammenhange Pirrho mit uns ſtand, konnte ihm nicht länger ein Räthſel ſein, und Niemand anders konnte der Gefangene ſein. Ich war überzeugt, mein Vater würde Mormona nicht die Aufregung entgelten laſſen, in die ihn meine Mittheilungen verſetzen mußten. Da er mich nicht reden ließ, ſo war ich außer Stande, den Eindruck meines Geſtändniſſes zu mildern; jede Zögerung aber brachte Gefahr. Ich ſelbſt litt zu ſehr unter der Laſt des ver⸗ hängnißvollen Geheimniſſes; er ſeinerſeits fügte ſich vielleicht nach kurzem Sturm in die Nothwendigkeit. Auf der Villa Speroni wollt' ich ihm ſchreiben, demüthig und doch feſt und ſicher. Zugleich wollt' ich mit der ganzen Macht meiner freieren Ueberzeugungen die dumpfe Schwere ſeines finſteren Glaubens zu überwinden ſuchen; ich wollte ihm das Gewicht des ächt Menſchlichen gegen die ſtarre Form ſeiner Orthodoxie in die Wagſchaale legen. Mormona war römiſche Chriſtin, und Maria war mein Weib, gleichviel ob ſich in ihrer kindlichen Seele noch Spuren der waldenſiſchen Abkunft verriethen. Wer nicht hoffen konnte, daß Erinnerungen ſolcher Art ſich mit der Zeit in ihr verwiſchen würden, dem mußte die Thatſache des Verhältniſſes ge⸗ nügen. Sie trug den rechtmäßigen Sproß des Hauſes unter ihrem Herzen. Es war nichts als die dumpfe Qual unſerer Vorurtheile, die Engherzigkeit unſerer religibſen Zweifel, was den Himmel unſeres Glückes ſtörte. Könnten die Heiligen, ſo wollt' ich ihm ſchreiben, im Schvoße der Seligkeit zürnen, wenn ein kleines weibliches Herz ſich ihrem Dienſt entzöge, ihnen auf eine Zeit lang den Tribut ver⸗ weigerte? Könne der Himmel neidiſch ſein auf die Einfalt einer in ſich ſelbſt beglückten, hier auf Erden mit ſich ſelbſt begnügten, aber von der Heiligkeit ihrer Pflichten erfüllten Seele? Iſt ſie nicht in ihrem ganzen Weſen die Wonne aller guten Geiſter? Verkennt ſie als liebende Tochter, als Gattin ihren Beruf? Und fühlt ſie ſich nicht Mutter? Iſt das Alles nicht genug, um die Gültigkeit ihres 428 für uns ſegensvollen Lebens zu beſiegeln? Nicht genug, daß Engel des Himmels herunterſteigen und ihr die Gnade des Herrn verkünden? So wollte ich meine weltliche Beichte abfaſſen, für die ich auch nur weltliche Abſolution forderte, weil ich um deswillen mit dem Himmel ſehr gut zu ſtehen glaubte. Der Anblick des Meeres an der reizenden Riviera, der Aufenthalt in der traulichen Villa am Ufer ſollte mir für den alten Herrn, den die Tyrannei des alten Her⸗ kommens gefangen hielt, die mildeſten Worte geben. Mein Saum⸗ thier war geſattelt. Mormona war, als ich von ihr Abſchied nahm, ſo ausgelaſſen heiter als je. Sie ſchwatzte kindiſch und neckiſch, ſie hatte Uebermuth genug, um ſelbſt mit verhängnißvollen Mächten zu ſpielen, weil ſie meinte, mit Scherz und Schelmerei alle finſtere Schrecken am beſten verſcheuchen zu können. Sie flüſterte mir in's Ohr, das Weſen, das ſie unter dem Herzen trüge,— ſie hoffe mit mir, es werde ein Knabe ſein— ſei gut waldenſiſch, es rege ſich wie ein Kobold aus den Bergen. Seitdem ſie ein Gefühl von ihm habe, ſei ſie auch wieder frei und luſtig, wie ein Kind ihrer Heimath. Erſt wenn ſie Mutter geworden, wolle ſie wieder gut katholiſch ſein und um des Kindes willen zu allen Heiligen beten. Ich hatte keine Waffen gegen die loſe Sprache dieſer kecken Un⸗ ſchuld. Ich empfahl ſie dem Schutz Deſſen, der da ſprach: Laſſet die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht! Und ein ander Mal: Wahrlich, ich ſage Euch, wenn Ihr nicht werdet wie dieſer eines, ſo werdet Ihr nicht das Himmelreich erben! Ich ſagte Mor⸗ mona Lebewohl und zählte ihr die Tage auf, die ich von ihr getrennt ſein würde. Es lag mir jede Ahnung fern, in welchem Aufruhr der Elemente ich ſie wiederfinden ſollte. Es war früh am Tage, als ich ausritt. Die Landſchaft duftete ſo friſch, als ginge ſie von neuem aus der Hand des Schöpfers hervor. Der junge Morgen drängte ſich lachend dem Tage entgegen, wie ein junges Weib der Stunde ihrer Entſcheidung, deren heiße Gluth ſie noch nicht kennt. Wo der Weg nach dem Ufer abführt, machte ich Halt. Ich bedachte die Weite des Zieles, das Drängende meines Briefes duldete keine Verzögerung, eine geheime Stimme mahnte mich, Heil und Unheil endlich ohne Säumniß entſcheiden zu wollen. Ich entſchloß mich, 429 bog rechts in den Wald ein und war nach einer Stunde in der Meierei des Kloſters. Hier, wo ſchon ein Mal über mein Schickſal verfügt wurde, wollte ich meine Beichte aufſetzen, ſie ſofort nach dem Schloſſe ſenden und dann getroſt der Dinge harren, die ſie hervor— rief, der guten Vorſehung vertrauen und meinen Weg nach der Küſte fortſetzen. Der Brief war geſchloſſen, der Diener mit ihm abgeſendet. Ich wartete nur auf ſeine Rückkehr, um aufzubrechen. Allein er zögerte; ich harrte mehrere Stunden, ward unruhig, ritt ihm nach und ge⸗ langte ſo noch vor Abend nach Santa Maria zurück. Welcher Maler leiht mir die Farben, um das Unglück zu ſchil— dern, das über uns Alle verhängt war! Wie will ich die zitternde Hand regieren, die hier den Griffel führen ſoll!— Ich will mich zwingen, deutlich zu ſein, und doch überſtürzt mich, das fühl' ich wohl, die Verworrenheit unheilvoller Fügungen. Vorausſchicken muß ich, daß Mormona ſchon längſt und wieder⸗ holt den Wunſch geäußert, die Bilder meiner Mutter und der walden⸗ ſiſchen Ahnfrau zu ſehen. Es gehörte das zu ihren ſtillen, aber doch immerfort quälenden und nagenden Gelüſten. Ich hatte mit Ernſt, mit Unwillen dem Begehren geſteuert, ihr mit dem Zorne des Vaters gedroht, mit aller Wärme ſie beſchworen, davon abzuſtehen, den Aber⸗ glauben, der als Geſpenſt in der Familie umging, nicht keck heraus⸗ zufordern. Früher mochte ich, ſelbſt fahrläſſig genug, von meinem Beſuche in den ſtreng verwahrten Zimmern des alten Schloßflügels erzählt, ihr damit den erſten Anreiz dazu erweckt haben. Daß ſie gegen den Alten dieſen Wunſch geäußert, geſtand ſie nicht ein; aber wohl möglich, daß von verwegenen Aeußerungen ſolcher Art ſeine Verwandlung im Verhalten gegen uns ſich herſchrieb. Gegen mich hatte ſie noch in den letzten Tagen ihr Verlangen wiederholt und meiner Betheuerung, davon abzulaſſen, den halb ſcherzhaften Trotz entgegengeſetzt, ſie wolle mich doch noch überliſten; auch ſei es grauſam, ihr wie einem unmündigen Kinde dieſen Wunſch zu verweigern. Sie hatte keine Ahnung, zu welcher unſeligen Verwirrung ihr Muthwille führte. Gleich die nächſte Stunde nach meiner Abreiſe hatte ſie benutzt, dem Haushofmeiſter mit Hülfe der Zofe heimlich die Schlüſſel zu — 430— entziehen. Daß ſie zu dieſer Liſt ihre Zuflucht nahm, bewies die Heftigkeit ihres Verlangens. Oder war es eine dunkle, unbekannte Macht, welche die Waldenſerin trieb, ſich in die Reihe ihrer Schickſals⸗ gefährtinnen zu drängen?— So betrat denn Mormona die Gemächer, die wie alles Verbotene reizten. Es geſchah am hellen Tage. Die mit Läden geſchloſſenen, mit Gardinen verhüllten Fenſter ließen die Räume dunkel, und um Licht zu ſchaffen, riß die eilige Zofe mit mehr Ungeſtüm als nöthig, die Vorhänge, die Jalouſien zurück. Ward 6 8 häng 8 auf dieſe Weiſe von Außen die Aufmerkſamkeit auf den vereinſamten Schloßflügel rege, oder hatte man die Schlüſſel alsbald vermißt: genug, es gab Aufſehen und Lärm. Zu meinem Vater gelangte eben ſo ſchnell die Kunde; auf dem Schloßhofe raunten ſich die Leute zu, die alte Waldenſerin ſei drüben wieder lebendig. Alles im Hauſe war bald im Aufruhr. Mormona mochte unterdeſſen im Anblick der mütterlichen Züge ſich die Erinnerung an ihre heimathlichen Berge wach rufen. Gab das Bild doch eine Geſtalt, ſo friſch, ſo duftig wie die Blume auf den Alpenhöhen, ſo zart und keck, ſo durchleuchtet von Anmuth und freiem Stolz wie Mormona ſelber war. Und die Ahnfrau in dem ſteifen Kragen, dem ſchwarzen Gewande und dem weißen Schleier mochte voll Rührung auf Beide herabblicken; ihr kalter Blick, ihre ſtrenge Miene mochten ſich begütigen, da ſie nicht die Einzige war, die in Santa Maria das Opfer eines finſtern Glaubens wurde. Die Luſt, auch die andern Räume zu durchſpähen, trieb Mor⸗ mona weiter. Sie tappte von Zimmer zu Zimmer; in einem völlig dunklen Gemache blieb ihr Fuß feſtgewurzelt. Sie ſtand und lauſchte. Es war ihr, als vernähme ſie eine ſingende Stimme. Die Töne erſchollen bald näher, bald ferner. Sie bebte, aber der Reiz der Entdeckung überwand ihre Furcht. Sie drang vor, dem Geſange nach. Einige Stufen führten zu einem erhöhten Fortbau des Hauſes, bis eine verſchloſſene Thür ihre Schritte hemmte. Sie hörte hier vernehmlich eine männliche Stimme laut und ſchallend, ſie hörte ein Lied.— Stimme und Lied, beides kam ihr bekannt vor, wie eine waldenſiſche Weiſe, wie ein Klang aus den Bergen. Sie pochte, ſie rüttelte an der Thür.„Wer ſingt hier? Wer iſt hier verborgen?“ rief ſie laut. Der Schlag ihres Herzens nur gab Ant⸗ wort. Mit allem Aufwand ihrer Kraft ſtieß ſie von neuem gegen die Bretterwand. Ein dumpfer Schrei und die Klage eines Gefan⸗ genen ertönte näher und näher. Sie wollte zurückeilen und Hülfe rufen. Da ſtürzte die Zofe, die furchtſam zurückgeblieben war, aus den vorderen Gemächern mit der Kunde herbei, ſie ſeien entdeckt, der alte Graf dringe mit einem Troß von Dienern ein. Um ungeſtört zu bleiben, hatte die Zofe den Eingang, durch den ſie mit Mormona getreten, hinter ſich verriegelt. Das laute Rufen und Rütteln an dieſer Pforte war vergeblich geweſen. Aber jetzt ward der Lärm auf der anderen Seite des Flügels vernehmlich. Die Ver⸗ fölgten lauſchten, ſie wußten nicht, wohin ſich flüchten. So ſtanden ſie erwartungsvoll im Sterbezimmer meiner Mutter. Das Geräuſch draußen verlor ſich, die Verfolger hatten ſich entfernt. Es ward ganz ruhig; Mormona ſaß mit der Zofe lauſchend im Hintergrund des Zimmers; es blieb ſtill. Aber die Stille ward plötzlich ent— ſetzensvoll. Die alte Ahnfrau an der Wand, die hohe Geſtalt, die von der Decke bis zum Boden reichte, wurde lebendig, ſie bewegte ſich, ſie ſchien aus dem Bilde zu treten, nach Mormona die Hand auszuſtrecken: mit einem Schrei des Entſetzens ſtürzte das unglück⸗ liche Weib zu Boden.— Nicht die Ahnfrau, aber das Bild be⸗ wegte ſich, der ganze Rahmen drehte ſich in ſeinen Angeln und mit ruhigem, gemeſſenem Schritt, bleich, einem Geiſte ähnlich und doch fieberhaft zitternd, trat mein Vater durch die Wandthür, die das Bild bedeckte, in's Gemach meiner Mutter. Er hatte den Raum nie wieder betreten, die Luft nicht athmen wollen, wo, wie er ſagte, der Geiſt des Böſen als Widerſpruch gegen die Segnungen der Kirche noch Wache hielt. Die Mutter war feier⸗ lich beſtattet worden, aber nach dem Aberglauben der Leute hauſte ihre mit der Kirche noch immer nicht ganz verſöhnte Seele auf dem Schauplatze ihrer letzten Wohnſtätte. Der Ort ſelbſt war un⸗ berührt, unentweiht geblieben. Das Bild der alten Waldenſerin ſchien recht eigentlich hierherzugehören, man brachte es nicht in den Ahnenſaal zurück. Jeder Seſſel, jedes Geräth ſtand und lag noch auf der alten Stelle, als wäre der Bann darüber geſprochen. Scheute der Alte die Anſteckung der Luft, die man hier athmete, und hielt er ſeine Rechtgläubigkeit doch nicht ganz für unantaſtbar? Oder — 432— fürchtete er den Rückfall ſeiner Jugendempfindung, das Gefühl der alten Liebe, das ihn vernichten mußte, wenn es ihn als Reue an⸗ wandelte? Er ſtand jetzt mitten auf dem Schauplatz ſeines kurzen irdi⸗ ſchen Glückes, mitten im Zimmer vor dem Bette der Entſchlafenen. Der Vorhang bebte, vom Luftzug lebendig gemacht. Der Alte ver⸗ gaß, weshalb er gekommen. Mit einer wunderbaren Haſt ſtürzte er auf das Bild ſeiner Frau zu, die Erinnerung an die Macht ihrer Schönheit erſchütterte ſeine harte, feſte Natur, und wie er die Hände nach ihrem Antlitz ausſtreckte, brach ein Strom heißer Thränen über ſeine zitternde Wange. Dann beſann er ſich plötzlich, verhüllte ſein Haupt und ſtand wie eine Bildſäule von ſtarrem Schmerz in ſich ſelbſt gebannt. In dieſer Verfaſſung ſah ihn die Stätte ſeines ſchönſten Lebens wieder, von ſeinem eigenen Gefühl verrathen und verdammt. Mormona regte ſich endlich wieder am Boden. Die Zofe hatte ſich wieder herbeigewagt und kniete zu ihr hin. Zugleich vernahm man an der Thür über der Treppe, von dem verſchloſſenen inneren Raum her, ein gewaltſames Pochen; immer lauter erklang der bald bittende, bald klagende Ruf des Gefangenen, der endlich wüthende Schläge der Fauſt mit Flüchen begleitete. Mormona, die ſich ſo eben erholt hatte, lauſchte auf die Töne des Unglücklichen, der jetzt die Thür ſeines Kerkers zu ſprengen drohte. Sie ſprang in die Höhe, ſtürzte auf den Alten zu und um⸗ klammerte mit beiden Händen ſeinen Hals.„Mein Bruder!“ ſchrie ſie in wilder Haſt,„du hältſt ihn gefangen, gib ihn heraus, Kerker⸗ meiſter! Sein Schrei klingt wie Verzweiflung, wie Wahnſinn!“ Sie ſchrie ſelbſt wie im Wahnſinn auf, als der Alte ſie von ſich ſchleuderte, das große Schlüſſelbund aus der Wandthür zog, durch den nächſten Raum eilte, die Treppe hinaufſtürmte und die Thür, die der Gefangene ſchon halb aus den Angeln hob, öffnete. Wie ein Ungethüm kollerte Pirrho die dunkeln Stiegen hinunter, wand ſich ſchreiend am Boden, ſprang weiter vor in's Zimmer und fuhr wieder zurück, vom hellen Schein des Lichtes geblendet. Sein Haar ſträubte ſich auftecht, ſeine ſchrägen Augen blitzten mit der Wuth des Tigers, ſeine Hände fuhren krampfhaft umher, als wär' er mit Geſpenſtern im Kampf. Mit lautem Entſetzen ſtürzte Mormona auf der an⸗ rdi⸗ ten. vel⸗ er hrer inde über ſein ſelbſt nſten mmt. hatte lahm leren bald hende Tön ngel un⸗ chrie erker⸗ von dunh hür, wend fuhr Haal Puth rnit aaſ — 433— ihn zu und glitt, da er ſie nicht hielt, an ſeiner Geſtalt langſam nieder. Der Alte ſtand ruhig neben ihnen.„Da iſt dein Bruder! Habt Euch denn, da Ihr doch zuſammen gehört!“ ſagte er mit dem finſtern Groll des Beleidigten, riß das Schlüſſelbund in die Höhe und verſchwand wie er gekommen war hinter der Tapete. Das Bild der Ahnmutter zitterte heftig in ſeinen Angeln, die Züge der bleichen Geſtalt wogten zornig auf der Leinwand hin und her.— Die Schritte des Alten verklangen im nächſten Raum, Thüre auf Thüre fuhr raſſelnd hinter ihm zu. Die beiden Waldenſer waren allein, neben den alten Genoſſinnen ihres Stammes und ihres Unglücks. Es dunkelte faſt, als ich in den Schloßhof ritt. Die Diener umſtürmten mich; ich wußte ſchnell das ganze Ereigniß, begriff ich auch nicht gleich den Zuſammenhang. Ich eilte zu meinem Vater; mit Gewalt erbrach ich ſein Cabinet. Stumm und ſtarr ſaß er im Lehnſtuhl, in der welken Hand hing das große Schlüſſelbund. Ich führte in der Angſt eine verworrene Sprache. Er ſtand auf und wollte ſich mit ſeinem Stolze gegen mich waffnen. Das war keine Macht mehr, die Stand hielt; ich war in Raſerei, wenn ich mein Weib in dem Aufenthalt des Schreckens, in Gemeinſchaft mit Pirrho dachte. Ich ſchrie dem Alten zu, ob er ruchlos vergeſſen, in welchem Zuſtande meine Gattin ſei, entriß ihm die Schlüſſel und ſtürzte fort in die unglückſeligen Gemächer. Mormona lag auf dem Bette der Mutter, ſtill, blaß, unſäglich leidend; die Erſchütterung hätte ſie tödten können. Die Zofe weinte. Pirrho wühlte am Boden umher, er ſchien nicht zu wiſſen, was um ihn her vorging. Er wurde bald entfernt. Wie ich mit Mormona allein war, machte ſie mir die Entdeckung, daß ſie glaube, ihre Stunde ſei plötzlich gekommen. Der Arzt erſchien und erklärte die Anzeichen als darauf deutend, daß wir einer ſchnellen Entſcheidung gewärtig ſein müßten. Und ſo war es denn auch. Unter Leiden und Schmerzen, nach einer bang durchlebten Nacht, genas Mormona eines Sohnes. Was ſie mit Freuden dargebracht hätte, war der Lauf der Dinge weniger feindlich für ſie und uns Alle, das gebar ſie jetzt in Noth und Angſt. D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 28 * 1 Das Leben des Kindes war geſichert, aber Mormona ſelbſt in Todes⸗ gefahr. Für Tage und Nächte, am Schmerzenslager zugebracht, hat. man noch kein menſchlich Maß gefunden; unermeßlich iſt, was die Liebe in der Duldung vermag, unerhört, wie ſie auf der leiblichen Folter zu liegen für nichts achtet und über alle Mühſal triumphirend im Geiſte ganz Seligkeit iſt. Es gibt Schmerzen, für welche die Sprache, um ſie auszu⸗ drücken, erſt bei der Muſik borgen müßte. Wollte ich unſeren Zu⸗ ſtand ſchildern, ich müßte erſt Töne erfinden, ganz in den Weiſen jener alten Aeolsharfe hingehaucht, die ſich nordiſche Völker im dun⸗ keln Nebel ihrer feindlichen Zone erdachten. Noch vor Mormona's Tode war der Alte bei dem ungeahneten Gang der Dinge verwandelt. Es wäre jetzt an mir geweſen, die Rolle des ſtolzen Unwillens zu übernehmen, aber der Anblick des Greiſes erſchütterte mich zu tief. Seine Haltung, ſeine Faſſung war hin, er lag ſtundenlang wie vernichtet am Lager der Kranken. Wir wechſelten kein Wort, die Blicke waren verſtändlich und ſein gramge⸗ furchtes Antlitz ſprach deutlich genug, wie zerſtört er ſich fühlte. Mormona duldete ihn gern um ſich, ſchalt ihn einen armen guten Thoren und ſtrich ihm ſanft das greiſe Haar, wenn er vor ihr kniete und ſein naſſes Auge in der Decke verbarg. Pirrho ward gut gehalten, aber er durfte nicht zur Schweſter; ſein geiſtiger Zuſtand ſchien der ärstlichen Pflege bedürftig. Gleich bei ſeiner Ankunft im Schloſſe hatte er Spuren von Zerrüttung ge⸗ zeigt. Er mochte eine lange Zeit vorher in Qual und Selbſtanklage ein unglückliches Leben in den Bergen geführt haben. Wir hatten faſt Alle mörderiſch gegen einander gehandelt, aus Wahn oder aus Eigen⸗ ſinn: was Wunder, wenn die zerſtörende Wirkung, die der Menſch gegen den Mitbruder richtet, ſich von Zeit zu Zeit gegen ihn ſelbſt wendet. Wir ſtanden an Mormona's Sterbelager; ihre letzten Stunden waren nahe. Das ſchöne junge Leben wehrte ſich noch tapfer gegen die ernſten Anfechtungen des Todes. Ein erſter Kampf war vorüber; ſie ſchöpfte freien Athem und rief den Vater und mich zu ſich.„Ihr Männer, lieben Brüder,“ ſagte ſie weinend und lachend,„tragt keine Sorge um mein ewig Seelenheil; ich will als gute katholiſche Chriſtin ſterben.“ ibet „Ih keine tifin 435 Mein Vater ſtand ihr zu Füßen; er blickte ſtarr zu Boden, er hatte keinen Sinn für die ſpieleriſche Kindlichkeit ihres guten Herzens. „Sei nicht ſo finſter, alter Mann!“ ſagte ſie zu ihm,„ich will ja gern in Euern aparten Himmel hinein und mich losſagen von meinen armen Brüdern und ihrem Ketzerthum. Ach, ihr Glaube war doch ſo friſch und fröhlich frei wie die Luft der Berge! Aber für bedrängte und beladene Menſchen iſt Euer Dienſt recht gut erfunden. Im Jammer, wo man Gott den Herrn unendlich fern glaubt, da gibt man ſchon nach, ach! da ſchwindet ſchon alle Hartnäckigkeit des freien fröhlichen Herzens! Gebt nur her, ich will dem leidenden Gott die Wundenmaale küſſen!“ Mein Vater wendete ſich ab und verhüllte ſein Haupt, aber er wagte nicht, die Feier der Todesſtunde zu ſtören. „Wendet Euch nicht ab,“ ſagte ſie zu ihm,„von einer armen Creatur, die in ihrer Unſchuld dumm, aber nicht böſe iſt! Euch zu Liebe ſoll auch nach dem Prieſter geſchickt werden und will ich all' meine Sünde ihm überantworten. Die Leidtragenden, die Schmer⸗ zensgeſtalten, die Herolde des Todes haben ja ihr Unheimliches für mich verloren, mit Schmerzen und Leiden bin ich nun vertraut ge⸗ worden.— Von einem Herzen freilich, das in Heiterkeit ſeines Gottes voll iſt, ſcheint Ihr nichts zu wiſſen!“ Sie weinte heftig, wie ſie das Wort geſagt; ſie ſchien der Auf⸗ regung zu erliegen. Mein Vater ſtand noch immer in ſich verloren und abgewendet.„Wollt Ihr der Sterbenden nicht die Hand rei⸗ chen?“ ſagt' ich zu ihm. Sie hatte ihm die ihrige vergeblich hingeſtreckt; der Alte war erſchüttert und kämpfte noch mit dem letzten Schatten ſeiner finſtern Regung. In dem Augenblicke läutete draußen die Glocke des Miniſtranten, die das Allerheiligſte verkündete; die Thür öffnete ſich, die Chor⸗ knaben ſtanden mit Kreuz und Becken im Vorzimmer und der Caplan trat in's Gemach. Mein Vater hatte ſich raſch zu ihm gewendet und ſank in's Knie. In der Verwirrung, in der Sorge um die hinſchwindende Seele eines Weibes mochte ich verſäumt haben, beim Erſcheinen des Sanc⸗ 28* — 436— tum mein Haupt zu neigen, bis der Prieſter uns mit lauter Stimme die Gegenwart ſeines Gottes verkündete. Mormona hatte ſich im Bette aufgerichtet und ſank jetzt in die Kiſſen zurück, als der Prieſter zu ihr trat.„Seid barmherzig mit mir, geſtrenger Mann Gottes!“ ſagte ſie mit zitternder Stimme,„ich ſtehe ja ohnedies bald vor dem Richter, der alle meine Miſſethat kennt! Ich meine, er müßte ſie mir verzeihen!“ Ich fühlte wie bitter der Wermuth war, daß ſich ein heiteres freies Herz ſeine Sünden ſelbſt vergeben wollte. Uberto ſtand wie eine ſtarre Bildſäule mitten im Zimmer, während ſeine Begleiter die Vorkehrungen zum letzten Amte trafen. Er blickte unerbittlich feſt und ſtreng auf die Sterbende. Das war die kalte ruhige Miene des Kriegers, der nur ſklaviſchen Gehorſam, kein Mitleid, kein Er⸗ barmen kennt. Ich ſah hülfeflehend zu ihm auf. Von ihm hing es ab, ihr die Abſolution zu geben; nicht um ihretwillen, der Um⸗ ſtehenden wegen wünſchte ich es. Ich ergriff des Paters Arme, ich ſuchte ſein Auge.„Geht nicht allzuſtreng mit ihr in's Gericht,“ flüſterte ich ihm leiſe zu.„Es waren Irrthümer in ihrem Glauben und Denken: aber ſeid milde, ihr Leben floß in Unſchuld und Liebe dahin!“ „Sie wird Gott die alleinige Ehre geben,“ ſagte der Prieſter, „und unſere heilige Kirche als den alleinigen Schooß der Seligkeit anerkennen.“ „That ſie das nicht,“ eiferte ich,„wo nicht mit Worten, ſo doch mit ihrem Leben, thatſächlich und freiwillig? Hat ſie ſich nicht zu uns bekannt, hab' ich ſie nicht gewonnen? Haltet nicht ſo ſtreng auf das Wort, martert nicht die Seele eines armen Weibes mit der Form. War doch der Inhalt ihres Lebens gut!“ Die Kranke, die die ganze Zeit über das Auge geſchloſſen ge⸗ halten, regte ſich plötzlich. Wir horchten auf. Sie hob ſich in die Höhe, rief mich leiſe bei Namen, ergriff meine beiden Hände und ſah mich groß und ernſt an.„Ich bin nicht ſchwach,“ ſagte ſie, „es gibt noch einen Gott für mich und dich: ſei ruhig, Giuſeppe!“ Sie wandte ſich dann geſchäftig bald nach der einen, bald nach der andern Seite.„Es iſt noch viel zu thun übrig!“ ſagte ſie, „eilt! Die Zeit drängt!“ imme h im tieſter tes!“ dem te ſie Miene 1 Er⸗ ng es Um⸗ Ae, icht“ auben und ieſtet, igkeit n, ſo nicht ſreng it der n ge⸗ in die und t ſie, „10 ye nuch te ie, Die Dienerin mußte ihr den Knaben bringen. Das ſchlafende Kind lächelte ſtill und ſüß. Sie drückte es feierlich an's Herz, legte es dann vor ſich hin auf's Bett, breitete die Hände über ſein Ant⸗ litz und empfahl es mit leiſem Gebet dem Schutz aller guten Geiſter.—„Amen!“ ſagt' ich, wie ſie zu mir aufblickte und mir winkte. Dann wies ſie den Knaben raſch von ſich, als fürchte ſie, ihre Kraft ſei zu Ende.„Pirrho?“ flüſterte ſie. Ich ſchüttelte das Haupt.„Ich weiß,“ ſagte ſie,„er iſt nicht hier.— Kommt, alter Mann, Vater meines Giuſeppe!“ führ ſie fort, und ich zog ihn auf ihren Wink an ihr Lager. Er wehrte ſich nicht und drückte ihr die Hand. Sie nahm die ſeinige und ſchloß ſie betend zuſammen. Sie blickte in ſein Antlitz und zwang ihn, ihrem Blicke Stand zu halten. Eine ſelige Friedfertigkeit leuchtete in ihren Augen, ob ſie ſchon die Schatten der heranbrechenden Nacht verdunkelten.„Und die Waldenſer ſind auch unſere Brüder?“ ſagte ſie laut mit fragendem Ton.—„Amen!“ rief ich und lehnte den Arm um die Schulter des Alten, der ſich über das Lager bückte. Er küßte ihr die Hand, wendete ſich zur Seite und drängte den Prieſter heran. Aber ſie wehrte ihn ab mit der Hand, ſie wollte ſich mit mir allein noch be⸗ ſchäftigen. Sie ſank in ihr Lager zurück, ihre Stimme ward matter; ich kniete vor ihr nieder und ſah zu ihr auf wie zu einer Heiligen. Sie lächelte wie ein verklärter Geiſt. Mit ſchwacher Stimme, aber durchdringendem Tone dankte ſie mir für das Glück der Liebe.„Mein all zu kurzes Leben,“ flüſterte ſie,„war in Luſt und Leid doch ein ge⸗ ſegnetes! Giuſeppe, meinſt du nicht?“ „Und was ſagt Euer Gott dazu?“ flüſterte ich zum Prieſter. „Unſer Gott?“ ſagte Uberto,„iſt er denn nicht der Eurige?“ Ich ſchlang den Arm um ihren Nacken, um ihre Lippen dem dargebotenen Heil des Prieſters näher zu bringen.„Geſtehet, daß unſer Gott auch der Eurige!“ ſagte Uberto und wollte ihr den Leib des Herrn reichen. „Mein Gott iſt gut!“ hauchte ſie ſtill, zuckte leiſe in ſich zu⸗ ſammen und hatte vollendet; ſie ſtand vor dem Richter, der ihr und unſer Aller Gott. Der Prieſter hielt ihr noch die heilige Speiſe vor; die zuſammengepreßten Lippen weigerten ſich ſie anzunehmen. Uberto ſah finſter drein.„Unſelig hingegangen!“ ſagte er und ſah — 438— mich drohend an, wie ich mit der ganzen Bitterkeit des Schmerzes ſeinem Blick begegnete. Wie mein Vater die Hände rang, machte der Dominicaner das Zeichen des Kreuzes über ſie, ſah aber ſchwei⸗ gend gen Himmel. Siebentes Rapitel. Todtendienſt und neues Leben; Dominicaner und Jeſuit. Selig oder nicht: Gott wird es richten!— In einer kleinen Waldeapelle, von Oliven und Ulmen unſchattet, war Mormona's Hülle beigeſetzt. Der Neubau der alten Begräbnißhalle zu Santa Maria hatte die Nöthigung gegeben, ihr dieſe Ruheſtätte fern von den Angehörigen der Familie zu bereiten. Mir galt das gleich. War ſie doch ſonſt mit allen Ehren einer Gräfin des Hauſes beſtattet. Während man in der Schloßkirche Tag und Nacht das Todtenamt hielt, lag ſie im Schatten des Waldes, der Menſchenwelt und ihrem irdiſchen Lärm entzogen, in dem grünen, luftigen Tempel, wo die Vögel des Himmels ſich anbauen und ohne Brevier und Formular dem Herrn ihr Loblied ſingen. Selig oder nicht: hier galt kein Unterſchied. Mein Vater hatte die Feierlichkeit der Beiſetzung mit einer Sorgfalt betrieben, die glauben ließ, ſein Schuldbewußtſein wolle ſich mit dieſem Liebesdienſt eine letzte Buße auferlegen. Faſt ſchien es, als ſolle ihm die todte Mormona werden, was ihm die lebendige nie ganz geweſen. Dieſe Reue verlangte geehrt zu werden. So viel Eifer um das dahingeſchwundene Leben hätte mit ihm verſöhnen können, hätte dieſe Frömmigkeit ſich nicht an den Wahn geklammert, die Todte werde jenſeits vom ewigen Richter verworfen werden. Sie ſtand für mich im Glorienſchein der vollen Liebe Gottes! Ich ſah und hörte wenig vom Treiben um mich her, ich theilte weder meine Andacht, noch auch die Bedürfniſſe des Tages mit der Welt, die mich umgab. Meines Vaters Andacht ließ ungewiß, ob er mehr an Mormona's Erlöſung — „—— — 439—— oder an ſeinem eigenen und ſeines Hauſes Seelenheil zweifelte. Die Lebenden galten ihm nichts, der Sohn der Todten, der Knabe Sa⸗ verio, ſo wenig als ich ſelbſt. Ihn zu ſtören in ſeinem Thun war vergeblich; die Berührung zwiſchen uns war allzu ſchmerzlich; das Unglück hatte uns vereinigt, um uns für immer zu trennen. Von Kindheit auf hatte ich an meinem Vater keine andere Regung, keine andere Beſchäftigung als dieſe faſt mönchiſche gekannt; die Gewohn⸗ heit hatte ſeinem Thun und Treiben, ſeinem ewigen Todtendienſt mitten im lebendigen Leben, das Fremdartige genommen. Dieſe Weltentfrendung war nicht von Jugend auf in ihm geweſen; ſie hatte ihre Geſchichte gehabt, ſie war das Ergebniß ſeiner Schickungen. Eng befreundet mit Victor Amadeus, jenem Herzoge von Savoyen, der den Titel eines Königs von Sardinien annahm, hatte mein Vater mit dieſem Fürſten alle ſeine Unternehmungen, ſeine Feldzüge getheilt, war nicht von ſeinem Hoflager, nicht von ſeiner Seite gewichen; er war ſein Freund geweſen im ſchönſten Sinne des Wortes. Wie ein Meiſter ſeinen Schüler, ſo hatte Victor Amadeus den Grafen La Torre geliebt. Plötzlich bemächtigte ſich des Fürſten ein ränkevolles Weib. Victor Amadeus legte die Krone nieder, um in den Armen der Marcheſe von San Sebaſtiano das vermeinte Glück der Liebe ungeſtört zu ge⸗ nießen. Die Abdankung zu Gunſten Karl Emanuel's geſchah unter dem trotzigſten Widerſpruch meines Vaters, des treueſten Vaſallen. Er ward als Rebell in Ketten geworfen. Ein Jahr darauf bereute der König den unbeſonnenen Schritt; er wollte ſein Regiment wieder antreten, er forderte vom regierenden Sohne das Scepter zurück. Meines Vaters Warnung hatte alſo Gehör gefunden. Seiner Banden frei, in ſeinen Ehren wiederhergeſtellt, war Graf La Torre eifrig bemüht, die ins⸗ geheim zuſammenberufenen Barone des Reichs für den alten König zu ſtimmen. Dieſe Treue für das Alter mußte der Jugend für Ver— brechen gelten. Karl Emanuel kam der Verſchwörung zuvor, Victor Amadeus wurde der Gefangene ſeines Sohnes. Mein Vater theilte freiwillig das Loos, der königliche Greis ſtarb in den Armen ſeines Freundes. Den jungen Herrſcher rührte dieſe Hingebung nicht, mein Vater ward wie ein gemeiner Miſſethäter auf die Galeere geſchickt, bis ihn die Vermittelung des römiſchen Hofes von der ehrloſen Strafe erlöſte. Krank und an der Menſchheit verzweifelnd, die ihn die beſte — 440— Tugend ſeines Herzens ſo tückiſch büßen ließ, lebte mein Vater längere Zeit in Rom, galt den Leuten, wie ſie ſagen, für tiefſinnig und ward ſehr fromm. Man trug ſich ſogar mit dem Gerücht, Graf La Torre ſei heimlich in einen geiſtlichen Orden getreten. Die Po⸗ litik der Höfe, die Laune und die Willkür der Mächtigen, die treu⸗ loſe Ränkeſucht der Ehrgeizigen, der ganze Lauf der Dinge dieſer Welt erſchien ihm ſeitdem ein Werk des Böſen. Dem heiligen Vater verdankte er den Wiedergewinn ſeiner Rechte als Menſch, ſeiner Be⸗ ſitzungen als Erbherr ſeines Hauſes; geiſtlicher Zuſpruch bewahrte ihn, daß ſein Gemüth nicht irre ward an Gott und ſeiner Weltregierung. Er ſah fortan in der Kirche den allein feſten, den allein rechtmäßigen Zuſammenhang zwiſchen Himmel und Erde. Der Staat und die Geſell⸗ ſchaft der Menſchen hatte ſich ihm als ein trüglich Machwerk, die Kirche allein als eine Stiftung Gottes, als der Fels Petri erwieſen. Er kehrte von Zeit zu Zeit nach Santa Maria zurück, lebte aber auch hier ſtill, in ſich gekehrt, kirchlichen Uebungen ergeben. Seine erſte, ebenbürtige Gattin, die ihm weder Glück noch Nachkommenſchaft gegeben, war in den Armen eines Nebenbuhlers geſtorben. Plötzlich trat in ſein gramunflortes, wolkenſchweres Leben ein lichter Engel, ein Genius der Liebe und Freude, ein Mädchen aus den Bergen. Dieſer Engel des Lichts ward auf Augenblicke mächtig genug, die Nacht um ſeine Stirn zu verſcheuchen, den Dämon zu bezwingen, die ſchlummernde Natur in ihm aus ihrem Grabe aufzurufen. Sie ward ſein Weib, aber er hatte nicht Kraft und Klarheit des Geiſtes genug, die Unſchuld, die ihm Gott aus dem Schvoß der Natur geſpendet, heiligzuhalten, im Widerſpruch mit Finſterlingen, die das Fleiſch tödten, um dann den todten Leib zu benedeien. Eine Zeitlang ward den waldenſiſchen Brüdern in den Bergen eine Frei⸗ heit, eine Wohlthat nach der anderen zugewendet, meine Mutter regierte zu Santa Maria; dann plötzlich kehrte mein Vater zu ſeinen Bußübungen, zu dem finſteren Glauben zurück, ſein Haus ſei vom alten Fluche wieder heimgeſucht. In dieſem Wahn ließ er ſein Weib, meine Mutter ſterben. Dieſer Wahn, der Fluch des Hauſes ſei un⸗ ſühnbar, lebte jetzt von neuem in ſeinem zerſtörten Gemüth. Für mich hatte die Welt ſeit Mormona's Tode ihre Farben ver⸗ loren, mir liefen die Geſtalten des Lebens gleichgültig ineinander. — 441— Ich verließ nur ſelten die Gemächer des Schloſſes, in denen mein Weib gewaltet, gelebt und geliebt, gelitten und geendet. Ich hatte mich in dieſen Räumen feſt eingerichtet, aus dieſem Zuſammenhang mit der nächſten Vergangenheit wollte ich nicht ſcheiden. Dort wehte mir noch der Hauch ihres Mundes; in den verhüllten Zimmern, die kein ungeweihter Fuß mehr betrat, im Schatten dieſer Dämmerungen, die ich halb träumend, halb wachend an mir vorübergleiten ließ, fühlte ich noch die Geſtalt der Geliebten, ja, ich glaubte ſie im Fluge an mir hinſchweben zu ſehen, das Rauſchen ihres Gewandes, den ſüßen Klang ihrer Stimme zu hören. Das war mein Todten⸗ dienſt. Meine Andacht beſtand darin, mir Mormona's Geſtalt lebendig zu erhalten. Jedes ihrer Worte rief ich mir zurück, um aus all' den kleinen Zügen ihres kurzen Lebens mir ihr Abbild feſtzuſtellen. Ihr Leben weiterzuleben, das ſchien mir mehr werth als alle Buße. Und in der That, ich fühlte ihren Geiſt in mir wachſen und gedeihen, als wäre ihre Natur auf mich übergegangen. Sie hatte ſich aus Liebe zu mir zum römiſchen Dienſt bekannt. Ich war damals faſt auf dem Punkte, aus Liebe zu ihr den Glauben der Ketzer mein zu nennen. Sie hatte nicht ausgehalten im Dienſt meiner Kirche, der freie Strahl ihrer heiteren Seele war vom Dunkel der Dämmerungen, das er nicht zu durchbrechen vermocht, wieder zurückgeſcheucht. Ich meiner— ſeits gedachte die nüchterne Helle des einfachen Ketzerthums der Wal— denſer mit der Wärme des vollen Menſchenlebens zu beſeelen, um ſie für die Welt wieder zu gewinnen, die alte Unbill auszugleichen, den jahrhundertlangen Fluch zu ſühnen. Anders, das fühlte ich ſchon damals, kann man nicht Miſſionär ſein und Proſelyten werben, als wenn man auf die Bedürfniſſe der Verirrten liebevoll eingeht, ſie theilt und menſchlich findet. Das Alterthum der Griechen lehrte ſchön und gut ſein, und hielt Beides für daſſelbe. Das Chriſtenthum wollte mehr ſein als das, und iſt hinter dieſem Ziele zurückgeblieben. Soll die Welt die verlorene Harmonie nicht wiederfinden? Sollen wir das Leben nur immer erſt heilighalten, wenn es eingeſargt vor uns liegt? Dieſer Todtendienſt höre auf, das Leben zu verdrängen! Ich hätte ohne Zwang an die früheren Jahre meiner Jugend wieder anknüpfen können, die ich im Collegium zu Genugn zugebracht. Aber ich brauchte Menſchen, die für meine Ueberzeugungen empfänglich waren, uneingenommene friſche Menſchen, denen ich von Mormona erzählen, den Inhalt ihres Lebens und meinen Glauben deuten konnte, wie Gott in einer kindlichen Seele ſeine liebſte Offenbarung ſieht. Das Bedürfniß nach Mittheilung, nach Thätigkeit und Wirkſamkeit ſcheuchte mich endlich fort aus meiner abgegrenzten Stille. Der Knabe Saverio mit der Sorge für ſeine erſten Bedürfniſſe erfüllte zu wenig meine Zeit und Muße. Das friſch kräftige Kind war dem neuen Hausmeiſter und ſeiner Frau, die von gleichem Alter ein Kind ge⸗ boren und nährte, zur Pflege übergeben; beide Knaben hatten damit als Milchbrüder dieſelbe Mutterbruſt. Der Hausmeier und ſein Weib waren verſtändige Leute, ob ſie ſchon unmündig waren in Sachen des Glaubens, prieſterlichen Willen unbedingt und blind über ſich ver⸗ fügen ließen. Der Knabe Saverio entwickelte ſich raſch und feurig; die fröhliche Schnellkraft ſeiner Mutter ſchien in ihm lebendig zu ſein; die Züge ſeines Geſichtes machten ihn auch äußerlich zu ihrem Eben— bilde. In mir aber lebte Mormona's Urbild weiter, ihr Geiſt durfte nicht entſchwunden ſein vom Schauplatz ihres Lebens, ihr Daſein war noch nicht abgeſchloſſen, ihre Sache, die Sache der verkannten Unſchuld, noch nicht erledigt. Wenn ich für das Recht der verketzerten Menſchheit, für das Recht der Kinder in den Bergen und ihre An⸗ wartſchaft auf die Segnungen des Lebens als Anwalt auftrat, glaubte ich Mormona's beſte Erbſchaft anzutreten, der beſte Vollſtrecker ihres letzten Willens zu ſein. Was mich von Zeit zu Zeit wiederholt in die Berge trieb, war die Sorge, Kunde von Pirrho zu erhalten. Niemand wußte von ihm, weder auf dem Markt von La Torre, wie die aufgeſtellten Wächter mir meldeten, noch daheim in den zerſtreuten Hütten der Köhler und Murmelthierzüchter. Er war der Erſte von den Brüdern in den Bergen, denen mein Leben gehörte, wollt' ich Mormona's Leben weiterführen. Die Ungewißheit über ſein Ergehen wurde mir zur Pein. Er konnte in Noth ſein, in innerer Bedrängniß, der Ver⸗ zweiflung preisgegeben! In der Hütte auf dem Felſen war keine Spur von ihm zu entdecken. Wie ich zum erſten Mal jenen Schauplatz meiner erſten Freude wieder betrat, rieſelte ein leiſer Schauer der Andacht durch meine Seele. Hier hatte meine Alpenroſe geblüht, bevor ſie ſich den Men⸗ ſchen im Thale anvertraute. Auf dieſer Schwelle war ſie vor meinem erſten Erſcheinen droben in der Hütte zuſammengeſchreckt, hier am Heerde hatte ſie meinem Worte gelauſcht, das ihr die Bruderliebe unter den Menſchen als das höhere, Gott allein wohlgefällige Chriſten⸗ thum verkündete. Hier hatte ſie feierlich die Hand gen Himmel ge⸗ hoben, als ihr ſchüchterner Blick mich gefragt, ob ich es ehrlich gemeint; dort war ſie ſtill in ſich erzittert, als meine Hand ſie be⸗ rührt. Ich kniete nieder auf den Spuren ihres Wandels, ich gelobte die Stätte heiligzuhalten, ich gelobte mehr; ich gelobte ihren Brüdern in den Bergen, die die Welt verdammt, ein Verkündiger von der Liebe Gottes zu ſein. Den großen ſchweren Streit zwiſchen altem und neuem Glauben ſchwur ich unter den Menſchen ſchlichten zu helfen, und rief Mormona's Geiſt aus den Gefilden der Seligen zum guten Werk herab. Es war mir, als wenn es wie mit Fittichen der Se⸗ raphim mich umrauſchte, ein lichter Geiſt mit hellem Klang ſein Triumph⸗ lied ſänge. Wie ich aus der Thür wieder hinaustrat, ſtand die Sonne ſcheidend am Rand der Berge; ich fühlte ihren Glanz um mein Haupt, die Hütte um mich her ſtand in Glorie. Auf die Platte des Felſen⸗ ſtiegs ſchrieb ich mit deutlichen Zügen:„Pirrho, eile zu mir, Mor⸗ mona's letzten Willen zu vernehmen!“ Damals ſtieg der Wunſch in mir auf, Prieſter zu werden, um auch äußerlich das Recht zu haben, den Menſchen einen neuen Glauben zu verkündigen. Dann durfte ich vor ſie hintreten und ſagen: Ihr Thoren, die ihr Gott ſuchen wollet! Er wandelt unter euch, ein ſtiller Geiſt, und ihr erkennt ihn nicht. Ihr erwartet ihn mit Schrecken zum jüngſten Gericht, und ſiehe, er iſt alle Tage bei euch. Ihr erwartet ihn im Lande jenſeits, und martert und kränkt ihn hier ſchon im Geringſten euerer Brüder!— Iſt die Welt ſchon ſo alt geworden, und hat die Religion Chriſti, die Religion der Bruderliebe, noch immer nicht verſtanden? Ich hatte bisher in der Geſchichte einiger ketzeriſchen Secten ge⸗ forſcht. Ueberall, fand ich, hatte ein in der Stille Erleuchteter von neuem die Entdeckung gemacht, daß Gott ſich nicht im bloßen Formen⸗ dienſt finden laſſe. Ueberall freilich waren die Neuerer zu weit ge— gangen und hatten ſich zur großen Gemeinde des Herrn nicht wieder zuſammengefunden. Ich las jetzt die Geſchichte unſerer Orden. Ich — 444— fand auch ſie ihrem Urſprunge entfremdet. Immer war es ein großer Gedanke, eine tiefe Sehnſucht, die den Stifter einer neuen Gemein⸗ ſchaft aus dem Lärm der verlorenen Welt in die Wüſte oder in die Stille trieb, um ſich wie Chriſtus in den vierzig Tagen auf ſich ſelbſt und auf den reinen Urſprung der Menſchheit aus Gott zu beſinnen. Mit geſammelter Kraft trat er dann wieder unter die Menſchen, um den Brüdern mitzutheilen, was ihm der Geiſt vertraut. Selbſt jener Dominicus, von dem ein Syſtem furchtbarer Verfolgungen den Namen entlehnt, war ein gottgeweihter Menſch, den unſer Dante, der große Dichter, in den Himmel verſetzt, während er deſſen Schüler und Anhänger zu den Verdammten in die Hölle wirft. Ueberall ſah ich die urſprünglich reine Abſicht unter dem leidenſchaftlichen Thun der Menſchen in ihr Gegentheil verkehrt, die Gelübde der Orden in äußer— lichen Formeldienſt, die Begeiſterung in eine todte Knechtſchaft des Buchſtabens ausgeartet. Der Same des Chriſtenthums war zu einem gewaltigen Baume aufgeſchoſſen, aber die Vögel des freien Himmels fanden nicht mehr Obdach unter ihm. In ſtillen Nächten überfiel mich die Angſt, ich könnte berufen ſein, den todten Chriſtus zu erwecken, und doch nicht die Kraft haben, den Menſchen das Evangelium von der lebendigen Liebe zu deuten. Wohl war der Entſchluß in mir ſtark genug, in die Einſamkeit der Wüſte zu ziehen und im Anſchauen Gottes meine Gedanken zu heiligen, aber die Furcht, in die Welt zurückgekehrt, einſam wie ein Wahnſinniger dazuſtehen, der den Steinen vergeblich predigt, lähmte meinen Entſchluß, hielt meine Lebensgeiſter gebunden. Ich fühlte zugleich, daß ich der Genoſſen bedurfte, um für die Menſchheit zu kämpfen und zu dulden. Die Kraft eines Einzelnen reicht nicht mehr hin, der Menſchheit aufzuhelfen. Pater Euſebio in Genua war mir in dieſen Zweifeln Rath und Troſt. Er war ohnedies gewohnt, in den Ereigniſſen unſeres Hauſes mitzuleben. Alles was in mir vorging, pflegte ich ihm zutraulich zu berichten. Euſebio war von Herkunft und Nation ein Franzoſe, aus der Schweiz gebürtig. Er kannte die Menſchen, er wußte, wie man ihnen in ihrer Noth beiſpringt. An den Höfen der Fürſten wie in der Hütte der Armuth hatte er mit weiſer Hand Segen verbreiten und auch den Verſtand der Weltklugen da leiten gelernt, wo der gute Wille und die Empfindung des Herzens nicht ausreichen. Er kannte Mo de Ei ſre — 445— auch die Philoſophien jener verwegenen und aberwitzigen Köpfe, die damals ſchon den geſammten Inhalt der chriſtlichen Menſchheit an⸗ zweifelten und ihn verſpotteten, weil ſie ihn nicht bewältigen und neu geſtalten konnten. Sie verwarfen das Beſtehende und waren ohn⸗ mächtig, Neues zu ſchaffen. Euſebio verwarf nichts unbedingt; er prüfte Alles, behielt das Beſte und war überzeugt, daß der guten Sache Alles zum Beſten gereiche. „Du irrſt, mein Sohn,“ ſchrieb mir Euſebio,„wenn du wähnſt, man müſſe erſt eine Gemeinſchaft aufgeklärter Köpfe ſtiften, die von der Knechtſchaft der Form, von der Tyrannei der Satzung frei ſei. Eine Gemeinſchaft freier Denker exiſtirt. Nicht Alles für Alle! iſt freilich ihre erſte Regel. Und man kann nur ſtufenweiſe in das Allerheiligſte der unverhüllten Wahrheit dringen. Die Wahrheit macht frei, den Einzelnen wie ganze Völker, aber nur nach dem Grade der Befähigung, der klaren Beſonnenheit und eines ruhigen Selbſtbewußt⸗ ſeins. Mein Freund, es gibt eine Verbrüderung edler Menſchen, die ſich die Wahrheit und die Freiheit zum Ziel ſteckten; allein ſie müſſen ſich noch geheim halten gleich den erſten Chriſten, die im römiſchen Zeitalter in Höhlen und Schluchten den ſtillen Keim ihrer Lehre pflegten. Es gibt eine Gemeinde, die ſich die Verbrüderung und Aufklärung aller Menſchen zur Aufgabe ihrer Beſtrebungen gemacht hat; aber ſie hat am hellen lichten Tage noch keine Form gewonnen, und ihr offener Kampf mit den finſtern Gewalten des Aberglaubens und der Unduldſamkeit iſt noch nicht ſtatthaft. Es wird die Zeit kommen, wo ſich alle Beſſeren zu dem großen Bunde der Menſchen⸗ liebe zuſammenfinden, und die Kirche Gottes, die Gemeinſchaft der Gläubigen wird dann wieder Raum haben für Alle, auch wenn ſie nur die Wahrheit ahnen. Dann werden die Irrthümer der Philo— ſophien, die Abſonderlichkeiten der Secten, die hartgeſottenen Be⸗ hauptungen eigenſinniger Kathederhelden verſchwinden. Was in den Entdeckungen Einzelner wahr iſt, kann nur Geltung haben, wenn es Gemeingut der Menſchheit wird. Das haben jene Weltweiſen Frank⸗ reich's und jene Sectenſtifter der germaniſchen Nation nicht einſehen können, daß die Menge unfähig iſt, das grelle Licht der ganzen Wahr⸗ heit zu ertragen, und darum thut der Menſchheit ein Orden noth, der die Aufklärung des Verſtandes zu regeln, die neuen Entdeckungen — 446— der Vernunft zu leiten, ſie für die große Menge unſchädlich zu machen weiß. Dieſer Orden, mein Sohn, der auf das Treiben der Welt eingeht, am Thun der Menſchen theilnimmt, das Weltliche heiligt und den ſchönen Garten Gottes, dieſen von wilder Leidenſchaft und vom Fanatismus des angeblich ausſchließlichen Glaubens ſo oft ver⸗ wüſteten Schauplatz der Erde wieder urbar macht und anbaut: dieſer Orden braucht nicht erſt geſtiftet zu werden, weder er ſelbſt, noch die beſondere Loge der Aufgeklärten in ihm. Dieſer Orden hält feſt an der Kirche Gottes auf Erden, aber ſeine Eſoteriker, ſeine Auserwählten, haben zugleich Theil am Fortſchritt der Menſchheit. Er kennt die Lehren der Weltweiſen, er weiß um die Bedürfniſſe der Völker, er ehrt das Streben des Einzelnen nach Freiheit; aber er behütet die heilige Flamme der reinen Wahrheit, er wacht darauf, daß die große Menge, das noch unmündige Volk vor den Irrungen der zweifelnden Vernunft bewahrt bleibe. Nicht Alles für Alle! Dies der oberſte Grundſatz dieſes Ordens, Gehorſam deshalb ſeine Baſis, Verſchwie⸗ genheit die Bedingung, um ein Mitglied der Geſellſchaft Jeſu zu ſein.“ „Mein väterlicher Freund,“ ſchrieb ich an Euſebio zurück,„ich ſehne mich nach einer Gemeinſchaft edler Männer, die der Ueber⸗ zeugung leben, die Kirche Gottes müſſe aufhören, eine Strafanſtalt für die Menſchen zu ſein. Ich bin überzeugt, daß das Chriſtenthum der Dominicaner nicht Euere Lehre iſt. Ich bedarf vielleicht ſogar des Schutzes gegen deren Chriſtenthum, aber ich kann— verzeihet! nicht die eine Gefangenſchaft mit der andern vertauſchen; ich kann nicht blinden Gehorſam ſchwbren, wo ich einen Bund edeldenkender, freifühlender Menſchen fordere. Blinder Gehorſam hindert die Be⸗ wegungen meines Geiſtes, hemmt meinen Wiſſenstrieb.“ Hierauf ſchrieb Euſebio zurück:„Die Freiheit der Forſchung, mein Sohn und mein Freund, wird dir nie unterſagt bei uns. Die heilige Kirche erlaubt ſie dem Prieſter, dem Auserwählten, auch wenn er nicht die Weihen empfing. Wie ſollte die Geſellſchaft Jeſu ihren Mitgliedern das Ringen nach Wahrheit verbieten! Wir Alle ſtreben nach der Freiheit, wir wiſſen, daß nur die Wahrheit frei macht, aber wir halten uns nur ſtufenweiſe für die Freiheit befähigt. Es gibt keine Freiheit ohne Nothwendigkeiten. Steht die Weltkugel, die Ra ſich frei bewegt, nicht insgeheim unter dem Geſetz der Schwere? Ebenſo iſt der Menſch, dieſer freie Schöpfer ſeiner Thaten,— denn ſonſt hätte er keine Wahl zwiſchen Gutem und Böſem,— von Natur und Schickſal an geheimen Fäden feſtgehalten. Iſt ſein Sinn geſund, ſo gibt er ſich dieſen Naturbedingungen hin, ohne dadurch ſeine Freiheit für gefährdet zu erachten.— Mein Sohn, ich kannte von früh an dein heimliches Gelüſt nach Freiheit, das ſich ſelbſt in den Spielen des Knaben verrieth. Ich habe dich ſchon damals, als du hier im Collegium mir anvertraut warſt, nach der Art und Weiſe geleitet, die deine Natur zu verlangen ſchien. Du fügteſt dich in die Ordnungen der Anſtalt, die jeder Tag mit ſich brachte, während du Nachts heimlich deine Wanderungen am Strande, deine Fahrten im Nachen ungehindert unternehmen konnteſt. Du dünkteſt dich frei, weil du nicht wußteſt, daß jener Fiſcher, den du für dich gewannſt und beſtacheſt, ſchon vorher in meinem Solde war. So, mein Sohn, ſteht es um die Freiheit der Menſchen, und nur ſo, wenn ſie von einem Höheren überwacht iſt, bleibt ſie vor Gefahren geſichert! Be⸗ greife daran, wie die Mutterkirche ihre Auserwählten zu leiten weiß. Zu den Auserwählten aber rechnete ich dich ſchon immer, mein Freund; ich wußte, daß dieſer Hang zur Freiheit deine Kräfte entwickeln, nicht deinen Sinn verwildern werde. Und nun der Himmel Schmerzen ſeltener Art über dich verhängte, fand ich meinen Glauben an dich nur beſtätigt. Der Himmel hat dich hart und bitter geprüft. Er nahm dir dein irdiſches Kleinod, um dir einen Schatz im Himmel zu ſichern. Gib dieſen Gewinn nicht auf, ſuche ihn ſchon auf Erden wirkſam anzulegen! Du biſt zu einem Apoſtel Gottes, zu einem Verkündiger ſeines Reiches auf Erden berufen, denn du gehſt in Liebe auf die Irrungen der Menſchen ein, du haſt die Gabe, dich der Gemüther zu bemächtigen und ſie mitten im Kampfe gegen die finſtern Leidenſchaften zu Gott zurückzuführen. Das Chriſtenthum der Dominicaner fürchte nicht! Die Herrſchaft der Mönche und der Fanatiker iſt aus. In dir aber, mein Freund, erkenne ich das außerordentliche Werkzeug eines höheren Chriſtenthums. Werde Prieſter und ziehe hinaus in die Welt, um den Menſchen zu verkünden, was ihnen noth thut! Oder tritt wenigſtens als Laie in den Verband unſeres Ordens und wirke nach dem Maß deiner Kräfte und nach dem Maß, — 448— wie Gott dein Herz erleuchtet! Unſer Orden iſt bildungsfähig, das unterſcheidet ihn von allen andern und deshalb wird er Schritt halten mit der Entwickelung der Jahrhunderte. Unter dem großen Stifter hatte die Geſellſchaft Jeſu die Aufgabe, in der Stille des Gemüths die Eintracht mit Gott wiederzufinden, die ſeinem Zeitalter verloren gegangen war. Loyola fand ſie im Gebet und in der Buße, und in den Entzückungen ſeiner Phantaſie wurden ihm die Wahrheiten der Religion zu Geſtalten, mit denen er leibhaft zu verkehren glaubte. In den Anſchauungen ſeines ſchwärmeriſchen Geiſtes fand er Gott wieder, den er in den Formen der Kirche ſeiner Zeit vergeblich ſuchte. Dieſe Rückkehr zum Einblick des Geiſtes in ſich ſelber hat ihn wie alle Schwärmer als groß und gottſelig hingeſtellt. Wären wir bei ſeinen Phantaſien ſtehen geblieben, ſo hätten wir in Einſiedeleien und in der Wüſte Büßer und Heilige erzogen. Aber die Welt ſoll ſich nicht ſelbſt überlaſſen ſein, der Geiſt des Chriſtenthums muß in ſie eingehen und Fleiſch werden. Man muß der Menſchheit zu Hülfe kommen, an ihrer Bedürftigkeit Theil haben, wie Chriſtus Menſch ward und die Gebrechen der Menſchlichkeit auf ſich nahm— er freilich, ohne zu ſündigen. Jacob Laynez, unſer zweiter General, gab dem Orden ſeine zweite Richtung. Er entfernte aus ihm, was von mönchi⸗ ſcher Düſterheit ihm noch innewohnte; er milderte die Strenge des beſchaulichen Lebens, er ſetzte ſich zur Aufgabe, die Welt der Menſchen mit der Kirche Gottes zu vermitteln. Dies geſchieht durch Unterricht der Jugend und durch milde, aber unaufhörliche Bekämpfung des Unglaubens. Der Umgang mit Erwachſenen, Predigt und Beicht⸗ abnahme wurde nöthig, um überall die Welt auf ihrem eigenen Grund und Boden ſicher und unvermerkt zum Heil zu führen. Es gelang nicht wieder, den Orden auf bloße Beobachtung der kanoniſchen Stun⸗ den und ausſchließlichen Mönchsdienſt zurückzuführen; mit Franz Kaver war die Miſſion unter den Heiden glorreich eröffnet und dem Orden dieſe neue Seite erwachſen, Ungläubige zu bekehren, während die Erziehung der Gläubigen innerhalb der Chriſtenheit unſere weſentliche Aufgabe blieb. So ſchreiten wir fort, mein Sohn, ſelbſt wenn die Kirche und das Regiment des Papſtes im Stillſtand verharren wollte. Wir arbeiten für die Kirche, aber wir erneuern ſie immerdar, indem wir ihr neue Grundmauern ziehen, und wenn wir auch blos den das lten fter iths ren der bte. ott hte. wie bei und ſich — 449— Beſtand des alten Hauſes zu ſichern ſcheinen, ſo wächſt doch langſam, aber unaufhörlich der unſichtbare Tempel fort, bis er die Größe, Weite und Herrlichkeit haben wird, in dem ſich alle Welt zuſammenfindet. Es wird nichts unverloren ſein, was die Bildung der Jahrhunderte an wahrem Gewinn heraufführt, es wird ſich Alles in einer großen Gemeinſchaft zuſammenfinden. Dies, mein Sohn, iſt der Sinn des Ordens in unſerm Jahrhundert. Wir haben Großes vor, eine Reform und Neugeſtalt der Kirche, die ſich über alle Secten verbreiten, alle Völker wieder gewinnen muß, um die wahrhaft allgemeine zu ſein. Auf, auf, mein Sohn, ich wünſche, daß du dereinſt unſere Glorie theileſt! Theile zuvor unſere Anſtrengungen, unſere Opfer, unſere Arbeiten!“ Ich hatte mit dem Briefe des werthen Mannes das Glaubens⸗ bekenntniß eines römiſchen Prieſters in der Hand, deſſen Offenheit beinahe zu der Beſorgniß führen durfte, es könne für ihn verhängniß⸗ voll werden. Stand mein würdiger Lehrer doch ohnedies ſchon in dem Rufe einer Freiſinnigkeit, die man nur als eine Ausnahme, vielleicht nur in Anbetracht ſeiner ſonſtigen vielfachen Verdienſte gelten ließ. Seine Feinde hatten ihn ſchon mehrmals beim heiligen Amt der Inquiſition wegen ſeiner Hinneigung zu den Philoſophen und Freimaurern Frankreichs verdächtigt. In der That enthielt ſein Brief deutliche Spuren von ſeiner Theilnahme an der Gemeinſchaft auf⸗ geklärter Köpfe, die damals anfingen, ſich in heimlichen Logen zu verſammeln. Ich hörte damals zum erſten Male von dem Bunde der Roſenkreuzer, der Beides in ſich vereinigen ſollte, die Ideen der Freimaurerei und das Gelübde, die Aufklärung nur im Dienſte Roms zu befördern. „Es iſt eine verhängnißvolle Zeit hereingebrochen,“ ſchrieb mir Euſebio hierüber,„Licht und Finſterniß, Liebe und Haß ringen mit einander; im Schooße der Kirche ſelber, wie in der ganzen Menſchheit iſt der Zwieſpalt ausgebrochen. Es gilt jetzt mehr als je, daß die Edleren feſt zuſammenhalten und das Zeitalter vor den Verwüſtungen bewahren, die von beiden Seiten uns bedrohen. Gegen den Unglauben waffnet ſich der alte Aberglaube mit neuer Macht, gegen den Witz der ruchloſen Spötter treten die Geiſter des Schreckens und der Ge⸗ waltthat wieder in die Schranken, gegen einen Voltaire pflegt ein D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 29 — 450— neuer Torquemada aufzuſtehen und der ächte Freund der Kirche Gottes und der Menſchheit ſteht oft allein mitten im Kampfe der Parteien. Hier gilt es dann doppelt, am Heil des Ganzen nicht irre zu werden, wenn uns einzelne Ausartungen den Glauben an Fortſchritt und Freiheit trüben. Was du auch von den Roſenkreuzern bemerkſt, küm⸗ mere dich nicht um Namen! Wiſſe nur ſo viel, daß auch die Kräfte der Natur noch unerforſcht zu unſern Füßen liegen, die Zeit aber nicht fern iſt, wo bisher noch ungehobene Schätze dem Schooß der Erde entſteigen werden, ungemünztes Gold uns zu Dienſten ſteht. In den Naturwiſſenſchaften regt es ſich wunderbar. Du kennſt meine eigenen ſchwachen Verſuche in dieſem Gebiete. Aber ich ſage dir, es wird aus den Naturwiſſenſchaften eine Umwälzung für die geſammte Menſchheit erwachſen. Wer hat nicht die Sucht der Alchymiſten ver⸗ ſpottet, künſtlich Gold zu erzeugen! Und ſiehe, unter den Verſuchen, Gold machen zu können, hat man das Porzellan gefunden. Drüben jenſeits der Alpen, im kalten, deutſchen Norden, im Lande Meißen, glaub' ich, ſchaffen ſie in einer neuen Miſchung von Gypſen und Erden einen neuen Stoff, den ſie in China ſchon vor Jahrhunderten kannten, aber geheim hielten. Ich ſage dir mehr! Ich nenne dir im Lande jenſeits des Oceans, im fernen Weſten, wo Alles wie Em⸗ pörung gegen die Geſetze des Menſchenlebens ſich geſtaltet, ein Zuſtand der Auflöſung, Republik genannt, ſich entwickelt,— ich nenne dir einen ketzeriſchen Mann, Benjamin Franklin! Er hat an einem Spiel⸗ zeug der Buben, an einem im Winde aufſteigenden Drachen, die Geheimniſſe der Elektricität entdeckt. Dieſe Geheimkunde wird uns den Blitz lenken lehren, und der mit Frevlerhand den Königen das Scepter entwindet, er wird dem unberechenbaren Zorn des Himmels, wie wir ſagen, dem Blitz, der über uns herzuckt, ſeine Bahnen weiſen! Staunen wir und forſchen, mein Sohn! Und daß wir nur, will ſich uns der Schvoß der Natur mit neuen, ungeahnten Kräften erſchließen, Alles zur wahren Ehre Gottes anwenden! Die Auf⸗ klärung geht leiſen, geheimen, aber ſicheren Schrittes durch die Menſchen⸗ welt! Sei wachſam, mein Sohn, und im Stillen ein Genoſſe Derer, die für ſie wirken, auch wo ſie noch im Verborgenen bleiben! Ich grüße dich als angehenden Bruder des verſchwiegenen Bundes freier Denker!“ ottes teien. rden, und fün⸗ rifte aber der ſteht. neine r, es mnte ver⸗ chen, üben ßen, und erten ir in En⸗ ſtand e dir piel⸗ die uns das nels, hnen nul, ften Auf⸗ ſchel⸗ Nerel, freier — 451— Ich meinestheils begriff bei Allem nur nicht, weshalb ich erſt Jeſuit werden ſollte, um Freimaurer zu ſein. Aber ich verſchwieg ihm das; ich war damit vielleicht ſchon reif zum Sodalen der Ge⸗ ſellſchaft, deren Grundſatz iſt: Nicht Alles für Alle! Um dieſe Zeit trat eines Tages Pater Uberto, unſer Caplan, zu mir in mein Gemach, ungemeldet, ungerufen. Ich hatte alle Be⸗ gegnung mit ihm vermieden, ich war der Sphäre des Mannes weit entrückt. Er ſah milder aus als gewöhnlich; mich rührte faſt die hagere Geſtalt mit den unfruchtbar düſteren Blicken des tief gehöhlten Augenpaars, das Gott nur in den Schrecken des Todes zu ſuchen ſchien. Der Ton ſeiner Stimme war unſicher und ſchüchtern. Es ſchien ein Friedensamt zu ſein, das er übernommen; und doch lauerte in ihm der Geiſt eines Torquemada, jenes Beichtigers und Ketzer⸗ richters ſondergleichen. „Ihr entzieht Euch den Eurigen, Signor,“ ſagte Uberto mit ſo viel Ruhe, als ihm möglich war.„Man muß Euch mit Gewalt aufſuchen, Ihr ſeid leidend!“ Ich mochte nicht ſo hülfsbedürftig erſcheinen.„Gönnt mir dieſe Einkehr, dieſe Einſamkeit,“ ſagte ich,„ich gebe damit kein Aergerniß. Ich hoffe mich in meinem Unglück zurecht zu finden; mehr vermag der Menſch nicht. Ihr ſeid ein Mönch. Wird der Laie nicht Gnade vor Euch finden, wenn er ſich von der Welt zurückzieht? Ich bin ja faſt zum Kloſterbruder reif! Ich würde in einen geiſtlichen Orden treten, wenn mein Zeitliches und das Intereſſe meiner Familie ge⸗ ordnet wäre,— und wenn ich unter den Orden, die ich kenne, eine Wahl zu treffen wüßte!“ ſetzte ich zögernd hinzu. Uberto ſah mich ungewiß an.„Signor,“ ſagte er,„ich kenne nicht Eueres erlauchten Vaters Anſicht über ſolchen ihm ganz neuen Entſchluß. Ich weiß auch nicht, ob die Weltweisheit, der Ihr hul⸗ digt, Euch vor der Welt und ihren Verſuchungen ſicherſtellt. Ich beklage nur, daß Ihr Euch von unſerer Gemeinſchaft ausſchließt. Ihr entzieht Euch ſelbſt dem heiligen Dienſte, den wir der Verſtor⸗ benen halten!“ „Mormona ſteht vor Gott,“ ſagte ich,„er wird ihr ein gnädiger Richter ſein.“ 20 — „Amen!“ ſprach der Prieſter.„Was Anderes bezweckt unſer Gebet, als die Erlöſung und Begnadigung der Todten? Wir ent⸗ behren nur Euerer Theilnahme, wenn wir für ſie beten.“ „Ich bete lieber für die Lebendigen,“ ſagte ich,„ſie bedürfen deſſen weit mehr.“ „Signor, wir beten auch für Euch und Euer Seelenwohl!“ „So thut, was Eueres Amtes iſt und laßt mich meinem Gotte dienen, wie ich kann und mag.“ Ich war aufgeſtanden, um damit die Unterredung zu beenden; ich fühlte zu wohl, welche Kluft mich von dem Manne trennte. Der Dominicaner blieb ſitzen und ſah mich ruhig an.„Euer Schmerz iſt gerecht,“ ſagte er,„ich würde ihn nicht tadeln, auch wenn er ſich ſtürmiſcher äußerte. Aber Ihr thut nicht gut, den Zwie⸗ ſpalt feſtzuhalten, wo doch Alles, nachdem der Himmel entſchieden hat, ſich wieder zur Eintracht des Hauſes wenden könnte. Euer erlauchter Vater meint—“ „Sprecht in Euerem eigenen Namen, Uberto!“ ſagte ich,„mein Vater iſt nur Euer Echo.“ „Wie meint Ihr, Signor?“ „Ich meine, daß Ihr es ſeid, der das Gemüth meines Vaters gefangen hält. Ihr beherrſcht ſeinen Glauben, und Euere Vor⸗ ſtellungen ſind düſter und unverſöhnlich.“ „Nicht meine Vorſtellungen, Signor, die Wahrheiten der Religion erfüllen die Gedanken Eueres Vaters. Ihr haltet mich für die Urſache des Zwieſpaltes, und ich war es doch, der die im Widerwillen gegen die Segnungen der Kirche Geſtorbene nicht öffentlich ausſtieß aus der Gemeinſchaft der Seligen und Gläubigen!“ „O mein Gott!“ dacht' ich ſtill für mich,„muß ich mit dem Dominicaner über eine unbefleckte, reine Seele rechten!“ „Ich war es,“ fuhr Uberto fort,„der ſie auch im Leben ſchon freiſprach, ſelbſt wenn ſich ein ſündhaftes Gelüſt in ihr Gemüth drängte. Sie hat, als ich ihr den Leib des Herrn reichte, auch vom Kelche verlangt!“ „Ein kindiſcher Wunſch von ihr,“ ſagt' ich,„in der Zeit, wo ſie ſich Mutter fühlte, nicht ganz zurechnungsfähig war! Und ein Beichtgeheimniß, Caplan! Wahret Euere Zunge!“ nſet ent⸗ rfen otte den; uer enn vie⸗ den uer ein ion che us em on ith om ein „Ich verletze es,“ ſagte Uberto, weil mich hier Niemand hört, als Gott und Der, welcher vielleicht Theil hat an dem Irrglauben der Geſtorbenen. Euer Weib ſtarb im Widerwillen gegen die Gnadenmittel der Kirche. Es war noch ein Reſt des waldenſiſchen Ketzerthums in ihr, und Ihr, Graf Giuſeppe, ſeid mitſchuldig an dieſer Sünde. Ihr habt die Seele Eueres Weibes nicht gehütet, wie Ihr ſolltet, Ihr habt Theil an dieſem Ketzerthum.“ „Ich will den Glauben der Köhler und Hirten in den Bergen nicht vertreten,“ ſagt' ich ruhig,„aber ich will nicht dulden, daß man ſie für verdammt hält, weil ihre Prieſter ihnen vom Kelche einen Tropfen bieten. Gilt Euch denn Ketzerthum und Heidenthum gleich viel? Nahm nicht Chriſtus ſelbſt den Kelch, dankete, reichte ihn den Seinigen und ſprach: Nehmet und trinket Alle daraus, denn dieſes iſt mein Blut!— Und wer den Leib iſſet, empfängt der nicht auch vom Blut? Wie könnt Ihr, weiſer Mann, wenn Ihr es ehrlich nehmt, Beides trennen? Wie kann es einen Leib geben ohne das Blut, das in ſeinen Adern rinnt?“ „Ihr ſeid in den witzigen Philoſophien der Abgefallenen ſehr beleſen, Signor,“ ſagte der Dominicaner. „Philoſophie!“ ſagte ich.„Auch das gilt Euch gleich mit Ketzer⸗ thum und Heidenthum! Aber die Worte der Bibel werden die Satzungen der Menſchen überdauern. Auch die Prieſterehe bei den Ketzern geſtattet die Bibel; Petrus war beweibt!“ Uberto war aufgeſtanden und reckte ſeine ganze dürre Geſtalt in die Höhe. Sein finſteres Auge blitzte unter den buſchigen Brauen; aber dieſem Blitze fehlte zum vollen Bannſtrahl der Donner des Wortes, das ihm im Streite mit der Aufklärung des Jahrhunderts verſagt zu ſein ſchien.„Ihr entzieht Euch,“ ſagte er kalt und tonlos, „wohl nur deshalb dem heiligen Dienſt, weil Ihr den Glauben der Kirche nicht mehr theilt?“ „Unſere Unterredung wird zu einem Inquiſitionsverhör. Seid ihr ein Ketzerrichter?“ gab ich ihm als Frage zurück. „Ihr meint, weil mein Orden das heilige Amt verwaltet! Ich ſitze nicht mit zu Gericht,“ ſagte er ruhig. „Nun denn, ſo ſtehe ich Euch Rede, Caplan. Nehmt mein Be⸗ kenntniß als Beichte, von der Ihr nicht weiter reden dürft. Ich 4 theile nicht den Glauben der Waldenſer, denn er ſtützt ſich auf die Bedürfniſſe von Naturkindern, hat mit ſeiner Einfalt wohl nur in den Höhlen und Schluchten Geltung, in die ſich das Unglück vor der blutigen Verfolgung geflüchtet hat. Ich theile nicht ſeine Irrthümer, die er im Haß gegen die Welt trotzig feſthält, aber ich halte ihn eben ſo gut für ein Chriſtenthum, als manche andere Lehre, die ſich die ausſchließliche und alleinſeligmachende nennt. Der Waldenſer hat keinen Meßdienſt, weil er glaubt, Chriſtus habe ein für alle Mal mit ſeinem Opfer die Verſöhnung geſtiftet. Seinen Nächſten lieben, ſagt der Waldenſer mit dem Worte des Apoſtels, iſt beſſer als alles Brand⸗ und Schlachtopfer! Die Liebe aber, die die Religion des Ketzers gebietet, machen wir ihm unmöglich, denn wir haben ihn mit Feuer und Schwert verfolgt. Unſere Grauſamkeit iſt Schuld, daß es auf Erden wenig Chriſtenthum gibt.“ Uberto war bleich geworden, ſeine Lippen zitterten.„Die Waldenſer,“ ſagte er mit halb erſtickter Stimme,„verſchmähen die Geheimniſſe unſerer Religion, verſchmähen die Anbetung des Kreuzes, die Anbetung der Mutter Gottes.“ „Sie vergeſſen nicht über der Mutter den Sohn, der unſer Aller Herr und Meiſter iſt! Als man zu Jeſu kam und ſprach: Rabbi, draußen ſind deine Mutter und deine Brüder! Da entgegnete er: Wen nennt Ihr meine Mutter und meine Brüder! Und ſiehe, er ſtreckte die Hand aus über ſeine Gemeinde und ſprach: Dies ſind meine Mutter und meine Brüder! Gehet hin und thuet desgleichen! Was Ihr dem Geringſten unter ihnen thut, das thut Ihr mir!— Wer danach lebt, Prieſter des Herrn, der dient Gott dem Herrn!“ Ich hatte im Eifer meiner Worte nicht wahrgenommen, welche Wirkungen ich in Uberto hervorrief. Er war in den Seſſel zurück⸗ geſunken; die Geſtalt des athletiſchen Mannes lag wie ein Rohr ge⸗ knickt vor mir. Fühlte er ſich von ſeiner lebenslänglich geträumten Sicherheit und Höhe ſo plötzlich herabgeſtürzt? Er ſchien keiner Be⸗ wegung, keines Wortes mehr mächtig. Wie ich ſeine Hand ergriff, zuckte er heftig zuſammen und raffte ſich auf. „Wir haben hier ſtreitige Dogmen berührt,“ ſagte ich im Tone der Verſöhnung und des ſchmerzlichen Mitgefühls.„Sind wir nicht einig, ſo haltet dem Laien zu gut, was nach Euerer Meinung Irr⸗ thum iſt. Es kam mir nur darauf an, Euch daran zu erinnern, daß die Waldenſer in den Bergen trotz der Verſchiedenheit ihres Glaubens doch noch immer Chriſten ſind. Ihr ſcheint ſie für Heiden zu halten.“ Uberto hatte ſich geſammelt und blickte mit düſterem Stolz auf mich herab. „Ketzer ſind ſchlimmer als Heiden!“ rief er mit dem dumpfen, hohlen Ton ſeiner Stimme,„Ketzer niſten ſich mitten im Schooße des Chriſtenthums ein, ſie verkehren die Geheimniſſe der Religion durch die Trugſchlüſſe ihrer ſophiſtiſchen Klügelei in Wahnſinn. Darum trifft ſie weit mehr als die Heiden der Fluch, den die Nachtmahls⸗ bulle am Grünen Donnerſtag vom Vatican auf ſie ſchleudert.“ Der Dominicaner hatte ſich, wo er den Streit der Mei⸗ nungen nicht ausfechten konnte, raſch auf die Schrecken ſeiner Ge⸗ waltherrſchaft beſonnen; der Trotz der alten Sicherheit ſaß wieder in ihm feſt. „Ich weiß,“ ſagte ich,„daß man noch immer die Ketzer verflucht. Es iſt nicht die einzige Barbarei alter Jahrhunderte, die in uns ſitzen geblieben. Liebet Euere Feinde, thut wohl Denen, die Euch fluchen! Das wäre chriſtlicher, als ſolch' Chriſtenthum!“ „Signor Giuſeppe,“ ſagte der Caplan mit unterdrückter Stimme, „ſoll das Euere Beichte ſein?“ „Nicht das, Pater Uberto,“ entgegnete ich ruhig und gelaſſen, „ich hatte Euch nicht zur Beichte gerufen.“ „Ich wüßte auch für Euch keine Sühne im Himmel und auf Erden!“ ſtöhnte er mühſam,„der Geiſt des Waldenſerthums geht in Euch um!“ „Ich danke Euch für die Offenheit,“ ſagte ich ohne Bitterkeit. „Pater Euſebio im Collegium zu Genua denkt milder; er verflucht nicht, wo er nicht widerlegen kann.“ „Die Herren von der Geſellſchaft clauſuliren ſtets ſehr fein nach der Weisheit ihrer Kathederlehre!“ ſagte Uberto mit dem ganzen Groll und Neid, den beide Orden gegen einander hegen. Sein„Gott ſei mit Euch!“ klang wie das Gegentheil. Er wankte, ſeiner kaum mächtig, zur Thür hinaus. — 456— Wie ich an's Fenſter trat, ſah ich ihn wie den Schatten eines Dämons nach den Zimmern meines Vaters hinüberwanken. Es ward mir ſchwül im Zimmer, ich eilte hinaus in die Freiheit der Berge. Achtes Rapitel. D ed Es war ſpät Abends,als ich von meiner Streiferei durch's Ge⸗ birge heimkehrte. Am Saume des Waldes, ſchußweit vom Hofthor des Schloſſes, ward ich plötzlich von einem Rudel wilder Burſche um⸗ ringt. Mit Knütteln und Meſſern bewaffnet, ſchloſſen ſie den Kreis um mich her, ſo raſch und eng, daß meine Büchſe zur Gegenwehr untauglich wurde. Ich zog den Fänger und ſtand des Angriffs ge⸗ wärtig. Da ſie ſtutzten, ſtieg meine Entſchloſſenheit.„Seid Ihr Räuber,“ rief ich,„ſo thätet Ihr beſſer, im Gebirge Euerer Beute aufzulauern, als hier, wo auf meinen Ruf Hülfe herbeieilt. Wer ein ehrlicher Burſche iſt, ſtrecke ſeine Waffe, ſo wie ich!“ Ich that, wie ich ſagte; ſie ſteckten die Meſſer zögernd ein. Mehrere traten murmelnd zuſammen. Wie ich nach ihrem Begehr fragte, riefen ſie wild durcheinander:„Gebt den Gefangenen frei!“— Ich fragte erſtaunt, wen ſie meinten.—„Den Pirrho!“ hieß es,„er war zur See, kam aber heim, trieb ſich um in La Torre und Santa Maria verſchwand aber plötzlich wieder!“— Es war ein Leichtes, den Ge— ſellen begreiflich zu machen, wie ich dem Bruder meines Weibes ſehn⸗ ſüchtig nachgeforſcht in Berg und Wald und nirgends eine Spur von ihm gefunden.„Ich ſetze,“ ſagt' ich,„einen anſehnlichen Preis für Den, der mir dazu verhilft!“ Inzwiſchen war Lärm im Hofe geworden, die Pforte knarrte in ihren Angeln, die Wächter riefen ſich an, Diener und Jäger traten zuſammen und die Rüden wurden losgelaſſen. Ein gellender Pfiff, und das Rudel Burſche war im Gebüſch verſchwunden. Ich hielt die Knechte und Hunde vom Streifzuge zurück. Die Leute erzählten, wie ſchon ſeit einigen Nächten verdächtiges Geſindel aus den Bergen das Schloß umſtreife. Ich ſuchte den Eifer der Verfolgung zu be⸗ ines iheit if, ielt en, en be⸗ — ſchwichtigen, empfahl friedliche Anſprache und erklärte das Begehren der Leute. Ich hörte zu meiner Beruhigung, daß ſeit lange weder ein Wilddieb, noch ſonſt ein Umſchweifer im Schloß gefangen ge⸗ halten werde. Der Hausmeier ſchlich mir nach auf mein Zimmer, Furcht und Beſorgniß auf dem Herzen.„Herr,“ ſagte er,„es regt ſich wieder in den Bergen, und hier bei uns geht der Geiſt der alten Walden⸗ ſerin um, eine Geſtalt im grauen Mantel; man hat ſie durch den Olivenhain ſchreiten ſehen, um die Waldcapelle am Grabe der Ent⸗ ſchlafenen.“ „An der Gruft Mormona's, ihrer letzten Enkelin?“ fragt' ich. „Ich ſage Euch, wenn es ein Geiſt aus den Bergen iſt, ſo iſt's ein guter Geiſt!“ Der Furchtſame machte ſtill ein Kreuz und ſchlich um mich her⸗ um, als thäte ihm das mir gegenüber noth. Ich äußerte meinen Entſchluß, in der Capelle zu wachen. Er war willig, mir Geſell⸗ ſchaft zu leiſten; er war Soldat geweſen.— Wie wir gegen die zwölfte Stunde aufbrachen, hatte er ſich mit Waffen verſehen und Wachen im Hinterhalt des Oelwaldes beſtellt. Auch mit Kreuz und Amulett war er wohlverwahrt gegen Anfechtungen des Böſen. An den Wänden der kleinen Waldcapelle lief Epheu hinauf, Ulmen beſchatteten das Dach; mühſam wand ſich die Spitze des Thürmchens durch die Umarmung der Zweige. Wie wir eintraten, umfing uns die Kühle der Gruft. Fünf Stufen führten hinunter an den offenen Platz, wo der Sarg ſtand. Dort lag mein Weib, eine bleiche Alpenroſe, in Balſam gebadet, ein Bild des Schlafes, der vom Tode träumt; ſilberne Sterne und Immortellen um die Schläfe, eine Krone im Haar, blitzendes Geſchmeide über ihren Leib geſäet, auf Stirn und Lippen aber jenes ſtille Lächeln, das über allen Pomp der Erde triumphirt. Das Kreuz hing ſchwer über ihr zu Häupten, das Kreuz, an dem dieſe Roſe verblutete; das Wappen des Hauſes war der Erbfluch unſeres Schickſals. Die kleine Ampel warf vom Gewölbe herab einen bläulichen Schimmer auf ihr Antlitz; es war ſo ſtill im Raume, als wenn die Todte auf den Ruf der Auferſtehung lauſchte. Man hatte ihr die Hände ineinander gefaltet, ſie hatte ausſehen müſſen, als hieße ſie all' das Treiben der Men⸗ —— 458— ſchen gut. Freilich hatten die Menſchen ſie erſt zum Schweigen ge⸗ bracht. Die holde Stirn, auf der die Götter der Heiterkeit gethront, konnte nicht mehr zürnen; dieſe eingefallenen Wangen hob nicht mehr die Welle des fröhlichen Blutes, und das Lächeln der Lippe, mit dem man ſie begrub, mußte ſich auch bald genug in den tiefen Win⸗ keln des Mundes verkriechen. Dies Auge mit all' dem Zauberglanz des Lebens, in der ſpieleriſchen Unſchuld ſüßer, lockender Harmloſigkeit, war in ſeine Höhlen verſunken. O mein Gott, warum muß das Leben erſt eingeſargt ſein, wenn es die Menſchen heilig halten ſollen? Es muß gemartert und getödtet werden, damit die Welt es in Reue und Zerknirſchung erkennt. Ach ihr Blinden! Auch Chriſtus mußte erſt von hinnen gehen, damit ihr ihn in ſeiner Herrlichkeit er⸗ kennen lerntet! Das Licht der Ampel flatterte auf; im bleichen Schein der über das Angeſicht der Todten zitterte, war es mir, als wenn die Geliebte mir aus dem fernen Jenſeits ihren Gruß, ihr Ja und Amen her⸗ überwinkte. Der Wind ſchüttelte draußen die Oliven, an den Fen⸗ ſtern der Capelle liefen flüſternde Stimmen auf und nieder, als wollte die Natur mit einſtimmen in meine Klagen über die verworrene Menſchenwelt, die ein Gott zur Freude ſchuf und die die Creatur in ihrem Wahne verwüſtet. Ich lehnte den Sargdeckel über die Schlafende zurück und ſchlich bei Seite in den Schatten, wo der Hausmeier lauſchend ſtand. Er hatte die Thüre verriegelt, es waren Tritte von draußen hörbar ge⸗ worden. Ein Griff verrieth jetzt den vergeblichen Verſuch zum Ein⸗ tritt. Ich war der Meinung, Niemanden den Weg zu ſperren. Der Hausmeier hielt mich ab zu öffnen„Geiſter,“ ſagte er,„finden von ſelbſt die Bahn.“—„Wohl wahr, aber nicht Menſchen!“— In dem Augenblicke ward es am Fenſter dicht hinter dem Altar le⸗ bendig. Eine Ulme ragte draußen hinauf; die heftig geſchüttelten Zweige verriethen, daß ſie als Mittel diente, den Eingang auf un⸗ gewöhnlichem Wege zu erzwingen. Mit einem Sprunge ſtand im Fenſterſims eine dunkle Geſtalt, ſchob mit keckem Griff den Flügel zurück und drängte ſich durch die Oeffnung der zerſplitterten Schei⸗ ben. Der Mantel ſank von den Schultern herab, ein zweiter Sprung verhalf dem Eindringling auf die Platte des Altars; die Leuchter — 459— und Gefäße flogen klirrend auseinander und ftürzten lärmend zu Boden. Der böſe Geiſt der ſehr leiblichen Erſcheinung tappte an der heiligen Stätte hin und her und ſtand wohlbehalten unten. Wir lauſchten hinter dem Pfeiler gegenüber, als er in das Licht der Ampel trat. Es war Pirrho. Der Bruder der Entſchlafenen war der arme Geiſt, der vielleicht ſchon mehrere Nächte umging und den Eintritt ſich endlich ertrotzte. Er blickte ſcheu und wild um ſich, rieb die Augen, die Stirn und ſchüttelte das ſtruppige Haar, als wollte er ſich auf Vergangenes und Gegenwärtiges beſinnen. Er ſah ſo ernſt und blaß aus, als wär' er hier in der Halle des Todes der rechte Gaſt. Wie er den Deckel des Sarges zurückſchlug, drang ſein lauter Schrei von der Gruft herauf gellend durch die Wölbung. Er war in den Schmerz des Anblicks ſo verſunken, daß er nicht wahrnahm, wie ich an den Stufen ſchon hinter ihm ſtand. Zitternd, mit leiſem Fingerdruck berührte er die Hand, die Wange der Todten, als wollte er ſich überzeugen, wie feſt ſie ſchliefe. Dann zog er äus dem Buſen einen Strauß, lüftete ſanft das Ruhekiſſen und ſteckte die Blumen unter ihr Haupt. Es iſt eine Sitte, ein Lieblingswunſch der Kinder in den Bergen: ſie ruhen gern auf Moos und Alpenroſen. Kein lautes Wort, nur das Schluchzen ſeiner Stimme begleitete dieſen ſtillen Liebesdienſt. Aber immer höher ſchlug die Woge des Schmerzes in ſeiner Bruſt, immer heftiger ward die Be— wegung ſeiner Arme; mit einem lauten Ausbruch ſank er plötzlich hinterrücks zu Boden. Ich ſprang hinzu, ich richtete ſein Haupt, das ſich auf den ſteinernen Stufen zu zerſchlagen drohte, in die Höhe. Ich blickte ihm in die ſchrägen Augen, die mich verwirrt anſtarrten. Die Züge ſeines Geſichtes zuckten wild auf, ſeine Hände griffen krampfhaft an meine Bruſt; dann ſtieß er mich mit der Gewalt des wilden Thieres der Wüſte von ſich, ſprang die Stufen hinauf und ſtand oben wie zur Gegenwehr bereit. „Pirrho!“ rief ich,„erkennſt du mich nicht?“ „Wie ſollt' ich Euch nicht kennen, Giuſeppe La Torre!“ ſchrie er laut herunter.„Erkennt man Euch doch an Eueren Thaten! Da liegt das Opfer Euerer Zärtlichkeit, das Opfer Euerer liebe⸗ vollen und prieſterlichen Pflege! Habt Ihr ſie nun doch endlich an's — 460— Kreuz geſchlagen, heimlich zu Tode geräuchert mit Ambra und Myrrhen?“ „Verblendeter!“ rief ich,„halt ein, welch' ein Wahnwitz hat deine Sinne befallen!“ „Graf La Torre!“ ſchrie er, die Rechte ausſtreckend,„ich habe Euch ein Mal nach dem Leben getrachtet, dort in der Waldſchlucht ſchoß ich Euch zuſammen. Daß Ihr wieder aufkamt, war nicht mein Verdienſt; ich wollte Euer Mörder ſein. Jetzt habt Ihr mir ver⸗ golten. Leben für Leben, Tod für Tod! Ich denke, wir ſind guitt, und der Sohn der Berge iſt Euch Nichts mehr ſchuldig. Zahn um Zahn alſo! Meine Kugel hat wieder ein gerechtes Ziel!“ Ich war auf ihn zugeſtürzt, hielt mit beiden Armen ſeinen Leib umſchlungen und preßte mit Gewalt ſeine Bruſt an mich, trotz aller Gegenverſuche, ſich mir zu entwinden. Ich ſchrie ihm in's Ohr, wel⸗ cher gottloſen Läſterung er ſich ſchuldig mache, ich rief den Geiſt der Entſchlafenen zum Zeugen auf, um ihn Lügen zu ſtrafen. Ich erzählte ihm von Mormona's Leiden und Tod, von meinem Gelübde, den Waldenſern und ihren unterdrückten Genoſſen in Nah und Fern mein Leben zu widmen. Ich beſchwor ihn, ſeine Gedanken und ſein um⸗ ſchweifendes Leben zu ordnen, bei mir zu bleiben und Theil zu nehmen an dem, was ich im Sinne der Geliebten zur Aufgabe meines Lebens gemacht. Es ſchien mir zu gelingen, ſeine Aufregung zu unterdrücken; die Macht der Wahrheit überwand den Dämon ſeines Wahnes. Er gab ſich ſtill mir hin und weinte bitterlich wie ein Kind.— Er hatte ſich in Genua umhergetrieben, ſich für den Seedienſt der Re⸗ publik gegen Corſica werben laſſen. Ein Sturm warf das Schiff nach langer Irrfahrt an die franzöſiſche Küſte, und halb verhungert rettete ſich die Mannſchaft nach Marſeille und wanderte dann nach Genua zurück. Dort hörte er die Ereigniſſe guf Santa Maria. Sein Schmerz hatte ſich mit dem Argwohne vergiftet, Mormona ſei gewaltſamen Todes geſtorben. Wir ſaßen erſchöpft und betäubt auf den Stufen der Gruft. Ich hatte nicht bemerkt, daß mein Begleiter davon geſchlichen war. Ein Lärm vor der Thür ſcheuchte uns auf. Mehrere flüſternde Stimmen begegneten ſich; Geräuſch von Waffen klang zwiſchen durch. wi ſn w w m B die be und hat habe lucht nein ver⸗ itt, un Leib aller wel⸗ det ählte den mein um⸗ men bens en; Er Re⸗ gert noch gria. ſei nft⸗ wal⸗ ende u — 461— Die Thür öffnete ſich; eine Schaar bewaffneter Diener hielt im Halbkreis vor der Capelle. Der Hausmeier hatte, von der heftigen Begegnung mit Pirrho erſchreckt, die Hülfe herbeigerufen. Chorkna⸗ ben, die Fackeln und Weihbecken neben dem Troß der Diener hielten, ließen darauf deuten, daß man ſich zugleich gegen einen böſen Geiſt gerüſtet. Pirrho ſprang erſchreckt hinter den Pfeiler in's Dunkel. Wie ich mich anſchickte, dem Haufen entgegen zu treten und ihn an— zureden, ſtand mein Vater mit dem Caplan auf der Schwelle der Thür. „Mein Vater,“ ſagte ich,„ſeid Ihr mit Stangen und Schwer⸗ tern ausgezogen, einen Geiſt zu fangen?“ „Wir wiſſen ſehr wohl,“ war die Antwort,„daß hier ein leben⸗ des Weſen ſeinen Unfug treibt und die Ruhe der Todten mit frechem Einbruch ſtört.“ Ich ſah einem neuen Aufruhr der Leidenſchaften entgegen, als die Bewaffneten Miene machten, auf den Wink meines Vaters ein⸗ zutreten. „Haltet ein!“ rief ich,„entweihet nicht die Stätte des Friedens! Der Bruder hat am Grabe der Schweſter gekniet. Wer will ihm den Liebesdienſt wehren?“ Der Caplan war in die Gruft hinabgeſtiegen und holte unter dem Ruhekiſſen der Schlafenden die Blumen hervor, die Pirrho's Hand ihr dargebracht. „Die Hand des Ketzers hat ein chriſtliches Grab entweihet!“ ſagte der Prieſter. „Er hat dem Glauben ſeiner Väter gehuldigt,“ rief ich,„wie wir es gethan, als wir die Geſtorbene nach unſerem Brauche be— ſtatteten.“ „Richter des heiligen Amtes mögen entſcheiden, ob hier gefrevelt wurde!“ ſagte mein Vater mit dumpfem Ton, indem er Uberto winkte. Ich hatte Pirrho aus dem Verſteck hervorgezogen; Hand in Hand mit ihm trat ich vor und ſtreckte den Arm aus zur Abwehr.„Mein Vater,“ ſagte ich,„ich hafte für ihn, ich bürge für ſeine gute Abſicht, die ihn hergeführt.“ „Vielleicht übernimmſt du auch die Bürgſchaft für ſeinen Glau⸗ ben?“ ſagte mein Vater mit der ganzen Bitterkeit ſeines Grolls. Vor dem Anblick des dunklen Zornes in ſeinem Antlitz hatte ſich Pirrho raſch meinen Händen entwunden. Der Ausgang war beſetzt; ſo ſuchte er ihn, wo er den Eingang gefunden. Der Schwung ſeines elaſtiſchen Körpers half ihm mit einigen Sätzen zum Altar hinauf; mit der Leichtigkeit der Tigerkatze ſtand er mit einem Fuße auf dem Sims des Fenſters und hielt den Flügel mit der einen Hand unfaßt, während er die andere geballt gegen uns ausſtreckte. Dies Alles war das Ergebniß weniger Augenblicke, während die Diener ihn unbeweglich anſtarrten. Niemand wagte Hand an ihn zu legen; noch ſtand er oben auf der Brüſtung.„Fluch Allen,“ ſchrie er mit wildem Grimm,„die das Unglück über die Welt bringen! Fluch Euerem Todtendienſt! Fluch den Mördern Mor⸗ mona's!“ Der Fixus auf dem Altar am Kreuz zitterte unter den Tritten ſeines Fußes, die Gefäße im Allerheiligſten klirrten gellend aneinan⸗ der, wie er ſich jetzt hinaus ſchwang, und der Ulmenbaum, in deſſen Laubwerk er griff, ſeine Zweige gegen die Fenſter ſchleuderte. Ein lauter Schrei des Entſetzens entfuhr den Anweſenden. Der Baum neigte tief ſeine Krone und warf ſie dann rauſchend wieder in die Höhe. Wir hörten einen dumpfen Fall; Pirrho's kreiſchende Stimme klang grell dazwiſchen. Er war draußen den aufgeſtellten Wächtern in die Hände gefallen. „Gewalt gegen Gewalt!“ ſagte ich und blickte vorwurfsvoll meinen Vater an.„Wer trägt hier die erſte Schuld? Der Wal⸗ denſer kam in Frieden. Ihr behandelt ihn als Frevler und erſt Euere Grauſamkeit zwingt ihn, es zu ſein.“ „Wer mit ihm im Bunde iſt,“ ſagte mein Vater,„wahre ſeine eigene Seele!“ „Vater,“ rief ich,„habt Ihr noch nicht an dieſem Opfer genug?“— Ich hatte ihn zur Gruft gedrängt und wies auf mein ſchlummerndes Weib. Er ſchüttelte meine Hand von ſich, wie ich ihn ergriff. Er wechſelte mit dem Caplan ſchweigende Blicke; ſie ſchienen ſich zu verſtehen, wie man ſich über einen Sinnloſen ver⸗ ſtändigt, an den man keine Widerrede mehr verſchwendet.„Vater,“ flüſterte ich ihm zu,„Ihr werdet dieſen Prieſter nicht zu Gericht ſitzen laſſen über Mormona's Bruder!“ hatte war ung Altar Fuße einen eckte. die ihn len,“ Welt Mor⸗ itten nan⸗ eſſen Ein gaum n die imme htern Svoll Val⸗ ut ſeine yftet mein e ic ſie e un“ ericht — 463— „Vielleicht biſt du ſelbſt ſchon reif für den Spruch des heiligen Amtes,“ ſagte mein Vater in der ungewiſſen Haſt ſeiner zitternden Angſt.„Der Geiſt der Berge iſt über dich gekommen!“ Er bedeckte mit beiden Händen ſein Geſicht. Der Dominicaner ſah ſtarr und finſter auf mich hin. „Wer will mein Ankläger ſein bei'm heiligen Amte?“ fragt' ich ihn dreiſt und ſicher. „Das heilige Officium wartet auf den Kläger nicht,“ ſagte Pa⸗ ter Uberto,„es handelt aus eigenem Antriebe im Namen Gottes!“ „Wann wird der Fluch meines Hauſes enden!“ rief mein Vater ſchmerzlich und wankte zur Capelle hinaus; der Prieſter und das geſammte Gefolge ſchlich hinter ihm drein. Ich ſtand allein an der entweihten Stätte des Friedens. Der Schein der Fackeln lief draußen an den Fenſtern der Capelle hin; der Lärm der bewaffneten Diener, welche Pirrho fortſchleppten, ver⸗ klang in die Ferne. „Fluch und immer nur Fluch!“ rief ich,„wann werden die Menſchen anfangen, Segen über ſich auszuſprechen? Die kleine Ampel zu Häupten Mormona's war erloſchen. Die Züge der Todten blickten ſehr ernſt und drohend, als das Mondlicht ſeinen blaſſen Schein durch die Fenſter in die Gruft herunter warf. Ich ſchrieb ſofort über dieſen Veeng nach Genua an Euſe⸗ bio. Er warnte mich, gegen den Dominicaner allzu leidenſchaftlich aufzutreten.„Noch immer,“ ſchrieb er,„iſt von Alters her das Amt der Inquiſition, das Ketzergericht, wie die Cenſur der Bücher in den Händen dieſes Ordens. Nach altem Brauch iſt der Magiſter des heiligen Palaſtes zu Rom, der den Inder der verbotenen Schrif⸗ ten verfertigt und die Literatur der katholiſchen Chriſtenheit über⸗ wacht, noch immer ein Dominicaner.“ Nicht durch Geſetze, nur durch die Klugheit, wo nicht durch die Humanität des Jahrhunderts, ſchrieb Euſebio, ſei die Macht die⸗ ſes Ordens gelähmt. Aber hier und da habe er noch ſeinen Sitz an kleinen Höfen, auf verwitterten Burgen und abgelegenen Stätten, während die Politik der großen Höfe, vom Licht der Aufklärung geblen⸗ det und ſchief geleitet, ſich gegen die Geſellſchaft Jeſu wende. Der milde Sinn des heiligen Vaters zu Rom, des gelehrten Benediet, — 464— bürge jedoch dafür, daß die Beichtväter„ohnegleichen“ nicht mehr verderbenbringend wirkten. Mein Entſchluß ſtand feſter als je, die Verbindung mit einem Orden nicht von der Hand zu weiſen, der die lebende Menſchheit und ihren Fortſchritt nicht gänzlich als Sache des böſen Geiſtes ver⸗ warf, wenigſtens Verſuche machte, den nach ſeiner Meinung Verirrten die Hand zu bieten, ſtatt ſie, wie die Dominicaner, zu verdammen. Faſt jeder Orden ſtand damals den Bedürfniſſen des Jahrhunderts ſchroff gegenüber; die Geſellſchaft Jeſu, die zugleich im Beſitz aller Vorrechte ſämmtlicher Prediger- und Bettelorden war, ſchien wenigſtens die Fügſamkeit zu haben, die Forderungen der nach Freiheit ringenden Creatur zu prüfen. Ein edler Mann aus ihrer Mitte bot mir die Hand zum Bunde, während der Dominicaner mich für ſein Ketzerge⸗ richt reif hielt. Ich bedurfte des Schutzes; ich ſchrieb an Euſebio von meiner Willfährigkeit. „Wir haben,“ entgegnete er mir,„unter unſern Mitgliedern eine Claſſe weltlicher Coadjutoren. Dieſe Gehülfen, die ſich zu uns bekennen, ohne das Gelübde der Prieſter abgelegt zu haben, nennen ſich Brüder von der kurzen Robe, weil ſie das lange Gewand zu tragen nicht gehalten ſind. Eben ſo wenig ſind ſie gezwungen, in unſern Profeßhäuſern zu wohnen; ſie erfreuen ſich mannichfacher Dis⸗ venſe von den Regeln des ſtrengen Dienſtes. Wir benutzen ſie be⸗ ſonders für die Miſſionen in den Hauptſtädten proteſtantiſcher Länder. Nur ein Gelübde haſt du als ein ſolches Ordensmitglied abzulegen: das Gelübde des Gehorſams gegen deinen Obern. Dieſer Obere, mein Sohn, will ich ſelber ſein; deine Liebe zu mir wird es dir leicht machen, dich an meinen Willen gefangen zu geben. Kann ich dir nicht in jedem Falle über die Gründe, die mich leiten, Rede ſtehen, ſo ſei doch gewiß, daß dein Wohl und das Heil der nach Erlöſung ſeufzenden Menſchheit mir gleich ſehr am Herzen liegen.“ Eine gleiche reservatio mentalis, einen Vorbehalt in Gedanken, glaubte ich nach dem Beiſpiele meines Lehrers mir ſelbſt einräumen zu dürfen, als ich den Entſchluß faßte, weltlicher Sodale des Ordens zu werden. Waren die Bekenntniſſe Euſebio's ſo elaſtiſcher Natur, daß ſie vielerlei Deutung zuließen, ſo konnte auch ich mir vorbe⸗ halten, gegen allen Zwang meine innere Freiheit zu behaupten. Mich —— — nehr inem hheit ver⸗ rrten men. derts aller ſtens nden die erge⸗ ſebio dern uns — 465— dünkt, ich war damals im guten Sinn zum Schület Loyola's reif. Sofort wurde mein Entſchluß an den General des Ordens berichtet und über meine Zulaſſung berathen. Vor der Hand war ich bereit, nach Rom zu gehen und das Seminar der Miſſionen, jenes Collegium der Propaganda, kennen zu lernen, das ſich die Aufgabe ſtellt, allen Völkern das Heil zu verkünden, aber jedem in ſeiner Weiſe, jedem in ſeiner Sprache, ſo daß am heiligen Dreikönigsfeſte, wie einſt am Pfingſttage, die Kirche Gottes zu Rom in vielerlei Völkerzungen den Herrn verkündigt. Ich glaubte an die Möglichkeit, den Waldenſern den Wiedereintritt in die römiſche Kirche zu vermitteln, ihnen unter römiſchen Formen die Eigenthümlichkeit ihres Glaubens zu ſichern. Es kam Alles darauf an, wie weit die Glaubensfreiheit innerhalb der Kirche möglich wurde, ein Kreis einflußreicher Männer ſich zu⸗ ſammenfand zur Reform des Chriſtenthums in dieſem Sinne. Ueuntes Rapitel. Sancta Mormona. Pirrho ward im Gefängniß mit Schonung behandelt, aber der Zutritt zu ihm blieb mir verſagt. Jeder Verſuch, meinen Vater ver— ſöhnlicher zu ſtimmen, blieb fruchtlos. Um ſo mehr hoffte ich für uns Alle von meinem Entſchluſſe, in den Verband der Geſellſchaft Jeſu zu treten. Noch ein Opfer ſollte fallen: ich wollte dies Opfer ſein; das letzte! wie ich dachte. Ich verſprach mir, mein Vater werde darin eine Sühne finden für den geſtörten Frieden ſeines Hauſes. Da ſtürzte eines Tages der Hausmeier zu mir.„Signor,“ rief er in zitternder Haſt,„unſer Gebet iſt erhört, der Himmel wird uns wieder gnädig ſein, am Grabe der Entſchlafenen hat ſich der Herr offenbart und ein Wunder gethan!“ Er erzählte, ein Gichtbrüchiger habe ſich elend und ſiech herbei⸗ ſchleppen laſſen, habe ſich plötzlich im Anblick der todten Mormona D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 30 ——————— 466 geſtärkt gefühlt und ſei, mit lauter Stimme Loblieder ſingend, ohne Krücken, ohne Stütze frei und aufrecht von dannen gewandelt. Das Volk ziehe jubelnd herbei, das Wunder anzuſtaunen; der Fluch des Hauſes werde ſich nun in Segen verwandeln! Der Hausmeier weinte und lachte hell auf vor Freude. In der Waldcapelle ward auf Anordnung meines Vaters ſchon ſeit längerer Zeit Tag für Tag Meſſe geleſen. Es galt ja noch immer zu tilgen und zu ſühnen, was an der Verſtorbenen unſelig geblieben. Seit der Begegnung mit Pirrho ward der fromme Dienſt verdoppelt, um wie man vorgab, den durch Frevlerhand entweihten Ort zu reinigen. Zur Seelenreinigung kam noch dieſe zweite Buße. Morgens und Abends ging's geſchäftig her in dem noch vor kurzem ſo ſtillen Olivenwald. Schaaren Landvolks von fern und nah zogen herbei, um an den Andachtsübungen theilzuhaben. Es war aber nicht anders als wenn die Capelle zum Wallfahrtsort werden ſollte, zu dem ſich die Zuverſicht der Heilsbedürftigen drängte. Knüpfte der Glaube des Volkes ſchon immer an Santa Maria etwas Ungewöhnliches, ſo war es erklärlich, daß Mormona's Geſchichte von Mund zu Mund ſich immer wunderbarer geſtaltete. Man vergaß, daß ſie im Unfrieden mit der Kirche, ohne Beichte, ohne Nachtmahl geſchieden. Alt und Jung gedachte ihrer Freundlichkeit im Leben, um deretwillen die Heiligen ſelbſt, wenn ſie nicht in aller Form Rechtens geſtorben ſei, wohl ein Einſehen haben würden. Man pries ihren Liebreiz, mit dem ſie Vielen eine wohlthuende Helferin in der Noth, Allen eine Erſcheinung voll Unſchuld und Heiterkeit geweſen. Wenn das eine Ketzerin geweſen, meinten ſelbſt altgläubige Seelen, ſo müßt's Ketzer von Gottes Gnaden geben! Immer ſtärker ward die Zahl der Pilger, der Neugierigen und der Theilnahmvollen, der Mitleidigen und Hülfsbedürftigen. Daraus erwuchs nach und nach in der Meinung des Volks ein feſter Glaube, demjenigen was die Prieſter mit dem Todtendienſt bezweckten, ſchier entgegengeſetzt: der Glaube, hier ruhe ein armes Opfer, das die Menſchen ſich ſelbſt gebracht, eine Auser⸗ wählte, von der die Buffertigen eine Fürbitte im Himmel erflehten. So kehrten ſich im Sinn des Volks Buße und Sühne am Grabe der waldenſiſchen Maria in ihr Gegentheil; die als unſelig Geſtor⸗ „ohne ch des smeier ſchon noch nſelig Dienſt wihten Buße. em ſo erhei, nders ch die des war ſich rieden tund die ſei⸗ nit eine eine der und nung den nhe usel⸗ hten⸗ jube ſor⸗ — bene fing an im Gedächtniß der Leute ſegensreich zu wirken. Die Prieſter vermeinten noch immer einen ungläubigen Geiſt beſchwören zu müſſen, und das Volk ſah die Entſchlafene ſchon als lichten Engel am Throne Gottes. Und jetzt war ein Wunder geſchehen? Die Steine alſo begannen zu predigen, wo die Prieſter ſchwiegen? Ich eilte nach dem Olivenwald. Im grauen Schatten der Bäume flüſterte der Abendwind, das Glöckchen der Waldeapelle rief wie ein verirrtes Lamm nach der Mutterheerde. In dieſen Dämmerungen konnten wohl Wunder geboren werden, Kinder der Phantaſie! Aber noch ein Ungläubiger, ſtand ich im Gewühl der Menge auf dem Platze, den die Ulmen beſchatteten. Die Capelle war erleuchtet, Kerzen brannten an den Stufen der Gruft, der Gichtbrüchige ſtand aufrecht am Altar und überreichte dem Meßner ſeine Krücken, um ſie als Weihgeſchenk und als Andenken an ſeine Heilung aufzuhängen. Jeder der Anweſenden durfte ſich von den geſund gewordenen Gliedern des Mannes überzeugen, das Holz der Krücken, deren er nicht mehr be— durfte, berühren. Zwei weißgekleidete Chorknaben mit Fackeln ſtanden neben ihm wie leuchtende Ausrufungszeichen, die gen Himmel wieſen. Im Schatten des Pfeilers nahm ich unerkannt Alles wahr. Das Auge des Alten blickte in ſtiller Rührung gen Himmel. Er war ein Hirt aus der Umgegend, ein Greis, der ſeit Jahren, von ärztlicher Hülfe aufgegeben, von einer Hütte zur andern mühſam herumkroch, oder den ſtummen Bäumen im Walde ſein Leid klagte. Die durch⸗ furchten Züge des Alten, deſſen Geſicht das plötzliche Gefühl einer freudigen Ueberraſchung erleuchtete, ſahen nicht danach aus, als hätte die Lüge ihren Wohnſitz in ihnen aufgeſchlagen. Dies greiſe Haupt konnte ſich nicht mit einem Betruge im Herzen zur Gruft neigen. Der Herr hat ſich am Schwachen mächtig erwieſen! tönte der Geſang des Chors, ſein Glaube hat ihm geholfen: er ſtand auf und wan⸗ delte!— Der Greis erhob ſich und trat, während das Volk eine Gaſſe vor ihm bildete, an Mormona's Gruft. Hier ſtreckte er noch ein Mal in ſtummem Dankgefühl ſeine Hände aus und weinte laut vor Freude. Ein Jubel rauſchte über die Verſammelten hin. Ich ſchlug an meine Bruſt und ſprach:„Herr, willſt du denen ein Licht anzünden, die den reinen Geiſt der Unſchuld verketzern?“ 30* — 468— Die Orgel beſchloß mit dem Te Deum die feierliche Handlung. Die Menge fing an ſich zu verlaufen, die Capelle wurde leerer, nur hier und da knieten noch einzelne Gruppen. Ich hatte den Hirten nicht außer Augen gelaſſen; mir war, als hätt' ich ihn früher in den Bergen geſehen. Der ganze Bau des Mannes, die ſtarken Schultern, die breite Stirn, die ſtruppige Augenbraue erinnerten an die Menſchen im Gebirge. Mir fiel Pietro, der Ziegenhirt ein, der den Köhlern in der Felſenhalle das Wort Gottes gepredigt; ich rief mir die Verſammlung der Waldenſer zurück, die ich an Pirrho's Seite beſuchte; ich erinnerte mich eines gicht⸗ brüchigen Alten, der im Winkel der Grotte kauerte und ſein ſchmerz⸗ liches Geheul in den Geſang der Brüder miſchte. Bei alledem blieb ich ungewiß. Er ſchritt jetzt nach dem Pfeiler hin, in deſſen Schatten ich lehnte. Zwei Buben boten ihm ihre Hülfe an, aber er lehnte ſie ab, er wollte nicht ſchwach erſcheinen, man ſollte nicht von ihm ſagen, daß die Kraft des Gebetes nicht ausgereicht habe, um der ganzen Gnade des Herrn theilhaftig zu werden. Draußen hatte bei alledem das Volk ein Maulthier bereit, das ihn tragen ſollte. Der Alte ſtand noch immer in der leergewordenen Capelle; er ſuchte noch etwas, er ſchien noch ein Verlangen zu haben. Mir dicht gegenüber ſtand der kleine Beichtſtuhl; der Alte wollte vielleicht ſein Herz noch be— ſonders erleichtern. Wie ich langſam aus dem Dunkel trat und neben dem Stuhl mich nach ihm umblickte, nahm er mich für den Prieſter, der eines Beichtenden gewärtig ſei. Sein blödes Auge täuſchte ihn, er tappte, noch eh' ich ihm wehren konnte, zu mir hin und ſprach: „Ehrwürdiger Herr, darf ich reden? Mich drückt eine geheime Schuld. Wird der Himmel, der ſich an dem Unwürdigen ſo gnädig erwies, mir auch die Sünde vergeben, die meine Seele noch belaſtet?“ „Du biſt ein Waldenſer!“ flüſterte ich ihm in's Ohr. „Herr, ſo wißt Ihr Alles mit einem Male!“ ſagte der Alte und ſank zitternd in ſein Knie.„Denkt nicht ſchlecht deshalb von mir! Ein einfältig Herze findet allerwegen, auch im Gebirge, ſein Ziel. Väter und Vorväter waren ihrem Glauben treu und dachten nie Uebles von Denen, die ſie verfolgten und verfluchten. Ich war viel in den Thälern, übernachtete in den Hütten der Rechtgläubigen, ———————— Mung. „nur war, Bau ppige ietro, Wort wück, gicht⸗ nerz⸗ nich gen, nzen edem Alte was, tand be⸗ und ſter, 3 ach: uld. ies, Alte von ſein hten war gen⸗ wie Ihr Euch nennt, habe auch vom Schloſſe drüben manche Heerde gehütet und bei den Katholiſchen redlich und ehrlich gedient, ich ein Ketzer, wie Ihr ſagt. Die Nothdurft hat mich oft gezwungen, bei Euch in Dienſt zu gehen, und die Noth, lieber Herr, lehrt beten. Da hab' ich denn auch zum böſen Spiel gute Miene gemacht und bin auch in Euere Kirchen gegangen, um nicht verdächtig zu ſein; hab' auch gemeint, es thäte mir nichts, wenn ich in Euere glänzenden Tempel mich eindrängte, das Kreuz ſchlüge und Euere Weiſe mitmachte. Dacht' ich doch bei mir: Der alte Herrgott droben bleibt ſich überall gleich, ſchaut überall in's Herze der Menſchen, ob ſie ſchlicht die Hände falten, wie wir im Gebirge, oder nieder⸗ knieen und über Stirn und Bruſt das Kreuz ſchlagen, wie Ihr. Ich hatte mir Eueren Brauch in den Kirchen abgemerkt, alſo daß mich keiner als Ketzer erkannte. Dem alten Herrgott, meinte ich, könne der kleine Betrug nichts ſchaden, und wenn mich ein M verzeiht!— das Gelüſt peinigte, auch vom Kelche zu trinken, der den Römiſchen verſagt iſt, dann ſchlich ich heimlich hinauf in die Berge und nahm beim Ziegenpietro das Abendmahl in beiderlei Ge⸗ ſtalt. Das that Euch nichts und mir geſchah dann auch kein Abbruch! Sie nannten mich hier unten im Thale einen braven Kerl, weil ich ihre Heerden gut hielt, und ich dachte, ich ſei um deswillen kein ſchlechter Mann, weil ich bald mit den Verdammten, bald mit den Auserwählten hanthierte. So hette ich's Jahrelang getrieben und kein Arg daran gehabt, doch nun— nichts für ungut!— als mich das Weh befiel und niederwarf, dacht' ich doch, es ſei um dieſer meiner Sünde willen. Wenn ich Nächte lang auf meinem Schmer— zenslager wimmerte, meint' ich, es ſei zur Strafe für mein doppel⸗ züngig Weſen, zur Strafe, daß ich im Grunde meines Herzens wal⸗ denſiſch geblieben und in Eueren Capellen den Roſenkranz gedreht. Ich hab' mir lange Zeit mein letztes Stündlein herbeigewünſcht, wenn ich in der Angſt meiner Seele und im Jammer meines Lei⸗ dens keinen Rath und Troſt mehr wußte. Da hörte ich von der waldenſiſchen Maria, die römiſch geworden und doch, wie ſie ſagten, nicht ganz tactfeſt geweſen ſei. Ich hette ſie früher wohl im Ge⸗ birge geſehen, dort oben auf der Felſenkante und auf den Märkten im Lande umher mit ihrem Bruder. Sie waren Beide braver Leute gute Kinder, ſtark und feſt im Chriſtenthum der Berge, aus Sa⸗ voyen hergewandert. Der Pirrho galt ſogar für einen trotzköpfigen Teufel, der Stein und Bein ſchwur, die Röniſchen ſeien voll Lug und Trug. Die Mormona dagegen nannten ſie weit und breit eine Perle unter den Steinen der Berge. Und die war nun zu den Rö⸗ miſchen übergegangen, war abgefallen von dem Glauben ihrer Väter! Man hörte freilich allerlei munkeln von Ketzerei auf Santa Maria. Plötzlich hatte ſie ſich auf dem Todtenbette nach dem Waldenſerthum zurückgeſehnt, war unſelig geſtorben, wie die Römiſchen ſagten, aber doch wohl nicht verworfen vor Gott. Es zog mich mit einer geheimen Macht zur Waldeapelle, wo ſie die zweifelhafte römiſche Gräfin bei⸗ geſetzt. Ich rutſchte auf meinen wunden Beinen Tage lang Stück für Stück hierher; meine Kraft wollte brechen, meine Angſt ſtieg zur Verzweiflung, aber immer trieb es mich ſehnſüchtig hierher, an's Grab der römiſch gewordenen Waldenſerin und waldenſiſch gebliebenen Rö⸗ merin. Da lag ſie, die Roſe vom Gebirge, bleich und welk, aber wie ein Engel im Paradieſe, den man nicht fragt: Biſt du gut römiſch oder gut waldenſiſch? ein Engel, dem man's nur anſieht, daß ein freundlich Angeſicht dem Herrn wohlgefällig iſt im Himmel und auf Erden. Das gab mir Troſt und die Zuverſicht, ich würde nicht verſtoßen werden ob meines Abfalls und Rückfalls, ich meinte nun eingehen zu können in's andere Leben ohne die Laſt ſo ſchwerer Schuld. Ich dachte ſogar, mein letztes Stündlein nahe allſogleich, ſo licht und leicht ward mir zu Muth. Und ſiehe da, der Muth, den ich mir im Anſchauen der todten Mormona geholt, gab mir mehr als ich hoffte, gab mir auch neue Kräfte, und je länger ich hier am Grabe kniete, deſto mehr fühlte ich in den alten Gebeinen ueue Stärke erwachen. Vollt Ihr's glauben? Der Segen der Tröſtung drang mir durch alle Knochen, die Krücke ſank mir unter den Armen fort, und wie in jungen Tagen ſtand ich ungeknickt, ungebeugt da, eine friſche Pinie des Waldes; mir war faſt ſchwindelig und ich rief nach Hülfe, nicht um mich halten zu laſſen, ſondern um Zeugen zu haben. Ich ſchrie vor Freuden laut auf; die Leute rotteten ſich zu⸗ ſammen um mich her und riefen:„Gelobt ſei Gott in der Höhe! Die Waldenſerin hat ein Wunder gethan!“— Scht Herr, nun wißt Ihr meine Sünde; ich bin kein römiſcher Chriſt, ich habe mir 1s So⸗ öyfigen l Ag eit eine n R⸗ Väter! Maria. rthum „aber heimen n bei⸗ Stück eg zur Grab Rö⸗ abet ugut ſieht. imnel würde ſeinte veter leich, uth, meht am ueue ung nen da, nief 1 nur den katholiſchen Segen heimlich geſtohlen. Ich habe lange ge⸗ zweifelt und gebangt, ob es mir wohlgehen werde im Lande jenſeits, weil ich auf beiden Seiten, bei Römiſchen und Waldenſern geheu⸗ chelt, aber wie ich den Friedensengel hier in der Gruft ſah, da überkam mich wie ein guter Glaube, daß es mir vor Gott nicht allzuſtreng werde angerechnet werden, wenn ich Zeit meines Lebens unter den Menſchenkindern mitgemacht habe, wie's eben ging. Straft mich, Prieſter der großen Kirche, wenn Ihr meint, daß Gott einen Un⸗ würdigen mit ſeinem Wunder begnadigte, aber ſeid barmherzig!“ Der zitternde Alte ſah erwartend zu mir auf; in ſeinen hellen Augen leuchtete die Zuverſicht der Gnade, es war nicht anders, als erwarte er den prieſterlichen Segen. Ich legte beide Hände auf ſein Haupt und küßte ſein langes, greiſes Haar. Die rührende Unſchuld des Alten hätte weit eher über einen Prieſter zu Gericht ſitzen, als von ihm die Sühne fordern können. „Selig ſind, die reines Herzens nach dem Himmelreich trachten!“ flüſterte ich in ſcheuer Haſt;„wir können Gott dienen in jeder Form, und ſie iſt nur heilig, wenn wir ihn wirklich ſuchen und vor Augen haben!“ Der Alte war niedergekniet, um meinen Segen zu empfangen. Ich legte ihm als Buße, als Bedingung der Sühne, Stillſchweigen auf, hob ihn in die Höhe, ſchloß ihn in meine Arme und trat raſch, wie ich Schritte hörte, in's Dunkel der Niſche zurück. Die beiden Buben, die zu ihm zu gehören ſchienen, waren hinausgeeilt und kehrten jetzt zurück, den Alten zu geleiten. Heiter und fröhlichen Geiſtes ſchritt der alte Menſch hinaus. Bevor er die Capelle ver⸗ ließ, hatte er ſich noch einmal zu dem Altare gewendet, das Knie gebeugt und das Kreuz geſchlagen. Ihm waren die Zeichen der katholiſchen Anbetung lieb und werth geworden; nahm er doch die Zuverſicht von hinnen, Gott habe ihm den Betrug verziehen. Draußen hoben ihn die jungen Burſche auf's Maulthier. Er breitete ſeine Hände aus und ſtimmte mit heller Kehle ein Danklied an. Das Volk fiel hundertſtimmig ein und der Zug ſetzte ſich durch den Oelwald in Bewegung. Die Capelle war jetzt dunkel und leer; nur die ewige Lampe brannte ruhig weiter über Mormona's Haupt und warf ihr ſtilles — 2— Licht auf den heiligen Frieden der Schlummernden.„Sancta Mor⸗ mona!“ rief ich und ſtreckte die Arme nach ihr aus.„Nun du todt biſt, glauben ſie an die ſüße Gewalt deiner freundlichen Seele! Roſe am Kreuz, mußteſt du erſt verbluten, eh' du ihnen heilig erſchienſt?“ Am andern Morgen ließ ich mich bei meinem Vater melden. Ohne dieſe Förmlichkeit,— ſo fern ſtanden wir uns ſchon,— hatte ich keinen Zutritt mehr zu ihm. Er empfing mich nicht in ſeinem vertrauten Gemach; ich hatte vergeſſen ihn darum zu bitten; er ließ mich in ſein Geſellſchaftszimmer treten; Pater Uberto ſtand neben ſeinem Seſſel. Ich ſetzte voraus, daß Beiden der Vorgang bekannt war, er⸗ zählte aber das Ereigniß wie es ſich zugetragen, verſchwieg nur was der Hirt mir gebeichtet und was ich ſelbſt ihm zu verheimlichen an⸗ empfohlen. Ich hoffte zu gläubigen Gemüthern geredet zu haben, die in der plötzlichen Heilung des Kranken mit freudiger Zuverſicht einen Fingerzeig des Himmels ſähen. Ich täuſchte mich; ich fand Zweifler, die in ihrem finſtern Wahn ſelbſt nicht mehr die Empfäng⸗ lichkeit einer Bethätigung Gottes unter den Menſchen beſaßen. Ich ſprach von der Heilung des Gichtbrüchigen, wie ich nicht anders konnte, als von einer unzweifelhaften Sache; ich ſprach vom Glauben des Volkes, das Loblieder ſingend, der todten Mormona das Wunder zuſchrieb. „Glaubſt du ſelbſt an die wunderthuende Kraft der Geſtorbenen?“ fragte mein Vater erwartungsvoll. Gewiſſensfragen ſolcher Art im Beiſein des Dominicaners machten die Unterredung zum Verhör.„Warum, mein Vater,“ ſagt' ich, „wollt Ihr mich zu Denen zählen, die die Möglichkeit eines Wun⸗ ders im Gemüth des Menſchen leugnen? Ich leugne nicht, daß ſich Gott an unſerem Herzen bethätigt, ich leugne nicht, daß der Wanderer, der als ſündiger Menſch mit dem Aufgebot ſeiner beſten Entſchlie⸗ ßungen, als Kranker mit dem Aufwand ſeiner letzten Kräfte, einem für heilig erkannten Ziel entgegenpilgert und mit Mühe und Noth an dieſem Ziele anlangt, plötzlich einen Umſchwung in ſich empfinden kann, der ihm für ſein Gemüth wie für ſein leibliches Verhalten den Wendepunkt eines neuen Lebens in ihm bekundet! Nicht die heiligen Knochen am Wallfahrtsort, die man ihn berühren und küſſen läßt: die innere Entſchließung, das Aufraffen ſeiner letzten Mor⸗ du todt oſe ienſt?“ nelden. hatte ſeinen er ließ neben r, er⸗ rwas nan⸗ aben, erſicht fand fäng⸗ 3c nnte, olles, ieb. n — moraliſchen und phyſiſchen Kraft bringt, wie mir däucht, das Wunder der Verwandlung in ihm hervor.“ Mein Vater wechſelte mit Uberto Blicke und ſah mich dann ſo bedauerlich an als wollte er ſagen: Lehren dich das deine ketzeriſchen Bücher? Iſt das der unſelige Geiſt des Waldenſerthums? Wenn du Recht haſt, dann gibt es nirgends eine feſte Wahrheit mehr, dann iſt alles dem Belieben und der Laune der wandelbaren Men⸗ ſchen anheimgeſtellt!— Und in der That, wenn das ketzeriſch iſt, daß nur der Glaube, den ich in mir erfahre, ſelig macht und Wunder thut, dann bin ich und werde ewig unter den ſogenannten Rechtgläu— bigen ein Ketzer ſein!— Wir ſprachen das nicht, aber es war, ſoll ich's ausſprechen, der Grund und der Quell unſeres Zwieſpalts. „Du haſt, Sohn Giuſeppe della Torre,“ ſagte mein Vater nach langem Schweigen,„Meinungen geäußert, über die ich nicht Richter ſein kann. Nach deiner Anſicht iſt der Fluch unſeres Hauſes auch geſühnt, ſobald wir uns nur einbilden, der Sühne gar nicht mehr zu bedürfen. Erlaube einem alten greiſen Manne ſich an Thatſachen, nicht an Meinungen zu halten. Dein Weib ſtarb im entſchiedenen Widerwillen gegen die Formen und gegen die Gnadenmittel der heiligen Kirche. Dieſe Sünde iſt die letzte Thatſache meines Hauſes. Wir ordneten Bußen dafür an auf der Stätte ihres Todes und ihres Lebens.“ „Und wo Ihr, mein Vater,“ unterbrach ich ihn,„noch immer Buße fordert, da ſieht der Glaube des Volkes ſchon Verklärung; Euch gilt die Todte noch immer für die Sündige, das Volk betet zu einer Verklärten!“ „Sie war Sünderin und vor Gott ſtraffällig,“ ſagte mein Vater. „Sündigen,“ unterbrach ich ihn,„und vor Gott ſtraffällig ſein, ſetzt voraus, daß man von dem Böſen, das man thut, eine Erkenntniß habe. Wo kein Zweifel im Gemüth, mein Vater, wo kein Gewiſſensbiß ſich regt; begeht man, auch wenn die Handlung nicht zuläſſig iſt, noch keine Todſünde.“ „Die Sophiſtik der Schüler Loyola's hat nichts gemein mit mei⸗ nem Glauben, noch mit der Lehre der Kirche!“ ſagte mein Vater mit dem ganzen Groll ſeiner felſenfeſten Unerbittlichkeit. Ich rang die — Hände und ſchwieg; ich blickte ſtarr in die Kluft, die mich von ihm trennte. „Wenn der Himmel,“ begann mein Vater von neuem,„die Thatſache der neuen Schuld, die auf unſerem Hauſe laſtet, hinweg⸗ nehmen will dadurch, daß er die Geſtorbene begnadet, wenn die Kirche ein Wunder, das an ihrem Grabe geſchehen ſein ſoll, als Thatſache anerkennt und feſiſtellt: wer will das freudiger begrüßen als ich, der ich bald heimgehe mit dem Benußtſein der jetzt noch ungeſühnten Sünde! Als eine Erlöſung vom Fluch will ich's vom Himmel be⸗ grüßen, wird Mormona los und ledig geſprochen, auf daß ſie ein⸗ gehen kann in die Pforten der Seligkeit.“ „Mehr als das, mein Vater!“ rief ich in Schmerz und Un⸗ willen,„das Wunder iſt geſchehen; beatificirt, kanoniſirt wird ſie werden von der Kirche! Ich gehe nach Rom, ich werfe mich dem hei⸗ ligen Vater zu Füßen, ich fordere die Seligſprechung der waldenſiſchen Maria!“ Mein Vater ſah mich zweifelhaft an; ich war unſicher, ob er gegen mich oder gegen die Thatſache, auf die ſich meine Verheißung ſtützte, Mißtrauen hegte.„Ich will der Propaganda des Glaubens beitreten,“ begann ich von neuem,„ich will wiſſen, was dazu gehört, um die Verirrten des Heils theilhaftig zu machen, deſſen ſie entbehren. Mir fehlt nur noch Euere Einwilligung, mein Vater. Ich gehe nach Rom“— „Ich weiß, als Sodale der Geſellſchaft Jeſu,“ ſagte mein Vater. „Iſt Euſebio mir zuvorgekommen,“ fragt' ich,„Euch meinen Ent⸗ ſchluß kundzuthun?“ Mein Vater ſchüttelte das Haupt; er verſicherte, mit Männern der Geſellſchaft Jeſu keinen Theil zu haben. Ich ſtaunte über das Zer⸗ würfniß, nicht weniger über die Möglichkeit eines Zwiſchenträgers meiner nur Euſebio bekanntgewordenen Entwürfe; es ward mir erſt ſpäter klar, daß man ein Feind der Jeſuiten ſein und doch um ſeiner inneren Seligkeit willen die Briefe ſeines Sohnes, bevor ſie an Euſebio nach Genua gingen, öffnen konnte. „Ich habe keinen Theil an der Lehre der Männer Loyola's,“ ſagte mein Vater, ich glaube nicht an einen wahrhaften Segen deiner Verbindung mit ihnen, denn man kann nicht Gott und dem Mammon, 2 n ihn inweg⸗ Kirche atſche h, der ihnten el be⸗ ie ein⸗ d Un⸗ ird ſie hei⸗ ſiſchen ob er eißung ubens ehren ench ater. Ent⸗ nder ägers 1 ſt ſeiner iſcbio — nicht der Kirche und der Welt zugleich dienen. Aber es ſei! Ich hoffe, du wirſt in Rom den großen feſten Zuſammenhang begreifen, der der Welt notthut, wenn du dort an den Vorbereitungen zur Ver⸗ kündigung der Wahrheit an alle Völker theilnimmſt. In das Chaos der Welt kann nur Ein Gott Ordnung bringen, nur Eine Kirche kann die wahre, die allumfaſſende ſein.“ „Ich habe daſſelbe Ziel vor Augen, mein Vater,“ ſagt' ich, „nur über die Mittel, zum Ziel zu gelangen, ſtehen wir uns fern.“ Ich reichte ihm die Hand, die er mir nicht verweigern konnte. „Zum Beweiſe des Vertrauens,“ ſagt' ich,„laßt Mormona's Bruder frei; ich nehme ihn mit mir nach Rom.“ Mein Vater blickte hell auf.„Du und er, Ihr könntet Beide,“ ſagte er,„dem heiligen Amt anheimfallen!“ „Beruhigt Euch,“ bat ich und ſah dem Dominicaner feſt in's Auge,„ich bürge für ſein Seelenheil. Seine Ketzerei iſt kein Werk des böſen Geiſtes; ſie beſteht in der Verwilderung des Naturmenſchen. Ich werde ſeine Erziehung leiten, vielleicht— gewinne ich ihn damit für die Kirche!“ Pater Uberto ſah faſt lächelnd drein, als wollte er ſagen: Ent⸗ weder gewinnſt du ihn oder er dich für ſein Waldenſerthum! „Es ſei,“ ſagte mein Vater,„der Waldenſer ſei dein, mir bleibt das Kind Mormona's!“ „Ich laſſe in ihm mein Theuerſtes zurück!“ ſagte ich ſchwankend, „Ihr werdet das Kleinod hüten, Vater!“ „Und für das Kind der Waldenſerin dem Himmel Bürgſchaft leiſten!“ entgegnete er mit feierlicher Handbewegung,„entweder du oder der Knabe, Einer muß der Kirche gewidmet werden, damit der Fluch endet!“ Ich weiß nicht: ſchlug ein Vaterherz, wie es die Natur gibt, in ſeinem Buſen, wie er mich umfing und ſein Arm mich zum Ab— ſchied hielt? Sein Blick war unflort, eine Thräne ſchimmerte in den gefurchten Augenhöhlen. Ich war ſchmerzlich bewegt, und doch über⸗ zeugt, daß mein Vater, während ich nach Rom ging und die Sühne des Hauſes betrieb, im Stillen daheim für mein eigenes Seelenheil vom Dominicaner Meſſen leſen ließ. 6— Pirrho ſaß in ſeinem Kerker ſehr wohlbehalten. Es hatte ihm in den Zimmern, die man ihm angewieſen, an nichts gefehlt; nach ſeinen Kreuz- und Querzügen zur See und zu Lande ſchien ihm die Ruhe eine Erquickung zu ſein. Vielleicht war es aber doch die höchſte Zeit zu ſeiner Befreiung; der Wächter erinnerte ſich noch von früher her ſeiner Wuthausbrüche, die ganz willkürlich ohne Uebergang mit kindiſcher Harmloſigkeit und Luſtigkeit bei ihm wechſelten. Er hatte die Tage über friſchen Muthes geſungen, geſpeiſt und geſchlafen, ſein guter Humor machte ihn vor der Hand unfähig, ein höheres Bedürfniß zu kennen. Es war mir in der That noch nicht Ernſt mit ſeiner Bekehrung. Seine ganze Natur war heidniſcher Art; für gewiſſe Segnungen des Chriſtenthums iſt nur ein leidendes Gemüth zugäng⸗ lich. Es kam darauf an, ihn für die geſittete Welt brauchbar zu machen; vielleicht wurde er dann nebenbei ein Chriſt, wie es die Sitte verlungte. Wie er meiner anſichtig wurde, ſchien doch eine ſchmerzliche Erinnerung in ihm aufzutauchen. In der Verzweiflung über Mormona's Tod hatte er mich verkannt und in ſeinem Argwohn mir wehegethan; er geſtand mir dies von freien Stücken ein und in dieſem Gefühl der Reue konnte ich ihn leiten und beherrſchen. Er hatte ganz ſicher darauf gerechnet, daß ich ihn nicht den Händen ſeiner Feinden überließe, und ſo war er willig genug, als ich ihm zur Bedingung ſeiner Freiheit machte, mir nach Rom zu folgen. An Euſebio ſchrieb ich nur ganz kurz den Vorgang der Dinge; ich fand in Rom ſeine Briefe vor, die meinen Eintritt in's Colle⸗ gium der Propaganda meldeten und mir die Kreiſe jener Männer eröffneten, welche zur aufgeklärten Partei, zur Partei der Reformer gehörten. Den Hirten hatte ich in Santa Maria nur noch ein Mal und nicht ohne Zeugen ſprechen können. Ich fand ihn im vollen Gebrauch ſeiner Glieder, aber ſeine Kräfte waren im Allge⸗ meinen erſchöpft; die Erhebung ſeiner Geiſteskräfte, die ſeine Heilung bewirkt, war vielleicht nur ein Vorbote ſeiner baldigen Auflöſung. Er erkannte mich nicht wieder, wenigſtens nicht Denjenigen in mir, dem er in der Capelle gebeichtet. Man hatte dem Alten in der Pfarrei des nächſten Ortes eine Behauſung verſchafft; ein Arzt war gerichtlich vernommen, um es zu beſtätigen, daß menſchliche Hülfe bei ihm nicht mehr ausgereicht habe. Man erwartete den Vicar des Biſchofs, um te ihn nach ihm die höchſte früher ng nit hatte ürfniß ſeiner gwiſt ugäng⸗ bar zu es die inge Colle⸗ nne former noch hn in Allge⸗ eilung hſung n nir, imi ichtlich nicht um / —— die Ausſagen der Zeugen von ſeiner wunderbaren Heilung mit dem kirchlichen Siegel zu belegen. Bis zur biſchöflichen Approbation waren ihm geiſtliche Wächter beigegeben, die ihn wie einen koſtbaren und doch noch zweifelhaften Schatz behüteten. Mit Pater Uberto ward mir noch vor der Abreiſe eine Zuſammen⸗ kunft. Ich hatte die kurze ſchwarze Robe angelegt, die man mir von Rom aus geſendet, ſobald mein Name in die Liſte der Sodalen des Ordens Jeſu eingetragen war. I. H. 8. V. ſtand auf der Medaille, die ich auf der Bruſt trug. „In hoc signo vinces!“ ſagte Uberto und ſah ſchräg zum Himmel. „Unter dieſem Zeichen werde ich ſiegen!“ wiederholte ich,„ſiegen wider die Feinde Gottes; es kommt darauf an, wer Gottes Feind iſt!“ „Extra ecclesiam nulla salus!« erinnerte Uberto an den zweiten Wahlſpruch der Geſellſchaft Jeſu. „Außerhalb der Kirche kein Heil!“ wiederholte ich,„es wird ſich ergeben, wie eng oder wie weit der Begriff der wahren Kirche zu faſſen iſt, ob man eine Gemeinſchaft der Nachfolger eines Tor⸗ quemada, oder eine unſichtbare Kirche Chriſti damit meint.“ „Ihr könntet mit dieſem Vorbehalt eben ſo gut in die Secte der Roſenkreuzer und der Freimaurer treten!“ ſagte der Dominicaner ſpottend. „Mit dem Unterſchiede,“ war meine Erwiederung,„daß das Kleid dieſes Ordens mich vor Gewalt und Hinterliſt ſchützen wird. Ich bin damit keiner anderen Gerichtsbarkeit unterworfen als der des Generals der Geſellſchaft.“ „Gott ſei mit Euch!“ ſagte Uberto. „Gott, der gute Geiſt, zu dem ich bete!“ war meine Antwort. Vom Knaben Saverio ward mir der Abſchied ſchwer. Er ſchlief, wie ich ihn zum letzten Male ſah; des Hausmeiers Frau, deren be— ſonderer Obhut das Kind übergeben war, ſaß an ſeinem Lager; ſein Milchbruder, das Kind der Frau, lag an ihrer Bruſt. Wie ich ein⸗ trat, machte ſie das Kreuz und neigte ſich über die Knaben, als wollte ſie beide vor mir behüten. Ein lieblich Abbild ſeiner Mutter, lächelte das Kind Saverio im Traum.„Engel Gottes mögen ihn beſchirmen,“ ſagt' ich,„und der Geiſt ſeiner Mutter!“ Zehntes Rapitel. Das ewige Rom und der Generalvicar der Geſellſchaft Jeſu. So hielt mich denn die ewige Roma mit ihren Mauern um⸗ ſchloſſen und ich belauſchte die Geheimniſſe des Lebens in dieſem Mittel⸗ punkte der Welt! Das iſt die Stadt der ſieben Hügel und der ſieben Könige, dieſelbe, die das Königthum ſchuf und abſetzte, mit den Ad⸗ lern der Legionen ſich den Erdkreis unterwarf, ſelbſt dann noch als die Herren dieſer Welt in Rom ſelbſt vor ihren eigenen Knechten zit⸗ terten. Was hat dies Rom für ein unſterblich Leben! Dem Adler folgte die Tiara in der Weltherrſchaft. Als das Schwert nicht mehr die Völker bezwang, erfand ſich Rom den Bannſtrahl, und die Bar⸗ baren beugten ihren Nacken von neuem. Die Könige Germaniens ſtiegen mit raſſelndem Harniſch über die Alpen, legten die wilden Städte der Lombarden in Aſche, ſtürzten Reiche und Staaten, ver⸗ nichteten ganze Geſchlechter, ſchlachteten in ihrer Wuth Völker hin; und wenn die ſieggekrönten Löwen vor den Statthalter Gottes traten, warfen ſie ſich gleich Lämmern in den Staub und huldigten. Dies Rom hat ſeine geheimnißvollen Zaubergaben. Ein Phönix aus Schutt und Aſche, hat es ſich ſeine Ruinen ſelbſt zu neuen Trophäen gemacht. Jedes Jahrhundert der Menſchheit iſt hier als Mumie eingeſargt, und unter dem Glanz jeder oberen Erdſchicht fühlt man den Athemzug der unten beigeſetzten, noch immer nicht völlig todten Geiſter der Ver⸗ gangenheiten. Vor Staunen komm' ich noch nicht recht zur Bewun⸗ derung. Ich finde ein Geſchlecht von heute, das mit den überein⸗ andergeſchichteten Reichthümern aller Zeitalter ſpielt. Sie fühlen es nicht, auf welchem Moder der Jahrhunderte die Früchte wachſen, an deren Pracht ihr Stolz ſich weidet! Geſtern hielt ein Capuziner vom Berge Carmel vor meinem Fenſter eine Rede an's Volk; er beſchwor die gutmüthige Menge beim Blut des Erlöſers und ſammelte dann Almoſen. Betet vielleicht das chriſtliche Rom zu einer Juno Moneta wie das alte? Der Stein, der dem Prediger zur Kanzel diente, war ein Säulenſtumpf vom Tempel der Minerva. Wo Pompejus dieſer Göttin opferte, ſteht jetzt ſu. um⸗ ittel⸗ ſieben n Ad⸗ ch als n zit⸗ Adler meht Bar⸗ niens ilden ver⸗ raten, Dies öchut nacht⸗ und g der Ver⸗ wun⸗ rein⸗ mes „an einen bein . das ztein⸗ vom titz — 49— eine Madonna, zu der das Volk wallfahrtet, weil ſie Glücksgüter und Verſtand gibt. Die Menſchheit von heute hat Beides ſehr nöthig. Jener marmornen Santa Maria ſopra Minerva ſind die Füße durch vieles Küſſen ſo abgenutzt, daß man der Bildſäule neue Ueberſchuhe von Metall machen ließ. Auch der heilige Petrus von Erz mußte ſchon mehrmals vorgeſchuht werden, und man weiß, daß ſein metal⸗ lenes Fußgeſtell ein heidniſches Meiſterſtück, vielleicht das Poſtament zu einem Jupiter tonans war. Die alten Götter Roms gehen hier Hand in Hand mit den chriſtlichen Heiligen. Die drei Geſtalten in der Sacriſtei der Paulskirche waren ehedem drei antike Grazien. Aus dem Antlitz der Mutter Gottes in San Loretto, die ſo viel Wunder thut, blicken, wie die Kenner mir zuflüſtern, Züge eines Venusbildes hervor. Iſt die Religion Jeſu Chriſti hier vielleicht eine neue For— tuna puplica geworden? Iſt die alte Göttin Roma, die weltbeherr⸗ ſchende, noch immer die oberſte Gottheit? Herrſchſucht noch immer die vornehmſte Virtus?— Rom iſt ewig, ſo lange es weiß, wie der Menſch beherrſcht ſein will. Das waren meine Gedanken in Rom, aber ich ſcheuchte ſie in den Winkel meiner Seele zurück.„Nicht Alles für Alle!“ iſt ja der Grundſatz meines Ordens. Das Profeßhaus zum„Gran Geſu“, in deſſen Seitenflügel ich einzog, iſt ein Gebäude von überhäufter, geſchmackloſer Pracht. Es rührt aus dem Jahrhundert her, wo man den römiſchen, ſchon an ſich mit ſchweren Ornamenten beladenen Styl noch mit Blumen und Guir⸗ landen überdeckte. Wie ein Zeitalter denkt, ſo bauen und bilden ſeine Künſtler. Was der Orden jetzt aufführt, verräth die geſuchte Abſicht, die finſtere Strenge des alten mönchiſchen Dienſtes hinter lockenden Prunk zu verſtecken. Da iſt keine Säule, der nicht die Auf⸗ gabe, das Gebälk zu tragen, durch zierliche Roſenketten erleichtert wird; kein Architrav, deſſen Schwere nicht durch allerlei in Stein gehauene fliegende Vogelgruppen den Anſchein der Leichtigkeit erhalten ſoll. Jene einfache Größe, jene offene Einfalt, die Tugenden des alten heidniſchen Roms: hat ſie das chriſtliche Rom von heute verlernt und verloren? Im Mittelſtück des Gebäudes wohnen die Profeſſen, die Väter von vier Gelübden, die den eigentlichen Kern der Geſellſchaft bilden. — Zweck und Ziel des Ordens iſt nur ihnen bewußt, und auch unter ihnen, ſagt man, iſt nur eine geringe Anzahl in die geheimen Maxi⸗ men eingeweiht. Daß der Zweck die Mittel heiligt, hat wohl noch keiner von jenen Vätern eingeſtanden, welche an die unteren Brüder die Monita ſecreta erlaſſen. Im unteren Stock des Hauſes wohnen die Scholaſtici approbati, die den Unterricht ertheilen. Der lange Flügel, der den Garten durchſchneidet, enthält die Hörſäle, zu denen ich unbedingten Zutritt habe, und die Zellen der rothgekleideten No⸗ vizen. Dieſe ſtehen unter geiſtlichen Coadjutoren, welche als Prieſter die drei gewöhnlichen Gelübde: Gehorſam, Armuth, Keuſchheit abge⸗ legt haben. Den eigentlichen Stamm der Geſellſchaft bilden, wie geſagt, nur die Väter von vier Gelübden. Ich habe noch nicht er⸗ gründen können, welches das vierte Gelübde ſei. Der Ueberlieferung nach iſt es eine unbedingte Ergebung in den Willen des heiligen Vaters. Aber nach Allem, was ich höre und mir enträthſele, kann der römiſche Hof nicht mehr auf den unbedingten Gehorſam des Or⸗ dens zählen, wenigſtens nicht Papſt Benedict XIv. Die Geſellſchaft Jeſu ſcheint aufhören zu wollen, die Soldatesca des Statthalters Chriſti zu ſein. Das vierte Gelübde ſcheint der General des Ordens nach ſeiner Einficht umzugeſtalten. Beſteht es vielleicht für die Ein⸗ geweihten in der Erlaubniß, ſich mit der Aufklärung des Jahrhun⸗ derts zu verbrüdern? Von den anderen Orden der römiſchen Chriſten⸗ heit fühlt eben nur die Geſellſchaft Jeſu das Bedürfniß, die fort⸗ ſchreitende Bildung der Völker nicht aus der Hand zu geben, den Geiſt eines neuen Jahrhunderts ſich nicht ſelbſt zu überlaſſen. In dieſem Sinne iſt dann jedenfalls Pater Euſebio Jeſuit des vierten Gelübdes. Die weltlichen Coadjutoren des Ordens, die ſämmtlich Laien ſind, theilen ſich in Adjuncte, die im Seitenflügel des Profeßhauſes wohnen, und in Affiliirte, die zerſtreut in der Welt leben, ohne daß man weiß, wie ſie zur Geſellſchaft gehören. Einige ſind wie Zugvögel, gehen ab und zu, bald in weltlicher, bald in geiſtlicher Tracht. Alle dieſe heißen Mitglieder von der kurzen Robe und haben nur nach dem Maß ihrer Verdienſte Theil an den geiſtlichen Gnaden des Ordens. Zu dieſen Gnaden gehört außer der Vergebung der Sünden und der Zuſicherung ewiger Seligkeit Unterſtütung und Beförderung weltlicher unter Mazi⸗ l noch Brüder vohnen lange denen ht er erng ſigen Or⸗ ſſchaft alters rdens Ein⸗ thun⸗ — 8— Art. Das Gelübde des Gehorſams gegen den Oberen, der ſie auf⸗ genommen hat, müſſen auch dieſe uwekannten und unſichtbaren Hülfs⸗ truppen ablegen. Vor der Hand ſchien Pater Euſebio auch in der Ferne mein Oberer zu bleiben. Nur wurden meine Beichtberichte, meine Briefe, immer ſpärlicher; ich konnte glauben, daß ſie eröffnet wurden; ich vergrub meine Gedanken in meine Bruſt. Mein Empfang im Profeßhauſe zum„großen Jeſus“ glich zu meiner Beſchämung einem Feſte, Man begrüßte mich als einen So⸗ dalen, der ſeine Laufbahn„zur arbßern Ehre Gottes“ glorreich mit dem Gewinn einer Seeſ eröffnet have. Dieſe Seele, die ich gewon⸗ nen, war Mormona, mein Weib. Das Bewußtſein dieſes zweifel⸗ haften Gewinnes und zweifelhaften Verdienſtes drückte mich zu Boden. Im großen Saale empfing mich der Vicar des Generals, umgeben von ſämmtlichen Profeſſen des Hauſes. Scholaren ſtanden im Hintergrunde, der Chor ſang Danklieder zur Orgel. Man pries mich öffentlich als den Bekehrer der waldenſiſchen Maria. Daß ſich das Herz meines Weibes nur aus Liebe zu mir zur alten Kirche gewendet, konnte ich Prieſtern nicht begreiflich machen. Das blaſſe Antlitz des leidenden Erlöſers ſah vom Altar wehmüthig lächelnd auf mich herab, als ſie mich umringten und einkleideten und der Chor ein Loblied der Mutter Maria, der Mutter der Liebe, ſang. Der Flügel des Hauſes, in dem ich wohnte, heißt unter dem Volke in Rom der Palaſt der Excellenzen. Er iſt von dem eigent⸗ lichen Collegium durch hohe Mauern geſchieden. Schöne weite Hallen bieten hier allen Luxus der Weltlichkeit; die anſtoßenden Gärten, in franzöſiſchem Styl mit ſteifen Taxuswänden, haben auch ihre lauſchigen Bosketts, in deren ſchattigem Dunkel lachende Nymphen von weißem Marmor die Gedanken an das alte heidniſche Rom erwecken. Man ging ſonſt in einen Orden, um die Welt und ihre Reize von ſich abzuthun. Man geißelte ſich im härenen Gewande, betrat man die einſame Zelle, in die durch das gewölbte Bogenfenſter nur das Auge Gottes auf den Büßer herniederſah. War ein Schuldbewußtſein der Beweggrund, das Kloſter zu ſuchen, dann mochte der mit der Welt zerfallene Geiſt die geweihte Stille wie eine Wohlthat begrüßen. Die ſtrenge Zucht ſcheint die Geſellſchaft Jeſu nur ihren eigentlichen D. V. V. Kühne, Die Freimaurer. 31 Zöglingen vorzubehalten, in denen ſie ſich von Jugend auf willenloſe Werkzeuge heranbildet. Unter den rothgekleideten Scholaren ſah ich bleiche Geſtalten dumpf und ſtill herumwanken; ſie hatten die Welt abgeſchworen, ohne ſie zu kennen, thaten Buße ohne Reue, trugen den Stempel des Fatalismus auf ihrer Stirn. Aber die Geſellſchaft Jeſu braucht auch gewandte Weltleute, ſeine Cavaliere, geſchmeidige Talente, die der Welt die Herrſchaft des geiſtlichen Willens in nicht abſchreckender Geſtalt zur Erſcheinung bringen. Die Geſellſchaft hat auch die Wiſſenſchaften in ihren Dienſt genommen; die Benedictiner ſind nicht mehr die alleinigen Träger der katholiſchen Gelehrſamkeit. Die Zungen aller Völker tönen in unſeren Hörſälen, alle Nationen haben in der Anſtalt ihre Vertreter, und die Propaganda des Glau⸗ bens wählt aus dem Collegium ihre tauglichſten Organe. Es überraſchte mich, daß ſelbſt mein weltlicher Titel mir in die Anſtalt folgte. Den Leuten in meiner Heimath hieß ich in meiner halb geiſtlichen Tracht: Domine. Hier war ich wieder zum Signor geworden, und die Cavaliere, die mit mir im Hauſe der Excellenzen wohnten, hatten in der That wenig Anſtrich von geiſtlichen Herren. Der neue Anbau des Hauſes hat nach einer Seitenſtraße ſeine Ein⸗ gänge. Dort rollen die Equipagen bis Mitternacht auf und ab. In den Höfen tummeln geſchickte Reiter ihre Pferde, die Vorſäle wim⸗ meln von galonnirten Dienern, auf der Terraſſe empfängt man Ge⸗ ſellſchaften, wo ſich auch Damen hoher Abkunft einfinden.— Man lebte dort wie in einem glänzenden Hotel, und der Name meiner Familie zog mir Beſuche zu, die ich aus Anſtand erwiedern mußte. Ich fand dort junge Cavaliere, die vielleicht ſpäter als Diplomaten in der Politik glänzen wollten, und es ſchien mir, als ob die Collegien des Ordens die Abſicht hätten, auch die alten Univerſitäten zu verdunkeln, indem ſie junge Nobili für die Welt bilden. Ich fand unter ihnen keinen Genoſſen, der mir behagte; ich lebte mit Pirrho, der als mein Gefährte ungehindert Zutritt erhielt, ſtill und eingezogen in meiner Behauſung. Weit mehr zog es mich zu den eigentlichen Scholaren der Anſtalt hin, welche drüben im Pro⸗ feßhauſe in um ſo ſtrengerer Zucht für den ſchweren Dienſt heran⸗ reifen. Aus den blaſſen Geſichtern ſah ich hier und da ein dunkles, feuriges Auge aufblitzen, das ſich raſch wieder in ſeine Höhlen ver⸗ 3 lenle kroch. Die Scheidewand der Stände trennte mich von ihnen, denn ſch ic ich gehörte zum Hauſe der Excellenzen. eVilt Pirrho war Tages über weeiſt ſich ſelbſt überlaſſen; er brachte den größten Theil ſeiner Zeit bei den Schiffern am Tiberſtrande zu; lſchft dort fand ſeine ruderfertige Hand ihre Uebung; erſt mit der Däm⸗ neidige merung der Nacht kehrte er zu mir zurück. Ich gab ihn bei dieſer nicht Lebensweiſe ſo gut wie aus der Hand; aber ich wußte, daß der Sohn ſt hat der Berge nicht anders als bei dieſem Maße zugeſtandener Freiheit ictiner mein Gefährte blieb. Die Beziehung zu Mormona war das geiſtige mkeit. Band, das ihn an mich feſſelte. Jedem Verſuche, ihm durch Unterricht tionen und geſchulte Belehrung beizukommen, ſetzte er die fertige Verſchloſſen⸗ Glu⸗ heit ſeines angeborenen Trotzes entgegen, der ſich zur Wildheit auf⸗ bäumte, wenn man ihn herausforderte. Um auf ihn einwirken zu n die können, mußte ich ihn eine Zeitlang noch ſich ſelbſt und der Reife einer der Zeit überlaſſen. iot Es mochten einige Wochen ſeit meiner Aufnahme in's Collegium enzen verſtrichen ſein, als der Vicar des Generals mich zu ſich entbieten erten. ließ. Er empfing mich zur Audienz in ſeinem beſonderen Gemach. 6i⸗ Der General des Ordens lag ſchon ſeit lange auf dem Siechbett, In Pater Lorenzo, ſein Vicar und Stellvertreter, war bereits jahrelang vim⸗ die Seele des Ganzen und Regent des großen geiſtlichen Staates der 6 Geſellſchaft. Die Aſſiſtenten für Italien, Frankreich, Deutſchland, lebte Spanien und Portugal waren ihm zur Seite geſetzt, aber er war der zog Sache nach ſchon ſo gut wie unumſchränkter Monarch. Dieſe Monarchie dort der Jeſuiten mit ihren 22,000 Unterthanen war im Stande, ſelbſt be⸗ litit deutenden Staaten mit bewaffneter Hand gegenüberzutreten. Paraguay, ens die ſüdamerikaniſche Republik, die der Orden ganz nach ſeiner ſou⸗ dem veränen Willkür regierte, offenbarte damals plötzlich deſſen gefahr⸗ drohende weltliche Macht. Spanien hatte in Folge eines Tauſchver⸗ i6 trages einen Strich dieſes Landes an Portugal abtreten wollen. Die Eingeborenen widerſetzten ſich auf Betrieb ihrer Seelſorger und heim⸗ lichen Regenten dieſem Willen und Uebereinkommen zweier Höfe, und . zum Staunen der Welt trat der Orden Jeſu plötzlich als politiſche 5 Macht auf und überraſchte durch das Schauſpiel eines glänzend ge— führten Krieges. Dem Orden war ſo Vieles geglückt, daß er für eö, 31* ven ſeine Herrſchſucht kaum noch du Maske der Klugheit nöthig zu haben glaubte. Mich dünkt, in Lorenzo Ricch's Zügen ſpiegelte ſich dieſer Ver⸗ ſtand, der in langgewohnter Sicherheit plötzlich die Stätigkeit ſeiner Berechnungen aufgibt und baar und blank eine brutale Selbſtgewiß⸗ heit zur Schau trägt. Dieſer Mann ſah aus, als hätte die Klugheit nicht mehr nöthig, die Begier nach Herrſchſucht und Beute zu zügeln; für ihn ſchien der Augenblick dazuſein, wo man ertrotzen wollte, was man bisher mühſam und heimlich nach tauſendfältigen Erwägungen und mit allen Kräften leiſer Vorſicht errungen. Der damalige Vicar gehörte ſeiner Geburt nach zu den Menſchen aus niederer Sphäre, die mit der Kraft eines eiſernen Willens keine Anſtrengung ſcheuen, um den Gipfel der Macht zu erreichen und nach dem Augenblick dür⸗ ſten, wo ſie ſicher genug ſind, um den angeborenen Trotz der An⸗ maßung ungeſcheut zu entwickeln. Sein Antlitz war bei dem Wider⸗ ſtreit von Klugheit und Gewaltſamkeit ein Bergwerk, wo geheime Geiſter in zwei entgegengeſetzten Schachten arbeiten und ſich Gegen⸗ minen graben. Die borſtige Augenbraue verrieth Kraft und Ausdauer. Sein Blick war ſcharf und kalt, durchdringend und beſonnen; er ließ auf Enthaltſamkeit und auf Beherrſchung aller eigenen Schwächen und Lieblingswünſche ſchließen. Aber die zuſammengedrückte niedere Stirn mit ihren eigenſinnigen Gedankenfalten erwies ſich nicht als ein Sitz jener höheren milden Weisheit, die zugleich frei und harmlos macht. Die aufgeworfene Unterlippe und die unteren Muskeln des Geſichts ließen fürchten, er ſcheue zur Erreichung ſeiner Zwecke auch gewalt⸗ ſame Mittel nicht. So ſcharf, feſt und ſicher der Blick ſeines Auges und ſeines Verſtandes ſchien, ſo beſchränkt war vielleicht der Kreis ſeiner Empfindungen, und ſo war es möglich, daß das Gefühl der Sicherheit, das auf plumpen Vorausſetzungen beruhte, ihn um die Früchte ſeiner beſten Berechnungen brachte. Die Klugheit des berech⸗ nenden Verſtandes ſollte es nie verſchmähen, auch bei der Güte des rückſichtsvollen Herzens in die Schule zu gehen, um jene Weisheit zu lernen, die auch die Forderungen des Gemüthes, wo nicht bei ſich, doch bei Anderen mit in Anſchlag bringt. Pater Lorenzo machte mir, je länger ich mit ihm verkehrte, deſto mehr den Eindruck eines Wan⸗ derers, der, an die geebnete, wenn auch ſteinichte Straße gewöhnt, haben Vet⸗ ſeiner ewiß⸗ gheit geln; was ngen Vicar häre, euen, dür⸗ An⸗ der⸗ eine egen⸗ auel⸗ ließ und Ztirn Siß acht. chts alt⸗ ges reis der die rech⸗ des gheit ſich, nit, an⸗ hnt, plötzlich zur Abkürzung des Weges einen Waldpfad einſchlägt. Dieſer Pfad verläuft ſich immer tiefer in's Dickicht. Die Berechnung in der Wahl des Pfades war richtig, weil er das Ziel in gerader Linie trifft; aber er iſt ſeit lange nicht mehr betreten, das Geſtrüpp hat ihn überwuchert. Der Wandersmann tritt Anfangs mit ſcharfem Fuß die Hinderniſſe nieder, er ſchlägt ſich mit beiden Armen durch; aber das Dickicht wird immer verſtrickter und die Ruthen der Geſträuche zerfleiſchen ſein Geſicht. Mit der Verwundung wächſt ſein Eifer, vorzudringen, bis ihn ein ſtörriger Aſt, der ſeinen Schädel trifft, plötzlich zu Boden wirft.— In den Zügen ſeines Angeſichts ſtand dieſe Klugheit geſchrieben, die mit ihrem ſtarken Eigenfinn ſich plötzlich in ihr Gegentheil verwandelt. Es ſchien als habe Lorenzo die Be⸗ dürfniſſe der Menſchen, auf die er doch rechnete, nicht genau genug gekannt. In ſeiner ganzen Haltung war dieſer plötzliche Wechſel er⸗ ſichtlich. Wie weiland Papſt Sixtus hatte er gebückten Ganges ſein Ziel erreichen wollen; aber er hielt ſich ſchon zu früh auf dem Gipfel der Macht, er warf zu früh die Krücke von ſich, um ſeine Geſtalt frei in die Höhe zu richten; ſeine Klugheit endete in Anmaßung und Dünkel. Dies ſtand in ſeinem Geſicht zu leſen, als er halb lächelnd, halb abweiſend meine Verwunderung über gewiſſe Einrichtungen im Ordenshauſe, die ich ihm ausſprach,— er hatte gefragt, wie mir mein Aufenthalt in Rom und im Hauſe gefiele,— entgegennahm. Der Orden erkennt den Unterſchied der weltlichen Stände ſelbſt inner⸗ halb der Mauern des Collegiums an. „Ich habe es,“ ſagte ich ihm ohne Scheu,„für einen Grund⸗ pfeiler des großen Gebäudes der Kirche gehalten, daß auf ihrem Ge⸗ biet der Sohn des Fürſten nur eben ſo ſehr wie der Sohn des Hirten ſich die Berechtigung zu einer Würde erringt⸗ wie jener Sixtus lediglich kraft ſeines Geiſtes ſich zur höchſten Staffel hinaufarbeitete und mit der Tiara das Haupt bedeckte, das in einer Hütte das Licht der Welt erblickt hatte. Dem weltlichen Herkommen, der Rangordnung des feudalen Kaſtenweſens gegenüber eröffnete die Kirche, dünkt mich, eine Laufbahn, auf welcher nur die geiſtige Befähigung gilt. Es lag eine Demokratie in dieſer Kreuzung der weltlichen Ordnung. Erkennt der Orden dieſe Anwartſchaft Aller zu Allem nicht an? Mich dünkt, die Prieſterſchaft der heiligen Kirche mußte blühend ſein, ſo lange ſie ſich aus dem Kern des Volkes mit allzeit friſcher Kraft ergänzte!“ Der Generalvicar ſah mich mit einem Blicke an, der mehr Un⸗ willen, mir antworten zu müſſen, als Befremden über meine Aeuße⸗ rung verrieth. Er ſchien im Augenblicke zu ſchwanken, ob es bequemer ſei, über dieſe Weisheit eines Neulings geheimnißvoll zu lächeln, oder ſie einer ernſtlichen Erwiederung zu würdigen. Sein Geſicht ſah jetzt wie ein verſiegelter Brief aus, auf dem auch noch die Aufſchrift un⸗ leſerlich iſt. „Man bezwingt die Welt am leichteſten,“ begann Lorenzo Ricci, „indem man ihr läßt und gibt, was ſie verlangt. Legt Ihr, Signor, kein Gewicht auf den Genuß weltlicher Dinge, ſo werdet Ihr um ſo ſchneller unſeren Zwecken entgegenreifen. Innerhalb unſeres Ordens herrſcht allein der Geiſt. Und brächte Jemand bei ſeinem förmlichen Eintritt in unſere Geſellſchaft die Schätze eines Kröſus zum Ange⸗ binde, er würde nicht um deshalb unter uns ſteigen! Die Perſon ſtirbt ab, ſobald du ein wirklicher Schüler Loyola's biſt. Der Orden iſt dann deine Seele, deine Ehre, dein Verdienſt und deine Macht.“ Das war nun freilich ſchon mehr als bloße Widerlegung meiner Vorwürfe; es war ein Geſtändniß, daß der Orden die Darbietungen der Welt ſehr gern in Empfang zu nehmen pflege, aber ohne ſich dafür zu Dank verpflichtet zu fühlen. Andere fromme Brüderſchaften, dacht' ich bei mir, ehren wenigſtens das Andenken des Wohlthäters und leſen für ſein Seelenwohl Meſſen. „Ihr werdet,“ fuhr Lorenzo fort,„in unſerer Gemeinſchaft die verlangte Demokratie nicht vermiſſen, ſobald es Euch, Graf La Torre, beliebt, uns ganz anzugehören. Erſt nach mehreren Graden werdet Ihr das Syſtem unſeres Ordens kennen lernen können; nur wenn er das Alter des gekreuzigten Heilandes erreicht hat, wird der Jeſuit, wie Ihr wißt, eigentliches Mitglied der Geſellſchaft, und dann aller⸗ dings verſchwindet für ihn die Welt mit ihrer Gültigkeit. Wir erkennen ihre Berechtigung nicht an, aber wir laſſen ihr das Spiel, das ſie mit ſich ſelber treibt. Die römiſche Curie kennt Rückſichten gegen weltliche Hoheit, ſie bevorzugt den fürſtlich Geborenen und geht in ihrer Nachgiebigkeit ſo weit, ſelbſt mit widerſpenſtigen Königen und Fürſten Verträge zu ſchließen. So weit gehen wir nicht. Das hieße ſie ſich rUn⸗ Aeuße⸗ uemer Rici, ignor, un ſo rdens ichen nge⸗ erſon iden acht.“ einer ingen ften, iters die Welt und ihren Beſtand nicht blos zulaſſen, ſondern auch aner⸗ kennen. Zur Herrſchaft in der Welt iſt aber nur der Geiſt berufen. Der Geiſt geht in die Welt ein, aber nicht um ſie ſich ſelbſt zu überlaſſen, ſondern um ſie ſich unterthan zu machen. Das Chriſten⸗ thum von ehedem hatte eine Scheu vor dem Thun der Menſchen deshalb haben ſich die Steaten eine Selbſtändigkeit von der Kirche errungen; ſelbſt die Wiſſenſchaften glauben jetzt auf eigenen Füßen zu ſtehen. Dieſe Vorurtheile haben ſich unter den Menſchen feſtgeſetzt und wir müſſen ſie ſo lange achten, bis Alles wieder im Dienſte des Geiſtes ſteht. Wir gehen auf die Bedürfniſſe der Völker ein, ſo lange ſie dieſen Schein einer angemaßten und gefährlichen Selbſtän⸗ digkeit zur Schau tragen. Niemand erntet, bevor er geſäet. Die Welt muß erſt wieder empfänglich gemacht werden für die Herrſchaft des Geiſtes. Deshalb, Graf La Torre, ſind wir in unſerer Thätig⸗ keit ſo vielſeitig und ſcheinbar oft ſo weltlich. Alles unter den Men⸗ ſchen beruht auf Vorurtheilen, und dieſe muß man ſchonen, will man ſie überwinden. Wir haben in China am Hofe des Kaiſers unſere Mathematiker, unſere Geographen, unſere Aerzte, ſelbſt unſere Uhr⸗ macher und Opiumdreher. Nachdem das Chriſtenthum aufgehört hat, wie eine Eule in alten Höhlen zu niſten, darf es nicht mehr ſpröde ſein, es muß eingehen in das Thun der Welt. Der Geiſt muß die Materie bearbeiten, will er ſie beherrſchen⸗ Deshalb, mein junger Freund, ſitzen Mitglieder unſeres Ordens bald am Ruder des Staates, bald ſind Handel und Gewerbe in ihrer Hand. Wir haben in Weſt⸗ indien und Südamerika unſere mercantilen Staaten, wir haben an allen Ecken und Enden der Welt unſere Commanditen. Wir nennen ſie unſere Miſſionen, aber ſie ſind für uns, was die Colonien für das Mutterland ſind, die Quellen unſerer Macht. Zur Ehre Gottes, zur Herrſchaft des Geiſtes auf Erden wird Alles verwendet. Iſt es nicht wunderlich, daß die römiſche Curie zum Beſten der Bölker und Fürſten und zum Nachtheil der Kirche Gottes unſere Thätigkeit hem⸗ men will? Die Bulle In mensa pastorum will uns jetzt den Sklaven⸗ handel und die Unterjochung der Wilden verbieten! Als ob ſich die Kirche für zu vornehm halten dürfte, ſich mit der Welt zu befaſſen! Wir können nur herrſchen, wenn wir den Mächtigen der Erde das Scepter aus der Hand winden, den Völkern die Quellen ihrer Wohl⸗ — fahrt ſelbſt eröffnen. Der Geiſt muß aufhören, als Geſpenſt unter den Menſchen zu wandeln; das Chriſtenthum muß eingehen in das Fleiſch der Welt, um es ſich dienſtbar zu machen!“ Pater Lorenzo war aufgeſtanden und ſah mich an, als wollte er ſagen: Siehe, das iſt das große Reich unſerer Entwürfe! Es lag nichts Erhabenes im Gedanken dieſer Herrſchſucht; dieſer Traum war nüch— tern und doch befiel mich die Furcht, ein Nachtwandler ſtehe vor mir und enthülle mir das Gewebe ſeiner Begierden. Das war allerdings kein Chriſtenthum mehr, das die Welt dem Gedanken, die Erde dem Himmel opfert, kein Glaube, der die Menſchen flieht, um in der Wüſte ein einſames Grab zu finden; das war mit allen ſeinen Schrecken faſt der Geiſt der Unterwelt ſelber, der in den Eingeweiden der Erde nach Gold wühlt, nicht um es zu genießen, ſondern weil er Niemanden den Genuß dieſer Schätze gönnt. Ich fand in meiner Betäubung kaum ein Wort der Erwiederung, als Lorenzo auf meine eigenen Angelegenheiten überging. „Ich habe Euch im Vertrauen zu mir entbieten laſſen, Graf La Torre,“ begann der Generalvicar von neuem.„Ihr habt eine un⸗ gewöhnliche Stellung zum Orden. Ihr dürft, ſollte eine Entſcheidung eintreten, auf unſeren beſonderen Schutz rechnen.“ Er zögerte fort⸗ zufahren und lenkte dann ein.„Pater Euſebio hat Euch ſehr warm empfohlen, Euch ſehr gut bei uns angeſchrieben. Ihr verkehrtet viel mit ihm?“ Ich erzählte, wie Euſebio früher als Caplan in Santa Maria und auch ſpäter, wo ich ihm in Genua eine Zeitlang übergeben war, mein Lehrer geweſen, bis der Einfluß ſeines Nachfolgers, des Do⸗ minicaners Uberto, ihn im Vertrauen meines Vaters verdrängt; ſein Beiſpiel, ſeine Lehre und die Hoffnung auf eine Gemeinſchaft mit edlen Männern, die ſich für das Wohl der menſchlichen Geſell— ſchaft verbrüdert, ſeien die Beweggründe meiner Hinneigung zum Orden. „Wer wirken will, muß Macht haben; 66 o6 noð orc106) ſagte Lorenzo. *) Gib mir wo ich Fuß faſſe! unter das lte et ichts nüch⸗ mir ings dem Fiſte faſt nach nden ung, — 489— „Ich glaube,“ ſagte ich,„daß der Geiſt der Duldung, der Auf⸗ klärung und Menſchenliebe über die Welt kommen und ſie beherrſchen wird.“ „Duldung, Aufklärung, Fortſchritt, dieſe Heilmittel der Huma⸗ nität,“ ſagte der Vicar,„weiſen wir nicht von uns.“ Alſo Mittel zum Zweck, nicht Zweck ſelber ſind ſie Euch! dacht' ich ſtill bei mir.„Euſebio,“ fuhr ich fort,„ſprach mir von der Reform der Kirche, die der Orden zum Ziel habe.“ „Man muß nicht von Dingen ſprechen, die blos gethan ſein wollen!“ ſagte Lorenzo. „Euſebio,“ ſagte ich,„ſtellte mir eine Verbrüderung mit den Aufgeklärten, mit den Freimaurern in Ausſicht.“ „Euſebio geht darin zu weit,“ unterbrach mich der Generalvicar. „Wir könnnen dem geſchworenen Prieſter nicht geſtatten, einen zweiten Eid zu leiſten, und ein Schwur wird ja vom Maurer verlangt.— Ihr habt die Logen in Turin beſucht?“ fragte er nach einer Pauſe eifrig. Ich mußte es verneinen, aber geſtand, daß ich das Verlangen nach einer Aufnahme in ihren Bund hätte. „Den affiliirten Brüdern geſtatten wir gern die Theilnahme an der Maurerei,“ ſagte Lorenzo,„es iſt uns ſogar willkommen, Männer unſeres Ordens, ſobald ſie nicht geweihte Prieſter ſind, in den Logen zu haben. Es kann ſein, daß der Orden dieſer Logen benöthigt iſt, tritt uns eine große Entſcheidung näher!“ Lorenzo Ricci gehörte alſo zu den Diplomaten, die die Freiheit zulaſſen, nicht ſie befördern. Der Verſtand, nicht das Herz, beſtimmt ihre Denkart und ihr Thun. Er maß mit weiten Schritten das Ge⸗ mach; ich hatte mich ebenfalls erhoben, meine Audienz ſchien beendet. Da begann der Generalvicar von neuem:„Weshalb ich Euch, Graf La Torre, kommen ließ;“— er ſetzte ſich und lud mich wieder ein, Platz zu nehmen;—„Euer Gefährte und Wohngenoſſe iſt— Wal⸗ denſer?“ Ich äußerte, wie ſeine Bekehrung mein Werk ſein ſolle, daß ich jedoch unter einem guten Bekehrer einen Erzieher verſtände, der die geſammte Exiſtenz, Charakter und Natur des Proſelyten langſam auf die Stufe der Erleuchtung, das heißt der Bildung erheben müſſe. — 490—— „Hat durchaus keine Eile,“ ſagte der Generalvicar zu meiner Ueberraſchung.„Es liegt überhaupt wenig an dieſen Waldenſern. Armes, dürftiges Volk, ein bettelhaſtes Stück Land,— werden nach wie vor Murmelthiere abrichten und Kürbisköpfe aushöhlen— ſo wie ſo! Ihr müßt Euch, Graf Giuſeppe, höhere Ziele ſtecken. Ich empfehle Euch den deutſchen Norden zu Miſſionen. Euer feiner Geiſt, Euere gemüthliche Befähigung, in die Denk⸗ und Gefühlsart anderer Menſchen, bis dato noch Ketzer genannt, einzugehen und mit ihnen zu empfinden, macht Euch zum Miſſionär an jenen Punk⸗ ten, wo es für uns von Werth ſein kann, Helfershelfer zu haben. Auch ſind dort in der That die Logen ſtille, dem Lärm der Welt entzogene, aber wirkſame Schauplätze aller höheren Beſtre⸗ bungen.“ Ich erwiederte, ich ſei noch zu ſehr Laie, um mich für einen Zweig der Thätigkeit zu beſtimmen. Er empfahl mir wiederholt das Studium der nordiſchen Sprachen, Sitten und Eigenheiten; Bücher und Schriften des Collegiums und der Congregation ſtänden mir in ausgedehnteſter Weiſe zu Gebote; auch der Zutritt zur Sala intima der Propaganda ſammt ihren Regiſtern und Tagebüchern ſei mir ge⸗ öffnet.„Mit dem tollen Brauſekopf von Waldenſer nehmt Euch Zeit; in ſolchen Einfältigkeitsgemüthern ſteckt der Widerſpruch oft ſehr feſt, mehr aus Naturell, als aus Sünde.— Euere Gattin, Graf La Torre, war ja wohl auch nicht ganz eapitelfeſt, nicht recht römiſch geworden?“ Er ſah mich forſchend, doch ohne böſen Hinterhalt an. Ich er⸗ zählte ihm offen und ohne Scheu von Mormona's Anwandlungen, erklärte dieſe aber phyſiſch für Gelüſte in Momenten, wo ein Weib, das ſich Mutter fühlt, nicht entſchieden für zurechnungsfähig gilt. „Würde ſich auch haben ausgleichen laſſen!“ ſagte der General⸗ vicar mit trockenem Ernſt;„nur muß man ſich nicht Mönchen in die Hände geben, die Alles an die große Glocke ſchlagen und über kleine menſchliche Schwankungen und Irrungen gleich die Schrecken des jüngſten Gerichts bringen! Am wenigſten konnte das Bischen Ketzerthum, das in der Seele Eueres Weibes ſitzen geblieben ſein mochte, ausreichenden Grund abgeben, die katholiſche Rechtmäßigkeit Euerer Ehe zu bezweifeln!“ neiner nſem. nach o wie feiner lsart mit wnl⸗ Ich fuhr empört in die Höhe,„Wer,“ fragt' ich,„hat ſich deſſen erdreiſten können?“ „Doch wohl Derſelbe,“ ſagte Pater Lorenzo,„der uns Sophiſten ſchilt, weil wir auf die Natur des Menſchen Rückſicht nehmen und die feinen Vergehen nicht für gleich ſtraffällig wie die groben Ver⸗ brechen erachten.— Vielleicht auch nur ein Gewiſſensſerupel Eueres erlauchten Vaters!“ ſetzte der Vicar hinzu. Ich ſchwieg beſtürzt. Es machte mich ſtumm vor Schreck, daß man es gewagt haben durfte, an das, was ich für das Sicherſte gehalten, an das Eigenſte, Reinſte und Heiligſte meines Lebens die Hand zu legen. „Der Caſus war von Belang, ließ er ſich feſthalten und durch⸗ ſetzen,“ fuhr Lorenzo fort, mich wenig beachtend;„ward es möglich, Euere Ehe für ungeſetzlich zu erklären, ſo galt auch Euer Sohn für unrechtmäßig.“ „Unerhört!“ rief ich,„wie konnte mein Vater ſich ſo weit ver⸗ irren, das Kind, den letzten Sproß des Hauſes, in ſeiner Recht⸗ mäßigkeit zu bezweifeln und damit den Untergang, das Ausſterben des Stammes der La Torre zu verſchulden!“ „In dem Falle,“ ſagte der Generalvicar mit der langſamen Zähigkeit ſeines Tones,„in dem Falle würde, dünkt mich, der Seiten⸗ zweig Euerer Familie in Friaul erben. Dieſer Seitenzweig Eueres Hauſes iſt dem römiſchen Hofe ſehr ergeben. Die Curie würde das begünſtigen, glaub' ich. Oder Ihr würdet genöthigt, Euch noch ein Mal, und zwar ebenbürtig zu vermählen.“ Ich fühlte bei der Enthüllung dieſes Gewebes deſſen namenloſe Verſtrickung und Verkettung.—„Uebrigens,“ beruhigte mich Pater Lorenzo,„übrigens iſt es ja bei einer bloßen Anfrage geblieben; das heilige Amt der Inquiſition hat die ihm als Gewiſſensſcrupel geſtellte Frage, ob eine ſo und ſo beſchaffene, mit einer rückfälligen Ketzerin geſchloſſene Ehe nicht für null und nichtig erklärt werden könne, noch nicht ein Mal eingeleitet. Und jetzt, wo ja wohl ein Wunder am Grabe der Entſchlafenen geſchehen, wo die Todte erhöht, verklärt, ſaerificirt werden ſoll, würde es ja thöricht erſcheinen, wollte man auf deren Ungläubigkeit einen Proceß gründen! Indeſſen es war recht gut von Euch, Graf La Torre, daß Ihr Euch beeiltet, die Sache — 492— der Beatification bei der Curie zu betreiben; Ihr habt damit wenig⸗ ſtens jene Scrupel erledigt und beſeitigt. Auch zweifle ich nicht an der Geneigtheit des heiligen Vaters, auf Euer Geſuch einzugehen und die waldenſiſche Maria zu beatificiren. Dinge dieſer Art ge— hören zu ſeinen Liebhabereien. S. Heiligkeit Papſt Benedict, der gelehrte Bologneſe, hat in ſeinen früheren Jahren, als Promotor Fidei, ſogar ein weitläufiges Werk geſchrieben über die bei Selig⸗ ſprechungen üblichen Gebräuche. Von Alters her iſt die Curie noch von dem Anlehen unter dem vorigen Papſte Euerem Hauſe eine Summe Geldes ſchuldig. Das wird denn in Eins abgemacht. Wird Euere Ehe nicht weiter angezweifelt, ſo iſt Euer Sohn Saverio ebenſo zweifellos Erbe Eueres Hauſes, und Ihr— als Genoß unſeres Ordens— dürft unſeres Schutzes in jedwedem Falle ſicher ſein.“ Es ſchien paſſend, auf dieſe Verſicherungen ein Wort des Dankes zu erwiedern; es mochte etwas unbeholfen zum Ausdruck kommen, war ich doch wie betäubt und entſetzt über die Art, ganz profan ge⸗ ſchäftsmäßig über die heiligſten Dinge meines Lebens zu verhandeln. Auch war ich mir bisher doch noch gar nicht in ſolchem Grade als hülfsbedürftig erſchienen. „Noch Eins, Graf Giuſeppe della Torre!“ ſagte der General⸗ vicar, als ich ſchon im Begriff war, mich zu verabſchieden.„Es ſchwebt auch noch in anderer Weiſe ein Damoklesſchwert ob Euerem Haupte! Ueber Euere eigene Rechtgläubigkeit iſt bei'm heiligen Amt Frage erhoben und Unterſuchung verlangt. Das Tribunal wird einen Spruch thun müſſen,— wahrſcheinlich blos um ebenfalls Gewiſſens⸗ ſorgen zu beſchwichtigen! Seid alſo, bitt' ich, gewärtig, vom Con⸗ ſultor der Inquiſition vorgefordert zu werden, und wär's auch nur zu einem bloßen Colloquium, nur der Form wegen. Aber ich würde doch wünſchen und rathen, vorſichtig und beſonnen zu ſein! Man ſieht in Euch, Graf Giuſeßpe, den Genoſſen unſeres Ordens, und man könnte Euch um dieſer Genoſſenſchaft willen Angeln legen wollen.“ „Ich werde der Wahrheit die Ehre geben, ohne den Orden zu beeinträchtigen,“ ſagt' ich. „Juſt in dieſen Tagen,“ fuhr Lorenzo fort,„iſt ein neuer Con⸗ ſultor der Inquiſition ernannt.“ „Ein Mann der Geſellſchaft?“ fragte ich. wi iß, dol Hu Lo w ie M ſö „ Col ich ſch de no Ei Ve ſih wenig⸗ cht an ugehen rt ge⸗ t, der omotor Selig⸗ noch eine Wird ebenſo unſeres ankes nmen, m R⸗ undeln de als eneral⸗ Fueren 5 Ant einen iſſens⸗ Con⸗ h nul würde Man „n olen“ ten z tCon⸗ „O nein, im Gegentheil, ein Franciscaner,“ lautete bitter die trockene Antwort. Ich äußerte, der Meinung geweſen zu ſein, als Sodale der Ge— ſellſchaft keiner anderen Gerichtsbarkeit, als der des Ordens unter⸗ worfen werden zu können. Der Vicar entgegnete zur Erklärung, daß dieſer Proceß gegen mich bereits anhängig gemacht ſei, bevor ich meinen Entſchluß, in den Orden zu treten, förmlich kundgethan, den Revers, den man mir geſchickt, unterzeichnet und in die Liſte der Sodalen eingetragen. „Aber nur getroſt!“ wiederholte der Vicar,„die Geſellſchaft wird Euch ſchützen. Seid Ihr ſelbſt nur treu und auf Euerer Hut, und zögert nicht mit der Erklärung, uns ganz mit Allem, was Euer iſt, anzugehören, falls ſich Euch eine dringende Verlegenheit, eine drohende Entſcheidung naht!“ „Mit Allem, was mein?“ fragt' ich zerſtreut und verlegen,„mit Hab und Gut, mit der Grafſchaft La Torre?“ „Mit Allem, was Euer, gleichviel was es ſei!“ entgegnete Pater Lorenzo mit einem faſt wegwerfenden Stolze.„Der ächte Sohn und Schüler Jeſu nennt in der Welt nichts ſein, will er dem Herrn wirklich folgen, iſt und gilt draußen nichts, Alles nur innerhalb der Geſellſchaft. Für die Welt iſt er todt, eine Leiche; lebendig nur für die Zwecke des Ordens, der des Sodalen Sache zur ſeinigen macht, macht dieſer ſich mit ſeinem Wiſſen und Haben, ſeinem Wollen und Können zum Eigenthum der Geſellſchaft!“ Mit einer herablaſſenden Handbewegung ward ich entlaſſen. Ich eilte beſtürzt von dannen. Aus den Gängen und Hallen des Collegiums wehte mir ein ſchwüler Dunſt entgegen. Männer hatte ich geſucht, die ſich und ihr Alles der Menſchheit und deren Wohl— fahrt opfern, und fand Merarchen, die umgekehrt die Menſchheit und deren Heil ihrer eigenen Selbſtſucht zum Opfer bringen! Eine Ge⸗ noſſenſchaft Edler ſucht' ich und fand, daß ich in Rom vielleicht der Einzige war, der an dem Heil des Geſchlechtes, an der Errettung der Welt, an dem Werk des großen Baumeiſters Hand anzulegen ſich bereit fühlte. Eilftes Rapitel. Das Miſerere der Chriſtenheit und der Conſultor der Inquiſition. Was mich am meiſten beſtürzt machte und bedrückte, war die Spannung, in welcher die Geſellſchaft, der ich angehören wollte, mit dem oberſten Biſchof der Chriſtenheit ſtand. Aus dem Munde des Generalvicars konnte ich entnehmen, daß der Orden beinahe des Papſtes entbehren zu wollen ſchien, um neben ihm, wo nicht gar über ihm, eine ſelbſtändige Macht zu behaupten. Die Welt bedarf klarer Köpfe, edler Gemüther, die ſich über die Sache der Menſchheit einigen; dieſer Zwieſpalt unter den geſetzlichen Würdenträgern der Kirche ſtimmte mich tief herab. Dieſer ganzen Welt um mich her ſchien der Geiſt der Liebe und Eintracht abhandengekommen zu ſein. Wo ſich Kraft und Selbſt⸗ bewußtſein zeigte, da war es die Sucht nach äußerer Macht, die ent⸗ weder ganz offen eine Gewaltherrſchaft erſtrebte, oder heimlich Minen anlegte, um das Leben der Menſchen zu unterwühlen. Alles Andere, was in die Räder dieſer Maſchine nicht eingriff, ſchien mir Gedanken⸗ loſigkeit. Man ſündigt ohne inneren Antrieb, man büßt es wieder ab ohne Reue. Auf die Faſchingszeit folgte in Rom die Reihe kirchlicher Feſte. Sie erſchienen mir wie ein glänzender Rahmen, dem das Bild, der eigentliche Inhalt, verloren ging. Im Zeitalter der chriſtlichen Be⸗ geiſterung kam ein Raffael und malte ſeine göttlichen Geſtalten hinein, und die große Menge, die Gott nicht ſieht, nahm dieſe erleuchteten Werke der Kunſt für eine ſinnbildliche Erſcheinung. Der Schein galt dann den Menſchen für das Weſen, aber der Schein hatte vom Weſen einen Abglanz ſeiner Herrlichkeit. Jetzt hat dieſer Schein ſeine Glorie eingebüßt, er iſt nur ein Aushülfsmittel, denn dieſes Zeitalter iſt nüchtern geworden und doch nicht einfach und klar. Eine geheime Angſt wandelte mich an in dieſem Mittelpunkt der Chriſtenheit. Ich hätte in den tiefſten Abgrund flüchten mögen, um die Qual dieſer Entdeckung los zu werden. Entweder war ich ein unglücklicher Träumer, oder dieſe ganze Welt um mich her ein Schatten⸗ ſti ſe ſir ſch ſo o ni w fition. r die e, mit e des e des ht gar hedarf ſchheit n der Liebe elbft⸗ ie ent⸗ Minen lndert an en⸗ wieder geſte. , det n Be⸗ inein, chteten ngult vom ghin dilſes klal⸗ ſt der ſ, um ch ein tten⸗ a ſpiel. Die Geſtalten bewegten ſich noch wie Menſchen, aber ſie waren ſeelenloſe Maſchinen, und wenn ſie die kalten Hände nach mir aus⸗ ſtreckten, fuhr ich entſetzt zurück. Die heilige Woche war angebrochen. Alle Orden und Pilger⸗ ſchaften waren auf den Beinen und durchzogen in endloſen Proceſ⸗ ſionen mit dumpfem Gemurmel die Straßen der Stadt. Wo ſie vorüberkamen, ſtürzten die Leute aus den Häuſern hervor, knieten nieder, beteten raſch ihren Spruch ab und eilten zurück zu ihrem weltlichen Thun. Die Weiber und Buben folgten den Zügen, für ſie ſchien die ganze Feierlichkeit erſonnen zu ſein. Der Müſſigang iſt hier ſanctificirt, die Bettelei faſt ein religiöſes Geſchäft geworden, und nachdem die Andacht zur Werkeltagsgewohnheit geworden iſt, ſucht man den ſchlaffen Sinn durch Prunk und Flitter anzufriſchen. Auch die Coquetterie miſcht ihr Spiel in die alten Gebräuche und treibt in heiligen Lumpen allerlei Kurzweil. Auf Eſeln ziehen ganze Haufen angeblich bußfertiger Frauen und Mädchen, von Mönchen geführt, die Via Flaminia entlang, halten dann vor der Piazza del Popolo, werfen dort Schuh' und Strümpfe ab und treten baarfuß in die Kirche. Links und rechts machen Cavaliere Spalier, und aus den Paläſten der Nepoten des verſtorbenen Papſtes ſchaut die elegante Welt, mit Opernguckern bewaffnet, ſcherzend und witzelnd auf die Gruppen der bußfertigen Schönen herab.— Das alte heidniſche Rom war in ſeiner Sinnlichkeit naiv. Das chriſtliche Rom hat die natürliche Einfalt verloren, iſt aber um deswillen nicht tugendhafter geworden. Auf den antiken Architraven ſteht noch zu leſen; Senatus Populusque Romanus. Aber dies 8. P. O. R. erklärt ſich der Witz von heute ganz anders. Sancte Petre Quid Rides! ruft der freche Uebermuth des Pöbels. Und der heilige Vater ſelbſt?— Er ſchreibt zu viel und regiert zu wenig! lautete die Klage über ihn im Volke. Papſt Benedict hat Akademien geſtiftet, ließ einen Grad des Meridians meſſen, baute die Kirche San Marcellino nach ſeinem eigenen Grundriß und ver— anſtaltete Ueberſetzungen der beſten franzöſiſchen und engliſchen Bücher. Er iſt ein Mann von franzöſiſcher Bildung. Er hatte ſich als Car⸗ dinal Lambertini zu Paris in den Bureaux d'Eſprit der Dame Tenein gefallen. Es hatte für die Römer eine Zeit gegeben, wo ſie — 496— ganz entzückt waren von Benediet's geiſtreichen Einfällen, die man ſich U Nachmittags im Garten des Quirinals bei'm Glaſe Kaffee erzählte. Dieſe Zeiten waren längſt vorüber; die Römer nannten ihren Herrn den guten Alten, weil er fromm und einfach lebte; oder ſie ſchalten v ihn, mit Bezug auf ſeine Vaterſtadt,„das gelehrte Bologna,“ weil ſeine Bücher ſo corpulent waren und einen Umfang hatten, wie die dicken maſſiven Häuſer der graſſa Bologna. Papſt Benedict war aber i ein Mann, der mitten in der Verlorenheit der römiſchen Welt als in ein Muſter ſeltener Tugenden des Geiſtes daſtand. Er war fromm n geworden, ohne deshalb aufgehört zu haben, duldſam und menſchlich i zu ſein. Er ſah in den guten Sitten die beſten Wirkungen des Glaubens; ſeine Rechtſchaffenheit war verſöhnlicher und liebevoller Art. Unter ſeinem Regiment hatte das wüſte Treiben des Nepo⸗ ſ tismus aufgehört. Aber ſein Hofhalt war kärglich, und die Müſſig⸗ gänger klagten über die ſchmalen Zeiten. Er ſuchte Aufklärung zu zl verbreiten und das Mönchthum eiferte gegen ihn. Er war bemüht, der Verweltlichung der Kirche Schranken zu ſetzen, und der mächtige. Orden der Schüler Loyola's arbeitete mit allen Kräften gegen ihn. Er gab ſtrenge Geſetze gegen den Wucher und verfeindete ſich die Reichen. Er verminderte die Zahl der Feſttage, und das Volk murrte über die Schmälerungen ſeiner heiligen Spiele. Dieſen Römern thut vielleicht die ſtarke Fauſt eines Sixtus noth: die ſanfte Hand eines ze freundlichen, milden Greiſes, die nur Segen ſpenden will, richtet die 5 verworrene Welt nicht wieder in ihre natürlichen Fugen. Am Aſchermittwoch wird in der Sixtina Allegri's Miſerere auf⸗ di geführt. Ich bereitete mich dazu vor, wie zu einem hohen Feſttage, P dem man nur mit innerer Sammlung entgegengeht. Allegri's Muſik, un wie man mir ſagte, gehört zu den geheimen Schätzen der Kirche; man bewahrt ſie mit einer neidiſchen Sorgfalt. Seltſame Mährchen find P darüber in Umlauf. Es heißt, dieſe Muſik zum Miſerere ſei immer noch die alte und werde doch alljährig erneuet; immer ſei ſie für die Sänger eine neue Offenbarung und wachſe ihnen unter den Händen ſ unerſchöpflich fort. Aechte gottgeweihte Kunſt aus alter Zeit iſt alſo doch wohl noch eine Brücke, auf der man über dieſes Zeitalter hinweg in ein Allerheiliges dringt? Die Kunſt verſetzt uns auf Augenblicke in eine Vorhalle zum Himmel; aber ſie vermag nicht mehr den ganzen n ſich zhlte. Herrn halten weil ie die aber t als romn ſchlich n des woller Nepo⸗ liſſig⸗ g zu whi, ſchtige ihn⸗ ch die nurr hu eines 1die auf⸗ ſttage Muſit, man ſind inmer 497 Menſchen zu durchdringen; ſie iſt nicht mehr mächtig genug, den ganzen Schauplatz der Welt zu erfüllen. 3h) wollte ungeſehen, ungeſtört Allegri's Miſerere auf mick n laſſen. Deshalb entzog ich mich der Einladung des Seietet ſeine Loge in Sixtina zu beſuchen. Es war drei Uhr achmittags, als ich zu Fuße durch die Via Tinta nach der Engels⸗ brück eilte. Der Strom der Menge trug mich an's Ziel. innern Raum ward das Gedränge ſtärter, die S e Spontons bewaffnet, hatten Mühe, den gewaltſamen Endlich ſtand ich mitten im Raume der Siptina. erium, 3. marmorne Balluſtrade geſchieden, ſaßen längs Mauer auf erhöhten Polſtern die greiſen Cardinäle. Ihr Ge⸗ folge, die Caudatarien, lauter blühende Schwarzköpfe, ein ſorgfältig ter Gegenſatz zu den ſilberhaarigen Vätern der Kirche, i die langen Schleypen der Abiti Pavonazzi, Gewänder, zurecht. Der Thron zur das Haupt der Chriſtenheit beſtimmt; 6 Gewühl des Volkes; oben rings die weltliche Herrlichkeit und die . vertheilt. Hinter dem Gitter der 3 Pie fünfzehn Kerzen auf jedem fünf⸗ ſchon auf dem Altar, als der heilige e und ſich niederließ. Dieſer Glanz 3 Welt zu verſetzen, aber es war nicht die man ſich durch ſo viel ſtolzen 4 mir dieſe andere Welt habe ſein ganzes Hofceremoniell entfaltet, eiter der Prälaten, den Mandarinen gleich, mit ihren 6 edeln ſich links und rechts geſchäftig machten. . is verkündete den Beginn der Feier. in jeder Pauſe murmelte der Klerus . Sit Wſch i der Kerzen. Mit dem egann Allegri's Kyrie. Papſt und Cardinäle unkelheit auf den Knieen. Langſam, einfach, ſchwer und ernſt begann die Muſik ihre großen Tonmaſſen zu entfalten. Es war, als wenn dasr t D. V. V. Kühne, Die Freimaurer. 32 — 498— Meer die Nähe des Allerhöchſten verkündete und plötzlich Gott Ze⸗ baoth ſelber aus der Tiefe ſtiege, um auf dem dunkeln Mantel ſeiner Wolken über die Welt Gericht zu halten. Mich überkam der ganze ſtrenge Ernſt des alten Teſtamentes. Hat Allegri in ſeinen Tönen über die eitle Pracht der Menſchheit eine ſchwere Anklage erheben wollen? Dann mochte die geſammte Welt nur rufen: Herr! Herr! mein Herz iſt jämmerlich vor Elend und ich liege in der Finſterniß vor dir!— Die Wogen der Muſik wälzten ſich immer höher heran und in der bangen Schwüle fühlt' ich meine eigene Seele ächzen und zittern. Die Erde ſchien mir vernichtet vor dem Zorn des Himmels und die Töne predigten mir Salomo's Worte: Herr, Herr, dein Grimm kommt über mich und deine Schrecken drücken mich zu Boden. Meine Seele iſt voll Jammer und unſer Aller Leben nahe bei der Höllen. Mein Heiland, ich rufe zu dir, wirſt du nicht die Gräber öffnen und die Todten auferwecken? Denn die Lebenden ſind voll eitlen Truges, der Tag iſt zur Lüge geworden und die Wahrheit ruht in der Nacht an dem Grabe. Du ſelbſt, Herr, biſt uns ge⸗ ſtorben, aber du biſt noch nicht für uns wieder auferſtanden, dein Geiſt iſt unspabhandengekommen und wir ſind Alle in der Irre. Wirſt du nicht wieder kommen und unter uns wandeln? Die Töne ſprachen das nicht, die Worte der Bibel ſagen das nicht ganz ſo, wie ich es fühlte; aber es waren ſchmerzlich wahre Gedanken, die Allegri's Miſerere in mir aufrief. Wie die Muſik plotzlich verſtummte, erhob ſich der Papſt mit der geſammten Kleriſei. Die Kerzen brannten wieder, die Cardinäle ſchüttelten ihre prunkenden Kleider, die Schleppenträger legten die Falten zurecht. Die ganze Chriſtenheit erhob wieder ſtolz ihr Haupt und ſchaarte ſich zu neuem Gepränge. Der Stellvertreter Chriſti ſaß im Tragſeſſel, die Schweizer mit den koloſſalen Flammbergen zogen vor ihm her, die ſeidenen Kämmerlinge mit den Fliegenwedeln fächelten rechts und links. Die Chriſtenheit hatte auf einen Augenblick Buße gethan und in dieſer Buße vielleicht nur neue Kraft geſchöpft für ihre Weltlichkeit. Chriſtus ſcheint in die Welt gekommen zu ſein, um wieder zu verſchwinden. Ich fürchte, er iſt uns eine bloße Erſcheinung geweſen. Am andern Morgen machte ich dem Conſultor der Ingquiſition meinen Beſuch. Ich hatte ſchriftlich bei ihm um die Erlaubniß dazu — Ze⸗ ſeiner ganze önen heben Herr! etmiß eran gebeten; es ſchien mir heilſam, ihm zuvorzukommen, nicht erſt die Vor⸗ ladung vom heiligen Amt zu erwarten. Der Franeciscaner, der ſeit kurzem dieſen wichtigen Poſten bekleidete, war ein bevorzugter Freund des heiligen Vaters. Papſt Benedict hatte, indem er dieſen Minoriten zum Conſultor ernannte, der Welt damit andeuten wollen, daß er weder die Härte der Dominicaner, noch die Caſuiſtik der Jeſuiten in der Kirche gelten laſſen wollte. Lorenzo Giovanantonio Ganganelli — dies der volle Familienname des Mannes— ward mir als ein ſeltener Geiſt, faſt als ein Sonderling bezeichnet. Schon mit ſeinem achtzehnten Jahre— er ſtand damals in der Blüthe des Mannes⸗ alters— war er in den Franciscanerorden getreten, hatte Theologie und Philoſophie mit demſelben Eifer ſtudirt, mit welchem er ſie jetzt in den Hörſälen der Propaganda lehrte. Es war eine mäßig ge— wachſene, feine und ſaubere Geſtalt, mit dem entſchiedenen Anſtrich des Gelehrten, jedoch ohne die unbehülfliche Pedanterie, die mitunter ſeinen Genoſſen anhaftet. Man nannte ihn in ganz Rom nur den braunen Profeſſor. Ganganelli wohnte in einem Seitengäßchen, das mit ſeinem Gerüll alter baufälliger Häuſer an ein Nebengebäude des Vaticans ſtieß. Ein Diener führte mich ſofort durch mehrere ſaubere, einfache Zimmer in den Bücherſaal. Ein kleines Cabinet daneben ſtand offen; dies war der Raum, wo der merkwürdige Mann ſeine Buchdruckerei hatte. Der braune Profeſſor liebte dieſe Kunſt, die ſeine Neben⸗ ſtunden füllte. Das iſt die einzig wahre„ſchwarze Kunſt“, ſoll er ein Mal geſagt haben, aber dieſe ſchwarze Kunſt iſt kein Werk des böſen, ſondern des guten Geiſtes! Ganganelli ſtand in der kleinen durchſchwärzten Kammer mit ab⸗ geworfenem Oberkleide am Fenſter vor dem Setzkaſten. Ein Blatt Papier war vor ihm aufgeſteckt, auf welchem er, mit dem Brillenglaſe bewaffnet, emſig Buchſtaben für Buchſtaben mit den Augen verfolgte, während die geſchickte Hand, in dem Alphabetkaſten hin und her greifend, die nöthige Letter raſch und ſicher herausfand. Er hatte meinen Gruß unerwiedert gelaſſen; ich blieb auf der Schwelle ſtehen. In der Mitte des Zimmers regierte ein berußter Diener den Preßbengel. Dieſen brachte jetzt der Meiſter ſelbſt in Thätigkeit, und die geſetzten, eingeſchienten und mit Schwärze be— 500 ſtrichenen Lettern ſtanden alsbald fertig da auf dem Papier. Es war Deutſch mit gothiſchen Buchſtaben gedruckt. Der Profe ſſor bot mir jetzt freundlich einen guten Morgen und reichte mir, zufrieden mit ſeinem Werk, ein Blatt. Es waren zwei deutſche Verſe mit un⸗ geſchickten, langgeſtreckten, eckigen Gliedern. Ich las die ſibylliniſchen Worte: „Iſt Chriſtus tauſend Mal in Bethlehem geboren, „Und nicht in dir, ſo bleibſt du ewig doch verloren.“ O, mein Gott! dacht' ich, trifft uns das nicht Alle, Rom zumal? Rom läßt den Herrn geboren werden und ſterben, Niemand aber ſtirbt mit ihm, Niemand ſteht mit ihm wieder auf. Es hält Keiner mehr Einkehr in ſich ſelbſt, die innere Stimme iſt verſtummt, es iſt Alles hergebrachtes Außending geworden, und die Geheimniſſe der Religion pflanzen ſich fort, wie ein altes gewohntes Mährchen, das die Ammen zur Beſchwichtigung den Kindern weiter erzählen! Der Profeſſor hatte ſeinen Anzug geordnet, während die Diener die Geräthſchaften beſeitigten.„Behaltet das Blatt!“ ſagte er, als ich noch immer mein Auge auf die zwei Zeilen heftete.„Dieſe Verſe ſind von einem deutſchen Poeten Johann Scheffler, Angelus Sileſius zubenannt, einem Manne aus eben dem Schleſien, das jetzt der Bo⸗ ruſſenkönig dem alten Hauſe Oeſtreich entriſſen hat. Sonſt zogen in Germanien die Völker ihres Glaubens wegen den Harniſch an; jetzt laſſen ſie ſich nur um politiſcher, ehrgeiziger Zwecke willen zur Schlacht⸗ bank führen. Ich weiß nicht, was ſchlimmer iſt. Der Poet Sileſius lebte zur Zeit des großen dreißigjährigen Gl aubenskampfes; er war ein lutheriſcher Chriſt geweſen und trat zur Mutterkirche zurück.“ „Alſo kann man,“ ſagte ich,„römiſch— katholiſcher Chriſt ſein, und ſich zu der Wahrheit dieſer Verſe bekennen?“ Der Conſultor der Inguiſition ſah mich forſchend an. Ich weiß nicht: durchſchnitt mein Wort ſo gewaltſam den Zuſammenhang ſeiner Gedanken? „Wir brauchen,“ ſagte er,„die Richtigkeit des Sinnes, der in dieſem Verſe liegt, nicht abzuleugnen. Bei dem äußerlichen Thun der Frömmigkeit ſetzen wir ja die Erhebung des Gemüthes voraus, oder ſuchen ſie durch Symbole und äußerliche Uebung zu erwecken. Der Streitpunkt der Kirche mit dem lutheriſchen Chriſtenthum liegt s war nir n nit tun⸗ iſchen mal? ſürbt nehr Alls ligion mmen dienel als Vrrſe ileſus gen in jttz t⸗ leſius war „ weiß ſeiner d in Lhun vraus weäel⸗ liegt — 501— nicht auf dieſem Boden, vielmehr in der Frage, wie man ſich mit Gott verſbhnen könne, ob lediglich durch den Glauben, wie weiland der Auguſtiner Bruder behauptete, oder auch durch gute Werke. Und mich dünkt, die Billigkeit liegt auf unſerer Seite, denn auch das gute Werk, das ich in frommer Abſicht thue, muß Gott wohlgefällig ſein. Will man das Heil blos in der Feſtſtellung der Lehre ſuchen, ſo werden wir den Kathederſtreit nie los, und es iſt ſchlimm, wenn das Chriſtenthum eine bloße Beute der Gelehrten wird. Den Völ⸗ lern kann man Vieles einräumen, denn Vieles in der Religion iſt ja Uſus geworden, nationale Sitte und Gewohnheit.“ Wir waren in den Bücherſaal getreten. Ganganelli ſuchte einen Band aus der Reihe der Folianten hervor und ſchlug ihn mir auf. „Ich wünſche,“ ſagte er,„Ihr läſet vom deutſchen Philoſophen Leibnitz eine lateiniſche Schrift, worin er, neben manchen zufälligen Irr⸗ thümern, denn doch für die Transſubſtantiation einen Beweis liefert, der— salva venia!— einer Apologie der römiſchen Lehre ſehr nahe kommt. Und dieſer deutſche Philoſoph war Proteſtant geweſen und geblieben. Zu ſeiner Zeit war die große Arbeit einer An⸗ näherung, Verſöhnung und Ausgleichung der getrennten Gemeinden Chriſti ſehr ſchon im Gange. Es war um's Jahr 1660, als Johann Philipp von Schönborn, Kurfürſt von Mainz, unter Beiſtimmung Derer von Cöln, Trier und der Pfalz zwiſchen katholiſchen und prote⸗ ſtantiſchen Deutſchen den Plan einer Vereinigung entwarf und betrieb. Man wollte dieſen katholiſchen Reformern im Norden die Meſſe in deutſcher Sprache und die Prieſterehe geſtatten.“ „Arbeitet man jenſeits der Alpen uns wirklich in die Hände?“ fragte ich. „Denkende Männer aller Secten und Bekenntniſſe,“ ſagte der Profeſſor,„verſammeln und vereinigen ſich dort in ſtillen Logen. Es lebt in dieſem nordiſchen Volke ein ſehr tiefer, wunderbarer Drang nach den Geheimniſſen des Lebens. Bei uns in Italien iſt die Religion häufig nur eine Sache des Nationalſtolzes. In Frankreich erliegt ſie der Eitelkeit des frechen Witzes, bei den Germanen iſt ſie noch eine Sehnſucht nach dem Ewigen. Ich habe in der Ge⸗ ſchichte und in den Büchern dieſer Deutſchen geforſcht, und bin erſtaunt, zu ſehen, wie allezeit eine tiefe Inbrunſt und Liebe in ihnen lebendig war, wie ſie immer einem großen Ideale nachrangen, ſelbſt auf die Gefahr hin, darüber ihr irdiſches Wohl zu verlieren. Wenn jemals der Gedanke einer allgemeinen Kirche Chriſti in der Menſchheit wieder zu verwirklichen iſt, ſo haben dieſe Söhne des Nordens den Beruf, ihn auszuführen. Freilich ſind ſie es geweſen, bei denen ſich die Begeiſterung für das Höchſte auch am ſtärkſten in ihr Gegentheil verkehrte und der Hang zur Forſchung von Grund aus die Tiefen des Lebens heillos durchwühlte. Immer aber waren ſie es, bei denen das Feuer der Religion, wo es nicht mehr als leuchtende Säule vor⸗ anwandelte, doch unter der Aſche fortglühte, da der Glaube bei ihnen auf dem Roſt der Unterſuchung ſeine Probe beſteht. Und hat nicht ſelbſt jener Martin Luther, der ein Weib nahm und das Menſchliche im Menſchen heiligte, an das Wunder der Wandelung geglaubt? Sprach er nicht das Wort: dieſes iſt der Leib des Herrn! Mich dünkt, dieſe Kraft der Forſchung, die den deutſchen Denkern eigen iſt, müſſe ſich immer wieder zum Mittelpunkt der Wahrheit zurück⸗ finden. Ein neue Kirche hat jener Luther weder ſtiften wollen noch köͤnnen. Daß ſich die Anhänger der gereinigten Lehre zu einer ge⸗ ſchloſſenen Secte zuſammenthaten, die ohnedies wieder vielfach in ſich zerbröckelte, geſchah wohl nur aus Noth und im Drange des Augen⸗ blicks. Dieſer Auguſtiner Bruder hat zu ſeiner Zeit das dumpfe Ge⸗ wölbe des alten Kirchengebäudes ſtark gelüftet. Er hat die Schein⸗ heiligen und die Wucherer mit der Knute ſeiner Rede aus dem Tempel gegeißelt, er war der große Stallfeger Chriſti auf Erden und ſeine Herkulesarbeit muß der katholiſchen Welt noch zu Gute kommen. Wenn der erſte Nothbehelf vorüber iſt, werden wir uns mit ſeinen Anhängern verſtändigen können.“ Wir hatten uns im traulichen Studierzimmer gemächlich nieder⸗ gelaſſen; ich ſaß und lauſchte auf des weiſen Mannes Rede, während ich die Blätter des Buches, das er mir gereicht, durch die Finger gleiten ließ. Er fuhr fort:„In dieſem Leibnitz, der an norddeutſchen Höfen Prinzen und Grafen, Cavalieren und Damen ſeine Weisheit lehrte: welch' ein ſchöner Drang, die zerſpaltene Welt wieder zum Bewußtſein der Eintracht zu bringen! Welch' ein Reich voll Glück in ſeinem Gottesſtaate, welch' ein ſchöner Glaube an die von Ewigkeit geſetzte Harmonie zwiſchen Gott und Natur, Seele und Leib! Hier uf die jenals wieder Beruf, ch die ntheil iefen denen vor⸗ ihnen nicht chliche aubt! Mich eigen wüd⸗ noch et ge⸗ nſih ugen⸗ Ge⸗ chein⸗ npel wird nichts geknechtet, um gewaltſam den Frieden zu erzwingen. Hier hat das Spiel der natürlichen Begierden ſeine Freiheit und der Geiſt fügt und ſchmiegt ſich an ſeinen Körper, um eine beſeelte Welt hervorzurufen. Welch' ein Triumph, wenn Glaube und Vernunft ſich wieder als gleichberechtigte Geſchwiſter kennen lernten und liebten! Ich habe ſolche Beſtrebungen deutſcher Denker immer nur mit Ehr⸗ furcht und Rührung betrachten können. Und ein ganzes Volk in ſolcher Arbeit zu finden, welch' ein Schauſpiel, dacht' ich mir, muß das ſein! Seitdem ich das erkannt, hat mich immer eine Sehnſucht erfaßt nach dem Lande jenſeits der Alpen. Freilich kamen mir dann auch oft genug ſehr burleske Subjecte vor, wie der deutſche Bruder, den ich herbeſtellt habe, um Euch, Herr Graf, in der Gallerie der Pro⸗ paganda Führer und Erklärer zu ſein. Solche Pflanzen, ſcheint es, ſind im Lande der Germanen auch national.“— Bevor er dies ſagte, war ein Diener eingetreten und hatte ihm von der Ankunft des Pater Broccardo Meldung gemacht. Wie die Glocke an der Uhr des Vaticans ſchlug, brach der gelehrte Mann unſer Geſpräch ab, rief den Diener zurück und ließ ſeinen Anzug ſauber ordnen.„Seine Heiligkeit erwartet mich,“ ſagte er,„und ich thue Euch noch heute zu wiſſen, wann Euer Verhör ſtatthaben ſoll.“ Dieſer Mann mit dem vorurtheilsfreien Geiſt war zugleich ein Mann der Ordnung und Pünktlichkeit. In ſeinem Hausrath ſchien Alles ſyſtematiſch zu ſein, und ſo ſah er auch auf Form und Etiquette, als ihn die gewohnte Conferenz in den Vatican berief, ob er ſchon nicht nöthig hatte, vor dem Oberhaupt der Kirche, das ihn Freund und lieber Bruder nannte, in abſonderlichem Feierkleide zu erſcheinen. Später habe ich in deutſchen Landen von dem Gerüchte gehört, nach welchem Ganganelli von deutſcher Geburt geweſen ſein ſollte. Er habe, hieß es in Deutſchland, urſprünglich Johann Gottfried Lange geheißen, ſei zu Lauban im ſchleſiſchen Lande geboren, in Breslau Buchdrucker geweſen, dann nach Italien gegangen, dort verſchollen, und mit wälſchem Namen als Profeſſor in einem Minoritenkloſter wieder aufgetreten. Ich konnte mir nach den perſönlichen Eigen⸗ ſchaften des ſeltnen Mannes die Entſtehung dieſes Gerüchtes wohl erklären, aber es doch zugleich als falſch nachweiſen. Papſt Benedict's Freund war der Sohn eines Arztes Ganganelli aus der Gegend — von Rimini. Lieber Sohn eines Arztes! ſoll der heilige Vater ein Mal zu ihm geſagt haben, ich wollte, du wäreſt ſelber ein Medicus zur Reform der Kirche und wüßteſt gründlich die Schäden im geiſt⸗ lichen Regiment zu heilen; dann brauchten wir die Schüler Loyola's nicht!— Ein ander Mal ſchalt ihn Papſt Benedict einen Quackſalber, der nur oberflächliche Schutzmittel vorſchlug. Bwölftes Kapitel. Der Saal der deutſchen Proſelyten. Im Vorzimmer harrte meiner der bereits angekündigte Pater Broccardo,— Burkhart zu deutſch, wie ſein heimiſcher Name lautete. „Unſer germaniſcher Bruder, kürzlich aus Weſtindien zurückgekehrt!“ hatte der braune Profeſſor ihn mir mit einem Gemiſch von Schalk⸗ heit und Gemüthlichkeit vorgeſtellt. Eine unterſetzte, breitſchulterige Geſtalt bot ſich in ihrer ganzen behaglichen Fülle dar. Die Beſchwerden der Reiſe, die Strapazen des Miſſionslebens ſchienen den Mann nicht angefochten zu haben. Arbeit und Seelſorge um verirrte Schafe der Heerde hatten ſein leibliches Wohl nichts weniger als beeinträchtigt. In den kleinen Augen kündigte ſich eine liſtige Verſchmitztheit an; die aufgeworfenen Lippen deuteten auf keinen Idealiſten. Bei alledem ſprach ſich in dem runden, vollwangigen Geſicht eine gutmüthige Offenheit der Seele und ſo viel Biederkeit des Herzens aus, daß man den Glauben an Arg in ihm gern fahren ließ. Er nannte mich Frater Collega und ſchüttelte mir wacker die Hand, wie ich ihm namhaft gemacht wurde. Das mangelhafte Italieniſch, das er ſprach, vertauſchte er bald mit einem ſchlechten Küchenlatein, bald mit einem fabelhaften Franzöſiſch oder mit einem Kauderwälſch nordiſcher Barbarei. Er war überall zu Hauſe geweſen, ſchien faſt von allen Zonen der Erde einen Fetzen an ſich gebracht und mit ſeiner vegetabilen Natur ver⸗ rein ditus giſ⸗ holas alber, 7 05 ſchmolzen zu haben. Er trug das Fleid der Geſellſchaft, der ich ſelber angehörte, machte mir jedoch weit eher den Eindruck eines jovialen Bettelmönchs. Es war der erſte deutſche Mann, der mir im Leben begegnete, und ich bekam allerdings durch ihn von den vielfach verzweigten Völkerſtämmen germaniſcher Nation nur einen ſehr einſeitigen Begriff. Pater Burkhart's engere Heimath war der Schwabenwinkel, wie man in Deutſchland den Gau bezeichnet, der geiſtig und phyſiſch ſoviel Tapferkeit und Kernkraft erzeugt. Vom braunen Profeſſor, der uns an der Thür des Hauſes verlaſſen hatte, war mir Pater Broccardo in den Annalen der Propaganda, na⸗ mentlich in der Geſchichte der deutſchen Proſelyten als beſonders bewandert angekündigt. Im Palaſt der Congregation des Glaubens war eine Gallerie von Bildniſſen der vornehmſten Männer und Frauen, welche die Kirche im Laufe der Jahrhunderte ſeit der großen Religionsſpaltung wiedergewonnen. Es iſt üblich und ſcheint auch vortheilhaft, daß in jeder Abtheilung der Gallerie ein Landsmann Führer iſt. Wir waren im Palaſt der Propaganda angelangt und ſchritten durch die hochgewölbten Räume des Hauſes, durch weite Hallen und ſchmale Gänge; wir ſtanden endlich vor der Sala intima, in welcher die Mutterkirche die verlorenen, aber wiedergefundenen Schafe ihrer Heerde in Bildniſſen aufbewahrt. Pater Burkhart machte unter den deutſchen Proſelyten den Cicerone. Der Foliant, den er unter dem Arme trug, enthielt das Regiſter über die Bekehrungsgeſchichte jedes Einzelnen; in der andern Hand führte er einen römiſchen Staats⸗ kalender mit ſich. Der Cuſtode, der uns durch die Vorſäle geleitete, erſchien ſich bei der Beleſenheit und Beredſamkeit des deutſchen Bru⸗ ders bald als überflüſſig und entfernte ſich. Die Sala intima beſtand nach ihrer damaligen Einrichtung in einer Reihenfolge von Zimmern, in denen die Bildniſſe nach der Jahresfolge geordnet waren. Im erſten Gemach, getrennt von den übrigen, als nicht ganz zugehörig zur Reihe der germaniſchen Fürſten, hing das Portrait jener ſchwediſchen Chriſtine, die freilich mit ihrem angebornen Glauben auch die ererbte Krone niederlegte und als planloſe Abenteurerin in der Welt umherſchweifte, ohne der Kirche großen Gewinn zu bringen. Wer ſich von der Religion ſeines Volkes 3506 trennt, ſagt ſich auch von deſſen Sitten und Gewohnheiten los, zieht ſich den Boden unter den Füßen fort. Mit ſeinem Volke übergehen, mit Tauſenden zuſammen einem neuen Glauben huldigen, zu dem ein Leitalter herangereift, das dünkt mich groß und göttlich.— Aus Chriſtinens Zügen ſprach mehr launenhafte Grille als jener Tiefſinn des Herzens, der den Glanz der Welt abthut, um in der Stille ſeinen Gott zu ſuchen. „Seltſames Schickſal!“ ſagte Pater Burkhart,„die Tochter des großen Schneekönigs, der die deutſchen Ketzer im Kriege wider die heilige Kirche unterſtützte, mußte zu Kreuze kriechen und zur römiſchen Fahne ſchwören! Seit jenem dreißigjährigen Bruderkriege geht's in deutſchen Landen recht confuſe, ſage: confuſe her. In meinen jungen Tagen ich war ſchon als hoffnungsvoller Jüng⸗ ling nach Rom gekommen— ſollte ich auf Commando nach China gehen. Ich freute mich auf China, verſprach mir daſelbſt Wunder⸗ dinge, und wie ein Frater Collega mich verdrängte, ſtatt meiner die Fahrt nach dem Lande der leibhaften Mährchen machte, hätt' ich ſchier vor Neid berſten mögen. Ich wurde dafür nach Cöln am Rhein, nach Franken zu einem kleinen Dynaſten, der auf Belle Promeſſe reſidirt, und nach Dresden, dem ſchönen deutſchen Florenz an der Elbe, beordert. Wie ich nach langen Jahren im Collegium zu Rom mit dem chineſiſchen Frater Collega wieder zuſammentraf, und wir unſere Erlebniſſe austauſchten, war ich es ſchier, der mehr Raupen im Kopfe hatte, mehr Sagen, Fabeln und Mährchen von unſern Epxpeditionen zu erzählen wußte. Was Der in China erfahren, war nur halb ſo ſchnurrig. Verwandtſchaftliches fand ſich freilich zwiſchen beiden Ländern. In China beten die Menſchen zum Con⸗ futſe. In Deutſchland haben ſie einen gewiſſen myſtiſchen Gott, den ſie Confuſe nennen; es geht dort, wie ich ſage, confuſe her. Bei dem jetzigen Kriege zwiſchen deutſchem Norden und Süden iſt wenig Religion im Spiele. Der König der Boruſſen— hier unſer Staatskalender nennt ihn den Marcheſe von Brandenburg— führte zwar gegen Kaiſer und Reich einen verteufelten Krieg und iſt, ſo zu ſagen und mit Reſpekt zu melden, der eingefleiſchte Teufel ſelber, aber es kam ihm blos auf ein Stück Land an, das ſie ihm denn auch ſchon in zwei Friedenstractaten zugeſprochen haben. Er traut os, zieht bergehen, den ein — As Tieffinn Tochter wider und zlr derkriege er. In Jüng⸗ China Pundel⸗ ein t, hit ach Cöln Belle uf 1 Floren olegun mentuf er mehr t 0 freilich dem Frieden nicht und ſo wird denn wohl die Katzbalgerei bald wieder losgehen. Mit dieſem preußiſchen Fritzen iſt nicht gut ſpaßen. Und in den trüben, von oben naßkalten, von unten aber ſehr trocke⸗ nen Ländern dieſes brandenburgiſchen Marcheſe iſt überhaupt nicht viel zu brudern. Wenn der letzte in Gott ruhende heilige Vater ein Bisthum von Havelberg an ſeinen jüngſten Neffen vergeben hatte, ſo war das nicht ſo viel werth, als wenn ich Einem ſechs Dreier ſchenke, und zwar in einem Lande, wo der Dreier nichts gilt!“ Wir ſtanden, während der Alte ſchwätzte, in einem prachtvollen Saale, wo in ziemlich dicht gedrängten Reihen die Bildniſſe der deut⸗ ſchen Convertiten des ſiebzehnten Jahrhunderts beiſammen waren. Auch ein Markgraf von Brandenburg, Chriſtian Wilhelm, aus noch älterer Zeit, fand ſich unter ihnen; dicht neben ihm Johann Friedrich, ein Herzog von Braunſchweig⸗Lüneburg; ein Wolfgang Wilhelm von der Pfalz aus der Linie Neuburg, ein Chriſtian Ludwig von Meck⸗ lenburg⸗Schwerin; einige Fürſten aus dem Hauſe Hohenlohe⸗Schil⸗ lingsfürſt. „Haltet ein Mal ſtille, werther Frater Collega,“ ſagte der deutſche Bruder auf ein goldberahmtes Bild deutend, über welchem wie ein Trauerflor ein ſchwarzes Tuch hing.„Hinter dieſem Vorhang ſteckt der deutſche Reichsgraf Juſtus Erich, gefürſteter Herr zu Schwar⸗ zenfels ꝛc., auch einer von der alta famma, ein gewaltiger Nimrod — aber nicht vor dem Herrn!— haut und beißt um ſich, ſpeit Feuer und Flammen, wenn er was aus Rom wittert! Kann's Katholiſche ſozuſagen nicht riechen. War früher der Alchymiſtik ergeben, hatte ſeine Liebhaberei daran, das aurum potabile, das trinkbare Gold, im Schmelztiegel auszufinden. Ward zu ihm geſchickt und miſchte ihm zu Belle Promeſſe das Pulver. Wie ich ihm die Tiegel ver⸗ wechſele und das rothe Gold von Augsburg einkoche, will mich der Geſtrenge faſt erwürgen und wirft mich, um Gnade für Recht ergehen zu laſſen, leibhaft und eigenhändig die Treppe hinunter. Ich eigen⸗ füßig davon und froh, nicht per Staupbeſen zum Ländchen hinaus gebracht zu ſein. Hatte die beſten Empfehlungsbriefe und Geleits⸗ ſcheine vom Cardinal Rezzonico, dem Vorſtande der Propaganda; aber's hilft nichts, Der duldet keine römiſche Seele in ſeinem Terri⸗ torium. Glücklicher Weiſe iſt ſelbiges nicht gar groß; man iſt als — 508—— gut Römiſcher alsbald über die Bamberger Grenze und hat's deſto beſſer dort bei den vollen Fleiſchtöpfen Aegyptens; denn beim Reichs⸗ grafen geht's aus Anſtand ſehr pauvre her und die ſieben magern Kühe Pharaonis ſtehen in ſeinem Stall zeitlebens auf Wartegeld!“ „Wie kommt der proteſtantiſche Reichsfürſt in dieſe Gallerie?“ fragte ich den Redſeligen. „Aus purem Verſehen,“ entgegnete Pater Broccardo,„hat näm⸗ lich beſagte Erlaucht, Reichsgraf Juſtus Erich, als blutjunger Menſch auch ſeine romantiſche Epoche gehabt. Es waren nur kurze Silber⸗ blicke im froſtigen Leben dieſes Nebukodonoſor. Aber er war daher⸗ gekommen nach Turin und nach Genua, und ſiehe da: verliert ſein germaniſches Herz an die Tochter eines gutrömiſchen Hauſes. Er brennt lichterloh, je mehr das gute Haus Anſtand nimmt an dem hyperboräiſchen Ketzer. Das junge Fürſtenkind iſt ihm ſehr zugethan und will ſchier ſterben vor Liebe. Da thut er auch ein Uebriges und ſtellt, um die Verwandten zu beruhigen, einen Revers aus, worin er gelobt, der römiſchen Kirche in ſeinen proteſtantiſchen Landen allen Vorſchub zu leiſten, Niemand zu kränken um ſeines katholiſchen Glau⸗ bens willen. Man ſagt, er habe noch mehr unterzeichnet. Bei einem Glaſe Wein, mein Beſter, da ſind wir Tedesken närriſche Kerle, laſſen Fünfe gerade ſein und thun ein Uebriges! Genug; die Fürſtentochter wird deutſche Braut und Reichsgräfin, das Paar wird römiſch getraut, in der Villa Speroni, dort an der Riviera bei Genua, Alles iſt richtig, nur mit dem Documente— ſtinkt's Es iſt unterzeichnet, das Gelöbniß verbrieft und beſiegelt, aber es iſt abhandengekommen, ob vernichtet, ob in Verſtoß gerathen; wer weiß es! Der Pater Euſebio, jetzt Provinzial in Genua, hat das Paar getraut, hat das Document mitunterzeichnet, es aber der Pro⸗ paganda des Glaubens vorenthalten, d. h. er weiß ſelber nicht wie es in alle Winde verſtoben. Die Congregation hatte inzwiſchen in Hoffnung auf ſichern Erwerb und Gewinn bereits des Reichsgrafen Bildniß anfertigen und hier aufhängen laſſen. Allein dieſer Nimrod in Germanien wüthet daheim gegen Alles was römiſch, als hätt' er von der Natur der Eber, die er jagt, höchſteigen ſelbſt etwas über⸗ tommen. Wenn ich bedenke wie er mich die Treppe hinabgeworfen, t's deſto Reichs⸗ magern tegeld!“ lletie?“ at näm⸗ Menſch Silber⸗ doher⸗ iert ſein ſes. Er an den ugethan Uebriges 8, worin den allen en Glal⸗ t. Bei nniſche Genug das Pant Nivier ſünkts. ver hat das er Pro⸗ icht nit ſcen in chsgufin Nnd hitt er „ ibir uorfen⸗ mir faſt eine Rippe zerbrochen hat, möcht' ich noch wünſchen ihm eins verſetzen zu können!“ Ich blickte, wie der Pater den Vorhang zurückſchlug, in ein hohes, ehrlich feſtes Antlitz mit gothiſch gewölbten Brauen; ein ge⸗ wiſſer Fanatismus der Bravheit ſprach ſich in dieſen Zügen des deut⸗ ſchen Reichsgrafen aus. Wir gingen dann auf andere Proſelyten— bilder über. „Hier habt Ihr,“ ſagte Burkhart,„den ſächſiſchen Friedrich Auguſt, der im öſtreichiſchen Baden übertrat. Wir find nicht immer ſo glücklich, einem Bekehrten auch eine Krone in Ausſicht zu ſtellen, wie dieſem, den nach der polniſchen Krone gelüſtete. Hier ſeht Ihr einige Königskronen und Herzogshüte in partibus infidelium.“ Alle dieſe Fürſten und Herren waren im vollen Koſtüm und mit den Inſignien aller ihrer Würden dargeſtellt. Ueber manchem hing, ich weiß nicht, ob als ſein guter Engel oder als ſein böſer Dämon, das Bild Deſſen, der die Seele des Neubekehrten zu ge⸗ winnen gewußt. Auf den Landgrafen Ernſt von Heſſen-Caſſel ſah ſtolz und drohend der Capuziner Valerius Magnus hernieder. Ueber einem ſchwarz verhüllten Rahmen lächelte frohlockend der Jeſuit Schmelzer. „Dieſer Schmelzer ſchmolz Euch alle Metalle in Gold um,“ ſagte Broccardo,„er machte das härteſte Eiſen weich. Bei alledem ſteht er hier über einem treuloſen Neophyten, der bald wieder links um machte. Was läßt ſich da thun? Wir hängen einen Trauerflor um den zum zweiten Mal Verlorenen!“ Einen Herzog Chriſtian Ulrich von Würtemberg-Oels, der nach der Angabe des Katalogs im Jahre 1723 bei ſeinem Aufenthalte in Rom übergetreten war, führte der Cardinal von Salerno an der Hand; ein Prinz Friedrich von der Pfalz erſchien an der Seite des Paters Seedorf.—„Iſt ganz friſch gewonnen,“ ſagte Burk⸗ hart vertraulich,„ſeht nur nach der Jahreszahl: 1746.“ Mit Friedrich Auguſt und der Jahreszahl 1697 war die Reihe der Bekehrten des ſiebzehnten Jahrhunderts geſchloſſen und wir ſtanden ſchon unter der dritten Abtheilung, unter den Proſelyten des acht— zehnten Jahrhunderts. Ein Herzog Anton Ulrich von Braunſchweig eröffnete hier mit dem Jahre 1710 den Reigen. Außer dem Herzoge von Würtemberg⸗Oels trafen wir auch noch einen zweiten Würtem⸗ berger, Karl Alexander, der als regierender Fürſt von Würtemberg⸗ Stuttgart im Verzeichniß ſtand; er war 1712 in Venedig als Prinz übergetreten. In ſeinem unglücklich brütenden Auge lag ein Tiefſinn, der vom verworrenen Gewühl des Lebens befangen, keinen andern Ausgang finden zu können ſchien. „Einige von den gemüthlichen germaniſchen Fürſten,“ ſagte Burk⸗ hart,„treiben Muſik, Alchymie und Phantaſterei aller Art. Wer in dieſe Gebiete auch nur mit einem Fuße tritt, den haben wir ſchon ziemlich ſicher und halten ihn am Rockſchoß feſt! Die Holſteiner und die Heſſen ſuchen in der Regel nach dem Stein der Weiſen. Man muß die Leute gewähren laſſen und ihnen nachher, wenn ſie in klägliche Verwirrung gerathen, begreiflich machen, wo der ächte Stein der Weiſen zu finden iſt. Die Holſteiner ſind herrliche Kerle, ſtarke, ſteife Knochen, aber biegſame Herzen. Hier habt Ihr gleich ein Paar von dieſen wehmüthigen Barbaren aus dem hohen Norden. Die Heſſen gehen blind drein; ſie heißen aber auch die blinden Heſſen; Heſſen-Caſſel, Heſſen⸗Darmſtadt, Heſſen⸗Rheinfels, faſt alle Heſſen ſind unſer. Kur-Pfalz iſt unſer, Kur⸗Sachſen iſt unſer, Alles wird unſer ſein!“ Burkhart riß Augen und Mund ſo weit auf, als wollte er die geſammten deutſchen Länder verſchlingen.—„Sachſen macht uns viel Freude, aber auch viel Sorgen!“ fuhr er fort.„Freilich iſt das Land der Heerd des großen lutheriſchen Ketzerthums: allein ich lobe mir bei alledem die Sachſen, es ſind gewandte, graziöſe, füg⸗ ſame, nette Leute. Im vorigen Saale habt Ihr Chriſtian Auguſt von Sachſen⸗Zeitz geſehen. Er war ein nachgeborener junger Prinz aus einer Nebenlinie. Als er 1689 übertrat, verſprach er dem Papſte ganz Sachſen, ſtieg in Gnaden, ward endlich Cardinal und hatte als kaiſerlicher Commiſſär ſeinen Sitz in Regensburg. Mit Hülfe des obgedachten Pater Schmelzer ging er auch daran, ſeinen Bruder Moritz Wilhelm zu bekehren, und ſiehe, es gelang. Dieſer trat mit ſeiner Gemahlin, einer brandenburgiſchen Prinzeſſin Marie Amalie zu uns über und communicirte römiſch am Hofe ſeines Vetters zu Dresden. Es geſchah ſelbiges, wie im Katalogus vermeldet, im Jahre 1717. Allein ſchon im nächſten Jahre bekam er mit ſeiner Würten⸗ tenberg⸗ ls Prinz Tiefſinn, andern er ächte Kerle, gleich Norden⸗ blinden füſt alle r Alls 511 brandenburgiſchen Frau Gewiſſensbiſſe. Sie ließen den Profeſſor Franke aus Halle kommen und dieſer neidiſche Böſewicht entzog uns das Ehepaar ſammt Kindern und Kindeskindern, nebſt Herzogshut und allem Zubehör. Darum habt Ihr den ſchwarzen Schleier über dem Bilde geſehen, das unter Pater Schmelzer hängt. Auch ein Prinz von Holſtein⸗Sonderburg, Ernſt Auguſt hieß er, iſt nur drei Jahre lang unſer Freund geweſen.— Hier ſeht Ihr den zweiten ſächſiſchen König von Polen, in Sachſen hieß er Friedrich Auguſt der Zweite, in Polen Auguſt der Dritte. Er iſt hier als junger Menſch, als Kurprinz dargeſtellt; auf dem Rahmen des Bildes leſet Ihr die Jahreszahl 1712— 1717. Die Bekehrung war alſo lang⸗ wierig geweſen. Sein königlicher Vater war nämlich nur für ſeine Perſon übergetreten, die Damen ſeines Hauſes waren proteſtantiſch geblieben, und die königliche Mutter hütete den jungen Prinzen wie ihren Augapfel. Da mußte man denn freilich auf Umwegen zum Ziele kommen. Man mußte erſt den Hofmeiſter des Prinzen ge— winnen und dem jungen hoffnungsvollen Fürſten, als er auf Reiſen ging, um die Welt zu ſehen, einen geſchickten Secretär zugeſellen. Das war glorreichen Angedenkens der Pater Kopper, der verkleidet im Gefolge des Prinzen war und ſich Weddernoy nannte. Dieſer Weddernoy las dem neugewonnenen Hofmeiſter ſchon immer heim⸗ lich die Meſſe. Die ſorgſame Frau Mutter des Prinzen bekam Wind davon und ſchrieb dem Sohne, er ſolle ſich vor dem ver⸗ kappten Kopper, vor den Proſelytenjägern in ſeinem Gefolge in Acht nehmen. Aber denkt Euch, der Prinz war nicht im Stande, den heimlichen Jäger unter ſeinen Leuten zu entdecken; er hatte keine Ahnung davon, daß er an ſeiner Hand über die Alpen zog. Hier, dieſſeits der Alpen, gab es nun für ein junges friſches Ge— müth tauſend ſchöne Wunder und Legenden, an denen— ach Gott! — auch ſein erlauchter Herr Vater, der ſächſiſche Hereules, in Ve— nedig ſein Wohlgefallen gehabt. In Bologna ward die Frucht reif, Salerno war auch behülflich und der deutſche Prinz legte in die Hände des Cardinals Caſſoni heimlich ſein Glaubensbekenntniß ab. Erſt einige Jahre ſpäter trat er in Wien öffentlich in den Schooß der Kirche über. Sollten wir ein Mal mitſammen in Deutſchland ſein, Signor,“ ſetzte der Alte hinzu,„dann wollen wir die Hohen“**s — beſuchen. Es iſt ein vielverzweigtes, blühendes Geſchlecht in Schwa⸗ ben und Franken. Stammen auch eigentlich aus wälſchen Landen. Alta Fiamma haben ſie in alter Zeit geheißen und brennen faſt alle lichterloh für die heilige Kirche!“ Der deutſche Katholicismus, ſo dachte ich mir, muß ganz an⸗ derer Art ſein als der anderer Völker! Er hat nichts mit dem ſpani⸗ ſchen Fanatismus gemein, er geht Hand in Hand mit der Begeiſte⸗ rung für Kunſt und Wiſſenſchaft. Das wenigſtens ſagte mir das gutmüthig ſchwärmeriſche Auge ſo manches dieſer Proſelyten im Saal. „Es ſind aber nur Einzelne, die zu uns traten,“ ſagte ich zu Burk⸗ hart,„die Völker ſind überhaupt wohl nicht zugleich mit ihren Für⸗ ſten gewonnen?“ „So viel an uns liegt,“ ſagte Burkhart ſehr ehrlich und offen, „vereiden wir die Fürſten darauf, nach und nach uns auch die Völker zuzuführen. So war zum Beiſpiel die Markgrafſchaft Baden refor⸗ mirt und ſeit dem Uebertritt des Prinzen aus der Linie Baden⸗ Baden gelang es den Bemühungen des Cardinals Caraffa, wie Dieſer in ſeiner Germania restaurata ſelbſt erzählt, einen guten Theil des badiſchen Volkes wieder römiſch zu machen. Allein, weiß der Himmel, das Zeitalter wird gar zu profan und ſchlau! Schon als die Herren von Braunſchweig und Würtemberg, jener Ulrich und jener Karl Alexander, die wir als Prinzen gewonnen hatten, ihr Regiment antreten wollten, mußten ſie den Ständen ihres Landes die nöthigen Reſervalien ausſtellen, nach denen das ſogenannte evangeliſche Chri⸗ ſtenthum unangetaſtet bliebe. Friedrich Auguſt von Sachſen gab nach dem Uebertritte ſeines Kurprinzen freiwillig ein gedrucktes Patent, daß die Lehre Luthers in ſeinen Landen nicht beeinträchtigt werden ſolle. Der Princeps barbarus teutonicus, der Treppenrunterſchmeißer Juſtus Erich zu Belle Promeſſe, der hat Stände im Lande, die keinen katholiſchen Fürſten dulden. In Stuttgart und Caſſel haben die bösartigen Stände ebenfalls darauf gedrungen, daß der evange⸗ liſche Glaube eine Bedingung zur Nachfolge im Regimente ſei. Das iſt denn doch, um wenig zu ſagen, ſehr unbeſcheiden!“ „Wenn die evangeliſchen Chriſten einig ſind,“ ſagt' ich,„ſo wird Rom ihnen nicht viel anhaben können!“ in Schwa⸗ n Vonden. nfiſt alle gun in⸗ en ſpani⸗ Begeiſt⸗ nit das in Sacl. zu Byr⸗ ihren Fir⸗ und offin, die Völker en refor⸗ e Boden⸗ ffu, nie uten Jhiil veij du Schon als und jenet Pzinnt nbthigen ge Chr⸗ geb nach Patnt werden nſceißer 513 „Ja, da hapert's eben!“ eiferte Burkhart.„Dieſe proteſtirenden Secten find ſich unter einander ſpinnefeind. Da liegt der Haſe im Pfeffer! Als ich in Dresden hauſte, hatten es die Reformirten in Sachſen noch nicht zu einem öffentlichen Gotteshauſe bringen können. In Leipzig, der ſchmucken Lindenſtadt, wo alle Jahre große Völkermeſſe iſt, da hatten ſie vom König Auguſt, obſchon Der katho⸗ liſch geworden war, die Erlaubniß erhalten, ſich niederzulaſſen. Eine Stube in Auerbach's Hofe, in deſſen Keller ehedem der Teufel auf dem Weinfaß zum Fenſter hinausritt, ward den Reformirten zu ihrer Verrichtung überlaſſen. Aber die lutheriſche Geiſtlichkeit und der lutheriſche Pöbel der guten Stadt Lipsia ruhten nicht, bis ihnen dieſer Ort wieder entriſſen wurde. Ja man muß das in den lieben Deutſchländern ſelbſt erlebt und mitgemacht haben! Die Lutheraner halten die Reformirten für Ketzer; dieſe verketzern wieder die Herrn⸗ huter, die Herrnhuter ſchließen wieder die Andern von der ewigen Seligkeit aus, und ſo geht es bis in die aſchgraue Unendlichkeit fort. Alles liegt ſich dort in den Haaren, macht ſich Himmel und Erde ſtreitig und Jeder überliefert den Andern mit Haut und Haaren Gottſeibeiuns!“ „Guter Freund,“ ſagt' ich zum Pater,„dann haben wir wenig Grund, über unſere Stärke zu triumphiren! Nur die Schwäche des Feindes ſcheint uns einige Siege bereitet zu haben.“ Dreizehntes Rapitel. Vor dem heiligen Vater. Am nächſten Tage berief mich der Conſultor der Inquiſition zum Verhör in den Vatican. So ſollt' ich denn zu meiner Recht⸗ fertigung vor den allerhöchſten Richter auf Erden treten, der an Chriſti Statt die Menſchheit zu leiten und zu behüten hat! Kaiſer und Könige zitterten ehedem vor ſeinem Machtſpruch, und er hielt noch immer den Schlüſſel zum Himmel, wenn auch nicht mehr den zur D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 33 — Erde in der Hand.— Nicht ohne Bangigkeit ſchritt ich an Ganga⸗ nelli's Seite durch die hohen Hallen, die der Fuß der gewaltigſten Helden zaghaft betreten, durch die Prunkgemächer, in denen die Ab⸗ geſandten des fernſten Indiens auf Entſcheidung über das Seelenheil von Millionen harrten, während die Botſchafter ganz kleiner Höfe in der Nähe ſchon längſt eine dreiſtere Sprache führten und als Diplomaten mit Rom über den Bannſtrahl geſchäftlich verhandelten. Es war„der gute Alte,“ wie ihn die Römer nannten, vor deſſen Angeſicht ich treten ſollte. Er ſelbſt hatte ſich dieſen Namen gegeben. Als die Cardinäle im letzten Conclave uneinig waren, hatte er geſagt:„Wenn Ihr einen regierenden Herrn wollt, ſo wählt Den oder Dieſen; wenn die Kirche Gottes einen Diplomaten braucht, ſo nehmt Jenen; wollt Ihr einen gutmüthigen Alten, dann wählt mich!“ Es geſchah, und der gute Alte war denn doch in ſo weit ein regierender Herr, als er ein ſtrenger und ſparſamer Ver⸗ walter der von ſeinen Vorgängern vielfach vergeudeten Kirchenſchätze wurde. Es war auch genug politiſche Einſicht in ihm, um ſich den bedrohten Zuſtand der Kirche nicht zu verheimlichen. Die Für⸗ ſten und Völker zitterten nicht mehr vor dem Bannſtrahl des Vatican; nur durch Mäßigung und Nachgiebigkeit ſchien ſich das Anſehen der geiſtlichen Macht noch zu behaupten. Oder war es mehr als Diplo⸗ matie, war es Ueberzeugung von der Nothwendigkeit der chriſtlichen Liebe, der erſten Grundbedingung der Religion Jeſu, wenn Benediet ſich gegen die Andersgläubigen freundlich und duldſam erwies? Dann freilich blieb es zu bedauern, daß der Herrſcher in ihm fehlte, der die Einſicht des Gelehrten und die Ueberzeugungen des guten Herzens durch Machtgebote zu Geſetzen erheben und in der alten Kirche das Syſtem des Haſſes, das Syſtem der Ausſchließlichkeit ſtürzen mußte. Es war ein ſtilles, beſcheidenes Gemach, in das ich mit dem braunen Profeſſor geführt wurde. Die ganze Umgebung ließ auf einfache Bedürfniſſe ſchließen. Ein Paar Kerzen, halb herabgebrannt von der vorigen Nacht, ſtanden auf dem Tiſche, grüne Gardinen ver⸗ hüllten die Fenſter, ein gleicher Vorhang trennte das Zimmer von einem innern Cabinet. Wie wir eintraten, ſchlug man die Gardinen zurück; es waren ſo eben erſt Perſonen entlaſſen worden. Ein hoher, gepolſterter Räderſtuhl faßte die Geſtalt des Kirchenfürſten. Die an Ganga⸗ ewaltigſten n die Ab⸗ Seelenheil iner Höfe und als handelten. nten, vor en Nanen ig waren, wollt, ſo iplomaten en, dann och in ſo wer Ver⸗ chenſchüze „un ſch die Fin⸗ Ptiean nſchen det ls Diylo⸗ criſlihen Benediet Dann lte, der Herzens irche das nußte⸗ nit den ließ auf tgebumnt dinen ver⸗ von umer 6 Gninn n bohel in hohe Die — 515— Füße des alten Herrn waren in weiche Decken gehüllt; er ſchien von Zeit zu Zeit leidend, obwohl er nie klagte, ſeinen hohen Dienſt nur ſelten unterbrach. Man ſah es ihm nicht mehr an, daß er ehe⸗ dem zu Paris in den Bureaux d'esprit geglänzt und, wie man ſich erzählte, den aufgeklärten Schöngeiſt gemacht hatte. Sein blaſſes Antlitz war tief gefurcht. Die Mundwinkel hingen ſchwer herab, als hätten die Lippen des Mannes Enttäuſchungen mancher Art gekoſtet, das Gefühl der Unzulänglichkeit des menſchlichen Witzes erprobt. Sein gutmüthiges Lächeln war nicht ohne Beigeſchmack von Bitterkeit. Es ſchien, als wäre dieſe Milde nur ein Nothbehelf. Seine Stirn war jedoch heiter und hell, und in dem freundlichen Auge leuchtete der Stern eines guten Geiſtes, dem vielleicht nur die Kraft fehlte, um in der Freiheit des Glaubens die einzige Rettung für die Kirche Chriſti zu ſehen. Es war keine feierliche, es war eine vertrauliche Audienz, zu der ich berufen wurde. Der heilige Vater ſaß in ſeinem Hauskleide vor mir; in ſeinem Wohnzimmer wollte er über mich richten und einen Streit ſchlichten, der Denen, die ſich um mein und der Mei⸗ nigen Wohl kümmerten, ſo verhängnißvoll ſchien. Mein Fürſprecher ſtand ihm zur Seite; ſie wechſelten Blicke mit einander, die gegen⸗ ſeitig ein herzliches Verſtändniß verriethen. Ich war auf den Teppich getreten, beugte mein Knie und war bereit, die übliche Huldigung darzubringen. Papſt Benedict ließ es nur halb zu, indem er die Hand auf meinen Scheitel, dann auf meine Wange legte und mich bedeutete aufzuſtehen. Ruhig und erwartungsvoll ſtand ich da und blickte in das ſtillbewegte Angeſicht des hohen Greiſes. „Du machſt uns mancherlei Sorge, Giuſeppe La Torre,“ ſagte Vater Benedict mit leiſer, tiefer Stimme.„Bald ſind es dunkle Schickſalswolken, die ſich über deinem Haupte zuſammenziehen, bald brechen aus deinem eigenen Herzen ſprühende Funken hervor, die wie Irrlichter vor dir hertanzen. Du haſt über die Religion nach⸗ gedacht, mein Sohn, und da iſt es denn begreiflich, daß der Zweifel deinen Glauben erſchütterte. Iſt doch, wie Ariſtoteles ſagt, der Zweifel der Anfang alles Philoſophirens. Das wußten die Heiden; wir aber wiſſen, daß er auch das Ende iſt, wenn man ſich nicht in den Glauben 33* — 516— zurückflüchtet, der uns über den ewig trüglichen Kreislauf des menſch⸗ lichen Verſtandes hinweghebt!“ Ich war, als ich aufgeſtanden, einen Schritt zurückgetreten und mußte mich anſtrengen, die leiſe geſprochenen Worte des Mannes zu vernehmen. Er winkte mich jetzt näher zu ſich heran, und wie ich mich vor ihm beugte, berührte er mit der Hand nochmals meine Schulter. „Mein Sohn,“ ſagte er mit einer gewinnenden Freundlichkeit, „dein erlauchter Vater hat Verdienſte um mich und meine Vorgänger im Amte; dein geſammtes Haus und ſein Schickſal liegt mir am Herzen. Wir haben die Geſchichte deines jungen Lebens vernommen. Aus Liebe zu dir ward ein waldenſiſches Mädchen römiſche Chriſtin. Nun gelt, aus Liebe zu ihr biſt du wohl deinerſeits ein wenig Wal⸗ denſiſch geworden, nicht? Das iſt wohl ſo bei dem Austauſch zweier Herzen leicht möglich, wie?— Nun, ſei nur ruhig! Der gelehrte Profeſſor der Seelenkunde hier, ſoll uns den Fall näher unterſuchen und erläutern.“ Unter dieſen Worten lächelte er in Ganganelli's ſtill betrof⸗ fenes Angeſicht. Dann fuhr er ernſt und ruhig fort:„Am Grabe der Geſtorbenen iſt nun ein Wunder geſchehen. Ein Hirt, ſeit Jahren gelähmt, ſtund im Gebet plötzlich auf und wandelte. Man hat uns das in aller Form Rechtens mit prieſterlicher und ärztlicher Be⸗ glaubigung berichtet, und wir haben auf Grund deſſen beſchloſſen, die waldenſiſche Maria ſeligzuſprechen. Zur förmlichen Kanoniſation, wie Ihr das in einer meiner Schriften finden könnt, gehören mindeſtens zwei Wunder. Aber ich bin nach biſchöflicher Approbation der einen Thatſache bereit, die Geſtorbene zu beatificiren. Da ſchreibt man mir jedoch plötzlich aus deiner Heimath, der Hirt, an welchem kraft ſeines Glaubens das Wunder der plötzlichen Heilung geſchehen, ſei gar kein katholiſcher Chriſt, ſei ein Waldenſer geweſen!“ O mein Gott, dacht' ich ſtill für mich, man hat dem Hirten ſein Geheimniß entlockt! „Jener Hirt ſtarb vor Kurzem,“ fuhr Benedict fort.„Als der Caplan Eueres Hauſes ihm im letzten Augenblicke vom Brot des Herrn reichte, ſprach der Sterbende von ſeinem Durſt, und verlangte auch vom Kelch! Der Caplan entſetzte ſich darob; der Hirt aber es menſch⸗ treten und annes zu wie ich Us meine nblichkeit, Vorgänger tnir am momnen. Chriſtin. nig Val⸗ zweiet gelehru nteruhen il wn⸗ rt:„An bin hir, Mnn het licher B⸗ eſloſſen, oniſotion⸗ gehören probation a ſchreibt nilhen geſchehen, n hirten Ul del zu de e 5 bel hin a geſtand ihm, es ſei das ſeine alte Gewohnheit im Leben geweſen; dann und wann habe er immer wieder ein Gelüſt nach dem Blute des Heilands gehabt und in den Bergen bei den Waldenſern com— municirt. Ei, ei, mein beſter Giuſeppe! Wenn die waldenſiſche Maria Wunder thun will, ſo ſollte auch die Bekehrung, nicht blos die Heilung der Ketzer ihr Werk ſein. Wir ſollen Gutes thun an Jedermann, zuvörderſt aber an des Glaubens Genoſſen!— Inzwiſchen wollen wir nicht ſo ſcharfe Abrechnung halten. Die Heiligen haben einen überflüſſigen Schatz an Gnade. Hier ſteht mein gelehrter Freund, den ich zum Procurator der Maria Waldenſis ernannt habe. Die Feierlichkeit iſt angeſetzt, und wir wollen das Feſt in der Hoffnung begehen, das Reich Gottes werde ſich mehren und gedeihen unter Gläubigen, wie Ungläubigen. Selig ſei die Todte! Du aber, mein Sohn, den die Dominicaner angeklagt haben, ein Freidenker zu ſein, zeige zum Wenigſten, ob du Philoſoph genug biſt, den Satz: Menſch erkenne dich ſelbſt! zu begreifen. Wie ich höre, liegſt du fleißig den Studien ob, um dich zu einem Miſſionsamte vorzubereiten. Der tapfern Arbeiter im Weinberge des Herrn ſind uns nie genug. Den Gewinn der waldenſiſchen Mormona hat der Orden, dem du dich zugewendet, dir als ein Verdienſt um's Himmelreich angerechnet. Aber ganz tactfeſt im römiſchen Glauben ſcheinſt du ſie doch nicht gemacht zu haben. Laß hören und ſteh' Rede, wie du für die römi⸗ ſche Kirche Seelen gewinnen zu können gedenkſt, ohne ihnen das Gelüſt nach dem Kelche zu verbieten, und das Abendmahl suh utraque zu entziehen!“ Ich ſchwieg einen Augenblick um mich zu ſammeln. Dann fühlt' ich doch, bei aller Ehrfurcht und Scheu, die Nöthigung, kein Hehl aus meiner Ueberzeugung zu machen. „Wenn Ew. Heiligkeit mir geſtatten, frei zu reden,“ ſagt' ich, „ſo muß ich bekennen, daß es mir, um Seelen für die allgemeine Kirche Gottes zu gewinnen, nicht heilſam, nicht von Vortheil dünkt, mit einem Verbote, mit einer Verſagung bei ihnen zu beginnen. Haben Diejenigen, die wir Ketzer nennen, ein Gnadenmittel mehr, als die altgläubigen Chriſten Rom's, ſo dürfen wir nicht damit an— fangen, ihnen dies Mehr zu entziehen. Wer das Heil verkündet, ſoll geben, nicht entziehen, ſoll bringen, nicht rauben! Wir aber, mein — 518— heiliger Vater, wir verdammen die Andersgläubigen, weil ſie das Abendmahl in beiderlei Geſtalt genießen, wie Chriſtus ſelbſt es mit den Seinen theilte. Wir verkünden noch immer am Grünen Don⸗ nerstage ihr ewiges Verderben, und ſie üben ja doch sub utraque nur aus, was ſo viele Jahrhunderte hindurch im Schooße der Mut⸗ terkirche ſelber geheiligter Brauch war!“ Ganganelli's kluges Auge ſah mich beinahe frohlockend an, als ich ſo ſprach.*) Er wandte jedoch, als ich ihn beobachtete, raſch ſeinen Blick zur Seite, wie unwillig, nicht über mein Wort, doch über die Weiſe meines Ausſpruchs, über Ort und Zeit meines Be⸗ kenntniſſes. Benediet ſah mich lächelnd und ſchweigend an. Er war wohl nicht um eine Antwort verlegen, und zu dem ſtillen Lächeln nahm er vielleicht nur aus Gewohnheit ſeine Zuflucht. Das Alter will mit dieſem Lächeln ſagen, daß es den Eifer des Gegners für jugendliche Uebereilung nimmt.„Ich weiß, was dich ſo ſicher macht!“ ſagte der heilige Vater mit dem Kopfe nickend.„Der gelehrte Franciscaner hier hat dir auch ſchon das Cölibat als eine bloße Sache der Dis⸗ ciplin eingeräumt und es aus der Reihe der Dogmen fortdisputirt. Laſſen wir das. Die Disciplin iſt ſo wichtig, wie Glaubensſätze. Ein zukünftiges Concil nur kann daran ändern; bis dahin bleibt des Oberhauptes Befehl Geſetz. Oder ihr Denker und Reformer müßtet es denn ebenfalls für keine Sünde erachten, an der Berech⸗ tigung des Biſchofs von Rom zu zweifeln, Haupt der Chriſtenheit, Statthalter Chriſti, Nachfolger Petri zu ſein! Hm? Du ſiehſt, mein Kind, wie mißlich du meine Lage machſt; ich ſoll über dich richten, und du erkennſt mich vielleicht gar nicht als Richter an. Was? Man ſagt mir, du ſeieſt bibelfeſt. Nun wohlan, zeige mir, wo die Bibel unſere Tradition, auf welche ſich Petri Nachfolge ſtützt, widerlegt!“ Der Profeſſor wollte einlenken, für mich das Wort nehmen, vielleicht in der guten Abſicht, meine Sache nicht zu verſchlimmern. Aber Benedict winkte ihm mit der Hand, mich gewähren zu laſſen. * Ganganelli als Clemens AIV. ſuspendirte die Bulle: In coena Do- mini, ließ ſie nicht mehr verleſen. 6 il ſie das bſt es nit men Don⸗ b utraque der Mut⸗ dn, als ete, raſch zort, doch eines Be⸗ war wohl nahm er gendliche ſagte anciscanet der Dis⸗ tieyutin. ubensſite⸗ bin blebt Reforner Berech⸗ riſtenheit, hſt, wein richten 37 Man ie Biel negt!“ nehmen⸗ hlinnem laſſen coen⸗ Po — 519—— „Ich habe in der Schrift,“ ſagte ich offen und frei,„nicht fin⸗ den können, daß Petrus von ſeinem Primate ſpricht.“ „Fehlt es am förmlichen Ausſpruch,“ entgegnete Benedict raſch, „ſo handelt es ſich um die Sache. Laß hören! Haſt du in der Schrift gefunden, daß Petrus Gemeinden ſtiftete?“ „Gewiß,“ war meine Antwort,„in Jeruſalem, in Antiochien.“ „Und überließ er dieſe Gemeinden ſich ſelbſt?“ „Nicht das,“ ſagte ich,„er beſuchte ſie oft, er ſchrieb an ſie, denn er war ja ihr Lehrer; er ſchlichtete auch ihre Streitigkeiten.“ „Das heißt alſo,“ ſagte Benedict,„er war ihr Haupt, ihr Bi⸗ ſchof, nicht?“ Ich konnte das nicht leugnen.„Aber Petrus ſchrieb zuletzt von Babylon, nicht von Rom aus an die Gemeinden Kleinaſiens!“ warf ich ein. „Nun,“ ſagte Benedict,„von Babylon alſo, und wenn dies Babylon, von dem aus er ſeine Heerden leitete, Rom wäre? Nennt nicht ſchon die Apokalypſe das heidniſche Rom ein zweites Babylon?“ Ich ſtand geſchlagen da; auf dieſen Handſtreich der Beweisfüh⸗ rung war ich nicht gefaßt. Der gelehrte Benedict, ein geſchulter Disputator, triumphirte. „Ei, ei, mein Sohn,“ fuhr er freundlich und doch ernſt fort, „eine bloße Gegenvermuthung wirft dich ſchon aus dem Sattel? Sieh, mein Kind, ich will dich nicht an Chriſti Wort gemahnen, der auf Petrus hinweiſend ſprach: Auf dieſen Felſen will ich meine Kirche bauen! Das Chriſtenthum muß nicht immer blos auf die perſönli⸗ chen Ausſprüche Chriſti zurückgeführt werden. Erſt nach Chriſti Tode fanden ſich die Forderungen und Bedürfniſſe ein, die eine Kirche nöthig machten; erſt mit den Apoſteln ſtellt ſich im Raum der Wirk⸗ lichkeit das Chriſtenthum feſt. Neben dem neuen Teſtamente ſind uns auch die Apokryphen, die Traditionen, ja die Legenden heilig. Höre mich an und laß mich reden! Petrus ſtand der Gemeinde in Jeruſalem vor, ging dann nach Antiochien, wo er ſieben Jahre lang Biſchof war, kam dann nach Rom und ſtiftete hier ebenfalls Gemein⸗ den, bis Kaiſer Claudius die Chriſten und Juden vertrieb. Dann beſuchte er wieder die Brüder in Kleinaſien, kehrte von da nach Rom — 520— zurück und machte von hier ſeine Reiſen nach Gallien, Britannien, Spanien und Africa. Ueberall ſtiftete er Gemeinden und ſie erkann⸗ ten in ihm ihr Haupt. Faſſe nun die Gemeinden zuſammen, mein Sohn, und du haſt die Kirche. Wie dieſe innerlich Eins iſt in Chriſto, ſo bedarf ſie für den ſinnlichen Menſchen auch eines ſicht— baren Zuſammenhalts, und Rom iſt für ſie ein geſchichtlich gegebener, ein natürlicher Mittelpunkt. Wozu ſollten wir einen andern ſuchen, oder uns einbilden, in centrifugalen Peripherien leben zu können? Bevor Petrus mit Paulus zuſammen den Märtyrertod erlitt, ſetzte er hier in der Stadt der ſieben Hügel den Linus als Erben des Primates ein. Mit dieſer Nachfolge Petri und Statthalterſchaft Gottes erhielt die Kirche ihren Schlußſtein. Deinen Studien, mein Sohn, bleibe es überlaſſen, ob es geſchichtlich nachweisbar, daß Petrus fünf⸗ undzwanzig Jahre lang Biſchof in Rom geweſen. Es bedarf aber der Beweiſe für unſere Axiome nicht. Dies Inſtitut eines oberſten Biſchofs müßten wir erfinden, hätten wir es nicht! O, ſie werden kommen, die Skeptiker und Deiſten, und auch Chriſti geſchichtliches Daſein bezweifeln! Aber wahrlich, ich ſage Euch, wir müßten auch dieſen Chriſtus zum Heil der Menſchheit erfinden, hätten wir ihn nicht wirklich und wahrhaftig! Da wir nun aber Alles haben, weſſen wir bedürfen, ihr Männer, lieben Brüder, ſo ſehe ich nicht ein, warum wir uns ärmer ſtellen ſollten, als wir ſind. Andern, die da verſuch⸗ ten eine Kirche Chriſti zu bauen, hat entweder der Grund— oder der Eckſtein, oder die Kuppel auf dem Thurme gefehlt, oder ſie ſuchen noch immer vergeblich nach einem Schlußſtein; und dieſer Stein, nach welchem ſie vergeblich ſuchen, wird allezeit ein Stein des An⸗ ſtoßes und des Aergerniſſes ſein. Oder du müßteſt denn, mein lieber Jüngling, noch ganz aparte nach dem Stein der Weiſen ſuchen! Wie? Gibt's auch ein Gelüſt in deiner Seele nach der Alchymie und Goldmacherei, Freimaurerweſen und Roſenkreuzerei?— Haha! Ich merke ſchon, wo das hinauswill! Jugend will ſich austoben. Aber der Euſebio in Genua iſt doch alt genug, dächt' ich, um der Phantaſterei der jungen Welt Valet zu ſagen!“ Er griff nach ſeinem Fuße, weil ein Schmerz plötzlich den Scherz ſeiner Rede hemmte.„Bruder Franciscaner,“ fuhr Benediet nach einer Pauſe fort,„was meinſt denn du von der Sache? Werden ritannien, ſie erkann⸗ nen, mein ns iſt in ines ſicht⸗ gegebener, n ſuchen, önnen? litt, ſette Erhen des aft Gottes in Sohn, ms fünf⸗ darf aber oberſten ie werden ſhichtiches üften uch ihn niht weſſen u in wamn da vnjui⸗ oder der ſie ſuchen Stein⸗ des An⸗ ein licber ſuchen! Alhynie Hoha ustoben⸗ un n nSöe 6 nch Bude — 521— die Freimaurer jemals Geſchäfte machen zur Ehre Gottes und zum Heil der Kirche?“ Zum Heil der Menſchheit— ja! dacht' ich bei mir,— zum Heil der Kirche? Es kömmt darauf an, wie weit wir die Mauern dieſer Kirche Gottes auf Erden ſtecken, oder ob wir die Mauern und Schranken, die den Bruder vom Bruder, den Menſchen vom Men⸗ ſchen trennen, nicht alleſammt niederſtürzen! „Im deutſchen Norden,“ ſagte Ganganelli,„thun ſtille Bünd⸗ niſſe edler, denkender Männer noth; der Deutſche liebt Symbole, liebt Geheimniſſe.“ „Hat der Deutſche,“ ſagte Benedict,„denn nicht genug an den geheiligten Myſterien der Religion?“ „Dem kalten, nüchternen Norden,“ entgegnete Ganganelli,„fehlt die Blüthe offener, heiterer Volksſpiele. Seine Phantaſie wird deß⸗ halb kryptogam; laſſen wir ihm ſein Spiel, ergeht es ſich in edlen Formen.“ „Nun,“ ſagte Benediet heiter,„ſo wollen wir denn auch dem iungen Freunde ſein Phantaſieſpiel laſſen, ihm keine Todſünde an⸗ rechnen, Alles was er bisher gedacht und gezweifelt hat, eitel für Jugendirrthümer erklären, ſein geſundes, gutes Herz verwarnen, ſich nicht vom Verſtande irren zu laſſen und ſeinen Herrn Vater über des Sohnes ewig Seelenheil beſchwichtigen.“ Ich war auf des Profeſſors Wink wieder hingekniet vor meinem Richter, um mit der Beendigung meines Verhörs den Segen ſeiner Hand in Empfang zu nehmen. „Wir nehmen,“ ſagte der gütige Mann,„ſein Schweigen für Eingeſtändniß ſeiner Sünde, nicht? Wenigſtens für den Entſchluß, in ſich zu gehen und über ſich nachzudenken.“ Er legte die Hand auf meine Stirn und ſprach das Gebet und die Fürbitte bei den Heiligen.„Damit er jedoch nicht ohne Strafe und Buße davon⸗ komme,“ fuhr der Kirchenfürſt fort, ſein Werk beſchließend,„ſo wollen wir ihm aufgeben, ſeinen waldenſiſchen Vetter, den wilden Ketzer, der bei ihm hauſ't, binnen Jahr und Tag, pünktlich auf's Datum ge⸗ halten, zum guten katholiſchen Chriſten zu machen und ihn uns als ſolchen zu ſtellen. Was? Die Friſt iſt lang genug, dünkt mich, und da Ihr, lieber Freund, Euch ein Mal zum Miſſionsdienſte an⸗ — 3— ſchicken wollt, ſo könnt Ihr Euch an dem Nächſten, den Ihr habt, verſuchen. So ſei's, und der Herr mit Euch in aller ſeiner Freund⸗ lichkeit und Gnade!“ Mein Verhör war zu Ende; der ſanfte Blick des liebevollen Hohenprieſters begleitete mich noch, als ich an der Schwelle wieder— holt mein Haupt beugend von ihm ſchied. Im Vorzimmer zog mich der Profeſſor noch bei Seite, drückte mir die Hand und wünſchte mir mit der ſchlichten Treuherzigkeit ſeines Weſens Glück, daß Alles gut abgelaufen. Er habe, ſagte er, noch Vieles für mich auf dem Herzen, auch über den Orden, dem ich mich ange⸗ ſchloſſen, freilich ganz unter uns. Er nannte die Geſellſchaft Jeſu ein Kriegsinſtitut; ein ſolches paſſe aber nicht mehr in Friedenszeiten, und Frieden müſſe die Kirche ſchließen. Wenn der Orden hartnäckig jede Reform von ſich weiſe, ſagte der braune Profeſſor, ſo ſpreche er ſich ſelbſt ſein Urtheil. Man wußte, daß Ganganelli ſchon als bloßer Franciscaner gegen die Jeſuiten und ihr Miſſionsweſen eiferte.„Der Orden,“ ſagte er,„iſt zur Bekämpfung der Proteſtanten geſtiftet. Jetzt aber ſteht die Kirche mit den Proteſtanten auf leidlichem Fuße. Wir wollen ſie gewinnen, aber nicht bekriegen und niederwerfen. Wir bedürfen einer ganz andern Gemeinſchaft edler und feiner Köpfe, einer Friedensgeſellſchaft, einer Congregation zur Verbreitung der Menſchenliebe, eines Ordens von Brüdern“— „So ſeid Ihr Freimaurer!“ rief ich lebhaft, ihn unterbrechend. „O, ich bitte, ſprecht mir das Wort nicht aus! Ich bin Prie⸗ ſter!“ ſagte Ganganelli, verbeugte ſich mit einer Handbewegung und ſchritt durch eine Seitenthür ſeinen Weg weiter, als ich vor den Prunk⸗ gemächern und vor dem Mann der Schweizergarde ſtand, der mir bis zur Treppe des Vaticans das Geleit gab. Wie ich in das Profeßhaus zum„Gran Geſu“ und in meine Wohnung zurückkehrte, fand ich Pirrho gegen ſeine Gewohnheit ſchon anweſend. Er pflegte ſonſt, bis die Sonne ſank, am Strande zuzu⸗ bringen; er ſtellte ſich dann regelmäßig, wie ich ihm dies zur Pflicht machte, bei mir ein, und wir ſaßen oft noch die halbe Nacht, er red⸗ ſelig und mir ſeine Erlebniſſe des Tages erzählend, ich meinerſeits bedacht, Ordnung in ſein Denken und Fühlen zu bringen. Es war das, wie mir ſchien, die geeignetſte Art, ihn für die Cultur der Ihr hobt, Freund⸗ iebevollen wiedet⸗ „drückte it ſeines h Vieles ich ange⸗ haft Jeſu ten, artnäctig sze preche er e.„Det geſiftt en Fife derwerfen⸗ er Köpfe, iung de rbrchend⸗ in Prie⸗ weine eit ſchon in nde zl reinnmis 6 vur ult du — 523— Menſchen zugänglich zu machen, ihm langſam die Wahrheiten der Religion zu erläutern. Er ſaß auf ſeinem Lager zurückgelehnt, ſein Geſicht in die Kiſſen gedrückt. Wie ich zu ihm trat, richtete er ſich auf, ſah mich finſter an, lachte wild auf und warf ſich wieder zurück. Geronnenes Blut klebte ihm auf Stirn und Wange. „Pirrho, was iſt geſchehen?“ rief ich, ihn mit beiden Händen ergreifend. „Eine kleine Katzbalgerei, hat nichts zu ſagen!“ entgegnete er mürriſch,—„oder wenn Ihr wollt, ernſt genug: ein Religionskrieg; ſie haben mich bei Angioletta angeſchwärzt und verdrängt!“ Ich wußte, daß er ein Mädchen am Strande liebhatte, eine Fiſcherin, die an der Tiber Netze ſtrickte und feilhielt, während ihre Brüder Tages über auf den Fang gingen. Ich hatte das Mädchen geſehen, mit ihr geſprochen und ein artig, ſtill in ſich vergnügtes Weſen in ihr gefunden. Von dieſer Liebesneigung, die in Pirrho erwacht war, hoffte ich für ihn das Beſte, das Heilſamſte: Fügſamkeit gegen die Sitte des Volkes, gegen die herrſchenden Meinungen der Welt, denen man ſich nicht ungeſtraft entzieht. Wenn er, um ſich mit ſeiner Geliebten auf gleichen Fuß zu ſetzen, auf dieſe Weiſe und aus dieſem Beweggrunde römiſcher Chriſt wurde, ſo war der große Streit ſeines Lebens, dem er für ſich allein nicht gewachſen war, ausgeglichen, mein Miſſionswerk an ihm ohne viel Zuthun meiner⸗ ſeits vollführt. Nur mit Mühe erfuhr ich von ihm den Vorgang, der das Verhält⸗ niß geſtört. Mit großer Schlauheit hatte er ſich den religiöſen Uebungen der Fiſcher, ohne Aufſehen zu erregen, bisher zu entziehen gewußt, ſich in der Stunde, wenn das Ave Maria läutet und Jeder an ſeine Bruſt ſchlägt, unter irgend paſſendem Vorwande ferngehalten. Armes Volk iſt nicht argwöhniſch gegen einander; nur über Mein und Dein entſpinnt ſich ihr Hader. So hatte Pirrho eine ganze Zeit lang ohne Anſtoß unter den Leuten am Strande verkehrt und war faſt zu den Ihrigen gerechnet. Erſt der Eiferſucht eines Nebenbuhlers, der ſich um Angioletta's Gunſt betrogen ſah, gelang es mit ſeinen Luchs⸗ augen, in Pirrho verdächtige Abſonderlichkeiten zu entdecken. Man hatte ihn belauſcht, wie er ſich bei'm Herannahen eines Prieſters mit dem Allerheiligſten, das einem ſterbenden Schiffer gebracht wurde, in jäher Haſt und ungebährdig bei Seite geſchlichen; man heatte heraus⸗ bekommen, daß es mit ihm nicht ganz richtig ſei. Das Mädchen, das ihn wirklich liebte, hatte ihn unter Thränen beſchworen, mit ihr zum Pater zu gehen und, falls es bei ihm haperte, in aller Eile, eh' es die Brüder entdeckten, ein ordentlicher Chriſt zu werden. Da hatte Pirrho gelacht, aber nicht im böſen, ſondern im guten Sinne, fröhlichen Herzens, um das Mädchen zu tröſten, wie er meinte, und geſagt, er ſei kein Heide, und einem braven Jungen würden und könnten die Heiligen nicht gram ſein, auch wenn er ſich nicht um ſie bekümmerte. Die Sippe des Mädchens aber verſtand das übel und nahm es für Spott. In der ganzen Fiſcherſtadt wälzte ſich das Ge⸗ rücht wie eine Lavine in den Bergen heran, ein waldenſiſcher Ketzer wolle Angioletta freien. Wie man ihn bei ihr fand, ihn zur Rede ſetzte, habe er, wie er erzählte, zu Anfang ganz glimpflich ſeinen Glauben vertheidigt; erſt als man ihn beſchimpft, habe er ſeinem alten Groll Luft gemacht. Als man Miene gemacht, ihn zu faſſen, ihn in's Kloſter zu den Patres zu ſchleppen, da habe er allerdings zum Meſſer gegriffen und ſich durchgeſchlagen, ein armer Sünder gegen Viele! In den ſtillen Abendſtunden, die ich mit Pirrho in meinem Zim⸗ mer verlebt, hatte ich es nicht an Religionsgeſprächen fehlen laſſen: ich hatte gehofft, ihn wenigſtens für die fromme Sitte des Volks, mit dem er hier lebte und leben wollte, fügſam zu machen. Der harte Trotz des unzugänglichen Gebirgsmenſchen hatte nun ſogar ſein Her⸗ zensglück verſcherzt, um auf ſeinem Sinn zu beſtehen. Weinend und lachend, die Welt und ſein Geſchick verwünſchend, nach Angioletta rufend und ſie doch wieder mit ihrem Wahn laut verſpottend, mitten unter einem Strom von Thränen ſeine poſſenhafte Wuth an ſich ſelber auslaſſend: ſo ſaß und lag er nun auf ſeinem Bett, ein armes Opfer des Widerſtreites unüberwindlicher Mächte. Seine Wunden im Nacken und am Kopfe brachen wieder auf; ich verband ſie nach Möglichkeit; auch waren ſie ungefährlich und oberflächlich. Wie ſich die wilde Natur in ihm erſchöpft hatte, fiel er in einen tiefen Schlaf, wie es mir ſchien in den Schlaf der robuſten, unverwüſtlichen Geſundheit. worde, in heraus⸗ Midchen, nit ihr ler Eile en. Dn Sinne, nte, und — rden un bt in ſe übel und das Ge⸗ her Ketzr r Rede h ſeinen ſinn z fiſſen⸗ gllerdings rSündet 1 inen 3 in liſtt goll⸗ nit Der harte ſein Her⸗ nend und Ingicletn d nitten 4 ſs ſbu er in en die ridt . 3 lof, W „ndbel ndh ſund 525 Aber dem war nicht ſo. Mitten in der Nacht,— ich war auf meinem Lager ruhig eingeſchlummert,— ward ich durch ein Geräuſch im Zimmer aufgeſchreckt. Der Mond ſchien hell durch's Fenſter; auf dem Simſe aber ſtand bei geöffnetem Flügel Pirrho's Geſtalt, mit dem einen Fuße ſchon außen nach einem Haltpunkte tappend, während er, das Geſicht nach oben geſtreckt, mit beiden Händen in die hellen Streifen des bleichen Nachtgeſtirns griff. Ich ſtürzte auf den Nacht⸗ wandler zu, ergriff ihn mit beiden Armen und zog ihn in's Zimmer zurück. Wie ich ihn laut bei ſeinem Namen rief, ſchreckte er zuſam⸗ men, fiel rückwärts zu Boden, ſtarrte mich grell an und ſchlug krampf⸗ haft mit allen Gliedern um ſich. Der Lärm hatte meinen Diener aus dem Nebengemache herbei⸗ gerufen. Mit deſſen Hülfe brachte ich den Armen auf ſein Lager zu⸗ rück, verhüllte die Fenſter und blieb bei angezündeten Kerzen wach, auch als er von neuem in Schlaf verſank. Mochte das Mondlicht, obſchon ich es abgeſperrt hatte, doch ſeine Wirkung üben: nach einer Stunde erhob ſich der Schläfer von Neuem auf ſeinem Lager und kerzengerade in die Höhe, aber er ſchien ſanft und geduldig bleiben zu wollen. Wie ich ihn ſcharf in's Auge faßte, ſah auch er, von der Macht des Blickes wider Willen beherrſcht, mich unverrückt an, winkte mir zu und gab mir in Gebährden das Ver— langen zu verſtehen, die Kerze näher zu haben. Wie ich ihm den Leuchter dicht vorhielt, ſtarrte er in die Flamme und nickte dann lächelnd.„Giuſeppe,“ flüſterte er,„ich will dir auch ein Licht auf⸗ ſtecken, aber ein Licht der Wahrheit! Dein Weib Mormona, das ſie jetzt in den Himmel erheben, haben ſie erſt getödtet, heimlich ver— giftet, um ſie nun anbeten zu können. Pſt! Ruhig! Ich weiß es, ſie iſt mir im Traume erſchienen und hat mir's geſagt.“ „Unglücklicher! Welcher Wahn, welche Lüge!“ rief ich. „Ich— Unglücklicher?“ ſagte der Nachtirre,„du biſt der Be⸗ klagenswerthe! Und ſie werden dir auch noch das Kind Mormona's, den Knaben Saverio, heimlich abthun!“ Wie ich ihn ſchüttelte, um ihn vom Geſpenſt des traumhaften Wahnſinns zu befreien, wachte er auf, faßte mit beiden Händen in mein Haar, glotzte wild drein und ſtieß ein grelles Gelächter aus, daß die Wände im Raum wider⸗ hallten. Ich glaubte nicht anders, als daß ſeine Tobſucht ein An⸗ — 526— fall von Raſerei war. Nur mit Mühe wurde er von uns beſchwich⸗ tigt; gegen Anbruch des Morgens ſchlief er wieder feſt und geſund. Der Diener hatte mir Stillſchweigen über die nächtliche Scene angelobt; ich machte jedoch oft genug die Erfahrung, daß der Menſch, dies Mittelding von Thier und Geiſt, in religiöſen Serupeln kein Gelöbniß, kein Verſprechen kennt und achtet. Pirrho ſchlief bis in den vollen Tag hinein; dann ſtand er auf, aß und trank und ſchien die Vorgänge der Nacht vergeſſen zu haben. Nur Angioletta's Verluſt warf einen Schatten der Traurig⸗ keit über ſein Weſen. Gegen mich war er lieb und gut; ſeine kindliche Natur bezwang den Kobold in ihm bei wachen Sinnen. Ich hoffte, ſein Paroxismus würde mit dem Schleier der Nacht bedeckt bleiben. Vierzehntes Rapitel. Donna Carlotta auf der Villa des Cardinals. Pirrho's Verhalten war von der Art, daß ich ungehindert mei⸗ nen Obliegenheiten nachkommen konnte. Die Feier der Beatification war angeſetzt; Tags zuvor ſollte ich noch beſonders dem Vorſtande der Propaganda, Cardinal Rezzonico, meinen Beſuch machen. Für Euſebio in Genua aber lag mein Brief bereit, der ihm meinen Aus⸗ tritt aus der Geſellſchaft Jeſu melden ſollte. Lange Zeit war ich gegen ihn verſtummt, vergrub die Gefühle und Eindrücke, die mir Rom gab, in mich ſelbſt. Jetzt,— Euſebio war mein Oberer,— mußte ich ihm den Ertrag, das Ergebniß meines Nachdenkens melden. Ich ſchrieb ihm: Chriſti Reich iſt nicht von dieſer Welt. Seine Kirche iſt eine unſichtbare, er will eine Gemeinde Derer, die ſich frei machen von der Welt und ihren Antrieben. Dieſe Gemeinde fand und finde ich nicht im Orden; geſtatte mir alſo, das Kleid wieder abzulegen, das ich trug. Ihr ſaget: Erſt beherrſchen, um dann die Welt befreien zu können! Das Können zugeſtanden, muß ich das Wollen bezweifeln. Rein ſein vor Gott iſt hoͤher denn Alles. beſchnich⸗ d geſund. che Stent r Menſch, peln kein geſſen zu Trawig⸗ kindlich hleiben. nals⸗ ndert nei atiftatin Forfunde en. Fur en Aus⸗ war ie die wir Ihr aber ſeid in Widerſpruch gerathen mit Euern eignen Grundſätzen. Ihr hinget mir eine Medaille um mit der Inſchrift: Außer der Kirche kein Heil! Welche Kirche meint Ihr? Das Regiment des Papſtes? — Ihr ſcheint eher neben, wenn nicht über ihm Euere Macht zu ſichern. Die unſichtbare Kirche Chriſti?— Dann müßt Ihr von der Weltherrſchſucht laſſen.— Wenn du es als Lehrer und Freund gut mit mir meinſt, Euſebio, ſo thu' an mir dein letztes Werk und billige meinen Entſchluß, aus einer Gemeinſchaft zu ſcheiden, in der ich nicht gefunden, was ich ſuchte.“— Der Brief erhielt am näch⸗ ſten Tage ſeine Beſtätigung für mich; ich ließ ihn nach meinem Be⸗ ſuche beim Cardinal mit dem reitenden Eilboten nach Genua abge⸗ hen, der die Depeſchen des Ordens überbringt. Cardinal Rezzonico war ein Freund und Gönner der Geſell⸗ ſchaft Jeſu. Bei deren Zerwürfniß mit dem oberſten Haupt der Kirche, einem Zerwürfniß, das ſich bis auf die Leitung der Con⸗ gregation erſtreckte, war der Cardinal der Vermittler zwiſchen der Curie und dem Orden. Nach den Statuten der Propaganda mufte der Papſt wöchentlich einer Sitzung der Congregation beiwohnen; Papſt Benediet ließ ſich durch einen Vicar, durch Cardinal Rezzonico, vertreten. Monſignore hatte mir den Tag, aber nicht die Stunde bedeutet, wo er mich auf ſeiner Villa empfangen wollte. Ich kam früher dort an, als man Beſuch anzunehmen pflegte. Eminenz, hieß es, ſei noch nicht aus der Stadt zurück. Man wies mich auf den Garten an und ich wandelte durch die wunderbar wechſelnden Gehege bis zum Appenin, der dieſe reizende Schöpfung begränzt. Von einem Bachus⸗ tempel auf einer mäßigen Höhe überblickte man das Panorama dieſer Zaubereien, zu denen die Reize aller Zonen ſich vereinigen mußten. Der Garten vereinigte en miniature den Charakter aller Himmels⸗ ſtriche. Aus dem grauen Schatten eines Oelwaldes tauchte eine Meierei auf mit Gebäuden nach Schweizerart. Von einer Felſen⸗ partie blickte eine gothiſch⸗mauriſche Ruine herab mit halbzerſtörten künſtlichen Thürmen und Mauern. Aber auch dieſe Trümmer ſchienen wohnlich eingerichtet und belebt. Das Ufer am See drüben bot den Anblick eines neapplitaniſchen Fiſcherdorfs; Netze ſtanden ausgebreitet, einige weibliche Geſtalten in entſprechender Tracht ſchaukelten ſich in einem Boote. Aus dem Verſteck tropiſcher Gewächſe ragte mit ſeinen geſchweiften Spitzen und Glockenthürmchen ein chineſiſcher Pavillon hervor. Monſignore wollte vielleicht alle dieſe fernen Himmelsſtriche, die für den Glauben gewonnen werden ſollten, als Vorſtand der Pro⸗ paganda ſich jeden Tag vergegenwärtigen; er überſah in ſeiner Villa gleichſam zum Spiel die ganze Welt in partibus üdelium et in- fidelium. Als ich aus dem Schatten eines vielverſchlungenen Laubganges trat, der mit ſeinen labyrinthiſchen Pfaden irreführte, ſah ich mich plötzlich wieder an den Eingang, auf eine Terraſſe dicht an der Villa verſetzt. Ich ſtand betroffen ſtill; unter der Pergola, auf ſeidenen Polſtern, wie ein Paſchah auf ſeinem Divan, ſaß der Car⸗ dinal. Drei junge Damen, ihrer Tracht nach die Bewohnerinnen der verſchiedenen Partien und Anlagen des Gartens, umgaben ihn. Der Vorſtand der Propaganda hatte ſich alſo in der That ſeine Vil⸗ legiatur nach dem Geſchmack der verſchiedenen Völker und Länder auch bevölkert; als Vorſtand der Findelhäuſer in Rom vermochte er das leicht. Er ſelbſt, ſo eben aus der Stadt von ſeinen Functionen zurückgekehrt, ſaß noch halb und halb im amtlichen Coſtüm, in ge⸗ ſtickten Schuhen und Strümpfen. Die Eine der Damen, als Chi⸗ neſin zu dem Glockenthurm gehörig, hatte ihm den Mantel abge⸗ nommen. Die Zweite, ein lächelnd friſches Kind, mit Strohhut und Bändern, das Schweizer Milchmädchen aus der Meierei, zog ihm ſcherzend und tändelnd die Ringe ab, die er über den violetten Hand⸗ ſchuhen trug. Die Dritte, in gothiſch ſpaniſchem Ritterkleide, ſtand abgewendet, den Kopf in die Hand geſtützt, am Geländer der Per⸗ gola; ſie ſchien an dem Geplauder der Gefährtinnen, die den alten Herrn zu erheitern trachteten, nicht Theil zu nehmen. Die Gruppe war zu ſehr mit ſich ſelbſt beſchäftigt, um mich ſofort wahrzunehmen. Ich wollte eilig in's Gebüſch zurücktreten, als die kleine Schweizerin meiner anſichtig ward, aufſprang und mit beiden Händen die Zweige zurückſchlug.„Heiliger Joſeph!“ ſchrie ſie wie von Entſetzen ergriffen,„der Abbs der Waldenſer!“ Dann legte ſie lachend den Zeigefinger an den Mund, ſprang bei Seite in's Gebüſch und ſuchte ihr ſchallendes Gelächter zu erſticken. nit ſeinen 1 Paillon melsſtriche, d der Pr⸗ einer Lilla m et M aubganges eh ich nich cht an der rgola, uf der Cut⸗ nerinnen ben ihn⸗ eine Lil⸗ nd Vndet emochte et zuntionen in in g⸗ , als 6hi⸗ antel abg⸗ mhi u zeg ihn Hand⸗ 1 94 ten eide, ſtand der Per⸗ den alten um nich nittn und mi ſchrie Dann Seite Monſignore hatte ſich erhoben und trat mir mit dem Will⸗ kommengruß entgegen, bevor ich Worte fand, meine zudringliche Störung zu entſchuldigen.„Unſer Graf aus den Bergen von Pie⸗ mont! Willkommen, Signor Giuſeppe della Torre!“ ſagte er mit der Liebenswürdigkeit des behaglichen Oberhauptes im Familienkreiſe; „ſeht, ſeht, ihr loſen Kinder! verplaudern wir hier die Zeit, wäh⸗ rend unſere werthen Gäſte ſchon angelangt ſind!“ Ohne merkliche Spuren des vorgerückten Alters ſtand die freund⸗ lich würdevolle Geſtalt des Mannes nicht ohne jene vornehme Hal⸗ tung vor mir, der es zugleich bequem iſt, auch herablaſſend und wohl⸗ wollend zu ſein. Die Chineſin war mit dem Mantel Sr. Eminenz der Schweizerin nachgeeilt, und nur die gothiſche Dame, die Dame im altſpaniſchen Coſtüm, ſtand noch neben uns, als er mich mit den Seinigen bekannt machen wollte.„Signora Carlotta, die eine mei⸗ ner Nichten!“ ſagte der Cardinal. Ich dachte Augenblicks für mich: Das Zeitalter der Nepoten hat aufgehört, aber Nichten ſcheinen noch Styl zu ſein! Es lag jedoch im Benehmen des Cardinals ſo viel offene natürliche Harmloſigkeit, ein Gemiſch von väterlicher Fürſorge und Oberhoheit, daß jeder Argwohn ſtrafwürdig ſchien. Ich hatte Platz nehmen müſſen an der Seite des Mannes, während die Donna am Geländer lehnte. Monſignor war freundlich genug, von meinen Studien, von den Zwecken zu ſprechen, die mich nach Rom geführt; er ſprach ſelbſt von den Schickſalsfügungen meines Hauſes mit theilnehmender Wärme. Es gibt freilich eine bloße Höflichkeit des Herzens, die der Diplomat und der Weltmann mit der Sicherheit ſeiner gefälligen Lebensformen zu vereinigen weiß. Ich fühlte mich verletzt, als der Mann von meinem Verdienſte ſprach, der Kirche Roms eine Seele zugewendet zu haben. „Ich muß mein Verdienſt dabei bezweifeln,“ ſagt' ich,„ein Weib, das mich liebte, hat ſich ohne mein Zuthun zu dem Glauben bekannt, dem ich angehöre.“ „Ohne Euer Zuthun, ſoweit Ihr Euch deſſen bewußt ſeid!“ fiel der Cardinal ein.„Wer will Glück und Verdienſt ſcheiden! Eine Waldenſerin, die Euer Weib war, wurde römiſch und dieſe Thatſache hat man bei Euerem Empfang im Collegium gefeiert.“ D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 34 — 530— „Die Thatſache,“ ſagt' ich,„iſt freilich wieder als ungewiß er⸗ ſchienen, da Mormona's Beichtvater ihre Seligkeit bezweifelte.“ „Dafür wird ſie nun im Sanct Peter beatificirt!“ ſagte der Kirchenfürſt, als wenn ich der Begütigung benöthigt ſei. „Schlimm genug, daß es deſſen bedarf!“ warf ich zwiſchen. Der Cardinal ſah mich ungewiß an.„Schlimm genug!“ wiederholte ich, „Engel Gottes behüteten meines Weibes Herz Zeit ihres Lebens, Engel Gottes, liebliche Genien der heitern Luſt am Daſein, ſpielten um ſie her, ein Cherub der Liebe und Unſchuld hielt Wache an ihrem Grabe. Wir aber, die wir ſie erſt todt vor uns ſehen mußten, um an die Heiligkeit ihres Lebens zu glauben, wir, die wir das lebendige Leben kreuzen und knechten und nur den todten Leib erhöhen und anbeten: wir ſind die von Gott und ſeinen Boten des Lichts und der Liebe Abgefallenen. Während die Fittige des Himmels um Mormona's Seele ſchweben, hat man hier den Verſuch gemacht, die Rechtmäßigkeit ihrer Ehe, die Rechtmäßigkeit ihres Kindes in Zweifel zu ziehen!“ Der Cardinal wurde unruhig; der Widerſinn, den ich ihm nahe rückte, beläſtigte ihn.„Ich dächte, der Orden hätte Euch ge⸗ nügend geſchützt, Graf La Torre,“ ſagte er nicht ohne Empfindlich⸗ keit.„Mit der Feier des morgenden Tages wird ſchließlich das Schickſalsvolle geſühnt, das auf Euerem Hauſe nach dem Glauben Eueres erlauchten Vaters laſtet. Ein gläubiges Gemüth wie das ſeinige hat das Recht, auch ſeine Serupel gelöſt zu ſehen. Der Geiſt der Ketzerei in Euerem Hauſe wird mit der Seligſprechung der Waldenſerin geſühnt; dieſer Geiſt der Ketzerei müßte denn wider Erwarten und unverſehens weiter wuchern, wo wir es nicht hoffen und wünſchen!“* Er war mit dieſen Worten, die er nicht ohne ſchärfere Betonung ſprach, aufgeſtanden und verließ die Pergola, mit gnädiger Handbe⸗ wegung mich zum weitern Verkehr der Dame Carlotta überweiſend. „Eine Socia, Sodalin Eueres Ordens!“ flüſterte mir der Prälat lächelnd zu, als ich ihm einige Schritte zur Terraſſe das Geleit gab und mich verbeugte. Eine Schülerin des heiligen Loyola im ſpaniſchen Ritterkleide! fiel mir ein.„Signora,“ ſagt' ich,„auf der Villa Sr. Eminenz ſcheint das ganze Jahr über Carneval zu ſein!“ ngewiß er⸗ te.“ ſagte der ſchen. Dat rholte ich, s Lebens, t, ſpielten an ihren ußten, Un lebendige zöhen und 6 und der ormona's mäßigkeit en!“ ich ihn Euch ge wfndlic⸗ Glauben vie das en Der chung der mn nider t hoffen Retonlng Hondbe⸗ — 55 In dem Augenblick ſprang die Donna Swizzera wieder aus dem Gebüſch unter die Pergola mit ſuchenden, fragenden Blicken, eilte jedoch, als ſie des Cardinals nicht mehr anſichtig ward, augenblicklich in's Verſteck zurück. „Die Schweizer Donna,“ ſagt' ich,„hat vielleicht allerlei Mähr⸗ chen von den Köhlern in den Bergen Piemonts gehört. Vielleicht ſind die Waldenſer für die Kinder in Rom eine Art Popanz, mit dem man ſie ſchreckt. Und ein Miſſionär, ein Abbé für das arme Volk in den Höhlen und Schluchten meiner Heimath zu ſein, mag allerdings der vornehmen und hohen Welt ziemlich lächerlich erſchei⸗ nen. Der Ruß meiner Köhler daheim iſt aber ächt, gegen die Schminke, in der ſich das allerchriſtliche Rom gefällt. In ihren rau— hen Widderfellen würden ſie falſche Kleider verſchmähen. Hier freilich auf Monſignore's Villa ſcheinen Schäferſpiele im Geſchmack von Verſailles nach der Schule der Pompadour an der Tagesordnung zu ſein.“ Eine tiefe dunkle Röthe auf des Mädchens Wangen ließ mich den Spott meiner Worte bedauern. Carlotta ſenkte ihr Haupt, als müßte ſie mir die Bewegung, die in ihr vorging, verbergen.„Es iſt ſo viel Lüge in der Welt,“ ſagte ſie mit beklommener Miene,„daß man nicht weiß, wo man anfangen ſoll zu ſtrafen, Signor, wenn ſchon der loſe Uebermuth eines Kindes Euch verletzt.“ In dem dunkeln, unruhig flammenden Auge des Mädchens lag ein Schmerz, dem es Mühe zu machen ſchien ſich zu verheimlichen. Die ſcharf hervortretenden Züge ihres Antlitzes ließen auf ſchmerzlich frühe Reife mitten in der Zeit der Blüthe ſchließen. Die erſte Friſche des Mädchenalters war aus dieſem jugendlichen Antlitz ge⸗ waltſam verſcheucht. Man war ungewiß, ob man eine Tochter Roms vor ſich ſah; die tiefere Olivenfarbe der Wangen erinnerte an's Morgenland. Das goldene Diadem, das ihre Stirn umzog, gab ihr das Gepräge einer Fürſtin des Orients, die auf den Trümmern ihres Glücks ſchon in jungen Tagen ſitzt und ſtumm vor Stolz ihr Weh verheimlicht. Der goldglänzende Schimmer in ihrem dunkel⸗ braunen Haar machte ſie zu einer Geſtalt, wie ſie Meiſter Tizian in ſeinen Bildern liebt. 34* 532 „So viel Lüge in der Welt?“ wiederholte ich prüfend ihre Worte,„das entdecktet Ihr hier in dieſer Umgebung?“ fragte ich nicht ohne Argwohn. „Signor,“ ſagte ſie,„ich kenne die Geſchichte Eueres Lebens!“ Sie war mit dieſen Worten an mich herangetreten und lehnte ohne mich anzublicken, mit aufwärts geſchlagenem Auge, ihre Hand auf meinen Arm.„Ich kenne die Schmerzen und Geheimniſſe Eueres Schickſals,“ ſagte ſie,„ich weiß daß dieſe Welt in ihrer Eitelkeit und Sünde, in ihrem Stolz und Prunk viel zu tief verloren iſt, um ein gottgeweihtes ſtilles Leben in ſeiner Wahrheit und Reinheit zu begreifen. Dieſe gleisneriſche Lüge möchte gern Alles überdecken und ausgleichen, weil ſie zu ohnmächtig iſt, die Schmerzen der Welt aufſichzunehmen.“ Ich erſchrak faſt vor dem Ausbruch ihrer Worte, ſo befremdend war mir Carlotta's ganze Erſcheinung. Wie ich ihre Hand ergriff, den Blick ihres Auges, den ſie mir entzog, ſuchte, trat der Cardinal mit ſeinen Gäſten unter die Pergola. Es waren neben mehreren weltlichen Würdenträgern auch Geiſt⸗ liche in verſchiedener Ordenstracht, nicht blos in der Robe, die ich ſelber trug. Der jüngere Theil der Geſellſchaft wurde von den beiden Damen, der Chineſin und der Schweizerin, in Anſpruch genommen. „Ich muß Euch,“ ſagte der Cardinal, auf mich zuſchreitend, „mit einem recht munteren Arbeiter im Weinberge des Herrn bekannt machen, Graf La Torre. Er iſt keiner von den Idealiſten, kein Clauſulant in der Sophiſtik der Kathederweisheit, aber dafür auch kein Finſterling nach Art gewiſſet düſterer Mönche, die nur mit Ge⸗ waltſamkeit das Reich Gottes fördern wollen, ein Bruder, der mit einer geſund natürlichen Derbheit die ihm fehlende Feinheit der Dortrinen erſetzt, ganz kürzlich von einer Miſſion in Mexico zurück⸗ gekehrt.“ Es war der mir ſchon bekannte germaniſche Bruder Broccardo, der in den Sälen der Propaganda mein Führer geweſen. Er be⸗ grüßte mich als alten Bekannten, Confrater und Socius. Wie die Dienerſchaft auf der Pergola an kleinen Tiſchen vertheilt den Abend⸗ imbiß auftrug, war der wackere Deutſche alsbald recht fleißig dabei, dem Falerner aus dem Keller des Cardinals zuzuſprechen. Der Re⸗ rüfend ihre fragte ich 5 gebens!“ ehnte ohne Hand auf ſſe Eueres et Eitelkeit ten iſ, un Reinheit zu decken und der Welt befrendend nd ergriff tEundinl uch hi⸗ be, die ich den beiden genonneſ· uſchreitend, m belunnt ſen, kein fir auch n nit b⸗ der nit nheit der zrüd⸗ c0 Prottarde, er b 5 Abend⸗ pabei⸗ — ſig Del 533— benſaft entband ſeine ohnedies nicht eben ſtark gefeſſelte Zunge. Bei der ſteigenden Vertraulichkeit ſeiner Rede war er bald der Mittel⸗ punkt des Kreiſes. Er erzählte von den Abenteuern ſeiner letzten Reiſe, von ſeinen„Geſchäften“ in der Verbreitung des Glaubens; der Bettelmönch, der in ihm ſteckte, kam in allerlei Capueinaden zum Vorſchein. „Ja, ja, mein beſter Confrater,“ ſagte Burkhart zu mir ge⸗ gewendet und ſein Glas ſchwenkend,„da drüben jenſeit des Oceans hat man alle Hände voll zu thun; aber es ſcheffelt auch! Man be⸗ müht und barmt ſich da nicht ab um den Gewinn einer einzelnen armen Seele; man gewinnt ſie da heerdenweiſe.“ „Ei, ei, mein guter Bruder,“ ſagte der Cardinal mit ſtrafendem Lächeln,„wenn Ihr heerdenweis für das Reich Gottes werbt, ſo ver⸗ ſetzt Ihr Euch wohl in die Zeiten des Carolus Magnus zurück, der eine eigenthümliche Manier hatte, die Heiden zu taufen!“ „Nun ja,“ ſagte der deutſche Bruder,„er trieb die Sachſen heerdenweis in die Elbe, da ging's auf Commando, und wer nicht untertauchte: Kopf ab! Man war in Sachen des Heils noch nicht ſo ſpinös und ſerupulös wie heutzutage die tüftelnden hochgelahrten Herren als Miſſionäre. Es waren ſchöne Zeiten für die Propa⸗ ganda, als man die Menſchen haufenweis, ganze Völker gleich, auf⸗ nahm in den Schooß der Kirche. Glaubt es nur, ein Schaf iſt in der Heerde beſſer zu hüten, es läuft da mit! Und im hohen eiſigen Rußland läßt ſich das Geſchäft auch noch in Reih' und Glied ab⸗ machen. Kopf hoch, Kopf nieder! wird commandirt, und dann geht's ſtrich⸗ und colonnenweiſe, das erſte Glied wird„Peter!“ das zweite Glied„Paul!“ getauft et voila tout.“ Wie Einzelne in der Geſellſchaft, während Andere lachten, den Scherz mißbilligten und die Stirn runzelten, fuhr Broccardo fort: „Nichts für ungut, hohe Herren! Ich will damit nicht ſagen, daß nach ſolcher Chriſtenbeſchkerung⸗ im Ganzen und Großen nicht noch hinterher Seelſorge und Unterricht nöthig und heilſam ſei! Man hilft und beſſert nach, wie man, iſt ein Mal der Guß des Metalls geſchehen, auch noch die Feile anlegt. Aber ich meine nur, das Chriſtenthum ſolle nicht blos Eigenthum der Erleuchteten, der Ein⸗ ſichtigen, vom Himmel Bevorzugten ſein; es iſt auch Sache des ar⸗ 534 men Volkes, das die ſublimeren Wahrheiten unſrer geheiligten Reli⸗ gion nie verſtehen wird, und dennoch theilhaben ſoll und muß an der allgemeinen Gnadenſpende!“ „Sehr wahr!“ ſagte der Cardinal, froh, dem anſtößigen Bekennt⸗ niß eine gute Wendung abgewinnen zu können,„das Chriſtenthum muß den Völkern auch unverſtanden zur Sitte und Gewohnheit werden. Der Miſſionär darf nicht lediglich auf die vollendete Ein⸗ ſicht und volle Reife des Proſelyten warten. Auch wer blos an den äußern Formen der Kirche theilnimmt, hat ſchon Theil an deren innern Segnungen. Wie wollten wir ſonſt die Kindertaufe recht⸗ fertigen? Wir nehmen den lallenden Säugling auf in die Gemein⸗ ſchaft der Gläubigen, in der Zuverſicht, das kaum erwachte Leben werde nach und nach zum Bewußtſein des chriſtlichen Inhaltes her⸗ anreifen.“ „Pater Broccardo,“ ſagte Jemand im Kreiſe,„hat auf ſeiner letzten Miſſionsreiſe Abenteuer erlebt, die an's Mährchenhafte grenzen.“ „Gar nicht mährchenhaft!“ eiferte der deutſche Bruder,„ich bin gewürdigt worden, einen indiſchen Kaziken unſerer geheiligten Religion zu gewinnen, der bei den Gebeinen ſeiner Väter ſich verſchworen hatte, nie Chriſt zu werden. Unfern der mexicaniſchen Grenze liegt der Wohnſitz meines Indianerhäuptlings. Er verſpottete alle Höllenſtrafen, blieb gegen alle Verheißung paradieſiſcher Freuden widerſpänſtig. Er war ein ſo luſtiger Teufel, wie je in einer Rothhaut ſteckte; wie denn der Teufel, dies ſei für meine ehrenwerthen Confratres in der Miſ⸗ ſion bemerkt, nicht lediglich für ſchwarz zu nehmen iſt, er tritt in allerlei Farben auf und iſt für die Neger weiß zu erachten! Wie ich an das Hoflager meines Vizlipuzli kam, trat ich zunächſt als Handelsmann auf; ich brachte den Tauſchhandel in Blüthe. Die kleinen Bedürfniſſe der Cultur, wohlbemerkt, müſſen Bahn brechen zu wei— teren Bedürfniſſen, und das Wahre kommt dann oft wie der Dieb in der Nacht. Die vielen Weiber des Kaziken waren wie die Raben über die kleinen Schmuckſachen her und ſaßen mir auf, Tag für Tag. Ihm ſelbſt aber war wenig anzukommen, der Kerl hatte vor ſeinen eigenen Götzen keinen Reſpect. Sonſt hat man doch ſo man⸗ chem Indianerſtamm begreiflich machen können, daß das Chriſtenthum die indianiſchen Gottheiten nicht geradezu verwerflich findet, ihnen igten Reli⸗ nd mß en en Bekennt⸗ hriſtenthun Gewohnheit ndete Ein⸗ blos an den lan deten taufe recht⸗ ie Gemein⸗ achte Leben haltes her⸗ uf ſeiner e grenzen“ r,„ich in un eligun voren hit⸗ e liegt det öllenſtafel, „pie denn k„ nder Mi⸗ er tritt in ien! Bie nmict pe kleinen — nur höhere Namen und beſſere Eigenſchaften beilegt. Man kann dem Sonnenanbeter ſagen, die Sonne ſei im Grunde als allbelebende Macht ein Gott Vater. Den Feueranbetern läßt ſich begreiflich machen, es gebe auch ein geheimes, unſichtbares, die Welt mit wahrem Lebens⸗ hauch erfüllendes Feuer, heiliger Geiſt genannt. Und Denen, die zum blauen Sternenhimmel beten, kann man vorſtellig machen, dieſer Himmel ſei ja eigentlich der blaue, ſilbergeſtickte Mantel der Mutter Gottes. Verzeihen Eminenz, ich meine nur ſo von ungefähr; man vertauſcht ihnen die Objecte ihrer Anbetung, um ſie nach und nach an's Glaubensheil der wahren Kirche zu gewöhnen. Allein mein Teufelskerl von Kaziken verachtete ſeine Götzen, ſagte, ſie dürften nicht muckſen, wenn er ihnen hinreichend Futter vorwerfe, ja, er prügele ſie, wenn ſie ihm nicht zu Willen wären. Er glaubte nur an böſe Mächte, an gar keine guten Götter. Na wart' nur, dacht' ich, du ſollſt ſchon daran glauben! Er ſchwur hoch und theuer, nie Chriſt zu werden. Was gilt die Wette? ſagte ich.»„Eine Tonne Goldes,“ ſagte er,„die ſetz' ich ein, und du deine Naſe!“— Topp, ſagte ich, vedremo!— Nun es ſich um meine Naſe handelte, mußt' ich ſchon ein Uebriges thun. Ich nahm die Weiber vor, die der ſchönen Sächelchen wegen mir ſchon gewogen waren. Das Frauenzimmer iſt allerwegen, auch wenn es kupferroth, fuchsfarbig iſt, ein Gemüth wie Wachs; es kommt nur darauf an, wie man's knetet. Jede nahm ich beſonders in's Gebet und machte ihr ganz privatim die Offenbarung, daß das Weib dem Manne ebenbürtig, nicht ſeine Sklavin ſei. Das Chriſtenthum dulde nicht die Vielweiberei! Ein Weib, dem Manne gleich und ihm zur Seite geſetzt als ſeine zweite Hälfte: das ſei bei uns heiliges Geſetz! Das zündete; Jede dachte nun als Chriſtin ausſchließlich Frau Kazikin zu werden; ſie ließen ſich alle einzeln, jede mit ihren Kindern taufen. Mit allen zu Haufe trat ich nun Nachts an ſein Lager und vollzog die Waſſertaufe an ihm; der Geiſt würde ſchon nachkommen, wußt' ich. Wie er aufwachte, bezeugten es Alle, er ſei über Nacht Chriſt geworden. Er lachte und meinte, er hätte nichts gemerkt. Ich ſagte ihm, da ſei er nicht der Einzige: auch den Kindern geſchäh's im Schlafe. Er ſagte, er wiſſe nicht, was die Kirche an ihm gewonnen habe. Eine Tonne Goldes, ſagt' ich, und meine Naſe! Von den Weibern macht' ich ihm den Vor— —— ſchlag, die Eine ſich an die rechte Hand, die Anderen ſich an die Linke trauen zu laſſen. Iſt auch ſchon dageweſen in der chriſtlichen Welt! Nur war die Wahl ihm ſchwer, und mitten drin mußt' ich fort über die Grenze nach Paraguay, wo es für uns böſere Händel gibt. Am Hoflager des mexicaniſchen Häuptlings habe ich wenigſtens die Bahn gebrochen, ländlich ſittlich. Ich erlaube mir, auf das Wohl meines Kaziken und ſeinen Fortſchritt in der chriſtlichen Wahrheit mein Glas zu trinken!“ Ein lautes Gelächter war der Erfolg der Capucinergeſchichte des deutſchen Bruders. Nur einige von den höheren Prälaten waren bei deren Beginn aufgeſtanden, wandelten im Seitengang zwiegeſprächig auf und ab und hatten nur mit halbem Ohr hingehört, um über den luſtigen Schwank nicht richten zu müſſen. Mich befiel es ſchwer und heiß, wenn ich bedachte, in welchen Händen die Sache Gottes ſei! Wenn Chriſtus wiederkehrte, die Welt der Menſchen, den Schauplatz ſeines Wirkens von neuem be⸗ träte: wie würde er zur Geißel greifen müſſen, um die Vorhalle ſeines Tempels zu reinigen! „Ja, ja, mein beſter Confrater im Herrn, Graf La Torre,“ rief Pater Burkhart herüber,„Ihr wollt nicht mit mir anſtoßen auf meinen Kaziken, traut alſo dem Frieden nicht! Ja, kommt nur mit mir nach Deutſchland, da fehlt's nicht an Arbeit. War lange Zeit mit Pater Guarini in Dresden. Da mußte man ſchon den Schöngeiſt machen, um zu effectuiren. Anderwärts geht man mit den Spießen zu Biere.“ Ich ſtand auf und ſagte:„Ich beneide Euch nicht um Euere Triumphe in der Verbreitung unſerer geheiligten Religion, geize nicht nach ſo glänzenden Erfolgen.“ „Nu, nu,“ eiferte Burkhart,„ich weiß ſchon, Ihr treibt die Sache con amore und ganz im Stillen. Habt da einen närriſchen Kauz von Waldenſer bei Euch und ſcheint an der armen Seele recht gründlich zu manipuliren. Der Junge lief mir neulich in den Weg, ſchien ganz verbieſtert. In der Fiſcherſtadt erzählt man ſich allerlei ärgerliche Dinge von ihm. Wie weit ſeid Ihr denn mit dem Ketzer?“ Aller Blicke waren jetzt auf mich gerichtet. Ich hatte die Sache zum Ernſt gewendet und trug nun ſelbſt die Schuld, Rede ſtehen zu — G 537— müſſen.„Mein ehrenwerther Pater,“ ſagte ich,„wir nehmen die Sache ſo grundverſchieden, daß wir uns ſchwerlich einigen können. Die Wahrheit, dünkt' mich, iſt ein Samenkorn, das oft den ganzen Winter in der Erde überdauert. Auch irrt Ihr wohl, nehmt Ihr die Sache bei Ketzern ſo leicht wie bei Eueren Indianern. Denen konntet Ihr die heidniſchen Religionsbegriffe in's Chriſtliche überſetzen, Ihr ſagt, als Gott Vater deuten, den großen Geiſt, zu dem ſie beten, als den heiligen Geiſt der Kirche, den blauen Sternenhimmel als den Mantel der Mutter Gottes. Sagt mir aber doch, wie Ihr einem Ketzer beikommen wollt! Ein Ketzer iſt kein Heide, iſt ſchon Chriſt, nur kein römiſcher. Er glaubt ſchon an Gott Vater, an den Sohn vielleicht mehr als wir, denn er hält ſich mit Leib und Seele an deſſen Wort und verwirft, was nicht in der Schrift ſteht. Er hält ſich für berechtigt, auch vom Kelche zu trinken, weil Chriſtus ſelbſt ihn den Seinigen gereicht, vierzehn Jahrhunderte hindurch auch der römiſche Laie vom Blut des Herrn getrunken hat, bis man ihm entzog, was Chriſtus Allen gab. Wie wollt Ihr ihn widerlegen, beruft ſich der Ketzer auf Gottes Wort?“ Eine tödtliche Stille lag über der Verſammlung; ich ſah blaſſe Geſichter, begegnete erſchrockenen Mienen.„Wer ſagt d das? Ihr oder der Ketzer, den Ihr bekehren wollt?“ rief eine Stimme aus dem Hintergrunde. „Er ſagt noch mehr,“ fuhr ich fort,„der irrende Ketzer, den bekehren ſoll, deſſen Stimme ich hören muß, wenn ich ſein Gegner bin und ihn widerlegen will! Der Athem Gottes durchdringt das Weltall. Welt und Natur ſollen nicht verdammt, ſie ſollen durch⸗ drungen und geheiligt werden vom Geiſt. Die Ehe iſt ein Sacra— ment; ſie heiligt die Natur im Menſchen. Warum aber iſt der Prieſter vom Segen dieſes Sacramentes ausgeſchloſſen? Ich frage, der Ketzer fragt, er beruft ſich auf das Wort Gottes!“ Die Verſammlung war von ihren Sitzen aufgeſprungen und ſtürmte durcheinander. Einige ſtarrten mich ſprachlos an, in Anderen machte ſich der Zorn in Gebährden Luft.„Iſt das ein Mitglied der Geſellſchaft Jeſu?“ hörte ich mehrere Stimmen durcheinander.— „Um Gott, mein Sohn, Ihr rüttelt an den Grundſäulen der Kirche!“ ihnen die Sonne, wie rief der Cardinal, der zu mir getreten war und ſchmerzlich ſeine Hand auf meine Schulter legte. „Eminenz,“ ſagt' ich,„gern und vollſtändig ſag' ich mich von der Propaganda des Glaubens los, wird ihre Erniedrigung, wie ſie hier laut wurde, gutgeheißen. Gern und vollſtändig ſag' ich mich von einem Orden los, der in einem ſeiner Mitglieder die Profana⸗ tion ſeiner Zwecke duldet!“ Ein dumpfes Gemurmel von Verwünſchungen folgte.„Er iſt reif zum Ketzer!“ hieß es laut,„er ſtößt die Dogmen der Kirche um!“— Ich glaubte mich plötzlich unter Ketzerrichtern aus der Zeit der Dominicaner. „Ich ſtoße kein Dogma um,“ rief ich, und bezwang damit auf Augenblicke den Tumult.„Das Tridentiner Concil, auf das wir uns immer berufen, hat die Rechte des heiligen Vaters und der Hierarchie feſtgeſtellt, aber das Dogma nicht erledigt. Entziehung des Kelches und Prieſterehe ſind keine Dogmen, mit denen die Kirche Chriſti ſteigt oder fällt, ſind nur Verordnungen der Disciplin, die ein früheres Jahrhundert für ſich als nöthig erachtete. Noch auf dem Tridentiner Concil trat ein geiſtlicher Mann, Auguſtin Baumgartner, Bayerns Abgeſandter, als Vertheidiger der Prieſterehe und des Abend⸗ mahls in beiderlei Geſtalt auf. Die Kirche, meine Herren, hat ſeine Forderungen nicht bewilligt, aber ſie hat ihn nicht verdammt!“ Der auf kurze Zeit beſchwichtigte Sturm brach von neuem los. Iſt das des alten La Torre Sohn, der Graf aus Piemont?“ ſchrieen ehrere.„Ein Philoſoph iſt unter uns! Der Abbé der Waldenſer mit r Philoſophie der rußigen Köhler und Savoyarden!— Mitten im der Kirche Ketzerei!“ ſo ſcholl es von andern Seiten. Vergeblich trat der Cardinal in den Kreis der Tobenden:„Werthe Herren,“ eiferte er mit Wort und Hand,„wir halten hier kein Concil, find hier unter uns; ein hingeworfenes Wort ſei kein ernſter Zankapfel!“ Der Auf⸗ ſtand ſchien allgemein; Viele der Anweſenden zerſtreuten ſich eilig in die Gehege des Gartens. Mich hatte unverſehens eine weiche warme Hand erfaßt, die mich aus dem Tumult unter der Pergola in einen ſicheren, dem Lärm entrückten Schattengang zog.„Wo führt Ihr mich hin, Signora Carlotta?“ fragte ich. Sie hielt an und ſtand mir gegenüber, Aug' eine Hand mich von „ wie ſie ich mich Profana⸗ „Er iſt er Kirche der Zeit anit auf das wir d der ung des e Kirche lin, die auf den ngartner⸗ 6 Abend⸗ hat ſeine 1 t! uen los ſchrieen nſer mit itten in eblich er — 539— in Auge, meine Hand heftig an ſich preſſend. Eine fisberhafte Be⸗ wegung hatte ſich des Mädchens bemächtigt, eine zitternde Haſt lief über ihr Antlitz, wie ſie jetzt meine Hand freigab und mich mit der Angſt eines gequälten Herzens anſah.„Giuſeppe La Torre!“ ſagte ſie,„Ihr ſeid gefährdet, Euere Freiheit, Euer Leben ſteht auf dem Spiel. Man wird Euch von neuem vor Gericht ſtellen, über jedes Euerer Worte wird die Inquiſition Rechenſchaft fordern!“ „Ich werde auch dann,“ war meine Entgegnung,„offen ſein und mich zu rechtfertigen wiſſen. Ich werde ihnen, was ich für Wahrheit halte, nicht ſchuldig bleiben, und bin begierig, wie weit ihr Witz und ihre Pfiffigkeit reicht, mich zu widerlegen.“ „Man wird Euch nicht widerlegen,“ ſagte Carlotta,„man wird Euch Gewalt anthun!“ „Ich muß das erwarten,“ war meine Erwiederung.„Vielleicht wenn ſie morgen das Feſt der Beatification meines Weibes feiern⸗ ergeht über mich zugleich, der ich ſie zum rechten Glauben bekehrt haben ſoll, in den Kerkern der Inquifition ein Ketzergericht!“ „In Eueren Empfindungen, in Eueren Gedanken,“ ſagte Car⸗ lotta,„feiert die unterdrückte Wahrheit, die verſtoßene Natur ihren Triumph. Ein Held werdet Ihr daſtehen.“ „Ein Held, Signora? Ein Märtyrer wollt Ihr ſagen! Helden der Kirche können nur Märtyrer ſein. Aber dies Geſchlecht iſt zu feige, um Märtyrer zu machen, dies Jahrhundert erträgt keine Helden, die im Feuer ihren Glauben erhärten, es ſpinnt Ränke, es kämpft und ringt nicht. Sie werden es nicht wagen, die Schrecken des alten Fanatismus aufzubieten, ſie ſind nur noch die Schatten ihrer ſelber. An Drohungen wird es nicht fehlen, wohl aber am Muth, der ſelbſt zur Grauſamkeit noch gehört. Man kann in dieſem thatenloſen Jahr⸗ hundert auch nicht mehr ſterben für eine heilige Ueberzeugung!“ „So ſoll man für ſie leben!“ rief das Mädchen.„Ihr werdet als Sieger über Welt und Menſchen triumphiren!“ „Mich gelüſtet nicht nach Siegen!“ ſagt' ich trüb und ſchwer, „der Preis meiner Kämpfe liegt bei den Todten. Wer will mir das Grab öffnen, mir die Geliebte wieder lebendig machen?“ „Aber die Todten ſind nicht todt für uns!“ rief Carlotta. Geiſt lebt in uns fort, der Geiſt der geſtorbenen Mormona hat noch 540- zu fordern von Euch, hat keine Ruhe, bis ihre Sache als ein Recht der Menſchheit, als eine Forderung der Natur ſiegreich durchgedrungen ſein wird!“ „Der Geiſt der Todten lebt mit mir! Ich will ihre Sache füh⸗ ren!“ ſagte ich und hob meine Hand zum Himmel. Carlotta ſtreckte ſeltſam ergriffen ihre Rechte in die Höhe, als wollte ſie den Schwur mir abnehmen, ihn mitſchwören. Erſt jetzt befiel mich der Sturm ihrer Aufregung mit der ganzen Gewalt einer dunkeln Furcht. Ihr Auge flammte bald auf, bald fuhr ihr Blick ſcheu zu Boden.„Ihr, Signora, gelobt das mit mir?“ ſagt' ich erſchrocken und befremdet,„Ihr, eine Nichte des Cardinals?“ „Ich bin es ſo wenig,“ rief das Mädchen in irrer Angſt,„ſo wenig, als ich zu dieſer Welt des Scheins und der Lüge gehöre. Ich verachte die Formen, hinter denen ſich ein falſcher Inhalt birgt. Ja, Signor, auch ein Weib kann als freies Weſen fühlen, auch eine ſchwache Frauenſeele die Bande der Gewohnheit, die Ketten der Skla⸗ verei zerbrechen. Ich gehöre einem Volke an, das jahrhundertelange Knechtſchaft gezeichnet hat, einem Volke, in welchem ſich die vornehme Chriſtenheit in Spott und Schmach das Abbild ihrer eigenen Ver⸗ lorenheit geſchaffen hat. Ich will ſie von mir ſtreifen, die falſchen Bande, die gegen Natur und Menſchheit ſind, den Schimmer und den Glanz, den Hochmuth und die Lüge!“. Ein Strom von Thränen entlud ihr gequältes Herz; ſie zitterte ſo heftig, daß ich die Wankende mit beiden Händen faſſen und halten mußte. Wie Stimmen und nahende Tritte im anſtoßenden Laub⸗ gang hörbar wurden, ſchreckte ſie auf, ſah mich mit der ganzen Gluth ihrer aufgeſtörten Lebensgeiſter verworren an und ſtürzte, einem ge⸗ ſcheuchten Reh gleich, in das Gebüſch, das ſie meinen Blicken entzog. „Nicht ſeine Nichte?“ dacht' ich ſtill für mich;„was dann? Tochter? Oder noch nehr?“ Starr und betroffen ſah ich ihr nach. Betäubt ſchlich ich durch die Gänge des Gartens, die mich zum Ausgang führten. ein Recht gedrungen ache füh⸗ ta ſtreckte Schwur er ganzen uf, bald das mit Nichte des ngſt⸗„o höre. Ich rgt. J⸗ uch eint der Stla⸗ dertelange vomehne nen Ver fulſchen mer und e zitterte d hilten en lul⸗ n luth inem ge⸗ nentzoh⸗ Lochur! getübt Ausgan — 541— Fünfßzehntes Rapitel. Beatification und Flucht. Der Klang der Glocken weckte mich am nächſten Morgen; der Tag der Beatification Mormona's war angebrochen, gegen Mittag die Stunde der Feſtlichkeit in Sanct Peter feſtgeſetzt. Nach Papſt Benedict's Bulle wurde dort nicht blos jede Kanoniſation, ſondern auch die einfache Seligſprechung vollzogen. Von jener iſt dieſe noch ſehr verſchieden; die Kanoniſation erſtreckt ſich auf die geſammte Kirche, die Beatification hat nur örtliche Gültigkeit; Mormona wurde damit nur die Heilige von Santa Maria und La Torre. Jeder Glocken⸗ ſchlag ſummte wehmüthig in meinem Herzen nach; es war der bittere Schmerz über die hülfsbedürftige Welt, die immer nur nach Pallia⸗ tiven greift und mit dem Himmel ſich abzufinden ſucht. Im Profeßhauſe, im geſammten Collegium war ſchon früh ge⸗ ſchäftige Regung, Alles ſuchte ſein Feierkleid hervor, um dem großen Zuge ſich anzuſchließen. Ich für mein Theil hatte auf ausdrückliches Anliegen Dispens erhalten; man geſtattete dem Gatten der neuen Kirchenheiligen die Freiheit, ſich ſelbſt überlaſſen zu bleiben. Un⸗ geſehen, unerkannt und unberückſichtigt wollte ich in der Volksmenge Zeuge der feierlichen Handlung ſein. Aber es war nicht möglich, Pirrho zu bewegen, mich zu begleiten. Der Verluſt Angioletta's hatte ihn ſtill und ſtumm gemacht; er hatte—ſich die letzte Zeit über der Speiſe enthalten und in einem Halbdämmer, der an Stumpfſinn gränzte, Tag und Nacht zugebracht. Wie ich ihm jetzt das Läuten der Glocken deutete, lachte er hell auf und drückte beide Fäuſte gegen die Stirn.„Die Todte ſpricht man ſelig,“ ſagte er,„und für die Lebenden hat man Verwünſchungen und Inquiſition, Meſſer und Gift!“ „Gift?“ wiederholte ich; Meſſer bezog ich auf die Scene am Strande, bei der er ſeine Verwundung davongetragen; die Inquiſition war für mich:„Gift, Pirrho, wer hat Gift für uns? Sprich dich aus, dein Grimm und Groll macht dir Hirngeſpinnſte.“ „Ach, ſie werden nicht ruhen,“ ſagte er,„bis ſie der todten Mutter auch noch den Knaben todt in die Arme legen!“ — 542— Er ſprach das ſo ruhig und tonlos hin, wie wenn einem Nacht⸗ wandler das Traumbild, das ihn beſchlichen, im Gehirn ſitzen ge⸗ blieben, ſo daß er es in den wachen Zuſtand mithinübernimmt. „Menſch!“ rief ich, ihn ſchüttelnd,„biſt du wach oder wieder im Traum?“ Er ließ ſich ſchütteln und verfiel von neuem in ſeinen brütenden Stumpfſinn, der ihn tagelang unzugänglich machte. Ich redete auf ihn ein, das heutige Feſt ſei von der Kirche gutgemeint; ich hatte ihm erzählt, wie liebevoll der heilige Vater, Papſt Benedict, von der Todten geſprochen und die Feier angeordnet, um meinem Vater ein Genüge zu thun. „Wenn ich Euerem heiligen Vater nur ein Mal beichten könnte!“ fuhr Pirrho auf und ſah mit ſeinen ſchräglaufenden Augen ſtier vor ſich hin. „Nun, was ſoll's?“ fragte ich, ungewiß, was er meine. „Ich wollt' ihm Dinge ſagen, daß ſich— Gott erbarmen ſollte! Aber Gott erbarmt ſich, ein Prieſter nicht!“ „Pirrho! Was wollteſt du ihm ſagen?“ rief ich und ergriff ihn mit beiden Händen.„Papſt Benedict iſt ein milder, freundlicher Greis, ſein weißes Haar würde dir Ehrfurcht einflößen, auch wenn du der Gläubige nicht biſt, ihm zu Füßen zu ſinken.“ Pirrho krampfte die Fäuſte zuſammen und preßte die Lippen übereinander.„Was wollteſt du ihm beichten? Heraus mit der Sprache!“ rief ich. Er brütete etwas Unheilvolles in ſeinem Innern; er wich mir aus und ſagte, ſich abwendend:„Nun ich würde ihm ſagen— frommer Vater, würd' ich ſagen, warum erſt todt und dann zu Gnaden auf⸗ genommen? Warum ſoll man nicht bei lebendigem Leibe ſchon geduldet ſein? Angioletta denkt auch nicht beſſer!“ „Alle Welt hier fühlt gleich!“ ſagte ich,„es iſt dies das Ge⸗ fühl, die Gewohnheit, die Sitte des Volkes!“ „Die Prieſter haben's ihm eingeredet!“ meinte der Burſch. „Die Prieſter ſind der Ausdruck deſſen, was das Volk vom Himmel erwartet! Du wirſt die Prieſter nicht ändern, noch das Volk! Halte dich ruhig, oder du ſtürzeſt dich und mich in's Verderben!“ nen Nacht⸗ ſitzen ge⸗ ibetninmt. wieder in brütenden ndetr auf ich hatte ct, von det Vuter ein nfönnte. n ſtier vor ine. 1 nen ſollte, ugrif ihn frumlicher uch nim — 543— „So wie ſo!“ murmelte Pirrho,„ſie werden dich, mich, den Knaben, uns Alle umbringen und dann unſere todten Knochen heilig ſprechen!“ „Wohin gedenkſt du?“ fragte ich, denn er hatte ſich aufgemacht, um das Zimmer zu verlaſſen; es war vergeblich geweſen, ihn zu be⸗ ſtimmen, mich zu begleiten. „Jeder geht ſeinen Weg!“ ſagte er ſchläfrig und matt;„ſieh du zu, wie ſie dein Weib in den Himmel erheben; ich will ſehen, was Angioletta macht. Ihre Brüder ſind bei'm Feſte, während ſie ſelbſt wohl das Haus hütet. Lebe wohl, Jeder geht ſeiner Liebſten nach!“ Er ſchlenderte hinaus über den Corridor, die Treppe des Hauſes hinunter und über den Platz. Wie ich ihn ſo ruhig abziehen ſah, dachte ich nicht, daß der Kobold in ihm ſo gewaltſam zum Ausbruch kommen ſollte.— Die fromme Schauluſt des Volkes drängte in dichten Haufen zum Sanct Peter. Der Strom der Menge trieb mich mit dahin. In einem Winkel der Kirche wollte ich das große Schauſpiel auf⸗ führen ſehen, unter deſſen Pracht und Glanz ich noch ein Mal mein Herz und meine Wünſche für das Leben zu Grabe tragen konnte. Draußen ſtand die Sonne hoch im Scheitel; innen im weiten Raum des Doms waren die Fenſter verhüllt, damit das zahlloſe Heer der Kerzen mit ihrem magiſchen Schein das künſtliche Dunkel verſcheuchte. Ich hatte mich am Vorſprung eines Pfeilers hingekauert; der Arm⸗ leuchter erhellte den Platz um mich her, während ich ſelbſt dicht unter ihm im Schatten blieb. Oben in den Gallerien der Halle war die ſtolze Pracht der vornehmen Welt verſammelt; unten wogte ab und zu das Volk. Ich hatte den Aufruhr meiner Seele beſchwichtigt; ich wollte das Feſt als eine Buße nehmen, als eine Probe meiner Selbſt⸗ beherrſchung. Als aber die Orgel in Begleitung ſchmetternder Po— ſaunen ein hohes Siegeslied begann, mußt' ich mit Gewalt beide Hände gegen mein Herz drücken; ich allein unter all' den Tauſenden war der Leidtragende, und Niemand wußte, wie verlaſſen und ver⸗ loren ich mich mitten im Schooß der Chriſtenheit fühlte. Ein neues Gewühl entſtand in der Menge. Der feſtliche Zug war auf dem Platze angelangt und bewegte ſich jetzt durch das Haupt⸗ portal in's innere Schiff der Kirche. Der Säulenſchaft, an dem ich 51— — Fuß gefaßt, ließ mich die Seene überblicken. An die Nobelgarde, die in rother Gala mit Hellebarden, geflammten Schwertern und Har⸗ niſchen den Zug eroffnete, reihten ſich Abtheilungen aller Orden und Brüderſchaften. Der heilige Vater erſchien auf dem Tragſeſſel im Purpurgewand, mit dem weißen Pluviale auf der Bruſt, der goldnen Mithra auf dem Haupt. Vater Benediet ſah heiter und wohlgefällig auf die ſtürmiſche Menge, der er eine neue Heilige beſcheerte. Der gute Alte, deſſen haushälteriſche Sparſamkeit manchen Luxus der Kirche eingeſchränkt, wollte ſeinen Kindern doch ein Mal wieder ein Feſt geben; und ſeine Gelehrſamkeit hatte das Ceremoniel bei der Seligſprechung ſinnreich geordnet. So war denn dem Volke, das „Circenſes“ verlangt, auch wenn es„Panem“ nicht hat, ein Genüge geſchehen. Die Kämmerlinge wedelten mit den Fächern von Strauß⸗ federn, die Prälaten und Referendarien der Curie trugen die Stangen des Baldachins, die Schweizergarde ſchloß den Kreis hinter dem Tragſeſſel des Statthalters Chriſti. Du biſt Petrus! erſcholl jetzt der Geſang vom Chor, als der Papſt am Presbyterium hielt. Das Volk, auch die Menge draußen, welche die Hallen nicht mehr faßten, ſtimmte in den Lobgeſang ein; es war jetzt, wo man ihm ein Schauſpiel gab, von der Unfehlbarkeit des guten Alten wieder ganz überzeugt. Am Altare nahm der Papſt die Mithra ab und ſprach ein Gebet; dann trug man ihn auf ſeinen Thronſeſſel. Die Cardinäle nahten zum Handkuß, die Biſchöfe und Aebte küßten ihm die Kniee, die Pönitentiarien der Baſilika den Fuß. Dann ſtimmte der heilige Vater das: Veni, creator spiritus! an. Ein Gebet: Komm zu uns, heiliger Geiſt! thut der Welt tagtäglich noth. Der braune Profeſſor, Pater Giovanantonio Lorenzo Gan⸗ ganelli,— geſchmückt, trat jetzt als Procurator der waldenſiſchen Maria langſamen Schrittes aus dem Kreiſe der Prälaten und er⸗ zählte dem verſammelten, andächtig lauſchenden Volke das Leben der Auserwählten; er rühmte ihren Wandel hienieden, ſprach ſogar von ihrem Verdienſt um die Kirche Gottes, da ſie an einem Gichtbrüchigen geübt, und trug die Bitte vor, ſie ſelig zu ſprechen. Altem Brauche gemäß ließ ſich auch ein Advocatus Diaboli, wie das Volk ihn nennt, vernehmen, ein Widerſacher alles Deſſen, was heilig und gottgefällig iſt. Mormona's Widerſacher hätte ſagen können, ihre Wobelgurde, ern und Har⸗ er Orden und Tragſeſſel in det goldnen wohlgefüllig heerte. Der Ws der al wieder ein niel bei der 1Volke, dus t, ein Genigt von Strauß⸗ die Stangen hinter den gls der unge nußen obgeſang in unſehlburkit ahn der Payſt in auf ſeinen viſchfe und Fhor, gorenz denſiſchen er⸗ laten und Leben det das* ach ſogn W iritig“ Gi Alun Bekehrung ſei aus Liebe zu einem irdiſchen Mann, nicht um Gottes und des Himmels willen geſchehen. Ein Dominicaner hätte ihr ketzeriſch Gelüſt nach dem Kelche des Herrn, ihren Abfall in der letzten Stunde ihres Lebens verdammt. Papſt Benedict's Mantel der chriſt⸗ lichen Liebe war menſchlich weit und liebevoll warm. Er gewährte die Bitte des Procurators der waldenſiſchen Maria, er ſprach mit feſter, lauter, freudiger Stimme die Zuverſicht aus, die Wahl der neuen Heiligen werde Gott wohlgefällig ſein. Alles lag jetzt auf den Knien, während der heilige Vater den Ambroſianiſchen Lobgeſang anſtimmte. Dann ſchmetterten die Po⸗ ſaunen vom Chor, die Glocken läuteten, das Volk erhob ſich, es wußte jetzt, daß es im Himmel eine Heilige, eine Fürbitterin mehr habe. Der Papſt war wieder auf den Tragſeſſel gehoben; er breitete, während der Zug ſich von neuem in Bewegung ſetzte, links und rechts ſeine Hände zum Segen über die Menge aus, die zu beiden Seiten, ſo weit es die Schweizer geſtatteten, zu ihm heranwogte. Plötzlich ſtockt der Zug. Dicht am Ausgange des Presbyteriums geſtaltet ſich unter Hin⸗ und Herdrängenden ein wilder Knäuel. Eine kurze, ſtämmige Geſtalt ſpringt unter den Hellebarden hin⸗ durch in den Kreis der Wedelträger und ergreift mit kecker Hand das Gewand des heiligen Vaters. Der Tragſeſſel ſchwankt; die ſtürmiſche Haſt, mit der man dem Eindringling wehrt, verurſacht nur noch größere Verwirrung. Papſt Benedict glaubt nicht anders, als daß ein beſonders Hülfsbedürftiger ſo eifrig ſeinen Segen ver⸗ lange. Er läßt halten; eine plötzliche Stille herrſcht rings im Kreiſe. Der verwegene Menſch, nicht zufrieden mit dem Segen, den der heilige Vater ihm gibt, winkt ihm zu, ihm ſein Ohr zu leihen. Der Papſt neigt ſich gnädig herab. Da raunt ihm jener mit wilder Gebährde höhniſche Worte zu. Der Papſt fährt zurück und winkt den Beamten. Sie ergreifen den Frechen, und wie er ſich wehrt, ſtrecken ſie ihn hinterrücks zu Boden. Der gellende Schrei, mit dem er niederſinkt, durchſchneidet wie ein lachender Spott die feierliche Stille. Das Alles war das Werk weniger Minuten. Meine Pulſe ſtockten; der verwegene Menſch war Niemand anders als Pirrho. D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 35 546 Nur einen einzigen Blick hatte ich auf ihn werfen können; jetzt verſchlang ihn das Gewühl der Menge, die wie eine empörte Woge über ihn zuſammenſchlug. Die bewaffneten Diener ſchleppten den Frevler nach der Seitenhalle und durch eine Nebenthür hinaus, während der Zug ſich wieder geordnet hatte und ſeinen ungeſtörten Fortgang nahm. Eh' ich mich hindurcharbeitete und den Ausgang gewann, war Pirrho längſt beſeitigt; ich erfuhr nichts, als daß ihn die Wache in das nächſte Kloſter abgeführt.„Der Menſch muß der Galeere entſprungen ſein!“ ſagte ein Officier der Schweizer.„Oder dem Irrenhauſe!“ meinte ein Anderer. Die Trommeln wirbelten, die Kanonen von Sanct Angelo donnerten, Erde und Himmel waren in Aufruhr. Ein einzelnes Menſchenleben ließ ſich in dem heiligen Tumult leicht unterdrücken. Das Kloſter der barmherzigen Brüder diente zugleich den Sbirren und Polizeiſoldaten zum Wachhauſe. Jeder Feſttag in Rom macht es nöthig, daß man die Straßen ſäubert, durch welche ein feierlicher Zug ſeinen Weg nimmt. Bettler, Kranke und müßiges Geſindel laufen ſonſt in ſolcher Menge zuſammen, daß ſie die Proeeſſionen ſtören. Haufenweis bringt man ſie bei den barmherzigen Brüdern unter und füttert ſie dort, bis der Feſttag vorüber iſt. Was Wunder, daß ſich das hungerige Volk freiwillig einſtellt, um über Nacht ver⸗ pflegt zu werden. Vor der Pforte lagerte noch ein Schwarm zerlumpten Geſindels, welches zu bedauern ſchien, daß die Wache nicht Luſt bezeigte, neue Ver⸗ haftungen zu machen. Ich klopfte wiederholt, um Einlaß zu begehren. „Ei, Signor,“ rief ein Bube aus dem Haufen,„man hat ſchon genug Spitzbuben, das Haus iſt voll!“—„Ja,“ ſagte ein mürriſcher Graukopf,„jetzt iſt ſogar der Carneval ſehr arm an Luſtbarkeiten, es geht halt geizig her im jetzigen Regiment. Ehedem ließ man die Juden in Säcken tanzen und hing beim Pferderennen den Thieren brennende Lunten an den Schweif, um rechtgläubige Chriſten zu er⸗ götzen. Heutzutage ſind ſelbſt die barmherzigen Brüder ſehr ſparſam, und man muß ſchon, wie der waldenſiſche Teufel, einen abſonderlich ſchlechten Streich begehen, um eingeſteckt zu werden!“ In dem Augenblick öffnete ſich das Schubfenſter in der Pforte und das greiſe Haupt eines frommen Bruders wurde ſichtbar.„Laßt können; jetzt eine empörte er ſchleppten ithür hinaus, nungeſtörten en Ausgang s daß ihn ſch wß det Odet be eln wirbelten, immel warin den heiligen den Sbinel Rom macht in feierlichet iges Gefndel Prorſſſonen igen Bridern Pas Wunder Nocht ⸗ en Feſindels, ſe, nele Ler⸗ zu bogehrel 1 tan hat ſchon in nürriſchel guſil rkeitel⸗ eſt man die Thieren pe riſen 10 ab vom Hauſe des Herrn!“ rief er zürnend,„es wird Niemand mehr aufgenommen,— die Suppe iſt alle!“ „Frommer Vater,“ flüſterte ich,„wo iſt der Unglückliche, den die Schweizer vom Sanect Peter brachten?“ Der Alte bekreuzte ſich.„Was geſchieht mit ihm?“ fragte ich. „Er wußte nicht, was er that, ſein Sinn iſt geſtört!“ „Mag wohl ſein, Signor,“ entgegnete der Barmherzige,„er hat Gott geläſtert, die Heiligen verhöhnt, den heiligen Vater beſchimpft.“ „Wahnſinn und Tollheit ſprach aus ihm!“ rief ich. „Das heilige Amt wird den böſen Geiſt ſchon in ihm erkennen und bannen!“ hieß es, während das Fenſter ſich ſchloß. Ich eilte nach dem Profeßhauſe, in meine Wohnung. Das Collegium war noch wie ausgeſtorben; Niemand war vom Feſte zurück, nur die Kranken und die Wächter, die nicht theilgenommen hatten, waren zugegen. Der Pförtner ſagte, ein Bote in der Haus⸗ tracht der Beamten des Cardinals Rezzonico habe wiederholt nach mir gefragt, ein Schreiben in der Hand, das er jedoch wieder mit ſich genommen. Auch mein Diener war nicht daheim. Ohne zu wiſſen weshalb, raffte ich in meiner Wohnung Geld und Papiere, das mir Nöthigſte, zuſammen, ſteckte es zu mir und ging nach dem Palaſt des Cardinals. Die Möglichkeit, wie Pirrho durch eine mächtige Fürſprache am nächſten Morgen mit dem Rudel Vagabunden heimlich entlaſſen werden könne, wollte mir nicht mehr einleuchten, nachdem man ihn erkannt, das Volt ihn als Waldenſer bezeichnet; dennoch mußte Alles verſucht werden, ihn frei zu machen. Der Cardinal war von der Kirche gleich auf die Villa ge⸗ fahren; Niemand im Palaſte wußte von einer Botſchaft an mich. Es dunkelte bereits, als ich vor dem Kloſter der barmherzigen Brüder abermals ſtand. Der Platz war leer; eine einzelne Geſtalt ſchlich im Schatten der Häuſer auf und ab. Wie ich auf die Pforte zu⸗ ſchritt, hörte ich meinen Namen flüſtern; ein Diener des Cardinals ſteckte mir haſtig ein Schreiben zu, während er in den Schatten zurück⸗ trat. Ich hieß ihn warten und las; die kleine Lampe an der Pforte war eben hell genug, mit Mühe zu entziffern:„Ihr ſeid gefährdet, Graf Giuſeppe, das heilige Amt tritt von neuem zuſammen, um über Euch Gericht zu halten!“ Die Züge der Hand waren weibliche. 355 Wie ich den ſcheuen Diener ſchärfer muſtere, ſeine Hand ergreife, unter der breiten Krämpe des Hutes in ſein Geſicht blicke: ſteht Car⸗ lotta vor mir.„Signora, Ihr ſelbſt?“ rief ich erſchreckt.—„Ihr liebt die Maskeraden nicht, Signor Giuſeppe!“ ſagte ſie halb ſchüchtern, halb in dem Ton des Vorwurfs.—„Um Gott, Carlotta, Ihr habt es gewagt!“ war der Ausdruck meiner Verlegenheit. Carlotta's Zeilen waren das Ergebniß des geſtrigen Tages und deſſen, was ſie vom Cardinal vernommen. Einem Boten hatte ſie die warnenden Zeilen nicht anvertrauen, ſie noch weniger im Collegium mir hinterlaſſen mögen, ob ſie ſchon mit dem Wappen des Cardinals geſiegelt waren. In der Livree des Hauſes war ſie meiner Spur nachgegangen, hatte ſie erreicht, als es dunkelte. Ich drückte ihre Hand an meine Bruſt; ich fühlte die erhobenen Schläge ihres Buſens.„Jetzt ſeid Ihr doppelt gefährdet,“ ſagte ſie raſch und drängend.„Man wird Pirrho ver— hören, ihn zu Geſtändniſſen wider Euch zwingen, ſeine Sache mit der Eurigen vermiſchen. Der Orden ſchützt Euch nicht zum zweiten Male. Ihr müßt fliehen, noch heute Nacht. Eilt nach Civitavecchia, dort liegt ein Schiff nach Genua ſegelfertig!“ „Nicht ohne Pirrho!“ ſagte ich feſt und ſicher. „Es iſt Mormona's Bruder,“ flüſterte ſie wieder ſcheu und ſchüchtern. Sie rang nach Entſchlüſſen, ſchwieg und ſann.„Ich bin bereit, laßt mich handeln!“ ſagte ſie, wie ein Held, mit der Energie ihrer entſchloſſenen Seele;„der Ring⸗ mit dem ich den Brief an Euch geſiegelt, muß mir Eintritt verſchaffen; Ihr ſeid verloren, wird er nicht frei!“ Sie wies mich ſtürmiſch zurück, ſchlug ungeſtüm an die Pforte und rief, als das Schubfenſter ſich öffnete: „Im Namen Sr. Eminenz des Cardinals der Propaganda! Hier ſein Siegelring, ich habe eine Botſchaft, welche eilt!“ Der Ring blitzte im Schein der kleinen Leuchte in der Hand des Bruder Schließers; dann öffnete ſich die Pforte, Carlotta trat ein und der Riegel fuhr hinter ihr zurück.— Es mochte eine Stunde verſtrichen ſein, mir däuchte es eine halbe Nacht, als die Pforte ſich wieder aufthat und im Schein der Leuchte Carlotta in der Haustracht des Cardinals wieder heraus⸗ zutreten ſchien. Ich ſtürzte herbei; aber die Geſtalt floh, ſie ſprang and ergreift, et ſteht Cu⸗ b ſchüchtem, tta, Ihr habt otta's Zeilen was ſie vom enden Zeilen r hinterlaſſen ſiegelt waren. gangen, hettt nene Briſt; dIhr doppelt Pirho vel⸗ Sache nit Wn zweiten iritwechin⸗ r ſchel und ſnn.„ch mit der in weiten Sätzen, wie ein geſcheuchtes Wild vor mir her, bis ſie athemlos zuſammenſank. Ich ſchlug den Mantel, den Filzhut zurück; es war Pirrho, den ich mit beiden Armen umſchloß, bis er von der jähen Haſt ſich beſann und mich erkannte. Carlotta war mit dem Wärter zu ihm in's Gemach getreten, hatte denſelben zu entfernen gewußt und die Kleider mit Pirrho getauſcht. Es war leicht ge⸗ weſen, ihn willig zu machen. Sie unterwies ihn, wie er ſich zu verhalten habe, ahmte, wie der Wächter eintrat, ſeine Gebährden nach und warf ſich mit Verwünſchungen auf den Boden, während Pirrho in ihrer Tracht entlaſſen wurde. „Unglücklicher! Was haſt du in Sanct Peter gethan, verbrochen?“ beſtürmte ich Pirrho. „Verbrochen?“ wiederholte er und ſah mich trotzig an.„Ihr wißt ja, daß ich dem heiligen Vater längſt ſchon gern beichten wollte!“ „Du haſt ihn verhöhnt, beſchimpft!“ ſagte ich. „Beſchimpft? Heißt beſchimpfen die Wahrheit ſagen?“ erwiederte Pirrho ganz feſt und ſicher.„Ich hab' ihm geſagt, ich ſei Pirrho, der Ketzer, und glaubte Recht zu haben, wenn ich kein Römiſch— gläubiger werde. Mormona, meine Schweſter, habe auch den Weih⸗ rauch nicht riechen können und all' das Gehabe mit den heiligen Knochen und all' der Verweſung. Auch ſei es nicht wahr, daß ſie römiſchgläubig geſtorben, ſie ſei als Ketzerin geſtorben, obſchon jenſeits im Schooße der Engel geborgen!“ „Mich und dich wirſt du in's Verderben ſtürzen!“ ſagt' ich. „Zum Strande gingſt du, was heatteſt du in Sanct Peter zu ſuchen?“ Er erzählte in abgebrochenen Sätzen, wie Angioletta, die er in der Fiſcherhütte traf, ihn verſchmäht und verwünſcht, trotz ſeiner Liebesſchwüre. Da mochte es ihn wie Raſerei erfaßt haben, und er war, dem Strome der Menge folgend, nach Sanct Peter gerathen. Erſt in der Halle ſelbſt ſei ihm ſein Unglück wieder zu Kopf ge⸗ ſtiegen, und es habe in ihm laut nach Rache geſchrieen, daß ſie eine Ketzerin ſacrificirten und er, ihr Bruder, Ketzer wie ſie, verflucht ſein ſolle. Da, wie der heilige Vater Glück und Segen ſpendend ſich zu Allen geneigt, habe er den Angriff gewagt und ihm in's Ohr ge⸗ — raunt, was Wahrheit ſei und was die lügneriſche Welt für Hohn genommen und Verbrechen ſchalt. Der nächſte Vetturin am Thor hatte uns aufgenommen und führte uns nach Civitavecchia. Sechszehntes Rapitel. Traum und Liebe; Irrſinn und Schmerz. Der Seeweg war nach langer Zeit wieder offen, aber der Ge⸗ nueſe, der uns an Bord nahm, mußte auf Depeſchen an die Republik warten, nachdem ich mit Pirrho in einer beſonderen Cajüte ſicher un⸗ tergebracht war. Wir lagen noch den ganzen Tag im Hafen, es dunkelte bereits und es wurde noch immer nicht gelichtet. Aber ſchon der Anblick des Meeres, das ganz äußerliche Thun und Treiben am Hafenplatz that mir wohl; ich athmete geſund und frei, mir war als hätt' ich, von Rom fort, die Katakomben eines Grabgefängniſſes hinter mir. Es mochte Mitternacht ſein, Pirrho war in der Koje feſt ein⸗ geſchlafen, als ich auf's Deck ſtieg. Nach ſo langer Störung der Schifffahrt bei dem Kriege auf Corſica, war die Zahl der Paſſagiere wie die Menge der Güter gleich groß. Kaufleute vieler Nationen, Armenier, Griechen und Juden tummelten ſich zwiſchen ihren Waaren⸗ ballen. Man lief vom Strande noch immer ab und zu; der neuen Ankömmlinge war noch immer kein Ende. Hier und da fanden ſich Gruppen zuſammen; der Gegenſtand des Geſprächs, wo es allgemein wurde, war Corſica. An die Ereigniſſe auf der Inſel knüpften die Händler ihre Hoffnungen. Einige von den Soldaten, die als Be⸗ deckung den Schnellſegler begleiten ſollten, hatten früher gegen den König Theodor gefochten, den abenteuerlichen deutſchen Baron, der jetzt in Europa von Hof zu Hof betteln ging. Ein alter, ergrauter Kriegsmann, den ſein Stelzfuß dienſtunfähig gemacht, obſchon er noch die Uniform der Republik Genua trug, führte das große Wort lt für Hohn nommen und nerz. aber der Ge⸗ die Republi ite ſicher un⸗ Vher ſchon „ Lreiben an wir war als bgrfüngniſes ein⸗ der Koje feſ Störung Paſſagiert ler Naltionel⸗ hren Waarel⸗ der neuen ſich 1 1 fanden llgemein die pften nu vor den Jüngern, die ſich um ihn gelagert. Er ſaß auf einem Waarenballen und blies den Rauch ſeiner Eigarre gemächlich von ſich, während er mit der Fauſt zur Bekräftigung ſeiner Worte durch die Luft hieb. Die Laterne, die über ihm am Fockmaſt hing, be— leuchtete von Zeit zu Zeit ſein wetterbraunes Angeſicht. Er erzählte von Pasquale Paoli, der die Corſen wieder unter ihr altes natio⸗ nales Panier zuſammengerufen. Der Alte hatte als Genueſe gegen den corſiſchen Helden gefochten und ließ ſeinem Feinde doch eine Gerechtigkeit widerfahren, welche die Kirche Gottes in ihrem Streit gegen ihre Widerſacher nicht immer offenbart. Ein blutiger Ver— nichtungskampf, wo Fauſt ſich gegen Fauſt waffnet, läßt die Menſchen immer noch menſchlicher ſein, als wo es gilt dem Andern das Heil ſeiner Seele, ſeinen Glauben und ſeinen Himmel ſtreitig zu machen. „Franzoſen und Engländer,“ ſagte der Soldat,„haben ſich ſo lange um Corſica geſtritten, daß kein Menſch mehr wußte, um was es ſich handelte. Corſica wollte ſich von der Republik frei machen und es hatte es blos mit dieſer zu thun. Da kamen die beiden großen Handelsmänner aus dem Norden und machten ein Geldgeſchäft dar⸗ aus. Allerlei Gauner miſchten ſich in die Sache und der Corſe wußte nicht mehr, wem er ſein Blut verkaufte. Paoli, Sohn eines genueſiſchen Generals, aber ein Corſe von Geburt, hatte endlich den verworrenen Handel geſchlichtet. Kinder! ſagte er zu ſeinen Lands⸗ leuten, ein Volk kann nur für ſich ſelber kämpfen! Der Mohren⸗ kopf iſt Euer Panier, unter dem müßt Ihr ſiegen oder ſterben. Franzoſen und Engländer können Euch nur verkaufen. Genua hat Euch regiert, und wenn Ihr frei ſein wollt, ſo zeigt der Welt erſt, daß Ihr der Freiheit werth ſeid! Pasquale Paoli hat Banditen in ehrliche Soldaten verwandelt. Selbſt die Blutrache ſchwören die Corſen jetzt ab und gewöhnen ſich an Zucht und Ordnung. Er hat Schulen geſtiftet und ſelbſt gelehrte Juden zu ſich berufen. Die Juden ſind erſt unter dem Fluch der Chriſtenheit ſchlecht ge⸗ worden, wie Corſica unter dem Druck der Knechtſchaft. Gott und alle Heiligen ſollen mich ſtrafen, wenn ich es je vergeſſe, wie der kleine Rabbi Laſſe mich gepflegt und mir Gutes gethan hat als ich bei den Corſen in Gefangenſchaft ſchwer darniederlag. Ja, ſeht ihn — 552— Euch nur an, da ſitzt er auf dem Strohſack und lächelt und will es nicht Wort haben, daß er mich an Leib und Seele gerettet!“ Aller Augen waren auf die kleine Geſtalt eines Mannes in orientaliſchem Gewande gerichtet, der ſo eben ſeinen Platz verließ, um ſich den Lobpreiſungen des Soldaten zu entziehen. Meine Blicke konnten ihn kaum noch erreichen, wie er ſtill und ſcheu in den un⸗ tern Raum hinabſtieg. „Iſt er Arzt?“ fragte ich den Soldaten. „Alles iſt er, was Ihr wollt,“ ſagte dieſer,„ein Mann, der Gott ehrt, die Natur kennt und die Menſchen liebt. Wenn man ihn mit den Heiligen in die Wagſchale legt: er wiegt ihrer ein Dutzend auf. Der hat ſeine Weisheit aus dem Orient mitgebracht, kein abendländiſcher Chriſt thut es ihm an Gelehrſamkeit gleich. Dem können ſelbſt die hohen Herren der Kirche nichts anhaben, denn er legt die Hand auf ſie und heilt ihre Gebrechen. Paoli hat ihn zum Vorſteher einer hohen Schule machen wollen, aber es duldet den Mann nirgends lange, er iſt ein wandernder Apoſtel. In Rom hat ihn der heilige Vater über ſein Zipperlein um Rath befragt und nach Genua hat ihn jetzt der Doge berufen. Die hohen Herren verſchreiben ihn ſich wie einen Wundermann, und er geht unter Für⸗ ſten und Biſchöfen von Hand zu Hand. Nun, ich glaub's ſchon, daß dieſer Jude Wunder thut, trotz einem Heiligen. Die chriſtliche Weisheit und die chriſtliche Liebe könnten bei ihm in die Schule gehen!“ Auf der andern Seite des Schiffs zwiſchen Theertonnen und allerlei Geräth ſaß und hing eine ſtiller und ſcheuer plaudernde Gruppe.„Habt Ihr ſchon gehört,“ flüſterte der Eine dem Andern zu,„was im Sanct Peter zu Rom geſtern geſchehen? Bei hellem lichten Tage mitten im Feſtzuge, von den Trabanten umgeben, iſt der heilige Vater meuchlings überfallen, aber— pſt! verſteht mich recht! nicht mit Stilet und Meſſer, ſondern mit Schimpf⸗ und Schmach⸗ worten. Es ſoll ein Teufel von Waldenſer geweſen ſein; die Barm⸗ herzigen haben ihn dem Ketzergericht überliefert.“ „Nicht doch!“ entgegnete ein Anderer, der es beſſer wußte,„der Teufel iſt entwiſcht, und der Waldenſer hat ſich in ein Frauenzimmer verwandelt.“ lt und will es rettet“ 8 Mannes in 5 latz verliß, Meine Blicke in den Un⸗ n Mann, der . Wenn Mon ret ein Duend tgebracht, kein gleich. Den aben, denn er hat ihn l zun es del zn Ron befugt und hohen Heren eht unter ſü⸗ u i ciflitt 5 eertonnen un pudem . Andern Bei „In des Teufels Großmutter vielleicht? Oder ſonſt ein altes Müt⸗ terchen?“ meinte ein Dritter,„wo er ſelbſt nicht hin will, da ſchickt er ein altes Weib!“ „In ein ganz junges Blut hat ſich der Böſe verwandelt!“ eiferte ein Spottvogel,„man ſagt, es ſei eine Cardinalsnichte oder ſonſt etwas vom Palaſt Rezzonico; ſie habe mit dem armen Waldenſer eine Liebſchaft gehabt und wolle ſich nun für ihn ketzerrichtern laſſen.“ „Was Liebe nicht kann!“ meinte ein Alter,„Eins opfert ſich für's Andere; das heilige Amt ſollte ein Einſehen haben. Der arme Kobold aus den Bergen ſoll ohnedies toll im Kopfe ſein.“ „Dann war's nicht barmherzig von den Barmherzigen, ihn der Inguiſition zu übergeben!“ ſagte der alte Genueſe, der Soldat,„toll im Gehirn? Alſo krank, dann gehört er in's Lazareth, und die Barm⸗ herzigen thäten beſſer ihn zu pflegen, als ihn auf Tod und Leben zu inquiriren. Da hättet Ihr in Ajaccio ſehen ſollen, wie mein Jude die Irren eurirte! Höchſt menſchlich, ohne Feuer und Zangen, rein mit Mondſchein und Handauflegen.“ Ich hatte mich ſtill gehalten und dachte nur, welchen Gefahren und welchem Spott Carlotta preisgegeben ſein konnte. Wie ich das Deck verlaſſen wollte, hatte ſich ein Knäuel Menſchen um die Trep⸗ penöffnung, die in den inneren Raum des Schiffes führte, zuſammen⸗ geſchlungen, der ſich jetzt eben ſo ſchnell entwirrte und vor einer Er⸗ ſcheinung, die von unten in die Höhe ſtieg, zurückwich. Es war Pirrho, der Traumwandler, der vom Mondlicht gelockt die Koje ver— laſſen hatte und mit offenen Augen tief weiter ſchlafend das Freie ſuchte. Kerzengerade, ſtarr und ſteif und doch wie geflügelten Leibes, ſtand er bereits auf dem oberſten Waarenballen, winkte Allen, die ihm wehren wollten, ſchwang ſich über alle Hinderniſſe hinweg und ſtieg die Strickleiter hinan, dem Maſtkorb zu. Ich war herbeigeeilt, aber jeder Verſuch, ihn zu hindern, hätte Gefahr gebracht; der Ma⸗ troſe der ihm nachkletterte, konnte nichts als die Sicherheit bewun⸗ dern, mit der er, das Antlitz zum Monde gerichtet, Hand und Fuß graziös und leicht bewegte. Eine lautloſe Stille lag plötzlich rings auf dem Deck. Und der Traumwandelnde ſchien es zu fühlen, daß man ihn beobachtete; er ſtreckte die Hand nach uns aus und ſprach einige Worte, die jedoch vom Lärm der Brandung und dem Rufen — 554 am Strande übertönt wurden. Dann ſtieg er ebenſo behende wie vorſichtig herab. Ich bedeutete die Leute, den Armen ruhig gewähren zu laſſen. Er ſtand jetzt auf dem Bugſpriet; ich war dicht unter ihn getreten, jede Bewegung, die er machte, verfolgend.„Hört, hört;“ rief er laut mit weinerlicher Stimme,„Allen ſoll vergeben werden, nur den Lügnern nicht! Selig ſollen Alle ſein, nur Die nicht, die Seelen kaufen! Ein Prediger in der Wüſte bin ich gekommen, Euch von oben die Wahrheit herunterzuholen; denn bevor die Steine predigen werden, müſſen die Dummen reden, da die Klugen dieſer Welt verſtockt ſind. Fluch Denen, die die Wahrheit nicht hören wollen! Wehe auch dir, armer Giuſeppe, der du die Wahrheit hörſt und ſie doch verfälſcheſt. Sie haben dir dein Weib geraubt und rauben dir den Sohn. Fälſcher, Täuſcher, Lügner zur größeren Ehre Gottes!“ „Hör' auf, Unglückſeliger!“ rief ich überwältigt und meiner nicht mehr mächtig. Mit einem gellenden Schrei erſtarb plötzlich ſeine Stimme; die Traumkraft, die ihn gehoben, ſchien nachzulaſſen, und er glitt ſchlaff zwiſchen den Tauen herab auf's Deck. Wie ſeine Füße hart aufſtießen, wachte er vollends auf, ſtürzte zurück, raffte ſich in die Höhe, ſtarrte die Umſtehenden wild an und ſchrie mit dem Ausruf eines wilden Thieres:„Verrath, Verrath, die Schergen des heiligen Amtes!“ Ich hatte mich auf ihn geworfen, rief ihm ſeinen Namen jetzt in's Ohr, um ihn völlig zu wecken. Er ſchleuderte mich mit Rieſen⸗ kraft von ſich, ſtürzte jedoch ſelbſt rücklings nieder und ſchlug mit Händen und Füßen um ſich, während ſeine Augen wilde Flammen, ſeine Lippen weißen Schaum ſprühten.„Er hat das böſe Weſen!“ rief die Menge und ſprang auseinander, während ich mit ihm rin⸗ gend am Boden lag.„Ruft den weiſen Doctor, holt den Rabbi herbei!“ rief der alte Soldat, der Erzähler. Einige herzhafte See⸗ leute banden dem Armen Hände und Füße, um ihn vor ſich ſelbſt zu ſchützen. Wie ich, von der Anſtrengung erſchöpft, mich vom Boden erhob, ſtand der kleine Rabbi ſchon unter uns, kniete zu dem Unglücklichen nieder, breitete beide Hände über ihn und beſtrich ihm mit einem ſtählernen Stäbchen Stirn, Bruſt und Leib. behende wie ig gewähren dicht unter hört, hört;“ ben werden, nicht, die nmen, EFuch die Steine ugen dieſer nicht horen Vahtheit ib gerubt rößeren meiner ab vloglich nachzulaſſtn, Vie ſeine raffte ſch nit den 8 Schetgel des Namen ſett mi* ſchlug m glanme 5 ſen je Weſen hm rin⸗ Robbi 5 See⸗ St 555 „Ruhig, ruhig, verſtörter Geiſt!“ fagte der Alte, legte dem vor ihm Liegenden beide Hände auf die Magenhöhle und bändigte die Tobſucht des Unglücklichen, wie man wilde Thiere zähmt, mit dem feſten, ſcharfen durchdringenden Blick, Aug' in Auge. Er flüſterte dann ſtill für ſich ein Gebet, warf das Obergewand ab und arbeitete mit beiden Händen ſtrichweiſe auf den Körper des Armen ein. Dieſer verſank alsbald in tiefen ruhigen Schlaf.„Nun in die Cajüte!“ ſagte der Rabbi und machte die nöthige Anordnung. Ich folgte, ihm dankbar die Hand drückend. Unten blieb er noch bei dem Schläfer, ihn emſig beobachtend, und wiederholte das Streichen mit den Händen. „Er hat Furcht vor dem heiligen Amt!“ ſagte der Rabbi, wie er Miene machte uns zu verlaſſen. Ich ſah ihn erſchreckt an.„Nur ruhig!“ ſagte der Alte,„haltet ihn hier im untern Raum! Mit einem Tollen hat alle Welt Erbarmen, weniger mit einem Ketzer! Doch es wird nicht ſe arg ſein, denk' ich, weder mit dem Einen, wie mit dem Andern.“ „Ihr wißt—“ fragte ich erſtaunt. „Kann's mir denken, ich komme von Rom!“ erwiederte Rabbi Laſſe. „Ihr erfuhrt,“ fragte ich wieder,„woher? von wem?“ „Bitte!“ ſagte der Rabbi ablehnend,„ein Jude darf Bieles wiſſen, nur nicht woher! Nur ruhig,“ fuhr er fort, zu Pirrho ge⸗ neigt,„jetzt wird er ſchlafen, bis ich ihn wecke; ich denke, ich hab⸗ ihn ſicher in der Gewalt!“ Der Mann hatte ſo viel Geheimnißvolles, daß ich nicht wieder mit Fragen in ihn zu dringen wagte. Der Blick ſeines freundlich milden Auges leuchtete mir noch, als er die Thür der Cajüte hinter ſich zog und leiſe die Stiege betrat. Ich ſaß und ſann nach über die ſeltſame Heilmethode des Man— nes, noch mehr über ſeine Kunde von uns aus Rom. Pirrho lag ſtill und athemlos, der magnetiſche Schlaf hielt Leib und Seele gefangen. In dem Augenblick wurden die Anker gelichtet; wir ſtießen ab vom Lande; ein Halloh jubelnder Stimmen gab uns das Geleit; kurz vor Abgang waren noch allerlei Nachzügler an Bord genommen, auf dem Decke tobte und ſchwirrte es noch durch— 556— einander; einige Kanonenſchläge am Bord und drüben, dann das Läuten der Glocke und endlich Stille. Die ſchaukelnde Bewegung wiegte mich langſam ein. Durch das kleine Fenſter warf die Laterne vom Deck ihren ſchwankenden Schimmer herunter; vor meinen dämmernden Blicken liefen die Ge⸗ ſtalten meines Lebens wirr durcheinander. Ich gedachte des Knaben Saverio. Des Hausmeiers Nachrichten über ihn waren die beſten; der Mann hatte mir bis zur letzten Woche regelmäßig Kunde gegeben; andere als dieſe hatte ich freilich nicht; mein Vater war für mich verſtummt, wie ich für ihn. Wie ich zurückſank, tauchte wie immer, wenn ich den Uebergang zum Schlafe ſuchte, Mormona's Geſtalt vor mir auf, diesmal thränenfeucht und vergeblich bemüht, mir freundlich zuzulächeln. „Hat es dich aufgeſtört in deinem himmliſchen Schlafe, armer Geiſt?“ dacht' ich ſtill für mich,„daß man dich ſelig geſprochen, und zürneſt du deßhalb?“— Ich ſchlief endlich ein, und ihr Augenſtern leuchtete mir weiter im Lande bunter Träume. Es war mir ſogar, als dränge ſich ihre Geſtalt lebendig an meine Seite, als wehte mir vom Lande jenſeits der Hauch ihres Mundes entgegen. Aber dieſer klopfende Buſen war mehr als Traum; mit ſo heißem Athem der Lippen küſſen ſelige Geiſter nicht!„Mormona!“ rief ich mit der ganzen Sehnſucht meiner Seele. Ein lauter Schrei war die Ant⸗ wort auf meinen Ruf. Erſchreckt fuhr ich in die Höhe. Es war völlige Nacht um mich her; die Lampe über mir war ausgelöſcht. Nur mit Mühe beſann ich mich, wo ich war; erſt eine Wendung des Schiffes brachte mich zum völligen Bewußtſein. Auch du ein Träu⸗ mer! dacht' ich. Aber das war kein Traum ohne Wirklichkeit geweſen! Der warme Duft einer lebendigen Geſtalt hatte mich angeweht, mir war, als müßte ich den Leib noch faſſen können, deſſen glühendes Leben ſich aus meinen Armen wand. Ich war aufgeſprungen und taſtete in dem ungewiſſen Dunkel umher. Ich lauſchte; ich glaubte ein raſchelndes Gewand zu hören. Ich rief nach Licht, ich rief Pirrho bei Namen. Der Schläfer rührte ſich nicht; aber die Thür der Cajüte war in Bewegung, der leiſe Schritt eines flüchtigen Fußes wurde auf den untern Stufen der kleinen Treppe hörbar. Wie ich darauf hinſtürze, umfaſſe ich die zitternde, ſich ſträubende Geſtalt, en, dann das ein Durch ſchwankenden liefen die Ge⸗ des Knaben en die beſten; unde gegeben war für nich te wie inmer, Geſtalt v nir u hlafe, armet tr Wugenſem var nir tſtu⸗ ls wehte nir er diſſt nU en det ich n nit t del 9 n die eAnt⸗ be E wal 1 ausg lſcht Bon des ein Tril⸗ ! keit gel veſen eht, nir n n prunge en L Licht,„ Lhür per d ie K nßißes 6, ich Geſlt die mit einem unterdrückten Schrei zu Boden ſinkt und, mit beiden Armen meine Knie unſchlingend, meine weitere Bewegung hemmt. Ueber uns auf dem Deck ließen ſich die ſchweren Tritte eines Kom— menden vernehmen; es war der Matroſe, der am hintern Maſt die Laterne wieder anzündete. Ein Weib, voller Angſt vor Entdeckung, kauerte zu meinen Füßen; das aufgelöſ'te ſchwarze Haar fiel über Kopf und Schultern. Es bedurfte kaum des ſchwachen Lichtſtreifens, der jetzt vom Deck herunterfiel, um Carlotta zu erkennen. Der Schreck der Entdeckung bändigte die freudige Bewegung, die ich füh⸗ len mußte, Pirrho's Retterin wiederzuſehen. „Carlotta, Ihr hier?“ war mein Ausruf mehr des Staunens, als ſonſt einer Bewegung.— Sie hatte einen Tag voll Angſt und Gefahr in Rom überſtan⸗ den. Auf die Beſchämung am nächſten Morgen, als ſie ſich den Beamten der Inquiſition, die Pirrho zu holen kamen, entdecken mußte, folgten Schrecken aller Art. Man hatte es einen Teufels⸗ ſpuk genannt, ſtatt des Waldenſers die Nichte des Cardinals im Gefängniß zu finden. Mit der Scheu vor etwas Ungeheuerlichem hatte man ſie nach dem Palaſte Rezzonico geführt, ſie dort bis auf weiteren Befehl in ſtrengem Gewahrſam gehalten. Nicht die Furcht vor Strafe, die Scheu vor Spott und Hohn trieb ſie zu verzweifelten Entſchlüſſen; das Eingeſtändniß, den Waldenſer befreit, mit ihm die Kleider vertauſcht zu haben, bot für Spötter ſo viel Stoff, hatte ſo viel Beſchämendes, das ihr mädchenhafter Sinn nicht ertrug. Es gelang ihr noch vor der Ankunft des Cardinals, aus dem Gemache im Palaſte zu entkommen. Die Kenntniß der Oertlichkeit kam ihr zu ſtatten, ſie gelangte durch eine Tapetenthür, durch ein Fenſter in den Hof. Draußen auf der Gaſſe entſprang ſie den Verfolgern in den Ghetto und rettete ſich dort mit Gefahr ihres Lebens in ein Haus, bis es ihr gelang an den Strand und nach der Hafenſtadt zu kommen; ſie hatte zu den letzten Ankömmlingen gehört, welche die Barke noch kurz vor dem Ankerlichten an Bord gebracht; die Er⸗ zählungen der Leute auf dem Deck hatten ſie verſchüchtert und ſo war ſie von einem Winkel in den andern geſchlichen, bis ſie in meine Cajüte ſchlüpfte, wo ſie mich ſchlafend fand. Ein Strom heißer Thränen hieß ſie verſtummen. Was ſie nach dem Ghetto geführt, auf welchen Schutz ſie dort gerechnet, darübe r ſchwieg ſie beharrlich. Auf die beſorgte Frage, welche Folgen ihre Flucht nach ſich ziehen könne, raffte ſie ſich auf, ſah mich an mit dem Schmerz eines ge⸗ heimen Weh's und faßte krampfhaft mit beiden Händen meinen Arm. „Kannſt du noch fragen, was mich zu dir getrieben?“ rief ſie laut weinend.„Giuſeppe, ſtoß' mich nicht von dir!“ ſchluchzte ſie, und der ſtolze Bau ihrer Geſtalt drohte ſich aufzulöſen.„Ich habe abge⸗ brochen mit der Welt, abgeſchloſſen mit Allem, was hinter mir liegt. Giuſeppe, laß mich dir folgen, ſei's in die grenzenloſe Weite der Welt, ſei's, daß du in den ſtillſten Verſteck des Lebens flüchteſt. Laß mich deine Magd ſein und dir dienen. Laß uns in die Berge zu den Waldenſern ziehen; ich will ſie lieben, ich will ſie meine Brüder nennen, denn ich weiß, was es heißt zu einem Volke gehbren, das der Fluch der Menſchen beladen, ausgeſtoßen, verhöhnt und verſpottet! Aber laß' mich am großen Gott nicht verzweifeln, laß' uns groß denken, Giuſeppe, in unſerem Gefühl die Erlöſung von den Schmerzen der Welt finden, aus dem Unglück eine Religion der Liebe ſtiften!“ „O mein Gott!“ rief ich und verſtand erſt jetzt den Sturm dieſes Herzens. „Schäme dich meiner nicht, Giuſeppe!“ jammerte ſie laut;„daß ich Muth habe, der Welt zu trotzen, hab' ich dir gezeigt; aber ich habe nicht den Muth, in der Beſchämung vor den Menſchen zu be⸗ ſtehen. Ich kann nicht nach Rom zurück. Sei du mein Retter, mein Erlöſer aus der Schmach! Du haſt ein Weib geliebt, das zu den Köhlern der Berge gehörte. Gedenke, daß ihr Werk noch un⸗ vollendet iſt. Ich gelobe dir, Mormona's Sendung zu erfüllen!“ „Stören wir den Schlaf der Todten nicht!“ ſagte ich, und ſtreckte den Arm gen Himmel. Carlotta ſank plötzlich wie gebrochen in ſich zuſammen; ihre Stimme erſtarb; die Schläge ihres Herzens ſchienen ſtillzuſtehen. Mich befiel die Ahnung, daß ich ein Herz geknickt, deſſen Aufruhr mir gegolten, und für deſſen Gefühl doch kein Echo in mir rege ward. Das Unglück, geliebt zu werden, wo man ſich leer und öde fühlt, lag wie ein Samum über mir. Es war ſo ſuu im Raume, daß man die Wogen, die an die Planken des Schiffes ſchlugen, einzeln zählen konnte. Der matte e beharrlich. ſich zirhen rz eines ge⸗ neinen Am. rief ſie laut zte ſie, und habe abge⸗ t nit liegt. eWeite der ns flüchteſt uns in die ich wil ſie inem Volle verhöhnt verzweifeln, ie Erlöſung ligion Schein der leiſe auf⸗ und abſchwebenden Laterne über uns zitterte über Carlotta's Haar, das, aufgelöſ't, ihre ganze, am Boden zu⸗ ſammengekauerte Geſtalt überdeckte. Wie ich die Hand auf ihr Haupt legte, zitterte ſie fieberhaft in ſich zuſammen.„Carlotta!“ ſagt' ich, mich zu ihr neigend,—„Carlotta! Wie iſt Euch?“ fragt' ich mit der Sanftmuth eines theilnehmenden Herzens. Sie raffte ſich vom Boden auf, ſchüttelte das Haar von der Stirn und ſah mir, blaß wie ein Marmorbild, ſtarr und feſt in's Auge.„Wohlan,“ ſagte ſie,„mein Entſchluß ſteht feſt, der Menſch⸗ heit will ich dienen, ob auch die Welt die Stimme der Wahrheit nicht verträgt! Ich will Euere Sache nicht aufgeben, Graf La Torre, wie Ihr mich; vielleicht kann ich Euch nützlich ſein, droht Euch Gefahr!“ Im ſeltſamen Feuer ihrer Blicke lag, wie in ihren Worten, die von einem Entſchluſſe ſprachen, dieſelbe leidenſchaftliche Haſt. Sie winkte mit der Hand und wollte, räthſelhaft wie ſie gekommen, verſchwinden. Je ell „Laß uns nicht ſo ſcheiden, Carlotta!“ rief ich, meine Hand nach ihr ſtreckend,„bleib, ſtehe mir Rede, unverſtanden ſoll und kann ich die Wohlthäterin, die Retterin Pirrho's nicht von mir laſſen!“ Sie winkte abweiſend mit der Hand; ich ſprach von Dank, wo ſie Leidenſchaft gefühlt. Sie ſtieg die Treppe hinauf und drückte die Thür hinter ſich in's Schloß. In dem Augenblicke, wo ich ihr fol⸗ gen wollte, regte ſich der Schläfer, der auf der Hängematte bisher ruhig gelegen. Ich wagte nicht ihn zu verlaſſen; hier Traumſucht und Irrſinn, dort Schmerz und Sturm: ich ſaß zwiſchen inne. — Ich ſaß und hütete den Schläfer, bis der Tag mit ſeinem Licht heraufzog und durch das Lukenfenſter die Cajüte umſäumte. Mit dem Strahl der Sonne trat der Rabbi zu uns in's enge Gemach. Siebzehntes Rapitel. Magnetiſeur und Noſenkreuzer. „Habt Dank, lieber Meiſter, daß Ihr kommt!“ rief ich ihm entgegen. Hinter ihm trat ein Begleiter, die hohe, dünne, knochige Geſtalt eines jungen Mannes in's Gemach, den er mir als ſeinen Gehülfen bezeichnete.„Erlaubt,“ ſagte der Rabbi,„daß ich ihn theilnehmen laſſe an dem, was uns hier beſchäftigt!“ „Iſt der Fall ſo merkwürdig?“ fragt' ich, während beide Männer ſich zu dem Schlafenden wandten. „Die Sonne beherrſcht das Herz, der Mond das Gehirn!“ ſagte der Rabbi,„den Unmündigen und den Tollen gibt's der Herr im Schlaf, Kinder und Narren, wißt Ihr“— Seine Frage, ob Pirrho im Traume von neuem geſprochen, mußt' ich verneinen. „Ich wußt' es,“ ſagte der Rabbi,„er iſt ganz in meine Macht gegeben, ihn bindet der Magnet mit ſeiner Kraft. Wenn ich will, kann er uns jetzt Rede ſtehen über Dinge, die ſein Gemüth bedrücken. Der geſtörte Sinn hat dieſe Gabe der Fernſicht und weiß dieſe Blitze der Ahnung feſtzuhalten, auf die der ſelbſtbewußte Verſtand, auch wenn ſie ihn in unbewachten Momenten überſchleichen, nicht achten mag. Es iſt kein höherer, kein erleuchteter Zuſtand, in den ſich ein trankhaftes Gemüth verſetzt fühlt; man erwarte keine Enträthſelung der Geheimniſſe Gottes, keinen Aufſchluß über das Jenſeits der Geiſterwelt, wenn uns die Seele im magnetiſchen Schlafe Rede ſteht. Aber eine Schau in die weite Ferne, wenn auch nur dunkel und nicht frei von Täuſchungen, iſt ihr verliehen. Iſt es doch auch dem Thiere eigen, aus der Ferne zu wittern, was ſein Daſein ſchmerzhaft berührt; der Inſtinet hält es in einem tieferen Zuſammenhange mit der elementariſchen Welt. Der Sinn des Naturmenſchen und das Gemüth des Weibes hat oft ſogar ohne allen krankhaften Anreiz dieſe Gabe der Ahnung, die ſich im magnetiſchen Schlafe bis zur Fernſicht ſteigert.“ „Meiſter,“ ſagte ich,„Ihr bedientet Euch zweier Stäbchen, um die geſtörten Lebensgeiſter des Nachtwandelnden zu beſchwichtigen und Euch dienſtbar zu machen!“ „Es bedarf deren nicht,“ war die Antwort,„bei einem Aderlaß hab' ich die Entdeckung gemacht, daß auch der menſchliche Körper die Kraft beſitzt, die im magnetiſchen Steine ruht. Der Ausfluß des Blutes veränderte ſich, wenn ich mich näherte oder entfernte. Auch im lebendigen Leibe find Pole wie im Magnet.“ — — tals ſeinen daß ich ihn eide Ninner im!“ſigt er Hern in giſprochen⸗ neine Macht enn ich pill, th bedrücken ieſe Blitze auch ſſtand, nicht ochin den ſich ein Entrithſeluns Jenſeits der fe Rede ſteht. 5 dunkel und auch den nerz huft och in ſch e m nenhanR M 5 das en 1 Unreß dieſe Fennſicht zur n öbchel⸗ un „ d wichtigen un S „Man rühmt Euerer Heilkunſt Wunder nach?“ ſagte ich. „Wunder?“ wiederholte der Rabbi und ſah den Gefährten lächelnd an,„Wunder können ja doch nur chriſtliche Heilige thun!“ Der Gefährte ſchlug die Augen nieder; erſt jetzt fiel mir die klöſterlich abgezehrte Miene des Genoſſen auf, der im ſtarken Knochen⸗ bau ſeines Antlitzes doch zugleich dieſelbe Abkunft mit dem Manne des alten Bundes bekundete. „Hexerei! wollt Ihr ſagen, Graf La Torre!“ fuhr der Rabbi fort. Mir fiel kaum noch auf, daß er meinen Namen kannte.„Ich bin zufrieden, hält man das ABC meiner Wiſſenſchaft nicht für das Werk des Böſen. Auch iſt die Kunſt ja nicht neu. Euer Parcelſus, Euer Baptiſta van Helmont kannten längſt die magnetiſche Kraft, die im Menſchen ſchlummert. Wer ſie zu wecken weiß, lockert den Ver⸗ band zwiſchen Geiſt und Leib, macht die Seele vom Körper unab⸗ hängig.“ „Das Gebet ſcheint dazu zu gehören?“ fragte ich in meiner Wißbegier;„Ihr betetet zuvor!“ „Ich bete nur um mich zu ſammeln,“ ſagte Rabbi Laſſe.„Das Gebet macht geſchickt, um die zerſtreuten Kräfte der Seele auf einen Punkt zu richten. Oft genügt ſchon der reine Wille, um ſich eines geſtörten Geiſtes zu bemächtigen. Eben die Kranken ſind es, in denen die Seele auf Augenblicke unabhängig vom Leibe wird, und indem ich ihnen dieſen Zwieſpalt befördere und feſthalte, gebe ich ihnen, iſt die Kriſis vorüber, um ſo ſicherer die verlorene Harmonie zwiſchen geiſtiger und leiblicher Kraft wieder zurück. Auch in dem armen Burſchen aus den Bergen wird dieſe Eintracht, die wir Ge— ſundheit nennen, ſich wieder einſtellen, wenn ſein kranker Sinn ſich mit dieſer Abſchweifung vom verſtändigen und gewöhnlichen Bewußt⸗ ſein ein Genüge gethan hat. Ihn quält etwas daheim; nicht die Schergen des heiligen Amtes, die Angſt um ein bedrohtes Leben in der Heimath jagt ihm im Traum das Blut in's Gehirn. Was iſt es nur mit dem Knaben, um deſſen Leben ihm bangt?“ Ich hatte kein Hehl, dem werthen Meiſter hinreichend Aufſchluß zu geben über Mormona's Knaben und Pirrho's fixe Gedanken. „Ich weiß, ich weiß,“ ſagte Rabbi Laſſe und verſank mit ſeinen Gedanken in den Anblick des Schläfers. Ich wollte erſtaunt fragen: D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 36 — 562— „Ihr wißt?“ aber ich unterdrückte die Regung, um jede Störung zu vermeiden. „Wollt Ihr geſtatten,“ ſagte der weiſe Jude,„daß ich den irren Geiſt des Schläfers dorthin führe, wo ihn die Angſt der Sorge gebannt hält? Nennt es nicht Mißbrauch ſeiner Lebensgeiſter, wenn ich ihn zwinge, uns über den Schauplatz ſeiner Heimath, über die Menſchen, an die ſeine Furcht ſich klammert, Rede zu ſtehen! Die Natur iſt gütig, wenn auch nicht immer willig!“ In mir ſelbſt ſtieg die Sorge um die Meinigen daheim plötzlich zur quälenden Angſt; ich bedrängte den Alten, ſeine Kunſt ſpielen zu laſſen. Er ſtand und bohrte ſich mit dem Blick ſeiner leuchtenden Augenſterne in die jetzt geſchloſſenen Wimpern des Schlafenden. „Liegt die Kraft,“ fragt' ich,„die Kraft, des Schläfers Seele zu regieren, im Auge, Meiſter?“ „Im Auge und in der Hand,“ ſagte der Rabbi, noch immer willig, mir Rede zu ſtehen, während ſeine Gedanken ſich mit Pirrho's Zuſtand beſchäftigten.„Verſucht es nur ſelbſt, Euere Lebensgeiſter mit der ganzen Kraft Eueres Willens in die Fingerſpitzen zu drängen, und Ihr fühlt alsbald in den zehn Enden Eueres Kbrpers die ſprühenden Phosphorfunken, die auch in dem Schlummernden, wenn Ihr ſeine Nerven berührt, das verborgene Feuer der Seele ent⸗ zünden.“ „Sind die Spitzen der Finger,“ fragt' ich,„die Leiter der magnetiſchen Kraft?“ Der Rabbi bejahte es.„An dieſen äußerſten Enden des Leibes,“ ſagte er,„bilden die Nerven wieder die Kreisform des Gehirns. Drängſt du in die zehn Spitzen die ganze Kraft deiner Seele, ſo wirkt die Verührung deiner Hand magnetiſch.“ Er ſtreckte beide Hände vor ſich aus, als wollte er in den großen Zuſammenhang der Natur hineingreifen. Seine Muskeln ſpannten ſich, ſeine Adern ſchwollen, in ſeinen Augen funkelte ein wunderbarer Glanz. So ſtand die an ſich kleine Geſtalt des Mannes wie aus ihren Fugen gerückt und über ihr Maß hinweg gedehnt vor uns, als er ſich anſchickte, mit der ganzen Gewalt ſeines Leibes ſich über den Schläfer zu breiten. Der Gefährte hatte inzwiſchen, dieſes Momentes gewärtig, Pirrho's Kopf in die Lage nach Norden gebracht, in wel⸗ jede Störng daß ich den aſt der Sorge geiſter, wenn th, über die ſtehen! Die hein plötzich Kunſt ſpielen er lenchtenden lafenden hläfers Serle noch imner wit Pinhos bensgiſer zu dringil, die görwers d e6 geibes bev*. 3 Fehirns⸗ ſo den ʒroßen n ſunntn . vunderbmn 1 uns ils t den . her ſih 1 Women in we uhi in br — cher Richtung der Schlummernde wie die Nadel in der Bouſſole, am ſicherſten der magnetiſchen Wirkung anheimfällt. Pirrho's Körper war jetzt ſchräg an die Wand gerückt, die Füße reichten bis auf den Boden hinab. Der Rabbi lehnte ſich jetzt über ihn hin, Fußſpitze gegen Fußſpitze, Knie gegen Knie; ſeine ganze Geſtalt deckte den Knaben. Jetzt ergriff er deſſen Däume, je einen mit ſeiner Hand, und hielt ihn ſo lange feſt, bis ſein Blut mit dem des Schläfers gleiche Wärme hatte. Mit der flachen Hand fuhr er dann über Pirrho's Leib hin vom Kopf über die Schultern und Arme, ſetzte den Daumen ein, wo der kleine Finger in der Hand wurzelte, und fuhr immer tiefer hinunter, als wollte er den Körper ſpannenweis ausmeſſen. Ich ſtand und ſah in ſtiller Erwartung dieſem Thun zu. Der Meiſter gerieth in immer größere Aufregung; alle ſeine Lebensgeiſter waren in ſtürmiſcher Wallung, während er mit den ausgeſtreckten Finger⸗ ſpitzen auf den Schläfer hineinarbeitete. Er blickte ihn dabei un⸗ ausgeſetzt ſtarr an, Auge in Auge, als wollte er die Seele aus ihm herauslocken, ſie mit dem Feuer ſeiner Blicke entzünden. Pirrho's Augenlider ſtanden jetzt weit auf, aber nur das Weiße war ſichtbar; der Stern hatte ſich tief nach oben in die Höhlung gezogen. „Willſt du fromm und gut ſein?“ flüſterte ihm jetzt der Rabbi zu.„Wirſt du ehrlich und getreu mir Rede ſtehen?“ Pirrho öffnete die Lippen, ſeine Stimme klang fremd, von innen heraus, als bedürfe ſie nicht des gewohnten Redeorgans. Er ſperrte und ſträubte ſich eine Weile, als ſuchte er ſich der Gewalt, die über ihn erging, zu entziehen; dann hauchte er leiſe:„Alles will ich thun, dir zu Liebe!“ „Kennſt du mich? Was weißt du von mir?“ fragte der Meiſter. „Ich ſehe nicht dein Kleid, aber ich ſehe die Geſtalt deines Geiſtes!“ ſagte der Knabe.„Dein Herz iſt voll Liebe und Freund— lichkeit. Wie ein warmes Bad iſt der Athemzug deiner Lippen, wie gelindes Oel fließt es durch meine Adern, wenn du ſprichſt!“ „So folge mir, wohin ich dich führe!“ ſagte der Rabbi;„richte deine Blicke dorthin, daheim, wo ſie ruht!“ „Ah!“ hauchte Pirrho und dehnte die Bruſt wie erlöſungs⸗ bedürftig hoch auf.„Wie ein armer Vogel am Faden flatterte meine 36* — Seele hin und her und konnte nicht frei werden von den Feſſeln. Nun du mich auf deinen Mantel hebſt, zieht es mich durch die Lüfte hin, hin in den Oelwald,— die Ulmen rauſchen, die Oliven ſtehen trauernd ſtill. Da ſchläft ſie ruhig ſüß, Frieden im Antlitz⸗ und Freude tönt unter den Seligen: Hoſianna in Ewigkeit!“ „Iſt ſie von ihnen vergiftet?“ fragte der Rabbi. „Nein, nein,“ war die Antwort, laut und ſicher;„ſie ſtarb einen ſanften Tod, das Maß ihrer Liebe war voll, der Becher des Lebens ſchäumte vor Freude über; darum ſtarb ſie; freilich klebte am Rand des Kelches ein Tropfen Wermuth!“ „So folge mir jetzt in eine andere Halle!“ drängte ihn der Rabbi. „Ja, ja, wo die Angehörigen des Hauſes ruhen!“ rief Pirrho. „Alſo in der Gruft!“ fuhr der Rabbi fort.„Steh' mir Rede, was ſiehſt du dort?— Särge?“ „In der Kirche wird ein Katafalk hergerichtet!“ flüſterte Pirrho ängſtlich,„ſie wollen den alten Grafen beiſetzen, der Pendel ſeines Lebens ſtand plötzlich ſtille!“ „O mein Gott!“ rief ich und legte die Hand über mein Herz⸗ „iſt das Traum oder Wahrheit?“ „Was ſiehſt du ſonſt noch dort?“ fuhr der Rabbi fort. Pirrho machte Zuckungen, als ob ihn die weitere Anſtrengung ſchmerzte. Mitten durch ſein Antlitz lief ein Ausdruck des Wider⸗ willens, er bäumte ſich in die Höhe, ſein ganzer Körper warf ſich in heftigen Erſchütterungen hin und her. Der Rabbi arbeitete von neuem mit beiden Händen auf ihn ein, er bezwang nur mit Mühe den wilden Ungeſtüm.„Rede, gib Antwort!“ rief er, mit dem Schläfer ringend,„was ſchauſt du noch daheim?“ Pirrho knirſchte mit den Zähnen und ſchwieg. „Wo iſt Mormona's Sohn?“ rief ich laut in der Angſt meiner Seele. Der Rabbi wiederholte dieſe meine Worte. Pirrho ſtöhnte laut auf und machte mit beiden Händen eine Bewegung, die es un⸗ gewiß ließ, ob er die Frage von ſich abwehren oder mit dem Hin⸗ weiſen auf eine weite Ferne beantworten wollte. „Iſt der Knabe todt?“ rief ich. —— den Feſſeln. uch die Lte dliren ſihen Antlt, und „ „ie ſtarb Becher des rief Pirrho. h mir Rede, ern Pinh Pende ſeines er nein Herz⸗ i fur Anſnengunt des Widel⸗ b. warf ſc 6 pon ubeitete w ur nit Nih dem — 8 nit knüſcht 566 Der Rabbi ſchüttelte das Haupt.„Er ſieht ihn nicht!“ ſagte er zu mir gewendet. „Verſchwunden mein Sohn Saverio?“ fragte ich zitternd. „Laſſen wir ihn für heute ruhen!“ mahnte der Alte,„er iſt erſchöpft, ſeine Seele hält uns nicht mehr Stand.“ Der Meiſter ließ jetzt von ihm ab; er ſtrich rückwärts mit der flachen Hand über ihn hin; es war die umgekehrte Bewegung, womit er die aufgeſtörten Lebensgeiſter des Schläfers wieder beſchwichtigte. Pirrho ſchloß die Augenlider; er verfiel in einen feſten, ruhigen, von Traumbildern befreiten Schlummer. Der Rabbi war niedergekniet, nicht zum Gebet, ſondern vor Erſchöpfung; dann richtete er ſich müh— ſam auf, wankte zum Seſſel und lehnte ſich mit geſchloſſenen Augen zurück. Mir blieb die qualvolle Unruhe, nicht zu wiſſen, was hier Wahrheit und was Trug der Sinne, wie weit dem geſtörten Geiſt ein Blick in die ferne Heimath geſtattet war. „Fraget das nicht!“ flüſterte, als ich dieſer Qual Worte gab, der Gefährte des Meiſters. Der hagere, mönchiſch blaſſe Ascet ſah mich mit den hohlen, geſpenſtiſchen Augen durchdringend an.„Die Erſcheinungen des animaliſchen Magnetismus,“ ſagte er,„bringen die ſubſtantielle Kraft und ideale Macht der Seele zum Vorſchein, bringen wenigſtens die feſten Verſtandesunterſchiede von hier und dort, hüben und drüben in Verwirrung. Aber ſicher unterſcheiden wir noch nicht Leib und Seele; auch will uns vom Lande jenſeits noch kein Geiſt gehorchen!“ Er ſtierte vor ſich hin, als verlangte er, die verſchloſſene Tiefe ſolle ſich mit dem Mittelpunkt der Welt ihm öffnen.„Der Schläfer,“ fuhr er, auf Pirrho deutend, fort,„wird nun Friede haben; ſeiner kranken Traumſucht, die ihn irre in die Ferne trieb, iſt nun ein Genüge geſchehen. Wenn er erwacht, wird er geſund aufſtehen, die Krankheit von ſich ſchütteln und von ſeinen Traumbildern nichts wiſſen. Wenn Traum und Wachen ſich ineinander wirren, ſo nennen die Menſchen das Tollheit und Wahnſinn. Der Meiſter hat ſchon manches geſtörte Gehirn geheilt, indem er ſeine Träume organiſirte und ſie magnetiſch zwang, ſich auf das Bereich des Schlafes zu be⸗ ſchränken.“ „Ihr ſeid ſchon lange des Rabbi Schüler?“ fragt' ich. — 566 „Ein Anfänger in der Wiſſenſchaft, ohne mich deſſen rühmen zu können,“ war die Antwort.„Auch müſſen wir es geheimhalten, denn die Menſchen nennen es Magie und ſchwarze Kunſt.“ „Und doch hat auch Chriſtus durch Handauflegen geheilt!“ warf ich ihm in die Rede. Er ſchien das Wort zu überhören.„Vor dem Sündenfalle,“ ſagte er,„war im Menſchen das Ferne und das Gegenwärtige nicht geſchieden, Vergangenheit und Zukunft nicht getrennt. Seine Sinne reichten weiter, er hatte mehr Theil an den Strömungen der elemen⸗ tariſchen Kräfte. Die Welt der Menſchen iſt mit dem Sündenfall ein verworrenes Chaos geworden, die Sinnlichkeit, weil ſie von den einfachen Wegen der Natur abirrte, iſt ſündhaft und der Geiſt ein fernes Jenſeits geworden, in das der verirrte Menſch mit ſehnſüch⸗ tigem Auge hinblickt, ohne es zu erreichen, ohne es wieder ganz hereinziehen zu können in den Kreis des Lebens. Wir halten die Natur für verworfen und können auch Gott nicht mehr finden, es wäre denn, er beſchliche unſer Herz in geweihten Augenblicken der Verzückung, oft erſt dicht an der Pforte des Todes, wo Gott und Natur ihren Frieden ſchließen und ihr Zwieſpalt endet. Jeſus von Nazareth hat wie die alten Propheten in der urſprünglichen Reinheit der Menſchennatur das Göttliche wieder aufgefunden.“ In ſeiner vom Geiſt durchleuchteten Geſtalt, ſtill und ſelig, faſt weiblich hingegeben an das Walten der Natur, ein Mitglied jener Schule der Eſſäer, wandelte er unter den Menſchen lange Zeit unerkannt und unver⸗ ſtanden. Ehe man an ſein Wort glaubte, glaubte man an ſeine Hand, denn ſeine Hand war wunderthätig, weil er die guten Kräfte des Lebens kannte, weil er wußte, wo der Menſch heilig und wo die Natur göttlich iſt. Seitdem die Menſchen zu ihm wie zu einem Gott beten, haben ſie ihn ſich fern gerückt. Er ſoll ſie erlöſen, damit es ihnen erlaſſen bleibe, ſelber göttlich zu werden. Wir haben das verlorene Paradies, das Er wiederfand, durch unſere Schwachheit zum zweiten Male verloren, gehen nun wieder in der Dämmerung um und tappen unſicher nach einem trügeriſchen Schein von leuchtenden Phosphordünſten, wo wir im vollen Sonnenſchein der Gnade Gottes in der Natur athmen könnten. Hier ein alter Seher, dort ein ſtiller Waldbruder oder die hinſterbende Liebe eines Weibes: das waren eſſen rühmen geheinhaltn, ſ.“ cheilt“ wurf Zündenfalle“ wirtige nicht Seine Sinne n der elenen⸗ n Sündenful il ſie von den der Geiſ ein nit ſchnſüch⸗ vieder gunz ir halten die r finden, e genblicen der wo Gott und Feſus von ichen nit ʒ ſin von ſt hingegeben der Eſſier tund unv⸗ nan an ſei in uin Krift umd 5 zu einem dni rhebe hen das nzut heit dinnnm — vtenden tes für die dunkle Wekt Jahrhunderte lang nur noch ſchnell vorüber⸗ fahrende Blitze, und wir haben uns auch dieſe zu Irrlichtern werden laſſen. Die Erhebung zum Göttlichen iſt nur noch ein kurzer Mo⸗ ment, den die Natur unſeres Geſchlechtes nicht mehr auf lange erträgt.“ Ich erſchrak über dieſe Offenbarungen ſo heftig, daß ich mit zitternder Haſt des Redenden Hand ergriff.„Iſt das auch der Glaube Eueres Meiſters?“ fragte ich,„Eueres Meiſters, der ſich einen Juden nennt?“ Der Fremde ſah mich durchdringend an.„Er iſt kein Jude im gewöhnlichen Sinne des Wortes,“ ſagte er,„kein Jude in dem Sinne, den der Haß der Chriſten damit verbindet. Sie haben die Juden ſo lange geknechtet, bis dieſe wahrlich Knechte geworden find. Sie glauben an keine Propheten mehr, und ihrer bedarf doch die Welt! Die Juden glauben, man müſſe zu Jeruſalem beten. Elieſar Laſſe meint, auf jeder Stelle, wo der Menſch den Staub der Welt von ſich ſchüttelt, ſei es noch möglich, Gott zu finden. Die Juden hoffen auf einen zukünftigen Heiland. Elieſar Laſſe meint, der Geiſt, der da frei macht und erlöſt, ſei alle Zeit da geweſen und noch alle Zeit gegenwärtig; nur merken ſie ihn nicht und laſſen ihn vergeblich an die Pforte klopfen, laſſen ihn mitten im Leben, wo er doch ſo gern weilt und wo er ſeine Stätte ſucht, von Hütte zu Hütte ob⸗ dachlos vorüberwandeln. Nur wo der Menſch den Menſchen findet, noch unberührt vom hinfälligen Tand der Welt, noch unverfälſcht vom Ränkeſpiel der Begierden, da wird es noch möglich ſein, daß der herumirrende Geiſt Gottes ſeine Einkehr hält und unter ihnen weilt. Rabbi Laſſe iſt ſo wenig im gemeinen Sinn ein Jude, wie ich ein Chriſt, ob mich ſchon die Taufe dazu machte, das Kleid des Ordens, das ich trage, dazu ſtempelt.“ Er ſchlug ſeinen Kaftan von den Schultern zurück; die Robe der Männer von der Geſellſchaft Jeſu ward ſichtbar, auf der Bruſt die Kapſel mit dem Lamm, das die Fackel trägt, als Sinnbild, mit den Buchſtaben S. S. I. Sodalis Societatis Jesu. „Ihr tragt das Gewand eines Ordens,“ ſagte ich,„das ich abgelegt; ich habe keinen Theil mehr an ſeiner Genoſſenſchaft.“ Der Mann ſah mich dreiſt und ſicher an.„Warum,“ fragte er ſtaunend und befremdet,„warum ein irdiſches Gewand, weil — 568— Staub an ihm haftet, mit einem anderen vertauſchen, an dem viel⸗ leicht nicht weniger Spuren menſchlicher Unzulänglichkeit kleben? Auch ſolltet Ihr in Frage ziehen, ob der Orden, den Ihr aufgeben wollt, Euch ſeinerſeits aufgibt! Glaubt Ihr keinen Theil an ihm zu haben, Graf Giuſeppe della Torre, ſo fragt Euch zuvor, ob der Orden nicht an Euch Theil habe und ſeinen Antheil gültig zu machen Wil⸗ lens ſei! Warum das Gute, das er hat, ſeine weite Verzweigung, ſeine Weltverbindung, nicht nutzen,— wenn auch nicht zur Ehre Gottes, ſo doch zum Heil der Welt!“ „Ihr ſcheint Euch ſehr gut mit der Geſellſchaft geſtellt zu haben, Euch innerhalb ihres Verbandes Euere Freiheit erhalten zu wollen!“ ſagte ich, den Redenden mit Blicken meſſend, die er ruhig und feſt erwiederte. „Ein Waiſenkind jüdiſcher Eltern,“ ſagte er, als müſſe er ſich rechtfertigen,„erwachte ich zu meinem erſten Bewußtſein in einem Findelhauſe der Geſellſchaft Jeſu; ich ward ein Zögling in der Schule meiner Wohlthäter; warum mich von ihnen trennen?“ „Ich meinestheils,“ ſagte ich,„fand nicht was ich im Orden geſucht. Ich ſuchte in ihm einen Bund vorurtheilsfreier Männer, die unbehindert von der Knechtſchaft des Buchſtabens den fortſchrei⸗ tenden Gedanken des Jahrhunderts ſich zu eigen machen, ein Bündniß denkender Köpfe, welche über die Feſſeln der Bekenntniſſe hinaus dem Dienſt der Menſchheit ſich weihen, die Welt beherrſchen wollen, um ſie zu erlöſen, nicht um ſie eigennützig auszubeuten. Die Gemein⸗ ſchaft Edler ſuchte ich, die eine unſichtbare Kirche ſtiften wollen, an deren Altar der Menſch dem Menſchen die Hand bietet und ihn als Bruder begrüßt. Ich fand das nicht im Orden der Männer, die ſich Jeſu Schüler nennen.“ Mein Gegner ſagte ruhig und trocken:„Was Ihr ſuchtet, durftet Ihr nicht in den Formen einer Geſellſchaft finden wollen, die, ſo bildſam ſie iſt, doch immer die Schöpfung eines früheren Jahrhunderts bleibt! Hat der Orden ſeine Miſſion, ein Feldlager wider den proteſtantiſchen Geiſt zu ſein, aufgegeben, ſo kann er doch nicht in den Formen und Ergebniſſen mit dieſem Proteſtantismus, ob er ſchon deſſen Vortheile in ſeinen Dienſt nehmen möchte, Hand in Hand gehen. Es iſt ſchon genug, wenn er eine Verbrüderung „ im Orden Minner⸗ Hon fortſchrel indniß in Bündn — 569 der Denkenden, wie Ihr ſie ſucht und wollt, nicht ſtört! Was Ihr aber ſucht, Graf La Torre, es iſt zu finden, auch innerhalb des Ordens, freilich aber dort nicht mehr und nicht weniger wie inner⸗ halb jeder ſonſtigen Gemeinſchaft, ſie ſei ſtaatlicher oder kirchlicher, weltlicher oder geiſtlicher Art. Was Ihr ſuchet, Graf La Torre, es exiſtirt; der Bund freier Edler, die im Menſchen den Menſchen wollen, iſt vorhanden, und es bekennen ſich zu ihm Mitglieder aller Religionen und Secten, Genoſſen jedes Standes und Geſchlechts, Bewohner aller Zonen ſo weit das Rund der Erde reicht, ſo weit der Tempel der Natur ſeiße Hallen öffnet, der große Baumeiſter der Welt die Elemente des Lebens kennt und prüft.“ „So ſeid Ihr Freimaurer?“ ſagt' ich. „Ihr ſaget es, Graf La Torre“ war die Antwort des Mannes, „Maurer von der Loge und nach dem Bekenntniß von Roſe und Kreuz.“ „Iſt, was Ihr mir als Euer Bekenntniß angabt, gemeinſames Gut Euerer Loge?“ „Wir arbeiten in dieſem Sinne,“ ſagte der Mann,„in den Logen zu Turin, in Paris und in deutſchen Landen.“ „Scheidet Ihr Euch ſtreng von den Syſtemen anderer Logen?“ fragt' ich. „Wir unſererſeits ſind duldſam, die Intoleranz iſt auf Seiten Anderer!“ „Ich werde Euch aufſuchen,“ ſagte ich, ihm die Hand bietend. „In Roſe et eroix findet Ihr uns allerwegen!“ Ein Tunult auf dem Deck des Schiffes ward hörbar; der Fremde — er hatte ſich mir Belmar genannt,— brach auf, faltete ſein Ge— wand zuſammen und ſtand noch einen Augenblick über den Rabbi geneigt, der in leiſen tiefen Zügen mit dem Lächeln des Friedens auf ſeinem Angeſicht, den Schlaf des Gerechten ſchlief. „Darf ich wiſſen,“ fragte ich Belmar,„was ihm und Euch ſo viel Kunde von mir und meinem Thun in Rom verſchaffte? Ihr kanntet meinen Namen, kanntet Pirrho, wußtet was mit ihm geſchehen!“ „Von wem ſonſt als von ihr konnte uns dieſe Kunde kommen,“ flüſterte Belmar. 570— „Von ihr? Von wem?“ „Von des Rabbi Tochter, Carlotta.“ „Carlotta, die Nichte des Cardinals,— Rabbi Laſſe's Tochter?“ „Hat ſie es Euch verſchwiegen,“ ſagte Belmar,„ſo geſchah's vielleicht in der irren Haſt ihrer geängſteten Seele. Ein Kind des Ghetto iſt nicht jederzeit einer vorurtheilsfreien Duldung gewärtig. Carlotta iſt im Kerker der Inquiſition geboren. Ihr Vater, damals Juwelier, hatte bei dem letzten Kirchenfeſte für ein Kleid der Mutter Gottes falſche Steine geliefert. So lautete die Anſchuldigung, da die Thatſache feſtſtand, der Betrug eines römiſchen Hofbeamten erſt nach Jahren entdeckt ward. Der Lieferant wurde heimlich eingeſteckt, ſammt ſeiner jungen Frau, deren Zuſtand unberückſichtigt blieb, und die ohnedies das Loos des Gatten zu theilen entſchloſſen war. Verleumdungen und heimliche Anklagen gegen die Geſinnung des Juden brachten ſeine Sache vor das heilige Amt. Man nahm die Lieferung falſcher Steine nicht blos für Betrug, ſondern auch für Verhöhnung unſerer geheiligten Religion. Laſſe's Frau ſtarb im Kerker kurz nach der Geburt des Kindes. Der Vorſtand der Findelhäuſer, Cardinal Rezzonico, nahm aus beſon⸗ derer Menſchlichkeit das Kind zu ſich in's Haus; ſo ward Carlotta Chriſtin, ihren Vater aber traf das Urtheil der Verbannung auf zehn Jahre von Rom. Er ging nach dem Orient; er ſtudirte dort an der Wiege der Menſchheit die Bücher der Vorzeit, in den Katakomben Aegyptens die Weisheit der Hieroglyphen, in den Schulen der Perſer die Geheimkräfte der Natur. Wie er nach Rom heimkehrte, war längſt ſein guter Name wieder hergeſtellt, der Betrüger im Perſonal des Hofes entlarvt; die Cardinäle empfingen ihn mit offenen Armen, aber ſein Weib war todt, ſein Kind war Chriſtin. Da er den hohen Herren der Chriſtenheit mitunter das Zipperlein heilt, werden ſie wohl durch die Finger ſehen, iſt dem Vater die Tochter nachgeeilt.“ „Wo iſt Carlotta?“ rief ich,„laßt ſie mich ſehen, ich that ihr weh'!“ „Signor,“ ſagte Belmar, mich bei der Hand faſſend,„ent⸗ ſchuldigt ein dreiſtes Wort! Ihr habt das Weib in ihr belei— digt; ſie hat gelobt, Euch nicht wieder zu ſehen. Ihr habt ſie als eine Hülfsbedürftige kennen gelernt; ſie kann nicht nach Rom abbi Laſſes „ſo geſchah's d des Ghetto Farlotta ift welier, hotte fülſche Steine ache fiſſtand⸗ entdeckt ward. ungen Frall d heimliche Sache vor e nicht blos ten Rligion⸗ Kindeb⸗ aus beſon⸗ ward Corlotta wa ng 0 tan der nune e dor n Katarb . Perſer war „Armen⸗ fonben mkehrie/ Pel ſon nhohen den* an ſi wh ich the ———— — 571— zurück; es fehlt ihr aber nicht an Stützen in der Welt, ſie iſt eine Affiliirte der Geſellſchaft Jeſu.“ Ich ſchwieg beſtürzt; mein klopfendes Herz, die Stimme des Gewiſſens, ſagte mir, ich hätte das Unglück ihrer Neigung, das ſie mir zuführte, als etwas vom Schickſal Gebotenes auf mich nehmen ſollen. Belmar war, nachdem ich ihm das Geleit gegeben, von meiner Seite verſchwunden; ich wagte nicht ihn aufzuſuchen. Wie ich wieder in die Cajüte hinunterſtieg, trat mir der Rabbi entgegen, Pirrho an der Hand. Das Lächeln ſtand wie das Zeugniß einer guten That auf ſeinem edlen Antlitz, wie er mir den Traumwandler wohlbehalten überlieferte.„Laßt mich auch ferner, wenn Ihr es für gut erachtet, ſein Arzt ſein!“ ſagte der Mann mit der anſpruchsloſen Duldermiene, welche die gerühmte Demuth des Chriſtenthums beſchämen konnte. Ich umarmte ihn ſtill gerührt.„Wenn Ihr mein bedürfet,“ ſagte er,„Ihr wißt, Signor, wo der Jude in Genua hauſt, am alten Hafen hinter Palaſt Fiesco in der alten Trümmergaſſe. Aber auch im Collegium der Männer Jeſu denk' ich Euch zu finden; ich gehe dort aus und ein. Die hohen Herren ſind mir wohlgeneigt, ſie be— rufen mich oft, ſeitdem ſie wiſſen, daß ich weder mit falſchen Steinen noch mit der ſchwarzen Kunſt des Gottſeibeiuns handele.“ Wie er mich lächelnd anſah, mußt' ich denken, er habe, nur in halben Schlaf verſunken, meine Unterredung mit Belmar ver— nommen. Die Felſenſtadt Genua lag vor uns, unſer Schiff warf Anker. Pirrho ſchritt wohlgemuth und getreulich neben mir her. Im Gewühl des Hafens umtobte uns das Geſchrei der geſchäftigen Menge. Für den Rabbi ſtand ein Maulthier bereit; eine verhüllte Frauengeſtalt ſchritt ihm zur Seite; Belmar, der Jude und Mönch, der freie Maurer und Jeſuit, gab ihnen das Geleit. — 5— Achtzehntes Rapitel. Der Soldat Jeſu Chriſti. Die nächſte Taverne am Strande nahm mich und Pirrho auf. Ich bedurfte der Erholung nach der Seefahrt, der Erquickung nach der durchwachten Nacht. Freilich ließ es mir keine Ruhe. Schon bei unſerer Ankunft lag ein Schiff nach Civitavecchia ſegelfertig; ich ſchrieb in Eile an den Vorſteher des Profeßhauſes in Rom, bat um meine Habſeligkeiten, beauftragte meinen zurückgelaſſenen Diener, mir nachzukommen und gab ihm das Collegium zu Genua als den Ort an, wo er meine weiteren Befehle zu gewärtigen habe. Ich zweifelte, ob dort nach meiner Erklärung an Euſebio noch ein Aſyl für mich ſein werde, aber ich wußte jenem kein anderes Ziel zu ſtellen. Das Ordenskleid hatte ich abgelegt; nur die Medaille führte ich mit mir; ich wollte ſie Euſebio eigenhändig überreichen. Weit mehr noch gingen meine Gedanken nach Santa Maria. Ich durfte einer Nachricht hier⸗ orts nicht gewärtig ſein; ich wollte nur verhüten, daß Briefe für mich nach Rom gingen. Ich ſchrieb an den Hausmeier, ich ſprach von quäleriſchen Träumen, die mich um den Knaben beſorgt machten. Ich entdeckte meinem Vater, daß ich nach Mormona's feierlicher Selig⸗ ſprechung in Sanct Peter der Geſellſchaft Jeſu anzugehören mich nicht ferner für verpflichtet fühle; ich hoffte, ſchrieb ich, daß ihm ſelbſt ein Genüge geſchehen, der Geiſt des Unfriedens im Hauſe geſühnt ſei; was noch ſonſt zu thun, um den Himmel, falls er noch zürne, zu verſöhnen, das Schickſal, falls es noch unerbittlich ſei, zu ſühnen, darüber wolle ich jetzt ihn ſelber hören und ihm Rede ſtehen. Wie ich den Brief ſiegelte, überfiel mich plötzlich die quälende Angſt, der nachtwandelnde Pirrho könne unter den Händen des Rabbi in ſeiner Fernſchau der Vorgänge in Santa Maria wahrgeſprochen haben. Er hatte in der Kirche den Katafalk, in der Begräbniß⸗ eapelle den Sarg meines Vaters geſehen. Mit zitternden Händen übergab ich dem reitenden Boten, der ſein Pferd bereits geſattelt hatte und die Nacht noch benutzen ſollte, den Brief. Ich ſtand und überlegte, ob ich ihm nicht folgen, nicht ſelbſt ſofort aufbrechen Schon hei Rom, bat un Diener, nir s den Ort Ich zweifelte, für nich — Das tellen⸗ ich nit niri pr noh gingen Nuchriht hin Brife fir ich ſprnch zu nachten⸗ licher Seli⸗ nich gehören gefühnt zürne⸗ ſühnen⸗ e avölende des Rabbi den be zrgeſien „gegtibn⸗ pinden nden 6 u gſatt 46 fand t uſnhen ſollte. Ich blieb und ließ die Dinge walten. Iſt es geſchehen, ſagt' ich mir, mich beſchwichtigend, haſt du vollendet, Vater, ſoll es mir nicht vergönnt ſein, zum Gelöbniß des ewigen Friedens dir die Hand zu drücken, dir das Auge zu ſchließen, ſo ſei mein Thun auf der Stätte deines bedrängten und oft umdunkelten Daſeins kein anderes, als den Schauplatz deiner Sorge in ein Paradies gottgefälligen Wandels unzuſchaffen. Auf der kleinen Scholle Landes, die dann mein ſein wird, wenn du das Auge geſchloſſen, will ich ein Reich der Menſchenliebe ſtiften. Der Schutzgeiſt, zu dem jetzt der Römiſch⸗ gläubige beten darf, ſoll nach wie vor Mormona heißen, aber Alle, die mühſelig und beladen ſind, weſſen Glaubens Kinder ſie ſich nennen mögen, ſollen zu ihr wallfahrten, als zu einem Liebling jenes Gottes, deſſen Sonne Allen leuchtet, den Gläubigen in jeder Form, ſie mögen irren, indem ſie ihn ſuchen, oder ihn gefunden haben, wie wir. Meine Roſe, die am Kreuz verwelkte, ſoll neu aufblühen, und ein Kreuz der Schmerzen, von den Roſen der Menſchenliebe überdeckt und über⸗ rankt, ſoll das Symbol ſein; auf dem heimiſchen Boden meiner Väter lege ich, der erſte Maurer meines Namens, den Grundſtein zum unſichtbaren Tempel Gottes und der Menſchenliebe. Der ewige Baumeiſter der Welt wolle mein Gelöbniß ſegnen, der Geiſt des ächten Menſchenthums in unſerer Bauhütte ſeine Einkehr halten! Das war, wie ich glaubte, mein erſtes Gebet als Maurer, ob mich ſchon keine Form dazu geweiht, kein Handſchlag dazu verpflichtet. Die Nacht verging ruhig, nachdem ich für Pirrho die Vorſorge getroffen, ſeinen Schlaf vor allem Einfluß des Geſtirns, deſſen volle Scheibe am Himmel hing, von außen zu ſichern. Der junge Morgen fand uns friſch und wohlgemuth. Pirrho hatte das Gelüſt, am Strande umherzuſchweifen, fügte ſich aber alsbald in mein beſtimmtes Geheiß, nicht von mir zu weichen. Von Angioletta hatte er die Zeit über ſelten und nie im Unmaß leidenſchaftlicher Wallung geſprochen. Jedesmal benutzte ich dieſe Veranlaſſung, ihn zu bedeuten, wie er ſich die Gunſt des Mädchens durch ſeine unwirſche Hartnäckigkeit ver— ſcherzt habe. Wenn Römiſchgläubige ihn als Ketzer für verdammens⸗ werth hielten, ſo ſei er in ſeinem Wahn, jede andere Denkungsart für Lug und Trug zu erklären, faſt noch unduldſamer. Von ſeinem letzten Traumgeſicht in der Kajüte ſprach ich nicht mit ihm; er ſelbſt — 574—— ſchien keine Erinnerung daran zu haben; ein einziges Mal begann er gedankenverloren:„Als ich die vorletzte Nacht in Santa Maria war,“— brach jedoch ab, als entglitte ihm der Faden. Der Rabbi hatte ſeine Viſion geordnet; ſein Traumbild, auf ſich ſelbſt ver⸗ wieſen, wirrte ſich nicht in ſeinen wachen Zuſtand. So ſchien es wenigſtens, bis plötzlich eine Erſchütterung die bisher behütete Ord⸗ nung durchbrach und eine gewaltſame Störniß das Gehirn des armen Menſchen befiel. Die Steine brannten ſchon heiß, als wir die Strada nuova zum Palaſt der Jeſuiten hinunterſchritten. Ich mußte Euſebio ſpre⸗ chen, eh' ich Genua verließ. Pirrho ſchauderte beim Anblick der ſchwarzen Mauern des Collegiums zuſammen; er ſtand ſtill und zögerte; erſt als ich ihn an die Hand nahm, hielt er Schritt und ging ſinnend neben mir her. Rechenſchaft konnte er ſich von dieſer plötzlichen Furchtanwandlung ſo wenig wie von ſeinen Nachtgeſichten geben. Der Provinzial Euſebio, unbaß und auf ſein Zimmer angewieſen, ließ bedauern, mich nicht ſogleich empfangen zu können, hieß uns aber in den Sprechſaal treten. Es hatte ſich alſo Förmlichkeit zwiſchen uns eingeſchlichen, der Entſchluß meines Austritts hatte mir den Freund meiner Jugend entfremdet. Es kann nicht anders ſein, als daß wir die Führer verlieren, ſobald unſere Selbſtändigkeit beginnt. „Laßt uns fliehen, Giuſeppe!“ flüſterte mir Pirrho zu, mich bei'm Eintritt in den Saal mit der Gebährde kläglicher Angſt am Kleide zerrend. Er war jedoch unfähig, einen Grund anzugeben, der ſeine Furcht rechtfertigte. Ich meines Theils hatte die Verpflichtung, Euſebio zu begrüßen, ihm das Medaillon mit der Kette in ſeine Hände zurück⸗ zugeben. Zugleich trieb mich mein Gefühl an, den verehrten Mann um die Fortdauer ſeiner perſönlichen Gunſt zu bitten. Pirrho zuckte heftig zuſammen, wie Pater Euſebio, mühſam auf einen Diener geſtützt, in den Saal trat, gebückten Hauptes, todten⸗ blaß, die Augen in ihre Höhlen zurückgeſunken. Er ſtreckte mir zitternd ſeine Arme entgegen, und wie ich an ſeinem Herzen lag, fand ſeine Erſchütterung in einem Strom von Thränen ihren Ausdruck. „Müſſen wir uns ſo wiederſehen?“ rief er mit erſtickter Stimme. Ich ſah erſchrocken in ſein Antlitz, das er mir halb entzog; ich fragte nach dem Grund ſeiner Aufregung. Mal begann Santu Maria Der Jabbi ich ſelbſt ver⸗ So ſchien es bebütete Ord⸗ irn des armen Stroda nova Cuſebio ſpr⸗ n Anblick der ll und zögerte; dging innend ſer plötlichen ten geben⸗ ner ungwiſin⸗ hieß uns abet iciet wiſchen hatte nir d Mann dien⸗ wytes/ tod ecte nir 5 „Nun, du kommſt ja doch aus Santa Maria?“ fragte er ent⸗ gegen. „Von Rom komm' ich,“ war meine Rede,„nichts weiß ich von dort; was iſt geſchehen?“ „Was geſchehen?“ wiederholte er;„ſo haben dich die Briefe nicht erreicht, die dir den Tod des Sohnes melden?“ „Mein Sohn Saverio todt?“ rief ich bebend. Euſebio ſenkte das Haupt und taſtete nach dem Arm des Die⸗ ners. Mit einem gellenden Schrei ſtürzte Pirrho auf uns ein; eine Fiebergluth war in ſeine Wange getreten, ſeine Augen rollten, ſeine Stimme kreiſchte:„Mormona's Sohn— todt? Prieſter, du lügſt! Der alte Graf iſt todt— ich ſah in vorletzter Nacht in der Kirche den Katafalk errichten; er ruht im Sarge, in der Schloßcapelle. Den Knaben Saverio ſah ich nicht, ich konnte ihn nicht finden, aber er iſt nicht todt, der alte Graf iſt todt!“ Euſebio wankte zurück; der Diener hatte Mühe, ihn zu halten, während ich Pirrho mit beiden Händen ergriff. Mit dem Zwange, den ich ihm anthat, ſtieg nur ſein Wuthanfall; krampfhaft mit den Gliedern um ſich ſchlagend, mit glotzenden Augen, Schaum auf den Lippen, ſtürzte er unter dem Ausruf:„Alles Lug und Trug!“ rück⸗ lings zu Boden. Mit Hülfe herbeieilender Diener, die ſich kaum ſeiner bemächtigen konnten, ward der Unglückliche entfernt; ich hörte noch ſeinen Wuthſchrei den langen Corridor entlang; man trug ihn in ein entferntes Gemach. Von den hereinbrechenden Schrecken betäubt, folgte ich dem Pro⸗ vinzial, der ſich auf ſein Zimmer führen ließ, nachdem für Pirrho einer der Aerzte des Inſtituts herbeigeholt, den Dienern Stillſchweigen über den Vorfall auferlegt war. Euſebio lehnte auf ſeinem Lager und reichte mir abgewandten Angeſichts ſeine Hand.„Das Unglück deines Hauſes hat mich nieder⸗ geworfen,“ ſagte er mit matter Stimme.„Vor vier Tagen berief mich ein Eilbote nach Santa Maria. Pater Uberto ließ mir melden, der alte Graf fühle ſich ſehr ſchwach, wolle ſich mit mir, mit unſerem Orden verſöhnen, müſſe meinen Rath hören über ſein Teſtament. Ich eilte dahin; ich fand Alles in Trauer, der Knabe— hatte nach kurzer Krank⸗ heit in Krämpfen geendet. Des Hausmeiers Frau, die getreue Pfle⸗ gerin, lag danieder; ſie hatte zugleich ihr eigenes Kind, Saverio's Milchbruder, zu beweinen.“ „Beide Knaben todt?“ rief ich entſetzt. „Ihr Schickſal vollzog ſich in derſelben Stunde; Saverio's Sarg ſteht in der Waldeapelle zu Füßen ſeiner Mutter.“ Ich brach zuſammen; meiner Sinne nicht mächtig, ſaß ich ſtumm und ſtarr. „Krank kehrte ich von Santa Maria zurück,“ fuhr Euſebio fort; „ich habe ſeitdem das Lager nicht verlaſſen, dein Brief aus Rom mit der Erklärung deines Austritts war nicht im Stande, mich auf⸗ zurichten, um für dich und deine Sache einzuſtehen. Er oder der Knabe, ſprach dein Vater, Einer von Beiden muß der Kirche ge— weiht werden.“ „So will denn der Streit nicht enden,“ rief ich,„bis der Tod uns Alle vereinigt?“ „Ich fand deinen Vater,“ fuhr Euſebio fort,„ſehr ſchwach, aber bei vollem Bewußtſein. Die Beatification Mormona's ſtand feſt, du ſelbſt warſt vom heiligen Vater freigeſprochen, unter der Bedingung deines weiteren Eifers für die Kirche. Trotzdem liefen von Kundſchaftern über dich aus Rom Berichte ein, die deines Vaters Glauben, Euer Haus bedürfe noch einer vollſtändigeren Sühne, von neuem erhärteten. Er war entſchloſſen, ſein geſammtes Hab und Gut bis auf ein Pflichttheil, das dir zu belaſſen ſei, dem römiſchen Hofe zu vermachen und Santa Maria in ein geiſtliches Inſtitut zu verwandeln, in welchem die Propaganda des Glaubens unter Vorſitz eines Dominicaners den Schauplatz ihrer Thätigkeit eröffnen ſolle. Ich proteſtirte gegen dieſe Verfügung in deinem Namen, mein Sohn, als im Intereſſe unſerer Geſellſchaft. Ich gab auf Grund der Familienſtatute deines Hauſes mein Bedenken ab, bezweifelte die Rechtmäßigkeit eines ſolchen Teſtaments; aber ich mußte es geſchehen laſſen, daß dieſe Verfügung des letzten Willens in Form einer Schenkungsacte abgefaßt wurde. Die Kirche iſt auf fünfundzwanzig Jahre mit den Gütern deines Hauſes belehnt; dieſe Dauer des Be⸗ neficiums wurde beſchloſſen, um in dieſer Friſt all' dein Hab und Gut, die ganze Stätte deiner Familie kirchlich zu benedeien und den Fluch des Hauſes zu ſühnen.“ Saverio's de; Saverio's ſaß ich ſumn r Eyſebio ſort; aus Ron nit nde, nich au⸗ Et oder der der Kirche K⸗ bet ſehr ſchwah, ſtand ormonns ſtund hen, unter du Trotzden liefen ie deines volſtünigern ſein geunnt lſſen ſei⸗ dem ein zeiflichts des Glaubens . hitigleit deinen Namen, b auf Grund te die zweifel 56 geſchehel es einel — 577— Ich hatte mich erhoben.„Und in dieſem Pacte,“ ſagte ich, habt Ihr, mein Freund, der Lehrer meiner Jugend, Euch mit dem Dominicaner geeint und verſtändigt?“ „Noch iſt die Schenkungsacte nicht unterzeichnet,“ ſagte Euſebio, „eile nach Santa Maria, ſtelle den Willen deines Vaters durch ein Gelübde zufrieden; noch iſt es Zeit, du weißt, ſein Wort war: Er oder der Knabe!“ „Nie hätt' ich dazu eingewilligt: weder ich noch er! Iſt noch nicht genug geſchehen, um dem Fanatismus eines ſeltenen Aberglaubens zu genügen, wurden der Opfer nicht ſchon genug geleiſtet, ſo ſteht es wohl feſt, daß die Unerſättlichkeit hülfsbedürftiger Seelen nie zu befriedigen ſein wird.“ „Der letzte Wille eines Sterbenden hat heilige Kraft,“ ſagte Euſebio,„auch wenn die Form der Abfaſſung rechtlich anzutaſten wäre. Der letzte Wille deines Vaters iſt noch in anderer, viel här⸗ terer Form vorhanden; in der Form einer Enterbung. Ich habe dagegen proteſtirt, wie ich dir ſagte; der Orden würde als dein An⸗ walt mehr thun, wenn du deine Sache zur ſeinigen machteſt.“ „Ich fühle mich auf mich ſelbſt verwieſen!“ ſagte ich,„ich will verſuchen, mein Recht ſelbſt zu wahren.“ „O mein Sohn, dann muß ich dich aufgeben, dann biſt du für mich verloren!“ ſeufzte Euſebio.—„Geſtern, vielleicht mit demſelben Schiffe, das dich von Rom herbrachte,“ fuhr er fort,„erhielt ich vom General unſeres Ordens Depeſchen über die Vorgänge in Rom. Mitten in der Feier des Feſtes, mitten im Sanect Peter wurde der heilige Vater beſchimpft von dem deiner Pflege, deiner Obhut, deiner Be⸗ kehrungspflicht Anempfohlenen! Welchen Stürmen ſeh' ich dich aus⸗ geſetzt! Welchem Abgrund zueilen!“ „Ein krankes Gehirn,“ entgegnete ich,„das der Aerzte bedürftig iſt, verfällt noch nicht dem Amt der Inquiſition. Ich kann nicht denken, Pater Euſebio, daß man die Traumſucht eines Unglücklichen mit Exorcismus und Teufelsbann heimſuchen werde. Ich müßte an dem Freund und Führer meiner Jugend irre werden, ich müßte ſeine gerühmte Humanität für eine Beute der Dominicaner halten, könnte ich glauben, hier ſei eine Gefahr, der ſich nicht mit entſchloſſenem Sinn entgegnen ließe.“ D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. — 578— „Du ſelbſt, mein Sohn,“ rief Euſebio,„du ſelbſt wirſt bedroht vom heiligen Amt. Der Generalvicar unſeres Ordens, Pater Lorenzo, ſchreibt mir vorwurfsvoll: Einen Enthuſiaſten, einen Schwärmer für unſere Sache glaubten wir uns in ihm zu erziehen, und wir haben einen Widerſacher an ihm! Auf der Villa des Cardinals, Graf Giuſeppe, habt Ihr gegen die heilige Kirche Dinge geäußert—“ „Nichts,“ fiel ich ein,„was ich nicht als mein Bekenntniß über Cölibat und Abendmahl in beiderlei Geſtalt dem heiligen Vater ſelbſt mittheilte, in Gegenwart Ganganelli's, des Conſultors der Inquiſi⸗ tion, wiederholte.“ „Benedict iſt alt,“ ſagte Euſebio,„ſeine Tage ſind gezählt. Laßt das Conclave zuſammentreten, laßt einen Mann, wie den Car— dinal Rezzonico gewählt werden, und unſer Orden beherrſcht die ganze Kirche Roms.“ „Laßt einen Ganganelli gewählt werden,“ entgegnete ich,„und Euer Orden ſtürzt!“ Euſebio zwang ſich zu einem Lächeln.„Der braune Profeſſor,“ ſagte er,„iſt vor der Hand weder Biſchof, noch Cardinal! Und einen Orden ſtürzt man nicht, wenn man ihn um ſeine weltliche Macht beneidet; man ſucht ihn zu gewinnen. O mein Sohn, daß unſere Sache Schwächen hat, wie ſollte das unter Menſchen anders ſein! Aber daß wir in der Herrſchaft, die wir ſuchen, das Wohl des Ganzen, das Heil der Menſchheit zu fördern gedenken: hieran, mein Freund, zu zweifeln, durfte dir nie in den Sinn kommen! Will der römiſche Hof auf einen Augenblick unſer Syſtem nicht vollſtändig gutheißen: — ein Papſt iſt ſterblich, ein Orden nicht! Hat er Unvollkommen⸗ heiten: er iſt bildungsfähig. Daß er verweltlicht ſei, mercantil geworden, wirſt du ihm nicht zum Vorwurf machen, der du es an deinem eignen Fleiſch und Blut erlebſt, wie der Menſch noch immer geneigt iſt, das Leben den todten Begriffen zu opfern! Unſer Inſtitut iſt mit der Zeit fortgegangen, iſt geworden, was die Welt wurde. Auch Lorenzo's Sträuben gegen die Freunde der Aufklärung wird nur zeitweis gültig ſein, während Andere in und mit der Welt heranreifen zu der Freiheit, zu der das Jahrhundert berufen iſt, Andere theilhaben an dem Beſten, was die Geiſter ſchaffen, denken und wirken. O mein Sohn und Schüler, einen Genoſſen meiner Plane dacht' ich mir in dir zu er⸗ twirſt bedroht Pater Lorenzo, Schwirner fir nd wir haben dinals, Graf jußert—“ kenntniß über en Votet ſelbſt der Ingrli⸗ ſind gezihl. vie den Gar⸗ rſcht die ganze ete ich,„Und Puiiſſot Und einen llihe V Ynhht daß uſu ſein! 56 Gi ni 1 1 des un r 9u thei nvo 8 men⸗ worden⸗ mi ge eignen deinem e 579 ziehen, einen Erben deſſen, was dieſe Bruſt in ſich birgt und noch als Geheimniß dort walten läßt, bis die Zeit gekommen, wo die Wahrheit unverſchleiert vor das Auge der Menſchen treten darf!“ Er hatte mich, als er ſo ſprach, an ſeine Bruſt gezogen, und blickte mich weich und zärtlich an:„Einen La Torre mein zu nennen, in ihm dem zukünftigen Geſchlechte einen Vertreter der Wahrheit innerhalb der Kirche und zum Heil ihrer Reform zu geben: das war mein Lieblingsgedanke; es ſcheint, er war zu kühn. Der große Bau⸗ meiſter der Welt will ſich andere Werkzeuge ſuchen!“ „Seid Ihr alſo doch Freimaurer, ob Ihr es auch verhehlt, und arbeitet im Stillen am Bau der Freiheit unter Menſchen jed⸗ weden Glaubens?“ ſagte ich und ſchaute prüfend in ſein gerührtes Antlitz. Er richtete ſich aus meinen Armen in die Höhe und ſagte: „Zuvor aber war ich Soldat Jeſu Chriſti, Mann meines Ordens! Er hat ein älteres Anrecht an mich, mein früherer Schwur gilt vor⸗ herrſchend, und müßte der Menſch in mir an dieſem Widerſtreit er⸗ liegen!“ Er ſah mich feſt und ſtreng an; der Mann der Geſellſchaft war doch mächtiger in ihm, als der Maurer, der die Menſchenliebe auf den Thron der Welt zu ſetzen beſtrebt war. Euſebio hatte ſich erhoben und gab mir unter ſeinen beſten Segenswünſchen bis zur Thüre das Geleit. Ich vergeſſe den Blick nicht, mit dem er mir Lebewohl ſagte; in ſeinem Geſicht ſtand plötzlich eine Gewal tſamkeit, vor der ich erſchrak. Ich erinnerte mich dieſes Blickes, als ich nach Jahren erfuhr, wie er im Bunde Derer war, die mich um mein Heiligſtes verkürzt. Es war der Blick eines Mannes, der nichts ſein nennt auf Erden, kein Haus, keine Familie, kein Volk und Land; dem alſo nichts zu theuer iſt, um es nicht ſeinen Planen opfern zu können. — 580— Ueunzehntes Rapitel. Die Todten in Santa Maria und ihr Prophet. Pirrho's Zuſtand war nach dem krampfhaften Anfall noch be⸗ denklich genug; das Pferd, das mich nach der Heimath führen ſollte, ſtand geſattelt; es war keine Möglichkeit, daß mich Pirrho begleiten konnte. Ich ſah ihn in der Pflege zweier Aerzte des Collegiums; ich hatte mir nur noch ausbedungen, daß dem Rabbi Laſſe Zu⸗ tritt zu ihm geſtattet werde. Ein Eilbote wurde von mir beauf⸗ tragt, den werthen Meiſter in der Judengaſſe aufzuſuchen und zu berufen. Der Diener, der mich begleitete, mußte auf mein Geheiß noch ein geſatteltes Maulthier zur Hand nehmen, ohne daß ich dafür die Beſtimmung ſogleich angab. In der äußerſten Vorſtadt Genua's wußte ich einen als rechtſchaffen und hülfreich bekannten Medicus, der, ohne Geiſtlicher zu ſein, weit und breit geſucht und gerühmt war. Dieſen bat ich, um eines wichtigen, von mir noch verſchwie⸗ genen Falles wegen, mir den Tag und die Nacht zu widmen. Er ging ebenſo bereitwillig auf die Bitte ein, das Kleid ſeines Standes für diesmal mit einem bürgerlichen zu vertauſchen. 8 Wie die Kuppeln von Santa Maria aus der Ferne vor mir aufſtiegen, hielt ich, vom Widerſtreit meiner Gefühle überwältigt, an. Ich bedurfte der Sammlung meiner Gedanken und fand doch im Wirrwar der mich von zwei Seiten beſtürmenden Empfindungen keinen Faden, der mich ſicher leitete. War es der Schmerz um den Verluſt des Sohnes, war es der Groll gegen den Plan, der über mich und mein Daſein ſo tyranniſch verfügen wollte: ich weiß nicht, was mich tiefer erfaßte und durchſchüttelte. Wie ich um den Vorſprung des Oelwaldes biege, ſeh' ich im dämmernden Schatten einen Maulthierzug halten. Zum zweiten Male wird mein Name gerufen; erſt die Begleiter machen mich aufmerkſam, als ein Mann ſich aus dem Sattel hebt und mit aufgeſchürztem Kleide hart auf uns einſchreitet. Hat er dem Pferde in den Zügel gegriffen,— genug, es bäumt ſich und ſcheut vor der Geſtalt, und ich erkenne den Caplan.„Bote des Todes!“ entfuhr mir unwill⸗ rophet. nfull noch be⸗ führen ſollte, ircho begleiten s Collegiuns bi Laſſe 3l⸗ on nir beauf⸗ uchen und il mein Gehe daß ich fir ſtadt Genl? nten Mediehs, und grihnt noch wſhni⸗ widmen ſeines Standes erne vol nir iltigt, un. ewältig⸗ fand doch im fürlich; eben ſo raſch gleit' ich aus dem Sattel, Pater Uberto ſteht vor mir. „Ihr kommt zu ſpät, Signor,“ tönt es wie Grabeston von ſeiner Lippe. Ich weiß, Caplan,“ ſag' ich ihm,„Ihr habt ja ſchon den Sohn Mormona's beigeſetzt.“ „Zu ſpät,“ fährt er fort,„um Eurem Vater die letzte Ehre zu erweiſen.“ „Dann lebt der Knabe noch, wie?“ rief ich halb ſinnlos, „dann hat der Traumwandler ſich nicht geirrt! Meinen Vater ſah er todt, den Knaben ſah er nirgends. Oder wollt Ihr mir denn Alles tödten, rauben?“ Uberto ſah mich ſtarr aus hohlen Augen an; in ſeinem Antlitz ſtand nichts, als das Gebot der Nothwendigkeit, dem Himmel die Erde, der Kirche die Welt um jeden Preis zu opfern. Aber es war dieſelbe Nacht geweſen, in welcher Pirrho die Viſion gehabt: da hatte mein Vater die Augen geſchloſſen, da ward ihm in der Kirche der Katafalk errichtet, er ſelbſt in der Gruft beigeſetzt. Auf die Nach⸗ richt aus Rom, ich ſei zu Schiff nach Genua, hatte ſich der Caplan aufgemacht, mir die zweite Trauerkunde in Perſon zu bringen. Ich lenkte vom Schloſſe ab in den Olivenwald; der Caplan ritt ſeig Saumthier ſchweigend neben mir.„Des Knaben vollgül⸗ tiges Leben, Pater Uberto,“ ſagt' ich ihm,„iſt von Euch in jeder Form bezweifelt worden, erſt in der Rechtmäßigkeit meiner Ehe, dann in ſeinem ganzen Daſein!“ „Den Gewiſſensfragen Eures frommen Vaters mußte Antwort werden,“ entgegnete der Prieſter;„laſſen wir die Todten ruhen und ehren die Bedingungen ihres ſeligen Scheidens!“ „Aber bringen wir nicht die Lebenden ihnen zum Opfer!“ ſagt' ich bis in meine tiefſte Seele verwundet. Er oder du! klang mir immer noch wie das Echo meines Schickſals. Ich hieß den Caplan ſeinen Rückweg fortſetzen; ich für meinen Theil hielt mit meinem Medicus vor der Waldcapelle, wo Mormona ruhte, ihr zu Füßen der Sohn. Der Arzt gelobte mir Schweigen; die Leiche des Kindes lag vor uns. Das Ergebniß war ein unverfängliches; kein Zeichen — 582— eines unnatürlichen Todes ließ ſich entdecken, das entſtellte Antlitz des kleinen Weſens, ſein ganzer Leib deutete auf nichts, als auf die Spuren des Krampfes, der ſein Leben beendet. 3 Den Hausmeier fand ich am Lager ſeines Weibes, Beide noch halb finnlos vom Schmerz über den eigenen Verluſt, betäubt von den wiederholten Schlägen die Alle betroffen. Auch der Arzt unſeres Hauſes war erſchienen; die Kinder waren nach ſeinem Bericht in derſelben Nacht geſtorben. Mit ihm betrat ich die Stätte, wo mein Vater ruhte, auch das Gemach, wo er ſtarb. Auf dem Seſſel am Pulte, auf welchem er das Teſtament, dann die Schenkungsacte auf⸗ geſetzt, hatte ihn der Schlag getroffen. Der Arzt, ein blind ergebener Diener ſeines Herrn, gab mir umſtänblich alle Einzelnheiten in der raſchen Folge. Euſebio, zur Berathung gezogen, hatte meinen Ent⸗ ſchluß vom Zurücktritt aus dem Orden verkündet, aber er hatte die Form des Teſtamentes verworfen. Als er das Schloß verließ, lag die Schenkungsacte noch ohne Unterzeichnung auf dem Tiſche. Mein Vater hatte noch gezaudert den letzten Federzug zu thun, da wird ihm durch Eilboten aus Rom die Kunde von dem in Sanct Peter geſchehenen Frevel Pirrho's. Mein Vater war außer ſich. Die böſen Geiſter des Wahns, ſein Haus für verloren und dem ewigen Ver⸗ derben preisgegeben zu ſehen, ſtürmten von neuem auf ihn ein, er un⸗ terzeichnete, ein Herzenskrampf endete ſein mühſelig, in Selbſtgual er⸗ ſchöpftes Leben. Der Sohn Mormona's oder ich! Dieſe letzte Sühne ſollte vollzogen werden, was vor Gott und Meuſchen unerhört bleibt, ſo lange die Sonne am heiligen Himmel ſteht. Erſt nach fünfund⸗ zwanzig Jahren ſollte das Teſtament eröffnet werden, bis dahin die Schenkungsacte bis auf mein Pflichttheil gültig ſein, die Güter des Hauſes von der Kirche verwaltet werden. In einigen Tagen bereits erwartete man die Beamten aus Rom; Uberto war bis dahin Teſta⸗ mentsverweſer. Von weltlichen Gerichtsperſonen aus dem nächſten Orte, herzog⸗ lich ſavoyiſchen Beamten, ließ ich im Beiſein des biſchöflichen Vicars unſeres Sprengels in Form Rechtens einen Proteſt aufſetzen gegen die Beſchlagnahme meines Erbes. Ich eilte dann nach Genua zurück; ich hoffte mit Hülfe des Ordens die ganze Schenkungsacte noch in ihrer Gültigkeit antaſten zu können. Um dieſen Preis gelobte ich, ſtellte Antlitz als auf die . Beide noch betäubt von Arzt unſeres Bericht in tte, wo mein n Stſſel an ingzotte uf⸗ lind ergebentt heiten in det neinen Ent⸗ er hatte die verließ, lag iſche. Mein n, da wird Sent Peter . Die böſen ewigen nein, e bſgul e⸗ Tagen dahin Teſta⸗ ſihen Jiun ufitn e am m 30 — 3583 mich von der Geſellſchaft nicht zu trennen; ich wollte in Rom alle meine Verbindungen aufbieten, um im letzten Falle das Proviſorium in der Verwaltung meines Eigenthums in die Hände desjenigen Ordens zu bringen, dem ich ſelber angehörte, und den ich mir damit verpflichtete. Sollte Santa Maria der Schauplatz einer Propaganda werden, ſo wollte ich ſelbſt dieſer Anſtalt die Richtung geben. Abbé der Waldenſer, hieß ich ſpottweiſe in Rom; ich gedachte auf der Scholle meines heimiſchen Landes eine freie Kirche zu errichten, eine Gemeinde, zu deren römiſchen Formen ſich auch die Kinder der Berge bekennen durften, ohne den einfachen Gehalt ihres Bekenntniſſes ab— zuſchwören und als ein Werk des Böſen verdammen zu müſſen. Dann war das Gelübde des verſtorbenen Vaters, ſein letzter Wille nicht entweiht und mir ſelbſt und der Heiligkeit meiner Ueberzeu⸗ gungen, meinem eigenen Gelöbniß, den Bau einer unſichtbaren Kirche Gottes in der Duldſamkeit und der Liebe der Menſchen zu beginnen, ein Genüge gethan.„Das wirſt du gutheißen können im Lande Jen⸗ ſeits!“ ſagte ich meinem Vater in ſein todtes, ſtarres, felſenfeſtes Antlitz, als ich am offenen Sarge ſtand und von ihm Abſchied nahm. „Das wirſt du gutheißen im Lande Jenſeits, wo du allein und einzig Glück, Seligkeit und Frieden wähnteſt! Geläutert und ge— klärt wird vor deinem Geiſte der Wahn ſchwinden, daß das Leben erſt eingeſargt ſein müſſe, um vor Gott gerecht zu werden!“ Das waren in Santa Maria meine letzten Gedanken. Es ſollte anders kommen, als ich gedacht; ich ſollte der Spiel⸗ ball in den Händen der Eiferſucht und der Herrſchbegier bleiben! In einer hellen Mondnacht kehrte ich nach Genua zurück. Im Hafen war noch beſonders lebhafte Bewegung; aus Rom waren Tags über wiederholt Schiffe angekommen. Daß ſie mich betreffende Depeſchen mitgebracht, davon hatte ich keine Ahnung, als ich nach den ſchwarzen, auf der einen Seite glänzend vom Nachtlicht umſäumten Mauern des Collegiums die Straße hinaufſtieg. Auf dem Platze weithin bis vor die Thüren des Gebäudes hatte ſich ein Haufe Volk zuſammengerottet. Aus der Nebengaſſe erſcholl ein Geſang, den von Zeit zu Zeit der düſtere Ruf eines Hornes unterbrach. Ein Zug ſchwarzer Geſtalten bewegte ſich langſam heran. — 584— „Die Brüder vom heiligen Amte!“ hieß es im Volke auf gegenſeitiges Befragen.„Holten ihren Umzug um Angeklagte vor Gericht zu laden!— Haben lange nicht friſche Beute gehabt!“ ſagten die Leute hin und wieder.— Seitdem ſie nicht mehr in die Berge ziehen und eine Razzia halten,“ meinte ein ſtämmiger Menſch vom Hafen,„gehen ſie hier herum und ſehen, wen ſie verſchlingen.“ —„Hätten viel zu thun,“ ſagte ein Anderer,„wenn ſie alle Sün⸗ der einſtecken wollten!“—„Im Gegentheil,“ äußerte Jener,„wenn Alles, was Sünder heißt, vor Gericht geladen werden ſollte, da hätten ſie Nichts zu thun, denn ſie könnten doch nicht damit an— fangen, ſich ſelber einzuſtecken!“—„Schämt Euch,“ rief ein Mann von poſitiverem Glauben,„das heilige Gericht zieht nur gegen Got⸗ tesläſterer zu Felde.“—„Na, da kommt nur fort,“ erwiederte der Matroſe,„ſie dürften ſonſt bei uns den Anfang machen für eben das, was wir hier geſagt und gehört haben. Auch wer's hört, iſt des Teufels Kamerad!“ Der Zug hatte vor den Thüren des Collegiums Halt gemacht. Einer von den Miniſtranten trug die Fahne der Inquiſition, ein Zweiter hielt in ſeinen Händen den San Benito, das ſafraufarbige Büßerhemd mit ſchwarzen Teufelsfiguren, das man dem Angeklagten vor Gericht anzieht.„Sie halten ſchon ſtill,“ flüſterten Einige im Volke,„und ſchauen müßig drein; hier gibt's Nichts zu holen!“ —„Die Väter der Geſellſchaft Jeſu,“ ſagte ein Anderer,„ſtehen außerhalb ihrer Gerichtsbarkeit; wer ſich in deren Schutz begibt, iſt feuerfeſt; es wäre ein Eingriff in die Rechte des großen Jeſus, nach dem ſich die Väter nennen!“ Inzwiſchen ſchien es doch, als ſollte wenigſtens die Auslieferung eines Sünders gefordert werden. Wie die Glocke tönte, ſtürzte alles Volk zu Boden; nur die Geiſtlichen blieben aufrecht, den Blick gen Himmel gerichtet. Das ſcheue, dumpfe Gemurmel der Menge unter⸗ brach dann wieder die Litanei des Geſangs, der wie ein heiſeres Todtenlied klang. Den Moment der Reverenz hatte ein Mann in jüdiſchem Talar benutzt, mir einen Zettel zuzuſtecken. Wie ich da⸗ mit unter das Licht der Lampe an der Pforte des Hauſes trat, las ich die Worte:„Flieh', flieh' noch dieſe Nacht! Und gedenke, der du von Gott und Natur durch Kreuz und Roſe zum wahren Roſen⸗ — im Volke auf ngeklagte vot eute gehobt“ t nehr in die miger Munſch verſchlingen“ ſie alle Sün⸗ Jener,„wenn — ſolte, da cht damit an⸗ rief ein Mann ur gegen Got⸗ erwiederte der uhen für eben hört, iſt des Hult genht. nuijtin⸗ in ſefrufurbige n Angellgten ten Einige in hut begibt. iſt en Jeſis⸗ nac uslifferun les „ſtürzte alles Blick gen Menge mn in heiſeres Mann in Pie ich ⸗ in — kreuzer beſtimmt biſt, der Bundesbrüder in Turin! ſierucius beruft dich!“ ſchrift zu erkennen. Auch im Innern des Collegiums war Alles aufgeſtört. Die Scholaren ſtanden in den Gängen haufenweis beiſammen. Einige beſtürmten mich mit Fragen, da ich von draußen kam; Andere ſchlichen ſcheu bei Seite, wie ich den Corridor hinunter nach der Wohnung des Provinzials ſchritt. Euſebio empfing mich im Saal, wohin er ſpeben ſämmtliche Profeſſen berufen wollte.„Gott ſei gelobt! Ihr ſeid da!“ rief er mir entgegenſtürzend,„das heilige Amt for— dert Euch vor, Giuſeppe La Torre, Euch wegen antikatholiſcher und unchriſtlicher Aeußerungen zu rechtfertigen.“ Er überreichte mir die ſchriftlich abgefaßte, ihm zur Beförderung überſandte Vorladung. Ich wiederholte, was ich ſchon früher erklärt, daß ich freigeſprochen zu werden glaubte. Euſebio war vielleicht mit gutem Recht der Meinung, Heft, Unterſuchung und Verhör ſeien Strafe genug, ſelbſt im Falle endlicher, ſchließlicher Freiſprechung. „Ich überlaſſe dem Orden,“ entgegnete ich,„für mich zu thun, was er im Stande iſt.“—„Alſo nehmt Ihr die Erklärung Eueres Austritts zurück?“ fragte Euſebio mit einem drängenden Eifer, mit einer Haſt, die mir mißfiel. Ich äußerte zu ſeinem Wohlgefallen, daß der Stand der Dinge mich nöthigte, abermals und in ausge⸗ dehnterer Weiſe den Schutz der Geſellſchaft anzugehen; ich ſei ge⸗ ſonnen, förmlich darauf anzutragen, daß der Orden in Sachen der fünfundzwanzigjährigen Belehnung meines Hab und Gutes mich amt⸗ lich vertrete, meine Sache für die ſeinige anſehen und führen möchte. Ich ſah bedrängt zu Boden; mein Eingeſtändniß, den Rücktritt wi— derrufen zu müſſen, war beſchämend genug. „Das ändert die Sache, Giuſeppe!“ rief Euſebio, mich ſtürmiſch, aber doch mit einer jähen Heftigkeit umarmend, die mir den Aus⸗ druck ſeiner freudigen Erregtheit in ihrem Werthe zweifelhaft erſchei⸗ nen ließ.„Dein Entſchluß, mein Sohn, ändert die Sache!“ wieder⸗ holte er, ein Papier mit Siegel und Unterſchrift zerreißend und ver— nichtend.„In der Vorladung des heiligen Amtes,“ fuhr er triumphi⸗ rend fort,„iſt ein Formfehler, der den nächſten Anlaß zur entſchieden⸗ ſten Ablehnung des Geſuchs und zur Gegenbeſchwerde gibt!“ Der große Ro— Ich glaubte wiederum Carlotta's Hand⸗ Ich las von neuem die Schrift, ſie war bis auf das Signale⸗ ment meiner Perſon mit allen meinen Titeln auf das Umſtändlichſte ausgefertigt; nur die Bezeichnung 8. S. J. fehlte, und als Sodalen der Soeietät Jeſu hatte ich mich jetzt von neuem bekannt; die Nicht⸗ anerkennung meiner Zugehörigkeit zum Orden machte die Zumuthung meiner Auslieferung unſtatthaft; die wiederholte Anerkennung meiner Genoſſenſchaft aber ſollte, ſo war der Vorſchlag Euſebio's, die Weigerung zur Folge haben, mich vor ein anderes, als das Ordens⸗ gericht zu ſtellen.„Auch iſt dieſer Fall,“ ſagte Euſebio,„vom Ge— neralvicar unſerer Geſellſchaft bereits vorbedacht; Ihr werdet, in Ge⸗ leitſchaft eines unſerer Geſchäftsträger, eine Miſſion nach dem deutſchen Norden antreten; der fromme Bruder iſt heute von Rom eingetroffen, es fehlt nur noch die Ausfertigung Eueres Miſſivs. Santa Maria und das Erbe Euerer Väter, Graf Giuſeppe, ſoll in unſeren Hän⸗ den Euch ſo ſicher ſein, wie im Schooße Abrahams. Wir werden es benedeien und verwalten im Sinne des Verſtorbenen, ohne doch Euere eigenen Zwecke dadurch zu kreuzen.“ „Die gerühmte Caſuiſtik des Ordens wird ausreichen, beides zu vermitteln,“ ſagte ich nicht ohne Bitterkeit,„ich weiß, wie man nach Gueren Statuten ein freier Mauerer und zugleich Knecht der Satzung ſein kann.“ „O mein Sohn,“ ſagte Euſebio weich und bewegt,„iſt das nicht eben die wehmüthige Ironie in den Dingen dieſer Welt, daß wir uns oft wider Willen geknechtet ſehen, auch wo wir die Frei⸗ heit wollen und fordern?— Wärſt du Prieſter,“ flüſterte er, mich leiſe an ſein Herz drückend,„Giuſeppe, ich würde dir beichten und von dir Abſolution erhalten!“ „Seid Ihr deſſen gewiß?“ fragte ich gedankenlos. Er richtete ſich plötzlich auf und ſah mich forſchend an. „Das wäre erledigt,“ begann er von neuem, aber im trocknen, froſtigen Geſchäftsſtyl;„mißlicher iſt die Ladung des Waldenſers Pirrho vor das heilige Amt. Er iſt der Störung des Gottesdienſtes an geweihter Stelle bezichtigt; von der Anklage einer Schmähung ſeiner eigenen Perſon hat der heilige Vater abgeſehen. Ich ſage, der Fall iſt mißlicher. Der vom Böſen beſeſſene Menſch hat auch hier im Collegium Läſterungen ausgeſtoßen, die wider Gott und Kirche ſind. as Signale⸗ nſtündlichfe als Sodalin. die Richt⸗ zumuthung mung meiner „ ſebio's, die das Ordens⸗ „vom Gr⸗ rdet, in Ge⸗ den deutſchen eingetrffen, ta Maria ſeren Hän⸗ Rir werden Vil hne doch ohl n, beides 3u vie man nc der Sutzung de egt„iſt das Velt di nir die J⸗ Wl nich In der erſten Nacht hat ihn auf Euer Geheiß der Rabbi behandelt; geſtern mußten wir ihn ſchon, weil er in Raſerei ausbrach, in feſten Gewahrſam bringen und in Bande legen.“ Ich ſtürmte fort, den Armen zu ſehen, mit den Aerzten des Hauſes mich in Vernehmen zu ſetzen; es golt ein Verbrechen zu verhüten. Der Medicus, ein Conventuale der Geſellſchaft, gehörte zu den Verſtändigen in ſeiner Wiſſenſchaft; er verwarf entſchieden die alte Maxime, im krankhaft geſtörten Gehirn eine Anwandlung des böſen Geiſtes zu bekämpfen. Er gab ſelbſt die Möglichkeit zu, durch mag⸗ netiſche Behandlung Traum und Wachen getrennt zu halten und den Irrſinn zu verhüten. Aber der Mann ſtand doch ſo gut wie ſeine Collegen unter der Controlle und unter den Einflüſſen der Diplo⸗ maten im Orden; es konnte beſten Falles in deren Intereſſe ſein, auf Wahnſinn zu euriren, um den Patienten vor dem Ketzergericht zu bewahren. Rabbi Laſſe hatte ihn in der erſten Nacht im Beiſein mehrerer Aerzte und Profeſſen magnetiſirt. Der Unglückliche hatte über den Stand der Dinge in Santa Maria im hellſeheriſchen Traum Ausſprüche gethan, die der davon in Kenntnitz geſetzte Provinzial für verbrecheriſchen Irrſinn und Lügenwerk des Böſen erklärte. Am Tage ward für Pirrho die Haft, zu der man ihn verdammte, un— leidlich; er hatte einen günſtigen Moment benutzt um gewaltſam aus⸗ zubrechen, hatte ſich zur Wehre geſetzt, war in eine Wuth gerathen, die ihn zu wilden Unthaten gegen die Wächter verleitete und ſaß jetzt in einem tieferen Gewahrſam, in einem der Behälter des Kran⸗ kenhauſes, das früher abwechſelnd Verbrechern und unheilbar Wahn⸗ ſinnigen zum Aufenthalt gedient haben mochte. Ich betrat mit Arzt und Wächter das feuchte Gewölbe, in das man ihn gebracht. Der Arme ſaß im Winkel auf dem Block, an den man ihn gebunden, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, mit ſtieren Blicken vor ſich brütend, die Hände über die Bruſt gekreuzt, weil die langen Aermel um ſeinen Leib geknüpft waren. Dicht neben ihm an den Mauern hingen Ketten und Ringe, ehedem in alter blinder Zeit die einzigen Heilmittel für Geiſt und Leib. Durch das halbvergitterte Fenſter oben in der Wand, der Thür gegenüber, blies ein ſcharfer Luftzug, der ebenſo feindlich war wie der feuchte Moder am Boden. So war er denn doch dem Apparat der alten Barbarei verfallen! Daß man ihn mit Gewalt gehalten, als er den Ausbruch verſucht, war erklär⸗ lich; aber Anblick, Atmoſphäre und Umgebung genügten, Wahnſinn zu erzeugen, wo die Natur einen bloßen Sturm leidenſchaftlicher Blutaufwallung in Gang geſetzt. Pirrho war unbeweglich geblieben, wie ich zu ihm getreten war, ſeine Schulter erfaßt, ſeine Wange berührt hatte. Er glotzte vor ſich hin und ſchien mich nicht kennen zu wollen; vielleicht hatte das Gefühl der Beleidigung in ihm ſchon den Grad jenes Ingrimms erreicht, der den Uebergang zur blinden Tobſucht bildet. Wie ich ihm meinen Namen nannte, wies er die Zähne; wie ich ihm alle die Umſtände erzählte, die mich genöthigt, ihn zurückzulaſſen, ſtampfte er mit den Füßen, ſoweit ſie ihm zur Bewegung freigelaſſen waren. Der Bericht über meinen Beſuch daheim preßte ihm Seufzer aus; ein Strom von Thränen brachte dann endlich in ſeinen ſtumpfen Zu⸗ ſtand eine heilſame Löſung. Ich bat den Arzt, mich hier unter ſeiner Oberaufſicht ſchalten und walten zu laſſen nach meiner Ueberzeugung, da ich wiſſen müſſe, wie mein armer Freund zu behandeln ſei. Er geſtattete es mir ver⸗ ſuchsweiſe, fand jedoch einen Wechſel des Aufenthaltes nicht ſofort zuläſſig. Ich ließ Streu und Decken über den Boden breiten, Tiſch und Seſſel herbeiſchaffen; auch hinreichende, mäßige, den Augen wohlthuende Beleuchtung und die alte Harfe, die noch aus der Zeit meines Aufenthalts im Collegium in der Bibliothek des Hauſes auf⸗ bewahrt wurde.— In Indien gibt es gewiſſe unbändige Thiere, die ſich nur mit Muſik fangen und zähmen laſſen; ich wollte doch ſehen, ob mein altes Inſtrument aus Piemont den Kobold der Berge nicht bezwingen ſollte. Im Thal Luſerna und weiter hinein in den Wäldern meines Landes findet man die Harfe noch in der Hütte alter Leute, und wenn die Jugend ſie nicht mehr zu ſpielen verſteht, ſo hängt ſie doch Ehrfurcht gebietend an der Wand unter den Reliquien der Alt⸗ väter. An ihre Saiten knüpfen ſich die Sagen der alten Zeit, und wenn unverſehens ein Luftzug, der durch's Gemach fährt, über ſie hinzittert, dann erklingen ſie mitunter von ſelbſt und wecken alte Mährchen auf, ſo ſchaurig ſüß wie aus der nordiſchen Sagenwelt. Daß nan t, war erklär⸗ en, Vahnſinn idenſchaftlicher getreten wal, rglotzte vor t hatt das s Ingrimns 3 Vie ich ich ihn alle ſien, ſunpft nwaren. Det ein aus tumpfen Zu uſicht ſcalen hwiſſen nüſſe te es mir ver⸗ s nicht ſu nitn iſch den Augen der zit 3 Halſſes uß 6 Thiere⸗ die 10 4 voch ſehen, * — Das Inſtrument gehört auch dem Norden an, wo im Nebel die Geiſter erſchlagener Helden umgehen und für ungerechte Schmach und bitteres Leid ihre Sühne fordern. „Ich will zu ihm in dieſen Tönen reden,“ ſagte ich zum Me⸗ dicus,„wenn mein Wort nicht bis in ſein verſtocktes Gemüth dringen ſollte. Die Muſik muß wieder wie bei den Hellenen zu den Heil⸗ mitteln gerechnet werden, um dem geſtörten Geiſt die verlorene Har⸗ monie wiederzugeben. Der Menſch dieſes Zeitalters weiß nicht mehr was dem Leidenden noththut, weder in der Gotteskunde, noch in der Heilwiſſenſchaft. Auf beiden Gebieten iſt, wie es ſcheint, die Kunſt, die Seele zu behandeln, verloren gegangen. Was Gifte ſind, das habt ihr Forſcher ſehr eifrig aufgefunden im Reiche der Natur. Die Schaalen todter Schnecken, den Thran vom Wallfiſch, die bittere Galle vom todten Ochſen, die Wirkungen der kleinen ſpaniſchen Fliege: das kennt und wendet ihr an; aber was poſitive Heilkraft iſt, was Leben gibt und Athem einflößt, die guten Geiſter und Mittel der Natur kennen wir wenig. Wiſſen wir doch auch in Sachen des Glaubens nicht mehr, was Kraft und Nahrung gibt, ſelig macht und verdammt!“ Mein Rabbi weiß es! ſagte ich ſtill in Gedanken zu mir; er ſammelt ſich im Gebet, und ſein alter Gott offenbart ihm im Nerven⸗ äther ſeiner Glieder einen wunderbaren guten Geiſt, wo wir Chriſten dem alten Wahn wieder huldigen möchten, im zerſtörten Gehirn gehe leibhaft der Böſe um. Ich hatte Pirrho aller ſeiner Bande befreit.„Auf meine Ge⸗ fahr!“ bedeutete ich Arzt und Wächter. Eines neuen Wuthanfalls gewärtig, blieb der Letztere an der Thür wie auf der Lauer ſtehen, während ich mit Pirrho Arm in Arm im Raume ab und zuſchritt. Er hatte ſich an Speiſe und Trank erquickt, nicht ohne Mühe, nicht ohne mein Zureden; erſt meine Verſicherung, ihm Bürgſchaft für die unverdächtige Geſundheit der Nahrungsmittel zu leiſten, erſt nachdem ich ihm vorgekoſtet, war ſein Widerwille beſeitigt und der Natur ihr ziemlich lange verſagtes Recht geworden. Mit mir allein hätte er ſich vielleicht alsbald ausgeſprochen; aber mit dem Blick des Arg— wohns, den er aus den ſchrägen Höhlen ſeiner Augen auf die Ge⸗ genwärtigen warf, unterbrach er jeden Beginn zur offenen Mittheilung, — trotz dem Vertrauen, das er wider Willen zu mir zu faſſen ſchien. An freimüthigen Vorwürfen ließ ich's nicht fehlen; er ſchien ſie lieber zu haben, für ehrlicher zu halten als Liebkoſungen und unmittelbare Bemühungen, ihn von der guten Abſicht, die ich mit ihm hatte, zu überzeugen. Ich mußte ihm wiederholt, ja zum dritten Mal die Vorgänge und Zuſtände in Santa Maria erzählen; er ſchien ſich Mühe geben zu wollen, mir Glauben zu ſchenken, aber es ward ihm ſchwer. Er zog mich bei Seite in den Winkel des Gemachs und flüſterte mir zu, geſtern Nacht ſei ihm Mormona erſchienen, mit drohendem, vorwurfsvollem Geſicht; ſie habe auf uns Alle einge⸗ ſcholten, auch auf mich, weil wir ſo ſchlechte Augen hätten und den Knaben nicht fänden.„Sie ruhen nicht, bis ſie uns Alle als Lei⸗ chen vor ſich ſehen; aber noch muß der Knabe lebendig ſein!“ „Saverio iſt todt!“ ſagte ich und ſah Pirrho durchdringend an. Er ſchlug ein ſchmerzlich höhniſches Gelächter auf, während er meinen Arm von ſich ſchleuderte, faßte mich aber alsbald wieder unter, ſchnalzte mit den Fingern und zog mich faſt im Sturmſchritt im Raume auf und ab. Dann und wann machte er förmliche Sprünge und wiegte wie zum Anlauf Beine und Füße. Seine Augen liefen dabei kreuzweis am Gewölbe des Kellers auf und nieder. Plötzlich packte er in wilder Haſt mit beiden aufgeſtemmten Händen meine Schultern, ſchnellte ſich, mich hinter ſich ſchleudernd, mit der Schwung⸗ kraft einer wilden Katze über mich hin und hing oben am ausge⸗ brochenen Mauerſtück am Fenſter. Arzt und Wächter waren Augenblicks auf ihn zugeſtürzt, aber im Nu ſtand er ſo tief in der Niſche, daß er ſelbſt vom Tiſche aus nicht mehr mit unſern Händen erreichbar war. Während der Wächter Miene machte, den Stuhl auf den Tiſch zu ſtellen, um ſo ſeiner habhaft zu werden, hatte er ſchon mit der Gewalt der tollkühnen Wuth einen Eiſenſtab dergeſtalt auseinandergebogen, daß er quer von der Seite Schulter für Schulter ſeinen Leib durchzwängen konnte. Er ſtand ſchon draußen, als der Wärter laut rufend zur Thür hin⸗ ausſtürzte.„Lug und Trug, leb' wohl!“ ſchrie Pirrho mit wildem Gelächter.„Ich gehe nach Santa Maria, dir den Knaben zu ſuchen, blind wie du biſt, Giuſeppe! Der Knabe muß leben; meine Augen ſahen Alles, nur ihn nicht!“ Ein Sprung, ein dumpfer Fall, ein ſen ſchien. nſie lieber nnittelbare hatte, zu Mal die ſchien ſich ward ihm machs und enen, nit Alle einge⸗ n und den e als Lei⸗ in!“ ingend a er weinen ee mi mſchrit in e Sprunge Uugen liefn Poti nden nin er Schwung⸗ an auge⸗ ſtümjt 4 ihe ut dr Vichtr ſeiner —— Geraſſel wie von zerbrochenen Scherben: das folgte ſich raſcher als der Lärm der mit Stangen herbeieilenden Diener den Corridor her⸗ unterſcholl. Wie ſie den Gefangenen nicht mehr vom Kerker aus erreichen konnten, eilten ſie, mit der Oertlichkeit vertraut, in den Hof hinaus, in welchen das Fenſterloch mündete. Das Halloh in den Gängen des Hauſes, um den ausgebrochenen tollen Waldenſer zu fangen, miſchte ſich draußen mit dem Geſange der Schaaren vom heiligen Gericht, die Niemand anders als juſt den entſprungenen Ketzer forderten. Ich hätte dort, als Ziel deſſelben Begehrens, ebenſo wenig den Eifer der Verfolgung beſchwichtigen können wie im Innern des Hauſes; ich vertraute auf das gute Na⸗ turell des Menſchen aus den Bergen, auf die Pfiffigkeit des Wildes, das in Gefahren geſchult und gewitzigt iſt. Aber das Unheil wuchs. Der Arme hatte aus dem engen Hof keinen Ausgang gefunden. Mühſam war er an einer Dachrinne hinaufgeklettert und in ein oberes Stockwerk gelangt. Allein auch dort war die Wuth der Verfolger ſchon wach; Trepp' auf und ab durch die Gänge gejagt, mußte er endlich, hart bedrängt, aus einem Fenſter hinaus zum zweiten Male einer Regenrinne ſich anver⸗ trauen. Sie war kein ſo treuer Leiter und Helfer in der Noth wie die frühere; ſie riß unter der Gewalt des Schwunges, den er ſich gab, ſie zu erfaſſen, mit ihren Fugen und Eiſen aus der Mauer, ſtürzte mit ihm kopfüber drei Stock hoch nieder und zerſchlug mit ihm auf den Quadern der Straße. Ich war hinausgeeilt mit dem Bemühen, den Eifer der Verfolger auf falſche Fährte zu locken; ich ſah den armen Freund vor meinen Augen zuſammenſtürzen, mit einem Schlage zerſchmettert, eine Beute des Todes. Sein Fuß, den der Mond ſchon auf gefahrvolleren Pfad verlockte, lag zerbrochen, ſein Leib, den der Nachtwandler leicht, ſicher, faſt ſpielend auf den Firſt des Daches getragen, war mit der Schwere ſeines wachen Zuſtandes zerſchmettert und zermalmt. Nicht einen Blick hatte der Arme mehr für mich; ſeine Hand war noch warm, der Buſen glühte, aber das Uhrwerk des Herzens ſtand ſtill, Rad und Spindel waren geknickt, der zerbrochene Zeiger wies auf die uns un⸗ gewiſſe Ferne, wo wir die Zeit nicht nach Stunden, ſondern nach Aeonen meſſen. — 5 So ſtark das Geräuſch des fallenden Körpers ſammt dem zu⸗ ſammenbrechenden Eiſenwerk war, ſo ſchien die Aufmerkſamkeit der Verfolger doch auf anderer Seite lange genug gefeſſelt, um raſch für den todten Körper meines armen, wilden Freundes Sorge tragen zu tonnen. Ein Paar Leute vom Strande, gute Burſchen ohne Furcht und Scheu, ließen ſich Augenblicks gewinnen, um ſich ſeiner zu bemäch⸗ tigen.„Ein armer Junge aus den Bergen;“ ſagt' ich ihnen,„un⸗ ſchuldig verfolgt, ein geſtörtes Gehirn, that nie jemand wehe!“ Damit beſtach ich ſie, und zwei Schultern trugen die ſchnelle Beute des Todes ſchon bei Seite, als der Strom der Menge mit den Die⸗ nern des Collegiums heranſchwoll.„Begrabt ihn ſtill!“ empfahl ich noch den Fiſchern,„ſcharrt ihn an einer Waldecke ein, oder verſenkt ihn mitten ins Meer, all' eins! Die Mutter Erde iſt überall des Herrn, wo der Menſch nicht mit der Qual ſeiner Gedanken ihren Frieden ſtört!“ Das Gerücht, der Ketzer ſei auf und davon⸗ ließ die Verfolger bald genug von ihrem Vorhaben abſtehen. Ich ſchlich in den tiefſten Schatten der Gaſſe, in den verborgenſten Winkel des Gebäudes, um mit meinem Schmerz allein zu ſein und Pirrho's armer Seele in meinen Gedanken eine ſtille Meſſe zu leſen. Wie der Tag anbrach, ward mir mein Miſſiv zur Reiſe nach dem deutſchen Norden überbracht. Der Genoſſe, zu dem ich für dieſe Fahrt geſellt wurde, weil meiſt je ihrer Zwei zu gegenſeitiger Bewachung mit Aufträgen an die zerſtreuten Miſſionshäuſer betraut werden, war Niemand anders als der germaniſche Bruder, Pater Burkhart, genannt Broccardo.„Gott zum Gruße und nichts für ungut!“ war ſein erſtes Wort, mit dem er mich bewillkommnete und mich beglückwünſchte. Er gehörte zu Denen, die Gott auf den Lippen haben, ihn auch ſonſt von Herzen gern einen guten Mann ſein laſſen. Burkhart war angewieſen, mir in jeder Weiſe möglichſt zu willfahren und freien Spielraum zu geben. Ich ſetzte ſeine Nachgiebigkeit ſo⸗ fort auf die Probe, als ich ihm bemerklich machte, ich würde zuvor nach Turin, wo nicht nach Paris gehen, während Genf als die möglichſt bald zu erreichende Station in ſeiner Vorſchrift ſtand. Ich mußte dem Rufe folgen, zu Turin in den Bund mit Männern zu treten, zu denen Rabbi Laſſe und ſeine Genoſſen zählten. dem jl⸗ amkeit der n raſch füt tragen zu urcht und u hemäch⸗ nen,„un⸗ d wehe“ ulle Beute den Die⸗ nyfahl ich verſenkt berall des ken ihren den tieffen Gebiudes⸗ le mer Set zuſe n mich fü etraut e „Pater 5— Die Sonne ſtieg blutig hinter mir aus dem Meere, als ich Genua verließ. In Genf, ſo war die Verabredung, ſollte der Ge⸗ fährte meiner harren, mit dem ich dann ſpäter über die Alpen nach dem deutſchen Norden zog. Hiermit ſchließt der eine Theil der Bekenntniſſe, die in der Handſchrift vor uns liegen. Für die nächſten fünf Jahre findet ſich nichts in den Papieren verzeichnet. Es ſcheinen für den Schreibenden Jahre geweſen zu ſein, die einer Oede, einer Steppe glichen mitten im Blüthen- und Fruchtland ſeines Lebens. Von ſeinem Aufenthalte in Turin, in Frankreich, in der Schweiz iſt nichts berichtet. Erſt nach dieſer langen Pauſe beginnen die Mittheilungen von neuem; ſie führen uns auf deutſchen Boden, und die Herausgeber dieſer Denkwürdigkeiten überliefern die weiteren Erlebniſſe des Grafen Giuſeppe della Torre wie folgt. Zwanzigſtes Kapitel. Deutſchland und ſeine Religionskriege. So bin ich denn nun mitten in dieſem wunderbaren Deutſch⸗ land, das mir oft genug eben ſo wunderlich erſcheint.„Hier werdet Ihr Euch wohlfühlen,“ ſagte Pater Burkhart zu mir, als wir in dem erſten deutſchen Gaſthaus unſere Herberge hielten und die erſten Laute ſeiner heimiſchen Mundart an unſer Ohr ſchlugen.„Hier werdet Ihr Euch wohlfühlen!“ ſagte er mit einem Gemiſch von Gut⸗ müthigkeit und Spott,„hier zu Lande kann Jeder nach ſeiner Fagon ſelig werden!“— Es iſt dies einer jener Ausſprüche des Königs der Boruſſen, deſſen Witzworte in der ganzen Welt umlaufen. Dieſer Friedrich ſcheint mit Bonmots aus der Voltaire'ſchen Schule ſein Zeitalter eben ſo ſehr beherrſchen zu wollen, als er mit deutſcher Fauſt D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 38 594 Provinzen des heiligen römiſchen Reiches anſichreißt. Man rüſtet ſich abermals gegen ihn, um ſeinen Anmaßungen zu begegnen, während man doch an allen Ecken und Enden ſeinem ſtarken Geiſte huldigt, ſeine Einfälle bewundert oder belacht. Ich erinnere mich, daß der Schrecken ſeines Namens ſelbſt bis nach Rom drang, und der heilige Vater ſich ernſthaft bekreuzte, als Monſignore Borgia ihm bei Tiſche als Würze eines jener vielen Pfefferkörner des königlichen Witzes anbot. Pater Burkhart's Miſſion ging zunächſt nach Dillingen, dem Sitze des Biſchofs von Augsburg. Aber wir verfehlten dort den Prinzen des ſächſiſchen Hauſes, der dies Bisthum mit dem von Trier vereinigte. Wir reiſten in Eilmärſchen durch Bayern, und nur die kriegeriſchen Bewegungen zwangen uns, im Kloſter B. Raſt zu halten. Pater Burkhart hatte hier Freunde und verſchaffte auch mir einen Um⸗ gang, den ich mir nicht beſſer wünſchen könnte. Wäre der Glaube der alten Mutterkirche überall in Deutſchland ſo aufgeklärt, wie unter dieſen gelehrten Benedictinern, ſo bliebe nur zu hoffen, daß die pro⸗ teſtantiſchen Chriſten auch ihrerſeits geneigt wären, ſich zu einer neuen Kirchengemeinſchaft mit uns zu verbrüdern. Der Prälat, Abt Valerius, ein langer hagerer Mann, hat eine gewiſſe redliche Ehrwürdigkeit, die keineswegs einem finſtern Aberglauben in die Hände arbeitet. Er zeigte uns die koſtbare Monſtranz des Kloſters. Auf der einen Seite beſteht ſie aus großen Aehren von Diamanten, die das Brod des Herrn vorſtellen; auf der andern aus Trauben von Rubinen, die auf den Wein bei'm heiligen Abendmahl deuten. Burkhart äußerte einen Zweifel über die Echtheit der Diamanten.„Ich weiß,“ ſagte der Abt,„man trägt ſich mit dem Gerücht, einer meiner Vorgänger habe aus dem Erlös der echten Steine den Ankauf unſerer Bibliothek beſtritten. — Es iſt genug,“ fügte er mit ſeiner ruhigen Würde hinzu,„wenn der Glaube des Volkes an die Wirkungen der Monſtranz echt iſt! Wir, die wir die Wiſſenden ſind, ſchöpfen doch ganz wo anders Kraft und Erhebung.“— Er wies dabei mit dem Stolz eines gelehrten Be⸗ wußtſeins auf die Räume, wo die Bücher ſtehen. Pater Placidius, der Oberbibliothekar des Kloſters, ſtand neben uns und fühlte ſich in ſeinem ganzen Werth. Auch Pater Beda, der exegetiſche Schriften verfaßt hat, auch Pater Franciscus, der aus dem Franzöſiſchen über⸗ lan rüſtet ſch ien, während eiſte huldigt, ich, daß der d der heilige nbei Tiſche chen Vitzes lingen, den ten dort den m von Trie und nur die ſi zu halten. reinen Un⸗ der Glaube t, wie unirr daß die prb⸗ einer nellen lbt Bulenus, die inigkeit Er rbeitet. neinen e „Prod des n die auf einen Seite nen di ußerte „ſagte del er habe aus beſritten⸗ „wenn 1 tiß! Vit, ft und e ſetzt, Alles iſt hier Schriftſteller, und ſelbſt einige Laienbrüder ſchreiben Choralbücher auf Pergament ab, mehrere von den frommen Vätern ſind äußerſt geſchickt in der Malerei der Initialien. Pater Johannes, der Mathematicus, ein kleiner, lebhafter Mann, iſt mit einem Grundriß vom Kloſtergebiet beſchäftigt, auf den er jedes Haus, jede Hütte und jedes Ställchen, genau vermeſſen, einträgt; die Einkünfte und Ab— gaben beſchreibt er daneben im Texte. Er wies uns auch ſeine Samm— lung von Mineralien und Petrefacten, die er bei'm Vermeſſen des Landes zuſammentrug, und bei dieſer Veranlaſſung war es, wo dieſer kleine rührige Mann uns unter vier Augen die Zweifel gegen die Echtheit der Steine in der Monſtranz erhärtete.„Thut nichts zur Sache!“ ſagte er mit ſeinem gutmüthig liſtigen Lächeln,„unechte Steine ſind doch immer noch mehr werth, als eine unechte Gurgel des Ritters Sanet Georg und ein falſcher Finger der heiligen Ger⸗ trud, was ſie beides da drüben im Bamberger Donmſtift in naturn aufweiſen wollen!“ So offen, naiv und leutſelig ſind hier Prieſter der alten Mutterkirche! Ich glaube, ſie wären, wenn man ihre gute Einſicht walten ließe, reif zu einem guten Einverſtändniß mit den chriſtlichen Ketzern. Sie ſind aufgeklärt genug, um ihren Verkehr mit Proteſtanten in jeder Weiſe zu pflegen. Der Dienſt im Kloſter iſt gering, die Obſervanz nicht ſtreng, man kann hier ganz ſeinen Studien leben. In welchem Zuſtande dabei das Volk verbleibt, iſt freilich eine andere Frage. Ich fürchte, die Aufklärung hält ſich unter den Deutſchen in geſchloſſenen Logen feſt und erſchrickt vor ſich ſelber und dem tauſendfachen Zwieſpalt, den ſie anregt, wenn ſie ſich mit ſcheuem Tritt hinaus in die Wirklichkeit wagt. Am fürſtlichen Hofe zu Bamberg fand ich Nichts von jener ſchlichten Erhabenheit, Nichts von jenem dunklen Tiefſinn, den ich in den rechtgläubigen Ländern des heiligen römiſchen Reiches deutſcher Nation erwartete. Auf dem Petersberge liegt die Reſidenz des Bi⸗ ſchofs von Bamberg, der zugleich mit Würzburg belehnt iſt. Adam Friedrich, ein geborner Graf von Seinsheim, iſt ein Mann der Auf⸗ klärung, zieht ausländiſche Manufacturiſten herbei und liebt Pracht und äſthetiſches Vergnügen. Er ſpricht faſt nur franzöſiſch, und ſeine Günſtlinge ſind immer einige Pariſer Abbes, die an ſeinem Hofe à la Voltaire den Schöngeiſt machen. Seine Zeit iſt ziemlich regel⸗ 385 — 596— mäßig auf Jagden, italieniſche Opern und franzöſiſche Komödien ver⸗ theilt. In Pommersfelden, einem ſeiner pompöſen Luſtſchlöſſer, ſahen wir neulich ein Schäferſpiel, in welchem ſich mein Landsmann, der berühmte Zachini, bewundern ließ. Auch die Frau des fürſtlichen Hofkapellmeiſters, Signora Fracaſſini, welche die beſondere Gunſt Sr. biſchöflichen Gnaden beſitzt, wird als Bravourſängerin gefeiert und von den Herren am Hofe vergöttert. Die Muſik in den Kirchen iſt hier allerorts ganz opernmäßig, Trabanten mit Stäben ſtolziren mit großem Schaugepränge in den Hallen auf und ab, während römiſche Parade⸗ ſänger ihre wollüſtigen Töne gurgeln. An die Strenge der ambro⸗ ſianiſchen Kirchenregel gewöhnt, wie ſie in Mailand herrſcht, wo kein üppiger Geigenton im Tempel Gottes laut werden darf, muß mir die Weltlichkeit des deutſchen Kirchendienſtes um ſo mehr auffallen. Vergeblich hab' ich bis jetzt auf jene erhabene geiſtliche Muſik ge⸗ lauſcht, an welcher Deutſchland ſo reich ſein ſoll. Wo find' ich über⸗ haupt den Ernſt, der dieſer Nation inwohnen ſoll? In welchen Höhlen lauert er, an welchen Ketten liegt er? Verkriecht ſich dieſes Volk vor ſich ſelbſt? Hat es ſeine eigene Natur verloren?— Ich weiß freilich nicht, wie dies hundertfach zerfetzte Deutſchland dazu kommen kann, einen gemeinſamen Gedanken zu faſſen, um zu ſich ſelbſt zu kommen. Jeder Fußbreit Landes hat hier eine andere Geſtalt. Hier ſind nicht blos, wie bei uns in Italien, die Städte zu Staaten, die Provinzen zu Reichen und die Stämme zu beſondern Völkern geworden; hier iſt faſt jedes Dorf gegen das andere verbarrikadirt, äußerlich durch Schlagbäume, Mauthen und Zollſperren, innerlich durch provinzielle Vorurtheile, die jeder kleinſte Ort mit der Hals⸗ ſtarrigkeit eines Vierfüßers feſthält. Jeder iſt hier eiferſüchtig auf den Andern, will ſelbſtändig ſein auf Koſten des Andern und hält ſich gegen den Nächſten verſchanzt. Das Wort„Heimtücke“ ſcheint recht eine deutſche Erfindung zu ſein. Und un ſich gegen den Nachbar draußen trotzig abzuſchließen, erträgt man zu Hauſe mitunter die ärgſte Sklaverei. Dieſe hundertfache Selbſtändigkeit der vielen einzelnen Punkte, die kein großer Gedanke mehr bindet und eint, das nennen ſie ihre Freiheiten. In einer Provinz betet man an, was in der nächſten als Teufelei verſchrieen wird. Einer und der⸗ ſelben Sache baut man hier Altäre, dort Kerker, und ſo iſt dies — omödien ver⸗ hlöſſu, ſchen dsmann, der es fürſtlichen re Gunſt Sr. gefeiert und irchen iſt hier nnit großen iſche Porade⸗ e der ambro⸗ ſcht, wo kein f, miß nit hr auffallen⸗ e Muſik ge⸗ ich über⸗ In welchen ht ſic dieſes ſchland dazu „Un 3 ſi ndun Geſtlt zu Staate⸗ dern Löllern fadirt⸗ nd e vurbenri innerlih Hals⸗ it der eſüchtig auf Andem und půntii i6 gegel den olſe nitunter der vielen et um eint, u un an . und der⸗ zo iſ dies — 597— tieffinnige Volk, das immer das Größte erdachte und es nie feſt⸗ zuhalten, nie nach Außen hin zu geſtalten wufte, unſelig ʒerwifi erriſſen, in ſeinen Fundamenten aufgelöſt. Es iſt, als ob p Zwi ſpalt wie ein Fluch auf dieſem Volke laſtete. Aeußerlich iſt Deutſche phlegmatiſch, und innerlich verzehrt ihn ein ſeltſamer D 5 nach den Geheimniſſen der Geiſterwelt. Sie bücken ſich vor gebrachten Tyrannei und ſtiften ganz im Stillen heimliche 8 wo ſie der Freiheit Altäre bauen. So ſind denn die Lo Zufluchtſtätten der frei Denkenden und der edel Seven Aber ſie thun das Maurerthum wie Sonntagsandacht ab tagen weiter. Ich ſuche eine Loge, die ſich im Leben der in bethätigt, einen Verein der Freien und Edlen, der es 6 Aufgabe macht, die Menſchenwelt umzugeſtalten, die ne Wirklichkeit zu machen. Die Wahrheit ſoll nicht in e ſie ſoll ſich der Lebensformen bemächtigen; Macht haben, um Propaganda zu e e ation aber nicht anders als in ſich das el der geſtaltung ſuchen. Die Fürſten ſei Sſ uüſſen; an den katholiſchen Höfen ſind die Italiener gic im Korbe, die proteſtantiſchen Höfe ſind ſei S ſeufzen oder lächeln über den finſtern Glauben und uſ Volk in ſeiner dumpfen Nacht.— Und wie find' ich 6 unde Pe ſie ſich ganz abgelöſt vom Zuſammenhang ne ern? Oder ſind ſie von einer Sehnſ Eini der alten Kirche erfüllt? Haben zum Zwieſpalt, ohne den Punkt zu finden, wo der Chriſt 3 8 Menſch dem Menſchen die brüderliche Hand zun Bunde git recht, was ihnen Chriſtus iſt. Die Einen den dem Gott der Gnade, vor dem die Creatur in ihrem 3. 4. Sie ſtellen ihn ſehr hoch, aber erheben ſich 4 e ihm zur Seite, nennen 5 n aufgeklärten Menſchen, der die rei S 6 ſich leider ſoviel Wundergeſchichten ne bis zur Anerkennung der Macht des eib, ringen es dieſe Rationaliſten nicht? Wer nicht, daß das Chriſtenthum reich genug iſt, um alle dieſe — 596— Secten zu unfaſſen, in denen bald das Herz, bald der Verſtand vor⸗ herrſchend Sprache gewonnen! Aber ſie haben den Mantel Chriſti in tauſend Stücke zerfetzt, und jede Partei hält den abgeriſſenen Zipfel für den ausſchießlichen Inbegriff ſeiner heiligen Erſcheinung auf Erden! In der freien Reichsſtadt Ulm, die in ihren Mauern nur lutheriſche Chriſten duldet und einem Reformirten kaum für Eine Nacht ein Ruhelager geſtattet, las ich an den Straßenecken als Neuigkeit den Anſchlag eines Buches mit dem Titel:„Lieber türk'ſch als ealvin'ſch!“— Wie wir in Stuttgart Raſttag hielten, brachte mir der Gaſtwirth auf meine Bitte um ein gutes deutſches Buch ganz heimlich das Buch der Bücher. Aber es war in einer eigenthümlichen Abfaſſung, es war die ſogenannte Wertheim'ſche Bibel. Die alte Bilderſprache iſt hier in gewöhnliche Ausdrücke, in profane Redens⸗ arten von heute verwandelt. Dieſe gemeine Sprache läßt ſich nicht mehr mit Erfolg citiren, oder die Prophetie der Bibel verliert darin ihr Gewicht. Deshalb haben die frommen Leute in Halle die„Bos⸗ heit“ dieſes Ueberſetzers entlarvt. Es ſei, ſagen ſie, in tauſend Jahren kein ſo heilloſer Betrug geſpielt. Der Gaſtwirth zur goldnen Gans in Stuttgart ſchlug mir im„Reichspoſtreuter“ aus alten Jahrgängen die Verbote auf. Die gute Stadt Nürnberg hat das Vergehen, dieſe Bibel zu leſen, auf fünfzig Thaler gutes Courant angeſchlagen. Kur⸗ ſachſen meinte, das Verbrechen ſei hundert Thaler werth; die Krone Preußen verſtieg ſich bei Confiscation der Wertheimer Bibel auf hundert Goldgulden.„Wir in Stuckert,“ ſagte der gemüthliche Wirth und ſchob liſtig ſein Käppchen auf's linke Ohr,„wir in Stuckert haben nitt ſo eiteln Preis d'raufg'ſetzt, aber geheim halte müſſe wir's dennoch; unſer Herr Pfarrer in der Kirche hat ſiebenundzwanzig Sonntage über die Frechheiten des gottloſen Herrn Schmidt ge⸗ predigt.“ Dies iſt der Name des Ueberſetzers. Es ſind etwa fünf⸗ zehn Jahre her, da ward er in Wertheim auf die peinliche Anklage des Reichshoffiscals gefänglich eingeſtect. Sein Proceß ſollte auf Koſten des fränkiſchen Kreiſes geführt werden; da aber der fränkiſche Kreis ſich nicht dazu verſtehen wollte, ſo zog ſich die Unterſuchung in die Länge.„Inzwiſchen,“ ſagte mein guter Wirth,„hat man den Inquiſiten entwiſchen laſſen!“ Verſtand vor⸗ lantel Chriſti abgeriſſenen Erſcheinung hren Mauern n kaum fir aßenecken als ieber türk'ſch lten, brachte es Buch gonz genthümlichen l. Die alte ane Redens⸗ t ſih nicht erliert darin le die„Bos⸗ uſend Juhren nen Gans in Jhrgingen rgehen, diſ lagen. Kur⸗ die Krone Bibel uf gnit thliche r in S St Stut hallte niſſe m undz pwanzig Schmidt ge aa fün⸗ iche 3 6 ſ ſolte Noch peinlicher aber als die Anklage des Reichshoffiscals find' ich die heimliche Auflauerei der Leute unter einander, um auszu— mitteln, wes Glaubens Kind man ſei. Und wehe dem, den ein be⸗ ſonderes Gelüſt nach den geheimen Schätzen des Chriſtenthums bei Andersgläubigen dazu treibt, die Gränzen ſeiner ihm angeborenen Kirche zu überſchreiten! Nach der Ueberzeugung der gründlichen norddeutſchen Gelehrten ſteht der Verluſt der ewigen Seligkeit darauf. Und ſo eifrig ſonſt die Herren vom Worte Gottes ſich bei Hofe um weltliche Gunſt bemühen, in dieſem Punkte hauen ſie blind drein mit der Fauſt, oder mit der Zunge, die manchem deutſchen Mann wie eine Fauſt aus dem Maule hängt. Als die Prinzeſſin von Wolfen⸗ büttel an den ſpätern Kaiſer verheirathet wurde, ſchrieb der gelehrte Fabricius eigens ein Buch, um nachzuweiſen, daß den katholiſch Gläu⸗ bigen nicht das ewige Heil jenſeits entzogen bleibe. Aber ein zelo⸗ tiſcher Herr Löſcher widerſtritt dieſer, wie er ſagte, gar frechen Be⸗ hauptung; der katholiſche Glaube, ſagte er in einer grauſamen Schrift, ſei ein Gräuel Gottes. Die Facultät der kleinen Hochſchule zu Helm⸗ ſtädt vertheidigte ihren Fabricius, aber die Tübinger verketzerten die Helmſtädter, und die Helmſtädter verunglimpften die Wittenberger, die ihrerſeits wieder mit den Hallenſern darüber zerſielen, und dieſe, die Hallenſer, als die allerfrömmſten Leute, verdammten alle Welt. Die Sache ward hochverrätheriſch, denn die arme unſchuldige Seele der Prinzeſſin von Wolfenbüttel lief Gefahr, von den wüthenden deutſchen Gelehrten zerriſſen zu werden. Als der große Kanzel⸗ und Katheder⸗ ſtreit ausgetobt hatte, war Jeder ſo klug wie zuvor. Die hartköpfigen Hofprediger in Wolfenbüttel blieben der Meinung, ein Glaubens⸗ wechſel, er ſei zu Gunſten der katholiſchen oder der reformirten Kirche, ziehe den Verluſt der ewigen Seligkeit nach ſich. Als ſie dem Her⸗ zoge wegen ſeiner Zuſtimmung in die Heirath gar das Abendmahl verweigerten, machte er von ſeinem Hausrecht Gebrauch und jagte ſie zum Lande hinaus.— Das ſind ganz einfache, wahre und alltäglich ſich wiederholende deutſche Hiſtorien.— Deutſchland hat alſo auch ſeine Inquiſition, nur handhabt ſie Jeder, Lutheraner, Katholik und Calviniſt, wie er mag und kann, auf eigne Fauſt. Es kann bier alſo, wie der König der Voruſſen ſagt, Jeder„nach ſeiner Facon“ ſelig, aber auch nach der Facon deſſen, der die Oberhand hat, die — 600— Treppe hinunter und zum Hauſe hinausgeworfen werden. Bricht er dabei den Hals, ſo iſt das nur dieſelbe Fagon, in der er Andern ihr leibliches und ewiges Wohl ſtreitig macht. Die tiefſinnige deutſche Freiheit, beruht ſie vielleicht auf dem alten berühmten deutſchen Fauſt⸗ recht? Im Schwaben- und Frankenlande war erſt ganz kürzlich der Hohenlohiſche Religions- und Familienkrieg beigelegt. Die Linien Waldenburg, Bartenſtein und Schillingsfürſt waren nach dem weſt⸗ fäliſchen Frieden zur katholiſchen Kirche zurückgetreten, gaben jedoch fortgeſetzt, wie es heißt, den evangeliſch gebliebenen Unterthanen mehr⸗ fach Anlaß zu Klagen über Beeinträchtigung. Nach dem Normaljahr 1642 blieb die evangeliſche Kirche die in dieſen Landen herrſchende; allein die Fürſten gaben ihrem Hofgottesdienſte, den zu halten der weſtfäliſche Friede ſie berechtigt, eine größere Oeffentlichkeit, ließen Pro⸗ eeſſionen durch die evangeliſchen Städte ziehen, erlaubten benachbarten Kloſtergeiſtlichen, Pfarrgeſchäfte zu üben, ſchmälerten dadurch die Einkünfte der evangeliſchen Geiſtlichkeit und erlangten in einigen lutheriſchen Kirchen die Geſtattung des katholiſchen Gottesdienſtes. Das wäre ſehr ſchön, beruhte das auf Gegenſeitigkeit; aber es geſchah aus Haß und Feindſchaft, und wer Wind ſäet, ſagt hier ein Sprich⸗ wort, wird Sturm ernten. Nun rückte vor einigen Jahren(1744) das Oſterfeſt heran, für die Katholiſchen aber um zwblf Tage früher. Die fürſtlichen Regierungen geboten allen Unterthanen eine gleich⸗ zeitige Feier nach dem verbeſſerten römiſchen Kalender, den die Evan⸗ geliſchen nicht anerkannten. Das evangeliſche Conſiſtorium zu Oehrin⸗ gen verſagte dieſem Gebote Gehorſam. Da wurden fünf Prediger abgeſetzt, das Conſiſtorium aufgehoben. Dawider klagten nun die evangeliſchen Linien des Hauſes Hohenlohe, die Linien Neuenſtein, Oehringen, Kirchberg und andere, wegen Verletzung der Familien⸗ verträge bei'm kaiſerlichen Reichshofrath. Sie erlangten einen für ſie günſtigen Entſcheid; die katholiſchen Linien wurden bei Androhung der Execution zur Wiederherſtellung des früheren Zuſtandes ver⸗ urtheilt. Das markgräfliche Anſpach hatte die Executionstruppen zu ſtellen; auch an Kurbrandenburg, Kurhannover, Kurheſſen, Sachſen⸗ Gotha erging kaiſerlicherſeits die Aufforderung, die nöthigen Truppen in Bereitſchaft zu halten. Die Gemüther waren noch ganz erfüllt Bricht er et Andern ige deutſce ſchen Fuſ⸗ fürzlich der die Linien den weſt⸗ aben jedoch hanen mehr⸗ Normaljahr herrſchende: halten der ließen Pro⸗ enachbarten adurch die in einigen ttesdienſes. res geſcheß in Syri⸗ en(144 in gli⸗ die Cvan⸗ 9ehrin⸗ f Prdige n nmun die Neuenſtil, zmilin inen fin undnhn e 5 er⸗ andes ve nomyen 601— von dieſen kaum beigelegten Stürmen, ſie dampften gleichſam noch vom Eifer des Religionskrieges. Während deſſen rüſtete der Bo⸗ ruſſenkönig von neuem, als wollt' er dem ganzen Wirbel ein Ende machen. Von Bamberg bis Erlangen macht man nur einen Weg von vier bis fünf Meilen, und doch fühlt man ſich plötzlich auf dieſem kleinen Raum in eine ganz andere Welt verſetzt. In Bamberg fette Triften, volle, runde Geſichter; im Wirthshauſe ſchwere Schüſſeln, daß der Tiſch kracht; unter'm Krummſtabe ſagen die Leute, iſt gut wohnen! Im proteſtantiſchen Erlangen magerer Sandboden, aber lauter helle Geſichter, eilige Füße, nie ruhende Hände. Dort das ſatte Behagen des reichen Ackerbauers, hier die flinke Rührigkeit der Gewerbe. In Bamberg hohe Häuſer mit einer Architektur voller Pomp und Stolz, aber ſchmutzig und Nachts ohne Erleuchtung. In Erlangen niedrige, profane Häuſer, aber reinlich und Nachts mit Laternen erhellt.— Man ſpricht mir viel von einem Gegenſatze zwiſchen Ober- und Niederdeutſchland. Mir däucht, man hat dieſen Unterſchied faſt überall gleich bei der Hand; wenige Meilen genügen, ihn zur Erſcheinung zu bringen. Die ganze Natur dieſes Volkes und Landes ſcheint dieſe Mannickfaltigkeit zu bedingen. Hielte nur irgend ein mächtiger Gedanke dieſe auseinandergefallene Welt der Deutſchen zuſammen! Aber in dieſem Hange zu Gegenſätzen zer⸗ arbeiten ſich alle Kräfte, und mit ſeltener Hartnäckigkeit beſteht Jeder um ſo eifriger auf ſeiner Meinung, je dunkler der Gegenſtand ſchim⸗ mert, den er mit gläubigem Auge in hellem Lichte zu erblicken meint. Wir ſaßen in Erlangen ganz harmlos in einer jener rauchge⸗ ſchwärzten, bierklebrigen Tavernen, in denen deutſche Studenten zechen und ſingen. Mein Socius Burkhart iſt ganz ſtolz auf ſeinen natio⸗ nalen Gerſtenſaft, Cereviſia genannt, gleichbedeutend, ſagt er, mit dem Kurmi der alten Kreter. Auch die alten Aegypter, eifert mein Sodale, brauten ſchon Gerſtenſaft; Oſiris hatte ihn erfunden. In deutſchen Landen feiern ſie den König Gambrinus als den Erfinder. Wie ich zum erſten Male den braunen Saft getrunken, war es mir wirklich, als müßten mir die Geheimniſſe der alten Aegypter zu Kopf ſteigen. In der Taverne zu Erlangen tranken und tobten deutſche Studenten. Es ſind dies wilde, wüſte Geſellen, in zerlumpten Röcken und zer⸗ — 6 riſſenen Schuhen, in langen Bärten und mit nackter, behaarter Bruſt, den Schläger an der Seite und ſchnell fertig mit der Fauſt. Ich dachte bei'm erſten Anblick an die Lazzaroni Neapels. Wie eine Horde Räuber, die ſich um ihre Beute ſtreiten, ſaßen ſie da. Aber ſie debattirten über die allerheiligſten Dinge. Ein kecker Burſch, ein reformirter Theolog, mit einer doppelten Schmarre im Geſicht, ſtellte den Satz auf: Luther ſei in vielen Dingen gar ſehr„auf dem Holz⸗ wege“ geweſen, er habe noch an die wirkliche Verwandlung bei'm Abendmahle geglaubt. Alsbald brach eine heftige Parteiung aus, ob Brot und Wein nur bildlich als Leib und Blut des Herrn zu nehmen ſeien. Die„lutheriſchen Dickköpfe“ ſtritten heftig dagegen, und während ſie ſo von ihren Gegnern geſcholten wurden, ſchlugen ſie auf den Tiſch, daß die Bierkrüge zitterten, und ſchwuren den„reformirten Spitzköpfen“ den leibhaftigen Tod.„Euer Luther,“ ſchrie ein Gegner, „hatte noch den Auguſtinermönch im Leibe! Hat er nicht auch mit dem Tintenfaß nach dem Teufel geworfen?“ Dies gab das Signal, den Teufel wirklich loszulaſſen. Jeder ſah jetzt in ſeinem Gegner den böſen Dämon, und ſtatt des Tintenfaſſes dienten die Bierkrüge zu Wurfgeſchoſſen. Die Schläger waren blank, Tiſche und Stühle wurden in Batterien verwandelt und mit wildem Geheul fielen die Kämpfer über einander her. Es floß Blut in dieſem Abendmahls⸗ ſtreit und wir hatten ein wunderbar burleskes Schauſpiel von dem praktiſchen Ernſt dieſes religiöſen Deutſchlands. Nur Wenige ſaßen am Ende des Saales ganz unbetheiligt am Vorfall; ſie ſchlürften ruhig ihr perlendes Bier, während das Blut der Brüder floß, und blieſen gemächlich weite Dampfwolken aus ihren Nüſtern.„Wir ſind Philoſophen,“ ſagte Einer von ihnen, mit dem ſich Pater Burkhart einließ.„Wir wiſſen, daß die Wahrheit weder auf dieſer, noch auf jener Seite liegt; ſie ſteht gleich weit entfernt über beiden Parteien.“ —„Sehr wahr, gleich weit entfernt von beiden,“ ſagte Burkhart mit verſtecktem Lächeln und drückte einem fremden geiſtlichen Herrn die Hand, deſſen Bekanntſchaft er ſchon früher gemacht zu haben ſchien.„Laßt ſie nur kämpfen, bis ſie athemlos am Boden liegen, dann iſt auf beiden Seiten die Ernte für uns um ſo ſicherer.“ Paſtor Dreikorn, ſo nannte ſich der Fremde, ſchüttelte wehmüthig den Kopf, als wir uns vor dem Tumult auf die Gaſſe flüchteten. gartet Buſt, Fuuſt. Ich Vie iine ie da. Aber Bunſch, ein eſicht ſtlle f dem Hoh⸗ dlung bei'n ung aus, ob nzu nehmen agegen, und lugen ſie auf „reformirten ein Gegnel, t ouch nit das Signal inen Gegnet ie Bierkrige dStühle un Hie ul filen du Abendnahle⸗ ſoß⸗ Pir ſind Purkhart noch auſ Parteiel⸗ Pulhnt * lichen b. t tubtn den iehene — 603— Er iſt evangeliſcher Prediger in der freien Reichsſtadt Rürnberg. Er rief ſein Wehe über dieſe Zerwürfniſſe des Chriſtenthums, er pries die römiſch Gläubigen glücklich, die mitten im Sturm des Le⸗ bens nie ohne Steuermann und Compaß ſeien. Als er ſchied, nahm er auch mir das Verſprechen ab, ihn in ſeiner guten freien Stadt heimzuſuchen. Da er in uns die römiſch Gläubigen erkannte, mußt' ich auf ſeine Vertraulichkeit mit Pater Burkhart ſchließen, denn wir ſind hier in ganz weltlicher Tracht und mit Päſſen herge⸗ reiſt, die uns als proteſtantiſche Chriſtenkinder bezeichnen. Sie waren franzöſiſch aus Genua, aus Génes, ausgeſtellt, allein Burkhart hatte an dem Worte radirt und gepinſelt, ſo daß man eben ſo gut Géndve, Genf, leſen konnte. Ich weiß nicht, welche Zwecke mein Begleiter noch ſonſt damit verknüpfte, aber ſchon in Ulm hätten wir ja als katholiſche Chriſten kein Strohlager zur Nacht bekommen. Die Stadt Erlangen verließen wir in einem Zuſtande, der faſt an Aufruhr gränzte. Aus dem Streit der Studenten erwuchſen Straßentumulte, an denen die Bürger Antheil nahmen. Der Mark⸗ graf, der in dieſen Landen gebietet, mußte Dragoner abſchicken, um den großen Abendmahlsſtreit der Studenten zu ſchlichten. Einundzwanzigſtes Rapitel. In der Schenke zu Dunkelsbühl. Wir mußten uns vor den preußiſchen Werbeoffizieren flüchten. In Erlangen hatten ſie unter einer Anzahl Studenten, die„scandali halber“ fortgewieſen wurden, eine zahlreiche Beute gemacht. Der Markgraf iſt der Schwager König Friedrich's, und während er als Reichsfürſt ſeine Truppen ſtellen ſoll, läßt er doch überall die dreiſten Werbungen für die preußiſchen Fahnen zu. Das Reich will dem Könige den Krieg erklären, und doch ſchweifen die blauen Huſaren mit einem Rudel junger Burſche bis dicht an die Thore von Nürn⸗ berg. In den Schenken ſingen ſie Lieder auf ihren königlichen — Helden, und die Jugend verläßt den Pflug auf dem Felde, Bücher und Schreibpult in der Schulſtube. Nicht das Handgeld, das die Huſaren bieten, der Ruhm des Königs reißt ſie fort. In Dörfern und Städten, ſelbſt in Klöſtern und am Altar der Kirchen wird ge⸗ worben; der preußiſche„Antichriſt“ ſcheint wie ehedem der Hunnen⸗ könig ein neues Jahrhundert über Deutſchland heraufzuführen. Der Kaiſer hat keine Macht, die Kirche kein Anſehen, und dieſe ganze deutſche Welt hebt ſich aus ihren Fugen. Es iſt in dieſem Sommer des barbariſchen Nordens ſo heiß, daß das Vieh auf der Landſtraße zu verſchmachten Gefahr läuft, die Saaten ſtehen welk; der braune Appenin Italiens kann nicht dürrer ſein. Es ſind dies die Tage der Hundswuth, wie man hier ſagt. Und die Menſchen ſcheinen dabei eben ſo leicht in Raſerei zu ge⸗ rathen. Die Schwüle ward ſo drückend, daß wir ein Obdach ſuchten. Es war in der Schenke eines katholiſchen Dorfes, das zu dem ſonſt proteſtantiſchen Gebiet eines Reichsgrafen gehört, der ſeinen Sitz in der Nähe hat. Das Gewitter, das ſchon ſeit mehreren Ta⸗ gen am Himmel ſtand, drohte endlich auszubrechen. Es war Sonn⸗ tags, das Dorf war menſchenleer, und ein Kind, das einzige lebende Weſen im Wirthshauſe, rieth uns, in die Kirche zu gehen, wo alle Welt ſich hingeflüchtet, um durch Gebet den Zorn Gottes abzuwenden. Es war thöricht genug, daß die Menſchenmenge ſich dort zuſammen⸗ drängte, wo der Zorn des Himmels ſie am erſten erreichen konnte. Aber ländlich, ſittlich: wir gingen hin und hörten den Pfarrer reden. Er ſchilderte die allgemeine Noth im Lande als eine Strafe des Himmels um der Menſchen Sünden willen, verkündigte die Ankunft des jüngſten Tages, ſprach von den ägyptiſchen Plagen, von der Noth der Kinder Iſraels in der Wüſte und deutete mit ziemlich dür⸗ ren Worten auf den neuen Nebucadnezar hin, der gegen Kirche und Reich zu Felde ziehe und mit ſeinem gottesläſterlichen Heidenthum den Zorn des Höchſten über die römiſch⸗deutſchen Lande bringe. Wir ſtanden in der Vorhalle unter einem Trupp von Schnurrbärten, die bei dieſen Worten eine unruhige Bewegung machten. Es waren preußiſche Werber, die in Bauerkitteln in der Umgegend ihr Ge⸗ werbe trieben.„Ein hübſcher Feldprediger für uns!“ rief ein Schwarz⸗ bart ganz laut dem andern zu.„O, ich kenne Euch wohl,“ rief der das die In Dörfem en wird ge⸗ er Hunnen⸗ hren. Der dieſe ganze ns ſo heiß, hr liuft, die nicht dürter n hier ſagt. ſerei zu ge⸗ ach ſuchten⸗ das zu dem det ſeinen nehreren Tu⸗ war Sonſ⸗ lebende tzige en, Wo le alzuwendeſ jannen⸗ 605 Pfarrer mit drohender Stimme herunter,„Ihr, die Ihr es wagt, Euer räuberiſches Handwerk ſelbſt hier an heiliger Stätte auszuüben. Ihr Seelenfänger, Ihr Knechte des Baals, gebt Acht: auf Euch wird ſich der gerechte Zorn Gottes wälzen!“ Mit ausgeſtrecktem Arme hing der Mann Gottes da oben im Kaſten und ſchleuderte ſeinen Kirchenbann und ſeine Blitze. Aber ſein Mund verſtummte plötzlich und es ſchien ihn ſelbſt zu überraſchen, als der Donner des Him⸗ mels, den er auf die Uebelthäter herabrief, ihm wirklich Red' und Antwort ſtand. Wie eine Lawine ſich von den Bergen löſt, ſo hatte ſich aus der Ferne ein dunkles Gemurmel immer näher herangewälzt, bis es ſich mit Sturmesgeheul in einem lauten Krachen entlud. Auf einen Augenblick ſtand die Kirche in Flammen; raſch folgten dann hinter einander mehrere gewaltige Schläge; Alles ſchrie laut auf in der Angſt, das Gebäude möchte berſten und in Trümmern über die ganze Gemeinde zuſammenſtürzen. Die Menge brach tumultuariſch ausein⸗ ander, Jeder drängte in's Freie hinaus; man kam erſt draußen wieder zur Beſinnung.„In der Nähe hat es eingeſchlagen, krach, krach!“ ſchrieen die Huſaren, die den Pfarrer ſuchten. Dieſer ließ ſich aber nirgends erblicken. Wir eilten nach der nahen Anhöhe, von wo man die ganze Gegend überblicken konnte. Links und rechts, vor und hinter uns ſtiegen Flammenſäulen auf. Der Blitz hatte auf verſchiedenen Punkten in der Nachbarſchaft gezündet. Jung und Alt war jetzt bereit, dem nächſten Orte zu Hülfe zu eilen. Spritzen und Leitern wurden hervorgeſucht; der praſſelnde Regen, der ſich plötzlich in Strömen ergoß, hielt uns nicht ab, den Zug zu begleiten. Erſt in der Nacht kehrten wir heim; das Feuer ſchien auf allen Punkten glücklich gelöſcht! Die Schenke wimmelte von Leuten, die auf die verſchiedenſte Weiſe von dem Unglück berichteten, das, ſeltſam genug, ſechs bambergiſche Dorfkirchen getroffen, während ſämmtliche proteſtantiſche Kirchthürme, die ganz dicht und zerſtreut dazwiſchen liegen, verſchont blieben. Die preußiſchen Werber, die ſich auch hier wieder eingefunden, ſaßen am runden Tiſch mitten in der Stube, zechten und lachten über den Fluch, den der Herr Pfarrer auf ſie herabgedonnert.„Unſer Herrgott,“ ſchrieen ſie, die Mützen ſchwenkend,„weiß beſſer, wen er treffen ſoll!“ Ein Theil der Bauern bekreuzte ſich vor ihnen, Andere beriethen ſich, um die frechen Geſellen hinauszuwerfen; aber Niemand wagte ſich an ſie. Sie hatten ohnedies beim Brande im nächſten Dorf wacker Hand angelegt und ſich das trockene Plätzchen in der Schenke gar wohl verdient. Sie ſaßen jetzt frei und frank in ihren Pelzjacken da, und die abgewor⸗ fenen naſſen Bauerkittel, die am Ofen zum Trocknen hingen, lieferten ihnen das beſte Zeugniß. Hatten ſie gleich ein heidniſches Maul, ſo waren ſie doch beim Löſchen in ihrer Chriſtenpflicht nicht faul ge⸗ weſen. Alsbald ſchoben ſie Tiſch und Bänke bei Seite, um zu einem Tänzchen den Raum zu gewinnen. Die grämlichen Alten von der Dorfgemeinde ſchlichen bei Seite, muntere Dirnen waren bald genug bei der Hand, während die Bauerburſchen das Glück der Soldaten mit neidiſchen Augen duldeten. Der Hufſchlag von Pferden unterbrach die Scene. Einige Männer in Jagdkleidern, ganz durchnäßt, traten mit Geräuſch in's Zimmer. Eine hohe, ſtark hervorragende Männergeſtalt, um welche ſich die anderen drängten, ſtand mitten im Raum und ſchien nicht ohne Wohlgefallen die Haufen fröhlicher Leute zu muſtern.„Der Herr Reichsgraf!“ ſchrie der Wirth wie vor Entſetzen und ſtürzte auf die Muſikanten ein, die für die Huſaren ſo eben einen friſchen Walzer begannen. Bei der plötzlichen Stille im Saale waren Aller Augen auf den geſtrengen Herrn gerichtet, der nur ungern das luſtige Geſindel ſtörte. So gravitätiſch ehrbar die ſtruppigen Brauen über den tiefliegenden forſchenden Augen hingen, ſo gutmüthig ſchien doch der lächelnde Zug um ſeine Lippen. Auf den erſten Blick erkannte ich den Reichsgrafen Juſtus Erich, wie ich ſein Bild als vermeintlichen Proſe⸗ lyten der römiſchen Kirche mit dem Trauerflor um den Rahmen in der Sala intima zu Rom im Palaſt der Propaganda geſehen. Ich ſuchte nach Pater Burkhart, mir das beſtätigen zu laſſen; aber der werthe Pater war beim Eintritt des Fürſten raſch hinter den Ofen geſchlüpft und hielt ſich mäuschenſtill in der ſogenannten Hölle zwiſchen Wand und Ofenbank.„Ich hab' es gern,“ nahm der Reichsgraf das Wort, „wenn es nach gethaner Arbeit luſtig hergeht im Volk. Aber da Ihr mich ein Mal erkannt habt,“ rief er dem Wirth zu und ſchlug ihm mit der flachen Hand derb auf die Schulter,„ſo will ich Euch Allen hier eine gute Lehre geben. Ruft mir die Aelteſten von der Sie hitten ngllegt und dient. Sie die abgevor⸗ en, lieferten iſches Maul, icht faul ge⸗ un zu einen ten von der nbald genu der Soldaten ne. Einige gerüuſch ins um welche ſchien nicht ſtern.„Der nd ſünt inen friſtn waren Me m dos luſig Brauen über ſchien doch der kannte ih den tihen Purſ⸗ hmen in der n. 3 ſuht rder werthe ſhliyt Vind Port, ſen 9 wiſchen raf das — 607— Dorfſchaft zuſammen!— Und Ihr da, Schnauzbärte Sr. Majeſtät von Preußen, ein Wort mit Euch!“ Die Soldaten hatten ſich bei der Erſcheinung des Reichsgrafen in den Hintergrund zurückgezogen und bezeigten wenig Luſt, ſeiner Anrede Gehör zu ſchenken. Einige zogen raſch die grauen Kittel über die Uniform. „Achtung! Front gemacht!“ rief der Fürſt jetzt mit ſtarker Com⸗ mandoſtimme, und die“ uſaren ſtanden plötzlich wie eine Mauer vor ihm.„Meint Ihr, Kerle, hier wie die Wölfe in Schafskleidern um— zuwandeln?“ herrſchte er ihnen zu, nachdem er jeden Einzelnen von Kopf zu Fuß gemuſtert.„Denkt Ihr, es ſolle hier auch ſo gelingen wie in den mecklenburgiſchen Landen, wo Euer Herr und König— allen Reſpect vor Sr. preußiſchen Majeſtät!— ungeſcheut werben läßt und die Beamten des Herzogs, die ſich widerſetzen, in's Loch ſteckt? Ihr habt drüben im Dorf löſchen helfen, dafür ſollt Ihr heute meine Gäſte ſein und die Zeche frei haben. Ich kann heut' noch auf das Wohl Eueres Königs trinken; denn noch iſt er nicht nach der Form Rechtens in römiſch⸗deutſchen Landen zum Reichsfeinde erklärt. Morgen aber macht Euch mit dem Frühſten aus dem Staube, ſonſt ſoll das Donnerwetter meinerſeits in Euch dreinſchlagen!“ Die Aelteſten der Dorfſchaft waren inzwiſchen herangetreten und ſtanden ehrfurchtsvoll, ſeines Winkes gewärtig.„Nun, Ihr Väter der Gemeinde,“ redete er ſie halb ſpottend an,„der Himmel hat uns, wie Figura zeigt, mit ſeinem Zorn verſchont! Ihr meint wohl, Euer Singen und Beten hab's gethan? Ja, Proſit Mahlzeit, das eiſerne Ding mit der goldenen Spitze, das ich Euch auf den Kirchthurm ſetzen ließ, hat's gethan! Wie ich Euch die Stange ein⸗ ſchmieden ließ, da habt Ihr Euch zuſammengerottet und Euch gegen die ketzeriſche Neuerung verſchworen. Ihr meint, weil ich ein luthe⸗ riſcher Menſch bin, ſo hätt' ich einen apparten Herrgott und wüßte nichts vom ächten und rechten. Ich ſag' Ehch, meine Thurmſpitzen reichen eben ſo weit in den Himmel hinein als die Eurigen. Daß Ihr Vierfüßer am Verſtande bleiben wollt, habt Ihr mit Euch ſelber abzumachen; aber wenn Ihr noch lange murrt und brummt, daß mein Blitzableiter ein Werk des Teufels ſei, ſo verdientet Ihr, daß ich Euch wechſelweiſe bald von römiſchen Bettelmönchen, bald von preußiſchen — 608— Werbern ſchinden und ausplündern ließe. Ich habe, Gott ſei Dank, nur dies eine katholiſche Dorf, aber ich ſchwör's Euch zu, ich will hier ſo gut wie in meinen andern Landen die geſunde Vernunft zu Ehren bringen. Baſta, damit Gott befohlen!— Oder habt Ihr noch was zu reden?“ Die angedonnerten Väter der Gemeinde hatten nichts zu reden; ſie zogen ſich ſcheu zurück. In haſtiger Be⸗ wegung, mit den Farben des Zorns im Angeſicht, fuhr der Reichs⸗ graf im Zimmer noch auf und ab. Die funkelnden Blicke, mit denen er die Anweſenden durchmuſterte, ſchienen noch ein anderes Opfer zu ſuchen.„Wo iſt der Pfarrer? Ich will den Pfarrer Nökens ſprechen!“ rief er ſeiner Umgebung zu.—„Ich laſſe den ehrwürdigen Herrn Pater bitten!“ ſetzte er milder hinzu, indem er ſich zu be⸗ ſinnen ſchien, daß ſein barſcher Ton Anſtoß erregen mußte.— In dem Antlitz des merkwürdigen Mannes lag jenes deutſche Gemiſch von barockem Humor und einer gar gutmüthigen Ehrlichkeit des Herzens. Hinter den gewölbten Augenbrauen und auf der hohen Stirn thronte in ſtarken Zügen jene Zuverſicht des Geiſtes, die immer ſicher auf Gott zu rechnen weiß, und doch ſprach ſich in der Mus⸗ kelkraft dieſes biedern Antlitzes ein gewiſſer Trotz aus, der allen Ernſtes im Stande ſchien, den allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erden über ſeine oft wunderſame Weltregierung zur Rechenſchaft zu ziehen. Dieſer Mann iſt vielleicht der leutſeligſte Herr, wenn man ſein Gemüth zu erfaſſen verſteht; er gebährdet ſich vielleicht wie ein Recke, der mit Lindwürmern kämpft, wenn man ſeinen Vorur⸗ theilen nicht von der Seite beizukommen weiß. Ein Mann von ſtarken mächtigen Grundſätzen, dacht' ich, aber doch wohl noch ſtärker und mächtiger in ſeinen Vorurtheilen!— Dieſen Eindruck machte mir der Reichsgraf Juſtus Erich. Ich mußte bei ſeinem Anblick an jene alten germaniſchen Kaiſer denken, die im eiſernen Harniſch über die Alpen ſtiegen, die widerſetzlichen lombardiſchen Städte mit grauſamer Härte einäſcherten und dann in Rom als Herren der Welt doch nicht das rechte Zauberwort fanden, um die verworrene Menſchheit zu ordnen.„Dumme Jungens!“ ſtürmte er jetzt auf die Schaar junger Bauern ein, die ihn mit offnen Augen und Mäulern anſtarrten.„Laſſen ſich von fremden Kriegsknechten die Mädels wegfiſchen! Haben doch ſelbſt Knochen im Leibe, um freche Got ſi Dunt⸗ uch zu, ich vill de Vernunft zu Oder habt Ihr der Gemeinde In haſtiger Ve⸗ r der Richs⸗ licke, mit denen anderes Oyfer Pfarer Nökens den ehwürdigen er ſich zu hl⸗ nußte.— In utſche Geniſc Ehrlichkeit des af det hohen eiſtes, die immer hin der Mus⸗ aus, der allen hinnels u zr gehenſchaft ſe Her, vem 5 vielicht wie ſeinen Vorur⸗ Mann von wohl noch ſen Findmck bei ſinn im eiſernen onboniſtin n Ron als — n die u te er in fanden⸗ 1 ſrürm 16 1gen offnen 1 5 wechten die jeaslne gche um fret ibe, un — 609— Geſellen aus dem Tempel hinauszuwerfen. Schlafmützen Ihr, das habt Ihr von Euerem Flennen und Beten!“ Alles fuhr wie Spreu vor dem Winde zurück, während er im Zimmer auf und nieder ſchnob. Polternd ſtieg er dann die Treppe hinauf, wo ſein Gefolge ihm den Tiſch bereitete. Es ſollte mir ver⸗ gönnt ſein, an dieſem Mahle theilzunehmen. Einer von den Cava— lieren des Fürſten kam zurück, trat auf uns zu und erkundigte ſich, wer die fremden Herren ſeien, die ihm der Wirth gemeldet. Burk⸗ hart war eben aus ſeinem Verſteck gekrochen, und in demſelben Au⸗ genblick trat Pater Nökens herein, eine kurze, breitſchulterige, wohl⸗ lebige Figur, der Pfarrer des Orts, der von der Kanzel gedonnert und den der Reichsgraf citirt.„Geiſtliche Herren aus Genf!“ ſagte Pater Nökens, auf uns deutend, als der Cavalier ſeine Einladung wiederholte. Burkhart aber machte ein ſehr kläglich Geſicht, klagte über Katarrh und Rheuma von der Reiſe und erbat ſich vom Wirth eiligſt eine Schlafkammer, ſo daß ich allein als der fremde Geiſtliche daſtand, an den die Einladung erging.„Se. Erlaucht bitten,“ ſagte der Kammerherr,„die Abendſuppe mit ihm einzunehmen!“ Pater Nökens zog mich bei Seite mit der flehendlichen Bitte, ihn nicht allein zu laſſen der Erlaucht gegenüber, und ſo ging ich denn gleich⸗ ſam zum Succurs für ihn und nach förmlichſt eingeholter Erlaubniß, im Reiſekleide erſcheinen zu dürfen, auf die Einladung ein, zumal der Wirth erklärte, kein anderes Zimmer für mich zu haben.„Es wird hart über uns hergehen!“ ſeufzte Pater Nökens, als er hinter mir her die Treppe hinaufkeuchte. Der Reichsgraf ſaß ſchon bei der Suppe und empfing uns mit einer gravitätiſchen Schwenkung des Vorlegelöffels. Er hette ſeine Jagdkleider mit einem alten Schafspelz vertauſcht und gewährte uns in der ſeltſamen Zipfelmütze, die er von irgend einem Bauern ge⸗ borgt zu haben ſchien, den Anblick eines Häuptlings jener nordiſchen Barbaren, die wir in ein fernes Thule verſetzen.„Sehr willkommen!“ ſagte er in ſeiner polternden Vertraulichkeit.„Geiſtliche Herren find mir immer ſehr lieb und werth.— Aus Genf? So ſo! Aus der Heimath jenes famoſen Sonderlings, Jean Jacques Rouſſeau, der ſein Religionsbekenntniß wie einen alten Rock wechſelte. Den einen Rock hielt er ſich zum Spazierengehen, den andern zog er Abends D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 39 — 610— an, wenn er ſchläfrig wurde. Er machte in Sachen der Religion ſo raſch, wie man die Hand umdreht, den Ueberläufer!“ Wir hatten uns kaum geſetzt, als er uns aufforderte, ihm über Rouſſeau unſere Meinung in die Suppe zu brocken. „Monſeigneur,“ ſagt' ich,„halten ihn für keinen ehrlichen Menſchen?“ „Doch, doch!“ rief er,„aber er iſt nur ein Genie, und von Ge⸗ nies halt ich mir am liebſten, um ſie ſtudiren zu können, eine Gal⸗ lerie in meinem Tollhauſe. Ehrlich? Wen der Voltaire hinterliſtig mit ſeinem Geifer beſchmutzt, der muß von Hauſe aus ehrlich ſein, und ich wünſchte nur, daß der preußiſche Friedrich, der ſich nun ein Mal zum Auguſtus dieſer franzöſiſchen Schöngeiſter aufgeworfen hat, in ſeiner Wahl lieber auf den tollen Bürger von Genf geſtoßen wäre. Da wär' er doch am Ende auf Quellwaſſer ſtatt in Sümpfe gerathen Hat Rouſſeau Recht, ſo ſind alle Menſchen Narren; hat Voltaire Recht, dann ſind ſie alle lauter Schurken. Und das iſt, ſag' ich, der Sumpf, in den man bei dem geräth. Ja, mit den elenden, wüſten und doch immer lächelnden Spöttern des Heiligſten gibt ſich König Friedrich ab, duldet ſie in ſeiner Nähe, gefällt ſich in ihrem Umgang und läßt durch den Secretär der Berliner Akademie Lobreden auf ſie halten, die er ſelbſt verfertigt, aber die ihm ſein boshaftes Waſchweib Voltaire erſt ſäubern muß. Deutſche Schriften, die mit den Waffen der Vernunft die Wundertheorien des alten Glaubens bekämpfen, läßt er verbieten, ſchickt die Drucker nach Spandau!“ „Vielleicht,“ nahm ich das Wort,„will die Majeſtät von Preu⸗ ßen gewiſſe Aufklärungen über das EChriſtenthum nur innerhalb der Kreiſe einer gewiſſen bevorzugten Bildung zulaſſen; gewiſſe Ueber⸗ zeugungen ſind vielleicht nur für das Volk verderblich.“ „Volk, Volk,“ rief der Fürſt,„wer will da die Grenze ziehen! Ich bin auch vom Volk und die fürſtlichen Liebhabereien von Sans⸗ ſouci freſſen ſich wie ein ſchleichendes Gift bis in's Mark des Volkes. Guter Freund, was die Fürſten in Deutſchland privatim treiben, das äfft der große Haufe noch allezeit nach! Laufen ſie doch gleich hin, gaffen und ſind außer ſich, wenn ſich Einer mit'nem Bischen Witz und Scharffinn geltend macht! Und ſo wird immer ihr beſtes Ge⸗ der Religion r erte, ihn über inen ehrlichen und von Gl⸗ en, eine Gal⸗ ire hinteriftig s chrlih ſein, ſich min ein fgeworfen hat, Genf geſuen tt in Sünpfe Narten; hat Und dos iſt, Jo, nit den te heilgien gefilt ſch 6 iner Aden pi ihn ſche Schriften, ien des alten Dnde nach von Prel⸗ znnerholb der Ueber⸗ wiſſe — 5— fühl, das Gefühl der Hingebung, zur Narrheit, und Egviſten füttern ſich mit der Liebe des Volkes. König Friedrich iſt ein ungewöhnlicher Menſch, weil ihn die Schwäche und Erbärmlichkeit ſeiner Mitmenſchen bedeutend macht; ein Spiegel deutſcher Fürſtentugend wird nimmer⸗ mehr aus ihm. Sein Handwerk iſt Rache und Großemannsſucht. Seinen Liberalismus und ſonſt noch was hat er von den Franzoſen. Ihn beſeelt der Ehrgeiz, ſich der Welt als einen zu zeigen, der ſie mit Füßen tritt und ſelbſt die Götter verachtet. Man wird ihm wie einem Schauſpieler applaudiren müſſen, aber eine große, tiefe, deutſche Sache wird ihn nie leiten, nie erwärmen. Im Grunde paßt er auch zu ſeinem boshaften Pavian Voltaire. Voltaire hat alles Heilige in Fetzen geriſſen, damit er witzig ſein kann, und Friedrich ſtürzt im Intereſſe ſeiner Hausmacht das deutſche Reich über den Haufen. Beide haben die Lacher auf ihrer Seite, daß Gott erbarm!“ Er hatte während deſſen mit der Gabel einen Faſan geſpießt, hielt ihn in freier Luft vor ſich hin und ſäbelte links und rechts die Stücke herunter.„Hier ein Flügel und da eine Keule!“ ſagte er eben ſo zornig als wohlgemuth.„Schleſien iſt ein fetter Biſſen! Hol's der Kuckuk! Was bleibt am Ende vom heiligen römiſchen Reiche übrig?“ Er hatte das Gerippe des Vogels in der Hand, drehte es nach allen Seiten und warf es den Doggen zu, die im Halbkreiſe um ſeinen Stuhl lauerten und über die Beute herſielen.„Hab ich nicht Recht, mein beſter Herr Pfarrer?“ ſagte er zu Pater Nökens,„in dem einen Punkte können wir zwei Beide doch wohl einig ſein, was?— Aber freilich, Ihr eifert nicht bloß gegen die preußiſchen Huſaren, Ihr zieht zu Felde gegen Blitzableiter, gegen Aufklärung und alle Naturgeſchichte! Ihr habt den Blitz auf die preußiſchen Werber herabrufen wollen, und da hat er ganz wo anders eingeſchlagen! Ihr meint, jene Kerle ſeien mit dem Teufel im Bunde!“ Der runde, feiſte Pater ſchien auf eine Debatte, wie ſie jetzt über ihn ergehen ſollte, nicht eingerichtet. Er legte ſein vollwangiges Angeſicht bald auf die eine, bald auf die andere Schulter, blickte mit ſchrägen Augen in die Welt hinein und beſaß als die beſte Waffe zur Entgegnung jenes überwache Lächeln, das ſelbſt der Weis⸗ heit einen zu hochmüthigen Anſtrich gibt. Es quälte ihn offenbar, 39* — 612— über geiſtliche Dinge hier ganz weltlich verhandeln zu ſollen. Er drehte ſich furchtſan hin und her, als ſuchte er im Nothfalle nach dem Loche, das der Zimmermann offen zu laſſen pflegt. Vielleicht war er nur auf der Kanzel muthig, wo er von Sodom und Go⸗ morrha ſprechen durfte. „Lieber Herr Pfarrer,“ fuhr der Reichsgraf fort,„ich glaube, es gibt gar keinen Teufel mehr in der Welt, wohl aber allerhand Teufeleien unter den Menſchenkindern. Ihr habt mir die Aelteſten im Dorfe aufgewiegelt, daß ſie ſich zuſammenthaten und bei Euerem Biſchof gegen meinen Blitzableiter einen rechtgläubig chriſtlichen Pro⸗ teſt einlegten. Hör' Er Mal, Herr Pfarrer, ich bitte, wo ſitzt denn nun das wahre Chriſtenthum, das ſich bewährt? In ſechs bi⸗ ſchöfliche Dorfkirchen hat das Wetter eingeſchlagen, weil ſie den Blitzableiter für eine gottloſe Neuerung halten. Ich hab' meinen Kirchthürmen die gottgefällige und ſegensreiche Erfindung des großen Franklin in Amerika aufgeſetzt, und ſiehe da, meine Kirchen ſind alle verſchont geblieben. Wo iſt nun da Gottes Hand ſichtbar, und wo liegt der Hund begraben? Wenn es noch in der Welt einen Teufel giebt, ſo ſteckt er in der Menſchen Verſchloſſenheit, Schwer⸗ köpfigkeit, Hartnäckigkeit!— Aber kommen Sie her, Herr Pfarrer, und trinken Sie, das Bier iſt gut. Ew. Ehrwürden werden es nicht verſchmähen, mit einem lutheriſchen Ketzer anzuſtoßen. Kommen Sie, Herr Pfarrer, weil wir doch allzumal Sünder ſind, und unſer Herr und Heiland ſelbſt mit den Zöllnern zu Tiſche ſaß.“ Pater Nökens hatte wieder ſein geheimnißvolles Lächeln, das zwiſchen Demuth, Weisheit und Dummheit ſchwankte.„Ew. Erlaucht hätten nur,“ ſagte er, indem er nach dem Faſanflügel in der Schüſſel griff,„uns nicht das Glockengeläute verbieten ſollen!“ „So!“ fuhr der Reichsgraf heraus.„Alſo in physicis ac naturalibus wollt Ihr keine raison annehmen! Herr Pfarrer, unſere Thürme ſind vom Wetter verſchont, weil die Glocken ſtill hingen und nicht durch die Schwingung der Luft die elektriſche Entladung an ſich zogen. Nimm doch nur ein Bischen Vernunft an, alter Knabe, und erkläre dich nicht ſo breitſtirnig gegen alle Naturgeſchichte.“ Der Pfarrer arbeitete eifrig an ſeinem Bratenſtück und erklärte ſich nicht weiter gegen die Naturgeſchichte. u ſollen. Er Rothfulle nch gt Bulit don und Go⸗ „ich glaube, ber allerhand die Alteſten id bei Eueren nſlihn Pu⸗ wo ſitzt den In ſichs bi⸗ weil ſe den hab' meinen g ds zrßen ſchtbn und er Velt einen t Shwn⸗ hen Pſme⸗ en es nich erd U, ſunnen nd unſer hur icheln das Gw.&luct pe Schiſſel 90 bies re farrer⸗ ujn hingen nſi „Sehen Sie, ſo geht mir's mit meinen geiſtlichen Herren!“ ſagte der Reichsgraf, zu mir gewendet.„Mit meinen evangeliſchen nicht beſſer! Hab' ich mir da ganz friſch von der Mutter fort einen funkelnagelneuen Hofprediger verſchrieben. Er hat in Tübingen ſtu⸗ dirt, er hat die beſten Zeugniſſe, und ich zahle ihm, was nur Gottes Wort an einem kleinen Hof verlangen kann. Aber glauben Sie wohl, daß der Mann im Stande iſt, mich von der Unſterblichkeit der Seele zu überzeugen? Ich meine, ſo was man aus dem Grunde hieb⸗ und ſtichfeſt überzeugen nennt. Wir debattiren ſtundenlang hin und her, und wenn ich alle ſeine Argumente aufgezehrt habe, kommt er immer wieder auf den verzweifelten Schlußpunkt: Wenn es keine Unſterblichkeit gäbe,— dann müßte es ja geſcheidter ſein, wir lebten wie das liebe Vieh. Und ich zweifle denn wirklich nicht, daß wir bei ſo bewandten ſchwachen Beweisgründen allerdings im Stande der Unſchuld und der Vierfüßer verbleiben.“ „Erlaucht,“ ſagte ich,„verlangen vielleicht mathematiſche Gründe?“ „Nun, einen vernünftigen, allerdings einen, der faßlich und hand⸗ greiflich iſt,“ entgegnete er. „Handgreiflich?“ mußt' ich wiederholen,„handgreiflich können die geheimnißvollen Wahrheiten der Religion nicht bewieſen werden!“ „Geheimnißvolle Wahrheiten!“ rief der Reichsgraf,„was wahr iſt, kann und darf ſich nicht verſtecken wollen, muß ſeine Richtigkeit haben, das heißt, klar ſein. Ich will die chriſtlichen Heilswahrheiten nicht bezweifeln, noch gar beſpötteln, wie die Franzoſen und die Phi⸗ loſophen in Sansſouci. Aber ich ziehe die Religion vor den Rich⸗ terſtuhl der geſunden Vernunft, und ich denke, was daran richtig iſt, muß Stand halten. Bitte um Verlaub, ich bin ein Mann der Logik, und der ſelbſtbewußte, wache Menſch iſt denn doch wohl die oberſte Creatur in der Schöpfung!“ Ich ſchwieg; ich ſtand vor der Despotie des ſogenannten natür⸗ lichen Verſtandes. Ich mochte nicht ſagen, daß eine Religion, die keine Geheimniſſe mehr hat, gar keine Religion mehr iſt; aber es reizte mich, dieſe alleinſeligmachende Tyrannei der geſunden Vernunft, die alle Geheimniſſe der Gemüthswelt leugnet, zu Schanden zu machen. Die Philoſophie geht allerdings auf die Sache; aber die Reli⸗ gion iſt Bedürfniß des Gemüths! dacht' ich bei mir ſelbſt. 619— An Pater Nökens hatte ich freilich als Mitſtreiter und Bun⸗ desgenoſſen einen kläglichen Vertreter der menſchlichen Gemüthsbe⸗ dürfniſſe. „Ja, da ſchweigen nun die gelehrten Herren von der Gottesge⸗ lahrtheit, ſtatt einen armen Laien mit ſeinem Bischen Vernunft zu informiren!“ begann nach einer Pauſe der Reichsgraf, im Gefühl eines ſichern Triumphes.„Da hab' ich hier einen meiner katho⸗ liſchen Herrn Pfarrer. Ich will ihn jetzt nicht weiter belangen, denn während er ſo eifrig die Sterblichkeit dieſes Vogels beweiſ't, möchte er ſich um die Unſterblichkeit eines ſo körperloſen Dinges, wie die Seele iſt, nicht viel bekümmern! Mit einem Prieſter von der alten Mutterkirche hätte ich ſo gern alles Ernſtes einen Disput!— Was macht denn Euere alte Nonne drüben? Sie hat die Schwindſucht und heilt durch Händeauflegen. Arzt, hilf dir ſelber! paßt auf ſie nicht; ſie bleibt krank, aber ſie macht andere Leute geſund, wie?“ „Der Schweiß ihrer Hand iſt ſegenbringend,“ ſagte der Pater, „und der Glaube thut's!“ ſagte er und ſchlug ſein Deckelglas zu. „Da haben wir's wieder!“ fuhr der Reichsgraf auf, ſprang vom Seſſel auf, ſchlug die Hände zuſammen.„Mit Jedem laufe ich immer bis dicht an die Wand und da ſteht uns dann Beiden gleicher Weiſe der Verſtand ſtill. Wo aber der Verſtand aufhört, da fängt die Vierfüßerei an!“ „Die Vierfüßer an der Krippe hatten, mit Ew. Erlaucht gnä⸗ diger Erlaubniß, zu ihrer Zeit den ganz richtigen Glauben,“ ſagte der Pfarrer eben ſo boshaft als einfach und ſchlicht. „Ich glaube, ſie haben ihn noch!“ rief der Reichsgraf, und ent⸗ lud in Blicken und Gebährden ſeinen ganzen Zorn auf den Pfarrer. Was man kuror teutonicus nennt, ward mir hier in optima forma erſichtlich. Fürſt und Prieſter hatten ſich offenbar verbiſſen und feſtgerannt; es war zwiſchen den Streitenden eine ſehr peinliche Waffenſtille ein⸗ getreten; es ſchien mir Zeit, dazwiſchen zu treten. „Monſeigneur,“ begann ich ſchüchtern und beſcheiden,„Mon⸗ ſeigneur gibt doch wohl zu wenig auf den Glauben des Menſchen, — ich meine auf ſeine feſte, heilige Zuverſicht, die im Gemüth zu einer Stärke und Macht erwachſen kann, daß ſie—“ ter und Bun⸗ n Genüthobe⸗ der Gottesge⸗ Vemunft ju im Gefühl neiner katho⸗ langen, denn wweift, nöchte nges, wie die von der alten put!— Vu Schwindſuct paſt uf ſie nd, vie!“ te del Paler, dectelglas zl fuf ſun eden lufe i gedn gleich rt d ſing ßrluct g⸗ lauben“ ſig und ent⸗ uen Pfmr . rMà optim o — „Berge verſetzt!“ unterbrach mich der Reichsgraf,„na, da haben wir's!“ „Laſſen wir die Sprache der Bibel und der Bilder bei Seite!“ gemahnte ich ernſt und dreiſt;„unſere Rede hier über heilige Dinge iſt ohnedies ſehr einfach und ſchlicht, wo nicht profan und nüchtern! Ich meine: der Glaube, das heißt die feſte Zuverſicht auf Etwas, das ich für wahr halte, auch wenn ich es nicht mit den leibhaften Sinnen wahrnehme, nur in der Ahnung, aber ſtark und mächtig er⸗ faſſe, ich meine: der Glaube kann noch immer Wunder thun.“ Der Reichsgraf ſtutzte und ſah mich mit ſeinem gebieteriſchen Zorn an. Die Augenbrauen ſpannten ſich gothiſch gewölbt in die Höhe; in ſeinem erhabenen rothbraunen Geſicht ſtand das Feuerzei⸗ chen eines Fanatismus, der ſich in deutſchen Landen zur Zeit des dreißigjährigen Krieges, und ſo auch noch heute, wie es ſcheint, todt⸗ ſchlagen ließ und läßt. „Wunder,“ ſagte ich,„ſind noch alle Tage möglich; aber freilich gehört die ganze entſchloſſene Willenskraft des Menſchen dazu. Wenn der Kranke, der Leidende ſich leiblich und geiſtig vorbereitet, mit ganzer Sehnſucht ſeiner Rettung nachſtrebt, alle ſeine Kräfte zuſammenfaßt, ſich endlich, wie in letzter Todesangſt, nach dem Gegenſtande des Heils hinſchleppt, ſo kann ihm dort an geweihter Stätte das Wunder der Erlöſung werden, gleichviel, ob das Symbol ſeiner Anbetung eine alte Reliquie, oder der goldpapierne Saum am Kleide der Mutter Gottes iſt. In der zuſammengenommenen Seelenkraft des Menſchen liegt, was wir Wunder nennen, ob es der Pöbel gleich, das Aeußere mit dem Innern verwechſelnd, dem Knochen des Heiligen oder der Schleppe der Jungfran Maria zuſchreibt. In dem Willen, der ſich feſt auf den einen Punkt hinbannt, liegt Allmacht. Und dies, Monſeigneur, nennen wir füglich doch auch Glauben, lebendigen Glauben. Mich dünkt, hierüber könnten ſich die Philoſophen und alle chriſtlichen Secten vereinigen.“ Der Reichsgraf ſah mich ſprachlos an; er rang nach Ausdrücken. „Und auf dieſe Weiſe,“ nahm jetzt Pater Nökens, muthiger ge⸗ worden, das Wort,„auf dieſe Weiſe ſind überhaupt die Wunder der Kirche, die wir als Thatſachen kennen, erklärlich. Gefährliche Kranke ſind, mit Ew. Erlaucht Erlaubniß, durch die heilige Taufe, durch — 5 die letzte Oelung plötzlich geſund geworden. Der alte Cultus mit ſeinen! Beſchwörungen, ſeinen Exorcismen, ſeiner Weihung des Waſ⸗ ſers und Feuers, ſeinem Hauchen an die Stirn des Neophyten hat denn doch wohl in früheren Zeiten Wunder verübt, die ein profa⸗ nes, nachgeborenes Geſchlecht nicht mehr kennt. Durch die Kraft des Glaubens machte Sanct Patrik in Irland die Blinden ſehend. Die alten Könige von Frankreich heilten die Kröpfe durch Handauf⸗ legen, die Grafen von Habsburg das Stammeln durch die Berührung ihrer Lippen.“ „Ach das ſind alte katholiſche Legenden!“ fuhr der Reichsgraf in die Höhe, räuſperte ſich, warf ſeinen Pelz ab, da es ihm zu ſchwül wurde und ſah uns bald ſtaunend, bald drohend an. „In alten Legenden,“ ſagt' ich,„ſteckt auch etwas Wahres: die Macht des Gemuthes über die Elemente, der Sieg des Geiſtes über die Natur.“ „Aber wir,“ entgegnete der Reichsgraf ausweichend,„wir luthe⸗ riſche Chriſtenmenſchen laſſen uns nur auf die Bibel ein, laſſen uns nur aus der Bibel demonſtriren!“ „Die Bibel!“ wiederholte ich. Der ſtarkmüthige Streiter hatte ſich damit einen Rückzug ſichern wollen, ſaß aber damit feſt und gab ſich gefangen.„Die Bibel!“ ſagt' ich.„Kamen die Blinden und Lahmen nicht zum Herrn, und half ihnen ihr Glaube nicht? Er legte die Hand auf ſie und ſie nahmen ihr Bett und wandelten. Die Kraft eines heilig reinen Willens überwindet ſelbſt die Pforten des Todes. Lazarus erſtand aus dem Grabe und der todte Jüng⸗ ling der Mutter zu Naim kehrte zurück unter die Lebendigen. In der Berührung des Herrn lag der Zauber einer geheimnißvollen Kraft. Nennt Ihr dieſe Kraft eine göttliche, nun gut, aber wenn ſein Geiſt noch in ſeiner Gemeinde lebt, ſo müßten auch ſeine Wir⸗ kungen, die Wirkungen des Glaubens, die Wunder, die der Geiſt über den Leib vermag, noch möglich ſein.“ „Mann Gottes!“ rief der Fürſt, und ſetzte mir beide Hände auf die Bruſt; er fand nicht gleich das rechte Wort.„Nennt Ihr denn,“ ſtotterte er kleinlaut,„das Alles— Magnetiſiren?“ „Nehmt es im großen und heiligen Sinne,“ ſagt' ich,„und Ihr kommt der Wahrheit näher!“ e Culns nit ng des Un— Noophyten ht e ein prf⸗ ch die Kuft inden ſehend tch handauf⸗ ie Berühtung er Reichsgra es ihn zu d an WVahres die Geiſtes übet „wir ihe⸗ el ein, laſſen Streitet hatte fiſt und gub Blinden und be nicht! Er nd wandelten⸗ ſ die Pforten nt Iht en! at' ich,„ d — 617— „Und müßte noch immer möglich ſein, ſagt' Ihr?“ fragte er. „Sicherlich!“ war meine Entgegnung,„ſicherlich thäte der Glaube noch heute ſeine Wunder, wenn die Prieſter ihres Herrn und Meiſters würdig wären!“ Er ſah mich ungläubig und zugleich wie um Schonung bittend an; über die ſtarken Muskeln ſeines Antlitzes lief ein leiſer Hauch der hülfsbedürftigen Wehmuth. „Jeder Prieſter ſollte Arzt ſein!“ ſagt' ich in der guten Ab⸗ ſicht, ihn zu begütigen.„Dann würde er wiſſen, wo die Natur aufhört und der Geiſt beginnt. Pater Nökens würde auch gut thun, ſich um die Phyſik zu bekümmern, damit er den Segen der menſch⸗ lichen Erfindungen begriffe, bevor er die unmittelbare Hülfe Gottes herunterbeſchwört.“ „Gar nicht übel!“ ſagte der Reichsgraf und klopfte mir ſichtlich erfreut auf die Schulter. Er fand ſich ſchnell wieder in ſeiner guten Laune zurecht.„Wenn meine Prieſter die unſaubern Geiſter aus⸗ treiben könnten, alſo daß dieſe in die Säue führen, ich wollt' ihnen alle Hände voll zu thun geben. Säue hab' ich genug im Lande.“ Er trat an's Fenſter und öffnete den Flügel. Eine warme, ſchöne Mondnacht lag auf den Gefilden.„Alle meine Kirchen unver⸗ ſehrt geblieben!“ ſagte der Reichsgraf wie triumphirend ſtill für ſich,„da und dort und wieder dort. Die biſchöflichen Dorfkirchen abgebrannt und mir keine einzige! Bravo Phyſicus! Vivat Franklin, großer Menſch!“ Er ſchwieg, wie er ſich umblickte und uns ſah, die wir hinter ihm ſtanden. Sein großes Auge blieb auf mir haften.„Ja, ja,“ ſagte er ſehr ernſt und ehrlich,„haben Recht, es gibt noch Wunder in physicis ac mathematicis. Gar keine Frage! Es iſt ein hohes, tiefes, köſtliches Wunder, daß der Menſch da drüben jenſeits des Oeeans, der ehemalige Buchbindergeſelle im freien Land America, die ſimple Maxime auffinden mußte, um den Blitz zu regieren. Das hätte ſich weiland Jupiter tonans wohl nicht träumen laſſen, daß man ihm in die Hände greifen könnte! Franklin iſt ein Zauberer; gar keine Frage! Wie man ein biſſiges Hündchen mit Broſamen begütigt⸗ den Fiſch im Waſſer mit dem Angelwurm ködert: ſo lockt dieſer Wun⸗ dermann mit ſeiner goldgeſpitzten Eiſenſtange mitten aus der verder⸗ —— 618— benſchwangern Wolke den Blitz herunter, wohin er will, bis auf die platte Erde, wo er ſich meinetwegen ſein kaltes Bett bohrt. Und das nennen die alten Weiber ein Werk des Teufels! J, ſo ſchlag doch der Blitz, wie er will, in die morſchen Gehirnkaſten! Vor funfzig Jahren hätten ſie den Franklin, meiner Seele! noch als männliche Hexe verbrannt!“ Pater Nökens lächelte hinüber und herüber, ſo devot auch äußer⸗ lich ſeine Haltung vor ſeinem Landesfürſten blieb. Ich glaubte zu verſtehen, was er verſchwieg, aber ich deutete es mir nach meiner Weiſe.„Wunder gegen Wunder!“ ſagt' ich offenherzig,„im Reich des Glaubens und im Reich der äußern Elemente! Warum ſoll der Geiſt nicht mehr Wunder thun, meine feſte, unerſchütterliche Willens⸗ kraft nicht auf eine ſchwache leidende Seele wirken?“ Der Reichsgraf ſah mich gebieteriſch an, und da ich ſeinem Blick eben ſo feſt begegnete, brach er raſch ab.„Bleibt mir aber nur mit der alten Nonne da drüben vom Leibe!“ ſagte er wie beleidigt und hieb mit der Hetzpeitſche unter die Köter, die unter dem Tiſche ru⸗ morten.„Aber nichts für ungut, meine Herrn!“ fuhr er fort und ſchwenkte vor uns ſeine Jagdmütze.„Für dies Mal Gott befohlen! Habe mich ſehr gefreut über werthe Bekanntſchaft und hoffe, noch weiter ein Mal disputiren zu können. Habe juſt Gäſte in Belle Promeſſe, werde bald den Brautvater machen. Würde mir lieb ſein, morgen und auf die nächſten Tage den werthen fremden Herrn bei mir zu ſehen. Bitte ſehr darum. Meine Gräfin Schweſter verkehrt gern mit geiſtlichen Herren und würde erfreut ſein, eine ſo gute Do⸗ cumentirung des Wunderglaubens zu vernehmen. Habe auch da ein Fräulein Tochter,— ſehr nervös, wie ſie ſagen, obſchon ich nicht weiß, was Nerven ſind. Hat von Kindheit auf an Phantaſien, an Gemüthsblähungen gelitten. Wird ſich ſehr freuen— und paßt derlei in ihren Kram! Und Hochedelgeboren beſuchen mich ein Mal?“ Die Pferde hielten vor der Thür und die Cavaliere ſtanden ſeines Winkes gewärtig. „Kann Er Gold machen?“ fragte er noch den beſtürzten Pater Nökens, der ihm das Geleit bis zur Treppe gab. Der arme Pater ſah ſo unglücklich unter ſich hin, als wollte er ſagen: nicht wohl möglich!„Na,“ ſagte der Fürſt,„dann nehm' Er's nicht übel, bis auf die r. Und dos ſchlg doc Vor fufjig is minnlihe tauch iuet⸗ h glanbte zu nach meiner „in ich mn ſll du iche Villns⸗ ſeinen Blä ibe mr nit uuit w m Tithe u⸗ fort und t et befchle — 6e— wenn's Andere verſuchen! Das Pulver hat Er nicht erfunden, den Blitzableiter hat Er verketzert, nun ſchrei Er nicht Zeter, wenn ich im Schmelztiegel ein Bischen Chemie treibe. Hab' zwar die Luſt daran ſchier verloren; aber wenn's mal wieder ſein ſollte: nehm“ Er's nicht für ungut und halt' Er's nicht für Teufelswerk, kann Er auch ſelber nicht Gold machen!“ Der Pater bückte ſich ſchier zu Boden, wie ein Ducatenmänn— chen, und wäre vielleicht für ſein Leben gern, was das Goldmachen betrifft, dem geſtrengen Herrn zu Willen geweſen. „Es hat nicht flecken wollen im chemiſchen Schmelztiegel,“ ſagte der Fürſt,„aber während des Suchens danach hat man doch das Porzellan gefunden! Man muß auch dem Teufel ſein Spiel laſſen!“ Pater Nökens bekreuzte ſich und machte zugleich ſeine Reverenz. Lachend und ſporenklirrend ſtieg der Reichsgraf die enge Treppe hin— unter; ſeine Hunde fuhren kopfüber hinter ihm drein. Der Huf⸗ ſchlag der Pferde, der Klang der Hüfthörner und das Gebell der Rüden ſcholl luſtig lockend durch die ſtille lauſchende Nacht. „Schimpft wider Voltaire und die franzöſiſchen Spötter,“ eiferte der Pfarrer,„und nennt doch Alles, was Geheimniß iſt, ridicule!“ „Und hat doch, wie es ſcheint,“ ſagt' ich,„im Schmelztiegel nach dem Stein der Weiſen geſucht! Hängt alſo doch wider Willen irgendwo mit dem Reiche des Wunderbaren zuſammen!“ „Iſt er weg der große Treppenrunterſchmeißer?“ fragte Burkhart, der ſchmunzelnd und doch noch wie bedonnert ſein breites Antlitz durch die Thürſpalte ſchob. Er erzählte, wie er früher als Bettel— mönch den Alchymiſten gemacht und mit dem Augsburger Salz bei Sr. Erlaucht verunglückt ſei. „Ein Mann von ſtarken, mächtigen Grundſätzen!“ ſagte ich in einem Anflug von Hochachtung.—„Und doch fürcht“ ich,“ ſetzte ich ſtill für mich hinzu,„dieſe ſeine Grundſitze ſind nichts als Vor⸗ urtheile!“ „Ein wahrer Godegieſel für römiſchgläubige Seelen!“ eiferte Burkhart, und Pater Nökens erzählte von der Tyrannei der geſun⸗ den Vernunft im ganzen Lande.„Iſt ſo ſehr Souverän,“ ſagte der Pfarrer,„daß er Jedem in den Topf guckt, ſich, mit Permiſſion zu ſagen, um jeden Quark bekümmert. Bringt Mann und Maus, — 620— Menſchen und Dinge mit ſeiner Aufklärung um und läßt kein Ei im Lande ungeſchoren ſich ausbrüten! Hat auch ſchon ſein Fräulein Tochter, die junge Gräfin Juſtine, halb zu Tode geplagt, daß ſie wie geſtört umläuft, Tags über ſtumm wie ein Fiſch, Nachts mond⸗ ſüchtig und halb närriſch, daß Gott erbarm! Iſt ein feines, liebes, zartes Weſen, ganz wie Dero Mutter ſelig, die italieniſche Prin⸗ zeſſin, eine wahre Fürſtin, von guter Familie und gutem katholiſchem Glauben.“ Der Redſelige war noch im Erzählen, als Pater Burkhart nach einem Wagen, der ſo eben vor der Thür hielt, den Kopf zum Fenſter hinausſteckte. Eine Jagdkaleſche vom Gefolge des Reichsgrafen war zurückgekehrt.„Erlaucht müſſen etwas vergeſſen haben!“ ſagte Nö⸗ kens,„der reichsgräfliche Stallmeiſter ſteigt aus!“ Gleich darauf trat auch ſchon der Beſagte breit und geräuſchvoll in's Zimmer.„Ich bin der Baron Hinterbein,“ ſagte der Betreßte mit gelinder Verbeu⸗ gung und weit mehr Erwartung, darob begrüßt und reſpectirt zu werden. Er mochte einer von den Ceremonienkünſtlern, dem noth⸗ wendigen Uebel der Hofkreiſe, ſein.„Als Baron Hinterbein,“ ſagte dieſer deutſche Nobile,„bin ich von Sr. Erlaucht, unſerm Aller⸗ gnädigſt regierenden Reichsgrafen beauftragt, die Invitation an den fremden Herrn zu wiederholen und pflichtſchuldigſt zu bemerken, daß die Equipage zur Dispoſition ſteht. Wer von den Herren—“ „Monſieur Latour,“ ſagte Burkhart, mit Eifer und Befliſſenheit mich vorführend. „Es ſind,“ fuhr der Ceremonienmeiſter fort,„auf morgen und die nächſten Tage der hohen, höheren und höchſten Gäſte ſoviel auf Belle Promeſſe, daß es billig und räthlich erſcheinen dürfte, mir Namen und Stand genau anzugeben, um danach und dem entſpre⸗ chend die betreffenden Appartements im Schloſſe beſtimmen zu können. Alſo: Latour, ſchlechtweg Latour? Weiter Nichts?“ „Joſeph, wenn Sie meinen Vornamen wünſchen!“ ſagt' ich. „Wohl aus der franzöſiſchen Schweiz?“ fragte der Examina⸗ tor weiter, Brieftaſche und Stift bereithaltend,„nicht, aus der Schweiz?“ „Aus Piemont,“ war meine Entgegnung,„aber an der fran⸗ zöſiſchen Grenze.“ lißt kin Ei ſein Frillein lagt, doß ſi Nachts mond⸗ eines, liebes, niſche Prin⸗ 1 fatholiſchem Burkhart nch f zun Fenſter chögrufen war ſigte J⸗ darauf 30 Rerbeu⸗ nder Vurbel Hleich immel⸗ rpecün ſl n, den wiß terbein“ ſegt Aller⸗ unſem n den tation al tenenn iiß n geſiſunhit en und auf mir norg ſte ſoviel dürfte den enſpre⸗ de nſu fnnn ſagt i e min be icht us der — 621— „Sehr ſchön, aus Piemont alſo, Monſieur de la Tour, nicht? Herr von Latour, oder darf ich hoffen: Baron? Bitte, bitte!“ Der Marſchall Hinterbein ſah in dem Augenblick ſo hülfsbe⸗ dürftig aus, als gehörte er zu Denen, die allerdings erſt mit dem Baron den geſellſchaftsfähigen Menſchen beginnen laſſen. „Graf, wenn's Ihnen Vergnügen macht,“ ſagt' ich, um ſeiner Unruhe abzuhelfen. „Ah, Monſieur le Comte,“ beeiferte ſich der Gute,„Ew. Gnaden Appartements auf Belle Promeſſe werden im rechten Schloßflügel bereit ſein, dicht an die Feſtſalons, dicht an den Tanzſaal ſtoßend. Mein Herr Graf“— „Bitte,“ fiel ich ihm in's Wort,„machen wir kein Aufheben davon, ich reiſe incognito, ohne Gefolge, ohne Gepäck, bin deshalb in Sachen der Toilette allerdings genirt und weiß nicht“— „Beſtens zu dienen, Alles ſchönſtens beſorgt, Monſeigneur dürfen kaum befehlen, Alles bereits zu Dienſten und in Ordnung!“ war die Erwiederung des hohen Bedienten. Burkhart ſtreckte, als ich ſchied, die Arme dergeſtalt aus, als wollte er mir ſeinen Segen auf den Weg geben.„Ich meinestheils mach' mich aus dem Staube!“ ſagte er,„gehe meine Route weiter nach Sachſenland, ſonſt werd' ich hier noch erwiſcht, Gott behüt's! Ihr wißt mein Ziel!“ Ein Tag in Belle Promeſſe, um Land und Leute kennen zu lernen, erſchien mir weit mehr von Belang als die Genoſſenſchaft des guten Burkhart; ich ſtieg in den Wagen, ohne zu ahnen, welcher Schickſalsfügung ich entgegenging. Zweiundzwanzigſtes Rapitel. In Belle Promeſſe. Es mochte tief in der Nacht geweſen ſein, als ich mit meinem Baron Hinterbein, dem nobilirten Stallmeiſter, der ehedem Vorderfuß hieß, in Belle Promeſſe anlangte und in den für mich als ſtandes⸗ mäßigen Gaſt angewieſenen Gemächern des rechten Schloßflügels meine Ruhe ſuchte. Unterwegs war der Ceremonienbaron vertraulich ge⸗ worden, hatte mich mit den Verhältniſſen des Hauſes, der Veranlaſſung des bevorſtehenden Feſtes bekanntgemacht. Man ging der Verlobung der Comteſſe Juſtine entgegen. Prinz Emil, ein Hohenlohe, aus einer der katholiſchen Linien dieſes weitverzweigten Stammes, wurde erwartet. Als ich meine Verwunderung bezeigte, daß juſt ein katho⸗ liſcher Bräutigam für ein ſo ſtreng proteſtantiſches Haus in Ausſicht ſtehe, war mein Geleitsmann nicht verlegen, mir das als einen be⸗ ſonders kühnen und, wie es ſchien, glücklichen Schachzug des regieren⸗ den Herrn zu bezeichnen. Es ſollte dem Reichsgrafen damit gelingen, ſeinen Vettern einen Andersgläubigen abwendig zu machen. Die Stände des Landes konnten auf das alte Anrecht pochen, nur einem proteſtantiſchen Landesfürſten den Eid zu leiſten, und es war noch in diplomatiſcher Schwebe, ob Prinz Emil vor oder erſt nach ſeiner Vermählung mit der Erbin der gefürſteten Reichsgrafſchaft ſich zur gereinigten Lehre bekennen werde. Der deutſche Religionskrieg dauerte alſo hier noch immer fort! Wie ich am andern Morgen in Belle Promeſſe erwachte und an's Fenſter trat, lachte mir eines jener wild romantiſchen Thäler, an denen Deutſchland ſo reich iſt, mit ſeinem üppigen Buchengrün und dem Geſange ſeiner Vögel entgegen. Die klagende Nachtigall, die im Schatten der Nacht ihr Lied geſeufzt, löſten jetzt Chöre von Lerchen, Schaaren von fröhlichen Sängern im Haine ab. Heiter geſchwätzige Anmuth wechſelte im Thal mit verſchwiegener tiefer Stille, frucht⸗ beladene, blühende Gefilde mit dem hohen Ernſt ſchwarzbewaldeter Felſen, die den Blick ſteil hinabgleiten ließen in den dunkeln Schooß eines ſchilfumrankten See's. Eine Aeolsharfe von der nahen Grotte herunter rief eine Welt verſtorbener Wünſche und begrabener Er⸗ innerungen in der Seele wach. Ein alter, runder Thurm mit Ba⸗ ſtionen und Zugbrücke mahnte an die Ritterzeit und ihre Kämpfe um Minne und Ehrenlohn. Drüben am Haag, welch' trauliche Plätz⸗ chen barg da der Schatten! Wie ein dunkelgrüner Mantel umzog der Wald das ganze Thal; oben über den Forſt lief der hohe Grat einer uralten Länderſcheide. In dieſem Bergkeſſel, dacht' ich mir, kochen die Herzen heimlich, aber tief und heiß.. loßflügels meine vertraulich ge⸗ er Veranluſſung der Verlobung ohenlohe, aus ammes, wurde juſt ein kath⸗ Us in Wsſcht als einen be⸗ ug de rieren⸗ danit gelingen⸗ nachen. Die den, nur einen es war noch erſt nach ſeiner chaft ſch r ſ 5 onskrieg dautrie e und ewecht hiler ntiſchen 4 Buchengrin und ie in chtigal, di i re von Lenen⸗ iter gſhwätige iter 90% Still⸗ frucht⸗ w rbewaldettt unkeln Schooß ten Gute na Er⸗ egrabent nit Bu⸗ hurm Für mein Coſtüm war beſtens geſorgt, Morgen⸗, Mittags⸗ und Abendtoilette, wie Zubehör zum Ball am nächſten Tage, war auf das ſorgfältigſte und in reicher Auswahl zu meiner Verfügung ge⸗ ſtellt. Wie mir die Stunde bezeichnet ward, wann der regierende Herr zu empfangen beliebten, ſchritt ich die weiten, fürſtlich geſchmückten Corridore hinunter über den Schloßhof durch's Hauptportal in das Mittelgebäude. Der Empfang beim Reichsgrafen war gemüthsvoll und biderb, wie man hier zu Lande ſagt, und wie kein ander Volk dafür die entſprechenden Worte hat. Der Ehrenmann ſchien mir im Fürſten noch hervorſtechender als der deſpotiſche Dynaſt, der Biedermann über— wog noch bei weitem in ihm den Logiker und Vertreter der geſunden Vernunft. „Aber lieber Graf,“ ſagte er mit vertraulich verlegenem Hände⸗ druck,„ich hab' Sie geſtern da im ölichten Zwielicht der Schenke bei unſerem Disput wahrlich für einen geiſtlichen Herrn gehalten. Nichts für ungut, aber bei Euch muß man auf der Hut ſein; Ihr führt Redewaffen, die man im Moment ſchlecht parirt. Ihr müßt Theologiam tractirt, Univerſitäten frequentirt haben, daß dich!“ „Die Schule der Erfahrung durchgemacht,“ ſagt' ich;„ein ge⸗ hetztes Wild wird nicht blos ſcheu, es ſucht' auch durchzubrechen, um freies Feld zu gewinnen, wo es kann.“ „Ich weiß nicht,“ äußerte der Geſtrenge,„Ihr habt ſo etwas warm Menſchliches in Euerer Art, die Sachen zu nehmen; es könnt' Einem ſchier Luſt machen, zu meinen, all' der religiöſe Widerſtreit und Hader ließe ſich noch ein Mal ſchlichten in der Welt.“ „Gewiß,“ ſagt' ich,„und die deutſche Nation hat vielleicht die hohe Aufgabe über beide Confeſſionen hinaus ein freies, allgemein menſchliches Chriſtenthum zu ſtiften.“ „Ja, ja, Ihr ſeid ſo was man einen Philanthropen nennt!“ — Er wollte mich durchaus laſſificiren.„Wahrlich,“ meinte er,„Ihr ſeid ein Proteſtant, der“— „Selbſt gegen den Proteſtantismus proteſtirt!“ nahm ich ihm lächelnd die Rede ab.„Ich ſuche in allem Menſchlichen das Wahre heraus und eifere, ſoviel wie ich vermag, für einen freien Zuſtand der Geiſter.“ — 624— Ich blickte in ſein ehrlich hohes Antlitz und gelobte mir, nicht ohne Noth in ihm den furor teutonicus wieder anzufachen. Equipagen waren aufgefahren, die den Prinzen und ſein Ge⸗ folge brachten; unſer abgebrochenes Geſpräch ward im Laufe der ge⸗ räuſchvollen Feſtlichkeiten nicht wieder unter vier Augen aufgenommen. In Prinz Emil lernte ich einen jener jungen, blaſſen, weichen Männer kennen, die das Beſte wollen, aber das Gute feſtzuhalten und durchzuſetzen nicht jederzeit Willenskraft beſitzen. Dem Bündniß mit der jungen Gräfin lag ſeinerſeits vielleicht ein Grad von Neigung zum Grunde; nur ſchien er außer Stande, den Wechſel des Be⸗ kenntniſſes mit Energie entweder zu wollen, oder zu verweigern; er ließ ſich von beiden Parteien dabei treiben, ſtatt ſich mit Willens⸗ traft und ſelbſteigener Entſchließung zu entſcheiden. Gräfin Thusnelde, Tante Erlaucht, wie ſie bei Hofe vertraulich hieß, die Schweſter des Regierenden, dieſem in der äußeren Erſchei⸗ nung ſehr ähnlich, gothiſch hochgebaut, aber hager und mit allen Attri⸗ buten alter Jungfräulichkeit ausgerüſtet, war als die erſte Dame des Hofes der Mittelpunkt in geſellſchaftlicher Beziehung, ſo ſehr ſie ſich auch im Angeben des Tones von dem Willen des Souveräns ge⸗ maßregelt, bedrückt und eingezwängt ſah. Graf Juſtus Erich war gegen ſeine um Vieles ältere, ſchon hochbetagte Schweſter Erlaucht ausnahmsweiſe ſehr galant; er glaubte ihr, vielleicht für früheren unbill, Entſchädigungen ſchuldig zu ſein; aber er hatte, auch wenn er ſie im Geſellſchaftscirkel frei ſchalten und walten ließ, doch den Ton eines ironiſchen Humors, der ſie zu verletzen ſchien, weil er mit ſeinen Anklängen an frühere Verhältniſſe wie Spott und Hohn klang. Gräfin Thusnelde hatte in jungen Jahren zu einem ein⸗ fachen Edelmann, einem Herrnhuter aus der Schule Zinzendorf's, eine Neigung unter ihrem Stande gehabt. Von dieſer Neigung war ihr nichts als ſozuſagen„der Duft,“ der fromme Sinn des Herrn⸗ huterthums geblieben. Gewiſſe füßliche Gefühlständeleien, die im Ge⸗ folge dieſer Richtung ſich einſchleichen mögen, waren dem Reichsgrafen ein Gräuel; er hielt das für eingeſchmuggelten Kryptokatholicismus, witterte darin römiſches Weſen, dem er mit dem Tode ſeiner Ge⸗ mahlin Valet geſagt, ja dem er ſeit ſeiner Jugendliebe und ſeit der „Gefahr,“ die ihm daraus erwachſen, den Tod geſchworen. So war be mir, nicht hen. und ſein Ge⸗ Lufe det ge⸗ aufgenommen. nen, weichen te feſtzuhalten Den Bündni dvon Migung chjel des Be⸗ verweigern;“ nit Villns⸗ ofe vertraulich eten Erſchei⸗ tit alen Attri⸗ erſte Dane d ſo ſehr ſie ſich Sowuins ge⸗ ius Frich war weſet Erlut fir friheren — 625— der freie Denker, der Mann der Aufklärung doch wieder nicht groß⸗ ſinnig und aufgeklärt genug, die Religion, das Bedürfniß des Ge⸗ müthes und der Eigenart des Menſchen, freizugeben! Es gab für ihn feſtgerannte Mauern, die er ſich in ſeinen Vorſtellungen aufgebaut, in der Welt ſeiner Begriffe zuſammengeballte Schreckniſſe und Ge⸗ ſpenſter, die er ſich ſelbſt heraufbeſchworen. Er, der Gegner Vol⸗ taire's, konnte kein einfach ſtilles, aſchgrau einfarbiges Herrnhuterthum dulden, ohne in Spott auszubrechen; der klare Kopf, der die Bahn des freien Forſchens Allen öffnen wollte, ließ ſich wiederholt auf eng⸗ herziger Unduldſamkeit ertappen. In dem, was er Jeſuitismus nannte, witterte er die Hintergedanken der Hölle, eine Dialektik des Böſen, die nicht der Menſch aus ſich und ſeinen Verhältniſſen, ſondern der leibhafte Gottſeibeiuns aus Hekate's Bereich heraufgeſchleppt, um das Menſchengeſchlecht zu verderben. Gräfin Thusnelde ſchien bei ſolchem Regiment in ihrem Ge⸗ müthsbedürfniß verarmt und vertrocknet, die Tochter Juſtine vielleicht ſchon in ihrem erſten mädchenhaften Keim geknickt zu ſein. Mitten in der rationellen Wirthſchaft des Reichsgrafen, mitten in dieſem Syſtem regelmäßig geſchulter Verſtandesordnung hatten beide Frauen vielleicht ihren geheimen Dienſt, einen verſchwiegenen Cultus, der dem Herzen und der Phantaſie ein verſchämtes Genüge that. Kurz vor der Mittagstafel war Empfang und Vorſtellung bei der Gräfin Tante. Eine leicht aufgebaute Geſtalt, ſchlank und ſchwank, eine Sylphide, die ſich wie durch einen böſen Zauber in Reifrock, Puder und Toupé verloren, ſtand Juſtine vor mir. Sie erſchien mir wie ein Opfer, das einer Etiquette von Verſailles willenlos den Nacken gebeugt. Nur in dem dunkelblauen Auge verrieth ſich eine gequälte, eine erlöſungsbedürftige Seele, die in der Irre nach einem Ausgang ſucht. Ihr Antlitz hatte weniger Farbe, als vielmehr nur Licht; ihre ganze zarte Geſtalt war wie durchleuchtet, wie durchſichtig, aber die blaſſe Lippe ſchien zum Schweigen verdammt, ſo willig ſich auch alle Nervenſpitzen dieſes ätheriſchen Weſens ſehnſüchtig nach außen kehrten. Das Ceremoniell der Begegnung ließ ſie kalt und todt, für die geregelte Ordnung der Etiquette war ſie ganz indolent, ein willenloſes Werkzeug, eine Maſchine, die gar kein eigenes Leben kennt. Der Tante Gräfin war ich vom geſtrengen Herrn, der von unſerem D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 40 — 626 „Disput“ in der Schenke ausführlich berichtet hatte, in einer Weiſe aufgenommen, die ihrerſeits eine wahre Sehnſucht nach Vertraulichkeit verrieth. Ich hatte den Glauben an das Wunderbare mitten in der proſaiſchen Orthodoxie eines geſchulten und gemaßregelten Menſchen⸗ lebens vertheidigt; ein ſolches Wagniß war in dieſem Kreiſe ſeit Jahrzehnden nicht vorgekommen. Ich hatte, wie der Reichsgraf ehrlich und generös eingeſtanden, die Macht des Glaubens ſiegreich ver⸗ fochten: in Belle Promeſſe ein unerhörter Fall! Die Anerkennung der unberechenbaren Kräfte im Menſchengeiſt und im Menſchenleben brachte die Gräfin Tante in eine Art Aufregung. „Nicht wahr,“ ſagte Thusnelde Erlaucht,„der Glaube iſt mehr als eine bloße Schwäche des Gemüthes?“ Ihre Stimme klang dabei wie das Schluchzen einer längſt verweinten Seele. In ihrem ver⸗ blaßten blauen Auge ſchimmerte noch etwas vom Schmelz jener Jugend, die auch im altgewordenen Menſchen nie ganz erſtirbt. Juſtine wiegte den ſchweren Fächer in der zarten Hand und blickte gleichgültig auf die ſchöngefiederten Papageien, die mit ihrem Geſchrei das Geflüſter der hin⸗ und herſummenden Hofgeſellſchaft herausforderten und über⸗ boten. „Der Glaube eine Schwäche?“ wiederholte ich mit ernſtem Nach⸗ druck.„Möchte doch dies in Unglauben verzehrte, in Gleichgültigkeit erlahmte Geſchlecht von einem neuen Glauben erfaßt werden! Die abgelaufenen Endfäden aller Beſtrebungen und Richtungen würden ſich neu zuſammenfinden. Glaube iſt die höchſte Kraft und Fähigkeit, den Gipfel geiſtigen Vermögens zu erſteigen, zu dem ſich nur der ganze volle Menſch erhebt; der Glaube iſt ein Centralfeuer aller unſerer Lebensfunctionen. Und dieſe Zuverſicht, ein Genoſſe der Geiſterwelt zu ſein“— „Nicht wahr, wer Chriſtum glaubt und erkennt,“ unterbrach mich die alte Gräfin,„macht ſich zum Mitgenoſſen ſeiner göttlichen Natur!“ Das war alſo vielleicht der Inbegriff der Lehre, zu der ſich jene Zinzendorff'ſche Gemeinde bekennt, eine Gemeinde, deren ſtille Welt⸗ entfremdung und Einkehr die Gräfin theilte, ohne ihrer Neigung dafür Raum geben zu dürfen! Einen Zuſammenhang mit der Geiſter⸗ welt verſtand ſie als Weib nicht anders, als im Gefühl einer Hin⸗ gebung an die Perſon des Mittlers und Gottesſohns, der ein für neinet Weiſe Perruulichtit nitten in der en Nenſchen⸗ n Kreiſe ſit hgruf ehrlich ſugreich ver⸗ Anerkennung Menſchenbben nbe iſ neh e lung dbe nihren vel⸗ mer Jugend, zuſtine wiegte ihgilg gf das Feflüſter ten und über⸗ ernſten N⸗ leicgiligle vuden! Die werden! ngen virden m zihulei. ſih n der rulfeuer aller Genoſſe der nterbrach nich ichen Natur der ſih jene 6 alle Mal und für alle Welt, wenn ſie an ihn glaubt, mit ſeinem Blut das Sühnopfer geleiſtet haben ſollte! Ich konnte nicht denken, daß ſie über die Natur dieſes Gottesſohnes bis zum klaren Ergebniß nachgedacht; Chriſtus lebte wohl weniger in ihrem Verſtande, als in ihrer Phantaſie. Ein weibliches Gemüth bedarf vielleicht in jedem Fall einer Perſon, auf die es ſchwört; der Mann ſucht ſich ſelber eine Stellung an Gottes Thron, ſeine Thaten, ſeine Gedanken, ſein Wirken für die Welt ſind ſeine Rechtfertigung. Ich ſchwieg und mochte nicht weiter nach dieſem Herrnhuterthum fragen, das dem Mann den Schauplatz der Welt entweder ganz entzieht, oder ein⸗ ſchränkt und verdächtigt. Aber es galt hier, ein in ſich bedrängtes Gemüth nicht darben, nicht verarmen zu laſſen mit ſeinem Bedürfniß, das um ſo quäleriſcher wird, verſagt man ihm die Nahrung. „Ich kann den Glauben nicht miſſen, ſelbſt wo man ihn Aber⸗ glauben ſchilt!“ ſagte die Gräfin mit zitternder Wehmuth. „Was iſt Aberglaube?“ nahm ich das Wort auf.„Der Glaube an einen geheimen, von uns noch unerforſchten Nexus des ſcheinbar Unzuſammenhängenden! Ich habe wie in den Mythen und Legenden, ſo im Aberglauben der Völker immer nur ein oft unbeholfenes, aber ſehr ſinnreiches Surrogat für die noch verſagte Erkenntniß des Ueber⸗ finnlichen gefunden. Der Aberglaube iſt oft eine ſymboliſche An⸗ deutung für ſonſt noch unausſprechbare moraliſche Bezichungen. Phyſi⸗ kaliſch iſt er Magnetismus, pſychologiſch Sympathie, wo nicht pro⸗ phetiſche Ahnung.“ „O mein Gott!“ ſagte Gräfin Thusnelde,„wie Sie mit Eins das feſtſtellen, was uns ſo lange bedrängt! Hier iſt meine Nichte, Gräfin Juſtine; ſie hat Epochen, wo ſie um alle Krankheits⸗ und Todesfälle in unſerer Nachbarſchaft weiß. Sie hat plötzlich Be⸗ ängſtigungen, wenn ein Kind im nächſten Dorfe und oft weithin im Lande erkrankt, ſteht in der Nacht auf, weckt die Dienerſchaft, ſchickt Boten aus. Selten weiß ſie genau das Haus anzugeben, wo Jemand plotzlich daniederliegt, aber nie geht ihr Mitgefühl ganz fehl, immer theilt ſie den Schmerz eines Leidenden; ein plötzlich hereinbrechendes Unglück hat gleichſam eine Reſonanz in ihrem Innern. Es mag das krankhaft ſein, aber es iſt doch! Nur die Furcht vor— die Furcht vor der aufgeklärten Welt, die das Alles für eitel Trug und Selbſt⸗ 40* — täuſchung hält, hindert uns, ihren Ahnungen mehr nachzugehen. Mein Bruder Erlaucht brach neulich in heftigen Zorn aus, als Ju⸗ ſtine in der Nacht Lärm machte, aufſtand und umging; ſie leidet auch an nachtwandleriſchen Zufällen. Ein Greis lag oben auf der Höhe im Forſthauſe im Todeskampf. Zufall! ruft dann immer die Despotie der geſunden Vernunft, die alles Gemüthsleben für krank hält. Und doch hat dieſe gerühmte geſunde Vernunft allerlei Räthſeln und Ge⸗ heimniſſen im Schmelztiegel nachgeforſcht!“ Die Gräfin hatte mich in eine entlegene Niſche des Gemachs gezogen, während ſie dies ſagte; die Geſellſchaft ſtand zu fern, ihre leiſen Worte zu vernehmen. Das alſo war das zuſammengedrängte Seelenleben dieſer Frauen! Und dieſe Hemmung nannte man Seelenſtörung. Beim Weibe bleibt oft Trieb der Sinne, unbewußter Inſtinct, was beim Manne Er⸗ kenntnißdrang iſt.— An der Mittagstafel erfuhr ich, welcher ärztlichen Despotie das Leben der Frauen hier am Hofe unterworfen war. Juſtinens Schlafloſigkeit hatte man in den Epochen, wo ſie Gemüths⸗ anwandlungen befielen, durch Opium zu heilen geſucht. Ihre Auf⸗ regung mußte damit nur ſteigen; ihre Seele ſchweifte dann von einer gewaltſam unterdrückten Vorſtellung zu andern, ſie verwebte die Ein⸗ drücke der Sinnenwelt mit ihren Phantaſien, und dieſe beherrſchten ſie endlich ganz, ſie ward fieberkrank, hatte ſelbſt Anfälle von Nerven⸗ krampf, von Viſionen. Unter den zur Tafel Gezogenen war neben einigen hohen Be⸗ amten des kleinen Staates und Hofes auch der Leibarzt Sr. Er— laucht. Dieſer Sohn Aesculaps gehörte zu den ſtarken Doſengebern, zu jenen Materialiſten, welche durch Aderläſſe, Brechmittel und Spritzen Alles zu erzielen glaubten, und mit dieſen Apparaten, dünkt mich, eine gleich große Barbarei wie die alten Klöſter mit ihrem Exorcismus des Teufels an den Tag legten. Der Leibarzt bei Hofe war zugleich Vorſteher des Narrenſpitals im runden Thurm, das zu den Liebhabereien des geſtrengen Herrn gehörte. Er war ſich be⸗ wußt, alle Abarten des Gefühllebens mit den Würmern vertreiben zu können, gegen den Enthuſiasmus eines erhitzten Gehirns fiegreich mit Rhabarber in's Feld zu rücken. Er hatte zu Sr. Erlaucht allerhöchſter Befriedigung im Narrenthurm ſchon manchen Schwärmer nachzugehen. aus, als Jl⸗ ſie leidet auch uuf der Höhe die Despotie hält. Und eln und Ge⸗ des Genſch zu fern, ihr ieſer Frumn! Weibe hleibt Manne Er⸗ er irztlichen worfen war⸗ ie henitti ahre Auf⸗ von einer ltr die bin behenſchin von Nerven⸗ — und Propheten curirt und ſtattete bei Tiſche ziemlich dreiſt und um⸗ fänglich Bericht ab über den Erfolg einiger neuen Verſuche an kranken Nerven. Dabei war es doch ſeine fixe Idee, Tollheit, die ſeinen Mitteln widerſtand, für erbliches Uebel und für unheilbar zu halten. Er erzählte vom letzten unter ſechs Brüdern eines Kaufmanns der nächſten Stadt, die ſämmtlich freiwillig endeten. Der letzte dieſer unglücklichen Abenceragen, wie er ſagte, ward eingeſperrt. Allein er fingirte geheilt zu ſein, machte als reiſender Weinhändler Ge⸗ ſchäfte, ppeulirte ſtark, aber kam damit nicht an's Ziel, ſondern ſtürzte ſich, da der Wein ihn nicht ſchnell genug förderte, in's Waſſer. Gerettet, wollte er ſich verhungern. Man flößte ihm Nachts im Schlafe mit einer Röhre Nahrung ein, und ſo dauerte dieſer Proceß des Selbſtmordes und gewaltſamer Gegenmittel nun ſchon fünf Jahre. Der Reichsgraf war bei ſittlichen Abnormitäten ebenfalls für Schreckmittel; kalte Sturzbäder hatte er gegen Trunkenbolde mit großem und dauerndem Erfolge angewendet. Kein Land in der That war von Vagabunden und Müßiggängern ſo geſäubert wie das ſei⸗ nige.„Auch gegen gewiſſe ſomnambüle Anwandlungen, dächt' ich, müßten kalte Douchen wirkſam ſein,“ ſagte er, obſchon etwas klein⸗ laut;„oder auch Piſtolenſchüſſe, die den Narren von Schlafwandler ſchrecken!“ ſetzte er hinzu mit einem ſtrafenden Blicke, den er weithin über die Tafel zu ſeiner Tochter ſandte. Juſtine war kalt und blaß wie der Tod geworden. „Monſeigneur erlauben,“ nahm ich das Wort,„mit gewaltſamen Mitteln kann man allerdings den Patienten von dieſem Uebel be⸗ freien— inſofern der Tod von der Krankheit heilt.“ „Sie meinen?“ ſagte der Reichsgraf. „Ein Schlagfluß,“ entgegnete ich,„iſt dabei nicht blos möglich, ſondern wahrſcheinlich, iſt die Natur des Leidenden zart und fein.“ — Ich erzählte vom Recluſorio in Neapel, wo man die Geiſtgeſtörten Komödie ſpielen läßt, ihnen Rollen einſtudirt, und zwar jedem die ihm entgegengeſetzt entſprechende. Die Hochmüthigen bekommen die Rolle des verlorenen, aber reuig zurückgekehrten Sohnes oder der büßenden Magdalene. Die ſich in ihrem Wahn Kaiſer und Könige dünken, müſſen zerlumpte Bettler ſpielen, und indem ſo Jeder in 630 das ihm Entfernteſte ſich hineinfühlt und hineinlebt, wird er der Hinfälligkeit der menſchlichen Creatur recht inne, und dies Inſich⸗ gehen hat ſchon vielfach Heilungen für immer bewirkt. Man fand das mehr pſychologiſch intereſſant, als der Natur des menſchlichen Gemüthes und ſeiner Abirrungen entſprechend.— Abends war bei der Gräfin Thusnelde Thee. Eine beſondere, an mich ergangene Einladung, nicht zu ſpät zu erſcheinen, ward für mich Urſache, an dem Ausfluge der Männer zu Pferde nicht theil⸗ zunehmen. Es war mir ſchon, als riefe mich mein Schickſal, als winkte mir ein Genius. Hilf und rette, löſe und ſühne! rief es in mir, noch eh' ich wußte wen und was! Ich fand die beiden Gräfinnen mit ihren Damen allein. Die ſtrenge Geſellſchaftsordnung war um Vieles gemildert und erleichtert als der Troß der Pagen und Lakaien bei der Bedienung entfernt blieb. Die an den Salon ſtoßenden kleineren Gemächer mit lauſchi⸗ gen Niſchen und gothiſchen Winkeln gaben auch die Möglichkeit, ſich aus dem geſchloſſenen, aufmerkſam behüteten Cirkel zu entfernen, falls ein Wort zu äußern war, das einer Perſon allein, nicht Allen, nicht Jedermann galt. Die Religion, und immer wieder die Religion war in dieſem traulichen Kreiſe gar bald von neuem das Thema. Als wenn in dieſen Zauberring, der die Erde mit dem Himmel, das Geringe mit dem Höchſten, das Vergängliche mit dem Unvergänglichen verbindet, alles ſonſt dem Leben Verſagte gebannt und einbegriffen ſei! Daß ich mich einen Proteſtanten genannt, der ſelbſt gegen den Proteſtan⸗ tismus proteſtire, war das Stichwort geworden, das vom Munde des Reichsgrafen wie ein Lauffeuer durch die ganze Geſellſchaft ging, und das die Aufgeklärten, obenan der Starkgeiſt Juſtus Erich ſelber, für ihre Sache, die Frauen mit ihrer unterdrückten Stimme eben ſo gut für ſich zu deuten wußten. Ich wartete nur auf den paſſen⸗ den Augenblick, wo ich mich entſchieden für das bekannte, was ich war und wofür ich daheim galt. Nur wollte ich dieſen Moment nicht herbeidrängen; war es mir doch ohnedies wichtiger, wie ich als Menſch zu Menſchen, denn als Mitglied einer kirchlichen Gemeinſchaft zu dem angeborenen heimiſchen Bekenntniß ſtand. Ich mußte vor den Damen mit dem Geſtändniß hervortreten, daß ich für die Ver⸗ t, wird et der nd dies Inſich⸗ . der Natur des chend.— Eine beſondere, einen, ward füt rde nicht theil⸗ n Schicſtl, uls ſühne rief es n allein. Die und erleichtert enung entfernt het nit lauſchi⸗ Möglichtit, ſich entfernen⸗ fal ticht Ulen, nicht per in diſſen Uls wenn in s Gering l d e zen Protefſun⸗ om Munde des zſellſcheft zin, Giih ſelbo, us ben Stinme e ; den piſe⸗ einigung ſämmtlicher chriſtlichen Confeſſionen ſei, in der römiſchen Kirche nicht und keinesweges vornehmlich und ausſchließlich die Re⸗ ligion Chriſti ſähe, aber auch keine von den proteſtirenden Secten für berufen halte, eine chriſtliche Kirche zu geſtalten. Das war zu viel für Gemüther, die in der Einſeitigkeit erzogen waren, ob ſie ſchon die harten Formen dieſer engen Ausſchließlichkeit zu durchbrechen ſich ſehnten. Gräfin Thusnelde zog ſogar den Harniſch des ſtarken Lutherthums an, als wollte ſie ſich hinter des Auguſti⸗ ners feſte Burg Gottes verſchanzen. Luther's Gemeinde, ſagte ſie, habe doch wahrlich, in Noth geboren, im Kampf geprüft, ja in Feuer und Blut bewährt, alle Merkmale einer ächten Kirche Chriſti an ſich und für ſich, eine Kirche, die ihr feſter als Petri Felſen in Rom zu ſtehen ſcheine! Ich mußte ihr entgegenhalten, daß jede Abſchlie⸗ ßung, Ausſchließung und Verwerfung, ſowie das traurige Gefolge jedes Syſtems, Erſtarrung der Doctrinen und Formen, der Freiheit Chriſti und der allgemeinen unſichtbaren Kirche, die er meine, wider⸗ ſtreite. Einen harten Kampf hatte ich bei den Angriffen gegen den römiſchen Glauben zu beſtehen. Daß dem Laien die Bibel mit ihren Dunkelheiten verſagt ſei, konnte ich nicht für unbillig halten. Daß die römiſche Kirche nicht in und mit dem Wort der Bibel ihren Abſchluß gefunden, erklärte ich damit, daß der Katholicismus ſich für eine fortgeſetzte Offenbarung halte, und die wahre Kirche, in der Chriſtus lebe, auch eine ſolche ſei und ſein müſſe. Jeder Secte be— ſtritt ich das Recht und die Befähigung, eine Kirche zu ſein. Ich mußte kraft und getreu meiner Ueberzeugung leugnen, daß ſelbſt die Augsburger Confeſſion einen andern Zweck gehabt und bekundet habe, als die wahre Katholicität, die wahre Rechtgläubigkeit ihrer Anhänger zu beweiſen, wie ſie ſich in ihrem Artikel 21 in der That verbind— lich gemacht, keine Dogmen gegen die katholiſche Kirche zu lehren und zu billigen. Ich räumte der Gräfin Thusnelde ein, daß ein Chriſtenthum, in welchem Jeder, aller geiſtlichen Vormundſchaft ent⸗ wachſen, ſich ſelbſt Prieſter ſei, allerdings als das eigentlich höhere und reinere angeſehen werden müſſe; nur daß man über die Wege zur Emancipation des Laien von aller Seelſorge des Prieſters noch nicht einig werden könne. Ich beargwöhnte die Sicherheit der Rö⸗ miſchgläubigen, ſich vom Prieſter das Heil geben und entziehen laſſen — 632— zu können; aber ich nannte den Proteſtantismus, der den Einzelnen für ſein ewiges Seelenheil ſelbſt verantwortlich macht, wie er bis jetzt ſich geſtaltet, nur einen Verſuch in der noch immer vielfach un⸗ mündigen Menſchheit. Ich verwies auf einen Plan, eine thätig wir⸗ kende Loge zu ſtiften, die dies Ziel betreibe. Ich ſchloß mein Be⸗ kenntniß mit dem innerſten Satz meiner Ueberzeugungen, daß die Reformation erſt dann richtig gefaßt werde, wenn man ſie als Refor⸗ mirung des geſammten katholiſchen Chriſtenthums verſtehe. Man müſſe, ſagte ich, durch den Proteſtantismus hindurchdringen, um wieder den ächten Katholicismus zur Erſcheinung zu bringen. Juſtine hatte dieſen Verhandlungen, die nicht ohne Leidenſchaft⸗ lichkeit geführt wurden, faſt mit der ſtarren Ruhe eines verblichenen Geiſtes beigewohnt. Mit leuchtenden Augen, aber ſonſt bewegungslos, hatte ſie gelauſcht, ohne weitere Theilnahme zu bezeigen; es war als wenn ihre Seele von fern her erſt herbeigerufen werden müßte in den Kreis dieſer Intereſſen, die das Syſtem der Tagesordnung unter⸗ brachen. Mitunter war's als ſchweifte ihr Geiſt weit ab von Allem, was ſie umgab und umtönte; dann wieder als wäre ſie davor er⸗ ſchreckt, plötzlich ihren eigenen heimlichen Lebensquell rauſchen zu hören. Bei einer Pauſe war ſie raſch aufgeſtanden und an's Fenſter getreten, hatte den Salon eben ſo plötzlich verlaſſen und das an⸗ ſtoßende Boudoir geſucht. Ihre Kammerdame war gefolgt, in der Beſorgniß, es verkünde ſich irgend einer jener Anfälle der Abſpan⸗ nung und Lethargie, denen ſie ausgeſetzt war. Juſtine hatte mit ſtummer Gebährde abweiſend gewinkt, dann aber, als wir ſchwiegen, unſer Geſpräch ſich erſchöpft hatte, hörten wir ſie den Namen des Fräuleins rufen. Dieſes trat aus dem Cabinet alsbald mit dem Auf⸗ trag zurück, mich zu ihr zu bitten. Tante Erlaucht machte die Pan⸗ tomime der Gewährung und Genehmigung, und ſo ſtand ich endlich vor der ſchweigſam Stillen, Aug' im Auge. Sie hatte den Kopf in die Hand geſtützt und ſaß, in die Ottomane gelehnt, mit fragſam verlangenden Blicken vor mir. Es war als müßte ſie ſich erſt auf die Sprache ſterblicher Menſchen beſinnen, um ihren Gedanken Aus⸗ druck zu geben; nur das Auge ſprach in erhöhtem Glanz und Leben. „Graf Latour,“ ſagte ſie ſcheu und ſtill,„iſt Wahnſinn heil⸗ bar?“ den Einzelnen t, wie er bis er vielfach un⸗ ne thitig wir⸗ loß mein Be⸗ igen, daß die ſie als Refor⸗ Man nüſſe, um wiedet den Leidenſchft⸗ verblichenen hewegungslos, es wal als den müfte in dnung ve⸗ b von Alln, ſe davor er l rauſchen z dans enſer und das aſ⸗ efolgt, in der der Abſpan⸗ ine hul nit vir ſhwiegen⸗ Namen des den Luf⸗ ie den nit fuſſu ſ ei ui edanken Aus⸗ „Aben⸗ un i zunſn ſe — 633— Vollkommen!“ e ich erſchreckt,„friilich nicht durch Mitul wohl aber durch liebevolle Pflege f die Bedürftigkeit eines leidenden Genüthes. g nennen, iſt ja oft ein Hervorbre 6 1a oſt nur eine Laune der Natur — 6 verſagter und unterdrückter Empfindungen 3* he gen, e befangenheit in den wahren Zuſtand drängt, Schu genheit und Benußtſei gt, Schlaf⸗ 8 Bewußtſein durcheinanderwirrt. Der Geh 6 freier dem neuen Lichte ſeines wiederg Lebens entgegen. Er ſteht d en ſteht dann geſicherter d mhaften Krankhei da, hat e Gott und— en Krankheit der Seele ſeinen nnen* . 665 von neuem und weit klarer begriffen!“ i⸗ wie gut!“ flüſterte 8 c ißo die Comteſſe und entzog i prüfenden Blicken, mit denen ich ſi fühllos,“ ſagte ſi hllos,“ ſagte ſie.„Im Gegentheil, mi für das 5. Gegentheil, mir fehlt es am „ 0 e enſche wenn auch 1 die Menſchen treibt, aber ich fühle oft ſicher ge ihre forſch iſagbar, was nicht gut darin iſt.“ S e forſchenden Blicke 2.— Sie ſchickte en Blicke nach mir aus, wie Fühlfäde und wie weit mir zu trauen ſei Fühlfäden, um zu prüfen ob fort,„ich leide„Graf Latour,“ fuhr ſie d an eine r ſie dan a* unerbittlichen Widerſpruch gegen die. ber ich fühle d 9eb ge h och, daß ich kei 3„daß ich kein Rec Ordnung zu ändern. Man ſollte mic n Recht habe, dieſe mich in das was hier ollte mich gewähren laſſen, wie ich c hier gilt, gefunden, ob mir ſchon oft genug ei 5 6 gr raume ſagt, es könnte beſſer ſein. Man klagt 2 ne od er 3 4 agt, ich ſe 8. 6. was man mir bietet, mich zu reizen, die g 3 gu en 6 e geſchulte neh der bunte Lärm der Erheiterungen 3 hat ehr verſcheucht. Ich verdank . Ich verdanke der T 5 viel; ſie ſuchte mi anke der Tante Erlaucht ſehr hte mich eitt Erlaucht ſehr ſchon von Kindheit mit religiöſen Vorſtellungen zu erwärmen vorleſen ließ 6 wenn ſie mir Abends Kapitel aus der Bibel Stall bis 1 O eben des Erlöſers von der Krippe der Hirten* niederſtieg nt elberg und Golgatha vor meiner Seele auf und g nic S verzauberten Prinz ich Lus Alles nur wie das Mährchen von einem Sennſce zen; ich hatte keinen Sinn, die Legende in di Sie 6— Nutzanwendung zu überſetzen„ „ atten räfin 5 9 0 B. ligen Lebens begriſen. ſagt' ich,„wohl die Schönheit des hei⸗ er nicht die Doctri daraus f 3 h die Doctrinen, die ſich die Menſ eſtgeſtellt 6 8 ſich die Menſchen geſtellt, um ſich darüber zu entzweien und. zweien und zu befeinden!“ — 634— Sie ſah mich aufhorchend an; faſt wollte ein Lächeln, wie Zu⸗ ſtimmung und Bejahung, über ihr Antlitz ſchweben, aber ein Hauch der Wehmuth verſcheuchte den gefälligen Reiz, der um ihren Mund⸗ winkel ſpielte. „Saß ich in der Kirche,“ fuhr ſie fort,„ſo erſchrak ich dar⸗ über, was aus der heiligen Sage für harte Wahrheiten erwachſen waren, es ſchien ſich mir in den Reden unſerer Hofprediger aller Segen, den Gott über die Welt hat ergießen wollen, in eitel Fluch und Verderben zu verwandeln. Meine Kränklichkeit mochte Schuld daran ſein, wenn ich in den Bildern am Altar den gegeißelten und den am Kreuz entſeelten Leib des Herrn nicht ertrug, ohne krampfhafte Schmerzen zu empfinden; ich meine, man ſollte den Herrn nur wie er lehrt und ſegnet, und Wunder thut mit Wort und Hand, vor Augen haben!“ „Mormona!“ ſeufzte ich aus tiefer Seele; mich überwältigte das Andenken an Mormona's widerwillige Anwandlungen vor den Marterbildern aus der heiligen Geſchichte. „Was iſt?“ fuhr Juſtine auf und ſah mich fragend an. Ich entſchuldigte mich, daß die Gewalt einer alten Erinnerung in mir aufgeſtiegen. Sie fragte mich nicht danach, aber ich fühlte den leuch⸗ tenden Blick ihrer Augen, als ich die meinigen niederſchlug. Ein Weib verſteht ſehr leicht und gut, wo Jemand an eine Grabſtelle in unſe⸗ rem Innern rührt, an eine Stelle, wo wir ein geliebtes Leben beiſetzten. „Sie waren viel in Italien, Graf Latour?“ ſagte Juſtine. „Es iſt mein Heimathland,“ entgegnete ich,„mein Name iſt La Torre.“ „Meine Sehnſucht nach dem Süden jenſeit der Alpen,“ ſagte die Gräfin,„hat Vater Erlaucht mit ſeinem entſchiedenen Wider⸗ willen gegen das Land meiner Mutter verpönt. Es bleibt ein ver⸗ ſagter Wunſch, den Ort ihrer Geburt, den Schauplatz ihres kurzen Jugendlebens zu betreten. In früheren guten Tagen, wenn ich als Kind krank war, am Bette, hat mir Vater Erlaucht wohl in ſchwachen Stunden, wie er's nennt, von der Mutter und vom Süden erzählt; ſpäter, als ich den Wunſch nach ihrem Jugendland feſthielt, wies er um ſo beſtimmter jede Regung zurück, die daran gemahnte. Mein Vater—“ cheln, wie Zu⸗ bet ein Hauch ihren Mund⸗ chrak ich dar⸗ ten erwachſen prediger aller itel Fluch und huld daran elten und den ne kranyſhaft ern nur wie nd Hand, vol übern wältigte taen vot den — un. Jt erung 91 in nir hlte den euch⸗ n Ein bſell in unſe⸗ eben beiſehten⸗ Juſ ſine in Na ame iſt ſagte lpen,“ ſet nen Wider⸗ ener eibt ein vel⸗ 4 urzel ihres wenn ich als ſhwachel mhlt; wies er Mein in den ielt⸗ hnte⸗ 635 „Ein außergewöhnlicher Mann!“ ſagte ich, wie ſie ſchwieg und ſich unterbrach. „Aber meine Mutter!“ brach Juſtine aus und eine ſchwere Thräne zitterte in ihren dunkelblauen Augen.„In einer Villa am Strande unfern der Bucht von Genua hat ſie ihre kurze Liebe geträumt, dort ward auch der Bund von Prieſterhand beſiegelt.“ „In der Villa Speroni,“ ſagt' ich. „Sie wiſſen? Sie waren dort?“ rief ſie. „Ich ſah auch das Bild Ihres Vaters, Gräfin,“ erzählte ich, „in Rom, im Palaſt der Propaganda des katholiſchen Glaubens, in der Sala intima zwiſchen den Bildern deutſcher Proſelyten, in Le⸗ bensgröße, aber mit einem Trauerflor bedeckt, weil man ſich thörichter Weiſe beeilt, an ſeine Vermählung eine Hoffnung, ihn zu gewinnen, zu knüpfen!“ „Im geheimen Saal der Proſelyten ſahen Sie ſein Bild, Sie, ein Proteſtant?“ flüſterte Juſtine mit der ſcheuen Haſt leidenſchaft⸗ licher Aufregung. „Ich bin dem Herkommen und dem Bekenntniß nach katholiſcher Chriſt!“ ſagte ich. „O mein Gott,“ rief ſie zitternd,„laſſen Sie ihn das nicht wiſſen, Niemand hier, Niemand!“ Sie hatte mit beiden Händen meinen Arm erfaßt und drängte ſich in der Heftigkeit maßloſer Angſt an meine Seite, ich weiß nicht Schutz ſuchend oder in der Abſicht, mich ihres Schutzes zu ver— ſichern. Die Gräfin Tante hatte ſich mit ihren Damen dem Cabinet ge— nähert; unſer Zwiegeſpräch war beendet, unterbrochen. Der Abend verlief ſonſt einfach und ſtill. Die Herren waren zu ſpät von ihrem Ausflug zurückgekommen, um noch zum Thee bei den Damen zu er— erſcheinen. Beim Abſchiede nahm ich noch Gelegenheit, insgeheim die Gräfin Thusnelde nach Juſtinens Nachtwandeln zu befragen.„Hat ſie Ihnen davon erzählt?“ fragte die Tante nicht ohne Aengſtlichkeit, und fuhr fort:„Anfälle der Art hat ſie ſchon von früh gehabt, aber ſie ſteigerten und fixirten ſich erſt bei einer gewiſſen Veranlaſ— ſung. Von der verſtorbenen Mutter beſaß das Kind ein Cruciſix von Ebenholz und einen Kranz mit Roſenkügelchen. Man hatte das 6— dem Kinde zum Spielzeug gegeben, als Einziges und Letztes, was ihm von der Verewigten geblieben. Juſtine hatte damit getändelt, aber das Spiel ward verfänglich, als ſie an dem Kranze ihr Nacht⸗ gebet herzuſagen begann. Das erregte Eiferſucht, Argwohn, Zorn; mein Bruder Erlaucht entriß ihr Beides, und ſeitdem ſtand ſie oft Nachts träumend auf, es zu ſuchen. Auf ihre Bitten, ihr die theuern Angedenken wiederzugeben, erfolgten Zornausbrüche über Götzendienſt und Narretheien. Seitdem Crucifix und Roſenkranz drüben im Archiv beigeſteckt worden; hat die nachtwandelnde Träumerin kein anderes Ziel für ihre Sehnſucht als den alten runden Thurm. Na⸗ türlich wird Nachts jeder ihrer Fufßtritte ſorgſam gehütet. Sie hat aber doch ſchon mit verſchmitzter Liſt ihre Wächter getäuſcht!“ Ich ſuchte früh mein Zimmer. Die ganze Nacht über war mir zum Sterben weh; die Diſſonanzen im Leben der Menſchen bedrückten meine Seele, ich mochte den Schlaf ſuchen oder wach bleiben. Arme, mißverſtandene, gequälte Seele, könnt' ich dich er⸗ retten und erlöſen! Das war mein Gedanke ſchlafend und wachend. Juſtine erſchien mir wie ein gefangener, im Kerker ſtumm gewordener Vogel, der ſich an den Stäben ſeines Käfigs die Flügel zerſchlägt. Dreiundzwanzigſtes Rapitel. Nachtwandel und Liebe. Der nächſte Tag brachte mir wenig Beziehungen zu Juſtine. Bei der Begegnung am Morgen, wie an der Mittagstafel war ſie wieder in ihre paſſive Stille, die an Starrheit grenzte, zurückgekehrt; ihr Seelenleben hatte ſich wieder hinter die Formen, die um ſie her galten, verkrochen. Nur dann und wann warf ſie fragend und ſuchend den Blick ihres wunderbaren Auges zu mir herüber. Wie ich von meiner Abreiſe ſprach, zog ſie ſich mit allen ihren Fühlfäden in ſich zurück; ich empfand die Zuckung, die über ihr Herz lief, ſympathe⸗ tiſch in meiner eigenen Bruſt. Erſt die Nacht ſollte das Myſterium unſerer Liebe offenbaren. Letztes, was mit getändelt, e ihr Nacht⸗ wohn, Zom; ſand ſi oft rdie theuem Götzendienſt drüben im räumerin kein Thum. N⸗ n. et. Sie het juſcht!“ bt über war er Menſchen n eder wach ich dich ⸗ und wachend. n gundintn gel zerſchligt Juſtine· —. afel wir ſe nidglr umn ſt hu ſuhend f, ſyn „in 637 Im feſtlich geſchmückten Ballſaal zu Belle Promeſſe war Tanz. Der Reichsgraf in Perſon eröffnete den Ball mit einer ſchon betagten, aber kräftig impoſanten Dame, einer Hohenlohe'ſchen Gräfin aus einer Seitenlinie, Kreuzdame und Vorſteherin eines proteſtantiſchen Fräuleinſtiftes. Sie war, raunte maf ſich zu, eine alte Neigung des geſtrengen Herrn geweſen; er hatte ſie wenigſtens gerngehabt, aber ſeine Zärtlichkeit für ſie war nun bis dahin abgedämpft, daß er jährlich ein Mal ihr Cavalier war und auf ihren Wunſch mit ihr tanzte. Es war ein eigenthümlich Schauſpiel, wie die zwei hohen erhabenen Geſtalten eben ſo zierlich wie ehrbar im Tanz ſich mit einander gebährdeten. Es war weniger ein Tanzen wie ein Becom— plimentiren, ein Hin- und Herneigen der Geſtalten in gegenſeitiger Devotion und Gravität. Anfangs meinte man, ſie hätten den Tanz parodiren wollen, aber ſie trieben das Gliederſpiel mit ſtrenger ortho⸗ doxer Gewiſſenhaftigkeit. Dem regierenden Herrn lagen tiefe Falten auf der gewölbtenStirn, während ſein Mund ſo viel Grazie als ihm möglich war, entwickelte. Er courbettirte, wenn ich ſo ſagen darf, um ſeine Dame herum, er machte ihr die Honneurs mit der Courtoiſie eines ſpaniſchen Granden. Jetzt war er ihr voraus, als wollt' er ihr entfliehen, und jetzt erſchien er, wie ſie hinter ihm herſtolzirte, wie König David vor der Bundeslade. Es war eine Ciaconne von Sebaſtian Bach. So eigenthümlich wie der Tanz war auch die Muſik. Es war als wenn erhabener Kirchenſtyl ſich zu einem Scherzo herabgelaſſen. Ein Rieſe von Geiger gehörte dazu, ein wahrer Briareus, wenigſtens ein Spieler von verzehnfachter Kraft, um all' die Grandezza mit all' der Grazie, all' die Feierlichkeit des Reifrockſtyls mit all' den Feinheiten einer ſüßen Empfindſamkeit auf dem Inſtrumente ſolo zu verſchmelzen. Die Melodie verkriecht ſich hinter lauter Schnörkel und Fiorituren, taucht aber hier neckiſch, da mit aller Gewalt hervor, eine wahre Schlangenlinie mit Arabesken⸗ guirlanden, wie ſie auch ſonſt das Zeitalter liebte. Auf dieſen Ehrentanz, an welchem theilzunehmen nur das Alter berechtigt ſchien, folgten die üblichen franzöſiſchen Tänze, die mehr dazu gemacht ſind, die Grazie der Jugend zu entfalten. Prinz Emil eröffnete mit ſeiner Verlobten den Reigen. Er führte ſie mit Be⸗ hutſamkeit und Delicateſſe, aber unſicher, ohne Feſtigkeit und Zuver⸗ 638 ſicht. Wie ſie an mir vorüberſchritten, ſchlug Juſtine das Auge zum Himmel auf, während ihre Lippen ein Lächeln erzwingen wollten. Plötzlich am Ende des Saales bemächtigte ſich des Paares unter einem leiſen Aufſchrei ein Schwindel. Ich ſah nur wie der Prinz, weder ſeiner noch ihrer mächtig, wankte, wie eine Wetterfahne um ſie herumfuhr und auszugleiten drohte. Wie vom Blitz getroffen ſchien Juſtine das Bewußtſein und die Kraft der Fortbewegung ver⸗ loren zu haben. Unbeweglich blieb ſie ſtehen, der eine Arm behielt die ausgeſtreckte Haltung, während die andere Hand in's Ungewiſſe tappte. Ich war hinzugeſprungen, und ehe noch der Prinz ſich er⸗ mannt hatte, ſeine Tänzerin von neuem zu erfaſſen, griff ſie mit der Rechten krampfhaft zu und hielt meinen zur Unterſtützung dargebotenen Arm convulſiviſch feſt. So kaum ihrer Herr, hoben und trugen wir, der Prinz und ich, die theuere Bürde aus dem aufgelöſten und ver⸗ worrenen Knäuel der Tänzer, die ſich planlos um uns gruppirten. Eine Kammerdame öffnete die nahe Seitenthür, und während im Saal Muſik und Tanz loſe durcheinanderſchwirrten, waren wir mit der Ohnmächtigen in das anſtoßende Gemach getreten. Wir hörten nur noch, als die Thür hinter uns zufiel, wie die Muſik plötzlich verſtummte, ein dumpfes Gewirr laut ward, bis die Commandoſtimme des Reichsgrafen:„Fortgetanzt!“ das Signal zur Herſtellung der unterbrochenen Ordnung gab.„Schließen Sie die Thür hinter uns!“ flüſterte ich der Kammerdame zu,„die Gräfin braucht Ruhe und Er⸗ holung!“ Mit Hülfe des Prinzen hatte ich die Leidende auf das nahe Ruhebett gelehnt; ich war jedoch außer Stande, meine ſtarr von ihren Fingern unſchloſſene Hand aus der ihrigen zu ziehen; der Prinz hatte ſeinen Arm um ihren Nacken geſchlungen, um ihr Haupt zu ſtützen, als ſich Juſtine erholte. Ein erneuerter Druck auf die Klinke der geſchloſſenen Thür ſchreckte ſie auf.„Es wird der Leib⸗ arzt ſein!“ ſagte die Kammerfrau, bereit, die Pforte wieder zu öffnen. „Haltet die Ungethüme von mir zurück!“ rief Juſtine mit flammen⸗ dem Zorn, während ſie ſich mit der Springkraft einer Stahlfeder in die Höhe ſchnellte und halb aufgerichtet vor uns ſaß. Sie hatte meine Hand freigegeben, blickte uns befremdet an, fragte was geſchehen, warum der Tanz unterbrochen ſei. Wie ich mit der ganzen Gewalt — e—„ 8 ine das Auge en erzwingen ich des Paares h nur wie der ie Vetterfahne Blitz getroffen bewegung ver⸗ Um behielt is Ungwiſſe Prinz ſich er⸗ riff ſi nit der g dargebotenen nd tugen wil, ſien und vel⸗ is gwyirten⸗ während in unn vir nit Pir hörten Nuft ylotlich nnandofinn Herſelun B hinter uns uhe m 6n uö nche ſtart von ziehen de nit ſunn guhlfde zi hatte neine * ſhehen⸗ Fewalt 665 der Seele in ihr Auge blickte, fuhr ſie leiſe in ſich zuſammen, als erinnerte ſie ſich der Situation.„Verzeihung, mein altes Uebel!“ ſeufzte ſie, und eine Thräne über ſich und ihren Zuſtand zitterte aus ihren Wimpern. Sie lehnte ſich wieder zurück, ſenkte und hob ihr Auge und blickte mich hülfeflehend an. Meine Fingerſpitzen zuckten, es war mir, als ſei alles Feuer meiner Seele in die Nervenenden meiner Hand gefahren. Eine unendliche Wehmuth überfiel mich; ich gedachte des Rabbi, wie er die aufgeſtörten Lebensgeiſter meines Pirrho mit ſeiner Handbewegung gebändigt und gemildert. Wie ich Aug' in Auge mich über ſie beugte, hob ich unwillkürlich meine Hände wie zum Gebet, wie zur Abwehr alles Böſen über ihr Haupt, ſtrich niederwärts über Hals und Buſen und rief in heißer Angſt bebend und flüſternd nach dem guten Geiſt zur Sühnung und Beruhigung. Juſtine lag ſtill; ein Fittich des Friedens breitete ſich bei der dritten Handbewegung über ſie. Wie ihr Augenſtern ſich hob und nach oben unter die Höhlung trat, lächelte ihr Mund zum Zeugniß ihrer Beruhigung. „Was thun Sie, Graf Latour?“ fragte der Prinz ängſtlich. Ich bedeutete ihn ſtill und wies auf die Schläferin, die ihm ſelber Rede ſtehen ſollte.„Wie iſt Ihnen, Gräfin?“ fragte ich leiſe in ſie hinein. „Sanft und gut!“ hauchte ſie in tiefen Zügen.„Wie auf Flügeln des Windes hebt es mich hinauf bis in die Wipfel der Buchen und Tannen; ſie beugen und neigen ihre Häupter, ſie be⸗ decken meine ganze Geſtalt, der Athem der Liebe Gottes greift über die Saiten meiner Seele. Jetzt, jetzt, höher hinan, ich woge und webe in Licht und Aether, Alles iſt Liebe und Milde. Ach, wer küßt meine Stirn?“ Dann ſchlief ſie feſt und tief; ich ließ von ihr ab, ich taſtete nach meinen eigenen Händen, nach meiner Stirn, die heiße Tropfen bedeckten. Von der entgegengeſetzten Thür nahten Schritte, die Damen vom Gefolge der Gräfin eilten mit Dienern herbei. Ich machte Ruhe und Schonung zur Pflicht; der Schlaf werde ſie er⸗ quicken und heilen, ſagt' ich. Ich empfahl, ihr die Kleidung zu erleichtern, ſie in ihr Gemach auf ihr Bett zu tragen. Den Prinzen beſchwor ich, den ſo eben hereintretenden Arzt zu zwingen, ihr den — 640— Schlummer zu gönnen, ſie in Frieden zu laſſen. Ich zog mich dann zurück und ſuchte auf einem Umwege den Eingang zum Ballſaal. Der Prinz, der den Transport begleitet hatte, ereilte mich auf dem Corridor, der beide Schloßflügel verband. Es war ein langer bedeckter Gang von Glaswänden und Fenſtern, die nach einem Licht⸗ hofe gingen. Dicht zur Seite lagen die von mir eingenommenen Gemächer. Drüben begann die Reihe der Zimmer des linken Flügels, welchen die Damen des Hofes bewohnten. „Welch' ein ſeltſamer Zuſtand!“ ſagte der Prinz noch ganz außer ſich, indem er lebhaft meinen Arm erfaßte. „Noch nicht ſo ſeltſam,“ war meine Entgegnung,„als die harte Barbarei der Mittel, mit denen man hier zu Lande gegen Traum⸗ anfälle ſolcher Art zu Felde zieht! Es iſt das erſte Geſetz für den Arzt, die Krankheit nicht zu hemmen. Auch liegt die Quelle der Geneſung nicht außerhalb des Leidenden. Gräfin Juſtine iſt von Kindheit auf falſch behandelt. Ihr Gemüthsleben iſt geſtört, weil man es unterdrückte, und die zurückgedrängte Phantaſie flüchtet ſich in den Schlaf und geſtaltet ſich die Träume bis zu leibhaften Er⸗ ſcheinungen. Darum ihre fieberhaften Ahnungen, ihr Nachtwandeln. Stört man das, ſo bricht der Traum als Wahnſinn mitten in die Wirklichkeit herein!“ „Sie iſt im wachen Zuſtande ſo kalt, ſo todt!“ ſagte der Prinz. „Eben deshalb,“ entgegnete ich,„ſie iſt das Opfer der Despotie des nüchternen Verſtandes, der hier das Sccpter ſchwingt. Man pflege ihr Gefühlsleben, man ſchrecke nicht ihre Phantaſieen zurück, dann wird ihr Geiſt ein Genüge finden mitten auf der Scholle der Wirklichkeit! Sie iſt vielleicht ein Naturell wie ihre Mutter, ein Kind des Südens, eine Pflanze, die hier die nordiſche Zugluft hin⸗ dert, ſich frei zu entfalten. Weder das Klima, noch die Etiquette des Hofes, weder die kalte Herrſchaft der Vernunft, noch die hier landesüblichen religiöſen Vorſtellungen paſſen für ein ſo zart und weich organiſirtes Gemüth.“ „Sie meinen, Gräfin Juſtine hätte bei dem Naturell ihrer Mutter eine Neigung“— der Prinz ſchwieg plbtzlich und ſah mich argwöhniſch an. zog nich dann m Balſſull reilte mich uf ar ein langer h einen Licht⸗ ngenommenen inken Flügels, och gunz ußer „als die harte gegen Trun⸗ geſetz für den Duelle der ſin iſt von geſtbrt, wil ie ſühtt ſi leibhaften én ſuchtwundel nitten in die ſagt der 0 desyotie zut Man een zurid⸗ Scholl der Muttet/ Zuguft hin⸗ Gimtt e er „ di hi 0 d ſo zut ihrel 1 ih Nature Ra. ſ mich un —— 641— „Jedenfalls eine Neigung zu milderen Lebensformen, als man ihr bietet,“ ſetzte ich hinzu.„Wenn die Aufklärung des Verſtandes ſich mit allen Schreckniſſen der Barbarei waffnet, da kann es nicht Wunder nehmen, geht darüber ein Gemüth zu Grunde.“ „Und mit was für Mitteln,“ fragte Prinz Emil nach einer Pauſe,„haben Sie ſich der Kranken bemächtigt?“ „Mit keinen, die ein böſer Zauber bietet,“ ſagte ich,„mit der magnetiſchen Kraft in Blick und Hand. Wollen wir darüber ſchwei⸗ gen, Prinz; profane Köpfe möchten uns verketzern!“ Ich fühlte des Prinzen ſchweren, durchdringenden Blick, den er noch auf mir haften ließ, als wir am Eingang in den Ballſaal auseinandertraten. Der Tanz war nicht unterbrochen, aber die Feſt⸗ freude doch ſo ziemlich getrübt, ſo viel der Reichsgraf ſich auch Mühe gab, den ſeiner Tochter zugeſtoßenen Anfall zu ihren gewöhnlichen Anwandlungen zu rechnen. Der Leibarzt ſtattete ihm auch bald ganz beruhigenden Bericht über den feſten geſunden Schlaf der Patientin ab.„Daß mir ſo was paſſiren muß, ſo ein Nervenſpuk in meinem Hauſe!“ ſagte der Mann in ſeinem Zorn;„ich lieb' es ſchon nicht, daß Eins krank iſt; Gemüthskrankheiten ſind mir eitel Thorheiten!“— Er bedachte nicht, daß auch die Thorheiten zu den kranken Zuſtänden der Menſchen gehören.—„Hält man die fünf Sinne ſtramm,“ eiferte er,„ſo kann derlei dummes Zeug nicht vorkommen. Central⸗ punkt verrückt? Unſinn! Kopf oben, reines Blut, Auge klar, Magen arbeitſam: ſo kommt man ohne Anfechtung ſelbſt durch eine Welt voll Teufel! Das geſammte Frauenzimmer hat freilich ſeinen beſon⸗ dern Kram mit allerlei Functionen, und dann reden ſie auch noch von Nerven! Lieber Herrgott, wenn Sehnen und Knochen friſch ſind, was wollen da die Nerven anfangen?“ Der Prinz zog den Reichsgrafen bei Seite; ich weiß nicht ob er ihn von dem beſonderen Vorgang, der nur ihm und mir im Saale bekannt geworden war, in Kenntniß ſetzte. Vielleicht war er blos bemüht, das gewaltſame Einſchreiten des Medicus zu verhüten. Mir genügte das Bewußtſein, die Qual der aufgeſtörten Lebensgeiſter in ſanften Schlaf gelöſt zu haben. Ich glaubte zum erſten Mal an die Macht meiner Hand; aber ich verſchwieg das auch der Gräfin Tante und hoffte, Prinz Emil werde meiner Warnung eingedenk ſein. D. V. V. Kühne, Die Freimaurer. 41 —— 642— Die Geſellſchaft trennte ſich früher, als anfänglich bezweckt ſein mochte, nachdem der Leibarzt noch ein Mal von Juſtinens Zuſtand die beſte Nachricht gebracht. Ich ſuchte mein Zimmer, fand aber weder Schlaf noch Frieden. Es war eine ſchwüle deutſche Sommer⸗ nacht; ein Gewitterhimmel hing ſchwer über uns. Wie ich die Fenſter⸗ flügel öffnete, kämpfte die Mondſcheibe mit den zitternden Wolken, die ein leiſer Windhauch ſpielend und neckend und doch drohend genug bewegte. Im Schloßhofe war es ſtill geworden, Wagen und Roß waren abgezogen, die gebliebenen Gäſte untergebracht; in den Fenſtern hüben und drüben irrten noch einige Lichter auf und ab und erloſchen dann allgemach. Ich verließ mein Zimmer, um dem Luftzug ungehinderten Spiel⸗ raum zu geben, und beträt das Gemach daneben, das an den Ball⸗ ſaal ſtieß; es war derſelbe Raum, wo Juſtine auf dem Ruhebett ge⸗ lehnt. Im Hintergrunde ſtand ein Inſtrument in Form eines Spinetts mit vollſtändiger Claviatur. Wie bei der Orgel waren hinten die Züge, aber mit Glocken und Schaalen von Glas, die nach Verhältniß ihrer verſchiedenen Größe hoch und tief angebracht, eine Scala von vier Octaven bildeten. Dieſe waren ſo ineinander geſchoben, daß jede nur einen Fingerbreit hervorragte und auf einer Axe ruhte, die mit dem Fuß bewegt ward. Glocken und Hände werden ange⸗ feuchtet, jene, wenn ſie klingen ſollen, mit den benetzten Fingern be⸗ rührt; an Süße und Zartheit übertrifft der Ton des Inſtrumentes alle andern. Es war eine Glasharmonika, nach dem Blitzableiter die zweite Erfindung des großen Franklin, von der man auf Belle Promeſſe Kenntniß genommen. Von meinem Aufenthalt im Collegium zu Genua mit dem Orgelſpiel vertraut, verſuchte ich das Inſtrument, von dem ich gehört, es habe für den Spielenden Gefahr. Ich hatte keine Ahnung, daß die Gefahr, die ich heraufbeſchwor, ſich ganz anders bekunden ſollte. Die unglaublich ſtark und anhaltend verbreiteten Schwingungen, die aus den ſanft beſtrichenen Glasſchaalen hervor⸗ zittern, bringen durch die Fingerſpitzen eine durchdringende Erſchüt⸗ terung in den Nerven hervor. Ich ſpielte ein Stabat Mater von Pergoleſe; mich hob der Geiſt wie auf Flügeln in's Reich unſichtbar überirdiſcher Mächte. Nicht ich war's, der zu ſpielen ſchien; das Inſtrument ſpielte, die Macht bezweit ſein nens Zufind r, fund uber ſche Sonner⸗ ich die Fenſtet⸗ rnden Volfen, drohend genug gen und Noß nden Fenftem und erleſchen nderten Syiel⸗ an den Bul⸗ Ruhebett Re⸗ eines Spine netts en hinten die ach Verhi niß ne Stula von en, diß re ruhte, ange⸗ n ßingern be Inſnnnt es lzebli eiter nan auf fBele in bolegiun Sne 30) hat tte anders h zm iteten d vubri nhewo⸗ has aler e biſjü⸗ S hob d der ei e Nacht die — e, —— 643 der Tö öne riß verſch mich in i um mich Wirbel. Der . das ſich ſen ich hörte n Raum, die Sinn es a vo. enw der durch nkündigte. Ich m äußerſten Ende n fern ein leiſes 5 Licht 4 die offene Thü egann die neue langen h⸗ 8 hur n en n auf den Pult Fenſter ſrich Ein Windzu mich herei Himmel vorüberz Inſtrumentes ſia vor mir ridor 6 Ich ſpielte„i 3 Vun ſe mr wie ein Riegel die dritte Strophe; d ſein blaſſes Licht Meine Fenſter, das den vielleicht der klirrte es vom C. Augen glitten mech drüben in den bed gelöſt; es 6 drang it über die ten Glasgang ſihrt⸗ gen.( et, ins aſte St rte Bterhren Dort vom letien s Dunkel und während n 8 e das eih und Pauſen her des gan Finger li frei, die Hände angſam taſtend eine G immer nach d en Ton i erhoben. Ich ſaß S weißgefleid em L an— aß re eide ſ nein Lauſcher, der. verſchweben; ich er Si tzt zurückwic arrte in“ 4 ie Gefü inne zu wich, ſowi e in's U ühl, verſicher„ſowie der T ngewiſſe B mich drückt' ich 4 Ton 3 eſtalt richt h, beide Hä Zweifel ü um den F richtete ſich de Hände über das ſeltſ uß vorwä ſich auf von neuem i ſeltſame wärts„ als ſchö uem i e als di ärts. Ich ſchöpfte ſie ti n die ie ungewiſſ Ich konnte bei! e ſie tief A Taßs hörte gewiſſe, wellenfö e bei der Dä them, und ſ don ihre ellenfbrmig i ämmerung ni ber d hrer Bewe g im Schleier g nichts erke Poden ſi gung kau eier woge m den S gende G 5 ihr e den ſtreifte den S Geſtalt; i hr entgegen; fte. Die Geſt Saum des G alt; ich fühlte der Schreck wandelte 5 Gewandes, der ſ ſchlanken Leib ein er die Entdeckung 3. mich zu; ich trat 31 Moj 6 tre verſtand heftig, daß ich Sn ſ auf d„trit feſt auf nich zurücktrat. Sie f an nih drangte d: nich z e flüſter gte. J ich bei'm S zu und drückte eine Schultern. geſeſſen. in den „auf meine Sti ann legte ſie bei l, eine Stirn, währ gte ſie beide Hä während ihre A S r Augen ob en . Mondli) D as cheu und 6 ü tern h„ ge nz ver h 5 n durch' 8 F gelöſt lugte. Wie ſick einen ch die Geſt fühlte, beſann Armen hing, ihr Geſtalt über mich leh 3. e C 3 bendi hmich er hren warmen Puls ehnte, auf endige Pulsſc e zurict⸗ Weib ſich L neuem, daß kein mein 2 hauchte ſie wie Klä mich ſchmiegte.„S mich umgab änge der nicht vor 5„„die gefangene S gene S 41* le Seele 6— muß ſich in die Nacht flüchten, um von den Banden der körperlichen Menſchenwelt frei zu ſein. Verachte mich nicht, wenn ich irre rede! Haſt du nicht ſelbſt von den Völkern des Morgenlandes erzählt, denen die geſtörte Seele heilig iſt, weil aus ihnen Gott und Natur zum Menſchen reden könnten? Sie haben mir Netze und Fallſtricke gelegt, aber ich habe ihre Liſt überliſtet und ſie zu Gefangenen im eigenen Zimmer gemacht. Die Geiſter ſind gut, wenn der körperliche Menſch ſie nicht ſtört und verwirrt. Laß du mich frei wandeln, ich ſuche nach einem Herzen, das mit mir fühlt. Verſpotte mich nicht, dir will ich vertrauen. Sei du nicht grauſam, weil ich unglücklich bin. Du wirſt meine Seele retten, dir will ich mein Geheimniß bekennen!“ „O mein Gott!“ rief ich und glaubte zu vergehen unter der ſüßen Laſt, die ſich mir ſchickſalsvoll in die Arme gab. Wie ich auf⸗ blickte, ſah ich hell und klar in Juſtinens blaß verklärtes, ätheriſch verzücktes Antlitz; der Mond ergoß ſein ganzes Licht über uns her, nicht mehr argwöhniſch, ſondern offen und voll, wie eine Segens⸗ ſpende, wie einen Glorienſchein. Wie ſich ihr Gewand von der Schulter löſ'te, leuchtete mir der Glanz der Lilie entgegen.„Reiner Engel der keuſchen verſchwiegenen Nacht!“ ſagt' ich ſtill und ſcheu. Ich zitterte vor dem Gedanken, die Seele eines unberührten Weſens, das Herz eines reinen Geſchöpfes, ihren ſüßen Leib in meiner Hand zu haben. Sie ſah mich lächelnd an, als hätte ſie meine Gedanken errathen und ſprach:„O armer Thor, du thuſt mir wohl! Ich liebe dich, Joſeph La Torre, wie noch kein Weib geliebt. Sieh! über den Waſſern fährt ein Sturm dahin, Welle bäumt ſich gegen Welle, ſie kräuſeln wild auf, aber ſie ſchäumen rauſchend an einander und ihre weißen Spitzen küſſen ſich. So lieb' ich dich! Und horch! Ueber das Waldesdunkel brauſ't der Nachtwind, er fährt über die Buchen dahin, als wollt' er ſie brechen, aber ſtürmt vorüber und im Nach⸗ wehen beugen und neigen die Wipfel ſich, und Blüthe tauſcht den Duft mit der Blüthe. So lieb' ich dich. Und weil ich dich liebe, wie nur ein Weib einen Mann geliebt, kann ich dir's auch geſtehen, wie nie ein Weib es ſollte!“ „Ihr Engel und Cherubim des Himmels!“ rief ich, vom Glück der Liebe berauſcht,„leiht mir Euere Flügel, um das Herz der körperlichen nich irre rede! landes erzihlt, ott und Natur und Fülſſtrice Gefangenen in der körerliche i wandeln, ich ette nich nicht ich ungüclih tein Geheinniß hen unter der Vie ich auſ⸗ heriſch irtes, it über uns her eine Stgens⸗ vnd von det gen.„Reiner ſill und ſchel⸗ ührten WVeſens, meiner Hond teine Gedanken ohl! Ich liebe zich! über m Vell ſi nder und ihre horh! Ueber er die Vuchen und in Nach⸗ gel bi h* n geeh te mſcht 6 der Geliebten, ein Kleinod und nun mein heilig Eigenthum, zu ſchirmen!“ Ich preßte die Geliebte an mich, als könnt' ich fürchten, ſie mit dem vorüberrauſchenden Traum zu verlieren; mir bangte, ſie bei ihrem Namen wachzurufen, als könnte ſie mit wachen Sinnen ihre Liebe verleugnen. Da nahten im Corridor eilende Schritte, nicht männlich feſte, aber nicht weniger haſtige. Die Kammerfrau im Nachtgewande, eine Kerze in der Hand, lief keuchend herbei; Juſtine hatte ſie in der That überliſtet und im Vorzimmer abgeſperrt, war auf der anderen Seite ihrer Gemächer entkommen und hatte, vom Klang der Har⸗ monikatöne gelockt, vom Mondlicht geführt, den Weg nach dem be⸗ deckten Glasgang gefunden. Ich winkte der Kammerfrau, das Licht zu beſeitigen. Sie verſtand nicht mein Begehr. Wie der Schein der Kerze Juſtinens Auge traf, zuckte ſie zuſammen und hing wie geknickt an meinem Buſen; die Schwere, die plötzlich in ihre Glieder fuhr, machte mir erſt jetzt den Eindruck eines Körpers, den ich in meinen Armen hielt. Ein Glück, daß die Kammerfrau nicht nach Hülfe gerufen; vielleicht fürchtete ſie für ſich ſelbſt bei der Entdeckung, die Schlafende auch nur einen Augenblick allein im Zimmer gelaſſen zu haben. Ich gebot ihr Schweigen und Ruhe, und ſo tappten wir nach ausgelöſchtem Licht durch die Dämmerung den Corridor hin— unter. Dort am Ende überſah ich den Sprung und Schwung, der doch immer nöthig war, um von drüben in die Gallerie zu gelangen; die Tiefe der Hofmauer war zu beträchtlich, um bei wachen Sinnen den Schritt über das Geländer und über den leeren Raum hin zu wagen. Die Kammerfrau, ſeit deren Kindheit im Dienſt bei der Gräfin, verſicherte, in ſolcher Ausdehnung noch nicht eine nächtliche Anwandlung mit ihr erlebt zu haben. Wir hatten glücklich das Vor⸗ zimmer erreicht und die Schläferin auf das nächſte Ruhebett gelehnt, als das Geräuſch von Geweckten mich zwang, eiligſt, unerkannt und unbemerkt, wie ich dachte und hoffte, meinen Rückweg zu ſuchen. Erſchöpft ſank ich ſelbſt auf mein Lager und ſchlief betäubt bis in den tiefen Tag hinein.— Die Sonne ſtand bereits ziemlich hoch, als ich erwachte. Das Gewitter hatte ſich entladen, ein leuchtender Sommertag lag über der — 646—— Landſchaft. Im Schloßhof war es ſehr lebendig. Neue Gäſte waren angekommen, Wagen fuhren ab und zu, reitende Boten ſprengten hin und her. Der Friſeur, der vom Perſonal der Dienerſchaft mich bediente, erzählte, für heute ſei der eigentliche Tag der Verlobung des hohen Paares anberaumt geweſen, allein Comteſſe könne das Bett, wenigſtens das Zimmer nicht verlaſſen. Angekleidet eilte ich hinüber in den Schloßflügel, wo die Gräfin wohnte. Zu nicht ge⸗ ringem Erſtaunen der harrenden Diener antichambrirte ich eine ganze Weile, um unter dem Vorwande, den Arzt ſprechen zu wollen, von der Kammerfrau über den Verlauf der Nacht zu hören. Ich konnte ſie nur im Fluge erhaſchen: die Gräfin habe feſt und ruhig bis an den lichten Morgen geſchlafen, ſei jetzt ſtill und duldſam, weigere ſich aber hartnäckig, an der Beſtimmung des Tages theilzunehmen; von den Vorgängen der Nacht ſchien ſie blos von ihrem Schwindel im Ballſaal und ihrem Erwachen in des Prinzen und meiner Gegenwart ein Bewußtſein zu haben. Ich zitterte vor dem Gedanken, ihr Traum werde über ihre wachen Sinne keine Macht, in der Wirklichkeit keinen Platz haben, wie ein Schattenbild der Nacht vom Tage ohnmächtig ver⸗ ſcheucht ſein! Wie ich in meine Wohnung zurückkehrte, erfuhr ich, daß der Prinz wiederholt nach mir geſchickt habe. Ich eilte zu ihm, war aber froh, ihn nicht zu treffen, ihm nirgendwo zu begegnen. Gräfin Thusnelde war unbaß, für Niemand zu ſehen. Der regierende Herr war mit einer Auswahl der Geſellſchaft zu Wagen und Roß nach Schwarzenfels, der alten Stammburg des Hauſes, um dort Geſtüt und Hirſchpark zu beſuchen. Er für ſeine Perſon ſei ſogar nach Empfang einer wichtigen Depeſche tiefer in's Land hinein. Daß ich von jener Partie ausgeſchloſſen blieb, fiel mir weder auf, noch legte ich Gewicht darauf. Die Mittagstafel war nicht eben ſehr zahlreich, nur von einigen Nachzüglern und Seitenzweigen der eingeladenen Herrſchaften beſetzt. Baron Hinterbein und die zurückgebliebenen Ehrendamen machten nebſt den verſpäteten Ankömmlingen den Kern der Geſellſchaft. Der Abend war herangekommen; meine quäleriſche Unruhe ſtieg bis zur Angſt und Pein. Es duldete mich nicht im Zimmer; ich ſuchte das Weite, und doch trieb es mich wieder zurück. Ich fühlte klar und ſicher, daß ein zweites Weſen in meine Sphäre getreten ue Gäſte waren oten ſprengten ienerſchaft nich der Verlobung ſſe könne das leidet eilte ich Zu nicht ge⸗ ich eine ganze wollen, von . Ih konnte nhig bis un m, weigere ſich unehmen; von Schpindel in ner Gegenwart en, ihr Trun lichkeit kinen hmicti ver⸗ ich, daß der ihn, wr aber gnen⸗ Grifn ginende hr nd hoß n dort Gfit i ſchn mn ein⸗ dij i noch legte ich n henſhmfn Gnunn 6elſhift innn 3 36 fihle in ſin war und wie feſtgebannt in meiner Lebensluft blieb. Ich wußte mich doppelt, ich empfand, daß eine andere Natur über mich gebot. Zu⸗ gleich überkam es mich wie eine Ahnung und Mahnung, ein großes Unheil zu verhüten. Wie der Mond am Himmel ſtand, hielt ich das quäleriſche Gefühl von heranziehenden Gewitterwolken, die meinen Lebenshimmel bedrohten, nicht länger aus; ich eilte hinüber in die Vorzimmer der Wohnung der Comteſſe. Zitternd fuhr mir die Kammerfrau entgegen, mit allen Zeichen des Schreckens mir meldend, der Reichsgraf ſei mit dem Leib⸗ arzt und noch zwei anderen Perſonen dageweſen und habe die Gräfin lang und breit ausgefragt; ſie habe nur geſagt, was Jedermann wiſſen könne. Auf der Treppe habe Se. Erlaucht von einer Gaunerei, n einem Betruge geſprochen, den er entdeckt. Im Nu war die eängſtete Duenna fort, und doch lag mir ob, ihr eine Mahnung für ihr weiteres Verhalten in der Behandlung der Schläferin zuzu⸗ raunen. Mit Anbruch der vollen Nacht wollt' ich mein Lager ſuchen, aber es trieb mich auf, ich mußte Thür und Fenſter öffnen. Es duldete mich auch dann nicht im Zimmer, ich ging in das Gemach, das an den Ballſaal ſtieß, trat gedankenlos an den Harmonikaflügel, legte die Hand in die Taſten, fuhr aber plötzlich vor dem Gedanken zurück, die Schläferin herbeizulocken. In demſelben Augenblick klirrten im Corridor die Scheiben, der Fenſterflügel rauſchte auf und die weiße Geſtalt Juſtinens, wie geſtern im Nachtgewande, aber ſicherer und dreiſter, ſchritt den Gang hinunter auf mich zu. Ich war dies Mal entſchloſſen, ſie bei'm Namen zu nennen, ſie wachzurufen, um zu er⸗ fahren, was hierbei blos Traum oder Wahrheit ſei. Im Eifer, auf ſie zuzuſchreiten und mich ihrer zu bemächtigen, nahm ich kaum die Kammerfrau wahr, die hinter ihr herſchritt, noch weniger das Geräuſch, das von der entgegengeſetzten Seite laut ward. Die Zofe ſtürzte außer Athem auf mich ein, mit Gebährden der Angſt, mit Worten der Furcht, von denen ich nur halb und halb:„belauſcht, entdeckt!“ heraushörte. Juſtine ſtand kerzengrade vor mir, betaſtete mir Stirn und Schläfe, und ſprach dann geiſterhaft daſſelbe Wort, das ſie mir geſtern geſagt:„Ich vertraue dir, ich muß dir insgeheim ein Geſtändniß machen!“ 648—— In denſelben Augenblick brach unter dem Gewicht, das man gegen ſie ſtemmte, die kleine Tapetenthür, die vom Ballſaal in's Zimmer führte, krachend zuſammen; mit Lichtern und Dienern, die ſie trugen, ſtanden der Reichsgraf, der Prinz ſammt einer Schaar von Lauſchern auf der Schwelle, der alte Herr mit flammendem Ge⸗ ſicht, Prinz Emil bleich und fahl, in den Mienen der Andern Schreck und Entſetzen. Vom Geräuſch und Lichtglanz erſchreckt, fuhr Juſtine zurück und barg ihr Haupt an meiner Schulter. „Lichter fort!“ rief ich die Lauſcher bedeutend. „Glaub's ſchon!“ murmelte der Reichsgraf im finſtern Groll; Alle aber bannte der Schreck über das Bild, das vor ihnen ſtand, während ich die Schläferin auf das Ruhebett lehnte und beide Hände über ſie breitete, um ihre Augen vor dem Kerzenlicht zu ſchirmen. „Wird denn der Hokuspokus und Firlefanz bald enden? Die Gaunerei, der wälſche Lug und Trug!“ In dieſe Worte brach plötz⸗ lich der Reichsgraf mit ſeiner Donnerſtimme aus und fuhr wie ein angeſchoſſener Eber wüthend auf mich ein. Juſtine ſchreckte aus dem Schlaf empor, ſprang in die Höhe, rieb ſich die Augen, die Stirne, ſtarrte uns entſetzt an, griff mit beiden Händen in ihr Haar und warf ſich laut weinend in die Kiſſen des Lagers zurück. „Spitzbüberei der Charlatanerie!“ ſchrie der Reichsgraf von neuem und erfaßte mich mit beiden Fäuſten an der Schulter. Ich ſprang zurück, griff an die Degenſeite und rief empört:„Signor, ich bin ohne Waffen, bin Euer Gaſt, bin in Euerem Hauſe— und in Gegenwart all' dieſer Zeugen?“ Er fühlte erſt an der Bitterkeit meines Tones, wie ſtark er ſich vergeſſen, ſich ſelbſt entehrt. Er ſchüttelte ſein Haupt, als bäumte er ſich gegen das Eingeſtändniß der eigenen Verſchuldung, hob dann ſeine Hand und gebot den Begleitern zurückzutreten, unter dem Be⸗ deuten, er habe mit dem Herrn da allerdings ein Geſchäft unter vier Augen. Die Uebrigen traten hinter die Tapetenthür, deren ſchwache Seitenwand ſie von uns trennen, die Verhandlung der Oeffentlichkeit entziehen ſollte. Juſtine lag verhüllten Hauptes in den Kiſſen. „Unglücklicher Mann!“ rief ich,„wollen Sie nicht dies theuere Leben ſchonen?“ ht, das nan Ballſal ins Dienern, die einet Schaur nmenden Ge⸗ ndern Schrc fuhr Jufin nſterm Groll: ihnen fund, beide Hinde ſchimnen. enden! Di te brich vlöt⸗ fihr nit in cte aus den die Stime den un chsguf von chulter⸗ 35 „Signor⸗ ſe— und in ſurf uſit als tunt hob dann tr den Be ſchift mnin hir, der ndlung huytes 6 ies heue die* —— — 649— Der Reichsgraf lachte wild auf.„Unglücklicher?“ wiederholte er,„wollt Ihr mir vielleicht dazu verhelfen, ein unglücklicher Vater, Vater einer unglücklichen Tochter zu ſein?“ „Signor,“ ſagte ich,„ich mache Sie verantwortlich für die Folgen!“ „Mich verantwortlich?“ rief der Reichsgraf,„mich, der ich Euch zur Rechenſchaft ziehen will? Darum alſo, mein Herr Graf, ſind Wunder noch alle Tage möglich? Das ſind Euere Wunder: ſchlafende Mädchen bei nächtlicher Weile von ihrem Lager zu locken?“ Der Prinz war bei Seite getreten. Er verbeugte ſich und machte eine abweiſende Gebährde.„Unter ſolchen Unſtänden,“ ſagte er,—„verzeiht, Erlaucht!“ Er machte Miene, ſich zu entfernen. Ich mußte ſelbſt darum bitten, daß er blieb; er war Tages zuvor Zeuge geweſen, wie ich den Starrkrampf, der ſich Juſtinen's bemäch⸗ tigte, löſte und linderte.„Ich rufe Gott zum Zeugen an,“ rief ich, „daß ich an dieſem theueren Leben keinen Raub bezweckt, keinen Frevel verübt! Daß ihre Empfindungen eine Richtung genommen, über die ſie ſelbſt nicht Herr geblieben, wer will darüber zu Gericht ſitzen? Und noch war vielleicht Alles eine bloße Irrung der Phantaſie, die ſich im Traum ein Genüge verſchaffte. Vom Schleier der verſchwie⸗ genen Nacht würde verdeckt geblieben ſein, was eine bedrängte, irre Mädchenſeele nur dem Monde geſtanden. Ihr aber habt das keuſche Geheimniß mit roher Fauſt aufgedeckt. Seht ſelber zu, wie Ihr damit auskommt, über die ſtillen, der Nacht vertrauten Bekenntniſſe einer Mädchenſeele zu Gericht zu ſitzen! Die Beiſaſſen Eueres Ge⸗ richtshofes habt Ihr ja bei der Hand, die Zeugen gleich mitgebracht, um Anklage und Urtheil öffentlich zu machen!“ „Nicht das Opfer, nicht die Verführte wird angeklagt!“ rief der Reichsgraf. „So richtet Euere Anklage wider mich,“ ſagt' ich,„was iſt geſchehen?“ „Was geſchehen?“ wiederholte der Alte,„finde meine Tochter bei nachtſchlafender Zeit in ſeinen Armen und ſoll noch Rede ſtehen und ſagen, was geſchehen?“ „O mein Gott!“ rief ich in der Angſt meiner Seele über die Rohheit dieſer Barbarei. —5 „Gott Zebaoth und die Erzväter könnt Ihr anrufen!“ ſchrie der Wüthende,„und da Ihr doch ein Mal als ſchleichender Proſe⸗ lytenmacher ſo taktfeſt in der Bibel ſein müßt: hat nicht ſelbſt der Legislator der Juden ſchon vor ſo viel tauſend Jahren ſeinem Volk das Geſetz gegeben: Es ſoll unter euch nicht gefunden werden ein Weisſager, oder ein Tagewähler, oder der auf Vogelgeſchrei achtet, oder ein Zauberer und Zeichendeuter, der die Todten und die Schla⸗ fenden befragt, denn wer ſolches thut, iſt dem Herrn ein Gräuel! Und habt Ihr, ich will von Zaubertränken nicht reden, hier aus dem Zauberkaſten nicht Töne heraufbeſchworen, die des Mädchens Sinne gelockt und geködert?“ „Franklins Erfindung,“ ſagt' ich,„wie ſein Blitzableiter— Er⸗ findungen des hölliſchen Geiſtes?“ „Ihr werdet Sophiſt genug ſein,“ fuhr der Reichsgraf fort, von neuem auf mich eindringend,„aus aller Verwickelung Euch ein Schlüſſelloch offen zu halten,— Ihr ſeid ein Jeſuit!“ Die ganze Maſſe ſeines Grimmes entlud ſich in dem einen Worte. Ich begegnete ſeinem Zornausbruch mit der ganzen Kälte und Ruhe, die ſich plötzlich meiner bemächtigte. „Und wenn dem ſo wäre?“ ſagt' ich. „Blindſchleiche im Weinberge Roms!“ rief der Reichsgraf mit ausgeſtrecktem Arm, während der Zorn in rother Lohe triumphirend in ſeinem Antlitz ſtand,„Euer Genoſſe und Sodale, der deutſche Bruder Burkhart, iſt auf der Bamberger Grenze ergriffen und wurde verdächtig befunden mit ſeiner Ausſage, aus dem reformirten Genf zu ſein. Sah meinen Feldjägern auch gleich nicht aus, wie Gottes Wort nach Calvin's Texte! Ich reiſte geſtern hin und hab' ihn verhört. Wen find' ich? Meinen alten Bettelmönch von ehedem, der als Chemiker im Lande herum quackſalbern ging mit dem rothen Pulver und der weiland Augsburger Goldtinctur! Iſt Pater Jeſuit geworden und hat Euch zum Miſſionsbruder, mein Herr Graf von La Torre. Euere Güter, in den Händen des heiligen Amtes, ſind den Jeſuiten verſchrieben, und Ihr, deren Werkzeug, ambuliret und vagabundiret in fremden Ländern herum, und ſehet zu, wen Ihr ver⸗ ſchlinget! Herr mein Gott, wenn ich bedenke, daß ich die Schlange ſelber hereinführte, um hier die Weiber zu beſchwatzen, auf Captation rufen!“ ſchrie hender Proſe⸗ icht ſelbſt der ſeinen Volk n werden ein geſchrei achtet, nd die Schla⸗ ein Gräuel! hier aus den dchens Sinne leitet— Er⸗ graf fort, von ng Euch ein einen Vorte. und Ru lhe, ſeichsgruf nit nium hinend det deutſcht id wurde rten Genf ie Gottes 16 ihn von eheden⸗ den uhe en und en z0l lange tion di 5, ßapti — 651 ſchwacher Gemt Semüther auszuge fänger zu und bei meiner Tochter den S das du mein alter Gott i ir paſſiren! ott im Himmel! Muß mi Der M Mann ſchlug beide Hä einen Strom von Sen eide Hände über ſein Antlitz und b ihn. Das Mitgefüht Ich hatte kaum noch Waff Argwoh i er Erſch 6 5 aſſen gegen ns blöde be rſchütterung dieſes i S ² efan es im A 4 das in mir Mannes hielt das Gefühl n gte, nieder ſ hl der Beleidi der Begleiter wieder. Beſtürzt und betroffen war it herum; Niemand wußte d Gemach getreten und ſtand an der Da trat Juſtine Bann, der auf uns Allen l ötzlich zwi en lag, zu löſe vom Schlei zwiſchen uns, mi gzi hleier, mit flatter s, mit erhobenem H wande nach Haar, die Arme aus St ne dem wei fand, das der Hi nd, eine Prieſterin, die hier Sört immel zu ſprechen hatt hier allein das Wort „Hört mich, Ihr 3 hatte. Ihr M nicht, ich ſchlafe nicht rief ſie,„ich bin wach, ich trä Euch bis in die geh ich überſehe Alles und 3 heimſte 3 Jedes, ich erkenne nm geheimſten Falten Eurer See erkenne wachen S der Himmel gebeut es. 2 i innes, frei Ich gelobe mich hier, feſi und ch hier, feſte hier als Ehrenverles nd ohne Zwang, dem Manne ia er 5 4 eige oy Zauber hat mich falſch angeklagt vor mir ßee der wandelnde Seele zu 5 ne zu ihm; ich erkläre i e traum⸗ ſein zu mei ich erkläre ihn jetzt mi inem Retter 5 hn jetzt mit wachem B beſtrickt, mit dem ſe Ritter. Kein böſer ʒ auber ſeiner Liebe hat mic ich gelobe i er Liebe und Milde ⁰ ihm hier vor Milde hat er mich 3 Gott und Menſchen Herz und e e 8 6 Hand!“ eben. So echte auf meine Bruſt gelegt, Linke inpigung zur Li ſtand ſie wie ein heiliger Bote id öſung der Wirren unter uns ei h raf h e 9 4 laſſen, der 6 beide Hände von ſeinem Antlitz fink offenen Augen und Li hränen war plötzlich verſiegt, er ſ 3 c e ippen die Tochter an, nicht begrei ſaal yſterium ſich hier verkündete. D eeſ al getreten wa e. Der Prinz, der in de r, erſchien noch ei z, der in den Ball⸗ um och ein Mal auf d e für immer zu verſchwinden auf der Schwelle der Thür, „Iſ es nglih! Nein Loc Meine 5 verfallen?“ rief der Reichsgraf Tochter dieſem Manne Wälſchlands hsgraf mit erneutem Schmerzausbruch. — 652 „Vater!“ ſagte Juſtine, ſich an ſein Herz werfend,„rufe nicht, wo die innere Stimme der Wahrheit und des heiligſten Naturgefühls geſprochen hat, den Wahn der Vorurtheile und die Meinungen der Welt herein in dieſen Streit! Meinem Retter aus den Banden unſeliger Verlorenheit, dem Lichtbringer mitten in der Nacht meines Lebens, dem Arzt meiner Seele gelob' ich mich. Laß dich, Vater, bei der verklärten Seele der abgeſchiedenen Mutter beſchwören!“ Im Reichsgrafen hatte der Zorn in der ganzen Härte des Aus⸗ drucks wieder Raum gewonnen. Die Erinnerung an die Verſtorbene mahnte ihn zugleich an den ganzen Streit ſeines Lebens; der Haß gegen Alles, was römiſch und wälſch, ſtand wie eine Donnerwolke auf ſeiner drohenden Stirn. Er ſchüttelte die Tochter von ſich und herrſchte mich an:„Mein Herr Graf,“ ſagte er,„Ihr werdet es begreiflich finden, wenn ich Euch, bis zum Ausgleich dieſer Sache, für meinen Gefangenen erkläre.“ „Einen Ausgleich,“ entgegnete ich,„würde ich als ehrenhaft für Euch und mich nur darin finden, wenn Ihr mir unter vier Augen Rede ſtändet, und mir diejenige Genugthuung gewährtet, die Ihr dem Cavalier nicht verſagen dürft.“ „Ich kann Euch nicht für ebenbürtig anſehen, Graf Latour,“ war die ſtolze Erwiederung,„Ihr ſeid der Gefangene meines Cri⸗ minalgerichts!“ Die Begleitung um uns her war zahlreich genug, um mit Nach⸗ druck den Häſcherdienſt zu verſehen. Der Prinz hatte ſich uns gänzlich entzogen; er wollte hier we⸗ der Kläger noch Zeuge weiter ſein. Andern Tages in der Frühe reiſte er ab unter ſchriftlichem Abſchied und der Erklärung, bei ſo bewandten Umſtänden die Hand der Comteſſe nicht mehr erſtreben zu können. Wie ich das Zimmer, das der Schauplatz der Begebenheit geweſen, unter Begleitung des Reichsgrafen und ſeiner Cavaliere ver⸗ ließ, hatte ſich Juſtine mit dem ganzen Schmerz der Verzweiflung an mich geklammert; ſie war nur mit Gewalt aus meinen Armen zu reißen. Die Haft, die ich im Laufe der nächſten Tage und Wochen zu beſtehen hatte, war um deswillen beſonders ehrenwidrig, als man das Anerbieten meines Gelöbniſſes, nicht ohne Wiſſen des Reichsgrafen „rufe nicht, Naturgefühls einungen der den Banden ſacht meines dich, Vater, wören!“ rte des Aus⸗ Verſto torbene s; der Huf Donnerwolke von ſih und r werdet es ieſu Suc, ſs chrenhaft runter vier währtet, die uf Latur“ meines bn⸗ m nit V⸗ lte hier we⸗ der rihe rung⸗ bi ſreben gegeberhei nilin ven⸗ Ve ezwefun einen umn Vochen zu „ab 653— den Platz zu verlaſſen, mit Härte, ja mit Hohn zurückwies. Ich ſchrieb dem Reichsgrafen wiederholt, machte ihm die bündigſten Zu⸗ ſicherungen als Mann von Ehre, als Bruder und Maurer; ich ſetzte meine Rechtfertigung auf, machte ihm die offenſten Geſtändniſſe über mein Leben und Treiben. Was er aus meiner Heimath durch ſeine Spione über mich einzog, entkräftete alle meine Darlegungen, Be⸗ theuerungen und Schwüre. Ich muß es ihm zum beſondern Ver— brechen machen, daß er mich weiter keines Zwiegeſprächs, keiner per⸗ ſönlichen Unterredung gewürdigt. In Juſtinens Seele war inzwiſchen eine vollſtändige Umwand⸗ lung vorgegangen. Sie hatte keine nächtlichen Anfechtungen wieder; der Nebel, der ihren Sinn umzogen, war gelichtet, der Schmerz der Ereigniſſe hatte ſie gereift, der Traum hatte ſeine Irrungen, ſeine Wolkenbilder von ihr abgeſchüttelt, ihr Geiſt war klar und ſeiner ſelbſt mächtig geworden. Es entwickelte ſich ein Heroismus in ihr, der die ſtärkſte Willenskraft daran ſetzte, mir anzugehören, mich zu ertrotzen, meine und ihre Ehre, wie ſie glaubte, zu retten. Sie machte wiederholt die ſchenen Verſuche, ihren feſten Entſchluß zu documentiren. Die Tante Erlaucht ward in's Complott, wie der Reichsgraf ſagte, gezogen; alle Vorſte llungen, ihre Thränen, ihre Beſchwörungen, ihr Fußfall, ſelbſt das Gelöbniß ihrer Demuth und ihres willigen Gehorſams in allen Dingen ſonſt, blieben ungenügend, den in ſich vergrimmten Willen des Vaters zu beugen; das Schreck⸗ geſpenſt des römiſchen Proſelytismus hielt ihn zurück, einen fried— lichen Ausgang zu ſuchen, und ſo trieb die gewaltſame Entſcheidung, die er heraufbeſchwor, juſt zu dem Ziele, dem er vorzubeugen mit allen Mitteln bemüht geweſen. Sein bitterſter und empörendſter Ausfall war mit Hindeutung auf meine Vergangenheit, die er in Erfahrung gebracht, das Wort: Ich hätte mich ja ſchon ein Mal an einem Weibe, an einer Waldenſerin, als Seelenwerber und Pro— ſelytenmacher bewährt!— Einer Zuſammenführung mit Pater Burkhart ward ich enthoben, der gute Bruder hatte Mittel gefunden, aus ſeiner Haft zu entkommen. Nach einer Reihe von Verhören vor den Sach⸗ waltern der reichsgräflichen Landesjuſtiz, nach wochenlangen Verhand⸗ lungen ward mir endlich— nicht meine Ehrenerklärung und Frei— ſprechupg, ſondern das Urtheil angekündigt: unter Bedeckung und bei 65 Androhung neuer Haft über die Grenze geſchafft zu werden. Noch in derſelben Nacht ward ich auf dem biſchöflichen Gebiete ausgeſetzt und freigegeben. Ueber dieſe Art, meinen Ehrenhandel zu ſchlichten, empört: was blieb mir übrig, als die Zuflucht bei den Feinden des Mannes zu ſuchen, den ich ſo hochgeſchätzt, und an dem ſich nur die traurige Wahrheit beſtätigte, daß auch urſprüngliche Tugenden des Geiſtes verwildern können. Die Briefe, die mir Juſtine ge⸗ ſchrieben, was ich ihr ſelbſt, wenn ich deſſen noch bedurfte, zu meiner Rechtfertigung ſchriftlich gemeldet, aller Verkehr zwiſchen ihr und mir war vereitelt und hintertrieben, bis ſie ſelbſt in Perſon vor mir er⸗ ſchien und ſich in meine Arme flüchtete. Nicht zwei Tage war ich im Bamberger Lande, als es ihr gelang, ſich der Beaufſichtigung, die, einer Haft gleich, ihr zu Theil geworden, mit Gewalt und Liſt zu entziehen. Nachts bei Nebel und Unwetter, zu Fuß, ohne Schutz und Hülfe, nur in Begleitung der Kammerfrau, die ihr Loos von dem ihrer Herrin nicht mehr trennen mochte, hatte ſie auf Umwegen durch Geſtrüpp und Wald die Grenze erreicht und mich aufgefunden. Damit war ihr und mein Schickſal entſchieden und feſtgeſtellt; ich war jetzt der Ritter und Retter Juſtinens, hatte kein anderes Gebot, als das Gefühl der Pflicht für ſie und mich. Ich ging auch jetzt noch offen zu Werke, um ein Friedensbündniß zum Ausgleich anzubieten. Fluch und Verwünſchungen folgten, wo wir demüthig um Segen gefleht. Da gelobte ſich Juſtine vor dem Altar der alten Kirche mir zum Weibe, und der alten Kirche ſelbſt zum Mitglied. Sie glaubte, daß der Geiſt ihrer zu früh dahingegangenen Mutter freudig und ſegnend auf ſie herabblickte, als ſie mit dem Entſchluß, mir und meiner Welt, meinen Gedanken und meinen Gefühlen ganz anzugehören, jenen Schritt vollzog. Wir gingen nach Italien, wohin mich ohnedies alsbald meine Angelegenheiten riefen. Meine Güter, Schloß und Land meiner Ahnen, waren in den Händen der römiſchen Curie. Ich hatte ſie dem Orden verſchrieben, und dieſer betrieb mit allem Eifer meine Einſprache gegen die Schenkungsacte. Man ſagte, der Orden habe noch nie in Rom einen Proceß verloren, allein es ſchien, daß die fünfundzwanzig Jahre verſtreichen ſollten; mit dieſer Friſt iſt der Streit ohnedies beigelegt. —— verden. Noch iete ausgiſeht zu ſchlichten, ßeinden des dem ſich nur he Tugenden Juſtine g fte, zu weiner ihr und wi vor wir en Tage war ich eufſichtiguns, walt und Lit „ohne Schutz ihr Loos von uf Unwegen aufgefunde⸗ nd fſgeſellt ein anderes ch ging auch um Ausgleih denüthis wir der alten tal un Nitgled⸗ genen Mutter en 6nſſchliß⸗ efühlen ganz lobald weine —— Die Geburt eines S r Sohnes gab uns neuens Hauſes zu die zu bieten. dem Reichs Herrn und ſeinem C„ gelobten wir den S den Religionskrie n n 5 hn Joſeph S auf ein Kind an. Kann eine ein Opfer, als ein zogernd, nint Der Reichsgraf mehr thun, als Hinterliſt und Tücke nicht i eit ein, aber nur aber er wollte die St erkannte unſere vor wälſcher a mit uns nicht als rechtmäßig an, ihm und er ſchrieb⸗ gelungen ſei vollzogen wiſſen, menſchen“ ehrg als ite Knaben⸗ als zu hielt von dem zu haben. Er ſperrte Chriſten nabe amen Jagdhauſe alle faſt hermetiſch ab, Experiment, in faſt zum Sonderling draußen fern, alle Gemüthsſchwel ien Menſchenweſen zu wollen. Das drücken, hätte die dem alten Kind, ſelbſt wenn es können. Und iſt, zu unter aus uns ſelbſt. beweiſen? Was wir das Problen⸗ Darüber n die Summe deſſen wir nie in den erſten Herz i i umgibt. mütterlichen Sehnſucht i ſie heimlich den Anfangs, zu verſchaffen. Die i dan Verbot, Nahrun 5 ihrer ſpüter die Beſuche Maßregeln des en gab ihr den. vierig, unmöglich; ihr letzter machten „gewaltſam ertrotzter ſtand ich an dem Ster ter, das ne geheim zu ihm S Euſebio's. Ein Beichte, ob un ſein Geſtändniß konnte nicht ſerben nicht Prieſter war, entgege Saverio lebt! We mir in's Ohr zu nih Er ihr abgefallen! geweiht, hat 1 n Pater Euſebio, von meinem P Vater in der Beichte „ — ch betrat noch kaum „ zu Rath . e gezo* gezogen, hatte 5 Hauſes für den urſprünglichen Plan, die( ge Zeiten der Ki„die Güte meinen Gunſten n der Kirche zu ſchenker e üter enkun zu hintertreiben und um ken⸗ nur dadurch zu gsaete zugeſtalte ewuß. e auf fünfundzwanzig gewußt, daß er g Jahre billigte und der S t er Sohn es — dem Orden Jeſu übergeben ward. Als Prieſter mußte meinem alten Freunde die Beichte heilig ſein; als Mitglied ſeines Ordens durfte er nicht gegen deſſen Intereſſen handeln; denn ich hatte, falls ich den Rechtsſtreit gegen die römiſche Curie gewann, der Geſellſchaft in Santa Maria ein Seminar und Miſſionshaus zu errichten ge⸗ lobt, ja ihr die Verwaltung des Erbes anheimzugeben verſprochen. Allein Euſebio war auch Meuſch, er war Maurer, er hatte mich ge⸗ liebt; er konnte nicht ſterben, ohne ſchließlich in dem Geſtändniß gegen mich eine Gewiſſenserleichterung gefunden zu haben. Mit dem Do⸗ eument des Reichsgrafen in der Villa Speroni hatte es für Euſebio dieſelbe Bewandtniß; er hatte es zugelaſſen, daß die bindende Clauſel eingefügt wurde, aber er hatte, durch Verheimlichung desſelben, ver⸗ hindert, daß es zum Nachtheil des Ausſtellers benutzt und mißbraucht werde. Daß Euſebio nicht immer in aufrichtigem Einverſtändniß mit dem General ſeines Ordens geblieben war, bewies die Beſchlagnahme ſeiner Papiere, ſobald ihn ſein Krankenlager feſſelte. Man hatte den Provinzial nicht vor Gericht ziehen wollen, denn ſeine Verdienſte waren groß, ſein Anſehen weit verhreitet; allein man lauerte nur auf ſein Hinſcheiden, um über ſeine Papiere herfallen und über des Mannes vermeintliche Reſervalien ſich Aufſchluß verſchaffen zu können. Lorenzo Ricci, ſeit längerer Zeit ſchon wirklicher General der Geſell⸗ ſchaft, haßte Euſebio, weil er ihn fürchten mußte; er fürchtete ihn, weil ehren und hochachten nicht ſeine Sache war. Er heatte ſogar, eine Ausnahmsregel ſondergleichen, womit der General das Anrecht der eigenen ſouveränen Gerichtsbarkeit Lügen ſtrafte, dem heiligen Amt der Inquiſiton die Anweiſung gegeben, auf des Mannes gefahr⸗ volle und verfängliche Papiere und Briefe, dieſe Doeumente ſeiner Verbindungen mit Ketzern und Freimaurern, dieſe Belege verrätheri⸗ ſcher Plane zu einer Kirchenreform, Beſchlag zu legen, da ſein An⸗ hang im Orden zu gewaltig ſei, um ihn und ſeine Schriften mit Erfolg vor ein Ordensgericht zu ſtellen. Nur mühſam hatte mich der Bote Euſebio's aufgefunden, nur mündlich erließ er an mich die Aufforderung, zu ihm zu eilen, und eiliger, als der Tod zu ſein, der ihm nahe. Ich fand ihn noch am Leben, ich hörte noch das Geſtändniß ſeiner zitternden Lippen, ich ſah noch die Unruhe der Sehnſucht in ſeinen Augen, womit er den te meinen alten Ordens durfte hatte, falls ich du Grſlſchift zu erichten g⸗ ben vrrſprochen. thatte nich K⸗ peſtindniß gegen Nit den Do⸗ fir Eiſtbio bindende Clauſel deöſelbel, Mer⸗ und nijtnut werſündniß nit e geſchugnhne Man hatte dn . Verdienſe an lolette 3 n und iber des können⸗ Geſel⸗ ihn, ſeine ffen zu terul der n füchtte zr hut ſoh l d Mnt heiligen gefih⸗ ſeiner „den Mannes ente v lege vither elege ⸗ n, d ſn b ſ en nit — u zfnn f d len mih on * 657 Zweiten, dem er Offenbarungen zu machen gedachte, erwartete. Die⸗ ſer Zweite ſollte mein Sohn Saverio ſein, der Flüchtling aus dem Kloſter, der von ſeinem Orden, von ſeiner göttlichen Beſtimmung, ja von der Mutterkirche Abgefallene. Mormona's Sohn iſt ein ketzeri⸗ ſcher Chriſt geworden, hat ſich zu einem Glauben bekannt, vor dem man ihn gewaltſam mit Hinterziehung ſeiner natürlichen Rechte, mit ſo viel mühſamer Veranſtaltung ſichern wollte. Eine höhere Fügung waltet! Und was wir höhere Fügung nennen, wahrlich, unſer eigenes Blut, die Naturbedingungen unſeres perſönlichen Weſens har⸗ moniren mit ihr, Gott und Natur gehen Hand in Hand wider allen Zwang, wider alle Klügelei der Menſchen! Saverio erſchien nicht auf Euſebio's Ru fan deſſen Todtenbett. Ich drückte dem Sterbenden die Augen zu, ohne daß ſein letzter Wunſch, Vater und Sohn vereint vor ſich zu ſehen und im Anblick dieſes Wiederfindens einen Vorgeſchmack der ewigen Seligkeit zu fühlen, in Erfüllung ging. Wie ich aus Euſebio's Gemach trat, hingen bereits die Siegel des heiligen Officiums an den T Gebäudes, die Diener der Sohn Saverio aber ſucht' Spuren in Genf, in hüren des Inquiſition ſtanden rings geſchaart. Meinen ich lange vergeblich, ſo ſorgſam ich ſeinen Südfrankreich und Paris nachging. Saint Germain hat ihn mir in den Logen der Roſenkreuzer verheißen, aber im Verein mit Donna Carlotta böslich entzogen; ich war nicht willig genug befunden, in deren Plane einzugehen. O arme Menſchenwelt, wie haſt du dich, angeblich um Gott zu dienen, allerwegen in ein Gewebe von Unheil, in ein Gewirr ſelbſtgeſchaffener Leiden verloren! vierundzwanzigſtes und Schlußkapitel. Die Söhne des Grafen de la Torre als Herausgeber dieſer Papiere. So weit des Grafen Giuſeppe de la Torre Bekenntniß und Erzählung ſeiner Schickſale. D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. Rechtfertigungsſchrift, Wir wiſſen ſchon, wie 42 658 9 er den Sohn ſeiner italieniſchen Ehe in der Roſenkreuzerloge zu Nürnberg wiederfand. Leſer dieſer Zeilen, Kind einer ſpäteren Zeit, Sohn und Ge⸗ noſſe eines andern Geſchlechts,— wenn du, vielleicht nicht ohne mitbewegt zu ſein, dieſe Blätter prüfeſt, dieſe Geſtändniſſe nach dem Maße deiner eigenen Erfahrungen und Erkenntniß abwägſt: wirf in die Schaale, die hier über Recht und Unrecht entſcheiden ſoll, keinen Stein des Grolls, findeſt du, ſei's hüben, ſei's drüben, je nachdem du ſelbſt in deiner Lebensſtellung Partei nimmſt, Irrthum mitten in der Wahrheit, Wahn unter die heiligſten Ueberzeugungen gemiſcht! Was iſt Wahrheit?— An der Löſung dieſer Frage arbeiten die geſammten Jahrhunderte; jedes Geſchlecht hat ſie von neuem ſich zu ſtellen, ſie mit ſeinem eigenen Thun und Denken, oft mit ſeinem Blut und Leben zu beantworten. Laſſen wir uns genügen, wenn ein Menſchenleben den heiligen Drang verräth, das Wahre vom Fal⸗ ſchen zu ſondern, die Erſcheinungen der Welt ihrer Entſtellungen, ihrer Selbſttäuſchungen zu entkleiden. Oft iſt die Schaale ſüß und der Kern ein herber! Ausgerungen aber ſind die Kämpfe des menſch⸗ lichen Geſchlechts nicht, und wenn noch Millionen Herzen darüber verbluteten! Heilig ſei uns nur und ſtehe feſt, was die Edlen, auch wenn ſie als Opfer ihres eigenen Strebens fallen, gewollt, erſehnt, mit dem Auge des beſten Scharfſinns in der Ferne erzielt, oder mit der Sonde aufrichtiger Prüfung ſtill im eigenen Herzen ahnungsvoll gefunden. Moſes, der das gelobte Land vom Bergesgipfel nur in der Ferne ſah, war nicht der Schlechteſten Einer! Und wer demüthig in ſich geht und an ſein Herz ſchlägt, iſt nicht der Schlimmſte. Sohn eines ſpäteren, vielleicht glücklicheren Zeitalters, der du, ein Erbe des alten Jahrhunderts, hoffentlich leichtern Kaufes, Wahrheit und Irrthum ſcheiden lernſt, lege dieſe Blätter, mit welchen zwei Söhne die Geſchichte ihres Vaters und ihres Hauſes veröffentlichen, unter den Acten und Documenten zur Geſchichte jener Zeit in jenes beſcheidene Fach, wo neben der Entwickelung der Völkerſchickſale auch den heim⸗ lichen Angelegenheiten des menſchlichen Herzens, ſeinen ſtillen Freuden und ſeinen verſchwiegenen Leiden, ein Plätzchen eingeräumt wird. Dieſe Familienſchickſale laſſen dich hinter die Couliſſen der Welt⸗ geſchichte blicken. Sie helfen dir im Kleinen die großen Actionen . relzerloge zu ohn und Ge⸗ ſt nicht ohne iſſe nuch den igt: wirf in n ſoll, keinen je nachden un nittn in igen zeniſt! arbeiten die nelen ſich iu t nit ſeinen nügen wem hre von ßil⸗ Entſtellungin⸗ anle ſiß und fe des wenſch⸗ etzen darüber eEdlen, auch vollt, enſhni ielt, oder nit chunʒl pfel nur n enüthig gi wer d limnſt. ters/ der u — ergänzen, die Vorarbeiten begreifen, welche am Ende des vorigen Jahrhunderts den geſammten Umſturz unſerer Gefühle und Meinungen, unſerer Staaten und Religionen hervorriefen. Was die Freimaurerei jener Zeit gewollt hat, iſt noch unverwirklicht geblieben; was die neuen Roſenkreuzer erſtrebt, hat ſich mit jenem ſeltſamen Saint Ger⸗ main, der bald darauf in Paris ſeinen Schauplatz fand, nachdem wir ihn unter dem Namen Belmar als ernſten Schwärmer kennen— gelernt, in eitel Charlatanerie verloren. Wir haben jenen nachträg⸗ lich viel verſchrieenen, aber lange Zeit noch weit mehr angeſtaunten Menſchen in der erſten Schmiede ſeines Werdens belauſcht; uns dünkt, wer ſein Zeitalter, ſo wie er, beſchäftigt hat, müſſe, ſelbſt wenn er Sophiſt und Heuchler geweſen, in ſeinem Urſprung irgendwie als Schwärmer einen Fond aufzuweiſen haben, aus dem er, bevor er die Welt täuſchte, ſich ſelbſt getäuſcht. Was der Orden, der zu dieſen Denkwürdigkeiten ſo manche Geſtalt lieferte, kurz vor ſeiner Auf⸗ löſung durch Papſt Clemens Ganganelli mitten und zwiſchendurch in jenen Freimaurer- und Roſenkreuzerbeſtrebungen gewollt, iſt eben ſo ſehr geſcheitert. Auf Papſt Benediet XIV, den wir in den Bekennt⸗ niſſen des Grafen La Torre als milden guten Alten kennen gelernt, war Cardinal Rezzonico als Clemens XIIl gefolgt, der dem Orden der Geſellſchaft Jeſu, wie wir's ebenfalls aus dieſen Papieren wiſſen, vielfach geneigt und zugethan war, und doch deſſen Verbannung aus Portugal, Frankreich und Spanien erleben mußte. Der Theilnahme an des vierten Heinrich von Frankreich Ermordung hat man die Väter Jeſu niemals überweiſen können. Das Buch, worin der ſpa⸗ niſche Jeſuit Mariana den Königsmord vertheidigte, haben ſie ſelbſt mit verurtheilen helfen. Sie geriethen bei den Höfen in Mißeredit; man ſah ſcheel auf ihre Erziehung der Jugend, man beneidete ihre commerciellen Unternehmungen. Es war am 3. September 1759, als ſie auf Pombal's Betrieb in Portugal als Hochverräther des Landes verwieſen wurden. Paraguay, ihr meerjenſeitiger Stapelplatz, war eine Republik geworden, in der ſie unter nomineller Oberhoheit Spaniens thatſächlich unumſchränkt herrſchten. Die dortigen Nieder⸗ lagen und Comptoire ihres Handels waren ihre reichſte Geldquelle. Bei Gelegenheit eines Tauſchvergleichs, durch den Spanien ſieben Pfarrbezirke jenes Landes 1750 an Portugal abtrat, hatte ſich zuerſt — 660— ¹ die Widerſtandsfähigkeit des Ordens gegen die politiſchen Autoritäten 1 gezeigt. Die Eingeborenen leiſteten unter Anführung der Väter Jeſu Widerſtand gegen die portugieſiſchen Truppen. Die gerichtliche Un⸗ terſuchung dieſerhalb in Portugal war noch nicht beendet, als ein meuchleriſcher Anfall auf den König Joſeph, 1758, ihre Sache ver⸗ ſchlimmerte. Pombal ließ ihre Mitwirkung als wahrſcheinlich ſchildern. Europa ſah unter dem Jubel der Aufgeklärten und der Spötter ganze Schiffsladungen portugieſiſcher Schüler Loyola's am Geſtade des Kirchenſtaates ausſetzen. Dieſer erſten Niederlage folgte fünf Jahre K darauf die zweite, die Niederlage des Ordens in Frankreich. Daß dort neben dem Miniſter Choiſeul auch eine Pompadour gegen ſie arbeitete, kann dem Orden kaum zur Laſt fallen. Daß der Neid der Staatsweiſen, die in Handelsſ achen oft von ihm ausgeſtochen wurden, am lebhafteſten gegen ſie ſchürte, vermehrt nicht unmittelbar die Laſt 1 der moraliſchen Vorwürfe, die ihn treffen. Frankreichs Politiker, ſ ſeine Sophiſten und Atheiſten wußten die Aufhebung des Ordens als einer„lediglich politiſchen Geſellſchaft“ durchzuſetzen. Spanien folgte dem vortheilhaften Beiſpiele drei Jahre ſpäter. Das Papſt⸗ thum war in Gefahr, ſtand mit ſeinem Credit auf dem Spiele, wenn es der Welt kein Zugeſtändniß machte, kein Opfer fallen ließ. Die Höfe von Verſailles, Madrid und Neapel waren der römiſchen Curie ganz abgeneigt; die Republik Venedig wollte die geiſtlichen Orden ohne Zuziehung des Papſtes reformiren. Elemens Rezzonico hatte den Stand der Dinge verſchlimmert. Als Clemens Ganganelli am 19. Mai 1769 nach langem Disput im Conclave erwählt ward, konnte: Ausgleich mit den Fürſten! die einzige Deviſe des Papſt⸗ thums ſein. Wie wir in den Blättern unſerer Geſchichte den„braunen Profeſſor“ in Rom kennen gelernt, war ihm, dünkt uns, ſchon zu jener Zeit die Aufhebung der Grünen Donnerstagsbulle: ln coena Domini, welche die Ketzer verflucht, recht wohl zuzutrauen; Ganganelli hat ſie nicht mehr verleſen laſſen. Den Orden Jeſu aufzuheben, hat er ſich lange geweigert; er bedurfte, ſo willfährig und geneigt er 7 auch nach ſeiner Privatmeinung dazu war, thatſächlicher Beweggründe, ſchlagender, untrüglicher Beweiſe, um als Regent„den Schritt vor Gott und Nachwelt zu rechtfertigen.“ Endlich, nach mehrjährigen Verhandlungen, erfolgte 1773 am 21. Juli die Bulle: Dominus ac en Autorititen der Väter Jeſu erichtliche Un⸗ ndet, als ein te Sache ver⸗ nlich ſchildern Spötter ganze Geſtade des te fünf Juhr nreich. Daß ur gegen ſe ß der Neid der tochen wurden, elbor die Laſt chs Politket, des Ordens en. Spunin dus Pyſ⸗ Spiele, wenn en ließ. Dir niſten bute lichen Orden erico htte unguneli un miht vut den„brnntn i, ſhon h „ hn coenb Ginganli zuheben, h gentigt zeneggrind⸗ nihrihgen pomibs redemtor noster. Damit war der Welt der Gefallen gethan. Man hatte aber mehr erwartet, als man ſich der Archiven und Kaſſen des Ordens bemächtigte. Ob die bedeutendſten Geldſummen, die er— ſchwerendſten Actenſtücke, wie man glaubte, kurz zuvor beſeitigt wur⸗ den, wiſſen wir nicht anzugeben. Wir fürchten nur, der Geiſt des Jeſuitismus ſei in der Menſchheit unſterblicher als der thatſächliche Beſtand der Geſellſchaft Jeſu. Geldſummen und Actenſtücke ließen ſich beſeitigen. Aber der Geiſt der Schüler Loyola's wird ſich aus den leerſtehenden Collegien und Profeßhäuſern über die Welt ver⸗ breiten und umgehen auch ohne lange und kurze Robe. Es iſt damit wenig geſchehen, daß man ihre Hörſäle ſchloß. Ihre Caſuiſtik hat ſich dann um ſo ausgedehnter in die Philoſophieen aller Lehr⸗ ſtühle der Welt geflüchtet. Ihr Probabilismus beherrſcht die Salons der Großen mit einem Syſtem von Grundſätzen und Lebensregeln, das der menſchlichen Hinfälligkeit ſchmeichleriſch nachhilft. Die Jeſuiten werden ſich für ihre Aufhebung gerächt haben, wenn die ganze Welt Jeſuit geworden ſein wid. Ohne Reſervalien, ohne heimliche Vor— behalte wird kein Menſch mehr dem anderen trauen; dann werden die politiſchen Jeſuiten die Jeſuiten der Collegien erſetzen.— Möchte doch auch ihrerſeits die Maurerei ihr Syſtem der Bruderliebe, der Eintracht und Förderung alles ächten Menſchenwohls unter jeder Hülle und Bekenntnißform zum Eigenthum der Menſchheit machen, thatſächlich und allgemein, dergeſtalt, daß es dazu eines Geheimdienſtes der Logen nicht ferner bedorf! Es winken aller Orten, aller Zonen ſich die Geiſter und reichen ſich ungeſehen, unerkannt die Hände; die Menſchheit mit ihren Zwecken und Zielen wird ſich ſelber offenbar. Die Bulle: Dominus ac redemtor noster beendete auch den Conflict in der Geſchichte des Hauſes La Torre. Mit dem Orden Jeſu ward auch deſſen Proteſt, zugleich aber auch die Verſchreibung der Güter an ihn erledigt. Unſer Vater Giuſeppe della Torre verlor an dem Orden den Anwalt in ſeiner Sache; er mußte ſie ſelber führen. Der römiſche Hof erkannte alsbald zu Recht, daß noch vor Ablauf der fünfundzwanzig Jahre Hab und Gut des Hauſes aus den Händen der Kirche wieder in die weltlichen der Erben übergehen ſollten, nachdem aufgewieſen, daß auch noch der Enkel des Erblaſſers und Schenkgebers am Leben ſei. — Wir zogen mit unſerem Vater in Santa Maria ein. Auf die Erbfolge in dem deutſchen Reichsland, der gefürſteten Grafſchaft Schwarzenfels, hat der Sohn ſeiner deutſchen Ehe als Enkel des Reichsgrafen Juſtus Erich keine Anſprüche erheben wollen. Prinz Emil, von der katholiſchen Linie, trat die Regierung über das meiſt proteſtantiſche Land an, unterſchrieb jedoch, ohne überzutreten, den Ständen als Bedingung das Gelöbniß, keinem Mitglied eines frem⸗ den Ordens auf deutſchem Boden Spielraum zu geſtatten. . Uuf die Graſſchift Enkel des Prinz er das neiſt utreten, den eines fren⸗ Erſtes Kapitel. Zweites Drittes Viertes Fünftes Sechstes Siebentes Erſtes Zweites Drittes Viertes Fünftes Sechstes Siebentes Achtes Neuntes Zehntes Eilftes Zwölftes Inhalt. Erſtes Buch. Großvater Erlaucht. Eine Waldivylle Ein Tag am Hofe zu Velle Promeſſe Das Verhängniß 6 Ein Klopſtockianer und S te Dichter Sſceni und Studien Sanct Lavatus und Sanet Germanus Examen und Beichte Zweites Buch. Laver Dubois. Etiquette und Freiheit; alte und neue Zeit Saverio beginnt die Geſchichte ſeines Lebens; Pater Euſebio Der Abbé der Waldenſer Jeſuit und Maurer Monſeigneur Bernis und der heil ige Gral Belmar und die Loge Melchiſedek Ein Jude vom ächten Glauben Sar Der Magier 5 Die Einweihung zum ne e Das Doeument... Der große Logentag ſein Ende Seite 9 22 41 95 127 167 183 200 214 226 236 248 254 268 2 290 313 333 Erſtes Zweites Drittes Viertes Fünftes Sechstes Siebentes Achtes Neuntes Zehntes Eilftes Zwölftes Dreizehntes Vierzehntes Fünfzehntes Sechszehntes Siebzehntes Achtzehntes Neunzehntes Zwanzigſtes Einund zwanzigſtes Zweiundzwanzigſtes Dreiundzwanzigſtes Vierundzwanzigſtes u. Schlußkapitel. Die Söhne des Grafen Graf Ginſeppe Kapitel. 7/ Drittes Buch. Mormona, die Waldenſerin Todtendienſt und neues minicaner Der Kobold O. und Jeſuit Saneta Mormona Das ewige Rom vicar der Geſellſchaft Jeſu Das Miſerere der Chriſtenheit und Das Chriſtenthum in den Bergen. Der Miſſionär Der Geiſt der Berge Mormona⸗Maria Selig oder nicht? Do⸗ der Conſultor der Inguiſition Der Saal der Vor dem heiligen Vater + deutſchen Proſe Cardinals. Beatification und Flucht Traum u. Liebe; Irrſinn u. Schmerz Magnetiſeur und Roſenkreuzer De Die Todten Der Soldat Jeſu El hriſti. in Santa Maria ihr Prophet Deutſchland und ſeine Religionskriege In der Schenke zu Dunkelsbühl In Belle Promeſſe, Nachtwandel und Liebe lyten Donna Carlotta auf der Villa des und della Torre als Htrausgeber die⸗ ſer Papiere und der General⸗ ——————— ——,— 2 Sooür&Srey Control Chart Cyan Sreen Nellow Red Magenta „ ℳ