Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher franzöſiſchet Literatur Eduard Oltmunn in Gießen, — Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Sſehetingungen 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. . Leseprei Bei t eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich WBücher: 4 4 Pücher: 6 Bücher: auf 1 Monat 5 Mk.— Pf. W Pf. t Mk.— f 4 „3 5. Auswärtige Kbonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſetten darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtchen haben. 2 3 r ————=————„—= 5———— B .——. — Deutſche Bibliothek. — * Sammlung auserleſener Original⸗Romane. Unter Mitwirkung von Ludwig Pechſtein, ₰. Rürnberger,. G. Kühne, Hermann Rurz, Hermann Marggraff, Theodor Mügge, Woltgang Müller Otto Müller, Robert Prutz, Ceopold Scheker, Georg Schirges, Levin Schüching, Tudwig Storch, E. Willkomm u. a. m. p Herausgegeben von Otto Müller. W. Die Freimaurer. Roman von F. Guſtav Kühne. —— Frankfurt a. M. Verlag von Meidinger Sohn& Cie. 1855. Druck von C. V. Leske in Darmſtadt. Die Freimaurer. Eän FomälisgsS6häehte aus dem vorigen Jahrhundert von F. Guſtav Kühne. Erſtes Buch. Frankfurt a. M. Verlag von Meidinger Sohn& Eie. 1855. . ————— B Druck von C. W. Leske in Darmſtadt. — 5 Erſtes Ruch. Großvater Erlaucht. D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 1 * —— idyll. eiſt, wurde Jdh ein g warn 6 Gehö wie d ſein Der jenet aber inſm wie e zu be Vuhe ſchwe Vril Rhol ſchn trf Mit Erſtes Rapitel. Eine Waldidylle. W erſte Kindheit war eine verſteckte, geräuſchloſe Wald⸗ idylle. Daß ich dem Zeitalter der Perrücke angehörte, erfuhr ich erſt, als die Stille meines erſten Daſeins gewaltſam durchbrochen wurde. Ein Hauch tiefer Einſamkeit umwehte das halb zerfallene Jagdhaus, das ſelbſt zur Förſterei nicht mehr tauglich ſchien. Wie ein grüner Mantel umzogen die rings bewaldeten Höhen das weiche, warme, vor jedem Wind geſchützte kleine Keſſelthal. Haus und Gehöft lagen an einem See. Ein See, von Wald umrauſcht, iſt wie das Auge in der Landſchaft. Aber der Himmel wollte ſich nicht ſpiegeln in dieſem See. Sein Spiegel war erloſchen und getrübt, ſein Waſſer verſumpft, ſein Ufergrund mit Schlingkraut überwuchert. Der Buchwald im Thal wechſelte mit kräuterreichen Wieſen voll jener blühenden Silberdolden, wie ſie die große Hirſchwurz trägt; aber kein Geläut der Heerden drang bis in die blöde Stille meiner einſamen Verlaſſenheit. Der Wald deckte mit ſeinem Buchengrün wie ein Schirm Haus und Hof, aber man begriff nicht was hier zu beſchirmen war, man kannte den Schatz nicht, der hier in dieſer Verborgenheit gehütet wurde. Sümpfe und ſtruppige Wildniß er⸗ ſchwerten den Verkehr mit dem nächſten Dorfe, ringsum war kein Weiler mit Höhenrauch; nur von Jahr zu Jahr kamen zweimal die Mäher, ſchnitten und heimſten ein; in noch längeren Friſten ward geholzt im Walde. Hatte man ſich durch Moor und Geſtrüpp auf ſchmalen Fußpfaden bergan eine Stunde weit Bahn gebrochen, ſo traf man erſt auf regelmäßige Spuren menſchlicher Thätigkeit. Meilen⸗ weit um uns her war undurchdringliche Dämmerung. Ein einſam 1 ſchlendernder Jäger, ein Paar Holzhauer grüßten, wanderte man ohne Pfad und Ziel im Buchenhain herum. Die Droſſel ſchlug, die ſchwarze Amſel ſang ihr Lied, wilde Kaninchen fuhren aus ihrem Verſteck, ein ſcheues Reh lugte neugierig aus dem Gebüſch. Die Art erklang, ein Schuß fiel; dann begrub die Oede den einſamen Ton. In dieſen Gründen rieſelte kein Bach, ſelbſt das Waſſer, das Bild des Lebens, war hier ſtill verſunken. Hier ſcholl kein Echo, jeder Laut erſtarb in ſich ſelbſt.— Lag ein geheimer Bann auf dieſer verlaſſenen Welt? Ein Gelübde des Schweigens als Sühne fün eine uralte Miſſethat? In der Einſamkeit des Waldes wird das Gehör fein und weit greifend; der phyſiſche Menſch dehnt ſich aus und bezwingt mehr Welt um ſich herum. Mein geſchärfter Gehörſinn hat mir im Leben oft genug gut gedient; ſonſt hatte ich als Kind wenig Sinn für die Reize jener verlorenen, von unſeren Dichtern ſo vielfach beſungenen „Waldeinſamkeit“. Aber ich betrat in alten Tagen wieder, mit der Summe der Schmerzen, die das Leben gibt, den Schauplatz meiner erſten Kindheitsjahre. Da überfiel mich die ganze Wehmuth und der ſüße bange Schauer meiner erſten unverſtandenen Sympathie mit dieſer wildverwachſenen Oede.— Sind vielleicht nur lebensmüde Geiſter für das empfänglich, was man romantiſch nennt? Sind es nur krankhafte Stimmungen der Seele, wenn ſie die Mißgeſtalt der Menſchenwelt flieht, verwundet vom Unglück, überſättigt vom Genuß in die Stille flüchtet, die ihr dann nicht mehr ſtill, ſondern beredt iſt, ihr wie ein leiſes Schlummerlied verſtändlich wird?— Ich hatte als Kind nichts zu betrauern, keine Vergangenheit zu beſchwichtigen gehabt; mein junges Gemüth war ſelbſt ſo leer und ſtumm geweſen wie dieſe waldgrüne Oede, die mich umgab.— So ſind die Tröſtungen der Religion auch nur für die Mühſeligen und Beladenen; das Chriſtenthum kam auf, nachdem ſich die Welt in wilder Leidenſchaft Wunden geſchlagen, für die ſie in ſich ſelber keine Heilung wußte.— Für den Knaben war dieſe Zuflucht aus der verworrenen Welt, dieſer Friede der in ſich ſelbſt verſunkenen Natur bedeutungslos, ſie war ihm ja kein Aſyl eines bedrängten Herzens. Man muß geſündigt haben, um die Wonne der Reue zu empfinden; man muß Unglück gehabt haben, um ſelbſt nur an Gott N den 2 mr e wor e nögli ſühnt. erſten mehr. kriute Sten weg. hatten Leben künſtl Mein beigeſ as ei Urſ zu ſi Liebe Kindt Mun gewol in je Unn Ales erläut alle erklär Relte die 1 einer Gun ihn u n — ——— —— 5 den Allerbarmer zu glauben; in die menſchenleere Stille flüchtet ſich nur ein müdes zerſchlagenes Herz. Das erſte Gebet des Menſchen war ein Stoßſeufzer; nur in der Angſt der Seele wird die Ahnung möglich, daß ein Geiſt über uns die Welt regiert und alle Unbill ſühnt.— Als ich— ein betagter Menſch— die Stätte meiner erſten Kindheit wieder betrat, ſuchte ich ein Grab und fand es nicht mehr. An der Waldecke war ein liebes, lichtes Plätzchen. Farren⸗ kräuter und wilde Balſaminen ſtreiten ſich um die Stelle; die hohen Stengel der goldblumigen Arnica ragen über die grüne Matte hin⸗ weg. Dort auf dem kleinen Vorſprung am Saume des Dickichts hatten ſie, das wußt' ich, die Gebeine der theuerſten Perſon meines Lebens zur Ruhe gelegt. Statt des grünen Hügels fand ich einen künſtlichen Tempel mit Säulen und himmelblauer ſternbemalter Kuppel. Meine Mutter war nachträglich in der Familiengruft unſeres Hauſes beigeſetzt worden. Der Tempel über ihrem erſten Grabe war nichts als ein Zeugniß, daß Diejenigen, die ihren frühen Tod beklagten, Urſache hatten ihr Gewiſſen zu beruhigen, die Manen der Geſtorbenen zu ſühnen; es war nur ein kalter prunkender Nothbehelf für die Liebe, die man ihr im Leben ſchuldig geblieben. Einem alten, zur R eſetzten Prediger und ſeiner wirthlichen Ehehälfte war in jenem en Jagdhauſe die Pflege meiner erſten Kindheit anvertraut. De arrer war ein trockner, regelrechter Mann. Er war fromm, trieb die Frömmigkeit wie ein gewohntes Handwerk. Er war Gefühlsmenſch; ſonſt hätte ich in jener Einöde wohl leicht zum Schwärmer werden können. Der Mann gehörte zu jenen Verſtändigen, die ruhig und ſchlicht über Alles Antwort geben, ohne erſt die Fragen darüber abzuwarten. Sie erläutern die Weltordnung wie ein einfaches Rechenexempel, löſen alle Räthſel ohne erſt ein Bedürfniß für die Löſung zu erwecken, erklären Gott um mit ihm fertig zu ſein. Er trieb Botanik, ſam⸗ melte viele Kräuter und hielt mich dazu an, ohne eine Neigung für die Pflanzenwelt in mir zu erwecken. Es gibt Menſchen, die in einer Wieſe nur das Futter, im Walde nur das Brennholz, im Granitfelſen nur Chauſſeebaumaterial ſehen. Ich lernte Latein bei ihm und brachte es bald bis zum Ovid und ſeinen Metamorphoſen; er erklärte mir dabei die Naturgeſchichte und die alte heidniſche Götter⸗ —— — 6 lehre. Für das, was in der Dichtung als ſinnreiches Mährchen noch täglich gilt, hatte der Alte kein Verſtändniß. Daß die Roſe aus dem erſten Blutstropfen der verwundeten Aphrodite entſprang, die Ane⸗ mone ihre erſte Thräne war: dafür fehlte meinem Magiſter der Sinn. In der Erdbeſchreibung lernte ich nur die fernen Welttheile kennen, vom Chriſtenthume die mir eben ſo fernen zehn Gebote. Was Wunder, daß ich für all' den Inhalt taub und todt blieb! Ich erhielt für Alles nur ein Gedächtniß ohne alle Nutzanwendung, mein innerer Menſch ward zur Rumpelkammer, in der man höchſtens um Platz zu gewinnen Ordnung macht. Ich lernte in der Religion:„Du ſollſt Vater und Mutter ehren!“ und ich kannte Beide nicht; Niemand war da, der mir für das fehlende Gefühl der Zugehörigkeit auch nur ein Aushülfsmittel bot. Ich lernte:„Du ſollſt nicht ehebrechen!“ und es überkam mich dabei die dumpfe Furcht vor einem ſchweren, bangen Geheimniß, das wie eine Gewitterwolke drohend über mir aufzog. Der Pfarrer rubricirte mir die menſchlichen Laſter wie die Käfer, die Tugenden wie die Pflanzen; jene ſpießten wir und dieſe trugen wir getrocknet in unſer Buch. Am meiſten gefiel er ſich in phyſikaliſchen Experimenten, und wenn ihm, was freilich oft geſchah, der Verſuch das Ergebniß ſchuldig blieb, ſo tröſt ch und mich gar leicht mit der Feſtſtellung der allgemeinen ie eigentlich nie ohne Ausnahme ſei. Er war ſonſt in ingen ſehr genau und pünkllich ſich für kr und die Furcht davor war vielleicht bedenklicher als ſein nd. Den ganzen Herbſt über beſchäftigte ihn die Sorge, Haus und Hof gegen den heranrückenden Winter zu ſchützen. Er hämmerte, zimmerte, nagelte und war unermüdlich in Auffindung neuer Schutzmittel gegen die Zugluft. Er trat nie in's Zimmer ohne mit ſorgſamen Blicken die Fenſter zu muſtern und die Wirbel zu ſchließen, wo eine Spalte frei war. Mit ſeinem grauen Haar, mit ſeinem welken Geſicht, in ſeinem dunkel— braunen, bis oben zugeknöpften Rock und den ſchwarzwollenen, aber fahl und fuchſig gewordenen Strümpfen konnte er leicht wie eine Ruine erſcheinen, die, ohne ſich je dem Sturme auszuſetzen, doch frühzeitig in ſich ſelbſt verwitterte. Aus Furcht vor den Gefahren des Lebens hatte er ſich aufgeſpart und war doch vielleicht weit früher gealtert, As d ime Hatte hatte verſal Mutt weiß Jat getre von iht wät' Nacht und Gehe Aſt Vil mit dieſe fung die ſen det Ungl Es Bedi letnt Ran 3 als die Leidenſchaft, die da wagt und verſpielt, aber nach dem Verluſt immer noch einen neuen Einſatz möglich macht. Die Frau Paſtorin war die mildernde Ergänzung zum Alten. Hatte Ehrwürden etwas von einem herben trocknen Todtengräber, ſo hatte die Leichenbittermiene, mit der ſie im Grunde daſſelbe Geſchäft verſah, doch etwas menſchlich Gewinnendes. Ob die gute Frau je Mutter geweſen und ſomit natürlichen Beruf zur Erziehung hatte, weiß ich nicht; dies altehrſame Ehepaar Philemon und Baucis ſah gar nicht darnach aus als hätten ſie ſich je Nachkommenſchaft zu— getraut. In ihrer Behabung zu mir hatte Frau Baucis eher etwas von einer alten Muhme, die durch peinliche Zärtlichkeit erſetzt, was ihr an einfacher Naturempfindung fehlt. Sie ſorgte für mich, als wär' ich ihr Augapfel, behütete jeden meiner Schritte, war Tag und Nacht geſchäftig für mein Wohl. In all' dem Eifer lag zuviel Abſicht und Pein. Sie kam meinen Bedürfniſſen zuvor, und ich blieb im Gehege ihrer Wünſche gefangen. Ich lernte gehorchen, aber ohne Luſt und Liebe; in dieſem Dienſt der Gewohnheit blieb aller freie Wille unentwickelt. 1 Mittags bei Tiſche mir vorgelegt. Daraus erwuchs 7 mir das Gefühl, daß dieſe Umgebung nicht hingehörte, in dieſem Kreiſe ein Gaſtz enhling, vielleicht gar nur ein Ge⸗ fangener war. Ich bewoh 5 die alten Leute ſich mit hoß ſie nicht liebte, daran war wohl Rie große Sotgfamkeit Schuld, mit der ſie mich wie einen Vevorzugten, aber doch zugleich wie einen Unglücklichen, einen vom Schicſal heimlich Gezeichneten, behandelten. Es war ſehr unnatürlich I ich, ein Kind und zweifelsohne mit dem Bedürfniß nach Hinneigung begabt, den Alten gegenüber nicht kennen lernte was Liebe heißt. Ich glaube, man lernt nur lieben, wenn 5 man es ſich verdienen darf. Ich durfte mitunter den Mops der guten 1 Frau Baucis füttern, und ich liebte das Thier, weil ich ihm Gutes „ that. Ich liebte den zottigen ſchmutzigen Hofhund an der Kette, weil ich ihm heimlich Biſſen zuwarf; ich liebte die alte, halbblinde, ſtock⸗ taube, den Dienſt im Hauſe verſehende Magd, weil ich ihr heimlich, wo es die Alten nicht merkten, behülflich ſein konnte, wenn ſie in ihren Nöthen ſtecken blieb. Wie gern hätte ich wie ein Page die 8 Frau Paſtorin bedient, wenn ſie mit dem lahmen Fuß ſich um mich abmühte; aber ſie litt es nie und ließ mich in dem peinlichen un⸗ gewiſſen Glauben, ich ſei entweder ein Weſen höherer Art oder ein Ausgeſtoßener. In der That, wenn die Alte mit dem Mumiengeſicht reſpectvoll liebreich mit mir that, wandelte mich eine Furcht vor mir ſelber an. Wer war ich, was hatte ich gethan, was war an mir verbrochen, daß ich ſo ausnahmsweiſe wie ein Verdächtiger behandelt wurde?— Sonntags, wenn mir Frau Baucis den beſſern Rock mit den friſchen Manſchetten brachte, bekam ich eine Art Schauder vor meiner Perſon. Während des Sommers ging ich mit dem Paſtor emeritu zur Kirche, die mit dem Dorfe zwei Stunden weit jenſeit des Bergwalds drüben am Abhang lag. Dort ſaßen wir, durch ein Gitter von der Gemeinde abgepfercht. Die Bauern thaten ſich bene, indem ſie mit ſchallender Kehle aus Leibeskräften ſangen, um dann, wenn der Prediger ſprach, auf die Anſtrengung gut einzuſchlafen. Wenn ich hier und da ein alt Mütterchen leiſe das Haupt ſenken und ſich dem Herrn ergeben ſah, ſo meint' ich faſt, das gehöre ſo mit zur Frömmigkeit. Auf's Einſchläfern lief Alles hinaus, was um mich her geſchah Im Winter wir Sonntags mehrentheils elt uns eine Rede dar⸗ uch an den Wochen⸗ geworden, hätte die lederne mir ertödtet. Abends nach der Mahlzeit pflehle der Pfarrer, wie er ſagte, ſich ein Pfeifchen zu erlauben. Er ging dann mit langen Schritten im Zimmer auf und ab und ſprach mit Frau Baucis von alten Zeiten, oder er ſaß im Lehnſtuhl und verſank in Gedanken; die Unterhaltung erſtarb dann ſo in ſich ſelber, wie der ehemalige See vor unſerm Hauſe zum Sumpf geworden war.„Er ſchläft wohl?“ flüſterte ich der Frau Paſtorin zu.—„Er beſieht ſich nur inwendig,“ ſagte ſie lächelnd, und rückte mir im Winkel den Stuhl zurecht. Sie erzählte mir dann eines von ihren drei Mährchen, die ſie auswendig wußte. Sie hatte juſt drei Zahnſtümpfchen im Munde, und auf jedes kam eine alte Geſchichte. Ihre heiſere Stimme klang in der ſtillen dämmerigen Winterſtube wie eines Heimchens Ton in altem dunkelen Gemäuer. Es war dann recht bang im Zimmer, wenn die Uhr mit dem Pendel . . Vollt Piſto hung. Befim Oeear vor u dafür haftes Botn Baun ein 3 der L herau hatte Sohn Groll ichd Alten auf, war! durh begui als n Sin nich Stre taube die L aber Rict doch . — ächzte und gähnte; nur das Schnarchen des Pfarrers hielt mich wach. Wollten die drei Mährchen nicht mehr ausreichen, ſo machte ſich der Paſtor ſtark und las mit lauter Stimme in einer alten Reiſebeſchrei⸗ bung. Dann gähnte die Alte ihrerſeits, oder mir ſelber ſchwand die Beſinnung, wenn wir eben mit unſern Erwartungen auf dem ſtillen Ocean ſchwammen, oder das Cap der guten Hoffnung unendlich fern vor uns dämmerte. Der Pfarrer, der mir Alles erklärte, bevor ich ein Intereſſe dafür hatte, blieb ſtumm bei den Fragen, zu denen mich ein wahr⸗ haftes Intereſſe trieb. Da draußen in der Natur wie in unſerer Botanik war Alles Zweig am Stamme, Blüthe am Reiſe Fucht am Baume, Blume am Stengel; nur ich ſollte wie eine ſtengelloſe Blume, ein Zweig ohne Stamm, ein Ding ohne Hingehörigkeit wachſen! In der Weltgeſchichte, ſchon in älteſter Zeit, aus deren Bann wir nicht heraustraten, folgten ſich immer Vater und Sohn. In der Bibel hatte Adam mit einem Sohne Unglück, Abraham dagegen wollte ſeinen Sohn ſchlachten, Eſau und Jacob betrogen ſich um das Recht der Erſtgeburt. Ein einziges Mal hatte mich der heimlich angeſammelte Groll zu einer Frage nach meinem Vater gedrängt. Warum hab'“ ich denn keinen Vater? Hab' ich gar keinen gehabt? hatte ich den Alten geftagt.— Doch wohl! ſagte zögernd der trockene Mann dar⸗ auf, und es war das einzige Mal, wo ich ihn lachen geſehen. Es war vielleicht nur ein Lächeln geweſen, aber mir war's ſchneidend durch's Herz gedrungen, dieß trockene, mit halb unterdrücktem Lächeln begleitete„Doch wohl!“ Ich war roth geworden bis über die Ohren, als wär' ich juſt auf einer Lächerlichkeit oder auf einer verſchwiegenen Sünde ertappt. Seitdem fing ich an heimlich zornig zu werden und mich für den verſagten Vater an den alten Leuten mit tückiſchen Streichen zu rächen. Ich prügelte den Kettenhund, ſchalt auf die taube Magd, lief ſtundenlang planlos in's Dickicht hinein und über die Wieſen, wollte Menſchen ſuchen, mit ihnen entfliehen, ließ mich aber jedes Mal von der Furcht, auch ihnen lächerlich zu werden, zur Rückkehr beſtimmen. Die Alte, die redſeliger wie der Pfarrer Philemon war, blieb doch auch ſehr karg bei Nachfragen, die ich ihr, wenn ſie mich ſanft ausſchalt, weinend eröffnete. Vater und Mutter, geſtand ſie mir 10 einmal in aller Heimlichkeit, ſeien fern im wälſchen Lande, hätten ſich von mir losgeſagt und ihre Herrſchaft über mich einem alten Herrn übergeben, der mich vielleicht an Kindesſtatt annehmen oder ſich mir ſonſt als mein Gebieter kundgeben werde. Hätt' ich in meiner Erd⸗ beſchreibung vom wälſchen Lande ſo viel gewußt wie von Afrika und Aſien, ſo hätt' ich wohl Muth genug gehabt, dort meine Eltern aufzuſuchen. Zur Herbſtzeit ſprach ab und zu ein alter Herr in grünem Rock und ſteifen Stiefeln bei uns ein. Den hohen, ſtarken, kräftigen Mann bewirtheten und behandelten die Pfarrersleute, obſchon ſie ihn nur Herr Oberförſter nannten, mit vieler Hochachtung und Unter⸗ würfigkeit; das Wort„geſtrenger Herr“ und„Ew. Gnaden“ ent ſchlüpfte oft genug ihren Lippen. Er ſeinerſeits war barſch und rauh, ſchenkte mir dann und wann eine Taſche, eine Hetzpeitſche, und griff mir, wenn er luſtig war, ſehr derb in's Haar. Er zeigte mir die Griffe an ſeiner Flinte und ſchalt mich aus, wenn ich linkiſch that. Ich hatte zu nichts Geſchick, weil zu nichts in mir Luſt und Liebe geweckt wurde. „Der Junge iſt ſchwächlicher Art!“ ſagte der Fremde eines Tages zum Pfarrer und machte ein bedauerliches Geſicht, als hätte er nichts Anderes von mir zu erwarten. Der Mann bedachte nicht, daß in dieſer ſtrengen Hut ohne alle männliche Anleitung, ohne alle Geſpielen und Genoſſen jede Kraftentwickelung unmöglich blieb. Der alte Herr hatte in ſeinem Weſen etwas Militäriſches, und ich war beim Pfarrer wohl an pedantiſche Ordnung, aber nicht an energiſche Tüchtigkeit gewöhnt. Mitunter wenn er mich kommen ließ, mußte ich ſtarr und ſteif wie ein Rekrut vor ihm ſtehen, und lange Minuten hindurch ſeinen ſtrengen Blick aushalten. Wenn ich dann zuweilen ſcheu und ſchüchtern zur Sette ſchielte, wies er mich mit harten Worten von ſich. War er fort, ſo ſchalt ich auch meinerſeits auf den finſtern Mann. Der Pfarrer begütigte mich dann immer wieder, und die Alte kam und war liebreich und devot. Ich hatte ſie einmal gefragt, ob das der Mann ſei, dem meine Eltern die Herrſchaft über mich abgetreten; ich würde danken für ſolche Kindesſtatt. Sie beſchwor mich, ihm nichts derlei zu ſagen, der„geſtrenge Herr“ werde ſelbſt ſchon zur rechten Zeit ſagen, wie ich zu ihm ſtände. Oft ſprachen ſem verſta ſund nich herzli unger Vohl ſtohle er mi nich Mit war! vie e die er vünkt von der ſchr Bru wach Es ein( wie ſchne mich ſchu Plz eben in 6 Erer ale lichen Nat hutt —— 11 ſie mit dem alten Waidmann in einer Sprache, von der ich nichts verſtand; nur an ihren Blicken ließ ſich abnehmen, daß ich der Gegen— ſtand ihrer Unterhaltungen ſei. Ein einziges Mal hatte der alte Herr mich mit beiden Händen an den Schultern erfaßt, mich zutraulich und herzlich geſchüttelt. Ich wußte nicht wie es gemeint war und ſah ihn ungewiß an. In ſeinen großen, ſtolzen Augen dämmerte es wie Wohlwollen und Neigung; aber ſelbſt ſein Unwille war nur ein ver⸗ ſtohlenes Wetterleuchten, das ſtumm vorüberzieht. Ein ander Mal hette er mich lange voll Groll und Argwohn von der Seite angeblickt und mich dann von ſich geſtoßen.„Sein Geſicht gefällt mir nicht!“ Mit dieſem barſchen Worte, polternd und dumpf hervorgeſprudelt, war die Prüfung zu Ende und ich ward entlaſſen. Das Wort blieb wie ein heimlicher Dolch in meinem Herzen ſtecken. Es war das erſte bittere Gefühl in meinem Leben, ich hatte die erſte ſchlafloſe Nacht darauf. Der Pfarrer hatte mich, wie immer, pünktlich in meine Kammer geführt, hatte das Licht gelöſcht und war von dannen geſchlichen. Ich drückte das Auge gewaltſam zu, aber der alte hohe geſtrenge Herr mit ſeinem gothiſchen Angeſicht, der ſcharf geſchnittenen Naſe und den wie Kirchenbogenfenſter gewölbten Brauen, ſtand leibhaftig im Geiſte vor mir und hielt meine Sinne wach. Ich ſprang auf, trat an's Fenſter und öffnete den Flügel. Es war eine milde, warme Nacht; der hohe Buchenwald umſchloß wie ein Gewölbe geheimnißvoll das Haus. Wie in Traum verſunken, wie von einem Zauber gebannt und auf das Wort der Erlöſung ſchmerzlich harrend, lag Alles um mich her. Zum erſten Male befiel mich dieſe Stille mit einer geſpenſtiſchen Bangigkeit. Eine Nachtigall ſchlug; ich hatte ſie oft ſchlagen hören und nichts dabei gedacht. Plötzlich wandelte mich die Ahnung an, das ſei der Klagelaut einer eben ſo wie ich verſtoßenen Seele. Der Pfarrer hielt noch die Runde im Gehöft, die Magd ſchob den Riegel vor die Pforte, und oben im Erkerzimmer ſang Frau Baucis mit heiſerer Stimme:„Nun ruhen alle Wälder.“— Ich hatte zum erſten Mal ein Gefühl von der ſchmerz⸗ lichen Melancholie, die unverſtanden und bewußtlos im Pulsſchlag der Natur athmet. Die Nachtigall ſchwieg, die klägliche Stimme der Alten hatte ſie vielleicht verſcheucht. Ich fühlte zum erſten Mal, wie der —— 2—— 12 Menſch mit ſeinen Barbareien die Schöpfung verdirbt, mit ſeiner Fratze ihre Schönheit ſtört. Mir träumte, ich ſei ein heimlicher, verzauberter Prinz, den der Machtſpruch eines böſen Kobolds in ein Thier verwandelte. Starr und ſtumm verſank ich die Nacht in den Traum meines Unglücks. Seitdem ſchlich ich heimlich gern in den Wald hinaus und lauſchte auf die Stimmen draußen und meinte, ſie würden mir verſtändlicher ſein als die Worte der Menſchen.„Sein Geſicht gefällt mir nicht!“ Der Verdammungsſpruch des alten Herrn klang noch lange wie ein dumpfer Schall in meiner Seele nach. Ich wurde empfindſam bis zur Nervenkränklichkeit. Wenn der Fink im„Hain luſtig ſchlug, der Specht ſein ſchallendes Geräuſch erhob, ſo nahm ich das wie Spott und Hohn auf mein Unglück; aber in den einſam klagenden Sängern der Nacht ſuchte und fand ich meine gleichgeſtimmten Mitgeſchöpfe. Der Pfarrer ward immer unzufriedener mit meinem Verhalten. In den Lehrſtunden war ich faul und zerſtreut, in der übrigen Zeit ſteigerte ſich meine Willkür im Verfügen über meine Erholungen bis zur Verwegenheit. Ich ſtieg Nachts, wenn Alles ſchlief, zum Fenſter hinaus und ſtreifte in der Landſchaft herum, mit Peitſche und Stange bewaffnet, ſchreckte die Wildhühner im Sumpfe, die Haſen im Felde auf, und hörte wie der Auerhahn mit Anbruch der Sonne balzte. Allmählich wagte ich mich immer mehr in die Gegend hinaus, doch hielt mich die Furcht vor der nahen Grenzwache, die jeden„Landläufer“ einſteckte, in gewiſſen Schranken. Daheim war Lärm und Geſchrei, wenn Philemon und Baucis frühmorgens mein Neſt leer fanden. Philemon ſchrieb an den geſtrengen Herrn, er könne— halten zu Gnaden!— nicht mehr mit mir fertig werden. Seit einiger Zeit hatte er ſich zur Mithülfe in meiner Erziehung, reſpective Bändigung, einen Knecht zugelegt. Dieſe Bereicherung des Perſonals im menſchen⸗ ſparſamen Jagdgehöft gefiel mir ausnehmend, ſchlug in meinem Sinne nur zu meinem Vortheil und Vergnügen aus. Knecht Jacob, Bei⸗ gehülfe für meine Erziehung und mein Wächter, krug nebenbei Waſſer und ſcheitete Holz. Er war ein ſehr feiſter rothwangiger Menſch, einer von denen, die ſtarr und ſtumm, vor lauter Geſundheit nicht aus den Augen ſehen können. Wir waren bald die beſten Kameraden und Freunde. Pfan unſer nit die K Voh und dß i Jacol ſein! gegen die§ denn rerin verſta einen gegen tigten und Verſü tr ſ jung junge ſtin reſper Knech Fred Mein whr 35 gem ſhan beſit er — 3* 13 Er ſchnitt mir Stöcke und ging mit mir in's Weite, wenn der Pfarrer nicht mitkonnte. Jacob fing gern Fröſche, und wir ſaßen in unſern Holzpantoffeln oft ſtundenlang am Teich, lockten die Thiere mit rothen Lappen und ſpießten ſie mit Meſſern. Er ſchnitt dann die Keulen ab und briet die Stücke. Ich verſpeiſte bald mit demſelben Wohlgefallen wie er die Leckerbiſſen. Es mußte heimlich geſchehen, und das Heimliche war eben der Grund meines Wohlgefallens. Auch daß ich mir das ſelbſt erworben, war der Reiz daran. Den Knecht Jacob hatte ich bald von ganzem Herzen lieb, weil ich ihm etwas ſein und ihm helfen konnte. Er trieb die Prüderie und den Reſpect gegen mich nicht ſo weit wie die alten Leute; ich durfte ihm ſelbſt an die Hand gehen, wenn er Holz hackte, und das wußte ich ihm Dank, denn ich gewann mir damit ein Recht auf ihn. Was mir die Pfar⸗ rerin ein Mal ſagte, ich müſſe mich nicht ſo gemein mit ihm machen, verſtand ich nicht. Ich hackte lieber Holz als lateiniſche Verſe.„Jacob iſt gar zu dumm!“ ſagte die Alte; aber ich begriff nicht, wie das einen Grund abgeben konnte, ihm gram zu ſein. Ich hatte nur Groll gegen Diejenigen, die ſich wider meinen Willen meines Lebens bemäch⸗ tigten. Ich liebte Knecht Jacob nur um deſto mehr und dachte Tag und Nocht darauf, ihm den Dienſt zu erleichtern, ihm das Leben zu verfüßen. Leider war er nicht dahin zu bringen, mich Du zu nennen, er ſprach immer im Plural mit mir.„Der junge Herr wollen, der junge Herr müſſen,“ war immer ſeine Rede.„Hol' der Henker den jungen Herrn!“ war das höchſte Maß der Vertraulichkeit im Pathos ſeines Unwillens. Trotz der Furcht vor dem Pfarrer, der ihm die reſpectvollen Grenzen im Behaben zu mir ſtreng vorgezeichnet, hatte Knecht Jacob mich ſehr lieb und war zuthunlich mit mir und menſchlich. Ich hatte längſt darauf geſonnen, ihm einmal eine beſondere Freude zu machen. An meinem Geburtstage— ich glaube es war mein vierzehnter— erhielt ich Kuchen mit Lichtern beſcheert, hatte mehr Freiſtunden als ſonſt und ging in den Sonntagskleidern herum. Ich meinte, es ſei weit paſſender, an ſolchem Tage Denen, die man gern hat, was Liebes zu thun, als ſich von ihnen pflegen und be⸗ ſchenken zu laſſen. Ich hatte mein Kuchenwerk heimlich für Jacob beſeitigt, aber ich wollte es ihm nicht trocken beſcheeren. Ich wußte, er„og gern Einen,“ wie er ſagte, und es ſollte ein Feſt für mich ſein, ihn einmal etwas ganz Gutes beziehen zu laſſen. Im Stall, wo er ſchlief, ſtand ſeine Branntweinflaſche. Sie war leer, aber ſie duftete ſtechend wie Gift. Im Keller hatte die Frau Pfarrerin alten guten Rheinwein, von dem der geſtrenge Herr Oberförſter trank, wenn er auf ein Abendſtündchen bei uns einſprach. Für jenen Abend hatte er ſich bereits angeſagt, und wie die Frau Paſtorin in den Keller ſtieg, ſchlich ich hinter ihr her und ſchlüpfte hinter die Thür, eh' ſie ſich wandte. Sie hatte mich nicht bemerkt, kam zurück und ſchloß hinter ſich ab. Raſch ergriff ich die Flaſche Rheinwein beim Halſe und hielt ſie unter dem Rockſchoß verborgen; dann ſchrie ich und tobte mit den Füßen gegen die Thüre, bis die Erſchrockene wieder kam und öffnete. Sie ſchalt mich Wildfang, und ich lachte aus Leibeskräften, indem ich mich rückwärts vor ihr herſchob, im dunklen Gange ihr entſchlüpfte und mit der Beute glücklich in Hof und Stall gelangte. Ich verriegelte die Thür und koſtete eifrig den würzig duftenden Labe⸗ trank. Ich koſtete von neuem, ſog in langen Zügen, und fühlte ein ungewohntes Feuer durch meine Adern ſtrömen. Mein Gehirn begann zu ſchwärmen. Dann überkam es mich wie ſanfte Betäubung; ich that noch einen kräftigen Zug, um mich munter zu erhalten und verkroch mich in's Heu, das vor mir aufgehäuft lag. Meine Augen rollten, und wenn ich ſie ſchloß, traten funkelnde Geſtalten vor mich hin, winkten und lächelten mir zu. Ich glaubte auf einem Flügelroß zu ſitzen und focht mit beiden Händen um mich her; meine Entzückung ging faſt in Viſionen über. „Alle Wetter, der junge Herr ſtecken im Heu!“ rief Jacob durch's Fenſter und ſtand mit einem Satze vor mir. Ich winkte ihm Schweigen zu, reichte ihm lächelnd die Hand und ſagte mit der Herablaſſung eines großmächtigen Potentaten:„Setz' dich zu mir, mein Getreuer, hier auf dieſe Ottomane. Heu nennſt du dieſen Flaum? So wenig ich Der bin, der ich ſcheine, ſo wenig iſt dies gemeines Heu. Komm, ſetz' dich zu mir und trinke! Es ging uns hier lange Zeit ſchlecht genug; wir wollen uns, wie der Lateiner ſagt, einmal bene thun.“ „Was,“ ſagte Jacob,„der junge Herr ſind ja wie verwirrt?“ „Ich koſtete nur, es iſt Alles für dich!“ „Wie, aus dem Keller? Den trinkt ja der Herr Oberförſter?“ mein: irs 5 zirtlich Beſtin ſimen Virzu Ales jttt k gber ſchwie veiſt, Es n berſch dann trinke durhb vi ja zu Ju ich di b N iner ſume huz „Cy. —— ————— „Ach was Oberförſter! Trink, Jacob, in kurzer Zeit iſt Alles mein und Du kriegſt Dein Theil ab in Gnaden!“ „Aber Ew. Gnaden ſprechen ja ganz ſonderbar—“ „Mag ſein, Jacob, meine letzte Stunde ſchlägt!“ Er riß die Augen auf und glotzte mich an. Aber ich zog ihn in's Heu zu mir nieder, umarmte den erſchrockenen Menſchen und ſagte zärtlich:„Jacob, es iſt unſer Abſchiedsfeſt, ich ſcheide, ich gehe meiner Beſtimmung entgegen, mein Schickſal ruft, der Vater, die Mutter im fernen wälſchen Lande—“. Ich ſprach begeiſtert und erlebte die Wirkungen eines guten Schauſpielers. „Iſt es möglich,“ rief Jacob gerührt,„ſo wiſſen der junge Herr Alles?“ „Alles,“ ſagte ich, und horchte auf,—„Alles, Jacob, iſt mir jetzt klar, wer ich war und was ich bin, ein verwunſchener Prinz,“ aber ich weiß auch, wer du werden kannſt, wenn du mir treu biſt.“ „Du weißt, Jacob,“ begann ich vorſichtig von neuem, als er ſchwieg,„du weißt, daß hier meines Bleibens nicht ſein kann, du weißt, daß ich hier wie ein Gefangener unter Euch gehalten wurde. Es muß anders kommen, ſag' ich dir, ich werde über Nacht vor Euch verſchwinden und dann— Jacob, lebe wohl auf lange! Ich werde dann in ſeidenen Kleidern auftreten, werde alle Tage alten Rheinwein trinken, einen goldenen Degen an meiner Seite tragen und alle Die durchbohren, die mir zuwider ſind.“ „Gott im Himmel,“ ſagte Jacob,„ich hab' es immer gedacht, es würde mit Ew. Gnaden hier bald kein gutes Ende nehmen; es iſt ja zu unnatürlich, daß ein junger hochgeborner Herr“— „Wenn ich Fürſt in meinem Lande bin,“ rief ich trunken,„dann, Jacob, ſollſt auch du alle Tage alten Rheinwein trinken, das ſchwör' ich dir!“ Jacob aß den Kuchen und trank von dem duftigen Rebenſaft mit einer Haſt, als wollt' er über dem Zukünftigen doch auch nicht ver⸗ ſäumen, ſich des Gegenwärtigen und Handgreiflichen zu bemeiſtern. „Und deine Lieſe, Jacob,“ ſagt' ich,„ſollſt du heirathen und Haus und Hof haben, und ein ganzer Kerl ſein!“ „J ſo ſchlag' das Wetter drein!“ rief Jacob in lachender Freude, „Ew. Gnaden ſprechem ſchon ganz wie ein Prinz. Und daß der regie⸗ rende Herr im Lande Ew. Gnaden Großvater ſind, hat das Ihnen der Herr Pfarrer nun endlich geſagt?“ „Ich weiß Alles, Jacob, meine Mutter iſt die Prinzeſſin von Tombuctu.“ „J, was Ew. Gnaden ſpaßhaft ſind, recht wie ein Goldprinz!“ Er ſchüttelte ſich vor Lachen und holte dann wieder tief Athem aus der Flaſche. „So iſt denn Alles gekommen, wie ich mir's gedacht habe,“ ſagte er, und ſchlug ſich mit der Hand auf die Schenkel, daß die weiß geſtrichenen Bocksledernen rauchten.„Ja, ja, ich dachte mir's wohl, es würde doch endlich Alles an den Tag kommen müſſen! Und die vornehme verſchleierte Dame würde doch mal endlich wieder erſcheinen und ſich ihr hochgräfliches Söhnchen holen!“ Die Flaſche war leer, aber Jacob war voll und floß über. Ich preßte die Hand, während er erzählte, gewaltſam gegen mein klopfendes Herz; ich erfuhr, was Jacob von den Meinigen wußte.— Es war nicht immer ſo ſtill hier im Waldhauſe zugegangen. Ich war hier als kleines Bübchen hergebracht, von unbekannten Leuten; heimlich und ohne daß Jemand wußte, wer ich ſei, noch wem ich angehöre, ward ich den Händen der alten Pfarrersleute übergeben, die eigens um meinetwillen hierher überſiedelten. Ich war hier abgeſetzt, wie in katholiſchen Ländern ein Findelkind. Es krähte ſozuſagen kein Hahn nach mir; nur eine Henne kam nach langer Zeit, ſie hatte meinen Aufenthalt auskundſchaftet und kam heimlich ab und zu, ihr Küchlein zu beſuchen. In ſchwarze Schleier tief verhüllt, erſchien eine Dame, von einer Kammerfrau und einem Diener begleitet. Vorn am Brühl, wo der Sumpf nur Fußgängern oder einem vorſichtigen Reiter den Weg geſtattet, hielt jedes Mal der Wagen mit den ſchaumbedeckten Roſſen, der ſie im Fluge die Nacht durch auf Eilmärſchen, alſo aus weiter Ferne, hergeführt. Die Dame ward vom Pfarrer und ſeiner Frau mit großer Ehrfurcht, aber mit eben ſo vieler Angſt empfangen. Sie habe ſich immer in das große Zimmer verſchloſſen, habe lange Zeit am Bette ihres Kindes geſeſſen und ſei dann mit verweinten Augen, halb ihrer Sinne kaum mächtig, zu ihrem Wagen zurückgebracht. Das letzte Mal war ſie in einer Sänfte gekommen, die mit den Trägern im Gebüſch hielt und ſie zur Kutſche führte. Soviel wußte der Knecht vom Hörenſagen; er ſelbſt war erſt ſpäter im nächſten Dorfe in Dienſt getreten. Seit langen Jahren, ſo weit ich denken konnte, war meine Mutter nicht wieder erſchienen. Wehmuth und Zorn wechſelten in der Stimmung, die in mir zurückblieb. „Knecht Jacob, ich erwürge dich, ſagſt du nicht Alles heraus was du weißt!“ ſchrie ich, und fiel ihm mit beiden Händen wüthend an die Gurgel. „Herr meines Lebens!“ ſagte Jacob, indem er ſich loswand, „Ew. Gnaden haben wirklich Anlage zum großen Herrn!“— In dem Augenblicke erklang Pferdegewieher und Geſtampf im Hofe. Wir lauſch⸗ ten; ein Reiter in ſchweren Stiefeln ſtieg ab. „Mein Himmel,“ ſchrie Jacob erſchrocken,„Seine Erlaucht, der Herr Reichsgraf!“ „Wer?“ rief ich lachend, indem ich den Kopf durch's Fenſterloch ſteckte,„das iſt ja der Herr Oberförſter!“ „Nun ja,“ ſagte Jacob ganz ehrbar,„wenn der junge Herr Alles wiſſen, werden Sie doch nun auch den Herrn Großvater kennen?“ Ich ſtarrte ihn ſprachlos an. Er nahm die Halfter herunter und ſtürzte fort. Mein Traum war aus; die Wolken ſanken, ich ſah Licht und fühlte plötzlich Boden unter den Füßen. Aber der Ernſt der Wirklichkeit, der Schreck der Entdeckung verjagten mir allen luſtigen Uebermuth; die Füße wankten auf dem Boden, den ſie faßten, ich ſtand zitternd da, unfähig, von der Stelle zu weichen. Als ich den Schritt des Pferdes, die Stimme des alten Herrn hörte, ſtürzte ich zum Stall hinaus über den Hof fort und nach dem Steg, der über den Sumpf führte. Ich lief in den Wald hinein, bis ich athemlos zuſammenſank. Dann beſann ich mich auf mich ſelbſt, ſchüttelte die Locken und rieb die Stirn; ich wäre gar zu gern ganz nüchtern geweſen, um mit hellen Augen zu ſehen, mit offenen Ohren zu hören. Der Gedanke an den geſtrengen Herrn im grünen Rock, mit den hoch⸗ gewölbten Augenbrauen, trieb mich inſtinktmäßig zu dem Gefühl von Pflicht und Gehorſam. Die Dämmerung brach ſchon herein, als ich durch's Thor in's Gehöft trat. Der geſtrenge Herr war nicht allein gekommen; mehrere Cavaliere waren in ſeinem Geleit, Diener ſtanden im Hofe D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 2 — 18 und hielten die Gäule. Im Hauſe war ſchon Aufruhr über mein Aus⸗ bleiben. Die Frau Paſtorin humpelte durch den Garten, Jacob lief vom Stall auf den Boden, vom Boden in den Wald. Der Pfarrer ſaß mit dem Beſuch oben im großen, für gewöhnlich ſonſt verſchloſſenen Zimmer. Ich mochte ſehr geiſterhaft ausſehen, wie ich eintrat. Die Lampe brannte auf dem Tiſch, ein Licht daneben; der alte Herr ſaß davor, trank den alten Rheinwein und rauchte aus der halblangen Pfeife mit dem ſilberbeſchlagenen Meerſchaumkopf, den der Pfarrer immer ſorgſam im ledernen Säckchen aufbewahrte. Heute liefen Heiducken ab und zu, mit Fidibus in der Hand, wenn ihm die Pfeife beim Reden ausging. Philemon ſtand in devoter Haltung vor ihm, wie er ſeuf⸗ zend die Hand auf den Tiſch ſchlug. Ungewiß und ſchüchtern, wie ein Schatten, blieb ich an der Thüre tehen. Es war mir als wär' ich von meinem Schickſal vorgefordert. Der ſogenannte Oberförſter hatte es in ſeiner Hand, derſelbe, der der Vater meiner Mutter war, derſelbe, von deſſen Lippen der Spruch über mich erging:„Sein Geſicht gefällt mir nich „Ja, ſie iſt wieder einmal da!“ ſprach der alte Herr zum Pfarrer, „iſt wieder da und will den Jungen ſehen. Wer kann's ihr im Grunde wehren,'s iſt am Ende ihr Kind. Er— ſtreift auch wieder in deutſchen Landen umher und macht Propaganda in weiß Gott welchem Jeſuitenauftrag. Mein guter Nachbar, der Herr Biſchof von römiſchen Gnaden, iſt immer ſo gefällig, allerlei wälſches Volk bei ſich Station machen zu laſſen, und wär's auch nur mir zum Tort und zur Schur. Aber mir ſoll er nicht über meine Grenze kommen; ich laſſ' ihn in Ketten ſchmeißen und ſchick' ihn par escorte gebunden als Angebinde dem Herrn Biſchof als Präſent. Und wenn Kaiſer und Reich drüber in Harniſch gerathen: ich bin hier Herr im Lande und dulde keine — glatten Glatzen, keine Proſelytenmacher und Propagandaſchmieder! Er hat mein Haus wider mich empört, er hat Fluch über mich und mein Land gebracht!“ Der geſtrenge Herr legte die Arme über einander, ließ das Haupt auf die Bruſt ſinken und blies dicke Rauchwolken vor ſich hin, ſo daß Jeine ganze Geſtalt in Nebel aufging. Er ſaß wie der Wolkenſammler Jupiter tonans da, aber ſeine Stimme war bei den letzten Worten weich und klagend geworden. * — 0 Ich war leiſe eingetreten und ſtand unbemerkt auf der Schwelle vor der halb offen gebliebenen Thüre. Ich ſtand und ſtreckte horchend alle meine Fühlhörner aus. Aber die Pfarrerin war hinkend die Treppe hinauf mir nachgeſchlichen, öffnete die Thüre und drängte mich vorwärts.„Da haben wir ihn endlich,“ ſagte Frau Baucis keuchend. „Haha!“ rief der Geſtrenge mit ſchallender Stimme und war ganz wieder der alte Polterer.„Iſt Er endlich da, junger Menſch? Will hier nicht mehr gut thun, was? Macht Streifereien in's Wilde, he?“ „Werde auch noch fortlaufen, wenn's weiter ſo geht!“ ſagte ich dreiſt. „Hei, dafür ſind meine Wachtpoſten auf der Hut,“ rief der alte Herr,„Deſerteure werden in's Loch geſteckt, wohlgemerkt!“ „Ich weiß nicht,“ ſagte ich keck,„was Diejenigen, denen ich angehöre, verbrochen haben, aber ich will hier nicht länger ohne Schuld Gefangener ſein.“ „Hoho!“ rief der Reichsgraf, legte die Pfeife bei Seite und ſtand in ſeiner ganzen Leibeslänge vor mir. Er ſchob den Schirm von der Lampe zurück und beſah mich mit ſeinen großen Blicken von oben bis unten. Ich ſtand im vollen Lichte da. Mein Anzug war verworren genug, das Kleid voll Heu, das Haar zerzauſt. Die Frau Paſtorin, die, tödtlich über mich erſchrocken, nicht wußte, was mich angewandelt, zupfte mich hinten und vorn am Rocke. „Wer iſt man denn und was weiß man von ſich ſelber?“ fuhr der Reichsgraf fort.„Man iſt ein Eſel, wenn man nicht froh iſt, hier das liebe Leben zu haben!“ „Ich weiß viel, wer meine Eltern ſind,“ ſagte ich keck,„aber ſo viel weiß ich, daß es mit Ew. Geſtrengen auch nicht ganz richtig ſteht.“ „Seh' mal Einer!“ wandte ſich der Alte zu Philemon und Baucis, die trippelnd und verlegen daſtanden,„wer hat ihm denn was weisgemacht?“ Die Pfarrerin rang die Hände, der Pfarrer rieb ſie ſich um einander, als müßt' er nach Waſſer ſuchen, um ſich reinzuwaſchen in Unſchuld. „Was ſo'n Burſch keck iſt,“ fuhr der Geſtrenge fort,„faſt wie ein Bube, der das Glück gehabt hat, bei ſeiner Eltern Hochzeit ſchon perſönlich zugegen zu ſein!— Was weiß Er denn von mir?“ 9* „ 20 „Ich weiß ſoviel,“ ſtand ich Rede,„deß wenn Ew. Gnaden ſich hier geſtrenger Herr Oberförſter nennen laß A, das mit Ew. Gnaden Verlaub eine Lüge iſt!“ „Daß dich!“ ſagte der Reichsgraf.—„Aber im Grunde gar nicht ſo übel!“ fuhr er zu den Pfarrersleuten geneigt fort, wandte ſich jedoch alsbald wieder zu mir, um mir die ganze Strenge ſeiner Miene zu zeigen.„Daß ich Herr im Lande hier bin, mag der Gelb— ſchnabel wiſſen. Ein regierender Landesherr aber, das merke Er ſich, junger Freund, ein Landesherr iſt Chef und Souverän in Allem, was in ſeinem Lande getrieben wird, unter den Soldaten iſt er oberſter Herzog, unter den Schweinehirten erſter Schweinehirt, und alſo kann er unter den Förſtern ſeines Landes mit Fug und Recht oberſter Förſter ſein. Damit holla! Für das Wort Lüge gibt's ein ander Mal Fuchtel, junger Menſch!“ Er machte eine abweiſende Handbewegung, wie Jupiter ſie etwa machen mochte, indem er ſeinen Trabanten befahl, bei Seite zu treten. Ich ſtellte mich inden Winkel und harrte lauſchend der Dinge, die da kommen ſollten. „Ich hab' gemeint,“ fuhr der Geſtrenge zu den Pfarrersleuten gewendet fort,„hier wär' der Junge ſicher vor Aufregung und Ver⸗ führung; hier könnt' er, dem Wirrwar der Welt und ſeiner eigenen Herkunft entzogen, in der Stille zum regelrechten, ordentlichen Men⸗ ſchen werden. Es iſt doch ſchlimm, daß ſich kein Geheimniß behüten läßt!“ Philemon und Baucis verſchworen ſich hoch und theuer, ſie hätten all' die Jahre über Tag und Nacht reinen Mund gehalten. „Nun gleichviel,“ war die Entgegnung,„einmal mußt' er's doch erfahren. Ich hab's übernommen, ihm proteſtantiſche Erziehung zu geben und werde ihm ſchon die nöthige Conduite beibringen. Womit aber noch gar nicht geſagt ſein ſoll, daß ich gehalten bin, den mir überzwerg in's Neſt gelegten Burſchen für einen rechtmäßigen Sproſſen meines Hauſes anzuerkennen! Ich will blos das Katholiſche in ihm ausrotten, denn ich glaube ſo gut wie Ihr, Paſtor, an Erbſünde; ich erfahr's an den Gliedern meines eigenen Leibes!“ Was iſt katholiſch? Dieſe Frage fiel wie ein ſiedend heißer Tropfen auf mein Herz. Der Pfarrer hatte mir im Unterricht nie davon Grie wine geritt breche Vurge an ein zu ihr licht dus ei funnte enſ ich m rie ei hunp Brte ſochte Zohf Nn 3 und ale 6 ntgeg uten enen Ren⸗ nten — davon geſagt, in der Weltgeſchichte ſtanden wir immer noch bei den Griechen und Römern. Plötzlich hing, was der alte Herr, der Vater meiner Mutter, als katholiſch bezeichnete, wie eine verhängnißſchwere, gewitterſchwüle Wolke über mir. Es war, ſo ſchien es, ein Ver⸗ brechen, katholiſch zu ſein. Aber es war für mich faſt ein lockendes Vergehen, deſſen Geheimniß mich reizte, wenn ſich damit der Gedanke an eine ferne, mir unbekannte Mutter und die Sehnſucht nach Liebe zu ihr vermiſchte. Nannte man, was der Pfarrer im Religionsunter⸗ richt mit den zehn Geboten mir vorhielt, proteſtantiſch, ſo ſchien mir das ein Ausbund aller Trockenheit, den ein junges Herz nicht brauchen konnte. Die mich betreffenden Verordnungen des geſtrengen Herrn wurden eben ſo ſchnell gegeben wie ausgeführt. Es war ſchon ſpät Abends; ich wurde ſchnell aufgepackt, um transportirt zu werden. Denn anders wie ein Bündel ward ich nicht genommen und beigeſteckt. Frau Baucis humpelte zwar einige Mal keuchend treppab und auf, allein mein Bratenrock genügte, und ich war reiſefertig; das zerzauste, heudurch⸗ flochtene Haar ward raſch mit einem ſchwarzwollenen Streifen zu einem Zopf zuſammengebunden, die Manſchetten ſaßen feſt am Rockärmel, den Zuſtand an Schuh' und Strümpfen deckte der Mantel der Nacht und der Reitermantel, in den ſie mich ſteckten, um mich auf's Pferd zu ſetzen. Frau Baucis war ſo gerührt, als wär's ein Abſchied für alle Ewigkeit. Sie ſprach von dem höheren Berufe, dem ich nun entgegenginge. Ich meinerſeits guckte nur ſcheu nach dem Geſtrengen hinüber und dachte an die heillos fallen gelaſſene Wendung:„Dann gibt's ein ander Mal Fuchtel, junger Menſch!“ Ich hatte allen Reſpect vor der ſouveränen Hoheit dieſes Zuchtmeiſters. Ich glaube, ich war von meinem Alten⸗Rheinweinrauſch erſt jetzt vollſtändig nüchtern geworden; der Schwindel zur Empörung war verflogen. Die gute Pfarrerin trippelte ſchluchzend um mich herum; faſt hätt' ich ihr meinen Kellerſtreich geſtanden, blos um ihr durch etwas Zorn gegen mich den zärtlich aufgelöſten Abſchied zu erleichtern. Sie zerfloß ganz in Thränen, der Pfarrer war ſalbungsvoll; es war wie auf Nimmerwiederkehren. — 22 Wir ſtanden im Hofe; Jacob half mit der Stalllaterne dem fahlen Mondſchein leuchten. Ich umarmte den einzigen wahren Freund, den ich zurückließ, und wickelte mich in meinen Mantel. „Reiten hat der junge Herr hier ſchwerlich gelernt!“ rief der Alte, der ſchon im Bügel ſaß,„nehme ihn Einer vorn auf's Pferd!“ Alſo doch„junger Herr“ vor den Dienern! dacht' ich, nicht junger Burſche und nicht gleich Fuchtel! Muth! Und Poſto gefaßt, wo haarbreit Land gegeben wird! Das waren meine Gedanken, wie wir das Jagdhaus verließen. Philemon rief mir noch ſeinen Segen nach, Frau Baucis wehte mit dem Tuche, Jacob klapperte mit den Holzpantoffeln, der Thorweg knarrte, der heiſere Hofhund und der Mops kläfften hinter uns drein. Damit ſank die Idylle meiner— Kindheit hinter mir zurück; ich ahnete nicht, daß ich den Schauplatz in ſo kurzer Zeit, wenn auch nur auf Augenblicke, wieder betreten ſollte. Zweites Rapitel. Ein Tag am Hofe zu Belle Promeſſe. „Heda! links ab, dicht am Walde hin!“ rief ich plötzlich laut, wie ich ſah, daß die vorderſten Reiter vom ſchmalen Stege ab in die ſumpfige Tiefe lenkten. So ſehr ich wie ein bloßes Bündel in den Reitermantel gewickelt auf dem Sattelknopf ſaß, hatte ich doch die falſche Fährte, die man einſchlug, ſchnell entdeckt. Die Cavalcade hielt. Der Mond, eben ſo eingehüllt wie ich, nur ſeinerſeits in Wolken, lugte mit einem Auge hervor und offenbarte uns den Moor⸗ grund, in den wir ſicher hineingerathen wären. „Hat Recht!“ ſagte der alte Herr, indem er mit der einen Hand auf die Croupe ſeines Gauls gelehnt, ſich rückwärts zu mir drehte. „Wir wären hier in den Schlamm geritten; iſt doch zu was nutze, der— junge Herr da!“ Ich freute mich wie ein Eichkätzchen über dieſe halbe Anerkennung meines Werthes, meines doch nicht ganz nutzloſen Daſeins. Reiten hab' ich freilich nicht lernen können, dacht' ich, ich hätte denn Knecht —— Jal Mach Ln uns inn ein Vie gege ſtn ffn ſtie am —— — Jacob als Pferd anſehen und auf ſeinen Schultern meine Schule machen müſſen; aber Weg und Steg kannt' ich bei Nacht und Nebel. Langſam und vorſichtig ſetzte ſich der Zug wieder in Bewegung. Vor uns am Saume des Waldes lag die liebe lichte Stelle, die ich mir immer als den Lieblingsplatz erkoren, ohne zu ahnen, daß da ſo bald ein Raſenhügel das Theuerſte, was ich mein nannte, ke ſollte. Wie wir um die Waldecke bogen, fuhr uns ein greller Lichtſchein ent— gegen. Ein geſchloſſener Reiſewagen hielt dicht am Haag. Diener ſtanden am Schlage, eine Fackel beleuchtete die Gruppe. Der Schlag öffnete ſich, wie wir näher kamen, eine Dame in ſchwarzen Schleiern ſtieg aus, drängte ſich durch die Reiter, ſtürzte auf mich zu, riß mich am Mantel herunter, und ich lag in den Armen meiner Mutter. Ich war zu Boden geſunken, die Dame kniete über mich hin und „Joſeph, mein Joſeph!“— So hatte mich noch Niemand im Leben genannt, nicht bei dieſem meinen Namen, nicht mit einer Stimme, ſo in Schmerz und Liebe aufgelöſt. Wie Muſik der Sphären, wie aus einem Paradies, aber einem verlorenen, klang der Ruf an mein Ohr, in meine innerſte Seele. Das iſt gegen die Verabredung, Madame!“ 4i l die Stimme Geſtrengen. Er war abgeſtiegen und ergriff die Dame am Arme, um ſie halb mit Galanterie, halb mit Gewalt wieder in den Wagen zu heben.—„Nicht ohne ihn!“ rief meine Mutter, mit beiden Hän⸗ den mich umklammernd. So ward ich mit ihr in den Sitz der Ka⸗ roſſe mehr getragen als geführt. Der Tritt wurde zurückgeſchlagen, die Thüre fuhr in's Schloß; und ſo ſaßen Mutter und Sohn allein im inneren Raum eines großen, wohlverwahrten gläſernen Kaſtens. Sie blickte noch, während ſie mich feſt in den Armen hielt, durch die Scheiben hinaus und horchte auf den kurzen Wortwechſel zwiſchen dem alten Herrn und den Dienern. Dann ſchwang ſich Alles wieder auf, der Lakai mit der Fackel auf den Bock neben den Kutſcher, und der umgelenkte Wagen, der hier am Sumpfe nicht weiter vordringen ge⸗ konnt, fuhr im Trabe den Wieſenweg zurück. Der weiche Boden ließ kein Geraſſel der Räder aufkommen, den Hufſchlag der Pferde gab die feuchte, elaſtiſche Er ddecke nur gedämpft wieder; ſo huſchten wir wie ein Geiſterſchwarm pfeilſchnell dahin; erſt das zufällige Anprallen an einen Feldſtein rüttelte mich aus der ſüßen Betäubung, die wie ein Traum meine Sinne beſchlich. Ich fühlte den warmen Athem eines fieberhaft klopfenden Buſens, Arme die mich unſchlungen hielten, Lippen die in zitternder Haſt jeden Freudenſchrei, jeden Wortlaut, den ich wagen wollte, erſtickten. Ich riß mich mit Gewalt in die Höhe, ich betaſtete die Arme, die mich umſchloſſen, die Schultern, an denen ich gelehnt; nein es war keine Geiſtererſchei⸗ nung, es war lebendige Wahrhaftigkeit, dies heiße bange Leben, das mir aus den Pulſen, der ſüße Duft, der mir aus dieſem Buſen ent— gegenſchlug, die Küſſe dieſes weichen ſanften Mundes— es war Wirklichkeit, es war die Begegnung mit einem Weſen von Fleiſch und Blut. Mein ſuchendes Auge ſtarrte nach dem ihrigen. Der Fackel⸗ ſchein wankte grell und unſicher vor uns hin; im Fluge erhaſchte mein Blick ein bleiches, gramzerſtörtes, halberloſchenes Antlitz, deſſen feuchte d Augenſterne ihren Glanz verhüllten.—„Biſt du's denn wirklich?“ rief ich,„meine Mutter?“—„Joſeph, mein Sohn!“ war die ſchluch— zende Antwort.—„Und wir wußten ſo lange nichts von einander? Wer iſt zwiſchen uns getreten? Wer drängte den Sohn vom Mutter⸗ herzen? Wer hat dieſen Raub am Heiligſten verſchuldet?“ Der Strom ihrer heißen Thränen überfluthete mein Geſicht; ihre Stimme zerfloß, wie ſie reden wollte. Ich war von der Wiege an ſo verarmt und abgedarbt an Liebe, und nun drohte ich plötzlich unter deren Uebermaß zu erliegen: „Hat man dir übel begegnet, mein Kind?“ fragte ſie nach einer Pauſe. „Nicht daß ich's beſonders klagen möchte!“ war meine dreiſte Antwort.„Auch will ich's von nun an Keinem mehr rathen! Ich habe nur nicht gewußt, wo ich hingehörte. Nun ich's weiß, werde ich darauf halten, daß mich Niemand kränkt!“ Wo ich hingehörte, blieb mir noch immer verſchleiert genug, aber endlich ein Weſen zu wiſſen und zu fühlen, das ein Recht auf mich hatte, gab mir Zuverſicht und Muth, meine Exiſtenz im Nothfall zu vertheidigen. Ich mußte ihr berichten, wie es im einſamen Jagdhaus zugegangen, was ich ſeit Jahren getrieben. Ich beſchrieb ihr den ge⸗ lehrten Pfarrer, erzählte ihr von Ovid's Metamorphoſen, von der Frau Baucis, deren drei Zähnen und drei Märchen, die wie die Fabeln des römiſchen Dichters in mir die Ueberzeugung geweckt, ich ſei ein ver— wunde heute, worde fürſer glern die ja liebet Holz und! und Vie an ih inp Gliede So f des ß ſchne Lben ward nit i ſnüt Aic Ein Aufd oſ Shla khtt ihr d Va din Jir wß wandeltes Geſchöpf und müſſe auf eine Erlöſung harren, die mir nun heute, juſt am Tage meiner Geburt, an der Seite meiner Mutter ge⸗⸗ worden. Ueber den Mann, den ich zuerſt als geſtrengen Herrn Ober⸗ förſter und als oberſten Zuchtmeiſter meines jungen Lebens kennen gelernt, wagte ich nicht Klage zu führen, aus Beſorgniß, die Frau, die ja doch ſeine Tochter ſein ſollte, zu betrüben. Ich erzählte ihr lieber vom Knecht Jacob und unſeren heimlichen Streichen, wie ich ihm Holz ſpalten half, und wie wir höchſt verſchmitzt mit rothen Lappen Fröſche im Sumpf gefangen. Es ſchien ſie zu erheitern; ſie lachte und weinte jedoch in ſtürmiſchem Wechſel, nannte mich ihren Kobold und preßte mich ſo ſchmerzlich an ſich, daß ich mich nicht regen konnte. Wie ſie erſchöpft in der Wagenecke lehnte, lag ich mit der Schläfe an ihrem Buſen und fühlte in banger Scheu das heftige Pochen ihrer krampfhaften Pulſe. Eine unnennbare Seligkeit rieſelte durch meine Glieder, Schmerz und Freude hielten mich in ſüßer Betäubung gefangen. o fuhren wir ohne Anhalt ſtundenlang; die gleichmäßige Bewegung 5 s Fahrens machte ihre einſchläfernde Wirkung, der füße Rauſch eines ſchmerzbewegten Glückes im Gefühl unſeres Wiederſehens bannte unſere Lebensgeiſter. Plötzlich hielt die Karroſſe. Die Lakaien ſprangen ab, der Schlag ward geöffnet und in hellem Schimmer lag eine erleuchtete Schloßhalle mit ihren Stufen und Säulen vor uns. Ein Herkules von Stein ſtreckte uns ſtatt der Keule einen Arm voll Kerzen entgegen; in den Niſchen ſtanden zwei lebendige rothröckige Grenadiere mit Bärmützen. Ein mit Gold und Silber reich beſtickter Herr, ein graues Gekräuſel auf dem Scheitel, Stoßdegen und Hut zur Seite und in weißſeidenen Hoſen und Strümpfen mit blitzenden Schuhſchnallen, trat an den Schlag und eröffnete uns, Erlaucht, ſchon vor uns ſo eben zurückge— kehrt, habe befohlen, der Gnädigen ihre Appartements anzuweiſen und ihr das Geleit zu geben. Die Frau, die ich meine Mutter nannte, lag ſo erſchöpft in der Wagenecke, daß es ſchwer hielt ſie zu ermuntern. Ich küßte ihre Hände, ſie waren kalt und feucht; ich ſchlug den Schleier zurück, der über ihr Antlitz gefallen war; ich rief ſie mit den ſüßeſten Namen der Zärtlichkeit. Eine Ohnmacht hielt ihre Sinne umfangen. Die Diener mußten behülflich ſein ſie aus dem Wagen zu heben; zwei Männer — 26 trugen ſie die Treppe hinauf. Die Arme des zarten ſchlanken Leibes hingen ſchlaff über den Schultern der beiden Leute. Ich ſchlich wie unbeachtet, wie ungezählt, nebenher die Stufen hinauf. Ich weinte zum erſten Male in meinem Leben bittere Thränen. Die glänzend erleuchtete Halle, die uns empfing, erſchien mir wie eine feierliche, ſtolzgeſchmückte Todtencapelle. Oben war das Treppenhaus durch Glasthüren vom inneren Raum getrennt. Armleuchter brannten an den Marmorwänden, Pagen in bunten Röcken machten Spalier, ſeidene Schleppen rauſchten auf dem ſpiegelglatten Boden. Im zweiten Cabinet übergab man die Kranke der weiblichen Bedienung, die ſie in Empfang zu nehmen bereit war. Ich drängte mich mit hinein, und man wehrte mir nicht. Erſt als die Thüren ſich hinter uns ſchloſſen und die Männer ſich entfernt hatten, muſterten mich einige Blicke von der Seite, ungewiß, mit welchem Recht ich hier mich eingedrängt. Lieber Himmel, ich hatte hier das erſte und heiligſte Recht, ich hätte es mir auch um keinen Preis nehmen laſſen; kaum errungen, konnte ich den unſicheren Beſitz der Mutter nicht ſchon wieder aufgeben. Sie lag auf einem Ruhebett; erfriſchendes Waſſer, mit dem man ihre Schläfe benetzt, rief ſie in's Leben zurück.„Joſeph, biſt du hier?“ war ihr erſtes Wort, und ihr erſter Blick ruhte auf mir. Bang und beklommen kniete ich vor ihr nieder; ihre feine weiße Hand wühlte in meinem wild verworrenen Haar. Es war ſchon tief in der Nacht; die Kranke bedurfte der Ruhe. Die angeſtrengte Reiſe in ununterbrochenen Eilmärſchen hatte ſie er— ſchöpft; ſie war erſt am Tage zuvor im Schloſſe angekommen, hatte ſich ſofort die Erlaubniß erwirkt, den Sohn zu ſehen, war aber dem geſtrengen Herrn, ihrem Vater, der mich holen ſollte, nachgeeilt und zuvorgekommen; den Aufregungen des Wiederſehens war dieſer Zu⸗ ſtand der Abſpannung und Schwäche gefolgt. Sie ließ ſich willig entkleiden und zur Ruhe bringen, aber ſie duldete nicht, daß man mich von ihr entfernte. Ich lag auf dem weichen Teppich zu ihren Füßen und leiſtete der Natur auch ſchließlich den Tribut, während ich noch im Schlafe von Zeit zu Zeit ihre Hand meine Stirn betaſten fühlte, als wollte ſie ſich meines Daſeins verſichern.— 6 vel Gewohnt, mit den Hühnern aufzuſtehen, wachte ich in dem dicht verhüllten Zimmer doch erſt auf, als die Sonne ſchon ziemlich hoch ſtand. Mein erſter Blick fiel auf die ruhende Mutter. Da lag ſie auf den weißen Kiſſen, blaß und ſanft, bleicher noch wie die Seide ihres Lagers. Hätten ſich die Lippen nicht krampfhaft geſchloſſen, das Bild des Friedens aus dem Paradieſe konnte nicht vollendeter mitten in eine verworrene Welt unklarer Leidenſchaften herabgeſtiegen ſein. Eine Kammerfrau, die als Wächterin im Seſſel neben ihr ſaß, winkte mir Stille zu, und ſo erhob ich mich leiſe wie ein Seufzer und ſchlich mit ihr über die elaſtiſchen Decken des Zimmers zur halb offenen Thür, die in ein helleres Gemach führte. Ich ſah die gute Dame fragend an— „Sie bedarf der Schonung,“ flüſterte ſie und nahm mich bei der Hand; „ſie ſchläft gern bis in den Mittag hinein.“ Ich fragte, ob ſie das immer pflegte.„Heute nach alle dem mehr noch als ſonſt!“ war die Antwort. Ich fragte, ob ſie wohl wüßte wer ich ſei; ſie nickte weh⸗ müthig mit dem Kopfe. Die Frau ſah ganz verſtändig und ſo gutartig aus, daß ich ihr vertraute, wie ich auch ſpäter keinen Grund gefunden ihre Ehrlichkeit zu bezweifeln. Im zweitnächſten Zimmer ſtand ein betreßter Diener mit der Meldung, der Leibmedicus Sr. Erlaucht werde ſofort erſcheinen. So vielen Händen übergeben, durfte ja auch wohl der liebendſte Sohn das Wohl ſeiner Mutter gut verſorgt glauben. Rechnete ich die Diener, die hier ab und zu liefen, zuſammen, nahm ich die beiden bärmützigen Grenadiere dazu, die in der Säulenhalle auf⸗ und abſchritten, ſo war ja die Zahl der Wächter, Hüter und Helfer überflüſſig groß. Ich eilte hinaus; mich verlangte nach Luft und Licht, auch nach etwas anderem, was entweder ein bibliſcher Autor, ein alter Kirchenvater oder ein anderer, eben ſo guter Gewährsmann als des Leibes Noth⸗ durft und Nahrung bezeichnet. Ich ſchritt durch die weiten Hallen, die langen Flügel des Schloſſes außen und innen entlang: es war Alles ſo prächtig ſteif und majeſtätiſch, ich hatte keinen Muth nach der Küche oder gar nach dem Keller zu fragen. Der Moment, wo ich im Wald⸗ hauſe dem Jacob einen alten Rheinwein eroberte, erſchien mir als ein beneidenswerther. Der Magen hing mir, mit Erlaubniß zu ſagen, bis in die Kniekehlen, und doch ſchämt' ich mich⸗ einem ſtolzen Lakaien mein ordinäres Bedürfniß zu geſtehen. Der Herkules auf der Rampe, der geſtern die Kerzen hielt, heute aber zum Frühſtück mit leerer Hand daſtand, kam mir eben ſo traurig und eben ſo lächerlich vor wie ich. ſelber: ich hatte den erſten Eindruck von der wahrhaft niederwerfenden Macht des Ridiculen bei Hofe. Ich ſchlich über den weiten, leeren, ſandbeſtreuten, ſonnebeglänzten Platz hinüber; vielleicht bot der Garten. einige Labung.. Es war kein eigentlicher Garten, noch weniger ein Wald in den 1 ich trat. Es war eine Reihenfolge grüner Prunkgemächer, deren hohe Wände mit den Thürmchen und Spitzchen, deren Säulen, Triumph⸗ 1 bogen und NRiſchen lebendigen Wuchs hatten, nur daß man dieſen leben⸗ 1 digen Wuchs winkelrecht und geradlinig unter Scheere und Lineal hielt. Es war als wenn ſich die Suite von Zimmern im Schloſſe, freilich ohne Decke, und alles in der Couleur Grün, nur fortſetzte, oder als ſt wenn man umgekehrt einen Wald in lauter Stuben, Säle und Käm— ſi merchen verwandelt hätte. Jedes dieſer Zimmer im Freien hatte Taxus⸗, w Buchen⸗ und Ahornwände mit eingeſchnittenen Thüren und Fenſtern, ſe und faſt in jedem Gemach, in deſſen Mitte wie in den Ecken, ſtanden ei Gruppen marmorner Menſchen. Man war auch hier in Geſellſchaft;. g kein Gedanke an Einſamkeit wie im Walde. Man war hier in ſtei⸗ i nerner Geſellſchaft, bald mit Göttern und Göttinnen, bald mit Nymphen n und Satyrn, juſt wie ſie mir mein Paſtor Philemon erklärt. n Es war noch ſehr ſtill im Garten; nur die Waſſer plätſcherten d und plauderten, und über die marmornen Schaalen fiel es in tauſend⸗ R fachen Tropfen hernieder. Alles war hier ſo ſeltſam; es ſchreckte und ſi reizte zu gleicher Zeit. Ich hätte mich in die rauſchenden Cascaden, gl in die ſtillen tiefen Baſſins ſtürzen mögen. Hier eine lachende Najade, z die ihre weißen feuchten Arme ausſtreckte, dort die keuſche Diana ſelber, die Jeden ſtrafte, der ihr ungebührlich nahte, und ſelbſt dort das e lockende Ungethüm, halb Fiſch, halb Vogel,— Alle hätt' ich gern ſe umarmt um den Verſuch zu machen, mit ihren ſteinernen Leibern eine. er Metamorphoſe zu erleben. Was ich daheim in meinem Sumpfwalde di aus dem Ovidius Naſo gelernt, das konnte ja hier, wenn es über⸗ ſe haupt Wahrheit war, in Seene treten. In den lauſchigen Schatten zu der grünen Laubwinkel, im Geräuſch der plätſchernden Fontänen, die un ihren ſilbernen Waſſerſtaub über die nackten Geſtalten ſpritzten, lag d für mich die Täuſchung einer Welt, die ſich aus Menſchen und Gethier,„ „ ( in lebloſen Stein verwandelt, aber aus Stein vielleicht eben ſo gut wieder in lebendige Weſen übergehen konnte. Es war aber auch zwiſchen dieſen ſteinernen Puppen nicht länger zu läugnen; ich hatte waidlich Hunger und Durſt. An Waſſer fehlte es nicht, ich netzte die Lippen am Rande eines Marmorbeckens, ich ließ mir von den Tritonen das kühle Naß in den Mund träufeln. Ein rothwangig Mädchen ragte plötzlich mit ihrem Köpfchen aus einem Bosquet hervor und lugte ſchelmiſch lachend aus der Riſche in der Taxuswand. Eine jener Amoretten, dachte ich, iſt ſchon Fleiſch und Bein geworden! Dieſe Metamorphoſe meines römiſchen Dichters wollte ich in ihrer Entwickelung weiter verfolgen. Ich ſprang hinzu und haſchte die Fliehende bei dem knappen Schanzläufer, den ſie trug. Sie wehrte ſich nicht, aber ſie ſah mir ernſt und furchtſam in's Geſicht. Sie ſei hier fremd, ſagte ſie zitternd. Juſt ſo wie ich! war meine Erwiederung, der ich froh war, ein gleichgeſtimmtes Weſen gefunden zu haben. Sie war erſt ſeit zwei Tagen hier am Hofe, erzählte ſie; der Meier, ihr Vater, einige Stunden von hier, habe ſie zum Gevatter, dem Gärtner hier, geſchickt. Ich ſei ebenfalls hier fremd, ſagt' ich, ſo wildfremd daß ich in Verlegenheit wäre, ein Stück Brot zu bekommen. Wenn das wäre, meinte ſie, ſolle ich mich in Acht nehmen vor den Lakaien, die mich einſtecken würden.„Oho!“ ſagt' ich,„ich bin hier ein Stück von der Herrſchaft!“ Sie ſah mich groß und ungläubig an, wußte aber Rath, was den Hunger betraf, und öffnete halb das Körbchen, das ſie den Leuten des Gärtners zutragen ſollte. Es war Brot und allerlei Zuthat darin in Menge. Sie erlaubte mir ſo frei zu ſein, zulangen zu dürfen. Ich war nicht faul; wie ich aber eine wahre Verwüſtung in ihrem Frühſtück anrichtete, ward ſie bedenklich und fing endlich hell zu weinen an. Ich that wie zu Hauſe, wo man Alles ſeine Beute nennt.„Da kommen die Herren vom Hofe!“ rief ſie plötzlich erſchrocken, raffte ihr Körbchen zuſammen und floh mit dem Reſte hinter die nächſte grüne Wand. Ich kam mir wie ein Sieger beim ſabini⸗ ſchen Weiberraube vor, und hatte keine Ahnung, daß die Hofherren zu Belle Promeſſe den ländlichen Schönen hier vielleicht noch ganz andere Dinge raubten, als ein Frühſtück bei wahrhaftem Hunger und Durſt. * Indeſſen ſchlug mir doch das Herz nicht wenig, als wirklich den langen Taxusgang herunter ein Trupp Männer auf mich zuſchritt und halb im Anblick meiner Scene verwundert ſtehen blieb. Der geſtrenge Herr, der ſouveräne Mann im Lande, war mitten unter ihnen. Die mir bekannte Jupiterwolke ſtand auf ſeiner Stirn, wie er mit ſeiner Commandoſtimme rief:„Haha! guter Freund! was geſchehen denn hier für Allotria?— Haben wir doch wahrlich dieſe Kleinigkeit von geſtern ſchier vergeſſen!“ fuhr er zu den Begleitern gewendet fort. „Wo hat man die Nacht zugebracht?“ Ein ſouveräner Herr, der über Alles gebietet und Alles vermag, hätte füglich auch wiſſen ſollen, wo ich die Nacht zugebracht. Ich wollte nicht ſagen: Bei meiner Mutter! denn ich ſchämte mich noch, wußte auch nicht, wie weit ich deſſen eingeſtändig ſein durfte. Glücklicher Weiſe fragen hohe Herren immer mehr als ſie wiſſen wollen; und es war recht eigentlich des Geſtrengen Art, Alles zu fragen und doch alle Antwort vorauszuſetzen. Ich wies mit der Hand blos nach dem Schloſſe. „Ziemlich verwildert, der Burſche, nicht?“ ſagte der Geſtrenge zu ſeinen Begleitern.„Wir müſſen nun freilich, da er einmal hier iſt, für ihn ſorgen. Er iſt überhaupt in der Welt da, alſo will er exiſtiren. Na, hier fieht's anders aus wie daheim im ſumpfigen Walde? Was? Er hat uns aber geſtern in der That einen Dienſt geleiſtet, daß er uns bei Zeiten abhielt, mit Mann und Maus im Sumpfe ſtecken zu bleiben. Verzwickter Moorboden das da hinten im Jagd⸗ hauſe, läßt ſich gar ſchwer austrocknen.“ „So ſchwer vielleicht wie die pontiniſchen Sümpfe,“ ſagt' ich, nicht um mich zu brüſten, ſondern nur um mich nicht in Vergeſſen⸗ heit gerathen zu laſſen. „Ah! hat Geſchichte getrieben!“ meinte einer der Hofherren. „O ja, die römiſche,“ antwortete ich. „Und was hat Er denn hier getrieben!“ fragte der Reichsgraf, auf die Taxusniſche weiſend. „Die Geſchichte der Ovidiſchen Metamorphoſen“— begann ich ſtotternd. Die Geſellſchaft lachte, und ich freute mich, daß meine Ver⸗ legenheit doch damit gedeckt war. Sie umringten mich, und ich war der Gegenſtand von Späßen, die ich freilich nicht verſtand. Der ge⸗ ſtrenge Herr zauſte mir das Haar, ſo daß das Zopfband, das mir Frau 6 — — 31 Baucis in der Eile umgeſchlungen, völlig losging und die Strähnen über mein Antlitz fielen.„Wir müſſen ihn in ein anſtändig Coſtüm ſtecken!“ ſagte der Geſtrenge. Ich hatte zwar meinen Sonntagsrock an; indeſſen gegen die toupirten und friſirten Herrſchaften mochte ich freilich eine erbärmliche und wohl gar belachenswerthe Figur ſpielen, in Anbetracht des Schuh⸗ und Strumpfwerks mit den Spuren vom Waldſumpfe ſehr anſtandswidrig erſcheinen. „Er kann in der Zeit ſeines Hierſeins überhaupt etwas Conduite lernen, Tournure und einige vorläufige Education bekommen!“ ſagte der ſouveräne Herr zu einem Manne, der auf ſeinen Wink zu ihm herangetreten war und ſich durch ſein beſcheideneres Weſen und ſein dunkleres Kleid vor den Uebrigen auszeichnete. Auch Erlaucht trug heut ein hellfarbiges Kleid, wenn auch einfach und ohne die goldenen Treſſen, die auf den ſtrahlenden Röcken ſeiner Begleiter prangten. Es war im Zeitalter kurz nach dem ſiebenjährigen Kriege für regierende Herren eine gewiſſe ſoldatiſche derbe Einfachheit à la Frédéric le Grand allgemeiner Styl in Deutſchland, während ſonſt allerdings an den Höfen noch der alte inhaltsleere Ritus und Luxus à la Louis Quinze herrſchte. „Lieber Magiſter,“ fuhr Erlaucht fort, vertraulich die Hand auf die Schulter des Mannes legend,„nehmen wir den jungen Menſchen, den uns die Wildniß der lieben Natur überlieferte, einigermaßen in Arbeit! Hier, guter Freund, Sein Gouverneur!“ Das Wort„Gouverneur“ war mir neu und fremd; aber es klang vornehm und ich verbeugte mich tief. Der regierende Herr trat mit ſeinen goldbetreßten Begleitern in den nächſten Spaliergang, und ich ſtand mit meinem Gouverneur allein. Wir muſterten uns gegenſeitig unter Austauſch einiger Redens⸗ arten; es ſchien beiderſeits nicht unſere freie Wahl zu ſein, uns mit einander zu befaſſen. Ich für meinen Theil nahm an dem Manne nicht viel Unterſchied gegen meinen Prediger wahr. Er hatte freilich ſchwarzſeidene Strümpfe ſtatt der ſchwarzwollenen und in's Fuchſige übergeſchlagenen, die der Paſtor trug, hatte auch ſilberne Schnallen ſtett der zinnernen. Seine Steifheit war nicht ganz ſo eckig, wie Ehren Philemons; er hatte etwas Feierliches, aber fand doch auch, ging man darauf ein, einen gewiſſen Ton der Traulichkeit, der wohl ge⸗ winnen konnte. Er erkundigte ſich nach meinen bisherigen Studien. *. 4 S Ich ſchenkte ihm reinen Wein ein und er runzelte die Stirn, fand Lücken in der Methode meiner Erziehung. Es war vielleicht der gelindeſte Ausdruck für die Löcher im Kochgeſchirr, aus welchem ich meine Nah— rung bezogen. Eine Eigenthümlichkeit des Mannes war, mich mit „Wir“ anzureden, als ob er nicht recht wüßte, wie er mich zu nehmen hätte. Ich konnte ihm das nicht verargen; wußte ich ſelbſt doch noch immer nicht, ob ich Derjenige war, für den ich mich gern halten wollte. Ich erkläre mir daraus die Blödigkeit, die der Würdige im Ver⸗ halten zu mir vergeblich zu bekämpfen ſchien. Er hatte ſonſt Wohl⸗ wollen und Gemüth genug; in ſeinen Anordnungen lag eine ſichere Beſtimmtheit, der man ſich als junger Menſch am liebſten fügt. Fra⸗ gen, die nicht juſt vor ſein Forum gehörten, wußte er geſchickt zu beſeitigen. „Nach Erlaucht Befehlen dürfte nun wohl zuerſt in Sachen des Coſtüms die nöthige Reform vorzunehmen ſein“, ſagte der Magiſter Gouverneur. Ich ſelbſt hatte das lebhafteſte Verlangen, mich einiger⸗ maßen, bloß um nicht lächerlich zu ſein, dem Galla, das hier herrſchte, anzunähern. Wir ſchritten quer über den weiten Platz, welcher Schloß und Garten trennte, und traten in einen Seitenflügel, der in einen Pavillon auslief. Dort war die Wohnung des Oberſthofmeiſters, der das Commando über die Schneider bei Hofe zu führen ſchien und über meine Toilette verfügen ſollte. Statt ſeiner erſchien, wofür ich ihn nahm, ein vornehmer Bediente mit Ordensſtern und Bändern— der Magiſter redete ihn Herr Kammerherr an— und gab die nöthigen Befehle zu meiner„Reform“. Ein Beamter führte mich in ein hinteres Zimmer; zwei Diener mit goldenen Treſſen und Achſelbändern ſprangen herbei und fielen über mich her. Ich wußte kaum wie mir geſchah. Im Nu war ich entkleidet und in ein Bad geſteckt. Die laue Wärme, der Dampf der Kräuter war erquickend und berauſchend zu gleicher Zeit. Es war nebenbei ein ſo ſchönes Zimmer, wie ich mir einen Tempel der Venus dachte, die ſich freilich im Meere badete, keine Seife brauchte, um ſich Schaum zu machen, und ihr ſchönes Bild im Spiegel der Wellen erblickte. Die Glaswände warfen die Geräthe und Figuren im Zimmer ſechs⸗, ſiebenfach aus einem Spiegel in den andern, und ich fuhr überraſcht und erſchreckt zuſammen, als ich mich plötzlich in ganz neuer Geſtalt erblickte. Ein veilchenblauer Sammetrock ſchmiegte — 66—— ſich um meine Glieder, ein flaumiges Toupé drängte ſich elaſtiſch an meine Schläfe, und als man mir einen kleinen Degen mit funkelndem Griff an die Seite ſteckte, ſtieg mir der Kamm nicht wenig. Mit dem neuen Anzuge ſchien mir meine Ovidiſche Metamorphoſe vollendet; ich war nach langer Verpuppung in einen reſpectabeln Prinzen zurück⸗ verwandelt. Ich hätte im Gefühl einer Waffe vor Freude laut auf⸗ geſchrien, wäre der würdevolle Ernſt jener goldbordirten Sklaven, die mich ſo glänzend ausſtaffirten, nicht ſo unerſchütterlich geweſen. Mein Freudenſchrei erſtarb mir auf der Lippe, wie ich die ehrbaren Geſichter um mich her betrachtete. Sie ſprachen nicht, ſie nannten mich nicht, ſie waren wie lebende Maſchinen, die mit ihren Rädern und Armen ſtumm ineinander greifen. Wohin ich mich auch drehen mochte, ſie machten Fronte und ſtanden in ſtumpfen Winkeln meines Winks ge⸗ wärtig. Da ich nicht lachen konnte, ſo ſchreckte mich faſt die Gravität dieſer Komödie; ich erſchien mir unter dieſer ſorgfältigen Vorbereitung, wie ein geſchmücktes Opferlamm. Indeſſen wollte ich für den nächſten Augenblick mehr Löwe, als Opferlamm ſein; ich wollte Blut ſehen, das heißt, vor der Hand ein gutes Frühſtück. Ich zog den Degen und ſchwur den beiden Sklaven, die mich bedienten, ich ſei hier der ewigen Hungerleiderei bei Hofe endlich ſatt; ich forderte Wein, möglichſt guten alten Rheinwein, und Zubehör. Die erſchrockenen Diener erwiederten, nach dem Bade ſei nur Chocolade befohlen. Beſchämt über ſo viel Bereitwilligkeit und überzeugt, daß das Frühſtück ohne Blutvergießen zu erkämpfen war, hatte ich meinen ſchmächtigen Galladegen raſch wieder eingeſteckt. Ich reichte beiden Bedienten, wie Freunden, die Hand und dankte ihnen für die Humanität, mir zu einem längſt erſehnten Dejeuner zu ver⸗ helfen, das ich denn auch ſofort mit glänzendem Erfolge einnahm. „Ihr wißt gar nicht, Freunde“, ſagte ich, während ich ſaß und trank und ſchwelgte,„was es für einen Sohn der Natur, der ſeine regel⸗ mäßige, wenn auch nicht üppige Verköſtigung gewohnt iſt, zu beſagen hat, ſo lange, wie Ihr es hier am Hofe bei all' dem Glanze im Stande ſeid, zu hungern! Ihr ſcheint hier durch Schlafen zu erſetzen, was wir draußen in der Wildniß durch tüchtige Koſt einbringen. Ich hacke mit Jacob draußen im Walde Holz: da will der innere Menſch regelmäßig was beſehen!“ D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 3 34 Die Lakaien ſahen mich verdutzt an, ſie wußten auf Betrachtungen ſolcher Art ſich nicht einzulaſſen; ſie ſtanden kerzengerade, wie die rothen Grenadiere am Portal, hinter meinem Stuhle; es fehlte nur noch, daß ſie die Servietten, wie jene das Gewehr präſentirten. Inzwiſchen trat auch der Magiſter, mein Gouverneur, in's Zimmer, um mich zu weiteren Dienſtleiſtungen am Hofe abzuholen. Ich lud ihn ein, am Reſte meines ſpäten Frühmahls Theil zu nehmen, war aber im Grunde froh, daß er's mir allein überließ. Er ging mit rückwärts gelegten Armen auf und ab und wartete ruhig, bis ich den Schmaus beendet. Ich war jetzt in meinem tiefſten Herzen zufrieden⸗ geſtellt und mit dem Hofleben einigermaßen ausgeſöhnt. So iſt der Menſch! Ein ſo ſinnliches Weſen, ſo hingegeben den äußeren Eindrücken, ſo ſehr Sklave ſeiner nächſten Bedürfniſſe. Die ganze Zeit über wandelte mich keine Ahnung an, mit welchen Schmerzen, mit welchen Seelenkämpfen inzwiſchen die Frau, die ich meine Mutter nannte, zu ringen hatte. Es ſei noch nicht die Stunde, wo ich empfangen werden könne, entgegnete mein Magiſter Gouverneur, als ich ihm jetzt den Wunſch, zur Mutter zu gehen, äußerte. Die Aerzte, ſagte er, hätten die größte Schonung anempfohlen, die Etiquette erlaube erſt nach Tiſche der Kranken einen Beſuch zu machen. Jetzt hatten wir uns der Oberſthofmeiſterin zu präſentiren. Etiquette! dies furchtbare Wort des Aberglaubens befiel mich zum erſten Male mit ſeinen Schrecken. Ein Mutterherz und die Liebe eines Sohnes wurden dieſem Moloch zum Opfer gebracht! Ich ſchritt neben dem Mentor eine Reihe von Zimmern entlang. Es ſchien ein ganz entlegener Flügel des Schloſſes, den wir durch⸗ wanderten. Wir ſtanden endlich in einem Antichambre von Glas⸗ wänden, und ein Dienſtthuender, ich weiß nicht ob Kammerherr oder Kammerknecht, meldete uns. Alsbald rauſchten die Flügelthüren auf und wir traten in einen prächtig geſchmückten Saal. Ein Halbkreis geputzter Damen ſtand im Hintergrunde parat; eine höhere, vollere Geſtalt machte ihren Mittelpunkt. Der Magiſter führte mich herzhaft vor. So vielen Weibern mit einmal gegenüber fühlte ich mich äußerſt beklommen. Mein Muth war hin, trotzdem ich einen Degen zur Seite hatte. Ja, dieſer Degen ſtiftete mir eher Verlegenheiten, als Nutzen. Der Fußboden unter mir war wie Glatteis. Ich machte eine Ver⸗ ———— — — — 35 beugung und hatte das Mißgeſchick, daß mir der Galladegen zwiſchen die Beine gerieth; ich rutſchte aus und ſtürzte faſt vorn über. Indeſſen raffte ich mich noch ſchnell genug in die Höhe und that, als wär' mir nur der Hut aus der Hand gefallen. Heldenmüthig warf ich den Kopf in die Höhe und balancirte mit neuer Kühnheit. Aber die Damen im Halbkreiſe raſchelten mit ihren ſeidenen Roben aneinander, ſteckten die Köpfe hinter ihre Fächer und kicherten. Ich ward roth vor Scham, als die alte Dame mit majeſtätiſcher Sicherheit auf mich zutrat, mich ſanft lächelnd bei der Hand faßte und mit freundlichen Worten, die ich aber nicht verſtand, zu einem Seſſel führte. Ich ſah ſie ehrfurchtsvoll an, und doch war es mehr noch ein Gefühl des Staunens, das mich bei ihrem Anblicke anwandelte. Ich hatte ſolch' eine Erſcheinung mir ſelbſt im Traume nicht eingebildet. Mitten um den Leib war ſie bis zum Einknicken dünn, während ein weites bauſchiges Segel den mittleren und unteren Theil ihrer Geſtalt an⸗ ſchwellte. Sie nahm, wie ſie ſo daſtand, Platz für drei Mann ein. Auf dem Kopfe hatte ſie— es war keine Bärmütze, wie die Grenadiere ſie trugen, aber doch eben ſo hoch— eine Art Vogelneſt von grauen Locken; oder war es ein Bienenkorb, denn wirklich flatterten kleine Flügelthiere— ich weiß nicht ob Bienen oder Bremſen— um den hohen, hin⸗ und herſchwankenden Bau. Er ſchien aber künſtlich nach⸗ gemacht, denn ich ſah wohl, daß die ſcheinbar fliegenden Thierchen nur an Drahtfäden zitterten. So dürr und runzelig ihr Geſicht auch war, ſo leuchtete doch auf beiden Wangen ein ſtrahlendes Roth, ſo ſchön und ſchimmernd, wie mir nur je der Pfarrer Philemon die roſenwangige Eos beſchrieben. Das alte Geſicht gefiel mir ſonſt ganz gut, bis auf die kleinen Schmutzflecken, die ſie hier und da, wie verloren, ſitzen hatte. Ich hätte ihr gern geſagt: Hören Sie, Madame, Sie haben ſich ſchwarz gemacht! Aber ich fürchtete mich vor dem Schwarm der jungen Dinger da hinten, die bei jedem Worte, das ich ſprach, in heftige Bewegung geriethen, ihre ziſchelnden und Geſichter hinter ihre ausgeſpreizten Fächer ſteckten. „Müſſen wohl ſehr garſtig ſein, da fie ſich ſo ve mur⸗ melte ich vor mich hin. Die alte Dame hörte es nicht; aber ihr zürnender Blick, einer Juno nicht unwürdig, war auf die leichtfertigen 3* —P Mamſells gerichtet. Sie ſchien ſie gut in der Zucht zu haben, denn jetzt ſtanden die Jungfern wie angegoſſen und rüppelten ſich nicht. „Monseigneur, j'ai lhonneur“— begann die Oberſthofmeiſterin eben ſo verbindlich, wie erhaben. Aber ich mußte ſie unterbrechen. „Hören Sie“, ſagte ich,„wenn Sie kein Deutſch verſtehen: Latein kann ich.“ Jetzt fächerten die Mädchen wieder ganz wild; ſie drehten und quälten ſich wie junge Katzen, die nach ihrem Schwanze greifen; daß man ſolche Weſen auf gut bürgerlich deutſch Kammerkätzchen ſchilt, wußt' ich dummer Junge vom Lande damals noch nicht. Auch die Alte ward unruhig; ſie wandte ſich von mir ab und ging mit unterſchlagenen Armen, die ſie an die Hüften auf ihre Polſterkiſſen legte, großmächtig im Saale auf und nieder. Mit dem ausgeſpannten Segel ihres Reifrocks machte ſie einen ſtarken Zugwind, ſobald ſie an mir vorüber— ſchritt, und es roch dann allemal wie nach verfaulten Blumen. Am Hofe liebt man das. Der Magiſter war inzwiſchen zur Oberſthofmeiſterin getreten und machte mit ihr gemeinſam die Promenade auf und ab im Saale. Ich merkte, daß von mir zwiſchen ihnen die Rede war; vielleicht entwarfen ſie gemeinſam den Plan zu meiner Leitung und Bildung. Wir Andern im Zimmer übten uns in ehrfurchtsvollem Schweigen, ſo was der Spanier Grandezza, der dumme Deutſche einfach Langeweile nennt. Dieſe Damen verſtanden kein Latein; ſonſt hätte mich die Alte nicht im Stiche ge⸗ laſſen. Mein Deutſch war ihnen vielleicht zu deutſch, etwa ein Deutſch, wie die Frau Baucis mitunter in zorniger Aufregung zu Jacob ſagte: Hör' Er, ich muß einmal Deutſch mit Ihm reden! Ich ſchwieg ſtill, that ſehr ehrbar, ſprach kein Wort und ſah keinen Menſchen an; nur ſo konnte ich mich, wie es ſchien, in meiner Würde behaupten. Die Mädchen lachten nicht, und ich konnte ſie ruhig ver⸗ achten. Das Zimmer an ſich war intereſſant genug, um mich mit ihm zu beſchäftigen. Mein Auge hing an dem braunen Getäfel in den Spiegelwänden, an den grünen, ledernen Tapeten mit eingedrückten Goldfiguren, an den ſchweren Vaſen von Majolica in den Niſchen mit allzeit nickenden Chineſen, an den Stühlen mit den hohen Lehnen, die wie Kirchengewölbe über Einen fortragten, wenn man in die weichen Atlaskiſſen ſank. Ich kam mir faſt wieder wie ein verzauberter Prinz. lächerlich!“ vor und harrte einer Stunde der Erlöſung. Vielleicht, dachte ich, tritt plötzlich die Mutter herein, ruft mich zu ſich und nennt mich öffentlich ihren Sohn! Allein es kam Niemand, es geſchah nichts, ich blieb der Verwunſchene. Es hatte Cour ſein ſollen, allein ſie ward abgeſagt; Se. Erlaucht der regierende Herr war mit einigen hohen Gäſten zur Jagd gefahren und wurde erſt ſpät Abends zurückerwartet. Somit blieb denn für uns noch eine Promenade im Garten übrig. Ich wußte freilich nicht, wie die Hofdamen mit ihren Reifröcken dort ein Fortkommen finden würden. Allein es ging. Mit einem majeſtätiſchen Pathos wandelten wir Paar⸗ weiſe die großen, regelrechten Baumgaſſen entlang; der Magiſter mit der Oberſthofmeiſterin voran, ein alter Kammerherr, der ſich zu mir geſellte, mit mir als letztes Paar. Auch die Bäume ſtanden ja wie Regimenter in Reih' und Glied aufmarſchirt und ſchienen ganz dazu gemacht uns durchzulaſſen; Geſtrüpp und unſaubere Hecken gab es nicht in dieſen Gärten à la Verſailles. Wie wir bei den ſteinernen Gruppen vorüberkamen, fühlte ich dem Kammerherrn auf den Zahn, ob er wohl Beſcheid wiſſe in der Geſchichte von Jupiter und ſeinen vielen Kebsweibern. Ich war erſtaunt über ſeine Unwiſſenheit. Am äußerſten Portale, dem Schloſſe gegenüber, ſtanden zwei ſeidene Buben müſſig. Sie ſahen wie Schalksnarren aus, hatten hinten und vorn goldene Litzen; allerlei bunte Quaſten flatterten um ihre Schläfen, um ihre Elnbogen und Kniegürtel.„Das ſind die Läufer Sr. Erlaucht,“ erläuterte der Kammerherr.—„So?“ ſagte ich,„das wollen wir einmal ſehen. Heda, Ihr Jungen, her mit Euch! Da unten ſteht die keuſche Diana mit dem weißen Hirſche. Wer ſie zuerſt bei den Beinen kriegt, ſoll König ſein, die andern ſind Eſel! Allons! Eins — zwei und—“ Ich nahm die ſchönen Burſchen bei den Händen, ſetzte an und wollte„Drei“ commandiren. Aber der Kammerherr fiel mir in die Arme, und die Oberſthofmeiſterin, die ſich mit dem ganzen Schwarme der Geſellſchaft umgewendet, rief:„Fi done!“ Die Läufer ſtanden auch wie angewurzelt, verneigten ſich aber tief bis zur Erde.„Wenn ſie Läufer heißen und nicht laufen dürfen“, ſagt' ich,„ſo iſt ja das ſehr 38 Das Lächerliche ſchien aber wieder auf meiner Seite zu ſein. „Au!“ ſchrie jedoch der Kammerherr, dem ich unverſehens auf den Fuß trat. Der Magiſter ſetzte mir den Caſus der Läufer auseinander; es ſei nur Styl, ſie vor der Carroſſe mit Pferden um die Wette laufen zu laſſen. Der alte Kammerherr that mir inzwiſchen leid; ich hatte nicht gedacht, daß es auch bei Hofe Hühneraugen giebt. Ich hätte ihm gern das gute Zugpflaſter empfohlen, das Frau Baucis aufzulegen pflegte. Allein die Furcht vor dem Ridieule bannte von nun an wieder meine Zunge. Es ging zu Tiſche, wieder Paarweiſe, doch hatte ich meinen Magiſter zum Begleiter bekommen, der dienſtthuende Kammerherr war bei Seite getreten und kampfunfähig geworden. Wir ſpeiſten auf einem offenen Altan des Schloſſes, eine Zeltdecke ſchützte uns vor den Strahlen der ſchon ziemlich zum Untergang geneigten Sonne. Auf dem Vorſprunge ſtanden Muſikanten, aber ſie ſpielten nicht und mußten bald abtreten. Hinten am Horizont lief eine Kette blauer Berge, aber Niemand bezeigte Luſt, in die ſchöne freie Welt hinauszulaufen. Die geputzten Leute aßen und tranken indeß ziemlich viel; es war auch ſchwer, Widerſtand zu leiſten; ich im Gegentheil leiſtete, ſoviel es der Anſtand und die Furcht vor dem Ridieule erlaubte, Beträchtliches.„Erlaucht haben be⸗ fohlen!“ Mit dieſen Worten eröffnete die Oberſthofmeiſterin die Tafel, aber Erlaucht waren nicht erſchienen, mehrere Seſſel in der Mitte blieben leer. Jeden Augenblick meinte ich, die Flügelthüren würden ſich öffnen und meine Mutter am Tiſche Platz nehmen. Ich zitterte faſt vor ihrem Erſcheinen, denn ich fühlte, es würde dann ſchwer ſein, mein ſo lange nach ihr darbendes Herz zu bezwingen und den geforderten Anſtand zu behaupten. Ich hoffte, fürchtete und zitterte vergebens. Erſt als die Dämmerung heranbrach, erſchien ein Bote und meldete mir die Oberſthofmeiſterin durch Vermittelung des Magiſters, ich könne jetzt im Zimmer der Kranken empfangen werden. Ein Kammertürke führte mich durch eine Reihe von Appartements; in einem dunkeln Cor⸗ ridor faßte mich die Hand der Kammerfrau; es war dieſelbe gute Per⸗ ſon, die ich ſchon als Pflegerin bei der Mutter geſehen. Ich tappte im Dunkeln neben ihr her und öffnete die Thüre, durch welche ein ſchwaches Licht dämmerte.„Joſeph!“ rief eine Stimme matt und krank. Eine Ampel mit Milchglasglocke verbreitete einen bläulichen Schein im Ge⸗ me in mache.„Wo, wo? Mutter, Mutter!“ rief ich voll Angſt. Sie lag im Bette; ſie ſchlug die Vorhänge zurück und ſtreckte mir beide Arme entgegen. Ich ſank beſtürzt an ihrem Lager hin, ich küßte die ſchönen weißen Hände. Wie vom Mondlicht umfloſſen blickte mir das zarte blaſſe Angeſicht der Kranken ſchmerzlich lächelnd entgegen. Eine Heilige in ihrer Verklärung konnte nicht liebevoll ſanfter ſein. Sie war kränker geworden, als man geſtern gedacht; ich durfte mich nicht mehr beklagen, daß man den Sohn ſo lange von der Mutter Anblick entfernt. Sie hatte ſich aufrecht betten laſſen und ſaß nun lauſchend da, als ich ihr erzählen mußte, was der Tag mir Gutes gebracht. Ich hatte ſo viel ſchmerzlich brennende Fragen auf der Seele, die meine ganze Exiſtenz betrafen, und ſollte nun bloß Rede ſtehen über Tant und Spielerei. Aber ſie hörte gern zu wie ich ſchwatzte, und ſo plauderte ich ſo viel Kindiſches, als möglich, nur um ſie heiter zu ſtimmen.„Es gefällt mir hier ſehr ſchlecht, Frau Mutter“, ſagte ich auf ihr Befragen.„Sie nennen das hier bei Hofe. Zu Hauſe, ich meine auf dem Hofe im Walde, da fütterte ich mit dem Knechte die Hühner, lehrte den Moys allerlei Künſte und ließ den Kettenhund über den Graben ſetzen. Hier zu Lande haben nicht einmal die Läufer Beine zum Laufen, geſchweige die goldbetreßten Kammertürken.“ Sie lachte laut auf, und ich mußte ihr mehr von meinem Lebens⸗ laufe beim Paſtor im Walde erzählen. Ich ſchilderte ihr, wie ich den Knecht Jacob mit einer Flaſche Rheinwein redſelig gemacht und da⸗ durch zuerſt halb und halb erfahren, wer ich ſei. Ich erzählte ihr von der Geſchichte der alten Griechen und Römer. Sie fragte, ob ich auch zur evangeliſchen Frömmigkeit angehalten ſei. Ich ſagte ihr ziemlich flott und fertig die zehn Gebote her. Alle Sonntage, erzählte ich, ſei ich mit dem Pfarrer Philemon eine Meile weit zur Kirche gewandert. Auch Frau Buucis habe mitgemacht, wenn ihr lahmer Fuß ſie nicht gehindert. Mir habe der Kirchgang viel Vergnügen gewährt, weil das inner das einzige Mal geweſen, wo ich unter Menſchen gekommen. Mir ſei es immer ſehr wohl zu Muth, wenn ich mich in einem Haufen Menſchen befinde, nur müßten ſie nicht wie bei Hofe ſo eitel Müſſig⸗ gang treiben. Die Bauern in der Kirche ſeien ſehr tüchtige Chriſten; ſie ſchrieen aus offenem Halſe nach ihrem Herrgott, bis der Prediger erſcheine und zum Frieden ermahne. Das, ſagte ich, wirke denn auch 40 immer augenblicklich, Alles neige das Haupt und ergebe ſich dem Schooße Pbraham's. Vom Marſche ermüdet hätte ich auch mitunter neben der Frau Baucis dageſeſſen und mit ihr kin verſchämtes Schläfchen ge— halten. Sonſt ſei es ſehr ſtill im alten Jagdhauſe hergegangen, ſelten ſei Jemand bei uns eingekehrt, der geſtrenge Herr ausgenommen. „Mein Großvater, nicht?“ ſetzte ich zögernd hinzu. „Kam er oft zu dir hinaus?“ fragte die Mutter. Ich erzählte ihr wann und wie.„Er iſt gewiß ein recht braver Mann“, ſagt' ich,„aber ſtreng und hart“. Sie ſenkte das Haupt und ſchwieg.„Und mein Vater!“ fuhr ich fort,„warum kommt mein Vater nicht? Wer iſt er? Und wo?“ Sie ſah mich mit ihren ſanften Augen ſo liebreich wehmüthig an, daß mir's durch die Seele ſchnitt. Sie reichte mir beide Hände und ſchwieg.„Mutter, Mutter!“ rief ich,„ſoll ich meinen Vater nie ſehen?“ Da raffte ſie ſich auf, ließ ſich von een ein Schmuck— käſtchen reichen, ſchloß es auf und überreichte mir mit den W „Mein Sohn, dein Vater!“ ein von der Kapſel befreites Bild. Ernſte, aber ſtille, tief durchdringende und doch traulich gewinnende Züge blickten mich mit großen, dunkeln, trauerumflorten Augen an. Ein ſchwarzes Gewand fiel ihm um die Schulter, eine ſchwere goldene Kette hielt ein Medaillon auf der Bruſt, ein blaues Band Winkelmaß und Dreieck. Seine Hand, an der ein großer Ring blitzte, ruhte auf einem Helme. Es ſchien ein Mann zu ſein, der allen Ritterſchmuck, wenn auch nicht alles Weltliche von ſich gethan, um dem Reiche Gottes an⸗ zugehören. Mir fiel das Wort„katholiſch“ wie ein brennender Tropfen wieder auf die Seele. In ſeiner ganzen Erſcheinung lag etwas Fremd⸗ artiges. Das Geſicht hatte jene tiefe Farbloſigkeit, die zwiſchen braun und bleich zu ſchwanken ſcheint. Auf dieſen Wangen war die Lebens⸗ freude erloſchen, auf dieſen Lippen waren alle Roſen verblüht. Das Auge, ſo dunkel wie das Haar, ſchwamm in einem bläulichen 3. Worten: das wie Perlmutter ſchimmerte. In den Falten der Wange ſch dunkler Ernſt, wo nicht der Tod ſein Memento eingegraben zu haben. Ich war ſtill und ſcheu geworden. Wie ich die Mutter anſah, überkam es mich wie Gebet; es war ein weihevoller Augenblick. Sie hing an den Zügen des Mannes, als wollte ſich in ihren Blicken ihre ganze Seele hingeben und ergießen, ſo feſt, ſo treu, wie mit magiſcher 41 Gewalt gebunden. Ein gläubiges Lächeln zitterte im Schmerz ihrer aufgelöſten Züge, als ich ſie fragend anblickte; ein leiſes Neigen ihrer Stirne diente zur Antwort.„Doch nicht todt, Mutter?“ ſagte ich. Sie ſchüttelte das Haupt.„Er lebt!“ hauchte ſie ſtill, und doch lag in dieſer Vergewiſſerung ſeines Lebens ſo viel Trauer, wie in einer Klage über Untergang und Tod.„Mutter“, rief ich,„ich will ihn ſehen! Warum iſt er nicht hier? Hält ihn ein grauſamer Wille, der Wille jenes alten geſtrengen Herrn von uns getrennt? Ich will hin, will ihn zur Rede ſtellen, warum er Mutter und Kind, warum er Vater und Sohn von einander reißt! Rede, meine Mutter, rede, welche Schuld oder welches Unglück drückt uns?“ * Aber ſie redete nicht, ſie war bleich und ohnmächtig in die Kiſſen zurückgeſunken. Ich ſchrie laut auf, ihr Athem ſchien ſtill zu ſtehen. In dieſem Augenblicke trat der Medicus in's Zimmer. Er fand die Kranke in bedenklichem Zuſtande. Ich ward raſch fortgeführt. Draußen harrte meiner der Magiſter Gouverneur, der mich auf den entgegen⸗ geſetzten Flügel des Schloſſes in ſeine Wohnung brachte, mir dort meinen Aufenthalt anwies. Starr in mich verſunken, ſaß ich noch ſtundenlang auf meinem Lager. Dies war mein erſter Tag am Hofe zu Belle Promeſſe. Drittes Rapitel. Das Verhängniß. Als Bodenſatz meiner damaligen Eindrücke iſt in mir das Gefühl der Empörung gegen alles, was widerrechtlich, ſitzen geblieben. Meine Seele war vielleicht fähig, Unglück, Schmerz und Verluſt zu ertragen, aber das Unverſchuldete, das mir unverſtanden und wider alles Recht aufgedrängt ward, ſchien mir nicht erträglich. Das Leben im einſamen Waldjagdhaus hielt ich nur ſo lange für angemeſſen bis ich die Entdeckung machte, jene Menſchen, die mich dazu beſtimmt, hätten das Recht nicht, über mich zu verfügen. Das Unausgeſprochene, 42 der Ahnung Anheimgegebene drückt aber eben ſo ſchwer, wie ein Un— verſchuldetes. Wir nennen Beides Schickſal, und unſer Geiſt erlahmt daran. Meiner Mutter war es ſchmerzlich mir den Grund zu ſagen, weshalb in unſerem Hauſe Vater und Sohn getrennt wurden; das Unausgeſprochene foltert weit mehr, als der entſchiedenſte Schlag des Schickſals. Es gibt öffentliche Geheimniſſe an Höfen. Ein ſolches war ich nun in Perſon. Der Magiſter ſchien jetzt ganz Beſchlag auf mich legen zu wollen. Er richtete meinen Tagesverlauf ein, theilte meine Zeit weiſe in Arbeit und Erholung; ich mußte mich ganz als ihm zubehörig erachten. Ich ließ das ſehr gern an mir geſchehen, denn der Mann war verſtändig und nicht ohne Gemüth; ich fügte mich in alle ſeine Anordnungen. In den Unterrichtsgegenſtänden kündigte er mir eine bedeutende Erweiterung der Grenzen an, in denen ich bisher gehalten.— Einige unbewachte Augenblicke benutzte ich gleich in der Frühe des nächſten Tages, in den linken Schloßflügel zu eilen, um die Kammerfrau zu ſprechen. Mich quälte die Ungewißheit, wie die Kranke die Nacht zugebracht. Die Kammerfrau bedeutete mich, es ſei ihr ſtreng unterſagt, mich vorzulaſſen.„Gegen Abend!“ bat ich,„in der Dämmerung!“ Sie erwiederte, ſie wolle ihr Beſtes thun. Den Magiſter Gouverneur, zu dem ich eilends zurückgekehrt war, hatte ich nicht übel Luſt augenblicklich um eine„Erweiterung“ meiner Unterrichtsgegenſtände zu bitten. Was iſt katholiſch? fragte ich ihn. Das dunkle Wort hing wie ein halbverhülltes, unerklärtes Verhängniß in meiner Seele; es ſchien mir ein Glied jener Schickſalskette zu ſein, an der die Menſchen ſelbſtquäleriſch ihr Leben hinſchleppen, einer jener tyranniſchen Begriffe, die unter wechſelnden Namen als Vorurtheil und als Erbübel durch die Geſchichte der Menſchheit ſchleichen, Haß und finſtere Verfolgung, Knechtſchaft und Tod verbreitend. Jenes Wort laſtete ſeit geſtern, nachdem ich das Bild des Vaters geſehen, von neuem wie ein Alp auf meiner Seele. War es ein unele⸗ Weh oder ein verſchuldetes Unglück, katholiſch zu ſein? Oder lag das Schickſalsvolle blos in dem Wahn, den die Menſchen daran knüpfen? Der Magiſter war ernſt vor mich hingetreten, als ich ihm die Frage vorlegte; er ſah mich ſehr prüfend an. Ich erzählte ihm, daß ich mit dem Pfarrer im Jagdhauſe nicht ſo weit gekommen in der Welt⸗ ge vi in . und zu verketzern?“ fragt' ich. geſchichte, wir wären bei den alten Völkern ſtehen geblieben, die gar viele Götter gehabt, jede Kraft in der Natur angebetet, jede Fähigkeit im Menſchen für den Ausfluß eines beſondern göttlichen Weſens ge⸗ halten, dem ſie Tempel gebaut und Opfer gebracht.„Treiben die Ka⸗ tholiſchen auch Vielgötterei?“ fragte ich den Magiſter. „Man kann das nicht ſagen!“ entgegnete er ſtirnrunzelnd. „Sie glauben alſo wie wir an Einen Gott, an einen guten, und an denſelben?“ „Der Gott iſt derſelbe,“ ſagte der Magiſter zögernd,„aber ſie beten auch zu ihren Heiligen, denen ſie göttliche Macht zuſchreiben, und die für ſie im Himmel bitten müſſen.“ Ich dachte mir das ähnlich wie bei den antiken Völkern, die auch an ein dunkles, tiefes, großes Geheimniß glaubten, das ſie Fatum, das Unausſprechliche nannten, das über allen Göttern ſtand, und an deſſen unnahbare Heiligkeit ſich Niemand wagte. Ihre Gottheiten waren nur die Vermittler zwiſchen dieſem Fatum und den Menſchen. Und ſo haben vielleicht die Katholiſchen, dacht' ich, auch nur ihre Heiligen als Perſonificationen ihrer Tugendbegriffe, als Vertreter der menſch⸗ lichen Lebenskräfte und als Fürbitter bei Gott! „Wir vom gereinigten Chriſtenthume,“ ſagte der Magiſter,„haben nur einen Fürbitter, den Sohn Gottes.“ „Vielleicht“ meint' ich,„denken ſich die Katholiſchen dieſen Sohn Gottes, dieſen für uns einzigen Mittler, auch als ein unnahbar heiliges Weſen, zu dem ſie der Brücken, der Vermittelung bedürfen. Müſſen wir,“ fragt' ich,„die Katholiſchen deshalb haſſen?“ „Der wahre Chriſt,“ ſagte der Magiſter⸗„haßt niemand und niemals. Liebe iſt der ächte Prüfſtein ſeines Weſens.“ „Es iſt alſo unchriſtlich, jemand ſeines Glaubens wegen zu ver⸗ folgen, zu verſtoßen?“ „Aber die Katholiſchen,“ lenkte der Magiſter ein,„glauben ſich im alleinigen, im alleinſeligmachenden Beſitz der rechten Lehre, ſie halten jeden Andersgläubigen für verloren, für verworfen, ſie ſchließen ihn um deswillen von der Seligkeit aus.“ „Iſt es deshalb recht, ſie wiederum auszuſchließen, zu verdammen 44 „Nicht das, mein Lieber, aber wir unſererſeits halten feſt an unſerer Weiſe, Gott zu dienen. Wir werden durch den Glauben ſelig, die Katholiſchen meinen durch ſogenannte gute Werke den Himmel zu ver⸗ dienen.“ „Iſt es denn,“ fragt' ich dreiſt,„ein gutes Werk, wenn man um des Glaubens, um einer verſchiedenen Meinung willen, Vater, Mutter und Sohn verfolgt und kränkt oder auseinanderreißt?“ Auf dieſes argumentum ad hominem war der Magiſter nicht vorbereitet. So feſt er auch als Theologe in ſeinen Glaubensartikeln ſein mochte: im Schooße unſeres Hauſes lag ein Fall vor, wo die heiligſten Bande der Natur um des chriſtlichen Glaubens willen zerriſſen, die ſicherſten und nächſten Anrechte der Natur mit Füßen getreten wurden. Der Magiſter ſchwieg; er lief Gefahr, vom Schüler gemeiſtert zu werden. Auch ging ihm der Widerſtreit der Dinge nicht ſo zweiſchneidig durch's Herz wie mir. Er lenkte ab und ſchloß dieſes unſer Religionsgeſpräch mit dem Bedeuten, bei größerer Reife des Verſtandes würde ich ſchon den Unterſchied der chriſtlichen Bekenntniſſe noch beſſer begreifen lernen. Ich dachte ſtill bei mir, wenn beide ſtreitende Parteien, deren Opfer ich hier ſein ſoll, Einen und denſelben Gott bekennen, ſo muß es ein Un⸗ glück, ein dunkles finſteres Schickſal ſein, wenn ſie ſich nicht als Brüder lieben. Wähnen die Einen den ausſchließlichen, den alleinſeligma⸗ chenden Glauben zu haben, ſo brüſten ſich die Andern mit dem Bewußt⸗ ſein, im Beſitze der reineren und höheren Religion zu ſein. Der geſtrenge Herr nannte ſich ohne Zweifel einen Anhänger der reineren Lehre. Und wie erſchien mir die Tyrannei ſeines Willens doch ſo unrein und grauſam! Ich erinnerte mich damals in meiner rathloſen Bedrängniß eines Geſpräches, das ich mit Knecht Jacob im Walde über das, was katholiſch ſei, gehabt. Nachdem der Geſtrenge das Wort wie einen Fluch fallen gelaſſen, war ich auf alles erpicht, was mir zum Verſtändniß dieſes dunklen Begriffes verhelfen konnte. Jacob war früher drüben in Würz⸗ burg, auch eine Zeitlang im Kloſter Banz als Dienſtmann geweſen. Er rühmte mir das gute Leben bei den Katholiſchen, beſonders die Leut⸗ ſeligkeit der runden, gemüthlichen geiſtlichen Herren. Er erzählte mir vom heiligen Meßdienſt, dem er öfters beigewohnt. Er, der für dumm galt, hatte über den Unterſchied der beiden chriſtlichen Parteien gar nicht * ————— ſo unklare Vorſtellungen, obſchon er, ſo weit ein gemeiner Mann es verſtand, mit Leib und Seele ein guter Evangeliſcher war. Bei den Katholiſchen, ſagte Jacob, betet der Prieſter, der Chor ſingt von oben herunter und die Gemeinde liegt auf den Knieen, bückt ſich und ſchlägt Kreuze in ſich hinein. Sie machen gleichſam alles in ſich hinein, es kommt ihnen alles von außen, ſagte Jacob in ſeiner unbeholfenen Weiſe. Wir aber, ſagte er, wir ſingen es laut heraus, daß es ſchallt, und machen uns Luft!— Jacob nahm ſeinen proteſtantiſchen Kirchendienſt mehr wie eine Art kräftiger Erholung, die er ſich ſelbſtthätig verdienen konnte, und in der That, die freie Selbſtbetheiligung des Individuums iſt ja eine Hauptbedingung des evangeliſchen Glaubens. Die Katholi⸗ ſchen, meinte Jacob, hätten es nicht ſo gut, ſie müßten alles ſtill über ſich ergehen laſſen, ſie bekämen das alles ohne ihr Zuthun und freie Wahl. Auf ihrer Seite wäre dann alſo mehr das Unglück des Duldens und Leidens, auf der Seite der Evangeliſchen mehr das große Heil und Glück der Selbſthülfe. Allerdings, dachte ich, ein Unterſchied, groß und wichtig genug, aber kein Grund zum Zerwürfniß auf Leben und Tod, Haß und Verfolgung. Und doch ſchien dies das Verhängniß meines Lebens.— Wie die Dämmerung anbrach, ſtahl ich mich wieder fort aus den Zimmern meines Gouverneurs. Ich hatte mir ſchon einige Fertigkeit erworben, mich in dem weitläufig verworrenen Bau des Schloſſes zurecht zu finden. Es war bei alledem nicht leicht, gewiſſe Gehöfte und Gal⸗ lerien, wo Wachen hielten oder Diener den Eingang hüteten, unbe⸗ hindert zu paſſiren. Durch das Labyrinth von einigen Gängen gelangte ich glücklich in den älteren Flügel, wo die kranke Mutter hauſte. Auf mein wiederholtes Klopfen öffnete die Kammerfrau. Ich mahnte ſie an ihr Verſprechen, mich vorzulaſſen. Sie war erſchrocken und verwirrt; mich in meiner Ungeduld aber abzuweiſen, hätte mehr Lärm verurſacht, als mir ſtill und leiſe den Eintritt zu geſtatten. Die Flügelthür zum Zimmer der Kranken ſtand auf. Mit dem Finger auf den Lippen gebot mir die Dienerin die äußerſte Vorſicht. Ich trat unbemerkt über die Schwelle in einen nur dämmerig erhellten Raum.„Schläftſie?“ war meine erſte Frage geweſen. Die Kammerfrau verneinte es; aber Se. Erlaucht der Reichs⸗ graf, ſagte ſie, ſei zugegen. Aus dem zweitnächſten Zimmer erſcholl auch ſchon die polternde Stimme des geſtrengen Herrn vernehmlich her⸗ ℳ 46 über. Ich ſchlich näher und blickte lauſchend durch die Spalten der Gardine, die das Krankenzimmer noch von mir ſchied.— Die Anpel gab wieder ihr milchweißes Licht, aber vor den Spiegeltiſchen an den Pfeilern ſtanden Kerzen, die eine faſt grelle Beleuchtung über den Raum warfen. Der Reichsgraf ſchritt mit mächtigen Tritten auf und ab; die Mutter ſaß im Hintergrund, von einem Lichtſchirm gedeckt, aber ſie ſtand bald auf und wendete ſich in der Aufregung an den ſtürmiſchen alten Mann, von dem ſie ſich Gehör erbeten, und der ihr nur ungern Stand zu halten ſchien. Sie hatte ſich dieſe Zuſammenkunft erbeten, um als Tochter dem Vater ihr ganzes Herz auszuſchütten. Ich ſtand zitternd da als Zeuge von Verhandlungen, die nichts Geringeres als mein Schickſal betrafen. „Der Junge wird wohl der Zankapfel in unſerem Hauſe bleiben,“ ſagte der Reichsgraf,„wenigſtens ein Druckfehler in unſerem Familien⸗ archiv. Aber ich will Euch zugeben, daß es nicht ganz recht war, an dem Jungen zu experimentiren.“ „Verſuchen wir Gott nicht!“ fiel ihm meine Mutter mit flehender Gebärde in die Rede. „Nun, es war juſt keine Verſündigung gegen Gott,“ fuhr der Reichsgraf fort,„es war ein Ezperiment, wie es jeder Naturforſcher macht, der chemiſch die Dinge prüft. Ich wollte ſehen, ob der junge Burſche da draußen in der Einſamkeit, ganz abgeſchieden von den Ein⸗ flüſſen der irreleitenden Welt, in Ordnung kommen und gedeihen werde. Ich war nirgend ſonſt ſicher vor gewiſſen Einflüſſen, die ich verabſcheue, vor Quertreibereien frommer Väter, die ich nicht dulde. Meine Abſicht war gut; aber mag ſein, der Verſuch konnte nach anderer Seite hin fehl⸗ ſchlagen. Ich werde Euch nachgeben und den jungen Menſchen hier in meiner Behauſung halten und erziehen laſſen, wie's einem einfachen evangeliſchen Chriſtenmenſchen zukommt. Aber Ihr Eurerſeits müßt mir verſprechen, weder offen noch geheim auf ihn einzuwirken.— Hm? — Baſta!— Was ſoll's noch weiter?“ „Was es noch weiter ſoll, fragt Ihr, Vater? Was ich noch weiter verlange, wollt Ihr wiſſen? Eine Mutter verlangt die vollgültige, die unumwunden ausgeſprochene Anerkennung ihres rechtmäßigen Sohnes!“ — Meine Mutter hatte ſich mit dieſen Worten aufgerichtet und ſtand frei und ſtolz da, wie auf ihr gutes Recht pochend. de U n 47 „Anerkennung? So! Und damit zugleich“— lautete die finſtere Entgegnung des alten Herrn,—„die Anerkennung all' der Einflüſſe, den ſein römiſchgläubiger Vater auf ihn üben kann, üben wird, offen und geheim?“ „Nicht das, nicht das!“ ſagte meine Mutter, indem ſie mit halb erſtickter Stimme in ihren Seſſel zurückſank.„Sein Vater hat auf jedes Recht verzichtet, das er nach den Geſetzen der Natur auf den Sohn üben dürfte. Er überläßt Euch alle Verfügung über denſelben, über⸗ trägt Euch die Vormundſchaft, erkennt in Euch das Oberhaupt des Hauſes an; er erträgt ja ſelbſt die Verbannung, die Ihr grauſam genug über ihn und mich verhängt.“ „Ein Römling iſt proſelytenſüchtig!“ warf der Reichsgraf barſch dazwiſchen.„Ich will hier bei mir keinen Heerd ultramontaner Finſter⸗ linge aufſchlagen laſſen, will mir nicht zwergüber katholiſche Eier in mein proteſtantiſches Neſt tragen, mir nichts von Jeſuiten unter der Hand ausbrüten laſſen!“ „Mein Gemahl, Graf Giuſeppe della Torre, iſt ein freidenkender Chriſt,“ ſagte meine Mutter ſtolz.„Empfindet er über die höchſten Güter des Lebens anders als Ihr, ſo iſt er in ſeinem Denken und Fühlen Euer nicht unwürdig, mein Vater. Gott ſei deſſen Zeuge, der den Schein vom Weſen zu ſcheiden weiß, Herz und Nieren prüft!“ „Römling iſt Römling, meine Gute! Wir haben das oft genug in deutſchen Landen erlebt, zuletzt noch an unſerem Vetter da im Hauſe Braunſchweig. Dieſe Miſſionäre ſchleichen in allerlei Geſtalt herum im Lande, um nachzuſehen, wen ſie fangen und verſchlingen. Wölfe in Schafskleidern, hm! kenne das! Freidenkender Chriſt, ſagt Ihr? Daß Gott erbarme! Er iſt ja ganz in den Händen der Jeſuiten, all' ſein Hab' und Gut iſt ja dem Orden des— Gott ſei bei uns, heiligen Loyola verſchrieben!“ „Wider ſeinen Willen, wider Recht und Fug! Das mag Euch bezeugen, mein Vater, daß er nicht in den Intereſſen dieſes Ordens handelte!“ „Und doch kam er hierher unter falſchem Namen, im Gewande und mit dem Anſchein eines reformirten Geiſtlichen aus Genf, und ſein Be⸗ gleiter war ein Mann von der Geſellſchaft Jeſu, ein verkappter Jeſuwider, 48 nur zu plump um mit Glück aufzutreten. Er ſelbſt war ein Sodale von der kurzen Robe; man kennt das!“ „Graf Giuſeppe della Torre ging jetzt nach Deutſchland, um einem Verbrechen, das daheim an ſeinem Hauſe verübt worden, auf die Spur zu gelangen. Er kam früher hier an Euern Hof, nicht aus freiem Antrieb, auf Euere Einladung. Ihr bevorzugtet ihn, mein Vater, denn er ſchien Euch ein ungewöhnlicher Geiſt, ein Mann von Herz und Einſicht. So lebte er ſich hier bei Euch ein“— „Um damit zu enden, meine Tochter zu gewinnen für ſich und ſeine Kirche!“ ſagte der Alte mit Hohn. „O mein Gott, mein Gott!“ rief die Mutter wie in allerhöchſter Noth.„Nein, mein Vater, es war nicht ſein Wille, nicht ſein Plan. Mein Herz ſchlug ihm entgegen, mit dem Herzen des Weibes aber gewinnt der Mann auch ihre Ueberzeugungen. Giuſeppe war, wie Ihr wohl wißt, mein Lebensretter, er beſchwichtigte den böſen Dämon, der in mir waltete, war mir mit der Heilkraft ſeiner Hand ein Wohlthäter, ein neuer Lebenserwecker.“ „Nun ja, er hat Euch magnetiſirt, und der Magnet, meine Beſte, war das Mittel und Werkzeug eines Proſelytenmachers.“ „Nimmermehr!“ rief meine Mutter mit dem Aufgebot ihrer äußerſten Kraft. Sie war aufgeſtanden und ſtreckte feierlich die Hand wie zum Schwur gen Himmel. Wie ein Engel der Verklärung ſtand ſie da, wie ein abſcheidender Geiſt, der zur Sühne des Böſen ſeine letzte Miſ⸗ ſion auf Erden vollführt.„O mein Vater!“ rief ſie ſchmerzlich,„Ihr denkt gering von dem Manne, den Euere Tochter den edelſten Menſchen unter der Sonne nennt. Jahre der Prüfung, Jahre des Weh's und Un⸗ glücks, das Ihr über uns häuftet, ſind vorübergegangen, und Euer grau— ſamer Wahn iſt nicht gewichen, nicht gemildert!— Ich war's, die ihm folgte, ich bot ihm die Hand zum Bunde, weil ich mit allen Banden der Seele an ihn gefeſſelt war, ihm mein ganzes Daſein verpflichtet fühlte. Der Zauber, den ſeine heilkräftige Natur über mich übte, hätte Euch heilig ſein ſollen, denn ſeine Hand, ſein Herz, ſein Wille war unſträflich und rein vor Gott! Hätte ein raſcher Tod mich hingerafft, ſo wäre all' das Unglück nicht über unſer Haus gekommen. Aber ich konnte nicht ſterben ohne ihn, wie ich nur noch von den Wohlthaten ſeiner Handberührung lebte. Ihr aber ſchaltet Betrug und Zauberei, was einfach die Gewalt —— e, 49 der Liebe, das Geheimniß der allwaltenden Natur war; Ihr fluchtet dem Bunde mit dem Lebensretter Eurer Tochter, weil er nicht wie Ihr in denſelben Worten und Formen zum Himmel betete. Ihr entdecktet ſeine Abkunft aus dem römiſchgläubigen Süden, und deshalb, wie um eines Verbrechens willen, verſtießet Ihr ihn und die Tochter, die ihm zuge— hörte, mit allen Fibern ihres Lebens. O mein Vater, wir flohen Euch nicht, Ihr vertriebet uns mit Gewalt und allen Schreckmitteln der Bar⸗ barei. Da erſt, in der Betäubung und Irre meines preisgegebenen Daſeins, gelobte ich mir, ganz der Welt meines Gatten anzugehören; ohne Halt und Hort, ohne Stütze und Hülfe bei Euch, that ich aus freien Stücken, ohne Ueberredungskünſte, ohne Aufforderung und Bitte den Schritt, der zum Wechſel meines Bekenntniſſes führte. Mit Euerm Fluche beladen, ward ich vor einem Altar der römiſchen Kirche Giuſeppe's Gattin mit dem freiwilligen Bekenntniß, zur römiſchen Kirche gehören zu wollen, da mich mein Haus, mein Vaterland verſtoßen. Erſt als ich den Sohn geboren, bequemtet Ihr Euch zur Anerkennung einer längſt förmlich geſchloſſenen Che. Die Verſpätung Eurer väterlichen Einwilligung konnte die Rechtmäßigkeit meines Bundes, meines Kindes nimmermehr beeinträchtigen.“ Mit flammendem Antlitz ſtund die Frau, die ihre und des Sohnes Ehre vertheidigte, vor einem Richter da, der ungebeugten Hauptes ſtarr und kalt vor ſich niederblickte. Die dunkele Wolke des Zornes trat auf des Reichsgrafen Stirn; ſelbſt der Anblick der Schmerzen eines gequälten Weibes ſtimmte ihn nicht milder.—„Ihr werdet am Ende noch einen Rechtsſtreit mit mir beginnen,“ ſagte er ruhig und feſt;„ſteht Euch frei bei Kaiſer und Reich, verſucht's! In den Annalen unſeres Hauſes aber iſt es unerhört und es hat noch keine Hohen“* ohne Genehmigung des Familienoberhauptes ſich vermählen dürfen, freie Bündniſſe der Töchter des Hauſes mit abenteuernden Cavalieren kennt die Geſchichte meiner Familie nicht, eine Hohen““ kann ſich gar nicht vermählen wie ſie will!“ „Sie kann es, mein Vater, wenn ſie ſich losſagt von Familie und Heimath, wenn ſie ſich frei— und preisgegeben ſieht vom Ober⸗ haupt des Hauſes. Und Ihr thatet das, mein Vater. Es ſchien Euch dann zu gereuen. Oder es gefiel Euch der ſelbſtändige Trotz der Tochter, die ſich ihr Schickſal frei und von ſelbſt geſtalten, ihren D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 4 50 Willen durchſetzen, ihrer Liebe getreu ſein wollte. Ach! mein Herz iſt darüber gebrochen, mein Leben zerknickt.— Ihr verſagtet nicht länger Euere Zuſtimmung zum chelichen Bunde. Unſere Ehe war längſt vor Gott und Menſchen rechtskräftig geſchloſſen; allein Euere Zuſage ſchien uns ein Schritt zur Verſöhnung. Wir thaten annähernd einen Gegen⸗ ſchritt, wir übergaben Euerem Hauſe und Euerem Glauben den Sohn mit Verzicht aller Rechte auf ihn in Führung, Haltung und Erziehung. Der Sohn, den ich Euch opferte, um Frieden mit Euch und den Ahnen unſeres Hauſes zu haben, ſollte ganz Euer ſein. Kann eine Mutter, kann ein Vater mehr thun? Ihr erhieltet alle Vollmacht über unſer Kind: aber Euer Argwohn war noch nicht geſättigt, Ihr ſtecktet den Sprößling unſeres rechtmäßigen Bundes wie einen Zeugen geheimer Schuld in die Einſamkeit einer Wildniß. Ihr ſuchtet ihn hermetiſch von uns abzuſchließen, Ihr nahmt das Gebot der Verbannung nicht zurück, jede Berührung des Kindes mit ſeinem Vater, ſeiner Mutter nanntet Ihr Gift für ſeine Scele. Die Mutter mußte ſich heimlich bei Nacht und Nebel in's Land ſtehlen, um den ſeit ſo langen Jahren ihr entfrem⸗ deten Sohn zu ſehen. Sein Vater“— „Macht inzwiſchen Propaganda in der Nachbarſchaft,“ fiel der Reichsgraf zornig ein,„ſchweift bei den werthen katholiſchen Vettern unſeres Hauſes oder bei guten getreuen Nachbarn, dem Biſchof von Würzburg und desgleichen herum, und ſchmiedet Plane mit den Schleppen der Pfaffen, mit den Hängeſäcken der Jeſuiten, um ſeine Zeit abzupaſſen, wo er wie ſein Vorgänger an ſeine Brüder Jeſuwider und Helfershelfer ſchreiben kann: Das Land iſt gut, das Volk iſt dumm, kommt her: Alles wird unſer ſein! Fluch den Gaunern, die ſich wiſchen Land und Leute drängen, zwiſchen Volk und Fürſten, zwiſchen Bruder und Schweſter, Vater und Kinder, und ſelbſt den Mutterleib nicht ſchonen, um Zwietracht zu ſäen auf deutſchem Boden!“ Die ganze Gewalt eines wilden Zornes war über den Mann gekom⸗ men. Dunkelroth wie eine Furie leuchtete der Grimm aus ſeinem Ange— ſicht. Er war aufgeſtanden, trat dicht vor die Mutter hin an den Tiſch und griff mit der Fauſt nach einem Gegenſtande, der an der Wand hing. „Siehſt du, Juſtina, damit du es fühlſt und begreifſt, könnte ich dir bei dem dreimaleinigen Gott, an den wir beide glauben, ſchwören; aber damit du es für noch wahrer hältſt, lege ich hier die Hand auf 51 den Fixus, zu dem du in deiner katholiſchen Andacht aufblickſt: Eh' ſich in dies Land, das ich durch die Ahnen des Hauſes zu Erb⸗ und Eigenthum, von Gott durch Kaiſer und Reich zu Lehen habe, ch' ſich in dies Stück Land Pfaffen und Römlinge einſchleichen, eh' will ich es mit Feuer und Schwert verwüſten und ſeine Aſche in die vier Winde ſtreuen. Baſta!“ „O, mein Gott,“ rief die Mutter händeringend,„iſt es denn ein Verbrechen, anders wie Ihr zu Gott zu beten?“ „Abgefallene, ich fluche dir nicht, denn ich fürchte die Götter und glaube faſt an Erbſünde, wenn ich bedenke, daß deine Mutter, eine Römiſchgläubige, meine Seele bethörte.“ „Bethörte?“ rief meine Mutter.„Iſt Euch denn Alles Bethörung, Alles was den Menſchen zum Menſchen führt, alle Liebe und Neigung nur Trug und Täuſchung?— O mein Vater, welch' ein kalter nächt⸗ licher Reif liegt auf Euerer Seele! Wie ſind die chedem blühenden Saaten Eueres Gemüthes zerſtört! Das iſt der Mann nicht mehr, der ſonſt ſein krankes Kind auf den Arm nahm und ihm von den Jahren ſeiner Jugend erzählte, von der Geliebten, die er im fernen Süden gefunden, von der Frau, die ſein ward, trotzdem ſie in anderer Form wie er zum Himmel betete, von der Mutter, die mich im fremden Lande gebar, und der ich mit meinem Leben den Tod gab. O mein Vater, der Zauber, der, wenn wir jung ſind, unſer Herz beſtrickt, iſt kein böſer Wahn, der Menſch iſt nur gut, wenn er liebt.“ Sie war ſachte an ihn herangetreten, hatte ihre beiden Hände auf ſeine Bruſt gelegt und blickte zu ihm auf. War es der ſchmeichleriſche Ton ihrer Worte, war es die Macht alter Erinnerungen, die Macht einer kurzen, aber heißen Jugendliebe, die, wie er ſagte, ſein Herz bethört,— ein Strom heller Thränen ſtürzte über das alte verwit⸗ terte Antlitz des geſtrengen Mannes. Der Felſen in ſeiner Bruſt war geſprengt und der verſchloſſene Quell überfluthete ſein Herz, als wenn er ſich rächen wollte für die lange verhaltene Qual.„O mein Vater,“ ſagte ſie ſanft und doch feſt,„Ihr werdet nicht verläugnen wollen, was Ihr, als Ihr jung waret, gefühlt; Ihr werdet, was den Menſchen zum Menſchen führt, ſelbſt wenn es eine dunkle, geheimnißvolle Macht iſt, nicht ſchelten und verdammen können, da Ihr ſelbſt dieſer heiligen Macht den Tribut zolltet. Bei der Liebe der Frau, die Ihr einen 4* — kurzen Lebensfrühling Euer nanntet, bei der Liebe meiner Mutter zu Euch, Ihr werdet Diejenigen, die Euch die Nächſten ſind, nicht auf immer von Euch ſtoßen.“ Er war in ſein Knie geſunken, er war nicht mehr Herr der Gefühle, die ſie wie ein guter Zauberer aus ſeiner längſtgeſchwundenen Jugend über ihn heraufbeſchwor. Sie hatte ihre Arme um ſein Haupt gebreitet und blickte nach der Höhe; das Licht der Ampel warf den Schein der Verklärung über ihr zitterndes Antlitz. Sie ward kühner; ſie wollte den Triumph der Liebe über das Herz des Unerbittlichen be— nutzen.„Ja, mein Vater,“ ſagte ſie mit der ſtillen Feſtigkeit eines Engels,„ich war im wälſchen Lande an dem uns Allen verſchwiegenen und verheimlichten Orte, wo Ihr glücklich waret, wo Euch ein Herz entgegenſchlug und wo Ihr für alle Seligkeit des Himmels den Beſitz der Frau, die Euch liebte, in die Wagſchaale legtet. Wir fanden ſie auf, die kleine halb verſunkene, halb zertrümmerte Villa an der mor⸗ gendlichen Riva von Genua's Buſen. Ach, es war keine Spur mehr da von zwei Menſchen, die unter dem Schleier des Geheimniſſes dort glücklich geweſen. Aber die Ulmen, wenn der Nachtwind rauſchte, die Lorbeerbüſche am Geſtade haben es uns verrathen und zugeplaudert, die Romanze vom deutſchen Grafen und ſeiner römiſchgläubigen Braut. Ihr ließet Heimath und Vaterland im Stich,— nicht Eueren Glauben, mein Vater, o nein; es ging die Sage davon, aber nein, Ihr konntet es nicht, nicht als Mann, nicht als Genoſſe Eurer Freunde, nicht als Fürſt Eueres Landes. Aber wenn Ihr es gethan, Vater, es wäre wahrlich kein Verbrechen geweſen. Es iſt kein Vergehen wider Gott, in anderer Form als der heimiſchen Sitte zu beten, bleibt uns doch der⸗ ſelbe Gott gewiß. Drei Linien unſeres Hauſes find römiſchen Glaubens, und wenn Ihr die Augen ſchließet, mein Vater, wer anders als die Vettern drüben wird Erbe Eures Landes, wenn Ihr Diejenigen ver⸗ ſtoßet, die Euch die Nächſten ſind!“ Der Reichsgraf hatte ſich aufgerichtet und ſtand in ſeiner ganzen Höhe vor ihr. Das Wort erſtarb der Redenden auf den Lippen, wie er ſein Haupt gen Himmel ſchüttelte, ſeine beiden Hände auf ihre Schultern legte und ſie anſtarrte.„Alſo da will's hinaus?“ rief er mit der ganzen Gewalt ſeines entfeſſelten Grimms,„biſt du lange genug im wälſchen Lande geweſen, um dich vollzuſaugen am ſüßen ſchmeichleriſchen Gift der Schlangen? Haſt dich in das Ge⸗ heimniß meines Lebens geſchlichen, um mich zu girren, zu ködern, wie man Gleiches mit Gleichem überliſtet? Alſo die Vettern drüben, die auf die Beute lauern, und dein Gemahl mit ihnen im Bunde? Wenn ich meine Augen ſchließe, ſagſt du? Alſo lauert Ihr doch darauf? Aber ich habe ſie noch offen, dieſe Augen; dieſe Hände ſind noch ſtark genug, die Stricke der Hinterliſt zu zerreißen. Hier ſei's nochmals gelobt bei allen oberen und unteren Göttern, die je die Welt und die Gedanken der Menſchen regiert, bei deinen Heiligen, zu denen du beteſt, ſei's geſchworen—“ Er hatte die Mutter beim Arme erfaßt und ſtand wie ein Ju⸗ piter da, der mit erhobener Hand die Blitze ſchleudern will. Aber der Wetterſchlag war ſchon gefallen, hatte ſchon ein unſchuldig Haupt getroffen. Mit einem Schrei des Entſetzens war meine Mutter todten⸗ bleich rücklings zu Boden geſtürzt. Dem Alten erſtarrte die erhobene Fauſt, er ſtand wie mit leeren Händen da, er brauchte ſeine Blitze nicht zu ſchleudern, das Opfer lag ſchon vor ihm zu Füßen. Ich war herbeigeſprungen und lag ſchluchzend neben der Theueren am Boden. Der alte Herr war beſtürzt niedergekniet und lehnte ihr Haupt in ſeinen Schvoß. Er ſah mich verwirrt an, er murmelte einige Worte, die ich nicht verſtand. Ich küßte der Mutter beide Hände; ich legte ſcheu die Fingerſpitzen an ihre Wangen; Alles ſchien todt und kalt. Die Kammerfrau war ab- und zugeſprungen: draußen erſcholl jetzt ihre hülferufende Stimme den Corridor entlang. Thüren ſchlugen auf und zu, Diener eilten herbei und wieder fort. Mühſam hatten wir den theuern Leib auf's Bett gehoben. Groß⸗ vater und Enkel ſtanden hüben und drüben am Lager, maßen ſich mit Blicken und wagten es nicht, einander in's Auge zu ſehen; des Alten Beſtürzung war vielleicht noch größer, wie meine Betäubung. Eine dumpfe Stille voll banger Qual verging; nur die leiſe Bewegung der geſchäftigen Zofe unterbrach die Oede im Gemach. Der Arzt erſchien. Er fühlte die Pulſe, machte Anordnungen, brachte Eſſenzen und hieß, während wir zurücktraten, die Kleider löſen. Endlich, nach einer langen Stunde der Pein, ſchlug die Theure das Auge wieder auf. Ich jubelte in kindiſcher Luſt; ich be⸗ deckte ihre Hand mit glühenden Küſſen. Sie erkannte noch niemand; ſie ſprach von Italien, ſie rief: Giuſeppe! Ich ſah den Großvater großmächtig an, als hätt' ich ein Recht ihn zur Verantwortung zu ziehen, daß der Gerufene nicht erſchien. „Ihr alter Zuſtand wird wieder eintreten!“ ſagte der Großvater in ſeinem trocknen Ton. Der Medicus ſchüttelte das Haupt und runzelte die Stirn. Wie der Reichsgraf eine Bewegung zu ihm machte, als fordere er von ihm, das Seinige zu thun, ſagte der Mann ſehr offen:„Ich habe Ew. Erlaucht im Voraus bemerkt, daß jede Gemüthsbewegung tödtlich wirken könne!“ Darauf legte der alte Herr ſeine Hände, wie er pflegte, auf den Rücken und ſchritt im Zimmer auf und ab. „Sie neigt zum Schlummer,“ ſagte der Arzt nach einer Weile; „gönnen wir ihr dieſe Wohlthat, die einzige, die vielleicht noch helfen kann!“ „So müſſen alle Läſtigen fort von hier!“ befahl Erlaucht. „Ich bin nicht läſtig, ich bleibe!“ ſagte ich zur Kammerfrau laut genug. Der alte Herr ſah mich groß an, aber ich hielt ſeinen Blick aus; ich wußte, daß ich ein Recht hatte ihm trotzen zu können. Wie er über die Schwelle trat und ſich noch einmal nach uns umſah, verfolgte ich ihn mit Blicken, in denen er deutlich hätte leſen können: Mörder meiner Mutter! Der Schlaf der Kranken war betäubend, erſchöpfend, nicht er⸗ quickend. Wir ſaßen die halbe Nacht, behutſam lauſchend, ängſtlich lauernd. Der Arzt verließ das Zimmer nicht, die Zofe blieb am Bette, ich war im Winkel hinter dem Vorhang hingeſunken; ein Strom unaufhaltſamer Thränen erleichterte mir die Angſt des bedrängten Herzens. Die gütige Natur hatte noch für mich dieſen Quell des Labſals, der im Alter verſiegt. Wie ich einſchlief, fühlte ich mich von zwei Armen gehoben, getragen und fortgeführt. Meine Erſchöpfung gab mir nicht mehr die Kraft, mich zu wehren. Draußen hatte ſchon lange der Magiſter geharrt; er nahm mich in Empfang, und ſo ward ich in ſein Zimmer und auf mein Bett gebracht.— Der Morgen wollte ſchon grauen, als Klopfen und Geräuſch an der Thüre mich weckte. Der Gouverneur bat mich, aufzuſtehen; ———— 55 er ſelbſt warf ſich mit großer Haſt in die Kleider. Ich wagte nicht zu fragen, wohin; der Mann ſah beklommen aus, wie er mit der Kerze in der Hand neben mir hinſchritt, mich ſtillſchweigend bedeutend. Wir gingen über den Hof, wir betraten daſſelbe Portal, das ich beim Einzug mit der Mutter beſtiegen. Die rothen Grenadiere ſtanden wie immer; der Hercules ſtreckte noch ſeine Arme mit den Fackeln in die Luft, an den Wänden im Treppenhauſe brannten wie damals die Ampeln; die Halle machte mir wie damals den Eindruck einer Todtenkapelle. Kaum hörbar ſtieg ich die Stufen hinan; aber meine Pulſe klopften laut und bange. Es war ſo!— Mein erſter Eindruck in der Halle war der richtige geweſen, meine Mutter war todt. Hinter den Glaswänden war verworrene Bewegung; eine von den Kammerdamen, die ich ſchon kannte, eilte auf mich zu und drückte meine Hände in ihr feuchtes Antlitz. Meine Pulſe ſtockten, ich ſtieg athemlos von Gemach zu Gemach. Hinter dem Vorhange, wo ich Zeuge des Auftritts geweſen, überlief mich noch einmal der ganze Schauer der peinlichen Unruhe und Angſt, die ich dort ausgeſtanden; wie ich die Gardine zurückſchlug, war es zu Ende mit aller Sorge und Ungewißheit; die Ampel mit dem milchweißen Licht beſtrahlte das Angeſicht der Vollendeten. Ich ſtand zum erſten Male dem entſchiedenen Bilde des Todes gegenüber. Die Züge der Geſtorbenen waren noch ſo lieblich ſchön, ſo hoffnungsvoll lächelnd, als erwarte ſie noch, was nun nicht mehr im Kreiſe des Endlichen eine Genugthuung für ſie finden konnte. Ich begriff den plötzlichen Stillſtand des Lebens nicht; ſie hatte ja noch ſo viel zu fragen, zu beantworten, ſo viel am verworrenen Knäuel unſerer Verhältniſſe zu entwirren, ſo viel noch zu erbitten von Gott und von der Grauſamkeit der Menſchen! Die Bitte vor dem Throne des Ewigen ſtand ihr jetzt frei; aber was Menſchen gegen Menſchen ver⸗ übten, darin konnte dieſer Engel der Liebe nichts mehr löſen, helfen und behüten.— Sie hatte in den letzten Augenblicken, die ihr vergönnt, noch vieles erledigen, ſchlichten und ſühnen wollen. So ſchien es nach dem, was die Umſtehenden ſagten. Wenige Stunden nach meiner Entfernung war ſie aus dem betäubenden Schlafe zur letzten Qual bewußter Augenblicke erwacht. Einer ungeheueren Angſt, wo 8 56 ſie Gott und ihre Heiligen laut um Hülfe rief, ihr noch ein längeres Leben zu gönnen, folgte eine kurze Pauſe der Erſchöpfung, dann eine Geſchäftigkeit, die noch Tauſenderlei zu wirken und anzuordnen hatte. Sie war nicht mehr fähig aufzuſtehen; ſie ließ ſich Schatullen, Kaſten und Schreibzeug reichen, ſaß aufrecht mit Unterſtützung der Dienerinnen und ſtellte ihren letzten Willen feſt. Sie hatte mehrmals ihre Anordnungen geändert, bald den dringenden Wunſch gehabt, den alten Herrn und mich rufen zu laſſen, bald entſchieden es abge⸗ wieſen; ſie brauche Niemand mehr um mit Gott abzuſchließen, hatte ſie geſagt, und der Himmel werde ihr beiſtehen, für die verworrene Erde, für die verirrten Menſchen noch das Rechte zu treffen. Das Kreuz mit dem Erlöſer lag vor ihr auf dem Deckbett, dicht daneben das Bild meines Vaters. Wie der Entſchluß zur Aufzeichnung ihres letzten Willens in ihr feſtſtand, ſchrie ſie noch einmal ſchwer auf, küßte weinend das Porträt des Gatten, wie Abſchied nehmend und mit dem Ausruf: Lebe wohl, Geliebter, ich habe dir genug gelebt! und ſchrieb dann nach einem harten Kampfe mit feſter Hand auf ein großes ſchwarzgerändertes Papier die folgenden Beſtimmungen: „Allen, die an mir geſündigt haben, ſei verziehen, ſobald ſie aufhören, Denen die ich hinterlaſſe, wehe zu thun. Ich trete vor Gott, den allliebenden Vater der Menſchen, und fordere das von ihm.“ „All' mein bewegliches Gut, auch meine Kleinodien, verbleiben meiner lieben Dienerſchaft zu gleichen Theilen, der lieben Pflegerin und Freundin in meinen ſchwerſten Lebenstagen meine Baarſchaft, mein Erucifix und meine Buſennadel.“ „Meinem Sohne Joſeph hinterlaſſe ich das Bild ſeines Vaters, unſeren Wappenring und meine ſämmtlichen Papiere, Tagebücher und Briefe, welche bis zu ſeiner Mündigkeit gerichtlich verſiegelt bleiben ſollen.“ „Ich will weder in einer proteſtantiſchen Kirche meines Hauſes, noch in einer römiſchkatholiſchen, zu der ich übertrat, beigeſetzt ſein; ich bin des Streites beider Parteien müde und gedenke einzugehen in den Frieden Gottes, der mir über allen Streit ſicher iſt. Mein Wille iſt, die Ueberreſte meines irdiſchen Theils im Walde draußen unter freiem Himmel einzuſenken. An jener Waldesecke unfern des Jagd⸗ 3 — ————— 57 hauſes, wo ich ſeit ſo langen Jahren den Sohn wiederſah, dort will ich fünf Jahre lang unter friſchem Grashügel ruhen. Ich brauche fünf Jahre, um mich vom Streit der Parteien zu erholen und auszuruhen; dann mag man mich beiſetzen, wo ich nach Geburt und Rang hin⸗ gehöre.“ „Joſeph, mein Sohn, Kind meiner Liebe, Segen und Schmerz meines Lebens,— verlaß' nicht deinen Großvater, verlaß nicht die Kirche deines, unſeres Hauſes!“ „Juſtine, gefürſtete Reichsgräfin von Hohen—— Schwarzenfels.“ Der letzte, mich betreffende Satz war in Haſt geſchrieben, als fürchte ſie, der Tod könne ſie übereilen; Namensunterſchrift mit Datum war wieder mit feſter, ſtarker Hand hingeſetzt. Das Siegel ward nachträglich vom Großvater im Beiſein und nach Verhör der Zeugen daruntergefügt. Als ſie das Document ihres letzten Willens vollendet, war ſie ſtill, und mit dem Worte:„Nun mögen ſie Alle kommen!“ in die Kiſſen zurückgeſunken, um ihr Auge nicht mehr zu erheben. Der Großvater, nach dem man ſofort geſchickt hatte, trat ein, wie ſie noch zu ſchlummern ſchien; aber es war, wie der Arzt es ſchon er⸗ kannt hatte, ein Schlummer ohne Erwachen. Sie hatte ausgelebt, ſie hatte den Kreislauf ihres ſchmerzenvollen Lebens erfüllt. Es war mir, als ſtänden die Pulſe meines eigenen Lebens ſtill, oder als ſei, was nun kommen ſollte, dergeſtalt geordnet, daß es ein für allemal feſtſtund. Mit der Mutter war nicht nur das Weſen, das mich geliebt, auch mein Anwalt, mein Ehrenretter, alle meine Hülfe und Fürſprache dahin. Nach dem Gebot der Mutter, das mir heilig ſein mußte, geſetzlich dem Großvater überantwortet, ſchien mir der freie Wille gebrochen. Ich durfte nicht in die weite Welt eilen, den Vater zu ſuchen, mit ihm zu leiden und zu kämpfen gegen ſeine Wider⸗ ſacher; mein Lebenslauf war in einer beſtimmten Bahn, auf einen Mann gewieſen, dem ſie in ihrer letzten Stunde vergeben, gegen den ich ſelbſt aber einen unauslöſchlichen Groll im Herzen trug. Dieſer Groll erfüllte und beſchäftigte mich die nächſten Tage über; ich gönnte dem alten Herrn den Triumph nicht, den er ſchließlich davongetragen, indem das Teſtament der Mutter mich gleichſam als Erbſtück ihm hinterließ. Die nächſten Vorgänge am Hofe waren leeres 58 Ceremoniell für mich. Man ſteckte ſich in ſchwarze Roben, Alles in der Kleidung bis zur Manſchette und Buſenkrauſe verwandelte ſich in die Farbe der Trauer, die Herren trugen ſelbſt Degen mit ſchwarzen Stahlgriffen; die Klingen waren blau angelaufen. Das Begräbniß ſollte ganz ſo feierlich ſein, wie es einer geborenen Reichsgräfin, einer Tochter des regierenden Landesherrn zukam. Die Entſchlafene hatte ihr Teſtament nicht einmal als Gräfin della Torre unterzeichnet. Wäre ſie darauf beſtanden, als ſolche in der Erbkapelle des Hauſes beigeſetzt zu werden: ich glaube, der alte Herr hätte ihr dies Recht, wenigſtens einen ſtandesmäßigen Leichenconduct, ſtreitig gemacht. So aber hatte ſie einen Ausweg gewählt, wollte zur Sühne für die ſtreitenden Par⸗ teien erſt fünf Jahre gleichſam in neutraler Erde ruhen, an jener Waldecke in der Einſamkeit zwiſchen Vogelſang und Unkengetön. Der alte Herr war, wenn es darauf ankam, ein ſo bibelfeſter Mann, daß er dem Spruche: Wer ſich erniedrigt, ſoll erhöhet werden! pünkt⸗ lich nachkam. Am dritten Tage war in der Schloßkapelle öffentliche Ausſtellung der Entſchlafenen im Paradebett. Allerlei Volk aus der Nachbarſchaft zog herbei, um Glanz und Flimmer, Sammt und Seide, die ſilbernen Candelaber und die goldgeſtickte Grafenkrone zu bewundern. Uner— kannt ging ich am Arm meines Gouverneurs zur Schau mitten unter der Menge der Gaffenden. Die Todte erſchien mir in all' der Pracht, die kein liebend Herz aufgeſtapelt, plötzlich ſehr fremd; zitternd ward ich von meinem Begleiter fortgeführt. Er hatte auch Gefühl genug, einen Grund zu erſinnen, um mich von der Feierlichkeit der Condolenz⸗ beſuche fernzuhalten. Betäubt und ſtarr ſah ich vom Fenſter auf die Menge hinab, die ſich zur Kapelle drängte. Die Neugier trieb ſie, Wenige nur kannten die Verſtorbene, die Meiſten trugen ſich mit Fabeln und Mährchen über ihre lange Entfernung von der Heimath; über ihren plötzlichen Tod geſtalteten ſich allerlei Gerüchte im Volk, auch die Sage, ſie habe noch kurz vor ihrem letzten Augenblick den katholiſchen Glauben abgeſchworen, ſich reuig wieder zum evangeliſchen Glauben zurückgewendet. Einige Hofbeamte ſchienen dieſe Sage zu unterſtützen, vielleicht aus Liebedienerei gegen den geſtrengen Herrn, vor dem Alles zitterte. Der Reichsgraf duldete keine andere Meinung, keinen anderen Glauben. Und doch war er kein Tyrann im antiken n Sinn; er war nur deutſcher Hausvater im orthodoxen Styl. Daß ſein Gemüth ſich in der Jugend„verloren“, wie es ſchien, dafür rächte er ſich mit unerbittlicher Strenge an ſich ſelbſt und Anderen. Eine Stunde vor der Beſtattung beſuchte er mich, da er vernommen, daß ich Krankheitshalber das Zimmer hütete. Ich warf mich, als ich ſeinen Schritt und ſeine Stimme von draußen hörte, raſch auf eine Ruhe⸗ bank und drückte die Augen feſt zu. Ich wollte den Schein haben, zu ſchlafen; ich wollte den Mann nicht ſehen, der durch ſo ſchmerz⸗ lichen Wechſel der Dinge mein Herr über Leben und Tod geworden. Er erkundigte ſich angelegentlich, faſt ſorgſam und liebevoll nach mei⸗ nem Befinden. Der Magiſter ſagte zu, daß ich mit ihm der Bahre folgen werde. Das Begängniß fand Nachts ſtatt, mit Fackeln und ſchwarz⸗ geharniſchten Reitern, wie es von Alters her Styl und Brauch im reichsgräflichen Hauſe war. Die nahe Kirche und der Schloßthurm eröffneten die Feierlichkeit mit ihrem Geläut, in welches, als der lange Zug ſich über die weite Ebene hinzog, allſeits von fern herüber die Dorfglocken einſtimmten. Mit meinem Gouverneur ſaß ich im zweiten Wagen hinter der Bahre, fröſtelnd und dicht in einen Trauermantel gehüllt, während der gute Magiſter ſchweigend ſeinen Arm um meine Schulter legte. Das Gepränge des Zuges ſtand mit dem Ziele des Weges, mit dem Ort der Beſtattung in ſeltſamem Gegenſatz. Dort lief der Saum des Buchen⸗ waldes hin, dort war die Waldecke mit ihrem, zum Hügel wie geborenen Vorſprunge; dicht daneben trennte nur ein ſchmaler Pfad Gebüſch und Sunpf; die Wagen hielten, der Zug ſtockte, die Theilnehmer mußten, jedes Paar mit einem Fackelträger eine gute Strecke zu Fuß zurücklegen, um in engem Cirkel die Grube einzufaſſen. Ich ſtand mitten im Gedränge; nur mit Mühe machte mein Begleiter mir Bahn, um, ehe die Schollen fielen, eine Handvoll Erde für die Mutter bei⸗ ſteuern zu können. Der Sarg mit ſeinen ſchweren Beſchlägen ſchwebte ſchon über der Oeffnung, der Hofprediger hatte bereits ſeine Trauerrede beendet, als hinten in der Reihe der Wagen eine laute ſtürmiſche Bewegung die Stille unterbrach. Ein Reiter war querfeldein mit verhängtem Zügel herangeſprengt; er durchbrach die Linie mit jähem Ungeſtüm —— und rief laut ſein„Halt!“ über die verſammelte Menge hin. Bei Hinrichtungen iſt es ein Bote der Gnade, der mit wehendem Tuche heranſtürmt und dicht am Rande des Todes noch Leben verkündet. Hier war's ein Leidtragender, kein Lebenverkündiger, der noch zum Zeugen ſich einſtellte. Er war vom Pferde geſprungen und durchſtürmte den Kreis der Umſtehenden. Eine dunkle Geſtalt mit langem, ſchwarzem Mantel, ganz wie zum Leidtragen gemacht, ſprang über die aufgeworfene Erde dicht an den Sarg und rief ſein„Oeffnet!“ mit einer Stimme, vor deren gellendem Schmerze Alles erzitterte. Der Reichsgraf, hoch auf⸗ gerichtet, an der anderen Seite der Gruft, riß dem Nächſten die Fackel aus der Hand, ſtreckte ſie vor ſich hin über den Sarg und beleuchtete das Geſicht des Fremden. Es war ihm und mir kein Fremder, und er hatte an die Todte hier das erſte und nächſte Anrecht. Dieſes bleiche Antlitz mit den dunklen Tinten, dieſe Augen voll Schmerz und Schwermuth, das lockige Haar, das verworren über die Stirne fiel: ein lauter Schrei entfuhr mir, ich erkannte nach dem Bilde das Angeſicht meines Vaters. Er hielt beide Arme über den Sarg ausgeſtreckt, als wollt' er jede andere Hand abwehren, als wollt' er, wenn auch nur auf kurze Augenblicke, noch einmal Beſitz nehmen von dem, was ihm das Theuerſte und ſein heiliges Eigenthum. Wie hülfeflehend rang er dann zu den Umſtehenden die Hände, als fehlte es ihm an Worten und Mitteln, ſeinen Wunſch auszudrücken. „Ihr kommt ſehr ſpät, Signor!“ ſagte der Reichsgraf mit ſchmerz⸗ durchzuckter Stimme und reichte ihm über den Sarg die Hand.„Meine Boten konnten Euch nicht finden, nicht erreichen.“ „Oeffnet!“ rief mein Vater mit flehender Gebärde. Auf einen Wink des alten Herrn ward ihm raſch gewillfahrt; die Träger raſſelten an den Schrauben und Beſchlägen und hoben den Deckel des Sarges zurück. Fackeln zu Häupten und zu Füßen, mußte das bleiche Engels⸗ bild noch einmal Parade ſtehen, aber diesmal vor den Augen des Geliebten, der bei ihrem Anblick zitternd niederkniete. Es war eine Stille ringsum, im leiſen Lufthauche der Nacht rauſchten nur die Blätter in den Buchen. Der Großvater ſtand erſchüttert und hielt ſich beide Hände vor's Geſicht. Mein Vater raffte ſich auf, riß dem alten Herrn in en en —— die Hände vom Geſichte und ſtieß, da er den Strom ſeiner Thränen ſah, einen langen gepreßten Seufzer aus, als wollt' er ſagen: Da du weinen kannſt, biſt du wohl unſchuldig an ihrem Tode! Die Todte aber lächelte zu alle dem, als wollte ſie die Thoren beklagen, die ſo ſpät ſich verſtändigten, zu ſpät, nachdem ſie heimgegangen in's Bereich des Friedens, das ihr kein Sterblicher mehr ſtreitig machte. Menſchen nennen es Schickſal und Verhängniß; ſelige Geiſter haben für die Thorheit des Menſchen nur ein wehmüthiges Lächeln. Mein Vater hatte auf die Lippen der Todten einen letzten Kuß gedrückt; dann legte er ſeine Rechte auf die Stirn der Entſchlafenen, hob drei Finger der Linken gen Himmel und ſprach ſtill für ſich ein Gebet, ein Gelübde. Der Sarg wurde geſchloſſen und eingeſenkt. Einige Handvoll Erde: dann raſſelten die Schollen hinunter; ein ſchones Menſchenleben voller Schmerzen war beſeitigt und beigeſetzt. „Ich habe Euch dringend zu ſprechen, Signor“, ſagte mein Vater zum Reichsgrafen, als beide Männer noch vor der geſchloſſenen Gruft ſtanden, die Menge umher nur auf ein Zeichen zur Rückkehr harrte. Erlaucht machte zu meinem Vater eine Bewegung mit der Hand, daß er zu Gebote ſtehe. „Aber noch dieſe Nacht, dieſe Stunde!“ war die weitere Bitte. „Hier unter freiem Himmel?“ fragte der Großvater. „Iſt kein Obdach in der Nähe?“ war die Gegenfrage. „Im Jagdhauſe hier, wenn's beliebt“, erwiederte der alte Herr, indem er den Verſammelten bedeutete, den Zug langſam zum Rück⸗ marſche zu ordnen.„Ihr habt es ſo eilig, Signor?“ fuhr er fort, „Ihr habt noch nicht einmal den Knaben geſehen und begrüßt!“ Ich drängte mich an die Seite des Mannes, der im Schmerze um die Mutter noch keinen Blick für den Sohn gehabt.„O mein Gott!“ ſagte der Mann und zog mich an ſein ſturmbewegtes Herz. „Giuſeppe, mein Giuſeppe!“ rief er ſchluchzend und klagend. „Joſeph!“ unterbrach ihn der Großvater und betonte meinen deutſchen Namen,„Joſeph kennt den Weg ſehr gut zwiſchen Sumpf und Wald, Joſeph wird uns führen!“ Ich ergriff den Vater am Arme und war ſein Führer auf dem ſchmalen Pfade; Fockeln leuchteten vorn und hinten. Er hob mich mehrmals an ſeine Bruſt, küßte meine Lippen, meine Stirn; er mur⸗ 62 melte Worte, die ich nicht verſtand; ſein Herz war nach ſoviel Seiten hin beladen und gefoltert. Die Pfarrersleute waren noch unter der verſammelten Menge, um dem Begräbniſſe beizuwohnen, auch Knecht und Magd. Das Thor ſtand auf, wir traten in's Gehöfte; das heiſere Gebell des Ketten⸗ hundes war die einzige Begrüßung.„Der Knabe Joſeph gehört Euch, Signor“, begann mein Vater, während wir vor der verſchloſſenen Hausthüre harrten,„ſie hat ihn Euch übergeben, ich weiß es, ich weiß es.“ „Ihr letzter Wille hat es beſtätigt, Signor“, erwiederte mein Großvater ſtreng und feſt.— Somit war ich alſo auch vom Vater an den alten Herrn, ich darf nicht ſagen verkauft und verrathen, aber doch abgetreten. Endlich kam Jacob der Knecht, um das Haus zu öffnen.„Lichter hinauf in den Saal!“ befahl der Reichsgraf. Während er die Treppe hinaufpolterte, führte ich behutſam den Vater Stufe für Stufe, Schritt für Schritt über den Gang zur Thüre, trat aber hinter ihm mit ein, machte mir, während die Kerzen angezündet wurden, im Nebenzimmer zu thun, das an den Saal ſtieß, und ließ, als ich mich unbemerkt ſah, die Thüre halb offen. Ich mußte hier Zeuge ſein des Geſprächs, das noch ſchließlich über mein Schickſal verfügte. Erlaucht lud zum Sitzen ein, als die Diener ſich entfernten; beide Männer aber blieben neben dem Tiſche aufrecht ſtehen, Auge in Auge, Jeder auf den Anderen lauſchend und der Dinge harrend, die hier zur Mittheilung kommen ſollten. „Iſt es wahr, Signor“, begann mein Vater,„iſt es wahr, daß Juſtine ſich in der letzten Stunde ihres Lebens wieder zur Kirche ihres Hauſes, ihrer Heimath bekannt hat?“ „Ich bin kein Proſelytenmacher!“ unterbrach ihn der Reichsgraf mit beſonderem Nachdruck. Mein Vater bekämpfte ſich mühſam, aber behielt ſeine Faſſung. „Ich habe“, fuhr der Großvater fort,„nichts dazu gethan, ſollte ſich in ihrer letzten Stunde, über die Gott allein richtet, ihrer Seele eine Reue bemächtigt haben, oder, wie Ihr ſagt, der Wunſch zur Rückkehr zu dem Glauben ihres Hauſes in ihr erwacht ſein. Ihr Teſtament, von dem Euch eine gerichtlich bewahrheitete Abſchrift zu⸗ ſch af —— 63 gefertigt werden ſoll, ſpricht neben Verfügungen über ihr beweglich Gut und die Stätte, wo ſie zu ruhen gewünſcht, nur die Mahnung an den Sohn aus, zu mir, das heißt alſo zur Religion meines Hauſes zu gehbren. Damit iſt der alte Pact, den ich bei Uebernahme des Knaben mit Euch ſchloß, nur bekräftigt. Ueber die Gewiſſen richtet ein Anderer, über Thaten und Handlungen müſſen die Menſchen gegen⸗ ſeitig ihr Recht ſich wahren. Renegatenmacherei iſt nicht mein Hand⸗ werk, Herr Graf; das überlaß' ich der Geſellſchaft jener Leute, mit denen Ihr Euch im Leben, wie es ſcheint, viel zu thun gemacht habt.“ Mein Vater drückte krampfhaft die Hand wider ſeine Bruſt.„Ich ſehe“, ſagte er mühſam,„daß der alte Groll und Argwohn noch immer Euch regiert. Ich frage auch nicht nach den Papieren, die ſich in der Hinterlaſſenſchaft der Geſtorbenen finden müſſen.“ „Sind gerichtlich verſiegelt“, war die Entgegnung,„und gehören, wenn er mündig iſt, dem Sohne.“ „Signor“, ſagte mein Vater,„Sie finden darunter die Geſchichte meines Lebens, die ich mit eigener Hand und mit meinem Herzblut niederſchrieb. Meine Bekenntniſſe werden mich vor Euch, vor der Welt rechtfertigen. Mir liegt für meine Perſon wenig daran. Mich be⸗ wegen die großen Fingerzeige Gottes in den Schickſalsfügungen der Menſchen. Für jetzt nur ſo viel, wenn Ihr noch Humanität genug beſitzt, der Möglichkeit Raum zu geben, daß ich rein vor Euch daſtehen könnte. Hat ſich Juſtine in der letzten Stunde wieder zu dem erſten Glauben ihres Lebens zurückgewendet, ſo iſt mir das eine neue, eine zweite Beſtätigung, daß der Menſch nie abfallen ſollte von dem, was er einmal für heilig erkannt und wozu ihm das ganze Daſein um ihn her die Bedingungen der Nothwendigkeit gegeben.“ „Wirklich?“ ſagte der Reichsgraf in gedehntem Tone. „Ich war“, fuhr mein Vater fort,„ſchon einmal vermählt. Eine Tochter aus den Bergen von Piemont, eine Waldenſerin, ein Kind aus der Hand der Natur, ein Kind aus dem Schvoße der Liebe Gottes, ward mein Weib. Um meinetwillen, aus Neigung zu mir⸗ bekannte ſie ſich zum römiſchen Glauben.“ „O ich weiß, Ihr ſeid ja ein Virtuoſe darin“— ſagte der Reichsgraf mit bitterem Spott. 5 64 „Beleidigungen, Signor, die auf Unkenntniß meiner Perſon und meiner Sache beruhen, treffen mich nicht“, ſagte mein Vater ruhig. „Ohne mein Zuthun war die Waldenſerin, als mein Weib, römiſch geworden. Die Liebe, welche die Seelen verſchmilzt und das Wunder bewirkt, daß zwei Geiſter ſich eins fühlen, überflügelt ja alle Schranken, reißt nieder, was ſich hemmend entgegenſtellt, löſtt auch die geheimſten Diſſonanzen zur feſſelloſen Harmonie. Wer nicht an die Liebe glaubt, der weiß nicht, was die Seelen bindet und lenkt. Ich war unverſehens vielleicht ebenſogut waldenſiſch geworden, wie mein Weib gut römiſch wurde. Wer will bei dem ſtillen Ineinanderwirken zweier Geiſter ſagen, wer von beiden den anderen regiert! Mich für meinen Theil hatte ſeit der Gemeinſamkeit mit dem Weibe, das ich liebte, eine unnennbare Sehnſucht nach der kindlich reinen, einfach gottinnigen Lehre des Waldenſerthums, eine Sehnſucht erfaßt, die nie wieder in mir erloſch, und die mich ſpäter antrieb, das reformirte Chriſtenthum in der Schweiz und in deutſchen Landen kennen zu lernen. Meine Vorfahren haben durch alle Jahrhunderte hindurch die Waldenſer in unſeren Bergen grauſam und blutig verfolgt. Dennoch ſaß dies einfach ſchlichte Chri⸗ ſtenthum in den Höhlen und Schluchten, in den Gemüthern ſtiller, gottbegnügter Menſchen felſenfeſt. Ich mußte eine Widerſtandskraft gläubig anerkennen, die unter allen Verfolgungen und Martern ein göttlich Zeugniß von ſich gab. Mein Weib aber ward auf dem Kranken⸗ bette an dem neugewonnenen römiſchen Glauben irre; ich verlor ſie früh nach der Geburt eines Knaben; ſie ſtarb mit halb unterdrückter, halb offenbarer Sehnſucht nach dem ihr urſprünglich eigenen Bekenntniß und Gottesdienſt ihrer Väter und ihres Volkes. So wenig windet ſich der Menſch von dem los, was ihm eigenthümlich iſt nach Geburt und Schickſalsſtellung. Mein Vater ſeliger, ein orthodoxer, ja fana⸗ tiſcher Anhänger der Kirche Roms, hielt mit dem Rückfall meines Weibes ſein Haus für geſchändet und entehrt. Es war nicht das erſte Mal, daß waldenſiſch Ketzerblut ſich mit dem Blute ſeiner Familie vermiſcht. Er glaubte an einen Fluch, der damit auf unſerem Stamme ruhe; er dachte auf eine entſchiedene Sühne für dieſen Makel, für dieſes Schickſal. Mein Vater ſtand mit mehreren Päpſten pecuniär in ge⸗ heimen Verhältniſſen. Die Regierung des Kirchenſtaates, mit den Bourboniſchen Höfen zerfallen, vom Kaiſerhauſe verlaſſen und ohne — 65 Hülfsleiſtung, bedurfte in Fällen der Noth und Verlegenheit gar oft der Bereitwilligkeit begüterter Freunde. Mein Vater hatte zu ver⸗ ſchiedenen Zeiten bedeutende Summen vorgeſchoſſen. Der nachfolgende Papſt blieb, wie der vorige, ſchuldig. Mein Vater verlangte keine Zinſen, forderte kein Capital zurück; ſein religiöſer Sinn wollte ſich durch einen beſondern Gnadenact des Kirchenfürſten, durch eine voll⸗ ſtändige Sicherung unſeres Hauſes vom Fluche der Gemeinſchaft mit den waldenſiſchen Ketzern bezahlt ſehen. Er verlangte die Beatification, womöglich die Canoniſirung meines Weibes. Der römiſche Hof war dieſer Art und Weiſe zur Tilgung ſeiner weltlichen Schuld nicht abge⸗ neigt, allein mein Vater forderte noch von mir, daß der Sohn der Frau, die heilig geſprochen war, der Kirche gewidmet werde. Das ſchien faſt auf eine Ungültigkeitserklärung meiner rechtmäßig ein⸗ geſegneten Ehe abzulaufen. Ich widerſetzte mich dem. Wenn ich ohne weltlich berechtigte Nachkommenſchaft ſtarb, ſo fielen meine Güter an einen Zweig unſeres Hauſes in Friaul. Dieſer war ſehr geiſtlich geſinnt und hatte ſich, wie ich ſpäter erfuhr, ſchon ganz auf eine Verzichtung des reichen Erbes an die Kirche beſtimmen laſſen. Ich eilte nach Genua; ich bedurfte eines mächtigen Anwalts. Ich fand ihn im Provinzial der Geſellſchaft Jeſu; der Orden ſtellte meinen Proteſt aus gegen den römiſchen Hof, er übernahm die Führung meines Proceſſes, erklärte meine Sache für die ſeinige.— Sie ſehen, Signor, der Orden dieſer Väter hat für Fälle der Noth und Be⸗ drängniß auch ſein Gutes.— Wie ich freilich nach der Heimath zurückkehrte, war mein Proteſt unnütz geworden; der Sohn, für den ich das Recht meines Hauſes wahren wollte, war plötzlich todt.“ „Vergiftet? Was?“ unterbrach mein Großvater die Erzählung. „Ich ließ“, fuhr mein Vater zögernd fort,„ich ließ die nöthigen Unterſuchungen anſtellen; der Knabe, den ich in der Gruft zu la Torre ſchon beigeſetzt fand, war eines natürlichen Todes geſtorben.“ „Oho, Signor“, ſtürmte der Reichsgraf ein,„wir leben in civili⸗ ſirten Zeiten. Auch die Giftmiſcher haben ihre Doſen cultivirt. Man hat Blumen, deren Gift heimlich das Gehirn austrocknet; man hat Handſchuhe, deren Berühren langſam fahl und hinſiechen macht. Aqua toffana mit dem Geheimniß ihrer Zubereitung iſt verloren gegangen, St ſie haben bei Euch in Wälſchland Gifte, mein Herr, die ſehr D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 5 — 66 mählich wirken. Brueine iſt ein ſehr civiliſirtes, ſehr humanes Gift; man verdaut Jahre lang daran, verdaut ſehr gründlich und ſtirbt doch ſchließlich an bloßer Unverdaulichkeit!“ „Vergebens alles“, ſagte ſchmerzlich bewegt mein Vater,„das Kind, mit den entſtellten Zügen kaum kenntlich für mich, war an Krämpfen geſtorben.— Schon hatte ein römiſcher Beamter mit ſeinen Helfershelfern im Schloſſe meiner Familie ſeinen Sitz aufge⸗ ſchlagen, um das Teſtament meines Vaters, wegen vollſtändiger Sühne unſeres Hauſes, zu vollziehen. Ich eilte nach Genua. Ich fand Freunde dort, Theilnahme, die ſicherſte Zuſage von Hülfe. Es waren Wunder geſchehen am Grabe meines Weibes, und das iſt erforderlich zur Canoniſirung; man hatte die Heiligſprechung der„waldenſiſchen Maria“ vollzogen. Trotzdem ſollten meine Güter nach dem Teſtament meines Vaters in geiſtlicher Obhut bleiben. Ich ging wieder nach Genua zum Provincial der Geſellſchaft, um die Hülfe des Ordens von neuem zu betreiben. Das Anerbieten, förmlich Mitglied der Geſellſchaft und Prieſter zu werden, wies ich ab; allein Sie begreifen, Signor, wie ſehr mir der Schutz eines mächtigen Armes Noth that!“ „Ich begreife, ich begreife“, ſagte ſtotternd der Reichsgraf,„das heißt: ich begreife manches in dieſer Geſchichte noch nicht ganz, anderes aber glaube ich beſſer wie Ihr ſelbſt zu verſtehen.“ Mein Vater war matt in den Lehnſtuhl, der zur Seite ſtand, geſunken, er ſtützte ſeine bleiche Wange in die Hand.„Eines“, ſagte er bitter,„werdet Ihr nun wenigſtens begreifen, daß ich nicht als Miſſionär einer Propaganda zu Euch kam, nicht durch Ränke und Künſte, wie Ihr aller Welt laut verkündetet, das Herz Eurer Tochter gewann. Daß ich nicht das Werkzeug jeſuitiſcher Plane bin, das werdet Ihr doch wohl endlich auch verſtehen, Signor!“ Der Reichsgraf maß ihn mit hochaufgewölbten Augen und ſagte nach einer Pauſe der Ueberlegung:„Das Eine zugeſtanden, Graf della Torre, kann ich nicht das Zweite genau einſehen.“ „Noch immer Zweifel!“ rief mein Vater ſchmerzlich,„noch immer der alte beleidigende Argwohn, die Beſorgniß vor Verrath und Tücke! Heimathlos im Vaterlande geworden, alles deſſen beraubt, was dem Leben Werth und Güte verleiht, es adelt und heiligt, machtet Ihr, — bei ni Se I G fu h do ſt le „ —— — nd, gte als nd ter s em bei dem ich Zuflucht und Hülfe gegen meine Verfolger finden ſollte, mich zum Flüchtling, ja zum Verbrecher, deſſen Signalement Ihr den Schergen Euerer Landesjuſtiz übergabt. Einem Abenteurer verweigertet Ihr ſogar Obdach, ob ich gleich das edelſte Kleinod Eueres Hauſes, Euere Tochter, mein nannte!“ Der Reichsgraf ließ ſchmerzlich getroffen das Haupt auf die Bruſt ſallen; mit der rechten Hand griff er, wie er auf Augenblicke zu thun pflegte, in dem Buſen eifrig und emſig herum, als ſuche er da nach etwas, das er wohl beſaß, das aber ſehr tief verborgen und ſchwer bei ihm aufzufinden war. Er trat zu meinem Vater heran, legte die Hand auf deſſen Schulter und ſagte:„Graf della Torre, wer viel gelitten hat, wird auch die Kraft haben, viel zu vergeben. Vergeßt und verzeihet den Unbill, der Euch von mir widerfahren! Ich bedauere, wo ich ſtreng, ich bereue, wo ich hart gegen Euch geweſen. Signor, Ihr ſeid Maurer? Ich biete Euch ein Aſyl in meinem Lande, in meinem Hauſe an.“ Mein Vater ſtand auf und entzog ſich der Berührung, wie der dargebotenen Hand. Der Cavalier war in ihm erwacht mit dem ganzen Stolze und Adel ſeiner Natur und ſeines Landes. Dies feingeſchnittene, nervendurchzuckte Antlitz mit ſeiner pergamentenen Farbe vermochte nicht zu erröthen; es ergilbte, ſeine Tinten wurden tiefer und dunkler, aber tein Roth trat in die blaſſen, gramgebleichten Wangen. Er hob ſein Haupt, und auf der Stirn ſaß gebieteriſch das Gefühl der einmal gebeugten und gekränkten Ehre.„Signor“, ſagte er kalt und ſtolz, „ich für meinen Theil danke für die angebotene Gunſt, die Ihr, wie einen letzten Nothpfennig, mir darreichen wollt. Nachdem der Tod ſein Panier um uns geſchwungen hat, nachdem Diejenige dahin iſt, um deretwillen mir Gunſt und Milde des Geſchicks noch von Werth geweſen wären, muß ich beſtens danken. Es iſt mir nicht gelungen, mein Recht in der Welt zu finden; was kann mir an der Gnade liegen, die mir Jemand zuwirft?— Nur noch Eins, Herr Graf! Ihr äußertet, von den Beweggründen, die mein Leben geleitet, und die ich Euch anzudeuten mich beehrt, ſei Euch manches noch unklar geblieben; anderes dagegen begriffet Ihr beſſer, als ich ſelbſt. Darf ich um Erklärung bitten?“ 5* 68 Auch im Großvater war die alte unbeugſame Härte ſeiner Natur wieder erwacht. Er ſtand mit zurückgelegten Armen wie einer jener kleinen herrſchgewohnten Dynaſten da, die gern Kläger und Richter, Richter und Strafvollzieher in Einer Perſon ſind.„Signor“, ſagte er mit der trocknen, unnahbaren Sicherheit ſeines Weſens,„es iſt mir noch unklar geblieben, wie weit Ihr in Euern Lebensverwickelungen ein unbewußtes, ein willenloſes Wertzeug jeſuitiſcher Plane geweſen. Ich glaube, daß man Inſtrumente gebrauchen und benutzen kann, ohne nöthig zu haben, ſie beſonders zu eſtimiren; man behält dabei freie Hand im Spiel, um ſie in jedem Augenblicke, wo ſie unbequem oder gefährlich werden, fallen zu laſſen und preiszugeben.“„ Mein Vater horchte hoch auf; er maß mit ſeinen dunkeln Augen von oben nach unten die Geſtalt des Redenden, als wolle er forſchen, von wannen ihm ſolche ſouveräne Oberhoheit eines Einblicks in ſeine tiefſten Lebenszuſtände komme.„Es ſcheint faſt“, ſagte er,„als wäret Ihr geſchult in ſolchen Erfahrungen.“ „Erfahrungen der Art“, war die Entgegnung,„macht man nur in wälſchen Landen.“ „Nun, mich dünkt, Euer Haus ſei italieniſcher Abkunft“, ſagte mein Vater bitter. „Vor Jahrhunderten,“ entgegnete der Großvater abwehrend,„hatte meine Familie allerdings dieſe Wiege.“ „Es wird auch ſchwerlich“, ſagte mein Vater,„des italieniſchen Himmels und Bodens bedürfen, um, wie Ihr's nennt, Jeſuit im höheren Style zu ſein. Der Jeſuitismus, wie Ihr ihn verſteht, iſt nicht bloß eine Erfindung römiſcher Prieſter, er iſt eine ſehr allgemeine Erfindung des menſchlichen Witzes; man findet ſie angebaut auf allen Triften. In der benachbarten und befreundeten fürſtlichen Familie meiner Heimath, die an der Riva levante des genueſiſchen Buſens Be— ſitzungen hat, erfuhr ich die Geſchichte eines deutſchen Erbprinzen, der, um die katholiſche Tochter des Hauſes zur Gemahlin zu erlangen, die Möglichkeit ſeines Uebertritts zur römiſchen Kirche als Gegengabe darbrachte und dieſe Möglichkeit oder, wenn Ihr wollt, Willfährigkeit documentariſch aufſetzte und überlieferte. Er erhielt auf dieſe Be⸗ dingung hin die Hand der jungen Fürſtin; aber das Document ging verloren, mithin konnte auch Niemand auf die Erfüllung des Gelbb⸗ — niſſes dringen. Zum Glück für ihn; denn die Stände ſeines prote⸗ ſtantiſchen deutſchen Landes, deſſen Regierung er ungeſchmälert antrat, Stände, die auf Grund eines alten Pactes einen katholiſchen Landes⸗ herrn nicht anzuerkennen benöthigt find, würden ihm vielleicht die rechtmäßige Erbfolge ſtreitig gemacht haben. Dies Document ſicherte der römiſchen Kirche im deutſchen Reichsländchen nicht bloß allen Vor⸗ ſchub, es verhieß auch die Beſeitigung jenes ſtändiſchen Rechts, auf lediglich proteſtantiſche Fürſten zu beſtehen, es ließ ſogar dunkel und verſchleiert die Neigung durchblicken, den Glauben Rom's zur Herr⸗ ſchaft zu bringen. Man nennt das in der Sprache der Jeſuiten eine Reservatio mentalis. Dies Document aber iſt aufgefunden, Signor, und dieſer ehemalige Erbprinz der deutſchen gefürſteten Grafſchaft Ihr Der Großvater war entſetzt zurückgewichen; er ſchlug die Hände krampfhaft in einander und blickte den Redenden ſtarr an.„Menſch!“ ſtotterte er bleich,„mit welchen Zungen redeſt du?“ „Menſch!“ wiederholte mein Vater verächtlich.„Hättet Ihr zur Zeit Eurer Verfolgungen und Beleidigungen Menſch dem Menſchen gegenüber Rede geſtanden, um ſeine Ehre reinzuwaſchen, ſo würdet Ihr mir mit dem Degen die Genugthuung nicht verweigert haben, wie Ihr es als Souverän beliebtet. Ich denke nicht mehr auf Sühnung meiner verletzten Ehre, noch weniger kennt meine Bruſt für erlittene Kränkungen ein Rachegefühl. Ob ich Maurer? fragt Ihr. Signor, Ihr nennt Euch einen Maurer. Der große Baumeiſter der Welten entſcheide, mit welchem Rechte! Ich aber will Euch beweiſen, wie ein Maurer handelt. Ich will Euch in den Beſitz jenes Doecu⸗ mentes ſetzen, das Euch auch heute noch Verlegenheiten bereiten könnte. Aus Zufall, nicht in Folge jeſuitiſcher Nachſpürungen, wie Ihr viel⸗ leicht denken möget, gerieth es in meine Hände. In einer kleinen, verfallenen, maritimen Villa, die zum Beſitze der Familie Euerer Gattin gehörte, fand ſich ein Altar, ich weiß nicht welcher Göttin oder welchem Heiligen geweiht. Der innere hohle Raum deſſelben führte mich, wie ich dort vor einigen Monden meinen Aufenthalt ſuchte, in ein unteres Gewölbe, und in einer der Grotten daſelbſt fand ich unter altem Gerüll das mit kirchlichem und gerichtlichem Inſiegel verſehene Docu⸗ ment. Ein Jeſuit, Signor, würde es zu benutzen wiſſen. Ich, mein 70 Herr Graf, liefere es Euch aus, ohne Vorbehalt, ohne daß eine Partei davon Abſchrift genommen, ohne daß Jemand ſonſt um ſein Vorhanden⸗ ſein weiß. Es exiſtirt nur einmal; Ihr könnt es vernichten.“ Nicht ohne ein gewiſſes Triumphgefühl, das verzeihlich ſchien, überreichte mein Vater ein altes, vergilbtes, beſchädigtes Papier, das der alte Herr mit einer Haſt, aber doch mit abgewendetem Geſicht ergriff.—„Mein Gott, wie ſoll ich Euch das entgelten!“ ſtammelte er ſcheu. „Auf Lohn rechnet nicht, wer nach ſeinem Pflichtgefühl handelt!“ war die einfache Entgegnung. „Und Juſtine wußte darum?“ „Sie wußte darum.“ „Und ſie ſprach nicht davon?“ „Vielleicht weil Ihr am liebſten durch Furcht regiert, durch Schrecken die Zunge bindet. Eure ſouveräne Hoheit hat es ſo gewollt, und ein edles reines Herz iſt darüber gebrochen.“ Der Reichsgraf ſank vernichtet in den Seſſel. Mein Vater ſchüt⸗ telte ſeinen Mantel, um ſich zum Fortgang bereit zu machen; er hätte gewiß gern auch den Staub von den Füßen ſchütteln mögen. Er trat noch ſtill und ſanft zu dem Alten hin und ſprach:„Glaubt Ihr der Todten eine Sühne ſchuldig zu ſein, ſo thut zur Abwehr fernerer Unbill das Gelübde, fortan den Menſchen über ſeinen Glauben zu ſtellen, ihn mindeſtens nicht um ſeines angeborenen und gewohnten Bekenntniſſes willen zu knechten, zu verachten, zu verfolgen. Einen Maurer nennt Ihr Euch? Signor, Ihr ſeid mit Euerm orthodoxen, wenn auch gereinigten Chriſtenthum faſt härter und unduldſamer wie die alte Kirche. Amen.“ Mein Vater ging. Der Reichsgraf ſtürzte ihm nach. Draußen aber war jeder weitere Austauſch unmöglich. Die Lakaien leuchteten die Treppe hinunter, die Fackelträger ſtanden bereit zum Rückmarſch. Schweigend ſchritten die beiden Männer neben einander her; ſie merkten es kaum, wie ich erſchrocken, einem halbgetroffenen Rehe gleich, hinter ihnen hertrippelte, bald des Einen, bald des Andern Hand ergreifend und an mich drückend. Die Pfarrersleute, Philemon und Frau Baucis, ſtanden verblüfft; ſie wagten keine Frage mehr, da jede Anrede, die ſie gethan, unbeantwortet geblieben war. Selbſt für Jacob, den Knecht, — hat wei gele geſi der fün no tei en⸗ ien, das ſicht elte cen ein üt⸗ ätte trat der erer ſten nen en, wie ßen ten ten hatte ich kein Wort der Freundſchaft; alle meine Theilnahme, alle meine ſchmerzliche Liebe war an die beiden ſich feindlichen Männer gekettet. Auf dem Brühl hatte ſich der Leichenzug ſchon in Bewegung geſetzt. Vater und Großvater knieten eine kurze Weile am Hügel, wo der Engel des Friedens ruhte, der ihnen nun doch kein Bote der Ver⸗ kündigung, kein Bote der Verſöhnung mehr geworden war. Als der Gouverneur am Wagen mich in Empfang nahm, drückte mein Vater mich noch ſtumm und lange an ſein Herz. Dann beſtieg er das Pferd, das ihm ein Diener hielt; jedes Anerbieten, uns zu folgen, hette er ſchweigend abgelehnt; die beiden Männer hatten ſich nur noch wie verſtohlen oder halb wider Willen zum Abſchied die Hände gereicht. Wie der Wagenzug ſich fortbewegte, ſah ich am Horizont, wo es bereits zu dämmern begann⸗ die einſame Geſtalt des Reiters langſam verſchwinden. viertes Kapitel. Ein Klopſtockianer und ein aphroditiſcher Dichter. Des Reichsgrafen, meines Herrn Großvaters Erlaucht, Ländereien und Beſitzungen lagen zerſtreut in Franken und in der Pfalz, ſelbſt nach Schwaben hinein. In allen Landestheilen hörte ich noch nach Jahrzehenden das Regiment des geſtrengen Herrn als eine Muſter⸗ wirthſchaft rühmen. Einen beſſer geordneten Haushalt, hieß es, gab es nirgends im Reich. Und Erlaucht war ein eben ſo vortrefflicher Oekonom, als in Rechtshändeln ein gewiſſenhafter und in ſeiner Gewiſſenhaftigkeit unerbittlicher Richter. Solche Bravheit, ſagten ſelbſt alte Leute, iſt in Israel noch gar nicht dageweſen!— Der geſtrenge Herr hielt freilich auch genau auf Zoll, Abgaben und Gebühren; aber ſeine Straßen waren weit und breit die beſten, ſeine Polizei galt für ſtreng, aber für unbeſtechlich, und während er bei einer wohlweiſen Mitte von Sparſamkeit und Luxus ſeinen Haushalt immer anſtändig, immer auf gutem Fuß hielt, weil die Oekonomie, die er trieb, nicht kahl und nackt 72 hervorguckte, ſo waren ſeine ſtets vollen Kaſſen allezeit gern und bereit⸗ willig geöffnet, wo es galt, augenblicklichem Elend zu ſteuern. Nur nufte ſelber brav ſein, wer von ihm nicht mißhandelt, wenigſtens mißachtet ſein wollte. So pünktlich, ſo arbeitſam thätig, von früh bis ſpät ſchaffend und wirkend, wie er ſelber, ſollte und mußte jeder ſeiner Unterthanen ſein;— „ſonſt,“ pflegte er zu ſagen,„mag ihn ein Anderer holen!“ Die Leib⸗ eigenſchaft hatte er in ſeinen Landen aufgehoben, Frohndienſt und Folter abgeſchafft. Inſoweit mußte er nach ſeiner beſten Ueberzeugung der her⸗ aufſteigenden Humanitätsepoche des Jahrhunderts principiell huldigen. Allein er hatte vom Prügeln nicht laſſen können. Sein Glaubens⸗ bekenntniß über die menſchliche Creatur war eigenthümlicher Art, ſchien voller Widerſprüche. Er war freifinnig genug, um der Meinung zu ſein, der Menſch müſſe ſich von ſelbſt zurechtfinden. Allein die Beſtie im Menſchen, pflegte er zu ſagen, wolle nicht immer, und da thäten dann dem verſtockten Subjecte einige Fuchtel ſehr gut. Ein Paar Jagdhiebe, gewiſſenhaft, zeit- und ſachgemäß applicirt, hielt er für eine wahre Erlöſung der beſſeren Creatur im Menſchen, für das ent⸗ ſprechendſte und humanſte Mittel, die Seelenkräfte aus ihrem Schlummer aufzurütteln. Er gebrauchte dabei das Gleichniß vom Schlehdorn, alias Faulbaum genannt, der im Frühjahr nicht ohne Sturmwetter aufblühen kann. Bei Gebildeten ſprach er gern von einer„wohlgebürſteten“ Seele. Beim gemeinen Manne, ſagte er, läge oft fingerdick Staub auf dem inneren Menſchen; mit einer gelinden Tracht Hiebe könne man ihm ſehr gut beiſpringen, dergeſtalt, daß er dann ohne viel Umwege und ſonſtig Lehrgeld zur Raiſon käme. Laſterhafte Gewohnheiten hielt er eben für Staub, der ſich abſchütteln ließe.„Nur etwas nachhelfen!“ war ſein Wort. Dabei ſchlug er freilich einmal einem trägen Knecht auf offener Straße ein Bein unter, daß derſelbe Zeit ſeines Lebens lahm ging. Trunkenbolden ließ er, bis ſie nüchtern wurden, kaltes Waſſer über den Kopf gießen. Wer in ſeinem Gebiete bettelte, bekam die Staupe und auf der Grenze einen Fußtritt mit ſatyriſchem Hinweis auf eines der benachbarten Klöſter, wo freilich faule Bäuche ſich in aller Gemächlichkeit mäſteten, Almoſerei mit Müßiggang, fin⸗ ſterem Aberglauben und thieriſcher Dummheit Hand in Hand ging und im beſten Schmutze wucherte. Die ſtrenge Sittlichkeit ſeines Wandels, die faſt halsſtarrige Redlichkeit ſeines Lebens machte uns, die wir „ — —— zwi Rit Rei ien zu. ſtie ten aat für nt⸗ ner ias zwiſchen biſchöflichen Ländern ſaßen, nicht ſelten zum Schrecken der Welt, mitunter auch zum Gegenſtand der Läſterung und des Spottes. Der Reichsgraf galt für rechtſchaffen bis zur Barbarei.—„Unſer Nachbar, der brave Tyrann!“ hatten die Biſchöfe von Würzburg und Bamberg bei einer Verſammlung der fränkiſchen Stände von ihm geſagt, ein Wort, das er den„ſaloppen Herren von der Gnade Gottes,“ wie er die römiſchen Prälaten nannte, nie vergab. Rechtſchaffenheit— das muß ich ihm im Grabe nachſagen— war jeder Zug und Zoll ſeines Weſens. Aber es lag in dieſer Rechtſchaffenheit immer ein kleiner Beigeſchmack, welcher Gott und Menſchen beeinträchtigen konnte. In ſeiner Unverwüſtlichkeit hatte dieſer redliche alte Herr etwas Be⸗ drückendes. Seine Bravheit, die allen Dingen den Stempel gleicher Art aufdrängen wollte, war mit dem im Widerſtreit, was er die Freiheit der ächten Kinder Gottes nannte. Er konnte nach ſeiner Art zu ſein nicht umhin, bis zu einem gewiſſen Grade den freien Willen, die Selbſtbeſtimmung des Menſchen, was die Philoſophen die Spontaneität nennen, beim Einzelnen anzuerkennen. Dafür war er Proteſtant genug. Aber bei dem Widerſtreit zwiſchen dem, was er an Andern als Freiheit einräumte, und dem, was er allgemein genommen für Nothwendigkeit erachtete, mußte Wirrwar in ſeinem Verhalten entſtehen. Juſtus Erich, der gefürſtete Reichsgraf von Hohen——„Schwarzenfels, gehörte zu den ſelbſtherriſchen Naturen, die das Beſte wollen, aber jeden Augenblick nicht übel Luſt haben, der Welt dies Beſte mit Gewalt aufzuzwingen. Was er als evan⸗ geliſcher Chriſt dem Katholicismus gegenüber empfand, dehnte er für ſich bis zur Freiheit der geſunden Vernunft aus. Allein er war Tyrann genug, dieſe Freiheit der geſunden Vernunft aller Creatur grauſam aufzunöthigen. Er gehörte zu den kleinen deutſchen Duodezſouveränen, die gern in jeden Bauerntopf ihre Naſe ſtecken, um zu wiſſen, was darin brodelt. Alles an ſeinem Hofe, in ſeinen Landen, mußte nach der Schnur gehen, die er zog, weil ſie ihm vor Gott und Ver⸗ nunft die einzig richtige und geradlinige ſchien. Biegen, ja! wo nicht, brechen! Und doch konnte er— er hätte denn müſſen ein Ueberall und Nirgends ſein— nicht überall die Augen und Hände haben. Selbſt mich, auf deſſen junges Leben er doch eigentlich ganz und gar Beſchlag gelegt, konnte er nicht Tag und Nacht in der Hand „ — behalten, um mir Erdenkloß ſeinen Athem einzuhauchen! Ein Abfall von ihm, von ſeinem Wollen und Beſtreben, wäre zu einem ſolchen in mir das Gelüſte erwacht, würde leicht geweſen ſein. Aber er kam mir nicht in den Sinn; ſo viel unausgeſetzte folgerechte Willenskraft hat eine junge Seele nicht, um ſich einem ſo überwältigenden Einfluß, drängt er ſich regelrecht auf, zu entwinden. Im Gegentheil, mit den Per⸗ ſonen verglichen, die direkt an meiner Erziehung kneteten, flößte der Reichsgraf allein mir Reſpekt ein, weil, ſelbſt wo er hart und pedan⸗ tiſch war, ſein großmüthiger Sinn doch etwas Unwiderſtehliches hatte. Man konnte ihm gram ſein und durfte ihn doch nicht ſchelten. Vor dieſer Willenskraft auf rechtſchaffener Baſis mußte man ſich ſchließlich beugen. Ich verlor auch von Jahr zu Jahr mehr von dem Groll, den ich gegen den Vater meiner Mutter urſprünglich empfand. Es war etwas von militäriſchem Reſpekt, den ich vor ihm hegte, aber je älter ich ward, je mehr mein Bischen Verſtand zunahm, deſto höher ſtieg in der That meine Hochachtung vor ihm. Seit einiger Zeit war in ſeinen Theorien eine neue Methode, in ſeiner Lebenspraxis eine neue Maxime aufgetaucht. Es hing das mit einer leidenſchaftlichen Mode zuſammen, die über das Zeitalter kam. Großvater Erlaucht machte die Moden nicht blind mit, aber er ſtudirte ſie; er ging inſofern als er von Allem das Beſte annahm, gern mit der Zeit. Nach der Beendigung des ſiebenjährigen Krieges hatte ſich bei dem Wohlgefühl und der Beruhigung, die über die Gemüther gekommen war, eine neue Schwärmerei der deutſchen Gemüther bemächtigt. Der Reichsgraf war ein Feind aller Schwärmerei, allein es reizte ihn, die Methode in jedem Unſinn kennen zu lernen; ein Quentchen Weisheit in einem Centner Thorheit ſchien ihm immer der Mühe werth. Die neue Schwärmerei war das Geſichterſtudiren, der Hang, den ganzen Charakter des Menſchen aus den Linien des Antlitzes zu deuten. Es hing das mit der Neigung des Jahrhunderts zuſammen, das Geheimnißvolle, das der Erſchei⸗ nungswelt Entzogene, das Ferne, Verſteckte und Jenſeitige zu ſuchen. Der Unſterblichkeitsdrang iſt meiſt ein Aberwitz, ſich das Himmelreich jenſeits des Lebens zu conſtruiren, eine Angſt, das arme, eitle, kleine Ich dereinſt trocken unterzubringen. Dieſe Sorge entſteht in Epochen, die in ihrer gegenwärtigen Erbärmlichkeit bange werden, weil ſie die Furcht befällt, mit der ganzen Summe des Erdenlebens in die Brüche —— — M full chen kam hat ngt Bzer⸗ der an⸗ tte. Vor lich oll, je her vat ine hen icht ern ich ine en⸗ die he zu gehen und von Gott verworfen zu werden. So wollte man auch wiſſen, ob einer in der Structur ſeiner Geſichtszüge ſchon die Garantie zu einer Ausſicht auf Unſterblichkeit trüge. Man ging auf Menſchen⸗ kenntniß und wollte hinter der Erſcheinung auf das Weſen kommen. Man wollte Jedem die Candidatur für den Himmel an der Naſe abſehen. Der Reichsgraf theilte nicht, was krankhaft und was lächerlich daran war. Es reizte ihn aber, zu erfahren, wie weit der äußere Menſch den inneren ganz zum Abgepräge und zur Schau trage. Er hatte früher die Liebhaberei gehabt, ſich Narren und Wahnſinnige, verunglückte Genies und Geiſteskranke aller Art zu halten, um an ihrer Cur und Behandlung zu erfahren, wie es eigentlich um die Geſundheit des Geiſtes beſtellt ſei. Noch früher hatte er, wie die Rede ging, mit einem Alchymiſten den Stein der Weiſen geſucht, wenigſtens in Schmelztiegeln allerlei zuſammengekocht, um die Goldmacherei zu probiren. Von der neuen Lehre der Geſichtsſpäherei ſchien faſt ſchon einige Ueberzeugung in ihm gewurzelt zu haben. Es ließ ſich das aus manchem in ſeinem Verhalten ſchließen. Er ward ſeit länger oder kürzer immer peinlicher in der Wahl der Diener, der Beamten, ja Aller, die mit ihm in Verkehr treten ſollten. Er ging lange um ſie herum, prüfte — nicht Nieren und Eingeweide, wie es in der Schrift bei unſerem Herrgott heißt— wohl aber die Naſenwurzel und die geſammten Linien der Geſichter. Die hartnäckige Gründlichkeit, die ſich ſelbſt hierbei ſeiner bemächtigte, ſtieg bis zur Selbſtquälerei.„Sein Geſicht gefällt mir nicht!“ Dies Wort war ja wie ein Schreckſchuß in meine unſchuldsvolle Kindheit gefahren. Es war alſo nicht fahrlos hinge⸗ worfen, es ſtand, das erfuhr ich bald, in einem ſyſtematiſchen Zu⸗ ſammenhange. Er, der jederzeit ſo bewußt, ſeiner ſelbſt gewiß und nüchtern erſchien, ließ ſich jetzt von dem Triebe beherrſchen, an der Naſe eines Menſchen ihm das Horoſkop zu ſtellen, daß er von Anfang an zum Narren oder zum Weiſen prädeſtinirt, in alle Ewigkeit ein Engel oder Teufel ſei. In dieſer Jagd nach Menſchenkennerei nahm man die äußeren Züge für die ganze und ausſchließliche Bethätigung des innern Menſchen. Das Geſicht galt nicht für das Titelblatt zum Buche, ſondern für die ganze Inhaltsanzeige. Ich zitterte vor dem Gedanken, Gegenſtand dieſer neuen Wiſſenſchaft zu werden, und ward auch bald genug auf die Folterbank dieſer neuen Wiſſenſchaft geſpannt.— 6 76 Nach Beendigung der Trauerfeierlichkeiten, die am Hofe zu Belle Promeſſe dem Begräbniß meiner Mutter folgten, blieb ich vor der Hand eine ganze Weile dem Großvater Erlaucht entzogen. Er un⸗ terſuchte Alles ſelbſt im Lande, hielt unabläſſig in Perſon Viſitationen und hatte ſeine Reſidenz bald hier bald dort. Eine ſeiner häufigen Inſpektionsreiſen entfernte ihn auf längere Zeit von unſerem Wohnorte, wo er meiſt nur den Winter zubrachte. Ich war umſomehr auf die nächſte Umgebung, auf den Magiſter Gouverneur und auf Ninon die Oberſthofmeiſterin verwieſen. Ninon war der bloße Spottname der alten Geſellſchaftsdame, die über das weibliche Perſonal des Hofes die Oberaufſicht führte; ſie hatte nichts weniger als ſo viel und ſo oft wie Ninon de l'Enclos geliebt; ſie war in ihrer Jugend überſehen worden und dankte in ihrem Alter dem Syſtem einer raffinirten Toilette, daß ihre mangelhafte Schönheit gedeckt und ergänzt wurde. Mehr lang als groß, mehr hager noch als ſchlank, hatte ſie von Natur das Weſen der höhern alten Jungfer, die was Leben und Liebe verſagt haben, mit Anſtand und ſtrenger Würde als ein frei⸗ williges Opfer zu tragen weiß. Ninon repräſentirte zu Belle Promeſſe bei Ermangelung einer eigentlichen Dame des Hauſes; ſie machte bei Beſuchen die Honneurs, ſie nahm am Hofe proviſoriſch und ſtellver⸗ tretend den erſten weiblichen Rang ein. Den Dienſt, der bei uns doch niemals„zur rechten Entfaltung und Glorie“ kam, verſah ſie mit einer Strenge, die ſie weit und breit berühmt machte. Junge Damen und Zofen konnten bei ihr in die Schule gehen, um den Hof⸗ dienſt zu lernen, und in der That ſie liebte es von ſelbſt, eine junge Pflanzſchule um ſich zu haben, junge Geſchöpfe, denen ſie das Syſtem des„Daſeins bei Hofe“ theoretiſch und praktiſch in Scene ſetzte. Großvater Erlaucht gab nicht viel auf Form und Ceremoniell, allein er war den Gäſten und den Rivalen in der Nachbarſchaft etwas ſchuldig, und die Nothwendigkeit einer ſtandesgemäßen Hofhaltung einmal eingeräumt, war er nicht mehr Herr der Ausdehnung des Arangements; wie die Fürſten oft weit mehr in den Händen ihrer Hofleute ſind, als dieſe in den Hän⸗ den jener. Man ſprach allgemein, ſo wenig davon auf die Perſon des regierenden Herrn kam, vom guten Ton am Hofe zu Belle Promeſſe, und dieſen unſeren Ruf ſchuldeten wir weſentlich der guten Ninon, die eine Meiſterin in der Etiquette, eine Künſtlerin im Ceremoniell „ wur. Sthl Nunz Bei 6hey hiſe lſus dorſ Pud geher eny Dn 3 Bul Und Por 6n Un Rei ar ſun ton lich Wa bet Rb wa hn hu ter 3 w o hö zu 77 war Jeder Kenner der neueſten Mode, jeder Schätzer des feinen Styls im Erſcheinen und Auftreten mußte fühlen, daß hier, freilich ganz en miniature ein Abbild des Verſailler Cirkels erſtrebt wurde. Bei alle dem war Ninon ſteif deutſch, ſo franzöſiſch ſie ſcheinen wollte. Eben die gewiſſenhafte Pünktlichkeit in den kleinen prätentiöſen Fa⸗ daiſen bezeugte ihre Deutſchheit. Sie ahmte ſtlaviſch nach, was im Uſus des franzöſiſchen Umgangs wie eine Laune des Augenblicks her⸗ vorſprang, eben ſo oft verſchwand und wechſelte und immer nur als Produkt des Witzes Geltung hatte. Bei Ninon blieb jede vorüber⸗ gehende Nüance feſt auf dem Repertoire. Allabends war bei Ninon Empfang zum Thee. Es war für mich und zugleich für die jungen Damen und Zofen gleichſam die Turnſtunde des höheren Anſtands. Ich wurde Anfangs nicht ſchlecht gehudelt, geneckt und aufgezogen. Bald genug aber faßte ich Fuß auf dieſem glatten Parquet; Scham und Ehrgefühl gaben mir plötzlich einen Schwung, und ich leiſtete im Bereich der ridiculen Koſtbarkeiten des feinen Umgangs in kurzer Zeit Erſtaunliches; ich gewann den Cercle bei Ninon lieb, da mir dort noch um vieles mehr Freiheit und ſelbſtändige Bewegung als an der Seite meines Magiſters eingeräumt war. Mein Gouverneur— Peterhagen war ſein Name— war ein Tübinger Magiſter, einer von den zwei⸗ hundert ſchwäbiſchen Theologen, welche die Offenbarung Johannis commentirt haben und als den ſichtbarſten Beweis der wirklichen gött⸗ lichen Inſpiration dieſes Buches angaben, daß man Alles darin finde, was man mit aufrichtigem Herzen ſuche. Magiſter Peterhagen hatte bereits früher zwei junge proteſtantiſche Reichsgrafen in der Pfalz gebildet, war ſomit als Erzieher beglaubigt und hatte ſich, denn er war nicht mehr jung, obwohl er älter ſchien, als er war, durch den langen Verkehr in ſolchen Verhältniſſen ſehr wohl in die Gene einer halb untergeordneten, halb höchſt wichtigen und einflußreichen Zwit⸗ terſtellung gefunden. Ohne ſeiner moraliſchen Einwirkung auf die Zöglinge und ſeiner geiſtlichen Oberhoheit überhaupt Abbruch zu thun, wußte er den Widerſtreit, der in ſeiner Stellung auf einem Parquet⸗ boden bei Hofe lag, geſchickt und bequem auszugleichen. Er beobachtete höchſt pünktlich das Formelle, um das Recht zu behalten, ſich nichts zu vergeben, und nach ſeiner Ueberzeugung Unterricht und Erziehung zu leiten. Die Etiquette, die nach ſeiner Meinung einem zweifelsohne „ „ gräflich geborenen jungen Menſchen angemeſſen war, befolgte er mit pedan⸗ tiſcher Genauigkeit, ſchulte danach die Dienerſchaft, regelte danach das Verhalten aller Perſonen um mich her, und indem er ſo einen feſten Orga⸗ nismus des Anſtandes einführte und feſthielt, hatte er mich ſelber gegen Willkür und Uebermuth mit einem Gewebe von Verknüpfungen, mit einem geſchloſſenen Syſteme umgeben, das mich verfaſſungsmäßig und geſetzlich band. Nur offenbare Roheit meinerſeits hätte die Kette der Dehors, die er wie ſchwere Guirlanden um mich zog, ſprengen können. Hiermit hatte er ſich gegen ſtandesmäßige Anſprüche, falls ſie erhoben wurden, ab⸗ gefunden. Seinerſeits forderte er dann eben ſo beſtimmt und feſt, und hielt auf ſeinen Forderungen mit einer Hartnäckigkeit, die nur eine ächt ſchwäbiſche ſein konnte. Im Grunde war es Styl und Sitte, mehr als zwei Hände an einer jungen Seele herumarbeiten zu laſſen. Man pflegte für den Sproß eines höheren Hauſes wenigſtens zwei Erzieher zu halten. Dem einen vertraute man die moraliſche Aufſicht über die junge Pflanze an und nahm dazu einen etwas geſetzten Pfleger. Dieſer hieß der eigentliche Hofmeiſter, der auf die ganze Perſon des Pfleglings angewieſen war. Außerdem bedurfte es noch eines Inſtructeurs, der Einem„Genie beizubringen“ beauftragt wurde, den jungen deutſchen Leuten in der aisauce des Ausdrucks den letzten Stempel aufzudrücken, in den Tugenden des Cavaliers den feinen Schliff zu geben hatte. Hierzu nahm man lebhafte jüngere Männer von Tournure und Geſellſchaftsbildung; man holte ſie ſich aus Paris oder aus der franzöſiſchen Schweiz. Namentlich war für proteſtantiſche Häuſer Genf die Waffenkammer ſolcher Rüſtwerkzeuge zu einer ſtandesmäßigen Erziehung. Eines franzöſiſchen Bon und Beau war ich noch gewärtig. Zum franzöſiſchen Parliren hatte ich vorläufig einen Friſeur und Kammerdiener. Bei Tafel, wenn der Reichsgraf nicht zugegen war, wurde nur Franzöſiſch geſprochen, und in den Aſſembleen bei Ninon, bei'm Thee an ihrem Heerde blühete ja das feinſte Bouquet franzöſiſcher Converſation. Der Cirkel der Oberſthofmeiſterin konnte vorläufig einen Erſatz für den noch fehlenden Beau abgeben. Deutſche Lectüre war mir unter Anleitung meines Magiſters allerdings nicht entzogen, allein derſelbe kannte und duldete nur einen einzigen deutſchen, der antiken Welt würdigen, mithin claſſiſchen Poeten. Er unterwarf, wie die Erzieher ſo häufig pflegen, — 9— meine Bedürfniſſe ſeiner Liebhaberei. Jedenfalls wäre Gellert, der liebwerthe Fabeldichter und Moraliſt, derjenige geweſen, der meiner Jugend die angemeſſenſten Gaben lieferte. Allein dem ſtolzen, hart⸗ köpfigen Schwaben galt der ſächſiſche Gellert für einen weichlichen Rühr⸗ und Kinderpoeten, und ich ſchämte mich bald meiner Gellert'ſchen Gedichte, die ich draußen im einſamen Jagdhauſe bei der Frau Baucis gelernt. Ninon und der ganze Schwarm bei Hofe kannte und las nur franzöſiſche Autoren; der Magiſter verwarf alles franzöſiſche Weſen und ließ neben den Griechen und Lateinern nur Klopſtock gelten; Klopſtock war ſein Ideal und der Inbegriff ſeiner höchſten Empfin⸗ dungen. Mit dem Geſchmack des Großvaters Erlaucht war es viel⸗ leicht etwas wild beſchaffen; doch ſteckte in ſeinem Widerwillen noch am meiſten Raiſon. Von den Franzoſen liebte er weder Voltaire noch Rouſſeau. Jenen nannte er den boshaften Affen des preußiſchen Friedrich, des großen Königs, den er in Geſchmackſachen den Affen ſeines eigenen Affen ſchalt. In Rouſſeau haßte er den elaſtiſchen, wandelbaren Menſchen, wegen ſeines leichten Wechſels in Sachen des confeſſionellen Glaubens. Auf Klopſtock war er ſchlecht zu ſprechen. „Der Poet kollert ja ſein Deutſch her wie ein Truthahn!“ hatte er einmal bei Tiſche geſagt, und Peterhagen hatte ſtumm und blaß den Löffel in die Suppe fallen laſſen. Sollte es einmal was Nationales ſein, ſo las der Reichsgraf ein Gedicht von Hagedorn, das die Reize des geſelligen Umgangs ſchildert, oder ein Lied von Gleim, das die Freundſchaft beſingt, Oreſt und Pylades feiert und„grad' ſo deutſch iſt, wie man's eben ſein kann“, wenigſtens damals ſein konnte. Erſt Graf Stadion, der von Zeit zu Zeit bei uns einſprach, gab der Lectüre in Belle Promeſſe eine neue Richtung. Ich für meinen Theil las mit meinem Magiſter die Lateiner, die Griechen und Klopſtock, das heißt, ich lernte Dieſen, wie Jene, ſcandiren und radbrechen. Ich beſitze noch einen Band der Bremer Beiträge, in welchem die erſten Geſänge des Meſſias erſchienen waren, mit Papier durchſchoſſen und mit Annotationen zum Text, theils von der Hand des werthen Magiſters, theils von mir ſelber. Die Oden des großen ſeraphiſchen Poeten mußte ich in Aufſätzen commentiren. Für Peterhagen war es ein Hochgenuß, ſchwierige Stellen zu eläutern. Er hatte in ſeinem Weſen ſelbſt etwas vom Klopſtock'ſchen Styl, er war der beſte Scholiaſt zum — 80— Sänger der Meſſiade. Für mich war es ziemlich gleichgültig, ob ich Horaz und Virgil, oder Klopſtock behandelte; ich lernte an Dieſem ſo ungern, wie an Jenem, die antiken Maße. Höchſtens brachte ich es zum Beſitz ſtolzer Vocabeln, wenn er mir das„Zuweinen der Sera⸗ phim“, das„Umgaukeln der Engel“ definirte. Wo Klopſtock von der Sonne ſprach, da mußte ich den„Wecker mit dem röthlichen Fuße“ bewundern; wo ein Schuß fällt, da ſagt er:„Des frommen Mönchs Erfindung ſchallt,“ und da gab es rechter oder linker Hand auf dem weißen Blatte eine genaue Erörterung über Berthold Schwarz und das Schießpulver, dieſe Miſchung von Salpeter, Schwefel und Kohle. Lehrreich war dies freilich, aber zum Inhalt, geſchweige zum Geiſt der Dichtung gelangte ich auf dieſe Weiſe minder. Eben ſo wird ja auch Geiſt und Gehalt der antiken Dichter durch grammatikaliſches Wortgeklaube und durch Scholiaſtenkram für die Jugend abgetödtet. Einer Partikel zu Liebe, um ihre häufige oder ſeltene Vorkommenheit beſtätigt zu finden, jagten wir ganze Geſänge des Homer athemlos durch oder blieben an Stellen kleben, wo der Scholiaſt mit ſeinen Serupeln den Text überwucherte. Wohl iſt Homer eine ächte Bibel für den Jüngling, wohl können die römiſchen Geſchichtsſchreiber Männer erziehen, aber in der Weiſe, wie man ſie unſerer Jugend vorführt, geht uns der Segen der alten Dichtungen verloren, wird das Mark der alten Claſſiker nicht unſer eigen. Mit weit mehr Behagen ergab ich mich techniſchen Uebungen. Ich mußte viel zeichnen, mit Feder und Tuſche beſonders, wie es damals üblich war, Architectoniſches zumal, die Geſimſe und Capitale ſämmtlicher angker Säulenordnungen, auch Blumengewinde und Arabeskenſchnörkel, Abbilder der Verzie⸗ rungen, wie man ſie damals an Zimmerwänden und Decken in Stucca— tur liebte. Die Säulenordnungen gab mir der Zeichenmeiſter auf Geheiß des Magiſters, der auch über dieſe Studien die Oberaufſicht führte. An den claſſiſchen Säulen lernte ich weit klarer und ein⸗ greifender, als durch ethnographiſche Schilderungen, die Charaktere der griechiſchen und der römiſchen Volksthümlichkeit erkennen. Man führte mir die fünf Ordnungen in einer Reihenfolge auf, wie ſie ſich recht eigentlich, wenn auch nicht im geſchichtlichen, doch im äſtheti⸗ ſchen Zuſammenhange begreifen laſſen. Für die noch ungeübte Fähig⸗ keit, aus der rohen Maſſe zur Schönheit zu erwachſen, iſt die toscaniſche nehs dem und hle. heiſt en, an 81 Säule ein getreues Bild. Sie weiſ't mit der ſimpeln Schwere ihrer Structur das hetruriſche Element altitaliſcher Volksnatur in ihrer Verwandtſchaft mit dem Althelleniſchen nach. Mit einer kleinen Zu⸗ that am Gebälk, den ſogenannten Zähnen, iſt ſie die doriſche Säule, das ſpartaniſche Element in der Griechennatur. In vollendeter Form griechiſcher Schönheit, edel und fein, ſchlank und innig, keuſch und doch in der Blüthe der entfeſſelten Lebensluſt, ſteht die joniſche Säule da. Warum ſie nicht attiſch hieß, wollte mir freilich nicht recht ein— leuchten; ſie erſchien mir recht eigentlich conform mit der Sophokleiſchen Tragödie, dieſer idealſten und ſchönſten, immer noch keuſchen und graziöſen Entfaltung helleniſcher Empfindung. Für verweichlicht und überreizt kann gegen Sophokles Euripides gelten. Und wenn die korinthiſche Säule ſeiner ſchwelgeriſchen Ueppigkeit entſprechend er⸗ ſcheint, ſo hat ſie doch nichts vom Krankhaften dieſes tragiſchen Poeten, der den Verfall der Kunſt eröffnete.— Nach der Ordnung, in welcher man die Säulen dem Knaben überlieferte, ſtand jedoch zwiſchen der joniſchen und korinthiſchen die römiſche, welche mit ihren großen Schnecken im Kapital nachweiſ't, wie die welterobernden Imperatoren mit allem Pompe der Herrſcherluſt ſich des griechiſchen Kunſtlebens bemächtigten, auf den Trümmern Korinth's über alle Schönheit durch die Macht triumphirten. An dieſen Linien übte ſich der Sinn des Knaben die verſchiedenen Charaktere der Schönheit aufzufaſſen. Das Auge iſt das beſte In⸗ ſtrument, die Welt in ihrer Symmetrie ſich zu eigen zu machen. Hier Maß und Ziel, Mittel und Zweck in ihrem Zuſammenhange zu kennen, hilft auch in der moraliſchen Welt die Geſetze verſtehen. Und ſelbſt Diejenigen, die uns Himmel und Hölle entriegeln, die Philoſophen und die Theologen, die uns die Tiefen der Dinge erſchließen, werden gut thun, mit Platon immer wieder auf den Punct zurückzukommen, wo die Wahrheit zugleich Schönheit iſt, gut, wahr und ſchön identiſch ſind. Dieſe meine Kunſtſtudien ſollten freilich bald genug eine ganz andere Wendung nehmen, zu der ich als Sohn meines Zeitalters und als Kind jener Tage gedrängt wurde. Ich verfiel auf die Zeich⸗ nung von Caricaturen, als auf ein Bedürfniß in meiner damaligen Welt und Ungebung. Und in meiner Kenntnißnahme deutſcher Dich⸗ tung und Lebensweisheit ſollte ich durch das perſönliche Erſcheinen D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 6 — eines Mannes gefördert werden, der in den deutſchen Culturverhält⸗ niſſen von damals allerdings epochemachend war. Graf Stadion, unſer entfernterer Nachbar auf der ſchwäbiſchen Enclave unſeres Länder⸗ beſitzes, ein Mäcen dichteriſcher Geiſter, wie es in jener Zeit noch wenige gab, hatte ſchon öfters in Belle Promeſſe ſeinen Beſuch ge⸗ macht, ohne daß ich je ſeiner anſichtig geworden. Auch war es nicht er ſelbſt, den ich als epochemachend bezeichne, ſondern ein auserleſener Gaſt, den er mitbrachte, eine Perle der deutſchen Menſchheit, wie er ſich ausdrückte. Dergleichen hatte er dem Großvater Erlaucht ſchon mehrmals zugeführt, wie denn ſein Warthauſen bei Biberach, eines ſeiner Güter, wohin er ſich nach ſeinem Austritt aus dem kurmainzi⸗ ſchen Dienſte zurückgezogen hatte, in der That ein Sammelplatz fran⸗ zöſiſcher und vaterländiſcher Schöngeiſter war. Herr von Laroche und ſeine Gattin Sophie, die berühmte Verfaſſerin des„Fräulein von Sternheim“, gehörten zu den Perlen der Menſchheit, zu den Blumen, die Graf Stadion in ſeinen Lebenskranz flocht. Laroche wurde Herr Rath titulirt; er war Verwalter der geſammten Güter der Familie Stadion. Herr von Laroche mit dem Fräulein von Stern⸗ heim, wie er, die Verfaſſerin mit ihrer Heldin verwechſelnd, ſeine Gattin nannte, konnten es diesmal nicht wieder ſein, die der Graf dem Großvater Erlaucht als einen beſondern Schatz aufzuweiſen ge⸗ dachte, als er von Neuem zu Belle Promeſſe ſeinen Beſuch ankündigte. „In Warthauſen ſteckt ja eine ganze lebendige Menagerie merkwürdiger Genies!“ hatte der Reichsgraf ſcherzhaft geäußert. Er ſetzte dieſe Lieb⸗ haberei faſt parallel mit ſeiner eigenen früheren Marotte, aus allen Ecken und Enden geiſteskranke Subjecte zuſammen zu ſchleppen und ſie in einem Narrenhauſe unterzubringen, um an Heilverſuchen aller Art die Natur des Menſchen zu ſtudiren. Deutſche Talente um ſich zu ſehen und zu beherbergen, gehörte damals noch zu den Liebhabereien eines Sonderlings. Man war in Belle Promeſſe nun begierig zu erfahren, welche Rarität Graf Stadion zum Beſten geben werde. Früh Morgens waren Equipagen vorgefahren, eine Anzahl Gäſte im Schloſſe abgeſtiegen. Wenn Fremdentafel war, fand der Magiſter für ſich und mich leicht eine paſſende Entſchuldigung für unſer Richt⸗ erſcheinen. Abends im Cirkel bei Fräulein Ninon erlebten wir dann bei Thee und Zuckerbrod den abgedämpften Nachklang der ſolennen 3 Fel nech Hutz s it noch geſo von Din Una Zin Fn Er nte lon ich ei den dl ſu ſo hült⸗ dion, ndet⸗ noch ge⸗ nicht ſener ie er ſchon eines inzi⸗ fran⸗ oche Ulein den roche üter tern⸗ ſeine Graf digte⸗ diger Lieb⸗ allen und aller nſich reien k Giſe Richt⸗ dann ennen 83 Feſtlichkeit. Es turbirte das weniger, wie er ſagte, ſeine Educations⸗ methode, zu welcher Stille und Sammlung nöthig ſei. Wenn Ninon Hutzelbrod, ein ſchwäbiſches Backwerk mit gedörrten Birnen und Feigen, als Lockmittel ankündigte, dann freilich konnte der ſchwäbiſche Magiſter mit ſeinem ſchwäbiſchen Magen nicht widerſtehen. Es war bereits gegen Mittag. Der Magiſter und ich, wir ſaßen noch im Unterrichtszimmer, er auf dem Sopha, ich auf dem rohr— geflochtenen, rücken- und armloſen Seſſel, Beide gleich abgeſpannt, er vom Dociren, ich von der Anſtrengung, den hohen, ſtolzen und ſteifen Dingen, die er vorgetragen, ein williges Ohr zu leihen. Es klopfte. Unangemeldet, aber leiſe trat auf den Zehen eine lächelnde Figur in's Zimmer. Der Fremde war ſehr modiſch gekleidet. Ein apfelgrüner Frack mit pfirſichblüthenen Beinkleidern verrieth einen feinen Beau. Er bewegte ſich freilich etwas ſteif auf ſpitzen, klappernden Abſätzen unter Schnabelſchuhen, auf denen dunkelrothe Bandſchleifen in Form von Roſen prangten. Eine reiche Allonge zierte ein rundes, behag⸗ lich ſchmunzelndes Geſicht, deſſen Stirn wie ein vorwitziger Giebel etwas keck und doch nachläſſig nach vorn hing, ſo daß der Kopf zwiſchen den Schultern ſtecken blieb; das Lächeln der Lippen, das Herumſuchen der lebhaften Augen ließ einen Schalk im Hinterhalt vermuthen. So ſteht die Erſcheinung, iſt mein Gedächtniß treu, noch vor mir, und ſo ſtand ein deutſches Genie von damals comme il faut vor uns, ein Genie, das die Großen bereits ihres Umganges gewürdigt und der niedern Sphäre ſeiner Geburt entzogen. Der kleine, glitzernde Ga⸗ lanteriedegen, den der Eintretende trug, hatte ſich in der Thüre etwas geſperrt; der ſonſt feine Herr gab ſich etwas ungeſchickt Mühe, ihn zurechtzurücken, und ließ uns damit Zeit, ſeine Geſtalt und ſeinen Aufzug zu betrachten. Nun ſtand er fertig und ohne Einbuße an irgend einer ſeiner Herrlichkeiten duftend und trippelnd im Zimmer. Der Magiſter war ihm entgegengetreten, ſie ſtanden beide mit vorgeſtreckten Köpfen forſchend, fragend, ohne zu reden, vor einan— der ſtill. 6 44 „Jtremias!“ ſagte endlich der Fremde,„oder ſollt' ich mich ien? N'est-ee pas que j'ai honneur— nein, er iſt's, der Petehaen“ „So iſt mein Name,“ entgegnete der Magiſter,„mit wem hab' ich meinerſeits die Ehre?“ 6* 84 „Bis dato Kanzleidirector von Biberach,“ war die Antwort, „nunmehro deſignirter Profeſſor primarius auf der Hochſchule zu Erfurt.“ „Gott's Wunder, Chriſchtoph Martin! biſcht's wirklich?“ rief der Magiſter und fing mit Eins beim Erwachen einer Jugenderinnerung zu ſchwäbeln an. Zwei alte Univerſitätsfreunde lagen einander in den Armen. „Blitz Blueſcht!“ rief der Magiſter,„s iſcht lang' her, daß wir im Tübinger Stift Theologica mitſammen tractiret!“ „Und beim alten Bodmer in Zürich die hohe Pſalterpoeſie ge⸗ ritten!“ ſetzte der Gaſt hinzu,„lang' her und hätten uns ſchier nicht wiedergekannt?“ „Und finden uns auch noch nicht wieder in einander!“ fuhr Peterhagen fort,„ei, ei, was biſchte verändert, Chriſchtoph Martin! War'ſt ein bleicher Kopfhänger, hielt'ſt Jedermänniglich für ein Kind der Verderbniß und ſchlich'ſt herum, als müßteſt aller Welt den Wurm curiren. Und nun ſo ein Zuberklaus! Und ein Beau nach der Mode a quatre épingles, ein wahrer Adonis! Gott im Himmel! ich drück' dir die Vergetten ſchief und du deinerſeits erſtickſt mich mit Tauſend⸗ blumenwaſſer!—— Ei, ei,“ ſuhr er nach einer Weile faſt mit ſchmerzlichem Ernſt fort,„ei, ei, Chriſchtoph Martin,'s iſcht auch manch' arg Ding derweile vorgefallen, das dich freilich auf den Gipfel des Parnaſſes gehoben hat. Aber, aber, Chriſchtoph Martin, was biſchte gräulich von dene alten Göttern abgefallen, haſt Leib und Seel' verthan und den heidniſchen Grazien geopfert, daß Gott erbarm!“ „Noch immer der alte Zelote!“ rief der Freund und warf ſich lachend in den Lehnſtuhl. Der Magiſter ſetzte ſich ihm gegenüber, 3 nahm ſeine Hand, ſo ſorgfältig, als wollt' er ihm als Seelenarzt 3 nach dem Pulſe fühlen, und ſchaute ihm tiefbewegt in's Angeſicht. Ein Schalk lachte aus den Augen des Mannes, ein Dämon ſpottete n in den Winkeln ſeines Mundes; aber die Freundſeligkeit eines geſunden, ihm ankündigen, als Ironie über ſeine Lippen ſpringen ſchien alsbald der Sieger, der den finſteren Unwillen des Sie die dahe ſigt hite nun ſch das ſoc ſu ntwort, ule zu ief der nerung in den aß wir nicht fihr artin! Kind Vurm Mode drück ſend⸗ mit auch hipfel was unk Gott i über, norzt ttete den⸗ als ngen des chte — 55 Sie tauſchten alte Erinnerungen aus, die Unterhaltung drehte ſich um die frühere Gemeinſchaft ihrer Studien, um Genoſſen und Verwandte daheim und in der Ferne. Peterhagen war aber, wie der Schwabe ſagt,„ſchnorzig“ genug, immer wieder tendenziös zu werden, von der heiteren Lebenserſcheinung abzulenken und über die perſönliche Begeg⸗ nung hinweg auf Richtungen des Zeitgeiſtes zu bohren, die er Abwege ſchalt. Alsbald ſaßen ſie wieder feſt im Dorngehege des Streites, in das der unwirſche Magiſter noch Fußangeln warf. Wir hatten allerdings den entſchiedenſten Gegenfüßler der Klop⸗ ſtock'ſchen Richtung vor uns. Unſer Gaſt war Niemand anders, als der Verfaſſer des Agathon, der ſeit Kurzem damals mit dieſem ſeinem Buche manche deutſche Geſellſchaftskreiſe lebhaft in Bewegung ſetzte. Er hatte vor etwa neunzehn Jahren mit Peterhagen in Tübingen ſtudirt und ſich wie dieſer und die ganze akademiſche Jugend auf den proteſtantiſchen Schulen zu Klopſtock bekannt. In ſeinem erſten lite⸗ rariſchen Erzeugniß, in den„Empfindungen eines Chriſten“, waltete derſelbe Geiſt, der die hehren Strophen des Meſſiasſängers beſeelte. Sein Entwurf zu einem Epos„Arminius“ gab den Freunden dieſer Richtung die Gewähr, an ihm einen Sodalen des hohen Stelzen⸗ ganges der deutſchen Muſe zu haben. In Bodmer's Hauſe zu Zürich war Wieland ebenfalls noch ein jugendlicher Prieſter am Altare der ſeraphiſchen Dichtung. In dieſem Verkehr und im Kreiſe dieſer Sympathien trat er ſeine Hauslehrerſtelle in Bern an, bis man ihn als Kanzleidirector nach ſeiner Heimath, nach Biberach, berief. Im Verkehr mit dem Grafen Stadion eröffnete ſich hier für ihn die neue Epoche ſeines Lebens und ſeines Dichtens. Die Freunde, die ſich bei der Divergenz ihrer Lebenslinien ſo fern gerückt waren, ſtanden hände⸗ ringend vor der Kluft, die ſie min beim Wiederſehen erſt recht fühlbar trennte. „Was muß Alles mit dir vorgefallen ſein, um ſolche Verwand⸗ lung möglich zu machen!“ rief der Magiſter beinahe wehklagend. „Ich habe,“ war die beſcheidene Entgegnung des Dichters,„Welt und Menſchen erſt kennen gelernt, ſeitdem ich aus der Schulſtube der Doctrin in die Geſellſchaft getreten bin.“ „Welt und Menſchen gewonnen,“ rief Peterhagen,„und dafür Gott verloren!“ 86 „Nicht das!“ ſagte Wieland erſchrocken.„Ich habe Gott und Natur erſt begriffen, ſeitdem ich beide nicht mehr wie vom Fluch eines Dämons, der weſentlich der Böſe ſelber ſein müßte, als geſchieden erkenne, ſeitdem ich vielmehr in der Welt einen vom Schöpfer uns zum Genuß gebotenen Schauplatz ſehe, und in der Mutter Natur eine freundliche Amme der Weisheit, nicht mehr eine Milchſchweſter Aba⸗ donna's, des gefallenen Engels. Mein Sinn iſt ſeitdem friſch, mein Auge heiter, meine Geſinnung menſchenfreundlicher geworden.“ „Ach ja,“ ſeufzte der Magiſter,„man intendirt eine Philoſophie der Grazien, der leichtgeſchürzten Hetären!“ „Hetären und Grazien, mon ami,“ ſagte Wieland beleidigt, „wird man doch nicht zuſammenwerfen wollen! Leichtgeſchürzt? Nun ja, wenn die Muſen ſich dazu verſtehen, à la ponne heure! Beſſer wie ſchwer befrachtet und neben dem Frachtwagen in hölzernen Schuhen einhertrabend und bei jedem Schritt und Tritt über die Klötze, die man an ihr Fußwerk geſchnürt, ſtolpernd!“ Dieſe Anſpielung auf die Klopſtock'ſchen Maße, an die ich den Schweiß meiner Jugend ſetzen mußte, war dem Magiſter in meinem Beiſein verdrießlich. Er ſchielte zu mir herüber und konnte mich doch nicht verſchwinden machen, nicht weggehen heißen. Ich nahm ganz beiſeite Platz und blätterte mit anſcheinender Zerſtreuung in Heften, die auf dem Tiſche lagen. Der Magiſter nahm in der Verlegenheit eine Prieſe und verſchnupfte die Anſpielung. „Ja, mon ami,“ fuhr der heitere Dichter der deutſchen Grazien fort,„wie ich erkannt habe, daß das Leben ohne Liebe ſeinen Werth einbüßt, ſo bin ich auch der Meinung, Poeſie ſei reizlos ohne dieſen Trieb.“ „Ohne Liebe?“ fiel der Magiſter ein,„ohne die Liebe zu ſeinen Nebenmenſchen?“ „Nicht die allgemeine Chriſtenliebe, mein Freund,“ ſagte Wie⸗ land,„ich meine die Neigungen zwiſchen Mann und Weib, die Attractionen der Geſchlechter, die ſüßen Reize der Gegenſeitigkeit.“ „Ah ſo, Amouren!“ ſagte der Magiſter und wurde feuerroth, halb aus Zorn, halb aus Verlegenheit. „Ja, mein Freund, wir müſſen einer Gottheit Altäre bauen, die das Leben der Deutſchen eultivirt, ihre Sinne veredelt, ihre Triebe hebt und adelt!“ * 3 En ihr ver die un S wi ſic und eines ieden uns reine Aba⸗ mein ophie idigt, Nun eſſer uhen uen⸗ riebe „Altäre für Gott Amor?“ wiederholte der Magiſter mit leiſem Entſetzen. „Selbſt die Spiele Gott Amors,“ fuhr der Dichter fort,„müſſen ihre ſittliche Berechtigung erhalten, ſollen ſie nicht verderblich und verhängnißvoll für uns werden. Wir überließen den Franzoſen bisher die Cultivirung der Lebenstriebe und der Geſellſchaftsſitte. Sie gaben uns einen Firniß, und wir blieben hinter dieſem Firniß brutale Wilde. Selbſt am Hofe des großen Friedrich, dieſes Frauenverächters, haben wir nichts als lackirte Barbarei. Wer das zottige Fell abthut und ſich in den Pariſer Frack ſteckt, wird um deswillen noch nicht auf⸗ hören, ein teutoniſcher Bär zu ſein und drunter ein zweites Fell zu tragen. Mit Barditen locken wir keinen Hund von dem Ofen. Mit hehren Gottgeſängen rotten wir keinen teutoburger Wald aus, mit Dichtungen, die im Himmel heimiſch und auf der Erde wildfremd ſind, helfen wir dem Menſchen nicht auf. Der bloße Firniß von jen⸗ ſeit des Rheins thut's auch nicht, und ſich nichts als die facon de penser et de parler aneignen, heißt nicht die ſpröde deutſche Maſſe in Bewegung ſetzen. Eingehen auf die bedürftige Welt, ihre Leiden⸗ ſchaften kennen lernen, ihre Leiden und Freuden mitgenießen: das ſei der Wahlſpruch des Poeten. Um aber die Bedürfniſſe und Leiden⸗ ſchaften der Menſchen kennen zu lernen, muß man ſie theilen, mein Freund. Als Bruder den Bruder erkennen, ihm helfen, ihn nicht verdammen! Das iſt mein Wahlſpruch geworden, der Wahlſpruch des ächten Menſchen, des freien Maurers.“ Der Dichter ſtreckte die Hand aus und ſah fragend zum Magiſter auf. Dieſer verſtand weder Wink noch Zeichen; Peterhagen gehörte alſo nicht zum Bunde. „In meinem Agathon,“ fuhr Wieland fort,„habe ich zeigen wollen, wie weit es ein Sterblicher durch die Kräfte der Natur in der Weisheit und Tugend bringen könne, wie viel Antheil die Außen⸗ welt an der Bildung unſeres Weſens habe. Wir müſſen nicht blos, mon ami, vom Himmel das Licht holen; das reine Licht blendet! Die Wärme iſt ein Erzeugniß unſeres Dunſtkreiſes, ein Erzeugniß der Reibung der Kräfte unter den Menſchen. Dieſe Reibung unter den Menſchen, mon ami, gibt den elektriſchen Funken, den man Liebe ſchilt. Ich gehe damit um, in einem größeren Gedichte,—„Pſyche“ ſoll es heißen— 88— meine Anſichten von der Liebe darzulegen, den geiſtigen Reiz über den finnlichen in der Liebe ſiegen, die geiſtige Schönheit über die körper⸗ liche triumphiren zu laſſen.“ Peterhagen ſaß auf dem Kanapee, als wollt' er erſticken. Seine ſteife Bruſt hob und ſenkte ſich ſchwer, ein lang verhaltener, endlich entlaſſener Stoßſeufzer machte ſeinem gepreßten Herzen Luft.„Glorios, glorios bis zum Schwindel!“ rief er aufſpringend und mit beiden Händen nach oben greifend.„Gratulire zur Aetherſpitze des neuen Parnaſſes für Gott Amor, zu der halsbrecheriſchen Stufenleiter zum Gipfel des Ruhmes. Daß dich der Guckuck, Chriſchtoph Martin, das geht ja wie mit Sonnenpferden in die Höhe!“ „Wird ſich halten laſſen!“ lächelte Wieland mit der unnachahm⸗ lichen weisheitsvollen Grazie ſeines ſchmunzelnden Geſichts und drehte an ſeinen Vergetten, rückte an ſeinen Manſchetten und machte ſich zum Rückzuge fertig.„Hab' mir's ſauer genug werden laſſen,“ ſagte er, „es iſt allerwegen dafür geſorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachſen. Und gehört das auch zu meiner Philoſophie! Der Baum ſoll in der Erde wurzeln; auch ſeine Blüthen gehören der Lebens⸗ luft der Menſchen, ſeine Früchte für Küche und Keller und für die Tafel der Geſelligkeit. Trägt der Baum nicht, haut man ihn ab. Und dafür, mein Freund, wird ſchon geſorgt werden. Die Wächter Zions ſitzen mir auf dem Dache. Da iſt der Seher in Zürich, der in ſeinem Gott vergnügte Prophete; er ruft ja ſchon alle Chriſten auf's Knie, um für mich als einen gefallenen Sünder zu beten! Die Theologen in Erfurt, meine noch nicht einmal von mir begrüßten Collegen in spe, eifern von Katheder und Kanzel ſchon vor meinem Einzug gegen mich als einen Epikuräer und eitel Atheiſten. In Wien tritt ein Cenſor meinen Agathon mit Füßen, und ihr Klopſtockianer, — ich weiß es, ich weiß es,— Ihr wollt am nächſten Geburtstage eures Meiſters meine Schriften verbrennen. Voß, der eiſenfreſſeriſche Bauer aus Holſtein, ſchleudert Epigramme wie Katapulten gegen mich, und ein Autodafé wird über mich ergehen, recht erbaulich und recht — chriſtlich!“ Ein ſchmerzliches Lächeln, eine bitterſüße Wehmuth, ein Gemiſch von überlegener Ironie und geſchmeidiger, unterwürfiger Freundſelig⸗ keit ſtand in den Mienen des Mannes, als er mit dieſen Worten dem den per⸗ eine dlich rios, euen zum das hm⸗ ehte zum eer, mel aum 89 alten und ſo gut wie verlorenen Freunde die Hand zum Abſchiede bot. Wie die dargebotene Hand ohne Einſchlag blieb, zog der Dar⸗ bieter die Fauſt zuſammen, dergeſtalt, daß nur der Zeigefinger wie ein Signalement auf den Magiſter ſich ausſtreckte. Peterhagen in ſeiner großen vierſchrötigen Figur ſtand wie ein Dominicaner vor einem der Ketzerei Angeklagten; er wußte nur nicht, ſollte er ihn mit den aufgerollten Augen, mit den aufgeſpannten Nüſtern oder mit den Fangarmen greifen. Nach einem ſchweren Kampfe ſiegte denn doch die Gutmüthigkeit in ihm; er ſchloß beide Arme um den Hals des Unglücklichen, drückte ihn herzhaft an die Bruſt und ſprach: „Eile dahin, wo dich dein Geſtirn hinführt; Zion haſt du verlaſſen, ſieche zu, wie du in Babylon fertig wirſt. Für den Kerl in dir, Chriſchtoph Martin hab' ich Mitgefühl und Mitleidenſchaft; über den Schöngeiſt in dir richte Gott dereinſt!“ Die Art, wie der kräftige Magiſter den von Perſon kleinen Dichter aus ſeiner Umarmung entließ, glich faſt der Bewegung, mit welcher man Jemand zur Thüre hinauswirft. So raſch verſchwand der Ver— faſſer des Agathon aus dem Zimmer meines Gouverneurs; es war ihm nicht einmal vergönnt, mir die Reverenz, die ich gebührend vollzog, zu erwiedern. Dem Magiſter war die Luft im Zimmer ſchwül geworden; er riß die Fenſterflügel auf und ging puſtend und Athem ſchöpfend quer auf und ab. Vor der Thüre blieb er mehrmals ſtehen und machte, leiſe Worte wie eine Verwünſchungsformel murmelnd, drei Kreuze in die Luft als wollte er ſagen: Der ſoll mir nicht wieder über dieſe Schwelle! Es war ihm, als habe der Gottſeibeiuns ſeine Atmoſphäre geſchwängert. Und doch war es blos ein leiſer ſüßer Duft à mille Heurs, den der liebenswürdige Genius hinter ſich zurückgelaſſen. Die Begegnung mit einem Antipoden ſeiner Lebensanſchauung hatte meinen Magiſter ſo erſchöpft, daß er ſich für unfähig erklärte bei der Tafel zu erſcheinen. Peterhagen war ein Mann von faſt athle⸗ tiſchem Körperbau, er hatte, wie der Schwabe ſagt, zwei Ochſenſtärken, und doch war er, wie es gelehrten, in ihr Syſtem verſponnenen Stubenmenſchen widerfährt, zu nervenſchwach, um im Widerſtreit mit entgegengeſetzten Naturen ſeine Haltung zu behaupten. 90 Erſt gegen Abend fühlte er ſich wieder ſtark genug, in der Ge⸗ ſellſchaft zu erſcheinen; vielleicht reizte es ihn auch, die Wirkungen zu erfahren, die ſein„von Gott abgefallener Freund“ am Hofe gemacht. So betrat ich denn, als es ſchon dämmerte, an ſeiner Seite das Empfangzimmer, wo man ſich bei Ninon zum Thee zu verſammeln pflegte. Die Fremden waren jedoch bereits abgefahren; Graf Stadion hatte mit ſeinem ganzen Gefolge gleich nach aufgehobener Tafel Belle Promeſſe verlaſſen. Alles aber war noch voll von dem Beſuche; Wieland's Erſcheinen hatte epochemachend gewirkt. Der Reichsgraf vor Allen, wie immer den Ton angebend und die Zungen auf ſeinen Wink entbindend, war überraſcht von einem„deutſchen Menſchen“, der ein Genie ſei ohne zu den„Halbtollen“ zu zählen. Der Dichter hatte bei der Präſen⸗ tation den Beſcheidenen, bei der Suppe den ſchweigſam Decenten, beim erſten Braten den gründlich Unterrichteten geſpielt. Das hatte ihm Credit gegeben, und ſo war er ſtufenweis zu Worte gekommen, um beim Deſſert, als ſchon Aller Blicke auf ihm ruhten, Aller Ohre auf ihn lauſchten, erheiternde Kleinigkeiten wie Bonbons voll witziger Einfälle zum Beſten zu geben. Nach Tiſche aber, im Pavillon zur Schaale Kaffee hatte er ſich nach aufgehobener Hofrangordnung unter die Damen gemiſcht, um durch Schelmereien deren Abgott zu werden. Ninon war zum erſten Mal in ihrem nicht unbeträchtlich langen Leben von einem Deutſchen entzückt; ſie erklärte, ſeine ines reparties machten ihn zu einem Ausbund aller Grazien, zu einem Schöngeiſt, der des goldenen Zeitalters unter einem Louis XlV würdig ſei; ſo wenig „Tüdesques“ habe ſie an ihm gefunden. „Nun, was das betrifft,“ nahm der Großvater Erlaucht dies an Andere gerichtete Wort eifrig auf,„was das betrifft, meine Beſte, ſo will mir der Wieland denn doch ganz und gar als ein Deutſcher, wenn auch nicht als ein Sohn Tuiscons erſcheinen!“ Mit dieſen Worten hatte Großvater Erlaucht auf dem großen Lehnſtuhle am Kamin Platz genommen und damit das Zeichen zum gemüthlichen Plauderſtündchen gegeben, in welchem Widerſpruch und Controverſe geſtattet waren. Die wackelköpfigen Chineſen, die auf dem Simſe ſtanden, nickten lächelnd ihren Beifall hernieder, und während die Hofgeſellſchaft ſtehend und ſitzend im Halbrund den Kreis ſchloß, ſn lun un 6e en ten des nig ies ſte, hel, en um und den end loß, machten wir Menſchen von Fleiſch und Blut die Gruppe der porze⸗ lanenen Nickköpfe vollſtändig. Wenn einer von uns ſich ſchüttelnd und verneinend bewegte, ſo gab das den übrigen Cavalieren nur Gelegenheit, ſich um ſo ſtärker bejahend nach vorn zu neigen. „Und was ein goldenes Zeitalter betrifft,“ fuhr Großvater Erlaucht fort,„ſo gehörte dazu doch vor Allem erſt ein deutſcher Auguſtus. Woher ein ſolcher kommen ſoll, nachdem der preußiſche Friedrich ſeine Miſſion nur halb verſtanden, iſt freilich bei ſothanem Stand der Dinge ſchwer zu ſagen. Den jammerwerthen Beſtand des römiſch⸗deutſchen Reichs hat er in Stücke zerſchlagen, aber zum Neubau einen Stein zu legen, fällt ihm nicht ein. Den Abgeordneten des Reichskammergerichts hat er die Treppe hinunterwerfen laſſen, aber ein neues gemeines deutſches Gericht herzuſtellen, vor dem Fürſten und Völker Reſpekt hätten, will ihm nicht zu Sinne. Die deutſchen Knochen waren ihm gut genug, ſeinen dynaſtiſchen Hauskrieg gegen Kaiſer und Reich zu führen, aber die deutſchen Esprits läßt er hungern und betteln. Die Franzoſen hat er bei Roßbach zum Teufel gejagt, aber der Teufel ſelber, in Geſtalt der atheiſtiſchen windmäulichen Schlemmer aus Frankreich, ſitzt bei ihm prangend am Tiſche. Gegen Finſterniß und Römlinge hat er in wälſchen Jamben deklamirt, und um ſeinen Feinden einen Poſſen zu ſpielen, gibt er den Jeſuiten eine Freiſtatt in Breslau.„Gazetten ſollen nicht genirt ſein!“ dekre⸗ tirte er im Uebermuth ſeiner liberalen Laune, und jetzt läßt er in ſeiner Reſidenz ein Komödienſtück verbieten, das ein ſolenner Schöngeiſt mitten im Feldlager zur Feier der preußiſchen Soldatesca geſchrieben. Wie heißt er doch, der famoſe Kopf, er war Sekretär beim Tauenzien in Breslau?“ „Leſſing,“ half der Magiſter ein,„Gotthold Ephraim Leſſing.“ „Ich möchte den Wieland nicht an den Hof der glorreichen Ma⸗ jeſtät in Preußen ſchicken, er würde Hundslohn kriegen!“ Damit ſchloß der Reichsgraf ſeinen Sermon gegen den König, den die Deutſchen ſelbſt da, wo ſie Prügel von ihm bekamen, den Großen nannten.— Ueber die Quertreiberei in den Anſichten der Deutſchen pon damals wird ein Sohn des heutigen Deutſchlands nicht allzufehr Recht haben, zu ſtaunen. Sind wir doch nur um ein Geringes weiter in den Dingen deutſcher Gemeinſamkeit. Wohl aber hat mein geneigter Leſer, — dem ich dieſe Denkwürdigkeiten meiner Jugend übergebe, Fug und Recht zu ſtaunen, daß man ſich am Hofe eines regierenden Herrn in Süddeutſchland nur mit Mühe auf den Namen eines Mannes befinnen konnte, an den ſich recht eigentlich und noch weit mehr als an Wieland der geiſtige Neubau eines deutſchen Lebens knüpft. So ſehr blieben die Wirkungen der geiſtigen Thaten damals noch innerhalb der Kreiſe befangen, von denen ſie ausgingen. Und ſo ſehr ſchien es erſt nöthig, daß jeder Gau, ja faſt jeder ſtille Winkel erſt ſein Contingent zu ſtellen hatte, bevor er ſich an einer nationalen Gemeinſamkeit, die ſich vor der Hand literariſch geltend machte, betheiligt fühlte. Leſſing's Wirkungen waren nicht viel über Niederdeutſchland hinausgegangen. Schwaben mußte erſt ſeinen Wieland liefern, um den Prozeß allge⸗ meiner deutſcher Gährung mit durchzuleben. Daß Preußen aber immer nur halb ſeine Miſſion begriffen und vollführt, das dürfte wohl bis in unſere Tage hinein, ein ziemlich wahres Wort geblieben ſein. Daß der Reichsgraf trotz ſeinem proteſtantiſchen Fanatismus doch nicht der preußiſchen Fahne huldigen konnte, weil er, auch wo er als denkender Menſch Partei genommen, als Patriot ſich verletzt fühlen mußte, war ein beklagenswerthes Ereigniß. Der Magiſter nahm ſich den Muth, wieder auf ſeinen„von Gott abgefallenen“ Landsmann die Rede zu bringen.„Erlaucht haben den Agathon geleſen?“ fragte er ſchüchtern einlenkend. „Habe geblättert, habe geblättert,“ war die Antwort.„Hat doch der Stadion ſo viel Lärmens gemacht, die Deutſchen hätten nun endlich Einen, der die Reize des geſelligen Lebens zu ſchildern wüßte. Soll mir ſehr lieb ſein, wenn ich nicht immer auf den Herrn von Hagedorn und ſein Hühnchen zurückgehen müßte, um etwas An⸗ muthiges und Bequemes in deutſcher Fraumutterſprache zu leſen. Ich finde da im Agathon recht charmante Sachen, und auch körnig deutſche Pasquille auf die Biberacher Schöppenſtädter.“ „Der Kern in ihm“ ſagte Peterhagen,„iſt gut deutſch, aber er hat nach falſchen Muſtern gearbeitet; wenn er von den Grazien getragen, auf dem Gipfel des Ruhmes daſteht, wird ein deutſcher Crebillon fertig ſein.“ „Nun, nun!“ ſtrafte der Reichsgraf dieſe harte Beſchuldigung, „ſein gutes Herz wird ihn bewahren! Denn das hat er, und das — 1 unterſcheidet ihn, trotzdem er witzig iſt, vom hämiſchen Voltaire. Hat mir da von einem neuen Gedichte, das er ſchreiben will, ge⸗ ſprochen, in welchem er die petrarkiſche und die aphroditiſche Liebe mitſammen kämpfen läßt. Und die geiſtige Liebe ſoll ſchließlich ſiegen.“ „Glaub's dem Schalke nicht!“ entgegnete der Magiſter boshaft lächelnd.„In den Buhlereien ſeiner Dichtungen werden ſchließlich immer ſeine griechiſchen Weltweiſen bezwungen, bekommen Unrecht und werden zu guter Letzt noch ausgelacht. Es iſt auch kein ächtes Griechenthum was der Wieland ſchildert. Er holt ſich das Antike über Wälſchland herüber, und in dieſem Deſtillirkolben geht das Claſ⸗ ſiſche zu Schanden. Es iſt franzöſirter Gräcismus, was er naſchhaften Gaumen zum Leckerbiſſen bereitet.“ „Ihr ſeid doch teufelsmäßig boshaft gegen einander, Ihr ge⸗ lehrten deutſchen Menſchen!“ ſagte der Großvater mißbilligend.— „Hm, hm! mag ſein,“ fuhr er fort,„daß der Wieland etwas allzuſehr den ſüßlichen Troubadour ſpielt, um, was er ſeine Urbanität nennt, an den Mann, oder vielmehr an die Weiber zu bringen. Auf Cap— tation des soi-disant ſchönen Geſchlechts hat er's nun einmal angelegt. Aber ich glaube, ein Poete, der die Weibſen nicht kirrt, ſchreit in den hohlen Topf.“ Der Magiſter ſah zu Boden, und die Hofdamen fächerten ge⸗ waltig, ich wußte nicht ob beleidigt oder geſchmeichelt. Peterhagen gab ſeine Sache nicht auf; er wollte durchaus den Einfluß des aphro⸗ ditiſchen Landsmannes untergraben. Er hatte ſich geräuspert und hob, geſchickt einlenkend, abermals an. „Es darf nicht in Abrede geſtellt werden, daß ein Weltweiſer über Liebe bislang radotiren dürfe. Und wenn ein Poete, ein um ſo viel menſchlicheres, und alſo mit mehr Schwäche begabtes Weſen, einen Sehnſuchtsdrang etwelcher Art im Buſen hegt, ſo mag ſich ſolcher Sehnſuchtsdrang wohl auch ſexuell zu geſtalten Miene machen können, falls ihm nur ein höheres platoniſches Ideal vorſchwebt!“ „Platoniſche Liebe, mein Beſter, iſt Unſinn!“ polterte der Reichs⸗ graf hinterdrein.„Eunuchen und Mönche ſind ſchlechte Poeten. Der Trieb, der den Menſchen zum Menſchen führt, den ſoll mir ein Verſemacher tractiren dürfen. Das ergötzt und eultivirt. Bleibt dem Menſchen dieſer Trieb ein ſinnlich roher, oder wird er ihm ein perſteckter, ſo 94 wird in Sachen der Cultur nichts auch nur aus dem Groben heraus gearbeitet. Poeten ſollen uns nicht ſagen wie's im Himmel ausſieht, ſondern wie der Menſch zum Menſchen ſteht. Das, mein Guter, mildert die Sitten, erfriſcht das Gemüth, polirt die Geſinnung. Der finnliche Menſch ſoll nicht geknechtet, nicht unterdrückt, ſondern ge⸗ läutert werden. Potztauſend, will denn die hohe Pſalterpoeſie nichts für das Leben der Menſchen unter einander thun? Warum, frage ich, warum überflügeln uns denn im feindlichen Lager die Jeſuiten? Warum gewinnen ſie die Menſchen für ſich? Weil ſie beſſer Beſcheid im Himmelreich wiſſen? Gehorſamer Diener! Weil ſie beſſer die Welt verſtehen, dem Bedürfniſſe nachkommen, das Leben kennen und auch dem ſinnlichen Menſchen ein Loch offen laſſen. Baſta! Nein! dem Wieland ſoll mir Keiner ein Haar krümmen! Wird ſeine Sache ſchon durchfechten! Die Bonzen in Erfurt lauern ihm auf! Zieht er doch als proteſtantiſcher Menſch an einen geiſtlichen Hof, daß Gott erbarm! Gehört Muth dazu für ein einzelnes Kerlchen! Sie werden ihm ſchon die Federn ausrupfen. Aber ganz nackt ſoll er nicht herum⸗ laufen; ich glaube, die kluge Frau Amalie in Weimar hat ſchon ein Auge auf ihn, für ihre beiden Prinzen. Ein Poete, der das Treiben der Menſchen kennt und gut illuſtrirt, iſt zum Fürſtenerzieher wie gemacht. Gehorſamer Diener!“ Mit einer Handbewegung erhielt die an den Magiſter gerichtete Epiſtel ihr Punctum. Der Kreis der Hofleute ſtob auseinander wie der geſtrenge Herr ſich aus dem Seſſel erhob, um, wie er zu thun pflegte, im Saale auf⸗ und abzuſchreiten, während er von ſeinen Beamten und Secretären bald den Einen, bald den Andern zu ſich entbot und heranwinkte.„Apropos!“ ſagte er noch ſich umwendend zum Magiſter,„was mag denn der Lavater, der Prophete in Zürich, zum Verfaſſer des Agathon ſagen?“ „Wird wohl, halten zu Gnaden,“ erwiederte Peterhagen,„nicht ſehr für ſeine Sachen eingenommen ſein, eben ſo wenig dem Poeten ein günſtig Horoſtop geſtellt haben für Weiteres.“ „So? Hat er ihm das an der Naſe abgeſehen?“ fragte der Reichs⸗ graf.„Dann ſpukt auch ſchon wieder in dieſe Wiſſenſchaft Pfafferei hinein! Dann ſind auch hier ſchon wieder, wo man rein der Mutter Natur auf ihre Geheimniſſe kommen wollte, faule Eier in's Neſt gelegt. 95 Dem Lavater wollen wir einmal gründlich zu Leibe! Soll uns reinen Wein einſchenken über ſeine Geſichtslinienweisheit! Sollt auch mit, Magiſter, kann auch Euch nicht ſchaden, einmal in dieſe Disciplin hineinzugucken. Und Den da— nehmen wir mit, nächſtens!“ Magiſter und ich, denn„Der da“ war immer kein Anderer als meine Perſon, verbeugten uns und traten in den Hintergrund. Vom nächſten Tage an las Alles zu Belle Promeſſe den Agathon, ich ausgenommen. Früh Morgens fand ich nehmlich meinen Gouver— neur mit einem ſubmiſſeſten ſchriftlichen Geſuch beſchäftigt, aphroditiſche Sachen, wie die Bücher des Wieland ſeien, für jetzt noch von meinem Unterrichtskreiſe und meiner Kenntnißnahme auszuſchließen, dafern er anders die Ehre haben ſolle, ferner noch Informator des jungen Herrn zu ſein. Das Geſuch ward bewilligt. Indeſſen lag in dieſer ganzen Controverſe doch der Beweggrund zur ſpätern Entlaſſung des Magiſters. Speciell für meine ſittliche Entwickelung war es vielleicht heilſam, daß ich von der hohen Pſalterpoeſie nicht jählings in das ſcharmuzirende Gegentheil geſchleudert wurde. Die eigentliche Aus⸗ artung der erotiſchen Epoche ſeiner Dichtung erlebte Wieland freilich erſt ſpäter; ſeinen Combabus, deſſen Cynismus oft die Grenze des öffentlich Erlaubten überſchreitet, kannte die Welt damals noch nicht. Für mich aber ſollte es von dem hohen Pſalter zum Gefühl, wie es Menſchen menſchlich fühlen, einen anderen Uebergang geben. Fünftes Rapitel. Phyſiognomiſche und theatraliſche Studien. Unſere Reiſe galt einem Manne, der damals in der Schweiz, den ganzen Rhein hinunter bis in unſeren Landſtrich den Ruf eines Heiligen genoß. Das Zeitalter ſuchte nach einem unbekannten Heil, nach einem großen, dunklen Etwas. Dies war nun ſo ein„Sucher und Seher in Gott“, der Vater La, wie wir ihn am Rheine nannten, der große Zeichendeuter und Geſichtskundige, der den Leuten nicht am Strohhalm das Daſein Gottes nachwies, aber ihnen an der Naſe das 96 Heil ihrer Seele anſah. Lavater galt in der That für ein höheres Weſen. Ob er Todte auferweckt hat, weiß ich nicht, aber daß er durch das Auflegen der Hand Kranke geſund und Geſunde krank machte, iſt ſicher anzunehmen. Der Glaube thut Unglaubliches; er iſt entweder eine göttliche, oder— Gott ſei bei uns— eine geſpenſtiſche Macht. Der Religionskrieg bei den nächſten Mitgliedern meines Hauſes hatte mich ſchon genugſam die furchtbare Macht des Wahnes fühlen und erleben laſſen. Jetzt zitterte ich vor den Wirkungen einer neuen Wiſſenſchaft, vor dem Gedanken, am lebendigen Leibe Gegenſtand ihrer Experimente zu werden. Unſere Reiſe ſelbſt hatte nichts Bezeichnenswerthes. Wir fuhren in zwei Wagen Tag und Nacht, und waren ſchneller, als man da⸗ mals gewohnt war, am großen goldgrünen Strom. Unvermuthet gerieth ich an der Seite meines Hofmeiſters in das Gewühl eines bewegten Haufens, dem man ſich nicht mehr entziehen konnte, da die Maſſen ſich uns entgegendrängten. Es war hart am Ufer, unfern eines Dorfes, deſſen Name mir entfallen. Dort ſtand der Mann im Nachen, den Rücken dem Strome, das Geſicht dem Lande zugekehrt, wo die Schaaren mit einer Art von Heißgier herumwühlten, mur⸗ melnd, ächzend, ſeufzend, Stille gebietend unter allerlei Anſtrengungen, den Mann zu Worte kommen zu laſſen, während ſie mit ihrem Bei⸗ fallgeſchrei ſeine Stimme unterdrückten. Wir waren ausgeſtiegen und hatten uns unter's Volk gemiſcht. Wie die Sonne ſchräg hinter ihm ſank, ſtand uns das Profil vom Geſicht des Predigers in ſcharfem Umriß vor Augen, ſo klar und deutlich gegen den Hintergrund abgehoben, wie er's ſelbſt in ſeiner Phyſiognomik fordern mag, um die Züge zu erkennen. Seine weit vorgeſtreckte Naſe hielt der große Geſichtsphiloſoph ſicherlich für das Werkzeug, alle Dinge im Himmel und auf Erden auszuforſchen. In den Augen des Propheten glomm ein unſtätes Brüten, vielleicht nach der Auslegung der Phyſiognomen das Wahrzeichen einer Vertraulichkeit mit dem Herrn, das Merkmal Deſſen, der alle Tage mit Gott Brüderſchaft macht. Die feinen, ſchmalen Lippen des Mannes zitterten auf und zu, ſeine ſanfte Stimme konnte ſich nur wenig geltend machen. Von ſeiner Rede hab' ich„ nichts gehört, ich ſah nur die mühſame Anſtrengung, ſah nur, wie die Hände vergeblich in die Luft ſchnitten, während der kurze Fiſcher⸗ nachen, in welchem er ſtand, auf und nieder wogte und die Unſicher— heit der ganzen Scene vollendete. Im nahen Gaſthof hatte Großvater Erlaucht eine ſtundenlange Unterredung mit Sanct Lavatus. Daß ſie für mich von Entſcheidung ſein ſollte, ward mir auf dem Rückwege vom Rhein klar. In der Nacht brach der Wagen, in dem ich mit meinem Magiſter ſaß. Wir fuhren dicht hinter der Equipage des geſtrengen Herrn. Er ließ halten, es ward Hülfe aus dem nächſten Dorfe nöthig, und da ich in der elenden Schenke nicht untergebracht werden ſollte, befahl mir Großvater Erlaucht, bei ihm einzuſteigen; der Magiſter blieb bei der zerbrochenen Kutſche zurück, während wir weiter fuhren. Der alte Herr war ohne Adjutanten gereiſt; wie ich aber jetzt in die Karroſſe ſtieg und im Dunkeln neben ihm Platz nahm, merkte ich die Anweſen⸗ heit einer dritten Perſon, die uns gegenüber ſaß. Ich war nitten in eine Unterhaltung getreten, die alsbald nach der kurzen Unter⸗ brechung eifrig fortgeſetzt wurde. „Alſo, wie war das, Doctor Phyſicus?“ nahm der Reichsgraf wieder den Faden auf. Der Fremde im Dunkeln ſagte etwas, das ich nicht verſtand. Scheu, wie ich war in der beängſtigenden Nähe des alten Herrn, drückte ich mich in die Wagenecke. Das Zittern der Scheiben, das dumpfe Rollen der Räder, mehr noch als die Worte der Sprechenden, nahm meine Sinne gefangen, die Ermüdung be⸗ herrſchte mich endlich, und ich blieb in einem ſchwankenden Zuſtand zwiſchen Schlafen und Wachen. Die Unterhaltung erklang mir abwech⸗ ſelnd wie ein fernes Geſumſe; nur dann und wann hörte ich die Stimme des Großvaters deutlich heraus.„Ich dulde nur ſtarke Naſen— wurzeln um mich,“ vernahm ich in ſeinem tiefen Baß,„vertraue mich nur parallel gezeichneten Geſichtern, baſta!“ Der Doctor Phyſicus— Querkow hieß er— war ein Abgeord⸗ neter Lavater's, ein Schüler jenes Apoſtels der gottſeligen und allein⸗ ſeligmachenden phyſiognomiſchen Weisheit, auch ſelbſteigen in Perſon ein Augur Gottes, der aber nicht Vogelſchau trieb, nicht in den Ein— geweiden der Thiere, ſondern in den Geſichtszügen der armen Menſchen⸗ kinder die Fingerzeige des Himmels deutete. Lavater hatte dem Groß⸗ vater, um den im Glauben noch nicht Geſicherten gründlich bearbeiten zu laſſen, einen ſeiner Jünger mitgegeben, einen von den Vielen, D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 5 — welche ſpäter die Lehre der Seherkunde weit in Deutſchland hinein verzweigten. Das Geſpräch ging mit einigen Unterbrechungen lebhaft fort; mich aber überwand der Schlaf in der Wagenecke, bis ich am frühen Morgen mit dem erſten Strahl des Lichtes mich unangenehm beim Schopf ergriffen fühlte und unter den Händen des fremden Doctors erwachte. Wie von einem jähen Schreck erfaßt, fuhr ich auf und ſtarrte in ein liſtig lächelndes Antlitz, deſſen ſtechendes Augenpaar gar ſehr mit der ſchmunzelnden Lippe harmonirte. Auch Erlaucht hatte ſich zu mir herüber geneigt, forſchend, ſpähend und horchend. Sie hatten mich im Schlaf als lebendiges Exempel für ihre Geſichtsdoctrin genommen, meinen Kopf nach hinten und vorn gedreht, und der Herr Querkow, Querkopf hätte er heißen ſollen, hielt mich noch wie ein Buch in Händen, um ad hominem die Beweisſtelle aufzuſuchen. Furchtſam, wie ich war, rührt' ich mich nicht. Und mein Anatom bei lebendigem Leibe ſprach juſt von Furchtſamkeit; er ſagte ſie mir auf den Kopf zu. „Kleine Naſenlöcher verrathen allezeit den Furchtſamen,“ ſagte der Mann.„Ein vorſtehendes Kinn,“ ſagte er, mir den Finger unter das meinige legend,„iſt meiſt ein Zeichen von Kraft; läuft es aber in ſolchen ſpitz geſchwungenen Linien, ſo iſt Liſt im Bunde.“ „Und die Augen, die Augen?“ fragte haſtig Erlaucht. Ich hatte die Augen weit aufgeriſſen. „Schwarz— ſchwarz, wie kohlenrabenfinſtere Nacht,“ war die Antwort des Geſchwätzigen,„ſelten ohne Kraftfülle, ſelten ohne Kraft⸗ fülle! Wenn aber das obere Lid, wie hier, den Augenſtern ſchief durchſchneidet: viel Hang zum Geheimniß, viel Verſtocktheit— halten zu Gnaden, halten zu Gnaden!“ „Ja, das liegt ihm im Blute!“ murmelte der Großvater finſter vor ſich hin und warf ſich unmuthig in die Lehne zurück. „Bitte tauſendmal um Verzeihung, Monſeigneur, nur auf Be⸗ fehl Sr. Erlaucht durft' ich— mußt' ich wagen“, bat der Phyſicus, ſich mit einer widerlichen Devotion vor mir verneigend, um ſein freches Betaſten meines Hauptes vor mir zu entſchuldigen. Nur die Gegenwart des geſtrengen Herrn konnte mich abhalten, ihn in's Ge⸗ ſicht zu ſchlagen und eine phyſiognomiſche Betaſtung meinerſeits an ſeinen Backenknochen zu verſuchen. Aber ich war vom Reſpeet gefeſſelt; hinein lebhaft ich am genehm fremden ich auf 6, Plyfn un ſein Nur di n Ge⸗ eſtis un 9 feſſel 89 ich fühlte nur, wie der Zorn mein Blut gegen die Herzkammern trieb, während ich die Zähne ſtill aneinander preßte. Der Wagen ſtieß eben hart auf. Die vorgebeugte Haltung raubte dem Doctor das Gleichgewicht, er fuhr mit der Naſe an, ſchoß wie ein Pfeil zurück und die graue Beutelperrücke, die er trug, entlud eine Wolke von Staub auf den Reichsgrafen. Das gab Grund zu einem neuen „Bitte tauſendmal um Verzeihung“, und wie er ſich von der Er⸗ ſchütterung erholt, ſaß ihm das Haargeflecht windſchief, der Zopf quer über'm Ohr. Ich ſtieß halb vor Zorn, halb überwältigt von dem komiſchen Anblick des ſchäbigen Geſellen, ein helles Gelächter aus. Schäbig war der rechte Ausdruck für den Menſchen durch und durch, und wenn die Phyſiognomik lehrt, rechtskräftig vom Aeußeren auf's Innere zu ſchließen, ſo hätte ich dem armen Schlucker nicht ſeine Seele judiciren mögen. Er ſah wirklich aus, wie ein debangquirter Spieler. Auch der Reichsgraf mochte ihn jetzt ſelbſt nicht ohne ein Lächeln muſtern, wie der Schelm ſeine Verlegenheit hinter einer ſteifen Devotion zu verbergen ſuchte. Er machte, wie deutſche Gelehrte ſind, wenn ſie ihr ABC hergeſagt haben, ein gepeinigtes und gelangweiltes Geſicht, als wär' er, der über den Geiſt ſeiner Nebenmenſchen com— mandiren wollte, nur deren Leibeigener. Sanct Lavatus hatte uns, wie es ſchien, einen ziemlich dürren Abſenker ſeiner Weisheit überlaſſen. Der Rock, den der Elende trug, war vielleicht ehedem pfirſichfarben geweſen, aber ſo ausgegraut, daß er mit den ſchwarzwollenen Strümpfen und der baumwollenen Perrücke recht gut bei den Herrnhutern einen Stiefelputzer ſchmücken konnte. Großvater Erlaucht war darin eigen, daß er ſelbſt von der Landſtraße das Geſindel aufleſen und an ſeine Tafel ziehen konnte, wenn ihn der Wiſſensdurſt quälte und er ſich von dem aufgegriffenen Kehricht eine Merkwürdigkeit verſprach. Der Phyſieus hätte vielleicht für ſeine frühere Sammlung von Tollhäuslern ein Exemplar abgegeben. In meinem Unmuthe ſah ich ſtarr zum Fenſter hinaus. Die Sonne ſtand herrlich entfaltet über dem dampfenden Wald. Ein Auge Gottes, ein heiliges Angeſicht der ewigen Urkraft, ſtand ſie leuchtend über einer traumbefangenen Welt. Und die Geſchöpfe jubelten ihr entgegen und badeten ſich im Glanze ihres goldenen Antlitzes. Alles umher war Luſt und Feier, Genuß oder Andacht; ein Grübler, — 100— der ſich ihre einzelnen Züge und Linien deuten wollte, war nirgends im weiten Umkreis der Natur zu entdecken. Im nächſten Orte wurde Halt gemacht, und ich hatte bei'm Frühſtück neuen Grund, den Doctor der Geſichtsſpäherei zu verach⸗ ten. Das Geſpräch über ſeine Wiſſenſchaft wurde wieder aufgenom⸗ men. Der Reichsgraf ſagte:„Es gefällt mir an Euerem Meiſter nicht, daß er zugleich den Propheten, den Heiligen macht. Man ſoll Niemanden, am wenigſten dem großen Haufen, Hokuspokus vor⸗ machen!“ „Die Wege des Herrn ſind wunderbar!“ ſeufzte der Graue und fuhr gierig über den Kapaunenflügel her, den ihm der Diener vor⸗ hielt.„Es treibt ihn nun einmal der Geiſt, in die Welt zu ziehen und zu predigen. Freilich ſollte man nicht mit Gewalt heraufbeſchwören, was in eigener Entwickelung heranwachſen muß.“ „Er ſollte es an ſich kommen laſſen“, meinte der Großvater.„Man ſoll dem Volke Nichts aufnöthigen.“ „Ew. Erlaucht haben ſehr Recht“, ſagte Herr Querkow, ſich mit unterthäniger Verbeugung den Mund wiſchend.„An ſich kommen laſſen, das iſt die rechte Maxime, zumal die halbe Welt ja ohnedies ſich brieflich an ihn wendet. Er muß in Zürich für das große Frag⸗ und Antwortſpiel, zu dem ihn die Welt zwingt, ein förmliches Bureau aufſchlagen.“ „Wer ein Sonderling iſt“, ſagte der Reichsgraf,„der ſei's für ſich daheim. Will der Sonderling Propaganda machen, ſo ſchlägt man ihn auf's Maul.“ Der Doctor verzog ſein Geſicht bitterſüß zum Lachen; er glaubte, er müſſe hier lachen und die Rede der Erlaucht für einen witzigen Einfall nehmen. So leicht gab ſelten ein Jünger ſeinen Meiſter auf. Die Epiſode mit der Fratze von Phyſiognomen war für mich mit unſerer Ankunft in Belle Promeſſe beendigt. Mit einer inneren Em⸗ poörung war in mir noch unterwegs der Gedanke aufgeſtiegen, ob dieſer Menſch mir vielleicht als ein neuer Lehrmeiſter zugeführt werden ſollte. Ich war ſtolz, ich fühlte mich verletzt. Ein mir ganz fremdes Subject hatte mich für liſtig, für verſtockt, ja für einen Furchtſamen Angeſichts der Erlaucht erklärt und über die Entdeckung ſolcher perfiden Seelenkräfte an meinem Kopfe die Hände über ſeinem eigenen Kopfe und iehen oren, — zuſammengeſchlagen. Wäre mir der Doctor Phyſicus aufgezwungen worden, ich wäre feſt entſchloſſen geweſen, ihm gegenüber juſt die umgekehrten Eigenſchaften zu entwickeln; nicht mit Liſt, mit Gewalt hätte ich mich widerſetzt. Vielleicht hatte der regierende Herr mit dem Lavaterianer, als er ihn zu ſich nahm, pädagogiſche Abſichten für mich, aber ich hatte unterwegs über den Menſchen gelacht, und wenn ich den alten Herrn recht kannte, ſo war damit die Möglichkeit eines Verhältniſſes zwiſchen Präceptor und Zögling ein für alle Mal beſeitigt. Von weit mehr Belang für mich war unter den Erlebniſſen auf jener Reiſe ein Theaterbeſuch in Mannheim; ich hatte bis dahin noch keine Vorſtellung gehabt, was Komödienſpiel ſei. An Mannheim, ſpricht man vom Theater, knüpft ſich ſo viel Glanz der Erinnerung aus der erſten Wiegenzeit der deutſchen Büh⸗ nenkunſt, daß ich hier zur Vermeidung von Mißverſtändniſſen einige Bemerkungen zwiſchen füge. Man betrat damals jene Stadt noch nicht mit dem Gefühl der Spannung, mit der Erwartung eines Ent⸗ zückens, wie etwa zehn Jahre ſpäter, als Herr von Dalberg die Bühnenleitung übernahm und dort ein Athenäum deutſcher Talente um ſich verſammelte, auch jenen„hochtragiſchen Hercules“, wie Vater Wieland ſpäter unſern Schiller in Weimar nannte. Dieſer Hercules in der bretternen Theaterwiege, der für 300 Gulden jährlich Theater⸗ dichter war, und dafür zugleich drei Stücke zu liefern hatte, ſteckte damals noch in der Zwangsjacke der Karlsſchule. In Mannheim war noch nichts weiter in's Leben getreten, als die natürlichen Bretter, die die Welt bedeuten, und die nackte hölzerne Armuth der erſten deutſchen Bühne. Der Kurfürſt, der kunſtliebende Karl Theodor, hatte allerdings ſeinem Schloſſe einen neuen Flügel anſetzen laſſen, um darin den Muſen und Grazien zu opfern; allein dies Gebäude war noch ausſchließlich für italieniſche Oper beſtimmt. In der Car⸗ nevalszeit, an hohen Feſttagen des kurfürſtlichen Hauſes, wurde dort höchſt brillant Oper und Ballet gemacht; der Fürſt wendete enorme Summen darauf, lud ſich Gäſte dazu aus dem halben deutſchen Süden, hielt aber ſonſt die Anſtalt ganz als Privatvergnügen ſeines Hofes und gab dem Publikum nur gegen perſönlich geſtellte Karten den Eintritt frei. Das war nichts, was auch nur wie der Anfang einer Nationalbühne ausſah, es war ein Verſailler Hofplaiſir, das nicht 102 einmal heimiſchen Künſten zu gute kam, wie doch die verſchrieenen franzöſiſchen Könige nur an franzöſiſche Talente die Gelder des Volkes vergeudeten. Es war darin kein Anfang einer deutſchen Bühnenkunſt zu ſuchen. Solcher Anfang machte ſich vielmehr von unten auf. Auf dem Markte zu Mannheim ſtand eine große Bude; das waren, dicht neben der Schauſtellung wilder Beſtien, die Bretter, welche da⸗ mals für deutſche Kunſt die Welt bedeuteten. Wenn nebenan der Löwe brüllte und zwiſchen Eiſenſtäben den gefeſſelten Tyrannen ſpielte, tobte vielleicht mit nicht minderem Geräuſch in Apollo's Bude ein Bajazet in Käfig, oder flötete eine in Scene geſetzte engliſche Cla⸗ riſſa einen windelweichen Monolog. Ich weiß nicht, war es Marchand, der zuerſt eine deutſche Truppe nach Mannheim führte und neben der Thierbude auf dem Markte Komödie ſpielte. Später, vielleicht gegen die Mitte der ſiebziger Jahre, kam er wieder mit einer vollſtändigeren Geſellſchaft, durch deren Lei— ſtungen der geiſtvolle Kurfürſt hingeriſſen, den Entſchluß faßte, Mäcen deutſcher Mimen zu werden. Er ließ dann das alte Schützenhaus niederreißen und baute auf deſſen Stelle ein ſteinernes Haus für deutſche Truppen, zunächſt für die Marchand'ſche, die er auf eigene Rechnung hielt. Als er gegen Ende der Siebziger Bayern erbte und— ſeine Reſidenz nach München verlegte, gab er dem Reichsfreiherrn Dalberg die Vollmacht, ihm in Mannheim ein deutſches Hof⸗ und Nationaltheater zu arrangiren. Dalberg warb die Seyler'ſche Geſell⸗ ſchaft, das geſammte Gothaer Perſonal, das der Herzog von Gotha plötzlich entließ, und mit dieſem Perſonal kamen Eckhof, Iffland, Beil, Beck nach dem glücklichen Mannheim und machten— ein Schauſpiel für Götter, kann man ſagen. Zu jener Zeit, das heißt, da ich als junger Menſch nach Mannheim kam, mußten wir noch in die bretterne Bude auf dem Marktplatz dicht bei'm wilden Löwen und bei zähne⸗ blökenden Affen vorbei, um deutſche Komödie zu ſehen. Ganz verdutzt und angewildert betrat ich den myſteriöſen Raum; mein Hofmeiſter mir zur Seite. Ihm ſeinerſeits hätte es zu viel Ueberwindung gekoſtet, ein Komödienſpiel zu ſehen. Ich verdankte es einem müßigen Abend, über den ich nach des Großvaters Befehl, vielleicht zur Begütigung für erlittene Unbill, zu meinem Plaiſir ſelbſt zu verfügen hatte. So ungebunden, wie während der drei Tage Fotha Beil, uſpiel als tterne ähne⸗ aum 6 1 vlet ankte efehl⸗ ſelbſ Tage — 103— unſeres Aufenthalts dort in einem hübſchen Gaſthauſe hatte ich über⸗ haupt noch nicht gelebt. Es war wie eine Ferienzeit von der Studien⸗ und Hofordnung. Großvater Erlaucht war faſt immer im Schloſſe bei'm Kurfürſten; ich weiß nicht, ob er Grund hatte, mich dort zu verleugnen; vielleicht wollte er nur ohne alles Anhängſel ungeſtört mit Karl Theodor hauſen, der auch einmal gern, wenn er ſich am Glanze der Etiquette ermüdet und geſättigt hatte, ſich in Hemdsärmeln hinſetzte und eins klugſchwatzte mit einem guten Freunde. Denn das glaube man nur nicht, daß die alten Herrn, weil ſie in Perrücken einhergingen, chapeau pas und in ſeidenen Strümpfen mit ſilbernen Schnallen auftraten, nicht auch ihre Stunden hatten, wo ſie ſich voll⸗ ſtändig ausſpannten. Juſt die Gene machte die Vertraulichkeit als Entſchädigung nöthig, und ich glaube, mit der allgemeinen Ungenirtheit, die ſpäter über alle Claſſen der Geſellſchaft hereinbrach, iſt auch der Gegenpol der alten Steifheit, jener heimliche Hang zur ſüßen Trau⸗ lichkeit, unter den Menſchen verſchwunden. Dieſe ſüße Ungezwungenheit der Hemdsärmelferien verhalf mir in Mannheim zur deutſchen Komödie. Ich weiß noch ſehr gut den Eindruck meines erſten Theaterabends. Wir ſaßen erſtaunlich früh auf den Plätzen; ich hatte den Magiſter himmelhoch gebeten, pünktlich zu ſein. Es war draußen noch nicht einmal dunkel; durch die Ritze der Bretterwände lugte noch der helle Tag; drinnen liefen noch die ſchmierigen Lampenputzer herum und ſchneuzten ſich und die Lichter. Es klang, wenn ſich ſo ein Putzer ſelbſt putzte, merkwürdig hell und gellend im öden Raume. Dieſes Vorſpiel, nebſt anderer trödelhafter Zubereitung nahm ich mit in den Kauf, da, wenn einer eine Rede halten will, er ſich doch erſt räuſpern muß. Es war„Lottchen am Hofe“, was ſie ſpielten. Ein hinreißendes Stück für ein unſchuldiges, noch ganz uneingenommenes Herz! Welche Macht in dieſem erheuchelten Leben, welcher Zauber in dieſen Geſtalten, die nur auf kurze Zeit das ſind, was ſie ſcheinen! Was ich bis jetzt für gewöhnlich im Leben um mich ſah, dieſes regelrechte Verhalten gewiſſer Perſonen zu einander, dieſe tägliche Wiederkehr eines pünktlich befolgten Zwanges, dies Syſtem von überlieferten Vorſchriften, dies Schema eines feſtge⸗ ſtellten Frag⸗ und Antwortſpiels, wie ich's zu Hauſe am Hofe gelernt und mitgemacht— nein, nicht jenes war eigentliches Leben,— dies 104 Scheinleben hier zwiſchen den bunten Wänden, dieſe losgelaſſene Frei⸗ heit der Gemüther, dieſer luſtige, behagliche Verkehr der erdichteten Menſchen, dies ſchien mir ein wirkliches, ein wahres Leben. Es war unter dieſen fingirten Perſonen ein anderes Athmen, ein anderes Sichbewegen, Sichſetzen; die Leute verſtanden ſich, das Geſchiedene fand ſich, Prinz und Kammermädchen, Hofmann und Tölpel, Alles war im Schein der hellen Lichter ſich nahe gerückt, neckte ſich, haſchte ſich, trieb in Freiheit, Luſt und Laune ein ausgelaſſenes, gottver⸗ gnügtes Spiel. Der grämliche Ernſt, mit dem am Hofe meiner Hei⸗ math die Leute argwöhniſch einander unſchlichen: wie belachenswerth kam mir das in jenen Augenblicken vor! Der Spaß, der auf der Bühne die regelrechte Gene einer ſtandesmäßigen Aufführung beſeitigte: wie erſchien er mir mit einem Male als die einzig rechtmäßige Art zu leben! So wie Prinz Aſtolph im Stücke, meinte ich, ſollte ſich ieder Prinz, jeder junge Herr benehmen; ſo gutmüthig, und doch mit beflügelten Sohlen, dem Schmetterlinge gleich, um hin und her zu ſchlüpfen, glücklich zu machen und glücklich zu ſein. So wie Fabriz, der Hofmann, ſollten alle Hofmänner ſein. Wie er im Stücke auftrat, ſetzt er das Gefühl ſeines Werthes rein und edel voraus, geizt nicht nach Würde, verdreht nicht gleich die Augen im Kopfe: giebt man ihm weniger, als ihm zukommt. Dabei läßt er ſich herab, docirt, philoſophirt der kleinen Bäuerin etwas vor und hat des Schwatzens kein Ende; ſo lieb und menſchlich war der Hofmann Fabriz zu Lottchen. Und dies Kind der Unſchuldswelt, noch friſch vom Thau der Wieſen, noch duftend vom ſelbſtgemäheten Heu, ſtracks an den Hof verſetzt und am Putztiſch ſich beäugelnd: wie reizend in dieſem Gewirr der Empfindungen! Daheim weiß ſie den Görge, der ihr gut und treu iſt; hier hat ſie die Fülle der Götter um ſich, einen ſchönen Prinzen zu ihren Füßen. Sie wankt, das holde Kind. Wir fühlen, daß ſie wanken muß, wir wanken mit ihr; aber endlich ſiegt Görge, ſie flieht, hat überwunden! Lämmer blöken wieder, und der gute Junge ſingt und bläſ't.— Hier war nun doch, obſchon Wieland daran unſchuldig, etwas Aphroditiſches, nach dem mein Herz ſo ſehr verlangte. Das Stück war eine Operette, es war voll zärtlicher, tändelnder Arietten. Der Görge ſang ſo wahr und ſchlagend: te Frei⸗ ichteten Es war anderes chiedene „Alles haſchte gottvel⸗ r Hei⸗ nswerth auf det eitigte: e Art lte ſich och mit her zu in und Augen Dabei s vor Ein Stall voll Vieh Mit einem Rittergute Und einem Treſſenhute Möcht' ich nicht ohne ſie. Ihr Kuß iſt mir Die ſchönſte Schnabelweide; Kein Bock hüpft ſo voll Freude Als mir das Herz bei ihr! Wir lachten damals nicht, wenn die Naivetät mit bloßen Füßen oder mit Randſohlen auftrat; wir hätten gerührt mitſingen mögen; dieſe blanke Einfalt erklang uns wie ein junges Evangelium aus Arkadien. Und wenn der hart gekränkte und endlich wieder begütigte Görge mit Lottchen Arm in Arm am Schluſſe ſingt: Ein kleiner Herr bleibt allemal Viel beſſer als ein großer Knecht, ſo war das eine ſehr wohlberechtigte Satyre, deren zahmer Genius ein allgemeines Wohlbehagen über die Verſammlung verbreitete. Ein gelinder Taumel befiel mich während der ganzen Vorſtellung. Die erſten Vorkehrungen, die wir mitmachten, da wir ſo früh auf dem Platze waren, hatten mich wie mit einem Ballfieber angefröſtelt; die kargen Hängeböden, die ungehobelten Bretterſitze, dies Eingequetſche in den nummerirten Plätzen, die lebendigen Schmierlappen der pro⸗ metheiſchen Lichtbringer, das Herumſchnobern der Controlleurs, das Alles war illuſionſtörend und ordinär genug. Sobald aber der Raum ſich füllte, ſobald Maſſe beiſammen war, ſchwoll mir das Herz. Hier mußte etwas Bedeutendes vorfallen, hier mußten Unglück, Schmerz, Hader, Neid, Miſere und alle Pein, die ſich etwa noch von draußen eingedrängt, wie mit einem Ruck von den Schultern abgeworfen ſein, alle Kräfte ſich zu einem großen Schwung der Seele zuſammennehmen, in einen Jubel ausbrechen und gleich vielen Lichtern in eine geſammte Flamme ſchlagen. Wenn ſie Alle lachten, oder ſchluchzten, durchrieſelte mich fieberhaft die Sympathie, die geheime Freude des Gefühls, einer großen Maſſe anzugehören. So ſehr iſt noch jeder neue Menſch ge⸗ ſtimmt, im Theater einen Tenpel für nationale Feſte zu ſehen. In den Zwiſchenakten war's mein eifrig Geſchäft, mir meine Compatrioten, meine Mitbrüder, den Publicus zu muſtern. In den abgepferchten 106 Logen uns zur Seite ſaßen, freilich ſparſam geſäet, einige ehrwürdige Allongenperrücken, die wohl eine Weile an ſich halten mußten, eh' ſie ſich an die Heiterkeit hingaben; der angelernte Anſtand erregte oder gebot ihnen dieſen Kampf. Das überwunden und mitten drinnen, ſchüttelten ſie ſich vor Lachen, daß der Eine dem Andern ſeinen Zopf in's Geſicht ſchlug und darob eine Wolke wie Pulverdampf aufſtieg. Es mochten die Rathsherren der löblichen Stadt Mannheim ſein, die ſo lange ehrbar thaten, bis ſie nicht mehr konnten. Unten auf dem Boden war ein gemiſchtes Gewühl von Manns⸗ und Frauenzimmer. Gar zu gern hätt' ich mich da unten in's Gemenge verloren. Ganz oben im Paradieſe der höchſten Beluſtigung hingen Blouſen und Hemdsärmel in behaglicher Heiterkeit über die Brüſtung. Von da ſchmetterte es auch am hellſten herunter, wenn's baaren blanken Spaß ſetzte. Zur Seite links, aber ziemlich hoch, war eine größere Loge erleuchtet, aber leer. Sie war für den Kurfürſten beſtimmt und ſeinen Hof. Erſt mitten im Stück erſchienen dort einige„Hoch— bedienſtete,“ um zu inſpiciren, wie Publicus und Plebs ſich amüſirten. „Lottchen am Hofe“ war für mich ein wichtiges Ereigniß und blieb es auch zu Hauſe am wirklichen Hofe. Ich ſage„zu Hauſe,“ und dieſes ſüße Wort, das der Deutſche mit ſeinem Heimweh ſehn⸗ ſüchtig in der Bruſt herum trägt, beweiſt wohl allein ſchon, wie ich zu einer bürgerlichen Creatur unter Gottes freiem Himmel Beruf in mir hatte. Auf der Rückreiſe von Mannheim nahm ich mir vor, das Stück zu leſen; es war gedruckt wie ich hörte; ich hoffte es in der Schloßbibliothek zu finden. Der Magiſter ſagte zwar, die Operette ſei ein Stückchen von dem vielen ſeichten Schofelzeug, das die Leipziger Grazien und Muſen zu Tage brächten; Weiſſe nenne ſich der Faſelant, Hiller der Muſikant, der mit Leierkaſtengedudel das Reimgeſchwätz unter⸗ ſtütze.— O,o! dachte ich erzürnt, hütete mich aber, meinem Entzücken Worte zu geben, dudelte jedoch eine jener hübſchen Arietten vor mich hin, während der Magiſter ſich weiter ergoß, ihm gleichſam zum Poſſen: „Dieſer Herr Weiſſe,“ ſagte er,„hat auch eine Poſſe geſchrieben, die Poeten“ betitult, wo der Sudler es wagt, des hohen heiligen Harfenſchwungs unſeres Barden zu ſpotten!“ Nun wußt' ich wieder, woran ich bei'm Magiſter war; ich ſtand wieder vor der Barriere Klopſtock, die er mir jederzeit, wollt' ich Sprünge machen, wie einen F ler ſm N — 107— Riegel vorſchob. Indem er Alles und Jedes vom Kothurn ſeines Lieblingsſängers anſah, verdarb er ſich allmälig jeden Verkehr mit mir, mit der ganzen Welt.„Es iſch kei' geſund deutſcher Fetze,*s iſch kei' Geiſcht in dem Geliedle,“ fuhr er fort in ſeinem Schwäbiſch, in das er einzufallen pflegte, entweder wenn er gemüthlich, oder wenn er zornig wurde und ſich gehen ließ,„s iſch alles nach den länder⸗ vergiftenden Buhlereien der Wälſchen!“ „Lottchen am Hofe“ war nach der Ninette à la cour des Herrn Favart. Der Magiſter konnte mir franzöſiſche Lectüre nicht ganz verwehren, weil mein ganzer Lebenskreis zum Theil auf Kenntniß franzöſiſcher Sprache und Sitte beruhte. Auch eiferte der wackere Menſch eigentlich nur gegen das Herüberſchleppen von drüben, gegen das Wiederkäuen franzöſiſcher Koſt mit deutſchen Backenknochen. An ſich hätten die Franzoſen, räumte er ein, Fug und Recht, franzöſiſch zu ſein„nach ihrer eigenen Art,“ aber wir Teutſche,— er ſagte nie Deutſche,— ſollten, was unſer Gaumen braucht, ſelber bereiten oder es hübſch ſein laſſen und uns abgewöhnen. Ihm war die Behandlung der Mutterſprache eine heilige Sache, er nahm ſie wie Kirchendienſt. Sonſt war's ihm ganz recht, wenn ich mit Schneider, Friſeur und Kammerdiener die kleinen Miſeren des Lebens franzöſiſch abmachte. Was mich am Stücke ergötzte, war der herzliche Verkehr unter den Menſchen verſchiedenen Standes. Die franzöſiſche Sprache hinderte dieſen Verkehr, und die Welt hatte Sehnſucht, einige Barrieren zu überſpringen, und wär's vorläufig auch nur zu Scherz und Schelmerei. Auch die Gellert'ſchen Schäferſpiele, an denen Deutſchland ſo lange ein großes Behagen gefunden, mochten ihre Wirkungen doch nur dem Reize verdanken, den froſtigen Unterſchied der Kaſten aufzuheben. Was keinem donnernden Ernſt gelingt, das vermag oft der neckiſche Humor, der ſich dem Bedürfniß bequemt, ſich ſacht ein— ſchleicht, nicht durch Ueberrumpelung erobert, aber durch ſanfte Schmeichelei gewinnt. Mein„Lottchen am Hofe“ that Wunder an mir, in deutſcher Sprache noch mehr als in der Sprache des Herrn Favart, weil in jener der Contraſt der Stände ſich noch ſchärfer auf⸗ drängte, um ſich herzlicher auszugleichen. Ich ſtudirte das Stück, das ich mir heimlich verſchafft hatte, ich lernte es auswendig, lachte und weinte vor Entzücken, wenn ich die naiven Tölpeleien jener 1 — muntern Verſe laut her deklamirte, und ſpielte hinter verſchloſſenen Thüren, bald ſo, bald anders coſtumirt, unſäglich oft die Scenen durch. 6 Bald freilich ermüdete mich das Soloſpiel, ich hätte gern ein Weſen gehabt, das die Rolle des zärtlichen Lottchens übernahm, den Prinzen und den Görge getraute ich mir ganz gut in Einer Perſon zu. Ganz umringt von alten grämlichen Geſichtern, hatte ich nie einen Geſpielen. Mich ergriff eine quälende Sehnſucht nach einem Lottchen am Hofe. Nach der Rückkehr vom Rhein, nach der Begeg⸗ nung mit dem Doktor Phyſikus, mocht' ich daheim nichts mehr zeichnen als Köpfe, Thier⸗ und Menſchenköpfe. Weder nach gewundenen Blumenſchnörkeln, noch nach geradlinigen antiken Figuren, ſondern nach Geſichtslinien ſtand mein Sinn, nach Naſenlängen, Augen⸗ kreiſen und Mundwinkeln. Der Eigenſinn des Knaben war läſtig genug. Der Zeichenmeiſter hatte den kleinen Vorrath von Muſter⸗ blättern bald aufgebraucht; er griff nach anatomiſchen Büchern, wo iedoch die Menſchenbildung ſich von grauſamen Meſſerſchnitten ſo entwürdigt zeigte, daß ich laut ſchrie beim Anblick dieſer verwahrloſten Geſtalten. Sanct Lavatus ward der Heilige, zu dem ich meine Zu⸗ flucht nahm. „Nun heute hat er mir endlich aus Zürich ſeine Aufſätze mit den Köpfen geſchickt!“ Dies Wort hatte Großvater Erlaucht im Geſpräch bei Tafel fallen laſſen. Der Kammerdiener wußte, wo das Heft im Arbeitszimmer des Reichsgrafen lag. Der erſte Zeitpunkt, wo dieſer, ſeiner Gewohnheit nach, wieder von Belle Promeſſe abweſend war, wurde augenblicklich benutzt. Ich verſchaffte mir heimlich das Lava⸗ ter'ſche Heft und ſtürzte über die Aufklärung her, die es gab. Das war's wohin es mich trieb. Mit heimlichem Feuereifer ging ich jetzt alle Möglichkeiten menſchlicher Geſichtszüge durch, zeichnete die For⸗ mationen nach und ſuchte mir die Aufklärung aus dem Texte zuſammen. Hiernach war jeder Strich von moraliſcher Bedeutung, Tugend und Laſter nur um ein Haar breit verſchieden, die gutartige und verbre⸗ cheriſche Naſe auf's beſtimmteſte nachgewieſen, Klugheit und Dummheit von dem Verhältniß zweier Linien zu einander, ja ewige Seligkeit und ewige Verdammniß vom Stand des Kinns zur Unterlippe abhängig gemacht. Ich wußte damals noch nichts von Raphael, eden man — ſiht, in n dß der ſoch yf Ns Note ſhſ ng big Uher ſich Uie ſn ehr auf gern ein hm, den Perſon ich nie h einen Begeg⸗ zeichnen undenen ſondern Augen⸗ läſtig Muſter n, wo itten ſo brloſten eine 3u⸗ ſätze nit Geſyrich Heft in dieſet, nd wal, 6Lav⸗ p. Das ich jett dit For⸗ — 109— ſagt, er habe ein lachendes Kind durch einen einzigen Pinſelſtrich in ein weinendes verwandelt. Aber ich erfuhr zu meinem Schrecken, daß die ſchärfſten Gegenſätze im menſchlichen Antlitz nahe bei ein⸗ ander wohnen, daß Tiger im Hinterhalt lauern, wo man eben noch Engel ſpielen ſah. Für den Schauder, den ich im Reiſewagen empfand, als ich vom Schlaf aufgeſtört, meinen Kopf unter den Händen des Herrn Querkow fand und ſeine dreiſten Ausſprüche über meine moraliſchen Beſchaffenheiten vernahm, für dieſen Schauder über mich ſelbſt wollte ich Entſchädigung an anderen Köpfen haben, mein Müthchen an anderer Leute Naſen kühlen. Wenn ich im Buche auf Linien und Eigenſchaften ſtieß, die den Ausſprüchen des grauen Herrn Querkopfs über mich ſelbſt nahe kamen und ſeine Ausſage beſtätigten, ſo überlief mich's heiß.„Kleine Naſenlöcher bezeichnen die furchtſame Seele!“ Wie ich in der Handſchrift des Züricher Geſichtspropheten dieſen Satz fand, ſchrie ich laut auf vor Unwillen, ſo daß mein guter Zeichnen⸗ lehrer, der mir ſo eben eine ausgezeichnet lange Naſe vormalte, erſchreckt aufſah und glaubte, ich ſei von der Tarantel geſtochen. „Was haben Ew. jugendliche Gnaden 2“ fragte er mit gewölbten Brauen. „Kleine Naſenlöcher hab' ich!“ ſchrie ich und hielt mir die Naſe mit zwei Fingern zu. „Um Gott! doch etwa keinen Wurm darin!“ ſagte der ängſtlich Beſorgte;„wollen ſich Ew. Gnaden nicht einmal höchſtſelbſt eigenhändig ſchneuzen?“ Ich hatte keinen andern Wurm in mir als den Aerger, mein Geſicht auf Grundſätze angewendet zu ſehen, aller Welt die Structur meiner Seele offen halten zu müſſen, ſo daß es nun kein Geheimniß mehr gab, keine Falte des Herzens tief genug war, um vor gemeinen Blicken verborgen zu bleiben. Und dieſe Verſtecktheit, die der Abge⸗ ſandte des Sanct Lavatus mir an den Augen und am Kinn abſah, wie ſchämte ich mich, daß ſie mir ein wildfremder Menſch auf den Kopf zuſagen konnte!„Wenn das obere Augenlid den Augenſtern ſchief durchſchneidet,“ ſo hatte der Menſch geſagt, und ich fand es in Lavater's Heften wörtlich wieder,„ſo iſt's ein liſtiger, verſchla⸗ gener, treuloſer Charakter.“ Freilich ſtand auch„Feinheit“ als Attribut dieſer Augenlinien angeführt. Das hätte mich ſpäter beſchwichtigen — 4 — 110— können, aber ich wußte damals nichts von Feinheit, mich ſchmerzte blos, daß ich ein verſteckter Charakter, ein unehrlicher Menſch ſein ſollte, der Liſt und Schlauheit im Hintergrunde meiner Seele hegte. Wie haßte ich von jetzt an den trüben Hintergrund meiner Seele, während mir der Vordergrund und alles an mir was offen vorlag, doch ſo leidlich gefiel! „Nehmen's nicht ſo ängſtlich!“ tröſtete mich der Zeichnenmeiſter, dem ich gegen die perfide Lehre von der Geſichtsſpäherei mein Herz ausſchüttete. Es ſei wohl nur zum Spaße Alles ſo genau beſchrieben, meinte der Gute. Aber es war kein Spaß, kein Spiel, es war Ernſt für mich und— was das Schlimmſte war— ich glaubte ſchon an die heilloſeſte aller Wiſſenſchaften. Nachts und Tags ließ es mir keine Ruhe um hinter die Pro⸗ bleme zu kommen, die das Buch eben ſo anmaßend ſtellte als löſte. War ich allein im Zimmer, ſo verriegelte ich die Thüre, ſchob einen kurzen Spiegel zurecht, ſetzte mich davor und trieb an meinem eigenen Leibe, vor meinem eigenen Bilde, Geſichterſtudien. Ohne Eitelkeit, ohne Selbſtgenügen, vielmehr mit einem Spürſinn, der an Verzweif⸗ lung gränzte, forſchte ich an meiner unglückſeligen Fratze den Ver⸗ hältniſſen nach, deren phyſiſche Zufälligkeit die pſychiſchen Nothwendig⸗ keiten aufdecken ſollte. Mit der Stirn, weiß ich noch, blieb ich am meiſten im Zweifel ſtecken. Ich fand geſchrieben: Hohe Stirn— eigenfinniger Charakter; doch im Verein mit deutlich hervorſpringenden Augenknochen verſprach eine hohe Stirn viel Tauglichkeit für Geiſtes⸗ arbeiten. Dies war noch nicht Alles. Es war ein ſehr ſchwieriger Fall aufgeſtellt: Wenn die Stirn, im Profil genommen, von den Haaren bis an die Brauen eine vollkommen ſenkrechte Linie machte, und dieſe Senkrechte war ganz oben gewölbt, ſo verſprach ſie einen tiefſinnigen, nachdenkenden, ruhigen Geiſt; fehlte dieſe leiſe Wölbung oben, ſo zeigte ſie gänzlichen Mangel an Verſtand. Zwiſchen dieſen beiden Polen, zwiſchen Tiefſinn und gänzlicher Verſtandloſigkeit, blieb nun mein armes Ich in der Klemme. Daß Eins zum Andern führen könne, iſt mir ſehr wahrſcheinlich geworden im Laufe der Zeiten, an mir, an Andern, am ganzen Habitus der Dinge dieſer Welt. Nachts, wenn ich von Träumen gequält plötzlich aufwachte, mir in der Stille Licht anzündete, da überfiel mich oft eine heiße, tiefe Sehn⸗ ſu Ve nie ſchmetzte nſch ſein le hegtt. r Seele, 1vorlag, nmeiſter, in Her rieben, es wal bte ſchon löſte⸗ ob einen eigenen Eitelkeit, gerzweif⸗ endig⸗ ich an Stim ingenden 0 nuchte. e einen „dieſen bliel — 111— ſucht, in das Antlitz meines Vaters zu blicken. Ich holte mir aus dem Verſchluß ſein Bild, ſtellte es mir auf einen Altar vor mir auf, kniete nieder und ſchaute, bis ein Strom von Thränen mir die Augen überſchüttete, in ſeine edlen, ſanften, gramzerſtörten, von den Menſchen und vom Schickſal verkannten Züge. Da waren Furchen, die ihm nicht Mutter Natur gezogen; Menſchen mit ihrem Wahn hatten dieſe ehedem vielleicht blühenden Wangen gebleicht; dies lebendige Memento mori hatte ihm nicht Gott auf die Stirn gedrückt.— Ich war eines Nachts vom Weinen erſchöpft und vor dem Bilde knieend, einge⸗ ſchlafen; des Morgens wurde das herabgebrannte Licht am Boden gefunden. Seitdem hatte ich Scheu, meinen Bilderdienſt mit dem „katholiſchen Antlitz“ meines Vaters den Leuten zu zeigen. Tages über ergriff mich bei meinen Geſichterſtudien nicht ſelten eine eigenthümliche Luſt, mich an meinen Mitmenſchen zu rächen. Nie kam es mir bei, aus der Erinnerung das Bild meiner Mutter mit dem Stift in der Hand mir zu vergegenwärtigen. Und doch lebte es mit mir fort, ſtand feſt in mir wie ein Heiligenbild in ſeinem Schrein. So ſeltſam abirren von dem, was ihm das Nächſte und Beſte, kann der Menſch, hat er nicht Boden, Licht und Luft zum Gedeihen in der Liebe der zu ihm gehörigen Menſchen! Ich lebte nur in den Folgen von dem was mein Schickſal war, mein Daſein geſtaltet hat. Mich für unverſchuldete Unbill zu rächen, ſchien mir der liebſte Gedanke. Mein Crayon verſchonte niemand. Ich ſtellte einzelne Geſichtstheile auf dem Papier willkürlich zuſammen, brachte die entgegengeſetzteſten Eigenſchaften in ein Ganzes, mich an den Contraſten von Tugenden und Laſtern, an der Verſchmelzung von Gut und Böſe weidend. Ich componirte auf dieſe Weiſe ganz neue Phyſiognomien, creirte neue Menſchen. Zu meinem Jubel wurden dieſe Compoſitionen unter meinen Händen zu getreuen und wahrhaften Abbildern vorhandener Menſchen in meiner Umgebung, unverkennbar, wenn ſie auch hie und da durch einen teufliſchen Beiſatz um einige Grade von ihrer anſtändigen Moralität herabgeſetzt wurden. Ich war dreiſt genug, unter dieſe Zeichnungen aus freier Hand friſch weg die Namen von Originalien zu ſchreiben. Dieſe Blätter ließ ich zum Fenſter hinausfliegen, wenn ein guter Wind ſie zu verſtreuen Miene machte. Ich edirte auf dieſe Weiſe meine Caricaturen, und ſie — 112— wurden ſo geſchickt und perfid verbreitet, wie niemals Pasquille durch Poſt oder geheime Boten. Der Wind trieb dieſe Blätter nicht blos im Hofraum herum, er trug ſie auch in die offenſtehenden Fenſter der Leute, in die Man⸗ ſarden der Kammerjungfern, in die Garderobe der Damen, die auf dem linken Flügel des Schloſſes wohnten. Oft erlebt' ich Augenblicks die Wirkungen, hörte das Gelächter der Dienſtleute, wenn die Blätter dieſen oder jenen ſtolzen Cavalier ganz getreu und doch mit einem Beiſchmack von Intrigue abeonterfeiten. Dieſe ſelbſt waren nicht ſelten empört, witterten Kabale und ſetzten Preiſe auf die Entdeckung des boshaften Pasquillanten. Noch niemals war es am Hofe meines Großvaters ſo lebendig zugegangen, denn an die Muthmaßungen und Neckereien knüpften ſich hundert Geſchichten. Selbſt der regierende Herr hatte eines Morgens auf ſeinem Bureau ein Abbild ſeines erſten Geheimrathes gefunden; ein intriguanter Windſtoß hatte es durch ſeine Fenſter geführt. Ich weiß jedoch nicht, ob er jemals Nachfrage darüber gehalten. An ſein eigenes hohes Antlitz hat ſich mein Satyr nie gewagt. Später fing ich an zu ſilhouettiren und edirte meine Werke ohne Namensnennung. Ich hatte im Schneiden bald ſo viel Glück, daß es der Unterſchrift nicht bedurfte, um die boshaft Geſchmeichelten zu erkennen. Einen eigenthümlichen Reiz fand ich darin, feiſte und ungeſchlachte Pfaffengeſichter, wie man ſie im Würzburgiſchen und Bambergiſchen herumlaufen ſah, aus der Phantaſie und der Erinnerung zu componiren. Ich gab dieſen dicken Köpfen eine kurze dreieckige Stirn, die den Mangel an Verſtand deutlich genug ausprägt, mit einer Runzel am oberen Theil, die nach Lavater dem Geſichte den Anſtrich des albernen Erſtaunens giebt. Eine weite Entfernung des Mundes von der Naſe vollendete das Bild der Dummheit. Dickfleiſchige, wulſtige Lippen, meiſt begehrlich aufgeſperrt, fügten Sinnlichkeit und Faulheit hinzu, und ein zurückgeſchobenes, gleichſam in zwei Geſchoſſe getheiltes Kinn bürgte dem Kenner menſchlicher Dinge für die Eigen⸗ ſchaft genußliebender Schwelger. Oft vergeſellſchaftete ich zu ſolchen, mit Fett und Fleiſch überladenen Köpfen ganz karge, magere Frauen⸗ geſichter, wie ſie alten Jungfern, etwa einigen penſionirten Hoffräulein im linken Schloßflügel, eigen ſein mochten, die mit langen knochen⸗ din lille durch n herun, die Man⸗ „die auf ugenblicks ie Blätter nit einem icht ſelten cung des lebendig pften ſich Morgens efunden; hrt. Ich An Werke Glück, meichelten eiſte und en und innerung vitcigt zat, nit chte den iſchige⸗ eit und 6 ſchoſſe Figen⸗ ſolchen⸗ Frauen⸗ riulein ochel⸗ dürren Hälſen, als Abzeichen der Prüderie, und mit ſchmalen zu⸗ ſammengepreßten Lippen, als Attribut des Geizes, gegen die behaglichen Herren vom katholiſchen Cölibat einen ſpaßhaften Abſtich machten. Ich fügte allezeit ein Männlein und ein Weiblein zuſammen, und dieſe gewaltſamen gemiſchten Ehen wurden Veranlaſſung zu vielfachem Aergerniß. Paßten dieſe Schattenriſſe nicht ſofort auf wirkliche Per— ſonen, ſo gaben ſie um ſo mehr Stoff zu ſcherzhaften, empfindſamen oder auch böslichen Vermuthungen. Ich glaube, der Herr Querkow, der im Grunde an alle dem Schuld war, hätte an meinen Geſichter⸗ ſchneidereien ſeine Freude gehabt. Eine Zeitlang hielt man ihn für den Autor dieſer Bilderſatyren. Doch war er bald nicht mehr in unſerer Nähe. Er hatte ſich am Hofe gut herausfüttern, anſtändig coſtümiren laſſen, und wurde dann als Bezirksarzt in einen abgelegenen Landestheil verſetzt, bis er, auf unehrlicher Verwaltung einer Kaſſe ertappt, gänzlich entfernt wurde. Zu meinen Geſichterſtudien geſellte ſich bald auch das Studium der Toilette, und zu beiden, zu Mimik und Coſtümirung, der Hang zum Komödienſpiel. Jemehr ich auf des Großvaters Geheiß, um in der Tournüre gefördert zu werden, mit Ninon und ihrer Umgebung in Verkehr trat, deſto mehr fand ich den Uebergang zu alle dem. Ich war bei Ninon bald täglich ſtehender Gaſt im Salon. Schon vor dem Beginn der abendlichen Geſellſchaftsſtunden ſaß ich manche müßige Stunde, in jenes brütende Nichts verſunken, zu dem Alle, die bei Hofe antichambriren, verdammt find, in jenem ſchönen Corridor, der mit den anſtoßenden vertrauteren Gemächern zum Em⸗ pfang der Fremden und für den ſtehenden Abendeirkel hergerichtet war. Ich hatte mir oft genug die Wände hinlänglich betrachtet, die Falten der Gardinen gezählt, die großen Blumen in den Teppichen, wo jede wie die andere war, verglichen. Hinter der Tapete, die einen Winkel des Salons abtheilte, ſtand ein Fauteuil mit ſammtnen Backenwänden. Vom Fauteuil bis zum roth damaſtenen Vis à vis mitten im Raum waren genau acht Schritte. Dort ſah man ſein eignes Bild im Spiegel, das neueſte Heft des Petit Courier des dames lag auf dem Tiſchchen, man konnte die neueſte Mode ſtudiren, ſeinen eignen Anzug im Trümeau danach muſtern. Da die Toilette damals ein Syſtem von Scharfſinnigkeiten war, gab ſie ſelbſt denkenden Köpfen D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 8 — 114— Stoff. Phantaſie und Witz drehten ſich in erleſener Geſellſchaft oft nur um Vergetten und Manſchetten; man war witzig, man war ſchöpfe⸗ riſch in der Toilette. Man fühlte ſich hier in Fräulein Ninon's Reich; man mußte hier, wollte man Gnade finden, ganz und gar„auf vier Nadeln gezogen“ ſein. Das Raffinement der Etiquette war an einem Hofe, wo die Dame des Hauſes nicht erſchien, durchaus nicht ange⸗ bracht, man trat damit nicht„in Blüthe,“ der Toilette fehlte die mise-en-scdne; aber Fräulein Ninon war eine theoretiſche Tyrannin, ſie hielt das ganze Perſonal möglichſt in beſter Facon, in allerhöchſtem Zuſtande und jeden Augenblick bereit, um große Scene bei Hofe zu machen. Wenn ich dort ſaß und ſann, zog ich Papier und Scheere hervor und ſchnitt Geſichter. Ich hätt' ſie vor Langerweile mit den eigenen Muskeln im Spiegel vor mir ſchneiden können, aber ich ſchnitt ſie in Papier. Während deſſen kamen Leute und gingen, man verneigte ſich und dankte; es war immer paſſageres Publikum dort. Mit einem kleinen Hohlſpiegel, den ich mit mir führte, faßte ich jede Fratze auf, die in's Zimmer trat, verfolgte ſie im concaven Spiegelbilde, bis ſie verſchwand, und ſchnitt danach die Silhouette. Ich hatte mit der Zeit wirklich die Fertigkeit erlangt, auf den erſten Blick jedem Geſicht das abzuſehen, was es vorherrſchend bezeichnete. Auf die Kammerdiener macht' ich meiſt eine Caricatur, die jeden auf das ihm entſprechende Thiergeſicht reducirte und ihn doch genau erkennen ließ. Die jungen Zofen kamen entweder als Kätzchen oder Gänschen, unter meinen Händen zum Vorſchein. Dieſe Blättchen ſtreute ich dann im Saale herum oder ließ ſie wieder durch's Fenſter zum Hofe hinunterfliegen. Fräulein Ninon, die mir am häufigſten unter die Scheere kam, hatt' ich niemals gewagt zu entſtellen. Sie hatte für mich wie alte Jungfern überhaupt etwas Rührendes, vielleicht juſt deshalb, weil ſie ſo leicht die Zielſcheibe des rohen Uebermuthes werden. Dabei zweifelte ich faſt ſo wenig wie ſie ſelbſt, daß ſie in ihrer Jugend einmal hübſch geweſen; ſie trug die Ruinen einiger ehemaliger Reize noch zur Schau; einige kleine, unleugbare Entſtel⸗ lungen, von den Pocken verurſacht, erhöhten jedoch nur ihr Raffine⸗ ment, die Sternchen und Monde im Geſicht, wie man die ſchwarzen Schönpfläſterchen nannte, vortheilhaft anzubringen. Sie erſchien haft oft t ſchöyfl⸗ „auf vier an einem cht ange⸗ ehlte die yrannin, rhöchſen Hofe zl re hewor neigenen ſchnitt ſie verneigte Mit einen ratze uf, , bis ſe nit der ic jcden Auf dir auf das erkennel Ginhe nnn ſ zum Hoſt untel ni hatte fi leicht in demuhe ſie in einige Entſel uffin⸗ hwnin eiin — 115— in ihrer Parüre immer wie ein vollendetes Meiſterſtück der Kunſt, jeden Tag neu, immer wie friſch herausgetreten aus dem neueſten Heft des Petit Courier. Ihr Kopfputz mit den Blumen, Federn und Vögeln war jederzeit eine Aufgabe für meine Kunſt; faſt noch mehr, ſeitdem ich die phyſiognomiſchen Studien trieb, die Art und Weiſe, wie ſie dem Charakter ihres Anzuges angemeſſen das Schönpfläſterchen trug. Dieſe Sternchen bracht' ich weiß auf's ſchwarze Papier, in welches ich die Silhouette ſchnitt, ganz leiſe, ganz hingehaucht, wie ſie's nannte. Es gehörte wirklich ein Studium dazu, um die Nüancen dieſer kleinen Dinger, die wir ehrlichen Deutſchen breitmäulig genug benannten, richtig zu kennen. Saß die Mouche breit auf der Stirn, ſo hieß ſie mahestueuse. Der ganze Anzug war dann pomphaft, wenigſtens prachtvoll; Feierlichkeit war die Stimmung, die dazu paßte. Saß ſie im Augenwinkel, ſo erhöhte ſie das Feuer des Blickes, gab dem Auge eine durchglühte Leidenſchaft; die Mouche hieß dann pas— sionné6e. Mitten auf der Wange nannte man ſie galante. Ninon hatte ſie dort nur in den Tagen ihres Lenzes getragen, hielt auch nicht ſehr darauf, daß die jungen Hofdamen die galante Mouche auf⸗ legten. Noch weniger duldete ſie das Sternchen auf der Lippe, la coquette genannt. Aber die enjouée, in der Falte, welche der Mund beim Lachen bildet, verſchmähte ſie doch nicht, obſchon ſie nie lachte; auch nicht die baiseuse im Mundwinkel, obſchon ſie nicht küßte. Die eſtrontée auf der Raſe trug ſie nur, wenn ſie zornig war; am häufigſten mußte ſie ſich zur receleuse bequemen; das war der kleine, auch wohl große Vollmond, den man auf Leberflecken und Narben ſetzte. Jede Mouche gab dem Geſicht eine andere Stimmung. Es war nur ein Uebelſtand, daß die Stimmungen im Geſicht wechſelten, die einmal aufgeſetzte Mouche aber dieſelbe blieb. Stand Fräulein Ninon heiter auf und wählte die baiseuse zum Anzuge, ſo blieb dieſer ſchmunzelnde Zug um den Mund, auch wenn ſie zu Mittag mit den Wolken des Zorns auf der Stirn erſchien; er gab dem ganzen Geſichte einen lächerlichen Widerſtreit. Die Profile nahmen ſich dann ſehr verſchieden aus; Ninon links war oft heller Sonnen⸗ ſchein, Ninon rechts ein drohendes Gewitter. Wie dem auch war, meine Silhouetten vom Fräulein Ninon gaben getreulich Weiß auf Schwarz die Mouchen wieder, den Kopfputz dazu mit allem Gehängſel 8* — 116— von Netzgeweben, wie ſie's trug. Die feine ſchlanke Naſe, die ſchöngehobene Stirn, der lächelnde Anſtand der Lippe, die graziöſe Majeſtät in der Haltung des freilich etwas langen Halſes— alles das gab ich auf's gewiſſenhafteſte, und jedesmal in einer Glorie von Jugendlichkeit, wie Ninon vielleicht vor dreißig Jahren ſich ſelbſt in ihren Träumen erſchienen war. Die Gute war entzückt, wenn ihr der Kammerdiener das fertige Bild, ſauber eingewickelt, überbrachte. Mon- seigneur! ſagte ſie jedesmal neu überraſcht, und gab in einigen hin⸗ geflüſterten Worten ihrem geſchmeichelten Wohlgefallen Raum. Wir machten glänzende Verbeugungen vor einander, und ſie ſchwand wie ein alter Zephyr, der wohl noch fächelt, aber nicht mehr betäubt. Dieſer ziemlich ſtumme Verkehr zwiſchen uns dauerte lange genug. Sollte man es wohl glauben, wie boshaft der Leumund bei Hofe iſt? Man flüſterte ſich zu: die Alte erſchiene meinetwegen ſo oft im Corridor, machte meinetwegen dieſe täglich neuausgeſuchte Toilette. Spöttereien gegenüber iſt ein junger Menſch nie ſicher vor Scham und Schwäche; ich ſchämte mich plötzlich des zarten Trödels mit der Alten. Sie kam jedesmal, wenn ich ſaß; ich ſchnitt ihr Geſichter, aber nicht mehr in Papier; ſie legte Schminke, Sternchen, Monde, Sonnen, ein ganzes Firmament auf; ſie coifſirte ſich à deux miroirs, ſtaffirte ſich à quatre épingles, parfümirte ſich à mille fleurs,— ver⸗ geblich, es erfolgte keine Silhouette mehr, mein Auge blieb für ſie blind. Sie ſchien außer ſich, ſie wollte vielleicht verzweifeln, aber ſie trug ihr Unglück groß, mit Würde. Sie ließ es nicht merken, daß es ihr Verdruß machte, nicht mehr Gegenſtand meiner Studien zu ſein. Oh, Monseigneur, que Vous ötes— langweilig! war ihr höchſter Zornausbruch, wenn ich ſie nicht mehr ausſchnitt. Sie bediente ſich nur im Zorne halb und halb deutſcher Worte. Eines Abends war ich ziemlich früh eingeladen; meine Lection mit dem Magiſter ward unterbrochen. Ich ging im Saale auf und ab und ſetzte mich endlich, da Niemand kam, hinter der ſpaniſchen Wand auf den Seſſel. Nicht lange, ſo rauſchten ſeidene Roben durch die Thüre. Es war nicht die Alte, es waren zwei junge Frauen⸗ zimmer, die in Ninon's Schule den Dienſt lernten. Ich weiß nicht, hatte ich ſie früher als Gänſe oder als Enten ſilhouettirt. Sie nahmen Platz auf dem Vis-vis. aſe, die greziöſe — alles orie von ſelbſt in n ihr der te. Mon- gen hin⸗ n. Vir vand wie betiubt. e genug Hofe iſt! Gorridor, r Schan nit der Geſichtel, Monde⸗ nitirs — eb für ſi n, abet umn ndin 3l var ihr bediente Lertion au un ſpniſche — 117— „Iſt Monſeigneur ſchon bei Sr. Erlaucht?“ fragte die Eine den Kammerdiener, der ſo eben die Kronleuchter angezündet. „Noch nicht!“ war die Antwort. Der Diener, der mich her⸗ geleitet, war abgelöſt, der neue hatte den Saal betreten, ohne mich zu ſehen; ich war im ſicheren Verſteck. Ich hörte franzöſiſch flüſtern. Als der Kammerdiener das Zimmer verließ, machten ſich die Damen deutſch Luft. Sie ſeufzten, ſie dehnten, ſie reckten ſich wie junge Füllen. „Gott im Himmel!“ ſagte die Eine,„die Alte erſcheint heute in den Papageidurchwirkten! Sie will ihn durchaus erobern.“ „Sie ſollte in ihrer Robe von erſtickten Seufzern auftreten,“ ſagte die Andere,„das iſt jetzt das Neueſte aus Paris, die Garnitur von überflüſſigem Bedauern.“ „Oder ein Häubchen von ſicherer Eroberung aufſetzen, mit flatter⸗ haften Federn und niedergeſchlagenen Augenlidern eingefaßt.“ „Nein, nein!“ war die Entgegnung der Erſten,„ſie will durch⸗ aus mit Papageien wirken, es iſt ihr Höchſtes und Letztes. Und die Ramage auf dem Kopfe iſt pompös; ſie bildet eine Krone, unter der ſich zwei Paradiesvögel ſchnäbeln.“ „Nun, wenn das nicht zieht, ſo bekommt ſie Vapeurs!“ lachte die Zweite.„Vielleicht würde das Monſeigneur zum Erbarmen reizen.“ „Nun man hat Beiſpiele! Die wirkliche Ninon hatte noch in ihrem achtzigſten Jahre une belle aventure. Vielleicht daß Graf Joſeph ſich entſchließt“—. Die Mädchen kicherten und ſteckten ihr Geſicht in die Kiſſen des Kanapee's, ich hörte nur leiſes Ziſcheln, dann wieder Lachen, das bei der Einen plötzlich in ein lautes Nieſen ausbrach. „Oue bien Vous fasse!“ rief ich und ſprang mit Gepolter hinter dem Schirme hervor. Wie Spreu vor dem Winde ſtoben die Er⸗ ſchrockenen auseinander. Zum Glück für die tödtlich Erſchrockenen trat auch die Oberſthofmeiſterin in's Zimmer, nobel und gehalten, wie immer, und mit außerordentlichem Eifer coſtümirt. Sie ſtrahlte wirklich in den Papageidurchwirkten; zwei rothe Vögel ſchwankten über ihrem Kopfe mit den Schnäbeln zuſammen. Doch man war damals an ausgelaſſene Phantaſtik in der Toilette gewöhnt. Sie trat zagend und — ungewiß zu mir heran, in ihrer Verbeugung lag nicht mehr die alte Zuverſicht. Wie ich ſie ſcharf fixirte, entdeckte ich erſt das ungewöhn⸗ liche Zugpflaſter, das ſie aufgelegt. „Mon Dieu!“ rief ich exaltirt,„avec un assassin!“ Sie hatte ſchräg unter dem Auge eine Mouche von gigantiſcher Form. Ich weiß nicht, wie man das Ding hieß, aber ich taufte es keck und ſchlagend.„Räuber des Herzens!“ declamirte ich,„wenn andere deiner unſchuldigen Brüder verwunden, du— du mordeſt!“ Ich ſank in die Kiſſen des Kanapee's, ſtürzte über Papier und Scheere her, die ich auf dem Tiſche fand, und bückte mich tief nieder, anſcheinend aus Eifer, in Wahrheit aber, um die Lippen über einander zu klemmen. Wie ich aufblinzte, ſchritt Ninon an uns vorüber. „Monseigneur, j'ai l'honneur,“ ſagte ſie mit einer Verbeugung der feinſten Grazie und rauſchte fort; das Bewufßtſein ihres Triumphs lag in dem ſtolzen Blicke, der über die jungen Mädchen fortgleitete. Wie die Thüre hinter ihr in's Schloß fiel, warf ich mich rücklings über den Seſſel und brach in ein ſchallendes Gelächter aus. Ich hatte lange zurückgehalten, ich ſchüttete mich vollſtändig aus, die Augen gingen mir über. Wie ich ſie mit Gewalt aufriß, ſtand die Alte wieder mitten im Zimmer, hoch aufrecht, eine Säule voll Zorn und Wuth, die Papageien in der Ramage bebten und hackten ſich wild in die Schnäbel. Ich war beſchämt, wie ſie den Finger drohend emporhob. Sie ſah mich lange ſtrafend an; Monseigneur,“ ſagte ſie endlich mit gering⸗ ſchätzendem Hohne,„Monseigneur, fi donc!“ Dann winkte ſie der Einen der jungen Damen und verſchwand mit ihr. Die Andere blieb am Fenſter ſtehen; Ueberraſchung und Verlegenheit hatten ihre Füße gefeſſelt. Es war ſehr ſtill im Raume. Ich ſaß im Seſſel, nahm die herabgefallene Scheere zur Hand und ſchnitt ein neues Geſicht, ein junges, blühendes,— juſt das Geſicht, das mir halb abgewendet zum Fenſter hinaus ſah und mir das niedliche Profil überließ. Es war ein hübſches Blondchen, blauäugig, ſanft gerundet, eine leicht aufgebaute und doch entſchloſſene feſte Geſtalt, wie ſie Vater Jupiter aus ſeinem Gehirn entließ und Minerva nannte. Und für die hatt' ich keinen Sinn bisher gehabt, hatte ſie wohl gar als Gänschen conterfeit! die alte ngewöhn⸗ gantiſcher taufte es „„wenn nordeſt!“ wier und ef nieder, einandet vorüber. gung der nphs lag tete. Vie ngs über 36 hatte en gingen der nitten uth die gonibel Sie ſch nit gering⸗ e ſie der ndere blieb ihre ije nahn die ſicht, ein „ 3 1 6 — 119— „Sie hat's gemerkt, die Alte!“ ſagte ich zur Kleinen. „Monſeigneur war ſehr übermüthig,“ eiferte ſie dreiſt,„wir werden das Alle lange Zeit zu büßen haben.“ „Ich will's gutzumachen ſuchen,“ ſagte ich gerührt. „Der Spott war zu arg!“ ſchmollte ſie und ſchlug mit dem Finger auf's Fenſterbrett.„Man darf nicht unartig ſein!“ „Mademoiſelle!“ ſagte ich und ſtand auf.— Sie kühn zu ſchelten, wollte mir nicht über die Lippen. Sie redete mit mir und ich kannte ſie nicht; das war keck genug; ich hätte ſie demüthigen tönnen. Wie ich aber in ihr Auge blickte, in dies Gemiſch von Trotz und Schelmerei, fühlt' ich mich entwaffnet, wollte näher treten, ihre Hand faſſen, ſtand und zögerte und fühlte die erſte zärtliche Empfin⸗ dung meines Lebens durch meine Pulſe zittern. Wie ein Schreck überfiel mich plötzlich eine Entdeckung. Dies Geſicht hatte ich ſchon geſehen. Aber wo und wie? Hatte ſie Aehnlichkeit mit der kleinen Blondine, die in Mannheim das Lottchen am Hofe ſpielte? Oder that mir der Zufall den Gefallen und ſprang mir zu Liebe in meine Wünſche, in meine Gedanken mitten hinein? Aber nein, ich hatte ſie ſchon hier am Hofe geſehen, geſprochen— richtig! im Parke am erſten Morgen, d ich in Belle Promeſſe hungernd und dürſtend verlebt. Es war die Kleine, die mir die erſte Morgenatzung gereicht. Ich ſchwelgte plötzlich in dem Gefühle, ich ſei der Prinz Aſtolph im Stücke und die Kleine die ländliche Schöne in der Toilette der großen Welt. Aber wie kam ſie in das Hofkleid? Wie hatte die Etiquette ſie gewürdigt, hier zu erſcheinen? Sie war ja eine Förſterstochter, eine Gärtnersnichte und brachte den Arbeitern ihr Frühſtück. Das Räthſel war bald gelöſt. Sie war es, Minchen, die Förſters⸗ tochter, die zu ihrem Ohm, dem Hofgärtner, geſchickt wurde, aber nicht um dort ihre Exiſtenz, ſondern den Aufſchluß über ihre bisher dunkle Geburt zu finden. Das plötzlich eröffnete Teſtament eines kürzlich in Belle Promeſſe geſtorbenen Hofeavaliers erklärte ſie für deſſen Tochter und Erbin. Die Juſtiz hatte die Rechtmäßigkeit anerkannt und Ninon ſich des Waiſenkindes erbarmt. Kurz vor meiner Reiſe nach dem Rhein war Wilhelmine in den Dienſt getreten, war alſo ſchon in meiner Nähe, in meiner Berührung geweſen, hatte aber nie ein Wort von unſerer Bekanntſchaft im Parke fallen laſſen. In der Ueberraſchung und * —— —= — 120— Freude hatte ich Mühe, meine Bewegung zu verbergen. Ich war ſo verworren, daß ich die Scenen im Parke mit Scenen im Stücke auf der Mannheimer Bühne verwechſelte. Wie ich leiſe nach dem kleinen Finger ihrer Hand griff, die ſie mir ſchüchtern entzog, zitterte ich ſo heftig, als ertappte ich mich auf einem Verbrechen. Ich ward kecker, ich legte den Arm um ihre Mitte; da ſprang ſie zurück und ſah mich wild an, indem ihr ein Strom von Thränen aus den Augen ſtürzte. „Wollen auch Sie noch zu meinen Verfolgern gehören?“ ſagte ſie ſchluchzend.„Bin ich nicht ſchon unglücklich genug? Erſt bin ich eines Förſters Kind; dann ſagen ſie mir, ich gehörte an den Hof, mein Vater ſei ein Cavalier geweſen, und ſtecken mich in die ſteifen Kleider zum Erſticken! Draußen im Walde war es ſo ſchön!“ Gott im Himmel, dacht' ich, das iſt ja beinahe mein eigener Fall.„Lottchen!“ rief ich ſehnſuchtvoll aus. Sie lachte plötzlich laut auf und ſagte:„Monſeigneur, ich heiße Minchen!“— So ſylphen⸗ haft raſch wechſelte ihre immung. Mit einer geſchickten Tanz⸗ bewegung entwand ſie ſi und huſchte mir aus den Händen zur Thüre hinaus. Ich durfte ihr nicht folgen. in i trat mit der Meldung ein, der Thee werde heute Abend e den Zimmern ſervirt. So ging ich betäubt zu meinem Magi rück, der bei der Lampe ſaß, um in der Offenbarung Johannis noch einige Aufklä⸗ rungen zu finden. Ich für meinen Theil hatte als Prinz Aſtolph mein Lottchen am Hofe gefunden. „Wir machen noch einen kleinen Gang durch den Hain unſeres Barden!“ ſagte der Magiſter, indem er die Apokalypſe zuſchlug und nach dem Klopſtock langte,—„mir zur Erholung, Ihnen zum wohl⸗ thätigen Schwung der Lebensgeiſter, lieber Graf!“ Wir machten noch einen Stelzengang auf Klopſtock'ſchen Füßen; ich ſtolperte hin und her, ſcandirte unſinnig, war für allen Odenflug verdorben. Lottchen am Hofe war mein Gedanke, ein armes kleines Mädchenherz mein Sinnen und Trachten. Ihrer erſten idylliſchen Welt entzogen, hier in die Schnürbruſt der Etikette gepreßt, launiſch aus Verzweiflung, gequält und verſpottet, lachend und weinend: ſo ſtand ſie vor mir in ihrer rührenden Geſtalt. Ich hätte faſt eine Ode in Steifleinen auf ſie gemacht. Ich gehöre zu ihren Verfolgern, ſagte ſie! Hatt' ich nicht allen Grund, ſie zu verſöhnen, ihr wohlzuthun? war ſo tücke auf nkleinen te ich ſo rd kecket, ſah nich ſtürzte. ſagte ſie bin ich den Hof, ie ſteifen eigenet zlich laut ſylyben⸗ n Tanz⸗ nden zu nmit der zimner r bei det lyh wein unſeres lug und m wohl⸗ ßißen⸗ Odenflus leines lliſchen mniſch agte n, at uthun Wie aber kann man einem Herzen anders wohlthun, als wenn man es liebt! Wir waren uns beim Thee ſehr verquer, der Magiſter und ich. Er ſprach von den allerhöchſten Angelegenheiten des Geiſtes; ich dachte an die allerdringendſten meines Herzens. Ich ſchützte Müdigkeit vor und ging früh ſchlafen. Der Magiſter ſetzte ſich wieder zur Offen⸗ barung Johannis, ich hörte ihn im Nebenzimmer die Blätter wenden, das Licht putzen; ich hörte ſein leiſes Räuspern, ſeine alte Gewohn⸗ heit, wenn er auf Schwierigkeiten ſtieß. Ich drückte meine Augen heftig in die Kiſſen, ich ſchluchzte und entlud in einem Strome von Thränen mein kindiſch bewegtes Herz. Nach einer Weile ſchlich der gute Peterhagen auf Socken durch mein Cabinet.„Schläft man noch nicht?“ fragte er ruhig.—„Lieber Herr Magiſter!“ ſagte ich, und er trat vor mein Bett. Ich brauchte einen Menſchen, einen Vertrauten, ich hatte ja Schmerz, ich fühlte zum erſten Male das Bedürfniß eines Freundes. Wie er ſo vor mir ſtand, der gute breitſchulterige Magiſter, mit dem Beruf, Laſten zu tragen, aber zugleich mit dem dürren, prüfenden Blick und der langen Examinationsnaſe: da entfiel mir wieder der Muth zur Beichte. Ein Mondſtreifen fuhr hell durch's Zimmer über den Magiſter hin bis über's Bett. Ich hatte nach ſeiner Hand faſſen wollen und griff in's blaue fahle Licht des Nachtgeſtirns. „Lieber Magiſter,“ ſagte ich,„gibt es nicht Menſchen, die Nacht⸗ wandler ſind?“ „Gar kein Zweifel,“ ſagte er ruhig,„es gibt Menſchen, die Nachtwandler ſind.“ „Muß man erſt geſtört ſein im Gehirne, wenn man nachtwan⸗ delt?“ fragte ich. „Ein abnormer Zuſtand mag damit eintreten,“ war die Antwort, „Verrücktheit wohl noch nicht.“ „Ich danke,“ ſagte ich,„es tröſtet mich, ich hoffe nicht, daß ich Anlage zum Nachtwandeln habe.“ 3 „Hoffen?“ corrigirte der Magiſter. „Fürchten, will ich ſagen, ja ich fürchte es.“ „Fürchten wir dieſes nicht,“ beruhigte mich der Gute. „Gute Nacht, lieber Magiſter!“ 122 „Gute Nacht, Monſeigneur Joſeph!“ Er ging. So gerührt hatten wir noch nie Converſation gemacht. Der Mondſchein aber blieb, und ich dachte: welche Nacht hat Minna⸗ Lottchen drüben im linken Flügel? Ich ſtand auf und trat an's Fenſter. Drüben blinzelte ein kleines Licht, ein Irrlicht für ein rath⸗ loſes Herz. Eine Stunde lang ſtand ich wie ein Mondſüchtiger da, aber ich hatte keinen Muth bei wachen Sinnen den Nachtwandler zu machen. Wie hätte ich auch die ſteilen Wände hinunter und hinan— klimmen können! So ſehr greifen Mondſüchtikeit und erſte Liebe in einander. Wir bitten die Medieiner nicht um ein Mittel dagegen; es will beides überdauert ſein, und die gütige Natur hilft ſich ſchon von ſelber. Die gute Ninon hatte ich vollſtändig verſöhnt, den jungen Mäd⸗ chen aber hatte ich das Singſpiel mitgetheilt, das Alle lebhaft ergötzte. Wenige Tage nach jenem Vorfalle war Ninon's Geburtstag. Ich ſchnitt ihre Silhouette mit beſonders ſchmeichelhafter Sorgfalt auf grauem Silberpapier mit ſchwarzen Schattirungen, die ich mit der Feder anbrachte, die Mouchen ſilberweiß glänzend. Ich ſchrieb darunter: Ninon la seconde, und überſchickte es ihr mit Begleitung einiger franzöſiſcher Verſe. Auf flammenrothem Papier, mit goldenen Arabesken oben und unten, kam die Antwort alſobald. Sie lehnte es ab, Ninon zu heißen, auch nicht deutſche Ninon. Ihre Verſe ſchloſſen mit dem Reime: Faible et friponne tour à tour Ninon eut trop d'amans pour connaitre l'amour! Am nächſten Abend erſchien ſie wieder im Corridor. Wir ſaßen im Visvis, auch Minchen kam und wir machten Converſation comme il faut. Ich deklamirte die obigen Verſe, die ich ſo eben in einem franzöſiſchen Elaſſiker geleſen zu haben behauptete, und fragte die Oberſthofmeiſterin ſehr täppiſch, ob man wirklich nur ein Mal im Leben lieben könne. „Man ſagt, nur ein Mal!“ erwiederte Ninon.„Sprechen wir von anderen Dingen, Monſeigneur!“ Ich erzählte von meiner Rheinreiſe und lenkte bald auf die Ko⸗ mödie in Mannheim ein. Bei meiner Schwärmerei für das deutſche Singſpiel hatte ich ganze Scenen auswendig gelernt und ſagte ſie her. 6 ne macht. Minna⸗ ſic ſ0 e ſ ra nit de Bir ſchon Mäd⸗ götzte. Ich falt auf ſit der unter iniget besken Ninon dem ſaßen e (omM einen 40 te die 2 Leben utſche „ſi npir Ko⸗ hel⸗ — — 123— Da es der Alten nicht mißfiel, ſo war ich auf dem Punkt, auf welchen ich ſteuerte.„Wir ſollten es aufführen,“ ſagt' ich,„in Ihren Zimmern!“ „Der Ton hier bei Hofe duldet kein Spiel dieſer Art,“ ſagte Ninon. Aber ſie gab doch die Erlaubniß, daß Minchen und die anderen Fräulein das Stück förmlich auswendig lernten. Faſt jede war im Stande, das Lottchen zu ſpielen, Wilhelmine aber zumeiſt. Während die Alte im Fauteuil ſaß, führten wir auf friſcher That ganze Scenen vor ihr auf. Der Inhalt ſchlug eigentlich in Ninon's Geſchmack, die Examinationen zwiſchen Prinz Aſtolph und Lottchen, das Frag⸗ und Antwortſpiel mit dem Hofmanne Fabriz fand ſie ganz leidlich. Zu Görgen's Liedern rümpfte ſie jedoch die Naſe. Hier plumpte die deutſche Derbheit gräulich mitten durch. Wie ich anfing:„Den Stall voll Vieh Möcht' ich nicht ohne ſie“— fragte ſie:„Vieh? ü donc!“ und verbat ſich die„Schnabelweide“ ſammt dem„Bock voll Freude“. Andere Stellen paſſirten auch nicht unangefochten. Der Prinz im Stücke zählt ſeiner ländlichen Geliebten die Elemente des Hoflebens vor; er nennt ihr unter den Inſtrumen— ten, mit denen man bei Hofe agirt, den Putztiſch. „Putztiſch!“ wiederholte Ninon,„c'est un mot comme un élé- phant!“— Wir ließen uns nicht ſtören und recitirten. Lottchen im Stücke fragt:„Der Putztiſch! was iſt das für ein Ding?“ Als Prinz Aſtolph gab ich dann die witzige Erklärung:„Es iſt ein Thron, wo die Kunſt triumphirt, ein Altar, wo man den Grazien opfert.“ „Bravo!“ ſagte Ninon hier. „Durch ihn,“ fuhr ich pathetiſch fort,„kehren die verfloſſenen Jahre zurück.“ Ninon ſenkte den Fächer, zum Zeichen ihres Unwillens; ſpäter ließ ſie ihn zu Boden fallen, zum Merkmal, daß etwas Unerhörtes geſchehen, das man zur Wehr des guten Anſtandes unterbrechen müſſe. „Durch das glückliche Wunder einer Schminke deckt man,“ ſagte ich ſtürmiſch,„die Furchen der Jahre zu, und durch einen angenehmen Betrug weiß der Pinſel, ein Nebenbuhler der Natur, die Blüthe eines jugendlichen Geſichts wieder hervorzubringen. Man iſt jeden Tag gleich ſchön; man belächelt ſich ſelbſt mit einer ſiegreichen Miene, die Schönheit wird ſchöner, dauerhafter, ja unſterblich.“ — 124— Mit dieſen Worten hatte ich ihren Fächer erhoben und überreichte ihn kniebeugend. Sie verbeugte ſich und ſagte:„Ah, Monſeigneur!“ Die Hoffräulein, Perſonal und Publikum in Einer Schaar, nagten an den Lippen. Das Weſen des Fächers war im Stück nicht minder ein Moment der Philoſophie der Toilette, wie ſie der Hofmann Fabriz entwickelte. Lottchen hatte wieder auf Deutſch ihr Qu' est-ce que ca? zu fragen. Indem ich mich, einige Runzeln im Geſicht affectirend, mit pedan⸗ tiſcher Wichtigkeit vor ihr brüſtete, ſagt' ich als Fabriz:„Der Fächer, mein Kind, iſt das nützlichſte Werkzeug des Wohlſtandes und des Vergnügens. Dieſes zerbrechliche Bollwerk vor den Augen öffnet der Schamhaftigkeit“— „Schamhaftigkeit?“ rief hier Ninon,„mot ridicule!“ „Der Schamhaftigkeit eine ſichere Freiſtatt und befriedigt zugleich die Neugier. Indem man einen Blick durch ſeine kleinen Zwiſchen⸗ räume wirft, kann das Auge in größter Sicherheit einen Liebhaber“— „Liebhaber!“ ſagte Ninon,„mot dromedare!« 8 „— einen Liebhaber bemerken und ſeine Nebenbuhlerinnen richten. Vermittelſt ſeiner Hülfe kann man die Schamhaftigkeit ſelbſt hinter⸗ gehen“— „Fi donc!“ ziſchelte die Alte. „— Alles prüfen, Alles hören, über Alles lachen, ohne Nach⸗ theil ſeiner Ehre.“ Rauſchend geht er auf und zu Wenn Verdruß und Zorn ſich regen; Aber iſt das Herz in Ruh', So wird er ſich ſanft bewegen, Und in loſen kleinen Schlägen Sagt er Schäferſtunden zu.“ „Schäferſtunden,“ rief Ninon dazwiſchen,„mot rhinoeéros!“ „Witz, Talente, Geiſt, Verſtand Weiß er künſtlich vorzulügen, Und geführt von ſchlauer Hand, Herz und Augen zu beſiegen; Ja, er ſchlägt bei Liebeskriegen Alles ohne Widerſtand. ir berreichte gneur!“ nagten Moment twickelte. fragen⸗ t pedan⸗ rßichet, und des ffnet der zugleic zwiſchen⸗ richten · thinter⸗ ne Nach⸗ 6r05 — 125— „In den Händen eines ſchönen Frauenzimmers iſt er das Scep⸗ ter, womit die Eitelkeit allen Sterblichen gebeut.“ Hier bracht' ich wieder, zu Ninon gewandt, meine Huldigung dar, die ſie annahm, ohne ſich jedoch enthalten zu können, die deut⸗ ſchen Ausdrücke:„ſchlau“,„Liebeskriege“,„ſchönes Frauenzimmer“, als plumpe Dummheiten zu verwerfen. Und ſie hatte Recht, die gute pedantiſche Schulmeiſterin des Schönen und Feinen; die deutſche Sprache war im Spiel mit den Grazien damals ein rechtes Kalb. Mit einem gewiſſen heimlichen Jubel aber trugen wir die Defi⸗ nition der Vapeurs vor, für welche der Deutſche noch heute keinen Ausdruck gefunden hat, weil glücklicherweiſe die Bedeutſamkeit dieſes Begriffes bald wieder aus der Welt verſchwand. Lottchen im Stücke fragt,„Was ſind Vapeurs für Dinge?“ Und als Fabriz declamirte ich:„Die Wahrheit zu ſagen, man weiß es nicht genau. Es iſt ein Talent, eine Kunſt, deren ſich ſowohl der Haß wie die Liebe immerdar zur gelegenen Zeit zu bedienen weiß, eine gewiſſe veranſtaltete Unordnung, die ein Ungefähr zu ſein ſcheint. Aber es gehört dazu viel, ſehr viel Geſchick. Will man zum Exempel einen Liebhaber auf die Probe ſtellen, ſo iſt es die Kunſt, mit An⸗ muth, mit Grazie, mit Empfindung in Ohnmacht zu fallen. Eine Schöne intereſſirt allezeit in dieſem Zuſtande: da gibt es ein ſüßes Schmachten— ein rührendes Schluchzen— herzeinnehmende Seufzer — alles ſchlaue Kunſtgriffe, womit die feinſte Lißß die Begierden an⸗ facht und doch dabei den Wohlanſtand in Sicherheit ſetzt.“ Ich hatte das mit ſehr viel Empfindung und ſo ergreifend wie möglich vorgetragen. Ninon machte ſchließlich ihr gravitätiſches Ge⸗ ſicht; ſie ſah dann wie eine Oberprieſterin aus, die ihrer Gottheit, dem Anſtande, einige bedeutende Opfer auf dem Altare darzubringen gedenkt.„Die deutſchen Poeten find noch ſehr zurück in der Eultur“, ſagte ſie franzöſiſch,„ſie rühmen ſich Genies und befleißigen ſich nicht des Talentes, gut zu ſprechen! Man kann nicht Alles ſagen, was wahr iſt; es giebt gewiſſe unſagbare Dinge, die, ausgeſprochen, un⸗ wahr werden. Die Offenbarungen dieſes deutſchen Schöngeiſtes über die wichtigſten Angelegenheiten der Bildung find ein Gemiſch von Sinn und Unſinn, ein Potpourri von Wahrheiten und Plattitüden. Nur der Esprit der Franzoſen findet in ſeiner Sprache die richtigen — 126— Ausdrucksweiſen dafür, er iſt wahr, weil er, nicht obſchon er graziös iſt. Wahrheit geht nie über die Grenzſcheide des Schicklichen hinaus!“ Sie erhob ſich und hieß die Damen ihr folgen. Minchen war die Letzte, die ging. Ich ſtand und ſah ihr liebevoll nach. Alles war doch nur dazu veranſtaltet, um mit ihr zu verkehren, aber ſie hatte keinen Blick für mich. Vom poetiſchen Schäferſpiel blieb nichts weiter, als ein bis zu Thränen betrübter Hans Görge übrig.— So war das Leben von damals. Man lachte äußerlich und weinte im Stillen; man machte Komödie und deckte damit den Ernſt des Lebens, bis dieſer dann in entſtellter Form zu Tage brach. In meinem Tagebuche von damals finde ich im Jargon der Sprache von ehedem den komiſchen Ausruf verzeichnet:„Ach! ich liebe ſie ja ſo zärtlich wie nur jemals ein Rddle berger ſeine Daphne, aber zu der chose convenue unter Liebenden will's nicht unter uns kommen!“ Die Ausdrucksweiſen geſtalteten ſich poſſierlich, auch wenn man es ſehr ernſt meinte; der modiſche Dandysmus verdarb die beſten deut⸗ ſchen Empfindungen. Erſt Goethe fand ſpäter— in ſeinem Werther — den wahren naiven Ausdruck und den hinreißenden Schmelz für die überwallenden Gefühle ſentimentaler Seelen. Wir ſaßen damals Alle noch in den Perrücken und Reifröcken des alten ſteifen Herkommens; wir machten nur ſchüchtern in Gedanken einige leiſe Streifzüge, um die Quelle eines vatürlichen und freien Lebens zu entdecken. Wir fingen damals an, über den Urſtand der Menſchheit zu brüten. Auch Klopſtock, gegen den wir uns damals auflehnten, ſang uns ja doch mitten in der bürgerlichen Knechtſchaft von der Kindſchaft der Men⸗ ſchen zu Gott. Die Zeiten der Hirten und Patriarchen ſchienen wiederkehren zu wollen in Fabeln, Singſpielen und Hymnen, wir nahmen einen Anlauf zum Leben und kehrten zuvor, um erſt Kräfte dazu zu ſammeln, zum Urborn der Natur zurück. Die phyſiognomiſchen Studien aber brachten, wie ich das an mir ſelbſt in meiner Entwickelung er⸗ fuhr, einen Schwung in die Kunſt der Mimen, einen Schwung auf die Bretter, die für uns das Leben bedeuten ſollen. ſchon er hicklichen chen war Ales aber ſie b nichts rlich und den Ernf roch. In Sprache be ſie ja aber zu 1 en diut⸗ WVerther ch für n ult fommensi um Vir 1 Luch 8 ju doc Men⸗ züge en. ſchienen nahmen dazl zu „ Sudien vung auf 127— Sechstes Rapitel. Sanet Lavatus und Sanet Germanus. Mit dem Gefühl für Mina⸗Lottchen verging mir plötzlich die Luſt am Caricaturenzeichnen. Ich fing an elegiſch und ſentimental zu werden, entwarf Epiſteln im Odenſtyle, ich glaube im ſapphiſchen Maße, ließ einige durch den Friſeur, durch den Kammerdiener, an ihre Addreſſe abgehen; machte aber die ſchmerzliche Erfahrung, daß keine von allen an ihr Ziel gelangte. Jeder Bote behauptete, das ſorgſam verfiegelte Billet drüben im andern Schloßflügel an die Zofe des Fräuleins ſicher abgeliefert zu haben. Bei'm Thee aber am andern Abend wußte Minchen nichts von meinen Ergüſſen, ſpottete meiner Verſiche— rungen, lachte meiner Betheuerungen. Ich ſehnte mich nach einem Augenblick, ſie ungeſtört zu ſprechen, ſchlich in der Dämmerung, ſpät Abends, auf Nebengängen in die Gallerie, auf welche die Zimmer der jungen Dame ſtießen. Aber ich fühlte mich allerſeits umlauert. Immer ſchwebte, wie mein Schatten, ein grauer Wächter hinter mir her, ein Menſch, der bei Hofe mächtiger war, als er ſchien, und deſſen Vertrauen ich mir zu ſpät gewann, da man am Hofe Nichts ohne Mittelsperſonen vermag. Auf der Fahrt nach der Schweiz ward ich dieſem geheimen Poliziſten förmlich übergeben. Es war tief in der Nacht, da ſchreckte mich der grelle Schein eines Lichtes von meinem Lager auf. Eine Kerze in der Hand, ſtand der Reichsgraf, Großvater Erlaucht, vor mir. Ich blickte in ſein ſtarkes, großes, vom Lichtſchein wie transparentes Geſicht. Die ſteile Adlernaſe mit den klaren, hellen, aber argwöhniſch zweifelnden Augen, welche ſchwere, buſchige Brauen beſchatteten, hing forſchend über mir. Geblendet ſchlug ich die Wimpern nieder.„Italiano!“ flüſterte der Alte kaum hörbar,„es ſteckt einmal in ihm!“ Ich ſprang aus dem Bette, als wäre es die Folter, auf die ich geſpannt werden ſollte. Es war Niemand ſonſt im Zimmer, als der Magiſter. Im großblumigen Schlafrocke, mit den verwaſchenen und verſchlafenen Augen, die Nachtmütze in der Hand, ſtand der Ehrſame wie ein devotes Fragezeichen da, während der geſtrenge Herr in voll⸗ ſündigem Anzuge, geſtiefelt und beſpornt, wie ein wildes Ausrufungs⸗ — 5 zeichen im Zimmer herumfuhr. Er hette das Licht auf den Tiſch geſetzt und wies mit der freien Hand, die er wie einen Commandoſtab in die Luft ſtreckte, auf mich hin, der ich das nächſte Kleid ergriff, um nicht anſtandswidrig aufzutreten.„Treibt hier doch Nichts als Allotria!“ ſchloß der geſtrenge eine lange Rede, aus der ich nur entnahm, daß über meine Bilderſcherze und mein Komödienſpiel Klage erhoben ſein mußte. Macht ſich luſtig über anderer Leute Fratzen und ſollte ſich um die eigene bekümmern, die ihm der phyſiognomiſche Phyſicus vielleicht gar nicht ſo ſchlecht gedeutet hat!“ Der Magiſter, der Gute, der ſich nur mühſam die Blößen be⸗ deckte, hatte doch edlen Muth genug, mich in etwas zu vertheidigen, dafern es ja Erlaucht ſelbſt geboten, dem jungen Menſchen den Ver⸗ kehr im linken Schloßflügel zu erweitern, um, wie der Magiſter nicht ohne leiſe Bitterkeit bemerkte, zu der herben Strenge der Dortrin auch die jocoſe Kurzweil der Salonmanieren zu geſellen. „Soll ihm auch nicht entzogen werden“, ſagte der Großvater, „ſoll aber ſeine aufgeſtelzten ſeraphiſchen Exercitien aus der Schul⸗ ſtube nicht herüberſchleppen! Da liegt der Platoniſche Kram!“ Er warf ein Packet Blätter auf den Tiſch; es waren meine Oden an Lottchen; ich war entlarvt und ſtand zitternd in meiner Blöße da. „Bin wahrlich noch zweifelhaft,“ fuhr der Geſtrenge fort,„ob ich nicht gut thäte, den jungen Burſchen unter die Preußen zu ſtecken, damit er Mores lerne! Will ihn mal auf ein Paar Tage ſelber in Zucht nehmen! Soll mit auf die Reiſe! Allons, marſchfertig ge⸗ macht, angehoſ't und eingepackt; in'ner Viertelſtunde geht's fort!“ „Befehlen Erlaucht, daß ich ebenfalls“— fragte der beſtürzte Magiſter. „Nein, bitte, können ſich derweile ausruhen, und nehmen die Störung bei nachtſchlafender Zeit nicht in Ungüte! Der Sommer⸗ lotte ſoll mit, Gott befohlen!“ Der Magiſter becomplimentirte den geſtrengen Herrn zur Thür hinaus, wo beſagter Herr von Sommerlotte mit dem Reiſegeräth ſchon meiner harrte. Ein Wink, ein Blick des Reichsgrafen genügte, und mein neuer Gefährte, wie ich ſelber, wußten, in welchem Verhältniſſe wir zu einander ſtehen ſollten. Alsbald ſaß ich denn auch ſchlag⸗ pünktlich neben dieſem Factotum in der zweiten Kaleſche, während der den Tiſch nandoſtab id ergriff, Nichts als er ich nut piel Klage te Fratzen ognomiſche gloßen be⸗ cheidigen⸗ den Ver⸗ iſter nicht Doctrin Großvatel, der Schl⸗ s fort eſtürztt nchnen die zommel⸗ „ und Reichsgraf mit ſeiner Begleitung in die ſeinige ſtieg und voranfuhr. Wo ſich Herrn von Sommerlotten's Adel herſchrieb, war mir damals ſehr zweifelhaft; auch machte er davon nur ſehr verſchämten Gebrauch. Herr von Sommerlotte hieß bei Hofe allgemein der Geheimſecretär; nicht als ob er vorzugsweiſe Dienſte dieſer Art verrichtete, ſondern weil Alles, was ihm anvertraut wurde, wie in einem geheimen Schub⸗ kaſten, ſicher und verborgen blieb. Er war im Sommer auf den Reiſen des„Allergnädigſten“ Marſchall und Fourier, maftre de la garderope, Kammertürke, Schreiber und Tabakſtopfer, Barbier und Geſellſchafter au défaut de mienx. Die Functionen des Barbiers und des red⸗ ſeligen Schwätzers, ſonſt immer ſo freundnachbarlich geſellt, lagen je— doch bei ihm gar weit auseinander; nie war ein Menſch, der den Leuten um den Bart geht, einſylbiger, als Sommerlotte. In ſeiner Verſchwiegenheit, die an Blödſinn grenzte, ſteckte das Geheimniß ſeiner Exiſtenz in der Nähe und um die Perſon des gnädigſten Herrn, das Motiv des Vertrauens und mancher verſchwiegenen Miſſionen, deren getreue Vollziehung ihn bei Jedermann in den Verdacht des geheimen Intriguanten brachte. Seit länger als zwanzig Jahren wußte Som⸗ merlotte um alle Exeigniſſe in Belle Promeſſe, war in allen Staats⸗ und Hausaffairen Gehülfe geweſen und ſchwieg über jede wie ein Grab. Er war pfiffig genug, ſich auch bei geringfügigen Dingen den Anſchein der Geheimthuerei zu geben. Man hielt ihn für die getreue Chronik des Hauſes, und doch war er bei allen Vorkom⸗ menheiten meiſt nur gedankenloſe Maſchine geweſen. Den Winter über hatte er keinen weiteren Dienſt, als in jeder ſchlafloſen Nachtſtunde bereit zu ſein, dem Reichsgrafen die Zeit zu vertreiben. Er mußte dann Acten, Verhandlungen, Berichte über Zölle und Steuern, alles da weiter leſen, wo der Geſtrenge juſt ſtehen geblieben. Das Vielerlei dieſer Lectüre, von der er oft Nichts verſtand, vollendete die zerſtreute Vielwiſſerei dieſes Menſchen. Im Winter ſchlief er den Tag über; man ſah ihn dann nur wie den Nachtwächter Schloß und Hof um⸗ ſchleichen, um auf den Augenblick zu lauern, wo im Zimmer des Herrn das Licht angezündet wurde. Dies vollendete das Unheimliche in Sommerlotten's Weſen. Man glaubte, er könne Geiſter ſehen. Nach⸗ dem er auf den nahen Jahrmärkten mehrere Weißkäufer mit falſchen Gulden ertappt, galt er allgemein für einen heimlichen Spion im D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 9 — 130— Dienſte der Polizei. Daß er zu Allem zu gebrauchen war, machte ihn wirklich gefährlich. Von früherer Zeit wußte man, daß er im alchymiſtiſchen Thurme des alten Schloſſes dem Reichsgrafen bei'm Schmelztiegel Dienſte geleiſtet. Sommerlotte war das letzte Exemplar jener„närriſchen Kerle“, von denen der Reichsgraf ſich ehedem eine Sammlung angelegt, theils um ſie zu heilen, theils um an ihnen der menſchlichen Natur auf den Grund zu kommen. Er war vor Zeiten in Bamberg Barbier geweſen; ſeine angeborene Geſchwätzigkeit und die bei Leuten ſeines Geſchäfts eben ſo häufige Einbildung, ein ſtu⸗ dirter Doctor zu ſein, waren die unſchuldige Urſache geweſen, ihn auf die Liſte der Narren zu ſetzen und einzuſperren. Die Experimente, die man im Narrenthurme an ihm vollzogen, hatten ihn von ſeiner krankhaften Eloquenz ganz und gar geheilt, ihn aber zugleich alles Zuſammenhanges der Gedanken, die doch wenigſtens von Heute bis Morgen reichen ſollten, beraubt. Er war pünktlich und getreu, aber nur wie ein Hund, der darauf dreſſirt iſt; er war verſchwiegen aus Gedankenſchwäche; aber er wußte, daß man ihn für einflußreich hielt, und dies Bewußtſein gab ſeinem Blödſinn einen Anſtrich überlegener und verſteckter Allwiſſenheit. Sein drittes Wort war: Ich habe nie ſtudirt, und: Ich beſitze nicht die Gabe der Rede! Hiermit gab er lächelnd Jedem zu verſtehen, daß kein Grund da war, ihn für einen Candidaten des Tollhauſes zu halten. Was noch ſonſt in ihm nie⸗ dergedrückt und durch Zwangsmittel ausgerottet worden war, darüber gab es nur dunkle Gerüchte. Erſt ſpäter erfuhr ich, welches Verbrechen man an ihm begangen. Katholiſchen Glaubens, aus Bamberg, wo er in biſchöflichen Dienſten geweſen, man wufßte nicht weßhalb, ent⸗ laſſen, war er in unſerem Gebiete auf der Landſtraße bettelnd und halb irre aufgegriffen und in das Exercirhaus der geiſtig Geſtörten geſteckt; als man ihn geheilt entließ, wußte er nicht anders, als daß er proteſtantiſcher Chriſt ſei. Der Reichsgraf hatte ſo lange an ihm curirt, bis er ihn von ſeinem katholiſchen Glauben, den er als Krankheit nahm, geheilt glaubte. Ich ſollte es ſpäter erleben, wie ſchmerzlich das katholiſche Weſen wieder bei ihm zum Durchbruch kam. Damals war Sommerlotte in Belle Promeſſe allgemein gehaßt; ich meinestheils aber gehörte nicht zu Denen, die ſeiner ſpotteten, ob ich ſchon einmal durch eine Caricatur ihn dem Gelächter der Fräuleins war, machte daß er in rafen bei'n te Exenplar eheden eine an ihnen der vor Zeiten ttzigkeit und ein ſtl⸗ R, wweſen, ihn Experimehie⸗ vn ſeiner ugleich alles nHeute bis getten, aber wiegen als überlegene ch habe n mit ʒab e n für einen 6 ihn ni⸗ var, duribel gerbrehe nberg wo ribelb⸗ u bettelnd un F Geſtörten . als do ne n h nnt n ſznenlit „ ghij me — 131— am Hofe blosgeſtellt hatte. Es ſchien hier wirklich durch übermüthige Experimente ein menſchlicher Verſtand zu Schanden curirt zu ſein, und der beſondere ſorgſame Antheil, ja das Vertrauen, das der ge⸗ ſtrenge Herr ihm unausgeſetzt zuwendete, entſtand vielleicht aus dem Gefühl, ihm eine Entſchädigung ſchuldig zu ſein. Da ich ihm für die Reiſe zubeordert war, ſo wußte ich genau, in welchem Verhältniß er zu mir ſtand; er ſollte mich bewachen, ohne ſich den Anſchein der beſondern Aufſicht zu geben. Die Equipagen raſſelten durch das Schloßportal der ſchweigenden Nacht entgegen. Eben ſo verſchwiegen ſaß der geheime Sommerlotte neben mir im Wagen. Ich nahm mir vor, ſeine Zunge zu löſen. „Wohin geht diesmal die Reiſe, lieber Herr von Sommerlotte?“ fragte ich ſeinen Arm umfaſſend. „Incognito, durchaus incognito!“ war die laconiſche Antwort des verqueren Geſellen, mit der er unbeſtimmt ließ, ob bloß die Form der Reiſe oder auch ihr Ziel incognito ſein ſollte. Für den Doppel⸗ ſinn ſeiner Reden war er in Belle Promeſſe ſo bekannt, wie bei den Griechen das Orakel zu Delphi. Wir bogen um den linken Schloßflügel. In den Fenſtern der Damen des Hofes war längſt Alles dunkel. Die Fahne auf dem Thurme flatterte noch zum Zeichen, daß der regierende Herr noch für anweſend galt. Aber die Zugbrücke, welche zu dem alten Schloßbau führte, war bereits in die Höhe gezogen, was nur bei der Entfernung Sr. Erlaucht ſtatt fand. Die runde Baſtei mit ihren Zinnen und Thürmen ragte geſpenſtiſch hinaus in den hellen Glanz der Mond⸗ nacht. Das war der Thurm, der die Geheimniſſe des Reichsgrafen von alter Zeit her verſchloß. Dort lagen die Zellen, wo er arme gemüths⸗ und geiſteskranke Menſchen ſtudirte und eurirte; in den unteren Kellerräumen, ſagte man, war das chemiſche Laboratorium, wo vor Zeiten im Schmelztiegel das rothe Pulver gekocht ward. Großvater Erlaucht machte aus alle dem kein Hehl; er geſtand offen ein, daß er manche Schwärmerei der Menſchen mitgemacht, freilich nur mit wachen Sinnen, um ihren Grund oder Ungrund zu erprüfen. Es war Nichts herausgekommen in beiden Fällen; was aber unver⸗ ſehens und nebenher darauf gegangen bei den Verſuchen: wer wollte das ermeſſen? Saß nicht ein zweideutiges Ergebniß ſolcher Studien 9* — am geſtörten Menſchengehirn dicht neben mir im Wagen, ein Weſen, bei dem es zweifelhaft blieb, ob es die Heilanſtalt halb irre bezogen oder halb irre verlaſſen? Ich ſtieß meinen Begleiter an, deutete auf das alte Gebäude und ſagte:„Narrenthurm das!“ Sommerlotte wendete bedeutſam den Kopf und entgegnete:„Hm, wie man will!“ „Auch Goldmacherthurm, wie die Leute ſagen“, fuhr ich fort. „Wie die Leute ſagen!“ wiederholte der Mann achſelzuckend. „Was aber mag Wahres an der Sache ſein?“ bat ich freundlich. „Sind hier wirklich arme kranke Menſchen geheilt? Und hat ſich hier jemals Einer auf die Kunſt gelegt, Gold zu machen? „Gleichviel, gleichviel“, war die Antwort. „Wie ſo, gleichviel, lieber Sommerlotte?“ „Aus Narren— Weiſe machen, aus Eiſen— Gold: gleich⸗ viel, gleichviel!“ Das war nun wirklich gleich viel närriſch und weiſe in einem Athem. Sommerlotte wußte König Salomo's Spruch:„Alles eitel!“ ſehr mannichfach zu variiren. Auf der Rückſeite der runden Baſtion leuchtete jetzt im Schein des Mondes das in Stein gehauene Wappen des Hauſes Hohen—— Schwarzenfels: Eine Flamme, die gen Himmel lohet(alta fiamma) und ein Anker im Hauptfelde mit drei Balken in der Quere. „Ein ſehr zweideutiges Symbol das“, ſagte ich,„ich meine den Anker, der dreier Balken bedarf, um zu halten!“ „Bitte, bitte“, ſagte Sommerlotte, der die Ehre des Hauſes vertheidigen zu müſſen glaubte.„Hohes Geſchlecht das, altes Wappen vom Kaiſer und Reich!“ „Ich will die Bedeutſamkeit des Wappens nicht antaſten“, ſagte ich,„aber für die Thurmbewohner ſind ſeine Zeichen trügeriſch ge⸗ weſen. Hier iſt ſchwerlich je aus einem Narren ein Weiſer, noch aus ſchlechtem Metall ein edles gemacht!“ „Bitte, bitte! Geheimniß, Geheimniß!“ entgegnete lächelnd der ehemalige Thurmgenoſſe. Ich warf mich in die Wagenecke und fühlte nach dem Wappen⸗ ringe, den ich als Erbtheil von meiner Mutter erhielt; ich hatte ihn für die Reiſe zu mir geſteckt. Es war das Familienwappen meines ——— —— n Veſen, e bezogen utete auf Hn, ch fort. uckend. reundlich hat ſich gleich⸗ in einen 6 eitel!“ n Schein en fi mma) meine den Hanſes 1v 7 Weypen n, ſagte eriſch g noch aus — 133— Vaters, Grafen Giuſeppe della Torre. Auf gewürfeltem Parquet ſtand auch dort ein Thurm mit Zinnen, dem Namen des Geſchlechts entſprechend; über dem Thurme erhob ſich ein lateiniſches T, ein Kreuz mit Roſen umwunden. Mein gequälter Sinn hatte ſich ſchon oft mit der Möglichkeit einer Beziehung beider Thürme beſchäftigt, die nirgend vorhanden war. Daß das lateiniſche T zugleich das Kreuz der Roſen⸗ treuzer war, davon hatte ich damals keine Ahnung. Unſerem Wappen fehlte zum Signum der Roſenkreuzer in der That nur noch der Pelikan, der ſeine Jungen mit dem eigenen Herzblut nährt. Das alte Gemäuer, das jetzt hinter uns lag, bewahrte zweifels⸗ ohne im Archive die Papiere meines Vaters, welche die Geſchichte und die Geheimniſſe ſeines Lebens enthielten, Geheimniſſe, die mir bis zu meiner Mündigkeit gerichtlich und teſtamentariſch vorenthalten blieben. Bis zu meiner Mündigkeitserklärung gehörten noch mehrere Jahre. Wie oft hatte ich über den Plan nachgeſonnen, zu dem alten runden Thurm mir Eintritt und in die Papiere meines Vaters Ein⸗ ſicht verſchaffen zu können! Ich verſank in die Erinnerung an ſchmerzensvolle Scenen meines jungen Lebens, Scenen, die der helle Tag wohl verſcheuchen, der lebensbedürftige Sinn der Jugend wohl zurückdrängen konnte, die aber in jeder wachen Stunde der Nacht in meiner Seele wieder lebendig wurden. Die Geſtalt des mir ſo traurig entzogenen, von mir kaum gekannten Vaters, das ſüße, ſchmerzlich liebe Bild der in Qual und Angſt geſtorbenen Mutter trat wehmüthig vor mein Auge; die Schatten der Nacht, die vorüberrauſchenden unſicheren Gebilde des Weges in Strauch und Baum miſchten ſich mit den blaſſen Zügen dieſer geliebten Perſonen, und während die Mutter vor mir gen Himmel ſtieg, irrte im täuſchenden Mondlichte, wie in der Begräbnißnacht, die Geſtalt meines Vaters zu Pferde einſam und verloren vor mir hin durch Wald und Feld in die mir unbekannte Ferne. „Sommerlotte“, ſagte ich, die Hand auf die Schulter des Ge⸗ fährten legend,„lieber Sommerlotte, geht die Reiſe nach Süden?“ „Mitunter!“ war die Antwort. „Ich wollte“, fuhr ich fort, den heute weniger als je Einſylbigen bedrängend,„ich wollte, wir führen geradezu nach dem Süden, über die Alpen hinüber in's wälſche Land.“ — 134— „Wie ſich das nun ſo am Beſten wird machen laſſen!“ ſagte der Unerbittliche ausweichend. „Ich glaube nicht“, klagte ich,„daß man mich nach Italien führt, und doch ſteht alle meine Sehnſucht dahin.— Lieber Sommerlotte“, fuhr ich fort, mich traulich an ſeine Seite ſchmiegend,„Ihr ſeid alt und erfahren, ein Vertrauter des Hauſes, Ihr wißt um die Geſchichte meiner Familie, Ihr kennt meinen Vater!“ „Vater?“ wiederholte der ſonderliche Menſch und ſah mich arg⸗ wöhniſch lauernd an. „Meinen Vater, ja, den Grafen Giuſeppe della Torre; ich heiße nach ihm Joſeph, das wird Euch doch kein Räthſel ſein!“ „Incognito, durchaus incognito!“ war die kurze Antwort, die ein ablehnendes Schütteln des Kopfes begleitete. Mein Magiſter Gouverneur war aus Grundſatz gegen mich ſchweigſam über die wichtigſte Angelegenheit meines Lebens; hier ſaß ich nun vielleicht an der Quelle der Wiſſenſchaft, die ſich jedoch entweder aus Furcht oder aus Klug⸗ heit unwiſſend ſtellte. Ich war und blieb incognito der Sohn meiner Mutter, meines Vaters, incognito und ohne Anerkennung der Enkel des Mannes, der über mein Daſein verfügte, an meinem Leben viel⸗ leicht immer noch experimentirte, mich erziehen, mich zum Menſchen machen ließ, ohne mir einen Rechtstitel zuztgeſtehen. Er konnte mir nicht an meinem Namen die Ehrlichkeit machen, aber er ſchien mir den ganzen Namen, meine ganze Exiſtenz in ihrer Gültig⸗ keit noch immer vorenthalten zu wollen. Wie oft hatte ich in ſtiller Nacht an meinen fernen Vater Briefe entworfen und geſchrieben, worin ich ihn zärtlich bat und beſchwor, zu mir zu kommen oder mich zu ſich zu berufen, mich nicht in der Hand fremder Menſchen zu laſſen. Am hellen Morgen vernichtete ich esmal die Spur dieſer phantaſtiſchen Irrzüge, die ohne Ziel in's Blale gingen. Ich war durchaus von aller Hülfe abgeſchnitten, ſtatutengemäß und teſtamentariſch dem un⸗ bedingten Willen eines Mannes anheimgegeben, der im Grunde ein rechtlicher Mann, im Grunde mein rechter Großvater war und ſich doch als ſolcher an mir verleugnete. Zwiſchen ihm und mir gab es keine Spur von Zärtlichkeit, und doch ward in mir das Bedürfniß darnach immer quälender. ſagte der en führt, te“, fuhr alt und te meiner lich atg⸗ ch heiße Magiſter vichtigſte t Owelle s Klug⸗ nmeinet er Enkel ben viel⸗ Menſchen nnte mir Gültig⸗ in ſiller pworin nich zu laſſen⸗ tuſiiſchen us von — 135— Wir fuhren, mit den kurzen Unterbrechungen, wo wir ſpeiſ'ten, unaufhörlich Tag und Nacht. Der Zufall fügte, daß wir juſt in den Nächten Städte berührten. Der Weg ging durch Bayern. Auf der Pfaffenſtraße, wie der Reichsgraf ſagte, war ihm keine Eile eilig genug. Nach und nach veränderten ſich die Phyſiognomien der Gegenſtände und Menſchen. Die gräßlich entſtellten Chriſtusbilder an den Kreuzwegen verſchwanden, geſegnete Triften wechſelten mit waldbekränzten Höhen, die Schaaren von Bettlern hörten auf, wir begegneten runden, wohlgenährten Ge— ſichtern, die zugleich ſtolz und ihrer Kraft bewußt, uns entgegenlachten, behaglich friſchen Landleuten, die dem Fleiß ihrer Hände den Segen ihres Bodens dankten; wir waren im prächtigen Schwabenlande, deſſen Wohlgefühl ſelbſt ein Herzog Karl, der Tyrann, nicht zu brechen vermochte. Bald betraten wir Schweizer Grund, machten Halt in Schaffhauſen und ſtanden eines Abends bei Sonnenuntergang vor dem Rheinfall bei Lauffen. Ich wußte längſt, daß Zürich und Sanct Lavatus das Ziel unſerer Reiſe war. Sommerlotte hatte unterweges dem Reichsgrafen ein Buch in den erſten Wagen bringen müſſen; wie er es wieder zu ſich nahm, zeigte er mir den Titel: es waren Lavater's damals ganz neu erſchienene„Ausſichten in die Ewigkeit.“ Die Phyſiognomik war für den Frommſeligen nur eine Brücke für das Leben im Jenſeits; er unterſuchte die Geſichter der Menſchen nur um diejenigen herauszufinden, deren Linien eine Anwartſchaft auf Unſterblichkeit und Seligkeit verriethen. Daß er Natur und Menſchenwelt auf ſeinem Boden dort beherrſchte, ſollte uns gleich der erſte Abend auf Schweizer Grund beweiſen. Ich war mit Sommerlotte nach Lauffen vorausgeſchickt und ſtand bewundernd im Anblick des großen Schauſpiels der Waſſerelemente. Mein Entzücken blieb heimlich, ein lauter Ausbruch hätte für verächtliche oder gar für verdächtige Schwärmerei gegolten, deren Feind die Um⸗ gebung des geſtrengen Herrn war. Es hätte mindeſtens für ein Zeichen hochſter Uncultur und gemeinſter Extraction, wie man ſich ausdrückte, gegolten, ſich in Ach und O, dieſen reinſten Naturlauten der Be⸗ wunderung, zu ergehen. Ach! und O! waren damals ſehr gemeine Redensarten; ſpäter haben freilich vornehme Touriſten, beſonders weib⸗ lichen Geſchlechts mit bloßen Achs und Os dicke Bücher angefüllt. In meiner Jugend war die Menſchenwelt ſo ſehr mit ſich ſelbſt be⸗ ſchäftigt, ſo ſehr vor ſich ſelber auf der Flucht und Hetze, daß es Niemanden beikam, ſich in Naturempfindungen zu ergehen. Das Laisser aer unſerer Gefühle, die Marmelade unſeres Herzens, begann erſt ſpäter, als die ganze deutſche Welt lyriſch wurde. Der geſtrenge Herr hatte ſich, ebenfalls zu Fuß, auf dem Wege mit den Bauern in allerlei landwirthſchaftliche Dinge vertieft. Er kam jetzt eilig nach und ſtand gleichzeitig mit uns dicht am Ufer dem Rheinfall gegenüber vor einer Tafel ſtill, die dort neu errichtet t zu ſein ſchien. n „Sommerlotte vor!“ rief der Reichsgraf, während er noch im Geſpräch mit ſeinem Adjutanten begriffen war, der auf Befehl allerlei ve ökonomiſche Notizen, friſch von den Landleuten eingeerntet, in's be Tagebuch trug. Sommerlotte, der ſich unter's Gefolge zurückgezogen, trat vor in ſeiner halb unterwürfigen, halb zutraulichen Weiſe, ſich Re gegen den Herrn zu benehmen. „Leſen!“ kommandirte der Reichsgraf, auf die Tafel deutend. N Das Factotum ſtreckte das grünlich fahle Geſicht mit den gekniffenen an Augen in die Höhe und ſchien einer Brille zu bedürfen. 9 5 „Es ſind Verſe!“ ſagte er verlegen. „Was thut's,“ war die Antwort,„leſe Er's, wie Ihm der * Schnabel gewachſen iſt!“ ſp „Halten zu Gnaden, ich ſtudirte nie!“ entſchuldigte ſich der g Gepeinigte. „Wiſſen wir längſt, mein Beſter; von dieſer Thorheit ſind wir abgekommen! Alſo friſch geleſen!“ Sommerlotte begann, verhakte ſich aber bald. „Er ſtockt!“ ſagte Erlaucht,„doch nicht von Klopſtock? Bei 115 dem klopſtockt Jeder, eh' er's glatt herunterwürgt. Es ſteht ja wohl D ein Name darunter!“ n Sommerlotte buchſtabirte:„La, la— Vater La.“ „Haha, Lavater!“ rief der Reichsgraf lachend,„da ſind wir juſt zu vor die rechte Schmiede gekommen. Laß Er das Leſen und ſtopf' Er n nir die Pfeife!— Junger Herr da, her damit und vorgeleſen! in Dem Sommerlotte bricht's das Herz ab!“„ Ich trat vor und las: ſelbſt be⸗ daß es 8 Laisser gann erſt ieſt. Er am Uftr rrichtet noch in lallerlei t, in's gezogen⸗ e, ſich deutend⸗ niffenen 7 Bei ja vohl uſt wil) — 137— „Ewige Felſen! ihr ſeid ein Bild des himmliſchen Reiches, Stets umſtürmt vom Grimm der Verderben drohenden Sünde, Dennoch mit immer neuer Kraft am ſcheinbaren Rande Des verſchlingenden Abgrunds ruhig ſtehend, gegründet Auf die ehernen Wurzeln des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe; Und empor es das heilige Haupt trägt, glänzend umwunden Von der in Strahlen verwandelten Dornenkrone des Heilands.“ Die Sonne ſank in dem Augenblick; die Farben der Jris ſchwebten über dem Schaum der Wellen. So hatten wir gerade den Moment, der im gläubigen Gemüth des Seelſorgers von Zürich die Stimmung hervorrufen mochte, die dieſen guten Ausſpruch in ſchlechten Verſen verewigte. Glaube, Liebe, Hoffnung leuchteten in der Luft als Far⸗ benphänomene. „Wenn er nur den Herrgott aus dem Spiele ließe!“ knurrte der Reichsgraf dem Adjutanten zu. „Und Glaube, Liebe, Hoffnung ſucht auch kein vernünftiger Menſch in den ſieben Regenbogenfarben; eher denkt Jeder meinetwegen an ſeine ſieben Sünden.“ „Na es ging ſo leidlich, guter Freund, aber ein paar Mal haben wir doch geſtrauchelt, nicht?“ Ich glaubte in Sachen der Metrik mir ein Recht zum Mit⸗ ſprechen nehmen zu dürfen.„Schlechte Verſe laſſen ſich auch nicht gut leſen,“ ſagte ich. „Warum ſind ſie denn ſchlecht?“ fragte Erlaucht. „Weil ſie keine Cäſur haben,“ ſagte ich. „Und weil wir,“ ſetzte der Geſtrenge hinzu,„wenn wir Verſe machen wollen, uns ſelber erſt die Maße dazu ſchneiden ſollten. Die Hellenen haben ihre Hexameter nicht für unſere Sprache erdacht. Dummes Zeug! Wer ſingen will, der pfeife ſich erſt die Melodie privatim vor, ob ſeine Gedanken da hineinpaſſen. Ein Glück, daß der Wieland von der Klopſtockerei abgekommen iſt. Aber er wälſcht doch zu viel in ſeiner laxen geſchwätzigen Proſa. Wenn einmal der Rechte ufſteht, haut er alle die Gräcomanen, Gallomanen und Anglomanen en die Pfanne.— Ei, ſo hau' du und noch einer!“ fuhr er fort, uf Sommerlotte eifernd, der ſchlecht Feuer ſchlug.„Und der Rechte, — ja— nun brennt's endlich!— der Rechte, ſag' ich, wird wohl — 138—— der Gotthold Ephraim, der Leſſing aus der Laufitz ſein. Ei daß dich! Weiß der ſeine Fraumutterſprache zu handhaben! Schreibt Euch der ein Deutſch, Kinder! Die Funken ſtieben nur ſo herum! Ich nahm da als Gegengift gegen die Langeweile im Wagen das Sol⸗ datenſtück vor, die Minna. Eine wahre Pracht das! Köſtliche preußiſche Schnurrbärte und delicate ſächſiſche Grazien, dieſe Weibſen! Das Ganze ſtark und fein, brav und liſtig, in Summa ein Cabinetſtück voll Ernſt und Scherz.“ Ich nahm mir ein Herz und ſagte:„Darf ich wohl dies Sol⸗ datenſtück leſen?“ „Komödien ſoll Er nicht leſen, junger Mann,“ war die Antwort, „Er wird mir ſonſt noch ganz und gar zum Komödianten. Hab's wohl erfahren, was wir mit den Lottchen und Minchen am Hofe für Zeugs treiben!“ Wie er ſo ſprach, blies er mir dicke Rauchwolken in's Geſicht, daß mir die Augen übergingen. Indeß pflegte er, wenn er Tabak rauchte, gemüthlich zu werden. Ich ging ſchweigend neben ihm her; plötzlich ſtand er ſtill, ließ die geſammte Begleitung voraus und hieß mich zu ihm treten.„Wir ſind nun freilich bald kein Kind mehr!“ begann er vertraulich,„wir wollen uns in Zürich einen hübſchen neuen Gouverneur ausſuchen. Unter uns geſagt, Er wird's nicht falſch nehmen: Der Magiſter— iſt ein Ehrenmann— aber wird ältlich, geht nicht mit der Zeit fort. Wir brauchen was man einen modernen Menſchen nennt, einen maitre der die Welt kennt, und für einen jungen Cavalier gewiſſermaßen Gefährte, Freund und Genoſſe ſein kann,— nicht? Was?“ Der Ton der Herablaſſung hatte bei Großvater Erlaucht in ſolchen ſeltenen Augenblicken etwas ungemein gewinnendes; ich war ergriffen, gerührt, hütete mich aber, dieſer Stimmung Worte zu geben, denn das zerſtörte ſofort jede gute Wirkung bei ihm. Seine Natur ertrug es nicht, wenn einer gefühlvoll wurde; er war dann, als fürchte er ſeine eigene Anwandlung, plötzlich lieber hart und ſchroff. Auf den gewöhnlichen Frageſchluß ſeiner Rede„NRicht? Was?“ war auch nicht viel zu geben; er war niemals einer Antwort darauf gewärtig. Ich ſagte alſo kurz und gut, ich würde für ſeine Gnade in allen Fällen dankbar ſein. Ich wußte nun den Zweck der Reiſe. Wir richteten uns im brar zůt Beg Ei daß Antwort, ' wohl fün Zeugs Geſicht, Tabak m heri d hieß den neuen — 139— braunen Röſſel zu Zürich auf mehrere Tage ein. Großvater hatte an die Gräfin Branconi und an Vater La, wie der Prophet von Zürich jetzt unter uns hieß, geſchrieben, und Beide hatten auf ſein Begehren einen Mentor in Vorſchlag gebracht. Lavater war damals Diakonus an der Waiſenhauskirche in Zürich. Seine beredte Zunge, ſeine herzgewinnende Predigt, ſeine aufopfernde Güte, ſein Wohlthun in Wort und That, hatten ihn zum Liebling der ganzen Stadt, der ganzen Gegend gemacht. Es war Samſtag, als wir in Zürich ankamen, und wir hörten ihn gleich nächſten Tags von der Kanzel reden, bevor wir noch ſein Haus betraten. Im ſanften Strom ſeiner Beredſamkeit lag zugleich viel ſchweizeriſche Treu⸗ herzigkeit. Er war ſalbungsvoll und für den gemeinen Mann doch immer verſtändlich. Bei all' der ſchwebenden und bangen Höhe, in die er ſeine Zuhörer erhob, überraſchte er zugleich durch kleine Blicke in die praktiſche Einzelheit des Lebens. Dies Gemiſch von Feierlichem und menſchlich Wahrem riß hin, dieſem Schwunge der Empfindung konnte man ſich hingeben, denn die Richtigkeit der verſtändigen Wahr⸗ nehmungen ſchien dafür zu bürgen, daß hier kein leerer Träumer nebelte. Er ſchien ein Demokrat, weil er mit ſeinen Nebenmenſchen bürgerlich fühlte, und man vertraute ihm ſelbſt da, wo er ſeine hierarchiſchen Launen etwas zu weit trieb. Er ſprach auf der Kanzel über ſein Lieblingsthema, die Ausſichten in die Ewigkeit. Er erläuterte ſeine Muthmaßungen über das Jenſeits mit dem Tone jener Zuverſicht und Dreiſtigkeit, die am beſten eine Glaubensanſicht einbürgert und zum Allgemeingut macht. Lavater hatte ſich die Perſon des allmächtigen Weſens, das wir Bott nennen, in ganz vertraute Nähe gerückt; er beſaß in der That die Macht, dies Gefühl ſeiner Alles durchdringenden Nähe, dieſe Gewißheit einer von Gott erfüllten Bruſt auch in Anderen zu erwecken. Wie er das Gebet Chriſti ſprach, vornüber geneigt und die Hände ſich ſchüttelnd: überkam es mich wirklich, als hätt' ihm Gott in Perſon die Hand gedrückt. Lavater flüſterte mit ihm wie ein jüngerer Bruder, der ihm, dem Aelteren und Erprobten, die noch unmündigen, hülf⸗ oſen Waiſen empfiehlt. In Wahrheit, der Mann konnte, wo nicht Wunder thun, doch an Wunder glauben machen. Und das that er denn auch ziemlich baar und blank. Nach ihm gab es noch alle Tage ſinnliche Erfahrungen von der unſichtbaren Kraft Gottes. Er erzählte gleichſam Anekdoten vom heiligen Geiſt, die ganz kürzlich vorgefallen. Nach ihm konnten die Wunder alten und neuen Teſtamentes noch in jeder Stunde ſich erneuen, die Kraft der Apoſtel war für ihn noch nicht erloſchen, und was der Katholik in der Meſſe bei der Wande⸗ lung feſthält, die gegenwärtige, augenblickliche Macht des Wunders, das verlegte Lavater in den Glauben an die allezeit nahe Perſon des Heilandes, der unſichtbar und doch fühlbar, ja faſt leibhaftig im Leben umgeht, hier an dein Herz klopft, dort deine Stirn küßt, überall die Hand zum Bunde reicht. Das Chriſtenthum war für Lavater ein lebendiges Gefühl der Nähe Gottes. Man war von dieſem allzu ſinnlichen Gedanken Anfangs beläſtigt, bis er nach und nach in eine wohlthuende Empfindung der Vertraulichkeit mit der Perſon Jeſu überging. Ich hatte zu Hauſe ſo oft den Hofprediger über daſſelbe Thema predigen hören, und ich hatte nichts dabei empfunden. Lavater wollte den Gott nicht blos denken und fühlen, er wollte ihn auch genießen, und mich erfaßte ein banger und doch ſüßer Schauer vor dem vertrauten Fuß, auf dem er mit dem Heilande ſtand. Großvater Erlaucht bereitete ſich diesmal zum perſönlichen Ver⸗ kehr mit Lavater ordentlich vor; er ſaß den ganzen Nachmittag über dem Buche von den Ausſichten in die Ewigkeit. Er für ſeinen Theil war eigentlich ein ziemlich bibelfeſter Mann; gleichwohl gab ſich ſein Verſtand nirgends gefangen. Wiſſensdurſt hieß der ſtarke Trieb in ihm, und ſo wollte er durchaus erfahren, wie weit es einer in ſeinen Vorſtellungen vom Lande Jenſeits bringen könne.— Ich ſtand derweil auf dem Altan des Hauſes, der nach dem See ging und labte Auge und Seele an den ſichtbaren Schönheiten dieſer Welt. Wie gern wär' ich auf die Berge geſtiegen, der Limmath in ihren Windungen gefolgt! Aber ſolche Wanderung ohne Zweck und Ziel war damals„gegen alle Conduite.“— Oft hört' ich den alten Herrn im Salon das Buch zuſchlagen, im Nebenzimmer auf⸗ und abgehen und laut ein Selbſtgeſpräch beginnen. Dieſe Ausſichten in die Ewigkeit mochten ihm denn doch noch nicht zu Einſichten verhelfen. Erſt am dritten Tage gegen Abend ſtanden wir vor der Pfarrerwohnung am Waiſenhauſe. Eine Kuhmagd meldete den Herrn von Schwarzenfels. Da kam er uns eilig in der Hausflur entgegen, der große Seelenhirt 1 bon gen dan Kö bo rerzählte rgtfallen. noch in ihn noch Wande⸗ Wunders, erſon des uftig in irn küßt, war für war von nach und er Perſon ger über funden vollt ihn Schauer nd. chen Ver⸗ tng übe nen hei ſic ſein Trieb in in ſeinen Ich ſund zng und ſer Velt in ihren un Zi uen hemn d abgehl Gniglei Erſt a nung a enfils enhin St von Zürich, mit der Sanftmuth ſeines offenen Auges, mit der Schlan⸗ genlinie ſeiner feinen Lippen uns willkommen heißend. Er mochte damals einige Vierzig zählen. Die vorgebogene Haltung ſeines ſchlanken Körpers gab ihm etwas Schmiegſames, obwohl er wie ein Mann, der ſeinen Werth kennt, Selbſtgefühl genug verrieth. Eine gewiſſe jungfräuliche Reinlichkeit lag in ſeinem ganzen Weſen. Die Herrſchſucht, die ſeine gekrümmt vorgeſtreckte Naſe verrieth, deutete auf einen Mann Gottes, der ſich auch gar wohl mit allen menſchlichen Dingen vertraut zu machen weiß. Er überging des Reichsgrafen Incognito, begrüßte ihn mit allen ſeinen Titeln, und trotz der wiederholten Bitten um Beſeitigung aller Förmlichkeiten, lief ihm auch ſpäter noch das reſpect⸗ vollſte Ew. Erlaucht und Reichsgräfliche Gnaden unwillkürlich in der Anrede dazwiſchen. Wir ſaßen im Stübchen, und die Herren ſprachen vom Norden Deutſchlands. Lavater war kürzlich von ſeiner großen Reiſe in's Emſer Bad zurückgekehrt, die zu ſo viel Anknüpfungen mit der vornehmen und gelehrten Welt geführt hatte. Er erhielt ſich durch einen weitverzweigten Briefverkehr mit Vorliebe in dieſem Zu— ſammenhange, fühlte ſich als den Mittelpunkt der Geiſter, mit denen er verkehrte. Solcher Mittelpunkte von geiſtigen Kreiſen hab' ich ſpäter gar viele in Deutſchland kennen gelernt, Männer, die äußerſt behaglich von einer feſten Idee aus ihre Linien um ſich ziehen, um ihre Perſon die ganze Welt verſammelt glauben. Was draußen bleibt, außerhalb dieſer Kreislinien, hat für ſie kein Daſein weiter. Wir haben immer recht viel hübſche Perſönlichkeiten gehabt; unſere Nation ſelbſt iſt uns noch zu keiner Perſon geworden. Wer nur eine Zeitlang recht feſt an ſich glaubt, der erweckt in der Welt auch Glauben an ſich. Und die fromme Menſchenliebe mit weiſer Salbung trieb das ziemlich weit damals. Lavater wirkte mit ſeinen phyſiognomiſchen Offenbarungen zauberhaft auf die Kreiſe ſeiner Freunde, und dieſe Kreiſe zogen ſich immer weiter. Wenn er bei ſtillem Wetter einen Stein in's Waſſer warf, ſo ſpürten gewiſſe Leute ſelbſt in den äußerſten Winkeln Deutſchlands eine leiſe Bewe⸗ gung, obſchon der ganze See derſelbe blieb. Seine phyſiognomiſchen Abhandlungen erſchienen ſpäter mit Bildern von Chodowiecki im Druck; damals liefen ſie in Abſchriften um, wie man auch die Briefe ſeiner Freunde in unzähligen Copien vertheilte. Es war eine ge⸗ 7 142— ſchriebene Literatur, mit welcher die Freimaurerloge der Erleuchteten innerhalb ihrer ſtillen Kreiſe wirkte. Lavater ſammelte ſeit lange die Schattenriſſe namhafter Perſonen. Sein lauſchendes Weſen hatte ihn von früh zur Menſchenkenntniß befähigt, es führte ihn zum Studium ihrer äußeren Erſcheinung, zur Erklärung der Linien ihres Profils. Mit ſeinem Briefwechſel zog er die ganze lebende Welt, ſo weit ſie ſich damals aus den vier Pfählen des Familienlebens herausarbeitete, in den Zauberbann ſeiner Lehre. Er deutete Jedem ſein geheimes Naturell, und indem er Allen ſchmeichelte, beherrſchte er Alle, hatte ſie mit ſeinem Commentar in der Hand. Seine fromme Beſchaulichkeit war oft auch kühn; ſie entdeckte mehr als der gewandte Blick des behutſamen Weltmannes. Er wußte Jeden, auch die miſerabelſte Creatur, aus Chriſtenliebe an das Univerſum Gottes, an das große Centrum der Geiſter an⸗ zuknüpfen; ſeine Orakelſprüche über Naſenwurzel und Grübchen im Kinn hatten Wirkungen wie ſelten eine Prophetie, die uns das Schickſal der Völker verkündet. Fürſten waren entzückt, daß man ihnen endlich Mittel an die Hand gab, ihre höfiſche Umgebung kennen zu lernen; der Böſewicht mußte nun zittern, denn man entlarvte ihn; die Un⸗ ſchuld vor Gericht konnte dreiſt ihr Haupt erheben. Lavater'ſche Empfehlungsbriefe mit einer Silhouette waren der beſte Geleitſchein; die Phyſiognomie ſchien der Stein der Weiſen zu ſein, den man nun doch noch aufgefunden.— Vor dem großen Menſchenkenner, der ſich einen„Seher in Gott“ nannte, ſaß Großvater Erlaucht zu Anfang faſt ſchüchtern und kleinlaut da. Um ſo behaglicher war der Strom der Rede, der ſich von Sanct Lavatus Lippen anmuthig erging. Mit der Dämmerung trat die Pfarrerin Ehrwürden mit zwei Kindern in's Zimmer, weil die Suppe wartete. Lavgter ſtellte ſeine werthe Ehe⸗ hälfte vor.„Wenn ich in dieſer meiner Welt das A und O bin,“ ſagte er, ſeine Frau bei der Hand faſſend,„ſo iſt ſie, mit Ew. Erlaucht Erlaubniß, das J im Alphabet. Und dieſe gottgefällige Kleinigkeit hier das Düpflein drauf!“ Er zog ein kurzes, rundes Mädchen, das ſich hinter den Rock der Mutter flüchtete, beim Krauskopf hervor und präſentirte das Kind recht delikat. Der Reichsgraf ſtreichelte der Kleinen das Haar. le leuchteten erſonen. nkenntniß cheinung, riefwechſel den vier mn ſeiner indem er ommentar tühn; ſi ltmannes⸗ riſtenliebe jeiſer an⸗ bchen in E en endlich u lernen die Un⸗ waterſcht eleitſchein den Nan mer, de Ein ſchämiger Schweizerbub, der ſich an der Wand fort drückte, lachte täppiſch drein.„Gehört wohl auch dazu,“ meinte Erlaucht, „damit das Vokalregiſter voll wird? Iſt vielleicht das E im Al⸗ phabet?—“ Der Junge grinſ'te. Zwiſchen Naſe und Lippe ſaß ihm dick und leuchtend ein Unausſprechliches. Wie die Frau Pfar⸗ rerin erſchreckt mit dem Tuche darnach fuhr, riß ſich der Burſche los, und ſtürzte halb gewiſcht zur Thüre hinaus.„Eſel!“ rief ihm der ſonſt ſanfte Lavater nach.„Nun, da haben wir das richtige E in der Familie!“ lachte der Reichsgraf. „Ja, und das U iſt noch draußen, der Uli, ein rechter Kuckuk!“ ſagte Ehrn Lavater.— Mit A, E, J, O, U enpfahl er ſich ſammt und ſonders zu Gnaden. Die Frau Paſtorin entſchuldigte noch als wir aufbrachen, die„ſchlechte Verfaſſung,“ in der ſie ſich mit ihren Kleinen producirt. „Ei, was das betrifft, liebe, werthe Frau,“ ſagte der Großvater, „wir ſind ja hier im Lande der Idylle! Und ſo ein Schmutznäschen, wie der Burſche aufzuweiſen hat, iſt mir lieber als die Idyllen Eueres weiſen Salomon.“ „Unſer Geßner?“ ſagte Lavater erſchrocken, aber lächelte doch devot. Dieſer ganz zufällige Scherz auf den ſanften arkadiſchen Schäfer in Zürich war Grund genug für Lavater, uns dieſen ſeinen Freund zu verheimlichen. Er führte uns in den nächſten Tagen einige ſeiner Anbeter zu, aber den ſtillvergnügten Landſchaftsdichter Salomon Geßner brachte er nicht mit. Entweder hatte er nicht den Muth, ihn zu vertreten, oder er mochte ihn nicht preisgeben. Am anderen Morgen langte eine Deputation des hohen Rathes in dem Gaſthofe zum braunen Röſſel an, mit dem unterthänigſten Geſuch, dem regierenden Reichsgrafen Erlaucht aufwarten zu dürfen. Aber Großvater in ſeiner Incognitolaune ſchickte ſeinen Adjutanten hinunter und ließ vermelden, der Reichsgraf wäre zu Hauſe geblieben; es müßt' ein Irrthum ſein, der Herr von Schwarzenfels würde dem hohen Rathe ſelber erſt ſeinen Beſuch zu machen haben. An Lavater ſchrieb er einige Zeilen des gemüthlichen Vorwurfs, ihn verrathen zu haben. Er ſei um weit wichtigere Dinge gekommen, als ſich mit dem hohen Rath zu becomplimentiren; er bat den Herrn Pfarrer auf den * — 144— Abend freundſchaftlich zu ſich, er habe viel mit ihm zu verarbeiten, namentlich über Unſterblichkeit, über Tod und Teufel. Wie Sanet Lavatus in der Abendſtunde kam, hatte er es doch nicht laſſen können, einige Sorgfalt in ſeinem Erſcheinen aufzuwenden; er kam in ſchwarzſeidenen Unausſprechlichen und Strümpfen, ganz friſch toupirt, und mit Paſtoralbäffchen, die von der Bleiche ſeiner Hausfrau ein gut Zeugniß geben konnten. Er ſah in der ſauberen ſchmiegſamen Glätte ſeines Weſens wirklich ſchön aus. Die Lippen ſprachen ſo wohlgefällig und das offene Auge verkündete ſo zuverſichtlich Heil und Segen.„Mann mit dem Mondſtrahl im Geſicht!“ hat ihn einer ſeiner Anbeter von damals angeſungen. Diesmal lenkte der Reichsgraf das Geſpräch gleich auf den Punkt, um den es ſich für uns handelte. Der junge Gelehrte, der ihm als Hofmeiſter empfohlen worden, war aus dem Savoyiſchen unfern der franzöſiſchen Grenze gebürtig, zweier Sprachen vollkommen mächtig, hatte ſich eine Zeit⸗ lang in Paris aufgehalten, war von der Freundin Lavater's, der Gräfin Branconi, deren Söhne er auf Reiſen begleitet, auf's beſte belobt und hielt ſich, wie dieſe ſelbſt, ſeit einiger Zeit in Zürich auf, um des Deutſchen eben ſo wie der beiden wälſchen Sprachen theil⸗ haftig zu werden.„Mit der Kenntnißnahme des Deutſchen,“ ſagte Lavater,„wird ihm auch die noch fehlende Vertiefung in den Geiſt Gottes werden! Er hat hier angefangen, ſich mit germaniſch chriſt⸗ licher Wiſſenſchaft zu beſchäftigen, kennt die Phyſiognomik, iſt aber freilich noch nicht der rechte Aufhorcher und Lauſcher in Gott!“ „Nun, was Gottes Wort betrifft,“ unterbrach ihn der Reichs⸗ graf,„ſo haben wir ſchon daheim einen ganz tüchtigen Tübinger Magiſter, der hier meinem— jungen Menſchen bis zur Confirmation das nöthige Chriſtenthum beibringen wird. Dafür iſt beſtens geſorgt. Allein ich brauche daneben noch einen friſchen Mann, der, wenn die Schulſtube abgeſchloſſen iſt, einem jungen Menſchen den Kopf für die Welt etwas zurechtrückt, ihn in's Leben einführt. Nutzanwendung des Wenigen, was Einer wiſſen muß, ſchätz' ich höher, als alle ſublime und profunde Speculation, für den jungen Adel wenigſtens, der Geiſtesgegenwart braucht, weil er perſönlich auftreten muß. Ein Cavalier, mein Beſter, ſoll nicht gelehrt, aber gewandt, in jedem Augen⸗ blick fertig ſein, um in allen Lebensſtoffen mit raſcher Unſicht e Unn behe ian ſo win in Un Ihe Ul tod erg ih. erarbeiten, e es doch zuwenden fen, ganz iche ſeiner ſauberen ie Lippen werſichtlich „hat ihn lenkte der h für uns mnyfohlen Grenze eine eit⸗ ufs beſt irich uf den whei⸗ n“ ſagte den Geif iſch hriſt⸗ it aber oit!“ Fich⸗ Libnger irnation 6 zejorgt wenn di y für die nwenduſg als ale nigſen Ein m Augen⸗ nſcht in — 145— unabhängige Poſition zu nehmen. Nur wer die Andern überſieht, beherrſcht ſie; Geiſtesgegenwart, Präſenz deſſen, was Einer hat und kann: darin beſteht das Geheimniß dieſer Kunſt, die zumal den Fürſten ſo noth thut. Schnelligkeit in der Faſſungskraft erſetzt beinahe die wirkliche Ueberlegenheit. Ich brauche einen Erzieher, der den Zög⸗ ling zu den Reſultaten der Bildung durchdringen, ihn nicht in den Unterſuchungen und Studien ſtecken bleiben läßt, einen Mann der That und Bewegung, der ſo zu ſagen, Haare auf den Zähnen hat, Alles gleich auf den Erfolg ſtellt, auf die Nagelprobe bringt, kein todtes Wiſſen duldet.“ „Einen Philoſophen des praktiſchen Lebens wollen Erlaucht,“ ergänzte Lavater,„ganz recht, einen ſolchen können wir ſtellen, denk' ich. Er iſt ſogar mehr Weltmann, als“— „Keinen Kopfhänger!“ fiel mein Großvater ein. „Verſtehe, verſtehe!“ ſagte Lavater,„weder Schwärmer, noch Hofmann“— „Ganz recht, die richtige Mitte davon, einen offenen, klaren Kopf, der das Herz auf der rechten Stelle hat.“ „Das Herz freilich,“ ſagte Lavater,„ſteht nur wenn es Gott fühlt, auf der rechten Stelle.“ „Nun, doch kein Atheiſt?“ „Davor behüte ihn der Heiland! o nein!“ „Und jedenfalls Proteſtant? Nicht?“ „Mehr als zu viel!“ war die Antwort. „Wie ſo zu viel?“ fragte der Großvater betroffen. „Er proteſtirt faſt gegen Alles.“ „Gegen Unwahrheit, Wahn und Trug kann man nicht genug proteſtiren; die Welt ſteckt zu voll davon!“ „Nun ich merke ſchon,“ ſagte Lavater, ſich fein verbeugend, „Eure Durchlaucht werden an dem jungen Stark- und Freigeiſt Ihr Wohlgefallen haben. Er iſt ein Ausbund von Talenten.“ „Aber nur kein Genie! Derweilen hat das Genie noch immer nicht ſeine Grenzſtreitigkeiten mit der Tollheit ausgeglichen!“ „Genie!“ ſagte Lavater, und erhob ſich wie beleidigt,„faſſen wir dies divine Wort ja nicht im gemeinen Sinne! Nein, Genie iR er nicht, es fehlt ihm der Geniehammerſchlag auf der Stirn!“ D B. V. Kühne, Die Freimaurer. 10 — 146— Man vereinigte ſich, Monſieur Kaver Dubois— dies war der hr Name, der uns genannt wurde— erſt gelegentlich und wie zufällig w zu ſehen und zu ſprechen. D „Er iſt häufig in Geſellſchaft des Grafen San Germano, der o hier ſeit einiger Zeit hauſt. Dieſer Mann iſt ein Kraftgenie, ein z Blitzgenie erſten Ranges. Wir werden Beide bei der Gräfin Bran⸗ coni finden. An dem Sanct Germanus können Reichsfürſtliche Gnaden L die merkwürdigſte Vultuoſität und Supercilioſität in Augenſchein nehmen.“ et „Guter Freund,“ wandte ſich Großvater an mich,„wie geben wir denn dieſe gelehrten Ausdrücke des Herrn Pfarrers auf gut Deutſch?“ „Antlitzlichkeit und Augenbräulichkeit!“ ſagte ich achſelzuckend. „Richtig!“ lachte der alte Herr, und beide Männer klagten über die unbeholfene deutſche Sprache. i Wie ſich Lavater empfehlen wollte, nahm ihn der Großvater noch n traulich bei der Hand, ging mit ihm Arm in Arm im Zimmer herum e und ſagte endlich ſehr warm und ernſt:„Sie Lieber, Guter, ſind ja d wohl im Stande, mir die Unſterblichkeit der menſchlichen Seele, die perſönliche Fortdauer nach dem Tode ſo recht handgreiflich klar, ſo recht mit einem Schlage zu demonſtriren? Nicht?“ 1 Lavater räuſperte ſich und rückte ſeine Bäffchen zurecht. „Ich will keine profanen Autoritäten, nicht Plato, nicht Cicero, ich will's aus den Mitteln unſeres eigenen Lebens, ſo wie man's für's Haus braucht, nachgewieſen haben,“ ſagte der Großvater. „Halten zu Gnaden,“ rückte Lavater mühſam heraus,„das bloße Demonſtriren thut's nicht; ſchauen muß der Menſch!“ „Mit den Augen, den leiblichen Augen?“ fragte der Reichsgraf. „Mit dem inneren Aug',“ ſagte Lavater, und ſeine Brauen wölbten ſich wie zwei gothiſche Fenſterbogen in die Stirn hinauf. 1„Schauen mit dem inneren Aug',“ wiederholte er,„ein Fühler Gottes iſt ein Schauer, ein Seher!“ „Hm!“ ſagte der alte Herr und nahm den Pfarrer wieder gemüth⸗ lich unter den Arm, um ihn gleichſam herumzukriegen. So wandelten 1 ſie ein paarmal im Saale auf und nieder, ſtanden dann am Fenſter ſtill und ſahen ſich ſtumm mit großen Blicken an. Es war rührend, wie Beide die Scheu hatten, ſich über ſolche Materien zu ſtreitem und „ „ . war det e zufüllig ano, det enie, ein in Bran⸗ e Gnaden genſchein ui ghen Deutſch!“ uckend. gten ibe ater noch er hern , ſind e, die klr, ſo ht bicero⸗ ie nns atel das bloße eichogrol auen e Bralt hinal ler Golte gent⸗ vandellen enſter ſi rend⸗ v d item⸗ — 147— ehrenwerther Weiſe doch nach einer Verſtändigung rangen. Großvater wurde beinahe feierlich, obſchon er mit Einwürfen zu lauern ſchien. Der Hüter des Chriſtenthums konnte, das fühlte er wohl, nicht gut loskommen, ohne hier, wie man zu ſagen pflegt, reinen Wein ein⸗ zuſchenken. „Man müßte ſich erſt über die Grundbegriffe vereinigen,“ ſagte Lavater ausweichend.„Unſterblich, perſönlich, jenſeits— das ſind lauter vieldeutige Bezeichnungen. Iſt doch ſchon der Begriff Seele etwas Vorausgeſetztes.“ „Freilich, freilich,“ ſagte der Reichsgraf,„nach den verruchten Franzoſen iſt Seele und Geiſt weiter nichts als eine Modification der Materie!“ „Ja, da liegt's!“ ſagte Sanct Lavatus und ſchlug die Hände in einander. Jetzt ward er warm. Er ſagte:„Und was will Einer, wenn er von Unſterblichkeit ſpricht? Was verlangt er für ſich? Die egviſtiſche Fortdauer ſeiner ſelber, die Unauflöslichkeit ſeiner mona⸗ diſchen Exiſtenz zu eigenſüchtigen Zwecken, zum Zwecke des Selbſt⸗ genuſſes? O, ein ſolcher muß erſt ſein liebes Ich abwerfen, wie ein ſchlecht Lumpenkleid, muß einen anderen Adam anziehen und mit dem Apoſtel reden können:„Nun oaber lebe ich nicht in mir, ſondern Chriſtus der Herr!“— Fragt Einer, ob es ewige Fortdauer des Bewußtſeins mit dem Fortſchritt der Erkenntniß, mit dem Wachsthum des inneren Lebens gibt: O, dann ſteh' ich ihm wohl Rede und würde, hätt' ich alle Stimmen der Natur, alle Sprachen aller Weſen, die Zungen des Himmels und der Erden in meiner Gewalt, mit einem Alles übertönenden Ja! antworten. Für die Prüfereien des Verſtandes iſt ſelbſt das Daſein Gottes nicht ganz ſicher. Aber für das Gemüth, welches Liebe braucht, für die glaubensbedürftige Seele gibt es nicht blos jenſeits ein ewiges Leben, dieſe ſind ſchon dies⸗ ſeits ewig, ſchon hienieden in ihrem Gefühl unſterblich. Ich bin die Auferſtehung und das Leben, ſpricht der Herr. Wer an mich glaubt, ob er ſchon ſtürbe, ſo wird er doch leben und die ewige Seligkeit ernten!“ Die ſchlanke Geſtalt des Mannes hatte eine vollere Haltung an⸗ genommen, er ſchien aus ſich ſelbſt heraus zu wachſen, er fühlte ſich groß, indem er das ſprach, denn er wußte, daß er jetzt auf dem Gebiett ſtand, auf dem er Herrſcher war. Er überflügelte den Ver⸗ 10* 148 ſtand und erleuchtete das Gemüth, indem er ſich dieſen bibliſchen Schwung gab. „Iſt denn die Auferſtehung des Fleiſches und der Knochen ſo ganz ſicher anzunehmen?“ warf der Reichsgraf dazwiſchen. „Alle Weltweiſen,“ entgegnete Lavater,„nehmen an, daß die Seele nach dem Tode des Körpers einen feineren, ebenfalls indivi⸗ duellen Leib mitnehme, der ſich zu dem irdiſchen wie die Quinteſſenz zu dem Caput mortuum in der Scheidekunſt verhält.“ „Bravo!“ rief der alte Herr.„Darauf bin ich in der Phyſik ſelbſt gekommen. Das macht die Sache klar. Die Quinteſſenz bleibt, das Phlegma fällt zurück. Es fragt ſich aber dabei, ob dieſe unſere Weſenheit als Individuum fortexiſtirt. Sie haben da, mein ſehr werther theurer Freund, in Ihren„Ausſichten in die Ewigkeit“(er ging und ſchlug eifrig die Stelle im Buche nach, das auf dem Tiſche lag), in dieſen Briefen an den Königlich Hannover'ſchen Hof- und Leibmedicus Zimmermann die Geſchichte von deſſen Frau erzählt, die ihm nach dem Tode in leibhafter Geſtalt erſchien. Und Sie nehmen alſo eine Gemeinſchaft der Abgeſchiedenen mit den Lebendigen als möglich an?“ Lavater ſenkte vor den forſchenden Blicken, die der Großvater auf ihn richtete, Augen und Haupt zu Boden.„Es iſt nicht Alles buchſtäblich gewiß, nicht Alles dogmatiſch zu belegen,“ begann er ſchüchtern, und ließ erſt im Verlauf ſeine Stimme mit der ganzen Wärme ſeiner Empfindung anſchwellen.„Gewiſſe Punkte ſind Herzens⸗ ſachen. Moſes und Elias ſind dem Herrn als Geiſter erſchienen in einem Augenblicke, wo er ſelbſt ſich als Geiſt geläutert fühlte, bibliſch zu reden: verklärt wurde. Nicht eine einzelne Bibelſtelle, wohl aber ein Blick auf das ganze Evangelium, hochachtbar Lieber, läßt mich denken, daß die Seligen von uns wiſſen und in Verbindung mit den Engeln wohl auch auf uns wirken können. Vielleicht umgeben ſie all' unſer Thun wie ein unſichtbares Dunſtgewölk, ja vielleicht ſind ſie das magnetiſche Fluidum ſelber, das in uns ſtrömt und wogt. Daß der Glaube daran in gewiſſen Augenblicken im Herzen ſich ſo ſteigern kann, als wenn ich die Nähe ſeliger Geiſter an mir ſelber fühlte, mit den leiblichen Augen ſie ſähe, mit dem noch irdiſchen Ohr ſie ſchon hörte,— wer will das läugnen, wer will das feſt behaup⸗ — n bübliſhen Knochen ſo . n, daß die alls indivi⸗ Quinteſſenz der Phyſi ſſenz bleibt, dieſe unſer nein ſeht igkit“(n dem Liſch Hof⸗ und erzhlt, di zie nehmen ndigen ls Großvnter nicht U begann i der gnen d Hene ſchienen in te, biblſt wohl be lit nich * nit du leicht ſind und voz zen ſch ſo ir ſelben — 149— ten? Was iſt Religion anderes als Gottesverwirklichung! Und das Gebet hat dieſe magiſche Kraft, die Geiſterwelt ſo exiſtent zu machen wie die Körperwelt. Was in keines Menſchen Herz aufgeſtiegen iſt, das hat Gott Denen, die ihn lieben, bereitet. Siehſt du nicht die Seelen der Abgeſchiedenen dich umſchweben: nun ſo glaube, ſie könnten es. Halte dich ſo, als ob eine Heerſchaar ſeliger Geiſter dich in jedem Augenblicke ſieht und hört, auf allen Wegen und Stegen dich begleitet! Ich glaube an eine Gemeinſchaft der Heiligen, ich glaube an die Allgegenwart Gottes, ich glaube, daß der Herr ſelbſt noch auf Erden wandelt, daß er am Arme ſeines Lieblings Johannes die Hütten der Armen, das Lager der Leidenden beſucht. Ich glaube, daß er allezeit bei uns iſt, wo Drei in ſeinem Namen verſammelt ſind; ich glaube, daß ſein Athemzug uns im gegenwärtigen Augenblicke umgibt und mir die Kraft verleiht, Euch zu ſegnen, Ihr Männer, lieben Brüder im Herrn,— Ew. Erlaucht jugendlich Herze zumal!“ Er war bei den letzten Worten, die er ſprach, auf mich zuge⸗ ſchritten, hatte die Hand auf meinen Scheitel gelegt, und wie ich aufblickte, leuchtete ſein ſchönes Auge im Verklärungsglanz. Es war eine bange Stille im Gemach, als wenn ein Engel ſeinen Fittich entfaltete; der Zweifel, der Unglaube regte ſich nicht. Santt Lavatus ſah ruhig auf uns herab. Sein mildes Lächeln erſchien wie ein Triumph der guten Sache. Er ſegnete mich noch einmal, drückte dem Reichsgrafen, der ſtumm und ſtill für ſich ſaß, die Hand, und ſchied in dieſer feierlichen Stimmung, die er heraufbeſchworen, und die er in uns zurückließ. Nach einer Pauſe von mehreren Minuten ſagte der Großvater für ſich hin:„Sehr lieber, edler und ſanfter Mann das, ein rechter Apoſtel für das Gemüth, für die Schwachen und Hülfsbedürftigen. Aber es kann doch zur Schwärmerei und Selbſt⸗ täuſchung führen!“ Am andern Morgen beſuchten wir in Zürich die Krankenanſtalt, die mit dem Waiſenhauſe in Verbindung ſtand, und in der Lavater ebenfalls die Seelſorge hatte. Großvater Erlaucht machte gern zum Beſten ſeiner heimlichen Anſtalt Studien. Er freute ſich über die ſchweizeriſche Reinlichkeit und dictirte, während wir durch die Kranken⸗ ſäle wandelten, ſeinem Adjutanten allerlei Notizen in's Tagebuch. Der kleine Medicus, der uns führte, war ihm mit Eifer dazu behülflich. Wie — 150— wir in den Raum traten, wo einige geiſtig Geſtörte behandelt wurden, ſahen wir am entgegengeſetzten Fenſter eine Geſellſchaft um ein Kran⸗ kenlager beſchäftigt. Die breitſchulterige Geſtalt eines Mannes, der uns den Rücken zukehrte, ſtach gegen die andern hervor. Er ſprach mit lauter Stimme, die Uebrigen hörten; er ſchien über das Phäno⸗ men der Krankheit zu dociren. „Ein vornehmer Herr aus Italien“, ſagte der Arzt auf unſere Frage.„Er ſcheint ſich für die Behandlung der Beſeſſenen zu intereſſiren; er beſucht uns häufig, ja er wird uns faſt überläſtig. Erſt neulich drang er mitten in der Nacht in's Zimmer und ſtellte bei'm Schein des Vollmondes bei einer Unglücklichen, die an Beängſtigungen des Gehirns leidet, Verſuche an, die wir Aerzte nicht gutheißen dürfen. Der Fremde erweiſ't ſich freilich ſonſt gegen die Anſtalt ſo wohlwollend und mildthätig, daß wir ſeiner Neugier und ſeiner Jagd auf Merk⸗ würdigkeiten keine allzuengen Schranken ſtellen mögen.“ „Haha, Graf San Germano!“ ſagte der Großvater, denn er ſah auch Lavater unter den Verſammelten. Abſeits von ihnen ſtand eine nicht mehr junge Dame in auffallendem Reiſecoſtüm mit Strauß⸗ federn auf dem turbanartigen Hute. Der gelbe Sammet ihres Klei⸗ des wetteiferte faſt mit der Olivenfarbe ihres Antlitzes, in deſſen ſcharfgeſchnittenen Zügen ſich eine Tochter des Südens, wo nicht des Orients verrieth. Sie wurde uns ſpäter als Signora Carlotta, Nichte des verſtorbenen Papſtes, bekannt. Sie nahm keinen Antheil an den Beobachtungen der Geſellſchaft und war in einem lebhaften Geſpräch mit einem jüngeren Manne begriffen, deſſen ſchwarze Tracht, obſchon ſie ohne beſondere Abzeichen war, den Geiſtlichen erkennen ließ. Doch war ſein Haupthaar weder proteſtantiſch geſcheitelt, noch verrieth es die katholiſche Tonſur. Ehrn Lavater hatte uns wahr⸗ genommen und trat raſch aus dem Kreiſe, um uns zu begrüßen. Der Reichsgraf winkte ihn bei Seite und bat, hier keine Bewillkomm⸗ nung mit ſeinen Gäſten einzuleiten. „So werden Ew. Gnaden geruhen, heute Abend bei der Gräfin zu erſcheinen“, ſagte Lavater dringend,„der Frau Gräfin wird es eine beſondere Ehre ſein, die deutſchen Herren bei ſich zu ſehen!“— Die Geſellſchaft ging jetzt an uns vorüber, und Lavater erhielt, weil er nicht eher ſcheiden wollte, unſere Zuſage für den Abend.— nut l ſch fü ſ lt wurden, ein Kran⸗ mnes, der Er ſpruch us Phänv⸗ auf unſere tereſſiren; rſt neulich n Schein ungen des en dürfen. ohlwollend auf Nert⸗ denn er nen ſtnd Struf⸗ hus Kli⸗ in deſſen nicht des Curlotta⸗ nAntheil lebhoften tze Inij elenen elt, mi n wehr begrißin willlonn⸗ „Grifn 1 wird e gen * echielt Abend Gräfin Branconi war Wittwe. Sie gehörte zu den Frauen, die nach einer vertrauerten Jugend, in den Marterjahren eines verun⸗ glückten ehelichen Bundes raſch verblüht, erſt ſpät, nachdem die Welt ſich nicht mehr in friſchem Reiz für ſie geſchmückt, eine Genugthuung für Anſprüche des Herzens und Geiſtes finden. Sie war nie ſchön geweſen, ihre Züge waren eher das Gegentheil, aber der Faltenzug eines ſanften Weh's gab ihrem verwelkten Antlitz den Schmelz einer Rührung, die wohl feſſeln konnte, wenn der Sinn eines Mannes reif genug war, um ſich gegen den Zauber vergänglicher Reize zu ſchützen. Es ſind das jene Frauen, deren ſtille verallgemeinerte Liebe ſich wie ein heimlicher Fanatismus geſtaltet, jene Frauen, für die der Mann nur Bewunderung fühlt, während er doch Gefahr läuft, ſich vor ihnen zu verwirren und zu verlieren. Gräfin Branconi war mehrere Jahre in Paris geweſen, ihr Gemahl hatte dort in einem bunten Gewühl von Händeln und Intriguen ſein Leben eingebüßt. Dann war ſie mit ihren Kindern nach der italieniſchen Schweiz, wo ihre Güter lagen, zurückgekehrt. Seit längerer Zeit lebte ſie regel— mäßig einen Theil des Jahres in Zürich, wo ſie, an der Limmath ſchön gelegen, Haus und Garten beſaß. Lavater war der Seelenarzt geworden, der dies an der Welt erkrankte Herz zu heilen gewußt. Er war der Mann, der, wenn die äußere Welt in ihrer Mißgeſtalt beleidigte, Ausſichten in die Ewigkeit eröffnete und dieſe Ewigkeit ſchon mitten in der zerbrechlichen Hülle des irdiſchen Lebens fühlbar machte. Dieſe ſanfte Entzückung eines ſchwärmeriſchen Gottesfriedens war ſein Werk. Dieſer Friede leuchtete aus ihren Zügen dem Be⸗ ſchauer entgegen. Der Phyſiognom, der dies Antlitz nicht fertig deuten konnte, mußte den Ton ihrer leiſe bewegten, heimlich zitternden und doch in Wohllaut aufgelöſ'ten Stimme zu Hülfe nehmen. Das Geſicht ohne den Klang der Stimme gibt wohl überhaupt nicht den ganzen Menſchen; erſt das ſprechende Geſicht, dünkt mich, iſt der volle Ausdruck der Seele. Großvater Erlaucht pflegte zu ſagen: Erkenne das Thier im Angeſicht, und du haſt die Grundlage des Menſchen! Er kannte nicht das Sokratiſche: Rede, damit ich dich ſehe! Die Gräfin empfing uns mit jener Vertraulichkeit, die zugleich mit der Beobachtung der feinen Form nur der Dame ihres Standes möglich iſt. Sie ſprach franzöſiſch, und doch lag ſehr viel Gemüth — 152— im Ausdruck ihrer Worte. Großvater ward ihr von Lavater als connaisseur bezeichnet. Er gab ihm damit ſeinen Empfehlungsbrief, als zur Loge Derer gehörig, die im Angeſicht des Menſchen die Ge⸗ heimſchrift verſtehen. „Kenner?“ wiederholte der Großvater,„mehr Liebhaber, als das; und auch das nur, wenn man es nicht zu weit treibt.“ „„Man muß freilich zwiſchen den Zeilen leſen können“, ſagte die Dame.„Unter einer buchſtäblichen Auslegung leiden ſelbſt die Wahr⸗ heiten der heiligen Schrift.“ „Solch' ein Buchſtabenklauber in der Geſichtskunde iſt mir ſchon vorgekommen“, ſagte der Großvater.„Wie hieß der Querkopf, den wir am Rhein neulich auffiſchten?“— Er ſah mich lachend an, während er das ſagte, und fuhr fort:„Der trieb's denn doch viel⸗ leicht ein Biſſel zu bunt. Der nahm die Leute friſch bei'm Kopfe und ſagte ihnen Grobheiten in's Geſicht, nicht? Zuletzt meinte er, der bloße Daumen genüge, um den Verſtand des Menſchen zu taxiren. Gott's Wunder! am Ende iſt die Silhouette vom kleinen Finger, oder der Abſchnitzel vom Nagel des großen Zehen dazu hinreichend. Er nahm das, wie ich's ihm ſagte, für Ernſt und belegte es gleich mit ſeinem lateiniſchen Spruche: Ex ungue leouem! Ja, ja, die gelehrten Lateiner helfen gern allem Unſinn auf. Dabei ſprach der Narr immer von Chriſtusnaſen und Johannesbackenknochen.“ „Ein Spiel“, nahm die Gräfin ſehr ernſt das Wort,„ein Spiel mit dem zu treiben, was unſere gläubige Erkenntniß fördern ſoll, iſt gewiß ein ſtrafwürdiger Unfug. Aber Gott verſteht nicht bloß in den Sternen, nicht bloß in den heiligen Büchern zu leſen; auch die Angeſichter der Menſchen ſind ſeine Schriftzüge. Nur hat bald das Laſter, bald heilloſer Unglaube ſie entſtellt, und wir finden den Herrn, wie in der ganzen Natur, ſo auch im Antlitz der Menſchen, nur mühſam heraus. Man kann das Edelſte mißbrauchen. Ariſtoteles und Galen hatten unſicher an der Geſtalt des Menſchen herumgetappt, ſich einzelne Merk⸗ zeichen erſehen, und die unſelige Aehnlichkeit einzelner Theile des menſchlichen Körpers mit denen der Thiere reichte zur Aufſtellung ihrer Meinungen hin. Wir ſind weiter, wir ſchauen nach dem Unſterb⸗ lichen im Angeſicht der Brüder. Mit einzelnen Theilen iſt es wohl wie mit einzelnen Tönen. Ein Ton für ſich iſt ein charakterloſes 6 U ———— avatet als lungsbrirf, n die Ge⸗ haber, als t.“ „ſagte die d mir ſchon rkopf, den chend an, doch viel⸗ im Hopft meinte el, u taxiren. nger, oder Fr nahn nit ſeine gelehrten arr innet Spiel nit iſt gewi Stemen⸗ ſich ter der Theile ufſelun Unſter⸗ es wohl uerloſe 53 Etwas. Erſt im Zuſammenhange mit andern Klängen wird der Accord möglich, von dem ſich ſagen läßt, ob er Dur oder Moll iſt.“ „Ja, ja“, ſagte der Großvater,„die Lineamente auseinander⸗ reißen, hieße die Blume zerpflücken, um zu ſehen, was an ihr ſei. Ganz iſt der Menſch, was er iſt.“ „Sie haben, obſchon es Ihnen wohl noch am ächten Glauben fehlt, doch ein ſehr ſchönes Wort da geſprochen,“ ſagte die Gräfin, und reichte dem alten Herrn ihre Hand, die er, wollte er nicht unhöflich ſein, an ſich drücken mußte. Es ſtand ihm ſehr eigenthümlich, der zarten Frau dieſen Triumph zu zollen. Großvater Erlaucht hatte überhaupt vielleicht eine verſteckte Anlage zum Gefühlvollen; nur gab er ſich ſolchen Regungen nicht hin und ſpottete ſie bald wieder fort, obſchon er ſie bei Andern in Ehren ließ. Auch hatte er ſich jetzt in ſeinem Humor bald wieder zurecht gefunden. „Frau Gräfin ſind gewiß eine recht leutſelige Pythia“, ſagte er in ſeiner muntern Laune.„Wie judificiren Sie wohl Dem da ſein Geſicht? Der arme Schelm hat ſchon ehrlich herhalten müſſen!“ Er winkte mich heran und klopfte mir auf die Schulter. Es überlief mich hochroth bis über die Ohren; ich dachte an die Tortur der Inquiſition unter den Händen des ſchäbigen Querkow, ich dachte an die beleidigende Deutung meiner kleinen Naſenlöcher. Ich glaube, ich blies in dieſem Augenblicke die Naſenlöcher ſo weit auf, als möglich. „Ein junges Geſicht, das nicht fertig iſt“, ſagte zum Glück die Gräfin,„ſoll man eigentlich nicht allzuſtreng nach den Regeln der Grammatik unſerer Wiſſenſchaft abſchätzen!— Auffallend zuſammen⸗ gewachſene Brauen!“ ſagte ſie, indem ſie fortfuhr, mich zu muſtern; „ſie deuten auf Kraft, auch auf die Kraft, Geheimniſſe zu behüten.“ Alſo doch, dacht' ich ſtill bei mir, und ſah den Großvater furchtſam an, der gern auf den verſteckten Italiener in mir anſpielte. „So deutlich ausgeſprochen hab' ich dieſen Zug“, ſetzte die Gräfin hinzu,„nur noch an unſerem Freunde Monſieur Kaver Dubois wahr⸗ genommen.“ Sie hatte ſo laut geſprochen, daß der Genannte, als ſei er ge⸗ rufen, zu uns trat. Es war der junge Geiſtliche im ſchwarzen Gewande, den wir im Krankenhauſe an der Seite der orientaliſch gekleideten „ F 154 Donna geſehen, der Mann, mit dem ich jetzt um der zuſammenge— wachſenen Brauen willen confrontirt werden ſollte. Ich blickte ſchüchtern in ſein dunkles Auge, in de braune Schatten ſich grünliche Tinten miſchten, und deſſen Blick keck und dreiſt aus den tiefen Höhlen heraustrat, bald furchtſam unter den ſchweren Wimpern ſich barg. Das war das Lauernde in ſeinem Blicke oder, wie die Gräfin ſagte, die Kraft, Geheimniſſe zu behüten. Eine heiße Leidenſchaftlichkeit in ſeinen Bewegungen ſchien ſich durch die vollkommene Beherrſchung der Geſellſchaftsformen, durch die Gewandtheit des Weltmannes zu zügeln. Wie er als Monſieur Dubois präſentirt ward, offenbarte er eine ſo glückliche Miſchung von Beſcheidenheit und Selbſtgefühl, daß ſelbſt Großvater Erlaucht über ſoviel Freiheit in der Haltung bei einem Geiſtlichen zu ſtaunen ſchien. Die Unterhaltung wechſelte in allen drei Sprachen. Wenn Kaver deutſch ſprach, verrieth er eine Befangenheit, die ihm ſehr naiv ſtand. Franzöſiſch war er ganz Cavalier und Mann des Parquets. Sprach er italieniſch, ſo durch⸗ brach ein ſonſt verhaltener Feuerſtrom ſein ganzes Weſen. Zum Glück nahm er die Aufmerkſamkeit Aller ſo ausſchließlich in Anſpruch, daß ich den ſtillen Beobachter machen konnte. Nur die Gräfin warf auf ihn und mich ihre Blicke, als hätte ſie Luſt, die Parallele zwiſchen unſern Augenbrauen von Neuem zu eröffnen. Zum Glück unterbrach ein neu Hinzutretender die wieder heran⸗ drohenden Geſichterſtudien. „Monseigneur j'ai[honneur“,— erſcholl die Stimme eines Mannes, der ſich mit polterndem Geräuſch dem Reichsgrafen auf⸗ drängte. Es war der uns als Graf San Germano Angekündigte, der Mann mit dem„Hammerſchlag des Genies“ auf der breiten dreiſten Stirn und einem Schulterbau, der mit mehr als Selbſtgefühl den Ruhm zu tragen ſchien, den Auserwählten für ein abſonderliches Werkzeug des Herrn zu gelten. Signora Carlotta, die orientaliſche Dame mit dem Turbankopfputz, war mit ihm eingetreten; ſie ſchien zu ihm zu gehören. Und ſo erblickten denn meine Augen den Wun⸗ dermann, der ſchon damals an kleinen Höfen und in auserleſenen Cirkeln die Bewunderung der Welt zu werden begann, obſchon er erſt ein Jahr ſpäter in Paris ſeine große Miſſion antrat. Er ſchien uns damals ein Vielgereiſter, war lange Zeit im Oriente geweſen, )— S S= — nmenge⸗ hüchtern Tinten Höhlen ch barg. n ſigte chkeit in rrſchung nnes zl ffenbarte ſtgefühl, Haltung vechſilte er eine er ganz o durch⸗ n Glück uch, diß warf auf ziſchen rheran⸗ me eins in uf⸗ ündigte⸗ preiten pſgefihl derliches ntoliſce ſi ſchen Vil⸗ rleſenen ſchon r ſchien 2 weſen⸗ M ——— —— hatte die ägyptiſchen Pyramiden und Katakomben beſucht, erzählte vertraute Einzelnheiten von der ſtillen Gemeinde des Prieſters Jo⸗ hannes, jenes angeblich unmittelbaren Nachkommen des Evangeliſten, mit deſſen Colonie in Nubien, mitten in der Wüſte und mitten im Sturme der Jahrhunderte, ſich ein einfach reines Chriſtenthum bis auf unſere Tage fortgepflanzt haben ſollte. Hiermit hatte er in La⸗ vater's Kreiſen Zutritt und Spielraum gewonnen. Je weltlicher, ja derb ſinnlicher nebenbei ſein Weſen war, deſto ſpannender wurde das Räthſel ſeiner Erſcheinung. Die Erzählung ſeines Aufenthaltes in Medina trug das Gepräge der genaueſten Selbſtanſchauung. Man hielt ihm Vieles zu gut, weil man ihm die Vorrechte des genialen Sonderlings einräumte; er durfte ſelbſt vor Lavater's keuſchen Ohren die Reize des mohamedaniſchen Lebens ſchildern. Ich blickte in ein rothbraunes, gewaltig vollblütiges Geſicht, deſſen gedrungene Muskelfülle, deſſen ſtarke Brauen, wie die verſteckt glühenden Augen von der unleugbaren Kraft dieſes ſeltſamen Menſchen zeugten. Die entſchloſſene Elaſticität ſeiner Glieder entſprach ſeiner geiſtigen Gewandtheit. Seltene Kenntniſſe, reiche Erfahrungen mochten die Macht, die er übte, unterſtützen. Aber dieſe Macht lag nicht in dieſen Einzelnheiten, die vielleicht Mancher mit ihm theilte; ſie lag in der Schwärmerei ſeiner brütenden Seele, in dem Hange zum Wun⸗ derbaren, der ſein Jahrhundert beherrſchte, in der Sehnſucht der Menſchen nach dem Ewigen, die ſie mitten im Ekel vor der hinfälligen Eitelkeit des Lebens erfaßte. Voll Ueberdruß an der Ausſchweifung der ſinnlichen Freuden, und doch unfähig, zur Arbeitſamkeit einer ſtrengen Lebenseinfalt zurückzukehren, wollte das ablaufende Jahr⸗ hundert durch Schwelgerei der Empfindung, durch einen Sybaritismus des Geiſtes das Gefühl der Leere und die Reue über die NRichtig⸗ keiten der äußeren Welt verdrängen. Im Angeſicht des Mannes lag, bei aller Pfiffigkeit des verſchmitzten Schelms, der Zug des Schwär⸗ mers, der die Schwächen ſeines Zeitalters benutzt, weil er ſie kennt, ſie kennt, weil er ſie theilt. Der Mann war an jenem Abend in der Uniform eines portu— gieſiſchen Offiziers. Er redete uns auf eine Weiſe an, die es merklich machte, er wolle das Incognito des Reichsgrafen nicht anerkennen. Er ſagte, er werde Deutſchland, er werde unſern Hof beſuchen. Er — 156— ſprach von ſeiner Liebe zu Deutſchland, von deutſchem Tieffinn und Geiſt, dem es vorbehalten ſei, in einer neuen Religion die ſtreitenden Elemente der Menſchheit zu verſöhnen. Das Zeitalter eines neuen Jeruſalems ſei nahe; Chriſtus werde nicht in Perſon wiederkommen, aber ſeine Boten ſenden. Er war an jenem Abende der ſtehende Mittelpunkt der Ver⸗ ſammelten. Nur Einige hatten ſich in den Garten entfernt. Ich nahm ebenfalls die Gelegenheit wahr, das Freie zu ſuchen. Der ſchöne Lindengang war mit farbigen Lampen erleuchtet. Er führte zu dem offenen Pavillon an der Limmath, in welchem Lavater mit der Gräfin Branconi ſeine phyſiognomiſchen Studien trieb, ihr vielleicht auch ſeine Ausſichten in die Ewigkeit ſpeziell eröffnete. Eine Ampel brannte in der Mitte des kleinen Salons. Ich begann dort die Silhouetten und Porträts zu durchmuſtern, die an den Wänden hingen, ich nahm den Stift und trug einige merkwürdige Linien in mein Tagebuch; aber die Beleuchtung war zu matt, ich trat in den Hintergrund und lehnte mich in die Ottomane, die in der Niſche ſtand. Meine Gedanken hafteten an dem Manne, den ich vielleicht bald als zu mir gehörig begrüßen konnte. Plötzlich ſtand er ſelbſt leibhaftig auf der Schwelle vor mir. Er blickte ſich um, und eh' ich mich aus dem Schatten erheben konnte, war ihm die orientaliſche Donna gefolgt. Er ſah ſie erwartungsvoll an, als wollte er ſagen: Du haſt mich gerufen, hier bin ich!—„Save⸗ rio!“ ſagte ſie, ihn italieniſch mit ſeinem Vornamen anredend,„es liegt jetzt in deiner Hand, uns zun Ziele zu verhelfen; jetzt oder nimmer gründen wir auf deutſchem Boden den Bund der Freunde des neuen Jeruſalems!“ „Und wenn ich,“ erwiederte Kaver abweiſend,„was Ihr für Euer Ziel erklärt, nicht für das meinige anſehe?“ „So ſind wir uns auch darin gleich, mein Theurer,“ lautete die Antwort,„zu Zielen die Hand zu bieten, die uns nur Mittel ſind für unſere höheren Zwecke.“ „Ich habe nichts mehr mit Euch gemein, weder Mittel noch Zwecke!“ ſagte Faver mit entſchiedener Feſtigkeit. „Du nicht mit uns, aber wir mit dir!“ ſagte die Signora. inn und eitenden s neuen kommen, er Ver⸗ t. Jch htet. Er Laater ricb, ihr e Eine ann dort Winden inien in tin den r Riſche viellecht vor nir. n konnte⸗ ungol „Sue⸗ „es liegt ninmer es nelen Iht fir „mntte n Nitte ttel wh gnoro⸗ 157 „Ich habe keinen Theil mehr mit einer Kirche, von der ich mich losgeſagt!“ eiferte Kaver. „Aber die Kirche hat Theil an dir!“ lautete die Entgegnung. „Ein guter Hirte, mein Beſter, läſſet die neunundneunzig getreuen Schafe und folget dem einzelnen, das ſich verirrte, eilt ihm nach und ſtreckt liebend ſeine Arme nach ihm aus.“ Sie hatte die Hand auf ſeine Schulter gelegt und ſah ihn traulich lächelnd an. Die Ampel warf ihr volles Licht auf beide Geſtalten. Kaver ſah blaß und verlegen aus. Der Triumph der Donna über ihr Opfer ſchien vollſtändig„Doch wozu der Streit?“ fuhr ſie ſchmeich⸗ leriſch fort.„Bin ich nicht im ähnlichen Falle wie du, mein Sohn? Bin ich nicht zum Glauben meines Volkes, zum Stamme Juda zurück⸗ gekehrt? Hab' ich damit nicht allem Lug und Trug der ſtolzen Herren der Chriſtenheit Haß und Verfolgung geſchworen? Aber die Welt will getäuſcht ſein; beherrſchen wir ſie wie ſie es wünſcht! Als ich ihr Liebe, hat ſie mich verachtet; als ich ihr ein offenes Herz voll Unſchuld entgegentrug, hat ſie mich verſchmäht. In Sünden und als die Nichte eines Cardinals, mitten in der Ueppigkeit der Welt erzogen, und doch einem Stamme angehörig, den die Chriſtenheit verflucht; im Glanz erzogen und gewiegt, und doch das Gefühl des Todes und der Weltverachtung im Herzen, bin ich nach und nach in der Kunſt geübt, meinen Ekel gegen die Gebrechen der Menſchen zu verheimlichen, für meinen Haß Zielpunkte zu ſuchen, die Niemand ahnet. Während ich der Welt diene, Saverio, dient ſie mir! Doch zur Sache. Das Doeument, das wir ſuchen, iſt in den Händen des Reichsgrafen, jenes Document, in welchem er für ſein proteſtantiſches Land der römiſchen Kirche allen Vorſchub zugeſagt. Vierzig Jahre faſt hat es im Gewölbe der Villa Speroni an der Riviera levante gemodert. Da ſtirbt der Prieſter in Genua, dem es anvertraut war; er ſtirbt und geſteht auf ſeinem Sterbebette, daß er es gar nicht nach Rom an die Congregation der Propaganda ab⸗ geliefert. Der Thor hielt es für Sünde, dies Gelübde, das ihm unter dem Siegel der Beichte gemacht war, als ein Inſtrument zur Verfolgung der Ketzer zu benutzen. Keine Kirchenſtrafe hatte vermocht, ihm das Geſtändniß zu entlocken, wo das Doeument geblieben. Er ſtirbt und geſteht, es ſei nicht vernichtet, aber beſeitigt und unſchäd⸗ —— lich gemacht. Gleich am Orte, wo es vollzogen, in derſelben Stunde, wo die Trauung des Reichsgrafen mit der Herzogin geſchah, habe er es in das Gewölbe unter dem Altar der Villa verſenkt. Die Propaganda ließ ſofort Nachſuchungen anſtellen; da ergibt ſich, daß man uns zuvorgekommen. Deutliche Spuren einer friſchen Nachgrabung führen auf die Vermuthung, ein Commiſſär des Reichsgrafen, mit welchem der genueſiſche Prieſter vielleicht im Verkehr geblieben, habe das Document entdeckt und es in ſeine Hände geliefert. Exiſtirt es noch oder iſt es vernichtet? Darüber Kunde zu erlangen iſt unſer Geſchäft. Es zu vollziehen, wirſt du uns hülffreich ſein, Saverio, du wirſt uns am Hofe des Reichsgrafen die Wege erleichtern.“ Kaver ſagte lächelnd:„Signora, wir ſind noch gar nicht am Hofe des deutſchen Reichsgrafen.“ „Er hat ſo eben,“ lautete die Antwort der Dame,„dem Abbate Lavater ſeinen Entſchluß ausgeſprochen, Euch nach ſeiner Heimath mitzunehmen. Die Gräfin Branconi hat ihren Segen dazu gegeben.“ „Und Ihr,“ ſagte Kaver bitter,„gebt mir Eueren Fluch mit auf den Weg?“ „Saverio,“ entgegnete die Signora„Ihr ſeid nicht gewohnt, tlein zu denken. Die Kühnheit des Unternehmens ſchreckt Euch nicht. Ihr bietet uns die Hand dazu!“ „Und wenn ich es verweigere?“ fragte Dubois keck. Dann hat das heilige Amt noch immer eine Frage an Euch zu richten, Flüchtling aus dem Jeſuitencolleg, eine Frage, auf die Ihr wohl nur im Gefängniß Rede ſtehen könnt!“ „Ich erkenne kein römiſches Gericht über mich an,“ ſagte Kaver im hellen Ausbruch ſeines Zornes,„ich bin aus der Gemeinſchaft der Kirche getreten, ich bin Proteſtant, ich bin frei von den Feſſeln, die Ihr für ſo bindend haltet!“ „Wer nach dem Gelübde Derer, die ihn in die Welt geſetzt, der Kirche gehört, wer die Weihen empfangen hat: auf den wird die Kirche Roms nie aufhören ihr Anrecht geltend zu machen!“ „Doch, Signora! ſie wird es, denn ſie wird müſſen!“ ſagte Kaver.„Ich kann Denen, die mich in die Welt ſetzten, nicht das Recht zugeſtehen, über meine freie Seele das Verhängniß ewiger Ker⸗ kerſtrafe und ewiger Verbannung zu verhängen. Ich kann die Gül⸗ ige uli i 4h Stunde, , habe . Die daf mon grobung en, nit n, habe riſtirt es iſt unſer Saverio, n.“ nicht an Abbate heinath egeben.“ uch nit gewohnt, Euch zu fdie Pr gte Aw* meinſchiſt n eſſeln⸗ lt zet nwird hi a ſagte nicht do viaer Kel⸗ — 159— tigkeit eines ſolchen Gelübdes nicht anerkennen, alſo auch nicht das Recht der Kirche, es an mir zu vollziehen!“ In Kaver's düſterverhängten Blicken wiegte ſich die ganze ſchickſals⸗ volle Laſt, die ihn zu drücken ſchien, ſo klar auch ſein Wort, ſo feſt ſein Wille, ſo unerſchütterlich ſein Gedanke. Er preßte die Lippen an einander und ſah dann ſtarr zu Boden. Die Signora bot ihm mit der Gewandtheit und Grazie der Schlange im Paradieſe die Hand. Ich drückte krampfhaft meine Bruſt, als müßte ich fürchten, durch das laute Klopfen meines Herzens meine Gegenwart zu ver⸗ rathen; ich zitterte vor der Möglichkeit, er könnte ihrer Liſt unterliegen. „Ihr werdet nicht der Thor ſein,“ ſagte die Donna,„zu denken, ich ſei ein willenloſes Werkzeug der Inquiſition! Nicht einmal der Congregation des Glaubens diene ich unbedingt. Ihr wißt, Saverio, daß uns ein höheres Bündniß einigt, ein höherer Gedanke treibt. Wir haben der Tyrannei des confeſſionellen Glaubens den Untergang geſchworen, wir gründen einen Bund freier Menſchen, die ihre Ge⸗ rechtſame als ſolche gegen einander verbriefen. Eine allgemeine Kirche, aber die einzig wahre, einzig gültige, die Kirche des freien Menſchen⸗ thums, ſoll fortan Alle verbrüdern. Dieſen Geheimbund, ſo lange er geheim ſein muß, dieſe Loge freier Maurer, wollen wir ſtiften. Du biſt der Sodale dieſes Bundes, du wirſt dein eigenes Gelübde nicht brechen!“ Sie ſtand wie eine Königin von Saba vor ihm da, der Fana⸗ tismus ihres Weſens hatte eine gewiſſe Majeſtät.„Ich entziehe mich Euch nicht,“ ſagte Kaver,„wollt Ihr mir doch auf die dunkelen Spuren meines Daſeins verhelfen; aber Ihr könnt nicht verlangen, daß ich, geſetzt, ich theilte Eueren Zweck, auch jedes Euerer Mittel zum Zweck theile. Was hat die Entdeckung, was hat der Raub eines Documentes für Zuſammenhang mit der Loge zum neuen Je⸗ ruſalem?“ „Den allernächſten!“ eiferte die Donna,„es hilft einen pro⸗ teſtantiſchen Tyrannen entlarven, der den katholiſchen Glauben nicht zu kränken eidlich und ſchriftlich gelobte! Die Landſtände ſeines Reiches ſind evangeliſch; ſie können auf dieſe Zuſage hin, ſich von ihrem Fürſten losſagen. Die Erben des Landes ſind römiſch⸗gläubig; — 0 ſie ſehnen den Moment herbei, wo das Regiment des Unduldſamen aufhört.“ „Ich kann Euch nicht hindern, handelt wie Ihr wollt und müßt!“ ſagte Kaver.— Somit ſchloß dieſe Unterredung, ſo weit ich deren Zeuge war. Sie hatten Beide den Pavillon verlaſſen. Wie ſie neben ein⸗ ander herſchreitend im Laubgange des Gartens verſchwanden, ſaß ich in meinem Winkel noch immer wie gelähmt; eine Gewitterſchwüle lag mit den Geſtändniſſen in meiner Seele. Wie ich nach vielfachen Umwegen im Park nach dem Salon zurückkehrte, ſcholl mir Muſik entgegen. Sanct Germanus, der Räthſelhafte, hatte ſich auf der Glasharmonika hören laſſen, einem Inſtrument, das damals für eine neue Erfindung galt. Er ſtand, wie ich eintrat, ſo eben auf; mit einer Kirchenmelodie, die er geſpielt, war er der Gegenſtand der Bewunderung geworden. Alles umringte ihn, überſchüttete ihn mit Lob. Ich ſuchte ſcheu und ſchüchtern die Nähe des Großvaters, im Fall er aufzubrechen gedachte. Er hatte ſich in eine Fenſterniſche zurückgezogen und ſtand mit unter⸗ geſchlagenen Armen und geſenktem Haupte ganz in ſtarre Betrachtung verſunken. Er hatte ſolche Augenblicke, wenn ein Argwohn gegen Dinge oder Perſonen in ihm aufſtieg. Sein Auge ſchien dem Grafen zu folgen, der mit Lavater Hand in Hand im Saale auf und ab ſchritt. Sie blieben jetzt vor dem alten Herrn ſtehen und gruppirten ſich um die Gräfin Branconi, die mit der Signora Carlotta zärtlich plauderte. Kaver mußte ſich in den Hintergrund verloren haben; meine Blicke ſuchten ihn vergeblich.„Es wird nicht Ernſt damit ſein, uns morgen ſchon zu verlaſſen!“ eiferte die Gräfin, zu den beiden Fremden geneigt.„Doch, doch!“ erwiederte Sanct Germanus mit feierlicher Salbung,„wir ſcheiden morgen. Es iſt hier unſeres Bleibens nicht. Unſere Sendung reicht weiter. Auch ſind wir nicht zu den Gläubigen, wir ſind zu den Ungläubigen geſendet. Wäre die Menſchenwelt überall ſo ſchön wie bei Euch: das neue Jeruſalem wäre ſchon auf Erden erſchienen, wir brauchten nicht unter die Heiden zu ziehen, es zu verkünden. Ja, bei Euch athmet man den Frieden Gottes! Es war für mich, außer in der Wüſte, wo ich im Gebete den Herrn erkannte, hier der einzige Ort, wo ich die Sabbathſtille duldſamen nd müßt!“ ich deren nben ein⸗ nden, ſuß tterſchwüle en Solon ſen, einen Er ſtand er gſtill, Umringte ichtem die nit unter⸗ Betrachtun wohn gegel en Grafel uf und. guyyirte 5 ʒirli haben; danit ſin, den piden manns mi er uſtus nicht Wär nd wir de en orulſale Jen die He den ʒride in bebe bethſil . — M 161 ſeines Hauches ſpürte. Habt Dank, Edle! Aber mein Schickſal ruft mich ab. Ich erhielt geſtern Briefe vom Großmeiſter aus Malta, die meinen Aufbruch fordern.“ Großvater Erlaucht war bei dieſer Rede ſehr unruhig geworden. Er griff ſich in den Buſenlatz, wühlte in den Taſchen herum, er ſchien etwas zu ſuchen, vielleicht einen Aufſchluß. Die Gräfin unterbrach die weiteren gottgeſalbten Ergießungen, indem ſie auf den Großvater zuſchritt und mit der Bitte, ſich ein ländlich ſchweizeriſches Nachtmahl gnädigſt gefallen zu laſſen, ſeinen Arm forderte. Sie winkte zugleich auch mir zu und Alles folgte dem Paare in den hintern Flügel des Hauſes, wo ſich die kleine Geſellſchaft im Speiſezimmer zum Souper wiederfand. Ich ſaß zur Rechten unſerer edlen Wirthin, uns gegenüber San Germano. Kaver hatte ſich an das äußerſte Ende der Tafel zurückgezogen, die Schlange Carlotta hatte ſich an Sanct Lavatus Seite gedrängt, lachend, geſchwätzig, geſchäftig, als wollte ſie auch ihm einen Apfel aus dem Paradieſe reichen. Das Mahl war nicht ſo einfach, als es die Gräfin bevorwortet. Es war recht eigentlich für Deutſche eingerichtet, und der Großvater war galant genug, um hieran das Geſpräch zu knüpfen. Aber bald genug war der Zaubermann von neuem ausſchließlich Gegenſtand des Intereſſes. Er ſprach lebhaft, aber er enthielt ſich aller Speiſe. Als ihm der Diener auf den Wink der Gräfin die Schüſſel wiederholt anbot, machte er die Mittheilung, daß er ſeit einigen Woche faſte. „Das Hungern bekommt Ihnen ſehr gut!“ ſagte der Großvater und ſah ihm ſatyriſch in das rothbraune volle Geſicht. „Der Schwung meiner innern Stimmung erhält mich,“ ſagte Germano mit ruhiger Sicherheit.„Ich bedarf zu einem Acte, der mir bevorſteht, der ganzen Sammlung meiner Kräfte. In der Wüſte, als Anachoret, hab' ich es erfahren, wie weit der Geiſt ſich läutern kann, wenn der Leib ſich der irdiſchen Nahrung enthält. Meine Seele wurde immer reiner, lichter, freier; ich brachte es bis zur Viſion, bis zur Prophetie. Seitdem gelang es mir freilich nicht, denſelben Grad in meiner Stimmung von neuem zu erreichen.“ Großvater legte Meſſer und Gabel bei Seite und zerrte an ſeinen Vergetten. Ich kannte das als ein böſes Zeichen des anrückenden Zorns. D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 11 „Es gibt im Innern Africa's,“ fuhr San Germano harmlos fort, ein Volk, das einmal im Jahre einen Tag lang wacht und faſtet und ſich dann auf die Gräber der Vorfahren, zum Schlafen niederlegt. Aus den Träumen, die in ſolcher Nacht in ihnen aufſteigen, deuten ſie ihre Zukunft, ja richten danach ihre Handlungen ſchon in der Gegenwart ein. Was die Pythia und die Sybillen der Alten ſagten⸗ war eben auch nur das Ergebniß eines magnetiſchen Schlafes.“ „Mich fiebert,“ rief der Großvater,„wenn ich das Wort magnetiſch höre.“— Mit einer ſeltſamen Haſt und wie aus Verzweiflung griff er wieder nach Meſſer und Gabel. „Erlaucht ſind kein Freund vom Prophezeien?“ ſagte der Graf. „Doch, doch!“ verſicherte der alte Herr;„ich prophezeie ſelber, d. h. ich ſchließe von der Urſache auf die Wirkung, vom Keim auf den Baum. Und was die Träume anbelangt, ſo kann ich ſehr gut begreifen, wie Speiſ' und Trank darauf Einfluß haben. Wenn ich auf Träume etwas gäbe, würde ich mir wie die Pythagoräer die Bohnen verbieten; ſie haben eine bekannte eigenthümliche Wirkung und machen ſchlechte Träume. Träume kommen aus dem Bauche, mein Lieber, nicht?“ Die Gräfin ſah ſehr gequält aus; Lavater hing den Kopf. „Ich möchte das gar nicht beſtreiten,“ erhob San Germano ohne alle Verlegenheit ſeine ſchallende Stimme;„im Gegentheil noch weit mehr als dies behaupten, ich möchte ſagen: die Seele des Men⸗ ſchen hat ihren Sitz im Magen.“ „Hoho!“ lachte der Alte;„ich dächte, die ſäße im Kopfe. Aber freilich, der Köpfe ſind vielerlei und es giebt auch ſehr hohle.“ „Wenn die Seele nicht im feuchten Dunſt der Gehirnhöhlen ihren Sitz hat,“— begann Lavater einlenkend. „Bei manchen Leuten,“ unterbrach ihn der Großvater erhitzt, „ſieht es da oben nicht feucht, ſondern gar ſehr trocken aus.“ „So müſſen wir ſie zwiſchen den Augenbrauen annehmen,“ fuhr docirend Vater La fort, deſſen ſanfte Stimme wehmüthig im polternden Lärm der beiden Streiter verklang.„Am beſten würde man thun, wenn mgßn ſie nirgends fixirte,“ fügte er zum Schlichten der Gegenſätze freundlich bittend hinzu. harnlos nd fuſtt iederlegt. „deuten n in der nſagten, agnetiſch ng griff er Grf. ie ſelber, eim auf ſehr gut enn ich riet dir Virkung Bauche, oyf. Hernan eil noh es Men⸗ f. Un le.“ len ihun ehitt⸗ ehmen⸗ thig in . würde ihin „Die Seele iſt überall, wo man ſie hindrängt,“ eiferte San Germano.„Und wenn ich ſie mit der ganzen Kraft meines Willens in den Fingerſpitzen concentrire, ſo hab' ich ſie dort. Der Magne⸗ tiſeur weiß das.“ Der Großvater ſank wie gelähmt in die Lehne des Seſſels zurück. „Ich bin nicht Arzt genug, um hier entſcheiden zu wollen,“ fuhr der Graf ruhig fort,„aber ich weiß ſo viel von der Mediein, um den Satz beſtätigen zu können, daß der Lebensgeiſt vorzugsweiſe in der Magengegend thätig iſt und von dort nach allen Theilen des Organismus Wärme und Bewegung ausſtrömt.“ „Meint der Herr Graf vielleicht auch, daß ſomnambule Weiber mit der Magenhöhle leſen?“ fragte der Großvater mit ſichtbarem Spotte. „Allerdings!“ ſagte Germano mit trockenem Ernſt.„Ich bin ganz dieſer Anſicht. Ich will nicht Beiſpiele aufzählen, aber von mir ſelbſt einen Fall vorführen. Ich habe ſchon manches Gift geprüft, um ſeine Wirkung an mir ſelbſt zu ermeſſen. Mit der Wurzel des ſogenannten Eiſenhütleins betünchte ich mir die Zungenſpitze ganz leiſe, vorſichtig und ohne vom giftigen Kraute etwas zu verſchlucken. Sofort fühlt' ich es wie ein Band um den Kopf; dieſer Theil war taub und todt, alles Gefühl, alle Erkenntniß ging plötzlich von dem Magenmund aus. Dort war alles geiſtige Leben in mir concentrirt, und in der Klarheit dieſer Empfindung lag für mich eine betäubende Wolluſt. Ich fühlte mit dem Magen, ich ſah, ich hörte durch ihn. Ich weiß ſeitdem, wo der Sitz der Seele iſt, wenn man ſie nicht durch die Anſtrengung des Willens nach andern Theilen verſetzt. Empfindung und Erkenntniß gehen vom Magen aus; der Kopf iſt nur die Erinnerung, das Echo davon.“ „Drum klingt's eben in manchem Kopfe ſo hohl!“ ſagte der Großvater.„Sanct Lavatus, Sie Mann Gottes, erlöſen Sie uns doch von dieſem Heidenthume! Man nennt ja wohl dieſe Umkehrung des ganzen Menſchen von oben nach unten, vom Gehirn in den Magenſchlund, ein magnetiſches Pol verſetzen? Ich bin froh meine fünf Sinne noch obenauf zu haben. Aber übel wird mir, hör' ich nur von dieſem Magenumwenden. Es iſt als wollte Einer plötzlich — 164— mit dem Steiß gen Himmel ſehen und mit dem Geſicht auf dem Boden herumrutſchen. Man will den Menſchen umkehren, d. h. verthieren, und darum nennt man's wohl den thieriſchen Magnetismus; was?“ Die Gräfin huſtete ſehr ſtark, während die Meiſten in der Ge⸗ ſellſchaft ſich durch Lächeln von der Verlegenheit, in die ſie der Reichsgraf geſetzt, zu befreien ſuchten.„Sehr viel Humor, ſehr tedesco!“ rief San Germano dazwiſchen,„und wahrlich auch viel Anlage zum thie⸗ riſchen Magnetismus!“ ſetzte er lachend hinzu. „Sagen wir Lebensmagnetismus!“ begann Lavater ausgleichend, indem er ſich vom Stuhle erhob.„Er gehört vielleicht zu den ge⸗ heimen Bedingungen des Menſchenlebens und iſt dann ſicherlich eine von Gott geweihte Kraft der Natur. Seien wir ohne Vorurtheile! Daß du biſt und athmeſt, Creatur, wäre an ſich ein gleichgültiges Daſein; aber daß du für ein Anderes biſt, es anziehſt und von ihm angezogen wirſt, das ſtellt dich erſt in die große Kette der geiſtigen Exiſtenzen. Ja, erſt durch die Zugkraft zu Gott treten wir in das Heiligthum eines Geiſterlebens, haben am Weſen der Weſen erſt dadurch Theil. Es ſchwinde die Furcht vor dem Namen, wenn uns die Sache nicht ſchreckt; Gott ſelbſt iſt der große Urmagnet. Erſt wenn du ihn fühlſt, Seele, biſt du und trittſt in den Kreis der Ewigkeiten. Sym⸗ pathie und Antipathie! Hierin athmen, ſind und leben wir, und es gibt auch einen himmliſchen, einen ſeeliſchen Magnetismus.“ „Bravo!“ rief der Großvater und zerſtörte freilich mit ſeinem Zuruf die ſalbungsvolle Weihe, in die Lavater die Geſellſchaft zu verſetzen geſucht.„Das hat er als Mann Gottes wieder gut gemacht! Er weiß doch Alles unter Einen Hut zu bringen, löſt freilich die ganze Phyſik in eitel Supranaturalismus auf.— Aber lachen muß ich doch,“ fuhr er, zu ſeiner Nachbarin gewendet, fort, „wenn ich an meine Ninon, meine alte jungfräuliche Oberſthofmeiſterin daheim denke. Für die iſt auch Alles Sympathie und Antipathie. Neulich nahm ſie gegen Vapeurs ein Vomitiv und ſagte zum Arzte, ſie habe ſich durch Antipathie geheilt.“ Ich ſteckte die Naſe in mein Weinglas, um nicht mit Lachen herauszuplatzen. Lavater zwang ſich mit geſenktem Haupte zu lächeln, aber er war doch bis in's Tiefſte verletzt. Das Peinliche der Scene Boden hieren, was!“ r Ge⸗ hsgruf rief nthie⸗ ichend, en Re⸗ h eine rheile! ltiges on ihn eiſtigen in das adurch Sache du ihn Sym⸗ und es ſeinen haft z0 muqt! ic bi lachen fort, riſtrin iythi Arzte Lachen licheln⸗ Sten ſollte aber noch den Gipfel erreichen. San Germano war ganz ernſt geblieben und hatte eifrig in ſeiner Brieftaſche geſchrieben. „Ew. Erlaucht pflegen noch immer in Belle Promeſſe Hof zu halten?“ fragte er dann raſch und faltete die Blätter zuſammen. „Der Herr Graf macht wohl eine wiſſenſchaftliche Reiſe?“ gab der Großvater ſtatt der Antwort die Gegenfrage. „Wiſſenſchaft!“ wiederholte Germano;„ja wohl, Wiſſensdurſt treibt mich. Ich werde in Deutſchland die Bergwerke und die Toll⸗ häuſer ſtudieren.“ „Da wären ſie vor Zeiten bei mir vor die rechte Schmiede ge⸗ kommen,“ ſagte der Großvater,„ich hielt mir früher eine Gallerie von Tollen. Jetzt langweilen mich die Anomalien. Man ſoll ſich mit dem normalen Zuſtande beſchäftigen, ſich aus Krankheitsfällen keine Regeln für's Allgemeine abſtrahiren. Nicht Diejenigen, die man einſperrt, ſind die ſchlimmſten Narren, ſondern die frei herumlaufen. Und was die Bergwerke betrifft, die Sie ſtudieren wollen: Gold mach' ich nicht mehr. Es hat mir Silber genug gekoſtet. Den Schwindel hab' ich hinter mir! Sollte das neue Jeruſalem ſich damit befaſſen wollen, ſo würde ich vorſchlagen, den Landgrafen von Heſſen⸗ Caſſel heimzuſuchen: Der macht dermalen noch in dem Artikel!“ „Ew. Erlaucht ſcheinen ſchlechte Geſchäfte darin gemacht zu haben?“ fragte der Italiener ziemlich boshaft und höhniſch. Es hatte jedoch nicht die aufregende Wirkung, die vielleicht bezweckt wurde; Großvater lachte dem Manne hell in's Geſicht. „Mit Narren,“ ſagte er,„kann wohl eigentlich von Geſchäfte⸗ machen keine Rede ſein! Ich habe ſonſt, mein Beſter, kein Hehl dabei: Ich ließ mir einmal einen Menſchen kommen, der mir das philoſophiſche Goldſalz von Augsburg feilbot. Es ſollte ein Univer⸗ ſalmittel zur Geſundheit ſein. Meine Oberſthofmeiſterin zu Hauſe, die ſonſt nur Fichtenharz für den geſunden Athem gebraucht, hat es eine Weile probirt, aber ohne Erfolg. Alte Weiber haben ihre Zeit hinter ſich und können nicht noch einmal wieder jung werden. In dem philoſophiſchen Goldſalz fand ich ſo wenig Philoſophie als Gold, das Wunderſalz war nichts als vitrioliſirter Weinſtein, unſchädlich, aber auch nichts nutzend. Und das rothe Pulver ließ ich mir in den Tiegel ſchütten. Wir quackſalberten manche liebe Nacht, aber es wollte nichts — werden. Auf's Edelſteinſchmelzen ließ ich mich nicht ein, denn der Kerl machte beinahe lange Finger. Wie er mir bei der Fixirung des Queckſilbers die Tiegel verwechſelte, da ließ ich ihn durchprügeln und über die Grenze bringen. Voilà tout.“ „Es war zweifelsohne,“ ſagte San Germano,„ein Gottes⸗ leugner; den rieche ich auf zehn Schritte!“ „Und ich rieche verkappte Jeſuiten auf zehn Meilen!“ rief der Reichsgraf entgegen.— Die ganze Gewalt ſeines Zornes war entfeſſelt, ſprühte ihm aus den Augen, aus allen Fibern ſeines Antlitzes. Der Italiener ſaß bleich da und ſchien betroffen. „Schade,“ begann Signora Carlotta mit neuen Hülfstruppen das Gefecht,„Schade, daß Monſeigneur den Menſchen nicht in Dero großen Narrenthurm einſperrten!“ „Wiſſen Sie auch davon, von meinem Narrenthurm?“ entgegnete der Großvater mit ſtrafenden Blicken,„hätten wohl für das neue Jeruſalem gern einen alten Bekannten wiedergefunden?“ Die Geſellſchaft ſaß wie vor Schreck erſtarrt; Lavater rang die Hände unter der Serviette, die Gräfin Branconi rückte vergeblich mit dem Seſſel. „Ew. Erlaucht führen, wie man ſagt, ein ſo geſtrenges Regiment,“ ziſchelte die Schlange Carlotta,„daß es der Narrheit gar nicht bedarf, um aus Dero Landen transportirt zu werden; man braucht blos ein guter katholiſcher Chriſt, ein römiſch⸗gläubiger Menſch zu ſein!“ „Ja, wenn man zugleich ein Gauner, ein Landſtreicher iſt, und unter falſchem Namen reiſt, da ſteh' ich bei mir zu Hauſe nicht dafür!“ war des Reichsgrafen Entgegnung. Damit war ſein Humor zu Ende; er ſah ſehr ernſt und ſtreng dazu aus; das Wort fiel in Gegenden ſeines Innern, die er ungern berühren ließ. Er nahm in dem Augen⸗ blicke die Aufforderung der Gräfin Branconi an, die mit einer Ver⸗ beugung wiederholt gebeten, die Tafel aufheben zu dürfen. Gepeinigt und gequält trat die Geſellſchaft in Gruppen zuſammen, um die Differenzen des erhitzten Geſprächs nach Möglichkeit auszugleichen. „Man kann auch incognito reiſen!“ ſtrafte die Gräfin Branconi den Reichsgrafen;„man kann auch ganz regelrecht unter anderem Namen auftreten!“ ſagte ſie entſchuldigend. nn der ng des ln und Hottes⸗ ief der feſſelt nDer ruppen nDeto gegnete 6nebe ng die rgeblich ment“ bedarf, los ein ſ, und fir“ Ende genden Wgen⸗ n Ver⸗ weinigt m die leichen⸗ ni den Namen — 167— „Kinder“, flüſterte der Reichsgraf mit Eifer und Leidenſchaft, Lavater und die Gräfin bei den Händen faſſend und bei Seite ziehend, „Kinder, haltet Euer Haus rein!“ Die Gräfin ſchien von neuem Verſuche zur Verſöhnung und Annäherung machen zu wollen.„Kinder“, wiederholte der Großvater, „ich könnte Euch Geſchichten erzählen—! Und halten's mir zu Gnaden, wenn ein alter, rauher, deutſcher Bär ungebährdig herausplatzt. Hat er doch ſo manchen Fuchs ſchon aus ſeiner Höhle geſchreckt.— Aber um den jungen Mann, der mir enpfohlen iſt, bitte ich wiederholt.— Morgen zum Frühſtück, wenn es beliebt!“ richtete er ſcheidend noch die Worte an Kaver, der eifrig bemüht, ſich uns zu nähern, zur Seite ſtand. Der Reichsgraf empfahl ſich der beſtürzten Wirthin und dem werthen Lavater, den er, wie zur Verſöhnung, mit beiden Armen an's Herz drückte, während er der Gräfin die Hand zum Abſchied küßte. Unſer Wagen hielt ſchon lange. Wie wir ſaßen, ſah ich unter den am Schlage Stehenden bei'm Schein des Windlichtes noch in Kaver's dunkelbraunes, leuchtendes Auge. Ich drückte mich in die Wagenecke. Aus dem Gewirr und Tumult der Geſellſchaftsſcenen blieb ſeine Geſtalt fragend, ſuchend, vom Unheil bedroht und um eine Freiſtatt bittend, vor meinem Geiſte ſtehen. Siebentes Rapitel. Examen und Beichte. Ich ſchloß die Nacht kein Auge. Ich fühlte mich nach zwei Seiten hin als Mitwiſſer ſchuldig; ich zitterte vor der Entwickelung der Dinge, ſie mochte ſich wenden, wie ſie wollte. Kaver ſollte in unſer Haus treten, und er hatte eine Miſſion überkommen, welche die Ruhe des Reichsgrafen ſtörte, vielleicht gar ſeine Ehre kränkte. Er ſollte die Exiſtenz eines geheimen Documentes ermitteln, und Niemand wußte ſo gut darum, als ich. Er war, ob freiwillig, ob gezwungen, Mitglied eines geheimen Bundes, deſſen Zwecke dunkel waren; er — 168— ſtand im Zuſammenhang mit jeſuitiſchen Umtrieben, und er ſollte mein Lehrer werden, eine Stellung in Belle Promeſſe einnehmen, die auf Vertrauen beruhte. Ich ſchreckte vor dem Gedanken zurück, die Fäden, die ſeinen freien Willen unterbanden, könnten ihn ver⸗ leiten, gegen das Intereſſe meines Hauſes zu handeln. Aber ich zitterte ſchon eben ſo ſehr vor der Möglichkeit, Kaver zu verlieren. Er gehörte, nach meinem beſten Gefühl, zu den Unſerigen, und doch konnte ein hingeworfenes Wort das Verhältniß zu uns unmöglich machen. Er war Proteſtant, er hatte ſich losgeſagt vom Schooße der römiſchen Kirche. Aber ſchon das genügte, des Großvaters Wider⸗ willen gegen ihn feſtzuſtellen. Er konnte der evangeliſchen Lehre mit ganzer Seele zugethan ſein, und ſeine katholiſche Herkunft ſchied ihn doch für immer von uns. Er mußte gewarnt werden. Aber von Wem? Sollte ich mich zu ihm drängen, ihm geſtehen, daß ich ſeine Unterredung mit der Signora belauſcht? Dann war alle Harmloſigkeit zwiſchen ihm und mir zerſtört; er konnte nicht mein Freund werden, denn er ſah ſich von mir belauert. Dennoch that eine Warnung noth, noch vor dem nächſten Morgen, noch vor der Unterredung mit dem Reichsgrafen; Faver mußte wiſſen, daß er an ihm den unerbittlichſten Gegner alles Katholiſchen vor ſich hatte. Die Warnung konnte nur geheim an ihn gelangen; vielleicht wirkte ſie um ſo beſſer, je mehr ſie wie eine Stimme aus dem Verborgenen, als Mahnung eines unſichtbaren Freundes ihm Aufſchluß gab. Ich war entſchloſſen, dieſer Freund im Verborgenen zu ſein. Ich ſprang vom Lager auf, lauſchte vorſichtig nach allen Seiten, ſchob die Vorhänge vom Fenſter zurück, um das volle Licht des Mondes zu benutzen, und ſchrieb mit großen, go⸗ thiſch verſchlungenen Buchſtaben Folgendes an Saverio, genannt Kaver Dubois: „Das Document, welches geſucht wird, iſt in die Hände des Reichsgrafen zurückgegeben. Iſt es noch vorhanden, ſo liegt es im Archive zu Belle Promeſſe, im runden Thurme. Wahrſcheinlich iſt es aber bereits ganz beſeitigt und vernichtet.— Sr. Erlaucht iſt Feind jedes Proſelyten; er haßt und verfolgt Alles, was von Rom kommt. Alſo vorſichtig, Freund, willſt du an's Ziel! Ein Wiſſender im Verborgenen.“ ſollte ehmen, zurück, n vet⸗ ber ich rlieren. d doch möglich chooße Wider⸗ hre nit ied ihn ch mich nit der m und ſch ſih grafen: et alles mn ihn ie eine hbaren und in orſchtig um das n, go⸗ enannt de des es in uich iſ Fiind ſonnt EE Einige Schnörkel am Rande des Papiers und ein Paar will⸗ kürlich erdachte Chiffren, als Unterſchrift, erhöhten den Anſtrich des Geheimnißvollen. Das Schreiben war mit meinem Siegelring ge⸗ ſchloſſen; es bedurfte nur noch des Boten, um an ſeine Adreſſe zu gehen. Leiſe trat ich in das Vorgemach, wo Sommerlotte ſchlief. Dieſer, mein Wächter, lag, in der That gegen ſeine Gewohnheit, ſchnarchend da. Der ſonſt allezeit Wachſame ſchien ſich auf der Reiſe von ſeinem nächtlichen Dienſte zu erholen. So gelang es mir die Treppe hinunter, an den Zimmern des Großvaters vorbei, bis in den Hof zu ſchleichen, wo der Knecht im Stalle, bei'm Anbruch des Mor⸗ gens, ſpeben ſich dehnte und reckte. Eine Kleinigkeit genügte, ihn zu gewinnen; er übernahm die Beſorgung des Briefes, deſſen Em⸗ pfänger in der Pfarre des Waiſenhauſes zu erfragen war, und gelobte feierlich Verſchwiegenheit. Der Knecht kannte ohnedies vom Anſehen den italieniſchen Herrn Dubois, wie er ſagte. Ungeſehen gelang es mir, mein Zimmer wieder zu erreichen. Mit erleichtertem Herzen, faſt mit dem Bewußtſein einer guten That, warf ich mich auf's Lager und ſchlief bis in den hellen Tag hinein. Ein freundliches Traumbild hatte mich erquickt, als ich, freilich etwas ſpäter als commandirt war, zum Frühſtück unten bei'm Reichsgrafen erſchien. Erlaucht ſchien ziemlich gut aufgelegt, ob er mich ſchon als Langſchläfer begrüßte. „Wir find wohl ſpät zur Ruhe gekommen?“ fragte er, mich gleichſam mit dieſer Frage entſchuldigend;„tief in der Nacht hörte ich über mir noch kabolzen!“ Das Blut ſtieg mir in's Geſicht; ich ſtand wie Jemand da, der das Gericht über ſich erwartet. Zum Glück verzog ſich das Gewitter, das hereinzubrechen drohte. Sommerlotte war ſchon zuvor in's Gebet genommen; er hatte betheuert, von Nichts zu wiſſen. „Wenn er nur nicht nachtwandelt!“ ſagte der Großvater halb für ſich hin, ohne mich anzuſehen. „Wir haben Vollmond“, berichtete Sommerlotte. „Es wäre ein Erbſtück“, ſagte Erlaucht kleinlaut und traurig. Ich wagte nicht zu fragen: Von ihm oder von ihr, von Vater oder Mutter? Auf Jenes Rechnung kam ſonſt Alles, nach der Mei⸗ nung des geſtrengen Herrn, was mir von Geburt anklebte. —— 170— „Aber Er hat noch Nichts davon bemerkt, Sommerlotte?“ fragte der Reichsgraf weiter. Der Gefragte verſicherte, weder je etwas von der Art an mir geſehen, noch gehört zu haben. „Gut, gut, mir lieb“, ſagte der Großvater,„aber hör' Er, Sommerlotte, ich glaube, Er wird nachgerade alt, ſtumpf und dumm!“ „Bitte, bitte, war nie das Gegentheil!“ betheuerte der Zerſtreute, der zum Glück in ſelbem Augenblicke von einem Diener abgerufen wurde, aber ſofort wieder erſchien, um den italieniſchen Monſieur Dubois zu melden. „Ah! mir ganz recht, kann gleich hier eintreten“, befahl der Reichsgraf. Mir ſtockte der Athem, das Herz ſchlug mir ungeſtüm. Hatte er meine Zeilen erhalten? Hatte die Warnung gefruchtet? Ich richtete voll ſcheuer Angſt meine Blicke auf den Eintretenden. Er war ruhig und gemeſſen, ganz harmlos und Herr ſeiner ſelber. Nur ſchien mir das tiefe Colorit ſeines ſüdlichen Geſichts heute dunkler, wie ſonſt. Sein Auge leuchtete aus dem Schatten der Wimpern ruhig und feſt. „Mir lieb, daß Sie ſo früh auf den Beinen ſind!“ ſagte der Großvater, ihn willkommen heißend. Kaver bat um Entſchuldigung; es ſei nicht ſeine Abſicht geweſen, ſofort um Audienz zu bitten, er habe nur melden wollen, daß er zu Befehl ſtehe.„Nehmen Sie Platz“, ſagte der Groß⸗ vater,„und theilen Sie mit uns die Reſte unſeres Frühſtücks. Wir pflegen auf der Reiſe ganz ungenirt zu ſein.“ Kaver ſetzte ſich, dankte jedoch für Alles. Wir Andern hatten uns erhoben und zurücktreten wollen; ein Wink des Geſtrengen hieß uns jedoch bleiben und das Frühmahl beenden.„Sind mir von der Gräfin Branconi und Herrn Lavater ſehr wohl empfohlen“, fuhr er zu Dubois gewendet fort,„haben ſich ſchon hübſch in der Welt umgeſehen, ſind in Paris, in Südfrankreich, längere Zeit in Genf geweſen,— auch in Rom?— Ich horchte ängſtlich auf; in dieſer Frage konnte die erſte Fuß⸗ angel liegen, in der ſich Dubois verſtrickte. Er entgegnete, außer Genua und Savoyen noch nichts weiter von Italien zu kennen. Genf gab er als den Ort an, wo er ſeine Studien gemacht, als ſeine Hei⸗ math die Grenze von Savoyen, ſich ſelbſt nannte er ein armes Stief⸗ kind des Schickſals. Als vater- und mutterloſe Waiſe ſei er unter fremden Menſchen erwachſen und in's Genfer Seminar gebracht. In de rö K v fragte n nir Er, mn!“ treute, erufen nſieur hl der ſtüm 3 Fr wat ſchien ſonſ. d feſt. ßvatel⸗ i nicht nelden Grof⸗ Vir en uns eß uns Grifin dubris ind in uch in i⸗ außet Fenf 171 der deutſchen Schweiz hielt er ſich ſeit längerer Zeit auf, um unſerer Sprache mächtig zu werden. Die erſte Gefahr war überſtanden, er bekannte ſich nicht als römiſchgläubig von Geburt, nicht als Zögling und Flüchtling eines Kloſters, wie ihn die Signora bezeichnete. Ich athmete auf; nur wußte ich freilich nicht mehr, wie weit Kaver der vollen Wahrheit die Ehre gab. Ich ſah ihn gerettet, mir erhalten; aber ein leiſer Argwohn ſchlich ſich bei mir ein, ein Gefühl, das ich ſelbſt verſchuldete, da meine Warnung gewirkt zu haben ſchien. „Nun, und hier in Zürich haben wir fleißig die Phyſiognomik getrieben, nicht?“ fuhr der Großvater fort;„was denken wir denn von dieſer fanatiſirenden Wiſſenſchaft?“ „Ich theile nicht ihre frommen Conſequenzen“, ſagte Dubois be⸗ ſcheiden, aber feſt und beſtimmt. „Gut das,— aber ihren Kern?“ examinirte der Geſtrenge. „Der Lavater'ſche Stirnmeſſer und Zahlenpſychometer iſt ein pe⸗ dantiſches Rechnenexempel. Im Gebilde des Geſichts, deucht mir, ſind die Anomalien gar zu häufig, ohne daß ſie die Regel ſtören, und doch ſoll das Geſicht die Signatur—“ „Mir wird eigentlich ſchon übel, hör' ich das myſtiſche Wort Signatur!“ unterbrach ihn der Großvater.„Dieſe frommen Seelen finden in jedem Geſichtsnapf ein Fettauge, wollen jeden Bettel ſacri⸗ ficiren. Hätten dieſe Leute recht, ſo könnte man freilich jedem neu⸗ geborenen Menſchen an ſeiner Wiege gleich das jüngſte Gericht halten, müßte jedes Kind hängen, deſſen Naſenſtülpchen nicht gleich gottſelig auf die Welt kömmt!“ „Der Menſch“, ſagte Dubois,„bringt doch wohl nur Möglich— keiten mit zur Welt; was er wird, iſt ſein Werk, und was er ge⸗ worden, ſein Verdienſt.“ „Sehr richtig!“ rief der Großvater und umſpannte mit ſeinen großen gothiſchen Augen immer mehr den jungen Mann; in der Auf⸗ merkſamkeit ſeiner Blicke lag faſt ſchon Achtung. Es ging vortrefflich; ich jubelte im Stillen. „Und dabei ſchreien dieſe Leute nach dem Genie, wie nach einem neuen Erlöſer!“ fuhr der Reichsgraf fort. — 172— „Der Prophet von Zürich“, ſagte Dubois,„ſucht in der That nach Johannesgeſichtern, ſeitdem ihm der Landgraf von Heſſen ge⸗ ſchrieben, der Apoſtel Johannes gehe noch um.“ „Daß dich!“ rief Erlaucht,„und dabei ſetzt er Einem ſo ein Genie aus der abyſſiniſchen Wüſte vor, wo der Apoſtel das reine, einzig wahre Chriſtenthum hinterlaſſen haben ſoll!“ „Roher Aberglaube“, ſagte Dubois,„iſt mir faſt noch lieber, als dieſer klügelnde, wie er ſich in den Ausſichten in die Ewigkeit kund gibt.“ „Hm! Kann ſein!“ lautete des Alten Entgegnung,„roher Aberglaube macht thieriſch, der gedüftelte macht Narren.“ „Und doch wird dieſe phyſiognomiſche Epidemie,“ warf Kaver ein,„wie jede Kriſe, auch ihr Gutes haben, dieſer phantaſtiſche Schwindel wird eine Zeitlang modiſch ſein müſſen, um die Pedanterie des alten Herkommens zu brechen.“ „So? Sie meinen?“ horchte der Reichsgraf auf. „Wie jedes Gift,“ ergänzte Dubois,„ſein Antidotum hervor⸗ ruft, ſo wird auch dieſer Aberglaube ſein Gegengift erzeugen. Der Aberglaube der Welt kann nur durch Unglauben curirt werden.“ Der Großvater räuſperte ſich. Kaver ſtand vor einer Klippe, wo er ſcheitern konnte. Der Geſtrenge war aufgeſtanden, ſtrich mit der Hand durch die Luft, was als ein Wink zum Aufheben der Frühſtücks⸗ tafel angeſehen wurde, und ſchritt dann mit ſeinem großen Tempo durch's Zimmer. Er ſchien mit dem Gaſt allein ſein zu wollen; er nahm ihn zur Seite und führte ihn in das Cabinet, wo er ihn abermals zum Sitzen einlud, während die Flügelthüren offen blieben. Die Cavaliere verließen das Zimmer; ich allein rührte mich nicht und lauſchte eifrig auf das weitere Examen, das für Dubois eigentlich jetzt erſt begann. Der Geſtrenge ſaß mit unterſchlagenen Armen im Lehnſtuhl vor dem Candidaten ſeiner Wahl. Daß Dubois ihn intereſſirte, war ſchon außer Zweifel; allein er konnte ſtraucheln im Kapitel des Glau⸗ bens. Witterte der Alte einen Voltairianer in ihm, ſo war der Verkehr mit ihm abgeſchnitten. „Alſo ſo?“ nahm der Reichsgraf, wie er immer pflegte, wenn er beſonders diplomatiſch vorſchreiten wollte, das Geſpräch von neuem a h That ng⸗ ſo ein reine, lieber, igkeit rohet Kaver ſtiſche mterie erwot⸗ Der „ e, wo it der ſtück⸗ Tenpo en; e r ihn lieben ſt und enilit hl vor war (lab⸗ a der wenn neuen 5 auf,„die frommen Umtriebe der Phyſiognomen ſcheinen Sie nicht zu theilen?“ „Im Gegentheil,“ eiferte Dubois,„man wird bald dagegen arbeiten müſſen; denn wie lange wird es dauern, ſo wird es auch Jeſuiten geben, die in der Sprache Lavater's zu reden wiſſen!“ Das war Waſſer auf des Großvaters Mühle; das änderte ſeine Poſition zu dem jungen Manne. Er ſtand auf, ſah ſich um, ſetzte ſich wieder und rief in's Zimmer herein:„Sommerlotte! Pfeife geſtopft! Feuer her! Und die Flaſche mit zwei Römern!“ Das war das entſchiedene Signal zur Gemüthlichkeit. Der Dampf des Tabaks quoll aus dem Cabinet herein, ich hörte das Klirren des Glaſes. „Junger Mann,“ begann der Großvater von neuem,„Sie ſcheinen trotz Ihrer Jugend Erfahrungen gemacht, ſich Einblicke ver⸗ ſchafft zu haben; es wäre mir lieb, würden wir näher mit einander bekannt. Pfarrer Lavater ſagte mir, Sie ſeien mehr als billig Pro⸗ teſtant, proteſtirten allzuſtark. Die Gräfin Branconi zählt Sie zu den Frei⸗ und Starkgeiſtern.“ „Fsprit fort!“ wiederholte Dubois,„mon Dieu, ich bin gar nicht frei von Schwächen.“ „Sie meinte damit einen Atheiſten,“ erklärte der Reichsgraf, „— an einen Gott glauben Sie doch wohl?“ Kaver erwiederte freimüthig und offen:„Ich möchte die Gegen⸗ frage ſtellen: Wer bildet ſich ein, an ihn nicht zu glauben? Wenn es keinen Gott gäbe, ſo würden wir gezwungen ſein, ein Weſen zu decretiren, das zum Unterſchied von allen anderen in ſich ſelbſt fußte, aus ſich entſtanden und in ſich ſelbſt beharrend. Kein Gott:— und die Welt iſt ein Nonſens; es behaupten: iſt nur Sache des Prah⸗ lers.“ „Sehr gut das!“ ſagte der Großvater mit der ihm eigenen Kopfbewegung, die da ſagen ſollte: der frißt ſich heraus, und das iſt mir lieb!— Hätte Dubois den Gottesläugner gemacht, der Reichs⸗ graf würde ihn ſofort beim Kragen ergriffen und zum Tempel hinaus⸗ geſetzt haben.—„Ganz gut das!“ wiederholte Erlaucht,„und wie ſteht's denn da mit dem Glauben an Unſterblichkeit, was?“ — 474— Dubois ſchien nach jeder Seite hin ſattelfeſt; er ſagte: 6 halte dafür, es abzuwarten, und ſich vor der Hand für dieſe Stufe des Daſeins zu erziehen.“ „Bravo!“ rief der Reichsgraf,„nur keine Spiegelfechtereien! Hier auf dieſem Erdenboden ſteht der Mann und ſoll zeigen was an ihm iſt. Sich um das kümmern, was hinter dem Vorhange, iſt vorwitzig oder dumm. Wenn er hoch geht, wird ſich's ſchon zeigen!“ „Dieſe Unſterblichkeitsſucherei,“ ſagte Dubois,„iſt überhaupt mehr Sache der Schwächlichen, der Müßigen und Reichen. Ein armer Teufel iſt froh, wenn er weiß, wo hierorts ein Loch für ihn offen iſt; oft weiß er für den Augenblick nicht, wo ein und aus.“ Es lag in dieſen Worten eine gewiſſe rührende Bitterkeit. Sie griff dem Alten geradezu an's Herz. Er ſtreckte die Hand aus und ſagte:„Junger Freund, Sie ſind mein Mann! Sie gehen mit mir nach Belle Promeſſe, bleiben bei uns, ſo wie ſo, wird ſich finden; abgemacht!“ Wir hatten gewonnen Spiel; Kaver war der Unſerige. Ich hörte wie der Großvater ſich gemüthlich im Seſſel zurechtrückte, um noch eins zu klugſchwatzen. Es ging jetzt über den geſtrigen Abend und den Herrn Grafen von San Germano her. Der Reichsgraf fragte, wie es möglich ſei, daß zwei ſo ver⸗ ſchiedene Naturen wie der Prophet von Zürich und der renommiſtiſche Charlatan zuſammenſpannen könnten. Kaver erklärte ſehr gut ihre ungeſuchten Berührungspunkte. „Lavater,“ ſagte er,„will zum alten Glauben zurück, der Berge verſetzt. Er hofft allen Ernſtes auf ein Geſchlecht, das durch die Allmacht des Gebetes die Gabe, Wunder zu thun, wiedergewinnen werde. Für dieſe Sehnſucht nach Verjüngung des Lebens durch den Geiſt hat der Charlatan ſeinen Lebensthee, ſein Elixir. Wem der Geiſt nicht gehorſamt, der muß ſeine Zuflucht zu Geſpenſtern nehmen, den Leichnam zu verjüngen ſuchen.“ „Die Signora,“ meinte der Großvater,„das werthe Morgen⸗ landsgeſicht, ſcheint mir auch ſo ein aufgefriſchtes altes Jeruſalem zu ſein.“ Dubois ſchwieg mit geſenkten Augen; ſeine Zunge ſchien hier gefeſſelt zu ſein. 5 „J Stufe tereien! n was ge, iſt igen!“ erhaupt amet moffen i. Sie us und nit nir finden; ch hörte n noch nd und ſo bel⸗ niſiſche punkte Berge u di winnen nch den gen der nehme⸗ Mrgen⸗ milen er ien hi —— „Und was ſagt denn die ſonſt kluge Gräfin Branconi dazu?“ fragte der Reichsgraf. „Für die Frommen,“ erwiederte Kaver,„gibt's der Brücken genug zwiſchen Leib und Seele. Sie manipuliren mit einander, der Evangeliumbringer aus dem Morgenlande magnetiſirt ſie.“ „Da haben wir's!“ rief der Großvater,„dacht' ich's doch, ich kenne das, Gott ſei's geklagt!“ „Es gibt in der Schweiz ſchon ganze Manipulirverſamm⸗ lungen“— „Soll mich Gott ſtrafen, da hoffe ich denn doch, daß ehrliebende Polizeien ſich dreinlegen und das nicht um ſich wuchern laſſen! Da⸗ hinter ſteckt Jeſuitismus!“ „Zweifelsohne,“ ſagte Dubois zweiſchneidig ſcharf,„wo nicht der Jeſuitismus des Ordens, doch der Jeſuitismus der Menſchheit.“ „Bin doch begierig,“ fuhr der Reichsgraf fort,„wo dieſer Maul⸗ wurf in Deutſchland wühlen und aufwerfen wird!“ „In Nürnberg,“ war Kaver's Antwort. „In der ehrſamen lutheriſchen freien Reichsſtadt, die weder Juden, noch reformirte Chriſten bei ſich duldet?“ „Der heilige Loyola,“ ſagte Dubois,„findet überall ein Loch offen. San Germano wird dort die geſammten deutſchen Logen be— rufen; er rühmt ſich, im Beſitze der drei höchſten ſchottiſchen Grade zu ſein; er will ſie auf Papyrusrollen in den ägyptiſchen Pyramiden gefunden haben.“ „Hm hm! ei ei!“ ſagte Erlaucht und wiegte ſinnend das Haupt. „Und wo lernten Sie den Mann kennen?“ „In der Loge Melchiſedek,“ antwortete Kaver,„in jener frei⸗ ſinnigen Loge, welche auch Juden aufnimmt, mithin das Weſen der Maurerei, dünkt mich, am richtigſten verſteht; ſie läßt nur den Men⸗ ſchen gelten, nicht den Bekenner eines ausſchließlichen Glaubens.“ „Sind alſo Macon,“ ſagte der Reichsgraf, und reichte dem Bruder mit der bekannten Feierlichkeit die Hand, welche Dubois mit ſymboliſchen Zeichen drückte. Ueber dieſer Mittheilung war dem alten Herrn die Pfeife aus⸗ gegangen; er rief aber nicht nach Feuer, er hatte ſich wieder geſetzt, — 176— er war ſtill und tieffinnig geworden. Nach ſeiner Gewohnheit trom⸗ melte er eine Zeitlang mit den Fingern auf dem Tiſche; dann athmete er hoch auf und ſagte:„Alſo da will's hinaus! So ſo! Habe lange keine Loge mehr beſucht, ſeitdem allerlei Schächer ſich ein⸗ drängen; habe die ewige Speculation auf die Bruderliebe ſatt, möchte aber doch einmal wieder zwiſchenfahren, um die Wölfe im Schafspelz zu entlarven.— Ja, ja, wenn erſt die Hellſeherei her⸗ einbricht, dann beginnt gewiß wieder eine Epoche der dunkeln Gefühle! Auf der einen Seite nehmen ſie die Freidenker unſerer Zeit in Dienſt, auf der anderen ſchrecken ſie die Menge mit dem Geſpenſt des Atheis⸗ mus. Ich kenne die ſüßliche Zudringlichkeit dieſer Herren von der Geſellſchaft Jeſu! Sie ſind ſehr tolerant geworden. Das fließt eben⸗ falls von Bruderliebe über, will alle Religionen vereinigen, umgibt die Duldung mit einer Glorie, und ehe man ſich's verſieht, trägt der Proſelyt ein Marienbildchen auf der nackten Bruſt, mit der Sonne darüber und mit dem Fuß auf dem Halbmond, wie es die frommen Väter auf den Säulen der unbefleckten Enpfängniß in ihren Büchern haben. Ging's doch ſo dem ſeligen Diakonus von Erlangen! Er hatte von einer geheimen Geſellſchaft die ſieben Weihen einer neuen Prieſterwürde empfangen, glaubte wohl daran zu thun, wenn er ſich den Geheimniſſen Gottes näherte, ſich zum Prieſter der neuen Aller⸗ weltsreligion ordiniren ließ. Blieb er doch ſonſt ein ganz guter Seel⸗ ſorger ſeiner proteſtantiſchen Gemeinde; nur daß er mehr als früher Duldung und Eintracht predigte, auf daß Ein Hirt und Eine Heerde ſei! Als ihn plötzlich der Schlag rührt, findet der Arzt das Marien⸗ bild auf ſeiner Bruſt. Aus ſeiner Correſpondenz ergab ſich, daß er, ohne es zu wiſſen, römiſch geworden war. Man hatte ihm vor⸗ geſpiegelt, es gebe noch von den Zeiten der Kirchenväter her eine abſolut reine Chriſtengemeinde, die alle getrennten und verlorenen Seelen wieder in ſich aufnehmen werde. Sie allein ſei im Beſitz des magiſchen Feuers, wie ſie den Ausfluß der Kraft Gottes am Pfingſt⸗ tage nannten.— Ja, man kann jetzt ſehr bequem übertreten! Man erhält Dispenſationen die uns ganz in unſerer Welt belaſſen. Man gibt dem Opfer den Troſt der Verheimlichung, behält ſich blos vor, erſt nach ſeinem Tode mit dem Zeugniß der Rückkehr in den alten Mutterſchooß zu prunken. Vor einigen Jahren erzählte man in Breslau nheit ron⸗ ann aihnete ſor Hae er ſich in⸗ erliebe ſat, e Vife in lſeherei her⸗ un Gefihl it in Dienſt, des Uhi⸗ ren von der s füeht ebe⸗ gen, ungikt tſieht, trügt t der Sonne die ftonnen ren Büchern ungen! Er einer neuen wenn er ſi neuen Allet⸗ nuter Ste⸗ ab friher Eine heerde das Mariel⸗ ſich, daß er⸗ te ihn vol⸗ zur her eine d verlorne in Beſt mn pfnſ⸗ men! Mon Man laſſen⸗ 2 4 blos vr⸗ ich 177 von einem Juden, dem man in Polen unter dem Vorwande, er ſei Jude, ein wichtiges Geſchäft verwehrte. Nach langem Wortwechſel zieht der Mann aus ſeiner Schreibtafel das Zeugniß hervor, daß er bereits vor zehn Jahren getauft ſei, aber die Dispenſation habe, es heimlich zu halten und nach wie vor öffentlich als Jude zu leben. Wenn das mit Juden geſchieht; warum ſoll man nicht evangeliſche Chriſten dispenſiren?“ Kaver ſaß lauſchend da; alle ſeine Fibern waren geſpannt. Als der Reichsgraf ſchwieg, ſagte er Athem ſchöpfend:„Erlaucht haben ſehr tiefe Blicke in die Umtriebe des Zeitalters gethan. Deutſchland ſcheint recht eigentlich der Schauplatz ſolcher theoſophiſchen und phi⸗ lanthropiſchen Selbſttäuſchungen und Intriguen zu ſein; man erzählte ſich in Frankreich von den Martiniſten, jener Secte, die dort und am Rhein in den Hauptſtädten zweier geiſtlichen Kurfürſtenthümer Pro⸗ paganda machte.“ Der Großvater wiegte ſtill ſein Haupt. Dann ſagte er:„Wie ich mich in einer Epoche jugendlicher Thorheit mit alchymiſtiſchen Verſuchen abgab, da war mein kleiner Hof alsbald von Kundſchaftern der Congregation de propaganda fide umlauert. Ich empfing Noten aus der geheimen Kanzlei des weiland Monſignore Rezzonico aus Rom, die zunächſt nur an meinen Studien anknüpften, allmählig aber tiefer gingen und den Mantel der Alleinſeligmachenden zum Schutz für alle Forſchung, für alle Zweifel anboten.“ „Rezzonico, der verſtorbene Papſt?“ fragte Dubois aufhorchend. Der Reichsgraf wiederholte den Namen des Mannes, der ehe⸗ dem in Rom an der Spitze der Propaganda ſtand. „Signora Carlotta iſt eine Nichte deſſelben,“ ſagte Kaver. „Die wälſche Dame, das alte Jeruſalem?“ entgegnete der Großvater. „Mütterlicherſeits iſt ſie jüdiſcher Herkunft,“ fügte Dubois hinzu. „Vielleicht,“ meinte der Reichsgraf,„iſt dieſer ſogenannte Graf auch orientaliſcher Extraction, was? Wo iſt er denn eigentlich her?“ „Er nennt ſich nach dem Dorfe Germano in Piemont,“ ent⸗ gegnete Kaver.„Andere halten ihn für einen portugieſiſchen Juden, der in Rom übergetreten. Er iſt ein Menſch von ungewöhnlichen Gaben, bewundernswerthen Talenten. Sein Wiſſen iſt eben ſo groß, D. B. V. Kühne, Die Freimaurer. 12 — 178— wie ſeine Verbindungen weitgreifend. Unter anderem verſteht er mit beiden Händen zu ſchreiben, dergeſtalt, daß er zu gleicher Zeit zwei Handſchriften liefert, die ſich zum Verwechſeln ähnlich ſehen.“ „Ah!“ ſagte der Reichsgraf,„ſehr profitabel! Können gewiſſe Leute ſehr gut brauchen!“ „Er verſteht die Kunſt,“ fuhr Dubvis fort,„kleine Diamanten durch anhaltende Gluth an den Rändern bis zu dem Grade zu ſchmelzen, daß ſie ſich feſt anketten. Der Preis für die künſtlich und täuſchend zuſammengeſchweißten Steine überſteigt um das Hundertfache den Geldwerth ihrer kleinen Beſtandtheile. Er rühmt ſich, im Beſitz jenes Diamanten von 6000 Karat Gewicht zu ſein, den der Kaiſer von China bei einem jener alchymiſtiſchen Fauſte des deutſchen Nor⸗ dens verſetzt haben ſoll.“ „Bei dem Doctor Beireis in Helmſtädt, nicht?“ rief der Groß⸗ vater.„Der Kerl hat auch Gold machen wollen, ja, ja! Na, wenn Juden, Alchymiſten und die Maurer der Propaganda ſich mitſammen d'rauf legen, da kann was zuſammengebraut werden, daß Gott er⸗ barm'!— Und bei alle dem Gekoche und Gebraue wird Einem nicht blos das Geld in der Taſche, nein, die Seele im lebendigen Leibe abgehaſpelt und umgewandelt!— O, ich könnt' Euch Geſchichten erzählen, junger Mann! Ich war der Jugendfreund des vorigen Herzogs von Würtemberg⸗Oels. Er war als Prinz unter irgend einem unſcheinbaren Vorwand nach Wien geſandt. Ich begleitete ihn. Die eigentliche Abſicht war, den Prinzen zu verwirren, zu betäuben; dann ſeinen Glauben umzuſchmelzen. Herzog Karl Alexander von Würtemberg⸗Stuttgart und der Vater des Prinzen, damals ſchon todt, waren nacheinander bei ihrem Aufenthalt in Rom bereits übergetreten. Jetzt galt es, den jungen Regenten zu gewinnen. Seine Frau Mutter, Charlotte Philippine, erfuhr es zeitig genug. Sie fertigte eine Staffette mit der Botſchaft ab, ſie liege in den letzten Zügen. Wir reiſten ohne Abſchied ab von Wien, reiſten Tag und Nacht, und fanden zu Hauſe Alles wohl.— O, mein Gott, ich könnte die Geſchichte von Einem erzählen, dem es nicht Gold und Edelſteine, aber bald das Herz gekoſtet hat, daß er ſeinen Glauben und ſeine Ueberzeugung nicht umſchmelzen ließ. Ein ſanftes, edles Frauenbild hielt ihn in Wälſchland gefeſſelt. Nie hat ſich ein Herz ſü Ve ke kre ſch M de in me ih in vo an lie — ha bi in C an 6 tr ht er nit geit zwei en gewiſſe inmanten Grade zu ſlich und inderffache in Beſis der Kiſtr ſchen Nor⸗ der Groß⸗ No, wenn nitſammen Gott er⸗ inen nicht igen Leibe geſchichten 3 vorigen „irgend te ihn⸗ heti täuben ander von nals ſchon n hereits gevinnn 179 ſüßer offenbart, liebevoller und reiner hingegeben. Sie war die ein⸗ zige Tochter eines herzoglichen Hauſes. Sie war ganz ſein, aber die Verwandtſchaft verſagte die Einwilligung zum Bündniß mit einem ketzeriſchen Sohn des deutſchen Nordens. Das liebe Frauenbild ward krank; er widerſtand. Das liebe Frauenbild wollte ſterben; er kämpfte, ſchwankte und wollte doch nicht. Da erfand man ein Auskunftsmittel; man verlangte keinen perſönlichen Glaubenswechſel; aber eine Zuſage, der römiſchen Kirche allen Vorſchub, allen Zutritt, alle Berechtigung im Lande daheim zu geſtatten. Die Zuſage konnte Einer geben mit Vorbehalt ſeines landesfürſtlichen freien Willens. So war das Doeu⸗ ment ausgeſtellt; aber es wurde verfälſcht. Statt der Clauſel, die ihn frei ließ, ſetzte man die Zuſage der Möglichkeit des Uebertritts in das Schriftſtück, das er, in einer linden, lauen, wälſchen Nacht, von Liebe, Wein und was weiß ich, von einem Schlaftrunk bethört, an Eidesſtatt unterzeichnete. Daraufhin ward er getraut mit dem lieben Frauenbilde in der kleinen maritimen Villa an der Riva levante.“ O, mein Gott! dachte ich zitternd, die Villa Speroni, das Document des Großvaters, die Geſchichte ſeiner Jugendliebe! „Der Mann,“ fuhr der alte Herr mühſam fort,„der Mann hatte ſich unwiſſentlich gegen ſeine Ueberzeugung zum Verrath ver⸗ bindlich gemacht. Aber der Prieſter, der das Bündniß eingeſegnet, ein Mann der Geſellſchaft Loyola's, ſogar Provinzial ſeines Ordens in Genua, war ein Ehrenmann. Sein Gewiſſen hielt ihn ab, der Congregation das Document zu übergeben; er hatte es beſeitigt, ver⸗ ſchüttet, vergraben. Es hat beinahe vierzig Jahre lang, von Men⸗ ſchenhand unberührt, im Kellerſchutt der verfallenen Villa gemodert.“ Der Großvater ſchwieg; die beiden Männer ſaßen ſtill bei ein⸗ ander. Der Aeltere hatte gebeichtet; der Jüngere wußte um ſein Geheimniß, aber ſchwieg; er machte kein Gegengeſtändniß. Endlich trommelte Großvater auf der Tiſchplatte einen gelinden Marſch; er trommelte damit in Zeiten der Aufregung ſeine Gedanken nieder, und er trommelte damit, wenn ſein Gefühl ſich weich und träumeriſch verlor, ſeinen Verſtand wieder wach. „So, ſo!“ ſagte er endlich,„alſo in Nürnberg wollen die Maulwürfe aufwerfen, mitten im Schooß des alten eiferſüchtig wach⸗ ſamen Lutherthums! Wo man die Juden nach Fürth abſperrt, die 1 — 150— Calviniſten zum Loche hinausweiſt, da wittert man den heiligen Loyola nicht? Ei, ei, er muß es da fein anfangen!“ „Von den 273 Miſſionshäuſern der Geſellſchaft Jeſu zählt man 160 deutſche,“ verſicherte Kaver. „Hm!“ ſagte der Großvater,„auf dem Nürnberger Tandelmarkt eine kleine beſcheidene Hütte aufzuſchlagen, gans im Stillen und ganz gemüthlich— gar nicht übel!“ Faver verrieth eine ſehr genaue Kunde von der Statiſtik des Ordens. Er ſagte:„Von den 669 Collegien, welche die Geſellſchaft Jeſu beſitzt, kommen 207 auf das römiſche Reich deutſcher Nation, unter den 22,589 Mitgliedern des Ordens zählt man 8749 deutſche Geſellſchafter. Davon ſind freilich nur die Hälfte Prieſter, aber die ſo mitlaufen, die weltlichen Coadjutoren, die Sodalen in der kurzen Robe, ſind eben ſo geſchäftig, eben ſo wirkſam.“ „Ei, ich will's glauben, will's glauben!“ ſagte der Reichsgraf und nickte wiegend mit dem Haupte;„hätte ja ſelber beinahe im eigenen Neſte in partibus infidelium eine kleine Sippe mit Ablegern großziehen können!— Und in den deutſchen Logen wollen ſie jetzt Minen anlegen, den Boden unterhöhlen? So, ſo!“ „Man ſollte ſie nicht aus den Augen verlieren,“ eiferte Kaver, „ihnen nachgraben, nachwühlen, ihre Manöver aufdecken!“ „Ja, wer Luſt und Zeit dazu hat und jung iſt!“ entgegnete der Großvater.—„Thun Sie's, mein Beſter, wenn Sie ſich tactfeſt fühlen.“ „Ich will es, ich werde es!“ ſagte Kaver wie zum Gelöbniß. In dem Augenblicke trat Sommerlotte zu mir in's Zimmer. Die Herren erhoben ſich, der Großvater blickte aus dem Cabinet heraus. „Ah, ſieh' da,“ ſagte er; er wähnte mich mit Sommerlotte ein⸗ getreten;„ſieh' da, Joſeph— mein Enkelſohn, und hier Signor Dubois, unſer junger Freund und hoffentlich bald auch der deinige.“— Es war das erſte Mal, daß er mich dutzte, das erſte Mal, daß er mich als den Sohn ſeiner Tochter anerkannte. Damit endete die große Prüfungsſtunde. Dubois verbeugte ſich leicht. Ich bot ihm die Hand; er wußte nicht, wie ſehr ich ſchon ſein Freund, ſein guter Warner im Verborgenen war. Lohola lt man elmarft nd ga ſik des ilſcheft Nation, deuſſche aber die rhurzin hoguf nahe im Ablegem ſi jett ewer⸗ znett der fihlen“ gelbniß mel⸗ Di therals ott eiſ⸗ Eignor