Leipbiblivthet pfangnahme und Rücke abe der Bücher jeden pun deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von S 6Eduard Otkmann in Gieſien, loßgaſſe Lit. 4. N256 geih und Geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die ſteht zur Em⸗ ag von Morgens rbis Abends lihr offen. 2 besepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cantion. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe entſprchende Summe iiitese⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher 3 auf Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 Answürtige Abonnenten haben füt Hin⸗ und Zurückſendung der Vücher auf ihre eigenen Koſten unv Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Viel⸗ leicht haben Sie vergeſſen, daß Sie mein größter Wohl⸗ thäter geweſen ſind, Mylord.„Ich aber habe das nicht vergeſſen.“ „Nein, nein“, ſagte Lord Saltire;„laſſen Sie das Vergangene vergangen ſein, mein lieber Herr. Beiläufig, Mr. Mackworth— Lord Hainault!“ „Ich freue mich außerordentlich, Sie in Caſterton zu ſehen, Mr. Mackworth“, ſagte Lord Hainault.„Wir ſind hier Alle ſolche raſende, eingefleiſchte Proteſtanten, daß ſchon die bloſe Anweſenheit eines katholiſchen Geiſtlichen, von welcher Art er auch ſei, uns ein Quell angenehmer Auf⸗ regung wird. Wenn wir aber einen Mann, wie Sie, unter uns ſehen,— einen Mann, von deſſen Talenten wir ſo viel gehört haben und der uns durch ſeine Liebe zu einem der Kingsley, Rar 1 e 2 Unſrigen, welchen der Tod uns genommen, perſönlich werth geworden iſt, ſo heißen wir ihn dreimal will⸗ kommen.“ Lord Saltire pflegte in ſeinen téte-téte Unterhal⸗ tungen mit Lady Ascot oft den frommen Wunſch auszu⸗ ſprechen, er wollte zu Gott, daß ſich Hainault von der ſchlechten Gewohnheit, Reden zu halten, heilen möchte. Er wäre einer der beſten Geſellen von der Welt; aber er redete ſtets, als ob er im Oberhauſe ſäße. Dies hatte ſeine vollkommene Richtigkeit. Allein ob⸗ gleich Lord Hainault in ſeinen Reden ein wenig hochſtelzig war, ſo meinte er doch jedes Wort ernſt, das er ſagte, und war dabei ein rückſichtsvoller, gutherziger und zugleich ge⸗ ſcheidter Mann. Pater Mackworth verbeugte ſich und fühlte ſich ge⸗ ſchmeichelt durch das Compliment. Seine Nerven waren in beſter Ordnung, und es freute ihn, zu ſehen, daß Lord Hainault ihm gewogen war, wenn ſchon Seine Hochherr⸗ lichkeit, der Marquis von Hainault, in dieſem Augenblicke vielleicht weniger Wichtigkeit für ihn beſaß, als einer von deſſen Reitknechten im Stalle unten. Was er aber gerade jetzt von ſich ſelber verlangte, war, daß er in einer beſondern Weiſe handelte und ſich ein beſon⸗ deres Ausſehen gäbe, und zwar beides möglichſt natürlich und ohne Anſtrengung. Sein Genie war der Situation gewachſen. Er machte Lord Saltire ſtutzig. „Dies iſt eine traurige Geſchichte“, ſagte Lord Saltire. „Ein bitterer Schlag“, ſagte Mackworth.„Ich liebte dieſen Menſchen, Mylord.“ Bei dieſen Worten blickte er plötzlich auf, und Lord 3 Saltire ſah, daß ſie ihm von Herzen kamen. Er erwartete, daß Jener fortfahren würde, und beobachtete ihn auf⸗ merkſam mit über ſeine grauen Adleraugen halb nieder⸗ geſchlagenen Lidern. „Freilich, das iſt von keiner großen Wichtigkeit“, fuhr Mackworth fort.„Da ich zu einem Weltmanne rede, ſo handelt es ſich hier mehr darum, zu welchem Zwecke Ew. Lordſchaft dieſe Unterredung geſucht haben. Ich trage ganz beſonderes Verlangen, den Grund davon zu erfahren, und falls ich Ihnen mit dieſem offenen Ausſpruche unhöflich erſcheine, ſo bitte ich um Ihre Nachſicht.“ Lord Saltire betrachtete ihn unabläſſig und aufmerkſam. Es war für Lord Saltire von größerer Wichtigkeit, Mack⸗ worth's Mienen zu betrachten, als ſeine Reden zu hören. Andererſeits erhob Mackworth ſeine Blicke von Zeit zu Zeit ruhig und ſicher zu Lord Saltire's Geſichte und ließ ſie auf demſelben ruhen, während er ſprach. „Durchaus nicht, mein lieber Herr“, ſagte Lord Saltire. „Wenn Sie indeſſen vorziehen, die Geſchäfte zuerſt vorzu⸗ nehmen, was vielleicht das Geeignetſte iſt, ſo wollen wir dies thun und dann ſpäter beſſer mit einander bekannt zu werden ſuchen. Ich erſuchte Sie, zu mir zu kommen, weil ich von Familienangelegenheiten mit Ihnen ſprechen wollte. Sie haben unſere Annonce geleſen?“ „In der That, ja“, ſagte Mackworth, mit einem Lächeln aufſehend.„Ich war von ihr im höchſten Grade überraſcht. Glauben Sie wirklich, daß eine ſolche Heirath ſtattgefunden?“ „O, ich bin feſt überzeugt davon“, ſagte Lord Saltire. „Ich kann nicht daran glauben“, entgegnete Pater Mackworth,„und will Ihnen ſagen, warum nicht. Wenn dieſelbe ſtattgefunden, ſo hätte ich davon hören müſſen. Pater Clifford, mein Vorgänger, war Peter Ravenshoe's Beichtvater. Ich brauche Ihnen nicht erſt zu bemerken, daß er von einem ſolchen Factum unterrichtet geweſen wäre. Ihre Weltkenntniß wird Ihnen ſagen, wie unmöglich es geweſen ſein dürfte, in einem von den Prieſtern ſo vollkommen beherrſchten Hauſe, wie Ra⸗ venshoe, ein ſo wichtiges Factum vor dem Beichtvater geheim zu halten. Namentlich, wo der Deliquent, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, der bigotteſte und feigſte Re⸗ präſentant des Hauſes war, den daſſelbe ſeit vielen Gene⸗ rationen gehabt bat. Ich verſichere Ihnen auf mein Ehrenwort, daß Clifford davon Kenntniß gehabt haben müßte. Und wenn er es gewußt, hätte er nicht umhin gekonnt, es auch mir mitzutheilen. Kein Prieſter durfte ſterben, ohne ein ſolches Geheimniß ſeinem Nachfolger zu vermachen,— ein Geheimniß, das den Beſitzer deſſelben, das heißt den Prieſter, ſo ganz und gar zum Herrn von Ravenshoe und allen ſeinen Bewohnern machen würde. Ich habe die Beichte jenes Mannes auf ſeinem Sterbelager gehört, Lord Saltire“, ſagte Mackworth, dieſen mit einem ruhigen Lächeln anblickend,„und ich kann Ihnen ſagen,— wenn Sie es über ſich gewinnen, dem Worte eines Prieſters Glauben zu ſchenken— daß in derſelben einer ſolchen Heirath mit keiner Silbe Erwähnung geſchah.“ „Nicht?“ ſagte Lord Saltire, gedankenvoll zum Fenſter hinausſchauend.„Und doch ſcheint Lady Ascot ihrer Sache ſo gewiß zu ſein.“ „Ich hoffe von ganzem Herzen, daß ſie im Irrthume 5 ſein möge“, ſagte Mackworth.„Es wäre ſonſt ſehr traurig für mich. Ich führe in Ravenshoe ein bequemes, glück⸗ liches Leben. Der arme liebe Cuthbert hat meine Stellung dort auf Lebenszeit geſichert. Der gegenwärtige Mr. Ra⸗ venshoe iſt nicht ſo lenkſam, wie ſein Bruder war; doch kann ich mit ihm noch auskommen. Sollte ſich aber Ihre Geſchichte als begründet herausſtellen und Mr. Char⸗ les Horton zurückkehren, ſo würde ich meinen Poſten in Ravenshoe nicht länger behaupten können und daſſelbe zum erſten Male, ſeit es beſteht, in proteſtantiſche Hände fallen. Ich würde meine Heimatſtätte und die Kirche eines ihrer beſten Häuſer im Weſten Englands verlieren. Ja, ihr allerbeſtes. Ich lebe lieber in Ravenshoe als in Segur. Es iſt mir übrigens ſehr erfreulich, daß Ew. Lordſchaft dieſe Unterredung herbeigeführt haben; denn ich erkenne daraus, daß Sie mir einiges Zutrauen ſchenken, indem Sie mich über eine Sache zu Rathe ziehen, in der ſich mein eigenes Intereſſe ausſchließlich nur an die eine Seite knüpft.“ Lord Saltire verbeugte ſich.„Die Sache läßt noch eine andere Anſchauung zu, mein lieber Herr. Wenn wir unſere Behauptung beweiſen, was ſehr wohl möglich, und unſer lieber Charles ſtirbt oder getödtet wird, was ebenſo wahrſcheinlich iſt,— nun, dann iſt William abermals der Erbe. Nehmen wir nun die Möglichkeit an, daß er ohne Erben ſtürbe, dann wäre Miß Ravenshoe die reichſte Erbin im ganzen Weſten von England. Haben Sie die geringſte Vorſtellung, wo Miß Ravenshoe ſich aufhält?“ Sowol Lord Saltire als Lord Hainault ſahen ihm bei dieſer Frage ſcharf in's Geſicht. Einen Augenblick 6 ſchaute Mackworth fragend und mit halb geöffneten Lippen vom Einen zum Andern und ſagte:„Miß Ravenshoe?“ Dann lächelte er, wie wenn ihm plötzlich das Verſtändniß aufging, und ſagte:„Ah! ja; ich wußte für den Moment wirklich nicht, wen Sie damit meinen könnten. Ja, in dem Falle wäre die arme Ellen Miß Ravenshoe. Ja, und die Güter blieben in katholiſchen Händen. Welch' eine Aus⸗ ſicht für die Kirche! Eine büßende Erbin! Die Verwal⸗ tung von 12,000 Pfund jährlicher Einkünfte! Verzeihen Sie, wenn ich mich einen Augenblick von der Gewalt dieſes Gedankens fortreißen ließ. Sie wiſſen, ich gehöre mit Leib und Seele der Kirche. Ich war von Kindheit an mit allen Faſern meines Geiſtes und Herzens an die Kirche gefeſſelt, und eine ſolche Ausſicht, ſelbſt in ſo weiter Perſpective, hat mich einen Moment geblendet. Doch fürchte ich, daß ich eine ziemlich zahlreiche Familie von Ravenshoes zwiſchen mir und einer ſolchen glänzenden Erfüllung aller meiner Träume ſehen werde. William ſteht im Begriffe, ſich zu verheirathen.“ „So wiſſen Sie alſo nicht, wo die arme Ellen iſt?“ ſagte Lord Saltire. „Nicht im geringſten“, entgegnete Mackworth;„allein ſicherlich werde ich trachten, es in Erfahrung zu bringen und ebenſo ſicherlich werden meine diesfalſigen Bemühungen Er⸗ folg haben. William kann ſchon auf ſeiner jetzigen Expedition ſterben. Sie könnten am Ende Beweiſe beibringen für Ihre Sache. Sollte William irgend ein Unglück zuſtoßen, ſo hoffe ich von ganzem Herzen, daß es Ihnen gelingen möge, und will Ihnen jeden möglichen Beiſtand leiſten. Denn ein halber Laib iſt beſſer, als gar kein Brot. Und 7 überdies kann Charles ebenfalls getödtet werden, oder an der Cholera ſterben. Wie die Sachen jetzt ſtehen, werde ich indeß Nichts darin unternehmen. Ich werde Ihnen nicht behülflich ſein, einen Proteſtanten nach Ravenshoe zu bringen. Halten Sie mich nicht für herzlos, weil ich dies ſage; ich bin dies durchaus nicht. Aber ich rede hier als Weltmann zu zwei höchſt geſcheidten Weltmännern; das iſt Alles.“ Plötzlich ſagte Lord Hainault:„Was geht dort vor?“ und verließ das Zimmer. Lord Saltire und Mackworth waren mit einander allein. „Nun, mein lieber Herr“, ſagte Lord Saltire,„es freut mich ſehr, daß Sie als bloßer Weltmann geſprochen haben. Das macht die Sache um ſo Vieles leichter. Sie könnten uns helfen, wenn Sie wollten.“ Mackworth lachte.„Natürlich könnte ich das. Ich könnte die ganze Macht der katholiſchen Kirche zum Bei⸗ ſtande herbeibringen. Mit unſeren Organiſationskräften könnten wir im Handumdrehen jede mögliche Einzelheit rückſichtlich dieſer Heirath ausfindig machen(wenn dieſelbe überhaupt jemals ſtattgefunden hat, was ich noch nicht zu glauben geneigt bin). Um ſolch' ein Haus den Händen der Kirche zu erhalten, würde ſich's der Mühe verlohnen, jede Sakriſtei und ihre Regiſter in England durchſtöbern zu laſſen. Aber die katholiſche Kirche weigert ſich in meiner Perſon hier höflichſt, ihre ganze gewaltige Maſchinerie in Bewegung zu ſetzen, um eines ihrer beſten Häuſer den Hän⸗ den eines Proteſtanten zu überliefern.“ „Ich habe mir nie auch nur auf einen Augenblick ein⸗ gebildet, daß die vortreffliche liebe alte Dame jemals an 8 etwas der Art denken könnte. Aber was Mr. Mackworth betrifft,— kann ihn nichts bewegen, ſeine großen Hülfs⸗ mittel für unſere Sache in Anwendung zu bringen?“ „Ich bin ganz Ohr, Mhlord!“ „Für den Fall alſo, daß wir Charles fänden?“ „Ja!“ ſagte Mackworth ruhig. „Zwanzigtauſend?“ „Nein“ ſagte Mackworth.„Es ginge nicht an. Auch nicht um Zwanzig Millionen. Sehen Sie, es iſt ein Unter⸗ ſchied zwiſchen einem Soldaten, der ſich verkleidet in's friedliche Lager ſchleicht und lügt, ja vielleicht mordet, um für ſeine Partei wünſchenswerthe Auskunft zu gewinnen, und einem andern Soldaten, welcher deſertirt und zum Feinde überläuft und dieſem Auskunft gibt. Der eine iſt ein Held, der andere ein Schurke. Ich bin ein Held. Sie müſſen mir verzeihen, daß ich die Sache in ſo roher Weiſe darſtelle; aber Sie hegen gegen mich ein ſo alteingewur⸗ zeltes Mißtrauen, daß ich mich zu ſolchen Bildern ge⸗ nöthigt ſehe.“ „Ich finde Ihre Art und Weiſe der Darſtellung nicht ſo roh“, ſagte Lord Saltire.„Ich muß Sie wegen meines Antrags, den Sie auf ſo hochherzige Weiſe von ſich ge⸗ wieſen haben, wirklich um Verzeihung bitten. Man ſagt, jeder Menſch hätte ſeinen Preis. Wenn dies der Fall, ſo iſt der Ihrige ein ſehr hoher, und man muß Sie danach ſchätzen.“ „Nun, Mylord, ehe wir dieſe Unterredung ſchließen, erlauben Sie mir zwei Dinge zu ſagen, die Ihnen von Nutzen ſein dürften. Erſtens können Sie keinen Jeſuiten erkaufen.“ —— —— 9 „Einen Jeſuiten!“ „Ja wol. Und zweitens: Dieſe Heirath von Peter Ravenshoe iſt nichts als eine Fiction von Lady Ascot. Ich habe die Ehre, Ihnen einen guten Morgen zu wünſchen, Mylord!“ Jede Thür hat ihre zwei Seiten. Dies wird man zugeben. Kein Menſch kann an zweien Orten zugleich ſein. Auch das räumt man mir ein. Sehr gut. Ich werde jetzt erzählen, was ſich nach Beendigung dieſer Unter⸗ redung auf jeder der beiden Seiten der Bibliothekthür zutrug. Welche Seite ſoll ich zuerſt vornehmen? Ich wähle die Außenſeite. Die Seite, auf welcher Pater Mackworth ſich befand. Als derſelbe das Gemach verlaſſen hatte, betrachtete er die Thür deſſelben einen Augenblick, wie um ſich zu über⸗ zeugen, daß ſie feſt verſchloſſen war; dann erlitten ſeine Züge eine vollſtändige Veränderung. Sein Geſicht wurde bleich und ſorgenvoll, und als er die Lippen öffnete, um dieſelben anzufeuchten, zitterte die untere. Seine Augen ſchienen aus ihren Höhlen hervorzuquellen und ein blei⸗ farbener Ring umzog ſie. Vor einem der Fenſter blieb er ſtehen und führte ſeine Hand nach der Stirn; auf halbem Wege aber hielt er inne und betrachtete ſeine Finger; die⸗ ſelben zitterten heftig. „Ich bin nicht mehr der Mann, der ich war“, ſprach er zu ſich ſelber.„Dieſe großen Kampftage erſchüttern mich zu gewaltig. Meine Kraft verläßt mich, Gott helfe mir. Es war ein Glück, daß ich wirklich verdutzt war, als er ſie Miß Ravenshoe nannte. Wäre mir nicht wirklich für's Erſte völlig unbegreiflich geweſen, wen er meinte, ſo 10 hätte ich mich nimmer ſo paſſend benehmen können. Ich muß ſehr auf mich achten. Meine Kraft und Ruhe ſollten mich nicht dergeſtalt verlaſſen. Ich habe in jeder Beziehung ein mäßiges Leben geführt. Vielleicht ein wenig zu mäßig. Ohne mich vorher durch Wein zu ſtärken, mag ich keine zweite ſolche Unterredung wagen. Es wäre nicht gerathen. „Die Chancen ſind wie zehn gegen eines, daß wir nie wieder von Charles hören. Kugeln und Säbel und Cholera. Dann iſt nur noch William da. In dieſem Falle fürchte ich, daß ich geneigt ſein würde, den ältern Zweig der Fa⸗ milie in den Beſitz der Güter zu ſetzen, zum Nachtheile jenes jungen Herrn. Ich wollte, meine Nerven wären ſtärker; dieſe Reizbarkeit derſelben nimmt immer mehr überhand, trotz aller meiner Vorſicht. Könnte ich nur den Wein vertragen! „Rovenshoe mit Ellen als Gebieterin, und Mackworth als ihr Gebieter! Eine büßende Betſchweſter, und ein kluger Mann ihr Beichtvater! Und zwölftauſend Pfund jährlicher Renten! Wenn wir Jeſuiten ganz und gar die Schurken wären, als welche uns die Proteſtanten malen, dann beginge Maſter William eine große Unbeſonnenheit, mit mir unter einem Dache zu hauſen.“ „Obwol Lord Saltire erräth, daß ich den Schlüſſel in Händen halte? Ich kann mich nicht mehr recht auf un⸗ ſere Unterredung oder auf das, was ich während derſelben geſagt habe, beſinnen. Mein Gedächtniß fängt an, mich im Stiche zu laſſen. Man ſollte einen jüngern Mann auf einen ſolchen Poſten ſtellen. Aber ich würde keinem jüngern weichen. Nein. Der Einſatz iſt zu hoch. Wenn ich mich nur meiner Worte genau erinnern könnte. 11 „Ahnt William, daß er, wenn Charles ſtirbt, zwiſchen mir und dem Lichte ſteht? Lord Saltire ſieht dies jeden⸗ falls ein. Ob ich mich nur compromittirt habe? Ich er⸗ innere mich, daß ich ſehr offen und ehrlich geſprochen habe. Was ſagte ich doch zuletzt? Ich habe ein gewiſſes unbehag⸗ liches Gefühl darüber; doch kann ich mich meiner Worte gar nicht entſinnen.“ „Ich hoffe, daß Butler das Mädchen wohl verwahrt hält. Sollte ich krank werden, ſo hinge Alles von ihm allein ab. O Gott! möge ich nicht krank werden.“ Treten wir nun auf die andere Seite der Thür. Lord Saltire blieb ruhig und aufrecht in ſeinem Armſtuhle ſitzen, bis die Thür geſchloſſen war. Dann nahm er eine Priſe. Er ſprach nicht laut, aber er ſchaute ſchlau die Thür an und ſagte bei ſich ſelber: „Sonderbar!“ Noch eine Priſe. Darauf ſprach er laut:„Außer⸗ ordentlich ſonderbar, bei Gott!“ „Was iſt ſonderbar?“ frug Lord Hainault, welcher gerade in's Zimmer trat. „Ei nun, jener Menſch. Er hat mich bis zum letzten Augenblicke getäuſcht. Ich glaubte wirklich, er begönne einfach ehrlich zu werden; aber ſchließlich verrieth ihn ſein allzugroßer Eifer. Seine Miene ſchlichter Ehrlichkeit war eine angenommene; in ſeinen letzten Worten zeigte ſich der wahre Menſch. Sie hätten ſehen ſollen, wie ſein Ge⸗ ſicht ſich veränderte, als er mich einmal ſcharf anſah, und, nachdem er meinen Argwohn eingeſchläfert zu haben glaubte, mir ſagte, die Heirath wäre eine pure Erdichtung. Zum 12 erſtenmale vergaß er ſeine guten Manieren und legte ſeine Hand vertraulich auf meine Knie.“ Lord Hainault erwiderte:„Glauben Sie, daß er von der Heirath Kenntniß hat?“ „Davon bin ich feſt überzeugt. Und überdies weiß er, wo Ellen iſt.“ „Warum?“ „Weil ich überzeugt davon bin.“ „Das iſt wol kaum ein guter Grund, wie, mein lieber Lord Saltire?“ „Was?“ „Wie?— Nun“, ſagte Lord Hainault in einer Art von Deſperation,„ſchließen Sie nicht, um mich gelinde auszudrücken, mein lieber Lord, nach einer unzureichenden Anzahl von Thatſachen? Ich ſpreche hier in aller Demuth vor einen der ſchlaueſten Köpfe in ganz Europa; aber ſind. Sie nicht auch der Anſicht?“ „Nein, durchaus nicht“, ſagte Lord Saltire. „Ich beuge mich vor Ihrem beſſern Urtheile“, ant⸗ wortete Lord Hainault.„Die Chancen ſind wie zehn gegen eins, daß Sie Recht haben und ich Unrecht. Haben Sie ihm das Anerbieten gemacht?“ „Und hat er es angenommen?“* „Natürlich nicht. Ich hatte es Ihnen ja vorher geſagt.“ „Das iſt ſeltſam, wie?“ „Nein“, ſagte Lord Saltire. Lord Hainault lachte. Lord Saltire blickte auf und 13 lachte ebenfalls.„Es macht mir Vergnügen, unhöflich gegen Sie zu ſein, Hainault; Sie ſind ſtets ſo feierlich.“ „Nun“, ſagte Lord Hainault, nachdem er nochmals herz⸗ lich gelacht,„und was werden wir jetzt beginnen?“ „Nun, wir müſſen ruhig warten, bis William heim⸗ kehrt“, ſagte Lord Saltire. Bis dahin können wir Nichts weiter unternehmen, mein lieber Junge. Gott ſegne Sie, Hainault; Sie ſind ein braver Burſche.“ Als der alte Herr allein war, ſtand er auf und ſchaute aus dem Fenſter. Die Hirſche äſten ganz nahe unter den Fenſtern, und weiterhin, unter dem Schatten der mächtigen Cedern, lagen und ſtanden die Rehe mit ihren Kälbern träge umher, ſchüttelten ihre breiten Ohren und ſtampften mit den zierlichen Füßen. Aus den großen Rhododendron gebüſchen ſpazierten die wilden Faſanen heraus, um ſich in der ſchönen Abendluft zu ergehen und an den Ameiſenhau— fen zu ſcharren. Auch die Kaninchen kamen zum Vorſcheine und hüpften fröhlich und geſchäftig im Graſe umher. Der Pfau hatte ſich vom Stalldache herabgelaſſen und ſtolzirte vornehm, mit nachſchleppendem Schweife, zwiſchen Faſanen und Kaninchen einher, und in den höchſten kupferrothen Cedernzweigen trafen einige Perlhühner ihre geräuſchvollen Vorkehrungen für die Nachtruhe. Etwa hundert Schritte vom Fenſter ſchien der Park zu Ende zu gehen; denn dort ſenkte ſich derſelbe plötzlich in einem ſteilen, faſt ſenkrechten Raſen⸗ hange dreihundertundfünfzig Fuß tief bis zum Fluſſe hin⸗ unter, deſſen Windungen man meilenweit durch das wald⸗ geſchmückte Thal erblickte, wie ein breites, glitzerndes Sil⸗ berband. Darüber hinaus bebuſchte Hügel; zur Linken endloſe Strecken grauer Dünenhöhen; rechts die Stadt, ein phantaſtiſcher Haufen grauer und rother Gebäude, die ſich am Fluſſe hinzogen, der bis an die Werfte und Straßen⸗ ſäume flutete, und darüber eine träge Rauchwolke, durch die das ſanfte Läuten der hellen Glocken herüberdrang. Caſterton gehört nicht zu denjenigen Landſitzen, die man den Fremden zeigt. Lord Hainault hatte einmal ſeine Grillen darüber. Aber ganz ähnliche Landſchaften, natür⸗ lich mit einigen Verſchiedenheiten, kann man auch von Park⸗ Place oder Hedſor oder Cliefden oder fünfzig anderen Landhäuſern am Könige der Ströme ſehen. Wann nur anſtatt einer Rheinreiſe oder dergleichen eine Themſefahrt in Mode kommen wird? Nie habe ich etwas erblickt, das mit den Ufern unſerer Themſe verglichen werden könnte. Und ich habe ein gut Stück von der Welt geſehen. Lord Saltire ſchaute auf das Alles, was ich ſo ober⸗ flächlich geſchildert habe und ſprach dabei folgendermaßen zu ſich ſelber: „So bin ich alſo der Letzte von ihnen Allen und ganz allein. Kaum noch ein Einziger iſt von ihnen übrig, kaum noch Einer. Und ihre Söhne füttern noch immer ihre Faſanen und pflanzen ihre Baumanlagen, wie wir es thaten. Und Dinge, die für uns fürchterliche Wirklich⸗ keiten waren, ſind für ſie blos gedruckte Worte, die ſie ſich zu entziffern verſuchen und nicht entziffern können. Die dreißig langen tollen Jahre, während welcher wir mit dem Rücken an die Wand gelehnt daſtanden, werden von ihnen mit dem Titel»Die Revolutionskriege« bezeichnet und in den Bücherſchrank geſchoben. Ließen ſie uns nur einmal Gerechtigkeit widerfahren! Wir hatten doch Recht. Hai⸗ nault's Faſanen beweiſen das. Sie müſſen ihre zwanzig 15 Millionen des Jahres bezahlen und uns danken, daß ſie ſo billigen Kaufes davongekommen ſind. „Ich möchte wol wiſſen, was ſie thun würden, wenn ſie in einer ſolchen Klemme ſteckten. Sie ſcheinen noch ſo tapfer, wie vormals; aber ich fürchte, ſie ſind für einen zweiten ſolchen Kampf, wie der unſerige war, zu wenig un⸗ menſchlich geworden. Vermuthlich täuſche ich mich, denn ich werde bereits zu alt, um die neuen Ideen ſchätzen zu können; allein ich beſorge, man wird heutiges Tages zu weich. Ich fürchte, es iſt ein veraltetes Vorurtheil. Es liegt noch ein Troſt darin, daß ein ſolcher Kampf nimmer wiederkehren kann. Käme er aber, da hätten ſie vielleicht den Willen, Alles zu thun, was wir thaten; aber würden ſie auch die Kraft dazu beſitzen? Dieſe Ausdehnung des Stimmrechts hat ſo viel Unheil angerichtet, und jetzt wollen ſie es noch weiter ausdehnen, die Thoren! Schließlich werden ſie das ganze Haus voller Whigs haben! Und dann— ja dann— nun dann werden ſie alſo ein Haus voller Whigs haben. So wird er aller Wahrſcheinlichkeit nach kommen. Nun! nun! Ich bin ſelbſt einmal ein Whig geweſen. Alle dahin. Alle miteinander. Und ich allein noch hier, vollkommen geſund und wohl erhalten, ebenſoſehr ein Gegenſtand der Verwunderung für die Jungen, als es ein Dodo für einen Hühnerhändler ſein würde. Ehe noch die Wirkung unſerer Thaten ordentlich gefühlt worden iſt, ſind ſchon unſere Perſonen ſeltſam und veraltet gewor⸗ den. Und bei alledem, ſo ſonderbar dies klingt, mag ich noch nicht vom Schauplatz abtreten. Mich verlangt's, jenen Jungen noch einmal wiederzuſehen. O Gott! wie habe ich den Jungen lieb! Er hat ganz die lieben, thö⸗ richten, herzgewinnenden Manieren von Barkham. Schon das erſte Mal, wo ich ihn in Ranford ſah, beſchloß ich ihn, wenn er wohl geriethe, zu meinem Erben zu machen. Hätte ich dies bekannt gemacht. Alles wäre dann gut gegangen. Welch' eine endloſe Reihe von Unglücksfällen dieſen armen Jungen getroffen hat! „Ganz wie Barkham. Daſſelbe träge, thörichte, lie⸗ benswürdige Geſchöpf, voll edler Entrüſtung über Nichts, 3. voll wüthenden, blinden Unwillens über Ungerechtigkeit und Unrecht. Ich wollte nur, er käme zurück,— ich fange an, des Wartens ſo müde zu werden! „Ob ich wol Barkham wiederſehen werde, um meinen Arm um ſeinen Nacken zu ſchlingen, wie wir ehedem auf 3 der Terraſſe zu ſitzen pflegten. Wenn auch nur auf eine einzige kurze halbe Stunde—“ Ich werde hier abbrechen. Ich mag dem gutherzigen alten Heiden nicht in ſeinen phantaſtiſchen Muthmaßun⸗ gen über ein künftiges Daſein folgen. Man ſieht, wie er ſeinen Sohn geliebt hatte und warum er Charles ſo ſehr liebte. Dies allein wünſchte ich dem Leſer begreiflich zu machen. „Und wenn Charles nicht zurückkommen ſollte? Bei Gott! ich fürchte ſehr, daß die Chancen alle dagegen ſind. Nun, wenn der arme Burſche ſtirbt, ſo werde ich das Geld wol Welter und ſeiner Frau vermachen müſſen, wenn's auch nur um des armen Ascot willen geſchähe, der trotz alledem ein guter Kerl war. Werden wir je von dieſer Heirathsangelegenheit die Wahrheit erfahren? Ich glaube kaum,— wenn nicht Charles ſtirbt; in dieſem Falle würde der Prieſter Ellen in ihre Rechte einſetzen. 17 „Ich hoffe, daß William ſich beeilen wird, ihn zurück⸗ zubringen. Alte Burſchen wie ich machen ſich oft ganz plötzlich aus dem Staube. Und wenn er ſtirbt und ich nicht Zeit habe, ein Teſtament zu machen, ſo fällt das Ganze an die Krone, und das wäre mir unausſtehlich. Lieber noch wollte ich, daß es Welter bekäme.“ Lord Saltire ſtand am Fenſter des Bibliothekzimmers, bis der Fluß wie eine Reihe von rothen Weihern ausſah, die ſich weſtlich der ſinkenden Sonne nachzog. Im Zimmer hinter ihm wurde es finſter, und die Marmorſäulen, welche daſſelbe in ungleiche Theile theilten, ſtanden in der Dun⸗ kelheit wie Geſpenſter da. Er war hinter dem Fenſter⸗ vorhange verborgen und hörte mit einem Male, wie die Thür geöffnet wurde und leichte Schritte über den weichen türkiſchen Teppich glitten. Ein leiſes Rauſchen von Frauenkleidern folgte und das Hin⸗ und Herlegen von Büchern auf einem der Tiſche, von einer Hand, die offen⸗ bar ertappt zu werden fürchtete. Lord Saltire trat aus ſeinem Verſteck heraus und ſtand Mary Corby gegenüber. Kingsley, Ravenshoe. 1V. ro Zweites Rapitel. „O verrathen Sie mich nicht, Mylord“, ſagte Mary in der Dunkelheit. „Ich will Ihre Miſſethaten den vier Winden des Him⸗ mels erzählen, Miß Corby, ſobald ich nur weiß, worin dieſelben beſtehen. Warum, warum kommen Sie wie ein Dieb in der Nacht in's Zimmer geſchlichen? Sagen Sie mir augenblicklich, was dieſes Verſteckenſpielen zu bedeu⸗ ten hat?“ „Ich werde es Ihnen nicht ſagen, Lord Saltire, wenn Sie mir nicht verſprechen, daß Sie mich nicht verrathen wollen.“ „Jetzt bedenken Sie nur, wie thöricht Sie ſind! Wie werde ich mich wol an einer Sache betheiligen, die offenbar von der finſterſten und ruchloſeſten Beſchaffenheit iſt, ehe ich weiß, welchen Vortheil ich aus derſelben ziehen ſoll? Sie bieten mir aber keinen Theil der Beute an. Sie bieten mir keinen Vortheil, weder direct noch indirect, für mein Schweigen, ausgenommen, daß Sie mich von Dingen unterrichten wollen, deren Kenntniß vielleicht gefährlich ſein dürfte. Wie mögen Sie erwarten, daß ich mich durch derlei Bedingungen erkaufen laſſen könnte?“ 19 „Nun, dann will ich mich Ihrer Großmuth anver⸗ trauen. Ich ſuche Blackwood's Magazin. Wenn ich den Blackwood jetzt finde, ſo werde ich ihn eine volle Stunde genießen können, während Sie Alle bei Tiſche ſind. Wiſſen Sie, wo er iſt?“ „Ja“, ſagte Lord Saltire. „Bitte, dann ſagen Sie es mir. Ich bin ſo geſpannt auf das Ende einer Erzählung in dem Journale. Bitte, ſagen Sie mir, wo es iſt.“ „Ich will nicht.“ „Warum nicht? Wie unfreundlich! Wir ſind nun ſeit acht Monaten ſo gute Freunde, und jetzt beginnen Sie auf einmal garſtig gegen mich zu werden. Sie ſehen, wie aus jeder Vertraulichkeit Verachtung erwächſt; ſonſt waren Sie ſtets höflich.“ „Ich werde Ihnen nicht verrathen, wo der Blackwood iſt“, ſagte Lord Saltire,„weil es mir nicht beliebt. Ich will nicht, daß ſie jetzt leſen, ſondern, daß Sie ſich hier im Finſtern zu mir herſetzen und mit mir plaudern.“ „Gut, ich will im Finſtern bei Ihnen ſitzen und mit Ihnen plaudern; nur dürfen Sie mir keine Geſpenſterge⸗ ſchichten erzählen.“ „Ich wünſche, daß Sie hier im Finſtern bei mir bleiben“, ſagte Lord Saltire,„weil ich„vox et praeterea nihil“ zu ſein beabſichtige. Sie werden ſogleich begreifen, warum. Meine liebe Mary Corby, ich wünſche einige ernſte Worte mit Ihnen zu reden; ſcherzen wir alſo nicht länger.“ Mary nahm ſofort in einem Seſſel Lord Saltire gegen⸗ über Platz, legte ihre Wange auf ihre Hand und kehrte ihr Geſicht dem leeren Kaminherde zu.„Jetzt, mein lieber 2* Lord Saltire“, ſagte ſie,„fahren Sie ſort. Ich glaube zu errathen, wovon Sie mit mir zu ſprechen wünſchen.“ „Sie meinen von Charles?“ „Ah! Das iſt aber nur ein Theil von Dem, was ich zu ſagen habe. Allerdings wünſche ich Sie auch darüber zu Rathe zu ziehen; doch das iſt nur ein unbedeutender Theil von der Sache.“ „Dann bin ich ſehr begierig, dieſelbe zu hören.“ „Wiſſen Sie alſo, daß ich den Neunzigern zuſchreite?“ „Ich habe dies ſagen hören, Mylord.“ „Nun denn, ich glaube daher, daß die Stimme, der Sie jetzt lauſchen, bald auf immer ſtill ſein wird. Laſſen Sie ſich darum durch nichts verletzen, betrachten Sie die Stimme als die eines bereits Geſtorbenen, wenn Sie wollen.“ „Ich will ihr zuhören als der Stimme eines ſehr gü⸗ tigen lebenden Freundes“, ſagte Mary.„Eines Freundes, der mich ſtets als ein zurechnungsfähiges Weſen und wie ſeines Gleichen behandelt hat.“ „Das iſt wahr, Mary; doch ſind Sie ſo herzig und ſo geſcheidt, daß dies eben kein großes Wunder iſt. Sehen Sie,— Sie haben kein Vermögen.“ „Ich habe meinen Beruf“, ſagte Marh lachend. „Ja, aber Ihr Beruf iſt einer von denjenigen, in denen man ſchwer avancirt“, ſagte Lord Saltire;„deshalb habe ich es für nothwendig erachtet, in meinem Teſtamente für Sie zu ſorgen. Denn ich muß jetzt ein neues machen.“ Die arme Mary ſchrak zuſammen. Dieſe Ankündigung war eine ſo völlig unerwartete. Sie wußte nicht, was ſie denken oder ſagen ſolle. Sie hatte oft lange Nachtgedanken über Armuth, Alter und ein Leben in einem Dachſtübchen ₰ als Nähterin und dergleichen gehabt, gar manche heiße Thränenflut darüber vergoſſen und niemals ein anderes Mittel dagegen gefunden, als ihre Zuflucht zum Gebete zu nehmen. Das aber hatte ſich ſtets als Specificum bewährt. Da, ganz plötzlich— war die Frage gelöſt! Sie hätte Lord Saltire danken mögen. Sie hätte ihm gern die Hand geküßt; aber es fehlte ihr an Worten. Sie verſuchte, ihre Thränen zu unterdrücken, und es gelang ihr einigermaßen. Dann ſprach ſie in der Aufrichtigkeit ihrer redlichen Seele: „Ich danke Ihnen mit dieſen Worten herzlicher, My⸗ lord, als wenn ich vor Ihnen niederkniete und Ihre Füße küßte. Mein ganzes Leben iſt durch eine in der Ferne drohende Wolke von Alter und Armuth verdüſtert geweſen. Sie haben dieſe Wolke verſcheucht. Kann ich noch mehr ſagen?“ „Kein Wort weiter, wenn Ihnen Ihr Leben lieb iſt. Ich hätte Sie mit Reichthum überſchütten können; doch habe ich vorgezogen, das nicht zu thun. Zwanzigtauſend Pfund werden Sie in Stand ſetzen, zu leben, wie Sie es ſeither gewohnt geweſen ſind. Glauben Sie einem alten Manne, wenn er Ihnen ſagt, daß Ihnen eine größere Summe eine Laſt ſein würde.“ „Zwanzigtauſend⸗Pfund.“ „Ja. Dieſe werden Ihnen eine Jahresrente von etwa ſechshundert Pfund einbringen. Glauben Sie meinem Worte, das iſt vollkommen genug. Sie werden ſich damit Ihren Brougham und allen dergleichen Luxus verſchaffen können. Glauben Sie mir, daß Sie mit mehr Gelde nicht ſo glücklich ſein wükden.“ 22 Mehr!“ ſagte Mary ruhig.„Mylord, hören Sie mich an, hören Sie, was Sie gethan haben. Wenn die Kinder zu Bette gebracht ſind, da ſitze ich und nähe und ſinge, und wenn ſie eingeſchlafen ſind, ſitze ich und nähe und ſinge. Dann baue ich meine Luftſchlöſſer; doch der höchſte Thurm derſelben iſt nie höher geſtiegen, als bis zu Folgendem:— daß ich in meinem hohen Alter zehn Schil⸗ linge die Woche haben möchte, die mir irgend Jemand ver⸗ macht hätte, und mir einen Canarienvogel halten könnte. Und jetzt— jetzt. Ol ich werde mich ſogleich beruhigen. Reden Sie einen Augenblick nicht zu mir. Gott iſt ſehr gut.“ Ich hoffe, Lord Saltire erquickt ſich an ſeiner Priſe. Jedenfalls hatte er es verdient. Nach einer Pauſe fuhr Mary fort: „Habe ich auf Sie den Eindruck gemacht, als ob ich egoiſtiſch wäre? Faſt muß ich es fürchten. Nicht wahr? Ich habe Sie um eine Gunſt zu bitten. Wollen Sie mir dieſelbe gewähren?“ „Ganz gewiß.“ „Auf Ehre, Mylord?“ „Auf Ehre.“ „Verringern Sie die Summe, die Sie ausgeſprochen haben, um ein Viertheil. Ich habe Sie an Ihr Ehrenwort gebunden. O, machen Sie mich nicht zu einer reichen Erbin; ich tauge nicht dazu.“ Lord Saltire ſagte:„Bah! Wenn Sie noch ein Wort ſagen, vermache ich Ihnen noch zehntauſend Pfund mehr. Der Henker hol' meine Ehre; ſchwatzen Sie nicht.“ „Sie ſagten, Sie würden ſogleich rühig werden“, nahm 2 er nach einer kleinen Pauſe wieder auf.„Sind Sie jetzt ruhig?“ „Ja, Mylord. Ruhig und glücklich.“ „Sind Sie froh, daß ich im Finſtern mit Ihnen ge⸗ ſprochen habe?“ „Sie werden ſogleich noch zufriedener damit ſein. Iſt Charles Ravenshoe Ihnen ganz daſſelbe, was andere Männer Ihnen ſind?“ „Nein“, ſagte Mary;„das iſt er ganz entſchieden nicht. Ihnen hätte ich dieſe Frage im hellſten Sonnenlichte beantworten können.“ „Hum!“ ſagte Lord Saltire.„Ich wollte, ich könnte Sie und ihn ruhig und glücklich verheirathet ſehen, wiſſen Sie das? Ich hoffe, daß ich mich deutlich genug ausdrücke. Wo nicht, ſo haben Sie vielleicht die Güte, mir's zu ſagen, und ich werde mir Mühe geben, mich klarer zu faſſen.“ „Nein; ich verſtehe Sie. Werden aber Sie mich ver⸗ ſtehen, wenn ich Ihnen ſage, daß dies völlig außer Frage iſt.“ „Das habe ich gefürchtet. Ihr ſeid ein Paar Ein⸗ faltspinſel. Meine liebe Tochter(Sie müſſen mir ge⸗ ſtatten, Sie ſo zu nennen), erwägen Sie den Möglichkeits⸗ fall wohl, den ich im Finſtern angedeutet habe. Ich weiß, daß man einen Mann nur zu empfehlen braucht, wenn man wünſcht, daß er verworfen werden ſoll; ich ſage deshalb nur, daß John Marſton Sie von ganzem Herzen und aus ganzer Seele liebt, und daß auch er einer meiner pro— tégés iſt.“ „Ich ſpreche mit Ihnen, wie ich mit meinem eigenen 24 Vater ſprechen würde. John Marſton trug mir am letzten Weihnachten ſeine Hand an, und ich ſchlug ſie aus.“ „O, ja. Ich habe Dies noch an demſelben Abende er⸗ fahren. Es war an dem Abende, wo ſie auf ihrem Fiſch⸗ zuge faſt ertrunken wären. Dann iſt alſo keine Hoffnung für ihn vorhanden, daß Sie ſich's noch einmal überlegen „Nicht die geringſte“, ſagte Mary.„Mylord, ich will mich niemals verheirathen.“ „Ich habe Sie doch nicht betrübt?“ „Gewiß nicht. Sie haben das Recht, ſolchergeſtalt mit mir zu reden. Auch bin ich kein albernes Kind mehr, das von dergleichen Dingen nicht ohne Affectation ſprechen kann. Aber ich will mich wirklich niemals verheirathen. Ich will eine alte Jungfer werden, will Romane ſchreiben, oder etwas Aehnliches unternehmen. Ich will ſelbſt den Kapitän Archer nicht heirathen, wie einleuchtend er's auch dar⸗ ſtellen mag.“ „Kapitän Archer! Wer, in aller Welt, iſt Kapitän Archer?“ „Kennen Sie den Kapitän Archer nicht, Mylord?“ ſagte Mary mit einem herzlichen Lachen, das in ein kurzes Schluchzen endete.„„Angezogen da! Hier, Hand gereicht, Kinder, die Segel heraus!« Sie ſollten ſeinen Brief leſen. Er iſt der Mann, der mit mir durch die grauſamen Wellen ſchwamm, als der»Warren Haſtings« unterging. Der iſt's, Lord Saltire.“ Und hier brach die kleine Mary, welche dieſe Unterredung völlig erſchüttert hatte, gänzlich zuſammen und fing an, ſich die Augen auszuweinen. Darauf ſtand ſie auf, um das Zimmer zu verlaſſen, nach⸗ dem ſie Lord Saltire einen Brief in die Hand gegeben ————.——— h hatte. Eröffnete die Thür für ſie.„Meine liebe Mary“, ſagte er,„wenn ich roh oder unhöflich war, ſo müſſen Sie verſuchen, mir zu vergeben.“ „Ihre offenherzige Güte“, erwiderte Mary,„ſetzt uns weniger in Verlegenheit, als die zarteſte Feinheit.“ Damit ging ſie hinaus. Kapitän Archer iſt einer der beſten Menſchen von der Welt. Wenn der Leſer und ich unſere Bekanntſchaft fort⸗ ſetzen, ſo wird Erſterer noch mehr von ihm erfahren, als ihm„Ravenshoe“ ſchon von dem Manne erzählt hat. In ſeiner perſönlichen Erſcheinung war Mr. Archer vielleicht der großartigſte und ſchönſte Menſch, den man jemals ge⸗ ſehen hat. Er war ſanft, zuvorkommend und höflich. Kurz, das beſte Modell, das mir nur von der vorzüglichſten Klaſſe von Seeleuten vorgekommen iſt. Von Geburt ein Gentleman, hatte er ſtets Sorge getragen, ſich auch in ſeinen Manieren zu einem ſolchen zu bilden. Weder aus ſeiner Kleidung, die ſtets von der gewiſſenhafteſten Sauberkeit war, noch aus ſeiner Unterhaltung konnte man errathen, daß er ein Seemann war, allenfalls nur in einem ſehr ausgewählten Kreiſe von Bekannten, wo er dann, wenn er wußte, daß er damit ergötzte, ellenweiſe„Salzwaſſer“ ſchwatzte. Seine Gründe zu dem folgenden Briefe an Marh waren die Ueberzeugung, er würde ſie damit beluſtigen, und der Wunſch, ſie lachen zu machen. Lord Saltire erklärte ihn im Geiſte für einen verrückten Schiffer und für weiter nichts. Man wird ſehen, daß der gute Archer ſeine Ge⸗ danken ſo dunkel ausgedrückt hatte, daß Mary daraus ent⸗ nehmen mußte, er mache ihr einen Heirathsantrag. Er habe die Fahrt von Port Philipp, ſagte er, endlich einmal in vierundſechzig Tagen gemacht, weil einer ſeiner jungen Herren(die Midſhipmen auf dem Kauffarteiſchiffe) in Flinders⸗Lane eine ſchwarze Katze geſtohlen und dieſelbe mit an Bord gebracht hätte. Dann habe er bei Leuwin den Weſtwind gefangen und ihn bis zum 62. Grade mit⸗ genommen, und als er um Kap Horn herumgekommen, ſei er dort, auf Verabredung, mit einem Eisberge zuſam⸗ mengeſtoßen, deſſen äußerſte ſcharfe Kante er ihm abge⸗ ſchnitten und bis weit hinter die Auroras mitgeſchleppt. Während deſſen habe der Wind ſo fürchterlich geblaſen, daß er Tag und Nacht drei Midſhipmen bei ſich auf dem Verdeck behalten mußte, damit dieſe ihm das Haar auf dem Kopfe feſthielten. Daß er, dem Südpole zu nahe geſteuert, es nothwendig befunden, umzulegen, was er mit Erfolg ausgeführt habe, indem er einen ſeiner„Vatermörder“ an's vordere Luftakelwerk gebunden. Und ſo weiter, einen langen abgeſchmackten Bericht über ſeine ganze Reiſe, offen⸗ bar in der Abſicht, ſie lachen zu machen. Endlich ſchloß er folgendermaßen: „Und jetzt, meine liebe Mary, werde ich Dich ſehr überraſchen. Ich fange an, reich zu werden und denke daran, mich zu verheirathen. Haſt Du je an Etwas der Art gedacht? Deine jetzige Abhängigkeit muß ſehr unan⸗ genehm ſein. Ich rathe Dir, Dich mit dem Gedanken an eine glücklichere, freiere Lebensweiſe vertraut zu machen. Ich will mich näher erklären, wenn ich zu Dir komme. Ich werde Dir vielerlei zu erzählen haben, was Dich in Erſtaunen ſetzen wird; aber Du weißt, daß ich Dich liebe, und nur auf Dein Glück bedacht bin. Wenn der erſte Schmerz über das Scheiden aus alten Beziehungen vor⸗ —— 27 über iſt, ſo wird einem ſo ruhigen Gemüthe, wie dem Deinigen, das neue Leben bald erträglich und dann glück⸗ lich. Eine Vergangenheit iſt bald geſchaffen. Ueberlege Dir, was ich hier ſage, bis ich zu Dir komme. Deine Zukunft, meine Liebe, ſieht nicht ſehr glänzend aus. Sie iſt eine Quelle großer Sorge für mich, der ich Dich ſo auf⸗ richtig liebe,— Du weißt nicht, wie aufrichtig.“ Ich frage jede junge Dame, ob die arme Marh zu tadeln war, wenn ſie glaubte, der gute, faſelige alte Archer wolle ihr einen Heirathsantrag machen? Sollte der Ur⸗ theilsſpruch gegen Mary ausfallen und dahin gehen, daß in dem obigen Briefe nichts zu einer ſolchen Annahme berechtige, ſo kann ich nur ſagen, daß Lord Saltire gerade ſo dachte, wie ich und wie ſie, und den Brief als den Vor⸗ läufer eines förmlichen Antrages betrachtete. Archer's Beſtürzung, als wir ihm ſpäter dies eröffneten, gewährte einen entzückenden Anblick. Seine Frau wurde von der Sache unterrichtet, durch Jemanden, den ich nicht namhaft machen will, und ich ſelbſt habe gehört, wie dieſe fröhliche Seele bei kritiſchen Gelegenheiten auf das Nachdrücklichſte von dieſem Quiproquo Gebrauch zu machen wußte. Ehe aber Kapitän Archer kam, langte aus Varna ein Brief von William an, der meldete, daß Charles an der Cholera geſtorben war. Es gibt in dieſem Buche ſchon genug, ja mehr als genug, traurige Scenen, und ach! es ſteht noch eine ſolche in Ausſicht. Darum verſchone ich euch mit einer Schilderung des allgemeinen Jammers, den dieſe Kunde hervorrief, von der wir doch wiſſen, daß ſie falſch war. William folgte dem Briefe faſt auf dem Fuße und zeigte ihnen das Gras, welches er von Charles' Grabe gepflückt hatte. Dies trug dazu bei, ihre Ueber⸗ zeugung von der Wahrheit der Nachricht zu befeſtigen, wie unvernünftig es an ſich auch war. Lord Saltire hatte eine lange und ſtürmiſche Correſpondenz mit dem Haupt⸗ quartiere, die nach Monaten das Ergebniß lieferte, daß kein Menſch mit Namen Charles Horton im 140ſten Re⸗ giment gedient hatte. Das bewies indeß gar nichts; denn Charles konnte unter einem falſchen Namen eingetreten und dennoch einem vertrauten Kameraden unter ſeinem wahren Namen bekannt geweſen ſein. Lord Saltire ſchrieb an General Mainwaring; doch ehe ſein Brief in deſſen Hände gelangte, hatte dasjenige Ereigniß ſtattgefunden, welches es ſelbſt einem Narren leicht machte, an ſeinen Fingern die Zahl Derer herzu⸗ rechnen, die noch vom 140ſten Regimente übrig geblieben ſein konnten. Weder unter den Todten, noch unter den Lebenden das geringſte Zeichen von Charles Ravenshoe. Wie wir Alle wiſſen, wurde General Mainwaring auf Cathcart's Hügel verwundet und kehrte nach Hauſe zurück. Die Nachrichten, die er über die Thaten des 140ſten Re⸗ giments mitbrachte, werden wir noch aus erſter Quelle erfahren. Hinſichtlich Charles' aber kam keine Hoffnung mit ihm. Lord Saltire und General Mainwaring hatten eine lange Zuſammenkunft und eine lange Berathſchlagung. Lord Hainault und der General waren die Zeugen, als der erſtere ſein Teſtament machte. In demſelben waren einige Legate an verſchiedene Diener ausgeſetzt, zwanzig⸗ tauſend Pfund für Miß Corby; zehntauſend für John Marſton; fünfzigtauſend für Lady Ascot; das Uebrige, w b 29 was ſich Alles in Allem auf fünfmalhunderttauſend Pfund belief, war Lord Ascot(unſerm alten Freunde, Lord Wel⸗ ter) und deſſen Erben auf alle Zeiten vermacht. Indeſſen befand ſich im Teſtamente noch eine Clauſel, auf das Vorſichtigſte abgefaßt— und auf das Vorſichtigſte auf jede Art und Weiſe eingehägt und geſchützt, die vom Geſetze nur erdacht oder erkauft werden konnte. Dieſe Clauſel lautete dahin, daß Charles, wenn er doch etwa wieder zum Vorſcheine käme, ein Kapital von achtzigtauſend Pfund erhalten ſollte. 5 Nun beachte man: Lord Ascot wurde von General Mainwaring unterrichtet, daß, nachdem Charles Ra⸗ venshve's Tod als ein Factum anerkannt worden, Lord Saltire ſein Teſtament zu ſeinen, Lord Ascot's, Gunſten gemacht hatte. Ich bitte, daß man ſich dieſes Umſtandes erinnere. Von weiteren Einzelheiten wußte Lord Ascot nichts, ſondern nur, daß das Teſtament zu ſeinen Gunſten lautete. Wenn man dieſen Umſtand nicht im Gedächtniß behalten will, ſo wäre das gerade ſo gut, als wenn gar kein Lord Welter in unſerer Erzählung exiſtirte. Ravenshoe mit ſeinen armſeligen zwölftauſend Pfund jährlicher Einkünfte ſchwand hiergegen faſt auf ein Nichts herab. Dennoch aber dürfen wir es nicht aus den Augen verlieren. Wie wurde Pater Mackworth von Charles' Tode berührt? Ziemlich angenehm. Jetzt konnte das Beſitzthum nicht mehr in proteſtantiſche Hände fallen. William war ein feſter Katholik, wenn auch rebelliſch und widerwärtig. Sollte ihm irgend Etwas zuſtoßen, ei nun, ſo war Ellen noch da. Allerdings hätten die Dinge noch beſſer ſtehen können; allein ſie hatten durch den Tod jenes 30 jungen Bären und das Einſtellen weiterer Nachforſchungen nach dem fatalen Trauſcheine jedenfalls ſchon ſehr ge⸗ wonnen. Und ſo weiter. Wenn es dem Leſer Vergnügen macht, ſeine Zeit daran zu wenden, ſo kann er die ganze Sachlage gründlich durchdenken; Pater Mackworth unter⸗ ließ es. Und ich will euch ſagen, warum. Pater Mackworth hatte einen Anfall von Nervenlähmung gehabt, wie dies oft Leuten begegnet, die ein Leben der Sorge und Auf⸗ regung führen, ohne hinreichend kräftige Nahrung zu ſich zu nehmen, und lag, halb blödſinnig, im Prieſterthurme zu Ravenshve. — Drittes Rapitel. O, ihr flüſternden Wälder von Devna! O, ihr ſchönen ſtillen Sommerabende oberhalb der Seen, wo man weit hinaus auf die weiße Stadt am Meeresgeſtade hinſchaut! Keine Haſenjagd, kein Schildkrötenfang mehr für Dich, mein lieber Charles. Die Verbündeten hatten beſchloſſen, Sebaſtopol zu nehmen und in der Stadt zu überwintern. Jeder ſagte, es ſei ein ſehr langweiliger Ort; doch gab es dort eine Rennbahn und im Hafen die ſchönſte Gelegenheit zum Wettrudern. Die Umgebung der Stadt ſollte ſehr romantiſch ſein, und während des Winters ließen ſich ver⸗ gnügliche Fahrten nach Simpheropol machen, einem ange⸗ nehmeren Orte, als Sebaſtopol, und wo man beſſere Ge⸗ ſellſchaft fand. Bis zum Frühjahre ſollte man ſtill liegen, dann die Armee das Dnieperthal hinauf nach Moskau avanciren, während eine fliegende Colonne dem Laufe des Don folgte, bei Suratow über die Wolga ſetzte und ſo in das Uralgebirge dränge und ſich der Goldminen bemäch⸗ tigte, oder Etwas der Art ausführte; der ganze Plan war ja klar genug entworfen. Man nenne dies nun nicht es post facto-Weisheit, 32 ſondern verſuche, ſich zu erinnern, in welchen wunderbaren Ideen jeder Nichtkrieger in jenem Herbſte über die Projecte unſerer Truppen ſchwärmte. Die Miniſter des Königs von Lernäa hatten keinen ruhmvolleren Feldzug erſonnen als wir.„Ich will“, ſpricht der arme Picrocholus, „gnädig gezen ihn verfahren, will ihm ſein Leben ſchenken — ich will Tempel wieder aufbauen— ich will ihm Caramanien, Syrien und ganz Paläſtina geben.“ „Ha! Sire!“ ſagten ſie,„Ihr ſeid zu gnädig, wir danken Euch.“ Wir haben unſere kleinen Lehren über derartige Ergötzlichkeiten bekommen. In den jetzigen amerikaniſchen Händeln iſt's nicht ſo o geweſen; aber unſere guten Freunde jenſeits des atlantiſchen Oceans ſind ſchlimmer als man zur Zeit des Pogram⸗ Trotzes war. Entweder heben ſie ſich ihre Zeitungen nicht gehörig auf, oder ſie tröſten ſich, indem ſie ſagen, ſie hätten Alles vollbringen können, wenn ſie nur gewollt. Es liegt mir jetzt die Pflicht ob, alle meine geiſtigen Reſſourcen zu erſchöpfen, um Charles' Gemüthsbewegung beim erſten Anblicke von Sebaſtopol zu ſchildern. Eine ſolche Gelegenheit, meinen beſten Styl zu entfalten, darf ich mir doch nicht entſchlüpfen laſſen. O, ich könnte es wunderbar prächtig machen, wenn ich mir ein Exemplar von Ruſſell's»Krieg« kaufte, oder auch nur die Cor⸗ reſpondenz benutzte, die vor mir auf dem Tiſche da liegt! Allein ich denke, man wird mit mir einverſtanden ſein, daß es beſſer iſt, wenn ich das Ding nicht verſuche. Nach Ruſſell dürfte Einer ſchnerlich Luſt verſpüren, mit Dergleichen vor das Publicum zu treten. Balaclava war kein ſo angenehmer Ort, wie Devna es 33 geweſen. Die Stadt war kahl und felſig, Alles in Ver⸗ wirrung, und die Leute ſtarben an der Cholera dahin, wie die Fliegen. Auch begannen die Nächte ſchon kühl zu werden, und Charles träumte jetzt regelmäßig, daß er in ſcharfem Froſtwetter auf dem kahlen Abhange ſchlafe und bittere Kälte im Rückgrate fühle. Und das Sonderbare dabei war, daß er ſtets erwachte, um die Entdeckung zu machen, daß ſein Traum in Erfüllung gegangen war. Anfangs pflegte ihm dieſer Traum nur gegen Morgen zu kommen; aber wie der October fortſchritt, wachte er jede Nacht mehrmals darüber auf, und endlich konnte er faſt gar nicht mehr einſchlafen, aus Furcht, wieder von dieſem Traume gequält zu werden. Hatte er keine anderen Träume? Nein. Keine Träume — nichts als die nämliche, beſtändig gegenwärtige Wirk⸗ lichkeit. Eine dumpfe, peinigende Sehnſucht nach einer ihm auf ewig verlorenen Vergangenheit. Einen bleiernen, tödtlichen Kummer, der ſich in den Wäldern von Devna eine Zeit lang verlor, jetzt aber inmitten der Kälte, der Entbehrungen und Krankheit von Balaclava ihn mit ganzer Gewalt wieder gepackt hatte. Ein reuiges Brüten über Dingen, die nicht mehr zu ändern waren und Dingen, die hätten ſein können. Zuweilen ein verworrener, unklarer Gedankengang darüber, wie viel von dieſem gräßlichen Elende ſeine eigene Schuld und wie viel auf Rechnung des Zufalls zu ſchreiben war. Vor allem aber ein immer ſteigendes Verlangen nach dem Tode, das er bisher nicht gekannt hatte. Und dabei fortwährend drüben über dem Berge das große Geſchütz, das ſein launenhaftes Murren begonnen Kingslev, Ravenshoe. IV. 3 * hatte, mit der erſten Stunde ihrer Ankunft, und oft wieder in Schweigen verhallt war; jetzt aber, wo eine Tranchée nach der andern eröffnet wurde, lauter und anhaltender, dröhnte, bis Einem Hören und Denken verging und die Seele krank wurde von dem ewigen melancholiſchen Donner. Und am Siebenzehnten, um ſechs Uhr Morgens, begann ein ſo hölliſcher Lärm und Spectakel, wie ihn dort noch nie Jemand im Leben gehört hatte, und wuchs und wuchs zu immer furchtbarerem Getöſe bis neun Uhr, ſo daß es dem Ohre unmöglich ſchien, ihn länger zu ertragen. Den⸗ noch verdoppelte er ſich mit einem Male, als der»Monte⸗ bello« und der»Agamemnon« an der Spitze der Flotten hereindampften und ihre Breitſeiten unter die Forts legten. Viertauſend Stück der ſchwerſten Geſchütze der Welt be⸗ arbeiteten, den Berg, und das 140ſte Regiment ſtand vab⸗ geſeſſen« da und horchte. Um zehn Uhr erbebte die Erde, und eine Rauchſäule ſtieg vom Hügel zum Himmel, und als der Qualm regungs⸗ los zu hängen begann, drang der Schall, der ihn begleitet hatte, bis zu ihnen herüber. Er war verſchieden vom Donner der Kanonen. Es war etwas Neues und Furcht⸗ bares. Ein zornig ziſchendes Brüllen. Eine Stunde darauf erfuhren ſie, daß zwanzig Tonnen Schießpulver in den franzöſiſchen Reihen in die Luft geflogen waren. Bald darauf gab es jedoch Arbeit, und zwar reichliche Arbeit. Die Verwundeten wurden nach der Nachhut ge⸗ tragen. Einige von den Reitern mußten abſitzen und wurden zu dieſem Dienſte commandirt. Charles gehörte zu ihnen. die chen an loch äule ngs⸗ leitet vom cht unde in Der Wind hatte ſich noch nicht erhoben, und alles, was Charles ſehen konnte, war ein Thal voller Rauch und Feuer und Getöſe. Er erblickte eben die oberen Segel⸗ ſtangen und den Schlot eines großen Linienſchiffes über dem Qualme zur Linken; gleich darauf aber ſtanden ſie im Feuer, und das entſetzliche Tagewerk begann. Natürlich Tod und Grauen in jeder Geſtalt. Haufen⸗ weiſe lagen die Verwundeten umher. Die Offiziere ver⸗ ſuchten ihre Mienen zu beherrſchen und wie Gentlemen zu ſterben. Alte indiſche Krieger ſtarben grimmig, wie ſie gelebt hatten, und Burſche, die ſich im letzten Jahre an irgend einem unglückſeligen Samſtagsabend vom Pfluge weg hatten anwerben laſſen, ſaßen am Boden und ſtierten mit Blicken des Entſetzens und der Verwunderung um ſich: der traurigſte Anblick von allem. Aber überall, den ganzen Tag hindurch, wo die Kugeln am lauteſten pfiffen, wo die Bomben am dichteſten fielen, mit entblößtem Haupte, die ſchönen Locken vom Blute zuſammengeklebt, die prachtvolle Uniform beſchmutzt von Staub und Schweiß— überall war Hornby, der Dandy, der Geck, der Spieler; er kämpfte für Zehn, ſchleppte die Verwundeten in ſeinen Armen fort, die Sterbenden tröſtend, die Lebenden ermuthigend. „Ich wußte, daß Gutes in ihm war“, ſagte Charles, als er ihm zur Kronenbatterie folgte, im Augenblicke ge⸗ rade dem ſchlimmſten Poſten, den ſie ſich hätten ausſuchen können; denn die»Zwölf Apoſtel« hatten angefangen, die Batterie mit glühenden Bomben zu beſchießen und be⸗ reits einen Pulverkaſten in die Luft geſprengt und einige Leute getödtet. Sie waren einem Seeoffiziere begegnet, der nach der Arrisre⸗Garde taumelte, einem Bekannten 6 von Hornby. Er ſagte ihnen, ſein Bruder ſei gefallen und man behauptete, er ſei todt, während er doch nur in Ohnmacht liege. Sie kehrten deshalb mit ihm um. Der Bruder des Offiziers war todt genug, der arme Burſche; doch als Charles und Hornbh ſich über ihn beugten, um ihn zu betrachten, berührten ſich ihre Geſichter. Hornby erkannte ihn nicht. Er war in großer Auf⸗ regung und dachte an Niemanden weniger, als an Charles, und Charles' Schnurrbart hatte ihn ſehr verändert, wie ich ſchon erwähnte. Hätten ſich ihre Angen begegnet, dann glaube ich wol, daß Hornby ihn erkannt haben würde; doch noch ſollte es nicht geſchehen, nicht eher, als am Fünf⸗ undzwanzigſten, und es war erſt der Siebenzehnte. Wenn ihn nur Hornby jetzt erkannt und ſich nur zehn Minuten mit ihm unterhalten hätte, ſo würde Charles Alles erfah⸗ ren haben, was wir über die frühere Heirath ſeines Großvaters wiſſen; und wenn ſolche Unterredung ſtatt⸗ gefunden, dann hätte Charles ſogar mehr gewußt, als alle Anderen, denn Hornby wußte etwas, das er zwar für völlig unwichtig hielt, welches aber von der größten Wich⸗ tigkeit war. Er kannte Ellen's jetzigen Aufenthalt. Aber Charles wandte das Geſicht ab, und ſie erkannten ſich nicht. Der arme Charles ſagte ſpäter, es ſei Alles nur Zufall geweſen, daß„die Sterne in ihrem Kreislaufe gegen Siſera gekämpft hätten.“ Dem iſt indeß nicht ſo. Er wandte ſein Geſicht ab und wich einem Erkennen aus. Er meinte mit ſeinem Ausſpruche nur dies: Als Hornby's Geſicht das ſeinige berührte, und ſie ſich Beide über den Todten hinbeugten, den ſie kaum für todt halten konnten, ſchoſſen die Leute hinter ihnen die große 0 L für roße 37 Lancaſter⸗Kanone ab. Sie hörten, wie die Bombe platzte, piff, piff, piff, piff, und hier und dort Etwas traf. Und ein Mann dicht neben ihnen ſchrie:„Allmächtiger Gott!“ und ein anderer rief:„Jeſus Chriſtus!“ wie die Seeleute in ſolchen fürchterlichen Augenblicken gewohnt ſind, und Beide ſprangen ſie auf. Ueber dem Rauche hing, etwa hundert Fuß hoch in der Luft, Etwas wie ein ungeheurer ſchwarzer Fichtenbaum, und ehe ſie noch Zeit hatten, ſich klar zu machen, was ſich eigentlich zugetragen hatte, erfolgten ein ſo fürchterliches Toſen und eine ſolche Erſchütterung in der Luft, daß ſie auf ihren Füßen taumelten. Eine Bombe der Lancaſter⸗Kanone hatte die große Redoute vor der Redan⸗Mauer in die Luft gefprengt, und jedes ruſſiſche Geſchütz ſtellte ſein Feuer ein. Ueber dem Donner der verbündeten Batterien aber erhob ſich das Hurrahrufen unſerer Leute, das im furchtbaren Baſſe der Kanonen wie der helle Discant von ſpielenden Schulknaben klang. Später meinte Charles, dieſer herrliche Zufall habe ihr Erkennen verhindert. Das iſt jedoch nicht wahr. Er ſelbſt verhinderte es und hatte die Folgen davon zu tragen. Am Fünfundzwanzigſten aber erkannte ihn Hornby auf folgende Weiſe: Am frühen Morgen dieſes Tages ſahen ſie auf dem Hügel zur Rechten ruſſiſche Plänkler, anſcheinend zwecklos, zu ihnen heranſchleichen. Sie frühſtückten und achteten nicht darauf, bis etwa um acht Uhr eine große Menge Cavallerie, ein Regiment nach dem andern, hinter dem Hügel herumkam. Dann blitzende Batterien Artillerie und endlich eine gewaltige Colonne Infanterie, die ihre Reihen zu formiren hegann. Und als Charles etwa fünf 38 oder ſechs ſolcher grauer Bataillone hatte herausſchwenken ſehen, ertönte der Befehl zum Aufſitzen, und ererblickte nichts mehr, ſondern betrachtete die Pferdeſchweife vor ihm. Im ſelben Augenblicke hegannen die Kanonen zu ihrer Rechten ein unregelmäßiges Feuer. Faſt zu gleicher Zeit kam das Commando zum Avan⸗ ciren. Langſam ritten ſie vorwärts. Charles konnte Hornby gerade vor ſich an ſeinem alten Platze bemerken. Sie ritten über die Ebene und den Hügel hinauf und machten auf der Landſtraße Halt. Hier ſaßen ſie eine Weile ruhig auf ihren Pferden, und nur die Begünſtigteren konnten unten zu ihrer Rechten das Schlachtgewühl erken⸗ nen. Die Engländer ſchienen hier ziemlich ſchlecht zu fahren. Etwa anderthalb Stunden wurde hier gehalten. Plötz⸗ lich, noch ehe es irgend Jemand zu erwarten ſchien, eröff⸗ neten einige Kanonen zur Rechten ihr Feuer auf ſie, und zwar in ſolcher Nähe, daß ihnen die Ohren brauſten. Ein Pferd in der Schwadron vor Charles brach aus den Reihen und hätte faſt Hornby niedergerannt. Das Pferd durfte wol davon raſen; denn es trug einen Todten, der in ſeinem letzten Kampfe das Thier am Zügel geriſſen und ihm die Sporen tief in die Weichen gebohrt hatte. Charles begann zu muthmaßen, daß„der Tag endlich angebrochen war.“ Natürlich keine Vorſtellung davon, ob es eine große oder eine kleine Schlacht war; aber er ſah wol, daß das 140 ſte Regiment Arbeit vor ſich hatte. Ich meines⸗ theils habe natürlich nur von dem zu berichten, was Char⸗ les mit eigenen Augen ſah, und was mit der Geſchichte in Verbiudnng ſteht, die ich erzähle. Jener Reiter war der ſ ſ n 39 Einzige, den er fallen ſah, obgleich die Ruſſen der ganzen Brigade an dieſer Stelle ſchwere Verluſte zufügten. Kurz darauf kam der Befehl, die Reihen zu formiren. Als dieſes Manöver ausgeführt war, hatte Charles den Lieutenant Hornby aus dem Geſichte verloren. Er be⸗ dauerte dies und hätte ſehr gern wiſſen mögen, wo der⸗ ſelbe war, um ihm im Nothfalle helfen zu können, wenn ihm Etwas zuſtieße. Doch blieb ihm nicht viel Zeit zum Denken; denn unmittelbar darauf ging es im Galopp vor⸗ wärts. In der Frontreihe waren das 11. Huſaren⸗ und das 13. leichte Dragonerregiment, und in der zweiten das 140ſte*), das 8. Huſaren- und das 4. Dragonerregiment. Soviel vermochte Charles zu erkennen, jetzt, da die Reihen formirt waren. Sie ritten den Hügel hinab, gerade auf die Kanonen zu, und faſt augenblicklich begann die Wirkung ihres Feuers. In Schaaren ſtürzte die Mannſchaft vom 1 und 13. Regimente. Die Leute in der zweiten Reihe, in welcher Charles ſich befand, fielen faſt eben ſo dicht; indeß konnte er dies nicht ſo gut wahrnehmen. Wol vermißte er ſeinen Nebenmann zur Rechten, einen ſeiner Lieblings⸗ tameraden; doch wußte er nicht, daß der arme Burſche von einer Kanonenkugel mittendurch geſchnitten worden war. Er wünſchte, daß er Hornby's wieder anſichtig werden möchte. Es ſchien ihm, als wenn die Sache ernſt zu wer⸗ ) Wenn man ein imaginäres Regiment ſchafft, ſo muß man demſelben wol eine imaginäre Stelle anweiſen Das 17 Dragoner⸗ regiment muß verſuchen, ob es mir vergeben kann. D. Verf. 40 den anfinge. Was noch kommen ſollte,— davon ließ er ſich wenig träumen. Sein Wunſch, Hornby zu ſehen, wurde erfüllt; denn ſie ritten jetzt bergan in ein ſich verengerndes Thal hinein, und es war unmöglich in Reih und Glied nebeneinander zu bleiben. Abermals bildeten ſie Colonne, obgleich bei jedem Schritte, den ſie avancirten, Pferde und Menſchen fielen. Da war Hornby vor ihm und ritt ſo muthig und fröhlich, wie immer einher. Ein ſchöner Leitſtern, um Andere in einen ruhmwürdigen Tod zu führen. Und faſt im ſelben Angenblicke eröffneten die Batterien rechts und links ihr Feuer. Wer dort ſelbſt an dem Kampfe betheiligt war, konnte wenig von Dem erzählen, was ſich in der nächſten Viertelſtunde zutrug. Sie befanden ſich bald unter dem Geſchütze, demſelben Geſchütze, welches ſie von Anfang an beläſtigt hatte, und weiterhin begann auch die Infanterie auf ſie zu feuern. Dann ſcheint eine ziem⸗ liche Verwirrung eingetreten zu ſein. Charles und einige ſeiner Bekannten jagten mehrere ruſſiſche Artilleriſten⸗ein paar Minuten lang um ihre Kanonen herum. Hornby gehörte zu ihnen. Etwa um dieſelbe Zeit erblickte dieſer ſeinen kleinen Freund, den Cornet, der zu Fuße daſtand, und eilte, ihm beizuſtehen. Er fing ein reiterloſes Pferd für ihn ein, und der Cornet beſtieg daſſelbe. Dann erſcholl das Commandowort, Kehrt zu machen; ich weiß nicht, wie dies geſchah, ich habe nichts mit der Sache zu ſchaffen. Als ſie ſich jedoch umwandten, um die gräßliche Hölle zu verlaſſen, ſtieß plötzlich unſer armer Charles einen kurzen, ſcharfen Schrei aus und fiel in ſeinem Sattel auf den Hals ſeines Pferdes vor. N— 41 Es war nichts. Es war blos, als ob ihm zwanizig Zähne zu gleicher Zeit ausgezogen worden wären. In einer Secunde war der Schmerz vorüber; welch' ein Narr er war, ſo darüber aufzuſchreien! Der Schmerz war fort, und noch immer waren ſie im Feuer und Hornby ritt vor ihm. Wie lange? Wie viele Minuten, wie viele Stunden? Charles' linker Arm war faſt erſtarrt; aber es gelang ihm noch, auf eine oder die andere Weiſe ſeine Zügel zu halten, und er ritt aus einer Art wilden Inſtinctes ſchnell hinter Hornby drein. Zwar hatte der Schmerz eine Zeit lang aufgehört; aber jetzt kehrte die Pein wieder, und es war, als ob zehntauſend rothglühende Teufel an ſeinem Fleiſche zwickten und riſſen und jeden Augenblick noch zwanzig⸗ tauſend zu ihrer Hülfe herbeieilten. Seine Freunde waren jetzt wieder neben ihm. Man machte Halt, dann erfolgte eine Attake. Worauf? dachte er einen Moment. Auf Kanonen? Nein. Auf Menſchen diesmal, ruſſiſche Huſaren— und zwar ſehr tapfere Bur⸗ ſchen. Er ſah Hornby im dichteſten Gedränge, wie er ſeinen Säbel blitzend über ſeinem Haupte ſchwang. Er ſelbſt vermochte nur wenig zu thunz; er ritt auf einen Ruſſen zu und warf ihn aus dem Sattel. Er erinnerte ſich, daß er den Mann fallen ſah; ob er ihn aber verwundet hatte oder der Andere nur durch den Anprall ſeines Pferdes herab⸗ ſtürzte, vermag er nicht anzugeben. Ich kann indeß mindeſtens ſo viel ſagen, daß er, was er auch immer that, jedenfalls ſeine Pflicht als tapferer Gentleman erfüllte. Dafür will ich mich verbürgen. Sie ſchlugen die Ruſſen zurück und machten Kehrt. 42 Hierauf wandten ſie ſich noch einmal und warfen jene von Neuem zurück. Endlich ritten ſie von dannen; denn es war hohe Zeit. Charles hatte Hornby aus den Augen ver⸗ loren; ganz zuletzt aber, wo Jemand ſeine Zügel ergriff und ſein Pferd umwandte, gewahrte er, daß ſie ſich wieder ſammelten und ordneten und daß Hornby vor ihm im Sattel wankte. Als das Getöſe der Schlacht allmählich ſchwächer wurde, ſchaute er ſich um, um zu entdecken, wer neben ihm ritt und ihn am rechten Arme feſthielt. Es war der kleine Cornet. Charles wunderte ſich darüber.„Sie ſind arg getroffen, Simpſon“, ſagte der Cornet.„Doch warten Sie nur; halten Sie ſich nur noch eine kleine Weile länger im Sattel; wir werden ſogleich in Sicherheit ſein.“ Charles war bei vollkommen klarem Bewußtſein, und nachdem er dem Cornet gedankt, blickte er nieder und be⸗ merkte, daß ſein linker Arm ſchlaff an ſeiner Seite herab⸗ hing und daß ein Reiter ſeine Zügel hielt. Jetzt ſah er, daß ſie ihn gerettet hatten, und ſelbſt in ſeinen gräßlichen Schmerzen blieb ihm ſeine angeborene liebevolle Höflich⸗ keit. Er wandte ſich rechts und links, um ihnen zu danken. Immer aber hielt er ſeine Blicke auf Hornby geheftet; denn er ſah, daß dieſer tödtlich getroffen war, und es drängte ihn, ein paar Worte mit ihm zu ſprechen, ehe einer von ihnen Beiden ſtürbe. Bald fanden ſie ſich unter engliſchen Geſichtern, und engliſches Jubelgeſchrei begrüßte ihre Rück⸗ kehr. Ihm galt dies indeß nichts. Er heftete ſein Auge, welches ſich zu trüben begann, auf Hornby, und als er ihn vom Sattel in die Arme eines Reiters hinabfallen ſah, ſtieg er ebenfalls vom Pferde und taumelte zu ihm hin. jed un un del be au vor nie i we ne Die Welt ſchien ſich mit ihm um und um zu drehen. Wie ein Blinder tappte er ſich weiter. Es gelang ihm jedoch, Hornby zu finden. Ein Arzt, ganz in Scharlach und Gold, beugte ſich über denſelben und Charles kniete an ſeiner andern Seite nieder und ſchaute dem Sterben⸗ den ins Geſicht. „Kennen Sie mich, Lieutenant?“ frug er mit einer Stimme, die belegt klang wie die eines Betrunkenen; aber er war entſchloſſen, Stand zu halten.„Sie erkennen doch Ihren alten Diener, wie?“ Hornby lächelte, da er ihn erkannte, und ſagte:„Ra⸗ venshoe“ Dann aber lagerte ſich ein bekümmerter Ausdruck auf ſein Geſicht und er ſprach:„Warum hielten Sie ſich vor mir verſteckt? Sie haben dadurch Alles verdorben.“ Er mußte eine Minute lang innehalten; dann aber fuhr S ſi „Nehmen Sie mir das hier vom Halſe ab und bringen Sie es ihr. Sagen Sie ihr, daß Sie mich ſterben ſahen und daß ich unſerm Vertrage treu blieb. Sagen Sie ihr, daß ich meinen Antheil an unſerer Läuterung erfüllte; denn ich folgte der Pflicht bis in den Tod, wie ich ihr ver⸗ ſprochen habe. Sie hat noch ein langes, trauriges Leben der Buße vor ſich, um ihren Antheil an unſerm Ueber⸗ einkommen zu erfüllen. Sagen Sie ihr, ich hätte ge⸗ wünſcht, daß ſie glücklich wäre; doch ich wüßte, daß ſie es nicht ſein könne. Und ſagen Sie ihr auch, wie ich jetzt einſehe, daß es Etwas gibt, das beſſer und wünſchens⸗ werther iſt, als das Glück. Ich weiß nicht genau, was es iſt; aber ich denke mir wol, es iſt Das, was wir Pflicht nennen.“ Hier ſagte der Doctor:„Es geht wieder los, und ich muß mit ihnen fort. Ich kann dem armen lieben Bur⸗ ſchen doch nichts mehr helfen. Nehmen Sie ihm das, wo⸗ von er ſpricht, in meiner Gegenwart vom Halſe ab und laſſen Sie mich gehen.“ Der Arzt that es jedoch ſelbſt. Als der ſteife, enge, goldene Uniformkragen geöffnet, ſchien Hornby etwas leichter zu athmen. Der Arzt fand eine feine goldene Kette, an welcher der Sterbende eine Photographie von Ellen und ein ſchwarzes Kreuz trug. Er übergab dies Charles und ging. Charles redete Hornby nochmals an. Er ſagte:„Wo werde ich ſie finden?“ Hornby ſagte:„Nun doch in Hackney; wußten Sie nicht, daß ſie dort war?“ Und endlich zu allerletzt:„Ra⸗ venshoe, ich hätte Sie lieb gehabt; Sie ſehen ihr ähnlich, lieber Junge. Vergeſſen Sie nicht.“ Doch Charles hörte dies nicht mehr⸗ Sie fanden Hornby todt und kalt, mit dem Kopfe auf CharlesSchooße liegend, und Charles ſah ganz ſo aus wie er, daß ſie ſagten: „Dieſer iſt ebenfalls todt; begraben wir ihn.“ Aber ein geſchickter Arzt, welcher herzukam, ſprach:„Der Mann da iſt nicht todt und wird auch noch nicht ſterben“; und er hatte Recht. Ach, aber wie die Säbel an jenem Herbſtnachmittage tief in's Fleiſch biſſen! Da waren Frauen in Minsk, in Moglef, in Tſchernigof, in Jitemir, in Polimva, deren Männer Huſaren— und Frauen in Taganrog, in Tſcher⸗ kask, in Sarepta, das unterhalb der ſchönen Schiefer⸗ gebirge liegt, deren Männer und Söhne Koſacken waren, = — — 45 — und ſie Alle wurden Witwen an dieſem Tage. Um jenes Tagewerk floſſen die Thränen unter den Schilf⸗ dächern am Don und Lehmhütten des Dnieper. Denn das 17. Ulanenregi ent, die»ſchottiſchen Grauen«, das erſte»Königliche« und das ſechſte Regiment der»Ennis⸗ killenss—»„dieſe furchtbaren rindgenährten Inſu⸗ laner«(wie die»Nordiſche Biene« ſie nannte),— waren über ſie hergefallen, und Volhynien und Hampſhire, Ren⸗ frewſhire und Grodno, Podolien und Fermanagh waren in gemeinſamem Untergange durcheinander gewirrt. Noch jetzt, ſagt man, verläßt die Prinzeſſin Petrowitſch an gewiſſen Tagen ihre Caroſſe und wandert barfuß eine Meile durch den Schnee nach Alexandrowsk, zur Erinnerung an ihren ſchönen blonden jungen Sohn, welchen Hornby bei Balaclava erſchlug. Und ich ſelbſt kenne die Stelle, nach der Lady Allerton zu ihren beiden ſchönen lachenden Knaben pilgerte, die auf dem Hügel der Krim liegen. Doch ach, nicht neben einander! Auf und ab wandert ſie in allen Wettern, über einen gewiſſen Kiespfad, wo der kreidige Bach, nachdem er den Park mit ſeinen eingedämmten Waſſern überſchwemmt, ſchäumend und ſprudelnd über die Steinblöcke ſtürzt und zwiſchen den glattgemähten Raſen⸗ plätzen weiter plätſchert. An dieſer Stelle ſtand ſie, als der zweite Brief ankam. Und dort, ſagt man, wandert ſie, bis Schönheit und Kraft ſie verlaſſen und ihre Glieder ſie nicht mehr tragen wollen. Karlin Karlinoff trieb ſeltſam ausſehende Ziegen auf den Suratow⸗Hügeln auf die Weide, von wo man auf der einen Seite auf die melancholiſche Wolga und auf der andern auf den ſchilfigen Ural herabſieht, als der Koſacken⸗ 46 pulk heimkam und ihr Sohn nicht darunter war. Eliſa Jones hatte eben ihres Mannes Arbeitskittel angezogen und ſteckte Bohnen, als die mühſam über den ſchweren Acker kam und ihr anfter Theilnahme und vielen Thränen die ſchlimme Nachricht brachte. Karlin Karlinoff trieb ihre Ziegen Abends in den Hof, den eine Lehmmauer einſchloß, wenn auch die Rohrdommel im melancholiſchen Sumpfe vielleicht erſchrocken aus dem Schiffe flatterte, als ein Schrei erſcholl, der wilder und jammervoller war, als ihr eigener. Eliſa Jones aber fuhr fort, ihre Bohnen zu ſtecken, obgleich ſie dieſelben mit ihren Thränen begoß. Welch' ein ſeltſamer, wilder Krieg! Der äußerſte Oſten von Europa gegen den äußerſten Weſten. Leute, die kein Wort, keinen Gedanken, keine Gewohnheit, keine Hoffnung gemein hatten, ſahen ſich plötzlich einander gegen⸗ übergeſchleudert, um einander zu bekämpfen und zu tödten und dann ſich zu trennen, nachdem ſie ſich in einem einzigen Jahre des Krieges höher achten gelernt hatten, als in hun⸗ dert Jahren des Friedens. Seit jenem Jahre haben wir Eylau und Borodino begriffen, welche Einigen von uns bis dahin unerklärlich geweſen ſind. Die Franzoſen machten es beſſer als wir, was ſehr ärgerlich war,— denn die Hunde begannen zu kläffen, ſpaniſche Hunde, zum Bei⸗ ſpiel, amerikaniſche Hunde, die niedrigere Sorte franzöſi⸗ ſcher Hunde und die irländiſchen Hunde, welche die ſeltſame Gewohnheit haben, um ſo lauter zu bellen, jemehr ſie aus⸗ gelacht werden, und die jetzt etwa durch Zweihundert unter ſechs Millionen repräſentirt werden, haben harte Zeit da⸗ von. Natürlich bellten ſie lauter, als die Revolution in — mter t da⸗ n in 47 Indien ausbrach. Doch haben ſie jetzt Alle ihren Schwanz zwiſchen den Beinen und werden ihn auch wol da laſſen. Wir haben unſere Lehre gehabt. Wir haben gelernt, daß es wahr iſt, was unſere Väter uns ſagten:— daß wir die mächtigſte Nation auf Erden ſind. Alles dies hat, wie man einſehen wird, mit der Ge⸗ ſchichte zu thun, die ich hier erzähle. Nun ja, gewiſſer⸗ maßen. Obgleich ich nicht genau angeben kann, in welcher Weiſe. Ich könnte wol einen Grund dafür finden, wenn man mir Zeit ließe. Ja, wenn man mir Zeit ließe, würde ich für Alles in der Welt einen Grund auftreiben. In⸗ deſſen iſt das Endreſultat folgendes: Unſer armer Charles war von einer Kugel in den Arm getroffen worden, welche die Splitter des Knochens in's Fleiſch getrieben, wenn auch den Arm nicht gebrochen hatte. Es war eine garſtige Wunde, wie die Aerzte ſagten. Alles Mögliche konnte daraus entſtehen. Eines war jedoch ganz gewiß: nämlich daß Charles Ravenshoe's militäriſche Laufbahn auf immer ihr Ende erreicht hatte. —.— Piertes Rapitel. Seit dem Datum in Kapitän Archer's Briefe waren ſechs Wochen vergangen, ehe er ſich perſönlich in Caſterton zeigte. Es waren dies traurige Wochen für Mary, Lord Saltire und L Lady Ascot geweſen. Lady Ascot blieb auf Lord und Lady Hainault's ernſtlichen Wunſch noch immer in Caſterton, wie wenn zu dauerndem Aufenthalte, und zwar blieb ſie um ſo bereitwilliger, als ſie jetzt mit Mary um Charles Ravenshoe weinen konnte, den ſie niemals wiederſehen ſollten. Dem Anſcheine nach hatte die Anzeige rückſichtlich der„frühern Heirath“ gänzlich Fiasco ge⸗ macht. Keine einzige von den vielen Annoncen, in wie verzweifeltem Style ſie auch abgefaßt waren, hatte den ge⸗ wünſchten Dorfküſter heraufzubeſchwören vermocht, und Lady Ascot gab die Sache verloren, nachdem ſie noch den großartigen Plan in Vorſchlag cht hatte, daß ſie per⸗ ſönlich in jedem Kirchenregiſter der vereinigten drei König⸗ reiche ſe wollte, wofür ſie von Lord Saltire ver⸗ höhnt wurde. Dieſer ſelbſt wurde unſicher und unruhig, und dachte nochmals, ob ſich Maria am Ende doch nicht irre. Mackworth war noch immer ſehr krank, obgleich er de bit aren rton Lord auf er und karh mals ſeige ge⸗ e 49 ſich allmählich erholte. Der jüngere Tiernay, welcher ſeine Pflege übernommen hatte, berichtete, daß das Gedächtniß des Kranken völlig verſchwunden ſei, daß dieſer aber jetzt eine wahre Gefräßigkeit entwickele und ſich auch, wenn dazu ermuntert, wieder in freier Luft bewege. In ſtumpfem Schweigen pflegte dann Mackworth weite und ſchnelle Wanderungen zu machen, während der gute Prieſter mit ihm Schritt zu halten trachtete. Immer aber führten ihn ſeine eigenſinnigen Füße an die nämliche Stelle. Ob ſie im Parkumherſtreiften, ob ſie die Granitfelſen auf der Haide er⸗ klommen, oder ob ſie längs dem Fluſſe durch das Holz gingen, — ſtets endete ihr Spaziergang an demſelben Orte, bei dem Waſſertümpel unter dem dunklen weſtlichen Vorge⸗ birge, wo Cuthbert's Leichnam gefunden worden war. Hier pflegte ſich der Prieſter niederzuſetzen und auf die See hinauszuſchauen, wie wenn auf dieſem Platze ſein Leben und ſein Verſtand zum Stillſtand gekommen wäre und er geduldig wartete, bis ihm von dorther wieder ein Lichtſtrahl aufgehen würde. William war in Ravenshoe im vollen Beſitze der Güter. Als der Sohn eines Wildhüters auf die Welt gekommen und als Reitknecht erzogen, hatte er jetzt eine Rente von 10,000 Pfund das Jahr und ſtand iim Begriffe, die Fiſcherstochter, ſeine alte Liebe, zu hei⸗ rathen, ein ſo hübſches, ſo liebliches Mädchen, wie es nur eines in den drei Königreichen gab. Das war eine von den außerordentlichſten Erhebungen im Leben, von denen man je gehört hatte. Jugend, Geſundheit und Reich⸗ thum,— das Alles vereint mußte glücklich machen. Aber nein, in dieſem Falle doch nicht ganz. William glaubte, Kingsley, Ravenshoe. IV. 3 4 50 daß Charles todt ſei, und wußte, daß in dieſem Falle die Güter ihm gehörten; aber er war nicht glücklich. Er konnte nicht aufhören, an Charles zu denken. Natürlich wußte er, daß er todt und begraben war, und dennoch konnte er den Wunſch nicht erſticken, daß Charles zurückkommen und Alles wieder ſo ſein möge, wie es früher geweſen war. Die Gedankengänge und den Gemüthszuſtand eines Mannes zu analyſiren, welcher eine Erziehung gehabt hat, wie William, iſt nicht eben leicht. Nehmen wir an, daß ſein Geiſt, nachdem er einmal gelernt hatte, Charles über Alles zu lieben und zu bewundern, nicht ſtark genug war, um ſich dieſer Illuſion zu entſchlagen. Ich kann mir denken, daß der Afrikaner ſeinen Fetiſch lieb gewinnt. Ich bilde mir ein, wenn man ihm in der Nacht ſein greuliches, hölzernes altes Götzenbild raubte, das vielleicht ſehr ſchlecht geſchnitzt und dazu von der Sonnenglut geborſten iſt, und an die Stelle deſſelben eine Schäferin vom ſchönſten Meißener Porzellan aufſtellte,— er würde doch den Verluſt ſeines Ungeheuers bejammern und das feine, ſeine fünfzig Gui⸗ neen werthe Porzellanweſen wahrſcheinlich mit ſeiner Keule zertrümmern. Beſtimmt weiß ich ſoviel, daß William gern ſeine 10,000 Pfund jährlicher Einkünfte aufgegeben und Charles' Großmuth vertraut haben würde, wenn er dieſen nur hätte wieder daheim ſehen können. An wenig civiliſirten entlegenen Orten, wie es der Weſten von Devonſhire iſt, hat ſich das alte feudale Gefühl zwiſchen Milchbrüdern noch in einer lächerlichen Kraft erhalten. Es iſt natürlich ſehr lächerlich. Wol kann nichts lächerlicher und unnöthiger ſein, als wenn der Blitz in den Schornſtein hinabfährt und die Feuerzangen, Schaufeln, Schüreiſen u. ſ. w. im Eß⸗ zim nun eben gela Bri bis Sch dam tro Kü als ſeh wer pfat ſein ſchl dar keh in 51 zimmer der Katze um die Ohren tanzen läßt; aber er iſt nun einmal da und man muß die Sachen nehmen, wie ſie eben ſind. Wir ſind jetzt ziemlich am Ende der ſechs Wochen an⸗ gelangt, welche zwiſchen Kapitän Archer's geheimnißvollem Briefe und ſeiner Ankunft vergingen. Er verſchob letztere, bis ſein Honigmonat abgelaufen war. Sein räthſelhaftes Schreiben an Mary bezog ſich nämlich zum Theil auf ſeine damals nahe bevorſtehende Vermählung mit Jane Blocks⸗ trop— einer Tochter von Lieutenant Blockstrop von der Küſtenwache und Nichte des Contreadmirals Blockstrop, der als Kapitän den„Tartar“ auf der auſtraliſchen Station be⸗ fehligte— zum Theil aber auf noch etwas Anderes. Wir werden bald ſehen, was dies war. Denn als Marh in's Em⸗ pfangszimmer hinunterkam, um ihn zu begrüßen, war, außer ſeiner Gemahlin, welche er ihr augenblicklich vorſtellte, ein ſchlanker, hochgewachſener, ſchöner, junger Mann bei ihm, den er ihr als ihren Vettgr, George Corby, vorſtellte. Ob Charles ſich wol in Scutari auf ſeinem Lager um⸗ kehrte? Wandte er ſich wol um und betrachtete den Mann in dem Bette nebenan, der ſo todtſtill dalag und, als Charles am nächſten Morgen aufwachte, fort war? George Corby's Erſcheinen hatte durchaus nichts Ge⸗ heimnißvolles. Als Mary's Vater, Hauptmann Corby, nach Indien gegangen, war deſſen jüngerer Bruder, George's Vater, nach Auſtralien ausgewandert. Dieſer jüngere Bruder war ein etwas reizbarer, egoiſtiſcher Mann und ſtand mit dem Hauptmanne auf keinem ſehr freundſchaft⸗ lichen Fuße. Natürlich hörte er vom Untergange des „Warren⸗Haſtings“ und vom Tode ſeines Bruders. Auch 52 erfuhr er, daß ſeine Nichte gerettet und der protegirte Lieb⸗ ling der Ravenshoes ſei. Er ſprach darauf zu ſich ſelber: „Ich bin kein reicher Mann. Ich habe eine heranwachſende Familie. Mary hat es dort beſſer, als ich es ihr hier bieten kann. Mag ſie dort bleiben.“ Und ſo ließ er ſie dort ber⸗ bleiben, hielt ſich jedoch, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, ſtets von ihrer Lage genau unterrichtet. Zu Ende des Jahres 1852 hatte er in Melbourne den Kapitän Archer kennen gelernt, der damals zum erſten Male dieſe Fahrt machte; ihm die ganze Sache vorgelegt und ihn ge⸗ beten, ihr für jetzt nichts davon zu ſagen. Kapitän Archer hatte dies bereitwillig verſprochen; denn er betrachtete Maryh als die Dame eines großen Hauſes mit jeder Aus⸗ ſicht, den Erben deſſelben zu heirathen. Da er ſie aber nach jener Kataſtrophe als Bonne in Grosvenor Square wiederſah, fühlte er, wie es ſeine Pflicht ſei, zu reden, und verließ den Hafen von London, feſt entſchloſſen, ihrem Onkel ein Bißchen ſeine Meinung zu ſagen, wenn dieſer zögern ſollte, die Nichte anzuerkennen. Doch bedurfte er nicht vieler Worte. Mr. Corby war zwar ein Egoiſt, aber ein gutherziger Mann. Ueberdies war er jetzt ſehr reich und völlig in der Lage, für ſeine Nichte zu ſorgen. Als daher Archer ſeinen Bericht geendet hatte, ſagte er blos:„Vielleicht iſt es am gerathenſten, wenn ich George hinüberſchicke,— da mag er ſehen, ob er ſich nicht in ſie verlieben kann. So wird es am beſten ſein, denke ich. Sie braucht nicht bei jenen vornehmen Hochnaſen Gouvernante zu bleiben. Sie könnten ſie vernachläſſigen oder beleidigen. Nehmen Sie George mit hinüber, mein lieber Junge, wollen Sie? und ſehen Sie, wie die Sache am Paſſendſten zu machen iſt. 53 Jedenfalls bringen Sie mir Mary mit. Vielleicht habe ich nicht meine Pflicht an ihr gethan.“ George erhielt einen Ruf, aus dem Schaukelſtuhle in der Veranda hereinzukommen und ſeine Inſtructionen in Empfang zu nehmen. Er ſolle, ſagte ihm ſein Vater, mit Kapitän Archer nach Europa fahren, und, da Kapitän Archer eine Fahrt ausſetzen werde, um ſich zu verheirathen, ſo könne er drüben bleiben, bis dieſer zurückkehrte. Erſtens und vor Allem habe er die Empfehlungsbriefe abzugeben, mit denen ihn ſein Vater an die guten Häuſer verſehen würde, die ihm zu Gebote ſtanden. Unter dieſe Rubrik ge⸗ hörte auch der Befehl, möglichſt viele Bälle und Fuchs⸗ jagden mitzumachen, wobei er ſich jedoch in Acht zu nehmen habe, den Hunden nicht zu nahe zu kommen und nicht wahnſinnig über Hecken, Mauern und Gräben zu ſprengen, wie's alle Auſtralier machten. Zweitens habe er ſich wo möglich in ſeine Couſine, Mary Corby, zu verlieben, ſie zu heirathen, mit zurückzubringen und pro tempore mit ihr auf Toorolvoralyballycoomefooyleah zu wohnen, welche Station für ſeinen Empfang gereinigt und hergerichtet werden ſolle, bis die neuen Häuſer am Juggerugahugjug⸗ Kreuzwege fertig wären. Drittens könne er zu den ſächſi⸗ ſchen Schafbockmärkten fahren, und falls er etwas Ver⸗ nünftiges dort fände, es kaufen; jedoch ſolle er ſich vor den roſenrothen Ohren hüten, da dieſe den Froſt in den Gram⸗ pians nicht aushielten. Viertens ſolle er nicht rauchen, ohne ſeinen Rock zu wechſeln, und nicht den Zucker eſſen, wenn es Jemand ſehen könne. Fünftens ſolle er ſich nach einem Zuchtpferde umſehen und dürfe dafür bis auf fünfhundert Pfund gehen. Und ſo weiter, etwa wie die Inſtructionen 54 des Hofkriegsrathes an einen Erzherzog Er brauche zwar deshalb nicht ausdrücklich nach Durham zu fahren, wenn er aber zufällig jene Gegend beſuchte, ſo möchte er dort einen kurzhörnigen Stier kaufen. Nach Schottland zu reiſen, ſei nicht nöthig, außer, wenn er ſelber Luſt dazu hätte ac. George beſuchte die Bockauction in Sachſen und ging dann gleich noch bis Wien. Mit echt auſtraliſcher Philo⸗ ſophie dachte er nämlich, wenn er ſich wirklich in ſeine Cou⸗ ſine verliebte, ſo würde er ſie ſpäter vielleicht nicht gern mehr verlaſſen, und darum möchte ſie nur warten, bis er ſich erſt ein wenig umgeſchaut hätte. Indeſſen, als Ar⸗ cher's Honigmonat abgelaufen war, kam er doch, und fin⸗ den wir ihn jetzt im Geſellſchaftszimmer zu Caſterton. Mary war nicht ſehr überraſcht, als ſie Alles erfuhr. Oft hatte ſie in früherer Zeit zu Charles geſagt:„Ich weiß, daß ich irgendwo Verwandte habe; wenn ich reich geworden bin, werden ſie mich ſchon anerkennen“, und einen kurzen Augenblick kam ihr der Gedanke, daß ihre Ver⸗ wandten von dem Vermögen gehört haben möchten, das ihr Lord Saltire vermacht hatte. Allein das war ungerecht und unmöglich, und ſie fühlte es in der nächſten Secunde. Vielleicht machte das Bewußtſein dieſer ihrer Ungerechtig⸗ keit, daß ſie ihren Vetter etwas wärmer empfing, als es ſonſt wol der Fall geweſen ſein dürfte. Entſchieden war er ſehr ſchön und ſehr angenehm. Er war von ſeinem Vater zu dem ſorgſamſten Dandy der ſüd— lichen Hemiſphäre herangebildet worden und von früheſter Kindheit an nur mit der beſten Geſellſchaft der Colonie in Berührung gekommen; daher war er vollkommen be⸗ fähigt, ſich überall zu Hauſe zu fühlen. Hatte man in ſeinem 55 Benehmen überhaupt etwas zu tadeln, ſo war es die be⸗ 6 gueme Nachläſſigkeit, welcher er ſich in der Geſellſchaft von 2 Damen hingab. Man hat dies indeſſen in neuerer Zeit ut auch bei noch anderen jungen Leuten geſehen, die nicht 6 im»Buſch« aufgewachſen ſind; darum dürfen wir nicht . zu ſtreng gegen ihn ſein. Als Lady Hainault und Lady 1 Ascot hörten, daß ein Vetter von Mary aus den auſtra⸗ 3 liſchen Wildniſſen angelangt ſei, ſchauten ſie einander mit Staunen an und meinten Beide, es müſſe ein Wilder ſein. Nachdem ſie ſich jedoch eine Stunde mit ihm unterhalten 6 hatten, erklärten ſie ihn für charmant. Und dies war er. Als Lord Hainault die Wunderkunde zu Ohren kam, konnte er nicht weniger thun, als ihn einladen, ein paar Tage bei ihm zu bleiben. Man ſchaffte alſo ſein Gepäck aus Twyford herüber, und der gute Archer reiſte ab und ließ ihn vim Beſitze« zurück. ch Lord Saltire hatte auf allen ſeinen Gütern die Runde n gemacht. Vor etwa einem Monate hatte er ſich nämlich die r⸗ Grille in den Kopf geſetzt, daß es Zeit für ihn ſei, ſich nach hr einem ſeiner großen Häuſer zu begeben, um dort zu ſterben. ht Er erklärte dies Lady Ascot und rieth ihr, mit ihm zu kom⸗ men; aber ſie klammerte ſich noch immer an Mary und Lord Charles Herries' Kinder und ſagte: ſie wolle noch warten. 8 Und ſo war er abgereiſt, ohne eine andere Begleitung als die ſeines vertrauten Dieners. Zuerſt war er nach Cot⸗ r tingdean gegangen, welches ſich am Ufer der Wannet am Fuße der Gebirge von Nord⸗Hampſhire erhebt. * Nun ja, Cottingdean ſah in der That auf den erſten Blick wie eine ſtattliche Höhle aus, in welcher der alte Löwe ſich verkriechen und ſterben könnte. Es hatte eine 56 breite, meilenlange Ulmenallee, die, aller Oekonomie zum Hohne, über das flache Thal und unzählige Arme des Fluſſes und ſchließlich den erſten größten Rücken des Kalk⸗ hügels hinauflief. Ueber den oberſten Zweigen der im Thale ſtehenden Bäume aber, über dem höchſten Gipfel der höchſten Pappel auf der Waſſerwieſe, ſchwebte oben das alte graue Haus mit ſeiner langen, unregelmäßigen ſtei⸗ nernen Fagade. Dahinter ſtand dann dunkles Holz, und über Allem ſtrich ein perlengrüner Dünenzug. Aber in Cottingdean ging's nicht. Sr. Lordſchaft Kammerdiener, Simſon, hatte von Anfang an gewußt, daß es hier nicht gehen würde. Cottingdean war ein zugiger Ort, und in der Nacht krachten allerlei Thüren und die Rüſtungen in der langen Galerie klapperten zu allen mög⸗ lichen Stunden auf das Greulichſte. Und die Ahnfrau aus dem ſiebenzehnten Jahrhunderte, die ihren Kopf auf einem Suppenteller vor ſich hertrug, pflegte jede Nacht von zwölf bis ein Uhr treppauf treppab zu wandern, wo ſie dann auf das Pünktlichſte von dem ſchändlichen, alten Ahnen aus dem ſechzehnten Jahrhunderte abgelöſt wurde, welcher die Kellerthür öffnete und mit dem blanken Schwerte, das er über das ganze Geländer klirren ließ, die Treppe hin⸗ aufſtürmte, bis er an den nordöſtlichen Thurm gelangte, in den er hineinraſte und darauf die Thür hinter ſich zuſchlug. Wenn er hier mit ſeinen Geſchäften fertig war, kam er wieder heruntergepoltert, bis er ſeinerſeits von einem gemeinen Ge⸗ ſpenſte zur Ruhe gebracht wurde, welches bis zum Hah⸗ nenſchrei umherwanderte. Simpſon konnte dies nicht ver⸗ tragen. Und Lord Saltire konnte es nicht vertragen, obgleich vielleicht ſeine Gründe nicht Simpſon's Gründe waren. n — — 7 O Am erſten Abende ihrer Ankunft in Cottingdean ließ Lord Saltire ſein Schreibpult auspacken und nahm einen verroſteten Schlüſſel aus demſelben heraus. Dann ſagte er zu Simpſon:„Sie wiſſen, wohin ich gehe, Simpſon; wenn ich in einer halben Stunde nicht wieder hier bin, ſo kommen Sie mir nach.“ Simpſon wußte, wohin er ging. Lord Barkham hatte kurz vorher, ehe er ſich nach London begab, um ſich in jenem unglücklichen Duell tödten zu laſſen, hier in Cottingdean verweilt. Die alten Diener erinnerten ſich, daß Lord Barkham, als er an jenem Morgen abgereiſt war, den Schlüſſel zu ſeinem Zimmer mitgenommen und in ſeiner fröhlichen Weiſe geſagt hatte, daß Niemand daſſelbe betreten dürfe, bis er in der nächſten Woche zurückkäme; denn er habe alle ſeine Liebesbriefe darin umherliegen laſſen. Lord Saltire hatte den Schlüſſel und ging jetzt, dieſes Gemach nach vierzig Jahren zum erſten Male wie⸗ der zu öffnen. Was fand der arme alte Mann dort? Wahrſcheinlich nichts weiter, als was ſein armer Barkham geſagt hatte: einige auf den Tiſchen verzettelte Liebesbriefe. Als der neue Beſitzer von Cottingdean ſpäter das Zimmer öffnete, ſah er nur ein gewöhnliches Knabenzimmer vor ſich, in welchem Angelruthen und Jagdgewehre hingen. In einem Winkel ſtanden ein Paar mit Koth bedeckte Reitſtiefeln, und ein alter Groom erinnerte ſich, daß Lord Barkham am Morgen ſeiner Abreiſe nach London noch vorher ausgeritten war. In allem Staube der vierzig Jahre konnte man deutlich wahrnehmen, daß vor verhältnißmäßig kurzer Zeit Jemand einen Stuhl an den Kamin gerückt hatte, und auf dem kalten Roſte lag ein Haufen Aſche von verbrannten Papieren. —— eeee—————— 58 Lord Saltire kam zu Simpſon zurück, gerade als die halbe Stunde abgelaufen war, und ſagte ihm im Vertrauen, daß in dem Zimmer, in dem er ſoeben geweſen, ein»ver⸗ dammt kalter Luftzug« herrſchte und daß er ſich das Ohr dort erkältet hätte. Alſo ging es nicht in Cottingdean. Am andern Morgen reiſten ſie wieder ab. Es mußte einmal in Marksworth verſucht werden. Marksworth, Lord Saltire's Landſitz im Norden, liegt in Cumberland. Wenn man zwiſchen Hiltonsbridge und Copley auf einem Außenplatze der Poſtkutſche fährt, dann kann man es mehr als drei Meilen weit ſehen, wie es über ſeine Steinmauer ragt. Links die Berge, zur Rechten endloſe, ununterbrochene Wälder, aus denen ſich eine große Maſſe grauer Gebäude erhebt, in deren Mittelpunkte ſich ein neunzig Fuß hoher, viereckiger normanniſcher Wachthurm emporreckt, ſelbſt in jener gebirgigen Gegend meilenweit ſichtbar. Im Parke, der eine Ausdehnung von zwölf(engl.) Meilen hat und faſt durchweg dicht bewaldet iſt, treffen zwei Waldbäche zuſammen. Jenſeit des hohen Thurmes, zwiſchen dieſen und den ferneren Höhen, erblickt man einen funkelnden See. Er heißt Marksmere und ent⸗ hält die ſchönſten Fiſche. In Marksworth zog es noch kälter und ſchärfer, als in Cottingdean. Lord Saltire hatte dieſen Landſitz nie recht leiden mögen; denn die Wahrheit zu berichten, Marks⸗ worth, obgleich es ausſah, als ſtehe es dort bereits ſeit achthundert Jahren, war erſt von ſeinem eigenen Vater von Grund auf neu erbaut worden, als er, Lord Saltire, ſchon ein ganz großer Burſche geweſen. Es war ſehr ſchön, ſehr prachtvoll und maſſiv,— vielleicht der beſte Humbug 3% 59 6 in ganz England; allein ein gemüthlicher Wohnort war es 9 nicht. Einem hochbejahrten Edelmanne des neunzehnten 5 Jahrhunderts wird es ſchwer, ſich's in einem Hauſe be⸗ h haglich zu machen, deſſen Fenſter darauf berechnet ſind, . Pfeilen Widerſtand zu leiſten. Zur Zeit des Eglington⸗ le Tourniers rief Lord Saltire die ganze Torywelt zu den Waffen, um Marksworth im vorſchießpulverlichen Kriegs⸗ gt ſtile anzugreifen, indem Sr. Lordſchaft ſich verpflichtete, die d Belagerer wie die Belagerten zu verproviantiren; wahr⸗ m ſcheinlich hoffte er, daß ihm dabei das Haus über dem et Kopfe in Brand geſteckt und er ſo einen Vorwand ge⸗ en winnen würde, daſſelbe in einem vernünftigeren Stile wie⸗ ne der aufzubauen. Die Herausforderung wurde jedoch nicht te angenommen.„Die Mühe, ſich erſt über die alte Tactik er zu unterrichten“, ſagten gewiſſe Tory⸗Edelleute,„würde d ſehr groß ſein, und die Ausgabe für die Conſtruction n alterthümlicher Kriegswerkzeuge enorm. Ueberdies könnte et es wieder regnen und damit der ganze Spaß zu Waſſer en werden.“ ct Es ging auch nicht in Marksworth. Darauf brachte t⸗ Simpſon Sr. Lordſchaft Stadtwohnung in Curzon⸗Street in Vorſchlag, und Lord Saltire ſagte erſt:„He?“ und dann: in„Ach!“ Und Charles' Glück wollte, daß dem alten Herrn ht der Vorſchlag gefiel und derſelbe ſich wieder dem Süden zu⸗ s⸗ wandte. Auf dem Wege nach London aber machte Lord Sal⸗ eit tire erſteinen Beſuch in Caſterton. Hier langte er einige Tage ter nach George Corby's Ankunft an. Als er aus dem Wagen re, ſtieg, lief Lord Hainault die Stufen hinunter, um ihn zu ön, begrüßen; denn die Beiden hatten einander ſehr lieb. Lord ug Hainault, der von einigen Leuten der Pedanterie geziehen n 60 wurde, war jedenfalls mit Lord Saltire nicht pedantiſch, ſondern entgegenkommend und herzlich. Allerdings umgab Lord Hainault eine gewiſſe leichte Kruſte. Weil er auf der Univerſität unter den geſcheidteren Studenten auf eigenen Füßen geſtanden hatte, hielt er ſich für ein wenig geſcheidter, als er war. Im innerſten Herzen that er ſich mehr auf ſein Nr. 2 zu Gute, als Marſton auf ſein Nr.! cum laude, und verrieth dies vielleicht unter Seines⸗ gleichen. Vor einem anerkannt überlegenen Manne aber, wie Lord Saltire, zeigte ſich keine Spur davon. Wenn Lord Saltire klug und weiſe ſprach(und wer hätte dies je beſſer gekonnt, als er?), ſo hörte er zu; war Lord Saltire mürriſch, ſo lachte er. Diesmal war Lord Saltire mürriſch. Außer gegen Lady Ascot, Lord Hainault und Marſton, war er gegen Niemanden mürriſch. Er wußte, daß dieſe es gern hatten. „Guter Gott, Hainault“, begann er,„ſtehen Sie nicht da und feixen mich an mit Ihrem unausſtehlich geſunden, glücklichen Geſichte, oder ich ſteige wieder ein und fahre gleich nach London. Es gibt nichts Taktloſeres, als in dieſer Weiſe einen Mann zu empfangen, dem man anſieht, daß er ermüdet und verdrießlich iſt. Und außerdem ſind Sie auf der Jagd geweſen. Leugnen Sie es nicht; Sie riechen nach Schießpulver.“ „Sind Sie nie auf die Jagd gegangen?“ ſagte Lord Hainault lachend. „Ich bin ſo lange auf die Jagd gegangen, wie ich über⸗ haupt gehen konnte“, entgegnete Lord Saltire,„und darum iſt meine Bruſt von Neid, Haß und Bosheit gegen alle Die⸗ jenigen erfüllt, die das noch jetzt können. Ich wollte, Sie ——————— 61 wären einmal verdrießlich, Hainault. Es iſt abſcheulich ungebildet von Ihnen, nicht verdrießlich zu werden, wenn Sie ſehen, wie ein Menſch Alles aufbietet, um Sie zu ärgern.“ „Und wie geht's Ihnen, mein lieber Junge?“ fuhr Lord Saltire fort, als er ſich auf den Arm des Andern ſtützte.„Wie geht's Lady Ascot? und was für Beſuch habt ihr im Hauſe?“ „Wir ſind Alle ganz wohl“, erwiderte Lord Hainault, und haben Niemand im Hauſe.“ „So iſt's recht“, ſagte Lord Saltire.„Ich fürchtete ſchon, daß das ganze Haus wie ein Wildpretladen riechen würde, weil Sie wahrſcheinlich das ganze Jägercorps der Nachbarſchaft zum Faſanenſchießen eingeladen hätten. Ich will auf mein Zimmer gehen, mein lieber Junge, und mich umkleiden und dann an's Kaminfeuer im Bibliothek⸗ zimmer hinunterkommen.“ Und dies that er. Als er ſich unten einfand, war Niemand im Zimmer, und mit einem zufriedenen»Hum!« ließ er ſich in einen bequemen Armſtuhl nieder, der vor dem Feuer neben einem großen runden Tiſche ſtand. Die Zeitung hatte er ſchon im Coupé geleſen; deshalb griff er jetzt nach einem Buche, das auf dem Tiſche neben ihm lag— Ruskin's»Maler der Neuzeit«, in dem es Bilder anzu⸗ ſehen gab. Er nahm dann ſeine große goldene Lorgnette hervor und begann in dem Buche zu blättern. Eine Karte fiel heraus. Er hob dieſelbe vom Boden auf und las den Namen»Mr. Charles Ravenshoe.« Der arme Charles! Im vorigen Frühling war er, wie wir wiſſen, herübergekommen, um Adelaide zu beſuchen, und während er wartete, bis er von der alten Lady Hai⸗ nault vorgelaſſen würde, hatte er ſeine Karte in der Hand gehalten, die dann zufällig in das Buch gekommen war. Lord Saltire legte das Werk bei Seite, ſteckte ſeine Lorg⸗ nette ein und trat an's Fenſter. Und Charles lag in Scutari im Bette und beobachtete die Fliegen an der Decke. „Ich will mir die kleine Mary rufen laſſen“, ſagte Lord Saltire;„ich habe Sehnſucht nach meiner Taube. Mein armer Charles!“ Er blickte über die Landſchaft hin. Sie war heute trüb und in Nebel gehüllt. Darauf ſchlenderte er in das Gewächshaus und ſah müßig durch die Glasthür am Ende deſſelben. Mit einem Male rief er plötzlich aus: „O, Sapperment!“ und dann noch lebhafter:„O, zum Henker!“ Der Blumengarten zeigte einen herrlichen Flor von Chryſanthemum; doch dieſer war es nicht, was Lord Saltire jene Exclamationen entlockte. Mitten im Garten ſpazierte Mary Corby am Arme eines ſehr ſchönen jungen Mannes! Dieſer erzählte ihr irgend eine ſehr intereſſante Geſchichte, und ſie blickte mit glänzenden Augen zu ſeinem Geſichte hinauf. „Othello und Desdemona! Tod und Vernichtung!“ ſagte Lord Saltire.„Das iſt eine hübſche Wirthſchaft! Maria muß geradezu wahnſinnig geworden ſein.“ Er kehrte in's Bibliothekzimmer zurück.„Lord Hai⸗ nault“ ſagte er ruhig,„wer iſt der junge Mann, der mit Mary Corby im Garten ſpazieren geht?“ ————— „Ach, ihr Vetter. Ich hatte noch nicht Zeit, Ihnen von ihm zu erzählen.“ Worauf er das Verſäumte nach⸗ holte. „Was für eine Art von Menſch iſt er?“ frug Lord Saltire.„Ein Wilder vermuthlich?“ „Durchaus nicht. Er iſt ein prächtiger Junge— ein vollkommener Gentleman. Ich glaube, es wird eine Partie werden, wenn Sie nicht etwa der Sache Einhalt thun. Dies müſſen Sie am Beſten wiſſen. Wir wollen es über⸗ legen. Mir ſcheint, die Partie bietet manche Vortheile für Mary, und ich denke mir, daß dieſelbe ſich mit der Zeit machen wird. Es iſt am beſten für das arme kleine Weſen, wenn ſie den armen Ravenshoe vergißt.“ „Ja, es wird beſſer für ſie ſein, den armen Ravenshoe zu vergeſſen, wenn ſie kann“, wiederholte Lord Saltire. „Ganz mein Wunſch. Ich muß die Bekanntſchaft des jungen Mannes machen. Beiläufig— wann geht Ihr Poſtbote fort?“ „Um fünf Uhr.“ „Haben Sie keine Morgenpoſt?“ „Doch, wir können vor neun Uhr nach Henley ſchicken.“ „Dann werde ich mich nicht damit quälen, ſchon jetzt meinen Brief zu ſchreiben. Ich möchte dieſen jungen Menſchen kennen lernen, Hainault.“ George Corby wurde vorgeſtellt. Lord Saltire ſchien eine große Zuneigung zu ihm zu faſſen. Er behielt ihn den ganzen Abend an ſeiner Seite und hörte mit großem Vergnügen ſeinen Erzählungen von Auſtralien zu. George Corby fühlte ſich natürlich ſehr geſchmeichelt durch die Aufmerkſamkeit, die ihm ein ſo großer Mann erwies. 64 Vielleicht wäre er lieber an Mary's Seite geweſen; aber alle Leute, dachte er, ſind egoiſtiſch, und es iſt die Pflicht eines Gentleman, ſich ihnen zu fügen. Daher blieb er mit guter Miene bei ihm. Nach einer Weile ſchien Lord Saltire wahrzunehmen, daß er einen intelligenten Zuhörer hatte. Und da waren die Uebrigen erſtaunt, als der alte Herr Saltire Etwas that, deſſen er nur ſelten Einen von ihnen würdigte— er bot ſeine ganze erſtaunliche Unter⸗ haltungsgabe auf, eine Kunſt, die jetzt faſt vergeſſen iſt, die Kunſt zu ſprechen. Für dieſen jungen Mann, der geſcheidt und gebildet war und vielleicht, gleich den meiſten »Squatters«, die kleine Schwäche hatte, gern von vor⸗ nehmen Leuten zu hören, öffnete Lord Saltire das reiche Magazin ſeines Gedächtniſſes, das die Ereigniſſe von ſiebenzig Jahren bewahrte, und theilte ihm in einer klaren, wohlmodulirten Stimme Reminiſcenzen von ſeinen Unterhaltungen mit Leuten wie Siöyes, Talleyrand, Ma⸗ dame de Staöl, Robespierre, Philippe Egalité, Alexander und noch einem Dutzend Anderer mit. George war un⸗ endlich neugierig, Etwas von Marat zu hören. Lord Saltire und ſeine Schnupftabaksdoſe waren nie bis in die Höhle dieſes ſchmuzigen Wolfes gedrungen; doch hatte er von Andern viel über ihn vernommen und erzählte dies ſehr gut. Als die Damen ſich erhoben, um ſich zur Ruhe zu begeben, war George Corby über ſich ſelbſt erſtaunt; er hatte Mary vergeſſen, war den ganzen Abend nicht in ihre Nähe gekommen und hatte ſich bereit finden laſſen, Lord Saltire am andern Morgen im Ponywagen nach Wargrave zu kutſchiren, um Barrymore⸗Houſe zu ſehen und die Stelle, wo das Theater geſtanden und wo man vor fünfzig er — — 65 Jahren ſo ſchöne Spiele geſpielt hatte. Und ferner ſollten er und Lord Saltire am Tage darauf eine Ausfahrt auf dem Fluſſe machen und Medmenham beſchauen, wo einſt Jack Wilkes und der Teufel ihren Hof gehalten hatten. Auf dieſe Weiſe würde Mary die nächſten paar Tage nicht viel von ihm genießen. Es war ſehr ſchmachvoll von dem alten Veteranen, den unſchuldigen jungen Buſchmann ſo zum Narren zu halten. In der Liebe, wie im Kriege ſollten Jedem ſeine Bahnen frei ſtehen. Sein Freund Talleyrand hätte nicht liſtiger handeln können. Ich bin ſo bös auf ihn, daß ich den Brief, den er an dieſem Abend ſchrieb, in extenso geben und der Welt zeigen will, welch' ein ruchloſer alter Mann er war. Als er auf ſein Zimmer kam, ſagte er zu Simpſon:„Ich muß noch einen Brief ſchreiben, ehe ich mich zu Bette lege. Ich wünſche, daß derſelbe morgen früh vor neun Uhr in Henley auf die Poſt gegeben wird, will aber nicht, daß er hier im Briefkaſten liegt, weil die Adreſſe hier nicht geleſen werden darf. Welch' einen herr⸗ lichen Appetit Sie zum Frühſtück haben würden, Simpſon, wenn Sie vorher 6 Henley ſpazierten.“ Simpſon ſagte:„Sehr gut, Mylord!“ Und Lord Saltire ſchrieb folgendermaßen: „Mein lieber Junge! „Ich bin auf meinen verſchiedenen Landhäuſern geweſen, um mir eines davon auszuwählen, in dem ich ſterben könnte. In allen iſt's aber zu kalt und zu viel Zugluft, und es geht in keinem. Deshalb bin ich nach Caſterton zurückgekommen. Ich muß jetzt Ihretwegen hier bleiben und lebe in einer tödtlichen Angſt, daß ich am Ende hier ſbe unt Es Kingsley, Ravenshoe. IV. 66 kann ja nichts Unfeineres und Ungebildeteres geben, als in fremdem Hauſe krank zu werden und zu ſterben. Ich weiß, daß ich ſelbſt dergleichen geradezu als eine Beleidigung empfinden würde, und möchte eine ſolche gewiß keinem An⸗ dern zufügen. „Sie müſſen augenblicklich zu mir kommen; ver⸗ ſtehen Sie mich? Ich bringe jedes Opfer, um die Breſche für Sie offen zu halten. Bis Sie kommen, iſt es mein Schickſal, den ganzen Tag in dieſem nebeligen Thale im Ponhwagen umhergerumpelt zu werden und den ganzen Abend Converſation zu machen, bis ich heiſer bin, und das Alles nur für Sie. Es iſt nämlich ein Vetter von Marh Corby aus Auſtralien angelangt, ſehr ſchön, ſehr geſcheidt und ſehr gentlemaniſch, und ich fürchte, ſie könnte ihn lieb gewinnen. „Dies darf nicht ſein, mein lieber Junge. Jetzt, da unſer lieber Charles uns verlaſſen hat, müſſen Sie das Mädchen heirathen. Es wäre zu unerträglich, wenn ein fremder Eindringling ſie uns fortnähme. Ich tadele Sie nicht dafür, daß Sie nicht ſchon früher gekommen ſind. Sie haben ganz Recht damit gethan; doch verlieren Sie jetzt keinen Augenblick. Verlaſſen Sie Ihre Buben; das ſchmuzige kleine Volk muß ſich eine Weile ohne Sie be⸗ helfen. Glauben Sie nicht, daß ich das edle Werk ver⸗ höhnen will, in welchem Sie und Ihr Onkel thätig ſind. Das verhüte Gott; doch müſſen Sie daſſelbe eine kurze Zeit unterbrechen und hierher kommen. „Disputiren und verſchieben Sie nicht, ſondern kommen Sie. Ich kann mich nicht im November im ganzen Lande umherfahren laſſen, nur um ihn von ihr fern zu halten. 67 Und überdies, wenn Sie nicht bald kommen, ſo bin ich mit all' meinen wahren Geſchichten zu Ende und werde etwas thun müſſen, was ich bisher noch nie gethan habe: lügen. Alſo beeilen Sie ſich, mein lieber Junge. „Von Herzen der Ihre Saltire.“ Am zweiten Tage nach Abſendung dieſes Briefes wurde Lord Saltirt von George Corby nach Medmenham gefahren und hielt dieſem ſeine Vorträge über den Ort. Auf dem Heimwege zeigte ſich Lord Saltire zum erſten⸗ male zerſtreut und ſpähte begierig nach der Terraſſe. Als ſie vor derſelben ſtill hielten, kam John Marſton eiligſt die Stufen hinunter ihnen entgegen.„Gott ſei Dank!“ ſagte Lord Saltire und ging zwiſchen den beiden jungen Männern nach der Halle. „Wohnen Sie in London?“ frug George Corby den Andern. „Ja“, ſagte John Marſton,„ich wohne in London. Einer meiner Onkel, ein herrnhutiſcher Geiſtlicher, der als Miſſionär in Auſtralien war, wirkt an einer großen Armen⸗ ſchule in der Vorſtadt, und ich helfe ihm.“ „Sie meinen doch nicht James Smith?“ ſagte George Corby⸗ „Allerdings.“ „Ihr Onkel? Nun, das iſt ſehr ſeltſam. Ich kenne ihn ſehr gut. Mein Vater ſchlug eine Schlacht für ihn, als er mit den Anſiedlern in Streitigkeiten gerathen war. Er iſt einer der beſten Menſchen von der Welt. Es freut mich ganz ungemein, Ihre Bekanntſchaft zu machen.“ Lord Saltire ſagte zu Lord Hainault, als er mit dieſem 5 —— allein war:„Sie ſehen, welche Freiheit ich mir genommen, indem ich in ſo unceremoniöſer Weiſe meinen Privatſecre⸗ tär hierher beſchieden habe. Bitte, laden ſie ihn ein, da⸗ zubleiben.“ „Sie wiſſen, wie ſehr er uns ſchon um ſeiner ſelbſt willen willkommen iſt. Glauben Sie, daß Sie recht daran thun?“ „Ich glaube es.“* „Ich fürchte nur, daß es ein wenig zu ſpät iſt“, ſagte Lord Hainault. Ach! armer Charles! 1, Fünftes Rapitel. Ach! armer Charles. Wo war er, während ſie zu Hauſe Alle die Beute unter einander theilten und ihn todt glaubten. In Scutari. Was mit ihm vorgegangen, ehe er dort⸗ hin kam, das weiß Niemand und wird niemals Jemand erfahren. Er ſelbſt hat keine Erinnerung davon, und ſonſt iſt Niemand da, der es erzählen könnte. Er ging von einer Hand in die andere und wurde an Bord eines Schiffes gebracht. Hier ergriff ihn das Fieber, und auf einen Zu⸗ ſtand betäubter Qual folgte ein Zuſtand des Deliriums. Vielleicht hatte er im ſtrömenden Regenguſſe auf dem Hafendamme gelegen und ſeine vertrockneten Lippen an den ihn bis in's Mark erſtarrenden Regentropfen ge⸗ netzt; vielleicht hatte man ihn in einem holpernden Karren von einem Hoſpital zum andern gerüttelt und in kalte Cor⸗ ridors gelegt, bis man ein Bett für ihn gefunden hatte, wie es Andern erging. Glücklicherweiſe aber wußte er nichts davon. Es ſtand ſo ſchlimm um ihn, daß nicht viel darauf ankam, wie er behandelt wurde. Man leſe nur Lord Sid⸗ ney Osborne's„Scutari und ſeine Hoſpitäler“ und ſehe daraus, wie es ihm ergangen ſein mag und wie es ihm aller Wahrſcheinlichkeit nach ergangen iſt. Doch alle jene em⸗ pörende Mißverwaltung wieder aufzurühren, iſt nicht un⸗ ſeres Amts. Wir haben unſere Lehre erhalten, meine ich. Ich glaube mich allenfalls verbürgen zu können, daß der⸗ gleichen nicht zum zweiten Male vorkommt. Ehe Charles noch wußte, wo er ſich befand, war ſchon ein ſehr großer Schritt zum Beſſern geſchehen: anfangs November kamen die Krankenwärterinnen in Scutari an. Er meint, er habe während ſeines Deliriums dann und wann einen mattey Schimmer von Bewußtſein gehabt. Im erſten dieſer lich⸗ ten Augenblicke, ſagt er, lag er auf dem Rücken und über ihm waren die Maſten und Sparren eines Schiffes, und ein Schiffsjunge ſaß oben auf einer Segelſtange unter dem klaren blauen Wolkendache und beſſerte ein Tau aus. Vielleicht war dies nur ein Traum, vielleicht auch nicht. Später gab es Perioden, deren er ſich deutlich er⸗ innerte, wo er ſich der Schmerzen, der Oertlichkeit und der Zeit bewußt zu ſein ſchien, bis zu einem gewiſſen Grade. In ſolchen Perioden begann er zu begreifen, daß er gewiſſer⸗ maßen todt und in der Hölle war. In der Regel war das Delirium beſſer als dieſe Halbdämmerung, ungeachtet der daſſelbe begleitenden Ungereimtheiten. Dieſer Zuſtand war im Allgemeinen nicht unerträglich, nur hin und wieder, wenn ihn ein Gefühl ergriff, zu fürchterlich für das menſchliche Ge⸗ hirn, wie wenn er Millionen und aber Millionen von Mei⸗ len oder von Jahrhunderten von aller Welt entfernt wäre und es keinen Rückweg gäbe; in ſolchen Augenblicken blieb ihm nichts weiter übrig, als aus dem Bette zu ſpringen und laut um Hülfe zu ſchreien,„um Gottes Barmherzigkeit willen!“ — 71 Dann kam wieder eine Zeit, wo er, in Zwiſchenräumen, einen großen Gewölbebogen über ſich ſah und nicht heraus⸗ finden konnte, ob dies das Dach der Hölle war. Nachdem er die Sache gründlicher überlegt, kam er endlich zu der Entdeckung, daß der Schmerz ihn verlaſſen und das Ge⸗ wölbe über ihm eine Wirklichkeit war. Dann hörte er einmal leiſe Stimmen— geſegnete Stimmen von Mit⸗ menſchen; jetzt war er es zufrieden, zu warten. Endlich ſchienen ihm ſeine Seele und ſein Bewußtſein in ſeltſamer Weiſe wiederzukehren. Es war, als ob er aus einem abnormen in einen natürlichen Zuſtand überginge. Denn er ward ſich bewußt, daß er lebte; ja, noch mehr: daß er ſchlief und einen albernen, angenehmen Traum hatte und ſich jederzeit daraus erwecken konnte. Er er⸗ wachte in der Erwartung, ſich in ſeinem alten Zimmer in Ravenshoe zu ſehen. Doch war er nicht dort und ſchaute verwundert um ſich. Das Bogengewölbe, deſſen er 2 erinnerte, war über ihm Dies war wirklich genug. Drei Perſonen ſtanden an ſeinem Bette, ein Arzt in Civilkleidung, ein grau⸗ köpfiger Herr, der ihm in's Geſicht ſchaute, und eine Dame. „Gott ſtraf mich!“ ſagte der Doctor.„Wir haben ihm durchgeholfen. Sehen Sie ſeine Augen an, ſehen Sie nur ſeine Augen an! Ein ſo klares Auge wie das Ihrige oder das meinige. Und ein Puls wie eine Secundenuhr.“ „Erkennt Ihr uns, mein Freund?“ ſagte der Herr. Es war ſehr möglich, daß er das nicht that; denn Charles hatte keines von den ihn umgebenden Geſichtern je zuvor im Leben geſehen. Der Herr wollte damit nur ſagen: „Habt Ihr Euer Bewußtſein hinreichend wieder erlangt, 72 um Eure Mitmenſchen, als ſolche, zu erkennen?“ Charles glaubte, der Herr müſſe Jemand ſein, dem er früher in der großen Welt begegnet war und welchen er deshalb erkennen ſollte. Er machte eine höfliche Antwort, des Inhaltes, daß er hoffe, der Herr habe ſich wohl befunden, ſeit ſie einander zuletzt geſehen, und werde, wenn er je nach dem Weſten von England komme, an Ravenshoe nicht vorbeifahren, ohne ihn zu beſuchen. Der Arzt lachte.„Noch immer ein Bischen„weit weg“, wie es ſcheint; aber ich habe Euch durchgebracht. Ihr ſeid nur mit genauer Noth davongekommen.“ Charles war kräftig genug, um ſeine Hand zu faſſen und ihm inbrünſtig zu danken; dann flüſterte er:„Wollten Sie mir wol Eines ſagen, Sir? Wie kam Lady Hainault hierher?“ „Lady Hainault, mein Freund?“ „Ja, ſie ſtand hier am Fußende des Bettes.“ „Das iſt keine Lady Hainault, mein Freund. Das iſt Miß Nightingale. Betet Ihr jemals?“ „Nein.“ „Dann betet heute Abend, ehe Ihr einſchlaft, und ge⸗ denkt ihres Namens in Eurem Gebete. Vielleicht findet daſſelbe dadurch etwas ſchneller den Weg zum Himmel. Gute Nacht.“ Sein Gebet vergeſſen, wie! Wieviel von all' ſeinem Elende lag hierin, möcht' ich wiſſen! Wieviel von all' dieſer ſchweren, dumpfen, gleichgültigen Verzweiflung— die Erde eine hoffnungsleere, ſonnenſcheinloſe Wildniß und der Himmel vergeſſen. Leſet weiter. Aber während man lieſt, bedenke man, daß der arme — *— 8 Charles gar keine häusliche Unterweiſung und Zucht in der Religion gehabt hatte. Der Pfarrer hatte ihn ſeinen Ka⸗ techismus und ſeine Gebete herſagen gelehrt. Darauf Shrewsburh und Oxford. Man leſe weiter, doch ver⸗ damme man ihn nicht, wenigſtens jetzt noch nicht. Man kann ſich aber hierdurch verſichert halten, daß er an dieſem Abende mit der ganzen Inbrunſt ſeines warmen Herzens Gott dankte und dabei den Namen nicht vergaß, den der Doctor ihm genannt hatte. Als er aber ſein Ge⸗ bet beendet hatte, begann er darüber nachzudenken, ob dieſes aufrichtig geweſen und ob es nicht beſſer ſein würde, wenn er ſtürbe und dann mit einem Male Alles vorüber und vollbracht wäre. Er war überzeugt, wenn er im Glauben an ſeinen Heiland und ohne ein bitteres Gefühl gegen irgend einen ſeiner Nebenmenſchen ſtürbe und ſeine Sün⸗ den herzlich bereute, ſo könnte es ihm nicht übel ergehen. Wäre es daher nicht beſſer, meinte er, wenn er jetzt ſtürbe, da er noch dieſe Bedingungen zu erfüllen im Stande, als die ſchreckliche ſchwarze Zukunft noch einmal verſuchte? Gewiß. Mit der Zeit hörte er auf, den großen Gewölbebogen über ſich und den Lichtflecken an der Wand zu beobachten, der um Mittag eine ſchwache Rautengeſtalt annahm und wuchs und wuchs, bis er um Sonnenuntergang ein voll⸗ kommenes Viereck bildete, dann goldig glühte und endlich erloſch. Er fing an, auf noch andere Dinge zu achten. Aber bis zuletzt gab es ein Licht⸗ und Schattenſpiel, das er ſtets bemerken konnte— ein mattes Flackern an den Wänden und an der Decke, welches langſam näher kam, bis ihm ein Licht in ſeine Augen fiel. Wir wiſſen Alle, 74 was das war. Schon zwanzig Mal iſt es beſchrieben wor⸗ den. Ich glaube an jene Geſchichte von dem Sterbenden, der den Schatten an der Wand küßte. Wenn Miß Nigh⸗ tingale und ihre Lampe vergeſſen ſind, dann wird es Zeit ſein, zu überlegen, ob man Türke oder Mormone wer⸗ den ſoll. Er wurde jetzt gewahr, daß Männer in den Betten neben ihm lagen. Der Eine war, wie wir wiſſen, todt fortgetragen worden; aber ein Anderer war nun an ſeine Stelle gekommen. Und eines Tages begab ſich ein großes Ereigniß. Als Charles erwachte, waren Beide aufge⸗ ſtanden und ſaßen auf ihren Betten und unterhielten ſich über ſein Lager hinüber, wenngleich ſie ausſahen wie ein Paar Geſpenſter. Der rabbiateſte Muſiknarr hat nie mit größerem Ent⸗ zücken dem„vox humana“⸗Regiſter der Haarlemer oder Freiburger Orgel gelauſcht, als es Charles beim Klange jener beiden Stimmen fühlte. Eine Weile lag er und hörte zu, wie ſie Bekanntſchaft mit einander machten, dann verſuchte er, ſich ebenfalls im Bette aufzurichten, um ſich an ihrem Geſpräche zu betheiligen. Er ruhte auf ſeiner linken Seite und ſtrengte ſich an, ſich zu erheben; aber ſein linker Arm wollte ihn nicht unterſtützen und er fiel zurück. Sie ſchleppten ſich jedoch zu ihm hin und halfen ihm auf und ſetzten ſich dann auf ſein Bett. „Wieder munter, wie, Kamerad?“ ſagte der Eine. „Ich glaubte ſchon, Du wäreſt hinüber, mein Burſch'. Aber ich hörte den Docter ſagen, Du würdeſt durchkom⸗ men. Du ſiehſt wieder brav aus. Es gab eine Zeit, wo Du aus dem Bette zu ſpringen und den vallmächtigen ha wu kle B m wo gen Gott« anzurufen pflegteſt. Wol manches Mal hab'ich Dir zu helfen verſucht. Der Mann in ſeinem Bette ſtarb, während Du ſo um Dich raſteſt: einer von der Füſilier⸗Garde. Von welchem Regimente biſt Du?“ „Vom 140. Huſarenregimente“, ſagte Charles.„Wir hatten am 25. eine kleine Paukerei mit dem Feinde. Ich wurde dabei verwundet. Es war eine Weile ein hübſcher kleiner Spectakel, glaube ich, aber vermuthlich nicht von Bedeutung.“ Der Mann, welcher zuerſt geſprochen, lachte; der andere, ein Burſche, der vielleicht früher einmal ein rundes Geſicht gehabt, das aber jetzt bleich wie ein Todtenkopf war und ihn mit zwei großen Augen anſtierte, ſprach in einem Tone, den Charles ſofort als den eines Gentleman erkannte, und ſagte:„Wiſſen Sie denn nicht, daß Ihr da⸗ maliger Angriff das Geſpräch von ganz Europa iſt? Jener Kampf wird nicht vergeſſen, ſo lange ſich die Erde dreht. Sechshundert Mann gegen zehn Bataillone. Gerechter Gott! Und Sie hätten hier ſterben können, ohne dies zu wiſſen.“ „Ah, wirklich?“ ſagte Charles.„Wenn nur gewiſſe Leute dies erfahren könnten.“ „Das iſt das Schlimmſte dabei“, ſagte der junge Menſch.„Ich habe mich unter einem falſchen Namen an— werben laſſen und werde nie mehr nach Hauſe zurückkehren. Nie mehr. Und ſie wird niemals erfahren, daß ich meine Pflicht that.“ Einige Zeit darauf fand Charles ſeine Kraft wieder, das heißt, zum Theil. Eine Kugel war ihm in den Knochen ſeines Armes und die Splitter deſſelben in das Fleiſch ————— 8 76 gedrungen. Das Fieber hatte ihn gepackt, aber ſeine herrliche Conſtitution, die bisher noch keinerlei Erſchütte⸗ rungen erfahren, hatte ihm durchgeholfen. Allein ſein linker Arm war unbrauchbar geworden. Der Arzt unter⸗ ſuchte denſelben nochmals und ſchüttelte den Kopf. Die beiden Männer, welche die Betten an ſeinen beiden Seiten innegehabt, wurden vor ihm aus dem Hoſpitale entlaſſen. Nachdem er zum Bewußtſein zurückgekehrt war, blieben ſie nur noch vierzehn Tage. Der ältere ging zuerſt, und ein paar Tage darauf verließ ihn auch der jüngere. Alle Drei machten ſie unterſchiedliche Pläne, wie ſie in England wieder zuſammenkommen wollten. Ach, wieviel Ausſicht haben drei Soldaten, einander wieder zu begegnen, wenn es nicht einmal zufällig geſchieht? Daheim hätten dieſe drei Männer drei Jahre gebraucht, um ſo herzliche Freunde zu werden, wie ſie es jetzt in vierzehn Tagen ge⸗ worden waren. Im Feldlager, im»Buſch« oder am Bord eines Schiffes ſchließen ſich Freundſchaften wunderbar raſch. Noch dazu ſind ſie von Dauer, und zwar aus fol⸗ genden Gründen. Die Zeit zerſtört die Freundſchaft nicht, — ſie hat damit gar nichts zu ſchaffen. Ebenſowenig zerſtört ſie ein unausgeſetzter vertrauter Umgang, wenn nicht die Intereſſen einander widerſtreiten. Eine Ver⸗ ſchiedenheit der Intereſſen iſt ein Todesſtoß für die Freund⸗ ſchaft. Ein großes Opfer kann wol gebracht werden— ja ſogar zwei oder drei; doch ſchon nach dem erſten ſind die Freunde nicht mehr die alten. Wo die Leute auf kurze Zeit im vertrauten Umgange leben und, wenn ſie ſich trennen, gegenſeitig nur ihre beſten Seiten kennen gelernt haben, oder wo ſie einander häufig ſehen und nicht viel eine tte⸗ ſein ter⸗ Grund zu Meinungsverſchiedenheit haben, da kann die Freundſchaft auf immer blühen. Mit der Liebe iſt es ganz etwas Anderes, und zwar aus dem augenfälligen Grunde, den ich in wenigen Seiten erörtern will. Doch ich habe im Eingange dieſer Erzählung ein ſchrift⸗ liches Verſprechen abgelegt, nicht zu predigen. Ich fürchte, daß ich daſſelbe durch die obige kurze Abhandlung über die Freundſchaft bereits gebrochen habe, die noch dazu ſo ganz am unrechten Orte erſcheint. Ich ergebe mich daher auf Gnade und Ungnade und gelobe künftige Beſſerung. Der arme Charles wurde nach einer Weile heimge⸗ ſchickt nach Fort Pitt. Aber jener gewaltige linke Arm, der ſo herrlich gearbeitet, als er noch zu Nr. 3 in der Ox⸗ forder Univerſitätsachte gehörte, war unbrauchbar, und Charles Simpſon, Reiter im 140. Regimente, wurde aus dem Dienſte entlaſſen und ſah ſich am Weihnachtsheiligen⸗ abend auf dem Bahnhofe an der Waterloobrücke mit acht⸗ zehn Schillingen in der Taſche allein auf der Straße. Wohin ſollte das Alles noch führen, grübelte er, dachte indeß ebenſowenig daran, ſich von Denen Hülfe zu erbitten, die er früher gekannt hatte, als über die Bruſtwehr der Waterloo⸗Brücke in's Waſſer zu ſpringen; ja vielleicht noch viel weniger. Sechstes Rapitel. Charles' Glück ſchien ihn wirklich endlich ganz verlaſſen zu haben. Dies war ein ziemlich ſchlimmes Ding für ihn; denn da er ſeine Hoffnung nie auf etwas Anderes geſtellt hatte, als auf ſein Glück, ſo blieb ihm jetzt gar nichts mehr, dem er vertrauen konnte, als ſeine achtzehn Schillinge und ſein kleiner Freund, der Cornet, der invalide nach Hauſe zurückgekehrt war und jetzt mit ſeiner Mutter in Hyde⸗ Park⸗Gardens wohnte. Hoffen wir, mein Leſer, daß Du und ich uns niemals auf die Gönnerſchaft eines Huſaren⸗ cornets und achtzehn Schillinge reducirt ſehen mögen. Es war ein ſchöner, froſtiger Abend und die Straße lebendig und fröhlich. Für viele Tauſende war es ein trübes Chriſtfeſt; aber die große Menge ſchien ent⸗ ſchloſſen, nicht allzuſehr an die traurigen Berichte zu den⸗ ken, die um dieſe Zeit aus der Krim einliefen. Die Leute ſchienen entſchloſſen, das Chriſtfeſt trotz alledem als Chriſt⸗ feſt zu feiern, und vielleicht hatten ſie Recht. Es iſt gut für ein betriebſames Volk, wie das engliſche, zwei große Feſte im Jahre zu haben, und nur zwei, deren Bedeutung Jeder, der ein Chriſt iſt, verſtehen und an ihnen die Lehre in? hat kör nic un Oſ lan ſie die wi wi erl des e ein nt⸗ en⸗ ute gut oße ung hre 0 in Ausübung bringen kann, die unſer Heiland uns gegeben hat: die Lehre von der Nächſtenliebe. Wir Engländer können nicht ſo viele Heiligentage vertragen. Es paßt uns nicht, für den heiligen Blaſius oder den heiligen Swithin unſere Geſchäfte zu unterbrechen; aber Weihnachten und Oſtern können wir vorſtehen. Die Katholiken im Aus⸗ lande vertrödeln ſo viel Zeit mit ihren Heiligentagen, daß ſie am Sonntage im Joche der Arbeit keuchen müſſen, wie die Iſraeliten in der Knechtſchaft, wenn ſie überhaupt vor⸗ wärts kommen wollen. Ein Menſch, der arme Charles Ravenshoe, hat ſein Chriſtfeſt mit achtzehn Schillingen und einem verſtümmel⸗ ten Arme zu feiern. Irgendwo erwartet ihn eine halbe Million in Gold und ein liebes kleines Weib, wenn er ſich nur wie ein vernünftiges Weſen gebehrden wollte; aber das will er nicht und muß daher die Folgen ſeines Ge⸗ bahrens tragen. Wie von einer Art von Inſtinct getrieben, ging er dem Weſtende zu und kam nach Belgrave⸗Square, wo ein ge⸗ wiſſer Herzog wohnte. Die Fenſter des Hauſes waren erleuchtet; der Herzog hatte Hofdienſt und war deshalb nach der Hauptſtadt gekommen. Charles freute ſich dar⸗ über; nicht etwa, weil er irgend welche Geſchäfte mit dem Herzoge abzuthun gehabt, ſondern weil er einen Brief an des Herzogs Kutſcher abzugeben hatte. Dieſer einfache Umſtand rettete ihn davor, dem puren Mangel noch näher zu treten, als ich es wünſchen möchte. Der Sohn des Kutſchers war bei Balaclava verwundet worden und lag noch in Scutari, und Charles brachte einen Brief von ihm. Ein engliſcher Willkomm ward ihm zu 80 Theil, das kann ich euch verſichern. Als er aber am fol⸗ genden Morgen nach Hyde⸗Park⸗Gardens ging, hörte er, daß ſein Freund, der Cornet, auf's Land gereiſt war und erſt in einer Woche zurückerwartet wurde. Zetzt wurde der Kutſcher ſehr nützlich. Er bot ihm Geld, Logis, Be⸗ ſchäftigung, Alles an, was er ihm nur verſchaffen könne, und mit dankbarem Herzen nahm Charles auf eine Woche Wohnung und Koſt an. Am Ende dieſer acht Tage kehrte er nach Hyde⸗Park⸗ Gardens zurück. Der Cornet war jetzt wieder da. Wäh⸗ rend man ihn meldete, mußte er in der Küche warten. Er ſandte nur ſeinen Namen hinauf, mit dem Bemerken, daß er aus der Armee entlaſſen worden ſei, und der Bitte, mit dem Cornet ſprechen zu dürfen. Die Dienerſchaft entdeckte, daß er mit ihrem jungen Herrn im Kriege geweſen war und drängte ſich voll Herz⸗ lichkeit und Theilnahme zu ihm heran. Er erzählte ihnen eben, wie er den Cornet zuletzt im dichteſten Gewühl in jener fürchterlichen Affaire vom fünfundzwanzigſten geſehen hatte, als ſie plötzlich zur Rechten und Linken davonſtoben und der Cornet auf ihn zueilte und ſeine beiden Hände ergriff. „Beim Zeus! Wie freue ich mich, Sie zu ſehen, Simpſon! Wie verändert Sie aber ſind, ohne Ihren Schnurrbart! Sehet her, Ihr Burſchen und Mädchen, dies iſt der Mann, der ſich durchhieb, um mir zu Hülfe zu kommen, als ich ohne mein Pferd zwiſchen den Kanonen ſtand, und der mich nicht verließ, bis ich wieder zu Pferde ſaß. Welch' einen Purzelbaum ich ſchoß, nicht wahr? Und was für ein gräßlicher Kampf es war, wie? Und der arme Hornby! Ganz Europa ſpricht davon, wiſſen Si gal wo mi m — „8) fol⸗ te er, und urde „Be⸗ önne, Loche gen ihnen jener hatte, und ehen, hren dehen, lfe zu nonen zferde ahr Und wiſſen 81 Sie das? Erinnern Sie ſich wol an Devna und die galoppirende Eidechſe, wie?“ Und ſo weiter, bis ſie die Treppe hinauf waren. Dann wandte er ſich zu ihm um und ſagte:„Jetzt theilen Sie mir mit, was Sie vorzunehmen geſonnen ſind.“ „Ich habe achtzehn Schillinge.“ „Wird Ihre Familie nichts für Sie thun?“ „Hat Hornby Ihnen irgend Etwas von mir erzählt, mein lieber Herr?“ frug Charles raſch. „Kein Wort. Ich wußte gar nicht, daß Sie mit Hornby bekannt waren, bis ich Sie Beide zuſammen ſah, als er im Sterben lag.“ „Hörten Sie, was wir zu einander ſagten?“ „Keine Silbe. Ich frug nur deshalb nach Ihrer Fa⸗ milie, weil Niemand, dem ſoviel Gelegenheit geworden, mit Ihnen zu verkehren, wie mir, bezweifeln kann, daß Sie ein Gentleman ſind; aus keinem andern Grunde. Ich fürchte ſehr, ich werde Sie beleidigen—“ „Das dürfte nicht leicht ſein, Sir.“ „Nun dann, in Gottes Namen. Wenn Sie ganz in Noth ſind, ſo treten Sie in meinen Dienſt. Jetzt iſt's heraus.“ „Ich nehme Ihr Anerbieten mit der aufrichtigſten Dankbarkeit an“, ſagte Charles.„Aber ich fürchte, ich kann nicht reiten. Mein linker Arm iſt unbrauchbar.“ „Bah! Dann reiten Sie mit dem rechten. Alſo abge⸗ macht. Kommen Sie mit zu meiner Mutter. Ich muß Sie ihr zeigen, weil Sie hier bei uns werden wohnen müſſen. Sie iſt taub. Jetzt wiſſen Sie, warum der Major ſo laut zu ſprechen pflegte.“ Kingsley, Ravenshoe. IV 6 Charles lächelte eine Secunde; er erinnerte ſich in der That dieſer Eigenthümlichkeit des geachteten und tapfern Majors, der, wie wir wiſſen, der Vater des Cornets war. Er folgte dieſem, der ihn in das Beſuchzimmer hinauf⸗ führte, wo eine ſehr ſchöne Dame von etwa fünfzig Jahren ſaß und ſtrickte. Sie war nicht nur ſtocktaub, ſondern hatte, gleich der alten Dame in»„Pickwick«, die Gewohnheit laut zu ſprechen, im Wahne, daß ſie nur denke; eine Gewohnheit, die manchmal arg in Verlegenheit ſetzte. Als Charles und der Cornet in's Zimmer traten, ſagte ſie laut und mit einer unendlichen Deutlichkeit, indem ſie Charles ſcharf anblickte:„Gott ſei mir gnädig! Wen hat er jetzt hier? Welch' ein hübſcher, gentlemaniſch ausſehender Burſche. Warum er nur ſo ſchäbig gekleidet ſein mag.“ Worauf ſie ihr Hörrohr anlegte und damit kampfgerüſtet war. „Dies iſt der Mann, Mutter“, brüllte der Cornet, „der mich in der Schlacht bei Balaclava gerettet hat. „Willſt Du damit ſagen, daß es der Huſar Simp⸗ ſon iſt „Jo, Mutter „Dann mag der allmächtige Gott Sie ſegnen!“ ſagte ſie zu Charles.„Es wird eine Zeit kommen, Huſar Simpſon, wo Sie den Werth mütterlicher Dankbarkeit erkennen werden. Und wann jene Zeit kommt, dann denken Sie an mich. Ohne Sie, Huſar Simpſon, riſſe ich mir heute vielleicht vor Jammer mein graues Haar aus. Was können wir für ihn thun, James? Er ſieht krank und kummervoll aus. Worte wollen nicht viel ſagen. Was können wir für ihn thun?“ ———— u G————— — der fern war. ſar keit n iſe ar eht en. 83 Der Cornet legte den Mund an die Hörmaſchine ſeiner Mutter und ſchrie mit einem höflich bittenden Gebrüll, wie man es wol in der Bucht von Biscaja hört, wenn ein Schiffer den andern mittels Sprechrohres erſucht, doch die Güte zu haben, ihm den Längengrad anzugeben: „Er will in meinen Dienſt treten. Haſt Du etwas dagegen?“ „Natürlich nicht, Du thörichtes Kind“, ſagte ſie.„Ich wollte, wir könnten mehr für ihn thun als das.“ Dann fuhr ſie in etwas leiſerem, aber vollkommen hörbarem Tone fort, indem ſie glaubte, ſie denke nur für ſich:„Er iſt häß⸗ lich; aber er hat ein liebes, angenehmes Geſicht. Ich bin feſt überzeugt, daß er ein Gentleman iſt, der ſich mit ſeiner Familie überworfen hat. Könnte ich nur ſeine Stimme hören. Gott ſegne ihn! Er ſieht aus, wie ein braver Soldat. Ich hoffe nur, daß er ſich nicht betrinkt, oder den Stubenmädchen den Hof macht.“ Charles hatte jedes dieſer Worte gehört, ehe er Zeit fand, ſeine Verbeugung zu machen und das Zimmer zu verlaſſen. Mit ſtumpfer Gleichgültigkeit nahm er ſeinen neuen Dienſt an. Das Leben begann ihm ſehr werthlos zu werden. Er ging durch den Park, um ſeinen Freund, den Kutſcher, aufzuſuchen. Der Froſt hatte nachgelaſſen und ein trüber, tröpfelnder Nebel war an deſſen Stelle getreten. Er lehnte ſich an das Staket, welches den Serpentine um⸗ ſchließt. Noch umſtand eine große Menſchenmenge das Waſſer; doch auf der ganzen Eisfläche waren nur vier Schlittſchuhläufer zu ſehen, denn das Eis war ſchon ſehr 6* — 84 dünn und gefährlich und das Publikum gewarnt worden, ſich nicht mehr darauf zu wagen. Der eine dieſer Schlitt⸗ ſchuhläufer kam bis auf hundert Schritte zu ihm herange⸗ flogen,— ein leichtfertiger, ſorgloſer Schlittſchuhläufer, einer von denen, die das Ertrinken riskiren, nur um ihren Willen durchzuſetzen. Ueberall krachte das Eis unter ihm, wie um ihn zu warnen; doch er wollte nicht darauf achten, bis er zuletzt einbrach und unterſank. Wild griff er nach den erbarmungsloſen, ſchwimmenden Eisblöcken, um ſich zu retten, und verſchwand dann mit einem ſchrillen Schrei der Verzweiflung. Augenblicklich war die Rettungsmann⸗ ſchaft an der Stelle, und kaum waren fünf Minuten ver⸗ gangen, als man ihn auch ſchon im Rettungshauſe hatte. Ein Herr, dem Anſcheine nach ein Arzt, welcher neben Charles ſtand, ſagte zu dieſem:„Nun, da iſt ein leicht⸗ ſinniger Narr vor ſeinen Richter getreten, Gott ver⸗ zeih' ihm!“ „Man wird ihn doch wieder zum Leben zurückbringen, nicht wahr?“ ſagte Charles. „Ich wette zehn gegen eins dagegen“, ſagte der Arzt; „und welches Recht hat er, überhaupt darauf zu rechnen? Wahrſcheinlich werden um den Menſchen da morgen ein halbes Dutzend Familien in Trauer ſein. Augenſcheinlich iſt er ein Mann von einer gewiſſen Bedeutung. Für ſeine Verwandten kann ich Theilnahme fühlen bei dieſem Ver⸗ luſte; aber ich habe außerordentlich wenig Mitleid mit einem leichtſinnigen Narren.“ So trat Charles ſeinen Dienſt an bei ſeinem Freunde, dem Cornet;— ich fürchte, nur in recht kümmerlicher Art und Weiſe; denn noch immer war er ſehr ſchwach und leid beh ſeg der hol geſe Ni ha den, lit⸗ nge⸗ fer, ren hn, ten, ach ſich hrei mn⸗ ver⸗ ite. ben cht⸗ vet⸗ 85 leidend und konnte nur wenig thun. Die taube Dame behandelte ihn, als wenn er ihr Sohn geweſen wäre, Gott ſegne ſie; aber Charles konnte ſich noch immer nicht von der Erſchütterung ſeines hitzigen Fiebers in der Krim er⸗ holen. Von Tage zu Tage wurde er trauriger und nieder⸗ geſchlagener, und was das Schlimmſte war, ſchlafloſe Nächte begannen ihn zu quälen,— fürchterliche Nächte. In der oberflächlichen Berechnung, die er ſich gemacht hatte, wie er ſeine Erniedrigung ertragen und ſich mit derſelben ausſöhnen würde, hatte er unwillkürlich auf eine vollkommene Geſundheit gezählt. Er hatte gedacht, daß er in einigen Jahren ſein früheres Leben vergeſſen haben und ganz ſo geworden ſein würde, wie die Reitknechte, die er jetzt zu ſeinen Gefährten machte. Nunmehr war dies unmöglich geworden; denn Geſundheit und Kraft waren dahin.. Er begann, ſich vor ſeinen Pferden zu fürchten; das war das erſte Symptom. Zwar ſuchte er dieſe Ueber⸗ zeugung niederzukämpfen, allein ſie zwang ſich ihm dennoch auf. Wenn er zu Pferde ſaß, ſo erſchrak er, ſobald' irgend Etwas nicht ganz nach Wunſche ging; ſeine Knie verſagten ihm den Dienſt und ſeine Hände wurden unſicher. Und das glaube man feſt: ehe er ſelbſt ſich noch darüber klar geworden war, hatten die Pferde es bereits entdeckt und ſich gemerkt, oder ich will für den ganzen Reſt meines Lebens nichts Anderes als einen Eſel reiten, ſtatt des Zau⸗ mes den Schweif in der Hand. Noch eine andere Bemerkung hatte er gemacht. Jetzt, da er nervös, kränklich und reizbar war, wurde ihm die Geſellſchaft der Männer, auf die er, als ſeine Mitdiener, 86 angewieſen war, unerträglich. Unbedeutende kleine Roh⸗ heiten in den Manieren, die er unbeachtet gelaſſen hatte, als er beim armen Hornby geweſen, verletzten ihn jetzt und widerten ihn an. Die meiſten gutmüthigen jungen Männer, die erzogen werden, wie er es war, ſind mit dem Diener, der für ihre Lieblingsunterhaltungen zu ſorgen hat, wie z. B. der Holz⸗ und Wildhüter, der Reitknecht, der Boots⸗ mann, ziemlich familiär und verwöhnen ihn durch ſolche Vertraulichkeit wahrſcheinlich nur allzuoft. Nichts kann natürlicher und, ſolange es innerhalb angemeſſener Grenzen bleibt, harmloſer ſein. Weil er an ſolche Leute gewöhnt war, ſo hatte Charles gedacht, er werde auch unter ihnen leben und thun können, was ſie thäten. Ein paar Monate hindurch, ſolange er in voller Geſundheit war, fand er es auch möglich; denn hatten nicht er und Lord Welter daſſelbe Stück ſchon einmal zu ihrer Ergötzlichkeit aufgeführt? Jetzt aber, bei ſeinen erſchütterten Nerven, war es ihm uner⸗ träglich. Ich habe vielfache Gelegenheit gehabt— ich meine in Auſtralien— Männer aus der guten Geſellſchaft den gleichen Verſuch machen ſehen, und ſoweit meine Erfahrungen reichen, ſteht ſolchen Beſtrebungen ein zwie⸗ faches Ende bevor. Entweder gibt man das Ding als unmöglich auf und tritt wieder in die gebührende über⸗ legene Stellung ein, oder man überläßt ſich dem Trunke und geht— um ganz deutlich zu reden— zum Teufel. Wir werden ſehen, was Charles that. Niemand hätte freundlicher und liebevoller ſein können, als der Cornet und deſſen Mutter es gegen ihn waren. Sie erriethen, daß er„Jemand“ ſei und daß ihm etwas im Leben verkehrt gegangen war. Freilich hätte es bei ihnen keinen Unterſchied —— aus fege Ein win die ihn, ob geh roh er. ein ſol nen ate es lbe etzt er⸗ aft ine p⸗ e⸗ 87 ausgemacht, wenn er auch von Geburt ein Schornſtein⸗ feger geweſen wäre; denn ſie waren wirklich gute Menſchen. Ein paar Mal verſuchte der Cornet, ſein Vertrauen zu ge⸗ winnen; aber er war noch zu jung und Charles beſaß nicht die Energie, ihm etwas zu ſagen. Auch die Mutter bat ihn, ihr zu offenbaren, was ihn ſo unglücklich mache, und ob ſie ihm helfen könne, und vielleicht hätte er mehr Muth gehabt, ihr ſein Vertrauen zu ſchenken, als ihrem Sohne. Wer aber hätte eine ſo traurige Geſchichte durch ein Hör⸗ rohr brüllen mögen? So ſchwieg er auch hier. Ellen's Bild, das er Hornby abgenommen hatte, behielt er. Er beſchloß, ſie nicht aufzuſuchen. Sie war in irgend einer katholiſchen Zufluchtsſtätte gut aufgehoben. Warum ſollte er ihre Wunden wieder aufreißen? Aber das Leben wurde ſo gar, gar öde. Tags war ſein altes Lieblingsvergnügen, das Reiten, ihm ein Schrecken geworden, und in der Nacht fand er keinen Schlaf. Der Tod war ihm vielleicht noch vierzig lange Jahre entrückt. Und er doch ſchon ſo müde. Er glaubte, er ſei demüthig geworden; aber er war es nicht. Er ſagte ſich, er könne nicht zurückkehren, weil er die Entdeckung gemacht hatte, daß Marh ihn liebte, und auch, weil er durch ſeine Schweſter entehrt war, und aller⸗ dings hatten dieſe beiden Gründe großes Gewicht bei ihm. Allein ich fürchte, daß zu alledem ein hartnäckiger Stolz kam, und kaum gibt es Etwas, das einem Menſchen ſchwerer auszutreiben wäre. Nach all' dieſer Moral jetzt ein paar wichtige Facten. Der Herzog war ſehr beſchäftigt und blieb in der Stadt und folglich ſein Kutſcher desgleichen. Ferner kam der 88 8 Sohn des letzteren invalid aus der Krim zurück und blieb bei ſeinem Vater, und Charles ſpazierte jeden Abend durch den Park, um ihn zu beſuchen(wozu ihm der Cornet mit der herzlichſten Bereitwilligkeit Erlaubniß gab), mit ihm vom Kriege zu plaudern und dann in den Bedientenclub zu gehen, deſſen Mitglied er noch war. Die Thür des all⸗ gemeinen Verſammlungszimmers dieſes Bedientenclubs hatte Glasfenſter; ich habe aber bereits die Bemerkung gemacht, daß man durch ſolche Glasthüren die Leute ſehen kann, die ſich drin im Zimmer befinden. Ja, ich habe dies ſogar ſelbſt öfter verſucht. lieb ch mit ihm lub all⸗ bs ng hen ies Fiebentes Kapitel. John Marſton's erſte Enttäuſchung im Leben war Mary's Zurückweiſung ſeiner Bewerbung geweſen. Er gehörte zu den Männern, die in der ſtrengen Schule er⸗ zogen ſind, welche lehrt, daß alles Ungemach, das den Menſchen befällt, durch ſeine eigene Schuld herbeigeführt wird. Jeder, der Whiſt ſpielen kann, findet auch einen Part⸗ ner,— das war ſeine Rede. Ich glaube faſt, er hatte Recht. Aber er ging zu weit in der Sache. Erurtheilte leicht hart über Leute, denen im Leben Dies oder Jenes fehlſchlug, und war immer der Erſte, welcher ſagte:„Wenn er Dies gethan oder Jenes unterlaſſen hatte, ſo wäre das oder das nicht geſchehen.“ Ihm ſelber, der ſich eines klaren, ruhigen Verſtandes und einer vollkommenen Geſundheit erfreute, war ja Alles geglückt, was er bisher noch unternommen. Plötzlich aber ſah er ſich in einem wichtigen Vorhaben ge⸗ kreuzt. Charles gegenüber hatte er ſtets eine Miene der Ueberlegenheit angenommen und ihm in einer Art und Weiſe Rath ertheilt,— wie gut dieſer auch war— die ſeinen Einfluß bei neun Männern unter zehn völlig unter⸗ graben haben würde, und nun war er jählings ſelbſt zum —————— ſi 1 . 4 1 7 * Stillſtande gebracht worden. Im wichtigſten Beginnen ſei⸗ nes Lebens ſah er ſich von Charles in den Schatten geſtellt. Charles hatte die Liebe eines Weibes gewonnen, ohne es zu wiſſen und ohne ſich darum bemüht zu haben; Marſton hatte darum geworben und war abgewieſen worden. John Marſton war ein überaus hochherziger und edler Mann. Seine Fehler waren nur Fehler der Erziehung und ihrer ſehr wenige. Als er ſich abgewieſen ſah und entdeckte warum, als er ſah, daß er kein Nebenbuhler von Charles war und daß dieſer keine Art von zärtlichem Intereſſe für die arme Mary fühlte,— da verſuchte er ſofort in aller Demuth, herauszufinden, wodurch ihm Charles, der im Punkte der Intelligenz ſo weit hinter ihm zurückblieb, im wichtigſten aller Dinge ſo weit überlegen ſein konnte. Denn er ſah, daß Charles nicht allein Mary's Liebe, ſondern die Liebe Aller gewann, die ihn kannten, wo⸗ hingegen er, John Marſton, nur ſehr wenige Freunde beſaß. Und als er dieſe Selbſtprüfung mit aller Gewiſſen⸗ haftigkeit fortſetzte, kam er bald zu dem Schluſſe, daß⸗ Charles ihm eigentlich in Allem überlegen war, den Fleiß allein ausgenommen.„Und wie groß wäre wol mein Fleiß geweſen, hätte mich nicht die Nothwendigkeit zu demſelben getrieben?“ ſprach er zu ſich ſelber. So ſehen wir, daß dieſe bittere Erfahrung ihn von dem Fehler heilte, der faſt ſein einziger war, vom Eigendünkel. Denen, die wahrhaft gut ſind, muß ſich Alles zum Guten wenden. Bisher hatte John Marſton daſſelbe Leben geführt, das ſo viele junge Engländer führen,— ein Leben des Studiums, verbunden mit gewaltigen, zweckloſen körper⸗ — — 8 91 lichen Anſtrengungen, um den geiſtigen das Gegengewicht zu halten. Er hatte noch nie erfahren, was eigentlich Enthuſiasmus war. Irgendwo in ihm, vielleicht in ſeinen Armen, oder in ſeinen Beinen, oder in ſeinen Füßen war eine Menge von Begeiſterung vorhanden, wie die Be⸗ gebenheiten uns lehren werden;— ich möchte faſt be⸗ haupten, daß ſie hinter jener hohen, wenn auch etwas ſchmalen Stirn wohnte. Ehe er es mit der Liebe verſuchte, hätte er den beſonnenſten und erbitterndſten Artikel im Saturday Review ſchreiben können. Bald darauf aber fing der Zunder Feuer, und der Mann, welcher den Funken darauf geworfen, war ſein Onkel Smith, der Herrnhuter⸗ Prediger, geweſen. Dieſer Smith war, wie wir wiſſen, auf die Worte ſeiner ſchönen ſterbenden Frau:„Geh' heim, Lieber, nach den großen Städten, und ſieh, was es dort für Dich zu thun gibt“, aus Auſtralien zurückgekehrt. Er hatte ſeinen Neffen, John Marſton, gefunden, und während dieſer den ſeltſamen Reden des Miſſionärs zuhörte, war ihm plötzlich ein helles Licht aufgegangen. Was ihm bisher nur Worte geweſen, wurde ihm jetzt zu einer großen, herrlichen Wirk⸗ lichkeit. So waren dieſe Beiden dann Hand in Hand im Schmuz und in der Sünde von Southwark herumgewandert, um dort jenes Werk zu verrichten, das ſeinen Lohn erſt nach dem Tode findet. Heute arbeiten ſchon Tauſende von ſolchen Männern an dieſem Werke. Wir haben mit dem⸗ ſelben indeß hier weiter nichts zu thun, als zu conſtatiren, daß Oheim und Neffe ſich der erhabenen Aufgabe mit Leib und Seele gewidmet hatten. ——— —— —— 92 ⁸ John Marſton's Liebe zu Mary war nie auch nur um einen Schatten erblichen. Als er entdeckt oder zu entdecken vermeint hatte, daß ſie Charles liebte, war er mit ruhiger Würde von ſeiner Werbung zurückgetreten. Er hatte be⸗ ſchloſſen, ihr aus dem Wege zu gehen, in ſeinen Armen⸗ ſchulen zu ſchaffen und ſie zu vergeſſen; hatte ſchon ange⸗ fangen, ſich einzubilden, daß ſeine Liebe bereits kühler ge⸗ worden war,— da empfing er plötzlich Lord Saltire's Brief, und ſeine Liebe ſtand ſofort wieder in hellen Flammen. Denn das war nicht zu ertragen,— daß mit einem Male ein Wilder aus den ſüdlichen Urwäldern auftauchte und ſich ſo ohne Weiteres des Schatzes bemächtigte. Mit dem nächſten Zuge fuhr er nach Caſterton. Mary freute ſich ſehr, ihn zu ſehen; aber er hatte ein Mal um ſie geworben, wie hätte ſie da ſo unbefangen und vertraulich mit ihm verkehren können, wie vorher? Trotz⸗ dem war John nicht allzu unzufrieden über den Empfang, den ſie ihm zu Theil werden ließ; er hatte ja gefürchtet, daß die Sache bereits ſchlimmer ſtände, als es der Fall war. Nach der Tafel beobachtete er Beide im Geſellſchafts⸗ zimmer. Offenbar war Georg Corby in Mary verliebt; denn ſowie die Herren aus dem Eßzimmer kamen, ging er alsbald zu ſeiner Couſine, welche allein ſaß. Sie ſah auf und ihre Blicke begegneten den ſeinigen, als er zu ihr herantrat; doch glitten dieſelben ſchnell von ihm ab und ſchweiften nach der Thür, bis ſie auf John fielen. Sie ſchien zu wünſchen, daß er zu ihr käme und mit ihr plauderte. Er hatte jedoch ſeinen beſondern Grund, dies nicht zu thun: er wollte beobachten, wie ſie und George miteinander verkehrten. Darum hielt er ſich zurück und ſchwätzte mit Lord Hainault. . Lord Saltire ſetzte ſich zu Lady Ascot. Lady Hainault hatte die drei Kinder um ſich, Archy auf dem Schooße, und Gus und Flora ſtanden neben ihr. Sie vergnügte dieſe auf ihre eigene hoch erhabene Weiſe, oder verſuchte es wenigſtens. Lady Hainault war eine der beſten und edelſten Frauen von der Welt, wie der Leſer bereits ent⸗ deckt haben wird, aber nicht ſehr unterhaltend. Dies wußte Niemand beſſer, als ſie ſelbſt. Sie hatte die vortrefflichſten Abſichten; ſie wollte, daß Mary frei bliebe, bis es Zeit war, daß die Kleinen ſchlafen gingen, damit das junge Mädchen bis dahin mit ſeinem alten Freunde, John Marſton, ſchwatzen könne. Denn wenn die Kinder ſich zur Ruhe begaben, mußte Mary mit ihnen gehen; ſelbſt Lady Hainault, im Uebrigen eine ſehr entſchloſſene Frau, wagte nie daran zu denken, jene ohne Mary's Beiſtand zu Bette zu bringen. Sie 6 alſo, ihnen eine Ge⸗ ſchichte zu erzählen, die ſie aus ihrem eigenen Kopfe ſchöpfen wollte, wobei ſie jedoch einen fürchterlichen Unſinn zu Wege brachte und ſich deutlich bewußt war, daß Gus und Flora ihr mit einem gewiſſen Mit⸗ leide zuhorchten. In dieſe Gruppen alſo hatte ſich die Geſellſchaft auf⸗ gelöſt. Lord Saltire und Lady Ascot befanden ſich ge⸗ müthlich außer Hörweite. Ihnen wollen wir zuerſt unſere Aufmerkſamkeit ſchenken und dann die Runde zu den Uebrigen machen. Lady Ascot begann mit:„James, es iſt mir vollkommen klar, daß Sie John Marſton verſchrieben haben.“ „Nun, und geſetzt, ich hätte das geth an?“ ſagte Lord Saltire. ————— 94 8 „Ja, nun, warum aber?“ „Maria“, ſagte Lord Saltire,„wiſſen Sie wol, daß Sie zuweilen ganz unerträglich albern ſind? Können Sie ſich dieſe Frage nicht ſelbſt beantworten?“ „Natürlich kann ich das“, erwiderte Lady Ascot. „Warum, zum Kukuk, fragen Sie dann?“ Dies war ſchwer zu beantworten; Lady Ascot ſagte indeſſen: „Ich bezweifle, ob Sie weiſe handeln, James. Meiner Anſicht nach wäre es beſſer für ſie, wenn ſie nach Auſtra⸗ lien ginge. Es iſt eine ſehr gute Partie.“ „Es iſt keine gute Partie“, ſagte Lord Saltire gereizt. „Erſtens ſind Heirathen zwiſchen ſo nahen Blutsver⸗ wandten eine Erfindung des Teufels. Und drittens und letztens ſoll ſie nicht nach jenem verdammten Loche. Sechs⸗ tens will ich jetzt, da unſer Charles todt iſt, daß ſ John Marſton heirathet, und ſchließlich will ich meinen Willen durchſetzen.“ „Wiſſen Sie“, ſagte Lady Ascot,„daß er ſchon einmal um ſie geworben und ſich einen Korb geholt hat?“ „Er hat mir's noch an demſelben Abend erzählt“, ent⸗ gegnete Lord Saltire.„Jetzt ſchwatzen Sie nicht länger ſolchen Unſinn, ſondern ſagen Sie mir Eins: Hat der junge Menſch dort Eindruck auf ihr Herz gemacht?“ „Bis jetzt noch keinen tiefen Eindruck, wie ich glaube“, ſagte Lady Ascot. „Welcher von Beiden hat alſo die beſte Chance?“ ſagte Lord Saltire. „James“, erwiderte Lady Ascot,„wiſſen Sie wol, daß — 95 Sie zuweilen ganz unerträglich albern ſind? Wie kann ich das wiſſen?“ „Auf welchen würden Sie wetten, Miß Headſtall?“ frug Lord Saltire. „Nun! nun!“ ſagte Lady Ascot,„ich denke, ich würde auf John Marſton wetten.“ „Und wie lange glauben Sie, daß ſich S hält, Lord Hainault?“ frug John Marſton. „Was meinen Sie zu den griechiſchen Kalendern, mein lieber Marſton?“ entgegnete Lord Hainault. „Nun, nun. Ich denke, wir werden es ſchließlich doch noch nehmen. Man tiſt nimmer ſagen können, daß England und Frankreich—“ „Sagen Sie jetzt lieber: Frankreich und Englaud“, unterbrach ihn Lord Hainault. „Nein, ich will nicht. Es darf nimmer geſagt werden, daß England und Frankreich nicht ſtark genug waren, eine Feſtung des Schwarzen Meeres zu erobern.“ „Ich fürchte, daß man es wird ſagen müſſen“, ent⸗ gegnete Lord Hainault,„und ich weiß nicht, ob uns Eng⸗ ländern eine tüchtige Tracht Schläge nicht ſehr dienlich wäre.“ „Davon bin ich ganz feſt überzeugt; nur werden wir ſie leider niemals bekommen.“ „Mein lieber Marſton“, ſagte Lord Hainault,„Sie haben rinen klaren Kopf. Wollen Sie mir Eines ſagen? Glauben Sie, daß Charles Ravenshoe todt iſt?“ „Allgütiger Himmel, Lord Hainault, hegen Sie irgendwie noch Zweifel darüber?“ 96 „Gerade ſo geht es mir!“ ſagte Marſton, ſich lebhaft zu ihm wendend. Ich glaubte, Sie ſähen ſammt und ſon⸗ ders die Sache als abgemacht an. Aber ſollten wir unſere Zweifel nicht Lord Saltire mittheilen?“ „Ich glaube, daß er ſelber ſeine Zweifel hegt. Ich kann Ihnen ſagen, daß er ihm, für den Fall ſeiner Heimkehr, achtzigtauſend Pfund vermacht hat.“ „Er hätte ihn zu ſeinem Univerſalerben eingeſetzt, nicht wahr?“ ſagte John Marſton. „Ja, ich glaube, daß ich berechtigt bin, dies zu bejahen“, erwiderte Lord Hainault. „Und ſo fallen die ganzen Beſitzungen an Lord Ascot?“ „Ausgenommen, wenn Charles vor Lord Saltire's Tode zurückkommen ſollte; in dieſem Falle würde der letz⸗ tere ſein Teſtament ändern, wie ich glaube.“ „Iſt Charles noch am Leben, dann mag er ſich hüten, Lord Ascot einmal in dunkler Nacht auf abgelegenem Wege zu begegnen“, ſagte John Marſton. „Darin täuſchen Sie ſich“, verſetzte Lord Hainault nachdenklich.„Ascot iſt ein ſchlimmer Geſell. Ich habe ihm dies einmal öffentlich in's Geſicht geſagt, auf die Gefahr hin, von ihm fürchterlich ausgehauen zu werden, und ohne Mainwaring würde ich wahrſcheinlich ein ganzes Jahr hindurch wunde Knochen gehabt haben. Aber— aber— nun, ich war mit Ascot in Eton, und Askot war ſtets und iſt noch jetzt ein großer Lump. Allein wiſſen Sie wol, daß er großer Zuneigung fähig iſt? Man vergötterte ihn in Eton.“ „In Orxford war er nicht beliebt“, ſagte Marſton;„ich . hal wo ſel dot übe me bl. . w ſic N F M habe nie etwas Gutes von ihm gehört. Er iſt ein großer Schurke.“ „Ja“, erwiderte Lord Hainault,„ich glaube, er iſt, was man einen großen Schurken nennt. Ich habe ihm dies ſelbſt geſagt, wie Sie wiſſen. Und ich bin kein Raufbold; das beweiſt alſo, daß ich von dieſer Thatſache ſehr feſt überzeugt ſein mußte, ſonſt hätte ich mich vielleicht um meine Pflicht herumgeſchlichen. Ein Mann in meiner Stellung kann kein Vergnügen daran finden, mit einem blauen Auge im Oberhauſe zu erſcheinen. Trotzdem be⸗ zweifle ich, ob er eines wirklichen großen Vergehens fähig wäre. Wenn Sie mir aber ſagten, daß Charles unvor⸗ ſichtig handeln dürfte, wenn er ſich von Ascot's Frau eine Taſſe Bouillon bereiten ließe, ſo würde ich mich ganz Ihrer Meinung anſchließen.“ „Da haben Sie ſicherlich Recht“ ſagte John Marſton lächelnd.„Ich habe nie gehört, daß Lord Ascot jemals Mann oder Weib geſchont hätte.“ „Sehr wahr“, ſagte Lord Hainault.„Bemerken Sie wol, daß wir ſprechen, als ob Charles Ravenshoe nicht todt wäre?“ „Auch glaube ich nicht an ſeinen Tod“, entgegnete John Marſton. „Auch ich nicht— oder wenigſtens doch nur halb“, ſagte Lord Hainault.„Aber was für Narren wir ſind! Vom ganzen 140ſten Regiment ſind nur 90 Mann aus jener Affaire bei Balaclava zurückgekehrt. Wenn er wirklich der Cholera entging, ſo ſpricht Alles dafür, daß er dort gefallen iſt.“ Kingsley, Ravenshoe. IV. 7 98 „Welche Beweiſe haben wir, daß er ſich überhaupt in jenem Regimente hatte anwerben laſſen?“ „Lady Hainault's und Mary's Beſchreibung ſeiner Uniform, welche ſie nie, auch nur einen Augenblick deutlich geſehen haben. Voila tout“, antwortete Lord Hainault. „Und Sie möchten nicht mit Lord Saltire darüber reden?“ „Ach, nein. Er ſieht das Alles ebenſo gut wie wir. Falls Charles zurückkommt, erhält er achtzigtauſend Pfund. Es würde ſich weder für Sie noch für mich ſchicken, ſuchten wir ihn zu überreden, daß er ſein Teſtament ändere. Sehen Sie dies ein?“ „Sie mögen Recht haben, Lord Hainault. Es kann nicht viel ſchaden, ob ſo oder ſo. Ich hoffe nur, daß Mary ſich nicht in ihren Vetter verliebt“, fügte er hinzu, indem er kurz auflachte. „Handeln Sie weiſe, wenn Sie es nochmals ver⸗ ſuchen?“ frug Lord Hainault mit aufrichtig theilnehmen⸗ dem Tone. „Das will ich Ihnen in ein paar Tagen beantworten“, entgegnete John Marſton.„Iſt vielleicht Hoffnung vor⸗ handen, jenen beſten aller Menſchen, William Ravenshoe, hier zu ſehen?“ „Wol möglich, daß er einmal plötzlich erſcheint. In Folge von Charles' Tode hat er ſeine Heirath verſchoben. Ob man ihn nur in Varna hintergangen hat?“ „Nichts iſt wahrſcheinlicher“, ſagte Marſton.„Wo iſt Lord Welter?“ „In Paris, wo er Gänſe rupft.“ Zetzt ſchienen die verſchiedenen Gruppen ſämmtlich zu in ner lich ber vir. nd. ſten hen ann arh dem zu 99 der Anſicht gelangt zu ſein, daß es Zeit ſein dürfte, neue geſellſchaftliche Combinationen zu verſuchen, um nicht die Beobachtung der Andern herauszufordern. So erfolgte denn ein förmliches»Kämmerchenvermiethen.. John Marſton ging zu Mary; George Corby zu Lord Hainault; Lord Saltire ſetzte ſich zu Lady Hainault, die den ſchla⸗ fenden Archy auf dem Schooße hatte, und Gus und Flora begaben ſich zu Lady Ascot. „Endlich, alter Freund“, ſagte Mary zu John Marſton. „Und ich habe ſo lange auf Sie gewartet! Schon fürchtete ich, daß der Augenblick erſcheinen würde, wo ich mit den Kindern gehen muß, ohne daß Sie zu mir kämen, um ein Wort mit mir zu plaudern.“ „Wir haben zuſammen politiſirt, Lord Hainault und ich“, ſagte Marſton.„Das war der Grund, warum ich nicht früher bei Ihnen ſein konnte.“ „Die Männer müſſen freilich politiſiren“, erwiderte Mary.„Aber ich wollte, Sie wären gekommen, während mein Vetter bei mir war. Er iſt ſo nett. Sie werden ihn gern haben.“ „Er ſcheint ein prächtiger junger Menſch zu ſein“, ſagte Marſton. „Das iſt er in der That“, antwortete Mary.„Er iſt wirklich das liebenswürdigſte Geſchöpf, das ich ſeit langer Zeit geſehen habe. Wenn Sie ſich ſeiner annehmen und ihn das Leben von der Seite kennen lehren wollten, von der Sie daſſelbe betrachten, ſo würden Sie ein gutes Werk thun und mich dadurch ſehr verpflichten. Ich weiß ja, lieber Freund, daß es Ihnen Freude macht, mich zu ver⸗ pflichten.“ 7* 7 „Miß Corby, Sie wiſſen, daß ich mein Leben für Sie hergeben würde.“ „Ich weiß es. Wer mehr als ich? Wüßte ich nur auch, was ich gethan habe, um ſo viel Güte von Ihnen zu ver⸗ dienen. Aber es iſt nun einmal ſo. Nicht wahr, Sie neh⸗ men ſich ſeiner an?“ Marſton fühlte ſich von dieſem Geſpräche theils ange⸗ nehm, theils unangenehm berührt. Könnt Ihr errathen, warum? Ja. Dann will ich es Euch überlaſſen und mir eine halbe Seite von Erläuterungen erſparen. Nur für unerfahrene Romanleſer will ich bemerken, daß er ſich freute, ſie ſo unbefangen von ihrem Vetter ſprechen zu hören, es jedoch noch lieber geſehen hätte, wäre ſie nicht ganz ſo unbefangen mit ihm ſelbſt geweſen. In⸗ deſſen offenbar war bis jetzt noch kein großer Schaden ange⸗ richtet. Dies war eine große Quelle der Beruhigung: noch war es nicht zu ſpät.“ Gus und Flora gingen zu Lady Ascot. Dieſelbe ſagte, nur zur Eröffnung ihrer Unterhaltung und ohne jede Nebenäbſicht:„Iſt es nicht ſchon Zeit zum Schlafengehen, liebe Kinder?“ „Herr Du meine Güte, nein“, ſagte Flora;„geh' Du albernes Ding, gewiß nicht.“ „Meine liebe Flora!“ ſagte Lady Ascot. „Sie'ahmt die alte Alwright nach“, fiel Gus ein. „Sie hat mir eben geſagt, ſie wollte es ihr nachmachen. Lord Saltire ſagt, Maria! Maria! Maria!— Sie ſind unerträglich albern, Maria!“ „Sei nicht unartig, Gus“, ſagte Lady Ascot. „Aber er hat es ja geſagt,— ich habe es gehört. Aergere en, nir en, ter äte n⸗ ge⸗ och e, ede en, ein⸗ en. ind ere 101 Dich nicht über uns; wir meinen es nicht böſe. Aber ſage mir, Lady Ascot, hat ſie wol das Recht, zu beißen und zu kratzen?“ „Wer?“ ſagte Lady Ascot. „Nun, die Flora da. Sie hat die Alwright gebiſſen, weil dieſe ihr Mrs. Moko nicht leihen wollte.“ „O, Du garſtiger Lügner“, ſagte Flora.„O, Du böſer Junge, Du weiſt wol, wo Du hinkommſt, wenn Du ſolche Unwahrheiten erzählſt. Lady Ascot, ich habe ſie nicht gebiſſen; ich ſagte nur, es würde ihr recht geſchehen, wenn ſie gebiſſen würde. Sie ſagte, ſie könne mich nicht mit Mrs. Moko ſpielen laſſen, weil ſie ihre Hauben auf ihrem Kopfe probiren müßte. Und dann ſagte ſie der Kinderfrau, ich dürfte nie wieder mit Mrs. Moko ſpielen, weil ich ſie ganz breit gequetſcht hätte. Und ich habe ſie doch gar nicht breit gequetſcht, ſondern der Junge hier hat es ge⸗ than, und er iſt ſchlimmer als Ananias und Sapphira. Ich hatte einen Popanz aus ihr gemacht, mit einem Kehr⸗ beſen und einer Bettdecke und hielt ſie zwiſchen der Kinder⸗ ſtubenthür, gerade als er hereinkam. Und er warf die Thür ſo ſchnell zu, daß ich ſie nicht zurückziehen konnte, und riß ihr dabei ein Stück von der Naſe weg.“ Lady Ascot's Grauen wurde gemildert, als ſie erfuhr, daß Mrs. Moko nur eine Geſtalt von Pappe war, auf deren Haupte die Kammerjungfer mit ihren Hauben zu experimentiren pflegte. Wie dieſer, verſtrichen noch viele andere Abende. Mehr als eine Woche verging ohne die geringſte Abwechſelung. Endlich brach die Geſellſchaft allmählich nach London auf. George Corby war der Erſte, der die Flucht ergriff. 102 Er begann auf ſeine ſchläfrige, ſemitropiſche Weiſe mit der Lage der Dinge urzufrieden zu werden. Augenfällig hatte er ſeit John Marſton's Ankunft bei Marh nur die zweite Violine geſpielt(wenn der Leſer mir dieſen außerordent⸗ lich unfeinen Ausdruck nachſehen will). Eines Tages bat ihn Lord Saltire, ihn ein wenig umherzukutſchiren. Sie fuhren nach dem unbewohnten und entmöbelten Ranford, und Lord Saltire war unterhaltender, als je. Als ſie durch die dichten Lärchenpflanzungen am Saume des Parkes roll⸗ ten, erblickten ſie Mary und Marſton, die hier ſelbander luſtwandelten. George bis ſich auf die Lippen. „Es kommt mir vor, Mylord, als wären die Beiden da einander nicht ganz gleichgültig“, ſagte er. „O, mon Dieu, nein“, ſagte Lord Saltire.„Das iſt eine alte Geſchichte.“ Deshalb reiſte George Corby zuerſt ab. Zwar gab er noch nicht alle Hoffnung auf; allein der Gang der Sache behagte ihm nicht. Seine Expedition nach England fiel nicht ganz ſo angenehm aus, wie er es erwartet hatte. Der arme Burſche, er hatte ſich wirklich ernſtlich in Mary verliebt, und ſeiner Neigung ſchien kein günſtiger Erfolg beſchieden zu ſein. Er war halb geneigt, Lord Saltire da⸗ für zu tadeln. Dieſer hätte es nicht ſo weit mit ihm kom⸗ men laſſen ſollen, ohne ihm einen Wink zu geben, dachte George, wobei er ganz vergaß, daß das Unglück ſchon vor Lord Saltire's Ankunft geſchehen war. Lord Saltire und Marſton ſchieden nach ihm. Der Erſtere hatte es für das Beſte erachtet, Simpſon's Rath zu befolgen und ſein Haus in Curzon⸗Street zu beziehen. Er hatte John eingeladen, ihn dorthin zu begleiten. ————— — 105 „Es iſt ein ſehr hübſches kleines Haus“, ſagte er;„vor⸗ treffüch gelüftet und ſofort; aber ich weiß, daß ich darin während der erſten Woche ein Kribbeln im Rücken ver⸗ ſpüren und mir einbilden werde, daß es dort zieht. Das wird mich verdrießlich und reizbar machen. Gegen meine Dienerſchaft bin ich nicht gern reizbar und verdrießlich, weil dies unbillig iſt, denn ſie kann nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Ich wollte daher, Sie begleiteten mich, damit ich an Ihnen meinen Aerger auslaſſen kann. Sie könnten es recht wol thun; es wird gut für Sie ſein. Sie wollen ſich ſchulen und kaſteien, und dazu werden ſie präch⸗ tige Gelegenheit haben, wenn Sie etwa eine Woche lang einen neuen Aufenthalt mit mir theilen. Darnach werde ich wieder liebenswürdig werden, und dann können Sie wieder gehen. Wenn Sie wollen, können Sie meinen Wagen be⸗ nutzen, um nach Ihren Pfleglingen in Southwark zu ſehen. Ich fürchte mich nicht vor Fieber und Ungeziefer, und überdies amüſirt's mich vielleicht, Sie davon erzählen zu hören. Zuweilen können Sie mir auch Ihren verrückten Onkel mitbringen; ſeine bibliſche Ausdrucksweiſe hat etwas recht Pikantes.“ Lord und Lady Hainault bezogen ihr Haus in Gros⸗ venor⸗Square; denn das Parlament ſollte in dieſem Jahre ſchon frühzeitig eröffnet werden. Sie bewogen Lady As⸗ cot, ſie dort auf längere Zeit zu beſuchen. Nach einigen Tagen erſchien William.„Nun, mein lieber Ravenshoe“, ſagte Lord Hainault,„was führt Sie nach der Stadt?“ „Ich weiß nicht“, ſagte William;„es leidet mich dort unten nicht. Wiſſen Sie wol, Lord Hainault,— ich glaube, daß ich verrückt werde.“ „Mein lieber Junge, was ſoll das heißen?“ frug Lord Hainault. „Ich habe eine ſo wunderliche Idee im Kopfe, die mir keine Ruhe läßt.“ „Welche Idee?“ ſagte Lord Hainault.„Halt, darf ich ſie errathen?“ „Sie würden ſelbſt im Traume nicht darauf verfallen. Sie iſt zu wahnſinnig.“ „Ich will's errathen“, erwiderte Lord Hainault.„Ihre Idee iſt die: Sie glauben, daß Charles Ravenshoe noch am Leben iſt, und ſind auf die Chance hin, ihm etwa einmal auf der Straße zu begegnen, nach London ge⸗ kommen.“ „Aber, allgütiger Gott!“ rief William aus;„wie haben Sie das herausgebracht? Ich habe es keiner Seele, ſelbſt meiner Braut nicht, mitgetheilt.“ „Weil“, ſagte Lord Hainault, ſeine Hand auf William's Schulter legend,„John Marſton und ich ganz dieſelbe Idee haben. Daher weiß ich es.“ Und inzwiſchen war Charles ihnen Allen ſo nahe. Jeden Tag ſchlich er durch den Park, um den Kutſcher und deſſen Sohn zu beſuchen. Jeden Tag ſtieg ſeine Schwermuth. Alle Energie war ihm dahin, aber Verſtand genug ge⸗ blieben, um ihn einſehen zu laſſen, daß er von des Cornets Gnade lebte. Auch waren noch einige Splitter aus ſei⸗ nem Arme nicht beſeitigt, die ihn ſehr unruhig machten. Von Schlaf war keine Rede mehr. Wenn er angeredet wurde, zögerte er mit ſeiner Antwort, jedes plötzliche Ge⸗ hre och wa R⸗ ben bſt uf 105 räuſch ließ ihn erbeben und wild aufblicken. Ich will ſeine Symptome nicht weiter ſchildern, nur ſagen, daß es jetzt viel ſchlimmer um ihn ſtand, als je vorher. Schon begann er zu denken, der arme Burſche, ob er wol in einem Hoſpitale ſterben würde, oder— Jene verwünſchten Brücken! Warum baute man ſolche Sachen? Wer baute ſie? Der Teufel. Um ruinirte, ver⸗ zweifelte Leute, an deren Muskeln Tag und Nacht zehn⸗ tauſend Dämonen zerren, in Verſuchung zu führen. Wenn er je bei Nacht über eine dieſer Brücken gehen mußte, ob er dann wol bis an's andere Ende derſelben gelangen würde? Oder würden alsdann vielleicht Engel vom Himmel herabſchweben, um ihn feſtzuhalten. Der Cornet und ſeine Mutter ſaßen über ihn zu Rathe. Der Cornet brüllte in das Hörrohr hinein. „Mit meinem Burſchen, dem Simpſon, ſteht es ſehr ſchlecht, Mutter. Er wird immer gedrückter und nervöſer, und ſein Ausſehen will mir nicht gefallen.“ „Ich habe es ſelbſt ſchon bemerkt“, antwortete die alte Dame.„Wir wollen Bright kommen laſſen. Es wird wohlfeiler ſein, gleich fünf Guineen zu zahlen und ſofort die Anſicht eines geſcheidten Mannes zu hören.“ „Ich glaube, er bedarf noch mehr eines Chirurgen“, ſagte der Cornet. „Nun, das iſt die Sache des Arztes“, ſagte die alte Dame.„Schreibe ein paar Zeilen an Bright und laß uns hören, was dieſer ſagt. Es wäre eine Sünde und Schande für uns, groß genug, um Gottes Zorn auf uns herabzu⸗ rufen, wenn wir es ihm an irgend Etwas fehlen laſſen wollten, ſo lange wir ſelbſt noch Geld haben. Und wir 106 haben reichlich Geld, mehr, als wir brauchen. Und wenn es ihm unangenhm iſt, bei den Pferden zu ſein, ſo müſſen wir ihn penſioniren. Doch möchte ich ihn lieber im Glau⸗ ben erhalten, daß er ſich ſeinen Lohn verdientß es könnte ihm ſonſt das Gemüth vollends beſchweren. Schreibe gleich morgen früh, John. Denke an Balaclava, John! Denke an Balaclava, mein Sohn! Wenn Du Balaclava vergißt und was dort der Gemeine, der Simpſon, für Dich gethan hat, ſo verſuchſt Du Gott, daß er Dich vergißt.“ „Möge Gott mich vergeſſen, wenn ich dies je vergeſſen könnte!“ brüllte der Cornet.„Wol denke ich an Bala⸗ clava, Mutter, ja, und an Devna vor Balaclava!“ Noch gibt es dergleichen Leute in der Welt, Leſer. Ich ſelbſt kenne ſolche. Ja, ich kenne ſogar viele ſolche Men⸗ ſchen; ſo viele, daß ich zu dem Schluſſe gekommen bin, daß die Welt nicht blos mit Schurken und Narren bevölkert iſt; ja mehr noch, daß die Schurken und Narren nur in verſchwindender Minderzahl vorhanden ſind. Vielleicht mache ich mich durch dieſe Behauptung unpopulär und ſetze mich dem Hohne von Leuten aus, die ſich für klüger halten; aber ich nehme ſie nicht zurück. Die Zahl der guten Menſchen in der Welt überwiegt die der ſchlechten. Dieſe Unterhaltung zwiſchen dem Cornet und ſeiner Mutter fand um halb drei Uhr ſtatt. Während derſelben ſchlich gerade Charles durch den Park nach dem Stall⸗ gäßchen bei Belgrave⸗Square zu ſeinen Freunden, dem Kutſcher und deſſen Sohne., Darf ich mir hier erlauben, dem Leſer zu ſagen, daß dies der wichtigſte Tag in unſerer ganzen Erzählung iſt? Um halb drei Uhr machte William Ravenshoe einen 107 Beſuch bei Lord Hainault in Grosvenor⸗Square. Er fand Lady Ascot zu Hauſe, und ſie frug ihn, was für ein Wetter draußen wäre. William antwortete, es hänge ein dichter Nebel über dem Fluſſe; doch ſei es auf der Nordſeite des Squares ganz angenehm. Worauf Lady Ascot bemerkte, ſie möchte einen Spaziergang machen, wenn auch nur auf zehn Minuten, wenn ihr William ſeinen Arm geben wolle. So gingen ſie hinaus. Marh und die Kinder kamen ebenfalls auf den Square; doch begaben ſie ſich in den Garten deſſelben. Langſam wandelten Lady Ascot und William auf dem Trottvire auf und ab; denn Lady Ascot hatte ihr Vergnügen daran, die vorübergehenden, fahrenden und reitenden Leute zu ſehen. Immer hin und wieder auf der Nordſeite des Hauſes. Bei ihrem zweiten Umgange, als ſie etwa zwanzig Schritte vom weſtlichen Ende des Squares entfernt waren, kam ein hochgewachſener Herr um die Ecke, der einen Regenſchirm ſchulterte, und lehnte ſich an einen Laternenpfoſten. Augenblicklich erkannten ihn Beide. Es war Lord Ascot. Er hatte ſie nicht geſehen, ſondern war ſtehen geblieben, um einen langbeinigen Fuchs zu betrachten, der, ein menſch⸗ liches Weſen tragend, die Straße herunterkam. Das Pferd war ein fürchterlich boshaftes Thier, jedoch ſehr ſchön und werthvoll. Der Groom, der es ritt, weder ſchön noch werthvoll, verlor die Geduld mit dem Pferde, das zu der Race gehörte, die von Natur boshaft iſt— es war eines von denen, die Rarey ſelbſt(in aller Ehrfurcht vor ſeinem Namen ſei es geſagt) blos auf eine kleine Weile zur Unterwürfigkeit zähmen kann. Der Reitknecht aber war 108 keiner vom Schlage unſerer Landbuben, über deſſen Tugenden und Laſter zu hundert wiederholten Malen an des Squire's Speiſetafel verhandelt worden iſt, über welchen der Pfarrer ſich hinter den Ohren gekratzt und den er in ſein Studir⸗ zimmer hat kommen laſſen, um ihm privatiſſime ſeine Ver⸗ weiſe und Ermahnungen zu ertheilen. Nein, Keiner von dieſer Minderzahl, ſondern einer von Denen, welche, wie ich fürchte, die Mehrzahl ausmachen. Wie ein Hund im Stroh aufgewachſen, ohne Erziehung, ohne Religion, ohne Selbſtachtung, weniger gebändigt als das Pferd, welches er ritt. Wenn ich bedenke, was man während der Rarey⸗ Epidemie Alles gegen Reitknechte und Stallleute geſchwatzt hat, ſo, geſtehe ich, geht mir die Geduld aus. Es ſagte mir einmal ein Mann:„Wenn unſere Pferde nur erſt ein paar Reitknechte todtgeſchlagen haben, dann werden wir es erlangen, daß dieſe ſie beſſer behandeln.“ Wie geſagt, der arme Reitknecht gerieth in Zorn über ſein Pferd und verſetzte ihm gewaltige Peitſchenhiebe über den Kopf. Und Lord Ascot blieb ſtehen und rief ärgerlich: „Hol' Euch der Henker! auf dieſe Weiſe werdet Ihr nichts ausrichten“, obgleich es den Pferden gegenüber keinen tolleren Teufel geben konnte, als gerade Mylord Ascot. Währenddem fand Lady Ascot Zeit zu ſagen:„Kommen Sie, mein lieber Ravenshoe, laſſen Sie uns mit ihm reden.“ Sie gingen dann etwas eiligeren Schrittes vor⸗ wärts. Lord Ascot war ſo ſehr mit dem Pferde und deſſen Reiter beſchäftigt, daß ſie ſchon dicht hinter ihm ſtanden, ehe er ihrer gewahr wurde. Da eben Niemand in der Nähe war, gab ſich Lady Ascot einer kleinen Anwandlung ihrer alten Fröhlichkeit hin und berührte ihn. leicht mit 0) den rer ir⸗ on vie im ne eh⸗ atzt e er ber hts en 109 ihrem Spazierſtocke. Raſch und zornig wandte ſich Lord Ascot um und hob ſchon ſeinen Regenſchirm zum Schlage. Als er jedoch ſah, wer der Angreifer geweſen war, lachte er hell und luſtig auf.„O, Du, Großmama“, ſagte er,„halte nur Deinen alten Spazierſtock in Ruhe, oder er wird Dich noch in Ungelegenheiten bringen. Was ſoll das heißen, daß Du das Haupt der Familie auf offener Straße anfällſt? Ich ſchäme mich Deiner. Und Sie, Ravens⸗ hoe, haben ſie dazu angeſtachelt. Ich werde Sie noch durchprügeln müſſen. Wie geht's Euch Beiden?“ „Und wo biſt Du geweſen, Du garſtiger Junge?“ frug Lady Ascot. „In Paris“, erwiderte der freimüthige Edelmann, „und wie gewöhnlich mit Würfelſpiel und Raufereien be⸗ ſchäftigt. Es kann mich wenigſtens Niemand beſchuldigen, daß ich mein Licht unter den Scheffel ſtellte, Großmama. Jene beiden Beſchäftigungen ſind die einzigen, für die ich tauge, und ich widme mich denſelben jedenfalls mit ganzer Seele. Habe auch ein Duell gehabt. Ein Yankee⸗Doodle ließ ſich's einfallen, impertinent gegen Adelaide zu ſein, und ſo ging ich mit ihm hinaus und ſchoß ihn nieder. Weine nicht, er iſt nicht todt. Doch bild' ich mir ein, daß er eine ziemliche Weile lahm gehen wird. Wie hübſch, daß ich Euch gerade hier traf. Mir graut, dem unausſtehlichen Pedanten, dem Hainault, zu begegnen; denn ich fürchte immer, ich könnte ihm einmal einen Fußtritt verſetzen. Geben Sie mir Ihren Arm, mein lieber Ravenshoe.“ „Und wo iſt Adelaide?“ frug Lady Ascot. „In St. John's Wood“, ſagte er.„Schleiche Dich — 110 doch einmal heimlich fort und beſuche ſie. Großmama, es hat mir ſehr leid gethan, von Charles' Tode zu hören— gewiß. Du weißt, was dieſer Tod mir eingebracht hat; aber, beim Himmel, es hat mir ſehr, ſehr leid gethan.“ „Lieber Welter— lieber Ascot“, ſagte Lady Ascot, „ich bin feſt überzeugt, daß es Dir leid gethan hat. O, wenn Du doch in Dich gehen wollteſt, mein lieber Junge. Wenn Du doch an die Liebe des Heilandes denken möchteſt, der für Dich geſtorben iſt. O, Ascot, Ascot! Wird Nichts im Stande ſein, Dich vor einem fürchterlichen Jenſeit zu retten?“ „Ich fürchte nein, Großmama“, ſagte Lord Ascot. „Aber, es wird jetzt zu kalt für Dich; Du darfſt nicht länger draußen bleiben. Ravenshoe, alter Junge, bringen Sie die alte Seele in's Haus zurück.“ Nach einem herzlichen Abſchiede ſchritt Lord Ascot in ſüdweſtlicher Richtung weiter. Ich fürchte, daß John Marſton Recht hatte. Ich fürchte, er ſprach nur die Wahrheit, wenn er ſagte, daß Lord Ascot ein wüſter, unbezähmbarer Schurke wäre. ma, hatz cot, H, nge. teſt, chts t zu eot. nicht igen ot in daß — Achtes Rapitel. Lord Ascot ſchlenderte, ſeinen Regenſchirm auf der Schulter, gen Südweſten. Die Luft in dieſen höher ge⸗ legenen Theilen der Stadt war angenehm. Deshalb ver⸗ längerte er ſeinen Spaziergang und bog rechts nach Park⸗ Lane ein. Er war eine auffallende Erſcheinung. So hoch ge⸗ gewachſen, ſo breit in Bruſt und Schultern und darüber ſolch' ein großes, rothes, bartloſes, grauſames Geſicht, daß die Leute ſich umwandten und ihn betrachteten, wenn er, wie er es an jeder Straßenecke that, ſtehen blieb, um ſich umzuſchauen. Er aber nahm davon keine Notiz; er war daran gewöhnt. Ueberdies klangen ihm noch, während er ſo dahinging, ein paar Worte in den Ohren, die es be⸗ wirkten, daß er den ſchönen Pferden und hübſchen Geſichtern weniger aufmerkſam nachblickte, als gewöhnlich. „O, Ascot, Ascot! Wird Nichts im Stande ſein, Dich vor einem fürchterlichen Jenſeit zu retten!“ „Hol' der Kukuk dieſe alten Weiber, beſonders, wenn ſies mit der Religion kriegen. Ein ewiges Gekrächze! Und jetzt gar Großmama Ascot,— eine ſo wackere, gute 112 alte Seele, wie es in England nur eine gibt— die ein Pferd ſo gut zu taxiren verſteht, wie William Day ſelbſt — und muß auch dergleichen Unſinn anfangen. Zum Henker, es iſt unerträglich! Sehr unzart, einem Menſchen ſolche Ideen in den Kopf zu ſetzen. Auch ohne dies wäre London ſchon langweilig genug geweſen, nach Paris. So dachte Lord Ascot, als er vor Dudley⸗Houſe ſtand und ſüdwärts ſchaute. Die Winterſonne warf ihre matten Strahlen auf die Stelle, wo er ſich befand; doch nach Mittag zu war die Luft ein Nebelmeer, aus dem die Wel⸗ lington⸗Statue geſpenſtiſch hervorragte und dem Auge mehr denn je ein Aergerniß bot. „Dieſes London iſt ein ſchändliches Neſt“, ſagte er. „Da muß ich nun in den entſetzlichen Nebel dort hinab⸗ tauchen. Ich wollte, Tatterſall's Stall läge irgendwo an⸗ ders auf dem Erdenrunde!“ Doch ſchulterte er abermals ſeinen Regenſchirm und marſchirte weiter. Vor dem St.⸗George⸗Hoſpitale ſtand eine Menge junger Mediciner. Zwei von ihnen, umbekümmert um den Anſtand, der auf den Straßen Ihrer Majeſtät immer aufrecht erhalten werden ſollte, balgten ſich. Lord Ascot hielt einen Augenblick in ſeiner Promenade inne und ſah ihnen zu. Er hörte, wie der eine der Studenten, die gleich ihm dem Kampfe zuſchauten, zu einem andern ſagte — offenbar über ſeine, Lord Ascot's, Perſon ſelber: „Beim Himmel! Dieſer Kerl gäbe ein hübſches Stück zu tranchiren.“ „Ja“, ſagte ein Anderer,„und wie er fluchen und toben würde während der Operation!“ „Ich weiß, wer er iſt“, ſprach ein Dritter.„Das iſt ein bſt um en äre nd en hr ummW Lord Ascot, der teufliſcheſte, beſeſſenſte, niederträchtigſte Spieler in allen drei Königreichen.“ So ſchritt denn Lord Ascot, im Geruche ſeiner Heilig⸗ keit, zu Tatterſall hinein. In den Zimmern war Nie⸗ mand zu finden, und er ging wieder auf den Hof hinaus. „Hollah, Ihr da! Habt Ihr Mr. Sloane nicht ge⸗ ſehen?“ „Mr. Sloane war vor kaum zehn Minuten noch hier, Mylord. Er glaubte, Ew. Lordſchaft käme nicht mehr. Er iſt nach den Groom's Arms gegangen.“ „Wo, in aller Welt, iſt das?“ „In Chapel⸗Street, Mylord, an der Ecke der Stall⸗ gaſſe. Erſte Straße rechts, Mylord.“ Lord Ascot hatte in Geſchäften mit unſerm alten Be⸗ kannten, Mr. Sloane, zu reden und ſchlenderte daher weiter, dieſen aufzuſuchen. Als er zur erwähnten Bier⸗ ſchenke kam(derſelben, in welcher der Bedientenclub gehalten wurde, zu welchem Charles gehörte) trat er in's Gaſt⸗ zimmer und frug ein ſchwachköpfiges weibliches Weſen, dem der Zufall die Obhut über dieſen Theil des Etabliſſe⸗ ments in die Hände geſpielt hatte, wo Mr. Sloane wäre? „Oben im Clubzimmer“, war die Antwort. Lord Ascot begab ſich alſo in's Clubzimmer und ſchaute durch die Glasthür in daſſelbe hinein. Richtig, da ſah er Sloane. Er ſtand neben einem Manne, auf deſſen Schulter ſeine Hand ruhte und der eine Landkarte hielt. Zur Rechten und Linken dieſer Beiden lehnten noch zwei Männer, ein alter und ein junger, und die vier Ge⸗ ſichter waren alle dicht neben einander. Während er ſie betrachtete, blickte der Mann mit der Landkarte auf und Kingsley, Ravenshoe. IV. 8 114 Lord Ascot ſah Charles Ravenshoe, bleich und abgemagert, ein Bild des Todes, doch immer der lebendige, leibhaftige Charles Ravenshoe. Er öffnete nicht die Thür, ſondern wandte ſich ab, ging wieder auf die Straße hinunter und entfernte ſich dann nordwärts. Alſo, er war noch am Leben, und— in dieſem„Und“ lag mehr, als er für's Erſte faſſen konnte. Wol hatte er einen ſchlauen Kopf, unſer Lord Ascot; aber er konnte ſeine Lage nicht ſofort mit Klarheit überſehen. Die ganze Geſchichte war zu unerwartet,— er hatte noch keine Zeit, ſich dieſelbe zu vergegenwärtigen. Schon dunkelte es, als er ſeine Schritte gen Norden lenkte und eilig und mit finſter gerunzelter Stirn und feſt zuſammengepreßten Lippen dahin wanderte. Noch ſtanden ein paar Studenten vor dem Hoſpitale. Der Eine, der ihn vorhin erkannt hatte, ſagte zu ſeinen Gefährten:„Seht doch dieſen Lord Ascot an; wie teufliſch er ausſieht! Er muß Geld verloren haben. Ihr Götter! heute Abend wird noch ein Mord geſchehen. Solche Kerle ſollte die Polizei nicht frei umherlaufen laſſen!“ Charles Ravenshoe am Leben! Und Lord Saltire's Teſtament! Eine halbe Million Pfund Sterling! Und Charles Ravenshoe,— der beſte, liebſte Junge in den drei Königreichen! Von all' ſeinen Schurkenſtreichen, und, Gott verzeih' ihm! es waren ihrer viele, lag ihm nichts ſo ſchwer auf dem Herzen, als ſein Verfahren gegen Char⸗ les. Und jetzt Die Leute wandten ſich um und ſchauten ihm nach, wie er dahinjagte. Warum trugen ihn ſeine eigenſinnigen — 115 Füße nach der Ecke von Curzon⸗Street? Das war nicht der Weg nach St. John's Wood. Alle Vorüberwandelnden ſtarrten den gewaltigen Rieſen mit dem rothen Geſichte an, wie er ſich unentſchloſſen gegen einen Laternenpfoſten lehnte und ſeine Oberlippe blutig biß. Wie würden ſie erſt die Augen aufgeriſſen haben, hätten ſie ſehen können, was ich ſehe! Zwei Engel waren an dieſem trübſeligen Winternach⸗ mittage in jener Straße, die Lord Ascot auf ſeinem ver⸗ zweifelten Laufe gefolgt waren und hier mit ihm ſtill ſtan⸗ den. Er konnte ſie nur undeutlich erblicken, oder errieth vielmehr nur ihr Daſein; ich aber ſehe ſie ganz deutlich. Der eine war ein weißer Engel, ſchön und lieblich an⸗ zuſchauen, der ſich eine kleine Strecke von ihm entfernt hielt und ihn nach Lord Saltire's Hauſe hinüberwinkte; der andere war ſchwarz und barg ſein Geſicht in ſeiner Um⸗ hüllung. Dieſer ſtand dicht neben ihm und flüſterte ihm in's Ohr:„Eine halbe Million! eine halbe Million!“ In der That eine ſeltſame Erſcheinung an einem Januarnachmittage in Curzon⸗Street! Gibbon hebt mit großem Nachdrucke hervor, daß keiner von den gleichzeitigen Hiſtorikern etwas von der Finſterniß bei der Kreuzigung erwähnt hat, und wenn der Leſer die Zeitungen unſerer Periode durchblättert, ſo wird er in keiner finden, daß von einem atmoſphäriſchen Phänomen die Rede wäre, das an jenem Nachmittage in Curzon⸗Street ſtattgefunden hätte. Trotzdem aber waren die beiden Engel da, und Lord Ascot hatte eine unklare Ahnung von ihrer Gegenwart. Eine unklare Ahnung! Ja, und wie hätte dem anders ſein können, da eine Stimme ihm fortwährend Lady Ascot's 116 Worte in's Ohr raunte:„Wird Nichts im Stande ſein, Dich vor einem fürchterlichen Jenſeits zu retten?“ und ein Dämon ihm heimlich:„Eine halbe Million! eine halbe Million!“ in das andere flüſterte? Nur einen Augenblick blieb er ſtehen; dann eilte er immer nordwärts weiter. Der ſchwarze Engel flüſterte in ſein Ohr, aber der weiße war dicht an ſeiner Seite, ſo nahe, daß ſie alle Drei zuſammen in's Haus traten, als deſſen Thür ihm aufgethan wurde. Adelaide, die im Vor⸗ ſaale unter dem Kronleuchter ſtand, bemerkte nichts von den beiden Engeln, ſondern nur das finſtere Geſicht ihres Gatten. Sie war im Begriff, auf ihr Zimmer zu gehen, um ihre Abendtoilette zu machen, doch wartete ſie. Sowie Lord Ascot's vorerwähnter»vertrauter Schurke« den Vor⸗ ſaal verlaſſen hatte, trat ſie zu ihrem Gatten und frug flüſternd, denn ſie wußte, daß jener horchte: „Was gibt es, Welter?“ Er ſah aus, als ob er ſie hätte fortſtoßen können. Aber er that es nicht. Er ſagte blos: „Ich habe Charles Ravenshoe geſehen.“ „Wann?“ „Heute Abend.“ „Guter Gott! Dann hängt Alles für uns nur vom Augenblicke ab“, ſagte Adelaide.„Ich hatte eine Ahnung hiervon, Ascot. Es iſt fürchterlich. Wir ſind ruinirt.“ „Noch nicht“, ſagte Lord Ascot. „Noch haben wir Zeit— ja, noch haben wir Zeit. Er iſt halsſtarrig und toll. Lord Salkire könnte ſterben—“ Nun?“ 5 du do ——„) 117 ſein,„Der Eine ſowol, wie der Andere“, ziſchte ſie leiſe d ein durch die Zähne.„Gibt es kein—“ albe„Kein was?“ „Eine halbe Million!“ ſagte Adelaide. te er„Nun?“ terte„Es kann Einem ja ſo Manches zuſtoßen.“ ſo Lord Ascot betrachtete ſie einen Augenblick und ließ als dann einen wüthenden Fluch gegen ſie laut werden. Vor⸗ John Marſton hatte vollkommen Recht, Welter war ein von wüſter, roher Schurke. Er ging auf ſein Schlafzimmer. ihres Die beiden Engel gingen mit ihm. Uns Allen ſind ſie in ſolchen Momenten zur Seite. Das iſt kein Plagiat; das um Factum iſt viel zu alt dazu. owie Auf und ab, auf und ab. Das Schlafgemach war Vor⸗ nicht lang genug; er öffnete deshalb die Thür des An⸗ fug kleidezimmers. Aber auch dieſes war zu kurz; darum that er das Zimmer auf, das in einem glücklicheren Haus⸗ halte, als dem ſeinigen, die Kinderſtube geweſen ſein würde, ber und wandelte dann in allen drei Räumen hin und her. Und Adelaide ſaß unten, vor einer einzigen Kerze, mit bleichem Geſichte und feſt zuſammengekniffenen Lippen und lauſchte ſeinen Schritten im obern Stocke. Sie wußte ſo gut, als wenn ein Engel es ihr geſagt vn hätte, was in ihm vorging, während er dort oben auf und uu ab ſchritt. Sie hatte dieſe Kriſis deutlich voraus geſehen, 6— man verlache mich, aber es war der Fall. Sie hatte vorausgeſehen, daß, wenn durch irgend eine unglaubliche 6r Fügung des Schickſals Charles Ravenshoe noch lebte und er Lord Ascot noch vor Lord Saltire's Tode in den Weg käme, daß dann ſich Alles genau ſo ereignen würde, wie es 118 in Wirklichkeit an dieſem fürchterlichen Abende geſchah. Es lag etwas Grauſiges in dieſer ſeltſamen Verwirklichung ihrer krankhaften Ahnungen. Jo, ſo viel hatte ſie vorausgeſehen und ſich ſelbſt aus⸗ gelacht wegen ihrer tollen Einfälle. Aber ſie hatte nicht weiter geſehen. Was ſchließlich daraus entſtehen würde, das war ihr wie hinter einem ſchwarzen Schleier verborgen geblieben. Schwarz und undurchdringlich wie der Nebel, der eben über der Waterloo⸗Brücke hing und die ärmliche Geſtalt eines verzweiflungsvollen Mädchens, das einen Mann an der Hand führte, einen Mann, den wir kennen und der ihr folgte— wohin?— wie ein bleiches, ſchwan⸗ kendes Geſpenſt erſcheinen ließ. Alles Andere, ſchien ihr, halte ſie gewiſſermaßen in ihren Händen. Reichthum, Stellung in der Welt, die Macht, in eigener Kutſche durch die Leute zu fahren, die es verachtet hatten— die einzigen Dinge, für die ihr nichtswürdiges Herz noch Intereſſe fühlte— ſtanden hier auf dem Spiele. „Er wird mich tödten“, ſprach ſie zu ſich ſelber,„aber er fort mich anhören.“ Und oben erſchallten noch immer ſeine ſchweren Schrite. Wenigen Menſchen wird im Leben eine ſolche Prüfung zu Theil, wie ſie ihm an dieſem Abende beſchieden war. Auch ein guter Menſch würde ſich unter ſolchen Verhältniſſen ſchwer geprüft fühlen. Welche Hoffnung bleibt uns alſo für einen Schurken, wie Lord Ascot? Er wußte, daß Lord Saltire ihn haßte Er wußte, daß ihm Lord Saltire nur ſein Vermögen vermacht, weil er Char⸗ les Ravenshoe todt geglaubt hatte, und dennoch über⸗ legte er, ob er Lord Saltire ſagen ſolle, daß er Charles hung aus⸗ nicht irde, rgen ebel, liche inen nnen wan⸗ hren t in chtet piele. er ritte. fung Auch iſſen alſo ihm 6 geſehen hatte. Er richtete ſich damit ſelbſt ja ganz und gar zu Grunde. War er völlig der Schurke, als den John Marſton ihn beſchrieb? Hätte ein ſolcher Schurke lange gezögert? Was konnte einen Menſchen ohne Charakter, ohne Grund⸗ ſätze, ohne jede Rückſicht auf die Meinung der Welt in einem ſolchen Augenblicke zaudern machen? Ich kann es Euch nicht ſagen. Er war nicht daran gewöhnt, dergleichen Dinge ruhig und logiſch zu durchdenken. Darum währte es eine Weile, ehe er ſeine Ideen zu ordnen vermochte. Dann kam er zu folgendem Schluſſe, den er ſich klar vorlegte: wenn er Lord Saltire wiſſen ließ, daß Charles am Leben ſei, war er zu Grunde gerichtet; verheimlichte er es ihm aber, ein Schurke. Rechnen wir es dem armen ausſchweifenden Spieler hoch an, daß er ſelbſt zu ſolcher Erkenntniß gelangte. Er machte keinen Verſuch, die Facta zu beſchönigen und ſich ſelber zu täuſchen; nein, er führte ſich die ganze Sache klar vor die Seele. Ein Narr wäre er, wenn er es Lord Saltire ſagte. Nein, etwas Schlimmeres, als ein Narr— ein Wahn⸗ ſinniger, das unterlag keinem Zweifel. Es war alſo nicht daran zu denken. Aber Charles Ravenshoe! Wie blaß der liebe alte Junge ausſah! Welch' ein herziges, ſanftes altes Geſicht es war! Wie gut erinnerte er ſich noch des erſten Males, wo er ihn geſehen hatte! In Twyford, ja, und wie er bei dieſem erſten Beſuche durch das Billardzimmer zu ihm gelaufen kam und ihn frug, wer 120 Lord Saltire wäre. Ja. Und welche fröhliche Tage hatten ſie dann in Devonſhire zuſammen verlebt! Jene Meute von Claycomb war nicht die ſchnellſte, aber dennoch ſchnell genug für das Terrain. Und was für ein kecker Geſell der alte Charles war unter allen den ſteinernen Mauern! Ritt mitten hindurch. Und wie er die Schnepfen herunterpur⸗ zeln machte. Ach! Und geſetzt, man fände die Beweiſe jener früheren Hei⸗ rath,— da war er ja wieder der rechtmäßige Eigenthümer von Ravenshoe und alles wieder ganz wie ehedem. Aber wenn man es nicht beweiſen konnte— Lord Ascot wußte nicht, daß Charles achtzigtauſend Pfund geſichert waren. Beim Himmel! Ein gräßlicher Gedanke. Daß gerade er vom Schickſal auserſehen worden war, zwiſchen dem lieben alten Charles und ſeinem Glücke zu ſtehen! Wenn es jeder Andere geweſen wäre, als gerade Charles— Wenn Du noch nicht weißt, Leſer, daß der Menſch ſich in ſeinen Handlungen von ſeinem Gefühle leiten läßt, lange, lange nachdem er alle Grundſätze hat fahren laſſen, da packe nur Deinen Mantelſack und halte Dich etwa fünf Jahre oder noch länger unter auſtraliſchen Sträflingen oder amerikaniſchen Vagabunden auf, wie einer meiner Freunde es gethan hat. Das Gefühl überlebt die Grund⸗ ſätze ſehr lange. Ach, es hatte ja nie einen ſo lieben Jungen gegeben, wie dieſer Charles war. Jene Oſterferien— o!— unter den Bootsleuten, welch' ein Spaß es war! Ich will ihn nicht ferner in ſeinen Rückerinnerungen begleiten. Kegel⸗ ten eute nell der Ritt pur⸗ ei⸗ mer lber ſend ade dem enn ſich ſen, ünf gen iner nd⸗ ben, nter ihn 121 ſpiel und Balgerei ſind recht hübſche Luſtbarkeiten; aber man kann auch zuviel darin thun. „Eines bleibt mir immer noch übrig“, dachte Lord Ascot;„ich könnte—“ Eben war er vor der Thür des Ankleidezimmers ange⸗ langt. Dieſelbe öffnete ſich, und Adelaide ſtand vor ihm. Schön und fürchterlich, mit einem Geſichtsausdrucke, den ihr Gatte bis jetzt nur in ſchwachen Andeutungen an ihr geſehen hatte,— einem Ausdrucke, von dem er wol gefühlt, daß er eines Tages ſich auf dieſem Antlitze deutlich ausprägen könne, den er aber bisher noch nie bemerkt hatte. Das Licht ihrer Kerze fiel auf ihr bleiches Geſicht, ihre blitzenden Angen und ihre zuſammengepreßten Lippen. Er las, was in dieſen Zügen geſchrieben ſtand, und auf einen Augenblick erbebte er. („Wenn Sie mir ſagten, daß Charles unvorſichtig han⸗ deln würde, indem er ſich von Ascot's Frau eine Taſſe Bouillon bereiten ließe, ſo würde ich mich ganz Ihrer Meinung anſchließen“, hatte Lord Hainault geſagt.) Doch nur einen Augenblick! Dann wandte er ſich gegen ſie und fluchte. „Was, im Namen der Hölle, willſt Du hier in dieſem Augenblicke?“ „Du magſt mich umbringen, wenn Du willſt, Ascot; ehe Du aber Zeit haſt, dies zu thun, ſollſt Du anhören, was ich Dir zu ſagen habe. Ich habe eine fürchterliche Stunde lang Deinen Schritten gelauſcht und in jedem derſelben Deine Unentſchloſſenheit erkannt. Ascot, ſei kein Wahnſinniger!“ „Ich werde es bald werden, wenn Du in einem ſolchen 122 Momente und mit ſolchen Mienen vor mich trittſt. Sollte mein Geſicht denſelben Ausdruck annehmen, den das Deinige in dieſem Augenblicke trägt, Lady Ascot, ſo dürfte das Zimmer hier Dir kaum einen ſichern Aufenthalt gewähren.“ „Das weiß ich“, ſagte ſie.„Ich wußte alles dies, ehe ich heraufkam, Ascot. Ascot, eine halbe Million—“ „Ei, alle Teufel der Hölle haben mir ſeit einer Stunde nichts Andres vorgeſungen. Haſt Du Dein Leben nur in Gefahr geſetzt, um Dein kleines Gewinſel ihrem Geheule hinzuzufügen?“ „Ja. Willſt Du mich anhören?“ „Nein. Geh' Deiner Wege!“ „Wirſt Du es thun?“ „Wahrſcheinlich nicht. Geh' lieber Deiner Wege.“ „Du könnteſt ihm hunderttauſend Pfund geben, Ascot. Viertauſend Pfund Renten. Der arme liebe Junge würde Dich für Deine Großmuth vergöttern. Er iſt ein ſehr guter Junge, Ascot.“ „Geh' lieber wieder hinunter“, ſagte er ruhig. „Nicht ohne ein Verſprechen, Ascot. Denke—“ „Jetzt— geh'! Das iſt die letzte Warnung, die ich Dir gebe. Biſt Du toll?!“ „Aber, Ascot—“ „Nimm Dich in Acht; in einer Secunde wird es für uns Beide zu ſpät ſein.“ Zum erſten Male begegnete ihr Auge dem ſeinigen; dann fürchtete ſie für ihr Leben. Sie lief hinunter in das Geſellſchaftszimmer und ſank in einen Armſtuhl.»Gott 123 erbarme ſich meiner!« ſagte ſie; vich bin zu weit mit ihm gegangen. O, dieſes einſame Haus!“ Jeder Tropfen Blutes in ihrem Leibe ſchien ſich nach ihrem Herzen zu drängen. Sie hörte Schritte vor der Thür. O, Gott erbarme ſich ihrer! Er war ihr gefolgt. Wo waren jetzt die beiden Engel? Er öffnete die Thür und ging langſam auf ſie zu. Wenn Todesangſt eine Sühne iſt für die Sünde, ſo büßte ſie alle ihre Sünden in dieſer fürchterlichen halben Minute. Sie ſchrie nicht auf; ſie wagte es nicht. Sie kauerte ſich in die prachtvollen Kiſſen, begrub ihr Geſicht in ihre Hände und erwartete— was? Sie hörte eine Stimme, die zu ihr ſprach. Es war nicht ſeine Stimme, ſondern die ſanfte, freundliche Stimme des alten Lord Ascot's, ſeines verſtorbenen Vaters. Dieſe Stimme ſprach:„Adelaide, mein armes Kind, Du mußt Dich nicht ängſtigen, wenn ich in Wuth bin. Du armes Kind, Du haſt meinetwegen ſchon genug ertragen; ich möchte kein Haar auf Deinem Haupte krümmen.“ Er küßte ſie auf die Wange, und Adelaide brach in ein leidenſchaftliches Schluchzen aus. Nach einigen Augen⸗ blicken hörte dieſes Schluchzen auf; dann verließ ſie Lord Ascot. Er wußte nicht, daß ſie ohnmächtig geworden war, und ſie hat es ihm nie geſagt. Wo waren die beiden Engel jetzt? Beide?— nur einer war noch da. Und welcher wol? Hurrah! der gute Engel! Der ſchwarze Dämon mit ſeiner ſchwarzen Kappe hatte ſich hinweggeſchlichen zu ſeiner Höllenqual. Und als Lord Ascot die Hausthür hinter ſich ſchloß und die nebelige Straße hinabeilte, verſchwand auch 124 der gute Engel; denn ſein Werk war gethan. Zehntauſend Teufel hätten jetzt ſeinen Entſchluß nicht mehr erſchüttert. Hurrah! 4* „Simpſon“, ſagte Lord Saltire, als er ſich an dieſem Abende zur Ruhe legte,„es wird nicht lange mehr währen.“ „Was, Mylord?“ ſagte Simpſon. „Nun, ich“, entgegnete Lord Saltire.„Etabliren Sie ſich nicht als Frucht- und Gemüſehändler, Simpſon; auch nicht als Eier- und Butterhändler in Berkeley⸗Street, wenn Sie es umgehen können, Simpſon. Wenn Sie durchaus ein Koſthaus halten wollen, ſo würde ich Ihnen Jermyn⸗Street vorſchlagen; doch laſſen Sie ſich nicht durch mich beſtimmen. Ich weiß nicht, ob ich Sie nicht doch noch lieber in Brook⸗Street oder Conduit⸗Street ſehen möchte. Aber verſuchen Sie's nicht in Pall⸗Mall, wenn Ihnen mein Rath Etwas gilt; denn Sie würden dort lauter flotte junge Leute bekommen, die Ihr Haus demora⸗ liſiren. Eine geſetzte Kundſchaft unter den jungen Staats⸗ ge] ſch lung beamten bezahlt ſich im Laufe der Zeit am allerbeſten.“ „Mein lieber Herr— mein gütiger, lieber alter Herr, — wie kommen Sie dazu, heute Abend ſo zu reden?“ „Weil ich ſehr krank bin, Simpſon, und es einmal ganz plötzlich kommen wird und jeden Augenblick kommen kann. Wenn Lord Barkham's Zimmer in Cottingdean geöffnet wird, ſo möchte ich, daß Sie und Mr. Marſton zuerſt hineingingen; denn ich könnte dort noch irgend Etwas haben umherliegen laſſen.“ Etwa zwei Stunden ſpäter ward in ſeinem Schlaf⸗ nd 125 gemache geklingelt, und Simpſon, der im Ankleidezimmer war, kam eiligſt hinein. Lord Saltire ſaß aufrecht im Bette und ſah aus wie gewöhnlich. „Mein guter Simpſon“, ſagte er,„gehen Sie hinunter und ſehen nach, wer ſoeben geſchellt und ſo laut an die Thür geklopft hat. Haben Sie es nicht gehört?“ „Ich habe nichts gehört, Mylord.“ „Fleiſcher und Bäcker und dergleichen Leute klopfen und ſchellen nicht auf dieſe Weiſe. Derjenige, welcher ſoeben geſchellt hat, bringt irgend eine Nachricht, Simpſon. Das Schellen oder Klopfen eines Menſchen, der eine wich⸗ tige Nachricht bringt, iſt nicht zu verkennen. Gehen Sie hinunter und ſehen Sie nach, wer es iſt.“ Simpſon blieb nicht lange aus. Als er zurückkam, ſagte er: „Es iſt Lord Ascot, Mylord. Er verlangt Sie augen⸗ blicklich zu ſehen.“ „Herauf mit ihm, Simpſon,— herauf mit ihm, mein Alter. Ich ſagte es Ihnen wol. Das ſcheint mir intereſſant zu werden.“ Lord Ascot ſtand bereits in der Thür. Lord Saltire's Kopf war ſo klar wie je, und als Lord Ascot zu ihm heran⸗ kam, betrachtete er ihn ſcharf und neugierig, wie man wol das Siegel eines Briefes betrachtet, ehe man denſelben öffnet und über ſeinen Inhalt muthmaßt. Lord Ascot ſetzte ſich an das Bett und flüſterte dem alten Mann Etwas zu, und als Simpſon Welter's großes, breites, unfeines, rothes, bartloſes, raufboldiges Geſicht ſah, wie es das zarte, feine, geiſtvolle Antlitz Lord Saltire's faſt berührte, da hatte der treue Diener eine dunkle Ahnung, 126 daß er eines ziemlich außerordentlichen Anblicks genieße. Das war auch der Fall. „Lord Saltire“, ſagte Lord Ascot,„ich habe Charles Ravenshoe heute Abend geſehen.“ „Sie ſind Ihrer Sache ganz gewiß?“ „Vollkommen gewiß.“ „Ah! Klingeln Sie, Simpſon.“ Ehe noch Jemand ferner ein Wort geſprochen, trat ſchon ein Diener in's Zimmer.„Ruft mir unverzüglich den Hausverwalter“, ſagte Lord Saltire.“ „Sie wiſſen, was Sie gethan haben, wie, Ascot?“ ſagte Lord Saltire.„Sie ſehen, was Sie gethan haben. Ich laſſe meinen Advocaten holen, um mein Teſtament zu ändern.“ „Natürlich, Lord Saltire“, ſagte Lord Ascot.„Denken Sie etwa, ich hätte das nicht gewußt, ehe ich hierherkam?“ „Und dennoch ſind Sie gekommen?“ „Ja, während alle Teufel der Hölle mich zurück zerrten.“ „Der Curioſität halber, wie?“ ſagte Lord Saltire. „O, ich konnt's eben nicht anders, ſehen Sie. Ich habe wol manche ſchmuzige Handlung begangen; aber das vermochte ich nicht, am allerwenigſten gegen dieſen Men⸗ ſchen. Es gibt Dinge, die man eben nicht thun kann, ſehen Sie.“ „Wo haben Sie ihn geſehen?“ „In den»Grooms⸗Arms«, in der Belgrave⸗Stallgaſſe, vor kaum drei Stunden. Laſſen Sie ſich einen Mann Namens Sloane aufſuchen, dieſer wird Ihnen über Alles Auskunft geben; denn er ſaß neben ihm und hatte ihm ſeine ind ns m 127 Hand auf Charles Schulter gelegt. Seine Adreſſe iſt Nr. 27 New Road.“ Da trat der Hausverwalter ein. „Nehmen Sie unverzüglich eine Droſchke und holen mir— Sie verſtehen, was ich meine, wenn ich ſage holen — meinen Advocaten, Mr. Brogden. Mr. Compton wohnt außerhalb der Stadt; Mr. Brogden aber über dem Geſchäftslokale in Lincoln's Inn. Wenn Sie den ältern der beiden Herren aufgreifen können, ſo iſt es ebenſo gut. Wen Sie finden, ſetzen Sie in eine Droſchke und bringen ihn her. Dann fahren Sie nach Scotland⸗Yard und machen dem Polizeiinſpector Field meine Empfehlung und ſagen ihm, es wäre ein fürchterlicher Mord begangen, ver⸗ bunden mit Raub, Fälſchung, Hehlerei und ſo weiter, und daß er augenblicklich herkommen muß.“ Der ehrwürdige Herr verſchwand. Darauf ſprach Lord Saltire: „Bereuen Sie es, Ascot?“ „Nein“, ſagte er.„Hol's der Henker! aber ich konnt's nicht thun, ſehen Sie, wie ich mir's recht überlegte. Ich denke mir, das Geld wäre mir nie zu Gute gekommen. Gute Nacht.“ „Gute Nacht“, ſagte Lord Saltire;„kommen Sie mor⸗ gen in aller Frühe zu mir.“ Und ſo ſchieden ſie. Simpſon ſagte: „Wird es nicht zu viel für Sie ſein, Mhlord, wenn Sie heute Abend noch Ihr Teſtament ändern?“ „Allerdings würde es zu viel für mich ſein, wenn ich es verſuchte, Simpſon; aber ich denke nicht daran. Ich weiß nicht, ob, ſo lange die Welt ſteht, jemals eine halbe Million 128 Pfund Sterling mit beſſerem Anſtande oder aus geringerer Veranlaſſung aufgeopfert wurde. Er iſt ein hochherziger Junge; ich hatte nie eine Ahnung davon. Er ſoll das Geld haben— beim Jupiter, er ſoll's haben! Jetzt laſſen Sie mich ſchlafen. Machen Sie Brogden meine Entſchuldigung und laſſen Sie Field benachrichtigen; ſagen Sie ihm, daß ich Charles Ravenshoe morgen früh hier zu ſehen erwarte. Gute Nacht.“ Simpſon kam am folgenden Morgen herein, um die Fenſterläden zu öffnen,— aber jene Fenſterläden blieben zehn Tage verſchloſſen; denn Lord Saltire war todt. Todt. Die zarte, wachsbleiche rechte Hand, deren Finger mit koſtbaren Ringen geſchmückt waren, lag auf dem ſchneeweißen Betttuche, das von keinem Todeskampfe zerzauſt war, und auf dem Kiſſen ruhte ein Geſicht, das immer ſchön geweſen, jetzt aber noch ſchöner, ruhiger und majeſtätiſcher war, als ſonſt. Wäre ſein erſtes Lieb, das ſeit ſo vielen Jahren ſchon im Grabe lag, aus demſelben auferſtanden und ihm geſtern auf der Straße begegnet, ſo würde es ihn nicht erkannt haben; hätte es aber nur einen Augenblick das Geſicht ſehen können, das dort jetzt auf dem Kiſſen ruhte, wieder würde es den ſtattlichen jungen Edel⸗ mann in ihm erblickt haben, der vor ſechzig Jahren unter den Linden um ihr Herz geworben hatte. Der Inſpector war ſchnell und geſchickt in der Aus⸗ führung ſeines Auftrages. Wie ein Bluthund ſtürzte er ſich auf Charles' Spur, begierig, ſich das Anſehen wieder zu erringen, welches ſein Coadjutor, Yard, in derſelben Sache eingebüßt hatte. Aber ſeine Inſtructionen kamen ihm drei Stunden zu ſpät zu. a6 en Ueuntes Bapitel. Die Gruppe, welche Lord Ascot durch die Glasthür erblickt hatte, beſtand aus Charles, dem Sohne des Kut⸗ ſchers, dem Kutſcher ſelbſt und Mr. Sloane. Charles und der Sohn des Kutſchers hielten einen Plan vom Schlachtfelde von Balaclava, der in der Londoner Illuſtrir⸗ ten Zeitung erſchienen war, und gaben den beiden älteren Männern, zu deren hohem Entzücken, die nöthigen Er⸗ läuterungen und Erklärungen dazu. Alle vier begeiſterte das Thema. Sie plauderten daher ziemlich lange dar⸗ über. Als ſie ſich endlich ausgeſprochen hatten, ſagte Mr. Slvane, er müſſe nun nach Hauſe gehen, worauf ſich Alle in die Schenkſtube hinunter begaben. Hier erhob ſich eine Discuſſion über das Futter für Cavalleriepferde, zu welcher alle Vier vollkommen competent waren. Die beiden jüngeren Männer ſtanden in ihren Anſichten den beiden älteren ſchroff gegenüber und ſchwatz⸗ ten gerade ſehr eifrig über Korn und Heu, als die Thür geöffnet wurde und ein Mädchen hereintrat, welches mit jenem dreiſten, unverſchämten Blicke um ſich ſchaute, den man nur in einer gewiſſen Klaſſe ſieht. Kingsley, Ravenshoe. IV. 9 130 Ein aufgeputztes, doch ſchlottrig erſcheinendes Mädchen, deſſen Kleidung koſtbar genug, aber in allen einzelnen Theilen nachläſſig und unordentlich war. Sein Geſicht war noch immer faſt ſchön zu nennen; allein die Backenknochen traten fürchterlich hervor und das hektiſche Roth auf den Wangen, ſowie die trockenen, aufgeſprungenen Lippen be⸗ kundeten ein Bruſtübel, das ſich ſchon zur Schwindſucht entwickelte. Eine ſolche Geſtalt war vielleicht, ſo lange das Groom's Arms⸗Wirthshaus ſtand, nicht in ſeinen anſtändigen Räu⸗ men geſehen worden. Die vier Männer hielten in ihrer Erörterung inne und wandten ſich um, die ſeltſame Er⸗ ſcheinung zu betrachten. Der Kutſcher aber, ein Familien⸗ haupt und Vater von vier Töchtern, ſeufzte:„Das arme Geſchöpf!“ Mit unverſchämter, trotziger Miene trat die Dirne an den Schenktiſch. Die Kellnerin, eine ſehr ſchöne Lon⸗ donerin von geſetztem Weſen, kam ihr entgegen und frug, obgleich über die aufgeputzte, unordentliche Geſtalt er⸗ ſchrocken, mechaniſch, was ihr gefällig wäre? „Ich verlange nichts zu trinken, Miß“, entgegnete ſie, „wenigſtens habe ich kein Geld dazu;„aber ich möchte Sie nach Etwas fragen. Doch— Miß, könnten Sie einem armen Mädchen nicht eines von jenen Butterbrötchen geben, wie? Sie würden es gewiß nicht vermiſſen.“ Der Vater des Schenkmädchens, der fröhliche Bier⸗ wirth, zweihundertundfünfzig Pfund Gutmüthigkeit, ſtand jetzt hinter ſeiner Tochter. „Gib ihr eine Fleiſchpaſtete und ein Glas Ale, Jane, mein Mädchen.“ idchen, zelnen ht war nochen uf den en be⸗ dſucht voms Räu⸗ ihrer ne Er⸗ nilien⸗ arme ne an Lon⸗ ftug, it er⸗ te ſie te Sie einem geben, Bier⸗ ſtand Jon, 131 „Der allmächtige Gott ſegne Sie, Sir, und behüte Sie vor den dunklen Orten, wo der Teufel auf der Lauer liegt. Ich bin nicht hergekommen, um zu betteln;— der Hunger packte mich nur, als ich jene Butterbrötchen ſah, — ich kam blos, um Sie nach Etwas zu fragen. Ich weiß wol, daß es nichts nützt. Aber ich kann ihn nicht ſehen,— kann ihn nicht ſehen— nicht ſehen, wie er ſich ſeine arme kleine Seele ausjammert, ohne mindeſtens zu verſuchen, ihm ſeinen Willen zu thun. Ich bin nicht zum Spazieren ausgegangen. Drei Tage habe ich geduldig bei ihm geſeſſen und würde bis zuletzt bei ihm geblieben ſein, wenn er nicht begehrt hätte, daß ich mich aufmachte. Des⸗ halb kam ich, und jetzt muß ich wieder fort— wieder fort.“ Die Wirthstochter brachte ihr etwas zu eſſen, und als ihre Blicke, funkelnd wie die eines hungrigen Wolfs, auf die Speiſen fielen, hörte ſie auf zu ſprechen. Es war eine ſeltſame Gruppe. Sie in der Mitte, ihre Speiſen mit den Zähnen zerreißend, daß es gräßlich anzuſehen war. Hinter ihr das ruhige Geſicht des Wirthes, das voll Mitleid und Verwunderung auf ſie blickte, und ſeine hübſche Tochter, die ihren Arm um ſeinen Nacken geſchlungen, ihren Kopf an ſeine Bruſt gelegt und Thränen in den Augen hatte. Unſere vier Freunde hielten ſich zur Rechten in ſchweigen⸗ der Verwunderung,— eine ſehr ſeltſame Gruppe. Denn weder der Kutſcher des Herzogs, noch Mr. Sloane, die den Hintergrund bildeten, waren im Grunde gewöhnlich aus⸗ ſehende Männer, und vor ihnen ſtanden Charles und der Sohn des Kutſchers, welcher Letztere ſeinen Kopf auf Char⸗ les' rechte Schulter gelegt hatte und das unglückliche Mäd⸗ chen betrachtete, ſodaß die beiden Geſichter dicht an einander 9* 132 lagen, das eine ſchön und blaß, mit einem den Mund be⸗ ſchattenden Schnurrbarte, das andere, Charles', abgezehrt und verſtört, in lebhafter Neugier, mit halb geöffneten Lippen und etwas vorgeſtrecktem Kinne. Nach einigen Minuten ſah das Mädchen zu ihnen auf. „Ich ſagte, ich wäre hergekommen, um nach Etwas zu fragen, und ich muß dies jetzt thun und dann wieder zurückeilen. Früher pflegte ein Reitknecht hier einzuſpre⸗ chen, dieſen ſuche ich. Er hieß Charles Horton. Wenn Sie, Sir, oder Einer von Ihnen hier weiß, wo ich ihn finden kann, o, dann ſagen Sie mir's, um des barmherzigen Gottes willen, heut', an dieſem jammervollen Abende!“ Charles war ſchon vorher blaß geweſen, jetzt aber wurde er todtenbleich. Sein Herz ſagte ihm, daß ihm Etwas bevorſtand. Sein Kamerad, der Kutſchersſohn, hielt ſeine Hand feſter in der ſeinigen und ſah ihm in's Geſicht. Sloane und der Kutſcher ſtießen einen Ausruf aus. Charles erwiderte ruhig:„Mein armes Mädchen, ich bin der Mann, den Ihr ſucht. Was, in Gottes Namen, verlangt Ihr von mir?“ Während er auf die Antwort wartete, fühlte er, wie alles Blut in ſeinem Körper ſeinem Herzen zuſtrömte. „Wenig genug“, ſagte ſie.„Erinnern Sie ſich viel⸗ leicht eines kleinen Schuhputzers, der an der Peterskirche zu ſtehen pflegte?“ „Ob ich mich ſeiner erinnere!“ ſagte Charles, näher zu ihr herantretend.„Ja, gewiß thue ich das. Mein armer kleiner Bub'! Ihr wollt doch nicht ſagen, daß Ihr etwas von ihm wißt?“ „Ich bin ſeine Schweſter, Sir, und er liegt im Sterben, ——— dbe und er ſagt, er will nicht eher ſterben, als bis Sie kom⸗ ehetmen Deshalb bin ich gelaufen, um zu ſehen, ob ich fneten Sie nicht finden könnte. Wollen Sie mit mir zu ihm kkommen?“ nauf.„Ob ich mit Euch gehen will?“ ſagte Charles.„Kommt tno ſchnell! Mein armer kleiner Kerl! Und im Sterben!“ vieder„Der arme kleine Mann“, ſagte der Kutſcher.„Ich uſpre⸗ hab' Sie oft von ihm ſprechen hören. Gehen wir Alle.“ Wenn Sein Sohn und Mr. Sloane ſtimmten in den Vor⸗ ch ihn ſchlag ein. jigen„Sie dürfen nicht mitkommen“, ſagte das Mädchen; e„es iſt heute Abend ein fürchterlicher Spectakel in unſerm taber Hofe, um Ihnen gleich die Wahrheit zu ſagen. Er iſt ihmn ganz ſicher, wenn ich ihn mitnehme; aber wenn Mehrere sſchn, von Ihnen mitkommen, ſo werden ſie denken, daß man Leute nin gegen ſie herbeigeholt hat. Denken Sie nicht daran, faus. mitzugehen.“ e, i„Laſſen Sie mich lieber allein gehen“, ſagte Charles. anen,„Ich bin überzeugt, daß es nicht Recht ſein würde, wenn twort mehr Leute mitkämen, als dies arme Mädchen mitnehmen ſinen will. Ich bin bereit.“ Damit folgte er dem Mädchen in die Dunkelheit hin⸗ vil⸗ aus, und ſobald ſie auf der Straße waren, wandte ſie ſich zrche zu ihm um und ſagte: „Folgen Sie mir lieber in einiger Entfernung. Ich berj will Ihnen ſagen, warum; ich glaube, die Polizei ſucht„ nn mich, und Sie könnten in Ungelegenheiten gerathen, wenn Sie zuſammen mit mir geſehen würden. Merken Sie wol, für den Fall, daß ich feſtgenommen würde, daß es in Mar⸗ ub quis Court, Little Marjoram⸗Street iſt, und zwar das ( 134 letzte Haus, Ihnen gerade gegenüber, wenn Sie in den Hof treten. Wenn Sie ſich in den Thorweg ſtellen und Miß Ophelia Flanigan rufen, ſo wird ſie zu Ihnen kommen. Sollte aber die Schlägerei noch nicht vorüber ſein, ſo war⸗ ten Sie, bis ſie ruhig geworden ſind. Aber was Sie auch immer thun, wagen Sie ſich auf keinen Fall allein in den Hof, wie friedlich es auch darin ausſehen mag, ſondern rufen Sie Miß Ophelia Flanigan.“ Darauf huſchte ſie durch den Nebel fort, und er folgte ihr ſchnellen Schrittes, um ſie nicht aus dem Geſichte zu verlieren. Es war ein ſchrecklicher Abend. Der Nebel war ge⸗ ſtiegen und ein klagender Wind hatte ſich erhoben, den ein von Südweſten kommender Regen begleitete. Ein wilder, naſſer, melancholiſcher Abend,— es regnete nicht ſo ſtark, um Einem großes körperliches Unbehagen zu verurſachen, und der Wind war nicht heftig genug, um Einem die Ner⸗ ven zu erregen. Die Schuhputzer und Gaſſenkehrer ſchulterten Kehr⸗ beſen und Käſten und trabten heim. Die Grünkrämer ließen ihre Karren vor den Bierhäuſern ſtehen, wäh⸗ rend ſie hineingingen, um ein Glas zu trinken und ſich gegenſeitig über den Preis der Gemüſe auszuſprechen, bis ſie von durchnäßten Conſtablern herausgeholt und zur Rede geſtellt wurden, weil ſie die Straßen Ihrer Majeſtät verſperrt hatten. Die Bettler hüllten ſich feſter in ihre Lumpen und humpelten nach Hauſe,— wo ſie, nehmen wir in chriſtlicher Barmherzigkeit an, ein beſcheidenes Nacht⸗ eſſen erwartete, beſtehend aus einem Stückchen Fiſch, einem Rebhühnchen mit jungen Kohlkeimchen, oder, da es noch ni n den nund nmen. war⸗ auch nden ndern olgte ſte zu r ge⸗ n ein ilder, ſtart, chen, Ner⸗ 135 nicht ſpät im Februar war, etwa aus einem geſottenen Faſane mit Sellerieſauce. Jeder trachtete nach einem Ob⸗ dache, die Conſtabler ausgenommen. Und Charles— unſer armer, thörichter, halsſtarriger Charles, den ein gräfliches Vermögen erwartete, eilte, bleich, hager und mit verzweifelndem Herzen, im Coſtüm eines Reitknechts, hinter einem unglücklichen Geſchöpfe, das vielleicht noch verzweif⸗ lungsvoller war als er, der Brücke zu. Ja; jetzt ſtehe ich am düſterſten Theile meiner ganzen Erzählung. Seit ſeinem Unglücke hatte er ſeine Gedanken etwas zu viel bei dieſen Brücken verweilen laſſen. Gibt es doch wenig Leute, die nicht irgend ein Spinnengewebe im Kopfe trügen, das mehr oder minder harmlos iſt. Charles hatte jetzt auch ein Spinnengewebe im Kopfe. Dem beſten Menſchen von der Welt könnte ein ſolches in den Kopf kommen, nach einem ſo gräßlichen Sturze, wie ihn unſer Charles erlitten hatte, namentlich, wenn ihm über⸗ dies noch drei oder vier Knochenſplitter in den Deltamuskel bohrten, und ihn ſeit einer halben Woche alles Schlafes beraubten. Aber ich möchte lieber, daß meine Freunde ſich jede andere Thorheit in's Hirn ſetzten(ja ſogar, daß ſie ſich fünfzig Stutzuhren in's Zimmer ſtellen ließen und ihre Diener fortjagten, wenn jene nicht alle im gleichen Momente ſchlügen, wie es ein vortrefflicher Offizier und braver Kamerad in Wirklichkeit gethan hat), als daß ſie nach Dunkelwerden an die Brücken dächten, deren Pfeiler das faulige Waſſer umkreiſt und beſpült. Ich habe dieſe Grille des armen Charles ſchon ſeit einer geraumen Weile ange⸗ deutet; ich mußte es thun. Aber ich meine, je weniger wir darüber ſagen, deſto beſſer; man wird mir bezeugen, 136 daß ich nicht mehr Redens davon gemacht habe, als un⸗ umgänglich nothwendig war. Am Ende von Arabella⸗Row ſtand die Dirne ſtill und ſah ſich nach ihm um. Sie kamen gerade an einer Thurmuhr vorüber, einer breiten Lichtſcheibe am dunklen Himmel. Zehn Minuten nach zehn Uhr. Lord Ascot ſaß eben an Lord Saltire's Bett, und Lord Saltire hatte geklingelt, daß man ihm den Polizeiinſpector Field holte. Sie eilte weiter, und er folgte ihr Pall Mall entlang. Sie ging ſehr ſchnell, und er hatte Mühe, ſie im Auge zu behalten. Aber immer, wenn ſie an einer Laterne vorüber kam, ſah er ſie ganz deutlich. Ihr Schatten fiel plötzlich dicht vor ſeine Füße, beſchrieb dann einen Halbkreis zur Rechten, bis er ſie einholte, ging ihr voraus und verſchwand, bis ſie wieder an eine neue Laterne kam, wo derſelbe wie⸗ der zu ſeinen Füßen lag, und wieder zu ihr zurückkehrte und ihm winkte, ihr zu folgen,— wohin? Wie viele Laternen waren dort? Eine, zwei, drei, vier. Dann ſahen ſie einen Mann, der im Regen auf einer Bank lag und ſchlief, und, als der Conſtabler ihn rüttelte und ihm ſagte, er ſolle heim gehen, düſter ſprach:„Meine Hei⸗ mat iſt in der Themſe, mein Freund; aber ich werde mich heute Abend noch nicht dahin begeben, und vielleicht auch morgen noch nicht.“ „Seine Heimat war in der Themſe, dem lieben, glück⸗ lichen alten Strome.“ Der theure Strom! Der Jubel und die Freude ſeiner Knabenzeit, der Strom, der in den grün⸗ kryſtallenen Tiefen ſchlummerte, unter dem Gerölle, das von den Kreidefelſen herunter gebröckelt war, wo der Epheu, die Eiche und die Stechpalme wuchſen, und ſich dann ſprudelnd 4 1 s un⸗ ſtill einer nllen Ascot hatte lte. lang. ge zu rüber ützlich s zur vand, wie⸗ kehrte vier. Bank und mich auch lic⸗ und grün⸗ 6 von 1, die delnd 5 k 137 und hüpfend und brauſend durch die Wehre von Caſterton ſtürzte, dort, wo Charles mit Welter zu baden pflegte und wo ſie lagen und dem guten Lord Ascot zuſchauten, wie dieſer einen ganzen langen Sommernachmittag geduldig mit ſeiner Angel daſaß, bis er gegen Sonnenuntergang endlich eine achtpfündige Forelle gefangen hatte. Die liebe alte Themſe! Aber das war fünfzig Meilen ſtromaufwärts und vor, ach ſo vielen Jahren geweſen! Hier aber war der Fluß ſchmuzig und umſpülte mit hungrigem Lecken die Boote und Barken und die ſteinernen Brücken⸗ pfeiler. Und noch weiter hinunter kroch er zwiſchen Koth⸗ bänken dahin. Und Charles hatte ein Bild von einer ſol⸗ chen geſehen, von dem lieben alten Hablot Knight Browne, auf dem man nicht gleich erkennen konnte, was dort zwiſchen dem Riedgras lag, weil das Geſicht abgewandt und die Glieder— In derſelben Weiſe gingen ſie durch Spring⸗Gardens nach Strand. Hier aber hatte Charles noch mehr Mühe, als vorher, dem armen Mädchen in ſeinem ſchnellen Laufe zu folgen. Da waren ja ſo Viele, die ſeiner Führerin glichen; allein ſie ſchritt ſchneller, als die andern Alle. Ehe er an die Straße kam, die rechts nach der Waterloo⸗Brücke ab⸗ biegt, glaubte er, ſie verloren zu haben; als er ſich aber um die Ecke wandte und der feuchte Wind ihm gerade in's Geſicht blies, ſah er ſie daſtehen und auf ihn warten. So gingen ſie zuſammen über die Brücke. Sie wandel⸗ ten jetzt nebeneinander; fürchtete auch ſie ſich etwa? Am Südende der Brücke angelangt, ſchritt ſie wieder voraus, um ihm den Weg zu zeigen. Eine bedeutende Strecke jenſeits des Waterloo⸗Bahnhofes wandte ſie ſich links. Aus einer breiten, niedrigen geräuſchvollen Straße kamen ſie in viele andere, von denen einige ſehr ſtill, andere laut und lebendig, mehrere tageshell waren von den Gas⸗ lampen der Kaufläden, andere finſter und uuheimlich aus⸗ ſahen, mit nur hier und dort ein paar dunklen Geſtalten, die um die Ecken oder unter dunklen Thorwegen ver⸗ ſchwanden. Charles gewahrte, daß ſie hier in eine etwas bedenkliche Gegend gelangten. Wie die arme, aufgeputzte Geſtalt vahinhuſchte! Wie ſie an jeder Straßenecke ſtillſtand und nach ihm zurück⸗ blickte und dann wieder weiter flatterte! Welche unzähligen Biegungen! Wie ſollte er je den Weg zurückfinden— zurück nach der Brücke? Endlich bog ſie in eine von Gemüſehökern und Schiffs⸗ trödlern bewohnte Straße ein, wo die Leute ſämmtlich vor den Thüren ſtanden und hinausgafften,— alle nach derſelben Richtung hin— und ſich ſo ernſtlich mit einander unter⸗ hielten, daß ſogar ſeine Reitſtiefeln nicht beachtet wurden, was ihm auffiel; denn faſt während der ganzen Strecke von der Waterloo⸗Brücke an hatte die Mehrzahl der Bevölke rung dieſen Schmuck kritiſirt, entweder mit Jronie oder mit offener Mißbilligung. Er glaubte, man blicke nach einem brennenden Hauſe und wandte den Kopf nach der⸗ ſelben Richtung hin; doch ſah er nur vas arme Mädchen an einem ſchmalen Eingange ſtehen und auf ihn warten. Er kam zu ihm heran. Eine kleine Strecke weiter hin⸗ unter in einem dunklen Gäßchen befand ſich ein Thorweg, und jenſeit deſſelben viele Lichter, und das Geſchrei und Getöſe von vielen Menſchen. Das Mädchen ſchlich leiſe ein paar Schritte vorwärts, Charles ihm hinterdrein; doch —— 139 plötzlich fuhr es zurück. Das ganze Gäßchen und der Thorweg am Ende deſſelben war von Conſtablern beſetzt. Ein munter ausſehender Mann in mittleren Jahren, mit einem unausſprechlich ſchwarzen, aber ſpärlichen Backenbarte, trat aus den Reihen und ſtellte ſich vor ſie hin. Charles ſah augenblicklich, daß es der Polizei⸗ inſpector war. „Nun, Ihr junges Frauenzimmer“, ſagte er ſcharf, „wozu bringt Ihr dieſen jungen Mann hierher, wie?“ Sie war gezwungen, vorzutreten. Sie fing an, die Hände zu ringen. „Herr Inſpector“, ſagte ſie,„Sir, o, ich will hier todt vor Ihnen hinfallen, wenn ich Ihnen nicht die Wahrheit ſage. Mein armer kleiner Bruder, Sir. Er liegt in Nr. 8 im Sterben, Sir, und er ließ dieſen jungen Mann bitten, ihn noch einmal zu beſuchen, Sir. O, halten Sie uns nicht auf, Sir. O, Gott helfe—“ „Bah!“ ſagte der Inſpector.„Was, zum Henker, kann es nützen, mir ſolch' Gewäſch vorzuplappern? Und was Sie betrifft, junger Mann, ſo marſchiren Sie nach Hauſe, und zwar noch einmal ſo ſchnell, als Sie herkamen. Sie haben hier nichts zu ſchaffen.'s iſt ſehr ſelten, daß wir einem herrſchaftlichen Diener in ſolcher Geſellſchaft in dieſem Stadttheile begegnen.“ „Bah! bah! mein guter Herr“, ſagte Charles;„Sie reden dummes Zeug. Nehmen Sie ſich nicht dieſen Ton gegen mich heraus, wenn ich bitten darf. Die junge Per⸗ ſon hat Ihnen die reine Wahrheit geſagt. Wenn Sie mir behülflich ſein können, bis an jenes Haus am entgegen⸗ geſetzten Ende des Hofes zu gelangen, ſo will ich Ihnen 140 verbunden ſein. Wo nicht, ſo erlauben Sie ſich ſelber nicht, eine Meinung auszuſprechen, ohne von den Verhältniſſen unterrichtet zu ſein. Sie können das Mädchen feſthalten; aber ich werde weiter gehen. Sie wiſſen nicht, mit wem Sie zu thun haben. Wie der alte Orforder Stolz zu guter Letzt einmal wieder aufblitzte! Der Inſpector zog ſich zurück und verbeugte ſich.„Ich muß meine Pflicht thun, Sir. Dickſon!“ Dickſon, zu deſſen Straßenrunde dieſer Hof gehörte, wie er ſelbſt an manchen ſchmerzenden Knochen ſeines Körpers verſpürte, trat vor. Er ſprach:„Nun, Sir, ich leugne nicht, daß dies junge Frauenzimmer die Beß iſt, und vielleicht iſt ſie auch in ihrem Gewerbe auf der Straße, und ich will nicht behaupten, daß wir ſie nicht eines Tages noch wegen Beraffens und Taſchentücherſtehlens und dergleichen werden feſtnehmen müſſen, wie wir es mit ihrem Bruder, dem Knei⸗ fer, genöthigt waren; aber ſie iſt eine gute junge Perſon und eine ehrliche Perſon, in ihrer Art, und was ſie da heut' Abend von ihrem Bruder ſagt, iſt ſo wahr, wie das Evangelium.“ Das»Beraffen iſt eine Art des Diebſtahls, in der ich mich nie geübt habe und die ich daher nicht näher zu be⸗ zeichnen im Stande bin. Auch das Taſchentücherſtehlen habe ich nie practicirt, da ich niemals weder Muth noch Gewandtheit genug dazu beſaß. Jedenfalls aber ſcheint mir des Conſtabler Dickſon's Begriff von einer ehrlichen jungen Perſon, in ihrer Art,« ein im höchſten Grade ver⸗ worrener und unbefriedigender zu ſein. Der Inſpector ſagte zu Charles:„Sir, wenn vor⸗ nehme Herren ſich als Diener verkleiden, ſo müſſen ſie —— 141 cht, ſich's gefallen laſſen, wenn die Polizei ein Verſehen macht, ſſen bis es ihnen beliebt, zu ſprechen. Erlauben Sie mir, en; Ihnen jedenfalls zu ſagen, Sir, daß Sie außerordentlich em thöricht gehandelt haben, indem Sie die Kleider Ihres Dieners anzogen. Sie kommen in einer barmherzigen mal Abſicht, wie es ſcheint, und ich will für Sie thun, was ich kann. Es befinden ſich in dieſem Augenblicke ein Arzt und ch ein Miſſionär irgendwo hier im Hofe, wie mir meine Leute ſagen. Dieſe können nicht heraus, und ich glaube nicht, wie daß Sie große Ausſicht haben, hineinzukommen.“ ers„Beim Jupiter!“ ſagte Charles„„wiſſen Sie wol, daß Sie ein ſehr guter Burſche find? Es thut mir icht leid, daß ich ſoeben grob gegen Sie war; aber ich habe vil viel Kummer und bin ſehr reizbar. Ich hoffe, Sie ver⸗ zn zeihen mir.“ .„Kein Wort weiter, Sir“, ſagte der Inſpector.„Kom⸗ men Sie und ſehen ſich dies an, Sir. So etwas werden 3 Sie vielleicht in Ihrem Leben nicht wieder zu Geſichte be⸗ kommen. Meine Leute wagen ſich nicht hinein. Dies, 2 Sir, iſt, wie ich glaube, der ſchlimmſte Hof in ganz London.“ ih„Ich dachte“, ſagte Charles, indem er ſeine Stulpen⸗ be⸗ ſtiefeln ganz vergaß und wie in alten Zeiten„de haut en len bas“ redete—„ich dachte, Ihr Roſemary⸗Lane trüge die c Palme davon als vlebhafteſte« Straße von London?“ in„Der Himmel ſegne Sie!“ ſagte der Inſpector,„hier⸗ gegen iſt es gar nichts; ſehen Sie nur.“ er⸗ Sie gingen bis an das Ende des Thorweges und ſchauten hinein. Es war ſtill wie im Grabe, aber hell wie am Tage; or⸗ denn in jedem Fenſter brannten Lichter. ſie 142 „Nun?“ ſagte Charles,„der Hof iſt leer. Ich kann hinüber laufen. Laſſen Sie mich los. Ich bin überzeugt, daß ich ſicher hinüberlaufen kann.“ „Sein Sie lein Wahnſinniger, Sir“, ſagte der In⸗ ſpector, ihn mit Gewalt zurückhaltend;„warten Sie, bis ich es Ihnen ſage, falls Ihnen nicht um einen ſechsmonat⸗ lichen Aufenthalt im Hoſpitale zu thun iſt.“ Charles ſah bald ein, daß der Inſpector Recht hatte. An jeder Seite des Hofes ſtanden drei Häuſer. Das mittlere auf der rechten war ein ſehr großes Gebäude, zu deſſen Eingange von jeder Seite drei Stufen führten, die ein Eiſengitter umzog und welche am obern Ende eine Art Tribüne oder Roſtrum bildeten. Dies war Mr. Malone's Haus, deſſen Gattin aus Familienrückſichten vorzog, ſich Miß Ophelia Flanigan zu nennen. Im Hofe ſelbſt herrſchte eine lautloſe Stille, als plötz⸗ lich in der gegenüberliegenden Thür ein hochgewachſener, ziemlich hübſcher junger Mann erſchien, der einen großen wollenen Rock unter dem Arme und eine Feuerſchaufel über der Schulter trug. Dies war Mr. Dennis Moriarty, der Jüngere. Er kam an den Thorweg und zwar ſo nahe an Charles und den In⸗ ſpeetor heran, daß dieſe ihn hätten berühren lönnen, und ſchritt dann den Hof hinab, indem er den Rock am Boden hinter ſich herſchleppte, bei jedem Schritte die Beine trotzig in die Höhe hob und geſchickt mit der Feuer ſchaufel auf den nackten Ferſen den Takt dazu ſchlug. „Hurrah!“ Er war etwa halbenwegs den Hof hinunter gelangt, ohne daß eine Seele ihn daran zu verhindern geſucht hatte, kann eugt, „bis at⸗ atte. tlere ſſen ein Art nes ſich lt⸗ ner, en iber kam te, 143 als der Feind ſich plötzlich in zwei Colonnen hinter zwei Thorwegen hervor auf ihn ſtürzte und er zurückgetrieben wurde, indem er wie ein Held mit ſeiner Feuerſchaufel kämpfte. Die beiden feindlichen Colonnen vereinten ſich und eilten ihm, von Mr. Phelim O Neill angeführt, durch die Hausthür nach. Aus dem Innern des Gebäudes drang alsdann ein fürchterliches Getöſe, als wenn man ſich auf der Treppe ſchlüge. Da fand eines jener Verſehen ſtatt, wie ſie ſo oft im Kriege vorkommen, die zur Zeit Unheil bringen und für alle Ewigkeit unerklärlich bleiben. Kann ein Menſch er⸗ klären, warum Lord Lucan jenen Befehl bei Balaclava gab? Nein. Kann mir ein Menſch ſagen, warum bei dieſer Gelegenheit Mr. Phelim ONeill ſich perſönlich an die Spitze des Angriffs auf der Treppe ſtellte und ſeine Anhänger im Hofe in Verwirrung zurückließ, in Ver⸗ wirrung, weil ſie den Tanz hörten, der drinnen vorging, und nicht im Stande waren, an demſelben Theil zu nehmen? Ich glaube nicht. Dies war indeſſen der Fall, und mitten drinnen ſtürzte Mr. Malone, heulend wie ein Dämon und gräßlich berauſcht, gefolgt von etwa dreißig bis vierzig Perſonen, die ihn in Allem wo möglich noch übertrafen, aus der Hausthür nebenan und griff ſie mit Hammern und Zangen an, ehe ſie Zeit hatten, ſich in Schlacht⸗ ordnung aufzuſtellen. Ich brauche wol kaum zu ſagen, daß Mr. Phelim ONeill's Partei bei dieſem Rückenangriffe außerordentlich litt. In etwa zehn Minuten ſtanden ſich die beiden Par⸗ teien indeſſen, aus bloſer Erſchöpfung, wieder unthätig gegenüber. 144 In dieſem Augenblicke erſchien Miß Ophelia Flanigan an der Thür von Nummer 8— demſelben Hauſe, das Charles ſo ſehnſüchtig zu erreichen wünſchte— und begab ſich langſam und majeſtätiſch nach dem Roſtrum vor ihrer eigenen Hausthür, wo ſie, nachdem ſie die Stufen hinan⸗ geſtiegen, mit verſchlungenen Armen ſtehen blieb und um ſich ſchaute. Sie war eine außerordentlich kräftige Irländerin, mit einem ſehr rothen Geſicht; ihre Arme waren unbedeckt, und ſie kratzte ſich an den Ellnbogen. Jeder Schulbube weiß, daß der Löwe am Ende ſeines Schweifes eine Klaue hat, mit welcher er ſich in Wuth peitſcht. Wenn der erfahrene Jäger ihn ſo beſchäftigt ſieht, ſo»macht er ſich aus dem Staube« Wenn Miß Flanigan's Feinde ſie ihre Ellnbogen kratzen ſahen, ſo machten ſie es gewöhnlich wie jener Jäger. Eben jetzt kratzte ſie ſich. Eine Grabesſtille folgte. Eine Frau in jenem Hofe, und nur dieſe eine, hatte ſich erboten, mit der fürchterlichen Miß Ophelia zu kämpfen; es war die junge Mrs. Phelim ONeill. Dies⸗ mal begann ſie damit, daß ſie vor der Fronte der erwar⸗ tungsvollen Kriegsſchaaren langſam auf und ab ſchritt. Während Miß Flanigan mit verachtungsvollem Mitleid auf ſie herabblickte, eröffnete Mrs. ONeill ihr Feuer. „Kätzchen, Kätzchen!“ fing ſie an.„Miez, Miez, Miez! Miau! Miau!“(Mr. Malone hatte ſich ſein Vermögen erworben, indem er den verwöhnten Zimmerkatzen das nöthige Fleiſch lieferte).„Miezchen, mein kleiner grauer Teufel, komm' ihr nicht zu nahe, mein Miezekätzchen, oder ſie hackt Dich zu Wurſtfleiſch und verkauft Dich, um einen — igan das begab ihrer inan⸗ dum mit dect, eines Puth jftigt Miß ſo jetzt hatte ies⸗ war⸗ ritt. tleid niez! ögen das guer oder ien 145 verſoffenen, einäugigen Raufbold aus Cork zu ernähren, der zwei Monate brummen mußte, weil er ſeinen Karren zu ſchnell um die Ecke von Park⸗Lane und über einen alten General mit einem weißen Hute und grünſeidenen Regen⸗ ſchirme fahren that, und der eine rothhaarige Perſon aus der Grafſchaft Waterford geheirathet hat, die ſich bei ihrem Mädchennamen nennt und nie anders zur Keilerei aufge⸗ legt iſt, als wenn ſie getrunken hat, was aber ziemlich ge⸗ wöhnlich der Fall iſt, meine Miezekatze. Ich möchte mal Den von den Malone'ſchen oder den Moriartyſſchen ſehen, der das leugnen thäte. Miau!“ Miß Ophelia Flanigan putzte ſich mit einem Ausdrucke tiefer Verachtung die Naſe. Irgendwer aus der niedern Klaſſe der Bewohner des Hofes hatte ihr das Taſchentuch geſtohlen. WMrs. ONeill beeilte ihre Schritte und erhob ihre Stimme. Eben wollte ſie wieder anfangen, als das un⸗ glückliche Mädchen, welches Charles geholt hatte, in den Hof lief und rief:„Miß Flanigan! ich habe ihn gebracht! Miß Flanigan!“ Augenblicklich ſchwand der Ausdruck der Verachtung aus Miß Flanigan's Geſichte. Sie kam die Stufen hin⸗ unter und ging ſchnell auf die Stelle zu, wo Charles ſtand. Wie ſie an Mrs. O'Neill vorüberkam, ſagte ſie: „Still, Biddy ONeill, mein Liebchen. Ich bin heut' Abend zu keiner Schlägerei aufgelegt. Du weißt wol, warum.“ Und Mrs. ONeill ſagte:„Du biſt ein gutes Weib, Ophelia. Ich hätt' Dir auch heute Abend kein garſtig' Wort geſagt, aber ich meinte, es würde Dich vielleicht nach Kingsley, Ravensboe. 1V. 10 146 Deinem Nachtwachen ein Bischen aufheitern. Achte gar nicht auf mich, das iſt das Beſte. Miß Flanigan ging zu Charles heran und führte ihn, ſeinen Arm nehmend, über den Hof. Schnell wurde es im Hofe bekannt, daß das der junge Mann ſei, den der kleine Billy Wilkins, der in Nr. 8 im Sterben lag, ſich hatte holen laſſen. Charles war jetzt ſo ſicher, wie wenn er ſich auf der Hauptwache der Leibgarde befunden hätte. Als er in die Hausthür trat, brachten ſie ihm ein lautes Hurrah, und erſt, nachdem die Thür ſich hinter ihm geſchloſſen hatte, ſetzten ſie ihre Schlacht wieder fort. Charles ſah ſich in einem unſaubern Zimmer, an welchem nichts Bemerkenswerthes war, als ſeine Aerm⸗ lichkeit und ſein Schmuz. Vier Perſonen waren anweſend, als er eintrat— eine Frau, die neben dem Bette ſchlief, zwei Herren, die abſeits im Schatten ſtanden, und der bleiche, abgezehrte Knabe im Bette. Charles ging an daſſelbe heran und ſetzte ſich. Als der Bube ihn erblickte, machte er eine heftige Anſtrengung, richtete ſich halb in die Höhe und umſchlang Charles'Nacken mit ſeinen kleinen Armen. Charles legte ſeinen Arm um den ſchmächtigen kleinen Leib, um ihn aufzurichten— ein ſo ſeltſames Paar, wird man mir zugeben, wie man es nur ſehen konnte. „Wenn Sie die Güte haben wollten, Miß Flanigan“, ſagte der Arzt,„mich über den Hof zu führen, ſo würde ich mich Ihnen auf's tiefſte verpflichtet halten. Sie, Sir, beabſichtigen noch etwas länger dazubleiben, wie ich glaube?“ „Ja, Sir“, ſagte der andere Herr mit einer rauhen, egr eihn, es in kleine hatte ſich s er rah, oſſen an erm⸗ ſend, ü, der der ung, cen ein nur an“, ürde Sie, ich hen, 147 unangenehmen Stimme;„ich werde bleiben, bis es vor⸗ bei iſt.“ „Da werden Sie nicht ſehr lange mehr zu warten haben, mein lieber Herr“, entgegnete der Arzt.„Jetzt, Miß Fla⸗ nigan, bin ich bereit. Bitte, rufen Sie in den Hof hinaus, daß der Doctor kommt, und daß er, wenn man nur einen Finger gegen ihn erhebt, ihnen Crotonöl und andere draſtiſche Sachen beibringen will, bis ſie ſich lieber den Tod wünſchen, und dann Chinin nachgeben, daß ihnen der Hirndeckel abſpringt. Allons, meine theure Fd Mit dieſer gräßlichen Drohung empfahl ſich der Arzt. Der andere Herr, der Miſſionär, blieb. Er ſaß in einem Seſſel im fernſten Winkel des Zimmers. Die arme Mutter lag in einem ſchweren Schlafe. Das unglückliche Mädchen, welches Charles gebracht hatte, ſetzte ſich an den Tiſch, auf den ſie ihren Arm und auf dieſen ihren Kopf legte, und war dann ebenfalls eingeſchlafen. Der ſterbende Knabe konnte bereits nicht mehr ſprechen. Er verſuchte es ein paarmal; aber immer kam nur ein Röcheln aus ſeiner Kehle. Nach ein paar Minuten löſte er ſeinen Arm von Charles' Nacken und begann mit ängſt⸗ licher Miene nach Etwas zu ſuchen. Als er es gefunden hatte, lächelte er und zeigte es Charles. Nun, nun,— es war ja nur der Ball, den Charles ihm geſchenkt hatte. Charles ſetzte ſich auf den Rand des Bettes und legte ſeinen linken Arm um den Leib des Kindes, damit der kleine Kopf an ſeiner Bruſt ruhen möge. Er nahm die kleine Hand in die ſeinige. So blieben Sie. Wie lange? Ich weiß es nicht. Er ſaß nur da und hielt das heiße Köpfchen an ſeine Bruſt und dachte, wie dieſes kleine Leben, 1 148 das ihm ſo theuer geworden, jetzt, da alle alten Freunde ihn verlaſſen, auch dahinebbte und wie er dann in der Nacht wieder allein nach Hauſe gehen müſſe— über die Brücke. Die kleine Hand in der ſeinigen erſchlaffte, und das Kind war todt. Er wußte es; aber er rührte ſich nicht. Noch immer ſaß er und hielt das todte Kind im Arm und dachte mit einem dumpfen Grauen an den Heimweg über die Brücke. Da war Jemand aufgeſtanden und zu ihm herange⸗ kommen. Die Mutter und das Mädchen ſchliefen noch immer;— es war der Miſſionär. Er ſtand neben Charles und legte ſeine Hand auf deſſen Schulter. Und Charles wandte ſich von dem todten Knaben zu ihm und ſah ihm in's Geſicht— in John Marſton's Geſicht. das und ber Zehntes Kapitel. Von den Klagen der Mutter gefolgt, verließen dieſe Beiden das Haus. Der Hof war jetzt ſtill genug. Die armen Wilden, die ihr Getöſe nicht einſtellen wollten, um dem Sterbenden Ruhe zu gönnen, ſprachen jetzt nur flüſternd, um den Todten nicht zu wecken. Schnell ſchritten die Beiden zuſammen fort. Sie hatten kein Wort mit einander gewechſelt— kein einziges — aber ſie eilten durch die ſchlimmſten Straßen nach einem beſſern Theile der Stadt, indem Charles ſich feſt, aber ſchweigend, an John Marſton's Arm klammerte. Als ſie in deſſen Wohnung anlangten, ſetzte Charles ſich vor's Kaminfeuer und ſprach zum erſten Male. Er brach nicht in Thränen aus, noch that er ſonſt etwas der Art. Er ſagte blos ganz ruhig: „John, Du haſt mich gerettet. Ich würde dieſe Nacht nicht mehr nach Hauſe gegangen ſein.“ Aber John Marſton, der, da er Charles gefunden, ſeine theuerſten Hoffnungen zu Boden ſinken ſah, nahm es nicht ganz ſo ruhig. Dachte er an Mary? Sah er augen⸗ blicklich, daß ihm jetzt alle Ausſicht, ſie jemals zu gewinnen, —2 auf immer genommen war? Und fühlte er nicht zugleich, daß er ſie inniger liebte, denn je? „Ja“ ſage ich zu allen dieſen drei Fragen. Wie benahm er ſich dabei? Nun, er legte ſeine Hand auf Charles' Schulter und ſprach:„Charles, Charles, mein lieber alter Junge, blick auf und ſprich mit Deiner lieben alten Stimme zu mir. Sieh' nicht ſo wild aus. Denke an Mary, mein alter Junge. Mehr als Einer hat um ſie geworben, Charles; aber ich glaube, ihr Herz gehört noch immer Dir.“ „John“, ſagte Charles,„das iſt's eben, was mich be⸗ wog, mich vor Euch Allen zu verſtecken. Ich weiß, daß ſie mich mehr liebt als irgend einen Menſchen auf der Welt. Ich träumte davon, in der Nacht, wo ich Ravenshoe ver⸗ ließ. Ich wußte es an jenem Abende in Lord Hainault's Hayſe. Und theils, damit ſie einen entehrten, mittelloſen Menſchen, wie ich es bin, vergeſſen lernte, theils aber(denn ich habe heute Abend an den Thoren der Hölle geſtanden, John, und ſehe daher Manches in einem klareren Lichte) aus albernem Stolze habe ich alle meine Schlauheit auf⸗ gewandt, um mich zu verſtecken,— in der Hoffnung, daß Ihr mich todt glauben und mein Andenken lieben würdet, und fürchtend, daß Ihr aufhören könntet, mich ſelbſt zu lieben.“ „Dein Andenken iſt uns ſehr theuer geweſen, Charles. Du wirſt niemals errathen, wie ſehr, bis Du ſiehſt, wie ſehr wir Dich ſelbſt lieben. Unermüdlich haben wir Dich geſucht, Charles. Wie es Dir gelungen iſt, uns zu ent⸗ gehen, kann ich mir nicht denken. Du weißt wol nicht, daß Du ein reicher Mann biſt?“ ich, ahm nge, ezu lter es; be⸗ ſie er⸗ lts ſen enn den, hte uf⸗ daß det, les. wie ich ent⸗ 151 „Ein reicher Mann?“ „Ja. Selbſt wenn Lord Saltire ſein Teſtament nicht ändert, erhältſt Du dreitauſend Pfund jährlicher Renten. Ueberdies biſt Du ohne allen Zweifel der rechtmäßige Erbe von Ravenshoe, obgleich uns noch ein Glied in der Be⸗ weiskette fehlt.“ „Was meinſt Du nur?“ „Es iſt kaum einem Zweifel unterworfen, wenn wir es auch noch nicht beweiſen können, daß Dein Großvater, Peter, vor ſeiner Vermählung mit Alicia Staunton ſchon einmal verheirathet; daß Dein Vater, James, der echte Ravenshoe war, und daß Ihr, Du und Ellen, die recht⸗ mäßigen Erben aus erſter Ehe ſeid, während der arme Cuthbert und William— „Cuthbert! Weiß er etwas davon? Ich will mich lieber verſtecken; denn nimmermehr will ich Euthbert ver⸗ drängen, das ſage ich Dir.“ „Cuthbert wird nie etwas davon erfahren, Charles. Er iſt todt. Er ertrank vorigen Sommer beim Baden.“ Still. Laſſen wir ihn ſeinen heiligen Schmerz aus⸗ weinen. Vielleicht war es gut, daß die Kunde von Cuth⸗ bert's Tode ihm an dieſem Abende wurde und ihn zuſammen⸗ brechen und wie ein Kind weinen machte Ich bin überzeugt, daß es ſo am Beſten für ihn war. Aber es iſt ein Gegen⸗ ſtand, bei dem man nicht gern zu lange und zu nahe verweilt. Nachdem er ſich etwas beruhigt hatte, fuhr John fort: „Faſt ſcheint es unglaublich, daß Du uns ſolange ver⸗ borgen bleiben konnteſt. Das erſte Mal, daß wir wieder von Dir hörten, war, als Lady Ascot Dich im Parke ge⸗ ſehen hatte.“ 152 „Lady Ascot? Ich habe meine Tante Ascot nicht im Parke geſehen“ „Ich meine Adelaide. Sie iſt jetzt Lady Ascot. Der alte Lord Ascot iſt todt.“ „Noch Einer!“ ſagte Charles.„John, ehe Du fort⸗ fährſt, ſage mir erſt, wie viele von ihnen ſind noch ge⸗ ſtorben?“ „Niemand weiter. Ladh Ascot und Lord Saltire ſind am Leben und wohlauf. Noch heute war ich bei dem letz⸗ tern, und er ſprach von Dir. Er hat den größten Theil ſeines Vermögens Lord Ascot vermacht. Weil wir aber Alle nicht an Deinen Tod glauben wollten, hat er Dir achtzigtauſend Pfund vorbehalten.“ „Ich bin ganz verdutzt“, ſagte Charles.„Wie geht es William?“. „Es geht ihm gut, ſo wie er es verdient. Der edle Junge! Er ließ Alles im Stich, um Dir wie ein Bluthund durch die ganze Welt nachzuſpüren und Dichzurückubringen. Nicht eher gab er ſein Suchen auf, als da er Dein Grab in Varna geſehen hatte.“ „In Varna!“ ſagte Charles; aber wir lagen in Devna.“ „In Devna! Mein lieber alter Junge, ich bin nur ein Menſch von Fleiſch und Blut; ich bitte Dich, ſtille meine Neugierde. In welchem Regimente ließeſt Du Dich an⸗ werben?“ „Im 140ſten.“ „Aber wie, im Namen aller Confuſion, konnteſt Du da Hornby verfehlen?“ rief John Marſton. „Ich habe Hornby nicht verfehlt“, ſagte Charles ruhig. „Ich hatte ſeinen Kopf auf meinem Schvoße, als er ſtarb. ht im Der ig. ——— 153 Aber jetzt ſage Du mir, wie, in aller Welt, ihr irgend Etwas von ihm erfuhrt?“ „Ei nun, Ascot ſagte uns, daß Du bei Hornby als Reitknecht dienteſt. Und er kam zu uns und ſchloß ſich un⸗ ſerer Jagd auf Dich mit großem Eifer an. Wie kam es nur, daß Hornby uns niemals Nachricht von Dir gab?“ „Weil ich mich fern von ihm hielt, bis der Tod ſchon ſeinen Blick umflorte. Er erkannte mich noch und ſprach ein paar Worte, die ich jetzt zu begreifen beginne. Hat er Euch irgend Etwas von Ellen geſagt?“ „Von Ellen?“ „Ja. Und hat Ascot von ihr geſprochen?“ „Er ſagte Lord Saltire, was Du vermuthlich weißt—“ „Worüber?“ „Ueber Ellen.“ „Ja. Ich weiß Alles.“ „Und daß er Dich geſehen habe. Jetzt ſage mir, was Du gethan haſt.“ „Als ich fand, daß ich keine Ausſicht hatte, noch länger unentdeckt zu bleiben, und erfuhr, daß Ellen fort war,— da ging ich und ließ mich im 140ſten—— Er machte eine Pauſe und barg ſein Geſicht eine Weile in ſeinen Händen. Als er daſſelbe wieder erhob, funkelten ſeine Augen wilder, und er ſprach mit großer Geſchwin⸗ digkeit: „Ich ging mit Tom Sparks und dem braunen Pferd mit der römiſchen Naſe Und wir machten tauſend Meilen in dreiundſechzig Stunden. Und in Devna ſchoſſen wir Holztauben, und der Cornet ging und ſpeiſte mit dem Aſten Regimente in Varna, und ich ritt den Braunen mit der ——— 154 römiſchen Naſe, und er trug mich prächtig durch Alles und Alles. Ich bitt' um Vergebung, Sir, aber ich bin nur ein armer, dienſtunfähiger Huſar. Ich wollte nicht betteln, Sir, wenn ich umhin könnte; aber Schmerz und Hunger ſind ſchwer zu ertragen, Sir.“ „Charles, Charles, kennſt Du mich nicht?“ „So heiße ich, Sir. So pflegte man mich früher zu nennen. Ich bin kein gewöhnlicher Bettler, Sir. Ich war einſt ein Gentleman, Sir, und ritt hinter einem blauen Windhunde, und wir hätten beinahe den ſchwarzen Haſen erlegt. Ich habe ein Zeugniß von Lord Ascot, Sir. Ich war bei der Cavallerieattake bei Balaclava. Eine böſe Geſchichte. Man ſollte nicht gute Burſchen ſo gegen einander kämpfen laſſen. Ich tödtete Einen, Sir. Hornbh tödtete eine Menge von ihnen, und er iſt ein Menſch, der keiner Fliege wehe thun möchte. Eine traurige Geſchichte!“ „Charles, mein alter Junge, ſei ſtill!“ „Wenn Sie mir von dem Unterſchiede zwiſchen den höheren und niederen Klaſſen ſprechen, Sir, ſo muß ich Ihnen antworten, daß ich in dieſer Sache kürzlich einige Erfahrungen gemacht habe und zu dem Schluſſe gekommen bin, daß der Gentleman und der Arbeiter eigentlich doch daſſelbe Geſchöpf ſind. Zetzt, da ich ein ruinirter Mann bin und mir mein Brot auf der Straße erbetteln muß, wage ich zu ſagen, Sir, indem ich hoffe, daß Sie Ihr Almoſen darum nicht ſchmälern werden, daß ich nicht weiß, ob mir nicht der Arbeiter ebenſogut gefällt, wie der Gentle⸗ man. Wenn ich Ihnen auf der einen Seite ſolche Karten wie meinen Pflegebruder William und Tom Sparks aus⸗ ſpiele, ſo trumpfen Sie dieſelben mit John Marſton und s und ur ein etteln, unget her zu 3h lauen Hoſen Sir. Eine gegen ombh , der chte!“ 155 dem Cornet, natürlich. Sie haben Recht; aber es ſind alle Vier gute Burſche. Ich mußte bis an die Pforten des Todes gehen, um mich davon zu überzeugen. Ich nehme meine Erzählung wieder auf. In Devna ſchoß der Cornet, außer Holztauben, einen Frankolin—“ Es war ebenſo gut, daß dieſer Anfall nicht kam, als Charles allein über die Brücke nach Hauſe ging; das nur wollte ich damit ſagen. Am andern Morgen waren Lord und Lady Hainault, die alte Lady Ascot, William, Marh und Pater Tiernay Alle um ſein Bett verſammelt und betrachteten den heißen Kopf, der ſich auf ſeinem Kiſſen von einer Seite zur andern wälzte, und lauſchten den un⸗ deutlichen Worten, die ihm das Delirium entriß, während ſie faſt mit einem Gefühle der Neugierde auf das viel⸗ geliebte Antlitz ſchauten, das ſich ihnen ſo lange entzogen hatte. „O Hainault! Hainault!“ ſagte Lady Ascot,„ihn endlich ſo wiederfinden zu müſſen! Und Saltire todt, ohne ihn geſehen zu haben! Und Alles meine Schuld, meine Schuld! Ich bin eine gottloſe alte Frau. Gott verzeihe mir!“ Lord Hainault zog den größten der Aerzte in einen Winkel und ſagte: „Mein lieber Doctor B—, wird er ſterben?“ „Nun, ja“, ſagte der Doctor;„Ihnen will ich lieber ja als nein ſagen, da die Chancen ſo ſehr wider ihn ſind. Den Chirurgen gefällt er noch weniger, als uns Aerzten. Sie müſſen ſich wirklich auf das Schlimmſte gefaßt machen.“ Elftes Rapitel. Natürlich ſtarb er nicht; das brauche ich kaum zu ſagen. B— und P. H— brachten ihn glücklich durch und be⸗ glückwünſchten einander mit einem herzhaften Händedrucke über ſeinem Bette. Es geht ein Gerücht, daß der arme B— bei dieſer Gelegenheit mit den Augen geblinzt hätte; doch ſo Etwas ſieht ihm ſo ganz und gar nicht ähnlich, daß uns das Gerücht wahrſcheinlich durch eine amerikaniſche Zeitung zugekommen iſt,— vermuthlich dieſelbe, welche berichtete, wie der Prinz von Wales den Herzog von New⸗ caſtle mit einem Champagnerpfropfen ins Auge getroffen hätte. Wie dem ſei, ſie brachten ihn eben durch und ſchafften ihn in der ſchönen Frühlingszeit nach Caſterton hinunter. Es war ſo ſchlimm mit ihm geweſen, daß ſchon die Primeln am ſüdlichen Flußufer in Blüte ſtanden, ehe man ihm ſagen konnte, daß Lord Saltire todt und begreiflich machen durfte, daß er nun ein reicher Mann geworden ſei. Wir mögen hieraus unbeſchadet die Moral ziehen: „Sobald ein junger Menſch in Schwierigkeiten verwickelt wird, ſo iſt es immer gut, wenn er ſeinen Freunden ſeine nd be⸗ edruck r arme hätte; ch duß toniſche welche n New⸗ etroffel haffun nuntel. zrimeln an ihn machen ſagen. 157 Adreſſe zurückläßt.“ Da aber die jungen Herren, wenn ſie in Verlegenheiten gerathen, meiſtens das Ihrige thun, um ihre Freunde über ihren Aufenthalt in gehöriger Kennt⸗ niß zu erhalten, ſo folgt daraus, daß dieſe Erzählung zu geringem oder gar keinem Zwecke geſchrieben worden iſt. Vielleicht entnimmt ihr der Leſer ſelbſt indeß eine oder die andere Moral, und ich bin Narr genug, mir einzubilden, daß er das kann, falls er ſich nur die Mühe gibt, danach zu ſuchen. Caſterton, das heißt das herrſchaftliche Wohnhaus von Caſterton, iſt auf Pfeilern und Schwibbogen erbaut, und unter dem Stockwerke, welches das Parterre bildet, befinden ſich allerlei Küchen und Bedientengemächer. Der Grund, weshalb Caſterton auf Pfeilern errichtet wurde(das heißt, ſoviel derſelbe den Leſer oder mich ſelber angeht), iſt fol⸗ gender: damit Charles, der in Lord Hainault's Arbeits⸗ zimmer auf dem Sofa ruht, über das Thal hinweg und auf den Strom ſehen könnte, was er, wäre das Haus ganz zur ebenen Erde gelegen, nicht im Stande geweſen wäre. Von dieſem Fenſter aus konnte er den ganzen Tag das Waſſer über die Wehre ſtürzen und ſchäumen ſehen, und nachdem William und Lord Hainault ihn in ſein Schlaf⸗ gemach getragen und zu Bette gelegt hatten, konnte er das Branſen und Rauſchen deſſelben im Sinken und Schwellen des Windes hören, bis es ihn in den Schlaf wiegte. Dort ruhte er eines Tages, als die Aerzte aus London ankamen. Der eine derſelben warf ihm ein Taſchentuch über das Geſicht, welches nach chemiſchen Experimenten roch. Er ſchlief darauf ein, und als er wieder erwachte, fühlte er einen Schmerz in ſeinem linken Arme— nicht 158 den alten dumpfen, bohrenden Schmerz, ſondern einen ſcharfen Schmerz, der allmählich abnahm, wie er dalag und die Wehre bei Caſterton beobachtete. Sie hatten ihm eben die Splitter aus dem Arme gezogen. Er ſprach nicht viel während dieſer ruhigen, glücklichen Zeit. William und Lady Ascot waren den ganzen Tag um ihn. William, der liebe Kerl, ſaß auf einem Fuß⸗ ſchemel zwiſchen ſeinem Sofa und dem Fenſter und las ihm die„Times“ vor. William's Erziehung war unvoll⸗ kommen, und er las ſehr ſchlecht. Erſt las er Mr. Ruſ⸗ ſels Berichte vom Kriegsſchauplatze, bis er Charles Augen leuchten ſah und ſeinen Athem ſchneller gehen hörte, worauf er dann zur Bankrottliſte überging. Wenn dies zu traurig wurde, nahm er die Börſennachrichten vor und verharrte bei ihnen, bis Charles einſchlummerte, was mei⸗ ſtens gar bald geſchah. Um dieſe Zeit— das heißt, als der Frühling ſchon ziemlich vorgeſchritten war— that Charles zwei Fragen: die erſte lautete, ob er das Fenſter offen haben dürfe, und die zweite, ob Lord Hainault ihm ſein Opernglas leihen wolle? Beide wurden bejaht. Das Fenſter ward geöffnet und Lord Hainault und William kamen, nicht mit einem Opern⸗ glaſe, ſondern mit einem großen Meſſingteleſkope heran, das an einem Fuße feſtgeſchraubt war,— einem Inſtru⸗ mente mit einem achtzölligen Objectivglaſe, welches dem alten Lord Hainault gehört hatte, der auf der Univerſität zu Cambridge geweſen und ſich mit derlei Dingen beſchäf⸗ tigt hatte. Dies war herrlich. Mit einer leichten Handbewegung n einen lag und hm eben ücklichen en Tag m Fiß⸗ nd los unvoll⸗ 1. Ruſ⸗ Charles n hörte, nn dies vor und as mei g ſchon Fragen ſe, und leihen net und Oyern⸗ heral, Inſtrl malten ſuüt ſ — 159 konnte er das Teleſtop nach jeder Richtung hin drehen und durch daſſelbe faſt jede Schnecke ſehen, die auf den Kletten kroch. Schon am erſten Tage bemerkte er, wie einer von den Arbeitern der Papiermühle an die vierte Schleuſe kam, um dieſelbe aufzuziehen und ſo dem Waſſer mehr Freiheit zu geben. Der Mann ſchaute verſtohlen um ſich und zog ein Rad hinter den Planken herauf, das von laichenden Baarſchen wimmelte. Und das zur Schonzeit! Oho! Dann, ein paar Tage darauf, kam ein großer, grau⸗ köpfiger Herr, der ſeine Angel nach Forellen auswarf und einen Knaben in Stulpenſtiefeln mitbrachte, welcher ein Netz trug. Der Herr warf ſeine Leine hierhin und dort⸗ hin in's Waſſer und machte alle Kunſtgriffe eines vollende⸗ ten Anglers durch. Und er angelte den ganzen Tag und fing Nichts. Aber am nächſten Tage war er wieder an derſelben Stelle. Der gewaltige volle Südweſtwind brüllte das Thal herauf, pfiff in den knospenden Bäumen und trieb die dunklen, tief hängenden, regenloſen Wolken ſchnell vor ſich her. Um zwei Uhr, gerade als Lady Ascot und William zum Gabelfrühſtücke hinunter gegangen waren und Charles ſeine Taſſe Bouillon und ein Glas Wein genoſſen hatte und jetzt wieder dalag und den Angler aufmerkſam beob⸗ achtete, ſah er, wie deſſen Ruthe ſich bog und die Leine deſſelben ſtraffer wurde. Der Junge mit den Stulpen⸗ ſtiefeln und dem Netze ſprang von der Stelle auf, wo er im Graſe ruhte; jetzt war's nicht mehr zu bezweifeln: der alte Herr hatte einen Fiſch gefangen, und zwar einen großen. 160 Die nächſten zwanzig Minuten waren fürchterlich. Der alte Herr gab dem Knaben den Lachskorb und ging langſam die Schleuſenſchütze entlang, und Charles folgte ihm mit dem Teleſkope, obgleich ſeine Hand vor Aufregung zitterte. Nach einer Weile begann der alte Gentleman langſam die Leine heraufzuwinden, und der Knabe mit Stulpenſtiefeln, Netz und Allem glitt über die Schütze, hob den Fiſch heraus(er wog ſeine neun Pfund) und legte ihn vor dem alten Herrn zwiſchen den Kletten nieder. Charles hatte die ganze Gruppe im Felde ſeines Te⸗ leſkops— den alten Herrn, die große Lachsforelle und den triefnaſſen Jungen, der ſeine Stulpenſtiefeln auszog und das Waſſer aus denſelben ausgoß. Der alte Herr aber ſchaute nach rechts zu Jemandem hin, der dorther kam, und gleich darauf erſchien im Sehfelde des Fernrohrs ein großer Mann in einem baumwoll-ſammetnen Jagdrocke, mit Kniehoſen und Gamaſchen, und unmittelbar nach dieſem drei Kinder und eine junge Dame. Der Herr in den Kniehoſen verbeugte ſich gegen die junge Dame, und dann betrachteten Alle die Forelle. Charles konnte ſie ſämmtlich ganz deutlich ſehen. Der Herr in dem ſammetmancheſternen Rocke und den Knie⸗ hoſen war Lord Ascot, die junge Dame Marh. Jetzt blickte er nicht mehr durch das Teleſkop. Er lehnte ſich zurück und verſuchte nachzudenken. Bald darauf trat die alte Lady Ascot in's Zimmer und ſetzte ſich mit ihrem Strickzeug an's Fenſter. „Mein lieber Sohn“, ſagte ſie,„wenn Dich nur meine Stricknadeln nicht nervös machen? Sag mir's, wenn es der Fall iſt; denn ich habe gar viele andere Arbeit.“— rlich. ging folgte gung emn mit hob e ihn Te⸗ d den und abet und ein rocke, nach in und Der Knie⸗ ehnte funt hren neine n e — 161 „Nicht im geringſten, liebe Tante; ich ſehe Dir ſehr gern zu. Du haſt heute Morgen neunzehnmal herum⸗ geſtrickt, und es wären zweiundzwanzig Male geworden, hätteſt Du nicht eine Maſche fallen laſſen. Wenn ich erſt träftiger werde, will ich es ſelbſt verſuchen. Jetzt aber würde es noch zu aufregend und anſtrengend für mich ſein.“ Lady Ascot lachte. Froh, ihn ſelbſt einen ſo zahmen Scherz machen zu hören, ſagte ſie: „Mein lieber Junge, Mr. Jackſon hat ſoeben in den Schleuſen eine Forelle gefangen— neun Pfund ſchwer.“ „Ich weiß es“, ſagte Charles;„ich wußte nicht, wie ſchwer; aber ich ſah den Fiſch. Tante Ascot, wo iſt Welter, — ich meine Ascot?“ „Nun, er iſt zu Ranford. Ich glaube, Du weißt, lieber Junge, daß der arme James ihm faſt ſein ganzes Ver⸗ mögen hinterlaſſen hat. Beinahe fünfmalhunderttauſend Pfund mit Cottingdean und Marksworth. Alle Schulden auf Ranford ſind bezahlt, und er iſt ſehr vernünftig ge⸗ worden. Mich dünkt, man ſollte ihm ſeinen Marquistitel geben. James hätte denſelben wol zehnmal haben können; aber er pflegte zu ſagen, er habe ſich zu dem famöſeſten Viscount von ganz England gemacht, und wenn er einen andern Titel annähme, ſo könnte man vergeſſen, wer er wäre.“ „Ich wollte, er käme zu mir, Tante Ascot. Ich habe Welter recht lieb.“ Ich kann nicht dafür; er ſagte es. Man bedenke, wie nahe er dem Tode geweſen war. Man bedenke, wie viel er gelitten hatte. Wie er erniedrigt und wie ein alter Schuh Kingsley, Ravenshoe. IV. 162 hin⸗ und hergeworfen worden, und dazu, in welchem Zu⸗ ſtande er war, als er es ſagte. Ich glaube beinahe, er hatte in dieſem Augenblicke Alles vergeſſen und erinnerte ſich Lord Ascot's nur noch als ſeines alten Jugendgeſpielen und luſtigen Commilitonen. Legt es ihm ſo gut oder ſo ſchlecht aus, wie's Euch beliebt. Er hat es einmal geſagt. Wenige Minuten ſpäter machte Lady Ascot die Entdeckung, daß es ihr an Garn fehlte. Sie humpelte hinaus, um es zu holen. Nach einer kleinen Weile hörte Charles einen Mann in's Zimmer kommen. Er glaubte, es wäre William; doch dieſer war es nicht. Der Mann ging um das Sofa herum und ſtand vor ihm in der Fenſterniſche. Es war Lord Ascot. Wie wir wiſſen(wir haben ja durch Charles' Teleſkop geſchaut), war er in einem ſammet⸗mancheſternen Jagd⸗ rocke, in Kniehoſen und Gamaſchen. Er war nicht ſehr verändert, ſeit wir ihn zuletzt geſehen haben; nur ſchien ſein breites bartloſes Geſicht noch röther, ſeine untere Kinnlade noch hervorragender, ſeine gewaltigen Augen⸗ brauen noch düſterer, ſeine ungeheure Bruſt noch breiter. Er ſah überhaupt noch mehr als je wie ein großer, roher, raufboldiger Schurke aus. „Nun, alter Kerl“, ſagte er,„da liegſt Du alſo auf dem Rücken, wie?“ „Welter“, ſagte Charles,„ich freue mich ſo ſehr, Dich wiederzuſehen. Wenn Du mich ein wenig aufrichten woll⸗ teſt— ich möchte Dich beſſer ſehen.“ „Du armer alter Kerl“, ſagte Lord Ascot, indem er ihn mit ſeinem großen Arme umſchlang und aufrichtete. „So! da biſt Du, mein Goldjunge. Was Du für ein — 163 guter alter Burſche biſt, bei Gott! Alſo Du warſt Einer von den unſterblichen Sechshundert, wie? Ich dachte mir r wol, daß Du Dich mit dieſer verwünſchten alten Adlernaſe len noch einmal irgendwo hervorthun würdeſt. Ich wollte, ich hatte ſo Etwas verſucht; denn ich liebe die Schlägerei. ſo 3 Jetzt, da ich reich und reſpectabel geworden bin, will ich ng, mir einen Boxer halten, denke ich, und mich alle vierzehn es Tage einmal von ihm zerknuffen laſſen. Ich wollte, ich wäre anſtändig genug für die Armee geweſen; aber ver⸗ un muthlich wäre ich dann alle Augenblicke wegen Spiels und Raufereien vor den Oberbefehlshaber beſchieden worden. m Nun, mein alter Kerl, ich bin verdammt froh, Dich wieder⸗ ot zuſehen. Ich bin im Beſitze eines Vermögens, das Dir o hätte gehören ſollen. Aber ich habe Alles für Dich gethan, g was ich konnte, Charles; Du wirſt nie erfahren, wie viel. hr Ich verſuchte, das fürchterliche Unrecht wieder gut zu ien machen, das ich Dir einſt unbewußterweiſe angethan habe. Ich that Etwas zu Deinen Gunſten, woran blos zu denken 6 mich jetzt erbeben macht, das ich aber, Gott helfe mir! 5. unter nämlichen Umſtänden ganz ebenſo wieder thun würde. 3 Du weißt nicht, was ich meine. Wäre der alte Saltire 6 nicht ſo ſchnell geſtorben, dann hätteſt Du es wahrſcheinlich eyfahren. 4 Wie ſchließlich Lord Ascot's Rechnung ſtehen mag? Wer hätte je gedacht, daß ſeine große brutale Zuneigung ic zu ſeinem alten Freunde ihn zu einem Opfer bewegen l⸗ könnte, dem mancher höher organiſirte Mann ausgewichen wäre, indem er ſein Gewiſſen durch fünfzig nichtige Aus⸗ 6 flüchte beſchwichtigt hätte? t„Indeſſen, mein lieber Alter“, fuhr er fort,„ſteht die 164 Sache ſo: ich habe das Geld; ich werde keine Kinder haben und kein Teſtament machen; darum wird Alles an Dich fallen, wenn Du mich überlebſt. Was den Titel betrifft, ſo kann ich Dir darüber nichts ſagen. Die Rechtsgelehrten müſſen darüber entſcheiden. Kein Menſch ſcheint eigentlich zu wiſſen, ob derſelbe in der weiblichen Linie vererbt werden kann oder nicht. Beiläufig,— Du biſt noch nicht Herr und Beſitzer von Ravenshoe, obgleich kein Zweifel obzu⸗ walten ſcheint, daß die Großmama Recht und die Heirath wirklich ſtattgefunden hat. Doch, wer immer die Güter bekommen mag, ob Du oder William, ich gebe Euch Beiden denſelben Rath: wenn Ihr mein Geld erhaltet, ſo gebt es nicht für den Titel aus. Du kannſt leicht genug Mitglied des Unterhauſes werden, wenn Dir an dem Jux was gelegen iſt, und ich habe von vielen Bekannten gehört, daß man dort für ſein Geld viel mehr Unterhaltung hat, als in der andern Bude. Seit dem Abende, wo ich meinen Sitz nahm, bin ich nie wieder im Oberhauſe geweſen; es ſchien mir äußerſt langweilig. Man ſagt, es gibt dort keine Sticheleien, keine Perſönlichkeiten, keinen Ordnungsruf oder dergleichen, was mir doch den halben Spaß bei der Geſchichte auszumachen ſcheint. Aber natürlich verſtehſt Du das beſſer, als ich.“ Nach einer kurzen Pauſe, während welcher Charles ſich fruchtlos bemüht hatte, Lord Ascot's Rede zu ver⸗ ſtehen, ſammelte er ſeine Denkkräfte hinreichend, um ſagen zu können: „Welter, alter Junge, erkläre mir das Ganze; denn ich bin ſehr dumm. Warum ſagteſt Du, Du würdeſt keine Kinder haben?“ ** 6 6 —65 ben„Natürlich nicht; haben ſie Dir nichts geſagt?“ dih„Iſt Adelaide todt, Welter?“ frug Charles, indem er ijt an den Knöpfen ſeines Rockes zupfte. u„Sie hätten es Dir ſagen ſollen, Charles“, antwortete tich Lord Ascot, ſich nach dem Fenſter umdrehend.„Erſt ſage mir Eines, fühlſt Du noch immer Liebe für ſie?“ Nrr„Nicht die Spur“ ſagte Charles, ſeinen Rock fort⸗ bzu⸗ während auf⸗ und zuknöpfend.„Wenn ich je wieder ein ut geſunder Mann werde, will ich Mary Corby bitten, mich iter zu heirathen. Ich hätte dies vielleicht ſchon früher thun iden ſollen. Aber ich habe Deine Frau noch einigermaßen t es lieb, und ihr Tod würde mich bekümmern; denn ſie iſt lied mir einſt ſehr theuer geweſen. Bei Gott, ja! Du weißt was es. Wann iſt ſie geſtorben?“ daß„Sie iſt nicht todt, Charles.“ als„Spanne mich nicht auf die Folter, alter Junge; ich nen kann's nicht ertragen. Sie iſt nicht mehr für mich, als e eine Schweſter,— ja, nicht einmal ſo viel. Sage mir eine ſchnell, was es iſt. Es kann nichts Schlimmeres ſein, zuf als was ich denke.“ der„Es iſt etwas ſehr Fürchterliches, Charles“, ſagte Lord ehſt Ascot, ſehr langſam ſprechend.„Sie ſetzte ſich in den Kopf, daß ich ihr jenes irländiſche Reitpferd, das ſie früher in Ranford geritten, wiederkaufen ſolle; ich that es ihr rles ver⸗ zu Gefallen, und wir ritten zuſammen auf die Fuchsjagd. . Wir kamen in ein eingezäuntes Feld, und ich wollte eben gen gez das Thor für ſie öffnen; aber die wilde Beſtie ſtürzte ich darauf los, und da lagen Beide auf der andern Seite. Und ſie hatte das Rückgrat gebrochen— o Gott, mein Gott! — und die Aerzte ſagen, ſie kann ſiebenzig Jahre alt werden, eine —— E 166 aber nie ſich wieder von der Stelle erheben, auf der ſie liegt;— und gerade, als ich angefangen hatte, ſie ſo von Herzen zu lieben—“ Charles ſprach kein Wort; denn was hätte er wol dieſem rohen Lord Ascot ſagen können, der jetzt am Fenſter ſtand und in leidenſchaftliches Schluchzen ausgebrochen war?— aber er dachte:„Hier gibt's Arbeit genug, wie mir ſcheint, nach einem Leben voll Müßigganges. Lange bin ich der Gegenſtand der Sorge für all' dieſe lieben Seelen geweſen. Jetzt muß ſie meine Stelle einnehmen. ſie wol ſter chen wie nge eben Zwölftes Kapitel. —— An dieſem Nachmittage ſagte Charles nichts mehr, ſondern lag und ſchaute durch's Fenſter auf die Rhododen⸗ dronbüſche, die eben aufblühten, und auf das Wild und die Kaninchen und die Faſanen hinaus; und weiterhin, wo der Park ſich plötzlich ſenkte, auf den Strom, der ſo luſtig dahin⸗ ſprudelte und ſchäumte wie immer, und rechts auf die gute alte Stadt Caſterton und die blauen Rauchſäulen der Schornſteine, die der Südwind ſchnell vor ſich hertrieb. Er lag und ſchaute und dachte. Vor Sonnenuntergang ſpannte ſich ein Bogen über den Himmel,— ein blaßgrüner Bogen, der immer größer und weiter wurde, bis er die Sonne erreichte, und das feuchte Gras im Park funkelte wie Gold und die höchſten Wipfel der Cedern leuchteten wie polirtes Kupfer. Jetzt erſt ſprach er. Er ſagte:„William, mein lieber alter Freund— den ich mehr liebe, als ich mit Worten zu ſagen vermag— komm' her; ich habe Dir Etwas mit⸗ zutheilen., Der gute William kam und ſtund neben ihm. en ſchaute Charles an und ſah, daß ſein Geſicht le von „ ℳ„ und ſeine Augen glänzten. Und er ſtand da und ſprach kein Wort, ſondern lächelte und wartete, bis Charles fort⸗ fahren würde. Und Charles ſagte:„Alter Junge, ich habe heute durch dieſes Glas geſchaut und Mr. Jackſon die große Forelle fangen, ſehen und dann erblickte ich Welter und darauf Mary, und ich möchte, daß Du mir Mary herbrächteſt.“ William entfernte ſich und als er die Treppe hin⸗ aufging, wo er dem Kellermeiſter begegnete, ſah er ſo glücklich, ſo ſtrahlend, ſo durch und durch gut und froh aus, daß der Kellermeiſter, der ein feierlicher Mann war, ſich auf einem Lächeln ertappte, als er höflich auf die Seite trat, um William vorüber zu laſſen. Ich hoffe, daß man den Burſchen, den William, lieb hat. Er war eigentlich doch nur ein Reitknecht, wird man mir ſagen. Je nun, das iſt allerdings wahr. Ein Menſch ohne Erziehung und Bildung, obgleich von guter Herkunft. Trotz alledem aber hoffe ich, daß man ihn lieb hat. Uebri⸗ gens vergeſſe ich mich da ein wenig. Zu dieſer Zeit war er Herr und Beſitzer von Ravenshoe, mit jedenfalls neun, wenn nicht zwölftauſend Pfund jährlicher Renten,— ein ganz unendlich reſpectabler Mann. Eine einzige ſolche Jahresrente würde Jemanden, den ich recht gut kenne, außerordentlich glücklich machen, und dennoch ſpreche ich entſchuldigend von dem hochachtbaren Gentleman William Ravenshoe! Aber wir Romanſchreiber gebieten über unbe⸗ grenzten Reichthum. Könnten wir davon nur etwas für ns ſelber realiſiren! Indeſſen,— dieſer große Kapitaliſt ging die Treppe nach der Kinderſtube. Hier aber muß ich abbrechen, ei ſt n, in he ſe, c n e⸗ ir pe — 169 wenn man es erlaubt, und den Faden meiner Erzählung an einem andern Orte wieder aufnehmen. Die Wahrheit zu geſtehen— es hatte in der Kinder⸗ ſtube an dieſem Nachmittage eine Rauferei(ich bediene mich des Ausdruckes gefliſſentlich und wiederhole ihn) eine Rauferei gegeben. Die Pflicht eines Erzählers be⸗ ſteht darin, daß er, wo er nur immer kann, eine moraliſche Betrachtung anbringt, und ich ſchiebe hier für junge Er⸗ zieherinnen die Warnung ein, ſich nie der tadelnswerthen Unvorſichtigkeit ſchuldig zu machen, Kindern Bücher zu geben, um ſie zu beruhigen, ohne ſich vorher von Inhalt und Charakter der fraglichen Beſänftigungsmittel über⸗ zeugt zu haben. Mary war bei dieſer Gelegenheit ſehr zu tadeln(man ſieht, daß ich die Wahrheit ſpreche und Niemanden ſchone). Alſo, Flora und Archy waren mit ihr ſpazieren geweſen, wie wir wiſſen, und dann in ſehr tumultuariſcher Gemüths⸗ ſtimmung nach Hauſe gekommen. Sie hatten Bücher ge⸗ fordert, als einzige Bedingung, unter der es ihnen möglich ſei, ſtill und folgſam zu ſein, und Mary, die über ihr Zu⸗ ſammentreffen mit Lord Ascot unten bei der Forelle auf⸗ geregt und noch nicht ganz wieder zu ſich gekommen war, hatte Gus ſofort mit einem Hefte von Blackwood's Magazin und Flora mit einem Shakeſpeare verſorgt. Dies war am frühen Nachmittage geſchehen. Man vergeſſe das nicht; denn wenn wir in unſerer Chronologie nicht genau ſind, ſo ſind wir gar nichts. Gus ſtudirte die Anzeigen. Da fand er unter andern ein Atteſt für einen großen Hühneraugen⸗Operateur, von 170 einem Potentaten, der ein ſehr kleines Kriegsheer hält und nie auf Unheil ſinnt. (Ueberſetzung.) „Profeſſor Homberg hat mir mit einer wahrhaft wun⸗ derbaren Geſchicklichkeit die Hühneraugen geſchnitten. (Gezeichnet) Napoleon. Von einem Baronet: „Ich bin mit Profeſſor Homberg ſehr zufrieden. (Gezeichnet) Pitcheroft Cockpole, Baronet.“ Von einem Biſchof auf den Südſeeinſeln: „Profeſſor Homberg hat mir in einer Weiſe die Hühneraugen geſchnitten, die ſeinem Herzen und ſeinem Kopfe gleiche Ehre macht. (Gezeichnet) Rangehaieta.“ (Sein wirklicher Name iſt Smith, doch das gehört nicht hierher.) Inzwiſchen hatte Flora eine gewiſſe Rolle im»König Lear« ſtudirt. Nach einer Weile fiel es Gus ein, daß er wol auch Hühneraugenoperateur ſein und Atteſte haben möchte. Er bot der Kinderwärterin ſeine Dienſte an, die jedoch von ihr zurückgewieſen wurden, wofür ſie ihm die Gründe nicht verſchwieg. Nach dieſer kränkenden Abweiſung beſchloß er, Flora's Puppe die Hühneraugen zu ſchneiden und be⸗ mächtigte ſich zu dieſem Behufe, während Flora's zeitwei⸗ ilger Abweſenheit, der Perſon der armen Puppe. Er begann damit, daß er ihr mit der ſeiner Wärterin gehörigen Scheere den rechte Fuß abſchnitt; hiernach machte er die Entdeckung, daß aus der Oeffnung Säge⸗ ſpäne rannen. Dies war allerliebſt. Er ſchüttelte ſie, ilt und ſtwun n. n. * ſe die ſeinen ehört König auch e Er n ihr nicht ſchoß d be⸗ itwei⸗ terin rnach Zäge⸗ te ſie, 171 und die Sägeſpäne regneten immer ſchneller heraus. Dann ſchnitt er den linken Fuß ab und ſchüttelte ſie aber⸗ mals. Und da ſie unglücklicherweiſe am Knie nicht ab⸗ genäht war(wie alle Puppen es ſein ſollten), ſo verlor ſie nicht nur die Sägeſpäne aus ihren Beinen, ſondern auch aus dem ganzen übrigen Körper, und es blieb nichts von ihr übrig, als zuſammengefallener Kattun und eine Büſte, die mit einem gleichmüthigen Antlitze von Wachs ge⸗ krönt war. Da ſtürzte Flora zur Rettung herbei; ſie befühlte den Körper ihrer Puppe und ſah den Haufen von Sägeſpänen; worauf ſie, ſich ihres» König Lear« erinnernd, ſich gegen ihn umwandte und mit verachtender Miene und Geberde ſagte: „Nero war ein Fiſcher im Meere der Finſterniß.“ Auf dieſen fürchterlichen Hohn ſtieß Gus ſie mit ihrem Puppen⸗ kopfe vor die Herzgrube, und ſie zauſte ihn an den Haaren. Archy, der hierüber zum erſten Male in ſeinem Leben in Auf regung gerieth, ſchleuderte eine Schachtel mit Kegeln nach ihnen, deren Deckel aufſprang. Eben eilte Mary herbei, um ſich zwiſchen die Kämpfenden zu werfen und ſie zu trennen, als plötzlich William mit ſeinem ſtrahlenden Geſichte her⸗ eintrat und Mary ruhig um die Taille faſſend(ſolche Un⸗ verſchämtheit!) zu ihr ſagte:„Mein liebes kleines Weſen, geh' zu Charles hinunter und überlaſſe dieſe Türken mir.“ Und ſie überließ ihm dieſe Türken. Und er ſetzte ſich und hielt Gericht, und unter dem Einfluſſe ſeines guten, ſonnigen, glücklichen Geſichtes waren nur wenige Minuten vergangen, als Flora ſchon Gus den Friedenskuß gegeben hatte, und Archy auf William's Schooß geklettert war und am Daumen ſog. Als William dann in die große Eingangshalle hin⸗ unterkam, fand er dort Lady Ascot, die ihren Nachmittag⸗ ſpaziergang machte. Sie ſagte zu ihm:„Ravenshoe, Sie liebſte und beſte Seele, ſie iſt jetzt bei ihm. Ich denke, wir miſchen uns jetzt lieber nicht ferner in dieſe Geſchichte. Ich habe verſucht, Sie aus dem Beſitze zu vertreiben, ehe ich Ihren Werth und Ihre Herzensgüte kannte; jetzt aber will ich nichts weiter gegen Sie unternehmen. Er iſt reich, und vielleicht iſt es beſſer, mein lieber William, daß Ra⸗ venshoe in katholiſchen Händen bleibt,— wenigſtens in ſolchen Händen, wie die Ihrigen. Er ſagte:„Meine liebe Lady Ascot, ich bin nicht Ra⸗ venshoe. Ich habe die feſte Ueberzeugung, daß Sie Recht haben. Wir müſſen Ellen auffinden. Und Mary kam heraus und trat zu ihnen und ſagte: „Lady Ascot und William, Charles und ich haben uns mit einander verlobt.“ — t war le hin⸗ nittag⸗ e, Sie denke, chichte. n ehe t aber reich, Ra⸗ ens in Ra⸗ Recht ſagte! ns nit Dreizehntes Kapitel. Wie nahe wir dem Ende ſind, und doch bleibt noch ſo viel zu erzählen! Einerlei. Wir wollen Alles auf das Natürlichſte und Einfachſte berichten, und dann wird euch nichts verletzen. Bald wurde es nothwendig, daß Charles friſche Luft genoß und ſich etwas Bewegung machte. Sein Arm war geheilt. Jeder Splitter war aus demſelben entfernt, und er brauchte jetzt nicht länger auf dem Sofa zu liegen. Und ſo fuhren ſie ihn im knospenden Frühling durch die hübſche Gegend. Alle Wieſen waren längſt geeggt, vom umhergewehten todten Laube und von den dürren Zweigen befreit worden und mit Knabenkraut und Kaiſerkrönchen geſchmückt. Lady Hainault hatte einen kleinen niedrigen Wagen und ein Paar hübſcher Ponys. Dieſe niedliche Equipage wurde Charles zur Verfügung geſtellt, und Lady Hainault's Oberkutſcher weigerte ſich, Mylady am Tage auszufahren, da er Charles fahren müßte, weil er beſorgte, daß der zweite Kutſcher(ſonſt ein verdienſtvoller junger Menſch von vierzig Jahren) als unvorſichtiger, unerfahrener Wagenlenker Charles erſchrecken oder beunruhigen könnte. 174 So mußte ſich denn Lady Hainault darein ergeben, von ihrem zweiten Kutſcher in Caſterton und Henley um⸗ hergefahren zu werden, wenn ſie ſich dort der aufregenden Beſchäftigung von Unterrock⸗ und Flanelleinkäufen für ihre Armen hingab. Höchſt merkwürdig war es, daß Nie⸗ mand, der Charles kannte, je einen Augenblick zögerte, wenn es galt, entweder einen Wagen, ein Bett, ein Mittageſſen oder was es auch ſein mochte, für ihn aufzugeben. Die Menſchen ſind doch immer große Narren! BVielleicht lag der Grund ſolcher Bereitwilligkeit darin, daß Jeder, der Charles' Bekanntſchaft machte, wie durch In⸗ ſtinct wußte, daß dieſer ſeinerſeits mit Freuden ſich die rechte Hand abhauen laſſen würde, wenn er dadurch dem Andern einen Dienſt leiſten konnte. Ich weiß ſonſt nicht, wie es kam. Aber es war nun einmal ſo. Zuweilen ſaß Lady Ascot bei ihm im Wagen, zuweilen William. Eines Tages, als die Letztere ihn begleitete, fuhren ſie eben in einem Nebenwege jenſeit Hurley am Waſſer. Und an einer lauſchigen Stelle trafen ſie einen ſündhaften alten Herrn, der die Geſetze ſeines Landes brach und, auf einem Stuhle in einer Schauke ſitzend, während der Laichzeit Barſche fing, unterſtützt von einem Fiſcher aus Maidenhead, den wir zwar nicht nennen wollen, welcher ſich aber dieſe unſere Andeutung als Warnung dienen laſſen mag. Der Rajah von Ahmednuggur wohnt dort unmittelbar in der Nähe und las eben ſeine Times, als Charles den Kutſcher ſtillzuhalten bat, damit er der Fiſcherei zuſchauen könne. Das Stillhalten des Wagens erweckte des Rajahs Aufmerkſamkeit; er ſah durch ein ſcharfes doppeltes Opern⸗ geben, h un⸗ genden en für ß Nie⸗ „wenn giſn Die darin, ch ⸗ rechte lndern ½wie es weilen eitete, aln einen brach hrend r aus elcher dienen telbat s den huen iehe er⸗ ———— 175 glas und erblickte nicht nur Charles und William im Wagen, ſondern auch durch die Weidenbüſche hindurch den greiſen Verbrecher, der die Barſche ſo ſchnell herauszog, wie er die Angelſchnur nur hineinwerfen und wieder heraufbekommen tonnte. Fromme Entrüſtung(ich wollte, jeder Herr, der an der Themſe wohnt, fühlte wie er) trieb den Rajah, im Schlafrock und Pantoffeln, den Raſen hinunter, und am ufer angelangt, ſchalt und fluchte er, wie— ein ſehr empörter Mann. Der alte angelnde Sünder betrachtete das rothe Ziegel⸗ haus des Rajahs und ſagte:„Wenn mein Geſicht ſo häß⸗ lich wäre, wie Ihr Haus, ſo würde ich einen grünen Schleier tragen.“ Aber er befahl dem Fiſcher, das Schaufelruder aufzunehmen, und ſchwamm dann in ſeiner Schauke den Strom hinunter. Und als Charles und William weiterfuhren, ſagte Charles:„Mein lieber Junge, es könnte nicht ſo viel ſchaden, wenn man ein paar Barſche oder Karauſchen finge. Ich möchte ſo gern einmal wieder in einer Schauke umherſchwimmen.“ Zu Hauſe angelangt beſchied man den Holz⸗, Wild⸗ und Flußwärter herauf. Charles ſagte ihm, er möchte ſo gern einmal wieder angeln und ein paar Barſche mehr oder weniger würden gewiß keinen großen Unterſchied machen. Der Holz⸗, Wild⸗ und Flußwärter wies jedes Argument über den Gegenſtand mit Verachtung zurück. Er wünſchte wann Mr. Ravenshoe die Schauke befehle, n Einwand s, und zwar in ſehr unangenehmer Weiſe, nur zu wiſſen, und fügte blos noch hinzu, daß Jeder, der eine hiergegen wagte, e mit ihm zu thun haben würde. — So glitten William und er in der Schauke auf dem Fluſſe umher und angelten, und eines Tages ſagte Charles: „Dies Angeln aus der Schauke iſt kein großes Vergnügen. Ich wollte, ich wollte, ich könnte einmal wieder Forellen fangen— in Ravenshoe.“ „Meinſt Du das im Ernſte?“ ſagte William. „O, Willy!“ ſagte Charles.„Wenn ich es doch wieder⸗ ſehen könnte!“ „Wie habe ich darauf gewartet, Dich dies ſagen zu hören!“ ſprach William.„Komm' mit mir zurück in Dein Haus; ei, die Leute können ja Alle nicht begreifen, wo wir ſtecken. Meine liebe Jane wird eiferſüchtig werden, wenn ich noch viel länger wegbleibe. Komm' zu meiner Hochzeit hinunter.“ „Wann iſt Deine Hochzeit, Willy?“ „Am ſelben Tage, an welchem die Deinige ſtattfindet“, ſagte William entſchloſſen. Charles ſprach:„Laß uns landen, willſt Du?“ Und ſie ſtiegen an's Ufer. Und Charles hielt die Naſe hoch in die Luft und ſchritt an William's Seite mit vorgeſtreckter Bruſt durch die Frühlingswieſen hin, durch das lange Gras, die Calthas, die Orchis, die Butterblümchen, die Primeln, die wilden Veilchen, durch den ganzen ſproſſenden Blumengarten, der den engliſchen Frühling ſchmückt,— ein kräftiger, geſunder Mann. Als ſie den ſteilen Park hinangeklommen waren, pflückte Charles eine Rhododen⸗ dronblüte und ſteckte ſie in ſein Knopfloch, und wandte ſich mit dem Rothe der Geſundheit auf ſeinen Wangen zu Wil⸗ liam und ſagte: „Bruder, wir wollen nach Ravenshoe gehen; da wirſt f dem arles: nügen otellen vieder⸗ en zu Dein n, wo verden, meiner indet“ „Und hoch in recker lange n, die ſenden k Pork doder⸗ Vib ———— 17 Du bei Deiner Braut ſein. Wollen wir in London Hoch⸗ zeit halten?“ „In Petersburg, wenn Du willſt, jetzt da ich wieder den alten, lieben Jungen vor mir ſehe. Aber warum?“ „Es iſt eine Laune von mir. Wenn ich bedenke, was ich, durch meine eigene Halsſtarrigkeit, dort gelitten habe, ſo möchte ich meine Rache an der alten Stadt nehmen, in⸗ dem ich den glücklichſten Tag meines Lebens in ihr zubringe. Iſt Dir's recht?“ „Natürlich iſt mir's recht „Lade Lady Ascot und Mary und die Kinder nach Ravenshoe ein. Lady Hainault wird auch mitgehen; aber Lord Hainault kann nicht abkommen. Und bitte General Mainwaring und die beiden Tiernays. Laoß uns ſo viele lten Kreiſe dort haben, wie wir nur zuſammen⸗ . von dem a trommeln können.“ „Das heißt einmal wieder leben“, ſagte William. „Vergiß nicht, Charles, daß ich nicht die Einkünfte von Ravenshoe verzehre. Dieſelben gehören Dir. Ich weiß es. Sobald man unſeres Großvaters erſte Heirath be⸗ wieſen hat, wirſt Du für mich und meine Frau ſchon ſorgen, das weiß ich auch. Ich gebe jetzt etwa vierhundert Pfund jährlich aus. Sei ſtill! Doch fürchte ich, daß wir die Beweiſe nicht eher in Händen haben werden, als bis Ellen gefunden ſein wird.“ „Ellen!“ rief Charles, ſich umwendend.„Ich werde Ellen jetzt noch nicht aufſuchen.“ t Du, wo ſie iſt?“ frug William ſchnell. entgegnete Charles.„Sie iſt 12 „Weiß „Gewiß weiß ich das“, Kingsley, Ravenshoe. IW. ———— — ————— 178 zu Hackney. Hornby hat es mir geſagt, als er im Sterben lag. Aber laſſen wir ſie noch eine Weile dort.“ „Ich ſage Dir“, verſetzte William,„ich bin feſt über⸗ zeugt, daß ſie Alles weiß. In Hackney!“ Die alliirten Mächte, General Mainwaring, Lady Ascot, Lord Hainault und William, hatten ſehr bald jede Ecke und jeden Winkel von Hackney durchſucht. Daſelbſt befand ſich nur ein einziges Nonnenkloſter; doch darin war keine junge Dame zu entdecken, welche auch nur die ent⸗ fernteſte Aehnlichkeit mit Ellen gehabt hätte. Die Prieſter, namentlich Pater Mackworth's Freund, Mr. Butler, unter⸗ ſtützten ihre Nachforſchungen in jeder Weiſe. Aber es nützte Nichts. Als Charles und William im Eiſenbahncoupé ſaßen, das ſie nach dem Weſten von England entführte, ſagte Charles: „Nun, es iſt uns nicht geglückt, Ellen zu finden. Aber Mackworth, der arme Kerl, iſt ja noch in Ravenshoe.“ „Ja“, ſagte William,„und faſt blödſinnig. Alle ſeine feinen Spinnengewebe ſind zwar zerriſſen; aber den Schlüſſel zu dieſem Geheimniſſe hält er in der Hand, oder ich müßte mich ſehr irren. Der jüngere Tiernay pflegt ihn und iſt immer um ihn. Wahrſcheinlich wird er Dich nicht erkennen. Aber Charles, wenn Du Ravenshoe bekommſt, laß Mackworth dort ſeinen Winkel behalten.“ „Er ſoll ein geehrter Gaſt des Hauſes ſein, ſo lange er lebt“, ſagte Charles.„Du bleibſt alſo dabei, daß Ravenshoe mir gehört?“ „Ich weiß es gewiß“, erwiderte William. Um dieſe Zeit ſchrieb William noch an zwei andere —— adh jede lbſt war ent⸗ ſter, ter⸗ ütze en, gte ber eine den der ihn Mich hoe nge daß 179 Perſonen, erzählte ihnen die ganze Lage der Verhältniſſe und lud ſie ein, ſich zu dem Kreiſe in Ravenshoe zu ge⸗ ſellen. Und mein Vetter John Marſton kam in meine Wohnung hinüber und ſagte:„Laß uns hinreiſen.“ Und ich entgegnete:„Mein lieber John, wir müſſen hinreiſen. Es geſchieht nicht alle Tage, daß man einen Menſchen, und zwar einen ſolchen Menſchen, wie Charles Ravenshoe, vom Tode auferſtehen ſieht.“ Und wir reiſten. 12* Pierzehntes Rapitel. Und wir reiſten. Zu Ravenshoe waren verſammelt: General Main⸗ waring, Lady Ascot, Mary, Gus, Flora, Archy und ihre Wärterin, William, Charles, Pater Tiernay und Pater Murtagh Tiernay, John Marſton und Tommy Cruſe aus Clovelly, ein kleiner Fiſcherjunge, und ein Vetter von Jane Evans,— der Jane Evans, die Mrs. William Ravenshoe werden ſollte. Es wurde jetzt nothwendig, Jane Evans der alten Lady Ascot vorzuſtellen. Sie war nur eine Fiſcherstochter; aber ſie war außerordentlich ſchön und gut und ſanft. Eines Abends brachte ſie William in die große Eingangshalle, wo wir Alle um das Kaminfeuer verſammelt waren, und ſagte:„Meine liebe Lady Ascot, dies iſt meine zukünftige Gattin.“ Weiter Nichts. Und die liebe alte Dame ſtand auf und küßte ſie und ſprach:„Mein liebes Kind, wie wunderbar ſchön Sie ſind! Sie müſſen mich lieb haben lernen, und müſſen ſich damit beeilen; denn ich bin eine ſehr alte Frau und werde nicht lange mehr leben.“ Main⸗ dihte Pater e aus Jone nshoe Lad abet Eines holle, und ftig⸗ e und ſind! damit nicht 181¹ Jane ſetzte ſich zu Mary und war zu Hauſe, obwol ein wenig ſchüchtern. Und General Mainwaring kam und ließ ſich an ihrer Seite nieder und machte ſich ſo ange⸗ nehm, wie es Wenige ſo gut verſtehen als er. Und der kleine Fiſcherknabe ſtand neben William und ſtarrte mit ſeinen großen braunen Augen um ſich, wie ein Reh in einem Blumengarten. Jane Evans hatte einen großen succés. Sie war ſechs Monate in einer Penſionsanſtalt in Exeter geweſen, und man hatte ihr vermuthlich einige Dinge einexercirt: zum Beiſpiele, wie ſie einen Herrn bitten müſſe, ihren Fächer zu halten; wie ſie ſich an's Clavier zu ſetzen habe, wenn man ſie aufforderte, zu ſingen(was ſie nicht konnte); wie ſie ihre Gäſte in's Eßzimmer führen müſſe; wie ſie in das Boot eines Luftballons einſteigen ſolle, und dergleichen mehr. Sachen, die man natürlich durchaus verſtehen muß, die aber mit ihrem gegenwärtigen grand succès nichts zu thun hatten; denn ſie war ſo ſchön, ſo ſanft und ſo einneh⸗ mend, daß ſie Alles hätte thun, ja, ich glaube ſogar, beim Eſſen das Meſſer an den Mund führen können, und dennoch für charmant erklärt worden wäre. Hatte ſie einen leichten Devonſhirer Accent? Nun, nun! ich finde denſelben ganz hübſch; mindeſtens ebenſo hübſch, wie den ſchottiſchen, meine Theueren. Gern verweilte ich noch recht lange bei dieſem ſchönen Frühlinge in Ravenshoe; allein ich darf es nicht. Sobald Charles ſich von ſeiner Reiſe erholt hatte, ging er mit William in's Freie, und Beide begingen fürchterliche Dinge. William wollte keine Angel tragen, ſondern gab die ſeinige einem Diener und nahm ſtatt deſſen einen Keſſer. Der —˙——ͤ— — ———— — 182 Bach von Ravenshoe hat die ſchönſten Fiſche in ganz De⸗ vonſhire. Charles angelte bis an den Waſſerfall hinauf und fing neunzehn Fiſche, die vierzehn Pfund wogen. Dann wanderten ſie nach der Schleuſe, oberhalb der Brücke, und hier wurde Charles von ſeinem böſen Engel verführt, William zu fragen:„Willy, haſt Du nicht eine Lachsfliege in Deinem Buche?“ Und William ſagte„Allerdings“, doch warnte er ihn feierlich vor den Folgen, wenn er dieſelbe benutzte. Charles aber war thöricht und leichtſinnig. Mit einer zwölf Fuß langen Forellenangelruthe und dreißig Ellen Schnur warf er eine Lachsfliege unter die Schleuſe ober⸗ halb der Brücke. Da glänzte Etwas über dem Waſſer, die Schnur flog zurück und ſchlug Charles über das Ge⸗ ſicht, und der ſagte:„Beim heiligen Peter, welch ein Narr ich war!“ Im nächſten Augenblicke ſah er nach der Brücke hinauf, und da ſtand Pater Mackworth und betrachtete ihn. „Wie geht es Ihnen, mein lieber Herr?“ ſagte Charles. „Es freut mich, Sie im Freien zu ſehen. Ich habe ver⸗ ſucht, mit einer Forellenangel Lachs zu fangen und habe ganz etwas Anderes gethan.“ Pater Mackworth ſchaute ihn an, ſagte indeß kein Wort. Dann wandte er ſich um, und der junge Murtagh Tiernay kam und führte ihn fort. Charles kletterte nach dem Fahrweg hinauf und blickte den Beiden nach, wie ſie heimgingen. Und wie er Pater Mackworth ſo langſam und ſchleppenden Schrittes dahinſchleichen ſah, ſprach er: „Der arme Kerl; ich hoffe, er wird lange genug leben, um mir zu vergeben!“ Pater Mackworth, der arme Kerl, ſchleppte ſich lang⸗ Po De⸗ inauf dann und ührt, liege doch ſelbe einer Ellen 183 ſam nach Hauſe, und als er in ſeinem Zimmer im Prieſter⸗ thurme angelangt war, ſagte Murtagh Tiernah zu ihm: „Mein lieber Freund, Sie zürnen mir doch nicht? Ich habe Ihnen nicht geſagt, daß er zurückgekehrt wäre, aus Furcht, daß es Sie zu ſehr aufregen lönne.“ Pater Mackworth erwiderte langſam— denn ſeine alte entſchiedene Ausdrucksweiſe hatte ihn gänzlich verlaſſen: „Die heilige Mutter Gottes ſegne Sie; Sie ſind ein guter Mann!“ Und Pater Mackworth ſprach die Wahrheit. Beide Tiernay's waren gute Männer, wenngleich Katholiken. „Laſſen Sie mich Ihnen helfen, Ihren Rock abzu legen“, ſagte Murtagh; denn Mackworth ſtand in tiefe Ge vanken verſunken da. „Ich danke Ihnen“ ſagte Mackworth.„So; während ich hier ſitze, holen Sie mir Ihren Bruder.“ Murtagh Tiernay that, wie ihm geheißen. Wenige Minuten ſpäter lehnte ſich unſer alter Freund, der gute, fröhliche irländiſche Prieſter, über Mackworth's Seſſel. „Sie ſind doch nicht aufgebracht, weil wir Ihnen nichts von dem Gaſte im Hauſe geſagt haben?“ ſagte er. „Nein, nein“, ſagte Mackworth. Sprechen Sie nicht, mein lieber Freund. Verwirren Sie mich nicht. bin am Ende. Schicken Sie Murtagh lieber aus dem Zimmer.“ Pater Murtagh verſchwand. „Ich bin meinem Ende nahe“, begann jetzt Mackworth, „Tiernay, wir ſind nicht immer die beſten Freunde ge weſen, wie?“ „Jedenfalls ſind wir jetzt gute Freunde, mein Bruder“, ſagte Tiernay. 184 „Ja, ja, Sie ſind ein guter Mann. Ich habe ein Un⸗ recht gethan. Ich habe es zum Theile für die Kirche ge⸗ than und zum Theile— nun. Ich hatte Cuthbert ſehr lieb. Ich liebte den Knaben, Tiernay. Und ich ſpann ein Netz. Aber die Fäden haben ſich gänzlich verwirrt. Es liegt hier auf der linken Seite, die ſo ſchwer iſt. Es kann Einem das Gehirn doch nicht in zwei Hälften getheilt werden, wie?“ „Ganz gewiß nicht. Es iſt eine Schande“, ſagte Pater Tiernay, indem er, wie ein echter Irländer, beſchloß, in Allem, was Jener ſagte, mit ihm übereinzuſtimmen und abzuwarten, was dann kommen würde. „Da wir hierüber einig ſind, mein lieber Freund“, fuhr der arme Mackworth fort,„ſo geben Sie mir die Schreibmappe und die Tinte; und wir wollen unſern lieben Bruder Butler wiſſen laſſen, de profundis clamavi, daß die Zeit gekommen iſt.“ Pater Tiernay ſagte:„Das wird das Richtigſte ſein“, gab ihm Feder, Tinte und Papier und war völlig darauf gefaßt, daß Mackworth im Begriff wäre, von einem abermaligen Schlaganfalle getroffen zu werden, und deshalb ſchon irre redete. Dennoch aber beobachtete er ihn aufmerkſam, in der Erwartung, daß ihm irgend ein Wort entſchlüpfen möchte. Ein echter Irländer! Mackworth ließ ſich Nichts entſchlüpfen. Er ſchrieb ſo ſicher, wie er es vermochte, ein Billet von zwei Zeilen und ſteckte daſſelbe in ein Couvert. Dann kritzelte er noch ein Billet von drei Zeilen und that dann Alles in ein grö⸗ ßeres Couvert, welches er verſiegelte. Hierauf ſagte er: —— 185 „Adreſſiren Sie es an Butler, lieber Freund, Sie ſind ganz mit mir einverſtanden, daß ich recht handele?“ Pater Tiernay erwiderte, er habe vollkommen recht ge⸗ handelt, und zerbrach ſich den Kopf darüber, was, in aller Welt, der Kranke unr vorhaben könne. Wol entdeckten wir das bald. Aber wir gingen, ritten und fuhren ſpazieren und angelten und plauderten und ſpielten Billard und führten Charaden auf, wobei Lady Ascot das Publikum vorſtellte, und dachten nicht oft an den armen, vom Schlage getroffenen Prieſter in ſeinem einſamen Thurme und ließen uns nichts von der Mine träumen, die er unter unſeren Füßen grub. Die Raufereien(ich habe kein anderes Wort dafür), die zwiſchen Lady Ascot und Pater Tiernah ſtattfanden, waren über alle Beſchreibung komiſch und beluſtigend. Ich muß Tiernay die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß er ſich dabei ſtets als ein feiner, wohlgebildeter Mann be⸗ nahm, und zugleich bemerken, daß Lady Ascot immer ange⸗ fangen hatte. Ihre Gutmüthigkeit, ihre fröhliche Laune und ihre Pfiffigkeit zeigten ſie einmal wieder in ihrem alten wahren Charakter; mehr kann ich nicht ſagen. Tiernah war voller Kniffe und Ränke und ſo drollig und witzig, wie nur ein Irländer es ſein kann; ich aber, als unerſchütter⸗ licher Proteſtant, bin der Anſicht, daß Lady Ascot, obgleich ſie nicht weit von ihrem neunzigſten Jahre entfernt war, Siegerin blieb. Möglich, daß der gute Pater Tiernay nicht gle icher Meinung mit mir iſt. Der jüngere Tiernay war fortwährend bei Mackworth. Jeder gewann den jungen Prieſter lieb. Wir pflegten zu warten, bis Pater Mackworth ſich zur Ruhe gelegt hatte, 186 und dann ihn holen zu laſſen. Und gewöhnlich manövrirten wir ſo lange, bis wir ihn in der Kapelle hatten, wohin Lady Ascot, allem Rheumatismus Trotz bietend, uns begleitete. Dort ſetzten wir ihn dann an die Orgel. Und dann— o, wie ließ er jene Orgel klagen, ſprechen und beten, bis das Gebet Meiſter blieb! Und dann ſandte er gewaltige Heere von Tönen in ungeheuren Bataillonen in die Lüfte empor, wo ſie in verworrener Melodie er⸗ ſtarben. Nun ſtieß er in die Trompete, um ſie zurückzu⸗ rufen und erhielt keine Antwort, als das Echo vom Dache. O, es war ſchön! Ich hoffe, Du liebſt die Muſik, Leſer? Eines Abends aber ſchickten wir nach ihm hinauf, und er konnte nicht kommen. Und wir ſchickten ſpäter noch ein Mal; doch er kam nicht. Der Diener aber, den wir hinaufgeſandt, ſchien unruhig zu ſein und ſagte, er wiſſe nicht, warum der Pater nicht kommen wollte. Schon waren die Damen zur Ruhe gegangen. General Main⸗ waring, Charles, William, John Marſton und ich ſaßen um das Kaminfeuer im Hausflur und rauchten, und der kleine Tommy Cruſe ſtand zwiſchen William's Knien. Die Kerzen und das Feuer waren herabgebrannt. Draußen ſchien der Mond ſo hell, daß wir durch die Fenſter das Meer funkeln ſahen. Charles hatte ſich ge⸗ bückt und zeichnete eben die Schlacht an der Alma auf dem Kaminteppiche, und William neigte ſich zu ihm hinüber, um ihm zuzuſchauen, während der Bube, wie ich ſchon erwähnte, ſich zwiſchen ſeine Knie ſchmiegte. General Mainwaring dampfte ſeine Cigarre und ſagte:„Ja, ja, das iſt ganz richtig“, und Marſton und ich ſahen zu, ebenſo wie William. Plötzlich ſtieß der Knabe einen lauten Schrei aus und bar hab übe „N ſch tief bon dſ 187 barg ſein Geſicht an William's Bruſt. Ich glaubte, er habe irgend einen Krankheitsanfall. Ich blickte auf und über General Mainwaring's Kopf hinweg und rief aus: „Mein Gott! Was iſt das?“ In einer Secunde waren wir Alle aufgeſprungen und ſchauten nach derſelben Richtung hin— nach dem langen, tiefen Fenſter hinter General Mainwaring. Das gerade vom Gewölk umſchleierte Mondlicht zeigte uns die Umriſſe deſſelben. Doch zwiſchen uns und dem Fenſter ſtanden drei ſchwarze Geſtalten, und wie wir dieſe betrachteten, drängten wir uns näher aneinander; denn wir waren er⸗ ſchrocken. Der General ging zwei Schritte vorwärts. Geräuſchlos näherte ſich eine dieſer Geſtalten. Sie war in Schwarz gekleidet und ihr Geſicht von einer ſchwar⸗ zen Kapuze verhüllt. In jener geiſterhaften Beleuchtung und mit der lautloſen Art und Weiſe, wie ſie herankam, war es die fürchterlichſte Erſcheinung, die ich je im Leben geſehen habe. Unter der Kapuze aber erklang eine Frauen⸗ ſtimme, deren Ton uns Allen erſt das Blut erſtarren, dann in heftiger Bewegung durch die Adern ſtrömen ließ. Die Stimme ſprach: „Ich bin Ellen Ravenshoe. Meine Sünden und meine Reue ſind Manchem hier bekannt. Ich war im Kriege, in den Hoſpitälern, bis meine Geſundheit es nicht länger er⸗ trug, und bin erſt geſtern zurückgekehrt und ſogleich hieher beſchieden worden. Charles, ich bin früher einmal ſchön geweſen. Sieh' mich jetzt an.“ Sie ſchlug ihre Kapuze zurück, und wir betrachteten ſie in dem düſtern Lichte. Einſt ſchön! Ja, aber nie ſ ſchön, wie jetzt! Ihre Farbe war eine Todtenbläſſe, und die Züge waren ſcharf geworden; allein dennoch war ſie ſchöner denn je. Ich möchte behaupten, daß es Keinen von uns Wunder genommen haben würde, hätte in dieſem Augenblicke ein Heiligenſchein ihren Kopf umſtrahlt. Ihre Schönheit, ihre Nonnentracht und die Dunkelheit in der Halle erhöhten wahrſcheinlich dieſe Illuſion; aber wirklich umgab ſie eine Art Glorie, etwas Romantiſches, das uns Alle verſtummen ließ. Ach! Kein Heiligenſchein um⸗ floß ihr Haupt. Die arme Ellen trug nur erſt das Kreuz; die Krone hatte ſie ſich noch nicht errungen. Charles war der Erſte, der ſich rührte und ſprach. Er ging zu ihr heran und küßte ſie und ſagte:„Meine liebſte Schweſter, ich wußte, wenn ich Dich jemals wiederſehen ſollte, ſo würde ich Dich in dieſen Trauergewändern finden. Meine liebe Ellen, ich bin ſo von Herzen froh, Dich wieder⸗ zuſehen! Und, o meine Schwefter, wie viel froher, Dich ſo gekleidet—“ (Natürlich bediente er ſich nicht genau dieſer Worte, aber doch Worte dieſes Inhalts, wenngleich viel leiden⸗ ſchaftlicher und weniger grammatikaliſch. Ich bin kein Stenograph. Ich gebe nur den Inhalt der Unterhaltungen, in der beſten Proſa, die mir zu Gebote ſteht.) „Charles“, entgegnete ſie,„ich thue Recht, wenn ich dieſe Trauergewänder trage, denn ich bin die Witwe von—“ (Einerlei wovon; dergleichen Reden beleidigen oft pro⸗ teſtantiſche Ohren.)„Ich bin eine barmherzige Schweſter im Brigittenkloſter, und war im Orient, wie ich ſchon ſagte, und ich muß gewiß oft in dem Zimmer geweſen ſein, in welchem Du lagſt, um Dieſes oder Jenes zu borgen und mich mit den engliſchen Katholikinnen zu unterhalten, und ſie einen ieſem Ihre n det rklich uns um⸗ das Er iebſte ſehen nden. ieder⸗ Dich orte, eiden⸗ kein ngen hatte keine Ahnung, daß Du dort warſt. Nachdem mich Hornby in Hackney entdeckt hatte, erhielt ich vom Pater Butler die Erlaubniß, mich einer iriſchen Schweſterſchaft anzuſchließen; denn unſere Mutter war, wie Du weißt, ihrer Sprache nach und im Herzen eine Irländerin, wenn⸗ gleich von engliſcher Herkunft. Doch ich habe etwas zu ſagen; etwas ſehr Wichtiges. Pater Mackworth, wollen Sie herkommen? Sind alle Anweſenden vertraute Freunde der Familie? Möchteſt Du irgend Jemanden bitten, die Halle zu verlaſſen, Charles?“ „Nicht einen Einzigen“ antwortete Charles.„Iſt eine jener ſchwarzen Geſtalten, die uns ſo ſehr erſchreckt haben, Pater Mackworth? Mein lieber Herr, ich bitte Sie um Entſchuldigung. Kommen Sie an's Feuer; und wer iſt der Andere?“ „Nur Murtagh Tiernay“ ſagte eine ſanfte Stimme. „Warum blieben Sie dort im Hintergrunde ſtehen? Pater Mackworth, Ihren Arm.“ William und Charles führten ihn an's Feuer. Er ſah entſetzlich krank und geſpenſtiſch aus. Der liebe, vortreff⸗ liche alte General nahm ihnen den Kranken ab und ließ ihn in ſeinem eigenen Platze am Feuer niederſetzen, und dort ſaß er und blickte faſt neugierig um ſich, während das Licht des Feuers und der Kerzen ſcharf auf ſein Geſicht fiel und Ellen hinter ihm lehnte, ihre Kapuze vom Geſichte zurück⸗ geſchlagen und ihre weißen Hände über der Bruſt zuſam⸗ mengefaltet. Hat man je eine ſeltſamere Gruppe geſehen, als es die unſrige augenblicklich war, ſo werde ich mich freuen, wenn man mir dieſelbe ſchildern will. Der arme Mackworth ſchien zu glauben, daß es von ————— ——— —— 190 ihm erwartet würde, daß er jetzt zuerſt ſpräche. Er ſchaute zu General Mainwaring auf und ſagte: „Ich hoffe, Sie ſind von Ihrer Wunde geneſen, Sir. Ich habe einen böſen Schlaganfall gehabt und werde bald einen zweiten bekommen und mein Gedächtniß fängt an mich zu verlaſſen, Sir. Wenn Sie Mylord Saltire ſehen, den heute Abend nicht hier zu finden mich ſehr überraſcht, wollen Sie ihm dann meine Empfehlung machen und ihm ſagen, daß er im Ganzen genommen ſehr ſchön an mir ge⸗ handelt hat? Wäre es nicht beſſer, wenn ſie anfinge, Sir? es dürfte ſonſt zu ſpät ſein; wenn Sie nicht auf Lord Sal⸗ tire warten wollen.“ Pater Murtagh Tiernay kniete an ſeiner Seite nieder und flüſterte ihm etwas in's Ohr. „Ja, richtig, richtig!“ ſagte Mackworth.„Todt— ja, ja! er iſt todt; ich hatte es vergeſſen. Wir werden Alle bald todt ſein. Einige von uns werden in die Hölle und Andere in den Himmel kommen; aber Alle ins Fegefeuer. Ich bin ein Prieſter, Sir. Ich bin ſeit meiner Kindheit mit Leib und Seele an die Kirche gefeſſelt geweſen und habe Dinge gethan, welche dieſe mißbilligen wird, wenn dieſelben laut werden, wenn auch nicht, ſo lange ſie ge⸗ heim bleiben. Ich mache dieſe Dinge aber bekannt, weil die Angen eines todten Mannes, eines Mannes, der beim Baden ertrank, mich Tag und Nacht verfolgen und ſagen: „Rede!— Murtagh!“ Der kleine Tiernah kniete noch immer an ſeiner Seite und lenkte Mackworth's Aufmerkſamkeit auf ſich. „Geben Sie mir lieber den Wein; denn das Ende iſt ſehr nahe. Sagen Sie ihr, daß ſie anfängt.“ chaute „Sir. e bald gt an ſehen, riſcht, d ihm ir ge⸗ Sir? Sal⸗ nieder je, nAlle e und feuer. mdheit n und wenn ſet⸗ weil 191 Und während Pater Mackworth etwas Wein trank(der arme Prieſter, er hatte in ſeinem Leben wenig genug der Art genoſſen) begann Ellen zu reden. Es ahnte mir, daß wir jetzt Alles erfahren würden. Errathen hatten wir die Wahrheit längſt. Wir waren ſammt und ſonders über Peter Ravenshoe's erſte Heirath ziemlich derſelben Mei⸗ nung. Wir glaubten daran. Lady Ascot hatte uns ja Alles darauf Bezügliche mitgetheilt. Nur noch ein aller⸗ einziges Glied in der Beweiskette fehlte: der Name des Ortes, an welchem die Trauung ſtattgefunden hatte Dies hatte uns Alle verdutzt gemacht. Lady Ascot behauptete, wie man ſich erinnern wird, es wäre in einem Dorfe von Nord⸗Hampſhire geweſen; doch war in jedem Kirchenbuche der Grafſchaft ſorgfältig nachgeſucht worden, ohne daß man etwas davon entdeckt hatte. Man wird ſich alſo denken können, wie wir Alle die arme Ellen anſtarrten, als dieſe anhob, und uns in Muthmaßungen verloren, ob ſie eben⸗ ſoviel wiſſe, wie wir, oder vielleicht noch mehr. „Ich bin Miß Ravenshoe“, ſagte ſie ſehr ruhig.„Mein Bruder Charles hier iſt der rechtmäßige Erbe des Beſitz⸗ thums. Euch dies zu verkünden, bin ich heut' Abend hier⸗ her gekommen.“ Das war nichts Neues. Das hatten wir ja Alle ſchon gewußt. Ich ſtand auf und ſteckte meinen Arm in den Charles', und William kam und legte ſeine Hand auf meine Schulter. Der General ſtand vor dem Kaminfeuer und Ellen fuhr fort: „Peter Ravenshoe heirathete im Jahre 1778 Maria Dawſon, und ſein Sohn war James Ravenshoe, mein Vater, welcher Horton genannt wurde und Denſil Ra⸗ 192 venshoe's Wildhüter war. Ich habe die Beweiſe dar⸗ ſa über.“ Die hatten auch wir. Dies Alles wußten wir. Was ſe aber wußte ſie ſonſt noch? Es war unerträglich, daß ſie ſ†mnn gerade hier ſchwieg und den einen wichtigſten Punkt unbe⸗ antwortet ließ. Ich vergaß meine guten Manieren gänz⸗ h lich; ich packte Charles' Arm feſter und rief aus: „Wir wiſſen, daß die Heirath ſtattgefunden hat, Miß Ravenshoe; wir haben es längſt gewußt. Doch wo fand dieſelbe ſtatt, meine liebe junge Dame? Wo?“ ſ Sie wandte ſich, über meinen Eifer erſtaunt, zu mir ſ und antwortete. Ich hatte endlich die entſcheidenden Worte d herausgebracht, die Worte, die zu hören wir Alle ſeit ſechs Monaten vor Verlangen vergingen; denn ſie ſagte: j „Zu Finchhampſtead, in Berkſhire; ich habe eine Ab⸗ ſchrift des Heirathsregiſters bei mir.“ Da ließ ich Charles' Arm fahren und ſank in meinen Seſſel zurück. Meine Beziehung zu dieſer Erzählung iſt zu Ende(außer was die Mühe ihrer Aufzeichnung betrifft, die aber wirklich nicht des Erwähnens werth iſt, da ich dabei ebenſoviel Vergnügen gehabt habe, wie Ihr, was, richtig genommen, nur in der Ordnung iſt; denn wenige Leute haben einen Freund, der ſolche Abenteuer erlebte, wie Charles Ravenshoe, und dieſe ſpäter mitzutheilen gewillt iſt). Ich ſank, wie geſagt, in meinen Seſſel zurück und glotzte Mackworth an, wie wenn er eine Kupferſcheibe und ich bemüht geweſen wäre, mich in einen hinreichend blöd⸗ ſinnigen Zuſtand zu verſetzen, um electrobiologiſirt zu werden. „Es bleibt mir nur noch wenig zu erzählen übrig“, e da⸗ Was daß ſie tunbe⸗ gän⸗ . „Miß o fand zu mir Worte it ſechs ine A⸗ meinen lung iſ hetrift „da ich r, was, wenige ebte, vie rick und eibe und d blö⸗ giin zu ibig 193 ſagte Ellen.„Ich wußte nicht, daß Ihr ſchon ſo viel er⸗ fahren hattet. Aus Mr. William Marſton's Aufregung ſchließe ich, daß ich Euch das einzige noch fehlende Glied in der Kette Eurer Beweiſe gebracht habe. Ich glaube, Pater Mackworth wünſcht Euch zu erklären, warum er mich heute Abend hierher beſchieden hat. Wenn er ſich kräftig genug fühlt, dies jetzt zu thun, ſo werde ich mich freuen, bald wieder gehen zu können.“ Pater Mackworth richtete ſich in ſeinem Seſſel auf und ſprach ſogleich. Er hatte alle ſeine Kräfte zu dieſer An⸗ ſtrengung geſammelt und redete deutlich, obgleich hier und da ſtockend und mit Mühe. „Ich habe Peter Ravenshoe's erſte Heirath mit allen ihren Einzelheiten vom Pater Clifford erfahren. Ihm war ſie in der Beichte anvertraut worden. Er theilte ſie mir an dem Tage mit, an welchem Mr. Ravenshoe ſtarb, nachdem mir zuvor Denſil Ravenshoe geſagt hatte, daß ſein zweiter Sohn im proteſtantiſchen Glauben erzogen werden ſolle. Ich kam in der höchſten Wuth zu ihm, und um mich zu beruhigen, erzählte er mir von dieſer früheren Hei⸗ rath, die ihm gebeichtet worden war. Ich ſah daraus, daß, wenn das Schlimmſte geſchähe, wenn Cuthbert ſtürbe, wo⸗ durch Ravenshoe in proteſtantiſche Hände käme, ich ſchließ⸗ lich immer noch einen Katholiken ſtatt des proteſtantiſchen Erben würde zum Vorſchein bringen können. Denn wenn Cuthbert geſtorben wäre und Norah mir nicht ihre Verwech⸗ ſelung der Kinder gebeichtet hätte, dann würde ich James und nach ihm William, Beide Katholiken, als rechtmäßige Erben vorgeführt haben, weil ich William für James' und Norah's Sohn gehalten hätte. Mache ich mich verſtändlich? Kingöley, Ravenshoe. IV. 13 194 „Warum habe ich das nicht gethan? Ich liebte jenen Knaben, den Cuthbert. Und es war unter dem Siegel der Beichte bekannt worden und durfte deshalb nicht anders, als im alleräußerſten Falle benutzt werden; William aber war ein widerſpenſtiger Knabe. Welches wäre zu jener Zeit das größere Verbrechen geweſen? Ich hatte die Wahl zwiſchen zwei Uebeln, und die Kirche war mir ſehr theuer und werth. „Dann ſpäter beichtete Norah mir, daß ſie die Kinder verwechſelt, und ich ſah, daß ich, wenn ich von Peter Ra⸗ venshoe's Heirath etwas ſagte, ſchließlich doch einen pro⸗ teſtantiſchen Erben ins Haus bringen würde. Aber ich begriff zu gleicher Zeit, daß ich mit alleiniger Benutzung ihrer Beichte würde beweiſen können, wie Charles Ra⸗ venshoe blos der Sohn eines Holzwärters ſei, und daß ich ihn dadurch in die Welt hinaus ſtoßen konnte;— und ich benutzte dies ihr Bekenntniß, Sir! Sie pflegten mich aufzureizen und zu inſultiren, Sir“, ſprach er, ſich zu Char⸗ les wendend,„und ich war damals dem Tode nicht ſo nahe wie jetzt. Wenn Sie mir vergeben können, ſo thun Sie es, um Gottes Barmherzigkeit willen.“ Charles ging zu ihm hinüber und legte ſeinen Arm um des Prieſters Nacken.„Ihnen vergeben?“ ſagte er; „lieber Mackworth, können Sie mir vergeben?“ „Nun, nun!“ fuhr Mackworth fort,„was habe ich zu vergeben, Charles? Zu einer Zeit glaubte ich, es würde beſſer ſein, wenn ich redete, weil dann Ellen, die einzige Tochter des Hauſes, eine große Mitgift bekommen hätte, wie ſie die Töchter in der Familie Ravenshoe immer er⸗ halten hatten. Allein ich hatte Cuthbert zu lieb. Und der Ra⸗ pr⸗ ich zung Ra⸗ 5 ich mich har⸗ nahe e es, Arm er h zu ürde ige r er⸗ Und 1 Lord Welter machte jedem ſolchen Gedanken in mir ein Ende, als er nach Ravenshoe kam. Und— und— wir ſind hier Alle Ehrenmänner. An dem Tage, wo Ihr den ſchwarzen Haſen jagtet, hatte ich ſie zur Rede geſtellt, weil ſie an ihn geſchrieben hatte. Und William und ich trieben ſie zum Aeußerſten, ſodaß ſie fort und zu ihm ging. Und ſie iſt jetzt bei der Armee, Charles. Ich würde ſie dort laſſen, Charles. Sie thut dort ein gutes Werk.“ Sie hatte jetzt ihre ſchwarze Kappe wieder über das Geſicht gezogen und ſtand regungslos hinter ihm. „Alle ferneren Fragen, die Ihr an mich zu richten wünſcht, will ich morgen beantworten. Peter Ravenshve's Heirath fand zu Finchhampſtead ſtatt, vergeßt dies nicht. Charles, mein lieber Junge, würdeſt Du mich wol küſſen? Ich glaube, ich habe Dich immer lieb gehabt, Charles. Murtagh Tiernay, führen Sie mich auf mein Zimmer.“ Und ſo wankte er fort durch die Dunkelheit. Charles öffnete ihm die Thür. Ellen ſtand noch immer mit ver⸗ hülltem Geſichte und regungslos da. „Ich kann jetzt, mit verhülltem Geſichte, reden“, ſagte ſie.„Wenn man ſo viel durchgemacht hat, wie ich, ſo wird es Einem nicht leicht, zu ſprechen. Was ich geweſen bin, wißt Ihr, was ich jetzt bin, iſt—“(ſie gebrauchte hier einen jener katholiſchen Ausdrücke, die man lieber nicht zu oft wiederholen ſoll).„Ich habe noch Einiges zu dieſen Angaben hinzuzufügen. William war grauſam gegen mich. Du weißt es, William. Du hatteſt Unrecht. Ich will nichts weiter darüber ſagen; aber Du warſt ungerecht— fürchterlich ungerecht. Der Mann, der uns ſoeben ver⸗ laſſen, hatte gewiſſermaßen ein Recht, mich zur Rede zu 16 ſtellen; Du aber nicht. Du hatteſt vollkommen Unrecht. Mackworth iſt in ſeiner Art ein hochherziger, rechtſchaffener Mann. Du machteſt, daß ich Dich haßte, William. Gott verzeihe mir. Ich habe Dir jetzt verziehen.“ „Ja, ich hatte Unrecht“, ſagte William,„ich hatte allerdings Unrecht. Aber Ellen, Ellen!— hier vor unſern alten Freunden— doch nur in Bezug auf die Perſon.“ „Als Du mich ſo grauſam behandelteſt, war ich ſo ſchuldlos wie Deine Mutter. Doch laß mich fortfahren. Dieſer Mackworth wußte mehr als Du. Wir hatten einige fürchterliche Auftritte miteinander wegen Lord Welter's. Eines Tages verlor er alle Selbſtbeherrſchung und wurde theatraliſch. Er öffnete ſein Schreibepult und zeigte mir ein Bündel Papiere, das er in der Luft ſchwenkte und die, wie er ſagte, über mein künftiges Schickſal entſcheiden könnten. Am folgenden Tage ging ich in die Werkſtatt des Zimmermanns und holte mir einen Meißel. Ich erbrach des Paters Schreibepult und nahm die Papiere an mich. Ich fand die Documente über Peter Ravenshoe's erſte Heirath und wußte jetzt, daß wir, Du, William, und ich, wie ich glaubte, die Kinder der älteren Linie ſeien. Aber ich hatte Cuthbert und Charles lieber als Dich und mich und wollte deshalb nicht reden. Als ich ſpäter in Lord Welter's Hauſe, kurz vor meinem Eintritte in's Kloſter, vom Pater Butler die überwältigende Nachricht erhielt, daß die Kinder verwechſelt worden waren, ſchwieg ich noch immer, weil ich meinte, es könne Charles nur zuträglich ſein, wenn er ein paar Jahre zu kämpfen und zu büßen habe, und weil ich zögerte, die Macht eines ſo bedeutendes Hauſes in ketzeriſche Hände übergehen zu laſſen, ſelbſt wenn dies die Hände meines eigenen Bruders waren. Mackworth und Butler waren einander in einem gewiſſen Grade feindlich, wie ich glaube; denn Butler ſcheint ihm nichts davon geſagt zu haben, daß ich eine Weile bei ihm war, und ich weiß auch jetzt kaum, wie er es ausfindig gemacht hat. Vor drei Tagen erhielt ich dieſen Brief von Mackworth, und nach einigem Zaudern kam ich. Denn mir ſchien, daß der Kirche nicht mit einem Unrechte gedient werden könnte, und ich wollte mich überzeugen, ob er auch nichts verſchwiege. Hier iſt der Brief. Ich habe nichts weiter hinzuzufügen.“ Und ſo ging ſie, und ich habe ſie ſeitdem nicht wieder⸗ geſehen. Vielleicht iſt ihr jetziger Aufenthalt der beſte, den ſie ſich wählen kann. Ich erhielt Erlaubniß, Mackworth's Billet zu leſen. Daſſelbe lautete: „Kommen Sie augenblicklich, ich befehle es Ihnen. Ich will die Wahrheit bekannt machen. Charles iſt zurück⸗ gekehrt. Ich kann die Verantwortlichkeit nicht länger ertragen.“ Der arme Mackworth! Er kehrte auf ſein Zimmer zurück, geführt von dem gutmüthigen jungen Prieſter, der ſeine geliebte Orgel zu Segur verlaſſen hatte, um ſich ihm zu widmen. Lord Segur zankte und fluchte und that noch Etwas, das wir nicht erwähnen wollen, wofür er ſich aber Abſolution erbitten mußte. Aber Murtagh Tiernay blieb in Ravenshoe, Sr. Lordſchaft und deſſen gottloſen Flüchen Trotz bietend, und ließ die Orgel dem armen Pater Mack⸗ worth von ſtillen Kirchhöfen und friedlichen Klöſtern er⸗ zählen. Manchmal auch entriß er ihr brauſende Klänge, die dem armen vom Schlage gelähmten Prieſter die Straßen der ewigen Stadt hinter den großen Thoren zeigten, wo die leuchtenden Engel wandeln. Laſſen wir die Beiden bei ihrer Muſik. Ehe wir zur Hochzeit nach der Hauptſtadt reiſten, ſaßen wir eines Abends Alle in der Halle und ſpielten Lands⸗ knecht.(Nicht Landsknecht mit einem unbeſchränkten Ein⸗ ſatze von Guineen, wie es ſonſt bei Lord Welter geſpielt worden, ſondern Achtzehnpence-Landsknecht.) General Mainwaring hatte ſechsmal hinter einander und dabei ſechs Schillinge verloren(ein faſt unglaubliches Ereigniß, aber dennoch wahr), und Lady Ascot ſo ſehr über ihn gelacht, daß ſie genöthigt war, ihre Brille abzunehmen und zu putzen, als Murtagh Tiernay eintrat und Charles und ſeinen Bruder, Pater Tiernay, holte. Bald danach hörte das Spiel auf. Zu Ravenshoe herrſchte die alte Sitte, um zehn Uhr noch ein großes Nachteſſen in der Halle zu ſerviren. Eine alberne alte Sitte, da man erſt um ſieben Uhr zu Mittag geſpeiſt hatte. Aber das Nachteſſen wurde pünktlich aufgetragen, und Alle ſetzten ſich um den Tiſch. Alle erdenklichen Dinge wurden von den Dienern gereicht; allein Niemand rührte Etwas davon an. Niemals. Der Platz am Hauptende des Tiſches aber war leer; Charles kam nicht. Nachdem das Nachteſſen wieder abgetragen war, ließen wir uns nach jenem hübſchen alten Gebrauche, den man jetzt nur noch ſo ſelten ſieht, ſammt und ſonders wieder um das Feuer nieder, um vor demSchlafengehen noch gemüthlich ein wenig zu plaudern. Doch ſchien Niemand recht zum Plau⸗ dern aufgelegt. Lady Ascot ſagte blos:„Ich werde nicht eher hinaufgehen, als bis er zurückkommt. General, 5 oe es lte te. lle en s en tz s ein u⸗ cht l 0 Sie können Ihre Cigarre rauchen; aber ich bleibe hier ſitzen.“ General Mainwaring wollte ſeine Cigarre nicht rauchen, nicht einmal in den Kaminſchornſtein hinauf. Faſt noch ehe er dies ausſprechen konnte, traten Charles und Pater Tiernay ein, ohne ein Wort zu ſagen, und Charles ging durch den Kreis an den Kamin und ſtieß mit dem Fuße die Holzſtücke auf dem Herde zuſammen. „Charles“, ſagte Lady Ascot,„ hat ſich irgend Etwas ereignet?“ „Ja, Tante Ascot.“ „Iſt er topt?“ „Ja, liebe Tante.“ „Ich hab' mir's wol gedacht“, ſagte Lady Ascot. „Hoffentlich hat er mir die böſen Gedanken vergeben, die ich gegen ihn geäußert habe. Ich hätte den Mann mit der Zeit liebgewinnen können. Es gibt eine Menge ſchlechtere Menſchen, als er war, Sir“, fuhr ſie mit ihrer alten, klaren, wohlklingenden Stimme zu Pater Tiernay ge⸗ wendet fort.„Es gibt eine Menge ſchlechtere Menſchen, als er war.“ „Es gibt in der That viele ſchlechtere Menſchen, Ladh Ascot“, ſagte Pater Tiernah.„ Es hat viele ſchlechtere Menſchen gegeben, denen vom Schickſal beſſere Gelegen⸗ heiten wurden. Er war ein guter Menſch, der in einer böſen Schule erzogen worden war. Ein guter Menſch, den man verdorben hatte. General Mainwaring, Sie, die in dieſem Augenblicke vielleicht mehr geehrt werden, als ſonſt wer in England, und die dies ſo wohl verdienen; Sie, die Sie an keiner Straßenecke ſtillſtehen können, ——*———————— 200 ohne daß die Leute zuſammenlaufen, um Ihnen ein jubeln⸗ des Hurrah zu bringen; Sie, der theuerſte Liebling der ganzen Nation, ſind im Begriffe, nach Oxford zu gehen, um dort zum Ehrendoctor Juris promovirt zu werden. Und wenn Sie dort auf die Tribüne treten und die berauſchende Muſik der jubelnden Jünglingsſtimmen hören,— dann, General, werden Sie nicht wahnſinnig vor Stolz und Uebermuth, gleich Herod denken Sie vielmehr daran, was vielleicht aus Ihnen geworden wäre, wenn Sie nur Mack⸗ worth's Gelegenheiten gehabt hätten!“ Ich glaube, wir achteten den Irländer Alle von Herzen dafür, daß er für ſeinen Freund das Wort nahm, obgleich er ſich vielleicht weniger überſchwänglich hätte ausdrücken können. Aber ich bin überzeugt, daß Niemand ihn darum aufrichtiger achtete, als unſer tapferer, beſcheidener alter Freund, General Mainwaring. eln⸗ der hen, Und ende am, ud ünfzehntes Rapitel. ws ac⸗ Charles hatte ſeine Abſicht, ſich in London zu ver⸗ rzen mählen, nicht geändert. Und ich brauche wol nicht zu ſagen, leich daß dies auch bei William der Fall war. icken Muß ich den geſunden Menſchenverſtand des Leſers wum beſchimpfen, indem ich ihm ſage, daß ſich die ganze Ge⸗ alter ſchichte von Peter Ravenshoe's Heirath zu Finchhampſtead als wahr herausſtellte? Ich venke, nein. Die Kirchen⸗ bücher wurden gefunden. Die Rechtsgelehrten waren ge⸗ ſchäftig in Ravenshoe; denn es lag Allen daran, ſobald als möglich nach London zu kommen und die beiden Heirathen vollzogen zu ſehen, ehe die Saiſon zu weit vorgerückt ſein würde. Das Wetter war herrlich, und ich wurde fortwährend vom Fluſſe hereingeholt— von wo ich einen Fiſchgeruch mitbrachte— um Urkunden und Contracte als Zeuge mit zu vollziehen. Mein eigener Name begann mir ein Greuel zu werden, ſo oft hatte ich denſelben ſchon unterſchreiben müſſen. Ich mag vielleicht den dreifachen Betrag der Nationalſchuld verſchrieben haben, ſo viel ich weiß(oder ſoviel ich mich darum bekümmere; denn man kann nun einmal kein Blut aus einem Steine zapfen). Ich glaube 202 ich unterſchrieb einige fünfzig Documente. Doch unter⸗ zeichnete ich zwei, die mir großes Vergnügen bereiteten. Das erſte war eine Verpflichtung, William Ravenshoe eine jährliche Rente von zweitauſend Pfund Sterling zu zahlen; das zweite eine ähnliche Urkunde, welche Miß Ra⸗ venshoe eine jährliche Einnahme von fünfhundert Pfund ſicherte. Damit aber genug von all' dieſen kleinlichen Geldangelegenheiten. Die Damen waren ſämmtlich nach der Hauptſtadt abgereiſt, um ihre Vorbereitungen für die Ceremonie zu treffen. Im Herrenhauſe zu Ravenshoe herrſchte zum letzten Male eine Junggeſellenwirthſchaft. Es war ſehr heiß. Charles Ravenshoe, General Mainwaring und die Uebrigen ſtanden Alle vor den Fenſtern im Eßzimmer und ſchauten auf die funkelnde See hinaus, als wir zu unſerm Erſtaunen zwei Perſonen die Rampe heraufreiten und vor der Thür halten ſahen. Ein ſtattlich ausſehender alter Herr in einem blauen Rocke mit blanken Knöpfen, Kniehoſen und Gamaſchen, auf einem ſchönen Reitpferde, und ein hübſcher Jüngling von ſechszehn Jahren auf einem Pony. Ich wußte ſehr gut, wer ſie waren, und ſagte:„O!“ Aber die Andern waren von Verwunderung erfüllt. William hätte es auch ge⸗ wußt, wenn er gerade in dem Augenblicke aus dem Fenſter geſchaut hätte; aber bis er an demſelben anlangte, waren die Beiden bereits abgeſtiegen und einige von Charles' Leuten führten die Pferde auf der Terraſſe auf und ab. „Wer, in aller Welt, iſt dies nur?“ ſagte Charles. „Sie kommen nicht weit her; aber ich kenne ſie nicht. Und doch iſt mir wieder, als ob ich den alten Herrn ſ in ib un hoe ia⸗ nd hen — 203 ſchon geſehen hätte; allein ich kann mich nicht auf ihn be⸗ ſinnen.“ Wir hörten die ſchweren Schritte des alten Herrn über die Halle kommen; dann wurde die Thür weit geöffnet und der Kellermeiſter meldete: „Mr. Humby auf Hele!“ Mit einem offenen Lächeln trat der alte Herr näher, ergriff Charles' Hand und ſagte:„ Willkommen daheim, Sir; willkommen auf Ihrem Eigenthume; willkommen in Ravenshoe! Endlich, nach ſo vielen Jahrhunderten, haben wir in Ravenshoe einen Proteſtanten.“ Bei Nennung des fürchterlichen Namens»Humby« war Allen ſchwach und ohnmächtig geworden. Allen, nur mir nicht. Natürlich hatte ich nichts mit ſeinem Beſuche zu thun gehabt. Ich hatte ihn ja nicht aufgefordert, her überzukommen. O, Gott bewahre mich davor, durchaus nicht! Seit ſiebenhundert und neunundachtzig Jahren war es das erſte Mal, daß ein Humby ſich einem Ravenshoe in freundſchaftlicher Weiſe genähert hatte. Die beiden Familien hatten ſich im Jahre 1066 entzweit, weil John Humby in der Schlacht bei Haſtings, während ſie ſo wü⸗ thend über den Senlac geſtürmt waren, Kempion Ra⸗ venshoe angerannt hatte. Kempion Ravenshoe hatte John Humby gefragt, wohin er ihn denn eigentlich noch zu drängen beabſichtige, und John Humby den Wunſch aus⸗ geſprochen, Kempion Ravenshoe um die Ohren zu hauen, (oder wie man ſich immer in jener Zeit ausgedrückt haben mag. Ich bin kein Alterthumsforſcher). Die Wunde war nie wieder geheilt. Die beiden Familien ließen ſich gleich nach der Eroberung auf angrenzenden Landſitzen in Devon⸗ 204 ſhire nieder; doch ſprachen ſie nicht eher wieder mit einan⸗ der, als im Jahre 1529, wo Lionel Humby in Cardinal Wolſey's Gemächern zu Hampton, unſerem alten Freunde, Alured Ravenshoe, gerade in's Geſicht blickend, ſich auf den Daumen biß, und Alured ihn frug, was, zum Henker, er damit ſagen wolle. Sie ſchlugen ſich dann auf der Wieſe von Twickenham, worauf die Familien einander wieder ignorirten, bis zum Jahre 1745, wo Ambroſius Ravenshoe bei einem Wahldiner in Stonnington dem Humby von Chicheſter mit einer Apfelſine in's Geſicht ſpritzte; worauf natürlich ein abermaliger Zweikampf er⸗ folgte, bei welchem Boddy Forteſcue dem Chicheſter Humby und Lord Segur unſerm Ambroſius Ravenshoe ſecundirte. Darnach wechſelten die beiden Familien wieder während hundertundzehn Jahren, das heißt bis zu der Zeit, vonder wir hier erzählen, alſo bis Ende April 1855, kein Wort, wo dann James Humby auf Hele uns Alle um den Ver⸗ ſtand brachte, indem er in einem blauen Rocke mit blanken Knöpfen in das Eßzimmer zu Ravenshoe trat, Charles die Hand drückte, und, außer dem bereits Erzählten, ſich alſo vernehmen ließ: „Mrs. Humby und meine Töchter ſind zur Saiſon nach London, gegangen und ich werde ihnen übermorgen folgen. Unſere beiden Häuſer haben in letzterer Zeit“ (ſoviel uns darüber bekannt, waren es ſiebenhundertund⸗ neunundachtzig Jahre. Aber was macht die Zeit bei ſolchen Gelegenheiten aus ²⁵)„— in nicht ganz freundſchaftlichen Beziehungen zueinander gelebt, und ich wünſche dem ein Ende zu machen. Ich bin eben kein ſo ſehr alter Mann; aber ich habe doch meine Grillen, mein lieber Herr. nan⸗ inal nde, auf nker, der nder ſihs dem ſicht f er⸗ unbh irte. arles ſich giſon orgel Zeit“ tund⸗ lchen lichen m ein lann; 205 Ich möchte meine Töchter unter Miß Corby's Brautjung⸗ fern ſehen, und wiſſen Sie was?— ich glaube, Sie wer⸗ den in London die Sache bereits völlig arrangirt finden.“ Wer hätte dem widerſtehen können? Zwei Tage darauf fuhr der alte Humby mit uns Allen nach London, und wenn ich den Auftrag erhielt, für Jemanden den lärmend⸗ ſten, ausgelaſſenſten, luſtigſten alten Gutsbeſitzer in ganz England, Schottland und Irland auszuſuchen, ſo würde ich den alten Humby auf Hele nennen. Welche Späße er auf den Stationen trieb, an denen unſer Zug anhielt! Die Art und Weiſe, wie er ſich jedesmal aus den Erfriſchungs⸗ zimmern herausſtöbern ließ und noch im letzten Augen⸗ blicke den Schaffner in eine Unterhaltung über die allge⸗ meine Verwaltung bieſer Linie verwickelte, bis der Bahn⸗ hofsinſpector außer ſich gerieth und ein Unglück faſt unvermeidlich ſchien, hätte, mich gelinde auszudrücken, einem weit jüngeren Manne Ehre gemacht. Aber in einem blauen Rocke mit blanken Knöpfen, in Kniehoſen und Ga⸗ maſchen, kann man thun, was man will. Wenn ich, William Marſton, jemals alt genug und dick genug und reich genug dazu werde, ſo werde ich mich ſelbſt ſo kleiden, und zwar aus guten Gründen. Sollte ſich meine Geſtalt jedoch nicht ſo günſtig entwickeln, ſo werde ich ſchwarze Kniehoſen und lange Strümpfe und eine ſchwarzſeidne Weſte verſuchen, die bis an's Kinn zugeknöpft wird. Dieſer Anzug macht ebenfalls oft Glück. Beide ſind beſſer, als die gewöhnlichen langen ſchwarzen Tuchbeinkleider und ein Cylinder, die den Beſchauer niemals mit Ehrfurcht erfüllen können. In London angelangt, hatten wir natürlich ſämmtlich 206 alle Hände voll zu thun. Da gab es eine Maſſe Putz⸗ machergeſchäfte zu beſorgen, und der alte Humby beſtand darauf, dabei behülflich zu ſein. Eines Tages ging er mit ſeiner Frau und ſeinen beiden Töchtern zu Madame Tulle in Conduit⸗Street und forderte mich auf, ſie zu begleiten, was mir Anfangs ſehr unlieb war; denn er betrug ſich gräßlich und machte einen fürchterlichen Lärm. Wir be⸗ fanden uns in einem Zimmer, das, zu einer langen Reihe von Parterregemächern gehörend, von Crinolinen, Spitzen⸗ mänteln und dergleichen Dingen voll geſtopft und eben ſehr beſucht war. Ich war bemüht, ihn in Ruhe und Ordnung zu halten; denn er ließ allerlei plumpe Späße los, wie alt⸗ modiſche Herren vom Lande ſie lieben. Alle Anweſenden ergötzten ſich ſehr über ihn und wüßten ſeine Luſtigkeit gebührend zu ſchätzen, nur ſeine Frau und Töchter nicht, welche der Spaß verdroß. Deshalb verſuchte ich, ihn zur Ruhe zu bringen, als ein großer, ſchlanker, brauner, ſchöner junger Mann zu mir herankam und ſagte: „Ich bitte tauſendmal um Vergebung, aber iſt nicht Ihr Name Marſton?“ Ich ſagte„Ja.“ „Sie ſind ein Vetter von John Marſton, nicht wahr? — von John Marſton, den ich in Caſterton kennen lernte?“ Ich ſagte, ja, jener John Marſton ſei allerdings mein Vetter. „Sie erinnern ſich meiner nicht! Ich traf Sie einmal beim alten Kapitän Archer zu Laſhbrook. Meine Frau iſt hier, um ſich ihren Flitterſtaat für Charles Ravenshoe's Hochzeit einzukaufen. Er heirathet meine Couſine. Ich u ſtand mit ulle iten, ſich be⸗ eihe tzen⸗ ſehr ung alt⸗ nden gkeit icht, zur öner nicht hr nen mein mal Fral oes heiße George Corby und habe mich mit Miß Ellen Blocks⸗ trop, einer Tochter von Admiral Blocketrop, vermählt. Ihre älteſte Schweſter hat den jungen Kapitän Archer ge⸗ heirathet.“ Mir wurde ſehr ſchwach und ſchwindelig; aber ich be⸗ glückwünſchte ihn. Die Art und Weiſe, wie dieſe Auſtra⸗ lier ihre Geſchäfte beſorgen, macht uns armen Leute hier in der alten Welt ganz zu Schanden. In einem Zeitraume von zwei Monaten und einer Woche eine unglückliche Her⸗ zensneigung überwunden und ſich auch ſchon mit einem andern Weibe vermählt zu haben, iſt wirklich aller Ehren werth! „Wir Buſchmänner ſind rohe Geſellen“, ſagte er. (Seine Manieren waren charmant; ich habe nie feinere geſehen).„Aber die Herren der alten Welt müſſen uns ſchon entſchuldigen. Wollen Sie mir die Ehre Ihrer Bekanntſchaft gönnen? Ich bin überzeugt, daß Sie ein vortrefflicher Menſch ſind; denn Ihr Vetter iſt einer der beſten Menſchen, die ich kenne.“ „Es wird mir das größte Vergnügen von der Welt gewähren.“ Damit ſprach ich die reine Wahrheit. „Ich will Sie ſogleich meiner Frau vorſtellen“, fuhr er fort;„eben jetzt hat ſie ein kleines Scharmützel mit Nadame Tulle, der Putzmacherin hier. Meine Gattin iſt eine höchſt ſparſame Frau und will auf der großen Hoch⸗ zeit in einem weißen Moiréantique⸗Kleide zu fünfzig Guineen erſcheinen, welches ſie, wie ſie ſagt, ſpäter in Auſtralien noch als Geſellſchaftskleid verwenden kann. Die Franzöſin aber will es ihr zu dieſem Zwecke nicht geben, indem ſie behauptet, dieſe Toilette paſſe dazu nicht. Und — —— —— 208 ich hoffe von ganzem Herzen, daß die Franzöſin gewinnen möge, denn meine Frau wird auch zu zwanzig Guineen ein Kleid bekommen, in dem ſie reichlich ſo gut ausſehen wird.“ Squire Humby bat mich, ihn dem Herrn vorzuſtellen, und ich that es. „Ich bin froh, Sir“, ſagte er,„daß meine Töchter Sie ſoeben nicht gehört haben. Es würde ſie lebenslänglich demoraliſirt haben. Ich hoffe nur aus tiefſter Seele, daß ſie das Argument hinſichtlich des Fünfzigguineenkleides nicht belauſcht haben. Denn haben ſie es gehört, ſo bin ich ein ruinirter Mann. Ich glaube, es war einer Ihrer Lands⸗ leute, der vorgeſtern zwölfhundert Pfund für den Stier »Maſter Butterfly« gab.“ „Ja wol“, ſagte George Corby.„Ich habe den Stier gekauft. Er wird ſeinen Preis einbringen, Sir, in unſerem Welttheile.“ „Den Teufel auch!“ ſagte Squire Humby.„Sie wiſſen wol in Ihrem Welttheile nichts von einer An⸗ ſtellung für einen jungen Menſchen von fünfundſechzig Jahren, in einem blauen Rocke mit blanken Knöpfen, der ſein Geſchäft verſteht, wie?“ Und dergleichen mehr. Die Vermählungen fanden in der Peterskirche in Eaton⸗ Square ſtatt. Wenn der Geiſt des kleinen Schuhputzers die Stelle an der Mauer umſchwebte, an der er mit ſeinem Meſſingknopfe einſt„Fünf“ zu ſpielen pflegte, ſo konnte er faſt die heiligen Worte hören, die vom Al⸗ tare geſprochen wurden. Mary und Charles waren kein ſchönes Paar. Die Begeiſterung der an der Kirchenthür —— ——————— —— nnen ineen ſehen llen, gich daß nicht h ein nds⸗ Stier Stier erem 209 verſammelten Straßenbevölkerung blieb William und Jane Evans vorbehalten, die allerdings ein wunderſchönes Paar waren. Der alte Maſter Evans, ein prachtvoller alter Seekönig, den wir ſchon früher geſehen, wurde meiner Führung anvertraut. Wir Beide zogen es vor, ganz ruhig vor allen den Anderen zu Fuße nach der Kirche zu wandeln, wo er, einen geſchloſſenen Stuhl ausſchlagend, ſich auf einen der Freiplätze ſetzte und ſich's bequem machte. Ich ging dann an die Kirchenthür, um die Uebrigen zu erwarten. Ich wartete bis die ganze Proceſſion hineingezogen war und entdeckte dann, daß die Nachhut derſelben von Lord Charles Herries' Kindern, Gus, Flora und Archy, und deren Wärterin gebildet wurde. Wenn ein Hageſtolz überhaupt ſein Salz werth iſt, ſo wird er ſich bei dergleichen Gelegenheiten nützlich machen. Ich ſah, daß die Wärterin ängſtlich und beſorgt war und blieb deshalb bei ihr. 8 Archy war wirklich ſo gut wie Gold, bis ihm ſein Un⸗ fall paſſirte. So ruhig als möglich ging er mit ſeiner Wärterin die Stufen hinan. Ueber Gus und Flora hatte ich aber gleich von Anfang an meine Bedenken. Sie waren aufgeregt. Gus wollte die Stufen nicht hinangehen; er preßte ſeine beiden Ferſen zuſammen und hüpfte ſo Stufe für Stufe hinauf, während Flora rückwärts ſchritt und ihm ſarkaſtiſch zuſchaute. Auf der vorletzten Stufe ſtolperte er, und Flora ſagte:„Schäflein, Schäflein, Schäflein!“ Worauf Gus erwiderte:„Warte nur, Mylady, bis wir in die Kirche kommen.“ Nach dieſen fürchterlichen Kingsley, Ravenshoe. 14 210 Worten war mir's, als ob ich in einem Pulvermagazine eine Cigarre rauchte. Ich wurde zuſammen mit Gus, Flora und Archy in einen Kirchenſtuhl geſetzt. Die Wärterin ging in ihrer Beſcheidenheit in den unmittelbar hinter uns befindlichen. Leider muß ich ſagen, daß dieſe lieben Kinder, deren Bekanntſchaft ich mich früher noch nicht erfreute, außer⸗ ordentlich unartig waren. Die Ceremonie begann damit, daß Archhy von ſeinem Sitze herunter an die Thür des Kirchenſtuhls fiel, dieſe aufſprengte und kopfüber in die Freiplätze hinausſtürzte. Die Wärterin, eine flinke und gewandte Frau, ſchoß aus ihrem Stuhle heraus, ergriff ihn und hatte ihn ſchon zur Kirchenthür hinausgetragen, ehe er noch Athem zum Schreien gefunden hatte. Gus und Flora blieben nun mit mir allein. Flora hatte ein großes, in Scharlach und Gold gebun⸗ denes Gebetbuch. Wie ſie daſſelbe öffnete, brachte ſie mich arg in Verlegenheit, indem ſie laut zu einer imaginären Freundin ſagte:„Meine Liebe, es wird geſammelt werden, und ich habe meine Börſe zu Hauſe auf dem Claviere liegen laſſen.“ Zugleich begab ſich Gus, da er ſah, daß die Ceremonie in vollem Gange war, an das andere Ende des Kirchen⸗ ſtuhls, ſetzte ſich auf einen Strohſchemel und zog dann eine große Blechtrompete aus ſeiner Taſche. Wie ich ihn anſah, brach ich in einen kalten Angſt⸗ ſchweiß aus. Er bemerkte meinen Zuſtand, ſetzte die Trompete an die Lippen und blies ſeine Wangen auf. Flora ſprach mir Troſt ein. Sie ſagte:„Sie ſehen dieſen albernen Knaben an Vielleicht tutet er am Ende doch zine h in ihrer chen. deren ußer⸗ mit, des ndie und grif gen, hun⸗ nich ären den, egen onie hen⸗ ann 214 nicht; das iſt immer möglich, wenn Sie ſich nicht um ihn bekümmern. Jedenfalls wird er nicht eher blaſen, als bis die Orgel zu ſpielen beginnt, und dann hat es nicht ſo viel zu ſagen.“ Ich ſaß ſo traurig und hoffnungslos da, daß ich mich nach dem alten Maſter Evans umſchaute. Er hatte ſeinen Kopf auf die Lehne der vor ihm befindlichen Bank gelegt. Seine ſchöne Tochter war ſeit vielen Jahren ſeine einzige Gefährtin geweſen; denn ſeine Frau war geſtorben, als Jane noch als ein kleines barfüßiges Weſen am Strande umherlief. Es wäre ſchon eine Standeserhöhung für ſie geweſen, wenn ſie Mr. Charles Ravenshoe's Lieblings⸗ groom geheirathet hätte. Und jetzt eben war ſie ſtill und gefaßt das Schiff der Kirche heraufgegangen, neben ihm ſtehen geblieben, hatte ſich den Spitzenſchleier von der Stirn geſtrichen und dem Alten auf die liebe alte Wange geküßt; in wenigen Minuten ſollte ſie als Mrs. William Ravenshoe zurückkehren. Da hatte dann der brave, alte Schiffer ſein Haupt herabgeſenkt, und Nichts war von ihm zu ſehen, als ſein graues Haar und ſeine Schultern, welche zu beben ſchienen. Nun blickte ich nach dem öſtlichen Ende der Kirche. Ich ſah die beiden Paare vor dem Geiſtlichen knien. Und als ich, der ich Alles wußte, Charles an Marh's Seite und Lord Ascot, den großen, brutalen Rieſen, hinter ihnen ſtehen ſah, da ſagte ich Etwas, das nicht zur Trauungs⸗ ceremonie der anglikaniſchen Kirche gehört. Nach Allem, was ſich zugetragen, dieſe Beiden dort nebeneinander knien zu ſehen! Alle waren wir an dieſem Tage ſehr glücklich; aber ich weiß nicht, ob irgend Einer von ihnen glücklicher 14* —— 212 war, als ich. Denn ich wußte mehr, als ſie Alle. Und drei Monate ſpäter heirathete ich meine gegenwärtige Frau, damals Eliſa Humby, und dies hatte ſich erſt ſeit zwei Tagen entſchieden, ſodaß ich frohen Muthes war. Wenigſtens hätte ich dies ſein können, ohne Lord Charles Herries' Kinder. Ich wollte, dieſe lieben Kinder (ich wünſche ihnen nichts Böſes) wären an dieſem geſeg⸗ neten Tage— lieber auf dem Dorfanger geweſen. Als ich wieder zu Gus hinſchaute, ſaß er noch immer auf ſeinem Strohſchemel und drohte der geſellſchaftlichen Schicklichkeit mit ſeiner Trompete. Noch hoffte ich das Beſte. Flora's Gebetbuch lag offen auf ihrem Schooße, und ſie ſpielte zu beiden Seiten deſſelben mit ihren Fingern Clavier. Nach einer kleinen Weile blickte ſie zu mir auf und ſagte ganz laut: „Sie haben wol ſchon gehört, daß Archy's Katze Junge bekommen hat?“ Ich ſagte:„Nein.“ „O, ja, ſie hat Junge bekommen“, fuhr ſie fort. „Archy ſpannte ſie vor ſeinen Mehlwagen, der Muſik macht, wenn die Räder ſich umdrehen, und ſie rannte mit dem Wagen die Treppe hinunter; und wir hörten die Muſik, wie ſie davonlief; und gleich darauf hatte ſie ihre Jungen im Holzkorbe; und Alwright ſagt, es iſt kein Wun⸗ der, und das meine ich auch; und man wird einige von ihnen erſäufen. Aber das müſſen Sie Archy nicht ſagen; denn ſonſt will er Abends nicht beten; und wenn er nicht betet, ſo kommt er in die, u. ſ. w., u. ſ. w.“ mit großem Nachdrucke und ſehr lauter Stimme. Das war wirklich allerliebſt. Wenn ich mich nur auf ud u vei d Gus verlaſſen und Flora im Gange halten konnte, ſo war es eine entfernte Möglichkeit, daß wir ohne öffentlichen Scandal durchkamen. Wäre ich nicht ein Wahnſinniger geweſen, ſo würde ich bemerkt haben, daß Gus verſchwun⸗ den war. Verſchwunden. Und die Thür des Kirchenſtuhls war nicht geöffnet worden, und mir ahnte Nichts! Gus war auf allen Vieren unter der Bank entlang gekrochen, bis er ſich den Beinen ſeiner Schweſter gegenüber befand, gegen welche Beine, horresco referens, er ſeine Trompete ſtemmte und dieſelbe lang und laut erſchallen ließ. Flora benahm ſich ſehr muthig und angemeſſen. Sie ſtieß blos einen gräßlichen, wilden Schrei aus, wie man ihn wol von einem Tobſüchtigen in Bedlam hört, ſchleuderte ihm das Gebetbuch an den Kopf und bemühte ſich dann, ihn mit den Füßen in's Geſicht zu ſtoßen. Das war der Culminationspunkt meiner Leiden. Hier⸗ nach betrugen ſie ſich beſſer, denn ich ſtellte ihnen vor, wie eben jetzt die ganze Geſellſchaft aus der Sacriſtei zurück⸗ komme und es beſſer ſein würde, wenn ſie die Sache beim Nachhauſefahren im Wagen auskämpften. Gus machte nur noch eine impertinente Bemerkung über Flora's Strumpf⸗ bänder, während Flora blos eine kurze, aber beißende hiſto⸗ riſche Parallele zwiſchen Gus und Judas Iſcharioth zog; dann kamen die jungen Ehepaare mit ihrem Gefolge das Schiff der Kirche herab, und wir fuhren Alle nach Charles' Hauſe in Eaton Square. Und ſo erblickte ich zum erſten Male in meinem Leben mit eigenen Augen alle die Hauptperſonen in dieſer Er⸗ zählung. Nur Einer fehlte: Lord Saltire. Ich hatte 214 ihn jedoch zwei Mal in meinem Leben geſehen und ein Mal die Ehre einer Unterhaltung mit ihm genoſſen. Er war etwa fünf Fuß elf Zoll groß und ſehr breit in Bruſt und Schultern. Was den animaliſchen Theil an ihm be⸗ traf, ſo kam ich nach etwa zwanzig Minuten genauer und aufmerkſamer Beobachtung zu dem Schluſſe, daß er vor etwa fünfzig bis ſechzig Jahren ein Mann geweſen ſein mußte, mit dem es angenehmer war zu disputiren, als ſich zu boxen. Er war herrlich gebaut und hatte eine hohe, viereckige Stirn, die an den Schläfen ſehr flach wurde. Und als ich ihn ſah, wo er beinahe ſchon achtzig Jahre alt, war er der ſchönſte Greis, dem ich je im Leben begegnet bin. Sein Teint war blühend und rein. Sein Geſicht zeigte keine einzige Runzel. Seine Augenbrauen waren ſchwarz und ſein Haar ſchien ſich vor dem Ergrauen zu ſträuben; bis zuletzt war es eine gleiche Miſchung von Schwarz und Grau. Sein Auge war ein ganz ungewöhn⸗ liches— von einem tiefen Blaugrau. Ich kann den Leuten ebenſo gut gerade in's Geſicht blicken, als jeder Andere; als aber Lord Saltire während unſerer Unterhaltung etwa drei⸗ oder viermal jene Augen auf mich heftete, fühlte ich, daß es mich eine Anſtrengung koſtete, denſelben zu be⸗ gegnen. Ich fühlte, daß ich mich in der Gegenwart eines Mannes von einer der meinigen überlegenen Lebens⸗ kraft befand. Wir unterhielten uns über Dinge, die mit Charles Ravenshoe in Verbindung ſtanden, deren ich jedoch nicht erwähnt habe, da ich mich, William Marſton, möglichſt wenig in dieſer Geſchichte vorzuführen wünſche. Und als dieſer fürchterliche, alte Herr mich anſah, als er eine Frage an mich richtete, empfand ich, wie ich die Stirn runzelte 215 und ihn trotzig anblickte. Er war der außerordentlichſte Mann, der mir jemals vorgekommen iſt. Nach ſeinem vierzigſten Jahre nahm er kein Staatsamt mehr an und ſprach nie mehr über Politik. Im Herzen war er, wie ich glaube(obgleich dies Niemand genau wußte), ein Whig. Aber es beliebte ihn, ſich einen Tory zu nennen. In ſeinen früheren Jahren hatte er für die radicale Partei ziemlich viel gewagt und war dann, wie ich mir denke, von dem ganzen Parteigetriebe angewidert worden. Die letzte öffentliche That des radicalen alten Atheiſten war, daß er ſich zum Herzoge von Wellington ſchlug, in Oppoſition gegen die Reformbill. Er war ein Menſch voller Widerſprüche, wenn man nach Whig⸗ und Toryregeln urtheilt; aber ein großer Ver⸗ luſt für die öffentlichen Angelegenheiten des Landes. Mit ſeinem ruhigen, klaren Kopfe hätte er im Dienſte des Staates faſt Alles erreichen können. Mein Vetter John meint, daß Lord Barkham's Tod die Urſache ſeines Rück⸗ trittes wurde. So viel über Lord Saltire. Die anderen Charaktere in dieſer Geſchichte will ich durchnehmen, wie ich ſie auf Charles und William Ravenshoe's Hochzeit um den Früh⸗ ſtückstiſch gruppirt fand. Ich ſaß neben Eliſa Humby. Sie war bei Weitem das ſchönſte, geſcheidteſte, liebenswürdigſte Weſen, das die Welt geſehen.(Das iſt aber meine Sache und kümmert den Leſer nicht.) Charles Ravenshoe ſaß am Hauptende des Tiſches, und ich will ihn einen Augenblick in Ruhe laſſen. Ich will Euch meine Eindrücke von den übrigen 216 Perſonen in dieſer Erzählung mittheilen, wie ſie mir dort erſchienen. Mary war ein ſehr lieblich ausſehendes Weib, ſehr klein und mit ſehr zarten Geſichtszügen. Ich hatte ſie nie vorher geſehen und niemals gehört, daß ſie hübſch ſei. Ich fand ſie indeſſen recht hübſch. Jane Evans war ein außerordentlich ſchönes Weſtlands⸗ mädchen. Mein Auge weilte indeſſen nicht lange auf ihr. Daſſelbe ſchweifte vielmehr den Tiſch hinab bis zu William; da blieb es haften. Ich bewog Eliſabeth Humby, ſich mit ihm zu unter⸗ halten, während ich ihn betrachtete. Ich wollte mich überzeugen, ob in ſeinem Geſichte irgend ein beſonderer Ausdruck läge; denn nie habe ich von einem auffallen⸗ deren Beiſpiele uneigennütziger Zuneigung gehört, als ſeinem Entſchluſſe, Charles aufzuſuchen und ſich ſelber zu ruiniren.. Nun, er hatte ein ſehr ſchönes und einnehmendes Ge⸗ ſicht, mit einem entſchloſſenem Zuge um den Mund, wie man ihn oft bei Leuten wahrnimmt, die viel mit Pferden umgegangen ſind. Aber ich konnte ſein Antlitz nicht ent⸗ räthſeln; darum ließ ich alle feinen Manieren fahren und redete ihn, über Lizzie hinwegſprechend, mit den Worten an:„Ich denke mir, daß Sie heute nichts weiter bedauern, als daß Sie bei Balaclava nicht an Charles'Seite waren, wie?“ und dann verſtand ich es; denn bei den Namen Charles und Balaclava ſah ich auf einen Augenblick kei⸗ nen Groom, ſondern einen Poeten vor mir. Obgleich er, da er ein reſpectabler und geſetzter Mann iſt, niemals ein Gedicht gemacht hat, noch machen wird. 21 Jetzt ſchaute ich gegenüber nach Lady Ascot. Man ſagte, ſie ſei niemals ſchön geweſen. Ich kann dies ſehr hr wol glauben. Allerdings war ſie eine ſchöne alte Frau, nie aber alle guten alten Frauen ſind ſchön. Ihr Geſicht war ſh ſehr maſſiv, und man konnte wol bemerken, wie daſſelbe des Ausdrucks heftigſter Leidenſchaftlichkeit fähig war. ⸗ Sonſt war nichts beſonders Auffallendes an ihr, außer, hr. daß ſie eine auffallend liebe alte Dame war. Sie unter⸗ m. hielt ſich mit General Mainwaring, einem ſtattlichen alten Krieger. r⸗ Weiter Nichts. Ja, die ganze Gruppe hatte etwas ich weit weniger Merkwürdiges oder Tragiſches, als ich er⸗ er wartet hatte. Ich fühlte mich enttäuſcht, bis ich zu Lord Ascot kam, von dem ich dann meine Blicke nicht mehr ab⸗ wenden konnte. Da war Tragik genug. Hier gab's Brutalität und wilde Leidenſchaft genug zu ſehen, in Wahrheit! Und doch 5 hatte dieſer Mann das gethan, was wir wiſſen! Es war unfaßlich! Lord Ascot, wie ich ihn jetzt zum erſten Male ſah, war ⸗ ganz einfach nichts als ein roh und abſtoßend ausſehender Mann. Seine Geſtalt war von rieſigen Verhältniſſen, wenn auch nicht der Höhe nach. Er war etwa fünf Fuß neun Zoll groß und ſehr breit in der Bruſt. Sein Haar war ziemlich dunkel und kurz geſchnitten. Sein Ge⸗ 4 ſicht von ſehr blühender Farbe und vollkommen bartlos. Seine Stirn niedrig; ſeine Augen ſehr klein und ſehr nahe bei einander. Seine ſehr buſchigen Brauen begegneten ſich über der Naſe, welche kurz und ſcharf war. Sein in Mund war groß, und mit demſelben gelangte man an den 218 erſten erträglichen Theil ſeiner Phyſiognomie. Wenn er ſprach, ohne ſich an Jemanden ſpeciell zu wenden, ſo ragte die Unterlippe etwas hervor und das ganze Geſicht trug, wie ich ſagen zu müſſen bedaure, den Ausdruck, welchen man ſehr häufig vor den Gerichtsſchranken ſieht. Und dennoch war er der Mann, der ſich nicht geſcheut hatte, ein fürſtliches Vermögen zu opfern, weil es„Sehen Sie, Dinge gibt, die man nun einmal nicht thun kann!“ Alles Das ſchien mir räthſelhaft, bis er zu ſeiner Groß⸗ mutter zu reden anfing, wo ſich dann ſeine Brauen gleich⸗ ſam hoben und ſeine Augen von einander entfernten und er wie ein ganz anderer Mann ausſah. Iſt es vielleicht möglich, daß er in der That ein ganz anderer Mann ge⸗ worden wäre, hätte man ihn nicht unter Leuten aufwachſen laſſen, deren Lebensbeſchäftigung in Hahnenkämpfen, Pfer⸗ derennen und im Boxen beſtand? Wer weiß, ich vermag es nicht zu ſagen. Lord und Lady Hainault waren ein ſehr feines, ſchönes, liebenswürdiges Gattenpaar. Ihre nähere perſönliche Be⸗ kanntſchaft habe ich nie gemacht. Mein Vetter iſt mit Beiden ſehr befreundet und meint, es gibt keine vortreff⸗ licheren Menſchen in der ganzen Welt. Charles Ravenshoe erhob ſich, um General Mainwa⸗ ring zu danken, welcher eben das Wohl der beiden jungen Ehepaare ausgebracht hatte. Er war noch blaß von ſeiner kürzlich überſtandenen Krankheit und niemals ſchön ge⸗ weſen. Aber ſein Geſicht war das eines Mannes, den, wie ich mir wol denken kann, die meiſten Menſchen lieb ge⸗ winnen mußten. Als wir zuſammen in Shrewsburh auf der Schule waren, kannte ich ihn als einen großen ſchmäch⸗ tigen, ſchwarzköpfigen Burſchen, der ſtets lachte und Spectakel machte und ſeine Sachen verſchenkte. Jetzt war er ein großer, ſchlanker Mann, mit einem ſchwermüthigen Zuge um Mund und Augen; letztere groß und ihre Brauen hoch geſchwungen. Seine Lebhaftigkeit und jene Haltung, die der körperlichen Kraft entſpringt, waren dahin, und während ich ihn anſchaute, fühlte ich mich ſelbſt um zehn Jahre älter. Warum ſollte ich mich bemühen, ihn noch fer⸗ ner zu ſchildern? Er iſt kein in die Augen fallender Mann wie William oder Lord Ascot. Aber er war der beſte, den ich je gekannt habe. Er ſprach ein paar herzliche hübſche Worte und ſetzte ſich dann wieder. Darauf ſtand Lord Ascot auf. Ich faßte Lizzie's Hand mit meiner Linken und ſtützte meinen rechten Arm auf den Tiſch, um mit den Fingern meine Augen zu bedecken und durch jene hindurch unbemerkt Lord Ascot beobachten zu können. Er hatte ſeinen Rock über der Bruſt zugeknöpft; während er aber ſprach, knöpfte er den⸗ ſelben mit ſeiner großen groben Hand fortwährend auf und zu. Er ſagte: „Ich bin eben kein großer Redner. Vermuthlich ſagen dieſe beiden Marſton's da— hol' ſie der Henker!— ich ſollte doch ein Redner ſein, da ich im Oberhauſe ſitze. Jener John Marſton iſt ein ganz impertinenter Kerl, und ich erwarte, morgen früh ſeinen Secundanten bei mir zu ſehen. Er iſt es ſtets geweſen, verſichere ich Euch. Er iſt mir mein Lebelang ſtets hindernd in den Weg getreten. Ich wollte, daß Charles Ravenshoe den Weg alles Böſen wandelte, und er wollt' es nicht geſchehen laſſen. Und, kurz, es iſt unerträglich.“ 220 „Ein allgemeines Gelächter erfolgte, und Lord Ascot reichte ſeine große Hand über General Mainwaring hinüber meinem Vetter. „Ihr Leute, habt die Güte, Euch jetzt ein Mal aus dem Zimmer zu machen.“(Die Diener verſchwanden, und Lord Ascot ging an die Thür, um ſich zu überzeugen, ob ſie nicht etwa horchten. Ich glaubte, es werde irgend eine Ent⸗ hüllung zum Vorſcheine kommen; aber ich täuſchte mich.) Ich muß auf Fremde achten, ſehen Sie, meine Herrſchaften; denn man ſagt leicht Dinge unter alten Bekannten, die eben nicht für die Dienerſchaft berechnet ſind.“ „Alles ganz gut, wenn man behauptet, ich wäre ein Narr. Das iſt ſehr wohl möglich und mag hiermit als aus⸗ gemacht gelten. Aber ich bin kein ſo großer Narr, daß ich nicht einſähe, daß in der anweſenden Geſellſchaft eine ſehr ungünſtige Meinung von mir vorherrſcht.“ Alle riefen:»Nein, nein!« Von ſämmtlichen großen Hochzeitsfrühſtücken jener Saiſon war dies gewiß das merk⸗ würdigſte. Lord Ascot fuhr fort. Jetzt hatte ſein Geſicht den wilden Ausdruck. „Nun, nun!h laſſen wir's gut ſein. Sehen Sie ſich den Mann am Hauptende des Tiſches an— den jungen Gatten. Sehen Sie ihn an! Es nimmt Sie Wunder, daß ich that, was ich gethan habe? Ich will Ihnen ſagen, warum ich es that. Ich habe den Burſchen lieb. Ey iſt ein Mann, ein echter, General Mainwaring. Es iſt jetzt manch' liebes Jahr, ſeit ich dieſen Burſchen zum erſten Male in Twyford geſehen habe, und er iſt ſeitdem mir immer derſelbe geblieben. Sie ſagen mir, ich habe einſt ſchlimm an ihm gehandelt. Das iſt wol wahr. Sie haben lscot über dem Lord nicht Ent⸗ ich. ften:; die e ein aus⸗ daß teine roßen merk⸗ eſicht ch den ungen indel, ſagel, 6riſt tjebt erſten n mir einſt haben — 221 mich deswegen eines Tages öffentlich inſultirt, Hainault. Sie hatten vollkommen Recht. Vielleicht meinen Sie, ich ſollte heute nichts davon erwähnen. Aber wenn wir be⸗ denken, wie nahe Einige unter uns inzwiſchen den Pforten der Ewigkeit geweſen ſind, ſo werden Sie zugeben, daß dieſer Hochzeitstag etwas beſonders Feierliches hat. „Meine arme Frau hat ſich über jenem Teufelsthore den Rücken gebrochen und deshalb nicht herkommen können. Ich muß Sie Alle bitten, in Güte an ſie zu denken. Alle ſind Sie ſehr freundlich und liebreich gegen ſie geweſen, ſeit ſie das Unglück betroffen, und ſie hat mir aufgetragen, Ihnen zu danken. „Ich ſtand auf, um einen Toaſt auszubringen und habe mich zu perſönlichen Bemerkungen hinreißen laſſen, was bei jedem andern Hochzeitsmahle für einen Verſtoß gegen die feine Sitte gelten würde. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit indeß iſt's verzeihlich. Faſt Alle der hier An⸗ weſenden haben herbe Schickſalsſchläge erlitten, und ich denke, wir müſſen Alle— hm— uns— hm— in Zukunft zu beſſern ſuchen. „Ich ſagte, ich wäre aufgeſtanden, um einen Toaſt aus⸗ zubringen. Auf das Wohl alſo der tadelloſeſten, vortreff⸗ lichſten Frau, die ich je gekannt habe! Ich ſchlage vor, daß wir auf das Wohl meiner Großmutter, Lady Ascot, trinken.“ Und o! wie wir Alle aufſprangen und auf ihre Ge⸗ ſundheit tranken! Kein Menſch dachte an feine Geſell⸗ ſchaftsmanieren nach Allem, was wir gelitten hatten. Da ſtand jenes feierliche Geſchöpf, Lord Hainault, mit ſeinem Champagnerglaſe in der Hand und gab uns das Eins, Zwei und Drei zum Hurrahrufe,— turz, benahm ſich wie 222 ein Schuljunge. Und dann, als ihr liebes, graues, altes Haupt in ihre Hände geſunken war, ſprang mein gegen⸗ wärtiger Schwiegervater, Squire Humby, nochmals auf wie ein junger Rieſe und forderte ein dreimaliges Hoch für Lord Ascot. Und wir hatten noch Athem genug, um auch dieſer Forderung gerecht zu werden, das verſichere ich Euch. Das ganze Benehmen war im höchſten Grade in⸗ correct und unfein; aber wir thaten es doch. Und ich wüßte nicht, daß wir uns deſſen hinterher geſchämt hätten. Während die Wagen in Bereitſchaft geſetzt wurden, frug uns Charles, ob wir nicht mit ihm über den Platz kommen wollten. Und wir gingen Alle mit ihm. Und er führte uns an eine kleine weiße Mauer am öſtlichen Ende der Peterskirche, der Fiakerſtation gegenüber. Und hier erzählte er uns die Geſchichte vom kleinen Schuh⸗ putzer, und wie ſeine Freundſchaft für den drolligen kleinen Geſellen ihn von dem errettet, von dem man beſſer ſchwiege. Aber ſelbſt jetzt noch hängt eine Wolke über Charles Ravenshoe's Geſicht. Ich ſah ihn vorigen Sommer am Strande liegen und mit ſeinem älteſten Knaben ſpielen. Und die Wolke war da. Keine Verdrießlichkeit, keine Bitterkeit lag im Ausdrucke ſeines Geſichts. Aber das Geſicht war nicht mehr das alte fröhliche Geſicht, das ich in Shrewsbury und Orford gekannt hatte. Noch immer umdämmert es eine dumpfe, träumeriſche Melancholie. Die Erinnerung an jene fürchterlichen Monate hat ihren Schatten über ſeine Züge geworfen. Und dieſer 223— altes Schatten wird ſich i 5 3 n wird ſich über jene Sti trüben, bis die Stir S . ſich im nit * gethan haben, das Licht der 6 Leſer, lebe wohl! de in⸗ wüßte Ende Und lichen Und chu leinen herles er am pielen hine et das immet cholie hat te* dieſer Leipzi zig, Druck von Gieſecke& Devri Devrient. —— — In unſerm Verlage erſchienen ſoeben: C= 2„ Eine Erzählung aus dem häuslichen Leben von der Perfaſſerin von„John Haliſax““. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 2 Bände. Geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. Drangſale einer Frau Oder: Die Halliburtons. Roman Frau Henry Wood, Verfaſſerin von„Eaſt Lynne“,„Die Channings“ ꝛc. Aus dem Engliſchen A. ärehſchmar. Autoriſirte Ausgabe. 5 Bände. Geh. Preis 3 Thlr. 10 Ngr. „ Leipzig. Voigt à Günther. — 1 1— . *——— Grey Gontrol Chart c Sreen NVellow Red Magenta 1 1 f . 3