— — —— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur † von Ednard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ſe Veih und eſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ffe den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Sunime tee welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. —— — 4. Abonnament. 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Dritter Band. 2 Leipzig, Voigt& Günther. 1863. Erſtes Rapitel. Es gab eine Zeit, eine Zeit, die wir ſelbſt geſehen haben, wo Lord Welter ein fröhlicher, drolliger, leichtherziger Knabe war. Ein Knabe, an dem man nichts wahrhaft Böſes ent⸗ decken zu können glaubte. Wer weiß, ob er nicht ein acht⸗ bares Mitglied der menſchlichen Geſellſchaft hätte werden können? Aber um ihm gerecht zu ſein, von ſeiner früheſten Kindheit an hatte er alle Chancen gegen ſich gehabt. Er hatte nie kennen lernen, was eine Mutter, nie, was eine Schweſter iſt. Seine erſten Geſpielen waren Reitknechte und Jägerburſchen, und ſeinen Religionsunterricht er⸗ hielt er in der Regel von ſeiner Großmutter. Auf deren altmodiſche Sonntagsmorgenbetrachtungen und Litanei⸗ recitationen aber, die mit ſolcher Strenge vorgenommen wurden, daß er den Sonntag vo allen Tagen der Woche am Meiſten fürchtete, pflegten am Nachmittage dann Hah⸗ nenkämpfe und dergleichen Unterhaltungen in der Geſell⸗ ſchaft ſeines Vaters und mit den Stalljungen zu folgen. Wie Lord Saltire in einem früheren Theile unſerer Er⸗ zählung einmal bemerkte:„Ranford war wos die jungen 1 Kingsley, Ravenshoe. III. 2 Leute der jetzigen Zeit ein ungemein flottes Haus nennen.“ Flott genug:„Immer bergab und ohne Hemmſchuh.“ Sehr bald trotzte Welter ſeiner Großmutter, und um ſeinen Vater kümmerte er ſich nicht. Lord Ascot aber hatte eine ſolche Affenliebe zu dem Knaben, daß er ihm nichts verſagte, und ſogar zu lachen pflegte, wenn er impertinent gegen die Großmutter war, die Lord Ascot ſelbſt doch, um ihm Gerech⸗ tigkeit widerfahren zu laſſen, mehr hochachtete, als irgend ein anderes lebendes weibliches Weſen. Man verſuchte es mit Hauslehrern, und durch eine glückliche Combination von Muthwillen und Halsſtarrigkeit beſiegte Lord Welter ihrer drei in ebenſo vielen Monaten. Die Sache war hoff⸗ nungslos. Lord Ascot wollte nichts davon hören, daß der Thunichtgut auf die Schule geſchickt würde. Er war ja ſein einziger Sohn und ſein ganzes Glück. Er konnte ſich nicht von ihm trennen, und als die alte Lady darauf beſtehen wollte, wurde er widerſpenſtig, wie er es zuweilen ſein konnte, und erklärte beſtimmt, er wollte nicht! Der Knabe würde ſchon noch gut thun. Er wäre in deſſen Alter ebenſo ge⸗ weſen, und man ſehe ihn nur jetzt an! Lord Ascot täuſchte ſich. Er war nicht ganz wie Lord Welter in ſeinen Kinderjahren, im Gegentheil ein ſehr ruhiger Knabe geweſen. Lord Ascot legte großen Werth auf das Blut, von welchem ſeine Pferde ſtammten und verſtand derlei Dinge aus dem Fundamente. Wie kam er alſo dazu, nicht den Unterſchied zu ſehen zwiſchen dem ſanften, feinen Geſichte ſeiner Mutter, welches zart und weiblich blieb, trotz aller ihrer heftigen Leidenſchaftlichkeit, und dem groben, dummen, ſchönen, zigeunerhaften ſeiner Gattin, 3 und nicht darnach zu urtheilen? Er hatte neues Blut auf die alte Stauntonrace gepfropft und ſollte jetzt die Folgen davon ernten. Was aus Lord Welter werden ſollte, war ein noch immer ungelöſtes Problem, als Lord Ascot eines Abends, kurz vor Charles' Beſuch in Ranford— Charles anſtatt des in Ungnade gefallenen Cuthbert— in's Ankleidezimmer ſeiner Mutter hinaufkam, um eine halbe Stunde mit ihr zu plaudern, ehe ſie ſich zur Ruhe legte. „Was meinſt Du, beſte Mutter, ſoll ich Lord Sal⸗ tire wieder einmal einladen, oder nicht. Das letzte Mal wollte er nicht kommen, wie Du weißt. Wenn ich glaubte, daß er es diesmal ebenſo machte, ſo würde ich ihn einladen.“ „Du mußt ihn einladen“ ſagte Lady Ascot, beſchäftigt ihr graues Haar zu bürſten,„und er wird kommen.“ „Sehr gut“ ſagte Lord Ascot,„es iſt ſehr langweilig; aber Du mußt wol Jemanden haben, mit dem Du kokettiren kannſt, wie, alte Mutter?“ Lady Ascot lachte. In der That hatte ſie bereits an Lord Saltire geſchrieben und ihm geſagt, er m üſſe kom⸗ men, denn ſie bedürften ſeiner,— und er kam. „Nun, Maria“, ſprach Lord Saltire gleich am erſten Abende, als ſie ruhig zuſammen auf dem Sofa ſaßen, „was gibt es? Warum haben Sie mich hierher gelockt, um mich über dieſen Pöbel von Jockeys und Jägern zu ärgern? Vierzehn Tage hier ſein und außer Ihnen und Mainwaring keine Seele, mit der man ein Wort ſprechen kann! Nachdem ich das letzte Mal hier geweſen war, krächzte die liebe alte Lady Hainault eines Abends in einer 1* großen Geſellſchaft, es röche Jemand nach dem Pferde⸗ ſtalle.“ „Die liebe alte Seele“, ſagte Lady Ascot.„Welch' reizenden, feinen Witz ſie hat! Indeſſen werden Sie doch wiederkommen müſſen. Jedes Jahr, wol zu merken.“ „Fatum!“ ſagte Saltire.„Aber was gibt es?* „Was halten Sie von Ascot's Buben?“ „O, guter Himmel!“ xief Lord Saltire aus.„Alſo darum hat man mich hierher geſprengt, um über einen Schulbuben meinen Rath zu ertheilen! Nun, meiner Anſicht nach, ſieht er wie ein gräulicher kleiner Fuchs aus,— ſeiner lieben Mama ſo ähnlich, wie nur möglich. Ich pflegte ſtets in der Erwartung zu leben, daß ſie mich,„mein ſchöner Herr“ anreden und mir wahrſagen würde.“ Lady Ascot lächelte. Sie kannte ihren Mann. Sie wußte, daß er für ſie und die Ihrigen ſein Leben opfern würde. „Er wird jetzt außerordentlich läſtig“, ſagte Lady Ascot.„Was empf—“ „Schicken Sie ihn nach Eton“ ſagte Lord Saltire. „Aber er iſt ſehr wild, James und—“ „Schicken ſie ihn nach Eton, Maria, verſtehen Sie mich?“ „Aber Ascot will ihn nicht fortlaſſen“, ſagte Lady Ascot. „So, er will ihn nicht fortlaſſen?“ ſagte Lord Saltire. „Nun nichts mehr von dem jungen Fuchſe! Spielen wir unſere Partie Piquet in Frieden!“ Am folgenden Morgen hatte Lord Saltire eine Unter⸗ redung mit Lord Ascot, und zwei Stunden darauf war 5 allgemein bekannt, daß Lord Welter unverzüglich auf die Schule nach Eton gehen würde. Als Lord Welter Charles in Twyford empfing, be⸗ grüßte er ihn daher mit dieſer Nachricht. In Eton fand er höchſt geſchwind noch andere Knaben, die in ähnlichen Liebhabereien aufgewachſen waren, wie er, und dieſe wurden ſein Umgang. Ein ſchneller Austauſch von Erfahrungen fand ſtatt unter dieſen jungen Herren, und das Ergebniß war, daß Lord Welter unverbeſſerlich verdorben wurde. Lord Welter hatte Charles leidenſchaftlich liebgewonnen, wie es unter Knaben vorkommt, und ihre Freundſchaft ſelber währte, bis ſie einander in Orford wieder begegneten. Dort aber, wenn auch ihr alter vertrauter Verkehr blieb, erſtarb die alte Liebe zwiſchen ihnen eine Zeit lang unter Ausſchweifungen und Wildheit. Charles hatte eine Art von Pietät vor den Frauen; Welter nicht die geringſte. Charles ſteckte ſich an einem gewiſſen Punkte ſeine Grenze, wie niedrig der Punkt auch ſchon war; Welter kannte gar keine Schranke. Was Lord Hainault in Tatterſall's Hofe von ihm geſagt hatte, war die Wahrheit. Eines Tages, als ſie über den betreffenden Punkt ziemlich lebhaft disputirt hatten, ſagte Charles: „Wenn Du Alles ſo meinſt, wie Du's ſagſt, ſo dürfte man Dich in keinem anſtändigen Hauſe empfangen. Aber Du meinſt es nicht im Ernſte, mein alter Mann; darum ſei kein Eſel.“ Und dennoch meinte Welter es im Ernſte, und Charles hatte Recht. Ach! daß jener je nach Ravenshoe kommen mußte! 6 Lord Welter hatte ſo lange mit Adelaiden unter dem⸗ ſelben Dache gelebt, daß es ihm niemals eingefallen war, ihr den Hof zu machen. Sie pflegten wie Benedict und Beatrice mit einander zu zanken. Was geſchah, war ihre Schuld. Sie taugte nichts, taugte gar nichts. Laſſen wir ſie. Wol kann ich mich über Lord Saltire und Lady Ascot und dergleichen gute Leute verbreiten; über Adelaide aber nicht mehr, als un⸗ umgänglich nothwendig iſt. Zwei Dinge liebte Lord Welter beſonders— Händel und Würfelſpiel. Er war ein Erzeiſenfreſſer, ſehr ſtark und Mei⸗ ſter im Gebrauche ſeiner Fauſt; dabei von ſolchem Muthe und ſolcher Ausdauer, daß er, hatte einmal ein Streit begonnen, unter keinem andern Umſtande davon abſtand, denn als unzweifelhafter Sieger. Dies wurde bald be⸗ kannt. Seit er Orford verlaſſen und in London gelebt hatte, war er in der entſetzlich flotten Geſellſchaft, in der er verkehrte, ſchon in zwei oder drei perſönliche Rencontres verwickelt geweſen, und man begann, ihn zu fürchten. Denn, wenn er auch noch ſo viel trank, er ſpielte des⸗ halb nie um ſo ſchlechter. Er war ein glücklicher Spieler. Zuweilen, wenn er Jemandem Geld abgewonnen hatte, lud er ihn in ſein Haus ein, um ihm Revanche zu geben. Und der ſo Eingeladene ging und ging wieder in Lord Welter's Haus in St. John's Wood und wurde dadurch um nichts reicher. war die reizendſte kleine Spielhölle in Dieſe Villa 1 ganz London, und das ſchönſte, witzigſte, bezauberndſte Weib, das man je geſehen, präſidirte darin. Ein Weib, in das ſich alle Männer verliebten: ſo geſetzt, ſo ehrbar 7 und einnehmend war ihr Weſen. Lord Welter pflegte ſie nur Lady Welter zu nennen, folglich nannten ſie auch alle Andern ſo und behandelten ſie, als ob ſie wirklich Lady Welter wäre. Doch hatte dieſe Lady Welter ſehr bald zu Adelaide's Gunſten abdanken müſſen. Etwa zwei Tage, ehe die Beiden mit einander entwichen, erhielt jenes arme Weib einen Brief von Lord Welter, in welchem er ihr ſchrieb, ſie möchte ſich auf eine neue Herrin gefaßt machen. Es war kein Schlag für ſie. Er hatte ſie ſchon ſeit einiger Zeit darauf vorbereitet. Thränen, wilde Thränen mochten im Stillen gefloſſen ſein; allein was machte er ſich aus den Thränen»ſo Einer«? Als Lord Welter Miß Adelaide in ſein Haus brachte, trat ihr die Andere, als Dienerin gekleidet, entgegen und ſprach ruhig: „Ich heiße Sie willkommen, Madame.“ Es war Ellen, und Lord Welter ihr Verführer geweſen, wie der Leſer längſt errathen hat. Als ſie von Ravenshoe floh, entwich ſie vor dem Zorne ihres vermeintlichen Bru⸗ ders William; denn dieſer hatte Verdacht geſchöpft, und an jenem Nachmittage, wo Charles und Marſton ſie auf der Klippe erblickt hatten, machte ſie eben zu Fuße ihren langen, beſchwerlichen Weg nach Exeter, um in London mit Lord Welter zuſammenzutreffen. Nachdem ſie vermißt wor⸗ den war, hatte William an Lord Welter geſchrieben und ihn dringend gebeten, ihm zu ſagen, ob er Etwas von ihr ge⸗ hört hätte. Und Welter hatte ihm geantwortet, er wüßte nichts von ihr,„bei ſeiner Ehre!“ O weh der Ehre von Lord Welter und William's Thorheit, daß er ihm Glauben ſchenkte! — Die arme Ellen! Lord Welter war in der Meinung geweſen, ſie würde das Haus verlaſſen haben, und er hatte in der That guten Grund, das anzunehmen. Als er aber in ſeiner Londoner Wohnung wieder eintraf— war ſie noch da. Sie hatte all ihren Flitterſtaat von ſich ge⸗ worfen und ſich einfach und anſpruchslos gekleidet, wie eine Dienerin. Und da blieb ſie und bediente Adelaide mit geſetztem, beſcheidenem Weſen, wie es einer Zofe zukam. Adelaide war nie in Ravenshoe geweſen und kannte ſie daher nicht. Lord Welter hatte darauf gerechnet, daß Ellen fortgehen würde; doch ſie blieb. Warum? Man muß Nachſicht mit mir haben, wenn ich auf der⸗ gleichen Dinge komme. Ich berühre ſie ſo leiſe als möglich; aber ich habe es einmal unternommen, eine Geſchichte zu erzählen, und muß ſie erzählen. Derlei Dinge geſchehen um uns her, und wir verſuchen, ſie zu ignoriren, bis ſie zwanzigmal im Jahre uns plump vor die Augen treten. Keine Geſchichte von jungen Engländern könnte ja voll⸗ ſtändig ſein ohne Vorführung von Dingen, von denen Manche denken mögen, daß man ſie beſſer ruhen ließe. Tröſten wir uns indeß mit einer großen, unleugbaren Thatſache; mit der außerordentlichen Sittenverbeſſerung in den letztvergangenen zehn Jahren. Gerade das große Geſchrei gegen derartige Verhältniſſe beweiſt wenigſtens Eines klar: daß man über handgreifliche Thatſachen nicht länger die Augen zudrückt und daß eine Reform ſich anbahnt. Jedem jüngeren Bruder, dem zweihundert Pfund Sterling jährlicher Einkünfte zu Gebote ſtehen, ſollte geſtattet ſein, ſich in ſeiner eigenen Geſellſchaftsklaſſe, was ſie auch immer iſt, zu verheirathen. Allerdings wird das Paar mit Ent⸗ 2 behrungen kämpfen, ſich hier und dort einſchränken und ſparen müſſen, doch das iſt Beiden recht dienlich. Sie werden dann nicht Kaſte verlieren. Es gibt in der Welt noch viel Schlimmeres, als bloſe Unbequemlichkeit. Be⸗ trachten wir die nackten Thatſachen, die Niemand leugnen kann. In der großen Welt ſowol, als im höheren Mittel⸗ ſtande gibt es eine Unzahl von jüngeren Söhnen: Secretäre in den verſchiedenen Staatsbureaus, oder Offiziere der Armee und dergleichen; Nichtheirather, wie's im faſhio⸗ nablen Kauderwälſche heißt, die zu Diners und Bällen ge⸗ laden werden und mit Mädchen plaudern und tanzen, welche ihres Gleichen ſind und jede Gelegenheit haben, Verhältniſſe mit ihnen anzuſpinnen. Und doch, wenn aus dieſer zahl⸗ reichen Schaar ſich Einer unterfängt, ſich in eines jener Mädchen zu verlieben, oder ihm einen Heirathsantrag zu machen, ſo wird dem Verwegenen augenblicklich der Zutritt zum Hauſe unterſagt werden. Die Väter und Mütter ſelbſt ſind's, auf die zu großem Theile der Tadel der Verhältniſſe fällt, gegen welche ſie ſich mit ſo lauter Entrüſtung aus⸗ ſprechen. Aber ſelbſt das Geſchrei, das ſie gegen dergleichen Beziehungen erheben, iſt ein hoffnungsvolles Zeichen. Als Lieutenant Hornby auf- und abwandelte auf der Erde, um zu ſehen, in welches Unheil er gerathen könnte, hatte er einen hübſchen Coup nach dieſer Richtung gethan, da er in einer Spielhölle die Bekanntſchaft Lord Welter's machte. Hornby war ein ſehr guter Burſche. Es gab für ihn zwei Hauptlebensgenüſſe. Der eine war, wie ich mit Vergnügen berichte, ſein Beruf, in welchem er arbeitete wie ein Pferd, und der andere, zu meinem Be⸗ dauern geſtehe ich es, das Spiel, worin er viel mehr leiſtete, 10 als nöthig war. Er war eine Zielſcheibe für profeſſionirte Spieler. Jeder wußte, wie ungeheuer reich er war, und Alle nahmen ihn der Reihe nach vor. Er war durchaus nicht wähleriſch, ſondern nahm mit Jeglichem den Kampf auf. Die Gauner machten ſich aller möglichen ſchmutzigen Handlungen ſchuldig, um ihm vorgeſtellt zu werden und mit ihm ſpielen zu können. Die meiſten von ihnen hatten ihre gottloſe Abſicht; aber das Schlimmſte war, daß er ſtets gewann. Zuweilen wol, bei einem Hazardſpiele, verlor er genug, um ſeine Gegner zum Weiterſpielen zu ermuthigen; allein in den Spielen, wo es auf Geſchicklichkeit ankam, war ihm Niemand gleich. Sein Billardſpiel war geradezu meiſterhaft. Und Dick Ferrers erzählt, daß— es thut mir leid auch dies noch berichten zu müſſen— er und Hornby einſt auf dem Jahrmarkte zu Greenwich waren, wo ſie im Parke von einem Kegelgauner angeredet wurden, und daß Hornby(der, gleich Fauſt, mit dem Urvater des Böſen ſelbſt Schach geſpielt haben würde) ſich auf die Kegelbahn locken ließ, von welcher er in einer halben Stunde als Be⸗ ſieger des Betrügers hervorging. Als er auf dem Gipfel ſeines Ruhmes ſtand, hörte Lord Welter von ihm, und:„Gib mir den Dolch!“ aus⸗ rufend, machte er ſeine Bekanntſchaft. Sie hielten ihr Tournier im Ecarté oder beim Billard oder in ſonſt der⸗ gleichen, und Lord Welter lud ihn ein, ihn in St. John's Wood zu beſuchen, wo er dann Ellen ſah. Am erſten Abende verlor er höchſt anſtändig, wie er es leicht ertragen konnte, und ließ ſich überreden, am folgenden wiederzukommen. Abermals verlor er reichlich. Er hatte ſich in Ellen verliebt. Lord Welter ſah dies und benutzte es als eine Lock⸗ ſpeiſe, um Hornby zum weitern Spiele zu veranlaſſen- Ellen's Anweſenheit war natürlich von großer Anziehungs⸗ kraft für ihn, und er kam und ſpielte. Unglücklicherweiſe aber für Lord Welter wandte ſich nach einigen Abenden das Glück, oder Hornby ſpielte mit mehr Vorſicht. Er begann wieder zu gewinnen, und zwar in einem Grade, daß My⸗ lord Welter, zur Zeit, wo Adelaide in's Haus kam, ziemlich genug hatte von Lieutenant Hornby, und ſich der Hoffnung hingab, nunmehr ſeiner und Ellen's zugleich losgeworden zu ſein; denn Se. Lordſchaft war kein Narr in gewiſſen Dingen und ſah ganz klar, daß Hornby von leidenſchaft⸗ licher Liebe zu Ellen entbrannt war, und mehr noch, daß die arme Ellen dieſe Neigung ebenſo tief erwiderte. Deshalb war er überraſcht und aufgebracht, ſie noch in London vorzufinden. Sie wollte nicht gehen. Sie wollte bleiben und Adelaide bedienen. Man hatte ſie gebeten, das Haus zu verlaſſen, aber ſie hatte den Mann, den ſie liebte, mit ſcharfen Worten zurückgewieſen. Das arme Mädchen, ſie hatte ihre Gründe, und wir werden dieſelben erfahren. Jetzt weiß man, warum ich ſagte, ob nicht Charles des Lieutenants Haus in Aſche gelegt hätte, wäre ihm Alles bekannt geweſen. Aber man wird ebenſo geneigt ſein, Hornby ſofort zu verzeihen, wie Charles es that, als er Alles erfuhr. Die Folge jedoch, daß Ellen als Adelaide's Dienerin im Hauſe blieb, war die, daß Hornby den Zutritt in die Villa zu St. John's Wood um jeden Preis zu behaupten beſchloß. Lord Welter errieth es und vermuthete, daß Hornby geneigt ſein würde, ſich zu dieſem Zwecke ein wenig Geld abnehmen zu laſſen. Als Lord Welter an jenem Tage in Piccadilly Charles' Knie ſtreifte, überlegte er eben, ob er Hornby wieder einladen ſollte oder nicht. Wie er Charles ſo unbewußterweiſe berührte, kam er zu dem Ent⸗ ſchluſſe, daß er verſuchen wollte, welchen Handel er mit der Ehre von Charles' Schweſter machen könnte, die er ſchon ſo ſchmachvoll gekränkt hatte. Und Charles ſah, wie ſie auf dem Balcon ihre Uebereinkunft trafen. Wie wenig ließ er ſich träumen, um was es ſich dabei handelte! Lord Hainault hatte Recht. Lord Welter war ein Schurke. Hornby aber nicht, wie wir ſehen werden. Hornby liebte das Spiel um des Spieles ſelbſt willen. Und ein wie verſchwenderiſcher Dandy er auch war, ſo kam doch zu Zeiten ſeines Vaters Advocatenblut in ihm zum Vorſchein, und, obgleich er jeden Preis gezahlt hätte, um in Ellen's Nähe zu ſein und mit ihr zu ſprechen, zuweilen konnte er doch nicht umhin zu gewinnen, zu Lord Welter's großer Entrüſtung und ſeiner eigenen ebenſo großen Beluſti⸗ gung. Ihr Spiel war meiſtens Piquet oder Ecarté. Ina beiden war er Lord Welter überlegen, und bei ſeinem Glück und ſeinem beſſeren Spiele wurde es ihm oft außerordentlich ſchwer, mit Anſtand zu verlieren. Mitunter, wie geſagt, vergaß er auch ſeine Pläne und gewann fürchterlich. Doch bereute er es ſtets, wenn er bemerkte, wie Lord Welter wüthend wurde, und verlor dann wieder pflichtſchuldig, obſchon er ſich dabei kaum eines Lächelns enthalten konnte Bei Alledem machte der Ueberſchuß, den er Lord Welter geſtattete, ein ziemlich wichtiges Item im precären Ein⸗ kommen dieſes Edelmanns aus. Aller ſeiner Opfer ungeachtet aber gelang es ihm nur ———— eeel 1e Uehaut— 13 ſelten, Ellen zu ſehen. Und um die Sache zu compliciren, ſetzte ſich's Adelaide, die dem Spiele zuſchaute und ſah, wie Hornby abſichtlich verlor, in ihren albernen Kopf, daß er in ſie verliebt wäre. Sie hatte den Mann gern— wer hätte den Mann nicht gern gehabt?— doch blieb ihr noch Ehrgefühl genug, um kalt gegen ihn zu ſein. Hornby be⸗ merkte alles Dies und war höchlichſt beluſtigt. Ich denke mir oft, es muß ein hübſcher Anblick geweſen ſein, zu ſehen, wie ein rechtlicher Mann mit einem Schurken ſpielte und ihm gerade ſo viel Luſt ließ, wie ihm gut dünkte. Wenn ich Hornby aber einen rechtlichen Mann nenne, ſo meine ich das im vollen Ernſte. So ſtanden die Dinge, als der Derbyſturz kam. Um halb ſechs Uhr am nämlichen Nachmittage fuhr Lady Welter in einer prachtvollen, vierſpännigen Carroſſe vor ihrer eleganten Wohnung in St. John's Wood vor, und als„ihre Leute“ kamen, die Thür öffneten und den Wagen⸗ tritt herunterließen, ſtieg ſie langſam aus und trat, von ihrem Lakaien gefolgt, der ihr Sonnenſchirm, Riechfläſch⸗ chen und dergleichen nachtrug, ſo matt und ſchmachtend in's Haus, als ob das Leben wirklich zu langweilig wäre, um noch eine Minute länger ertragen werden zu können. Drei Stunden ſpäter beſtellte eine raſche, geſchäftige Frau in einfacher Kleidung und mit einem dichten ſchwarzen Schleier vorm Geſicht im Hötel bei der London⸗Brücke Zimmer für Mr. und Mrs. Staunton, die in einigen Tagen in's Ausland reiſen würden, und beaufſichtigte mit ihrem vertrauten Diener, einem geſetzten Manne in Schwarz, die ſichere Unterkunft zahlreicher mit Eiſen beſchlagener Eichenkiſten, an denen nichts Auffallendes war, als ihr großes Gewicht. Die Dame war Lady Welter und der Mann Lord Welter's vertrauter Schurke. Der Wirth glaubte, ſie hätten Hunt und Roskell's Ju⸗ welenladen beraubt und wären jetzt mit der Beute auf der Flucht, bis er den Mann zufällig ſagen hörte:„Ich glaube, das iſt Alles, Mylady“, worauf er ſich vollkommen be⸗ ruhigte Die Sache aber verhielt ſich ſo, daß alle dem Hauſe Ascot gehörigen Renngewinnſte, die goldenen Präſentir⸗ teller und 6pergnes, die Silberpokale und wol gar einige von den Familienkleinodien die Zuſtände in England ſo herzlich ſatt hatten, daß ſie ſich zu einem kleinen Ausfluge nach dem Continent entſchloſſen. War es nicht die Pflicht einer gehorſamen Gattin, für eine ſichere Unterkunft dieſer Gegenſtände zu ſorgen? Wenn irgend ein unternehmender Hausbrecher den Einfall gehabt hätte, in dieſer Nacht dem „Brückenhötel“ ſeinen Beſuch zu machen, und dazu das Glück, mit der Beute zu entkommen, ſo hätte er ſich mit den ſchwererworbenen Früchten ſeines tugendhaften Lebens⸗ wandels in ferne glücklichere Lande zurückziehen können, etwa mit der Ausſicht, in ein paar Jahren Congreßmitglied zu werden. Wer weiß? Und hätte Mylord Welter's vertrauter Schurke den Einfall gehabt, Sr. Lordſchaft edle Gemahlin auf ihrem Heimwege anzufallen und auszuplündern— weſſen er voll⸗ kommen fähig war— und ſich ebenfalls unentdeckt aus dem Staube gemacht, ſo würde er um eine Summe von ſieben⸗ hundert und vierundneunzig Pfund, drei halben Kronen und einem Dreipenceſtücke reicher geweſen ſein; das heißt, wenn er den Handſtreich ausgeführt hätte, ehe Lady Welter den Droſchkenfuhrmann bezahlte. Aber der Hausbrecher ſowol, als der Kammerdiener, verfehlten den günſtigen Mo⸗ ment, und der letztere bereut dies noch bis auf den heu⸗ tigen Tag. um elf Uhr deſſelben Abends lehnte Lady Welter, wieder zum Tode gelangweilt, in einem Sofa ihres höchſt eleganten Geſellſchaftszimmers. Als Lord Welter, Hornby, Sir Robert Ferrers und einige Dragoneroffiziere erſchienen, gähnte ſie, als ob das Leben doch in Wahrheit eine ganz un⸗ erträgliche Bürde wäre. Ob ſie Landsknecht ſpielen wolle? O ja; Alles in der Welt nach einem elenden, einſamen Abende. Wäre das nicht das Spiel, wo man drei Karten hätte und nicht herauszukommen brauchte, wenn man nicht Luſt hätte? Wolle ihr Welter oder ſonſt Jemand etwas Geld leihen? Sie hätte irgendwo ein Dreipenceſtück und einen Schilling; doch dies wäre vermuthlich nicht genug? Wo war Sir Robert's kleiner Bruder? Schlafen gegangen? Wie garſtig von ihm; ſie hätte ſich in ihn verliebt, und ihre ganze Hoffnung darauf geſetzt gehabt, ihn heute Abend wiederzuſehen, und dergleichen mehr. Lord Welter gab ihr einen Schlüſſel und ſagte ihr, ſie würde etwas Geld in ſeinem Toilettenkaſten finden. Als ſie das Zimmer verließ, ſah Hornbh, der Beide beobachtete, wie ſie einen ſchnellen Blick des Einverſtändniſſes aus⸗ tauſchten, und er lachte innerlich. Ich habe ſagen hören, daß Landsknecht um einen un⸗ beſchränkten Einſatz von Gnineen ein ſcharmantes Spiel, im höchſten Grade gemüthberuhigend und außerordentlich ſittenveredelnd iſt. Ich ſpreche vom Hörenſagen, da Um⸗ ſtände, über die ich keine Macht beſaß, meine perſönliche Bekanntſchaft mit dem Spiele verhindert haben. Soviel — 16 aber weiß ich, daß Lord Welter's Kammerdiener, wenn er ſeine Herrſchaft beraubt hätte, als dieſe zu Ruhe ging, an⸗ ſtatt ſiebenhundertundvierundneunzig Pfund ſieben Schil⸗ lingen und neun Pence, elfhundertundſechsundvierzig Pfund, acht Schillinge und ſechs Pence eingeſteckt haben würde, wo⸗ bei wir das Dreipenceſtück ganz außer Betracht gelaſſen. Aber er that es nicht, und Lord und Lady Welter ſchliefen ungeſtört den Schlaf, welcher die beſondere Belohnung eines ruhigen Gewiſſens iſt. Am Morgen darauf aber, als Charles in Hornby's Ankleidezimmer ſeine Dienſte that, ſagte Letzterer: „Ich werde Ihrer heute Abend bedürfen, mein Junge. Ich glaubte, ſchon geſtern Abend würde es dazu kommen; da ich aber alle die andern Kameraden mitgehen ſah, ließ ich Sie zu Hauſe. Halten Sie ſich um halb ſieben Uhr bereit. Ich habe geſtern Abend hundertundzwanzig Pfund verloren; ich beabſichtige jedoch, dem ein Ende zu machen.“ „Wohin gehen wir, Sir?“ „Nach St. John's Wood. Wir werden bis ſpät in die Nacht hinein ſitzen. Kommen Sie aus der Bedienten⸗ ſtube hinauf in den Vorſaal und ſtrecken Sie ſich hin, als wenn Sie ſchliefen. Laſſen Sie ſich von Niemandem ſehen. Es wird kein Menſch auf Sie Acht geben.“ Charles hatte keine Ahnung, wohin es gehen ſollte. ——— — Zweites Rapitel. Charles hatte wirklich keine Ahnung, wohin es ging. Obgleich er wußte, daß Hornby mit Lord Welter geſpielt hatte, glaubte er, nach dem was Hornby geſagt, doch nicht, daß ihn dieſer mit Welter in Colliſion bringen würde. Und Hornby that dies auch wirklich nicht; er nahm Charles nur als Reſerve mit, für den Fall, daß ſich Etwas ereignen ſollte; denn er mißtraute Sr. Lordſchaft im höchſten Grade. Um halb ſieben Uhr Abends begab ſich Hornby, hinter ihm Charles, langſam aus dem Hauſe. Er hatte dem letztern geſagt, er würde um ſieben Uhr in St. John's Wood ſpeiſen und dahin reiten, und Charles ſollte mit den Pferden dort warten. Aber ſchon war es faſt ſieben Uhr, und Hornby zögerte unterwegs und ſchien unentſchloſſen. Es war ein wilder, windiger, regendrohender Abend. Nur wenige Leute waren auf den Straßen oder im Park, und dieſe wenigen gingen oder ritten ſchnell. Und Hornby zögerte noch immer, wie wenn er noch zu keinem feſten Entſchluſſe kommen könnte. Anfangs ritt er ganz nach anderer Richtung, allmählich aber lenkte er ſein Pferd wieder auf den rechten Weg. Kingsley, Ravenshoe. III. 2 —,—,—— 18 Dann machte er einen neuen Umweg, doch einen kürzeren; endlich gab er ſeinem Pferde die Sporen und trabte ent⸗ ſchloſſen die kurze Fahrſtraße nach dem Hauſe hinauf. Er gab Charles die Zügel und ging feſten Schrittes hinein. Charles führte die Pferde in den Stall und begab ſich in die Bedientenſtube oder in das Zimmer, welches in Lord Welter's etwas beſchränkter Wohnung als ſolches diente. Niemand war darin. Alle Diener hatten beim Diner zu thun, und Charles blieb unbeachtet. Nach einer Weile brachte ihm ein kleiner Page, der, an der offenen Thür vorübergehend, einen fremden Diener bemerkt hatte, eine Kanne Bier und einen Newgate⸗Kalender. Der junge Herr lenkte ſeine Aufmerkſamkeit auf einen in beſagtem Werke enthaltenen Holzſchnitt, welcher eine Dame dar⸗ ſtellte, die mit einem Hackmeſſer den Leib ihres Gatten tranchirte, unter Aſſiſtenz eines Judenbengels, der abge⸗ bildet war, wie er eben mit einem der abgelöſten Beine ab⸗ ſpazirte, während die Dame ſich zu ferneren Anſtrengungen rüſtete. Nachdem der Knabe Charles empfohlen, den dazu gehörigen Text zu leſen, da er ihn ziemlich»piquant« finden würde, ging er ſeiner Wege und ließ ihn allein. Das Diner erreichte mit der Zeit ſein Ende, und nach einer Weile herrſchte Stille im Hauſe— eine ſo tiefe Stille, daß Charles aufſtand und das Zimmer verließ. Er fand bald den Weg zu einem andern Gemache; doch war auch hier Alles ſtill und finſter, obgleich es noch nicht ſpäter als halb zehn Uhr war. Er blieb im dunklen Gange ſtehen, überlegte, wohin er ſich nun wenden ſollte, und beſchloß, nach dem Zimmer 19 ren; zurückzugehen, welches er verlaſſen hatte. Dort war unter ent⸗ allen Umſtänden mindeſtens ein Licht. Er Das Licht war da und der Newgate⸗Kalender auch. n. Der wilde Wind, der den ganzen Tag den Staub um die ſih Straßenecken gewirbelt hatte und durch den Park gefegt war, hatte ſich gelegt, und Regen war gekommen. Char⸗ — les konnte hören, wie er draußen tripp, tripp fiel; es iner war gar melancholiſch. Hole der Kukuk den Newgate⸗ geile Kalender! hir Er wußte, daß er ſich in einem ſehr ſonderbaren Hauſe befand. Was hatte Hornby damit ſagen wollen, als er ihn am geſtrigen Abend gefragt hatte, ob er ſich ſchlagen uh⸗ könnte und ob er ihm beiſtehen wollte? Tripp, tripp; ſonſt eine Todesſtille. Charles Herz begann ein wenig ſchneller zu ſchlagen. 1 4 Wo waren alle die Diener? Vor einer halben Stunde hatte er ihrer eine Menge gehört. Er hatte gehört, wie . ein franzöſiſcher Koch die engliſchen Küchenmägde ver⸗ ngen wünſcht, und noch verſchiedene andere Stimmen vernom— doh men. Und jetzt das Schweigen des Grabes, wie in den inden Straßen einer kleinen Provinzialſtadt um Mitternacht, oder auf der Südſee an windſtillem Abende oder wie man nh ſonſt will:— Gleichniſſe ſind ja billig. tiefe Jetzt erinnerte er ſich, daß Hornby geſagt hatte:„Legen erließ. Sie ſich im Vorſaale nieder, wie wenn Sie ſchliefen; es . doch wird Niemand auf Sie Acht geben.“ Er beſchloß, dies zu nicht thun. Doch wo war der Vorſaal? Seine Kerze flackerte und ſank im Leuchter hinab, und als er ſie in die Höhe tin er ſchieben wollte, erloſch ſie ganz. nner Kaum konnte er ſich enthalten, einen Fluch auszuſtoßen; 2* 20 allein er bezwang ſich dennoch. Seine Lage war ſehr un⸗ behaglich. Er wußte nicht, in welchem Hauſe er war,— nur ſoviel wußte er, daß er ſich in einem Stadttheile be⸗ fand, wo es nicht wenig höchſt ſonderbare Häuſer gab. Er beſchloß, ſich weiter zu taſten, bis er Licht fände. Er tappte aus dem Zimmer heraus und über einen Gang. Tiefſte Dunkelheit, vollkommene Stille. Plötzlich glühte ein trübes rothes Licht vor ſeinen Augen und er⸗ ſchreckte ihn. Es war das Küchenfeuer. Ein Heimchen wäre ihm angenehme Geſellſchaft geweſen; aber es war keines zu hören. Vorſichtig ſchritt er weiter. Bald zeigte ihm das ge⸗ ſpenſtiſche Viereck eines matten grauen Lichtes zu ſeiner Linken ein langes ſchmales Fenſter. Es war mit Eiſen⸗ ſtäben vergittert. Eben dachte er, wie merkwürdig dies wäre, als er einen lauten Fluch ausſtieß und polternd nie⸗ derſtürzte. Er war über die Stufe einer Treppe geſtolpert. Er hatte Lärm genug gemacht, um die Siebenſchläfer aufzuwecken; indeß ſchienen dieſe Herren nicht in der Nähe zu ſein, oder gaben wenigſtens durch nichts zu erkennen, daß ſie erwacht waren. Todesſtille. Er ſetzte ſich auf die unterſte Stufe und rieb ſeine Schienbeine, und trotz ſeinem ſtarken Argwohne, daß er in eine Klemme gerathen war, konnte er nicht umhin, über die Wunderlichkeit ſeiner Lage zu lachen. „Ob es wol der Mühe lohnte“, ſprach er bei ſich ſelber,„zur Küche zurückzugehen und das Schüreiſen zu holen? Vielleicht nicht. Es würde ſo verwünſcht unge⸗ ſchickt ſein, wenn man im Finſtern mit einem Schüreiſen in der Hand ertappt würde. Man würde ſagen, ich hätte 21 mich in's Haus geſchlichen, um ein Verbrechen zu be⸗ gehen, und ganz gewiß auch behaupten, ich wäre ein alter Dieb und ſchon früher verurtheilt worden. Nein. Ueber dieſer Treppe befindet ſich, im natürlichen Laufe der Dinge, der Schrank des Stubenmädchens. Was dürfte ich darin wol finden, das mir als Vetheidigungswaffe dienen könnte.? Eine Kehrichtſchaufel. Mit einer Kehricht⸗ ſchaufel ließe ſich ſchon viel ausrichten, wenn es zu einem Handgemenge käme. Wie wäre es, wenn ich alle die ſieben Sachen des Mädchens herausholte und auf der Treppe auf⸗ häufte und dann»Feuerl«ſchrie, ſo daß meine Feinde, wenn ſie herauskämen, über dieſelben ſtolperten und hinfielen? Aber das hieße die Offenſive ergreifen, und ich habe noch keinen vernünftigen Grund, irgend Jemanden anzufallen.“ Obgleich Charles ſich durch ſolchen Unſinn zu tröſten ſuchte, war er doch weit entfernt, ſich behaglich zu fühlen. Zu bleiben, wo er war,— das konnte er nicht aushalten, und dennoch wagte er kaum, unaufgefordert in die höheren Regionen hinaufzuſteigen. Ueberdies war er feſt über⸗ zeugt, daß ein Krawall in Ausſicht ſtand, ja, unvermeid⸗ lich war, und, wenn auch ein tapferer Mann, mochte er denſelben doch nicht beſchleunigen. Er irrte ſich in ſeinen Vermuthungen über das Haus, in dem er ſich befand. Endlich faßte er ſich ein Herz und taſtete die Treppe hin⸗ auf. Er kam an eine Thür, durch deren Schlüſſelloch ein helles Licht ſtrömte. Eben ging er mit ſich zu Rathe, ob er die Thür öffnen ſollte oder nicht, als ein Schatten am Schlüſſelloche vorüberſchwebte, doch ohne daß er ein Geräuſch hörte; eine Minute ſpäter vernahm er jedoch das Schließen einer fernen Thür. Länger ertrug er es 22 nicht. Er öffnete die Thür, vor der er ſich befand, und trat in eine Flut hellen Lichtes. Er ſah ſich in einem ſchönen, mit Marmor belegten kleinen Vorſaale, deſſen Wände mit Frescogemälden und Vergoldungen bedeckt waren. Rings an den Wänden ſtan⸗ den Blumenvaſen und auf dem Boden lagen ſchmale Streifen von indiſchen Matten. Das Gemach wurde durch einen einzigen Kronleuchter erhellt, der von vier großen, bis auf den Fußboden hinabreichenden Trumeaur widergeſpiegelt wurde, welche Charles' braunes Antlitz und ſeine Reit⸗ ſtieſeln ſehr eigenthümlich zurückwarfen. Das tout en- semble war ſehr ſchön; aber was Charles auffiel, war der ſchlechte Geſchmack, einen Vorſaal wie ein Geſell⸗ ſchaftszimmer zu decoriren.„Genau, wie ſie's in derlei Häuſern machten“, dachte er. Auf dem Tiſche ſtanden nur zwei Hüte, und Charles war froh, in dem einen derſelben den ſeines höchſt geſchätzten Herrn zu erkennen.„Hol' ihn der Henker mit ſeiner Ver⸗ rücktheit, die mich an einen ſolchen Ort geführt hat!“ dachte Charles. Dies war offenbar der Vorſaal, von dem Hornby ge⸗ ſprochen hatte, und Charles erinnerte ſich, wie dieſer ihm gerathen, ſich zu ſtellen, als ſchliefe er. So ſtreckte er ſich denn auf drei Stühle aus und zog ſich den Hut über die Augen. Vorſaalſtühle ſind hart, und obgleich Charles über den Eigenthümer des Hauſes wegen ſeiner verſchwenderiſchen Decorationen ſpeben erſt geſpöttelt hatte, wünſchte er jetzt doch, daß derſelbe ſein Syſtem noch etwas weiter durchge⸗ führt und ſeine Stühle mit Polſtern verſehen hätte. Aber 23 und nein; die Stühle waren de rigneur, mit Wappenſchil⸗ dern an den Lehnen. Charles achtete nicht darauf, weſſen gten Wappen es waren. und„ Wenn der Menſch ſich ſtellt, als wäre er eingeſchlafen ſtan⸗ und ſich bemüht, dies recht täuſchend darzuſtellen, ſo ge⸗ eifen lingt es ihm zuweilen, allen Ernſtes einzuſchlafen. Charles inen ahmte das Ding ſo vortrefflich nach, daß er in fünf Mi⸗ auf nuten ſo feſt ſchlief, wie ein Dachs. egelt Bis vor etwa zwei oder drei Nächten hatte Charles nie Keit⸗ wieder von Ravenshoe geträumt, ſeitdem er es verlaſſen hatte. Als der ſcharfe Stachel zuerſt in ſeine Seele gedrungen m wor war, hatte ſein Geiſt ſich geweigert, weiter zurückzugehen, eſil⸗ als auf die Ereigniſſe der allerletzten Tage. Er hatte lange erle dumme Träume von ſeinem Herrn, von ſeinen Kameraden oder von ſeinen Pferden; aber immer durch die ganze lange les Nacht war die Furcht ihm in der Seele vor einem Erwachen tten im Finſtern. Wie aber ſein Gemüth ruhiger zu werden und Ver⸗ in Schmerz ſich zu betäuben begann, träumte er wieder chte von Oxford, von Ravenshoe und von Shrewsburh und fürchtete ſich nicht mehr ſo ſehr vor dem Erwachen; denn og⸗ die Wirklichkeit ſeines Lebens war ihm nichts Grauen⸗ ihn haftes mehr. Mit der unheilvollen Elaſticität ſeiner Natur ſih hatte er ſich bereits mit Leib und Seele zum Niveau ſeiner ⸗ jetzigen Exiſtenz herabgelaſſen. e v Heute Abend, als er auf dieſen Stühlen ſchlief, träumte nden er von Ravenshoe und von Cuthbert und von Ellen. Er chen erwachte, und dieſer ſelbſt ſtand keine zchn Schritte von ihm unter dem Kronleuchter. „ℳ Im Augenblicke war er völlig ermuntert; doch blieb er regungslos liegen und betrachtete ſie. Sie war ſeiner 24 nicht gewahr geworden und blieb in Gedanken verſunken ſtehen. Gefunden! und ſchon ſo bald. Seine Schweſter! Wie lieblich ſie war, als ſie, gleich einem ſchönen Geſpenſte mit den ausdrucksvollen Augen ins Leere ſtarrend, in ihrem perlgrauen Kleide daſtand. Sie bewegte ſich jetzt, aber ſo leiſe, daß ihr Schritt auf den Strohmatten kaum ver⸗ nehmbar war. Dann wandte ſie ſich um und erblickte ihn. Sie ſchien nicht überraſcht, einen Reitknecht auf den Stühlen ausgeſtreckt und ſchlafend zu ſehen— ſie war an dergleichen Dinge in dieſem Hauſe wahrſcheinlich gewöhnt — aber ſie wandte ſich raſch um, ſchlüpfte durch eine Thür am entgegengeſetzten Ende des Vorſaals und verſchwand. Charles' Herz hämmerte wie im Taumel; allein er hörte, wie abermals eine Thür geöffnet ward und blieb ſtill liegen. Durch eine Thür, die der gegenüber lag, durch welche Ellen verſchwunden war, kam Adelaide herein. Charle war nicht überraſcht. Darüber war er jetzt hinaus. Ab da er ſie und Ellen in demſelben Hauſe fand, hatte er augenblicklich, mit Blitzesſchnelle, Alles begriffen. Welter war es geweſen, der Ellen aus Ravenshoe fortgelockt hatte. Unglückſeliger Thor, der er war! Er hätte es einſt viel⸗ leicht verhindern können, wenn er nur eine Ahnung davon gehabt hätte! Wäre ihm noch irgend ein Zweifel geblieben, wo er ſich befand, ſo wurde derſelbe bald verſcheucht. Lord Welter trat ſchnell hinter Adelaide aus der Thür und rief ſie mit flüſternder Stimme: „Adelaide!“ „Nun?“ ſagte ſie, ſich ſcharf umwendend. —— ſunken veſterl penſte ihrem aber ver⸗ blicte uf den ar an wöhnt Thür hwand. lein et d hlieb velche har 4 Ab te er Welter thatte ſt virl⸗ davon wWo er Lord nd rif 25 „Komm' zurück, hörſt Du?“ ſagte Lord Welter;„wo, zum Henker, willſt Du hin?“ „Ich gehe auf mein Zimmer.“ Komm' zurück, ſage ich Dir“, ſprach Lord Welter wüthend, aber mit leiſer Stimme.„Du verdirbſt mit Deinen verdammten Airs noch Alles.“ „Ich werde nicht zurückkommen. Ich will nicht den Lockvogel machen für jenen Mann oder für ſonſt wen. Laß mich gehen, Welter.“ Lord Welter wäre bald gezwungen geweſen, ſie gehen zu laſſen. Charles war ſchon zum Sprunge bereit; doch lag er noch ſtill und wartete den rechten Augenblick ab. Lord Welter hatte ſie nur am Handgelenk gepackt, um ſie feſtzuhalten. Er hatte ihr nicht wehe gethan. „Schau' her, Mylady Welter“, ſagte er ſehr langſam ich„Höre an, was ich zu ſagen habe, und pro⸗ . ndde den Schatten von Deinen Capricen an mir; denn ich werde dieſelben keine Secunde dulden. Ich mache mir nichts aus Deinem Unſinn und Deiner Narrheit vor den Leuten; es führt die Welt irre, iſt amüſant und zieht die Gimpel an. Zu Hauſe aber bin ich Herr, hörſt Du? Herr. Du weißt wol, daß Du Dich vor mir fürch⸗ teſt und mit gutem Grunde, beim Zeus! Du zitterſt an allen Gliedern. Geh' zurück nach jenem Zimmer.“ „Ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht! nicht ohne Dich, Welter. Wie kannſt Du ſo grauſam gegen mich ſein, Welter? O, Welter, wie kannſt Du mir ein ſolcher Schurke ſein?“ „Du eingebildete Närrin“, ſagte Lord Welter ver⸗ *— 26 ächtlich.„Glaubſt Du etwa, er möchte Dir gern den Hof machen?“ „Du weißt's ja, er thut's, Welter, Du weißt es“, ſagte Adelaide leidenſchaftlich. Lord Welter lachte gutmüthig.(Er konnte gutmüthig ſein.) Er zog ſie an ſich und küßte ſie.„Mein armes kleines Weib“, ſprach er,„wenn ich das glaubte, ſo würde ich ihm den Hals umdrehen. Allein das iſt nicht im Eut⸗ fernteſten ſeine Abſicht. Schau' her, Adelaide; Du biſt ebenſo ſicher vor Beleidigungen als mein Weib, wie Du es in Ranford wareſt; wogegen Du aber keinen Schutz mehr haſt, das iſt meine Heftigkeit. Laß uns Freunde ſein im Schooße unſerer Familie und nicht ſo viel zanken, wie? Du biſt mir ein gutes, ſchlaues, geſcheidtes Weib. Halte Deine Zunge in Schranken. Komm' herein und paſſ auf, was kommen wird.“ Sie hatten Charles nicht geſehen, obgleich er dies ſe ſehr gefürchtet, daß er ſich mit dem Geſicht in ſein Händen auf den Stuhl gelegt und ſchlafend geſtellt hatte. Als ſie fort waren, riß Charles einen Rock an ſich, der von der Lehne eines der Stühle herabhing, breitete ihn aus und bedeckte ſich mit demſelben. Er wollte lauſchen, lauſchen, jedes Wort belauſchen. Er hatte ein Recht, zu lauſchen. In einer Minute wurde zweimal geſchellt. Faſt im ſelben Augenblicke trat Jemand durch die Thür herein, durch die Lord und Lady Welter ſich entfernt hatten, und blieb ſtill ſtehen. Etwa zwei Minuten ſpäter wurde wieder eine Thür geöffnet, und noch Jemand kam in den Vorſaal. Eine Frauenſtimme— Ellen's Stimme— ſagte:„O, ſind Sie noch einmal wiedergekommen?“ ——————— * 27 Eine Männerſtimme— Lieutenant Hornby's— ant⸗ wortete:„Sie ſehen es. Ich bewog Lady Welter, Ihnen tes⸗ zweimal zu ſchellen und dann im Zimmer zu bleiben, da⸗ mit ich mit Ihnen reden könne.“ ithig„Ich bin Mylady ſehr verbunden. Es muß ſie über⸗ mes raſcht haben, zu erfahren, daß ich der Magnet war; ſie würde hat ſich ſelbſt dafür gehalten.“ Cut⸗„Sie war in der That überraſcht und war es noch biſt mehr, als ich ſie von meiner wahren Abſicht unterrichtete.“ „Du„Wirklich!“ ſagte Ellen mit Bitterkeit.„Aber My⸗ — ladys Erſtaunen ſcheint ſie nicht verhindert zu haben, ht Ihnen ihren Beiſtand zu leiſten.“ „Im Gegentheile“, ſagte Hornby;„ſie wünſchte mir S% Gottes Segen— ihr eigener Ausdruck.“ Pult„Sir, Sie ſind ein Gentleman. Entehren Sie nicht E ſich und mich— wenn ich noch entehrt werden kann— „ durch die Wiederholung der ruchloſen Reden jenes Weibes. ie —2 r, Sie haben Ihre Antwort von mir bereits erhalten. ſen Ich muß gehen.“ hoit„Ellen, Sie dürfen nicht gehen. Ich habe mir dieſe , der Unterredung heute Abend mit Ihnen zu verſchaffen geſucht, n aus um ſie zu bitten, meine Gattin zu werden. Ich liebe Sie, uſchen, wie, glaub' ich, noch nie ein Weib geliebt worden iſt, und hn. ich bitte Sie, werden Sie meine Frau.“ aſt in„Sie Thor! Sie Thor!“ herein„Ich bin kein Thor. Ich war ein Wahnſinniger, als n, und ich früher zu Ihnen ſprach, ich flehe um Ihre Vergebung wieder dafür. Sie müſſen es vergeſſen. Ich ſage Ihnen, ich liebe orſtal Sie, wie noch nie ein Weib geliebt worden iſt. Soll ich e„ noch etwas ſagen, Ellen?“ „Reden Sie.“ „Sie lieben mich.“ „Ich liebe Sie, wie ſonſt noch kein Mann geliebt wurde, und ich ſchwöre Ihnen, daß ich lieber ſtarr und kalt in meinem ungeehrten Sarge liegen will, als den Mann, den ich liebe, zu Grunde richten, indem ich ihn an eine Elende feſſele, wie ich es bin.“ „Ellen, Ellen, ſagen Sie das nicht. Thun Sie keine Gelübde, die Sie ſpäter nicht zu brechen wagen würden. Bedenken Sie, Sie können Alles wiedergewinnen, was Sie verloren haben, und den Mann heirathen, der ſie liebt— o, wie innig!— und den Sie wiederlieben.“ „Ja; das iſt eben der Knoten. Wenn ich Sie nicht liebte, wollte ich Sie morgen heirathen. Ich könnte Alles wiedergewinnen, was ich verloren, ſagen Sie? Kann ich zum Beiſpiele meine Mutter wieder in's Leben zurückrufen, oder mich wieder unter rechtſchaffenen Frauen zeigen, als eine von ihnen? Sie ſchwatzen Unſinn, Mr. Hornbh, Unſinn. Ich gehe.“ „Ellen! Ellen! Warum bleiben Sie in dieſem Hauſe? Bedenken Sie's noch einmal!“ „Mein Entſchluß iſt gefaßt. Ich ſage Ihnen, wie ein verzweifeltes Weib, gleich mir, es Ihnen ſagen darf, ich liebe Sie viel zu ſehr, um Ihre Lebensausſichten zu Grunde zu richten, und ich liebe meine eigene Seele zu ſehr, um noch einen falſchen Schritt zu thun. Ich blieb in dieſem Hauſe, weil es mein Glück war, Sie hin und wieder zu ſehen und Ihre Stimme zu hören. Jetzt werde ich es verlaſſen.“ —Ü de, 29 „Laſſen Sie mich Sie noch einmal wiederſehen, Ellen, nur noch ein einziges Mal!“ „Ich will Sie noch einmal wiederſehen. Ich will mein Herz noch einmal foltern, wenn Sie es wünſchen. Gott weiß, Sie haben Alles verdient, was ich für Sie thun kann. Kommen Sie übermorgen wieder; doch kommen Sie ohne Hoffnung, hören Sie. Ein Weib, welches ſo viel durchgemacht hat, wie ich, kann ſich auf ſich ſelber ver⸗ laſſen. Wiſſen Sie, daß ich eine Katholikin bin?“ „Nein.“ „Es iſt ſo. Würden Sie Katholik werden wollen, wenn ich verſpräche, Sie zu heirathen?“ Gott verzeihe dem armen Hornby! Er ſagte„Ja“ Was reden die Männer nicht in ſolchen Augenblicken? „Sagte ich Ihnen nicht, daß Sie ein Unſinniger wären. Glauben Sie, ich wollte Ihr Verderben, in der andern Welt ſo gut, wie in dieſer? Gehen Sie, Sir, und wenn einſt Ihre Kinder um Sie ſpielen, danken Sie Gott in tiefer Demuth, daß er Sie in dieſer Nacht an Leib und Seele gerettet hat.“ „Ich werde Sie wiederſehen?“ „Kommen Sie übermorgen, doch ohne Hoffnung.“ Sie ging zur Thür hinaus, und er ſtand allein. Charles erhob ſich aus ſeinem Verſtecke, trat zu ihm heran und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Sie haben dies Alles gehört?“ frug der arme Hornby. „Wort für Wort“, ſagte Charles.„Ich hatte ein Recht, zu lanſchen, wiſſen Sie. Sie iſt meine Schweſter.“ „Ihre Schweſter?“ —,—— 5 30 Darauf erzählte Charles ihm Alles. Hornby hatte von Lord Welter ſchon genug erfahren, um den Zuſammen⸗ hang zu begreifen. „Ihre Schweſter! Können Sie mir helfen, Horton? Von Ihnen wird ſie ſicherlich Vernunft annehmen. Wollen Sie Ellen überreden, mich zu erhören?“ „Nein“, ſagte Charles.„Sie hat Recht gehabt. Sie ſind toll. Ich will Ihnen nicht behülflich ſein in einer Sache, die Sie Ihr Lebelang bitter bereuen würden. Sie müſſen ſie vergeſſen. Ellen und ich ſind entehrt und wir müſſen fortgehen und mit einander irgendwo unſere Schande verbergen.“ Was Hornby hierauf geantwortet haben würde, können wir nicht ſagen; denn in dieſem Augenblicke trat Adelaide aus dem Zimmer und ſchritt ſchnell durch den Vorſaal, indem ſie ihm im Vorübergehen gute Nacht wünſchte. Sie erkannte weder Charles, noch ſchien ſie überraſcht, Hornby mit ſeinem Reitknechte ſprechen zu ſehen. Niemand, der einen oder zwei Tage in Lord Welter's Hauſe gelebt hatte, erſtaunte mehr über irgend Etwas, das er dort ſah. Dann ſagte Charles zu Hornby— mehr, wie wenn er deſſen Herr geweſen wäre, als ſein Diener: „Warten Sie hier.“ Hierauf trat er ſchnell in das Zimmer, in welchem Lord Welter allein ſaß und ſchloß die Thür ab. Hornby hörte, wie er den Schlüſſel umdrehte, und harrte dann im Vorſaale in geſpannter Erwartung auf das, was vor ſich gehen würde. „Auf der Stelle wird's eine Balgerei geben“, ſprach er bei ſich,„und dieſer ritterliche Narr, der Charles, hat ſich mit ihm eingeſchloſſen. Ich wollte, Welter ſchickte nicht — ——— 31 Abends immer alle ſeine Diener aus dem Hauſe. Es wird hier eines Tages noch ein Mord geſchehen.“ Er lauſchte und hörte Stimmen, leiſe Stimmen— ſo leiſe, daß er das Tröpfeln des Regens draußen vernehmen konnte. Die Spannung war unerträglich. Wann würden ſie einander an die Kehle gerathen! Drittes Kapitel. Es gibt eine beſondere Gattung von Geſpenſt oder Teufel, welche auf folgende Weiſe dargeſtellt wird: ein gleichſchenkeliges Dreieck(mehr oder minder gewiſſenhaft gezeichnet) bildet den Leib oder Rumpf; zwei gerade Linien, welche an den Enden umgebogen ſind, bilden die Beine; andere dergleichen Linien, die ſich an den Enden fünf Mal ſpalten, die Arme; ein rundes O, in welchem nach Willkür angebrachte Kleckſe die Geſichtszüge angeben, macht den Kopf; dazu Hut, Regenſchirm und Pfeife. Alſo gezeichnet wird das Ding ſattſam grauenerregend. Nimmt man aber ein Trefle⸗Aß, macht aus dem Trefle den Kopf, ſetzt Hörner daran, malt Rumpf und Glieder, wie oben beſchrieben, mit dem Federende im tiefſten Schwarz, ſo wird die Zeich⸗ nung geradezu fürchterlich und erfüllt das tapferſte Herz mit Entſetzen. Iſt es jetzt am Orte, ſolchen Unſinn zu ſchwatzen? fragſt Du, Leſer. Mußt Du uns aber einen der⸗ gleichen Galimathias vorfaſeln,— kannſt Du es dann nicht wenigſtens in einem beſondern Kapitel thun und eine warnende Ueberſchrift darüber ſetzen, damit man es allenfalls überſchlagen mag? Und ich erwidere: warum 33 ſoll ich meine Geſchichte nicht auf meine eigene Weiſe er⸗ zählen? Verſchiedenes hängt ſogar von dieſem Unſinne ab, Teufel aus einem Trefle⸗Aß machen zu wollen. In den alten Ranforder Zeiten war dies eine Lieb⸗ lingsunterhaltung von Charles und Lord Welter geweſen. An regeriſchen Nachmittagen pflegten ſie alle alten Trefle⸗ Aſſe, die ſie finden konnten, zuſammenzuſuchen(und es gab ihrer in jenem Hauſe, Gott helfe ihm! ſtets im Ueberfluſſe) und Teufel daraus zu verfertigen, von denen jeder folgende immer fürchterlicher war, als ſein Vorgänger. Und jetzt, als Charles die Thür geſchloſſen hatte und leiſe zu Welter herangetreten war, ſah er über deſſen Schulter, daß er ein Trefle⸗Aß hatte und Tinte und Feder und einen Teufel machte. Es war vielleicht ein recht unbedeutender Umſtand; doch mahnte er zu ſehr an alte Zeiten, um nicht den Ton zu verändern, in welchem Charles, ſeine Hand auf des Andern Schulter legend,„Welter“ ſagte. Lord Welter war ein Renommiſt; aber er war tapfer wie ein Löwe und hatte Nerven von Stahl. Er hielt weder in ſeiner Zeichnung inne, noch ſchaute er auf; er ſagte blos: „Charles, mein Junge, komm' und ſetz' Dich, bis ich dieſen Burſchen fertig habe. Nimm ein Trefle⸗Aß und verſuche Dich an ihm; ich bin außer Uebung.“ Vielleicht wäre ſelbſt Lord Welter erzittert, als er Charles Stimme hörte und deſſen Hand auf ſeiner Schulter fühlte; aber er hatte einen Augenblick der Vorbereitung gehabt— einen einzigen kurzen Augenblick. Als er den Schlüſſel in der Thür hatte umdrehen hören, hatte er in 3 Kingsley, Ravenshoe. III. —,— 34 dem ihm gegenüber hängenden, bis auf den Fußboden reichenden Spiegel geblickt und geſehen, wer hereinkam und was jetzt folgen mußte, und dann ſeine Beſchäftigung fort⸗ geſetzt. Indeſſen, ſelbſt wenn wir dieſe kurze Vorbereitung in Anſchlag bringen, müſſen wir ihm einen Muth zuge⸗ ſtehen, wie ihn unter zehntauſend Männern kaum einer beſitzt; denn Charles Ravenshoe's Erſcheinen kam ihm ſo unerwartet, wie ihm das eines ſeiner Ur⸗Ur⸗Ahnen ge⸗ weſen wäre. Man ſieht, ich nenne ihn noch immer Charles Ra⸗ venshoe. Es iſt eine ſchlechte Gewohnheit,— man muß mir dieſelbe verzeihen. Charles ſetzte ſich nicht und zeichnete keine Teufel. Er ſprach in ruhigem, kummervollem Tone: „Welter, Welter, warum biſt Du ein ſolcher Schurke geweſen?“ Lord Welter fand die Frage ſchwer zu beantworten. Er verſuchte es deshalb auch nicht, ſondern ſchwieg. „Ich ſage Nichts von Adelaiden. Du haſt dabei übel gegen mich gehandelt; denn als Du ſie verleiteteſt, mit Dir davonzugehen, hatteſt Du noch Nichts erfahren von meinem Sturze.“ „Bei meiner Seele, Charles, da war keine große Ueber⸗ redungskunſt von Nöthen!“ „Wol möglich. Ich komme nicht, um darüber zu ſprechen, ſondern nur über meine Schweſter, über Ellen. Iſt je etwas Schmachvolleres begangen worden, als das? Charles war auf einen Wuthausbruch gefaßt, als er dies ſagte. Nichts dergleichen kam. Was noch Gutes war in Lord Welter, trat hervor, als er ſeinen alten Freund — un All ſic fül wie Ni nic wi da ein vo ge ſit C R 68 und Spielgefährten da vor ſich ſah, ſo tief unter ſich in Allein, was die Welt als werthvoll ſchätzt, und ſo hoch über ſich erhaben in furchtloſer Ehre und Männlichkeit. Er fühlte ſich gedemüthigt, bekümmert und beſchämt. Bitter, wie Charles' Worte waren, er empfand, ſie enthielten Nichts als die Wahrheit und war noch Mann genug, ſie nicht zu rügen. Das Gefühl der Furcht war, wie ſchon er⸗ wähnt, Lord Welter völlig fremd; ſonſt wäre der Gedanke, daß er ſich mit einem verzweifelten Manne in einem Zimmer eingeſchloſſen fand, der ihm phyſiſch gewachſen und dem von ihm ſo ſchmachvolles Unrecht geſchehen, wohl geeignet geweſen, ſeine Nerven zu erſchüttern. Er ſtand auf, lehnte ſich an den Kaminſims und ſchaute Charles an. „Ich wußte nicht, daß ſie Deine Schweſter war, Charles. Du mußt mir wenigſtens dieſe Gerechtigkeit widerfahren laſſen.“ „Natürlich wußteſt Du es nicht. Wenn— „Ich weiß, was Du ſagen willſt,— dann würde ich es nicht gewagt haben. Auf mein Wort, Charles, ich weiß es nicht; ich glaube, ich würde Alles wagen. Aber ich will Dir Eines ſagen: von allen Männern auf dieſem ganzen Erdenrunde biſt Du der letzte, dem ich wiſſentlich Unrecht zufügen möchte. Als ich mit Adelaiden entwich, wußte ich, daß ſie ſich keinen Deut um Dich kümmerte. Ich wußte, daß ſie Dich unglücklich gemacht haben würde. Ich wußte, beſſer, als Du,— denn ich war nie verliebt in ſie, und Du warſt's— welch eine herzloſe, ehrgeizige Dirne ſie war! Sie verkaufte ſich mir für den Titel, den ich ihr gab, wie ſie bereits verſucht hatte, ſich an jenen feierlichen Narren, den Hainault, zu verkaufen. Und ich kaufte ſie, 2 weil eine ſchöne, witzige, geriebene Frau ein werthvoller Artikel für einen Mann iſt, der wie ich von ſeinem Witze leben muß.“ „Ellen war ebenſo ſchön und geſcheidt, wie ſie. Warum haſt Du ſie nicht geheirathet?“ frug Charles bitter. „Wenn Du die Wahrheit wiſſen willſt, ſo laß Dir ſagen, daß Ellen in dieſem Augenblicke Lady Welter wäre, wenn ſie nicht—“ Lord Welter zögerte. Er war ein großer Schuft und hatte eine eherne Stirn; aber es wurde ihm ſchwer, hier fortzufahren. Es muß, bilde ich mir ein, ein ſehr hartes Stück Arbeit ſein, alle die kleinen Schliche und Kniffe einer S zu erzählen, an der man betheiligt war, und, wie Lord Welter es bei dieſer Gelegenheit that, bei der ſtrie⸗ ten Wahrheit zu bleiben. „Ich warte“, ſagte Charles,„um zu hören, warum Du ſie Lady Welter gemacht haſt.“ „Alſo, Du willſt es durchaus wiſſen? Nun denn— ſie war zu 6 geniſſihaſ Sie war ein zu ehrenhaftes Weib für dieſe Art von Geſchäft. Sie wollte nicht ſpielen, wollt's nicht lernen;— zum Teufel, Sir, da haſt Du die ganze Wahrheit. Biſt Du jetzt zufrieden?“ „Ich glaube, was Sie ſagen, Mylord. Wiſſen Sie, daß Lieutenant Hornby heute Abend um ihre Hand ange⸗ halten hat?“ „Ich vermuthete, daß er es thun würde“, ſagte Lord Welter. „Und daß ſie ihn abgewieſen hat?“ „Ich vermuthete auch dies; ſie iſt Deine echte Schweſter. Wirſt Du ſie zu überreden ſuchen?“ 98 37 „Lieber möchte ich ſie im Grabe ſehen!“ „Ich dacht' es mir wohl.“ „Sie muß von hier fort, Lord Welter. Ich muß ſie zu mir nehmen und für ſie thun, was ich kann. Wir Beide müſſen uns nun zuſammen durchzuſchlagen ſuchen, ſo oder ſ5 „Es wird beſſer für ſie ſein, wenn ſie von hier fort geht. Sie iſt zu gut für dieſe Höhle. Ich muß für ſie ſorgen, damit ſie ruhig bei Dir leben kann.“ „Keinen Heller, Mylord! Sie hat ſchon zu lange in Schande und Abhängigkeit gelebt. Wir wollen uns allein durchhelfen.“ Lord Welter entgegnete nichts; doch war er entſchloſſen, daß Charles in dieſer Beziehung ſeinen Willen nicht haben ſollte. Charles fuhr fort:„Als ich heute Abend in dieſes Zimmer trat, kam ich, um mich mit Dir zu ſtreiten. Du haſt mich nicht dazu kommen laſſen, und ich danke Dir dafür.“ Hier ſchwieg er einen Augenblick und ſetzte dann mit leiſerer Stimme hinzu:„Ich denke mir, es thut Dir* leid, Welter; nicht wahr? Gewiß, es thut Dir leid. Du würdeſt es nicht gethan haben, Welter, wenn Du die Folgen hätteſt vorausſehen köunen, wie?“ Lord Welter's plumpe Unterlippe zitterte eine halbe Secunde, und ſeine gewaltige Bruſt hob ſich ein einziges Mal; aber er ſagte nichts. „Nur— thu's nicht wieder— mehr verlange ich nicht. Jetzt eine Gefälligkeit,— gib mir ein Verſprechen.“ „Es iſt ſo gut, wie gegeben.“ „Sag' keiner menſchlichen Seele, daß Du mich geſehen haſt. Wenn Du es dennoch thuſt, ſo zwingſt Du mich nur 38 zu einer neuen Verkleidung und zu einem neuen Verſtecke. Du haſt mir's verſprochen.“ „Bei meiner Ehre.“ „Wenn Du Dein Verſprechen hältſt, ſo kann ich bleiben, wo ich bin. Wie geht es— Lady Ascot?“ „Wohl. Sie pflegt meinen Vater.“ „Iſt er krank? „Hatte vorgeſtern einen Schlaganfall. Ich habe heute Morgen von ihm gehört. Es geht ihm viel beſſer, und er wird wieder geneſen.“ „Haſt Du etwas von Ravenshoe gehört?“ „Kein Wort. Lord Saltire und General Mainwaring ſind Beide bei meinem Vater in London. Großmama will weder mich noch Adelaide ſehen. Weißt Du, daß ſie Himmel und Erde in Bewegung geſetzt hat, um Dich aufzufinden?“ „Die gute Seele! Aber ich will mich nicht auffinden laſſen. Jetzt, gute Nacht!“ Und er ging. Wenn ihm drei Monate früher Einer geſagt hätte, daß er ſich mit einem Manne, der ihm ſo un⸗ verbeſſerliches Unrecht zugefügt hatte, in ein und daſſelbe Zimmer einſchließen und dies nach einer halben Stunde mit einem ruhigen„gute Nacht“ verlaſſen würde,— er hätte dieſen Menſchen vielleicht krumm und lahm ge⸗ ſchlagen. Aber er wurde zahm, ſehr ſchnell. Ja, er wurde bereits mehr als zahm: das Herz begann ihm zu brechen. „Ich will ſie heute Abend lieber nicht ſehen, Sir“, ſagte Charles zu Hornby, der im Vorſaale ſaß und den Kopf auf den Tiſch gelegt hatte.„Ich will morgen her⸗ gehen und ſie darauf vorbereiten, daß ſie dieſes Haus ver⸗ — laſſen muß. Sie ſollen ſie übermorgen ſehen, doch ohne Hoffnung, vergeſſen Sie das nicht.“ Er weckte einen Reitknecht, der über dem Stalle ſchlief, damit er ihm die Pferde ſatteln helfe.„Iſt es bald Morgen?“ frug er ihn. „Morgen?“ ſagte der Burſche,„es iſt noch nicht zwölf Uhr.'s iſt eine dunkle Nacht, Kamerad, und kein Mond⸗ ſchein. Aber die Nächte ſind jetzt kurz. Der Morgen wird grauen, eh' wir Zeit haben, uns im Bette umzu⸗ wenden.“ Er ritt langſam hinter Hornby nach Hauſe.„Die Nacht iſt dunkel, aber der Morgen wird grauen, ehe wir Zeit haben, uns im Bette umzuwenden!“ Nur die müßigen Worte eines ſchläfrigen Reitknechtes; dennoch klangen ſie ihm auf dem ganzen Heimwege in den Ohren. Die Nacht iſt in der That dunkel; doch wird ſie noch finſterer werden, ehe der Morgen graut, Charles Ravenshoe. Piertes Rapitel. Lady Hainault(née Burton, nicht die Lady⸗Mutter) hatte Jemanden zu Tiſche eingeladen, und es war ernſtlich die Frage geweſen, wen man noch dazu bitten ſollte. Mary war mit in den Kriegsrath gezogen worden, wie ſie über⸗ haupt bei den meiſten Gelegenheiten mit rathen mußte, und ſie und Lady Hainault hatten zuſammen eine Liſte aufgeſetzt. Alle hatten die Einladung angenommen, und da ſaßen nun Marh und Lady Hainault in voller Mittags⸗ toilette allein mit den Kindern im Geſellſchaftszimmer. „Wir hätten es nicht beſſer für ihn machen können, denke ich, Mary. Sie müſſen ſich von ihm zu Tiſche füh⸗ ren laſſen.“ „Bleibt Mary heute Abend zu Tiſche unten?“ ſagte der jüngſte Knabe,„wie ſchändlich! Da bete ich heute Abend nicht, wenn ſie nicht herauf kommt.“ Der aufrichtige Gus ließ ſeinen Bruder in der ihm eigenthümlichen unverhohlenen Art wiſſen, was die Folgen ſolcher Verſäumniß ſein würden. „Gus! Gus! ſage nicht ſolche Sachen!“ verſetzte Lady Hainault. ——— — 41 „Das Geſangbuch ſagt dies, Tante“, entgegnete Gus triumphirend, und citirte einen hübſchen kleinen Vers von Doctor Watts, der mit den Worten beginnt:„Es gibt eine ſchreckliche Hölle.“ Lady Hainault hätte vielleicht nicht gewußt, was ſie hierzu ſagen ſollte, und es wäre Mary ſchwer geworden, ihr aus der Verlegenheit zu helfen; denn ſie hatten über eben dies Geſangbuch ſchon eine kleine Discuſſion ge⸗ habt(indem Mary meinte, daß es ebenſo gut ſein dürfte, einige von den Liedern Anfangs zu überſchlagen), als Flora ſich in's Mittel legte und ihre Tante durch die Be⸗ merkung rettete: „Ich werde all mein Geld aufſparen und dann Juwelen für Mary kaufen, wie die Tante hat; damit, wenn ſie unten bleibt und zu Tiſche geht, Einer von den Herren ſich in ſie verliebt und ſie heirathet.“ „Bah! bah! Du alberne Gans“, ſagte Gus,„ſolche Juwelen koſten ſechzigmillionentauſend Pfund das Stück. Und ſie ſoll ſich nicht verheirathen, bis ich groß bin, und dann will ich ſie ſelber heirathen. Bis dahin kaufe ich ihr eine gelbe Perrücke, wie die Großmama Hainault ſie trägt, und da wird kein Menſch ſie heirathen wollen.“ „Sei ſtill, Gus!“, ſagte Lady Hainault. Es war ſehr leicht, zu ſagen:„Sei ſtill, Gus!“, aber nicht ſo leicht, ihn wirklich zum Schweigen zu bringen. Um Gus jedoch Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, müſſen wir bekennen, daß er ein guter kleiner Burſche war und die Rolle des enfant terrible nur vor dem auserleſenſten und pri⸗ vateſten Publikum ſpielte. Eben hatte er wieder mit den Worten angefangen:„Ich wollte, es heirathete Jemand 42 die Großmama—“, als die Thür geöffnet, der erſte Gaſt gemeldet wurde und Gus verſtummte. „General Mainwaring.“ Der General ſetzte ſich zwiſchen Lady Hainault und Mary, und während er mit den Damen plauderte, ſtreckte er ſeine große braune Hand nach dem jüngſten Knaben aus und nahm ihn auf den Schooß. Der Kleine ſpielte mit den Ordensbändern des alten Herrn und erklärte, das gelbe und blaue haben zu wollen, während Gus und Flora ſich neben ihn ſtellten. Der General ſprach mit leiſer, kummervoller Stimme zu den beiden Damen über den Ruin, der über Lord Ascot hereingebrochen war. Und es wäre ſchlimmer als bloſer Ruin, fürchtete er,— es wäre Schande! Er hatte ihn heute Morgen beſucht und ihn jammervoll verändert gefunden. Die eine Seite ſeines Geſichts war fürchterlich herunter⸗ gezogen, und er ſtotterte beim Sprechen. Er würde wol geheilt werden, er wäre ja erſt dreiundvierzig Jahre alt; allein er fürchtete, Ascot würde ſich nicht mehr in der Ge⸗ ſellſchaft ſehen laſſen können.„Hier kommt Jemand; reden wir von etwas Anderem.“ „Lord Saltire.“ Wie freuten ſie ſich, ihn zu ſehen! Jedes Geſicht hatte ſein frohes Lächeln, als der alte Mann eintrat und ſich zu ihnen ſetzte. Sein eigenes Lächeln war nicht das unangenehmſte darunter, das verſichere ich Euch. „Sie ſprechen alſo vom armen Ascot, wie?“ frug er. „Ich weiß nicht, ob es der Fall war; doch wenn ich richtig vermuthet habe, ſo laſſen Sie uns lieber von etwas An⸗ derem reden. Sie ſehen, meine liebe Miß Corby, daß meine Prophezeihung— die ich Ihnen auf der Terraſſe zu Ra⸗ venshoe machte— nicht eingetroffen iſt. Ich ſagte, es — 43 würde nicht zum Kriege kommen, und jetzt iſt derſelbe ſo gut wie erklärt.“ Man unterhielt ſich von dem bevorſtehenden Kriege, und Lord Hainault kam herein und nahm am Geſpräche Theil. Bald darauf wurde wieder ein Gaſt gemeldet. „Lady Ascot.“ Sie trug ein Kleid von dunkelgrauer Seide und ihr weißes Haar in glatten Scheiteln unter einer einfachen weißen Spitzenhaube. Sie ſah ſo ruhig, ſo muthig, ſo gut und ſo ſchön ans, als ſie mit ſicherem, feſtem Schritte eintrat, daß ſich Alle wie auf Verabredung erhoben und ihr entgegengingen. Immer war ſie von ihnen Allen geliebt worden; wie viel inniger liebte man ſie jetzt, wo ihr herbes Leid ſie doppelt heiligte! Lord Saltire bot ihr ſeinen Arm, und ſie nahm Platz unter ihnen, die Hände gefaltet auf den Schooß legend. „Ich war entſchloſſen, heute Abend zu kommen und Sie zu ſehen, Liebſte“, ſagte ſie.„Ich würde unterliegen, wenn ich nicht einmal Jemanden ſähe, den ich lieb habe. Und vor Allem heute Abend(ſie ſchaute Lord Saltire bei dieſen Worten ernſtlich ins Geſicht). Iſt er noch nicht ge⸗ kommen?“ „Noch nicht, liebe Großmama“, ſagte Mary. „Es kommt wol weiter Niemand?“ frug Lady Ascot. „Niemand; wir warten auf ihn.“ Abermals that ſich die Thür auf und Alle ſchauten neugierig nach derſelben hin. Diesmal meldete der Diener vielleicht mit etwas lauterer Stimme, da er wol wußte, daß die Ankunft Alle in ungewöhnlichem Grade intereſſirte: „Mr. Ravenshoe.“ Ein wohlgekleideter, gentlemaniſch ausſehender Mann trat ein. Er hatte eine ſo auffallende Aehnlichkeit mit Charles Ravenshoe, daß Lady Hainault und General Mainwaring, die einzigen Beiden unter den Anweſenden die ihn noch nie geſehen hatten, zuſammenzuckten und meinten, ſie ſähen Charles vor ſich. Aber es war nicht Charles. Es war unſer alter Freund William, weiland Reitknecht bei Charles Ravenshoe, Esquire, jetzt ſelbſt William Ravenshoe, Esquire, auf Ravenshoe. Er war der Gaſt par excellence beim heutigen Mahle. Er mußte eines Tages Erbe von Ravenshoe werden, denn Alle waren darüber mit einander einig, daß Cuthbert nie⸗ mals heirathen würde. Ravenshoe mußte, wie Cuthbert jetzt wirthſchaftete, ſeine zehn⸗ bis zwölftauſend Pfund jähr⸗ lich eintragen, und wenn aus dieſen neuentdeckten Zinn⸗ gruben etwas wurde, vielleicht gar zwanzigtauſend. Die alte Lady Hainault hatte geſagt, er wäre ein Stalljunge geweſen, der Gefährte der trunkenen Ausſchweifungen ſeines ſchwindleriſchen Milchbruders und jenes gentlemaniſchen Geſchöpfes, Lord Welter. Falls er das Haus beträte, würde ſie daſſelbe verlaſſen. Worauf die junge Lady Hainault erwidert hatte, daß irgend Jemand ihn anſtands⸗ halber zu Tiſche laden müßte, wenn auch nur um des armen Charles willen, den Alle, die ihn gekannt, ſo lieb gehabt hätten. Daß ſie ihn einzuladen beabſichtigte, und wenn ihre liebe Schwiegermutter nicht mit ihm zuſammen⸗ zutreffen wünſchte, ſo hätte ſie ja das Mittel dagegen in ihrer eigenen Hand. Jemand müßte ihn in die Geſellſchaft einführen, und ſie und Lord Hainault wären entſchloſſen, dies zu thun; ſo daß es nutzlos wäre, noch ferner über den Gegenſtand zu disputiren. Und die Lady⸗Mutter ent⸗ gegnete, ſie wollte wirklich, Hainault hätte lieber jenes hübſche Geſchöpf, die Adelaide Summers geheirathet, wie es ſeine Abſicht geweſen; denn ſelbſt dieſe, wie unver⸗ ſchämt ſie auch wäre, könnte ſie, die Lady⸗Mutter, niemals mit größerer Impertinenz behandelt haben. Mit dieſem letzten Pfeile der Bosheit war ſie mit Miß Hicks nach Caſterton zurückgekehrt und hatte die letztere unglückliche, ver⸗ armte Dame unterwegs dermaßen gereizt und geärgert, daß dieſelbe ihrer Gewohnheit gemäß ſich ſchließlich gegen ſie ge— wandt und ihr Alles in gleicher Münze zurückgezahlt hatte. Wenn die Lady⸗Mutter an dieſem Abende hätte hören können, wie Lady Hainault ihrem Herrn und Gemahle die ganze Ge⸗ ſchichte erzählte und ihn mit ſeinem angeblichen penchant für Adelaide neckte und wie dann die beiden guten Seelen ſo fröhlich mit einander lachten, ſo würde Mylady ver⸗ muthlich noch boshafter geworden ſein. Nichtsdeſtoweniger aber war Lady Hainault ſehr ängſt⸗ lich in Bezug auf William. Als Maryh indeſſen zu Rathe gezogen worden war, hatte dieſe ſich augenblicklich für ſein ſchickliches Benehmen verbürgt und ſeine Sache mit ſo vieler Wärme geſührt, daß ihr dabei die Thränen in die Augen kamen. Ihr alter Freund William! Welche harm⸗ loſen Complotte hatte ſie in alten Zeiten mit ihm gegen den Prieſter angezettelt! Welches Band knüpfte die Liebe zwiſchen ihnen, die ſie Beide für den im Herzen trugen, welchen ſie verloren hatten! Aber Lady Hainault wollte in allen Fällen ſicher gehen. Deshalb war niemand Anderes geladen, als die Obengenannten, die ſämmtlich alte Freunde der Familie waren. C* Ehe noch gemeldet wurde, daß ſervirt ſei, fühlten ſich ſchon Alle über ihn beruhigt. Freilich war er befangen, doch durchaus nicht ungeſchickt. Er wußte offenbar, daß er hier auf Probe geladen war und nahm dieſe ſeine Stellung an. Aber er war ſo ſchön(viel ſchöner als unſer armer Charles), ſo ruhig und anſpruchslos und beſaß— was nicht wenig in Anſchlag kommt— eine ſo wohl modulirte Stimme, daß er, ehe noch der Abend vergangen war, die Herzen aller Anweſenden erobert hatte. Wenn er vom Gegen⸗ ſtande der Unterhaltung Etwas verſtand, ſo nahm er ruhig und ſo gut er konnte Theil an derſelben; mußte er ſeine Unkenntniß bekennen(was ſelten geſchah, da er ſich unter wohlerzogenen, rückſichtsvollen Leuten befand), ſo that er dies ganz offen, doch ohne Oſtentation. Er war entſchieden un grand succẽès. Eines verblüffte und erfreute ihn zugleich. Er wußte, daß er eine wichtige Perſon und der Gaſt des Abends war. Aber er entdeckte bald, daß außer ſeiner eigenthüm⸗ lichen Stellung und ſeinem in Ausſicht ſtehenden Reich⸗ thume noch eine andere Urſache mitwirkte, die ihn der ganzen Geſellſchaft intereſſant machte: die Beziehung, in welcher er zu Charles Ravenshoe, jetzt Horton, ſtand. Er war eigentlich der Held dieſes Abends. Die Hälfte von William's Lichte war von ihm entlehnt. William nahm dies ſehr ſchnell wahr, und es machte ihn glücklich. Wie ſeltſam, daß manche Leute die Macht beſitzen, die Liebe Aller zu gewinnen, denen ſie begegnen! Ich kannte einſt Jemanden, der uns jetzt durch einen glorreichen Tod entriſſen iſt, welcher jene Eigenſchaft hatte. Nur Wenige kannten ſeinen großen Werth und ſeine Herzensgüte; aber — 47 wie ſein Biograph mit großer Wahrheit ſagt, Diejenigen, die einmal in ſein Geſicht ſchauten, vergeſſen es nie mehr. Auch Charles Ravenshoe beſaß jene Eigenſchaft, obgleich ſein Werth und ſeine Leiſtungen tief unter denen des Mannes ſtanden, auf den ich anſpiele. Allein er fühlte für alle erſchaffenen Weſen daſſelbe unendlich liebe⸗ volle Wohlwollen, und das iſt ein Theil des Geheim⸗ niſſes. Den erſten Wink über Charles' hohe Wichtigkeit für die geſammte anweſende Geſellſchaft erhielt William ſchon während der Mahlzeit. Man hatte oberflächlich über ver⸗ ſchiedene Gegenſtände geſprochen und William zugehört, als Hainault ſich zu ihm wandte und ſagte: „Welch' einen ungeheuren Preis man jetzt für Rappen gibt! Ich war heute in Tatterſall's Stall und ſah, wie man neunzig Guineen für einen Rappen bezahlte.“ William ſagte:„Gute Rappen ſind ſehr ſelten, Lord Hainault. Ich könnte Ihnen zehn gute Pferde, über fünfzehn Fuß hoch, für einen einzigen guten Rappen ver⸗ ſchaffen.“ Lord Saltire entgegnete:„Mein Rappe iſt der beſte, den ich je gehabt habe, und ein ſo ſanftes, ruhiges Thier. Unſer lieber Junge hat ihn in Ravenshoe für mich zu⸗ geritten.“ „Der liebe Charles!“ ſagte Lady Ascot.„Welch' ein herrlicher Reiter er war! Der Herzensjunge! Ehe er von uns ging, ließ er ſich von Ascot ein Zeugniß darüber aus⸗ ſtellen. Ach, du guter Himmel!“ „Ich hätte nie gedacht“, ſagte Lord Saltire ruhig, „daß ich je im Leben irgend einen Menſchen nur halb ſo 48 lieb haben könnte, wie den Burſchen! Erinnern Sie ſich, Mainwaring“, fuhr er mit noch leiſerer Stimme fort, während Alle ſchwiegen,„jenes Abends, an dem ich ihn zum erſten Male ſah und wo er in Ranford für Sie und mich beim Billard markirte? Ich kann mir nicht er⸗ klären, warum; aber ich liebte den Knaben vom erſten Augenblicke an, wo ich ihn ſah. Sowol damals, als ſpäter erinnerte er mich ſo lebhaft an Barkham. Er hatte ganz das ſanfte, einnehmende Weſen, wie dieſer. Nur war Barkham ein wenig größer, glaube ich“, fügte er hinzu, indem er eine Priſe nahm und Lady Ascot feſt an⸗ blickte.„Was meinen Sie, Maria?“ Einen Augenblick ſchwiegen Alle. Lord Barkham war Lord Saltire's einziger Sohn ge⸗ weſen. Er war im neunzehnten Jahre, wie ich ſchon er⸗ wähnte, im Duell gefallen. Lord Saltire ſprach ſehr ſelten von ihm, und wenn er es that, meiſt in chniſcher Weiſe. Aber General Mainwaring und Lady Ascot wußten, daß das Andenken an jenen armen Knaben nach vierzig Jahren noch ebenſo friſch in dem treuen alten Herzen lebte, als an dem Morgen, wo er, aus ſeinem Ankleidezimmer tretend, den Leuten begegnete, welche den Leichnam die Treppe herauftrugen. „Er war ein guter Burſche“, ſagte Lord Hainault, von Charles ſprechend;„er war ein ſehr guter Burſche.“ „Dieſer große Kummer, den ich um ſeinetwillen habe leiden müſſen“, fuhr Lord Saltire in ſeinem alten trocknen Tone fort,„iſt eine gerechte Strafe für eine gutmüthige und tugendhafte That, deren ich mich vor vielen Jahren ſchuldig machte. Als ſein armer Vater, Denſil, im Ge⸗ 49 fängniſſe ſaß, ging ich zu ihm und ſöhnte ihn wieder mit ſeiner Familie aus. Der arme Denſil war mir für dieſe thörichte Handlung ſo dankbar, daß ich eine perſönliche Zuneigung zu ihm faßte. Daher ſchreibt ſich all dieſes Elend. Uneigennützige Handlungen ſind große Mißgriffe, Maria, glauben Sie mir.“ Als die Damen in den Salon hinaufgegangen waren, ſah William den Lord Saltire plötzlich an ſeiner Seite ſitzen. Dieſer plauderte eine Weile mit ihm und ſagte dann: „Sie ſind anſpruchslos und gentlemaniſch, und die Liebe, mit der Sie von Ihrem Milchbruder ſprechen, thut mir ſehr wohl. Ich werde dieſelbe auf die Probe ſtellen. Sie müſſen mich morgen früh beſuchen. Ich habe viel mit Ihnen zu reden.“ „Ueber ihn, Myhlord? Haben Sie von ihm gehört?“ „Kein Wort. Ich fürchte, er iſt nach Amerika oder Auſtralien gegangen. Er ſagte Lord Ascot, das wäre ſeine Abſicht.“ „Ich werde nach ihm jagen bis an's Ende der Welt, Mylord“, ſagte der treue William.„Und Cuthbert ſoll inzwiſchen für mich beten. Ich fürchte, Sie haben Recht. Aber wir werden ihn bald finden.“ Als ſie in den Salon kamen, ſaß Mary allein auf einem Sofa. Sie ſchaute zu William auf, und er kam und ſetzte ſich zu ihr. Sie waren ganz abgeſondert von allen Uebrigen, allein. „Lieber William“, ſagte Mary, indem ſie ihm offen in's Geſicht blickte und ihre Hand auf die ſeinige legte. „Ich bin ſo froh, Ihr liebes Geſicht einmal wieder⸗ zuſehen“, ſagte William.„Ich war vorige Woche in Kingsley, Ravensboe. III. 4 Ravenshoe. Wie lieb man Sie dort hat! Alt und Jung hat ſich dort in den Kopf geſetzt, daß der liebe Cuthbert ſterben wird, und daß ich Sie dann heirathen und wir Beide in Ravenshoe herrſchen werden. Es nützte gar nichts, ihnen zu ſagen, Cuthbert würde nicht ſterben, und daß wir Beide, Sie und ich, einander ganz ſicherlich nie⸗ mals heirathen würden. Meine liebe Jane Evans wurde wie eine Null behandelt. Sie wurden einſtimmig zur Herrin von Ravenshoe erkoren.“ „Wie geht es der lieben Jane?“ „Sie quält ſich, das arme Kind, in ihrer Penſions⸗ anſtalt. Das Ding gefällt ihr nicht.“ „Das will ich wol glauben“, ſagte Mary.„Grüßen Sie ihre Braut herzlich von mir. Sie wird Ihnen eine gute Frau ſein. Was macht Cuthbert?“ „Er iſt recht geſund. Von ſeinem Herzleiden, welches niemals exiſtirt hat, läßt er nichts mehr verlauten. Aber er härmt ſich, daß er keine Nachrichten von Charles erhält. O, wie er ihn liebte!— Ich habe gar nicht gefragt, ob ich Sie»Mary« nennen dürfte?“ „Sie dürfen ſich nicht unterſtehen, mich je anders zu nennen. Noch immer keine Nachricht von ihm?“ „Keine. Ich bin überzeugt, er iſt nach Amerika gegangen. Wir wollen ihn ſchon zurückbringen, Marh; fürchten Sie nichts.“ So plauderten ſie, bis er ſie wieder aufgeheitert hatte, und endlich ſagte ſie: „William, Sie hatten immer gute Manieren; aber wie— wie ſind Sie nur in ſo kurzer Zeit ſo gentlemaniſch geworden?“ S „Indem ich den Gentleman ſpielte“, ſagte William lachend.„Der Stallmeiſter in Ravenshoe pflegte immer zu ſagen, ich wäre zu viel von einem Gentleman für ihn. In zwanzig Jahren wird man mir in der Menge kaum noch Etwas anmerken. Gute Nacht.“ Und Charles ſpielte inzwiſchen etwas Anderes, als den Gentleman. Wir werden ſehen, wer ſchließlich am beſten agirte. —— 4* * Fünftes Rapitrl. Welch' ein glückſeliger Ort das Bett iſt— vielleicht der glücklichſte, an dem der Menſch ſich je befindet. Sehr wenige Menſchen werden das in Abredeztellen wollen, denke ich mir— das heißt als allgemeine Regel. Nach einem langen Regentage auf der Schnepfenjagd zum Beiſpiel, oder einer halben Nacht auf dem Deck, wann der Nebel geſtiegen und die geſpenſtigen kalten Wände der Eisberge in Sicht ſind; oder nach einem Ritte durch den Buſch unter ununterbrochenem Regenguſſe, oder nach einem an⸗ genehmen Balle, wo man die Rouleaux herunterlaſſen muß, damit uns die impertinente Sonne nicht in zwei Stunden wieder wach röſtet; in all' dieſen Fällen und noch in hundert anderen iſt das Bett eine ſehr angenehme Stätte. Jeder aber weiß ſo gut wie ich, daß es Zeiten gibt, wo man lieber auf dem eiſigen Schiffsverdeck auf⸗ und abmarſchiren, oder im fürchterlichſten Wetter durch den wilden Urwald reiten, oder in den Hallen von Eblis mit Vathek's Mama walzen, oder gar im Grabe liegen möchte, als im Bett— und wachen. O, der ſchrecklichen Nachtwachen! wenn die Seele, die X 53 im Schlafe den gemarterten Körper verlaſſen und in Träu⸗ men fortfliegen möchte, durch einen loſen Faden feſtgehalten wird,— einen Faden, der dennoch ſtark genug iſt, um jeden Nerv auf das Qualvollſte anzuſpannen. Wenn die wachen Träume von der Vergangenheit ſo lebhaft ſind, wie die des Schlafes, und in Allem das gräßliche Bewußt⸗ ſein lauert, daß man wacht und daß Alles Wirklichkeit iſt! Wenn man, rückſchauend, glauben muß, für jede gutmüthige Handlung und jedes freundliche, liebevolle Wort nichts als Verachtung geerntet zu haben, anſtatt der Liebe, die man verdiente! Wo die Vergangenheit wie eine Hölle von verlorenen Gelegenheiten und die Zukunft wie eine andere ſchwarze Hölle von Ungewißheit und allerlei drohendem Unheile ausſieht! 9O traurige Nachtwachen! Wären wir in ſolchen Momenten lieber auf dem ödeſten Berge, im bitterſten Nachtwinde, der jemals heulte, als im wärmſten Bette, das Geld nur ſchaffen mag! Wenn Euch eine derartige Nacht bevorſteht, ſo wißt Ihr es ſelten mit Sicherheit voraus. Zuweilen wol, wenn Ihr in ſolchen Dingen bereits viel Erfahrung, wenn Ihr Geld verloren oder Schulden gemacht habt, oder ſchon ſehr oft von der Geliebten verrathen worden ſeid— befällt Euch, ſobald Ihr die Stiefeln ausgezogen habt, eine dunkle Ahnung, daß eine jener ſchönen Nächte kommen wird, in welchem Falle Ihr dann wohl thut, Euch, im Bette, in den Schlaf zu leſen. Einerlei, ob Ihr dabei das Haus niederbrennt(das wäre vielmehr eine wünſchenswerthe Zerſtreuung); aber leſet nicht angekleidet, bis Ihr ſchläfrig werdet; denn ſonſt werdet Ihr, nachdem Ihr Euch entkleidet habt, die Entdeckung machen, daß Ihr wieder 54 entſetzlich wach geworden ſeid, und ſobald das Licht aus⸗ gelöſcht, könnt Ihr Euch nur auf eine förmliche Walpur⸗ gis nacht gefaßt halten. Charles, der arme Burſche, hatte bisher noch nicht viel Erfahrung in Walpurgisnächten gehabt. Vor ſeiner Kataſtrophe hatte er nie eine kennen gelernt. Er war gewöhnt geweſen, ermüdet in's Bett zu taumeln und einen ſchweren, traumloſen Schlaf zu ſchlafen bis eine Stunde vor dem Erwachen. Alsdann begann er wol von ſeinen Pferden und ſeinen Hunden und ſo weiter zu träumen, um ſich endlich nach und nach zu einem Zuſtande zu ermuntern, der weit ſüßer iſt, als der ſüßeſte Traum, zu jenem Zuſtande, in welchem die Sinne wach ſind für alle äußeren Gegen⸗ ſtände, die Seele aber ihre letzten luftigen Flüge rund um ihre Heimat macht, ehe ſie ſich für den Tag zur Ruhe begibt.— Allein ſelbſt ſeitdem hatte er noch nicht Erfahrung genug gehabt, um die Nacht zu fürchten. In der Nacht, in welcher er aus St. John's Wood heim kam, dachte er, er wollte zu Bette gehen und Alles verſchlafen. Armer Charles! Einer der beiden andern Diener ſchlief mit ihm in demſelben Zimmer— der jüngere und gutmüthigſte von den Beiden(obgleich Charles ſich über Keinen beklagteh. Der Burſche ſchlief und Charles betrachtete ihn, ehe er das Licht auslöſchte. Seine Wange ruhte auf ſeinem Arme, und er ſah ſo ruhig und ſo glücklich aus, daß Charles wußte, der Junge war nicht hier, ſondern in weiter Ferne. Er hatte Recht. Wie er ihn anſchaute, lächelte der Burſche und ſtammelte etwas im Traume. Seltſam! Die Seele war noch feſt genug mit dem Körper verbunden, um dieſen„ lächeln zu machen. c 5 „Ob wol Miß Martineau oder Mr. Atkinſon jemals das Geſicht eines Menſchen beobachteten, der ſchlief oder träumte?“ ſagte Charles, indem er zu grübeln anfing, ſowie er im Bette lag.„Bah! jenes Burſchen Körper iſt das bloſe Werkzeug ſeiner Seele. Seine Seele macht einen Spaziergang, und ſein Körper iſt ein bloſer Klotz. Ei! das geht nicht, das iſt ebenſo ſchlimm, wie Miß Martineau. Ich hätte ſagen ſollen, ſein Körper iſt nur ein ſchönes Uhrwerk. Aber ein Uhrwerk lächelt nicht von ſelbſt. Meine theure Dame und verehrter Mr. Atkinſon, ich werde jetzt meinen Körper hier zurücklaſſen und in fünf Minuten in Ravenshoe ſein. Das heißt, ich werde einſchlafen.“ Einſchlafen, wirklich? Nun, für jetzt eben noch nicht. Wenn dies ſeine Abſicht war, ſo hätte er beſſer gethan, ſich nicht erſt mit den»Briefen über die Geſetze der menſch⸗ lichen Natur« den Kopf zu verwirren; denn als er, wie oben angedeutet, mit ſeinen tiefen Betrachtungen zu Ende gekommen, glaubte er, daß er einen— nun, ſagen wir pulex— im Bette hätte. Es war indeß ebenſowenig ein pulex da, wie ein Scorpion; aber er unternahm eine auf⸗ regende Jagd auf einen eingebildeten,— wie unſer Freund, Mr. Sponge, auf einen eingebildeten Fuchs bei Laverick. Darauf fühlte er einen Juckreiz an einer unerreichbaren Stelle, nämlich mitten auf ſeinem Rücken. Dann hatte er das Leiden auf einem Flecke, den er erreichen konnte, und wandte ein gewiſſes Mittel an(mit dieſer Wendung glaube ich ſehr hübſch ausgedrückt zu haben, daß er ſich kratzte); dann bekam er den Krampf im rechten Beine und darauf im linken; dann wurde es ihm über und über heiß und er 56 ſchleuderte die Bettdecke von ſich; dann begann es ihn am ganzen Leibe zu frieren, und er zog die Decke wieder her⸗ auf; dann hatte er noch einmal den Krampf im linken Beine; dann abermals Jagd, Krampf, Juckreiz im Rücken, Hitze, Kälte und ſo fort, und endlich, nach einer halben Stunde, als er ſich in einem Zuſtande fieberhafter Er⸗ mattung befand, verfiel er in einen heitern Gedankengang und war vollkommen geneigt, ſeine ſchon ſo heiteren Pro⸗ ſpecte aus einem ſehr hoffnungsvollen Geſichtspunkte zu betrachten. Der arme liebe Burſche! Man wird vielleicht ſagen, es ſei herzlos, noch über ihn zu ſcherzen, jetzt, da ihm Alles ſo fürchterlich verkehrt geht. Aber wirklich, meine Ge⸗ ſchichte iſt ſo gar traurig, daß wir verſuchen müſſen, einen kleinen ſchwachen Scherz zu machen, wo wir nur können; ſonſt würde ſie bald unlesbar werden. Er verſuchte, der Zukunft als Mann entgegenzutreten. Doch ſiehe!— da war gar keine Zukunft, welcher er hätte entgegentreten können. Alles war ſolch' eine todte, hoff⸗ nungsloſe Leere. Ellen mußte jenes Haus verlaſſen, und er mußte verſuchen, ſie zu ernähren,— aber wie? Für ihn wäre es ſchimpflich, wenn er ſich nur um einen Heller an die Ravenshoes wendete, und von ihr würde es ehrlos ſein, wenn ſie jenen thörichten Hornby heirathete. Dieſe beiden Wege waren alſo unmöglich, weil unehrenhaft. Und hier kam er zum Stillſtande. War aber jeder dieſer Wege wirklich ein unehrenhafter? Ja, ja, lautete die Antwort, jedesmal, wenn er ſich die Frage wiederholte; damit endete die Sache. Athmete in der weiten Welt eine Seele, die er zu Rathe ziehen konnte? — — —— S Keine einzige. Garz allein in der weiten Welt er und ſie! Keines von ihnen Beiden hatte einen einzigen Freund. Wie ſie ſich gebettet hatten, ſo mußten ſie ruhen. Wann würde das Ende von all Dieſem kommen? Was würde das Ende ſein? Auf der Straße erhob ſich ein Lärm, der Lärm eines keifenden Weibes, deſſen Stimme immer lauter und lauter wurde, bis ſie zum Geſchrei ſtieg. Ein Lärm, von einem Manne, der auf ſie fluchte und ſchimpfte; dann ein noch lauteres Geſchrei und ein Geräuſch von Fauſtſchlä⸗ gen. Eins, zwei; jetzt ein ſchwerer Fall und Stille. Ein betrunkenes, obdachloſes Ehepaar war auf der Straße an⸗ einander gerathen, und der Mann hatte ſeine Frau zu Boden geſchlagen. Das war Alles. Ein ſehr gewöhnliches Ereigniß. Wahrſcheinlich war die Frau nicht ſtark ver⸗ letzt. Die Art Weiber wird ſolcher Behandlung bald gewöhnt. Der Conſtabler mußte kommen und das Paar auf die Polizei führen. Da kamen ſie ſchon! Mann und Frau wurden, gräßlich fluchend und zankend, von zwei Con⸗ ſtablern abgeführt. Gut, gut! Würde es mit ihm je dahin kommen? Es gab Brücken in London und unter dieſen floß der Strom. Charles war einſt nach Mitternacht über eine dieſer Brücken gekommen. Er wünſchte jetzt, er hätte den verwünſchten Platz nie geſehen. Er entſann ſich einer zitternden Geſtalt, die ihn um einen halben Penny angebettelt hatte, damit ſie den Zoll bezahlen und nach Hauſe gehen könnte. Er hatte ihr Geld gegeben und war ihr dann, von plötzlichem Impulſe getrieben, ge⸗ folgt, bis ſie die Brücke hinter ſich gehabt hatte. Häßliche Gedanken, Charles! Garſtige Gedanken! Will der Tag noch immer nicht kommen? Ei, die Nacht iſt noch nicht halb zu Ende! Gott ſetzt in ſeiner Barmherzigkeit dem menſchlichen Elende auf mancherlei Weiſe Schranken. Ich glaube nicht, daß der verurtheilte Verbrecher, den am andern Morgen der Galgen erwartet, die ganze Nacht hindurch an ſein Schickſal denkt. Wir leſen meiſtens in den Berichten über dieſe fürchterliche letzte Nacht(die mit Recht in den Zei⸗ tungen erſcheinen; denn ſie ſind der grauenvollſte Theil der Strafe), daß die armen Sünder heiter plauderten, oder feſt ſchliefen, oder ſonſt irgend Etwas thaten, was bewies, daß ſie auf eine Weile vergeſſen hatten, was ihnen bevor⸗ ſtand. Ehe das kleine Fenſter ein helleres Grau zeigte, hatte denn auch Charles einige Erleichterung ſeiner Qual gefunden. Er lag zwiſchen Schlaf und Wachen und hatte ſeine Drohung gegen Miß Martineau erfüllt— wenn ſchon ſpäter, als er beabſichtigt. Er war in Ra⸗ venshoe. Da ſtand es Alles vor ihm. Der anbrechende Tag, der hinter den öſtlichen Vorgebirgen heraufkam, überflutete das Bergamphitheater, bis die Klippen hinter dem Hauſe vom kalten Grau in glühendes Gold übergingen und die Wetterfahne auf dem Prieſterthurme erglänzte wie ein Stern. Das Meer, erſt ſchwarz, lag jetzt dunkelblau, und die Fiſcherboote zogen langſam heimwärts über die ſanftſchwel⸗ lenden Wogen. Die Brandung flüſterte dem Sande von ihrem Kommen. Als Fenſter um Fenſter in der Sonne zu funkeln begann und als Wald und Thal, Strom und Park, Dorf und Felder aufwachten vor den Tritten des Morgens, beobachtete Charles im Geiſte die dunkle alte 59 Vorhalle, bis eine ſchwarz gekleidete Geſtalt herauskam und einſam auf der Terraſſe ſtehen blieb und gegen die See ſchaute. Und wie er eben„Cuthbert!“ ſagte, ſank er in einen traumloſen, glücklichen Schlummer. Er beſchloß, daß er Ellen nicht eher als am Nachmit⸗ tage aufſuchen wollte. Hornby hatte Morgens Dienſt und ſah Charles den ganzen Tag nicht. Er ſchien ihm ab⸗ ſichtlich auszuweichen. Charles ſeinerſeits wünſchte ihm nicht zu begegnen, bis er irgendwelche entſchiedene Maß⸗ regeln getroffen hatte, und war deshalb froh darüber. Gegen zwei Uhr aber kam es ihm in den Sinn, zur St. Peterskirche zu ſchlendern und den drolligen kleinen Ko⸗ bold aufzuſuchen, der dort meiſtens zu finden war, um ſich ein Viertelſtündchen mit deſſen Geplauder zu vertreiben. Die Lectüre hatte er ganz aufgegeben; kaum hatte er ſeit ſeinem Unglücke ein Buch aufgeſchlagen. Das mag uns verwunderlich vorkommen von einem Gentleman, der bis zu einem gewiſſen Grade ein Gelehrter war; doch dem war ſo. Er wollte ſich erniedrigen und es gelang ihm bereits. Aufrichtige Rechtſchaffenheit war der Grundzug ſeines Weſens, die es ihm haſſenswerth machte, Etwas zu ſcheinen, was er nicht war, und dieſes Geführ, welches er in thörichtem Maße übertrieb, verhinderte ihn, zum unfehl⸗ barſten Heilmittel gegen alle Nöthen, den Hunger ausge⸗ nommen, ſeine Zuflucht zu nehmen: zu den Büchern. Er wußte nicht, wie ich es erfahren habe, daß entſchloſſenes Leſen, von was es auch ſei, ſelbſt von Zeitungsannoncen, alle Forderungen mildert und oftmals ganz beſchwichtigt, nur die des Magens nicht; aber er errieth es dennoch. „Warum ſollte ich leſen?“ ſagte er.„Ich müß mich be⸗ 60 helfen lernen, wie die Anderen.“ Und ſo machte er es, wie die Anderen, und verbrachte ſeine Zeit mit Nichts⸗ thun. Heute aber war er mehr, als je, zum„Bummeln“ ge⸗ neigt, weil er ſich vor dem ihm Bevorſtehenden einiger⸗ maßen fürchtete. So ſchlenderte er denn zur St. Peters⸗ Kirche hinüber und fand dort ſeinen jugendlichen Freund, welcher mit dem Balle, den er ihm geſchenkt, jetzt ebenſo energiſch„Fünf“ ſpielte, als er es neulich mit dem Metall⸗ knopfe gethan hatte. Alle Schuhputzer ſind zu vielem müßigen„Bummeln“ unvermeidlich gezwungen. Dieſer aber bummelte gewiſſermaßen mit Energie; denn er war heiß und wild von ſeinem Spiele. Er freute ſich ſehr, Charles zu ſehen. Er ſtrich ſich ſein ungekämmtes Haar aus der Stirn und blickte Char⸗ les mit einem freundlichen Lächeln bewundernd an. Dann ſagte er plötzlich: „Sie waren geſtern Abend betrunken, nicht wahr?“ Charles ſagte, nein, er betrinke ſich nie. „Nein, wirklich nicht?“ frug der Knabe.„Sie ſehen aber gerade ſo aus. Sie ſehen wild um die Augen herum aus“, und dann riskirte er eine andere Theorie, um eine Erklärung für Charles' Ausſehen zu finden, die Charles indeß ebenfalls mit Nachdruck verneinte. „Ich gab einen halben Penny für den da“, ſagte der Knabe, ihm den Ball zeigend,„und den andern halben hab' ich verthan.“ Hier ſtockte er, indem er offenbar einen Vorwurf erwartete; aber Charles nickte ihm freundlich zu, und er fühlte ſich ermuthigt fortzufahren und theilte ihm eine Neuigkeit mit, mit der Miene eines Erzählers, der 61 vorausſetzt, daß ſein Zuhörer mit allen Ereigniſſen in der 8 großen Welt au fait iſt. „Die alte Biddy Flanigan iſt todt.“ „Ach, wirklich?“ ſagte Charles, der natürlich nicht die entfernteſte Ahnung hatte, wer die Dame ſei, jedoch errieth, daß ſie eine bejahrte und, muthmaßlich, liederliche Irlän⸗ derin geweſen war. „Ach! das wollt' ich meinen“, ſagte der Knabe;„und ſie hielten Leichenwache bei ihr, geſtern Abend, da unten in unſerm Hofe. Sie wachten laut genug, daß wir auch nicht ſchliefen,— aber die Alte, die ſchlief!“ „Woran ſtarb ſie?“ frug Charles. „Nun, ich glaube, ſie ſtarb hauptſächlich an Mr. Ma⸗ lone's Hinkefuß. Er und die alte Biddy waren Beide be⸗ trunken und zankten ſich auf der Treppe, und ſie ſtand eine Stufe unter ihm; und da er betrunken war und dazu lahm, verlor er das Gleichgewicht, und ſie ſtürzten Beide zuſam⸗ men herunter und ſie mit dem Kopfe auf den eiſernen Fußabkratzer, und da blieb ſie liegen. Die aufwecken!“ fügte er mit höchſter Verachtung hinzu;„Die wecken ſie nicht mehr auf, und wenn all' die Irländer und Ruſſen in ganz Frankreich Steine in ihre Strümpfe ſteckten und eine Woche lang heulten ohn' Ende, ſo würden ſie die nicht mehr wecken.“ „Steckten Sie ſich Steine in die Strümpfe?“ frug Charles, in der Meinung, es wäre dies vielleicht eine katholiſche Bußceremonie. Miß Ophelia Flanigan, die that ſich einen halben Ziegelſtein in ihren Strumpf ſtecken und ging auf Mr. Malone los, um ihm damit den Schädel einzuſchlagen; 62 aber es war ein Loch im Strumpfe, und der Stein flog heraus und traf den alten Denny Moriarty am Kinn⸗ backen und zerbrach ihm den. Und er hatte nichts gethan, gar nichts, ſondern ſaß ſtill und ruhig und ſtierbetrunken in einer Ecke und ſang vor ſich hin, und ſie trugen ihn nach Guy's Hoſpital. Und die Polizei kam dazu und kriegte Fußtritte an die Grinder, und da wurde die nach Guy's Hoſpital gebracht; und dann fiel Miß Flarigan hinunter in den Küchenſtock und da wurde die auch nach Guy's Ho⸗ ſpital gebracht; und da ſind ſie nun, der ganze Rummel, Alle im Bette mit zerbrochenen Schädeln, und eſſen Gelé und trinken Sherrywein; und dann kam ein Haufe aus dem Roſemary⸗Gäßchen herein und fing Spectakel an, und wollte ſich holzen, und da lief ich fort.“ „Dann gibt es in Eurem Hofe wol eine Menge Ir⸗ länder?“ ſagte Charles. „Irländer! na, das wollt' ich meinen. Sie ſind dort Alle Irländer, außer uns und Billy Jones' Pack. Der Kaiſer von Rußland iſt ein Neger; aber ſein Pack ſind meiſtens Irländer, doch andere Irländer, als Mr. Malo⸗ nes ſein Pack. Und Einer von ihnen ſpielte die Dudelſack⸗ pfeife, mit'nem Blasbalg, am Waſſerfaß, Sonntag Abends. Und Mr. Malone's Pack ſchmeiſt ihn aus den Fenſtern mit Scherben und Kohlſtrünken, weil ſie lauter Gemüſe⸗ höker ſind und ihnen ſolch' Zeug zur Hand iſt. So gibt's Sonntag Abends gewöhnlich bei uns eine Balgerei.“ „Aber wer ſind Mr. Malone und Billy Jones und der Kaiſer von Rußland?“ „Sie halten Logirhäuſer“, antwortete der Knabe. „Miß Ophelia Flanigan iſt mit Mr. Malone verheirathet; —— — 63 aber ſie behält ihren eigenen Namen, weil ihre Familie beſſer iſt als die ſeine, und ſie ſich ſeiner ſchämt. Sie leben ganz gut mit einander, ſo lange ſie nüchtern ſind; aber ſeitdem ſie angefangen haben, Geld zu machen, betrinken ſie ſich meiſtens früh Morgens im Bett, und ſo ſind ſie nicht mehr ſo glücklich miteinander, wie ſie es ſonſt geweſen ſind.“ „Fällt ſie ihn oft mit einem Strumpfe an, in den ſie Steine geſtopft hat?“ ſagte Charles. „Nein“, antwortete der Knabe,„ſie ſagt, ihr Vater hätte ihr den kleinen Kniff gezeigt. Sie ging ſonſt mit dem Schüreiſen auf ihn los, aber er nahm es ihr fort und brachte es zum Onkel*). Und ſo ſchüren ſie ihr Feuer jetzt mit dem Beſenſtiele, der lange nicht ſo gut zum Schüren iſt und nicht ſo hart.“ Charles wanderte weiter nordwärts und dachte, was für eine charmante Dame Miß Ophelia Flanigan ſein müßte, und daß er ſie der Merkwürdigkeit halber wol kennen lernen möchte. Das Bild, welches er ſich im Geiſte von ihr entwarf, war jedoch dem Originale nicht durchaus ähnlich, wie wir ſehen werden. Es war ein ſehr vergnügliches Sommerwetter— ein Wetter, in dem ein müßiger Mann unter allen Umſtänden gern umherſchlendern würde, und Charles war um ſo mehr geneigt dazu, als ihm die Botſchaft, auf die er ausging, höchſt unbehaglich war. Er konute jetzt an den Straßen⸗ ecken umherlungern und mit Allen plaudern, die dort auch herumlungerten. Er machte Fortſchritte. Da ſtand er alſo an den Straßenecken und ſchwatzte, )„Onkel“ heißt in der engliſchen Volksſprache: der Pfänder⸗ — verleiher. D. Ueberſ. und machte heute zum erſten Male eine Entdeckung. Er war ſo ſehr in ſeine eigenen Kümmerniſſe verſunken ge⸗ weſen, daß alle umlaufenden Gerüchte nur wie Bienenge⸗ ſumm an ihm verklungen waren; heute aber begann er zu bemerken, daß dies Gerücht von einem bevorſtehenden Kriege nicht mehr ein bloſes Gerücht, ſondern eine ent⸗ ſetzliche Wirklichkeit war. Wenn er nur frei wäre, ſprach er zu ſich ſelber. Könnte er nur die arme Ellen verſorgen!„Beim Zeus! Wenn ſie ein ganzes Regiment von Leuten in meiner Gemüths⸗ verfaſſung zuſammenbringen könnten!“ Er ging in eine Bierſchenke und trank ein Glas Ale. Man ſprach hier vom Kriege.„Sir Charles Napier ſoll die Flotte commandiren, und wenn der ihnen Kronſtadt nicht in zwei Stunden um die Ohren ſauſen läßt, ſo bin ich ein holländiſcher Häring“, ſagte ein Mann.„Was Odeſſa betrifft—“ Ein Mann in abgetragener ſchwarzer Kleidung, der (hoffen wir es) beſſere Tage geſehen hatte, ſubſtituirte Sebaſtopol. Aber der Erſte hatte von Sebaſtopol nie gehört. Es könnte kein Ort von großer Bedeutung ſein; denn ſonſt müßte er davon gehört haben. Sprecht ihm von Peters⸗ burg und Moskau, und er wollte horchen. Dieſe Art von Unterhaltung, die er überall vernahm auf ſeinem langſamen Gange, verſetzte Charles in Auf⸗ regung und mit ſolchen Gedanken beſchäftigt, kam er an Lord Welter's Thür und ſchellte. Kaum war die Thür geöffnet, als er ſchon Lord Welter ſelbſt im Hausflur erblickte, der ihn bei ſeinem Taufnamen 1 ſt 65 anrief und hereinkommen hieß. Charles folgte Lord Welter in ein Zimmer, und ſah, als ſich derſelbe umwandte, daß er bekümmert und verſtört war. „Charles“, ſagte er,„Ellen iſt fort.“ „Wohin?“ frug Charles, denn er verſtand ihn kaum. „Wohin? Gott weiß es! Sie muß das Haus geſtern Abend, bald nachdem Du ſie geſehen haſt, verlaſſen haben. Dieſes Billet ließ ſie für mich zurück. Nimm und lies. Du ſiehſt, daß mich in dieſer Sache kein Vorwurf trifft.“ Charles las: „Mylord! „Ich würde Nichts dawider gehabt haben, den Schutz Ihres Daches noch ferner anzunehmen, hätte ich mich da⸗ mit nicht der unaufhörlichen Verſuchung ausgeſetzt, eine un⸗ ehrenhafte Handlung zu begehen,— eine Handlung, die mir raſch genug ihre Strafe bringen würde, indem ſie nur zu gewiß den Mann in's Verderben ſtürzte, welchen ich vor allen in der Welt ehre und liebe. „Lieutenant Hornby hat mir ſeine Hand angetragen. Ihr feines Ehrgefühl, Mhlord, wird Ihnen ſofort ſagen, wie unmöglich es mir iſt, ihn durch eine Verbindung mit einem Geſchöpfe, wie ich's bin, zu Grunde zu richten. Da ich meiner eigenen Feſtigkeit mißtraue, ſo fliehe ich lieber und bin von jetzt an todt, für ihn und für Sie. „Ach, Welter, Welter! Sie hätten einſt ſelbſt geliebt ſein können, wie er es iſt; aber die Zeit iſt auf immer vorüber. Ich wäre Ihnen eine beſſere Gattin geweſen, als Adelaide. Ich hätte ſie einſt ſelbſt lieben können; doch fiel ich mehr aus Zorn und Eitelkeit, als aus Liebe. „Mein Bruder, er, den wir Charles Ravenshoe nennen, Kingsley, Ravensboe. III. 66 iſt irgendwo in dieſer öden Welt. Ich habe eine Ahnung, daß Sie ihm begegnen werden. Sie hatten ſich einſtmals lieb. Entzweien Sie ſich nicht mit ihm um eines ſo un⸗ würdigen Weſens willen, wie ich es bin. Sagen Sie ihm, daß er ſich erſt ſelbſt ſeinen Platz in der Welt ſchaffen muß, ehe wir zuſammenkommen, und daß ich ihm dann etwas mitzutheilen habe. „Maria, die heilige Mutter Gottes, und alle guten Heiligen vor dem Throne des Allerhöchſten ſegnen Sie und ihn hier und im ewigen Leben!“ Charles hatte Lord Welter nichts zu ſagen, kein ein⸗ ziges Wort. Er ſah, daß der Brief echt war. Er begriff, daß Welter keine Zeit gehabt hatte, ſie von ſeinem Kommen zu unterrichten, und daß ſie gegangen war. Weder er noch Welter wußten wohin, oder konnten es leicht zu erfahren hoffen; das war Alles. Er bot ihm blos Adieu und ging wieder nach Hauſe. Wenn man die ganze Geſchichte geleſen hat, wird man meinen, daß Charles um dieſe Zeit das Unglück in faſt unglaublicher Weiſe verfolgte; doch muß ich bemerken, daß es nicht ſo iſt. Es war dies vielmehr der erſte wirklich unglückliche Zufall, der ihn traf. All ſein anderes Miß⸗ geſchick entſprang aus ſeinem tollen Entſchluſſe, ſich allen ſeinen Freunden zu entziehen. Wenn er nur Lord Welter geſtattet hätte, zu ſagen, daß er ihn geſehen habe, ſo hätte noch Alles gut werden können; allein er nahm ihm das Verſprechen ſeiner Verſchwiegenheit ab. Und jetzt, nachdem er ſich ſelbſt allerlei Unglück bereitet und es be⸗ jammert hatte, jetzt kam einmal ein wirklich harter Schlag, und er wußte es nicht. Er war nicht um Ellen's Zukunft ————* F ——— 67 in Sorge. Er war ſofort überzeugt, daß ſie irgend eine geiſt⸗ liche Zufluchtſtätte ihres Glaubens aufſuchen und dort ruhig und glücklich leben würde. Ja, bei der neuen Idee, die ihm jetzt im Kopfe ſpukte, war er faſt froh, ſie nicht gefunden zu haben. Inzwiſchen hatte Ellen keine Ahnung weder von ſeiner Stellung, noch von ſeinem Gemüthszuſtande; ſonſt würde ſie ihn bis an's Ende der Welt geſucht haben. Sie glaubte, er wäre noch, was er immer geweſen, oder lenkte, unter Cuthbert's Beiſtande, ſeine Aufmerkſamkeit auf irgend eine nützliche Laufbahn, und dachte, ſie wollte warten. Und ſie wartete, und ihre Wege liefen weit auseinander, und ſie begegneten ſich nicht eher wieder, als bis ſie am Schatten⸗ thale des Todes verübergekommen waren, und das Leben nicht mehr denſelben Werth beſaß, den es ihnen ehedem gehabt hatte. Aber nun zu unſerm alten Freunde, dem Pater Mack⸗ worth. Wie ich ſchon früher einmal bemerkt habe:„Es nützt nichts, ſich in Muthmaßungen zu erſchöpfen, dennoch aber möchte ich gern wiſſen“, ob nicht Pater Mackworth — wenn ihm bekannt geweſen, wie Charles und Ellen am vorigen Abend beinahe einander begegnet wären— wie Onkel Tobias in Augenblicken der Trübſal ein„Lillibulero“ gepfiffen haben würde; das heißt, wenn er die Weiſe ge⸗ kannt hätte. —————5 Sechstes Rapitel. Die Bauern von Ravenshoe, welche Charles ſehr lieb hatten, konnten ſich ſein plötzliches Verſchwinden durchaus nicht erklären. Obgleich ſie wenig oder keine Ahnung von der wirklichen Urſache ſeiner Abweſenheit hatten, galt es doch als eine allgemeine und unbeſtreitbare Thatſache, daß jene eine permanente war. Da ſie dies als ein ſehr ſchweres Unglück empfanden und wirklich keinen Begriff hatten, warum er fortgegangen war und wohin, ſo war es ihnen Bedürfniß, ſich durch eine Formel zu tröſten. Dem⸗ zufolge ſtellte Meiſter Lee, oben zu Slarrow, die Theorie auf, daß Maſter Charles nach Oſtindien gegangen war, — und dieſe Annahme erwies ſich durch ihre Unbeſtimmt—⸗ heit und Weite und weil ſie ſeine Rückkehr als offene Frage ließ, für die Gemüther Derer, welche ſie erfaßten, ſo tröſt⸗ lich, daß die Theorie bald allgemeinen Anhang fand und Die, welche ſie zu bezweifeln wagten, als Heiden und Ketzer betrachtet wurden. Ein weiterer Umſtand, der ſie verblüffte, war das Factum, daß William ein Gentleman und ein Ravenshoe geworden war,— eine Thatſache, die ihnen natürlich nicht 5 F —— nn 69 verborgen bleiben konnte, obgleich alle übrigen mit dem Er⸗ eigniſſe zuſammenhängenden Umſtände ſorgfältig verheim⸗ licht wurden,— was in einem einfachen patriarchaliſchen Dorfe, wie Ravenshoe, keine großen Schwierigkeiten hatte. Als aber William nach einer kurzen Abweſenheit wieder in Ravenshoe erſchien, ſank ſeine Popularität ſehr, da man glaubte, er hätte Charles allein nach Indien gehen laſſen. Der alte Meiſter James Lee, zu Tor Head, der alte Meiſter James Lee, zu Withycombe Barrow, und der alte Meiſter James Lee, oben zu Slarrow, die drei großen quidnuncs des Dorfes, ſonnten ſich eines Tages an der Mauer, die einen Theil des Ortes vom Strande ſcheidet, als William und John Marſton im ernſten Geſpräche einher kamen. Die drei alten Männer nahmen höflich ihre Hüte ab. Man wußte nicht, ob und wie ſie mit einander verwandt waren, aber ihre Namensgleichheit und ihr Alter machten, daß ſie ſtets beiſammen hockten. Wenn Niemand zugegen war, habe ich wol gehört, wie ſie über Jahreszahlen und dergleichen in Streit kamen; doch ſowie Andere erſchienen, pflegten ſie mit einander, wie man ſagt,„durch Dick und Dünn“ zu gehen. Und wenn Einer von ihnen bei ſolchen Gelegenheiten in eine unhaltbare Poſition gerieth, ſo logen ihn die beiden Andern heraus, wie ein Paar ſchlauer Je⸗ ſuiten, und fielen erſt dann über ihn her, wenn ſie ihn wie⸗ der allein hatten,— was, um es gering auszudrücken, hübſch und nachbarlich war. „Gott ſegne Sie, meine Herren“, ſagte Meiſter Lee, oben zu Slarrow, dem die andern Beiden geſtatteten, ſich zu compromittiren, um ſpäter über ihn herfallen zu können. „Keine Nachrichten aus Indien, kürzlich?“ 70 William und Marſton blieben ſtehen, und William ſagte: „Nein, Meiſter Lee, wir haben ſeit länger als ſieben Monaten nichts von Kapitän Archer gehört.“ „Bitt' um Vergebung“, ſagte Meiſter Lee, oben zu Slarrow;„den meinte ich nicht; ich ſprach von unſerm lieben Herzensjungen, Maſter Charles. Wann kommt der zu uns zurück?“ „Ja, wann!“ ſagte William.„Ich wollte, ich wüßte es, Meiſter Lee!“ „Das Indien mag ganz gut ſein“, ſagte der alte Mann; „aber was hat er dort mehr zu ſchaffen, als ſonſt Einer? Warum kommt er nicht heim zu den Seinigen? Wer hält ihn davon ab?“ William und Marſton gingen weiter, ohne darauf zu antworten. Dann fielen die andern beiden Meiſter Lee's über Meiſter Lee, oben zu Slarrow, her und mißhandelten ihn— mit Worten— theils, weil er nichts aus William herausgebracht und theils, weil ſie ihm doch die beſte Ge⸗ legenheit gegeben, ſich zu compromittiren, und er dies nicht gethan hatte. Meiſter Lee, oben zu Slarrow, hatte ſchlimme Zeit an jenem geſegneten Frühlingsnachmittage und endete damit, daß er ſeine beiden Gefährten zwei„alte Eſel“ ſchimpfte und verwünſchte. Worauf ſie alle drei ſich in's Wirthshaus und zu ſaurem Apfelweine begaben, der ihnen zur Strafe für ihre Sünden zum Tranke gegeben ward. „Man wird nie einen Gelehrten aus mir machen, Marſton“, ſagte William;„ich will es auf ein Jahr ver⸗ ſuchen; aber länger nicht. Ich will fort und Charles ſuchen. Gibt es eine Polizei in Amerika?“ . 1 71 Marſton antwortete zerſtreut,„ja, er glaube wol“; doch dachte er offenbar an etwas Anderes. Sie waren zu einem Spaziergange ausgeſchlendert. Marſton war Tages zuvor(nach einem abermaligen glück⸗ lich überſtandenen Examen, wie ich glaube) von Orford eingetroffen, um ſich in der friſchen Land- und Seeluft wieder zu erholen, und wollte jetzt mit William zum Gipfel des hohen Vorgebirges aufklimmen, welches die Bucht von Ravenshoe im Weſten begrenzte, um dort oben die ſchöne Sommerbriſe zu genießen, die vom Atlantiſchen Oceane herüberwehte. Auf der allerhöchſten Spitze, vierhundert Fuß über der auf drei Seiten unter ihnen flüſternden blauen See, ſetzten ſie ſich auf das kurze, von den Schafen abgeweidete Gras und ſchauten gen Weſten. Cap um Cap ſtrich unter der Nachmittagsſonne in's Meer hinaus, bis das letzte nur noch wie eine dunkle, über dem Waſſer ſchwebende Wolke erſchien. Jenſeit dieſes Caps war nichts weiter, als Waſſer, dreitauſend(engl.) Meilen weit. Der Anblick war großartig genug, doch ſehr melancholiſch. Ja, weit melancholiſcher, als in einem heulenden Sturme, wo nur das nächſte Vorgebirge matt zu erkennen iſt als eine ſchwarze Wand, welche den Donner der Wogen widerhallt, und wo Meer, Luft und Himmel, wie drei Furien in toller, zerſtörender Einigkeit toben. Da lagen ſie, die Beiden, auf dem kurzen Raſen und ſchauten gen Weſten. Nach einer Weile brach John Marſton das Schweigen. Er ſprach ſehr leiſe und ruhig und ohne William anzuſehen: „Es liegt mir etwas ſehr ſchwer auf dem Herzen, — William. Ich bin kein Narr und mache mir keine krank⸗ haften Scrupel; aber ich habe ſehr unrecht gehandelt. Ich habe gethan, was ich niemals wieder gut machen kann. Ich liebte den Jungen, William!“ William ſagte:„Ja wol!“ „Ich weiß, was Sie meinen. Sie wollten ſagen, daß Jeder, der Charles kannte, ihn liebte, und Sie haben Recht. Er war ſo äußerſt ſelbſtlos, ſo ganz nur darauf bedacht, Anderer Herzen zu gewinnen, daß Niemand umhin konnte, ihn lieb zu haben. Der geſcheidteſte Mann in ganz England könnte ſich mit all' ſeiner Klugheit nicht ſo viele Freunde erwerben, wie Charles Ravenshoe hatte.“ William ſchien dies als einen ſo ſelbſtverſtändlichen Satz zu betrachten, daß er es nicht der Mühe werth hielt, Etwas darauf zu ſagen. „Charles gehörte nicht zu den weiſen Köpfen. Und was mich ſo wüthend auf mich ſelber macht, iſt: ich hatte Einfluß auf ihn und mißbrauchte denſelben. Ich war nicht mild genug mit ihm. Ich pflegte ihn zu verſpotten, und war aufgeblaſen und gebieteriſch gegen ihn. Gott verzeih' mir's! Jetzt hat er irgend einen verzweifelten Schritt gethan und, meinen Spott fürchtend, mir nichts davon geſagt. Ich war feſt überzeugt, er würde zu mir kommen, doch jetzt habe ich alle Hoffnung aufgegeben. Gott verzeih' mir— Gott verzeihe mir!“ Nach einem kurzen Schweigen ſagte William:„Wenn Sie nur ruhig überlegen wollen, Marſton, ſo werden Sie einſehen, daß Sie ungerecht ſind gegen ſich ſelbſt. Er konnte ſich doch vor mir nicht fürchten, und dennoch iſt er auch nicht zu mir gekommen.“ „Natürlich nicht“, ſagte Marſton.„Mir ſcheint, Sie kennen ihn ſchwerlich ſo gut, wie ich ihn kenne. Er fürchtet, daß Sie ihm Geld aufdringen würden, und daß er Ihnen zur Laſt fallen könnte. Ich habe keinen Augenblick er⸗ wartet, daß er zu Euch hier zurückkehrte. Er weiß, daß Sie ihn nimmer verlaſſen, weiß, ſo gut wie Sie ſelbſt, daß Sie ihm alle Ihre Zeit und alle Ihre Gelegenheiten zur eigenen Ausbildung aufopfern würden. Und wenn er ſich von Ihnen abhängig machte, würde er ſich zugleich von Pater Mackworth abhängig machen— dem einzigen Men⸗ ſchen in der Welt, gegen den er Gefühle des Widerwillens und des Mißtrauens hegt.“ William äußerte Etwas in Bezug auf den frommen Herrn, was oft nur als eine harmloſe nationale fagon de parler betrachtet wird, manchmal jedoch, im Particip ge⸗ braucht, von großer Wirkung iſt. Im gegenwärtigen Falle, fürchte ich, war der Sprechende im Ernſte und meinte von ganzem Herzen, was er ſagte. Marſton fluchte niemals; dennoch aber verwies er William bei dieſer Gelegenheit ſein Fluchen nicht, wie er es hätte thun ſollen. Beide ſchwiegen ein paar Minuten. Nach einer Weile legte William ſeine Hand auf Marſton's Schulter und ſagte: „Er hatte nie einen wahrerern Freund, als Sie. Machen Sie ſich keine Vorwürfe.“ „Ich thue es dennoch und werde es thun, bis ich ihn wiedergefunden habe.“ 4, „Marſton“, ſagte William,„was kann er nur mit ſi angefangen haben? Wo, zum Teufel, iſt er hingegangen? W „Lord Saltire und ich ſaßen neulich zwei Stunden lang über dem nämlichen Räthſel und konnten zu keinem andern Schluſſe gelangen, als daß er nach Amerika oder Auſtralien ausgewandert iſt. Er hat kaum Geld genug mitgenommen, um ſich davon zu erhalten. Ich kann es nicht verſtehen. Glauben Sie, daß er Welter aufgeſucht haben könnte?“ „Wäre dies ſeine Abſicht geweſen, ſo hätte er ſie jetzt bereits ausgeführt und dann müßten wir davon gehört haben. Nein“, ſagte William. „Er war zu mancherlei ſonderbaren Dingen fähig“, ſagte Marſton.„Gedenken Sie jener Oſterferien, wo er und Lord Welter und Mowbrah zuſammen fortgingen?“ „Ob ich ihrer gedenke!“ ſagte William.„Ei, ich war mit dabei, und wir hatten den köſtlichſten Spaß. Ziemlich flott allerdings— ja, eigentlich um die Hälfte zu flott. Wir lebten am Severn⸗ und Avon⸗Canal unter den Boots⸗ knechten und Fiſchern und kleideten uns demgemäß. Char⸗ les hatte mit dem dummen Streiche weiter nichts zu thun, als daß er Theil daran nahm und die Tage in fortwähren⸗ dem Lachen hinbrachte. Es war Lord Welter's Einfall. Die Bootsknechte nannten Lord Welter den»Schornſtein⸗ feger« und ſagten, er wäre ein guter Kerl, aber ein fürch⸗ terlicher Flegel. Und das war die Wahrheit,— damals wenigſtens.“ Marſton lachte; nach einer Weile ſagte er:„Schien er ſich je für das Soldatenweſen zu intereſſiren? Glauben Sie, er könnte ſich haben anwerben laſſen?“ „Es iſt möglich“, ſagte William,„ganz gut möglich. Ja, er hat oft mit mir vom Soldatenleben geplaudert. Ich erinnere mich, daß er einmal heiß darauf verſeſſen war, 05 Soldat zu werden; aber er gab die Idee auf, weil es ihn zu ſehr von Mr. Ravenshoe entfernt haben würde.“ Sie wandten ſich um und wanderten nach Hauſe zurück, ohne auf dem ganzen Heimwege ein Wort zu reden. Auf der Brücke ſtanden ſie ſtill und ſchauten, über die Brüſtung gelehnt, in den Bach hinab. Plötzlich legte William ſeine Hand auf Marſton's Arm und ſagte, ihm in's Geſicht ſchauend: „Mit jedem Tage, den wir verlieren, fühl' ich, wird er uns immer weiter entrückt. Ich weiß nicht, was geſchehen mag. Ich werde mich aufmachen und ihn ſuchen. In meinen Mußeſtunden will ich ſchon für meine Ausbildung ſorgen. Bedenken Sie nur, was eben jetzt paſſiren mag! Ich war ein Narr, daß ich es ſo bald aufgab und verſuchen wollte, zu warten, bis er zu uns kommen würde. Er wird nimmer kommen. Ich muß hinaus und ihn holen. Da kommt Cuthbert, der gute Burſche, der ſich um ihn zu Tode härmt. Gehen wir und plaudern mit ihm.“ „John Marſton antwortete:„Recht ſo, getreue Seele; gehen wir!“ Von allen ihren Bekannten war nur ein Einziger, der ihnen hätte Auskunft geben können— Lord Welter, und dieſer war gerade der Allerletzte, den zu befragen ihnen eingefallen wäre. Man denkt wahrſcheinlich, ſobald Char⸗ les gefunden, iſt meine Erzählung ihrem Ende nahe. Aber ich verſichere Euch, daß meine Erzählung noch lange nicht zu Ende iſt. Von der Brücke aus, wo ſie ſtanden, konnten ſie die Dorfgaſſe hinunter ſchauen. Es war eine ſo ſaubere Gaſſe, wie man ſie in einem Fiſcherdorfe nur ſehen kann; das 76 heißt, eigentlich eine ziemlich unordentliche; denn unter allen menſchlichen Beſchäftigungen hat die Fiſcherei mehr Gerümpel und Unflat im Gefolge, als irgend eine andere. Alles, was nicht mehr zu gebrauchen war, wurde auf die Straße hinausgeworfen, und von dem unorganiſchen Theile dieſes Abfalls, nämlich von den Dachſteinen, Ziegeln, Topf⸗ ſcherben und dergleichen, errichteten die Kinder Kaufläden und Bezare, in denen ſie einander den organiſchen Abhub, als da waren: Kohlſtengel, Fiſchgräten und Orangen⸗ ſchalen, verkauften und mit Muſcheln bezahlten. Als Marſton und William eben jetzt zur lebhafteſten Markt⸗ zeit der Kinder die Gaſſe hinabſchauten, ſahen ſie Cuthbert, wie er zwiſchen den Kindern, den Hunden, den Schweinen, den Häringsgerippen und den Ziegelbrocken langſam da⸗ herritt. Er ritt ein edles Pferd und war mit ſeiner gewöhnten untadelhaften Sauberkeit im beſten Geſchmacke gekleidet. Wie er, rückſichtsvoll zwiſchen den Kindern ſeinen Weg ſuchend, einherkam, traten die Fiſcher und ihre Weiber rechts und links aus ihren Häuschen heraus und grüßten ihn freundlich. Früher hätten ſie dies nicht gethan; aber es war bekannt worden, daß er ſich grämte um den Verluſt ſeines Bruders, und das hatte ihre Herzen für ihn erwärmt. Allerdings brauchte es nicht viel, um ihre Herzen für einen Ravenshoe zu erwärmen, wennſchon ſie zu Zeiten ziemlich ſtarre, unabhängige Schelme ſein konnten. Ich ehre das Gefühl alter patriarchaliſcher Zuſammengehörigkeit ſehr, wenn es von keiner der beiden Seiten gemißbraucht wird. In gewiſſen Gegenden von Auſtralien, wo daſſelbe, oder doch etwas ihm ſehr Nahekommendes, noch ſtark her⸗ — — vortritt, habe ich geſehen, wie es auf Hoch und Niedrig einen höchſt wohlthuenden Einfluß ausübt, indem es der einen Partei ein Bewußtſein von Verantwortlichkeit und der andern ein Gefühl von Vertrauen und Zuverſicht ein⸗ flößte.„Da iſt Kapitän Dreiſtern, der Oberſt Strich oder Mr. Soundſo, der wird mich ſchützen und nicht zu⸗ geben, daß mir ein Unrecht geſchieht. Ich habe ihm und ſeinem Vater vierzig Jahre gedient, und er iſt ein Gentle⸗ man, wie ſein Vater vor ihm“,— iſt eine Rede, die man in Auſtralien ſehr oft hören kann. Ja ſelbſt in den Gold⸗ gruben, bei aller Hefe von Amerikanismus und europäiſchem Radicalismus, den man dort findet, wird es einem Aufſeher, der von einer bekannten Familie der Colonie kommt, weit leichter, die Goldgräber in Ordnung zu halten, als einem, von dem man nichts weiß. Alle Leute, wie ſie auch immer ſchwatzen mögen, lieben eine gewiſſe Bürgſchaft der Re⸗ ſpectabilität. In den Colonien beſteht dieſe Bürgſchaft darin, daß der Betreffende in leidlichen Verhältniſſen lebt und»von anſtändigen Leuten herſtammt«. In England darin, daß er und ſeine Vorfahren gute Grundherren und rechtſchaffene Männer geweſen ſind. Eine ſolche Bürgſchaft bieten Leute wie die Ravenshoes; aber darin liegt nicht das ganze Geheimniß ihres Einfluſſes. Dieſer entſpringt mehr aus alter Genoſſenſchaft und Gewohnheit,— einem Momente, welches, zum Beiſpiele, mächtig genug empfunden wird, um gebildete und geſcheidte Männer zu verleiten, mit ihrem Talente und ihrer Beredtſamkeit für das Fortbe⸗ tehen einer Schulanſtalt in einer übervölkerten und unge⸗ ſunden Gegend in die Schranken zu treten, anſtatt Alles aufzubieten, daß dieſe Schule auf das Land verlegt werde, —————————— 78 und zwar, ſo weit man aus ihren Reden entnehmen kann einzig und allein, weil ſie ſelbſt vor zwanzig Jahren dort erzogen worden ſind;— wodurch die Sünden der Väter gründlich heimgeſucht werden an den Kindern! Jetzt mehr als genug von dergleichen. Es wäre zu viel geſagt, wenn man behaupten wollte, Cuthbert ſei ein ſchöner Mann geweſen, wennſchon er dieſe Bezeichnung beinahe verdiente. Er war hoch gewachſen, doch nicht zu ſchlank; denn ſeine Bruſt hat ſich, ſeit wir zuerſt ſeine Be kanntſchaft machten, erheblich in die Breite entwickelt. Sein Geſicht war etwas bleich, aber die Haut vollkommen klar; nur um ſeine Augen zog ſich ein ſchwarzer Kreis. Seine Züge waren ſehr markirt, indeß nicht ſo ſehr, wie die Charles', und in ſeiner Haltung ſprach ſich eine würdevolle Ruhe aus, namentlich in der Art und Weiſe, wie er den Kopf trug und in dem feſt, doch nicht ſtreng ge ſchloſſenen Munde mit kaum merklich aufgeworfener Unter lippe, der etwas ſehr Anziehendes hatte. Dazu war er ein vortrefflicher Reiter und, wie ſchon erwähnt, tadellos gekleidet, und wie er herankam und anſcheinend die Blicke ins Leere ſchweifen ließ, dachten ſowol William als Mar ſton, daß ſie nie ein feineres Specimen von einem Gentle man geſehen hätten. Er hatte ſich ſeit zwei Monaten ſeltſam verändert. Eine ebenſo große Wandlung war mit ihm vorgegangen, wie mit einem Bauerburſchen, den der Feldwebel in die Hände bekommt und zum Soldaten macht. Da iſt noch derſelbe Körper, ſind dieſelben Geſichtszüge, daſſelbe Haar, dieſel⸗ ben Angen. Bill Jones iſt Bill Jones nach wie vor, wenn man ſeiner Mutter glauben darf. Aber Bill Jones, 79 . der Soldat, iſt nicht mehr Bill Jones, der Ackerknecht. t Er iſt eine ganz andere Perſon. Ebenſo war Cuthbert r ſeit der Nacht, in welcher Charles fortging, nicht mehr der Cuthbert von ehedem geweſen. Er war nicht mehr lau— niſch und reizbar; er war ſo ſchweigſam wie immer; allein n er war ſo gelaſſen, ſo ausgeſucht höflich und dabei ſo un⸗ g endlich geduldig und demüthig gegen Jeden geworden, daß u bis auf Einen oder Zwei Alle verwundert waren über die Veränderung, welche über ihn gekommen war. Er hatte Charles leidenſchaftlich geliebt, obgleich er ſeine Hinneigung ſelten verrathen, und der Verluſt deſſelben war ihm ein furchtbarer Schmerz geweſen. Durch ſein aller⸗ dings verbrecheriſches Anerbieten an Pater Mackworth ,—— 6——„— 5 hatte er ſich ferner unendlich vor ſich ſelber erniedrigt. End⸗ lich hatte er die Güter etwas verſchuldet gefunden und be⸗ 6. 72 6 chloſſen, ernſtlich an's Werk zu gehen, um die Angelegen⸗ 3 5 8 heiten wieder in Ordnung zu bringen. Das waren die 35 drei Urſachen, welche Cuthbert Ravenshoe zu einem beſſe⸗ ren Manne gemacht hatten, als er es je zuvor geweſen war. „William“, ſagte er, ihm liebevoll zulächelnd,„ich habe nach Deinem Eigenthume geſehen. Es thut mir wohl, Jemanden zu haben, für den ich arbeiten kann. Du wirſt einſt als ein reicher Mann aus der Welt gehen.“ William erwiderte nichts. Es war eine von Cuth⸗ bert's fixen Ideen, daß er jung und kinderlos ſterben würde. Er behauptete, er habe ein Herzleiden, wennſchon ſeine Befürchtung als völlig unbegründet erſchien. An⸗ 5 fangs hatte William dieſe Idee zu bekämpfen geſucht, jetzt aber den Widerſpruch aufgegeben, da er ihn ſo ganz er⸗ folglos gefunden hatte. 80 Cuthbert ſtieg vom Pferde und ging zu Fuße mit ihnen weiter.„Cuthbert“, ſagte William,„wir ſprachen eben von Charles.“ „Ich denke unaufhörlich an ihn“, antwortete Cuthbert, „gibt es gar kein Mittel, ihn zu finden?“ „Ich will's verſuchen. Ich wollte Dich um etwas Geld und um die Erlaubniß bitten, mich ziehen zu laſſen.“ „Geh' lieber auf der Stelle, William. Verſuche, ob Dir die Polizei nicht helfen kann. Wir ſind beinahe über zeugt, daß er nach Amerika gegangen iſt, wenn er ſich nicht etwa hat anwerben laſſen. In dem einen wie in dem andern Falle iſt es ſehr möglich, daß wir ihn finden. Es würde der Tante Ascot gelungen ſein, wenn ſie nicht die Geduld verloren hätte. Sind Sie auch der Anſicht, mein lieber Marſton?“ „Gewiß, Ravenshoe“, ſagte Marſton.„Meinen Sie nicht, Mr. Mackworth, daß wir, wenn die Sache recht ernſtlich und verſtändig angegriffen wird, Charles noch wiederfinden könnten?“ Sie waren auf der Terraſſe angelangt, und Pater Mackworth ſtand vor der Vorhalle. Er meinte, er hielte das für vollkommen möglich.„Was ſage ich, möglich!“ ſetzte er hinzu;„ich bin ebenſo feſt davon überzeugt, daß ich Charles Horton wieder hier in Ravenshoe ſehe, als davon, daß ich heute zu Mittag ſpeiſen werde.“ „Und ich“, ſagte Cuthbert,„habe dieſelbe zweifelloſe Gewißheit, daß wir die arme Ellen hier wiederſehen wer⸗ den; das arme Kind! ſie ſoll einen warmen Empfang haben.“ ter elte “ daß gls oſe er⸗ ng . Pater Mackworth ſprach, er hoffte es von ganzem Herzen. Und er erſtickte nicht an der Lüge! „Wir ſind im Begriffe, William nochmals nach ihm auszuſenden, Pater Mackworth“, ſagte Cuthbert. „Er thäte viel beſſer, wenn er zu Hauſe bliebe und ſeine geiſtige Ausbildung im Auge behielte“, ſagte Pater Mackworth. William hatte ihnen den Rücken zugekehrt und ſchaute pfeifend nach dem Meere hinaus. Bei den Worten des Prieſters wandte er ſich raſch zu ihm um und ſagte: „Wie? Was war's?“ Der Prieſter wiederholte, was er geſagt hatte. „Ich denke, daß dies meine Sache iſt und nicht die Ihrige, wie? Ich beabſichtige nicht noch einmal in die Schule zu gehen; am allerwenigſten aber bei Ihnen.“ Cuthbert ſchaute vom Einen zum Andern und ſagte nichts. Einige Tage vorher waren William und der Prieſter an einander gerathen und als ſich darauf Mack⸗ worth bei Cuthbert beklagt, hatte ihm dieſer mit der größten Freundlichkeit und Höflichkeit entgegnet, er könne ſich nicht in die Sache miſchen. William wäre der Erbe von Ra⸗ venshoe und er, Cuthbert, dürfte ſich in der That nicht die geringſte Autorität über ihn anmaßen. Damals hatte Mackworth nichts weiter erwidert; heute aber folgte er Cuthbert in das Bibliothekzimmer und ſagte: „Cuthbert, ich habe das nicht von Ihnen erwartet. Sie haben mich ſchon zwei Mal von ihm inſultiren laſſen und es ihm nicht verwieſen.“ Cuthbert lehnte ſich mit dem Rücken an die Thür und ſprach: Kingsley, Ravenshoe. I. 6 — 82 „Jetzt werden Sie das Zimmer nicht eher verlaſſen, als bis Sie mir für dieſe gottloſen Worte eine Entſchul⸗ digung gemacht haben. Mein lieber Alter, welch'ein Narr Sie ſind! Haben Sie ſich nicht von jeher mit ihm gezankt? Ich bitte Sie, fechten Sie es mit ihm aus; aber zwingen Sie mich nicht, daß ich Partei ergreife. Ich werde das nimmermehr thun und ſage es Ihnen offen. Geben Sie's ihm. Wer verſteht dies ſo gut, wie Sie? Bedenken Sie, wie ſehr verändert ſeine Stellung iſt. Wie können Sie verlangen, daß ich Ihre Partei gegen ihn nehme?“ Pater Mackworth entrunzelte ſeine Stirn, lachte und ſprach:„Sie haben Recht, Cuthbert; ich will den Schelm ein Mal ordentlich vornehmen. Er hat Luſt, über den Strang zu ſchlagen; aber ich werde ihn zurückpeitſchen. Ich bin noch mit jedem Ravenshoe fertig geworden, mit dem ich zu thun hatte, Sie ſelber eingeſchloſſen, und es wäre hart, wenn ich mich von dieſem neuen Kerlchen ſchla⸗ gen laſſen müßte.“ Cuthbert entgegnete herzlich:„Ich glaube, Sie lieben mich, Mackworth. Zanken Sie ſich mit ihm nicht mehr, als nothwendig iſt. Ich weiß, daß Sie mich lieb haben.“ Darauf ging Cuthbert, John Marſton aufzuſuchen. Ihn lieb haben! Ja, in der That, er liebte ihn. Pater Mackworth konnte grauſam, hart, falſch und rachſüchtig ſein. Er konnte lügen und betrügen, wenn es noth that. Er war herzlos und ehrgeizig. Aber er liebte Cuthbert. Es war eine Liebe, die lange Zeit gebraucht hatte zu ihrem Wachsthume; aber jetzt war ſie da und er ſchämte ſich ihrer faſt. Sogar ſich ſelber ſuchte er einzureden, daß es nichts war als Ehrgeiz und Eigennutz, daß er mit Cuthbert 83 freundlich umging, weil er ſeinen Platz in Ravenshoe zu behaupten wußte. Selbſt jetzt noch gab er ſich Mühe, ſich dies einzubilden,— vielleicht um ſo mehr, da er einzuſehen begann, daß es eine ſchwache Stelle in ſeinem Herzen gab und daß Cuthbert Herr war darüber. Seit jener Nacht, in welcher Cuthbert ihm die zehntauſend Pfund geboten und er ſie ausgeſchlagen hatte, war Cuthbert nicht mehr der Alte gegen ihn geweſen. Und Mackworth, welcher er⸗ wartet hatte, dadurch ſeinen Einfluß geſteigert zu ſehen, fand zu ſeinem Erſtaunen, daß dieſer von jenem Augen⸗ blicke an verſchwunden war. Cuthbert's durch und durch empfindliche Natur empörte ſich gegen die Herrſchaft eines Mannes, vor welchem er ſich ſo tief erniedrigt hatte, und mit Feſtigkeit, wenngleich demüthig genug(denn er war ein umgewandelter Menſch, ſeitdem er geſehen hatte, wie nahe er daran geweſen war, ein Schurke zu ſein) deutete er ihm an, daß er fortan auf eigenen Füßen ſtehen wollte. Pater Mackworth wurde bald gewahr, daß Ravenshoe zwar ein bequemes Obdach für ihn, ſeine Macht aber darin zu Ende war. Wenn nicht! Und dennoch wußte er ſich im Beſitze einer Macht, von der ſich Niemand träumen ließ. Möglicherweiſe liegt es in der Gewalt eines Verurtheilten, das Gefängniß niederzu⸗ brennen, und vielleicht in ſeinem Intereſſe; allein er hat ſeine Scrupel. Mackworth verſuchte ſich einzureden, daß er ſeine Macht deshalb nicht gebrauchte, weil es nicht rathſam war. Er war eine Null im Hauſe und wußte inſtinctmäßig, daß er nie wieder mehr werden würde. In Wahrheit aber glaube ich, daß er ſeine Macht um Cuth⸗ bert's willen ſchlafen ließ. 6* ———— „Wer hätte gedacht“, ſprach er zu ſich ſelber,„daß gerade das, wodurch ich meine Macht auf immer zn be⸗ feſtigen hoffte, ſie zerſtören würde? Sind nicht die Leute Narren, welche Regeln aufſtellen wollen für die menſch⸗ liche Handlungsweiſe? Doch, nein. Sie haben vielleicht in zehn Fällen fünf Mal Recht. Was aber die anderen fünf Fälle betrifft! Bah!“ „Nein, das will ich nicht einräumen. Es war meine eigene Schuld. Ich hätte ſeinen Charakter beſſer kennen ſollen. Indeſſen hier hätte ich es nicht ändern können; denn er that es ſelbſt. Ich war paſſiv.“ Cuthbert begab ſich in die Halle zu Marſton und ſagte: „Sie werden doch nicht gehen, Marſton, weil William geht?“ „Bedürfen Sie meiner?“ ſagte Marſton. „Ja“, entgegnete Cuthbert.„Sie müſſen bei mir bleiben. Meine Zeit iſt gemeſſen, und ich muß noch ſo viel wie möglich von dieſer Welt kennen lernen. Ich habe noch viel zu thun; Sie müſſen mir helfen. Ich will mich wie ein Kind in Ihre Hände geben. Ich will im alten Glauben ſterben; aber ich will etwas Neues kennen lernen.“ So blieb denn Marſton bei ihm, und Beide wurden große Freunde. Hinſichtlich der Verwaltung der Herr⸗ ſchaft blieb Cuthbert nichts mehr zu erlernen; darin war er Marſton's Meiſter. Aber Alles, was ein erfahrener junger Weltmann einem Bücherwurme beibringen konnte, — alles das erlernte Cuthbert von Marſton. Eines Tages begegnete Marſton dem Dorfarzte, dem⸗ ſelben, der zu Anfange dieſer Erzählung William(den wir ne damals für Charles hielten) zu Norah brachte. Marſton frug ihn, ob Cuthbert's Herzleiden wirklich begründet wäre? „Nicht der leiſeſte Schatten davon“ ſagte der Doctor. „Es iſt die unerträglichſte Grille, die mir jemals vorkam. Allein er hat ſich die Sache einmal in den Kopf geſetzt. Von jeher war er ſehr hypochondriſch. Er hat ebenſo viel Ausſicht, achtzig Jahre alt zu werden, wie Sie.“ ———————————— Siebentes Rapitel. Der Ruin war über die Familie Ascot hereingebrochen, wie wir wiſſen. Lord Ascot, im ſechsundvierzigſten Jahre durch einen Schlaganfall zum Krüppel gemacht, lag in South⸗Audley⸗Street und ließ ſich von ſeiner Mutter pflegen. Die Kiſten, die wir im Hotel auf der London⸗ Brücke zur Reiſe ins Ausland bereit ſahen, waren noch dort, waren nicht in die Fremde gegangen,— aus dem ein⸗ fachen Grunde, weil Herodias das Oaks⸗Rennen*), und damit Lord Welter, Einige ſagten ſieben, Andere ſiebenzig tauſend Pfund gewonnen hatte.(In Wirklichkeit hatte er neuntauſend Pfund gewonnen.) So konnten alſo die Kiſten einige Tage bleiben, wo ſie waren, und er ſeinen gewöhn⸗ lichen Beſchäftigungen in Ruhe nachgehen, da alle ſeine Ehrenſchulden gedeckt waren. Nur mit genauer Noth hatte er ſich vor öffentlicher Blosſtellung gerettet. Glücklicherweiſe für ihn, hatte er am Derby⸗Tage hauptſächlich nur mit einigen Freunden *) Das Oaks⸗Rennen iſt auch einer der in Epſom wäh⸗ rend ſeiner großen Woche abgehaltenen Renntage. D. Ueberſ. . 87 gewettet, von denen Hornby einer war. Sie Alle warte⸗ ten und ſagten nichts, bis nach dem Oaks⸗Rennen, wo ſie bezahlt wurden und Welter wieder ſein Haupt erheben konnte. Der Großmuth Hornby's und Sir Charles Ferrers' hatte er ſeine Ehre zu verdanken,— gerade den beiden Männern, die er hatte betrügen wollen. Aber er lachte und verzehrte ſein Mittagsbrot und ſagte, ſie wären gute Kerle, und dachte nicht weiter daran. In Ranford waren die Gerichtsdiener. Die Diener⸗ ſchaft war entlaſſen und die Pferde waren bereits bei Tatterſall zum Verkaufe ausgeboten. Man erzählte, daß ein bejahrter Jnde, welcher zu den Gläubigern gehörte, bei ſeinem Umherſtöbern auch auf den Hühnerhof kam, und dort heimlich den berühmten Kampfhahn„Sampſon“ — ſeit ſeinem Kampfe mit„Jung Landsmann“ der erſte Kampfhahn von England— abgeſchlachtet, gebraten und zu eſſen verſucht hatte. Als ihn der alte Geflügelwärter aber unterrichtete, daß Mylord erſt vor vierzehn Tagen ſechzig Guineen für dieſen Vogel ausgeſchlagen hatte, war der Jude(ſo ging die Sage), ſchreiend und ſich das Haar ausreißend, aus dem Hauſe geflohen und hatte die alte Lady Hainault, die ebenfalls zu einem Raubzug in ihrem Ponywagen herübergekommen war, auf der Treppe umge⸗ rannt und flach auf ihren Rücken gelegt. Miß Hicks, die mit den Shawls hinter ihr dreinſchritt, hatte ſie wieder aufgehoben, ſagte man, und„es abgekriegt.“ War Adelaide auch überall ſchön, ſicher zu Pferde war ſie es mehr noch, als ſonſtwie oder wo. Das wußte Nie⸗ mand beſſer, als ſie ſelbſt. Sie gehörte zu den Erſten, die mit einem jener niedrigen runden Hüte— einem ſo⸗ genannten Amazonenhute— im Parke erſchienen. Wie ich glaube, ſind dergleichen Hüte ſelbſt jetzt noch nicht de rigueur; allein Adelaide war niemals ſehr ſerupulös, ſo lange ſie nur ſchön ausſah. Sie hatte entdeckt, wie wun⸗ dervoll ſich ihre vollkommene Larve unter den nachläſſigen, unregelmäßigen Biegungen jener Kopfbedeckung ausnahm und wie hell und glänzend ſich ihre blonden Haarflechten von einer ſchwarzen Straußenfeder abhoben, die auf ihre Schulter herabwallte. Alſo hatte ſie ſich den Amazonen⸗ hut erwählt und war, ſeit ſie Lady Welter geworden, zwei⸗ mal damit im Parke erſchienen. Lord Welter hatte ſich um dieſe Zeit— das heißt gleich nach dem Oaks⸗Rennen— beſonnen, daß es ihm gefallen würde, ſein ſchönes Weib auszuführen und im Parke zu zeigen. Seine Speculation auf Hornby war übel ausgefallen, ja, Hornby hatte zuſammen ihm eine hübſche Summe abgenommen, und er mußte ſich daher nach einer andern Beute umſchauen. Dieſer Andere, ein Ungar, Namens Pſcechenyi, ein vermögender junger Mann, hatte ſein Entgegenkommen mit ziemlicher Kälte erwidert. Es wurde deshalb nothwendig, Adelaide als Lockvogel auszuhängen. Lord Welter wußte, daß Adelaide, wenn er ſie zu einem Spazierritte mit ihm aufgefordert und durch gewöhnliche Ueberredungsmittel dazu hätte beſtimmen wollen, höchſt wahrſcheinlich nicht mit gekommen wäre. Darum that er nichts desgleichen. Er und ſie verſtanden einander voll⸗ kommen. In Allem herrſchte das unbedingteſte Vertrauen zwiſchen ihnen. Gegen einander waren ſie vollkommen aufrichtig, und dieſe Aufrichtigkeit erzeugte ein gegenſeiti⸗ — — 89 ges Gefühl von Treue und Glauben, welches ſchließlich zu etwas Beſſerem reifte. Sie begannen das Leben zuſam⸗ men ohne irgendwelche Liebesbetheuerungen; aber aus Ge⸗ wohnheit und Charakterähnlichkeit erwuchs am Ende eine Zuneigung. Sie wußte Alles, was Lord Welter anging, nur Eines nicht, was ſie jedoch alsbald erfahren ſollte und was keine Bedeutung hatte, und war ſtets bereit, ihm zu helfen, vorausgeſetzt, wie ſie ſagte, daß er ihr nichts vorſchwindele; was, wie wir wiſſen, Se. Lordſchaft auch ohne ihre Warnung nicht zu thun liebte. Eines Morgens trat Lord Welter in ihr Toiletten⸗ zimmer und ſagte: „Da iſt ein Billet von Pſcechenyi. Er will heute Abend nicht kommen.“ „Wirklich!“ ſagte Adelaide, ihr Haar mit der Bürſte glättend;„ich hätte ihm nicht ſo viel Verſtand zugetraut. Er kann alſo nicht ſo dumm ſein, wie er ausſieht.“ „Wir müſſen ihn herſchaffen“, ſagte Lord Welter. „Das verſteht ſich“, ſagte Adelaide.„Ich kann es wahrlich nicht länger geſtatten, daß eine ſo fette Gans ungerupft umherläuft. Ahl ah! er intereſſirt ſich für Lady Brittlejug, nicht wahr? Ich gehe heute Abend in ihre Geſellſchaft, und will ihr ihn unter der Naſe wegfiſchen und Dir nach Hauſe bringen. Aber ich bitte Dich, beute ihn beſſer aus, als Du Hornby ausgebeutet haſt; ſonſt werden wir nächſtens zuſammen im Arbeitshauſe ſitzen.“ „Ich will mein Möglichſtes thun“, entgegnete Lord Welter lachend.„Doch ſchau' her! Ich glaube nicht, daß Du ihn auf dieſe Weiſe fangen wirſt. Beim Kerzenlicht iſt ſie ebenſo ſchön, wie Du; aber reiten kann ſie den Kukuk. 90 Komm' heute Nachmittag in den Park hinaus. Er wird dort ſein.“ „Sehr wohl“, ſagte Adelaide;„Du weißt es vermuth⸗ lich am Beſten. Ich freue mich einmal einen Spazierritt zu machen. Alſo um halb drei Uhr.“ Um die beſtimmte Stunde alſo ritten dieſe beiden un⸗ ſchuldigen Lämmlein in Gottes ſchöne Sommerluft hinaus. Lord Welter, groß, dick, roth, gut gelaunt und tadellos ge⸗ kleidet, ſaß zu Pferde wie wenig Andere, das Muſter eines offenen engliſchen Edelmanns. Adelaide, über alle Be⸗ ſchreibung ſchön und ätheriſch, in makelloſer Toilette und Haltung, ritt liebend und vertrauensvoll im Schatten ihres Herrn und Gebieters und war ganz die glückliche, ſchüchterne junge Gattin. Sie hatten keinen Reitknecht mit. Weozu brauchte wol ein armes, einfaches Ehepaar, wie ſie waren, noch einen Reitknecht? Es war ein ſchöner Anblick, und Viele wandten ſich und ſchauten ihnen nach. Als ſie aber in der South⸗Audley⸗Straße an Lord Ascot's Hauſe vorbeiritten, ſagte dieſer, der mit Marſton am Fenſter ſtand, ſehr nachdrucksvoll. „Wahrlich, ich möchte gern wiſſen, auf welches Höllen⸗ unheil die Beiden jetzt ausreiten! Es iſt ſolch' ein Anſtrich von ländlicher Einfachheit um ihre ganze Erſcheinung, daß ſie eine ſehr, ſehr———“ hier hielt er inne, nahm eine Priſe und ſchaute Marſton gerade in's Geſicht—„eine ſehr entſchiedene Abweichung von allen moraliſchen Zwecken ahnen läßt.“ Inzwiſchen klepperten die beiden harmloſen Leutchen durch den„Marmorbogen“ in den Park ein und nahmen die Richtung von Rotten⸗Row. Im Reitwege angelangt, begannen ſie einen kleinen Galopp. Hier ſahen ſie Pſcechenyi mit Hornby und Miß Buckjumper; doch nahmen ſie keine Notiz von ihnen, ſondern ritten ruhig bis zum Kenſington⸗ Thor.„Wer iſt die Dame im Federhute?“ frug Jeder, der ſie nicht kannte.„Lady Welter“, antwortete Jeder, der ſie kannte, und was ſie auch ſonſt noch über ſie hinzufügen mochten, ſo waren doch Alle darüber einig, daß ſie wunder⸗ bar ſchön und eine unvergleichliche Reiterin war. Als ſie langſam zurückkehrten, fanden ſie Hornby und den Ungarn, die am Geländer ſtanden und mit einigen Damen plauder⸗ ten. Sie ritten dicht an die Gruppe heran und miſchten ſich in die Unterhaltung. Und Adelaide ſah ſich neben Miß Buckjumper(jetzt Lady Handlyeroß). Adelaide gereichte es zu einiger Genugthuung, an der Seite dieſer berühmten Reiterin und Schönheit geſehen zu werden. Sie war ja feſt überzeugt, daß die Vergleiche zu ihren Gunſten ausfallen würden. Dies war auch der Fall. Wenn je eine tadellos geformte Naſe im Unmuthe ge⸗ rümpft wurde, dieſe Naſe befand ſich heute in Miß Buck⸗ jumper's Angeſichte. Nichtsdeſtoweniger bemühte ſie ſich, dies nicht bemerkbar werden zu laſſen. Sie hatte eine ge⸗ wiſſe Achtung vor Adelaide, als einer Frau, die geſcheidt zu manövriren verſtanden hatte. Galoppirte ſie ſelbſt nicht um eine Grafenkrone? Bald hatte ſich eine ziemlich zahlreiche Gruppe um ſie verſammelt und faſt ununter⸗ brochen ließ ſich Lord Welter's geräuſchvolles Lachen hören. Die Luſtwandler, die im Parke ſpazieren gingen, um die „vornehmen Leute“ zu ſehen, ſtanden außerhalb des Cirkels ſtill, um ſie anzuſehen, und kamen wieder und wieder vorbei. Mr. Pelagius J. Bottom aus New⸗York, deſſen 92 Vater nach Athen auswanderte und dort in der Seiden⸗ weberei ein großes Vermögen machte— zur Zeit des Königs Theſeus— ſtieg auf eine Bank und betrachtete ſie mit einem großen doppelten Opernglaſe. Nie hatte es einen größern Succeß gegeben. Der Ungar dachte nicht mehr an Hornby's Warnungen, oder an Miß Buckjumper, oder an Lady Brittlejug. Er war rettungslos verliebt und zerbrach ſich den Kopf um einen Vorwand, wie er ſeine Abſage von heute Morgen zurücknehmen könnte. Pelagius Jas. Bot⸗ tom wäre zu gern gekommen und hätte die väterliche Spinnerei mit der größten Bereitwilligkeit auf die Würfel geſetzt; aber leider lauteten alle ſeine Empfehlungsbriefe nur an reſpectable Leute und kein einziger war an Lord und Lady Welter gerichtet. Alle die jungen Burſchen wären gekommen und hätten die ganze Nacht hindurch ge⸗ ſpielt bis zum andern Morgen, bis die Glocken zur Kirche luden, Alles um ihretwillen. Wie Lord Welter ihr an dieſem Abende offen geſtand, war ſie die beſte Speculation, in die er ſich bisher noch eingelaſſen hatte. Indeſſen brauchten ſie nicht alle dieſe jungen Herren. Zu viele Köche verderben den Brei. Sie brauchten nur den jungen Ungarn. Deshalb ſagte Lord Welter nach einer kleinen Weile:„Ich hatte gehofft, Sie heute Abend bei uns zu ſehen.“ Das war mehr als genug. Fünfzig Hornby's hätten ihn jetzt nicht mehr zurückgehalten. Noch immer hielten ſie und plauderten. Adelaide fühlte ſich faſt glücklich. Welche von all jenen ehrbaren Frauen beſaß ſolche Macht wie ſie? Ein Ausdruck von Stolz und Bewunderung zeigte ſich ſelbſt in Lord Wel⸗ ter's dummem Geſichte. Ja, es war ein großer Succeß! 93 Da mit einem Male drängte ſich Alles an das Geländer, und ein Geflüſter lief durch die Menge:„Die Königin! Die Königin!“ Adelaide wandte ſich gerade in dem Aungenblicke um, wo die Vorreiter ihr gegenüber waren. Fünfzig Schritte vor ihr ſah ſie die rothbraune Equipage und wußte, daß Lady Emily Montford, die auf Lady Hainault's Hochzeit mit ihr zuſammen als Brautjungfer fungirt, heute den Dienſt als Hofdame hatte. Hornby erklärt die ganze Ge⸗ ſchichte für vorher abgekartet. Sein wir chriſtlicher und nehmen an, daß ihr Pferd vor den rothen Röcken der Vor— reiter ſcheute. Wie dem aber auch war, das Thier wurde wild, ſtellte ſich auf die Hinterbeine und ſauſte gerade auf den königlichen Wagen zu. Etwa zehn Schritte von dem⸗ ſelben brachte ſie es zum Stehen; doch bäumte ſich's wüthend auf. Indem ſie die rechte Hand erhob, um ihren Hut feſter auf den Kopf zu drücken, ſtieß ſie denſelben mit der Reitgerte herunter und ſaß jetzt entblößten Hauptes da, von dem ſich eine ihrer goldenen Flechten gelöſt hatte und heruntergefallen war,— ein Anblick, den Niemand wieder vergaß, dem er zu Theil wurde. Sie gewahrte einen Ausdruck ſtaunender Bewunderung im Geſichte der Königin und in Lady Emily's Antlitz einen Blick milden Bedauerns. Sie ſah, wie Ihre Majeſtät ſich vorbeugte und nach ihr frug. Sie ſah, daß ihr Name über Lady Emily's Lippen ging, und dann gewahrte ſie, wie die Kö⸗ nigin ſich mit ſtrenger Miene abwandte und feſt nach der entgegengeſetzten Seite blickte. Zorn und Wuth tobten in ihrem Herzen und zeigten ſich eine Secunde lang in ihrem Geſichte. Ein Groom 94 war herzugelaufen und hatte ihren Hut aufgehoben. Sie bog ſich nieder, um ihm denſelben abzunehmen und bemerkte, daß es Charles Ravenshoe war. Augenblicklich beſänftigten ſich ihre Züge wieder. Das arme Weſen! Sie mußte trotz alledem ein gutes Herz haben, wie tief es auch eingebettet lag in einer Kruſte von Eitel keit und Stolz und Selbſtſucht. Jetzt, in ihrem Zorn und ihrer Scham, hätte ſie weinen mögen, als ihr altes Lieb ſo tief geſunken vor ihr ſtand. Aber da war keine Zeit zum Weinen oder zu mehr als ein paar kurzen, ſcharfen Worten; denn die Geſellſchaft näherte ſich. „Was iſt das für ein Unſinn, Charles?“ rief ſie. „Was ſoll dieſe Maskeraded Kommſt Du, um meine Schande zu verdoppeln? Geh' nach Hauſe und leg' dieſen Anzug ab und verbrenne ihn. Iſt Dein ganzer Stolz ge ſtorben, daß Du Dich öffentlich ſo erniedrigen kannſt? Biſt Du in Verzweiflung, wie es ſcheint, warum biſt Du dann nicht im Kriege? Dort können ſie verzweifelte Leute gebrauchen. O, wenn ich doch ein Mann wäre!“ Sie ſchieden. Außer Lord Welter und Hornby wußte Niemand, wer Charles war. Der Erſtere ſah, daß ihn Adelaide erkannt hatte und ſagte, als ſie in ihrer beſchei denen Einfachheit nach Hauſe ritten: „Ich wußte, daß der arme Charles ein Reitknecht ge worden iſt. Er hat ſeine Schweſter neulich in unſerm Hauſe geſehen. Ich habe Dir nichts davon geſagt, kaum weiß ich, warum nicht. Wahrlich, Adelaide, ich glaube, der Grund war, weil ich D meinſt Du dazu!“ Er ſchaute ſie an, wie wenn er erwarte, daß ſie ihren ich nicht ärgern mochte. Was 95 Unglauben an ſeinen Worten ausdrücken ſollte. Aber ſie ſagte: „Ja, ich glaube Dir, Welter. Du biſt kein boshafter Menſch, obgleich Du ſelbſtſüchtig biſt und keine Grundſätze haſt. Ich bin gerade ſo, vielleicht noch in höherem Maße, als Du. Um welche Zeit wird der ungariſche Narr heute Abend kommen?“ „Um halb zwölf Uhr.“ „Ich muß in die Geſellſchaft bei der Brittlejug. Ich muß mich dort zeigen, um mit ihr auf freundſchaftlichem Fuße zu bleiben. Sie hat eine ſo entſetzlich böſe Zunge. Gegen zwölf Uhr werde ich aber nach Hauſe kommen.“ „Ich wollte, Du könnteſt zu Hauſe bleiben.“ „Ich wage es wirklich nicht, mein lieber Welter. Ich muß zu ihr gehen. Doch will ich bei guter Zeit nach Hauſe kommen.“ „Natürlich wirſt Du thun, was Dir gefällt“, ſagte Lord Welter mit einem leichten Anfluge von Verdruß. Und als er allein war, ſprach er zu ſich ſelbſt: „Sie will Charles Ravenshoe ſehen. Nun, vielleicht iſt das ihre Schuldigkeit. Sie hat verdammt ſchlecht an ihm gehandelt, und ich nicht minder“ Achtes Rapitel. Lord Ascot war alſo nach ſeiner Stadtwohnung in South⸗Audley⸗Street geſchafft worden, und Lady Ascot pflegte ihn. General Mainwaring war fort nach Varna. Aber Lord Saltire hatte den Kranken getreulich beſucht und ſehr oft Marſton mitgebracht, der, wie man ſich ent⸗ ſinnen wird, ein alter Freund von Lady Ascot war. Das Haus war nichts weniger als unangenehm. Lord Ascot war allerdings ein Krüppel ſeit jenem Schlaganfalle, welcher ihn bei dem Rennen zu Epſom getroffen, und ruinirt zugleich. Aber Alle wußten ja nun das Schlimmſte und fühlten eine Art von Erleichterung bei dem Gedanken, daß eben nichts Schlimmeres mehr kommen konnte, als das Schlimmſte, und es ſomit vielmehr beſſer werden mußte. Ja, Alle, die damals in dieſem Familienkreiſe Zutritt gehabt hatten, erinnerten ſich jener Tage als einer ſehr friedlichen und glücklichen Zeit. Lord Ascot war natürlich der erſte Gegenſtand der allgemeinen Theilnahme und Auf⸗ merkſamkeit, und einen ſanfteren und fügſameren Kranken, als ihn, den armen Mann, konnte man ſich nicht leicht vorſtellen. Er las leidenſchaftlich gern Romane(eine S höchſt tadelnswerthe Schwäche) und war daher leicht zu unterhalten. Lord Saltire ſpielte mit ihm Piquet und jeden Abend hatte man ſein dreiſtündiges Whiſt, bis ſchließ⸗ lich der Arzt noch einmal nachſah und Lord Ascot zu Bette gebracht wurde. Marſton war immer der Partner von Lord Ascot, weil Lord Saltire und Lady Ascot nicht gegeneinander ſpielen wollten. Wie ſich von ſelbſt verſteht, war Lord Saltire einer der beſten Whiſtſpieler in ganz Europa, und ich glaube in Wahrheit, daß Lady Ascot keineswegs zu den ſchlechteſten gehörte. Noch heute ſteht die Geſellſchaft vor mir. Ich ſehe, wie Lady Ascot ihre Karte auf den Tiſch legt und ihren Partner anblickt, wie um ſeine Aufmerkſam⸗ keit auf die von ihr ausgeſpielte Farbe zu lenken. Und ich kann ſehen, wie Lord Saltire darauf ſeine Tabaksdoſe her⸗ ausnimmt, als ob er wol verblüfft, nicht aber beunruhigt wäre. Auch William kam zuweilen und ſaß ruhig hinker Marſton oder Lord Saltire und ſchaute dem Spiele zu. Kurz, ſie waren eine ſehr friedliche, glückliche, kleine Ge⸗ ſellſchaft. Eines Abends— es war an demſelben Abende, an dem Adelaide ihren Hut im Parke verloren hatte— wurde kein Whiſt geſpielt. Marſton hatte unerwartet nach Oxford reiſen müſſen und William war gekommen, ſie davon in Kenntniß zu ſetzen. Lady Ascot meinte, ſie wäre eigentlich froh hierüber, da ein Freund zum Thee kommen würde, der nicht ſpielte, und ſo ſetzte ſich Lord Saltire zu Lord Ascot und machte mit ihm eine Partie Piquet, während William mit ſeiner Tante plauderte. „Wer iſt Ihr Freund, Maria?“ frug Lord Saltire. Kingsley, Ravensbee. III. 7 98 „Ein Mr. Bidder, ein Geiſtlicher. Er hat ein Buch über die»Offenbarung« geſchrieben, das ſie wirklich leſen ſollten, James; es würde Ihnen ſehr zuſagen.“ Beide lachten. „Ueber die ſieben Siegel, wie?“ ſagte Lord Saltire, „septem phocae«*), wie es Machynleth einſt in Eton überſetzte. Wir haben ihn danach Vitulina getauft, und der Name blieb ſein Lebelang an ihm kleben. Ein capitaler Name auch für ihn! Seine lärmende Faſelei in dieſer Kriegögeſchichte iſt ganz wie die alte Ueberſtürzung, mit der er die Wörter im Dictionäre aufſuchte. Er iſt ein Eſel, WMrie, und ich wette fünfzig Pfund, Ihr Freund, der Geiſtliche, wird auch einer ſein.“ „Wie können Sie das wiſſen? Jedenfalls iſt der Mann, den er mitbringen wird, keiner.“ „Auch ein Geiſtlicher?“ „Za, ein Herrnhuter Geiſtlicher aus Auſtralien.“ „Dann iſt er ſicher auch ein Eſel; denn ſonſt würde er als Miſſionär nach einem weniger abſcheulichen Platze ge⸗ gangen ſein. Neulich ſind dort Alle bis in's Meer hin⸗ aus verbrannt, und gleich darauf ſtiegen die Flüſſe um ſiebenzig Fuß und erſäuften die Uebrigen. Bald nachher wurden Mr. Bidder und Mr. Smith gemeldet. Mr. Bidder war ein ganz unmerkwürdiger Mann; aber Mr. Smith einer der merkwürdigſten, die ich ie geſehen, oder vielmehr gehört habe— denn äußerlich *) Ein Wortſpiel, das ſich im Deutſchen nicht wiedergeben läßt. Seal heißt nämlich ſowol Siegel, als Robbe oder See⸗ hund. D. Ueberſ. uch ſen ith ich 99 war nichts Merkwürdiges an ihm, wenn man eine ſchöne Stirn und ein großes ausdrucksvolles graues Auge aus⸗ nimmt, welches, wenn er mit Einem ſprach, wie aus einer weiten Entfernung hervorzukommen und ſich auf das unſrige zu heften ſchien. Seine Manieren waren voll— kommen. Er war ziemlich ſchweigſam; obgleich ſtets freundlich bereit, auf die natürlichſte Weiſe über ſeine Reiſen zu belehren. Wollte der Eine etwas über Botanik oder was ſonſt auch wiſſen, er gab ihm die gewünſchte Auskunft. Hatte ein Anderer über das Miſſionsweſen zu fragen, er war ebenfalls Rede zu ſtehen bereit. Nie ſprach oder handelte er auch nur einen Augenblick lang unwahr. Er ſpielte nie den freien, leichten Weltmann, wie dies ſo manche Geiſtliche von allen Secten zuweilen für nöthig erachten und dann die Wirklichkeit ungefähr ebenſo glücklich copiren, wie wenn Paul Bedford*) die Fanny Elsler nachahmen wollte. Was ihn merkwürdig machte, war ſein entſetzlicher Ernſt und das Gefühl, welches Ihr hattet, daß ſeine eigen⸗ thümliche Sprache natürlich war und etwas zu bedeuten hatte, und zwar etwas ſehr Wichtiges. Er hat etwas mit unſerer Erzählung zu ſchaffen. Die Strohhalme in der Goſſe haben oft eine Bedeutung in der Geſchichte eines Mannes wie Charles, der Alles dem Zu⸗ falle überläßt. Und dieſer Smith iſt unſerer Beachtung ſehr werth. Deshalb habe ich ſo viel über ihn geſagt und werde noch mehr von ihm erzählen. Mr. Bidder ſprach ſehr viel vom ruſſiſchen Kriege, den er durch Bilder aus der Offenbarung illuſtrirte. Er *) Ein beliebter engliſcher Komiker der Jetztzeit. 7 100 war jedoch ein guter Burſche und hatte Tact genug, um zu ſehen, daß ſein Freund Smith ein Gegenſtand größeren Intereſſes für Lady Ascot war, als er ſelber. Darum widmete er ſich, das Feld räumend, wieder ſeiner Lectüre. Mr. Smith ſaß neben Lady Ascot, und William nahm ſeinen Platz in nächſter Nähe. Lady Ascot begann na⸗ türlich mit einem Gemeinplatze. „Sie haben unter jenen Wilden gewiß große Be⸗ ſchwerden und Mühſale ertragen müſſen, nicht wahr, Mr. Smith?“ „Beſchwerden? O, durchaus nicht, meine verehrte Dame. Unſere Station war, glaube ich, einer der ange⸗ nehmſten Winkel auf der ganzen Erde, und wir hatten eine friedliche Zeit. Wenn der alte Menſch ſich in mir regt, da ſehne ich mich immer wieder dorthin zurück.“ „Sie haben nicht viel ausrichten können bei den Leuten dort, wie ich glaube?“ „Nicht das Mindeſte. Wir kamen nach anderthalb⸗ jährigen Bemühungen zu der Ueberzeugung, daß es eine vergebliche Hoffnung war, ihnen das Daſein eines Gottes begreiflich zu machen. Darauf hin blieben wir noch, um zu verſuchen, ob wir ihnen nicht wenigſtens eine Idee vom Ackerbau beibringen und ſie ſo vor unvermeidlicher Aus⸗ rottung retten könnten, wie die Neuſeeländer gerettet worden ſind.“ „Und ohne Erfolg?“ „Ohne allen Erfolg. Wir lehrten ſie, zum Beiſpiel, unſere Kartoffeln pflanzen. Sie thaten es ganz prächtig; aber in der Nacht gruben ſie dieſelben wieder aus und aßen ſie auf. Und als die Zeit kam, erwarteten wir, daß unſere u n m m — Kartoffeln aufgehen ſollten; doch nichts kam zum Vorſchein. Da erſchienen ſie beim Bruder Hillyar, meinem Coadjutor, einem alten Manne, der jetzt zehn Städte für ſeinen Herrn regiert, und verſprachen, ihm gegen eine Belohnung an Mehl zu ſagen, warum die Kartoffeln nicht wachſen wollten. Und er, der ſie liebte, gab ihnen, was ſie begehrten. So ſagten ſie ihm, daß ſie die Kartoffeln ausgegraben hätten, indeß wir ſchliefen. Und zwei Tage lang ging ich umher und lachte im Stillen. Er wollte mich darum tadeln, ver⸗ mochte es aber nicht, ſintemal er ſelber lachte. Der ließ ihn lange harren; denn er war vierundſiebenzig Jahre alt; doch iſt ſein Lohn ohne Zweifel um ſo größer.“ William ſagte:„Wenn ich nicht irre, ſo brachten Sie eine Sammlung von zoologiſchen Merkwürdigkeiten mit. Sie ſind im Muſeum.“ „Ja; aber was ich nicht mit herüberbringen konnte, waren meine lebenden Lieblinge. Meine Frau und ich, wir beſaßen unſere eigene Menagerie— eine große Anzahl von Thieren—“ Mr. Bidder ſah von ſeinem Buche auf. Er hatte nur die letzten Worte gehört und ſagte: die Thiere wären ſechs⸗ hundertſechsundſechzig an der Zahl geweſen. Dann ſich zur Geſellſchaft umwendend, hielt er ſich bereit, in die Unter⸗ haltung mit einzufallen, in der Meinung, daß nun die Zeit gekommen wäre, wo er ſein Licht nicht länger unter den Scheffel zu ſtellen brauchte. „Sind nicht die Eingeborenen Wilde, die auf ſehr nied⸗ riger Stufe ſtehen, Mr. Smith?“ ſagte William.„Ich habe gehört, ſie könnten nur bis zehn zählen.“ „Nicht einmal ſo weit“, ſagte Mr. Smith.„Der „ 102 Stamm, unter welchem wir uns am meiſten aufhielten, hatte die Gewohnheit, alle großen unbekannten Quanti⸗ täten durch die Zahl vvierundachtzig«*) auszudrücken. Dies war ihr K und V. Das kommt uns Anfangs wun⸗ derlich vor, nicht wahr?“ William ſagte, allerdings ſchien es ſonderbar, daß ſie ſich dieſe beſondere Zahl gewählt hätten. Mr. Bidder aber, der vor Verlangen verging, ſein Steckenpferd zu beſteigen, und dem es gleichgültig war, wie er dies bewerkſtelligte, ſagte, es wäre dies durchaus nichts Wunderliches. Wenn man nur die zwölf Stämme Iſraels mit den ſieben Städten der Zuflucht multiplicire, ſo hätte man dieſe Zahl gleich. Mr. Smith ſagte, er fürchte, daß er ein kleines Ver⸗ ſehen gemacht haben müſſe. Die Zahl, die er meine, wäre vierundneunzig. Lord Saltire rief von ſeinem Spieltiſche her, dies mache die Sache etwas klarer. Denn wenn man dann noch die zehn Gebote hinzuaddire, ſo hätte man vierundneunzig, alſo die Zahl, die man begehrte. Und Se. Lordſchaft, welche verloren hatte und demzufolge möglicherweiſe ein wenig verdrießlich war, fügte noch hinzu, wenn man das Ganze durch die fünf thörichten Jungfrauen dividire und dann Tobia's Hund über Hals und Kopf mit in das Facit *) Dies war, zu des Verfaſſers unbeſchreiblicher Verwirrung, bei einem gewiſſen Stamme der Fall. Jede Anzahl über zwei, ob nun von Pferden, Kühen oder Schafen die Rede, wurde ſtets als vierundachtzig bezeichnet und unabänderlich mit einem Adjective ge⸗ ſchmückt, deſſen wir uns nicht gern in feiner Geſellſchaft bedienen. Anmerk. d. Verf. ——— ſchleudere, ſo würde man ſo ziemlich wieder am Ausgangs⸗ punkte angelangt ſein. Mr. Bidder, der, wie ſchon erwähnt, ein guter Burſche war, lachte, und Mr. Smith nahm die Unterhaltung wieder auf. Lord Saltire ſchien ſich für das, was dieſer ſprach, zu intereſſiren und unterbrach ihn nicht. „Sie haben die arme, liebe Mrs. Smith dort begraben, nicht wahr?“ ſagte Lady Ascot.„Ich erinnere mich ihrer ſehr wohl. Sie war als Mädchen außerordentlich ſchön.“ „Sehr ſchön“, ſagte der Miſſionär.„Ja, und wiſſen Sie wol, daß ſie ihre Schönheit nie verloren hat? Das dortige Klima wird Denen ſehr verderblich, welche die An⸗ lage zur Schwindſucht in ſich tragen. Sie hatte ein ſchweres Tagewerk verrichtet, ehe ſie ſchlafen ging, wenn ſie auch noch ſo jung war. Sind Sie nicht der Meinung, Lady Ascot?“ „Ein ſchweres Tagewerk und ein gutes überdies. Wer weiß das beſſer, als ich?“ antwortete Lady Ascot.„Welch' ein Erwachen muß es ſein aus ſolch' ein emchlafe, wie es der ihrige war.“ „Das kann keine menſchliche Zunge beſchreiben“, ſagte der Miſſionär, indem er träumeriſch, wie in eine weite, weite Ferne hinausblickte.„Zeigen Sie mir den Dichter, der in ſeiner ſchönſten Sprache die Freude unſerer Seele zuſchildern vermag, wenn wir an einem Sommermorgen erwachen. Wer wäre alſo im Stande, die unendliche Seligkeit der geläuterten Seele zu faſſen oder auszudrücken, mit der ſie erwacht und ſich im Angeſichte des Herrn der Herr⸗ lichkeit ſieht!“ Lord Saltire betrachtete ihn neugierig und ſprach bei ſich ſelber:„Dieſer Burſche meint es im Ernſte. Ich habe dergleichen ſchon früher geſehen. Doch ſelten, ja, nur ſelten!“ „Ich würde des Todes meiner Frau nicht erwähnt haben, wenn nicht Lady Ascot den Gegenſtand zur Sprache gebracht hätte“, fuhr der Miſſionär mit leiſer Stimme fort.„Und Niemand hat ein beſſeres Recht, von ihr zu hören, als ihre gütige, alte Freundin. Sie entſchlief am Sabbathabend nach dem Gebete. Wir trugen ihr Lager auf die Veranda hinaus, Lady Ascot, damit ſie noch ſehen möchte, wie das Sonnenlicht auf den Spitzen der höchſten Bäume verglühte,— ein Anblick, an dem ſie immer ſo große Freude hatte— und von der Veranda konnten wir durch die Waldlichtung den Berg Joorma ſehen, wie er mit ſeinen endloſen Wäldern, ganz Purpur und Gold, emporſtieg. Und ich glaubte, ſie ſchaue nach dem Gebirge; aber ſie ſchaute weit über daſſelbe hinaus, denn ſie ſagte: „Ich werde dreißig Jahre auf dich warten müſſen, James; aber ich werde ſehr glücklich und ſehr thätig ſein. Die Zeit wird mir raſch genug vergehen, doch Dir wird's eine traurige, langſame Zeit werden, Du Liebling meines Her⸗ zens. Kehre heim, mein Theurer, nach dem Vaterland, und geh' in die großen Städte und ſieh', was dort zu thun iſt.“ Damit entſchlief ſie. „Drei Tage lang murrte ich wider den Herrn. Ich ging fort in den Buſch, und Satan war beſtändig an mei⸗ ner Seite, durch dürres Land, durch Wälder, an einſamen Gießbächen hin, hinauf zu den kahlen vulcaniſchen Hoch⸗ ebenen, wo es Hänge ſchlüpfrigen Raſens gibt, die in verrätheriſche Schlackentrichter hinabführen, und dann 105 über die Kieſelhügel und durch die ſchilfbewachſenen Sümpfe, wo der ſchwarze Schwan ſo ſtill dahinſchwimmt und der Regenpfeifer ſchreit und gackert;— da überall wanderte ich unter den Thieren und den Vögeln umher. Am dritten Tage aber erbarmte der Herr ſich meiner und nahm mich zurück in ſeinen Schooß, und dort lag ich wieder wie ein Kind. Er wird uns allezeit wieder auf⸗ nehmen, Mhlord, wenn wir nur zu ihm kommen wollen. Nach drei Tagen oder nach dreimal zwanzig Jahren, My⸗ lord. Die Zeit iſt Ihm Nichts.“ Lord Saltire ſah ihn mit liebevoller Bewunderung an. „Es iſt Etwas daran, Mylord. Verlaſſen Sie ſich darauf, es iſt kein bloſer Traum. Würden Sie nicht all' Ihren ungeheuren Reichthum, all' Ihre Ehren und Wür⸗ den, Alles darum hergeben, wenn Sie an meiner Stelle ſein könnten?“ „Gewiß würde ich das thun“, ſagte Lord Saltire.„Ich bin immer der Anſicht geweſen, daß Etwas daran iſt. Ich entſinne mich“, fuhr er, ſich zu William wendend fort,„wie ich einſt im Fleet⸗Gefängniſſe gegen Ihren Vater die näm⸗ liche Meinung ausſprach, als er ſich wegen gewiſſer Ideen, die er von mir überkommen, mit den Prieſtern entzweit hatte. Aber mit derlei Dingen muß man ſehr früh im Leben beginnen, wenn die Sache überhaupt eine Wahrheit werden ſoll. Jetzt bin ich zu alt dazu.“ Lord Saltire ſprach dies mit einer Stimme, die gänzlich verſchieden war von ſeiner gewohnten; in einem Tone, wie wir ihn noch nie von ihm gehört haben. Um dieſen Smith ſchwebte ein Etwas, das, ungeachtet ſeiner eigen⸗ thümlichen Redeweiſe, Jeden beſänftigte, der ihm zuhörte. 106 Lady Ascot meint, es wäre die Gnade Gottes, und ich ſtimme darin mit ihrer Herrlichkeit ganz überein. „Ich kam heim“, ſchloß der Miſſionär, um das Werk des Herrn hier in der Cith zu verſuchen. Der Neffe meiner Frau, John Marſton, den ich heute Abend hier zu treffen erwarte, wird mir bei dieſem Werke behülflich ſein. An Arbeit wird es uns nicht fehlen, wie es ſcheint. Augenblicklich verrichten wir unſer Werk in Southwark.“ Vielleicht war es gut, daß ſich die Geſellſchaft, nament⸗ lich aber Lady Ascot, in einer weicheren, verſöhnlicheren Stimmung befand. Denn ehe noch Jemand die Unter⸗ haltung weiter geſponnen hatte, ſtand plötzlich Lord Ascot's Kammerdiener in der Thür, mit einem Geſichte, in dem ſo deutlich wie möglich die Worte geſchrieben ſtanden:„Es iſt ganz fürchterlich, Mylady, aber meine Schuld iſt's nicht“, und meldete: „Lady Welter.“ Lord Saltire ſteckte ſeine Schnupftabaksdoſe in ſeine rechte Hoſentaſche und ſein Taſchentuch in die linke, ließ die Hände darin, und lehnte ſich dann mit lang von ſich geſtreckten Beinen und einem Lächeln von unendlich gott⸗ loſer Beluſtigung in ſeinem Seſſel zurück. Lord Ascot und William öffneten ſtier die Augen. Lady Ascot hatte keine Zeit, die leiſeſte Veränderung zu machen, weder in Haltung noch Geſichtsausdruck; denn Adelaide, in eine Wolke von Weiß und Roſa gehüllt, ihre nackten Arme mit Schmuck bedeckt und einen Schwanenfächer am linken Handgelenke ſchwingend, rauſchte in's Zimmer, ſchwebte mit ausgeſtreckten Händen auf Lady Ascot zu und begann dieſe zu küſſen, als ob die alte Dame irgend⸗ 107 eine beſondere Obſtſorte und ſie eine daran pickende Taube geweſen wäre. „Meine liebſte Großmama!“ pick—„Freue mich ſo ſehr, Dich zu ſehen!“ pick—„Konnte mir's nicht verſagen, auf meinem Wege zu Lady Brittlejug einmal bei Dir vor⸗ zukommen— und wie wohl Du ausſiehſt!“ pick, pick. „Ich habe zehn Minuten übrig,— bitte, erzähle mir Alles, was ſich zugetragen, ſeit ich Dich zuletzt geſehen habe. Mein lieber Lord Ascot, ich habe mit ſo großem Bedauern von Ihrer Krankheit gehört; aber Sie ſehen wohler aus, als ich Sie zu finden hoffen durfte. Und wie befinden Sie ſich, mein beſter Lord Saltire?“ Lord Saltire befand ſich ziemlich wohl und freute ſich, daß Lady Welter einer ſo vortrefflichen Geſundheit und Laune genöſſe. Dies laut. Im Stillen aber erging ſich Lord Saltire in Vermuthungen, was, in aller Welt, ſie hergeführt haben könnte. Vielleicht wollte Sie Lady Ascot blos überrumpeln und ſo zwingen, ſie als Lady Welter anzuerkennen? Nein. Mylord ſah, daß mehr als das dahinterſteckte. Sie war unruhig und zerſtreut mit Lady Ascot. Ihre Blicke ſchweiften mitten in allem ihrem Geplapper fortwährend umher; aber wohin ſie auch ſchweiften, immer kehrten ſie zu William zurück, von dem ſie bisher noch in keiner Weiſe Notiz genommen hatte. „Sie iſt ſeinetwegen gekommen. Wozu aber?“ dachte Mylord.„Ob die Hexe vielleicht Etwas von Charles weiß?“ Lady Ascot hatte ſich gegen dieſe Begegnung geſtählt. Erſtens hatte ſie beſchloſſen, daß keine Macht der Erde ſie bewegen ſolle, Adelaide jemals wieder anzuſehen, und 108 zweitens, daß ſie, Lady Ascot, der Adelaide einige Wahr⸗ heiten ſagen wolle, welche dieſe bis zu ihrer Todesſtunde nicht wieder vergeſſen würde. Den erſten dieſer beiden, ſich einigermaßen widerſprechenden Vorſätze hatte Adelaide's Dreiſtigkeit beſeitigt, und was den zweiten betraf, je nun, Lady Ascot hatte die Wahrheiten, die ſie Adelaide anzu⸗ hören geben wollte, eben in dieſem Augenblicke nicht in Bereitſchaft. Sie hatte nichts als ſtille Thränen und welke zitternde Finger, die liebevoll das ſchöne, jugendliche Haupt ſtreichelten und die funkelnden Armbänder anein⸗ ander klirren ließen. „Was konnte ich ſagen, Brooks? Was konnte ich thun?“ ſagte Lady Ascot dieſen Abend zu ihrer Kammer⸗ frau,„als ich ſie wieder vor mir ſah, mit ihrer alten Weiſe? Ich liebe dies Weib mehr als je, Brooks, ich glaube es wahrlich. Sie hat mich geſchlagen, hat mich überrumpelt. Ich konnte ihr nicht widerſtehen. Wenn ſie gefordert hätte, daß ich mich auf einen Schubkarren ſetzen und mitten in das volle Geſellſchaftszimmer jenes abſcheulichen Weibes, der Brittlejug, hineinſchieben laſſen möge, ſo wie ich ging und ſtand, ich glaube, ich hätte es geſchehen laſſen. Ich hätte vielleicht um Zeit gebeten, erſt meinen Hut aufſetzen zu können; aber ich hätte es gethan.“ Wol zehn Minuten ſaß Adelaide da und plauderte. Dann ſagte ſie, ſie müſſe jetzt gehen, doch werde ſie morgen kommen und Lady Ascot beſuchen. Hierauf wandte ſie ſich zu William, den man ihr nicht vorgeſtellt hatte, und frug, ob er ſie nicht an ihren Wagen führen wolle? Lord Saltire ſaß der Klingel am nächſten. Er blickte ihr feſt in's Geſicht und erhob die Hand, um zu ſchellen. Adelaide hr⸗ nde ſich des un, zu⸗ in und iche in⸗ er⸗ ſe elt. tte, es, ng tte te. en ich 19, d eſt 109 bat ihn eifrig, ſich nicht zu bemühen. Mit einem Lächeln ließ er ſchnell die Hand wieder ſinken, und ſie rauſchte an William's Arme aus dem Zimmer, während Lord Saltire die Thür für ſie geöffnet hielt, die er dann mit etwas eigenthümlicher Geſchwindigkeit wieder hinter ihr ſchloß. „Ich hoffe, daß nur keiner von den Narren, den Die⸗ nern, die Treppe heraufgepoltert kommt, ehe ſie ihren Spruch geſagt hat“, ſprach er laut.„Erzählen Sie uns Etwas von Ihren ſüdafrikaniſchen Erfahrungen, Mr. Smith. Haben Sie je ein Weib geſehen, das ſchön genug geweſen wäre, um allein zu einem Löwen hineinzugehen und ihm die Klauen zu ſtutzen, wie?“ William war noch nicht weiter als bis zur erſten Treppenſtufe gekommen, als er fühlte, wie ſie ſeine Hand von ſeinem Arm losmachte. Er hatte eben den einen Fuß auf die nächſtuntere Stufe geſetzt, als er ſich umwandte, um ſich von der Urſache dieſes ihres Benehmens zu über⸗ zeugen. Adelaide ſtand über ihm und hatte ihr wunderbar ſchönes Geſicht ſtreng, faſt grimmig, zu ihm hinabgebogen, während die Hand, an deren Gelenk der Fächer hing, auf ihn hinwies. Es war ein ſo ſchöner Anblick, wie er nur je einen geſehen, und gelaſſen dachte er, was das bedeuten möchte. Der tadelloſe Mund war in Verachtung aufge⸗ worfen und ſprach ſcharfe, gellende Worte, entſchieden, hart und klar, wie der Klang des Hammers auf dem Amboſe. „Sind Sie ein Theilhaber an dieſer ſchmachvollen Ge⸗ ſchichte, Sir? Sie, die Sie ihm ſeinen Namen, ſeine Stelle und ſeine Ausſichten in der Welt genommen haben? Sie, die Sie, wie ich höre, behaupteten, daß Sie ihn mehr 110 liebten als Ihr eignes Leben? Sie, die Sie mit ihm an derſelben Bruſt gelegen haben?— ſagen Sie mir um Gottes willen, daß Sie in Unwiſſenheit ſündigen.“ William beſaß, wie ſchon erwähnt, einen gewiſſen Grad von Klugheit. Er beſchloß, ſie fortfahren zu laſſen in ihrer Zornrede und ſagte blos:„Sie ſprechen von Charles Ravenshoe?“ „Ja wol“, ſagte ſie ſcharf;„von Charles Ravenshoe, mein Herr— Exſtalljunge. Ich bin heute Abend gekom⸗ men, um ihnen Allen Trotz zu bieten; ſie zu fragen, ob ſie es wüßten und ob ſie es zu dulden wagten. Hätten ſie mir keine Antwort gegeben, dann hätte ich ihnen Dinge geſagt, daß ſie ſich die Ohren hätten zuſtopfen mögen. Lord Sal⸗ tire hat eine ſcharfe Zunge, nicht wahr? Er ſollte hören, wie die meinige iſt. Als ich aber Sie unter ihnen ſah, beſchloß ich, einen Auftritt zu vermeiden und mit Ihnen allein zu reden. Schändlich—“ William blickte ſie ruhig an.„Will Ihre Herrlichkeit gefälligſt bemerken, daß ich, daß wir Alle Himmel und Erde in Bewegung geſetzt haben, um Charles Ravenshoe zu finden, und daß alle unſere Bemühungen bisher völlig fruchtlos waren. Wenn Sie uns irgend Etwas über ihn mitzutheilen im Stande ſind, wäre es da nicht vielleicht beſſer, wenn Sie bedächten, daß die Verzweiflung, die aus Ihrem Benehmen gegen ihn hervorging, der Hauptgrund zu ſeinem unglückſeligen Entſchluſſe geweſen iſt, ſich vor uns zu verſtecken, und anſtatt mich und Andere zu ſchelten, die mit mir Alles gethan haben, was in unſerer Macht lag, uns lieber jede Auskunft zu geben, die uns zu geben in Ihrer Macht liegt?“ n um ſſen ſſen von oe, m⸗ ſie mir g, al⸗ ren, ſh, nen keit nd hoe lig ihn iht u or en, cht ben 111 „Nun, nun“, ſagte ſie,„vielleicht haben Sie Recht. Sie haben mir meinen Verweis ertheilt; wollen Sie's dabei bewenden laſſen? Ich habe Charles Ravenshoe heute geſehen.“ „Heute!“ „Ja, und mit ihm geſprochen.“ „Wie ſah er aus? War er blaß? War er abgemagert? Schien er in Geldverlegenheit zu ſein? Hat er nach mir gefragt? Hat er uns irgend Etwas ſagen laſſen? Können Sie mich zu ihm führen? Schien er ſehr niedergebeugt? Weiß er, daß wir ihn geſucht haben? Lady Welter, ich beſchwöre Sie um Gottes willen, thun Sie Etwas, um das Unrecht wieder gut zu machen, welches Sie ihm an⸗ gethan haben, und führen Sie mich zu ihm.“ „Ich ſage Ihnen, ich weiß nicht, wo er iſt. Ich habe ihn nur einen Augenblick geſehen. Er hob mir im Parke meinen Hut auf, der mir heruntergefallen war. Er trug den Anzug eines Reitknechts. Er kam, ich weiß nicht, woher, wie ein Geſpenſt aus dem Grabe. Er ſprach nicht mit mir. Er gab mir meinen Hut und war verſchwunden. Ich weiß nicht, weſſen Reitknecht er iſt; aber ich glaube, daß Welter es weiß. Er wird mir's heute Abend ſagen. Ich wagte es nicht, ihn zu fragen, damit er nicht etwa glauben möchte, ich wollte Charles aufſuchen. Wenn ich ihm aber ſage, wo ich war und was ſich hier zugetragen hat, ſo wird er es mir mittheilen. Kommen Sie morgen früh zu mir; da ſollen Sie es erfahren. So wird es beſſer ſein. Sie haben Verſtand genug, um zu begreifen warum.“ „Ich verſtehe.“ 12 „Noch Eines. Er hat ſeine Schweſter Ellen geſehen. Und noch ein Anderes. Als ich mit Lord Welter entwich, hatte ich keine Ahnung von dem, was ihm begegnet war— von dieſem unglückſeligen esclandre. Aber Sie müſſen das längſt gewußt haben, wenn Sie mir Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen geneigt ſind. Kommen Sie morgen früh. Jetzt muß ich gehen.“ Und ſo ſchritt ſie dennoch allein an ihren Wagen. Und William ſtand auf der Treppe und frohlockte: Charles war ſo gut wie gefunden! Die beiden Geiſtlichen gingen auf der Treppe an ihm vorüber und wünſchten ihm eine gute Nacht. Dann kehrte er in den Salon zurück und ſagte: „Mylord, Lady Welter hat heute Charles geſehen und mit ihm geſprochen. Mit Gottes Hülfe ſoll er morgen Abend hier bei uns ſein.“ Es war halb zwölf Uhr. Was Charles in ſeiner un⸗ geſtümen Thorheit und Einfalt zu wege gebracht hat, muß ich in einem neuen Kapitel erzählen,— nein, ich kann nicht mehr warten. Meine Geduld iſt erſchöpft. Immer ſo eine Thorheit raſch auf die andere folgen zu ſehen— das würde ſelbſt Hiob's Geduld erſchöpfen. Wenn man ihn nicht ſo ſehr lieb hätte, wie zornig würde man nicht auf ihn ſein! Ich will es gleich hier erzählen und mir es vom Herzen wälzen. Als er Adelaide verlaſſen hatte, war er mit Hornby heimgekehrt. Er hatte die Pferde in den Stall gebracht und dann ein Billet an Hornby geſchrieben. Daraufhatte er ſich ſeine Kleider zu einem Bündel zu⸗ ſammengeknüpft und war ruhig davongegangen. Um die St. Peterskirche herum— er hatte keinen beſondern Grund, dieſen Weg zu nehmen, vielleicht wählte er ihn nur, weil ſich ſein armes, thörichtes Herz heut' Abend ſehnte, Jemanden zu ſehen, der ihm gut war, ſelbſt wenn nichts Anderes als ein kleiner Schuhputzer. Da gab's ja noch ein Augenpaar, das auf einen Moment einen Lichtſtrahl werfen konnte in die dichte Dunkelheit, die ſich um ihn zuſammenzuziehen begann. Sein kleiner Freund war dort. Ein Weilchen plauderte Charles mit ihm und ſagte endlich: „Du wirſt mich nicht wiederſehen. Ich ziehe in den Krieg. Ich gehe jetzt nach Windſor und laſſe mich bei den Huſaren anwerben.“ „Man wird Sie todtſchießen“, antwortete der Knabe. „Sehr wahrſcheinlich“, erwiderte Charles.„Darum müſſen wir einander alſo Adien ſagen. Vergiß nicht, Abends in die Schule zu gehen und jenes Gebet zu ſprechen, welches ich Dich gelehrt habe. Wir müſſen einander Lebe⸗ wohl ſagen und das raſch abmachen.“ Der Knabe ſchaute ihn feſt an. Sein Athem kam wie in langen Seufzern— in immer längeren und längeren, bis ihm die Bruſt zu zerſpringen ſchien. Dann brach ein wilder Thränenſtrom los, und er lehnte ſeinen Kopf an die Mauer und ſchlug mit ſeiner kleinen Fauſt gegen die harten Ziegel. „Und ich ſoll Sie nie mehr wiederſehen? Nie, niemals!“ „Nie mehr“, ſagte Charles. Aber er dachte, er könne des armen Knaben Kummer lindern, und in dem Augen⸗ blicke fiel es ihm auch ein, das Haus aufzuſuchen, in wel⸗ 8 Kingsley, Ravenshoe. III. chem ſeine gute alte Tante wohnte,— es zu ſehen, ehe er auf immer ſchied; darum ſprach er: „Ich werde morgen Mittag in Nummer 167 in der South⸗Audleh⸗Straße ſein. ZJetzt mußt Du nicht mehr weinen, mein Kleiner. Komm und ſage mir Adieu.“ Und ſo verließ er ihn— im Glauben, daß er ihn nicht mehr wiederſehen würde. Doch— einmal noch, Charles, noch einmal, und dann helfe Dir Gott! Abends fuhr er nach Windſor hinaus und ließ ſich im 140ſten Huſarenregimente anwerben. „ F euntes Rapitel. Und ſo iſt denn wieder Alles in der größten Ver⸗ wirrung, wie man ſieht. Dem Anſcheine nach dem Ende der Geſchichte jetzt um nichts näher, als da ich im erſten Kapitel die Abenteuer Alured Ravenshoe's am Hofe König Heinrich's des Achten erzählte. Hätte Charles ein wenig von der Unverſchämtheit jenes würdigen Junkers beſeſſen, anſtatt der zartfühlende, zurückhaltende Burſche zu ſein, der er war, unſere Geſchichte wäre jetzt längſt zu Ende. Ja, in der That, ich weiß nicht, ob ich dieſelbe dann über⸗ haupt jemals geſchrieben haben würde. Alſo iſt es viel⸗ leicht doch ſo am beſten für alle Theile. Obgleich Charles ſich in Hornby's eigenem Regimente hatte anwerben laſſen, ſo hatte er doch ſehr ſchlau berech⸗ net, wie für's Erſte nicht die geringſte Gefahr vorhanden war, daß es Hornby entdeckte. Hornby's Schwadron lag im Regents⸗Parke. Das Hauptquartier war in Windſor, und der einzige Offizier, der ihn möglicher Weiſe hätte er⸗ kennen können, war Hornby's Rittmeiſter. So ging er denn mit ruhigem Gemüthe an ſeine neuen Pflichten, ge⸗ 8 116 wiſſermaßen beluſtigt und neugierig, wann und wo nur dies Alles enden würde. Aus purer, ungeheuchelter Unwiſſenheit iſt mir nicht möglich, ihm während der erſten Woche ſeiner neuen Lauf⸗ bahn zu folgen. Ich habe einen leiſen Argwohn, der ſchon faſt zur Ueberzeugung gewachſen iſt, daß ich dies auch nicht thun würde, ſelbſt wenn ich es vermöchte. Ich glaube nicht, daß es den Leſern von Ravenshoe dienen könnte, wollte ich ihnen von Fechtübungen, Rei le, Stallwache und ſo weiter erzählen. Nur ſoviel k ich ihnen mit⸗ theilen, daß Charles ſeine Pflichten in einer erſtaunlich kurzen Zeit begriff und bei Hoch und Niedrig ein großer Liebling wurde. Als William am Morgen nach ſeiner Begegnung mit Adelaide ſie, nach Uebereinkunft, in ihrem Hauſe aufſuchte, hatte er eine Unterredung mit Lord Welter, der ihm auf ſeine Fragen erzählte, daß Charles' Reitknecht bei Lieute⸗ nant Hornby wäre. „Ich verſprach ihm, nichts davon zu verrathen“ fuhr er fort;„aber ich glaube, es iſt meine Schuldigkeit, und Lady Welter hat mich heute Morgen überredet, zu ſagen, was ich weiß, wenn man Erkundigungen bei mir einzu⸗ ziehen käme. Es macht mich verteufelt froh, Ravenshoe, daß ihn Niemand von Euch Allen vergeſſen hat. Das wäre auch eine große Schande für Euch geweſen. Er iſt ein guter Kerl, und Einige von uns, wie ich zum Beiſpiele, haben ihm ganz hölliſch mitgeſpielt. William erwiderte in der Freude ſeines Herzens: „Laſſen Sie das, Mylord; was geſchehen iſt, iſt geſchehen. So Gott will, wird noch Alles wieder werden, wie es früher 117 war. Jedenfalls habe ich Charles gefunden, und nun iſt keine Lücke mehr im alten Kreiſe, außer der, die mein Vater zurückgelaſſen hat. Ich hatte eine Beſtellung an Lady Welter.“ „Sie iſt noch nicht herunter gekommen. Sie iſt heute Morgen wirklich nicht wohl; ſonſt würden Sie jedenfalls von ihr begrüßt worden ſein.“ „Es iſt nur das: Lady Ascot läßt ſie bitten, zum Gabel⸗ frühſtücke hinüberzukommen. Meine Tante wünſchte, ſie wäre geſtern Abend länger geblieben.“ Ihre Tante?“ „Meine Tante, Lady Ascot.“ „O, ich bitte um Verzeihung! Ich habe mich noch nicht an den neuen Stand der Dinge gewöhnt. Iſt Lady Welter geſtern Abend bei Lady Ascot geweſen?“ William war genöthigt, die Frage zu bejahen; doch war ihm dabei zu Muthe, als hätte er eine Indiscretion begangen, daß er überhaupt Etwas davon erwähnt hatte. „Ei, zum Henker!“ ſagte Lord Welter,„ich dachte, ſie wäre ganz wo anders geweſen. Sagen Sie meinem Vater, ich würde ihn heute beſuchen, wenn er nicht fürchtete, daß es ihn zu ſehr angreifen würde.“ „Ah, Lord Welter, Sie würden ſchon früher gekommen ſein, wenn Sie gewußt hätten—“ „Ich weiß, ich weiß. Glauben Sie, ich hatte meine Gründe, wenn ich nicht kam. Nun, ich hoffe, daß Sie und ich uns in unſeren neuen Beziehungen noch beſſer kennen lernen werden. In den alten waren wir ja intim genug mit einander.“ Als William fort war, ging Lord Welter in das Toi⸗ lettenzimmer ſeiner Gemahlin hinauf und ſagte zu ihr: „Lady Welter, Du biſt ein Juwel. Wenn Du ſo fort⸗ fährſt, werden wir anerkannt werden in der Welt und als ein reiches und angeſehenes Paar dereinſt in Ranford unſere Tage beſchließen. Wären die Wenns und die Abers Töpfe und Pfannen, ſo würden wir überraſchend proſperi⸗ ren, Lady Welter. Wenn zum Beiſpiele Lord Saltire da⸗ hin gebracht werden könnte, mich etwas mehr in ſein Herz zu ſchließen, wie einen tollen Hund, ſo würde er meinem Veter ſeinen geſammten Grundbeſitz vermachen und Char⸗ les Horton, weiland Ravenshoe, mit der verhältnißmäßig unbedeutenden Summe von achtzigtauſend Pfund, dem Belaufe ſeines beweglichen Vermögens, abfinden. Was meinſt Du dazu, Lady Welter?“ Adelaide ſprang geradezu von ihrem Seſſel auf. „Welter, biſt Du betrunken?“ ſagte ſie. „Da dies erſt die dritte Stunde des Tages iſt, Lady Welter, ſo bin ich es noch nicht. Auch verrückt bin ich nicht. Lord Saltire würde meinem Vater ſchon aus aller Noth helfen, wüßte er nicht, daß dies mehr noch mir als ihm zu Gute käme, und ich glaube, er würde ſein Geld lieber einem Hospitale vermachen, als wiſſen, daß ich nur einen Heller davon erhielte.“ „Welter“, ſagte Adelaide in großer Aufregung,„wenn Charles wieder mit Lord Saltire zuſammenkommt, ſo iſt ihm das ganze Vermögen gewiß; der alte Mann vergöttert ihn. Ich weiß es; ich ſehe jetzt Alles ein; warum habe ich früher nie daran gedacht? Er meint, er gliche ſeinem Sohne, dem Lord Barkham. Noch iſt es Zeit. Wenn 119 jener Menſch, der William Ravenshoe, heute kommt, ſo oi⸗ darfſt Du nichts von Charles wiſſen. Merk' Dir das. ort⸗ Nichts. Sie dürfen nicht zuſammenkommen. Vielleicht alb vergißt er ihn. Hörſt Du, Welter, Du ſagſt ihm Nichts!“ ord Heftig ſchritt ſie im Zimmer auf und ab, und Lord ers Welter ſchaute ihr mit einem ſathriſchen Lächeln zu. ri⸗„Lady Welter“, ſagte er,„der Menſch, der William da⸗ Ravenshoe, iſt dageweſen und hat ſeine Antwort erhalten. et In dieſem Augenblicke empfängt Charles den Segen Sr. em Lordſchaft.“ e„Du Thor!“ war Alles, was Lady Welter zu ſagen ig vermochte. 4 6„Nun, kaum“, entgegnete er.„D u wenigſtens ſollteſt gu mich nicht ſo nennen. Ich habe die Lage der Verhältniſſe lange vor Dir begriffen. Ich war ein leichtſinniger junger Bär, daß ich Lord Saltire in früheren Zeiten nicht mehr den Hof machte. Doch lernte ich den Stand unſerer An⸗ d gelegenheiten erſt ganz kurz vor dem großen Sturz kennen; i6 ſonſt hätte ich vielleicht anders gehandelt. Im gegen⸗ F wärtigen Falle bin ich kein ſo großer Narr geweſen. Char⸗ les wird Lord Saltire durch meine Vermittelung zurück⸗ l gegeben. Eine ſehr gute Operationsbaſis, Lady Welter.“ „Auf das Riſico etwa einer halben Million Pfund un Sterling“, warf ſie dazwiſchen. „In dem andern Verfahren war allerdings kein Riſico“, 6 entgegnete er;„denn wir hätten dann keinen Heller be⸗ it ſehen. Und außerdem, Lady Welter—“ ter„Nun!“ abe„Ich habe Dein Ohr,— ſehr gut. Es mag Dir, die en Du Dich im Himmel und auf Erden um keine Seele einen enn 3 Pfifferling ſchierſt, ſeltſam erſcheinen, aber ich liebe dieſen Burſchen, dieſen Charles Horton. Ich habe ihn immer lieb gehabt. Er wiegt alle Männer zuſammen genommen auf, die ich je gekannt habe. Es freut mich, daß es mir heute Morgen möglich geweſen iſt, ihm ſeine einſtige Stellung ins Gedächtniß zurückurufen. Selbſt, wenn ich mir damit nicht ſelber geholfen hätte, würde ich es dennoch gethan haben. Das iſt drollig, nicht wahr? Um Lord Saltire's Grundbeſitz will ich kämpfen. Der Feldzug beginnt heute beim Gabelfrühſtücke, Lady Welter. Wenn Du alſo die Güte haben willſt, Deinen vollen Kriegsſchmuck und Feder⸗ putz anzulegen, ſo wollen wir den Tomahawk ausgraben und in Kriegsrüſtung in Ew. Gnaden Brougham von dannen ziehen. Bis dahin Lebewohl.“ Adelaide war geſchlagen. Sie begann ſich vor ihrem Gatten zu fürchten, zu fürchten vor ſeiner ſtarken, männ⸗ lichen Schlauheit, vor ſeinem ſorgloſen Muthe und vor der ſeltſamen Erſcheinung eines großen wilden Herzens, das unter Alledem verborgen war. Was waren alle ihre feingewobenen Weibergeſpinnſte gegen eine ſo gewaltige, blind darauf losfahrende räuberiſche Horniſſe, wie er war? 6 Behntes Kapitel. An jenem nämlichen Tage ſaßen Lord Saltire und Lady Ascot allein im Fenſter ihres Salons in South⸗ Audley⸗Street. Nach ſeiner Gewohnheit war er um elf Uhr erſchienen und hatte ſie über ihrer alten großen Bibel getroffen. Er hatte die Zeitung zur Hand genommen und eine Weile ruhig geleſen, da er ſie nicht ſtören wollte. Auch ihr ſchien es lieb zu ſein, einer téte-atéte⸗Unter⸗ haltung zu entgehen. Sie fuhr daher in ihrer Lectüre fort; aber nach ein paar Minuten hatte er das Blatt ſinken laſſen und ausgerufen: „Zum Henker!“ „Mein lieber James!“ ſagte ſie,„was gibt es denn?“ „Was es gibt! Ei nun, wir haben einen Kriegs⸗ dampfer verloren, faſt ohne daß ein Schuß gefallen iſt. Die Ruſſen haben den Tiger erobert ſammt Mannſchaft und allem Zubehör. Das iſt unerträglich, Maria! Wenn ſie ſchon zum Beginne ſolche Böcke ſchießen, wie ſoll es dann enden?“ Lord Saltire war in Folge der franzöſiſchen Allianz ſchon von allem Anfang an mit dieſem Kriege unzufrieden 122 geweſen, und ſo goß denn das ſpeben geleſene Unglück Oel in die Flamme ſeines Zornes. Lady Ascot, die loyalſte Seele, die da athmete, freute ſich trotzdem vielleicht, daß Etwas Lord Saltire's Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm; denn ſie fürchtete ſich heute einigermaßen vor ihm. Sie kannte ſeine große Abneigung gegen Lord Welter und er⸗ wartete für ihre geſtrige Schwäche gegen Adelaide ausge⸗ ſcholten zu werden. Ueberdies fühlte ſie ſich nicht recht ruhig in ihrem Gewiſſen, daß ſie Adelaide heute Morgen zum Frühſtück eingeladen hatte, ohne daß er bis jetzt davon unterrichtet war. Deshalb freute ſie ſich im Grunde, einen Stoff zur Unterhaltung zu haben, der nichts Perſön⸗ liches betraf. „Und wann iſt das geſchehen, mein lieber James?“ ſagte ſie. „Am Zwölften des vorigen Monats, Lady Ascot. Kommen Sie indeß hierher an's Fenſter und geben Sie mir Rechenſchaft von Ihrem eigenen Thun, wenn Sie die Gewogenheit haben wollen.“ Jetzt, da ſie ſah, daß es kommen mußte, war ſie ſo kühl und gelaſſen, als es noth that. Er konnte nicht hart gegen ſie ſein. Charles ſollte ja heute zu ihnen heimkehren. Sie rückte ihren Seſſel näher heran und legte ihre dürre, alte Hand auf die ſeinige, und die beiden grauen Häupter neigten ſich zu einander hin. Graue Häupter, aber grüne Herzen. „Sehen Sie den alten Daventry an“ ſagte Lord Sal⸗ tire,„dort auf der andern Seite der Straße; ſehen Sie ihn wol, Maria, wie er der Drehorgel zuhört? Er iſt zwei Jahre älter als ich und ſieht jünger aus.“ 123 „Das wüßte ich nicht. Er ſollte eigentlich älter aus⸗ ſehen. Sie hat ihm das Leben ſauer genug gemacht. Haben Sie ihn kürzlich beſucht?“ „Was geht das Sie an?“ Sie wollen alſo Welter's Gemahlin wieder zu Gnaden annehmen, wie, Mhlady?“ „Ja, James.“ „„Ja, James!« Ich habe keine Geduld mehr mit Ihnen; Sie ſind ſchwächer als Milch und Waſſer. Nun, nun, wir müſſen ihr vergeben, ſcheint mir. Sie hat ſich großmüthig genug benommen in Betreff des armen Charles, nicht wahr? Ich bewundere ſie eigentlich, daß ſie den armen William Ravenshoe angefallen und ausgeſcholten hat. Ich werde meine Bekanntſchaft mit ihr erneuern.“ „Sie kommt heute zum Frühſtücke.“ „Es ſchien mir wol, als ob Sie kein gutes Gewiſſen hätten. Kommt Welter mit ihr?“ Lady Ascot entgegnete nichts. Auch würde Lord Sal⸗ tire nicht gehört haben, wenn ſie ihm eine Antwort gegeben hätte; denn er war ganz in Anſpruch genommen von dem Thun und Treiben ſeines vorhin erwähnten alten Freundes, Lord Daventry. Dieſer ehrwürdige Dandy hatte dem Leierkaſten zugehört, bis dieſer ſein ganzes Repertoire zwei Mal durchgeſpielt hatte, worauf der Künſtler mit einer halben Krone belohnt und ſeines Weges gegangen war. Unmittelbar darauf war ein Puppentheater erſchienen, deſſen Hanswurſt offenbar ein alter Bekannter des Lords war; kaum hatte daher der Polichinel den alten Herrn er⸗ ſpäht, ſo war er mit der ihn begleitenden Zuſchauermenge herangeeilt, hatte ſich in athemloſer Haſt vor ihm aufge⸗ pflanzt, den grünen Vorhang aufgezogen und ſich ſofort in 124 medias res geſtürzt. Die Bühne hatte Lord Saltire den Rücken zugekehrt, doch gerade, als er ſah, wie Hanswurſt um die Ecke lugte, um ſich zu überzeugen, in welcher Rich⸗ tung der Teufel verſchwunden war, erblickte er zwei Taſchendiebe, die mit verbrecheriſchen Abſichten von ver⸗ ſchiedenen Seiten an Mylord Daventry herannahten. Sie begegneten einander an deſſen Rocktaſche, entzweiten und balgten ſich. Ein Conſtabler kam über ſie her. Lord von Alledem keine Ahnung und ſchaute ſich die Augen aus dem Kopfe. Die Sache begann inter⸗ eſſant zu werden, als Lord Saltire plötzlich fühlte, wie eine warme Thräne auf ſeine Hand fiel. „James“, ſagte Lady Ascot,„ſein Sie nicht hart gegen Welter. Ich liebe Welter. Es iſt Gutes in ihm; gewiß, es iſt ſo. Ich weiß wol, wie ſchmachvoll er ſich betragen hat; aber ſein Sie nicht hart gegen ihn, James.“ „Meine liebſte Maria“, ſagte Lord Saltire,„ich möchte Ihnen um die Welt nicht wehe thun. Ich kann Welter nicht leiden. Er iſt mir widerwärtig. Aber um Ihret⸗ und um Ascot's willen will ich ihn behandeln, als ob ich ihn liebte— ſo. Jetzt zu Charles. Er wird, Gott ſei's ge⸗ dankt, heute bei uns ſein. Was zum Kukuk aber ſollen wir thun?“ „Ich habe keine Idee davon“, ſagte Lady Ascot,„es iſt eine ſo fürchterliche Verlegenheit. Man mag ſich nicht gern rühren in der Sache, und dennoch ſcheint es eine Sünde, ruhig ſtehen zu bleiben.“ „Natürlich keine Antwort auf Ihre Zeitungsannonce?“ ſagte Lord Saltire. Nicht die geringſte. Und es ſcheint dies ſonderbar, 125 bei der hohen Belohnung, die wir ausgeſetzt haben; aber die Anzeige war ſo vorſichtig abgefaßt, ſehen Sie.“ Lord Saltire lachte.„Wahrlich, vorſichtig genug. Kein Menſch konnte errathen, was die Sache heißen ſollte. Es war ein Wunder von Unverſtändlichkeit; aber jetzt könnte es nichts mehr helfen, wenn man weiter ginge.“ Nach einer kurzen Pauſe ſagte er:„Zum fünfzigſten Male, Maria, Sie ſind ſich Ihrer Sache vollkommen ſicher?“ „Vollkommen. Ich habe ein großes Verbrechen be⸗ gangen, James. Ich that es um Alicia's willen. Be⸗ denken Sie, welche Erziehung ich gehabt habe, wie jung ich geweſen bin, und vergeben Sie mir, wenn Sie können; wo nicht, ſo entſchuldigen Sie mich wenigſtens.“ „Was Sie da von einem großen Verbrechen ſchwatzen, iſt Unſinn, Maria. Allerdings war es ein großes Ver⸗ ſehen. Wenn Sie nur den Muth gehabt hätten, dem Peter eine einzige einfache Frage vorzulegen! Alicia hatte natür⸗ lich nie eine Ahnung von der Sache?“ „Nie.“ „Glauben Sie, Maria, an die Möglichkeit, daß es James oder Norah gewußt haben?“ „Wie hätten ſie es wiſſen ſollen? Welche thörichte Frage.“ „Ich weiß nicht. Jene Katholiken begehen ſo wunder⸗ liche Streiche“, ſagte Lord Saltire, indem er durch's Fenſter auf das Gedränge in der Straße hinabſah. „Warum hätte ſie wol die Kinder verwechſelt, wenn ſie es gewußt hätte?“ „Wie?“ ſagte Lord Saltire, ſich umwendend. „Sie haben nicht aufgemerkt“, ſagte Lady Ascot. 126 „Nein“, ſagte Lord Saltire,„ich ſchaute nach Daventry aus.“ „Bleiben Sie, trotz aller unſerer Nachforſchungen und ihrer beſtändigen Epfolgloſigkeit, bei Ihrer Behauptung, daß der Ort in Hampſhire geweſen iſt?“ fuhr Lord Saltire fort. „Allerdings. Und zwar im Norden von Hampſhire.“ „Ich möchte wiſſen“, ſagte Lord Saltire, ſich plötzlich zu ihr wendend,„ob Pater Mackworth von der Sache weiß.“ „Natürlich weiß er Alles“, ſagte Ladhy Ascot gelaſſen. „Hum“, ſagte Lord Saltire,„ich hatte den Mann ein Mal in meinen Händen; aber ich warf meine Macht als werthlos von mir. Ich wollte, ich hätte einen Handel ge⸗ macht mit meiner Auskunft. Doch was für Unſinn; wie kann er es wiſſen?“ „Wiſſen?“ ſagte Lady Ascot mit Verachtung;„was wüßte ein Beichtvater nicht? Sagen Sie mir nicht, daß Mackworth's Macht allein nur aus ſeiner Kenntniß vom faut pas des armen Denſil herrührte. Der Mann hatte noch ein ganz anderes Machtgefühl.“ „Dann hat er ſeine Gewalt nie gebraucht“, ſagte Lord Saltire;„Denſil, die arme Seele, hat nie Etwas von der Sache gewußt.“ „Er hatte ein Bewußtſein ſeiner Macht“, ſagte Lady Ascot,„welches ihm ſeine unbegrenzte Unverſchämtheit gab. Denſil ließ ſich nichts davon träumen.“ Da eben war es dem Conſtabler gelungen, die beiden Taſchendiebe einzufangen und mit Lord Daventrh zu con⸗ frontiren. Lord Daventry bot laut Jedem ein Zehn⸗ ſchillingsſtück, wenn er nichts weiter darüber ſagen wollte, worauf die Menge ein Hurrah ertönen ließ. „Ob es wol etwas nützen würde, wenn man dem Prieſter Geld anböte— etwa zehntauſend Pfund, oder ſo?“ ſagte Lord Saltire.„Sie ſind eine religiöſe Frau, Maria, und verſtehen ſich als eine ſolche beſſer auf das Gewiſſen eines Prieſters, als ich. Was meinen Sie dazu?“ „Ich weiß es nicht“, ſagte Lady Ascot.„Ich weiß nichts, als daß der Mann auf ſeine heidniſche Weiſe auch hochherzig iſt. Sie haben von Cuthbert erfahren, daß der Pfaffe zehntauſend Pfund ausgeſchlagen hat, die ihm an⸗ getragen waren, wenn er die Geſchichte mit Charles ver⸗ 4 tuſchen wollte. Seine Enthüllung wäre ein Schlag für die 5 papiſtiſche Kirche des Weſtens. Er würde ſein Anſehen* verlieren, wenn er Ihr Anerbieten annähme. Ich weiß nicht, wie viel ſeine Stellung werth ſein mag. Sie können es mit ihm verſuchen, wenn alles Andere fehlſchlägt, ſonſt 3 aber nicht, meine ich. Wir müſſen noch ſorgfältigere Nach⸗ forſchungen anſtellen.“ „Wenn man Alles reiflich erwägt, Maria, ſo kann er es nicht wiſſen. Hat es Denſil nicht gewußt, wie hätte er es da wiſſen ſollen?“ „Der alte Clifford mag es gewußt und ihm nigehei haben.“ „Wenn es uns gelingt, und wenn Adelaide keine Kinder hat— zwei höchſt unwahrſcheinliche Vermuthungen—“ ſagte Lord Saltire,„je nun—“ „Je nun?“ ſagte Lady Ascot.„Aber im ſchlimmſten Falle werden Sie Charles zu einem reichen Manne machen, nicht wahr? Werden Sie es William ſagen?“ „Noch nicht. Cuthbert ſollte es meiner Anſicht nach 3 128 niemals erfahren; doch das iſt Charles' Sache. Ich habe William darauf vorbereitet.“ „Cuthbert wird nicht lange leben“, ſagte Lady Ascot. „Hat keine große Ausſicht auf langes Leben“, ſagte Lord Saltire.„Marſton ſagte zwar, ſein Herzleiden „ exiſtire gar nicht; allein, ich bin anderer Meinung.“ In dieſem Augenblicke ſetzte ſich die ganze Menſchen⸗ menge, da Lord Daventry's Geldanerbieten zurückgewieſen worden war, in Proceſſion, nach der nächſten Polizeiſtation in Bewegung. An der Spitze marſchirten drei kleine Mädchen mit großen Hüten und dicken Säuglingen, denen, da ſie zwei Dinge zugleich zu thun trachteten— nämlich, durch überlegene Geſchwindigkeit die Anführerinnen des Zuges zu bleiben und zugleich ſich nach Lord Daventrh und den Taſchendieben umzuſchauen— weder das Eine noch das Andere gelang, ſondern die nur bei jedem Schritte die drei Kinderköpfe in heftige Coliſſion mit einander brachten. Sodann kam Lord Daventry, in ſein Schickſal ergeben. Hierauf der Conſtabler, an jeder Hand einen Taſchendieb, der ſeine Erklärungen abgab. Ferner die Haſſenbuben; nach ihnen der Beſitzer des Hanswurſtes, der unglücklicherweiſe das Attentat geſehen hatte und zum Nachtheile ſeines Geſchäfts als Zeuge mit auf die Polizei tommen mußte. In der Nachhut erſchien das britiſche Volk, das mit einander allerlei handgreifliche Kurzweil trieb. Die Hunde verfolgten im Rinnſteine eine parallele Bahn und bellten. Um eine Ecke biegend, wurde die Pro⸗ ceſſion auf einen Augenblick durch einen leichtherzigen Ge⸗ müſehöker in Verwirrung gebracht, der, von einem glück⸗ lichen Markte heimkehrend, ſeinen leeren Schubkarren mit 129 beträchtlicher Geſchwindigkeit mitten in den Zug hinein⸗ ſchob. Worauf ſie wie das luftige Gewebe eines Traumes verſchwanden, um nur wieder in den Polizeiberichten zum Vorſcheine zu kommen. „Lord und Lady Welter.“ Lord Saltire hatte ſie an der Hausthüre vorfahren ſehen; deshalb war er vollkom⸗ men vorbereitet. Ganz ſtill für ſich hin, aber unendlich herzlich hatte er über die Abenteuer des armen Lord Da⸗. ventry gelacht und als er ſich vom Fenſter umwandte, zeigten ſich noch die Spuren ſeiner Heiterkeit auf ſeinem Geſichte. Adelaide hatte Lady Ascot geküßt und hielt ihre beiden Hände noch umſchloſſen mit einer Miene der innig⸗ ſten Trauer. Lord Saltire war von Adelaide's Spiel und von der Einfalt, mit welcher ſie daſſelbe vor ihm zur Darſtellung brachte, ſo ſehr beluſtigt, daß er förmlich ſtrahlte, als er Lord Welter entgegenging. „Nun, mein lieber Taugenichts, wie geht es uns?“ ſagte er, Lord Welter die Hand reichend.„Einen un⸗ manierlicheren Burſchen habe ich in meinem Leben nicht geſehen. So mit Deiner wunderſchönen jungen Frau davonzugehen und Dich zu verſtecken, und uns alte Leute allein vor langer Weile ſterben zu laſſen. Was zum Kukuk ſoll das heißen, Sir, wie?“ Lord Welter antwortete nicht in demſelben Tone; er ſagte: „Es iſt ſehr gütig von Ihnen, mich in dieſer Weiſe zu empfangen. Ich hatte das nicht erwartet. Erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß ich nicht glaube, Ihr Benehmen gegen mich würde ganz ſo herzlich ſein, wenn Sie Alles Kingoley, Ravenshoe. III. 9 130 wüßten. Noch gibt's ſehr Vieles, was ſie nicht wiſſen, und was ich nicht geſonnen bin, Ihnen zu ſagen.“ Zuweilen wird es ſelbſt einem Dichter, einem Manne, der hinſichtlich der Erfindung doch carte blanche hat, ganz unmöglich, die Urſache für dieſe oder jene Handlung eines Menſchen anzugeben. Ich habe hin und her geſonnen und kann doch, und wenn es mir das Leben koſtete, nicht ſagen, warum Lord Welter in ſolcher Weiſe antwortete, nicht behaupten, ob es aus tiefſter Verſchlagenheit oder blos in leichtſinniger Gleichgültigkeit geſchah. War es Schlauheit, ſo war es eine Schlauheit erſten Grades. Es war Genie. Dieſe Miſchung von Achtung und Liebe zu der Perſon und Gleichgültigkeit gegen deren Gunſt war— nun— war ſehr anerkennenswerth. Lord Saltire glaubte nicht, daß Welter Comödie ſpielte, und ſeine Anſicht, meine ich, hat wol ihren gewiſſen Werth. Dabei aber müſſen wir uns erinnern, daß er heute geneigt war, das Beſte von Lord Welter zu denken, und dieſem Umſtande einigermaßen Rechnung tragen. Ich ſelbſt habe über das Ganze keine Meinung; möge ſich Jeder ſein Urtheil bilden. Ich weiß nur, daß Lord Sal⸗ tire ſich mit ſeiner Tabaksdoſe an die Zähne klopfte und ſchwieg. Lord Welter befand ſich, bewußt oder unbewußt, in dieſem Augenblicke der halben Million näher, als je zuvor in ſeinem Leben. Aber Adelaide's feineres Gefühl empörte ſich über das Verfahren ihres Gatten. Im Moment, wo ſie hörte, was er ſprach, hätte ſie ihn umbringen mögen. „Leichtſinnig, brutal, ſelbſtſüchtig“, ſprach ſie ergrimmt zu ſich ſelber,„ein herzogliches Vermögen aus purer Hals⸗ ſtarrigkeit mit Füßen von ſichzu ſtoßen!“(Sie hatte Lady As⸗ , cot's Brille aufgehoben und ſich dieſelbe ſcherzend auf ihre ehrwürdige Naſe geſetzt).„Ich wollte, ich hätte ihn nie geſehen. Er wird ganz toll. Hätte er nur ein Bißchen Hirn im Kopfe, was könnten wir nicht ſchon erreicht haben?“ Aber das Geſpräch von heute Morgen klang ſchrill in ihrer Erinnerung wider und mit ihm der Argwohn, daß er viel⸗ leicht in gewiſſer Beziehung mehr Verſtand beſäße, als ſie; daß, wenn auch ihre Moralität auf derſelben Stufe ſtand, in ihm eine Kraft lebte, gegen die ihre Schlauheit nichts auszurichten vermöge. Sie wußte, daß ſie niemals Lord Saltire täuſchen könnte, und da ſaß dieſer jetzt und klopfte Welter mit ſeiner Doſe auf's Knie und ſprach ernſtlich und vertraulich mit ihm. Sie begann Hochachtung zu fühlen vor ihrem Gatten. Er wagte es, dem alten Manne mit den Hunderttauſenden entgegenzutreten; ſie zitterte in deſſen Gegenwart. Verlaſſen wir ſie, während ſie unſere liebe alte Freun⸗ din nach Herzensluſt zum Narren hält, und hören wir der Unterhaltung der beiden Männer zu. „Ich weiß“, ſagte Lord Saltire, ſich näher zu ihm her⸗ anſetzend,„daß Du, wie man es heut'zu Tage nennt, ſehr flott«gelebt haſt. Ich will durchaus keine Fragen thun, die mich nichts angehen. Du haſt Verſtand genug, um ein⸗ zuſehen, daß es ſeinen Werth für Dich hat, Dich gut mit mir zu ſtellen. Willſt Du mir aber ein paar Fragen be⸗ antworten, die mich in der That etwas angehen?“ „Ich kann keinerlei Verſprechen ablegen, Lord Saltire. Laſſen Sie mich gütigſt Ihre Fragen hören.“ „Je nun“, ſagte Lord Saltire,„über Charles Ra⸗ venshoe.“ 9* „Allgütiger Gott!“ „Ueber Charles?“ ſagte Lord Welter, indem er zu Lord Saltire aufblickte.„O ja, ſo viele, wie Sie wollen. Dabei habe ich nichts zu verhehlen. Natürlich werden Sie Alles erfahren, und ich will lieber, daß Sie es von mir erfahren, als von Anderen.“ „Ich ſpreche nicht von Adelaide; laſſen wir das ruhen. Vielleicht bin ich froh, daß es ſo kam, wie es gekommen iſt. Aber haſt Du gewußt, wo Charles in letzterer Zeit war? Deine Frau bat William, heute Morgen zu ihr zu kommen; dies veranlaßt mich zu der Frage.“ „Ich habe es erſt ganz ſeit Kurzem gewußt. Als William Ravenshoe heute Morgen kam, habe ich ihm Jedwede Auskunft ertheilt, die ich ihm geben konnte. Charles wird noch heute bei Ihnen ſein.“ „Ich bin zufriedengeſtellt.“ „Es liegt mir nicht daran, mich zu rechtfertigen; aber ohne mich würden Sie ihn nicht gefunden haben. Und mehr noch: ich bin nicht der erſte Mann, der begangen hat, was ich that, Lord Saltire.“ „Nein, natürlich nicht“, ſagte Lord Saltire.„Ich kann nicht den erſten Stein auf Dich werfen, Gott ver⸗ zeih' mir!“ „Aber Sie werden mir zugeſtehen, Lord Saltire, daß ich nicht errathen konnte, daß Ellen ſeine Schweſter war.“ „Was?“ ſagte Lord Saltire.„Sage das noch einmal.“ „Ich ſage: als ich Ellen Horton aus Ravenshoe ent⸗ führte, hatte ich keine Ahnung, daß ſie Charles' Schwe⸗ ſter ſei.“ Lord Saltire ſank in ſeinen Seſſel zurück und ſagte: — 133 „Von einem Geſichtspunkte aus betrachtet, iſt es aller⸗ dings ſehr fürchterlich, Lord Saltire. Im Uebrigen aber läuft ſich die Sache auf Folgendes hinaus: daß ſie, ſoviel ich wußte, nur die Tochter eines Wildhüters war. Ent⸗ ſinnen Sie ſich, was Sie zu Charles und mir geſagt haben, als wir ruſticirt worden waren?“ „Ja, ich ſagte, daß heut' zu Tage ein Laſter für ver⸗ zeihlicher gehalten würde, als das andere, und ich ſage dies noch jetzt. Doch wollte ich lieber, Du wärſt in einem Graben am delirium tremens geſtorben, als daß Du das gethan hätteſt.“ „Ich nicht, Lord Saltire. Als ich mich mit Adelaiden einließ, glaubte ich, Ellen wäre verſorgt. Ich hatte ſelbſt damals noch nichts von Charles' Unglück gehört. Ellen wies einen glänzenden Heirathsantrag zurück, ehe ſie von mir ging.“ „Wir glaubten, ſie wäre todt. Wohin hat ſie ſich ge⸗ wandt?“ „Davon habe ich keine Idee. Sie ſchlug Alles aus. Anfangs blieb ſie als Adelaide's Kammerjungfer und verließ uns dann plötzlich. Wir haben jede Spur von ihr verloren.“ „Welch'eine jammervolle, entſetzliche Geſchichte!“ ſagte Lord Saltire. „Sehr“, ſagte Lord Welter.„Wollen wir nicht lieber von etwas Anderem reden, Mylord?“ fügte er trocken hinzu.„Ich weiß durchaus nicht, ob ich mich einem fer⸗ neren Kreuzverhöre unterwerfen werde. Sie dürfen die Sache nicht zu weit treiben; ich könnte leicht wild werden.“ „Ich werde es nicht thun“ ſagte Lord Saltire;„aber um Gotteswillen, Welter, beantworte mir noch zwei Fragen. Keine beleidigenden, auf Ehre.“ „Fünfzig, wenn Sie wollen; nur bedenken Sie mein hundsföttiſches Temperament.“ „Ja, ja! Hat Ellen, als ſie bei Euch war, jemals darauf hingedeutet, daß ſie hinſichtlich der Familie Ra⸗ venshoe Mancherlei wüßte?“ „Ja, oder vielmehr, als ſie von uns ſchied, ließ ſie einen Brief zurück, in welchem ſie ſagte, ſie hätte Charles Etwas mitzutheilen.“ „Gut, gut!“ ſagte Lord Saltire.„Sie mag es wiſſen. Wir müſſen ſie finden. Nun,— Charles kommt heute 3 hierher. Wäre es nicht gut, Welter, wenn Du ihm hier begegneteſt?“ „Wir ſind einander bereits begegnet. Alles Ver⸗ gangene iſt vergeben.“ „Begegnet!“ rief Lord Saltire aus.„Und was ſagte er zu Dir? Hat es eine Scene gegeben, Welter?“ Lord Welter ſchwieg einen Augenblick, ehe er ant⸗ wortete, und Lord Saltire, der weiſe, ſchaute zum Fenſter hinaus. Einmal ſchien es, als wäre Lord Welter im Begriffe, zu ſprechen; doch ſtockte ihm der Athem. Der zweite Verſuch war von beſſerm Erfolge. Er ſagte mit leiſer Stimme:* „Nun, ich will Ihnen Etwas ſagen, Mylord. Charles Ravenshoe's Herz iſt gebrochen.“ „Lord und Lady Hainault.“ Und Miß Corby und Gus und Flora und Archy, hätte der Lakai hinzuſetzen können; aber er fürchtete vermuthlich, dadurch die Wirkung ſeiner Meldung zu ſchwächen. — 135 Es war dies ein ziemlich ungeſchicktes Zuſammen⸗ treffen. Die neuen Beſucher kamen völlig unerwartet, und Lord Hainault und Lord Welter hatten einander ſeit ihrem fracas bei Tatterſall nicht wiedergeſehen. Die Sache traf ſich ſo fürchterlich unglücklich, daß Lord Saltire ſeine gute Laune wiederfand und die beiden jungen Männer mit einem Lächeln betrachtete. Die beiden jungen Männer tänſchten indeſſen ſeine Erwartungen. Lord Hainault ſagte: „Wie geht's, Welter?“ und Lord Welter:„Wie geht's, Hainault?“ Und damit war die Sache abgemacht; unter allen Umſtänden mindeſtens für den Augenblick. Als alle Begrüßungen ausgetauſcht, Archy auf Mary's Schooß geklettert war und Lady Hainault ſich mit kaiſer⸗ licher Würde in einen Seſſel niedergelaſſen und Flora vor ſich hingeſtellt hatte, Adelaide gerade gegenüber, erfolgte ein kurzes Stillſchweigen, welches Gus mit einer Frage an Lady Ascot zu brechen geneigt ſchien. Mary bebte; die Anderen aber waren nicht ſo ganz betrübt, daß der Stille ein Ende gemacht würde. Nachdem Gus die Erlaubniß des Hauſes erhalten hatte, wünſchte er zu wiſſen, ob der Teufel, wenn er ſeine Sünden bereuete, Ausſicht hätte, ſeine frühere Stellung wiederzugewinnen, oder nicht? „Das alberne ſchottiſche Kindermädchen hat ihm wahr⸗ ſcheinlich Burns' Gedichte vorgeleſen“, ſagte Lady Hai⸗ nault;„wenn es nicht Mary ſelbſt gethan hat. Mary zieht alles Andere Watts' Hymnen vor, Lady Ascot.“ „Sie dürfen kein Wort von dem glauben, was Lady Hainault ſagt, Lady Ascot“, verſetzte Mary.„Sie hat in einer Argumentation mit mir eine ſchmachvolle Niederlage erlitten und bedient ſich jetzt aller möglichen unredlichen 136 Mittel, um das Blättchen zu drehen. Ich habe in meinem Leben keine Zeile von Burus'Gedichten geleſen.“ „Haben Sie die Güte, Lady Ascot, vielmehr Miß Corby kein Wort zu glauben“, ſagte Ladh Hainault.„Sie hat ſich ſelbſt überführt. Sie ſingt:„The banks and braes of bonny Poon“— ſehr ſchlecht, das will ich zugeben, aber ſie ſingt es doch.“ Dies rief ein Gelächter hervor. Alles war beſſer, als das Schweigen, welches vorher geherrſcht hatte. Es war augenſcheinlich, daß Lady Hainault nicht mit Adelaiden ſprechen wollte. Das Ganze war ſehr unbehaglich. Gern hätte die gute Mary noch einen freundſchaftlichen Waffen⸗ gang mit Ladh Hainault zu Wege gebracht; aber ſie war zu befangen. Sie würde ſelbſt Gus zum Sprechen ver⸗ anlaßt haben; doch ſie ſah, daß Gus, dem köſtlichen Jungen, heute Morgen nicht viel zu trauen war. Offenbar entging ihm nicht, daß die Kriegshunde losgelaſſen waren, und er ſetzte die Zähne in ſein Gebiß, wie ein Schlachtroß. Lady Ascot war ebenſo befangen, wie Mary. Gar zu gern hätte ſie Etwas geſprochen, allein ſie brachte es nicht zu Stande. Lady Hainault war unerbittlich in ihrer Ruhe; Adelaide erhaben gleichgültig. Wenn man noch in Erwägung ziehen will, daß Lady Ascot Nachricht von Charles, ja wahr⸗ ſcheinlich Charles ſelbſt erwartete, und daß ſie, indem ſie Adelaide zum Frühſtücke einlud, nicht an die Wahr⸗ ſcheinlichkeit gedacht hatte, daß William ihn mitbringen würde; daß Lord Welter ungebeten und Hainault's gänz⸗ lich unerwartet gekommen waren,— ſo wird man ſich denken können, daß die liebe alte Dame ſich in der aller⸗ unbehaglichſten Lage befand und daß jedes Ereigniß, ſelbſt 137 ein Feuerlärm im Hauſe, ihr eine willkommene Abwech⸗ ſelung geweſen wäre. Aber das geſchah nicht. Man ſagt wol, daß es beſſer werden muß, wenn es am ſchlimmſten iſt, und das iſt un⸗ leugbar. Wann aber iſt das Schlimmſte gekommen? Wer kann dies ſagen? Lady Ascot glaubte, jetzt wäre der ſchlimmſte Moment und begann ſich ſchon mit dieſem Ge⸗ danken zu tröſten. Da riß der Diener die beiden Thür⸗ flügel auf und meldete: „Lady Hainault und Miß Hicks.“ Jetzt verlor Lady Ascot alle Hoffnung und rief laut: „Das iſt zu viel!“ Sie glaubten, die alte Lady Hainault hörte es nicht; allein ſie hörte es wol und Miß Hicks ebenfalls. Sie hörten es Beide ſchnell genug und ver⸗ gaßen es nicht. In großen ſocialen Kataſtrophen werden kleinere Mis⸗ helligkeiten vergeſſen. Während des Aufſtandes in Indien wurden Menſchen die beſten Freunde, die vorher in bit⸗ terſtem Hader gelebt hatten. Es gibt ſo fürchterliche Kriſen, daß ſich Leute von allen religiöſen Bekenntniſſen und politiſchen Schattirungen gegen einen gemeinſamen Feind verbinden müſſen. Der gegenwärtige Augenblick war eine ſolche Kriſis. Als das fürchterliche alte Weib ſo ganz unerwartet auftrat und Lady Ascot ſich in dem Grade ſteuerlos zeigte, daß ſie ſich zu jenem Ausrufe hinreißen ließ, waren die junge Lady Hainault und Adelaide ſo ent⸗ ſetzt, ſo jählings zu einem Bewußtſein von bevorſtehender Gefahr erwacht, daß ſie laut und ziemlich freundlich mit einander zu plaudern begannen. Die junge Lady Hainault, deren Faſſung durch das letzte Unglück den Gnadenſtoß 138 erhalten hatte, ließ ſich von Adelaiden von Lady Brittle⸗ jug's Abendgeſellſchaft erzählen— dicht vor den Ohren ihrer Schwiegermama, die jedes Wort, das ſie ſprach, ſorgfältig aufſammelte. Und gerade, als ſie ſich bewußt wurde, daß ſie heftig bedauerte, nicht auch dort geweſen zu ſein— als ob Lady Brittlejug je die Dreiſtigkeit haben würde, ſie einzuladen!— gewahrte ſie, wie ſie vom andern Ende des Zimmers herüber Lord Saltire mit einem Ge⸗ ſichte anſtaunte, als wäre er einer der Götzen zu Abu Simbel. Wenn Lady Ascot ſich einmal wirklich in die Enge ge⸗ trieben ſah, ſo erwachte mit der Gefahr ihr ganzer Muth. Sie kam aus einem tapfern Geſchlechte. Kein Headſtall hatte noch je den Kampf verweigert. Selbſt ihr armer Bruder, deſſen Blut ſchon Spuren von Entartung zeigte (die Männer ſind den Frauen darin ſtets ein paar Gene⸗ rationen voraus), war ein tollkühner Reiter geweſen, hatte bei ſeinem Verhöre Fouquier Tinville Fußtritte ange⸗ boten und den Scharfrichter auf der Guillotine warten laſſen, bis er ſich die Nägel geputzt. Lady Ascot erhob ſich und nahm die Schlacht an. Sie ging der alten Lady Hainault entgegen und ſagte, ſich auf ihren Krückſtock ſtützend: „Und wie befinden Sie ſich, meine liebe Lady Hai⸗ nault?“ Sie dachte, Lady Hainault würde, ihrer Gewohnheit gemäß, etwas ſehr Unangenehmes ſagen. Sie blickte ſie an und war erſtaunt über die Veränderung, die mit ihr vorgegangen war. In ihrem Geſicht lag Etwas, das Lady Ascot nicht gefiel. 10 le⸗„Meine liebe Lady Ascot“, erwiderte die alte Lady en Hainault,„ich danke Ihnen. Ich bin eine ſehr alte Frau. ch, Ich vergeſſe meine Freunde nie, das verſichere ich Ihnen. t Hicks, iſt Lord Hainault hier?— Ich werde jetzt recht zu blind, wie Sie gern hören werden, Lady Ascot. Hicks, en ich nuß ord Hainault augenblickl ſprechen, hören Sie? rn Holen Sie ihn mir, Sie dummes Geſchöpf. Hainault! ſe Hainault!“ bu Unſere Lady Hainault ſtand plötzlich auf und ſchlang hren Arm um den Leib der alten Dame.„Mama“, ſagte ſie,„was wünſchen Sie?“ .„Ich will mit Hainault reden, Sie albernes Kind. Iſt er das? Hainault, ich habe mein Teſtament gemacht, mein lieber Junge. Der Schelm kam zu mir, und ich ſagte g ihm, daß das Teſtament bereits gemacht und von Britten e und Sloane, als Zeugen, unterſchrieben wäre. That ich tte recht daran, oder nicht, wie? Ha! ha! ich bin Dir hierher g⸗ nachgekommen, um Dir es zu ſagen. Gib es nicht zu, daß ten dieſe Ascot mich inſultirt. Sie hat ein Verbrechen be⸗ 1 gangen, jenes Weib. Ich will ſie vor's Gericht bringen. 3 Und Alles nur, um das alberne Gſchöpf, die Alicia, an jenen * blaſſen tutholiſchen Peter Ravenshoe zu verkuppeln. Glaubt ſie etwa, ich hätte es nicht gewußt? Ich wußte, daß ihr das Ganze klar genug war, und ich war mir ebenfalls klar 6 darüber und habe ebenfalls ein Verbrechen begangen, in⸗ . dem ich dazu ſchwieg, und ſo wollen wir Beide zuſammen ins Bridewellgefängniß wandern und—“ Da trat Lord Saltire ruhig zu ihr heran und bot ihr i ſeinen Arm. Sie nahm ihn an und ging, vor ſich hin⸗ murmelnd, hinaus. Ich muß hier erwähnen, daß Lady Hainault's Mit⸗ theilung rückſichtlich ihres Teſtamentes mit unſerer Er⸗ zählung nichts zu thun hat. Eine letztwillige Verfügung war vorhanden geweſen, in der die junge Lady Hainault und Miß Hicks ſehr karg bedacht waren, und die alte Dame hatte ehrenhafterweiſe jetzt dieſes Teſtament umge⸗ ſtoßen und zu Gunſten dieſer beiden Damen ein anderes gemacht. Welter hätte Lady Ascot darum gegeben, wenn ſie manches zu ihr Geſagte hätte ungeſagt machen können! Es war augenfällig, daß die arme alte Lady Hainault geiſtesſchwach wurde. Gern hätte ſie Lady Ascot auf den Knien um Verzeihung gebeten; aber es war zu ſpät. Lady Hainault erſchien nie wieder in Geſellſchaft. Sie ſtarb ſehr kurze Zeit nach dieſem Vorfalle, und die arme Miß Hicks war nun, wie ſchon erwähnt, eine reiche Dame. Wenige wußten, wie viel Gutes in der armen alten Seele lebte. Laßt nur die Pächter von Caſterton ihr Zeugniß ablegen. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit hatte ihr Erſcheinen, wie wir geſehen haben, die Wirkung, daß ſich die junge. Lady Hainault mit Adelaiden verſöhnte. Nur ein paar Minuten nach ihrem Fortgehen trat William ins Zim⸗ mer, gefolgt von Lieutenant Hornby, den, außer Lord und Lady Welter, Niemand von der Geſellſchaft ſchon geſehen hatte. Sie laſen in William's Geſichte, daß etwas Neues vor⸗ gefallen war. Er ſtellte Hornby vor, welcher betroffen ſchien, und überreichte dann Lord Saltire ein offenes Billet. Dieſer las es und ſagte hierauf: 141 i⸗„Unſer unglücklicher Junge iſt wieder verſchwunden. er⸗ Wie es ſcheint, hat ihn ſein Zuſammentreffen mit Ihnen, ng meine liebe Lady Welter, diesmal dazu beſtimmt. Können ult Sie uns irgend ein Licht geben? Hören Sie, was er lte ſchreibt:“ ge⸗„Lieber Herr Lieutenant! res„Ich muß ſelbſt Ihnen, meinem letzten Freunde, Lebe⸗ wohl ſagen. Ich bin heute von Lady Welter, als in ſie Ihrem Dienſte ſtehend, erkannt worden und kann daher n! nicht länger bleiben. Es war überhaupt eine Tollheit, ult mich einer ſolchen Lebensweiſe zuzuwenden.“(Hier waren den drei Zeilen ſorgfältig ausgeſtrichen. Lord Saltire erwähnte dh des Umſtandes und Hornby ſagte ruhig:„ich ſtrich jene ub Zeilen aus, ehe ich den Brief irgend Jemandem zeigte; ſie iß beziehen ſich auf eine Angelegenheit, die mich durchaus ne. perſönlich betrifft.“ Lord Saltire verbeugte ſich und fuhr ten fort:) ihr„Tauſend Dank für Ihre Güte; Sie ſind mir mehr ein Bruder, als ein Herr geweſen. Wir werden einander en, wiederſehen, wann Sie es am Wenigſten erwarten. Ich nge bitte Sie, etwaige Nachforſchungen nach mir nicht zu unter⸗ air ſtützen; es iſt doch vollkommen nutzlos. m⸗„Charles Horton.“ ud Adelaide trat vor, bleich wie der Tod.„Ich glaube, hen ich habe Dies verſchuldet. Ich ließ mir nicht träumen, daß er ſchon ſo plötzlich ſeinen Entſchluß ändern würde. Als ich ihn geſtern ſah, war er in der Livree eines Reit⸗ knechtes. Ich ſagte ihm, er entehre ſich in dieſem Kleide, und wenn er einmal in Verzweiflung ſei, ſo möge er in den Krieg gehen.“ or⸗ fen 142 Alle ſchauten einander ſchweigend an. „Dann“, ſagte Lady Ascot,„hat er ſich gewiß anwerben laſſen. Wenn man nur wüßte, in welchem Regimente? — vielleicht in dem Ihrigen, Mr. Hornby?“ „Ich ſollte meinen, daß er ſich dies am Allerletzten ausſuchen wird, wenn er ſich verborgen zu halten wünſcht“, ſagte Hornby.„Er muß wiſſen, daß ich ihn dort ſofort ausfindig machen würde.“ So wurde Lady Ascot von den anderen Weiſen ſehr verhöhnt und war doch die Einzige, die das Rechte ge⸗ troffen hatte. „Ich denke“, ſagte Lord Saltire zu Lady Ascot,„wir thäten gut, Mr. Hornby in unſer Vertrauen zu ziehen.“ Sie war derſelben Anſicht, und nachdem die Hainaults und Welters fortgegangen, blieb Hornby noch zurück und vernahm Dinge, die ihn einigermaßen überraſchten. „Es wäre das Beſte, wenn man bei den Commandos der verſchiedenen Regimenter Erkundigungen einzöge. In⸗ zwiſchen bin ich zu jedem Beiſtande erbötig, der in meiner Macht liegt. Wäre es nicht vielleicht gerathen, ihn durch die Zeitungen zur Rückkehr aufzufordern und dabei das ganze Sachverhältniß bekannt zu machen?“ „Ach nein“, ſagte Lord Saltire,„wir wünſchen eben das ganze Sachverhältniß vor der Hand noch nicht wiſſen zu laſſen. Wir haben noch andere Intereſſen zu berück⸗ ſichtigen und ſind noch nicht von Allem unterrichtet. Ja, wir handeln eigentlich für jetzt nur erſt nach Muth⸗ maßungen.“ „Sie werden mich für neugierig halten“, ſagte Hornby. 143 „Aber Sie wiſſen nicht, welches Recht— wie ich es faſt nennen darf— ich zu dieſen Fragen habe. Weiß der gegenwärtige Mr. Ravenshoe das Alles?“ „Kein Wort davon.“ Darauf entfernte ſich Hornby mit William und er⸗ wähnte Ellen mit keiner Silbe. Als ſie das Haus ver⸗ ließen, ſchaute ein kleiner Schuhputzer neugierig zu ihnen auf, als ob er Etwas ſagen möchte. Sie nahmen aber keine Notiz von dem Jungen. Er hätte ihnen erzählen können, was ſie zu wiſſen wünſchten; doch wie konnten ſie dieſes ahnen? Unmöglich. Nach dem ſcharfſinnigen Welter gingen eine halbe Million Pfund Sterling und andere angenehme Dinge betteln, und ein ſchmuziger kleiner Schuhputzer war das einzige menſchliche Weſen, das wußte, wo ſich der Erbe des Reichthums befand! Ein Schwein iſt ein halsſtarriges Thier und ein Schaf nicht minder; doch welches Schwein oder welches Schaf war je nur halb ſo unleidlich in ſeiner Halsſtarrigkeit, als Charles in ſeiner zartfühlenden, gut⸗ gemeinten, Alles verwirrenden Dummheit? Binnen Kur⸗ zem wird man in der»Times« eine Annonce leſen, die Lady Ascot's Sachwalter eingerückt hat, und den Grund erfahren, warum ſie und Andere ſo ängſtlich danach trach⸗ teten, Charles bei ſich an Ort und Stelle zu haben. An⸗ fangs beklagten Lady Ascot und Lord Saltire ſeine Ab⸗ weſenheit aus dem herzlichen Wohlwollen, das ſie für ihn hegten; im Laufe der Zeit aber begannen ſie noch aus an⸗ deren Gründen ſeine Rückkehr zu erſehnen. Lady Ascot waren die Hände gebunden. Sie befand ſich in der größten Verlegenheit, und als die Nachricht kam, daß er ſich hatte anwerben laſſen und faſt mit Sicherheit anzunehmen war, daß er nach fremden Gegenden eingeſchifft und getödtet werden würde, ehe ſie ſeiner habhaft werden konnte,— da war ſie außer ſich. Geſetzt, er heirathete gar, ehe er fiel! „Allgütiger Himmel, mein lieber James, iſt je ein unglück⸗ liches Weib ſo beſtraft worden dafür, daß es ein Geheimniß bewahrte?“ „Wol kaum, Maria“, ſagte Lord Saltire gelaſſen. „Ich erkläre, ich gewinne den Burſchen immer lieber, je mehr Noth er macht. Niemals hat's noch einen ſo hals⸗ ſtarrigen lieben Taugenichts gegeben. Welter hat ſeinen Hof gemacht, und zwar geſchickt,— mit einer Art von lümmelhafter Einfalt, die charmant, weil neu, war. Ich, ſelbſt ich wage kaum zu behaupten, ob dieſes Weſen echt war oder nicht. Er hat zehn Mal ſo viel Ver⸗ ſtand, als ſein flachköpfiges kleines Weib, deſſen Manöver ſogar Sie, meine liebe Maria, die Sie für gewöhnlich nicht beſonders ſcharfſinnig ſind, hätten durchſchauen können.“ „Ich glaube, daß ſie mich lieb hat, und ſein Sie nicht unartig, James.“ „Ich glaube, ſie fragt keinen Deut nach Ihnen, und ich will ſo unartig ſein, wie es mir gefällt, Maria.“ Der arme Lord Ascot lachte über dieſes kleine Schar⸗ mützel zwiſchen ſeiner Mutter und ihrem alten Freunde. Worauf Lord Saltire ſich gegen ihn wandte und ſagte: „Um halb zwei Uhr in dieſer Nacht werden Sie von drei Schurken in ſchwarzen Flormasken und mit Piſtolen aufgeweckt, mit fürchterlichen Drohungen aus dem Bette geriſſen und in Ihrem Hemde die Treppe auf und ab ge⸗ nel r. ſen zer⸗ ver lich uen icht ich 145 ſchleppt werden, bis Sie ihnen alle Ihre Gelder und Koſt⸗ barkeiten ausgehändigt haben. Die Kerls werden herein⸗ kommen, indem ſie eine Fenſterſcheibe eindrücken und dann einen kleinen, als Schuhputzer verkleideten Buben durch⸗ ſchlüpfen laſſen, der ſie hereinläßt.“ „Guter Gott!“ ſagte Lord Ascot,„was reden Sie da?“ „Sehen Sie nicht den kleinen Schuhputzer dort drü⸗ ben?“ frug Lord Saltire.„Er hat ſeit zwei Stunden ununterbrochen das Haus beobachtet. Die Räuber werden ihn zum Fenſter der Hinterküche hereinlaſſen. Da kommt Daventry von der Polizei zurück. Ich wette mit Ihnen einen Sovereign, daß er ſich die Stiefeln putzen läßt.“ Der arme Lord Ascot ſtürzte, wie ein altes Schlacht⸗ roß beim Trompetenſchmettern, nach der Wette.„Ich hätte Drei gegen Eins mit Ihnen gewettet, wenn Sie gewartet hätten.“ Lord Daventry war in der That auf den Schauplatz zurückgekehrt. Sein Gefolge war jetzt auf ein einziges der kleinen Mädchen mit den großen Hüten und Säuglingen zuſammengeſchmolzen, das ihm offenbar bis an die Polizei⸗ ſtation gefolgt war, dort ſein Wiederherauskommen abge⸗ wartet und ihn ſchließlich zurückbegleitet hatte, ihn als einen Mann von düſtern Erfahrungen anſtaunend, als einen Mann, den man um keinen Preis aus den Augen laſſen dürfe, damit ihm nicht mittlerweile wieder etwas Wunder⸗ bares zuſtoße. Dieſe junge Dame, welche um ſolcher Er⸗ götzlichkeit willen etwas länger als zwei Stunden auf ihrer Botſchaft ausgeblieben war und den Säugling eben ſo lange ſeiner natürlichen Nahrung beraubt hatte, ſtieß jetzt plötzlich auf eine zornerfüllte Mutter, und da ſie wußte, Kingsley, Ravenshoe. III. 1 — — was ſie zu erwarten hatte, ſah ſie ſich genöthigt, die wü⸗ thende Erzeugerin im Kreiſe um Lord Daventry herum⸗ zujagen, in einer Weiſe, daß dieſer ehrwürdige Edelmann, vom Schwindel ergriffen, endlich ſtehen blieb und kleinlaut und erſchöpft Beiden Geld anbot, wenn ſie ihre Hatze ein⸗ ſtellen wollten. Schließlich wurde die junge Dame er⸗ griffen und gepufft, der Säugling erfriſcht und Se. Lord⸗ ſchaft in Freiheit geſetzt. Lord Saltire gewann zu ſeiner großen Freude ſeine Wette. Solch' ein Ereigniß, wie das Erſcheinen eines Schuhputzers in South⸗Audley⸗Street durfte nicht unbe⸗ merkt vorübergehen. Lord Daventry ließ ſich mit unſerm kleinen Freunde in eine Unterhaltung ein und frug ihn, ob er die Schule beſuche? ob er das Vaterunſer herſagen könne? wie viel er täglich verdiene? ob ſeine Aeltern noch am Leben? und ließ ſich endlich die Stiefeln wichſen, wofür er dem Knaben eine halbe Krone ſpendete. Darauf verſchwand er vom Schauplatze und, wie Viele unſeres großen Stabes von Supernumerarien, zugleich auf immer aus unſerer Geſchichte— er hat uns ſeine Dienſte gethan. Entlaſſen wir alſo den gutmüthigen alten Dandy mit unſeren beſten Wünſchen. Lord Saltire ſah, wie derſelbe dem Knaben die halbe Krone gab. Er ſah, wie der Knabe ſie in die Taſche ſteckte, als wenn es ein halber Penny geweſen wäre, und nach wie vor das Haus beobachtete. Mehr als je war er überzeugt, daß der Knabe nichts Gutes im Schilde führte. Hätte er gewußt, daß der Kleine wartete, in der Hoffnung, Charles noch einmal zu ſehen, er würde ihm ſelbſt vielleicht eine halbe Krone geſchenkt haben. Welch' einen Unterſchied m en 147 würde ein einziges Wort von dieſem Knaben in unſerer Geſchichte bewirkt haben! Als ſie vom Mittagstiſche in den Salon zurückkamen, lag der Knabe noch immer auf dem Pflaſter und ſtützte den Arm auf ſeinen Kaſten. Das kleine Mädchen— die Empfängerin der Ohrfeigen— erſchien wieder, plauderte eine Weile mit ihm und ging dann weiter. Bald darauf kehrte ſie mit einem Brote zurück, von dem ſie Krümel abbröckelte, wie es Kinder zu thun pflegen, wenn ſie zum Bäcker geſchickt werden. Als ſie fort war, ſtand der Junge auf, lehnte ſich an das Eiſengitter und zögerte noch immer, als ob es ihm ſchwer fiele, die Stelle zu ver⸗ laſſen. Noch einmal, ſpäter am Nachmittage, ſchaute Lord Saltire auf die Straße hinaus. Der Knabe war noch immer da.„Was nur der arme kleine Schelm wollen mag?“ ſagte Lord Saltire.„Ich habe faſt Luſt, hinunter⸗ zugehen und ihn zu fragen.“ Aber er that es nicht. Es ſollte eben nicht ſein, Mylord. Sie hätten am nächſten Morgen bei Charles in Windſor ſitzen können. Dann wären Sie noch zur rechten Zeit gekommen. Sie werden ihm einmal in anderer Weiſe begegnen, wenn Sie ihm überhaupt wieder begegnen. Jenſeit des Grabes, Mhlord, muß dieſe Begegnung ſtattfinden. Vielleicht eine glück⸗ lichere, wer weiß? wer darf es ſagen? Der Sommerabend brach herein, und immer noch harrte der Knabe, um wo möglich noch einmal den einzigen Freund zu ſehen, den er je beſeſſen; noch einmal die einzige Stimme zu hören, die je freundlich und liebevoll zu ihm geredet, von höheren Dingen geredet hatte,— dieſe einzige Stimme, die 10* ihm jene ſeltſame, noch immer nicht recht geglaubte Ge⸗ ſchichte erzählt: die Geſchichte von einer glorreichen Un⸗ ſterblichkeit. Die Straßen wurden leer und ſtill. Die Leute gingen. „——— zu Zweien und allein, In Gruppen dort, und kühler ward die Nacht. Nur Einer blieb im Thau und Mondenſchein, Er zögerte und blieb und hielt die Wacht.“ Elftes Kapitel. In der natürlichen Folge der Ereigniſſe ſollte ich eigent⸗ lich Charles jetzt Schritt für Schritt auf ſeiner militäriſchen Laufbahn begleiten. Doch, um die Wahrheit zu bekennen, ich verſtehe von den Einzelheiten des Cavalleriedienſtes nicht mehr als ein Schiffsjunge und kann es daher nicht thun. Uebrigens liegt es in den Grenzen der Möglich⸗ keit, daß der Leſer froh iſt über meine Unwiſſenheit, und vielleicht hat er alle Urſache, ſich deshalb Glück zu wünſchen. Vierzehn Tage nachdem Hornby dem Lord Saltire und der Lady Ascot vorgeſtellt worden war, befand er ſich mit dem Stabe ſeines Regimentes auf dem Wege nach Varna. Das Depot ſeiner Truppe war in Windſor, und da lag Char⸗ les, ohne daß Hornby es wußte, und wurde gedrillt. In Kurzem ſollten dem Hauptquartiere noch zwei Schwadro⸗ nen folgen, und Charles hatte ſich mit ſolchem Eifer ſeinen Pflichten gewidmet, daß man ihn für tauglich hielt, einer dieſer Schwadronen eingereiht zu werden. Ehe ſich noch ſein Schnurrbart gehörig entwickelt hatte, war er in allem Ernſte Soldat geworden. —————— —————— 150 Während aller ſeiner Trübſal war dies ſeine glück⸗ lichſte Zeit; denn er war das Gefühl losgeworden, daß er ein entehrter Mann ſei. Mußte er eine Livree tragen, fo ſollte es die der Königin ſein; das brachte keine Schande. Er war ein Soldat und wollte ein Held ſein. Zuweilen dachte er vielleicht einen Augenblick, daß er mit einer Er⸗ ziehung, die zweitauſend Pfund Sterling gekoſtet, wol beſſere Verwendung hätte finden können, als einem Pferde die Streu zu legen, oder in den Wirthshäuſern von Wind⸗ ſor umher zu ſchwadroniren; aber er verſcheuchte ſolche Ge⸗ danken immer ſchnell wieder. War mit der Sache überhaupt Schande verbunden, ſo rückte, allen Gerüchten zufolge, bald eine Zeit heran, wo die Schande mit Feuer und Blut ausgelöſcht werden würde. An Sonntagen, wo er die Knaben von Eton zur Terraſſe ſchwärmen ſah, pflegten ihm die alten Tage in Shrewsbury und die Vergangenheit überhaupt etwas unerquicklich in's Gedächtniß zu kommen; doch die Trompete blies ihm die Wehmuth in einem Augen⸗ blicke wieder aus dem Kopfe. Verſammelten ſich in dieſem Momente nicht die drei berühmteſten Kriegsheere der Erde— zu einem Rabenmahle? Hielt nicht die Welt in Stillſchweigen und Ehrfurcht den Athem an, um England, Frankreich und Rußland im tödtlichen Kampfe mit einan⸗ der ringen zu ſehen? War er nicht Einer von dieſem luſti⸗ gen Tanze? Wer konnte in ſolchen Tagen noch denken? Immer kürzer wurde die Zeit. In fünf Tagen ſollten ſie nach Southhampton abmarſchiren, von dort ſich nach Con⸗ ſtantinopel einſchiffen, dann dem Hauptquartiere nach Varna folgen und ſo weiter, bis in die dunkle Donnerwolke hin⸗ ein. Daß er nimmer zurückkehren werde, davon war er d, 151 ebenſo feſt überzeugt, wie daß am andern Morgen die Sonne aufgehen würde. Er machte ſeine letzte energiſche Anſtrengung, kämpfte gleichſam den letzten Kampf des Ertrinkenden. Er ſagte, die Sache hätte ſich folgendermaßen zugetragen— und ich glaube ihm; denn wieder einmal hatte ihm ein toller Impuls fortgeriſſen, wie ſchon früher ſo oft, und abermals war es zu ſpät geweſen. Etwa ein halb Dutzend Huſaren kamen ſporn⸗ und ſäbelklirrend in eine Bierſchenke und ſchwatzten lärmend von Dieſem und Jenem, und ein jun⸗ ger Burſche unter ihnen ſagte,„er gäbe tauſend Pfund darum, wenn er ſie hätte, könnte er ſeine Schweſter ſehen, ehe er fortginge, damit ſie nicht etwa glaubte, er hätte ſich davon gemacht, ohne an ſie zu denken.“ Charles verließ die Kameraden und wandelte die Straße hinauf. Wie er ſo dahin ging, reifte ſein Ent⸗ ſchluß. Geradeswegs begab er ſich zu einem gewiſſen Cornet, dem Sohne des Majors, und bat, mit ihm ſpre⸗ chen zu dürfen. Der Cornet, ein gelaſſener, bartloſer Jüngling, hörte ihn geduldig an, aber ſchüttelte dann den Kopf und meinte: er fürchte, es wäre unmöglich. Doch, fügte er nach einer Pauſe hinzu, er wolle ihm nach ſeinen beſten Kräften helfen. Folgenden Morgens brachte er ihn zum Major, als dieſer allein beim Frühſtück ſaß, und Charles wußte ihm ſeinen Fall ſo gut darzulegen, daß der gütige alte Herr ihm Ur⸗ laub gab, um vier Uhr nach London zu fahren und Abends mit dem letzten Zuge zurückzukommen. Der Ball der Herzogin von Cheſhire war der letzte und großartigſte der Saiſon. Man ſagt, er wäre gewiſſer⸗ 152 maßen wie der Ball geweſen, den die Herzogin von Rich⸗ mond vor der Schlacht bei Waterloo gab. Ich habe mir erzählen laſſen, daß Lord Georg Barth ſeine Mutter überredete, das Feſt zu veranſtalten, da es ſicherlich der letzte Ball ſein würde, auf dem er tanzte. Jedenfalls fand der Ball ſtatt, und der Lord hatte Recht; denn vier Tage darauf ging er im nämlichen Schiffe mit Charles unter Segel und fiel bei Balaclava. Indeſſen, das berührt uns nicht. Das Einzige, was uns dabei intereſſirt, iſt, daß es wirklich ein ſehr großer Ball war und daß Lady Hai⸗ nault ihm beiwohnen wollte. Manche Traditionen und Gebräuche werden mit der Zeit zu Geſetzen, und zwar zu Geſetzen, die ſeltener über⸗ treten werden, als die vom Parlamente erlaſſenen. Ge⸗ ſtattet den Leuten zwanzig Jahre lang über den Rain Eurer Felder zu gehen, die Erlaubniß wird zum Rechte und bis zum„Jüngſten Tage“ mag alle Welt ruhig dieſen Weg nehmen. Laßt Jemandem auf Eurem Grund und Boden eine Hütte bauen und zwanzig Jahre drin hauſen, nie werdet ihr ihn wieder los. Er hat jetzt ein Recht darauf.(Ich ſelbſt bin weder in der einen noch in der andern Weiſe behelligt worden— aus Gründen, die an⸗ „ zugeben mir nicht beliebt; aber ich glaube, das Geſetz iſt ſo.) Es gibt kein Geſetz, welches den jungen Leuten gebietet, am fünften November*) vor Anderer Lente Thüren Feuer⸗ gewehre abzuſchießen; und doch ermangeln ſie nie, derglei⸗ *) Dem Jahrestage der Pulververſchwörung, welchen die engliſche Jugend auf dieſe und andere geräuſchvolle Weiſe zu feiern fortfährt. D. Ueberſ. ir ter er nd ge ter n6 aß det e⸗ gin hte ſen nd en, 8 chen zu thun. Endlich, um meine Betrachtung zu Ende zu bringen, war es in Lord Hainault's Hauſe keine Vor⸗ ſchrift, daß die Kinder allemal hereinkommen und zuſehen mußten, wie ſich ihre Tante zum Balle ankleidete; aber ſie thaten es unabänderlich und Lady Hainault, die ſonſt ſehr entſchieden auftreten konnte, wagte nie, dieſes Recht in Zweifel zu ziehen. Sie waren ſehr artig. Flora brachte einen zerbroche⸗ nen Flederwiſch, der auf einem alten Strohhut Archy's ſteckte und ihr als Federſchmuck diente. Auch verfertigte ſie ſich einen Fächer aus einer Zeitung. Gus trug ein Stück⸗ chen Tortenaufſatz als Stern auf der Bruſt und um ſeinen Hals eine rothe Zwirnſchnur, als„Hoſenband“. In dieſer Verkleidung ſtellten ſie Herzog und Herzogin von Cheſhire vor und empfingen in einem Winkel des Zimmers höchſt feierlich ihre Gäſte. Archy aber hätſchelte ſeine Katze, ſog an ſeinen Daumen und betrachtete ſeine Tante. Mary half Lady Hainault's Zofe, war jedoch gar un⸗ geſchickt dabei und ihre Hände zitterten ſehr. Als Lady Hainault endlich zufällig aufblickte, ſah ſie, daß das junge Mädchen todtenbleich war und weinte. Darum entließ ſie die Kinder ohne eine weitere Bemerkung ſobald als mög⸗ lich, um ein Alleinſein mit Mary anzubahnen. Da Gus und Flora einſahen, daß ſie gehen mußten, änderten ſie ihr Spiel und thaten, als ob ſie bei Hofe wären und ihre Tante die Königin ſei. In dieſem neuen Charakter ſchritten ſie mit wirklicher Geſchicklichkeit rück⸗ wärts der Thür zu und knixten ſich hinaus. Archy war Lord Kammerherr oder Hofmarſchall oder Etwas derglei⸗ chen und mußte ihnen in der nämlichen Weiſe folgen. Er . war weniger glücklich; denn er mußte rückwärts gehen, während er an ſeinen Daumen ſog und die Katze hätſchelte. Bis an die Thür brachte er ſein ſchweres Amt glücklich zu Stande; hier aber ſtürzte er mit dem Hinterkopfe auf den Fußboden, guetſchte ſeine Katze und biß ſich in den Dau⸗ men bis auf den Knochen. Gus und Flora richteten ihn wieder auf und ſagten ihm, daß die Hofmarſchälle niemals weinten, wenn ſie auf ihre Hinterköpfe fielen. Aber Archy, der arme Junge, mußte ein wenig weinen; um ſo mehr, da ſeine theure Katze die Treppe hinaufgeflohen und zu fürchten war, daß ſie ihm zürne, was allerdings nicht in das Reich der Unmöglichkeit gehörte. Deshalb mußte ihn Mary in die Kinderſtube hinaufbringen. Hier verſprach er, ſeinen Thränen zu gebieten, wenn ſie ihm die Geſchichte von Jvedy Avedy erzählen wollte. Sie erzählte ihm die⸗ ſelbe ganz bis zu Ende, wo der betrogene alte Zauberer⸗ Gongolo, mit ſeinen drei Hellern und dem Suppenlöffel in den Tellerwärmer kriecht, die Thür hinter ſich ſchließt und auf immer verſchwindet. Erſt hierauf kehrte ſie in Lady Hainault's Gemach zurück. Die Lady war jetzt allein. Sie ſaß vor ihrem Toiletten⸗ tiſche, mit gefaltenen Händen, und beſchaute ſich anſchei⸗ nend im Spiegel. Von dem, was ſie geſehen, erwähnte ſie nichts, obgleich ſie jetzt, da ſie allein mit ihr, entſchloſſen war, von Mary die Urſache ihres Schmerzes zu erfahren; denn ſie hätte es wirklich gar ſo gern gewußt. Sie blickte Nary nicht an, als dieſe hereintrat, ſondern ſagte blos: „Meine liebe Mary, wie ſehe ich aus?“ „Ich habe Sie noch nie ſo ſchön geſehen“ ſagte Mary. „Das iſt mir lieb. Hainault iſt ſo lächerlich ſtolz auf ehen, elt. ch zu den Dau⸗ ihn mals rchh, nehr, d zu t in eihn yrach ichte die⸗ erer ffel ließt ie in etten⸗ ſchei⸗ ähnte loſſen hren licte 155 mich, daß es mir wirklich Frende macht, wenn ich ſo hübſch als möglich ausſehe. Zetzt geben Sie mir das Halsband, Mary; das wird Alles ſein, wenn Sie nicht etwa wünſchen daß ich etwas Roth auflege?“ Mary verſuchte zu lachen, konnte aber nicht. Ihre Hände zitterten ſo ſehr, daß die Edelſteine des Schmuckes aneinander klangen. Lady Hainault ſah, daß ſie ihr zum Reden verhelfen mußte; doch es war dies nicht nöthig, das Halsband half ihr. Es war ein ſehr eigenthümliches Halsband, ein Fami⸗ lienſtück, welches Lady Hainault, ihrem Gatten zu Liebe, bei allen großen Gelegenheiten anlegte. Nirgends gab es ein zweites ſolches Halsband, wenn auch verſchiedene Leute, die es nicht beſaßen, behaupteten, es wäre altmodiſch und ſollte neu gefaßt werden. Es war ein Kragen mit neun Spitzen. Die Enden derſelben bildeten Brillanten, wäh⸗ rend darüber große roſenrothe Diamanten funkelten. Das Auge, das auf die Brillantenden fiel, wurde von einem gelben Lichte geblendet, welches in Roth überging, je mehr das Blitzen der größeren Roſen die Brillanten überſtrahlte. Am obern Rande aber erloſch das ſanfte, roſenfarbige Licht vor dem gewaltigen Feuer von neun großen ſprühenden Rubinen. Doch ſchien es faſt ſchade, einen ſo ſchönen Nacken durch ſolchen prachtvollen Tand zu verſtecken. Mary war bemüht, das Collier zu befeſtigen; aber ihre Finger vermochten es nicht, und klirrend fiel das Kleinod zu Boden. Im nächſten Augenblicke lag ſie auf ihren Knien, ergriff Lady Hainault's Hand und ſagte, oder verſuchte zu ſagen, ſo gut ein leidenſchaftlicher Thränen⸗ ſtrom es ihr geſtattete: 156 „Lady Hainault, laſſen Sie mich ihn ſehen; laſſen Sie mich ihn ſehen, oder ich werde ſterben.“ Lady Hainault wandte ſich ſchnell zu ihr und legte die ihr freibleibende Hand auf Mary's Haar.„Mein kleines Herz“, ſagte ſie,„meine liebe kleine Taube!“ „Sie müſſen mich ihn ſehen laſſen. Sie könnten nicht ſo grauſam ſein, es mir zu unterſagen. Ich habe ihn immer geliebt, nicht wie eine Schweſter; o, nicht wie eine Schweſter! Weh'mir! So, wie Sie Lord Hainault lieben; jetzt weiß ich es.“ „Meine arme kleine Mary, ich habe immer etwas der Art vermuthet.“ „Er kommt heute Abend. Er ſegelt morgen oder übermorgen, und ich werde ihn niemals wiederſehen.“ „Segelt! wohin?“ „Ich weiß nicht; er ſagte es nicht. Aber Sie müſſen mich ihn ſehen laſſen. Er hat keine Ahnung davon, daß ich ihn liebe, Lady Hainault. Aber ich muß ihn ſehen, oder ich werde ſterben.“ „Sie ſollen ihn ſehen; aber wer iſt es? Irgend Jemand, den ich kenne?“ „Wer es iſt?“ Wer anders ſollte es ſein, als Charles Ravenshoe?“ „Guter Gott! Er kommt heute Abend hierher? Mary, ſchellen Sie, daß die Alwright kommt. Schicken Sie in South⸗Audley⸗Street nach Lord Saltire oder William Ravenshoe oder ſonſt Jemandem von ihnen. Sie vergehen dort vor Sorge um ihn, und es ſteckt hinter ihrer Sehnſucht noch mehr verborgen, als wir Beide uns träumen laſſen. Schicken Sie ſofort, Mary, oder es wird zu ſpät icht ihn eine en 8 ſein. Wann kommt er? Stehen Sie auf, mein Herz. Meine arme kleine Mary. Sie thun mir ſo leid. Alſo hierher will er kommen? Wann wird er hier ſein, mein liebes Kind? Beruhigen Sie ſich. Ueberlegen Sie, was wir für ihn thun können. Er ſollte ſchon hier ſein. Halt— ich will ein Billet ſchreiben— nur eine Zeile. Wo iſt meine Schreibmappe? Alwright, holen Sie mir meine Schreibmappe! Und, halt! Sagen Sie unten, daß, wenn Jemand kommt und nach Miß Corby fragt, man ihn ſofort in's Geſellſchaftszimmerführt. Gehen wir hinunter, Mary.“ Alwright hatte ſich unterdeſſen, da ſie den letzten Satz nicht gehört, in den Salon begeben und Lady Hainault's Mappe vom Tiſche genommen, in der Abſicht, dieſelbe in's Ankleidezimmer hinaufzutragen; dann war es ihr einge⸗ fallen, wie ſie einem der Diener beſtellen ſolle, daß Jemand, der nach Miß Corby früge, ins Geſellſchaftszimmer hinaufgeführt werden müßte, worauf ſie in den Hausflur hinunter geſchlendert war, um dies dem Portier ſelber auszurichten. Hernach war ſie wieder zu dem Toiletten⸗ gemache hinaufgetappt, in der Erwartung, Lady Hainault dort zu finden, welche inzwiſchen aber ſchon mit Mary hinuntergegangen war. So, während dieſe Beiden un⸗ geduldig auf die Mappe aufſahen, öffnete ſich die Thür und der Diener meldete: „Ein Herr, der Miß Corby zu ſprechen wünſcht.“ „Er hatte discreter Weiſe vein Herr« geſagt; denn er mochte nicht gern vein Huſar« ſagen. Mary wandte ſich um und erblickte einen Mann in Scharlach und Gold vor ſich; ſie fürchtete ſich und erkannte ihn nicht. Als er aber »„Marye ſprach, mit der alten, lieben Stimme, da ſtrömte ———— Z— 158 ſolch' eine Flut von vergangenen Zeiten, vergangenen Worten, Ereigniſſen, Klängen, Begegnungen, Trennungen, Schmerzen und Freuden in ihr wildes, warmes kleines Herz, daß ſie mit einem leiſen, liebevollen, zärtlichen Auf⸗ ſchrei zu ihm lief und ihr Geſicht an ſeiner Bruſt barg. Lady Hainault aber eilte aus dem Zimmer, jene un⸗ glückſelige Schreibmappe zu ſuchen. Und ich gedenke aus bloſer Höflichkeit ihr nachzugehen und ſuchen zu helfen. Ich will mich nicht abkanzeln laſſen dafür, daß ich Etwas verheimliche. Wenn Jemand meint, er verſtehe die Sache beſſer als ich, ſo mag er ſich mit meinen Verlegern ver⸗ „ ſtändigen und für ſie die Geſchichte beenden. Ich meines⸗ theils weigere mich, eben jetzt in das Geſellſchaftszimmer zu gehen. Ich werde mich in Myladys Zimmer hinauf⸗ begeben, jenem einfältigen Mädchen, der Alwright, nach und ſehen, was ſie mit der Schreibmappe angefangen hat. Lady Hainault fand die Kammerjungfer in ihrem Toi⸗ lettenzimmer, wo ſie ſich, mit der Schreibmappe unter dem Arme, im Spiegel betrachtete. Die Zofe ſah ſo einfältig aus, wie in der Regel die Leute, die man ertappt, wie ſie ſich im Spiegel begaffen.(Wie bringt es Einen aus der Faſſung, wird man dabei überraſcht, wenn man vor dem großen Kaminſpiegel auf einen Stuhl geſtiegen iſt, um noch einen Ueberblick über ſeine Perſon zu gewinnen, ehe man ſich in eine Geſellſchaft begiebt!*) Aber Lady Hainault ſagte ihr nichts. Sie nahm ihr die Mappe ab und ſchrieb ein paar haſtige Zeilen an Lord Saltire, um ihm daß Charles in ihrem Hauſe wäre, und⸗ —— —— —— —— Anmerk. d. Verf. *) Von Sir E. B. L. geſtohlen. 15⁵9 zu bitten, daß jener um Gottes willen kommen möge. Auf dem Billet aber bemerkte ſie, daß es in Lord Saltire's Abweſenheit von Jedem, wer da wäre, geöffnet werden ſolle. „Ich habe ihnen den Vogel gefangen“, ſagte ſie laut, als ſie das Billet geſchrieben hatte und es zuſammenbrach. „Dafür werden ſie mir viel zu danken haben.“ Die Kammerjungfer, die nicht ahnte, daß es ſich um etwas Wichtiges handelte, hatte verſtohlen nochmals in den Spiegel geſehen, um ſich zu überzeugen, ob ihre Naſe wirklich ſo ſehr roth wäre. Bei den Worten Lady Hai⸗ nault's, die laut zu ſich ſelber geſprochen hatte, ſchreckte ſie ſchuldbewußt zuſammen und ſagte:„Sogleich, Mylady“, was, wie man begreift, nicht gerade den Umſtänden beſon⸗ ders angemeſſen war. „Sein Sie keine ſo große Närrin, meine gute alte Alwright, und treten Sie nicht auf mein Halsband, Al⸗ wright, es liegt dicht neben ihren Füßen.“ So war es. Das Halsband lag noch da, wo Mary es hatte hinfallen laſſen. Alwright meinte, ſie müßte es vom Tiſche geworfen haben; als aber Lady Hainault ihr ſagte, Miß Corby habe es fallen laſſen, wunderte ſich Alwright, warum Mylady es nicht der Mühe werth gehalten, es wieder aufzuheben. „Legen Sie es mir an, während ich dieſen Brief ſiegele. Ich kann mich nicht auf Sie verlaſſen, Alwright; ich muß ſelber gehen.“ Sie eilte aus dem Zimmer und in die Halle hinunter. Zu alledieſem hatte es nur weniger Mi⸗ nuten bedurft. Sie hatte ſich möglichſt geſputet; aber die Zeit erſcheint uns länger, weil ich, wie dies bei wichtigen Gelegenheiten meine Gewohnheit iſt, den Narren geſpielt 160 und Euch inzwiſchen von der Naſe der Kammerjungfer unterhalten habe. Sie lief alſo hurtig in den Hausflur hinunter und entſandte einen der Diener mit ihrem Billet und mit dem Befehle nach South⸗Audley⸗Street, die Strecke im vollen Laufe zurückzulegen und Lady Ascot oder Lord Saltire oder William Ravenshoe den Brief perſönlich zu übergeben. Darauf kam ſie wieder herauf. Als ſie an der Thür des Geſellſchaftszimmers ange⸗ kommen war, ſtand Charles vor ihr.„Lady Hainault“, ſagte er,„wollen Sie die Güte haben, hereinzukommen? Die arme Mary iſt ohnmächtig geworden.“ „Armes Kind“, ſprach Lady Hainault.„Ich will zu ihr kommen. Ein Wort, Mr. Ravenshve. O, überlegen Sie einen Augenblick, ehe Sie auf dieſem unglückſeligen Vorſatze beſtehen! Bedenken Sie, wie gern wir Sie Alle gehabt haben. Denken Sie an die Liebe, die William und Lady Ascot für Sie hegen, und ſetzen Sie ſich mit ihnen in Verkehr. Unter allen Umſtänden warten Sie hier nur noch zehn Minuten, um Einen oder den Andern von ihnen zu ſehen. Ich muß zur armen Marh gehen.“ „Liebe Lady Hainault, Sie werden meinen Entſchluß nicht wankend machen, auf eigenen Füßen zu ſtehen. Es haftet eine Schande an mir, von der ſie wahrſcheinlich nicht unterrichtet ſind. Ueberdies hätte jetzt nichts Geringeres mehr die Macht, mich zurückzuhalten, als ein Cabinets⸗ befehl. In vierundzwanzig Stunden ſegeln wir nach dem Oriente ab.“ Sie hatte keine Zeit, mehr zu ſprechen, als dieſe haſtig gewechſelten Worte; denn die arme kleine Mary hatte gethan, was ihr im ganzen Leben noch nicht geſchehen war: zu egel igen Ale und nen nur nen huß nicht eres ets⸗ dem hatte war 161 ſie lag ohne Bewußtſein. Lady Hainault und Charles traten in das Geſellſchaftszimmer. Miß Alwright, welche wenige Secunden vorher die Treppe heruntergekommen war, hatte geſehen, wie ihre hochheilige Gebieterin mit einem gemeinen Soldaten an der Salonthür geſtanden und ſich vertraulich und ernſtlich mit ihm unterhalten hatte. Mylady hatte ihn bei der Hand gehalten und ihre andere auf ſeine Bruſt gelegt. Alwright ſetzte ſich auf der Treppe nieder. Sie war ein armes, ſchwaches Geſchöpf, und das war zu viel für ſie. Sie war auf Caſterton geboren und hatte ein Gefühl für die Ehre der Familie. Ihr erſter Antrieb war, an Lord Hainault's Ankleidezimmer zu eilen und ihn einzuſchließen; ihr nächſter, ſich ächzend hin und her zu wiegen. Sie folgte dem letztern. Inzwiſchen war es Lady Hainault gelungen, die arme Mary wieder zu ſich zu bringen. Charles hatte geſehen, wie ſie ſich über den leb⸗ loſen kleinen Körper hinbeugte, und ſie aus tiefſtem Herzen geſegnet. Nach einer kleinen Weile ſagte Lady Hainault: „Sie hat ſich jetzt erholt, Mr. Ravenshoe; wollen Sie herkommen und mit ihr reden?“ Keine Antwort erfolgte. Lady Hainault glaubte, Charles ſei in dem kleinen Salon nebenan und hätte ſie nicht gehört. Sie ging dorthin. Das Gemach war nur matt erleuchtet; doch bemerkte ſie augenblicklich, daß es leer war. Sie wurde ängſtlich und eilte in den Vorſaal hinaus. Auch da Niemand. Sie lief die Treppe hinunter und begegnete der weinenden Alwright „Er iſt glücklich aus dem Hauſe, Mhlady“, ſagte dieſes glänzende Genie.„Ich ſah ihn aus dem Salon heraus⸗ Kingsley, Ravenshoe. III. 11 162 kommen und lief hinunter; ich ſchickte den Portier fort, und ließ ihn ſelber zum Hauſe hinaus. O, Mylady! Mylady!“ Lady Hainault war eine durchaus gelaſſene, ſanfte Frau; dies a war ihr zu viel. ber„Alwright“, ſagte ſie, „Sie ſind eine vollkommene, rettungsloſe, blödſinnige Närrin. Gehen Sie und bitten Sie Se. Lordſchaft, augen⸗ blicklich zu mir zu kommen. Augenblicklich! hören Sie? Ich möchte“, fuhr ſie, als Alwright gegangen war, zu ſich ſelber redend fort,„Lord Saltire jetzt nicht allein unter die Augen treten, und wenn man mir tauſend Pfund dafür böte.“ Was war die Folge von Charles' Zuſammenkunft mit Mary? Ganz einfach dies: Das arme Kind hatte ihm in ſeiner Unſchuld in untrüglicher Weiſe verrathen, daß es ihn von ganzem Herzen und aus tiefſter Seele liebte. Und als er das Zimmer verlaſſen, hatte er ſich ſelber eidlich gelobt, daß er allen ſeinen Scharfſinn aufbieten wolle, damit ſie ihn im ganzen Leben nicht wieder erblicke.„Ich bin bereits tief genug geſunken und entehrt“, ſprach er zu ſich ſelber;„böte ich aber dieſem armen, unſchuldigen Kinde Gelegenheit, ſeine Liebe zu mir zu nähren, ſo wäre ich zu ſchlecht, um noch unter Gottes Sonne zu wandeln.“ Er faßte die Möglichkeit nicht in's Auge, ſich zu ihrem Standpunkte aufzuſchwingen. Nein. Dazu war er zu tief niedergebeugt. Die Hoffnung war todt in ihm. Von jeher war er ein Mann von etwas weniger als der durchſchnitt⸗ lichen Willenskraft geweſen, und zwei oder drei Schick⸗ ſalsſchläge— fürchterliche Schickſalsſchläge, wie man ſich erinnern muß— hatten ihn zu dem gemacht, wie wir ihn jetzt geſehen haben: zu einem hülfloſen, auf dem Meere des und h!“ onfte e ſie, nige ugen⸗ Sie? ſich dle afür t wit m in aß e Und idlich volle, „Ich er zu Rinde ich j ihren u tif jeher hnitt chi nſih ir ihn re des 163 Zufalls treibenden Brette. Lord Welter's Worte:„Charles Ravenshoe's Herz iſt gebrochen“, waren eine fürchterliche Wahrheit. Aber bis zum allerletzten Augenblicke war er ein rechtlichdenkender, ehrenhafter, wahrer, gutherziger Mann. Ein Mann unter Tauſenden. Nennt ihn einen Narren, wenn Ihr wollt. Ich kann dem nicht widerſprechen. Aber wenn Ihr das geſprochen habt, ſo iſt Alles geſprochen. Liebte er Mary? Ja, von dieſer Zeit an liebte er ſie, wie ſie ihn liebte; und je finſterer die Nacht ihn umzog, feſter und feſter leuchtete dieſer Stern. Und vielleicht niemals heller, als da ſein Strahl auf die trüben Waſſer fiel, welche die Körper Derer verſchlingen, deren Augen alle Sterne auf immer erloſchen ſind. Zwölftes Kapitel. Der Bach in Ravenshoe wäre ſo ſeicht, wie ſie ihn je geſehen hatten, ſagten die kleinen Holzwärterbuben, die Fremde und Maler zu dem Waſſerfalle im Walde hinauf⸗ führen dürfen. Die Maler ſagten, er wäre ſchöner als je; denn, anſtatt in einem großen Waſſerſchwalle über die Felſen unter dem zitternden Eichenlaube zu brauſen, ſtrömte und ſprudelte er jetzt in Millionen ſich verzweigender Strahlen zwiſchen den ſchwarzen Schieferblöcken hin. Ja, die Künſtler waren vollkommen zufrieden mit dieſem Zu⸗ ſtande der Dinge; die wenigen Glücklichen dagegen, denen Cuthbert erlaubt hatte, ſich ein paar Tage mit der Lachs⸗ fiſcherei zu ergötzen, theilten dieſe Zufriedenheit durchaus nicht. Während die Maler ſagten, daß dies wieder einmal bewieſe, wie wahr es wäre, daß Schönheit, Leben und Kunſt coordinirte, gleichbedeutende, unzertrennliche Be⸗ griffe,— daß dieſe die Summe der Exiſtenz ausmachten, — daß der Zweck des Lebens die Liebe, und die Liebe nichts Anderes ſei, als die Verehrung des Schönen(oder etwas dergleichen; denn unſer Maler iſt auch nur ein Sterb⸗ licher, gleich uns Anderen, und wird leicht ungemein unklar hn je , die inauf⸗ t als er die römte ender Ja, 3l denen achs⸗ innal nund eBe⸗ ichten nichts etwas Sterb⸗ unll — oder nebelig in ſeiner Rede, wenn Ihr ihn an einem heißen Sommernachmittage mit einem reichlichen Quantum von Cigarren verſorgt)— während, wie geſagt, die Maler wie toll darauf los zeichneten und den ſchönſten Empfin⸗ dungen von der Welt Worte gaben, verwünſchten die Angler die Landſchaft, das Waſſer, das Wetter, das Bier und das ganze Daſein— wie der alte Meiſter Lee oben zu Slarrow behauptete— weil es nicht regnen wollte. Hätte es aber geregnet, ſo hätten die Maler aufgehört, vom Schönen zu ſchwatzen und ihrerſeits zu fluchen begonnen und den Ang⸗ lern überlaſſen, nach beſten Kräften vom Schönen zu pre⸗ digen. Eine Thatſache, die zu den tiefſten moraliſchen Be⸗ trachtungen Veranlaſſung gibt. Jedermann aber, außer den mißvergnügten Anglern, mußte bekennen, daß es himm⸗ liſches Sommerwetter war. Das Heu war ohne einen Tropfen Regen eingebracht. Und jetzt, da ein herrlicher wolkenloſer Tag dem andern folgte, lag das Land wogend und ſchwellend da in goldner Erntefülle. Allnächtlich von mildem Thau getränkt und Tags von der belebenden Sonne erwärmt, wurde das Korn immer ſchwerer und gelber, und in den fernen Thälern, die ſich zwiſchen den gewaltigen Armen der grauen Moore in's Land hinein ſtreckten, erglänzte Acker um Acker von gelbem Weizen und wogender Gerſte. Eine ſtille, glückliche Zeit! Und das Meer! Wer beſchreibt die Schönheit des nimmer raſtenden atlantiſchen Meeres in ſolchem Wetter? Faſt drei Wochen lang wehte ein ſanfter Wind, bald hierher, bald dorther, der eben die Wellen kräuſelte und violetten Schatten ſchuf für das leichte Gewölk, das oben über den azurnen Himmel glitt. Abends und Morgens kamen und 166 gingen die Fiſcherboote. Nie war eine ſolche Fiſchzeit ge⸗ weſen! An der Mündung des Bergbaches tummelten ſich die Lachſe, die auf das nächſte Hochwaſſer warteten. Ihr konntet ſie ſehen, wenn Ihr quer über die flache Sandbank ſegeltet, das Delta des Baches, das ſeit vierzig Jahren nicht mehr über dem Waſſer ſichtbar geweſen war, jetzt aber— ſo ſtill war die Bucht ſeit drei Wochen— bei der Ebbe keinen Fußbreit von der Oberfläche entfernt war. Eine ſtille, glückliche Zeit! Die drei alten Meiſter Lees lagen den ganzen Tag auf dem Sande, wo die Fiſcherboote heraufgezogen wurden, und ließen ſich ihre Mahlzeiten von ihren Enkeln herausbringen, die dann un⸗ verzüglich jeden Fetzen von Kleidern vom Leibe riſſen, den ſie anhatten, und auf ein paar Stunden in's Waſſer gingen. Dieſe Kleider zu hüten und auf das blaue Waſſer hinaus⸗ zuſchauen, das war Arbeit genug für unſere drei alten Freunde. Beinahe vier Wochen lang geriethen ſie nicht ein einziges Mal aneinander. Sie pflegten vom Kriege zu plaudern, oder von der Cholera, welche jetzt hier, dann dort im Anzuge oder im Abzuge geweſen ſein ſollte. Aber das beunruhigte ſie wenig. Ravenshoe war kein Ort für die Cholera. Sie war bisher niemals dageweſen, und ſie dachten auch nicht, daß ſie jetzt käme. Sie hatten ganz Recht; die Cholera kam nicht. Cuthbert aber benutzte ſeinen Ein⸗ fluß und bewog die Leute, die ſtinkenden Kohlſtränke und verfaulten Fiſche aus dem Wege zu räumen,— um ganz ſicher zu gehen, wie er ſagte. Und mehr noch als das hätten ſie jetzt eben mit Freuden für ihn gethan; darum ward ſeinem Wunſche bald gewillfahrt. Vielleicht hätte das Kindervölkchen ſeinen Einſpruch erhoben gegen die Beſei⸗ ſich hr ank ren etzt der die beſſer ſind, als ich. Aber es gibt Zeiten, wo es mir 167 tigung gewiſſer Artikel; als ſich das Unheil aber begab, ſtak die liebe Jugend ſammt und ſonders nackt, wie ſie geboren war, im Waſſer Nachdem es jedoch einmal geſchehen, hatten die Kleinen Verſtand genug, um einzuſehen, daß es nicht mehr zu ändern war. Solche gewaltſame Reformmaßregeln treffen jedoch den Einzelnen oft mit beſonderer Härte. Zum Beiſpiele verlor der junge James Lee, der Urenkel von Meiſter James Lee, oben zu Slarrow, ſechs Dutzend (Einige behaupten ſogar neun Dutzend; doch glaube ich's nicht) Auſternſchalen, die er zur Errichtung einer Grotte aufgeſpeichert hatte. Cuthbert erſtattete ſehr angemeſſener Weiſe den Werth dieſes Schatzes, welcher ſich auf Zwei⸗ pence belief. „Wieder einmal Unſinn!“ ſagt der Leſer. Bitte ſchön — nicht ſo ganz. Was ich eben geſchrieben habe, iſt kein Unſinn. Die Launen und Sonderbarkeiten eines Dorfes, die man mit ſeinen eigenen Augen geſehen und mit ſeinen eigenen Ohren gehört hat, ſind kein Unſinn. Ich wußte ſehr gut, was ich zu ſagen hatte, als ich dieſes Kapitel be⸗ gann, und bin eben den Bildern gefolgt, die ſich eines aus dem andern vor mir entwickelten. Und zwar um ſo bereit⸗ williger, als ich weiß, daß das, was ich in dieſem Kapitel zu erzählen habe, um gut erzählt zu werden, nicht for⸗ cirt werden darf. Wenn ich für einen Leſer zu ſchreiben glaubte, der die Art und Weiſe, wie ich meine Geſchichte vortrage, ſehr ſcharf kritiſiren wollte, ſo würde ich, um die reine Wahrheit zu bekennen, meine Mär ſehr armſelig erzählen. Natürlich muß ich mich ebenſogut der Kritik unterwerfen, wie Leute, u— 168 Bedürfniß iſt, daß der Leſer Hand in Hand mit mir geht. Um dies zu thun, muß er meinem Gedankengange folgen. In ſolchen Stunden ſchreibe ich ſo natürlich, wie ich kann. Ich weiß, daß größere Schriftſteller als ich das Gleiche gethan haben. Kapitän Marryat hat zum Beiſpiele in ſeinem ſchönſten Romane»Königseigen« ein Kapitel über ſeine Großmutter und die Springfluten, wie ich ihm hin⸗ ſichtlich des vollkommenen Engliſch und derben Humors kaum Etwas an die Seite zu ſtellen weiß. Doch habe ich aus zwei Gründen nicht gewagt, den Narren zu ſpielen, wie er es gethan hat. Erſtens, weil ich ihn darin nicht erreichen könnte, und zweitens, weil ich nicht wie er eine fürchterliche Tragödie in Bereitſchaft habe, um jenem Humor das Gegengewicht zu halten. Doch, viellgicht iſt es Zeit, daß dies Geplauder ein Ende nimmt. Ich hoffe, daß ich nicht allzuweit abgeſchweift bin und Euch nicht tödtlich gelangweilt habe. Das wäre gerade jetzt ein großes Unglück. Alſo wieder die Bucht von Ravenshoe in der ſchönen Sommerbriſe, von der ich geſprochen habe. Pater Mack⸗ worth und die beiden Tiernays lagen auf dem Sande und ſchauten auf's Meer hinaus. Cuthbert war von ihnen gegangen, um einige Knaben zu vertreiben, welche zu nahe an der Mündung des Baches gebadet und ſeinen koſtbaren Lachs geängſtigt hatten. Der jüngere Tiernay hatte ſeit Kurzem angefangen,»die gewöhnlichen Dinge am Strandes zu ſammeln— eine angenehme, geſunde Manie, welche dazumal graſſirte. Er war zwiſchen den Felſen am Weſt⸗ ende der Bucht umhergeplätſchert und ſoeben mit einem Blechkaſten voll von allen möglichen Geſchöpfen zu Pater 169 Mackworth und ſeinem Bruder zurückgekehrt. Nun ſchüttete er ſeine Schätze auf den Sand und lenkte die Aufmerkſam⸗ keit der beiden Anderen darauf. „Eine ſehr gute Morgenarbeit, mein Bruder“, ſagte er;„alle dieſe Anemonen ſind ſämmtlich ſchön und ſelten.“ „Beim Schöpfer!“ ſagte der luſtige Prieſter,„es thut wol noth, daß ſie etwas werth ſind; denn hübſch ſind ſie eben nicht. Was für eine Muſchel iſt das da, aus der die lange rothe Spitze herausguckt?“ „Cardium tuberculatum.“ „Schauen Sie her, Mackworth“, ſagte Tiernay, ſich mit der Muſchel in der Hand zu ihm hinwälzend.„Hier iſt die rothnaſige Auſter von Carlingford. Sie erinnern ſich doch ſicherlich der Legende, die ſich an ſie knüpft?“ „Nein, wahrlich nicht“, ſagte Mackworth verdrießlich; denn er war ziemlich feſt überzeugt, daß Pater Tiernah nur Unſinn zum Beſten geben wollte und wußte nicht recht, wie er dem Einhalt thun konnte. „Was, Sie kennen die Legende nicht!“ ſagte Pater Tiernay.„Nun denn: Als die heilige Brigitte über den Strand eilte, um den armen lieben Sanct Patrick in ſeiner letzten Krankheit zu pflegen, lag dort dieſe Teufelsauſter und ſonnte ſich, und da die heilige Dame an ihr vorüber⸗ kam, zwinkerte die Beſtie mit den Augen und ſagte:»Ein Paar zierliche Knöchel, das muß wahr ſein!«»Du biſt betrunken, Du Taugenichts«, ſagt die heilige Brigitte,»ſo etwas zu einer rechtſchaffenen Dame zu ſagen.« Nicht die Spur«, ſagt die Auſter.»Du biſt ſtets betrunken«, ſagt die heilige Brigitte.»Ihr ſeid ſelbſt betrunken«, ſagt die Auſter,»ich habe keinen Tropfen genoſſen, ſeit die Ebbe da iſt..»Was macht Deine Naſe ſo roth, Du Hallunke?« ſagt die heilige Brigitte.»Sie iſt um nichts rother, als Eure eigene«, ſagt die Auſter und geräth in Hitze. Denn die Heilige war ſchon bei Jahren und ihre Naſe war roth geworden, da ſie in jeder Art von Wetter auszugehen ge⸗ wöhnt war, um nach Dem und nach Jenem zu ſehen. »Deine Naſe iſt vom Trinken roth«, ſagt die Heilige,»und ſoll ſo roth verbleiben, wie die meinige, bis zum Tage des Gerichts. Das iſt die Legende von der heiligen Bri⸗ gitte und der Auſter von Carlingford, und Sie ſollten ſich ſchämen, Mackworth, daß Sie von ihr noch gar Nichts gewußt haben.“ „Ich wollte, Sir“, entgegnete Mackworth,„daß Sie einmal aufhören wollten, ſolchen abgeſchmackten, unſchick⸗ lichen Unſinn zu ſchwatzen. Mich dünkt, die erſte und edelſte aller iriſchen Heiligen ſollte doch mit Ihrem plumpen Witze verſchont bleiben.“- „Ihr Mächte! ich hab's gekriegt, Mr. Ravenshoe“, ſagte Tiernah. „Wofür?“ frug Cuthbert, der eben wieder herzuge⸗ treten war. „Nun, weil ich eine Legende erzählt habe. Freilich habe ich ſie auf dem Platze hier gemacht; doch war ſie um nichts ſchlechter, glauben Sie's nicht?“ „Auch um Nichts beſſer, vermuthlich“, ſagte Cuthbert lachend. „Geſtatten Sie mir zu ſagen, daß ich in meinem ganzen Leben keinen ſo ſchamloſen, gottesläſterlichen Unſinn gehört habe“, ſagte Mackworth. Der jüngere Tiernay erſchrak und begann ſeine Mu⸗ Sie id⸗ nd en lich um ert ört u⸗ 1 ſcheln und Seepflanzen wieder aufzuleſen. Sein ſchönes, ſchüchternes Geſicht wandte ſich mit einem Ausdrucke der Furcht dem großen, ſtarken, ſcharf markirten Antlitze ſeines Bruders zu und ſeine Finger zitterten, als er ſeine Aus⸗ beute in den Kaſten that. Cuthbert, welcher Beide beob⸗ achtete, errieth, daß Pater Tiernay zuweilen ein zorniges, heftiges Temperament zeigen konnte und daß ſeinem Bruder, der ſchon Ausbrüche der Art geſehen hatte, jetzt vor einem ſolchen Sturme bangte. Es war nur eine Vermuthung, möglicherweiſe eine richtige. Doch erſchienen jetzt keine Anzeichen von derlei Ausbruche. Pater Tiernay legte ſich nur flach mit dem Rücken auf den Sand und lachte, und keine Wolke verdüſterte ſein luſtiges Geſicht. „Bei Gott!“ ſagte er,„ich habe hier ſo lange auf dem heißen Sande gelegen und die Sonne iſt mir in den Magen gedrungen und läßt mich Unſinn ſchwatzen. Daheim, als ich noch ein kleiner Bube war, pflegte ich beim Schweine zu ſchlafen; es war ein erbärmliches, mattherziges Schwein, welches von den Kartoffelſchalen nicht fett werden wollte. Wenn die Narrheit anſteckend iſt, ſo muß ich ſie von jenem Schweine erwiſcht haben. Haben Sie je die Legende von St. Lorenz O Toole's holzbeiniger Sau gehört, Mack⸗ worth?“ Es war hiernach augenfällig, daß, je mehr Mackworth gegen den unbeſchreiblichen Unſinn des guten Pater Tiernay lobte, dieſer nur um ſo unſinnigeres Zeug ſchwatzen würde; deshalb ſtand Erſterer auf und ging verdrießlich hinweg. Cuthbert frug den Andern lachend, wie die Legende wäre. „Meiner Treu!“ ſagte Tiernah,„ich weiß es nicht, da ich noch nicht Zeit gehabt habe, ſie zu erfinden; aber jeden⸗ falls ſind wir Mackworth dadurch losgeworden und können jetzt vernünftig reden.“ Cuthbert ſchickte einen Knaben zum Wohnhauſe hinauf nach Handtüchern und legte ſich dann neben Tiernay in den Sand. Er hatte den Mann ſehr lieb, ungeachtet deſſen leichtfertiger irländiſcher Manier, ungereimtes Zeug zu erzählen, und war nicht der Einzige, der die nämlichen Ge⸗ ſinnungen hegte. Ich glaube, daß Jeder Pater Tiernay liebte, wer ihn kannte. Die Drei lagen nebeneinander auf dem Sande, und als Pater Mackworth's Zorn verdunſtet war, kam er wie⸗ der und legte ſich ebenfalls zu ihnen. Tiernay hielt ihm die Hand entgegen, und Mackworth ſchüttelte ſie und ſie waren verſöhnt. Ich glaube, daß Mackworth große Ach⸗ tung für Tiernah hatte, wenn ſie einander auch in Cha⸗ rakter und Empfindungsweiſe höchſt unähnlich waren. Daß Tiernay dem Pater Mackworth einen gewiſſen Grad von Bewunderung zollte, weiß ich. „Glauben Sie“, ſagte Tiernay,„daß Sie Engländer ſolche Landſchaft und ſolches Wetter ebenſo ſehr zu genießen wiſſen, wie wir Irländer? Ich weiß es nicht. Sie können ſchönere Worte darüber machen. Sie haben ein Dutzend Dichter, wo wir einen einzigen haben. Unſer beſter Dich⸗ ter, denk' ich, iſt Tommy Moore. Sie ſchätzen ihn als einen Dichter dritten Ranges; allein ich zweifele, hören Sie's, ob Sie die Schönheit der Natur ſo tief empfinden, wie wir.“ „Ich glaube doch“, ſagte Cuthbert eifrig.„Ich kann mir nicht denken, daß Sie die Schönheit einer Scene, wie die, auf die wir hier blicken, tiefer fühlen, als ich. Sie len uf ſen zu Me⸗ ah 173 empfinden ſie, wie ſie im»Stillen OMoyle«, wir dagegen, wie ſie in Keats'»St. Agnes' Abend« beſungen wird.“ Er ſaß aufrecht auf dem Sande, die Ellnbogen auf die Knie ſtützend und ſein Geſicht in ſeinen Händen bergend. Eine Weile ſchwiegen Alle; dann ſprach er, auf die See hinausblickend, mit leiſer Stimme vor ſich hin: „St.⸗Agnes'⸗Abend war's, und ach, ſo bitter kalt, Die Eul' im dicken Federkleide fror, Der Haſe zitternd hinkt' durch's eiſ'ge Gras im Wald Und ſchläfrig tönt der woll'gen Heerde Chor.“ Woran dachte der arme Burſche? Gott weiß es. Es gibt Augenblicke, wo man dem Gedankengange eines Menſchen nicht zu folgen vermag, ſondern nur ihre ge⸗ ſprochenen Worte als unſchätzbare Reliquien aufbewah ren kann. Sein ſchönes Geſicht war der ſinkenden Sonne zuge⸗ kehrt, und in dieſem Geſichte lag ein Ausdruck ſo ſtillen, glücklichen Friedens, daß Diejenigen, welche denſelben be⸗ obachteten, ſtill blieben und lauſchten, was er ſprechen würde. Das weſtliche Vorland erhob ſich ſchwarz vor der Nachmittagsſonne, und weit ins Meer hinaus lag Lundy im goldigen Dufte. Vor ihnen wogte die See zwiſchen den Vorgebirgen und längs dem Strande, brach ſich in kurzen, krauſen Wellen zu ihren Füßen und ſchaukelte ſanft die Mnſcheln, den Sand und das Seegras. „Der St.⸗Agnes'⸗Abend!“ ſagte er noch einmal.„Ja! das iſt eines von jenen Gedichten, die von Proteſtanten ge⸗ ſchrieben werden und die Leute zu Katholiken machen helfen. Neun Zehntel ihrer erhabenſten religiöſen Bilder ſind dem 174 Katholicismus entnommen. Die engliſchen Dichter haben Nichts, womit ſie ihn erſetzen könnten. Milton fühlte das und ſchrieb darüber; ja, nachdem er das ganze Heidenthum nach Bildern durchſchweift hat, kommt er ſchließlich doch wieder zu uns heim: „Auf daß mein Fuß nie müde werde Zu geh'n auf heil'ger Kloſtererde, Wo durch die bunten Fenſter bricht Ein mattes, frommes Sonnenlicht.“ „Ja, er hatte ein Herz für dieſes Kloſterleben, die höchſte Form menſchlicher Glückſeligkeit! Wir haben jeden⸗ falls die Dichter für uns. Ja, was iſt das edelſte Kleinod der engliſchen Dichtkunſt? Tennyſon's»St.⸗Agnes«. Auch er mußie zu uns kommen.“ Der arme Cuthbert ſchaute über das Meer hinaus, das ſich über Muſcheln, Steinen und Seegras zu ſeinen Füßen kräuſelte; und wie ſie auflauſchten, hörten ſie ihn faſt mit Leidenſchaft recitiren: „O öffne, Herr, den Himmel weit, Und zieh' mich, Deine Braut, Hinauf in Deine Herrlichkeit, Daß ſie mein Auge ſchaut.“ Sie haben uns unſere Kirchen genommen und uns in Kapellen von Birminghamer Fabrikat getrieben. Sie höhnen uns; aber ſie vergeſſen, daß wir ihre Bogen gebaut und ihr Glas gefärbt haben. Die Kunſt hat ſich für ihre Gottes⸗ läſterungen an ihnen gerächt und im Abſcheu ſich von der Erde gewandt. Sie haben uns unſere Kirchen und unſere Einkünfte geſtohlen und uns in die Welt hinausgeſtoßen. 175 Ja, aber wir ſind gerächt. Sie wiſſen ſie nicht zu benutzen, jetzt, da ſie ihnen gehören. So ſchweifte er herum mit ſeinen Worten, während er auf die See hinausblickte und zu ſeinen Füßen die Wellen mit dem Sande, dem Seegraſe und den Muſcheln ſpielten. Er machte eine ſehr lange Pauſe, und als ſie ſchon glaubten, er denke wieder an etwas ganz Anderes, ſagte er plötzlich: „Ich glaube nicht, daß es einen großen Unterſchied macht, ob man innerhalb der Altarſtätte oder außerhalb begraben iſt. Aber ſie ſind toll, ein ſolches Gefühl zu entmuthigen, anſtatt es zu benutzen. Bin ich ein ſchlechterer Mann, weil ich mir einbilde, wie ich dort in meinem ſtillen Bette über mir die Schritte Derer ver⸗ nehmen werde, die am Altare betend knien? Was ſagt ein Anderer von ihnen: „Jetzt kniend leert am Hochaltar Das Dorf den Traubenkelch des Herrn.“ Sehr ſelten ſprach er ſo viel. Sie waren daher über⸗ raſcht, ihn in dieſer Weiſe monologiſiren zu hören; aber es war auch ein Nachmittag, geſchaffen, um am Strande zu ſitzen und gerade heraus zu reden, was Einem in den Sinn kam,— ein ſtiller, erquicklicher Nachmittag, um auf dem Sande zu liegen und alte Erinnerungen herauf⸗ zubeſchwören. „Ich war wol zerſtreut, wie?“ ſagte er plötzlich.„Habe ich laut geſprochen oder nur gedacht?“ „Sie haben laut geſprochen“, ſagte Pater Tiernay, erſtaunt über eine ſolche Frage. — „Wirklich? Ich glaubte, ich hätte nur gedacht. Ich will baden gehen, meine ich, und mir die böſen Träume aus meinem Kopfe ſpülen. Ich muß poetiſche Citate ge⸗ macht haben“, fügte er lächelnd hinzu. „Ja, und zwar ſehr ſchöne und paſſende“, ſagte Pater Tiernay. Ein junger Fiſcher wartete ſchon mit einem Boote, und auch der Knabe war mittlerweile mit den Handtüchern ge⸗ kommen. Langſam ſchritt Cuthbert über den Sand dem Boote zu, ſtieg ein, und ſie ſtießen ab. Das Murmeln der Wellen, die ſich zwiſchen Muſcheln und Seegras am Ufer brachen; das Geſchrei der badenden Knaben; die Stimmen der heimkehrenden Fiſcher, die hell und klar über das Waſſer herüberſchollen; das ſanfte Plät⸗ ſchern des Baches, der um die Kieſel wirbelte— waren das die einzigen Laute, die an jenem Nachmittage den Strand umtönten? Nein, noch ein Klang erſcholl, ſehr verſchieden von allen den anderen. Der Schall einer raſſelnden Allarmtrommel, die mit jedem Augenblicke ſchneller und wüthender ſchlug, doch nur von einem Manne gehört und von ihm nicht beachtet wurde. Die Flut zog ſich nach Oſten, und eine ſanfte Briſe folgte ihr, die kaum genügte, die Segel der trägen Fiſcher⸗ boote zu ſchwellen und von der Stelle zu bringen. Hier und da, leewärts von der kleinen Flotte, konnte man das Knarren eines Ruders in den Riemklampen hören, das ſchläfrig über das Waſſer herübertönte und ſich harmoniſch mit den andern Lauten vermiſchte. Der junge Fiſcher ruderte Cuthbert eine kleine Strecke in die See hinaus, und ſie ſahen dieſen im Vordertheile me Un en ell en en a6 ile 1 des Bootes ſtehen und ſich entkleiden. Die Fiſcherkähne in der Nähe legten um und ſchlugen haſtig ihre Ruder ein, um aus dem Wege zu fahren. Der Squire wollte baden, und kein Bewohner von Ravenshoe war ſo unmanierlich, ihm nahe zu kommen. Die Zuſchauer am Strande gewahrten, wie er einen Augenblick entkleidet daſtand,— eine hohe, majeſtätiſche Geſtalt. Dann ſahen ſie, wie er ſich in's Waſſer ſtürzte und zu ſchwimmen begann. Und dann;— es iſt leicht erzählt. Sie ſahen ſeinen Kopf unter dem Waſſer verſchwinden, und obgleich ſie auf⸗ ſprangen und warteten, bis die Secunden zu Minuten wuchſen und die Hoffnung ſtarb,— er kam nicht wieder herauf. Ohne einen Schrei, ohne einen Kampf, ohne ſelbſt einen letzten Gruß mit der Hand, als die liebe, alte heimat⸗ liche Landſchaft ſeinen Augen auf immer entſchwand, ſank der arme Cuthbert hinunter— um nie mehr geſehen zu werden, bis die See ihre Todten herausgab. Das arme, wilde, leidenſchaftliche Herz hatte ſich endlich auf immer zur Ruhe geflattert. Sanft ſpielen die Wellen am Strande, und das Blau des Meeres wird Grau und das Grau wird Schwarz unter dem ſchwindenden Zwielichte. Die Flut ſtrömt weſt⸗ wärts gegen die hohe ſchwarze Küſte, der ſanftgebogenen Sichel des neuen Mondes entgegen, der heller aufglänzte, als die Sonne im rothen Oceane verſank. Gruppen von Fiſchern und Knaben und Dienern folgten der weſtwärts ziehenden Ebbe und ſpähten in die kräuſelnde Brandung hinab nach Etwas, das dort ſein mußte. Ein Trupp ſtand zwiſchen dem verfallenden Gemäuer am Rande Kingsley, Ravenshoe. III 12 der zurückweichenden Wellen und beugte ſich über Etwas, das zu ihren Füßen lag. Der nackte Leichnam eines jungen Mannes, friedlich und ſchön im Tode, ruhte zwiſchen zwei Felſen, ſanft gebettet auf ein Kiſſen von grünem und rothem Seegraſe. Und ein Prieſter ſtand am Strande und ſchrie wild in die vier Winde des Himmels hinaus:„O, mein Gott, ich habe ihn geliebt! Mein Gott! Mein Gott! ich habe ihn geliebt!“ Dreizehntes Kapitel. „Tomato. Schließ' die Thür.“ „Edward. Komm' ſofort; die arme Maria iſt in großem Kummer. Toodlekins geſtohlen!!!“ „J. B. kann zu ſeiner tiefbetrübten Familie zurückkehren, wenn es ihm gefällig iſt, oder wegbleiben, wenn es ihm gefällig iſt. Die A. F. werden das eine wie das andere Verfahren nur mit der größten Gleichgültigkeit betrachten. Sollte er die erſtere Alternative wählen, ſo wird er erſucht, ſich möglichſt zu beeilen; wenn aber die letztere, den Weinkellerſchlüſſel zu ſchicken.“ 2 „Verloren. Ein kleiner, ſchwarz und braun geſprenkelter Damenſchooßhund. Sein wahrer Name iſt Puſſy; doch hört er am Beſten auf den Namen Toodlekins. Sollte irgend ein Herr, der in der Gegend von Kenſal⸗Green oder Kentiſh Town wohnt, denſelben, natürlich ganz durch Zufall, in ſeinen Beſitz bekommen und die Güte haben wollen, ihn nach Nro. 997 Sloane⸗Street zu bringen, ſo würde ich ihm einen Sovereign geben, und zwar mit Vergnügen, und keine einzige Frage weiter an ihn richten, auf Ehre.“ Das ſind Wünſche und Bitten, die ich wörtlich den Anzeigeſpalten der Times entnommen habe. Es iſt mir ſonnenklar, daß der in der zweiten Annonce erwähnte Hund Toodlekins derſelbe iſt, von dem in der vierten geſprochen wird, wenn man nicht annehmen will, 12* 180 daß zwei Hunde am nämlichen Tage geſtohlen wurden, die beide Toodlekins hießen. Und Solches wird man kaum zu behaupten wagen, bilde ich mir ein. Demgemäß kommt man zu dem Schluſſe, daß die Maria in der zwei⸗ ten Annonce die Herrin des„kleinen ſchwarz⸗ und braun⸗ geſprenkelten Damenſchvoßhundes“ der vierten war und im Jahre 1854 in Nr. 997 Sloane⸗Straße wohnte. Wer war ſie? Hatte ſie ein Vermögen erworben, dadurch, daß ſie ſich, gleich Mrs. Gamp's gefleckter Negerin, für Geld ſehen ließ und dann in der Sloane⸗Straße ein Haus ge⸗ miethet für ſich und Toodlekins und die Perſon, welche Edward aufforderte, zu kommen und ſie zu tröſten: Und wer war Edward? War er ihr Bruder? Stand er ihrem Herzen noch näher? War er in ihre Perſon oder in ihr Geld verliebt? Ich fürchte Letzteres. Wer könnte im Ernſte eine Dame mit einem kleinen ſchwarz⸗ und braungeſpren⸗ kelten Schvoßhunde lieben? Ferner Die Faſſung ihrer Annonce gibt zu folgendem Gedankengange Veranlaſſung. Beim Stehlen eines Hun⸗ des müſſen ſtets zwei Perſonen betheiligt ſein— diejenige, die ihn ſtiehlt und diejenige, welcher er geſtohlen wird; denn wenn der Hund nicht Jemandem zugehörte, ſo könnte er offenbar nicht geſtohlen werden. Um mich wiſſenſchaft⸗ licher auszudrücken: es muß dabei ein actives und ein paſſives Agens im Spiele ſein. Jetzt wette ich aber einen ſchmuzigen alten Scheuerlappen gegen den Newyorker Herald, was eine ziemlich gleichmäßige Wette iſt, daß unſere kleine ſchwarz- und braungeſprenkelte Freundin, Maria, ſchon öfter als einmal die paſſive Stelle bei einem Hundediebſtahle geſpielt hatte; denn warum erwähnt ſie 181 5 ſonſt jener beiden Localitäten? Doch fahren wir in unſerer n Lectüre der Annoncen fort. an iß erloren. Eine große weiße Bulldogge, ſehr roth um die Augen herum, fürchterlich biſſig. Hört auf den Namen„Billy“ Der Finder derſelben wolle ſich ſehr hüten, ſie zu reizen. Die beſte Art n⸗ und Weiſe, ſich ihrer zu verſichern, beſteht darin, daß man ſie einen nd andern Hund packen läßt, ihr inzwiſchen alle vier Füße zuſammen⸗ er bindet und einen Maulkorb anlegt. Derjenige, welcher ſie im aß„Pferd und Wagen“ in St. Martin's Lane abliefert, erhält eine Be⸗ d lohnung.“ ge⸗ Der Hund ſcheint ſchon an demſelben Tage gefunden che worden zu ſein, und zwar von einem Spaßvogel; denn nd ſchon die nächſtfolgende Annonce lautet folgendermaßen: „Gefunden. Eine große weiße Bulldogge, ſehr roth um ihr die Augen herum, fürchterlich biſſig. Der Eigenthümer kann die⸗ nſte ſelbe ſofort in Empfang nehmen, wenn er ſich in Queen's Mews, en⸗ Belgrave⸗Straße, meldet und die Inſertionsgebühren, ſowie den Preis eines neuen achtzehnjährigen Stalljungen erlegt, da der Hund em einen ſolchen ſo ernſtlich in's Bein gebiſſen hat, daß man denſelben 6 ſofort verkaufen mußte, weil er nur noch zum Droſchkenkutſcher taugt. „Verloren. Zwiſchen Mile⸗end⸗Road und der Brücke von ige, Putney*) ein altes ledernes Portemonnaie, enthaltend einen falſchen ird Sirpence, eine Haarlocke in einem Stückchen Papier und eine Zwan⸗ nte zigpfundnote. Wer die Zwanzigpfundnote nach Nr. 267, Tilney⸗ ft⸗ Straße, Mayfair, bringt, kann den übrigen Inhalt als Belohnung behalten.“ ein inen Dies war eine ſehr erbärmliche Annonce. Die nächſte, rker obgleich aus einem Advocatenbureau hervorgehend, iſt viel u—— din,*) Zwei äußerſte einander entgegengeſetzte Enden von London. nen D. Ueberſ. ſ großmüthiger. Sie macht Einem faſt den Mund wäſſerig, und erfüllt uns mit Neid gegen den glücklichen Geſellen, der ſich darauf hin melden wird. „Einhundert Pfund Belohnung. An Küſter. Wer die kirchliche Urkunde von der Verehelichung Peter Ravenshoe's, auf Ravenshoe⸗Hall in der Grafſchaft Devon, mit Maria Dawſon, welche muthmaßlicherweiſe um das Jahr 1778 ſtattfand, entdecken kann und an die Herren Campton und Brodgen, Advokaten, Nr. 2004, Lincolns Inn Fielas die betreffenden Mittheilungen macht, wird von ihnen obige Belohnung erhalten.“ Tomato ſchloß die Thür, wie ihm befohlen. Edward hielt in einem Hanſom's Cab vor Nr. 997 in Sloane⸗Straße, gerade in dem Momente, wo die kleine braun⸗ und ſchwarz⸗ geſprenkelte Maria einem Herrn aus Kentiſh⸗Town, in einem ſammtmancheſternen Paletot, einen Sovereign zahlte und Toodlekins an's Herz drückte. J. B. kehrte mit dem Weinkellerſchlüſſel zu ſeiner bekümmerten Familie zurück. Die weiße Bulldogge wurde dem Boxer zurückgegeben, und der Stalljunge erhielt ein Pflaſter auf ſeine Wunde und kehrte betrunken zu ſeinem Herrn zurück. Ja, ein ehrlicher Mann, der die alte lederne Börſe gefunden, brachte die Zwanzigpfundnote(da er entdeckte, daß die Nummer der⸗ ſelben bereits von der Bank außer Cours geſetzt war) nach der Tilney⸗Straße und erhielt eine halbe Krone. Niemand aber meldete ſich auf die Annonce, die Lord Saltire's Ad⸗ vocat wegen der Trauungsurkunde hatte einrücken laſſen. Der lange Sommer ſchleppte ſich dahin. Der Square ward trocken und ſtaubig, die Geſchäfte wurden flau und die Schreiber ſchläfrig und träge; doch Niemand kam. Wenn ſie daſaßen und Ingwerbier tranken und auf die vertrockneten Flieder⸗ und Rhododendornbüſche hinausſchauten, und vom Theater, vom Kriege und von der Cholera ſchwatzten, wurde die Anzeige zum ſtehenden Scherze unter ihnen. Wenn Jemand in ſchäbigem Schwarz über den Platz gegangen kam, pflegten ſie einander zuzurufen:„Hier kommt der Mann, der auf Lord Saltire's Annonce antworten wird.“ Viele Männer in ſchwarzen Kleidern, in ſchäbigen und in guten, gingen über den Platz und kamen in's Bureau, doch Keiner von ihnen wußte ein Sterbenswort von der Hei⸗ rath von Peter Ravenshoe und Maria Dawſon, welche im Jahre 1778 ſtattgefunden hatte. Einmal während jenes langen traurigen Sommers dachte der kleine Schuhputzer, er wolle einmal nach dem großen Hauſe in South⸗Audley⸗Street ſchlendern, vor welchem er eines Abends ſo lange gewartet hatte, um Charles zu treffen, der nicht gekommen war. Vielleicht hatte er keine eigentliche Hoffnung; er wollte nur die Stelle noch einmal ſehen, die ſein Freund ihm genannt hatte. Dieſer konnte ja doch eines Tages wieder dahin kommen — wer könne dies wiſſen? An faſt jedem Hauſe in South⸗Audley⸗Street waren die Fenſterläden geſchloſſen. Als er an Lord Ascot's Woh⸗ nung kam, ſah er, daß auch hier die Läden verſchloſſen waren. Und noch mehr; am zweiten Stocke war ein großes, mit Scharlach und Gold bemaltes Bret übereck aufgehangen. Es ſtand auch Etwas darauf geſchrieben. Dank der Abendfreiſchule, konnte er jetzt ein wenig leſen und buch⸗ ſtabirte heraus:„Christus Salvator meus.“ Was mochte das nur heißen? Eine alte Frau lehnte an der Treppe zum Souterrain. Sie hielt ſich, das Kinn auf die Trottvirſteine ſtützend, mit jeder Hand an einer Eiſenſtange des Geländers feſt und ſchaute die öde heiße Straße hinunter. Unſer Freund ging zu ihr und redete ſie an. „Was iſt das Ding da oben, Miſſis?“ ſagte er. „Das Wappenſchild, mein kleiner Mann, antwortete ſie. „Wappenſchild?“ „Ja; Mhlord iſt todt. Starb am Freitage vor acht Tagen, und ſie haben ihn nach ſeinem Landſitze hinaus⸗ geſchafft, um ihn dort zu begraben.“ „Mylord?“ ſagte der Knabe;„war das Der, welcher die Stulpenſtiefeln trug und dann Soldat geworden iſt?“ Das alte Weib hatte Mylord nie in Stulpenſtiefeln ge⸗ ſehen, aber gehört, daß ſein Vater ſolche getragen und eine Poſtkutſche mit Vieren gefahren hatte. Soldat wäre indeß keiner von ihnen geworden. „Was ſoll aber das Wappenſchild?“ frug der Knabe. Sie hängen's ein Jahr lang auf, meinte ſie, wie eine Art von Monument. Sie könnte ihm nicht ſagen, was das Geſchriebene darauf bedeute. Es wäre Mylords Motto; das ſei Alles, was ſie darüber wiſſe. Und da ſie eine gutmüthige alte Frau war und ſich nicht der Furcht vor Räubern hingab, nahm ſie den Knaben mit in die Küche hinunter und ſpeiſte ihn. Als er auf die Oberwelt zurück⸗ kehrte, wurde er von einem Conſtabler am Kragen gepackt, »weil er ſich in den Souterrains herumgeſchlichen hätte«, doch nach genügenden Erklärungen wieder in Freiheit ge⸗ ſetzt, um, barfuß, nach Hauſe zu humpeln, nach ſeinem Hofe, wo die Cholera herrſchte. Der arme kleine Burſche ließ ſich dabei wenig träumen, welch' eine wichtige Rolle der 185 mit Zufall ihn ſpäter noch in unſerer Erzählung ſpielen laſſen und würde. ing Sie legten den armen Lord Ascot unter dem Altare der 6 Ranforder Kirche zur Ruhe, und Lady Ascot ſtand gleich einem grauen, ſturmumkreiſten alten Thurme am Grabe. ſi.„Es iſt ſeltſam, James“, ſagte ſie an jenem Tage zu Lord Saltire,„wie wir Beide ſtehen bleiben, während die Jun⸗ cht gen um uns her wie Gras vor der Senſe fallen. Gewiß, ⸗ der Herr wird uns auch bald rufen, James. Es iſt ſolch' ein langes trauriges Warten!“ her ge ine deß be. ne 6 ds ſe ct 6e 2 c⸗ t, ⸗ ʒ e, — er —————— Pierzehntes Rapitel. Lord Welter war jetzt Lord Ascot. Anfangs dachte ich in meiner Geſchichte, ihm ſeinen alten Titel zu belaſſen, da dieſer dem Leſer geläufiger ſein würde. Nach reiferer Ueberlegung ziehe ich jedoch vor, ihm ſeinen wahren Na⸗ men zu geben, weil ich deutlich ſehe, daß das andere Ver⸗ fahren rioch größere Verwirrung herbeiführen müßte. Ich bitte nur, daß man ſich die Veränderung ſeines Namens in's Gedächtniß prägen wolle. Die neue Lady Ascot werde ich nach wie vor Adelaide nennen, indem ich mich lieber. einer unpgſſenden Familiarität zeihen laſſen, als für die unvermeidliche Confuſion verantwortlich ſein will, die entſtehen müßte, wenn ich, ſo oft ich fortan von ihnen zu ſprechen habe, mit zweien Lady's Ascot zu ſchaffen hätte, die einander an Charakter und Alter' ſo unähn⸗ lich ſind. Oberſt Whisker, ein Pächter von Lord Ascot, hatte Sr. Lordſchaft für das Leichenbegängniß ſeines Vaters mit freundlicher Bereitwilligkeit ſein Häuschen zur Ver⸗ fügung geſtellt. Nie war ein Aet der Höflichkeit beſſer angebracht; denn Ranford ſtand abgetakelt und die Thüren 187 von Caſterton waren Adelaiden ſo feſt verſchloſſen, wie es für einen Chriſten die Portale der großen Moſchee zu Ispahan ſind. Zwei oder drei Tage nach Lord Ascot's Tode wurde beſchloſſen, daß er in Ranford beigeſetzt werden ſollte. An demſelben Abende kam der neue Lord Ascot in's Ankleide⸗ zimmer ſeiner Frau hinauf, um, wie gewöhnlich, zu intri⸗ guiren und Ränke zu ſchmieden. „Ascot“, ſagte ſie,„Alle ſind zum S Leichenbegängniſſe nach Caſterton eingeladen; glaubſt Du, daß ſie mich ein⸗ laden „O, ganz gewiß nicht!“ erwiderte Lord Ascot?“ „Warum nicht?“ ſagte Adelaide;„ſie ſollte es wol; denn ſie iſt höflich genug gegen mich.“ „Ich ſage Dir, ich weiß, daß ſie Dich nicht einladen wird. Er hat noch heute mit mir darüber geſprochen.“ „Er ſchaute über ihre Schulter in den Spiegel und ſah, wie ſie ſich auf die Lippe biß. „Ah!“ ſagte ſie.„Und was ſagte er?“ „Deer kam in ſeiner verdammten, kalten, impertinenten Manier zu mir heran und meinte, er würde ſich ſehr freuen, mich zum Begräbniſſe in Caſterton zu ſehen; doch fürchtete er, Lady Hainault dürfte nicht im Stande ſein, Lady Ascot und deren Kammerjungfer Zimmer anzubieten.“ „Haſt Du ihn zu Boden geſchlagen? 7 Haſt Du ihn mit Füßen getreten? Haſt Du ihn bei der Kehle gepackt und mit ſeinem abſcheulichen Kopfe gegen die Wand ge⸗ ſtoßen?“ frug Adelaide in ſo ruhigem Tone, als ob ſie geſagt hätte:„Wie befinden Sie ſich?“ Nein, meine Liebe, das habe ich nicht gethan“, ent⸗ ————— gegnete Lord Ascot.„Zum Theil, ſiehſt Du, weil ich nicht wiſſen konnte, wie Lord Saltire dergleichen aufnehmen würde. Und dann wirſt Du Dich erinnern, Adelaide, wie ich Dir ſtets geſagt habe, daß manches liebe Jahr darüber hingehen könnte, ehe Leute ihrer Art Dich bei ſich empfangen würden.“ „Was haſt Du ihm geantwortet?“ „Nun, ſo viel wie Du nur von mir erwarten konnteſt. Ich zahlte ihm ſeinen impertinenten Spott mit Zinſen zurück und ſagte, ich könnte kein Haus beſuchen, in welchem nicht auch Platz für meine Frau wäre. Darauf verbeugten wir uns gegeneinander und ſchieden.“ Adelaide wandte ſich um und ſagte:„Das war freund⸗ lich und männlich von Dir gehandelt, Welter. Ich danke Dir dafür, Welter.“ Und ſo nahmen ſie für die Leichenfeier Oberſt Whis⸗ ker's Antrag an. Der Oberſt wußte vollkommen, wie die Sachen ſtanden; denn er war ein erfahrener Weltmann und hatte darum gerade im rechten Augenblicke eine ſehr gutmüthige Handlung begangen. Lady und Lord Ascot lebten hier vierzehn Tage auf das Allerbehaglichſte, und Adelaide wußte ihm mit ihren Beſchreibungen von dem, was die andere Geſellſchaft jetzt im alten, feierlichen Caſterton vornehmen würde, manchmal ein lautes Lachen abzuzwingen. Sie warf dann ihre Naſe in die Höhe und ahmte die junge Lady Hainault auf das Täuſchendſte nach. Ein andermal gab ſie eine ebenſo gelungene Darſtellung von der alten Lady Hainault und deren unliebenswürdigen Reden. Während der ganzen vierzehn Tage war ſie ſehr unterhaltend, wenn ſchon niemals zärtlich; denn ſie wußte, ſcht men wie iber gen 16 daß dies nutzlos war; aber ſie bemühte ſich, Lord Ascot bei guter Laune zu erhalten. Sie hatte dafür ihre Gründe; ſie wollte ſich ſein Ohr gewinnen und wünſchte, daß er ihr genau anvertrauen möchte, wie weit die Dinge zwiſchen ihm und Lord Saltire gediehen waren. Lord Ascot war todt, Charles Ravenshoe wahrſcheinlich zu Alyden, inmitten der Cholera, und Lord Saltire's ungeheures Vermögen ging, ſo zu ſagen, betteln. Benahm ſich Welter jetzt plump und ungeſchickt, jetzt, wo das Band zerriſſen war, das ſein Vater zwiſchen den Beiden abgegeben hatte,— dann waren ſie in der That zu Grunde gerichtet. Und er war ſo fürchterlich dreiſt in ſeinen Reden. So ſtrengte ſie ihren Witz an, um ihn bei guter Laune zu erhalten, bis ihr Geſicht ſpitz und mager wurde. Zu Zeiten hatte ſie damit eine gar ſchwere Aufgabe; denn dort oben im leeren Hauſe zu Ranford lag Etwas, das Lord Ascot hin und wieder finſter und zornig machte, wenn es ihm in die Gedanken kam. Ich glaube, der Mann hatte, trotz all' ſeiner Wildheit und Rohheit, ſeinen Vater, in ſeiner eigenen Art, von Herzen geliebt. Eines Abends, etwa zwei Tage nach dem Begräbniſſe, fand zwiſchen unſeren Beiden eine Conferenz im Ankleide⸗ zimmer ſtatt, und da ihre Unterhaltung ſehr bedeutungsvoll war, muß ich dieſelbe ſorgfältig wiedergeben. Als er zu ihr hereinkam, ſaß ſie mit auf dem Schooße gefalteten Händen da und ſah dabei ſo wunderbar ſchön aus, daß es Lord Ascot, beſtürzt und ſorgenvoll wie er ſich auch im Augenblicke befand, bemerkte und ſtolz und entzückt ward über ihre Schönheit. Eine größere Närrin wie ſie wäre ihm wahrſcheinlich mit einem Blicke der Liebe be⸗ gegnet. Das that ſie nicht. Sie ſchlug blos ihre großen Augen voll kluger Neugierde zu ihm auf. Er zog einen Stuhl ganz dicht zu ihr heran und ſagte: „Ich bin im Begriffe, Dein Haar, trotz der Bandoline, hoch zu Berge zu treiben, Adelaide.“ „Das glaube ich nicht“, ſagte ſie, ſah aber nichts deſto⸗ weniger erſchrocken aus. „Doch. Was meinſt Du zu Dem da?“ „Zu Dem da? Ich meine, es iſt die Times. Steht Etwas darin?“ „Lies“, ſagte er, und deutete auf die Todtenliſte. „Ertrunken beim Baden Cuthbert Ravenshoe auf Ravenshoe⸗ Hall. Im Glauben, für den ſeine Ahnen bluteten und ſtarben.— „Der arme Junge!“ ſagte ſie ruhig. Alſo er iſt todt, und Bruder William, der Reitknecht, regiert an ſeiner Stelle. Das iſt ein Bischen Unſinn von Prieſtererfindung, was da über ihr Bluten und Sterben für den Glauben geſagt wird. Ich habe nie gehört, daß einer von ihnen ſo Etwas gethan hätte. Und iſt nicht auch ein Verſtoß gegen die Grammatik darin?“ „Das kann ich nicht ſagen“, erwiderte Lord Ascot. „Ich war in Eton und hatte nicht die Gelegenheit wie Du, die engliſche Grammatik zu lernen. Haſt Du je verſucht, gerade über das Blatt hinüber von einer Spalte in die andere zu leſen und zu ſehen, welch drolliger Unſinn dabei zu Tage kommt?“ „Nein. Ich kann mir aber wol denken, daß es ſpaßig ſein muß.“ „Verſuche es einmal.“ oßen agte: line, eſt⸗ 191 Sie that es. Genau der Anzeige von Cuthbert's Tode gegenüber ſtand die Annonce, die wir bereits geſehen haben — Lord Saltire's Annonce hinſichtlich des fehlenden Do⸗ cuments. Jetzt war ſie aufmerkſam und neugierig genug. Nach einer Pauſe ſagte ſie:„Oho!“ Lord Ascot ſagte:„Nun! Was hältſt Du davon, Lady Ascot?“ „Ich falle aus den Wolken.“ „Ich will ſehen, ob ich Dich wieder zu Dir bringen kann. Peter Ravenshoe heirathete im Jahre 1778 eine Milchmagd. Sie hatte ſich die Pflichten ihrer Stellung ſo weit eingeprägt, um zu ſterben, ehe irgend Jemand von der Familie erfuhr, welch' ein Narr er geweſen; vergaß ſie aber inſofern, daß ſie einem Knaben das Leben gab, welcher einer der beſten Schützen und einer der herrlichſten alten Burſche wurde, die ich je gekannt habe: nämlich der alte James, der Holzwärter zu Ravenshoe. Meine theure, vielgeliebte Großmutter Ascot nun iſt im gegenwärtigen Augenblicke nicht weniger als achtundſechzig Jahre alt, war alſo zur Zeit jenes Ereigniſſes ein auffallend ſchlaues kleines Mädchen von zehn Jahren. Es ſcheint, daß Peter Ravenshoe, der ſich mit ſeinem hübſchen proteſtantiſchen Weibe hier und dort vor den Pfaffen verſteckte und zugleich das Leben unerträglich fand, da er ſeit zwei langen Jahren keine einzige Gelegenheit gefunden hatte, ſeine Sünden zu beichten, zum gutmüthigen Sir Cingle Headſtall, Groß⸗ mama's Papa, kam und ihm ſein Herz ausſchüttete und ihn zu überreden ſuchte, die Sache ſo gelinde als möglich dem fuchsjagenden alten Türken, ſeinem Vater Howard, 192 beizubringen. Anfangs war Sir Eingle zu feig, um ſich an den alten Türken heranzuwagen, und bevor einer von den Beiden noch den Muth zum Reden fand, ſtarb das das arme junge Geſchöpf zu Manger⸗Hall, wo ſie ſich einige Monate bei den Headſtalls aufgehalten hatten. Dies löſte die ganze Schwierigkeit, und von der Sache wurde nicht weiter geſprochen. Peter kehrte nach Hauſe zurück. Wol hatte ſich hier das Gerücht verbreitet, daß er mit einer Frau gelebt und ein Kind von ihr gehabt hätte; aber man frug ihn nicht groß über Mutter und Kind, und die Sache wurde natürlich geziemend vergeſſen, ſchon lange zuvor, ehe ſeine Vermählung mit meiner Großtante, Lady Alicia Staunton, auf's Tapet kam, welche im Jahre 1782 ſtatt⸗ fand, als die Großmama vierzehn Jahre alt war. Groß⸗ mama aber war als Mädchen von zehn Jahren zugegen geweſen, als ihr Vater und Peter Ravenshoe die Heirath des Letzteren mit Maria Dawſon von allen Seiten hin und her beſprachen, Abends und Morgens, vor dem Schlafen⸗ gehen, bei den Mahlzeiten, nüchtern und ſehr oft im Rauſche. Sie hatte jede erdenkliche Einzelheit der Sache gehört. Als ſie von ſeiner zweiten Heirath vernahm(mir iſt die Kehle von dieſem vielen Sprechen ſo trocken, als wenn ich Staub geſchluckt hätte; ſchelle und laß Deine Jungfer etwas Rothwein und Waſſer heraufbringen)— als ſie von ſeiner zweiten Heirath vernahm, fiel es ihr keinen Augenblick ein, ein Wort zu verrathen— natürlich, ein Balg von vierzehn Jahren, der jede Ausſicht auf Ohr⸗ feigen hatte. Alſo hielt ſie ihren Mund. Als ihr ſpäter mein Großvater den Hof machte, hielt ſie den Mund noch viel mehr, um meiner Großtante willen, die ſie ſehr lieb ich on ige ſte icht bol ner an che ehe icia att⸗ oß⸗ gen hatte. Peter ließ den Knaben, James, nach einer Weile nach Ravenshoe kommen und behielt ihn dort um ſich. Er machte ihn zu ſeinem Holz⸗ und Wildwärter und behandelte ihn mit beſonderer Gunſt und ſo weiter. Allein die ganze Geſchichte war doch eine Art von crimineller Verheim⸗ lichung, und die arme, alberne alte Großmama war an derſelben betheiligt.“ „Du erzählſt dies ſehr gut, Ascot“, ſagte Adelaide. „Zu Deiner Belohnung will ich inſoweit von meinen Gewohnheiten abweichen, daß ich Dir Dein Getränk miſche. Ich denke nicht etwa daran, zärtlich zu werden, wie Du verſtehen mußt; aber ſo viel will ich doch für Dich thun. Nun alſo, fahre fort.“ „Jetzt kommt etwas Unwichtiges, indeß ebenſo Unbe⸗ greifliches. Die alte Lady Hainault wußte die Geſchichte und hielt ihren Mund. Wie und warum, iſt ein Geheim⸗ niß, das wir weder ergründen können noch wollen. Die Großmama ſagt, Lady Hainault hätte Peter Ravenshoe ſelbſt gern geheirathet und ihr Haß gegen ſie wäre daher gekommen, weil die Großmama die Partie mit meiner Großtante hätte verhindern können, wenn ſie geſprochen hätte. Nachdem aber die Sache geſchehen war, meint die Großmama, war Lady Hainault's Liebe zu Peter Ra⸗ venshoe immer noch ſtark genug, um zu ſchweigen. Doch dies gehört nicht zur Sache. Dieſer James, der wahre Erbe von Ravenshoe, heirathete ein engliſches Mädchen, die Tochter eines Verwalters auf einem unſerer Güter in Irland, die dort geboren und Norah getauft worden war. Im Herzen war ſie, wie Du ſehen wirſt, irländiſch genug. Denn ſie beging die Abgeſchmacktheit, ihr eigenes Kind, Kingsley, Ravenshoe. III. 13 unſern armen lieben Charles, den wahren Erben, gegen ſeinen jüngſten Stiefbruder William zu vertauſchen, um ſeine Lage zu verbeſſern, und beichtete ſchließlich die ganze Geſchichte dem Prieſter. Dieſe neue Entdeckung nun würde das Boot des frommen Pfaffen außer Fahrwaſſer bringen, aber—“ „Ja! Nun?“ „Je nun, die Großmama kann ſich durchaus nicht er⸗ innern, wo ſie ſich geheirathet hatten. Daß es im Norden von Hampſhire war, darüber iſt ſie ſicher. Wie und warum gerade da, vermag ſie nicht anzugeben. Sie ſagt, ſie hätten ſich die geſetzlich vorgeſchriebene Zeit am Orte aufgehalten und dann einen Erlaubnißſchein zur Trauung bekommen. Dies behauptet ſie beſtimmt zu wiſſen, da ſie Peter Ravenshoe mehrmals zu ihrem Vater habe ſagen hören, wie er für die Ehre der armen Maria ſo beſorgt geweſen ſei, daß er ſie von Ravenshoe nach dem Hauſe des Pfarrers ſchickte, der ſie vermählte und ein perſönlicher Freund von ihm war; weiter aber weiß ſie nichts.“ „Daher alſo dieſe Annonce. Warum aber iſt ſie nicht ſchon früher eingerückt worden?“ „Nun, es ſcheint, daß ſie damals, wo der ganze Scandal paſſirte und Du, Mylady Ascot, den armen Burſchen um eines Mannes willen laufen ließeſt, der auch nicht den Werth ſeines kleinen Fingers beſitzt, ſofort an Lord Saltire ſchrieb. In Folge davon aber begann ſie in ſo myſteriöſer Weiſe zu annonciren, daß die Anzeige völlig unverſtändlich blieb. Sie und Lord Saltire wollten Cuthbert nicht be⸗ unruhigen, bis ſie nicht von Allem die bündigſten Beweiſe in Händen hätten. Jetzt aber, da dieſer todt iſt, hat Lord 195 Saltire darauf beſtanden, daß ſofort vernünftige Annoncen in die Zeitungen kämen. Und ſo, ſiehſt Du, erſcheint ihre Anzeige in demſelben Blatte, welches die von Cuthbert's Tode bringt, von dem William vorgeſtern Abend durch den Telegraphen in Kenntniß geſetzt worden iſt.“ „William, nun? Wie behagt es ihm, ſich den Glücks⸗ becher ſo vor den Lippen aus der Hand ſchlagen zu laſſen?“ Lord Ascot lachte.„Dieſer Ex⸗Reitknecht iſt ein ge⸗ borener Narr, Lady Ascot. Er liebt ſeinen Halbbruder mehr als neuntauſend Pfund jährlicher Renten, Lady Ascot. Er macht ſich nach Varna auf und will nicht ruhen, bis er ihn findet und mit heimbringt.“ „Es iſt unglaublich“, ſagte Adelaide. „Ich weiß nicht, aber ich hätte vielleicht auch einmal ein ſolcher Narr ſein können.“ „Freilich, wer weiß das“, dachte Adelaide.„Ja, wer weiß, wozu er noch jetzt im Stande wäre?“„Alſo“, ſagte ſie laut,„iſt Charles ſchließlich dennoch der Erbe von Ravenshoe?“ „Ja. Du warſt eine Närrin, ihm das Wort zu brechen.“ „Das war ich. Iſt Alyden ein geſunder Ort?“ „Du weißt, daß er es nicht iſt. Unſere Leute ſterben dort wie die Hunde.“ „Weiß man, in welchem Regimente er iſt?“ „Nach Lady Hainault's und Marh Corby's Beſchrei⸗ bung glaubt man im 140.“ „Warum hat William dieſe Expedition nicht ſchon früher angetreten?“ „Ich weiß nicht. Eine neue Idee. Sie haben an eine 196 Menge von commandirenden Offizieren geſchrieben; aber er wird nicht eher zum Vorſchein kommen, als bis es ihm gefällt, ſo viel ich ihn kenne.“ „Wenn William ihn zurückbringt?“ „Nun, dann tritt er eine Jahresrente von neun⸗ oder vielmehr zwölftauſend Pfund an; denn jene Zinnwerke ſind ſüperb ausgefallen.“ „Und dazu Lord Saltire's ganzes „Vermuthlich.“ Für wir bleiben Bettler?“ „Vermuthlich“, ſagte Lord Ascot.„Es iſt Zeit zum Schlafengehen, Lady Ascot.“ Dies iſt genau die geeignete Stelle, um das Reſultat von William's Entdeckungsreiſe mitzutheilen. Er langte in Varna an, gerade als die Armee weiter vorgerückt war. Einige Mannſchaft war als invalid zurückgeblieben, und unter ihr befanden ſich zwei oder drei Huſaren vom 140. Re⸗ gimente. William wählte ſich einen derſelben aus, um die gewünſchte Auskunft zu erlangen. Der Soldat war ein junger Menſch und möglicher⸗ weiſe ein ganz gutmüthiger Geſell; als er ſich aber von einem ſchönen, wohlgekleideten jungen Herrn befragt ſah, der offenbar nach einem verlorenen Verwandten ſuchte, da kam der Lügengeiſt über ihn und er log ganz entſetzlich. Er war der vielgeliebte und vertraute Kamerad von Char⸗ les Horton geweſen(von dem er im Leben nie gehört hatte). Sie hatten in der Schwadron neben einander geritten, neben einander geſchlafen und mit einander getrunken. Er hatte ihn in der Cholera gepflegt und ihn(er wußte keinen andern Ausweg aus dem Lügenlabyrinthe zu finden) dann mit ſeinen eigenen Händen begraben helfen. Schließlich, ſich aus purem Leichtſinne in eine wahre Deſperation und damit in eine Art von Erhabenheit hineinlügend, führte er William vor die Stadt hinaus und zeigte ihm Charles' frühzeitiges Grab. Als er ſah, wie William ſich etwas Gras von dem Hügelchen pflückte und niederkniete und ſein Geſicht auf die Erde legte, da bereute er, was er gethan hatte. Und als er allein war und William's Schatten über die blen⸗ dend weiße Mauer dahingleiten ſah, ehe derſelbe unter dem dunklen Thorwege der Stadt verſchwand,— da fielen die klingenden Goldſtücke aus ſeinen Händen auf den brennen⸗ den Sand und er fühlte, daß er dieſe und noch zehnmal mehr darum geben würde, wenn er die Wahrheit geſpro⸗ chen hätte. Alſo Charles war todt und begraben, wie? Noch nicht ſo ganz, wenn ich bitten darf. Wer reitet dort, einer vom tapferen Heere, die Küſten der Bucht von Eupatoria ent⸗ lang, jenen fernen blauen Bergen zu? Wer iſt das, der jede Minute nach rechts blickt auf die ſtolze Flotte, die mit dem großen rothen und blauen Regenbogen Schritt hält, den man das Heer der Verbündeten nennt, auf die große Rauchwolke, die zornig ſeewärts ſchwebt, und auf die ſtillen Waſſer, die dreihundert puſtende Schraubendampfer in Wuth peitſchen? — ————— Fünfzehntes Rapitel. Ha! Das hieß wieder einmal leben. Das war beſſer, als hinter einem Dandy herreiten oder in einem Stall⸗ gäßchen auf einem Schubkarren ſitzen! Hier weht ein Duft, ſüßer als der Düngerhaufen oder die Eſſenzen des Dandys; was iſt es? Der Geruch von Theer und von Schlagwaſſer und von Pöklingen. Da kommt ein Luftzug die enge Straße herauf, der das Haar bewegt und den Puls euch ſchneller ſchlagen macht. Es iſt der freie Wind der See. Und das Ende der Straße ſind Schiffe, von denen das Klappern der Krahne herauftönt,— eine ſchönere Muſik zu Zeiten, als Nachtigallenſchlag. Die enge Straße nach dem Kap hinunter reiten die Huſaren. Charles iſt unter ihnen. Auf der Werfte, in der Verwirrung, überall iſt er, ſo viel er es darf, immer voran, um zu helfen. Er war als der beſte Reiter in ſeiner Schwadron bekannt und wurde als ſolcher auf die gefährlichſten Poſten geſtellt. Durch ſeine Furchtloſigkeit und Geſchicklichkeit hatte er die lebhafteſte Aufmerkſamkeit aller Offiziere auf ſich gezogen. Der Rittmeiſter hatte ihn öffentlich gelobt, und als das letzte Pferd eingeſchifft und das letzte Hurrah verhallt war und das große Schiff auf ſeiner Botſchaft des Zornes, des Jammers und des Ruhmes den Strom hinunterſchwamm, da ſchaute Charles, als ein neuer Menſch, der eine neue Lebensbahn vor ſich hat, auf die Thürme von Southampton zurück. Die wenigen Monate der Erniedrigung, des kummer⸗ vollen Brütens, der Gleichgültigkeit und Hülfloſigkeit ließen dieſe kurze Epiſode ſeines Lebens als die ſchönſte und glücklichſte von allen erſcheinen. Der plumpſte Re⸗ krutentölpel im Regimente fühlte ſich gewiſſermaßen ge⸗ adelt und erhoben; Charles aber mit ſeiner überaus zarten, empfindſamen, romantiſchen Natur, er war, wie die Fran⸗ zoſen ſagen, ganz téte montée. Die niedrigſte Knechts⸗ arbeit gewann in ſeinen Augen eine Art von Glorie und Erhabenheit. Sein Pferd warten und das Verdeck ſcheuern helfen? Warum nicht? Dieſes Roß ſollte ihn zum luſtigen Heldenſtrauße tragen. Entbehrungen, ſchwere Arbeit, ſchlechtes Wetter, Krankheit, Tod: was waren ſie bei ſeiner Jugend, ſeiner Geſundheit, ſeiner Kraft, und ſeinem Muthe? Sie waren keines Gedankens werth, höchſtens eines Lächelns. Ja! Dieſer Krimzug war die edelſte, vielleicht die glücklichſte Zeit ſeines Lebens. Um uns eines entlehnten Gleichniſſes zu bedienen: es war wie ein wehmüthiger, ſchöner Herbſtſonnenuntergang vor Ein⸗ bruch der dunklen Nacht. Es war ihm zu Muthe, wie einem Knaben in den Sommerferien, der ein Gehölz oder ein ſchönes Thal durchſtreift, welches er lange aus der Ferne geſehen und endlich erreicht hat; oder wie Einem, der als Fremder in einem neuen Lande allein in den Wald hinein⸗ reitet, einem unbekannten Ziele zu, und die Welt, von der er 6 ſein Lebelang geträumt hat, endlich in all ihrer Schönheit und mit allen ihren Wundern verwirklicht und ſich Blatt für Blatt vor ſeinen Augen entfalten ſieht. In einer romantiſchen Stimmung. Ich kann es nicht beſſer be⸗ zeichnen. Und wirklich, es iſt kein Wunder, daß ſich ein Mann, der nicht ſeekrank war, in einem Zuſtande des Erſtaunens, der Neugierde, der Heiterkeit und, vor Allem, der Aufregung befand— welche alle vier vereint, meiner Anſicht nach, die⸗ jenige Gemüthsverfaſſung bilden, die ich die romantiſche, donquixotiſche, ritterliche nenne, und welche in der That eine höchſt angenehme Gemüthsverfaſſung iſt. A propos der Neugierde: da war genug zu ſehen und zu hören, um den gleichgültigſten Menſchen neugierig zu machen. Wohin ging es eigentlich? Wo ſollte der Streich geführt wer⸗ den? Wo ſollten die Kriegshunde zuerſt ihre Zähne ein⸗ ſchlagen? Sollte es ein Feldzug werden, eine Belagerung, oder was ſonſt? Heiterkeit:— waren nicht ſeine Kame⸗ raden lauter brave, offenherzige Burſchen und war er nicht Aller Liebling? Und Erſtaunen und Aufregung:— die gab es in Hülle und Fülle und ſie verſprachen auch zu dauern. Ei, das Schiff allein war ſchon ein Wunder. Das größte in der ganzen Welt, mit 500 Reitern und Pferden, und ehe s noch fünf Stunden in See war, wußte Jeder am Bord, daß der Befehlshaber mit der gelaſſenen Miene die ganze Strecke mit vollem Dampfe durchjagen würde. Wer konnte es müde werden, in den eiſengepanzerten Brunnen auf die Maſchinerie hinabzuſtaunen und auf die geſchäftigen Kur⸗ beln und ſtoßenden Pumpen, oder, hatte man endlich genug davon, auf das ſeltſame, nebelhafte Bild zu blicken, das die zwiſchen den Verdecken ſchwebenden Pferde gewährten Wun⸗ der und Aufregung genug, um zwanzig Don Quixotes im Sen zu erhalten! Ja ſchon der Name des Schiffes rein romantiſcher— Himalaja. Ein nordöſtlicher Wind und zu Häupten ein Gebirge von rauſchendem weißen Segeltuche. Blaues Waſſer, das ſiedend und ſchäumend leewärts brauſte. Eine Windſtille und gen Norden der Lizard, ein undeutliches graues Vor⸗ gebirge. Ein Südweſt und oben ein gewaltiges Spinnge⸗ webe von Takelwerk. Die Bramſtangen heruntergelaſſen und die Raaen feſt angezogen. Und dazwiſchen das un⸗ aufhörliche Stampfen und Klappern der unermüdlichen Maſchine. Ein nebeliger, abenteuerlicher Sonnenuntergang und fliegende prophetiſche Wolken, die vom Weſten über den rothen Zenith eilten, wie Hexen zum Sabbath. Ein Wind, der ſtieg und ſchwoll, als die Sonne hinabſank, und laut im Takelwerke hurrte, als das Schiff ſich mit dem Bug in den Trog der Wogen tauchte, und gänzlich ſchwieg, wenn es ſich wieder erhob. Eine Nacht voller Sturm und Grauen; am Morgen die ſich bäumenden Gewäſſer der Bucht von Biscaha. Ein paar Fruchtſchiffe, die wild hin und hergeſchaukelt wurden, und ein Vorgebirge auf einem neuen Lande. Eine hohe runde Düne und ein Schimmer von Grün unter den jagenden Nebeln. Die Segel geſpannt vor dem nördlichen Winde, und das Schiff vor ihm dahin taumelnd, wie ein luſtiger Trun⸗ kenbold. Jetzt, vor ihnen, eine trübe Rauchwolke. Dann das große Dampfſchiff Baſſorah, das ſich donnernd Bahn brach gegen den Wind und mit ſeinen Eiſenzähnen die 202 ſtürzenden Wogen wüthend zerriß. Ein flüchtiger Blick auf flatternde Signale und kahle, naſſe, leere Verdecke, und ehe man Zeit hatte, zu bemerken, welch' ein ſtattliches Schiff es war und wie es ſich durch das Wetter — war nichts mehr von ihm zu ſehen, als eine dünne Rauchwolke, meilenweit hinten. Jetzt weit vorn eine dunkle Linie, zu ſchwach für das Ange der Landkrabbe, erſt wie ein Streifen von Land, dann ein Felſen, der ſich hoch über den Nebel reckte, endlich ein Vor⸗ gebirge, das eine Stadt trug und endloſe Batterien weißer Feſtungswerke— Gibraltar. Dann drei Tage lang ein ſtarker Weſtwind, der das Schiff, das alle Segel geſpannt hatte, im Fluge vor ſich hertrieb. Und jeden Tag um Mittag große Aufregung auf dem Hinterdeck unter den Offizieren. Am dritten Tage großes Hurrahrufen und Gelächter und Händedrücken mit dem Kapitän. Charles ſuchte eine Gelegenheit, um ſeinen kleinen Freund, den Cornet zu fragen, was das Alles zu bedeuten hätte. Der Himalaja hatte tauſend Meilen in dreiundſechzig Stunden zurückgelegt!*) Und jetzt, um Sonnenaufgang, eine Inſel in Sicht, platt, kahl, gelb leuchtend in der Morgenſonne, und mit einer einſamen, flachgedeckten Häuſermaſſe gerade in der Mitte, Civita Vecchia ſagen die Matroſen; und wie ſie um die Südſpitze derſelben herumkommen, öffnet ſich ihnen eine *) Die berühmteſte Fahrt der Himalaja, die von Cork nach Varna in zwölf Tagen, fand im Juni mit dem fünften Dragoner⸗ Garde⸗Regimente ſtatt. Die hier beſchriebene Fahrt war eine ſpätere, aber, wie es ſcheint, ebenſo glückliche. Anmerk. d. Verf. n ——— 203 glatte Bucht, und aus dem grünen Waſſer erhebt ſich terraſſenförmig eine Stadt mit flachen Dächern und oben Ge Wällen, als denen von Gibraltar,— ſo denkt Charles, aber er irrt ſich. Rechts und links zwei große Forts, St. Elmo und St. Angelo, ſagen die Matroſen, und jene ſteinerne Treppenflucht, die ſich in die Stadt hin⸗ aufwindet, die Nix Mangare⸗Treppe. Eine Flut geſchicht⸗ licher Erinnerungen kommt über Charles, und er erkennt die Stelle als eine ihm ſehr liebe, längſt bekannte. Auf jener Treppe ſtand Mr. Midſhipman Eaſy und beſchloß, ein Boot zu nehmen und nach Gozo zu ſegeln. Was ſeinem Entſchluß folgte, gehört der Geſchichte an. Noch andere Ereigniſſe begaben ſich auf Malta, über die Charles ebenſo gut unterrichtet war, wie die meiſten Leute; aber an dieſe Be⸗ gebenheiten dachte er eben jetzt nicht; ſelbſt nicht an Paulus und die Natter, oder an den alten, leeren Streit in ſeinen Teſtamentsſtudien in Oxford über dieſes Melita und jenes an der Küſte von Illyricum. Er dachte an Mr. Midſhip⸗ man Eaſy, und es war ihm, als hätte er die Stelle ſchon einmal geſehen. Wenn ich mein Handwerk ordentlich verſtünde, ſollte ich Charles hier eigentlich die Cajütenleiter hinunterfallen, oder den Fuß brechen, oder von vielem Eſſen krank werden, oder ſonſt etwas Aehnliches begehen laſſen, damit wir über den ferneren Verlauf der Reiſe hinwegkämen und nur zu ſagen brauchten, daß er an ſein Lager gefeſſelt war und nichts weiter von ſeinem Wege zu ſehen bekam. Aber ich denke nicht daran, dergleichen zu thun, und zwar aus zwei Gründen. Erſtens, weil weder das Eine noch das Andere der Fall war, und zweitens, weil er in Conſtantinopel 204 Femanden ſah, von dem man, wie ich überzeugt bin, mit Vergnügen wieder einmal etwas hören wird.. Charles hatte Tenedos goldig im Oſten erblickt Lemnos blau im Weſten, als die Sonne zu Rüſte. dann, nachdem ſie mit halber Schnelligkeit durch die Dar⸗ danellen gedampft waren, erſchaute er am nächſten Abende Conſtantinopel, hinter deſſen Minarets die Sonne ſich ſchlafen legte, und noch vieles Andere, was ohne Zweifel Alles ſehr ſchön iſt, von dem man aber, dünkt mich, ſchon hier und dort einmal gehört hat. Das Schiff lag vor Anker und es hieß, ein Courier der Königin würde erwartet. Sie konnten ihr eigenes Boot ſehen, welches nach der Serail⸗Spitze ausgeſandt worden war, ihn zu empfangen. Einer von den Matroſen hatte Charles ein Teleſkop ge⸗ liehen— ein wahres altes Ungethüm von einem Teleſkop, mit einem Sprunge im Objectivglaſe. Charles ſchaute durch daſſelbe nach dem Boote und rief plötzlich:„Da iſter Er ſah, wie ein kleiner grauköpfiger Mann mit einem Schnurrbarte heraneilte und in's Boot ſtieg, gefolgt von einigen Türken, die ſein Gepäck trugen. Es war Oberſt Oldhoß, der Courier der Königin; aber es war noch ein Anderer mit ihm, den Charles augenblicklich erkannte. Er gab dem Manne, der neben ihm ſtand, das Teleſkop zurück und ſchritt dann ſchnell auf dem Decke auf und ab. „O, wie gern möchte ich mit ihm ſprechen“, dachte Charles,„wenn auch nur ein einziges Wort! Der liebe alte Mann! Aber dann wird er mich verrathen und ſie werden wieder anfangen, mich zu verfolgen, die guten Seelen daheim. Nein. Beſſer, ich thue es nicht. Wenn —— 205 ich verwundet bin und im Sterben liege, dann will ich nach ihm ſchicken. Jetzt will ich ihn nicht anreden.“ Der Courier der Königin und ſein Begleiter kamen an rd, und das Schiff lichtete wieder die Anker und dampfte durch den Bosporus in die wilden, tobenden Wellen des „Fena Kara degniz“ und Charles legte ſich zur Ruhe, ohne ſich jenen Beiden zu nähern. Aber am kühlen Morgen, als das Schiff nach Nordweſten ſteuerte und der Tag roſig auf der fernen thraciſchen Sierra aufglühte, da war Charles auf dem Verdecke, und wie er einen Augenblick in ſeiner Beſchäftigung innehielt, um nach Weſten zu blicken und ſich zu erinnern, welches Land und welche Gebirge nördlich von Conſtantinopel lägen, ſagte hinter ihm eine ruhige Stimme: „Geht und ſucht mir Kapitän Croker, mein Freund.“ Er wandte ſich um und ſtand General Mainwaring gegenüber. Das Ganze währte nur einen Augenblick; aber ihre Augen begegneten ſich. Der General machte eine Be⸗ wegung der Ueberraſchung; doch er erkannte ihn nicht. Charles' Schnurrbart hatte ihn ſo ſehr verändert, daß dies nicht zum Verwundern war. Er fürchtete, der Genera könne ihn noch einmal aufſuchen; allein, das geſchah nicht. Es waren gar geſchäftige Zeiten. Noch am ſelben Abende langten ſie in Varna an. Die Leute ſahen einander mit verdrießlichen Blicken an. Eben war die franzöſiſche Expedition in einem kläg⸗ lichen Zuſtande aus Kuſtendſchi eingetroffen und die Armee verfaulte in Unthätigkeit. Ihr wißt das Alles ſo gut, als ich's Euch erzählen könnte; was uns aber in dieſem Augen⸗ blicke mehr intereſſirt, iſt, daß Lieutenant Hornby am Typhus darnieder gelegen hatte und ſich jetzt in ſehr lang⸗ —— ſamer Geneſung befand, ſo daß es nichts weniger als wahrſcheinlich war, daß Charles mit ihm zuſammentraf. Was ſoll ich mit dieſen drei Wochen in Varna an⸗ fangen, zu denen ich Charles, den Leſer und mich ſel verdammt habe? Ich denke, es iſt am Beſten, ſo wenig als möglich davon zu ſagen. Natürlich wurden Charles und ſeine Compagnie ſogleich nach dem Cavallerielager zu Devna verſetzt, das ſich, etwa achtzehn Meilen entfernt, zwiſchen ſchönen Hügeln und Wäldern aufbaute. Einmal nahm ihn ſein kleiner Freund, der Cornet, der ihn ſehr ins Herz geſchloſſen hatte, mit auf die Jagd, damit er ihm die Jagdtaſche trüge. Und ſie kletterten und krochen auf allen Vieren und riſſen ſich an Dornbüſchen und fielen ſteile Abhänge hinunter und vergaßen völlig ihre gegenſeitige geſellſchaftliche Stellung. Alles, was ihnen neu war, ſuchten ſie mit nach Hauſe zu nehmen, ſogar eine lebendige Schildkröte und eine Baſaltſäule. Und ſie ſahen eine grüne Eidechſe, die ihren Schwanz ringelte und wie ein Renn⸗ pferd fortgaloppirte, und eine andere graue, die einen Beutel unter ihrem Kinne hatte und ſie anbellte, wie ein Hund. Der Cornet ſchoß eine Wachtel und einen Haſen, einen langgeſchweiften Francolin, der einem Faſan ähn⸗ lich ſah, und eine Holztaube. Und ſchließlich entdeckten ſie, daß unter den Steinblöcken Scorpionen hauſten, die ihre Klauen in ihre Armhöhlen ſteckten, gerade wie der Menſch ſeine Arme über der Bruſt kreuzt, und mit dem Schweife nach ihnen züngelten, indem ſie ihren Stachel aus⸗ und einzogen, etwa wie ein erfahrener Boxer mit ſeiner linken Hand manövrirt, wenn er einen Angriff erwartet. Alles in Allem genoſſen ſie einen herrlichen Tag im neuen 207 Lande und erinnerten ſich ihres verſchiedenen Ranges nicht eher, als bis ſie im Mondenſchein auf der Höhe ſtanden über Devna und die beiden langen Seen vor ſich ſahen, die ie dem Meere zuſtreckten, da und dort von den Silber⸗ ſtreifen durchfurcht, welche die Ruder der Commiſſariats⸗ boote nach ſich zogen. Ein glücklicher, unſchuldiger Schul⸗ knabentag,— ein Tag, wie man ihn nie genießt, wenn man Vorkehrungen für ihn trifft und ihn erwartet, ſondern der ungeahnt kommt und nimmer vergeſſen wird. Ein ander Mal hatte der Cornet Geſchäfte in Varna und wußte es einzurichten, daß man ihm Charles als Ordonnanz mitgab, als zweite Ordonnanz aber den jungen Burſchen, der in der Bierſchenke zu Windſor von ſeiner Schweſter geſprochen hatte; denn dieſer, ein ſtiller, beſcheidener junger Menſch, war ebenfalls ein Liebling des Cornets, ja ein Liebling von Jedermann. Und ein ſehr hübſcher Burſche obendrein. Und ſo klepperten alle Drei fröhlich den Hügel hinunter, durch das Holz und über die dampfende Ebene hin nach der ſchmuzigen weißen Stadt. Der Cornet mußte mit am Offizierstiſche des 2ſten Re⸗ gimentes zu Mittag ſpeiſen; ſo konnten Charles und der andere Burſche ſchlendern, wohin ſie wollten. Sie gingen und badeten, und als ſie ſich wieder angekleidet hatten, ſtanden ſie rauchend zuſammen unter der glühenden, weißen Mauer und ſchauten auf das tückiſche Schwarze Meer hinaus. Und Charles erzählte ſeinem Kameraden von Ravenshoe und vom Wilde dort, von den Faſanen und den Birkhühnern und von der großen Forelle, die umher⸗ witterte in den Wellen des kühlen, klaren Waſſers. Und plötzlich wandte ſich der Burſche zu ihm— ſein ſchönes ,k,—. ——— 208 Geſicht war bleifarben von Schmerz und Angſt— und packte ihn krampfhaft an beiden Armen und bat ihn um des allmächtigen Gottes willen—— So— das genügt. Wir brauchen nicht mehr zu ſagen. In vier Stunden war der arme Junge todt. Die Cholera graſſirte in jenem Monate in Varna, und wer in der heißen Sonnenglut an den Mündungen der ſchmuzigen Gräben jenes fluchbehafteten Ortes umher⸗ ſchlenderte, ward deſſen zu ſeinem Schaden inne. Wir kämpften, wie man weiß, um die Stadt den ſchmuzigen, unwürdigen Türken zu erhalten, wider die tapfern, edlen, aber, wie ich fürchte, ebenſo ſchmuzigen Ruſſen. Das Widerwärtige dieſes ruſſiſchen Krieges war, daß wir wäh⸗ rend der ganzen Dauer deſſelben unſere braven Feinde weit mehr achteten, als die unnützen Schurken, für die wir uns ſchlugen. Uebrigens ſcheint dieſe Abgeſchmacktheit unſere guten Freunde, die Franzoſen, noch mächtiger frap⸗ pirt zu haben, als uns. Ich habe dieſes traurigen, kleinen Zwiſchenfalles nur erwähnt, um zu zeigen, daß das Leben zu Devna, zwi⸗ ſchen den hübſchen Hügeln und Wäldern, nicht lauter Sonnenſchein war; daß Charles hin und wieder durch dergleichen Trauerſpiele daran gemahnt wurde, wie ſich große Menſchenmaſſen aus ihren gewöhnlichen Beſchäfti⸗ gungen und Pflichten in eine ungewohnke und abnorme Lebensweiſe verſetzt fanden und die Natur ſich für ſolche Verletzung ihrer Geſetze rächte. Man ſieht, daß wir über dieſe drei Wochen angenehmer hinweggekommen ſind, als die Anderen in Varna. Charles bedauerte es, als die Zeit kam, wo ſie das Lager in den —— ſchönen Gebirgswäldern abbrechen mußten, und zwar um ſo mehr, als unter den Leuten das Gerücht ging, man würde Sebaſtopol nur durch einen plötzlichen Rückenangriff nehmen und dort überwintern. Da gab's keine Arbeit für die Reiterei, ſo meinten Alle.* Ich darf wol hier die Bemerkung einſchalten, wie man, hat man einmal ein vagabondirendes Leben begonnen, leicht einen Ort lieb gewinnt, an dem man vielleicht nur eine Woche verweilt hat. Wenn man während langer Zeit an täglichen Ortswechſel gewöhnt wird, dann macht uns ein einwöchentliches Raſten an einem Orte mit demſelben vertrauter, als wir es bei ſtationärer Lebensweiſe mit einem fremden Hauſe ſind, nachdem wir dies ſchon ein ganzes Jahr bewohnt haben. Dieſe Bemerkung iſt faſt trivial, verdient aber dennoch niedergeſchrieben zu werden.„ Charles hatte ſich an Devna gewöhnt und es lieb ge⸗ wonnen, und er ſchied von ihm, wie aus einer Heimat. Damit ſind wir wieder auf dem Punkte angelangt, wo ich Euch Charles nach ſeinem Tode und Begräbniſſe vor— führte, wie er am Strande der Bucht von Eupatoria dahin ritt und die Flotte beobachtete. Das 140ſte Regiment hatte ſehr wenig zu thun. Es ſtand auf dem äußerſten linken Flügel. Am Siebenzehnten glaubte es Arbeit zu be⸗ tommen, denn es ſah 150 Ulanen hereinjagen, die eine Viehheerde vor ſich hertrieben und von etwa 1000 Koſacken hart verſolgt wurden. Als aber einige von den leichten Dragonern gemächlich hinaustrabten, um die Lanzenreiter zu unterſtützen, ritten die Koſacken wieder fort und das 140 ſte Regiment war noch immer zur Unthätigkeit ver⸗ dammt. Kingsley, Ravenshoe. Uur 14 210 3 Hornby war geneſen und wieder zu ſeinem Regimente geſtoßen. Natürlich hatte er Charles nicht erkannt. Selbſt wenn ſie ſich Angeſicht zu Angeſicht gegenüber gekommen, würde er Charles mit ſeinem Schnurrbarte ſchwerlich er⸗ annt haben. Noch ſollten ſie einander nicht begegnen. Am Abende des Neurzehnten ließ ſich auf dem Hügel vor ihnen Kanonendonner vernehmen, welcher jedoch in einer halben Stunde wieder ſchwieg. Der größere Theil 5 der übrigen Cavallerie befand ſich mehr in der Fronte der äußerſten Linken und war, wie es hieß, mit den Koſacken ð beſchäftigt. Aber das 140 ſte war noch immer unthätig. M Am Morgen des Zwanzigſten hörten Charles und die . Anderen, als Alle im Sattel ſaßen, wie vor ihnen und zur Rechten das ſchwere Geſchütz dröhnte. Es hieß unter den „ Leuten, daß die Flotte gewiſſe Batterien angegriffen hätte. Auch ſagte man, die Ruſſen ſtänden und wären zum Kampfe bereit. Charles war der Sechſte von der rechten 1 3 Seite in der letzten Reihe der dritten Schwadron. Un⸗ mittelbar vor ſich ſah er die Schweife der Pferde und be⸗ merkte auf der rechten Schulter ſeines Vordermannes einen großen Oelflecken. Auch Hornby konnte er in der Schwadron vor ſich erkennen. Der ferne Kanonendonner währte bis halb zwei Uhr, und noch immer hielten ſie müßig. Um dieſe Zeit aber ertönte rechts von ihnen und ganz in der Nähe ein neuer Schall, bei welchem ſie die Ohren ſpitzten und einander anſchauten. Selbſt die Spitze der Colonne konnte nichts geſehen haben; denn man befand ſich hinter dem Hügel. Alle aber konnten hören und rathen. Jetzt kennen wir Alle dieſen Schall ſehr wohl. Wir hören ihn in England, Gott 211 ſei Dank, nunmehr jeden Abend auf jedem Dorfanger, wenn das Ballſpiel zu Ende iſt. Krick, krack, krich krack! Der Schall von herannahenden Plänklern. Und ſo zog es ſich von der Rechten bis zur Fronte, dann zur Linken herum, bis die Luft erfüllt war vom ſchrillen Discante des Kleingewehrfeuers. Darauf, als die Franzoſen innerhalb Schußweite der Artillerie hinaus⸗ plänkelten, ertönte der tiefe Baß der Kanonen, und die Leute, die bisher nicht zu flüſtern wagten, konnten ein⸗ ander laut zuſchreien, und kein Oberer wehrte es ihnen. Immer lauter, als unſer Geſchütz mit an die Reihe kam. Die ganze Luft bebte von eudloſer Erſchütterung. Gern hätte Charles zehn Jahre ſeines Lebens darum ge⸗ geben, um zu wiſſen, was auf der andern Seite des Hügels vorging. Aber nein. Da hielten ſie, und er mußte den Rücken ſeines Vordermanns betrachten, und nun fand er heraus, daß der Oelflecken auf deſſen rechter Schulter die Geſtalt der Karte von Schweden hatte. So vergingen zwei lange Stunden oder mehr. Indem Charles zwiſchen den beiden Männern zur Rechten in der Schwadron vor ihm hindurchblickte, konnte er den Rücken des Hügels ſehen und den Rauch, der von demſelben auf⸗ ſtieg und vor der Seebriſe nach links hinüberwirbelte. Er gewahrte, wie ein Adjutant über jenen Abhang kam, neben dem Rittmeiſter von Hornby's Schwadron abſtieg und die Gurten ſeines Pferdes löſte. Sie lachten miteinander; dann ſchrie der Rittmeiſter Hornby Etwas zu, und dieſer lachte ebenfalls und ſchwang ſeinen Säbel über ſeinem Haupte. Nun war er wieder darauf beſchränkt, die Karte von Schweden vor ſich zu ſtudiren. Es begann 14* ihm einzuleuchten, daß die Karte von Nordamerika, wenn dieſelbe überhaupt exiſtirte, ſich auf des Mannes linker Schulter unter ſeinem Dolman befinden müßte, und daß die Inſeln des Stillen Oceans vorn auf ſeiner linken Bruſt lägen, als der Befehl zum Avanciren gegeben wurde. Sie avancirten bis zum Gipfel des Hügels und ſchwenkten. Nur einen einzigen Moment erhaſchte Charles einen Blick in's Thal, welches brüllte und dampfte, wie ein Vulkan. Ueberall helle Flammenblitze, bald einzeln, bald in den Reihen hinlaufend oder in glühenden Salven lohend. Der Rauch, den der Wind nach links trieb, ſchwebte wie ein Vorhang über dem Thale. Auf dem gegenüberlie⸗ genden Hügel ein Ring von Rauch und Feuer, und vor demſelben eine dünne, ſcharlachrothe Linie, die allmählich verſchwand. Das war Alles. Im nächſten Augenblicke machten ſie»rechts ſchwenkt!« und Charles ſah wieder nur den Rücken ſeines Vordermannes und den Oelfleck auf deſſen Schulter. Aber jene Nacht war ihre Sporennacht. Scharfes Reiten tief in's Dunkel hinein. Die Schlacht an der Alma war gewonnen, und ſie hatten Befehl, die Koſacken zu be⸗ läſtigen, welche die Nachhut der ruſſiſchen Armee deckten. Sie kamen ihnen gar nicht nahe. Jedesmal aber, wenn ſpäter von der Schlacht an der Alma geſprochen wurde, dachte Charles ſofort an die Karte von Schweden. Ende des dritten Bandes. Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient Srey Eorror Sart Green NelloM Red Magenta