1 — A=% Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Ein⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet irv. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6 Schadenersatz. 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Im Walde gab es Birkhühner und Faſanen, und Haſen, Schnepfen und Kaninchen auf dem Moore. In der See waren Fiſche, und manche lange Fahrt machten ſie in den Häringsbooten, zuweilen kühn hinaus rudernd bis zur fernen blauen Inſel im Meere, zuweilen gemächlich unter den hohen, jähen Klippen hintreibend, die 200 bis 1100 Fuß über ihren Häuptern aufragten. Es war drei Tage vor dem Weihnachtsfeſte. Man kehrte eben vom Fiſchen an der Küſte heim und war etwa zehn(engl.) Meilen vom Hauſe entfernt. Ich ſage, man kehrte heim, obgleich thatſächlich kein Luftzug zu ſpüren war und das Boot träge vor der Flut dahinſchwamm. Zwei hübſche, einfach ausſehende Burſche lagen müßig bei dem nutzloſen Steuerruder; ein alter Mann, geſund und ſtark wie ein Löwe und von einem beinahe vornehmen Aeu⸗ ßern, war beſchäftigt, ein Tau zu ſpleißen, und ein hochge⸗ wachſener, blaſſer, ſchwarzhaariger Mann ſchaute, mit den Händen in den Taſchen, feſten. zur See Kingsley, Ravenshoe. II. hinaus, während Charles und Marſton im Buge ſtanden und rauchten. 1 „Welch' eine wunderſame, träumeriſche, ſchlaftrunkene, 3 köſtliche Art von Winter Ihr hier habt!“ ſagte Marſton. „Ich habe ſie ſehr gern“ erwiderte Charles;„ſie hält Einen infortwährender Hoffnung auf den kommenden Früh ling. Inmitten von Froſt, Schnee und Eis verliert man ſo leicht den Glauben an rauſchende Zweige und ſchattige Weiher.“ „Ich habe hier bei Euch eine ſo ſchöne ſtille Zeit ge⸗ noſſen, Charles. Ich freue mich ſo ſehr über Deine jetzige Lebensweiſe. Du biſt ein ganz anderer Menſch geworden. Wir werden Beide auf dieſe letzten ſtillen Wochen, als auf eine ſehr glückliche Zeit unſeres Lebens denke ich mir.“ Hier ſagte plötzlich der lange dunkele Mann, der auf die See hinausſchaute: „Regen und Hagel, Schnee und Strm und gewaltiger Wind erfüllen Sein Wort.“ „Ja, ja“, ſagte der alte Mannz„8 wird S Stutin geben die Nacht, fürcht' ich.“ „Wir werden vielleicht ziemlich ſchnell nach Hauſe kommen.“ 1 „Wir nicht, lieber Maſter ſagte der lange Mann.„Wir werden den Wind aus Süd⸗Weſt haben und ſo durch Weſt gen Nord. Doch bis dahin werden ſchon manche Seelen Seine Herrlichkeit ſchauen, gelobt ſei Gott!“ Der alte Mann nahm ehrfurchtsvoll den Hut ab. „Die Brandung wird noch nicht hoch ſein, wann wir einlaufen“, ſagte einer der jungen Männer.„Sie wird 3 ————— 3 nicht ſteigen, eh' der Wind nicht eine Stunde voll Weſt geweſen iſt.“ „Du ſprichſt wie ein gedrucktes Buch, Jan“, ſagte der alte Mann. „Ich denke anders, Meiſter Evans“, ſagte der dunkele Mann.„Der Wind wird ganz plötzlich umſpringen und Weſt ſein, eh' wir uns umſehen. Ich ſpreche in Demuth vor einem Manne, der die Wunder des Herrn in der Tiefe ſo viele Jahre länger geſchaut hat, als ich. Aber ich glaube, vor Gott, daß ich Recht habe.“ „Ihr habt faſt immer recht. Leute, die Tag und Nacht mit dem Herrn reden, als wie Ihr, wiſſen wahrſcheinlich mehr von ſeinen Werken, als Unſereins, der nicht Eure Gaben hat.“ „Der Herr hat mir keine Art von Geſicht vergönnt über dieſen Nachmittag, Meiſter Evans.“ „Habt Ihr letzte Nacht denn gar nichts geträumt“, frug einer der jungen Männer;„beſinnt Euch nur einmal.“ „Nichts, das mit Wind und Wetter zu thun gehabt hätte, Jan. Ich urtheile nach dem Glaſe. Es fällt ſchnell.“ Jan würde mehr Glauben an einen von Matthews Träumen gehabt haben; vom Barometer ſchien er wenig zu halten. Inzwiſchen hatte Marſton Charles zugeflüſtert— „Wer iſt Matthews? Zu welcher Secte gehört er?“* „O, er iſt ein Brianiter.“ „Was iſt das?“ „Eine Art Ranter, glaub' ich.“ Marſton blickte auf und ſah die beiden großen ſchwarzen Augen unter der hohen Stirn feſt auf ihn gerichtet. Mit dem Inſtincte eines Gentleman ſagte er augenblicklich: —— 1* 4 „Ich frug Maſter Charles nur, welcher Secte Sie an⸗ gehörten. Er ſagte mir, Sie wären ein Brianiter, und ich hatte von dieſer Secte noch nie gehört. Ich hoffe, Sie werden mir eines Tages erlauben, mich über Ihren Glau⸗ ben mit Ihnen zu unterhalten.“ Matthews nahm ſeinen Hut ab und ſagte: ſo es dem Herrn gefalle; wolle er mit Sr. Gnaden reden.„Wenn Ew. Gnaden mit einem armen Fiſcher Nachſicht haben will, der unbekannt iſt mit der Gelehrſamkeit der Welt, dem aber der Herr in Träumen und Geſichten der Nacht Manches offenbart hat. Petrus war nur ein Fiſcher, Ew. Gnaden, und, o, wenn wir ihn nur jetzt könnten reden hören!“ Er ſchwieg und ſchaute von Neuem auf die See hinaus. Charles war wieder in den Bug zurückgegangen und Mar⸗ ſton ſtand bei den Leuten im Hintertheile des Bootes. Plötz⸗ lich wandte ſich Matthews abermals zu ihm und ſagte: „Beim Einlaufen des Bootes hier, heute Abend, kann's Gefahr geben, Ew. Gnaden. In dieſem Falle wird mein Platz an ſeiner Seite ſein“, ſagte er, auf Charles deutend. „Manch' gutes Herz würde bluten, wenn ihm Etwas zu⸗ ſtieße. Halten Sie ſich dicht an die jungen Leute da, Sir. Sie werden nach Ihnen ſehen, Sir.“ „Halten Sie ſich nur dicht an uns, Sir. Halten Sie ſich an uns, Ew. Gnaden. Wir wollen ſchon ſehen, daß es keine Noth hat mit Ihnen, Sir“, ſagten die beiden jungen Männer. „Aber Ihr lieben guten Seelen, ich bin ein ſo guter Schwimmer, wie irgendwer in England, und gewandt wie eine Katze. Ich bitte Euch, ſorgt nicht um mich.“ — 5 Halten Sie ſich nur an uns und laufen Sie, Sir; das iſt Alles, was Sie zu thun haben, Sir“, ſagte der eine der Burſchen. „Ich werde ganz ſicherlich laufen“, erwiderte Marſton lachend;„aber durch mich ſoll Niemand ertrinken, als ich ſelber—“ In dieſem Augenblicke rief Charles:„Ich bitte Dich, komm' her, und ſieh Dir dies an.“ Es war in der T. 4 des Anſchauens werth. Sie be⸗ fanden ſich etwa eine Meile vom Ufer und ſchwammen auf einer öligen, glatten See dahin; denn die Flut hatte ſich gewendet, und ſie kamen nicht von der Stelle. Vor ihnen fiel eines der herrlichſten Vorgebirge der Küſte, ein jäher Schieferkegel, beinahe tauſend Fuß hoch und faſt ganz mit Gras bedeckt, ſteil ins Waſſer, und weiter vor demſelben, doch etwas auf der Seite, ragte ein rauher ſchwarzer Felſen, etwa ſechshundert Fuß hoch, aus dem Meere auf, und ſeine grauſigen, wild zerriſſenen Linien bildeten einen wunderbaren Contraſt mit der glatten grü⸗ nen Kuppe dahinter. Um den Fuß deſſelben lief, ihn vom glänzenden Meere ſcheidend, eine zarte Silberlinie— die Brandung von der ſchweren Deining, und vor ihm ſpiegelte ſich das ganze Cap matt im ruhig wogenden Ocean. „Welch ein herrliches Vorgebirge!“ ſagte Marſton. „Iſt die Grasdecke auf dem hinteren Felſen zu ſteil, um darauf zu gehen?“ „'s geht dort eben Jemand“, ſagte der alte Evans. „Ein Frauenzimmer geht dort oben.“ Niemand konnte Etwas ſehen von den Andern, außer 6 Matthews, welcher meinte, er könnte nicht beſtimmen, ob es ein Schaf wäre oder was ſonſt. Charles nahm ſein Teleskop heraus und ſah, daß der alte Mann Recht gehabt. Eine Frau ging ſchnellen Schrit⸗ tes, etwa in halber Höhe, am begraſ'ten Felſen hin. „Welch ein merkwürdiger Spaziergang für eine Frau!“ bemerkte Charles;„es iſt faſt ſchrecklich anzuſehen.“ „Ich habe dort noch Niemanden gehen ſehen, außer dem Schäfer“, ſagte der alte Mank⸗ „Es iſt ein Schafſteig“, bemerkte einer der jungen Leute.„Ich bin ſelbſt ſchon da oben gegangen.'s iſt der kürzeſte Weg nach Cvombe.“ Charles würde über die einſame Frauengeſtalt auf dem fürchterlichen Felſenabhange mehr nachgedacht haben, wenn nicht ihre Aufmerkſamkeit von etwas Anderem in Anſpruch genommen worden wäre. Aus Südweſten kamen ſchwarze Windſtreifen langſam zu ihnen heran, die mit langen, un⸗ regelmäßigen Strichen öliger Stille abwechſelten. Bald aber verſchwanden die ruhigen Intervallen, und der Wind erreichte ſie. Jetzt mußten ſie ſteuern, und in ſehr kurzer Zeit brauſten ſie mit einer ſcharfen und immer wachſenden Briſe mit kurz geſpannten Segeln auf die See hinaus. Sie ſahen, daß ſie einen ſehr weiten Bogen machen und weit hinaus ſtechen mußten, um überhaupt nach Ra⸗ venshoe zu gelangen. Der Wind wurde ſtärker mit jedem Augenblicke, indem er nach Weſten umſchlug, und die See bäumte ſich auf. Sie brauchten drei Stunden bis zur Bucht von Ravenshoe, und als ſie ſich etwa fünf Meilen von der Küſte befanden, konnten ſie ſehen, daß dort ſchon eine häßliche Seitenbrandung tobte, und daß die Leute am — 7 Strande eifrig beſchäftigt waren, ihre Boote aufs Land in Sicherheit zu bringen. „Wie ſchön dieſe Barken ſegeln!“ ſagte Marſton, wäh⸗ rend ſie ſich Alle an das Schanddeck klammerten und die grüne See faſt zu ihren Füßen, in zornigem Schaume, lee⸗ wärts ſtürzte. „Es iſt erſtaunlich, welche Schnelligkeit ſie im Winde zeigen“, erwiderte Charles;„aber es ſind gefährliche Fahr⸗ zeuge.“ „Warum?“ „Dieſe Everſegel ſind ſo ungeſchickt beim Umlegen, Du wirſt es ſehen.“ Sie ſtachen eine bedeutende Strecke über Ravenshoe hinaus und ungefähr ſechs Meilen in See, als das Wort zum Umlegen gegeben wurde. In einer Secunde lagen die ſchweren rothen Segel auf dem Halbdeck aufgeſtapelt, und nach etwa fünf Minuten unbeſchreiblicher Verwirrung hatte das Boot gewandt. Marſton erwartete während die⸗ ſer langen fünf Minuten jeden Augenblick, daß es veine Eule fangen« würde; doch war das Glück ihnen günſtig. Sie ſegelten freier in dieſer Richtung, denn der Wind war jetzt Nord bei Weſt, und die tapfere kleine Barke flog vor ihm mit ihrer ſchönſten Geſchwindigkeit. Die Leute ſetzten ſo viel Segel auf, als das Boot nur tragen wollte; doch war dies nicht viel, und ſo ſchnell ſie auch gingen, das Meer ging noch ſchneller, als ob es entſchloſſen wäre, vor dem Boote zum fürchterlichen Rendezvous einzutreffen. Und immer höher ſtiegen die Wogen, und immer lauter heulte der Wind. Sie näherten ſich mit großer Schnellig⸗ keit dem Ufer. 8 Jetzt begannen ſie durch den Nebel die Leute zu er⸗ kennen, die ſich am Strande verſammelt hatten. Der Haupt⸗ knäuel war auf einer Stelle zuſammengedrängt; aber Einzelne, die keine Ruhe hatten, ſchweiften rechts und links von ihm ab, gehend und kommend. An dieſem Punkte hoff⸗ ten ſie einzulaufen. Ihr Boot war anſcheinend das letzte, das ſich noch draußen befand, und das ganze Dorf beob⸗ achtete ſie mit der höchſten Angſt. Jetzt hörten ſie noch ein anderes Getöſe, als das Heu⸗ len des Windes in ihrem Takelwerk und das Toſen des Waſſers um ſie her— einen unausgeſetzten Donner, der immer lauter wurde, je weiter das Boot dahin ſchoß. Es war das Donnern der Brandung, und als ſie vorwärts ſchauten, konnten ſie eben den Kamm derſelben erblicken, wie er wüthend in die Höhe ſpritzte. Es war ein ängſtlicher Augenblick. Sie hatten die Röcke und Stiefeln abgeworfen und ſtanden in Hemd⸗ ärmeln zum Sprunge bereit, falls ein ſolcher nöthig werden ſollte. Und der alte Mann war am Steuer. Sie ſahen, wie ſich die Wogen zu kreiſeln begannen. Jetzt waren ſie mitten darin. Dann warf ſie das Waſſer hin auf den Sand, und drei tapfere Burſchen vom Ufer rannten vor⸗ wärts, um die Ketten einzuhaken; aber ſie kamen zu ſpät. Brüllend wie ein hungriger Löwe, kam die See zurück; das arme Boot ſchlug um und empfing die ganze Wucht des Waſſers auf ſeiner Breitſeite. Im nächſten Augen⸗ blicke waren ſie Alle betäubt und geblendet im Waſſer, und verſuchten, ſich gegen den Rückſchlag der Brandung auf⸗ recht zu halten, die ihnen faſt bis an die Hüften reichte. Der alte Meiſter Evans ſtand zunächſt bei Marſton. Er A. wankte ſchon, um zu fallen, als Marſton ihn ergriff und rettete. Die zwei jungen Burſchen packten ſie Beide; dann ſtürzten drei Männer vom Ufer herein und packten Charles, und nun, als das Waſſer zurückwich und ſie ihre Füße zu rühren wagten, rannten ſie Alle um ihr Leben. Marſton und ſeine Begleiter gelangten auf's trockne Land und ſtan⸗ den auf ihren Füßen; aber Charles und ſeine Retter pur⸗ zelten über und über und wurden, mit Sand bedeckt, ſchmählich ans Land geſpült. Charles erholte ſich jedoch ſchnell wieder, und als er ſich umſchaute, um Denen zu danken, die ihnen dieſen Dienſt geleiſtet hatten, ſah er, daß William einer von ihnen geweſen war. Derſelbe hatte mit jener ſanften Gleichgültigkeit gegen die Gefühle des Stall⸗ meiſters, die wir ihn ſchon früher haben an den Tag legen ſehen, ſeine Arbeit verlaſſen, als der Sturm ausgebrochen war, ſich in eine wollene Jacke und blaue Beinkleider geſteckt und war an den Strand hinabgegangen, um hülfreiche Hand zu leiſten. Er war zur rechten Zeit ge⸗ kommen, um ſeinen Milchbruder aus der Brandung zu erretten. „Ich bin Euch ſo ſehr dankbar“, ſagte Charles zu den beiden Andern,„ich werde Euch niemals vergeſſen. Ohne Euch wäre ich ertrunken. William, wenn ich in Noth bin, dann bin ich ſicher, Dich an meiner Seite zu finden.“ „Sie werden mich nie weit weg ſehen, Mr. Charles“, ſagte William. Sie ſprachen weiter nichts zu einander, dieſe Beiden. Es war unnöthig. Der lange Mann, Matthews, war mit einem Loch im Schädel an's Land geworfen worden und ſchien im Ganzen etwas enttäuſcht zu ſein, daß er nicht im Paradieſe erwachte. 5 Er war gefallen, als er aus dem Boote ſprang. Er hatte ſich den Fuß verletzt und mußte überhaupt viel davon er⸗ leiden, der arme Burſch'! Als Charles und William daſtanden und zuſchauten, wie das arme Boot in den Wellen zerſchellte und einige von den Leuten ihr Leben wagten, um die Netze heraus zu retten, ward eine Hand auf Charles' Schulter gelegt, und da er ſich umwandte, erblickte er Cuthbert. „O, Charles, Charles, ich glaubte, ich hätte Dich ver⸗ loren. Komm' nach Hauſe und laß' Dich von uns trocknen und wärmen und pflegen. William, Du haſt Dein Leben für ihn gewagt, der uns Allen ſo theuer iſt. Gott vergelte es Dir! Bruder, Du zitterſt vor Kälte und Du haſt nichts an, als Deine Beinkleider und Deine Jacke, und Kopf und Füße ſind Dir bloß, und Dein armes Haar iſt naß und voller Sand. Laß' mich Dich hinauftragen, Charles, die Steine werden Dir ſonſt die Füße zerſchneiden. Laß' mich Dich tragen, Charles; ich hab's manchmal gethan, als Du klein warſt.“ Es ſtand Waſſer in Charles' Augen(das Salzwaſſer aus ſeinem Haare natürlich), als er antwortete: „Ich glaube, ich kann gehen, Cuthbert; meine Füße ſind hart wie Eiſen.“ „Nein, aber ich muß Dich tragen“, ſagte Cuthbert. „Steig' auf, Bruder.“ Charles ſchickte ſich an, ihm zu willfahren, und Cuth⸗ bert warf ſchnell ſeine Schuhe und Strümpfe ab und war bereit. „O, Cuthbert, thu' das nicht“, ſagte Charles,„Du brichſt mir das Herz.“ . 14 „Ich bitte Dich, laß' mich, lieber Charles. Ich bitte Dich ſelten um eine Gefälligkeit. Glaubſt Du, ich würde es thun, wenn ich nicht dächte, daß es Gott wohlgefällig wäre?“ Charles zögerte eine Secunde; aber er begegnete William's Auge— und William's Geſicht und Auge ſag⸗ ten ſo deutlich„Thu' es“, daß Charles nicht länger zögerte, ſondern ſich von ſeinem Bruder auf den Rücken nehmen ließ. Cuthbert befahl William, der barfuß daſtand, die von ihm abgeworfenen Strümpfe und Stiefeln anzuziehen, und William gehorchte. Dann ſchritt Cuthbert, mit ſeinem Bruder auf dem Rücken, keuchend den ſteinigen Pfad nach dem Wohnhauſe hinauf und freute ſich ſeiner Buße. Iſt das lächerlich? Ich kann nicht ſagen, daß es mir in dieſem Lichte erſcheint. Ich kann lachen über eine Religion, welche uns lehrt, daß wir, indem wir Leiden und nervöſe Angſt erkünſteln und uns in dieſem Zuſtande dann zur Religion flüchten, als unſerm Hort und Troſte, irgendwie Gott preiſen und uns ſelber einen Segen erzei⸗ gen. Ich kann, wie geſagt, lachen über ſolch' eine Form von Religion; aber nicht über die Menſchen, die an dieſelbe glauben und nach ihrem Glauben handeln. Nein. Ich kann meine Pfeife rauchen und ſagen, daß er ein Narr war, Cuthbert Ravenshoe, als er ſeine Stiefeln auszog und ſie dem Reitknechte gab und ſeinen 170 Pfund ſchweren Bruder eine Viertelmeile weit barfuß trug, und welch' ein Narr er ſein mußte, und ſo weiter. Aber der Spott mißlingt, und das Lachen iſt kein herzliches, und ich ſage: „Gut, Cuthbert, wenn Du ein Narr biſt, ſo biſt Du 12 wenigſtens unter allen Umſtänden ein conſequenter und mannhafter Narr.“ Verlaſſen wir jetzt dieſe Drei, wie ſie mühſam den ſteilen Felſenpfad hinanklimmen, und werfen wir einen Blick anders wohin. Als der Sturm losgebrochen war, hatte die kleine Marh den alten Denſil verlaſſen, ihren Hut aufgeſetzt und war an den Strand hinunter gegangen. Sie hatte die älteren Fiſcher gefragt, ob es Gefahr hätte für das einlaufende Boot, und im Chore war ihr die Antwort geworden:„O, Gott ſegne Ew. Gnaden, liebes junges Herz, nein. Die Jungen werden im Handumdrehen die Ketten eingehakt und's Boot herausgezogen haben, ach, ſo geſchwind“, und ſo hatte ſie ſich wieder beruhigt und wanderte auf und ab. Doch, als der Wind heftiger und heftiger kam und ſie geſehen hatte, wie man das letzte Boot halb voll Waſſer heraufzog und die Frauen mit den Händen unter den Schürzen unruhig hin und her gingen, und bemerkte, wie manches alte Adlerauge, von einer ſchwieligen Hand beſchützt, ſorglich ſeewärts ſchaute nach den beiden braunen Segeln, die auf der Höhe umherge⸗ worfen wurden,— da war ihr wieder der Muth geſunken, und ſie hatte ſich mit bleichem Geſichte und ſchwerem Her⸗ zen auf eine Ankerwinde geſetzt. Ein großes, knochiges braunes Weib kam zu ihr heran und ſagte: „Mylady muß ſich nicht härmen. Mylady würde nie zu einem Fiſcherweibe taugen. Ei, mein liebes zartes Herz, es ſind wol hundert ſtarke Arme hier am Strande verſam⸗ melt, die einen Ravenshoe herausholen würden, wo's immer wäre. Es iſt eine conträre Brandung, Miß Mary; aber, — — B 13 der Herr ſegne Ihre Augen, die Burſchen werden die Ketten eingehakt haben, eh' das Boot drin iſt. Härmen Sie ſich nicht, Liebchen, härmen Sie ſich nicht!“ Nichtsdeſtoweniger aber ſaß ſie allein und härmte ſich doch, und als ſie den braunen Bug wüthend durch die gelbe Brandung ſchießen ſah, ſchloß ſie ihre Augen und betete, und wie ſie dieſelben wieder aufſchlug, ſah ſie das Boot ganz auf der Seite liegen und ein Dutzend Geſtalten in dem erbarmungsloſen Waſſer ringen. Da ſtand ſie auf und rang die Hände. Sie waren gerettet. Sie hörte das und begrub ihr Geſicht in ihre Hände und murmelte ein Gebet des Dankes. Neben ihr ſtand Marſton, mit bloßem Kopfe und bloßen Füßen. „O, Gott ſei gedankt“, ſagte ſie. „Wir haben Ihnen einen böſen Schrecken eingejagt.“ „Ich habe mich fürchterlich geängſtigt. Aber Sie dürfen nicht ſo naß hier ſtehen bleiben. Bitte, kommen Sie in's Haus hinauf und laſſen Sie mich für Sie ſorgen.“ Sie verſchaffte ihm ein Paar Schuhe, und dann gingen ſie mit einander hinauf. Die Bußprozeſſion war ſchon vorangezogen, und es iſt ſonderbar, daß Marſton, der doch ein ſo lebhafter Geſellſchafter, bei dieſer Gelegenheit ein ungewöhnlich langweiliger war; denn während des ganzen Weges zum Wohnhauſe hinauf ſprach er kein Wort, und ſchied dann von ihr mit einer ſteifen kleinen Verbeugung. Bweites Rapitel. Mary wunderte ſich nicht über Marſton's Schweig— ſamkeit. Sie glaubte, es hätte ihn vielleicht ernſt geſtimmt, auf ſo unceremoniöſe Weiſe an's Ufer geworfen zu ſein, und dachte nicht weiter darüber nach. Sie kleidete ſich zum Diner an und ging in die Halle hinab, trat in eines ihrer tiefen Fenſter und ſchaute hinaus. Vor dem großen Feuer, welches im Kamin der Halle aufloderte und flackerte, ſchwand das verbleichende Tages⸗ licht draußen ſchnell dahin. Es war ſehr gemüthlich, ſo in's Feuer zu blicken und ſeine Lichter und Schatten auf Wand und Decke, auf Hirſchgeweihen und Harniſchen zu beobachten, und dann hinter den Fenſtervorhang zu treten und in den wilden Winterabend hinauszuſchauen auf die dunkelnde, tobende See und die ſchwankenden Bäume, und denken zu können, daß alle die Boote in Sicherheit gebracht waren, und die Männer mit ihren Frauen und Kindern ums warme Feuer ſaßen, und die Hunde und Pferde warm lagen in ihren Ställen, und dann die armen Vögel zu bemitleiden und zu hoffen, daß ſie ſchöne warme Neſter und Winkelchen gefunden, in denen ſie Schutz ſuchen könn⸗ 15 ten, und nun wieder an die Schiffe zu denken, die den Kanal herauf kamen, und zu hoffen, daß ſie recht weit draußen ſein möchten in der offenen See. Dies brachte ihr zum erſtenmale ihre eigene kleine Per⸗ ſon vor die Seele,— wie ſie, vor ſo vielen Jahren, wie ein kleines Stückchen Seegras aus jenem furchtbaren Ocean an's Land geſchleudert worden war. Sie dachte an den „Warren⸗Haſtings“, und wie ſie und Charles, wann ſie an Sommertagen nach Muſcheln auf den Felſen geweſen, nach der Stelle zu ſpähen pflegten, wo das Schiff gelegen hatte, und ſich in Muthmaßungen ergingen, wo es jetzt wol wäre. Da glitt ein liebliches Lächeln um ihren Mund, als ſie an Mr. Archer, den Tapfern und Guten, dachte Getzt, wie ich berichten zu können mich freue, Kapitän Archer), und über die Halle nach einem ſcheußlichen und teufliſchen geſchnitzten Götzen hinüberblickte, den er, unter einigen ſehr werthvollen Geſchenken, im vorigen Jahre mit der Bitte geſchickt hatte, ihn ganz beſonders wohl in Acht zu nehmen, da er ſein Leben gewagt, um denſelben zu be⸗ kommen; worauf ſie und Charles ihn triumphirend in der Halle aufgeſtellt und auch behauptet hatten, ungeachtet der Sarkasmen von Pater Mackworth und des frommen Ent⸗ ſetzens von Dienerſchaft und Dorfleuten. Und ſo fuhr ſie fort, zu denken— an ihre verlorenen Aeltern und an das Schweigen, in dem ihre Angehörigen verharrten, an des alten Denſil's Schutz und endlich an die Zukunft. Jener Schutz mußte bald aufhören, und dann— Eine Gouvernante! Man wußte viel zu erzählen von Gouvernanten, die nicht gut behandelt würden. Vielleicht war es ihre eigene Schuld, oder waren's nur Ausnahme⸗ ₰ 16 fälle. Sie würde am Liebſten in der Kinderſtube ſein und ſich fern halten vom Salon.„Ja“, ſagte ſie,„ich will machen, daß ſie mich lieb haben müſſen: ich will ſo ſanft und geduldig und gefällig ſein. Wegen der Kinder habe ich keine Sorge,— ich weiß, ſie kann ich gewinnen— und auch nicht wegen ihrer Mutter. Ich glaube faſt, daß ich auch ſie mir geneigt machen kann. Ich fürchte mich am Meiſten vor der höheren Dienerſchaft; aber ſicherlich Freundlichkeit und Beſcheidenheit werden ſelbſt dieſe mit der Zeit gewinnen. „Mein Hoffnungsanker iſt die alte Lady Ascot. Sie ward mir während jener ſechs Wochen, die ich bei ihr zu⸗ brachte, ſehr zugethan und iſt ſehr gütig. Sie verſchafft mir gewiß eine Stelle, wo man mich gut behandeln wird; und wenn nicht— nun, dann bin ich eben nur in der Lage von Tauſenden anderer junger Mädchen. Ich muß mich durchſchlagen. Es gibt ein anderes Leben nach dieſem.“ „Aber es wird doch entſetzlich ſchwer ſein, ſich von allen alten Freunden zu trennen! Danach werde ich wol kein Herz mehr haben, mit dem ich leiden könnte. Ja, ich glaube, die letzten Momente des Scheidens mit allen ihren Einzel⸗ heiten werden ſchwerer zu ertragen ſein, als Alles, was folgen kann! Das wird fürchterlich in's Herz ſchnei⸗ den! Das einmal überſtanden, denke ich, mein Gehalt wird mir meine Zeichenmaterialien liefern und mir die Macht verleihen, mich in jedem müßigen Augenblicke in's Feenreich zu verſetzen.“ „Ich denke mir, wirkliche Armuth iſt unmöglich. Ich glaube es. Ja, ja Lady Ascot würde das verhindern. Wenn er aber dennoch kommen ſollte, der Mangel? Man — 1 ½ ſagt, ein Mädchen kann ſich mit ihrer Nadel immer ihre vier Pence den Tag verdienen. O, wie würde ich kämpfen und ringen und arbeiten! Und dann— wie ſüß wäre der Tod!“ Sie hielt inne und ſchaute von Neuem auf den dunklen Oeean hinaus.„Und doch“, dachte ſie wieder,„ich wollte — wollte ihm folgen bis an's Ende der Welt: Durch Berg und Thal, und fort und fort Zum Purpurſaume weit, Durch Nacht, durch Tag, an jeden Ort Folgt ihm die Königsmaid. Eine Thür ward geöffnet, und die Schritte eines Mannes erklangen auf dem ſteinernen Fußboden. Sie hob den Vor⸗ hang, um zu ſehen, wer es wäre. Es war John Marſton, und er kam geradeswegs zu ihr, ſtellte ſich neben ſie und ſchaute auf die wilde, ſtürmiſche Landſchaft hinaus. „Miß Corby“, ſagte er,„ich bin gekommen, um Sie zu ſuchen.“ „Dann haben Sie Glück gehabt“, erwiderte ſie mit einem freundlichen Lächeln.„Ich war allein hier mit dem Sturme, und hätte ich nicht den Vorhang aufgehoben, wür⸗ den Sie mich nimmer gefunden haben. Wie es heult! Ich bin ſo froh, daß Sie in dieſem Wetter nicht mehr draußen ſind. Es iſt einer von Ihren Glückstagen.“ „Ich würde froh ſein, wenn es ſo wäre. Wollen Sie mir einige wenige Minuten Gehör gönnen?“ „Ganz gewiß“, entgegnete ſie;„wem würde ich wol lieber zuhören?“ „Ich fürchte indeß doch, daß ich jetzt Geduld auf Kingsley, Ravenshoe. II. * 18— die Probe ſtellen werde. Ich bin ein verhältnißmäßig armer Mann.“— „Und was macht das, mein lieber Mr. Marſton? Sie ſind reich an Ehren, an Ausſichten für die Zukunft. Sie haben eine große Zukunft vor ſich.“ „Wollen Sie dieſelbe mit mir theilen, Mary?“ „O! was wollen Sie damit ſagen?“ „Wollen Sie mein Weib werden? Ich liebe Sie mehr, als alle Ehren und Reichthümer dieſer Welt— ich liebe Sie, wie Sie nie wieder geliebt ſein werden. Ich bin es Ihnen und mir ſelber ſchuldig, zu ſagen, daß ich, obgleich ich mich arm nenne, doch genug beſitze, um Ihnen die Stellung einer Dame zu erhalten, und nebenbei noch alle meine künftigen Ausſichten. Geben Sie mir keine über⸗ eilte Antwort; aber ſagen Sie mir, iſt es möglich, daß Sie mein Weib werden?“ „Ach, das betrübt mich ſo ſehr!“ ſagte die arme Mary.„Hiervon habe ich mir niemals träumen laſſen. O, nein, es iſt durchaus und vollkommen unmöglich! Sie müſſen mir vergeben, wenn Sie es können; aber Sie müſſen nie, nie mehr an mich denken.“ „Gibt es gar keine Hoffnung für mich?“ ſagte Marſton. „Keine, keine Hoffnung!“ ſagte Mary.„O, bitte, denken Sie nie mehr an mich, bis Sie mir vergeben haben; dann, aber wann Sie Ihre Kinder auf Ihren Knien ſchau⸗ keln, dann gedenken Sie meiner als einer alten Freundin, die Sie von Herzen lieb hat.“ „Ich werde an Sie denken, bis ich ſterbe. Ich habe es gefürchtet: es iſt ſo wie ich dachte.“ —— . n die 19 „Was haben Sie gedacht?“ „Nichts— nichts! Wollen Sie mir erlauben, Ihre Hand zu küſſen?“ „Gewiß; und Gott ſegne Sie!“ „Müſſen wir einander alſo auf immer Lebewohl ſagen?“ frug der arme Marſton. „Ich hoffe nicht. Der Gedanke würde mich ſehr be⸗ trüben“, ſagte Mary weinend.„Aber Sie müſſen nie wieder in ſolcher Weiſe zu mir ſprechen, lieber Mr. Marſton. Nochmals, Gott ſegne Sie!“ Charles war während dieſes Auftrittes mit ſeiner Toilette beſchäftigt und dachte, indem er ſein Haar bürſtete, darüber nach, was es wol zu eſſen gäbe, ob eine Steinbutte auf den Tiſch käme, oder nicht, ob die Köchin daran denken würde, die Rehbruſt mit hinaufzu⸗ ſchicken. Das Reh, erwog Charles weiſe, war ſchon vor fünf Tagen geſchoſſen und das Wetter ſeitdem warm ge⸗ weſen: ſicherlich»das Weib« mußte ihnen heute die Bruſt geben! Er war ein Narr geweſen, daß er es ihr nicht ge⸗ ſagt hatte, eh' er Morgens fortging; aber ſie war ſolch' ein halsſtarriger alter Salamander, daß ſie es dann viel⸗ leicht erſt recht nicht gethan hätte.„Man kann kein größeres Verſehen machen“, fuhr dieſer junge Heliogabalus fort, „als wenn man ſeine Rehbruſt zu lange hängen läßt. Die Keule hingegen—“ aber wir können ihm auf ein ſo weites und wichtiges Feld der Speculation nicht folgen. „Indeſſen werden ein Paar Birkhähne auf dem Tiſche ſein, ziemlich haut gout, gerade an der Grenze—“ Die Thür that ſich auf, und herein trat Pater Mackworth. 2* 20 „Halloh, Pater!“ ſagte Charles,„wie geht's Ihnen? Haben Sie von unſerer heutigen Patſche gehört? Wir waren verwünſcht nahe daran, ganz auszubleiben, kann ich Sie verſichern.“ „Charles“, ſagte der Prieſter,„Sie haben einen offenen, edlen Charakter. Ich habe heute in großer Angſt gelebt, . Sie könnten abgerufen werden, während Sie mir im Herzen grollten.“ „Ein Ravenshoe hegt niemals Groll, Pater“, ſagte Charles. „Ein Ravenshoe thut dies nie, das weiß ich“, ſagte Pater Mackworth mit einer ſo gleichmäßigen Emphaſe, daß Charles nicht mit Sicherheit hätte behaupten können, * ob er einen Nachdruck auf das Wort»Ravenshoe« legte. „Aber ich muß Ihnen eine Entſchuldigung machen, Pater“, ſagte Charles;„ich muß Ihnen meine Entſchul⸗ 5 digung machen dafür, daß ich mich neulich zur Heftigkeit habe hinreißen laſſen und in, ich weiß nicht welche Art von Tirade ungerechten Zornes gegen Sie ausgebrochen bin. Ich bitte Sie, mir zu verzeihen. Wir lieben ein⸗ ander nicht ſehr, wie Sie wiſſen. Wie wäre es auch mög⸗ lich? Aber ich benahm mich wie ein Lümmel, wie immer, wann ich in Wuth bin. Wollen Sie mir vergeben?“ „Ich hatte die Sache vergeſſen.“(»Gütiger Himmel!« ſprach Charles zu ſich ſelber,»kann dieſer Menſch wol anders als lügen?«)„Doch, wenn ich irgend Etwas zu verzeihen habe, ſo thue ich dies von ganzem Herzen. Ich bin gekommen, um Sie um Frieden zu bitten. So lange Ihr Vater lebt, laſſen Sie wenigſtens äußerlich Frieden zwiſchen uns herrſchen, wenn auch ſonſt nichts mehr.“ NW 21 „Ich ſchwöre es Ihnen zu“, ſagte Charles.„Ich habe Sie heute Abend lieber, Sir, als je zuvor, wegen der freundlichen Rückſicht, die Sie für meinen Vater zeigen. Wann er gegangen iſt, ſo wird Frieden zwiſchen uns ſein; denn ich werde dieſes Haus verlaſſen und Sie ferner nicht beläſtigen.“ „Das vermuthe ich“, ſagte Pater Mackworth mit der⸗ ſelben Einförmigkeit, die wir vorher bemerkten. Und ſo ſchieden ſie. „Er iſt ein männlicher junger Burſch' und ein Gentle⸗ man“, dachte Pater Mackworth.„Halsſtarrig und eigen⸗ ſinnig und ohne großen Verſtand; doch mit mehr Ver⸗ ſtand, als der Andere, und mehr Bildung. Der Andere wird ſehr eigenſinnig und widerſpenſtig ſein; aber ich denke, es ſoll mir ſchon gelingen, ihn zu bändigen.“ Wen meinte Pater Mackworth mit dem»Andern?« Cuthbert meinte er nicht damit. Beim Diner war Denſil ſehr geſprächig und begierig, ſich von ihrem Schiffbruch erzählen zu laſſen. Er hatte ſich in den letzten vierzehn Tagen ſehr erholt und war wie⸗ der ganz der Alte. Lord Saltire, deſſen Gicht einer vor⸗ ſichtigen Diät und mäßigen Körperbewegung gewichen war, benachrichtigte die Anweſenden nach der Suppe, daß er ſie in vier Tagen verlaſſen werde, da er in einem andern Theile der Grafſchaft Geſchäfte hätte. Man war über eine ſo plötzliche Abreiſe ziemlich erſtaunt, und er ſagte, er bedaure ſehr, eine ſo angenehme Geſellſchaft verlaſſen zu müſſen, in der er ſich glücklicher gefühlt hätte, als er es ſeit vielen Jahren geweſen. „Es iſt hier eine angenehme, unſchuldige, häusliche 22 Art von Atmoſphäre, die von Ihnen ausſtrahlt, mein alter Freund“, ſagte er,„und wie ſie mir ſelten oder nie zu Theil wird, außer bei Ihnen und Mainwaring, ein wie grim⸗ miger Krieger er auch iſt.(Sie erinnern ſich ſeiner von Ranford her, wie, Charles*) Aber das Geſetz der Meder und Perſer läßt ſich nicht abändern, und ich reiſe am Donnerſtage.“ Die Poſt langte während des Diners an, und unter den Briefen befand ſich einer für Charles. Er war aus Ranford.„Welter kommt am Donnerſtage, Vater,— gerade an dem Tage, wo Lord Saltire uns verläßt; wie ärgerlich!“ „Ich muß mein Mißgeſchick zu ertragen ſuchen!“ ſagte dieſer Edelmann, eine Priſe nehmend, in ſehr trockenem Tone. „Wo ſoll er nur wohnen“, ſann Mary laut.„Er muß in dem weſtlichen Flügel einlogirt werden; denn er raucht ſtets in ſeinem Schlafzimmer.“ Charles erwartete, Cuthbert würde ein Wort des Spottes über Welter fallen laſſen, der ihm von Herzen zuwider war; aber Cuthbert hatte den Spott in neuerer Zeit aufgegeben.„Nun wird's nicht mehr viel werden mit Deinem Studiren, Charles“, ſagte er. „Ich fürchte es“, erwiderte Charles.„Ich wollte faſt, er käme nicht; wir ſind ohne ihn ſehr glücklich ge⸗ weſen.“ Charles war erſtaunt, Marſton bei Tiſche ſo ſchweig⸗ ſam zu ſehen. Er fürchtete, ihn beleidigt zu haben; doch wußte er nicht, wodurch. Ebenſo wunderte er ſich, daß auch Marh ſo ſtill war, ſie, die für gewöhnlich zwitſcherte wie 23 eine Lerche; aber er führte die beiden gleichen Erſcheinun⸗ gen nicht auf eine gemeinſame Urſache zurück und kam da⸗ her zu keinem Schluſſe. Als Lord Saltire ſich Abends auf ſein Schlafzimmer zurückzog, dispenſirte er Charles für das Mal von ſei⸗ nem Dienſte und nahm ſtatt deſſen Marſton's Arm. Mit dieſem allein begann er folgendermaßen: „Bringt Ihre Schlauheit meine plötzliche Abreiſe mit der Ankunft Lord Welter's in Verbindung?“ „Ich war geneigt dies zu thun, Mylord; doch ſah ich nicht, wie Sie von derſelben wiſſen konnten.“ „Ich hatte geſtern einen Brief von Lady Ascot.“ „Es thut mir leid, daß er kommt“, ſagte Marſton. „Mir ebenfalls. Ich kann nicht im Hauſe bleiben, wenn er da iſt. Der Contraſt zwiſchen ſeiner lauten, rohen Stimme und ſeinem Stalljargon und der ruhigen Art von Unterhaltung, wie wir ſie in letzterer Zeit genoſſen, wäre unerträglich. Ueberdies iſt er ein abſcheulicher junger Wüſtling und wird unſern Jungen ruiniren, wenn er kann.“ „Charles wird ſich jetzt nicht von ihm ruiniren laſſen, Lord Saltire.“ „Charles iſt jung und thöricht. Ich bin indeſſen froh, daß Welter nicht mehr mit ihm nach Oxford zurückgeht. Aber Welter's Clique wird noch in ihrem ganzen Glanze dort ſein, wenn nicht inzwiſchen Einige von derſelben auf⸗ gehangen worden ſind. Ich möchte am Liebſten, er bliebe zu Hauſe. Er iſt von Natur ruhig und häuslich. Er muß dort in einer traurigen Bande geweſen ſein?“ 24 „Er war in einer ſehr guten Clique und in einer ſehr ſchlechten. Er war der Liebling überall.“ „Wenigſtens hat er dort gewiſſe Bekanntſchaften ge⸗ macht, auf die er ſtolz ſein darf“, ſagte Lord Saltire in einer Weiſe, die den ehrlichen Marſton erröthen machte. „Ich wollte, er ginge nicht nach Ranford.“ „Das Gerücht ſagt“, bemerkte Marſton,„daß die dortigen Angelegenheiten etwas brüchig zu werden be⸗ ginnen: Welter's Gläubiger können gar kein Geld be⸗ kommen.“ Lord Saltire ſchüttelte bedeutungsvoll den Kopf und ſagte dann:„Jetzt wünſche ich über Sie ſelbſt mit Ihnen zu reden. Iſt Ihnen nicht heute eine Hoffnung fehlge⸗ ſchlagen?“ „Ja, Mylord.“ „Ah!“ Sie ſaßen Beide eine Weile ſchweigend da. „Wie haben Sie dies errathen, Lord Saltire?“ „Ich ſah wol was vorging, und nach Ihrem Weſen und dem der jungen Dame heute bei Tiſche ſchloß ich, daß Etwas vorgefallen war. Gibt es keine Hoffnung für Sie?“ „Keine.“ „Ich fürchtete es wol; doch wie wäre ich berechtigt geweſen, es Ihnen zu ſagen?“ „Vielleicht hätte ich Ihnen nicht einmal Glauben ge⸗ ſchenkt, Mylord, wenn Sie es mir geſagt hätten“, ent⸗ gegnete Marſton lächelnd. „Welcher Mann hätte es gethan? Sie ſind mir nicht bös?“ 4% 25 „Wie könnt' ich es? Die Welt iſt für mich aus ihren Fugen; das iſt Alles.“ „Sie ſind ein echter Gentleman. Ich ſchwöre Ihnen“, ſagte der alte Herr eifrig,„daß Niemand Schuld hat. Sie hat ihr rechtſchaffenes kleines Herz vergeben— und wer kann ſich darüber verwundern?— aber glauben Sie mir, daß Sie ſich benommen haben, wie es dem Manne zukommt, indem Sie keinen Groll darüber zeigen. Wenn Sie ein Heide und ein Franzoſe wären(verwegene Bezeichnungen, mein lieber Junge), ſo würden Sie es vielleicht für Ihre Pflicht halten, Jemandem das Leben zu nehmen; doch da Sie ein Chriſt und ein Gentleman ſind, ſo werden Sie der treue Freund von Einem bleiben, der Sie von Herzen lieb hat und ſeinerſeits der Liebe werth iſt. Derlei Sachen ſpie⸗ len Einem verwünſcht mit! Es iſt mir auch einmal begeg⸗ net; aber glauben Sie mir, Sie werden es überwinden.“ „Das bin ich gewillt. Wie freundlich und edelmüthig Sie gegen mich ſind! Wie kann ich Ihnen jemals dafür danken?“ „Indem Sie freundlich und gut gegen Die ſind, die ich liebe“, ſprach der alte Herr.„Ich benutze dieſe Gele⸗ genheit, um Ihnen zu ſagen, daß Ihr Glück ein Gegenſtand meiner beſondern Sorge iſt. Ich kann Ihnen nicht die Frau verſchaffen, die Sie lieben; aber ich bin reich und mächtig und kann viel thun. Kein Wort weiter. Gehen Sie zu Bette; Sir— zu Bette.“ Als Marſton ſpäter auf ſeinem Bette ſaß, ſagte er laut zu ſich ſelber:„Alſo das iſt der würfelſpielende alte Roué Saltire, wie? Nun, nun, es iſt eine drol⸗ lige Welt! Welch' ein edler Burſche wäre er geworden, 26 wenn er beſſere Gelegenheiten gehabt hätte. Ja, welch' ein edler alter Burſch' er iſt! Ich bin ſeit heute Morgen um zehn Jahre älter“(er war's nicht, aber er glaubte es). Und ſo betete er, wie ein rechtſchaffener Menſch, und betete für den freundlichen alten Heiden, der ein ſo warmes Herz beſaß, und dann,— er ſchämte ſich deſſen durchaus nicht— betete er, daß er gut ſchlafen möge, und auf eine Weile vergaß er ſeine zerknickte Hoffnung und ſchlief, wie ein Kind. Lord Saltire's Kammerviener war ein geſetzter, ehr⸗ barer Herr von vierundſechzig Jahren. In der Regel, wann er Se. Lordſchaft zu Bette brachte, berichtete er ihr die Neuigkeiten des Tages. Heute aber ſagte Lord Sal⸗ tire:„Laſſen Sie nur heute die Neuigkeiten, Simpſon, bitte; ich habe über Etwas nachzudenken.“ Mylord trug Nachts eine Art von Ueberzug, ein Ding, etwa wie ein fußloſer Strumpf, um ſeine ehrwürdigen, alten Knie im Bette warm zu halten. Er ſchwieg, bis er eine dieſer Hüllen angezogen, und redete dann, ohne den harrenden Simpſon die andere abzunehmen, die Feuergeräthſchaften alſo an: „Scheint mir eine ſehr ungeſchickte Erfindung, was man die Welt nennt!“ ſprach er mit tiefer Verachtung. „Schau' her“(zum Schüreiſen),„hier haſt Du einen ſo prächtigen Jungen, wie Du ihn nur ſehen kannſt; der geht hin und verliebt ſich in ein charmantes Mädchen, das ſich nicht mehr um ihn kümmert, wie um den Henker. Er bittet ſie um ihre Hand, und ſie weiſt ihn ab. Warum? Weil ſie ihr Herz einem andern prächtigen Jungen geſchenkt hat, der ſich keinen Heller um ſie ſchert, und dafür ſein Herz 5 27 der ehrgeizigſten jungen Jeſabel in den drei Königreichen gegeben hat, der, wie ich glaube, nicht ſonderlich viel an ihm gelegen iſt. Ich bin im höchſten Grade angewidert vom ganzen Syſteme in den Angelegenheiten dieſer Welt! Simpſon, ſein Sie gut, mir den andern Kniewärmer zu reichen, und, bitte, wecken Sie mich nicht vor neun Uhr. Ich muß die Erinnerung an all' dieſe Dummheit womöglich zu verſchlafen ſuchen.“ ————— Prittes Rapitel. Nach all' den Beſchwerden und Abenteuern des ver⸗ gangenen Tages ſchlief Charles vortrefflich.— Lange ſelige Träume von frohen Streifereien durch ſonnige Plätze an ſchönen Sommertagen waren ſein glückliches Loos; darum war er nicht ſehr zufrieden, als er ſich an der Schulter ge⸗ rüttelt fühlte. Es war William, welcher ihn zu wecken kam. Charles war ſogleich beunruhigt, als er ihn ſah, und fuhr in die Höhe, indem er ausrief— „Iſt irgend Etwas paſſirt, William? Iſt mein Vater krank?“ „Der Herr iſt wohl, Maſter Charles, glaub' ich. Ich muß Ihnen Etwas ſagen, was ich die Andern lieber ſelber entdecken laſſen will.“ „Was iſt es?“ ſagte Charles, ernſtlich beunruhigt; denn er hatte in letzterer Zeit gewiſſe böſe Ahnungen ge⸗ habt, denen er ſich geſcheut einen Namen zu geben. „Ellen iſt fort!“ „Mein lieber Junge“, ſagte Charles aufgeregt,„wie kommſt Du darauf? Seit wann haſt Du ſie vermißt?“ ge n n 29 „Seit geſtern Nachmittag.“ „Warſt Du in ihrem Zimmer?“ „Ja. Sie iſt nicht zu Bette gegangen, und ihr Fenſter iſt offen, gerade wie es geſtern Morgen war.“ „Bſt!— warte! Es mag noch Zeit ſein. Geh' und laß' ſogleich zwei Pferde ſatteln. Ich will Dir ſagen, was ich weiß, während wir reiten; jetzt iſt keine Zeit dazu. Sage mir nur Eines: Gibt es zu Coombe Jemanden, zu dem ſie möglicherweiſe gegangen wäre?“ „Niemanden, ſo viel mir bekannt iſt.“ William ging, um die Pferde zu beſorgen. Charles war mit einem Male die einſame Frauengeſtalt in die Ge⸗ danken gekommen, die er Tags zuvor auf dem ſchwindeln⸗ den Schafſteige hatte gehen ſehen, und er beſchloß, die Spur derſelben zu verfolgen, bis ſie verſchwände. „Um des armen, lieben Mädchens willen— um der Ehre des alten Hauſes willen— wer nur hinter alledem ſteckt? Ich muß es Marſton ſagen“, ſprach er zu ſich ſelber, als er draußen im Corridore ſtand.„Georg, beſtelle mir auf der Stelle etwas Kaffee. Ich gehe auf die Jagd.“ Marſton war derſelben Anſicht, wie Charles. Das Zweckmäßigſte würde ſein, ihr zu folgen, dafür zu ſorgen, daß es ihr an Nichts fehle, und ihren Bruder eine Zeit lang bei ihr zu laſſen.„Er wird jetzt nicht mit ihr zanken, das wirſt Du ſehen. Er iſt ein guter Burſche, Charles, wenngleich er an jenem Abende gegen ſie aufbrauſte.“ Sie ritten neben einander in den wilden Wintermorgen hinein. Der Regen hatte eine Weile nachgelaſſen; aber die niedrigen, dunklen Wolken flogen vor dem Sturme her und wirbelten um die höheren Felſen und Gipfel. Sie — 30 hatten den Wind im Rücken, und ihr Weg ging oſtwärts über die hohe Düne. „William“, ſagte Charles endlich,„wer hat mit dieſer Geſchichte zu ſchaffen?“ „Ich weiß es nicht, Maſter Charles. Wenn ich's wüßte, ſo gäb's ein Unglück, wär's nicht Einer von Zweien.“ „Ja wol, William,'s iſt aber nicht ſo. Du glaubſt nicht, daß es Cuthbert iſt, wie?“ „Nein, nein! Er wahrlich nicht! Ich glaube Pater Mackworth weiß mehr davon, als wir.“ „Du haſt doch ihn nicht im Verdacht?“ „Ganz gewiß nicht. Anfangs, ja; doch jetzt nicht mehr. Ich denke mir, wie geſagt, er weiß mehr davon, als wir. Er hat mit ihr ſtreng darüber geſprochen.“ Sie waren an dem Hügel angelangt, über welchen Charles ſie Tags zuvor hinſchreiten geſehen zu haben glaubte, Beim ſchönſten Wetter war es unmöglich, zu Pferde um das Vorgebirge herumzukommen; jetzt war es doppelt un⸗ möglich. Sie mußten ſich landeinwärts halten. Sie parir⸗ ten Beide ihre Pferde und ſchauten umher. Der ſteile Grasabhang, deſſen Spitze dicht über ihnen in wallenden Nebel gehüllt war, fiel plötzlich und verſchwand. Achthun⸗ dert Fuß tief unter ihm lag das tobende Meer. Wie ſie dort hielten, kam ihnen Beiden derſelbe Ge⸗ danke. Es war eine fürchterliche Stelle. Keiner von ihnen ſprach ein Wort, ſondern ritt ſchneller weiter, bis zu ihren Füßen das kleine graue Dorf Cvombe, durch die hohen Berge umher gegen den Sturm geſchützt, vor ihren Blicken auftauchte. Nun eilten ſie den ſteilen Felſenpfad hinab. Nein. Keiner hatte ſie geſtern um dieſe Zeit geſehen. ——— v 31 Um die Stunde müßten alle Straßen voll geweſen ſein von den von der Arbeit heimkommenden Bergleuten, oder wäre ſie früher gekommen, immer hätte eine Menge von Leuten ſie ſehen müſſen. Es wäre ein kleiner Ort, ſagten ſie, und kein Fremder könne unbekannt durchkommen. Und obgleich ſie nah und fern die ganze Gegend durch⸗ ſtreiften, und obſchon noch monatelang nachher die Fiſcher in Furcht und Zagen, ſie möchten Etwas finden, was mit ſchweigendem Grauen ins Dorf hinaufgetragen und ſtill auf den alten Kirchhof unter die Ulme gelegt werden mußte, in den ruhigen Buchten unter den Klippen fiſchten— Ellen war entſchwunden, gleich einer Sommerwolke. Man hielt es für eine verzeihliche Lüge, Denſil zu ſagen, ſie wäre fortgegangen— unter ich weiß nicht mehr welchem Vorwande, der ihn zufrieden ſtellte. In einem Conclave, das über die Sache gehalten wurde, ſchien Cuthbert nur überraſcht und tief betrübt; doch wußte er offenbar nichts darum. Pater Mackworth ſagte, er hätte bereits ſeit einiger Zeit etwas der Art geargwöhnt, und William ſchwieg. Die Schwätzer des Dorfes ſteckten die Köpfe zuſammen und ſchüttelten ſie. Es herrſchte nur eine Meinung. Norah— die arme alte Norah— warf das Begebniß auf's Bett. Pater Mackworth war fortwährend um ſie; aber ſie ſchwand und ſchwand. Eines Nachmittags wurde Pater Mackworth zu einer drüben über dem Meere woh⸗ nenden katholiſchen Pachterfamilie abgerufen, und wäh⸗ rend ſeiner Abweſenheit ſchickte ſie William zu Charles, daß er ihn um Gottes willen bitte, zu ihr zu kommen. Charles lief augenblicklich hinüber, aber Norah war ſprachlos. Sie hatte(nh ſagen wollen; 32 aber der große Schnitter, der uns Alle niederſicheln wird, drückte ſie mit ſchwerer Hand, und ſie konnte nicht ſprechen. Am folgenden Morgen, als der Sturm ſich gelegt und die weißen Seemöven auf- und niederſchwebten zwiſchen dem blauen Himmel und der erhabenen grünen See, und die Schiffe den Canal hinauf ſegelten, und die Fiſcherboote fröhlichen Muthes hinausſtachen vom Hafendamme, und die ganze Natur ſchön und herrlich anzuſchauen war— lag die alte Norah todt im Bette, und ihr Geheimniß war todt mit ihr. „Maſter Charles“, ſagte William, als ſie Beide zu⸗ ſammen am Ufer ſtanden,„ſie wußte Etwas, und Ellen weiß es auch, vermuthe ich. Es wird eine Zeit kommen, Maſter Charles, wo wir durch die ganze Welt nach ihr werden jagen müſſen, um uns das Geheimniß bei ihr zu holen.“ „William, manche mühevolle Reiſe wollt' ich machen, könnte ich die arme Ellen wieder zum Frieden zurückführen! Der Umſtand, daß ſie Deine Schweſter iſt, wäre mir Grund genug, daß ich es thäte.“ r zu⸗ Biertes Rapitel. Charles beſaß, obgleich kein Genie, einen gewiſſen Grad von geſundem Menſchenverſtande, ja, ſogar etwas mehr von dieſer Waare, als die Meiſten ihm zutrau— ten. Deshalb verfolgte er mit William den Gegenſtand nicht weiter. Erſtens, weil er nicht glaubte, daß er noch etwas mehr aus ihm herausbringen könnte(denn William hatte eine gewiſſe entſchloſſene Hartnäckigkeit), und zwei⸗ tens, weil er wußte, daß William im Ganzen ein vernünf⸗ tiger Burſche war und den Boden anbetete, den Charles'Fuß betrat. Charles wollte niemals davon hören, daß William gegen ihn falſch ſein könnte, und er hatte Recht darin. Er erzählte Marſton, welche merkwürdige Worte Wil⸗ liam hatte fallen laſſen, und Marſton ſagte: „Ich kann's nicht verſtehen. Der Teufel ſcheint auf den Beinen zu ſein. Wirſt Du etwas erben, wenn Dein Vater ſtirbt?“ „Ich ſoll einhundertundachtzig Pfund Sterling jähr⸗ lich bekommen.“ „Ich möchte keine fünfzig Pfund geben für Deine Aus⸗ ſichten darauf. Was ſind dieſe Snn Kingsley, Ravenshoe. II. 3 34 „Neuntauſend Pfund jährliche Einkünfte. Mein Herr Papa hat ziemlich verſchwenderiſch gelebt. Die Ställe ſind jetzt für einen Herzog gut genug und dann, ſieh' nur dieſe Dienerſchaft an!“ „Er gibt jetzt keine zehntauſend Pfund im Jahre aus, ſcheint mir.“ „Nein; aber er hat erſt ganz kürzlich die Meute aufgegeben. Dieſe koſtete an zweitauſend Pfund das Jahr, und während er ſie hielt, ging es ſehr verſchwen⸗ deriſch im Hauſe her. Mein Vater hat ein wunderbares Talent, mit dem Gelde fertig zu werden, und was noch ſchlimmer iſt: ich glaube, er hat ein bischen die Eiſen⸗ bahnwuth gehabt. Weißt Du— ich glaube, die Güter ſind verſchuldet.“ „Wol möglich. Aber dennoch— Cuthbert wird ſich nicht verheirathen, und ſeine Geſundheit iſt keine ſehr feſte, und Du biſt ein Ketzer, mein armer, unſchuldiger Kleiner.“ „Und was dann?“ „Das mag der Himmel wiſſen. Ich weiß es wahrlich nicht. Um welche Zeit wird der würdige und geiſtvolle Welter eintreffen?“ „Er wird gegen ſechs Uhr hier ſein „Alſo hat man noch zwei Stunden eines vevnünftigen Daſeins vor ſich. Nachher aber einen Duft, wie von zehn⸗ tauſend Pferdeſtällen und fünfzig alten Exemplaren der Bell's Life⸗Zeitung in der Naſe, bis Se. Lordſchaft wie⸗ der abreiſt. Ich liebe Deinen Vetter nicht, Charles.“ „Welch' eine erſtaunliche Neuigkeit! Er ſagt, Du wäreſt ein eingebildeter Geck und wollteſt Dir ein An⸗ ſehen geben.“ He rr ſind dieſe en ⸗ der ie⸗ 35 „In ſeinem ganzen Leben hat er kein klügeres oder wahreres Wort geſprochen! Ich bin genau ſo, und er iſt ein Jockey fünfter Klaſſe, mit einem Titel.“ „Wie Ihr Beide Euch zanken werdet!“ „Das erwarte ich. Das heißt, wenn er den Muth zum Kampfe hat, was ich einigermaßen bezweifle. Er fürchtet ſich entſetzlich vor mir.“ „Ich glaube, Du biſt zu hart gegen den armen Welter“, ſagte Charles;„ich glaube es wirklich. Er iſt ein groß⸗ müthiger, gutherziger Burſche.“ „O, wir ſind Alle großmüthige, gutherzige Burſchen, ſo lange wir gehörig Geld und eine geſunde Verdauung beſitzen“, ſagte Marſton.„Doch haſt Du Recht, Charles. Er iſt, wie Du ſagſt, wenigſtens ſo viel ich weiß; der Grund aber, warum ich ihn haſſe, iſt der: Du biſt der liebſte Freund, den ich habe, und ich bin eiferſüchtig auf ihn. Er iſt in ewigem Widerſpruche mit mir. Ich ſuche ſtets Dich richtig zu leiten, und er iſt fortwährend ebenſo beeifert, Dich auf den falſchen Weg zu führen.“ „Nun, er ſoll mich in Zukunft gar nicht mehr leiten, das verſpreche ich Dir. Darum ſei höflich gegen ihn, ich bitte Dich.“ „Natürlich werd' ich höflich gegen ihn ſein, Du Affe. Oder haſt Du etwa geglaubt, ich wollte in Eurem Hauſe eine Schlacht liefern?“ Als Marſton zu Tiſche hinunter kam, ſaß Lord Welter bereits neben dem alten Denſil und unterhielt ihn in der gutmüthigſten Weiſe mit allerlei Geſchichten— über Pferde und andere Dinge. 2 36 „Wie geht's, Marſton?“ ſagte er, indem er aufſtand und dem Andern entgegenging. „Wie geht's Ihnen, Lord Welter?“ entgegnete Marſton. „Ich freue mich ſehr, Sie hier zu treffen“, ſagte Lord Welter mit einem gutmüthigen Lächeln,„obgleich ich mich ſchäme, Ihnen in's Angeſicht zu ſehen. Marſton, mein lieber Mr. Ravenshoe, iſt Charles' guter Geiſt, und ich bin ſein böſer. Ich bringe Charles beſtändig in allerlei Un— gelegenheiten, und er iſt ſtets bemüht, ihn vor ſolchen zu bewahren. Bisher aber habe ich vollſtändig reüſſirt, und ſeine Bemühungen ſind gänzlich fehlgeſchlagen.“ Der alte Denſil lachte.„Du thuſt Dir ſelber Unrecht, Welter“, ſagte er.„Thut er ſich nicht Unrecht, Mr. Marſton?“ „Nicht im Geringſten, Sir“, ſagte Marſton und die beiden jungen Leute ſchüttelten ſich die Hände herzlicher, denn je zuvor. Noch am ſelben Abende erfüllte Lord Welter Mary's Prophezeihung, indem er in ſeinem Schlafzimmer rauchte und zwar nicht nur ſelbſt dort rauchte, ſondern auch Char⸗ les hinaufzukommen und desgleichen zu thun verleitete. Marſton war nicht aufgelegt zu der Art von Unter⸗ haltung, die er, wie er wußte, dort finden würde. Et ging daher auf ſein Zimmer und ließ die Beiden ungeſtört allein. „Nun, Charles“, ſagte Welter.„A propos, ich habe einen Brief für Dich von dem geheimnißvollen Toll⸗ kopfe, der Adelaide. Sie konnte das Schreiben nicht mit der Poſt ſenden, das wäre nicht geheimnißvoll und verſteckt genug geweſen. Fang' es!“ Charles fing und las ſeinen Brief. Welter beobachtete —„ =x— 05 ihn neugierig unter ſeinen dicken Augenbrauen hervor, wäh⸗ rend er las und ſagte, als er geendet hatte: „Komm, leg' Das fort und plaudere. Solche Ge⸗ ſchichten ſind in allen Fällen ſich ſo ziemlich gleich, wie ich mir denke. So weit meine eigene Erfahrung reicht, iſt's überall daſſelbe. Gezänk, Gewinſel und Gewimmer, Ge⸗ wimmer, Gewinſel und Gezänk. Was macht Euer alter Wildhüter?“ „Er hat ſeine Frau verloren.“ „Der arme Kerl! Ich erinnere mich ſeiner Frau— ſie war ein ſchönes irländiſches Weib.“ „Meine Amme.“ „Ja wol. Und die hübſche Dirne, Ellen; wie geht's „Die arme Ellen! Sie iſt fortgelaufen, Welter; hat ſich ins Unglück geſtürzt, fürchte ich.“ Lord Welter blieb genau in derſelben Stellung ſitzen: er ſchaute gelaſſen ins Feuer; dann ſagte er in ſehr ruhigem Tone: „Zum Henker! Es thut mir ſehr leid, dies zu hören. Ich hatte gehofft, meine Bekanntſchaft mit ihr zu er⸗ neuern.“ Die Zeit verging und, wie wir wiſſen, brachte keine Kunde von Ellen. Das ganze Haus war ſehr verdüſtert worden durch ihr Verſchwinden und Norah's Tod; doch von dem, was ſich zwiſchen Mary und Marſton begeben, hatte kein Menſch eine Ahnung. Sie waren keine ſehr heitere Geſellſchaft jetzt; denn es gab kaum Einen unter ihnen, der nicht ſeinen geheimen Kummer hatte. Pater Tiernay kehrte etwa nach einer Woche zurück, und wäre gutmüthiges, fröhliches Geſchwätz ſie aufzuheitern im Stande geweſen, ſo hätte er es gethan. Allein es hing ein beſtändiger Trübſinn über der Geſellſchaft, den nichts zu beſeitigen vermochte. Selbſt Lord Welter, deſſen Luſtig⸗ keit ſonſt ſo laut und geräuſchvoll war, ſchien oft ſorgenvoll und zerſtreut, und was Cuthbert betrifft, er pflegte, ſo lange man ſich erinnern konnte, für die ausgelaſſenſte Geſellſchaft ein»Dämpfer« zu ſein. Seine Liebe zu Charles ſchien aus irgendwelchen Urſachen tagtäglich zu wachſen; aber es war zuweilen ſehr ſchwer, zwiſchen ihn und Welter den Frieden zu erhalten. Gab es überhaupt einen Menſchen, den Cuthbert haßte, ſo war dies Lord Welter, und manch— mal nach Tiſche ereigneten ſich wol Auftritte, wie der folgende. Vielleicht hat man die Bemerkung gemacht, daß ich Cuthbert noch nie in einem Geſpräche mit Mary vorgeführt habe. Der Grund davon iſt, weil er überhaupt weder mit ihr, noch ſonſt mit einem weiblichen Weſen etwas Anderes ſprach, als daß er hin und wieder einmal eine der alltäg⸗ lichſten Bemerkungen an ſie richtete,— ein Umſtand, der Charles bewog, Ellen's Angabe, daß der Prieſter ſie über einer Unterredung mit Cuthbert im Walde ertappt hätte, ſehr in Zweifel zu ziehen. Doch hatte Cuthbert das herzige, kleine Weſen in ſeiner Weiſe auch lieb(ich ſchwöre, daß ich ſelbſt bis über die Ohren in ſie verliebt bin), und als ſie daher eines Tages weinend in's Haus trat und ihm, als dem Erſten, der ihr begegnete, erzählte, daß ihr kleiner Bantamhahn von dem Dorkinghahn todtgebiſſen worden wäre, tröſtete ſie Cuthbert und bezwang ſeinen Zorn, bis ſie nach Tiſche mit ſeinem Vater in den Salon hinaufge⸗ gangen war und die Anderen beim Weine ſaßen. Dann ſagte er plötzlich: „Welter, haſt Du heute einen Hahnenkampf gehabt?“ „O ja, beiläufig, ein herrliches kleines Scharmützel. Es war da in einem Hühnerhofe ein ſtolzer kleiner Bantam, der einen großen Dorking herausforderte, und ſie ſchienen Beide ſo großes Verlangen nach dem Sport zu haben, daß es ſchade geweſen wäre, ihnen das Vergnügen zu ver⸗ ſagen. So ließ ich denn den Bantam losgehen. Ich geb' Euch mein Wort, ich glaube er hätte geſiegt; aber er war zu alt. Sein Angriff war herrlich; allein er theilte das Loos der Tapfern., „Du hätteſt es nicht thun ſollen, Welter“ ſagte Char⸗ les;„es war Mary's Liebling.“ „Ich erlaube durchaus keine Hahnenkämpfe zu Ra⸗ venshoe, Welter“, ſagte Cuthbert. „Du erlaubſt ſie nicht!“ ſagte Welter verächtlich. „Nein, beim Himmel!“ ſagte Cuthbert,„ich erlaube ſie nicht.“ „Nicht?“ ſagte Welter;„Du biſt hier nicht der Herr und wirſt's auch niemals ſein. Ein Ravenshoe war noch niemals Herr in ſeinem Hauſe.“ „Ich bin der unumſchränkte Herr hier“, ſagte Cuthbert mit geröthetem Geſicht.„Es ſteht hier Niemand über mir.“ „Außer dem Prieſter“, ſprach Welter.(Ich muß ihm die Gerechtigkeit angedeihen laſſen, zu bemerken, daß weder Pater Mackworth noch Tiernay zugegen waren; ſonſt würde er dies nicht geſagt haben.) „Du biſt impertinent und roh, Welter. Es iſt ſo Deine Natur“, ſagte Cuthbert. 40 Marſton, welcher während des ganzen Auftritts Welter beobachtet hatte, ſah, wie ein Blitz aus deſſen Augen zuckte und wie er eine Secunde lang grimmig die Zähne zuſam⸗ menbiß.„Aha! mein Freund“, dachte er,„ich glaubte mir wohl, daß dieſes dumme Geſicht eines ſolchen Ausdruckes fähig wäre. Ich bin Dir verpflichtet, mein Freund, daß Du mir einen kleinen Schimmer vom Teufel in Dir ge⸗ zeigt haſt.“ „Bei Gott, Cuthbert“, ſagte Lord Welter,„hätteſt Du nicht an Deinem eigenen Tiſche geſeſſen, Du ſollteſt das nicht zweimal fagen dürfen, Vetter oder nicht Vetter!“ „Halt jetzt!“ ſagte Charles;„macht das Haus nicht zu einer Bärenhöhle. Cuthbert, ich bitte Dich, mäßige Dich. Welter, Du hätteſt die Hähne nicht kämpfen laſſen ſollen. Jetzt fangt nicht noch einmal an zu zanken, Ihr Beide, ich bitte Euch um des Himmels willen!“ Und ſo war der Frieden geſchloſſen. Charles aber war ſehr froh, als die Zeit kam, wo die Geſellſchaft ausein⸗ anderging und er mit Welter nach Ranford reiſte, wo er ſo lange bleiben wollte, bis er wieder in Oxford eintreffen mußte. Sein Vater war wieder ganz der Alte und ſchien ſich erſtaunlich erholt zu haben. Darum verließ ihn Charles ohne große Beſorgniß und, wie wir wiſſen, hatte er ſeine Gründe, warum ſein Herz aufhüpfte, wenn er nur das Wort Ranford erwähnen hörte,— Gründe, welche ihm die raſende Eile des Schnellzugs der großen Weſtbahn noch zu ſchleppend erſcheinen ließen. Lord Ascot's Geſpann war flink, der Phaston ſtark gebaut, und Lord Welter's er⸗ bittertſter Feind hätte ihn nicht beſchuldigen können, daß 41 er langſam fahre, und doch dünkte Charles der Weg von Didcot nach Ranford ſo unendlich lang, daß er ſagte: „Beim Zeus, ich wollte, wir wären mit einem lang⸗ ſameren Zuge gefahren und zwar bis Twyford!“ „Warum?“ „Ich weiß es nicht. Es ſcheint mir ein angenehmerer Weg durch Wargrave und Henley.“ Lord Welter lachte, und Charles hätte wiſſen mögen, warum? Es waren keine Gäſte zu Ranford, und als ſie anlangten, begab ſich Welter natürlich ſofort nach den Pferdeſtällen, während Charles die Treppe hinauflief und an Lady Ascot's Thür klopfte. Die Stimme der alten Dame forderte ihn auf, herein⸗ zukommen. Ihr kleiner ſchwarz und brauner Rattenfänger, der jetzt ſo alt geworden, daß er ſowol Stimme als Zähne verloren hatte, erhob ſich vom Kaminteppiche und machte alle die äußern Geberden, als bellte er Charles wüthend an, ohne jedoch dabei einen hörbaren Laut hervorzubringen. Lady Ascot ſtand auf und begrüßte ihn mit Herzlichkeit. „Wie freue ich mich, Dein ehrliches Geſicht zu ſehen, mein lieber Junge! Ich habe hier ſchon ſo lange ganz allein geſeſſen. Ascot iſt zwar ſehr freundlich und kommt und ſitzt bei mir, und ich gebe ihm Rathſchläge wegen ſeiner Pferde, die er niemals befolgt. Aber ich fühle mich ſehr einſam.“ „Aber wo iſt Adelaide, theure Tante?“ „Sie iſt fort.“ „Fort! Meine liebſte Tante, wohin?“ „Auf zehn Tage zu Lady Hainault gereiſt.“ Das war ein Schlag! ——— ——— 42 „Ich weiß, das iſt eine bittere Täuſchung für Dich, mein lieber Junge, und ich hatte Welter in meinem letzten Briefe noch ausdrücklich aufgetragen, es Dir zu ſagen. Er iſt ſo entſetzlich vergeßlich und nachläſſig.“ „Alſo Welter wußte es“, ſagte Charles zu ſich ſelber. „Und dies war's, warum er über meine Eile lachte. Ein ſehr ungentlemaniſches Betragen!“ Aber Charles' Zorn glich einer Sommerwolke.„Ich denke mir, Tante Ascot, daß Welter ſeinen Spaß mit mir haben wollte; das iſt Alles. Wann kommt ſie zurück?“ „Gegen Ende der nächſten Woche.“ „Und ich— ich werde dann in Oxford ſein. Ich werde nach Caſterton hinüberreiten und ſie beſuchen.“ „Du kannteſt Hainault in Shrewsbury, nicht wahr? Nun, dann thu' es, Kind. Ja, gewiß.“ „Wie kam ſie dazu, dorthin zu reiſen, Tante Ascot? Das möchte ich wiſſen.“ „Lady Hainault war krank und wollte ſie dort haben, und ich war genöthigt, ſie gehen zu laſſen.“ O, Lady Ascot, Lady Ascot, Du böſe alte Flauſen⸗ macherin! Sagteſt Du das nicht mit Zögern und Stam⸗ meln und Erröthen? Ich fürchte ſehr, Du thatſt es nicht. Hatteſt Du nicht vor drei Tagen einen wüthenden fracas mit Adelaiden gehabt, über Gott weiß was, und hatte der⸗ ſelbe nicht damit geendet, daß ſie erklärte, ſie wolle Lady Hainault's Schutz anrufen? Hatte ſie nicht den Pony⸗ wagen beſtellt, und war ſie nicht mit einer einſamen Hut⸗ ſchachtel und einem Crinolinkaſten, wie ich es zu nennen beliebe, davongefahren? Und hatteſt Du nicht einen glän⸗ 43 zenden Waffengang mit Lady Hainault gehabt, weil dieſe die widerſpenſtige Adelaide aufgehetzt und aufgenommen? Lady Ascot war einer Sache völlig ſicher, der nämlich, daß Charles von Adelaiden nie den Hergang erfahren würde. Deshalb log ſie mit Unerſchrockenheit und Zuver⸗ ſicht. Andernfalls wäre ſie damit ſicherlich verunglückt; denn wenige Leute hatten ſo geringe Uebung in dieſer gro— ßen und ſchwierigen Kunſt, wie Ihre Gnaden. Daß es um dieſe Zeit einen heftigen Streit zwiſchen Lady Ascot und Adelaiden gegeben hatte, weiß ich aus der beſten Quelle. Derſelbe hatte genau ſo ſtattgefunden, wie eben beſchrieben. Ich kenne ſeine Urſache nicht ganz ſpeciell; doch kann ich ſie wol errathen, und, da ich Euch redlich Alles zu erzählen gedenke, was ich ſelber weiß, ſo werdet Ihr mit der Zeit es ebenſo gut zu errathen im Stande ſein. Lady Ascot ſagte ferner, ſie beunruhige ſich ſehr um Ascot's Fohlen, das, wie ſie feſt überzeugt wäre, das Derby⸗ Rennen nicht überdauern würde. Das Pferd wäre nicht ſo gut auf den Knochen, wie es wol ſein ſollte, und, ihrer Anſicht nach, zu ſchmal im Hinterviertel. Das erinnere ſie daran, daß ihre Kreuzſchmerzen ſeit Eintritt des Froſtes ſchlimmer wären denn je, und daß ihr Arzt die Dreiſtigkeit gehabt hätte ihr zu ſagen, ihre Leber ſei in Unordnung, wohingegen ſie wüßte, daß es nur eine Erkältung im Kreuze wäre. A propos vom Froſt— ſie hätte gehört, daß der Karpfenteich mit einer ſehr guten Eisdecke über⸗ zogen wäre, ſo daß Charles ſchlittſchuhlaufen könnte, ob— gleich ſie hoffte, er würde ſich nicht eher auf's Eis wagen, als bis es vollkommen ſicher wäre;— denn wenn er ertrin⸗ ken ſollte, ſo würde dies wieder ein neuer Verdruß für ſie 44 ſein, und ſie hätte davon wahrhaftig ſchon genug bekommen von jenem unverſchämten Dinge, der Adelaide, die imper⸗ tinent genug wäre, Einem graue Haare wachſen zu laſſen — wenn auch, was das beträfe, ihr Haar, wie alle Welt ſehen könnte, ſchon ſeit Jahren grau wäre. „Hat Adelaide Dir Verdruß gemacht, liebe Tante?“ unterbrach ſie Charles. „Nein, mein lieber Junge, nein“, erwiderte die alte Dame.„Sie iſt zuweilen ein wenig unausſtehlich; doch iſt dies vielleicht ebenſo ſehr meine Schuld, als die ihrige.“ „Du wirſt doch nicht bös auf ſie ſein, liebe Tante? Du wirſt Geduld mit ihr haben— um meinetwillen?“ „Lieber Charles“, ſagte die gute alte Frau weinend, „ich will vergeben, ſiebenmal ſiebenzig Male. Sie iſt zu⸗ weilen etwas eigenſinnig und trotzig und prüft meine Ge⸗ duld. Und ich bin ſehr alt, mein lieber Junge, und ſehr verdrießlich und hart gegen ſie. Es iſt Alles nur meine Schuld, Charles, Alles meine Schuld.“ Später, als Charles die Wahrheit kannte, pflegte er das Andenken dieſer guten alten Frau zu ſegnen, indem er ſich dieſe Unterhaltung zurückrief und wußte, auf weſſen Seite die Schuld geweſen war. Für jetzt hatte er, trotz ſeiner blinden Liebe zu Adelaiden, mindeſtens Verſtand genug, um gerecht zu ſein. „Liebſte Tante“, ſagte er,„Du biſt wol alt; aber Du biſt weder verdrießlich noch hart. Du biſt die gütigſte und großmüthigſte aller Frauen. Du biſt die einzige Mutter, die ich je gehabt habe, Tante Ascot. Ich möchte wol be⸗ haupten, daß Adelaide zuweilen widerwärtig iſt; habe aber Geduld mit ihr, um meinetwillen. Erzähle mir noch etwas mehr von den Pferden. Gott weiß, ſie ſind jetzt ein wich⸗ tiger Gegenſtand für dieſes Haus!“ Lady Ascot trocknete ihre Thränen, küßte ihn und ſagte, ſie hätte dies längſt geſehen. Sie hätte, wie es Pflicht einer Mutter wäre, Lord Ascot auf das Feierlichſte ge⸗ warnt, ſich vor dem Blute des Ramoneur zu hüten; aber Ascot wollte niemals auf ſie hören. Kein Pferd von jener Zucht wäre jemals dauerhaft geweſen; ſie glaubte, daß man, wenn die Wahrheit herauszubekommen wäre, ſehen würde, wie der Papſt von Rom, vielleicht indirect, aber doch ohne allen Zweifel, der Erfinder von den Erzeugungs⸗ prämien geweſen, die mehr dazu beigetragen hätten, der Race der Pferde und dadurch dem ganzen Lande zu ſchaden, als fünfzig Reformbills. Hierauf wünſchte Mylady zu wiſſen, ob Charles Lord Mount C——'s Buch über die Schlacht von Armageddon ſchon geleſen hätte, und auf ſeine verneinende Antwort gab ſie ihm einen flüchtigen Ab⸗ riß von dieſem außerordentlich prophetiſchen Producte, bis der Gong erſcholl und Charles auf ſein Zimmer ging, um ſich zur Tafel umzukleiden. Fünftes Rapitel. Der Weg von Ranford nach Caſterton, welches letztere Lord Hainault's Landſitz iſt, läuft etwa drei Meilen lang durch die herrlichſte Landſchaft. Obgleich nicht mit Cvokham und Cliefden zu vergleichen, übertrifft ſie doch die Strecke zwiſchen Wargrave und Henley bei Weitem und macht Pangbourne ganz zu nichte. Sobald man Ranford's Park hinter ſich gelaſſen, führt die Straße durch das hübſche Dorf Ranford. In der Hauptgaſſe deſſelben, die eine ganz ordentliche Straße iſt, ſteht das erſte Wirthshaus des Ortes, welches von Mrs. Foley gehalten wird. Hier finden ſich im Sommer, in den herrlichen langen S an die zu glauben in der bittern Winterzeit ſo ſchwer fällt, Angler ein, nehmen Quartier darin, beſtellen ihre Mahlzeiten zu undenkbaren: Stunden und treiben die Wir⸗ hin an den Rand des Wahnſinns, indem ſie nicht heim kommen zu ihren Schmäuſen. Hier entwerfen ſie Pläne für unerhörte Angelexpeditionen mit den Fiſchern, die jetzt in ihrer ganzen Herrlichkeit erſcheinen, in bunten Hemden und voller Verachtung für halbe Kronthaler und in einem Zu⸗ ſtande allgemeiner Sinnenverwirrung, die eine Folge iſt von ſeltſamen Flüſſigkeiten aus den gehaltvollen Korbflaſchen ihrer Gönner. Und hier ſieht man Maler mit Bärten, ſo lang wie mein Arm, die den ganzen Tag unter weißen Leinwandſchirmen am ſchönen Waſſer ſitzen und malen. Der dunkle, alte Vorbau des Wirthshauſes kehrt ſich der Straße zu; aber das Hintergebäude deſſelben zieht ſich zum Fluſſe hinab. An dieſem Vorbau ſieht man gewöhn⸗ lich eine Gruppe von Müßiggängern umherſtehen, oder einen alten Mann, der ſich ſonnt, oder einen Reiter, welcher ſich durch einen Trunk erquickt. Bei gegenwärtiger Ge⸗ legenheit waren alle drei der genannten Erſcheinungen vor⸗ handen und außerdem noch Lord Ascot's Oberjäger mit einer Koppel Wachtelhunde. Als Charles ſehr langſam an die Gruppe heranritt, ſtellten Jäger und Reitknecht ihr Geplauder ein. Charles dachte ſich, daß ſie von ihm geſprochen hätten, und ich, der ich Alles weiß, weiß auch, daß es der Fall geweſen. Als Charles ihnen faſt gegenüber war, kam der Jäger auf ihn zu und ſagte: „Ich möchte Ihnen die erſte Forelle vom Jahre zeigen, Sir. Jim, zeige Mr. Ravenshoe die Forelle dort.“ Eine ſchöne, zehn Pfund ſchwere Forelle lag alsbald auf den Steinen. „In einem Monate wäre ſie noch ſchöner geweſen, Jackfon“, ſagte Charles. „Wol möglich, Sir. Aber Mhlady liebt's, eine zu haben, ſobald's nur möglich iſt.“ Hier trat ein Reitknecht, der bei Seite geſtanden, heran, legte die Hand an den Hut und übergab Charles ein Billet. Es war von Adelaide's Hand. Der Reitknecht wußte 48 es und der Jäger wußt' es und Alle wußten es, und Charles wußte, daß ſie es wußten; doch was frug er danach— die ganze Welt durfte es wiſſen. Aber ſie wußten noch etwas Anderes, was Charles nicht wußte, und hatten ſich darüber unterhalten, als er herangeritten war. Wenn irgend Etwas in der Welt nicht ſo geht, wie es ſein ſolle, ſo weiß es ſtets das ganze Land umher, ehe die Perſon es erfährt, die es hauptſächlich betrifft. Und das ganze Land ringsum wußte, daß es einen großen und ſcandalöſen Streit zwiſchen Lady Ascot und Adelaiden gegeben hatte,— nur Charles nicht. Er ſteckte das Billet in die Taſche, ohne es zu öffnen, gab dem Reitknechte eine halbe Krone, bot dem Jäger guten Tag, grüßte die Umſtehenden und ritt dann die Dorfgaſſe hinunter, Caſterton zu. Er kam an der Kirche zwiſchen den laubloſen Wallnußbäumen, unter den hochragenden Ulmen vorüber, in denen geräuſchvoll die Krähen bauten, und dann auf die offene Fahrſtraße unter den hohen Kreide⸗ bergen, wo links die Buchen ſtanden, durch deren Zweige der Fluß glitzerte. Hier hielt er ſein Pferd an und las ſeinen Liebesbrief. »Lieber Charles! »Biſt Du nicht ſehr aufgebracht darüber, daß ich fort war, als Du ankamſt? Ich glaube es nicht, denn Du biſt niemals unwirſch. Ich konnte es nicht ändern, lieber Charles. Die Tante wollte mich forthaben. »Die Tante iſt ſehr verdrießlich und unfreundlich. Sie hat mich nicht mehr ſo lieb wie ſonſt. Du mußt nicht Alles glauben, was ſie Dir ſagt, hörſt Du. Es iſt kein wahres Wort daran. Sie bildet es ſich nur ein. »Ich bitte Dich, komm'herüber und beſuche mich. Lord 49 Hainault«(dies, muß ich dem Leſer ſagen, iſt der Sohn, nicht der Gemahl von Lady Ascot's geliebter alter Feindin)»ſteht im Begriffe, ſich zu verheirathen, und es wird eine groß⸗ artige Hochzeit geben. Die Braut iſt jene lange Miß Burton, deren Du Dich entſinnen wirſt. Ich habe ſie niemals leiden können; aber ſie hat mich gebeten, Brant⸗ jungfer zu ſein und, natürlich, kann man ſo Etwas nicht ausſchlagen. Lady Emily Montfort iſt ebenfalls Braut⸗ jungfer und wird ſelbſtverſtändlich ihrer Mutter Perlen⸗ ſchmuck in ihrem häßlichen rothen Haare tragen.« (Charles ſtimmte nicht mit ihr darin überein, daß Lady Emily's Haar roth wäre. Es war ihm vielmehr als das ſchönſte Haar erſchienen, das er je geſehen hatte.) »Pour moi, ich werde eine Camellie tragen, falls der Gärtner mir eine geben will. O, wie wünſchte ich, ich hätte Juwelen, welche die ihrigen überträfen! Als Braut⸗ jungfer kann ſie die Cleveland-Diamanten nicht tragen; das iſt noch ein Troſt. Komm' herüber und beſuche mich. Ich bin außer mir, bis ich weiß, was die Tante Dir geſagt haben mag. »Adelaide.« Vielleicht findet der Leſer in dieſem Briefe mehr, als Charles darin fand. Der Leſer ſieht darin vielleicht einen gewiſſen Grad von Selbſtſucht und Eitelkeit: Charles ſah dies nicht. Er nahm ſeine Zügel wieder auf und ritt weiter, und wie er dahinritt, ſagte er:„Beim Zeus! Cuthbert ſoll mir die Familienſmaragden leihen!“ Es war ihm nicht beſonders angenehm, ſich den Schmuck für dieſe Gelegenheit zu erbitten; aber er konnte den Gedanken nicht ertragen, daß Lady Emily in Folge Kingsley, Ravenshoe. II. 4 — 50 ihrer Perlen ſeine Adelaide überſtrahlen ſollte. Wäre er ein weiſer Mann geweſen(was er, wie der Leſer vermuthlich be⸗ reits entdeckt hat, entſchieden nicht war), ſo würde er ein⸗ geſehen haben, daß, zwei ſo herrlichen Weſen, wie Adelaide und Lady Emily, gegenüber, kein Menſch darauf achten werde, ob ſie in Purpur und Sammet, oder in Sack und Aſche gekleidet wären. Aber Charles war ein Narr. Er war verliebt und ritt aus, um ſeine Geliebte zu ſehen. Der Schotte erzählt uns vom Spey, der wie ein glor⸗ reicher Rieſe aus den ewigen Hügeln hervorſpringt; der grländer vom Shannon, wie er hinwandert an Schlöſſern und Gebirgen und mit jedem Augenblicke neue Schönheit um ſich verſammelt; der Canadier von dem großen Fluſſe, der zwiſchen dem Erie- und Ontario⸗See über die Felſen ſtrömt, und der Auſtralier vom Snowy, wie er ſich ewig aus dem großen Vorhange von Dolomit ergießt, der vom einſamen Reiſenden ſchon in einer Entfernung von vierzig Meilen über der flachen, grauen Ebene geſehen wird. Der Engländer aber erzählt Euch von der Themſe, deren Thal die Wiege der Freiheit iſt und deren Eigener die Herren der Welt ſind. Und im Themſethale ritt Charles. Aufangs zog ſich der Weg unter ſchönen, ſonnigen Hängen hin; doch wie er allmählich ſtieg, wurde der Boden ſteiler und erhob ſich zur Rechten eine anſehnliche Düne, die zum Theil mit Stech⸗ ginſter und Wachholderbüſchen bedeckt war, während ſich zur Linken das breite Thal bis dahin erſtreckte, wo eine ferne Wolke grauen Rauches die gute, alte Stadt Caſterton bezeichnete. Jetzt führte die Straße in ein dichtes Birken⸗ gehölz, wo die Eichhörnchen, die luſtigen Geſellen, über 51 den Weg ſprangen und die Bäume hinaufraſchelten, und in der Luft noch leiſe der Duft von den Blättern des vorigen Jahres ſchwebte. Dann kam rechts eine Lichtung und ein Ausblick in ein langes Thal, welches in einen Kreidefelſen endete. Dann wieder eine Lichtung zur Linken und ein Blick auf die flachen Wieſen, den funkelnden Strom und die nebelige, graue Ferne. Jetzt wieder das Holz, dunkler und dichter als zuvor. Dann ein Laut, Anfangs ſchwach und undeutlich, allmählich aber wachſend, bis er endlich durch das Pferdegetrappel hindurch deutlich in's Ohr klang. Dann war plötzlich das Holz zu Ende, und er befand ſich im breiten, offenen Sonnenſcheine. Unter ihm die Wehre von Caſterton, die in hundert Kanälen durch die Bleichen und zwiſchen den Fabriken ſprudelten. Dicht daneben die Stadt Caſterton, die ſich als ein ver⸗ worrener Klumpen von rothen Back⸗ und grauen Bruch⸗ ſteinen unter einer matten, grauen Nebelwolke an die ſich weit hinziehende Anhöhe, das Marldown, lehnte. Zur Rechten Caſterton⸗Park, ein großes, waldiges Vorgebirge, ſo ſteil, daß man ihm kaum entlang gehen kann, vom Fuße bis zum Gipfel mit Birken und Eichen bekleidet bis auf eine Stelle, wo ein kühner, fünfhundert Fuß hoher Raſenhang plötzlich zu den Wieſen abfällt, ſeinem Saume von Ginſter und Farrenkraut und mit ſeinen drei hohen Fichten, einer Landmarke zehn Meilen weit am Fluſſe. Eine Parkwächterhütte, deren weißes Thor von einem hübſchen Mädchen geöffnet wird; abermals ein dunkles Eichenholz mit einer langen Durchſicht, deren Ende der ſtolze, ſteile Hügel bildet, auf welchem das Wohnhaus ſteht; ein lichterer Park, in welchem Gruppen von Roth⸗ wild umherliegen und äſen; noch ein dunkles Gehölz, in welchem ſich der Boden jetzt ſchnell erhebt; Kaninchen und ein eiſenfreſſeriſcher Faſan, der mitten im Wege ſteht und kollert im Wahne, daß Charles alle ſeine häuslichen Angelegenheiten genau kennt und ſie zu ſtören kommt; dann der glatte Kiesweg, der immer ſteiler und ſteiler wird; nun der Gipfel; ein Blick auf ein prachtvolles Panorama; endlich das Hauptthor und die Diener. Charles ſandte ſeine Karte hinein und ließ fragen, ob er Lady Hainault aufwarten könne. Während er auf eine Antwort aufſah, rieb ſein Pferd ſich den Kopf am Knie und gähnte; die Diener auf den Stufen aber guckten nach den Krähen. Sie wußten es ebenfalls Alle.(Die Diener meine ich, nicht die Krähen; obgleich ich nicht darauf ſchwören wollte, daß nicht auch die Krähen ſo Manches wiſſen.) Lady Hainault wollte Charles empfangen, was ein Glück war; denn wäre dies nicht der Fall geweſen, ſo würde ſich Charles genöthigt geſehen haben, ſich Adelaiden melden zu laſſen. Alſo wurde Charles' Pferd in den Stall geführt und Charles ſelbſt vom Haushofmeiſter durch die Halle in ein kühles und leeres Bibliothekzimmer, auf daß er ſich von irdiſcher Leidenſchaft reinigte, ehe er vor der er⸗ habenen Dame erſchien. Charles ſetzte ſich in den bequemſten Seſſel, den er fin⸗ den konnte, und nahm dann»Ruskin's Maler der Neuzeit« zur Hand. Das iſt ein prächtiges Buch. Es iſt auf ſtarkem Papiere gedruckt, und der Druck ſelbſt groß und deutlich; es lieſt ſich ſehr hübſch; denn es iſt voll der herrlichſten ———— 53 Gedanken, die man je gehört hat, und auch prächtige Stahl⸗ ſtiche ſind darin. Charles beſah ſich die letzteren; auf den Text ſchaute er nicht, das weiß ich; denn hätte er's, ſo wäre er von ſeiner Lectüre ſo gefeſſelt worden, daß er nicht hätte thun können, was er that,— nämlich aufſtehen und zum Fenſter hinausſchauen. Das Fenſter ging auf den Blumengarten. Dort bemerkte er einen jungen ſchot⸗ tiſchen Gärtner, der nach ſeinen Roſenbüſchen ſah. Sein Kind, ein watſchelndes kleines Weſen von vier Jahren(es mußte ſein erſtes ſein; denn er war noch ein ſehr junger Menſch) hielt ihm die Baſtfäden und guckte hin und wieder nach der großen Fagade des Hauſes hinüber, wie wenn es gern wiſſen möchte, was für großartige Leute wol darin wohnten, und ob ſie es auch ſähen. Das war ein hüb⸗ ſcher Anblick für einen guten, herzensgeſunden Burſchen, wie Charles; aber nach einer Weile ward er ſelbſt dieſes Bildes müde; denn er war unruhig und fühlte ſich nicht recht behaglich. Und als ſeine Uhr ihm ſagte, daß er be⸗ reits eine halbe Stunde gewartet, klingelte er. Der Haushofmeiſter kam faſt augenblicklich. „Haben Sie Lady Hainault gemeldet, daß ich hier bin?“ ſagte Charles. „„Es iſt Mylady gemeldet worden, Sir.“ „Dann melden Sie es ihr noch einmal“, verſetzte Char⸗ les und gähnte. Charles hatte Zeit, noch einen Blick in den Ruskin und einen andern auf den Gärtner und ſeinen Knaben zu wer⸗ fen, ehe der Haushofmeiſter zurückkam und ſagte:„Mhlady iſt jetzt bereit, Sie zu empfangen, Sir.“ 54 Charles ſtarb faſt vor Verlangen, Adelaide zu ſehen, und war deshalb ſehr ungeduldig; aber er war, wie wir geſehen haben, ein ſehr genügſamer Burſche. Feſt ent⸗ ſchloſſen, das Haus nicht zu verlaſſen, bis er ſich eine gute halbe Stunde mit ihr unterhalten hatte, machte er ſich nichts daraus, ihm nicht darauf an, ein wenig zu warten.. Er ſchritt hinter dem Haushofmeiſter über den Flur, dann die große Treppe hinauf und durch die Gemäldegalerie. Hier frappirte ihn das Original eines der unten im Buche geſehenen Bilder, welches unter mehreren andern an der Wand hing. Er hielt den Diener an und frug: „Was für ein Bild iſt das?“ „Das, Sir“, ſagte der Kammerdiener zögernd,„das, Sir— das iſt das große Bild von Turner, Sir. Ja, Sir“, wiederholte er nach einem Blick auf einen Francia auf der einen und einen Rembrandt auf der andern Seite, „ja Sir, das iſt der große Turner, Sir.“ Charles wurde in ein Boudoir auf der Südſeite des Hauſes geführt, wo Lady Hainault, eine alte und nicht ſonderlich einnehmend ausſehende Dame, bei einer Häkel⸗ arbeit ſaß, und neben ihr ihre Geſellſchafterin, eine ent⸗ ſchloſſene alte Jungfer mit zänkiſchen Zügen, die eben⸗ falls häkelte. Zuſammen glichen ſie ſo ſehr einem Paare der Schickſalsgöttinnen, die Unheil webten, daß Charkes ſich nach der dritten Schweſter umſchaute, die er jedoch nicht fand. „Wie befinden Sie ſich, Mr. Ravenshve?“ ſagte Lady Hainault;„ich hoffe, man hat Sie nicht warten laſſen?“ „Durchaus nicht“, antwortete Charles; und wenn 55 dies nicht eine gefliſſentliche Lüge war, ſo weiß ich nicht, was eine iſt. Wenn es in der ganzen Welt irgend eine Perſon gab, gegen die Charles ein Gefühl der Abneigung hegte, ſo war es dieſe tugendhafte alte Dame. Charles liebte Lady Ascot von Herzen, und Lady Hainault war ihre bitterſte Feindin. Dies allein wäre genug geweſen; aber ſie hatte noch außerdem eine unerträgliche Art und Weiſe ihren Witz an jungen Männern auszulaſſen und ihnen öffentlich Dinge zu ſagen, die ihnen den verzeihlichen Wunſch ein⸗ flößten, ſie zu Boden zu ſchlagen und mit Füßen zu treten, wie es die irländiſchen Schnitter mit ihren Frauen machen. Sie hatte ihr Talent ſchon einmal in Ranford an Charles geübt, und er haßte ſie daher wie er nur zu haſſen ver⸗ mochte, was nicht bedeutend war. Lord Saltire pflegte zu ſagen, er müßte ihr die Gerechtigkeit angedeihen laſſen, zu bekennen, daß ſie das allerunliebenswürdigſte Weib in ganz Europa wäre. Nach dem Ungeſtüm, mit dem ihre langen Finger an ihrer Arbeit zerrten, erwartete Charles, daß ſie jetzt auch unliebenswürdig werden würde, und war daher auf ſeiner Hut. Aber zu ſeiner großen Verwunde⸗ rung zeigte ſich die alte Dame auffallend gnädig. „Und was“, ſagte ſie,„macht die liebe Lady Ascot? Ich habe immer die Abſicht gehabt, ſie einmal zu be⸗ ſuchen; habe aber dieſen Winter mich noch nicht ſo weit gewagt.“ „Ein Glück für die Tante!“ dachte Charles. Dann erfolgte eine Pauſe und zwar eine ziemlich ungeſchickte. Charles frug ſehr ruhig,„Lady Hainault, kann ich Miß Summers ſprechen?“ 56. „Ganz gewiß! Wo mag ſie nur ſein. Miß Hicks, klin⸗ geln Sie.“ Charles ſtand auf und klingelte, und Miß Hicks, als Klotho, die ſich halb erhoben, ſetzte ſich wieder und wob grimmig weiter an ihrem Gewebe. Atropos erſchien nach einer Weile, ſchön wie der Morgen. Und Charles betrachtete ſie zu aufmerkſam, um die ſchnellen, ſtechenden Blicke wahrzunehmen, welche die alte Frau zu ihr hinſchoß, als ſie ins Zimmer trat. Sein Herz ſchlug heftig, als er ihr entgegen ging. Er nahm ihre Hand und drückte ſie, und würde dies gethan haben, ob auch alle Furien der Hölle ihn daran zu verhindern ver⸗ ſucht hätten. Es war Mylady nicht angenehm, dies zu ſehen. Darum that es Charles noch einmal, und dann ſetzten ſie ſich in eine Fenſterniſche. „Und wie ſehe ich aus?“ ſagte Adelaide, ihm gerade ins Geſicht ſchauend.„Kein einziges hübſches Compliment für mich, nach all dieſer langen Zeit? Ich bedarf der Com⸗ plimente, ich bin daran gewöhnt. Lady Hainault hat mir noch heute Morgen ein paar gemacht.“ Lady Hainault, als Lacheſis, lachte und wob. Charles dachte:„vermuthlich haben ſie und Adelaide eine Käm⸗ pelei gehabt. Mit der Tante paſſirte ihr derlei zuweilen. Adelaide und Charles hatten ein gut Theil hübſcher, ruhiger Unterhaltung im Fenſter; aber was konnten zwei Liebende ſprechen, während Klotho und Lacheſis webend zuſchauten? Ich weiß natürlich ganz genau, wovon ſie ſprachen; allein es verlohnt ſich kaum der Mühe, es hier niederzuſchreiben. Ich finde, daß Liebesgeſpräche für das 57 große Publicum nicht immer intereſſant ſind. Nach einer ſchicklichen Zeit erhob ſich Charles zum Gehen, und Ade⸗ laide ſchlüpfte durch eine Seitenthür hinaus. Charles empfahl ſich Klotho und Lacheſis, und verließ das Zimmer am entgegengeſetzten Ende. Die Thür hatte ſich kaum hinter ihm geſchloſſen, als Lady Hainault ihr Geſicht eifrig der Miß Hicks zuwandte und herausziſchte: „Habe ich ihr Zeit genug gegeben? Waren ihre Augen roth? Argwöhnt er Etwas?“ „Sie gaben ihr Zeit genug, denke ich“, antwortete Miß Hicks gelaſſen.„Ich habe nicht bemerkt, daß ihre Augen roth waren. Aber nach dem, was ſie ſagte, muß er jeden⸗ falls argwöhnen, daß Sie Beide auf keinem beſonders freundſchaftlichen Fuße mit einander ſtehen.“ „Glauben Sie, daß er weiß, daß Hainault zu Hauſe iſt? Hat er nach Hainault gefragt?“ „Ich weiß es nicht“, ſagte Miß Hicks. „Sie ſoll nicht länger im Hauſe bleiben. Sie ſoll zu Lady Ascot zurück. Ich will ſie nicht im Hauſe haben“, ſagte die alte Dame wuthentbrannt. „Warum ließen Sie die Kokette kommen, Lady Hai⸗ nault?“ „Das wiſſen Sie ſehr wohl, Hicks, Sie wiſſen, daß ich ſie nur kommen ließ, um die alte Ascot zu ärgern. Aber ſie ſoll nicht länger hier bleiben.“ „Sie muß jetzt zur Hochzeit dableiben“, ſagte Miß Hicks. „Das muß ſie wol“, ſagte Lady Hainault;„aber ſo wie dieſelbe vorüber iſt, ſoll ſie einpacken. Wenn die Bur⸗ tons wüßten, was hier vorgeht, ſo würden ſie die Partie abbrechen.“ 58 „Ich glaube nicht, daß Etwas vorgeht“, ſagte Miß Hicks,„wenigſtens nicht von ſeiner Seite. Sie kommen in Eifer um nichts und wieder nichts und werden ſich noch krank machen.“ „Ich komme nicht in Eifer, und ich will nicht krank werden, Hicks! Und Sie ſind impertinent gegen mich, wie Sie es immer ſind. Ich ſage Ihnen, wir müſſen ſie uns vom Halſe ſchaffen, und ſie muß dieſen jungen Laffen hei⸗ rathen, oder wir ſind Alle verloren. Ich ſage Ihnen, Hainault iſt bezaubert von ihr.“ „Ich ſage, er iſt es nicht, Lady Hainault. Ich be⸗ haupte, daß, was iſt, einzig auf ihrer Seite beſteht.“ „Sie ſoll nach der Hochzeit nach Ranford zurück. Ich war eine Närrin, ſolch' ſchöne Hexe überhaupt in mein Haus kommen zu laſſen.“ Wir werden nicht viel mehr von Lady Hainault ſehen. Ihr Sohn ſteht im Begriffe, ſich mit der ſchönen Miß Bur⸗ ton zu vermählen und ſie zur Lady Hainault zu machen. Dieſe werden wir gelegentlich kennen lernen. Die Hochzeit fand in der folgenden Woche ſtatt. Einige Tage vorher ritt Charles nach Caſterton hinüber und be⸗ ſuchte Adelaide. Er hatte ein Billet und ein Juwelen⸗ käſtchen bei ſich. Das Billet war von Cuthbert, der ſie in demſelben als ſeine zukünftige Schweſter anredete und ſie um Erlaubniß bat, ihr»dieſe armſeligen Juwelen« als ein Darlehen anbieten zu dürfen. Sie geruhte gnädigſt, die⸗ ſelben anzunehmen, und Charles verabſchiedete ſich ſehr bald wieder; denn das Haus war unterſt zu oberſt ge⸗ kehrt. Zwei Tage ſpäter wurde»die lange Miß Burton« Lady Hainault und Lady Ascot's Freundin, die»Lady 50 Mutter«. Lady Emilyh trug keine Perlen bei der Hochzeit. Sie trug ihr eignes wunderſchönes goldnes Haar, das ihr liebliches Geſicht wie ein Heiligenſchein umgab. Nie⸗ mand, der die Beiden ſah, konnte entſcheiden, wer die Schönſte von dieſen gefeierten Blondinen war— Adelaide, die königliche, oder Lady Emilh, die ſanfte und herzge⸗ winnende. Als aber Lady Ascot hörte, daß Adelaide auf der Hoch⸗ zeit in den Smaragden erſchienen, wurde ſie wüthend. „Sie, ein bettelarmes Mädchen“, ſagte die ſich tief ge⸗ kränkt fühlende alte Dame,„ſie hat ſich ohne mein Wiſſen und ohne meine Zuſtimmung die Ravenshoe⸗Smaragden geborgt und auf einer Hochzeit damit umhergeflunkert! Das Mädchen würde auf meinem Grabe tanzen, Brooks.“ „Miß Adelaide muß ſehr ſchön geweſen ſein mit den Smaragden, Mylady“, ſagte die Brooks; denn ſie war ein gutmüthiges Geſchöpf und wünſchte Mylady's Zorn zu beſänftigen. Lady Ascot wandte ſich zu ihr um und vernichtete ſie. Sie ſagte blos: „Smaragden auf Roſa! Pfui!“ aber die arme Brooks war dennoch vernichtet. Ich kann dem Leſer keinen Begriff davon geben, wie Lady Ascot das Wort»Pfui!« ausſprach; doch mag er ſich verſichert halten, daß es in einer Weiſe geſchah, welcher Betonung und Nachdruck nicht gebrachen. „Vielleicht hat man die Juwelen gar nicht bemerkt, Mylady“, ſagte die Brooks, einen zweiten und noch un⸗ glücklicheren Verſuch machend. „Nicht bemerkt, Sie thörichtes Weib!“ rief die aufge⸗ 60 brachte alte Dame.„Man ſollte einen Smaragdſchmuck, der ſeine tauſend Pfund werth iſt, nicht an einem Mädchen bemerken, von dem alle Welt weiß, daß es von meiner Gnade lebt? Und ich darf ihr nichts darüber ſagen, oder wir werden eine Scene mit Charles haben. Blos über Eines bin ich froh dabei: die Geſchichte beweiſt, daß Char⸗ les es ernſtlich meint. Jetzt bringen Sie mich zu Bette, meine gute alte Brooks, und ſeien ſie nicht böſe, wenn ich manchmal meine gute Laune verliere, denn der Himmel weiß, ich habe Prüfungen genug! Schicken Sie einen der Diener in den Stall hinüber und laſſen Sie ihn fragen, ob Mahratta ſeinen Salpeter bekommen hat. Sagen Sie, daß ich mir eine kategoriſche Antwort ausbitte. Iſt Lord Ascot heimgekehrt?“ „Ja, Mylady.“ „Er hätte wol heraufkommen und mir etwas Neues über das Pferd mittheilen können. Doch ach— der arme Junge, ich kann ihm vergeben!“ Bechstes Rapitel. Orford. Charles Ravenshoe und Marſton. Sie ſtanden neben einander im gepflaſterten Hofe, und ihre Blicke ſchweif⸗ ten über all' die ſtolze Architectur ringsum, von den ge⸗ raden Linien und ſcharfem Winkel des Radeliffbaues zu dem Spitzthurme von St. Maria. Sie ſtanden einen Augenblick ſchweigend neben einander; dann ſagte Marſton: „Geſchieht ihm recht.“ „Warum?“ frug Charles. „Weil er überhaupt gar nicht nöthig hatte, einen Tan⸗ dem zu fahren. Er hat nicht die Mittel dazu. Und über⸗ dies, wenn er ſie auch beſäße, wozu den Autoritäten Trotz bieten mit dieſem Tandemfahren? Kein Menſch würde Tandem fahren, wenn's nicht verboten wäre.“ „Nun, er iſt relegirt, und darum mag Deine Tugend ihn ſchonen.“ „Relegirt!“ ſagte Marſton gereizt;„er hätte gar nicht hierher kommen ſollen. Er wurde blos hergeſchickt, ſo der Form halber, um dann eine fette Familienpfründe zu be⸗ kommen.“ 62. „Nun, nun“, ſagte Charles,„aber ich habe ihn ſehr gern gehabt.“ „Pfui!“ ſagte Marſton, worüber Charles in ein ſchal⸗ lendes Gelächter ausbrach, das ihn in den Rinnſtein trieb. Seiner Heiterkeit wurde durch den Angriff eines zahn⸗ loſen, braunen Rattenfängers ein Ziel geſteckt, der ſo alt war, daß er nur noch flüſternd bellen konnte, und das Privilegium hatte, einen der erſten Theologen der Zeit durch die ſonnigſten Theile der Stadt zu begleiten. Nach⸗ dem der Hund beſchwichtigt, traten Charles und Marſton auf die Seite und erhielten als Erwiderung ihres Grußes ein freundliches Lächeln von dem guten alten Herrn. „Charles“, ſagte Marſton,„ich freue mich ſo ſehr, zu hören, wie ſchöne Fortſchritte Du machſt. Hätteſt Du Dich ſchon früher an die Arbeit gehalten, ſo würdeſt Du etwas Beſſeres erobert haben, als eine Zwei bei dem neu⸗ lichen Examen. Du mußt und ſollſt eine Eins haben. Ich verlange es.“ „Nie, alter Junge, niemals“, ſagte Charles,„ich habe nicht den Kopf dazu.“. „Unſinn. Du biſt wol ein großer Narr; aber Du kannſt doch Deine Eins bekommen.“ Hierüber lachte Charles abermals noch lauter als zu⸗ vor und erkundigte ſich, was ſein Freund gegeſſen, das ſeine Leber ſo in Aufruhr gebracht hätte. Und Marſton antwortete: „Gewäſch!“ Darauf gingen ſie die Oriel⸗Gaſſe hin⸗ unter und bei Merton herum auf die Wieſe von Chriſt⸗ Church. „Ich freue mich, daß Du im achtruderigen Univer⸗ 63 ſitätsboot biſt“, ſagte Marſton,„das wird außerordent⸗ lich gut für Dich ſein. Früher pflegteſt Du dergleichen zu überſchätzen; aber ich glaube nicht, daß Du es jetzt noch thuſt. Man kann ſich allerdings keine Stellung im Leben errudern oder erreiten; allein das iſt kein Grund, warum man überhaupt nicht rudern oder reiten ſollte. Ich wollte, ich wäre ſtark genug, um rudern zu können. Wer ſteuert heute?“ „Der große Panjandrum.“ „Ich liebe den großen Panjandrum nicht. Ich finde ihn burſchikos; das verzeihe ich nur den ganz neuen An⸗ kömmlingen.“ „Ich habe ihn ſehr gern“, ſagte Charles.„Du aber biſt gallig und mit Himmel und Erde zerfallen, nur, wie mir's ſcheint, mit mir nicht. Doch allen Ernſtes, mein alter Junge, ich fürchte, es muß Dir etwas Verdrießliches zugeſtoßen ſein, ſeit Du geſtern ankamſt. Ich habe Dich nicht geſehen, ſeit Du uns in Ravenshoe beſuchteſt, und Du haſt Dich ganz verwünſcht verändert, weißt „Du haſt völlig Unrecht, Charles. Es iſt mir nichts. — Nun, ich lüge nie; ja, es iſt mir Etwas fehlgeſchlagen, aber ich habe den— den Verdruß ſo bekämpft, daß Du Dich wirklich irren mußt. Ich kann mich nicht verändert haben.“ „Sage mir, was Dir fehlgeſchlagen iſt, Marſton. Iſt es in Geldangelegenheiten? In dem Falle weiß ich, daß ich Dir helfen kann.“ „Geld? O nein!“ ſagte Marſton.„Charles, Du biſt ein guter Junge. Du biſt der beſte Junge, der mir 64. je vorgekommen iſt, weißt Du? Aber ich kann Dir jetzt nicht ſagen, was mir widerfahren ſ „Habe ich irgend Etwas gethan?“ ſagte Charles eifrig. „Du haſt ſehr viel gethan und dadurch bewirkt, daß ich Dich lieben und achten lernte, Charles; doch nichts, was mich unglücklich machen könnte. Jetzt beantworte mir einige Fragen und laß' uns von etwas Anderm reden. Was macht Dein Vater?“ „Der liebe alte Vater iſt ganz wohl. Ich habe heute einen Brief von ihm gehabt.“ „Und was macht Dein Bruder?“ „Körperlich iſt er wohl, doch geiſtig ſchwach, wie ich fürchte. Ich fürchte ſehr, daß ich Erbe von Ravenshve ſein werde.“ „Warum? Iſt er geiſteskrank?“ „Durchaus nicht, der arme Junge. Er wird in ein Kloſter gehen, fürcht' ich. Wenigſtens erwähnte er Etwas der Art in ſeinem letzten Briefe, wie um mich an die Idee zu gewöhnen, und glaube nur, mein viel geliebter Pater Mackworth wird die Idee ſchon nicht kalt werden laſſen.“ „Der arme Junge! Und wie geht es Adelaiden, der Herrlichen?“ „Die iſt wohl und munter“, ſagte Charles.„Sie und die Tante ſind die beſten Freundinnen von der Welt.“ „Das waren ſie immer, nicht wahr?“ „Je nun, ſichſt Du“, ſagte Charles,„die Tante war zuweilen verdrießlich, und Adelaide iſt ſehr ſtolz und eigen⸗ ſinnig, weißt Du. Aeußerſt ſtolz.“ „Wirklich?“ 65 „O ja, ſehr. Sie ließ ſich nicht viel von Lady Hai⸗ nault gefallen, das kann ich Dir ſagen.“ „Nun“, ſagte Marſton,„um in meinem Examen fort⸗ zufahren, was macht William?“ „Ex iſt ganz wohl. Aber haſt Du ſonſt nach Nieman— dem zu fragen?“ „O ja. Miß Corby?“ „Ich glaube, ſie iſt körperlich recht wohl; aber ſie ſcheint mir nicht mehr ganz ſo glücklich wie ſonſt“, ſagte Charles, Marſton plötzlich ſcharf anblickend. Ebenſogut hätte er den Tahlor⸗Bau mit ſeinen Blicken fixiren können; der würde ſich gerade ſo ſehr verändert haben, wie der Ausdruck in Marſton's Geſichte. Dieſer ſah ihn mit einem ſteinernen Antlitze an— „In der That, es thut mir leid, das zu hören.“ „Marſton“, ſagte Charles,„ich habe früher einmal geglaubt, es wäre zwiſchen Dir und ihr nicht ganz richtig.“ „Das iſt ein bemerkenswerthes Beiſpiel, wie ſich alberne Ideen in müßige Köpfe einſchleichen“, ſprach Marſton ruhig, und Charles lachte abermals. Sie waren damit gegenüber vom Univerſitätsboote angelangt, und der Kapitän deſſelben rief: „Wir haben auf Dich gewartet, Ravenshve!“ und we⸗ nige Minuten ſpäter rauſchte das Achtruderige auf ſeiner glorreichen Bahn durch das Gedränge von Booten und deren bewundernden Ruderern gen Iffley fort. Marſton ſaß im Buge der Univerſitätsbarke und ſchaute dem Achtruderigen nach, wie es der Ferne zuſchoß, und dann ſprach er zu ſich ſelber: Kingsley, Ravenshoe. II. 5 66 „Ah! Da fährt der Mann, den ich am Beſten leiden mag in der Welt, der ſich nichts um das Weib kümmert, das mir das theuerſte auf der Welt iſt,— welches den Mann, den ebengenannten, liebt, der wieder ein anderes Weib liebt, das ſich keinen Pfifferling um ihn ſchiert. Wahrlich, es herrſcht eine gewiſſe Verkehrtheit in den menſchlichen Dingen!“ Siebentes Kapitel. Die Brücke zu Putney eine halbe Stunde vor der Flut, dreizehn oder vierzehn Dampfboote, fünf bis ſechstauſend Boote und fünfzehn bis zwanzigtauſend Zuſchauer. Es iſt der Morgen der großen Univerſitätsregatta, über die ſeit etwa vier Wochen jedes Mitglied der beiden berühm⸗ ten Univerſitäten und ein beträchtlicher Theil des großen Publicums in Unruhe und Aufregung geweſen ſind. Die Brücke iſt ſchwarz, die Wieſen ſind ſchwarz, und jeder Balcon und jedes Fenſter in der Stadt iſt ſchwarz; die Dampfboote ſind ſchwarz von einem erwartungsvollen Menſchengewimmel, das gekommen, um zu ſehen, wie die auserwählten Jünglinge der höheren Klaſſen ihre Kraft gegen einander meſſen. Zwei von unſern Freunden ſind am großen Ereigniſſe des Tages nahe betheiligt. Charles rudert dort in dem oxforder Boote und Marſton ſteuert. Es iſt ein denkwürdiger Tag für Beide, beſonders aber für den armen Charles. Jetzt wogt die Menge ab und zu, und ein lautes Hurrah erſchallt. Die Ruderer ſteigen ein. Die Polizeibvote ſind geſchäftig, die Bahn frei zu machen. Nun ein lauter Aus⸗ 5 68 ruf der Bewunderung. Cambridge ſchießt heraus, ſchwingt ſich herum und nimmt ſeinen Platz an der Brücke ein. Ein abermaliges Hurrah. Orford ſchwebt heran in majeſtätiſchem Bogen und nimmt ſeinen Platz neben Cam⸗ bridge ein. Hinweg gehen die Polizeiboote, hinweg alle lon⸗ doner Clubboote mit einer Schnelligkeit von zehn Meilen die Stunde. Jetzt iſt die Bahn frei und faſt Stille umher. Dann ein wilder Tumult, und die Leute fangen wieder an einander zu drängen und zu quetſchen. Die Boote ſind abgerudert, der Kampf hat begonnen. Jetzt ſchnauben ihnen die dreizehn Dampfboote grimmig nach, und ihr Kielwaſſer wimmelt wieder von kleineren Fahrzeugen. Ueberall ein gewaltiges Getöſe und Hinundherſtürzen. Raſende Menſchenmaſſen auf dem Leinpfade und auf den Dampfern, die unter denſelben fürchterlich ſtoßen und ſchwanken. Vorn die Brücke von Hammerſmith, hinüber⸗ hängend wie eine ſchwarze Stange, mit Menſchen bedeckt, gleich wie mit einem Bienenſchwarme. Als Ocular des Bil⸗ des zwei einzelne Schnellboote und ihre blitzenden Ruder, die ſich mit der Geſchwindigkeit und Regelmäßigkeit einer Dampfmaſchine bewegen. „Welches iſt voran?“ wird von tauſend Zungen ge⸗ fragt; aber wer kann dies ſagen? Wir werden es bald ſehen. Die Brücke von Hammerſmith ſpannt ſich keine hundert Schritt von den Booten über das Waſſer. Eine halbe Secunde lang ruht ein leichter Schatten auf dem Boote von Oxford, und dann iſt es wieder draußen im hellen Sonnenſchein. Eine Secunde darauf fällt der⸗ ſelbe Schatten auf das Boot von Cambridge. Oxford iſt voran. 69 Die Männer mit den hellblauen Halstüchern ſagen: „Beim heiligen Georg, Orford kann dieſen fürchterlich ſchnellen Ruderſchlag nicht mehr lange aushalten“, und die Männer mit den dunkelblauen Cravatten erwidern: „Es kann nicht? Beim Zeus!“ Nun, wir werden es bald erfahren; denn hier iſt die Brücke von Barnes. Der Schatten fällt wieder auf das Boot von Oxford, und dann, eine, zwei, drei, vier Secunden, ehe das Boot von Cam⸗ bridge unter der Brücke durchkommt. Orford gewinnt! Ein lautes Hurrah von den Leuten zu Barnes, obgleich die roo*) nicht wiſſen, warum. Cambridge hat eine raſende Anſtrengung gemacht und iſt faſt bis zu Oxford herangekommen; aber es iſt vergebens. Oxford hört auf zu rudern und Cambridge hat noch zehn Schläge zu thun, ehe es mit Oxford in gleicher Linie ſchwebt. Oxford hat gewonnen! Fünf Minuten ſpäter befand ſich Charles auf dem Werfte vor dem Wirthshauſe»zum Schiff« in Mortlake, glücklich wie ein König. Im Gedränge war er von ſeinen Freunden getrennt worden, und die Leute um ihn her be⸗ grüßten ihn mit Hurrahrufen und machten ſchmeichelhafte Bemerkungen über ſeine perſönliche Erſcheinung, worüber Charles lachte und, ſich verneigend, erröthete, während er ſich durch ſeine gutmüthigen Verfolger quetſchte. Da, inmitten eines ſchallenden Gelächters über eine Bemerkung *) wo10(Leute vom großen Haufen, im Gegenſatze zu den Mit⸗ gliedern der verſchiedenen Univerſitätscollegien) heißen auf den eng⸗ liſchen Univerſitäten alle Die, welche keine Studenten ſind oder waren; genau die Bedeutung unſerer„Philiſter“. D. Ueberſ. 70 von einem betrunkenen Jollenführer, fühlte er plötzlich, wie er von Jemandem am Arme gehalten wurde. Er wandte ſich um und erblickte William. Der unerwartete Anblick erſchütterte ihn ſo ſehr, daß es ihn ſchwindelte. „Will!“ ſagte er,„was gibt's?“ „Kommen Sie mit, und ich will's Ihnen ſagen.“ Er drängte ſich nach einer ruhigern Stelle durch und wandte ſich dann zu ſeinem Begleiter—„Mach's kurz, Will, lieber Junge. Ich kann das Schlimmſte er⸗ tragen.“ „Der alte Herr wurde vor zwei Tagen ſehr krank, Maſter Charles, und Maſter Cuthbert ſchickte mich ſo⸗ gleich ab, um Sie zu holen. Er befahl mir, ſowie ich in. Paddington anlangen würde, dort nach einer telegraphiſchen Depeſche zu fragen, damit Sie den letzten Bericht erführen, und hier iſt ſie.“ Erüberreichte Charles, was wir heute ein»Telegramm« nennen, und der Inhalt deſſelben war Trauer und Leid. Denſil Ravenshoe war ſeiner Auflöſung nahe, und Alles, was Dampf⸗ und Pferdekraft vermöchten, wäre erforder⸗ lich, wenn Charles den Vater noch am Leben finden wollte. „Will, geh' und ſuche mir Mr. Marſton; ich will Dich hier erwarten. Wie kommen wir nach Putney zurück?“ „Ich habe eine Droſchke mitgebracht, die auf uns wartet.“ William lief in das Wirthshaus und Charles wartete. Er wandte ſich um und ſchaute auf den Fluß. Da ſchlängelte ſich derſelbe dahin, an Landhäuſern und Parks vorüber, Tauſende von Booten tragend. Noch ein Mal ſchaute er auf die menſchenbeladenen Dampfboote und auf die geſchäftige Menge, und ſelbſt inmitten ſeines Schmerzes durchzuckte es ihn wie mit rechtſchaffenem Stolze, daß er einer der Helden des Tages war. Dann wandte er ſich wieder um; denn William war an ſeiner Seite. Marſton war nicht zu finden geweſen. „Ich hätte ihn gern noch geſehen“ ſagte Charles;„doch wir müſſen eilen, Will, wir müſſen eilen.“ Hätte er gewußt, unter welchen Umſtänden er das nächſte Mal ein großes Menſchengedränge ſehen und unter welchen Umſtänden er zum erſten Male wieder mit Marſton zuſammentreffen ſollte,— wer vermag zu beſtimmen, ob er in ſeiner Unwiſſenheit und Kurzſichtigkeit nicht vorgezogen haben würde, auf der Stelle, wo er jetzt ſtand, zu ſterben in ſeinem Triumphe und Ruhme? . In der Haſt ſeiner Abreiſe hatte er keine Zeit, viele Fragen zu thun. Erſt als er mit dem Schnellzuge dahin⸗ brauſte,— er hatte es vorgezogen, mit ſeinem Diener in der zweiten Klaſſe zu fahren, um nicht allein zu bleiben— fand er Zeit zu fragen, wie Alles gekommen war. Es gab nur wenig zu erzählen. Denſil war nach dem Frühſtücke erkrankt und zwar Anfangs nur in ſo leichtem Grade, daß man ſich nicht ſehr beunruhigt hatte. Er war zu Bette gebracht worden; da hatten ſich die Symptome ver⸗ ſchlimmert. Darauf hatte man William nach Charles ab⸗ geſandt, und Cuthbert, Mary und Pater Mackworth waren am Bette des Kranken geblieben. Alles war geſchehen, was nur gethan werden konnte. Wie es ſchien, hatte er keine Schmerzen und fühlte ſich ganz ruhig. Das war Alles. Der Telegraph theilte das Uebrige mit. Cuthbert hatte 72 verſprochen, Pferde nach Crediton zu ſchicken und ein Relai vierzig Meilen näher an Ravenshoe. Die fürchterliche Aufregung des Tages und der Um⸗ ſtand, daß er ſeit dem Frühſtücke nichts gegeſſen hatte, be⸗ wirkte, daß Charles die Botſchaft mit weniger Feſtigkeit ertrug, als es ſonſt der Fall geweſen ſein würde. Selt⸗ ſame Gedanken und Befürchtungen begannen in ſeinem Kopfe aufzutauchen und in dem einförmigen Geraſſel des Waggons ihre Stimmen zu finden. Es war nicht ſo ſehr die Furcht vor dem Tode ſeines Vaters. Den fürchtete er nicht, weil er wußte, daß derſelbe kommen mußte, und in dieſer Rückſicht war die Bitter⸗ keit des Todes, ſchmerzlichſt bitter wie er auch war, vor⸗ über; aber eine Angſt, daß ſein Vater ſterben könne, ohne noch ein Mal zu ihm zu ſprechen,— daß er nie wieder ſehen würde, wie jene theuren Lippen ihn mit ihrem Lächeln grüßten. Geſtern hatte er noch an dieſe Reiſe gedacht, wie er, wenn ſie die Regatta gewönnen, auf den Fittigen des Windes nach Hauſe fliegen wollte, und wie der alte Mann bei der Kunde aufleben würde vor Freude. Geſtern war er ein ſtarker, muthiger Mann geweſen, und jetzt— welche tödt⸗ liche Furcht ſaß ihm im Herzen? „William, was ängſtigt mich nur ſo ſehr?“ „Die Nachricht, die ich Ihnen gebracht, und die Auf⸗ regung des Rennens. Und Sie haben ſeit langer Zeit hart geſchafft mit Ihrem Trainiren; das macht des Menſchen Nerven nicht ſtärker, und dann ſind Sie hungrig.“ „Doch nicht.“ „Welch' ein ſchönes Rennen es war! Ich ſah Sie, ₰———— 73 als Sie über eine Meile von mir entfernt waren. Ich konnte Ihre Geſtalt ſelbſt in dieſer Entfernung erkennen und ſehen, wie Sie Ihr Ruder einſchlugen. Ich wußte, daß mein Herzensjunge im gewinnenden Boote ſein würde, Gott ſegne Sie! ehe noch das Rudern angefangen hatte. Und als ich Mr. Charles mit ſeinem reißenden, geſchwin⸗ den Schlag erblickte, jubelte ich für das alte Oxford und vergaß faſt die Photographie auf'ne Weile.“ „Photographie, Will? Welche Photographie?“ „Telegraph, wollte ich ſagen. Es iſt Alles eines und daſſelbe.“ Charles konnte nicht plaudern, wie ſehr er es auch verſuchte. Er fühlte eine Angſt, wie er ſie noch nie em⸗ pfunden. Sie war ſo unklar, daß er nicht wußte, aus welcher Quelle er ſie herleiten ſollte. Wol hatte er das Recht, Kummer zu fühlen und eine große Angſt, ob er ſeinen Vater noch am Leben fände; aber was er empfand, war das leibhaftige Entſetzen und wovor?“ Auf der Station Swindon ſtieg William aus. Er kehrte mit Dem und Jenem beladen zurück und zwang Charles zu eſſen und zu trinken. Dieſer hatte ſeit langer Zeit keinen Wein genoſſen, darum mußte er vorſichtig damit ſein; doch ſchien ihn derſelbe zu erquicken. End⸗ lich aber that die ermüdete Natur Etwas für ihn: er ſchlief ein. Als er erwachte, war es Nacht und er konnte ſich nicht gleich beſinnen, wo er war. Aber ſchnell kam ſein Kum⸗ mer wieder, und herauf, wie aus einem dunklen Abgrunde, rauſchte jenes andere namenloſe Grauen und bemächtigte ſich ſeines Herzens. a* 3—2—.—.—— 74 In Exeter hatten ſie die Wagen zu wechſeln. In Crediton fanden ſie ihre erſten Pferde, und um zehn Uhr Abends, nach einem haſtigen Nachteſſen, ſaßen ſie auf zum nächtlichen Ritte. Das Grauen war fort, ſo wie ſich Charles auf dem Pferde fühlte. Der Weg war ſchmutzig und finſter, oft mit jähen Abſtürzen zu beiden Seiten; aber ein herrlicher Aprilmond ſtand ihnen zu Häupten, und ſie kamen wacker vorwärts. Bei Bow hatten ſie einen Blick auf das ſchwarz auf⸗ ragende Dartmoor, und ein friſcher Weſtwind trug ihnen Frühlingsdüfte zu. Zu Hatherleigh warteten ihrer friſche Pferde und einer der Reitknechte von Ravenshoe. Der Mann hatte ſeit geſtern nichts gehört, und ſo ritten ſie um Ein Uhr wieder weiter. Jetzt gab es nur noch Landwege und gefährliche, ſteile Heckengaſſen, ſodaß ſie nur langſam vorwärts kamen. Dann brach der Morgen an mit den Stimmen von zehntauſend Vögeln und dem ganzen reichen Dufte der erwachenden Natur. Und weiter kamen die heimatlichen Wälder— und ſie waren auf der Terraſſe zwiſchen dem alten Hauſe und dem Meere. Die weißen Strandwellen plätſcherten und tanzten um die ſtille Küſte; die Seemöven ſchwebten fröhlich im Sonnenſcheine; die Aprilwolken jagten ihre dunklen Schatten über die lachende, blaue See; aber das alte Haus ſtand bleich und düſter da. Alle Fenſter waren geſchloſſen, und kein Laut wurde gehört. Denn Charles war zu ſpät gekommen. Denſil Ra⸗ venshoe war todt. —— Achtes Kapitel. Im langen düſtern, alten Zimmer mit den tiefen Fen⸗ ſterniſchen, von wo aus man auf den Ocean hinausſchaut, in dem Zimmer, welches Charles' Schlaf⸗, Spiel- und Studirgemach ſeit ſeiner Knabenzeit geweſen war, in die⸗ ſem Zimmer ſaß Charles Ravenshoe, von Schmerz gebeugt, ſinnend und einſam. Da waren die Angeln und Flinten, da die Bücher und lieben Gemälde, an denen ſich einſt ſein Herz erfreut hatte. Alles war da, wie ſonſt. Nur Charles Ravenshoe war nicht da. Ein anderer Mann war dort an ſeiner Stelle, der ihm ähnlich ſah und, den Kopf auf die Hand geſtützt, brütend daſaß. Wo war die Seele, die entfloh? War er ein Kind in einem neuen Lebenskreiſe? oder ſtand er noch mit den Orten und Menſchen in Verbindung, die er ſo lange ge⸗ kannt und geliebt? War er zugegen? Konnte er endlich die Liebe gewahren, die ein thörichtes zärtliches Herz für ihn gehegt? Konnte er jetzt den tiefen, tiefen Schmerz ſehen, welcher dieſes arme, thörichte Herz zerriß, weil ſein Beſitzer nicht das letzte matte Lächeln des Erkennens hatte ——————— 76. über die Züge gleiten ſehen, von denen er auf immer Ab⸗ ſchied nehmen ſollte? „Vater! Vater! wo biſt Du? O, laß mich nicht ganz allein, Vater!“ Keine Antwort. Nichts als das unauf⸗ hörliche Rauſchen des Waſſers am Strande. Eröffnete das Fenſter und ſchaute hinaus. Die Ter⸗ raſſe, die Wälder, das Dorf und dahinter das unermeß⸗ liche Meer! Und hinter dieſem? Was war dieſer Tod, der mit einem Male ſo werthlos machte, was wir ſo ſehr liebten? Konnte es ihm Niemand ſagen? Einen hatte es gegeben, der triumphirt hatte über Tod und Grab und aufgefahren war in Seinem irdiſchen Leibe. Wer iſt dieſer Tod, daß er uns ſo über⸗ wältigen konnte?— Ach, ach! armer Charles! Es gibt noch Uebel, weit ſchlimmer als der Tod. Es gibt Zeiten, wo der Tod dem Menſchen wie ein erſehnter Schlummer erſcheint. Warte nur! Charles kam ein Bild in die Gedanken, welches Mary beſaß. Ein Bild, welches wir Alle kennen. Es ſtellt eine Seele dar, die von Engeln gen Himmel getragen wird. Man nennt es die heilige Catharina, obgleich, ſo viel ich weiß, die heilige Catharina mit dem Bilde nichts Beſon⸗ deres zu thun hat, und die Luſt wandelte ihn an, hinzu⸗ gehen und es anzuſehen. Als er ſich aber umwandte, ſtand Mary ſelber vor ihm. Er ſtreckte ihr ſeine Hände entgegen, und ſie kam und ſetzte ſich zu ihm und ſchlang ihren Arm um ſeinen Nacken. Er küßte ſie! Warum auch nicht? Sie waren einander wie Bruder und Schweſter. Er frug ſie, warum ſie gekommen. 0 „Ich wußte, daß Du Verlangen haben würdeſt, mich zu ſehen“, ſagte ſie. Dann erzählte ſie ihm, den Arm noch immer um ſeinen Nacken, von dem, was ſich ſoeben ereignet hatte. Er ver⸗ langte nach Dir ſchon am erſten Tage, bald nachdem er ſich unwohl gefühlt hatte, und erſuchte Pater Mackworth, nach Dir zu ſenden. Cuthbert hatte William ſchon vor zwei Stunden abgeſchickt, und er ſagte, er wäre froh darüber und hoffte, daß Oxford die Regatta gewinnen würde—“ „Charles“, unterbrach ſich Mary,„weißt Du, daß der alte James einen Schlaganfall gehabt hat und wol nicht wieder aufkommen wird?“ „Nein.“ „Ja, ſo wie er hörte, daß unſer Theurer geſtorben war. Das iſt ſein Tod geweſen.“ „Der arme alte James!“ Sie ſaßen eine Weile Hand in Hand, und Beide waren voller Kummer. Dann ſagte Charles plötzlich— „Die Zukunft, Mary, die Zukunft, meine Taube?“ „Davon haben wir ja ſchon früher geſprochen, mein lieber Charles. Es ſteht mir nur ein Lebensweg offen.“ „Ach!“ „Ich werde morgen an Lady Ascot ſchreiben. Ich hatte neulich einen Brief von Adelaiden, in welchem ſie mir mittheilt, daß die junge Lady Hainault nächſtens die Kinder des armen Lord Charles zu ſich nehmen wird. Dann braucht ſie eine Gouvernante für die Kleinen, und ich will zu ihr gehen.“ „Ich will Dich lieber dort wiſſen, Marh, als hier. 78 Ich bin recht froh hierüber. Sie iſt eine vortreffliche Frau. Ich werde Dich dort ſehr oft beſuchen.“ „Wirſt Du nach Opford zurückkehren, Charles?“ „Ich glaube nicht.“ „Haſt Du dort noch viele Schulden?“ „Nur noch ſehr wenig. Er hat faſt alle meine Schul⸗ den bezahlt.“ „Was wirſt Du beginnen?“ „Davon habe ich noch nicht die entfernteſte Ahnung, kann es mir durchaus nicht denken. Ich muß Marſton zu Rathe ziehen.“ Eine traurige Woche verging, eine Woche von langen, trüben Tagen und ſchlafloſen Nächten, während draußen vor dem verdunkelten Hauſe die helle Frühlingsſonne die ganze Erde mit Licht und Leben überflutete und der weiche Frühlingswind melodiſch und balſamiſch durch die Wälder und landeinwärts über Haide und Felſen ſtrich. Seltſame Klänge drangen bis zu Charles' einſamem Gemache, Klänge, die ihn Anfangs glauben machten, er läge im Traume, ſo geheimnißvoll und unerklärlich waren ſie. Am erſten Tage waren es wie einzelne Töne einer Muſik, zuweilen hart und ſchneidend, zuweilen unbeſchreib⸗ lich ſanft und melodiſch. Wie der Tag ſich neigte, begannen ſie ſich zu Accorden zu bilden und etwas lauter zu klingen, obgleich noch immer wie aus weiter Ferne. Endlich, faſt um Mitternacht, nahmen ſie eine entſchiedene Geſtalt an und floſſen zu einer milden, trauervollen Muſik zuſammen, wie Charles dergleichen im Leben nie gehört hatte, und dann ward Alles ſtill. Charles legte ſich zu Bette mit dem Glauben, daß die 79 Klänge entweder übernatürlich wären oder in ſeinem er⸗ regten Gehirn ihren Urſprung nähmen. Er kam zu dem letzteren Schluſſe und dachte, der Schlaf würde den Tö⸗ nen ein Ende machen. Aber am folgenden Morgen, als er die Fenſterläden zur Hälfte geöffnet und den lieben Sonnenſchein hereingelaſſen hatte, kam wieder jener Klang — eine wilde, volle, rauſchende Melodie, geſpielt von einer Hand, die, ob irdiſch oder überirdiſch, ſich wohl darauf verſtand. „Was iſt das, William?“ „Muſik.“ „Woher kommt dieſelbe?“ „Aus der Luft. Die Elfen machen zuweilen ſolche Muſik. Vielleicht ſind es die Heiligen im Himmel, die mit ihren goldenen Harfen unſern alten Herrn und meinen Vater begrüßen.“ „Deinen Vater?“ „Er iſt heute Morgen bei Tagesanbruche geſtorben. Nicht lange nach ſeinem alten Herrn, wie? Er war ihm ſehr treu ergeben. Er ging einmal mit ihm in's Gefäng⸗ niß, wie ich gehört habe. Ich will Ihnen ebenſo treu ſein, Charles, wann die Zeit kommen ſollte.“ Und wieder ein Tag ging langſam dahin in dem düſte⸗ ren Hauſe, und die himmliſche Muſik ſchwoll und ſank noch immer von Zeit zu Zeit und bewegte in ſeltſamer Weiſe die Herzen Derer, die ſie hörten. „Dieſe Muſik“, ſprach Charles zu ſich ſelber,„muß ſicherlich an einer Stelle lauter ſchallen, als an der andern.“ Dann lächelte er, als er ſich halb in dem Glauben er⸗ tappte, daß ſie übernatürlichen Urſprungs wäre. 80 Er ſtand auf und ging durch den Corridor und die Galerie, immer lauſchend. Die Muſik hatte aufgehört, und Alles war ſtill. Er ging weiter, durch Räume des Hauſes, in denen er ſeit ſeinen Knabentagen nicht mehr geweſen war. Dieſer Theil des Gebäudes war ſehr verlaſſen; einige von den Zimmern, in die er hineinſchaute, dienten mehreren der unteren Diener als Schlafgemächer; andere waren unbe⸗ wohnt, alle finſter. Hier pflegte er mit Cuthbert und William an regneriſchen Tagen Verſtecken zu ſpielen, und wohl erinnerte er ſich jeder Ecke und jedes Schlupfwinkels. In einem der leeren Zimmer war ein Fenſter gebffnet, welches auf den Hof hinausging. Eben trug man ver⸗ ſchiedene Dinge in die Kapelle und er ging dorthin. Im dunklen Eingange zu der dämmerigen Kapelle trat eine ſchwarze Geſtalt auf die Seite, um ihn vorbei zu laſſen. Er verbeugte ſich und ſchritt weiter, war aber kaum im Innern des Gebäudes angelangt, als er eine Stimme ſagen hörte:„Es iſt Charles“, und im nächſten Augen⸗ blicke wurden ſeine beiden Hände ergriffen und Pater Tiernay's gutmüthiges Geſicht leuchtete ihm entgegen. „Ich freue mich von Herzen, Sie zu ſehen, Pater Tiernay. Es iſt ſo ſehr lieb von Ihnen, zu kommen!“ „Sie ſehen bleich und angegriffen aus“, ſagte der gute Mann.„Sie haben ſich gehärmt. Ich dulde dies nicht länger, jetzt, da ich gekommen bin. Ich will Sie draußen in der Luft und im Sonnenſcheine haben, mein Sohn, unten am Strande—“ Wieder die Muſik! Nicht matt und fern, wie bisher, ſondern dicht über ſeinem Kopfe, wo ſie in einem lauten 81 Jubilate ſchmetternd endigte, das zwiſchen Balken und Fenſter tauſend ſüße Echos erweckte. Dann, als das herrliche Echo zu verhallen begann, erhob ſich ein ſanfter, flötenartiger Ton, der ſchwoll und ſchwoll, bis ein leiden⸗ ſchaftlicher Klang die Lüfte erfüllte und wuchs und ſank und ſchwieg und wieder begann und erſtarb, man wußte nicht wann oder wo. „Ich kann hiervon nicht viel ertragen, Pater Tiernay“, ſagte Charles.„Man hat die Orgel wieder hergeſtellt, wie ich ſehe. Das erklärt mir die Töne, die ich gehört habe. So werden wir beim Begräbniſſe vermuthlich Muſik haben?“ „Mein Bruder Murtagh“, ſagte Pater Tiernay,„iſt geſtern von Lord Segur herüber gekommen. Er iſt dort Organiſt und hat die Orgel hier wieder hergeſtellt. Mei⸗ ner Tren', er iſt ein lieblicher Muſiker. Hören Sie nur, was Sir Henry Biſhop von ihm ſagt.“ Da kam vom Orgelchor ein junger Mann zu ihnen herunter, der einen langen ſchwarzen Rock und ſchwarze Bäffchen mit weißen Rändern trug und das ſanfteſte, freundlichſte Geſicht zeigte, auf welchem das Auge nur ruhen kann. Pater Tiernah blickte ihn mit Stolz und Zuneigung an und ſagte: „Murty, mein lieber Bruder, das hier iſt Mr. Charles Ravenshoe, mein ſehr guter Freund. Ich hoffe, daß Ihr ebenfalls Freunde werden werdet; denn zwei gute Burſchen ſollten einander kennen und lieb haben.“ „Ich fürchte faſt“, ſagte der junge Mann mit einem offenen Lächeln, daß Mr. Charles Ravenshoe bereits gegen mich eingenommen iſt, wegen der garſtigen Töne, Kingsley, Ravenshoe. II. 6 ———— —————— 82„ mit denen ich ihn geſtern den ganzen Tag verfolgt habe, während ich die alte Orgel wieder in Stand ſetzte.“ „Im Gegentheil; ich verwunderte mich nur, woher die herrlichen Melodien kämen“, ſagte Charles.„Und wenn Sie den ganzen Lärm der Hölle losgelaſſen hätten, er wäre Ihnen verziehen worden um dieſer letzten himm⸗ liſchen Muſik willen. Wiſſen Sie wol, daß ich keine Ahnung davon hatte, daß die alte Orgel noch geſpielt wer⸗ den könnte. Vor vielen Jahren, als wir noch Knaben waren, verſuchten Cuthbert und ich, darauf zu ſpielen. Ich trat die Balgen, und er ſchlug drei oder vier Töne an; aber es erſchreckte uns, und wir rannten fort und kamen der Stelle nie wieder nahe.“ „Es iſt ein ſchönes altes Inſtrument“ ſagte der junge Tiernay.„Wollen Sie eben hier ſtehen bleiben und es anhören?“ Charles ſtellte ſich in eines der Fenſter und Pater Tiernay neben ihn. Er ſtützte den Kopf auf die Hand und ſchaute hinaus nach Oſten und nach Norden, über die ſchwarzen Wälder und Klippen und das helle, blaue Meer hinaus. Die Muſik begann mit einer über allen Ausdruck ſanf⸗ ten und lieblichen Weiſe, die dabei dennoch feſt, kräftig und regelmäßig erklang, wie von tauſend bewaffneten Männern, die zum Siege marſchiren. Sie nahm zu an Kraft und Umfang, bis ſie unwiderſtehlich hinriß und dennoch rund und harmoniſch blieb. Charles verſtand dieſe Muſik. Sie drückte das Leben des Gerechten aus, wie es wuchs an Ehre und Vollkommenheit. Dann ſchwebte und bebte die Muſik und ging in ſchäu⸗ mende Wirbel und Strudel über. Sie ſprang auf und lachte in unausſprechlichem Jubel,— in Allem aber blieb ſie erhaben und feierlich. Die Liebe war erſchienen, das vollkommene Leben zu erfreuen, und hatte es geſchmückt, ohne es zu trüben. Jetzt kamen Diſſonanzen und wildes, rauſchendes Ton⸗ gebraus, immer ſtreng und hart, nie aber unmelodiſch. Matter nun und matter ward die Melodie, bis ſie faſt erſtarb. Die Trübſal hatte den Gerechten heimgeſucht, und er beugte ſich unter ihr. Nein. Majeſtätiſcher, größer, feierlicher denn je, erhob ſich die Weiſe, und wieder, wie im Feuer geläutert, zog ſie dahin, klarer und lieblicher, als zu Anfange. Der Gerechte war veredelt aufgetaucht aus dem Meere ſeiner Leiden. Charles fühlte eine Hand auf ſeiner Schulter. Er glaubte, es wäre Pater Tiernay. Doch Pater Tiernah war ver⸗ ſchwunden. Es war Cuthbert. „Cuthbert, wie freue ich mich, daß Du zu mir kommſt! Es hat mich nicht überraſcht, daß Du nicht ſchon früher kommen wollteſt. Du haſt nicht daran gedacht, daß ich mich verletzt fühlen könnte, nicht wahr nicht, Bruder? Ich kenne Dich. Ich kenne Dich!“ Charles ſtrich ſein Haar und lächelte ihm liebevoll zu. Cuthbert ſtand garz ſtill und ſprach kein Wort. „Cuthbert“, ſagte Charles,„Du leideſt körperlich, meine ich.“ „Ja. Ich habe die vergangene Nacht im Gebete hier auf dieſen Steinen zugebracht, und die Kälte iſt mir bis in's Mark gedrungen.“ „Ihr betet für den Todten, ich weiß wol“, ſagte 3 Charles.„Doch warum die Geſundheit zerſtören, die Gott Dir gegeben hat, weil ein guter Menſch entſchlummert iſt?“ „Ich habe nicht ſo ſehr für ihn gebetet, als für Dich.“ „Gott weiß, daß ich deſſen bedarf, lieber Cuthbert. Doch kannſt Du mir nützen, wenn Du Dich tödteſt?“ „Wer weiß, ich kann es verſuchen. Wie lange iſt es her, ſeit wir als Knaben zuſammen ſpielten, Charles?“ „Wie lange? Laß mich ſehen. Nun, es ſind jetzt wenigſtens neunzehn Jahre vergangen, ſeit ich mich Deiner zuerſt erinnern kann.“ Ich bin zuweilen zurückhaltend und ſarkaſtiſch gegen Dich geweſen, Charles, aber niemals unfreundlich oder lieblos?“ „Cuthbert! Ich habe nie ein unfreundliches Wort von Dir gehört oder eine liebloſe Behandlung von Dir er⸗ fahren. Warum ſagſt Du dies?“ „Weil— Charles, erinnerſt Du Dich der Nacht, wo der»Warren Haſtings« unterging? „Gewiß“, ſagte Charles verwundert. „Wenn Du in Zukunft meiner gedenkſt, willſt Du ver⸗ ſuchen, Dich meiner zu erinnern, wie ich damals war, nicht wie ich ſpäter geweſen bin? Wir ſchliefen zuſammen, wie Du Dich entſinnen wirſt, während des Sturmes, und er ſaß auf unſerm Bette. Gott hat mich ſehr ſchwer ge⸗ prüft. Hoffen wir, daß der Himmel unſeres Ringens werth iſt! Von jetzt an wirſt Du mich nicht mehr allein ſehen. Lebe wohl!“ Charles glaubte zu wiſſen, was er hiermit meinte, und hatte es ſo erwartet. Er beſchloß, ihn noch nicht fortzu⸗ laſſen. ———————— Meuntes Rapitel. Der alte James ſollte an ſeines Herrn Seite in der Gruft unter dem Altare beigeſetzt werden. Das Begräbniß ſollte im großartigen Sthle erfolgen, und die geſammte katholiſche und der größte Theil der proteſtantiſchen Gentry der Umgegend dabei zugegen ſein. Pater Mackworth war, wie man leicht begreifen wird, ſehr beſchäftigt und ſelten allein. Den ganzen Tag lang hatten er und die beiden Tiernay's anzuordnen und Befehle zu ertheilen. Und wenn er ſpät Abends ſich gänzlich erſchöpft auf ſein Zimmer zu⸗ rückzog, nahm er ein mäßiges Nachteſſen ein(Mackworth war kein Schlemmer) und ſaß ſinnend vor dem Kamin⸗ feuer. Eines Abends, etwa um die Mitte der Woche, ſaß er ebenſo vor dem Feuer, als die Thür ſich aufthat und Jemand hereinkam. In der Meinung, es ſei der Diener, wandte er ſich nicht um; doch als der vermeintliche Diener an den Kamin kam und ſtehen blieb, erhob Mackworth ſchnell die Augen und erblickte das leichenhafte Geſicht Cuthbert's vor ſich. Dieſer ſah zum Tode bleich und abgezehrt aus, wie er —— 2 mit dem Geſichte gegen das flackernde Feuer daſtand, und Mackworth fühlte tiefe Theilnahme mit ihm. Cuthbert hielt ihm einen offenen Brief hin und ſagte: „Das iſt von Lord Saltire. Er beabſichtigt, am Abende vor dem Begräbniſſe hier einzutreffen, und ſobald daſſelbe vorüber, in Lord Segur's Wagen mit dieſem abzureiſen. Wollen Sie die Güte haben, nach ſeinen Zimmern zu ſehen und dergleichen? Hier iſt der Brief. „Ich will danach ſehen“, ſagte Mackworth.„Mein lieber Sohn, Du ſiehſt fürchterlich krank aus.“ „Ich wollte, ich wäre todt.“ „Das wünſchen Alle, die auf den Himmel hoffen.“ „Wer würde nicht krank und elend ausſehen, dem ein ſolcher Auftritt bevorſteht?“ „Reiſe ab und gehe ihm aus dem Wege.“ „Das werde ich nicht. Ein Ravenshoe iſt kein Feig⸗ ling. Ueberdies, ich muß ihn noch wiederſehen. Wie grauſam Sie geweſen ſind! Warum haben ſie ihn ſich ſo in mein Herz einſchleichen laſſen? Ich habe ja wenig ge⸗ nug, das ich lieben könnte in der Welt.“ Es erfolgte eine lange Pauſe— ſo lang, daß eine hell⸗ äugige kleine Maus unter dem Holzgetäfel des Gemachs hervorlief und ſie beobachtete. Beider Blicke waren auf das Feuer geheftet, und Pater Mackworth harrte in pein⸗ licher Spannung des Weiteren. „Er ſoll zuerſt ſprechen“, dachte er;„mich ſoll doch Wunder nehmen...“ Endlich ſagte Cuthbert langſam, ohne die Augen auf⸗ zuſchlagen: ———— 5 00 „Kann nichts Sie bewegen, Ihr Vorhaben aufzu⸗ geben?“ „Wie kann ich das, wenn ich rechtlich handeln will, Cuthbert? Ich habe es lange genug verſchoben.“ „Jetzt hören Sie mich an“, ſagte Cuthbert, ohne auf ihn zu achten.„Ich habe mir eine Berechnung gemacht, was ich opfern kann, und ich finde, daß ich Ihnen für jenes Papier fünftauſend Pfund baar und noch fünftauſend in Wechſeln auf ſechs, acht und zwölf Monate geben kann. Wird dies Sie zufriedenſtellen?“ Pater Mackworth hätte einen Finger darum gegeben, wäre er im Stande geweſen, augenblicklich mit„Nein“ zu antworten; aber er vermochte es nicht. Das Anerbieten war ein ſo erſtaunliches, ſo unerwartetes, daß er lange genug zögerte, um Cuthbert zu veranlaſſen, ſich umzu⸗ wenden und zu ſagen: „Zehntauſend Pfund ſind eine große Summe Geldes, Pater.“ So war es allerdings, und nächſte Woche ſollte Lord Saltire kommen! Laſſen wir dem Manne Gerechtigkeit widerfahren: er handelte mit einem gewiſſen Grade von Ehrenhaftigkeit. Wenn man dieſes Buch zu Ende geleſen haben wird, ſo wird man ſehen, daß zehntauſend Pfund nur ein Theil von dem waren, was man ihm angeboten hatte. Er opferte das Alles, weil er ſich in Cuthbert's Augen nicht erniedrigen wollte, der ſo lange an ihn ge⸗ glaubt hatte. „Ich zögerte“, ſagte er,„aus Erſtaunen, daß ein Gentleman mich durch einen folchen Vorſchlag beleidigen konnte.“ 88. „Ihr Zögern“, entgegnete Cuthbert,„war das der Ueberlegung, nicht des Erſtaunens. Ich ſah ihre Augen funkeln, als ich Ihnen das Anerbieten machte. Bedenken Sie, zehntauſend Pfund! Sie könnten in der Welt als ein vermögender engliſcher Katholik erſcheinen. Guter Himmel! Mit Ihren Talenten könnten ſie dann nach dem Cardinalshute ſtreben!“ „Nein, nein, nein!“ ſprach Mackworth ungeſtüm.„Ich ſchwankte in der That, und ich habe Dich belogen; doch jetzt ſchwanke ich nicht mehr. Ich will nicht, daß des Ge⸗ genſtandes noch einmal erwähnt werde, Sir! Wer ſind Sie, daß Sie den Leuten mitten in der Nacht auf's Zimmer rücken und ſie, während Ihr Vater todt im Hauſe liegt, zum Verbrechen verleiten wollen? Ich will nicht, Sir.“ „Gott weiß“, ſagte Cuthbert, indem er hinausging, „ob ich mich des Himmels verluſtig gemacht, weil ich ihn zu retten verſucht habe.“ Mackworth hörte, wie ſich die Thür hinter ihm ſchloß und ſchaute ſich dann haſtig nach derſelben um. Er hörte, wie Cuthbert's Schritte allmählich im Corridore ver⸗ hallten und ſtand jetzt auf, um die Thür zu öffnen und hinauszuſehen. Der Corridor war leer. Schnell kehrte er zum Kamine zurück. „Soll ich ihn zurückrufen?“ ſagte er.„Noch iſt es nicht zu ſpät. Zehntauſend Pfund! Ein größerer Einſatz, als der, um den ich ſpielte, und jetzt, da mir derſelbe zu Füßen gelegt wird, ſtoße ich ihn von mir. Und wofür? Für die Ehre, nachdem ich den—“(er vermochte das Wort nicht auszuſprechen).„Nachdem ich ſoweit gegangen. Ich muß von gutem Blute ſein. Ein gewöhnlicher Schurke 4 89 hätte mit allen zehn Fingern zugegriffen. Beim Himmel! Es gibt Dinge, die beſſer ſind als Geld. Nähme ich ſein Anerbieten an, ſo würde er den Schurken in mir er⸗ kennen. Und ich habe den Jungen lieb. Nein, nein! mag der Narr ſeine Gebete plärren. Ich will mir wenigſtens eines Mannes Achtung erhalten.“ „Welch' ein merkwürdiges Wirrniß und Durchein⸗ ander das Alles iſt! Bin ich etwa ſchlechter als meine Nebenmenſchen? Ich habe um eines Namens und um des Ehrgeizes willen einen verzweifelten Anlauf gemacht nach Macht und Einfluß, und jetzt, wo mir der Ball plötzlich aus einer Richtung, woher ich ihn nicht erwartete, zu Füßen fliegt, wage ich nicht, ihn weiter zu ſchlagen, weil ich die Verachtung eines einzigen Augenpaares fürchte, von dem ich nur Blicke der Liebe und Verehrung zu em⸗ pfangen gewöhnt war.“ „Und dennoch kann er mir nicht trauen, ſo wie ich es geglaubt hatte, ſonſt hätte er mir dies Anerbieten nicht gemacht. Und er machte es mit ſolcher Zuverſicht, daß er die Ueberzeugung gehabt haben muß, ich würde es an⸗ nehmen. Das iſt ſeltſam. In der letzten Zeit iſt er nie mehr rebelliſch geweſen. Werfe ich etwa das Weſen für den Schatten weg? Seit meiner Kindheit bin ich mit Leib und Seele an die Kirche gebunden geweſen und muß da⸗ bei bleiben. Ich habe heute Abend einen Cardinalshut aus⸗ geſchlagen. Doch wer wird dies jemals erfahren?“ „Ich muß mit Lord Saltire ins Klare kommen. In⸗ deſſen könnte ich zuverſichtlicher mit ihm reden, wenn ich, im Falle des Mißlingens, zehntauſend Pfund Sterling in der Bank hätte Ich fürchte mich weniger vor jenem ent⸗ 90. ſetzlichen alten Ketzer, als vor Cuthbert's großen Augen, wenn ſie ſich in Verachtung auf mich heften. Ich habe ſo lange unter Gentlemen gelebt, daß ich mich ſchon ſelbſt für einen halte. Er weiß, ob ich es wirklich bin, und er ſoll mir's ſagen.“ „Und wenn Alles mißglückt, ſo habe ich der Kirche ge⸗ dient und die Kirche ſoll mir wieder dienen. Welche Narren ſind die Beſten unter uns! Warum ließ ich je dieſen offenherzigen Einfaltspinſel, Tiernay, in's Haus kommen? Er haßt mich, ich weiß es. Ich habe den Narren eigentlich gern. Er wird am Montage für den Jüngern Partei nehmen; aber ich denke mir, mein Gentle⸗ man wird nicht allzuviel zu ſagen wagen.“ Nach dieſem Selbſtgeſpräche, zu dem wir bald den Schlüſſel finden werden, entkleidete ſich Pater Mackworth und ſuchte ſein Nachtlager auf. Am Tage vor dem Begräbniſſe ließ Cuthbert Charles bitten, daß er Lord Saltire empfinge, und da der alte Herr zu einer beſtimmten Stunde erwartet wurde, ſtieg Charles, etwa zehn Minuten vor der Zeit, die Stufen von der Halle auf die Terraſſe herunter, um bei der Ankunft des Gaſtes zur Hand zu ſein. O, wie herrlich die wilde Friſche des Meeres und des Himmels nach dem verdunkelten Hauſe! Die beiden alten Vorgebirge rechts und links, die meilenlange Sandſtrecke dazwiſchen, und die kräuſelnden Wellen, die vor dem Früh⸗ lingsweſte hereinrollten! Leben und nützliche Thätigkeit im wogenden Waſſer, knospende Verheißung im dunkelnden Walde; junge Liebe in jedes Vogels Sange! William ſtand neben ihm, ehe er ſeiner gewahr gewor⸗ —— 91 den. Charles wandte ſich zu ihm und legte ſeinen Arm in den ſeinigen. „Sieh' Dir dies an“, ſagte er. „Ich ſehe es.“ „Macht es Dich froh und wild?“ frug Charles. Läßt's nicht die letzte Woche in dem dunklen Hauſe wie zwanzig Jahre erſcheinen? Mögen die beiden guten Seelen, die uns verlaſſen haben, es auch ſchauen und ſich freuen, daß uns die Erde noch einige Freude zu bieten hat?“ „Ich hoffe es nicht“, ſagte William, ſich zu Charles wendend. „Und warum nicht?“ frug Charles, neugierig, was William antworten möchte. „Ich möchte Keinem von Beiden den Kummer gönnen, zu ſehen, was nun kommen wird.“ „Den Kummer!“ ſagte Charles, ſich voll zu ſeinem Milchbruder umwendend.„Laß ſie ſehen, wie wir uns dabei benehmen, William. Das wird ihnen nimmer die Herzen brechen, mein lieber Junge.“ „Charles“, ſagte William ernſt,„wiſſen Sie, was kommen wird?“ „Nein, ich kümmere mich auch nicht darum.“ „Es iſt etwas Entſetzliches für Sie, fürcht' ich“, ſagte William. „Haſt Du eine Ahnung davon, was es iſt?“ ſagte Charles. „Nicht die mindeſte. Doch hören Sie mich an. Letzte Nacht, gegen zwölf Uhr, ging ich zur Kapelle hinab, in der Abſicht, ein Ave über dem Sarge zu beten,— und da lag Maſter Cuthbert auf den Steinen. Ich verhielt mich 92 ruhig und ſprach mein Ave. Und plötzlich brach er in die Worte aus:„Ich habe meine Seele und mein Vermögen gewagt, um ihn zu retten; o Herr, gedenke mir's!“ „Das ſagte er, William?“ „Dieſelben Worte.“ „Dann kann er nicht von mir geſprochen haben. Es iſt möglich, daß ich auf eine oder die andere Weiſe nicht das Vermögen erhalte, das ich zu erwarten be⸗ rechtigt worden bin; aber jene Worte konnten ſich nicht auf mich beziehen. Geſetzt, ich müßte morgen früh bettel⸗ arm dieſes Haus verlaſſen, William, würde ich allein zu gehen haben? Ich bin ſehr kräftig und geduldig und lerne ſchnell, was ich mir vorſetze. Cuthbert würde mich nicht verlaſſen. Würdeſt Du mit mir kommen oder mich allein ziehen laſſen?“ „Sie wiſſen's. Wozu ſoll ich darauf noch antworten?“ „Wir könnten nach Canada gehen und uns dort an⸗ kaufen. Und Adelaide würde nachkommen, wann das Haus fertig wäre; Du würdeſt das Mädchen Deiner Wahl heirathen, und dann würden unſere Buben zuſam⸗ men aufwachſen und eben ſolche Freunde werden, wie wir ſind. Und mein Bube ſollte Dein Mädchen heirathen, und—“ Der arme träumende Charles, ſo unvorbereitet auf das, was ihm bevorſtand! In dieſem Augenblicke fuhr ein Wagen die Terraſſe heran, auf deſſen Bocke Lord Saltire's feierlicher Die⸗ ner ſaß. Charles und William waren Lord Saltire beim Aus⸗ ſteigen behülflich. Se. Lordſchaft ſagte, er würde bereits 93 verwünſcht ſteif und alt, wäre von dem Tode ſeines alten Freundes„verteufelt ergriffen“ worden, und hätte ſich verpflichtet gefühlt, herzukommen, um dem Andenken eines der beſten und rechtſchaffenſten Menſchen, die ihm in ſeiner ziemlich ausgebreiteten Praxis zu begegnen beſchieden ge⸗ weſen, ein letztes Zeichen ſeiner Achtung zu geben. Dann fuhr er, auf den Stufen ſtehend, fort: „Es iſt mir ſehr angenehm, von einem Geſichte bewill⸗ kommnet zu werden, das mir ſo lieb iſt wie das Ihrige, Charles. Es gewährte mir große Freude, als ich neulich in der„Times“ Ihren Namen auf der Liſte der Sieger in dem Bootrennen las. Mein Diener machte mich darauf aufmerkſam. Dergleichen iſt ſehr ehrenvoll für einen jungen Burſchen, wenn es nicht zur Vernachläſſigung an⸗ derer Pflichten führt, in welchem Falle es ſehr verderblich wird; bei Ihnen iſt dies nicht ſo geweſen. Der junge Mann da iſt, wie ich glaube, Ihr Milchbruder; wird er die Gefälligkeit haben, Miß Corby aufzuſuchen und ihr zu ſagen, daß Lord Saltire ſie bitten läßt, zu ihm zu kommen und mit ihm auf der Terraſſe ſpazieren zu gehen? Geben Sie mir Ihre Schulter, Charles.“ William eilte mit größter Bereitwilligkeit, den erhaltenen Auftrag auszu⸗ führen. „Ihre Stellung hier wird eine ſchwierige ſein, Charles“, fuhr Lord Saltire fort. „Gewiß, Mylord.“ „Ich wünſche, daß Sie in Zukunft Ihre Zeit zum größten Theile bei mir zubringen. Ich brauche Jemanden, der nach mir ſieht. Und dafür, daß ich Sie dann den ganzen Tag plage, werde ich Ihnen in allen beſten Häuſern 94 Zutritt verſchaffen und einen Mann aus Ihnen machen. Still! Kein Wort jetzt! Hier kommt unſer Rothkehlchen. Ich freue mich, ſie in Luft und Sonnenſchein herausgelockt zu haben. Wie angegriffen Sie ausſehen, mein liebes Kind! Wie geht es Ihnen?“ Die arme Mary ſah in der That bleich und elend aus; doch erhellte ſich ihr Antlitz beim Anblicke ihres alten Freundes. Alle Drei ſpazierten und unterhielten ſich mit einander wol über eine Stunde am friſchen Frühlings⸗ morgen. Nachmittags brachte ein Diener Lord Saltire ein Billet vom Pater Mackworth, in welchem um die Ehre er⸗ ſucht ward, Se. Lordſchaft zehn Minuten allein ſprechen zu dürfen. „Nun, ich werde wol mit dem Menſchen ſprechen müſſen“, ſprach der alte Herr zu ſich ſelber. „Meine Empfehlung an Mr. Mackworth, und ich wäre allein in der Bibliothek. Der Narr“, fuhr er fort, als der Diener das Zimmer verlaſſen,„warum läßt er alte Ge⸗ ſchichten nicht ruhen? Ich haſſe den Geſellen! Ich glaube, er iſt ebenſo falſch, wie ſeine Mutter war. Wenn er von dem Gegenſtande anfängt, ſo ſoll er die ganze Wahrheit zu hören bekommen.“ Unterdeſſen näherte ſich ihm Pater Mackworth, indem er durch die langen, dunklen Corridore ſchritt und lang⸗ ſamer, immer langſamer ging, je näher er dem Zimmer kam, in welchem der grimmige alte Mann ſaß. Er wußte, daß es ein Gefecht geben würde, und fürchtete im ganzen England keinen Mann ſo ſehr, als Se. Lordſchaft. Doch blieb ſein Entſchluß feſt; obgleich er faſt bis zuletzt die Abſicht hatte, nur über verhältnißmäßig gleichgültige Dinge zu ſprechen und nichts von dem Gegenſtande zu erwähnen, der ihm zunächſt am Herzen lag. „Wie geht es Ihnen, mein guter Herr?“ frug Lord Saltire, als Mackworth eintrat;„ich habe mit Ihnen den Verluſt unſeres lieben, alten Freundes zu beklagen. Weder Sie, noch ich werden je einen beſſern finden, Sir.“ Mackworth erwiderte in einigen alltäglichen Bemer⸗ kungen, worauf Lord Saltire ſich verbeugte, ohne zu ſprechen. Hierauf ſetzte ſich der Letztere, ſtützte ſeine Ellen⸗ bogen auf die Armlehnen ſeines Seſſels und blickte Pater Mackworth unverwandt in's Geſicht, indem er aus ſeinen beiden Daumen und Zeigefingern einen Triangel bildete. „Ich bin im Begriffe, Lord Saltire, Sie mit einigen Reminiscenzen aus meiner früheſten Kindheit zu lang⸗ weilen.“ Lord Saltire verneigte ſich und machte ſich's bequem in ſeinem Seſſel, wie Jemand, der eine gute Geſchichte zu hören erwartet. Mackworth fuhr fort: „Eine meiner früheſten Erinnerungen, Mylord, iſt die, daß ich auf einem franzöſiſchen Lyceum war.“ „Der große Fehler jener Inſtitute“, ſagte Lord Saltire nachdenklich,„beſteht in dem Wuſte von Dingen, die ſie oberflächlich lehren. Ich bitte um Vergebung, Sie unter⸗ brochen zu haben. Schnupfen Sie?“ Mackworth lehnte die dargebotene Erquickung mit großer Höflichkeit ab und ſprach weiter: „Ich wurde von einem Diener in Livree auf jene Schule gebracht.“ „Dann muß ich Ihnen wahrlich meine Entſchuldigungen 96 machen. Ich glaubte natürlich, der Haushofmeiſter wäre mit Ihnen gegangen. Aber in unſern großen Häuſern wiſſen wir nie genau, was unſere Leute ausführen.“ Dem Pater Mackworth gefiel das nicht beſonders. Es wurde ihm vollkommen klar, daß Lord Saltire von ſeiner Geburt und Herkunft nicht nur vollſtändig unterrichtet, ſondern auch bereit war, ihn darüber aufzuklären. „Lord Saltire“, ſagte er„ich habe niemals älterliche Pflege genoſſen und beſitze keinen andern Namen als den, welchen ich für einen erdichteten halte. Sie können mir einen Namen— vielleicht einen Vater oder einen Bruder geben. Wollen Sie das für mich thun?“ „Ich vermag weder das Eine noch das Andere, mein lieber Herr. Ich bitte Sie dringend, um Ihrer ſelbſt willen, nicht mit weiteren Fragen in mich zu dringen.“ Das Geſicht des alten Mannes hatte bei dieſer Antwort einen Ausdruck der Bekümmerniß angenommen. Mackworth glaubte, er nähere ſich ſeinem Ziele, und ſtrebte vorwärts. „Lord Saltire, ſo wahr Sie ein Gentleman ſind, ſagen Sie mir, wer meine Aeltern waren“, und indem er dies ſprach, ſtand er auf und ſtellte ſich mit verſchränkten Armen vor ihm hin. „Der Henker hole den impertinenten, theatraliſchen Laffen“, dachte Lord Saltire;„ganz und gar die Mutter! — Ich will Ihre Neugierde befriedigen, Sir“, ſagte er laut und ärgerlich.„Sie ſind der uneheliche Sohn einer franzöſiſchen Ballettänzerin!“ „Aber wer war mein Vater, Mylord? Beantworten Sie mir das und auf Ihr Ehrenwort.“ „Wer Ihr Vater war? Pardieu, Sie fragen mehr, 97 als ich Ihnen ſagen kann. Wenn es je ein Menſch gewußt hat, ſo muß dies Ihre Mutter geweſen ſein. Sie erlauben ſich einen Ton gegen mich, Sir, den ich mir gefallen zu laſſen nicht geſonnen bin. Ich wünſchte Ihnen eine weſentliche Demüthigung zu erſparen. Doch werde ich mir nunmehr, aus mancherlei Gründen, keine weitere Mühe darum geben. Hören Sie mich alſo an, mich, den Mann, der Sie vor dem Stalle bewahrte, Sir, und laſſen Sie dieſe thea⸗ traliſche Attitude. Ihre Mutter war die Maitreſſe meines Bruders und, in ihrer Art, eine geſcheidte Frau, und da ich ſie dann und wann traf, hinter den Couliſſen und Gott weiß wo ſonſt, und auch gelegentlich mit meinem Bruder beſuchte, ſo hatte ich eine gewiſſe Bekanntſchaft mit ihr, und ſie gefiel mir, wie uns ein geſcheidtes, geiſtvolles Weib dieſes Schlags überhaupt gefällt. Mein Bruder ſtarb. Bald darauf fiel Ihre Mutter in Armuth und Schande, unter Verhältniſſen, die ich Ihnen rathen möchte nicht weiter zu erforſchen, und auf ihrem Sterbelager empfahl ſie ihren Sohn meiner Obhut und bat mich, als einen alten Bekannten, Sorge zu tragen, daß Sie in ihrer Religion erzogen wür⸗ den. Die Bitte war unter den obwaltenden Umſtänden faſt eine Unverſchämtheit; da ich aber der Zeit gedachte, wo ich die Frau gern geſehen und mich der Beziehung er⸗ innerte, in der ſie zum armen, lieben John geſtanden hatte, ſo gab ich ihr das gewünſchte Verſprechen und that für Sie, was— ich gethan habe. Sie waren wenig über ein Jahr alt, als Ihre Mutter ſtarb, und mein Bruder da⸗ mals ſchon beinah' oder volle fünf Jahre todt. Während dieſes Zeitraums hatte Ihre Mutter drei Mal ihre Gönner gewechſelt. Nun, Sir!“ Kingsley, Ravenshoe. II. 7 — 98 Bei dieſer ganzen Erzählung ſtand Mackworth feſt wie ein Felſen vor Lord Saltire. Er hatte in den Augen des alten Mannes geleſen, daß jedes Wort, das dieſer ſprach, fürchter⸗ lich wahr war; doch hatte er nicht gewankt— keine Muskel ſeines Geſichts hatte gezuckt; aber er war todtenbleich ge⸗ worden. Als Lord Saltire geendigt hatte, verſuchte er zu ſprechen; allein ſeine Kehle war ihm wie ausgedorrt. Er lächelte, nahm, mit einer Verbeugung an Lord Sal⸗ tire vorüberlangend, ein Glas Limonade, welches neben dieſem ſtand und leerte es. Dann ſprach er mit klarer Stimme: „Sie ſehen, wie ſehr Sie mich übermannt haben, Mylord. Indem ich dieſe Unterredung ſuchte, hegte ich einige Hoffnung, Ew. Lordſchaft zu einem Bekenntniſſe meiner Verwandtſchaft mit Ihnen zu zwingen und dadurch meinem perſönlichen Ehrgeize zu dienen. Dies iſt mir fehlgeſchlagen. Ich habe Ihnen jetzt nur noch herzlich und aufrichtig für die Wohlthaten zu danken, die ich von Ihnen empfing, und Sie um Verzeihung meiner Indis⸗ cretion zu bitten.“ „Sie ſind ein tapferer Mann, Sir“, ſagte Lord Sal⸗ tire.„Ich halte Sie für keinen redlichen; aber ich achte alle Männlichkeit.“ „Sie hegen eine große Zuneigung zu Charles Ra⸗ venshoe, nicht wahr, Mylord?“ „Ja“, ſagte Lord Saltire,„ich liebe Charles Ravenshoe mehr als irgend ein menſchliches Weſen.“ „Vielleicht kommt eine Zeit, Mylord, wo er all' Ihrer Liebe und all' Ihres Schutzes bedürfen wird.“ „Sehr wol möglich. Ich kenne den Inhalt von ſeines 99 Vaters Teſtamente, und Diejenigen, welche dies Teſtament anzugreifen beabſichtigen, werden, wenn ihre Sache nicht ganz unbeſtreitbar iſt, wohl thun zu bedenken, daß Charles Ravenshoe Geldſummen zu Gebote ſtehen, die hinreichen dürften, die ganze Herrſchaft Ravenshoe mit den Proceß⸗ koſten zu Grunde zu richten.“ „Kein derartiger Verſuch wird gemacht werden, My⸗ lord. Doch bezweifle ich ſehr, ob Ew. Lordſchaft dem jungen Manne auch in Zukunft noch Ihre Protection ſchenken werden. Ich wünſche Ihnen einen guten Nach⸗ mittag.“ „Dieſer Menſch“, ſagte Lord Saltire,„hat eine Karte in der Hand, von der mir nichts bekannt iſt. Was thut's? Ich kann Charles adoptiren, und dann vermag er ihnen Trotz zu bieten. Ich wollte, ich könnte ihm auch meinen Titel geben; doch der wird erlöſchen. Ich bin froh, daß die kleine Mary zu Lady Hainault geht. Es wird der beſte Platz für ſie ſein, bis ſie ſich verheirathet. Ich wünſchte, mein thörichter Junge hätte ſich in ſie verliebt. Aber er wollte nicht.“ Mackworth eilte zurück auf ſein Zimmer. Auf dem Wege dahin ſprach er zu ſich ſelber:„ich bin ein Narr ge⸗ weſen, ein Narr! Ich hätte Cuthbert's Anerbieten an⸗ nehmen ſollen. Nur ein Narr konnte anders handeln. Einen Cardinalshut von ſich zu ſchleudern!“ „Heute Morgen hätte ich es nicht gekonnt; aber jetzt kann ich es. Der Sohn einer franzöſiſchen Figurantin, und ohne Vater. Vielleicht wiederholt er ſein Anerbieten noch einmal.“ „Wenn er es nicht thut,— Eines ſteht wenigſtens feſt: dieſer junge Flegel, der Charles, iſt ruinirt. Ah, ah! Mylord 100 Saltire, ich habe Sie gefaßt. Ich möchte wol das Geſicht des alten Mannes ſehen, wenn ich meinen letzten Trumpf ausſpiele! Das wird ein noch ſchönerer Anblick ſein, als ſelbſt die Miene Charles'! Sie wollen ihn zu Ihrem Erben machen, nicht Mylord, wie? Wollen Sie ihn lieber zu Ihrem Reitknechte machen?“ Er ging an ſein Schreibpult, nahm ein Couvert heraus und betrachtete daſſelbe. Er betrachtete es lange und legte es dann wieder an ſeinen Platz. Ich kann es nicht wagen, ihn damit zu verſuchen. Wenn er ſein Anerbieten von heute Morgen zurücknähme, ſo wäre ich ruinirt. Viel beſſer, ich warte und ſpiele dann keck mein Aß aus. Ihn behalte ich ſchon in meiner Hand, und William gehört mir mit Leib und Seele, wenn er ſtirbt. Unter dieſen Betrachtungen kleidete ſich der gute Prieſter zur Mittagstafel an. Behntes Rapitel. Das Begräbniß war vorüber. Charles hatte mit der armen weinenden Mary gewartet, um zu ſehen, wie der Sarg in die dunkle, grauenhafte Gruft verſenkt wurde, und das liebe Mädchen zu tröſten, das von keinem Troſte hören wollte. Und als die letzte wilde Klage der Orgel ver⸗ ſtummt war und alle die dunklen Geſtalten außer ihnen Beiden die Kapelle verlaſſen hatten, da ſtanden die armen Waiſen allein neben einander. Alles war vorüber, und erſt jetzt begannen ſie, ſich die Wirklichkeit klar zu machen: zu fühlen, was ſie verloren hatten. König Denſil war todt und König Cuthbert an der Regierung. Wenn ein Premierminiſter ſtirbt, ſo er⸗ ſchüttert das die Welt; ſtirbt das Parlamentsmitglied einer Grafſchaft, ſo iſt die Grafſchaft in Aufregung und die Op⸗ poſitionswähler, unbedeutend bis jetzt, werden plötzlich wichtige Größen und die möglichen neuen Deputirten mit einem Male große Männer. Ebenſo, wenn ein einfacher Landedelmann ſtirbt, das Haupt einer großen Familie, ſo verändern ſich damit die Beziehungen zwiſchen einem paar Dutzend Menſchen gänzlich. Der Hund von heute iſt nicht 102 mehr der Hund von geſtern. Die Diener ſind in Unruhe, gedenken ehemaliger Impertinenzen und beben. Die Pächter ergehen ſich in Muthmaßungen, was der junge Squire zuerſt unternehmen wird. Vielleicht denkt ſelbſt der alte Jagd⸗ hund, ob er wol den alten Platz vor dem Kaminfeuer be⸗ halten wird oder nicht, und jüngere Brüder kauen an den Nägeln und grübeln ebenfalls über mancherlei Dinge. Charles ſaß an jenem Nachmittage, nachdem er Marh an der Thür ihres Gemaches mit einem Kuſſe entlaſſen hatte, in ſeinem eigenen Zimmer in tiefem Brüten über Alles und Jedes. Ungeachtet ſeines Kummers frug er ſich, was nun wol kommen würde, und verſuchte ſich einzubil⸗ den, daß es ihm gleichgültig wäre. Dieſem Gemüthszu⸗ ſtande wurde er durch William entriſſen, welcher erſchien, ihm zu melden, daß Lord Segur im Begriff ſtände, abzu⸗ fahren und Lord Saltire mit ihm, dieſer letztere jedoch ihn zuvor noch zu ſprechen wünſchte. Lord Saltire hatte den Fuß bereits auf dem Wagen⸗ tritte.„Charles, mein lieber Junge“, ſagte er,„ſo wie die Angelegenheiten hier in Ordnung ſind, kommen Sie zu mir nach Segur Caſtle. Lord Segur wünſcht, daß Sie kommen und dableiben, ſo lange ich dort bin.“ Lord Segur ließ ſich aus dem Wagen heraus verneh⸗ men, er hoffte, Charles würde ſich einſtellen, ſobald er frei wäre. „Und beherzigen Sie“, ſagte Lord Saltire,„daß Sie nichts unternehmen dürfen, ohne mich um Rath zu fragen. Laſſen Sie den kleinen Vogel zu Lady Ascot hin⸗ überfliegen und dort die Reitknechte an die Luft ſetzen hel⸗ fen. Laſſen Sie das arme Kind nicht hier bleiben und ſich 103 härmen. Jetzt, adieu, mein lieber Junge. In ein paar Tagen ſehe ich Sie wieder.“ Damit fuhr der alte Mann von dannen. Als Charles dem Wagen nachſchaute, ſah er, wie ſich der glatte graue Kopf aus dem Fenſter bog und die große weiße Hand ihm zuwinkte. Und dieſen letzten Schimmer von dem glatten grauen Haupte und der weißen Hand hat und wird er nie vergeſſen! Ein Diener trat zu ihm heran und ſagte: Wollte er nicht die Güte haben, zu Mr. Ravenshoe in die Biblio⸗ thek zu kommen? Charles antwortete„Ja“, doch beeilte er ſich nicht. Er blieb noch eine kleine Weile auf der Ter⸗ raſſe ſtehen und beobachtete die weißen Seemöven und ſchaute auf das funkelnde Meer und hinaus zu der fernen Inſel. Dann wandte er ſich in das düſtere Haus zurück und ſchritt langſam der Thür des Bibliothekzimmers zu. Noch Jemand ſtand im Corridore— William, mit der Hand auf der Thürklinke. „Ich habe auf Sie gewartet, Maſter Charles“, ſagte er;„ſie haben mich ebenfalls rufen laſſen. Jetzt werden Sie etwas Erfreuliches erfahren.“ „Mir einerlei“, entgegnete Charles, und ſie gingen hinein. Einſt, weit draußen in der Fremde, hatte ich einen Schiffsjungen bei mir, einen gutmüthigen, hübſchen, ſorg⸗ loſen Burſchen, mit dem ich beſtändig lachte und ſcherzte. Wir hatten einander ſehr lieb. Ich verließ ihn eines ſchönen Sommertages um zwei Uhr an der Mündung unſeres Gold⸗ ſchachtes in ſchallendem Gelächter über eine Geſchichte, die ich ihm erzählt hatte, und um halb ſechs Uhr half ich den * zerſchmetterten Leichnam heraufwinden, der, lebend, ſeinen Namen getragen. Eine Sandſchicht war von der Decke des Ganges heruntergeſtürzt und hatte ihn getödtet, und ſein Lachen und Geſchichtenerzählen waren auf immer ver⸗ ſtummt. Wie fürchterlich ſind dieſe wahren Geſchichten! Und warum erzähle ich meine hier? Weil mir, wenn ich an den Tod dieſes armen Burſchen denke, niemals das geiſterhafte Ding vor die Seele tritt, welches aus der Fin⸗ ſterniß in die Sommerluft hinaufgewunden wurde, ſondern nur der arme Junge, wie er am Morgen vorher geweſen. Ich verſuche, ihn mir vorzuſtellen, wie er ausſah, als er ſich an die Ankerwinde lehnte, hinter ihm der Wald und in der Ferne die Berge, und ob ſich in ſeinem Wort oder in ſeinem Blicke wol das ihm bevorſtehende Schickſal ankün⸗ digte, ehe er fröhlich in ſein Grab hinunterſtieg. Ebenſo war es mit Charles Ravenshoe. Vollkommen deutlich iſt ihm ein Theil des erfolgenden Auftrittes er⸗ innerlich; aber vor Allem ſucht er ſich zurückzurufen, wie Cuthbert ausſah, und wie Mackworth, ehe die fürchter⸗ lichen Worte geſprochen wurden. Nachdem Alles vorüber war, ſo ſagt er mir, entſinnt er ſich jedes, auch des unbe⸗ deutendſten Zwiſchenfalles auf das Deutlichſte. Aber ſein Gedächtniß hat ihn etwas verlaſſen in Bezug auf die erſten paar Minuten, die vergingen, als er und William in's Zimmer getreten waren. Er ſagt, Cuthbert hätte ſehr blaß am Tiſche geſeſſen, auf dem ſeine gefalteten Hände ge⸗ ruht, und ihn mit ausdrucksloſem Geſichte angeſtiert, und Mackworth, mit dem Rücken gegen den Kamin, ihn mit ſcharf neugierigem Blicke betrachtet. Charles nahte ſich ſchweigend ſeinem Bruder und küßte ihn auf die Stirn. Cuthbert rührte ſich nicht und ſprach nicht. Charles grüßte Mackworth höflich; lehnte ſich dann neben ihm auf der andern Seite an den Kaminſims und bemerkte, welch' ein herrliches Wetter es wäre. William ſtand in einiger Entfernung und blickte unruhig von Einem zum Andern. Cuthbert brach das Schweigen.„Ich ließ Euch rufen“, ſagte er. „Ich komme gern zu Dir, Cuthbert, obgleich Du mich, wie ich glaube, Geſchäfte halber kommen ließeſt, zu denen ich heute nicht ſehr aufgelegt bin.“ „Ja, in Geſchäften“, ſagte Cuthbert;„ein Geſchäft, das heute abgemacht werden muß, wenngleich ich erwarte, daß es mein Tod ſein wird.“ Charles trat, durch irgend einen Inſtinct getrieben (wer weiß, was es war? nichts Beſtimmtes, wie er ſagt ſchnell zu William hin und legte ſeine Hand auf deſſen Schulter. Ich denke mir, er that es in dem eigenthüm⸗ lichen Drange, mit dem, in Augenblicken großer Angſt oder großen Schreckens, der Menſch an den andern ſich an⸗ zuſchließen ſtrebt. Er hätte nichts Beſſeres thun können, als ſich zu ſeinem treueſten Freunde ſtellen, was ihn auch immer dazu trieb. „Ich möchte Dich gern vorbereiten auf das, was kommen muß“, fuhr Cuthbert fort, indem er ſehr ruhig und mit der merkwürdigſten Deutlichkeit ſprach;„doch wäre dies nutzlos. Der Schlag würde Dich mit der⸗ ſelben Gewalt treffen, ob Du auf ihn vorbereitet wäreſt oder nicht. Ihr Beide, die Ihr dort ſteht, wurdet von der gleichen Bruſt geſäugt. Der Reitknecht dort, auf deſſen — 106 Schulter Deine Hand ruht, er iſt mein leiblicher Bruder. Du biſt mir nicht verwandt; Du biſt der Sohn des treuen alten Dieners, welchen wir heute mit meinem Vater in die Gruft geſenkt haben.“ Charles ſagte„Ach!“ wie wenn er tief aufſeufzte. William ſchlang ſeinen Arm um ihn und ſprach, indem er den Finger erhob und ihm mit ſeinen ruhigen, ehrlichen Augen in's Geſicht blickte: „Das war's alſo. Jetzt wiſſen wir Alles.“ Charles brach in ein wildes Lachen aus und ſagte: „Pater Mackworth's Trumpf⸗Aß! Er hat ein drama⸗ tiſches Talent von ſeiner ſeligen Frau Mutter geerbt. Halt! Ich bitte Sie um Verzeihung, Sir, daß ich das geſagt habe; ich that's in der Uebereilung. Es war flegel⸗ haft von mir. Laſſen Sie uns die Beweiſe ſehen, und Alles, was dazu gehört, und Zeugen, wenn Sie ſo gut ſein wollen. Pater Mackworth, man hat ſchon erlebt, daß Leute wegen Conſpiration verfolgt worden ſind. Ich habe Lord Ascot und Lord Saltire, die mich ſchützen werden. Sie haben einen verzweifelten Wurf gethan, Sir. Ich verwundere mich nur, daß Sie Ihrem Haſſe gegen mich geſtattet haben, Ihre Klugheit ſo ganz in den Hintergrund zu drängen. Dieſe Geſchichte wird Geld koſten, ehe ſie entſchieden iſt. Pater Mackworth lächelte, und Charles ſchritt an ihm vorüber und klingelte. Dann ging er zu William zurück und nahm deſſen Arm. „Bitte die beiden Herren Tiernay, ſogleich hierher zu kommen“, ſagte Charles zu dem Diener, der auf den Ruf der Glocke erſchienen war. In wenigen Minuten waren die beiden würdigen 107 Prieſter im Zimmer. Die Gruppe hatte ſich nicht ver⸗ ändert. Pater Mackworth lehnte noch immer am Kamin⸗ ſims, Charles und William ſtanden neben einander und Cuthbert ſaß bleich und gelaſſen mit vor ſich hin gefal⸗ teten Händen da.“ Pater Tiernay ſchaute auf die verſtörte Gruppe und wurde unruhig.„Würde es nicht beſſer ſein, die Schlich⸗ tung etwaiger Familienzwiſtigkeiten auf einen andern Tag zu verſchieben? Bei einer ſo feierlichen Gelegenheit—“ „Das Eis iſt gebrochen, Pater Tiernay“, antwortete Charles.„Cuthbert, ſage ihm, was Du mir eröffnet haſt.“ Cuthbert that dies mit leiſer, ruhiger Stimme. „Nun“, ſagte Charles zu Pater Tiernay,„wie gefällt Ihnen das?“ „Ich bin ſo erſtaunt und erſchüttert“, verſetzte Pater Tiernay,„daß ich nicht weiß, was ich ſagen ſoll.„Es muß eine Täuſchung ſein, mein lieber Herr. Die Aehn⸗ lichkeit zwiſchen Ihnen, Mr. Cuthbert, und Mr. Charles iſt ſo groß, daß ich es nicht glauben kann. Mackworth, was haben Sie dazu zu ſagen?“ „Sehen Sie William an, der neben Charles ſteht“, ſagte der Prieſter mit großer Ruhe,„und ſagen Sie mir, welcher von Beiden die größte Aehnlichkeit mit Cuthbert hat.“ „Charles und William ſind ſich allerdings ſehr ähnlich“, ſagte Tiernay,„aber—“ „Erinnern Sie ſich James Horton's, Tiernay?“ ſagte Mackworth. „Ganz gewiß.“ 108 „Iſt Ihnen jemals die Aehnlichkeit zwiſchen ihm und Denſil Ravenshoe aufgefallen?“ „Ich habe dieſelbe allerdings bemerkt, beſonders eines Abends. Eines Abends im vorigen Herbſte, als ich nach ſeiner Hütte ging. Ja— nun?“ „James Horton war Denſil Ravenshoe's Halbbruder. Er war ein natürlicher Sohn von Peter Ravenshoe.“ „Allgütiger Gott!“ „Und der Mann, den Sie Charles Ravenshoe, ich Charles Horton nenne, iſt ſein Sohn.“ Charles blickte mit verſtörtem Geſichte ungeſtüm von Einem zum Andern. „Fragen Sie ihn, Pater Tiernay“ ſagte er,„was für Beweiſe er hat. Vielleicht theilt er uns das mit.“ „Sie hören, was Mr. Charles ſagt, Mackworth. Ich wende mich an Sie, weil Sie zuletzt geſprochen haben. Sie müſſen ſicherlich ſtarke Beweiſe haben für eine ſo er⸗ ſtaunliche Angabe.“ „Ich habe die Handſchrift ſeiner Mutter“, antwortete Pater Mackworth. „Meiner Mutter, Sir“, ſagte Charles, mit blitzenden Augen einen Schritt näher zu ihm herantretend. „Sie vergeſſen, wer Ihre Mutter war“, ſagte Mack⸗ worth.„Ihre Mutter war Norah, James Horton's Frau. Sie hat mir den gottloſen Betrug gebeichtet, den ſie be⸗ gangen und ihre Beichte zu Papiere gebracht. Ich beſitze dieſelbe. Es bleibt Ihnen kein Fuß breit Grund, auf den Sie ſich ſtellen können. Fünfzig Lord Saltire's könnten Ihnen nichts nützen. Sie müſſen ſich darein finden. Sie haben in Luxus gelebt und eine koſtſpielige Erziehung ge⸗ noſſen, während Sie den Stall hätten kehren ſollen. Weit entfernt, davon überwältigt zu werden, ſollten Sie be⸗ denken, wie furchtbar die Wagſchale gegen Sie iſt. Er ſprach mit einer ſo entſetzlich überzeugenden Ruhe, daß Charles das Herz ſank. Er kannte ſeinen Mann. „Cuthbert“, ſagte er,„Du biſt ein Gentleman, iſt dies wahr?“ „Gott weiß, wie gräßlich wahr es iſt“, ſagte Cuth⸗ bert ruhig. Dann trat ein Schweigen ein, das von Charles in einer ſeltſamen, heiſern Stimme gebrochen wurde, wie ſie Keiner der Anweſenden je an ihm gehört hatte. „Ich möchte mich irgendwo ſetzen. Ich möchte Etwas zu trinken haben. Will, mein Herzensjunge, nimm mir dieſe ver— te Geſchichte vom Halſe hinweg! Ich kann nicht ſehen; wo iſt hier ein Stuhl! O, Gott!“ Er fiel ſchwer gegen William, todtenbleich, ohne Kraft oder Bewußtſein. Und Cuthbert ſchaute zum Prieſter auf und ſprach mit leiſer Stimme: „Sie haben ihn getödtet.“ Allmählich kam er wieder zu ſich, ſtand wieder auf ſeinen Füßen, und ſchaute um ſich wie ein Hirſch oder ein Reh, das, in die Enge getrieben, um ſich blickt, um zu ſehen, welcher Hund es angreifen wird, mit einem jammervollen, wilden Blick, einem Blicke ſo voller Verzweiflung und doch voller Trotz. Es herrſchte eine Todtenſtille. „Dürfen wir dieſes Papier ſehen?“ ſagte Charles endlich. Pater Mackworth behändigte ihm daſſelbe augenblicklich, und er las es. Es war vollkommen überzeugend. Er ſah, daß ihm nicht die entfernteſte Chance blieb. Die 110 beiden Tiernay's laſen es und ſchüttelten die Köpfe. William las es und wurde blaß. Und dann ſtanden Alle und ſchauten einander mit verſtörten Geſichtern an. „Sie ſehen“, ſagte Pater Mackworth,„daß Ihnen ein zweifaches Verfahren offenſteht. Entweder, einerſeits, ſich bei der Wahrheit dieſer Angabe zu beruhigen, oder aber, andererſeits, mich vor Gerichte wegen Conſpi⸗ ration und Fälſchung zu belangen. Reuſſiren Sie auf letztere Weiſe, ſo würde ich Ihnen aus dem Wege de⸗ portirt werden und die Sache damit ein Ende haben. Aber jeder praktiſche Mann würde Ihnen ſagen, und Sie ſelber werden es in ruhigeren Augenblicken einſehen, daß kein Advocat die Führung Ihrer Sache übernehmen würde. Was meinen Sie, Pater Tiernay?“ „Ich kann nicht ſehen, welche Chance er hat, der arme liebe Junge“, ſagte Pater Tiernay.„Mackworth“, fügte er plötzlich hinzu. Pater Mackworth begegnete ſeinem Auge mit einem feſten Blicke, und Tiernay überzeugte ſich, daß von dieſer Seite auf keine Erklärung zu hoffen war. „Hingegen“, fuhr Pater Mackworth fort,„wenn Sie ſich ruhig in dieſen neuen Stand der Dinge fügen(denn ſchließlich muß dies doch geſchehen, ob ruhig oder anders, haben Sie ſelbſt zu entſcheiden), ſo bin ich zu ſagen er⸗ mächtigt, daß ſie auf das Großmüthigſte verſorgt und alle Ihre Abſichten und Pläne dadurch in keiner Beziehung beeinträchtigt werden ſollen. Ich glaube, ich darf dies ſagen, nicht wahr, Mr. Ravenshoe?“ „Unter allen Umſtänden, Sir“, ſagte Cuthbert mit —— ruhiger, leidenſchaftsloſer Stimme.„Es iſt meine Abſicht, 1 dieſem Herrn, den ich vor wenigen Tagen noch für meinen Bruder gehalten habe, jährlich dreihundert Pfund auszu⸗ ſetzen. Vor weniger als vierundzwanzig Stunden, Charles, bot ich Pater Mackworth zehntauſend Pfund an, wenn er dieſes Papier vernichten wollte. Ich war bereit, um Deinetwillen eine Schurkerei zu begehen, Charles, die ein ganzes Leben voller Gewiſſensqual nach ſich gezogen und meinen eigenen Bruder, William, ſeines Erbtheils beraubt haben würde. Du ſiehſt, welch' ein armſeliger, ſchwacher Schurke ich bin, und welch' ein Verbrecher ich, bei nur einiger Verſuchung, werden könnte. Pater Mackworth that ſeine Pflicht und wies mich ab. Ich ſage Dir das, um Dir zu beweiſen, daß er von der Wahrheit der Sache jedenfalls aufrichtig überzeugt iſt.“ „Du haſt gehandelt, wie man es von Dir erwarten konnte, Cuthbert. Wie Jemand, der Leib und Seele wagen würde für Einen, den er liebt.“ Er ſchwieg; doch erwarteten ſie, daß er weiter ſprechen würde. Und ſehr gelaſſen fuhr er mit leiſer Stimme fort: „Es wird Zeit, daß dieſer Auftritt endet. Niemandem kann damit gedient ſein, wenn er noch länger fortgeſetzt wird. Ich wünſche, noch einige wenige Worte zu ſagen, man möge ſie gewiſſermaßen als die Worte eines Ster⸗ benden betrachten; denn Niemand von den hier Anweſen⸗ den wird mich jemals wieder ſehen, bis zu dem Tage, wo ich mein Recht auf den Namen geltend machen kann, den ich ſo lange getragen habe,— und dieſer Tag wird niemals kommen.“ Wieder eine Pauſe. Er benetzte ſeine Lippen, welche trocken und aufgeſprungen waren, und fuhr dann fort: —— u2 „Hier haben Sie das Papier, Pater Mackworth, und mag Gott im Himmel Richter zwiſchen uns Beiden ſein, wenn dieſes Papier lügt!“ Pater Mackworth nahm es und wiederholte, ihm feſt in's Geſicht blickend, Charles' letzte Worte, und das Herz des Armen ſank immer mehr, als er ihn beobachtete und fühlte, wie alle Hoffnung dahin war. „Mag Gott im Himmel Richter zwiſchen uns Beiden ſein, Charles, wenn dieſes Papier lügt! Amen.“ „Ich weiſe den Beiſtand“, fuhr Charles fort,„den Mr. Ravenshoe mir ſo großmüthig anbietet, auf das Ent⸗ ſchiedenſte zurück. Ich gehe allein in die weite Welt, um meinen Weg ſelbſt zu machen oder vergeſſen zu werden. Cuthbert und William, Ihr werdet Euch eine Zeit lang darüber grämen, doch nicht lange. Zuweilen in dunklen Winternächten, wann der Wind heult, werdet Ihr an mich denken, nicht wahr? Ich werde Euch niemals ſchreiben und nie hierher zurückkehren. Schlimmeres als dies iſt ſchon über Menſchen gekommen, und ſie ſind doch nicht geſtorben.“ Er ſprach Alles mit vollkommener Faſſung und ohne ein Beben in ſeiner Stimme. Es war eine erhabene Verzweiflung Pater Tiernay, der William anſchaute, ſah in deſſen Geſichte eine Art von ſarkaſtiſchem Lächeln, welches ihn erſtaunlich verblüffte. „Es wird beſſer ſein, wenn ich mein Teſtament mache“, ſagte Charles.„Ich möchte, daß William mein Pferd, den Monté, ritte. Es hat ſich zwar am Beine verletzt, wie Sie wiſſen, Sir“, ſetzte er, zu William gewandt, hinzu, 113 „aber es wird Sie doch noch gut tragen und Sie werden gut mit ihm umgehen.“ William ſtieß ein kurzes, trockenes Lachen aus. „Ich hätte wol gern meinen Dachshund mitgenom⸗ men; allein ich denke, es iſt beſſer, ich thue es nicht. Ich mag nichts um mich haben, was mich an dieſes Haus er⸗ innert. Nach meinem Windhunde und meinem Hühner⸗ hunde wird geſehen werden, das weiß ich. Es würde mir ein angenehmer Gedanke ſein, wenn ich wüßte, daß William mein Zimmer bezogen und von allen meinen Gewehren, Angelruthen und ſo weiter Beſitz genommen hätte. Bei Venables in St. Aldate zu Oxford liegt noch eine Doppel⸗ flinte von mir, welche abgeholt werden ſollte.“ „Und jetzt, Sir“, ſprach er, ſich zu Cuthbert wendend, „habe ich ein paar Worte in Geldangelegenheiten zu ſagen. Ich bin etwa 150 Pfund Sterling in Oxford ſchuldig. Es war ſeiner Zeit bei Weitem mehr; doch bin ich neuerlich vorſichtiger geweſen. Ich habe die Rechnungen oben. Wenn dies bezahlt werden könnte—“ „Bis auf den letzten Heller, mein lieber Charles“, ſagte Cuthbert,„aber—“ „Still!“ ſagte Charles,„ich habe noch fünfund⸗ zwanzig Pfund an baarem Gelde. Darf ich dies behalten?“ „Ich will Dir eine Anweiſung auf fünfhundert ſchrei— ben. Ich werde Deinen Entſchluß wanken machen, Charles“, ſagte Cuthbert. „Niemals, das walte Gott!“ erwiderte Charles. „Ich habe jetzt nur noch Abſchied zu nehmen. Ich verlaſſe dieſes Zimmer, ohne einen bittern Gedanken gegen irgend wen der Anweſenden. Pater Mackworth, ich bitte Sie 8 Kingsley, Ravenshoe. II. 6 114 um Ihre Verzeihung. Ich bin oft roh und unhöflich gegen Sie geweſen. Ich nehme an, daß Sie es ſtets gut mit mir gemeint haben. Leben Sie wohl.“ „Er gab Mackworth die Hand, dann den beiden Tier⸗ nay's. Darauf reichte er ſie William, der ſie mit einem Lächeln nahm, und endlich trat er zu Cuthbert und küßte ihn auf die Wange. Dann wandte er ſich zur Thür und in die Halle hinaus. Als er ging, drehte ſich William um, wie um zu Cuthbert zu reden; doch Cuthbert hatte ſich erhoben und William zögerte einen Augenblick. Cuthbert war aufgeſtanden und blickte jetzt wild um ſich; dann ſagte er:„O mein Gott, er iſt fort!“ Damit brach er ſich Bahn durch die Anderen und lief in die Halle, indem er rief:„Charles, Charles, komm' zuräck. Nur noch ein Wort, Charles!“ Und ſie ſahen, wie Charles ſtehen blieb und Cuthbert vor ihm niederkniete, und hörten, wie er ihn ſeinen veinzigen, lieben Bruder« nannte und ſagte, er möchte für ihn ſterben. Und Pater Tiernay ſchloß haſtig die Thür, damit jene beiden wilden Herzen mit einander allein wären in der alten Halle. Pater Tiernay kam zu William zurück und faßte ihn bei beiden Händen.„Was werden Sie thun?“ frug er. „Ihm folgen, wohin er immer geht“, ſagte William. „Ich will ihn nie wieder verlaſſen. Wenn er bis an's Ende der Welt geht, ſo gehe ich mit ihm.“ „Braver Burſche!“ ſagte Pater Tiernay.„Wenn er von hier fort geht und wir ihn aus den Augen laſſen, ſo werden wir ihn nimmer wiederſehen. Wenn Sie aber mit ihm gehen, ſo können Sie ſeinen Entſchluß erſchüttern.“ 115 „Das wird mir nie gelingen“, ſagte William.„Ich kenne ihn nur zu gut. Aber ich will ihn vor Dem be⸗ wahren, woran mich's zu denken ſchaudert. Ich will jetzt zu ihm gehen. Ich werde Sie ſogleich wiederſehen; aber jetzt muß ich bei ihm ſein.“ Er ging hinaus in die Halle. Da ſtand Cuthbert allein, und Charles war fort. 8* Elftes Kapitel. In der langen Winternacht, wann man aus böſem Traum erwacht und ſchlaflos und erſchreckt vom feier⸗ lichen Bahrtuche der Dunkelheit daliegt, in ſolcher todten⸗ ſtillen, finſtern Nacht; wann das Fenſter nur einen düſtern Flecken entſchiedenen Dunkels zeigt, im Gegenſatze zu dem Nichts der Wände; wann man das Geheul des Sturmes um Dach und Eſſen als einen lärmenden Geſellſchafter willkommen heißen würde,— nur in ſolchen todtenſtillen Augenblicken, wo man wie im Schweigen des Grabes ruht, vergegenwärtigen wir uns, daß wir eines Tages in jenem Bette liegen und gar nicht mehr denken werden,— daß bald die Zeit kommen wird, wo wir ſterben müſſen. Unſere Prediger erinnern uns wol oft genug daran; aber im Kirchenſtuhl und im hellen Tageslichte vermögen wir es uns nicht vorzuſtellen. Dazu muß man in der Nacht erwachen und dem Gedanken, wie ein Mann, in's Auge ſehen, daß der Tod kommen wird, und zwar zu neun⸗ undneurzig unter Hunderten von uns nicht im betäubenden Donner der Geſchütze, wann der Sieg errungen iſt; nicht, wann man Hülfe bringt einem geſtrandeten Schiffe oder 1 in ähnlichen glorreichen Momenten, wo die Seele Herrin iſt über den Leib,— ſondern im Bette und Schritt für Schritt. Nur in der Stille und Dunkelheit ſind wir im Stande, uns dieſes zu vergegenwärtigen. Hoffen wir, daß wir uns alsdann zugleich in Demuth erinnern, daß der Tod für uns überwunden iſt, und daß wir ihn trotz unſerer Unwürdigkeit zu beſiegen vermögen. Zuweilen kommt uns nachher der Gedanke:»Gibt es keine ſchlimmeren Uebel, als den Tod?« Ich habe dieſe kurzen Bemerkungen vorausgeſchickt, (ich habe ſolcher in dieſer Erzählung ſehr wenige gemacht, weil ich den Leſer lieber zu eigenem Nachdenken anregen, als ihm fertige Reflerionen liefern will), weil Charles Ravenshoe einmal in ſeiner wilden Weiſe gegen mich aus⸗ ſprach, er fürchte den Tod nicht, da er bereits einmal geſtorben wäre. Ich ſagte nichts darauf, ſondern wartete, bis er fort⸗ fahren würde. „Denn was iſt der Tod, ſelbſt im ſchlimmſten Falle?“ ſprach er weiter.„Ein Grauen; dann ein mehr oder minder heftiger Schmerz; dann ein vollſtändiges Loslöſen von allen Banden dieſer Welt und gänzlicher, dauernder Verluſt alles Deſſen, was man geliebt hat. Darauf Ge⸗ wiſſensqual und nutzloſe Reue und die gräßliche Folter, von unabläſſig uns vor der Seele ſchwebenden Gelegen⸗ heiten, die man muthwillig verſäumte. Das eintönige Lied der böſen Geiſter:»Zu ſpät! zu ſpät!« Ich habe alles Dies erduldet! Ich habe erfahren, was ſehr wenige Menſchen erfahren und überlebt haben:— Verzweif⸗ lung. Vielleicht die fürchterlichſte Pein von Allem aber 118 war mir eine Zeit lang das Gefühl des Verluſtes meiner Identität,— der Gedanke, daß ich nicht mehr ich ſelbſt war. Dies ſpülte zuweilen, nur zuweilen, auch den letzten Rettungsbalken unter mir fort, an dem ich mich noch zu klammern vermochte: das Bewußtſein nämlich, daß ich ein Gentleman ſei. Als die Sündflut kam, war das der einzige Glaube, den ich beſaß, und ich fand mich ſo⸗ zuſagen allein auf dem mitternächtigen Oceane, fern von allem Lande, und ſchwamm mit ſinkender Kraft dahin.“ Ich habe Charles hier für ſich ſelber reden laſſen. Ich weiß, daß ich damit Recht gethan habe. Jetzt müſſen wir ihm unverzagt durch die zunehmende Dunkelheit folgen; wol iſt er von Grauen und Angſt erfüllt, aber noch nicht von Verzweiflung. Es kam ihm keinen Augenblick in den Sinn, die Wahr⸗ heit von Pater Mackworth's Angaben zu bezweifeln. Hatte er wirklich anfangs Zweifel gehegt, ſo ſchwanden dieſelben, als Mackworth ihn mitleidsvoll anſchaute und ſagte:„Mag Gott Richter zwiſchen uns ſein, wenn dieſes Papier lügt!“ Obgleich er Mackworth mißtraute, ſo fühlte er doch, daß kein Menſch, und wäre er ein noch ſo vollkommener Schau⸗ ſpieler, ſo auszuſehen und ſo zu reden im Stande ſein würde, wenn er nicht das, was er ſagte, für die Wahrheit hielte. Und daß er und Norah Beide ſich täuſchten, dünkte ihm unmöglich. Nein. Er war der Sproß von Peter Ra⸗ venshoe's unehelichem Sohne von einer iriſchen Bäuerin. Er, der vor kaum einer halben Stunde noch Erbe eines ſtolzen alten Namens, eines edlen alten Hauſes, das der Stolz des ganzen Weſtens war, der Erbe von Hunderten von Morgen rauſchender Wälder und wogender Kornfelder, 109 von zwanzig blühenden Meiereien geweſen, die tief in fried⸗ lichen Thälern oder hoch oben auf luftigen Ebenen lagen — er war jetzt nichts mehr als— ein Bauer, ein Be⸗ trüger. Die Pächter, die Fiſcher, die Diener,— ſie Alle mußten es erfahren. Wäre er geſtorben(o! wie viel beſſer als dies), ſo würden ſie ihn betrauert haben; was aber mußten ſie jetzt ſagen oder denken? Daß er, der Gönner, der Ver⸗ mittler, der herablaſſende junge Prinz, das Kind einer Dienſtmagd und eines Wildhüters war! O, Mutter, Mutter, Gott verzeihe Dir! Adelaide— was würde ſie von Alledem denken? Er kam zum Entſchluſſe, daß er ſie aufſuchen und ihr die ganze jammervolle Geſchichte erzählen müßte. Sie war ehrgeizig; aber ſie liebte ihn. O ja, ſie liebte ihn. Sie würde warten. Da gab's ja Länder jenſeit des Meeres, wo man in wenigen Jahren ein Vermögen ſchaffen konnte, vielleicht ſchon in einem einzigen. Da war Canada, Auſtra⸗ lien und Indien, wo der Mann nichts brauchte als Energie. Von den Ravenshoes wollte er niemals einen Heller an⸗ nehmen, außer den fünfundzwanzig Pfund, die er noch hatte. Dies war ein Entſchluß, den nichts umſtoßen konnte. Und wozu ſollte er es auch? Es gab ja Gold zu graben und Wälder zu roden in fernen, glücklichern Ländern. Ach, armer Charles! Er hat noch keinen Fuß über England hinaus geſetzt und wird's vielleicht nimmer thun. Er dachte nur dieſes einzige Mal im Ernſte daran. Nie hatte ihm Jemand das Ding verſtändig vorgeſtellt. Die Leute wandern nur aus Trägheit, aus Unruhe oder aus Nothwendigkeit aus. Die beiden erſteren Eigenſchaften 120 quälten ihn nicht, und die letztere war noch nicht vorhanden. Vielleicht wäre es beſſer für ihn geweſen, hätte er ſich nach den Hinterwäldern oder nach den Goldgruben aufgemacht; aber, wie er ſich ſelbſt hierüber ausdrückt, der Grund, wes⸗ halb er es nicht that, war— daß er es nicht that. Indeß gewährte ihm der Gedanke an dergleichen Unternehmungen in dieſer Kriſis ſeines Lebens einen kurzen Troſt, nur auf eine kleine Weile, dann kamen wieder Angſt und düſteres Brüten über ihn. Lord Saltire? Er würde es von Andern erfahren. Es war Charles' Pflicht(meinte er), Lord Saltire nicht wiederzuſehen. In ſeiner jetzigen Stellung in der menſch⸗ lichen Geſellſchaft, als der Sohn eines Bedienten, verhin⸗ derte ihn nichts, Lord Saltire zu bitten, für ihn zu ſorgen, außer— was war es? Stolz? Nein, nicht gerade Stolz. Er war demüthig genug, Gott weiß es; aber es war ihm, als ob er ſein Wohlwollen gewiſſermaßen unter falſchem Vorwande gewonnen hätte und als verbiete ihm ſeine Pflicht, noch ferner dies Wohlwollen zu mißbrauchen. Und würde Lord Saltire wol derſelbe ſein gegen den Sohn einer Kammerjungfer, der er gegen den muthmaß⸗ lichen Erben von Ravenshoe geweſen war? Nein; keine Demüthigung vor jenen ſtrengen, grauen Augen. Da begann er zu fühlen, daß er den Eigenthümer jener grauen Augen aufrichtiger liebte, als er es je geglaubt hatte, und es war wie ein Schimmer von Freude in dem Gedanken, daß Lord Saltire, wenn er hörte, wie ſein früherer Lieb⸗ ling allein und ohne allen Beiſtand mit der Welt wacker ringe, vielleicht ſagen würde:„Jener Burſch war ein braver Junge, ein Gentleman trotz alledem.“ —— 121 Marſton? Würde dieſes fürchterliche Ereigniß, ſo neu und fürchterlich, daß man es nur erſt halb zu würdigen vermochte,— würde es bei ihm eine Veränderung be⸗ wirken? Möglicherweiſe. Doch, ob ſo oder nicht,— hier wollte er ſich demüthigen und von ihm gerechte Vor⸗ würfe hinnehmen für Trägheit und Verſäumniß der ihm gebotenen Gelegenheiten, wie bitter dieſe Vorwürfe auch ſein mochten. Und Mary? Die arme, kleine Mary? Ach! Sie würde bei der lieben Lady Hainault gut aufgehoben ſein. Das war Alles. Ach, Charles! Welch bleiches, kleines Weſen war es, das eben jetzt erſchrocken, mit thränen⸗ loſen Augen an Deiner Thüre lauſchte, bis Du Dich regen würdeſt? Wer ſah Dich vor einer Stunde die Treppe heraufkommen, wie Du, gleich einem Wahnſinnigen, Dein Haar mit beiden Händen raufteſt; wer hörte, wie Du Dich auf den Fußboden warfſt; wer hat ſeitdem geduldig geharrt, um zu ſehen, ob ſie Dich nicht tröſten könnte, wär's auch noch ſo wenig? Ach, Charles! Du thörichter Menſch! Er dachte und dachte— bald mit Zorn, bald mit Thränen, dann wieder mit Angſt und Grauen—, bis ſeine Stirn heiß und ſeine Hände trocken waren und ſeine Ge⸗ danken endlich eine beſtimmte Richtung verfolgten. Er ſah ein, daß gehandelt werden mußte, und kam zu einem großen, edlen Entſchluſſe, der ſeiner würdig war. Die ganze Welt ſtand auf der einen Seite und er allein auf der andern. Demüthig und tapfer wollte er der Welt entgegentreten und ſie beſiegen. Er wollte von vorn an⸗ fangen und ſehen, was er werth wäre in der Welt, und dann, wenn er ſich würdig befände, von Neuem die Liebe 122 und Achtung Derer fordern, die bisher ſeine Freunde ge⸗ weſen waren. Wie er beginnen ſollte, wußte er nicht und es war ihm auch gleichgültig; aber es mußte von unten auf ſein. Und als er dieſen Entſchluß gefaßt, ſtand er auf und trat dem Tage wieder vor die Augen. Eine ſtille Geſtalt ſaß in ſeinem Armſtuhle und be⸗ obachtete ihn. Es war William. „William! Wie lange biſt Du ſchon hier 52 „Beinah' eine Stunde. Ich kam gleich nach Ihnen herein, und Sie haben ſeitdem auf dem Kaminteppiche ge⸗ legen und geſtöhnt.“ „Eine Stunde? Iſt es erſt eine Stunde?“ „Eine kleine Stunde.“ „Es ſcheint mir wie ein Jahr. Es iſt noch nicht dunkel, ſehe ich; noch ſcheint die Sonne, nicht wahr?“ Er ging an's Fenſter und ſchaute hinaus.„Frühling“, ſagte er,„junger Frühling. Vielleicht noch fünfzig ſolche zwiſchen mir und der Ruhe! Sehe ich älter aus, William?“ „Sie ſehen blaß und verſtört aus, aber nicht älter. Ich bin ſtarr vor Erſtaunen und betäubt. Ich möchte, daß Sie wieder ſich ſelbſt ähnlich würden und mir bei⸗ ſtünden, Charles. Wir müſſen zuſammen dieſes Haus verlaſſen.“ „Du mußt hier bleiben, William; Du biſt der Erbe des Namens und Hauſes. Du mußt hier bleiben und Deine Pflicht erlernen. Ich muß hinaus und meinen er⸗ müdenden Pfad allein wandern.“ „Sie müſſen fort, das weiß ich wol; aber ich muß mit Ihnen gehen.“ —— 123 e⸗„William, das iſt unmöglich.“ „Bis an's Ende der Welt, Charles; ich ſchwöre es, m bei der heiligen Mutter Gottes.“ n.„Still! Du weißt nicht, was Du ſprichſt. Denke at an Deine Pflichten.“ „Ich kenne meine Pflicht: meine Pflicht iſt bei Ihnen.“ N⸗„William, betrachte Dir die Sache aus einem andern Geſichtspunkte. Wird Dich Cuthbert mit mir ziehen laſſen?“ en„Kümmert mich nicht, ich gehe.“ ge⸗ William ſaß noch immer in Charles' Armſtuhl, und Charles ſtand neben ihm. Hätte William auf Charles geblickt, ſo würde er einen Moment lang in deſſen Geſichte einen unruhigen, nachdenklichen Ausdruck wahrgenommen kel, haben, dem plötzlich eine Miene der Entſchloſſenheit folgte. Er legte ſeine Hand auf William's Schulter und ſagte: „Wir müſſen hierüber ein andermal reden. Ich muß ce ſofort nach Ranford und mit Adelaide ſprechen, ehe man dort von Anderen die Sachlage erfährt. Willſt Du in tr. vier Tagen, von heute an, im alten Hotel am Covent— hte, Garden⸗Markte in London mit mir zuſammentreffen?“ bei„Warum dort?“ ſagte William.„Warum nicht lieber u in Henley?“ „Warum nicht lieber in London?“ frug Charles zurück. be„Ich muß nach London und bin geſonnen, nach London und zu gehen. Ich will die Reiſe nach Ranford nicht ver⸗ z⸗ ſchieben. Nein; ſagen wir, in London.“ William ſchaute ihm einen Augenblick in's Geſicht uß und ſprach dann: „Ich möchte lieber mit Ihnen reiſen. Sie können mich 124 in Wargrave laſſen, das von Ranford nur durch den Fluß getrennt iſt, oder ich bleibe in Didcot, während Sie nach Ranford gehen. Sie müſſen mir dies erlauben, Charles.“ „Gut, William, ſei es ſo, wenn Du es wünſcheſt.“ „Ja, ja“, ſagte William. Es muß ſo ſein. Jetzt müſſen Sie hinunter kommen.“ „Wozu?“ „Zum Speiſen. Das Mittageſſen iſt auf dem Tiſche. Ich gehe zum Thee in die Dienerſtube.“ „Wird Mary zu Tiſche kommen, William?“ „Das verſteht ſich.“ „Willſt Du mich noch dies eine letzte Mal hinunter⸗ gehen laſſen? Ich möchte das liebe kleine Geſicht ſo gern noch einmal ſehen. Nur noch dies eine Mal?“ „Charles! Sprechen Sie nicht ſo. Alles hier im Hauſe gehört Ihnen und wird Ihnen gehören, ſo lange Cuthbert und ich hier ſind. Natürlich müſſen Sie zu Tiſche gehen. Es darf noch lange nicht bekannt werden— wir müſſen den Schein bewahren.“ Charles ging in den Salon hinunter. Es war beinahe finſter dort, und er glaubte Anfangs, es wäre Niemand im Zimmer; als er jedoch an den Kamin trat, konnte er eine hohe, dunkle Geſtalt erkennen und ſah, daß es Mack⸗ worth war. „Ich komme, Sir“, ſagte er,„um zum letzten Male 3 in meinem Leben im alten Zimmer zu Tiſche zu ſitzen.“ „Das verhüte Gott!“ ſagte Mackworth.„Sir, Sie haben ſich heute wie ein tapferer Mann benommen, und ich hoffe aufrichtig, daß Sie, ſo lange ich in dieſem Hauſe bleibe, deſſen geehrter Gaſt ſein werden. Es wäre geradezu —— 8— 125 Unſinn, wollte ich Ihnen wegen meines Verfahrens in der Sache Entſchuldigungen machen. Selbſt wenn Sie nicht ſyſtematiſch ihr Intereſſe dem meinigen in dieſem Hauſe entgegengeſtellt hätten, wäre mir kein anderer Weg übrig geblieben. Sie müſſen dies einſehen.“ „Ich glaube, ich bin Ihnen Dank ſchuldig für Ihre lange Nachſicht“, bemerkte Charles;„wenn Sie auch dabei mehr auf meinen Vater Rückſicht genommen haben, als auf mich. Wollen Sie mir ſagen, Sir, jetzt, da wir allein ſind, wie lange Sie die Sache gewußt haben?“ „Beinahe achtzehn Monate“, ſagte Pater Mackworth ohne Zögern. Mackworth war kein bösartiger Mann, wenn er kei⸗ nen Widerſtand fand, und, ſelbſt ein tapferer Geſell, ver⸗ mochte er, die Tapferkeit an Andern zu ſchätzen. Er hatte genug von den Menſchen geſehen, um zu wiſſen, daß die heutige Enthüllung für einen leidenſchaftlichen, tief füh⸗ lenden Mann, wie Charles, ein ſo bitterer, harter Schlag geweſen war, wie nur einer treffen konnte, ohne ſofort zu tödten. Er wußte ferner, daß Charles ihm mißtraute und daß jede übelangebrachte Beileidsbezeigung nutzlos wäre. Darum ſprach er, von ſeiner gewohnten Verfahrungsweiſe abweichend, einmal natürlich und aufrichtig und ſagte: „Es thut mir ſehr, ſehr leid. Ich hätte viel darum gegeben, wenn ich es hätte verhindern können.“ Jetzt traten Marh ein und die Tiernays. Cuthbert kam nicht zu Tiſche. Es war ein langes, unheimliches Mahl, und Charles zwang ſich zum Eſſen; denn er hatte ſeinen Entſchluß vor ſich. Mary ſaß verſchüchtert oben am Tiſche 26 und ſprach kaum ein Wort, und als ſie aufſtand, um wieder in den Salon zu gehen, folgte ihr Charles. Sie ſah, daß er kam, und wartete auf ihn in der dall. Als er die Thür des Eßzimmers ſchloß, lief ſie zu ihm zurück und rief, indem ſie ihre beiden Hände auf ſeine Schultern legte: „Charles! Charles! Was gibt es nur?“ „Nichts, Herzchen; ich habe blos mein Vermögen ver⸗ loren; ich bin bettelarm.“ „Iſt Alles verloren, Charles?“ „Alles. Du wirſt bald erfahren, wie. Ich kam eben heraus, um meinem lieben Kinde Adieu zu ſagen. Ich gehe morgen nach London.“ „Kannſt Du nicht mitkommen und ein wenig mit mir plaudern, Charles?“ „Nein; heute Abend nicht. Heute Abend nicht.“ „Du wirſt mich aber beſuchen, wenn ich mit Lady Hainault in London ſein werde, nicht wahr, Charles?“ „Ja, meine Mary, ja.“ „Willſt Du mir nichts weiter ſagen, Charles?“ „Richts weiter, mein liebes Herz. Nichts als Lebe⸗ wohl. Du wirſt Alles bald genug erfahren.“ „Lebewohl.“ Ein Kuß, und er war die alte Treppe hinauf, die nach ſeinem Zimmer führte. Auf dem erſten Abſatze der breiten Stufen wandte er ſich um, ſie noch einmal zu ſehen, wie ſie allein, mitten in der alten Halle im Lichte einer einzigen Lampe daſtand. Eine einſame, ſchöne kleine Geſtalt, die ihre Arme ſinken ließ und ihm mit den ruhigen dunklen Augen ſo liebevoll nachblickte! Da in ſeinem Sturze und e d 2 ſeiner Verlaſſenheit, begann er zum erſtenmale zu ſehen, was andere, ſchärfere Augen ſchon ſo lange geſehen hatten. Etwas, das hätte ſein können, jetzt aber nicht mehr mög⸗ lich war! Und indem er zu ſich ſagte:„Ich darf ſie nicht wiederſehen“, ging er auf ſein Zimmer und ſchloß ſich ein mit ſeinem Elend. Noch einmal ward er erblickt an dieſem Abende. William drang in das Zimmer der Haushälterin und ließ ſich etwas Kaffee geben, den er ihm hinauftrug. Er fand ihn beſchäftigt, ſeinen Koffer zu packen. Charles bat William, Dies und Jenes für ihn zu beſorgen, falls er morgen zu lange ſchlafen ſollte. William bewog ihn, ſich zu ſetzen und den Kaffee zu trinken und eine Cigarre zu rauchen und nahm dann, über Kälte klagend, zu ſeinen Füßen am Feuer Platz. So ſaßen ſie ein paar Stunden und rauchten und ſchwatzten von alten Zeiten, von Pferden und Hunden, von Wild und Fiſchen, wie junge Kameraden zu thun pflegen, bis Charles ſagte, er wollte zu Bette gehen, worauf William ihn verließ. Kaum war dieſer aber bis an das Ende des Corridors gegangen, als Charles ihn zurückrief. Er kam. „Ich möchte Dich gern noch einmal anſchauen“, ſagte Charles und legte ihm beide Hände auf die Schultern und betrachtete ihn. Dann ſprach er»Gute Nacht!« und ging hinein. William entfernte ſich langſam und kam, in einem tiefer gelegenen Stockwerk, an die Thür eines Zimmers un⸗ mittelbar über dem Haupteingange und über der Halle. Es war Cuthbert's Zimmer. Leiſe klopfte er an; aber leine Antwort erfolgte. Er klopfte noch einmal, etwas lauter. Eine Stimme rief in verdrießlichem xo»Herein!« und er öffnete die Thür. Cuthbert ſaß vor dem Kaminfeuer; vor ihm brannte eine Lampe und ein Buch lag auf ſeinem Knie. Er blickte auf, und da er einen Reitknecht vor ſich ſtehen ſah, ſagte er zornig: „Ich kann heute Abend keine Befehle geben. Ich will heute Abend nicht geſtört werden.“ „Ich bin es, Sir“, entgegnete William. Cuthbert ſtand augenblicklich auf. „Komm her, Bruder“, ſagte er, und laß Dich an⸗ ſchauen. Man ſagte mir eben, Du wäreſt bei unſerm Bruder Charles.“ Ich blieb bei ihm, bis er zu Bette ging; dann kam ich hierher.“ „Wie iſt er jetzt?“ „Sehr ruhig— zu i „Geht er fort?“„ „Morgen in der Frühe.“ „Du mußt mit ihm gehen, William“, ſagte Cuthbert eifrig. „Ich kam, um Ihnen zu ſagen, daß ich mit ihm gehen und um Sie um etwas Geld zu bitten.“ „Gott ſegne Dich. Verlaſſ ihn nicht! Schreibe mir jeden Tag. Beobachte ihn und ſieh', was er zu beginnen denkt, und dann laſſ' mich's wiſſen. Und Du mußt Dir auch einige Bildung verſchaffen. Du wirſt Dir dieſelbe bei ihm ebenſo gut aneignen können, wie irgendwo anders. Er muß unſere erſte Sorge ſein.“ „ 120 William ſagte, ja, er müßte ihre erſte Sorge ſein: er hätte ein fürchterliches Unrecht erlitten. „Wir müſſen lernen, wie Bruder und Bruder zu einander zu ſein, William“, ſagte Cuthbert.„Mit der Zeit wird es kommen. Wir haben einen gemeinſamen, großen Zweck— Charles; das wird uns einander nahe bringen. Es gab eine Zeit, wo ich ein Narr war und wähnte, ich könnte ein Heiliger ſein ohne menſchliche Nei— gungen. Ich bin jetzt weiſer geworden. Wer dem Tode nahe iſt, ſieht Manches, das Einem in der Jugend und Geſundheit verborgen war.“ „Dem Tode nahe, Cuthbert?“ frug William, ihn zum erſtenmale bei ſeinem Namen anredend.„Ich werde, ſo Gott will, noch Ihre Kinder auf meinen Knien ſchaukeln.“ „Es iſt Recht, daß Du erfährſt, Bruder, daß Du in wenigen kurzen Jahren der Herr von Ravenshoe ſein wirſt. Mein Herz iſt krank. Ich habe heute Abend einen Anfall gehabt.“ „Aber man ſtirbt nicht allemal, wenn man krank iſt“, ſagte William.„Heilige Jungfrau! Sie müſſen nicht von uns gehen und mich wie ein verlorenes Schaf ganz allein in der Welt laſſen.“ „Es freut mich, Dich ſo reden zu hören, William. Vor zwei Tagen verſuchte ich noch Himmel und Erde zu bewegen, um Dich Deines rechtmäßigen zu be⸗ rauben.“ „Ich habe Sie dafür nur um ſo lieber. Denken Sie an das nie wieder! Weiß Mackworth von Ihrer Krankheit?“» „Er weiß Alles.“ Kingsley, Ravenshoe. II. 9 „Würde er es geheim gehalten haben, wenn Charles ein Katholik geweſen wäre?“ „Nein, ich glaube es nicht. Ich bot ihm zehntauſend Pfund, wenn er es vertuſchen wollte.“ „Ich wollte, er hätte ſie genommen. Ich wäre viel glücklicher geweſen, wenn es beim Alten geblieben wäre. Ich war doch ſchon ein halber Gentleman und hatte Alles, was ich brauchte. Werden Sie Etwas dawider haben, wenn ich mich verheirathe, ſobald Charles verſorgt iſt?“ „Du mußt Dich verheirathen, Bruder. Ich kann niemals heirathen und möchte es nicht, ſelbſt wenn ich es könnte. Natürlich mußt Du heirathen. Die Güter ſind wol ein wenig verſchuldet; doch können wir das ſehr bald in Ordnung bringen. Bis zu Deiner Verheirathung mußt Du Dich mit vierhundert Pfund jährlich begnügen.“ Villiam lachte.„Ich will zufrieden und folgſam genug ſein, das gelobe ich. Doch wenn ich vom Heirathen ſpreche, ſo meine ich, daß ich meine jetzige Braut neh⸗ men will.“ Cuthbert ſchaute plötzlich auf.„Daran habe ich nicht gedacht. Wer iſt ſie?“ „Meiſter Evans' Tochter, die Jane.“ „Eine Fiſcherstochter“, ſagte Cuthbert.„William, die Herrin von Ravenshoe muß eine Dame ſein.“ „Z err von Ravenshoe muß ein Gentleman ſein“, war William's Antwort, und nach Ihrem Tode(an den ich, beiläufig geſagt, nicht glaube) wird er dies nicht ſein. Der Herr von Ravenshoe wird dann nichts ſein, als ein Reitknecht, und welche Art von Dame wird er ſich wol mit ſeinem Gelde kaufen können, glauben Sie? Eine Frau, die ihn verachten und ſich ſeiner ſchämen würde. Nein, beim heiligen Georg und ſeinem Drachen, ich will entweder meine alte Liebe heirathen oder ein Hageſtolz bleiben!“ „Vielleicht haſt Du Recht“, ſagte Cuthbert,„und wo nicht, ſo bin ich nicht der Mann, dem es zuſteht, darüber zu entſcheiden. Laß uns in Zukunft redlich und offen ſein und keine erbärmlichen esclandres mehr haben, um Gottes willen. Was für ein Mädchen iſt ſie?“ „Sie iſt ſchön genug für eine Herzogin und ſehr ruhig und ſchüchtern.“ „Um ſo beſſer. Ich werde Dir nicht das Geringſte in den Weg legen. Es wird beſſer ſein, ſie vorzubereiten auf Das, was ihr in Ausſicht ſteht.“ „Es ſoll geſchehen, und mögen alle guten Heiligen Sie ſegnen! Jetzt muß ich gehen. Ich muß aufſtehen mit Tagesanbruche.“ „Geh' noch nicht, William. Denke an die lange Nacht, die vor mir liegt! Setze Dich zu mir, damit ich mich an Deine Stimme gewöhne. Erzähle mir von den Pferden, oder von irgend etwas Anderem— nur laß mich noch nicht allein.“ William ſetzte ſich neben ihn, und ſie blieben lange und ſpät zuſammen. Als William endlich aufſtand, um zu gehen, ſagte Cuthbert: „Du wirſt einen guten Gutsherrn abgeben, William. Du biſt ſtets ein geduldiger, treuer Diener geweſen und wirſt daher ein guter Herr werden. Unſere Leute werden mehr Liebe zu Dir haben, als ſie je zu mir gehabt hätten. Halte feſt am alten Glauben. Er hat uns ſo manche hundert Jahre gut gedient. Faſt ſcheint es, als ob es 9* 132 Gottes Wille wäre, daß Ravenshoe nicht aus den Händen ſeiner Getreuen käme. Und jetzt noch Eines; ich muß Charles ſehen, ehe er geht. Wenn Du ihn morgen früh weckſt, ſo rufe mich; ich werde Dich begleiten. Gute Nacht!“ Am Morgen gingen ſie zuſammen hinauf, ihn zu wecken. Sein Fenſter ſtand offen, und die friſche Frühlingsluft wehte herein. Seine Bücher, ſeine Kleider, ſeine Gewehre und Angelruthen hingen und ſtanden in der gewohnten Unordnung umher. Sein Hund lag auf dem Kamin⸗ teppiche und ſtreckte ſich, ehe er ſich erhob, ſie zu begrüßen. Der Hund hatte einen Handſchuh neben ſeinen Pfoten; das überraſchte ſie. Die Vorhänge des Bettes waren dicht zugezogen. Cuthbert trat leiſe heran und ſchlug die⸗ ſelben zurück. Er war nicht da. Das Bett war unberührt geblieben. „Er iſt fort! fort!“ rief Cuthbert.„Ich habe es faſt gefürchtet. Fliege, William, um Gottes willen, fliege zu Lord Ascot nach Ransford; hole ihn dort ein und verlaſſe ihn nicht wieder. Komm' und ſtecke etwas Geld zu Dir und dann eile. Du magſt noch zu rechter Zeit kommen. Wenn wir ihn dennoch verlieren ſollten— ach, dennoch verlieren ſollten!“ Es bedurfte keiner zweiten Aufforderung für William. In einer Stunde war er in Stonnington. Mr. Charles Ravenshoe, hörte er, wäre um Tagesanbruch dort einge⸗ troffen und mit der Poſtkutſche weiter gefahren, die um acht Uhr abging. William nahm Extrapoſt nach Exeter und war Abends um acht Uhr bei Lady Ascot in Ranford. Charles war am Nachmittage dageweſen, jetzt aber wieder 133 fort. Und Lady Ascot theilte ihm unter wildem Weinen eine Neuigkeit mit, die William mit einem Fluche aus dem Zimmer und, durch die erſchrockenen Diener in der Halle, hinaus trieb in die dunkle Nacht, wo er noch den entlaſſenen Wagen einzuholen hoffte, um mit demſelben bis zur Station zu fahren, von der er nach London dampfen könnte. Am Morgen vorher war Adelaide mit Lord Welter auf und davon gegangen! Zwölftes Rapitel. Als William den unglücklichen Charles in ſeinem Zimmer zu Ravenshoe verlaſſen hatte, ſetzte letzterer ſich in ſeinen Armſtuhl und begann zu denken. Der Schmerz des Schlages, der ihn zuerſt ſo gewaltig getroffen hatte, war jetzt weniger emfindlich geworden. Er wußte wie durch Inſtinct, daß es am folgenden und noch an manchem künftigen Morgen ſchlimmer ſein würde; für den Augenblick aber fühlte er ſich erleichtert. Er begann ſich vor'm Schlafe zu fürchten aus Angſt vor dem Erwachen. Er fürchtete die Nacht und ihre Träume und mehr als Alles den Morgen und die Abreiſe. Er empfand, daß er Cuthbert noch ein Mal ſehen mußte, und fürchtete ſich davor. Er ſcheute ſich vor den Dienern, die ihn abreiſen ſehen würden. Es graute ihm, von Allen, die er ſo lange gekannt, einen förmlichen Abſchied zu nehmen. Das war natürlich. Es mußte ja allen Betheiligten ſo großen Schmerz verurſachen. Wäre es darum nicht beſſer, das zu vermeiden? Er dachte an alles Dies und verſuchte ſich einzubilden, daß das die Gründe waren, die ihn zu dem 58 15 beſtimmten, was er doch ſchon ſo gut als beſchloſſen hatte, da er vor einer Stunde William zurückrief:— nämlich, allein fortzugehen und ſich eine Zeit lang, gleich einem verwundeten Hirſche, zu verſtecken und träumend ſeinem Grame nachzuhängen. Sein Inſtinct trieb ihn dazu. Vielleicht wäre es auch das Beſte für ihn geweſen. Jedenfalls beſchloß er es zu thun. Er packte ſeinen Mantelſack und ſeine Reiſetaſche und ſetzte ſich dann wieder und wartete. „Ja“, ſprach er zu ſich ſelber,„das wird das Beſte ſein. Ich muß William aus dem Wege gehen;— der arme Burſche! Er darf mir aus vielen Gründen nicht folgen.“ Sein Hund hatte ihn beobachtet und mit ſeinen klaren, zärtlichen Augen erſt ihn und dann das Gepäck angeblickt, wie wenn er ſich in Muthmaßungen erſchöpfte, welche Reiſe ſie jetzt vorhätten. Als Charles das Einpacken vollendet und ſich wieder in ſeinen Armſtuhle vor dem Feuer nieder⸗ gelaſſen hatte, ſprang der Hund unaufgefordert auf ſeinen Schooß und legte den Kopf an ſeines Herrn Bruſt. „Greif! Greif!“ ſagte Charles.„Ich verlaſſe Dich jetzt auf immer, Greif. Die Hunde leben nicht ſo lange, wie die Menſchen, mein Junge; du wirſt ſchon friedlich unter dem Raſen ruhen, wenn ich mich noch durch vierzig lange Jahre ſchlagen muß.“ Der Hund wedelte mit dem Schwanze und kratzte an ſeiner Weſte Er bat um Biscuit. Charles gab ihm etwas und fuhr dann zu plaudern fort: „Ich reiſe nach London, mein alter Kerl. Ich will mich in der Welt umſehen und werde nicht eher zurück⸗ ——.„ 136 kommen, als bis Du ſchon todt biſt, fürcht' ich, Greif. Ich muß mir Geld und einen Namen erringen, um Einer willen, die werth iſt, daß man danach trachtet. Wahr⸗ ſcheinlich werde ich in's Ausland gehen, nach dem Lande, wo der Stoff herkommt, aus dem man die Goldſtücke macht, und mein Heil verſuchen, ob ich nicht auch etwas finden kann von dem gelben Zeuge. Und ſie wird im alten Hauſe zu Ranford auf mich warten.“ Er ſchwieg hier. Es kam ihm der Gedanke:„Würde es nicht ehrenhafter ſein, Adelaide ihres Verſprechens zu entbinden. Handelte er wol edelſinnig, wenn er von ihr verlangte, daß ſie die beſten Jahre ihres Lebens opferte, bis ein zu Grunde gerichteter Mann ſich ein Vermögen und eine Stellung erworben hätte?“ Die Antwort war:„Sie liebt mich. Wenn ich warten kann, warum ſollte ſie da nicht warten?“ „3 habe ihr Unrecht gethan durch ſolch' einen Ge⸗ danken, nicht wahr, Greif, mein Hund?“— und ſo weiter. Ich brauche Euch nichts weiter von dem Unſinne zu er⸗ zählen, den Charles ſeinem Hunde vorſchwatzte. Die Leute ſchwatzen nun einmal ihren Hunden und Freunden Unſinn vor, wenn ſie verliebt ſind, und derlei Unſinn iſt allezeit doch nur eine armſelige Lectüre. Uns, die wir wiſſen, was ſich zugetragen hatte und wie unwürdig und falſch Adelaide war, würde es nur peinvoll und demüthi⸗ gend ſein, wenn wir noch mehr davon hören müßten. Ich gab überhaupt nur dies Pröbchen ſeines Monologs, um zu zeigen, wie Charles, der arme Narr, über Adelaide's Cha⸗ rakter vollkommen im Finſtern tappte, und um die Thor⸗ heit des Benehmens weniger überraſchend erſcheinen zu 137 laſſen, dem er ſich hingab, als ihm neue Kunde in Ran⸗ ford wurde. Charles beurtheilte Jeden nach ſich ſelber. Sie hatte ihm geſagt, ſie liebe ihn, und vielleicht war das auch eine Weile der Fall geweſen. Er glaubte ihr. Daß Eitelkeit, Selbſt⸗ ſucht, Veränderlichkeit und Berechnung kommen und dis Liebe beſiegen könnten— das, wußte er, war bei ihm un⸗ möglich, und er glaubte daher, daß es auch bei ihr unmöglich ſei. Ich meine, mir alle Mühe gegeben zu haben, um dem Leſer einzuprägen, daß Charles nicht ſehr weiſe war. Jedenfalls werden uns die Handlungen, die ich zunächſt berichten muß— wenn ich bisher noch darüber im Zweifel gelaſſen haben ſollte— auch den letzten ſolchen Zweifel auf das Vollſtändigſte verſcheuchen. Ich liebe dieſen Men⸗ ſchen. Ich liebe ſogar gewiſſermaßen ſeine Fehler. Er iſt mir eine Wirklichkeit, wenn ich auch nicht Kunſt genug beſeſſen haben mag, daß er es auch für Euch geworden iſt. Die tolle, impulſiviſche Art und Weiſe, mit der er ſeine Entſchlüſſe faßte, und die ehrenvolle Zähigkeit, mit welcher er nachher, ſelbſt bis zum Tode, daran feſthielt, ſind ſehr große Fehler; allein es ſind dies die Fehler mancher Männer geweſen, welche eine ſehr große Rolle in der Welt geſpielt haben,— wenn ich die Geſchichte richtig begriffen habe. Männer von Charles Ravenshoe's Denkungsart, die zu dieſer noch die Macht der Ausdauer und des Fleißes fügen, entwickeln ſich meiſtens zu ſehr glänzenden Charakteren. Charles war nicht früh genug an Fleiß und Thätigkeit gewöhnt worden. Denſil's unbe⸗ dachte Nachſichtigkeit hatte ihm ſehr geſchadet, und er war ganz der Knabe, der auf der Schule verzogen werden 13 mußte: ein Liebling bei Lehrern und Schülern. Stets hatte er ſeine Aufgaben gemacht und mehr nicht. Möglich, daß Eton einestheils und Rugby anderntheils für ihn ge⸗ than hätten, was Shrewsbury ſicherlich nicht that. In Eton, wo er ſich ſofort in eine große, freie Republik ge⸗ leudert geſehen hätte, wäre er vielleicht genöthigt worden, ſich zu dem ihm gebührenden Platze aufzukämpfen, und dieſer, wie ich glaube, kein niedriger geweſen. In Rugby würde er ſich ſeinen Platz gleicherweiſe haben erobern müſſen; aber hier wäre ihm jene ganze traditionelle Dis⸗ ciplin zu Hülfe gekommen, die ein großer Mann als ein unſterbliches Vermächtniß hinterlaſſen hat. Beides ſollte nicht ſein. Er wurde auf eine gute, ſehr tüchtige Schule geſchickt, eine Schule aber, wo es für ihn zu wenig Con⸗ currenz gab. Zwar iſt Shrewsburh in vieler Beziehung die dritte von den alten Schulen in England; doch war es leider nicht die Schule für ihn. Er war dort ein zu großer Mann. Auch in Oxford war ihm die Gelegenheit kaum günſtig. Lord Welter war vor ihm da und hatte ſich genau mit der Clique umgeben, wie man ſie bei dem Charakter und der Erziehung dieſes jungen Herrn erwarten durfte. Dieſe Leute machten auf der Univerſität Charles' erſten und ein⸗ zigen Umgang aus. Welche Chancen hatte er unter ihnen, ſich ſelbſt zu bilden und in Zucht zu halten? Keine. Es war nur zu bewundern, daß er aus ſolchem Kreiſe nicht völlig verdorben herorging. Der einzige Freund, der Charles auf den Pfad zur echten Männlichkeit leiten konnte, war John Marſton. Aber John Marſton war, um die Wahrheit zu geſtehen, mitunter zu hart und lehrhaft und erweckte oft 139 Charles' Halsſtarrigkeit durch ſeinen Mangel an Tact. Marſton liebte Charles und hielt ihn für beſſer, als die neunundneunzig, die keiner Reue bedürfen; allein es war Marſton nicht beſchieden, einen Mann aus Charles zu machen. Das nahm ein Anderer in die Hand, der nie ſcheitert in ſeinem Thun. Hier iſt der Ort für dieſe meine armſelige Schutzrede für Charles'Thorheit. Hätte ich ſie früher angebracht, man würde ſie nicht beachtet oder doch vergeſſen haben. Wenn ich mein Werk recht gethan habe, ſo iſt das blos eine Be⸗ ſtätigung des Schluſſes, zu dem Ihr ſelber bereits ge— kommen ſein müßt. Während der demüthigenden Scenen, welche jetzt folgen, bitte ich Euch nur, Euch zu erinnern, daß Charles Horton einſt Charles Ravenshoe geweſen iſt und daß ihn die Leute, als er ein Gentleman war, ſehr lieb hatten.— Einmal, etwa um zwölf Uhr, verließ er ſein Zimmer und machte im Hauſe die Runde, um zu ſehen, ob Alles ruhig wäre. Im Bedientenzimmer aber hörte er noch die Stimmen von Reitknechten und Lakaien. Er ſchlich darum auf ſein Zimmer zurück und ſetzte ſich wieder vor's Feuer. Nach einer halben Stunde ſtand er abermals auf und ſtellte ſeinen Mantelſack und ſeine Reiſetaſche hinaus vor ſeine Stubenthür. Alsdann nahm er ſeinen Hut und ſtand bereit zu gehen. Noch einen Blick auf das alte Zimmer! Den letzten auf immer! Die Gegenwart überwältigte die Vergangen⸗ heit, und er blickte um ſich, faſt ohne die Dinge zu erken⸗ nen, die ihn umgaben. Ich bezweifele, ob der Menſch in großen kritiſchen Augenblicken viel Zeit hat, ſich alter Ge⸗ 140 noſſenſchaften zu erinnern. Ich ſchaute einſtmals in ein Zimmer, das ſeit einem Vierteljahrhundert, ſeit meinem ſechsten Jahre, mein Daheim geweſen war und wußte ſehr gut, daß ich daſſelbe niemals wiederſehen würde. Doch blickte ich nur zurück, um mich zu überzeugen, ob ich nichts vergeſſen hätte. Der Wagen hielt vor der Thür, und man rief nach mir. Heute könnte ich eine treue Karte von allen den Riſſen und Flecken an der Decke zeichnen, wie ich ſie zu ſehen pflegte, wenn ich Morgens im Bette lag. Da⸗ mals aber ſchloß ich nur die Thür und lief den Gang hinab, ohne auch nur„Fahr wohl, Du altes Schlafgemach!“ zu rufen. Charles Ravenshoe ſchaute ſich gedankenvoll im Zimmer um, blies das Licht aus, ging hinaus und ſchloß die Thür. Der Hund winſelte und kratzte, um mitgenommen zu werden. Deshalb ging Charles noch einmal hinein. Das alte Zimmer, wie es ſich in einer Flut von Mond⸗ licht badete, und das geſchäftige, grollende Meer, das er durch's offene Fenſter erblickte, mahnten ihn zur Eile. Er nahm einen Handſchuh vom Tiſche, legte ihn auf den Kaminteppich und befahl dem Hunde, Acht darauf zu haben. Der Hund blickte ſeinen Herrn ſehnſuchtsvoll an und legte ſich nieder. Im nächſten Augenblicke war die⸗ ſer wieder im Corridore. Durch die langen, monderhellten Vorſäle, durch die monderhellte Halle, durch dunkele Gänge, die durch das ſchlafende Anweſen führten, bis an die Thür im Thurme des Prieſters. Das Haus ſchlief, Alt und Jung, Mädchen und Burſchen, und träumte von Dem und von Jenem. Und er, noch geſtern faſt Herr über das Alles, verließ ſie — 141 jetzt und ſtand allein in der Welt, außerhalb des dunklen alten Hauſes, welches er ſeine Heimat genannt hatte. Da fühlte er, daß es geſchehen war. War es nur der Nachtwind, der ſich mit ſo kalter Hand auf ſein Herz legte? Emſige Wellen am Strande plauderten unaufhör⸗ lich:„Wir kommen vom Atlantiſchen Oceane und bringen Botſchaft; wir ſind über geſunkene Schiffe und über die Gebeine ertrunkener Schiffer gerollt, und wir bringen unſere Botſchaft und ſterben am Strande.“ Große Schatten kamen über die See geflogen, über die Raſenhänge, über die Blumenbeete, hüllten den alten Sitz einen Augenblick wie in ein Leichentuch und zeigten ihn dann wieder im Mondenſcheine, deutlich, mitleids⸗ los. Drinnen warme Zimmer, warme Betten und der ſanfte Odem der Schläfer, die ſicher im Schooße des Wohlſtands und der Ordnung ruhten. Außen kalter, harter Stein. Ringsum die weite Welt, harrend, daß ſie ein Atom mehr verſchlingen könnte. Die hellen, kalten Sterne und das Meer, das von den Menſchen ſchwatzte, über die es hinwegrollte, von Menſchen, deren Namen nie bekannt werden ſollten. Jetzt der Park mit ſeinen Heerden geiſterhaft aufge⸗ ſcheuchten Wildes und dem ſüßen Dufte ſprießender Farren; dann das Rauſchen des Baches, die Brücke und der Blick auf den Wald droben auf der Höhe, endlich das ſchlafende Dorf. Dreizehntes Rapitel. Aus dem Parke heraustretend, ſtellte Charles ſeine Laſt an der Thür einer kleinen Pächterwohnung am Ende des Dorfes nieder und klopfte an. Er ſtand eine Weile und wartete auf Antwort; aber er hörte keinen andern Laut, als das Geräuſch der Pferde und Kühe, die ſich im warmen Strohhofe regten. Die Thiere waren daheim. Für ſie gab es kein fürchterliches„Morgen“. Er war draußen, auf der Straße; ſein Daheim lag unwiderrufliche Meilen hinter ihm; doch kam ihm kein Gedanke an Wanken oder Umkehr. Er klopfte noch einmal. Die Thür wurde aufgeriegelt. Ein alter Mann ſchaute heraus und erkannte ihn mit ängſtlichem Erſtaunen. „Mr. Charles! Du guter barmherziger Gott! Mein liebes, ſüßes Herz, was machen Sie draußen um dieſe Zeit in der Nacht? Und noch dazu mit ſeinem Koffer und ſeinem Reiſeſack! Kommen Sie herein, meine liebſte Seele, kommen ſie herein. Ach, ſo blaß und verſtört! Ei, Sie ſind behext, Maſter Charles.“ „Nein, Meiſter Lee, ich bin nicht behext; wenigſtens ſo⸗ viel ich weiß——“ 143 Der alte Mann ſchüttelte den Kopf und behielt ſich ſeine Meinung vor. „—— aber ich möchte Ihr Gig haben, um hinüber nach Stonnington zu fahren.“ „Was, jetzt in der Nacht?“ „Ja, jetzt in der Nacht. Die Poſtkutſche geht früh um acht Uhr ab, und ich möchte vorher dort eintreffen.“ „Warum reiſen Sie ſchon ſo früh? Es wird im »Chicheſter« noch Alles im Bette liegen.“ „Ich weiß es. Ich werde in den Stall gehen. Ich weiß nicht, wohin ich gehen werde. Ich muß fort. Es hat Noth im Hauſe gegeben.“ „Ja, ja! Ich dachte mir's wol, und Sie gehen in die Welt hinaus?“ Der alte Mann ſagte noch einmal„Ja, ja!“ und wandte ſich treppauf. Er hielt ſein Licht über ſeinen Kopf und betrachtete Charles. Dann ging er, vor ſich hinmur⸗ melnd, die Stiege hinauf. Gleich darauf wurde ein junger Rieſe, halb Hercules, halb Antinous, aus dem Schlafe geſtört. Derſelbe polterte die Treppe herunter und in's Zimmer hinein, verbeugte ſich vor Charles, mit einem Blicke der Verwunderung in ſeinen großen, verſchlafenen Augen, und ging, das Gig zu holen. Charles erſtes Ziel war natürlich Ranford. Am Nach⸗ mittag langte er dort an. Er hatte damals, wie er meint (denn es iſt ihm keine klare Erinnerung von all' dieſen Vorgängen geblieben), die Idee im Kopfe, nach Auſtralien zu gehen. Auch die Idee hatte er, außerordentlich praktiſch und geſchäftsmäßig zu ſein, und ſo that er Etwas, das unbedeutend erſcheinen mag, was ſich aber als wichtig her⸗ ausſtellte— man kann nicht ſagen, wie wichtig. Er frug nach Lord Ascot, anſtatt wie ſonſt, nach Lady Ascot. Lord Ascot war in der Bibliothek. Charles wurde zu ihm geführt. Der Lord ſaß vor dem Kaminfeuer und las einen Roman. Er ſah ſehr angegriffen und ſorgenvoll aus und ſprang mit einer ängſtlichen Miene auf, als Charles gemeldet wurde. Er ließ ſein Buch fallen und kam, die rechte Hand ausſtreckend, ſeinem Neffen entgegen. „Charles“, ſagte er,„Du wirſt nicht glauben, daß ich an dieſer Geſchichte irgendwie betheiligt bin. Ich ſchwöre Dir—“ Charles glaubte, daß ihm die Nachricht von den Ereig⸗ niſſen zu Ravenshoe auf eine oder die andere Weiſe vor⸗ ausgeeilt und Lord Ascot mit Pater Mackworth's Ent⸗ deckung vollkommen bekannt wäre. Lord Ascot aber dachte an Adelaide's Flucht. Sie unterhielten ſich alſo unter dem vollkommenſten Mißverſtändniſſe. „Lieber Lord Ascot“, ſagte Charles,„wie könnte ich daran denken, Sie, meinen alten, gütigen Freund, tadeln zu wollen?“ „Es iſt verdammt gentlemaniſch von Dir, ſo zu ſprechen, Charles“, ſagte Lord Ascot.„Ich bin halb von Sinnen vor Sorge um jenes Pferd, den Haphazard, und an⸗ dere Dinge, und das hat mir das Garaus gemacht. Ich habe in einem Romane geleſen, um mich etwas zu zerſtreuen. Ich muß das Derby⸗Rennen gewinnen, weißt Du; bei Gott, ich muß es gewinnen.“ „Wer wird für Sie reiten, Lord Ascot?“ 145 „Wells.“ „Sie könnten keinen Beſſern haben, ſollt' ich meinen.“ „Ich denke, nein. Du weißt nicht— ich ſpreche lieber nicht weiter davon, Charles.“ „Lord Ascot, dies iſt, wie Sie ſich wol denken können, das letzte Mal, daß ich Sie je ſehen werde. Ich komme, Sie um eine Gefälligkeit zu bitten.“ „Ich will's thun, mein lieber Charles, mit dem aller⸗ größten Vergnügen. Jede Genugthuung—“ „Pſt, Mylord! Ich wünſche ein Certificat. Wollen Sie Das hier leſen, was ich mit Bleiſtift aufgeſetzt habe, und, falls Sie es mit gutem Gewiſſen thun können, es mit eigener Hand abſchreiben und unterzeichnen. Auch wenn ich Jemanden an Sie weiſe wegen eines Zeugniſſes über mich, wollen Sie ihm ein ſolches geben?“ Lord Ascot las, was Charles geſchrieben hatte, und ſagte: „Ja, gewiß. Du willſt alſo einen andern Namen annehmen?“ „Ich muß jetzt dieſen Namen tragen. Ich gehe außer Landes.“ Lord Ascot ſchrieb: „Den Untengenannten, Charles Horton, habe ich ſeit ſeiner Kindheit gekannt. Sein Charakter iſt in jeder Be⸗ ziehung ſo, daß ich ihn nicht genug loben kann. Er iſt ein ungewöhnlich kühner und gewandter Reiter und verſteht ſich von Grund aus auf die Behandlung von Pferden. Ascot.“ „Sie haben meinen Text ſehr ausgeſchmückt, Lord Ascot“, ſagte Charles.„Es ſieht dies Ihrer gewöhnten 10 Kingsley, Ravenshoe. II. 146 Gutherzigkeit ganz ähnlich. Die Maus kann dem Löwen ihre Hülfe anbieten, Mylord, und obgleich der Löwe wiſſen mag, wie wenig wahrſcheinlich es iſt, daß er ſolcher Hülfe bedürfen ſollte, ſo wird er in dem Anerbieten doch den guten Willen der armen Maus erkennen. Jetzt leben Sie wohl, Lord Ascot; ich muß mit Lady Ascot ſprechen und dann mich wieder auf den Weg machen.“ Lord Ascot ſagte ihm herzlich Lebewohl und kehrte als⸗ bald zu ſeinem Romane zurück. Charles ſtieg allein nach Lady Ascot's Zimmer hinauf. Er klopfte an die Thür und erhielt keine Antwort; darum trat er hinein. Lady Ascot war zugegen, obſchon ſie ihm nicht geantwortet hatte. Sie ſaß aufrecht am Kamin und ſtierte mit vor ſich gefalteten Händen nach der Thür. Eine ſchöne, unerſchrocken ausſehende alte Dame allezeit, jetzt aber, dachte Charles, mit dem ſanften Zuge des Mitleids, wie es ſich namentlich um den freundlichen alten Mund zeichnete, von edlerem Aeußern denn je. „Darf ich herein kommen, Lady Ascot?“ ſagte Charles. „Mein lieber Herzensjunge! Du mußt hereinkommen und Dich ſetzen. Du mußt es ruhig nehmen. Verſuche, keine Scene zu machen, lieber Junge. Ich bin nicht kräftig genug für dergleichen. Es hat mich ſo furchtbar erſchüt⸗ tert. Ich hörte, Du wäreſt da und zu Ascot gegangen. Und ich habe ſeitdem an allen Gliedern gezittert. Nicht ſo ſehr aus Angſt vor Dir in Deinem Zorne, als weil mein Gewiſſen nicht ganz rein iſt. Charles, ich habe Dir Man⸗ ches verſchwiegen, was Du hätteſt wiſſen ſollen.“ Und Lady Ascot begann ſtill vor ſich hin zu weinen. ⸗ Charles fühlte, wie ſich ihm das Blut aus den Wangen rt m er me ge en len he, tig 147 in das Herz hinabdrängte. Seine Unterredung mit Lord Ascot hatte ihn argwöhnen laſſen, es möchte ſich außer dem, was er wußte, noch anderes Schlimmes ereignet haben, und mit jedem Augenblicke fühlte er ſich in dieſem Arg⸗ wohne mehr und mehr beſtärkt. Er ſetzte ſich ganz ruhig, ſchaute Lady Ascot an und ſprach kein Wort. Lady Ascot trocknete ihre Augen und fuhr fort, und Charles' Herz be⸗ gann zu pochen in einem dumpfen, ſchweren Schlage, wie die Schritte Derer, die einen Sarg tragen. „Ich hätte Dir ſagen ſollen, was zwiſchen ihnen vor⸗ ging, ehe ſie zur alten Lady Hainault fuhr. Ich hätte Dir ſagen ſollen, wie ſie es mit Lord Hainault trieb, ehe dieſer ſich verheirathete. Ich kann mir nimmermehr ver⸗ geben, Charles. Du darfſt mir Vorwürfe machen, und ich will daſitzen und Dich anhören und kein Wort der Ent⸗ ſchuldigung ſprechen. Aber ich muß bekennen, daß ich keinen Augenblick gedacht habe, daß ſie etwas Anderes wäre, als leichtſinnig. Ich— o Gott! Ich habe mir nimmer träumen laſſen, daß es ſo weit kommen könne.“ „Sprechen Sie von Adelaiden, Lady Ascot?“ frug Charles. „Nun, natürlich“, ſagte ſie faſt ärgerlich.„Wenn ich jemals—“ „Lady Ascot“, ſagte Charles ruhig,„Sie ſprechen offenbar von einem Ereigniſſe, von dem ich nicht unter⸗ richtet bin. Was hat Adelaide gethan?“ Die alte Dame ſchlug die Hände über ihrem Haupte zuſammen. „D bitterer, bitterer Tag! Und ich glaubte, er hätte bereits Alles erfahren und der Schlag wäre gefallen! Die 148„ Feiglinge! Sie haben es einem armen, alten Weibe über⸗ laſſen, es ihm endlich zu ſagen!“ „Liebe Lady Ascot, Sie haben offenbar nicht gehört, welch' ein fürchterliches Schickſal mich betroffen hat. Ich bin ein ruinirter Mann, und ich bin ſehr geduldig. Noch Eine Hoffnung blieb mir in der Welt, und ich fürchte, Sie ſind im Begriffe, mir auch dieſe zu rauben. Ich bin ſehr gelaſſen und verſpreche Ihnen, keine Scene zu machen; nur ſagen Sie mir, was vorgefallen iſt.“ „Adelaide— ſei ſtolz, Charles, ſei zornig, werde wüthend— Ihr Ravenshoes verſteht dies!— ſei ein Mann; aber ſieh nicht ſo aus. Adelaide, aller Ehre und aller Scham abgeſtorben, iſt mit Welter davongelaufen!“ Charles ging zur Thür. „Das iſt genug. Bitte, erlauben Sie mir zu gehen. Ich kann in dieſem Augenblicke nicht wol noch mehr er⸗ tragen. Sie ſind gegen mich und gegen ſie immer ſehr gütig geweſen, und ich danke Ihnen und ſegne Sie dafür. Der Sohn eines Baſtards ſegnet Sie dafür. Laſſen Sie — laſſen Sie mich gehen.“ Lady Ascot war ſchnell an die Thür getreten und hatte eine Hand auf die Klinke, die andere auf ſeine Bruſt gelegt. „Du darfſt nicht gehen“, ſprach ſie,„bis Du mir geſagt haſt, was Du damit meinſt.“ „Wie? Ich kann jetzt nicht mehr ertragen.“ „Was meinſt Du damit, wenn Du ſagſt, Du wäreſt der Sohn eines Baſtards?“ „Ich bin der Sohn von James, Mr. Ravenshoe's Forſtwart. Er war der natürliche Sohn von Peter Ra⸗ venshoe.“ hen. ſch für. Sie hatte legt. ſaht „Wer hat Dir das geſagt?“ frug Lady Ascot. „Cuthbert.“ „Woher wußte er es?“ Charles erzählte ihr Alles. „Alſo der Prieſter hat Das ausgeſpürt, nicht wahr?“ ſagte Lady Ascot.„Es ſieht aus, als ob es wahr wäre.“ Bei dieſen Worten trat ſie von der Thür zurück.„Geh' auf Dein altes Schlafzimmer, Charles. Es wird ſtets für Dich bereit ſein, ſo lange dieſes Haus überhaupt ein Haus iſt, und komm' bald wieder zu mir herunter. Wo iſt Lord Saltire?“ „Bei Lord Segur.“ Charles ging aus dem Zimmer und aus dem Hauſe, und ward nicht mehr geſehen. Lady Ascot ſetzte ſich wieder an's Feuer. „Der eine Schlag hat den andern gemildert“, ſagte ſie.„Von jetzt an will ich nie mehr ein Geheimniß haben. Ich that es für Alicia und für Peter, und jetzt ſehe man, was daraus entſtanden iſt! Ich werde Lord Saltire kommen laſſen. Der Knabe muß ſein Recht haben und ſoll es.“ Und damit ſetzte ſich die brave alte Frau hin und ſchrieb an Lord Saltire. Wir werden am geeigneten Orte ſehen, was ſie ihm ſchrieb. Jetzt nicht. Sie ſaß und ſchrieb, ruhig und gelaſſen, und ihr gutes altes Geſicht hellte ſich auf zu einem Lächeln. Und Charles, der Toll⸗ kopf, verließ das Haus und fuhr gen London, nur noch darauf bedacht, ſich in der gemeinen Menge zu verlieren, damit Keiner, den er einſt Freund genannt hatte, ihn je⸗ mals wieder erblickte. hierzehntes Kapitel. Charles Ravenshoe hatte Selbſtmord begangen, ſo entſchieden Selbſtmord begangen, wie es an dieſem Tage nur irgend ein wahnſinniger Elender in der ganzen weiten, jammervollen Welt gethan hatte. Er wußte das ſehr wol und war entſchloſſen, fortzufahren wie er begonnen. Er hatte ſich nicht aufgehangen und nicht ertränkt; aber er hatte kalt überlegten Selbſtmord vollführt und wußte— wußte vollkommen, daß ſeine Hartnäckigkeit ihn bis zum Ende bringen würde. Was iſt Selbſtmord in neun Fällen unter zehn? Jeder kann es uns ſagen. Es iſt die That eines wahnſinnigen, ſtolzen Feiglings, der aus freiem Antriebe, nicht etwa vor Demüthigung oder Schande, ſondern, wie er ſich einbildet, vor ihren Folgen flieht,— der lieber unbekanntem, zweifel⸗ haftem Uebel zuſteuert, als das poſitive, gegenwärtige, unbezweifelte erträgt. Alles dies hatte Charles gethan und ſich dabei mit der und jener Entſchuldigung er⸗ muthigt, und ſich eingebildet, er benehme ſich wie ein Bayard, oder wie Lieutenant Willoughby— ein größerer Mann als Bayard. Soweit Charles' eigene Anſicht von der Sache, der Form wegen in der dritten Perſon vorgetragen. Ich ſtimme 151 nicht mit Allem überein, was er von ſich ſagt. Zwar leugne ich nicht, daß er ſehr thöricht handelte; aber ich neige mich dem Glauben zu, als hätte in ſeiner Handlungsweiſe etwas Edles und Selbſtbewußtes gelegen. Man erwäge einen Augenblick! Nur zwei Wege ſtanden ihm offen— der eine: klein beizugeben, zurückzugehen zu Cuthbert und Mackworth und ihre Anerbietungen anzunehmen; der andere: zu thun, wie er gethan, allein in die Welt hinauszuwandern und auf eigenen Füßen zu ſtehen. Er zog das Letztere vor, wie wir ſehen werden. Er konnte Ravenshve oder wer mit ihm in Verbindung ſtand, nicht wieder vor die Augen treten. Es war bewieſen worden, daß er ein unfreiwilliger Betrüger, von gemeinem, niedrigem Blute war, und ſeine Schweſter— ach, noch ein Stich, armes Herz!— ſeine Schweſter Ellen, was war ſie? Wenig Zweifel hierüber— wenig Zweifel! Beſſer für ſie Beide, wären ſie nie geboren! Er ging jetzt nach London und traf ſie dort vielleicht! Alles Laſter und Elend der Provinzen ergoß ſich ja in dieſe große, allgemeine Koth⸗ lache. War irgend etwas zu faul geworden für die reine Landluft, ſo hieß es, fort damit; werft es auf den großen Dunghaufen und laßt es dort verweſen! Ging er nicht ſelbſt dorthin? Es war ganz recht, daß ſie vor ihm hin⸗ gegangen! Sicher mußten ſie einander treffen. Wie würden ſie ſich treffen? Würde ſie in Seide und Atlas ſein oder in Lumpen? in ihrem Wagen prunken oder unter einem Thorwege ſchauern? Was that das? war nicht Schande das Erbtheil der»niedern Klaſſen?« Die Freuden der Reichen mußten ihnen von den»niedern Klaſſen« geliefert werden, oder was nützt ſonſt Geld oder Rang? Er war jetzt Einer von der»niedern Klaſſe« Er mußte ſeine Aufgabe lernen; kriechen und ſchmeicheln lernen, wie die Andern. Es würde ein hartes Ding ſein; aber es mußte erlernt werden. Das Lumpengeſindel em⸗ pörte ſich zuweilen dagegen; aber es half ihm nimmer. Der Teufel war ziemlich geſchäftig mit dem armen Charles und ſeiner Verzweiflung, wie man ſieht. Das war ja Alles, was ihm blieb nach dreiundzwanzig Jahren voller ſorgloſen Müßigganges und Luxus. Sein Glaubens⸗ bekenntniß war geweſen:»Ich bin ein Ravenshoe«, und ſiehe da! eines Morgens war er kein Ravenshoe mehr. Eine arme Krähe, die ſich für einen Adler gehalten. Eine Krähe,„beim Himmel!“ dachte er,„er war ſelbſt das nicht einmal!“ Ein Nichts, das in die Welt hinausge⸗ ſtoßen iſt, um ſeinen eigenen Werth zu beſtimmen! Was waren ihm Ehre, Rechtſchaffenheit, Tugend? Nichts— Worte! Er mußte jetzt an's Werk, mußte ſich beugen und keuchen um ſeinen Lebensunterhalt. Warum nicht zurück⸗ gehen und vor Pater Mackworth kriechen? Noch war es Zeit. „Nein!“ „Warum nicht? War es nur Stolz? Wir haben nicht das Recht zu behaupten, was es war. War es blos Stolz, immer war es beſſer, als nichts. Beſſer, daß er ſich noch an dieſen Strohhalm klammern konnte, als wenn er auf dem großen Meere allein und ohne jeden Halt ge⸗ weſen wäre. Wir haben geſehen, daß er nicht viel Gutes gethan hat, als die Umſtände noch alle ihm günſtig waren; ſehen wir jetzt, ob er ſich irgendwie bewährt, jetzt, wo die Umſtände ſämmtlich wider ihn ſind! es n; ie „Amerika!“ dachte er einmal.„Dort iſt Jeder ein Gentleman. Könnte ich ſie nur finden und ihr die Ju⸗ welen abreißen, ſo wollte ich mit ihr dahin gehen. Aber ich muß ſie finden— muß ſie finden. Ich will England nimmer verlaſſen, bis ſie mit mir geht. Wir werden zu⸗ ſammengeführt werden. Wir werden einander ſehen. Ich liebe ſie, wie ich ſie noch nie geliebt habe. Welch' ein liebes, ſanftes, kleines Herz ſie war! Mein Liebling! Und wenn ich ſie geküßt habe, ließ ich mir niemals träumen, daß ſie meine Schweſter war. Mein hübſches Lamm! Ellen, Ellen, ich komme zu Dir. Wo biſt Du, mein Herz?“ Er war allein in einem Eiſenbahnwagen und lehnte ſich, als er dies ſprach, zum Fenſter hinaus, um den friſchen Wind zu fühlen. Er ſagte es noch einmal, diesmal ganz laut:„Wo biſt Du, meine Schweſter?“ Wo war ſie? Hätte er es ſehen können! Wir dürfen dies, wenn er es auch nicht konnte. Kommt mit mir voraus nach dem großen Babel, während er demſelben zufliegt; wir werden ſogleich wieder bei ihm ſein. In einem kleinen, luxuriös eingerichteten Hausflure ſteht ein wunderſchönes Weib in der beſcheidenen Kleidung einer Dienerin. Sie ſteht da mit übereinandergeſchlagenen Armen, in ihrem Geſichte ein kalter, ſtrenger, neugieriger Blick. Sie ſchaut nach der Hausthür hin, welche von einem Lakai offen gehalten wird. Sie wartet auf Je⸗ manden, der hereinkommen ſoll, und zwei Reiſende treten ein, ein Mann und eine Frau. Ruhig geht ſie der Dame entgegen und ſagt:„Ich heiße Sie willkommen, Mylady.“ Wer ſind dieſe Leute? Iſt jene Dienerin Ellen? Und dieſe Reiſenden, ſind ſie nicht Lord Welter und Adelaide? 154 Eilen wir zu unſerm armen Charles zurück; lieber bei ihm, als hier! Wir dürfen ihn nicht aus den Augen verlieren. Wir müſſen ſehen, wie er in ſeiner Verzweiflung zu dem außer⸗ ordentlichen Entſchluſſe kam, den er faßte. Nicht, daß ich mir die beſondere Mühe nehmen werde, Alles zu be⸗ ſchreiben, was in ſeinem Geiſte vorging, bis er zu ſeinem Entſchluſſe gelangte. Wenn ich meine Geſchichte gut erzählt habe, ſo wird dieſer als nichts Außerordentliches erſcheinen, und wo nicht, ſo würde ein intelligenter Leſer ſehr bald herausfinden, wie ich ſchlecht erzählte Thatſachen durch aus⸗ führliche, ſeelenzergliedernde Theorien auszuſtaffiren ſuchte. Charles wünſchte faſt, daß der Zug in Ewigkeit fort⸗ geraſſelt wäre; aber die dichter und heller werdenden Lichter weckten ihn aus ſeinen Träumen. Er gewahrte, daß er ſich London näherte und daß die Zeit zum Handeln gekommen war. Der große Sprung war gethan und er allein auf der kalten Straße— allein mit dem Manne, der ſein Gepäck trug. Ein paar Augenblicke blieb er ſtehen, verwirrt vom Getöſe der Wagen jeglicher Art, welche die Paſſagiere dem Zuge entführten, bis der Mann ihn frug, wohin er zu gehen beabſichtige. Charles ſagte ohne Beſinnen:„nach dem Warwick⸗ Hotel“, und ſie begaben ſich dahin. Einen Augenblick bereute er, dies geſagt zu haben; aber im nächſten ſprach er:„Eſſen und trinken wir heute noch; denn morgen müſſen wir ſterben!“ Der Mann wandte ſich um und ſagte:„Bitt' um Ver⸗ gebung, wie, Sir?“ Doch Charles antwortete ihm nicht, 155 und der Mann ſchritt weiter in Verwunderung über den ſonderbaren jungen Herrn, auf den er da geſtoßen war. Der gute Gaſtwirth freute ſich, ihn zu ſehen. Wollte er zu Mittag ſpeiſen?— ein Stückchen Fiſch und eine Lammscotelette zum Beiſpiel? Da fiel es Charles plötz⸗ lich ein, daß er Hunger hatte— einen Wolfshunger. Er lachte laut über den Einfall, und der Wirth lachte mit ihm und rieb ſich die Hände. Wollte er Scholle haben oder Weißfiſch? frug er. „Irgend Etwas“, ſagte Charles,„ſobald Sie mich nur ſchnell füttern. Und bringen Sie mir Wein, wollen Sie? irgend welchen; ich habe Durſt. Bringen Sie mir Sherry, wollen Sie? Und, hören Sie, laſſen Sie mich ihn jetzt gleich koſten, damit ich Ihnen ſagen kann, ob er mir gefällt. Ich bin ſehr eigen in meinem Weine, müſſen Sie wiſſen.“ In wenigen Minuten brachte ein Kellner ein Glas Wein und wartete, um zu hören, ob Charles ihn gut fände. Er ſagte dem Manne, er könnte gehen; er wollte es ihm ſpäter bei Tiſche ſagen. Als der Mann hinausgegangen war, betrachtete er den Wein mit einem Lächeln. Dann nahm er das Glas und goß den Inhalt deſſelben in den Kohlenkaſten. „Noch nicht“, ſagte er,„noch nicht! Ich will erſt etwas Anderes verſuchen, ehe ich meine Leiden erſäufe.“ Und ſo ſtürzte er ſich in die»Times«. Kaum hatte er ſich davon überzeugt, daß Lord Aberdeen mit der Ehre des Landes ſpielte, indem er den Krieg nicht erklärte, als er auch ſchon tief darüber nachzudenken be⸗ gann, wie dieſer große Staatsmann darauf verfallen war, mit Adelaiden auf⸗ und davon zu gehen und ob im Falle 156 eines Krieges mit Rußland Lady Ascot den Pater Mack⸗ worth überführen würde, daß er den Zwiſt veranlaßt hätte. Dann trat Lady Ascot mit einer großen Medicinflaſche und einem Neuen Teſtamente in's Zimmer und vermeldete, daß ſie ein krankes Kanonenboot pflegen müßte. Und dann, gerade als er merkte, daß er ſchläfrig wurde, ſchlief er ein — feſt ein. Ein halbſtündiger Schlaf erquickte ihn, und das Mittag⸗ eſſen ließ Alles in einem andern Lichte erſcheinen.„Alles wohl erwogen“, ſagte er, ſeinen Wein ſchlürfend,„iſt es weiter nichts, als: die Welt auf der einen und ich auf der andern Seite. Ich bin völlig unbekümmert und kann nicht tiefer ſinken. Ich will dem Leben all' das Vergnügen ab⸗ gewinnen, was ich ihm, redlicherweiſe, abgewinnen kann; denn noch bin ich ein reeller Mann und geſonnen, dies zu bleiben. Ich liebe Dich, Madame Adelaide, und Du haſt mich ſchlimmer behandelt als einen Hund und mich zur Verzweiflung getrieben. Wenn er Dich heirathet, ſo will ich eines Tages vortreten und Dich beſchimpfen. Hätteſt Du wenigſtens gewartet, bis Du Alles wußteſt,— dann hätte ich Dir vergeben können. Ich will mir eine Lakaien⸗ ſtelle zu verſchaffen ſuchen und im Bedientenzimmer von Dir ſchwatzen. Ganz London ſoll wiſſen, daß Du mit mir verlobt warſt.“ „Meine arme, liebe, hübſche Adelaide, als ob ich Dir je ein Haar Deines Hauptes krümmen würde, mein ſchönes Liebchen! Dumme—“ Der Wirth trat ein. Es wäre vortreffliche Geſell⸗ ſchaft im Rauchzimmer; wollte er geruhen, ſich zu ihr zu ſetzen? 157 Geſellſchaft und Cigarren! Charles wollte entſchieden dabei ſein und ließ ſich ſeinen Wein hineintragen. Da war ein corpulenter Herr mit einer Stumpfnaſe, der ein Conſervativer war. Ferner ein langer Herr mit einer langen Naſe, der ein Liberaler war. Ein kleiner Herr mit keiner beſondern Art von Naſe, der ein Radikaler war. Ein ſchöner Herr mit einem großen Backenbarte, der ein Handlungsreiſender, und ein Herr mit Säbelbeinen, der„pferdig“ war. Es widerſtrebt mir im Allgemeinen auf das Aeußerſte, mich derlei burſchikoſer Jargonadjective zu bedienen, ſo lange andere an ihrer Stelle aufgefunden werden können; allein zuweilen werden durch ähnliche Beiwörter lange Umſchreibungen vermieden. So kenne ich, zum Beiſpiele, für einen Herrn mit einer gewiſſen Sorte von Haar, Ge⸗ ſichtsfarbe, Kleidung, Bart und Beinen keine andere Be⸗ zeichnung als die oben gebrauchte, und darum muß ſie ſtehen bleiben. Da die Vorſehung es ſo fügte, nahm Charles zwiſchen dem Wirth und dem„pferdigen“ Herrn Platz, abgeſondert von den Uebrigen. Er rauchte ſeine Cigarre und hörte der Unterhaltung zu. Der conſervative Herr ſtimmte mit dem liberalen darin überein, daß Lord Aberdeen das Land an die Ruſſen ver⸗ kauft; auch der radikale Herr ſchloß ſich ihnen in dieſem Punkte an, und eine Zeit lang ſchien die Oppoſition eine über⸗ wältigende Majorität zu behaupten und Aberdeen's Re⸗ gierung nur deshalb noch ein ferneres Beſtehen zu ge⸗ ſtatten, damit ſich dieſelbe um ſo entſchiedener compromit⸗ tire. In der That, Alles ſchien nach einem und demſelben 158 Wege zu drängen, wie es bei Coalitionsminiſterien kurz vor einem großen Umſturze oft zu gehen pflegt, als der radikale Herr plötzlich eine heftige Spaltung im Cabinete verurſachte, indem er bemerkte, die ganze Verwickelung wäre durch die Intriguen der Ariſtokratie herbeigeführt worden,— eine Behauptung, die den conſervativen Herrn zu einer Ent⸗ gegnung in ungemeſſenen Ausdrücken fortriß. Der liberale Herr aber, welcher zu vermitteln ſuchte, ſah ſich dann von beiden Parteien verachtet. Charles horchte eine Weile zu und war beluſtigt, zu hören, wie Jeder, völlig unbewußterweiſe, ganze Sätze aus ſeiner reſpectiven Hauptzeitung citirte; da lenkte der„pferdige« Herr ſeine Aufmerkſamkeit von dieſer Unterhaltung mit der Bemerkung ab: „Verdammte Politik! Welches Pferd wird den Derby gewinnen?“ „Haphazard“, ſagte Charles, ohne ſich zu beſinnen. Dies war, wie man ſich gütigſt erinnern wolle, Lord Ascot's Pferd, welches wir bereits geſehen haben. Der Wirth trat augenblicklich näher. Der»pferdige« Herr ſchaute Charles an und ſagte: „Hum! und was hat Se. Lordſchaft bewogen, ihn für die »Zweitauſend« zu ſtreichen, Sir?“ Und ſo weiter. Es iſt von einigem Intereſſe für uns, ob Haphazard das Derby⸗Rennen gewinnt, wie wir ſehen werden; von noch größerm Intereſſe aber das Reſultat von Charles' Geſpräch mit dem pferdigen Manne. Doch haben wir nichts zu ſchaffen mit den wortreichen Erörter⸗ ungen über die verſchiedenen Pferde, die bei dem großen Rennen gute Chancen haben ſollten;(die gottloſen, ſchönen Geſchöpfe! wie viele Heldenſeelen haben ſie nicht ſchon in — den Hades geſchickt!) wir wollen den Leſer daher mit den⸗ ſelben verſchonen. Der Schluß der Unterhaltung war ihr einzig wichtiger Theil. Charles ſagte auf der Treppe zu dem pferdigen Manne: „Jetzt wiſſen Sie Alles. Ich bin mittellos, freundlos, namenlos. Können Sie mir behülflich ſein, mir auf recht⸗ ſchaffene Weiſe meinen Lebensunterhalt zu verdienen?“ Und Jener ſprach:„Ich kann's und ich will's. Der be⸗ treffende Herr iſt ein Verſchwender; aber er iſt reich. Sie werden thun können, was Sie wollen. Vielleicht werden Sie dort manchmal ſonderbare Dinge ſehen; aber was macht's?“ „Macht mir nichts aus“, ſagte Charles,„ich kann ihn immer wieder verlaſſen.“ „Und zu Ihrer Familie zurückkehren, wie ein verſtän⸗ diger junger Herr, wie?“ ſagte der Andere mit einem gut⸗ müthigen Lächeln. „Ich bin kein Gentleman“, erwiderte Charles,„ich habe Ihnen dies bereits geſagt. Ich bin der Sohn eines Wildhüters, ich ſchwöre es Ihnen. Man hat mich ſo lange verwöhnt und verzogen, daß ich wie ein Gentleman aus⸗ ſehe; aber ich bin es nicht.“ „Dann ſind Sie eine verdammt gute Nachahmung“, ſagte der Andere.„Gute Nacht; kommen Sie um neun Uhr zu mir, vergeſſen Sie es nicht.“ Um dieſelbe Zeit hatte Lady Ascot ihren Brief an Lord Saltire abgeſchickt und dann nach Charles gefragt. Der Kammerdiener berichtete, daß Mr. Ravenshoe unmittelbar nach ſeiner Unterredung mit Ihrer Herrlichkeit, vor etwa drei Stunden, das Haus verlaſſen hätte. 160— Sie ſprang auf.„Fort!— Wohin 14 „Nach Twyford, Mylady!“ „Schicken Sie ihm Jemanden nach, Sie Tölpel!“ Schicken Sie alle Reitknechte Auf Mylord's Pferden nach ihm aus! Schicken Sie einen Burſchen auf Haphazard fort, daß er mit dem Eiſenbahnzuge um die Wette nach London fliegt. Schicken Sie ihm die Polizei nach! Er hat meine Börſe geſtohlen, in der ſich zehntauſend goldene Guineen befanden!— Ich ſchwöre, er hat mich beſtohlen! Laſſen Sie ihn an Händen und Füßen binden und bringen Sie ihn mir zurück, wenn Ihnen Ihr Leben lieb iſt. Wenn Sie noch länger daſtehen, werd' ich Sie ermorden!“ Die gewaltſame alte thieriſche Natur, ſo lange einge⸗ dämmt durch Formen und Gebräuche, hatte endlich alle Bande geſprengt. Die würdevolle Lady Ascot war mit einemmale in eine entſetzliche, grauhäuptige, prachtvolle alte Alecto verwandelt und ſchleuderte ihre furchtbaren Worte in einer ſcharfen, grollenden Stimme um ſich, die dem Hörer das Haar auf dem Kopfe emporſträubte. Der Mann floh und ließ Lady Ascot allein. Sie ging wild im Zimmer umher und ſchlug mit den Händen gegen die Wände.„O, Du elendes, gottloſes, altes Weib!“ ſchrie ſie laut,„wie ſind Deine Sünden an die Sonne gekommen! Daß Du, nachdem Du das Ver⸗ brechen ſo viele Jahre verheimlicht, jetzt ſehen mußt, wie ſeine Strafe auf ein ſo ſchuldloſes, geliebtes Haupt fällt! Alicia! Alicia! ich habe es für Dich gethan! Charles, Charles, komm zurück zu dem alten Weibe, ehe es ſtirbt, und ſage, Du vergibſt ihm.“ Fünfzehntes Kapitel. Charles hatte von jeher eine große Leidenſchaft für Pferde und für's Reiten gehabt. Er war ein vollkommener Reiter und ſo wohl unterrichtet und erfahren in Allem, was ſich auf Pferde bezog, daß ich wirklich glaube, er hätte ſich mit der Zeit zu der ſchwindelnden Höhe eines Stall⸗ meiſters bei einem großen Herrn oder Lord erheben können. Er war in einem Hauſe aufgewachſen, in welchem das Roß eine wichtige Rolle ſpielte, und hatte ſich in der That ſolche Erfahrungen erworben und wußte über dergleichen Dinge ſo viel zu ſagen, daß ein hoffnungsvoller junger Edelmann in Opford einſt ſo weit ging, ſich gegen George Simmonds ſelbſt auf die Autorität von Charles Ravenshoe zu berufen. Mr. Simmonds ſah den Miſſethäter mild an und ſagte mitleidsvoll:„Könnte irgend ein Student Etwas von der Sache verſtehen, Mylord, ſo würde dieſer Student allerdings Mr. Ravenshoe heißen. Aber er iſt jung, Mhlord, und folglich unwiſſend.“ Se. Lordſchaft ſagte darauf kein Wort weiter. Ich habe dieſes Factum bisher ſo ziemlich im Hinter⸗ grunde gelaſſen, weil es noch von keiner großen Bedeutung Kingsley, Ravenshoe. II. 11 7 4 4 3 3 6 162 war. Zetzt aber beginnt es Bedeutung zu gewinnen. Ich ging dagegen etwas ausführlicher auf Charles Rudertalent ein, weil das Rudern und das dazu nothwendige Trainiren einen gewiſſen Einfluß auf ſeinen Charakter hatten,— ob zum Guten oder zum Böſen, überlaſſe ich dem eigenen Er⸗ meſſen des Leſers. Und nun erwähne ich des Umſtandes, daß er ein vorzüglicher Reiter war, weil ein beträchtlicher Theil der nächſtfolgenden Begebniſſe dieſer Thatſache zu⸗ geſchrieben werden muß. Man fürchte keinen Augenblick, mit Stallgeſchwätze gelangweilt zu werden. Ich werde nichts dergleichen auf⸗ tiſchen. Nur ſoviel:— Charles, welcher ein Freund von Pferden war, wählte ſich einen gewiſſen Geſchäftszweig und erlebte in der Pflege derſelben gewiſſe Abenteuer, die es der Mühe werth gemacht haben, ſeine Geſchichte zu erzählen. Als er am andern Morgen zu dem„pferdigen“ Manne ging, war er nicht mehr in der Kleidung eines Gentleman. Er beſaß unter ſeinem Vorrathe verſchiedene alte Klei⸗ dungsſtücke, die er in den luſtigen alten Zeiten in Ravenshoe zu tragen pflegte, wenn er mit dem Tage aufſtand, um die Pferde auf dem Moore zu tummeln— Sammethoſen und ſo weiter, die, nunmehr alt und abgenützt, ihm ſehr das Aus⸗ ſehen eines Reitknechts gaben, der ſeit einiger Zeit ohne Dienſt geweſen iſt. Was die Täuſchung noch erhöhte, war, daß er zum erſtenmale in ſeinem Leben keinen Hemdkragen trug, ſondern einem blaugetupften Halstuche geſtattete, ſein ehrliches rothes Geſicht zu ſäumen, ohne nur einen Viertelzoll weißer Leinwand zu zeigen. Und wenn es Ew. Lordſchaft jemals aus irgend einem Grunde „ 163 darum zu thun ſein ſollte, wie ein gemeiner Kerl auszu⸗ ſehen, ſo erlauben Sie mir, Ihnen zu ſolchem Behufe ein dunkles Halstuch und keinen Hemdkragen zu empfehlen. Der Erfolg wird Ihre kühnſten Erwartungen übertreffen. Charles fand ſeinen neuen Bekannten im Schenkzimmer und legte grüßend die Hand an den Hut. Sein Freund lachte und ſagte, ſo würde es gehen, frug aber, wie lange er die Geſchichte durchführen zu können glaubte? Charles ſagte, ſo lange, wie es nothwendig wäre, und ſie mach⸗ ten ſich mit einander auf den Weg. Sie gingen bis an eine Straße, die zu einem der ſchönſten und vornehmſten Squares führte(ich meine B— lgr v— Sq—re, doch will ich das Wort lieber nicht völlig ausſchreiben), und blieben vor der Thür eines hüb⸗ ſchen Kaufladens ſtehen. Charles kannte London hin⸗ länglich, um zu vermuthen, daß die erſte Etage über dem⸗ ſelben an einen wohlhabenden Herrn vermiethet wäre, und er hatte Recht. Die Thür wurde geöffnet und ſein Freund hinauf⸗ geführt, während man ihn unten warten hieß. Jetzt be⸗ gann Charles mit erheblichem Ergötzen wahrzunehmen, daß er eine Rolle ſpielte, daß er, ſozuſagen, etwas Anderes vorſtellte, als was er in Wirklichkeit war, und daß er in ſeinem Spiele vielleicht übertriebe. In dieſem Hauſe, in welchem er noch geſtern dem Eigenthümer als ein Gleichſtehender gegenübergetreten ſein würde, ſpielte er heute den Diener. Es war unendlich beluſtigend. Er putzte ſich die Schuhe ſehr ſauber ab und ſetzte ſich auf eine Bank in der Halle, den Hut zwiſchen den Knien hal⸗ tend, wie er es Reitknechte hatte thun ſehen. Es iſt un⸗ nöthig, über Das oder Jenes nachzugrübeln; denn man entdeckt in der Regel doch nichts. Nichtsdeſtoweniger aber möchte ich gern wiſſen, ob Charles, hätte er geahnt, in welcher Beziehung der Herr dieſes Hauſes zu ihm ſtand, nicht auf der Stelle das Haus eingeäſchert oder ſeinem Eigenthümer den Hals abgeſchnitten haben würde? Als er es ausfindig machte, that er weder das Eine noch das Andere; aber er war dann bereits bedeutend zahm ge⸗ worden. Alsbald kam ein Diener herunter, und Charles als einen vermeintlichen Kameraden neugierig muſternd, ſagte er ihm höflich, er möchte hinaufkommen. Er ging hinauf. Das Zimmer gehörte zu einer Reihe ſtattlicher Gemächer und lag nach der Straße zu. Charles ſah auf den erſten Blick, daß es das Zimmer eines großen Dandy war, eines Dandy, wenn nicht der erſten, doch hoch oben in der zweiten Klaſſe. Nur zwei Dinge beleidigten ſein Auge, als er ſich haſtig im Gemache umſchaute. Es war zu viel bric-kprac vorhanden und zu viele Blumen. „Ob er nur ein Gentleman iſt“, dachte Charles. Sein Freund von geſtern Abend ſtand in achtungsvoller Haltung leicht auf die Lehne eines Stuhles geſtützt, und Charles ſah ſich begierig nach dem Herrn des Hauſes um. Er mußte, um ihn zu entdecken, die Blicke abwärts ſenken; denn der Herr lag in einem niedrigen Armſtuhle und war halb hinter dem Frühſtückstiſche verſteckt. Da war er— Charles' Herr: der Mann, der ihn kaufen ſollte. Charles warf einen ſcharf prüfenden Blick auf ihn und war zufriedengeſtellt.„Er geht für den Noth⸗ fall“, ſprach er zu ſich ſelber. 75 WW Eine große Menge ſchöner und glänzender Dinge waren im Zimmer verſtreut; aber der Eigenthümer derſelben war bei Weitem das ſchönſte und glänzendſte. Er war ein junger Mann mit ſehr blaſſen, zarten Zügen und einem auffallend einnehmenden Geſichtsſchnitte. Er trug einen Schnauz⸗ und den damals eben in die Mode kommenden langen Backenbart und eine prachtvolle Uni⸗ form von Blau, Gold und Scharlach; denn er hatte an dieſem Morgen Dienſt gehabt und war eben erſt heimge⸗ kehrt. Sein Säbel lag vor ihm auf dem Boden und ſein Tſchako auf dem Tiſche. Als Charles ihn betrachtete, ſtrich er ſich gerade mit der Hand durch das Haar. Ein einziger Ring war an derſelben bemerklich, aber welch' ein Ring!„Das iſt eine ziemlich vornehme Hand“, ſprach Charles zu ſich ſelber.„Und er hat nicht zu viel Juwelen⸗ kram an ſich. Wer, zum Kukuk, mag er nur ſein?“ „Das iſt der junge Mann, Sir“, ſagte Charles' neuer Freund. Lieutenant Hornby betrachtete Charles und ſprach nach einer Pauſe: „Ich nehme ihn auf Ihre Empfehlung, Sloane. Ich zweifle nicht daran, daß er mir paſſen wird. Er ſcheint mir ein guter Kerl zu ſein. Nicht wahr, Du biſt's?“ fuhr er fort, ſich zu Charles ſelbſt wendend, mit jener glücklichen, anmuthigen Impertinenz, die eine Eigenthümlichkeit wohl⸗ habender und durchaus liebenswürdiger junger Leute iſt und uns wider unſern Willen bezaubert. Charles erwiderte:„Unter meines Gleichen bin ich manchmal ſtreitſüchtig; aber mit den Pferden bin ich ſtets gut.“ 66 „Das genügt vollkommen. Du kannſt den andern beiden Burſchen die Köpfe klopfen, ſo viel es Dir beliebt. Sie gehorchen mir nicht im Geringſten; vielleicht gehorchen ſie Dir. Du wirſt über ihnen ſtehen. Du wirſt Alles zu leiten haben. Du wirſt unbegrenzte Gelegenheiten finden, mich zu berauben und zu plündern, ohne jegliche Chance, dabei ertappt zu werden. Aber Du wirſt es nicht thun. Das iſt nicht Deine Art; ſo viel habe ich gleich be⸗ merkt. Laß mich Deine Hand anſehen.“ Charles gab ihm die große nervige Pfote, die ihm in jener Eigenſchaft diente. Und Hornby ſagte: „Ah! die Hand eines Gentlemans. Geht mich nichts an. Trage jenen Ring lieber nicht, wie? Ein Reitknecht ſollte keine ſolchen Ringe tragen. Irgend eine Art von Zeugniß oder Schein?“ Charles zeigte ihm, was Lord Ascot für ihn aufge⸗ ſchrieben hatte. „Lord Ascot, wie? Ich kenne Lord Welter flüchtig.“ „Dafür hol' Dich der Kukuk!“ dachte Charles. „Warſt Du in Lord Ascot's Dienſten?“ „Nein, Sir. Ich bin der Sohn von Squire Ra⸗ venshoe's Wildhüter. Die Ravenshoes ſind mit Lord Ascot's Familie durch Heirath verwandt. Ravenshoe liegt im Weſten, Sir. Lord Ascot kennt mich, dem Rufe nach, und hat eine gute Meinung von mir, Sir.“ „Es genügt vollkommen. Sloane, wollen Sie ihn mit ſeinen Pflichten bekannt machen. Machen Sie den andern Burſchen begreiflich, daß er ihr Herr iſt, wollen Sied Du kannſt gehen.“ a⸗ egt ch, nit ern Sechszehntes Kapitel. Im Verlaufe unſerer Erzählung ſind wir alſo zu der gegenwärtigen erſtaunlichen Situation gelangt. Charles Ravenshoe, von Ravenshoe in der Grafſchaft Devonſhire, Esquire, und ehedem vom St. Paul's⸗Collegium in Orford, hatte ſich als Reitknecht bei Lieutenant Hornbh im 140ſten Huſarenregimente verdungen, und obengenannter Charles Ravenshoe war auch gar nicht Charles Ravenshoe und es niemals geweſen, ſondern immer jemand ganz Anderes, nämlich Charles Horton, der Sohn eines Wildhüters, wenn überhaupt noch ſo viel, da er unter einem falſchen Namen getauft worden war. Die Situation iſt eine ſo ungewöhnliche und ſo trau⸗ rige, daß wir ſie, nachdem wir ſie im vorigen Kapitel aus dem tragiſchen Geſichtspunkte aufgefaßt haben, nothwendi⸗ gerweiſe jetzt von einer helleren Seite betrachten müſſen. Und dies iſt die beſſere Kunſt; denn genau das Nämliche begann nun Charles ſelbſt zu thun. Ein Schlag folgte ſo ſchnell auf den andern im gänzlichen Zuſammenſturze von Allem, was ihm in der Welt etwas gegolten hatte. Vater, Freunde, Stellung, Geliebte— Alles war ihm an Einem 168 Tage verloren gegangen und mit dieſem entſetzlichen Schiff⸗ bruche eine Art von leichtherziger Deſperation über ihn gekommen, die ihn Geſellſchaft aufſuchen und den ganzen Tag fröhlich ſchwatzen und lachen machte. Das war nichts Unnatürliches bei einem ſo jungen und kräftigen Manne. Wenn er aber in der Nacht erwachte, da packte die kalte Kralle wiederum ſein Herz. Doch ich ſagte, wir wollten von dieſem Liede nichts mehr hören, und ich will Wort halten. Die geduldige alte Erde, die nur darauf bedacht iſt, in dem ihr vorgeſchriebenen Laufe ihre Fflicht zu thun, und ſich nicht um die Atome bekümmert, die auf ihrem Schooße auf Liebe oder Krieg gewieſen ſind und von denen das geringſte ihre ganze wohlorganiſirte Maſſe an Wichtigkeit übertrifft,— dieſe alte gute Erde hatte ſich um und um gedreht, bis ſie den ihrer Theile, welcher die Inſel Großbri⸗ tannien einſchließt, der Sonne näher gebracht und auf ihm jenen Zuſtand erzeugt hatte, den wir Sterbliche„Frühling“ nennen. Ich bin jederzeit ſehr beſtrebt, es wo möglich Allen recht zu machen. Verſchiedene Leute lieben ein wenig Weitſchweifigkeit und für ſie habe ich den obigen Satz geſchrieben; Andere mögen dergleichen Umſchweife nicht und für dieſe vermerke ich hiermit, daß es zu Ende des Monats Mai war, und bitte ſie, dem erwähnten Flug meiner Phantaſie nicht zu folgen und überhaupt zu thun, als wäre derſelbe nie niedergeſchrieben worden. Es war Frühling. An der Seeküſte begannen die Hüter der Leuchtthürme und der Wachtſtationen in Hemd⸗ ärmeln umherzuwandern und ihre kleinen Streifen ſalzigen Gartenlandes in Ordnung zu bringen, das mit Malven⸗ in nd ſe a5 eit m m 169 bäumen und Tamarisken eingehegt war, und dankten Gott, daß nun die langen, heulenden Winternächte auf eine Weile vorüber waren. Die Fiſcher riefen einander fröhlich zu, wenn ſie vom Ufer abſtießen und nicht mehr ein zwölf⸗ ſtündiges Fegefeuer von Hagel und eiſigem Nebel und Schnee zu fürchten hatten, und meinten, wie grün das Land ſchon ausſähe und wie angenehm doch eigentlich die Zeit des Makrelenfanges wäre. Ihre Weiber, überglück⸗ lich bei dem Gedanken, daß der wilde Winter vorüber war und ſie nicht zu Wittwen gemacht hatte, brachten ihre Arbeit vor die Thüren heraus und plauderten luſtig in der Sonne, während einige der verwegeneren kleinen Buben ſchon in den Strandwellen wateten und ſich einzubilden verſuchten, daß der Golfſtrom bereits da, und daß es Som⸗ mer wäre und nicht erſt Frühling. Landeinwärts war die Gerſte geſäet und ging auch ſchon auf, die Wieſen waren alle ſauber geharkt, gerollt und für's Heu bereit; an frühzeitigen Stellen grünte ſchon das junge Gras und darauf blühte die purpurne Orchis und in den feuchten Winkeln ſproßte die goldene Ringelblume,. über die der Südweſt ſchmeichelnd ſtrich und den ſüßen Duft der wachſenden Vegetation verbreitete, der Alle, welche ihn einathmeten, mit der Luſt erfüllte, ſich über Garten⸗ pförtchen und Zaungatter und ähnliche Orte zu lehnen und zu denken, welch eine köſtliche Jahreszeit es war und wie ſie wünſchten, daß ſie doch ewig währen möchte. Die jungen Leute begannen Abends etwas früher ihrer Arbeit zu entſchlüpfen, nicht, wie heute, nach dem Exercier⸗ oder dem Schießplatze, ſondern um auf der Dorfwieſe beim Cricketſpiele ihren Stand zu nehmen, wo Sir John(der junge Gutsherr) in einem ſcharlachrothen Flanellhemde zu ſehen war, wie er, gleich einem Catapulte, die Bälle ſchleuderte, bis zum zweiten Male geläutet wurde und er laufen mußte, um ſich zur Tafel umzukleiden. Liebende, die im Mondſcheine in engen Hohlwegen luſtwandelten, bemerkten, wie ſcharf und breit die Schatten wurden, und ſtanden am Ende des Pfades am Ufer ſtill, um der Nachti⸗ gall zu lauſchen, die, im Dornbuſche verſteckt, ſang und ſchlug und ſchmetterte und ſich zur melodiſchen Leidenſchaft aufſchwang, bis ſie in ein wildes Jubellied ausbrach und dann ſchwieg und die Nacht ſtill ward und kein Laut mehr hörbar war, als das Liſpeln der neugeborenen Inſecten und das Flüſtern der erwachenden Vegetation. Frühling! Die große Erneuerung der Pacht. Die Zeit, wo Naturenthuſiaſten gute Entſchlüſſe faſſen, die noch vor dem Fallen des Laubes häufig wieder gebrochen werden. Die Zeit, wo das Land wieder wohnlich und vergnüglich wird. Macht ſie irgend einen Unterſchied in den hundert Meilen von Kalk und Ziegelſtein, die man London nennt, außer in ſofern, als ſie jeden vernünftigen Chriſten⸗ menſchen veranlaßt, ſein Bündel zu ſchnüren und in die grünen Felder und Hohlwege für Liebespaare zu entfliehen, deren wir oben gedachten? Doch, ja; allerdings macht ſie einen Unterſchied auch für London, indem ſie etwa 10,000 Menſchen, die des Jagens und Schießens müde geworden ſind, dem ſie während der Wintermonate auf dem Lande oblagen, in Schwärmen nach dem Weſtende der Stadt ſchickt, auf daß dieſe»voll« werde, wie man es heißt. Und ich weiß nicht, ob ſie damit eigentlich Unrecht thun, dieſe Schaaren; denn London iſt ein überaus angenehmer e — 171 Ort während der Saiſon(wir ſprechen nicht vom»Früh⸗ ling« auf dem Straßenpflaſter). Um dieſe Zeit beginnen die Fenſter der großen Häuſer auf den Squares von Blu⸗ men zu erglänzen, und unter den Markiſen der Balcons ſieht man Frauengeſtalten, die ſich im Schatten ergehen. Zu allen Stunden der Nacht hört man das unaufhörliche Rollen ſchöner Equipagen, und auch am Tage ſchweigt nimmer der Lärm. Durch das ganze Weſtende zieht ſich ein Duft von Blumen, von friſch gewäſſerten Straßen und von Macaſſar⸗Oel, während auf dem Covent⸗Garden⸗ Markte der Geruch von Pfirſichen und Ananas den von verfaulten Kohlſtengeln übertäubt. Die Geiger geigen, als wenn es um's Leben ginge, die Schauſpieler agiren mit Leib und Seele, und die Leute, die nach den Pferden ſehen, haben Tag und Nacht keine einzige Minute, die ſie ihre nennen können. Aber weder Herzogen noch Herzoginnen, weder Schau— ſpielern noch Geigern haben wir für jetzt unſere Aufmerk⸗ ſamkeit zuzuwenden, ſondern einem Manne, der auf einem Schubkarren ſitzt und eine zahme Dohle beobachtet. Der Ort war ein londoner Stallgäßchen, hinter einem der großen Squares, die Zeit der Nachmittag. Das Wetter war warm und ſonnig. Alle Pferdebeſitzer waren ausgeritten oder ausgefahren und darum die Ställe leer und das Gäßchen ruhig. Es war etwa eine Woche nach Charles' Entſetzung, faſt die erſte Stunde, die er am Tage zur eigenen Verfügung hatte, und ſo ſaß er und grübelte über ſein unglückliches Loos. Die Frau des Kutſchers von Lord Ballyroundtower 172 war beſchäftigt, Wäſche zum Trocknen aufzuhängen. Sie war eine Irländerin und auf den Gütern Sr. Lordſchaft geboren. Wenn ich ſage, daß ſie die Wäſche zum Trocknen aufhing, ſo drücke ich mich kaum richtig aus; denn ſie zog vor der Hand erſt die nöthigen Leinen, und da ſie, klein von Statur, ſich zur Erledigung ihres Geſchäftes auf den Fußſpitzen zu erheben hatte, zeigte ſie natürlich ihre Ferſen, bei welchem Anblicke die Dohle verſtohlen über den Hof heranhüpfte. Charles ſah, was kommen würde, und begann ein tiefes Intereſſe daran zu nehmen. Er hätte jetzt kein Wort geſprochen, und wenn es ſein Leben gegolten hätte. Die Dohle wackelte zu ihr hin, machte ſich daran, mit ihrem harten Schnabel auf ihre Achilles⸗ ferſe loszuhacken, mit einer Gewalt und Geſchwindigkeit, welche bewies, daß ihr die Thatſache vollkommen bekannt war, wie dieſe Unterhaltung, gleich den meiſten angenehmen Dingen dieſer Erde, nicht von langer Dauer ſein könnte und folglich nach Kräften ausgebeutet werden müßte. Manche Frauen würden geſchrien und ſich beim erſten Angriffe umgewandt haben. Nicht ſo unſere iriſche Freundin. Sie hielt ruhig ihre Marter aus, bis es ihr gelungen war, die Waſchleine um den Pfoſten zu be⸗ feſtigen; dann erſt kehrte ſie ſich zur Dohle um, die in eine ſichere Entfernung geflattert war, und erhob ihre Anklage wider ſie. „Mag Dich Dieſer oder Jener holen, Du impertinenter Teufel; denn ganz gewiß biſt Du des Satans Schweſter⸗ ſohn, Du garſtiger Proteſtant! Einer ehrlichen Frau in die Füße zu hacken, die noch dazu eine Tochter von Mylords eigenem Kammerdiener, Corny O'Brine, iſt, der ein beſſerer Mann war, als gewiſſe Leute, die auf Schubkarren umher⸗ ſitzen und Dich dazu aufhetzen—“(dies war auf Charles gemünzt, welcher daher höflich ſeine Mütze abnahm und ſich verbeugte)—„obgleich, Gott verzeih' mir, wol Mancher auf einem Schubkarren ſitzt, der in einem Geſellſchafts⸗ zimmer ſitzen ſollte, vielleicht—“(hier hob die Dohle einen Fuß und ſagte»Jack!«).„Fort, Du Thier, hörſt Du nicht, wie ſelbſt Myladys herrlicher Vogel auf Dich flucht, wie es dem Vogel eines Gentleman zukommt, das hübſche Thier?“ Das war die reinſte Wahrheit. Lord Ballyround⸗ tower's Bruder, der ehrenwerthe Frederick Mulligan, war Lieutenant in der Marine. Vor einiger Zeit auf der auſtraliſchen Station, hatte er den Wunſch gehabt, ſeiner Schwägerin ein hübſches Geſchenk zu machen, und daher einen jüdiſchen Vogelhändler in Sidney beauftragt, ihm einen Kakadu mit ſchwefelgelber Krone zu verſchaffen, Preis kein Gegenſtand, aber den beſten Schwätzer in der Colonie. Der Jude führte den Befehl getreulich aus; er ſchaffte ihm den beſten Sprecher unter allen Kaka⸗ dus der Colonie, und Fred brachte ihn triumphirend ſeiner Schwägerin, um deren Geſellſchaftszimmer in Belgrave Square zu zieren. Der Vogel war ein vortrefflicher Redner; das konnte Niemand beſtreiten. Er hatte eine wunderbar deutliche Ausſprache. Aber er war nicht immer discret. Nein, mehr noch, er war niemals discret. Er war von einem deportirten Viehtreiber erzogen, dann von den Ma— troſen vom Schiffe Ihrer Mceſtät, Actaeon, vollends ausgebildet worden und ſagte wirklich zuweilen Binge— 174 die er nicht hätte ſagen ſollen. Wenn man ſich auch ſtellte, als höre man ihn nicht, er machte doch jede Unterhaltung unmöglich. Man lebte in einer beſtändigen Todesangſt, was er wol wieder herausplappern möchte. Einmal waren eine Menge Leute zu einem Nachmittagsbeſuche ge⸗ kommen, darunter die alte Lady Hainault. Der Vogel war ſchlimmer, als je. Jeder verſuchte, eine Pauſe im Geſpräche zu verhüten; allein ſie kam unerbittlich. Jene fürchterliche alte Frau, Lady Hainault, brach endlich das Schweigen, indem ſie bemerkte, ſie wäre der Anſicht, Mr. Frederick Mulligan müßte ſelbſt dem Vogel Privat⸗ unterricht ertheilt haben. Danach war ſein Bleiben na⸗ türlich eine Unmöglichkeit. Fred mochte es übel nehmen; allein der Vogel mußte in das Reich der Ställe hinunter. Und hier war alſo der Vogel und fluchte gräßlich auf die Dohle. Endlich gerieth Myladys Mops, der ſich ärzt⸗ licher Behandlung wegen beim Kutſcher aufhielt, in Auf⸗ regung, watſchelte aus dem Hauſe heraus und griff die Dohle an. Die Dohle machte Front gegen die Cavallerie, und der Hund floh heulend und ſchneller, als er heraus⸗ gekommen war, in's Haus zurück. Darauf bellte der Vogel und ſetzte ſich auf den Düngerhaufen, neben Charles. Das Gäßchen ſelbſt mit ſeinem Stallgeruche, welchen das friſch geſprengte Waſſer milderte, war, wie geſagt, ſehr ſtill. Am obern Ende aber mündete es in eine Straße ein, welche von Belgrave Square nach dem Parke führte, nichts weniger als ruhig war und nach Geranium und Heliotrop duftete. Wagen auf Wagen ſauſten durch dieſe Straße am Ende des Gäßchens, wie Figuren über die Scheibe einer Zauberlaterne. Von den Dienern trugen 8 ——— ſte, ng ſt, al ge⸗ gel uſe t, 175 einige ſcharlachrothe und andere blaue Kniehoſen; da gab es roſa Hüte und gelbe Hüte und Magenta⸗Hüte, und Charles ſaß auf dem Schubkarren neben dem Dünger⸗ haufen und ſah Allem höchſt zufrieden zu. Ein verlaufener Hund kam von der Straße herein. Es war ein biſſiges Thier, das konnte Jeder leicht be⸗ merken. Es war ein Hund, der ſeinen Strick zernagt hatte und fortgelaufen war; denn noch ein Ende der Feſſel hing ihm um den Hals, und es war ein durſtiger Hund; denn er ſprang an die Pumpe heran und leckte die Steine. Charles ging und pumpte ihm ein wenig Waſſer, und er ſoff es. Dann, offenbar erwägend, wie Charles ver⸗ möge dieſer That der Barmherzigkeit eine Autorität über ſeine Perſon erworben, und da er es bereits verſucht, ſich ohne Herrn zu behelfen und gefunden hatte, daß dies nicht ginge, ſetzte er ſich neben Charles und weigerte ſich, von dannen zu gehen. An der Ecke des Gäßchens, wo daſſelbe in die Straße einlief, befand ſich eine Bierſchenke, und auf der gegen⸗ überliegenden Seite der Straße konnte man ein Haus ſehen, Nr. 16. Der Diener von Nr. 16 ſtand und ſchaute durch das Eiſengeländer. Ein durſtiger Mann kam zu Pferde an die Thür der Bierſchenke und trank in einem Zuge eine Kanne Bier, worauf er das Gefäß unterſt zu oberſt kehrte. Das war zuviel für den Lakaien, welcher augenblicklich verſchwand. Darauf kam ein Fleiſcher mit einer Mulde voll Fleiſch, die er in das Souterrain von Nr. 16 trug, ohne jedoch das eiſerne Gitterpförtchen hinter ſich zu ſchließen. Nach ihm erſchien ein Blinder, geführt von einem Hunde. Der 176 Hund, anſtatt gradeaus zu gehen, lief die Stufen in's Souterrain hinunter, dem Fleiſcher nach. Der Blinde glaubte, es ginge um eine Ecke. Charles ſah, was kommen mußte; doch ehe er noch Zeit hatte, dem Manne zuzurufen, war der Blinde ſchon kopfüber die Treppe hinuntergeſtürzt und verſchwunden, während von unten, wie aus einem Abgrunde, die Flüche des Metzgers heraufſchollen. Charles und Andere halfen dem Blinden auf, gaben ihm etwas Bier zu trinken und brachten ihn wieder auf den Weg. Charles beobachtete ihn. Nachdem er eine kleine Strecke weit gegangen war, begann er boshaft mit dem Stocke nach der Richtung hin zu ſchlagen, in welcher er ſeinen Hund vermuthete. Der Hund war offenbar an dieſe Ergötzlichkeit gewöhnt und wich gewandt den Schlägen aus. Da er die vertikalen Schläge erfolglos fand, ver⸗ ſuchte es der Blinde mit horizontalen und traf einen alten Herrn an das Schienbein, ſo daß dieſer ſeinen Regen⸗ ſchirm fallen ließ und nach ſeinem Beine griff. Der Blinde bat ihn unverzüglich um ein Almoſen und bog, da er ſolches nicht erhielt, um eine Ecke, und Charles ſah ihn nicht mehr. Die heiße Straße und jenſeit derſelben das Square und die ſtaubigen Flieder⸗ und Hollunderbüſche und der rothe Weißdorn. Welch' ein Tag für ein Bad in der See! Draußen die ſanft brandenden Strandwellen, rechts und links die hellen Vorgebirge, das Moor oben ruhig ſchlum⸗ mernd im Nachmittags⸗Sonnenlichte und die Inſel Lundy wie eine blaue Wolke am Horizonte der Atlantis und das alte Haus— er war wieder in Ravenshoe, an einem Mainachmittage. Man ſagt, die Poeten ſeien nie völlig bei Sinnen; doch ſind ſie jemals wahnwitzig? Niemals. Selbſt der alte Cowper wehrte ſich gegen ernſtlichen Wahnſinn, in⸗ dem er ſeine Einbildungskraft in Thätigkeit ſetzte. Charles war kein Dichter; aber er war ein guter Tagesträumer, undeanſtatt ſich daher in ſeinem abſcheulichen Ziegelſtein⸗ gefängniſſe um den Verſtand zu bringen, ſchweifte er weit fort nach der alten Bucht und badete und angelte und wanderte bis an die Bruſt durch die Königsfarren unter den ſchattigen Eichen am alten Bergwaſſer hin. Kalk und Ziegelſteine, Equipagen und Diener, Schub⸗ karren und Düngerhaufen,— Alles war in einer Secunde wieder da und ſchlug mit einem Miston an ſeine äußeren Sinne. Denn mit Pferdegetrappel und Säbelgeklirr auf den Steinen und für zweihundert Pfund Goldſchnüre am Leibe kam Lieutenant Hornby vom 140. Huſarenregimente (Prinz Arthur's) in den Stallhof geritten und ſchaute ſich nach ſeinem Diener um. Es war in der That ein präch⸗ tiger Burſche, und Charles betrachtete ihn mit einer Art von Stolz, wie Etwas, woran er ſelbſt ſeinen Antheil beſäße. „Komm' an die Hausthür, Horton, und bringe mein Pferd nach der Kaſerne zurück.“(Die Königin war Mor⸗ gens nach dem Bahnhofe gefahren und Hornby's Dienſt war vorüber.) Charles ging neben ihm nach Grosvenor Place. Er konnte nicht umhin, einen verſtohlenen Blick zu der prachtvollen Erſcheinung an ſeiner Seite zu erheben, und wie er dies that, begegnete er zwei freundlichen grauen Augen, die auf ihn herabſahen. „Du mußt Dich nicht hinſetzen und trauern, Horton“, ſagte der Lieutenant,„es kommt beim Trauern nichts Kingsley, Ravenshoe. II⸗ 12 178 heraus. Ich weiß wol, 8 iſt hölliſch ſchwer, es zu laſſen, und natürlich kannſt Du nicht gleich mit Dienern und derlei Leuten Genoſſenſchaft halten; aber Du wirſt Dich dran gewöhnen. Wenn Du glaubſt, ich merkte nicht, daß Du ein Gentleman biſt, ſo täuſcheſt Du Dich. Ich weiß nicht, wer Du biſt und werde es nicht herauszubringen ſuchen. Ich will Dir Bücher leihen und was Du ſonſt magſt; aber Du mußt nicht darüber grübeln. Ich kann's nicht leiden, meine Leute unglücklich zu ſehen, und na⸗ mentlich einen ſolchen Burſchen, wie Du biſt.“ Und wenn ſein Leben davon abgehangen hätte, Charles wäre nicht im Stande geweſen, nur ein Wort zu ſagen. Er ſchaute zum Lieutenant auf und nickte mit dem Kopfe. Der Lieutenant verſtand ihn ſehr wohl und ſagte zu ſich ſelber:„Der arme Kerl!“ Und ſo entſtand zwiſchen den Beiden ein Gefühl, welches Charles ſeine Knechtſchaft erleichterte und all⸗ mählich bis zur Zuneigung ſtieg. Nicht gegen Hornby war Charles'Rache gerichtet; denn die Kränkung kam nicht von dieſem. Seine Rache galt einem Andern, und wir werden ſehen, wie er ſie nahm. na⸗ rles geh. 6 ſich ühl, al⸗ mbh nicht wir Siebzehntes Kapitel. Bis hieher bin ich im Stande geweſen, Charles zu folgen, ohne ihn einen Augenblick zu verlaſſen: doch jetzt, wo er ſo tief geſunken iſt, daß er auf einem Schubkarren in einem Stallgäßchen ſitzt, müſſen wir etwas weniger mit ihm verkehren. Natürlich bildete er noch immer den Haupt⸗ gegenſtand unſers Intereſſes; aber er hat ſich der unmittel⸗ baren Sphäre aller unſerer andern Bekannten entzogen, und darum müſſen wir einige derſelben aufſuchen und ſehen, in wie weit ſie, obgleich von ihm getrennt, auf ſein Schickſal einwirken,— ja, wir müſſen ſie früher oder ſpäter Alle aufſuchen; denn da iſt keiner unter ihnen, der nicht auf eine oder die andere Weiſe mit ſeinen vergangenen und künftigen Abenteuern in Verbindung ſteht. Vermöge ihres Alters, Geſchlechtes und Ranges nimmt Lady Ascot unſere Aufmerkſamkeit zuerſt in Anſpruch. Wir verließen die liebe alte Dame in einer entſetzlichen Angſt, als ſie Charles' plötzlichen Weggang entdeckt hatte. Ihr Zorn wich bald ihren Thränen und dieſe der Erinnerung. Auf das Bitterſte tadelte ſie ſich jetzt für Das, was ihr vor vielen Jahren als eine ſo harmloſe Täuſchung er⸗ 12* 180 ſchienen war. Aber noch war es nicht zu ſpät. Charles konnte gefunden werden; mußte zurückkommen— mußte ſicherlich zu ſeiner armen alten Tante zurückkommen. Er würde nie— ſtill! daran war nicht zu denken! Lady Ascot erſann ſich einen glänzenden Plan und brachte denſelben in ſofortige Ausführung. Sie ſchrieb an Mr. Scotland Yard, das ehemalige berühmte Mitglied der geheimen Polizei, und ſchickte ihm ein ganz genaues Signa⸗ lement von Charles, mit dem Erſuchen, dieſen unverzüglich ausfindig zu machen,— ob todt oder lebend. Ihre Be⸗ mühungen wurden mit unmittelbarem und unerwartetem Erfolge gekrönt. Binnen einer Woche hatte der Polizei⸗ beamte nicht einen Charles Ravenshoe, ſondern drei ent⸗ deckt, unter denen Mylady wählen möchte. Das Schlimmſte an der Sache war indeſſen, daß keiner von den Dreien unſer Charles Ravenshoe war. Allerdings hatten ſie mit dieſem einen auffallenden Punkt gemein, den nämlich, daß ſie alle Drei junge Herren in ſchwieriger Lage waren und alle Drei dunkles Haar und ſcharfe Züge beſaßen. Hier aber hörte die Aehnlichkeit auf. Der erſte der drei Fälle, die Inſpector Yard ſo ſchnell Lady Ascot vorlegte, traf in der That mit dem unſers Charles in einigen erſtaunenden Zügen zuſammen. Der junge Herr kam aus dem Weſten von England, war irgendwo auf der Univerſität geweſen, hatte verſchwenderiſch gelebt („Gott ſegne ihn, den armen Jungen! Wann lebte ein Ra⸗ venshoe, der das nicht gethan hätte?“ dachte Lady Ascot), war unglücklich in ſeiner Herzensneigung geweſen, ſo meinte der Inſpector(Cady Ascot glaubte jetzt gewiß, ſie hätte ihren Fiſch gefangen), und ſaß nun im Gefängniſſe von Coldbath⸗ — rles mßte Er und b an d der gna⸗ glich Be⸗ tetem lizei⸗ ent⸗ ſte nſer eſem ealle Drei hörte chnell nſers Der ndwo elebt scoh) neinte ihren bath⸗ — —— 181 Fields, wegen Schwindeleien zu zweijähriger Zwangs⸗ arbeit verurtheilt, von der er noch zwei Monate auszu⸗ ſtehen hatte. Der Inſpector werde Ihro Gnaden den Tag ſeiner Freilaſſung kundthun. Das konnte Charles nicht ſein. Der zweite junge Herr, den man ihrer Kenntnißnahme unterbreitete, war ein noch ſchlimmerer Fehlſchuß. Auch er hatte dunkles Haar; doch hiermit war's ſofort mit aller Aehnlichkeit zu Ende. Er hatte als Fähnrich in einem Infanterieregimente begonnen, Regimentsgelder unter⸗ ſchlagen, war nach Californien gegangen, hatte ſich an⸗ werben laſſen, war deſertirt, dann Billardmarqueur geworden, hatte einiges Geld geerbt, daſſelbe vergeudet, ſich abermals anwerben laſſen, war ein Jahr im Gefäng⸗ niſſe geweſen und darauf entlaſſen worden— hier wollte Lady Ascot nicht weiter leſen, ſondern legte den Brief weg und machte»Pfui«. Aber des Inſpectors Kelch war noch nicht voll. Der unglückliche Mann ging nach ungenauen Angaben zu Werke wie er ſagte. Er behauptete während der ganzen langen und bittern Erörterung, welche ſich daraus entſpann, daß ſeine Inſtructionen ſich nur auf das Auffinden eines jungen Herrn mit ſchwarzem Haar und einer gebogenen Naſe er⸗ ſtreckt hätten. War ſolches der Fall, ſo findet er möglicher Weiſe Entſchuldigung, wenn er mit einem lockenhaarigen, ſechzehnjährigen Judenburſchen zum Vorſcheine kam, der ſich in einer Bierſchenke nahe bei Regent⸗Street zu Tode trank, und dieſen als Charles Ravenshoe vorſtellte. Er hieß Cohen, hatte ſeinem Vater Geld geſtohlen und war nach dem Wettrennen gegangen. Das aber war ſo ent⸗ ſchieden der falſche Artikel, daß Lady Ascot einen heftigen Brief von ſo überſchwenglichem Inhalte an den Exinſpector ſchrieb, daß dieſer ihr nur erwiderte, er habe das Schreiben ſeinem Advocaten übergeben. Ein ſehr hübſcher kleiner Krieg folgte daraus, den zu beſchreiben mir jedoch die Zeit fehlt. Keine Nachricht von Charles! Er hatte ſich zu gut verſteckt. Und ſo weinte die alte Frau und wartete— wartete auf ihren Liebling, der nicht kam, und auf das Verderben, das ſich über ihrem Hauſe zuſammenzog wie eine dunkle Wolke, die immer dunkler und dunkler wurde. Die kleine Mary hatte ihre Schachteln gepackt und das alte Haus verlaſſen, um in die harte, bittere Welt hinauszugehen. Pater Mackworth war ihr in der Halle be⸗ gegnet und hatte ihr ſchweigend die Hand gedrückt Er hatte ſie, auf ſeine Weiſe, ſo lieb gehabt, daß er nicht viel ſagen mochte. Cuthbert ſtand vor der Thür, um ihr in den Wagen zu helfen. Als ſie darin ſaß, ſagte er:„Ich werde Dir ſchreiben, Mary; denn ich kann Dir nicht Alles ſagen, was ich Dir ſagen möchte.“ Dann öffnete er noch einmal den Schlag und küßte ſie herzlich. Der Wagen fuhr davon, und ehe er in's Holz bog, warf ſie noch einen Blick zurück auf das alte Haus und ſah Cuthbert, wie er entblößten Hauptes auf den Stufen ſtand und ihr Grüße zuwinkte. Bald war ſie inmitten der dichten Bäume und hatte ihn in dieſem Leben zum letzten Male geſehen. Sie barg ihr Geſicht in ihren Händen und wußte jetzt, zum erſten Male vielleicht, wie lieb ſie ihn gehabt hatte. Wie uns bekannt, ging ſie zu Lady Hainault, um Gou⸗ vernante bei den verwaiſten Kindern von Lord Hainault's —— 183 igen Bruder zu werden. Sie reiſte jetzt geradeswegs nach Lon⸗ ctot don, um ihre Stelle anzutreten. Es war ſehr ſpät, als ſie iben den Bahnhof von Paddington erreichte. Hier erwartete ſie iner Lord Hainault's Wagen, und ſie rollte durch die»Sgaiſon« die dem Grosvenor⸗-Platze zu. Allein mußte ſie durch den großen, hellerleuchteten Hausflur ſchreiten, in welchem zut rechts und links die Diener ſtanden, ihre Augen auf Nichts — gerichtet, wie dies von wohldreſſirten Dienern erwartet bas werden muß. Sie wünſchte einen Augenblick, daß man wie der armen, kleinen Gouvernante erlaubt hätte, ihren Ein⸗ ne zug in einer Droſchke zu halten. u Der Kammerdiener unterrichtete ſie, daß Mylady aus⸗ zelt gegangen wäre und erſt ſpät nach Hauſezurückkehren würde; he⸗ daß ſich Lord Hainault in ſeinem Ankleidezimmer befände te und das Diner in Miß Corby's Zimmer ſervirt werden könnte, ſobald ſie es wünſchte. gen Sie ging alſo hinauf; aber eſſen konnte ſie nicht viel. 3 Dem ihr aufwartenden kleinen Diener blutete das Herz les beim Anblicke ihres ſchwachen Appetits, indem er dachte, uc was er darin hätte leiſten können. Nach einer Weile frug ſie den Knaben, wo die Kinder⸗ ſtube wäre. Die zweite Thüre rechts. Als Alles ruhig 6 war, öffnete ſie ihre Thür und dachte, ſie wollte hinein gehen und die Kleinen in ihrem Schlafe anſehen. Im nämlichen Augenblicke that ſich die Thür der Kinderſtube 5 auf, und ein großer, ſchöner, ernſt ausſehender Mann kam heraus. Es war Lord Hainault. Sie hatte ihn ſchon früher geſehen. „Das gefällt mir“ ſagte ſie, indem ſie zurücktrat.„Es iſt hübſch von ihm, daß er ſeines Bruders Kinder be⸗ 3 ſucht, ehe er ausgeht.“ Damit trat ſie in die Kinder⸗ ſtube. Die alte Wärterin ſaß am Kamine und nähte. Die beiden älteſten Kinder ſchliefen; aber das jüngſte, ein unver⸗ ſchämter kleiner Sünder von drei Jahren, hatte ſich gewei⸗ gert, desgleichen zu thun, wenn die Katze nicht mit ihm zu Bette käme. Da die betreffende Katze aber gerade einen Spaziergang auf den Dächern machte, war das Kindermäd⸗ chen abgeſandt worden, um eine der Küchenkatzen zu borgen. In dieſem Stadium der Dinge trat Mary in's Zimmer. Die Wärterin ſtand auf und knixte, und der Rebell kletterte auf ihren Schooß und ſchenkte ihr ſein Vertrauen. Er er⸗ zählte ihr, wie er heute, als ſie im Square ſpazieren ge⸗ gangen wären, einen Schornſteinfeger geſehen; daß er Gus und Flora gerufen hätte, damit ſie denſelben auch betrach⸗ teten; daß Gus noch zur rechten Zeit eingetroffen, um ihn um die Ecke biegen zu ſehen, Flora aber zu ſpät gekommen wäre und angefangen hätte zu weinen, und daß Gus ihr ſeinen Reif geliehen, worauf ſie ihren Schmerz bezwungen hätte, u. ſ. w. Nach einer Weile bat er ſie, ob er ihr ſein Nachtgebet aufſagen dürfte; wogegen die Wärterin den theo⸗ logiſchen Einwand erhob, daß er daſſelbe heute Abend be⸗ reits zweimal hergeſagt hätte, was ſchon einmal mehr wäre, als man für gewöhnlich geſtattete. Bald darauf ruhte der kleine Kopf ſchwer auf Mary's Arm, die kleine Hand ließ die ihre los und das Kind war eingeſchlafen. Sie verließ die Kinderſtube mit leichterem Herzen; dennoch aber weinte ſie ſich in den Schlaf.„Ob ich Lady Hainault wol liebgewinnen werde? Charles pflegte ſie gern zu haben. Aber ich glaube, ſie iſt ſehr ſtolz. Ich kann en; dh nn — 185 mich ihrer nicht mehr ſehr deutlich erinnern.— Wie dieſe Wagen donnern und rollen, faſt wie das Meer beim lieben alten Ravenshoe!“ Eine Weile darauf war ſie eingeſchlafen. 3 Ein Licht vor ihren Augen, nicht das des Tagesan⸗ bruches, erweckte ſie. Eine große ſchöne Frau, in Seide und Juwelen, kniete neben ihr und küßte ſie, und ſagte, da ſie jetzt ihre alte Heimat verloren, müſſe ſie ſich bei ihr eine neue gründen und ihr eine Schweſter ſein, und viele freundliche Worte derſelben Art. Es war Lady Hainault (ie lange Miß Burton, wie Madame Adelaide ſie genannt hatte), die aus der Geſellſchaft heimkehrte. Unter ſo lie⸗ bevoller Obhut, denke ich, können wir die kleine Mary für jetzt wol verlaſſen. „ Achtzehntes Kapitel. Charles' Pflichten waren leicht genug; er wünſchte oft, dieſelben möchten ſchwerer ſein. Er hatte ſo lange un⸗ beſchäftigte Stunden zum Denken und Grübeln übrig. Anfangs wunderte er ſich einigermaßen, daß er nicht mehr beſchäftigt wurde. Er begleitete den Lieutenant nie, außer am Tage. Einer der unter ihm ſtehenden jungen Burſchen fuhr den Brougham und war die ganze Nacht aus und den ganzen Tag im Bette, und der andere war blos ein Stall⸗ junge vom Lande. Charles' ganze Pflicht beſtand faſt nur darin, daß er um zwei Uhr ſeine Dienſttoilette machte und mit ſeinem Herrn in der Stadt umherritt, und als er dieſen Dienſt etwa vierzehn Tage verſehen hatte, dünkte es ihm, als wäre ihm bereits ein Jahr oder mehr dabei verfloſſen. Charles erfuhr bald Alles, was er über ſeinen Herrn zu wiſſen wünſchte. Dieſer war einziger Sohn und Erbe eines unlängſt verſtorbenen großen Rechtsanwalts, der ihn kurz vor ſeinem Tode in das glänzende Regiment eingekauft hatte, in welchem er jetzt diente, um ihm den Zutritt zur guten Geſellſchaft zu verſchaffen. Der junge Mann hatte ziemlich guten Erfolg gehabt. Er war wunderbar reich, 187 wunderbar ſchön und hatte eine leidenſchaftliche Vorliebe für ſeinen Dienſt, dem er wirklich mit Eifer oblag; aber er führte ein fürchterlich flottes, verſchwenderiſches Leben. Das fand Charles bald heraus, und das Nächſte, was er ſich vornahm, als er aus der erſten todten Erſtar⸗ rung erwachte, die ihn nach ſeinem Sturze befallen hatte, war, Einfluß über ſeinen Herrn zu gewinnen und ihn vor dem Untergange zu bewahren. „Er zündet die Kerze an beiden Enden an“, ſagte Char⸗ les.„Er iſt zu gut, um zum Teufel zu gehen. Vielleicht hört er mit der Zeit auf mich, wenn ich es geſchickt an⸗ bſl, fange.“ Und, in der That, das ſchien wahrſcheinlich. Hornby rig hatte Charles von Anfang an mit großer Achtung und nchr Rückſicht behandelt. Er wußte, daß ſein neuer Diener ein ußer Gentleman war. Eines Morgens, ehe Charles noch viele chen Tage bei ihm geweſen, war der Brougham erſt um ſieben den Uhr nach dem Stalle zurückgekehrt, und als Charles eine tll⸗ Stunde darauf nach der Wohnung ſeines Herrn ging, fand mr er denſelben in Uniform, wie er raſch eine Taſſe Kaffee ud hinunter goß, ehe er ſich auf Wache begab. Ein großer ieſen Haufen Geldes lag in Goldſtücken und Banknoten auf dem ihn, Toilettentiſche, und der Lieutenant ſah, wie Charles'Blicke ſen. darauf fielen.“ e Hornby lachte.„Was betrachteſt Du ſo mit Deinem Erbe feierlichen Geſichte?“ frug er. rihn„Nichts, Sir“, ſagte Charles. iuſt„Du ſahſt jenes Geld an“, ſagte Hornbh,„und tr dachteſt dabei, es würde ebenſo gut ſein, wenn ich nicht hatte die ganze Nacht ausbliebe und ſpielte— he?“ „Vielleicht mochte ich dies denken, Sir“, ſagte Charles. „Ja, ich habe es gedacht.“ „Iſt auch ganz recht von Dir. Ich werde es auch eines Tages laſſen— vielleicht.“ Darauf raſſelte er aus dem Zimmer, und Charles ſchaute ihm nach, wie er die Straße hinunter ritt, ſtrotzend von Gold, Blau und Scharlach, eine ſchöne Geſtalt, der die Welt zu Füßen lag. „Noch iſt es Zeit“ ſagte Charles. Das erſte Mal, als Charles in Livree auf der Straße erſchien, fühlte er ſich entſetzlich ſchuldig. Er war in einer fortwährenden Angſt, daß er Jemandem begegnen könnte, der ihn kenne. Nach einiger Zeit aber, da er fand, daß er Tag für Tag umherwandern könne, ohne je ein bekanntes Geſicht zu ſehen, wurde er kühner. Wol wünſchte er zu⸗ weilen, aus der Ferne einmal einen alten Bekannten zu er⸗ blicken, ohne von dieſem erkannt zu werden,— er fühlte ſich ja ſo entſetzlich einſam! Tagtäglich ſah er das Menſchengewoge in den Straßen an ſich vorüberfluthen und erkannte Niemanden. In alten Zeiten, wann er auf einer„Spritztour“ von Oxford nach London kam, pflegte er auf jedem Schritte einem Bekannten zu begegnen; aber jetzt verging ein Tag nach dem andern, und er ſah Niemanden. Die Welt war für ihn wie ein langer ungemüthlicher Traum voller fremder Geſichter geworden. Sehr bald, nachdem er ſein neues Leben angetreten hatte, erwachte das Verlangen in ihm, von Denen Etwas zu hören, die er ſo plötzlich verlaſſen hatte; ein Ver⸗ langen, welches anfangs bloße Neugierde war, aber raſch rles. auch les tend der raße einer nnte, daß nntes rzl⸗ er⸗ ühlte raßen alten nch nnten dern, ie ein ichter treten twas Vel⸗ raſch 189 genug zu nagender Sehnſucht wuchs. Zuerſt, etwa nach einer Woche, erſchöpfte er ſich in müßigen Muthmaßungen, wo ſie Alle ſein und was ſie von ſeinem Verſchwinden denken möchten, und um dieſe Zeit war er vielleicht ein wenig eingebildet in der Idee, wie ſehr er ihrer Aller Ge⸗ danken beſchäftigte und welche Wichtigkeit er ſich durch ſein plötzliches Verſchwinden verliehen hätte. Aber Neu⸗ gierde und Eitelkeit ſchwanden bald, und ein tiefes, pein⸗ liches Sehnen folgte, von ihnen Allen zu hören,— irgend einen kleinen Faden in die Hand zu bekommen, mit dem er wieder an ſein vergangenes Leben und an Die anknüpfen könnte, die er ſo ſehr geliebt hatte. Zwar wäre er in ſeiner Halsſtarrigkeit lieber geſtorben, ehe er ſich ſelbſt nur einen Zoll breit dieſem Ziele genähert hätte; aber jeden Tag, wenn er in der Livree ſeiner Knechtſchaft, die er als ſein Erbtheil zu betrachten verſuchte und deren er ſich dennoch ſchämte, durch die Stadt ritt, ſchaute er ſich rechts und links um nach den vorüberwandelnden Geſichtern, ob er darunter nicht eines finden möchte, und wäre es auch das eines Dieners geweſen, das ihn wieder mit der Vergangenheit in Verbindung brächte. Endlich, und nicht zu lange danach, ſah er eines. Eines Nachmittags hatte er Befehl, ſeinen Herrn, wie gewöhnlich, zu Pferde zu begleiten. Nach dem zweiten Frühſtücke erſchien Hornby, prachtvoll gekleidet, ſchön und glücklich, und ritt über Grosvenor Place in den Park. Bei der Einfahrt nach Rotten Row traf er einen alten Herrn mit ſeinen beiden Töchtern und ritt plaudernd und lachend mit ihnen weiter. Charles trabte mit dem andern Groom hinterdrein, der mit ihm vom Derby⸗Rennen ſprach und ————— 190 gegen Haphazard hätte wetten wollen. Sie ritten den Row(den breiten Reitweg in Hyde⸗Park) zwei Mal auf und nieder; dann rief Hornby noch Charles und gab ihm ſein Pferd, während er abſtieg und am Serpentine⸗Fluſſe ſpa⸗ zieren ging und mit aller Welt plauderte und von aller Welt, von Groß und Klein, freundlich begrüßt wurde; denn der Sohn eines großen Sachwalters, dem Reichthum, gute Manieren und eine ſchöne Perſönlichkeit zu Gebote ſtehen, kann in ſehr guter Geſellſchaft Zutritt finden, wenn er es werth und, ſehr möglich auch, wenn er es nicht iſt. Alsdann verließen Hornby und Charles den Park und ritten Grosvenor Place hinab und nach Pall⸗Mall. Hier ging Hornby in ſeinen Club und ließ Charles etwa eine halbe Stunde mit ſeinem Pferde auf der Straße warten. Hierauf ſtieg er wieder auf und ritt durch St. James Street nach Piccadilly. Er wandte ſich links, und unten, nicht weit von Halfmoon Street, begab er ſich in ein Pri⸗ vathaus und befahl Charles, indem er ihm ſeine Zügel reichte, wieder auf ihn zu warten. So wartete Charles dort in der Nachmittagsſonne und beobachtete, was an ihm vorüber kam. Es war ein ſchläfriger Nachmittag. Die Pferde ſtan⸗ den ruhig, und Charles war ein genügſamer Burſche und es behagte ihm faſt, hier ſo halb zu dämmern und die vor⸗ übergehende Welt zu beobachten. In Piccadilly an einem Nachmittage der Saiſon gibt es gar Manches zu ſchauen, ſelbſt für einen eiligen Fußgänger; wenn man aber auf einem ruhigen Pferde ſitzt und nichts Anderes zu thun oder zu denken hat, kann man Alles um ſo beſſer ſehen. Und den auf ſein ſpa⸗ ller rde; um, bote den, es ier eine ten. mes ſten, Pri⸗ igel les ihm Und 191 Charles hatte einen gewiſſen Humor. Er erluſtigte ſich ſehr an dem, was er ſah, und würde länger als eine Stunde dageſeſſen haben, ohne ungeduldig zu werden. Ihm gegenüber befand ſich ein großer Putzladen, und vor demſelben ſaß eine alte Apfelſinenverkäuferin. Eine ſtolze Equipage fuhr vor dem Putzladen vor, ſo daß er mit ſeinen Pferden und die Frau mit ihren Orangen aus dem Wege gehen mußten. Zwei junge Damen ſtiegen aus dem Wagen, gingen hinein und kauften Hüte(wie er glaubte), während eine dritte und ältere im Wagen ſitzen blieb und einen Mops mit einem blauen Bande hätſchelte. Weder der Kutſcher noch der Diener, der zur Equipage gehörte, ſchienen ſich um dieſe Dame zu kümmern. Der Lakai dachte, er wollte ein paar Apfelſinen kaufen, und ging zu der Hökerin. Dieſelbe war eine Irländerin; denn ihre Ausſprache verrieth ſie, und der Diener war aus der Grafſchaft Clare, und die Beiden begannen ſofort, ihre Anſichten über jene ergötzlichen Regionen auszutauſchen und ſich dermaßen darein zu vertiefen, daß die beiden jungen Damen, welche, hoffentlich, wünſchenswerthe Hüte gefunden hatten, eigenhändig den Wagenſchlag öffnen mußten und eingeſtiegen waren, ehe der Diener zum Bewußtſein ſeiner Pflicht zurückkehrte,— worauf er den Tritt aufſchlug und ſie davonfuhren. Dann kam ein blinder Mann vorbei. Nicht der näm⸗ liche, den Charles die Souterraintreppe hatte hinunter⸗ ſtürzen ſehen; denn der Hund jenes andern war ein brauner Hund mit lockigem Schwanze geweſen, während der Hund dieſes Blinden ein ſchwarzer Hund war und gar keinen Schwanz beſaß. Ueberdies trug der gegenwärtige Hund 192 ein Körbchen, das der andere nicht hatte. In aller übrigen Hinſicht waren ſie einander ſo ähnlich(alle blinden Männer ſind ſich ähnlich), daß Charles ihn für den erſteren hätte anſehen können. Uebrigens begegnete dieſem Blinden kein ſo ernſtlicher Unfall. Allein als er in ein Bierhaus an der Ecke der Straße hineinging, zögerte der Hund hinter ihm, und da die Federthür der Schenke ſich von ſelbſt zwiſchen ihm und ſeinem Herrn ſchloß, bemerkte Charles wie das Thier an ſeiner Kette hindurch gezerrt und faſt erwürgt wurde. Zunächſt kam nun Lord Palmerſton, der ſeinen Regen⸗ ſchirm ſchulterte, Arm in Arm mit Lord John Ruſſell ein⸗ hergewandert. Sie plauderten mit einander, und als ſie vorübergingen hörte Charles, wie Lord Palmerſton ſagte, daß es auf dieſer Seite der Straße weit wärmer wäre, als auf jener. Eine Behauptung, mit der Lord John ein⸗ verſtanden ſchien, und ſie trollten weiter gen Weſten. Hierauf erſchienen drei Borer, ebenfalls Arm in Arm. Jeder hatte einen weißen Hut und eine Cigarre; zwei von ihnen weiße Bulldoggen und der eine einen ſchwarz und braun geſprenkelten Dachshund. Sie ſchwenkten links, betrachteten Charles und ſeine Pferde; dann ſchwenkten ſie rechts und lugten in den Putzladen. Darauf gingen ſie in die Bierſchenke, in die ſich vorhin der Blinde begeben hatte, und nach dem Lärm, der ſich augenblicklich darin erhob, ſchloß Charles, daß die beiden Bulldoggen und der Dachshund den Köter des Blinden angegriffen hätten und ihn zauſten. Nach den Borern kam Mr. Gladſtone, welcher ſehr ſchnell einherſchritt. Ein großer Neufundländer, der einen 198 ngen Spazierſtock im Maule trug, rannte gegen ihn und warf nner ihn beinahe zu Boden. Ehe er wieder im Gange war, hit ſtürzte ſich das iriſche Orangenweib in ſeinen Weg und ſtreckte ihm in jeder Hand drei Apfelſinen entgegen, die ſie zum Verkaufe ausbot. Wußte ſie etwa, vermöge des ihrem S½, Volke eigenen Scharfſinnes, daß er ſich eben nach dem i Parlamente begab, um dort einen großen Bericht vor⸗ ſu zulegen, und Orangen brauchen möchte? Ich kann's nicht ſagen. Wahrſcheinlich aber nahm er ſeine Apfelſinen fſ von Bellamy; denn er kaufte keine von ihr. Nach ihm wirbelte eine Menge von gleichgültigen Leuten einher, und ege⸗ dann klopfte Charles' Herz hörbar,— denn jetzt kam Jemand, den er höchſt gründlich kannte. ls ſie Lord Welter— ging gelaſſen die Straße hinab, die ſul ſtarke Bruſt vorſtreckend, und das breite, dumme Geſicht wirt, in düſterer Ruhe. Er war in Gedanken verſunken, und ein⸗ kam ſo nah an Charles heran, daß er, einem Vorübergehen⸗ den ausweichend, den Aermel ſeines Rockes am Pfeifen⸗ Im thone auf Charles' Lederhoſen weiß machte. Dann blieb i vn er, etwa ſechs Zoll von ihm, ſtockſtill ſtehen; doch ſchaute z und er auf die andere Seite nach den Häuſern hinüber. ins, Er zog einen ſeiner Handſchuhe ab und kaute an den tn ſi Nägeln. Obgleich er Charles den Rücken zuwandte, wußte en ſie dieſer doch ganz genau, welcher Ausdruck bei dieſer Opera⸗ geben tion in ſeinem Geſichte war. Er wußte, daß das alte darin grauſame Stirnrunzeln und das Einkneifen der Lippen ndde nicht fehlte. Derſelbe Ausdruck, den Marſton bemerkt nund hatte, als Welter ſich mit Cuthbert zankte, damals in Ra⸗ venshoe— der Ausdruck, der Unheil bedeutete! ſehr Welter ging in das Haus, in welchem Charles' inen Kingsley, Ravenshoe. II. 13 194 Herr, der Lieutenant, war, und Charles ſaß und verwun⸗ derte ſich. In einer kleinen Weile traten ſechs oder ſieben wohl⸗ gekleidete junge Herren auf den Balcon heraus, lehn⸗ ten ſich auf die rothen Kiſſen, die auf der Baluſtrade be⸗ feſtigt waren, und plauderten, indem ſie auf die Leute in der Straße hinabſahen. Lord Welter und Lieutenant Hornby ſtanden zuſammen an einer Ecke. Jetzt war kein finſteres Stirnrunzeln mehr in Welter's Geſicht; er machte ſich möglichſt angenehm. Char⸗ les beobachtete ihn und Hornby. Die Unterhaltung zwi⸗ ſchen den Beiden wurde ſehr eifrig, und ſie ſchienen ein Uebereinkommen zu treffen. Darauf trennten ſie ſich, und Hornby kam herunter und beſtieg ſein Pferd. Sie ritten ſehr langſam nach Hauſe. Hornby verbeugte ſich nach links und rechts gegen die Leute, die er kannte; ch ſchien er zerſtreut. Als Charles ihm an der Thür P. Pferd abnahm, ſagte Hornby plötzlich: „Ich habe ſoeben mit einem Manne geſprochen, der, wie ich glaube, etwas von Dir weiß— mit Lord Welter.“ „Erwähnten Sie meines Namens gegen ihn, Sir?“ frug Charles. „Nein; ich habe nicht daran gedacht.“ „Sie würden mir einen großen Gefallen erweiſen, wenn Sie es nicht thäten, Sir.“ „Warum!“ ſagte Hornby, plötzlich aufblickend. „Es thut mir leid, daß ich in Näheres nicht eingehen darf, Sir; aber, wenn ich glaubte, daß er erfahren könnte, wo ich bin, ſo würde ich augenblicklich Ihren Dienſt ver⸗ laſſen und mich wieder verlieren.“ wun⸗ wohl⸗ lehn⸗ e be⸗ ute in nmen ehr in Char⸗ z n ein und eugte nnte; Thür der, lter“ Sir? wenn gehen znnte, twen 195 „Dich verlieren!“ „Ja, Sir.“ „Hum!“ machte Hornby nachdenklich.„Nun, ich weiß, daß Etwas mit Dir iſt, was ich nicht verſtehe. Doch weiß ich nicht, ob mich's etwas angeht. Ich will nichts ſagen, Du biſt kein Menſch, der über Alles plappert, was er ſieht. Merke Dir's, daß Du dies nicht thun darfſt. Du ſiehſt, wie ſehr ich Dir traue.“ Damit ging er hinein, und Char⸗ les ritt nach dem Stalle. „Wird der Brougham heute Abend gebraucht?“ frug Charles ſeinen Kameraden. „Auf zehn Uhr beſtellt“, ſagte der Mann. Wieder Nachtarbeit, denk ich mir. Und ich wär'ſelbſt gern einmal ausgegangen. Hol der Henker das verdammte Kartenſpiel. Wollteſt Du heute Abend irgendwo hingehen?“ „Nirgendshin“, ſagte Charles. „Es iſt ein ſo ſchöner Abend“, fuhr der Mann fort. „Wenn Du zufällig gen Grosvenor Square ſchlendern ſoll⸗ teſt und ein Billet für mich abgeben könnteſt, ſo wollt' ich Dir ſehr dankbar ſein; auf Ehre, das wollt' ich!“ Ich glaube nicht, daß Charles in ſeinem ganzen Leben jemals zögerte, wenn er Jemand eine Gefälligkeit erzeigen konnte. Eine Bitte war für ihn wie ein Befehl. Es war ihm jetzt ebenſo natürlich, einen ſchmutzigen, gekritzelten Liebesbrief von einem Reitknechte an eine Küchenmagd zu überbringen, als es ihm in alten Zeiten geweſen, einem Bekannten fünfzig Pfund zu leihen. Sofort, ſagte er da⸗ her, er wollte es mit großem Vergnügen beſorgen. Der Mann(der für gewöhnlich ein ziemlich verdrieß⸗ licher Burſche war) dankte ihm herzlich, und als Charles 1— 106 den Brief in Empfang genommen hatte, wanderte er lang⸗ ſam nach der genannten Richtung, und dachte an Manches. „Beim Zeus!“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„mein Verſteck ſcheint nicht ſehr glücklich ausgeſonnen zu ſein. Kaum ſind vierzehn Tage vergangen, und da ſtoße ich ſchon auf Wel⸗ ter. Wie ſeltſam!“ Es war noch nicht ſpät— etwa ſieben Uhr— und er befand ſich Tatterſall's gegenüber. Ein Phaston mit zwei prachtvollen Pferden lenkte ſeine Aufmerkſamkeit von andern Gedanken ab. Er wollte um die Ecke biegen. Zwei be⸗ rühmte Größen der Rennbahn kamen über den leeren Hof gegangen, und er hörte, wie der eine zu dem andern ſprach: „Ascot wird gewinnen, das weiß ich. Er muß gewin⸗ nen. Wenn der Haphazard ſich hält, ſo iſt er ſicher.“ Worauf der andere mit„Bah!“ erwiderte und ſie ver⸗ ſchwanden. „Schon wieder“, ſagte Charles umkehrend.„Die Vö⸗ gel in der Luft ſchwatzen noch von ihnen. Es beginnt wirk⸗ lich intereſſant zu werden, wenn überhaupt je wieder Etwas intereſſant ſein kann.“ Das St.⸗Georg's⸗Hospital. An der Thür ſtand ein elegant gekleidetes, ſchönes junges Weib, welches den Por⸗ tier frug, ob ſie Jemanden drinnen beſuchen könnte. Nein. Die Beſuchſtunden waren vorüber. Sie blieb ein paar Minuten auf den Thürſtufen ſtehen, ſtampfte ungeduldig mit dem Fuße und flatterte dann die Straße hinab. Warum mußte er an ſeine Schweſter Ellen denken? Sie mußte gefunden werden. Dies war ſein einziger Zweck im Leben, gewiſſermaßen. Allein es ließ ſich nichts dabei thun, als aufpaſſen und warten. lang⸗ ſches. rſteck nſind Vel⸗ nd et zwei ndern ei be⸗ n Hof rach: ewin⸗ ever⸗ wirk⸗ twas d ein For⸗ Nein. paat uldig Sie cc in * thun, 1 „Ich werde ſie eines Tages finden, wenn es Gottes Wille iſt.“ Die Welt hatte eben die Entdeckung gemacht, daß ſie hungrig war, und begann in allerlei beräderten Vehikeln nach den Häuſern ihrer Nachbarn zum Diner zu jagen. Wie die Wagen an ihm vorüber flogen, konnte Charles haſtige Blicke auf ſchöne Mädchen werfen, die, eine Maſſe von weißem Mouſſelin, Schwanenfederfächern und Blumen, ihr Abendwerk begannen; oder auf ſteife Dandys in weißen Cravatten, die ſchon jetzt gähnten; auf alte Damen in Juwelen und auf alte Herren mit über der Bruſt zugeknöpf⸗ ten Röcken, die, wie man ſagen möchte, nur dabei waren, um darauf zu achten, daß es hübſch ordentlich herginge un⸗ ter dem jungen Volke. Und nun machte es unſerm Philo⸗ ſophen Charles Vergnügen, ſich auszumalen, wie in zwei Mo⸗ naten die alten Herren wieder bei ihren Rüben, die alten Damen unter ihren Blumen und armen Leuten ſein, wie die Dandys lange, lange Stunden zwiſchen dem Haidekraut dem Hirſche auflauern und(der hübſcheſte von allen Gedanken) wie die Mädchen, mit derben Schuhen angethan, durch's Dorf ſpazieren und mit Mütterchen Blake und Harry Gill plaudern oder mit den Schulkindern auf dem Raſen ſpielen würden. Haſt Recht, alter Charles, mit Allen, nur nicht mit den Dandys! Denn jetzt nahte ſich die Apotheoſe der Dandys. Die Zeit kam heran, wo ſo mancher von ihnen in jener dunklen Donnerwolke verſchwinden ſollte, die ſich im Süden zuſammenzog, um nie wieder im Park noch im Club, auf dem Moore oder auf der Haide geſehen zuwerden. Aber im nämlichen Jahre ging die Saiſon in London ihren gewöhnten Lauf; nur plauderten die Leute vom Kriege, 198 und die Franzoſen waren beliebter, als ſie es jetzt ſind. Und an all' dem Getreibe und Getöſe wanderte der arme Charles vorüber wie ein verirrtes Schaf und gab ſeines Kameraden Brief in einem Souterrain in Grosvenor Square ab. „Welches“ ſagte er zu dem Manne, der ihm denſelben mit dem Verſprechen ſofortiger Ablieferung abnahm,„iſt, zum Beiſpiele, Lord Hainault's Haus?“ Lord Hainault's Haus ſtand auf der gegenüberliegenden Seite des Squares, Nr. ſo und ſo. Charles dankte dem Manne und ging hinüber. Als er es gefunden hatte, lehnte er ſich mit dem Rücken gegen das Eiſenſtaket des Square⸗ gartens und beobachtete das Haus. Der Wagen ſtand vor der Thür. Der Kutſcher, der einen ſchön gekleideten Reitknecht ſah, der am Stakete lungerte, rief ihn heran und bat ihn, bei einer gewiſſen Aen⸗ derung am Pferdegeſchirre behilflich zu ſein. Charles lief hinüber und leiſtete ſeinen Beiſtand.„Mylady fährt wol zum Diner aus?“ frug Charles.„Ja, kommt eben jetzt heraus“, und faſt noch ehe Charles aus dem Wege gehen konnte, trat ſie heraus, mit ſtolz gehobenem Kopfe, ſchöner als je, und fuhr davon. Er ging aus purer Trägheit an ſeinen Poſten zurück. Ob wol Mary ſchon dort war? Halb und halb dachte er daran, zu fragen; doch fürchtete er, geſehen zu werden. Wie geſagt, er blieb aus purer Trägheit am Stakete ſtehen, als er hinter ſich im Garten Kinderſtimmen hörte. „Jene Frau“, ließ ſich ein dünnes Stimmchen ver⸗ nehmen,„war eine Zigeunerin. Ich ſchaute durch's Gitter und ſagte:»Hollah, Frau, was macht Ihr da?« ſind. arme eines venot ſelben „iſt, enden edem lehnte nart⸗ der takete Aen⸗ es lif t wol njeht gehen chöner nit. hte er erden⸗ ſehen n ver⸗ uch d 120 und ſie bat mich um einen Penny. Und ich ſagte ihr, ich könnte ihr nichts geben; denn ich hätte dem Hanswurſte drei Pence gegeben und würde vor Montag kein Geld wieder bekommen. Und das war die reine Wahrheit, wie Du weißt, Flora.“ „Aber, Gus“, ſagte eine andere Kinderſtimme,„wenn ſie eine Zigeunerin geweſen wäre, ſo hätte ſie Dich zu ſtehlen verſucht, damit Du auf der Straße für ſie bettelſt; oder ſie hätte Dir aus dem Kaffeeſatze wahrgeſagt. Ich glaube nicht, daß es eine echte Zigeunerin war.“ „Ich möchte mir wol aus dem Kaffeeſatze wahrſagen laſſen“, ſagte Gus;„aber wenn ſie verſucht hätte, mich zu ſtehlen, ſo würde ich ſie mit dem Fuße vor den Leib ge⸗ ſtoßen haben. Da ſteht ein Reitknecht draußen, wir wollen ihn fragen. Reitknechte gehen auf die Pferderennen und ſehen eine Menge Zigeuner! Sie, Reitknecht! Charles wandte ſich um; eine Kinderſtimme war ſtets Muſik für ihn. Er hatte ſolch' einen Blick im Geſicht, als er ſich zu ihnen wandte, daß er augenblicklich das Zu⸗ trauen der Kinder gewann. Die Zigeunerfrage wurde ihm ſofort mit erſtaunlicher Geläufigkeit von Beiden, Gus und Flora, vorgetragen, und er war eben im Begriffe, ſeinen Orakelſpruch über das Eiſengitter hinüber abzugeben, als dicht neben ihm eine Stimme, eine leiſe, ſanfte Stimme, erklang, die ihn durchbebte. „Gus und Flora, lieben Kinder, der Thau fällt. Laßt uns hineingehen.“ „Da iſt Miß Corby“, ſagte Gus,„laufen wir ſchnell zu ihr.“ Sie ſprangen zu Mary. Bald kamen alle Drei 200 lachend an's Gitter und gingen dicht an ihm vorüber. Die Kinder hingen an ihrem Kleide und plauderten fröhlich. Sie bildeten eine hübſche kleine Gruppe, als ſie die Straße kreuzten, und Mary's heiteres, ſanftes Lachen tröſtete ihn etwas.„Sie iſt hier glücklich“, ſprach er;„es iſt beſſer ſo.“ Einmal, als ſie etwa zur Hälfte über die Straße hin⸗ über war, drehte ſie ſich um und ſchaute zu ihm hin, ehe er Zeit hatte, ſich abzukehren. Er bemerkte, daß ſie von ſeinem Dortſein keine Ahnung hatte, und entfernte ſich. Und ſo wanderte Charles am ſchönen Sommerabende heim und ſprach zu ſich ſelber:„Ich denke, ſie iſt glücklich; ich bin ſo froh, daß ſie lachte!“ „Drei Begegnungen an einem Tage! Man wird mich ausfindig machen, wenn ich nicht auf meiner Hut bin. Ich muß ſehr vorſichtig ſein.“ Ueunzehntes Rapitel. Die Diener, ich meine die Stallbedienten, die in dem kleinen Gäßchen wohnten, wo auch Charles' Quartier war, hatten einen Club, und ein paar Abende nachdem er Marh auf dem Square geſehen, wurde er zum Mitgliede jenes Clubs erwählt. Der Kutſcher des Herzogs, ein ſteifer, grauer, ſtreng ausſehender ältlicher Mann, machte ihm ſeine Aufwartung und unterrichtete ihn vom Geſchehenen. Er ſagte, ein ſolches Verfahren wäre höchſt ungewöhnlich — in der That, ohne Beiſpiel. Die jungen Leute, meinte er, würden ſelten in den Club aufgenommen, bevor man wüßte, daß ſie mehrere Jahre in guten Dienſten geſtanden hätten; doch er(der Kutſcher) beſäße einigen Einfluß im Club und hätte ſeine Wahl triumphirend durchgeſetzt. Er fügte hinzu, er könnte ſo gut wie Andere durch eine Ziegel⸗ mauer ſehen, und als er einen Gentleman, in eine Livree gekleidet, wahrgenommen hätte, der im Stallgäßchen um⸗ herſäße und grübelte und brütete, da hätte er zu ſich ſelber geſprochen, daß dem jungen Manne zur Aufheiterung ein Bischen Geſellſchaft noth thäte, wie ſie eben wäre. Darum 202 hätte er den Club erſucht u. ſ. w., und der Club gethan, was er ihm geſagt. „Das iſt verflucht freundlich von Ihnen“, ſagte Charles. „Aber ich bin kein Gentleman; ich bin der Sohn eines Wildhüters.“ „Ich glaube zum Beiſpiel, Sie können Griechiſch leſen, nicht wahr, wie?“ ſagte der Kutſcher. Charles war genöthigt, dies einzugeſtehen. „Natürlich“, ſagte der Kutſcher,„jeder Wildhütersſohn muß Griechiſch lernen, damit er die Wilderer in einer un⸗ bekannten Sprache ausſchimpfen kann. Poſſen! Ich weiß die ganze Geſchichte, wenigſtens kann ich ſie errathen. Kommen Sie mit mir; ei, ich habe Söhne, die ſo alt ſind wie Sie. Kommen Sie.“ „Sind ſie in Dienſten?“ frug Charles, um Etwas zu ſagen. „Zwei dienen, der Dritte iſt Soldat.“ „Wirklich!“ ſagte Charles mit zunehmendem Intereſſe. „Ja, er ſteht im Regimente Ihres Herrn.“ „Gefällt es ihm?“ meinte Charles;„ich möchte ihn wol kennen lernen.“ „Ob's ihm gefällt?— das ſollt' ich meinen!“ ſagte der Kutſcher.„Bedenken Sie nur, in welche Geſellſchaft er gekommen iſt. Sie denken wol, es wären unter den Reitern keine Gentlemansſöhne, wie? Ja, wahrhaftig, die gibt's darunter, das können Sie glauben, junger Herr, wie ich Ihnen ſage!“ Charles intereſſirte dieſe Mittheilung ſehr. Er faßte auf der Stelle den Entſchluß, ſich augenblicklich anwerben zu laſſen. Aber er that es nicht, er dachte für's Erſte nur daran. haft den ſig, r, auſ 203 Charles fand, daß der Club aus etwa einem Dutzend Kutſchern und oberen Reitknechten beſtand. Sie waren Alle ſehr höflich gegen ihn und gegen einander. Es war nichts Lächerliches an der Sache. Sie plauderten auf das Natürlichſte von ihren Pferden und Geſchäften. Es herrſchte unter ihnen eine Art freundlicher Kameradſchaft und eine Befliſſenheit, ſich gegenſeitig zu helfen und beizu⸗ ſtehen, welche Charles auf der Univerſität nicht bemerkt hatte. Einer ſang ein Lied und ſang es gar nicht übel, von einer Hirſchjagd. Schon war er bis zum vorletzten Verſe gekommen, als die Thür ſich aufthat und ein ältlicher Reitknecht erſchien. Auf das Lied ward jetzt nur noch wenig geachtet. Als der Sänger geendet hatte, klatſchten die Anderen ihm zwar Beifall, doch mit Ungeduld. Denn es folgte der allge⸗ meine Ausruf:„Nun!“ „Ich komme eben um die Ecke herüber. Alles wettet gegen den Haphazard, und kein Menſch weiß eigentlich wa⸗ rum. S iſt was nicht in Ordnung mit dem Pferde, ver⸗ muth' ich; denn es iſt gegen kein anderes Pferd beſonders viel gewettet worden, nur gegen dieſes.“ „War Lord Ascot dort?“ frug Jemand. „Ja, er war dort. Wollte aber nicht wetten, auf keine Weiſe. Sagte, er hätte jeden Sirpence, den er in der Welt ſein eigen nennen könnte, auf das Pferd geſetzt und wollte dabei bleiben, und wie man ſagt, iſt das nur zu wahr. Und mein Herr meint, daß Lord Welter gern mit ihnen ge⸗ wettet hätte, daß aber ſein Vater ihn davon abhielt.“ „Das ſieht komiſch aus“, ſagte ein Anderer. „Ja, und gab es nicht auch einen hübſchen Spectakel!“ 204 „Mit wem?“ frugen Mehrere. „Zwiſchen Lord Welter und Lord Hainault. Die Geſchichte paſſirte draußen, dicht neben mir. Lord Hainault kam über den Hof gegangen und Lord Welter trat zu ihm heran und frug:»Wie geht's, Hainault?« Lord Hainault aber wandte ſich um und ſagte ganz ruhig und gelaſſen:»Welter, Du biſt ein Schurke!« Und Lord Welter ſagte:»Hainault, Du biſt von Sinnen«; allein er wurde kreideweiß und hatte ein Geſicht!— du Himmell ich hätte nicht vor ihm ſtehen mögen— und Lord Hainault fuhr fort:»Du weißt, was ich damit ſagen will«; und Lord Welter ſagte:»Nein, das weiß ich nicht; aber, bei Gott, Du ſollſt mir's erzählen«; und da ſpricht der Andere und ſteht feſt wie ein Felſen:»Ich will Dir's ſagen. Du biſt ein Mann, den man mit keiner Frau allein laſſen darf. Wo iſt das Mädchen aus Caſterton? Wo iſt Adelaide Summers? Weder im Hauſe eines Freundes, noch in dem Deines Vaters iſt ein Weib ſicher vor Dir.«»Bei Gott!« ſagte Lord Welter, ves gab eine Zeit, wo Du Dich ſelbſt gar zu gern an die Letztgenannte gemacht hätteſt«.“ „Nun!“ begann Jemand,„und was ſagte Lord Hai⸗ nault darauf?“ „Er ſagte:»Du biſt ein Lügner und ein Schurke, Welter!« Und da wollte Lord Welter auf ihn losgehen; aber Lord Ascot kam zwiſchen ſie, zitternd wie ein Espen⸗ laub, und ſagte:»Hainault, gehen Sie, um Gotteswillen; Sie wiſſen nicht, was Sie ſagen.— Welter, ſei ſtill!« Aber ſie kümmerten ſich nicht mehr um ihn, als wenn er—“ Hier fehlte es dem Erzähler an einem Gleichniſſe. „Aber wie endete die Sache?“ frug Charles. rke, en; 205 „Nun“, fuhr der Andere fort,„General Mainwaring kam und legte ſeine Hand auf Lord Welter's Schulter und bewog ihn, ziemlich ruhig mit ihm fortzugehen. Das iſt jetzt Alles, was ich davon weiß.“ Offenbar wußte er auch nicht mehr. Charles ſtand auf und ging und wanderte von Straße zu Straße in tie⸗ fem Sinnen. Geſetzt, er käme doch zufällig mit Lord Welter zuſam⸗ men, wie ſollte er da handeln? Was ſollte er ſagen? Wahrhaftig, die Frage war ſchwierig. Die Anomalie ſeiner Stellung war ihm nie ſo ſchlagend vor die Augen getreten, als in dieſem Augenblicke. Was konnte er ſagen? Was konnte er thun? Nach der erſten gewaltigen Erſchütterung war der Gedanke an Adelaide's Untreue nicht mehr ſo fürchterlich geweſen, als während der erſten paar Tage. Manche ihrer unliebenswürdigen kleinen Charakterzüge, wie Eitel⸗ keit, Selbſtſucht und dergleichen, die früher von ihm unbe⸗ achtet geblieben waren, begannen ſich ihm jetzt in ziemlich ſcharfem Relief zu zeigen. Zorn, Entrüſtung und Liebe, alle Drei durcheinander, Eines abwechſelnd das Andere zurückdrängend, bildeten die Gemüthsverfaſſungen, in denen Charles ihrer gedachte. In dem einen Augenblicke ſagte er zu ſich ſelber:„Wie ſchön ſie war!“ und im näch⸗ ſten:„Sie war falſch wie eine Tigerkatze; ſie konnte mich nie geliebt haben.“ Wenn er aber an Welter dachte, mei⸗ ſterte ſein Zorn alles Andere, und er biß die Zähne zuſam⸗ men und ein paar Momente fühlte er, wie das Blut ihm nach dem Kopfe ſtieg und in ſeinen Ohren ſauſte. Hoffen wir, daß Lord Welter nicht in einem ſolchen Augenblicke 206 ſeinen Weg kreuzen möge; ſonſt dürfte es leicht ein Unglück geben. Doch ſein Zorn war ſchnell vorüber. Er hatte eben einen ſolchen Anfall, während er jetzt ſo dahin wanderte, und verſuchte, als ein guter Geſell, ihn niederzukämpfen, indem er an Lord Welter dachte, wie er als Knabe ge⸗ weſen und ehe er ein Schurke geworden war,— als er an die St.⸗Peterskirche in Eaton Square kam und ſtehen blieb, um ein paar ſchöne Pferde zu betrachten, die aus Salter's Reitbahn kamen. An das Oſtende der St. Peterskirche legt ſich ein kurzes Stück weißer Mauer, und vor dieſer Mauer war ein kleiner Schuhputzer. Er gehörte nicht zu der regelmäßigen Brigade mit rothen Hemden, ſondern war ein„Araber“ von reinſtem Waſſer, d. h. ein vollkommener kleiner Betteljunge. Er mochte ſieben bis acht Jahre alt ſein; doch war er klein für ſein Alter. Seine ganze Kleidung beſtand aus zwei Stücken, einem zerlumpten Hemde ohne Knöpfe und mit nur anderthalb Aermeln, und einem zerfetzten Paare von Beinkleidern, die, ſo klein er war, ihm nicht einmal bis unter die Knie reichten. Füße und Kopf waren unbedeckt; und unter einem wilden, verworrenen Haarbüſchel ſchaute ein hübſches, ſchmutziges, ſchelmiſches Geſicht hervor mit funkelnden grauen Augen, das etwas unendlich Komiſches hatte. Charles ſtand ſtill und betrachtete ihn und fühlte, was wir vielleicht Alle ſchon einmal empfunden haben, daß nämlich in gewiſſen Zeiten, wo uns Zorn und Verdruß er⸗ füllen, die Unterhaltung mit Kindern das Beſte für uns iſt. 3 207 Der kleine Mann ſpielte Fünf(ein Ballſpiel) gegen die kahle Mauer, und zwar mit ſo ungeheurer Energie, daß er nicht gewahr wurde, daß Charles ſtehen blieb und ihn beobachtete. Jeder Nerv und jede Muskel in ſeinem zähen, mageren, kleinen Körper waren bei dem Spiele. Ebenſo war ſein Herz und ſeine Seele in das Spiel vertieft, gleich als ob er der Kapitän des Achtruderigen geweſen wäre. Er hatte keinen Ball, darum ſpielte er mit einem Meſſingknopfe. Der Knopf, welcher von ſehr unregel⸗ mäßiger Form war, flog hierhin und dorthin, und der Knabe ſchoß ihm nach, wie der Blitz. Schließlich, als er etwa bis zu fünfundzwanzig gekommen war, flog der Knopf fort und zwar zu Charles' Füßen auf die Erde. Als der Knabe ſich umwandte, um den Knopf aufzu⸗ heben, begegneten ſeine Augen denen Charles, und er blieb ſtill ſtehen, ſtrich ſich das lange Haar aus der Stirn und ſchaute ihn an, bis das ſchöne kleine Geſicht, ſchön in allem Schmutz und aller Unwiſſenheit und aller Vernachläſſigung, von einem Lächeln erhellt wurde, als ihn Charles mit dem guten, ehrlichen alten Blicke anſah, der ihm eigenthüm⸗ lich war. Alſo begann ihre Bekanntſchaft, Anfangs faſt komiſch. Charles liebt es jetzt nicht mehr, von jenem Knaben zu ſprechen. Thut er es je, ſo geſchieht es, um ſich ſeiner drolligen Reden und Einfälle während der erſten Zeit ihrer ſeltſamen Freundſchaft zurückzurufen. Vom Ende derſelben ſpricht er nie, ſelbſt nicht zu mir. Der Knabe, wie geſagt, ſchaute ihn lächelnd an, indem er ſich das Haar aus den Augen ſtrich, und Charles blickte 23— ihn an und lachte und vergaß ſofort Alles, was Welter und alle die Anderen betraf. „Ich möchte meine Stiefeln gewichſt haben“, ſagte er. Der Knabe verſetzte:„Ich kann dieſe verflixten Reit⸗ ſtiefeln nicht putzen. Ich habe am Dienſtag einem Reit⸗ knechte die Stiefeln gewichſt, und er knuffte mir den Kopf, weil ich die Stolpen ſchwarz gemacht hatte. Wo iſt der Knopf hingeflogen?“ Und Charles ſagte:„Du kannſt den untern Theil meiner Stiefeln putzen, ohne Schaden anzurichten. Dein Knopf liegt hier, am Laternenpfahl.“ Der Knabe las ſeinen Knopf auf und machte ſeinen Wichsapparat bereit. Ehe er aber an's Werk ging, ſah er zu Charles' Geſichte auf, als ob er ſprechen möchte. Dann begann er eifrig zu putzen; doch in einer halben Minute hielt er inne und blickte wieder auf. Charles ſah, daß der Knabe ihn gern hatte und mit ihm zu ſprechen wünſchte; deshalb begann er mit Strenge: „Wie kamſt Du dazu, mit einem Meſſingknopfe Fünf zu ſpielen, wie?“ Der Knabe ließ augenblicklich die Arbeit fahren und ſagte:„Ich habe keinen Ball.“ „Wenn Du ſo mit geprägten Metallſtücken in der Straße umherſpielſt, ſo führt das bald zu ſchlimmerem Spiele, und von da bis zum Galgen iſt's nicht weit, das kann ich Dir verſichern.“ Der Knabe ſchien nicht zu wiſſen, ob Charles ſcherzte oder nicht. Er warf einen ſchnellen Blick auf ſein Geſicht; da er indeß dort kein Vorzeichen eines Lächeln wahrnahm, ſpie er auf ſeine Bürſte und ſagte: 209 „Nein, wenn man nicht betrügt, dann nicht.“ Charles litt die Buße, die man in der Regel erleiden muß, wenn man Unſinn geſchwatzt hat; denn er ſah ſich jetzt in einem Dilemma. Darum ſagte er gebieteriſch: „Ich werde Dir morgen einen Ball kaufen. Ich werde nicht dulden, daß Du am hellen Tage mit Knöpfen an den Mauern umherſpielſt.“ Das war das erſte Mal in ſeinem Leben, daß der Knabe Unſinn reden hörte. Es war ihm eine neue Empfindung. Er warf nochmals einen ſcharfen Blick zu Charles' Ge⸗ ſichte empor und ſetzte darauf ſeine Arbeit fort. „Wo wohnſt Du, mein kleines Männchen?“ frug Charles gleich darauf mit jener angenehmen Stimme, die ich ſo gut kenne. Der Knabe blickte diesmal nicht gleich in die Höhe. Wahrſcheinlich geſchah es nicht oft, daß man ſo freundlich mit ihm redete. Er arbeitete eifrig fort und ſagte, er wohne in Marquis Court, in Southwark. „Warum kommſt Du ſo weit hierher?“ ſagte Charles. Der Knabe erzählte ihm, warum er Tag für Tag den langen Weg hierher nach dem Weſtende mache. Es geſchah aus Familiengründen, in die ich mich nicht zu tief einlaſſen darf. Eine gewiſſe Perſon, ſchien es, kam noch von Zeit zu Zeit einmal nach Hauſe zu ihrer Mutter, um die Höhle zu beſuchen, in der ſie groß gezogen war. Und es war dort noch Einer, der eine Woche nach der andern auf ſie wartete, noch ein Paar Kinderfüße, nackt und ſchmutzig, die mit ihr heim zu trippeln, eine Kinderſtimme, die auf ihrem Wege nach ihrem gräßlichen Heim mit ihr zu plaudern und ſie Schweſter zu nennen ſich freuten. Kingsley, Ravenshoe. II. 14 210 „Haſt Du keine Brüder?“ „Fünf im Ganzen. Jim iſt Soldat und Nipper über's Waff er geſchickt worden. Harry am Kreuz—“ „Am Kreuz?“ ſagte Charles. Ah!“ ſagte der Knabe,„er geht aus beraffen und ſo was. Er iſt ein Dieb, und ein ſchlauer. Der's klug, unſer Harry.“ „Aber was iſt beraffen?“ ſagte Charles. „Gi Taſchentücher und Priſendoſen und Arbeitsbeutel mauſen, und dergleichen.“ Charles war mit der Gaunerſprache nicht ſo unbekannt, um jetzt nicht zu verſtehen, was der Knabe meinte. Er ſagte: „Aber Du biſt kein Dieb, wie?“ Der Knabe ſchaute offen unb ehrlich zu ihm auf und erwiderte: „O, Du Herrgott, nein! ich würde mich ſchlecht darauf verſtehen. Dazu bin ich nicht herzhaft genug!“ Er gab dem Knaben zwei Pence mit der Weiſung, den einen davon in einem Balle anzulegen, und dann ſchlen⸗ derte er gleichgültig fort,— jeden Tag gleichgültiger, und noch waren keine drei Wochen vergangen! Seine Gedanken kehrten ſehr oft zu dieſem Kinde zurück. Er ertappte ſich darauf, daß er mehr an den kleinen Schelm dachte, als er ſich zu erklären vermochte. Das ſeltſame Geplauder des Kindes, ſo unſchuldsvoll und, wie er meinte, ſo hübſch, über Laſter, Verbrechen und Elend, über den einen Bruder, der deportirt, und den andern, der ein Dieb ge⸗ worden war und ſeine Schweſter noch bis zum Ende von allem Ende lieben konnte. Seltſames Geplauder, in der That, von den Lippen eines ſiebenjährigen Kindes. nd 211 Er dachte immer und immer wieder daran. Hierauf, nachdem er Civilkleider angelegt hatte, ging er nach Gros⸗ venor Square, wo Mary mit Lord Charles Herries' Kindern luſtwandeln würde. Es verlangte ihn, dieſe plaudern zu hören. Er hatte ſich in ſeiner Berechnung nicht getäuſcht. Die Kinder waren dort. Alle drei diesmal, und Marh bei ihnen. Sie waren ganz nahe am Stakete. Er lehnte ſich daran, mit dem Rücken nach ihnen, und hörte jedes Wort. „Miß Corby“, ſagte Gus,„wenn Lady Ascot ſo gut iſt, da wird ſie in den Himmel kommen, wenn ſie ſtirbt, nicht wahr?“ „Ja, gewiß, mein Herzchen“ ſagte Marh. „Und wenn die Großmama ſtirbt, wird ſie auch in den Himmel kommen?“ ſagte der ſchlaue Gus, der ſehr wohl wußte, daß die alte Lady Hainault und Lady Ascot Tod⸗ feindinnen waren. „Ich hoffe es, liebes Kind“, ſagte Marh. „Hofft es aber Lady Ascot? Glauben Sie, daß die Großmama glücklich ſein würde, wenn—“ Es wurde hohe Zeit, Maſter Gus zum Schweigen zu bringen. Nachdem Mary ſeine Zunge gezügelt hatte, kam Miß Flora an die Reihe. „Wenn ich erwachſen bin“, ſagte ſie,„werde ich Knie⸗ hoſen und Stolpenſtiefeln tragen und eine weiße Bull⸗ dogge und eine lange Thonpfeife, und dann fahre ich an Markttagen nach Henley und ſteige im»Rade« ab.“ Marh behielt noch Athem genug, umzu fragen, warum 2 „Weil Pächter Thompſon zu Caſterton ſich ſo kleidet, 14* 212 und er iſt ein ſo lieber, guter, alter Mann. Er gibt uns Erdbeeren mit Rahm, und in ſeinem Garten wachſen Stachelbeeren und Pfauen, und die Frauen von den Pfauen ſpreizen ihre Schwänze nicht ſo aus, wie ihre Männer— die albernen Dinger. Wenn ich mich ver⸗ heirathe—“ Gus beſaß die Unhöflichkeit, ſie hier zu unterbrechen. „Wenn Archy in den Himmel hinaufgeht, wird er die Katze mit ſich zu Bette nehmen wollen, und wenn man ſie ihm nicht gibt, wird es dort einen hübſchen Lärm geben.“ „Lieben Kinder“, ſagte Mary,„Ihr müßt keinen ſolchen Unſinn mehr ſchwatzen; ich kann es nicht er⸗ lauben.“ „Aber, liebe Miß Corby“, ſagte Flora,„wir haben doch keinen Unſinn geſchwatzt? Ich habe Ihnen die reine Wahrheit erzählt vom Pächter Thompſon.“ „Ich weiß, was ſie meint“, ſagte Gus;„wir haben geſchwatzt, was uns eben in den Kopf kam und das ärgert ſie. Es iſt auch Alles Unſinn, was Du da ſchwatzeſt,— daß Du Kniehoſen tragen und Deine Federn ausſpreizen willſt, wie ein Pfau; wir müſſen ſie nicht ärgern.“ Flora antwortete Gus nicht, ſondern Mary, indem ſie ihr auf den Schooß kletterte und ſie küßte.„Erzählen Sie uns eine Geſchichte, liebe Miß Corby“, ſagte Gus. „Wovon ſoll ich Euch erzählen?“ ſagte Marh. „Erzählen Sie uns von Ravenshoe“, ſagte Flora; „erzählen Sie uns von den Fiſchern und von dem Prieſter, der wie ein Geſpenſt in den dunklen Gängen umherging⸗ die ſan um len tel, und von Cuthbert Ravenshoe, der immer betete, und von dem Andern, der das Bootrennen gewann.“ „Welcher Andere?“ frug die alberne Maryh. „Ei nun, der Andere, den Sie am Liebſten haben. Wie hieß er doch?“ „Charles!“ Wie ruhig und ſanft ſie es ausſprach! Das Wort kam von ihren Lippen wie ein tiefer Seufzer. Einer, der es hörte, war noch immer ein Gentleman. Er hatte genug gehört, vielleicht zu viel, und wanderte heim, dem Stalle zu, und ließ ſie im ſinkenden Sommerabend unter den rothen Hagedorn⸗ und Fliederbüſchen bei den Kindern. Und wie er dahinſchritt, dachte er an den Abend, nachdem er von Ravenshoe geſchieden war, wo die kleine Geſtalt ſo allein in der großen Halle geſtanden hatte.„Sie hätte mich vielleicht geliebt und ich ſie“, ſagte er,„wenn die Welt nicht aus ihren Fugen wäre; Gott gebe nur, daß ſie es nicht thut!“ Und wenn er auch ſagte:„Gott gebe, daß ſie mich nicht liebt“, ſo wünſchte er in Wirklichkeit doch das Gegentheil, und vom Augenblicke an nahm Marh Adelaide's Platz in ſeinem Herzen ein. Nicht, daß er damals im Stande geweſen wäre, ſich in irgend ein Weib zu verlieben. Er ſagt, er war verrückt, und ich glaube dies bis zu einem gewiſſen Grade. Es war ein außerordentlich glücklicher Umſtand für ihn, daß er ſeine Erziehung ſo emſig vernachläſſigt hatte. Hätte er dies nicht gethan und ſich dann in ſeiner gegenwärtigen Lage befunden mit drei oder vier geiſtigen Bedürf⸗ niſſen, die in ihm nach Befriedigung geſchrien hätten, er wäre toll geworden oder hätte ſich dem Trunke ergeben. 214 Ich, der ich Dies ſchreibe, habe dergleichen ſich ereignen ſehen. Allein ehe der Umſturz kam, habe ich geſehen, wie Charles den Morgen geduldig mit dem Ausſchneiden von Patronen verbrachte, anſtatt daß er an ſeine Bücher ge⸗ gangen wäre. Dieſes Intereſſe, das er an ſolchen Lappa⸗ lien zu nehmen vermochte, rettete ihn jetzt. Wol konnte er zu Zeiten denken und hatte Schulbildung genug, um logiſch zu denken: aber ſein Gehirn war nicht ſo thätig, daß er nicht im Stande geweſen wäre, ein paar Stunden lang Patronen zu ſchneiden, obgleich ſein Freund William aus einem alten Hute ein volles Drittel mehr Patronen verfertigen konnte, als er. Er dachte jetzt, auf ſeine Weiſe, über dieſe Kinder nach — über Gus und Flora auf der einen und den kleinen Schuhputzer auf der andern Seite. Beide ſo unſchuldig und hübſch und doch Beide ſo verſchieden. Er hatte ſich der einen Welt entzogen und in die andere geworfen. Es gab zweierlei Welten und zweierlei Standpunkte: Gentle⸗ man und Nichtgentleman. Die»niedern Klaſſen« ſchienen nicht ſo eigen rückſichtlich des Charakters ihrer nächſten Angehörigen, als die höheren. Das war gut; denn er ge⸗ hörte jetzt den erſteren an und hatte eine Schweſter. Wenn eines von Lord HerriesKindern einen Fehltritt beginge, ſo würden Gus oder Flora ſeiner oder ihrer niemals gegen Fremde erwähnen. Er mußte das Geheimniß dieſes Pan⸗ zers lernen, welcher die Armen ſo unverwundbar machte. Er mußte zum kleinen Schuhputzer gehen und mit ihm plaudern. Er glaubte, dies wäre der Grund, aus welchem er andern Tages den kleinen Schelm aufſuchte; aber es war nicht der wirkliche Grund. Der Grund war vielmehr, daß er auf einer niedrigern Stufe, als er ſelbſt jetzt ſtand, einen Freund gefunden hatte, der ihn bewunderte und zu ihm emporſchaute: der erſte Freund dieſer Art, den er ſich ſeit ſeinem Falle erworben. Wovor dieſer Freund ihn zufällig bewahrte, werden wir ſehen. Zwanzigſtes Rapitel. Hornby lag auf dem Sofa in der Fenſterniſche und ſchaute zum Fenſter hinaus. Er hatte Charles rufen laſſen, und Charles ſtand neben ihm; aber er hatte ihn noch nicht bemerkt. Nach einer Minute ſagte Charles:„Sie haben mich rufen laſſen, Sir.“ Hornby wandte ſich ſchnell um.„Beim Zeus! ja“, ſprach er, ihm gerade in's Geſicht blickend.„Lord Welter hat ſich verheirathet.“ In Charles'Geſicht zuckte keine Muskel, und Hornby ſah enttäuſcht aus. Charles ſagte nun: „Darf ich fragen, wer die Dame iſt, Sir?“ „Sie iſt eine Miß Summers. Kennſt Du ſie?“ Charles ſagte, er kenne Miß Summers recht gut von Anſehen, habe ſie, in der That, beim Ausreiten begleitet. Eine Angabe, die, obgleich ſtreng wahr, Hernbh mehr irre leitete, als fünfzig Lügen. „Schön?“ „Wunderbar ſchön. Vielleicht— die ſchönſte“(er wollte zuerſt ſagen„das ſchönſte Mädchen“, doch beſann er 217 ſich und ſagte—)„Dame, die ich in meinem Leben ge⸗ ſehen habe.“ „Hum!“ Er ſchwieg einen Augenblick und ließ Charles Zeit zum Nachdenken.„Es freut mich, daß er ſie gehei⸗ rathet hat, und noch mehr, daß es vor dem morgenden Tage geſchehen iſt.“ „Gut“, ſprach Hornby weiter,„wir werden in meiner großen Poſtkutſche hinunterfahren. Ferrers will kutſchiren, wie er ſagt. Vielleicht laß' ich es ihn lieber thun; denn er fährt beſſer, als ich. Laß die andern beiden Burſche in Livree hinauskommen; doch komme Du ſelbſt in ſchwarzen Hoſen. Trage Deine rothe Weſte; Du kannſt Dir den Rock darüber zuknöpfen, wenn es noth⸗ wendig iſt.“ „Soll ich meine Cocarde tragen, Sir?“ „Ja, das iſt einerlei. Kannſt Du Dich ſchlagen?“ Charles ſagte zu ſich ſelber:„Dann werden wir ver⸗ muthlich morgen eine kleine Patſche bekommen!“ Aber der Gedanke machte ihm im Grunde Vergnügen.„Ich pflegte ſonſt es gern zu thun“, ſagte er laut.„Aber es macht mir nicht mehr ſo viel Vergnügen. Voriges Jahr, in Oxford, hakten ich und drei andere Studioſen, drei Pauls und ein Brazenoſe, eine flotte Paukerei auf der Folly⸗Brücke. Das wor die letzte Schlägerei, die ich mit⸗ gemacht habe.“ „Zu welchem Collegium gehörten Sie?“ frug Hornby, aus dem Fenſter ſchauend,„zu Brazenoſe?“ „Zu St. Paul“, ſagte Charles, ohne zu überlegen. „Dann ſind Sie der Mann, von dem Welter mir er⸗ zählte— Charles Ravenshoe.“ Charles ſah wohl, daß das Leugnen nichts nützen würde, und ſagte: „Ja.“ „Bei Gott!“ ſagte Hornby.„Ihre Geſchichte iſt eine traurige. Sie ſind wol mehr als einmal mit Lady Welter ausgeritten, denk ich mir.“ „Beabſichtigen Sie, Lord Welter Etwas von mir zu ſagen, Sir?“ „Ich denke nicht daran; ich habe Sie zu gern, um Sie verlieren zu wollen. Sie werden bei mir aushalten, nicht wahr?“ „Das will ich, bis zum Tode. Doch, ach, Hornby, um Gottes willen, hüten Sie ſich vor den verdammten Würfeln.“ „Ich will's thun. Doch ſein Sie kein Narr. Ich ſpiele nicht halb ſo viel, wie Sie denken.“ „Sie ſpielen jetzt mit Welter, Sir, nicht wahr?“ „Sie ſind ein ziemlich reſpectvoller Reitknecht, ſcheint mir“, ſagte Hornby, indem er ſich umſah und gutmüthig lachte.„Was, zum Kukuk, meinen Sie damit, daß Sie mich einem ſolchen Kreuzverhöre unterwerfen? Ja, ich ſpiele mit ihm— und zwar zu einem edlen Zwecke — da!“ Charles ſagte nichts weiter, doch war er nicht unan⸗ genehm berührt. Wenn ihm Hornby nur noch etwas mehr von ſeinem Vertrauen geſchenkt hätte! „Ich vermuthe“, ſagte Hornby,„wenn Haphazard morgen nicht gewinnt, iſt Lord Ascot ein Bettler.“ „Man ſagt, Sir“, entgegnete Charles,„daß Lord Ascot Alles und Alles auf ſein eigenes Pferd gewettet hat. 4 ⁸ 219 Es iſt eine unbegreifliche Thorheit; aber es kann in Ran⸗ ford nicht ſchlimmer kommen, als es ſchon der Fall iſt, und er hat eine Summe auf das Pferd gewettet, die Alles in Ordnung bringen würde; auch iſt es das Lieb⸗ lingspferd.“ „Lieblingspferde gewinnen niemals“, ſagte Hornby, „und ich glaube nicht, daß Lord Ascot ſo viel darauf ge⸗ wettet hat, als man ſagt.“ Alſo am folgenden Tage fuhren ſie nach dem Derby⸗ Rennen. Sir Robert Ferrers, von der Garde,(das iſt Inkerman⸗Bob, der jetzt ein Patent⸗Korkbein beſitzt und ein Victoriakreuz, und auf einem grauen Hengſte auf die Rebhühnerjagd reitet) fuhr, und da war der rothe Maclean, auf Urlaub von Oſtindien zu Hauſe, und Lord Swanſea, der jüngſte aller lebenden Gardeoffiziere, der das Horn blies, und nicht eben beſonders gut, und noch zwei von Hornby's Regimentskameraden, und hinten, bei ſeinen beiden Reitknechten und unſerm Charles, der einen anſtän⸗ digen ſchwarzen Anzug trug, ſaß der kleine Dick Ferrers, vom Miniſterium des Innern, der ein Blasrohr führte, und die Naſen der Vorderpferde an dem ihnen folgenden Omnibus mit Erbſen beſchoß,— was er, wäre er Soldat geweſen, ſich nimmer unterſtanden hätte. Und die Leute drin fluchten, und der Staub flog auf und der Wind blies ſcharf, und Sir Robert fuhr und Charles lachte und Lord Swanſea regalirte ſie mit ein wenig Mufik, und dahin ging's, nach dem Derby⸗Rennen. Als ſie auf der Rennbahn anlangten, hatten Charles und ſeine Kameraden genug zu thun, daß ſie die Pferde ausſpannten und in Sicherheit brachten. Nach einer Ab⸗ ———— ——— — 20— weſenheit von faſt einer Stunde kehrte er zum Wagen zurück und fing an, ſich umzuſchauen. Die Kutſche, die ihnen gefolgt war, hatte hinter ihnen ſtillgehalten, und die Inſaſſen oder Aufſaſſen derſelben ſchlenderten umher. Vor ihnen war eine Familiengruppe, ein ſchöner ältlicher Herr, eine hübſche ältliche Dame und zwei außerordentlich hübſche junge Mädchen, und unter⸗ hielt ſich vortrefflich. Sie waren zu wohl erzogen, um geräuſchvoll zu ſein; aber ein unterdrücktes fröhliches Lachen drang aus ihrem Wagen heraus und machte eine angenehmere Muſik, als ein gnomenartiger kleiner Deut⸗ ſcher, der, da er Charles'Auge erhaſchte, auf dem Accordion ſpielte und dazu walzte, wie Salome vor Herodes, doch mit anderer Wirkung. Die nächſte Equipage war eine ſehr elegante und in ihr ſaß eine außerordentlich ſchön gekleidete Dame— allein. Um ihren Wagenſchlag drängte ſich ein Gewimmel von Herren. Hornby, Hornby's Kameraden, Sir Robert Ferrers, und ſelbſt der kleine Dick Ferrers. Ja, ſogar einer aus dem großen Omnibus hinter ihnen, und ſie ſchwatzten und lachten Alle, ſo laut ihre Lungen es er⸗ laubten. Charles, das verblendete Kind, war ein großer Lieb⸗ haber von Dickens' Romanen. Er pflegte zu ſagen, man fände faſt auf jeder Seite Skizzen darin, ſo wahr und lebensgetreu— wenngleich manchmal außer Zuſammen⸗ hang mit der Erzählung ſelbſt— und ſo ſchön, wie die Kreideſtizzen von Raphael im Tahlor,— Skizzen, die ein⸗ mal geſehen, uns unvergeßlich wären. Und als er die Dame dort im Wagen betrachtete, dachte er an eines von Dickens Meiſterſtücken dieſer Art, an eine Scene im „Alten Raritätenladen“,— wo eine Dame, die bei einem Rennen ganz allein in ihrem Wagen ſaß, der armen Nell ihre Blumen abkaufte und ihr gebot, nach Hauſe zu gehen und um Gottes willen daſelbſt zu bleiben. Ihr Rücken war ihm zugewandt, natürlich; doch er⸗ rieth er, daß ſie ſchön ſein mußte.„Sie iſt eine„flotte“ Frau, Gott helf' ihr“, ſagte er, und er beſchloß, ſie zu ſehen. Er ſchlenderte an dem Wagen vorüber und wandte ſich dann, um ſie zu betrachten. Es war Adelaide. So makellos ſchön, wie immer, aber, o, wie verändert! Der bezaubernde Muthwille, der ſonſt ſo hinreißend ge⸗ weſen, war nun für immer aus dieſem Geſichte verſchwun⸗ den. Hart, ſtreng, ſtolz und trotzig ſaß ſie da, allein. Aus der Geſellſchaft aller Frauen ihres eigenen Ranges ausgeſtoßen, wußte ſie— wer wohl beſſer?— daß kein einziger von dieſen an ihrem Wagen ſchnatternden Män⸗ nern ſie in der Geſellſchaft ſeiner Schweſter geduldet haben würde, obgleich ſie eine Vicomteſſe war und Gräfin und Mutter von Grafen werden würde. Sie lachten und lungerten und ſcherzten vor ihr, und ſie duldete ſie und ſchleuderte da und dort bitter und verachtungsvoll ihre Sticheleien unter ſie. Es war ihr erſtes Erſcheinen in der Welt. Sie war ſeit drei Tagen verheirathet. Nicht eine Frau würde mit ihr ſprechen. Lord Welter hatte ihr das am ſelbigen Morgen mit der ihm eigenen Roheit ſelbſt geſagt, und Bitterkeit und Haß waren in ihrem Herzen. Dafür alſo hatte ſie ihre Ehre und ihren guten Namen in die Schanze geſchlagen! Sie hatte einen Titel 222 bekommen, ſo wie man einem Hunde einen Knochen zu⸗ wirft; aber ihr Einfluß in der Geſellſchaft, um deſſent⸗ willen ſie ſich verkauft hatte, war geringer, weit geringer, als da ſie noch die arme Adelaide Summers geweſen. Als Regel iſt es recht, daß es ſo iſt; in ihrem Falle aber war es doppelt recht. Charles wußte dies Alles ganz gut. Und nach dem erſten Blicke auf ihr Geſicht wußte er, daß„der Stahl ihr in's Herz gedrungen war“(ich weiß keinen beſſern Aus⸗ druck) und er war gerächt. Er hatte aufgehört, ſie zu lieben; aber die Rache iſt ſüß— für Manche. Nicht für ihn. Als er ſie anſchaute, hätte er ſein Leben darum gegeben, wenn ſie wieder gelächelt hätte, ob⸗ ſchon ſie für ihn nicht mehr war, was ſie geweſen. Er wandte ſich ab, aus Furcht, daß ſie ihn ſehen möchte, und ſprach zu ſich ſelber: „Armes Weib! Arme liebe Adelaide. Sie muß eben liegen, wie ſie ſich gebettet hat. Gott helfe ihr!“ Haphazard war erſtes Favoritpferd— facile princeps. Er ſtand wie zwei und ein halb zu eins. Bill Sykes, drei und ein halb Jahre alt, war ein ſehr gefährliches Pferd. Dann kamen Carnarvon, Lablache, Lickpitcher, Jvanhoe, Ben Caunt, Hamlet, Allfours und Colonel Sibthorp. Das letzte von dieſen ſtand wie zwanzig zu eins. Ben Caunt ſollte das Rennen für Haphezard machen, ſagte man; und Colonel Sibthorp für Bill Sylkes. So hörte er die Herren an Lady Welter's Wagen ſchwatzen. Hornby's Stimme war ſo laut wie alle an⸗ deren und es war eine angenehme Stimme; doch ſprach 223 keiner von ihnen ſehr leiſe. Charles konnte jedes Wort vernehmen. „Ich fürchte, Lady Welter wird mir nimmermehr ver⸗ geben“, ſagte Hornby,„ich habe gegen den Haphazard gewettet.“ k „Ich bitte um Vergebung, was ſagten Sie?“ „Ich habe gegen Ihr Pferd gewettet, Lady Welter.“ „Mein Pferd?“ ſagte ſie trocken und verachtungsvoll. „Meine Pferde ſind alle nur Poſtpferde, die für den Täg gemiethet wurden, um mich hierher zu bringen. Ich hoffe, daß eines von ihnen beim Rennen betheiligt iſt, da ich ſonſt mit npr zweien nach Hauſe fahren müßte und ſo auf ewig entehrt wäre.“ „Ich meine den Haphazard.“ „O, das Pferd?“ ſagte Adelaide;„das iſt Lord Ascot's Pferd, nicht das meinige. Ich hoffe, Sie werden gewinnen. Sie ſollten eigentlich gewinnen, nicht wahr? Welter hat, glaube ich, ſehr viel von Ihnen gewonnen.“ Das Gegentheil war der Fall. Doch ſagte Hornby für jetzt nichts weiter. Sie freute ſich hierüber, obgleich ſie ihn ziemlich gern hatte; denn ſie hoffte, ihn durch ihre impertinente Manier beleidigt zu haben. Indeß hatten ſie ſich nur mißverſtanden. Bald darauf geſellte ſich Lord Welter zu ihnen. Er ſah entſetzlich wild und wüthend aus, und Charles meinte, er müſſe getrunken haben. Da er wußte, was er in ſolcher Stimmung war und auch Adelaide's gegenwärtige Laune kannte, ſo befürchtete er einen Auftritt.„Aber ſie können ſich nicht ſo bald ſchon zanken“, dachte er. „Wie geht's?“ ſagte Lord Welter zu dem Herren⸗ knäuel am Wagen ſeiner Frau.„Lady Welter, haben unſere Leute Champagner oder irgend Etwas der Art mit⸗ gebracht?“ „Vermuthlich; frage ſie lieber.“ Sie hatte nicht vergeſſen, was er an dieſem Morgen ſo roh zu ihr geſagt hatte. Sie ſah, daß er in einem tollen Zorne war und würde ſich gefreut haben, wenn er ſich vor den Herren compromittirt hätte. Einen Monat lang hatte ſie geſchwänzelt und geliebkoſ't und geſchmeichelt und ihm zu Füßen gelegen; jetzt aber war ſie Lady Welter und er ſollte es fühlen. Lord Welter's Geſicht wurde noch wüthender; doch ſagte er nichts. Ein Diener brachte ihm Wein, und als er den⸗ ſelben einſchenkte, ſprach Adelaide ſo ruhig, wie wenn ſie ihm geſagt hätte, es wäre etwas Staub auf ſeinem Rocke: „Du thäteſt beſſer, nicht zu viel davon zu trinken; denn Du ſcheinſt ohnehin ſchon genug zu haben. Sir Robert Ferrers hier iſt ſehr ſchweigſam, wenn er poculirt hat, wie ich höre; Du aber machſt einen ſo fürchterlichen Spectakel, wenn Du betrunken biſt.“ Sie ſollten ihre Zunge fühlen, dieſe Burſchen! Sie mochten kommen und ſich an ihrem Wagen umhertreiben und mit einander ihre Scherze machen und ihre Schönheit betrachten, als wenn ſie eine Puppe wäre; aber ſie ſollten ihre Zunge fühlen! Charles ſank das Herz, als er ſie hörte. Erſt ein Monat vergangen und ſie— verzweifelt! Von allen ſchlimmen Dingen aber, die an jenem Tage auf jener Rennbahn begangen wurden— und ihrer waren viele— war das ſchlimmſte und unbegründetſte Ade⸗ laide's Angriff auf Sir Robert Ferrers, der, wenn auch ben noch ein ſehr junger Mann, ein ſo mäßiger, geſcheidter und nit⸗ verſtändiger Mann war, wie einer in der Garde oder in England. Doch Adelaide hatte eine Geſchichte über ihn gehört. Nämlich, als er einſt mit einer Anzahl von Freun⸗ gen den nach Greenwich zum Diner gefahren war und etwa len zwei bis drei Gläſer Wein genoſſen, hatte er ſich in den ſich Kopf geſetzt, er fange an betrunken zu werden; worauf er, ang aus Furcht ſich zu compromittiren, den ganzen Abend kein und Wort mehr hatte ſprechen wollen. und Die Anderen lachten über Ferrers. Auch Lord Welter; er war entſchloſſen, daß ſeine Frau ihn nicht zum Narren ge haben ſollte. Jetzt aber begannen Alle ſich zurückzuziehen en⸗ und ihre Plätze einzunehmen, um dem Rennen zuzuſchauen. ſie Der kleine Dick Ferrers, deſſen ganzes Leben nichts war, ce: als eine einzige große Gutmüthigkeit, blieb bei Lady Welter, en weil es ihm leid that, ſie ſo verlaſſen zu ſehen,— obſchon zert er ſich entſetzlich vor ihr fürchtete. Charles drängte ſich mit it ſeinem Freunde, Mr. Sloane, bis vorn an das Gitter, an el welches er ſich im höchſten Intereſſe feſt anklammerte. Er liebte die Pferderennen leidenſchaftlich und vergaß Alles, gi ſelbſt ſeinen armen, gütigen, alten Freund, Lord Ascot, ju indem er jedes Pferd muſterte, das vorbeigeführt wurde, und ei zu errathen verſuchte, welches von ihnen gewinnen würde. Haphazard war das Pferd, daran konnte kein Zweifel 5 ſein. Ein Hurrah erſcholl in der ganzen Reihe, als es majeſtätiſch daher geſchritten kam, wie wenn es wüßte, 43 daß es der Held des Tages war. Bill Sykes und Car⸗ narvon waren ſo gut wie möglich; aber Haphazard war u beſſer. Charles erinnerte ſich Lady Ascot's thränenvoller Weiſſagung, daß es nicht ausdauern würde; allein er Kingsley, Ravenshoe. II. 15 „ 5 2 226 lachte verächtlich darüber. Das Pferd hatte ſich ſeitdem ſo wunderbar gemacht! Hier kam es und flog wie ein Wirbelwind an ihnen vorüber, erſchütterte die Erde und machte den Leuten die Ohren erklingen mit der herrlichen Muſik ſeiner Hufe auf dem Raſen. Haphazard, von Wells geritten, mußte das Rennen gewinnen! Hurrah, für Wells! Als das Pferd langſam wieder vorbei kam, ſchaute Charles auf, um das kalte, ſtrenge Geſicht des Jockeys zu ſehen; doch dies war nicht da. Wol waren es Lord Ascot's Farben, Dunkelblau und Weiß; aber wo war Wells? Der Jockey war ein unbärtiger junger Mann mit ſehr weißen Zähnen, der bei jedem zweiten Worte, das Lord Ascot zu ihm ſagte, grinſte und ſeine Hand an die Mütze legte. Charles borgte ſchnell Mr. Sloane's Rennkarte und las: „Lord Ascot s Haphazard— J. Brooks.“ Wer, im Namen aller Verwirrung, war J. Brooks? Plötzlich erinnerte er ſich. Es war einer von Lord Ascot's eigenen Grooms. Es war derſelbe Burſche, der Haphazard an dem Tage geritten, an welchem er und Adelaide ſich zu Pferde nach den Dünen begeben hatten, um das Fohlen galoppiren zu ſehen. Lord Ascot mußte toll ſein. „Aber Wells ſollte ja den Haphezard reiten, Mr. Sloane“, ſagte Charles. „Er wollte nicht“, antwortete Sloane und lachte ſar⸗ doniſch. Aber Charles hatte keine Zeit, zu fragen, warum er lachte; denn die Pferde waren bereits im Laufe. Diejenigen, welche das Rennen ſehen konnten, waren einigermaßen erſtaunt, daß Ben Caunt Anfangs nicht mehr 227 den an der Spitze war, um das Rennen zu forciren; aber es ein war nicht viel Zeit, an dergleichen zu denken. Als ſie um und die Ecke kamen, brach Haphazard, welches das ſechſte war, cheu durch die andern Pferde durch und rannte neben Bill von Sytes. Hundert Schritte vom Zielpfahle machte Bill roh, Sykes eine Anſtrengung und kam eine Halblänge voraus; etwa eine Secunde darauf ſchoß Haphazard an ihm vorüber aute und gewann den Derby⸗Tag um eine volle Pferdelänge, s zu und der arme Lord Ascot fiel, vom Schlage getroffen, wie Lord todt zu Boden. war Der kleine Dick Ferrers war in der Aufregung des ann Rennens mit ſeinem Blasrohre auf den Bedientenſitz von rte Lady Welter's Wagen geklettert. Hier hatte er ziemlich 6 geräuſchvoll Hurrah geſchrien, als das Favoritpferd ge⸗ nes wonnen, und begann nun zu fürchten, daß er ſich am Ende lächerlich gemacht hätte, und was Lady Welter ſagen würde, wenn ſie entdeckte, wohin er gerathen war. Da s ſtürzte Lord Welter durch das Gedränge und kam, bleich wie der Tod, zu ſeiner Frau heran. g„Mache, daß Du nach Hauſe kommſt, Adelaide! Du ſiehſt, was ſich zugetragen, und weißt, was Du zu thun haſt. Lady Welter, wenn ich den Burſchen, den Brooks, heute Abend irgendwo an einem ſtillen Orte allein treffe, r. ſo ermorde ich ihn, beim „Ich glaube es Dir, Welter. Bleib' ihm aus dem Wege, wenn Du nicht toll biſt. Wenn Du den Jungen reizeſt, ſo kommt die ganze Geſchichte an's Tageslicht. Wo mm iſt Lord Ascot?“ „Todt, ſagt man, oder im Sterben. Er hat einen Schlaganfall gehabt.“ nehr 15* „Du ſollteſt zu ihm gehen, Welter. Um des bloſen Anſtandes willen.“ „Fahr' nach Hauſe, ſage ich Dir. Laſſe die Sachen, Du weißt ſchon, packen und nach einem der Hotels in der Nähe von der London⸗Brücke ſchaffen. Unter irgend einem Namen. Sei heute Abend zu Hauſe, in Staats⸗ toilette und in völligem Jubel, und behalte ein paar Hundertpfundnoten im Hauſe. Hierher, Ihr Burſchen! Mylady's Pferde. Geſchwind!“ Der arme kleine Dick Ferrers hatte mehr zu hören bekommen, als er gewünſcht; in ſeiner fürchterlichen Auf⸗ regung aber hatte Lord Welter ihn nicht bemerkt. Er erluſtirte ſich auf dem Heimwege nicht mit ſeinem Blas⸗ rohre und ſprach ſehr wenig. Am Abende war die ganze Geſellſchaft in Hornby's Wohnung verſammelt und der kleine Dick Anfangs ſo ſtill, daß ſein Bruder ihn unter einem Vorwande bei Seite nahm und ihm ein paar haſtige, liebevolle Worte ſagte. „Dick, mein Sohn, Du haſt gewiß Geld verloren. Wie viel? Du ſollſt es morgen haben!“ „Keinen halben Penny, Bob; aber ich war, gleich nachdem das Rennen vorüber, auf Lady Welter's Wagen, und hörte dort mehr, als ich hätte hören ſollen.“ „Du konnteſt es nicht ändern, hoffe ich.“ „Ich hätte es ändern ſollen; aber es kam ſo plötzlich, daß ich nichts machen konnte. Und nun kann ich mir nicht das Herz dadurch erleichtern, daß ich es Jemandem mittheile.“ „Vermuthlich irgend eine Schurkerei von Welter“, ſagte Sir Robert lachend.„Es hat nicht viel zu bedeuten, nur ſage Niemandem Etwas davon, weißt Du.“ Darauf gingen ſie wieder zu den Uebrigen, und Dicky ſagte Nie⸗ mandem Etwas, bis Alle es wußten. Denn es kam bald heraus, daß Lord Ascot, durchzweite Hand, wahnſinnigerweiſe gegen ſein eigenes Pferd gewettet hatte, und daß die Herrſchaftseinkünfte von vierzig Jahren Sr. Lordſchaft kaum wieder auf die Beine helfen konnten. Mit ſeiner gewöhnten Unentſchloſſenheit hatte er ſeine Po⸗ litik geändert, und, fürchte ich, es war daran das ewige Krächzen unſerer lieben alten Freundin, Lady Ascot, ſchuld, mit der ſie über die Unzuverläſſigkeit des Ramoneurblutes zu lamentiren pflegte. So hatte er zuerſt allerdings eine Summe auf ſein eigenes Pferd gewettet, die dem wettenden Publikum Vertrauen einflößen ſollte, und ſich mit ſeiner wohlbekannten Armuth entſchuldigt, daß er dabei nicht weiter ging, dann aber durch Andere gegen Haphazard gewettet. Hätte ſein Pferd verloren, ſo würde er genug gewonnen haben, um in Ranford Alles zu ordnen. Er wagte es nicht, unter ſolchen Umſtänden einen der großen Jockehs zu engagiren, und ſo poſaunte er das Lob eines ſeiner eigenen Reitknechte in die Welt hinein und brach mit Wells. Der Burſche hatte ihn in ſeiner Dummheit verkauft. Mittlerweile hatte er, ſich für einen Ehrenmann haltend, jeden erreichbaren Heller Geldes auf ſeine Güter aufge⸗ nommen, um ſeinen Verbindlichkeiten auf dem Turf nach⸗ zukommen,— für den Fall, daß ſein Pferd durch irgend einen unglücklichen Zufall gewinnen ſollte, wenn ſo Etwas möglich war. Und ſo geſchah es, daß die Männer der Rennbahn alle redlich bezahlt wurden, während er und ſeine Referanten ruinirt waren. Die Güter waren un⸗ veräußerlich; aber auf dreißig Jahre mußte Ranford in 230 fremde Hände übergehen. Auch Lord Welter hatte Gelder aufgenommen und verlor bei der Speculation entſetzlich. Es gibt Leute, die ſtets am rechten Platze ſind, wenn man ihrer bedarf,— immer bereit zu guten und liebevollen Handlungen. Ein ſolcher Mann war General Mainwaring. Als Lord Ascot, vom Schlage getroffen, zu Boden ſtürzte, war er an ſeiner Seite geweſen. Nachdem er ihn ärzt⸗ licher Hülfe übergeben hatte, und, ſobald der Lord wieder zum Bewußtſein gekommen war, die furchtbare Ausdehnung des Unglücks erfuhr, eilte er mit Extrapoſt nach Ranford, um Lady Ascot vom Geſchehenen in Kenntniß zu ſetzen. Sie nahm es ſehr ruhig auf. „Gewinn oder Verluſt, es iſt ja Alles Eines für dieſes unglückliche Haus!“ ſagte ſie.„Beſtellen Sie mir meine Pferde, lieder General, und laſſen Sie mich zu meinem armen theuern Ascot. Sie haben nichts von Charles Ravenshve gehört, General?“ „Nichts, meine liebe Dame.“ Charles hatte heute im Gedränge den Aermel des Generals geſtreift und ſich geſehnt, die liebe alte braune Hand in die ſeinige zu nehmen; doch hatte er es nicht ge⸗ wagt. Der arme Charles! Hätte er es doch gethan! Und ſo fuhren Lady Ascot und der General zuſammen nach London und pflegten Lord Ascot, und Adelaide, bleich wie der Tod, aber ſchön wie immer, rollte durch Staub und Getöſe nach Hauſe, indem ſie bei jedem Hinderniſſe auf dem Wege ungeduldig ihre Hände zuſammenballte. Ende des zweiten Bandes. Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient. ogne 0 GSreen vllow