—— — — — 7 Leihbibliothetk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und geſebedingungen. 1 Otensein der Bibliotheke“ Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Ruͤckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe himerlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————.— auf 1 Monat:— 1 Pf. „ 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendun der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſetbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Wie der Leſer hoffentlich auf den erſten Blick gewahr werden wird, iſt die in der nachſtehenden Erzählung ge⸗ brauchte Sprache nicht die des Autors, ſondern vielmehr die Mr. William Marſton's. Es war nämlich die Abſicht des Verfaſſers, in der Perſon eines imaginären Erzählers zugleich den Charakter eines durch und durch gutmüthigen und leidlich geſcheidten Mannes zu entwickeln, der, wie er ſich ſelbſt ausdrücken würde, ſeine Naſe in Alles ſtecken muß und ſeinen Mund nicht halten kann,— das heißt der einzigen Perſon, die möglicher Weiſe all' das viele Familiengeplauder in Er⸗ fahrung bringen und ſammeln konnte, aus dem ſich unſere Geſchichte zuſammenſetzt. Hätte der Autor mit ſeinen eigenen Worten erzählt, ſo würde er's mit weniger Ungezwungenheit gethan und der Leſer wahrſcheinlich nicht ganz ſo oft gelacht haben. — — ————.—— e— Erſtes Rapitel. Es war urſprünglich meine Abſicht, eine Geſchichte der Familie Ravenshoe zu geben von den Zeiten König Knut's bis herab zu Ihrer jetzt regierenden Majeſtät Victoria. Ich wollte die Schickſale des Geſchlechts durch alle Wandlungen und Umwälzungen, durch weltliche wie geiſtliche, verfolgen, und allerdings würde eine ſolche Darſtellung das höchſte Intereſſe geboten, zugleich aber auch ein ſo angeſtrengtes und mühſames Studium erfordert haben, wie man es nicht gern vergeblich unternimmt. Ich dachte, wie geſagt, die Annalen einer unſerer älteſten landangeſeſſenen Familien eingehendſt zu veröffentlichen. Als ich mich jedoch mit vem Gegenſtande vertrauter machte, gewahrte ich, daß ich entweder Dinge verzeichnen müßte, die längſt hätten der Vergeſſenheit anheimfallen ſollen, oder daß mein Werk nur ein ſehr fragmentariſches, in keiner Weiſe befriedigendes werden würde. Wenn ich bemerke, daß die Ravenshoes ſeit etwa einem Jahrhundert vor dem»Eroberer« bis zum Jahre 1745 Theil hatten an jedwedem Complotte, an jedem Aufſtande, an allen Bürgerkriegen, und daß ſich die Ge⸗ Kingsley, Ravenshoe. I. 2 ſchichte des Hauſes in alten Tagen durch Grauſamkeit und Raubgier, in der neuern Zeit aber durch politiſche Wankelmüthigkeit von der ſchwärzeſten Tünche auszeichnet, ſo wird man begreifen, wie mir nicht daran liegen kann, derlei Erzählungen an einen von mir beſonders verehrteni Namen zu knüpfen. Nur um den Charakter des Geſchlechts anzudeuten, wie er ſich von Vater auf Sohn und Enkel vererbt hat, laſſe ich daher in flüchtiger Skizzirung de Hauptmomente jener Geſchichte vor dem Auge des Leſers vorüberziehen. Wie allgemein bekannt, iſt keine der großen Familien Irlands ohne ihren Banſchee, oder Hausgeiſt, welcher unmittelbar vor jedem Schickſalsſchlage, der das Haus heimſucht, vor jedem Todesfalle, welcher darin einkehrt, ächzend und wehklagend das Ahnenſchloß umſchweift. Ob⸗ ſchon nun die Ravenshoes, gleich allen angeſehenen Familien, einen erblichen Prozeß, eine erbliche Fehde(mit den Hum⸗ bys zu Hele), ein Geſpenſt(das der gegenwärtig regierende Ravenshoe in früher Jugend oft geſehen zu haben be⸗ hauptet), und einen vergrabenen Schatz beſitzen,— von einem ihnen zugehörigen Banſchee habe ich nie etwas ver⸗ nommen. Hätten ſie ſich eines ſolchen rühmen dürfen, das Amt dieſes beklagenswerthen Geiſtes wäre wahrhaftig keine Sinecure geweſen; vielmehr hätte derſelbe, um ſeine Aufgabe zu erfüllen, während mehr denn neunhundert Jahren Tag und Nacht ohne Aufhören heulen müſſen. Denn die Ravenshoes befanden ſich faſt beſtändig in Ungelegenheiten und wußten ſich doch immer wieder mit einer Leichtigkeit aus ihren Bedrängniſſen herauszuhelfen, die Allen unerklärlich ſcheinen mußte, denen ein Einblick . in die näheren Verhältniſſe fehlte. Wie die Stuarts, ge⸗ hörten ſie allezeit der verlierenden Partei an; allein, anders wie jene, behielten ſie dabei doch immer ihren Kopf auf den Schultern und über demſelben das Dach ihrer Ahnen. Lady Ascot ſagt, wäre Ambroſius Ravenshoe im Jahre 1745 überführt worden, man hätte ihn unfehlbar aufgehangen: lagen doch der Beweiſe genug gegen ihn vor, um ein ganzes Dutzend von Männern an den Galgen zu bringen! Ich ſelbſt habe gehört, wie Squire Denſil mit großem Stolze erklärte, der Ravenshoe unter König Johann wäre der einzige Baron geweſen, welcher die Magna Charta nicht unterzeichnete, und hat es zu Runnymede einen Ravenshoe gegeben, dann ſetze ich nicht den geringſten Zweifel in dieſe Behauptung. In den Kriegen der beiden Roſen waren ſie wiederum ſtets auf der verkehrten Seite. Der Ravenshoe jener Zeit band ſich nämlich an keine Partei, ſondern trat, je nachdem ihm das Glück zu wechſeln ſchien, von der einen zur andern über. Da unſer Ravenshoe zu dem Schlage von Leuten gehörte, die ſich in der Regel gerade dann erſt einer Partei anſchließen, wann das Glück derſelben unzweifelhaft iſt,— das heißt, gerade wann ſich eine Reaction gegen dieſelbe vorbereitete— ſo fand er ſich gewöhnlich auf der bergabgehenden Seite, die ihn verach⸗ tete, weil er ſich nicht früher zu ihr geſchlagen, während die ſteigende ihn haßte, weil er ſich ihren Gegnern an⸗ ſchloß. Dies kleine Spiel iſt auch heute noch ein leid⸗ lich allgemeines und ſcheint im Ganzen ſeinen Verehrern ebenſo wenig zum Nutzen zu gedeihen, als ehedem den Ravenshoes. Was aber auch unſere jetzigen Wetterfahnen mit ihren 1⸗ —— 4 Schwankungen gewinnen mögen,— die Ravenshoes waren nicht glücklich, weder als liberale Conſervative, noch als conſervative Liberale. Zu Ende der Regierung Hein⸗ rich's VII. waren ſie ſo arm wie Hiob, wo nicht ärmer. Mit einem Male aber taucht gleich hinterher im Jahre 1530 ein Sir Alured Ravenshoe am Hofe auf, der ſofort die höchſten Sproſſen der Leiter erklimmt, ein Heros in allen junkerlichen Künſten der Zeit, im Flunkern und Fluchen, im Gepränge und Geraufe, beim Würfeln und jedwedem Unfug, und, was noch mehr beſagen will, ſich in einer Weiſe zahlungsfähig zeigt, daß nur glücklicher Straßenraub oder Hauseinbruch den befremdlichen Reich⸗ thum zu erklären ſcheinen. Und doch hatte Sir Alured, wie ich erſehe, nichts Schlimmeres begangen, als die Vermählung mit einer alten Jungfer von ungeheuerem Vermögen(einer Miß Hinkſey, aus der Familie Hinkſey in der Grafſchaft Staffordſhire), was der Familie auf einige Generationen hinaus wieder auf die Beine half. Sir Alured muß ein arger Schelm geweſen ſein. Er verſtand es, ſich ſo in die Gunſt des Königs einzuſchmeicheln, daß dieſer ihm, zum Lohne für ſeine Heldenthaten in jed⸗ weder Art von Sport, einen Poſten in Irland gab. Dort riß das bezaubernde Weſen des Grafen von Kildare unſern Ravenshoe bald dermaßen hin, daß er ſich verleiten ließ, dieſen Edelmann auf einem Beſuche zu Desmond zu be⸗ gleiten. Als er aber nach einem zwölfmonatlichen uner⸗ laubten Aufenthalte im Innern von Irland nach England zurückkehrte, hatte er ſechs Monate Zeit,— im Tower wieder zur Beſinnung zu kommen. Dieſer verteufelte Geſell ſcheint ein vortrefflicher Typus ——— „ ————— — —— ————— — —— — 5 der Familie geweſen zu ſein. Als unſer achter Heinrich ſeinen berühmten Zwiſt mit dem Biſchofe von Rom hatte, war, wie die Chronik erzählt, Sir Alured in etwa fünf oder ſechs papiſtiſche Verſchwörungen verwickelt, die, hätte der König genaue Kenntniß davon erhalten, unſerm Edelmanne durch eine äußerſt ſchleunige Hinrichtung das Garaus gemacht haben dürften. Indeſſen ſcheint ihn der König doch mit argwöhniſchen Blicken betrachtet und wol gewußt zu haben, weß' Geiſtes Kind er war; denn Sir Alured ſchreibt an ſeine Gemahlin, als er einmal bei Hofe geweſen:„Se. Majeſtät der König ſchenkte mir nur einen ſauren Blick und ſagte, der Krug gehe ſo lange zu Waſſer bis er endlich breche; worauf ich geantwortet: es käme nur darauf an, ob der Krug von Eiſen wäre oder von Thon, und der König wandte mir den Rücken und ging.“ Die Verwegenheit ſeines Geſchlechts muß ihm in vollſtem Maße zu Theil geworden ſein, daß er, unter der furchtbaren Laſt von Hochverrath, die auf ihm ruhte, am ſchrecklichen Heinrich noch ſeinen Witz zu üben wagte. Ich habe lange bei ihm verweilt; aber er beſaß ſo ziemlich alle Laſter und alle Tugenden ſeines Geſchlechts— eines Geſchlechts, wel⸗ ches immer großmüthig und tapfer war, ſich aber beſtändig von ſchlechten Rathgebern irre leiten ließ. Er war es, der Ravenshoe Houſe baute, wie es noch heute ſteht und den Schauplatz für einen großen Theil unſerer Erzählung bildet. Ueber die Pulververſchwörung ſcheinen ſie ziemlich gut hinweggekommen zu ſein, obgleich ich in ihrem Schloſſe das Cabinet zeigen kann, worin einer der unbedeutenderen der Verſchwörer, ein gewiſſer Watſon, ſich nach jenem 6 tapfern Attentate, etwa eine Woche lang verſteckt hielt; vermuthlich indeß mehr nur im Bewußtſein ſeiner Schuld, als aus irgend ſonſt einem Grunde, denn nie habe ich von einer directen Anklage gegen ihn vernommen. Die»Fünfundvierzig« ging dagegen nicht ſo ruhig an ihnen vorüber, und Ambroſius Ravenshoe war ſo nahe daran, ſeinen Kopf zu verlieren, wie ſeit der Eroberung nur je ein Mitglied der Familie. Als aus dem Norden die Kunde von dem beunruhigenden Vorrücken der Hochländer kam, fiel es Ambroſius Ravenshoe augenblicklich ein, wie ſich ihm niemals eine beſſere Gelegenheit bieten würde, um ſich lächerlich zu machen. Ohne einen Augenblick zu zaudern, oder mit irgend Jemandem Rath zu pflegen, ſchellte er, beſchied ſeinen Stallmeiſter vor ſich, hieß ihn, die ganze männliche Dienerſchaft, Reitknechte, Gärtner und Alle(im Ganzen etwa zwanzig Mann) mit Armbruſt und Partiſane aus der Rüſtkammer bewaffnen und aufſitzen laſſen, und ritt dann mit dieſem Gefolge an einem Markttage nach Stonnington, wo er auf offenem Marktplatze den Präten⸗ denten laut zum Könige ausrief. Schnell lief es um, daß der Squire dummes Zeug vollführe und Spaß im Werke ſei, und bald ſah er ſich von einem großen, ziemlich un⸗ ſaubern Volkshaufen umringt, der ihn, zum Entſetzen ſei⸗ nes Kellermeiſters und zur Beſchämung ſeiner Reitknechte, unter dem Geſchrei:„Bravo, alter Rebell!“ und„Hurrah für den Papſt!“ nach dem Wirthshauſe geleitete. Ein glücklicher Zufall wollte, daß am ſelben Tage gerade Lord Segur, der erſte römiſch⸗katholiſche Edelmann der Graf⸗ ſchaft, in der Stadt anweſend war. Mit mehreren andern Edelleuten deſſelben Glaubens drang er in das Zimmer, ————— — in welchem der Squire ſaß, überwältigte ihn, warf ihn ge⸗ bunden in einen verſchloſſenen Wagen, brachte ihn nach Schloß Segur und ſperrte ihn ein. Es bedurfte aber der ganzen Macht der päpſtlichen Partei, um ihn vor der Ver⸗ urtheilung zu retten. Die Kirche ſchaarte ſich tapfer um das alte Haus, das ihr ſo oft mit Schwert und Börſe bei⸗ geſtanden und nie in ſeiner Anhänglichkeit gewankt hatte. Und ſo, während edlere Häupter fielen, behielt Ambroſius ſeines unverſehrt zwiſchen den Schultern. Er ſtarb im Jahre 1759. John(Monſeigneur) h Howard im Jahre 1800. Er war der Erſte, der die Jagdhunde von Claycomb übernahm. Peter im Jahre 1820. Er heirathete Alicia, einzige Tochter von Charles, drittem Grafen von Ascot. Ihm folgte Denſil, die erſte handelnde Perſon unſeres Dramas,— der Erſte, den wir, nach dieſer ſchattenhaften Ahnenreihe, in Fleiſch und Bein vor uns ſehen werden. Er war im Jahre 1783 geboren und heirathete, zuerſt im Jahre 1812 auf ſeines Vaters Befehl eine Miß Winkleigh, von der mir nichts bekannt iſt, darauf, nach eigener Wahl, im Jahre 1823 Suſanne, vierte Tochter von Lawrence Petersham, von Fairford Grange in der Grafſchaft Worceſter. Aus dieſer Ehe entſproßten: Cuthbert, geboren 1826. Charles, geboren 1831. Denſil war ein einziger Sohn. Sein Vater, ein ſchö⸗ ner, gutmüthiger Mann von leichtem Sinn, aber ſchwach und abergläubiſch, befand ſich gänzlich in den Händen der Prieſter, die während ſeines ganzen Lebens die unbeſtritte⸗ — 3. 5% 6 — — 8 nen Herren von Ravenshoe waren. Ladi Alicia war, wie bereits erwähnt, eine Tochter von Lord Ascot, der, ein Staunton, einer ſo ſtreng proteſtantiſchen Familie ange⸗ hörte, wie es in England nur eine gibt. Sie verliebte ſich in den ſchönen, katholiſchen jungen Squire, ließ ſich von ihm entführen, vertauſchte nicht nur ihren Namen, ſondern, zum Schrecken ihrer Familie, auch ihren Glauben, und wurde, gleich allen Convertiten, weit bigotter als ihr bequemer Gemahl. Sie brachte wenig oder kein Geld in die Familie und ſcheint, nach dem Portrait, das von ihr vorhanden, ſehr ſchön und erſtaunlich dumm geweſen zu ſein. Zwei Jahre nach ſeiner Vermählung wurde dieſem charakterſtarken Gattenpaare ein Sohn geboren, welcher in der Taufe den Namen Denſil empfing. Dieſer junge Herr ſcheint bis zu ſeinem einundzwan⸗ zigſten Jahre dahingelebt zu haben, ſo ziemlich wie alle anderen jungen Herren. Da jedoch beſchloſſen die im Con⸗ elave ſitzenden höhern Gewalten, daß er nach London gehen und die Welt kennen lernen ſollte. Er nahm alſo die geziemenden Warnungen wider den Teufel und alle fleiſchlichen Lüſte entgegen und brach auf, um die Welt zu ſehen. In kurzer Zeit lief beim Beichtvater der Familie, und durch ihn bei Vater und Mutter, die Nachricht ein, daß Denſil allerdings ſehr befliſſen ſei in der Welt ſich umzuthun, als der unzertrennliche Gefährte nämlich jenes großen Dandy unter den radicalen Atheiſten, des hoch⸗ ehrenwerthen Grafen von Saltire, mit dem kein Menſch Pigquet ſpielen könne, ohne ſich zu Grunde zu richten; daß er in Geſellſchaft von Mademoiſelle Vaurien, vom Drurh —— . Lane⸗Theater, beim Schlagbaume von Kenſington im Tilbury umgeworfen wäre, und ſich wegen beſagter Vau⸗ rien mit einem franzöſiſchen Emigranten, dem Grafen de Hautenbas, geſchlagen hätte,— kurz, daß er ganz teufliſche Dinge verübe. Daraufhin wurde eiligſt ein Familien⸗ Concil zuſammengerufen, auf daß man in Erwägung ziehe, was jetzt zu thun ſei. „Er wird ſeine unſterbliche Prieſter. „Er wird ſ Mutter. „Er wird zum Teufel ehen“ bemerkte ſein Vater. 7 5 9 So ward denn der gute Pater Clifford mit Poſtpferden nach London entſandt, mit dem Auftrage, das verlorene Schaf vi et armis heimzubringen, und Denſil's Burſche hatte eines Abends um zehn Uhr die ungeheure Ueber⸗ raſchung, den Pater Clifford einzulaſſen, welcher unverzüg⸗ lich zum Herrn geführt zu werden begehrte. Das war ein ſehr heikliges Verlangen, denn James wußte ſehr wohl, was oben gerade vor ſich ging; doch war ihm nicht minder unbekannt, was früher oder ſpäter einem Diener der Ravenshoe bevorſtand, der einem Prieſter ſich zu widerſetzen wagte. Darum willfahrte er dem ihm gemachten Anſinnen. Das verlorene Schaf, das der gute Pater zu holen kam, war zufällig nicht ganz nüchtern, jedenfalls aber in ſehr ſchlechter Laune. Es ſaß gerade beim Ecarté mit einem außerordentlich ſchönen, wenn auch etwas hochmüthig ausſehenden Manne, der nach der neueſten Mode gekleidet und, nach dem Haufen von Goldſtücken zu urtheilen, wel⸗ Seele verderben“, ſagte der ein Vermögen ver euden“, ſprach eine ——— 10 cher vor ihm auf dem Tiſche lag, bedeutend im Gewinnſte war. Der Prieſter erbebte und ſchlug ein Kreuz,— denn der glückliche Spieler war der fürchterliche, ſchöne, gottloſe, witzige, atheiſtiſche, radicale Lord Saltire, deſſen Worten kein Weib und deſſen Waffe kein Mann zu widerſtehen vermochte. Er, von dem man allgemein glaubte, daß er ſich entweder dem Teufel verſchrieben habe, oder wohl gar ſelber der Teufel ſei. Ein ſchlauerer Mann, als es der arme Pater Clifford in ſeiner Herzenseinfalt war, hätte irgend eine allgemeine Bemerkung gemacht und ſich, gewarnt vor Denſil's finſtern Stirnrunzeln, nach kurzem Gruße zurückgezogen. Unſer Prieſter aber that dies nicht. Es kam ihm nicht einen Augenblick in den Sinn, ſich von dem Knaben, dem ſein Wort während der letzten zehn Jahre als Befehl gegolten, Trotz bieten zu laſſen, und mit ſtrengem Auge näherte er ſich den Beiden. Denſil frug, ob ſich zu Hauſe vielleicht ein Unglück zu⸗ getragen hätte, und Saltire warf ſich, in Erwartung eines Auftritts, in ſeinem Lehnſeſſel zurück, ſtreckte ſeine elegan⸗ ten Beine von ſich und ſchickte ſich zum Zuſchauen an, mit der Miene eines Mannes, welcher weiß, daß ihm etwas Unterhaltendes bevorſteht, und der ſich fertig macht, es gründlich zu genießen. „Das da iſt das Unglück, mein Sohn“, ſagte der Prieſter.„Deine Mutter liegt Tag und Nacht auf den Steinen des Betſaals auf ihren Knien und fleht für ihren Erſtgebornen, während dieſer mit ausſchweifenden atheiſti⸗ ſchen Genoſſen, die Gott feind ſind und den Menſchen, — ⸗— del den hrel chen, 1 ſeine Habe vergeudet und ſeine Seele dem Verderben ent⸗ gegenführt.“ Lord Saltire lächelte anmuthig, verbeugte ſich höflich und nahm eine Priſe. „Weshalb dringen Sie in meine Wohnung ein und beſchimpfen meine Gäſte?“ ſagte Denſil mit einem zor⸗ nigen Blicke auf den Prieſter, der mit gefalteten Händen gelaſſen daſtand, wie ein ſchwarzer Pfeiler.„So etwas iſt unerträglich.“ „Quem Peus vult“, ete. Pater Clifford ſah dieſen finſtern Blick nicht zum erſten Male, doch ließ er ſich nicht von ihm warnen. Er ſprach: „Ich habe den Auftrag, nicht ohne Dich heimzukehren. Ich befehle Dir alſo, mir zu folgen.“ „Befehlen! Mir, einem Ravenshve befehlen!“ rief Denſil wüthend. Das Uebel ärger zu machen, begann jetzt der Pater Clifford ſeinerſeits die Geduld zu verlieren. „Du wäreſt nicht der erſte Ravenshoe, dem ein Prieſter befohlen, und wahrhaftig nicht der einzige, der auch zu ge⸗ horchen gehabt hätte“, erwiderte er. „Und Sie nicht der erſte Eſel von einem Prieſter, welchen ein Ravenshoe mit der Wucht ſeines Zorns träfe“, entgegnete Denſil roh. Lord Saltire lehnte ſich bequemer in ſeinem Seſſel zurück und ſprach in die leere Luft hinein:„Ich wette fünf gegen eins auf den Prieſter.“ Das war zu viel. Denſil hätte gern mit Saltire Streit angefangen, doch das hieße ſicherer Tod— denn 3 6 12 der Lord war der fürchterlichſte Piſtolenſchütze in Europa. Er gerieth in Wuth und verlor alle Faſſung. „Zur— möge er gehen, noch weiter als ins Fegefeuer!“ ſchrie er den Prieſter an und erging ſich in Gottesläſterungen, indem er voll Nachdruck den Glauben ſeiner Väter, ja, jeg— lichen Glauben überhaupt verſchwor. Auch der Prieſter kam in Hitze und Wuth, antwortete in nichts weniger als gemäßigten Ausdrücken, und verließ ſchließlich das Zimmer, indem er ſich die Ohren zuhielt und den Staub von ſeinen Füßen ſchüttelte. Lachend ſchob Lord Saltire ſeinen Seſſel wieder an den Tiſch. „Ihre Güter ſind wol Fideicommiß, Ravenshoe?“ frug er. „Nein.“ „Oh!—'s iſt an Ihnen, zu geben, mein Lieber.“ Wenige Tage darauf erhielt Denſil einen zornigen Brief von ſeinem Vater, in welchem dieſer vollſtändigſte Abbitte und Widerruf und ſeine augenblickliche Rückkehr forderte. Denſil aber fühlte ſich zu keiner Abbitte bewogen und ſprach die Hoffnung aus, nicht vor Ende der Saiſon heimzukommen. Sein Vater ſchrieb wieder: er verzichte auf die Ehre ſeiner ferneren Bekanntſchaft und übermachte ihm einen Wechſel von fünfzig Pfund Sterling zur Deckung allfälliger Schul⸗ den, die, wie ihm bewußt, ſich auf etliche Tauſend beliefen. Bald rührten ſich die katholiſchen Kaufleute und Handwerker, die er mit ſeiner Kundſchaft beehrt hatte, und drangen auf Zahlung, und jetzt ſah Denſil ein, daß ihn die Beleidigungen, die er ſeinem Glauben und ſeiner Parteizugefügt, um ſeinen Rang, um Vermögen und Stellung gebracht hatten. Er hatte die partie prétre beſchimpft und ſollte jetzt ihre — Macht fühlen. Nach Verlauf von zwei Monaten ſaß er im Fleet⸗Gefängniſſe. Sein Bedienter(der Titel»„Tiger« kam erſt viel ſpäter in die Mode), halb Reitknecht, halb Kammerdiener, wie es e— ein einfacher üblich bei den jungen Leuten jener Tag Burſch von Ravenshoe, James Horton mit Namen— war zum erſten Male in ſeinem Leben einem Befehle ungehorſam; denn als Denſil ihm gebot, nach Hauſe zurückzukehren, weigerte er ſich entſchieden, dies zu thun, und verfügte ſich mit ſeinen Reitſtiefeln und ſeinem weißen Halstuche tri⸗ umphirend ins Fleet⸗Gefängniß, wo er mit der äußerſten Nonchalance die gewöhnten Beſchäftigungen ſeines Berufes fortſetzte. „Sie haben da einen ſehr gentilen Burſchen, Löckchen“ (es hatte damals Jeder ſeinen Beinamen im Kreiſe ſeiner Bekannten), ſagte Lord Saltire.„Wäre ich nicht Saltire, ich glaube wirklich, ich möchte Jim ſein. Unter ſechs⸗ hundert Mitmenſchen der einzige Beſitzer einer reinen Stirn zu ſein, iſt ein Vorzug, ein entſchiedener Vorzug. Ich will Ihnen den Kameraden abkaufen.“ Denn Lord Saltire war nebſt Tabaksdoſe und allem Zubehör gekommen, ihm ſeinen Beſuch zu machen. Denſil ſaß an jenem Morgen finſter brütend in dem unſauberen Zimmer mit den vergitterten Fenſtern und dachte eben an den wilden freien Wind, wie er am ſchönen Novembertage über die Dünen ſtreichen würde, als ſich die Thür aufthat und Mylord, mit dem anmuthigſten Lächeln auf ſeinem ſchönen Geſichte, hereinſpazierte. Seine Kleidung war, wie immer, nach dem neueſten Geſchmack. Er trug einen langſchößigen blauen Frack mit 14 goldnen Knöpfen, eine ſteife Krauſe an ſeinem Hemd, eine weiße Cravatte, eine wunderbar kurze Weſte, loſe kurze Nanking⸗Beinkleider, niedrige Schuhe ohne Gamaſchen und einen niedrigen Hut. Ich kenne alle dieſe Einzel⸗ heiten, denn ich habe ſein Portrait geſehen, das zwar aus dem Jahre 1804 datirt. Man erinnere ſich aber, daß Se. Lordſchaft die wahre Vorhut der Mode ausmachte, und das geſchilderte Coſtüm wahrſcheinlich erſt zwei oder drei Jahre ſpäter bei den minder hervorragenden Sterb⸗ lichen in Gebrauch kam. Er lächelte ſardoniſch.„Mein lieber Junge“, ſagte er,„ich weiß, es iſt im höchſten Grade mauvais goüt, bei einem Condolenzbeſuche zu ſprechen:»Ich habe es Ihnen voraus geſagt«; aber geben Sie zu, daß ich mich erbot, fünf gegen eins auf den Prieſter zu wetten. Ich hatte ſchon die ganze Woche im Sinne, Sie zu beſuchen; allein Dienſtag und Mittwoch war ich in Newmarket, am Donnerſtag auf der Jagd bei Ihrem Vetter Ascot, geſtern hatte ich keine Luſt, mich bei Ihnen zu langweilen, und ſo bin ich denn heute gekommen, weil ich frei war und nichts Beſſeres zu thun wußte.“ Denſil blickte wüthend auf, denn er glaubte, Se. Lord⸗ ſchaft wäre gekommen, ihn zu beleidigen; aber der gut⸗ müthige, theilnahmsvolle Ausdruck, welchen er in den durchdringenden grauen Augen Saltire's gewahrte, ſtrafte den chniſchen Zug Lügen, der um deſſen Lippen ſpielte, und entwaffnete ſeinen Zorn. Er ließ ſeinen Kopf auf den Tiſch ſinken und brach in Schluchzen aus. Lord Saltire legte liebevoll ſeine Hand auf Denſil's Schulter und ſagte: 15 „Sie ſind ein Thor geweſen, Ravenshoe; Sie haben den Glauben Ihrer Väter verleugnet. Pardien, wenn ich ſolch' einen Artikel beſäße, ich würfe ihn nicht ſo leicht von mir! „Sie können ſo reden? Wer noch? Ihre Geſellſchaft hat mich dahin gebracht, wo ich jetzt bin. Bin ich daher ſchlimmer, als Sie? Zu welchem Glauben bekennen Sie ſich denn, ſagen Sie mir in Gottes Namen?“ „Zu dem Glauben eines franzöſiſchen Lyceums, mein Freund, dem einzigen, der mir je zu Theil geworden iſt. Und ich meine ihm ziemlich⸗treu geblieben zu ſein.“ „In der That, treu genug“, ſeufzte der arme Denſil. „Nun, ſehen Sie“, ſagte Saltire;„vielleicht bin ich dabei zu tadeln. Aber ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ich hatte ebenſo wenig eine Ahnung davon, daß Sie hals⸗ ſtarrig genug ſein würden, die Sache bis auf dieſe Spitze zu treiben, als daß es Ihnen einfallen könnte, Ravenshoe Houſe niederzubrennen, weil ich es als altmodiſch ver⸗ ſpottete. Gehen Sie nach Hauſe, mein armes katholiſches Häflein, und verſuchen Sie nicht, mit Eiſentöpfen, wie Wre⸗ kein und ich, um die Wette zu ſchwimmen. Unterwerfen Sie ſich jenem äußerſt vornehm ausſehenden alten Truthahne von einem Prieſter, küſſen Sie Ihre Mutter und ge⸗ nießen Sie Ihr gewöhntes Quantum von Hühner- und Fuchsjagd.“ „Zu ſpät! zu ſpät jetzt!“ ſchluchzte Denſil. „Durchaus nicht, mein lieber Junge“ verſetzte Saltire, eine Priſe nehmend;„die Hühner werden natürlich ſchon ein wenig wild ſein— das müſſen Sie wohl erwar⸗ ten; aber mit den Faſanen und Waldſchnepfen werden 16 Sie ſich noch weidlich erluſtiren können. Kommen Sie ſagen Sie ja. Laſſen Sie Ihre Schulden bezahlen und machen Sie ſich aus dieſem hölliſchen Loche. Eine Woche darin müßte wahrlich den Teufel ſelber zähmen, ſollte ich meinen.“ „Wenn Sie glauben, daß Sie etwas für mich thun könnten, Saltire.“ Lord Saltire verſchwand, trat aber faſt augenblicklich mit einer Dame an der Hand wieder herein. Sie ſchlug ihren Schleier zurück, und Denſil erblickte ſeine Mutter. Im nächſten Augenblicke lag ſie weinend an ſeiner Bruſt, und als er über ihre Schulter hinwegſchaute, ſah er einen blauen Frack aus der Thür ſchlüpfen, für jetzt das Letzte, was Lord Saltire den Blicken ſeines Freundes bot. Es lag nicht im Intereſfe der Prieſter, Denſil mit Kälte zu empfangen. Zwanzig lächelnde Geſichter be⸗ grüßten ihn bei ſeiner Heimkehr an der Hausthür, und unter ihnen allen lächelte keines freundlicher und liebe⸗ voller, als die Geſichter des alten Prieſters und ſeines Vaters. Die Hunde wollten toll werden vor Freude, und ſein Lieblingsfalke ſchrie auf der Fauſt des Falkeniers, zerrte an ſeinen Feſſeln und erinnerte ihn mit ſchriller Luſt an die fröhlichen Tage in der öden Marſch oder am ein⸗ ſamen See. Niemand im ganzen Hauſe erwähnte des Vergangenen mit einer Sylbe. Squire Peter drückte dem treuen James nur die Hand und ſchenkte ihm eine Uhr, als er ihn Tags darauf ein gewiſſes Fohlen reiten hieß, um zu ſehen, wie er damit fortkommen könnte. Und wieder am nächſten Tage verſammelte ſich die Jagd, und der Fuchs, der brave Ge⸗ 17 ſell, lief nach Parkſide hinaus, gegen die Granitmauern von Heſſitor. Denſil aber, da er von Neuem die freie, rauſchende Bergluft einathmete, jubelte laut auf vor Luſt, und James' Stimme ſagte neben ihm: „Ja, ja, das iſt ein beſſer Ding, als das Fleet⸗Ge⸗ fängniß, Sir.“ So hatte denn Denſil ſeinen Rubber mit der Kirche geſpielt und, wie ſo viele andere Leute,— verloren. In der exemplariſchſten Weiſe kehrte er in die alte Botmäßig⸗ keit zurück und in den alten Schlendrian junger Guts⸗ herren, und that genau ſo, wie Alle um ihn her. Er war nicht ausſchweifend von Natur, allein es hauſte ein wilder Dämon von beſtialiſcher Leidenſchaft in ihm, welcher in London ſeine Feſſeln zerbrochen hatte, jetzt aber ſich ſtill hielt aus Furcht vor den Folgen, von dem er jedoch fühlte, wie er noch da war und jeden Augenblick wieder losbrechen konnte. Er war ein ganz anderer Mann geworden. Eine tiefe Kluft dehnte ſich zwiſchen ihm und dem Leben, das er einſt geführt, ehe er nach London gegangen. Er hatte von der Freiheit(oder vielmehr, um das göttliche Wort nicht zu entweihen, von zügelloſer Ungebundenheit) gekoſtet und doch noch nicht tief bis zum Ekel aus dieſem Quelle ge⸗ trunken. Die Lehren, die ihm als unfehlbare eingeprägt worden waren, hatte er von Männern wie Saltire und Wrekin verſpotten hören, von Männern„die, wie ſeinem Verſtande nicht entging, tauſendmal geſcheidter und unter⸗ richteter waren, als Pater Elifford oder Pater Dennis. Mit einem Worte, er hatte, wie unzählige Andere, die Entdeckung gemacht, daß der Papismus nicht Waſſer hielt, Kingsley, Ravenshoe. I. 18 und als ein pis aller den Glauben Saltire's angenommen: daß der Staat ohne Religion nicht beſtehen und nicht regiert werden kann; daß ein Bekenntniß dieſen Zweck ſo gut er⸗ füllt, wie das andere, und daß, caeteris paribus, die beſte Religion die iſt, die ihrem Bekenner 10,000 Pfund Ster⸗ ling jährlicher Einkünfte ſichert. Demgemäß war Denſil ein frommer Katholik. Der nächſte Beſchluß der alliirten Großmächte ging nun dahin, daß er heirathen müſſe. Erfand nichts dagegen einzu⸗ wenden und ehelichte eine junge Dame, Miß Winkleigh,— natürlich eine Katholikin— über die ich mir keinerlei Aus⸗ kunft zu verſchaffen vermag. Lary Ascot ſagt, ſie war ein bleiches Mädchen mit ungefähr dem Anſtande einer Milchmagd. Auf dieſe beiden Thatſachen kann ich indeß keine Theorie vom perſönlichen Charakter der Lady grün⸗ den. Sie ſtarb, kinderlos, im Jahre 1816. 1820 verlor Denſil auch beide Aeltern und war damit in ſeinem ſieben⸗ unddreißigſten Lebensjahre Herr über Ravenshoe und über ſeine eigene Perſon. Der Verluſt der alten Leute ging ihm ſehr zu Herzen, weit mehr, als der ſeiner Gattin. Er kam ſich vor, als habe er nun jede Stütze und jeden Halt in der Welt ver⸗ loren: denn er hatte eine mangelhafte Erziehung genoſſen und war ohne alle inneren Reſſourcen. So ging er ge⸗ drückt und brütend umher, bis der gute alte Pater Clifford, der ihn aufrichtig lieb hatte, ernſtliche Beſorgniß daraus ſchöpfte und ihm vorſchlug, ſich durch Reiſen zu zerſtreuen. Er empfahl ihm Rom, als die Wiege des katholiſchen Glaubens, und Denſil reiſte nach Rom. Hier blieb er ein Jahr und erſchien nach Ablauf des⸗ — ſelben plötzlich zu Hauſe, mit einer ſchönen jungen Gattin am Arme. Als Pater Clifford erſtaunt und zitternd ihr entgegenkam, um ihr die Hand aufs Haupt zu legen, wich ſie vor ihm zurück, lachte und ſagte:„Erſparen Sie ſich die Mühe, mein lieber Herr; ich bin eine Proteſtantin.“ Alle dieſe Details waren nothwendig, um dem Leſer zu erklären, warum Denſil, ob zwar ſelbſt Katholik, ſchließlich es für gut befand, ſich, zur Herſtellung des Gleichgewichts im Hauſe, eine proteſtantiſche Gemahlin zu erküren. Denn hätte er ſich mit dieſer Dame nicht vermählt, ſo wäre der Held unſers Buches nicht auf die Welt gekommen. In dieſer größern Wahrheit aber iſt zugleich die geringere ent⸗ halten, daß, wäre er nicht geboren worden, auch ſeine Ge⸗ ſchichte nie hätte geſchrieben werden können, folglich dies ſchöne Buch der Welt nicht minder auf ewig verloren ge⸗ blieben wäre. Bweites Rapitel. Die zweite Mrs. Ravenshoe war die ſchöne unbemit⸗ telte Tochter eines Grundherrn in Worceſterſhire von guter Familie, der, mit einem verſchwenderiſchen Sohne und ſechs ſchönen Töchtern geſegnet, ſeit mehreren Jahren im Aus⸗ lande gelebt hatte, wo er die Geſellſchaft zugänglicher, folg⸗ lich die Heirathschancen für die„Mädchen von Petersham“ günſtiger fand, als in England. Sie war eine ſchöne, ſtolze Frau, nicht beſonders geſcheidt, oder beſonders liebenswür⸗ dig, oder ſonſt irgend etwas, aber b ſonders ſelbſtbewußt. Sie hatte ſich lange genug nach einer guten Partie umge⸗ ſehen, um den Werth einer ſolchen vollkommen zu ſchätzen, und gute Häuſer genug kennen gelernt, um zu wiſſen, daß ein Haus ohne Herrin gar kein Haus genannt werden kann. Und ſo ward ihre neue Heimat in ſehr kurzer Zeit ihrer Gegenwart eine, unterwarf ſich mit beſter Miene ihrem nicht unfreundlichen Regimente, und in einer Woche war es Allen, als wäre ſie ſchon ſeit Jahren unter ihnen geweſen. Pater Clifford, der ſich nur nach Frieden ſehnte und bereits recht alt wurde, faßte, trotz ihres Ketzerthums, bald eine große Zuneigung zu ihr. Auch ſie hatte den ſchönen ſen⸗ und ald nen 21 gentlemäniſchen Herrn gern und machte ſich ihm an⸗ genehm, wie das eine Weltdame ſo gut zu thun verſteht. Sein junger Coadjutor aber ſeit Pater Dennis' Tode, Pater Mackworth, den Lady Alicia aus Rom importirt hatte, fiel ſchnell in Ungnade bei ihr. Am erſten Sonntage nach ihrer Ankunft fuhr ſie zur Kirche und ließ ſich, zum unge⸗ heuren Erſtaunen der Bauern, im großen Familienſtuhle nieder. Nach dem Nachmittagsgottesdienſte nahm ſie in ihrer ungenirten, gebieteriſchen Weiſe den Pfarrer in Be⸗ ſchlag und nolens volens mit aufs Schloß zum Diner, wo er ſich mit Grauſen zwiſchen zwei katholiſchen Pfaffen ſah, die Latein ſprachen und das Krerz ſchlugen. Seine Verlegenheit ſtieg noch bedeutend, als Mrs. Ravenshoe ſeine Predigt lobte und ihn in religiöſe Discuſſionen ver⸗ wickelte, als wenn es meilenweit in der Runde keinen katho⸗ liſchen Prieſter gegeben hätte. Pater Mackworth beging die Unvorſichtigkeit, auf ihn zu ſticheln und that endlich eine entſchieden impertinente Aeußerung, worauf Mrs. Ravenshoe nur ihr Lorgnon ans Auge hob und einen Blick ſo hochmüthigen Erſtaunens auf ihn heftete, daß er augenblicklich verſtummte. Damit begannen die Feindſeligkeiten zwiſchen ihnen, wenn man eine Reihe von unendlich kleinlichen Häkeleien von der einen, und mannichfaltige Beweiſe einer unermeß⸗ lichen, kaum verhehlten Verachtung von der andern Seite mit ſolchem Ausdrucke bezeichnen kann. Mackworth wußte, daß ſie ihn durchſchaute und verachtete, und haßte ſie. Ihr hingegen entging nicht, daß er ihrer Verachtung gewahr wurde, doch hielt ſie ihn im Allgemeinen für zu unbedeu⸗ tend, um von ihm Notiz zu nehmen, und züchtigte nur —— dann und wann einmal ſeine ſchwachen Anläufe zu fühl⸗ barer Inſolenz mit mächtiger Hand. Dennoch war er in einer Beziehung ihr Meiſter: in der Kunſt kleinlicher, ſpitziger, erbitternder Neckereien, für die ihn eine zu gute Schule und bereitwilligſtes Studium herangebildet hatten. Schnell genug hatte er herausge⸗ funden, wie ſeine Gegenwart und ſein glattes, mageres Geſicht ihr einen unſäglichen Widerwillen verurſachten, und von Stunde an war er beſtändig auf ihren Pfaden, überſchüttete ſie mit ſchmeichleriſcher Höflichkeit, ſtürzte durch das Zimmer, wenn es galt, irgendeine Kleinigkeit aufzuheben, die ihr entfallen war, oder die Thür für ſie zu öffnen, ſodaß es ihr die größte Ueberwindung koſtete, nicht alle Regeln der Höflichkeit aus den Augen zu ſetzen und ihm den Weg zu weiſen. Wozu uns aber noch länger bei derlei Lappalien aufhalten, die an ſich ohne jede Bedeu⸗ tung ſind, wenn ſie auch in ihrer beſtändigen Wiederholung unerträglich werden können? Es blieb ſo, wie wir geſchildert, bis eines Morgens, etwa zwei Jahre nach der Vermählung, Mackworth in Clifford's Zimmer kam und ſich gähnend in einen Stuhl warf. „Benedicite“, grüßte Pater Elifford, der niemals die religiöſe Etikette vernachläſſigte. Mackworth ſtreckte in ziemlich ungeſitteter Weiſe die Beine von ſich, gähnte und verſank in Schweigen. Pater Elifford las ruhig fort. Endlich begann Mackworth: „Ich muß Ihnen etwas mittheilen, mein guter Freund, ich habe genug nun; ich kehre nach Rom zurück.“ „Nach Rom?“ — „Ja, zurück nach Rom“, wiederholte der Andere in frechem Tone, denn er pflegte den guten alten Prieſter, ſo⸗ bald ſie allein waren, mit einer unverſchämten Verach⸗ tung zu behandeln.„Wozu ſoll ich noch länger hierbleiben und mit jenem Weibe kämpfen? Auf ſeine Bekehrung iſt gerade ſo viel Ausſicht vorhanden, wie auf die Umdrehung eines Felſens und auf— Kinder gar keine.“ „Glauben Sie das?“ ſagte Pater Clifford. „Gütiger Himmel, ſieht es etwa danach aus? Zwei Jahre, und noch keine Spur davon! Würde ich übrigens vom Gehen reden, wenn ich an die betreffende Wahrſchein⸗ lichkeit glaubte? Ja, wäre das, dann gäbe es hier noch eine Laufbahn, die meiner würdig wäre; dann hätte ich eine Chance, mich um unſere Kirche verdient zu machen, indem ich ihrem Schooße eine wankende Familie erhielte. Und ich könnte Solches leiſten. Jedes Kind würde mir zur neuen Waffe gegen das Weib! Elifford, glauben Sie, daß Ravenshoe uns ſicher iſt?“ Er warf dies ſo plötzlich hin, daß Elifford zuſammen⸗ ſchrak und ihm das Blutins Geſicht ſtieg. Mackworth wandte ſich ſchnell nach ihm herum und betrachtete ihn mit ſcharf prüfendem Blicke. „Sicher!“ antwortete der alte Mann;„wie kommen Sie dazu, etwas Anderes zu vermuthen?“ „Ich habe noch leinen beſondern und beſtimmten Arg⸗ wohn“ erwiderte Mackworth;„nur bin ich darüber nie mehr völlig beruhigt geweſen, ſeit Sie mir von jenem Auf⸗ tritte erzählten, den Sie vor vielen Jahren mit ihm in London gehabt haben.“ 24 „Er hat ſich ſeitdem ſtets ſehr gläubig gezeigt“ ſagte Clifford;„ich fürchte nichts mehr.“ „Hm! Nun, es freut mich, das zu hören“ ſagte Mack⸗ worth.„Ich gehe alſo nach Rom. Lieber plaudere ich im Kloſter wieder mit Alphonſe und Pierre, als daß ich hier fort vegetire wie ſeither. Meine Talente ſind hier nur weg⸗ geworfen.“ Er ſtieg die Wendeltreppe hinab, die vom Thurme des Prieſters in den Blumengarten führte. Der Tag war ſchön, und eine behagliche Bank lud in einiger Entfernung zur Ruhe ein. Der Pater wollte ſich hier in der erquick⸗ lichen Luft behaglich mit einem Buche niederlaſſen, und ging, es im Salon zu holen. Mit ſeinem gewöhnten, geräuſch⸗ loſen Tritte ſchritt er durch den dunklen Corridor zum Ge⸗ ſellſchaftszimmer, deſſen Thür er ebenſo geräuſchlos öffnete. Niemand war darin. Das Buch, welches er ſuchte, befand ſich in einem anſtoßenden kleinen Cabinete, welches von dem Gemache, in dem er ſtand, durch einen dicken, halb zugezogenen Vorhang getrennt war. Leiſe glitt er über den weichen Teppich und ſchaute hinein. Der Sonnenſtrahl, der ſich durch das zitternde Laub der Schlingpflanzen und die kleinen Scheiben eines in tiefer Niſche liegenden Fenſters zu kämpfen hatte, fiel auf zwei Perſonen, bei deren Anblicke er wie eine ſchwarze Bild⸗ ſäule von Erſtaunen betroffen, athemlos ſtehen blieb. Noch nie hatte er die Beiden in einem andern als dem Tone der gewöhnlichſten Höflichkeit mit einander ſprechen hören. Sie waren ihm als das kälteſte, gleichgültigſte Gattenpaar erſchienen, das er je geſehn. Aber jetzt! Jetzt bog ſich die hochmüthige Schöne aus ihrem Seſſel zu dem ſte auf einem Schemel ihr zu Füßen ſitzenden Gatten herab. Ihr Arm unſchlang ſeinen Nacken, ihre Hand lag in der ſeinigen, und wie er aufſchaute zu ihr, ſtrich ſie ihm die dicken ſchwarzen Locken aus der Stirn und küßte ihn. Mackworth neigte ſich weiter vor und lauſchte aufmerk⸗ ſamer. Er konnte die Brandung an der Küſte, die Möven auf den Klippen, die Nachtigall im Buſche hören. Alle dieſe Töne ſchlugen an ſein Ohr, doch unterſchied er ſie nicht; er lauſchte nur, daß eine der beiden Geſtalten vor ihm ſprechen würde. Endlich brach Mrs. Ravenshoe das Schweigen, doch mit ſo leiſer Stimme, daß ſelbſt er, deſſen Aufmerkſam⸗ keit auf das Aeußerſte geſpannt war, kaum wahrnehmen konnte, was ſie ſagte. „Ich gebe nach, mein Derz⸗ ſprach ſie;„ich gebe Dir dieſes eine, doch erinnere Dich wohl, die anderen gehören mir, das haſt Du mir feierlich gelobt.“ „Feierlich“, entgegnete Denſil, indem er ſie küßte. „Liebes Herz“, fuhr ſie fort,„ich wollte Du könnteſt Mackworth, den Prieſter, loswerden. Er iſt mir unleidlich.“ „Er iſt von meiner Mutter meiner beſondern F Fürſorge empfohlen worden“, war Denſil's Antwort.„Könnteſt Du 6 dableiben laſſen, ſo wäre mir's lieber.“ „O, dann mag er bleiben!“ ſagte ſie.„Er iſt mir zu verächtlich, als daß er mich ärgern könnte. Aber ich traue ihm nicht, Denſil. Er hat zuweilen einen lauernden Blick. „Er iſt und unterhaltend“, verſetzte Denſil, „allein auch mein Liebling iſt er nie geweſen.“ Der Horcher war im Begriffe zu gehen, da er genug gehört hatte, doch die nächſten Worte hielten ihn wieder feſt. 26 „Beiläufig, weißt Du, Lieber, daß jenes anmaßende Mädchen, die Norah, ſeit drei Monaten heimlich verhei⸗ rathet iſt?“ Der Prieſter lauſchte geſpannter, denn je. „Mit wem?“ frug Denſil. „Mit James, Deinem Wildmeiſter.“ „Das freut mich. Dieſer Burſche, der James, hielt im Gefängniſſe treu bei mir aus, Suſanne, da Alle mich verließen. Und auch ſie iſt ein gutes, treues Geſchöpf. Vergiß aber nicht, ſie tüchtig auszuzanken.“ Mackworth wußte jetzt genug, wie es ſchien; denn ebenſo lautlos, wie er gekommen, ſchlich er durch das dunkle Zimmer zurück und ſtieg ſinnend wieder zu Pater Clifford hinauf. Dieſer vortreffliche alte Herr nahm die Unterhaltung genau an derſelben Stelle wieder auf, an der ſie vorhin abgebrochen ward. „Und wann“, hob er an,„gedenken Sie nach Rom zurückzukehren, mein Bruder?“ „Ich werde gar nicht nach Rom zurückgehen“, lautete die befriedigende Antwort, der ein tiefes Schweigen folgte. Wenige Monate darauf gebar Miſtreß Ravenshoe, zu Pater Clifford's großer Freude und Ueberraſchung, einen ſchönen Knaben, der in der Taufe den Namen Cuthbert empfing. Er wurde im katholiſchen Glauben erzogen und hatte, fünf Jahre alt, eben begonnen, vom Pater Clifford ſeine Gebete zu lernen, als ein neues Ereigniß Alle in gleichem Maße überraſchte. Miſtreß Ravenshoe zeigte ſich abermals geneigt, ihre Familie mit einem Zuwachſe zu bereichern. ————————— —— 5 ¹9 in oM Drittes Rapitel. Wäret Ihr ein läſſiger Bootsmann, der an einem Sommertage vor einer leichten Morgenbriſe über die lange Wogenſtrömung vom atlantiſchen Meere an den ſüdweſt⸗ lichen Küſten des Kanals von Briſtol ſchaukelte, ſo würdet Ihr finden, wie die uferloſen Vorgebirge von ſchwarzem Schiefer, unter denen Ihr den ganzen Tag vorübergeſegelt, mit einem Male aufhören, und das Land plötzlich abfällt und ſich verflacht und ſtatt überhangender Klippen ein rei⸗ zendes Amphitheater von Waldhängen und Wieſengründen zeigt hinter einem Geſtade von gelbem Sande,— in wohl— thuendem Contraſte gegen die weiße Brandung und das dunkle Gefels, woran ſich Euer Auge faſt ſchon gewöhnt hatte. Dieſes ſchöne, halbkreisförmige Becken hält etwa zwei (engliſche) Meilen im Durchmeſſer, und iſt, auf allen an⸗ von Bergen umgeben, nur nach einer Seite, der See , offen. Nach Oſten und Weſten läuft das Vorgebirge eine Meile weit fort und bildet eine hübſche gen Nor⸗ den geöffnete Bucht, während landeinwärts die lockeren Dünen über das Waldland anſchwellen, als eine kahle Fläche von Gras und grauem Steine. Halbwegs längs des ſandigen Strandes, ſchäumt ein Forellenwaſſer aus ſchwarzem Gehölze hervor und rauſcht in fünfzig funkelnden Kanälen über den Küſtenſaum. Und das Auge, von dem ſilbernen Waſſerfaden gefeſſelt, wandert an ihm hinauf, durch eine waldige Bergſchlucht, die Wiege des Baches, den es etwa zwei Meilen landein verfolgen kann, bis der nebelige Horizont plötzlich von einem ſchroffen blauen Berge begrenzt wird, der rechtwinkelig das Thal ſchneidet. Ein hübſches kleines Dorf baut ſich an der Mündung des Baches auf und zieht ſich in reizender Unregelmäßigkeit eine ziemliche Strecke gen Weſten am Strande hin; wäh⸗ rend ſich hinten, eine kleine Strecke thalauf, ein ſchöner Kirchthurm aus den Bäumen erhebt. Ein paar Fiſcher⸗ boote liegen vor Anker, mehrere kleinere auf dem Strande, ein Küſtenſchooner wirft ſeine Steinkohlenfracht aus, einige Fiſcher lungern umher, Netze hängen zum Trocknen aus, ein paar Knaben tummeln ſich badend im Waſſer, und zwei Reitknechte reiten vier ſchöne Pferde auf und ab. Unſer Auge aber ruht weder auf den Pferden, noch auf den Männern, weder auf den Booten, noch auf dem Schiffe, nicht auf dem Dorfe oder auf dem Bergwaſſer, ſondern auf einem ſtattlichen bethürmten Herrenhauſe von grauem Steine mit breiter Vorhalle, welches am jenſeitigen Ufer des Baches, etwa hundert Fuß oberhalb des Dorfes, ſteht. Am Oſtrande des kleinen Fluſſes, gerade wo ſich der⸗ ſelbe ins Meer ergießt, ſteigen Bergmatten, mit Gras und Farrenkraut bewachſen und wunderlieblich durch Gruppen von Buchen und Eichen gebrochen, über die dunklen Wal⸗ ———————. 29 dungen auf. Hier auf der höchſten Stelle, auf einem Vor—⸗ ſprunge, der ſich von den noch höheren Bergen im Hinter⸗ grunde abſenkt, erhebt ſich das Haus, von dem ich rede, und ſchaut mit ſeiner Nordfronte gegen das Meer, während ſich ſeine Weſtſeite der erwähnten Waldſchlucht zukehrt— auf dem Hügelrücken, der beide von einander ſcheidet. Unmittelbar hinter dem Gebäude beginnt wieder der dunkle Wald und über ihm dehnt ſich das Moor. Das Haus ſelbſt iſt in der Zeit Heinrich's VIII. er⸗ baut. Seine Fagade iſt außerordentlich edel, wenngleich unregelmäßig. Der am Meiſten ins Auge fallende Punkt der nördlichen oder Seefronte iſt eine große düſtere Säulen— halle, die, auf drei Seiten offen, das Grundgeſtell eines hohen Steinthurms bildet, welcher die Mitte des Bau⸗ werks einnimmt. An der nordweſtlichen Ecke(welche dem Dorfe zuliegt) ragt ein Thurm von gleicher Höhe empor. Dahinter über der unregelmäßigen Gruppe von Eſſen zeigt ſich die neumodiſchere Kuppel der Ställe, als der höchſte Punkt des Garzen, und verleiht im Vereine mit den Thür⸗ men dem geſammten Complexe eine reizende Mannichfal— tigkeit. Die Fenſter ſind meiſtens lang, niedrig und mit ſchweren Geſimſen und Kreuzen verſehen, die Mauern mit Zinnen gekrönt. Sowie man ſich dem Hauſe nähert, bemerkt man, daß es einigermaßen im Style der engliſchen Univerſitäts⸗ collegien gebaut iſt, mit einem Quadrangel in der Mitte. Zwei Seiten deſſelben— die Norde und die Weſtſeite bilden das Wohnhaus, die ſüdliche die Ställe, und die Oſtſeite eine lange, ſchöne Kapelle, von höherem Alter als der übrige Theil des Herrenſitzes. Als das Centrum dieſes viereckigen Hofes bemerken wir, anſtatt des üblichen netten Grasplatzes, ein Granitbecken, welches das Kryſtallwaſſer eines Bergquells füllt. Vor dem weſtlichen Flügel ſenken ſich die Terraſſen eines Blumengartens Stufe um Stufe zum Fluſſe hinab, bis der glattgeſchorene Raſen allmählich in das wilde Farren⸗ und Haidekraut des Parkes übergeht, wo das ſcheckige Dammwild äßete und das Kaninchen ge⸗ ſchäftig hin- und herläuft. Auf der Nordſeite, dem Meere zu, gibt es keine Gärten; aber eine ſtattliche Kiesterraſſe, von dem Parke nur durch eine hohe Bruſtwehr geſchieden, zieht ſich unter den Fenſtern hin. Gen Oſten endlich erſtreckt ſich der Thiergarten, bis Wieſe und Lichtung der überall vordringende Wald verſchlingt. So iſt heute Ravenshoe Hall, und ebenſo war es am zehnten Juni 1831(ich bin gern genau in ſolchen Dingen), ſoweit die Scenerie des Ortes in Frage kommt. Wer jedoch dazumal ſeine Bewohner beobachtet hätte, der würde Anzeichen von einer ungewöhnlichen Aufregung wahrge⸗ nommen haben. Rund um die Küchenthür ſtand ein Trupp von Mägden in eifrigem Geplauder beiſammen, und auf der andern Seite des Hofes war etwa ein halbes Dutzend Reitknechte und Pferdejungen augenſcheinlich mit demſelben Thema beſchäftigt, bis ſich der Stallmeiſter plötzlich auf dem Hofe blicken ließ und Alles nach rechts und links aus⸗ einander ſtäubte, um ſich mit überſchwenglicher Energie dem edlen Nichtsthun hinzugeben. Ein hagerer Mann von geſetztem Aeußern, der jetzt etwa zweiundfünfzig Jahre alt ſein mochte, trat zur Ge⸗ ſellſchaft im Hofe. Wir haben ihn ſchon früher geſehen. Ee iſt unſer alter Freund James, der ſeinen Herrn vor 31— Zeiten ins Fleet⸗Gefängniß begleitet hatte. Er war be⸗ reits ſeit mehreren Jahren mit einer ſchönen iriſchen Kammerjungfer der Lady Alicia verheirathet, welche ihm eine nunmehr fünfjährige Tochter und einen Sohn von einer Woche geſchenkt hatte. James ſchritt über den Hof zu den ſchwatzenden Mägden und redete ſie an. „Wie geht's heut' Abend mit Mylady?“ frug er. „O, heilige Mutter Gottes“, ſagte ein irländiſches Stubenmädchen weinend,„s geht ſchlimmer.“ „Was macht der kleine junge Herr?“ „Der iſt munter genug, der Goldjunge; er ſchreit ſich die kleinen Augen aus, Gott ſegne ihn.“ „Er wird größer werden als Maſter Cuthbert, dar⸗ auf geb' ich Euch mein Wort“, meinte eine wohlbeleibte Köchin. „Wann kam er zur Welt?“ frug James. „Vor beinahe zwei Stunden“, war die Antwort. Da kam ein Reitknecht den Weg herunter gelaufen, der im Gehen ein Billet in ſeinen Hut legte. Er trat zum Stallmeiſter und ſagte haſtig:„ein Brief an Doe⸗ tor March in Lanceſton, Sir. Welches Pferd ſoll ich nehmen?“ „Den Trompeter. Was macht Mylady?“ „Sie fährt ab, ſoviel ich herauskriegen kann, Sir.“ James wartete, bis er den Reitknecht im geſtreckten Galopp aus dem Hofe jagen hörte und dann wie einen ſchwarzen Punkt hoch oben auf der Bergſtraße verſchwin⸗ den ſah. Dann wandte er ſich ins Haus zurück, ſuchte ſich, ſoweit er es wagte, in die Nähe des Krankenzimmers zu bringen und wartete ruhig auf der Treppe. 2 Es war in der That ein Haus des Jammers! Vor zwei Stunden hatte ein ſchwaches wimmerndes kleines Geſchöpf ſeine Lebensbürde auf ſich genommen und ſeine mühevolle Pilgerſchaft durch jenes unbekannte, wüſte Land begonnen, das zwiſchen ihm und dem Grabe lag— auf der wir ihn theilweiſe begleiten werden—, während ſeine Mutter ſich eben zur ewigen Ruhe anſchickte, wenngleich ſie um des Kindes willen die letzten müden Schritte ihrer Wanderſchaft zu verzögern ſuchte, um eine, wenn auch noch ſo kurze, Strecke mit dem neuen Pilger zuſammen wandeln zu können. Das Zimmer war ſehr ſtill. Aus der erquicklichen Sommerluft ſtahlen ſich Düfte und Laute rein und leiſe in das Sterbezimmer. Gedämpft drang das Murmeln der Brandung von den Dünen herüber. Matter und immer matter ging der Athem der ſterbenden Mutter. Das Kindchen lag an ihrer Seite, und ihr Arm unmſchlang ſeinen kleinen Leib. Der alte Pfarrer kniete am Bette, und Denſil ſtand mit verſchränkten Armen und gebeugtem Haupte und ſchaute in das Geſicht, das ihm ſo lieb und theuer geworden, bis das Licht auf immer daraus ſchwin⸗ den würde. Nur dieſe Vier im Sterbezimmer! Das Stöhnen ward lauter und das Auge belebte ſich noch einmal. Sie ſtreckte ihre Hand aus, und die des Pfarrers ergreifend, legte ſie dieſelbe auf das Haupt des Kindes. Dann blickte ſie Denſil an, der ſich jetzt über ſie beugte, und ſprach mit großer Anſtrengung. „Mein theurer Denſil, Du wirſt Deines Verſprechens eingedenk bleiben.“ „Ich will Dir's ſchwören, mein liebes Weib.“ Noch ein paar leidensvolle Seufzer und größere An⸗ ſtrengung:„Schwöre mir's, Lieber.“ Er ſchwor, daß er das Verſprechen halten wolle, das er ihr gegeben, ſo Gott ihm helfe! Die Augen waren jetzt ſtarr, und Alles war ſtill. Noch ein langer Seufzer; dann ein langes Schweigen. Der Pfarrer erhob ſich und ſchaute Denſil an: es waren ihrer nur noch Drei im Gemache. Denſil ſchritt durch die weinenden Weiber und begab ſich geradeswegs auf ſein Arbeitszimmer. Dort ſetzte er ſich mit thränenleeren Augen nieder und dachte an Die, welche dahingegangen war. Er dachte, wie lieb und theuer ihm das Weib gewor⸗ den— das Weib, das er um ſeiner Schönheit und ſeines Stolzes willen geheirathet, und das er für ſo kalt und hart gehalten! Er dachte, wie ſeine Liebe zu ihr Jahr um Jahr gewachſen war, ſeit ſie ihm das erſte Kind geboren hatte! Wie er ſie geachtet ob ihrer Feſtigkeit und Conſequenz und wie ſo oft ſeine Schwäche hinter ihrer Stärke Schutz ge⸗ ſucht hatte! Seine rechte Hand war ihm verloren, und er ſollte nun allein den Kampf des Lebens weiter kämpfen! Eines ſtand aber feſt. Was immer kommen mochte, ſein Verſprechen ſollte erfüllt und das eben geborene letzte Söhnchen im proteſtantiſchen Glauben erzogen werden, ſo wie es ſeine Mutter gewünſcht hatte. Er kannte den Widerſtand, den ihm Pater Mackworth dabei entgegen⸗ ſtellen würde, und beſchloß, ihm zu trotzen. Und als ihm 3 Kingsley, Ravenshoe. I. der Name dieſes Mannes ins Gedächtniß kam, entzügelte ſich etwas wieder von ſeiner alten, wilden, heftigen Natur, und er fluchte ihm faſt mit lauten Worten. „Ich haſſe den Menſchen! Ich möchte ihn heraus⸗ fordern zum Kampfe und ſehen, was er Schlimmſtes be⸗ ginge! Ich thät' es jetzt, da ſie von mir gegangen iſt, wär' mir's nicht um den Knaben! Nein, hol's der Henker, es ginge nicht. Hätt' ich's ihm unter dem Siegel der Beichte vertraut, anſtatt daß er's für ſich ſelber ausſpionirte, er könnte mich nicht ſo damit gepeinigt haben! Ich wollt', er wäre—“ Hätte Pater Mackworth die leiſeſte Ahnung von der Gemüthsverfaſſung beſeſſen, in welcher ſich ſein wür⸗ diger Gönner befand, ſo würde er ſicherlich nicht den nämlichen Augenblick gewählt haben, um an deſſen Thür zu klopfen. Die Allerſchlaueſten unter uns begehen zu⸗ weilen einen Mißgriff, und, ſeit dem Geſpräche, welches er kurz vor Cuthbert's Geburt im Wohnzimmer belauſcht hatte, von unbeſtimmtem Argwohne verfolgt, wurde er un⸗ geduldig und beſchloß, ſofort ſeine Zweifel zu löſen. Wie wir geſehen haben, wählte er hierzu den beſonders glück⸗ lichen Moment, wo der arme Denſil ihn aus Herzens⸗ grund verfluchte. „Bruder, ich komme, um Sie zu tröſten“, hob er an, indem er die Thür öffnete, ehe Denſil Zeit hatte, den oben niedergeſchriebenen Satz zu vollenden oder»Herein« zu rufen.„Es iſt eine große Prüfung, und um ſo größer, als—“ „Gehen Sie wieder“, ſagte Denſil, auf die Thür deutend. ⸗ den ür hes ſcht un⸗ Vie ück⸗ al, den in ßer, hüt 35 „Aber“, verſetzte der Prieſter,„hören Sie—“ „Gehen Sie fort“, ſagte Denſil mit lauterer Stimme. „Hören Sie? Ich muß allein ſein, und ich will es! Gehen Sie!“ Wie unbekümmert ſchwache Leute ſich ihren Feinden gegenüberſtellen, wenn ſie je einmal wirklich in Wuth ge⸗ rathen! Denſil, der im Allgemeinen eine Art von höf⸗ licher Furcht vor dem Pater hegte, würde jetzt fünfzig Männern wie Mackworth Trotz geboten haben. „Ich halte es für meine Fflicht, Mr. Ravenshoe“, ſagte der Prieſter in ſehr verändertem Tone,„ungeachtet der etwas unvernünftigen Geſtalt, die Ihr Kummer an⸗ genommen, wenigſtens über einen Punkt mit Ihnen zu reden. Ich möchte wiſſen, wie Sie Ihren Sohn zu nennen wünſchen.“ „Wozu?“ „Weil er ſchwächlich iſt, und ich ihn zu taufen be⸗ abſichtige.“ „Das werden Sie gefälligſt bleiben laſſen“, rief Denſil, roth wie ein Truthahn.„Er wird zur rechten Zeit in der Pfarrkirche getauft werden. Er ſoll im proteſtantiſchen Glauben erzogen werden.“ Der Prieſter heftete einen feſten Blick auf Denſil, der, da er nun wirklich bellen mußte, entſchloſſen war, ſich als muthiger Mann zu benehmen, und ſagte langſam: „Dann beſtätigt ſich alſo mein längſt gehegter Ver⸗ dacht, und Sie ſind entſchloſſen, Ihren Sohn dem ewigen Verderben anheim fallen zu laſſen“ lerſ agte nicht Verderben, er bediente ſich eines ſtärkern Ausdrucks, deſſen wir uns je⸗ doch, wenn der Leſer nichts dawider hat, enthalten wollen). 3* 36 „Verderben, Sir!“ ſchrie Denſil.„Wie können Sie ſich unterſtehen, mit einer ſolchen Dreiſtigkeit von meinem Sohne zu ſprechen? Wie? Das, was meine Familie für die Kirche gethan hat, müßte ein Dutzend Generationen von Ravenshves vor jedweder Möglichkeit des Verderbens ſchützen, Sir. Machen Sie mir keine Redensarten.“ Dieſe neue, erſtaunliche Lehre von der Rechtfertigung durch die Werke, die der arme Denſil in ſeinem Zorne entwickelte, wurde von einem etwa fünfzigjährigen Herrn mit rundem Antlitze, klaren Augen und lockigem Haare mit angehört, welcher plötzlich, gefolgt von James, ins Zimmer trat. Eine Sekunde lang glitt ein Lächeln tiefinnerſten Ergötzens über ſein fröhliches Geſicht, doch war es ebenſo raſch wieder verſchwunden, und er wandte ſich ernſt zu Denſil. „Mein lieber Mr. Ravenshoe, ich muß meine ärztliche Autorität geltend machen und darauf beſtehen, daß Ihres Sohnes Seelenheil vor der Hand ſeinen phyſiſchen Be⸗ dürfniſſen weiche. Er muß eine Amme bekommen, mein lieber Herr.“ Denſil's Stirn hatte ſich vor des Doctors freundlichem Auge ſchnell geglättet.„Gott verzeih' mir“, rief er aus, „daran hatte ich gar nicht gedacht. Der armekleine Burſch'! der arme kleine Burſch'!“ „Ich hoffe, Sir“, ſagte James,„Sie werden meiner Norah den jungen Herrn anvertrauen. Es iſt dies ihr ſehnlichſtes Verlangen.“ „Ich habe Mrs. Horton geſehn“, ſagte der Arzt,„und bin mit dem Vorſchlage vollkommen einverſtanden. In der That halte ich es für eine beſonders gnädige Fügung der Vorſehung, daß Mrs. Horton im Stande iſt, dieſe Pflicht zu übernehmen. Wäre dem nicht ſo— wir hätten verloren ſein können.“ „Gehen wir alſo augenblicklich“, entgegnete der unge⸗ ſtüme Denſil.„Wo iſt die Wärterin? Wo iſt das Kind?“ Mit dieſen Worten eilte er aus dem Zimmer, hinter ihm James und der Arzt. 2 Mackworth blieb zurück und ſchaute ſchweigend zum „ Fenſter hinaus. Er blieb ſo lange dort ſtehen, daß Jemand, der ihn beobachtete, mehr als einmal aus ſeinem Verſtecke mi ner 1 hervorlugte, um zu ſehen, ob er noch nicht gegangen. End⸗ 6 lich erhob er den Arm und ſchlug mit ſeiner geballten Fauſt ſo heftig auf den granitnen Fenſterſims, daß ihm das Blut aus der Hand quoll. Dann verließ er düſter das Zimmer. Sowie er fort war, ſchlich ein Knabe von etwa fünf Jahren leiſe aus einem dunklen Winkel hervor, wo er ſich verſteckt gehalten, und ging, halb Furcht, halb Neugier e im Blicke, durch eine andere Thür aus dem Gemache. Inzwiſchen begaben ſich Denſil, James und der Arzt in Begleitung der Wärterin mit dem Kinde über den Hof nach einem Häuschen, das jenſeits der Pferdeſtälle im Ge⸗ m hölze lag. James öffnete die Thür, und ſie traten in den 6, innern Raum ein. Ein ſchönes Weib, von Kiſſen geſtützt, ſaß da und nährte ein Kind, das eine Woche alt war. Das Sonnen⸗ er licht, welches ein halbgeöffneter Fenſterladen einließ, fiel hr verklärend auf ihre zarten Züge und ihre bleiche, reine Geſichtsfarbe, und warf einen ſeltſamen Schimmer auf ihr nd langes, loſe hängendes ſchwarzes Haar. Sie beugte ſich über vas Kind, welches an ihrer Bruſt lag; beim Eintreten ——— 38 der Beſucher aber blickte ſie auf und zeigte ein großes, glänzendes, dunkelblaues Auge, das in unendlicher Zärt⸗ lichkeit aufleuchtete, als Denſil ſein wimmerndes Knäbchen aus den Armen der Wärterin nahm und es in die ihrigen neben das andere legte „Nehmt mir das da unter Eure Obhut und Pflege, Norah“, ſagte Denſil.„Es hat keine andere Mutter mehr als Euch.“ „Acushla ma chree““*), entgegnete ſie,„Gott ſegne mein Vögelchen! Komm' in Dein Neſt, mein Herzchen, komm' zu Deinem hübſchen Brüderchen, mein Liebling.“ Das Weinen des Kindes hörte jetzt auf, und der Doctor bemerkte und erinnerte ſich noch lange nachher, wie die kleinen Wachsfingerchen, die unruhig umhergriffen, die kleine Hand des anderen Kindes trafen und da liegen blieben. In dieſem Augenblicke kletterte ein ſchönes, kleines Mädchen von etwa fünf Jahren auf das Bett und ſchmiegte ſeine pfirſichweiche Wange an das Geſicht der Mutter. Als die Männer hinausgingen, wandte ſich der Arzt noch einmal um und ſchaute auf die liebliche Gruppe,— dann folgte er Denſil in das Trauerhaus zurück. Leſer, ehe wir abgethan haben mit dieſen drei unſchul⸗ digen kleinen Geſichtern, werden wir ſie von manchen Lei⸗ denſchaften verändert und entſtellt ſehen und ihnen an mancherlei ſeltſamen Orten begegnen. Komm, gieb mir deine Hand und begleite ſie mit mir bis ans Ende. *) Ein iriſches Liebeswort. Anmerk. d. Ueberſ. Piertes Rapitel. Ich habe die Bemerkung gemacht, daß die Reden und Thaten junger Herren, ehe ſie das Alter von etwa ſieben oder acht Jahren erreichen, für Niemand von Intereſſe ſind, außer für ihre nächſten Verwandten und Angehörigen. Ich habe dabei einen jungen Herrn im vorgerückten Alter von zwei Jahren im Auge, deſſen Proben von Scharf⸗ ſinn und Beredtſamkeit mir von größerer Wichtigkeit und jedenfalls wohlgefälliger ſind, als die diplomatiſchen Pläne Louis Napoleons, oder die Reden des Mr. Bright. Und dennoch fürchte ich, daß auf dem Papiere ſelbſt ſein glän⸗ zendſter Spaß vor dem Ohre des Publikums unbeachtet verhallen dürfte. Darum möge Charles Ravenshoe unter Norah's Obhut und Pflege heranwachſen, während ich zu Anderen übergehe, die unſere Aufmerkſamkeit mehr in An⸗ ſpruch nehmen. Die erſte Erinnerung, die John Mackworth aus ſeiner Kindheit geblieben, war, wie ihn ein engliſcher Diener in der Pförtnerloge eines franzöſiſchen Knabenpenſionats zu Rouen zurückgelaſſen hatte. Vergebens verſuchte er, mit ſeinem Gedächtniſſe weiter zurückzugehen und frühere RF 40 miniscenzen zu wecken. Zwar hatte er eine ſehr un⸗ klare Erinnerung an eine Zeit, wo er glücklicher geweſen war und mit einer liebevollen, freundlichen Frau, welche engliſch ſprach, an einem ſtillen Orte auf dem Lande gelebt hatte; allein ſein erſter entſchiedener Eindruck blieb immer derſelbe:— wie man ihn mit ſechs Jahren, ohne Freunde oder Verwandte, unter zwanzig bis dreißig franzöſiſchen Knaben allein gelaſſen hatte, die ſämmtlich älter waren, als er. Sein Schickſal war ein hartes. Er würde ſich glück⸗ licher gefühlt haben, hätte man ihn zu einem Kohlengräber in dic Lehre gebracht. Wollte der Mann, der ihn nach Rouen ſandte, dem armen, ſchuldloſen, kleinen Burſchen die härteſte Straſe auflegen, die ſich erſinnen ließ— er hätte dies nicht wirkſamer thun können, als indem er ihn einfach in jene Schule gab. Wir werden ſehen, wie der Knabe ſchließlich entdeckte, wer ſein Wohlthäter war. Engliſche Knaben ſind zuweilen brutal gegen einander (obgleich nicht ſo oft, wie von manchen Leuten behauptet wird), immer aber derb. Doch muß ich ſagen, der fran⸗ zöſiſche Knabe iſt, ſoviel ich aus eigener Erfahrung weiß, Meiſter in der Kunſt der Quälerei. Er ſchlägt niemals zu; er verſteht gar nicht, ſeine Fauſt zu ballen. Er iſt eine Erzmemme, wenigſtens nach den Begriffen des engliſchen Schuljungen; aber im Kneipen, Haarzauſen, Ohrenzupfen und derlei Quälereien tritt ſein ganzer nationaler Scharf⸗ ſinn zu Tage, und er leiſtet Großes darin. Man denke ſich noch einen frechen, wohleinſtudirten Sarkasmus hinzu, und man vermag ſich eine Vorſtellung zu machen, was ein znangenehmer franzöſiſcher Schulknabe ſein kann. „ Uun⸗ eſen 41 Sagen wir, daß des armen John Mackworth's Mit⸗ ſchüler alle dieſe Foltermethoden, und noch zehnmal mehr, gegen ihn in Anwendung brachten, ſo geben wir damit nur einen ſchwachen Begriff von ſeinen Leiden. Die Eng⸗ länder waren damals in Frankreich in einem Grade ver⸗ haßt, wie wir's in unſeren ruhigen Zeiten uns kaum denken können, und gewiſſermaßen den Donner der Kanonen von Trafalgar im Ohre, bemächtigten ſich die jungen Fran⸗ zoſen Mackworth's als einer rechtmäßigen Kriegsbeute, die ihnen die Vorſehung in die Hände geliefert. Wir wiſſen nicht, was er unter glücklicheren Auſpicien vielleicht ge⸗ worden wäre, oder was er mit einem günſtigern Aus⸗ lauf in einem anderen Leben noch einmal werden mag: wir haben nur mit dem zu thun, was er iſt. Sechs Jahre freundloſer Verfolgung, eines Lebens, das leer war an jeglicher Freude, das keine Aeltern- und Geſchwiſterliebe verſchönte, ſechs Jahre voll ſo bittern Jammers, wie die Kindheit allein ihn zu fühlen und zu ertragen im Stanſ⸗ iſt, erzogen den Knaben zu einem herzloſen, rachſüchtien Manne. Als der franzöſiſche Schulmeiſter die Waare aus dem Gröbſten heraus fertig gemacht hatte, wurde ſi⸗ nach Rom geſchickt, um dort den letzten Schliff für den Markt zu erhalten. Wie ſich dieſe Procedur vollzog, veiß ich nicht. Ich habe den Artikel nur geſehen, da ervollendet war, und kenne ihn genau. Ich kenne ſeine Etitte ſo gut, wie den Towerſtempel auf meiner Kugelbüch' Ich mag im Stande ſein, ein Rubinglas als böhmſches Product zu erkennen, und dennoch nicht wiſſen, ve ſeine Farbe hergeſtellt worden iſt. Dergleichen Beſoreibungen muß 3 42 ich darum Herrn Steinmetz und Leuten überlaſſen, die hinter den Couliſſen waren. Der raſchglühende, ultramontane, vollendete Katholi⸗ cismus jener hübſchen Convertitin, Lady Alicia, war übel zufrieden mit den verſtändigen, gut?engliſchen, altmodiſchen Ideen des guten, alten Pater Clifford. Ein Gedanken⸗ austauſch mit mehreren anderen vornehmen Damen führte zu einer Berathſchlagung und dieſe zu einem Schreiben nach Rom, welches zur Folge hatte, daß ein junger Eng⸗ länder von angenehmem Aeußern, feinen Manieren und einer etwas fremdländiſchen Ausſprache in Ravenshoe er⸗ ſchien und etwa achtzehn Monate vor Lady Alicia's Ab⸗ leben als ihr Beichtvater inſtallirt wurde. Seine Talente waren keineswegs gewöhnlicher Art. Innerhalb weniger Tage hatte er das geiſtige Niveau ſämmtlicher Hausbewohner ergründet und herausgefun⸗ den, daß er Allen an Verſtand und Erziehung weitaus berlegen war. So beſchloß er, der Herr im Hauſe zu ſes, ſo lange er da bliebe. Denſil's eiferſüchtiges Temperament ſtellte ſich dieſem vorufflichen Entſchluſſe leider in den Weg. Der geringſte Sche von Eingriff in ſeine Rechte verſetzte ihn in den größte Zorn und die offenbarſte Rebellion, und er behan⸗ delte, Wh dem Tode ſeiner Aeltern, Mackworth in ſo überaus walierer Weiſe, daß dieſer das Feld räumen zu müſſen fühtete, als ihm plötzlich der Zufall eine Geiſel in die Häm gab, womit er Denſil treiben konnte wie und wohin vwollte. Er kam einer anſtößigen Liaiſon auf die Spurſn welche ſich der unglückliche Denſil einge⸗ laſſen hatte, Mm indirect zu verſtehen, wie ihm. die holi⸗ übel chen ken⸗ hrle ben und Ab⸗ lrt. eau un⸗ aus ezu ſem gſte den an⸗ nſo n zu eiſel wie iſon inge⸗ ihm. 43 die ganze Sache wohl bekannt ſei. Dies diente dazu, ſeinen Einfluß zu befeſtigen, bis Mrs. Ravenshoe die Zweite ins Haus kam und ihn, wie wir geſehen haben, mit ſo wenig verhehlter Verachtung behandelte, daß er ſich alles Andere eher als behaglich fühlte, und ſchon an eine Rückkehr nach Rom dachte. Da belauſchte er die Unter⸗ haltung im kleinen Salon. Er wurde wankend in ſeinem Entſchluſſe, und die Geburt des Knaben Cuthbert beſtärkte ihn ſchließlich, zu bleiben. Denn jetzt eröffnete ſich ihm allerdings eine Ausſicht. Da war das Kind ihm in die Hände gegeben, wie der Thon in die Hände des Töpfers, daß er es nach Gefallen bildete und geſtaltete. Es mußte wahrlich unglücklich kommen, wenn jetzt nicht Einkünfte und Einfluß der Ravenshoes, nach wie vor, für den Ruhm der Kirche wirkten. Nur eine Perſon ſtand ihm im Wege: Mrs. Ra⸗ venshoe. Nach ihrem Tode war er wieder Herr der Situation, ſoweéit dies den älteſten Knaben betraf. Seit⸗ dem er jenes Geſpräch der beiden Gatten behorcht, hatte er halb und halb errathen, daß hinſichtlich eines etwaigen zweiten Kindes eine Art von Uebereinkunft zwiſchen ihnen exiſtirte; doch ſchenkte er dem Umſtande wenig Beachtung. Es regte in ihm daher den bitterſten Zorn auf, als er ſeine Vermuthungen beſtätigt und Denſil in dieſem Punkte ſo hartnäckig fand; denn falls Cuthbert etwa ſterben ſollte, waren ja alle ſeine Bemühungen und Sorgen umſonſt, und, zum erſten Male in der Geſchichte der Inſel, fiel das alte Haus mit ſeinen Ländereien einem proteſtantiſchen Erben zu. Pater Clifford tröſtete ihn. Inzwiſchen erlitt ſein Benehmen gegen Denſil allmäh⸗ 44 lich und faſt unmerklich eine Veränderung. Er wurde der freie gemüthliche Weltmann, der unterhaltende Geſellſchaf⸗ ter, der weiſe Berather. Er ſah, daß es in Denſil's Natur lag, ſich auf Jemand zu ſtützen, und war entſchloſſen, daß er ihn zur Stütze nehmen ſollte. So machte er ſich ihm nothwendig. Aber er that noch mehr, als dies; er beſchloß, von ihm nicht nur geachtet, ſondern ſogar geliebt zu werden, und ging mit einer glücklichen Verwegenheit an die Aufgabe, ſich dieſes armen, wilden, thörichten Herzens zu bemachtigen, indem er ſich mit einer Geſchicklichkeit bei ihm einzuſchmeicheln wußte, wie ſie ihm einzig ſein eigener Mutterwitz gelehrt hatte, wie er ſie aber nicht in hundert Jahren in einem ZJeſuitencollegium erworben haben könnte. Das arme, ſchwache Herz war nicht ſchwer zu gewinnen, und an dem Tage, wo man den armen Pater Clifford in der Familiengruft beiſetzte, lauſchte er, mit einem gewiſſen Gefühle von Stolz auf ſeine eigenen Talente und von ver⸗ ächtlichem Mitleid für ſein Opfer, den Worten Denſil's, die ihm ſagten, daß er jetzt ſein einziger Freund ſei, und ihn anflehten, ihn nicht zu verlaſſen— was Mackworth, mit der tiefinnerſten Aufrichtigkeit, nicht zu thun gelobte. rde der elſſchaf⸗ Natur hloſſen, ies; er geliebt heit an etzens ½wiſſen nver⸗ nſils, 3 und worth, lobte. „ Fünftes Rapitel. Maſter Charles, mit einem gelaſſenen Temperamente und einem ausgezeichneten Appetite geſegnet, gedieh auf das Erfreulichſte. Ehe man ſich umſehen konnte, lief er ſchon in kurzen Röckchen und Höschen umher. Kaum hatte man dies recht eingenommen, ſo konnte er ſchon buchſta⸗ biren, und ehe man ſich wieder wandte, war er bereits ein rothwangiger Junge von zehn Jahren. Mit dem erſten Aufleuchten ſeines Verſtandes war er einzig und allein der Obhut von Mr. Snell, dem alten Ortspfarrer, übergeben worden, der am Sterbebette ſeiner Mutter geſtanden, und einer proteſtantiſchen Wärterin, Mrs. Varley. Dieſe Beiden hatten ihre Aufgabe auf das Pflichtgetreuſte erfüllt, und wenn zärtliche Liebe der⸗ gleichen Dienſte vergelten kann, ſo war ihnen reichlicher Lohn geworden. Freilich hatten ſie eine angenehme Pflicht; denn einen liebenswürdigeren kleinen Buben, als Charles, hätte man lange ſuchen dürfen. Sein kleines Herz ſchien eine un⸗ endliche Fähigkeit zu beſitzen, Alles, was ihm nahe kam, zu lieben. Jedes lebende Weſen zeigte ſich ihm im Lichte 46 k. 5 einespreundes, dem er ſich wohlgefällig zu machen wünſchte, von ſeinem liebevollen alten Lehrer und ſeiner Wärterin an bis herab zu ſeinem Pony und ſeinem Dachshündchen. Charles war noch nicht in jene Lebensjahre getreten, wo ihn die Weiber in Ungelegenheiten und Händel verwickeln konnten, und darum hatte er noch keine Feinde, ſondern las in allen Geſichtern, wohin er nur kommen mochte, ein freundliches, frohes Willkommen. Bald ſchmiegte er ſich an des Vaters Knie, während der gutmüthige Denſil ihm die Angelgeräthſchaften in Ordnung brachte; bald traft ihr ihn in Geſellſchaft eines der Piqueurs im Hundeſtalle, um die Hunde zu füttern, die ihn mit ihrer ungeſtümen Zärt⸗ lichkeit faſt zu Boden riſſen; dann war er wol eine Weile bei den Pferden und ſchaute dem Striegeln und Putzen zu, um im andern Augenblicke in die Loge eines der Wildhüter zu kommen, und in der nächſten Viertelſtunde ſah man ihn wieder auf der Düne, wie er mit den Dorfbuben und Fiſcher⸗ jungen im Waſſer watete— beliebt und willkommen aber überall, wohin er kam. Der Sonntag war ihm ein gar vergnüglicher Tag. Nachdem er zugeſchaut, wie ſein Vater ſich raſirte und dabei die goldbeſchlagenen Toilettegegenſtände von oben bis unten gemuſtert und bewundert hatte, eilte er mit dem Frühſtück fertig zu werden, und flog dann in ſeinen ſauberen Sonntagskleidern das Dorf hinab, dem Pfarr⸗ hauſe zu, welches jenſeits des Fluſſes neben der Kirche ſtand. Doch nicht, um ſchon hineinzugehen, denn er wußte ſehr wohl, daß die Predigt eben jetzt ihre letzte Feile erhielt, und der Pfarrer nicht geſtört werden durfte. Nein, auf der alten ſteinernen Brücke pflegte er in ſeinem raſchen chte, nan hen. wo Leln dern ein ſich ihm tihr um ärt⸗ eile zu, üter ihn cher⸗ aber Tag und oben mit inen arr⸗ irche ußte hielt auſ ſchen 47 Laufe innezuhalten und dort ſtehen zu bleiben, um in das bräunliche, kryſtallklare Waſſer hinabzuſchauen, das zwiſchen den Felſen rauſchte und brauſte, dunkel unter den Eichen⸗ wurzeln dalag und luſtig und blitzend über die Schleuſe oberhalb der Brücke hinabſtürzte, bis»flick!« ein Silber⸗ ſtreifen zitternd in die Luft ſchoß und ein Lachs auf der Höhe des Waſſerſchwalles glänzte, um ſich von dort in den ſtillen Teich hinaufzukämpfen oder, von der Strömung zurückgetrieben, den Verſuch von neuem zu wagen, ſobald er wieder zu Athem gekommen war. Auch die Forellen unter der Brücke, die hübſchen Schelme, ſie wußten gar wohl, daß es Sonntag war, wo ihnen keine Gefahr drohte — wie ruhig ſie ſich ſonnten in der reißendſten Strömung, wo das funkelnde Waſſer die ärmlichen Kieſel in goldigen Bernſtein verwandelte, und kaum nach den großen, fetten, dummen Waſſergrillen ſchnappten, die zu ihnen herabge⸗ ſchwommen kamen! O! dieſe ſteinerne Brücke! es war ein ſchlimmer Platz, um ſo an einem Sommer⸗Sonntag⸗ morgen die Zeit zu vertändeln! Aber nun zog das Landvolk in Schaaren herbei von nah und fern, denn Ravenshoe beſaß meilenweit in der Runde die einzige Kirche, und wie Viele ſich auch zuſam⸗ menfanden, Jeder hatte einen herzlichen Weſtlandsgruß für den Knaben. Und wie die Menge an der Kirchenthür wuchs, da gab es ſo viel zu erzählen und zu hören, daß, wie ich fürchte, wol manches Mal die Gebete etwas zu kurz dabei kamen. Die Dörfler freuten ſich herzlich, wenn ſie den Knaben in dem alten geſchnitzten Pferdeſtall(ohne unehrerbietig ſein zu wollen) von Kirchenſtuhle unter der Kanzel erblick⸗ 48 ten, wie das Licht durch die alte Fenſterroſe auf ſein brau⸗ nes Lockenhaar ſchien. Die älteren Leute gedachten dann wol der ſtolzen ſchönen Dame, die noch vor ſo wenigen Jahren dort geſeſſen, und die Schlaueren unter ihnen ſchüttelten die Köpfe und murmelten vor ſich hin:„ja, wenn er nur der Erbe wäre!“ Jeder Knabe, der dieſe Erzählung lieſt, und ich hoffe, Viele werden es thun, nehme hiermit die Lehre, daß es außer⸗ ordentlich unrecht iſt, während der Predigt in der Kirche un⸗ aufmerkſam zu ſein. Es iſt ſehr unartig, durch die Fenſter zu den weißen Wolken hinaufzuſchauen, die unter dem blauen Himmel ſegeln und dabei zu denken, wie ihre Schatten luſtig den Wieſenhang hinaufwandern, wo die Kibitzneſter ſind und das Birkhuhn auf den grauen Stei⸗ nen zwiſchen dem Haidekraute kräht. Kein Knabe hat das Recht, die Abweſenheit eines andern zu bemerken und die ſchöne Predigtzeit mit Muthmaßungen zu vergeuden, ob der jetzt wol Taſchenkrebſe fängt zwiſchen dem grünen und rothen Seegraſe auf den Felſen, oder in dem ſtillen Tümpfel badet unter der Klippe. Es wäre beſſer, der Knabe ginge gar nicht in die Kirche, als drin an die ungeheure Forelle zu denken, die dort oben im ſtillen Pfuhle des Wald⸗ baches liegt, und nachzuklügeln, ob es ihm wol gelingen mag, wenn er leiſe durch die Haſelbüſche und die Königsfarren kriecht, ihrer noch einmal anſichtig zu werden. Auch Vogel⸗ neſter, wäre es ſelbſt das der hübſchen Amſel, die an dieſem geſegneten Tage ihr letztes Ei legen und morgen geplündert werden ſoll, müſſen während des Gottesdienſtes vollkommen verbannt ſein aus jedes Knaben Gedächtniſſe. Es betrübt mich daher, bekennen zu müſſen, daß Charles in der Kirche . rau⸗ dann igen hnen „jo, 49 meiſtens ſehr umherſchweifte mit ſeinen Gedanken und, wenn er folgenden Tages vom Pfarrer über die Predigt befragt wurde, ziemlich verlegen auszuſehen pflegte. Hoffen wir, daß er in dieſer Beziehung allen jungen Sündern e ein abſchreckendes Beiſpiel ſein möge! Dann, nach dem Gottesdienſte, kam das Mittägeſſen, das ſeines Vaters Gabelfrühſtück ausmachte, und wobei er Papa und Bruder mehr zu erzählen hatte, als bei die⸗ ſem Mahle bequem abgethan werden konnte; darauf wie⸗ derum Kirche und endlich im goldenen Sonnenſchein ein langer Spaziergang am Strande. O, ſelige Sommer⸗ ſonntage! Die einzigen beiden Menſchen, die ſich jemals kalt gegen Charles zeigten, waren ſein Bruder und Mackworthe Nicht, daß ſie geradezu unfreundlich gegen ihn geweſen wären, aber es lag zwiſchen jenen Beiden und ihm ein unerklärlicher Abgrund, ein gänzlicher Mangel an Sym⸗ pathie, der ihm zuweilen weh that, obgleich er noch zu jung war, um ſich's allzutief zu Herzen gehen zu laſſen. Er erſchöpfte nur alle ſeine kleinen Künſte, um ihnen zu gefallen und ihre Gunſt zu gewinnen; war unermüblich, wenn es Botengänge galt für Cuthbert oder den Caplan, und einſt, als die gute Großtante Ascot(ſie war eine ge⸗ borene Headſtall, Tochter von Sir Cingle Headſtall, und heirathete George, Lord Ascot, den Bruder der Lady Alicia, Denſil's Mutter) ihm eine ſchöne Ananas in einer Schachtel ſchickte, brachte er dieſe zum Prieſter und bat ihn, ſie anzunehmen. Mackworth ſchlug das Geſchenk aus, doch ſah er ihn ein paar Secunden lang nicht unfreundlich an und wandte ſich dann mit einem Seufzer von ni ab. Kingsley, Ravenshoe. I. „ 3 0 Vielleicht verſuchte er, ſich an lange, lange vergangene Zeiten zu erinnern, wo ſein eigenes Geſicht noch ſo offen und unſchuldsvoll geweſen, als das des Knaben: Gott weiß es! Charles weinte ein wenig, weil der Prieſter ſeine Gabe nicht mochte, und ging, nachdem er ſeinem Bruder die beſte Schnitte geſchenkt, den Reſt mit gütiger Hülfe ſeines Milchbruders und zweier Reitknechte im Pferdeſtalle zu verzehren. Wodurch er ſich als einen Burſchen von niedrigen ausſchweifenden Gewohnheiten kennzeichnete! Cuthbert war um dieſe Zeit ein ziemlich hübſcher Kamerad von fünfzehn Jahren. Keiner der beiden Brüder war was man ſchön nennen konnte; doch während Char⸗ Mes' Geſicht das anziehendere war, beſaß das Cuthbert's jedenfalls die regelmäßigſten Züge. Seine Stirn war hoch, obgleich ſchmal und an den Seiten flach; er hatte hohe Backenknochen, eine gebogene, nicht ſchlecht geformte, wenn ſchon ſcharf unter den Augen hervortretende Naſe, dünne Lippen, einen kleinen feſtgeſchloſſenen Mund und ein kurzes vorſpringendes Kinn. Das tout ensemble war ſelbſt in dieſem frühen Alter kaum anmuthig: das Geſicht für einen ſo jungen Menſchen zu beſtimmt und viel zu ausgebildet. Cuthbert war ein zurückhaltender Burſche von regel⸗ rechtem Thun und Treiben, an dem Niemand etwas aus⸗ zuſetzen finden konnte, den aber nur Wenige gern hatten. Er beſaß einen Fleiß und eine Frömmigkeit, wie ſie in ſei⸗ nem Alter ſelten ſind, und gab ſich, obgleich vortrefflicher Reiter und Jäger, nur ſelten derartigen Ergötzungen hin, ſondern machte lieber einen Luſtgang mit dem alten Haus⸗ 51 verwalter, um bald wieder zu Pater Mackworth und ſeinen Studien zurückzukehren. Da hockten nun die Beiden, wie ein Paar Eulen, ſtundenlang nebeneinander und kamen nur bei den Mahlzeiten zum Vorſcheine, bei denen ſie fran⸗ zöſiſch mit einander plauderten und nur wenig Notiz nah⸗ men von Charles, der indeſſen ſtets voll war von Neuig⸗ keiten und dieſelben, trotz der Unaufmerkſamkeit des ſelt⸗ ſamen Paares neben ihm, beharrlich verkündete. Denſil begann ſeinen älteſten Sohn, als ihm an Gelehrſamkeit und natürlichen Fähigkeiten überlegen, zu achten und eini⸗ germaßen zu fürchten; aber ich glaube, Charles hatte den größeren Platz in ſeinem Herzen. Die Großtante Ascot hatte im vorigen Jahre Cuth⸗ bert nach Ranford kommen laſſen, dem Landſitze ihrgs Sohnes, Lord Ascot, welcher Wittwer war und deſſen Hausweſen ſie vorſtand. Ranford enthält, wie alle Welt weiß oder wiſſen ſollte, das bedeutendſte Privatgeſtüt von Rennpferden in ganz England, und die Familie Ascot war ſeit manchem Menſchenalter faſt ausſchließlich dem Sporte ergeben, und zwar in einem Maße, daß davon ſelbſt ihre ehelichen Verbindungen mit andern Häuſern bis zu einem gewiſſen Grade beeinflußt wurden. So fühlte ſich der arme Cuthbert dort gleichſam wie ein Fiſch außer dem Waſſer. Er verabſcheute und verachtete die Männer, die er dort traf. Dieſe ihrerſeits betrachteten ihn, wenn ſie überhaupt auf ihn zu achten ſich herabließen, als einen jungen Bücherwurm, und ſeine Großtante anlangend, ſo war ihm ſchon der bloße Klang ihrer Stimme verhaßt. Ihr ſchroffes Weſen, ihre homöopathiſchen Heilmittel, ihr Proteſtantismus(den ſie bei jeder Gelegenheit zur Schau 4* 52 trug) und ihr Stallgeſchwätz brachten ihn ſchier von Sin⸗ nen, während er ihr hinwider als der widerwärtigſte Knabe erſchien, der ihr je im Leben vorgekommen. So war denn dieſer Beſuch verunglückt, eher als alles Andere und ſtand ſeine Wiederholung nicht leicht zu befürchten. Aber die alte Dame mochte jugendliche Geſichter gern um ſich haben und ſchrieb daher zwölf Monate darauf folgen⸗ dermaßen an Denſil: „Ich bin ein coloſſaler Schmerz rund um meinen Rücken und finde, bei alledem, nichts wohlthuender als Opodeldoc. Die Pein iſt ſehr heftig, doch würdeſt Du mir vermuthlich den Troſt ſpenden, der einer Ketzerin ge⸗ bührt, und mir ſagen, daß meine Leiden gar nichts ſind im Vergleich zu dem, was ich in einigen Jahren zu er⸗ dulden haben werde. Bah! ich habe keine Geduld mit Euch Papiſten, die Ihr beſſere Leute, als Ihr ſelbſt ſeid, alſo unbekümmert hinſchickt, wo es Euch ſelber zu heiß ſein würde. Beiläufig, was macht jener Beichtvater, Markworth, glaub' ich, heißt er, oder ungefähr ſo— ich ſage Dir, Ravenshoe, der Menſch iſt ein Schurke, und da Du, wie alle Ravenshoes, ein Narr biſt, ſo gebt Ihr ein köſtliches Paar zuſammen. Wahrlich, wenn einer von Ascot's Reitknechten ſich jemals unterſtünde, zu lächeln oder zu winſeln, wie jener Pfaff, wenn er mit einer Dame von Range ſpricht, dann würde ich ihn auf der Stelle, ohne Kündigung wegen Unehrlichkeit aus dem Dienſte jagen. „Wette keinen Heller in Cheſter auf Ascot's Pferd; es hält nicht das Becher⸗Rennen aus. Curfew hat, meiner Anſicht nach, keine ſchlechten Ausſichten für den Derby⸗ 53 Tag, doch iſt er geſtrichen für die»Zwei Tauſend«— es war nothwendig, obgleich es mir leid thut, u. ſ. w. 6 ſ „Ich wollte, Du ſchickteſt mir Deinen Knaben her, willſt Du? Nicht den älteſten, ſondern den Proteſtanten. Vielleicht iſt er kein ſo unerträglicher Haſenfuß, wie ſein Bruder.“ Der gute Denſil wollte ſich ausſchütten vor Lachen über den Brief. „Cuthbert, mein Sohn“, ſagte er,„Du haſt Dir ganz und gar das Herz Deiner vortrefflichen Tante gewonnen, wenngleich ſie, entſchloſſen, die Gelüſte ihres Fleiſches zu tödten, Dich nicht wieder einladet, ſondern Charles haben will. Die Freimüthigkeit der alten lieben Dame wächſt t mit den Jahren. Auch Sie ſcheinen Ihre Gunſt erobert zu haben, Vater Mackworth; ſie erwähnt Ihres Lächelns in den überſchwenglichſten Ausdrücken.“ „Mylady muß mir die Ehre erweiſen, ſich über mich luſtig zu machen“, erwiderte Mackworth.„Darf ich aus a ihren Mienen ſchließen, ſo mag ſie mich ungefähr gerad' n ſo gut leiden, wie einen tollen Hund.“ „Was mich betrifft, Vater“, ſagte Cuthbert, indem n ſich ſeine dünnen Lippen zu einem ſardoniſchen Lächeln e verzogen,„ſo werde ich höchlichſt zufrieden ſein, meine ,. liebe Tante dem ungeſtörten Genuſſe ihrer Lieblings⸗ e geſellſchaft von Reitknechten, Jockey's, Gaunern, Diſſen⸗ terprädicanten und ähnlichem Gelichter zu überlaſſen. Ein Monat in ihrem Hauſe wird Dich zu einem Billardmar⸗ queur qualificiren, mein lieber Charles, und nach einem — — 4 Curſus von ſechs Wochen wirſt Du Dich zur Stelle eines Croupiers in den gemeinen Spielhöllen auf der Renn⸗ bahn befähigt haben. Wie prächtig Du Dich unterhalten wirſt, mein Brüderchen!“ „Sachte, Cuthbert, ſachte“, ſagte ſein Vater;„ich kann nicht geſtatten, daß Du in derlei Ausdrücken vom Hauſe Deines Vetters ſprichſt.'s iſt ein großes Haus für Alles, was Sport heißt, aber im ganzen Königreiche iſt keines beſſer geleitet, als das Deines Vetters Ascot. Cuthbert lag auf dem Sofa und ſtreichelte eine Katze; dann fuhr er ſehr bedächtig, aber in etwas lauterm Tone fort: „Ich will meine Tante Ascot für die feinſte, verſtän⸗ digſte, zartfühlendſte ſämmtlicher alten Damen der ganzen Schöpfung erklären, wenn Du es wünſcheſt, liebſter Vater; nur, da ich nicht in einem Pferdeſtalle geboren(ich bitte um Vergebung, ich ſollte ſagen, geworfen) worden bin, wie ſie, ſo vermag ich ihre Unterhaltung kaum zu wür⸗ digen. Meinen Vetter aber halte ich für das glänzende Muſter eines geborenen Geſetzgebers. Charles, mein Lieber, Du wirſt in Ranford am Sonntag Nachmittag nicht in die Kirche gehen; Du wirſt mit Deinem Vetter Ascot nach dem Gehäge wandern, um die jungen Hühner füttern zu ſehen. Ascot iſt ſehr eigen mit ſeinem Geflügel, namentlich an Sonntagsnachmittagen. Vater, warum ſtutzt er all' ſeinen Hähnen die Schwänze?“ „Bah, bah!“ ſagte Denſil,„was thut's; er iſt nicht der Einzige. Sei nicht ſo prüde, Cuthbert— obgleich ich, merke wohl auf, die Hahnenkämpfe an Sonntagen durch⸗ aus nicht vertheidige.“ ch, c⸗ Cuthbert lachte und verließ mit ſeiner Katze das Zimmer. Charles hatte eine lange Poſtfahrt, die den ganzen Tag währte, und dann eine fürchterliche und wundervolle Reiſe auf der großen Weſtbahn bis Twyford, wo er beim Ausſteigen von einem hübſchen, friſchen Knaben angeredet ward, der enganſchließende Drellhoſen, ein blaues Halstuch mit weißen Tupfen und eine ſchottiſche Mütze trug. „Ach, Du!“— ſagte der Knabe,„ich bin Dein Vetter Welter. Ich bin ebenſo alt wie Du, und nächſtes Se⸗ meſter komm' ich nach Eton. Ich habe Dir den„Tiger“ mitgebracht, weil der„Punch“ lahm iſt, und der Bahn⸗ hofsinſpector wird nach Deinen Sachen ſehen; alſo komme nur gleich.“ Die Knaben waren in zwei Minuten Freunde. Als ſie hinauskamen, harrte ihrer ein Reitknecht mit zwei Po⸗ nys, von denen Charles bald den hübſcheſten beſtiegen hatte und dann mit ſeinen Gefährten gen Henley trabte. Wie thut mir's wohl, zwei ehrliche Buben zu ſehen, die, eben mit einander bekannt geworden, ſich gegenſeitig das Herz öffnen, und wie weiß ich nichts, das mir beſſer gefällt, als zu beobachten, wie ſie ſich freuen, wenn einer den gleichen Geſchmack hat, wie der andere! Ehe unſere Beiden noch die Brücke von Henley erreicht, kannte Lord Welter bereits den Namen von jedem Pferde in den Ställen zu Ravenshoe, und war Charles bereits tüchtig bewandert in Lord Ascot's Renngeſtüten. Der Fluß bei Henley zog Charles' Aufmerkſamkeit auf eine Weile von jenem in⸗ tereſſanten Gegenſtande ab, da es der breiteſte war, den er bisher geſehen, und er frug ſeinen Vetter, ob er glaube, ——— ————— 56 daß der Miſſiſſippi noch breiter wäre? und Lord Welter meinte:„O, meine Güte, ja, noch viel, viel breiter!“ Dann gab's noch weitere Unterhaltung über Hunde, Jagoflinten und über ſchöne Spazierritte durch Felder und Wälder; ferner einen Galopp über eine hochliegende, windige Düne, darauf nochmals den Fluß und endlich zu ihren Füßen die Eſſen von Ranford. Das Haus war ſehr voll, und als die Knaben an⸗ langten, kamen ſie in ein Gedränge von Phaetons, Gigs und Reitpferden. Die Gäſte kehrten eben von der Nach⸗ mittagsſpazierfahrt zum Diner heim, und da ſie heute zu⸗ fällig Alle vom ſelben Gegenſtande angezogen worden, waren ſie ſämmtlich zugleich wieder eingetroffen und umringten jetzt plaudernd und lachend, Einige noch zu Roß, Andere ſchon auf den Stufen ſtehend, den Haupteingang. Welter war augenblicklich zu Hauſe und tauſchte ein Wort aus mit Jedem; aber Charles blieb allein und ſehr blöde auf ſeinem Pony ſitzen, bis endlich ein großer brauner Mann mit einem großen braunen Schnurrbarte und einer rauhen Stimme zu ihm herantrat, ihn vom Pferde hob und ihn auf Armeslänge zur Beſichtigung vor ſich hielt. „Alſo Du biſt Löckchen Ravenshoe's Bub', wie?“ ſagte er. Si „Ah!“ ſagte der Fremde, indem er ihn niederſetzte und darauf der Thür zuführte;„dann erzähle Deinem Vater, daß Du den General Mainwaring geſehen, willſt Du? und daß dieſer gern wiſſen möchte, wie es ſeinem alten Freunde geht.“ Charles blickte auf die große braune Hand, in der die ſeinige lag, und dachte an den Krieg in Affghaniſtan und N 57 an alle die berühmten Thaten, welche dieſe Hand vollführt, und wollte ſeine Augen zu dem Geſichte des Generals erheben, da fielen ſie halbweges auf ein anderes, welches nicht dem General angehörte. Es war das Antlitz eines ſchönen grauköpfigen Mannes, der, ſeinem wohlconſervirten Ausſehen nach, etwa ſechzig Jahre hinter ſich haben mochte, in Wirklichkeit aber viel älter war. Er trug ſein eigenes greiſes Haar, das einen ſcharfen Contraſt mit ſeinen feinen ſchwarzen Augen⸗ brauen bildete. Seine Farbe war blühend und zeigte kaum eine einzige Runzel, ſeine Züge waren fein und regelmäßig, und ein Paar funkelnder dunkelgrauer Augen brachten ein freundliches Licht in ſein Geſicht. Seine Klei⸗ dung war wunderbar nett, und Charles errieth, indem er ihn betrachtete, mit dem Inſtincte eines Knaben, daß er ein Mann von Bedeutung ſein mußte. „Weſſen Sohn ſagten Sie, daß er ſei, General?“ frug der Fremde. „Löckchen's!“ antwortete Mainwaring, indem er ſtehen blieb und lächelte. „Nein, wirklich!“ rief der Andere. Dann ſchaute er Charles aufmerkſam an und begann zu lachen, und Char⸗ les, dem nichts Beſſeres einfiel, blinzelte zu den grauen Augen auf und lachte gleichfalls, und das machte den Fremden immer toller. Nun, um dem Scherze die Krone aufzuſetzen, fing auch der General zu lachen an, obgleich Keiner von ihnen eine Silbe mehr geſprochen hatte, als was ich berichtete, und endlich ſchloß dieſe lächerliche Scene damit, daß der alte Herr eine große Priſe Schnupftabak aus einer goldenen Doſe nahm und fortging. ———— 58 Charles war ſehr verdutzt und wurde es noch mehr, als er, etwa eine Stunde ſpäter, in ſeinem beſten Staate nach dem Zimmer ſeiner Großtante hinabſteigen wollte. Auf einem Abſatze der Treppe traf er denſelben alten Herrn, der, jetzt in prächtiger Dinertoilette, ihn wie vorhin betrachtete und feſthielt. Diesmal lachte derſelbe nicht, aber beging noch viel Schlimmeres. Er verblüffte Charles aufs Alleräußerſte, indem er ihn ohne Weiteres frug: „Was macht Jim?“ „Er iſt ganz wohl, danke Sir. Seine Frau, die Norah, hat mich genährt, als Mama ſtarb.“ „O wirklich“, ſagte der Herr,„dann hat er alſo Dei⸗ nem Vater noch nicht den Hals abgeſchnitten oder der⸗ gleichen?“ „Ach, meine Güte, nein!“ rief Charles voller Ent⸗ ſetzen;„wie kommen Sie nur auf den Gedanken, Sir? Der Zim iſt der gutmüthigſte Menſch von der Welt.“ „Das weiß ich nicht“, entgegnete der alte Herr mit nachdenklicher Miene;„dieſe außerordentlich treue Sorte von Geſchöpfen verfällt ſehr oft auf derlei Dinge. Ich würde jeden Diener, der mich die geringſte Spur von Zu⸗ neigung zu mir gewahren ließ, als einen gefährlichen Tollhäusler entlaſſen“, und mit dieſem ſchändlichen Aus⸗ ſpruche ging er ſeiner Wege. Charles dachte einen Augenblick, was für ein ſonder⸗ barer alter Herr das wäre, und rutſchte dann das Treppen⸗ geländer hinab. Es war ein beſſeres Geländer, als das zu Ravenshoe, denn es war nicht ſo ſteil und dabei viel länger: darum ging er wieder die Treppe hinauf und fuhr 59 dann nochmals hinunter.*) Dann pochte er an die Thür ſeiner Tante. Mit klopfendem Herzen wartete er auf eine Antwort. Cuthbert hatte Lady Ascot als eine ſo fürchterliche alte Währwölfin geſchildert, daß er nicht ohne Ueberraſchung eine freundliche Stimme»Herein!« rufen hörte und, in ein ſchönes Zimmer eintretend, ſich einer vornehm ausſehenden alten Dame mit grauem Haare gegenüber ſah, die in einem altmodiſchen Armſtuhle mit gerader Rücklehne ſaß und ſtrickte. „Alſo Du biſt Charles Ravenshoe, heh?“ begann die Dame.„Nun, mein Kind, Du mußt halb todt ſein vor Hunger und Kälte. Ich wäre früher nach Hauſe ge⸗ kommen, doch erwartete ich Euch nicht ſo bald. Der Thee wird ſogleich erſcheinen. Du biſt keine Schönheit, mein Junge, aber ich glaube, Du wirſt mir gefallen. Es hat noch nie einen wahrhaft ſchönen Ravenshoe gegeben, außer einem einzigen, und das war der arme Peter, Dein Groß⸗ vater. Die arme Alicia machte ſich ſehr lächerlich, aber ſie war überaus glücklich mit ihm. Welter, Du unge⸗ zogener Junge, ſei ſtill.“ Der ehrenwerthe Lord Welter verlangte nach ſeinem Thee, und folglich war er läſtig und unleidlich. Er hatte einen Streit gehabt mit dem Dachshündchen ſeiner Groß⸗ mutter, das ihn, wie er behauptete, ins Bein gebiſſen, und machte jetzt das Schüreiſen glühend, um— ſo belehrte er *) Die beſten Treppengeländer zum Hinabrutſchen ſind die breiten eichenen. Die neue ſchmale Art, die jetzt Mode geworden, iſt eine abſcheuliche Eyfindung. — 60 die alte Dame— die Wunde auszubrennen und der Waſſerſcheu vorzubeugen. Ob er das gethan hätte oder nicht, wird niemals bekannt werden; denn, als in dieſem Augenblicke der Thee hereingebracht wurde, nahm er un⸗ verzüglich am Tiſche Platz und forderte Charles auf, ein. Gleiches zu thun. „Rufen Sie Miß Adelaide Sims“, ſagte Lady Ascot, und eine Minute darauf trippelte die reizendſte, kleine blonde Fee, von etwa zehn Jahren, herein, die je zu ſehen war. Sie richtete ihre großen blauen Augen auf Charles, trat dann zu ihm heran und gab ihm einen Kuß, den er, der Schelm, ihr ſofort mit Zinſen zurückzahlte. Darauf ſetzte ſie ſich an den Tiſch, wandte ſich zu Welter und ſprach die Hoffnung aus, daß er artig ſein werde. Dies war indeß, wie es ſich bald herausſtellte, nicht die Abſicht Sr. Lordſchaft. Er hatte einen Gaſt am Tiſche und hielt ſich bei ſeiner Ehre verpflichtet, demſelben ſeine Streiche vorzuſpielen, wobei er ſeine gewöhnliche Pflicht nicht verabſäumen durfte, die Großmutter halbtodt zu ängſtigen— ſo weit ſich dies mit ſeiner eigenen Sicherheit vertrug. Folglich eröffnete er das Mahl damit, daß er ſich mit Hülfe des Meſſergriffes, der ihm als Ramme dienen mußte, Kuchen in den Mund ſtopfte, bis es eine Unmöglichkeit ſchien, ſein Leben zu retten, worauf er ſich erhob und mit haſtigen, wankenden Schritten das Zimmer verließ. Als er wieder erſchien, begann er zu trinken; da er aber, über ſeine Taſſe hinwegblickend, das Auge ſeiner Großmutter auf ſich ruhen ſah, blinzelte er ihr zu und hielt den Athem an, bis er blau im Geſicht war und ſie in Verzweiflung die Hände rang. Charles' Gelächter und . „ 61 Adelaide's fortwährendes»Ach, iſt er nicht ein garſtiger Knabe, Lady Ascot? O, bitte, verbieten Sie es ihm dochle trieben ihn nur zu immer außerordentlicheren Productionen an. Die Hauptkunſtleiſtung des hoffnungsvollen, vielver⸗ ſprechenden Jünglings aber— das Stück, welches alle anderen weit in den Schatten ſtellte und Charles mit Be⸗ wunderung für ſeine hohen Talente erfüllte— war fol⸗ gendes. Gerade als ein großer, ernſter, ſtattlicher Diener beſchäftigt war, Waſſer in den Theetopf zu gießen und Lady Ascot der Operation mit all' dem innigſten Antheile einer erfahrenen Theeſiederin zuſah— grade in dieſem Augenblicke gelang es Lord Welter, den unglücklichen Mann auf eine ſo raffinirt ſchmerzhafte Weiſe ins Bein zu kneipen, daß dieſer angeſichts der alten Dame mit den Zähnen knirſchte, mit einem laut ausgeſtoßenen»O, du mein Gott!« den Keſſel keinen Zoll breit von der ehrwürdigen Naſe herumſchwang und ſchließlich ſich auf einem Beine durch das Zimmer drehte und wie der König aller Narren da⸗ ſtand. Lady Ascot, welche nur die Wirkung, nicht aber die Urſache geſehen, befahl ihm alsbald, das Zimmer zu ver⸗ laſſen, worauf Welter die Sache erklärte und dann, mit einer ihm eigenthümlichen, gleichgültigen Offenheit und als ob es hundert Meilen in der Runde keine ſolche Perſon, wie eine Großmutter, für ihn gebe, zu Charles gewendet fortfuhr— „Du weißt, Charles, ich wagte es nicht, mich in dieſer Weiſe aufzuführen, wäre mein Lehrer zu Hauſe; ſie würde ſich nichts daraus machen, es ihm zu ſagen. Sie iſt jetzt furchtbar böſe, aber bis dahin, wo er aus ſeinen Ferien zurückkehrt, hat ſie es Alles vergeſſen; nicht wahr, Groß⸗ mama?“ „Du böſer, gottloſer Junge“, entgegnete ſie,„ich hoffe, Hawtrey wird Dir's austreiben; Keate hätt's gethan, das weiß ich.“ Die Knaben vergnügten ſich noch eine Weile auf dem Treppengeländer und gingen dann zum Deſſert hinunter. Darauf wieder hinauf, um Welter's Cricket- und Angel⸗ geräthſchaften in Augenſchein zu nehmen, und ſchließlich ins Billardzimmer, welches jetzt hell erleuchtet und voll von Gäſten war. Es ſtanden hier zwei Billardtiſche. Auf dem einen war eine Poule im Gange, der andere war unbenutzt. Welter betheiligte ſich am Spiele und Charles, der ſeine Queue ziemlich gut zu führen verſtand, hätte gern ein Gleiches gethan. Allein er hatte es ſeinem alten Lehrer verſprochen, vor ſeinem achtzehnten Jahre nicht um Geld zu ſpielen, und ſo ſaß er mit untergeſchlagenem Beine in einem Winkel bei dem unbeſetzten Billard, gerade unter der Markirtafel, und war augenblicklich in Gedanken an das kleine Mädchen verſunken, welches er oben geſehen hatte. Noch zwei oder drei Male überraſchte ihn die Ent⸗ deckung, daß er ſo viel an ſie dachte, doch fand er den Gegenſtand zu angenehm, um ihn von ſich zu weiſen. So hatte er ſchon länger als eine halbe Stunde in ſeinem Winkel geſeſſen, ohne das Thema zu wechſeln, das ihn beſchäftigte, als er gewahr wurde, wie zwei Herren Queues von dem Geſtelle herunter nahmen, um an ſeinem Tiſche zu ſpielen. 4— cht em de en en ren ſem 1 Es waren ſeine beiden Freunde vom Nachmittage, der General Mainwaring und der alte grauköpfige Herrer gelacht hatte. Als ſie ihn erblickten, ſchien ſie's zu freuen, und der alte Herr frug ihn, warum er nicht mitſpielte? „Ich darf nicht Poule ſpielen“, antwortete Charles. „Ich möchte gern für Sie markiren.“ „Wohl geſprochen, mein Held“, ſagte der General; „alſo Jim iſt ein rechtſchaffener Mann, nicht wahr?“ Charles erſah hieraus, daß der alte Herr dem General erzählt hatte, was ſich auf der Treppe zwiſchen ihnen zu⸗ getragen, und erging ſich in Muthmaßungen, warum er ſo großes Intereſſe an ihm nähme. Indeß fiel er bald wieder in ſeine Gedanken an Adelaide und markirte mechaniſch, doch richtig, für die Herren. Die Stimme des Generals weckte ihn plötzlich aus ſeinem Brüten. „Für wen haſt Du den letzten Fehlſtoß markirt, mein kleiner Mann?“ lautete die Frage. „Für den alten Herrn“, ſagte Charles und erröthete dann bis an die Haarwurzeln, im Bewußtſein, ſich einer Unhöflichkeit ſchuldig gemacht zu haben. „Da haben Sie Eines, Methuſalem“, lachte der General. „Macht nichts“, entgegnete der alte Herr;„es gereicht mir zum großen Stolze, den mir Niemand nehmen kann; ich bin zwölf Jahre älter, als ich ausſehe.“ „Sie ſetzten ihr Spiel fort.„Beiläufig“, ſagte der General,„Wer iſt das außerordentlich hübſche Kind, welches die alte Dame bei ſich hat?“ „Ein Kind, daß ſie adoptirt hat“, erwiderte der alte Herr.„Die Enkelin einer alten Freundin, die in Armuth 6 ſtarb. Sie iſt eine edelmüthige alte Seele, unſer Jockey, tyos allen ihren Lächerlichkeiten.“ „Und wer war ſie?“ frug der General.„Ein glück⸗ licher Treffer, nicht wahr?“ „Sie? Ei nun, eine Tochter des alten Cingle Headſtall, des verrückten alten Baronets von Cheſhire— Sie er⸗ innern ſich ſeiner natürlich nicht; aber Ihr Vater hat ihn gekannt. Fuhr einmal in einer nebligen Nacht vier Stun⸗ den lang in ſeinem Tandem immer um Berkeleh Square herum, in dem Wahne, er kutſchire nach Hounslow heim, und ſchoß dann auf den Nachtwächter, der ihn auf den rech⸗ ten Weg bringen wollte, welchen er aber für einen Straßen⸗ räuber hielt. Der Sohn ging nach Frankreich und ver⸗ ſcholl in der Revolution, und ſo erbte die Tochter, was an Geld vorhanden war: nicht übermäßig viel, denke ich mir. Dies arme Ding, das Schönheit und Verſtand genug be⸗ ſaß, aber gar keine Erziehung hatte— denn es war buch⸗ ſtäblich im Stalle aufgewachſen— bezauberte den ſcharf⸗ ſinnigen Ascot und war ihm ein vortreffliches Weib.“ „Dann wird ſie der Kleinen vermuthlich eine Mitgift ausſetzen? Sie ſagen, ſie hatte Vermögen?“ „Hum“, dehnte der alte Herr,„es curſirt eine Ge⸗ ſchichte über dieſes Vermögen, die man auf verſchiedene Weiſe erzählt, deren Moral aber darauf hinausläuft, daß das Geld nicht mehr da iſt. Hollah! unſer Marqueur wird ſchläfrig.“ „Durchaus nicht, Sir“ ſagte Charles.„Wollen Sie mich einen Augenblick entſchuldigen; ich komme ſogleich wieder.“ — Er rannte zu Lord Welter hinüber, der ſich auf ſeinen Billardſtock ſtützte. „Kannſt Du mir ſagen, wer der alte Herr dort iſt? frug er ihn. „Welcher alte Herr?“ „Jener dort mit den ſchwarzen Augenbrauen, der mit General Mainwaring ſpielt. Da, der jetzt eine Priſe nimmt.“ „Ach der?“ ſagte Welter;„das iſt Lord Saltire.“ Kingsley, Ravenshoe. I. 5 Sechstes Rapitel. Die Zeit, die unerbittliche, ſichelte in die Lebensblumen des armen Charles hinein, bis das widerwärtige Geſchöpf ſie, bis auf zwei oder drei, alle abgeſchnitten hatte und ihm jetzt den Morgen brachte, an welchem er wieder nach Hauſe zurückkehren mußte, und wie Charles durch ſeine Thränen hindurchzublicken verſuchte, wollte er anfangs nichts mehr vor ſich erſchauen, als das allergemeinſte Gras. Denn ſollte er nicht Adelaide verlaſſen— wahrſcheinlich, um ſie nie mehr wiederzuſehen? Mit Einem Worte, Charles war verliebt und im Begriffe, ſich zum erſtenmale vom Gegen⸗ ſtande ſeiner Zuneigung zu trennen, worüber ich den Leſer nicht zu lachen bitte, ſondern zu bedenken, wie alt er ſelbſt war, als er ſich zum erſtenmal verliebte. Die kleine Kokette! Sie hatte gut aufgepaßt, bis ſie ihn aus ſeinem Zimmer kommen hörte, und ſich dann an⸗ geſtellt, als wäre ſie eiligſt die Treppe heraufgelaufen. Er erhielt einen Kuß, oder ein Dutzend, und eine Haar⸗ locke, glaub' ich; doch hatte er nicht viel Zeit, daran zu denken, denn Lord Ascot rief ihn laut, und als er in die Halle hinunterkam, fand er dort das ganze Hausperſonal ſe ſie n en. A⸗ die nol verſammelt, um ihm Lebewohl zu ſagen. Jeder hatte ein freundliches Wort für ihn. Die alte Dame weinte; Lord Saltire und der General ſchüttelten ihm die Hand; Lord Welter erklärte, es wäre eine ſchändliche Geſchichte, und Lord Ascot hum— te und ah—te und hieß ihm ſeinem Vater ſagen, er ſei ein guter Junge geweſen. Alle bedauerten, daß er abreiſte, und ihm ſelber war es, als verlaſſe er alte Freunde; aber der Wagen ſtand vor der Thür, und der Regen goß in Strömen vom Himmel herunter, und mit einem letzten Blicke auf die Gruppe von Geſichtern ſaß er in der Kutſche und rollte dahin. Es war ein fürchterlicher Tag, obgleich er für's Erſte nichts davon bemerkte. Er dachte daran, wie hübſch es war, daß ſich ihm alle Leute ſo freundlich zeigten, gerade ſo freundlich, wie zu Hauſe. Er dachte an Adelaide und ob ſie wol je an ihn denken werde. Es war ihm faſt lieb, daß Welter ein ſo böſer Bube war(nicht wirklich bös, ſondern eben ein wenig unartig), weil dies es weniger wahr⸗ ſcheinlich machte, daß ſie den Vetter jemals lieb haben würde. Und dann dachte er wieder, wie man ſich zu Hauſe freuen würde, ihn wiederzuſehen, und ſchaute zum Wagenfenſter hinaus. Schon hatte er eine ziemliche Weile Lord Ascot's Chaiſe verlaſſen und fuhr jetzt im Eiſenbahnzuge dahin. Er bemerkte, daß der Zug ſehr langſam ging, und daß durch den furchtbaren Regen nichts zu erkennen war. Als⸗ dann verſuchte er, ſich zu erinnern, ob ſein Vater jemals Lord Saltire's vor ihm erwähnt, und was er von ihm hatte erzählen hören, und wie er noch darüber nachſann, hielt der Zug.— Station Swindon. Er ſtieg aus, um ins Erfriſchungszimmer zu gehen, 5 68 und begann ſich über den Lärm zu wundern, der ihn ver⸗ hinderte, zu hören, was die Leute ſprachen, und warum Alles ſo ängſtlich und erſchrocken ausſah und in einzelnen Gruppen ſprechend zuſammenſtand. Endlich machte er ausfindig, daß das Getöſe von dem Winde im Dache herrührte, und Jemand theilte ihm mit, daß der Sturm den Schornſtein des Stationsgebäudes heruntergeweht hatte, der nun quer über der Bahn lag, ſodaß der Zug nicht weiter gehen konnte, bis das Hinderniß hinwegge⸗ räumt war. Den ganzen Tag lang kämpfte die tapfern Locomotive weſtwärts gegen den Wind, und zwei Stunden nach der beſtimmten Zeit ſaß Charles erſt in der Poſtkutſche, die ihn nach Stonnington bringen ſollte. Der Abend brach herein. Die Kutſche wackelte mühſam durch die entſetz⸗ liche Nacht und Charles ſchlief ein. Im kalten, unbarm⸗ herzigen Morgengrauen, wie ſie ein anſteigendes Moor⸗ land hinanfuhren, obgleich nur im Schritte, ſchwankte die Kutſche einen Augenblick auf zwei Rädern und ſtürzte dann krachend über einen Haufen von Wegſteinen um. Charles erwachte unverletzt und lag ein paar Minuten ſtill unter dem dumpfen Eindrucke, als habe ihn Jemand aus ſeinem Schlafe gerüttelt; nach einer gehörigen Ueberlegung aber machte er die glänzende Entdeckung, daß die Poſt umge⸗ worfen war. Er öffnete den Wagenſchlag über ſeinem Haupte und prang hinaus. Der ſchneidende Regen blendete ihn einen Moment, aber er wandte ihm den Rücken und wurde dann erſt gewahr, daß der fürchterlichſte Sturm um ihn tobte, den er je erlebt. nd nn ſcheidtes vollbracht und wäre bereit, in Demuth ſein ge⸗ Er half Kutſcher und Conducteur und dem einzigen Außenpaſſagiere die armen Pferde auf der Straße langſam weiter führen. Sie arbeiteten ſich etwa zweihundert Schritte durch den Wind fort und kamen an eine Bierſchenke, bei deren Anblicke Charles erſah, daß ſie zwei Stationen weiter zurück waren, als er geglaubt hatte. Das Wirthshaus hieß »zur Waſſerſcheide«, weil der Regen von ſeinem Dache theils in den Canal von Briſtol, theils in den bri⸗ tiſchen fiel. Nach etwa einſtündiger Ruhe erging der Ruf an Charles, wieder in den Grund hinunter zur Poſtkutſche zu kommen, und mühſam fuhren ſie endlich weiter. Es war ein trüb⸗ ſeliger Tag, und der Weg führte über ödes Haideland. Sie kamen auf dem Moore an einer Hütte vorbei, deren Dach heruntergeſtürzt war, und ſahen die erſchrockene Familie hinter den wankenden Mauern hocken. In den Thälern lagen große Bäume quer über der Fahrſtraße, welche von Arbeitern zerſägt und aus dem Wege geräumt wurden, die von hundertjährigen Eichen ſprachen, welche der Sturm in der Nacht entwurzelt, und von Kornfeimen, die der Wind wie Herbſtblätter vor ſich hergewirbelt hatte. Doch, ſo wie das Hinderniß beiſeite geſchafft war, ſaß der Con⸗ ducteur ſchon wieder oben und ſtieß luſtig ins Horn, und Charles war mit einem Sprunge im Wagen— und fort ging es. Endlich um drei Uhr fuhr die Kutſche in den Thorweg des Chicheſter⸗Hotels zu Stonnington ein, und als Charles herausſprang, ward er vom ganzen Hauſe mit Geſichtern und Geberden empfangen, als hätte man etwas ſehr Ge⸗ 5 ₰ 70 bührendes Lob einzuſtreichen. Die hübſche Wirthin rechnete ſich Charles' Ankunft als ein großes Verdienſt an— ſo zwar, daß man hätte glauben können, ſie ſelbſt habe die Poſt mit eigener Hand von Exeter herübergezogen.„Sie wäre von Anfang an überzeugt geweſen, daß Maſter Charles kommen würde.“— Eine Erklärung, die zuſammen mit dem ſie begleitenden vernichtenden Blicke den Wirth der⸗ maßen empörte, daß er ſie mit einer von den guten Dingen dieſer Welt heiſer gewordenen Stimme daran erinnerte, wie ſie noch vor kaum zehn Minuten feſt behauptet, daß er nicht kommen würde, worauf die Wirthin ihn hochmuths⸗ voll erſuchte, ſich vor den Leuten keine Blöße zu geben. Hierüber lachte der Wirth, daß er faſt erſtickt wäre, und die Wirthin klopfte ihm den Rücken und lachte ebenfalls, und dann gingen ſie hinein. Sein Vater, verkündete ihm der Wirth, hätte ihm ſeinen Pony herübergeſchickt, da ihm heute ein Wagen auf dem Moore nicht rathſam geſchienen, und wenn Maſter Charles überhaupt zu ängſtlich wäre, hinüber zu kommen, ſo möchte er die Nacht über bleiben, wo er wäre. Charles ſchaute ſich in dem gemüthlichen warmen Gaſtzimmer um und zögerte. Da er jedoch zufällig eine Secunde lang die Augen ſchloß, ſah er ganz deutlich das Bibliothekzimmer daheim, das flackernde Kaminfeuer drin, wie es auf die rothbezogenen Eichenmöbel fiel, und ſeinen Vater, wie er durch das Ge⸗ heul des Sturmes ſeiner Heimkehr lauſchte— und er zauderte nicht länger, ſondern ſagte, er wollte weiter reiten und wünſchte mit ſeinem Diener zu ſprechen, während er zu Mittag ſpeiſe. Der Wirth beäugelte ihn, das Haupt auf die Seite ge⸗ ——— 71 neigt, mit bewundernden Blicken und bemerkte beiläufig, daß das Korn wieder um einen Schilling gefallen; daß Squire Weſt ſeine Fuchsſtute für hundertundzwanzig Pfund verkauft, und daß er(Charles), wenn er ſich nur dicht an die Mauern hielte, auf dem Heimwege nicht viel vom Winde ſpüren würde;— daß ſeine Frau in der Nacht einen Anfall von Krämpfen gehabt, jedoch durch zwei Weingläſer Pfeffer⸗ münzliqueur wieder hergeſtellt worden ſei; daß der Wind eine Menge Schornſteine heruntergeblaſen, und daß der alte Jim Baker gehört hätte, es wäre ein Schwein durchs Kirchenfenſter geweht worden. Dann ſchürte er das Feuer und verſchwand. Charles war tüchtig über ſein Mittagseſſen her, als ſein Diener hereinkam. Es war der älteſte der Reit⸗ knechte— ein Mann mit ergrauendem Haare, der wie ein weißer Rattenpinſcher ausſah. Er ſtellte ſich vor ihm hin und glättete ſich das Geſicht mit der Hand. „Hollah, Michael“, ſagte Charles,„wie kam man dazu, Euch zu ſchicken?“ „Der Herr wollte von keinem Andern etwas wiſſen, Sir! Siſt'n gräßlich Wetter da unten;'s liegen mehr als hundert Bäume auf dem Wege.“ „Werden wir durchkommen?“ „So gut wir können, Sir.“ „Wollen's verſuchen! Eine gräßliche See, meine ich?“ „S iſt furchtbar anzuſehen, Sir. Mr. Mackworth und Mr. Cuthbert ſind unten am Strande, um ſich's an⸗ zuſehen.“ „Kein Fahrzeug geſtrandet?“ „Bis jetzt nicht. Es iſt keines von unſern Boten 72 draußen. Geſtern Morgen lief ein Schaufelboot, Nr. 52, an, um zu ſehen, wo's wäre, und lief wieder aus; doch das war, eh's ſo bös wurde.“ Sie brachen auf. Sie ritten ſchnell durch die Stadt und dann ein enges, waldiges Thal hinauf, das zum Moore führte, welches zwiſchen ihnen und Ravenshoe lag. Eine Weile waren ſie ziemlich geſchützt und kamen gut vorwärts, bis das Holz lichter wurde und der Weg plötzlich ſteil an⸗ ſtieg. Hier ließ ſich der Wind ſchon ſchärfer ſpüren, und während einer(engl.) Viertelmeile hatten ſie über drei ent⸗ wurzelte Bäume zu ſetzen. Vor ihnen klang es wie Meeres⸗ brauſen— es war der Wind auf dem Moore. Sich an der hohen Steinmaner hin drückend und auf ihren Pferden niederkauernd, kamen ſie langſam vorwärts, bis ſie auf der offenen Haide waren und ihnen zum erſten Male die fürchterliche Windsbraut voll ins Geſicht blies, daß ihre Pferde ſich bäumten und ſich weigerten, weiter zu ſchreiten. Aber ſie brachten die armen Thiere Seite an Seite, und, da es überdies heimwärts ging, ſo gelang es ihnen, weiter zu kommen, obgleich der Regen, der ihnen entgegenſchlug, ihre Geſichter wie mit Nadeln ſtach. Als ſie ſo dahinritten, indem Michael ſich auf der Windſeite hielt, blickte Charles auf und ſah, daß ſich noch ein Reiter zu ihnen geſellt hatte. Er erkannte ihn augen⸗ blicklich: es war ein Agent von Loyd. „Etwas paſſirt, Mr. Lewis? Ein Schiff geſtrandet?“ brüllte Charles durch das Sturmgeheul. „Noch nicht, junger Herr“, erwiderte der Agent.„Doch fürchte ich,'s wird mancher gute Schiffer in die Tiefe hinabgegangen ſein, ehe der Morgen graut. Das iſt der 52, och re ne ts, n⸗ nd t⸗ uf en es, an es ſen 73 heftigſte Sturm, den wir ſeit vierzig Jahren gehabt haben.“ Allmählich kamen ſie in die geſchützteren Thäler hinab und langten endlich im Hofe von Ravenshoe an. Charles wurde von ſeinem Vater vom Pferde gehoben und Lloyd's Agent zur Haushälterin geſchickt, und bald hatte das junge Herrchen Wind und Regen vergeſſen und kramte ſeinem Vater ſeine Eindrücke von Ranford aus. „Es freut mich, daß Dir's gefällt“, ſagte D Denſil,„und ſchwören wollt'ich, auch Du haſt ihnen gefallen. Du hätteſt gleich zuerſt hingehen ſollen; Cuthbert paßt nicht für ſie.“ „Ach, Cuthbert iſt zu geſcheidt für ſie“, ſagte Charles; „ſie ſind nicht im Mindeſten gelehrt dort, ſo viel ſteht feſt.“ Da trat Cuthbert ins Zimmer. „Nun, Charles“, begann er ziemlich trocken,„ſo biſt Du alſo zurückgekommen. Nun, wie hat Dir Welter ge⸗ fallen, heh? Vermuthlich recht gut?“ „Ich habe ihn ſehr drollig gefunden, Cuthbert“, a wortete Charles ſchüchtern. „Ich fand ihn im höchſten Grade unausſtehlich“, ſagte Cuthbert;„ich hoffe nur, daß er Dich keinen von ſeinen Narrenſtreichen gelehrt at 4 Aber Charles ließ ſich ſo nicht abfertigen. Er ging zu ſeinem Bruder und küßte ihn und kehrte dann zu ſeinem Vater zurück. Es gab einen langen, langweiligen Abend, und als die Andern zur Complette gingen, begab ſich Charles auf ſein Schlafzimmer. Hier oben konnte er hören, wie der Wind gräßlicher heulte, denn je zuvor; wie er nicht mehr in plötzlichen Stößen kam und dann wieder minutenlang ſank, ſondern in ſtätigem, unausgeſetztem Gebrülle an das Haus prallte, was entſetzlich anzu⸗ hören war. Er fing an, ſich in ſeiner Einſamkeit zu fürchten. Er glaubte jeden Augenblick irgend ein geſpenſtiſches Weſen neben ſich erblicken zu müſſen, das ſich unbemerkt im Windgetöſe zu ihm hereingeſchlichen hätte. Schon dachte er daran, wieder hinunter zu gehen, als Cuthbert in das anſtoßende Zimmer kam und ihn beruhigte, worauf er ſich ins Bett legte. Da war er freilich nicht viel gebeſſert. Denn ein Ding in einer ſchwarzen Kutte erſchien und pflanzte ſich an das Kopfende ſeines Bettes, und wenn er es auch nicht ſehen konnte, ſo fühlte er doch den Wind von ſeinen ſchweren Gewändern, wenn es ſich bewegte. Außerdem kam ein Ding wie eine Raupe, mit einem Katzenkopfe, das etwa zwei Fuß lang war, leiſe auf ſeiner Bettdecke herange⸗ krochen. Er ſchlug tapfer danach und fand, daß es ſein Taſchentuch war— und immer das Gebrüll, bis es un⸗ erträglich wurde. Er ſtand auf und ging in das Zimmer ſeines Bruders, wo er froh war, ein brennendes Licht zu finden. Leiſe trat er ein und rief:„Cuthbert!“ „Wer iſt da?“ frug dieſer erſchreckend. „Ich bin es“, ſagte Charles;„kannſt Du ſchlafen?“ „Nicht die Spur“, erwiderte Cuthbert, ſich im Bette aufrichtend.„Ich höre Stimmen, die im Winde mit ein⸗ ander reden. Komm zu mir ins Bett; ich bin ſo froh, daß Du da biſt.“ Charles legte ſich neben ſeinen Bruder, und ſie ſchwatzten lange von Geſpenſtern. Einmal kam ihr Vater aus ſeinem O 7 Schlafzimmer daneben mit einer brennenden Kerze herüber und ſetzte ſich zu ihnen aufs Bett, wie wenn auch er froh wäre, Jemanden um ſich zu haben, und danach ſchliefen ſie ein. Im grauen Morgenlichte erwachten ſie zu gleicher Zeit und fuhren im Bette empor. Der Wind heulte fort mit unabläſſiger Wuth, und im Hauſe war Alles ſtill. Sie ſtarrten einander erſchrocken an. „Was war das?“ flüſterte Charles. Cuthbert ſchüttelte den Kopf und lauſchte wieder. Wie er den Mund zum Sprechen öffnete, kam's von Neuem, und ſie wußten nun, daß dies ſie aus dem Schlafe geweckt hatte. Der Schall von Schritten im Gemache über dem ihrigen, leichte Schritte, doch erſchütterten ſie das Zimmer. Cuthbert war im Augenblicke aus dem Bette und warf ſeine Kleider über. Charles ſprang ebenfalls heraus und frug: „Was iſt es?“ „Ein Schuß!“ Charles wußte ſehr wohl, welch entſetzliches Unglück dieſe Worte enthielten. Der Wind war Nordweſt und ſtieß gerade auf die Bucht. Das Schiff, das jenen Schuß gefeuert hatte, war rettungslos verloren. Er hörte, wie ſein Vater aus dem Bette ſprang und wüthend an der Klingel riß. Dann wurden Thüren auf⸗ gethan und wieder geſchloſſen und auf dem Gange Stim⸗ men und eilige Tritte laut. In zehn Minuten ſtürzte das ganze erſchrockene Haus hierhin und dorthin, ohne recht zu wiſſen, warum. Die Männer waren bleich, und einige der Frauen begannen zu weinen und rangen die Hände, als Denſil, Lewis, der Agent und Mackworth ſchnell 76 die Treppe herunterkamen und hinausgingen. Mackworth kehrte noch ein Mal zurück und befahl den Frauen, heißes Waſſer und gewärmte Decken in Bereitſchaft zu halten. Cuthbert ſchloß ſich ihm jetzt an, und ſie gingen zuſammen fort, und gleich darauf fand ſich Charles zwiſchen zwei Dienern, die ihn raſch dem niedrigen Vorgebirge zu⸗ ſchleppten, welches die Bucht im Oſten ſäumte. Als ſie ſich dem Strande näherten, ſahen ſie das ganze Dorf in einer langen, weit verzettelten Linie der⸗ ſelben Richtung zuſteuern. Die Männer gingen einzeln, entweder in vollem Rennen oder doch mit ſehr beſchleu⸗ nigten Schritten; die Weiber zu Zweien und Dreien in aufgeregtem Geſpräche und mit viel Geſticulationen. Sind gewiß manche Auserwählte am Bord, die in dieſer Nacht mit dem Heiland zu Tiſche ſitzen werden“, hörte Charles eine der Frauen ſagen. „Ja, ja“, entgegnete eine Andere,„ich möchte lieber plötzlich und ſchnell zur ewigen Ruh' eingeführt werden, wie die dort, als mich von Jahr zu Jahr hinſchleppen, bis alle bekannten Geſichter, eines nach dem andern, dahinge⸗ gangen ſind.“ „Mein Junge iſt in einem Orkan im chineſiſchen Meere umgekommen“, ſagte eine Dritte.„Der Böſe hole jene abſcheulichen Orkane! Ob er wol an ſeine Mutter ge⸗ dacht hat, eh'er ſank?“ Unter ſolchem Geſpräche und dem fürchterlichen, un⸗ aufhörlichen Donner der Brandung zur Linken, arbeitete Charles, ſich feſt an ſeine beiden Führer klammernd, ſo gut er konnte, ſich weiter, bis ſie auf dem kurzen Raſen des Vorgebirges anlangten, vor ſich das Meer und rechts und links von Waſſer umgeben. Das Cap ſtrich etwa eine Viertelmeile ziemlich niedrig hin und endete plötzlich in einem Schieferkegel. Etwa zweihundert Schritte weiter in die See hinaus befand ſich jenes fürchterliche, unſicht⸗ bare Felſenriff»der Wolf«, auf welches die ſteigende Flut ſicher, wie der Tod, jeden Splitter hinaufſchleuderte, der in der Bucht trieb. Die Flut kam. Irgend wo in der Bai war ein Schiff, das wußte man; der Wind war bis zum Or⸗ kane gewachſen— was will man noch mehr? Sie eilten vorwärts, ſo gut ſie es zwiſchen den ſcharfen Schieferfelſen vermochten, die ſich aus dem kurzen Raſen erhoben, bis ſie an die Stelle kamen, wo die Leute Halt gemacht hatten. Charles ſah ſeinen Vater, den Agenten, Mackworth und Cuthbert unter einer überhängenden Klippe. Die Dorfleute ſtanden ringsumher, und mit jedem Momente ſchwoll die Menſchenmenge. Jeder hielt die Hand vor die Angen und ſpähte durch den Regen unverwandt windwärts. Sie hatten ſich am Fuße des Kegels poſtirt, der zwi⸗ ſchen ihnen und dem Meere aufragte, und einige Verwegene waren ihn theilweiſe hinangeklommen, um womöglich etwas mehr zu ſehen als ihre Kameraden; doch vergebens. Alle ſahen und hörten ſie nur Daſſelbe: den blendenden, weißen Trichter der ſturmgepeitſchten Brandung unten und rings⸗ um in jeder Felſenkluft und Spalte den heulenden Sturm. Eine Viertelſtunde war vergangen ſeit dem letzten Schuſſe, und von dem Schiffe noch immer nichts zu erblicken. Es mußte alle ſeine Segel aufgeſetzt haben und ums Leben ringen mit den Waſſern, unbekannt mit der reißenden Strömung hier. Jemand meint, es muß ſchon geſunken ſein— ſtill! wer ſprach? Der alte Sam Evans hatte geſprochen. Er hatte ſeine Hand dem Squire auf die Schulter gelegt und geſagt: „dort iſt es«. Und nun erhob ſich ein Stimmengeſchwirr von allen den Männern durcheinander, und einer drängte den andern und ſuchte ſich näher heranzumachen. Und die Weiber liefen hurtig hin und her und ächzten; andere ſagten:»Ach, das arme Schiff!« und»ach, du lieber Gott! ja, ja, da iſt es«. Es kam ſo ſchnell in Sicht, daß man faſt in demſelben Augenblicke, wo man einen dunklen Gegenſtand gewahr wurde, auch ſchon ſah, daß es ein Schiff war— ein großes Schiff von etwa 900 Tonnen—; daß es ſeine Maſten ver⸗ loren hatte und ſein Verdeck von Menſchen wimmelte. Man ſah, daß es nicht mehr zu lenken war, ſondern von den Wellen hin und her geworfen wurde, und daß die Leute am Bord im gleichen Momente die Klippe erblickt hatten; denn ſie eilten nach dem Hintertheile und drängten ſich an der Schiffsbrüſtung zuſammen. Charles und ſeine Führer quetſchten ſich durch bis zu ſeinem Vater. Denſil ſtand ſchweigend da und ſchaute auf den kläglichen Anblick, und wie Charles ſein Auge zu ihm erhob, ſah er, wie ihm eine Thräne über die Wange rollte, und hörte, wie er vor ſich hin ſprach:»Die armen Burſchen!« Cuthbert blickte ſtarr und mit halb geöffneten Lippen auf das Schiff. Mackworth ſtützte, wie Jemand, der ein Bild betrachtet, den Ellenbogen in die eine Hand und hielt ſich die andere vor den Mund, und der Agent rief aus:»Ein Truppenſchiff, bei Gott! Ach, du lieber Herr!« Ein trauriger Anblick, ein ſchönes Schiff der Wuth ————„ — 79 der Elemente preisgegeben zu ſehen! Es iſt faſt, als ob man Jemanden, der Einem theuer iſt, wahnſinnig werden ſähe! Traurig unter allen Umſtänden; aber, wie fürch⸗ terlich iſt's, wenn es in ſeinem vollen Bacchantentanze eine Fracht lebender menſchlicher Weſen vorzeitigem Untergange zuträgt! Wie ſich jeder gräßliche Zug und Umſtand der Ka⸗ taſtrophe, einer nach dem andern, den Zuſchauern enthüllte, ſteigerte ſich die Aufregung mehr und mehr. Auf dem* Vordertheile und auf der Kuhle des Schiffes ſah man eine Menge von Seeleuten ſich um die Brüſtung häufen, einige ſchon halb entkleidet. Vor der Cajütenthür, zwiſchen der Hütte und dem Hauptmaſte, ſtanden etwa vierzig Soldaten in Reih und Glied, bei ihnen drei Offiziere, die man an ihren blauen Röcken und ihren Degen erkannte. Auf dem Halbdeck waren etwa ſieben oder acht Frauen, zwei davon dem Anſcheine nach Damen von Stande— eine der letzteren hielt einen Säugling im Arme. Ein wohlgekleideter Mann, offenbar der Kapitän des Schiffs, ſtand neben ihnen; aber das Hauptziel aller Angen bildete ein hochgewachſener Mann te in weißen Beinkleidern, den man ſofort und mit Recht für ¹ den Steuermann erklärte. Er trug ein kleines Mädchen e auf den Armen. n Das Schiff kam gerade auf den Felſen zu, der ſich n jetzt nur als ein weißerer Punkt in dem weißen Meere d, unterſcheiden ließ. Es war ihm fürchterlich nahe. Es nd rollte und ſtürzte hierhin und dorthin, und rang und nt kämpfte um ſein Leben. Noch hatte es verhältnißmäßig er erſt wenig Waſſer am Bord; jetzt aber ſchlug eine gewal⸗ tige Woge von vorn herein, und es ſchwang ſich mit ſeinem Buge der Klippe zu, von der es keine hundert Schritte mehr entfernt war. Das Ende kam heran. Charles ſah, wie der Steuermann Rock und Hemd abwarf und dann das kleine Mädchen wieder aufnahm. Er ſah, wie die Dame mit dem Kinde ſich ganz gelaſſen erhob und nach vorn blickte; er ſah, wie die Matroſen auf die Brüſtung kletterten; ſah, wie die Soldaten in zwei ſcharlachrothen Reihen ruhig auf dem Verdecke ſtanden; ſah, wie die Offi⸗ ziere einander zuwinkten mit den Händen— und dann barg er ſein Geſicht in die ſeinen und ſchluchzte, als wenn ihm das Herz brechen wollte. Sie erzählten ihm ſpäter, wie das Ende gekommen war. Das Schiff hatte trotzigen Muthes den Bug empor gereckt und ſich mit ihm, wie in Verzweiflung, krachend auf den erbarmungsloſen Felſen geſtürzt. Dann hatte es ſich gedreht, und eine mitleidige Woge es begraben, und den Zuſchauern den Jammer des Anblicks erſpart, wenn ſie auch die tapfern Eichenplanken durch den Sturm krachen hörten. Hierauf trieb es ſinkend und ſeiner Brüſtung beraubt fort, um das Cap herum, und kam außer Sicht. Obgleich ſie über das Vorgebirge hinüber rannten und athemlos einige Minuten harrten, ob es noch einmal heranſchimmern würde,— es war vergebens: — das Schiff ward nie mehr geſehen. Der»Warren⸗ Haſtings« war in eine Tiefe von fünfzehn Faden hinab⸗ geſunken. Und jetzt erſchien eine neue Leidenſchaft im Trauerſpiele, die bisher ihm fremd geblieben: die Hoffnung. Die Trümmer von einem Theile des Haupt⸗ und des Mitteltopmaſtes, die man, ehe das Schiff auf die Klippe rannte, ſich auf dem Verdeck hatte aufthürmen ſehen, waren ch ng en f mn enn ten or end tte en, art, m iner kam ber es en⸗ ub⸗ ung⸗ des ippe ren heruntergewaſchen worden, und drei, vier, fünf Männer hingen ſich an die Rippentaue. Man ſah jetzt, wie der Steuermann mit dem Kinde ſich am Spieren in die Höhe hißte und das naſſe Haar aus den Augen ſtrich. Der Spieren war in die Bucht getrieben, auf die man hinabſchaute, in weit ruhigeres Waſſer; leewärts aber tobte das Meer gegen die ſchwarzen Schieferfelſen, und in zehn Minuten mußte es über ſie hinwegſtürzen. Alle Welt ſah die Gefahr, und Denſil rief, indem er bis an den Rand des Waſſers hinabeilte. „Fünfzig Pfund Demjenigen, der ihnen ein Tau zu⸗ wirft! Fünfzig goldene Sovereigns noch dieſe Nacht! Wer geht?“ Jim Mathews ging, und ging ſchon noch ehe er von den fünfzig Pfund gehört hatte— das war augenſcheinlich; denn er war bereits halb entkleidet und ſtand, mit einem Tau um den Leib, ſchon draußen auf dem Felſen. Er trat von dem ſchlüpfrigen Seegras in das wogende Waſſer, und bald waren ſeine herrlichen Glieder im vollen Kampfe mit der gewaltigen Flut. Ein lautes Geſchrei verkün⸗ dete ſeinen Erfolg. Als man ihn den Spieren hinan⸗ klimmen ſah, wurde ein ſtärkeres Tau ausgeworfen, und in wenigen Minuten lag dieſes mit ſeiner Laſt hoch und trocken auf dem kleinen Sandhalbmonde, welcher das Ende der Bucht bildete. Fünf Matroſen, der Steuermann und ein helläugiges kleines Mädchen waren die koſtbare Priſe. Die Matroſen lagen ermattet auf dem Sande, und der Steuermann über⸗ gab die ſtille und Kleine, nachdem er S Shawl Kingsley, Ravenshoe. 82 gelöſt, mit welchem er ſie an ſeinem Leibe feſtgebunden hatte, einer der umſtehenden Frauen. Das arme Kind zitterte an allen Gliedern.„Bitte, bitte“ ſagte es zu der Frau,„ich möchte zur Mama. Sie ſteht mit dem Kleinen auf dem Hinterdecke. Bitte, Mr. Archer, wollen Sie mich zur Mama bringen? Sie wird ſich ängſtigen, wenn wir ſo lange fortbleiben.“ „Ach, mein lieber Gott“ ſagte die brave Frau,„ſie bricht mir das Herz, die liebe Kleine. Die Mama iſt im Himmel, mein Herzchen, und das Kind mit ihr.“ „Nein, gewiß“, ſprach das Kind in Eifer;„ſie iſt auf dem Hinterdecke. Mr. Archer, Mr. Archer!“ Der Steuermann, ein wettergebräunter, hochgewach⸗ ſener, bartloſer Mann mit einem harten Geſichte, von etwa ſechsundzwanzig Jahren, den man mit einem dicken wollenen Rocke verſehen, trat jetzt näher. „Wo iſt die Mama, Mr. Acher?“ frug das Kind. „Wo die Mama iſt, mein Paradiesvogel? O, mein Gott, mein Gott!“ „Und wo iſt das Schiff und Kapitän Dixon, und alle die Soldaten?“ „Das Schiff, mein Lämmchen“, ſagte der Steuermann, ſeine rauhe Hand auf das naſſe Haar des Kindes legend, „ach, das gute Schiff,„Warren⸗Haſtings«, Kapitän Dixon, iſt in den ſalzigen Wellen verſunken, mein Herzchen; und Alle an Bord, die wackeren Seeleute und tapfere Solda⸗ ten waren, ſind ohne Zweifel in dieſem Augenblicke im Himmelreiche.“ Das arme kleine Weſen brach in ein leiſes Wimmern aus, das allen Umſtehenden tief ins Herz ſchnitt; dann hatte, Bitte, Sie Mr. wird „ſie iſt in ſt auf ewach⸗ e, von dicken nd. mein nd alle rmann, legend, Kapitan erchen Solda⸗ lide in zi mmern dan 2 83 trug die Frau es fort, und der Steuermann führte, zwi⸗ ſchen Denſil und Mackworth, den Heimzug nach dem Hauſe an. „Es war der»Warren⸗Haſtings«, von 900 Tonnen“, ſagte er,„von Calcutta mit einem Detachement des 120. Regimentes am Bord. Die alte Geſchichte— hatte die Maſten, beide Anker, Taue verloren u. ſ. f. Und jetzt wiſſen Sie ungefähr ebenſo viel von der Sache wie ich. Das kleine Mädchen da iſt die Tochter des Hauptmanns Corby, der die Truppen befehligte. Sie war ſtets mein kleiner Liebling, und ich entſchloſſen, ſie zu retten. Wie ruhig jene Soldaten daſtanden, bei Jingo! wie auf der Parade. Nun, ich dachte immer, es würde uns was zuſtoßen; denn wir hatten während der ganzen Fahrt nicht ein einziges Mal Streit am Bord, und das iſt ſeltſam unter Soldatenvolk. Und'ne capitale Mannſchaft auch! Ach nun, s iſt ihnen jetzt wohl genug, he, Sir?“ Noch in der Nacht erhob ſich der Steuermann wie ein Rieſe, geſtärkt vom Weine, von ſeinem Lager und fuhr mit Extrapoſt nach Briſtol zu den»Rhedern«. Ein Brief von Denſil und ein zweiter von Lloyd's Agenten liefen hinter ihm drein, der Art, daß er ſich in weniger als einem Monate zum Befehlshaber eines Schiffes erhoben fand. Von Zeit zu Zeit langen noch bis auf den heutigen Tag Bogen und Pfeile(muthmaßlicherweiſe vergiftet), Ruder, Punkahs, Fächer und Feuerſchirme von Reispapier, eine boshafte Art von Pickles, welche die Eingeweide Aller verbrennen, ſo davon ſpeiſen,— garſtig ausſehende alte Götzen von Holz und Stein, Modelle von Juggernaut's Wagen, braune irdene Moonſchees, welche glaſirte Por⸗ 6* ——————————————— ———.—— ———— zellanbibeln überſetzen, und eine Menge andere indianiſche. Merkwürdigkeiten in Ravenshoe an, die alle vom gut⸗ herzigen Archer importirt und als Geſchenke dargebracht werden. In vierzehn Tagen waren die Matroſen wieder auf und davon, und, außer ſo einem Dutzend neuer Gräber auf dem Friedhofe, mahnte nichts mehr an den»Warren⸗ Haſtings«, als das ſo wunderbar gerettete kleine Mädchen — die kleine Mary Corby. Sie war ſofort der Obhut der gutmüthigen Norah, Charles Amme, übergeben worden, die mit ihrem großen warmen Herzen vom erſten Augenblicke das arme Mädchen lieb gewann und Charles etwa drei Wochen nach dem Schiffbruche, da er ſie eines Tages in ihrem Häuschen hinter den Hundeſtällen beſuchte, die nachſtehenden Einzel⸗ heiten über daſſelbe mittheilte. Nachdem ſie ihn umarmt und geküßt hatte, bis er lachend erklärte, er würde es nicht mehr dulden, wenn ſie ihm nicht gleich die Neuigkeiten erzählte, begann ſie—„Der Prachtjunge! er wird jeden Tag ſchöner“(dies mochte wahr ſein, doch gab's noch immer viel Raum zu Ver⸗ ſchönerungen)„und kommt und beſucht ſeine alte Amme, und wer liebte ihn auch ſo ſehr, wie ſie, das Schätzchen? Ich kann Dir nur wenig über das kleine Ding erzählen, mein Liebling. Sie iſt neun Jahre alt und eine Ketzerin, gerad' wie Du ſelbſt, Du Perlenſchätzchen, und wer ſollte Dich wol daran hindern? Sie kann in Büchern leſen, und ſpielen kann ſie, wie ſie ſagte, und ich frug ſie, ob ſie in dem großen Hauſe leben möchte, und ſie ſagte nein, ſie hätte mich lieb und wollte bei mir bleiben. Sie weint ———— iſche gut⸗ racht auf räber rren⸗ dchen orah, roßen dchen dem schen imel⸗ is er mn ſie „Der mochte lmme, chen? ihlen, terin r ſolle n und ſe i ſie —————— 85 um ihre Mama, das Täubchen, aber nicht mehr ſoviel, wie zu Anfange, und jetzt liegt ſie drinnen und ſchläft. Komm her, meine Pracht.“ Sie neigte ihr ſchönes Geſicht bis zu Charles' Ohr herab und flüſterte:„Wenn mein Junge ſich nach einem winzigen Feenweibchen umſchaute, wie?“ Charles ſchüttelte den Kopf und lachte, und erzählte Norah auf der Stelle die ganze Geſchichte mit Adelaide,— eine Neigung, der Norah ihren vollſten Beifall zollte,— und meinte, ehe man die Hand umdrehte, würde er alt genug ſein zum Heirathen. Ungeachtet aller Briefe und Nachforſchungen von Denſil's Seite meldeten ſich keine Verwandten oder Ange⸗ hörigen, die kleine Mary zu fordern. Onkel Corby war, einmal von der Sachlage unterrichtet, ein viel zu guter Geſchäftsmann, um irgend Etwas der Art zu thun. Sehr bald ſtellte denn Denſil alle Nachforſchungen ein und dachte ſchon mit Schrecken daran, daß man ſie ihm etwa nehmen könnte; denn er hatte eine wunderbare Zuneigung zu dem ſtillen, blaſſen, helläugigen kleinen Weſen gefaßt. Nach drei Monaten wurde ſie ſchon als ein permanentes Mitglied der Familie betrachtet, und am Abende, ehe Charles zur Schule abging, erzählte er ihr von ſeiner großen Paſſion. Seine Herrlichkeit hielt dieſen Schritt für ein Zeichen von großer Weltkenntniß, da derſelbe etwaige unbegründete Hoffnungen in Mary alsbald im Aufkeimen erſticken müſſe, und nachdem er alſo für ihren Seelenfrieden Sorge getragen, reiſte er unverzüglich nach Shrewsbury zum Gymnaſium ab. Siebentes Rapitel. —— Es iſt ein eigenthümliches Gefühl, wenn man als einen Mann von zwei⸗ oder dreiundzwanzig Jemanden wiederſieht, den man im Alter von zehn Jahren ge⸗ kannt hat. Man ſieht ſich faſt immer in einer oder andern Art getäuſcht. Du wirſt vielleicht zu Tiſche eingeladen, um einen Herrn, nennen wir ihn Jones(oder wenn es Dir lieber iſt, Delamere D'Eresby), zu treffen, den Du für Deinen alten Freund Jones hältſt, welchen Du ſeit etwa vier Wochen nicht geſehen haſt, und wenn Du hin⸗ kommſt, entdeckſt Du, daß es gar nicht Dein Jones iſt, ſondern ein Menſch, den Du nicht kennſt. Er iſt vielleicht geſcheidter, hübſcher und liebenswürdiger, als Dein alter Freund— ein Mann, deſſen Bekanntſchaft Dir erfreulich iſt— und dennoch biſt Du unangenehm getäuſcht. Du haſt nicht Den gefunden, den Du erwartet und fühlſt Dich von vornherein eingenommen gegen ſeinen Repräſen⸗ tanten. Ebenſo geht es Dir, wenn Du einen Freund, den Du, ſeit Ihr zuſammen auf der Schule waret, aus den Augen verloren, endlich als Mann wiederſiehſt. Du haſt Dir 4 „ 87 ein Bild von der Art von Manne entworfen, zu dem Dein Freund herangewachſen ſein muß, und findeſt ihn jetzt ganz anders, als Du ihn Dir vorſtellteſt. Anſtatt alſo einen alten Freund wiederzubegrüßen, ſiehſt Du Dich genöthigt, eine neue Bekanntſchaft zu machen. Du haſt jetzt, lieber Leſer, Deine Bekanntſchaft mit Charles Ravenshoe im Alter von zweiundzwanzig Jahren zu erneuern. Ich hoffe, daß Du Dich in ihm nicht allzu⸗ ſehr enttäuſcht finden mögeſt. Er war ein netter Junge, wie Du Dich erinnerſt, und Du wirſt bald ſehn, daß er auch zu einem ſehr liebenswürdigen jungen Manne her⸗ . angewachſen iſt. Es iſt wol möglich, daß ich ihn Dir nicht n gerade unter ſehr günſtigen Verhältniſſen wieder vorführe, n doch hat er dieſe ſich ſelber geſchaffen und muß deshalb nder ruhig darin aushalten. Da ich nicht die Abſicht habe, eladen ihn durch irgend welchen Abſchnitt ſeines Univerſitäts⸗ en e⸗ lebens zu begleiten, ſondern ſeine Geſchichte erſt da wieder en W aufnehmen will, wo er aus demſelben ſcheidet, ſo ſehe ich Du mich gezwungen, ohne jegliche Beſchönigung anzugeben, Du h⸗ warum er von der Univerſität abging. Und da noch ne iſ⸗ zwei oder drei andere wichtige Charaktere dieſer Geſchichte iellict dabei mitwirkten, ſo werde ich mich über den Gegenſtand n alter etwas weitſchweifiger verbreiten müſſen, als auf den weuli erſten Blick vielleicht nothwendig ſcheinen mag.— Du Es war neun Uhr Morgens, am ſechsten November. fühlſ Die Sonne, die Ihrer Majeſtät der Königin, die ganze epriſen⸗ Nacht hindurch in Calcutta, Sydney u. ſ. w. gedient hatte, war jetzt in Oxford angelangt. Sie ſchien ſchräg durch den Dr zwei hübſche kleine gothiſche Fenſter im innern oder nLugen Bibliothekhofe vom St.⸗Paul's⸗Collegium und beleuchtete ſt 8 ——————— 2 88 die Züge eines jungen Mannes, der inmitten des Zimmers ſtand und ſich den Kopf kratzte. Er war ein kräftig gebauter junger Menſch, nicht ſon⸗ derlich ſchön, aber von ſehr angenehmer Phyſiognomie. Sein Haar war ſehr dunkelbraun, kurz und lockig; ſeine Stirn breit und offen und unter ihr ſaßen zwei unge⸗ wöhnlich freundliche, dunkelgraue Augen. Sein Geſicht war ziemlich markirt, die Naſe leicht gebogen und nicht allzuklein. Der Mund, ebenfalls groß und von gutmüthigem Ausdrucke, zeigte, wenn er ſich, was ſehr oft geſchah, zum Lachen öffnete, zwei Reihen prächtiger, weißer Zähne, die hübſch contraſtirten mit der geſunden, braunen und rothen Geſichtsfarbe. Alles in Allem genommen ein ſehr hübſcher junger Burſch, der eben in dieſem Augenblicke durch einen Ausdruck drolliger Verblüfftheit, in die ſich ein gewiſſer Anflug von Entſetzen miſchte, um nichts häßlicher ausſah. Das war Charles Ravenshoe. Er ſtand, nur mit Hemd und Beinkleid angethan, in⸗ mitten einer ſo fürchterlichen Verwüſtung, daß ich, der ich doch ſchon manche der nur erdenkbar gräßlichſten Scenen und Ereigniſſe beſchreiben mußte, zögere, ehe ich dem„ Leſer ſchwarz auf Weiß einen Begriff davon zu geben verſuche. Jeder bewegliche Gegenſtand im Zimmer— Möbel, Porzellanggräth, Feuergitter, Schüreiſen, Schaufel und Feuerzange— lag in einem ungeheuren Haufen von zertrümmertem Chaos in einem Winkel des Gemachs. Keine einzige Glasſcheibe blieb mehr in den Fenſtern; die Thür in dem Schlafzimmer war eingebrochen und der zum Corridore führenden fehlten die beiden oberen Füllungen. 89 ners Charles Ravenshoe hatte alſo wol Urſache, dazuſtehen und ſich hinter den Ohren zu kratzen. „Beim heiligen Georg“, ſagte er endlich im⸗Selbſtge⸗ ſpräche,„welch ein Glück daß ich niemals betrunken werde! ſeine Wäre ich geſtern Abend nicht nüchtern geweſen, wahrlich, die Burſchen hätten mir's ganze Collegium eingeäſchert! Was für ein Teufel der Welter iſt, wenn er ſich Eins einge⸗ ſih pumpt hat! Und Marlow iſt nicht viel beſſer. Und dazu niht waren ſie wie toll auf die Schlägerei verſeſſen. Ich wollte igen nur, ſie wären nicht hierher gekommen, ihren Scandal zu machen. Man wird einen fürchterlichen Spectakel darüber erheben. Es iſt Alles aus, fürchte ich. Doch kann man then es unmöglich ſchon wiſſen.“ ſher Da erſchien ein Mann im Corridor und rief, den inen Kopf durch die zerbrochene Thür ſteckend, wie aus einer iſſer Zeugenloge heraus:„Der Decan wünſcht Sie unverzüg⸗ ſah. lich zu ſprechen, Sir“, und verſchwand. Charles antwortete in einem Ausdrucke, der damals eben bei unſern jungen Leuten in Mode kam:„Alles in 2 ſchönſter Confuſion!“ vervollſtändigte ſeine Toilette mit einem Paar Stiefeln, einem Rocke, dem akademiſchen enn„ Ueberwurfe und der viereckigen Mütze und ſtieg mit einem Seufzer in den Hof hinab. im Eine ziemliche Anzahl junger Leute ſtand dort in 6. Gruppen umher. Der gleiche Gegenſtand war in Aller ufel Munde. Es hatte in der vergangenen Nacht, ohne daß man vorher eine Ahnung davon gehabt und ohne alle er⸗ ch. ſichtliche Urſache, den entſetzlichſten Krawall gegeben, welcher nach der Ausſage des Portiers ſeit fünfzig Jahren die Uni⸗ jum verſität beglückt. Der Lärm hatte urplötzlich um halb Ein gen⸗ 90 Uhr begonnen und bis drei Uhr fortgedauert. Die Dons*) hatten ſich gefürchtet herauszukommen und ſich drein zu mengen, ſo gräßlich war der Tumult geweſen. Fünf einem andern Collegium angehörende Studenten hatten ein Viertel vor drei Uhr hinausgelaſſen zu werden verlangt und ſich geweigert, einen andern Namen, als den des Decans anzu⸗ geben. Eine Rakete war geworfen und ein fünfläufiger Revolver abgefeuert worden und— Charles Ravenshoe war vor den Decan beſchieden. Ein Trupp von jungen Leuten, die ſehr»unausge⸗ ſchlafen« und ſchuldig ausſahen, ſtand gerade auf ſeinem Wege, und als er herankam, ſchüttelten ſie kummervoll die Häupter. Der Eine, ein hochgewachſener junger Mann, mit großem Backenbarte, ließ ſich auf den Kiespfad nieder und that, als ob er ſich den Kopf mit Aſche beſtreue. „Ein ſchlechter Spaß das, Charles“, ſagte er. „Einige Häupter werden fallen müſſen“, erwiderte Charles;„ich hoffe, das meinige iſt nicht darunter. Es wäre eine Schande, wenn es dahin käme, wie?“ Der Mann mit dem dicken Backenbarte ſchüttelte den Kopf.„Der Zuſtand Deines Zimmers“, ſagte er. „Wer hat den geſehen?“ frug Charles eifrig. „O, Du ſchlafende Unſchuld“, entgegnete der Andere, „der Portier war um acht Uhr oben und um halb neun Uhr betrachtete der Decan ſelbſt Dein nichtsahnendes Antlitz, wie Du friedlich ſchlummernd in den Armen der Verwüſtung lagſt.“ *) Dons heißen in der Sprache der engliſchen Studenten die Univerſitätslehrer, die Profeſſoren und Tutoren. D. Ueberſ. erte den ere, eun des der Charles pfiff lange und laut vor ſich hin und begab ſich mit ſinkendem Herzen nach der Wohnung des Decans. Ein großer, blaſſer Mann mit einem harten, ſcharf⸗ geſchnittenen Geſichte ſaß bei ſeinem Frühſtücke. Er ward ſeines Beſuches anſichtig und muſterte ihn mit großem Intereſſe, während er ein Stück geröſteten Brotes mit Butter beſtrich. „Nun, Mr. Ravenshoe“, lautete ſeine Anrede. „Ich glaube, Sie haben mich rufen laſſen, Sir“, ſprach Charles und fügte dann leiſe zu ſich ſelber hinzu: „hol' Dich der Henker, Du grauſames, altes Thier! Du weideſt Dich an meiner Pein.“ „Eine niedliche Geſchichte“, ſagte der Decan. Charles meinte, er möchte gern wiſſen, wo er damit hinauswolltẽ. „Nun“, ſagte der Decan lachend,„ich weiß wirklich nicht, wo ich anfangen ſoll. Indeſſen denke ich, das iſt ziemlich einerlei. Man will Sie um zwei Uhr im großen Saale ſprechen. Auch hat der Univerſitätsrichter ſich Ihr Zeugniß ausgebeten. Alles in Allem wünſche ich Ihnen Glück. Ihre Univerſitätscarrière iſt eine glänzende ge⸗ weſen; da aber Ihre Bahn außerordentlich elliptiſch, ſo ſteht zu befürchten, daß Sie nur kurze Zeit über dem Horizonte bleiben werden. Guten Morgen.“ Charles kehrte zu der höchſtgeſpannten Freundesſchaar zurück, und als er die fürchterlichen Worte vim großen Saal« ausſprach, malte ſich tiefes Grauen aufjedem Geſichte. Außer ihm waren noch Fünf zum Decane beſchieden, wie es ſich her⸗ ausſtellte, und Drei ſollten ſich um elf Uhr beim Univerſi⸗ tätsrichter melden. Es war ein unheilvoller Morgen. 92 In der Wohnung des Mannes mit dem großen Backen⸗ barte war ein feierliches Frühſtück veranſtaltet worden, an welchem natürlich alle die Unglücklichen Theil nahmen. Ein paar von ihnen befanden ſich in einem Zuſtande ſchlecht verhehlter Angſt und zeigten ſich ruhelos und reiz⸗ bar, bis ſie leicht angetrunken waren. Andere lachten ziemlich viel, freilich etwas nervös, und ſtellten ſich tapfer an— die Angſt war vorhanden, doch ſie kämpften dagegen; Charles' Benehmen aber gewann den Beifall Aller. Er war ſo unbefangen und fröhlich, wie wenn er eben in die großen Ferien gehen wollte; er gab den drolligſten Bericht vom ganzen Hergang der geſtrigen Ereigniſſe vom Anfange bis zum Ende, was er allerdings ſehr wohl im Stande war, da er der einzige nüchterne Zeuge des Spectakels geweſen; er aß mit Appetit und lachte ohne Zwang, zur größten Bewunderung Aller. Einer der armen Burſchen, der die ärgſten Zeichen von Furcht verrathen und ſo nahe am Weinen war, wie dies nur möglich iſt, ohne wirklich Thränen zu vergießen, blickte auf und becomplimentirte Charles mit einem Fluche über ſeinen Muth. „In mir“, ſagte Charles gutmüthig,„ſiehſt Du den Muth der Verzweiflung, mein lieber Dick. Hätte ich nur die Hälfte Deiner Lebensausſichten, ſo wär' ich gerade ſo ſchlimm, wie Du. Ich weiß, ich habe nur noch einige weitere Ceremonien durchzumachen und dann—“ „Der Andere ſtand auf und verließ das Zimmer. „Nun“, ſagte er im Gehen mit halb erſtickter Stimme, „ich erwarte, daß ſich mein Alter den Hals abſchneiden wird oder dergleichen. Ich habe mehr als fünfzehnhundert von dies ickte über den nur e ſo nige mer. nme, iden dert 93 Pfund Schulden.“ Die Thür ſchloß ſich hinter dem ar⸗ men Jungen und die Geſellſchaft ſchwieg. Darauf kam ein junger Mann herein, für den ich mir des Leſers beſondere Aufmerkſamkeit erbitte. Es war ein ſehr gewöhnlicher junger Mann, in der Morgenlivree eines Reitknechtes, ein mäßig hübſcher junger Burſche, und auf den erſten Blick ſcheint in keiner Weiſe etwas Merkwür⸗ diges an ihm. Doch ſieh ihn Dir noch einmal an; dann wird Dir eine Aehnlichkeit auffallen mit Jemandem, den Du kennſt, und dennoch kannſt Du anfangs ſchwer dar⸗ auf kommen, mit wem. Auch zeigt ſich dieſe Aehnlich⸗ keit nicht entſchieden, in keinem einzigen Geſichtszuge be⸗ ſtimmt, und die Sache macht Dich eine Weile ganz verdutzt, bis Du endlich zu demſelben Schluſſe gelangſt, wie alle Welt: dieſer Mann iſt ein hübſches Ebenbild von Charles Ravenshoe. Es iſt Charles' Milchbruder, William, den wir bei einer frühern Gelegenheit geſehen haben, wie er zuſammen mit jenem jungen Herrn ſein Labſal einnahm; nun iſt er ſeit einiger Zeit zum Range von Charles'»Burſchen« er⸗ hoben worden. Er kam, ſich ſeine Befehle zu holen. Er hätte, meinte Charles, vorläufig nichts weiter zu befehlen, als daß er die Pferde ausritte. Wenn im Laufe des Nachmittags etwas Anderes zu beſorgen, wollte er es ihm wiſſen laſſen, fügte er bekümmert hinzu. Ich ſah Lord Welter vom Univerſitätsrichter kommen, Sir“, ſagte William.„Er befahl mir, Sie zu fragen, mit welchem Zuge Sie zu fahren beabſichtigten. Se. Lord⸗ ſchaft trug mir auf, Ihnen zu ſagen, Sir, daß Lord Welter, vom Chriſtchurch⸗Collegium, die Univerſität morgen um ————— 5— 94 zwölf Uhr verlaſſen und vor Michaeli nicht zurückkehren werde.“ „Beim Jupiter“, ſagte Charles,„er hat ſeine Doſis bekommen! Hätte nicht geglaubt, daß ſie ihm ein ganzes Jahr geben würden! Nun, immer vorwärts!“ Charles begab ſich zum Univerſitätsrichter, doch waren ſeine Leiden dort nicht ſo ſchlimm, als er erwartet hatte. Man hatte geſehen, wie er in der vergangenen Nacht ſich mehrere Male herumgehauen, doch die halbe Univerſität hatte es nicht anders gemacht. Er war dreimal nach Hauſe ge⸗ ſchickt worden und immer wieder gekommen; das war kein ſo großes Vergehen! Er hatte ſein Ehrenwort gegeben, daß er dem Pedelle kein Bein geſtellt, und Brown ſelber meinte, er müßte über eine Apfelſinenſchale ausgeglitten ſein. Alles lief ſchließlich auf Folgendes hinaus: Ravenshoe vom Pauls⸗Collegium würde wohlthun, wenn er für den Reſt des Semeſters um neun Uhr Abends zu Hauſe wäre und überhaupt ſich in Zukunft beſſer in Acht nähme. Aber der»große Saal« um zwei Uhr war die Probe, nach welcher der arme Charles ſtehen oder fallen mußte. Es waren fürchterliche Größen gegen ihn— der Präſes und ſechs Lehrer. Den»Moraliſchen« zu haben und zu greinen, thät's nicht, meinte er, und ſo ging er hinein, um tapfer zu kämpfen. Der Präſes eröffnete den Tanz in einem Tone mild⸗ überredender Vorſtellung. In ſeiner ganzen Univerſitäts⸗ praxis, welche einen Zeitraum von fünfundvierzig Jahren begriff, wäre ihm nie ein ſo widerſetzliches, ſo beiſpielloſes, ſo— ſo— ſcheußliches Gebahren vorgekommen, wie es vergangene Nacht in einem Collegium ſtattgefunden, das ren oſis nes aren Man ere te es ge kein ben, ber itten shoe den wäre robe, ußte⸗ riſes um mild⸗ itäts⸗ ahren loſes, vie es das 05. noch vor kaum einem Jahre für das ruhigſte der ganzen Univerſität gegolten hätte. Eine Reimerei von niedriger und laſterhafter Tendenz, die angeblich Scenen der leicht⸗ ſinnigſten Raufereien und Ausſchweifungen auf der Schwe⸗ ſteruniverſität(Cambridge) ſchildern ſollte, irre er nicht, unter dem Titel»Peter Priggins«, würde, wie er höre, von der Jugend an beiden Sitzen der Wiſſenſchaft eifrig geleſen; aber man hätte ihm zu verſtehen gegeben, daß das Schlimmſte, was in jenem Buche erzählt werde, wirklich ins Unbedeutende ſchwände, in das Nichts hinabſänke im Vergleich zu den Ereigniſſen der letzten Nacht. Wie es ſchiene, fuhr er fort(durch ſeine goldene Lorgnette auf einen Papierſtreifen blickend, um ſeinem Gedächtniſſe zu Hülfe zu kommen) wäre um halb Ein Uhr eine Rotte betrunkener und verrückter junger Leute heulend in das Collegium ge⸗ ſtürzt, die ſich geweigert, dem Portier ihre Namen zu nennen(unter denen aber Mr. Ravenshoe erkannt worden); von dieſem Augenblicke an wäre der ſonſt ſo friedliche Hof bis halb vier Uhr ein Schauplatz der brutalſten Raufereien geweſen; Schießgewehre wären abgefeuert und Raketen in die Höhe geſchleudert worden, und ſchließlich hätten fünf Mitglieder eines andern Collegiums den Portier gezwungen, ſie hinauszulaſſen, indem ſie(ohne die entfernteſte Be⸗ gründung) vorgegeben, ſie wären beim Decane zum Thee geweſen. Nun wäre ganz einfach nur die Frage zu ſtellen: ſolle das St.⸗Pauls⸗Collegium noch ferner geöffnet bleiben oder nicht? Falls das Inſtitut, welches jetzt mehr denn fünfhundert Jahre geblüht, noch ferner Studenten auf⸗ nehmen ſolle, ſo müßten die Ruheſtörer der vergangenen Nacht ſtrenge ausgeſchieden werden. Beim letzten Vor⸗ 96 kommniſſe dieſer Art, wo der Thäter nur— wie, Herr Decan? — ja, ja, Pumpenſchwengel, dank' Ihnen— nur einer ſcherz⸗ haften Entführung des Schwengels von der Collegepumpe überwieſen wurde, wäre ihm die»Ruſtication«*) zuer⸗ kannt worden. In dieſem Falle müßte das Collegium ſeine Pflicht thun, wie ſchmerzlich ihr dieſelbe auch ſein möge. Charles ſchaltete hier ein, er wäre vollkommen nüchtern geweſen und hätte verſucht, die Uebrigen von dummen Streichen abzuhalten. Der Präſes glaubte dagegen, Mr. Ravenshoe werde wol kaum leugnen, daß er auf dem Raſenplatze hätte eine Rakete ſteigen laſſen. Charles ließ ſich leider die Erwiderung beikommen, er hätte dies gethan, um die Burſchen zur Ruhe zu bringen; aber die Entſchuldigung fiel machtlos zu Boden, und eine kleine Pauſe trat ein. Der Decan erhob ſich jetzt, mit beiden Händen in den Taſchen, und bemerkte: Alles ganz gut, aber ſie wollten dergleichen nicht dulden, und je eher ſich die Herren dies merkten, deſto beſſer. Er ſeines Theils würde, ſo lange er Decan dieſes Collegiums bliebe, es ſich nicht gefallen laſſen, daß eine Rotte betrunkener, junger Strohköpfe zu jeder beliebigen Stunde der Nacht oder des Morgens einen Höllenlärm unter ſeinen Fenſtern machte. Er wäre ſelbſt herausgekommen, aber er hätte ſich gefürchtet, poſitiv ge⸗ *) Unter Ruſtication verſteht man auf den engliſchen Univerſitäten eine Ausweiſung auf gewiſſe Zeit, auf ein oder mehrere Semeſter, je nach der begangenen Geſetzwidrigkeit. D. Ueberſ. ecan? ſcher⸗ pumpe zuer⸗ legium ch ſin üchtern ummen werde e hätte nen, er ringen; id eine in den wollten unge er 1 laſſen, jeder n je 6 einen ſi g⸗ unglichen auf en Ueber fürchtet vor perſönlicher Gewaltthat; denn es wären zu Viele gegen Einen geweſen. Ein für alle Mal, er wünſchte kein Wort mehr darüber zu verlieren. Er gäbe zu, daß Mr. Ravenshoe vollkommen nüchtern geweſen; ob dies aber als Milderungsgrund gelten könne, wäre ſehr die Frage. (Sagten Sie etwas, Herr Schatzmeiſter? Nein. Bitt' um Vergebung— ich glaubte, Sie hätten geſprochen). Sein Vorſchlag ging dahin, daß Mr. Ravenshoe auf ein Jahr vruſticirt«, und der Decan vom Chriſtchurg⸗Collegium davon unterrichtet würde, daß Lord Welter einer der thätigſten Tumultuanten geweſen. Dieſer hoffnungsvolle junge Edel⸗ mann habe ihnen ſchon früher ein Mal, gelegentlich eines Beſuches bei Mr. Ravenshoe, die Ehre erzeigt, eine Ruhe⸗ ſtörung im Collegio anzuſtiften. Charles verſetzte, Lord Welter ſei auf ein Jahr ver⸗ wieſen worden. Der Decan freute ſich außerordentlich, dies zu hören, und hoffte, daß er zu Hauſe bleiben und ſeiner Familie ſeine fröhliche Laune zu gute kommen laſſen möchte. Da noch fünf andere Herren zu vernehmen wären, ſo meinte er, daß man nunmehr zu einem Entſcheide kommen müßte. Der Schatzmeiſter war der Anſicht, Mr. Ravenshoe's Angabe, daß er nüchtern geweſen, dürfe als Milderungs⸗ grund gelten. Mr. Ravenshoe wäre des Hanges für einen übermäßigen Genuß von geiſtigen Getränken bisher noch niemals geziehen worden. Wie geſagt, er halte dafür, daß dies in Erwägung zu nehmen wäre. Der Decan bedauerte, einer diametriſch entgegenge⸗ ſetzten Meinung zu ſein. Da Niemand weiter ein Wort für den armen Charles Kingsley, Ravensboe. I. 7 98 einlegte, ſo ſprach der Präſes die Befürchtung aus, daß er ihn ruſticiren müſſe.. Charles ſagte, er hoffe, man würde dies nicht thun. Der Decan ſtieß ein kurzes Lachen aus und bemerkte, wäre dies Alles, was er zu ſagen wiſſe, ſo hätte er ebenſo⸗ gut den Mund halten können. Und ſomit verhängte der Präſes die Ausweiſung auf ein Jahr, und Charles ver⸗ beugte ſich und ging.. daß er hun⸗ merkte, ebenſ⸗ gte der es ver⸗ Achtes Rapitel. Charles kehrte auf ſein Zimmer zurück— etwas ge⸗ müthsruhiger, als er es verlaſſen hatte. Noch ein furcht⸗ bares Geſchäft ſtand ihm bevor— das allerſchlimmſte von der ganzen Geſchichte: ſeinen Vater von dem Vorfalle in Kenntniß zu ſetzen. Wer nie auf einer Univerſität geweſen iſt, lacht über die Ruſtication. Er erachtet es für keine be⸗ ſondere Strafe, wenn man ein Semeſter oder zwei ſeine Studien auszuſetzen hat. Aber glaubt er etwa, daß die »Dons« nicht wiſſen, was ſie thun? Ja wol, unter zehn jungen Kameraden würden neun über die Ausweiſung lachen, wenn es ihnen nicht um»zu Hauſe« zu thun wäre. Das Schreckliche an der Sache iſt, ſie dem Vater mittheilen und ſeinen gerechten Zorn und die noch bitterern Vorwürfe der Mutter empfinden zu müſſen. Alles muß heraus, das Wie und das Warum, ohne Verheimlichung oder Beſchönigung. Das Collegium ſchickt einen Schreibebrief, um ſich zu recht⸗ fertigen, und den Aeltern gehen die Augen über Dinge auf, von denen ſie ſich nimmer hatten träumen laſſen. Wie es ſcheint, iſt's nicht das erſte Vergehen. Das Collegium iſt langmüthig und nachſichtig geweſen und hat verziehen, wo 7* 100 es wiederholt ſchon hätte ſtrafen ſollen. Der Junge, von dem ſie geglaubt, daß er ſich ſo vortrefflich aufführe, iſt zu einem ausſchweifenden, wilden Leben verführt worden und hat ſie Alle hintergangen. Es iſt der härteſte Schlag, der ſie noch getroffen. Wie können ſie ihm jemals wieder trauen?— Und ſo währt es lange, ehe die Wunde heilt, und oft heilt ſie niemals wieder. Das hat die»Ruſtication« zu be⸗ deuten! Bei Weitem die Mehrzahl der jungen Leute auf der Univerſität täuſcht die Aeltern, namentlich die, welche aus ernſten, religiöſen Häuſern kommen. Zuweilen ſind ſie geradezu gezwungen dazu, und unter allen Umſtänden iſt die Verſuchung groß. Es iſt ſehr unweiſe, zu viel zu fragen. Solche Familienexaminatorien ſind in manchen Fällen unverzeihlich. Ein Sohn kann einem Vater nicht ſagen, wie ein junger Mann es zum andern ſagt, er möge ſich um ſeine eigenen Angelegenheiten bekümmern. Nein. Der Vater thut eine Frage, auf die der Sohn völlig un⸗ vorbereitet iſt, und dieſer lügt, vielleicht zum erſten Male in ſeinem Leben. Hätte er die Wahrheit geſagt, ſo hätte ihn der Vater wahrſcheinlich zu Boden geſchlagen. Charles war in dieſer Beziehung etwas beſſer daran, als die meiſten jungen Leute. Er wußte, daß ſein Vater ſchelten werde wegen der Ausweiſung und noch mehr wegen ſeiner Schulden; aber er fürchtete ſich nicht ſonderlich vor ſeines Vaters Zorn. Die Beiden waren ſtets zu familiär zuſammen geweſen, um eine große Furcht vor einander zu haben. Vor Mackworth's Spöttereien bangte ihm weit mehr und nicht wenig vor ſeinem Bruder; in Bezug auf ſeinen Vater fühlte er nur geringes Unbehagen. dem inem at ſie noch — heilt be⸗ f der e aus d ſie n iſt l zu nchen nicht möge Nein. 9 Un⸗ Male hite gran, Pater vegen h vor iliär der weit 101 Er fand ſeinen Wichſier, zuſammen mit ſeinem Leib⸗ diener William, im Verſuche begriffen, wieder einige Ord⸗ nung in ſeinem Zimmer herzuſtellen; doch war dies ein hoffnungsloſes Beginnen. William blickte mit beſtürztem Geſichte zu ihm auf, als er hereintrat, und ſagte: „Wir können gar nicht damit fertig werden, Sir. Soll ich nicht lieber einen von Herbert's Leuten holen, Sir?“ „Du kannſt nach dem Stalle gehen, William“, gab Charles zur Antwort,„und die Pferde zur Reiſe fertig machen. Und Sie, Ward, mögen meine Sachen zuſammen⸗ packen, da ich morgen nach Hauſe reiſe. Ich bin verwieſen.“ Beide Diener ſahen ſehr verblüfft aus, namentlich William, der nach einer langen Pauſe ſagte: „Ich fürchtete ſchon, daß Etwas paſſiren würde, als ich geſtern nach dem Mittageſſen Mylord—“ hier ſchwieg William plötzlich und führte vor Jemandem, der in der Thür ſtand, die Hand an die Stirn. Es war ein wohlgekleideter, gutausſehender, junger Mann, ungefähr in Charles' Alter, mit einem hübſchen, bartloſen, blühenden Geſicht und kurzem, blondem Haar. Wie hübſch aber ſein Geſicht auch war, es machte, wegen eines gewiſſen Stirnrunzels, in dem er ſich alle Augen⸗ blicke gefiel— ſo oft er überhaupt Jemanden anſah— und wegen eines leiſen, chniſchen Zuges um die Mundwinkel, doch kaum einen angenehmen Eindruck. Sonſt hatte Lord Welter nichts Bemerkenswerthes an ſich, ſeine augenſchein⸗ liche große Körperkraft ausgenommen, um derentwillen er ziemlich berühmt war. „Hollah, Welter!“ rief Charles.„Der geſtrige Tag hat Epoche gemacht in den Annalen der Trunkenheit. So — — —— lange die Welt ſteht, war noch nie ein Menſch ſo betrunken, wie Du geſtern Abend. Ich that für Dich, was ich ver⸗ mochte, Thor, der ich war; denn die Sachen könnten nicht ſchlimmer ſtehen, als ſie ſtehen, wol aber beſſer. Wäre ich zu Bette gegangen, ſtatt nach Dir zu ſehen, ſo wäre ich jetzt nicht ruſticirt.“ „Thut mir verdammt leid, Charles, meiner Seele; 's iſt ja Alles nur meine verwünſchte Thorheit, und ich werde dies Deinem Vater ſchreiben. Du kommſt natür⸗ lich mit mir nach Ranford?“ „Beim Zeus, daran hatte ich nicht gedacht! Das wäre kein ſchlechter Gedanke, wie? Ich könnte von Ranford aus nach Hauſe ſchreiben, weißt Du. Ja, ich denke, ich ſage ja. William, Du kannſt morgen die Pferde hinüber⸗ bringen. Das iſt ein herrlicher Einfall von Dir. Ich dachte ſchon daran, nach London zu gehen.“ „Der Henker hole London in der Jagdzeit“, ſagte Lord Welter.„Beim heiligen Georg, wie der Alte toben wird! Und was wird die Großmutter ſagen!'s hat ihr Jemand weis gemacht, die Welt ginge unter nächſtes Jahr. Ich fürchte nur,'s wird vorher noch einen Derby⸗Tag geben. Sie hat die Homöopathie an den Nagel gehangen und ſich an die Kräuter gemacht. Sie war verdammt nahe daran, ihre Kammerjungfer mit einer zu großen Doſis Linum Catharticum, wie ſie es nennt, aus der Welt zu ſpediren. Sie wandert umher an wüſten Stätten und gräbt nach Kräutern, wie eine Hexe, und ein Koloß von einem Lakai muß ihr den Spaten nachtragen. S iſt aber'ne gute alte Creatur dennoch, oder mich ſoll der Henker holen.“ unken, h ver⸗ nicht ire ich wäre ford ke, ich nüber⸗ 5 te Lord wird! emand 3 geben. d ſich davan, inu ediren⸗ t nch n Lalat ute ale „Was denkt Adelaide über dieſe Veränderung in Lady Ascot's mediciniſchen und religiöſen Anſichten?“ „Iſt ihr einerlei; Gott ſegne Dich. Sie lacht über den Untergang der Welt, und was die Medicin betrifft, ſo nimmt ſie keine davon. Sie hat ſo ziemlich ihren eigenen Willen bei der alten Dame, kann ich Dir ſagen, und in dem Betreff bei allen Andern ebenfalls. Sie iſt ein herrſchſüchtiges, kleines Geſchöpf; ich fürchte mich vor ihr.— Wie geht's, Marſton?“ Dieſe Frage war an einen kleinen, ſauber gekleideten, geſetzt ausſehenden Mann mit einem klugen, angenehmen Geſichte gerichtet, der mit einem ſehr ernſten Blicke in dieſem Momente erſchien. Er erwiderte Welter's Be⸗ grüßung, und Letzterer ſchlenderte aus dem Zimmer, nach⸗ dem er mit Charles verabredet, um ſechs Uhr im»Kreuz« mit ihm zu ſpeiſen. Der Neuangekommene ſetzte ſich jetzt zu Charles und ſah ihm bekümmert ins Geſicht. „Alſo, dahin iſt es gekommen, mein armer Junge“, ſagte er;„und erſt zwei Tage nach unſern guten Ent⸗ ſchlüſſen, Charles! Weißt Du, was Iſaſchar war?“ „Nein.“ „Er war»wie ein ſtarker Eſel zwiſchen zwei Heu⸗ bündeln«, entgegnete der Andere lachend. Ich weiß Je⸗ manden, der ihm, o, wie ähnlich ſieht! Ich weiß einen Burſchen, der's excellent machen könnte in den Schulen und in der Welt, und der jetzt ſich entweder auf dem Sofa dehnt und Romane lieſt oder ſonſt ins entgegengeſetzte Extrem rennt und wie ein Verrückter läuft, oder reitet, oder rudert. Das ſind ſeine beiden Heubündel, und s iſt ein lieber, alter Eſel dazu, den zu ſchelten Einem recht 104 ſauer ankommt, ſelbſt wenn man wüthend auf ihn er⸗ zürnt iſt.“ „Iſt Alles wahr, Marſton; wahr wie's Evangelium“, ſagte Charles. „Sieh nur, wie ſchöne Fortſchritte Du in Shrews⸗ bury machteſt“, fuhr Marſton fort,„wo Du gezwungen warſt, zu arbeiten. Und nun haſt Du ſeit einem Jahr in kein vernünftiges Buch geguckt. Warum haſt Du nicht irgendeinen Zweck im Leben, alter Junge? Verſuch's, Kapitän vom acht⸗ oder vom elfruderigen Univerſitäts⸗ boote zu werden; oder mit Nummer Eins abzugehen, oder irgend Etwas. Denke an die vorigen Oſterferien, Charles. Nun denn, nein— ich will nicht davon reden. Aber ſei verſichert, daß dies Kneipenleben nichts taugt. Welches Vergnügen kannſt Du in aller Welt darin finden, Dich derlei Leuten zuzugeſellen, Leuten, die in Allem, außer der bloſen Körperkraft, tief unter Dir ſtehen? Du, der Du jeder, auch der allerbeſten, Geſellſchaft gewachſen biſt?“ „Nicht meine Schuld“, wehklagte Charles.„Es iſt bei Weitem mehr die Schuld Derer, mit denen ich umgehe. Jene Oſterferiengeſchichte war Welter's Erfindung. Er trug einen ſammetmancheſternen Jagdrock und Kniehoſen, und nannte ſich—“ „Schon gut, Charles! Ich ſehne mich nicht darnach, von jenes Herrn Großthaten zu hören. Ich hege gegen ihn den allerſtärkſten perſönlichen Widerwillen. Er ver⸗ wickelt Dich in allerlei Unheil. Ihr zankt Euch oft; warum brichſt Du nicht mit ihm?“ „Ich kann's nicht.“ 3 105 ihn ⸗„Weil er ein entfernter Verwandter iſt? Unſinn. Dein Bruder ſpricht nie ein Wort mit ihm.“ elum“„Das iſt's nicht.“ „Biſt Du ihm Geld ſchuldig?“ hren„Nein, ganz umgekehrt, beim Jupiter! Aber ich kann wungen mit dem Menſchen nicht brechen. Ich kann nicht um guhr in meinen Beſuch in Ranford kommen. Ich muß dorthin. u nicht S gibt ein Mädchen dort, das mir mehr werth iſt, als die ſuche, ganze übrige Welt zuſammengenommen. Wenn ich ſie eritits⸗ nicht mehr ſehen darf, komm' ich von Sinnen.“ 5 oder Marſton ſchaute ſehr nachdenklich drein. harles.„Du haſt mir hiervon nie Etwas geſagt“, bemerkte er; lber ſei„und ſie hat— hat Dich abgewieſen, wie?“ Welches„Ja! Woher weißt Du das?“ Dich„Durch meinen Mutterwitz. Ich könnte mir nicht ſer denken, daß Charles Ravenshve unter anderen Verhält⸗ niſſen das Leben geführt hätte, wie er es gethan.“ 1.„Ich verliebte mich in ſie“, ſagte Charles, ſich hin wſe und her wiegend,„als ſie noch ein Kind war. Hab' nie eine andere Liebſchaft gehabt, als ſie; und als ich das letzte s ithe Mal Ranford verließ, frug ich ſie— Du weißt ſchon— ugch. und ſie lachte mir ins Geſicht und ſagte, wir ſeien bereits zu alt für dergleichen Unſinn. Und als ich ihr ſchwor, icheſen daß ich es im Ernſte meine, lachte ſie nur um ſo mehr. Und ich bin ein verzweifelter Lump, beim Zeus, und ich will amach hingehen und mich anwerben laſſen, beim Zeus!“ e gegen„Welch' ein glänzender Gedanke!“ ſagte Marſton. Er vr⸗„Sei kein Eſel, Charles. Iſt das Mädchen eine große, uch oft vornehme Dame?“ „Eine große Dame! Gott ſegne Dich, nein. Sie iſt 106 in einer abhängigen Lage, hat keinen Sixpence im Ver⸗ mögen.“ „Dann fang' noch einmal von vorn an. Laß ſie eine Weile in Ruh'. Vielleicht warſt Du Deiner Sache zu ſicher und haſt ſie dadurch beleidigt. Wahrſcheinlich iſt ſie Deiner überdrüſſig. Wie Du ſelbſt ſagſt, machſt Du ihr bereits ſeit zehn Jahren den Hof, und das muß jedem Mädchen endlich langweilig werden, ſiehſt Du. Vermuth⸗ lich willſt Du jetzt nach Ranford gehen?“ „Ja, auf eine Weile.“ „Der allerletzte Ort, wohin Du gehen ſollteſt; viel beſſer, Du reiſteſt nach Hauſe zu Deinem Vater. Ra⸗ venshoe iſt ein ruhiges, geſetztes, geſundes Haus, nicht ſolch ein Tollhaus, wie jenes— reden wir aber von etwas Anderem. Man hat mich zu Dir abgeſandt.“ „Wer?“ „Musgrave. Das Achtruderige hat Leute verloren, und er wünſcht, daß Du's vierte Ruder nimmſt. Das Wettrudern mit Cambridge iſt arrangirt.“ „Ach, hol's der Henker!“ ſagte der arme Charles; „ich kann mich nach dieſer Geſchichte nicht ſehen laſſen. Nehmt einen Bootführer, Marſton, macht's. Sie müſſen bereits den ganzen Spectakel erfahren haben.“ „Nein, nein, ich will, daß Du kommſt; bitte, Charles, komm'. Ich wünſchte, daß Du dieſe Leute mit den Ge⸗ ſellen verglicheſt, mit denen Du geſtern Abend zuſammen warſt, und Dich mit eigenen Augen überzeugteſt, welchen Einfluß drei ſolche Gentlemen und Gelehrte, wie Dixon, Hunt und Smith, auf Ton und Sitten Derer haben, mit denen ſie verkehren.“ 107 zer⸗ Bei der Barke traf Charles die anderen Ruderer der Acht— ruhige, geſetzte, gentlemaniſche junge Leute, von eine denen Jeder wußte, was ſich zugetragen und in Folge zu deſſen nur um ſo artiger war. Musgrave, der Kapitän iſt des Bootes, empfing ihn mit einer freien, männlichen Höf⸗ Du lichkeit. Er bedauerte, daß Ravenshoe abreiſe, da er ge⸗ dem hofft, ihn zu Oſtern für das Boot zu gewinnen. Indeſſen uth⸗ die Sache wäre nicht zu ändern; er hoffte, ihn zu Henley zu haben und dergleichen mehr. Auch die Anderen waren ſehr höflich, und Charles entdeckte bald, daß er ſelbſt in viel einem ganz anderen Tone redete und ſich ganz anders aus⸗ Ru⸗ drückte, als er es in ſeines Vetters Wohnung zu thun icht pflegte. Noch am ſelben Abende ſprach er dies gegen von Marſton aus. Inzwiſchen ſchoß das Boot, mit der kleinen blauen Flagge am Bug, in prachtvoller Geſchwindigkeit den Fluß hinunter. Vorüber an ſchwerfälligen Barken und Feen⸗ 8 ſchiffchen, vorüber an Männern in Arbeitsjacken, die hoch 8 aufs Ufer rannten, um ihnen aus dem Wege zu kommen, und an Gruppen von Dandys, die eine Weile mit ihnen ls liefen. Und ehe noch einer von ihnen warm geworden, ſen waren ſie ſchon bei Iffley. Dann quer über den großen iſſen Mühlenteich und durch die tiefen Krümmungen hinaus . ins breite Waſſer und am abgeſtorbenen Riede vorbei, das les, vom nahenden Winter ſprach. Brücken und ein ſchneller Sturz— Sandford. Keine Ruhe hier. Hinaus aus der nmn tröpfelnden, brunnenartigen Schleuſe. Die Ruder heraus elchen und wieder fort, vorüber an den gelblichen Weiden, vor⸗ diron⸗ über an den langen, öden, grauen Wieſen, über die ziſchend n mi der Herbſtwind ſtreicht; durch die wirbelnden Biegungen 108 und Strudel bei der goldigen Abendſonne dem Walde von Nunenham zu. Es war ſo ſpät, als ſie zurückkehrten, daß das kleine Häuflein, das auf ſie gewartet, das getreue Häuflein, das bis Mitternacht harren würde, um das Achtruderige heim⸗ kommen zu ſehen, ſie nicht mehr erkennen konnte, aber von ferne ſchon den gemeſſenen Schlag der acht Ruder hörte, die ſo gleichzeitig fielen, als wär's ein einziger, wie ſie im ſchnellen Takt auf der dunkelnden Waſſerfläche daherkamen. Charles und Marſton gingen mit einander nach Hauſe. „Beim heiligen Georg“, ſagte Charles,„ich möchte mein ganzes Leben nichts Anderes treiben. Welch' einen prachtvollen Ruderſchlag der Musgrave hat, ſo entſchieden, ſo lang und doch ſo lebhaft! O, ich wollte, ich wäre ge⸗ zwungen, jeden Tag zu rudern, wie die Schiffsknechte!“ „Wahrſcheinlich würdeſt Du dann in ſechs bis ſieben Jahren ſo gut rudern, wie ein Schiffsknecht. Wenigſtens ſo gut, ſollt' ich meinen, wie einige zweiter Klaſſe etwa. Ich habe mir, da ich ein kleiner ſchwächlicher Mann bin, alle erdenkliche Mühe gegeben, ſteuern zu lernen; aber ich werde nie ſo gut ſteuern, wie der kleine Tims, der zehn Jahre alt iſt. Begeh' nicht den Fehler, das Mittel für den Zweck anzuſehen.“ Charles wollte ſich nicht immer die guten Rathſchläge ſeines Freundes gefallen laſſen und war der Anſicht, heute davon ſchon allzuviel genoſſen zu haben. Darum brach er jetzt plötzlich in wüthende Empörung aus, zu Marſton's großer Beluſtigung, der jedes Wort, das jener im Zorn ausſtieß, wohl aufſpeicherte und ſpäter mit furchtbarer Wirkung gegen ihn gebrauchte. de von kleine in, das heim⸗ er von hörte, ſie im lamen. uſe. möchte einen hieden, äre ge⸗ te“ ſieben igſtens eetwa mn bin, er zehn tel für ſchläge t, heute hrach* nſuns n Zorn chibener 109 „Ich kümmere mich nicht um das, was Du ſagſt“, ſchrie Charles;„Du biſt ein noch größerer Narr, als ich, hol' Dich der Henker! Du vergeudeſt die beſten Jahre Deines Lebens und untergräbſt Deine Geſundheit, ein Num⸗ mer Eins zu kriegen. Ein Nummer Eins! Nummer Eins! Ach, jener erbärmliche kleine Kerl, der Lock, kriegte Nummer Eins. Ein Burſche, der, Alles in Allem genommen, der verächtlichſte kleine Lump iſt, den ich kenne! Wenn Du ſehr fleißig biſt, kannſt Du Dich zu ſeiner Höhe er⸗ heben. Und wenn Du Dir Deine koſtbare Eins errungen, wirſt Du finden, daß Du für kein Amt und kein Gewerbe taugſt(die Kirche ausgenommen, auf die Du's nicht abge⸗ ſehen haſt). Was weißt Du von den neueren Sprachen oder von der neueren Geſchichte? Willſt Du Dich aufs Jus legen, ſo kannſt Du nur wieder von vorn anfangen. In der Armee nehmen ſie Dich gar nicht an,— ſind nicht ſolche Stubenhocker. Und das iſt Alles, was Du für Deine fünfzehnhundert Pfund erlangen kannſt!“ Charles ſchwieg und Marſton ſchlug in die Hände und rief:„Hört! hört!“, was Jenen noch mehr auf⸗ brachte. „Ich würde mir nichts daraus machen, wäre ich wirk⸗ lich ein Schiffsknecht. All' dieſer Schwindel und dieſe Anmaßung widern mich an; ich wollte, Gott weiß was, lieber ſein, als was ich bin, mit meinen Schulden und meiner Ausweiſung und mit dem Scheine, den ich wahren muß. Ich wollt', ich wäre Billardmarqueur; ich wollt', ich wär' ein Jockeh; ich wollt' ich wäre des Boxers Alick Read's Lehrjunge; ich wollt', ich wäre einer von Barclay und Perkins' Fuhrknechten. Hol's der Henker, ich wollt', 110 ich wäre ein Droſchkenkutſcher! Die Königin Eliſabeth war eine weiſe Frau und ſie war ganz meiner Anſicht.“ „Wünſchte die Königin Eliſabeth, ſie wäre ein Droſch⸗ kenkutſcher?“ frug Marſton ernſt. „Nein“, ſagte Charles ſehr ſpitzig.„Sie wünſchte, ſie wäre eine Milchmagd, und ich finde, daß ſie vollkommen Recht hatte. Da!“ „Du möchteſt alſo eine Milchmagd ſein?“ ſagte der unerſchütterliche Marſton.„Verſuche lieber noch einen Curſus Oſterferien mit Welter. Mrs. Sherrat wird Euch ſchon einen alten Anzug von einem ihrer Knechte verſchaffen. Hier ſind wir am Kreuze, wo Du ſpeiſeſt. Auf Wiederſehen!“ John Marſton kannte auf der Univerſität Jeden, den es zu kennen lohnte, und kannte ihn gut. Er ſchien nicht beſonders reich zu ſein; er war nicht ſchön, nicht glänzend in der Unterhaltung; er kleidete ſich nicht gut, obgleich er ſtets ſauber war; er war kein guter Cricketſpieler, kein Ruderer, kein Reiter; er trat nie als Redner auf im Club; er gab nie große Geſellſchaften; Niemand wußte Etwas von ſeiner Familie; er wettete nie, und doch hatte er den beſten Umgang, den die Univerſität bot. Natürlich hatte dies ſeinen Grund; ja, ſogar drei gute und genügende Gründe, obgleich ich oben die Mittel er⸗ ſchöpft zu haben ſcheine, welche die Aufnahme in die gute Geſellſchaft einer Univerſität ermöglichen. Erſtens war er als Externus in Eton und dort ſehr beliebt geweſen; zweitens hatte er eines der großen Stipendien, und drittens war ſein Verhalten ſtets höchſt correct und gentlemaniſch geweſen. ſabeth ht.“ roſch⸗ hte, ſie ommen gte der einen t wird nechte peiſeſ. n, den nicht änzend leich er n, kein lub; Etwas er den ttel e⸗ ie gue nö war eneſeni pritten nmniſc 111 Vor einem Jahre hatte er Charles als Fuchs zum erſten Male bei Lord Welter getroffen und eine große Zuneigung zu ihm gefaßt. Charles war ſoeben mit einem vortrefflichen Rufe von Shrewsbury angelangt, und Marſton hoffte, daß er fleißig ſein und ſich auszeichnen werde; aber nein. Charles begann zu reiten, zu rudern, zu fahren u. ſ. w., nicht zu erwähnen der Geſellſchaften, die er gab oder beſuchte, mit dem ganzen Ungeſtüm eines jungen Mannes, der mit einer guten Conſtitution, reich lichem Gelde, angenehmen Manieren und der Fähigkeit ausgerüſtet iſt, bis zu einem gewiſſen Grade in jedwedem Sport zu excelliren, dem er ſich hingibt. Sehr bald fing auch er an, Marſton zu lieben und zu achten. Er ließ ſich von ihm»aufbrummen« und gute Rathſchläge ertheilen, die er von Anderen nicht ange— nommen hätte. Am Abende vor ſeiner Abreiſe kam Marſton zu ihm und bemühte ſich, ihn zu überreden, nach Hauſe zu reiſen, anſtatt nach dem»Pferdeſtalle«, wie er Ranford unehrer⸗ bietigerweiſe titulirte; aber Charles lachte und ſcherzte und gab ausweichende Antworten, und Marſton ſah, daß er entſchloſſen war und hörte auf, weiter in ihn zu dringen. Ueuntes Rapitel. Am folgenden Nachmittage kamen Lord Welter und Charles von Ranford angeritten. Die Diener ſahen überraſcht aus: man erwartete ſie nicht. Se. Lordſchaft war auf der Jagd, Mylady im Hühnerhofe, Mr. Pool im Billardzimmer mit Lord Saltire. „Wahrhaftig!“ rief Lord Welter,„das trifft ſich gut; er ſoll's dem Alten ſagen.“ Der ehrwürdige Edelmann war über das Mißgeſchick der offenherzigen Jünglinge außerordentlich beluſtigt und übernahm mit großer Gutmüthigkeit die ihm gewordene Aufgabe. Als er jedoch die Urſache des Unglücks ver⸗ nahm, änderte er ſeinen Ton bedeutend und gab den jungen Leuten, was bei ihm für eine ſtrenge Strafpredigt gelten konnte. Er bedauerte, daß die Geſchichte aus einer trun⸗ kenen Balgerei hergekommen wäre, er wollte lieber—— u. ſ. w., was, wenngleich auch ſchlimm genug, doch nicht ſolche Schande nachzöge, wie Das, was ſie begangen hätten. Sie möchten den Rath eines alten Burſchen annehmen,“ der ſeit mehr als achtzig Jahren in der Welt und mit der Welt gelebt, und ſich wohl hüten, ſelbſt unter ihres Glei⸗ rund ſahen ſchaft Pool gt und ordene ungen gelbn trun⸗ hitten 113 chen nicht für Trinker zu gelten. Zu ſeiner Zeit, gebe er zu, wäre das Trinken de rigneur geweſen, und es hätte in der That nichts paſſender und correcter ſein können, als die Geſchichte, die ſie ihm ſoeben mitgetheilt, wenn ſich dieſelbe vor fünfzig Jahren zugetragen. Heutzutage aber wäre eine betrunkene Schlägerei ein Anachronismus. Kein* Menſch tränke jetzt noch. Er hätte es ſich zur Aufgabe gemacht, die beſten jungen Leute zu beobachten, und geſehen, doß keiner von ihnen tränke; zur Aufgabe ferner, die Zeit nach den hochſtehenden jungen Leuten zu beurtheilen, wie es Jeder thun ſollte, der mit der Welt fortſchreiten wollte. In ſeinen Tagen wäre es, zum Beiſpiele, Sitte geweſen, mit ziemlicher Freiheit über religiöſe Gegenſtände zu ſprechen, und er ſelbſt für Dergleichen einigermaßen ſtadtkundig ge⸗ worden; aber betrachte man ihn jetzt er ſchickte ſich in die Zeit und ginge in die Kirche. Jeder ginge heutzutage in die Kirche. Sie möchten ihm erlauben, ſie darauf auf⸗ merkſam zu machen, daß ſich die öffentliche Moral in den letzteren Jahren ſehr fühlbar gebeſſert hätte. Und in dieſer Weiſe ertheilte ihnen der gutmüthige alte Heide, was er wahrſcheinlich als die vortrefflichſte Belehrung erachtete. Er iſt jetzt dahingegangen, zu ſehen, was ſein Moralſyſtem werth iſt. Ich mag ihn nicht rich⸗ ten, ihn ſo wenig wie ſeine Zeitgenoſſen überhaupt. Es thut mir weh, wenn ich höre, wie man von den Männern aus der Revolutionsperiode ſo obenhin und wegwerfend zu ſprechen pflegt. Die Zeit war eine ſo gar exceptionelle! Ihre Männer waren ein Geſchlecht von Rieſen, und man wundert ſich, wie die Welt jene Tage überhaupt zu über⸗ ſtehen vermochte. Ein Schatz von ſechshundert Millionen, Kingsley, Ravenshoe. I. 8 114 der von Großbritannien allein geopfert wurde! Wie viele Millionen Leben dabei verloren gingen, kann Niemand be⸗ rechnen! Wen darf es da Wunder nehmen, wenn es „Höllenfeuerclubs« und allerlei Gattung von Ungeheuer⸗ lichkeiten gab? Würde wol Einer von unſerer jetzigen Gene⸗ ration, wenn er damals gelebt hätte, dem Feſte der»Göttin der Vernunft« beigewohnt haben? Ganz ſicherlich nicht. Charles ging allein nach dem Hühnerhofe; doch fand er dort Niemanden als den Wildwart, der einem Hahne Medicin eingab, welcher ſehr verdächtig ausſah— das heißt, wenn die Geſetze gegen die Hahnenkämpfe in Kraft getreten wären. Lady Ascot war hineingegangen. So begab ſich denn Charles ebenfalls ins Haus und in das Zimmer ſeiner Tante hinauf. Es war eine der neueſten Grillen der alten Dame, im Finſtern oder doch wenigſtens in einer Dämmerung zu ſitzen, die der Dunkelheit ſehr nahe kam. Als daher Charles aus einem hellen Corridor hereintrat und die Thür hinter ſich ſchloß, vermochte er nicht, die Hand vor den Augen zu ſehen. Indeß ſeiner Ortskenntniß vertrauend, ſchritt er mit ſo glücklichem Erfolge vorwärts, daß er alsbald der Länge nach über einen Lehnſtuhl ſtürzte. In ſeinem Falle war es ihm vorgekommen, als wäre er in einen Schlund oder Abgrund von unbekannter Tiefe verſunken, und er ſtieß einen lauten Angſtſchrei aus. Hierauf rief Lady Ascot's Stimme dicht neben ihm»Herein«, wie im Glauben, als hätte ſoeben Jemand angeklopft. „Herauf wäre paſſender hier, Tante Ascot“, ſagte Charles.„Warum ſitzeſt Du im Finſtern? Ich habe mich um's Leben gebracht, glaub' ich.“ ie viele and be⸗ enn es eheuet⸗ nGene⸗ Göttin nicht. ch fand Hahne — das nKnft in das me, im uſitzen, harles hintet Augen ſchritt zald der nFult chlund und er Ladh lauben, 115 „Biſt Du es, Charles?“ fuhr ſie fort.„Was führt Dich hierher? Mein Junge, ich freue mich herzlich, Dich zu ſehen. Oeffne ein wenig den Fenſterladen, Charles, damit ich Dich wirklich ſehen kann.“ Charles gehorchte, und als das helle Licht von außen auf ſein Geſicht fiel, ließ die alte Dame einen tiefen Seufzer hören. „Ach, lieber Himmel, um die Augen herum dem armen, guten Peter ſo ähnlich! Seit ihm gab's keinen ſchönen Ravenshoe mehr und wird auch nie mehr einen geben. Du warſt als Knabe ganz erträglich, mein Lieber; aber jetzt ſind Deine Züge grob, ſehr grob und häßlich ge⸗ worden. Der arme Peter!“ „Du haſt im Lichte noch mehr Unglück, als im Finſtern, Charles“, ertönte eine muntere, klare, wohlklingende Stimme hinter der alten Dame.„Großmama ſcheint heute in ihrer Vernichtungslaune zu ſein. Eben hatte ſie mir geſagt, ich wäre ein unbedeutendes, dummes Ding, als Du ſo anmuthig und geräuſchlos hereinkamſt und mir fernere Schmeicheleien erſparteſt.“ Hätte Adelaide, während ſie ſprach, anſtatt auf ihre Arbeit zu blicken, Charles angeſchaut, ſo würde ſie geſehen haben, wie er beim Klang ihrer Stimme erbebte. So aber gewahrte ſie nichts davon; und Charles, der ſich augenblicklich wieder zuſammennahm, ſ tigſten Tone von der Welt: „Hollah, biſt Du da? Wie fä Finſtern zu arbeiten?“ „Es iſt nicht finſter für Jeman — 116 Augen hat“, war die ſchnippiſche Antwort.„Ich ſehe genug, um leſen zu können.“ Hier bemerkte Lady Ascot, wenn ſie Adelaide ein dummes Ding genannt hätte, ſo wäre dies geſchehen, weil der Trotzkopf ſeine Anſicht gegen die eines Mannes wie Doctor Going habe geltend machen wollen; gegen ſie wäre Adelaide ein gutes, gehorſames Mädchen, ſie ſelbſt aber eine ſehr alte Frau, die vielleicht nicht mehr das Ende des künftigen Jahres erlebte, und ihre Meinung noch immer die, daß Charles' Geſicht ſehr grob und häßlich geworden, und daß es ihr leid thäte, ihre Anſicht nicht ändern zu können. Adelaide trat ſchnell zu ihr heran, küßte ſie und ſtellte ſich dann neben Charles ins Helle. Sie war zu einer prächtigen Blondine herangewachſen: von ihrem reichen, gelockten Haare bis zu ihrem ausge⸗ ſucht kleinen Fuße ein Muſter von Anmuth. Die Naſe war zart gebogen, der Mund wich leicht zurück, während das runde Kinn kaum merklich vortrat. Die Augen wa⸗ ren glänzend und hafteten im Momente auf ihrem Gegenſtand, und die Brauen ſchweiften in einem feinen, aber ſcharf gezeichneten Bogen darüber hin. Eine Schön⸗ heit war ſie mit Einem Worte, ſo wie man ſie ſelten ſieht, und als Charles ſie betrachtete, fühlte er, wie er ſie lei⸗ er liebte denn je, und daß er lieber ſterben ſche ide ein en, weil tes wie gen ſie e ſelbſt Ende immer worden, ern zu ſtellte achſen: ausge⸗ Naſe ährend en we⸗ ihrem feinen, Schir⸗ ſieht, ſie lei⸗ ſterben nnicht n man eleide⸗ ſ Tante Ascot, ich habe ſchlechte Nachrichten für Dich. Ich bin in Bedrängniß gerathen.“ „Ach, du mein Gott“, rief die alte Dame aus,„und was giebts jetzt? Etwas mit'ner Frau? he? Ihr Ra⸗ venshoes war't immer—“ „Nein, nein, liebe Tante. Nichts von der Art. Ade⸗ laide, geh' nicht hinaus, bitte; Du würdeſt um ein ſo capitales Gelächter kommen! Ich bin relegirt worden, Tante Ascot.“ „Das iſt gewiß außerordentlich komiſch, muß ich an⸗ nehmen“, ſagte Adelaide mit leiſer Stimme;„aber ich ver⸗ ſtehe den Spaß an der Sache nicht.“ „Ich glaubte, Du würdeſt mich vielleicht auslachen dafür“, ſagte Charles,„s iſt ja eines Deiner Lieblings⸗ vergnügen.“ „Was um des Himmels willen macht Dich heute nur ſo unfreundlich und garſtig, Charles? Du pflegteſt ſonſt nicht ſo zu ſein, wenn Dir etwas Unangenehmes begegnet war. Dein Mißgeſchick betrübt mich ſicherlich ſehr, ob⸗ gleich ich daſſelbe nicht in ſeiner ganzen Ausdehnung be⸗ greife. Iſt es eine ſehr ernſte Sache?“ „Ernſt? Sehr. Ich gehe nicht eben gern nach Hauſe. Welter ſteckt in derſelben Klemme. Wer ſoll es ihr nur ſagen?“ „Paſſe auf, ich will Dir zeigen. Wie man ſie nehmen muß“, ſagte Adelaide. Alles dies wurde in leiſem Tone und ſprochen. Die alte Dame hatte eben begon mit lauter, gereizter Stimme auszuſchelten, als Adelaide ſie unterbrach. 3 „Welter iſt ebenfalls ruſticirt, Großmama.“ Adelaide ſprach dies in der gutmüthigen Abſicht aus, einen Theil des Zornes der alten Dame von Charles ab und auf ihren Enkel zu lenken; doch, wie gut auch ihr Wille, der Erfolg war kein günſtiger. Die alte Dame goß ihre Entrüſtung über Charles aus, beſchuldigte ihn als den Urheber des ganzen Unglücks, der Welter ſtets in alle Art von Widerwärtigkeiten verwickelte, Welter, welcher, ihrer Anſicht nach, ein harmloſer und vorzüglicher junger Mann wäre und nur den einen Fehler hätte, daß er ſich zu leicht von Andern irre leiten ließe. Charles entwiſchte, ſobald es ihm möglich war, und Adelaide folgte ihm. „Das iſt nicht wahr, wie?“ ſagte ſie.„Es iſt nicht Deine Schuld?“ „Meine Schuld— nun, zum Theil allerdings. Aber Welter hätten ſie ſchon früher heimgeſchickt, wäre ich nicht geweſen. Diesmal hat er mich in die Patſche gebracht. Er darf nicht wieder nach Oxford. Du mußt es nicht zu⸗ geben, daß er wieder dorthin geht.“ „Ich es nicht zugeben,— nun, wahrlich! Was in aller Welt habe ich damit zu ſchaffen, wo es Sr. Lord⸗ ſchaft ſich aufzuhalten beliebt?“ ſagte ſie in bitterem Tone. „Weißt Du nicht, mit wem Du ſprichſt?— mit einer ver⸗ waiſten Bettlerin.“ icht ſo, Adelaide. Deine Macht im roß; es iſt die Macht des einzigen pfes im ganzen Hauſe. Du könnteſt Alles was Du nur wollteſt.“ Sie waren zuſammen an eine Thür des Gewächs⸗ aus, rles ab uch ihr Dame ſe ihn ſtets in velchet, junger er ſch und nicht Aber ch nicht ehcht ſicht z Pos in Lord⸗ Tone ner ver⸗ acht in eirzigen ſt Als ewicht⸗ hauſes gekommen. Sie lehnte ſich mit dem Rücken gegen dieſelbe und hielt ihre Hand in die Höhe, um ihn zu be⸗ ſonderer Aufmerkſamkeit aufzufordern. „Ich wollte, dem wäre ſo, Charles; aber's iſt nicht der Fall. Niemand hat irgend welchen Einfluß auf Lord Ascot. Steckt Welter tief in Schulden?“ „Sehr bedeutend, ſollt' ich meinen“, entgegnete Charles. „Ich denke, ich muß Dir dies ſagen. Du kannſt ihm hel— fen, die alten Leute darauf vorzubereiten.“ „Ja wol, er kommt bei ſolchen Gelegenheiten ſtets zu mir— that dies ſchon als Kind. Ich will Dir etwas ſagen, Charles,'s iſt Unglück für dieſes Haus im Anzuge, oder ſchon über daſſelbe hereingebrochen. Lord Ascot kam von Cheſter zurück mit einem Geſichte, wie der Tod; man ſagt, er hätte furchtbar verloren, dort ſowol wie zu Newmarket. Er kam ſehr ſpät heim und ging zur Großmama hinauf und's gab einen entſetzlichen Auftritt. Sie iſt ſeitdem nicht mehr dieſelbe. Noch ein Schlag, wie der da, würde ſie tödten. Ich glaube, Lord Ascot's ganze Exiſtenz hängt davon ab, ob ſein Fohlen den Derby⸗ Tag gewinnt. Komme mit und ſieh, wie es galoppirt“, fügte ſie hinzu, indem ſie plötzlich ihre blitzenden Augen zu den ſeinigen aufſchlug und mit einer Lebhaftigkeit und Schnelligkeit ſprach, die ſich ſehr von dem kalten, ernſten Tone unterſchied, in dem ſie von den Familienbedrängniſſen geſprochen hatte.„Komm, und laß uns etwas Sauerſtoff genießen. Seit einem Monate habe ich mit keinem Manne geſprochen. Ich habe ein Leben geführt wie eine Nonne; nein, ſchlimmer als eine Nonne; denn ich bin mit, ach, ſolchen erbärmlichen Trivialitäten gequält und gedemü⸗ 8 1 120 thigt worden. Geh' und beſtelle die Pferde. Ich werde ſogleich bereit ſein.“ Sie ſprang fort und er eilte in den Hof hinaus. Kaum waren die Pferde geſattelt, als ſie auch ſchon zurückkam, mit demſelben kalten, ſtrengen Geſichtsausdrucke, der viel⸗ leicht jetzt durch die männliche Kleidung um ſo ſchärfer hervortrat. Sie war eine ausgezeichnete Reiterin. Sie regierte das boshafte ſchwarze irländiſche Pferd, welches man ihr brachte, mit Leichtigkeit und Geiſtesgegenwart und ſchien ſich an dem heftigen Bäumen und Ausſchlagen des böſen Thieres weit mehr zu erfreuen, als ihr Begleiter, Charles, der ſie lieber auf einem ruhigeren Pferde ge⸗ ſehen hätte. Ein ſauſender Galopp unter den ſtolzen alten Bäumen durch ein tiefes Thal an einer Heerde von Rothwild vor⸗ über, welches durch das dickgeſtreute rothe Herbſtlaub da⸗ hinſtob, trug ſie bald an die großen Ställe— ein um⸗ fängliches Gebäude am Rande des Parkes und ganz nahe bei den Dünen. Zwanzig bis dreißig hochbeinige, elegante, nonchalant ausſehende Thiere, die bis an die Ohren in Decken ſteckten und von denen jedes von einem wunderlich ausſehenden Burſchen mit gebräuntem Geſichte geritten wurde, kehrten eben von ihrem Nachmittagsexercitium heim. Auf dieſe machte Adelaide's Stute»Molly Asthore« eine Attake und zerſtreute ſie wie eine Heerde Schafe. Alsdann wies Adelaide mit ihrer Peitſche nach den Dünen hin und jagte, am Stalle vorüber, einer Gruppe zu, die ſie in einiger Entfernung erblickten. Dieſelbe beſtand blos aus vier Perſonen— Lord Ascot, dem Stallmeiſter und zwei Reitknechten. Adelaide werde Kaum ckam, v viel⸗ chärfet Sie welches enwart hlagen leiter, de ge⸗ äumen d vor⸗ ub da⸗ n um⸗ z nhe egante⸗ ren in derlich eritten citium thore⸗ chafe Dünen die ſi Lord velaide 12¹ war richtig unterrichtet: das Füllen Voltigeur(ſpäter Haphazard genannt) ſollte mit einem Galopp verſucht werden, und es wurden ihm eben die Decken abgenommen. Lord Ascot und der Stallmeiſter beſtiegen ihre Pferde und kamen zu unſerm Paare heran, welches langſam die abgemeſſene Bahn hinritt, auf der das Füllen erſcheinen ſollte. Lord Ascot ſah ſehr bleich und verſtört aus. Er be⸗ grüßte Charles mit Herzlichkeit und ſcherzte mit Adelaide; aber ſeine Hände zerrten unruhig am Zaume, und er wandte ſich fortwährend nach dem Pferde um, welches ſie verlaſſen hatten, in ungeduldiger Verwunderung, warum der Burſche noch zurückblieb. Endlich ſahen ſie, wie das ſchöne Thier den Kopf ſchüttelte, ein paarmal wie ſpielend hintenaus ſchlug und dann in geſtrecktem Laufe über den kurzen, elaſtiſchen Raſen auf ſie zukam. Nun wandten ſie ſich und ritten, was die Pferde lau⸗ fen wollten, weiter, und bald hörten ſie den gewaltigen, hohlklingenden Hufſchlag hinter ſich, der den Raum wie im Fluge durchmaß. Das Füllen ſauſte in ſeinem Stolze an ihnen vorüber, das Maul an die Bruſt gedrückt, feſt im Zügel gehalten, bei jedem Schritte die Hinterfüße bis an den Gurt hebend und einen Regen von Raſen hinter ſich aufſchleudernd. Da that Adelaide's Pferd ein paar wüthende Sätze, griff aus, holte das Füllen ein und rannte wirklich ein paar hundert Ellen mit ihm um die Wette. Auf einem luftigen Hügel aber wurde das Füllen parirt, und hier hielten ſie dann Alle und beglückwünſchten einander über die Schönheit des Pferdes. Charles und Adelaide ritten zuſammen weiter über die Dünen, um einen kleinen Umweg zu machen und dadurch ihre Promenade zu verlängern. Sie hatten ſeit ſie an der Thür des Gewächshauſes ſchieden, keine Gelegenheit zur Unterhaltung gehabt und fuhren in ihrem Geſpräche ſo ziemlich da fort, wo ſie es hatten fallen laſſen. Adelaide begann es und ſpann es auch weiter, wie ich wol ſagen kann; denn ſie ſprach größtentheils allein. „Ich möchte eine Herzogin ſein; dann wäre ich Herrin über das einzige Ding, welches ich fürchte.“ „Was iſt das?“ „Die Armuth“, ſagte ſie.„Sie iſt meine einzige Angſt und doch mein unvermeidliches Schickſal.“ „Ich hätte geglaubt, Adelaide, daß Du zu ſtolz und hochſinnig wäreſt, um Dich von Dem oder von ſonſt Etwas überhaupt anfechten zu laſſen.“ „Ah, das verſtehſt Du nicht; alle meine Angehörigen ſind arm. Ich weiß, was das heißt; ich weiß was es für ein ſchönes Mädchen, wie ich, zu bedeuten hat.“ „Du wirſt niemals arm oder verlaſſen ſein, ſolange Lady Ascot lebt.“ „Wie lange wird das noch ſein? Meine Heimat hängt jetzt ſehr von jenem Füllen ab. Ach, wäre ich nur ein Mann! da ſollte mir die Armuth willkommen ſein; ſie würde mich zur Thätigkeit zwingen.“ Charles erröthete. Erſt vor wenigen Tagen hatte er mit Marſton ein Wortgefecht gehabt, in welchem der Erſtere geſagt, die einzige Hoffnung für Charles wäre noch, daß er ſich einmal zwei oder drei Tage ohne ſein Mittagseſſen behelfen müßte und dann genöthigt wäre, es ſich zu verdienen; daß er aber, ſo lange er noch einen adurch an der eit jur iche ſo Herrin einzige und Etwas örigen was es Heimat ich nur n ſein; hatte e em der 6 wäre ne ſei tnir, ch einen 123 Deut in der Taſche hätte, ein träger, nutzloſer Burſche bleiben würde. Und jetzt ſah er da eine junge Dame neben ſich, welche dieſelben verabſcheuungswürdigen An⸗ ſichten ausſprach! Er lenkte ihre Aufmerkſamkeit auf die Fernſicht. Dreihundert Fuß unter ihnen ſchlängelte ſich die Themſe zwiſchen den Dünen und gelben Wäldern, an Kreidebrüchen und grauen Pachthäuſern hin, welche blutroth erſchienen im Lichte der ſinkenden Sonne. Ein milder, reicher, herbſt licher Duft legte ſich über Alles. Der Rauch von dem fernen Dorfe hing wie ein Perlenſchleier über dem Thale. Das lange, gerade, dunkle Gehölz, welches die graue, hügelige Gegend krönte, war auf ſeiner dunkelſten Seite in einem matten Purpurdunſte gebadet, und um die träumeriſche Stille zu vollenden, ſchwebte der reine Klang einer fernen Glocke durch die friedliche Luft zu ihnen herüber. Es war ein ſtiller Tag im allmählich zum Ende ſich neigenden Jahre, und ſein Frieden ſchien ſich den Herzen unſerer beiden wil den jungen Vögel mitzutheilen; denn mehr als die Hälfte des Heimwegs ritten ſie ſchweigend dahin. Endlich ſagte Charles mit leiſer Stimme: „Liebe Adelaide, ich hoffe, Du mögeſt nicht Unrecht haben. Es kommt eine Zeit, wo Du eine gewichtigere Entſcheidung zu treffen haben wirſt, als alle, die Du vor her trafeſt. Ein Mal, ſagt man, hat jeder Mann und jedes Weib zu wählen zwiſchen Gutem und zwiſchen Böſem. Um Gottes willen— überlege wohl, ehe Du's thuſt!“ „Charles“, ſprach ſie mit leiſer, unſicherer Stimme, „wenn ein Zauberer Dir anböte, Dich in einem Spiegel 124 Dein Geſicht erblicken zu laſſen, wie es in zehn Jahren wäre, hätteſt Du den Muth, hineinzuſchauen?“ „Wahrſcheinlich; Du nicht?“ „O, nein, nein, nein! Wie kannſt Du wiſſen, was für eine grauenvolle Erſcheinung Dir entgegenſtierte und Dich zum Tode erſchreckte! In zehn Jahren! Wo werden wir dann ſein?“ Jahren n, was rte und werden Behntes Rapitel. Das Diner zu Ranford war heute ſehr langweilig. Lord Ascot ſprach kaum eine Sylbe; er war freundlich und höflich— das war er immer— doch ſeinem gewöhn⸗ lichen Selbſt ſehr unähnlich. Die Geſellſchaft vermißte ſeine Witze, die, wenngleich mäßig und zuweilen wol gar»ſcharf auf der Grenze«, ihren Zweck erfüllten, indem ſie zeigten, wie ihrem Urheber darum zu thun war, ſich nach beſten Kräften angenehm zu machen. Er lachte wäh⸗ rend der ganzen Mahlzeit nicht ein einziges Mal, was etwas ſehr Außerordentliches war. Es lag auf der Hand, Lord Saltire hatte ſich ſeines Auftrags entledigt, und Charles fürchtete, daß Lord Ascot auf ſeinen Sohn äußerſt aufgebracht wäre. Als aber Letzterer einmal plötzlich aufblickte und eine Frage an ſeinen Vater richtete, ant⸗ wortete dieſer ihm freundlich in ſeinem gewohnten Tone und fuhr eine Weile in dieſer Art mit ihm zu reden fort. Lady Ascot war ein wahrer Schatz. Mit edler Selbſt⸗ verleugnung beſchloß ſie, auf die Gefahr hin, ausgelacht zu werden, die Aufmerkſamkeit auf ſich zu lenken, indem ſie einige ihrer bemerkenswertheſten Anſichten und Ideen zu 126 Tage förderte. Sie machte ſich alſo an Lord Saltire mit ihrem Thema vom bevorſtehenden Weltuntergange und ver⸗ kündete den durch Feuer bevorſtehenden jüngſten Tag genau auf heute über neun Monate. Lord Saltire konnte mit keiner Anſicht dienen über die Wahrſcheinlichkeit von Doctor Going's Theorie, doch hegte er die aufrichtige Hoffnung, daß die Welt noch ſo lange beſtehen würde, bis er Zeit gehabt, ſich in der hergebrachten Weiſe aus dem Staube zu machen. Er bezweifele zwar die Richtigkeit ihrer Be⸗ rechnungen keinen Augenblick; aber er frage ſie als eine Frau, die in der großen Welt gelebt, ob nicht ein Ereigniß, wie ſie es verkünde, im höchſten Grade unbequem und un⸗ paſſend ſein würde? Adelaide ſagte, ſie glaube kein Wort davon, und nichts werde ſie bewegen, dies zu thun, bis das Ereigniß wirklich ſtattfände. Das zog den Zorn der alten Dame auf ſie herab und half der erſchlaffenden Unterhaltung wieder etwas auf. Aber nach dem Diner wurde es trotz der vereinten Bemühungen aller Anweſenden ſo langweilig, daß Lord Saltire, als er mit ſeinem jungen Freunde die Treppe hinaufging, dieſem vertraute, er hätte eine Ahnung, daß nicht Alles in ſeiner Ordnung wäre, und jedenfalls be⸗ gänne es ſo unerträglich langweilig im Hauſe zu werden, daß er ziehen müſſe, pardieu; denn er könnte's nicht mehr aushalten. Er gedächte nach Devon zu gehen zu ſeinem Freunde, Lord Segur. Welter nahm einen paſſenden Anlaß, Charles zu ſagen, daß ihn Lord Ascot vor ſich beſchieden und ihm mitgetheilt hätte, daß er Alles wiſſe, was ſich zugetragen,— auch ſeine Schulden. Er wünſchte übrigens nicht, daß über die Sache tire mit und ver⸗ g genau inte mit Doctor offnung, et Zeit Stabe hrer Be⸗ als eine Erignif, und un⸗ d nichts Ereigniß n Dame thaltung es wt ngweili eunde die Ahnung, full be werden, cht mehr nſeinen zu ſt igehil ſeine Sache die— 127 geſprochen würde(als ob ich darüber zu reden geneigt wäre!«) und die Schulden ſollten womöglich bezahlt werden. Dann hätte er ihm weiter geſagt, er wollte Welter nichts Hartes über die Geſchichte anzuhören geben— er bezwei⸗ felte, ob er noch das Recht hätte, ſeinem Sohne Vorwürfe zu machen. Sie bedürften Beide gegenſeitig der Ver⸗ zeihung, und er hoffte, ſie würden bei Dem, was kommen könnte, gegen einander die Höflichkeit und Nachſicht be⸗ obachten, welche ein Gentleman vom andern zu erwarten berechtigt wäre. „Und was, zum Henker, mag er nur damit meinen, wie? So hat er noch nie im Leben geſprochen. Will er ſich etwa wieder verheirathen? Richtig, das iſt's, verlaß' Dich drauf“, ſagte der ſcharfblickende junge Herr. „Das wäre eigentlich eine Schande, namentlich wenn dann zwei oder drei junge Füchſe kämen, um ſich ein Stück von meinem Vermögen zu Gemüthe zu führen“, und von Stunde an begann Lord Welter ſeinen Vater mit einiger Kälte und der Miene gekränkter Unſchuld zu behandeln, was für Charles und Adelaide, welche die Wahrheit kann⸗ ten, höchſt beluſtigend, wenngleich ſchmerzlich, war. Adelaide angehend, ſo ſchien ſie mit Charles jetzt wie⸗ der wie mit einem Bruder zu verkehren. Sie hatte vor ihm kein Geheimniß. Sie ging, ſie ritt mit ihm, ganz wie in alter Zeit und ſchien ſich aus Lord Welter's Geſellſchaft nicht viel zu machen, obſchon ſie ſehr freundlich gegen ihn war; er aber war zu ſehr mit ſeinen Hunden und Pferden beſchäftigt, um ſich groß um ſie zu bekümmern. Auf dieſe Weiſe waren Charles und ſie viel zuſammen, und Charles' Liebe zu ihr wuchs mit jedem Tage, bis ihm ſchier unmög⸗ 128 lich wurde, jene ſtudirte Gleichgütigkeit, die er bei ſeiner Ankunft gegen ſie angenommen, länger aufrecht zu halten. Nichtsdeſtoweniger legte er ſie nicht ab; er zeigte ſich faſt unhöflich gegen Adelaide und warf mit ſeinen Worten ſo rückſichtslos umher, daß ſie manchmal in plötzlicher Ent⸗ rüſtung aufblickte und eine heftige Antwort gab, manchmal aufſtand und das Zimmer verließ— vielleicht, weil ihr die Thränen kamen. Das Haus war ein trauriger Aufenthalt für einen Gaſt und ſein Herz fing an, ſich nach der Heimat im Weſten zu ſehnen— trotz Adelaiden. Kurz darauf lief ein langer Brief von ſeinem Vater ein, ein ſcheltender, liebevoller Brief, in welchem Denſil deutlich verrieth, wie 6 er ſich Mühe gab zornig zu ſein und es nicht zu Stande bringen konnte vor der Freude, ſeinen Sohn wieder bei ſich zu haben— und damit ſchloß, daß er der Sache mit keinem Worte wieder erwähnen würde, wenn nur ſein Sohn un⸗ geſäumt von jenem gottloſen,»hahnenkämpferiſchen, wett⸗ renneriſchen Ranford« nach Hauſe kommen wollte. Im Briefe war eine Einlage an Lord Saltire— Se. Lord⸗ ſchaft mußte manche Priſe nehmen, als er ſie las— in welcher ihn Denſil um ihrer alten Freundſchaft willen bat, ihm den Sohn heimzuſchicken, wie er ihn ſelber einſt zu ſeinem Vater heimgeſandt hätte. Und ſo erſchien Lord Saltire eines Tages vor dem Diner in Charles' Ankleidezimmer, ſetzte ſich und ſagte, er käme, um ſich eine große Freiheit herauszunehmen und, offen geſtanden, von ſeinem hohen Alter Gebrauch zu machen, dem ſein junger Freund, deſſen Großvater er ſein könnte, es zu gute halten würde, wenn er ihm anempföhle, dieſes Haus ei ſeiner thalten. ſich faſt orten ſo er Ent anchmal wril ihr ir einen mat im rauf lif eltender, eth, wie Stande rbei ſich t keinen ohn un en, wett⸗ te. Im 5e. Lord⸗ 6— in t willen ber einſt vor den d ſihte nen und, machel znte, ſes Huu 129 zu verlaſſen und zu ſeinem Vater heimzureiſen. Ranford wäre in jeder Beziehung ein außerordentlich ſchätzens werthes Haus, gleichzeitig aber, was, wie er glaubte, die jungen Leute heutzutage ein»flottes« Haus nännten, und er wollte ſeinem jungen Freunde nicht verhehlen, daß deſſen Vater ihn erſucht hätte, ſeinen Einfluß geltend zu machen und ihn zu vermögen, heimzureiſen. Der Sohn ſeines alten Freundes könnte überzeugt ſein, daß er bei dieſer ſeiner Bitte nur von den allerbeſten Beweggründen geleitet würde. „Lieber Lord Saltire“, ſagte Charles, des alten Herrn Hand ergreifend;„ich gehe morgen heim, und Sie wiſſen nicht, wie herzlich dankbar ich Ihnen für die Theilnahme bin, die Sie mir ſtets bewieſen haben.“ „Ich kenne für einen ſo ausgedienten alten Kumpan, wie ich's bin“, erwiderte Lord Saltire,„keinen angeneh⸗ meren Anblick, als die offene Freimüthigkeit der Jugend und Sie müſſen mir erlauben, Ihnen zu ſagen, Ihre Frei müthigkeit kleidet Sie ſehr gut, ſteht, in Wahrheit, vor trefflich. Schon als ich Sie zum erſten Male ſah, faßte ich wegen eben dieſer Eigenſchaft eine wirkliche Vorliebe für Sie. Ich wünſchte mir einen Sohn wie Sie, doch iſt mir dies nicht beſchieden worden. Ich hatte einen Sohn, der Alles war, was ſich der wähleriſcheſte Menſch nur wünſchen konnte und welchen eine weit beſſere Schule er zogen hatte, als mich ſelbſt; aber er fiel in ſeinem erſten Duelle, im einundzwanzigſten Jahre. Ich erinnere mich, wie mich das Ereigniß ſeiner Zeit ſehr beunruhigt hat“, fuhr der alte Herr fort, indem er eine Priſe nahm und Charles feſt ins Geſicht blickte, ohne eine Muskel zu be Kingoley, Ravenshoe. J. 130 wegen,„aber vermuthlich war es doch am Beſten ſo. Er hätte vielleicht Schulden gemacht, oder eine rothhaarige Frau geheirathet, oder fünfzigerlei Thorheiten begangen. Alſo, ich wünſche Ihnen guten Abend und bitte Sie noch⸗ mals um Verzeihung wegen der Freiheit, die ich mir ge⸗ nommen habe.“ Charles ſchlüpfte an jenem Abende bald nach Tiſche aus dem Eßzimmer und hatte, während Lady Ascot ihr Schläfchen machte, im Dunkel eine lange Unterredung mit Adelaide, die, wenigſtens für Eines der Betheiligten, unter allen Umſtänden ſehr angenehm war. „Adelaide, ich reiſe morgen nach Hauſe.“ „Wirklich? So plötzlich?“ „Ja, ganz beſtimmt. Ich habe heute einen Brief von meinem Vater gehabt. Biſt Du froh darüber oder thut es Dir leid?“ „Es thut mir leid, Charles. Du biſt mir in der Welt der einzige Freund, mit dem ich reden kann, wie mir's ge⸗ fällt. Gieb mir ein Verſprechen.“ „Nun?“ „Das iſt der letzte Abend, den wir zuſammen ſein werden. Verſprich mir, daß Du nicht mehr ſo unhöflich und ſarkaſtiſch ſein willſt, wie Du's zuweilen— faſt immer— jetzt gegen mich Arme geweſen biſt, ſondern freundlich mit mir reden wirſt, wie früher.“ „Sehr gut“, ſagte Charles.„Und verſprich Du mir, die Dinge im Allgemeinen nicht durch ſo ſchwarze Gläſer anzuſehen, wie Du es in der Regel thuſt. Erinnerſt Du Dich noch der Unterhaltung, die wir zuſammen hatten am Tage, wo das Füllen probirt wurde?“ ſo. Er hhaarige egangen. ie noch⸗ mir ge⸗ h Tiſche löcot ihr erredung rief von der thut der WVelt nirs ge⸗ men ſen unhi fich faſt ſondem Du nir hü un Du otun n „Ich erinnere mich daran.“ „Nun, dann— weißt Du jener Weiſe.“ „Das will ich nicht verſprechen. Es wird ſehr bald die Zeit kommen, wo wir kein angenehmes Geſpräch mehr mit einander haben können.“ „Wann wird das ſein?“ „Wann ich als Gouvernante unter die Leute gegangen ſein werde.“ „Wie viel»Lohn« wird man Dir geben? Du wirſt nicht ſo viel bekommen, wie manche andere Mädchen, weil ſprich nicht wieder in Du ſo ſchön biſt und ſo eigenſinnig, und weil Du ſo ver⸗ teufelt mit den Leuten umſpringen wirſt.“ „Charles, Du verſprachſt, nicht unhöflich ſein zu wollen.“ „Aber ich will doch unhöflich ſein! Ich habe Wein getrunken, und wir ſind hier im Finſtern und die Tante ſchläft und ſchnarcht, und ich werde ſagen, was mir gefällt.“ „Ich werde ſie wecken.“ „Das möchte ich ſehen. Worüber wollen wir alſo reden? Welch ein alter Römer Lord Saltire i ſprach heute mit mir von ſeinem Sohne, der in einem Duelle fiel, ungefähr ſo wie ich von einem Jagdhunde ſprechen würde.“ „Dann glaubte er, irgendwie eine Schwäche verrathen zu haben. So ſpricht er allemal von ſeinem Sohne, wenn er glaubt, daß er Etwas wie Gefühl gezeigt hat. „Das bewundere ich an ihm“, ſagte Charles.—„Alſo Du willſt Gouvernante werden, wie?“ 9* „Vermuthlich.“ „Warum verſuchſt Du nicht lieber Kellnerin in einer Bierſchenke zu werden? Welter würde Dir ſofort einen Platz verſchaffen; er hat großen Einfluß bei den privile⸗ girten Schenkwirthen. Du könnteſt am Ende noch einen Handlungsreiſenden heirathen.“ „Ich hätte das nimmer von Dir geglaubt!“ ſagte ſie ergrimmt, mit leiſer Stimme.„Du biſt ein Anderer gegen mich und beleidigſt mich, weil— Unfreundlich, ungerecht, ungentlemaniſch—“ Er hörte, wie ſie ins Dunkel hinaus leidenſchaftlich ſchluchzte, und im nächſten Augenblicke hielt er ſie in ſeinen Armen und bedeckte ſie mit Küſſen. „Hier ruhe, mein Herz“ ſagte er,„hier iſt Dein Platz. Die ganze Welt kann meine Adelaide nicht kränken oder beleidigen, ſo lange ſie hier ruht. Warum biſt Du vor mir geflohen? Warum haſt Du mich zurückgeſtoßen, mein Leben, als ich Dir ſagte, wie treu und aufrichtig ich Dich liebe?“ O, laß mich gehen, Charles“, ſprach ſie, mit dem mat⸗ teſten Verſuche von der Welt, ſich loszumachen.„Lieber Charles, ich bitte Dich, ich fürchte mich.“ „Nicht eher, als bis Du mir geſagt haſt, Du liebſt mich, Du Falſche.“ „Ich liebe Dich mehr, als die ganze Welt.“ „Verrätherin! Und warum ſtießeſt Du mich von Dir und lachteſt mich aus?“ „Ich glaubte nicht, daß es Dir Ernſt wäre.“ „Noch einen Kuß für dieſe böſe, böſe Lüge. Weißt Du wol, daß dieſe Ausweiſungsgeſchichte ganz allein die in einer rt einen privile⸗ ch einen ſagte ſi ter gegen ngerecht, in ſeinen ein Plaz iken oder Du vor ßen, min ich Dich den mat Lieber Folge meiner Verzweiflung über Dein gottloſes Benehmen von neulich geweſen iſt?“ „Du ſagteſt, Welter wäre Schuld daran geweſen, Charles. Aber, bitte, laß mich gehen.“ „Willſt Du noch Gouvernante werden?“ „Ich will nichts thun, als was Du mir ſagſt.“ „Dann gieb mir Du ſelbſt einen, einen einzigen Kuß, und ich laſſe Dich gehen.“ Hat der Leſer in ſeinen Gefühlen von Entſetzen, von Entrüſtung, von Erſtaunen, im Gefühle ſeiner verletzten Sittſamkeit oder der Lächerlichkeit der Scene Zeit behalten, ſich zu erinnern, daß alles Dies im Finſtern vorging, kaum ſechs Fuß von einer nichtsahnenden alten Dame? So war es jedoch. Und kaum hatte Adelaide beſchloſſen, ſie zu wecken und ſich zu ſolchem Zwecke über ſie gebeugt, als die Thür geöffnet wurde und— die Diener mit Lichtern hereintraten. Wenn alſo der Leſer einen Augenblick nach⸗ denken will, ſo wird er ſehen, mit wie genauer Noth ſie der Entdeckung entgangen waren. Denn die Chancen waren ungefähr wie Tauſend gegen Eines zu Gunſten von zweierlei Ereigniſſen. Erſtens hätte der Kammerdiener eine halbe Minute früher ins Zimmer kommen, und zweitens hätten die Beiden eine halbe Minute länger neben einander ſitzen bleiben können, wie ſie ſoeben zuſammen ſaßen, und ſowol in dem einen, wie in dem andern Falle wäre Charles entdeckt worden, wie er ihre Taille mit ſeinem Arme um⸗ ſchlang, und ein fürchterlicher Scandal die Folge geweſen. Ich hebe dieſen Umſtand hervor als eine Warnung für junge Leute im Allgemeinen, um ſie daran zu erinnern, —2 134 daß es, ſollten ſie zufällig einmal Hand in Hand beiſammen ſitzen, völlig unnöthig iſt, auseinander zu fahren und ſehr roth zu werden, wenn die Thür geöffnet wird; denn der Eintretende ſieht doch, was ſich zugetragen hat, ſo deutlich, als ob er dabei zugegen geweſen wäre. Auch bei dieſer Gelegenheit ſchrieben Charles und Adelaide, wie gewöhn⸗ lich, Das, was das Werk des reinſten Zufalls war, auf Rechnung ihres eigenen Scharfſinns. Adelaide war ſehr froh, nach dem Thee das Zimmer verlaſſen zu können; denn ſie fühlte ſich recht ſchuldig und verlegen. Als aber Charles im Begriff war, ebenfalls zu gehen, erſuchte ihn Lady Ascot, die während der ganzen Theezeit ſehr düſter und ſchweigſam geweſen, dazubleiben, da ſie etwas Ernſtes mit ihm zu reden hätte. Eine An⸗ kündigung, die den jungen Herrn in Speculationen ver⸗ ſenkte, ob ſie wol gar ſchon vor dem Erſcheinen der Kerzen wach geweſen ſein könnte. Er harrte daher ihrer Mit⸗ theilungen mit nicht geringem Beben. 3 Mylady begann mit der Bemerkung, daß digitalis ein unſchätzbares Mittel wäre gegen Herzbeklemmung, und daß ſie, wenn dies Uebel aus dem Magen käme, Camillen in Miſchung mit einem leichten Purgativ ebenfalls von vortrefflicher Wirkung gefunden hätte. Sie war der An⸗ ſicht, daß, falls das Wetter anhielte, das Cambidgeſhire⸗ Rennen ſehr voll und»Commiſſioner« wahrſcheinlich ſo Gutes leiſten würde, wie irgend ein anderes Pferd. Dann, nachdem ſie, gleich einer Taube, ein paar luftige Kreiſe durch das Stallregime, durch die Theologie und die Agri⸗ cultur gezogen, ließ ſie ſich zu ihrem eigentlichen Thema nieder und brachte Charles vor Schrecken bald von Sinnen, 3₰ 4 S „———————— 2 eiſammen und ſehr denn der deutlich, ei dieſer gewühn⸗ war, auf Zimmer lldig und ebenfalls r ganzen ubleiben, ine An⸗ nen ver⸗ t Ketzen digitals ung, und ßamillen ls von der An⸗ geſhir⸗ uli ſo e Kreiſe ie ri Themn ——— — als ſie frug, ob er Adelaide nicht für ein ſehr charmantes Mädchen hielt. Charles war entſchieden derſelben Meinung, doch zögerte er ein wenig und ſagte dann„Ja gewiß, char⸗ mant.“„ „Jetzt ſage mir, lieber Junge“, fuhr Lady Ascot, mit einem ungeheuern alten Fächer manövrirend, fort,„— denn junge Augen ſehen ſchärfer, als alte— haſt Du jemals Etwas zwiſchen ihr und Welter bemerkt?“ Charles nahm eines ſeiner Beine in die Hand und rief:„Zum Teufel!“ „Welch ein abſcheulicher Ausdruck, mein Lieber! Nun, ich bin Deiner Anſicht. Mir iſt, als hätte ich bei ihnen. eine entſchiedene gegenſektige Neigung wahrgenommen. Natürlich wird ſich Welter damit wegwerfen und Alles thun, was dahin gehört; aber das ſteht bei ihnr E in Ausſicht. Allemal, wann er nach Hauſe kommt, warte ich, daß er eine Frau mitbringt, die er hinter Schenktiſche eines Wirthshauſes aufgeleſen hat. Nun, Adelaide.. „Tante— Lady Ascot! Sicherlich biſt Du im Irr⸗ thum. Ich habe nie Etwas zwiſchen ihnen bemerkt.“ „Hum! 1. „Ich gebe Dir meine beſtimmte Verſicherung— nie⸗ mals. Ich habe nie gehört, daß ſich Welter in der Art über ſie ausgeſprochen hätte, und ich weiß— ich glaube nicht, daß ſie ſich für ihn intereſſirt.“ „Welchen Grund haſt Du, das zu glauben?“ Kun— nun, Du weißt, es iſt nicht leicht zu ſagen. ache iſt die, ich— ich intereſſire mich ſelbſt ziemlich lebhaft für Adelaide, und— ich habe ſie aufmerkſam be⸗ obachtet, wenn ſie mit anderen Männern zuſammen war.“ „Oho! Denkſt Du denn, daß ſie ſich um Dich küm⸗ mert? Weißt Du, daß ſie einmal keinen Heller Ver⸗ mögen beſitzt?“ „Wir werden genug haben, um bis zum nächſten Jahre zu leben, Tante Ascot. Dann geht ja die Welt unter, wie Du weißt, und wir werden ferner nichts mehr brauchen.“ „Laß Du nur die Welt in Ruh', junger Menſch. Sei nicht leichtfertig und impertinent, Sir. Weiche meiner Frage nicht aus, Sir! Glaubſt Du, daß Adelaide ſich um Dich kümmert, Sir? Beantworte mir Das.“ Charles blickte ſeine Tante feſt und entſchloſſen an und frug ſie, ob ſie nicht dächte, daß es ſehr ſchwer wäre, ausfindig zu machen, was wirklich im Herzen eines Mäd⸗ chens vorgeht— wonach wir annehmen dürfen, daß er ſich Lord Saltire's Beiſpiel hinſichtlich der Herrſchaft über die Geſichtsmuskeln zu Nutze gemacht hat. „Dies iſt zu arg“, brach Lady Ascot los,„mich auf ſolche Weiſe abfinden zu wollen, nach Deinem ſchändlichen und unverſchämten Betragen an dieſem Abend— nachdem Du das Mädchen keine Elle weit von meiner Naſe geküßt und umarmt—“ „Dacht' ich's nicht!“ rief Charles mit einem ſchallen⸗ den Gelächter aus.„Ich dachte mir wol, daß Du die ganze Zeit über wach wareſt!“ „Ich habe nicht die ganze Zeit gewacht, junger Menſch—“ „Jedenfalls warſt Du lange genug wach, wie es ſcheint, liebe Tante. Nun und was denkſt Du von der Sache ſam be⸗ war.“ h küm⸗ r Ver⸗ nüchſten ie Welt ts mehr h. Sei meiner ide ſich ſſen an wärt, Mid⸗ daß er aft iber nich uf nlichen achdem gelißt ſchalle⸗ Du die nſch— ch , ———— 137 Anfangs wollte Lady Ascot nichts weiter davon denken, als daß die Schändlichkeit von Charles' Betragen nur in Adelaide's Schlechtigkeit und Undankbarkeit ihres Gleichen fände; allmählich aber ließ ſie ſich zu der Anſicht bekehren, daß aus einem Verlöbniſſe vielleicht Gutes erwachſen könnte, und ſchließlich, als ſie warm wurde über den Gegenſtand, kam es nach und nach heraus, daß es ſeit Jahren ihr innigſter Herzenswunſch geweſen; daß ſie Charles' Zuneigung zu dem Mädchen ſeit einiger Zeit mit Vergnügen beobachtet und neuerlich gefürchtet hatte, irgendetwas wäre derſelben ſtörend in den Weg getreten. Mit einem Worte, daß es immer ihr Lieblingsplan geweſen; und ſie noch am heutigen Abende ſich mit ihm hätte darüber ausſprechen wollen, daß er ihr jedoch zuvorgekommen wäre. „ Elftes Rapitel. Man wird ſich leicht vorſtellen können, daß ein ziemlich bedeutender Grad von Vertraulichkeit zwiſchen Charles und ſeinem Diener und Milchbruder William herrſchte. Doch, zur Ehre Beider ſei es geſagt, es war mehr als bloße Ver⸗ traulichkeit— es war die aufrichtigſte und herzlichſte Zu⸗ neigung, ein gegenſeitiges Gefühl, welches, wie wir ſehen werden, Alles überdauerte. Bis Charles nach Shrews⸗ bury auf die Schule kam, hatte er nie einen andern Spiel⸗ kameraden beſeſſen. Man hatte ihm und William erlaubt, zuſammen im Sande umher zu paddeln, oder zuſammen„ 1 über das Moor zu reiten, ganz wie ſie wollten, bis zwiſchen ihnen eine Knabenfreundſchaft entſprungen war, ſtark genug, um alle Gedanken an ihren verſchiedenen Rang zu ver⸗ drängen. Dies hatte zugenommen mit den J„bis William, während Charles' Abweſenheit vom ſein vertrauter Agent geworden ziemlich der war, der ihn über die Ereigni h Hauptquartier au courant l⸗ es hat ſe gens noch einen Vertragen, deſſen Bekanntſchaft ſo⸗ ———— arles und e. Doch oße Ver⸗ wir ſehen nerlubt uſammn zniſchen urkgen, 1 vel⸗ ren, bis ei lniſt in at„ ſo⸗ ft — Stimmung zu Hau Range und andern Geſchlechte an. William's Amt war nur ein vergnügliches. Seine Liebe zu ſeinem jungen Herrn ließ ihn deſſen Intereſſe aufs Ge⸗ treulichſte wahren. Als Katholik gerieth er dadurch oft mit Pater Mackworth in Colliſion, der einen lobenswerthen Antheil an Charles' Angelegenheiten nahm und ſich einige Male für beleidigt hielt, weil ſich William ſtörrig weigerte, ihm Art und Erfolg einer von Shrewsbury an Denſil ge⸗ brachten Botſchaft mitzutheilen, welche dem alten Herrn einige Sorge zu verurſachen ſchien. William's religiöſe Anſichten waren indeſſen ein wenig locker geworden, und er legte ſich dieſelben, namentlich ſeit ſeinem Aufenthalte in Oxford, ſo ziemlich nach ſeiner Bequemlichkeit zurecht. Vor Kurzem erſt hatte er Charles bei Gelegenheit einer Privatſitzung die vertraute Mittheilunggemacht, wie er die feſte Ueberzeugung gewonnen, daß dem Pater Mack⸗ worth nicht zu trauen wäre— Go e ihm verzeihen, wenn er es ausſpräche— und, von Charles um den Grund ſolcher Vermuthung beſtürmt, ſich ſchnurſtracks geweigert, irgendwelche Urſache zu nennen, ſeine Behauptung jedoch mit verdoppeltem Nachdrucke wiederholt. Charles ſetzte großes Zutrauen in William's Schlauheit und enthielt ſich, ferner in ihn zu dringen; aber er erſah, daß ſich Etwas ereignet haben mußte, was William eine ſo be⸗ ſtimmte Ueberzeugung aufgenöthigt hatte. Er war von Orford vorausgeſchickt worden, um die ſondiren, und jetzt Charles bis zum Wirthshauſe oſe und Krone« in Stonnington mit Reitpferden entgegengekommen. Kaum hatten ſie die „ gleich machen werden; doch gehörte dieſer einem andern 140 Stadt im Rücken, als ſchon William, ohne erſt Charles' Erlaubniß abzuwarten, ſeinem Pferde die Sporen gab und zu ſeinem Herrn heranritt. „Was giebt's Neues, William?“ „Nichts Beſonderes. Der Herr ſieht verſtört und angegriffen aus.“ „Wegen meiner Geſchichte?“ „Der Prieſter ſchwatzt ihm fortwährend davon vor und plagt ihn damit, während der alte Herr es gern vergeſſen möchte.“ „Hol ihn der Teufel! Er ſchwatzt ziemlich viel über mich.“ „Ja; er hat wieder von Ihnen angefangen. Der Herr wollte ſich's neulich nicht gefallen laſſen und hieß ihn den Mund halten— einmal wieder der Alte. Tom hörte es. Doch vertrugen ſie ſich hernach wieder.“ „Was ſagte Cuthbert dazu?“ „Maſter Ihre Partei und meinte: er hoffte, daß es keine Scenen geben würde und Sie nicht kämen, um daheim in Ungnade zu leben, denn das hieße das ganze Haus für Sie beſtrafen.“ „Was macht Mary?“ „Sie iſt wohl und munter. Der Herr läßt ſie nicht viel aus den Augen. So lange ſie da iſt, werden Sie ihn nie gegen Sie aufhetzen können. Ich wollte, Sie hei⸗ ratheten ſie, Maſter Charles, wenn Sie die Anderen auf⸗ geben könnten.“ nicht. Dann frug er:„Beſuch ſen „Ja, einer. Pater Tiernah, ein Fremder.“ *— Charles lachte und ſagte ihm dächte an ſo Etwas 141 harles„Was für'ne Art von Kamerad?“ ab und„Ein wahrhaft guter. Ich glaub' auch nicht, daß unſer Mann ihn gern hat.“ Sie waren an den Rand des Moors gekommen und rt und ſchauten auf das Amphitheater hinab, welches die Herr⸗ ſchaft Ravenshoe bildete. Nah und fern überfluthete das 3 ſtille Meer, groß, unbeſtimmt und grau, Bucht, Vorgebirge, ⁰ on vor Höhle und Eiland. Unter ihren Füßen ſchlief der winter⸗ ss gen e Wald, aus deſſen braunem Schooße ſich das alte Haus mit ſun vielen Giebeln und Thürmen erhob. Es ich vil ſandte aus ſeinen Eſſen gaſtliche Rauchſäulen empor, die in der ſtillen Herbſtluft ſchwebten und ſich in einer Nebel⸗ Der wolke nach dem Hügel verzogen. Alles war ſo ruhig, daß huß ſie das ſanfte Plätſchern der erſterbenden Brandung, die Tom Stimme der am Strande ſpielenden Kinder und das Bellen der Hunde im Zwinger hören konnten. Wie friedlich und ruhig die alte Heimat ausſieht er William“, ſagte Charles.„Es iſt doch ſchön, hierher zurück⸗ zukommen, nach Orford.“„ ie 3„Keine Weincommerſe hier. Keine Kirchthurmrennen. hi Keine Bloomer⸗Bälle“, ſagte William. „Nein! Und keine frühen Morgengottesdienſte und ſe ni keine Vorleſungen und kein Zum⸗Decan⸗beſchieden⸗wer⸗ n den“, ſagte Charles. ⸗ 3„Und keine verwünſchten Würfel“, rief William mit Sie Nachdruck. ern uln„Ach! Ach, nein! Ich dächte, wir ritten weiter.“ Und ſo ritten ſie den Weg hinab durch das Holz an ſo Ct die Loge des Parkhüters und dann durch den Park— der ſich zu ihrer Linken ſteil hinanzog mit mancher Gruppe 142 von Eichen und Stechpalmen und breiten Flecken von rothem Farrenkraute. Das Wild ſtand in anmuthigen Rudeln umher. Die Böcke röhrten und raſſelten lärmend und weck⸗ ten mit dem Geklapper ihrer Hörner den Widerhall in dem Dorngeſtrüpp. Kaninchen ſetzten blitzſchnell über die Straße, und die Amſel flog ſchreiend von der Ebereſche herunter, die jetzt von goldigrother Frucht erglühte. So ritten ſie dahin, bis eine plötzliche Biegung ſie auf die Terraſſe führte zwi⸗ ſchen dem alten grauen Hauſe und der murmelnden See. Charles ſaß ab, und William führte die Pferde nach dem Stalle. Eine junge Dame in Strohhut und braunen Handſchuhen, mit einem Korbe und einer Scheere, ſtand mitten auf den Stufen. Sie kam herunter ihm entgegen, ließ das Körbchen fallen und ſtreckte ihm die braunen Hand⸗ ſchuhe dar. Er hob ſie mit beiden Armen in die Höhe und küßte ſie, und ſie, weit entfernt, dieſe Dreiſtigkeit übel zu empfinden, hielt ihn, ſobald ſie wieder auf ihren Füßen war, mit beiden Händen feſt und wandte ein ſanftes, braunes Geſicht dem ſeinigen zu, als ob ſie ſich nichts daraus machen würde, wenn er ſie noch einmal küßte;— was er auch un⸗ verzüglich that. Es war kein ſehr ſchönes Geſicht, aber ach! ein ſo friedliches, ruhiges, angenehmes Geſicht. Kaum war ein einziger hübſcher Zug darin und doch das Ganze ſo ſanft und lieblich und dabei ſo klug und ſchalkhaft, daß man, hatte man einmal hineingeſchaut, daran denken mufßte, bis man es wieder ſah; und es abermals ſehen, hieß es ſo oft betrachten, wie man nur Gelegenheit hatte, und das Geſicht lieber und lieber gerintenl mehr man es an⸗ ſchaute. Ich ſagte, es wäre kein einziger hübſcher Zug rothem Rudeln dwec⸗ in dem Straße, ter, die e dahin, raunen ſtand tgegen, Hand⸗ he und übel zu nwar aunes machen uch un⸗ ein ſo var ein 0 ſanft ß man, mußte ud d 5 al⸗ er Zu 143 darin geweſen. Nun, damit habe ich Euch irregeleitet. Es hatte ein Paar ruhiger, ehrlicher, ſchwarzer Augen— gewiß ein ſehr hübſcher Zug— die man, wenn man ſie einmal erblickt, nicht leicht wieder vergaß. Und füge ich noch hinzu, daß dieſes Geſicht und dieſe Augen der netteſten, zierlichſten, kleinen Geſtalt angehörten, die man ſich vor⸗ ſtellen kann, ſo hoffe ich genug gethan zu haben, um Euch den glücklichen Schelm, Charles, beneiden zu machen, der, wie wir wiſſen, ſich in der Welt um kein anderes Weib bekümmert, als um Adelaide und, unter uns, hierbei wirk⸗ lich viel zu parteiiſch zu ſein ſcheint. „Tauſendmal willkommen, Charles“, ließ ſich die lieb⸗ liche Stimme vernehmen, welche dieſer lieblichen kleinen Perſönlichkeit angehörte.„O, ich freue mich ſo ſehr, daß Du gekommen biſt!“ „Du wirſt mich bald wieder fortwünſchen. Ich werde Dich argplagen.“ „Ich laſſe mich gern von Dir plagen, Charles. Was macht Adelaide?“ „Adelaide iſt Alles, was ſich der zärtlichſte Liebhaber nur wünſchen kann“(denn die Beiden hatten keine Ge⸗ heimniſſe vor einander),„und läßt Dich entweder grüßen, oder hat Dich doch grüßen laſſen wollen.“ „Lieber Charles“ ſagte ſie eifrig,„komm'zu ihm, komm' jetzt mit mir zu ihm!“ „Wo iſt er?“ „In den Boskets, mit Flying Childers.“ „Iſt er allein?“ „Ganz allein, nur der Hund iſt bei ihm.“ „Wo ſind ſie?“ 144 „Sie ſind auf der Haſenjagd. Komm ſchnell; ſie werden in einer Stunde wieder hier ſein, und die Krähe geht ihm keinen Augenblick von der Seite. Komm, komm!“ Man ſieht, daß unſere jungen Leutchen einander recht leidlich verſtunden und eine Unterhaltung über»dritte Perſonen«führen konnten, ohne nur deren Namen zu nennen. Wir werden in Kurzem erfahren, wie es hierzu kam; für den Augenblick aber wollen wir den hinterliſtigen Ver⸗ ſchwörern folgen und ſehen, welch' böſes Complot ſie an⸗ gelegt haben. Sie gingen raſch an der Terraſſe hin und bogen dann links um die Ecke des Hauſes, wo die Weſtfronte das Flußthal beherrſchte und der breite, treppenartig angelegte Garten ſich Stufe um Stufe bis an den lauten Bergbach hinabzog. Durch dieſen Garten ſchritten ſie und kamen dann, ein eiſernes Pförtchen öffnend, in eine finſtere Wild⸗ niß von Buſchwerk, das ſich weit hinauf durchhgs Thal ſchlängelte. Eine dunkle Allee nach der andern eilten ſie hinab. Die gelben Blätter rauſchten unter ihren Füßen, und durch die ganze Natur wehte der Hauch des Verfalls. Schwer nur konnte man glauben, daß dieſes kahle, feuchte Gebüſch daſſelbe war, das ſie in ſeiner Sommerpracht vor kaum vier Monaten durchſtrichen, wo es Mhriaden von Vögeln ſich zum Orcheſter erkoren hatten. Hier und dort leuchtete eine helle Beere zwiſchen den dunkeln Zwei⸗ gen, und ein einſames Rothkehlchen trillerte ſein ſanftes, melancholiſches Lied. Die Blumen waren todt, die Vögel entflqhen oder verſtummt, und das ſchöne grüne Laub lag von den Füßen zerſtampft am Boden; überall Verfall, Verfall. el; ſe In dem feuchteſten, düſterſten von all' den Gängen, Krihe auf einem weit abgelegenen Pfade, den Stechpalmen und omm!“ Eiben ſäumten, fanden ſie einen gebeugten und ergrauten er recht alten Mann, der einen zahnloſen, grauen alten Hund zum 6 dritte Begleiter hatte. Als Charles mit raſchem, elaſtiſchem nennen. Schritte vorwärts eilte, blickte der alte Mann auf und nt fin wankte ihm entgegen, indem er das Geſicht von Denſil n Ver Ravenshoe zeigte. ſie an⸗„Nun— gelobt ſei die heilige Jungfrau“ rief er aus, „daß ſie Dir eingab, ſo ſchnell zu kommen, mein Herzens⸗ vun ſohn! Jedesmal, wenn Du jetzt fortgehſt, bin ich in Angſt, 5 ich möchte ſterben und Dich nicht wiederſehen. Ich könnte uuch einen Schlagfluß haben und Dich nicht mehr er⸗ kennen, mein Junge. Geh' nicht wieder fort von mir!“ „Ich möchte Dich am liebſten nie mehr verlaſſen, — theuerſter Vater. Sieh nur, wie gut mein Arm Dir re W forthilft! Laß' uns in die Sonne hinausgehen. Warum 8 ſpazierſt Du nur in dieſem traurigen Gebüſche?“ ſagte der alte Mann mit plötzlicher Leb⸗ * Tha i hinb⸗ haftig nd ſein graues Auge leuchtete, indem er ſtill jen,1 ſtand.„Warum? Ich komme hierher, weil ich hier doch Verfalk⸗ einmal einer Waldſchnepfe anſichtig werde, mein Junge! felc Ich ſcheuchte eine dort bei jener Stechpalme auf, gerade erpre eh' Du kamſt. Flip, flap, und fort durch den Buſch, wie i ein Geſpenſt! Cuthbert und der Prieſter ſind auf die dier Haſenjagd gegangen. Jetzt, da Du da biſt, werde ich doch Un 3 gewiß auf den grauen Ponh ſteigen können und einen nſonftes⸗ Haſen abfangen ſehen! Du wirſt mir das Pferd führen, „Rögel: 6 dis nicht wahr? Ich mag ſie nicht gern darum bemühen.“ 1: blg„Wir können ſchon morgen, Papa, nach dem 2 Lerful 1 Kingsley, Ravenohoe. I. 10—. l— — —— *— *„ 146 frühſtücke hinausreiten, wenn Dir's Vergnügen macht, Du und ich und William. Wir wollen Leopard und Blue⸗ ruin mitnehmen— beim heiligen Georg— Das wird werden wie in der alten guten Zeit. Und wir wollen unſer kleines ſtilles Vögelchen auch mitnehmen, auf ſeinem Pony, nicht wahr?“ ſagte Denſil, ſich zu Mary wendend.„Sie iſt ein ſo gutes kleines Ding, Charles. Wir ſitzen und plaudern manche Stunde lang von Dir. Charles, kannſt Du mich nicht an den Strand hinunterſchaffen, damit ich dort ein wenig ſitze? 6 Ich ließ mich einmal von Cuthbert hinunterbringen; aber Pater Mackworth kam und ſprach die ganze Zeit— durch die Naſe— über die unbefleckte Empfängniß. Ich hatte kein Verlangen, ſein Geſchwätz zu hören, wol aber dem Rauſchen der Brandung am Strande zu lauſchen. Der gute Mann! er glaubte gewiß, er unterhielte mich vor⸗ trefflich.“ „Ich hoffe, er iſt freundlich gegen Dich, Vatgx?“ „Freundlich! ich geb' Dir die Verſicherung ieber Junge, daß er das beſte Geſchöpf iſt. Er lä kaum aus den Augen— und iſt ſo aufmerkſam „Wir wollen ihn in Zukunft etwas weniger aufmerk⸗ ſam machen, hol' ihn der Henker“, murmelte Charles. „Dort kommt er; man rede nur vom Teufel! Mary, meine Liebe, geh' und unterhalte die Krähen ein Biß⸗ chen, und mach', daß wir Cuthbert ungeſtört für uns haben.“„ Der alte Herr ſah neugierig drein, bei der Idee, daß Y ch die Krähen unterhalten ſollte; doch wurden ſeine G en bald anderswohin abgelenkt, da ihn Charles ℳ„ „* acht Du d Blue⸗ as wird en auch eDenſil, s kleines Stunde t an den nig ſite en; abet — durch Ich hatte abet den n. Der mich vor⸗ ute faun ufner⸗ Charles Marh in Ziß fir un daß Jel, ſein uden 6hurl 147 jetzt in einen warmen, nach Mittag gelegenen Winkel führte wo er ſich in der Sonne hinſetzen konnte. Mary erfüllte ihre Botſchaft mit Geſchick; denn in wenigen Augenblicken kam Cuthbert ſchnell auf Vater und Bruder zugeſchritten. Als er herantrat, ergriff er Char⸗ les' Hand und drückte dieſelbe mit einem leiſen, wohlwollen⸗ den Lächeln. Er war zu einem ſchlanken, ziemlich hübſchen jungen Manne herangewachſen— entſchieden hübſcher, als Char⸗ les. Sein Geſicht war, ſelbſt jetzt, wo ihn die Körper⸗ bewegung erhitzt hatte, ſehr bleich, wenn auch von klarer, geſunder Farbe. Sein Haar war ihm über der Stirn etwas ausgegangen, und er ſah viel älter aus, als er in Wirklichkeit war. Sowie das Lächeln aus ſeinem Geſichte gewichen, nahm dieſes wieder den Ausdruck leidenſchaftsloſer Ruhe an, den es vorher gehabt hatte, und ſich neben ſeinem Bruder niederlaſſend, frug er ihn nach ſeinem Befinden. finde mich ſo wohl, Cuthbert“, ſagte Charles, Geſundheit, ein ehernes Gewiſſen und eine er Freunde mich nur machen können. Ich wohl genug, Gott ſegne Dich. Aber Du ſiehſt mir kränklich und blaß aus. Machſt Du Dir wol Be⸗ enug? O ja. Aber ich freue mich ſehr, Dich zu ſehen, nſer Vater vermißt Dich, nicht wahr, Vater?“ .„Recht ſehr, Gr 3 „Ja. Ich langweile ihn. Gewiß, es iſt wahr. Ich nehme kein Intereſſe an den Dingen, die ihn intereſſiren. Ich kann's nicht; es liegt nicht in meiner Natur. Du und er, Ihr werdet ſo glücklich mit einander ſein, wie zwei * 10* 2 148 Könige, wenn Ihr zuſammen über Lachs und junge Hunde und Füllen plaudern könnt.“ „Ich weiß wol, Cuthbert, ich weiß es. Du intereſſirteſt 4 Dich nie für dergleichen Dinge, wie wir.“ „Nein, niemals, Bruder, und jetzt weniger als je. n Ich hoffe, Du wirſt bei mir— bei uns bleiben. Du biſt i mein lieber Bruder; ich will Dich hier haben“, fuhr er N mit etwas lauterer Stimme fort,„und ich wünſche, daß jede u etwaige Impertinenz oder Oppoſition, die man ſich gegen F Dich herausnehmen könnte, mir ſofort berichtet wird.“ H „Sie ſollen auf der Stelle denen hinterbracht werden, die ſie begehen, und zwar in einer Weiſe, die ihnen nicht behagen wird, Cuthbert. Fürchte nichts; ich werde keinen 1 Streit ſuchen. Erzähle mir Etwas von Dir ſelber, mein„ alter Junge.“ „Ich kann Dir nur wenig erzählen, was Dich inter⸗ v eſſiren wird, Charles. Du gehörſt dieſer Welt an und 3 freuſt Dich ihrer. Ich dagegen entwöhne tagtäglich mehr und mehr, da ich ihren Un Laß' mich bei meinen Büchern und me übungen und geh' Du Deines Wegs. Die Zeit kommen, wo ſich Deine Freudenbeſtrebungen Dir Munde in bittere Spreu verwandeln werde den meinigen niemals möglich iſt. Wann als eine heulende Wüſte erſcheint, wi ies bald geſche wird, dann komme zu mir und ich bill Dir zeigen, n Glück zu finden iſt. Jetzt wirſt Du nicht auf mich höken.“ „Gewiß nicht“, ſagte Charles.„Wie?— Geſundheit, Talente, wie Du ſie beſitzeſt— ſind das etw Gaben, die man verachten darf?“ 4. ge Hunde ereſſirteſt rals je. Du biſt „fuhr et daß jede ſich gegen wird.“ twerden, nen nicht de keinen ber, mein ich ine t an ind ich ihrer 149 „Sie ſind Bleigewichte, die mich verhindern, höhere Dinge zu erreichen. Im Studium, im Nachdenken, im Leben in der Vergangenheit mit jenen guten Männern, die vor uns den Pfad des heiligen Ruhmes wandelten— darin beſteht das Glück. Ehrgeiz: Ich beſitze einen ein⸗ zigen irdiſchen Ehrgeiz: den, mich von allen weltlichen Neigungen zu läutern, auf daß, wenn ſich die Kloſterpforte auf immer hinter mir ſchließt, mein Herz aufjauchze vor Freuden und ich fühlen möge, daß ich im Vorzimmer des Himmels ſtehe.“ Charles war tief ergriffen und ließ ſeinen Kopf ſinken. „Jugend, Liebe, Freunde, jede Luſt in dieſer ſchönen Welt— Alles ſoll zwiſchen vier öden weißen Mauern be⸗ graben werden, mein Bruder!“ „Dieſe ſchöne Erde, die in der That ſchön iſt— ach, wie ich ſie noch immer liebe!— wird uns in wenigen Jahren eine Laſt werden. Die Liebe! Je größer die Liebe, deſto größer die Bitterkeit! Charles, denke daran, eines wenn Dir das Herz in Fetzen zerriſſen iſt. Ich w aufgehört haben, Dich mehr zu lieben als — ein anderer Mitmenſch; aber gedenke meiner Worte. führſt ein Leben, das nur in Jammer enden kann, wie bſt die Lehrer der falſchen und Religion den, die Du bekennſt. Wenn Du Dein jetziges tführteſt, dann wäre peſ er faſt, Du biſt mir doch nicht böſer, Charles?“ Was Cuthbert ſagte, hatte ſo ſehr den Anſtrich der Wahrheit, daß ſich neun Männer unter zehn erboſt hätten, Es freut mich aber, von meinem Lieblinge, Charles, be⸗ „ 150 richten zu können, daß er es nicht that. Er neigte ſein Haupt und ſeufzte. „Sei nicht hart gegen unſern Jungen, Cuthbert“, ſagte Denſil;„er iſt ein guter Junge, wenn er auch anders iſt, wie Du. So iſt's immer in unſerer Familie geweſen— der Eine fromm, der Andere ein Sportsmann. Kommt hinein, Kinder;'s wird kühl.“ Charles ſtand auf, ſchlang ſeinem Bruder den Arm ˙ um den Hals und küßte ihn ungeſtüm auf die Wange; dann begann er ſo laut zu lachen und zu ſchwatzen, daß die Erker und Winkel der alten grauen Fagade von ſeiner jubelnden Stimme wiederhallten. Unter dem dunklen Porticus fanden ſie eine Gruppe von drei Perſonen: Mackworth, einen jovial ausſehenden iriſchen Prieſter mit rundem Angeſichte, Pater Tiernay mit Namen, und Mary. Mackworth begrüßte Charles mit einem freundlichen Lächeln, und ſie waren bald in herz⸗ lichem Geſpräche. Wenige Leute konnten ſo enehm ſein, wie Mackworth, und es beliebte ihm nehm zu machen. Charles ließ ſich unverm einem offenen herzlichen Weſen hinreißen und vergaß auf eine„ Weile, mit wem er redete. Mackworth und Charles waren Feinde. Denk nur einen Augenblick nach, und wir werden ein s% kaum anders ſein konnte. Charles' Daſein war ihm, verhaßter Reli gion, ein Greuel. Er war vom erſten Anfange an gegen ihn eingenommen geweſen, und da Kinder ſehr ſchnell zu errathen pflegen, wer ihnen gewogen iſt und wer nicht, ſo hatte Charles ſchon frühzeitig begonnen, den Prieſter mit gte ſein ſagte ders iſt, eſen— Kommt en Arm Wange: duß die ſeiner Gruppe henden Tiernah harles in hen⸗ enehm ange⸗ einem uf ein nl⸗ ngegel nel zu icht ſ ſter mil 1 151 Mißtrauen und Widerwillen zu betrachten. So hatte ſich eine zurückhaltende, ſarkaſtiſche Behandlungsweiſe auf der einen, und kindiſcher Trotz und Uebermuth auf der andern Seite, allmählich bei Beiden faſt zum Haſſe entwickelt. Alle Welt im Hauſe vergötterte Charles, nur der Prieſter nicht, und andererſeits wurden die Autorität und Würde des Prieſters von Niemandem, als von Charles, in Frage geſtellt. Zieht man daher alle dieſe Kleinigkeiten in Be⸗ tracht, ſo nimmt es; wie geſagt, nicht Wunder, daß Charles und der Prieſter keine guten Freunde waren, ſelbſt ehe ſich noch Etwas ereignete, was einen offenen Bruch hervorrief. Charles und Mackworth waren in den letzten Jahren ſelten zuſammengetroffen, ohne eine kleine»Klopffechtereis. Heute jedoch kamen ſie— was vielleicht der Gegenwart des gutmüthigen, jovialen, irländiſchen Prieſters zuzuſchrei⸗ ben— ziemlich gut über das Diner hinweg. Charles war tapfer wie ein Löwe und hatte, wenn auch dem Prieſter in kunſtgewäßem Gefechte weit untergeordnet, doch eine derbe, kräfti irkſame Kampfmethode, die keineswegs zu ver⸗ achten Seine große Macht lag darin, daß er jeder⸗ zeit fertig war zum Treffen. Wie er ſeinem Kameraden William zu ſagen pflegte, lag ihm am Streite nicht mehr, als am Frieden, und oftmals, wenn ihm Cuthbert ſeine »Impertinenz gegen den Prieſter«, wie er es nannte, vor⸗ hielt, rief er aus:„Iſt mir einerlei, warum band er mit mir an; wenn er mich in Ruhe läßt, laß ich ihn in Ruhe.“ Und wenn man bedenkt, wie er ſeit mehr als ſechzehn Jahren mem ehrwürdigen Herrn in ununterbrochenem Kriege gelebt hatte, ſo meine ich, dürfte die Thatſache, daß noch Keiner dem Andern nachgegeben, ſehr für den Muth beider Parteien ſprechen. Als Charles nachmals erfuhr, welch eine fürchterliche Karte der Mann gegen ihn in Händen gehabt, ſtaunte er höchlichſt über deſſen Selbſt⸗ beherrſchung, die ihn, trotz allem eigenen Intereſſe, zurück⸗ gehalten hatte, dieſe Karte auszuſpielen. Mackworth war zwar nach der Mahlzeit kaum mehr ſo höflich, als vorher; doch hoffte ſchon Cuthbert, daß der Abend ohne offene Feindſeligkeiten zwiſchen den beiden Widerſachern vergehen würde. Da führte ein unbedeu⸗ tender Zufall ein allgemeines Handgemenge herbei und vernichtete alle Hoffnungen Cuthbert's. Denſil und Mary waren in den Salon hinaufgegangen, und Charles, der genug getrunken zu haben glaubte, erhob ſich und ſchlen⸗ derte der Thür zu, als Cuthbert ihn ganz harmlos frug, wo er hin wollte. Charles erwiderte ebenfalls vollkommen ohne Arg, er 1 wolle eine Cigarre rauchen und mit William plaudern. Cuthbert bat ihn, ob er nicht William oder eigem der andern Reitknechte auftragen wollte, dem n ein warmes Mengfutter mit etwas Salpeter zu geben, und Charles antwortete, er wollte ſelbſt danach ſehen, daß es geſchähe— da ſagte Mackworth, anſcheinend ohne Ur⸗ ſache, oder daß irgend Etwas ihn auf die Bemerkung vor⸗ 1 bereitet hätte, zu Pater Tiernay: „Dieſer William iſt einer von den Reitknechten. Ein Renegat, wie ich mir einbilde! Ich glaube in Wahrheit, der Burſche iſt im Herzen Proteſtant. Er und Mr. Charles ſind ſehr vertraut mit einander. Sie unterhalten, wenn von einander getrennt, eine ununterbrochene Corre⸗ ſpondenz, das kann ich Ihnen verſichern.“ erfuhr, ihn in Selbſt⸗ zuric⸗ mehr ſo daß der heiden nbedel⸗ bei und dMarh es, der ſchlen⸗ frug, lrg, er ern. em der fohlen en, und daß es ne Ur⸗ ng vor⸗ Fin . Eil ahrheit * Mr. chollel, Corre⸗ 153 Augenblicklich wandte ſich Charles um und bot, mit einem Lächeln um die Lippen, ſeinem Feinde die Stirn; doch ſagte er kein Wort, um womöglich Mackworth zu zwingen, weiter zu ſprechen. „Warum laſſen Sie ihn nicht in Ruhe?“ frug Cuth bert den Prieſter. „Mein lieber Cuthbert“, ſagte Charles,„ich bitte Dich, demüthige mich nicht mit Deiner Vermittelung; ich ver ſichere Dich, ich bin außerordentlich beluſtigt. Du ſahſt, daß er nicht zu mir ſprach, ſondern ſeine Bemerkung an Mr. Tiernah richtete.“ „Ich wünſchte nur“ ſagte Mackworth,„Pater Tiernah, der fremd iſt in dieſer Gegend, auf das Factum aufmerk⸗ ſam zu machen, daß ein junger Herr den Briefwechſel mit einem ungebildeten Reitknechte dem mit irgend einem Mit⸗ gliede ſeiner eigenen Familie vorzieht.“ „Mein Beweggrund dafür“, ſagte Charles, zu Tiernay ſprechend, aber Mackworth ſtätig fixirend, um zu ſehen, ob ſeine Pfeile träfen,„iſt der, getreue Berichte zu er⸗ halten. Ich weiß gern, was in meiner Abweſenheit hier vorgeht. Cuthbert da iſt in ſeinen Büchern vergraben und weiß nicht Alles. Mackworth blieb, mit einem verachtungsvollen Lächeln auf ſeinem blaſſen Antlitz, ruhig ſitzen und zuckte mit keiner Muskel. „Er läßt ſich vermuthlich gern über ſeine Dorfſchönen berichten“, ſprach er.„Aber, du lieber Himmel, er kann nichts erfahren, was nicht ſchon die ganze Gemeinde wüßte. Ich hätte ihm ebenſo gut erzählen können, daß jener arme verblendete Narr, der Unterjäger, die Mary Lee heirathen will, trotz Allem, was vorgefallen iſt. Er wird auch noch einmal eine Frau ausſteuern für ſeinen koſtbaren Liebling.“ „Mein koſtbarer Liebling, Pater Tiernay“, ſagte Char⸗ les, noch immer ſeinen feſten Blick auf Mackworth heftend, „iſt mein Milchbruder. Er war ehedem ein großer Günſt⸗ ling unſeres ehrwürdigen Freundes, und ſeine hübſche Schweſter Ellen iſt es noch jetzt, wie ich glaube.“ Dieſer Pfeil war durchaus nur aufs Gerathewohl ab⸗ geſchoſſen; doch traf er gut und ſank ein bis zur Feder. Charles ſah, wie Mackworth zuſammenzuckte und ſich auf die Lippe biß, und wußte, daß er ihn tief verwundet hatte. Er lachte laut auf. „Was das Andere betrifft, Pater Tiernay, ſo ſagt Der, wer da behauptet, daß zwiſchen Mary Lee und mir je etwas Unrechtes vorgekommen, eine Lüge— verzeihen Sie mir den ſtarken Ausdruck iſt hölliſch hart, wenn ein Mann nicht mit einem hübſchen Mädchen reden darf, wo das ganze Dorf zuſchaut und die ganze Sache über⸗ haupt nur ein Scherz iſt, ohne dafür aller Art von Schur⸗ kerei geziehen zu werden! Iſt's nicht ein vergnügliches Haus, unſers hier, Pater Tiernay?“ Pater Tiernay ſchüttelte ſeine rechtſchaffenen Seiten im Lachen der Verwunderung und ſagte:„Meiner Treu', das iſt's. Doch hoffe ich, Sie werden mir erlauben, es wieder ins Gleiche zu bringen zwiſchen Ihnen Beiden. Pater Mackworth hat mit dem jungen Manne angebunden. Der ging ſo friedlich hinaus, ſein Pfeifchen zu ſchmauchen, wie ſich's für einen rechtſchaffenen jungen Herrn geziemt, und viele von der vornehmſten Sorte haben die Gewohn⸗ heit, ſich Abends bei der Cigarre mit ihrem Reitknechte zu noch ing“ har⸗ tend, ünſt⸗ ſch hl ab⸗ Feder. ch auf hatte. ſagt dmir zeihen wenn darf, übet⸗ Schur iches Zeiten Treu⸗ en, geiden⸗ unden. uchen cimt⸗ ewohr⸗ chte 155 unterhalten. Ich ſelbſt kann Lord Mountdown als Bei⸗ ſpiel anführen, deſſen Gaſtfreundſchaft ich zu wieder⸗ holten Malen genoſſen habe. Und ich weiß im Grunde von keiner Parlamentsacte, Bruder, wonach ein junger Mann nicht im Scherze ein hübſches Mädchen küſſen dürfte, wie ich ſelbſt ſchon gethan habe, wahrhaftig. Still jetzt, Ihr alle Beide! Ich komme mit Ihnen, Sie Ketzer, und rauche ſelbſt eine Cigarre.“ „Ich rufe Sie zu Zeugen an, daß er mich inſultirt hat“ ſagte Mackworth, ſich von ſeinem Fenſter umwendend. „Ich wollte, Sie hätten ihn in Ruhe gelaſſen, Pater Mackworth“ bemerkte Cuthbert ärgerlich;„wir waren Alle ſehr heiter und froh, bis Sie anfingen. Ich bitte Dich, Charles, geh' und rauche Deine Eigarre mit Pater Tiernay.“ „Ich warte nur, um zu ſehen, ob ihn vielleicht nach Weiterem verlangt“, ſagte Charles lachend.„Kommen Sie, Pater Tiernay; ich will Ihnen den Uebelthäter zeigen und ſeine hübſche Schweſter dazu, wenn es Ihnen Ver⸗ gnügen macht.“ „Ich wollte, er wäre nicht nach Hauſe gekommen“, begann Cuthbert, ſobald er und der Prieſter allein waren. „Warum balgen Sie Beide ſich immer wie Katz' und Hund zuſammen? Sie machen mich gründlich unglücklich. Ich weiß, daß er, im weltlichen Sinne, zum Teufel geht und als Ketzer nothwendigerweiſe die Hölle erben wird; aber ich ſehe nicht ein, warum Sie ihn zu Tode peinigen und ihm das Haus unerträglich machen müſſen.“ „Es geſchieht zu ſeinem Beſten.“ „Unſinn“, entgegnete Cuthbert.„Sie machen, daß er ————— 156 Sie haßt, und ich meine, Sie dürften keinen Sohn dieſes Hauſes behandeln, ſo wie Sie ihn behandeln. Sie haben Verpflichtungen gegen dieſes Haus. Ja, wahrhaftig Ver⸗ pflichtungen; ich dulde jetzt keinen Widerſpruch. Ich will ſagen, was mir beliebt, wenn ich in dieſer Stimmung bin, das wiſſen Sie. Der Teufel iſt noch lange nicht todt, wie Sie ſehen. Warum wecken Sie ihn wieder?“ „Fahre fort, fahre fort.“ „Ja, ich will fortfahren. Ich bin in meinem eigenen Hauſe, ſollt ich meinen. Bei den elftauſend Jungfrauen der heiligen Urſula, der Jungfrau und Märthrerin, mein Bruder iſt ein tapferer Burſch'. Wahrlich! Er kümmert ſich nicht mehr um Sie, als um einen kleinen Köter, der ihn anbellt. Und Sie, ſind ein ſtattlicher Feind für Jeder⸗ mann! Ich denke, Sie laſſen ihn lieber in Ruhe. Es kommt nicht viel für Sie dabei heraus. Adieu!“ „Welch' ein ſeltſam wildes Blut in dieſen Ravens⸗ hoes!“ ſprach Mackworth zu ſich ſelber, als er allein war. „Ein Mann von weniger Erfahrung, als ich, wäre verwun⸗ dert über Cuthbert's Ausfeuern nach ſo vieler Schule. Ich aber bin es nicht. Ich werde ihn niemals vollſtändig zäh⸗ men, wenn er auch für alle praktiſchen Zwecke hinreichend gebändigt iſt. Morgen wird er dafür auf den Knien vor mir liegen. Es gewährt mir Vergnügen, ihn ſo hinten⸗ ausſchlagen zu machen. Ich werde es zuweilen zu meiner Unterhaltung thun; er iſt ſo viel leichter zu regieren nach ſolchen Ausbrüchen. Beim Zeus! ich liebe den Mann von Tage zu Tage mehr;'iſt ganz einer nach meinem Herzen. Charles aber, den haſſe ich, und doch hab' ich auch wieder eine Art von Liebe zu ihm. Es iſt mir ein Spaß, mit dem eſes ben pill bin, wie enen auen mein nert der der⸗ 6s ens⸗ wor. wun⸗ 3 ih⸗ hend vor aten⸗ einer nch nvon tzel⸗ ieder dem 157 Knaben eine ſtumpfe Lanze zu brechen und ihn glauben zu laſſen, er ſei mir gewachſen. Es amüſirt mich. „Ich glaube faſt, ich hätte mich in jenes Mädchen, die Ellen, verlieben können. Ich war außerordentlich nahe daran. Ich muß ſehr vorſichtig ſein. Welch' wilder Falke ſie iſt! Welch' herrlicher Schachzug von ihr, auf einen ein⸗ zigen Wurf eine gerichtliche Verfolgung wegen Felonie zu riskiren und zu gewinnen. Wie konnte ſie nur errathen haben, daß Etwas dahinter ſteckte? Es iſt nicht möglich, daß ſie es errathen hat. Es war ihr Genie. Ein prächtiger Zug!“ „Wie bald hätte jener hartköpfige junge Edelmann alle meine Berechnungen über den Haufen geworfen. Sein Namensvetter, der Schachſpieler, hätte mit ſeinem Talente kein größeres Unheil anrichten können, als ſein Freund mit ſeiner Dummheit. Ich wollte, Lord Ascot beeilte ſich mit ſeinem Ruine; dann wäre mein Freund ſicher aus dem Wege. Aber er will nicht.“ Zwölftes Kapitel. Charles und der gutmüthige Pater Tiernay wanderten über den alten Hof den Ställen zu— einem Gebäude im Stile des Wohnhauſes, das gegen den Hügel gelegen war. Der Mond war voll, obgleich von Wolken ver⸗ dunkelt, und der ganze Hof ſchwamm in einem weichen milden Lichte. Sie ſtanden Beide eine Minute ſtill und betrachteten ſchweigend das ſchöne alte Gebäude. Da er⸗ ſchreckte Charles den in Gedanken verſunkenen Prieſter, indem er plötzlich in ein rauhes, höhniſches Lachen aus⸗ brach, welches dem ihm ſonſt eigenthümlichen fröhlichen Ha! ha! ſo unähnlich als möglich war. „Wie können Sie einen Gentleman ſo in ſeinen Be⸗ trachtungen ſtören?“ ſagte der Pater.„Sind das Ihre Orforder Manieren? Geben Sie mir Ihr Cigarrenetui, Sie Heide, wenn Sie die vereinigten Schönheiten von Kunſt und Natur nicht zu ſchätzen im Stande ſind!— So über die Wiege Ihrer Ahnen zu lachen!“ Charles reichte ihm das Cigarrenetui und ſang mit einer lauten, vollen Baßſtimme: 1 Der Falke, der hatte ein Neſt Sich gebaut, der alte, gar feſt Auf der Klippe hoch über dem Meer. Und die Dohlen zumal und die Krähen, Wie Jedermann weiß und geſehen, Erzeigten ihm Ehren ſehr, ſehr,— ſehr. „Laſſen Sie Ihr impertinentes Geſinge, Sie ketzeriſcher junger Knüttelversler! Glauben Sie etwa, ich ſehe nicht, wo Sie hinaus wollen?“ Doch der Falke ward alt Und das Neſt ward kalt, Und weniger der Achtung befliſſen, Die Dohlen zumal und die Krähen, Wir haben's gehört und geſehen, Jung Fälklein, die beiden, biſſen. „Bei Gott“, ſagte der gutmüthige Irländer,„Einer iſt heut' ſtark gebiſſen worden. Schämen Sie ſich gar nicht, ſolch' unverſtändiges Zeug zu ſingen, wenn alle Diener Sie hören können?“ „Prächtiges Lied, Pater; nur einen Vers noch.“ Der Aeltſte kam um Doch der Jüngſte nahm's krumm; Spannt aus ſeine Flügel, fort geht's über's Meer. Sagen die Kräh'n und die Dohlen: „S wird der Teufel ihn holen.“ Doch das kümmert mich wahrlich nicht ſehr, ſehr,— ſehr. In dem wilden bittern Tone, in welchem er die letzte Strophe ſang, lag Etwas, das Pater Tiernay bewog, ſeine Cigarre in Stillſchweigen zu rauchen, während ſie langſam durch den Hof ſchlenderten, bis Charles wieder anhob: „Kein Wort des Beifalls für meinen armen Stegreif⸗ ſang? Hol's der Henker, ich hätte Ihnen Alles applaudirt, was Sie mir vorgeſungen hätten.“ „Seien Sie nicht ſo wild und bitter, Mr. Ravenshoe“, ſagte Tiernay, ihm die Hand auf die Schulter legend.„Ich kann für Sie fühlen, obgleich wir Beide ſo wenig mit ein⸗ ander gemein haben. Sie könnten ein friedliches, glück⸗ liches Leben führen, wenn Sie herüberkommen wollten zu uns, was Sie, wenn ich das Geringſte von meinem Hand⸗ werke verſtehe, ungefähr an demſelben Tage thun werden, wo die Sonne ſich erbſengrün färbt. Allons, wie wir drüben über dem Waſſer zu ſagen pflegten, ſetzen wir unſere Reiſe fort.“ „Wild! ich bin nicht wild. Dieſe luſtige alte Welt iſt groß, und ich bin jung und kräftig. Es wird wol einen Ruck geben, wenn der Zahn herauskommt; aber es wird ſchnell vorüber und der Zahnſchmerz geheilt ſein.“ Tiernay ſchwieg einen Augenblick und ſang dann zer⸗ ſtreut mit leiſer, angenehmer Stimme dieſen Vers: „— Denn die Maid meines Herzens, die nie mehr ich ſeh'“ „Sie muß mein Schickſal theilen“, ſagte Charles. „Und ſie wird es auch— wird mir folgen bis an der Welt Ende, Sir. Sind Sie ein Pferdekenner? Welch' eine Frage an einen Irländer! Hier ſind die Ställe.“ Die Burſche machten eben die Streu, und das ganze Gebäude war voller Leben von dem Lärm geſchäftiger Schritte und dem Gewieher der Pferde. Der große Mar⸗ ſtall von Ravenshoe wurde„zu Bette gebracht“, und über egreiſ⸗ udirt, shoe“, „Ich it ein⸗ glic⸗ lten zu Hund⸗ verden, ie wir n wir Lelt iſt leinen s wird un zel⸗ harles. n der Welch sgune iftiget Mar⸗ über die zweitauſend Pfund Sterling Pferdefleiſch darin für wenigſtens viertauſend Aufhebens gemacht, unter der Oberaufſicht des Stallmeiſters, Mr. Dickſon. Mr. Dickſon's äußere Erſcheinung glich der eines be⸗ jahrten Jockeh's von Newmarket, dem man eine Tonne Auſtern mit ſammt dem Faſſe, in die Weſte eingeknöpft hatte. Sein Geſicht war mager; ſeine Schenkel hohl— Waden nicht vorhanden. Er war ganz Magen. Manch' liebes Jahr war vergangen, ſeit ihn ſtrenges Trainiren an den Rand der Auflöſung gebracht, und ſeitdem hatte ſich Alles, was er gegeſſen, getrunken oder gethan, nach dem Magen gezogen und in dieſem Organe eine Art von trom⸗ melſüchtiger Wirkung erzeugt, die wunderbar anzuſchauen war. In ſeiner Rede war er höflich und achtungsvoll gegen ſeine Vorgeſetzten, dictatoriſch gegen Seinesgleichen, und ſeine Untergebenen tractirte er mit Schmähungen, um nicht zu ſagen, mit Flüchen. An dieſen Herrn wandte ſich Charles und erkundigte ſich, ob er William nicht geſehen, und mit dem Stolze des Gekränkten, wenn ſchon mit Ehr⸗ erbietung, frug Mr. Dickſon die Stallleute insgeſammt in ſehr lautem Tone, ob Niemand Mr. Charles' Reit⸗ knecht geſehen hätte? In dem tiefen Schweigen, welches hierauf folgte, be⸗ ging einer der Burſchen die Unbeſonnenheit zu ſagen, er wüßte nicht genau, wo jener eben wäre, und Mr. Dickſon erwiderte, daß er, wäre dies Alles, was er zu ſagen wüßte, beſſer thäte, wenn er fortführe in ſeiner Arbeit und nicht einen Narren aus ſich machte— ein Rath, den der Mann befolgte, indem er Etwas wie von„wieder verkehrt gemacht“ vor ſich hinbrummte. Kingslev, Ravenshoe. I. 11 ½ 162 „Ihr Reitknecht kommt und geht ſo ziemlich, wie es ihm gefällt, Sir“, ſagte Mr. Dickſon.„Ich betrachte ihn nicht als unter meinen Befehlen ſtehend. Wäre dies der Fall geweſen, ſo hätte ich es bereits mehr als einmal für meine Pflicht gehalten, Klage über ihn zu führen. Er iſt ein wenig zu ſehr der Gentleman für meinen Stall, Sir.“ „Natürlich, mein guter Dickſon“, unterbrach ihn Char⸗ les,„der Umſtand, daß er mein Liebling iſt, macht Sie wüthend eiferſüchtig auf ihn; doch darum handelt ſich's jetzt nicht. Wenn Sie nicht wiſſen, wo er iſt, ſo haben Sie die Güte, den Mund zu halten.“ Charles war nur hin und wieder hochmüthig und kurz gegen Dienende, und dieſe hatten ihn dafür nur um ſo lieber. Cuthbert hatte ſich's zur Regel gemacht, dem ganzen Dienſtperſonal eine kalte, gleichmäßige, wie er es nannte, rückſichtsvolle Höflichkeit zu zeigen, und dennoch hatten ſie ihn nicht halb ſo gern, als Charles, der zuweilen, wenn irgend Etwas verſehen worden, des„Teufels Höllen⸗ tanz“ im Stalle aufführte, wie ein verſchmitzter junger irländiſcher Lakai ſich ausdrückte. Cuthbert fühlte, dies wußten ſie, keine Theilnahme für ſie, ſondern behandelte ſie, wie er ſich ſelbſt behandelte, als reine Maſchinen, während Charles jenes unbegränzte Wohlwollen beſaß, welches Niemand ſchneller erkennt, als Diener und Arbeits⸗ leute. Auch bei dieſer Gelegenheit that es daher Mr. Dickſon, wenn er gleich nach Charles' Hinausgehen etwas mehr fluchte als gewöhnlich, im Ganzen doch leid, den jungen Herrn damit geärgert zu haben, daß er über deſſen Liebling geſpöttelt hatte. Charles, dem es endlich gelungen war, den in Entzücken wie e hte ihn es der al für Er iſt „Sit.“ cht Sie t ſichs o haben ig und ur um t, dem ie er es dennoch weilen, Höllen⸗ junge te, dis hondelte ſchnen beſaß, rtete het Mr n ewus eid, er deſſin d del en nitn 163 verſunkenen Pater Tiernay vom Stalle hinwegzubringen, führte, nachdem er einer langen Beſchreibung der Curragh von Kildare ein ziemlich unaufmerkſames Ohr geliehen, den würdigen Prieſter nach der Hinterſeite des Stalles herum, einen kurzen Pfad durch's Holz hinauf und klopfte an die Thür einer langen, niedrigen Holzwärterhütte, die in— von den andern Gebäuden, auf einer offenen großen Lichtung ſtand, durch welche ein ſchma⸗ ler, luſtig murmelnder Bach rann. Alsbald hallten das Kettengeraſſel und das Gebell der Hunde, die ſich geberde⸗ ten, als wollten ſie die Ankömmlinge in Stücken zerreißen, ſchauerlich durch die Nacht; nur ein alberner junger Wachtelhund, der loſe war, hatte keinen Theil an dieſem Höllenlärme, ſondern kam, anſtatt durch Gekläff ſeine Pf licht zu erfüllen, ſüchtern zu ihnen heran und warf ſich, ihnen zu Füßen, auf den Rücken, als ob ſie der Wagen des Juggernaut und er ein Paradieſescundidat⸗ geweſen wäre. Da er fand, daß er nicht vernichtet werden ſolle, ſtellte er ſich plötzlich, als wäre er hoch erfreut, ſie zu ſehen und riß den Prieſter beinahe um, indem er ihm zwiſchen die Füße gerieth. Als aber Charles auf ſein zweites Anklopfen auch noch keine Antwort erhielt, hob er die Klinke auf und trat ins Haus. Die Stube, in welche ſie kamen, war finſter, oder wenigſtens halb finſter; auch ſchien im erſten Augenblicke Niemand in derſelben anweſend zu ſein. Sich jedoch auf⸗ merkſamer umſchauend, gewahrten ſie eine Geſtalt, die vor dem erſterbenden Feuer eines Kamines kniete und, auf die Kohlen blaſend, ein Licht anzuzünden verſuchte. „Hollah!“ ſagte Charles. 1 164 „William, mein Sohn“, erſcholl eine Stimme, bei welcher der Prieſter zuſammenſchrak,„wo biſt Du geweſen, Burſch'?“ Im nämlichen Momente brannte der Papierfidibus und bald das Licht. Als es heller aufflammte, fiel es auf die Züge eines grauköpfigen alten Mannes, der durch das Dunkel nach ihnen ausſpähte, und der Prieſter rief aus: „Allgütiger Gott! Mr. Ravenshoe!“ Die Aehnlichkeit war auf den erſten Blick eine ganz außerordentliche; doch wie das Auge ſich mehr an das Licht gewöhnte, ſah man, daß das Geſicht das eines höherge⸗ wachſenen Mannes war, als Denſil, überdem eines Man⸗ nes, der die Kleidung eines Wildhüters trug. Charles lachte über den Prieſter und ſagte: „Sie waren von der Aehnlichkeit frappirt, wie ſchon viele Leute. Er iſt ſo lange um meinen Vater geweſen, daß er ſelbſt den eigenthümlichen Ton ſeiner Stimme und den Ausdruck ſeines Auges von ihm angenommen hat.„Wo ſeid Ihr heute Abend geweſen, James?“ fügte er herzlich hinzu.„Warum lauft Ihr noch ſo ſpät allein umher? Ihr könntet ums Leben kommen, wenn Ihr auf ein paar jener Schurken ſtießet, die draußen wilddiebend durch's Revier ſchweifen.“ „O, ich kann mich noch gut vertheidigen, Maſter Charles“, ſagte der alte Mann lachend und um ihm Ge⸗ rechtigkeit widerfahren zu laſſen; allerdings ſah er aus, als wäre er dies im Stande. „Wo iſt Norah?“ „Zur Frau des jungen James Holby hinuntergegangen; die liegt im Kindbette.“ — ne, bei eweſen, fidibus es auf uch das ief aus: ne gon as licht herge⸗ Man⸗ Sharles ie ſchon eweſen, me und „Vo herjich unher in paat burchs Maſter n Gr⸗ aus, gngen 165 „Früh genug, wahrhaftig. Wo iſt Ellen?“ „Nach dem Herrenhauſe hinauf.“ „Nun, Pater Tiernah, ich ſoll nicht die Genugthuung haben, Ihnen die Schönheit von Ravenshoe vorzuſtellen, und Sie werden nach Irland heimkehren und ſich einbil⸗ den, daß Sie ſich mit uns meſſen können.“ Pater Tiernah begann eine Beſchreibung von fünf Miß Moriartys, die an Reizen und Bildung mit jeden beliebigen fünf jungen Damen der Welt zu wetteifern im Stande ſein ſollten, als ſein Auge von einem ausgeſtopften Haſen von ungewöhnlicher Größe und ſehr dunkler Farbe angezogen wurde, der in einem Glaskaſten prangte. „Das, Sir“, ſagte James, der Wildhüter, in freund⸗ lichem, höflichem, erklärendem Tone, indem er herantrat und ſich über ſeine Schulter bengte,„das iſt die alte Mrs. Jewel, die im letzten Häuschen, rechts unter der Klippe, wohnte. Ich glaubte immer es wäre Mrs. Simpſon ge⸗ weſen, aber's war nicht ſo. Ich ſchoß dieſen Haſen am Montage, keine dreihundert Schritte von Mrs. Jewel's Hauſe, und am Mittwoch bemerkten die Nachbarn, daß ſeit zwei Tagen die Fenſterläden nicht mehr geöffnet wor⸗ den waren, und brachen deshalb die Thür auf;— da lag ſie, allerdings, todt in ihrem Bette. Ich hatte ſie ge⸗ ſchoſſen, wie ſie von einer ihrer Hexereien nach Hauſe ge⸗ kommen war Uebrigens war ſie eine ruhige alte Seele. Nein, ich glaubte nie, daß ſie's geweſen.“ Es wäre eine völlige Unmöglichkeit, den wechſelnden Ausdruck in dem breiten freundlichen Geſichte Pater Tier⸗ nah's zu beſchreiben, während er dieſem erſtaunlichen Be⸗ richte lauſchte. Entſetzen, Staunen, Neugierde und Be⸗ 166 luſtigung waren ſo gar wunderlich gemiſcht. Er ſchaute in das Geſicht des alten Wildhüters und ſah darin den Ausdruck eines Mannes, der ein intereſſantes Factum mitgetheilt und die wiſſenſchaftlichen Erfahrungen ſeines Zuhörers bereichert hat. Er ſah Charles an und erblickte in deſſen Geſichte gar keinen Ausdruck; doch ſagte der junge Mann: „Die Hexen hier zu Lande, Pater Tiernah, nehmen die Geſtalt irgend eines niedern Thieres an wenn ſie ihren Sabbath beſuchen oder ſich zu ihren allgemeinen Zuſammenkünften begeben, bei denen, wie ich glaube, ein gewiſſer anerkannter Gentleman präſidirt, deſſen man in guter Geſellſchaft nicht gern erwähnt. In dieſem Falle ward man der alten Frau habhaft, als ſie eben in der Ge⸗ ſtalt eines Haſen heim ſchlich und ſchnell von James auf den Rücken gelegt wurde, und da iſt ſie.“ Pater Tiernay meinte blos:„O, wirklich!“ ſah aber aus, als dächte er um ſo mehr. „Und es läuft jetzt noch'ne andere draußen herum, Sir“, ſagte der Wildhüter;„und lieber Maſter Charles, wenn Sie morgen mit den Windhunden ausgehen, ſehen Sie doch zu, daß Sie den großen ſchwarzen Haſen unter der Tor⸗Birke—“ „Ein ſchwarzer Haſe!“ rief Pater Tiernay, ſtarr vor Erſtaunen.. „Beinahe kohlſchwarz, Ew. Ehrwürden“, ſagte James. „Es iſt eine Hexe, Ew. Ehrwürden, und wer ſie iſt, wiſſen die gebenedeiten Heiligen allein. Ich habe ſie wol zwei oder dreimal geſehen. Wenn der Herr mit Squire Humby zu Hele befreundet wäre, könnten wir mit den Haſenhun⸗ den hinüber⸗ und ſie niederhetzen. Aber das kann natürlich aute in usdruck getheilt uhörers deſſen Mann: nehmen enn ſie emeinen ube, ein man in nFalle der Ge⸗ nes auſ eh aber herun, Charles⸗ n, ſchen unter der tarr vor Jun ſyniſe wol zwe hunb) aſ uhun⸗ 1 atirl — —— nicht geſchehen. Wenn Sie aber morgen Lightning und Blueruin mit hinausnehmen, Maſter Charles, und das Brombeergeſtrüpp unter dem Felſen durchſtöbern laſſen, und der alte Herr und Miß Mary ſich an der Ecke der Steinmauer aufſtellen, um ſie den Graben hinunter zu jagen, ſo müſſen Sie das Beeſt bekommen.“ Der Ausdruck des Erſtaunens war allmählich aus Pater Tiernay's Geſichte geſchwunden. Man behauptet, ein Hauptelement der Macht in der römiſch⸗katholiſchen Prieſterſchaft beſtehe darin, daß ſie in jede kleine— nun, in jede kleine harmloſe Täuſchung— die eben vorkommen mag, einzugehen wiſſe. Pater Tiernay war der Situa⸗ tion gewachſen. Mit einem freundlichen und unbefangenen Geſichtsausdrucke wandte er ſich vom Wildwarte zu Charles und ſagte: „Wenn ſie eine Hexe iſt, achten Sie auf meine Worte, ſo werden die Hunde ſie nimmermehr anrühren. Es wäre am Beſten, wenn Sie einen verbogenen Sirpence zerbiſſen und damit auf ſie ſchöſſen. Ich werde daſein, um den Spaß mit anzuſehen. Ich habe noch nie eine Hexe gejagt.“ „Haben Ew. Ehrwürden ſchon einmal einen weißen Iltis geſehen?“ frug der Wildhüter. „Nein, niemals“, ſagte der Prieſter;„doch habe ich wol davon gehört. Mein Freund, Mr. Moriarty zu Caſtledown(nicht Mountdown Caſtle, verſtehen Sie mich wol; das iſt der Landſitz von Lord Mountdown, deſſen ſelige Mutter eine geborene Moriarty war, ſanft ſei ihre Ruh' im Himmel!) behauptete einen geſehen zu haben; aber, meiner Treu, Niemand hat ihn zu Geſicht bekommen, 168 als er, und er ſagte, es wäre wieder braun geworden mit Ende der Jahreszeit. Mich ſoll der— die Heiligen ſollen meine Seele kriegen, wenn ich ein Wort davon glaube.“ „Ich habe einen, Ew. Ehrwürden, und es iſt eine Sel⸗ tenheit, das gebe ich zu. Das Wieſel wird in ſcharfen Wintern oftmals weiß, aber der Iltis ſelten. Wenn Ew. Ehrwür⸗ den und der gnädige junge Herr mich einen Augenblick ent⸗ ſchuldigen wollen, ſo will ich ihn holen. Mylord Welter ſchoß ihn, als er vorigen Winter hier war. Myhlord iſt ein guter Schütze, Ew. Ehrwürden, für einen ſo jungen Herrn.“ Er verließ das Zimmer, und der Prieſter blieb mit Charles allein. „Glaubt er wirklich an all dieſes Zeug von Hexen?“ ſagte Pater Tiernay. „Ebenſo feſt, wie Sie an die Flüſſigwerdung des Blutes—“ „Schon gut, ſchon gut; danach frage ich nicht. Glau⸗ ben Sie ſelbſt daran?“ „Natürlich nicht“, entgegnete Charles,„doch wozu ſollte ich ihm dies ſagen?“ „Warum geben Sie ſich zu ſolchem Unſinn her?“ „Warum thun Sie es? „Meiner Treu, ich weiß es nicht. Ich thue nichts, als hergeben. Ich gab einem kopfhängeriſchen, gelbſüchtigen Lumpen von einem belgiſchen Prieſter neulich zwei Pfund und weiß wol, daß meiner Mutter Sohn im ganzen Leben keinen Heller davon wiederſehen wird. Horch!“ Stimmen näherten ſich dem Häuschen— die Stimmen zweier ungebildeter Perſonen, die mit einander ſtritten; die eine die eines Mannes, die andere einem Weibe ange⸗ nmit ſollen e.“ Sel⸗ ntern twür⸗ ent⸗ Pelter iſt ein ern“ b mit 91. ren des Glau⸗ wohl s, als htgen Pſnd Leben immen itten e ang 169 hörig. So viel erkannten die Beiden drinnen augenblick⸗ lich. Charles erkannte auch die Stimmen und hätte gern des Prieſters Aufmerkſamkeit von denſelben abgelenkt und denen draußen ein Zeichen gegeben, daß Fremde im Hauſe wären; doch in ſeiner Neugier zu hören, was ſie ſprachen, war er nicht ſchnell genug, und Beide hörten Folgendes. Die Stimme des Mannes ſagte grimmig:„Du haſt's gethan.“ „Die des Weibes nach einem leidenſchaftlichen Auf⸗ ſchluchzen,„ich habe es nicht gethan.“ „Du haſt es gethan; ich hab's geſehen. Du biſt eine Lügnerin— und eine—“ „Ich ſchwöre Dir, daß ich es nicht gethan habe. Du magſt mich todtſchlagen, Bill, wenn irgendwie etwas Un⸗ rechtes geſchehen iſt.“ „Nein. Wenn ich Das glaubte, ſo würde ich erſt ihm und dann Dir denn Hals abſchneiden.“ „Wenn er es geweſen wäre, Bill, ſo würdeſt Du mir nicht ſo mitgeſpielt haben.“ „Kümmere Dich darum nicht.“ „Du möchteſt mich von Sinnen bringen, das möchteſt Du. Du heaſſeſt mich. Maſter Charles haßt mich. O, ich wollte, ich wäre ſchon toll.“ „Lieber möcht' ich Dich auf dem Stroh an der Kette liegen ſehen, als Das, was ich heute Abend geſehen habe.“ Dann folgte ein Fluch. Die Thür wurde heftig aufgeſtoßen, und herein kam zuerſt unſer alter Freund, Charles' Reitknecht, William, der vor Wuth außer ſich ſchien, und nach ihm eine Geſtalt, die den guten Irländer ſtarr machte vor Erſtaunen und 170 Bewunderung— ein Mädchen, ſchön wie der Sommer⸗ morgen, dem das hellbraune Haar in verworrenen Locken um die Stirn hing, und mit einem Ausdrucke wilden Ent⸗ ſetzens und Zornes im Geſichte, wie es vielleicht dem alten Bildhauer vorſchweben mochte, als er das Antlitz der Gorgone auszuhauen verſuchte und— nicht konnte. Eine Minute ſtarrte ſie in ihrer wunderbaren Schön⸗ heit Beide an. Doch dieſer Blick— der Blick, wie von einer verdammten Seele aus einer andern Welt, ſo wahn⸗ ſinnig, ſo hoffnungslos, ſo trotzig— iſt von keinem der Beiden jemals vergeſſen worden. Im Nu war ſie verſchwunden,— in ein inneres Zim⸗ mer gegangen, und William ſtand da und ſah mit wüthen⸗ den Augen auf den Prieſter. Im nächſten Augenblicke glitt ſein Auge auf Charles; da ward ſein Geſicht ruhig und ſanft, und er ſagte: „Wir haben uns gezankt, Sir. Bitte, reden Sie und dieſer gute Herr nicht darüber. Guter Maſter Charles, ſie macht mich zuweilen halb toll. Es iſt nicht Alles in Ordnung mit ihr.“ Charles und der Prieſter gingen nachdenklich zuſammen nach Hauſe. „Erlauben Sie mir zu bemerken, Mr. Ravenshoe“, ſagte der Prieſter,„daß ich mich, als Irländer, auf eigen⸗ thümliche Hausweſen zu verſtehen glaube. Ich muß aber ehrlich bekennen, daß mir ſelten, oder nie, ein großes Haus mit ſo mannichfachen ſonderbaren Elementen vorgekommen iſt, wie das Ihrige. Sie ſind lauter merkwürdige Leute. Und, auf Ehre, ich glaube, unſer Freund Mackworth iſt der merkwürdigſte von der ganzen Geſellſchaft! mmer⸗ Locken n Ent⸗ nalten it der Schn⸗ wie von wahn⸗ nem der s Zin⸗ wüthen⸗ enblic⸗ t ruhi Sie und Chorles, Alles in uſammen nhor f eigel⸗ uß cbe es hu dunnin Leute⸗ worth ſt Dreizehntes Kapitel. Es war ein herrlicher, luftiger Novembermorgen. Die ſtämmigen Eichen allein hatten noch die letzten braunen Reſte ihres Sommerſtaates an; alle übrigen Bäume in den weiten Waldſtücken, welche den Fuß der Ravenshoe überragenden Dünenhügel unzogen, bekleideten die bunten Farben des Herbſtes ſchon mit dem matteren, wenn auch nicht minder ſchönen Braun und Purpur des Winters. Unten im Park äſete das Wild zwiſchen dem gelben Farren⸗ geblätter, und die Kaninchen hüpften und wärmten ſich in den ſchmalen Streifen der ſchrägen Sonnenſtrahlen, die ſich durch die laubloſen Bäume ergoſſen. Oben auf dem Hügel führte der tapfere Birkhahn ſeine Weiber und Kinder von den, von Heidelbeeren umwachſenen Felſen her⸗ unter, auf daß ſie ihr Gefieder in den wärmſten Winkeln unter dem Torſteine paradirten. Und die Torſteine, wie ragten ſie hoch auf über die braune Haide, von der ſich da und dort Flecken dunkler, abgeſtorbener Königsfarren noch brauner abhoben! Einen ſchmalen Pfad hinauf, wo das kurze Gras auf der einen Seite in federartigen Ginſter, auf der andern 172 in braunes Haidekraut und grauen Stein überging, unter⸗ halb des Torfelſens, der Ravenshoe zunächſt lag und ſich über jenes düſtere Gebüſch aufreckte, in welchem wir Denſil mit ſeinem alten Hunde ſpazieren gehen ſahen,— dort war am Morgen nach Charles'Ankunft eine glückliche Geſellſchaft verſammelt, von der jedes Mitglied dem Leſer bereits bekannt iſt,— ein Umſtand, deſſen ich, der Schreiber dieſes Buches, beſonders froh bin. Denn ich bin des Ge⸗ ſchäftes, neue Perſonnagen vorzuſtellen, allbereits ſo müde, wie es der Lord Kammerherr ſein muß, Ihrer Majeſtät beim Lever ihr noch unbekannte Größen vorzuſtellen. Erſtens Denſil, auf einem kleinen grauen Hengſt. Er ſah ſehr alt und hinfällig aus und blickte angeſtrengt die Schlucht hinauf, wohin Charles und James, der alte Wild⸗ wart, mit den Windhunden gegangen waren. Am Zaume ſeines Pferdes ſtand William, den wir in Oxford kennen gelernt haben. Neben dem alten Herrn hielt Mary auf ihrem Pony und ſah ſo ſtrahlend und glücklich aus, daß uns ſelbſt, wenn's dort oben auch keine prachtvolle Herbſt⸗ ſonne gegeben, ein Blick auf ihr Geſicht die ödeſte Landſchaft in Lancaſhire erhellt und verklärt hätte. Endlich der gute Pater Tiernay, der barhäuptig und leuchtenden Antlitzes auf ſeinem Pferde ſaß und ſich die Tonſur kraunte. „Sie ſind alſo entſchloſſen, auf den blauen Hund zu wetten, Miß Mary?“ ſagte er. „Ich habe bereits mit Charles um ein Paar Hand⸗ ſchuhe gewettet, Mr. Tiernay“, antwortete Mary,„und ich will es wagen, ein Gleiches mit Ihnen zu wetten. Ruin iſt der geſchwindeſte Fänger, den wir je gezogen haben.“ „Ich weiß es; Alle ſagen's“, ſprach der Prieſter;„aber, mter⸗ und wir n,— dliche Leſer reiber müde, jeſtüt Er gt die ume ennen uf , doß erbſt ſcheft 3 gute ulites d z Hand⸗ und Ruin n aber, 173 kommen Sie, ich werde auf's Laufen wetten. Ich wette auf Lightning.“ „Lightning iſt der ſchnellere Hund“, ſagte Denſil; „aber Ruin! Sie werden ſehen, wie er die ganze Zeit hinter dem andern zurückbleibt und ſchließlich doch den Haſen fängt. Pater Mackworth, der ein guter Hunde⸗ kenner iſt, wettet ſtets auf ihn gegen den ganzen Zwinger.“ „Wo iſt Pater Mackworth?“ „Ich weiß nicht“, entgegnete Denſil.„Es wundert mich, daß er nicht bei uns iſt. Er liebt die Haſenjagd ſehr.“ „Se. Hochwürden ſtieg vor einer Stunde das Moor hinan, Sir“, ſagte William;„ich ſah ihn fortgehen.“ „Wo ging er hin?“ „Ich kann's nicht ſagen, Sir. Er nahm den Weg, an den Felſen vorüber, auf der andern Seite des Grundes, wo Mr. Charles ſteht.“ „Ich möchte doch ſehen, ob James heut' Morgen ſeine Freundin, die Hexe, findet“, ſagte Pater Tiernay.“ „Ah“, ſagte Denſil,„er hat mir davon erzählt. Ich hoffe es wahrlich nicht.“ Pater Tiernay wollte lachen; doch that er's nicht. „Sie glauben alſo an Hexen, Mr. Ravenshoe?“ „Ach, nein“, ſagte Denſil, ſich nachdenklich das Kinn ſtreichend,„ich denke nicht. Doch ſcheint mir altem Manne dieſer Glaube eigentlich nicht alberner, als die neumodiſche Electro⸗Biologie und das Tiſchrücken. Charles erzählt mir, daß ſie in Oxford mit magiſchen Kryſtallen experi⸗ mentiren und das Merton⸗Collegium den Teufel ſelbſt her⸗ aufbeſchworen zu haben behaupte, was in unſerer Zeit ſich 174 faſt ſo ausnimmt, als kehrte man zum erſten Anfange zu⸗ rück. Aber ich weiß nicht, ob ich überhaupt Etwas davon glaube. Ich weiß nur, daß, wenn irgend ein armes altes Weib ſich dem Teufel verſchrieben und den Einfall gehabt hat, ſich in einen ſchwarzen Haſen zu verwandeln, meine Hunde ſie nicht packen werden. Sie muß ein ſo verflucht ſchlechtes Geſchäft gemacht haben, daß ich ſie nicht gern nur um eine Secunde von der kurzen Friſt zwiſchen hier und— und dem Dingsda bringen möchte.“ William nahm ſich, als privilegirter Diener, die Frei⸗ heit zu bemerken, die alte Miſtreß Jewel müßte bei ihrem Handel mit dem Teufel arg über's Ohr gehauen worden ſein; denn ſie hätte die letzten ſieben Jahre vor ihrem Tode ſchon nichts als ſchwere Zeiten gehabt. Hieraus zog Pater Tiernay die Moral, daß„Dergleichen ſich nie gut bezahlt“, und Mary ſagte, ſie glaubte kein Wort von dem ganzen Blödſinne; denn die alte Miſtreß Jewel wäre eine ſo gute alte Seele geweſen, wie man ſie ſich nur wünſchen könnte, und hätte ſich redlich abgemüht um ihren Lebensunterhalt, bis ihre Kraft ſie verlaſſen und ihr Sohn in einem Härings⸗ boote untergegangen wäre. Denſil meinte, ſein liebes Vögelchen ſpräche mit zu großer Entſchiedenheit. Denn da wäre zum Beiſpiele die Hexe von Endor— Pater Tiernay, der mit geſpannter Aufmerkſamkeit Charles und ſeine Windhunde beobachtet und nur dies letzte Wort erhaſcht hatte, ſagte mit merkwürdiger Emphaſe und Beſtimmtheit: „Ein Beſenſtiel der Here von Endor, Recht ſtark und mit Eiſen beſchlagen“, —— ige zu⸗ davon s altes gehabt meine erflucht ht gen en hier ie prei⸗ i ihrem worden m Tode Pater ahlt“ ganzen ſo gut lönnte, terhalt ring⸗ mit z iele die ſentit ut di 6nphiſ 175 und ſah dann Denſil an, als ob er ihm aus einer Ver⸗ legenheit geholfen hätte und ſeinen Dank erwartete. Denſil aber fuhr fort, ohne auf ihn zu achten: „Da war zum Beiſpiele die Hexe von Endor.»Du ſollſt eine Hexe nicht am Leben laſſen«. Wenn es über⸗ haupt keine Hexen gäbe, ſo würde das Sanct Paulus nicht geſagt haben.“ „Ich glaube nicht, daß es Sanct Paul war, der's ge⸗ ſprochen hat, Papa, wie?“ ſagte Mary. „Einer von ihnen hat's geſagt, mein Vögelchen, und, in der Frage halte ich Sanct Peter für ebenſo competent als Sanct Paul, wo nicht für competenter. Sanct Peter war beſtändig in Noth, das weiß ich wol; aber er war der Einzige, der einen Hieb führte für die gute Sache, geben wir ihm alle Ehre! Laß' mich ſehen— er heirathete die heilige Veronica, nicht wahr?“ „Heirathete die heilige Veronica, die Jungfrau und Märtyrerin!“ rief der Prieſter außer ſich vor Erſtaunen. „Mein beſter Herr, Sie reden wirklich das Blaue vom Himmel herunter.“ „Ah, nun, vielleicht irre ich mich; ſie war eine Jung⸗ frau, aber ſie war keine Märtyrerin.“ „Die heilige Veronica“, ſagte Pater Tiernay belehrend und ein wenig verdrießlich,„ſtarb den Märtyrertod unter Tiberius, weiter nichts.“ „Ich wette mit Ihnen, was Sie wollen“, rief Denſil, „ſie ſtarb—“ Denſil's Meinung über die letzten Tage der heiligen Veronica wird auf immer Geheimniß bleiben; denn in die⸗ ſem Augenblicke erſcholl ein lautes: Halloh! ſeht!“ von / 176 Charles, im nächſten brach aus dem verworrenen Ge⸗ ſtrüppe zu ſeinen Füßen ein ſtattlicher Haſe; im dritten ſetzten die beiden Hunde ihm nach, und Charles, der zwei zuſammengerollte Fähnchen in der Hand hielt, ſauſte auf den rauhen Steinen über den Grundhin, ſtolperte mit ſeinem Pferde, riß daſſelbe wieder in die Höhe und war ſchon halben Weges hügelauf den fliegenden Hunden hinterdrein. Es war nur eine kurze Hatz. Das Häschen rannte einer hügeligen Stelle unter dem Felſen zu, unſerer Zu⸗ ſchauergeſellſchaft gerade gegenüber. Zu nahe bedrängt, machte es Kehrt gegen die offene Fläche; doch es ſtieß auf James und wandte ſich, die letzte verzweifelte Chance er⸗ greifend, wieder der erſten Stelle zu. Zu ſpät: die Hunde hatten es eingeholt. Es gab einen kurzen Kampf; dann er⸗ hob ſich Charles in ſeinem Sattel, entfaltete ſeine blaue Fahne und ſchwang ſie. „Hurrah!“ rief Mary, in die Hände klatſchend,„zwei Paar Handſchuhe heute Morgen! Wo wird er es nun ver⸗ ſuchen? Da kommt James; fragen wir ihn.“ James nahte ſich ihnen mit dem todten Haſen und Denſil frug, wo er es jetzt unternehmen wollte. James ſagte, eben da, wo ſie ſtänden. Denſil frug weiter, ob er Pater Mackworth geſehen? und war eben im Begriffe, hinzuzufügen, daß derſelbe über die Hochebene gegangen, als ein lauter Ausruf von Charles und ein noch lauterer von James die Aufmerk⸗ ſamkeit Aller in Anſpruch nahmen. Ein großer ſchwarzer Haſe war aus den Dornen zu Charles Füßen hervorge⸗ brochen und lief jetzt über das Thal hin gerade auf die Geſellſchaft zu. Die Hunde folgten ihm dicht auf den Ferſen. nen Ge⸗ dritten der zwei uſte auf itſeinem ar ſchon terdrein. nrante erer Zu⸗ bedringt, ſteß uf ance e⸗ eHunde dann er⸗ ne hlaue d,„wet nun ver⸗ ſen und gams —— gſhenk derſelbe zuif vn lufner⸗ nar errrrhe⸗ uif de nhurſen 177 „Die Hexe“! ſchrie James,„die Hexe! Jetzt werden wir erfahren, wer ſie iſt.“ Das ſchien allerdings ſehr wahrſcheinlich. Denſil ent⸗ riß William die Zügel, gab ſeinem Pony die Sporen und jagte, auf die Gefahr hin ſich den Hals zu brechen, dem Rande des Holzes zu. Der Haſe, der von ſo dunkler Farbe, daß er faſt ſchwarz ausſah, ſetzte in gleichlaufender Rich⸗ tung dahin und ſauſte gerade vor Denſil in den begraſ'ten Waldweg hinein. Sie ſahen ihn hinabfliegen, dicht den Hunden vor der Naſe; dann bemerkten ſie, wie er in einen Kreuzpfad ſtürmte, wobei er von dem einen der Hunde faſt gepackt worden wäre, und nun verſchwanden Haſe und Hunde um die Ecke. „Sie iſt todt, Sir, hol' ſie der—! Jetzt werden wir ſie haben, die Hexe!“ Alle eilten péle-meéle um die Ecke. Hier ſtanden die Hunde, keuchend und verblüfft um ſich blickend, während einige Schritte vor ihnen— Pater Mackworth ſtand, wel⸗ cher verſtört und erhitzt ausſah, als ob er gelaufen wäre. Der alte James ſtierte ihn erſtaunt an. William pfiff lange vor ſich hin; Mary war einen Augenblick wirklich erſchrocken; Denſil ſah verdutzt und Charles beluſtigt aus, während Pater Tiernay mit einem ſchallenden Gelächter nach dem andern den Wiederhall des Waldes weckte. „Ich fürchte, ich habe das Spiel verdorben, Mr. Ravenshoe“, ſagte Mackworth näher kommend;„der Haſe rannte mir faſt auf die Füße und machte Kehrt ins Dickicht hinein, wodurch er die Hunde verwirrte. Faſt ſchienen ſie Luſt zu haben, ſich dafür an mir zu rächen.“ „Ha, ha!“ lachte der luſtige Prieſter, welcher nicht, Kingsley, Ravensbve. I. 12 ——— — wie Charles, bemerkte, wie verſtört der Andere war.„So haben wir Sie alſo gefangen, wie Sie ſich von Ihrem Rendezvous mit der ſüßen Freundin nach Hauſe ſchlichen!“ „Was wollen Sie mit Ihrem Rendezvous ſagen, Sir! Sie überſchreiten die Grenzen des Schicklichen, Sir. Mr. Ravenshoe, ich bitte Sie, mir zu verzeihen, wenn ich, ohne es zu wollen, Ihr Vergnügen geſtört habe.“ „Durchaus nicht nöthig, mein lieber Pater“, ſagte Denſil, der es, nach James' furchtſamem Geſichte, für beſſer hielt, keine weiteren Erklärungen herbeizuführen; „wir haben bereits einen Haſen erlegt, und jetzt, denke ich, iſts Zeit, zum Lunch nach Hauſe zurückzukehren.“ „Eßt nicht Alles auf, bis ich komme. Ich muß zum Tor hinauflaufen; ich habe meine Peitſche dort fallen laſſen“, ſagte Charles.„James, reitet auf meinem Pferde heim; Ihr ſeht ermüdet aus. Ich werde zu Fuße ebenſo ſchnell zu Hauſe ſein.“ Er hatte James die Zügel zugeworfen und war ſchon fort. Alle wandten ſich dann zuſammen heimwärts. Charles war ſchnellen Fußes in wenig Minuten auf dem Torſteine und hatte die verlorene Peitſche aufgehoben. Hierauf ſetzte er ſich auf einen großen Block, und überließ ſich ſeinen Gedanken. „'siſt irgendwo etwas ganz verwünſcht Verkehrtes los, und ich möchte wol dahinter kommen, was es iſt. Was nur jener Pfaff vorgehabt haben mag, daß er ſo verſtört ausſah? Und dann, was hatten Ellen und William geſtern Abend miteinander? Mit wem kann ſie ſich eingelaſſen haben? Ich will hinunter. Ich wollt', ich könnt' ihm auf die Spur kommen. Eines weiß ich, und nur dies Eine: „So Ihrem ichen!“ Sir! t. Mr. h, ohne ſagte hte, für führenj nke ich, uß zum fallen Pferde ebenſo a ſchon uten auf gehober rtes bo 1. Pos verſtn n geſurn ngeluſſel es bint 179 daß er mich mehr haßt als die Peſt, und daß es nicht zu erwarten ſteht, daß ſein Haß ein paſſiver bleiben wird.“ Das Holz, welches Charles hinabwandelte, bedeckte eine ſehr bedeutende Fläche Landes und beſtand aus dem dichteſten Gebüſche, das lange, gerade Wege durchſchnitten. Das Wetter war düſter und kalt geworden, und ein leiſe ächzender Wind begann durch die kahlen Aeſte zu ſtreichen und machte den Blick auf die langen Durchhaue mit ihrem feuchten Graſe und faulenden Laube noch öder. Brütend ſchritt er von Allee zu Allee und wurde an einer derſelben eines niedrigen weißen Gebäudes anſichtig, das, jetzt zum Theil in Trümmern, in der tiefſten Wald⸗ einſamkeit als Luſthaus erbaut worden war. Vor Jah⸗ ren pflegten Cuthbert und Charles an fröhlichen, ſchul— freien Sommertagen hierherzukommen, um zu ſpielen— Robinſon Cruſoe und dergleichen; aber es hatte dort einſt einen Kampf mit den Wilddiében abgeſetzt, und einer ihrer jungen Begleiter von einem Kerle der Bande einen Fußtritt auf den Kopf bekommen und war dadurch blödſinnig geworden. Charles hatte am nächſten Morgen das Blut im Graſe geſehen, und ſo erklärten ſie den Ort für einen unheimlichen Platz und kamen nicht wieder hin. Seitdem hatten die wilden Faſanen das Haus in Beſitz ge⸗ nommen. Mit Einem Worte, es war ein einſamer geſpen⸗ ſtiſcher Ort; darum überraſchte es Charles nicht wenig, als er, durch die niedrige Thür hineinſchauend, im dun⸗ kelſten Winkel eine weibliche Geſtalt bemerkte, die unbe⸗ weglich daſaß. Es war kein Geſpenſt; denn ſie ſprach. Sie ſagte: „Kommen Sie etwa zurück, um mir noch einmal Vorwürfe 12* 180 zu machen? Ich kenne meine Macht, und Sie ſollen ſie nimmer in Ihre Hände bekommen. Charles rief:»Ellen«! Sie blickte auf und fing an zu weinen, anfangs in leiſem Gewimmer, dann im wilden Ausbruche leidenſchaftlichen Kummers. Er zog ſie an ſich und wollte ſie tröſten; aber ſie machte ſich los.„Heute nicht“, rief ſie,„nur heute nicht.“ „Was gibt es, Ellen? Was gibt es, Schweſter?“ ſagte Charles. „Nennen Sie mich noch einmal Schweſter“, ſprach ſie, indem ſie aufblickte.„Ich liebe den Namen. Küſſen Sie mich und nennen Sie mich Schweſter, nur dies eine Mal.“ „Liebe Schweſter“, ſagte Charles freundlich, ſie auf die Stirn küſſend,„was haſt Du n „Ich habe einen Streit mit Pater Mackworth, und er hat mir häßliche Namen gegeben. Er kam, wie ich hier mit Maſter Cuthbert ſpazieren ging.“ „Mit Cuthbert?“ „Ja, warum nicht? Ich kann mit Ihnen oder mit ihm zu jeder Zeit hier ſpazieren gehen, und's iſt kein Arg dabei. Jetzt muß ich fort.“ Ehe Charles noch Zeit hatte, ein Wort des Wohl⸗ wollens, des Troſtes oder der Verwunderung auszuſprechen, hatte ſie ihn an ſich gezogen, ihm einen Kuß gegeben und war den Weg dem Hauſe zu hinabgegangen. Er ſah ihr Kleid um die letzte Ecke flattern, und ſie verſchwand. en ſie len«! eiſem lichen nachte ſer?“ prac n Sie Mal.“ ie auf und er h hiet er nit in Ag Vohl⸗ rechel en und ſch ihr d. Dierzehntes Rapitel. Auf die ſoeben erzählten Ereigniſſe folgten zwei oder drei ſtille Monate— eine Periode, deren ſich Charles in allen künftigen Zeiten als eider der ruhigſten und fried⸗ lichſten ſeines Lebens erinnerte. An jedem ſchönen Tage wanderte er mit ſeinem Vater durch die Pferde- und Hundeſtälle, durch's Holz und in der Pachtung umher. Charles, dem der Tag in Orford nicht vollſtändig erſchien, wenn er, nach einer Fahrt im Viergeſpann oder einer Ruder⸗ partie nach Sandford, nicht noch bis vier Uhr Morgens Ecarté, Piquet oder Vingt⸗et⸗un ſpielen konnte, entdeckte jetzt zu ſeinem größten Erſtaunen, daß es ihm viel mehr Vergnügen gewährte, ſich neben ſeinem Vater über ein Gatter zu lehnen und, einen Strohhalm kauend, gemäſtete Ochſen und Schweine zu betrachten. Ein lärmender Wein⸗ commers, bei dem er dieſelben jungen Leute antraf, mit denen er am Abend vorher zuſammen geweſen und welche dieſelben Lieder ſangen und dieſelben faden Geſchichten er⸗ zählten, war wol ganz gut; allein er begann zu finden, daß ein Nachteſſen im eichengetäfelten Saale, zwiſchen ſeinem Vater und Mary, wo man von den unbedeutendſten Dingen 182 plauderte, doch viel gemüthlicher war. Ein anderer be⸗ merkenswerther Umſtand war, daß er Pater Mackworth's Sarkasmen mit gutmüthigem Lachen erwiderte und auf jeden Kampf mit dem würdigen Prieſter ruhig verzichtete. Kurz, Charles war, fern von Kameraden und Ausſchweifung, wieder ſein altes Selbſt— der brave Junge, den ich vor Jahren lieb gewann— der Mann, deſſen Geſchichte zu ſchreiben ich ſtolz bin. Lord Saltire war inzwiſchen angekommen. Er hatte an Denſil geſchrieben, daß er ſich fürchterlich langweile und daß er, als ein moraliſches Studium, ein für alle Mal das ganze Quantum von Langeweile durchzumachen wünſchte, welches der Mäſch, ohne daran zu ſterben, zu erdulden vermöchte; daß er, nachdem er ſich ſorgfältig nach einem Aufenthalte und einer Geſellſchaft umgethan, die dieſe Abſicht am Beſten zu fördern geeignet wären, Ravenshoe als den zweckdienlichſten Ort gewählt hätte; daß er um ein nach Süden gelegenes Zimmer bäte, und daß ſein Diener drei Tage nach dem Datum dieſes Schrei⸗ bens mit ſeinen»Sachen« eintreffen würde. Denſil hatte das Schreiben in angemeſſener Weiſe beantwortet und ſeinen lieben alten Freund gebeten, ſein Haus wie ſein eigenes zu betrachten, und Lord Saltire war eines Abends angelangt, wo kein Menſch weiter im Hauſe geweſen, als Mary, die ihn in der Halle empfing. Sie war in einiger Angſt. Sie hatte vom»wilden Prinzen und Poyns« und von Lord Saltire's gewaltigem Sarkasmus genug geleſen und gehört, um über die Situa⸗ tion, in welche ſie ſich verſetzt ſah, aus Herzensgrunde zu er⸗ beben. Sie hatte ſich einen fürchterlichen, alten Mann mit er be⸗ orth d auf chtete. ifung, ich vor hte zu hatte igweile ir alle nachen en, zu fültig ethon, wären, hätte; e, und Schrel⸗ ltun et und ie ſein lbends , als wilden ltigen Situc ezuer⸗ nn nit buſchigen Brauen und grauſam blitzenden Augen darunter vorgeſtellt. Deshalb war ſie erſtaunt, als ſie einen Herrn erblickte, der allerdings alt war, aber aufrecht, wie eine junge Eiche, und von ſo auffallender Schönheit und ſo an⸗ genehmem Geſichtsausdrucke, wie ſie nie zuvor geſehen. Sie war erſtaunt, ſagte ich; doch wiſſe man, daß Mary viel zu ſehr Dame war, um dies zu verrathen. Sie ſchwebte ihm durch das Düſter der alten Eingangs⸗ halle mit einem offenen Lächeln und gerade dem Grade von echter Bewunderung in ihren lieben Augen entgegen, welcher Lord Saltire das aufrichtigſte Compliment dünkte, das man ihm ſeit manchem Tage gezollt hatte. „Mr. Ravenshoe wird es ſehr bedauern, daß er nicht da war, um Sie ſelbſt willkommen zu heißen, Mylord“, ſagte ſie. „Wenn dies Mr. Ravenshoe leid thut, mir jedenfalls nicht“, ſagte der alte Herr.„Mr. Ravenshoe hat mir die Ehre erzeigt, mich das Schönſte in ſeinem Hauſe zuerſt ſehen zu laſſen. Das halte ich für ein recht hübſches Compliment, Miß Corby, wenn ich nicht aus der Uebung gekommen bin.“ „Entſchieden ein ſehr hübſches Compliment“, antwortete ſie lachend.„Ich danke Ihnen herzlichſt dafür. Ich kenne im Leben nichts Angenehmeres, als ſich Schmeicheleien ſagen zu laſſen. Darf ich Ihnen Pater Mackworth vor⸗ ſtellen? Lord Saltire würde ſich freuen.“ Pater Mackworth trat vor, und Marh ſah, wie die Beiden einander betrachteten. Sie bemerkte auf den erſten Blick, daß ſie ſich entweder ſchon früher getroffen hatten, oder daß ein Geheimniß exiſtirte, welches Beide kannten. 64 Nie konnte ſie Pater Mackworth's herausfordernde Miene, nie Lord Saltire's ruhig prüfenden Blick wieder vergeſſen, der ſo deutlich, wie geſprochene Worte, ſagte:»Dieſer Menſch weiß es«. Dieſer Menſch wußte es in der That— hatte es ſeit Jahren gewußt. Der Diener, welcher Mackworth an den Portier des franzöſiſchen Lyceums übergeben, der namen⸗ loſe Diener, der das letzte Glied bildete, welches ihn mit ſeinem frühern Leben verband— dieſer Mann hatte Lord Saltire's Livree getragen, und Mackworth erinnerte ſich dieſes Umſtandes. „Ich ſehe“, ſagte Lord Saltire,„daß Miß Corby zur Promenade gerüſtet iſt. Ich errathe, daß ſie Mr. Ra⸗ venshoe entgegengehen will, und iſt meine Vermuthung richtig, ſo bitte ich um die Erlaubniß, Sie begleiten zu dürfen.“ „Sie haben wunderbar richtig gerathen, Mylord. Cuthbert und Charles ſchießen im Holze Faſanen, und Mr. Ravenshoe iſt bei ihnen auf ſeinem Pony. Wenn Sie mit mir gehen wollen, ſo werden wir ihnen be⸗ gegnen.“ Und ſo ſchritten der ſtattliche alte Adler und das hübſche Vögelchen mit ſeiner ſanften Stimme zuſammen auf die Terraſſe hinaus und blieben da ſtehen unter dem grauen Decemberhimmel, um dem rauſchenden Meere zu lauſchen. Rechts und links ſchienen die nebeligen Vorgebirge auf der ſtillen, grauen See zu ſchweben, die ſich in Seufzertönen zu ihren Füßen brach, wie die langen, majeſtätiſchen Wogen vom Oceane heranrollten. Etwa eine Minute lang ſtanden ſie Beide, und Keines ſprach ein Wort. Miene, geſſen, Dieſer es ſeit an den namen⸗ hu mit te Lord rte ſich bh zur thung ten zu ihlord. n, und Wenn 1en he⸗ übſche uf die grauen uſchen⸗ auf der en zu Wogen ſtnden 185 „Die neue Schule“, begann Lord Saltire endlich, in⸗ dem er auf das Meer hinausblickte,„handelt vielleicht weiſe, wenn ſie mehr an die Landſchaft und das reine Außenwerk der Natur denkt, als wir es thaten. Wir lebten in Clubs und Menſchengewühl, und Einer nach dem Andern ziehen wir nun in unſerm letzten Verſammlungs⸗ orte ein. Nur Wenige der Unſeren ſind noch übrig. Sind indeſſen kluge Männer, dieſe Stephenſons und Paxtons! Sie bekämpfen die träge Materie, während wir uns mit den Schaaren der Philiſter ſchlugen. Wir hatten keine Zeit für Botanik und dergleichen, und das war ein Unglück. Doch ſolltet Ihr junges Volk nicht über uns lachen.“ „Ich, über Sie lachen!“ ſagte ſie plötzlich und ſchnell; „über die Rieſen lachen, welche die Götter bekriegten! Mylord, die Männer unſerer Zeit haben ſich ihren Vätern nicht ebenbürtig bewieſen.“ Lord Saltire lachte. „Nein, noch nicht“, fuhr ſie fort;„wann die Zeit kommt, werden ſie es thun. Aber die Zeit iſt noch nicht gekommen.“ „Noch nicht, Miß Corby. Sie wird kommen,— denken Sie an die Worte eines ſehr alten Mannes, eines alten Burſchen, der verwünſcht viel von der Welt geſehen hat.“ „Werden wir neue Kriege bekommen, Lord Saltire?“ „Krieg, wie wir ihn uns noch nie haben im Traume einfallen laſſen, junge Dame.“ „Hat denn dieſe ganze neue Friedensweihe gar nichts zu bedeuten?“ „Nur als die Inauguration einer neuen Reihe von ——— 186 Kriegen, die fürchterlicher ſein werden, als die, welche bis⸗ her überſtanden wurden.“ „Frankreich und England im Bündniſſe können dem ganzen Europa Geſetze vorſchreiben.“ Lord Saltire wandte ſich zu ihr und lachte.„Und Sie glauben wirklich, daß Frankreich und England ſich je zu etwas Wichtigerem verbünden könnten, als zu einem Aus⸗ falle gegen Rußland? Nicht, daß ſie jemals gegen Ruß⸗ land zu Felde ziehen werden. Da wird es zu keinem Kampfe kommen. Wenn ſie nur laut genug drohen, ſo wird Rußland ſich fügen. Nicolaus kennt ſeine Schwäche und wird nachgeben. Iſt er thöricht genug, ſich mit den Weſtmächten zu ſchlagen, ſo wird die Sache in einem abermaligen Duell à'outrance zwiſchen England und Frankreich enden. Niemals werden ſie lange Hand in Hand gehen. Thun ſie es, ſo iſt Europa in Sclavenbanden und England verloren.“ „Aber warum, Lord Saltire?“ „Nun, nun; ich denke es mir. Erlauben Sie mir zu ſagen, daß ich in einer ſo harmlos ausſehenden jungen Dame keinen ſo tief denkenden, wenn auch irre geleiteten Politiker zu finden erwartete. Gott ſchütze das liebe alte Land; denn jeder neue Acker, den ich von ihm ſehe, befeſtigt die Ueberzeugung in mir, daß es das erſte Land der Welt iſt.“ Sie ſchritten jetzt durch den terraſſirten Garten dem Gehölze zu, wo ſie die Schüſſe in ſchneller Aufeinander⸗ folge fallen hörten, und Beide ſchwiegen einige Augen⸗ blicke. Der laubloſe Wald lag vor ihnen und zu ihren Füßen das Dorf. Zwiſchen den Bäumen erhob ſich der lche bis⸗ nen dem Und Sie ſich je zu em Aut⸗ gen Ruß⸗ u keinen rohen, ſo Schwiche mit den in einem and und Hand in eubande ie mir l n jungen geleiteten libe alt befeſigt Lond der arten den feinander „ Augel dſ in ob ſich der 187 ſpitze Kirchthurm. Irgend ein alter Fiſcherpatriarch war heute zur wohlverdienten Ruhe eingegangen, und die Glocken läuteten für ihn. Mary blickte auf das ſtille Dorf, hinaus auf das ruhige, winterliche Meer und dann in das ruhige, ernſte Geſicht des alten Mannes, der an ihrer Seite ging, und ſagte: „Bitte, ſagen Sie mir Eines, Lord Saltire. Sie ſind in vielen Ländern gereiſt. Gibt es im Oſten oder im Weſten irgend ein Land, das uns daſſelbe zu bieten ver⸗ mag, wie dieſes liebe alte England— eine feſte Ordnung, in der Jeder ſeinen Platz und ſeine Pflichten kennt? Es iſt ſo leicht, in England gut zu ſein.“ „Ich denke, nein. Es iſt das erſte Land der Welt. Aber ein paar ſchlechte Ernten würden es zur Hölle machen. Gibt es hier in Ravenshoe viele Faſanen?“ Und unter ſolchem Geſpräche wanderte das ſeltſame Paar nebeneinander dem Gehölze zu. Charles blieb in ſeiner Zurückgezogenheit nicht ohne Neuigkeiten; denn einige Freunde erhielten ihn leidlich au fait von dem, was in der Welt vorging. Erſtens gab es Nachrichten aus Orford; die eine Sorte derſelben kam von John Marſton, eine andere von einem gewiſſen Marker, der auch unter dem Namen»Bodger« bekannt war, obgleich ich nicht weiß, warum er ſo hieß und auch Keinen gefunden habe, der mir es hätte ſagen können. Er war der Bericht⸗ erſtatter über die Ereigniſſe in der feinen Welt, während John Marſton mehr Beiſpiel und Rath lieferte. Ungefähr um dieſe Zeit ſchrieb Marſton folgendermaßen: „Was macht Iſaſchar? Iſt der Eſel ſchwächer oder 188 ſtärker, denn früher? Iſt meinem vielgeliebten Eſel ſein Aufenthalt in Ranford zum Nutzen gediehen, oder nicht? Was macht der andere Eſel, Lord Welter? Er iſt ohne allen Zweifel ein Narr, aber wie ich glaube, ein ehrlicher, ſo lange Du ihm die Verſuchung aus dem Wege räumſt. Er ſteckt ſchmachvoll in Schulden; doch ich vermuthe, er wird zahlen, wenn ihr Pferd das Derby⸗Rennen gewinnt; andernfalls möchte ich lieber Mylord ſelbſt ſein, als deſſen Gläubiger. Wie geht's mit der grande passion— hat Chloe ſich erweichen laſſen? Sie wäre eine große Thörin, wenn ſie's thäte. Nun, wenn ſie Dich abweiſt, kann ſie Lord Welter heirathen und er ihr ſeine Schulden als Hoch⸗ zeitgabe übermachen. Ein Wort in Dein Ohr. Ich habe eine Einladung nach Ranford erhalten. Ich muß hingehen, denke ich. Die liebe alte Frau, über deren Abgeſchmackt⸗ heiten Deine Gnaden zu lachen belieben, iſt gegen mich und die Meinigen ſtets ſehr freundlich geweſen, und des⸗ halb werde ich hinreiſen. Ich werde der edlen rechtſchaf⸗ fenen alten Seele, die ſich abmüht ein fallendes Haus auf⸗ recht zu erhalten, meinen gerechten Tribut der Huldigung zollen. Lache nicht über Lady Ascot, Du impertinenter junger Taugenichts! Ich zweifle nicht daran, daß ſie Eurer Excellenz mannichfache Gelegenheit bietet, Ihren Witz zu üben; aber ſie iſt Dir unermeßlich weit überlegen, Du junger Galgenvogel.“ „Gott ſegne Dein liebes altes Geſicht; wie ſehne ich mich, es wiederzuſehen! Ich werde dazu hinunterkommen. Ich werde zu Anfange der Weihnachtsferien zu Euch kom⸗ men— als ein geſchlagener Mann, Charles. Ich werde nur ein Nummer Zwei bekommen. Einerlei; ich will mich Fſel ſein r nicht? iſt ohne räumſt. uthe, er zewinnt; ls deſſen hu eThrin, lunſi als Hoch gch habe hingehen⸗ ſchnadt gen nicj ind de⸗ rechtſchm Haus auſ Hultigung ertnente daß ſie t, Ihren iberlegen⸗ ſchr i erlonn buch lon⸗ qch werde nil nich und meine Schande lieber bei Dir und den Deinigen ver⸗ ſtecken, als ſonſt irgendwo.“ „Charles, alter Freund, wenn ich ein Nummero Drei bekomme, ſo bricht mir's das Herz. Zeige Niemandem dieſen Brief. Mit der griechiſchen Proſa hab' ich das Spiel verloren. O, mein alter Charles! glaube mir das: der Tag, den wir einmal verloren, kehrt uns nimmer, nimmermehr zurück! Man predigt uns von einer künftigen Hölle; aber welche Hölle könnte wol ſchlimmer ſein, als die ewige Reue über Gelegenheiten, die wir verſäumt haben, als das Bewußtſein von Wendepunkten in unſerm Leben, wo wir, anſtatt uns zu erheben, geſunken ſind— das Bewußtſein, daß wir dies Alles nicht durch einen ent⸗ ſchloſſenen Streich verloren, wie der Teufel, ſondern durch Trägheit und Nachläſſigkeit!“ Charles war ſehr betrübt und ſehr bekümmert, ſehen zu müſſen, wie ſein ſo geſcheidter alter Freund durch Ueber⸗ ſtudiren und zu große Sorge um eine Angelegenheit, die Einen, der nicht auf Univerſitäten geweſen iſt, als keine ſo wichtige Lebensfrage bedünken will, in dieſen Gemüthszu⸗ ſtand gerathen war. Ungeachtet des in dem Briefe enthal⸗ tenen Verbotes, trug er denſelben zu ſeinem Vater, den er mit dem guten, rechtſchaffenen Pater Tiernay allein fand, und las das Schreiben vor, ohne zu ahnen, daß er damit ſeinem Freunde einen übeln Dienſt erwies. „Lieber Charles“, ſagte ſein Vater, ſich halb von ſei⸗ nem Lehnſtuhle erhebend,„er muß zu uns kommen, mein Junge; er muß herkommen und bei uns bleiben, bis er ſeinen Kummer vergeſſen hat. Er iſt ein edler Burſche. Er iſt 190 meinem Jungen ein guter Freund geweſen, und, beim hei⸗ ligen Georg, dies Haus iſt ſeines.“ „Ich glaube nicht, Väterchen“, ſagte Charles, von ſei⸗ nem Vater auf Pater Tiernay blickend,„daß er im Ge⸗ ringſten berechtigt iſt, die Sache in ſo ſchwarzem Lichte zu ſehen. Die geſcheidten Burſche pflegten zu ſagen, er würde ganz gewiß ein Nummero Eins erhalten. Wie Du weißt, macht er auch in der Mathematik ſein Examen.“ In jedem Falle iſt er ein prächtiger junger Mann“, ſagte Pater Tiernay;„ſeine Anſichten machen ihm alle Ehre, und die meiſte Ehre macht ihm ſeine Bewunderung für meinen jungen Freund hier. Mr. Ravenshoe, ich wette mit Ihnen drei Guineen gegen eine, daß er ein doppeltes Nummero Eins bekommt; ſchade, daß er kein Katholik iſt. Was zum Henker laßt Ihr Proteſtanten Euch nur ein⸗ fallen, daß Ihr die Renten und Einkünfte, welche katho⸗ liſche Teſtatoren der heiligen Kirche vermacht haben, für die Erſiehung von Ketzern verbraucht(um mich keines ſchlimmern Ausdruckes zu bedienen). Sagen Sie mir das gefälligſt.“ Der andere Brief aus Orford hatte einen ſehr ver⸗ ſchiedenen Inhalt. Mr. Marker begann mit der Bemer⸗ kung, daß— „Er nicht wüßte, was über den Ort gekommen; finge jetzt an ganz verwünſcht langweilig zu werden. Es hätte wieder ein Bloomer-Ball in Abingdon ſtattgefunden; doch wäre das Ding vollkommen verunglückt. Jemmy Dane von der Univerſität habe»Zwei« in einem Gig über Nunenham nach Hauſe gefahren. Am Schlagbaume des Magdalenen⸗Collegiums wäre er an den Univerſitäts⸗ eim hei⸗ von ſei⸗ im Ge⸗ ſchn j er würde u weißt, Mann“ ihm lle underung ich wette doppeltes tholi iſ. nur ein⸗ che luth⸗ aben, fir ich keins e nir do ſehr r Bemel⸗ nun; flbe 6 hiu ennh inen 6 bluzbun werſti richtern vorbeigekommen, und die hätten nicht daran gedacht ihn anzuhalten, beim heiligen Georg! Ihr ſchwacher Ver⸗ ſtand wäre nicht fähig, ſolche glorioſe Frechheit zu be⸗ greifen. Alle beide Univerſitätsrichter wären unter dem Schlagbaume bei Coldharbour geweſen und hätten Jeden angehalten, der von Abingdon zurückgekommen. Toreker aus Exeter wäre auf Georg Simmond's»Darius« nach Hauſe geritten und, da er die Univerſitätsrichter im Lichte der Schlagbaumlaterne geſehen, mit ſeinem Pferde über den Zaun geſetzt(Charles würde ſich deſſelben erinnern: eine beſchnittene Hecke mit einem Graben), dann beim „Weißen Hauſe“ herum und am Schloſſe vorbei nach Hauſe gejagt. Etwa vierzig Jungen wären wegen dieſer Geſchichte ruſticirt worden, und unter ihnen einige von den beſten.“(Hier folgte eine Liſte von Namen, die ich im Noth⸗ falle mittheilen könnte; da ich jedoch ſehe, daß die Eigen⸗ thümer von einigen darunter ſich augenblicklich im Gerichts⸗ ſaale und in der Kirche auszeichnen, enthalte ich mich deſſen lieber.) Dann ein ausführlicher Bericht über eine Anzahl von Regatten und ſchließlich: „— daß C—n, wie die Fleißigen verſicherten, ſeiner Nummero Eins ſo ziemlich ſicher wäre. Martin vom Trinitatis⸗Collegium hätte ſein»testamur« bekommen, über welches Ereigniß die ganze Univerſität von Staunen und ehrfurchtsvollem Grauen ergriffen wäre. Er ſelbſt hätte in zwei Tagen ſein»mündliches« zu beſtehen, und betete nur um Erlöſung aus den Händen ſeiner Feinde.“ Der Brief hatte ein Poſtſcriptum, welches Charles mehr intereſſirte, als der ganze übrige Inhalt des Schrei⸗ bens. In demſelben hieß es: 3 . 192 „Beiläufig— Welter kommt nicht zurück; aber das wirſt Du ſchon wiſſen. Was aber ſchlimmer iſt als das, man ſagt, mit John Marſton's Eins wär's wackelig. Der alte Junge hat ſich überarbeitet, wie es heißt.“. Lord Saltire legte ſich niemals ſchlafen, ohne Charles noch zu einem Schwätzchen mit in ſein Wohnzimmer ge⸗ nommen zu haben.„Da ich keine Perrücke abzulegen und kein Gebiß auszunehmen habe“, pflegte Mylord ſehr der Wahrheit gemäß zu ſprechen,„ſo ſehe ich nicht ein, warum ich mir das Vergnügen verſagen ſollte, Abends noch der Geſellſchaft meines jungen Freundes zu genießen. All⸗ abendlich ſind wir um einen Tag älter und einen Tag klüger, junger Herr. Ich ſelbſt bin im Verlaufe mei⸗ ner vielen Jahre ſo entſetzlich weiſe geworden, daß mir nichts mehr zu lernen übrig bleibt. Aber Ihre außer⸗ ordentlich naiven Bemerkungen über die Dinge im Allge⸗ meinen ergötzen mich, und es ſchmeichelt mir und beruhigt mich zugleich, meine vollendete Weisheit mit Ihrer Thor⸗ heit zu vergleichen. Darum will ich Sie hiermit erſucht haben, jeden Abend auf mein Ankleidezimmer zu kommen und mir Ihre unreifen Reflexionen über die Ereigniſſe des Tages mitzutheilen.“ So ging Charles eines Abends mit Mr. Marker's Briefe zu Lord Saltire herauf und las ihm denſelben vor, während der Kammerdiener dem alten Herrn das Haar bürſtete. Dann warf er als eine leicht zu beantwortende Frage hin, was Se. Lordſchaft von ſeines Freundes Aus⸗ ſichten halte? „Ich muß wirklich ſagen“, antwortete Lord Saltire, das als ir's es les ge⸗ und der wum der All⸗ Tag mei⸗ mir ußer⸗ lllge⸗ uhigt e ſucht mnen chers 1 vor, rtende Aus⸗ — — ——— 193 „ſelbſt wenn ich mich damit unparlamentariſch ausdrücken ſollte, was mir ſehr leid wäre,— daß dies eine der albern⸗ ſten Fragen iſt, die man jemals an mich gerichtet hat. Als ich noch der Bewahrer gewiſſer Siegel war, hat man mir wol manche einfältige Frage vorgelegt(die ich, beiläufig, niemals beantwortete); aber ich wüßte nicht, daß man je⸗ mals eine ſo einfältige, wie die da, an mich gerichtet hätte. Wie in aller Welt ſoll ich eine Idee haben, was die Aus⸗ ſichten ihres Freundes ſind? Ich bitte Sie, ſeien Sie doch vernünftig!“ „Lieber Lord Saltire, ſeien Sie nicht böſe. Sagen Sie mir, ſoviel Ihre Erfahrungen es Ihnen möglich machen, inwieweit ein Menſch, der ſein Werk verſteht, ja, beim heiligen Georg, ſo gut, wie es Jemand nur verſtehen kann, durch bloſe Aengſtlichkeit durchzufallen im Stande iſt. Sie haben das Gleiche im Parlament geſehen. Sie wiſſen, wie viel Unheil die Aengſtlichkeit anrichten kann. Jetzt ſprechen Sie mir, ich bitte Sie, Ihre Anſicht aus.“ „Nun gut, Sie ſtellen Ihre Frage diesmal in etwas vernünftigerer Form; aber es bleibt immer noch eine ſehr thörichte. Ich habe einen langen Kerl von Menſchen ge⸗ ſehen, mit ſchwarzem Haar und einer Habichtnaſe, wie der lange Montagne, der ganz verteufelt ängſtlich war, bis er auf ſeinen Füßen ſtand und dann alle Welt in Erſtaunen ſetzte,— und zwar Niemanden mehr als mich— nicht ſo ſehr durch die Kraft ſeiner Declamation, als durch die erſtaunliche logiſche Zähigkeit mit der er an ſeinem Gegen⸗ ſtande feſthielt. Ja, ich weiß nicht, ob ich nicht wirkſamere und logiſchere Reden von unvorbereiteten Männern gehört habe, als jemals von einem der juriſtiſchen Lords. Doch Kingsley, Ravensboe. I. 13 194 wenden Sie ſich an den unrechten Mann, wenn Sie mich fragen. Ich bin nie im Unterhauſe geweſen. Was nun die Chancen Ihres Freundes betrifft:— nun, ich möchte keine zwei Heller dafür geben; im ſpätern Leben kann er vielleicht noch reüſſiren. Allein nach dem, was Sie mir erzählt haben, würde ich mich auf eine Enttäuſchung gefaßt machen.“ Bald nach dieſer Unterredung war der gute Lord Sal⸗ tire genöthigt, ſich in die oberen Gemächer zurückzuziehen; er bekam einen ſchweren Anfall von Gicht. Zwiſchen Pater Mackworth und Charles waren keine weiteren Zwiſtigkeiten vorgekommen; der Friede war ver⸗ kündet worden, eine Art bewaffneten Waffenſtillſtandes, und Charles beobachtete— beobachtete im Stillen. Seit er ſie im Holze getroffen, hatte er nie mehr eine Gelegen⸗ heit gefunden, mit Ellen zu reden. Sie wich ihm überall aus. Als Charles ſeinen William im Vertrauen frug, was es eigentlich gegeben, ſagte Letzterer, Ellen hätte„ſich mit Jemandem eingelaſſen“ und er ſie dafür derb zur Rede geſetzt,— und ging auf keine weitere Erklärung ein. In⸗ zwiſchen lebte Charles in der gemüthlichen Ueberzeugung, daß Unheil gebraut wurde und Pater Mackworth es ein⸗ rührte. Fünfzehntes Rapitel. ine er⸗ Kurz vor Weihnachten wuchs Charles' Beſorgniß um es, den Geſundheitszuſtand ſeines Vaters immer mehr und eit mehr. Denſil verfiel ſichtlich. Sein Gedächtniß und en⸗ ſeine Sinne wurden ſchwach. Sein Auge ſuchte ſtets nach rall Charles, und war dieſer abweſend, ſo wurde er unruhig. vas So befand ſich der gute Sohn unter dem Einfluſſe eines nit unbeſtimmten Gefühls von bevorſtehendem Unglück, als ede er eines Tages einen Brief vom Decane ſeines Colle⸗ In⸗ giums erhielt, worin dieſer ihn aufforderte, nach den g, Weihnachtsferien auf die Univerſität zurückzukehren. ein⸗ Der Herr Decan ſagte:„Mr. Ravenshoe's Sache wäre auf's Neue in Erwägung gezogen und auf die warme, wenngleich, wie er finde, übelberathene Verwendung des Herrn Schatzmeiſters die Beſtimmung getroffen worden, Mr. Ravenhoe zu geſtatten, für das mit Faſtnacht begin⸗ nende neue Semeſter wieder zum Collegium zurückzukehren. Er hoffe, daß er ſich den Vorfall habe zur Warnung dienen laſſen, und daß er, ſo lange es noch Zeit, inne halten werde in jener ſchrecklichen Laufbahn von Thorheit und Laſter, 3* 196 die nur zu einem Ende führen könne:— zum vollſtändigen Verderben in dieſer Welt und in der zukünftigen. Ein Univerſitätsdon erlangt durch langjährige Uebung eine Fertigkeit die Gefühle eines jungen Mannes zu ver⸗ letzen, wie ſie Niemandem außer ihm zu Theil wird,— einen Polizeibeamten vielleicht ausgenommen. Charles wand ſich unter dieſem Briefe. Als aber Mary am näm⸗ lichen Tage ſingend, wie es ihre Gewohnheit war, die Treppe herunter kam, erſchreckte ſie der Sturz eines großen, undurchſichtigen Körpers von beträchtlichem Gewichte, wel⸗ cher das Treppenhaus hinab und unten in den Holzkorb fiel, und in dem ſie nach gehöriger Prüfung das griechiſche Lexicon von Liddle und Scott erkannte. Sie freute ſich hierüber; denn ſie ſchloß daraus, daß Charles ſeine Stu⸗ dien wieder aufgenommen hatte, obgleich ſie nicht wol be⸗ greifen konnte, warum er dieſe damit begann, daß er ſeine Bücher die Treppe hinunter warf, bis er ſelbſt zu ihr hinab⸗ kam und ihr auseinanderſetzte, wie er das Buch auf dem Vorſaale abgeſtäubt hätte und es ihm dabei aus der Hand gefallen wäre. „Mit welchem»Krachs es herunterkam!“ fügte er hin⸗ zu;„ich wollte, es hätte Pater Mackworth's Kopf ge⸗ troffen.“ „Das bezweifele ich nicht im Mindeſten, junger Herr“, ließ ſich die Stimme des Prieſters gelaſſen aus dem Hin⸗ tergrunde vernehmen, und da ſtand er leibhaftig, mit der Hand auf der Klinke der Bibliothekthür, die er öffnete und, und nachdem er eingetreten, hinter ſich ſchloß. Mary und Charles waren Beide fürchterlich verblüfft. Mary fühlte ſich entſetzlich ſchuldig; ja, denn hätte der —„ 2——— 197 en Prieſter ſich einen Augenblick länger ruhig verhalten, ſo hätte er wahrſcheinlich von den Lippen der jungen Dame n ein paar freimüthige Bemerkungen gehört, die Alles eher t⸗ geweſen wären, als Schmeicheleien. S„Hol' ihn der Kukuk“, ſagte Charles;„wie er umher⸗ ſchleicht! Er lernte das Kunſtſtück und noch unterſchiedliche andere in ſeinem koſtbaren Jeſuitencollegium. Man lehrt die ſie dort dieſe Art von Manöver, gerade wie die alten ,( Juden den jungen Taſchendieben Anleitung geben. Der „ alte Pater Inquiſitor thut die Thür mit ihrer Klingel halb auf, und dann müſſen ſie Alle, Einer nach dem Andern, her⸗ e einkommen. Derjenige, welcher die Glocke läuten macht, ich über den geht's wie mit dem Höllenfeuer her.“ 6. Mary war im Begriffe, ſich über die Art der Beſtrafung 8 einige nähere Auskunft zu erbitten; doch Charles unter⸗ brach ſie und ergriff ihre Hand. i„Du liebe Mary“ ſagte er,„denkſt Du an die a Zukunft?“ den„Tag und Nacht, Charles— Tag und Nacht.“ 1, and„Wenn er ſtirbt, Mary? O, Gott, wenn er ſtirbt?“ „Tag und Nacht, Bruder“, antwortete ſie, indem ſie hin⸗ eine ſeiner großen braunen Hände in ihre weißen weichen ge nahm.„Ich ſchlafe und träume von dem neuen régime, das dann kommen muß, und ſehe nur Kummer, und rr“ nichts als Kummer.“ in⸗„Und dann?“ der„Es lebt ein Gott im Himmel, Charles.“ und,„Ja, aber Mary, was wirſt Du thun?“ „Ich?“ und ſie brach in das fröhlichſte feine Lachen 3 aus, das man hören kann.„Was ich kleines Geſchöpf t 198 thun will? Ei, natürlich Gouvernante werden. Charles, die Kinder ſollen mich ſo lieb haben, daß dieſes Leben ein wahres Paradies werden muß. Ich will in eine Familie gehen, wo zwei ſehr ſchöne Töchter ſind, und wenn ich dann alt und gebrechlich bin, wird es zwei Kinderſtuben geben, wo man mich oft willkommen heißen ſoll, wo die Kinder, die lieben Dinger, auf meinen Schvoß kommen und plau⸗ dern und mir ſagen ſollen, daß ſie mich faſt ebenſo lieb haben, wie ihre Mutter, die kleinen Herzchen. Das iſt meine Zukunft. Haſt Du Etwas an derſelben auszu⸗ ſetzen?“ Charles ſtand gegen das eichene Treppengeländer ge⸗ lehnt, und als er ſie ſo vor ſich ſah, als er auf dieſes mu⸗ thige, treuherzige Geſicht blickte, auf welches durch das alte Fenſter von obenherab die Sonne ſtrömte, da fühlte er, welchen Vorwurf er ſich zu machen hatte, und legte den Kopf auf das Geländer. Der Brief, den er an dieſem Morgen vom Decane erhalten, hatte ſchon gewirkt; aber der An⸗ blick dieſes tapfern kleinen Mädchens, das ſo furchtlos in die große Welt hinausſchaute, welche vor ihm lag, wirkte noch mehr. Sie, ſchwach, freundlos, mittellos und ſ muthig! Er mit dem ſtarken Arme, ſo feig und verzagt! Es war ihm eine Lehre, eine Lehre, die er nie vergaß. Doch ach! jenes fürchterliche Wort: zu ſpät! Ach, zu ſpät! Welches Wort iſt ſo ſchrecklich, wie dieſes? Ihr werdet bald ſehen, was ich damit meine. Es iſt der Schrei, den ein gewiſſer Dichter den ver⸗ dammten Geiſtern in der Hölle in den Mund legt. Gottes Barmherzigkeit iſt unendlich, und es bleibt die Frage, ob es beſſer für Charles geweſen, wenn er anſtatt die demü⸗ ————— — 199 thigenden Scenen zu durchlaufen, durch die wir ihm jetzt folgen müſſen, in das Geleiſe des alltäglichen Lebens ge⸗ fallen wäre. „Liebſter Charles“, ſagte Marh und legte ihm die Hand auf die Schulter,„nicht an mich denke ich jetzt, ſon⸗ dern an Dich. Was willſt Du thun, wann er von uns gegangen iſt? Willſt Du Geiſtlicher werden?“ „O nein!“ ſagte Charles,„der Gedanke wäre mir un⸗ erträglich.“ „Wozu biſt Du aber dann in Orford?“ „Um eine Ausbildung zu erhalten, denk' ich.“ „Aber von welchem Nutzen wird eine Univerſitätsbil⸗ dung Dir ſein, Charles? Haſt Du keine Pläne?“ „Ich gebe Dir mein Wort, meine liebe Mary, daß ich über die Zukunft ebenſo ſehr im Dunkeln bin, wie ein fünf⸗ tägiger junger Hund.“ „Hat er für Dich geſorgt?“ „O, ja! Ich ſoll ſechstauſend Pfund bekommen.“ „Weißt Du, daß die Güter verſchuldet ſind, Charles „Nein.“ „Ich glaube es.'s iſt immer ein großer Aufwand hier gemacht worden, und ich glaube— es iſt der Fall.“ „Cuthbert würde das bald in Ordnung bringen.“ „Ich zittere, wenn ich an die Zukunft denke, Charles. Haſt Du große Schulden in Orford?“ „Paſſirt. Fünfhundert Pfund würden Alles decken.“ „Mache keine Schulden mehr, lieber Charles.“ „Nein, Mary, Du liebes Mädchen. Ich kümmere mich wenig um die Zukunft. Ich werde jährlich meine 180 Pfund Sterling haben. Das reicht hin für William und für mich. 3 Ich werde Advocat und mache eine verteufelte Maſſe Geld und heirathe Adelaide. Dann kommſt Du und lebſt bei uns, und wir werden Alle ſo glückliche Zeiten zuſammen haben!— Nimm das, Du Taugenichts!“ Dieſe letzte elegante Anrede war an William ge⸗ richtet(der eben durch eine Seitenthür eingetreten war in Begleitung des„Liddell und Scott“, der ihm wie ein Cricketball mit geſchicktem Wurfe zugeſchleudert wurde. Unſer Freund William ſtand mit weit geſpreizten Beinen da und hielt eine Hand über der andern empor, um das Buch zu fangen; aber das Unglück wollte, daß er es ver⸗ fehlte und damit Pater Mackworth, welcher gerade den Mo⸗ ment gewählt, um aus der Bibliothek zu kommen, gerade mitten auf das Schienbein traf, ſo daß es mit zur Unzeit aufgeſchlagenen lcu, Ae ungeſchickt zu deſſen Füßen lag. Mackworth glaubte wirklich, es wäre abſichtlich ge⸗ ſchehn, und gerieth in Wuth. Er ging in die Bibliothek zurück. Charles, welcher ſah, was jetzt kommen mußte, folgte ihm, und Mary floh die Treppe hinauf. In der Bibliothek war Niemand, als Cuthbert und Pater Tiernay. „Ich verlange Schutz gegen die Beſchimpfungen, die man mir in dieſem Hauſe anthut“, begann Mackworth; „zweimal bin ich heute von Mr. Charles Ravenshoe inſul⸗ tirt worden, und ich begehre Schutz wider ihn.“ „Was haſt Du gethan, Charles?“ ſagte Cuthbert.„Ich glaubte, Ihr Beide hättet Eure Zänkereien eingeſtellt. Ihr werdet mich noch zu Tode quälen. Zuweilen wünſche ich wirklich, ich wäre todt. O, wenn erſt das große Problem gelöſt wäre! Mein Bruder könnte doch gewiß vermeiden, mit —— ——— — —————— 201 einem Prieſter zu ſtreiten, einem Manne, den ſein Amt heiligt, wenn er auch nicht ſeines Glaubens iſt! Mein Bruder hat ſicherlich Tact genug, dies einzuſehen?“ „Ihr Bruder hat weder Tact noch Verſtand, Sir“, ſagte Pater Mackworth.„Er hat kein Schicklichkeitsgefühl, kein gentlemaniſches Denken und Empfinden. Vor kaum zehn Minuten hat er ein Buch die Treppe hinunter gewor⸗ fen und Angeſichts meiner beklagt, daß es mir nicht auf den Kopf gefallen iſt, und in dieſem Augenblicke hat er mit dem Buche nach mir gezielt und mich getroffen.“ „Ich danke Gott, Charles“, ſagte der arme gequälte Cuthbert,„daß dies unſerm armen Vater erſpart wird. Es würde ihn tödten. Bruder, Bruder, warum machſt Du mir ſolchen Kummer? Ich habe immer Deine Partei ge⸗ nommen, Charles. Tödte mich nicht durch dieſe unauf⸗ hörlichen Zänkereien.“ „Sie werden bald ein Ende haben, Sir“, ſprach Pater Mackworth;„ich verlaſſe morgen dieſes Haus.“ „Cuthbert, jetzt höre mich an. Ich hatte keinen Augen⸗ blick die Abſicht, ihn zu beleidigen.“ „Warum haſt Du Dein Buch nach ihm geworfen, Charles? Das iſt nicht ſchicklich. Du mußt wiſſen, daß Du, wenn Du ihn kränkſt, mich mit kränkſt. Und ich habe ſo ſehr für Dich geſtritten, Charles!“ „Cuthbert! mein Bruder! ich bitte Dich, höre mich an. Und laß ihn mich anhören und Pater Tiernay ebenfalls. Cuthbert, Du weißt, daß ich Dich liebe. Pater Tiernay, Sie ſind ein guter, rechtſchaffener Mann; hören Sie an, was ich zu ſagen habe. Sie, Mackworth, Sie ſind ein 2 202 Schurke. Sie ſind ein zweimal ſchwarz gefärbter Hallunke. Was hatten Sie mit dem Mädchen dort im Walde zu ſchaffen, am Tage, da wir, vor einem Monate, den ſchwar⸗ zen Haſen jagten? Cuthbert, ſage mir, als ein ehrenhafter Gentleman, biſt Du jemals mit Ellen im Holze ſpazieren gegangen?“ „Ich?“ ſagte Cuthbert betroffen;„ich bin dort nie mit Ellen geweſen. Ich habe dort wol mit Mary ſpaziert, mein Bruder. Und warum ſollte ich es nicht?“ „Da, ſieh, welche Lüge dieſer Menſch ihr in den Mund gelegt hat. Sie ſagte mir, er wäre dazu gekommen, als Du mit ihr dort ſpazieren gegangen.“ „Ich bin für keines Weibes Lügen verantwortlich“, ſagte Pater Mackworth.„Ich wünſche dieſe Erörterung nicht weiter fortzuſetzen. Sie iſt zu demüthigend. Was Dich angeht, Du armſelige kleine Motte“, ſprach er zu Charles gewendet,„ſo will ich, wann der Augenblick kommt, Dich mit meinem Finger an der Wand zerdrücken. Meine Zuneigung zu Deinem Vater hält mich ab, ſchon jetzt meine Pflicht zu thun. Ich fehle hierin. Doch warte ur Charles war vorher in Wuth geweſen. Als er aber Gefahr, wirkliche Gefahr in der Ferne erblickte, wurde er ruhig und ſagte: „Warten Sie es ab.“ Und Beide warteten, und wir werden ſehen, wer am längſten wartete von ihnen. „Jetzt hab' ich's gethan, liebſte Mary“, ſagte Charles, als er mit dem unglückſeligen Lexicon hinaufkam.„Jetzt iſt Alles vorbei.“ ————— —— ——————— ke. ar⸗ ter ren mit ert, und als ung Los unt, eine eine aber am rles, Jetzt — —— — 203 „Hat es einen Auftritt gegeben?“ „Einen fürchterlichen Auftritt. Ich ſchimpfte auf ihn nannte ihn einen Schurken.“ „Warum haſt Du das gethan, Charles? Warum biſt Du ſo heftig? Du biſt nicht mehr Du ſelbſt, wenn Du Dich ſo Deiner Leidenſchaft hingibſt.“ „Nun, ich will Dir ſagen warum, lieb' Vögelchen: er iſt ein Schurke.“ „Ich glaube es nicht, Charles. Ich glaube, daß er ein hochſinniger Mann iſt.“ „Ich weiß, daß er das nicht iſt, mein Vögelchen; we⸗ nigſtens glaube ich es nicht.“ „Ich halte ihn dafür, Charles.“ „Ich weiß, daß er das Gegentheil iſt; wenigſtens glaube ich es.“ „Läſſeſt Du ihm Gerechtigkeit widerfahren, lieber Char⸗ les? Weißt Du gewiß, daß Du ihm Gerechtigkeit wider⸗ fahren läſſeſt?“ „Ich glaube es.“ „Warum?“ „Ich kann Dir's nicht ſagen, Mary. Wann das Ende von Allem kommt, und Du und ich, wie zwei leichte Korkſtückchen auf das große Meer hinausgeſchleudert ſind, dann wirſt Du es wiſſen. Aber ich kann es Dir nicht ſagen.“ „Ich halte Dich für ſo rechtſchaffen, Charles, daß Du ſelbſt gegen ihn nicht ungerecht ſein würdeſt. Doch, ach, überzeuge Dich, ob Du Recht haſt! Still! Reden wir von 204 etwas Anderem. Was wollteſt Du ſtudiren, als jenes un⸗ glückſelige Buch die Treppe hinunterfiel?“ „Den Demoſthenes.“ „Laß mich in Deinem Zimmer ſitzen, Charles, und die Wörter für Dich aufſuchen. Du weißt noch gar nicht, wie geſcheidt ich bin. Iſt es„De Corona?““ Charles ergriff ihre Hand und küßte ſie, und ſo gingen die beiden armen Thoren an ihren Demoſthenes. — ———————— 2 die vie gen — Bechszehntes Rapitel. Am Abende nach dem fürchterlichen Lexiconkriege, wel⸗ cher, wie man wahrgenommen, einzig und allein aus Char⸗ les' gutem Entſchluſſe entſprang, ſich wieder an ſeine Stu⸗ dien zu machen— was uns eine Warnung ſein dürfte, daß ſpät gefaßte gute Entſchlüſſe nicht allemal die ſanguiniſch erwarteten guten Früchte hervorbringen— an demſelben Abende nach dieſem Fracas, ſage ich, ſaßen Charles, ſein Vater und Mary zuſammen in der Bibliothek. Natürlich hatte Denſil von der Störung des häuslichen Friedens nichts vernommen, und der gute alte Herr war ſo glücklich, wie man ſich nur wünſchen kann. Alle die Elemente ſeines Glückes hatte er ja um ſich! Pater Mackworth war abwe⸗ ſend. Pater Tiernay's ganze liebe Seele in eine prächtige Ausgabe von Bewick's Vögeln, vom Jahre 1799, verſunken. Cuthbert ſaß vor dem oberen Kamin jenſeit des Pfeilers, in, Gott weiß, welche mönchiſche Gelehrſamkeit vertieft, während dicht an des Alten Seite ſein Vögelchen, Mary, mit einer Näherei beſchäftigt war und Charles aus einem Buche vorlas, das, ohne ſein Wiſſen, im täglichen Leben ſehr oft citirt wird. 206 Charles las, wie Mr. Quilp Mr. Braß anflehte„ſich beſonders in Acht zu nehmen“, ſonſt würde er ihm nimmer vergeben; wie im Gäßchen ein Hund ſei, der am Dienſtag einen Knaben getödtet und am Freitag einen Mann ge⸗ biſſen hätte; wie dieſer Hund auf der rechten Seite des Gäßchens wohne, aber meiſtens auf der linken, zum Sprunge bereit, auf der Lauer liege, und ſie lachten eben über Mr. Braß' Entſetzen, als ſich auf dem Kieswege vor dem Hauſe das Rollen von Rädern hören ließ. „Das iſt Marſton, Vater, ich wette tauſend Pfund darauf“, rief Charles. Er eilte in die Halle hinaus, als ſchon die Diener die Hausthür öffneten. Mary ließ ihre Arbeit fallen und eilte nach, und Denſil nahm ſeinen Stock und folgte eben⸗ falls. Cuthbert ſchaute vom fernen Ende des Zimmers herüber und beugte dann den Kopf wieder über ſein Buch. Pater Tiernay blickte neugierig und erwartungsvoll auf, blieb aber ruhig an ſeinem Platze. Diejenigen, welche hinter Charles hergingen, ſahen nun das Folgende: Charles ſtand an der Hausthür, und aus der Winter⸗ finſterniß kam ein Mann, in den ſich Mary ſofort verliebt hatte, wie ſie ſpäter einmal ſcherzend bemerkte. Es war Marſton. Charles ging mit ausgeſtreckten Händen ſchnell auf ihn zu und ſagte: „Wir freuen uns ſo ſehr.“ „Das iſt ſehr gütig von Euch. Gott ſegne Euch. Woher wußtet Ihr es?“ „Wir wiſſen nichts, mein lieber Marſton, als daß Du ————— ———— ſich ner tag Re⸗ des nge Nr. em und und en⸗ ers ſch. uf, che ter⸗ iebt var ich. Du ————— E ——— 207 uns herzlich willkommen biſt. Jetzt befreie mich ſchnell von aller Angſt.“ „Je nun“, ſagte der Andere,„ich weiß nicht, wie es gekommen; aber ich habe mein doppeltes Nummero Eins.“ Charles brach in ein wildes Hurrah aus und auf der Stelle waren auch alle die Anderen um ihn— Denſil, Tiernay, Cuthbert und Alle. Nie gab es einen ſolchen Empfang! Kein Einziger, außer Charles, hatte ihn je zuvor geſehen, und doch begrüßten ſie ihn ſämmtlich wie einen alten Freund. „Dann biſt Du alſo nicht in Ranford geweſen?“ ſagte Charles. „Ach, nein. Ich fühle mich, nach ſo vieler Arbeit, nicht dazu aufgelegt. Ich muß es auf meinem Rückwege beſuchen.“ Lord Saltire's Gicht war an dieſem Abende etwas beſſer, und er kam hinunter. Er bemerkte, daß er, nach⸗ dem er ein paar Tage in der— geweſen,— er wolle Miß Corby keinen Anſtoß geben, indem er den Aufenthalt nenne— plötzlich, ohne jegliches eigenes Verdienſt, wieder zurück ins Fegefeuer avancirt wäre. Daß er nach einem Kampfe mit den ihn plagenden böſen Geiſtern einzig und allein heruntergekommen, um ſich unangenehm zu machen und nun für dieſen Aufwand von Energie und Aufopferung dadurch belohnt worden wäre, daß er, ganz unerwarteter⸗ weiſe, den Sohn ſeines alten Freundes»Dohle« Marſton vorgefunden hätte. Er bäte um die Erlaubniß, den Sohn ſeines alten Freundes willkommen heißen und ihm ſagen — — .— 8G 208 zu dürfen, daß er, beim Jupiter! ſtolz auf ihn wäre. Seines jungen Freundes Vater wäre kein hochſtudierter Mann geweſen, wie ſein junger Freund ſelber, dagegen aber einer der beſten Whiſtſpieler in England. Sein junger Freund hätte ſeine Aufmerkſamkeit, anſtatt auf das Whiſtſpiel, lieber auf akademiſche Auszeichnungen gerichtet, was vielleicht ein Verſehen wäre— vielleicht auch nicht; obgleich er ſich keiner Verletzung in ihn geſetzten Vertrauens ſchuldig zu machen glaubte, wenn er ſagte, wie dieſe Stel⸗ lung ſeinem jungen Freunde durch pecuniäre Motive auf⸗ gedrungen worden. Das Vermögen hätte im Allgemeinen die hölliſche Gewohnheit, abzunehmen. Sein eigenes Ver⸗ mögen hätte zufälligerweiſe nicht abgenommen(kein Menſch wiſſe, warum nicht, denn er hätte demſelben jede Gelegen⸗ heit dazu geboten); doch da das Vermögen von ſeines jungen Freundes Vater in ganz verwünſchter Geſchwin⸗ digkeit abgenommen, ſo müſſe er ſagen, daß es ſeinem jungen Freunde alle Ehre machte, einen ſo entſchiedenen Schritt gethan zu haben, um die Sachen wieder auf den rechten Weg zu bringen. „Meines Vaters Sohn dankt Ihnen, Mylord, für die freundliche Erinnerung an ſeinen Vater. Es iſt immer mein Wunſch geweſen, die alten Freunde meines Vaters kennen zu lernen, von denen Sie, Mr. Ravenshoe, zu den gütigſten gehörten. Wir ſind vordem größeren Laſtern er⸗ geben geweſen, Mylord; doch leiſten wir nun unſer Beſtes in den kleineren.“ Ein gemüthliches Nachteſſen hatte darauf ſtatt, bei welchem Lord Saltire anweſend zu ſein geruhen wollte, vorausgeſetzt, daß Niemand ſich des Ausdruckes»Käſe« für mer ters den er⸗ ſtes hei llte, iſe⸗ ——— 209 bediente, widrigenfalls er ſich augenblicklich würde entfernen müſſen. Es war kein Käſe auf dem Tiſche, aber Etwas, das ſchlimmer als Käſe war: gebratene Muſcheln, und Lord Saltire aß von denſelben. Er ſagte dabei, ſie würden ihm ebenſo gut bekommen, wie der Genuß der Feuerſchaufel. 5 Doch, um Euch alsbald zu beruhigen, kann ich hinzufügen, daß ſie ihm keinen Schaden thaten und er ſich am nächſten Morgen ſo wohl fühlte, wie immer. Pater Tiernay ſprach das Tiſchgebet, und als die Mahl⸗ zeit ſchon halb beendet war, trat Pater Mackworth ein. Denſil ſagte:„Pater Mackworth, Mr. Marſton“, und Marſton, nachdem er ihn eine Sekunde lang angeblickt: „Wie geht's Ihnen, Sir.“ Vielleicht hätte einer neuen Bekanntſchaft gegenüber eine höflichere Redeweiſe beliebt werden können. Aber Marſton hatte ſeine eigenen Anſichten über Pater Mack⸗ worth und nichts dagegen, daß derfromme Mann dieſelben kennen lernte. „Wir ſchoſſen heute“, begann Cuthbert plötzlich,„mehr Birkhühner, Mary, als Faſanen. Charles erlegte fünf Paare und ich vier. Ich war ſehr ärgerlich darüber, daß mich Charles ausgeſtochen hat, da ich ein ſo viel beſſerer Schütze bin.“ Charles ſchaute auf und begegnete ſeinem Blicke— ₰ einem Blicke, den er nie vergaß. Die ſcheinbare Aerger⸗ lichkeit, mit der er die Bemerkung gemacht, begleitete ein Blick der Liebe, des Mitleids und des Kummers. Ach, es that Charles über Alles wohl, ſich während der Ereig⸗ niſſe, die ſpäter folgen ſollten, jenen Blick zurückzurufen und zu ſagen:„Nun, einſt hat er Dich doch lieb gehabt.“ Kingsley, Ravenshoe. I. 14 Noch am Abende zogen ſich Charles und Marſton auf des Erſtern Studirſtübchen zurück(es iſt dort viel ſtudirt worden, Ihr könnt Euch darauf verlaſſen) und plauderten lange über ihre Pläne für die Zukunft. Charles machte den Anfang, indem er ihm die ganze Geſchichte mit Madame Adelaide erzählte, und Marſton ſagte:„O, wirklich! Was beabſichtigſt Du denn zu thun, Charles, um ſie zu er⸗ nähren? Sie kommt aus einem verſchwenderiſchen Hauſe, wie Du weißt, mein Sohn.“ „Ich muß Rechtsanwalt werden.“ „Schwere Arbeit für nichts, manches liebe Jahr hin⸗ durch.“ „Ich weiß wohl. Aber ich mag mich nicht der Kirche widmen, und was bleibt mir ſonſt noch übrig?“ „Nichts, das ich wüßte, außer etwa Billardmarqueur oder Jockey zu werden.“ „Dann billigſt Du die Idee?“ „Das thu' ich, von Herzen. Die Arbeit wird gut für Dich ſein. Du haſt früher gearbeitet und kannſt es wieder thun. Bedenke, welche ſchöne Fortſchritte Du in Shrews⸗ bury machteſt.“ Dann erzählte ihm Charles von ſeinen Beziehungen zum Pater Mackworth und von dem, was ſich heute zuge⸗ tragen hatte. „Ihr habt ſchon früher dergleichen ſchmähliche Auf⸗ tritte mit einander gehabt, nicht wahr?“ „Ja, aber noch keinen ſo ſchlimmen, wie den heutigen.“ „Er iſt ein ſehr leidenſchaftlicher Mann, nicht wahr? Du haſt Dich mit dem, was Du heute thateſt, auf gänzlich ———————— 211 falſchen Boden geſtellt. Siehſt Du nicht ein, daß Du keine andere Spur von Grund hatteſt für das, was Du ſagteſt, als Deinen perſönlichen Argwohn? Des Mädchens eigene Angabe über die Sache ſcheint natürlich genug: daß ſie nämlich mit Deinem heiligengleichen Bruder ſpazieren ging, und der Pfaff' ſie fand und ihnen einen gehörigen Floh ins Ohr und den Kopf zurecht ſetzte.“ „Ich halte den Menſchen für einen großen Schurken“, ſagte Charles. „Vielleicht thue ich's auch“, entgegnete der Andere, „doch werd ich's ihm nicht eher ſagen, als bis ich es be⸗ weiſen kann. Den Streit zwiſchen William und ſeiner Schweſter betreffend, den Du am Abende Deiner Heim⸗ kehr mit angehört haſt, ſo beweiſt derſelbe nichts weiter, als daß das Mädchen mit irgend wem zu weit gegangen iſt. Aber mit wem? Was haſt Du gethan, daß er zu ſagen wagt, er wolle Dich zerdrücken wie eine Motte?“ „Ach, nur. Großthuerei; ich halt's für nichts weiter! Du hätteſt ſehen ſollen, wie wüthend er drein ſchaute, als er es ſagte!“ „Ich bin froh, daß ich ihn nicht geſehen habe. Reden wir nicht länger von ihm. Iſt jenes ſüße kleine Vögelchen Mary Corby?“ „Du weißt, daß ſie es iſt.“ „Nun ja, ich weiß es allerdings; aber ich wollte nur einen Vorwand haben, den Namen noch einmal ausſprechen zu können. Charles, Du biſt ein Narr.“ „Welch' eine große Entdeckung Du da machſt“, ſagte Charles lachend;„doch was habe ich denn wieder be⸗ gangen?“ 14* 212 „Warum haſt Du Dich nicht in Mary Corby verliebt, anſtatt in Madame Adelaide?“ „Ich weiß es wirklich nicht. Ze nun, ich habe nie an Etwas der Art gedacht.“ „Dann hätteſt Du d'ran denken ſollen. Jetzt geh' zu Bette.“ Ende des erſten Bandes. Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient. ——————.—— — 2——— 2 1 ————— Srey Control Chart Sreen Nellow Red Mag