7 6 3. 1 * —. Leihbibliothet deutſcher, engliſcher u franzöſiſcher Literatur f Gduard Oltmunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Keſebedingungen. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Ei⸗ i und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von( jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtutret wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für chentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— 3f1 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.—„f. 6— Auswärtige Abonnenten haben füt Sin⸗ und Zurickſendung der auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 ee Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen E der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —————————— — — 00 — O 00 — — 1— orT 320 8b1 — — — — S S — — — S= — — — S Erſter Band. ———— Die Ritter vom Geiſte. Roman in neun Biüchern von Karl Gutzkonw. Erſter Band. Zweite Auflage. ——————— 12 5 A. B ro haus 6 1852. 62 Vorwort. Es wird eine lange, weite Wanderung werden, lieber Leſer, zu der ich Dich auffodere! Rüſte Dich mit Geduld, mit geſchäftloſen Sonntagsvormittagen und einem guten aushaltenden Gedächtniß! Vergiß mir nicht morgen, was ich Dir heute erzählt habe! Werde nicht müde, wenn Du unabſehbare Ebenen erblickſt, ſich der Weg wiſchen gefahrvolle, nicht endende Ge⸗ birgspäſſe zwängt vder die Landſtraße plötzlich ſich wie in die Wolken zu verlieren ſcheint! Was Du Alles auf dieſer Wanderung wirſt zu ſehen bekommen, die Landſchaft und die Dir begeg⸗ nenden Menſchen, ihr Werth, ihr Charakter, ihre Wahrheit da ſieh zu, wie Dein Geſchmack mit ihnen fertig wird! Ich bitte um Schonung; aber wenn ſie mir von Deiner Strenge verweigert wird, muß ich mir's ſchon gefallen laſſen. Nur über die Die Ritter vom Geiſte. I. 1 2 lange Dauer dieſer Wanderung, über das weitent⸗ rückte, ſozuſagen atlantiſche Ziel, über den großen, großen Proviant von Zeit und Geduld, den ich bean⸗ ſpruche, muß ich Dich bitten, mir ein entſchuldigendes Vorwort zu erlauben. Thu' mir nicht von vorn herein das Unrecht an und ſage: Ich hätte in meinem über das übliche deutſche Maß hinausgehenden Werke die Franzoſen nachahmen wollen! Der„ewige Jude“, die„Geheim⸗ niſſe von Paris“ ſind deshalb geſchrieben worden, weil in einer Zeit, wo Alles ſpricht, Menſchen, die geneigt ſind zuzuhören, eine Eroberung ſind. Dieſe glücklichen Zeitungseroberer von Paris haben ihre Beute nicht wieder wollen fahren laſſen und führten deshalb den Stil ein, den ſie von den Taſchenſpielern auf Jahrmärkten borgten, die ihre Productionen von heute immer mit einer Ankündigung auf morgen ſchließen. Die Feuilleton⸗Romane, wie man ſie drü⸗ ben überm Rheine nennt, oder die Fortſetzung⸗folgt⸗ Romane, wie man ſie nennen ſollte, ſind nur für große Kinder geſchrieben, zu denen man ſagt: Heute war's gewiß ſchön, morgen wird's aber doch noch viel ſchöner werden! —— 3 Alſo Das nicht, lieber Leſer! Ich wollte wol, unſer ſtrenges Publicum ahmte dem franzöſiſchen an gutem Willen beim Hören und Hinnehmen nach, aber ich ſelbſt bin nur deshalb ſo lang geworden, weil ich beim beſten Willen nicht kurz ſein konnte. Sollen wir zurückgezogenen einflußloſen Schriftſteller, die wir doch auch gewohnt ſind, den Samen reeller Thatſachen von den Blüten der Erſcheinung abzu⸗ ſtreifen und in unſerer Art auch Etwas für die Ge⸗ ſchichte zu thun, die Gründlichkeit nur der Paulskirche und den Protokollen unſerer Ständekammern, Inte⸗ rims⸗ und Verwaltungsräthe überlaſſen? Schlimm genug, daß man ſo ernſt, ſo nachdrücklich, ſo ſyſte⸗ matiſch mit unſerer Zeit ſprechen muß! Anekdoten thun's nicht mehr. Was iſt Euch Boccaccio? Eine bunte Federflocke vom claſſiſchen Wind bewegt! Es finden ſich ihrer allerdings genug, die der Zeit ent⸗ rinnen wollen und lieber einer vom claſſiſchen Wind bewegten bunten Federflocke nachirren, als dem Jahr⸗ hundert, das ſie haſſen; allein mit dieſen mag ich nicht reden. Ich will es mit Denen, die ihrer Zeit vertrauen, Hoffnungen auf ſie ſetzen und die da ſagen: Eine Nacht, um ein zweckloſes Märchen zu hören, 4 die hab' ich nicht, aber tauſend und eine Nacht, die hätt' ich und ſchenke ſie Dem, der ſie im Scherze lehrend auszufüllen verſteht! Wohlan denn, Du wunderlicher Heiliger, ich halte Dich beim Wort! Ich ſage Dir im Vertrauen, daß eine Nacht und ein Mährchen mich ſelbſt, den Er⸗ zähler, nicht befriedigen würden. Und erzählt' ich Dir das ſinnigſte und Arabiens würdigſte Mährchen, ich ſelbſt würde in unſern ſternenloſen Nächten deſſen nicht froh, und wo dem Schöpfer nicht wohl wurde bei eidkm Werke, da kann's dem Beſchauer ewig nur weh ſein. Schönheit iſt ja Ruhe; Ruhe des Gemüths quillt in den Betrachter vom befriedigten Schöpfer, und der Schöpfer, der hier dies vielleicht übervoll auf⸗ geſchoſſene Werk Dir vorlegt, dieſen endlos ſchei⸗ nenden Park mit Seen und Brücken und Waſſer⸗ fällen, geſteht aufrichtig, daß er jenen einzigen Waſſer⸗ tropfen, der jetzt die ganze Welt abſpiegelte, nicht hat finden können. Er weiß wohl, es gibt Dichter, die mit einem Waſſertropfen die Welt abſpiegeln; und noch mehr ſolche, die glauben, dieſen Waſſertropfen zu beſitzen. Er ging auch hinaus vor's Thor und nahm von der Flur einen Thautropfen, der glänzte 5 in der Sonne— grün— aber die Welt iſt blau. Ein anderer glänzte blau— aber die Welt iſt roth. Ein dritter glänzte gelb und grün, und die Welt ſchil⸗ lert jetzt in allen Farben. Es iſt nichts mehr mit dem Thautropfen, dachte er. Es muß mehr ſein und etwas Anderes, wenn auch noch keine Douche und noch kein Regenbad. Macht ihr Geſchichte, dachte er, wir wollen Ro⸗ mane ſchreiben. Er dachte an die Geſchichtsmacher von heute, die aus dem Staube der Ruinen neue Tempel b n wollen. Er dachte an die Flicker und Leimer, in deren Hände die Organiſationen gerathen ſind, und die uns nachgerade die Luſt genommen haben, nur nothdürftig auf ihre Bauplätze zu blicken, mögen ſie nun in Paris, Rom, Wien, Berlin oder in Gotha und Erfurt liegen. Baut ihr und flickt an den alten Welten, wir wollen neue bauen, wenigſtens in der Idee. Jeder große Münſter hat anfangs ſein kleines Modell. Die alten Erbauer, wenn ſie ein Denkmal bekamen, trugen dieſe kleinen Modelle in der Handz dieſe mochten nicht ſchwerer wiegen als ſo ein Roman von mehr Bänden als üblich, ein Roman in dem 6 neuen Stil, der in der That architektoniſch iſt, ſehr h mislich nachzuahmen, und auf den uns Profeſſor Gervinus zu ſeinem Aerger doch noch ein literar⸗ ſ hiſtoriſches Patent geben ſoll. Denn ich glaube wirklich, daß der Roman eine neue Phaſe erlebt. Er ſoll in der That mehr wer⸗ den, als der Roman von früher war. Der Roman von früher, ich ſpreche nicht verächtlich, ſondern be⸗ wundernd, ſtellte das Nacheinander kunſtvoll ver⸗ ſchlungener Begebenheiten dar. Dieſe prächtigen Ro⸗ miche mit ihrer claſſiſchen Unglaubwürdigkeit! Dieſe 3 herrlichen, farbenreichen Gebilde des Falſchen, Unmög⸗ lichen, willkürlich Vorausgeſetzten! Oder wer ſagte Euch denn, ihr großen Meiſter des alten Romanes, daß die im Dupchſchnitt erſtaunlich harmloſe Men⸗ ſcheneriſtenz gerade auf einem Punkte ſoviel Effecte der Unterhaltung ſammelt, daß ohne Lüge, ohne will⸗ kürliche Vorausſetzung, ſich alle Bedingungen zu Eurem einzigen behandelten kleinen Stoffe zuſpitzen konnten? Die ſeltenen Fälle eines draſtiſchen Nacheinanders. greift das Drama auf. Sonſt aber— lebenslange Strecken liegen zwiſchen einer That und ihren Folgen! Wieviel drängt ſich nicht zwiſchen einem Schickſal * — hier und einem Schickſal dort! Und Ihr verbandet es doch? Und was dazwiſchen lag, Das warft Ihr ſorglos bei Seite? Der alte Roman that Das. Er konnte nichts von Dem brauchen, was zwiſchen ſeinen willkürlichen Motiven in der Mitte liegt. Und doch liegt das Leben dazwiſchen, die ganze Zeit, die ganze Wahrheit, die ganze Wirklichkeit, die Widerſpiege⸗ lung, die Reflexion aller Lichtſtrahlen des Lebens, kurz Das, was einen Roman, wenn er eine Wahr⸗ heit auffſtellte, faſt immer ſogleich widerlegte und nur eine Thatſache gelten, ſiegen ließ, die alte Wahr⸗ heit von der— unwahren, erträumten Romanen⸗ welt! Der neue Roman iſt der Roman des Neben⸗ einanders. Da liegt die ganze Welt! Da iſt die Zeit wie ein ausgeſpanntes Tuch! Da begegnen ſich Könige und Bettler! Die Menſchen, die zu der er⸗ zählten Geſchichte gehören, und die, die ihr nur eine widerſtrahlte Beleuchtung geben. Der Stumme redet nun auch, der Abweſende ſpielt nun auch mit. Das, was der Dichter ſagen, ſchildern will, iſt oft nur Das, was zwiſchen zween ſeiner Schilderungen als ein Drittes, dem Hörer Fühlbares, in Gott 8 Ruhendes, in der Mitte liegt. Nun fällt die Will⸗ kür der Erfindung fort. Kein Abſchnitt des Lebens mehr, der ganze runde, volle Kreis liegt vor uns; der Dichter baut eine Welt und ſtellt ſeine Beleuch⸗ tung der der Wirklichkeit gegenüber. Er ſieht aus der Perſpective des in den Lüften ſchwebenden Adlers herab. Da iſt ein endloſer Teppich ausgebreitet, eine Weltanſchauung, neu, eigenthümlich, leider pole⸗ miſch. Thron und Hütte, Markt und Wald ſind zu⸗ ſammengerückt. Reſultat: Durch dieſe Behandlung kann die Menſchheit aus der Poeſie wieder den Glau⸗ ben und das Vertrauen ſchöpfen, daß auch die moraliſch umgeſtaltete Erde von einem und demſelben Geiſte doch noch könne göttlich regiert werden. Ein ſolcher Verſuch, die zerſtreuten Lichtſtrahlen des Lebens in einen Brennpunkt zu ſammeln, iſt die Geſchichte, die ich Dir, lieber Leſer, hier aufgerollt habe. Sie iſt in den Thatſachen und dem ſozu⸗ ſagen allegoriſchen Rahmen nicht neu, aber neu in der Verknüpfung. Kurz konnte ſie ihrer Natur nach nicht werden, denn um Millionen zu ſchildern, müſſen ſich wenigſtens hundert Menſchen vor Deinen Augen — — —— 9 vorüberdrängen. Denke nur immer, daß der Zweck und die Aufgabe ſo lautet: Die Miſſionaire der Freiheit und des Glaubens an die Zeit ſind es ihren Gemeinden ſchuldig, ihnen zu zeigen, wie die ganze Fülle des Lebens von ihrem neuen Lichte beſchienen ſein kann und wie es ſich noch mit den alten Lungen athmen laſſe, überall, in jedem Winkel Gottes, den der neue Luftzug der Idee, der Pfingſtzeit neues Windeswehen beſtreicht. Die äußere Welt iſt durch Künſtlerhand allein nicht zu ändern. Laßt vorläufig unſere Miniſter und die Sol⸗ daten dafür ſorgen! Aber die innere Welt, die, welche Jeder in ſeiner Bruſt trägt, die kann ſchon eine um⸗ faſſende, in allen Höhen und Tiefen des Lebens aus einem Geſichtspunkte betrachtete und eine feſtbegrün⸗ dete ſein. Dieſe Allſeitigkeit war mein Ziel. Ich ſage nicht, daß ich ein Panorama unſerer Zeit geben wollte. Wer vermöchte Das? Die Aufgabe wäre nicht zu löſen, und anmaßend erklänge es, wollte ſich ihrer Jemand anheiſchig machen. Aber ein gutes Stück von dieſer unſerer alten und neuen Welt ſollte aufgerollt werden, eins, gerade groß genug, um ein Menſchenleben zu ermuntern, daß es nicht verzage, 10 ſondern getroſt in dem einen Geiſte der Freiheit und Hoffnung fortwandle und ſich die laufenden, tages⸗ üblichen Bedrängniſſe der innern Ueberzeugung nicht zu ſehr verdrießen laſſe. Laß Dich denn alſo von mir, lieber Leſer, in dieſen Blättern einſpinnen, wie der werdende Schmetterling ſich in den Cocon ſpinnt, wo er Blatt und Baum, auf dem er hülflos kroch, preisgibt und ſich wie in dem Vortraum ſeines neuen Lichtlebens begräbt. Die Kunſtrichter mögen richten; die voreilige Kritik mag Dir die Luſt nehmen wollen, dem Erzähler zu folgen; achte ihrer nicht und bleibe treu dem Dich einhül⸗ lenden Geſpinnſt, bis dem weitern Verlaufe zu die Hülle bricht, und in anſchauender Prüfung meiner Abſicht auch Dein Geiſt mit bunten Hoffnungen und heitern Glaubensſchwingen in jene Gemeinſchaft der Getreuen und Veſten, der Ritter vom Geiſte, auf⸗ ſteigt, von deren Schickſalen dieſe Blätter erzählen. Dresden, am Pfingſttage 1850. Karl Gutzkow. „ 4 nd — — S — — — 8 en g cht ler ind der uß⸗ Erstes Capitel. Das Kreuz und das Kleeblatt. An einem heißen Sommernachmittage ſaß ein junger Mann, von ſummenden Käfern umſchwärmt, das Haupt auf eine über die Knie ausgebreitete Mappe beugend, vor einer einfachen ländlichen Dorfkirche, um ſie zu zeichnen. Die Formen tes beſchebeneu und doch ehrwürdigen Gebäudes wieſen auf einen ziemlich alten Urſprung hin. Leicht und ſchlank ſprang der ſpitze Thurm in die blaue Aetherhöhe. Die alten grüngeroſteten Glocken hingen in Oeffnungen, deren Ränder ein zierlich geſchweiftes ſteinernes Blätterwerk ſchmückte, willkommener Schlupfwinkel für ein Heer von Spatzen, das den Thurm lärmend umſchwirtte. Das Schiff wölbte ſich mit hervorſpringenden Fenſter⸗ niſchen mehr rund als länglich um den Glockenthurm, deſſen Portal ein großes, halb in das Mauerwerk eingebrochenes Kreuz zierte. Dieſer einfache Bau, 14 umgrenzt von grünen Haſelnußhecken und gehütet gleichſam von zwei alten Lindenbäumen vor der Ein⸗ gangspforte, ſchnitt ſich an dem duftreinen Horizont ſo gefällig, ſo lieblich ab, daß man dem jungen, über ſeiner Arbeit träumenden Künſtler nicht ver⸗ argen konnte, ſich daraus für ſein Skizzenbuch allein ſchon eine Erinnerung zu erhalten. Aber der alter⸗ thümliche Reiz dieſer Scene wurde noch durch die Trümmer eines Gebäudes erhöht, das einſt dicht an der Kirche mit ihr faſt verbunden mußte geſtanden haben. Noch waren einzelne verwitterte Mauern hier und da übrig geblieben und nun auf löbliche Weiſe zum Umbau des Friedhofs verwendet. Ueberall, wo eins der alten Trümmer aufhörte, begann in der Um⸗ zäunung des ſtillen Ruheplatzes immer ein einfacher, freilich etwas zerfallener Bretterzaun, bis dieſen wieder ein morſches Stück alter Mauer mit noch halb erhal⸗ tenen Fenſtern ablöſte, deren Trümmer ſich in das innere lauſchige Gezweig von weißen, würzig duften⸗ den Fliederbäumen, die ſie überſchatteten, verloren. Kirche und Friedhof lagen auf einer mäßigen, gras⸗ bewachſenen, mit weißen Sternblümchen wie beſtreu⸗ ten Anhöhe, die eine Fernſicht auf diejenige große und berühmte deutſche Hauptſtadt erlaubte, welche der Schauplatz der nachfolgenden Mittheilungen ſein wird. hah peh gew gün nete das Er alte Kir die Gr nen hal vie di R tri ſy tet ein 15 Der junge Maler war nach einfachem Mittags⸗ mahle auf dies beſcheidene Dörfchen— es hieß Tem⸗ pelheide— von der großen lärmenden Stadt hinaus⸗ gewandert, hatte ſich, rings den Hügel muſternd, die günſtigſte Stelle für ſeinen Plan auserleſen, und zeich⸗ nete die Kirche und den Friedhof aus einem Intereſſe, das nicht blos ein künſtleriſches genannt werden konnte. Er wußte nämlich, daß dieſe Trümmer Reſte eines alten Tempelhofs waren. Das große Kreuz über der Kirche, in eigenthümlicher Form, bewies, daß einſt die Tempelritter, die hier gewohnt hatten, auch die Gründer und Erbauer dieſer Kirche waren. In ſei⸗ nen Jugenderinnerungen ſelbſt an ein altes Templer⸗ haus, die Zierde ſeiner im Harz gelegenen Vaterſtadt, vielfach gemüthlich verwieſen, nahm er um ſo leben⸗ digeres Intereſſe an dieſen ehrwürdigen hiſtoriſchen Reſten, als ihm auch ſein erſtes Probeſtück beim Ein⸗ tritt in die große Genoſſenſchaft der ſozuſagen losge⸗ ſprochenen Künſtler, Jakob Molay's Feuertod, ſo brav gelungen war, daß er ſchon jetzt zu den ſicherſten Hoff⸗ nungen der neuern Malerkunſt gerechnet werden konnte. Dankbarkeit auch gegen den glücklichen Gegenſtand ſei⸗ nes Bildes, den Märtyrertod der alten franzöſiſchen Tempelherren, hatte ihn hierher nach dem Dörfchen Tempelheide geführt, wo auch einſt Tempelherren ge⸗ ——————— 16 hauſt, auch einſt Tempelherren jene Kirche und das Profeßhaus gebaut hatten, von dem noch jene male⸗ riſchen in den Friedhof verlorenen Trümmer hinter⸗ blieben waren. Wie Siegbert Wildungen— ſo hieß unſer junger Maler— auf einem Stein unter einer Brombeer⸗ hecke längſt Platz genommen hatte und im nothdürf⸗ tigen Schatten des ſtachlichten Gebüſches endlich ein⸗ mal auch ſeinen breitrandigen Calabreſer lüftete, um die blonden lockig fallenden Haare von der erhitzten Stirn zurückzuſtreichen, bemerkte er plötzlich, daß er nicht allein war. Aus dem gelben Kornfelde, das die Oeffnung zwiſchen dem Hügel und dem Aufgang zu einem nahegelegenen herrſchaftlichen Parke aus⸗ füllte, erhob ſich, gähnend und wie nach gehaltener Mittagsruhe ſich reckend, eine Geſtalt, die weder oben dem herrſchaftlichen Wohnhauſe, noch unten dem Dorfe anzugehören ſchien. Es war, ſo weit man ſie im Liegen beurtheilen konnte, eine lange hagere Figur im leichten Sommerrock wie Siegbert, aber die Panta⸗ lons verwaſchen, an den Knieen hervorſtehend, das Hemd zerknittert, die Halsbinde weggeworfen und die Weſte faſt zu kurz und wie verſchnitten. Die ſeltſame Geſtalt, die ſich aus dem Korn, in dem ſie geſchla⸗ fen hatte, herauswand, war jung und wie es ſchien N „ ver me we mo fen wi un kec bel lin ku lic De ſi das e⸗ ter⸗ ame ſien 7 — — —————————— —8— 17 verwöhnt bequem. Der Mittagsſchläfer gähnte mit mehr Behaglichkeit, als er würde empfunden haben, wenn ihn der Bauer, dem das Kornfeld gehören mochte, in der Verwüſtung ſeines Eigenthums betrof⸗ fen hätte. Wie er den Maler entdeckte, ſtützte er, wieder lang ſich hinwerfend, den Kopf auf den Arm und ſchickte ſich an, in größter Ruhe ſeinen Nachbar keck zu beobachten. Die rechte Hand ſteckte er dabei behaglich in die Seitentaſche ſeiner Pantalons; die linke kratzte ſich die Aehren aus dem etwas röthlich kurzgeſchorenen Haar. Statt den Maler anzureden, pfiff er ſich eine Melodie, die nicht zu den gewöhn⸗ lichen gehörte und Bekanntſchaft mit den Modeopern verrieth. Siegbert Wildungen war der neueſten Opern ſicher unkundiger, als jener bequeme und in ſeinen Blicken faſt zudringliche dreiſte Geſell. Während Siegbert in ſeiner Zeichnung fortfuhr und das Zifſerblatt des Thurmes bald den vollen Schlag der fünften Stunde voraus anzeigte, hörte man einen Wagen in der Nähe. Eine herrſchaftliche Kutſche fuhr von der Allee, die zur Stadt führte, die Anhöhe herauf und hielt vor dem Eingangsportal des in Siegbert's Rücken liegenden herrſchaftlichen Gartens. Er hatte des geſchmackloſen kleinen Schloſ⸗ ſes, das dem Beſitzer von Tempelheide zu gehören Die Ritter vom Geiſte. I. 2 18 ſchien, anfangs wenig Acht gehabt. Der Park, der es einſchloß, ſchien ihm von vielem Nadelholze faſt zu düſter; nur ein ſonderbares Etabliſſement am Rand deſſelben oberhalb des Kornfeldes hatte ihm ein Lä⸗ cheln abgelockt. Es war ein großer hölzerner Regen⸗ ſchirm oder ein Rieſenpilz, deſſen Dach eine unter ihm gedeckte kleine Mittagstafel vor der Sonne ſchützte. Der Beſitzer des Schloſſes nennt unſtreitig dieſen Re⸗ genſchirm oder Pilz ſeinen chineſiſchen Pavillon, hatte er ſich gedacht und dabei eingeſtanden, daß ein Abend⸗ imbiß in dieſer freien Luft, beim würzigen Hauche der düſtern Tannen des Parkes, dem Dufte des weißen Flieders und der Linden von der Kirche her, bei alledem höchſt erfreulich und ländlich-anmuthig ſein konnte. Sein Nachbar ſchielte ſchon lange von Zeit zu Zeit nach dem Pavillon hinauf und dem weißen gedeckten Tiſche und den Gläſern und Tellern, dem Silberzeuge, den Meſſern und Gabeln, und ſein Schweigen brechend, rief er, auf die dreißig Schritte, die er von der Brombeerhecke etwa entfernt war, in gutem geſchultem Deutſch, die ſatiriſchen, auf die Kutſche bezüglichen Worte hinüber: In der alten Carrẽte da haben ſie gewiß ſchon Ziethen aus dem Buſch begraben. Siegbert Wildungen verſtand ganz gut, daß die „ bli k, der ze fuſt Rand in Lä⸗ Regen⸗ ter ihn ſchütze. en Re⸗ hatte Abend⸗ Hauche t des he her, muthig ge von d dem Lellern, nd ſein chritte, ar, in uf die aß die 19 „Carrète“ die eben angefahrene Kutſche ſein ſollte, blickte aber nicht hin. An ihrem Gepolter ſchon hörte er, daß ſie baufällig und altmodiſch ſein mußte. Sie aber auf den alten Ziethen„aus dem Buſch“ zurück⸗ zuführen, das war eine Landesanſchauung, die ihm, obgleich er demſelben Staate angehörte, nicht gleich ganz geläufig war. Er beantwortete die Bemerkung nicht. Nach einer Pauſe lachte der junge Rothhaarige wieder hell auf und ſagte: O Je! O Je! Die alten Schindmähren hat ſchon Methuſalem gefahren.. Siegbert Wildungen fühlte ſich vom Ton des Sprechers und noch mehr von ſeiner Abſicht, ein Ge⸗ ſpräch anzuknüpfen, nicht eben angenehm berührt und antwortete wieder nur durch ein leichtes Aufblicken. Es ſchien ihm ſo unwürdig, ſich gleichſam auf Ge⸗ heiß eines ſolchen Menſchen umwenden zu ſollen und ſeine ſelbſtgenügſamen Witze beifällig zu beſtäti⸗ gen. Dennoch regte ihn unwillkürlich die Vorſtellung von Pferden, die ſchon Methuſalem gefahren hätte, an, und es half nichts, er mußte nun über ſeine Mappe hin wenigſtens zu dem Geſellen im Kornfelde einmal hinüberlugen. Als dieſer mit ſpähendem Auge das erwachende Intereſſe des Malers bemerkte, juhr er, wie dadurch ermuthigt, fort: 2* 20 Fallen Sie nicht, Excellenz! Immer langſam voran, altes ſchweinsledernes Porcus Juris! So! Kommen Sie zum Handkuß bei Ew. Gnaden, Phy⸗ lar und Sultan? Kätzchen darf auch guten Tag ſagen? Miau! Miau! Und der ſchwarze Spitzbub, der Rabe, hui! was der ihm wol ins Ohr geplauſcht hat von Galgen und Rad! Ein Compliment von Kühnapfel und Tſchech? Nicht wahr, Du alter Kü⸗ ſter vom Rabenſtein! Jetzt wird wol gefrühſtückt? Laßt's Euch gut ſchmecken! Proſit die Mahlzeit! Während dieſer ſonderbaren, mit ſcharfem maliziö⸗ ſen Ton vorgetragenen Worte ſchnarrte die alte Thurm⸗ uhr Fünf. Siegbert konnte jetzt nicht umhin, ſich völlig umzuwenden und ſich die Scene anzuſehen, die ihm ebenſo barock geſchildert worden war. Die mehrerwähnte Kutſche fuhr eben am Garten⸗ ſtackete entlang, um in die entfernter liegende Hof⸗ thür einzulenken. Im Garten und vor dem Schloſſe ſah er Niemand mehr. K Schade, daß Sie zu ſpät kamen, ſagte Siegbert's immer zutraulicher werdende Bekanntſchaft. Wer ſtieg denn aus? fragte Siegbert nach einer Weile mit einem ruhigen und ſanften Tone. Der, dem das Schloß da gehört, antwortete der Fremde, kennen Sie ihn nicht? 2 1 6. 1 bo 1 d n ———— angſam Sol Ph⸗ n Tag ub, der plauſcht nt von er Ki⸗ hſtückt? it! nalizié⸗ Thurm⸗ n, ſch en, die Garten⸗ de Ho Schloſt egberts ch einer ſtete der 21 Gibt's vielleicht einen Herrn von Tempelheide? bemerkte Siegbert. Tempelheide? Das nicht! Da Veint der alte von Harder im Sommer. Wer iſt der alte von Harder? fragte Siegbert, ohne in ſeiner Arbeit aufzuhören. Es gibt zwei Ercellenzen von Harder. Eine junge und eine alte. Alſo die Excellenzen von Harder ken⸗ nen Sie nicht? Da ſind Sie fremd. Die junge Excellenz verwaltet die königlichen Gärten, wie Erz⸗ engel Michael das Paradies, aber blos mit der Gieß⸗ kanne und dem Rechen in der Hand. Der Alte aber trägt's Schwert und die bekannte Wiegeſchale. Der iſt bei uns Gottes wirklicher Stellvertreter auf Erden, wenigſtens was die zeitliche Gerechtigkeit anbetrifft. Alſo wol der Juſtizminiſter? Beinahe, aber noch mehr! Es iſt der Präſident des Obertribunals! Neunzig Jahr alt! Halbblind, wie's Madame Themis verlangt, wackelig wie ihr Wiegebalken. Die Der ſchon alle hat köpfen laſſen, die würden drüben nicht auf den Kirchhof hin kön⸗ nen! Ein Todesurtel beſtätigen, iſt ihm wie'ne Priſe Schnupftaback nehmen. Die Leute haben großen Re⸗ ſpect vor ihm; mir kommt er aber kindiſch vor. Man muß ihn nur ſehen, wenn er mit Hunden und ₰ 22 Katzen, beſonders aber, wenn er mit einem gewiſſen Raben ſpricht. Wer neunzig Jahr alt geworden iſt unter den Schlechtigkeiten der Menſchen, bemerkte Siegbert, doch angezogen von der abgeriſſenen Rede des Nachbars, Dem iſt nicht zu verdenken, daß er uns vernünftige Zweibeine längſt ſatt hat und ſich mit den unvernünf⸗ tigen Thieren unterhält. Thut er denn Das? Der Nachmittagsſchläfer pfiff ſich ſtatt der Ant⸗ wort ein Lied, reinigte ſeinen Hut und band die Hals⸗ binde um, dann ſagte er, als hätte er die Frage erſt überlegt: Schlechtigkeiten? Schlechtigkeiten iſt manchmal ſo — ſo— bei der Handthiererei, dem Rechtsverdrehen. Er ſang dann weiter. Nach einer kleinen Pauſe, die nun auf die letzten mit großer Bitterkeit geſprochenen Worte auch Sieg⸗ bert machte, bemerkte dieſer ruhig fortzeichnend: Haben Sie wol einen Proceß verloren? Einen? Mitunter ein Dutzend, antwortete der Fremde und ſetzte pfiffig hinzu: Noch öfter aber welche gewonnen. Gerade we⸗ gen der gewonnenen Proceſſe legt ſich der Reſpect vor der Juſtiz. Aber's Obertribunal iſt gut; es kommt nur darauf an, daß Einer ſoviel Lunge, d. h. Geld⸗ ewiſen et den tt doch chbas, nnftige ermünf⸗ er Ant⸗ ge erſt mal ſo drehen. e leten h Sieg⸗ d ade we⸗ tvor pu ſommt . Geld⸗ 23 beutel hat, um ſich nicht außer Athem zu laufen, bis er bei der neunzigjährigen Unparteilichkeit da oben an⸗ gekommen iſt. Siegbert antwortete nicht; auch der Fremde ſchwieg eine Weile, ordnete ſein Hemd, zog an ſeinen Pan⸗ talons, an denen er die gelöſten Sprungriemen wie⸗ der befeſtigte, zog eine Taſchenbürſte und ſtrich ſich ſein röthliches Haar. Als dieſe Toilette, die er im⸗ mer noch im Liegen machte, vorüber war, warf er, auf Siegbert's Arbeit deutend, leicht hin: Sie zeichnen die Kirche? Iſt denn die Kirche da hübſch? Das müſſen Sie doch ſelbſt beurtheilen können, erwiderte Siegbert, ein wenig empfindlich über dieſe Bemerkung, die faſt ſpöttiſch klang. Wie ſoll ich Das wiſſen! antwortete der Fremde. Hübſch? Der Münſter in Strasburg ſoll hübſch ſein. Er iſt groß, und der Dom in Köln ſoll noch größer werden. Auch unſer Dom iſt ſchön— Hm, hm— Die Kirche da! Ei ja! Die Linden machen ſich ganz artig und bei Mondenſchein läßt ſich's vielleicht noch ſchöner an! Dann präſentirt man ſo was einer ſchö⸗ nen Demoiſelle, die legt's in ihr Album und ſchreibt darunter: Liebe mich, ich liebe dich— junger Ma⸗ ler— blondes Haar— Calabreſer— geſtern ken⸗ 24 nen gelernt, heute geliebt— morgen vergeſſen. Ken⸗ nen Sie ſolche Albums? Dieſe wieder mit großer Bitterkeit geſprochenen faſt fein ſatiriſchen Worte aüs dem Munde eines ſich doch ſo roh geberdenden Menſchen überraſchten Sieg⸗ bert. Waren ihm ſchon ſeine frühern Aeußerungen befremdlich geweſen, ſo widerſprach doch dieſe letzte ſo ſehr der Vorſtellung, die man von dem Bildungs⸗ grade eines wie ein Vagabond ſich ankündigenden Menſchen haben konnte, daß er voll Erſtaunen fragte: Haben Sie ſich in der großen Welt bewegt? Wie ſo? lachte der Fremde höhniſch und ſtand jetzt auf. Indem er ſeine Kleider abputzte, die Weſte zu⸗ knöpfte, den zerknitterten Hut bürſtete, erſchien er, wenn auch kleiner, doch ſtattlicher als vorhin und zeigte ſich als ein junger blaſſer Mann mit hellblauen ſcharf durchdringenden Augen, zartem Teint und faſt weiblichen Geſichtsformen. Er war nicht ſo groß, als er im Korn liegend erſchien. Alles an ihm war ſchmächtig, zart, unausgebildet. Er ſchien im An⸗ fang der zwanziger Jahre zu ſein, während um den Mund, um die bitter ſich zuweilen aufwerfenden Lip⸗ pen viel ältere Erfahrungen zuckten. Das ganze Er⸗ ſcheinen war verſtört, überwacht, wie an einem Men⸗ — ka Ken⸗ chenen es ſich Sieg⸗ tungen letze ungs⸗ genden fragte: 3 ſtund en el, n und blauen nd fſt groß⸗ n war n An⸗ m den n Lip⸗ ge E⸗ Men ſoviel edle und träumeriſche Menſchen, ſich über die 25 ſchen, 6. den Tag zur Nacht⸗und die zum Tage macht. Sie denken wol Wunder, was Einer ſein muß, ſagte er die Augen faſt verletzt zuſammenkneifend, um von Albums zu ſprechen? Dazu braucht man nur ein Buchbinder oder ein Bedienter zu ſein. Ein La⸗ kai, der nicht ganz auf den⸗Kopf gefallen iſt, könnte beſſere Geſchichten erzählen, als die er ſeinem Fräu⸗ lein aus der Bibliothek zum Leſen holen muß. Uebri⸗ gens bin ich weder ein Buchbinder noch ein Lakai. Adieu!„ Siegbert erſchrak. Er war gutmüthig genug, dem Fremden, der wirklich ging, nachzurufen: Wer hat Sie denn für etwas ſo Geringes gehal⸗ ten! Bleiben Sie doch, Sie empfindlicher Mann! Seine Worte verhallten aber. Der Fremde war ſchon den Hügel hinaufgeſtiegen, weniger, wie es ſchien, um ſich ganz zu entfernen, als um dort oben ſein zweckloſes Schlendern fortzuſetzen. Siegbert machte ſich nun Vorwürfe, ihn verletzt zu haben. Er gehörte zu den rückſichtsvollen Natu⸗ ren, die Jeden gern in ſeiner Art gewähren laſſen. Dazu kamen ſine Begriffe über die ſittliche Hebung der niedern Stände, die Ideale, die auch er, wie jetzt 26 mögliche Aendernng der bisherigen Zuſammenſetzung unſerer Geſellſchaft gebildet hatte. Betriffſt du dich nicht immer, klagte er ſich in Ge⸗ danken ſelber an, auf dem Widerſpruch, daß du wol die Menſchheit im Ganzen und Großen liebſt und den Menſchen ſelbſt geringſchätzeſt! Du fühlſt mit dem Unterdrückten, haſſeſt dieſe ungerechte Vertheilung der Erdengüter, bewunderſt die wohlmeinenden Geiſter, die das Geld abſchaffen wollen, um von dem Erſatz dafür Jedem ſoviel zu geben, als er für ſein Daſein braucht, und jedes mal, wenn du wirklich mit dem Volke in Berührung kommſt, wird es dir ſo ſchwer, über ſchlechte Kleider, entſtellte Mienen, rohe und menſchenſcheue Manieren hinwegzukommen! Siegbert war über ſich ſelbſt ſo misgeſtimmt, daß er aufſtand und ſeine Arbeit für beendigt erklären wollte. In dieſem Augenblick ſah er von der Seite des Schloſſes her auf den Pavillon zuſchreiten eine ſchwarz gekleidete nicht junge Dame, die einen uralten gebück⸗ ten Greis am Arme führte. Ein gleichfalls alter Die⸗ ner folgte in beſcheidener Entfernung. Unſtreitig war dies der Präſident des Obertribunals, der wol jetzt erſt unter dem Dach des Pavillons ſein Mittagsmahl nehmen wollte. Die ſanftblickende Dame ging ſchwei⸗ — ſetzung in Ge⸗ u wol nd den it den ing det Erſa Daſein it den ſchwer, e und mi, daß erklären ite des ſchwarz gebic⸗ er Die⸗ tig war vol jezt gomahl ſchwe⸗ 27 gend, in liebevoll herabgebeugter Haltung, neben dem Greiſe, der noch in würdiger ſchwarzer Amtstracht, an den heißen Sonnenſtrahlen ſeine Freude zu haben ſchien. Langſam die Stufen zum Pavillon hinan⸗ ſchreitend, nahm er Platz vor einem der gedeckten Couverts, die ſorgende Begleiterin an dem zweiten Couvert. Der kleine ſauber gedeckte Tiſch war nur für zwei Perſonen, höchſtens noch einen Gaſt berech⸗ net. Ein ſolcher ſaß auch ſchon am Tiſch, kein Menſch, ſondern ein großer Rabe, der mit ſeinem Schnabel die Ordnung des Tiſches nachzumuſtern ſchien und mit klugem Ernſt ſich umſchaute, ehe er von einigen Körnern pickte, die auf dem Tiſche für ihn ausgeſchüttet lagen. Ehe der alte Herr nicht den Löffel zur inzwiſchen von einem zweiten Bedienten aufgetragenen Suppe ergriffen hatte, rührte der ver⸗ ſtändige und höfliche Vogel ſelbſt nichts an, wofür ihn die Dame mit freundlichen Worten, deren ſanf⸗ ter Ton bis zu Siegbert herüberdrang, ausnehmend lobte. Der junge Maler, von dem Stillleben dieſer Scene wohlthuend angeregt, ſchob den Entſchluß, ſich mit der Copie der Kirche begnügen zu laſſen, noch eine Weile auf und richtete ſeinen Standpunkt nun ſo ein, daß er die Kirche und zugleich den Pavillon beobachten konnte. Die hochgewachſene, edle, in jün⸗ —— ——— 28 gern Jahren gewiß ſehr ſchön geweſene Frau ſchien den alten Herrn auf ihn aufmerkſam zu machen. Ohne ſich aber dabei umzuwenden oder ein Zeichen von Antheil an den geſprochenen Worten ſeiner Tiſch⸗ genoſſin zu geben, aß der Greis ruhig die Speiſen, die ihm von ihr vorgelegt und ſogar geſchnitten wur⸗ den. Statt aus einem Glaſe trank der Alte den Wein aus einem großen ſilbernen Becher; wie Sieg⸗ bert bemerkte, wol deshalb, weil er mit beiden Hän⸗ den ihn zum Munde führen mußte, ſo zitterten ſie. Bis die Mündung eines Glaſes zum dürſtenden Munde gekommen wäre, hätte ſie lange gewährt; der Be⸗ cher war leichter zu treffen. Die beiden Diener ver⸗ richteten ihr Geſchäft lautlos— Alles war ſtill— nur der Rabe grammelte und krächzte zwiſchen den Reden der freundlichen Dame. Sehen Sie, wie die Welt iſt! ſagte in dieſem Augenblick wieder der Fremde, der hinter Siegbert ſtand. Er mußte, während Siegbert die Blicke auf den Pavillon gerichtet hatte, von dem Hügel herabgekom⸗ men ſein. Sehen Sie, wie die Welt iſt, ſagte er mit ſchnei⸗ dendem Spott. Geſetzt, der ſilberne Becher da, den der Alte da kaum an die Lippen bringen kann, käme plötzlich fort— Was geſchähe nun? Man würde ſchien achen. eichen Tiſch⸗ peiſen, nwur⸗ te den Sieg⸗ Hin⸗ en ſie. Munde 1Be⸗ r vel⸗ i n den dieſem ſtand. f den gekom⸗ ſchnei⸗ 1, den käme würde 29 uns Beide für verdächtig halten. Sie würden nur Ihren Namen zu nennen brauchen, um gleich davon zu kommen; ich aber, weil ich ihnen ein herrenloſer Bedienter zu ſein ſcheine, würde ſofort arretirt, ſäße ſechs bis acht Wochen, bis ich nur inquirirt bin, dann würde ich in zwei Inſtanzen höchſt wahrſchein⸗ lich mindeſtens zu ſechs Monaten Zuchthaus verur⸗ theilt, und erſt in der letzten entdeckte der alte Me⸗ thuſalem da ſelber, daß ſein Rabe es geweſen, der den Becher geſtohlen hat. Und warum? Das kommt Alles daher, daß Einer von Albums ſpricht und ſelbſt nicht in Goldſchnitt gebunden iſt. Sie kränken mich, antwortete Siegbert, wenn Sie glauben, daß ich Jemanden ſeines Rockes wegen ge⸗ ringſchätzen kann. Uebrigens ſcheint Ihre Phantaſie ſo mit Gerichtsſcenen erfüllt, daß ich mich zu fürch⸗ ten anfange und allerdings nicht zurückbleibe, falls die Herrſchaften da fortgehen und den ſilbernen Be⸗ cher ohne Obhut zurücklaſſen. Damit wollte Siegbert, überdrüſſig der ihm nun läſtigen Geſellſchaft, raſch ſeine Mappe zuſammen⸗ legen und ſich wirklich entfernen. Der Fremde ſtreckte aber den dünnen knöchernen Finger auf ſein Skizzen⸗ buch und ſagte: Erlauben Sie erſt noch, mein Herr, daß ich Ihnen 30 zum Dank für Ihre Unterhaltung auf Ihrer Zeich⸗ nung einen Fehler ſage! Es ſind deren viele, antwortete Siegbert kurz. Ich werde ſie ein andermal verbeſſern. Nein, nein, ſl der Fremde— den Fehler be⸗ merken Sie doch nicht. Sie haben da am Kreuz etwas nicht richtig gemacht. An welchem Kreuz? Dem da über der Kirchthür. Sie haben— ſehen Sie— die Enden der vier Kreuzes⸗Flügel bald mit einem drei⸗ und bald mit einem vierblätterigen Klee⸗ blatt bezeichnet. Sehen Sie aber hin; es ſind im⸗ mer nur vier Blätter. Nur die Tempelherren der alten deutſchen Zunge hatten immer das dreiblätterige Kleeblatt. Voll Erſtaunen über dieſe Auskunft ſah Siegbert nach der Kirche und fand die Bemerkung ebenſo rich⸗ tig, wie für ihn des fremden Menſchen Kenntniſſe in der chriſtlichen Ornamentik überraſchend waren. Wo haben Sie dieſe architektoniſchen Feinheiten ſtudirt? fragte er. Der Fremde ſagte lachend: Freimaurer ſollte heut' Einer ſein! Glauben Sie mir!— dann macht er ſein Glück! Leider hab' ich's verpaßt, als ich's konnte, und jetzt nimmt mich keine Log das ſem hör kam Die gro Sy der an we due Al en Zeich⸗ furz. r be⸗ Krerz ſehen d nit Kler⸗ im⸗ det terige egbert rich⸗ nmiſe n. heiten Sie — ichs feine Loge mehr auf. Oder bin ich zu jung? Doch was das Kreuz anlangt, ſo hab' ich Das von vielen Häu⸗ ſern her in der Stadt da unten! Dieſe Häuſer ge⸗ hörten früher dem Orden der Tempelherren an. Dann kamen ſie an die Johanniter, von dieſen an die Stadt. Die Stadt hat aber mit dem Staat ſeit Jahren einen großen Proceß darüber, bei dem Millionen auf dem Spiele ſtehen, viel alte Häuſer und eine Menge an⸗ derer Liegenſchaften aus alten Zeiten her, die aber an den Kreuzesenden Vierblätter hatten— warum weiß ich nicht— iſt auch wenig daran gelegen— drei⸗ oder vierblätterige Kleeſaat— das Vieh frißt Alles durcheinander. Damit ging er wieder, eine abſcheulich gleichgül⸗ tige Miene ſchneidend, auf die ſchon vorhin von ihm geknickten Kornähren zurück und warf ſich, eine Arie trällernd, auf ſeine alte Lagerſtatt, als wäre ſie ſein gewöhnlicher Aufenthalt. Nun wieder zu ſehr erregt und gebannt, um ſich entfernen zu können, wollte Siegbert noch eine kurze Weile bleiben. Wie er ſo wieder zu zeichnen anfing und das Kreuz nach des Fremden Angabe verbeſſern wollte, kommt aus dem Garten der alte Diener zu ihm herüber und überreicht ihm im Auſtrage ſeiner Herrſchaft eine reiche Spende Weines in einem großen 32 tryſtallenen Waſſerglaſe. Es iſt heute heißl war Alles, was der alte Mann als Veranlaſſung dieſer Artigkeit dabei ſagte. Siegbert, ganz betroffen, blickte zu dem Pavillon hinüber. Die holde, gute Dame grüßte gar artig, winkte lächelnd und drückte Das, was eben der Diener geſagt hatte, in freundlichen, Saber ihm nicht hörbaren Worten und mit holden Blicken aus. Während ſie ſprach, krächzte der Rabe, als fühlte er etwas von Neid. Der greiſe Neunzig⸗ jährige aber zeigte auch jetzt nicht die geringſte Theil⸗ nahme, und erhob ſich nun von ſeinem kurzen Mahle, ohne von Siegbert's Gegenwart oder von deſſen Dank für ſeine Aufmerkſamkeit irgend Notiz zu nehmen. Die freundliche Dame folgte. Siegbert, befremdet über all dies Plötzliche, Unerwartete, trank. Die Hitze war allerdings ſehr drückend, und faſt hätte er ausgetrunken, wenn er nicht für den Fremden die theilnehmende Regung empfunden hätte, ihm Halb⸗ part anzubieten. Er ging auf ihn zu und reichte ihm ins Kornfeld die beiweitem noch größere Hälfte des Pokals. Ein ſonderbares Lächeln überlief des Fremden Züge, als er erſt zögerte, dann aufſtand und das dargebotene Glas mit einem Zuge leerte. In dem: Ich danke! das er vor ſich erröthend hin⸗ ſprach, als er Siegbert den Pokal zurückgab, lag ein ge ſih den die Ze het ſ di te ab wat dieſer „blicte Dame e Das, nlichen, holden Rabe, Neunzig⸗ e Theil⸗ Mahle, n Dank nehmen. eftendet t. Die hite e den die n Halb⸗ richte eHälſte lief des uſſand e lerte· end hin ab, lag ein Ausdruck von Gefühl, der dem jungen Malet, gewohnt, ſcharf zu beobachten, nicht entging. Wie ſich Siegbert umwandte und mit dem leeren Becher, den Diener ſuchend, daſtand, war der Fremde plötz⸗ lich wirklich verſchwunden. Nun kam aber der Be⸗ diente heran und that ſehr erſchrocken. Gott ſei Dank! ſagte er, daß man Den da bei Zeiten entdeckte, und man läßt ſo ſein Seneug un⸗ bewacht auf dem Tiſche liegen! Wie ſo? Kennen Sie den jungen Mann? frägte Siegbert. Ei wohl, ſagte der Alte in unwodiſcher Livree; er hat den Präſidenten tauſend mal um Arbeit er⸗ ſucht und will heute gewiß wieder herein. Wir ha⸗ ben nichts für ihn. Es iſt ein gewiſſer Hackert, frü⸗ her Schreiber bei einem Notar. Ein verdächtiger Menſch! Sieh! Sieh! Das Silberzeug! Das Sil⸗ berzeng! Damit maß er nun auch Siegbert mit mistraui⸗ ſchem Blick und lehnte das Trinkgeld ab, das ihm dieſer anbot. Er eilte, was er konnte, in den Gar⸗ ten zurück, um den mit Silberzeug bedeckten Tiſch raſch abzuräumen. Siegbert ſchüttelte den Kopf. Der hält mich auch für nicht geheuer! ſagte er und wanderte, über die Civiliſation der neuen Zeit Die Ritter vom Geiſte. I. 3 34 nachdenkend, ſein Portefeuille unterm Arm, den Hü⸗ gel hinunter, dem Dorfe zu wo er die Allee ein⸗ ſchlug, die ihn zur Stadt zurückführen ſollte. Noch einmal war es ihm, als ſäh' er durch das Kornfeld auftauchend des Fremden Hut. Doch ebenſo raſch verſchwand die Spur. Zweites Capitel. Dankmar Wildungen. Die Pappeln der Allee ſäuſelten von einem leichten Winde bewegt, der ſich inzwiſchen lind erhoben hatte. Links und rechts ſtanden noch die Kornfelder in voller Reife oder waren von den Regenſchauern in der verfloſſenen Woche nur in langen Schwaden nie⸗ dergedrückt. Die Obſtbäume, die im Felde ſtanden, verſprachen für den Herbſt eine gute Ernte. Bald kam das mit einem zierlichen Gärtchen umfriedigte Häus⸗ chen des Chauſſeegeldeinnehmers, dann der Durch⸗ ſchnitt einer Eiſenbahn, die ſich quer über die Straße hinwegzog, und ſchon fingen einzelne Landhäuſer die unmittelbare Nähe der Stadt zu bezeichnen an. Siegbert's träumeriſches Gemüth hing noch eine Weile an der verlebten tempelheider Scene, bald aber verwiſchte ſich der Eindruck, und ſein Auge ſchweifte nur noch mit jener faſt bewußtloſen Ruhe umher, die 3* 36 reinen Seelen eigen iſt. Seine Gedanken konnten von einem Stein am Wege, von einem verdorrenden Baume innigſt beſchäftigt werden. Was er deutlicher anſah, entlockte ihm eine Betrachtung, und da er Künſtler war, hatte er den Vortheil, dem Vielen, was ihm in dieſer Weiſe gerade kein Urtheil abge⸗ wann, doch immer, wenn auch mit flüchtiger An⸗ ſchauung, eine eigenſte Form abzugewinnen. Eine von dem niedergeworfenen Korn erdrückte Blume, ein dunkler Schmetterling auf einer noch ſtolzen, hohen Aehre ſich wiegend, eine kleine Wolke wie ein durch⸗ ſichtiger oder zerriſſener Schleier durch den blauen Aether fließend, Alles das waren für ihn Ruhepunkte des Gefühls und des innern Auges, die nur dann mit wirklich nachdenkenden Reflerionen abwechſelten, wenn er einem Handwerksburſchen begegnete, der ihm zu ſtolz ſchien, um ſich das Almoſen zu betteln, deſ⸗ ſen er vielleicht doch bedurfte, oder wenn er ſteine⸗ klopfenden Chauſſeearbeitern oder der langſamen Ar⸗ beit zuſah, wie einige wegige Hände ein Wohnhaus aufrichteten. Er glich darin den alten Künſtlern, daß er ſich nicht ganz auf ſeine Kunſt allein beſchränkte, ſondern, wie Michel Angelo, Tizian, Benvenuto Cel⸗ lini, Rubens thaten, ſich an den allgemein menſch⸗ lichen Dingen gern betheiligte. Und wenn man ihm vo St do beſ de di ha konnten rrenden utlicher da er Vielen, il abge⸗ get An⸗ Eine ume, ein hohen durch⸗ blauen epunkte n dann chſelten der ihn in, deſ ſteine⸗ nen Ar⸗ huhaus em daß chränkte⸗ uto Cel⸗ nenſch⸗ lan ihn 37 auch ſagte, Rubens würde ſicher in ſeiner Färbung voller und üppiger geweſen ſein, wenn er ſtatt mit Staatsactionen ſich mit ſeinem, wenn auch genialen, doch in der Ausführung oft flüchtigen Pinſel allein beſchäftigt hätte, ſo erwiderte er, daß Rubens, ohne den Verkehr mit der großen Welt, in einer der Ge⸗ ſchmackloſigkeit ſchon zuſinkenden Zeit ſich doch nicht die Fülle productiver Anſchauungen würde erhalten haben, die wir an dieſem reichen Geiſte bewundern. Siegbert war ſchon der Stadt ziemlich nahe, als er aus einem raſch auf der Chauſſee herrollenden Wa⸗ gen ſehr freundlich gegrüßt wurde. Die Dame, die ihm nickte, gab dem Kutſcher ein Zeichen zum Halten. Siegbert ſprang hinzu und erwartete einen Be⸗ fehl; denn er wußte, Frau von Trompetta gehörte zu den immer bewegten und bewegenden Naturen. Frau von Trompetta, eine kleine, dicke, kugelrunde Frau mit immer lebhaften Geberden, geſprächig wie ein Mühlrad, ſaß im ceriſerothen leichten Sommer⸗ ſhawl neben einer ſehr einfach und beſcheiden geklei⸗ deten gefälligen jugendlichen Blondine. Beſter Wildungen, rief Frau von Trompetta, man ſieht Sie ja gar nicht mehr; man hört nichts von Ihnen! Nur Ihr ſchrecklicher Molay vertritt Ihre Anweſenheit in der Geſellſchaft, und man weiß doch, 38 daß Sie noch andere Flammen entzünden können, als dieſen entſetzlichen Scheiterhaufen, in dem Sie ſich leider auch als ein Tendenzmaler gezeigt haben. Ich bin im Atelier des Profeſſor Berg allerdings viel öfter zu finden als in der Geſellſchaft, gnädige Frau, antwortete Siegbert. Und wenn ich käme, wenn ich Ihre neueſten Ar⸗ beiten belauſchte, würden Sie wol für uns arme Sterb⸗ liche, die nur bewundern können, ein Auge haben? Man weiß es ja. Ganz erfüllt Sie nur die Eine, die Einzige, Melanie, die Unvergleichliche, oder wie Sie ſie in Ihren Briefen nun anreden mögen, ſeit ſie verreiſt iſt. Melanie? Sie ſprechen von Melanie Schlurck? Allerdings iſt ſie verreiſt, antwortete Siegbert, und ſeine Wangen überflog ein leichtes Roth; aber von einem Briefwechſel iſt keine Rede. Ich weiß nicht einmal den Ort, wo ſie ſich befindet. O Sie Heuchler! Warten Sie! Warten Sie! Zur Strafe müſſen Sie einſteigen! Oeffne den Schlag, Chriſtian! Ich muß mit Ihnen plaudern. Gnädige Frau— Fräulein Friederike Wilhelmine von Flottwitz, ſagte Frau von Trompetta, auf die junge Blondine zeigend, die neben ihr ſtumm und ernſt im Wagen ſaß. — nen, als Sie ſich n. lerdings gůdige ſten M⸗ e Sterb⸗ haben ie Eine, det wie en, ſeit chlurd? t, und ber von iß nicht n Sie! 6 ſage zigend 39 Und ohne dieſe ihre Begleiterin weiter zu fragen, nahm ſie keinen Anſtand, Siegbert aufzufodern, ein⸗ zuſteigen. Wir fahren nach Tempelheide, fuhr ſie lebhaft fort, zu Anna von Harder, der Schwiegertochter des alten Präſidenten. Sie lernen dort die edelſten We⸗ ſen von der Welt kennen... Siegbert war unſchlüſſig, ob er der Auffoderung folgen ſollte. Aber das Gefühl, das ihn ſchon den ganzen Tag beherrſchte und in Spannung gehalten hatte, brach ſich ihm in den Worten Bahn: Vergebung, gnädige Frau, ich erwarte heute meinen Bruder Dankmar, ich muß nach der Stadt zurück..... Ihr Bruder Dankmar! ſpottete Frau von Trom⸗ petta lächelnd; immer Kaſtor und Pollur, David und Jonathan! Freilich iſt bekannt, daß ſich die Gebrüder Wildungen in einem Grade lieben, der eigentlich das weibliche Geſchlecht eiferſüchtig machen ſollte, wüßte man nicht, daß es noch eine Melanie Schlurck gibt. Aber ich muß Sie doch ſprechen, trotz Ihrer Eile, und ſo ſchlage ich vor, machen wir es umgekehrt; ſteigen wir aus und eine Viertelſtunde begleiten Sie uns. Nicht wahr, Friederike Wilhelmine? Das junge Mädchen nickte ernſt, hob ihre langen herabhängenden blonden Locken, die wie Mähnen 40 ſchwer ſich ſenkten, in die Höhe, ergriff den Sonnen⸗ ſchirm und war im Begriff, der etwas ſchwerfälligen, aber doch höchſt lebhaften ältern Freundin zu folgen. Siegbert, überraſcht von der ihm ganz unerwar⸗ teten Zuvorkommenheit dieſer ihm nur entfernt be⸗ kannten Frauen, öffnete den Schlag und bot ihnen beim Ausſteigen die Hand. Frau von Trompetta, eine Vierzigerin, hatte mit ihren runden, genährten Formen bei dieſer Operation Vorſicht nöthig. Die Blondine, in weißer Kleidung und ſonderbar genug mit ſchwarzem Gürtelbande, zeigte ſich jetzt von ſchlan⸗ ker Geſtalt. Sie war nicht mehr in erſter Jugend⸗ blüte, vielleicht ſchon in der Mitte der Zwanziger. Sie wüßten alſo nicht, wo Melanie Schlurck ihre Sommervillegiatur hält? begann ſogleich Frau von Trompetta im neckenden Tone. Sie ſcherzen! Ein ſo zärtliches Verhältniß! Ich wette, Sie waren in Tem⸗ pelheide, weil Sie wiſſen, daß ſie auf dieſem Wege zurückkehren muß. So ſind Sie unterrichteter als ich es bin, wieder⸗ holte Siegbert. Da ich drei Tage lang nicht im Ale⸗ lier war, höre ich erſt von Ihnen, gnädige Frau, beſtätigt, daß Melanie wirklich verreiſt iſt. Sie iſt auf dem Schloſſe Hohenberg, wohin ſie den Vater auf Geſchäften begleitete, antwortete Frau von Sei zi in gij ber fal or onnen⸗ illigen, olgen. erwar⸗ nt be⸗ ihnen mpetta, ährten „Dir genug ſchlan⸗ ugend⸗ er. ihre von Fin ſo Ten⸗ Wege ieder⸗ Ale⸗ Frau, nſie Frau von Trompetta. Pinſel und Palette wurden bei Seite geworfen, Mandoline und Harfe an die Wand geſtellt, raſch und zauberhaft ſchnell entſchloſſen, wie in Allem, was ſie thut, war auch dieſer Reiſeplan gefaßt. Das iſt der Weg nach dem Schloſſe Hohen⸗ berg. Genug, Wildungen! Thun Sie uns den Ge⸗ fallen! Sie müſſen noch heute mit uns zu Harders kommen. Da iſt ein Park, ein chineſiſcher Pavillon. Da gehen Sie morgen, täglich, wieder hin, bauen ſich eine Laube von Tannenzweigen, ein Weidenhütt⸗ chen, wie ich einmal aus Shakſpeare bei Tieck in der Vorleſung mich entſinne, ein Weidenhüttchen— Tieck ſprach das Wort ſo zart— und werfen, wenn Me⸗ lanie auf der Rückreiſe vorüberfährt, ihr Roſen und Vergißmeinnicht zu. Die gute Anna Harder hifft. O Das iſt etwas für Anna! Romantik! Romantik! Ach, Sie ſollten dieſe himmliſche Seele nicht ſchon kennen? Ohne ſich auf die Scherze wegen Melanie Schlurck, eing Schülerin des berühmten Profeſſor Berg, Scherze, 3 mehr zu verwunden, als zu erheitern ſchienen, einzulaſſen, bemerkte Siegbert, daß er Anna von Har⸗ der ſeit heute ſchon zu kennen glaube, und erzählte Alles, was ihm vor einer Stunde vor der Kirche zu Tempelheide begegnet war. 42 O Das iſt ja herrlich! rief Frau von Trompetta. Das iſt ja ganz Mittelalter! Anna als Burgfrau, der labende Becher, Sie der Troubadour! O ſo iſt ſie nun! Jeder Zug entſpricht ihrem ſeelenvollen Her⸗ zen. Ich habe das Bild ganz vor mir. Sie zeich⸗ nen, Präſidents ſpeiſen. Anna's holder Sinn, ge⸗ hoben von der Nähe des Friedhofs und der Kirche— nicht wahr, ſie trug ſchwarz?— zart gedenkend des andächtigen Malers, fromm gedenkend der gaſtfreund⸗ lichen Sprüche aus der Bergpredigt des Heilands, und der alte Johann— gelb und blaue Livrke— etwas verſchoſſen zwar— aber liebevoll— höchſt liebevoll— ein Becher Weins! Da, nehmet hin! Erquicke dich, Wanderer! Thu' es zu meinem Ge⸗ dächtniß! Allerliebſt! Um Gotteswillen, rief Siegbert lachend aus. Sie thun ja ſo feierlich, gnädige Frau, als wenn es ſich um die Einſetzung des Abendmahls handelte. Frau von Trompetta blickte auf dieſe Bemerkung plötzlich ſehr ernſt. Friederike Wilhelmine von Flott⸗ witz ſchlug gleichfalls die Augen nieder, und es trat eine Pauſe ein, die Siegbert gern benutzt hätte, um von der Begleitung dieſer ihm wenig zuſagenden Da⸗ men loszukommen. Er beſann ſich jetzt erſt, daß Frau von Trompetta, trotz ihres leichten Tones und ceriſe⸗ mpeita. ugfrau, ſo iſt en Her⸗ e zeich⸗ nn, ge⸗ irche— nd des freund⸗ ilands, — höchſt t hin! m Ge⸗ es ſih nerkung Flott⸗ es trat te, um n Da⸗ ßn ceriſe⸗ Wiſſen Sie wol, daß ihm Das ſehr ſchadet? 43 rothen Shawls, zu jener geſellſchaftlichen Fraction gehörte, die man in frivolen Kreiſen Schwanenjung⸗ frauen oder Diakoniſſen außer Dienſten nannte. Er beſann ſich, daß bei Gelegenheit der Erörterungen über„innere Miſſion“ Niemand öfter genannt wurde als Anna von Harder auf Tempelheide, Frau von Trompetta, Gräfin Mäuſeburg und viele andere Da⸗ men, die Siegbert theilweiſe perſönlich kannte, und ſchon hoffte er, da er dieſer Richtung nur ſehr be⸗ dingungsweiſe zugethan war, mit ſeinem das heilige Abendmahl„profanirenden“ Vergleiche loszukommen. Es war aber nur eine vorübergehende Wolke, die ſich auf die Stirn der beiden Damen gelagert hatte. Sie nahmen gerade jetzt erſt den jungen ſchlankgewach⸗ ſenen Maler, dem ſein lockiges Haar, der blonde Kinnbart, ſein weißer Hut, das ſchwarze Sammt⸗ röckchen, die weißen weiten Pantalons, das loſe um den Hals geſchlungene rothe Tuch ſehr anziehend ſtan⸗ den, in die Mitte, und Frau von Trompetta zögerte nicht, den plötzlich zerriſſenen Faden des Geſprächs wieder weltklug anzuknüpfen. Sie ſind ein Spötter, ſagte ſie. Man weiß, daß Sie leider nicht zu den Gläubigen gehören. Profeſ⸗ ſor Berg's Schüler wachſen alle etwas wild auf. 44 Freilich ſchadet ihm Das, ſagte Siegbert, der ſich nicht verſtellen konnte, mit einiger Bitterkeit. Mein braver alter vortrefflicher Berg! fuhr er begeiſtert fort, und in der Erinnerung an den genialen, mannichfach zurückgeſetzten Lehrer funkelten ihm die Augen. Armer Berg, daß du den feierlichen Empfang des Prinzen Ottokar nicht zu malen bekommen haſt! Welch ein Verluſt für dich, dieſe Uniformen, dieſe Guirlanden, dieſe weißgekleideten Mädchen, die die neue Jubel⸗ hymne ſingen werden! Alles das ſollſt du nicht ma⸗ len! Armer Rubens, der von Don Philipp von Spa⸗ nien eine Beſtellung entzogen bekommt und nichts zum Troſte übrig behält, als daß er Rubens iſt, ein Ge⸗ nius und ein freier Niederländer! Beſter Freund, ſagte Frau von Trompetta, plötz⸗ lich den Ton ändernd und mit großer Beſtimmtheit, während es Siegbert ſchien, als wenn ſich die Wan⸗ gen des blonden Fräuleins mit Zornesglut färbten; beſter Freund, Rubens würde weit weniger übermüthig, weit weniger ehrſüchtig geweſen ſein, wenn er in einer Zeit gelebt hätte, wo man malen muß, nicht was man ſelber will, ſondern was gefällt. Ihr ſeid in Euerm ſchönen Atelier recht wild, recht zügellos! Große bewundernswerthe Talente! Aber ſehr unge⸗ bundene Geſinnung! er ſich Mein t fort, chfach Amer rinzen ch ein nden, ubel⸗ tma⸗ Spa⸗ um Ge⸗ vlöß⸗ nheit, Wan⸗ thten; üthig einer was id in llos! nge⸗ 45 Wir ſuchen das Schöne, gnädige Frau. Und ſpotten der Welt! Und unſer ſelbſt. Bei dieſem Zugeſtändniß kehrte Frau von Trom⸗ petta, die etwas auf dem Herzen zu haben ſchien, wieder in ihren frühern leichten Ton zurück, hielt, da ihr das Gehen doch ſauer wurde, einen Augen⸗ blick inne und ſagte mit eigenthümlichem Ausdruck: Ein hübſches kleines Genrebild auf der Ausſtel⸗ lung bewies mir, daß Sie allerdings Ihrer ſelbſt ſpot⸗ ten! Ha, ha! Allerliebſt! Profeſſor Berg, der einem ſchönen Mädchen Unterricht im Malen gibt— und die Schüler, die dieſe Collegin, ohne daß ſie es weiß, gleich als Modell benutzen— Melanie Schlurck na⸗ türlich— Siegbert Wildungen..... ha, ha, ha— vortreffliches Bildchen. Nicht wahr, Friederike Wil⸗ helmine? Siegbert biß ſich auf die Lippen. Dieſes Bild exiſtirte und galt in der That ihm am meiſten. Die Gruppe, die Frau von Trompetta andeutete, war vorhanden und gefiel ſehr. Es war ein kleines Oel⸗ gemälde von einem talentvollen Freunde, Namens Leidenfroſt, das ihn und das ganze Atelier perſiflirte. Denn während die im Nebenzimmer unter Blumen malende Melanie Schlurck von den Schülern auf ihren Bildern bald als Gärtnerin, bald als Tänzerin oder von Einem ſogar als lockende Lurleynire wiedergege⸗ ben wurde, hatte der portraitähnliche Siegbert, liebe⸗ glühend und liebeverblendet, ſie als Modell zu einer Madonna benutzt und ſie in Andacht wie der Himm⸗ liſchen Eine verklärt und im Heiligenſchein gemalt. Das Bild wurde auf der Ausſtellung viel bewundert von Allen und vielbelacht von Denen, die die Per⸗ ſonen kannten. Uebrigens glauben Sie mir, fuhr Frau von Trom⸗ petta fort, das Bild des Profeſſor Lüders:„Die Ein⸗ holung des Prinzen Ottokar nach Unterdrückung der öſtlichen Unruhen“, wird dennoch ſeine Schönhliten haben; hier Fräulein Friederike Wilhelmine von Flott⸗ witz hat ihm erſt heute dazu geſeſſen. Himmel, nun beſann ſich Siegbert. Schon mehre mal hatte er den ſtolzen ſichern Gang des neben ihm gleichgültig wandelnden Mädchens bemerken müſſen. Sie warf ihr ſchönes Profil verächtlich in die Höhe und hörte dem Geplauder ihrer ältern Freundin nur mit halber Theilnahme zu. Siegbert erinnerte ſich. Dieſe junge, ihn wol tief verachtende Dame war ja jene patriotiſche Jungfrau, die ſich in den letzten Parteikämpfen den Namen einer Jeanne d'Arc erworben hatte. Tochter des penſionir⸗ ten ſebe nant Ntte ſe oder gege⸗ iebe⸗ einer imm⸗ malt. ndett Per⸗ rom⸗ Ein⸗ der kiten lott⸗ nehr ihn iſen. e nut tief rau, iner nir⸗ 47 ten Oberſtlieutenants von Flottwitz, Schweſter von ſieben Brüdern, die in der Armee theils als Lieute⸗ nants erſten oder zweiten Grades oder noch als Ca⸗ detten vom Staate ehrenvoll verſorgt wurden, hatte ſie ein hübſches Talent des Reimens zu patriotiſchen Huldigungen an das angeſtammte Fürſtenhaus benutzt, auch in öffentlichen Geſinnungskundgebungen war ſie bereits ſo oft aus dem Kreiſe des Gewöhnlichen hel⸗ denmüthig herausgetreten, daß man ihr unſtreitig einen Anflug höherer inſpirirter Schwärmerei zuerkennen und den ſtrengen Aufſchlag ihrer großen blauen Augen un⸗ ter ſolchen Verhältniſſen bedeutend finden mußte. Sieg⸗ bert betrachtete ſie nun nicht ohne eine gewiſſe Ehr⸗ furcht. Denn dies feierliche Mädchen war es ja, die neuerdings auch den ſogenannten Reubund mit hatte ſtiften helfen. Eine Anzahl verwandter Seelen war ja aus eigenem freien Triebe vor kurzem zuſammen⸗ getreten, um durch mancherlei Einwirkungen auf die öffentliche Meinung dem Fürſtenhauſe zu erkennen zu geben, daß das Volk, für deſſen wahre Vertreter ſie ſich erklärten, die Art und Weiſe, wie es bei den letz⸗ ten Stürmen den Fürſten gewiſſe Conceſſionen abge⸗ trotzt hatte, jetzt bereue. Keine Dame, die mit einem Offizier oder Beamten verheirathet war, unterließ es, ſich in dieſen Reubund aufnehmen zu laſſen, für — 48 deſſen Seele und eigentliche höhere Schwinge Friede⸗ rike Wilhelmine von Flottwitz gelten konnte. Wo nur irgend ein tapferes Regiment triumphirend zu empfan⸗ gen, eine Kaſerne mit zweckentſprechenden Blumen zu ſchmücken war, ordnete ſie dieſe vom Reubunde un⸗ terſtützten Manifeſtationen in eigener Perſon an. Man⸗ chen Kuß ſchon hatten ihre jungfräulichen Lippen auf die Hände eines tapfern alten Generals gedrückt; zu ihrer ſeligſten Befriedigung auch ſchon einen auf die ſilberne Schärpe des Prinzen Ottokar, als dieſer von der Unterdrückung einer anarchiſchen Bewegung im Oſten ſiegreich zurückkehrte. Während ſich Siegbert über dieſe unerwartete und jedenfalls höchſt intereſſante Bekanntſchaft in ſchwei⸗ gende Bewunderung verlor, fuhr Frau von Trom⸗ petta mit immer feſterer Beſtimmtheit und ihres hohen Einfluſſes bewußt fort: Ihr Bild, beſter Freund, iſt wunderſchön, vortreff⸗ lich der Ausdruck des Molay und der Tempelherren, die mit ihm verbrannt werden, ich ſage ganz hin⸗ reißend, aber— der Kunſtverein iſt ſchwierig. Wiſ⸗ ſen Sie's ſchon? Ich weiß, was Sie ſagen wollen, gnädige Frau, fiel Siegbert erröthend ein, Propſt Gelbſattel haßt Alles, was an den Leſſing'ſchen Huß und die Phy⸗ F nich Friede⸗ Wo mur empfan⸗ men zu nde un⸗ Man⸗ wen auf rüct; zu auf die eſer von ung in tete und ſchwei⸗ Von⸗ es hohen vorteß⸗ herren, n hin⸗ Bi eFul⸗ dhaßt e Phy⸗ 49 ſiognomieen der Cardinäle erinnert, die ihn verbren⸗ nen ließen. Propſt Gelbſattel beſtimmt die Meinung des Kunſtvereins; folglich wird man meinen Molay nicht ankaufen..... Es wäre nicht unmöglich, ſagte Frau von Trom⸗ petta; allein, geben Sie mir den Arm— man hat Connerionen, Gelbſattel protegirt mich, und Fräulein Friederike Wilhelmine intereſſirt ſicher auch den Reu⸗ bund für den Ankauf Ihres Bildes. Aber dann muß ich mir bedingen, Wildungen, daß Sie mir auch in mein Gethſemane ein Blatt malen, hören Sie, das iſt die Bedingung! Wann darf ich Ihnen das For⸗ mat ſchicken? Was wollen Sie malen? Und wann hab' ich Ihren Beitrag zu erwarten? Siegbert war ſchon vollkommen unterrichtet, was das Gethſemane der Frau von Trompetta zu bedeu⸗ ten hatte. Unter dem Titel jenes Gartens, in wel⸗ chem der Heiland der Welt unter Thränen betete, ehe er den ſchweren Gang ſeiner Leiden antrat, beab⸗ ſichtigte die rührige und in der ſyſtematiſchen Wohl⸗ thätigkeit unübertreffliche Frau ein Album anzulegen, in welches ihr die vorzüglichſten Künſtler die einzel⸗ nen Blätter, wie ſich von ſelbſt verſteht unentgeltlich, malen mußten. Durch dieſe Zumuthung war die gute Frau freilich eine rechte Plage der Kunſtwelt gewor⸗ Die Ritter vom Geiſte. I. 4 50 den, der Schrecken aller Ateliers; allein die löblichen, von dem Hofe protegirten Zwecke dieſer Dame mach⸗ ten eine Weigerung, ihren Anſinnen zu entſprechen, kaum möglich. Das Gethſemane ſollte, wenn es voll⸗ endet war, entweder vom Hofe angekauft und im Landesmuſeum niedergelegt oder auf dem Wege einer Lotterie für irgend einen glücklichen Treffer ausgeſpielt werden. Welchem barmherzigen Inſtitut, welchem mildthätigen Zwecke der Ertrag dann zuzuwenden, be⸗ hielt ſich Frau von Trompetta noch vor, und man kann ſich denken, wie ſehr ihr deshalb von vielen Seiten ebenſo ſehr gehuldigt, wie von den unglück⸗ lichen gepreßten Malern heimlich und wol auch offen geflucht wurde. Um heute nur von ihr loszukommen und der durch dieſe Begegnung angeregten ſchmerzlichen Gefühle Herr zu werden, ſagte Siegbert in Gottes Namen zu und gelobte, auch ſeinerſeits in das Gethſemane irgend ein frommes buntes Blatt zu ſtiften. Als er ihteier⸗ lich die Zuſage gegeben hatte, binnen vier Wochen ſeinen Beitrag abzuliefern, winkte Frau von Trom⸗ petta dem Wagen, der ihnen langſam gefolgt war. Fräulein Wilhelmine, die unterwegs jeden Krie⸗ ger, der ihnen begegnete, liebevoll und faſt vertrau⸗ lich gegrüßt hatte(denn es war eine Hauptaufgabe de ne wi löblichen, ſe mach⸗ ſprechen, es voll⸗ und in ege einet sgeſpielt welchem den, be⸗ nd man vielen unglid⸗ ofen et durch hle Herr z und irgend Kier Vochen Trom⸗ war. Krie⸗ ertral⸗ ufgabe 51 des Reubundes, das durch jene erwähnten Conceſſio⸗ nen untergrabene Selbſtvertrauen des Kriegerſtandes wieder mehr zu heben und zu kräftigen), wandte ſich raſch dem geöffneten Wagenſchlage zu, als beläſtige ſie die Ueberzengung, daß Siegbert's Geſinnung der ihrigen nicht verwandt war. Frau von Trompetta aber hatte alle ſtrengen Falten ihres Antlitzes nun verſcheucht und lobte den jungen Maler überdiemaßen, daß er ſie begleitet, vortrefflich unterhalten und vor allen Dingen ſich für ihr Gethſemane hatte gewinnen laſſen. Beim endlichen Abfahren rief ſie ihm noch zu: Jur Belohnung, Wildungen, ſage ich Ihnen, daß Ihr Bruder Dankmar angekommen iſt. Ich ſah ihn unter dem großen Thorweg der Laſally'ſchen Reit⸗ ſchule. Damit rollte der Wagen die Chauſſee entlang, dem ſchon ganz nahen Tempelheide zu, deſſen kleine in den goldener werdenden Strahlen der ſich ſenkenden Sonne feurig herüberblitzten. Mein Bruder ſchon da! rief es laut in Siegbert, während er ſich eilends in Bewegung ſetzte, um die verlorene Strecke wieder einzuholen. Dieſe abſcheu⸗ iche au! Sie erfuhr von mir, wie ſehnſüchtig ich den Bruder erwartete, und ſtatt mir ſeine Ankunft ogleich herzlich mitzutheilen, ſchleppt die Falſche, die 4* 52 Heuchlerin mich den Weg zurück nur um ihres Vor⸗ theils willen, um dieſes zudringlich erbettelte Gethſe⸗ mane! Welche Lüge! Welche Verſtellung und wie viel erborgter Schein einer Religioſität, die eine ſolche Seele nimmermehr wahrhaft erfüllen kann! Unſer junger Freund war ſonſt zurückhaltender in ſeinem Urtheil über Andere. Eine Zeitlang tobte er ſo fort; dann tadelte er ſich aber doch über den raſchen Ausbruch ſeines Unmuthes und lachte, des Bruders gedenkend, bald freudig auf. Sein gerechter Sinn ſagte ihm ſogar, daß doch wol nur die große Ver⸗ ſchiedenheit der Richtung und Geſinnung ihn beſtimmte, Das als ganz lügneriſch zu verdächtigen, was er eigentlich nur bekämpfen konnte. Er fand ſogar in Friederike Wilhelmine von Flottwitz einen gewiſſen Ausdruck der Seele, der ihn zwang, einen Augenblick langſamer zu gehen und über ſie nachzudenken. Dies Mädchen, ſagte er ſich mit einem leiſen An⸗ flug von Ironie, iſt wirklich eine mittelalterliche Schwär⸗ merin, ja eine Roland, eine Corday! Für Das, was ſie als beſſer und richtiger erkannt hat, glüht ſie. Sie iſt voll Dankbarkeit für die Wohlthaten, die ihre arme Familie vom alten Staate erhalten hat und erhält! Ohne die geſtürzten Regierungsformen, die ſie und in gleicher Lage der ganze Reubund wiederhergeſtellt 2 Vor⸗ Gethſe⸗ wie viel ſolche ender in tobte er naſchen Bruders r Sinn ße Ver⸗ timmte, was er ogat in gewiſen igenbli n. iſen An⸗ Schwär⸗ a, was ſe Sie e arme echilt! ſie und ergeſtlt 53 wünſchen, müßte ſie vielleicht darben: ihrem alten Va⸗ ter würde vielleicht etwas von den Subſiſtenzmitteln entzogen, auf die er nach den ſchrecklichen Mühſelig⸗ keiten des Friedensfußes von 1815 bis jetzt rechnen zu dürfen glaubte... Siegbert lachte für ſich. Er hätte dem Profeſſor Lüders, der den Empfang des Prinzen Ottokar malte, etwas von der Begeiſterung ſeines Gegenſtandes ge⸗ wünſcht; denn er wußte von dieſem Künſtler, daß nur die niedrigſte Servilität ihn zum Parade⸗ und Uni⸗ formmaler geſtempelt hatte. Er wußte, daß er das Portrait des inſpirirten Fräuleins wol treffen würde in dem Momente, wie ſie dem Prinzen Ottokar die Säbelquaſte und Leibſchärpe küßte, aber von der in⸗ nern Seele, von ihrer Jeannen d'Are-haftigkeit dabei, wußte er, würde der oberflächliche Mann nichts wie⸗ dergeben. Mehr aber als alle dieſe politiſch-artiſtiſchen Em⸗ pfindungen, beſchäft Siegbert das vielfache Er⸗ wähnen und die nerung an Melanie Schlurck. Er hatte ſich ſo oft gelobt, dieſes Bild von ſeinem innern Auge wegzubannen. Er hatte ſo geheimniß⸗ voll ſelbſt dem eigenen theuren, über Alles geliebten Bruder dies Gefühl verborgen gehalten, das er ſtill für ſich in ſeinem Herzen hegte, und ſo oft, ſo oft vergebens mit Gewalt ausreißen wollte, und nun G mußte er ſich mit ſeinem Heiligſten von dieſer Frau ſi profanirt ſehen. Dieſe Trompetta, die ſeit einem hal⸗ di ben Jahre alle Ateliers der Maler beunruhigte, hatte we ihm ſein Intereſſe für eine Schülerin des Profeſſor Berg abgelauſcht. Einige indiscrete Kunſtgenoſſen, d beſonders Heinrichſon und Reichmeyer, hatten leicht⸗ ſinnig den Commentar zu jenem Bilde des Mar Lei⸗ ſ denfroſt ausgeplaudert, das ja möglicherweiſe ganz etwas Anderes bedeuten konnte und im Coſtüme weit eher für ein Atelier Tizian's als eines modernen aka⸗ demiſchen Profeſſors paßte. Und auch über dem Ein⸗ zigen, was ihn für dieſe ſo heraufbeſchworenen Em⸗ pfindungen hätte tröſten können, ſeinem ſchönen, von allen Kennern, wie vom großen Publikum theilneh⸗ mend umringten Bilde, dem Feuertode des ſtandhaf⸗ ten und ehrwürdigen Comthurs des Tempelherrn⸗ ordens Jakob von Molay mit dem edlen Ausdruck der Zeichnung und dem farbenſatten Colorit der Aus⸗ führung, hingen die trüben Wolken einer Intrigue, wie er aus den Worten jener aller Verhältniſſe kun⸗ digen Frau nur zu deutlich vernommen hatte. Ach, es trieb ihn nun recht, ſich bald an das Herz ſeines treuen ſtarken Bruders Dankmar zu wer⸗ fen! Sehnſucht beflügelte ſeine Schritte. Er eilte wie „ * 4 2 nd n er Frau em hal⸗ te, hatte Profeſſor genoſſen, n leicht⸗ Nar Lei⸗ iſe ganz ime weit nen aka⸗ em Ein⸗ nen Em⸗ en, von theilneh⸗ ſundhuf elhenn⸗ Msdt der Aus⸗ zntrigue, iſe kun⸗ an das zu wel⸗ ilte wie 55 Einer, den die Nacht zu überfallen drohte, und doch ſchlich der milde, goldene Abend nur langſam über die gelben Felder, die des Sonnenlichts nicht ſatt zu werden ſchienen. Endlich bei den Gärten und den Wirthshäuſern der Vorſtadt ſchon angelangt, entdeckte Siegbert einen Reiter von der Stadt her traben. Er erinnerte ihn ſogleich an Dankmar, und er war es auch, der theure, geliebte, ſeit einem Monat abweſende Bruder. Er kannte ſogar das Pferd in der Ferne. Es ge⸗ hörte dem Stallmeiſter Laſally, einem faſhionablen jungen Mann, der zu den Beaur der Reſidenz ge⸗ hörte. Siegbert, um das ſchnelle Vorbeiſchießen des Bruders zu verhindern, ſprang mitten auf das Straßen⸗ pflaſter, das hier ſchon die Chauſſée ablöſte. Dank⸗ mar auf ſeinem Thiere ſtutzt, hält an, ſteigt vom Gaule und fliegt in die Arme ſeines Bruders, dem er entgegengeritten war. Menſch, wo ſteckſt du, begann ſogleich Dankmar. Ich ſuche dich überall, bis ich höre, du biſt in Tem⸗ pelheide. Ich wollte dir entgegenreiten, ich habe dir Wunderdinge zu erzählen.... Die nicht Zeit hatten bis zum Abend? ſiel Sieg⸗ bert lachend ein, und hielt dabei den Gaul feſt, deſ⸗ ſen Zügel Dankmar in der Freude der Begrüßung ſich faſt hatte entgleiten laſſen. erwidern fiel Dankmar ein: Was thun wir nun mit dem Gaul? Jetzt iſt das Thier faſt überflüſſig. Du ſetzſt dich wieder auf, meinte Siegbert, und ich gehe ruhig neben dir her. Ruhig? Nebenher? Jetzt, wo ich endlich mein Herz von all den Dingen, die ich in Angerode er⸗ lebte, ausſchütten, erleichtern will? Ich dachte, ich überraſche dich noch in Tempelheide, ſtelle den Gaul dort in den Silbernen Mond, gehe mit dir ins Feld oder wir ſetzen uns in einen Garten, wo ich dir un⸗ geſtört meine Herrlichkeiten beſcheren kann— Das können wir ja noch, fiel Siegbert ſich um⸗ ſchauend ein. Hier ſind überall Gaſthäuſer und Aus⸗ ſpannungen. Da der Blaue Engel, hier das Gol⸗ dene Roß. Pappeln und Linden und Kegelbahnen die Hülle und Fülle! Wo kein Garten iſt, findet ſich ein Wirthszimmer.... Sieh! Da iſt der Pelikan unten! Da muß ich ohnehin anfragen, ob Peters, der Fuhrmann von An⸗ gerode, angekommen iſt. Wir wollen zum Pelikan. Damit führte Dankmar den Gaul neben ſich her und begann nun, ſeines wunderlichen Aufzuges gar nicht achtend, wie Jemand, der ſich eine wichtige Und ohne darauf zu rauf zu iſt das ſt, und h mein rode er⸗ hte, ich n Gaul ns Feld dit un⸗ ſich um⸗ d Aut⸗ as Gol⸗ lbahnen indet ſich nuß ich von An⸗ elikan. ſich her ges gar vichige 57 Mittheilung aufſpart, von gleichgültigen Dingen zu reden, vom Wetter, von der Stunde der Ankunft, von ihrer gemeinſchaftlichen Wohnung in der Neu⸗ ſtraße, ihrer überraſchten Wirthin Frau Schievelbein, vor allen Dingen aber von ihrer Mutter in Ange⸗ rode, die ihrem älteſten Sohne Siegbert durch den jüngern Dankmar viel, viel tauſend Grüße und Küſſe ſandte. Dankmar zeigte ſich bald als ein leichter, lebens⸗ froher, munterer Kopf. Er war etwas kleiner als ſein älterer Bruder, erſchien aber bei ſeiner geraden Haltung faſt größer als Siegbert, der ſich nicht gut hielt und gern zur Erde niederbeugte. Dankmar hatte dunkleres, faſt lichtbraunes Haar, ſcharfe braune Au⸗ gen, friſche Lippen, blendende, geſunde Zähne, einen um das Kinn gehenden ſtattlichen Bart und einen ſo zierlichen, ebenmäßigen Wuchs, daß ihm ſeine ge⸗ wählte Toilette wie angegoſſen ſaß. Der leichte Reit⸗ frack war bis zum Halſe zugeknöpft mit weißen metal⸗ lenen Knöpfen. An einer Stelle, wo er offen ſtand, ſah ein rothes Taſchentuch hervor. Sporen, Reit⸗ gerte, der ſchwarze Caſtorhut, Alles verrieth den ſich mit Gewandtheit in der Welt bewegenden jungen Dandy, der aber in ſeinem Aeußern nichts ſuchte und —6 im mindeſten von ſeiner anziehenden Erſcheinung 58 eingenommen war. Sein Blick war geiſtreich, ſein Lächeln ſchalkhaft und gleich nach den erſten Worten, die er ſprach, ſah man, daß der um zwei Jahre jün⸗ gere Dankmar— er war Referendar eines Gerichts⸗ hofes— den träumeriſchen Siegbert an raſcher Com⸗ bination und energiſcher, ihres Zieles bewußter That⸗ kraft beiweitem überflügelte. Er hatte auch auf ſeine Umgebungen nicht die mindeſte Rückſicht. Da ſein Pferd am Zügel zu füh⸗ ren und zu plaudern, während er ſich an den Sattel drückte, bot ihm nicht den mindeſten Zwang. Siegbert aber, dem alles Auffallende ängſtlich war, meinte gleich, zum Pelikan ſei es doch noch zu weit, er ſolle ſich wieder aufſetzen, denn ſchon hatten ſich Neugierige genug um ſie verſammelt. Dankmar that Das nicht, und der Straßenjugend rief er zu, ob ſie Maulaffen feil hätten. Noch ſin⸗ nend, wozu er ſich entſchließen ſollte, hörte er ſich plötzlich angeredet. Um aller Verlegenheit ein Ende zu machen, trat Jemand, der hinter ihnen hergegan⸗ gen war, hervor und fragte, ob er vielleicht den Gaul in die Stadt zurückreiten ſollte? Siegbert wandte ſich um und erkannte ſeine Be⸗ kanntſchaft von Tempelheide, den ihm als Schreiber Hackert bezeichneten unheimlichen jungen Mann. ch, ſein Worten, re jün⸗ Nerichts⸗ et Com⸗ er That⸗ icht die fih⸗ n Sattel ingſlich noch zu nhatten nſigen ſoch ſ in Ende etgegan⸗ en Gaul ine Be⸗ chreiber 59 Hackert's Anerbieten wurde von ſeinem ſtaubbe⸗ deckten Aeußern ſehr wenig unterſtützt, und Dankmar wollte ſchon ausſprechen, daß er ganz ſo ausſähe wie Einer, dem man einen Gaul anvertrauen könne, als der Andere ſagte: Ich kenne das Thier! Es ſteht bei Laſally im zweiten Stalle links. Wirklich, wenn Sie zu Fuß gehen wollen, machen Sie keine Umſtände, ich nehme Ihnen die Sorge um das Thier ab und geite es in den Stall zurück. Dankmar ſah ſich den verlegenen Bruder an, der ihn am Kleide zupfte, als wollte er ihn warnen, ſo auf das Anerbieten einzulaſſen. Es iſt ſchon gut, erwiderte Dankmar kurz, wir danken!— Ja ſo, fiel Hackert mit Bitterkeit ein, Sie gu⸗. ben, ich könnte Ihnen mit dem Fuchs durchgehen. Ich dachte, weil mich doch der andere beu hn kennt.. Siegbert bejahte dieſe Berufung, doch mit einigem Zögern, das Dantmar in ſeiner Haſt nicht bemerkte. Das iſt etwas Anderes! ſagte er. Du tennſt den Herrn? Dann ſteigen Sie nur auf und bringen Sie mir den Gaul gefälligſt zu Laſally zurück. Sagen Sie nur dem Levi— Sie wiſſen doch— . * haben wir nicht gewettet. Ich glaubte— 60 Dem Bereiter Levi— Ich würde ihm ſein Sattelgeld das nächſte mal zahlen— Kann's ja auslegen— Bemühen Sie ſich nicht. Bin oft auf der Bahn. Das iſt ja ſehr gut! So! Steigen Sie auf! Schnal⸗ len Sie ſich den Riemen länger. Alle Wetter, Sie haben verteufelt lange Beine! Siegbert war jetzt eigentlich in Verzweiflung. Im Geiſte ſah er dieſen verlorenen Gaul ſchon über alle Berge; er ſah den Stallmeiſter Laſally mit einer Rechnung von 30 Lonisdors bereits vor ihnen, be⸗ reits einen fälligen Wechſel, eine Verpfändung ſeines Bildes— Um Gotteswillen, raunte er dem Bruder zu, ſiehſt du denn nicht? Das iſt ja ein Proletarier! Betroffen wandte ſich Dankmar und ſagte: Donnerwetter! Was machſt du mir für Dinge! Ich denke du biſt mit dem Kerl bekannt. Dabei war aber Hackert ſchon im Sattel und ſchickte ſich an, mit ſeinen abgelaufenen geflickten Stie⸗ feln dem Thiere ſogar noch übermüthigſt die Weichen zu kitzeln. Halt da! fiel ihm Dankmar in die Zügel. So hſte mal Pahn. Schnal ter, Sie ng In übet alle nit einer nen, be⸗ g ſeines , ſehſ te Dinge! tel und ten Stie⸗ Weichen l. 6 61 Was denn? richtete ſich Hackert auf; doch nicht, daß man ein Spitzbube iſt? So etwas allerdings! Herunter! Steigbügel vom Fuß! Sind Sie des Teufels? Hackert ließ ſich nicht irremachen und blieb. Plötz⸗ lich griff er, glühend im Geſicht wie ſein Haar, in die Rocktaſche, holte ein ſchmuziges ledernes Porte⸗ feuille hervor, öffnete es in lichterlohem Zorn blitz⸗ ſchnell, langte ein Päckchen heraus und warf es mit⸗ ten auf die Landſtraße, Dankmar faſt an den Kopf, mit den Worten: Galgen und Rad! Da haben Sie hundert Tha⸗ ler zum Pfand! Und nun hol' Sie der Teufel! Damit ſchlugen ſeine dünnen Beine an und fort ſprengte er mit dem Miethgaul, den Thoren der Stadt zu, zum Gelächter der vielen Gaffer, die ſich ſchon um die lebendige Scene verſammelt hatten. Siegbert hatte das Päckchen aufgehoben. Er glaubte ſicher und feſt, ein Paquet Lumpen in der Hand zu haben, und war todtenblaß vor Schrecken und Erwä⸗ gung ihrer ohnehin bedrängten Finanzen. Wie erſtaunte er aber, als er den Pack entfaltete! Es waren in der That Thalerſcheine, dicht aufeinandergelegt und ohne Zwei⸗ fel betrugen ſie ſoviel, als auf einem Papierſtreifen, der ſie zuſammenhielt, bezeichnet war: Hundert Thaler. 62 Wenn Der uns durchgeht, ſagte Dankmar lachend, ſo hat er immer noch ein gutes Geſchäft gemacht. Funfzig Thaler werden wir noch drauflegen müſſen. Nein, nein, brach Siegbert voll Beſchämung und in freudigſter Erregung aus, dieſer Menſch iſt ehrlich. Ich ſchäme mich, ihn ſo verkannt zu haben. Himmel, warum ſoll denn Jeder, dem die Natur rothes Haar und eine unheimliche Geſtalt gab, der Zufall abge⸗ tragene und beſtäubte Kleider, auch den Charakter haben, den wir in unſerer Furcht, in unſerm jämmer⸗ lichen Dünkel ihm aufdrücken? Dieſer Menſch gibt ſein Letztes hin, um zu beweiſen, daß er ehrlich iſt! Es iſt der Stolz der Armuth, der ihn fortriß. Ich ſchäme mich. Er war groß und wir ſind klein. Das muß ich ſagen, fiel Dankmar ein. Eine ſchöne Armuth, die hundert wohlgezählte Kaſſenſcheine mir nichts dir nichts aufs Straßenpflaſter wirft.... Es iſt vielleicht das einzige Beſitzthum dieſes Men⸗ ſchen, fuhr Siegbert in ſeiner Erregung fort, ohne ſich von Dankmar's leichterer Auffaſſung ſtören zu laſſen. Der Zorn, von uns für unehrlich gehalten zu ſein, riß ihn hin, ſein Alles zu opfern. Wer weiß, welche Sorge, welche Entbehrungen an dieſem Gelde kleben! Dieſer Menſch iſt ein Schreiber, er heißt Hackert. Ich weiß, daß er ſich vergebens um Arbeit bemüht ha nit vo lachend, emacht. tüſſen. ng und chrich. hinmel, s Haat abge⸗ harakter ämmer⸗ ſc gt lich iſt 5 3 n. Eine uſchine irft.. Men⸗ laſſen⸗ zu ſein, welche fleben! beniht 63 hat. Ich erfuhr, daß er dem Präſidenten des Ober⸗ tribunals ſeine Dienſte anbot. Aber man ſtößt ihn von ſich, weil ſeine Augen ein unheimliches zehrendes Feuer haben. Man weigert ihm die Aufnahme in die gebildete Geſellſchaft. Hätten wir ihm das Pferd anvertraut ohne Unterpfand, wer weiß, ob wir einem verlorenen verzweifelnden Gemüth nicht den Glauben an die Menſchen wiedergegeben hätten! Wie bitter war ſein Lachen, als er davonſprengte und ſeine Ehr⸗ lichkeit bezahlen mußte! Ja bezahlen mußte! Und ich ſelbſt, ich ſelbſt, ich ein halber Socialiſt, war der Mistrauiſchſte und Kleindenkendſte! Pfui, pfui! Ich ſchäme mich über mich ſelbſt. Ja, Das wird dir übel bekommen, Bruder, fiel Dankmar ſpottend und mit großer Geiſtesüberlegen⸗ heit ein, wenn du einmal wieder mit Mar Leidenfroſt einen Handwerkerverein beſuchſt und mitten in einem ſchönen Sermon über Philanthropie und Socialismus das rothhaarige Fragezeichen da dich interpellirt, ob du der Bürger Siegbert Wildungen wärſt, der dem Bürger— Hackert hieß ja wol der Kerl?— ein Pferd auf der Landſtraße nur gegen eine Caution von hun⸗ dert Thalern anvertrauen wollte? Armer Bruder, das kann dir deine ganze Popularität koſten! Und mit Recht! ſagte Siegbert, der Reden Hackert's 64 auf dem Kirchhofe gedenkend; mit Recht! Spotte nur! Ich weiß, was ich verdiene.... Dabei ſteckte er behutſam die Summe, die in ſei⸗ ner Hand geblieben war, in die Bruſttaſche, vorſich⸗ tig unterſuchend, ob auch nirgends eine Nath aufge⸗ gangen oder eine verdächtige Falte da wäre und das ihm auf ſo wunderbare Art anvertraute Pfand unver⸗ ſehens entgleiten könnte. Die Brüder traten nun in den Thorweg des Pe⸗ likan, um unter deſſen ſchützenden Fittichen ein Abend⸗ eſſen einzunehmen. Dankmar hatte keine Ruhe mehr, über den Bruder den langverhaltenen Strom ſeiner Neuigkeiten auszuſchütten. tte nur! e in ſei⸗ vorſich⸗ h aufge⸗.. Drittes Capitel. dunve⸗ Der Pelikan. des Pe⸗. nAbend⸗ Von dem wunderbaren Vogel, der ſich ſelbſt die he mehr, Bruſt aufſchlitzen ſoll, um ſeine Jungen vor dem n ſein Verhungern zu ſchützen, war auf dem Wirthshauſe, das ſeinen Namen trug, ein hölzernes, ziemlich ver⸗ wittertes Abbild über dem Thorwege zu ſehen. Auch der rothe, blutähnliche Anſtrich des zweiſtöckigen, mit mehr Holz als Steinen aufgebauten Hauſes erinnerte an jene Sage, die die Naturforſcher leider nicht be⸗ ſtätigen wollen. Ob im Uebrigen der aufopfernde. Geiſt eines Pelikans in dieſer Fuhrmannsherberge waltete, mußte erſt die Rechnung ausweiſen, die die Brüder ſpäter zu bezahlen hatten. Vorläufig ſahen ſie ſich vergebens nach einem würdigen Empfange um. Der Thorweg war leer. Keine dienende Peli⸗ kanſchwinge flog ihnen entgegen und ſchon ſchickte ſich Dankmar, ungeduldig das Pflaſter des Thorwegs de Riter vom Geiſte. 1. 5 66 ſtampfend, an, einige allarmirende Donnerwetter in den ſtillen Sommerabend, in deſſen Ruhe ſich auch der Pelikan wiegte, und ein jetzt ertönendes Hunde⸗ gebell zu ſchleudern, als plötzlich einem freudigen Auf⸗ ſchrei auf dem Hofe folgende, im Harzdialekte geſpro⸗ chenen Worte ſich anreihten: Ei der Tauſend! Sind Sie's denn wirklich? Musje Dankmar und Musje Siegbert! Kennen Sie mich denn nicht mehr? Die Kathrine Bollweiler aus Thal⸗ düren, die bei Ihrem Herrn Vater ſelig gedient hat? Beſinnen Sie ſich nur! O Gott, o Gott, wie kommen Sie denn nur daher? So und ähnlich variirte noch der Gruß fort, mit dem die beiden Brüder beim Eintritt in den Hof des Pelikans empfangen wurden. Hier unter halbabge⸗ ladenen Fuhrmannswägen, unter Strohhaufen, pitto⸗ resken und nicht nach Alpenflora duftenden Dünger⸗ hügeln, nicht minder ſtark parfümirten Stalleimern wurden ſie von einer kleinen Frau begrüßt, die eben aus der Küche trat mit einer Schüſſel voll friſchen Salats, an den dem Garten zu gelegenen Brunnen wollte, um ihn zu waſchen, ſie erſt groß und ſtarr anblickte und muſterte und dann, die Schüſſel geradezu auf den Miſt ſtellend, in obige Worte ausbrach. Grüß Gott! Grüß Gott! Sie iſt die Kathrine wetter in ſich auch Hunde⸗ igen Auf⸗ te gyre⸗ Muse Sie nich us Thal⸗ ient hat? mmen fyrt, nit Hof des halbobge⸗ fn pitt⸗ Dünge⸗ talleimem die eben frſſchen Brunnen und ſur gende uh. Kathtint aus Thaldüren! ſagte Dankmar, die muntere Köchin erkennend. Das trifft ſich ja gut und beſſer als gut! Wie kommt Sie denn funfzig Stunden weit vom Harze her in die Küche hier vom Pelikan? Aber Kathrine konnte ſich nicht ſammeln. Ihre Freude hatte noch nicht kräftigen Ausdruck genug ge⸗ funden. Beſonders hing ihr Auge an dem Siegbert, der ihr freundlich die Hand bot. Musje Siegbert! rief ſie einmal über das Andere. Ach, was für Herren ſind das geworden! Geſehen hab' ich Sie beide ſchon oft, wenn Sie hier vorbei gingen. Immer wollt' ich Ihnen nachlaufen und rufen: Pſt! Pſt! Aber ich hatt's Herz nicht und da dacht' ich: du ſparſt es dir einmal auf einen Sonntag Nach⸗ mittag auf, um ſie lieber einmal ordentlich da zu be⸗ ſuchen, wo Sie wohnen; denn ich weiß, wo Sie woh⸗ nen, in der Neuſtraße. Nicht wahr?„ 6 Das weißt du? ſagte Dankmar mit gutmüthigem Spott. Und Sonntags Nachmittags? Sieh! Sieh! Gerade das iſt die Stunde, wo wir immer ganz ſicher zu treffen ſind! Das hätte ſich ja nicht ſchöner machen können, Kathrine Bollweiler. Siegbert, den es rührte, eine Magd ſeiner Aeltern 3 pier anzutreffen, und der Dankmar's Spott nicht leiden ce fiel ihm in die Rede: 5* 68 Woher denn weißt du unſere Wohnung, Kathrine, und kommſt nicht ſogleich? Das will ich Ihnen ſagen! antwortete Kathrine und ſtellte die Schüſſel mit Salat vom Miſte weg auf einen Strohhaufen, während die Hühner gackernd herbeiliefen und der große Hofhund an der Kette, der anfangs ganz allein die Fremden mit ſeinem fürch⸗ terlichen Bellen begrüßt hatte, ſich endlich beruhigte: Mein Mann iſt ja der Fuhrmann Peters aus Angerode, der alle Augenblicke einmal etwas bei Ihnen zu beſtellen hat, und da hat er mir gleich, wie wir hierher zogen, geſagt, wo die Kinder meiner alten braven Herrſchaft wohnen— aber man kommt ſo ſchwer ab. Abzugeben? Wohnen? fiel Dankmar haſtig ein. Peters? Wo ſteckt er denn? Seinetwegen kommen wir ja hier in den Pelikan. Ich paſſ' auf ihn jede Stunde! fiel Kathrine ein. Wir ſollten ihn ſchon heute Morgen von Schönau her erwarten, was immer ſeine letzte Station iſt, aber es muß ihm etwas paſſirt ſein.... Das will ich nicht hoffen! polterte Dankmar. Ich erwarte, daß er mir einen großen Schrein v 1 mir wichtig iſt.. Weiß ich ja, e Kathrine un gars mir rine weg ernd dette, ürch⸗ gte: aus hnen wir Aten t ſo ein⸗ nnen ein. önal aber „der mit ja geſchrieben von Angerode. Aber das Wetter macht zu heiß. Da zieht ſich's langſam im Sande. Die Gäule verſchmachten und die Fliegen thun auch das Ihrige. Heute Abend kommt er aber noch ganz ge⸗ wiß. Es ſchwant mir ſo. Weißt du was, Kathrine? Wir warten hier die Erfüllung deines ſchwanenden Gemüthes ab. Kann man denn in dieſem Pelikan ein Plätzchen finden, im Freien, ohne Stallgeruch, einen Trunk aus gutem Keller, einen Nachtimbiß aus deiner bewährten Küche? Mir brenzelt's und praſſelt's im Gemüth, ſeit ich dich ſehe, wie von Eierkuchen und andern holden Jugend⸗ erinnerungen.... Hurtig! Hurtig! rief eine feine, ſonderbar keuchende Stimme hinter ihnen. Sie wandten ſich um und be⸗ merkten eine dicke Figur, die ſich inzwiſchen zu den Redenden geſellt hatte. Ohne Zweifel war dies der Wirth zum Pelikan. Der ſtattliche Herr war im leichteſten Sommernegligée. So fett, daß ſein Schweiß, wie Falſtaff ſagt, die Erde ſpicken konnte, beförderte er auch in ſeiner Kleidung dieſen heilſamen Einfluß auf die Fruchtbarkeit des Bodens, Hals und Bruſt offen, die Hemdärmel aufgeſtreift. Er ſchien unter dem hohen Stand des Thermometers ſchrecklich zu lei⸗ den. Keuchend und mit dünner Stimme ſagte er: . inter der Scheune iſt ein Garten, meine Herren, und ie Kegelbahn. Aber Wochentags kommt keine Geſchſſchaft Wenn's Ihnen nicht zu ſtill da iſt und zu einſam Grade recht, wenn's ſtill iſt, fiel Dankmar ein.. Und nun, Herr Wirth, Zauberwinke! Hertſcherbefehle! Bier, Wein, Cotelettes, Salat... Nein, Gtertuchen Ml Kathtine lachend ein. Ei⸗ erkuchen, wie man ihn in Thaldüren backt. Eierkuchen, wie man ihn in Thaldüren backt! riefen die Brüder faſt im einſtimmigen Ton. 8 Der dicke Wirth lachteund wackelte voraus, ihnen das Gartenſtacket zu zeigen. Kathrine hinterhet voll ſeliger Freude. Sie war ſduber und reinlich gelleidetz die Haube, ien verheiratheten Stand anzeigend, bedeckte das Geſicht einer noch recht ſchmucken Drel⸗ ßigerin. In ihrer Zerſtreuung nahm ſe die⸗ Schüſſel voll Salat mit in den Garten. 6 Frau Peters, was ſoll de l wieder in Garten? fragte r Wirth un lachte. Ach, ich bin ganz chnfus! gte Kathrine Peters und ſchlug ſich vor die Stn, indem ſie nun wieder nicht wußte, ſollte ſie an den Brunnen oder in die Küche oder im Garten ihren jungen Pfärrersſöhnen aus Thaldüren einen Platz anweiſen, der ihr der ſchönſte ſchien. 6 1 — etren, keine und ein. fehle Ei⸗ riefen ihnen t voll leidetz igend⸗ Dre chiſſl er im und nich e oder düren 71 Geh ſie nur in die Küche, Frau Peters! Ich werde die Herren ſchon zurechtweiſen! Dies kräftige Wort des Wirths gab den Ausſchlag. Gut, Gevatter! ſagte ſie, nahm ihren Salat und kehrte in den Hof zurück. Eins, zwei, drei und Sie ſollen prächtig bedient ſein! Durch einen kleinen Garten von Raſen, Gemüſe⸗ beeten und einigen Obſtbäumen vom Pelikanwirthe geführt, fragte Siegbert: Ei der tauſend, Herr Wirth? Die Kathrine nennt Sie Herr Gevatter? Das kann ſie, antwortete der Dicke ſchnaufend, ſie kann's, weil ich's bin. Die Peters iſt ſozuſagen nicht blos meine Magd, ſondern ſie führt mir ſozu⸗ ſagen die ganze Wirthſchaft. Mein Weib iſt todt, und den Spectakel mit den Mägden hatt' ich ſatt. Da ſagt' ich zu meinem alten Freund Peters, der ſchon ſeit zwanzig Jahren bei mir einkehrt und mein Gevatter iſt von Kindern, die todt ſind: wüßt' ich eine brave Frau in geſetzten Jahren, die mir Ord⸗ nung im Hauſe hielte ich heirathete wieder. Thue Das nicht, Alter! meinte Peters. Sieh! Ich mache dir den Vorſchlag, ich ziehe von Angerode daher. Die Eiſenbahnen machen unſere Fuhren immer leich⸗ ter; es dauert eine Ewigkeit, bis ſo ein Wagen jetzt 72 voll geladen iſt und abgehen kann. Da lieg' ich denn auf der Bärenhaut und bin mehr hier als in Ange⸗ rode. So muß ich zwei Wirthſchaften führen. Beſ⸗ ſer ich ziehe hierher und ſorge nebenbei für deinen Stall, da du alter Kerl bald ſo dick wirſt, daß du nicht mehr hinein kannſt, wenn du dir keine breitere Thür bauſt. Nun, und Das bin ich eingegangen, und das Ende vom Lied iſt, daß der Peters ſeine Wirthſchaft hier herübergeführt hat und die kleine Ge⸗ vatterin hier jetzt uns Alle im Sack hat. Mir iſt's recht. Sie ſehen, ich komme nicht dabei zurück. Der behaglich ſchmunzelnde Wanſt rückte den Brü⸗ dern am Ende der Kegelbahn dicht an einem Bach, der den Garten begrenzte, einen Tiſch zurecht. Das Plätzchen lag gar angenehm im Grünen. Ein voller Apfelbaum beſchattete den Tiſch mit ſeinen zackigen Aeſten. Die im Untergehen begriffene Sonne warf ihre letzten röthlichen Strahlen herüber. Käfer ſumm⸗ ten, Vögel zwitſcherten von den Nachbargärten her. Sie konnten für die Mittheilungen, die dem unge⸗ duldigen Dankmar auf der Zunge brannten, keinen ſtillern Ort finden. Schon kam auch Kathrine wie⸗ der zurück mit vollen Flaſchen, einem Windlichte für die Cigarren und einem Teller voll groben und fei⸗ nen Brotes zur beliebigen Auswahl. —— ————— hdenn Ange⸗ Beſ⸗ einen uß du reitere angen, ſeine e Ge⸗ iſts Bri⸗ Bach, Das vollet actigen wurf ſumm⸗ her. unge⸗ keinen wie⸗ i für d fei⸗ 73 So! ſagte ſie; da ſitzen Sie ja ſchon traulich bei⸗ ſammen. So ſchön wie in Thaldüren iſt's freilich nicht. Die Ausſicht fehlt— aber ſo ein Plätzchen gab's doch auch im Garten hinterm Pfarrhauſe. Und der Herr Vater— Gott hab' ihn ſelig!— wie gern ſaß der ſo Abends im Freien, wenn die Sonne un⸗ terging, und ſprach dann wie ein Buch, trotzdem daß er's ſchwer auf der Bruſt hatte. Ich ſagt's gleich, als es hieß, er iſt Oberpfarrer in Angerode geworden. Ich war dazumal ſchon über ſechs Jahre an den Pe⸗ ters verheirathet. Ich ſagt's gleich, als er in das alte ſteinerne Pfarrhaus von Angerode zog, da hat's keine Luft für den braven Herrn und ſeine kranke Bruſt. Alles von Stein da und die hohen Zimmer und keine Wärme, wenn auch die Oefen groß genug waren und das Freiholz nicht geſpart wurde. Wie lange hat er's drin gemacht? Zwei Jahre! Du lie⸗ ber Heiland, der brave Mann! Wohnt denn die Mut⸗ ter noch ihr Witwenjahr in dem Hauſe? Ich weiß, ſie haben's ihr nehmen wollen. Feinde hatte Ihr Herr Vater immer; Das wußten Alle und Keiner begriff's warum? So ein engelguter Herr und doch ſollt' er nicht in die Stadt kommen, bis es vor ſeinem Ende doch ſein mußte und da war's ſein Tod. In dem kalten Ritterhaus! 74 Frau Peters, der Eierkuchen! rief der Wirth zum Pelikan, der neugierig zugehört hatte, dann aber die träumeriſche Verſunkenheit ſeiner Gevatterin nun im Intereſſe der Bedienung vom Vergangenen doch auf⸗ ſtören zu müſſen glaubte. Es iſt auch wahr, fiel die ganz weinerlich gewor⸗ dene Frau ein und lief hurtig wieder davon. Nun laſſen Sie's ſich gefallen, ſagte der Wirth zu den durch die Erinnerung an den Vater bewegten Brüdern; wie Sie's finden, iſt's einmal, und wenn Sie Etwas wünſchen, was wir haben, ſo rufen Sie nur! Damit ſetzte er ſeinen ſchwerfälligen Mechanismus in Bewegung, wieder dem Hofe zu, und ließ die Brü⸗ der endlich allein in behaglicher, ſtiller Ruhe. Ein eigenes Zuſammentreffen, begann Siegbert und fühlte an die Taſche, ob er ſein anvertrautes Pfand, die hundert Thaler, auch noch bei ſich hatte; dieſe Kathrine hier im Pelikan! Wir waren wol Jun⸗ gen von etwa zwölf und vierzehn Jahren, als ſie einen Fuhrknecht heirathete. Wir ſelbſt kommen uns kahl und ſchaal, zwecklos und ziemlich unnütz in der Welt vor, and ihr gehen wir auf wie die Engel und Propheten! Der Menſch weiß nicht, was Einer dem Andern iſt! Sie hat nach uns geforſcht, uns beob⸗ . pi zum r die im auf⸗ ewor⸗ Wirth begten wenn rufen zmus Brü⸗ iegbert rautes hatte; Jun⸗ ls ſie 1 uns n det und rdem 75 achtet, ein Wiederbegegnen mit uns für ein großes Lebensglück gehalten, das ſie ſich auf einen ſchönen Sonntag Nachmittag, vielleicht nach der Predigt, auf⸗ ſparte, und ich wette, ſie träumte im ſelben Augen⸗ blick glückſelig von uns, während wir über irgend Etwas in Verzweiflung waren und keinem Menſchen in der Welt von Wichtigkeit zu ſein glaubten, als nur unſerer Mutter und allenfalls unſern Gläubigern! Daraus ſiehſt du, theurer Communiſt, ſagte Dank⸗ mar, indem er ſeine Cigarre an dem von Kathrine hingeſtellten Lichte anzündete, daß die Armen auch nicht ſo ganz elend ſind, wie du dir denkſt. Sie ha⸗ ben wirklich mehr Paradies als wir uns einbilden und ſelbſt beſitzen. Eine Landpartie Sonntags iſt dem Handwerksmann eine ſo große Freude, wie dir viel⸗ leicht eine Einladung beim Prinzen Ottokar ſein würde. Doch laſſen wir jetzt unſere ſocialen Betrachtungen und beſprechen wir ernſtere Dinge. Weißt du, beſter Bruder— Nichts weiter! unterbrach ihn Siegbert, ehe du nicht die Hauptſache berichtet haſt: wie geht's der Mutter? Sie iſt wohl, ſagte Dankmar und ſchenkte die Gläſer voll. Wohlan! Das geht voran! Die Mut⸗ ter lebe hoch! 76 Die Brüder ſtießen an. Die großen braunen Methgläſer wollten nicht recht klingen. Der Wirth zum Pelikan ſchien keinen Wein zu führen. Doch war das Bier ſchmackhaft und ließ ſich trinken. Und nun, Bruder, fuhr Dankmar fort, höre mir zu! Es iſt eine feierliche Stunde! Ich bin begierig, welche Narrheit du auf dem Tapet haſt, ergänzte Siegbert, während Dankmar ſich räuſperte und alſo begann: Siegbert Wildungen, älterer Bruder des ſehr ehren⸗ werthen Dankmar Wildungen, malendes Vorbild eines maleriſchen Referendars! Es kann dir nicht unbe⸗ kannt ſein, daß ſich die Geſchichte unſers Hauſes in die älteſten Sagen der Vorzeit verliert. Ich will nicht unterſuchen, ob ſich ſchon unter den Rittern der Tafel⸗ runde ein Wildungen durch ſeinen Durſt— ich meine nach Abenteuern— auszeichnete; ſoviel iſt gewiß, daß am Hofe Karl's des Großen... Theuerſter Bruder, fiel Siegbert ein, ſparen wir unſere Genealogie für lange Winterabende. Der Apfel⸗ baum und die Johannisbeerhecken lachen uns aus, daß wir bei ihrem Duft in ſolchem alten Moder ſtöbern. Johannisbeerhecken? fragte Dankmar und nahm dabei eine wichtige Miene an. Johannisbeerhecken? Oder Stachelbeeren! Was ſcheidet uns da von 6 aunen Wirth Doch e mit f den ar ſich ehren⸗ eines unbe⸗ ſes in lnicht ufel⸗ meine u nwir Wfel⸗ , daß bern. nahm den? g von 77 den freundlichen Gärten der Nachbarſchaft? Der Bach und die Hecken—² Johannisbeerhecken! In der That! wiederholte Dankmar hinüberblickend. Seit ich in Angerode meine Entdeckungen gemacht habe, ſtutz' ich bei Allem, was an Johannes, gleichviel ob den Täufer oder den Apo⸗ ſtel, erinnert. Biſt du Freimaurer geworden? fragte Siegbert ſtaunend. Gewiſſermaßen, ja! ſagte Dankmar. Ich war ſo frei, in Angerode zu mauern, Wände zu durchbrechen und Johannisbeeren,. ſieh, ſieh, in welchem Zu⸗ ſammenhange könnten wol dieſe Beeren mit einem der beiden Johannes ſtehen? Warum nennt man über⸗ haupt dieſe Beeren Johannesbeeren? Ohne Zweifel hat ſie der Täufer Johannes in der Wüſte gegeſſen, erklärte Siegbert. Oder... weil ſie um Johannis reif ſind— ſiel Dankmar ein. Schade, daß meine Auslegung pro⸗ ſaiſcher iſt! Ich glaube, du biſt närriſch, erwiderte Siegbert, ein wenig ärgerlich über den Humor des Bruders, der heute nicht ganz in ſeine Stimmung paſſen wollte. Genug, lieber Bruder, Johannisbeeren oder Sta⸗ chelbeeren, fuhr Dankmar fort, ſoviel iſt richtig, daß du ſelbſt ſehr eitel auf den alten Urſprung unſeret Familie biſt; denn auf deinem Molay haſt du einen deutſchen Tempelritter angebracht, der mit dem fran⸗ zöſiſchen Heermeiſter des Ordens ſtirbt, in deinen Flammen, die wunderſchön gemalt, aber in dieſer Weiſe hiſtoriſch nicht motivirt ſind. Das that ich aus gutem Bedacht, antwortete Siegbert; denn ein Hugo von Wildungen war der Ahn unſers früher adeligen Hauſes, und wenn nicht Templer, doch Johanniterherr der deutſchen Zunge in einem ehemaligen thüringiſchen Tempelhauſe. Und Gott ſegne dieſen Hugo von Wildungen! fiel Dankmar mit Lebhaftigkeit ein. Er hat dir den anachroniſtiſchen Frevel, ihn zweihundert Jahre vor ſeinem in Rom erfolgten Tode ſchon in Paris ver⸗ brennen zu laſſen, aus Anerkennung deiner dabei ge⸗ hegten guten verwandtſchaftlichen Abſicht gnädiglich verziehen. Denn wenn ich in Halle und Berlin mein Oel nur einigermaßen nicht ganz verloren habe— oleum perdere, lieber Bruder, eine ſchöne lateiniſche Redensart für: ſeine Collegiengelder zum Fenſter hin⸗ auswerfen—, ſo werden wir mit Hülfe dieſes von dir verbrannten Hugo von Wildungen vielleicht Be⸗ ſitzer einer kleinen, runden, gemüthlichen Million. Siegbert konnte über dieſe Bemerkung nicht lachen; ⸗ den Eif lern vor nſeret einen fran⸗ einen dieſet vortete ar det nicht nge in ngen! ir den te vol is ve⸗ bei ge⸗ iiylic n mein abe— einiſche ter hi⸗ 79 denn Dankmar ſprach ſie mit einem ſolchen Ernſte, das Blut ſchoß ihm dabei ſo in die Wangen, der Eifer trieb ihn ſo convulſiviſch vom Tiſch empor, daß er im erſten Augenblicke glaubte, ſein ſonſt ſo nüch⸗ terner, nur im Praktiſchen lebender Dankmar wäre von einer firen Idee befallen. Du ſtaunſt? fuhr Dankmar fort. Aber ohne einen triftigen Grund habe ich keine ſo wahnſinnige Eile gehabt, dich zu ſprechen. Ohne einen ſolchen Sporn hätt' ich keine Sporen angeſchnallt und mich auf einen jetzt vielleicht mit dreißig oder funfzig Thalern Verluſt gemietheten Laſally'ſchen Fuchs geſetzt. Da mußte etwas vorgefallen ſein, Herz, was ſich der Mühe ver⸗ lohnte, den Hals zu brechen; denn ich hatte die Ab⸗ ſicht, dich aufzuſuchen, wo du nur zu finden wärſt, und nur dieſer rothhaarige Proletarier, dieſe Kathrine Peters und die Johannisbeeren des Pelikans haben mich verhindert, dir Das ſogleich mit der gehörigen Feierlichkeit anzukündigen, was mir ſeit fünf Tagen wie glühendes Feuer im Munde flammt. Siegbert, erſtaunend über die Aufregung des Bru⸗ ders, konnte nichts als, alle Gegenrede vermeidend, ihn bitten, deutlicher zu werden und in Ruhe zu er⸗ zählen, was er ihm anzuvertrauen hätte. Wohlan! Du biſt von Thaldüren und dem ange⸗ 80 roder Lyceum zur Akademie gegangen, fuhr Dankmar, ſich wieder ſetzend, fort, ich zur Univerſität: wir ha⸗ ben in Angerode, aber nicht im Pfarrhauſe gewohnt, wo der Vater uns allzu früh ſtarb. Seine frommen Collegen gönnten ihm nicht, da zu wohnen, wo er ſterben ſollte; denn es war bekannt, daß er ſich gern des alten Urſprungs unſerer Familie rühmte und von der Pfarrwohnung in Angerode, dem ehemaligen Pro⸗ feßhauſe der thüringiſchen Tempelherren, im Scherz wie von einem Stammſitz ſeiner Familie ſprach. Bei dem kurzen Beſuche, den du gerade beim Tode des Vaters in Angerode machteſt, wirſt du dich des alten verfallenen Nebengebäudes an dem Tempelhauſe er⸗ innern— Das ganze Gebäude, ergänzte Siegbert, regte mich immer auf's lebendigſte an. Das Tempelhaus zu Angerode iſt einer der ſchönſten Reſte des Mittelalters. Die herrliche Fagade mit den ſymmetriſch geordneten Doppelfenſtern, deren zwei immer ein Spitzbogen ver⸗ einigt, die beiden Giebel, ganz erinnernd an das alte, reſtaurirte Haus des Martin Behaim in Nürnberg, und ſelbſt der Anbau, den man nicht zur Pfarrwoh⸗ nung geſchlagen hatte, obgleich verfallen und in ge⸗ drücktern Formen gehalten, doch gar lauſchig und trau⸗ lich. Dieſer Anbau gehörte ſo unzweifelhaft zu dem „ nkmar, vir ha⸗ wohnt, ommen wo et ich gern nd von en Prr⸗ Schen h. Bei ode des 5 alten uſe et⸗ nic aus zu lalters. dneten en vel⸗ a5 alle, irnbeg, arwoh⸗ in ge d tral⸗ zu dem 81 Enſemble dieſer ehrwürdigen alten Niederlaſſung, daß ich mich freute, zu hören, wie nun auch dieſe Räume beſtimmt ſind, mit der Wohnung des künftigen Ober⸗ pfarrers und dem Schulhauſe verbunden zu werden. Und gerade in dem Augenblicke, ergänzte Dank⸗ mar, wo dieſe Uebergabe erfolgte, kam ich nach Ange⸗ rode. Man wollte der Mutter erſt ihren einjährigen Witwenſitz im Hauſe ſtreitig machen, es wurde mir leicht, ihr Recht bei der Stadt durchzuführen. Schwie⸗ riger war es, ihr auch die Nutznießung des Anbaus zu ſichern. Sie ſelbſt verzichtete darauf. Du weißt, wie wenig ſie bedarf. Aber ich wollte vom Rechte nichts vergeben ſehen und beſtand darauf, daß ihr auch dieſe jetzt freien Räume zur Verfügung geſtellt wurden. Es war das Archiv und die Bibliothek des ehemaligen Tempelhauſes, ſpätern Johanniterhofes. Das war ein Hetzen mit den Gerbern und Seifen⸗ ſiedern der Stadt! Die Einen wollten in dem alten Gemäuer ihre Felle aufbewahren, die Andern ihre Lichtdochte. Auch die Regierung kam und reclamirte den Ort zum Beſten der wollenen Socken und leine⸗ nen Koſtbeutel des Militairs. Aber ich trat als Ad⸗ vocat auf. Ich ſagte ihnen: Dieſe Stadt Angerode hatte einſt die Ehre, der Sitz eines reichen und mäch⸗ tigen geiſtlichen Ritterhofes zu ſein. Der Orden hat Die Ritter vom Geiſte. I. 6 — die Wohlfahrt der Stadt begründet. Als er in Folge der Reformation ſich auflöſte, wurde beſtimmt, daß ſeine ſämmtlichen Beſitzthümer in Angerode an die Pfarrei der St.⸗Johanniskirche übergingen. Mit dem Tempelhauſe ſelbſt geſchah Dies. Eure Pfarrer konn⸗ ten in den kalten großen Räumen mit den ſteinernen Fußböden, die nur für Ritter beſtimmt waren, alle 4 eines frühen Todes an Gicht und Rheumatismus 2 ſterben, aber den Anbau nahmt ihr zu dieſem und„ jenem profanen Zwecke. Aus dem alten Archiv und der Bibliothek machtet Ihr das Unwürdigſte! Gott ſei Dank! Jetzt iſt der Fleiſch⸗ und Mehloctroi dar⸗ aus vertrieben, denn Ihr Angeroder habt dem Staat den Mehl⸗ und Schlachtzins durch abgekauft. Nun falle dieſer Raum an Die, denen er gehört, an Eure Seelſorger oder der 3 So ſprach ich und ich hätt' es doch ohne Proceß nicht 7 durchgebracht, wenn ſich nicht politiſche Freunde ge⸗ 1 funden hätten, die die Sache ordentlich nach einem Princip auffaßten. Wie Das möglich war, weiß ich noch bis zur Stunde nicht; aber die Anbaufrage wurde Tendenzfrage, man machte einen Antrag bei den Stadtverordneten, und weil man Aufregung bei dem jüngern Theile der Bevölkerung und der mir raſch zugethanen arbeitenden Claſſe fürchtete, ſo hatten wir nFolge , daß an die it dem t konn⸗ inernen u, alle tismus mund iv und Gott oi dar⸗ Staat teuem nen er n 65 nicht nde ge⸗ einem eiß ich wurde ei den ei dem naſch en wit — 83 die Majorität, und die neuen Gelaſſe fielen nicht an die reichen Gerber und Seifenſieder, nicht an die Re⸗ gierung, ſondern an die Geiſtlichkeit und deren An⸗ gehörige. T* Eine ſeltene Ausnahme in dieſen Tagen, bemerkte Siegbert, wo dieſer Stand eher herauszugeben als zu gewinnen gewohnt iſt. Der Stand that da nichts, fuhr Dankmar fort, das Recht und meine Popularität entſchied. Den alten angeroder Lyceiſten kannten Alle, feierten Alle. Das Gefühl, mit dem die große eiſenbeſchlagene Ei⸗ chenthür, die von unſerm Schlafzimmer in den An⸗ bau führt, von mir feierlich geöffnet wurde, entlockte der Mutter einen unwillkürlichen Seufzer, denn ge⸗ rade da hatte das Sterbebett des Vaters geſtanden. Da war er in deinen Armen geſtorben, Siegbert, du kennſt die Stelle. Die Thür krachte in ihren Angeln. Seit drei Jahrhunderten war ſie nicht geffnet wor⸗ den. Der alte verroſtete lüſſel lag ſo lange auf dem chhauſe! Ein S ſſer hatte einen ganzen Tag daran zu putzen, ihn nur einigermaßen wieder wuchtan zu machen. Der Gewinn an Räumlichkei⸗ ten war nicht gering, aber da ſie im verwildertſten Zuſtande ſich fanden, konnte man ſie jetzt ſchon zur Wohnung unmöglich herüberziehen. Da lagen die 4½ 6* Acten der Mahl⸗ und Schlachtſteuerſchreiberei in Hau⸗ fen aufgethürmt. Eine Auction erſt entfernte ſie. Von der Verbindungsthür ſtieg man einige Stufen her⸗ nieder und befand ſich dann auf einem Gange, der mit Bildern alter Heiligen geſchmückt war. Ob Boiſ⸗ ſerte daraus etwas herausfinden würde, was ab⸗ gewaſchen und mit Lack friſch überzogen an einen König von Baiern als altdeutſche Schule ſich ver⸗ kaufen ließe, weiß ich nicht. Dünnbeinig genug ſa⸗ hen die Kriegsknechte und die heiligen drei Könige vom Morgenlande aus, die man da auf Holz geklert hatte—„ Still! Still, Dankmar! Deine Frivolität wird be⸗ ſtraft, unterbrach Siegbert den Bruder, Kathrine hemmt deinen Redefluß und zwingt dir eine unwill⸗ türliche Pauſe auf.* Dankmar ſah ſich um. Kathrine brachte den Sa⸗ lat und ihr ſchnittlauchduftendes Backwerk. Selbſt⸗ zufrieden trug ſie das Erzeugniß ihrer Kunſt. Die ſüßeſten Kindheitserinnerungen gingen den Brü⸗ dern auf. Siegbert hätte ſie gern gleich ausgeſpro⸗ chen, aber Kathrine fiel ihm ins Wort und ſagte plötz⸗ lich mit trauriger Stimme: Eigentlich ſollt' ich gar nicht vergnügt ſein, Sie ſo bedienen zu können. Lieber Gott, es vergeht doch n Hau⸗ e. Von en het⸗ ge, der b Briſ⸗ vas ab⸗ n einen ſch ver⸗ ng ſu⸗ Fönige z geller wird be⸗ Kachrine e unpil⸗ den Sa⸗ u 8 Bri⸗ mgeſr ſein, Si 6hb 85 kein Tag, wo nicht was Schlimmes kommt! Auf eine Freude immer zehn mal ein Unglück. Was iſt denn, Kathrine? fragten die Brüder theil⸗ nehmend, ſchnitten aber ſchon tapfer ihr Gebäck in gleiche Theile. Da fährt ja eben, ſagte ſie klagend, der Fuhr⸗ mann von Quedlinburg vorüber— er ſpannt im En⸗ gel aus— und erzählt mir ein Unglück mit meinem Peters. Das wäre! ſprang Dankmar auf und ſeine Züge verfärbten ſich. Nein, nein, ſagte Kathrine beruhigend, es iſt wei⸗ ter nichts, als die Achſe hat er gebrochen— Die Achſe? Und ſeine Ladung— Mein Schrein? rief Dankmar. Iſt Alles, wie es ſein ſoll; beruhigte ihn Kathrine; aber ſo niedergeſchlagen, ſagt der Fuhrmann, iſt mein Mann, ſo rabiat hätt' er ihn angetroffen, als wenn er ſeine ganze Fracht verloren hätte. Das wäre mir ſchön! bemerkte Dankmar, ſich nur mit Mühe ſammelnd und auf dem Raſen hin und hergehend. In Hohenberg iſt's ihm paſſirt! berichtete Kathrine weiter. Wie? Das wird er wol erzählen. Er mu in einer Stunde eintreffen, ſo lange hat's gedauert, 86 bis das Rad wieder hergeſtellt war. Aber woher kommt's? Von den ſchlechten Wegen. Seit die Eiſen⸗ bahnen ſind, geſchieht nichts mehr für die Landſtraßen, und doch muß man's ſegnen, daß es noch Gegenden gibt, wo der Gottſeibeiuns ſelbſt nicht mit Feuer und Dampf über die Wieſe fährt. Schlimme Zeit! Aber jetzt laſſen Sie's ſich's ſchmecken und ſowie er ſich auf der Chauſſee blicken läßt, meld' ich's an. Freude iſt nicht viel an der Fahrt, wenn ein Fuhrmann auf eigene Rechnung fährt und ihm's Rad bricht. Damit ging ſie. Aber Dankmar hatte eine unbe⸗ ſchreibliche Unruhe. Das Eſſen mundete ihm nicht. Ich hätte den Schrein nicht von mir geben ſollen! rief er einmal über das andere und rannte dabei auf und ab. Aber beruhige dich doch nur mit deinem Schrein, ſagte Siegbert. Iſt denn das die Bundeslade ſelbſt? Du hörſt ja, daß ſie da iſt— Ehe ich ſie nicht ſehe, mit Händen greife, habe ich keine Ruhe mehr— Siegbert mußte lachen und meinte: In meinem Leben hab' ich nicht geſehen, Dank⸗ mar, daß dich etwas ſo ernſt ſtimmen kann wie die⸗ ſer Schrein. Was hat es denn mit dieſem Heilig⸗ hume? Man möchte glauben, es enthielte das goldne Vließ und käme direct aus Kolchis. woher Eiſen⸗ traßen, genden ler und ber ſich uf eude iſt nn auf . e unbe⸗ nicht. lenl rif und ob. Schtein, eſelſt ſ, hebe Danl⸗ wie die⸗ Heii⸗ golhn Siegbert, ſagte Dankmar, ſeit einer merkwürdigen Nacht, die ich in dem Anbau des Tempelhauſes zu⸗ brachte, iſt mir nichts mehr ſo wichtig wie dieſer Schrank. Den S hofentlich aus dem cwn der Stadt Angerode nicht mitgenommen haſt. Allerdings hab' ich Das. Dieſer enthält Schriften, die ſich lediglich nur auf uns und unſere Familie beziehen— Fingirte Memoiren des Johannesritters Hugo von Wildungen, ſagte Siegbert lachend, deine erſten ſchriftſtelleriſchen Verſuche im Geſchmack der Bern⸗ ſteinhere oder der ſchleſiſchen Sybille, die man ſo lange für echt bewunderte, bis ſich entdeckte, daß irgend ein ruhmfüchtiger pommerſcher Landpaſtor oder ein gelangweilter ſchleſiſcher Stadtſchreiber dieſe Mär⸗ chen erfunden hat! Spotte nicht! ſagte Dankmar, in drei Jahren wer⸗ den wir anders ſprechen. Sich ſetzend und ohne viel Appetit ſeinem Abend⸗ imbiß mäßig zuſprechend, fuhr er nun in ſeinen Mit⸗ theilungen fort und erzählte dem erſtaunenden Bruder die Entdeckung von Thatſachen, die in das Leben die⸗ ſer beiden junge Männer merkwürdig genug eingreis ſ 8 auch un im Laufe dieſer Erzählung man⸗ nichfach beſchäftigen ſollen, wenn wir auch geſtehen, daß die Brüder ſelbſt ohne Dankmar's Traum von einer Million beneidenswerth waren. Sie hatten Geiſt, Herz, Talent, jede Anwartſchaft auf eine glückliche Zukunft. Ihren reichſten Schatz aber kannten ſie nicht einmal. Es war dies die goldene poetiſche Jugend, die Jugend mit dem Zauberſtabe, der Quellen aus Felſen ſchlägt, luftige Paläſte in den Wolken bewohn⸗ bar macht und jeden ſchon am Gemüthe prickelnden Schmerz, jede kleine ſchon am Herzen nagende Täu⸗ ſchung mit dem Troſte heilt: Du biſt jung! Noch gehört dir das ganze Leben, noch gehört dir die ganze Welt! ugend, naus wohn⸗ elnden Täl⸗ Noch it die Piertes Capitel. Der Schrein im Tempelhauſe. Eines Abends, erzählte Dankmar, lockte mich der Ton der Orgel in der Johanniskirche, deren Sacriſtei mit dem Tempelhauſe durch jenen Anbau verbunden war, in den größern Saal, in welchem einſt die jetzt verſchwundene Bibliothek des Ordens ſtand, und die kleinern Nebengemächer, wo ſich ſein Archiv befunden haben ſoll. Es war eine gewiſſe Ordnung in das Häuschen gekommen. Die alten geiſtloſen Schreibe⸗ reien über Rinder und Mehl waren entfernt, das Erd⸗ geſchoß war vom Schmuz, das obere Stockwerk vom Staube gereinigt. Unten ſollte eine Waſchküche an⸗ gelegt werden, ein Trockenplatz für den Winter, oben der kleine Saal, einfach gewölbt, und die Nebenzim⸗ mer ee ſtanden unſerer Benutzung anheimgegeben als Wohnzimmer. Es wäre in ihnen traulicher zu hauſen geweſen als in den hohen Zim⸗ * 90 mern des großen Prunkgebäudes nebenan. Die Or⸗ geltöne in der Johanniskirche kamen von einem jun⸗ gen Schullehrer, der ſich zum nächſten Sonntagsgot⸗ tesdienſte übte. Es war mir eine eigene Empfindung, wenn ich zurückdachte an die frühere Beſtimmung die⸗ ſes ganzen alten Tempelhofes. Man hat noch viel zu wenig über den Zweck, die Bedeutung und die Schickſale dieſer alten Ritterorden nachgedacht. Ihr Urſprung iſt märchenhaft und dunkel, ihr Ende ſicher⸗ lich nicht ſo, wie es erzählt wird und gleichſam zu Protokoll gegeben iſt. Wer kennt die geheimen Fä⸗ den, die aus den Bauten der Indier herüberreichen in den Tempel Salomon's und das Grab des Er⸗ löſers, das die Tempelritter hüteten? Wer weiſt nach, welche noch geheimern Fäden ſich von ihnen bis in die neuere Geſellſchaft ziehen, während wir jetzt ſchon wiſſen, daß vielleicht die Freimaurer, trotz alles Leug⸗ nens der Forſcher, das Geheimniß der Tempelweihe in ſich aufnahmen! Dieſe geiſtlichen Ritterorden ſtan⸗ den zwiſchen den Weltlichen und zwiſchen den Geiſt⸗ lichen in der Mitte, vom Papſte und den Königen zugleich geehrt und zugleich verfolgt und immer ehr⸗ würdig durch ſich ſelbſt, durch ihre Entſagung, durch ihre Tapferkeit. Sie retteten die Welklichkeit vor allzu gedankenloſer und unheiliger geiſtiger Richtung, ſie ie Or⸗ em jun⸗ agsgol⸗ indung, ung die⸗ och viel und die t. Ihr e ſiche⸗ ſam zu ien Fü⸗ rreichen es EFr⸗ ſt nach bis in zt ſchon es Leg⸗ elweihe n ſtan⸗ Geiſ⸗ tönigen er ehr . purch or alhu 91 retteten den geiſtlichen Stand vor allzu mönchiſcher Verdummung und thatenloſer Beſchaulichkeit. Das Schwert war ihre Inful, der Mantel mit dem Kreuze ihr Pallium. Laß mich's dir ſagen, Bruder, heute zum erſten male in Worten, die meiner ſtillen Be⸗ wunderung ein lautes Zeugniß geben, daß dein herr⸗ liches Bild, der Feuertod Jakob's von Molay, auch mich tiefinnig ergriffen hat. Ich habe dir bisher nur in lauer Weiſe, ſcherzend faſt, darüber geſprochen, weil du weißt, wie ich dich verehre, und wie Alles, was von deiner Künſtlerhand kommt, mir ſchon von ſelbſt ſich anpreiſt. Aber ich ſehe ein, daß Diejeni⸗ gen wenig verſtehen, mit ſchaffenden Genien umzu⸗ gehen, die nicht Alles und Jedes, was dieſen ent⸗ ſtammt, immer wieder neu begrüßen, neu anerkennen. Nichts kann im Künſtler eine bloße Fortſetzung ſeiner einmal aufgezogenen Thätigkeit ſein. Jeder Gedanke, den er verkörpert, entſpringt aus einer neuen Offen⸗ barung ſeines Geiſtes, die heute durch die Luft, mor⸗ gen durch Feuer und Waſſer zu ihm ſpricht. Vergib mir, daß ich dir erſt heute ſo theilnehmend und hin⸗ gegeben von deinem Werke rede! Dankmar! ſagte Siegbert tief gerührt und ergrif⸗ fen. Eine Thräne ſtand ihm im Auge, er faßte zit⸗ ternd des Bruders Hand, die dieſer an ſich zog und 7 92 ans Herz drückte. Dankmar! Du biſt gut! war Al⸗ les, was Siegbert ſagen konnte. 1 Ja, fuhr Dankmar begeiſtert fort, die Prophe⸗ zeiung, die man dir und dem ſo früh ſich verrathen⸗. den Genius des Knaben ſtellte, erfüllt ſich doch wun⸗ derbar. Erlebte Das der Vater, der ſo früh auf un⸗ ſere Gaben lauſchte, und in mir nur den kalten Ver⸗ ſtand des Advocaten, in dir die Wärme und das Ta⸗ lent des Künſtlers entdeckte! Hat er uns nicht gepflegt wie zarte Pflanzen, geſchützt vor rauhem Sturme der Sorge; hat er nicht ſelbſt gedarbt, um uns den Weg des Glücks zu bahnen? Auch Dankmar's Augen zitterten. Auch ihm feuch⸗ teten ſie ſich. Seine Nerven ſchienen erregter als ſonſt. Es mußte mit dieſer ſtarken, metallenen Na⸗ tur wirklich eine gewaltige Erſchütterung vorgefallen ſein, daß ſie einmal ſo ihre gewöhnliche Weiſe von ſich warf. Doch war es nur ein Augenblick. Wäh⸗ rend Siegbert ſeinen Gefühlen der Erinnerung an einen ſorgſamen, liebenden, zu früh dahingegangenen Vater freien Raum ließ, fuhr Dankmar, ſchon wie⸗ der geſammelt, fort: 1 Alles Das bewegte mich in dem Bibliothekzimmer der Tempelherren beim Klange der Orgel aus der St.⸗Johanniskirche. An die kahlen Wände zauberte war A⸗ Brophe⸗ rathen⸗ ch wun⸗ auf un⸗ en Ver⸗ das Ta⸗ geyflegt me det en Weg n feuch⸗ tet als en Na⸗ gefallen eiſe von Vih⸗ ing an ngenen n wie⸗ ſzimmer u der zubent 93 ich mir dein Bild. In dem dunkeln, von den Flam⸗ men rembrandtiſch erhellten Vorgrunde, das Antlitz König Philipp's des Schönen, der am Vorſprung eines Fenſters es wagte, dem Tode der Opfer ſeiner Habgier beizuwohnen, neben ihm der Legat des Pap⸗ ſtes, der ſeinem noch zögernden und vielleicht nicht ganz erſtickten Ehrgefühl den Muth zuzuſprechen ſcheint, dieſe Hinrichtung deshalb zu wagen, weil die Tem⸗ pelherren falſche Götzen anbeteten und gottesläſterliche Ceremonien übten! Auf hundert Schritte von dieſen beiden Köpfen, neben denen ſich im Vorgrunde eine Reihe anderer mit dem gemiſchteſten Ausdrucke und in wunderherrlicher Flammenbeleuchtung hinzieht, der edle Ordensmeiſter auf dem Holzſtoße, hinter und neben ihm einige andere dem Tode geweihte Ritter, alle von den Flammen umzüngelt und glücklicherweiſe im Rauche ſchon erſtickend, ehe ſie noch das grau⸗ ſame Feuer erreicht. Die weißen Ordensmäntel mit den eingeſtickten Kreuzen wehen ſchon angeſengt und halb verbrannt im Winde. Hier und da ſieht man unter ihnen noch einen geſchuppten Waffenrock und auf der Bruſt das Wappen der Ritter, wozu du bei einem, der dem Vater ähnlich ſieht, unſer altes Wap⸗ pen nahmſt und dir darunter Hugo von Wildungen dachteſt. Ueber dem Ganzen aber im Wiederſchein 94 des Qualms und der Flammen gegen den reinen Aether ſchwebt eine wie zufällig aufflatternde Taube, die ſo majeſtätiſch in dem feurigen Lichte ſchwebt, daß ſie Jeder für das Symbol des ſiegreich aufſteigenden heiligen Geiſtes erkennen wird. Ich entlehnte, fiel Siegbert lächelnd über des Bru⸗ ders Beſchreibung ſeines Bildes ein, ich entlehnte dieſen Gedanken der Sage vom Feuertode des Johann Huß. Gleichviel, fuhr Dankmar fort; auch von dieſem Aſchenhaufen des Jahres 1314 ſtieg die Taube der Unſchuld, das Symbol der Liebe empor, wenn auch vielleicht noch nicht das der Gedankenfreiheit, in dem ich mir lieber einen Adler mit trotzig ausgebreiteten Schwingen denken möchte. Der in Frankreich, Ita⸗ lien und England aus Habſucht verfolgte Orden er⸗ hielt ſich längere Zeit in Deutſchland, wo ihn, wie manchen andern beſſern Gedanken, gerade die Zerriſ⸗ ſenheit des Staats zu retten ſchien. Ein Fürſt gönnte des Ordens Beſitzthümer dem Andern nicht und ſo wäre er vielleicht von allen verſchont geblieben, wenn ihn eine Bulle des Papſtes nicht gezwungen hätte, ein Nebenzweig des Johanniterordens zu werden. Auch im Harze hatte der Orden Tempelhöfe, und ſandte von ihnen Ritter aus, die für das Grab des Erlö⸗ ſers in Syrien kämpften. Als die Tempelherren reinen Taube, bt, daß igenden es Bru⸗ te dieſen n Hiß. dieſem ube der nauch in dem eiteten , J⸗ den er⸗ n, wie Zeni gönte und ſo wenn hitte Lch ſandte s Erle⸗ elheren — 95 Johanniter wurden, kämpften ſie auf Rhodus und Malta. Andere ſtanden im Dienſte der Republiken Venedig und Genua, immer um gegen die Ungläu⸗ bigen und für die Wiedereroberung des heiligen Gra⸗ bes zu fechten. Sie gewannen dabei koſtbare Schätze, die jedoch nicht ihnen, ſondern dem Orden gehörten. So hatte Hugo von Wildungen dem in einen Johan⸗ niterhof verwandelten Tempelhauſe von Angerode die uneigennützigſten Dienſte geleiſtet, als die Reforma⸗ tion ſich im Harz ausbreitete, die Klöſter entvölkerte und auch die Ritterorden auflöſend ergriff. Noch wurde im Schooße des erſchütterten Ordens die Par⸗ tei, die am Papſte feſthielt, von dem katholiſchen Fa⸗ natiker Heinrich von Braunſchweig geſchützt. Noch fielen die Anhänger der Reformation am Fuße des Harzes auf dem Blutgerüſt oder ſchmachteten in Hein⸗ rich's und Georg's von Sachſen tiefſten Kerkern. Aber der Geiſt der Zeit unterſtützte alles Das nicht mehr, was nur noch durch die Schärfe des Schwertes be⸗ hauptet werden konnte. Auch der Johanniterhof von Angerode rüſtete ſich zum proteſtantiſchen Glauben überzugehen, und wandte bereits den Ertrag ſeiner Reichthümer dem zum Orden gehörenden Adel als in ſeiner Familie erbliche Beſitzthümer zu. Dagegen trat jedoch Hugo von Wildungen auf, er, der Ein⸗ 96 zige, der katholiſch blieb, er, der es noch da zu blei⸗ ben wagte, als auf Heinrich und Georg Regenten folgten, die der Reformation huldigten. Nach der Schlacht von Mühlberg, als die deutſchen Fürſten in Halle vor Karl dem Fünften knieeten und er ihnen zur Beruhigung zurief:„Nicht Kopf abe!“ beſtätigte der Kaiſer feierlich den St.⸗Johannesritter Hugo von Wildungen als Comthur und alleinigen Vertreter der Rechte des katholiſch gebliebenen Johanniterhofes von Angerode. Mit dem Heere des Kaiſers aber zog auch ſeine Macht ab. Die abtrünnigen Ritter ließen ſich von einem Papier aus ihrem Raube nicht verdrän⸗ gen und Hugo von Wildungen mußte weichen. Um ihm aber, den Alle achteten, einen Beweis der Ver⸗ ehrung zu geben, um ferner das Beiſpiel zu beſchö⸗ nigen, das ſie ſelbſt von eigenmächtiger Habſucht durch Aneignung der Güter des alten Tempelhofes gaben, ſetzten die übergetretenen Ritter ihrem katholiſchen Mei⸗ ſter, der erſt nach Baiern, dann nach Rom und Malta auswanderte, die letzten Häuſer und Liegenſchaften des Ordens aus, die ſie noch in großen Städten, unter Anderm auch in der jetzigen Landeshauptſtadt, beſaßen. Die förmlich darüber aufgeſetzte Urkunde ſchickte jedoch Hugo aus Venedig zurück, weil er er⸗ klärte, es einem Fluche gleichachten zu müſſen, vom zu blei⸗ Regenten lach det iſten in et ihnen beſttigte ugo von retet det ofes von zeg uch eßen ſich verdrün⸗ en. Un der Ve⸗ cht duch s gaben, hen Nei dMalta nſchaften Städten, aptfudt Urkunde eil er en ſen, vn 6 Gute des Ordens für ſich zu ſtehlen, wie es die an⸗ dern ketzeriſchen Ritter gethan hätten. Bis ſoweit reichte, wie du ja ſelber weißt, die Tradition unſerer Silie. Siegbert beſtätigte Dies und ſagte: Wie oft mögen unſere ſpäter auch zum Prote⸗ ſtantismus übergegangenen, verarmten und durch ſich ſelbſt entadelten Ahnen beklagt haben, daß ihrer Fa⸗ milie ein ſo ſtarrköpfiger Charakter angehörte, der dieſe wichtige Urkunde zurückſchicken konnte! Und wenn ſie ſich auch fände, ſie würde uns jetzt nichts mehr helfen. Dieſe ſchwerlich, ſagte Dankmar. Die Erben des vierblätterigen Kreuzes würden immer ſugen Des vierblätterigen Kreuzes? fiel Siegbert befrem⸗ det ein. ₰ Das Kreuz in ſeinen vier Enden, ſagte Dankmar zum ſtaunenden Bruder, mit dem dreiblätterigen Klee⸗ blatt blieb das katholiſche Symbol. Die proteſtan⸗ tiſchen Johanniter jener Gegend jedoch— abweichend vom gewöhnlichen Johanniterkreuze— behielten das Kreuz, ſetzten aber in ſeine Enden ſtatt drei vier Run⸗ dungen, die das vierblätterige Kleeblatt bezeichneten. Dieſer Zwieſpalt währte bis zum Dreißigjährigen Krieg, wo die Ordensbekenner ausſtarben und die noch vor⸗ handenen, nicht vertheilten Güter des Ordens den Die Ritter vom Geiſte. I. 72 ⸗ 98 aufgeſparten und ſeinen Angehörigen vorbehaltenen Antheil Hugo's von Wildungen Dem ließen, der die Macht hatte, ſie zu nehmen. Merkwürdig, daß die Häuſer und Beſitzungen, die die Urkunde von 1556 an Hugo von Wildungen abtrat, bis 1636 in ſeinem Namen und zu ſeinen Gunſten verwaltet wurden. Schon damals erhob ſich ein Proceß, der in Wien geführt wurde. Der Papſt hatte eine Bulle ausge⸗ ſtellt, der zufolge alle geiſtlichen Ritterhöfe proteſtan⸗ tiſcher Lande ausnahmsweiſe nun wirklich Eigenthum, aber nur derjenigen Ritter werden ſollten, die dem katholiſchen Glauben treugeblieben wären. Man hatte in Rom gehofft, auf dieſe Art durch das Privatrecht und deſſen locale Geltendmachung ſich einen feſten Fuß in den ketzeriſchen Landen zu erhalten. Darauf hin hatte Hugo von Wildungen ſpäter nicht nur ſei⸗ nen ihm an der großen Theilung freiwillig zugeſtan⸗ denen Antheil, ſondern den ganzen Vollbeſitz des Rit⸗ terhofes Angerode erb⸗ und eigenthümlich für ſich und ſeine Angehörigen verlangt. Der wahre Grund war der Rückhaltsgedanke, das Eigenthum bei dem Orden nur ſolange aufzuheben, bis ihm Gelegenheit geboten würde, ſich in Zukunft wieder zu ſammeln. Lieber hob man in Rom einſtweilen ein kanoniſches Gelübde auf, als daß man dem Proteſtantismus ſo reiche Mit⸗ 4 99 altenen tel, ſich zu kräftigen, freiwillig überlaſſen hätte. Wie z die viel Feindſchaft auch zwiſchen der Prieſterſchaft und ß die den geiſtlichen Ritterorden waltete, in den äußerſten n 1556 Fragen trat die Eine ſchützend für die Andern ein. ſeinen Wie oft dacht' ich nun: Wenn jetzt eine Ceſſion, eine wuden. Abtretung der Eigenthumsrechte an ſeine Familie von n Wien der Hand des Ritters Hugo erxiſtirte, wenn man ein ausge⸗ Teſtament finden könnte, das auswieſe, der fanatiſche roteſtan⸗ Ritter hätte nicht der Kirche, ſondern den Seinigen nthun überlaſſen, was er, wenn auch nur für ſeinen Theil, die den vom Vermögen des Tempelhofes beanſpruchen durſte! . hatte Wären ſolche Urkunden da, ſo ließe ſich darauf hin u let ein juriſtiſcher Feldzug eröffnen, der. 5 Dankmar! unterbrach Siegbert den. Welche nſin Träume! Welche Phantaſieen! Soviel lernt ich ſchon von dir, daß es in dem Rechtsleben Verjährungsfri⸗ ſten gibt, wo keine Klage über eine ſtehengebliebene ugiſin Schuld mehr angenommen wird. Danuf 4 mur ſe⸗ des i⸗ Wie aber, lieber Bruder, ſagte Dankmar ſicher ſch m und bedeutſam lächelnd, wenn in dieſer Angelegenheit, und wie im Wallenſtein'ſchen und andern noch ſchweben⸗ n Dihen den uralten Proceſſen, merkwürdigerweiſe deshalb nichts tgbehn verjährt iſt, weil ſie alle funfzig Jahre widder auf⸗ iehe genommen wurde und ſich in ewigen Proteſten die 6elib Communen mit den Regierungen über jene Hinter⸗ hr Ni 100 laſſenſchaft geſtritten haben? Wie, wenn ſogar unſer Staat, unſer jetziges Miniſterium mit dem Magiſtrat dieſer Stadt hier einen Proceß wegen ſiebzehn alter Tempelhäuſer begonnen hat, deſſen Zuläſſigkeit in höch⸗ ſter Inſtanz längſt entſchieden iſt? Endlich, Bruder, wie, wenn ich dir beweiſen könnte, daß dieſe Häu⸗ ſer— Doch genug, höre, was ich erlebte. Siegbert ſchob die Reſte des Abendimbiſſes fort und lauſchte voll geſpannten aber doch zweifelnden Erſtaunens. Als ich nun an jenem Abend, begann Dankmar wieder in ſeine Erzählung einzulenken, in dem An⸗ bau des Tempelhauſes im Intereſſe der Mutter und ihrer Benutzung dieſer Räume mich orientiren wollte, entdeckte ich an einigen Stellen der Wände des Ar⸗ chivs, daß durch die Reihe der Jahre hier und da Mörtel losgeſprungen war. Mir fiel Dies auf, weil es mir vorkam, als wenn unter der obern Decke, die uur leicht überkalkt ſchien, ſich noch eine andere be⸗ finden müßte, die man nur dürftig überzogen hatte. J ch ziche mein Taſchenmeſſer und fange zu bröckeln an. In der That! Es iſt unter dem etwa einen Finger dicken Ueberwurf noch eine andere geglättete Wand, die mir immer deutlicher entgegentritt, jemehr ich den ſpätern, jedoch ſehr alten Ueberputz ablöſe. tunſet agiſtrat naltet nhöch⸗ Bruder, e Häu⸗ ſes for ifelnden anma en Au⸗ ir und wollt des A⸗ ind da uf, wil dede die dere b n hat va einen gwtut jmeh 101 Noch konnte dieſe Entdeckung auf keinen andern Ge⸗ danken führen als den, daß man vielleicht die früher ſchadhaften Mauern neu hatte herſtellen wollen. Plötz⸗ lich aber fährt mein Meſſer in eine Ritze. Ich kratze ſie weiter auf. Es iſt ein förmlicher Spalt. Ich trenne noch mehr von der obern Wand hinweg; da wird die untere ein von Kalk beſpritzter breterner Wi⸗ derſtand. Ich arbeite weiter. Bald entdeck' ich, daß dieſe Wand gefelgt iſt. Ich klopfe. Es klingt hohl. Ich habe ohne Zweifel einen Schrein vor mir, einen in die Mauer gebauten Wandſchrank. Jetzt hatt' ich keine Ruhe mehr. Ich mußte grünplicher unterſuchen, koſte was es wolle. Es war Nacht geworden. Ich kehrte über den Gang nach der alten Verbindungs⸗ thür mit dem Tempelhauſe zurück. Die Mutter ſchlief ſchon. In der Küche holt' ich mir ein Licht, ein Beil* und einen kleinen Holztritt. So ausgerüſtet, kehrte ich an meine Arbeit zurück. Bis zwei Uhr in der Nacht hatt' ich daran gearbeitet, den obern Putz des gan⸗ zen gewölbten Zimmers herunterzuſchlagen; ich ſelbſt und meine Lampe, wir erſtickten faſt im Kalkſtaub, den ich nicht zum Fenſter hinausleiten mochte, ſon⸗ dern wie einen Dampf durch die Thür auf den Gang und zum Kirchhofe hinausſtreichen ließ. Für die erſte Nacht begnügte ich mich mit der Entdeckung, daß die letzten, wahrſcheinlich proteſtantiſchen Ritter, die das Tempelhaus noch bewohnten, ohne Zweifel vor den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges dies Archiv hatten ſchützen wollen und über die in die Wände ge⸗ mauerten Schränke, um ſie am ſicherſten zu verber⸗ gen, eine ganz neue Wand gezogen hatten. Am Tage darauf ſetzte ich meine einſame Arbeit fort. Niemand hinderte mich, auch der Mutter entdeckt' ich nichts. Ich kannte ihre Aengſtlichkeit und die allgemeine Scheu, in ſolchen Dingen etwas zu thun, ohne gleich der Po⸗ lizei Anzeige zu machen. Die Benutzung dieſer Räume ſtand ihr ja frei. Die Wandſchränke der Zimmer, die wir im Tempelhauſe hatten, ſtanden ihr ja auch offen. Auch hier fanden ſich nun Wandſchränke. Was ſollt' ich zögern, ſie, ſo gut es ging, für unſer Bedürfniß zu öffnen! Ohne einen Schloſſer war Dies freilich nicht möglich. Ich fand glücklicherweiſe einen, der es ganz in der Ordnung fand, daß die Mutter dieſe Ge⸗ laſſe nach Bequemlichkeit benutzen wollte. Der ent⸗ fernte Schutt konnte ihn auf keinen andern Gedanken bringen, als daß hier noch einige Repoſitorien zur Mahl⸗ und Schlachtſteuerverwaltung übriggeblieben waren, zu denen denn,„wie gewöhnlich“, fügte er hinzu, die Actuare den Schlüſſel verloren hätten. Als der Schrank geöffnet war und wieder neue Schub⸗ » . die das or den Archiv inde ge⸗ verbe⸗ ln Tage Niemand nichtö. Schel, der Pr⸗ Räume ner, die ch ofen. as ſoll dürfniß frilch n der es diſe Ge Det ent⸗ edankel rien zut fige er ten. As Sch⸗ K 103 läden zeigte, die dem Schloſſer außzuziehen nicht ein⸗ fallen konnte, war ich geborgen. Ich entdeckte das vollſtändige Archiv der Tempelherren und Johanniter von Angerode, ſeit dem Uebergang der Templerei in den Bruderorden des St.⸗Johannes im Jahre 1320 bis zum Jahre 1636. Alles Das, was ſich auf die Geſchichte des johannitiſchen Tempelhofes ſeit ſeinem Uebertritt zum Proteſtantismus bezog, war auffallen⸗ derweiſe in einem großen eichenen braungebeizten Schrein vereinigt, der auf dem Deckel in erhabener Holzarbeit ein Kreuz zeigte, deſſen Enden in vierblät⸗ terige Kleeblätter ausliefen. Dieſen Schrein nun— Um Gotteswillen, rief Siegbert, den haſt du doch nicht aus dem Amtsgebäude entfernt? Dankmar wollte antworten, aber in dieſem Augen⸗ blick wurde das Gebell des Hofhundes, das ſchon ſeit einigen Minuten wieder begonnen hatte, unerträglich. Die Brüder, ganz vertieft in ihre Mittheilungen, ſahen ſich um. Die Nacht hatte ſich leiſe mit einem durch⸗ ſichtigen Sternenkleide herabgeſenkt. Johanniswürm⸗ chen funkelten ſchon im Graſe. Alles war ſtill, trau⸗ lich, nächtlich, nur der Hofhund machte einen Lärmen, der den gereizten Nerven der Brüder förmlich Schmerz verurſachte. Die Beſtie! rief Dankmar und wollte ſchon hinaus, ₰ 104 um das Thier zur Raiſon zu bringen, als Kathrine die Gartenthür aufſtieß und herüber ſchrie: Er kommt! Gott ſei Dank! rief Dankmar, nahm ſeinen Hut und eilte über alle Beete weg den kürzeſten Weg zum Hofe des Pelikan. Siegbert folgte ihm langſamer und fühlte, als umgäbe ihn geiſterhafter Spuk, nach ſeinen Taſchen. Er erſtaunte, wie Hackert über das Kreuz an der Kirche in Tempelheide ihn ſo richtig hatte aufklären können. Am Stil der Kirche, mußte er ſich jetzt ſagen, fand er, daß ſie allerdings nur aus den Zeiten nach der Reformation herrühren konnte. Aber zu der Aufregung des Bruders wußte er nicht, ob er ſich ihrer freuen oder betrüben ſollte. Sie ſchien ihm zu krankhaft, zu unnatürlich, an Dankmar ganz ungewohnt. Er kannte ihn nur von ſeiner klaren und immer helldenkenden Vernunftſeite. Wenn ihn zum erſten male hier etwas täuſchte, wenn er ſtatt nach dem langſam zu erreichenden Ziele ſeiner gedie⸗ genen Kenntniſſe und ſeiner freimüthigen Geſinnung nach einem Luftphantome griffe! Er folgte tief be⸗ kümmert dem Bruder, indem er die kleinen Wege ein⸗ hielt, die in dem beſcheidenen Gärtchen von den Bee⸗ ten bezeichnet waren. Es war faſt Nacht geworden. Aber im Hofe des —— — 105 Pelikan wurde es lebendiger wie am Tage. Der Hofhund ließ ſein Bellen nicht, ja einige kleine Kläf⸗ fer hatten ſich ihm noch zugeſellt und führten ein ohren⸗ zerreißendes Concert auf. Woher ſie die Witterung hatten, daß der Fuhrmann Peters von Angerode, der Eheherr ihrer jetzigen Herrin Kathrine, ankam, iſt ſchwer zu ſagen. Nur das elektriſch bewegte Schalten und Walten Kathrinens, ihr plötzlicher Aufſchrei: Er kommt! mußte ihnen das Zeichen gegeben haben, daß etwas im Werke und Werden war. Der dicke Peli⸗ kanwirth ſchlorrte, auch ſeinerſeits inſoweit erregt, als in dieſe Fleiſchmaſſe Leben und Bewegung kommen konnte, auf und ab. Der gute Mann mußte gewohnt ſein, beherrſcht zu werden, ſonſt würde er nach dem Tode der Pelikanwirthin ſich nicht ſo ganz fremden, untergeordneten Menſchen in die Arme geworfen ha⸗ ben. Kathrine zeigte ſich jetzt in der Art, wie ſie einen Stall⸗ und Hausfnecht zur Vorbereitung des Em⸗ pfangs zurechtwies und eine andere Magd ſchalt, die die Einfahrt des Thorwegs mit Kücheneimern und Beſen verſtellt hatte, als die eigentliche Herrin des Ganzen, die die Umſtände dieſes Gaſthauſes klug zu ihrem Vortheil benutzt hatte. Doch war ſie heute nicht ganz ſo froh, wie ſonſt, wenn Peters von Angerode anfuhr. 106 Ich weiß nicht, ſagte ſie, iſt er ſo müde oder was hat er, daß er auch nicht einmal mit der Peitſche klatſcht! Sonſt hörte man ihn ſchon vom Chauſſée⸗ einnehmer her, ſoviel knallte er, daß es die ganze Vorſtadt wußte: der Peters iſt da. Und heute.. es muß wol das Rad ſein. Wo ſoll's auch hin⸗ aus, wenn man in ſchlechten Zeiten auch noch die Achſe bricht! Der Wagen geht ihm nahe, das ganze Geſchäft! Er weiß, daß es nichts mehr taugt und in den Ofen geſchoben werden muß, ſtatt in die Remiſe. Die Erwähnung der Remiſe brachte ſie wieder darauf, daß der Hausknecht ihre Thorflügel nicht weit genug geöffnet hätte. Muß man denn überall ſeine Augen haben! pol⸗ terte ſie ſich in einen künſtlichen Zorn hinein. Wird denn nichts geſchafft, wenn man's nicht ſelber an⸗ greift und Jeden mit der Naſe darauf ſtößt! Jä Musje Siegbert, da ſehen Sie, daß es in Thaldüren nicht allein etwas zu ſchaffen gab! Hier fehlt uns aber ſo ein langer Matthes, wie auf dem Pfarrhofe, der den ganzen Tag wetterte und die Faulen anhetzte. Matthes fluchte den ganzen Tag, und wenn's der Herr Vater merkte und's ihm verwies, ſagte der alte Spitzbube: wo ſoviel gebetet wird, Herr Pfarrer, ——— 107 kann auch einmal ein bischen geflucht werden, ſonſt kommt Eins in den Himmel zu zeitig. Siegbert freute ſich der Erwähnung des alten Matthes aus ihrer Knabenzeit, Dankmar aber hörte nicht mehr darauf, ſo erfüllte ihn Peters' An⸗ kunft. Er ſah in dem von einigen Lämpchen er⸗ hellten Zwielicht der Landſtraße den großen Wagen auf dem ſchlechten Pflaſter langſam herantaumeln. Hohl dröhnten die krachenden großen Räder her— auf. Er blieb wieder ſtehen, nachdem er dem Wa⸗ gen einige Schritte entgegengegangen war. Kath⸗ rine, die bald in der Küche, bald im Stall, bald auf der Straße war, ſagte jedesmal, wenn ſie wie⸗ der ausſchaute: Ach! ach! wie'ne Schnecke! Was wird er müde ſein und wie ärgerlich! Und er klatſcht nicht! Er klatſcht nicht! Das iſt ſchlimm... Endlich war denn der große, mit grauen Leinen überſpannte Wagen dicht am Pelikan. Drei ſchellen⸗ behangene Pferde zogen ihn. Peters in blauer Blouſe ſchritt zur Linken. Er hinkte etwas. Wie der Fuhr⸗ mann beim Schein einer Laterne Dankmarn erkannte, ſagte er mit ſonderbarem heiſern Tone: Dacht' mir's! Dacht mir's! Guten Abend—! Ihr habt Unglück gehabt, Peters? begrüßte ihn r* —— 108 Dankmar. Doch Alles wohl verwahrt? Sonſt keinen Schaden genommen? Jeſus! ſchrie auch in dieſem Augenblicke ſeine Frau; du hinkſt ja, Menſch? Du haſt Schaden genommen.. Guten Abend! ſagte Peters mit gedämpftem Ton und lenkte die müden Pferde in den Thorweg ein. Dem dicken Wirth galt ein zweiter Gruß. Doch hätt' er ihn bald an die Wand des engen Thorwegs an⸗ quetſchen können, wenn er nicht raſch in die Wirths⸗ ſtube retirirt wäre. Endlich ſtanden Pferde und Wa⸗ gen im Hof. Kathrine, Siegbert, Dankmar dräng⸗ ten ſich an den Fuhrmann, der in dem Augenblicke, als er das Ziel ſeiner Fahrt erreicht hatte, einen Schmerzensſchrei ausſtößt und zuſammenſinkt. Was iſt? Gott im Himmel! Peters! ſo ſcholl es durcheinander. Kathrine wirft ſich über ihren Mann. Der Wirth zum Pelikan ruft: Waſſer! Siegbert tritt geängſtigt näher. Dankmar faßt des in halber Ohn⸗ macht daliegenden Mannes Hand. Was iſt Euch, Peters? Seid Ihr krank? Erholt Euch! Ich überleb's nicht, ſtöhnte der von innerer Qual gefolterte Mann, ich überleb's nicht. Aber Peters, ſuchte ihn ſein Weib zu beruhigen, erkennſt du nicht die jungen Herren? Was haſt du? Iſt's dein Bein, was dich ſchmerzt? Der Wagen iſt ————————————— W ——— 109 auf dich gefallen, als das Rad brach? Sollen wir Leinen in Waſſer tauchen? Willſt du naſſe Leinen auflegen? Sprich nur was, um Gotteswillen! Statt aller Antwort ſchüttelte Peters heftig mit dem Kopf und lehnte mit der Hand jede Hülfflei⸗ ſtung ab. Ich erkenne die Herren wohl, begann er endlich, als Alles geſpannt lauſchte, aber vergeben Sie's mir, Herr Dankmar,.. Gott iſt mein Zeuge... Peters! rief Dankmar von einer Ahnung ergriffen; der Schrein— Iſt fort! ſagte Peters dumpf und ſeine Geſichts⸗ züge verzogen ſich wie das Lächeln eines Wahnſin⸗ nigen. Grimmiger Zorn packte Dankmarn. Menſch! ſchrie er und rannte an den Wagen, um das Leintuch abzureißen. Er ſah Kiſten, Fäſſer, Bal⸗ len genug. Der Schrein iſt da! Verpackt unter den andern! Du irrſt, Peters! Fort! ſtöhnte Peters dumpf. Kathrine brach in ein lautes Schluchzen aus. Die Hunde bellten nicht mehr. Der Pelikanwirth mußte ſich erſchöpft und ermüdet auf einen Futterkaſten an dem Stalle ſetzen. Der Hausknecht löſte ſtill die Pferde von der Deichſel und nahm ihnen die Schel⸗ —— —— 110 lenhalſter ab. Müd und wie traurig und mit böſem Gewiſſen ſchlichen die armen Gäule in den Stall. Alles ſtumm im Hofe und faſt geſpenſtiſch... Siegbert, der ſeinen Bruder fürchterlich leiden ſah, nicht minder wie den unglücklichen Fuhrmann, ergriff endlich das Wort und ſagte: Erinnert Ihr Euch auch, den Schrein wirklich auf⸗ geladen zu haben? Ha! ha! war die ganze Antwort. Wo entſinnt Ihr Euch, daß Ihr ihn zuerſt ver⸗ mißtet, fuhr Siegbert fort. Hinter Hohenberg und Pleſſen! antwortete der Fuhrmann. Auf freiem Feld? Im Dorfe Pleſſen, an der Schmiede. Wo Ihr das Rad herſtellen ließet, das gebro⸗ chen war? Dort. Der Wagen mußte abgeladen werden? Das mußt' er. Ihr waret indeß in der Schmiede, wo das Rad hergerichtet wurde? Ich lag halbtodt. Armer Mann! Man muß Mitleid mit Euch ha⸗ ben. Aber der Schrein war meinem Bruder von „ m l. f⸗ l⸗ et. o⸗ ad 3 E on Werth. Er enthielt Documente von ſeltener Wichtig⸗ keit. Er würde ihn ſelbſt mit ſich geführt haben, wenn er nicht noch im Harz Geſchäfte gehabt hätte. Er glaubte den Schrein Euch auf die Seele gebun⸗ den zu haben. Er war's auch. Aber Ihr wurdet von dem Sturz des Wagens ohnmächtig. Ihr wußtet vielleicht nicht, daß man, um das Rad herſtellen zu können, die Laſt des Wa⸗ gens erleichtern mußte. Man packte ihn ab, und als Ihr Euch erholt hattet, als das Rad fertig war und Ihr, unterſtützt von den Leuten in Pleſſen, weiterfah⸗ ren konntet, vermißtet Ihr erſt das anvertraute Gut? O nein, ſagte Peters und richtete ſich mühſam auf. Als ich mich erholte, ſchalt ich, daß man in der Schmiede ſo ſchlechte Hebebäume hatte, um nicht ein⸗ mal einen ſo leichten Wagen unabgepackt zu laſſen. Ich fluchte, wie man mir meine Fracht abladen konnte. Ich raffte, es war in der Dämmerung des Morgens — denn ich fuhr der Hitze wegen in der Nacht— ich raffte gleich Alles zuſammen, was um die Achſe zerſtreut herumlag. Ich wußte, wo der Schrein ſtand, ich hatte ihn immer im Auge, ihn, der mir ſo heilig anvertraut war. Ich faßte wol alle Stunden an die Leinwand, ob ich auch noch das Kreuz auf dem Deckel 112 fühlte. Nach dem faßt ich zuerſt. Ich find' es nicht, das Kreuz auf dem Holze iſt nicht da. In meiner Ohnmacht hatte man abgeladen, Alles auf dem Wege liegen laſſen und war mit dem Rad an die Schmiede gegehigen, von der mir funßig Schritte weit das Un⸗ glück paſſirte. O Gott! Wie war mir, als ich den Schrein nicht fand! Noch vor einer halben Stunde hatte ich das Kreuz gefühlt.... Um zwei Uhr Nachts fuhr ich aus. Um halb Drei brach das Rad; der Wagen ſtürzte ſo, daß mein Bein gequetſcht wurde. Ich ſchrie auf und rief und jammerte. Man kam zur Hülfe. Eine halbe Stunde mocht ich betäubt gelegen haben. Nachdem hink' ich und ſehe mich allein unter meinen abgeladenen Gütern. Der Mond ſtand noch am Himmel. Alles ſtill. Kein Menſch um mich. Nur im Schloſſe Hohenberg oben entdeckt' ich helle Fenſter.... Muſik, wie von einem Tanz her, den ſie dort bis an den Morgen hielten, und von der Schmiede hört' ich die Hammerſchläge. Der Morgen graute. Ich überſehe meine Güter. Die talten Umſchläge, die man dem Bein gegeben, hatten ihm gut gethan. Ich konnte leidlich gehen. Dal Mein erſter Blick ſucht den Schrein, ich find' ihn nicht. Jeſus! Es war mir in meiner Betäubung, als hätt' ich einen Mann geſehen, der ihn forttrug; ich ſch ect und Der Die tten Dal ihn unh m einen Mann in einem Mantel.... Ich hörte den Schrein an einem Steine poltern; denn er war ſchwer zu tragen, genau gewogen, ſechsundvierzig Pfund und ein halbes. Ich ſag' es noch— es war kein un — geraubt iſt der Schrein. Geſtohlen iſt er, das ſchwör' ich zu Gott. Ich ſchlug Lärm, rief den Schmied, ſeinen Geſellen. Ich will den Schrein ſehen! Die Leute waren halb verſchlafen, hatten kaum gewußt, was ſie abluden. Sie hatten nur auf mein Jammern und das Winſeln meines Hundes gehört... Wo iſt Bello? rief Kathrine, jetzt erſt fühlend, was ihr gefehlt hatte. Bello. Bello hat bei dem Sturz ein Bein ge⸗ brochen, ſagte der Fuhrmann ächzend. Bello iſt todt! jammerte ſein Weib. Wenn ihn der Schmied nicht heilt, vielleicht! ſagte Peters und fuhr mühſam fort: Das Schreien und Winſeln des Thieres weckte den Schmied, ich lag in Ohnmacht. Bello blieb beim Wagen und winſelte. Ich hörte ihn in meinem Zuſtand, als man mir die Umſchläge machte. Ich frug ihn, den Bello, ja den Hund, als ich erwachte, nach dem Schrein. Das Thier verſtand mich und heulte und winſelte und hörte nicht auf zu bellen. Die Ritter vom Geiſte. I. 8 Aber es hatte den Dieb nicht feſthalten, mich nicht wecken können. Da lag ich elend, da lag mein treues Thier, zerſtreut meine Fracht und ein Räu⸗ ber umſchlich uns, der, ich ſchwör's— uns beſtoh⸗ len hat! Sich ausſprechen und ſein Unglück erzählen kön⸗ nen, ſchien den Fuhrmann etwas zu erleichtern. Nach einer Weile fuhr er, während Dankmar ſtarr brütend zuhörte, fort: Das Dorf Pleſſen liegt am Fuße des Schloſſes Hohenberg. Mit meinem hinkenden Beine ſchleppte ich mich an alle Thüren und rief den ganzen Ort wach. Es war vier Uhr. Oben auf dem Schloſſe erloſchen allmälig die Lichter. Einzelne Wagen fuh⸗ ren herunter. Man hatte ein Feſt gefeiert, das nun zu Ende war. Jeden Wagen hielt ich an und fragte nach meinem verlorenen Gute. Die geputzten Gäſte lachten mich aus und antworteten, ich ſollte ſie ſchla⸗ fen laſſen. Den Ortsvorſtand holt' ich aus dem Bett. Ich verlangte, daß der Schmied und ſein Geſell feſt⸗ genommen würden, und doch kannt' ich Beide als ehrliche Leute ſeit Jahren, und ich ſchämte mich, ſie für Diebe zu halten. Auch ließ ich ſie frei und bei meinem Rade. Der Schmied iſt blind, ſein Sohn taub. Die ſind ehrlich. Aber das ganze Dorf bot ge iſte la⸗ eſt⸗ als ſi bei ehn bot ich auf und geſucht wurde überall, hinter jedem Strauch, in jedem Graben; aber der Schrein blieb verloren. Gott weiß es, in welches Teufels Hand er gekommen! Was ſollt' ich thun? Das Rad war hergeſtellt, der Wagen fertig, mein Hund blieb beim Schmied, der ihn heilen will. O Gott! Was ſollt ich thun? Der Ortsvorſtand verſprach mir auf Ehr' und Seligkeit, Alles anzuſtellen, um den Gaunerſtreich zu entdecken. Meine Lieferungszeit für die Güter iſt auf Tag und Stunde berechnet. Ich mußte fort. Die Thiere zogen den Wagen und mich. Gehen konnt' ich wenig, ich hinkte. Da bin ich nun, Herr! Ma⸗ chen Sie mit mir, was Sie wollen. Der Schrein iſt geſtohlen. Nach einigem Bedenken ſah Dankmar nach ſeiner Taſchenuhr. Es war halb Zehn. Wie weit iſt's bis Hohenberg und Pleſſen? fragte er raſch. Wir rechnen vierzehn Meilen. Es ſind dreizehn ein halb, ſagte Peters. Bin ich mit einem Einſpänner morgen Mittag da? fragte Dankmar weiter. Bis morgen Abend, wenn's ein guter Gaul iſt und Sie ihm dann und wann einige Ruhe gönnen. Herr Wirth, ſagte Dankmar, ich ſah in Ihrer 8* 116 Remiſe einen Einſpänner ſtehen. Pferde haben Sie im Stall. Wollen Sie für mich einſpannen laſſen? In zwei, drei Tagen bin ich wieder da. Bruder, fiel Siegbert erſchrocken ein, iſt dir der Verluſt denn wirklich ſoviel werth, daß es dir an einem Aufruf in den Zeitungen und einer Anzeige an die dortige Behörde nicht genügt? Ich bitte dich! erwiderte Dankmar mit großer Be⸗ ſtimmtheit. Mache gegen ein Unternehmen keine Ein⸗ wendung, das mit meinen künftig wichtigſten Lebens⸗ planen in zu naher Verbindung ſteht. Es iſt ja nicht um dieſen Schrein; es iſt nicht um dieſen zeitlichen Gewinn; es iſt um etwas Höheres, das in mein und dein ganzes Leben eingreifen ſo Damit trat er näher und flüſterte dem Bruder halblaut zu: Siegbert, haſt du Geld bei dir, ſo gib! Oder meinſt du, daß der Wirth uns zwanzig Thaler vor⸗ ſchießt? Du ſchickſt ſie ihm morgen wieder. Siegbert ſchien der Säckelmeiſter der Brüder zu ſein. Er verwaltete das höchſt ſchwierige Amt, zwei jungen Männern, die noch keine ſichere Lebensſtellung hatten, ſoviel Hülfsmittel durch weiſe Oekonomie bei⸗ ſammen zu halten, daß ſie immer mit leidlichem An⸗ ſtand in der Welt beſtehen konnten. Er murmelte einige ſonderbare Worte, die wie ein keineswegs günſtiger Kaſſenüberſchlag klangen. Die Reiſe nach Angerode hat Geld gekoſtet, ſagte Dankmar ungeduldig... Und mein Bild iſt noch nicht verkauft, fiel Sieg⸗ bert in jenem murmelnden bedenklichen Tone ein, der auf eine augenblickliche finanzielle Ebbe zu deuten ſchien. Aber was machen wir uns denn für Sorge! fuhr Dankmar plötzlich auf. Du haſt ja hundert Thaler bei dir. Ich— hundert Thaler? Was fällt dir ein? Wozu die Bedenklichkeiten! Der Rothkopf iſt ein Capitaliſt, der mit unſern Zinſen zufrieden iſt. Sahſt du denn nicht, daß er uns ein Zwangsdarlehen auf⸗ drängte? Gieb nur her! Zwanzig Thaler genügen. Für das Uebrige wird unſer Schutzgeiſt ſorgen. Siegbert, faſt voll Entrüſtung, zögerte Es iſt Unrecht von dir, mich in ſolche Verſuchungen zu führen! ſagte er; dein abenteuerlicher, mir jetzt noch lächerlicher Schrein! Ich verſtehe dein archivaliſches Unglück gar nicht, kann deine finanzielle Ungeduld gar nicht ſchätzen... Was weiß ich denn, was hier ſo Wichtiges auf dem Spiele ſteht! Ich will nicht ſagen, daß ich— er lenkte dabei freundlicher ein— 118 zu Hauſe aus unſerm Staatsſchatze dieſe zwanzig Thaler nicht wieder ergänzen könnte.. Das kannſt du? rief Dankmar. So günſtig ſteht die Bilanz der Gebrüder Wildungen? Und da quälſt du mich mit einer Miene, die ausſieht wie ein öſter⸗ reichiſcher Bankbericht? Her das Packet! Zwanzig von hundert bleiben achtzig! Wir ſollten geizen, wir, die wir Pferde an Landſtreicher verſchenken, claſſiſche Bilder malen, ohne ſie zu verkaufen, wir, die wir eine Anſtellung im Staate ſo lange verachten, bis ſich der Staat gebeſſert hat und würdig zeigt, einem Mann von Grundſätzen jährlich achtzehnhundert Thaler Ge⸗ halt zu geben, wir, die wir die arrangirteſten jungen Weltverbeſſerer ſind, die nur jemals das Wort Cre⸗ dit und das Geld überhaupt verachtet haben! Solchem Humor konnte Siegbert nicht widerſtehen. Er trat hinter den großen Packwagen, griff in die Taſche, löſte das Packet und zählte dem Bruder ſo⸗ viel Scheine ab, als er gewünſcht hatte. Während⸗ dem wurde ſchon die kleine Kaleſche aus der Remiſe gezogen, die Stalllaterne leuchtete einem Pferde vor⸗ aus, das langſam mit gebücktem Halſe über den Hof ſchlich, in die Gabel des Wägelchens vom Haus⸗ knecht eingeſchoben und angeſchirrt wurde. Kathrine und Peters waren inzwiſchen verſchwunden. 119 Und nun... wer fährt Sie jetzt? fragte der Pe⸗ likanwirth, der mit Gutmüthigkeit an Dankmar's Ver⸗ luſt den innigſten Antheil nahm. Ich ſelbſt! Ich ſelbſt! Nur die Peitſche her! O, Das nicht, Herr! Das macht Sie müd und matt. Kaſpar, da mein Knecht, geht mit. Die Peitſche geholt, Kaſpar! Die Decke auf den Bock! Sapper⸗ lot, ſchläft der Kerl ſchon um die zehnte Stunde im Gehen! Hört und ſieht nicht, was um ihn vorgeht! Kaſpar! Schon wollte ſich Kaſpar, aufgerüttelt von ſeinem Herrn, der in fremder Ermüdung nur ſeine eigene vertüſchen wollte, anſchicken, dem Befehle zu folgen, als aus der Dunkelheit eine Stimme ertönte und die Worte vernehmbar wurden: Wecken Sie doch den Kaſpar nicht aus ſeinen ſüßen Träumen, Herr Wirth. Er ſehnt ſich, ſehen Sie nur, nach einem tiefen Chauſſeegraben, in den er den Herrn hineinfahren wird. Wenn Sie erlau⸗ ben, meine Herren, mach' ich mir das Vergnügen d Der Sprecher brach ab und trat vor. Es war Hackert. Die Stalllaterne beleuchtete ſeine magere Geſtalt und gab ihr im Zwielicht ein unheimliches, verwittertes Ausſehen. Er hatte die Hände in den — — 20 Beinkleidertaſchen, als fröſtle ihn. Das Halstuch hing über dem zugeknöpften Frack herab in langen, loſen Zipfeln. Sind Sie ſchon wieder da? fragte Dankmar er⸗ ſtaunt, während Siegbert in eine unbeſchreibliche, faſt tomiſche Angſt gerieth. Er gedachte, wie es nun wer⸗ den ſollte, wenn der ſonderbare Fremde jetzt ſein ver⸗ untreutes Pfand wieder verlangte. Ich habe den Levi auf Ihren nächſten Händedruck vertröſtet, ſagte Hackert. Jude bleibt doch Jude und wenn er auch Sporen an den Stiefeln trägt. Der alte Schimmel, der unter Roßtäuſchern groß gewor⸗ den iſt und mehr Hengſte gewallacht hat als mancher Beſchnittene Dukaten wallacht, iſt mein Freund nicht. Er meinte, es hat gute Wege— Und war doch froh, daß er ſein Pferd wieder be⸗ kam? entgegnete Dankmar forſchend und wiederum zu Siegbert hinüberlugend, der vor Schreck über dieſe raſche Wiederkehr Hackert's faſt ſprachlos ge⸗ worden war. Die Mähre läßt ſich's ſchmecken, als wenn ſie ein Wettrennen mitgemacht hätte. Sie ſehen übri⸗ gens, daß ich mit Pferden umzugehen verſtehe. Wenn's Ihnen recht iſt, fahr' ich Sie nach Hohenberg und helf' Ihnen die Kiſte mit dem Kreuz ſuchen. Sehen Sie, Herr Maler da hinten, ich bin curios, ob das ein drei⸗ oder ein vierblätteriges Kreuz ſein wird! Gleichviel, wenn wir das Ding nur wiederfinden! Dankmar horchte hoch auf. Siegbert erzählte dem Bruder in wenig Worten, daß er die Bemerkung über ein ähnliches Kreuz an der Kirche zu Tempelheide die⸗ ſem gefälligen Herrn Hackert verdanke. Hackert! Ganz Recht! Das iſt mein Name! ſagte dieſer⸗ und ich denke, ich fahre Sie nach Hohenberg. Wir treffen dort Geſellſchaft. Laſally und ſeine Jo⸗ keys ſind dort— ſonſt freilich... Sonſt? wiederholte Dankmar, als Hackert ſtockte. Sonſt— ſagte Hackert und griff nach der Peitſche, die Kaſpar geholt hatte. Mit einer Bewegung der Arme holte er aus und knallte. Er ſchien die Ant⸗ wort vermeiden zu wollen. Kaſpar und der Pelikanwirth ſchienen wenig Ver⸗ trauen zu dem aufdringlichen Mann zu haben und brummten vor ſich her. Siegbert kämpfte wieder mit dem Gefühl, daß Hackert doch wol ein zweideutiger, ihres Vertrauens unwürdiger Menſch wäre, und bangte vor dem Gedanken, den geliebten Bruder mit einem im Feld herumſchleichenden Tagediebe, einem abge⸗ ſetzten Schreiber, allein zu laſſen. Allein Dankmar, der vom Bruder beſorgen mußte, daß er, um nur 122 den Antrag Hackert's ablehnen zu können, die ihm eben zugezählte Summe von zwanzig Thalern zurück⸗ fodern würde, ſchnitt alle weitern Verhandlungen mit den Worten ab: Steigen Sie auf, wenn's Ihr Ernſt iſt! Machen wir nun vorwärts. Gut denn! Es iſt mein völliger Ernſt. Aber wenn ich nun bitten dürfte... Dabei hatte ihn Dankmar ſchon auf den Bock gehoben. Der Wirth warf die Decke und einen alten Mantel nach. Erlauben Sie aber noch, ſagte Hackert, ſich zu Siegbert umwendend, erlauben Sie nur noch— zur Reiſe braucht man Geld— darf ich um mein Pfand bitten— Ihr Pfand behält mein Bruder, ſagte Dankmar raſch entſchloſſen. Wer verbürgt mir, daß Sie den Gaul richtig abgeliefert haben? Henker! Was? rief Hackert und richtete ſich auf dem Bocke hoch auf. Sie wollten.. Aber in demſelben Augenblicke ſchlug Dankmar mit der Peitſche ſchon auf das Thier ein, rief: Allez! und ohne weitern Abſchied zu nehmen, jagte er aus dem Thorweg hinaus, ſchwenkte rechts um und hielt Hackerten, der immer ſchrie: Halt! halt! 123 Laſſen Sie mich! auf dem Bocke feſt, wie Einen, den man mit Gewalt entführt. So flogen ſie von i Siegbert wußte nicht, wie ihm dabei geſchah. Es ſchien ihm bald, als wenn Hackert, wie er das Pferd entwendet hätte, ſo vielleicht auch Abſichten auf das Fuhrwerk hegte. Bald ſchlug er ſich wieder an die Stirn über die Gefahr, in die er ſeinen Bruder ſich ſtürzen ſah. Zuletzt mußte er lachen, wenn er be⸗ dachte, mit welcher Geiſtesgegenwart Dankmar plötz⸗ lich alle Verlegenheiten über die Rückgabe der hun⸗ dert Thaler abgebrochen hatte. Ein Eingeſtändniß an Hackert, daß man von ihm das im Augenblicke ſo nöthige Reiſegeld hätte borgen müſſen, wär' ihm zu peinlich geweſen. Ihm ſchwindelte, wenn er bedachte, wie faſt gewaltſam der Zufall heute dieſen Fremden in ſein Leben gedrängt hatte— und nun war er mit dem Bruder unterwegs! Der Wagen raſſelte noch eine Weile. Dann keine Spur mehr. Wer iſt der Menſch? fragte der Pelikanwirth. Als Siegbert ſchwieg, beſtätigte Kaſpar, daß er während Peters' Erzählung in den Hof hineingetreten wäre und zugehört hätte. Siegbert beſann ſich, daß er dem Bruder die zwanzig Thaler glücklicherweiſe hinter dem großen Frachtwagen, alſo von Hackert ungeſehen, zu⸗ . 124 gezählt hatte. Erſt wieder von da hervortretend, wur⸗ den ſie von ihm angeredet. Zu dem Allem kam noch Kathrine weinend über das Elend ihres Mannes. Er hatte ihr die ſämmt⸗ lichen Declarationen ſeiner Fracht eingehändigt und ſich wie ein Sterbender ins Bett geworfen mit den Worten: Mach du nun Alles ab: ich werde wol recht lange krank liegen! Von da an hätt' er nichts mehr hören und ſehen, auch nichts mehr genießen mögen. Siegbert verſagte der weinenden Frau nichts von ſei⸗ ner Theilnahme, bezahlte ſeine Schuld und verſprach ihr und dem Pelikanwirth aus der Stadt ſogleich einen Arzt zu ſchicken. Er ging und zuerſt zu dem nächſten Arzte, den ihm der Pelikanwirth bezeichnet hatte. Dann aber trieb es ihn in die Laſally'ſche Reitbahn, um zu hö⸗ ren, ob Hackert wirklich das Pferd abgeliefert. Im Gewühl der Stadt angekommen, hörte und ſah er nichts von den Menſchen, die an ihm ſpät Abends noch vorüberſtreiften, ſo erfüllt war er von Angſt und Schrecken über die fernern Begegniſſe ſeines Bruders, der ihm einem Phantome nachzujagen ſchien, für das ihm jede reelle Anknüpfung fehlte! Nur der eine Gedanke wurde ihm in dieſem Tumulte zuletzt licht und klar, der ihm heimlich und geiſterhaft zuflüſterte: 125 Man tanzt in Hohenberg bis tief in die Nacht! Dankmar wird Melanie ſehen! Melanie unter ge⸗ putzten Gäſten! Melanie, die Schönſte der Sylphiden, die im Mondenſchein ſchlüpfen! Melanie in Hohen⸗ berg, umſchwärmt von Laſally und den jungen Stutzern der Reſidenz, die ihr zudringlich genug aufs Land ge⸗ folgt ſind! Melanie, der bezaubernde Mittelpunkt einer in ihrem Anſchauen ſchwelgenden Geſellſchaft.... Die Geigen tönen— die Säle ſind erleuchtet— die Blumendüfte einer ſchönen, reizenden Natur dringen durch die geöffneten Fenſter— die Sterne funkeln— der Mond flimmert— Melanie und mein Bruder in Hohenberg.. Da bemerkte Siegbert, daß er ſchon auf der Otto⸗ karſtraße war, in welcher die geſchmackvoll angelegte Reitſchule des jungen ſtadtbekannten Laſally lag. Es ſchlug zehn Uhr, als er heftig die Glocke des großen Thorwegs zog. Fünttes Capitel. Der Heidekrug. Dämmerung umhüllte die kleinen tempelheider An⸗ höhen. An einem linden Hauch aus Weſten erfriſch⸗ ten die Bäume am Wege ihr beſtäubtes Laub. Leichte Wölkchen, die ſich am Rande des tiefblauen Hori⸗ zonts vor die blitzenden Sterne legten, verhießen viel⸗ leicht für den Morgen einen erquickenden Regen, deſ⸗ ſen die Natur ſo bedürftig war. Von der großen Stadt her, die fern im Thale abwärts noch wie ein Lichtmeer wogte, ſchlugen die Thurmuhren die zehnte Stunde. Deutlich trug der Weſtwind Schlag auf Schlag herüber zu dem einſamen Fuhrwerk, das der aus dem Schlaf geweckte Gaul des Pelikanwirthes noch ziemlich langſam zog; denn auch der Weg ging jetzt ſteil aufwärts. Den beiden Paſſagieren, die wohl fühlten, daß ihnen vor allen Dingen Verſtändigung noththat, kam ch⸗ hte Ni⸗ 127 dieſer mäßige Schritt zuſtatten. Dankmar drückte ſich in die Rückwand des kleinen Wagens, Hackert führte auf dem Vorderſitze die Peitſche. Beide ſchienen ernſt⸗ lich zu überlegen, wie ſie ſo plötzlich in dieſe nahe Verbindung gekommen waren. Dankmar, der außer der nächſten Unbequemlichkeit einer zweideutigen, an ihn geketteten Bekanntſchaft noch die viel größere Laſt des Verluſtes ſeiner werthvollen Papiere zu tragen hatte, entſchloß ſich, um Raum zur Erwägung ſeines plötzlichen Reiſezwecks zu gewinnen und ungeſtört über die Wege nachdenken zu können, die er zur Wiedererlan⸗ gung ſeines Schatzes würde einſchlagen müſſen, lieber vorerſt das nächſte Unbehagen abzuſchütteln und ſich, ſo⸗ weit es bei der zweifelhaften Ehrlichkeit ſeines Vorderman⸗ nes möglich war, über dieſe wunderliche, aufdringliche Begegnung zu verſtändigen. So begann er denn kurz vor Tempelheide, als ſie langſamer die Höhe hinauffuhren: Jene Kirche da hat Sie mit meinem Bruder be⸗ kanntgemacht? Hackert antwortete nicht. Sie haben ihm Aufſchlüſſe über eine gewiſſe Gat⸗ tung proteſtantiſcher Johanniterkreuze gegeben? fuhr Dankmar fort. Das Korn der blinden Henne! war Alles, was Hackert kurzab antwortete. S——— — —— 128 Damit war die erſte Annäherung ſchon wieder abgebrochen. Dankmar kopfſchüttelnd, ſah zur Kirche, zum Parke, zum Schloſſe des alten Präſidenten hinüber. Tiefe Stille, nächtliches, friedliches Walten.... Eben wollte er wieder eine abgeriſſene Bemerkung an Hackert richten, als von dem düſtern Parke her die Töne einer wahrſcheinlich dort aufgehängten Aeols⸗ harfe erklangen. Es war ein zauberhafter Accord, der der ſchweig⸗ ſamen Nacht eine geiſterhafte Feierlichkeit, die Stim⸗ mung einer wehmüthigen Melancholie gab. Die Anhöhe ging ſteil. Dankmar konnte den wei⸗ chen Tönen aufmerkſam lauſchen und einige noch helle Fenſter des kleinen Schloſſes länger im Auge behal⸗ ten. Es war ihm, als bemerkte er an dieſen Fen⸗ ſtern eine weibliche Geſtalt, die ſicher wie er, aber ohne Zweifel mit unendlich ruhigern und mildern Ge⸗ fühlen, dem ſanften, melodiſchen Geſäuſel des Parkes lauſchte.. Hackert erkannte die Dame, die Siegbert Wildun⸗ gen den labenden Trunk geſchickt hatte. Für die Aeolsharfe, für den träumeriſchen Blick jener, wie es ſchien, leidenden und tieftrauernden Frau zu den Ster⸗ nen empor hatte er keine Empfindung. Er ſchien in un⸗ die 3 e eo n in völlige Apathie oder in tiefes nachdenkliches Grübeln verſunken. Die nächtlich ſtille Scene, verklärt von den Ster⸗ nen und dem klagenden Lufthauche vom düſtern Parke her, wurde oben von einem heftigen thieriſchen Ge⸗ krächze geſtört, das die Accorde der Aeolsharfe über⸗ tönte. Dankmar beſann ſich. Er wußte, daß der oberſte Chef aller Juſtizcollegien ein großer Freund der Thierſeele war und ſich in Studien über die Tem⸗ peramente, Inſtincte und Angewöhnungen wilder und zahmer Beſtien einen Namen erworben hatte. Er ſah noch, daß die weibliche Erſcheinung, wol auch er⸗ ſchreckt durch die Störung ihrer ſtillen Abendandacht, vom Fenſter verſchwand, und fuhr jetzt bergab, ver⸗ folgt von einem wirren Durcheinander der, wie es ſchien, durch Hackert's Peitſche wachgewordenen Me⸗ nagerie des alten Präſidenten. Ein düſterer Tannen⸗ wald nahm bald das kleine Fuhrwerk auf. Wie Dankmar ſeinen Vordermann ſo ſchweigſam und ſtillergeben in ſeine Kutſcherrolle fand, rückte er zur weitern Verſtändigung mit der aufrichtigen Er⸗ klärung heraus: Sagen Sie mir aber bei dieſer Gelegenheit, beſter Freund, für was halte ich Sie? Sind Sie Cavalier oder eine Art Commiſſionair? Die Ritter vom Geiſte. I. 9 130 Sie ſtaunen über meine reſolute Art, Geſchäfte zu machen? ſagte Hackert, ohne ſich umzuwenden. Allerdings. Sie reiten mir ein Pferd in den Stall, Sie bieten ſich mir als Kutſcher an. Ich über⸗ lege, wieviel ich Ihnen für dieſe Erpedition nach dem Schloſſe Hohenberg zu bezahlen habe. Bieten Sie! ſagte Hackert faſt höhniſch. Bieten Sie“ wiederholte ſich Dankmar. Gut, dachte er, wir wollen bieten. Drei Thaler, beſter Freund! Ich rechne dabei noch die Mühe für das hoffentlich abgelieferte Pferd. Wie Dankmar hierauf geſpannt die Erwiderung abwartete, hielt Hackert plötzlich ſtill, legte die Peitſche neben ſich hin und wendete ſich mit verdächtiger Miene rückwärts. Nun? ſprang Dankmar auf und maß ſeinen Vor⸗ dermann, deſſen Benehmen in dieſem düſtern Tannen⸗ walde ſonderbar genug ausſah. Das Pferd hab' ich geritten, ſagte Hackert er⸗ grimmt, weil ich's gern that und weil Ihr Bruder mir Freundlichkeiten erwies, ohne mich zu kennen. Ich hab's gethan aus noch einem andern Grunde, den Sie künftig einmal hören ſollen, wenn wir uns beſſer verſtehen, als es bisjetzt den Anſchein hat. Zum Fahren nach Hohenberg erbot ich mich, weil ich in „Geſchfte zuwenden. ſerd in den on vach dem Vo ſeinen ern Tanne Hohenberg zu khun habe. Ein Kutſcher bin ich nicht, fahre auch jetzt keinen Schritt weiter, wenn Sie mir hier nicht auf der Stelle geſtatten, neben Ihnen zu ſitzen. In Hohenberg aber fahren Sie, ich ſteige dort aus oder bin gleichſam Ihr Freund, verſtehen Sie? Nicht um hunde Thaler fahre ich Sie in Hohenberg. Damit wollte er über die Lehne ſpringen und an Dankmar's Seite ſich ſetzen. Halt da! Fägte dieſer und wehrte dem ine mit Entſchloſſenheit. Sie als Freund anzuerkennen, hab ich keine Vei anlaſſung, erklärte er. Behagt es Ihnen nicht, vor mir zu ſitzen, ſo ſind wir noch nahe genug am Pe⸗ likan, daß Sie umkehren können Hackert's Antlitz vetzog ſich inei bitter grim⸗ migen Lächeln. Der innerich ihm tobende Zorn gab ihm etwas Grigſendes. S ſühli, daß er ſeinen Mann gefundh halte, und blib, niedergedrückt von dem viel lſtchtern Dankmar, auf ſeinem alten Platze. Alſo welches waren die Sehhhigen⸗ ſagte Dank⸗ mar. Wir wollen eine nach der andern prüfen und zugeſtehen, was den Umſtänden angemeſſen iſt. Hackert dachte jetzt auf andere Art das Gleich⸗ gewicht herzuſtelen, Er ſtreckte ſich nachläſſig auf dem Kutſcherbog, joh eine Cigarre aus einem ſchön ge⸗ 9* —— 132 dränge Entdecu die Laun ſtickten, einſt gewiß farbig friſchen, jetzt etwas abge⸗ tragenen Etui, zündete ſie an einem portativen Streich⸗ feuerzeuge an und blies die Wolken vor ſich hinaus, als verachtete er Den, der ihn mit Gewalt in eine ſtn niedrige Stellung hinabdrücken wollte. 3 bunt Alſo welches waren die Bedingungen? wiederholte. ut Dankmar. Erſtens, Sie ſitzen vor mir. Zweitens... Vn Hackert blieb ruhig und rauchte. in me Zweitens, fuhr Dankmar fort, bei Hohenberg er⸗ hn n greife ich Peitſche und Zügel. Zugeſtanden in dem ſim Falle, daß Sie ausſteigen und mir die Gnade nicht ing 2 abſchlagen, dann drei Thaler für Ihre Dienſte anzu⸗ heche nehmen. Rn Hol Sie der Teufel! rief Hackert lachend, bie ſch wild auf den Gaul ein und klatſchte mit der Peitſche din ſo übermüthig, daß es laut vurch den ſtillen Wald penſin widerhallte. litler Dankmar ſchwieg. Er hatte eineh Anmaßenden ke h züchtigen, einen Verdächtigen in dis nothwendiger i der Schranken zurückweiſen wollen. Den ihm von Peli⸗ ſhen kanwirth geborgten Mantel über die Füße ſchlagend, n vie gab er ſich nun mit ganzer Seele der Ueberlegung Pweſn alles Deſſen hin, was er anordnen wollte, um wie⸗ ban der zu ſeinem verlorenen Gute zu kommen. Daß ihm ung dieſer Unfall begegnen konnte, mitten in dem Ge⸗ nin ein iedecholte tens icht end, hieb Peiſche noßenden dränge der Hoffnungen, die ſich ihm an die Angeroder Entdeckung knüpften, erfüllte ihn faſt mit Groll gegen die Launen des Geſchicks. Er ſah ſich nicht etwa ge⸗ ſtört in dem Genuſſe von Reichthümern, die ihm ſeine Entdeckung gewinnen konnte, er hatte dieſe Träume ſo entſchieden abgelehnt, daß wir ſeinem ehrlichen Worte glauben dürfe es erfüllten ihn gndere, uns noch dunkle Vorſtellungen. Vielleicht begeiſterte ihn nun der juriſtiſche Kampf um die Geltendmachung ſeiner Anſprüche. Vielleicht ſpornte ihn die Vorſtel⸗ lung: Du trittſt jetzt mit einem werjährt ſcheinenden Rechte auf, weckſt vergangene Misbräuche aus dem Moder der Schreibſtuben, kämpfſt gegen Beſitzthümer, die ſich vielleicht in ihrer Begründung unendlich ſicher dünken! Vielleicht verglich er die Zeit ſelbſt mit ſeinem perſönlichen Intereſſe. Dankmar war Juriſt und Po⸗ litiker. Sein Vater, ein denkender, ernſter Beobach⸗ ter, hatte früh in dieſes Kindes Talenten die Fertig⸗ keit der Rede, die ſchnelle Auffaſſung, den unvetwüſt⸗ lichen Trieb der Gerechtigkeik erkannt, und Dankmar, dem vielleicht ein anderer Beruf Kugenblicklich lieber geweſen wäre, mußte ſich doch ſpäter ſagen, däß die Beſtimmung des Vaters einer tiefen Beobachtung ent⸗ ſprungen und eine richtige war. Man rühmte allge⸗ mein ſeine juriſtiſchen Deductionen. Nur zur rein 134 formelhaften Erfaſſung des Rechts konnte er ſich nicht abtödten. Ein Unrecht vertheidigen, das Recht ſuchen je nach der ſpielenden Beleuchtung ſcheinbarer Rechts⸗ ſätze und zweideutiger Geſetzesſtellen, war ihm auf die Länge unmöglich. Deshalb auch währte die Be⸗ gründung einer feſten Stellung für ihn länger als bei manchem geringern Talente. Er hatte ſchon ſeit fünf Jahren die Univerſität verlaſſen, alle Prüfungen beſtanden, war vor den Gerichten, wie in der Geſell⸗ ſchaft wohlgekannt und ſeines Freimuths wegen ge⸗ fürchtet, von der jüngern Frauenwelt, ſeines männ⸗ lichen Aeußern, fröhlichen Humors und ſeiner ritter⸗ lichen Galanterie wegen ebenſo geſchätzt wie ſein ſanf⸗ terer Bruder von der ältern Frauenwelt; aber zu einem ergiebigen Anhalt an Aemter und Würden hatte er es noch nicht gebracht. Nur hier und da floſſen ihm zuweilen in Diäten die Mittel zu, die ihm erlaubten, ſeinen Antheil an dem hinterlaſſenen kleinen väterlichen Vermögen zum größten Theile noch der Mutter an⸗ heimzuſtellen. Die Urkunden, die ihn vielleicht als den rechtmäßigen Erben eines vermoderten Hugo von Wildungen erwieſen, verwandelten ſich in ſeiner Phan⸗ taſte keineswegs in die Millionen, von denen er dem Bruder geſprochen. Er wußte, daß der Staat in die⸗ ſem Augenblicke Alles daranſetzte, jene allerdings ſeit icht — 135 Jahrhunderten offene Erbſchaftsfrage in ſeinem In⸗ tereſſe zu löſen und die ſtädtiſchen Beſitzungen dem Fiscus zu gewinnen. Ihn reizte nur die Theilnahme an dieſem Kampfe. Er wollte dem feudalen Staate zeigen, wie ſich ſeine Anmaßungen in den Angeln eines Erbrechts bewegten, das zuletzt jedem Andern ebenſo gut zuſtattenkommen könne wie einem Fürſten. Er knüpfte an dieſen Proceß nur ſeine Wiſſenſchaft, ſeine Kunſt und die auf ihr ſich gründende Zukunft ſeines Berufs, für den er ebenſo viel Ehrgeiz beſaß wie ſein Bruder für die Malerkunſt. Und nun ſoll⸗ ten dieſe Träume an dem misgünſtigſten Zufall, der einen einſamen auf der Landſtraße preisgegebenen Frachtwagen treffen konnte, ſcheitern? Er ſah den Schrein erbrochen, die werthvollen Papiere zerſtreut, zu gewöhnlichen Zwecken gedankenlos misbraucht, ja vielleicht gar in den Händen der beiden Parteien, de⸗ nen vor allen der Beſitz dieſer uralten, glücklich auf⸗ gefundenen Verſchreibungen zu entziehen war! Er ver⸗ fiel in tiefes, unmuthiges Sinnen. Wenn Sie darüber nachdenken, fing Hackert jetzt, der ſich in ſein Schickſal ergab, von ſelbſt an, wie Sie zu Ihrem Verluſte wiederkommen können, ſo rech⸗ nen Sie dabei nur nicht auf die hohenberger Juſtiz. Mit der ſieht's nicht zum beſten aus. — Ftel. 136 Dankmar bemerkte: Sind Sie in Hohenberg bekannt? Bekannt eben nicht, antwortete Hackert; ſchlechte Juſtiz merkt man nie ſo gut in der Nähe wie in der Ferne. Den dortigen Patrimonialrichter kenne ich aber. Er war oft in der Reſidenz. Er ſoll nun in die ordentlichen Gerichte aufgenommen werden, und han⸗ delt noch mit der Regierung über ſeinen künftigen Ti⸗ Fürſtlich hohenbergiſcher Juſtizdirector hieß er & und möchte den langen Schwanz nicht gern aufgeben, * wenigſtens ſeine Frau nicht, wenn auch die Stellung draufgehen wird. Wir treffen alſo ein Patrimonialgericht? ſagte Dankmar. Das iſt mir für unſern Fall erwünſcht. Es geht da mit einem Proceſſe kurz und bündig zu. Ja, ja, antwortete Hackert, die Hohenberger ha⸗ ben gleich ihren Thurm, drei Klafter tief, bei der Hand. Der Thurm iſt Ingquiſitoriat, Spinn⸗, Zucht⸗ haus, Feſtung, Alles in einem Loche. Nach den all⸗ gemeinen vaterländiſchen Zuchthäuſern ſchicken näm⸗ lich die Patrimonialrichter nicht gern, das wiſſen Sie wol? Da müßten ſie ja ans nächſte Landesgericht referiren, das gibt Schreiberei, Unterſuchung; da wer⸗ den von oben her Naſen über ſchlechte Proceduren ausgetheilt, und ſo kann Einer einen Mord anſtiften, chte Sie uicht wer⸗ duren liften ¹ 137 ſtehlen, einbrechen, falſch ſchwören und ſo luſtig fort; der Herr Juſtizdirector findet immer ſoviel mildernde Umſtände, daß der Mörder mit einem halben Jahre Localhaft davonkommt und die Regierungsjuſtiz nicht genirt wird. Ein halbes Jahr, länger darf der Fürſt von Hohenberg Keinen ſtrafen, ſonſt muß der Spec⸗ takel gleich an das allgemeine Landgericht. Dankmar empfand jetzt faſt Reue über die ent⸗ ſchiedene Art, wie er Hackert entgegengetreten war. Er ſprach da ſo kundig über Rechtsverhältniſſe, daß faſt ein collegialiſches Gefühl in ihm auftauchte. Um Hackert's zurückgekehrte gute Laune im Zuge zu er⸗ halten, ſagte er: Ihre Schilderung iſt nicht übel. Apropos! Sie erwähnen den Fürſten von Hohenberg. Wiſſen Sie etwas von ihm? Ich wunderte mich, was mein ver⸗ dammter Fuhrmann von einem Balle auf dem Schloſſe fabelte. Der alte Fürſt Waldemar von Hohenberg iſt todt. Der junge Prinz Egon iſt ja wol ver⸗ ſchollen? Prinz Egon, ſagte Hackert, der über dieſe Ver⸗ hältniſſe allſeitig unterrichtet ſchien, Prinz Egon iſt in Paris oder ſonſtwo und kommt ſchwerlich mehr nach Hohenberg zurück. Wenn die Herrſchaft nicht zu Hauſe iſt, halten Hunde und Katzen Hof. In Hohen⸗ ————— ————— m 138 berg auch die Füchſe und Wölfe und Blutegel. Die drei Hauptereditoren der fürſtlichen Maſſe ſind vor ein paar Tagen hinaus mit Kind und Kegel, um Luftbäder zu nehmen. Juſtizrath Schlurck ißt gern Forellen, friſch aus dem Murmelbach, wie die Frau Juſtizdirectorin ſagt, die Schlurck's ſchwache Seiten Hat denn Schlurck die Curatel auch über die Hohenberg'ſche Maſſe? fragte Dankmar, der den Na⸗ men des gefeierten und vielgeſuchten Advocaten Franz Schlurck ſehr wohl kannte. Wo hätte Franz Schlurck nicht ſeine Finger im Spiel! war Hackert's ſcharfbetonte Antwort. Seit dem Tode des Fürſten von Hohenberg geht dort Alles durch ſeine Hand, bei Lebzeiten des Fürſten war er ſchon Adminiſtrator. Es iſt prächtig Das mit ſo einer Adminiſtration! Die Gläubiger jagen den Beſitzer von Haus und Hof, ſetzen einen Verwalter über die ver⸗ ſchuldeten Häuſer und Güter, laſſen Den den Rahm oben abſchöpfen und nehmen Das, was zuletzt von dem Spaße übrigbleibt, als Abſchlag für die Zeit, wo's beſſer wird. Alle Jahre feiern ſie eine aller⸗ liebſte Aſſemblöe, die ſie die Beſprechung der Maſſe⸗ Creditoren nennen. man droht, man lärmt, aber Abends iſt Ball, Ver⸗ Man rechnet erſt, man ſchimpft, öhnung, lebes Gi Die le wucke un Dnh Schrie ſhaft mi nocht ih leien be Iſchtn 6 begni ſchwei ſiche ſch vandlun lalbunc hen lan ſes ſih ien Hi r ſo iEeite — — n de nſſn hitem ohes N ſier,. — . t von ie Zeit e gllet⸗ Naſſ⸗ ſchinpſt Ver 139 ſöhnung, Händedruck und wol auch„Gänschen, du liebes Gänschen, was raſſelt im Stroh!“ Die letzten Worte ſang Hackert mit frivolem Aus⸗ drucke und nach bekannter volksthümlicher Melodie. Dankmar fühlte zwar, daß Hackert aus ſeinem Schreiberamte eine vielfach unterhaltende Bekannt⸗ ſchaft mit allerhand Privathändeln ſich erworben hatte, nochte ihm aber doch, um ſeine eigenen Angelegen⸗ heiten bewegt, in den innern Zuſammenhang ſeiner Anſichten und Empfindungen nicht zu weit folgen. Er begnügte ſich, auf alle dieſe Mittheilungen vorerſt u ſchweigen. Auf die Länge— die Uhr einer Dorf⸗ irche ſchlug die zwölfte Stunde— fühlte er eine An⸗ vandlung von Schlaf. Wirklich ſah er auch nur mit halbwachem Bewußtſein, daß ſie in ein ſtilles Oert⸗ hen kamen, wo nicht einmal das Bellen eines Hun⸗ des ſich hören ließ. Ein Brunnen plätſcherte laut vor inem Hauſe, das vielleicht eine Herberge war. Dank⸗ nur ſah nothdürftig, daß Hackert abſtieg, den Gaul ei Seite und an den Brunnen führte. Hackert nahm die Halfter ab und ließ ihn an den Rand des Paſſers. Dabei langte er ein Stück Brot aus der hintern Rocktaſche und theilte mit dem Gaul. Ein oßes Meſſer, das er aufklappte, ſchnitt bald für das Lhier, bald für ihn einen Biſſen ab. Auch in das 5 Waſſerbecken des Brunnens beugte ſich Hackert, trank wie der Gaul und klopfte dann die Tropfen ab, die ihm dabei auf Halstuch und Weſte gefallen ſein mochten. An dieſen ſorgſamen Verrichtungen hatte Dankmar, durch die müden Augen blinzelnd, ſeine Freude. Sie gaben ihm ſo ſehr das Gefühl der Sicherheit, daß er, ohne gerade Neigung für ſeinen Vordermann zu gewinnen, ihm doch volleres Ver⸗ trauen zu ſchenken anfing und den Schlummer immer⸗ mehr über ſich Herr werden ließ. Doch ſchlief er nicht ſo feſt, um nicht zuweilen, aufgerüttelt von dem inzwiſchen wieder weiterrollen⸗ den Wagen, ſeinen Gedanken klarer nachzuhängen. Wie man ſo oft an ſich erfährt, daß jede im erſten Sturme ergriffene Unternehmung nicht immer ſtand⸗ hält, wenn die zu ihrer Ausführung nothwendige Zeit langſam ſchleichend an uns vorüberzieht, ſo über⸗ mannte auch Dankmarn bald das Gefühl der Erge⸗ bung in Das, was das Schickſal über ſeinen Verluſt nun würde beſtimmt haben. Er konnte ſich ausma⸗ len, welche Freude ihm das Wiederfinden des Schrei⸗ nes bereiten würde; aber ebenſoſehr rüſtete er ſich auch ſchon auf die Gewißheit, daß er all den Plänen, die er an jene Entdeckung im Archivſaale des alten Tem⸗ pelhauſes geknüpft hatte, entſagen müßte. Er warf diſe ſig ſcheit überm jedes Krft derſte den hinan E F n 3 ten wi ten de eder gleichn 5 N Lih Wah K mar mach rank ab, llen gen ehnd, der einen Ver⸗ nme⸗ dieſe Thatſache wie ſo viele andere, denen der Er⸗ folg fehlte, in jenes große weite Meer, auf dem ſchon beon untergegangen, ſo viele Träume ge⸗ ſcheiterb ſind. Und das Gefühl einer gewiſſen Leere übermapnte ihn ſo gewaltig, die Gleichgültigkeit gegen jedes ck überſchlich ihn mit der ſchwindenden Kraft des jungen, ſchlafgewohnten Körpers ſo unwi⸗ derſtehlich, daß er nach einiger Zeit ſich, aufraffend den mit großen geſpenſtiſch offenen Augen in die·Nalht hinausſtarrenden Hackert anrief: ſer thun. . Freund, ich will Ihnen ſahen, worän wir beſ⸗ 6 Licht, Nun? fragte Hackert wie aus Träumen erwachend. Beim erſten Wirthshauſe, das wir entdecken, hal⸗ ten wir, trommeln die Leute aus dem Schlafe, füh⸗ ren den Gaul in den Stall und ſchlafen im Bette oder auf der Diele oder im Stroh eines Stalles, gleichviel. Was meinen Sie? Mir iſt's recht, ſagte Hackert und zeigte auf ein das in einiger Entfernung n Saume eines Waldes ſichtbar wurde. Wo ſind wir wol hier? Kennen Sie nicht einmal den Weg, fragte Dank? mar, den Sie ſo muthigfthren?. Dies iſt die erſte Reiſt, die ich in meinem Leben mache, ſagte Hackert. Ich habs den Sudenpfuhl, *„ 142 in dem ich geboren bin, noch auf zwei Meilen nie heiml verlaſſen. decho Nun begreif' ich, ſprach Dankmar lachend und ſein E doch wieder von Mistrauen ergriffen, daß Sie die Bitte Gelegenheit einer Luſtveränderung beim Schopfe feſt⸗ hielten. Wenn man Sie anſchaut, möchte man nicht von glauben, daß Sie in irgend Etwas noch ein jung⸗ſ berbo fräuliches Gemüth ſein können. Uebrigens will ich wie hoffen, daß wir nicht auf dem Wege nach Hamburg habe oder Leipzig, ſtatt nach Hohenberg ſind. Sie machen Proe mir ſchöne Sachen! Jetzt auf das Licht zu! Und da ich g bleiben wir, bis es hell wird und wir wiſſen, wo C wir hier unter den Sternen herumkreuzen. leben Hackert pfiff dem Gaule zu, der von dem Lichte ſich l. * auch eine freundlichere Ahnung zu bekommen ſchien 5 und ſich wacker in Trab ſetzte. Antw Ich bin ja erſt zweiundzwanzig Jahre alt, ſagte D Hackert, gleichſam um ſich zu entſchuldigen. Was E weiß ich, wo die Wegweiſer da all am Wege hin⸗ lichen zeigen! einsz Zweiundzwanzig Jahre erſt? antwortete Dankmar Lein ſtaunend und maß dabei, ſich vorneigend, die Furchen dem; auf Hackert's Stirn, die tiefliegenden Augen, die ſ ſchien ſchlotterige, entnervte Haltung. Seine Lippen waren ſten e fahl, das Auge nur dann feurig, wenn es in un⸗ ſvom Meilen nie ſchend unh ß Sie die chopfe feſ⸗ man nicht ein jung⸗ s will ich Hamburg ie machen Und du iſſen, uh den Lichte nen ſchien alt, ſagte 2 en. Pas ßege hin⸗ heimliche Erregung kam. Zweiundzwanzig Jahre, wie⸗ derholte er, wie haben Sie das gemacht, ſchon wie ein Sechsunddreißiger auszuſehen? ſetzte er nicht ohne Bitterkeit hinzu. Ich habe geſchrieben, antwortete Hackert. Wer von ſeinem vierzehnten Jahre an nur auf dem Schrei⸗ berbocke reitet, kann keine ſo farbigen Wangen haben, wie meine Haare ſind. Sechs Tage in der Woche habe ich acht Jahre lang Actenſtanb geſchlürft und Proceßgift eingeathmet. Abends und Sonntags hab' ich geeb Gelebt? wiederholte Dankmar. Was nennen Sie leben? Es ſcheint, leben hieß bei Ihnen ſoviel als ſich langſam umbringen. Hackert gab auf dieſe Bemerkung keine andere Antwort, als daß er nach einer Weile bemerkte: Das Licht iſt ein Wirthshaus. Ein gewaltiges Hundegebell begrüßte die nächt⸗ lichen Ankömmlinge. Sie ſtanden vor der Pforte eines großen Gehöftes, aus dem im Dämmerlichte Dankmar ie Furchen ugen, di en war e in un⸗ Leitern, Stangen und Scheunen hervorſahen. Ein dem dunkeln Walde zu gelegenes ſtattliches Wohnhaus ſchien geſchloſſen, oben aber in den Fenſtern des er⸗ ſten Stocks brannten noch Lichter. Hackert ſprang vom Wagen und ſtieß mit dem Griffe der Peitſche an den Thorweg, daß die Hunde nur noch zorniger bellten. Auf ein mehrmaliges Heda! kamen endlich über den gepflaſterten Hof die Pantoffeln des Haus⸗ tnechts angeſchlorrt. Ein großer Holzriegel wurde von innen zurückgeſchoben, eine Stalllaterne warf ihre trüben Strahlen auf Hackert's bleiches Angeſicht. Können wir Nachtquartier haben? war Hackert's Frage, der überhaupt ſo gewandt ſich in Alles zu finden wußte, als wenn er Jahrelang auf Reiſen zu⸗ gebracht hätte. Nur herein! rief der Hausknecht mit einem ſon⸗ derbar fröhlichen Tone. Hier ſeid's gut geborgen, Kinder! Juchhe! Du armes Thierchen du! wandte ſich der fröhliche Hausknecht zum Pferde. Komm! tomm! mein Hühnchen! Friß Vogel und ſtirb mir nicht! Ja! Ja! Wenn's immer, wenn's immer, wenn's immer ſo wär'. Hier geht's ja ſpaßhaft zu, ſagte Dankmar und ſprang von ſeinem Sitze herunter. Ihr ſingt ja wie die Nachtigall im Buſch. Hört Ihr ſie ſchlagen, Herr? fragte der Haus⸗ tnecht. Ihr kennt mein Lieschen im Buſch? Noch drei Tage, dann ſagt ſie: Adieu Dietrich, Adien Heidekrug! Und erſt über's Jahr kommt ſie wieder. Fahr' wohl! niger ndlich aus⸗ vurde f ihre * erts es zu en zl⸗ . ſon⸗ orgen, dandte omn! b mit immer, t und ſa wie Hus⸗ och Miel wiedel⸗ 145 Hackert erklärte dieſen Humor für die Folgen eines gut angewandten Trinkgeldes. Dabei fielen ſie faſt über einen andern Knecht, der lang auf einem Stroh⸗ haufen ausgeſtreckt im Hofe lag. Dietrich und Heidekrug! bemerkte Dankmar. So⸗ viel haben wir jetzt weg. Der Heidekrug... Ja, ja, der Heidekrug— komm, Schimmel! Im Stall— im Stall— im Stall iſt's kühl. Damit zog der fröhliche Hausknecht vom Heide⸗ krug ſingend den Gaul von dem Einſpänner in den Hof und begann ihn vorm Stalle auszuſchirren. Heidekrug? ſagte Hackert. Wohnt denn hier der Heidekrüger? Ja, Kutſcher, das habt Ihr gut gerathen. Hier wohnt der Heidekrüger. Dankmar, dem der Name ebenfalls auffiel, be⸗ merkte: Der Heidekrüger? Das wird doch nicht Herr Ju⸗ ſtus ſein? Juſt Herr Juſtus, ſagte Dietrich und führte den Gaul in den Stall. Kennen Sie den gelehrten Gaſtwirth auch? fragte Hackert. Ich wundere mich, daß Sie ihn kennen. Hackert wurde über dieſe Replik wieder verdrieß⸗ Die Ritter vom Geiſte. I. 10 lich. Dankmar's unausgeſetzter Zweifel an ſeiner Bil⸗ vung und die offenbar geringſchätzige Anſicht von ſei⸗ nem Herkommen verletzten den bizarren und, wie es ſchien, mannichfach mit der Welt bekannten und wie⸗ der mit ihr zerfallenen jungen Mann. Während Dietrich mit dem Gaul beſchäftigt war, hatten ſich die beiden Gefährten im Hofe des Heide⸗ krugs genauer umgeſehen. Er machte einen freund⸗ lichen, willkommenheißenden Eindruck. Rings begrenz⸗ ten ihn Scheunen und Schuppen. Im Stalle hatten ſie mehre Pferde bemerkt. Der Rinderſtall grenzte dicht daneben. Ein wohlgehaltenes Stacket ſchied den Hof von einem reichen Baumgarten ab, der ſich hin⸗ ten zum Walde verlor. Die Düngerhaufen hier und dort gehörten zum Weſen einer großen Oekonomie. Das Wohnhaus hatte hinterwärts einen Anbau fur die Küche. An der Seite, die nach dem Hofe ging, zog ſich ein Spalier in die Höhe, das den weißen Kalk mit grünem dichten Weinlaub bedeckte. Vor den untern Fenſtern waren große Blumentöpfe und Ran⸗ kengewächſe in Käſten aufgeſtellt, auf deren einem ge⸗ rade eine Katze lag, die mit funkelnden Augen hier wahrſcheinlich das Schlafzimmer der Herrſchaft hütete. Der Eingang des Hauſes nach vorn war geſchloſſen, aber hinterwärts, von dem Eingange zur Küche her, erBil⸗ n ſei⸗ vie es wie⸗ t war, Heide⸗ reund⸗ ren⸗ hatten renzte d den h hin⸗ er und omie⸗ u für ging, weißen or den Ran⸗ em ge⸗ nhier hütet loſſen⸗ her, 147 fanden ſie eine offene Thür und unter ihr eine Magd ſitzend, die hier auf der Schwelle ebenfalls eingeſchla⸗ fen war, vom Lärm der in ihren Hütten feſtgeſchloſſe⸗ nen Hunde aber nun erwachte. Als ſie die Augen aufſchlug und die Fremden erblickte, griff ſie raſch nach einem glänzenden Gegenſtande, der in ihrem Schooße lag und ihr entfallen ſchien. Es war ein neuer blan⸗ ker Thaler. Wie ſie ſich beſann und ihr Geldſtück in Sicherheit gebracht hatte, ſagte ſie den Ankömmlingen, daß dies der Heidekrug, ihr Herr, Herr Juſtus, der Heidekrüger wäre. Oben fänden ſich Zimmer genug und kalt eſſen könnten ſie auch noch und wie ſie wol oben am lauten Sprechen im Saale hörten, auch Gäſte fänden ſie noch. Der Herr, dem der Wagen da unten gehöre, wolle noch heute weiter, um mit Sonnenaufgang in der Reſidenz zu ſein. Ja, ja, ſagte ſie etwas polternd, bei uns geht's bunt her! Hier machen wir die Nacht zum Tage und die Tage zur Nacht. Wir ſind hier Alle überſtudirt! Hackert hatte bereits den von der verdrießlichen, aber rührigen„überſtudirten“ Magd erwähnten Wa⸗ gen der oben befindlichen Herrſchaft bemerkt. Er ſtand auf der andern Seite des Hauſes, bereit zum Vorfah⸗ ren. Ein Kutſcher in Livree ſaß eingehüllt in einem leichten Staubmantel auf dem Bocke und ſchlief. 10* —————— 148 Wem gehört der Wagen? fragte Dankmar, die Livree des Schlafenden ins Auge faſſend. Einem prächtigen Herrn aus der Stadt, ſagte die Magd. Er iſt erſt drei mal auf dem Heidekrug ge⸗ weſen, und ich denke, wenn er öfter kommt, werden die Leute nicht mehr ſagen: Auf dem Heidekrug wird die Milch ſchon in der Kuh ſauer. Sagen Das die Leute? Ja, Herr, ich weiß nicht, ob Sie ein Studirter ſind. Aber ich denke immer, der Bauer ſoll dem Herrn Paſtor das Latein laſſen. Die Ochſen lernen doch im Leben kein Hebräiſch. Wenn ſie nicht an Moſes und die Propheten ver⸗ pfändet werden.. fiel Dankmar lachend ein. Wenn ich hier wirklich auf dem Gute des Heidekrügers Ju⸗ ſtus bin, ſo merk' ich faſt, das Geſinde theilt nicht die Leidenſchaft ſeines Herrn für Politik.... Die Magd hörte nicht. Sie war hinterher, ein Licht anzuzünden und den Ankömmlingen hinaufzu⸗ leuchten in die Zimmer, die ſie ihnen anweiſen wollte. Dankmar beobachtete Hackert, der ſich inzwiſchen mit ſcheuem Blicke dem eleganten Reiſewagen genä⸗ hert hatte und prüfend vor ihm ſtand und vor ſich hin murmelte: 6 Neumann! Bei Gott, er iſt's! Es iſt Neumann. ne ie die ge⸗ en ird 149 Was murmeln Sie denn? Kennen Sie den Wagen? Hackert zeigte auf die Chiffre am Schlage. Man mußte nahetreten, um ſie in dem nur ſter⸗ nenhellen Dunkel zu erkennen. F. S. Nicht wahr? ſagte Dankmar. F. S. wiederholte Hackert beſtätigend und gab die Erklärung: Franz Schlurck. Meinen Sie wirklich? Der Juſtizrath Schlurck? Der Kutſcher ſchläft. Wir wollen die Magd fragen. In dem Falle bleib' ich noch auf. Ich hätte Luſt, den berühmten Juriſten kennen zu lernen. Hackert ſchwieg. Er war nachdenklich vor dem Wagen wie feſtgebannt, ſtreichelte die Pferde und lachte mit einem eigenen, faſt ſchwermüthigen Ausdrucke in ſich hinein. Kommen Sie mit hinauf, Hackert! Hören Sie nur, wie man noch die Gläſer anſtößt! Es iſt mir, als dränge bis hierher ein duftender Punſchgeruch. Eſſen wir in der luſtigen Geſellſchaft oben zu Nacht und ſtoßen wir fröhlich mit den Fröhlichen an! Hackert hörte nicht. Er ſtand wie abweſend vor den Pferden und ſtreichelte ſie. Dieſen that der nächt⸗ liche Gruß wohl. Die prächtigen Thiere ſchnaubten leiſe und reckten die Ohren. Hackert aber fuhr ihnen 150 ſanft über die Mähne. Da ſtrichen die Roſſe die Hufen auf dem Pflaſter und ſchlugen die langen Schweife in die Höhe. Die Mähnen der Thiere be⸗ wegten ſich unruhig und ihre dunkeln großen Augen blinzelten in der Nacht ganz geheimnißvoll, als woll⸗ ten ſie ſagen: Sieh da, Hackert, wir kennen dich, warum ſehen wir dich nicht mehr? Gute Nacht! ſagte darauf Hackert, der alles Dies nachzufühlen ſchien, und wandte ſich dem Stalle zu. Die mit dem Lichte wartende Magd, drängend und freundlich geſtimmt, bemerkte: Ei kommen Sie doch. Es ſind oben auch Zim⸗ mer für die Kutſcher! Geh' Sie zum Henker mit Ihrem Kutſcher! ſagte Hackert und ſchlenkerte die müden Glieder dem Stalle zu, wo er, auf Dankmar's Nachruf nicht hörend, raſch und gleichgültig verſchwand. Er will im Stalle ſchlafen, ſagte die Magd. Es iſt beſſer, er iſt bei Ihrem Pferde. Dem Dietrich bekommt's nicht, wenn der gute Herr oben bei uns zu oft einkehrt. Zahlt der immer ſo gute Trinkgelder? Er will nur, daß Alles luſtig iſt, gibt gleich Wein und Geld und unſern Herrn wechſelt er auch ganz aus. Kommen Sie! Ich geb' Ihnen ein gutes Zimmer und gehen Sie getroſt noch in den Saal. e 151 Nun gut! ſagte Dankmar. Etwas kalte Küche! Braten, Wein, wenn man ihn haben kann! Dann mach Sie's Bett! Ich will noch einen Augenblick in den Saal treten. Dankmar kannte nur den bedentenden Ruf des Juſtizraths Franz Schlurck. Er war der geſuchteſte Anwalt der vornehmen Welt, hatte Häuſer und Gü⸗ ter in Adminiſtration, verwaltete minorennen reichen Erben ihre künftigen Beſitzthümer, galt für einen der beliebteſten Geſellſchafter und war beſonders durch das glänzende Haus, das er machte, und die Schönheit ſeiner Tochter Melanie Gegenſtand allgemeiner Auf⸗ merkſamkeit. Dankmar kannte die reizende Melanie nur von flüchtiger Begegnung, hatte auch Schlurck nie perſönlich geſehen. Er fand es ganz in der Ord⸗ nung, die Gelegenheit zu benutzen, einen vielbeſpro⸗ chenen Mann, der ihm gewiſſermaßen als nachah⸗ menswerthes Vorbild ſeiner eigenen Laufbahn gelten konnte, kennen zu lernen. Daß Schlurck allein reiſte, ohne ſeine Familie, hatte er ſchon vernommen. Er rechnete darauf, außer Schlurck nur noch den Heide⸗ krüger Juſtus zu finden, einen gleichfalls bekannten öffentlichen Charakter, der ſchon ſeit Jahren viel Wun⸗ derliches von ſich reden machte. Als Dankmar die Treppe hinaufgeſtiegen war und ————— 152 die Thür, hinter der er ſprechen hörte, geöffnet hatte, blendete ihn anfangs der entgegenſtrahlende Lichtſchim⸗ mer, ſodaß er erſt faſt nichts von Dem ſah, was er hier antreffen ſollte. Auf ſeinen Gruß antworteten ihm mehre Stim⸗ men zugleich mit einem theilweiſe überraſchten: Guten Abend! Um ein Uhr des Nachts hatten im Saale des Heidekrugs aber nur noch drei Männer beiſammen⸗ geſeſſen, die eingehüllt vom feinſten wohlriechendſten Cigarrendampf den Morgen mit wachen Augen be⸗ grüßen zu wollen ſchienen. Den Heidekrüger und den Juſtizrath glaubte Dankmar ſogleich zu erkennen. Es war aber noch ein Dritter anweſend, der entfernt von dieſen Beiden mit einer blauen Blouſe bekleidet in einem düſtern Winkel ſaß. Sechstes Capitel. Die blaue Blouſe. Das ziemlich geräumige, aber etwas niedrige Gaſt⸗ zimmer des Heidekrugs war von vier Wachslichtern, die auf dem länglich durch die Mitte gehenden Tiſche dicht zuſammengerückt ſtanden, heller erleuchtet, als ſolche Räume es ſonſt zu ſein pflegen. Die vier Kerzen ſtanden ſo, daß ſie zu gleicher Zeit im Spie⸗ gel ſich verdoppelten. Zwiſchen der zweiten und drit⸗ ten Kerze ſtand ein ſilbernes Gefäß, das der Kun⸗ dige auf den erſten Blick als einen Champagnerküh⸗ ler erkannt hätte, wenn nicht auch der daraus her⸗ vorragende Hals einer Flaſche mit gerolltem Blei umlegt geweſen wäre. An der Seite des ſilbernen Gefäßes ſtand einer jener gelbirdenen Töpfe, in wel⸗ chen die ſtrasburger Gänſeleberpaſteten verſandt wer⸗ den. Eine Blechbüchſe ſchien eine andere Näſcherei zu enthalten, die jedoch mit dem großen Laib groben ——— 154 Brotes, der auf einem Teller daneben lag, in ſon⸗ derbarem Widerſpruche ſtand. Einige Büchschen mit Eti⸗ ketten— in der Form erkannte ſie Dankmar als engliſche — ſchienen pikante indiſche Saucen zu enthalten. Alle dieſe Herrlichkeiten ſtanden vor einem mit großer Behag⸗ lichkeit geſticulirenden und eben einen ſilbernen Becher mit Champagner an die Lippen ſetzenden Herrn. Seiner Gour⸗ mandiſe nach hätte man vermuthen ſollen, er wäre rund ge⸗ nährt und böte ein behagliches Embonpoint. Im Gegen⸗ theil aber ſah Juſtizrath Franz Schlurck ſehr mager und dürr aus. Die Züge des klugen und überaus verſchmitzten Antlitzes konnten nicht trockener ſein. Im Munde war auch nicht ein ganzer Zahn mehr übrig, wie man deut⸗ lich ſah, wenn der von Weinlaune erregte Mann dann und wann einen Zug aus ſeiner ſehr koſtbaren Cigarrenſpitze zwiſchen den behutſam aufgeſperrten ſchlaffen Lippen von ſich blies. Den Ausdruck der Augen zu erkennen, war ſchwer; denn eine goldene Brille verdeckte ſie. Das dünne graue Haar ſaß ſo ſpärlich auf dem wohlgebauten und gefällig geſchweif⸗ ten Schädel, daß man ordentlich erblickte, mit welcher Sorgfalt die einzelnen Haare langgezogen und vom Hinterkopfe her über die Glatze herübergekämmt wa⸗ ren. Ein feiner blauer Frack mit gelben Knöpfen, ein weißes Halstuch und eine weiße Piqueweſte gaben 155 der Toilette etwas ebenſo Gewähltes, wie die mit großen und kleinen Ringen gezierte Hand Pflege und ein Bewußtſein der Zierlichkeit derſelben verrieth⸗ Neben dieſem Sybariten an der Ecke des Tiſches ſaß der Wirth, eine ſtarke, ſtattliche Geſtalt von ge⸗ waltigem Knochenbau und einem ſichern feſten Auge. Das Weſen dieſes Mannes war kein gewöhnliches. Die Kleidung ging über den ländlichen Schnitt hin⸗ aus, die Haltung war des Welttones nicht unkundig. Man glaubte eher den Bürgermeiſter einer Landſtadt als einen hier in der Einſamkeit des Waldes Wirth⸗ ſchaft treibenden Oekonomen vor ſich zu haben. Eine lebhafte Auseinanderſetzung ſchien ihn zu beſchäftigen; nicht nur der Champagner, von dem er aus einem großen Waſſerglaſe trank, hatte ihn geröthet, vielleicht auch das Feuer einer Anſicht, die er in dem Augen⸗ blicke, als Dankmar eintrat, ſehr lebhaft vertheidigte. Als Dankmar einen Guten Abend! geſagt hatte, ſtand der Heidekrüger auf und lüftete ein kleines Sammet⸗ käppchen, das mehr zur Zierrath als aus Rückſicht auf ſeinen ſtarken Haarwuchs den Scheitel bedeckte. Sie werden ſich wundern, ſagte Dankmar, noch ſo ſpät Beſuch zu bekommen. Ich will nur eine Kleinig⸗ keit zu Nacht nehmen, eine kurze Bettruhe halten und mor⸗ gen in der Frühe mit meinem Einſpänner weitermachen. 156 Haben Sie ſich beſtellt, was Sie wünſchen? fragte der Heidekrüger mit einem gewiſſen Gentlemanton, als wollte er ſagen, ich bin kein Wirth im gewöhnli⸗ chen Sinne des Wortes, ſondern verweiſe Sie auf die Bedienung, die hier ganz eine Privatſache meiner Leute iſt. Als Dankmar bejahte und bat, ſich nicht ſtören zu laſſen, fuhr der Sprechende, als wäre er gar nicht un⸗ terbrochen worden, mit kräftiger Stimme fort: Woran liegt's, als an der gänzlichen Unbekannt⸗ ſchaft mit dem Zuſtande auf dem Lande ſelbſt? Wir haben's erſt verſehen, daß wir Leute hineinſchickten, die am ſchnellſten mit dem Munde voraus waren. Sie haben die Verwirrung nur noch größer gemacht, vom Hundertſten ins Tauſendſte geſprochen, Alles ſehr ſchön, aber ohne Kenntniß. Denn warum? Es waren Doctoren, die ihre Praris aufgaben.... Wenn ſie welche hatten, ließ Schlurck lächelnd ein⸗ fallen. Auch das, ſagte der Heidekrüger. Es waren Schullehrer, Advokaten, aber keine Geſchäftsleute. Die werden wir diesmal ſchicken; aber auch die Beamten und die Angeſtellten nicht, die die Regierung ge⸗ ſchickt wünſcht. Schlurck ſchien im Grunde nicht geneigt, dies Ge⸗ ner un⸗ nt⸗ ir die Sie om ehr ren in⸗ ten ie 157 ſpräch fortzuſetzen, wenigſtens hätte ſich ſein glatter Weltton erſt lieber mit dem neuen Ankömmling ver⸗ mittelt. Dieſer hatte dicht ihm gegenüber Platz ge⸗ nommen und die hier ausgebreiteten Delicateſſen mit einem ſehr deutlichen ironiſchen Lächeln gemuſtert. Dieſe Kritik ſetzte den Epikuräer in Verlegenheit und mit einem eigenthümlichen Hinaufziehen der Stirn⸗ falten, das dem Munde und den Schläfen einen nicht unheimlichen, aber ſonderbar fauniſchen Aus⸗ druck gab, wandte er ſich an Dankmar mit den Worten: Wenn man überall ſo gut aufgenommen wäre wie bei dem in allen Waſſern erfahrenen Herrn Ju⸗ ſtus, würde man nicht nöthig haben, ſich für eine Reiſe in dieſen Gegenden ſo zu verproviantiren. Uebrigens iſt nur das Eis eine Contrebande von mir ſelbſt, der Champagner, vortrefflicher Geldermann⸗ Deutz, kommt aus dem Keller des Heidekrugs. Ich zahle kein Korkgeld. Der Geldermann⸗Deutz iſt auch, antwortete Ju⸗ ſtus lachend, mit der neuen Zeit da hineingekommen. Seit die Wahlbeſprechungen die Zungen trocken mach⸗ ten und alle möglichen Stände, Leute, die ich nie bei mir geſehen habe, Offiziere, Landräthe, Präſiden⸗ ten bei Einem vorkommen, hat die Nachfrage nach dem ſüßen Zeug auch die Anſchaffung nöthig — 158 gemacht. Ich bezahl' ihn für echt. Ich will hoffen, daß er's iſt. Schäker! Schäker! drohte Schlurck mit affectirter Schelmerei. Nicht echt? Hab' ich Ihnen nicht, als ich die Ehre Ihres Beſuches genoß, die beſten Quel⸗ len genannt? Wenn unſere junge Freundſchaft ſich ſo echt erweiſt wie dieſer Geldermann⸗Deutz, Juſtus, ſo können wir ſchon zuſammenhalten. Darf ich Ihnen anbieten, mein Herr? Damit hatte Schlurck ein Waſſerglas, mit perlen⸗ dem röthlichen Bouzy gefüllt, auf einen Teller ge⸗ ſtellt und ihn Dankmarn präſentirt. Dieſer lehnte jedoch ab und brauchte dafür den höflichen Scherz, daß er ſagte: Ich trinke keinen Geldermann⸗Deutz. Warum nicht? Das Haus iſt ſehr beliebt. Der Name Deutz, ſagte Dankmar lachend, erin⸗ nert mich immer an den Verräther der Herzogin von Berry und ihre Gefangenſchaft auf dem Schloſſe... wie heißt es doch?... Blaye... rief eine Stimme von einer entlegenen dunklen Ecke des Saales herüber. Dankmar wandte ſein Auge zu dem Sprecher. Das franzöſiſche Wort kam von jenem dritten Anweſenden, der in blauer Blouſe gleich beim Eintreten Dankmarn aufgefallen erin⸗ on genen undte Port hlauer falle war. So weit er ihn im Dunkeln erkennen konnte, war der junge ſo unterrichtete Mann von ſchönem hohen Wuchs. Die blaue Blouſe ging ihm dicht bis an den Hals, der mit einem leichten ſeidenen Tuche umſchlungen war. Ein Stock, ein gefälliger Ranzen, eine Mütze lagen neben ihm. Er ſtemmte den Kopf auf die Hand und ſtreckte das Bein lang über einen Seſſel hin, den er vor ſich ſtehen hatte, ohne ihn mit den Stiefeln zu berühren, was ſich ohne Zweifel der Heidekrüger würde verbeten haben. Der Ausdruck des Kopfes entging Dankmarn leider, da er ihn nie⸗ derbeugte und mit der Hand verdeckte. Richtig, Blaye! ſagte Dankmar erſtaunt; denn er fand gegen die zugeflüſterte Bemerkung der eben mit kalter Küche eintretenden Magd, daß der Dritte ein Handwerksburſch wäre, dem Aeußern nach kaum et⸗ was einzuwenden. Es iſt nicht der erſte Beweis, begann Schlurck halblaut zu dem ſein beſcheidenes zweites Nachteſſen anſchneidenden Dankmar; es iſt nicht der erſte Be⸗ weis, den uns der vortreffliche junge Mann dort in der Ecke von ſeinen Kenntniſſen gibt! Er iſt, ſagt er, in dieſer Gegend zu Hauſe. Daher unſtreitig Wähler und wählbar, wie alle dieſe jungen Menſchen jetzt, wenn ſie nämlich nachweiſen, daß ſie keinem Andern die Stiefeln putzen und dreißig Jahre alt ſind, was er doch wol zu ſein ſcheint. Sind Sie ein Gegner des allgemeinen Wahl⸗ rechts? bemerkte Dankmar, mit einem Stück Kalbs⸗ braten beſchäftigt. Wie könnt' ich das in einer Zeit, ſagte Schlurck ironiſch, wo die untern Stände ſich ſo ausgezeichnet entwickeln, daß ſie ſogar die Geſchichte der Herzogin von Berry wiſſen! Schon einige male bot ich dem jungen hoffnungsvollen Tiſchler— es iſt ein Tiſch⸗ ler, der junge Mann— von unſerm Geldermann⸗ Deutz, aber, erſtaunen Sie— Er hat dieſelbe Antipathie gegen Verrätherwein wie ich? bemerkte Dankmar lachend, ſetzte nun aber, um nicht zu verletzen, hinzu: Das edle Getränk ſoll indeſſen unter ſeiner Eti⸗ tette nicht leiden. Wenn Sie erlauben, thu' ich Ihnen Beſcheid. Schlurck, außerordentlich geſchmeichelt und gleich⸗ ſam glücklich, einen Bundesgenoſſen gegen den jun⸗ gen Tiſchler, der ihn ſchon lange zu necken ſchien, zu finden, ſchenkte, um die Schäumung recht friſch zu geben, voch einmal in einem naheſtehenden Glaſe ein und überreichte es Dankmarn, der freundlich Be⸗ ſcheid that. ſü ſo ein ſt 161 lt Der Heidekrüger aber lachte und ſchraubte den Juſtizrath, indem er anfing: ahl Ei, ei, Herr Juſtizrath, was haben Sie mir da— lb⸗ ſür eine Etikette empfohlen? Das hätt' ich wiſſen ſollen, als ich wegen meiner kleinen Häkeleien mit der 1 urt hohenberg'ſchen Maſſe bei Ihnen war und Sie um ichnet eine Empfehlung guter Weine bat, wegen der bevor⸗ ogin ſtehenden Wahlmanöver und Zweckdemonſtrationen! den Geldermann⸗Deutz wird mir hier verworfen, ſagte Tiſch⸗ Schlurck mit halb ernſter, halb komiſch ſein ſollender.. nann⸗ Entrüſtung. Da müſſen Sie zur Strafe jetzt alle zuſammen einem Montebello oder einem Most den 6 rwein Hals brechen. Was befehlen Sie? aber, Damit langte er neben ſich hinunter und griff in einen zierlichen Flaſchenkeller, der neben ihm auf der Ei⸗ Erde ſtand und in ſeinen Räumen noch Platz hatte hnen für die köſtlichſten Speiſen und ſogar das Eis, das er im blechernen Boden der ganzen Maſchinerie bei⸗ glic⸗ ſichführte. j Nehmen Sie vom alten ehrlichen Jaqueſſon, rief ſchen, der junge Tiſchler herüber und änderte ein wenig iſch ſeine bequeme Stellung. Im hohenberger Schloßkel⸗ aſe i ler lagen von dem Hauſe Jaqueſſon noch vor eini⸗ 2 gen Jahren ein Dutzend Körbe der bewährteſten Etikette. Die Ritter vom Geiſte. I. 11 Schlurck richtete ſich auf und blickte mit entrüſte⸗ tem Antlitz zu dem kühnen Sprecher hinüber. Die Brille auf ſeine hohe Stirn ziehend, ſtierte er ihn jetzt mit den unbewaffneten grauen Augen an; denn Schlurck gehörte zu denjenigen Weitſichtigen, die ge⸗ rade erſt die Brille abſetzen, wenn ſie gut ſehen wollen. Woher wiſſen Sie Das, junger Mann? fragte er mit gezogenem Tone. Ich habe im hohenberger Schloßkeller an den Ge⸗ ſtellen für die Weinflaſchen gearbeitet, antwortete der Tiſchler lachend, und Dankmar konnte ihm jetzt in ſein ſchoönes edles Antlitz ſehen. Sein Haar war bräunlich und gelockt wie das ſeinige, der Mund voll der ſchönſten Zähne. Ueberhaupt hatte der Fremde einige Aehnlichkeit mit Dankmar. Sieh, ſieh! bemerkte Schlurck mit ſonderbarem Dehnen der Stimme; ſieh, ſieh, ich habe in der That nur Jaqueſſon bei mir. Dann ſich ſetzend und die Brille wieder über die Augen werfend, rief er: vive la gaieté, meine Herren! Rücken Sie näher, junger wählender und wählbarer Tiſchler! Juſtus, Sie deutſcher Patriot, herbei! Sie ſtoßen auf die nächſte Wahl in Ihrem Bezirke an, id est auf Ihre eigene Wahl! Ha, ha, alter Sünder! Das iſt's doch ſte⸗ Die jetz enn ge⸗ llen. te er der t in war voll ende arem Lhot 1 die äher⸗ uſtus, f die Ihre doch nur, was Ihr ſo im Stillen ambirt! Papſt Sirtus! Papſt Sirtus! Der hat's auch ſo gemacht. In De⸗ muth dem Herrn gedient, geächzt, geſtöhnt, die höchſte Würde abgelehnt, abgelehnt bis er ſie hatte und Papſt war! Juſtus, edler Märtyrer alter Beamtenwillkür! Heran! heran! Eins, zwei, drei! Krach, das Eiſen iſt ab und nun die Eimer her! Vollgeſchöpft! Dankmar hielt getroſt hin. Was ſollte er da lange zögern? Der Heidekrüger aber legte die Hand auf ſein Glas und ſagte ganz verſtimmt: Das bitt' ich mir aus, Herr Juſtizrath! So ha⸗ ben wir nicht gewettet. Ich ſollte daran denken, ge⸗ wählt zu werden? Darum all' mein Eifer für Ihre gute und rechtſchaffene Wahl? Nein, nein, beſter Herr! Ich bin ein ſchlichter, einfacher Mann. Ich hab' Ihnen geſagt, wie ich mir Alles denke, wie's werden muß im Staate, und nun kommen Sie an und thun, als hätt' ich den Hinterhalt... Hi, pfiff gleichſam Schlurck und gab einen eige⸗ nen Ton des zahnloſen Mundes von ſich, einen Ton, der Liſt und Ungläubigkeit ausdrückte. Was iſt da mehr? Kommen Sie, wählender wählbarer Tiſchler, thun Sie Beſcheid! Sie haben ſchon manches gute Wort in unſer Geſpräch hineingegeben. Ich ehre auch die Arbeit! Ich ehre auch die Herren Arbeiter! Die 11* . 164 Herren Arbeiter ſollen leben! Wir wählen Freunde der Arbeit! Feldarbeit, Werkſtattarbeit, Geiſtesarbeit; nicht wahr, mein Herr, Sie ſind Geiſtesarbeiter?... Dieſe Frage war an Dankmar gerichtet. Er be⸗ jahte ſie. Nun ſehen Sie, fuhr Schlurck fort und reichte, um den Heidekrüger zu verſöhnen, dieſem ſeine gol⸗ dene Doſe hinüber, aus der er vorher ſelbſt eine Priſe nahm, was murren Sie, Juſtus? Es iſt Alles Windbeutelei mit der jetzigen Politik! Kenntniß vom Recht? Gleich Null. Ehrgeiz iſt die Achſe des gan⸗ zen Getriebes. Steck da Einer ſeine Finger hinein, ſie werden ihm bald zerquetſcht werden. Die beſte Politik iſt gewiß die, aus dem Staate Alles hinauszu⸗ fegen, was in dieſen Begriff ſeit hundert Jahren hin⸗ eingepfercht iſt. Wer ſagt ſo etwas? Eine gute Polizei, das iſt Alles, was man vom Allgemeinen verlangen ſollte. Das Uebrige bleibt der Geſellſchaft überlaſſen. Verwaltung und Schule kommt an die Gemeinde, die Kirche bete und ſinge, was ſie will. Die Provinzen halten jede für ſich! Die Ständekam⸗ mern ſind bloße Abrechnungsconvente. Man kommt zuſammen, um Soll und Haben auszugleichen. So iſts in Amerika, ſo in England, und das Beſte dabei iſt, daß die Menſchheit vergnügt bleibt und Jedermann unde beit; 165 das angenehme Gefühl hat, in ſeinem Kreiſe ſo viel zu gelten, als er mit ſeiner Perſon behaupten kann. Bravo, ſagte Dankmar, die Anſicht iſt faſt die meinige. Doch ſind Sie dabei auf dem beſten Wege zur Republik. Wenn wir uns, fuhr Schlurck behaglich lächelnd fort, wenn wir uns eine Republik denken könnten comme il ſaut, warum nicht? Aber Das iſt ja der ewige Jammer. Die heutigen Republikaner wollen mit dem Staate auch wieder nur Staat machen. Da ſoll Alles von unten aufgebaut werden, ſymmetriſch, Alles in die Höhe, Alles Pyramide, Alles Centraliſa⸗ tion. Der Menſch, die Gemeinde, die Geſellſchaft werden nur ausgeſogen zu einem großen Allgemein⸗ zwecke, der im Grunde wieder nicht beſſer iſt als die alte Königs Majeſtät von Gottes Gnaden. Dieſe Wuth, den Einzelnen für nichts mehr zu erklären, die iſt ja ſo allgemein jetzt, daß die Lumpe in dem ver⸗ dammten Communismus ihr Heil finden, als wenn dann der Einzelne was hätte, wenn Alle nicht viel haben! Meine Herren, die Erde iſt ein höchſt un⸗ vollkommener, höchſt kleiner, obſcurer Planet und wird's bleiben, bis er ſich einmal an einem größern ganz die Naſe zerſtößt oder wohlbehalten in ihm auf⸗ geht. Wir Menſchen ſind vielleicht vollkommener als 166 die Bewohner der großen Planeten; denn allerdings ſchon die Gaſtronomie belehrt uns, daß die kleinen Krabben beſſer ſchmecken als die großen. Möglich, weil die Erde klein iſt, ſind ihre Bewohner feiner or⸗ ganiſirt als die Bewohner des Saturn. Aber bis zur Vollkommenheit bringen wir es nicht. Wir ſind ein wimmelndes Geſchlecht fleiſchfreſſender Vernunfts⸗ thiere. Was wir für Moral halten, iſt veredelte Ge⸗ ſundheitslehre; was uns Metaphyſik ſcheint, iſt nichts als die Reflerion der einen Sinnentäuſchung in der andern. Denn da dieſe gänzliche Rathloſigkeit über unſern Urſprung und unſers Hierſeins Zweck und Ab⸗ ſicht bereits mehrere Jahrtauſende dauert, ſo hat ſich von den Millionen Blaſen, die darüber in unſern Köpfen ſchon aufgeſtiegen ſind, ein ſolcher Blaſebalg von Traditionen gebildet, daß Keiner mehr weiß, was er ſelbſt oder was Andere gedacht haben und woher der Wind eigentlich weht. Verdauen Sie gut, meine Herren, haben Sie das einzige Glück, das die Erde gewähren kann, ſo ſchreiben Sie luſtig an den ge⸗ ſtirnten Himmel: Das Prinzip des Alls iſt die Liebe. Verdauen Sie aber ſchlecht, meine Herren, und möchten Sie nach jeder Gänſeleberpaſtete des Teufels werden, ſo ſchreiben Sie voll Zorn auf dieſelbe Stelle: Das Prinzip des Alls iſt der Haß. Was iſt da nun Wahrheit? ings inen i, ort⸗ bis ſind nfts⸗ Ge⸗ ichts det über Ab⸗ t ſich mſern ebalg was woher meine Eide n ge Liebe. öchten en, ſo 7 167 Herr Juſtizrath! rief der Heidekrüger, wenn Sie ſo zu den Bauern ſprechen, bekommen Sie in Schö⸗ nau nicht Eine Stimme. Wirklich? Wie ſo? Jeder Wahlmann wird Ihnen ſagen: Das ſind Läſterungen! Hm! hm! Glauben Sie Das? So müſſen Sie dieſe Naturmenſchen nicht faſſen, Herr Juſtizrath. Wiſſen Sie was, Juſtus! ſagte Schlurck nach einigem Beſinnen und vom Champagner nippend; der Henker hole Ihre ganze Wühler⸗ und Wählerei! Wenn's nicht jetzt Mode wäre, Politik zu treiben, und die unhöflichſte Vergeſſenheit über Jeden käme, der nicht auch in einem Club ſitzt und in die allge⸗ meine Confuſion mithineinbrüllt, ich würde mich wol in Acht nehmen, meine Zeit und Muße zum Opfer zu bringen. Ich habe ein paar Reſſourcenfreunde ge⸗ ſehen, die nur drei mal im Conſtitutionellen Club waren und um zehn Jahre älter wieder herauska⸗ men. Sie hatten ein Geſicht— ſo lang!— ge⸗ kriegt. Uebrigens irren Sie, wertheſter Freund, wenn Sie glauben, daß die Bauern blos patriotiſche und politiſche Salbung hören wollen. Die Leute ahnen auch längſt, daß die Welt ein großes Loch hat, wo — 168 all der Wind, den man ihnen ſeit tauſend Jahren vorgemacht, zwecklos wieder durchbläſt ins Leere, und unſere Eriſtenz eine bloße Flauſe iſt. Es ſoll ihnen nur Einer einmal von Grund aus zeigen, wie die Welt damals ausſah, als ſie blos für Adam und Eva geſchaffen wurde; ich weiß nicht, Freundchen, ob Sie für Ihre ſchönauer Loyalitätsadreſſe die fünfhun⸗ dert Unterſchriften bekommen hätten, die Ihnen in der Zeitung ſchrecklich viel Inſertionsgebühren müſſen gekoſtet haben. Sind Sie jetzt ein Loyalitätsadreſſenſchreiber? fragte Dankmar ganz erſtaunt den Heidekrüger. Juſtus ſtützte den Kopf auf den linken Arm und antwortete, Dankmarn ſcharf ins Auge faſſend: Ich weiß nicht, mit wem ich zu ſprechen die Ehre habe; aber Das weiß man vom Heidekrüger Juſtus zehn Meilen Weges, daß ich das Bischen Einfluß auf unſer Land und unſere Gegend nicht zum Un⸗ rechten verwende. Mit den Wühlern hab' ich nie⸗ mals gehen mögen. Ich wurde ſchon verfolgt vor zehn Jahren von der alten Polizeiwirthſchaft. Warum? Weil ich verbotene Bücher las, in den Provinzial⸗ landtagen manchmal ein Wort über die Beamtenwirth⸗ ſchaft, über Grundſteuer und die Chauſſeebauten ſprach. Das war ein Hetzen, ein Unterſuchen, ein Incriminiren... hren nen die und hun⸗ in iſſen ber? 169 Sie haben ſich damit einen Namen erworben, fiel Dankmar ein. Ich bin angenehm überraſcht, die per⸗ ſönliche Bekanntſchaft des freiſinnigen Heidekrügers Juſtus zu machen.... Juſtus zog, etwas geſchmeichelt, ſein Käppchen. Schlurck ſchnitt eine ironiſche Miene und blinzelte zu Dankmarn hinüber, als wollte er ſehen, ob man wol von ihm verſtanden würde, wenn man in ſchein⸗ bar ernſter Miene etwas blicken ließe, das etwa ſo⸗ viel ſagte als: Der eingebildete Eſel! Schlurck war ein völlig negativer Kopf, vor dem nichts feſten Beſtand hatte. Er leitete faſt Alles aus dem Intereſſe her, auch Juſtus' politiſche Stellung, die in der That keine geringfügige war, wenigſtens in den Tagen vor den neueſten Bewegungen. Die Wühler, ſagte Juſtus, haben Jeden verdäch⸗ tigt, der keine Schulden auf ſeinem Eigenthum hatte. Sie haben ſich hier an einige bankrotte Müller und Wirthe und vorlaute Tagelöhner gehängt und Die in die Stadt geſchickt, um für ſie zu ſprechen. Ob es anderswo anders war, weiß ich nicht; genug, wir Alten von ſonſt ſahen dem Treiben ruhig mit zu. Die Regierung foderte Die, die ſie noch für das Beſſere treugeſinnt hielt, durch Circularausſchreiben auf, man ſollte durch Adreſſen ſeine wahre Geſinnung kundgeben, 170 und was verſprochen wäre, Das würde auch gehal⸗ ten werden. Nun, darauf hin, Herr, wenn man uns Das hält, was verſprochen iſt, darauf hin konnten wir ſagen, daß wir an unſerm angeſtammten König feſthalten und uns von teinerlei Rottirung würden irremachen laſſen. Es haben's Vierhundertneunzig unterſchrieben und viele Arme darunter, die aber voll⸗ kommen klar wiſſen, was ſie thaten, als ſie die Fe⸗ der führten. Sie ſehen, ſagte Schlurck mit feinem Humor, un⸗ ſer braver Herr Juſtus gehörte ſonſt zu den Dema⸗ gogen, jetzt zum rechten Centrum. Das rechte Centrum iſt die Gegend, wo die Portefeuilles wachſen. Wenn das Glück gut geht, Juſtus, und Sie die Stimmen haben, werden Sie doch noch bei irgend einer Kri⸗ ſis Ercellenz.... Rein! Wenn Sie ſo über Alles ſpotten, Juſtiz⸗ rath, ſagte Juſtus faſt ärgerlich und wollte aufſtehen. Sitzen geblieben! rief Schlurck. Altes Haus, Spaß verſtehen! Hier Jaqueſſon getrunken! Alles Andere iſt eitel... Sie ſind auch eitel. Dabei füllte er die Gläſer, bemerkte aber, daß der Tiſchler vorhin das ſeine nicht geholt hatte. Als er ſich umwendete, um ihn dazu aufzufodern, fand er, aß der ſicher ſehr ermüdete Wanderer ſchlief. hal⸗ uns nien nig tden nig voll⸗ Fe⸗ un⸗ ema⸗ trum Venn umen Kri⸗ zufi ſtehen⸗ haus⸗ Ales aß der As e nd 3 171 Der junge wählbare Wähler ſchläft, flüſterte Schlurck. Und um ein Uhr Nachts wach zu ſein, iſt allerdings eigentlich nur das Privilegium der Ge⸗ bildeten. Der Heidekrüger, verſtimmt, gab ihm einen Wink und ſagte leiſe: Schlimm genug, daß wir in Zeiten leben, wo man nicht einmal einem reiſenden Handwerksgeſellen ſagen kann: Scher' er ſich auf den Heuboden! Was, Herr Juſtus iſt nicht nur rechtes Centrum, bemerkte Dankmar, ſondern auch Ariſtokrat geworden? Ich bin ein ehrlicher Mann geblieben, antwortete der Heidekrüger; ich gebe Gott was Gottes, und dem Könige was des Königs iſt. Jeder Stand ſoll in ſeinen Grenzen bleiben, der Dienende ſich nicht zu dienen, der Arbeitende ſich nicht zu arbeiten ſchämen. Und der Wirth, fiel Schlurck mit jovialer Be⸗ ſtimmtheit ein, der Wirth ſoll ſich nicht irre machen laſſen, ſein Hausrecht zu gebrauchen. Wenn Sie, beſter Freund, nicht auf Popularität ſpeculirten, hät⸗ ten Sie den Burſchen da längſt zur Thür hinausge⸗ worfen. Sie können's, ſeh' ich, Juſtizrath, ſagte Juſtus, nicht laſſen, mich für einen ehrgeizigen Mann zu hal⸗ ten. Es ſollte mich kein Menſch hindern und keine 1 . 3 172 Rückſicht auf Wählen oder Nichtwählen beſtimmen⸗ Einem zu ſagen, was ich von ihm denke. Aber be⸗ trachten Sie doch nur den Mann! Ich halte ihn für Das, was er von ſich ausſagt, aber die Meiſten ſind heute etwas Schlimmeres, als was ſie ſein wol⸗ len. Der kommt mir aber vor, als könnte er etwas Beſſeres ſein. Schlurck und Dankmar betrachteten den Schläfer in der blauen Blouſe noch einmal aufmerkſamer. Es war ein ſchöner, ſchlank gewachſener junger Mann. Er hatte den Kopf dicht unter beiden gekreuzten Hän⸗ den auf den Tiſch gelegt. Dem dadurch recht ſicht⸗ baren krauſen hellbraunen Haar ſah man die ſorg⸗ ſamſte Pflege an. Ein um das Kinn rundherum gehender Bart hob die blaſſen, edlen Züge nur noch lebendiger hervor. Auf der hohen Stirn ſchien ein anderer Beruf zu ſchlummern, als ihn die Blouſe ver⸗ rieth. Und doch war auch dieſe feiner als die eines gewöhnlichen Handwerkers. Sie war rings am Kra⸗ gen, an den Aermeln und auf der Bruſt einfach, aber ſehr ſorgfältig geſteppt. Die bunten Beinkleider wa⸗ ren von einem gewählten Muſter, die Stiefel ſaßen auf einem zierlichen Fuße, dem das Wandern auf der Landſtraße nicht geläufig ſchien. Als Dankmar be⸗ merkte, daß an den Hacken dieſer Stiefeln ſich ſogar nen, he⸗ iſten wol⸗ was lüfer 6s ann. Hän⸗ ſicht⸗ ſorg⸗ etum noch ein ever⸗ eines Kra⸗ aber Wa⸗ ſaßen f det nbe en 173 ein kleiner Abſatz Sporenleder befand, überflog den Juſtizrath eine düſtere Wolke plötzlichen Unmuths. Es ſchien, als hätte er ſagen wollen: Alles Fremde iſt mir unheimlich. Auch Dankmar blieb ihm ohne Zweifel zu lange namenlos. Er griff nach der Uhr, zog ſie an einer langen, ſchweren goldenen Kette her⸗ vor und ließ ſie repetiren. Sie ſchlug ein Viertel auf zwei. Jetzt, beſter Freund, begann er, zu Juſtus gewen⸗ det, iſt es Zeit, aufzubrechen. Die Pferde werden vom Warten müde. Mein Kutſcher fällt wol gar vom Bocke und es iſt heiß hier, recht heiß.... Damit wollte er aufſtehen. Aber Juſtus, der breite Auseinanderſetzungen liebte, war eben erſt im Begriff, ſich recht gehen zu laſſen. Man hatte ſeine Offenheit bezweifelt; jetzt kam ihm erſt das Bedürfniß, ſich vollſtändiger auszuſprechen. Nein, ſagte er, nun laſſ' ich Sie nicht. Nun müſ⸗ ſen Sie auf ein Stündchen bleiben. Die Nacht iſt einmal verdorben. Sie fahren mit Ihren Staats⸗ füchſen in zwei Stunden nach der Stadt, was wollen Sie früher ankommen als mit Sonnenaufgang? Beſter Freund, mich erwarten Geſchäfte.... Sie bleiben noch! Auch der fremde Herr; ja! ja! Das laß ich mir nicht nehmen, mich gegen ungerech⸗ ten Verdacht zu vertheidigen. Mein ehrlicher Name iſt nicht von geſtern. Auch wir Alten, die wir ſonſt etwas waren, müſſen uns wieder ausſprechen dürfen. Oder ſollen nur die Communiſten, nur die Reubünd⸗ ler reden? Die Reubündler ſtachelten Schlurck auf. Sie werden doch nichts gegen die Reubündler zu ſagen haben, Juſtus? bemerkte er. Gegen die Reubündler? Warum nicht? Sind Sie Mitglied des Reubunds? Allerdings. Ein Mann von Ihrem Geiſte? bemerkte Dankmar. Sehr ſchmeichelhaft, mein Herr! erwiderte Schlurck. Allein ich verſichere Sie, der Reubund iſt eine der merkwürdigſten Neuerungen, die ich unſerer an Ideen ſo armen Zeit kaum zugetraut hätte. Das müſſen Sie beweiſen, Juſtizrath! rief Juſtus donnernd und zwang den Epikuräer, der dieſe Nacht einmal beſchloſſen hatte, die Gewalt des Sohnes der⸗ ſelben, Morpheus, nicht anzuerkennen, eine ſo kühne Behauptung zu rechtfertigen. Schlurck ſah ſich noch einmal mistrauiſch zu der ſchlummernden blauen Blouſe um, ſchenkte noch ein⸗ mal die Gläſer mit ſeinem Jaqueſſon aus der hohen⸗ berg'ſchen fürſtlichen Kellerei voll und begann mit 175 einer Dankmarn wohlverſtändlichen und ihn ſehr an⸗ genehm unterhaltenden Ironie: Eh' ich denn alſo vom Reubunde ſpreche, laſſen wir erſt noch den Heidekrüger reden! Entfalten Sie ſich, Juſtus! Entwickeln Sie ſich in Ihrer ganzen Bedeutung für das vaterländiſche Allgemeine! ———— — Siebentes Capitel. Der Reubund. Nun wohlan, ſagte der Heidekrüger und warf ſich dabei gewichtig in die Bruſt; hier und anderwärts ſind Viele aufgeſtanden und haben geſagt: Seht den Juſtus, den Heidekrüger, der einſt jedes verbotene Buch las, einſt für die Polen ſammelte, in ewiger Unterſuchung ſtand, Juſtus, der..., Der ſelbſtzufriedene Mann ſtockte. Nein, nein, half Schlurck nach, ſagen Sie offen, daß Sie der Mirabeau der Provinziallandtage wa⸗ ren, der Schrecken der Landräthe, der O'Connell des alten Liberalismus... Er iſt doch recht ſchlimm! bemerkte Juſtus mit einem Blicke auf Dankmar und meinte den ſatyriſchen Juftizrath. Doch geſtand Dankmar die Bedeutung des Heide⸗ trügers vollkommen zu und machte ihm damit Muth, ſich in ſeinem ganzen Werthe zu fühlen. ſich ärts den otene wiger offen, wu⸗ l des einen rulß Heide⸗ Muth, Nun meinetwegen, ſagte Juſtus, ich bin ein Land⸗ wirth, habe mir einige Kenntniſſe erworben, die über die Pflugſchar hinausgingen, und lag mit dem alten Polizeiſyſteme in Hader, ſeit... Ihre Frau todt iſt, ſchaltete Schlurck ein. Doch hörte Juſtus nicht darauf, ſondern fuhr fort: Kinder hab' ich nicht und los und ledig muß Eins ſein, wenn man nicht erſchrecken will vor einer Haus⸗ ſuchung durch Gendarmen oder ähnliche Viſiten bei Nacht und Nebel. Nun gut! Die neue Zeit iſt ge⸗ kommen. Nun ſagen die Leute: der Heidekrüger galt ſonſt für einen dreiſten Mann und gab der Regierung etwas zu rathen auf. Warum rückt er jetzt nicht mehr mit der Farbe heraus? Warum hat er einen Bund mit dem Feinde gemacht? Warum will er Miniſter werden? ſchaltete Schlurck parodirend ein und ſtieß mit Dankmars Glaſe an. Ja! Auch Das haben ſie geſagt, fuhr Juſtus fort. Aber ich, Juſtus.. Der Heidekrüger... Sage! Das iſt erlogen.. Und dreimal gelogen! Die Loyalitätsadreſſe aus dem ſchönauer Kreiſe kam vom Herzen... Und vom Geldbeutel.. Die Ritter vom Geiſte. I. Nein, Juſtizrath!... Unterbrechen Sie Herrn Juſtus nicht ſo bft, Herr Schlurck, ſagte Dankmar lächelnd. Neiu warum? meinte Schlurck. Iſt der Mann denn nicht reich? Gehört ihm nicht der Heidekrug mit Wald, Wieſe und ſo und ſoviel Morgen Kornland? Hat er nicht da unten in ſeinem grünbewachſenen Stübchen neben einem Schranke weiland verbotener, jetzt erlaubter Bücher, mehre Ausgaben des Converſa⸗ tions⸗Lerikon nebſt einem eiſernen feuerfeſten Schranke voll koſtbarer Provinzialcreditkaſſenſcheine und den frequenteſten Eiſenbahnactien? Die Loyalitätsadreſſe... Kam vom Herzen, ſag' ich nochmal, rief Juſtus, ſich erhebend mit donnernder Stimme und ganz mit dem Feuer und der Stentorbruſt eines zu einem Prä⸗ ſidentenſtuhle ſich eignenden parlamentariſchen Löwen. Sie kam nicht vom Geldbeutel, Juſtizrath! Auch nicht von der Furcht! Kein Gendarm hat uns Fünfhun⸗ dert dazu gezwungen, wie's anderwärts geſchehen iſt, wo die Leute um Gotteswillen gequält wurden, ein gu⸗ tes Zeichen vonſichzugeben und den Landesvater durch Zuſtimmung zu retten. Allein, wenn wir in unſerer feſten Geſinnung eine Erklärung gegen die Wühlerei, die Demokratie und den Communismus abgaben, ſo iſt darum noch nicht geſagt, daß wir Reubündler ſind. t Hen Mann ug mit mland? ſchſenen botener, nverſ⸗ chranke d den reſſe. Juſtus, anz mit n Pri⸗ Löwen⸗ h iicht ünſhun⸗ hen iſ, ein g⸗ 1 durch unſerer iheri n ſt iſt ſind. 179 Was wollen Sie nur mit Ihren Reubündlern? Wenn Juſtus etwas beginnt, ſo kennt er die Grenze, wo er aufhört. Vor ein paar Tagen hat man mir einen Brief geſchickt, ich ſollte mich in den Reubund aufnehmen laſſen. Graf Bensheim lobte unſere Fünfhundert⸗Adreſſe. Herr von Sengebuſch kam ſelbſt von Randhartingen, um mir die Statuten des Reubundes zu bringen. Der fürſtlich hohenberg'ſche Rentmeiſter von Sänger ſchickte einen Erpreſſen... Hätte Ihnen der Alte ſeine reizende junge Frau geſchickt... unterbrach Schlurck den ſalbungsvollen Redner, der ſich als das Wahrzeichen der ganzen um⸗ liegenden Landesgeſinnung darſtellte. Juſtus hörte nicht auf dieſe Zwiſchenrede, da es ihm eben war, als wenn ſich der Tiſchler in der Ecke in ſeinem Schlafe regte. Nun? Sie blieben beim Rentmeiſter von Sänger ſtehen, rief ihm Dankmar zu, als er auf den Schlä⸗ fer blickend ſtockte. Als dieſer ſich nur auf einen andern Arm gelegt hatte, fuhr Juſtus fort: Ja, man verhieß mir die be⸗ ſonderſte königliche Gnade, wenn ich dieſe ganze Ge⸗ gend auf zehn Meilen in der Runde für den Reubund gewönne... Der Orden iſt da! meinte Schlurck ironiſch. 12* 180 Er iſt nicht da, Juſtizrath! ſchlug Juſtus auf den Tiſch. Ich habe geantwortet: Ich wüßte zur Zeit noch nicht, was ich zu bereuen hätte, und wem's hier, ich zeigte aufs Herz, reumüthig auf der Seele brenne, Der ſolle in ſein Kämmerlein gehen und auf die Knie fallen und Gott um Gnade und Vergebung ſeiner Sünden bitten. Aber ſo vor aller Leute Au⸗ gen ſich auf die Bruſt ſchlagen und ich weiß nicht, was öffentlich bereuen, Das möchten Die thun, die die Komödie bezahlt kriegen. Das hab' ich geantwor⸗ tet und das iſt meine Meinung von dem Reubunde. Beſter Freund, ſagte jetzt Schlurck, da haben Sie ſehr thöricht gehandelt. Wie ſo? fragte der Heidekrüger, erhitzt von inne⸗ rer Glut, vom Weine und vom Selbſtgefühl.* Soll ich Ihnen ſagen, was hinter dem Reubund ſteckt? Muckerei ſteckt dahinter. Es iſt die alte pietiſtiſche Betkammer wieder, aber in neuer Form. Alle Offi⸗ ziere, die früher beteten, ſtehen an der Spitze. Sie irren ſich! Was? General Voland von der Hahnenfeder? Leitet der nicht auch den Reubund? Sie irren ſich! Probſt Gelbſattel... Täuſchung! f den t Zeit vems Seele dauf bung e Ar⸗ nicht, n die twor⸗ unde. Sie inne⸗ Soll ſect ſtiſche Off⸗ 181 Stehen nicht Frauen an der Spitze? Die Ge⸗ heimräthin Pauline von Harder? Die auch eine Betende? lachte Schlurck. Sie verwechſeln Pauline von Harder mit ihrer Schweſter, Anna von Harder. Nein, nein, beſter Heidekrüger, fuhr Schlurck fort, Sie mögen vortrefflich über die Hypotheken, Creditbriefe und Vicinalwege dieſer Pro⸗ vinz unterrichtet ſein... Ich halte ſieben Zeitungen.. Deswegen eben!... Aber Sie werfen Namen zu⸗ ſammen wie Kraut und Rüben! Namen, die mit dem Reubunde nichts zu thun haben! Pau⸗ line von Harder... ich muß lachen... Iſt ſie nicht Großmeiſterin? Wohl, wohl! Aber, beſter Freund, Pauline von Harder iſt Alles, nur keine Betſchweſter. Irr' ich nicht, bemerkte Dankmar, ſo iſt Pauline von Harder eine geiſtvolle Schriftſtellerin. Allerdings, ſagte Schlurck. Nein, nein, Juſtus, da reimen Sie ſich hier auf Ihrem Freihofe, unter den Tannen, Birken und beim ſchönen Geſange des Kukuks zuviel ungereimte Dinge zuſammen... Ich bleibe dabei, ſagte Juſtus, der Reubund iſt Muckerei. Möglich, ſagte Schlurck pfiffig, aber nicht in ——— —— 182 Ihrem alten lichtfreundlichen Sinne! Beſter Heide⸗ kruger, Sie nehmen mir nicht übel, Sie ſind etwas zäh, etwas ſtarrköpfig in Ihren alten Anſchauungen... Im Reubund iſt Muckerei! Ja, ja, in gewiſſem Sinne, aber nicht in Ihrem! Ich ſag' es ja! Sie denken noch immer an die alten Provinziallandtage und Ihre dummen verbotenen Bücher.. Im Reubund iſt Muckerei. Er iſt nicht zu widerlegen, meinte Schlurck zu Dankmar gewandt. Er bleibt bei ſeinem Satz und wird Recht behalten, trotzddem, daß im Reubund die luſtigſten Leute eſſen, trinken, tanzen und an Alles, nur nicht ans Beten denken. Juſtus brummte nichtsdeſtoweniger immer für ſich fort. Im Reubund iſt Muckerei. Der Heidekrüger war ſo befangen in den alten Vorausſetzungen ſeiner improviſirten Bildung, daß er zwar conſervativ geworden war, aber in die Fußan⸗ geln des Myſticismus, als alter Gegner deſſelben, den Reactionairen nicht folgen wollte. Ich bin aber doch begierig, bemerkte Dankmar nun zum Juſtizrathe gewandt, Ihre Analyſe des Reubun⸗ des zu hören. Sie werden ihn wirklich vertheidigen? Ma lter Ven R nün Pe der ein Vo lun ſein Sie gin Pr ſer un Heide⸗ etwas gen Ihrem! die alten rbotenen lurck zu atz und bund die Wes, mer füt den alten daß er Fußan⸗ na mn Reubun⸗ heiigen 183 Wenn Juſtus conſervativ geworden iſt, antwor⸗ tete Schlurck mit ernſter Miene, ſo mußte er auch keinen Anſtand nehmen, in den Reubund zu treten. Warum? donnerte Juſtus und hob ſein mit dem Käppchen geziertes rundes, ſtarkgeröthetes Antlitz wie ein erzürnter Olympier oder der Präſident irgend einer „verfaſſunggebenden“ Nationalverſammlung. Weil jede Zeit ihre eigene Sprache hat, beſter Mann, begann Schlurck feſt und beſtimmt, die Sprache, alter Freund, in der man allein von ihr verſtanden wird. Wenn der Unſinn ſiegt, geht man eben mit dem Unſinn. Iſt es Mode, die Augen zu verdrehen, ſo ſpricht der Ver⸗ nünftige von der Erleuchtung. Iſt es Mode, mit den Penſionairs, den Offizieren und Beamten das Lied von der Majeſtät zu ſingen, ſo ſingt man's, wie man vor einigen Monaten, als die Taſchendiebe und Wühler Volksverſammlungen hielten, wühlte, die Volksverſamm⸗ lungen beſuchte, immer Bravo rief und blos hinten ſeine Rocktaſchen zuhielt. Beſter Freund, was wollen Sie nur gegen den Reubund? Ich bin ſelbſt Mit⸗ glied. Ich denuncire Sie. Ich klatſche Ihnen einen Proceß an den Hals, bei dem Sie zehn Monate Waſ⸗ ſer und Brot beſehen können, trotz Geſchworenengericht und allem mündlichen Zubehör. Das begreif' ich aber denn doch nicht, begann 184 Dankmar, wie Sie bei der klaren Beurtheilung der ſtaatlichen und allgemein menſchlichen Verhältniſſe, die Sie vorhin zu erkennen gaben, doch ſo ſich der all⸗ gemeinen Meinung, die Sie ſelbſt ſchwerlich theilen, unterordnen und gleichſam mit den Wölfen heulen können. Der Reubund ſcheint mir wirklich eine der troſtloſeſten Ausgeburten eines Volks, das für poli⸗ tiſche Bildung ſeine völlige Unreife zur Schau ſtellt. Er iſt das vollſtändigſte testimonium paupertatis des Geiſtes, das ſich eine in Servilität und Beamten⸗ ſchmeichelei großgezogene Bevölkerung nur ſtellen kann. Er iſt eine Zuflucht der abſoluteſten Gedankenloſig⸗ keit, ein Schafſtall der Furcht und des paniſchen: Rette ſich wer kann! Ein ſtrenger Abſolutiſt ſogar, z. B. der geiſtreiche vorhingenannte General Voland von der Hahnenfeder, wird nicht im Stande ſein, ſich dieſem Bunde anzuſchließen; denn der Abſolutiſt be⸗ darf Ideen und dort findet er nur Götzendienſt. Ganz Recht, bemerkte Schlurck und zog, um doch den feurigen Sprecher ſchärfer zu betrachten, die Brille auf die Stirn; ich ſtimme Ihnen vollkommen bei, und dennoch hab' ich die Mode mitgemacht, eben weil ſie Mode iſt und man ſich nur in Weitläufigkeiten und läſtige Auseinanderſetzungen verwickelt, wenn man den Leuten ſagen ſoll, warum man die Mode nicht mit⸗ der die all en, len och rille und ſi und den mit 185 macht. Darum tragen wir ja die allgemeine franzö⸗ ſiſche Tracht, um uns das Echauffement zu erſparen bei Auseinanderſetzung der Gründe, die uns beſtim⸗ men könnten, dieſe oder jene uns viel geſchmackvoller erſcheinende Kleidung zu tragen. Sie könnten nicht nur ewig zu thun haben, um geſchmackloſen Leuten auseinanderzuſetzen, warum ſpaniſch ſchöner als byzan⸗ tiniſch iſt, ſondern auch auffallen, ſehr auffallen, und ich gebe Ihnen die Verſicherung, Sie ſind jung, Sie ſtreben vielleicht erſt nach einer feſten Lebensſtellung, ich bitte um Verzeihung für dieſe Vorausſetzung, aber haben Sie eine feſte Lebensſtellung erreicht, ſo iſt Ih⸗ nen nichts ſtörender als das Auffallen. Das Auf⸗ fallen zwingt Sie, mit Ihrem Daſein immer wieder von vorn anzufangen, immer wieder erklären, immer polemiſiren zu müſſen. Ich bin z. B. Juriſt— Ein ſehr geſuchter, fiel Dankmar ein. Bitte! erwiderte Schlurck nicht ohne Artigkeit. Meine Praris iſt groß. Sie ſtehen mit der halben Welt in Verbindung, ſcherzte Dankmar und ſagte doch aufrichtig Das, was er dachte. Wollen Sie's ſo ausdrücken, fuhr Schlurck ohne alle Eitelkeit fort, ja! Ich habe durch meine Admi⸗ niſtrationen Gelegenheit, alle Stände kennen zu ler⸗ nen, Fürſten und Handwerker, Grafen, Barone, Ju⸗ den, Türken, Maitreſſen, Betſchweſtern, was Sie wollen. denn das Geld, das Geld regiert Alles, das Geld und der Genuß. Soll ich nun mitten im Strom der Tagesmeinungen und der ſich überſtürzen⸗ den Begebenheiten immer mein apartes Glaubens⸗ bekenntniß auskramen? Das iſt ſehr weitläufig. Nein! Ich war Mitglied aller Bibelgeſellſchaften, aller Miſ⸗ ſions-, aller Guſtav⸗Adolfvereine. Ich hielt mich an⸗ fangs zum conſtitutionellen Angſtclub, ich bin jetzt... Reubündler; was ſoll ich mich dabei aufhalten, den Leuten zu ſagen, warum... ich es nicht bin! Und doch wollen Sie, ſagte Dankmar, trotz die⸗ ſes indifferenten Intereſſes an den öffentlichen Ange⸗ legenheiten theilnehmen und ſich wahrſcheinlich hier in der Gegend wählen laſſen? Ich thu's mit ſchwerem Herzen, antwortete Schlurck; denn ich fühle, daß ich unglücklicher Mann immer rechts ſtimmen muß, und ich lebe wieder von ſehr, ſehr vielen Menſchen, die außerordentlich links den⸗ ken, und denke ſelbſt links. Ich darf mich leider nicht weigern. Ein Mann in meiner Stellung— Sie ſcheinen ſie zu kennen— was kann Der thun, wenn man ihm ſagt: Das Intereſſe des Staats verlangt jetzt auch Ihre Beihülfe! Auch Sie müſſen theilneh⸗ ſer 187 men an der Wiederherſtellung der Monarchie und des ſichern Kraftgefühls der Regierung! Es iſt nun ein⸗ mal oben die Idee vorherrſchend, der Regierung müß⸗ ten vor allen Dingen wieder die Prädicate des Zer⸗ malmens und Zerſchmetterns zurückgegeben werden. Dazu bedarf man der unbedingteſt Ergebenen, entwe⸗ der der Fanatiker der Theorie, Das bin ich nicht, oder der Fanatiker der reubündleriſchen Schwärmerei, zu denen gehöre ich nur formell, oder der Fanatiker der Ironie, zu denen gehöre ich ganz. Ich werde in der Kammer nur Ja und Nein! ſagen und meine Freude daran haben, daß wenigſtens vorläufig die übermäßige Verwirrung aufhört, wenn auch mit Auf⸗ opferung der Debatte. O, mein Herr, man muß in der That wieder anfangen können, von dieſem kleinen Planeten, Erde genannt, ſoviel Vergnügen abzuge⸗ winnen, als der tückiſche Erdenkloß, der uns mit feuer⸗ ſpeienden Bergen antwortet, wo wir Neapelwonnen erwarten, herausgeben will. Sehen Sie, ſchon Das iſt ja etwas werth, wenn es die Reaction durchſetzt, daß Einer mit Behaglichkeit wieder in ein Bad rei⸗ ſen kann. Nennen Sie mir Das nicht Indifferen⸗ tismus! Die Staatsformen, mein beſter Freund, wechſeln, aber die Forellen bleiben. Und was mir lieber wäre als alle Politik, das brauch' ich Ihnen eigentlich nicht zu ſagen. Aber wenn Sie's wiſſen wollen, junger Mann... nein, nein, Sie wiſſen es ſelbſt Ich weiß es nicht, Herr Juſtizrath... ſagte Dank⸗ mar, ſich beſinnend und in den Ideengang des alten Cpikuräers ſich verſetzend. Ah! ah! rief Schlurck ablehnend. Belehren Sie mich: was ſteht höher als Staats⸗ formen und Forellen? Ich weiß es wirklich nicht. Gehen Sie weg, Sie junger, hübſcher Lovelace.... Lovelace? Ah! Sie meinen... Ja natürlich mein' ich! Was iſt lieblicher als ein ſchönes Weib? Herr! Was iſt die Beſtimmung der Erde anders, als die, ein Stelldichein für Verliebte zu ſein? Ich bitte Sie, wo ſoll es hinaus mit un⸗ ſern fünf Sinnen, unſern Lippen— der Glückliche, der ſie noch friſch und rund hat, wie Sie!— wo ſoll es hinaus mit der Poeſie des Daſeins, wenn dieſe verdammte Politik den kleinen Gott Amor ſo langweilt, daß er unſere Erde für eine unnütze Sta⸗ tion ſeiner Wanderungen erklärt? Die Attraction der Leidenſchaften, der Magnetismus der Gefühle, Das iſt der Erde edelſter, höchſter Zweck. Hole der Hen⸗ ker die Politik und die Revolutionen! Dankmar hatte nicht den Idealismus ſeines Bru⸗ S S— ſſen es nk⸗ Uten ats⸗ ein 189 ders, der ſolche Reden verabſcheut hätte. Er war beweglich und praktiſch. Ueber dieſen Materialismus mußte er wirklich lachen, und da er, unterhalten we⸗ nigſtens von ſo frivolen Grundſätzen, ſchwieg, fand Schlurck volle Gelegenheit, unbeirrt durch den mür⸗ riſchen Heidekrüger, fortzufahren: Von allen neuen Syſtemen der Weltverbeſſerung und Menſchenbeglückung hat mir, aufrichtig, das des Franzoſen Fourier am beſten gefallen. Sehen Sie, dieſer Fourier geſteht es ein, daß ein friſches Stück Rheinſalmen mehr Werth für das Jahrhundert hat als confuſe Begriffe über den Urſprung der Geſell⸗ ſchaft. Er ladet ſeine Jünger in ſchöne luftige Pa⸗ läſte ein, ſpielt ihnen herrliche Muſik auf, arrangirt amuſante Bälle, ſchmückt die reichbeſetzten Tafeln mit Blumen, die er, glauben Sie mir's, ebenſo ſehr liebt wie Forellen, und was das Beſte iſt, ſeine Menſchen ſind gut, ſie amuſiren ſich, ſie ſterben mit dem Be⸗ wußtſein, daß ſie die ihnen verliehenen Organe zweck⸗ entſprechend benutzt haben...... Wollen Sie, fragte Dankmar ſpottend, im Reu⸗ bund dieſem doch revolutionairen Syſteme Anerken⸗ nung verſchaffen? Das hoff ich! ſagte Schlurck. Gerade dieſer Bund iſt auch deshalb der vernünftigſte, der ſeit dem Jahre 190 1720, ich meine ſeit der erſten engliſchen Freimau⸗ rerloge, entſtanden iſt. Warum? der Reubund ver⸗ ſteht unter dem Vorwande loyaler Geſinnungsverbrü⸗ derung eigentlich eine Allianz zur gegenſeitigen Lebens⸗ verſchönerung. Beſter Freund, die wahren Reforma⸗ toren unſers Jahrhunderts kommen erſt noch! Das werden Die ſein, die von den Ideen ſprechen und darunter die Cotillons und die Schönheitslinien der Polka verſtehen. Im Reubund zeigt ſich ſchon die Ahnung dieſes neuen Evangeliums. Man hat ſeine Logen, ſeinen erſten und zweiten Grad, es gibt Brüder, es gibt Schweſtern, es gibt Erkennungszeichen, ver⸗ ſtohlene Handgriffe, geheime Einweihungen, und was vorläufig dort das Beſte iſt, man ißt nicht ſchlecht, jedenfalls beſſer als man gewöhnlich bei Geſinnungs⸗ feſten ſolcher Art zu ſpeiſen pflegt. Ich geſtehe Ihnen, ſagte Dankmar, daß ich eine ernſte, keine humoriſtiſche Vertheidigung des Reubun⸗ des erwartet hatte. Ich bin wirklich ganz ernſt, antwortete Schlurck; man muß wirklich wieder Orten ſtiften wie ehemals Zechbrüderſchaften, Trinkſtuben, Maſſenien. Gleich⸗ geſinnte müſſen zuſammentreten unter gefälligern For men, als Tabacksdampf und offene, von Spionen be⸗ lauſchte Sitzungen ſind. 191 Er warf dabei einen eigenen Blick auf den Schläfer in der blauen Blouſe. So etwas wie die alten Ritterorden, fuhr er fort, muß man wieder auferwecken, den Templerorden z. B., wo es auch fröhlich herging und man ſich um den Papſt und den Kaiſer nicht ſcherte und mit den Tür⸗ ken, die man bekämpfen ſollte, Frieden ſchloß, weil ſie ſchöne Weiber hatten und prächtige Weisheitsleh⸗ ren. Nur keine Duckmäuſerei! Ah! Meine Tochter führte mich neulich in den„Egmont.“ Ich geh' un⸗ gern ins Theater, und zwar deshalb, weil die Ko⸗ mödie doch die rechte Pflanzſchule aller falſchen und unmotivirten Begeiſterung, die rechte Schwatztradition der tauſendjährigen Dunſtreflerionen über Tugend, Moral und ewige Vergeltung iſt. Aber der friſche, phraſenloſe Ritter Egmont gefiel mir! Seine Anſichten über Politik bringt er ganz gelegentlich an, ſpricht wie ein Cavalier über ein paar Pferde mitten im Zorn über den Alba'ſchen Belagerungszuſtand, und als er zum Tode geht, vermacht er ſeine Maitreſſe einem Andern, der ſie aushalten ſoll: Du wirſt ſie nicht verachten, weil ſie mein war. Ha, ha, ha! Meine Melanie ſang, als wir nach Hauſe fuhren, immer:„Freudvoll und leidvoll!“ Ich mußte da⸗ gegen ſagen: Du wirſt ſie nicht verachten, weil ſie 192 mein war. Prächtiges Wort Das! Glauben Sie mir, junger Mann, wenn man das Leben gar zu ernſthaft nimmt, ſagt wiederum dieſer capitale Ritter, der die einzige Dummheit beging, dem Generaliſſimus Alba nicht die Statuten eines kaiſerlich ſpaniſchen Reubundes vorzulegen, was iſt denn dran? Was iſt denn dran? Am Leben nämlich, wenn man's gar zu ernſthaft nimmt, was iſt denn dran? Juſtus, nichts! Nichts, Juſtus! Gute Nacht, junger Mann! Be⸗ ſuchen Sie mich. Sie finden eine kluge Hausfrau und eine Tochter... ſie heißt Melanie.... Melanie Schlurck iſt die erſte Schönheit der Stadt, bemerkte Dankmar. Sagt man Das? Man urtheilt ſelbſt dann ſo, wenn man ihr auch nur flüchtig begegnet— zum Beiſpiel zu Pferde... Nicht zu Pferde! Nicht zu Pferde! Man ſieht ſie viel über die Promenade reiten. Halsbrechende Geſchichten! Laſſen wir Das! Be⸗ ſuchen Sie mich, mein Herr! Ich wohne in einem merkwürdigen Hauſe, in einem Hauſe, das mich auch an die mittelalterlichen Reubünde erinnert.... An die Templer, wie Sie ſagten? ¹ An die Templer, die die beſten Zechbrüder des Nittelalters waren, an die Johanniter, die Paläſtina Sie At zu itter, imus iſchen as iſt ur z icht! Be⸗ töfrau Stadt, r auch ten. Be⸗ einem h auch e de lifin 193 Paläſtina ſein ließen und das Grab des Erlöſers da vertheidigten, wo ihre Güter angetaſtet wurden, ihre Schlöſſer, ihre Ordenseinkünfte. Ich wohne in einem dieſer Häuſer, für die ich jetzt den merkwürdigen Proceß mit dem Fiscus führe. Ah Proceſſe! Proceſſe! Das mahnt mich aufzubrechen. Gute Nacht, Juſtus! Sie, Herr Juſtizrath, führen den Proceß we⸗ gen... Dankmar wagte ſeine Ueberraſchung kaum auszuſprechen. Nichts als Proceſſe! Ich, der friedliebendſte Mann von der Welt! Gute Nacht, Juſtus! Helfen Sie mir mein Reiſeneceſſaire packen. Er zeigte auf den Eiskühler, den ſtrasburger Paſte⸗ tentopf und den Flaſchenkeller. Juſtus griff zu und half ihm beim Einpacken, er⸗ klärte auch, da die Bedienung ſchlafe, ihm Alles an den Wagen tragen zu wollen, und plauderte von den ſchönauer Wahlen noch Dies und Jenes durch⸗ einander Dankmar aber hätte jetzt ſo gern von dem Ge⸗ genſtande begonnen, den Schlurck nur flüchtig be⸗ rührte. Er hätte ſo gern gehört, ob der Juſtizrath wirklich ſein künftiger Gegner in dieſem Proceſſe ſein würde. Aber Schlurck's Entſchluß, nun aufzubrechen, ſtand feſt..... Die Ritter vom Geiſte. I. 13 194 Schon hatte er den Hut ergriffen, ſchon einen flüͤchtigen Abſchiedsblick auf den ſchlafenden Fußwan⸗ derer geworfen, ſich angeſchickt, Dankmarn um ſeinen Namen zu erſuchen..... Juſtus, um einen Verſuch zu machen, ſein Mäd⸗ chen zu rufen, öffnete die Ehür In dem Augenblick ſieht Schlurck flüchtig hinaus auf den Corridor und reicht eben Dankmarn die Hand. Dieſer will ſie ergreifen, als Schlurck plötzlich einen Schreckensruf ausſtößt und faſt in Ohnmacht ſinkt. Dankmar's Hand läßt er plötzlich wie gelähmt fahren und hält ſich mit der Linken ſchwindelnd an der Wand. Dankmar ſpringt hinzu, der Heidekrüger läßt den Korb aus ſeiner Hand ſinken und ruft: Was iſt Ihnen Mann? Auf dem Corridor, dicht an der Thür des Saales vorüberſchleichend glaubten ſie ein Geſpenſt zu ſehen. Halb entblößt, auf dem obern Körper nur im Hemd, ſtand mit geſchloſſenen Augen eine Geſtalt dicht vor ihnen. Verworren und mit Heu untermiſcht hing ihr das Haar über die Stirn. Strohhalme ſchleppten die Schuhe mit ſich fort über die Treppe und den Corridor. An dem halbnackten Arm hing mechaniſch getragen eine Laterne, die düſter den Gang erleuch⸗ tete. Die Magd ſtand hinter dieſem grauenerregenden einen wan⸗ ſeinen Näd⸗ inaus Hand. einen ink. fahren Pand. Korb Sgales ſehen⸗ Hend, 5 vol hing eppten nd den haniſt leuch genden Aufzug und deutete mit zuſammengefalteten, faſt wie betenden Händen an, daß man um Gotteswillen ſchweigen möchte. Aber ſchon hatte Schlurck mit Entſetzen: Hackert! gerufen. Hackert war es, als Nachtwandler.... Auf den Ruf ſeines Namens öffnete er die Augen und tau⸗ melte faſt zuſammen. Dankmar, von innigſtem Mitleiden für den Un⸗ glücklichen, der ein Nachtwandler war, ergriffen, fing ihn raſch auf. Der Lichtglanz blendete den auf ſei⸗ nen Namen erwachten Träumer. Er ſchien ſich nicht ſogleich ſammeln zu können, als er aber Schlurck in der Thür ſah und erkannte, beſann er ſich und wollte anfangs lachen. Dankmarn war dieſe Situation furchtbar. Er rief dem noch immer vor Entſetzen ſtarr daſtehenden Mäd⸗ chen zu: So zeig' ſie uns doch unſere Zimmer! Sie ſieht ia, mein Kamerad hat zu Bett gewollt! Die Magd entnahm Hackert die Laterne und ging raſch voran, um ſie eine Stiege höher zu führen. Hackert folgte ſtumm, und nur zuweilen war's Dank⸗ marn, als hörte er ihn hinter ſich keuchen und ſeußzen. Die Magd wie von einem Geſpenſt verfolgt, öffnete 13* 196 raſch zwei Zimmer, ließ die Laterne ſtehen und eilte hinunter. Dankmar zündete ruhig zwei Kerzen an, die in einem der Zimmer bereitſtanden, ſchloß die Fenſter ſorgfältig und verwies Hackert, der wie träu⸗ mend daſtand, auf ein Bett des einen Zimmers. Gute Nacht! ſagte er ihm und ging mit dem zweiten Licht in das Zimmer nebenan. Er rückte behutſam ſein Bett an die Verbindungsthür, um lauſchen zu können, ob ſich Hackert legte. Als er bemerkte, daß dieſer völlig ruhig war, das Licht löſchte, die Thür zuriegelte und ſich aufs Bett warf, entkleidete er ſich ſelbſt. Er hatte von dem Geſpräch, dem Wein und der Entdeckung über Hackert's unglückliche Nerven⸗ ſtörun ſeinſt halb verwirrt, ſich kaum niedergeworfen, als er in der Ferne Schlurck's Wagen zu hören glaubte, ſo ſpornſtreichs und im heftigſten Anlauf war der plötzlich verſchwundene genußſüchtige Spötter aus dem Hofe gefahren. Ueber die Beziehung, in wel⸗ cher Schlurck zu dem Nachtwandler ſtand, noch länger nachzudenken, fehlte ihm die Sammlung der Sinne. Unten aber hatte der Heidekrüger, als er erfuhr, daß der Nachtwandler des fremden jungen Mannes Kutſcher war, erſt noch wiſſen wollen, ob der Juſtiz⸗ rath dieſen kenne, dann aber, als Schlurck leichenblaß ſchwieg und ſich nur eilig in ſeinen Wagen ſetzte, eilte an, die träu⸗ mers weiten utſam en j daß Thüt r ſich und eten⸗ volfen, horen Anlauf Spottel in wel längel Sinne erfuhr Nannes Juſi henb n ſih 197 ihn mit der Bemerkung: Der Reubund iſt doch Muckerei! wieder zur Beſinnung bringen wollen. Schlurck aber ſcherzte nicht mehr. Mit der Bemer⸗ kung: Gehen Sie zu Bett, Juſtus, Sie haben zuviel getrunken! hatte er ihn vom Wagenſchlage entfernt und nur noch mit der Magd einige Worte gewech⸗ ſelt, deren Inhalt wir im nächſten Capitel erfahren werden. Juſtus, der Heidekrüger, hatte, wie freundliche Herrſchaften, die ihren Dienſtboten gern Trinkgelder gönnen, die Gewohnheit, ſich jedesmal, wenn ſeine Gäſte die Börſe zogen, zu entfernen und ſeinen Dienſt⸗ leuten die Abrechnung zu überlaſſen. Wir wiſſen nicht, ob auch dieſer Chalakterzug in dem Buche erwähnt iſt, welches vor mehren Jahren erſchien und unter Anderm auch Juſtus' Portrait und Lebenslauf enthielt. Es hieß, wenn wir nicht irren: „Deutſchlands Biedermänner.“ Dankmar Wildungen aber brauchte lange Zeit, bis er, erſchreckt von allen dieſen Erlebniſſen, in dem endlich ſtillgewordenen Heidekrug entſchlief. Achtes Capitel. Der Spion. Der Morgen brach unfreundlich an. Die Weſtwol⸗ ten, die ſchon die Nacht drohten, hatten ſich über den ganzen Horizont gezogen. Das liebliche Blau der ver⸗ gangenen Tage war verſchwunden; die Schwüle der Luft war noch wie bisher dieſelbe. Blüte und Blatt ſchmachteten der endlichen Erfriſchung durch Regen ent⸗ gegen. Noch ſtanden die Wolken ſtarr und feſt, noch wollten ſie ſich auf die ſtaubige Erde nicht niederſenken. Schon arbeiteten die Schnitter im Felde, um vor den drohenden Gewitterſtürzen die Ernte in Sicher⸗ heit zu bringen, als Dankmar mit Hackert ausgefah⸗ ren war, um die begonnene Reiſe fortzuſetzen. Der Heidekrüger ſchlief wol noch, aber die kluge geſchäf⸗ tige Hausmagd, die ſich Lieſe nannte und der die Sorge für das große Hausweſen ganz allein obzu⸗ liegen ſchien, war ſchon früh bei der Hand in dem wol⸗ den ver⸗ le der Blatt nent⸗ noch enken. n vot icher⸗ Der ſchiß er die obz⸗ 199 von Arbeitern und Mägden belebten Hofe. Auch das Städtchen Schönau erblickte Dankmar jetzt am fernern Rande des Waldes und mancherlei lebhaften Verkehr, durch welchen dieſe Wirthſchaft des Heide⸗ krügers Juſtus bedeutſamer mit der ganzen Gegend verbunden wurde. Es erklärte ſich ihm jetzt das ſichere Gefühl, mit dem der Heidekrüger von ſeinem Einfluſſe auf die nächſtbevorſtehenden Wahlen ſprechen konnte. Als Dankmar in den Hof gekommen, fand er Hackert ſchon mit Aufzäumen des Pferdes beſchäftigt und vor ihm die Lieſe, die ihm mit furchtſamem Ausdruck, eingedenk des geſtrigen Abends, zu ſei⸗ nem Erſtaunen eine gefüllte Börſe mit den Worten hinhielt: Die Herrſchaft in der Nacht hat Dies für Sie dagelaſſen. Werk fragte Hackert verdrießlich. Der Herr Juſtizrath! ſagte die Lieſe. Sie irrt ſich wol. Das Geld iſt wol für Sie beſtimmt.... Die Magd Dankmarn erblickend, rief ihm, ihr beizuſtehen. Der Herr Juſtizrath hätten, erzählte ſie, dem Heidekrüger geſtern Nacht dieſe Börſe mit all' dem Gelde drin geben wollen, der hätte aber 200 wie immer gethan, als könnte er blank nicht fünf zählen.. Was? ſagte Dankmar. Eine gute Magd, die ſo ihren Herrn verleugnet? Lieſe wurde roth. Ich merkte ſchon lange, ſetzte Dankmar ſcherzend hinzu, daß Lieſe mit ihrer Herrſchaft nicht im Rei⸗ nen iſt. Ach, ſagte das ſchon ältere Mädchen, der Heide⸗ trüger iſt ein braver Herr, aber zu hoch ſtudirt. Wie ich herzog zu ihm— es ſind jetzt an acht Jahre, die Frau Heidekrügerin lebte damals noch— ging Alles nach der Schnurz denn die Frau führte das Regiment. Als ſie ſtarb, wollt' ich fort, weil mir der Herr zu hochgeſtapelt war und für Unſereins kein Gehör hat.... Der Heidekrüger hochgeſtapelt? Kein Gehör? Ein Volksmann? ſagte Dankmar. Ich ließ mich beſchwatzen und blieb, und es ging auch, weil Die von der Polizei dem Herrn alle Bücher weggenommen hatten und auch einige gute Freunde von ihm im Loche ſitzen mußten. Da ließ er die großen Staatsſachen und das Geſchäft hier kam wieder in Gang. Aber ſeit ein paar Monaten iſt wieder Alles im Brand. Nicht eine vernünftige fünf die ſo erend Rei⸗ Heide⸗ tudirt acht c— führte weil ſerins r Ein s ging n alle e gule da liß t hir onatel Antwort hat man von dem ſteifen Mann. Was ſoll ich da? Ich will in einen andern Dienſt. So, ſo, Lieſe! Nun, als ehrlich kann man Sie empfehlen. Was ſoll die gefüllte Börſe? Hackert ſtand in einiger Entfernung und horchte halb herüber. Der Juſtizrath wollte die Börſe dem Heidekrüger geben, daß er die Zeche abzieht und den Reſt da an n An meinen Kutſcher... ſozuſagen 2 Ja Herr, an den.. Sie blinzelte Dankmarn zu, als wenn man nicht recht wiſſe, wie man mit dem geſpenſtiſchen jungen Menſchen dran wäre und ihn näher bezeich⸗ n ſe Schon gut, ſagte Dankmar, der ſteife Heidekrüger hat viel Vertrauen zu ſeiner ungetreuen, unpolitiſch geſtimmten Lieſe.. Gezählt hab' ich's nicht. Aber Das merk' ich ſchon, es iſt mehr als mein ganzer Lohn auf drei Jahre beträgt. So nehm' er doch! Damit wandte ſie ſich, faſt collegialiſch, wieder an Hackert und brummte etwas vom Hans Narren. Hackert wies ſie finſter zurück. Als Dankmar zureden wollte, bat er ihn unge⸗ 202 duldig, endlich einzuſteigen und die Gans ſchnattern zu laſſen. Gib mir den Beutel, ſetzte er noch raſch hinzu und betrachtete die Häkelarbeit der Börſe. Es war rothe Seide mit Gold durchzogen, das Ganze ſehr kunſtvoll durcheinandergewirkt. Laß mir den Beutel! Behalte nur getroſt das Uebrige; Verrätherin, die ihren Herrn verleugnet! Als ihm die Magd den Beutel reichte, ſchüttete er den ganzen Inhalt erſt in ſeine volle Hand und ſagte wirklich: Halt' die Schürze auf, Here! Dann warf er die aus Gold⸗ und Silberſtücken beſtehende bedeutende Summe der Lieſe in den Schoos und murmelte: Die Börſe will ich behalten. Was drin war, gib entweder deinem Herrn, er ſoll's dem Schlurck wiederzuſtellen, oder behalte es ſelbſt. Ich will nichts behalten. Wir ſtehlen hier nicht, antwortete die Magd, empfindlich über Hackert's grobes Benehmen und ſein... Anhexen. Iſt Sie großmüthig? Eine Tugendprahlerin? So gibt ſie auf Heller und Pfennig, fuhr Hackert fort, dem Heidekrüger das Geld da oder ſtellt in meinem Namen, in Fritz Hackert's Namen, hört Sie, Fritz naltem hinzu 3 wat ze ſehr Beutell in, die chüttete nb und rftücken Schvo n wal, Sut r nicht grobei in! t ert ſon meinen e, ſ 203 Hackert's, dem Juſtizrath Schlurck das Ganze zurück, wenn er des Weges kommt, oder ſchickt's ihm. Ver⸗ ſtanden? Lateiniſch redet Ihr nicht! brummte die Magd ärgerlich und zugleich doch aufs äußerſte erſtaunt. Der Herr da will zahlen, fuhr Hackert reſolut fort, indem er Dankmarn, der ihm jetzt ernſtlich das Geld zu behalten zureden wollte, die Rede abſchnitt. Was iſt er ſchuldig? Einen Thaler fünf Groſchen, ſagte die Magd, und überreichte eine Rechnung. Dankmar nahm einen der Hackert'ſchen Scheine aus ſeiner Taſche, nicht ohne Verlegenheit zu ihrem ſeit der Nacht ihm wieder unheimlichen Darleiher hinüberblickend. Hackert erwiederte dieſen Blick und ſchielte, indem er die Rechnung einſteckte, zu den Thalerſcheinen, als kennte er ſie. Iſt der Nacht⸗ wandler verſchwenderiſch und geizig zugleich? dachte Dankmar und wußte ſich dieſen Gegenſatz nicht zu reimen. Doch war Hackert's Blick auf den Inhalt ſeiner Rocktaſche nur ein flüchtiger. Die von der Magd erhaltene Börſe feſſelte ihn lebhafter. Er be⸗ trachtete die Häkelarbeit mit der Andacht eines Men⸗ ſchen, der an der Echtheit einer Reliquie deshalb nicht zu zweifeln wagt, weil er das tiefe Bedürfniß 204 fühlt, ſie zu verehren. Wäre Hackert allein geweſen, er hätte die Börſe, deren Inhalt er ſo ſtolz ver⸗ ſchmähte, vielleicht geküßt. Mindeſtens betrachtete er ſie mit andächtigſter Theilnahme. Jetzt hinter einem Manne zu ſitzen, von dem er wußte, daß er bei Nacht im Schlafe wandelte, war Dankmarn natürlich peinlich genug. Die Erinnerung an die Erlebniſſe der vergangenen Nacht überhaupt und die aufregenden Geſpräche trat verworren und wüſt in ihm auf. Der Gedanke an ſeinen eigent⸗ lichen Reiſezweck, die Wiederentdeckung eines ihm ver⸗ loren gegangenen werthvollen Beſitzes, würde viel⸗ leicht in den Hintergrund getreten ſein, wenn Schlurck's Reden ihn nicht aufs lebendigſte geweckt hätten. Was er in dieſen Tagen nur über die alten Zeiten ſchon in dem Tempelhauſe von Angerode nachgedacht hatte, ſtimmte mit den Aeußerungen Schlurck's, das Weſen der Ordensgeſellſchaften betreffend, merkwürdig zuſam⸗ men. Ihm freilich waren die alten Templer nur in dem verklärten Märtyrerglanze erſchienen, wie ſie auf dem Bilde ſeines Bruders ſtrahlten. Schlurck ſprach zwar auch in ſeiner Weiſe hochachtend über ſie. Dieſe war aber für ihn eine geringſchätzende. Endlich ge⸗ wann ihm Das, was Schlurck über den Reubund geſagt hatte, ein lebhaftes Intereſſe ab. Hinter dem eweſen, lz ver⸗ hiete er dem el te, war nnetung ehaup en und eigen⸗ m ver⸗ de viel⸗ chlurcs Wos en ſchon ht hatte, WVeſen uſam nur in ſie auf ſyr Die dlich g“ Reubn nter de 205 Spotte des Juſtizraths lag ein gewiſſer Ernſt, deſſen einſchmeichelnde Macht er nicht zurückweiſen konnte. War die Zeit von Ideen nicht wirklich bis zur Ar⸗ muth verlaſſen? Schmachtete ſie nicht nach Thaten des Geiſtes und neuen Offenbarungen? Einen Angenblick überkam ihn der Gedanke: Wie, wenn du in dieſen von der Regierung geduldeten Modebund träteſt und ihn zu deinen Anſichten herüberleiteteſt! Wie, wenn Das, was ein Bollwerk des Abſolutismus ſein ſoll, eine Schutz⸗ mauer des Kampfes gegen ihn würde? Hatte er neben ſich in Hackert einen Ausnahmemenſchen, deſſen Zuſtand auf dunkle Nachtſeiten der Natur führte, ſo war ihm auch das Ordensweſen plötzlich eine geheim⸗ nißvolle Nachtſeite der Geſellſchaft und er konnte nicht umhin, ſich ſelbß zu ſagen: Wer ſieht ſchon jetzt die ganze Reihenfolge Deſſen ab, was Alles im Menſchen⸗ und Völkerleben als Keim zukünftiger Entwickelungen liegt? Kein ſterbliches Ange verfolgt die ſchlummern⸗ den Möglichkeiten. Wer ahnte einſt die Geſtaltun⸗ gen, die nun voll und kräftig in der Genwart reifen? Wer verfolgt die Wege, die ſich tief im Schooße der Erde der Maulwurf des Weltgeiſtes gräbt? Welche wunderbare Entwickelung hätte der Tempel⸗ herrnorden nehmen können, wenn ihn vereinte weltliche und geiſtliche Macht nicht unterdrückt und aus der 206 Wettbahn der Kräfte, die das Mittelalter ſtürzten, hinausgedrängt hätte? Die Päpſte bereuten ſpäter bitter genug, daß ſie im franzöſiſchen Eril, abhängig von der Willkür franzöſiſcher Herrſcher, den Templer⸗ orden aufgehoben hatten, dieſen gewaltigen Arm, der ihnen nach dem Verluſte des heiligen Grabes und einer veränderten Beſtimmung des Ordens im Her⸗ zen der weltlichen Gewalt die Waffe hätte führen kön⸗ nen, die ihnen ſpäter erſt das Gift und die Intrigue des Jeſuitenordens wurde! Dreißigtauſend Tempel⸗ herren hätten— Philipp der Schöne fürchtete es— bewaffnet in Frankreich allein gegen die Ausbildung der weltlichen Tyrannei auftreten können, und was wäre es denn auch für ein Unglück geweſen, wenn immerhin der Geiſt eines Innocenz des Dritten über den weltlichen Supremat geſiegt hätte? Es früge ſich, ob wir uns nicht beſſer ſtänden, wenn der Mo⸗ narchismus in der abſoluten Weiſe, wie er jetzt auf den Völkern Europas laſtet, im theokratiſch regierten Europa niemals ſich hätte entwickeln können? Es früge ſich, ob wir nicht durch die Kirche, die doch al⸗ lein die Bewahrerin der Bildung geblieben iſt, trotz ihrer theilweiſen Verfinſterung doch wol zu größerer Wahrung unſerer Menſchenfreiheit gediehen wären, als durch den Staat, der uns Revolutionen über Re⸗ ürzten, ſpäte hängi mpler⸗ m, det 6 und n Her⸗ en kön⸗ ntrigue empel⸗ es— ildung d was wenn en übe früge er Mo ezt ui egierten 2 G och u ſ, ſroh gößite wärel bnh 207 volutionen brachte und jetzt erſt recht im neun⸗ zehnten Jahrhundert begonnen hat, ohne alle Rück⸗ ſicht auf Leben und Tod, mit grauſamſter Conſequenz, für ſein frivoles, irdiſches, egoiſtiſches Beſtehen förmlich, wir ſehen es täglich, zu wüthen! Das er⸗ kannte Philipp der Schöne, der klügſte politiſche Kopf ſeiner Zeit, und rottete die bewaffneten Vertheidiger der Hierarchie mit Hülfe eines von ihm eingeſetzten laſterhaften Papſtes aus. Das templeriſche Element flüchtete ſich in den Johanniterorden, der leider keines größern Gedankens mehr fähig war. Man fühlte Das. Man dachte an Erneuerung. Immer und im⸗ mer ſollte der Bund wiederhergeſtellt werden, der dem Papſte Kraft über die Gemüther gegeben hätte und zugleich ſeinen Arm bewaffnet. Aber erſt, als das Papſtthum ſich überlebt hatte, gelang ihm der alte roͤmiſche Plan durch Ignaz Loyola und Franz Laincz. Eine geiſtliche Ritterſchaft war nun wieder da. Frei⸗ lich bewaffnet mit dem Schwerte der Scholaſtik. Das Kreuz des reinen Templermantels mit heimlichem und offenem Blute gefärbt. Dieſe verſpätete Ritter⸗ ſchaft kämpfte für eine verlorene Welt, für eine ver⸗ welkte Blüte der Jahrhunderte..... Warum aber erhob ſich nicht die Reformation zu einem Gegen⸗ bunde gegen die Jeſuiten? Warum brachte ſie es 208 nicht weiter als bis zu den allgemeinen und indifferen⸗ ten Anſchauungen der Magonnerie? Die Freimaurer ſind der Gegenbund der Jeſuiten, aber welch ein Feld iſt noch übrig, um aus dem Logenſchurzfelle des Mau⸗ rers einen echten Templermantel zu machen, aus der Kelle einen wehrhaften Schild zu ſchmieden, aus dem Hammer ein Schwert, blank und im Kampfe haar⸗ ſcharf? Dieſe Gedanken regte bei Dankmarn Schlurck's Wort im Allgemeinen an. Im Beſondern aber trat ihm auch die Aeußerung, daß er jenen berühmten Proceß führte, der ihn nun bald ſelbſt betreffen konnte, mit beklemmender Ueberraſchung entgegen. Durch den Verluſt Deſſen, was er eben ſo bedeutungsvoll ge⸗ wonnen hatte, ſah er ſich zwar ausgeſchloſſen von der Theilnahme an einem alten Rechtshandel, deſſen Führung bei Schlurck in den gewandteſten Händen war; allein ſollte er das Verlorene wiederfinden, wie fonnte er in dieſem Falle nicht noch mit Schlurck in Gegenſätze gerathen, die greller waren als die der verfloſſenen Nacht?.. Doch warf Dankmar bald dieſe Grübelei aus ſeinen Betrachtungen fort und hielt ſich an das Nächſte, an die Natur und an die Abenteuer⸗ lichkeit ſeiner Reiſe, zu deren Räthſeln vorzugsweiſe Hackert und jetzt auch ſeine Beziehung zu Schlurck ge⸗ ndifferen reimaure ein Feh es Mal⸗ aus de aus den pfe haan Schlurt aber tra erühmten nkonn Durch do gövol oſſen vo del, deſt n Händ inden, chluck die bald dhieſ Abente rug Silunt 209 hörte, deſſen Geſchenk an den nervenkranken Nacht⸗ wandler von einer auffallend innigen Theilnahme zeugte. Hackert ſtörte die unhörbaren Selbſtgeſpräche ſei⸗ nes Gefährten nur durch das Knallen der Peitſche, die am Walde widerhallte, und ein Locken und Pfei⸗ fen des Mundes, immer wenn er Vögel ſah und dieſe vom Wege in die Schatten der Bäume zurückhüpften. Als er merkte, daß Dankmar geneigt war, auf ihn zu hören, begann er: Im Stalle geſtern lag ich ſchlecht; ich zog doch vor, oben in einem guten Bett zu ſchlafen. Haben Sie gut geruht? Dankmar bemerkte wohl, daß Hackert ſeine plötz⸗ liche Erſcheinung im obern Corridor auf natürliche Weiſe erklären wollte, als einen freiwilligen Entſchluß. Warum ſollte er ihm dieſe Beſchönigung ſeiner Krank⸗ heit ſtören? Es rührte ihn vielmehr, daß der Menſch über Etwas, das ein angeborenes Schickſal iſt, das Gefühl der Scham haben konnte! Er erinnerte ſich, daß Siegbert oft beim Anblick elend geborener oder körperlich verwahrloſter Menſchen geſagt hatte: Wie finden ſich dieſe Menſchen nur mit ihrem Schöpfer zurecht! Wie tragen Sie nur ihr Leid, nicht ſehen, nicht hören, nicht ſprechen zu können! Welche lan⸗ Die Ritter vom Geiſte. I. 14 210 gen Kämpfe des Gemüths gehören dazu, bis der un⸗ heilbar Kranke, der ewig liegen muß, ſich nicht mehr frei bewegen kann, ſein Schickſal als unabänderlich hinnimmt und ſich von den Freuden des Lebens noch ſoviel in die Vorſtellung bringt, daß er denkt: Das bleibt dir doch noch; Das lohnt ſich doch noch, all dieſen Jammer zu tragen, und mit ihm auszuharren, und wär' es nur der warme, milde Sonnenſchein! Dankmar, um ſich dem Kranken gegenüber ganz un⸗ befangen zu zeigen, vermied jede weitere Frage, auch die wegen Hackert's näherer Beziehung zu Schlurck. Er lenkte von Allem, was ſeine Neugier reizte, auch von dem Inhalt der Börſe, die er zurückbehalten, und der ſchönen Häkelarbeit, auf Etwas hinüber, das ihm jetzt ſchon für gleichgültiger erſchien, ſeine Ankunft in Hohenberg und die Unterſuchung wegen eines an dem Fuhrmann Peters wahrſcheinlich verübten Raubes. Bei den Leuten auf dem Heidekrug, ſagte Hackert, hab' ich mich erkundigt. Wir paſſiren noch eine kleine Stadt, Daſſel geheißen, dann kommen wir ins Ho⸗ henbergſche nach Berghübel und gegen Abend ſind wir in Pleſſen am Fuße des Schloſſes Hohenberg. Es iſt ganz Recht, dort treffen wir noch luſtige Geſell⸗ ſchaft. Alle Creditoren der Hohenberg'ſchen Maſſe, Schlurcks Frau, ſeinen Buchhalter Bartuſch, dann der un⸗ ht meht nderlich ts noch Das och all hamen, ſchein! anz un⸗ e, auch chlur. e, auch ten, und das ihn unſt in an deh ubes. Haäun e klein ins h ſind wi Geſil uſt yan einen Bankier von Reichmeyer und ein Dutzend Vam⸗ pyre aus der Stadt, die alle in den fürſtlichen Zim⸗ mern rumoren und ſich geadelt glauben, weil ſie un⸗ ter adeligen Wappen ſchlafen können. Wenn Prinz Egon — aber ſehen Sie nur— Sie werden ja da gegrüßt! Dankmar hatte mit Theilnahme ſein Auge nur auf Hackert ruhen laſſen und forſchte in ſeinen Zü⸗ gen nach einem Verſtändniß dieſer jedenfalls noch unentwickelten und doch ſchon ſo überreifen, in ſich wohl unklaren Natur. Das Wägelchen ging lang⸗ ſamer, weil ſich der Wald in die Höhe zog. Sich nun umwendend, erblickte er am Rande des kleinen Grabens, der friſch ausgehöhlt neben der Straße ſich zog, den Tiſchlergeſellen von geſtern Nacht. Er trug den leichten Ranzen über dem Rücken, hatte ein ſau⸗ beres Taſchentuch vorn in der Bruſttaſche ſeiner blauen Blouſe ſtecken und ſchritt mehr im Gange eines Luft⸗ wandelnden als eines ermüdeten und ſchwertrabenden Wanderers. Dankmar hatte ihn ſeit geſtern Abend, wo er bei den politiſchen Unterhaltungen einen ſchla⸗ fenden Zeugen abgab, aus dem Gedächtniß verloren; jetzt aber trat er ihm wieder mit der ganzen Bedeut⸗ ſamkeit, die ihn ſchon geſtern in ſeiner zurückgezogenen Beſcheidenheit umgab, auffallend genug entgegen. Sein Gruß war höflich, ohne unterwürfig zu ſein. 14* 212 In ſeinen ſchönen Zügen lag ein feines Lächeln. Kein Wunder, dachte ſich Dankmar, daß eine franzöſiſche Dichterin in unſern vorſchreitenden Zeiten gewagt hat, einen ſogenannten Kunſttiſchler in einem ihrer communiſtiſchen Romane ſo liebenswürdig hinzuſtellen, daß er ſelbſt das Intereſſe einer hohen gebildeten Dame erwecken konntel Wir ſollten den Mann einladen mitzufahren, meinte Dankmar. Es iſt ein Tiſchler und von über⸗ raſchender Bildung.... Höflich ſein auf der Landſtraße? antwortete Hackert kalt und wollte das Pferd antreiben. Er machte ein Geſicht, das alle Merkmale eines Neides anſichtrug, der aus ihm über die Theilnahme, die der Handwer⸗ ter fand, deutlich zu ſprechen ſchien. Es iſt ja Platz neben mir; fuhr Dankmar fort. Neben Ihnen? Warum denn nicht hier vorn? Wir vergeſſen überhaupt unſern Vertrag, fiel Hackert unruhig und faſt heftig ein. Nur Mitleid mit einem ſo großen Unglück Hackert's, wie er es geſtern entdeckt hatte, beſtimmte Dankmarn darüber zu lächeln. Das wär' ein Tiſchler, ſagen Sie? fuhr Hackert fort. Den Gauner hab' ich heute früh ſchon im Hofe als verdächtig erkannt. Ein Batiſttaſchentuch ln. Kein möſiſche gewagt m ihrer zuſtellen, Dame ufahren, on über⸗ Hackert chte ein nſichtrug andwel⸗ r fort. r von! hudn Hader anman nHuii ſcon aſchen in der Blouſe! Wenn er's nicht geſtohlen hat, iſt's ein Beweis mindeſtens für Spionage. Sei Einer ja behutſam jetzt, wenn man ſogenannte Arbeiter ſieht, die von dem Rechte der Arbeit reden, aber keine Schwielen in der Hand haben. Die Polizei weiß ſehr gut, was ſie jetzt Alles auszuſtöbern hat. Hier herum wimmelt's von jungen Acceſſiſten, die ihr Probeſtück ablegen mit einem falſchen Paß.... Probeſtück mit falſchem Paß? Was heißt Das? fragte Dankmar. Lieber Gott, die alten Unteroffiziere und Wacht⸗ meiſter reichen jetzt für die ſogenannte praktiſche Po⸗ lizei nicht mehr aus. Um jetzt eine Polizeicommiſ⸗ ſariusſtelle zu bekommen, verkaufen hundert Referen⸗ dare, Aſſeſſoren ſogar und Lieutenants ihre Seele, wenn ſie eine haben, und leiſten, was Blindſchleichen und Menſchen nur können, die eine Anſtellung finden und gern heirathen möchten. Wie kommen Sie auf einen ſolchen Verdacht? fragte Dankmar, doch erſtaunt, weil er ſich gewiſſer Aeußerungen erinnerte, die auch Schlurck geſtern fal⸗ len ließ. Ach! Es ſind jetzt wenig Menſchen Das, was ſie ſcheinen, ſagte Hackert. Wie bei gewiſſen Koffern, mit denen man nach Frankreich und Rußland reiſt, 214 haben zahlloſe Menſchen jetzt einen doppelten Boden. Ich wohne in der Brandgaſſe. Mein Vicewirth, Hausmann, oder wie Sie den Kaſtellan einer Armen⸗ kaſerne nennen wollen, iſt ein Schloſſer, ſeine Frau eine Flickſchuſterin, und Abends treibt der Mann Po⸗ lizeigeſchäfte, und ſie— nun ſie kuppelt. Nebenan wohnt ein verdorbener Klempner. Das iſt ihr und ſein College. Nach oben hinauf iſt's nicht beſſer. Die Politik hat ja die Menſchen ſo vielſeitig ge⸗ macht! Der ſchnüffelt, Der heuchelt, Der gibt an! Und Den da, den hab' ich auch ſchon längſt weg. Für was halten Sie ihn? Im Heidekrug beſchnüffelte er Alles. Eine Dreſch⸗ maſchine ſah er zehn mal an, wie die Kuh das neue Thor, und einen Pflug zeichnete er ſich ſogar ab. Ich gebe mein Wort. Es iſt entweder Aſſeſſor Müller ſelbſt, der auf dem Polizeipräſidium arbeitet, oder ſonſt Einer, der von ihm hierher geſchickt iſt, um Re⸗ cherchen zu machen, natürlich politiſche. Die Spitz⸗ buben haben ja jetzt die ſchönſten Tage. Die Polizei ſpürt nur nach Revolution. Neulich ſagte ein jun⸗ ger Menſch, der ſeit mehren Jahren unter polizeilicher Aufſicht ſteht, weil er in ſeiner Kindheit einmal in allet Unſchuld wo eingebrochen iſt: Es iſt ordentlich beleidigend, ſagte er, für unſereins; wir ſind ganz aus Boden cewirth Armen⸗ e Frau nn Po⸗ ſebenan hr und heſſer itig ge⸗ ibt an weg. Dreſch⸗ as neut ab. 0 Nille t odel un E Poli ein ju eilche nml in denlit gan u 215 der Mode gekommen! Wenn Einer bei dem Hofju⸗ welier ſelbſt einbräche, nicht drei Tage würde davon geſprochen! Dankmar fand dieſe Vermuthung über den Tiſch⸗ ler nicht ganz unwahrſcheinlich, und ſo wenig Nei⸗ gung er ſonſt hatte, mit Spionen oder den offenen unſanften Armen der weltlichen Hermandad in Be⸗ rührung zu kommen, ſo hätte er doch vielleicht noch Gelegenheit finden können, ſie heute für ſich in An⸗ ſpruch zu nehmen. Seines verlorenen Schreins ge⸗ denkend, ſprang er aus dem Wagen und wandte ſich zum großen Aerger des ſcheelblickenden Hackert zu dem Wanderer hinüber. Haben Sie in dem Wirthshaus eine gute Nacht gehabt? fragte er, als der angebliche Tiſchler ihm nahe genug war und ſich ihm ſo anſchloß, daß Beide nebeneinanderſchritten. Ich ſchlief ſpäter noch in einem Zimmer neben Ihnen! antwortete der Fremde. Aufrichtig! Ich hatte mich nur ſö geſtellt, als wollt' ich im Wirthshaus⸗ ſaale bleiben. Der Schlemmer intereſſirte mich, und als vollends noch Sie hinzukamen und das Geſpräch belehrend für mich wurde, ſchloß ich die Augen ohne zu ſchlafen. Hernach ging ich wie Sie in ein leidli⸗ ches Bett. — 216 Da haben Sie uns alſo.. belauſcht? bemerkte Dankmar, erſtaunt über dieſe Offenheit. Wenn Sie's ſo nennen wollen! ſagte der Fremde; ja! Hätt' ich mich wach gezeigt, ſo würd' ich dem Manne haben ſagen müſſen, warum ich nicht von ihm zu trinken annehmen wollte, oder was noch ſchlim⸗ mer geweſen wäre, ich hätte mich hinreißen laſſen, ſeinen jämmerlichen Lebensanſichten zu widerſprechen... Dem Wirth, glaub' ich, ſagte Dankmar lachend, würde dann doch die Geduld geriſſen ſein. Er ſchien Sie längſt nur mit großer Selbſtüberwindung in einem Saale zu dulden, wo einer ſeiner Gäſte Trüf⸗ feln und Champagner ausbreitete. Ich weiß! Vor unſerer Umwälzung hätt' er mich zur Thür hinausgeworfen und auf den Heuboden ver⸗ wieſen, antwortete der Wanderer. Die Zeiten wer⸗ den ſchon wiederkommen und vielleicht mit Recht. Was anmaßend und zudringlich iſt, bleibt zu allen Zeiten beſſer vor der Thür als drinnen. So wandeln Sie wohl, ſagte Dankmar, in poli⸗ tiſchen Dingen den Mittelweg des vortrefflichen Herrn Heidekrügers? Statt aller Antwort gab der Fremde ſeinem edel⸗ geformten Kopf nur den Ausdruck eines Lächelns, das Dankmar nicht umhinkonnte geradezu für fein und ge Au ſee kei br ſei rät He hemerkte Fremde; ich dem von ihm h ſchlin⸗ en laſſen, prechen. lachend, Er ſhin dung in ſte Triß oden vel⸗ iten wel⸗ 1 allen zu l zn poli in po en Hemn inem edel helns, d fen un 217 geiſtreich zu erkennen. Dies Lächeln entwaffnete ihn. Er mußte einen Augenblick ſchweigen. Nach einer Weile begann der Fremde von ſelbſt: Iſt denn Das auch ein Syſtem? Iſt denn Das auch eine Meinung? Was dieſen Heidekrüger be⸗ ſeelt, iſt nichts als der craſſeſte Egoismus der Eitel⸗ keit! Dieſer Mann hat ein vortreffliches Landgut und brave Dienſtboten, die unter ſeinem Dünkel leiden. Warum bleibt er nicht in ſeinen Scheunen und auf ſeinen Feldern? Er krankt, jedes ſeiner Worte ver⸗ räth's, an der traurigen Großmannsſucht, welche die Hauptrolle in unſern politiſchen Kämpfen ſpielt. Er kommt mir vor und Tauſende mit ihm kommen mir vor wie Grundbeſitzer, die bei Anlegung einer neuen Eiſenbahn durchaus verlangen, daß die Linie an ihrem Eigenthum vorübergehen ſoll. Ohne ſie gibt es nichts. Ohne ſie kein Wind und Wetter. Ohne ſie nicht Sonnenſchein und Mondſchein. Es iſt dabei ein Troſt, daß dieſe Menſchen nicht ganz ſervil ſind. Sie ſtellen ſich der Regierung gegenüber doch manchmal ein bischen auf die Hinterfüße und wollen erobert, wollen geſucht, wollen geſchmeichelt ſein. Aber erſt große Worte! Erklärungen! Die Hand aufs Herz; Lafayette! Lafayette! Hat man jedoch einen ſolchen Provinzial⸗Cato endlich an der Leine irgend einer klei⸗ 218 nen menſchlichen Schwäche gefangen, ſo kann man Dienſtags auf der pariſer Faſtnachtsprozeſſion keinen größern Ochſen ſehen als ein ſolches, um jeden Preis an das Beſtehende gefeſſeltes, früher liberal geweſe⸗ nes Hornvieh. Dankmar fühlte nach dieſer wie eine Bombe platzenden Kernäußerung, daß, wenn der Fremde ein Spion war, er als Agent provocateur in der That Talent beſaß. Unmöglich konnte er ein Tiſchler ſein. Er beſchloß jedoch, harmlos zu bleiben, nicht weiter nach dem Sinn der blauen Blouſe zu forſchen und vor ſeinen Ueberzeugungen, die er immer frei be⸗ kannte, keine Furcht zu verrathen. Da ihn dieſe Un⸗ terhaltung bei dem trüben Wetter und der einförmi⸗ gen Gegend nur erfreuen konnte, trat er ohne weite⸗ res Mistrauen, ohne ängſtliche Furcht, ganz offen mit ſeinen Empfindungen hervor. Ganz wahr bezeichnen Sie dieſe Gattung von Menſchen, ſagte er, die leider zu ſehr den Schwer⸗ punkt unſerer Zuſtände bilden! Sahen Sie nicht, wie ſcheinbar uneigennützig dieſer Biedermann jeden Anſpruch auf perſönliche Auszeichnung vonſichwies und wie er doch ſeine Anforderungen an einen Volks⸗ vertreter gerade ſo nur ſtellte, daß ſie auf ihn allein zutreffen mußten? So machten es Cäſar und Cro rön ſthe ſt pai und blic nen nn man on keinen en Preis lgeweſe e Bombe tende ein der Tha chler ſein ht weite chen und frei be⸗ diſt Un einfömi ne weite un ofi ung u Schwer gie nich n jide oſchwi en Vrl ihn oli iſu Cromwell auch, als ſie in Verſuchung geriethen, ſich krönen zu laſſen, und nicht wußten, was ihnen größer ſtehen würde, die Krone oder der Schein, ſie ausge⸗ ſchlagen zu haben! Wie ſchlau und fein durchſchaute Schlurck dieſen Tartüffe vom Lande, den deutſchen patriotiſchen Ehrenmann, der nur das„Gute“ will und doch den Untergang der Welt von dem Augen⸗ blick an datirt, wo man vor dem Zorn ſeiner zuſam⸗ mengezogenen Augenbrauen nicht in Ohnmacht ſinkt! Ja! Ja! Dieſer Schlurck iſt ein pfiffiger Spitz⸗ bube! ſagte der Fremde mit nachdenklichem Ernſt. Und mir mit ſeinem politiſchen Nihilismus noch lieber als dieſe aalglatten Heuchler, dieſe doctrinair gewordenen Spießbürger! Auch der Nihilismus taugt nichts, ſagte der Fremde, der ſich immer gebildeter zeigte und Dankmarn überraſchte. Aus nichts wird nichts. Ein Nihiliſt bringt ebenſo die Welt in Verwirrung wie der phra⸗ ſenhafte Egoiſt. Der Nihiliſt ſpringt von Meinung u Meinung, gehorcht Jedem, der gerade die Gewalt hat, und iſt der rechte Widerſacher, der Erzfeind aller zuten Dinge. Wir leiden an keinem Uebel ſo ſehr, als an der Eitelkeit und an der Genußſucht. Die Genußſucht iſt der eigentliche rothe Faden der Revo⸗ ltion, der ſich durch alle unſere Geſellſchaftsſchichten —. — 220 zieht. Die Genußſucht ſtürzt die Staaten im Grunde um, ſie lockert das unterſte Gebäude. Sie lehrt jenes Uebermaß im Siege bei allen Parteien. Paris! Pa⸗ ris! Das iſt nicht der Heerd der Gedanken, ſondern der Heerd der Genußſucht! Wiſſen Sie, was die ganze, die ganze Welt regiert? Der Cours der franzöſiſchen Rente. Ich war in Frankreich. Der Franzoſe arbei⸗ tet bis in ſein funfzigſtes Jahr. Dann will er noch zwanzig Jahre genießen. Er kauft ſich Staatspapiere und lebt von ihren Zinſen. Um dieſe Zinſen auf hohem Fuße zu erhalten, werden in Paris alle Hei⸗ ligthümer des Himmels und der Erde verrathen. Ein plötzlicher Sturm kann den Rentenfuß herabdrücken, man wird ſoviel lügen, ſoviel verrathen, ſoviel preis⸗ geben von Dem, was vielleicht die Menſchheit aus ihren Nöthen hätte herausbringen können, bis wieder die alte trügeriſche Windſtille da iſt und zur Be⸗ glückung aller in Europa lebenden Geſellſchaftsdroh⸗ nen, die vom todten Ertrage des Capitals leben, die Renten hinaufſteigen. Die franzöſiſche Börſe, die Vertreterin der lungernden, arbeitsmüden oder arbeits⸗ ſcheuen Genußſucht, regiert die Welt. Die Capita⸗ liſten werden, dazu ſind ſie zu feig, ſich einem großen Sturm nicht mit Gewalt widerſetzen, aber ſie wer⸗ den Alles aufbieten, allmälig wieder die Zügel in die ſt m Gnnd lehrt jen aris! Pu d, ſonden die gun anzöſiſche zoſe arbe ill et not atöycpie zinſen a alle Hu hen. Gi rabdrüct vril yri ſchheit au bis wied d zut 9 ſhaftöd leben, d göſſe, b der ubiil ie bw en guj e ſi ¹ üuel in ig 221 Hand zu bekommen und der Politik eine ſolche Wen⸗ dung zu geben, bis ſie wieder auf ihrem Lebensther⸗ mometer, auf dem Courszettel das. Queckſilber der Rente auf dem Grade ſehen, wo es in den Ta⸗ gen ſtand, wo ein Bankier auf dem Throne Frank⸗ reichs ſaß. Fügen Sie aber noch Etwas hinzu, ſagte Dank⸗ mar, ergriffen von der wahren Schilderung dieſes ge⸗ bildeten Mannes, der ihm plötzlich wie verklärt vor Augen ſtand.... Fügen Sie noch Eins hinzu! Das Unglück der Welt verſchuldet Paris auch dadurch, daß das Princip der Genußſucht dort auch Die ergreift, die eine Zeitlang im Dienſte der Ideen geſtanden ha⸗ ben. Möchte man, wenn man ſieht, wie dort die Dinge jetzt gehen, nicht glauben, alle dieſe tonange⸗ benden Charaktere wären nur ſo lange ehrlich und heldenmüthig, bis ſie ſich eine Stellung erobert ha⸗ ben und an der Quelle der Gewalt ſitzen? Dann ſchöpfen ſie dieſe Quelle raſch ab. Sie ahnen, daß ein Windſtoß morgen ſie wieder ins Nichts ſtürzen kann. Nun ſoll es im Fluge gehen, daß ſie ſich be⸗ reichern und dem ſteilen Felſen der Exiſtenz einen cali⸗ forniſchen Goldklumpen fürs ganze Leben abgewinnen. Nun wird gelogen, betrogen, die alte Geſinnung Lü⸗ gen geſtraft. So kamen die Heerführer der Fran⸗ 2 222 zoſen einſt als Herolde einer neuen Zeit, und dieſe alten Republikaner waren nur beuteſüchtige Genuß⸗ menſchen, die für ihr Alter Vorräthe ſammeln woll⸗ ten. So haben jetzt in Paris alte Demokraten con⸗ ſervative Bedenklichkeiten, ja ſogar junge Wüſtlinge, Spieler von Baden⸗Baden, die mit einem kindiſchen Napoleoniden in Strasburg und Boulogne eine Emeute verſuchten, die durch Theatercoups lächerlich wurde, ſprechen jetzt vom Jahrhundert, von der Mäßigung, von der Philoſophie des Beſtehenden, von der Grenze der Freiheit. Nein! Die Genußſucht iſt ihre wahre Philoſophie. Ihre Maitreſſen ſind die wahren Ege⸗ rien dieſer neuen, meiſt militairiſchen Numas in rothen Hoſen. Der Wanderer in der blauen Blouſe nickte bei⸗ fällig. Dankmar erſah daraus, daß er auch feinere Anſpielungen vollkommen verſtand. Welche Mittel gibt es aber dagegen? fragte der Wanderer, dem auch Dankmar zu gefallen ſchien. Ich ſinne täglich darüber nach. Wo ſoll man die Beſſerung ſuchen? Ich finde ſie in der Heiligung der Arbeit, ſagte der Fremde nicht ohne Feierlichkeit; in der alleinigen Bekränzung Deſſen, der ſich beſchäftigt und reelle Werthe erzeugt. Es gibt zu viel Geiſtesarbeiter und „und dieſ ige Gemf meln woll Kraten con n kindiſche eine Enel rlich wurde Mißigun der Glenſ ihre wahr ahren 6y as in wihn nicke be auch fine fragte de ſchien. oll man di thei, ſiz 1 gllein und riel ubeiter zu wenig wahre Handarbeiter. Die Handarbeit muß in den Vordergrund aller unſerer politiſchen Beziehun⸗ gen treten, ihr müſſen die größten Belohnungen zu⸗ fallen; denn nur durch die ſpartaniſche Erziehung der Menſchen zur Arbeit kann ſie von Grund aus gebeſ⸗ ſert werden. Ich bin kein Socialiſt. Ich werfe ge⸗ rade den Communiſten vor, daß ſie die Arbeit viel zu ſehr als eine Laſt, als einen Fluch hingeſtellt haben, als einen Jammer, der einmal die Menſchen drücke und den man ihnen verſüßen, erleichtern müſſe. Iſt Das nicht wiederum Genußſucht? Iſt Das nicht wie⸗ derum daſſelbe Uebel, an dem wir die ganze Geſell⸗ ſchaft kranken ſehen? Nein; gerade im Gegenſatze zu den Communiſten muß die Arbeit als eine Quelle der höchſten Freuden dargeſtellt werden, und Inſtitutionen müſſen auftauchen, die die Arbeit und Alles, was mit ihrer Förderung zuſammenhängt, in den Vordergrund aller Politik ſtellen. Verſtehen Sie darunter Belohnungen? fragte Dank⸗ mar geſpannt und tief ergriffen von dieſen Worten, die aus dem Munde eines Denkers kamen. Belohnungen, Auszeichnungen, Erhöhungen des Lohnes, Sorge für die Angehörigen der Arbeiter, un⸗ nittelbare Beziehung der Staatsformen nur zu der Arbeit, Vertretung der Gewerbe im Vorzug gegen 224 alle andern Stände, die, ſei es Kaufmanns⸗, ſei es Gelehrtenſtand, nur die Diener Deſſen ſein können, der arbeitet. Wenden Sie mir nicht ein, daß die Bildung immer den Vorſprung vor dem Arbeiter ge⸗ winnen wird, auch da, wo jene vielleicht nur eine und dieſer zwei Stimmen hat! Ich will, daß auch der Arbeiter gebildet iſt. Ich will ihm nichts entzie⸗ hen von Dem, was ſich der Bevorrechtete zum Schmucke ſeiner Seele verſchaffen kann. Der Staat ſoll es ihm geben. Der Staat ſoll aufhören nur die Garantie des Beſitzes zu ſein, er ſoll einzig und allein eine Schutzwehr und Garantie der Arbeit werden. Die Franzoſen haben mit ihrer Garantie der Arbeit nur einen halben Schritt gethan. Für die Arbeiter zwar Summen ausſetzen und die Arbeit erleichtern, dabei aber die ewige Rente behalten und die Staatspfrün⸗ den und das Militair und die ganze Maſchinerie der kunſtlichen Arbeit, der ſogenannten Geiſtesarbeit, und die Repräſentationsarbeit der Beamten im alten Be⸗ ſtande zu laſſen, Das iſt es nicht, was helfen kann. Auf einen Arbeiter müſſen zwei Müßiggänger auf⸗ hören müßig zu ſein; Das nur kann helfen. Ma⸗ chen Sie die Arbeit zur einzigen Garantie der Rente, und Sie werden ſehen, wie Alles die Arbeiter um⸗ ſchmeicheln, wie man bedacht ſein wird, ihre Arbeit m „„—) nns⸗, ſei e ſein können in, daß di Arbeiter ge cht mr ein ll, daß auc nichts entzi un Schnut t ſoll es iht ie Garant allein ein verden. Di rPbeit m Abeiter zwi chtn, duhe Snatyftün aſchinerie d eöarbeit, m alten 8 helfen kun ginge helfen⸗ det u Nrbeiter ihr W 9 M 225 ertragsfähig zu machen und in dieſer Eigenſchaft zu echohen. Sie ſehen an ſolchen Eiſenbahnen, die einen niedern Curs ihrer Actien haben, wie das dabei be⸗ theiligte Publicum Alles aufbietet, um dieſen Curs zu heben und den Werth der Schienenlinie zu erhö⸗ hen. Dies iſt nur ein ungefähres Beiſpiel jener orga⸗ niſchen Verſchmelzung, in der ich mir die Arbeit in das allgemeine Leben des Staats aufgenommen denke. Die Arbeit muß endlich aufhören, eine Ausgeſetzte, ein Paria der Geſellſchaft zu ſein. Dankmar war entzückt. Er theilte dieſe Meinung theoretiſch nicht ganz; ihn ergriff nur der Contraſt der Blouſe und dieſer geiſtreichen Worte. Uebrigens zwei⸗ felte er nicht, daß er hier doch wol einen jener ſocia⸗ liſtiſchen Schwärmer vor ſich hatte, der ſich Hand⸗ werker nannte, weil er es wirklich einmal war, längſt aber in einen höhern Bildungsſtand übertrat und nur die alte Weiſe beibehielt, um den Arbeitern näher zu ſtehen und ihnen Vertrauen zu erwecken. Nach eini⸗ gem Bedenken entgegnete er: Ich habe lange Zeit, um den gewaltſamern radi⸗ alen Mitteln zur Beſſerung der Welt auszuweichen, nich mit dieſen linderen beſchäftigt, die Sie andeuten. Oft habe ich mir die Menſchheit als einen kranken Drganismus gedacht, wo der raſche, vielbeſchäftigte Die Ritter vom Geiſte. I. 15 226 und ungeduldige Arzt ſogleich Eiſen und Feuer ver⸗ ordnet, der tieferblickende, wohlwollende und prüfende aber nur eine Umſtimmung der Functionen. Wenn ich dann aber zuletzt doch ſah, daß zur Um⸗ ſtimmungsmethode Jahrhunderte gehören würden und vor allen Dingen ſolche Staatsformen, wie wir ſie eben von dem Status quo nicht erlangen können, ſo bin ich immer wieder darauf zurückgekommen, daß wir bei der alten Methode der Franzöſiſchen Revolution, bei der Zerſtörung des Feudalſtaats, zur Zeit noch leider müſſen ſtehen bleiben. Wir müſſen— es hilft doch nichts— nivelliren. Die Fürſten und der Adel müſſen durchaus dem Vorrecht des Bluts entſagen, der Begriff der Gewalt muß in die Souverainetät des Volks gelegt werden und alle bisherigen Stützen der Macht in den Dienſt der neuen Staatskräfte tre⸗ ten. So nur finden wir Zeit und Gelegenheit, jene größern, anfangs vielleicht nationalen Naturproceſſe durchzumachen, die in der Triebkraft aller ſolcher Völ⸗ ter liegen, denen die Geſchichte die Einwurzelung in ihre Heimatlichkeit und den Glanz und die Größe die⸗ ſer Heimatlichkeit raubte. Dann können nach den na⸗ tionalen Wiedergeburten die Völker jene noch größer Beglückungen der Geſellſchaft anbahnen, die in einer veränderten Gliederung des Menſchengeſchlechts über⸗ Un au d euet ve prüfend ctionen zur Un uden un e wit ſi önnen, n daß w evolution Zeit nol es hil entſage verainet en Stiß skräſte i nheit, jn tutpw rzelun Griß h grh ie in“ h haupt liegen und in jenen Neuerungen, die Sie an⸗ deuten, Ich verkenne keineswegs, wie gefahrvoll die Entwickelung jener Zuſtände iſt, die man die Herr⸗ ſchaft des Volks, Demokratie, nennt. Allein die Re⸗ formation hatte auch ihre Bauernkriege, ihre Bilder⸗ ſturmerceſſe und ihre Wiedertäufer. Ihr beſſerer Kern erhielt ſich und ließ nicht einmal dasjenige Gute ver⸗ kennen, das auch in jenen gräuelvollen Misverſtänd⸗ niſſen noch theilweiſe lag. So muß es auch mit der Demokratie werden. Oder glauben Sie wirklich, daß unter der Alleinherrſchaft der Könige das Alles ſich ausführen läßt, was Sie ſich unter der Heiligung der Arbeit gedacht haben? Ich glaube an die Mon⸗ archie, als an eine in der menſchlichen Natur begrün⸗ dete Staatsform; aber die edle ideelle Monarchie iſt die Monarchie der Zukunft, nicht die der Gegenwart. Mit der Monarchie der Gegenwart, die ſich aufs Mit⸗ telalter, auf den Adel, das Militair, die Beamten, die gottbegnadete Berufung ſtützt, iſt nichts Derarti⸗ ges anzufangen, wie Sie ſich's als heilſam denken. Blicken Sie um ſich! Die deutſchen Fürſten haben plötzlich aus der demokratiſchen Frage eine nationale und nun aus der nationalen gar eine Cabinetsfrage gemacht! Dynaſtie wetteifert mit Dynaſtie, und die alten verjährten Vorurtheile der Völker und Stämme 56 228 werden aus der Trödelkammer der Geſchichte wieder hervorgeſucht, abgeſtäubt, mit dem Firniß neuer Re⸗ densarten überputzt und ſo zum Gefechte geführt. Kom⸗ men wir da weiter? Werden da, wenn dieſe nutzloſen Kämpfe, die nur Blut, Geld und frivole Gedanken koſten, vorüber ſind, nicht wieder dieſelben alten Schä⸗ den bald zum Vorſchein kommen? Oder iſt es nicht gleich beſſer, zu ſagen— Fort mit allen Fürſten und reinen Tiſch gemacht? fiel der Fremde lächelnd ein. Dankmar ſchwieg, weil ihn der ſatiriſche und durchdringende Blick ſeines Gefährten jetzt plötzlich be⸗ fremdete. Es ſpielten ihm um die zuſammengekniffe⸗ nen feinen Mundwinkel ſoviel pikante Schattirungen, daß er ſich plötzlich vornehmen mußte, in ſeinem Ver⸗ trauen nicht zu weit zu gehen. Der Fremde ſtrich ſei⸗ nen ſchönen Kinnbart, der ſich rund um das läng⸗ liche Oval ſeines edlen Geſichts zog und ihm viel Aehnlichkeit mit Dankmarn ſelbſt gab, und ſagte: Ich muß lachen, wie ich als einfacher Tiſchler dazu komme, Ihnen, einem ſtudirten Herrn, ſo ernſt entgegnen zu wollen, und doch bin ich nicht Ihrer Meinung... Sie wirklich ein Tiſchler? ſagte Dankmar, faſt ver⸗ letzt darüber, daß der Fremde noch jetzt ſein Incognito in dieſer Weiſe aufrechterhalten wollte. Ve gan noch nen Ihl me kau die Ja we a hie un te wiede euet R t. Kon nutloſe Gedanke ten Schi es nich gemach ſſche un engeinift tirungen inen V das lin ihm ſagte ſchlet du entgen inung fiſt Iech 229 Ja! Ja! Ich bin ein Tiſchler, ſagte der Fremde. Warum denn nicht? Ich könnte Ihnen manchen ele⸗ ganten Stuhl zeigen, den ich zuſammenleimte, und noch viel mehr hab' ich mich geübt, Meubles zu zeich⸗ nen, hübſche Formen zu erfinden. Doch geſteh' ich Ihnen ſehr gern, daß ich auch, wenn ich will, auf meinen Arbeiten ſelbſt ſitzen darf und ſie nicht zu ver⸗ kaufen brauche. Ich bin ein Tiſchler, aber ich trage dieſe Blouſe nur, weil es, wie Sie ſehen.. ſtäubt. Fürchten Sie da aber nicht, daß man Ihnen einen Paß abfodert und Sie ein Incognito, das Sie zu be⸗ wecken ſcheinen, lüften müſſen? fragte Dankmar. In dieſen Zeiten fodert man keine Päſſe; antwor⸗ tete der Fremde; ich gehe auch nur bis Hohenberg. Bis Hohenberg? ſagte Dankmar. Hohenberg iſt auch mein Reiſeziel. Sie werden früher dort ankommen als ich. Von hier werd' ich noch zehn Stunden zu gehen haben und Sie wol nur noch ſechs zu fahren. Sie ſollten mit meiner ſchlechten Kaleſche vorlieb nehmen, bemerkte Dankmar. Er that Dies nicht ohne Zögern, da eben Hackert hinter ihnen ungeduldig und lärmend mit der Peitſche klatſchte. Der Fremde ſah ſich den Wagen an und blieb mit den Worten: Der Staub iſt allerdings ſehr läſtig! ſtehen. 230 Hackert rührte ſich nicht vom Platze, öffnete auch den Schlag nicht, ſondern ſchien ruhig abzuwarten, ob Dankmar ihn ganz als Kutſcher behandeln und jetzt ſogar zwingen würde, einen wandernden Handwerks⸗ burſchen zu fahren.. Beide Fälle, ob nun die blaue Blouſe zu Dankmar oder zu ihm geſetzt wurde, waren ſeinem empfindlichen Ehrgefühl peinlich. Er ſchnitt die grimmigſten Geſich⸗ ter, ſprach von Ermüdung des Gauls, ſchlechtem Wege, engem Platz. Der Fremde, erſtaunt über die Unhöf⸗ lichkeit eines Menſchen, den er nur nach dem Bock, auf dem er ſaß, beurtheilte, ſchien einen Augenblick zu vergeſſen, daß er dieſem doch auch nur ein wan⸗ dernder Tiſchler ſein konnte, und über die von Hackert's Mienenſpiel ihm gegebene Andeutung, ſich, wenn er aufſtieg, vorn zu ihm zu ſetzen, ſchoß ihm faſt das Blut ins Geſicht; doch ſchien er ſich ſogleich zu faſſen, als Dankmar, alle weitern Erörterungen mit dem wi⸗ derwärtigen, ewig nergelnden Hackert abſchneidend, die⸗ ſem den Zügel und die Peitſche aus den Händen riß, ſich ſelbſt auf den Bock ſetzte, Hackerten und den Tiſch⸗ ler auf den Wagen verwies und mit den Worten: Ich fahre gern einmal ſelbſt! vorn Platz nahm und ſelbſt das Rößlein des Pelikanwirthes nun zu raſcherm luſt⸗ gen Trabe anfeuerte. fnete auch varten, ol und jeß andwerks Dankma pfindlich en Geſic tem Wey ie Unhöf dem Boch Augenbli ein wan nHadtt wen n fuſt du dn idend, d änden den Lit zorten und ſi hem! Ueuntes Capitel. Die Viſitenkarte des Tiſchlers. Der Wald war zurückgelegt. Zu dem Städtchen Daſſel hinab ging es im raſchen Trabe. Einige Regentropfen fielen ſchon, ohne jedoch ſehr zu be⸗ läſtigen. Dankmar, wie er ſo dahin jagte über die ſtaubige Straße, ſchüttelte über ſich ſelbſt den Kopf. Er ſuchte einen Schatz, der ihn, wie er vielleicht ſcherzte, zum Millionair machen ſollte, und um ihn zu finden, fuhr⸗ werkte er eben eigenhändig einen Handwerksburſchen und einen elenden abgedankten Schreiber! Es ging ihm wirklich unwirſch und ärgerlich im Kopfe hin und her. Auch der Umſtand, daß er das Geſpräch mit dem geheimnißvollen und ihm jetzt wieder zwei⸗ veutig gewordenen Fremden gerade da abgebrochen vatte, als er— ohne das vernünftige granum salis vinzugefügt zu haben— ſämmtliche deutſche Fürſten 232 wie alten Sauerteig ausfegen wollte, drückte ihn.... Es iſt ſo läſtig, in ertremen Behauptungen ohne Ver⸗ mittelung dazuſtehen. Wir Alle leiden ja überhaupt mehr darunter, daß man uns nicht ausreden läßt, als darunter, daß man uns abſichtlich misverſteht. Man glaubt uns ſo oft zu verſtehen und Das eben erſcheint uns ſo gefährlich! Man unterbrach uns nur oder das Schickſal unterbricht uns in Augenblicken, die uns gerade die wichtigſten waren. Der Tod, welche ſchreckliche Unterbrechung für einen Menſchen, der ſich noch ausſprechen, ſeine Gefühle rechtfertigen, ſeine Gedanken erläutern möchte! Und doch iſt der Tod noch der geduldigſte unſerer Zuhörer. Selten, daß er uns mitten in einer Periode einer Ausein⸗ anderſetzung für unſer ganzes Leben überraſcht. Die ungeduldigſten und quälendſten Störer ſind aber ge⸗ rade die, die uns immer vortrefflich verſtanden haben wollen und gleich in die Rede fallen. Sie verlaſſen uns wie in ſchönſter Uebereinſtimmung und wir bleiben mit dem Gefühle ſtehen: Der geht doch mit einer Vorausſetzung von uns fort, die nicht zutrifft! Es ſind doch nicht meine Gedanken, die er da als die meinen mit fortnimmt! Himmel, er wird ſie verbreiten, er wird mich nach ihnen beurtheilt machen, er hat mich nicht ausreden laſſen und macht mich unglücklich⸗ e ihn. ohne V überhau eden läß nisverſth Das ebe h uns u ugenbliün Der Te Menſche chtfettigen ch iſt d . Selten e Asei aſch. 2 nd aber nen hob ie vſ vir bleb mit en utift! e da als! e verhnil hen, e ngil⸗ So lagen auch offene Gewaltthätigkeiten Dank⸗ mar's politiſchen Meinungen ganz fern. Er wollte immer nur das Nothwendige und Vernunftgemäße und hier fühlte er nun, daß er doch weit mehr noch hätte ſagen müſſen, um ganz verſtanden zu ſein. Dieſem drückenden Gefühle half etwas die Ankunft in Daſſel ab. Es zerſtreute doch, durch eine kleine gewerbfleißige Stadt zu fahren, und wenn auch nur im Vorüberfluge hier und da von einem freundlichen Geſichte begrüßt zu werden. Hinter Daſſel beluſtigte Dankmarn, der ſich eine Cigarre angezündet hatte und um zu gleicher Zeit fahren und rauchen zu können, ſchweigen mußte, ein Geſpräch, das Hackert mit dem Fremden anſing. Hackert hielt dieſen für Das, was er gleich anfangs vermuthet hatte, einen Spion, redete ihn aber für Das, für was er ſich ausgab, an und ſagte ganz dreiſt: Tiſchlergeſell biſt du? Tiſchlergeſell— wiederholte nach einigem Zögern der Fremde. Wo biſt du her? Hier aus dem Hohenbergiſchen. Wo ſtandeſt du zuletzt in Condition? In Paris. 234 Donnerwetter, Das iſt weit. Von da kommſt du direct und verlegſt dich nicht aufs Fechten? Haſt wol in Paris geſchafft? Ich ſeh' es. Deine Mütze iſt bei Noack in der Fiſcherſtraße ganz neu gekauft und deine Blouſe, glaub' ich, hab' ich ſchon mal auf dem Maskenball im Opernhauſe geſehen. Dieſe Wendung frappirte den Fremden. Dankmar lachte in ſich hinein: Siehſt du! dachte er; du kommſt da an den Rechten. Tiſchler iſt kein übles Handwerk, fuhr Hackert be⸗ haglich fort. Aber immer Wiegen zu machen, wäre mir zu läppiſch, und immer Särge, zu ſchwermüthig. Wobei haſt du denn am meiſten den Hobel an⸗ geſetzt? Ich bin ein Kunſttiſchler, mehr zum Lurus.... Aha! Lurus... Mahagony? Nicht wahr? Drum gefiel dir auch wol die neue Dreſchmaſchine beim Heidekrüger? Der Fremde ließ ſich durch dieſe verſchmitzte Frage nicht irremachen, ſondern ſetzte umſtändlich das Ge⸗ triebe einer ſolchen Maſchine auseinander, trotzdem, daß ſie nicht von Mahagony war. Er wollte eben zeigen, daß er die Praris verſtand. Dankmar, der aufmerkſam zuhörte, mußte forige⸗ — ſetzt die Fie mun geſt ger zu un ein Da D a konnſ en? Ha ne Miü u gekauf chon mn n. 1an den ackert be en, wär vemithi Hobel an Lutls. hr? Drn ine b itzte Fun „mtde volle u ßte fon 235 ſetzt lachen; denn Hackert verſtummte plötzlich über die Schrauben, Ventile, Stempel, von denen der Fremde ſprach. Sein Plan, den verkleideten Regie⸗ rungsaſſeſſor Müller aufs Glatteis zu führen, war geſcheitert. Das darauf eintretende Stillſchweigen währte län⸗ gere Zeit. Dankmar rauchte. Hackert ſchickte ſich zum Schlafen an. Der Fremde ſah auf die Gegend und notirte ſich zuweilen Etwas, was ihm plötzlich einzufallen ſchien, in einem kleinen zierlichen Buche. Das dauerte ſo fort, bis er hinter einem Dorfe, das ſie wieder zurückgelegt hatten, Namens Helldorf, zu Dankmar ſagte: Da ſind wir jetzt in einem Lande, wo ja mit einem Fürſten, wie wir vorhin ſagten, reiner Tiſch gemacht worden iſt! Es iſt wahr, es lebt ſich darin nach wie vor. Die Menſchen gehen und wandeln, die Bäume tragen ſchwer an den Aeſten, die Ernte iſt reif, das Gras ſchon zum zweiten male gemäht. Es hat ſich nichts verändert. Wo wären wir denn da? wandte ſich Dank⸗ mar um. In dem Fürſtenthume Hohenberg, ſagte der Fremde; hier beginnt die kleine Herrſchaft, die ſo verſchuldet iſt, daß ſelbſt eine Lotterieanleihe ſie nicht mehr retten 236 konnte. Heben Sie den Glanz und das Glück der kleinen Herrſcher auf und ſie gehen von ſelbſt. Und die großen? fragte Dankmar, der nicht ab⸗ geneigt ſchien, das begonnene Geſpräch fortzuſetzen. Halten Sie es für möglich, ſagte der Fremde, un⸗ bekümmert um den in politiſchen Dingen ſchweigſamen und nun ſchlafenden Hackert; halten Sie für möglich, daß jemals Staaten wie Preußen, Oeſterreich, Baiern ganz aufhören können? Dieſe Sondergeſchichte iſt nicht auszulöſchen und in den Fürſten erhalten ſich die Erinnerungen der Völker und werden durch ſie getragen. Dankmar antwortete ironiſch: Ich bewundere, wie Sie glauben, die Hebel der Geſellſchaft, die Organe der Menſchheit in Bewegung ſetzen, neue Sitten, neue Geſellſchaftsformen bilden zu können und doch an dem Beſtande von Dynaſtieen wie an etwas Ewigem haften! Wie gern auch ſöhnt' ich mich mit dieſem Beſtande aus, wenn ich darin nur die Fortbildung unſerer Freiheit geſichert ſähe! Wiſſen Sie, was mir durch dieſe Monarchieen allein geſichert ſcheint? Ein Uebel, das mir noch gefährlicher dünkt als die von Ihnen gerügte allgemeine Genuß⸗ ſucht. Es iſt Dies die allgemeine perſönliche Eitel⸗ keit, begründet auf eine durchgreifende Erniedrigung Glüch du lbſ. nicht al fortzuſetzen remde, 1 hweigſane ür mäglit ich, Bai ſchichte halten ſi durch ſ Hebel de Bewegu nen bilde Dynaſtin ah ſih ich dar chert ſih ieen uli gihlit ine Gen lihe b miedii des Menſchengeſchlechts. Wir hörten ja geſtern vom Reubunde. Wie erſcheint der Ihnen? Ein wenig lächerlich, war die Antwort. Mir ſcheint er gefährlich, ſagte Dankmar. Ge⸗ fährlich deshalb, weil er mit einigen guten Eigen⸗ ſchaften des civiliſirten Menſchen ein unverantwort⸗ liches Spiel treibt. Liebe und Hingebung ſind himm⸗ liſche Thätigkeiten der menſchlichen Seele, aber ſie haben ihre Grenzen. Sagen Sie ſelbſt, ob nicht in jener Monarchie, zu deren Erhaltung und Unter⸗ ſtützung der Reubund geſtiftet wurde, das eigentliche Hinderniß freier Entwickelung die tief in den Inſti⸗ tutionen und den Erinnerungen des Volks wurzelnde Eitelkeit das Hinderniß der wahren Freiheit iſt? In vieſem Staate entwürdigt ſich der Menſch als Gat⸗ tungsbegriff, um ſich als bürgerliche Perſon hochzu⸗ ſtellen. Das Individuum will bedeutend ſein auf Koſten des Geſchlechts. Oder woher denn ſonſt die⸗ ſes raſtloſe und die Menſchenwürde beſchämende Drän⸗ gen nach Auszeichnung? Eine Unzahl von Ehrenzeichen und Titeln wird in Maſſen verſchleudert, die allge⸗ meine Militairpflicht untergräbt das kräftige Selbſt⸗ gefühl der Heimat und ordnet Jeden einer abſtracten Ehre, der Soldatenehre, unter. Wo Sie im Bereich vieſer Monarchie hinkommen, überall bilden ſich die 238 Menſchen ein, in unmittelbarer Beziehung zum Fürſten zu ſtehen. Jeder glaubt ſich von ihm perſönlich ge⸗ kannt; Jeder drängt ſich vor, um irgendwie zur Notiz der hohen Behörde genommen zu werden. Wie eilt nicht Alles zu Unterſchriften, zu namentlicher Nennung bei jeder Gelegenheit! Streiten Sie mit dieſen Men⸗ ſchen, ſo hat Jeder eine Meinung für ſich, Jeder weiß es beſſer als der Andere, und wenn man ſich unterordnet, ſo iſt es nur einem hochgeſtellten und betitelten Manne. Einer Berühmtheit die Schleppe zu tragen, die Kundſchaft einer Excellenz zu genießen, von einer erlauchten Perſon angeredet zu werden, Das iſt dort wie in Rußland der Bindekitt des öffent⸗ lichen Geiſtes und die Bedingung ſeiner Formen. Wenn Montesquien die Ehre als das Weſen der Monarchie bezeichnete und er es aufrichtig meinte und nicht etwa damit ſeinem Souverain ein leeres Compliment machen wollte, ſo kommt dieſes Merkmal, das nur aus Man⸗ gel eines tiefern Begriffes erfunden zu ſein ſcheint, in jenem Staate zu ſeiner kleinlichſten, aber auch gefähr⸗ lichſten Anwendung. Der Fremde ſchwieg eine Weile. Dann nahm er, als er Hackert wirklich ſchlafend fand, das Wort und ſagte: Auch ich haſſe die gedankenloſe Hingabe an den ſüch Glg conſ ner auf zwe wir um ßürt ſönlich g ezur N Vie Nenn ieſen P ſich, J manſ tellten 1 e Schle genieß w werd t des if men. Ve dnicht nent m aus N ſcheint uch ge dann 10 3 N 56* gibe i 239 lüchtigen Glanz des Beſtehenden, nur um an dieſem Glanze theilzuhaben; beſonders iſt mir, trotz meiner conſervativen Geſinnung die Coquetterie mit dem Heere unerfreulich. Es iſt Dies ein Stolz, der denn doch auf nur höchſt unglückliche, den großen Menſchheits⸗ zwecken widerſtrebende Anomalieen ſich begründet! Nie wird ein Staat eine Zukunft haben, der ſich nur auf die Inſtitutionen der Gewalt ſtützt und darauf hin⸗ arbeitet, im Volke das Staatsleben nur wie einen Formel⸗ und Götzendienſt zu begründen. Auch das Beamtenweſen iſt eine ſolche morſche Stütze des dau⸗ ernden Beſtandes. Eine einzige verlorene Schlacht ſtürzt alle dieſe blankgeputzten und zierlichen Götzen und was nicht unendlich Wichtigeres mit ihnen! Aber dennoch ſind Sie ungerecht, wenn Sie glauben, daß die Dynaſtie von dieſer Hingebung allein zehren will. Ich hoffe doch, ſie ſtrebt nach der Befeſtigung durch jene tiefer wirkenden Hebel der Induſtrie, des Handels, der Ackerbauerleichterungen. Freilich auf gewöhnlichem Beamtenwege wird hier nichts bewirkt. Solange nicht die Arbeit ſelbſt an den Thron für ſich redend tritt und die Bureaukratie aufhört, der Dolmetſcher der Intereſſen der Arbeit zu ſein, kann es nicht beſſer werden. Es fehlen uns Staatsmänner, die ihre Schule im Volke gemacht haben. 240 Dankmar fühlte ſich durch die Ideen ſeines Reiſe⸗ gefährten oft ſo angezogen, daß er ſie für die ſeinen er⸗ kannte, oft aber auch wieder ganz von ihnen abge⸗ ſtoßen. Er ſchwieg eine Weile und überlegte das Geſagte. Als ihn darauf der Fremde erſuchte, anzu⸗ geben, wie er ſich's denn möglich dächte, jenen Geiſt der eitlen ehrſüchtigen Selbſterniedrigung in der Mo⸗ narchie zu dämpfen, antwortete er: Dadurch, daß man dieſen falſchen und unwür⸗ digen Royalismus auf ſeine wahren Quellen zurück⸗ führt, die Quellen der Eitelkeit und der ſpeculirenden Selbſterhaltung. Denn leider auch deshalb wird jetzt ein ſo übertriebenes Spiel mit monarchiſchen Formen getrieben, weil man einen Damm ſucht gegen die drohenden Fluten der allgemeinen Zerſtörung, gleich⸗ viel aus welchem Material gebaut. Ehrlich ſind unter den Reubündlern nur Die, welche ſich einbil⸗ den, vom Glanz der Monarchie falle etwas auf ſie ſelbſt, und unehrlich alle Die, welche zum Roya⸗ lismus aus Angſt für ihr Eigenthum flüchten oder die ſich, wie dieſer Schlurck, vor dem Auffallenden fürchten und der Mode folgen, weil ſie Mode iſt. Es muß Etwas erfunden werden, mein' ich, was das Individuum vernichtet, ohne die Perſon zu zer⸗ ſtören. iht di lu de au A vo E eines Reſ ie ſeinent ihnen abg erlegte de uchte, ant jenen Ge in det M und unwi ellen zurl peculirendi b wird jt chen Fom ht geen rung, glit Chrich ſ — ſch einb wis uf zun Roh ſüchen Aufſln ie Mode m ich, erſun 241 Das iſt ein tiefes, aber dunkles Wort! unterbrach ihn der Fremde. Das Individuum vernichten, ohne die Perſon zu zerſtören? Wir müſſen, erläuterte Dankmar, eine andere Gleichheit predigen als z. B. die der Volksverſamm⸗ lungen. Gleichheit mit dem Pöbel iſt die Sehnſucht der Denkenden nimmermehr. Gleichheit der Anſprüche auf die große Ehre, die in einem Allgemeinen, uns Alle Bindenden liegt, Ehre, zurückſtrahlend auf Alle von einem Begriff aus, der Ehre verdient, da iſt Etwas zu ſuchen, zu erfinden, was uns rettet vor dem Rückfall in die Barbarei, daß wir aus Furcht vor Revolutionen der Anbetung des Beſtehendea verfallen. Als Schlurck's Name genannt wurde, erwachte Hackert. Die beiden Andern ſchwiegen, und die Noth⸗ wendigkeit, dem Pferde einige Ruhe zu gönnen, trennte vor einem am Wege gelegenen Wirthshauſe auf einige Zeit die drei Gefährten. Als der Fremde, um nach einem Mittagsimbiß zu fragen, ins Haus getreten war, winkte Hackert Dankmarn und zeigte ihm ein Taſchentuch, das Jener hatte liegen laſſen. Mit ge⸗ heimnißvoller Miene bedeutete er ihn näher zu treten und hielt ihm verſtohlen den Zipfel des Tuches hin. Es war ſehr fein eine Krone mit dem Zeichen 100 und dem Buchſtaben E darin geſtickt. Die Ritter vom Geiſte. I. 16 — .— — 242 Das heißt, ſagte Hackert, der Menſch, von dem er dieſes Taſchentuch geſtohlen, hatte deren hundert, war mindeſtens kein Tiſchler und fängt in ſeinem Vornamen mit einem E an. Oder es gehört ihm wol ſelbſt, ſagte Dankmar. Das iſt auch möglich, antwortete Hackert trocken und rief einen Knecht, für das Pferd zu ſorgen. Dann knöpfte er ſich den Rock zu, ſtreifte Beinkleider und Rockärmel glatt und benahm ſich affectirt genug wie ein Gentleman. Schneiden Sie kein ſo ſchlimmes Geſicht! ſagte er zu Dankmar; jetzt, wo wir Hohenberg näher kom⸗ men, wird's mit meinem Fahren freilich nicht mehr viel werden. Wenn Sie indeſſen in Ihrem eleganten Coſtüm fahren, weiß man, daß Sie es nicht nöthig haben und es nur aus Vergnügen thun. Wenn ich es aber thue, ſo ſagt jede Canaille, Das wäre mein Beruf. Wenn wir in Hohenberg ſind und Sie leich⸗ ten Herzens, aber ſchwerer im Wagen mit Ihrem Schrein zurückfahren, ſo ſag' ich Ihnen, warum das Alles ſo ſein muß, wenn Sie nämlich Luſt haben, es zu hören. Es iſt eine verkehrte Welt, meinte Dankmar kopf⸗ ſchüttelnd nachgiebig und ſteckte das Tuch zu ſich. von den hunder n ſeinen ankmar. rt noün zu ſorgen geinfleid irt gen ſagte e her kon icht neh elegan icht nütht Wenn wäre m Sie leit nit I arun d uſt hu⸗ innt 1 6 z ſ 243 Wir wollen ſehen, ob wir da auch Etwas zu eſſen finden. In der Wirthsſtube trafen ſie einen Jäger. Ein ſtattlicher Fünfziger, wie es ſchien. Seine Jagdtaſche hing ihm mit langen Troddeln um die Schultern. Sein grauer Rock mit grünen Aufſchlägen war von leichtem Sommerzeug und wohlerhalten. Das ge⸗ bräunte mit fuchsrothem Barte umſchattete Antlitz trug einen unverkennbaren Ausdruck offenſter Ehrlich⸗ keit und treuherzigſten Vertrauens. Seine großen waſſerblauen Augen grüßten die Ankömmlinge ebenſo freundlich, wie er ſchon unterhaltend und unterhalten im Verkehr mit dem ſchöngewachſenen jungen Mann in der Blouſe war. Eine Menge kleiner Kinder tob⸗ ſen um ihn her, ſpielten mit ſeinem Hunde, zupften an den Troddeln und dem Netzwerk ſeiner Jagdtaſche und während er mit der Blouſe, ja ſchon mit Dankmar und Hackert ſprach, ging er doch dabei zu Rleicher Zeit freundlich auf die Scherze der Kinder in, die er hinterwärts mit den offen gelaſſenen Fin⸗ hern haſchte und neckte. Sie ſind hier im Gelben Hirſch! erklärte er den Ankömmlingen. Ihr Mittagsmahl müſſen Sie neh⸗ nen, wie Sie's finden. He da, Lenchen! Jungfer Droſſel! 15 244 Ein junges hübſches Mädchen, die die Wirths⸗ tochter ſchien, brachte ſchon für den jungen Mann in der blauen Blouſe einige Teller von ihrem eigenen Mittagsmahle. Nun mußte aber auch noch genug für die beiden Andern da ſein. Ja, ſagte der Jäger, wenn der Droſſel nicht im⸗ mer im Buſch ſäße und ſeine politiſchen Lieder pfiffe! Wie? erſtaunte Dankmar, auch hier, wie auf dem Heidekrug, die Politik Störerin der häuslichen Ord⸗ nung? Das nicht, meinte der Jäger begütigend; die Frau und das ſchmucke Lenchen da ſehen ſchon nach dem Rechten. Aber es iſt Alles mehr vollauf, wenn der Hausherr ſelbſt für ſeine trockene Zunge ſorgt. Wer viel ſpricht, muß auch ſich und dem Magen viel bie⸗ ten. Wir im Wald ſind immer allein und reden nur einmal mit unſerm Phylar oder mit den Grünſpechten oder den Maulwürfen und da thut ein Stück Brot, ein Trunk Waſſer oder einer aus der Korbflaſche ſeine Schuldigkeit. Zur Nacht freilich gibt ein Jä⸗ gersmann ſeinem Magen auch volles Gehör. Da tnurrt der und will für ſein Tagewerk ein kräftiges Futter.... Das Euch wohl bekommt ſagte Dankmar, auf des Jägers friſches Ausſehen deutend. i Wirth Mann in m eigene noch genu nicht in ieder yfff ie auf den lichen On ; ie Fun 1 nuch wen d ſog. 2 en vielt dnden Grinpch Stt Korbfla ſbt ein Gehör n mi k n 15 Beſſer als vielleicht Herrn Droſſel das Eſſen auf ſein vieles politiſches Reden, fiel der Fremde ein, der ſich bei Seite geſetzt hatte. Ach nein, meinte begütigend der Jäger, es folgt Jeder ſeinem Geiſt. Damit wandte er ſich zur bedienenden hübſchen Lene, den Kindern und dem Hunde Phylar. Er wollte es wol vermeiden, den Wirth zum Gelben Hirſch ſo anzuklagen, wie die Lieſe den Heidekrüger angeklagt hatte. Lenchen, ſagte er ablenkend, wirſt immer ſchmucker! Blitzaugen hat das Mädel! Ganz wie ihre ſelige Tante! Biſt aus einem Tiegel mit ihr geſchmolzen! Gott verzeihe mir die Sünde, daß ich von Feuer rede„ Die letzten Worte brummte der Jäger mehr vor ſich hin. Warum nicht vom Feuer? meinte Dankmar, eine dargereichte Weinkarte muſternd. Die Menſchen ſind mehr durchs Feuer als durchs Waſſer geſchaffen. Er beſtellte eine Flaſche Hochheimer. Lenchen ging mit dem ganzen Kindertroß, der ſie mn den Keller begleiten wollte. Auch Phylar würde gefolgt ſein, wenn ihn der Jäger nicht zurückgehalten pätte. — 246 Das Feuer im Wein laß' ich mir gefallen, ſagte der Jäger freundlich, die Beſtellung gleichſam lobend. Aber, ſetzte er mit zuſammengedrückten Augen hinzu, das Feuer, das ich meinte, iſt ein anderer Brand. Hier das Haus ging vor nunmehr ſechzehn Jahren einmal in Feuer auf und mit ihm... die Schweſter Droſſel's... ein junges Weſen.. Verbrannte? Verbrannte. Der Jäger wandte ſich auffallend erſchüttert zum Fenſter hinaus. Die Reiſenden aßen. Lenchen kam bald mit dem Wein zurück. Die Kinder lärmten wieder und litten nicht, daß der Jäger nach der Flinte griff, die an der Wand hing, und gehen wollte. Ei, Onkel Heuniſch, ſchon fort? ſagte Lene Droſſel⸗ Vater und Mutter müſſen von Schönau bald zurück ſein. Ich dachte, Sie erzählen uns noch von Fran⸗ ziska's letztem Brief.... Komm ins Jägerhaus, Lenchen! Kannſt ihn ſelbſt leſen! Ins Jägerhaus komm' ich nicht. Fürchteſt dich?... Vor der Eule nicht. Vor der Urſula. Ich weiß es. Biſt ein Kindskopf. Dabei lachte er wieder und verharrte dabei, daß — 75) allen, ſih ſam loben ugen hin eter Brand ehn Johr Schweſt chüttert zu enchen ku der lämt Lene Droſt hald zun von ßi un ſel nſt ihn ſel „pl in hindb 247 er gehen müſſe. Es wär' eine tüchtige Strecke nach Hauſe, meinte er. Dann grüßen Sie aber die Fränz und danken Sie ihr für das hübſche Band! ſagte Lenchen. Sollteſt ihr ſelbſt ſchreiben, Lenchen! Legſt es an die Tante bei— Das dürfen wir nicht! Die Tante Pfannenſtiel? Iſt die ſo ungefällig? Die reiche... Die! Sieh! ſieh! So ſchreib' der Fränz durch die Poſt. Sie hört gern Etwas von Hohenberg, vom Wald und Gelben Hirſch. Mein Schreiben iſt nicht viel nutz. Franziska Heuniſch, beim Tiſchlermeiſter Mär⸗ tens auf der Wallſtraße.... Franziska Heuniſch? unterbrach Hackert das Ver⸗ vehren ſeiner Mahlzeit, ein Geſchäft, daß er mit vie⸗ lem Appetit verrichtete. Kennen Sie die Fränz Heuniſch, Herr? fragte der Jäger, angenehm überraſcht. Hackert kaute und antwortete nicht. Er ſchien nicht das Gemüth zu beſitzen, dem Onkel, der ſeine Richte zärtlich zu lieben ſchien, eine Auskunft zu geben, die den freundlichen Waldbewohner glücklich kemacht hätte. 1— 248 Als der Jäger die Frage: Ei! Kenncn Sie die Fränz Heuniſch? nochmals wiederholt hatte, ſtieß Dankmar ärgerlich mit dem Ellenbogen den kauenden Hackert an und ſagte: Hören Sie denn nicht? Fränzchen Heuniſch, antwortete Hackert mit zweideu⸗ tigem Lächeln; eine angenehme kleine Putzmacherin... Ja, Herr, ſagte der Jäger, ſie macht Putz. Dann aber, da er Hackert's Lächeln ſonderbar fand, ſetzte er, indem ihm das Blut in die Wangen ſchoß, mit unterdrücktem Zorn hinzu: Wiſſen Sie von Fränz Heuniſch etwas Unrechtes? Ich weiß von ihr nichts, beſter Jägersmann, ſagte Hackert, als daß ſie allerliebſte Zähne, hübſche rothe Wangen, braune Augen, ſchwarzes glattes Seiden⸗ haar und um die Augen eine gewiſſe reizende Haut wie von Wachs hat und in der Wallſtraße Nr. 14 im zweiten Hofe links eine Treppe hoch wohnt. Herr, da wohnt ſie! ſagte der Jäger und warf ſich jetzt die Flinte ſo zornig über die Schulter, daß die Jagdtaſche hin- und herflog. Was aber nun? Was nun? Was nun? Nun? Nichts nun! Sie wollten ja die Adreſſe genau wiſſen. Wallſtraße Nr. 14 im zweiten Hofe links. Iſt's nicht ſo? Sie di tte, ſüf fauender tzweie herin. utz ſonderb Wange mechtes! ann, ſagt bſche roth 3 Seiden ende Hu E ohnt. und wol ultet, do aber un ie woli Rr. 249 Der Fremde, der an dem Jäger Wohlgefallen zu finden ſchien und einen üblen Ausgang dieſer Rei⸗ bung fürchtete, hielt es für das Angemeſſenſte, dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben. Eilen Sie ſchon ſo? ſagte er zu dem kirſchroth ge⸗ wordenen Mann, der auf Hackert Blicke ſchoß, die im Grunde doch mehr rührend als erſchreckend waren. Er fürchtete ſicher, Franziska Heuniſch möchte wirklich auf ſchlimmen Wegen ſein. Die Jagd kann Sie nicht rufen, fiel Dankmar ein, der in dem Jäger den über ſeine Nichte aufſtei⸗ genden Verdacht gleichfalls zerſtreuen wollte; ich denke, in den Wäldern hier mag es im Herbſt luſtig zu pirſchen ſein.. Es gibt nicht mehr viel Wild in den fürſtlichen Wäldern, ſagte der Jäger, ſich ſammelnd, aber noch mit zitternder Stimme. Sind Sie Hohenbergiſcher Jäger? fragte der Fremde Das bin ich. Früher Militair? Militair. Dem alten Feldmarſchall nahe geſtanden? Richt twahr? Richt ſo nahe. Der ſelige Feldmarſchall war kein Jäger. Und doch kein Wild? bemerkte der Fremde, der ſich ſo benahm, daß ihn Niemand mehr für einen wandernden Handwerker halten konnte. Doch kein Wild! fiel der Jäger, der ſich raſcher beruhigte, als Dankmar erwartet hatte, ein. Das machen die Finanzen.... Wie ſo die Finanzen? ſagte Dankmar. Weil die Juden den alten Fürſten ganz in Hän⸗ den hatten. Wie ihm kein Strohhalm mehr im Lande gehörte, ließen ſie dann auch friſch aufs Wild los⸗ ſchießen, Reh' und Haas, Alt und Jung, nur um Geld herauszuſchlagen. Jetzt ſind ſie ja in Hohen⸗ berg All' verſammelt; ſie wollen zur Jagd wieder⸗ kommen, ſagten mir neulich ein paar Steifböcke; aber ich lachte und dachte mir: Bringt wieder, was Ihr ſchon Alles in unſerm Wald vertilgt habt, dann wird ſich's der Mühe lohnen. Uebrigens ſchwieg ich; denn kein Menſch weiß, was aus der Herrſchaft werden ſoll und wer uns inskünftige was zu befehlen hat. Wer iſt denn Alles oben? fragte Dankmar, der den etwas frugalen Fremden in der Blouſe gebeten hatte, ſich des Weins gemeinſchaftlich zu bedienen. Ich kenne ſie nicht Alle, die geputzten Leute, ſagte chall war emde, de für einen ſch raſche ein. Da in Hin im Lande Wild los n un in Hohen gd wiee ſtoüe; i „was 3 dann wi ſch; den aft welde ſchlen ſ nkma uſt gehe bedien „ ſiülh Leute ſ 251 der Jäger. Aber Das weiß ich, ſolche ſind's nicht, wie Die, die zur Zeit, als der Fürſt und die Fürſtin im Glanze lebten, da zu Beſuch gekommen ſind. Der Fürſt iſt in der Reſidenz geſtorben, kam auch nie hinaus nach Hohenberg, ſchon die zwölf Jahre nicht, daß die Fürſtin da wohnte. Als die fromme Frau noch lebte, durfte ſich Niemand von den Creditores auf dem Schloſſe ſehen laſſen. Das war ſo ausge⸗ macht. Als ſie aber die Augen zuthat, es ſind nun zwei Jahre her, da ging's luſtig los. Erſt fing's auf den Wirthſchaftshäuſern herum und in der Rechnungs⸗ kammer an zu rumoren. Hui, was für fremde Vögel, die da durcheinander zwitſcherten: Das iſt für meine Kralle, Das für meinen Schnabel! Das Schloß blieb noch unangefochten, aber ſeit den drei Monaten, daß nun auch der Fürſt in Gott entſchlafen iſt— ia, ja!— in Gott— Gott hab' ihn ſelig, es war ein guter, aber auch wieder ein recht ſchlimmer Herr — Da— Hurrah! Da kamen ſie denn Alle an, in großen Staatskutſchen. Ritſch! Ratſch! Jetzt zer⸗ hackt und zerſtückt das Ganze! Wenn ſich Keiner findet, der die halbe Million zahlt, die allein ſchon als Schuld auf dem Ganzen ſteht, iſt's aus! Es iſt nun drei Wochen her. Schnedderedeng! Trarara! Das ganze Dorf unten— es heißt Pleſſen— kam 252 zuſammengelaufen und gaffte die Poſtillone all und Kuriere an, und die Herrſchaften ſtiegen aus. Das ſind nun Die, die viele Jahre lang erſt auf den Bo⸗ den, dann anf den Wald, zuletzt auf Geräth, Leinen⸗ zeug, Tiſch⸗ und Bettzeug und den letzten Spahn Holz im Schloſſe Geld geliehen haben. Der Fürſt ließ ja— Gott ſei's geklagt!— ſeine alte koſtbare Lebensart nicht, brauchte zehn mal mehr als er ein⸗ nahm und ſo war er zuletzt dermaßen herunter, daß ſein Sohn in Paris die Erbſchaft nicht antreten will und nicht antreten kann und.. nicht antreten wird. Während der Förſter ſo plauderte, verzehrten die drei Reiſenden vollends ihr beſcheidenes Mahl. Dank⸗ mar hatte in der Zerſtreuung das Taſchentuch an den Fremden zurückzugeben vergeſſen. Hackert blinzelte ihm deshalb einige mal mit den Augen zu, ohne ſich aber Dankmarn verſtändlich machen zu können. Liegt nicht am Fuße des Hohenbergs, fragte Dank⸗ mar, ſeine eigenen Angelegenheiten erwägend und darin, daß der Fremde in tiefes Nachdenken verſun⸗ ken ſchien, nichts Auffallendes erblickend, liegt nicht in Pleſſen eine Schmiede? Ja wol, lautete die Antwort. Kennen Sie den Schmied? Er heißt Zeck! Iſt blind und ſein Sohn iſt taub. un mit die te all un ms. Du f den Be th, Leinen en Spehn Der Für te koſtb ls er ein unter, do treten wil eten wird ſchrten di hl. Dun tuch an del linzelt ih n ſch i 253 Hackert lachte und fügte hinzu: Und hoffentlich ſind bei ihm recht viel Pferde lahm? Der Jäger ſah den Witzmacher finſter an und wandte ſich in ſeinen Erläuterungen zu den Andern, Hackert den Rücken kehrend. Die Zeck'ſche Schmiede war ſonſt in Flor. Alle Fuhrleute haben da angeſprochen und ſparten ihre Reparaturen auf die pleſſener Schmiede; jetzt kommt ſelten noch ein Wagen den Berg herunter. Wenn jetzt da oben Alles aus Rand und Band iſt, fragte Dankmar, ſo gibt es wol viel verrufenes Geſindel auf der Herrſchaft? Das doch nicht! Dann und wann einmal ein Wilddieb. Und Das ſelten, weil nichts zu dieben da iſt. Ja! Holz wird geſtohlen.... Und Das tüchtig! ſchaltete Lenchen ein, die ab⸗ und zuging und manchmal ein Wort dreinredete, wie es einem reſoluten Mädchen znkommen mag. Ja! ſagte der Jäger lachend; mehr als billig. Aber wie reimt ſich Das, bemerkte der Fremde, mit der allberühmten Frömmigkeit, durch die ſich ja die ganze Gegend auszeichnen ſoll? Der Jäger lächelte nicht ohne Feinheit. Es wird wol ſo dick damit nicht ausſehen, meinte Lenchen und lachte, indem ſie abdeckte. 254 Ich will Ihnen ſagen, nahm der Jäger das Wort; es mag mit der Frömmigkeit, die man ſo offen zur Schau trägt, nicht weit her ſein; Das lernt man im Walde, wo man an jedem ſtillen Plätzchen denkt: hier iſts ſo gut wie in der Kirche! Aber wenn's auch nicht mehr ſehr lange nachwirken wird, die ſe⸗ lige Fürſtin hielt doch viel auf's Chriſtenthum. Sie theilte Bibeln aus und ſammelte jeden Sonnabend die Leute um ſich und las irgend was Andächtiges vor, oder irgend ein fremder Herr mußte vorleſen und die Leute ſangen dazu. Manchmal kamen Men⸗ ſchen, die früher ein Handwerk gelernt hatten, dann aber, wie ſie's nannte, die vortreffliche Dame, die Er⸗ leuchtung bekommen hatten und Miſſionäre wurden, für die Heiden zu bekehren. Die ſtellte ſie dann Sonn⸗ abends der Gemeinde vor und Alle mußten beten, daß Gott die frommen Apoſtel, wie ſie ſie nannte, in Gnaden beſchützen und behüten möchte. Ach, Das war oft recht rührend, ſo einen guten Menſchen zu ſehen, der nun da hinaus muß ins Hottentotten⸗ land und die Buſchmänner bekehren. Alle mußten weinen und Jeder gab ihm die Hand und ſah den armen Menſchen ſich noch einmal erſt an, ehe er ge⸗ ſpießt und gebraten war. Manche freilich.... Der Jäger machte eine ſchlaue Miene. das Von ſo offen ju mt man in hen dent ber wemt itd, die ſ thun. Si Sonnaben Andächtige te vorleſen men Men aten, dann me, die G ire wurden ⸗ dann Son⸗ n heten, daß nannte, i N, Du ſenſchen i ottentetn Mle mß nd ſch 3 che er 255 Nun, Manche? fragte Dankmar. Manche von den Miſſionären gingen gar nicht hin zu den Hottentotten! ſagte der Jäger pfiffig und kratzte ſich hinterm Ohr. Wenn Die das Gute ge⸗ noſſen hatten und recht ausſtaffirt waren mit aller⸗ hand koſtſpieligen Geſchenken, blieben ſie in Bremen oder Hamburg ganz geruhig liegen oder ſchrieben, ſie hätten ſchon bei England herum Schiffbruch gelitten und müßten wieder umkehren oder es müßte was Neues nachkommen. Ach, lieber Heiland, was ſind da für Sachen vorgefallen! Der Jäger war ſo gutmüthig, daß er dieſe Worte in einem entſchuldigenden Tone und wie über den Lauf der Welt kopfſchüttelnd vortrug. Kein Miſſſonär, erzählte er weiter, ging von Ho⸗ henberg fort, ohne nicht noch einen ganzen Koffer voll Hemden und Strümpfe mitzunehmen. Die ließ ſie gute Frau Fürſtin im Ländchen herum weben ind ſtricken. Sie theilte das Garn und die Wolle us, aber nur an Die, welche in die Betſtunden ka⸗ nen. Wer fromm zugehört und andächtig ſeinen bers geſungen hatte, kriegte nachher, wenn die An⸗ hcht aus war, einen Napf voll Warmbier und etwas tſches Weißbrot— was die alte Brigitte ſchön cken kann— und beim Nachhauſegehen bekam jede 256 Frau und jedes Mädchen einen Korb voll Arbeit für die Heiden mit. Hackert lachte über dieſe Schilderung ſo unver⸗ ſchämt laut auf, daß es ihm Dankmar faſt verwies. Dennoch miſchte er ſich dreiſt in das Geſpräch und ſagte: Ich kenn' einen ehemaligen Miſſionär. Der Schlin⸗ gel hat mir's erzählt, wo die Strümpfe und Hemden all' hinkommen, die man ihnen nachſchickt. Die Au⸗ genverdreher verkaufen ſie an das erſte beſte Kauf⸗ fahrteiſchiff, das ſie am Meere antreffen. Nach Hauſe aber ſchreiben ſie: Dank für das Ueberſandte! Die Heiden wandeln bereits im Licht und auf euren Strümpfen. Schickt nur mehr von der Sorte! Hackert hatte die Genugthuung, daß ſeine Anek⸗ dote gefiel. Der Fremde aber verließ das Zimmet. Die Erzählung des Jägers ſchien ihn wol zu intereſ⸗ ſiren, ihre heitere Wendung aber zu verletzen. Da ſein Ranzen liegen blieb, ſo war nicht anzunehmen, daß er ſich ſchon wieder auf den Weg gemacht hatte⸗ Und wer zahlt nun die Leute aus, die noch im Dienſte der Herrſchaft ſtehen? fragte Dankmar. Der Juſtizrath Schlurck, antwortete der Jäget. Der iſt ſchon ſeit zehn Jahren der eigentliche Fürſ von Hohenberg. Der adminiſtrirt mit dem Direckor Pf den dur Bl ſten uſ gel voll Arbeit fü ng ſo unen faſt vewies Geſpräch und r. Der Schin⸗ e und Henden ict Die A⸗ e heſte Kauß⸗ Nach Hauſ erſandte! De nd uuf eun t Sortel aß ſüine Ant das Zimm wol zu int veten. 1 tanzunehn gemucht hu nie wc uninar te del N gentich 5 tden Dir von Zeiſel Alles durch⸗ und übereinander. Die Cre⸗ ditores halten ſich an Schlurck. Noch geſtern war er auf dem Schloß, muß aber raſch eine Ordre gekriegt haben, ſo ſchnell iſt er auf und davon. Seine Frau aber, die iſt noch da mit dem Commerzienrath von Reichmeyer und Frau Commerzienräthin von Reichmeyer und Herr Bartuſch und mit Reſpect zu vermelden... Der Jäger ſah ſich nach den Kindern um. Dieſe ſpielten mit dem Hunde, und da er auch Lenchen Droſſel nicht ſah, ſo flüſterte er: Droſſel's Schweſter iſt auch dort. Wer? Frau Pfannenſtiel. Auch eine Creditorin? Durch ihren Mann. Frau Wirthſchaftsräthin Pfannenſtiel. Ihr Mann war früher Pachter bei dem Fürſten, brachte dabei ſein Schäfchen ins Trockene, zog in die Reſidenz, bekam den Titel Wirthſchaftsrath durch den Fürſten und wurde gerade ſein ſchlimmſter Blutſauger. Kurz, Sie finden da allerlei Volk, Chri⸗ ſten und Türken und... Melanie Schlurck, des Juſtizraths Tochter, hat ſich ulſo einen ganzen Hof mitgebracht? ſchloß Dankmar. Von Der wiſſen Sie ſchon? Ja! Das iſt ein En⸗ gel oder ein Satan. Die macht Alle verdreht. Zu Die Ritter vom Geiſte. I. 17 258 Fuß, zu Pferde, bald im Feld, bald im Walde, und hol' mich Dieſer und Jener, ſagt' ich noch neulich zur Urſula; ſollte man nicht glauben, ſie tanzte immer? Noch hat Die kein Menſch mit ruhigem Fuß geſehen und Augen hat ſie im Kopf, Zähne im Mund..... Ja! Die hat's Allen angethan, und was man ihrem Vater für Fluch und Malefiz nur anwünſchen mag, der Mamſell kann man nicht gram ſein; ſie macht Alles wieder gut. Auch ein feiner junger Herr aus der Stadt iſt mitgekommen... er heißt. ich weiß es nicht... kurz und gut, ſo luſtig iſt's ſeit zwanzig Jahren da nicht hergegangen. Jemine! Säh' es die alte Fürſtin, ſie drehte ſich im Grabe um. Der Jäger trank ſeinen Labetrunk Bier aus, wünſchte den Herren gute Verrichtung, ſchüttelte Dank⸗ marn ſogar die Hand und ging. Dankmar erwiderte freundlich, faßte aber Hackert ins Auge, da er deſſen Angeſicht plötzlich wie mit Blut übergoſſen ſah; ſeine Wangen glühten, ſeine Stirn ſchien heiß; von der Farbe des Haares und der Haut entdeckte man kaum einen Unterſchied mehr. Dankmar's erſter Gedanke war, da von dem Jäger Laſally angedeutet wurde, an ſein Pferd. Er glaubte in der Verlegenheit, die er auf Hackert's Antlitz bemerkte, als der junge fremde Herr, der wol nur Laſally ſein konnte, erwähnt wurde, Valde, un neulich u zte imne uß geſeh Nund... man ihr ſchen mal ſie mat rHer al ich we eit zwant äh' es das Zugeſtändniß der Befürchtungen zu finden, die er ſeinem Bruder Siegbert geäußert hatte, als dieſer für Hackert's Ehrlichkeit gutſagen wollte. Aufs aller⸗ heftigſte wurde er wieder von dem Gedanken ergrif⸗ fen, daß zuletzt dieſer Hackert doch wol nur ein Gauner ſein möchte, der ſich ihm noch zu irgend einem böſen Zweck angeſchloſſen hätte. Und dennoch fühlte er Mitleid mit ihm. Der Nachtwandler ſtand wieder vor ihm; der wüſte ſchauerliche Eindruck, wie Hackert mit halb herabgefallenen Kleidern, mit Stroh und Heu im Haar, mit offenem Hemd, in der Hand die verlöſchende Laterne vor ihm ſtand und Schlurck vor Entſetzen das Wort ausſtieß, das ihn weckte! Die Erinnerung an dieſen Anblick trat ihm ſo mäch⸗ tig in dieſem Augenblicke vor die Seele, daß er faſt erſchrak, Hackert möchte eben wieder in einen ähnli⸗ chen Zuſtand verfallen. Denn er bemerkte, daß Hackert wie in Gedanken verloren zur Thür hinausging, ge⸗ duldig den ſchon zur weitern Reiſe gerüſteten Gaul bediente, geduldig die Peitſche ergriff und, als wüßte er es nicht, vorn auf dem Bocke ſaß. Alles Das Hatte er mechaniſch, ohne Ueberlegung gethan. Seine Abſicht, in der Nähe von Hohenberg Jedes zu ver⸗ neiden, was ſeine Eitelkeit in ein falſches Licht ſtel⸗ en konnte, hatte er in dieſer träumeriſchen Abweſen⸗ 17 260 heit ganz vergeſſen, und Dankmar ſtand und ſtaunte, dieſen Zuſtand ſtill beobachtend. Was iſt dem Menſchen? dachte er. Der angebliche Tiſchler hatte ſich inzwiſchen drau⸗ ßen mit dem Jäger noch einige Augenblicke unterhal⸗ ten und dann ſeinen leichten Ranzen geholt. Er wollte den weitern Weg zu Fuß machen und verab⸗ ſchiedete ſich von Dankmarn. Dieſer hielt ihn aber zurück und ſagte: Wir haben jetzt nur noch drei Stunden bis Ho⸗ henberg zu fahren; es hat inzwiſchen geregnet, der Weg iſt zu feucht für Ihre dünnen eleganten Stie⸗ fel. Bleiben Sie bei uns! Der Fremde ſtieg nachgebend ein, Dankmar be⸗ zahlte für ſich und Hackert die Rechnung, folgte dann in den Wagen und rief: Fort! Hackert ſchien nicht zu wiſſen, wo er war, ſondern gab ſich willenlos dem Thiere preis, das im raſchen Trabe weiterfuhr Der Regen hatte in der That mit einem einzigen und gewaltig ſtarken Erguß die Natur erfriſcht. Wie erhob ſich Baum und Blatt, wie blickte der Grashaln ſo gekräftigt zu der Sonne auf, die hier und da ſchol aus den grauen, ſich zertheilenden Wolken wieder hervorbrach! Auch die Gegend nahm jetzt einen viel gefälligern Charakter an. Die großen Flächen hoͤ⸗ und ſtaun iſchen du cke untecht geholt. 6 und ven elt ihn a en bis 5 regnet,! 5 ganten S 0 Dankm folgte do tſchen ſich wille' be weitem inem ein rftiſch. det Gni und d gelen jeht in Flic 261 ten auf. Der Boden hob ſich wellenförmig, am Rande des Horizonts ſtiegen ſchon die blauen Con⸗ turen einer nicht hohen, aber anmuthig geformten Bergkette empor. Hier und da verrieth ſich ein hin— ter Büſchen geborgenes Dorf durch ſeine Kirchthurm⸗ ſpitze. Der Weg war mit Obſtbäumen beſetzt, die Aepfel und Birnen in reicher Ernte verſprachen. Auf den Feldern war faſt überall ſchon die Frucht gebor⸗ gen, ſodaß man mit dem Blicke weithin ausſchweifen und die Krümmungen kleiner Bäche verfolgen konnte, die den Boden fruchtbar bewäſſerten und die Gegend lebendiger machten. Der Fremde betrachtete die Flur mit einem ern— ſten, ſinnenden Blick. Es iſt meine Heimat, ſagte er. Ich bin in dieſen Thälern geboren. Früh ſchon verließ ich ſie und doch kenn' ich jedes Dorf, jede Anhöhe wieder. Wie traurig, ſagte Dankmar, daß ſo ſchöne Be— ſitzungen von einem leichtſinnigen, weltluſtigen Herrn verſchleudert wurden! Die Bauern haben ſicher die Vortheile der neuen Zeit hier wahrgenommen, ſie ha⸗ den ſicher die Paudemien und Gefälle abgekauft. Vielleicht iſt die Summe, die dadurch auf einem Brete gezahlt wurde, für den künftigen Unterhalt des Prin⸗ 262 zen Egon ausgeſetzt, das Einzige, was ihm ſein Va⸗ ter zu erben mag hinterlaſſen können. Die übrigen gewöhnlichen Abgaben von Grund und Boden laufen ohne Zweifel in die Kaſſe der Gläubiger, die in den jetzigen ſchlimmen Zeiten wol ſich vergebens nach einem reichen Capitaliſten umſehen, der hier das ganze Beſitzthum mit Activen und Paſſiven übernimmt! Es iſt wenig Heil noch auf Grund und Boden, ſagte der Begleiter trübe geſtimmt. Die Maſſe der Laſten drückt zu ſehr. Wo der Staat etwas gewin⸗ nen will, denkt er immer gleich an das Erdreich und Den, der es anbaut. Immer den Zollſtab an die Erde gelegt! Warum nicht an den Handel? Die Kaufleute, die jetzt die Welt regieren, wiſſen ſich zu ſchonen. Da ſie meiſt von den Handwerkern leben, ſo ſchützen ſie allenfalls dieſe noch eine Zeitlang und auch mit Recht. Weil aber dem gefräßigen moder⸗ nen Staate die Mittel der Exiſtenz immer knapper werden müſſen, ſo ſagen die regierenden Kaufleute und Börſenmenſchen: Haltet Euch an Grund und Boden! Grund und Boden ſind ewig! Welche Unge⸗ rechtigkeit aber! Es iſt wahr, die alten ariſtokrati⸗ ſchen Regierungen haben es möglich gemacht, daß Grund und Boden bei den großen Anſprüchen des Fiscus an die Staatskräfte oft ſteuerfrei durchſchlüpf⸗ 263 ſein W ten und meiſt mit einem blauen Auge davonkamen. e übrign Es iſt wahr, daß der Grund und Boden in den Ka⸗ en laufen taſtern oft falſch veranſchlagt iſt. Allein dieſe relati⸗ ie in den ven Vortheile ſind im Preiſe von Grund und Boden ens nach ſchon mit angeſchlagen, und wie ich jetzt zwei mal das gan mehr Steuern geben ſoll, ſo vergißt man, daß ich immt! das Gut nur in der Vorausſetzung kaufte, daß es nd Boden beim Alten bleiben ſollte und nur einfach zu zahlen Maſe de hätte. us gei Ich kenne dieſe Streitfrage, bemerkte Dankmar; reich un aber ich weiß nicht, ob man es nicht darauf könnte ab an di ankommen laſſen, einmal der Ariſtokratie des Grund⸗ de! D beſitzes die nothwendigen Folgen ihrer alten Regie⸗ ſen ſch rungsmethode fühlbar zu machen. Man ſpricht von ſchn der Nothwendigkeit des iſolirten Reichthums. Ich lem ung mn fann ſie in dieſem Sinne nicht anerkennen. Die ge⸗ mode fährlichſte Ariſtokratie bleibt die des Blutes, wenn ſie fnaype ſich auf einen großen und möglichſt ungehemmt ver⸗ el guſn walteten Grundbeſitz ſtützt. So lange wir, aufrich⸗ 3 du ig geſtanden, das Adelsinſtitut behalten, ſeh' ich kein run un Heil für die Menſchheit. Der Adel iſt hier und da ihe u zuweilen liberal aufgetreten und hat ſich dem Volke iſo ungeſchloſſen; aber wie ſelten dieſe Ausnahmen! Ich ncht, aerkenne den Unterſchied der Menſchen, den die ver⸗ 1 ſhiedenen Stufen der Bildung und auch des Beſitzes uche mitſichbringen, aber einen durch die Geburt, durch Namen, durch Ahnen begründeten Unterſchied ſollte die Aufklärung nicht mehr dulden. Ich theile Ihre Anſicht in gewiſſem Sinne, erwi⸗ derte der Fremde. Nicht daß ich den Adel ausrotten will; denn ich halte Das für unmöglich; ich halte die Umwandelung eines berühmten Geſchlechts in eine einfache bürgerliche Familie höchſtens für eine ko⸗ miſche Epiſode der Geſchichte, die nur auf kurze Zeit möglich iſt. Aber man ſoll erſtens die Ueberwuche⸗ rung des Adels beſchneiden durch das Erſtgeburts⸗ recht und zweitens den Nachwuchs des Adels edler anpflanzen als es unſere Fürſten thun. Den Adel für Geld ertheilen oder für höchſt zweifelhafte bureau⸗ kratiſche Verdienſte, Das iſt eine tägliche Herab⸗ ſetzung deſſelben Inſtituts, auf das ſich doch die feu⸗ dale Monarchie ſo gern ſtützen möchte. Der Adel an ſich kann nicht verdächtig ſein. Man verdächtigt ihn nur dem Volke durch die Art, wie man neuen Adel macht. In jedem Wald und jeder guten Waldhu⸗ tung herrſcht ein natürliches Syſtem des Nachwuch⸗ ſes; nur beim Adel hat man dieſes Nachwuchsſyſtem nie beobachtet und deshalb ſank die Achtung vor dem⸗ ſelben. Das iſt eben das Wort, das ich verbannen möchte, von ber Geſ alle urt, durc ſchied ſol inne, etw el ausroite ih hat ts in i ir eine i f lue 3 6 Ueberwuche Erſtgebutt 3 edl 2 en afte bure liche Hen Der Wel wichig neuen* n Wahl Nachtl hwuch ung vr annen i N — rief Dankmar; Achtung des Adels! Wozu eine Kaſte von Menſchen, die ſich eines Vorrechts vor Andern berühmt! Der Staat ſchafft die Vorrechte vor dem Geſetz ab. Das iſt wahr. Der Bürgerliche kann alle Rechte genießen wie der Adelige. So heißt es in den Geſetzbüchern! Und doch bleibt dieſe ſonder⸗ bare geheime Verbindung unter den Adeligen. Es bleibt dieſer geſchloſſene Bund, der ſich immer wieder mit ſeinen Maximen hervordrängt, wenn ihn auch noch ſoviel Revolutionen zurückgeworfen haben. Sie wollen den Adel vermindern durch engliſches Erſtge⸗ burtsrecht und beſſer anpflanzen durch Adelserhebun⸗ gen wahrſcheinlich an einen tapfern Krieger, einen geſchickten Arbeiter, einen glücklichen Erfinder. Aber die Nachkommen der Letztern werden ebenſo Ariſto⸗ kraten werden, wie es die Nachkommen der weiland zu Rittern geſchlagenen Knappen und Kaufleute wur⸗ den. Es iſt eben ein Inſtitut, das ewig auf die Ve⸗ getation der Freiheit wie Mehlthau ſich anſetzen und ſie verderben wird. Die Franzöſiſche Revolution hat den Adel abgeſchafft, ſagte der Gefährte, und er iſt wie⸗ dergekommen. Napoleon hat ihn noch mit ſei⸗ nen geadelten Corporalen vermehrt, und die jetzi⸗ gen Börſenmäkler ließen ſich mit Freuden adeln, 266 wenn ſie nicht fürchteten, ſich lächerlich zu machen.... O, ſo wünſcht' ich, wallte Dankmar halb zornig halb lachend auf: daß einmal eine kleine Sündflut käme und dieſes närriſche Menſchengeſchlecht wenig⸗ ſtens partiell verſchlänge! Es iſt nichts mit ihm an⸗ zufangen. Das Geſpräch ging jetzt über leichte Dinge hin und weckte Hackert endlich aus der Betäubung, in die er ſo plötzlich verfallen war. Jetzt erſt ſchien er ſich zu beſinnen, daß er wieder als Kutſcher galt. Er wurde über dieſe unwillkommene Entdeckung unruhig, blickte bald zur Seite, bald hinterwärts, maß den Fremden bald mit einem wüthenden Blick, bald be⸗ gann er etwas an dem Riemzeug und der Peitſche zu bändeln und zu knüpfen, bis er plötzlich ganz ſtill hielt. Auf ein ſtarkes Nun? das ihm Dankmar zurief, hieb er zwar wieder gewaltig auf das er⸗ müdete Thier, dem die allmälige Annäherung an Ho⸗ henberg ebenſo noththat, wie dem immer unruhiger und gereizter werdenden Dankmar, aber Dieſer wußte nun in der That nicht mehr, weſſen er ſich noch Alles von Hackert zu verſehen und worauf er ſich zu rüſten hatte.. Es war ſchon vier Uhr. Die Sonne lachte wieder ſteud aſſ wen und wurt müd res wur bäun hir ſul lerfa onn un bau byri ten Nau lihe eine 5 Hü Gel etlich ſu alb zori Sündfu ht wenig t ihm an Dinge hin zubung, in t ſchien i galt. Et 9 unhig, maß de t bab b⸗ er Peiſſht Dunkna f das el g an Ho unuhig Rieſer wi ſih w uf et ſi — freudig vom Himmel. Alle Wolken hatten ihn ver⸗ laſſen. Das ſchönſte Ultramarin erquickte das Auge, wenn man empor, das lachendſte Grün der Wieſen und Büſche, wenn man zur Seite blickte. Die Gegend wurde immer reizender. Nach jeder Anhöhe, die das müde Roß erklimmte, öffnete ſich ein immer liebliche⸗ res Thal. Die Vegetation, ſtatt gebirgig zu werden, wurde eher ſüdlicher. Kaſtanien⸗, Ahorn- und Nuß⸗ bäume ſtanden auf kleinen Anhöhen am Wege neben Kirchen und Pachthöfen. Der weiße Flieder, der ſich traulich an Ställe und Scheunen ſchmiegte und jeder verfallenen Mauer einen maleriſchen Reiz verlieh, konnte wol den Fremden bewegen, auszurufen: Wie erinnern mich dieſe weißblühenden Gebüſche an das ſüdliche Frankreich, wo es freilich der Feigen⸗ haum iſt, der mit ſeinen großen Blättern, ſeinen la⸗ byrinthiſchen Ranken und den verſteckten grünen Früch⸗ ten ſich ſo an jede nackte Felſen⸗ und jede kahle Mauerwand lehnt, ſie verſchönernd durch ſeine trau⸗ iche Anſiedelung! Vor den Reiſenden lag dann auch endlich auf ine Stunde Weges entlegen das Schloß Hohenberg. Schon lange konnten ſie das im Geſchmack der erſten Hälfte des vorigen Jahrhunderts errichtete ſtattliche Gebäude unterſcheiden. Je näher ſie dieſem ihrem gemeinſchaftlichen Reiſeziele kamen, deſto unruhiger wurde Hackert, deſto heftiger ſeine Antworten, deſto ungeduldiger das Seuften, das ihm zuweilen ent⸗ fuhr. Er wandte ſich jetzt wieder zu Dankmarn und äußerte: Bis hierher, Herr! Fahren Sie jetzt! Dankmar beherrſchte ſich und erwiderte: Bis ich die Cigarre fertiggeraucht habe! Die Ausſicht auf das Schloß verſchwand. Man war in einem anmuthigen Buchenwalde, der ſich bis nach Pleſſen hinzuziehen ſchien. Welch friſches Laub! Welche zauberhaften Lichter, wenn die Baumgattungen abwechſelten und Tannen ſich an Birken reihten, um gemeinſchaftlich dann die Buchengruppen zuweilen zu unterbrechen! Welcher Smaragdſchimmer, wenn grünbe⸗ wachſene Plätze zwiſcheninnelagen und von der Sonne beſchienen wurden, die ſchon großer Oeffnungen be⸗ durfte, um mit ihren ſich ſenkenden Strahlen hier durch⸗ zudringen! Da ſprangen ja noch Rehe erſchreckt von ihrem grünen Lager unter einem großen freiſtehenden Eichbaum auf! Es mußte mit des Jägers Kummer über die ausgeſchoſſene Belebung dieſer Wälder nicht ſo ſchlimm ſtehen. Der Fremde war im Anblick dieſes ſtillen Friedens wie verloren. unruhige rten, deſt veilen en⸗ marn un e and. Mun hes Laubl noottungel reihten, Un zuweilen ren gin ndel fungen nhirr dut ſchwt v freiſchen n Kumn Viler n illen Fiicd Son 269 In dem Augenblicke hörten ſie in der Ferne Pferde⸗ getrappel. Hackert ſpringt auf. Man ſieht einen Zug von etwa fünf Reitern dahertraben, in der Mitte eine Dame, wie man an dem in der Luft fliegenden blauen Schleier erkannte. Hackert wirft Peitſche und Zügel fort, ſpringt vom Sitz, ſchießt wie beſeſſen über den Chauſſeegraben und iſt im Nu im Wald verſchwunden. Der Gaul, erſchreckt von der heranſprengenden Caval⸗ cade, bäumt ſich. Die Zügel ſchleifen ſchon an der Erde. Dankmar wirft eiligſt die Cigarre fort. Der Fremde hält ihn, damit er nicht hinausſpringt. In dem Angenblick jagt die Dame mit ihren Begleitern, an deren Spitze Dankmar den Stallmeiſter Laſally er⸗ kannte, vorüber. Es war Dies ein Glück für den be⸗ ſcheidenen Einſpänner; denn dem ſtutzigen Gaul wurde die Gelegenheit zum Durchgehen genommen. Die Ca⸗ valcade nahm ſie im Vorbeireiten in die Mitte. Die Dame lachte vielleicht über die komiſchen Capriolen des zügelfreien Thieres und die verlegene Beſorgniß der beiden Männer. Mit einem Sprung war Dankmar, als der Gaul glücklicherweiſe ſtand, hinaus und griff nach dem Zügel. Mit Verwünſchungen gegen den Betrüger, der ſie hier ſo plötzlich im Stich gelaſſen und ihm auch die Gelegenheit genommen hatte, die Dame zu fixiren, hieb er auf das erſchreckte Thier zu 270 und ohne ſich weiter um Hackert's Rückkehr zu be⸗ tümmern, jagte er auf und davon. Was hatte nur der tolle Menſch? fragte der Fremde, über das Zuſammentreffen aller dieſer Vor⸗ fälle erſtaunt. Ich ſehe, er iſt verrückt, antwortete Dankmar. Ich glaubte dieſe Eigenſchaft ſchon längſt an ihm bemerkt zu haben. Es erleichterte Dankmarn, ſeinem Begleiter zu erzählen, wie er an dieſen Geſellen gekommen wäre. Als er dabei einen Bericht über den eigentlichen Zweck ſeiner Reiſe erſtattete und den Schrein erwähnte, den er in Hohenberg verloren und dort ſuchen wollte, unterbrach ihn der Fremde mit den Worten: Einen Schrein? Etwa von drei Fuß Länge? Wie? fragte Dankmar geſpannt; allerdings. etwa drei Fuß Länge.. Eiſerne Bänder an dem Deckel? Wohl! Und am Boden.. Zwei Fuß breit mit ausgefelgten Rändern? Zierlich geſchnitzt. ⸗ Auf dem Deckel in he Holzarbeit ein Kreuz.. Himmel, wo haben Sie dieſen Schrein geſehent Er iſt es! Wo hab' ich ihn geſehen! fragte ſich der Fremde 6 nit i L 1 Pfer hatte einſc kam igrif 3 n det hin tehr zu be⸗ fiagte de dieſer Vor⸗ Dankmat. ngſt un ihn Begleiter 1 nmen wäre ichen 3wri wähnte, den uchen wolle⸗ ren: Linge letings ndem? tein Fnt rein 5 271 ſelbſt. Beſinn' ich mich wol, wo mir noch geſtern dieſer Schrein auffiel! Ich beſchwöre Sie, rief Dankmar, forſchen Sie in Ihrem Gedächtniß. Die wichtigſten Angelegenheiten knüpfen ſich für mich an dieſen Schrein. Das Kreuz hatte nicht die gewöhnliche längliche Form der Kirche... Doch! doch! Es war ein Malteſerkreuz! Aehnlich! Ganz recht! Es war ein Kreuz an den Enden mit kleeblattförmigen Rundungen. Das iſt er! Dankmar war wie auf glühenden Kohlen. Das Pferd hielt er an, da der Fremde ohnehin gewünſcht hatte, ausſteigen und nach Pleſſen einen Seitenweg einſchlagen zu dürfen. Endlich, als Dankmar faſt krampfhaft und erwartungsvoll des Fremden Hand ergriffen hatte, rief Dieſer aus: Ich weiß es. Den Schrein ſah ich geſtern Abend im Hofe des Heidekrugs auf Schlurck's Wagen. Auf Schlurcks 2 wiederholte Dankmar und ſtockte. Auf Schlurcks Wagen, verſicherte der Fremde, der ſich ihm in dieſem Augenblick in einen Boten des Himmels verwandelte; es war nach vier Uhr. Es 272 dämmerte aber noch ſternhell, als ich im Heidekrug ankam. Anfangs wollt' ich die Nacht benutzen und nach einer Erfriſchung weiterwandern. Da ſah ich im Hof einen Reiſewagen ſtehen, leicht bepackt, elegant. Der Kutſcher zündete die beiden Laternen an, als wollte er weiterfahren. Der Wagenſchlag hatte eine Chiffre, die mich feſſelte. Ich blieb in der Nähe ſtehen. Ich ſah dem Kutſcher zu, wie er die Laternen befeſtigte. Dann ordnete er an ſeinem Fuhrwerk Dies und, Jenes. Unter ſeinem Sitze hatte ſich in einer dort befindlichen Vache Stroh gelockert. Er riß es vollends ab und rief den Hausknecht um neues an. Einen in der Vache liegenden Gegenſtand ſchien er friſch emballiren zu wollen. Bei der Gelegenheit ſah ich deutlich jenen Schrein, der mir wegen ſeiner alter⸗ thümlichen Form und des auf ihm ſehr zierlich a⸗ gebrachten Kreuzes, da der Deckel zur Seite lag, auf⸗ fiel. Ich würde mich an dem Wagen nicht ſolange verweilt haben, wenn mir nicht das verwiſchte fürſtlich Hohenberg'ſche Wappen an dem Schlage und das friſch und lebhaft darunter aufgetragene F. S. auf⸗ gefallen wäre. Ich fragte, wem die Kaleſche gehörte. Es hieß: Dem Juſtizrath Schlurck. Ein lebhaftes Intereſſe, das ich an dieſem Namen nehmen muß, veranlaßte mich zu bleiben und hinaufzuſteigen in den E nich ſiſh, wand, Blyuſ Schlu ſſt, a Ausb junn bigen ſüeg üg det Sie n Heien enutzen n Da ſah i ackt, elegun n als wol eine Chif ſtehen. J en beſifih t Dies u neiner de es vollen an. Ein ien er fi ſeiner al njec eite lag, nicht ſoh iſchte fir und! ge 6S, 1 S. e leſche g 6in lhn nehn uſuſh 273 den Saal, wo Sie mich ſpäter fanden. Unten rief mich der Kutſcher, ein brutaler Menſch, als ich ihm zuſah, wie er den Schrein mit friſchem Stroh um⸗ wand, mit groben Worten an. Ich gedachte meiner Blouſe, blieb demüthig und machte die Bekanntſchaft Schlurck's, der mir für mein Leben ebenſo wichtig iſt, als er es jetzt vielleicht auch Ihnen werden kann. Und auf weſſen Zeugniß, fragte Dankmar im Ausbruch ſeiner jubelnden Freude, auf weſſen Namen kann ich mich berufen, wenn ich von Schlurck mein Eigenthum zurückfodern werde? Muß Dies ſein? ſagte der Fremde zögernd und ſtieg von dem Wagen herab, während Dankmar die Zügel ſtark, aber auch den Fremden ſanft feſthielt. Daß Sie der Tiſchler nicht ſind, ſagte er dabei, der Tiſchler, für den Sie ſich ausgaben, iſt gewiß. Sie müſſen mir das Zengniß ausſtellen, daß ich dis⸗ tret war und nicht in Ihr Geheimniß drang. Aber ſetzt durch Ihre mir ewig dankenswerthe Entdeckung wird es mir zur Pflicht, Sie um Ihren Namen zu bitten; denn ich weiß nicht, es iſt mir, als wenn ich mit dem Finder nicht leichten Kauf haben werde. Schlurck iſt ein Mann, der mir vorkommt, als könnte man ohne Zeugen und Proceß kein vor ſeinen Augen erlorenes Taſchentuch wiedererhalteèn. Die Ritter vom Geiſte. I. 18 274 Wie der Fremde noch zögerte und mit verlegenem Lächeln ſich wegen ſeines Geheimniſſes entſchuldigen zu wollen ſchien, griff Dankmar, der nicht ohne Grund das Beiſpiel vom Taſchentuche gewählt hatte, raſch in ſeinen Frack und langte das dem Fremden gehörende Tuch hervor: Hier! ſagte er, dieſer Verluſt muß uns näher⸗ bringen. Mein Taſchentuch! bemerkte der Fremde. Ihr Taſchentuch? Wirklich das Ihrige? Das ein⸗ geſtickte Zeichen.. die Krone? E. und die Zahl 1007 Wohlan, mein Herr! Ich will Ihnen das Geſtändniß erleichtern. Tauſchen wir unſere Karten? Damit zog Dankmar ſein Portefeuille hervor und überreichte dem Fremden ſeine Karte. Dankmar Wildungen, ſagte er, indem der Fremde ſeine Karte las; Dankmar Wildungen, ein obſcurer, junger Menſch, Prätendent des Glücks, wo er es findet, ein junger Juriſt, Bürger kommender Jahr⸗ hunderte, ein Poſa, den König Philipp mit dem ent⸗ ſchuldigenden Titel: Sonderbarer Schwärmer! ent⸗ laſſen haben würde, wenn er gerade in der Laune geweſen wäre, einmal von ſeinen Autosdafe ſich aus⸗ zuruhen. Nun denn, Sie junger, lieber Malteſer! ſagte der verlegen ntſchuhig ohne Gun hatte, riſ n gehörend uns nihn de. Zahl 100 Geſtändn „ ehewot From ndet Fren ein obſcul wo e ag nendel Ju mit dem virner in del W dafi ſch ſal ſih 26 Fremde, ſo will ich Ihr Carlos ſein; unter der Be⸗ dingung, daß Sie feierlichſt geloben, mich nicht zu kennen, wo Sie mir hier auch in und um Hohenberg begegnen werden... Mein Ehrenwort genügt! ſagte Dankmar mit ernſtem Nachdruck. Laſſen Sie uns Freunde bleiben, fuhr der Fremde fort. Ihre Offenheit kam aus edlem Herzen. Der Menſchheit kann eine Zeit nicht verloren gehen, wo noch ſolche Flammen lodern wie in Ihrem Herzen, ſelbſt wenn ſie ſich und Ihre Träume verzehren ſollten. Aber nochmals... Schwören ſoll ich? ſagte Dankmar lächelnd. Wo⸗ bei wünſchen Sie? Der Fremde ſchüttelte den Kopf. Er hatte ein ele⸗ gantes Portefeuille geöffnet, Dankmar's Karte hinein⸗ gelegt und die ſeine hervorgezogen. Er überreichte ſie Dankmarn mit einem herzlichen Händedruck, klopfte, wie zum Abſchiede und Dank dem Gaul ein paar mal auf den ſchweißgebadeten Rücken und verſchwand dann raſch hinter einem ganz in der Nähe befindlichen Gebüſch, von dem ſich nach Pleſſen zu ein kleiner Fußweg durch die Wieſen ſchlängelte. Als Dankmar, unendlich glücklich über die vorläu⸗ fige Beruhigung wegen ſeines ihm ſo werthvollen Ver⸗ 18 276 luſtes, vorzog, nun erſt am Fuß des Schloſſes Hohen⸗ berg über Nacht auszuruhen, bis er zu der ihn jetzt magnetiſch wieder zurückziehenden Hauptſtadt umkehrte und er dann in leichtem Trabe nach dem unter dem Schloſſe Hohenberg friedlich von der Abendſonne be⸗ leuchteten Flecken hinabfuhr, las er auf der Karte einen Namen, der ihn nach Allem, was er ſeit⸗ her auf dieſer Reiſe ſelbſt erfahren und von An⸗ dern erzählt bekommen hatte, auf das angenehmſte überraſchen mußte. Die Viſitenkarte lautete ganz einfach: Le Prince Pgon de Hohenberg. 7 Rue dAuteuil. ſes Hohen er ihn jih t umkeht untet den ndſonne be det Kan as er ſil don W ngenhnſt utete gah 7 Ru Zehntes Capitel. Der Gläubiger vom Throne. Das Schloß Hohenberg liegt auf dem erſten Vor⸗ ſprung eines allmälig oberhalb des Fleckens Pleſſen ſich erhebenden, unten mit Wieſen, oben mit Tannen⸗ wüldern bedeckten nicht unanſehnlichen Bergrückens. In einem etwas ſchnörkelhaften Stile gebaut, beſteht es aus einem dreiſtöckigen Hauptgebäude mit zwei faſt gleich hohen hervorſpringenden Seitenflügeln. Beide Flanken ſind vorn durch ein etwas verwahr⸗ loſtes, aber einſt kunſtvoll aus getriebenem Eiſen ver⸗ fertigtes Gitter verbunden. Das fürſtlich Hohen⸗ berg'ſche Wappen aus verwittertem Sandſtein ge⸗ hauen, ziert oberhalb des Säulenportals die Spitze der über den Fenſtern mit behelmten Römerköpfen gezierten Hauptfront. Im untern Stock gehen die Fenſter wie Thüren auf den gepflaſterten ſchattigen Hof, den in ſchöneren Tagen Orangenbäume zierten 278 in großen buntgeſtrichenen Kübeln. Nach dieſer durch große grüne Holzjalouſieen noch gehobenen ſehr ſtatt⸗ lichen Vorderſeite iſt der emporgehende Fußweg un⸗ mittelbar von der Kirche und dem Pfarrhauſe zu Pleſſen her ziemlich ſteil. Sanfter aber dacht ſich nach hinten der Berg ſo abwärts, daß man von dorther mit einem Umweg, der gleichfalls an der Vorderfront mündet, auch zu Wagen ſehr beguem in dies einfache würdige Schloß gelangen kann. In den Zeiten der Fürſtin Amanda, beſonders als ſie durch ihren religiöſen Hang noch nicht zu ſehr zur Verachtung der Weltfreuden verleitet war, übertraf die hintere Seite des Schloſſes noch die ſtolze vordere bei⸗ weitem an traulicher Wohnlichkeit. Dort ſchloß ſich dem Bau unmittelbar ein kunſtvoller Garten an. Die Fenſter des Erdgeſchoſſes waren im Sommer geöffnet und führten unmittelbar aus etwas ſteif gegipsten und bemalten, aber doch anmuthigen Sälen ins Freie. An den Fenſtern, wo große hellgrüne Vorhänge ſich nie⸗ derſenkten, wohnte die Fürſtin im Sommer ſelbſt und hatte um ſich den ganzen Reichthum von Erinnerungen und Andenken, die ſie ſo ſehr liebte, ausgebreitet. Da⸗ mals ſtanden in dem von einem plätſchernden Spring⸗ brunnen heiter belebten ſchattigen Quadrat des hintern Hofs und beſonders an der Spitze des einen Flügels dieſer durt ſeht ſu ußweg un ſe ju Pleſ nach hint t nit eine ont münde che windiy ſondets l z ſehr zu iberf di vordere be t ſchloß ſt en un. 2 mer gſn egöten s Frei nge ſich w er ſilbſt u Ginu ebreitet nen Sin des h ßl at einen 279 (während an dem andern ſich einige unerlaßliche Wirthſchaftsgebäude anlehnten) kleine gefällige Sta⸗ tuen auf zierlichen Poſtamenten. Ein wohlunterhal⸗ tenes grünes Heck zeigte an, daß hier die ſtille trau⸗ liche Gartenwelt der Beſitzerin begann, zu der die Abends und Morgens geöffneten Fenſter dieſes Flü⸗ gels unmittelbar den Eintritt erlaubten. Auf leichten, vom Regen zwar verwitterten, aber doch bequem ebe⸗ nen Steinſtufen kam man, während ſich links am klei⸗ nen Anbau der Fahrweg hinunterſchlängelte, rechts in dieſen wohlgehaltenen, terraſſenförmig ſich abdachen⸗ den Garten, von dem aus dem Baſſin des obern Springbrunnens herab ein künſtlicher Waſſerfall ſich in immer behendern Sprüngen bis in das Bächlein ergoß, voß dem die pleſſener Mühlen getrieben wur⸗ den, die liebliche, baumbeſchattete Ulla, die aus dem UMahrunde herunterhüpfte. Dieſe Welt war ſchön. Die Natur bot der nachhelfenden Kunſt die Hand, um ſie liebevoll anſichzuziehen. Während rings die Berge ſchweigſam und feierlich herniederblickten, aus der Ferne Glocken läuteten, die Kühe auf den grünen Wieſenabhängen am Fuße der Berge weideten, war auch das Nächſte hier innig und das Herz erhebend— Dieſe nähere Umgebung des Schloſſes war halb ein Park, halb ein Garten. Man hatte Das, was die 280 Natur bot, nur geordnet und zur Unterlage der Kunſt gemacht. Da ſtanden Beete von ſtolzen Feuerlilien und violetten Iris dicht unter einem Gebüſch von Hängeweiden, das man nicht erſt zu pflanzen nöthig gehabt hatte. Da ſchimmerten weiße Birken neben Roſen oder dieſe Fankten ſich freigelaſſen an eine ein⸗ ſam ſtehende Tanne empor und umſchlangen den trauernden Winterbaum ſo zärtlich, als wollten ſie ihn tröſtend erheitern mit duftender Frühlingsumar⸗ mung. Dann kam zum Ausruhen und Genießen gleich eine ſteinerne Bank dicht unter dem Schatten einer Hollunderhecke, die in ſich ſelbſt einen artigen Verſteck barg, wenn man nur in den dicht zuſammen⸗ gewachſenen Zweigen genauer forſchen wollte und den Eingang da ſuchen, wo man ihn am wenigſten ver⸗ muthete. Jetzt lag auf der Steinbank freilich Moos und Verwitterung. Die Spuren des letzten Regens blieben tagelang in dem Geſtein, bis ſie verdufteten oder eingeſogen waren. Aber man fand doch neuere, grüngeſtrichene hölzerne Ruheplätze. Zu den Feldern und Wieſen abwärts hin, die dann wieder zu dem höhern und waldumkränzten Gebirge hinauf ſich lehnten, dehnte ſich der Garten in die Breite, aber noch immer ebenſo traulich wie oben auf den ſich all⸗ mälig abdachenden Terraſſen. Da lag das von wil age der Ku n Feerhl Gebüſch ve ſlanzen nöh Pirken nel an eine el ſchlangen s wollten! rühlingsum nd Genieß dem Schati wen altig icht zuſamn wollte und wenigſten frilich M lezten W lehl ſe verduft und doch 3u lätze je dann w die Brei ſich auf den l W 3 vo) g d — dem Wein ganz eingehüllte Haus des Gärtners, lagen Treibhäuſer, Ställe, Remiſen, aber Alles verſteckt durch ſorgſam gepflegte Anpflanzungen. Eine Mauer, dann und wann von einem Graben oder einem alten Git⸗ terwerk unterbrochen, umzog hier die ganze Beſitzung. Freilich entdeckte man gerade auch hier die meiſten Spuren des Verfalls. Ein Waſſerbaſſin, eine ehemals gewiß luſtig und ſchwatzhaft genug belebt geweſene Voliere mit jetzt durchbrochenem Drahtgitter und aus⸗ geflogenem Gefieder, kleine Pavillons, Poſtamente, auf denen Götter ſtanden, die wol ſchon in den letz⸗ ten Zeiten der Fürſtin Amanda verſchwanden, alles Das hatte ſein früheres Leben verloren und ſtand wie müßige Denkmale des Vergeſſens da. Aber beſon⸗ ders gefällig iſt doch noch immer ein kleiner Tempel am Rande der Grenzmauer, von dem aus man die Ausſicht halb in die Thalebene, halb in das Gebirge genoß, das hier ein Echo wiedergab. Um ſich mit dem urſprünglich heidniſch gedachten Bau dieſes Tem⸗ pels zu verſöhnen, hatte die Fürſtin, die ihn liebte, ein ſchönes, noch wie neu ſtrahlendes goldenes Kreuz auf der runden Kuppel errichten laſſen. Hier, er⸗ sählte man, hatte ſie ſtundenlang geſeſſen und die Grüße der Vorübergehenden entgegengenommen und meiſt mit einem gewiſſen ſtrengen Ernſt erwidert, als wollte ſie Jedem tief hinunter in den Grund der Seele blicken und fragen: Biſt du auch nicht etwa dir ſelbſt gerecht, oder fühlſt du, daß du nur durch die Gnade Gottes lebſt? Hier hatte ſie Greiſe, Männer, Frauen, Kinder angehalten, nach ihren Schickſalen, Wünſchen und Hoffnungen befragt und ſie oft mit Unterſtützun⸗ gen, immer aber mit einem Fingerzeige auf den Er⸗ löſer, der Alles zum Beſten kehren würde, entlaſſen. Dabei las ſie meiſtens ein Buch ihres gewählten Ge⸗ ſchmacks, blickte über die Gitter des Tempels zum dü⸗ ſtern Walde hinüber, wo die Ulla aus den grünen Berglehnen hervorbrach, ließ die alte Brigitte hinter ſich plaudern, nahm des alten Winkler Berichte über die Gartenanlagen entgegen und hob ſich doch, ob⸗ gleich ſie bei noch nicht funfzig Jahren ſehr krank war, immer höflich empor, wenn der Pfarrer, Guido Stromer, ihr täglicher Umgang, zur gewohnten Stunde eintraf. Als ſie unter dieſem durch das goldene Kreuz entſündigten heidniſchen Tempel nicht mehr ſitzen, die Vorübergehenden nicht mehr grüßen und im Herrn ermahnen konnte, nahte ſich ihr Ende auch in raſchen, von dem drüben in Randhartingen wohnenden Dockor Reinick nicht mehr abzulenkenden Schritten. Hier, in der Nähe dieſes nun heute vom Abend⸗ lichte beſonders ſchön angeſtrahlten Tempels, erblickte nd det Si man noch die meiſte Pflege der im Ganzen verfalle⸗ va dir ſih nen und vernachläſſigten Beſitzung. Der alte Gärt⸗ die Gne ner Winkler, der für einen Gärtner galt, weil ihn N ner, Frule die Fürſtin in den Zeiten, wo ſchon ihr Sinn für die n VPinſch geſchmückten Schönheiten der Natur zu erſterben an⸗ Unterſtühu fing, für einen Gärtner nehmen wollte, der alte Wink⸗ auf den ler, ſonſt nur in jungen Tagen ihr Kammerdiener e, enluſ(in den Tagen der Hoffahrt, wie ſie ſie nannte), hatte wählten G den Gartenrechen in der Hand und zog mit Zittern s zum di und kaum ſich aufrechthaltend im Sande die kleinen grin Striche, die hier Pflege und Ordnung bedeuten ſoll⸗ gitn hin ten. Die alte Brigitte, ſonſt die allgewaltige Be⸗ gih ib ſchließerin des Hauſes, ſah ihm, auf einer Bank ſitzend, zu und ſeufzte einmal über das andere. Sie wehklagten, was ihnen Beiden die nächſte Zukunft bringen würde. Noch war Brigitte ſchwarz gekleidet, noch trug ſie die Trauerkleider über die vor zwei Jah⸗ ren heimgegangene Gebieterin, die ihr teſtamentariſch ch doch,t ſehr ſu ſumn, Gl hnten Sul 6 angefertigt wurden, trotzdem, daß es an ſolchen dü⸗ hi ℳ ſterfarbenen Kleidern im Nachlaß der Fürſtin nicht fehlte... Die Trauer ſollte echt ſein und aus ch in 1 der Fülle des Herzens fließen.... Der alte Wink⸗ enden er aber nahm ſich in ſeiner hellblau⸗rothen Hohen⸗ en. verg'ſchen Livrie ſchon recht abgeſchabt und verkom⸗ 3 men aus. 284 Gott walt' es, ſagte die alte Brigitte; der Herr hat die Haare auf unſerm Haupte gezählt.... Der ſchon etwas kindiſch gewordene Gärtner ent⸗ blößte ſeinen kahlen Scheitel, auf dem keine Haare mehr ſtanden, und meinte auch: Ja, ja; er hat die Haare auf unſerm Haupte ge⸗ zählt... und kein Sperling fällt vom Dache ohne ſeinen Willen; ſetzte er hinzu. In dieſer Weiſe hatten die Dienſtleute der Fürſtin Amanda ſich auszudrücken gelernt. Wenn ſie uns hinausſtoßen, begann Brigitte mit praktiſcher Anwendung.... Was thun wir? Wer nimmt uns arme Sünder auf? Der Herr wird ihre Herzen lenken, meinte der alte Gärtner. Und der Prinz wird's nicht geſchehen laſſen Ich hab' ihn auf meinen Knieen geſchaukelt... er wird's aber vergeſſen haben.... Er wird's nicht vergeſſen haben..... Als er vor ſechs Jahren noch einmal da war, ſoh er uns nicht mehr an.... Sah er uns nicht mehr an... Er war noch zu jung.... War noch zu jung.* Sein Herz lag noch im Argen. Ro li — tte; der He hlt Gärtner keine H mn Hauptet Dache ute der ßir n Brigitte! n, neinte nicht geſth geſchule al da w 2 n Wil“ 2 Es lag im Argen.... Die Fürſtin ſah's wohl.... Die ſah's wohl.... Und ſie weinte darüber.... Der alte Winkler beſtätigte alle dieſe rhapſodiſchen Bemerkungen und weinte auch, als Brigitte die Schürze nahm, um ſich das Auge zu trocknen. Aber die Fürſtin ſagte doch, fuhr dann nachdenk⸗ licher die alte Beſchließerin fort, ſagte doch: Auch ſeine Stunde wird ſchlagen.... Sie wird ſchlagen. Und die Erleuchtung kommt von oben! Kommt von oben! wiederholte Winkler und harkte wieder und fügte ſich wieder in Geduld und über⸗ keß wie immer die praktiſche Seite ihrer Verhältniſſe der geiſteskräftigern Brigitte. Wie die alten Diener des Hohenberg'ſchen Hau⸗ ſes, für die der verſtorbene Fürſt, der berühmte Ge⸗ veralfeldmarſchall Waldemar von Hohenberg, wenig geſorgt zu haben ſchien, noch ſo ihre bangen Sorgen ausſprachen, welche Zukunft ihnen bei dem rathloſen Juſtande der Verwaltung dieſer ſchönen Beſitzungen werden würde, redete ſie plötzlich ein langer, feinge⸗ keideter, mit ſteifer Haltung einherſchreitender Herr an und lächelte dabei mit einem ſonderbaren Ausdruck. . Excellenz! riefen Beide erſchrocken aus einem Munde und wandten ſich beſtürzt um. Der lange Herr nickte ſehr gnädig und ging. ruhig luſtwandelnd auf dem friſch geharkten Wege, ihn mit ſeinen Fußſtapfen vertretend, weiter. Das wäre eine Herrſchaft für uns, ſagte die alte Brigitte, als dieſer lakoniſche Herr vorüber war und Winkler ſich anſchickte, wieder jene Fußſtapfen zu überharken.... So vornehm, ſo apart! O die Zeit, da nur ſolche Menſchen hier verkehrten! Ja, ja, Das iſt eine Excellenz! Hochmuth kommt vor dem Falle! meinte Winkler. Er hatte eine Meinung geäußert, die jedoch hier⸗ her nicht zu paſſen ſchien. Wie ſo Hochmuth? meinte Brigitte, die in dieſer ſelbſtändigen Antwort nicht viel Vernunft fand. Als der Alte ſchwieg, ſchüttelte ſie den Kopf und flüſterte vor ſich hin: Er wird recht ſchwach! Der Gärtner hatte kaum die Fußſtapfen des Mannes, den ſie ſo ehrerbietig mit Ercellenz begrüßt hatten, ausgeglichen, als dieſe gemeſſene ſteife Figur wieder zurückkehrte. Brigitte ſtand wieder auf, knirte wieder, Winkler zog wieder ſein Käppchen und Beide ſagten wieder: aus ein nd ging n ſagte die a ibt wrt ußſuyfen — 8 D Id, 10, 2 int PVint die in N , nft fnd den Koh ußſuyſin rcellen 9 ne ſtife* edet uf 4en und — Excellenz! Der große zugeknöpfte Herr nickte herablaſſend mit dem kleinen Kopf, blieb, ohne etwas zu ſagen, einen Augenblick ſtehen und entfernte ſich mit einem Ausdruck, als wollte er äußern: Ich freue mich, daß ihr mir die Hochachtung erweiſt, die ihr meinem Stande ſchuldig ſeid! Doch ſagte er nichts, ſondern ſchwieg und lächelte. Brigitte ſetzte ſich und der geduldige Winkler harkte zum zweiten mal die Fußſtapfen der Ercellenz aus.... Wenn's nach mir ginge, meinte Brigitte, ich wünſchte, ſo eine Excellenz kaufte das Schloß.... Kann man das Schloß kaufen? meinte Winkler, plötzlich ganz verdutzt. Natürlich kann es Einer kaufen. Aber reich muß er ſein, fuhr Brigitte fort, ohne auf die Narrheit der Winkler'ſchen Einwürfe zu hören. Der wär' es da! Sein Bedienter... der Franz hat's geſagt; die Meubles alle kauft er ſchon; aber für den König. Für den König? die Meubles? verwunderte ſich Winkler und mit Recht. Alle Schlöſſer vom König hat ja die Erxcellenz da u regieren, erklärte Brigitte. Wer regiert die Schlöſſer? fragte Winkler. Der da! Und alle Gärten! fuhr Brigitte fort. 288 Alle Schlöſſer und Gärten des Königs und viele hundert Gärtner und Gärtnermädchen ſtehen unter ihmn Jetzt bekam der alte Mann einen Einfall. Nun fühlte er ſich. Er glaubte mit ſeinem verwilderten Garten, der doch ſo ſchön grün noch ausſah, der doch ſoviel bunte Blumen noch trieb, eine Ehre einzulegen, vielleicht Anerkennung, Beförderung zu finden. Aber bis zu dem Muth, Frau Brigitte aufzufodern, ſich nach des vornehmen Herrn, den ſie nur als Excellenz kannten, Namen zu erkundigen, die Idee auszuſpre⸗ chen, ob er nicht noch ein Plätzchen im Staatsdienſt offen hätte für eine alte zitternde Gärtnerhand, ſo⸗ weit reichte ſein, wie man wol annehmen kann, durch die formelle Religionsübung und die ſhſtematiſche Selbſtbeſchränkung verengter Horizont nicht, obſchon ihm in der That die Auszeichnung zutheilwurde, daß der herablaſſende vornehme Herr zum dritten male zurückkam, wieder den geharkten Weg zertrat, wieder ſich eines beifälligen Nickens befleißigte, endlich aber doch mit Kennermiene ſich als ein mit Sprachwerk⸗ zeugen begabter Sterblicher zeigte und dahin äußerte, daß er ganz kurz und gar leiſe, gar leiſe die Worte flüſterte: Schön geharkt! Richtiger Strich Das! Seid's Mu uns nen gilt Oie wen ch fin Eyt ten, Ich Hen helt V vor daß Ein und viele hen untet al. Nun rwilderten der doch einzulegen, den. Abet odern ſih Ereellen uszuſpre atsdienſ chand, ſe ann, dutch ſumntſſch t, obſcho vurde, do itten m t, wiede ndlich a chw in äuße die Vl 289 braver Gärtner! Kenne Das! Schön geharkt! So fortgefahren! Brave alte Leute! Brigitte dankte für ſich und für den alten Wink⸗ ler, der ganz ſprachlos vor Spannung daſtand und die leiſen Worte nicht gehört hatte. Ach, Ercellenz ſind gar zu gnädig, ergriff ſie, ſich Muth faſſend, raſch das Wort; gar zu gnädig gegen uns geringe Leute. Gott wird Excellenz dafür loh⸗ nen, zeitlich und ewiglich, denn bei Dem da oben gilt kein Anſehen der Perſon. Aber wenn Ercellenz Oie vorige Phraſe choquirte weder ihn noch ſie), wenn Ercellenz das ganze Schloß kaufen ſollteu und nicht blos das Mobiliar der in Gott ruhenden Für⸗ ſtin, der ich funfzig Jahre treu gedient habe, wenn Ercellenz dann zwei alte Diener nicht verſtoßen möch⸗ ten, die jeden Riegel hier im Schloſſe kennen— Schön geharkt! Richtiger Strich! Braver Gärtner! Ich kenne Das!“ Dieſe Worte waren Alles, was der vornehme Herr, ſie unterbrechend, als Antwort gab. Er lä⸗ chelte dabei ſehr herablaſſend und ging, nachdem er Winkler und Brigitte auf die Schultern geklopft hatte, vorüber, ohne ſich auf ein Dienſtgeſuch einzulaſſen, daß man ihm wahrſcheinlich ſchriftlich einreichen mußte. Ein Gefühl, daß er da Menſchen zurückließ, von Die Ritter vom Geiſte. I. 19 290 denen er mit vollem Rechte annehmen durfte, daß er ſie außerordentlich glücklich gemacht und durch ſeinen Beifall mit einer der angenehmſten Hoffnungen für ihre noch kurze Lebenszeit erfüllt hatte, überkam ihn dabei wol mit einſchmeichelndem Behagen, aber nur flüchtig, nur obenhin. Dieſer vornehme Herr war nun, wie wir bald beſtätigt erhalten werden, Se. Ercellenz der Herr Intendant ſämmtlicher königlicher Schlöſſer und Gär⸗ ten, eine im Lande wohlbekannte und gefürchtete Perſönlichkeit, der wirkliche Geheimrath Kurt Hen⸗ ning Detlev von Harder zu Harderſtein, zweiter Sohn jenes neunzigjährigen Obertribunalpräſidenten, der bei Tempelheide mit Anna von Harder, der Witwe ſei⸗ nes erſten Sohnes, in ſo ſtiller Zurückgezogenheit lebte. Der neunzigjährige Hoheprieſter der Themis hatte bekanntlich zwei Söhne; einen feurigen, höchſt talentvollen, unternehmenden, aber früh verſtorbenen, den Gatten eben jener Anna von Harder, die Frau von Trompetta als ein ſo ſeltenes Muſter edler Weib⸗ lichkeit gerühmt hatte und nach Allem, was wir jetzt ſchon von ihr wiſſen, ein ſolches wol auch ſein mußte. Der jüngere dagegen war dieſe ſogenannte„junge Ercellenz von Harder“, die nicht ganz in die Rich⸗ tung des Harderſchen Hauſes paßte. Der alte Vater He in rere auf die , ſüt von hau doß e ſeinen en füt am ihn ber wur itwe ſe⸗ oehi Lhent , hot orbenen ie Fral t Vi wir ji nm „i die Ri ie W 291 war ein ſcharfſinniger und ſehr bedeutender Kopf, dem der ältere Sohn in jeder Hinſicht entſprach; der Jüngere dagegen, früh etwas verwöhnt, wurde durch einen Zufall, den der Vater ewig bereute, für den Hof erzogen, war anfangs Kammerpage, dann Kam⸗ merjunker, zuletzt Kammerherr und hatte keine andere Bildung ſich angeeignet als die, die er auf Reiſen mit dem verſtorbenen Monarchen, dem Vater des jetzt regierenden, ſich ſammeln konnte. Es war durch die Richtung, die der Kammerherr Kurt Henning Detlev von Harder nahm, eine große Spannung zwiſchen Vater und Sohn eingetreten. Berührungen fanden ſeit Jahren zwiſchen ihnen nicht mehr ſtatt und konn⸗ ten es um ſo weniger, als ſich der wunderliche alte Herr nur auf ſeine Gerechtigkeitsübung beſchränkte, in frühern Jahren allenfalls noch nebenbei die Mau⸗ rerei, die er ſehr liebte, eifrig trieb, gegenwärtig aber auf ſeine ſonderbaren pſychologiſchen Studien über die Thierſeele, die ihn von den Menſchen ganz ab⸗ zog, ſich beſchränkte. Spötter bei Hofe, die den ſpäter zum wirklichen Geheimrath und Intendanten der königlichen Schlöſſer avancirten Kammerherrn von Harder nach ſeinem Geiſtesgrade kannten, be⸗ haupteten, daß ſein Vater, als dieſer ſein Sohn von Reiſen mit dem verſtorbenen Landesfürſten und be⸗ 19* 292 ſonders von einer mehrjährigen Abweſenheit in Paris zurückkehrte, gerade durch das Wiederſehen deſſelben auf die Idee gekommen wäre, ſich künftig nur noch mit den Geiſtesanlagen der Thiere zu beſchäftigen. Ehemalige Spötter behaupteten Das. Denn wie wir bald ſehen werden, in der Nähe des gegenwärtigen Herrſcherpaares durften ſich ſolche Plaiſanterien, Wort⸗ ſpiele und kleinen Frivolitäten nicht mehr hörbar ma⸗ chen. Nach anderer Verſion verdankte Henning von Harder ſeine Stellung nicht den Rundreiſen mit dem verſtorbenen Monarchen, ſondern dem eminenten Geiſte ſeiner Gattin, die zufälligerweiſe auch ſeine Schwä⸗ gerin war. Die beiden Harders hatten Schweſtern geheirathet, die geborenen Freiinnen Anna und Pau⸗ line von Marſchalkl. Wie Dem auch ſein möge— die Zukunft wird uns über dieſe in unſere Geſchichte eingreifenden Perſönlichkeiten Auftlärung geben— wie Dem auch ſein möge, Se. Ercellenz der Geheimrath von Harder war auf dem Schloſſe Hohenberg als Gläubiger vom Throne erſchienen und hatte in der That den Befehl zu vollziehen, ſich das Mobiliar der verſtorbenen Fürſtin Amanda vollſtändig an⸗ zueignen. Fürſt Waldemar von Hohenberg, der Verſtorbene, zu allen Zeiten Verſchwender und geldbedürftig, ver⸗ kau wer unt ſoa in. vor die dar tin Gn die ſigt Ho nPans deſſelben ur noch hftigen. wie wil wärtigen n Wor bar ma ing von mit den nGeiſt Schwi chweſtn nd Pul möge n— eheim berg ſ hatte Mobil ndig 293 kaufte nach einer Sinnesart, die wir noch deutlicher werden kennen lernen, auf ſeinen Gütern das Ei unterm Huhne nnd wie dann auch das Huhn dazu, ſo auch ſogar die letzten Erinnerungen an ſeine Gat⸗ tin. Zu dieſem Schritt entſchloß er ſich einige Wochen vor ſeinem vor drei Monaten erfolgten Tode. Wie die Intendantur der königlichen Schlöſſer eigentlich darauf kam, ſich ſo gefliſſentlich dieſen Erwerb anzu⸗ eignen, war dem Publicum noch ein Räthſel. Die Einen fabelten von einer wunderbaren Einrichtung, die jedoch Andere gänzlich in Abrede ſtellten. Viele ſagten, die Einrichtung der Fürſtin Amanda von Hohenberg war zwar nicht koſtbar, aber ſie war ſinnig und geſchmackvoll. Sie liebte Rococomöbeln, ſagten die Einen. Im Gegentheil berichtete Frau von Trompetta(und ſie, die zu den Wenigen gehörte, die Hohenberg beſucht und ſich der verſchollenen frommen Fürſtin manchmal erinnert hatten, konnte es wiſſen); im Gegentheil, ihre Wohn⸗, Schlaf⸗ und Betzimmer wären ganz in altdeutſchem Geſchmack geweſen: man fände daſelbſt nur große Tiſche und gewaltige Schränke mit gewundenen Füßen und Säulen, Alles pechbraun oder rabenſchwarz gebeizt; ausgezeichnet, geſtand ſie zu, ſind die Gegenſtände, die auf einem rings an den Wänden angebrachten zierlichen Holzſimſe ſtänden. 294 Da ſähe man Schnitzarbeiten von Elfenbein und Hirſchhorn, gußeiſerne Crucifire, das Abendmahl von Leonardo da Vinci aus Wachs boſſirt, ein Meiſter⸗ ſtück von einem tiroler Mönche... Ja! fügte die Trompetta in ihrer Weiſe erregt hinzu, und der vielen Lithophanieen an den Fenſtern und all der bunten Glasbehänge nicht zu gedenken, die ihren Zimmern einen wahrhaft heiligen, das Gemüth ſanft zur Ruhe wiegenden Dämmerſchein gaben! Nach dieſer Mit⸗ theilung der Frau von Trompetta kam dann eine myſteriöſe Schalkheit dieſer Frau. Frau von Trom⸗ petta, behauptete man, hätte bei einer Audienz, wo ſie die Königin zur Theilnahme an einem neu von ihr begründeten Kleinkinderbewahrinſtitute aufgefodert, ſich erlaubt, der erlauchten hohen Dame eine ſolche Schilderung von Hohenberg zu entwerfen, daß dieſe eine große Neigung faßte, die Hinterlaſſenſchaft zu erwerben. Man liebte ja bei Hofe die Dämmerungs⸗ zuſtände.... Man hüllte ſich ja ſo gern in dieſe bunten Lichter des Räthſelhaften und Ahnungsvollen ein.... General Voland von der Hahnenfeder, der berühmte militairiſche Diplomat, hatte ja den Hof und deſſen Liebhabereien mit ſeinen Sammlungen von Glasmalereien, Elfenbeinſchnitzarbeiten, Handſchriften ganz in der Gewalt und auch für dieſe Idee, obgleich ſie ſilb hei atte gen wal Für lam kam ſtan ein und ahl von Meiſter⸗ ügte die et vielen bunen zimmem ur Ruhe er Mit⸗ nn eine Trom⸗ em, wo nen vol ſgefoder e ſolch ß dieſ ſchaſt nerunge 295 ſie vielleicht von der ihm nicht ſehr zuſagenden queck⸗ ſilbernen Frau von Trompetta angeregt, von dem geiſtreichen artiſtiſchen Tonangeber, dem Probſte Gelb⸗ ſattel, den Voland wie alles lutheriſch Kirchliche nicht gern zu üppig und breit aufkommen ließ, unterſtützt war, lautete ſein Votum doch durchaus empfehlend. Für den Leonardo da Vinci aus Wachs hatte Vo⸗ land ſogar ſchon eiuen Platz in der Privatkunſt⸗ kammer des Königs, wo bereits mehre Kunſtwerke ſtanden, die Voland bei ſeinen Reiſen durch öſterreichiſche Klöſter geſammelt hatte. So vermutheten die Tie⸗ fern, die Bedeutenden und Ahnungsvollen.... Doch geſtehen wir, daß es auch noch eine andere ſehr nüchterne, kalte und rationaliſtiſche Partei bei Hofe gab, die dieſe Acquiſition ganz vom finanziellen Standpunkte beurtheilte. Dieſe ſahen eine dem über— ſchuldeten Fürſten Waldemar von Hohenberg aus der königlichen Chatulle gezahlte Summe von dreitauſend Thalern rein als eine einfache Unterſtützung an, die man dem vom höchſtſeligen Landesfürſten abgöttiſch verehrten tapfern Huſaren Waldemar von Hohenberg, einem der glorreichſten Haudegen der Armee, in dieſer harmloſen Form wollte zufließen laſſen, und darauf das Mobiliar der Fürſtin als cine Verpfändung. Um den Bruder des Königs, den Prinzen Ottokar, der 296 den Oberbefehl der Armee führte, gruppirten ſich Diejenigen, die ſich für dieſe nüchterne Auslegung verbürgen wollten und die Miſſion des Geheimraths Henning von Harder zu Harderſtein als eine ein⸗ fache, nur dem königlichen Kämmerer, der die Cha⸗ tulle verwaltete, bekannte finanzielle Eintreibung einer verfallenen Schuld anſahen. Dann begreif' ich aber nicht, hatte Bartuſch, das Factotum des Juſtizraths Schlurck zu dieſem noch vor einigen Tagen auf Schloß Hohenberg geſagt, dann begreif' ich nicht, wie Herr von Harder mit ſo ungeſtümer Eile, mit ſo ängſtlicher Sorgfalt von dem Inhalt dieſer drei Zimmer Beſitz nehmen konnte. Wie raſch die Siegel an die Zimmer gelegt wurden! Kaum, daß der Fürſt die Augen geſchloſſen, lag ſchon das Siegel der Hofkanzlei auf Thür und Fenſter. Jetzt, ſtatt einfach einen Commiſſar zu ſenden und den Inhalt auf Treu und Glauben verladen zu laſſen für dasjenige Schloß, wohin jene Schnurr⸗ pfeifereien nun beſtimmt ſein mögen, kommt die Er⸗ cellenz da mitten in der Nacht in hoöchſt eigener Perſon, einen Tag darauf folgt ein großer Meub⸗ bles⸗ und Transportwagen, wie für ein Paar Ele⸗ fanten, und jetzt ſoll Einer die Angſt ſehen, mit der zwei Bediente über die drei Zimmer kwachen, daß ſeck meue wiſſ dien ſehe ſein All Beſt dend Rhe Die ahn Ge dem wie ſchla ſch jene abe Reſ A0 irten ſich uslegung eimraths eine ein⸗ die Chr⸗ ung einer uſch, das ſem noch geſugt nit ſo von den nte. Ve Kaun, ſchon dus er. Jehl den und laden i Schnun die G t eigen r Mel uar e hen, mn 297 daß auch nicht eine Stecknadel hinaus kann. Was ſteckt dahinter? Sie kennen, hatte dagegen Schlurck zu ſeinem treuen Bartuſch geſagt, Sie kennen die ängſtliche Ge⸗ wiſſenhaftigkeit dieſes muſterhafteſten aller Staats⸗ diener. Henning von Harder, der nichts von Dem ſehen und hören will, was die närriſche Pauline in ſeinem Hauſe täglich anrichtet und in der Welt ſchon Alles angerichtet hat, weiß dennoch mit genaueſter Beſtimmtheit, ob gerade in dieſer Minute ein Rhodo⸗ dendron in dem königlichen Schloſſe zu Buchau am Rheine blüht oder geblüht hat oder blühen wird. Dieſer Menſch iſt eine Uhr. Im Gefühl ſeiner Pflicht einmal aufgezogen, ſchnurrt er ſich in mathematiſcher Genauigkeit Minute um Minute ab, bis er ſich mit dem Gefühl ſeiner Würde wieder neu aufzieht und wieder da anfängt wo er geendet hat. Hm! Hm! Hm! hatte damals der kluge und ſchlaue Vertraute aller Schlurck'ſchen Geheimniſſe für ſich in den Bart gebrummt und dann noch dieſe oder jene Vermuthung einſtreuen wollen..... Schlurck aber hatte kurz vor ſeiner ſchnellen Abreiſe nach der Reſidenz einfach die Weiſung gegeben: Bartuſch, behandeln Sie die Excellenz mit all der Achtung, die ihrem einflußreichen Stande, noch mehr aber der gefährlichen Intrigue ſeiner uns ſonſt innigſt zugethanen Frau gebührt! Ich würde fürchten, nicht mehr lachen zu können, weyn dieſe leicht verletzbare Frau, die mich jetzt verehrt und ſchätzt, zufällig meine Feindin würde. Laſſen Sie ihn die beſten Zimmer bewohnen, bieten Sie den beiden Schlingeln von Be⸗ dienten die freundlichſten Worte und getroſt ſoviel Wein wie ſie wollen. Mein Princip iſt auch das, immer die Häuſer von unten aufßzubauen. Wiſſen Sie noch, Bartuſch, ich habe darüber einmal in der Loge zu den drei Triangeln eine Rede gehalten, als das beſte Princip aller zünftigen und unzünftigen Maurerei? Mit der übrigen Geſellſchaft, die ſich hoffentlich auch bald verzieht, wird ſich der vornehme Herr wenig in Gemeinſchaft ſetzen. Darauf aber mach' ich Sie aufmerkſam: Einen gewaltigen Fehler hat er— alle königlichen Gärtnermädchen wiſſen davon zu erzählen— der ſchon alte Knabe iſt ſehr verliebt. Melanie liebt Späße... und die, hoff' ich, werden nicht in Ernſt ausſchlagen. Ich will keinen Kaſtellanpoſten in Buchau oder Sansregret oder So⸗ litude haben, verſtehen Sie, Bartuſch! Sagen Sie Melanie Das: Ihr Vater will nicht königlicher Schloß⸗ kaſtellan werden. Und noch Eins! wenn die Zimmer geöffnet ſind, ſo behalten Sie... 1 druc die 6 lienbi beiſto Dieſ bener alten ſome finigl ſig ſcher anla Zim tors Juve ſen ibeg chäſt Ven darg Jard hoch ſt imigt ten, nich erletbar lig meine Zimmer von Bo oſt ſovit uch das Pſe in del lten, als günftügen die ſi vormehl auf c en Fihl en viſt e iſ ſit tof i ill ki oder agen rEch — le 299 Die Familienbilder, fiel Bartuſch mit Nach⸗ druck ein. Wohl, ſagte Schlurck, die Familienbilder. Denn die Clauſel ſteht in der Verkaufsurkunde: die Fami⸗ lienbilder gehen ſämmtlich an den Prinzen Egon zurück. Damit hatte ſich Schlurck ſeinem treuen Geſchäfts⸗ beiſtand Bartuſch empfohlen und in der That raffte Dieſer, ein ſonſt nicht ſehr glatter, wenn auch gerie⸗ bener Weltmann, alle ihm ungewohnten, nur aus alten dienenden Zeiten ihm erinnerlichen Höflichkeits⸗ formen zuſammen, um gegen den Intendanten der föniglichen Schlöſſer und Gärten möglichſt unterwür⸗ fig zu ſein. An dieſem Morgen, nach Schlurck's ra⸗ ſcher durch irgend ein ihm unbekanntes Erlebniß ver⸗ anlaßten Abreiſe hatte Herr von Harder die drei Zimmer öffnen und mit Unterſtützung des Juſtizdirec⸗ tors von Zeiſel, der unten in Pleſſen wohnte, ein Inventar aufnehmen laſſen, das mit dem vom Für⸗ ſten Waldemar vor nunmehr etwa fünf Monaten übergebenen verglichen wurde und ſtimmte. Das Ge⸗ ſchäft war im Laufe des Vormittags beendigt. Die Verpackung ſollte morgen vorſichgehen und den Tag darauf wollte Herr von Harder abfahren, als Sauve⸗ harde jenes ungeheueren Transportwagens, der unten voch im Dorfe ſtand. Man hätte glauben ſollen, die 300 unruhige Geſellſchaft, die eben das Schloß bewohnte, müßte ihm bei dieſer wichtigen Staatsaction ſehr ſtö⸗ rend geweſen ſein und Baxtuſch, der eben zu ihm herantrat, als er die alte Brigitte und den greiſen Winkler durch ſeine Herablaſſung ſo glücklich gemacht hatte, ſagte auch: Ew. Ercellenz werden froh ſein, endlich einmal einen ruhigen Angenblick genießen zu können. Der Intendant lächelte und meinte bedeutungsvoll: Hm! Bartuſch entſchuldigte den verwahrloſten Zuſtand des Gartens, der einem Kennerblick gewiß ſehr mis⸗ fallen müſſe. Hm! Hm!.. Bleiben recht lange aus; war dar⸗ auf die ganze Antwort. Bartuſch wußte aus Schlurck's großer Praxis, daß vornehme Menſchen ſelten auf Das Acht haben, womit ſie Einer zu unterhalten ſucht, und ahnte ſo⸗ gleich, daß Ercellenz einen andern Gedankengang ver⸗ folgten. Es war, Das ſah er wohl, die Cavalcade gemeint, der Dankmar im Walde begegnet war. Excellenz werden doch den kleinen Abendeirkel durch Ihre Gegenwart verſchönern, bemerkte Bartuſch un⸗ terthänigſt. Abendeirkel? wiederholte der Intendant. Wie ge⸗ ſern gemi * zwe Str beme wir rütte Jud Kau hatte onnt bewohnt, n ſehr ſ en zu ihn en greiſen ch genacht ich einna ien. ttungsvol Zuſtan ſehr mis war dul e Prn Acht hab dahnte ngang Cavalu wal⸗ eirkel de artſch Pe 301 ſtern ſo etwas? Hm! Geſellſchaft— ein Bischen gemiſcht— Was? Leider! ſagte Bartuſch, ſich dem wandelnden und zuweilen nach der an der Mauer ſich hinziehenden Straße hinausblickenden Cavalier anſchließend. Das bemerk' ich nirgend mehr als in meinen Büchern, wo wir nun dieſe ſchreckliche Confuſion einer höchſt zer⸗ rütteten Verlaſſenſchaft zu ordnen haben. Da ſtehen Jud' und Chriſt nebeneinander, Civil und Militair, Kaufmann und Handwerker, wer nur was zu geben hatte und ſechs Procent von dreieinhalb unterſcheiden konnte. Der Intendant lächelte wieder und meinte: Recht ſchlimmer Herr geweſen— der Fürſt Wal⸗ demar Durchlaucht;— aber viel Bravour im Kriege gehabt— hoch geſpielt in den Bädern— aber— höchſtſelige Majeſtät ihn ſehr geliebt— bewunderns⸗ würdiges Attachement geweſen.... Und die Damen, nicht wahr, Exzellenz? bemerkte Bartuſch lauernd. Auch davon wiſſen die Bücher in Zahlen zu erzählen, die in alle Brüche gehen. Der Intendant erwiderte hierauf blos ein ſchmun⸗ gelndes Lächeln, was indeſſen einer jener Geſichtszüge war, mit denen er in gewiſſen Fällen Ermuthigung bezeichnen wollte. 302 Die Tänzerin Perſiani! ſagte Bartuſch; die Polin Sobolewska— die Kunſtreiterin La Houppe— die drei Wandſtablers— Dore, Flore, Lore— Ein leichtes Meckern, ziegenartig, verrieth, daß Ercellenz ſich dieſer Namen wohl erinnerten und piquan⸗ ten Antheil nahmen. Doch ſchien ſie das Gehen zu echauffiren. Herr von Harder nahm den feinen wei⸗ ßen Caſtorhut ab und ſtrich einige mal ſehr behutſam über ſeine außerordentlich glatt anliegende Tour vom glänzendſten pariſer Bagnohaar... ein ſehr ſchönes ſüdeuropäiſches Schwarz bezieht man mehr aus Tou⸗ lon als aus Breſt... Herr von Harder war zwar ſchon in den Sechzigen, doch hatte er ſich Haltung und Weſen eines beiweitem jüngern Mannes bewahrt und konnte auf den erſten Blick jeden Prüfer zweifel⸗ haft laſſen, ob er ihn der noch anſpruchsvollen, un⸗ ternehmenden Generation zurechnen ſollte oder der ſchon entſagenden. Er fing nun von der„Geſellſchaft“ an. Da iſt eine Frau von Pfannenſtiel... Wer iſt Das? fragte er. Madame Pfannenſtiel? antwortete Bartuſch ach⸗ ſelzuckend; Wirthſchaftsräthin. Nicht üble Frau— ein bischen dumm. Wast und de ſen, ſ A ſuhr die auch themg hand L R uſch; di terin 9 re, Flor rieth, duß nd pigua Gehen feinen we behuiſn Tour vol r ſchönes war z Halun bewh fer zweiſ ollen, oder 303 Ercellenz wiſſen in dieſem Punkte gewiß das Rich⸗ tige zu treffen.... Aber reich? Leider! Wie ſo leider? Weil ſie Geld hat, iſt ſie hier. Dumme Men⸗ ſchen ſind läſtig. Mir wäre lieber, ihr Mann wäre da. Es läßt ſich leben mit ihm. Warum iſt der Mann nicht da? Wagt's nicht. Da er früher hier wirthſchaftete und das Volk geſchunden hat, wie ſeinen armen Für⸗ ſten, ſo traut er ſich nicht herzukommen. Ah!. Madame Schlurck iſt eine charmante Frau... fuhr der Geheimrath fort, der nun geſprächiger wurde. Bartuſch ſchlug die Augen nieder, aus Gründen, die der Geheimrath nicht zu kennen ſchien und die auch wir erſt ſpäter kennen lernen werden. Die muntere Blondine.. ſehr charmant.... Frau von Sänger... Frau von?.. Frau von Sänger, die dritte Gemahlin des alten ſhemaligen Rentmeiſters von Sänger. Sind nach Randhartingen zurückgereiſt. Wohin? Randhartingen, Ercellenz! Dort hinüber— zwei 304 Stunden weit— rechts beim Ullagrund. Ah!. Allerliebſte Frau. Bartuſch ließ dem Geheimrath Zeit, ſich zu be⸗ ſinnen. Er kam, da er eine junge erwähnt hatte, jetzt auf eine ältere. Die magere? ſagte er. Welche, Excellenz? Die mit der— die mit dem— die.. Mit den großen Zähnen, wenn ſie lacht.... Ah! Ja! Frau Pfarrer Stromer. Keine ſchöne Frau. Gute Frau. Hat viel Kinder. Und die ſtarke? Wiſſen Sie, die kleine runde? Frau von Reichmeyer, die Schweſter des Hermm Laſally... Nein, die nicht! Sie meinen die Juſtizdirectorin von Zeiſel, eine geborene von Nutzholz⸗Dünkerke. Nutzholz⸗Dünkerke? Gute Familie! Apropos⸗ Was will denn der famoſe Stallmeiſter Laſally hierk Der Geheimrath fragte faſt unmuthig und nicht ohne beſondern Nachdruck. Es iſt des Commerzienraths Schwager, Bruder der Frau von Reichmeyer, wie Sie vielleicht wiſſen Reich ßen 1 ſn.. viel ie nen M L die) bemer h — P Lin ſam weit zen ſinge wſen derin ſn. Ande auz De ſich zu be hnt hatte e runde! des Hin aſallh 9 und e,* icht Reichmeyer hat 50,000 Thaler noch von der gro⸗ ßen Lotterie her zu fordern.... Laſally hat doch wol ſchwerlich dabei eingeſchoſ⸗ ſen. meinte der Geheimrath; ſein Stall iſt ja, ſo⸗ viel ich weiß, ſequeſtrirt; ſeine Pferde auf dem Ren⸗ nen gewinnen nicht mehr. Laſally muß ganz im Miſere ſtecken.... Weiß ich nicht, antwortete Bartuſch diplomatiſch— die Pferde, die er mitbrachte, reiten ſich gut. Dies bemerkte geſtern Fräulein Melanie.... Hat Pferde mitgebracht! Famoſe Idee! Warum — Pferde? Man glaubte, der Aufenthalt würde ſich in die Länge ziehen, man rechnete auf ein fröhliches Bei⸗ ſammenleben. Da ſollten Bälle gegeben werden, ſo⸗ weit die Jahreszeit und die pleſſener Muſik das Tan⸗ zen möglichmachte, da ſollte gehüpft, geſprungen, ge⸗ ſungen und geritten werden. Jeder verſprach ſeine roſenfarbene Laune mitzubringen und Freunde, ſoviel deren von verträglicher Sorte nur aufzutreiben wa⸗ ſen. Was iſt nun geworden? Einer verſteht den Andern nicht und mit Schlurck's Abreiſe iſt Alles wie tuseinandergeſprengt. Der Intendant ſagte: Brave Leute Das hier, aber kein Ton! Graf Die Ritter vom Geiſte. 1. 20 306 Bensheim, Frau von Sengebuſch eingeladen— wie war Das möglich! Pure Diſſonanz! Haltung— Haltung iſt viel— ſehr viel iſt Haltung. Feſte zu arrangiren, erfodert Kopf und wie geſagt. Ge⸗ buri.. Was Feſte arrangiren heißt, ſah man am letzten Geburtstage der Königin, bemerkte Bartuſch mit höf⸗ licher Verbeugung. Das arkadiſche Schäferfeſt ſuchte ſeines Gleichen, Ercellenz.... Recht ſchön geweſen, äußerte der Intendant ge⸗ ſchmeichelt und faſt gleichgültig. Ich war wegen der Coſtüms ſelbſt in Dresden— wiſſen Sie— um mir die Porzellanſammlung anzuſehen. Alle Men⸗ ſchen.. ſehr hübſch wie von Porzellan geweſen— war ſehr niedlich und richtig! Alles nach echtem meißner Porzellan. Profeſſor Lüders hat Alles ſehr R richtig gefunden. Nur eine Stimme darüber! bemerkte Bartuſch. An uns gewöhnliche Menſchen kommt davon nur ſo ein Blick durchs Gitter und auch der iſt verboten; aber Ercellenz ſollen ſich in dem Porzellanball wirk⸗ lich ſelbſt übertroffen haben. Als der Intendant lächelte, verbeugte ſich der ſchlaue Graurock, der es in der Kunſt, mit allerlei „Gemenſchel“, wie er zuweilen verächtlich ſagte, um⸗ aden— wie Haltung— g. Feſte zu i Ge⸗ 6 n am letzen ſch mit höf⸗ ferfeſt ſucht endant ge⸗ wegen der je— um lle Men geweſen— uch echen tMles ſch Baruſt von mt anball w ge ſch nit al ſih 307 zugehen, weit gebracht hatte. Doch kaum hatte er ſich empfohlen, kehrte er, da er Etwas vergeſſen zu haben ſchien, zurück und ſagte zu dem Inten⸗ danten, der ſeinen Blick unverwandt in die Ge⸗ gend ſchweifen ließ, von wo die Cavalcade zurückfeh⸗ ren mußte: Noch ein Wort, Ercellenz. Die Bilder wollt' ich doch gehorſamſt erinnert haben— Bilder? Was für Bilder? Die Familienbilder!— Morgen bei der Ver⸗ packung! betonte Bartuſch. Welche Familienbilder? ſagte Herr von Harder plötzlich mit Amtsmiene und faſt ungehalten. Bleiben bei der Maſſe— teſtamentariſche Verfü⸗ gung— Weiß Alles. Schon gut— Dürft' ich mir erlauben, dieſe Stücke an mich zu nehmen und zur weitern Verfügung zurückzubehalten? Verfügung? Zurückzubehalten? Wer verfügt? Ich verfüge! Bartuſch erſtaunte über dieſe kategoriſche Antwort, die von einem ſo böſen Blick begleitet war, daß die ganze freundliche Herablaſſung des vergangenen Ge⸗ ſprächs wie in Nichts verronnen erſchien. Bartuſch ſtand einen Augenblick rathlos, ob er unterwürfig 20* — bleiben ſollte oder entſchieden auftreten. Noch zog er den erſten Ton vor und ſagte: Ercellenz kennen des ſeligen Fürſten letzte Beſtim⸗ mung, daß die Familienbilder von dem Kauf ausge⸗ ſchloſſen ſind. Es war das Gewiſſen, das aus ihm ſprach, die Ehre.... Familienbilder! ſagte der Intendant mit großem Nachdruck, und verrieth durch ſeine Sicherheit, daß er hier nicht aus ſich, ſondern nach einer Inſtruction ſprach. Se. Majeſtät werden den letzten Willen Sr Durchlaucht wohl zu ehren wiſſen,... indeſſen, mein lieber Herr— was reden Sie von Gewiſſen, von Ehre? Herr—... Bartuſch! ergänzte dieſer, als der brüske Inten⸗ dant den Namen ſuchte. Bartuſch, mein lieber Herr Bartuſch! Der Inten⸗ dant ſprach dieſe Worte mit einem Anflug von Schlau⸗ heit, der den ſtarren Zügen etwas höhniſch Lächeln⸗ des gab— Was ſind Familienbilder? Bilder der Fürſtin, des Fürſten, des Prinzen Egon — fiel Bartuſch erregter ein. Haben Sie den Fürſten gekannt? Ich denke wol— antwortete Bartuſch malitiös, Die Fürſtin haben Sie nicht gekannt. ſnt Noch zg e zte Beſtim tauf ausge⸗ us aus ihn nit großen cheit daß e Inſtrction Villen St deſſen, mein wiſſen, von üsle Inten Der Intel 5 1 von Schl ſh bächt rirzen nali 309 Wenn nicht ich, ſo kennt ſie im Dorfe jedes nicht zu kleine Kind. Kind im Dorfe? Iſt das eine Autorität? Eine Autorität für einen allerhöchſten Specialbefehl, den ich zu vollziehen die Ehre habe? Kannten Sie die geborene Gräfin von Bury, welches die Mutter der Fürſtin geweſen iſt? Kannten Sie den k.k. öſter⸗ reichiſchen Generalfeldzeugmeiſter Grafen von Hohen⸗ berg, der in zweiter Linie mit dem Fürſten von Ho⸗ henberg Durchlaucht verwandt war? Familienbilder ſind ein ſehr allgemeiner Begriff— mein lieber Herr Bartuſch— ein ſehr allgemeiner. Man wird die Bilder nach der Reſidenz nehmen, alle— alle— alle— und Prinz Egon, Prinz Egon wird entſchei⸗ den, welche davon zur Familie gehören oder nicht. Haben ſie verſtanden, Herr Bartuſch?... Wer ver⸗ fügt? Ich verfüge! Verſtanden? Mit dieſen kurz abgeſtoßenen, kalten, ſchneidenden, böſen Worten entfernte ſich der vornehme impertinente Mann. Bartuſch hatte Mühe, anſichzuhalten. Er beſaß Verſtand genug, einzuſehen, daß dieſe Ueberle⸗ gung nicht aus Herrn von Harders Kopfe kam, ſondern der Wortlaut einer ausdrücklich ihm gegebe⸗ nen Inſtruction war. Die Wendung, die ſo kräftig betont wurde:„Familienbilder ſind ein allgemeiner 310 Begriff“ entſprach den Begriffen des Intendanten kei⸗ neswegs. Das hat ihm Jemand ſo oft vorgeſagt, bis er das ſchwere Wort behielt und ſich Etwas darunter vorſtellen konnte! murmelte Bartuſch vor ſich hin, und in der Ueberzeugung, daß es mit den Zimmern der Fürſtin eine doch ſonderbare, ſeine ganze Neugier ſpan⸗ nende Bewandtniß haben müſſe, lenkte er nachdenklich ſeinen etwas ſchlorrenden und ſchleichenden Schritt dem Tempel zu, wo er mehre von den Damen, die jetzt das Schloß bewohnten, Andere, die es eben beſuch⸗ ten, erblickte, wie ſie nickend mit Tüchern in die Ferne wehten. Dieſer Gruß galt Melanie und ihren Le gleitern, die ſoeben von ihrem Spazierritt im vollen Trabe zurückkehrten. D die ind A Zi Be ode len ter tro ö ge anten iei⸗ t, bis er darunter hhin, und mern der gier ſpun chdenlich chrit den die jebt nbeſuch⸗ die Ferne hren Be⸗ in volle Elttes Capitel. Melanie Schlurck. Das war ein Lärmen, ein Lachen, ein Jubeln, als die ſchöne Amazone vom hohen Sattel gehoben wurde und die dampfenden Pferde um ſie her im Hofe des Schloſſes ſtampften und wieherten. Reichmeyer's und Laſally's Bediente und Jockeys hielten die Renner am Zügel und führten ſie nach den unten am Fuße des Berges gelegenen Ställen zurück, nicht ohne dazwi⸗ ſchengeworfene, den Pferden geſpendete Liebkoſungen oder Scheltworte, jenachdem die Reiter mit ihren Thie⸗ ren zufrieden geweſen waren oder nicht. Die Thiere gingen à merveilleè! rief Melanie un⸗ ter fortwährendem Gelächter, das dem klagenden und troſtloſen Commerzienrath galt; man muß nur reiten können! Arme Laura, ſagte ſie zu dem von Reichmeyer gerittenen Pferde, es ſtreichelnd; du hatteſt es ſo gut mit deinem Reiter im Sinn! Er ſollte dir deine Ge⸗ danken ablauſchen und du lauſchteſt ſie ihm ab. Du ſprangſt, du ſtutzteſt vor jedem Aſt, du ſchlugſt mit den Ohren hochauf, wenn ein Vögelchen geflogen kam, du ſchwenkteſt dich anmuthig nach der rechten Seite hin, wenn auf der linken ein Hund kam und bellte, und alles Das will die gefühlskalte Geldſeele jetzt nicht anerkennen und ſchilt dich, arme Laura! Fliehe die Commerzienräthe! Dieſe Menſchen verſtehen nicht, was ſenſible Naturen ſind. Die ältern Damen, die unten im Tempel gewäh t, hatten ſich auch inzwiſchen oben am Schloſſe ein und begrüßten die ziemlich lange Ausgeble benen in dem hintern Hofe. Ohne Spaß, ſagte der Commerzienrath zu ſeiner ihn ängſtlich anblickenden Gemahlin, einer Dame in rauſchenden Stoffen, ich habe meine Noth gehabt. Man hat mir bei Gott das wildeſte Pferd gegeben Eugen hätte auch mehr Einſicht haben ſollen. Frau von Reichmeyer warf einen vorwurfsvollen Blick auf ihren Bruder, den Stallmeiſter Laſally, der ſich indeſſen nur mit Melanie beſchäftigte und dieſer „Querelen“ nicht achtete. Ging es mir denn beſſer? ſagte der Juſtizdireckor von Zeiſel, eine lange, hagere Figur mit grauen Haa⸗ ren ein Gin De wie ner jün liel wi Nu grü ge flogen kan chten Sti und bell dſeele je ra! Flich ſehen nich 6 gewäl Ausgebl ren und zugeknöpftem blauen Frack mit gelben Knöpfen, eine Bureaugeſtalt voll Höflichkeit und geſchmeidig. Ging es mir denn beſſer? Mir platzte der Sattelgurt! Denken Sie ſich, Frau Juſtizräthin, mein Malheur, wie ich plötzlich ins Schwanken gerathe und auf mei⸗ nem Fuchs hin⸗ und hertaumele. Iſt mir nur in jüngern Jahren paſſirt! Die Geiſtesgegenwart des liebenswürdigen Herrn Eugen hat mich gerettet, ſonſt wär' ich, ich kenne Das, vielleicht geſchleift worden. Billigerweiſe hätte Frau von Zeiſel, geborene von Nutzholz⸗Dünkercke, die ſich gleichfalls unter den Be⸗ grüßenden befand, dieſem möglichen und glücklich ab⸗ gewandten Unglück ihres Gatten die theilnehmendſte Aufmerkſamkeit ſchenken ſollen, aber die noch ſehr an⸗ muthige und von den runden wohlgenährten Körper⸗ formen noch jugendlicher, als ſie war, ausſehende kleine Frau nahm wenig Notiz davon und überließ es der guten Madame Schlurck, die Möglichkeiten eines ſolchen Unfalls theilnehmend zu durchdenken, während ſie mit dem inzwiſchen herzugetretenen Bar⸗ tuſch ſprach und ſich über das betrübende Ereigniß der plötzlichen Abreiſe des immer ſo liebenswürdigen und jovialen Juſtizraths Schlurck nicht tröſten konnte. Eine ſehr unbedeutende und nur mit lächelndem Nichtsſagen zugaffende Rolle ſpielte die reiche Ma⸗ 314 dame Pfannenſtiel, geborene Droſſel, die die frühere Wirthſchaftsinſpectorin nicht verleugnen konnte, trotz ihrer dicken goldenen Erbskette und der großmächtigen Brillantuhr, die ſie faſt bis unten auf der Hüfte ihres ſchmächtigen Körpers trug. Melanie war die Seele dieſes bunten Kreiſes, den das Geld hier zuſammengewürfelt hatte. Geiſt, Nei⸗ gung, hatte ſie früher geſagt, bringen Gleichartiges zuſammen. Das Geld kann nur Vermittler des Zu⸗ fälligen ſein. So beſchloß ſie denn, Geiſt und Rei⸗ gung in dieſe widerſtrebenden Elemente zu bringen. Es gelang ihr aber nur theilweiſe und durch nichts Anderes als durch ihre eigene Perſönlichkeit. Wie reizend ſtand ſie da im Schloßhofe! Das lange, enganſchließende Reitkleid war von einem ſil⸗ bergrauen leichten Stoffe und ließ die lieblichſten For⸗ men der ſchönen Geſtalt bewundern. Von der Hals⸗ krauſe, die über dem ganz oben geſchloſſenen Kleide zierlich gefältelt lag, bis zu den Hüften herab zeigte ſich das ſchönſte Ebenmaß der äußern Bildung. Die Schultern hoch und gerundet. Wenn ſich der holde, liebliche Kopf, mit den braunen brennenden Augen, dem ſchönen Munde und den weißen Perlenreihen der Zähne lächelnd über die Schulter wandte, gab der Winkel, der ſich dann aus dem Kopf und der Schul⸗ ler bi ufd ten A Sann Schb wegg VPuc doch Bode inken an ſic ne hohe licht den licht liche nir ſchen wer nen Du hab und ie früher inte, toh mächtigen üſte ihres reiſes, den eiſt, Nei eichartiges des Zu⸗ und Nei⸗ bringen. ch ichts einen ſi hſten Fo det Hal en Klei ab zeih ) ug.* er hol n Ahe nihen gub. er Gt ter bildete, die reinſte Schönheitsform. Halb noch auf den ſchwarzen, hinten über Flechten zurückgekämm⸗ ten Locken, ſaß ein kirſchrothes, ſilbergeſticktes kleines Sammtgewinde, über dem der Reithut mit blauem Schleier gebunden war. Längſt hatte ſie dieſen Hut weggeſchleudert. So hoch Melanie und faſt mit dem Wuchſe der Pappel aufgeſchoſſen war, ſo behend ließen doch ihre Bewegungen. Ihr Fuß ſchien kaum den Boden zu berühren, ſo ſchwebte ſie dahin, mit der linken Hand die lange Schleppe des Kleides nach vorn an ſich drückend, mit der Rechten die am Griff von blauen Steinen geſchmückte elegante Reitpeitſche in die hohe kräftige Hüfte ſtemmend. Mit innigſter Herz⸗ lichkeit gab ſie ihrer Mutter einen Kuß, worauf ſie den Kopf in den Nacken warf und mit komiſcher ßein lichkeit erklärte: Ich danke Ihnen, meine Herren, für Ihre ritter⸗ liche Begleitung! Sie haben Noth und Gefahr mit mir getheilt! Sie haben, als wir im Walde einem ſcheu gewordenen Einſpänner, auf dem zwei Hand⸗ werksburſche ſich vom Fußwandern auszuruhen ſchie⸗ nen, begegneten, die mögliche Gefahr des eigenen Durchgehens Ihrer Roſſe muthvoll überſtanden! Sie baben an der Förſterwohnung vor einer alten roth— und weißhaarigen Hexe, die alle Pferde ſtutzigmachte, 316 hochherzigen Muth bewieſen. Sie haben ſich würdig gezeigt, von mir, der dermaligen Fürſtin von Hohen⸗ berg, heute Abend beim Thee zu meinen Cavalieren und Vaſallen geſchlagen zu werden. Ich hoffe, daß Keiner meiner Getreuen fehlen wird! Und damit ſeid Ihr für jetzt entlaſſen! Die Herren applaudirten. Melanie entſchlüpfte in eines der unten geöffneten Schloßfenſter und ver⸗ ſchwand. Die Geſellſchaft trennte ſich vorläufig mit dem Verſprechen, um acht Uhr an den geöffneten Fenſtern der Zimmer, die Schlurck für die Seinigen gewählt hatte, ſich zum Genuß der milden Abendluft und zum Thee zu verſammeln. Die Einen begaben ſich in den Garten, die Andern ins Schloß, Andere wandten ſich hinunter dem Orte zu. Mit großem Wohlgefallen hatte dieſe Scene von fern der Geheimerath Henning von Harder beobachtet. Se. Excellenz ſtunden am offenen Fenſter eines der ihm zur Dispoſition übergebenen Zimmer der verſtor⸗ benen Fürſtin und kniffen eine goldene Lorgnette ſo ſcharf in die Augenhöhle, daß ihm auch keine Miene der ſchönen und verlockenden Melanie Schlurck ent⸗ gehen konnte. Als ſie ſprach mit ihrem wohllauten⸗ den, vollen, aus der Bruſt quellenden Organe, be⸗ deutete er ſeine beiden Bedienten, Ernſt und Franz— ich würdi on Hohen Cavalieten hoffe, daß damit ſeid enſſchlpft r und ver rläufg mi geoffnete Seinigen bendluf en begobe oß, Andel Stene w beobacht eines d her verſt orgnlit chlur“ wohlau n, d im die auf dem Fußteppich ſaßen und hämmerten und packten—, einen Augenblick in ihrem Dienſteifer innezuhalten. Er verſchlang Melanie's Worte und täuſchte ſich dabei keineswegs in der Vorausſetzung, daß ſie ſich von ihm beobachtet glaubte. Er gehörte zu den Männern, die ſich in ihrer Jugend wol hatten ſagen können: Du biſt glücklich bei den Frauen, weil du eine ſchöne Geſtalt haſt und eine gewiſſe Kunſt ſie geltendzumachen. Sein Haar war einſt lockig ge⸗ weſen, ſein Auge nicht ohne Feuer. Er konnte dieſe Triumphe ſeiner Jugend nicht vergeſſen. Daher kam es, daß er an Jahren zunehmend, immer wieder einen neuen Reiz an ſich zu entdecken glaubte, der ihm ebenſo feſſelnd vorkam, wie es früher ſeine Jugend geweſen war. Nur ſchlimm, daß er dieſen Reiz nicht in geiſtigen Dingen, ſondern in äußerlichen fand! Geiſt verleiht dem Aeußern des Mannes mit den Jahren einen veränderten Ausdruck, der wol die Friſche der erſten Jugend erſetzen kann. Die Liebe des Jünglings iſt eine andere als die des Mannes und wer würde ſo oberflächlich und ſinnlich ſein, die Poeſie und die feſſelnde Schwärmerei allein nur dem zwanzigjährigen Blute zuzuerkennen? Im Gegentheil miſcht ſich in die erſte ſüße Liebe des Jünglings nur zu wild und bitter oft die Gährung der noch unfer⸗ 318 tigen Charakterbildung, während eines älteren Mannes Liebe eine Kette reinſter Hingebung, uneigennütziger Aufopferung und jener höhern Poeſie ſein kann, die aus einem gebrochenen wehmüthigen Bewußtſein fliett. Mit dieſen Erſcheinungen hatte das noch immer lo⸗ dernde Feuer des faſt ſechzigjährigen Henning von Harder zu Harderſtein nichts gemein. Er gehörte zu den Thoren, die im zwanzigſten Jahre ihre Erobe⸗ rungen auf ihre wirkliche Schönheit fußen können, im dreißigſten auf das Glück dieſer Schönheit und den Ruf ihrer Eroberungen, im vierzigſten Jahre aber ſchon nur noch auf ihre geſellſchaftliche Stellung und gewiſſe jugendliche Reminiſcenzen, vom funfzigſten an aber auf die verzweifeltſte Eitelkeit, die ſich an dieſen oder jenen kleinen Reſt früherer Vorzüge klammert, an eine weiße kleine Hand, einen zierlichen kleinen Fuß und ähnliche, in den meiſten Fällen auch un⸗ leugbare Vollkommenheiten, die aber einen ganzen Menſchen nicht mehr erſetzen können. Der Geheim⸗ rath hörte nichts lieber, als daß er eine ſchöngeformte Naſe und niedliche kleine Hände hätte. So manche verſchmitzte Coquette, die nach ſeinem durch Pauline von Marſchalk erworbenen Reichthum blinzelte, konnte ihn ih jugendliche Flammen und wahnſinnige Träume verſe wenn ſie ſeinen niedlichen kleinen Fuß loble. * Man ſine bruch Kein er ni doch in ei nun hun arer nſ halte Schi g ſo! n Manne gemijgi fann, di ſein flieſt immet l nning von gehörte hre Erobt können, ih und de ahre abe Aung un fzigſten u an dieſe klamme en klin auch U en gah Gehei öngefon o man h Pu g lte, 319 Manche verſicherten, daß man auch durch das Lob ſeiner kleinen Ohren eine Wirkung auf ihn hervor⸗ brachte. Sie waren in der That niedlich, dieſe Ohren. Kein Spiegel beſtritt dieſe Wahrheit. Warum ſollte er nicht ſonſt noch allerlei Feſſelndes beſitzen, da er doch dies Eine, die Werkzeuge des Hörens, wirklich in einer ſo unbeſtrittenen Vollkommenheit beſaß! Hier nun vollends auf Hohenberg, wo er, zur Entſchädi⸗ gung für eine läſtige Reiſe, zu der ihn mit ſonder⸗ barer Beſtimmtheit ſeine ihn, wie noch viel andere Menſchen beherrſchende geiſtreiche Gattin gezwungen hatte, das Zuſammentreffen mit einer der geprieſenſten Schönheiten der Reſidenz genoß, hier hielt er einen angenehmen Eindruck auf Melanie Schlurck für um ſo leichter, als er einerſeits mit nicht ganz kurzſichti⸗ gem Auge entdeckt hatte, daß dies eigene Mädchen gewohnt war, über gewöhnliche Grenzen hinauszu⸗ gehen, und andererſeits ſeine geſellſchaftliche Stellung die aller übrigen Beſucher des Schloſſes beiweitem überragte. Er ſtand ja doch, dachte er, dem Landes⸗ fürſten außerordentlich nahe, war ja durch unbedingt gehorchende knechtiſche Umgebung himmelwärts hier erhaben, ſtrahlte ja durch äußere Haltung wie immer ſo auch hier im Vollglanze ſeiner mit Orden emaillir⸗ ſen Ercellenz und faßte in der That um ſo raſcher * 320 eine Flamme für Melanie, als dies kluge Mädchen bereits beim erſten Zuſammentreffen ſeine weiße Hand, den zierlichen Fuß und ſogar ſchon das Profil ſeiner Naſe bewundert hatte. Sie entdeckt, hatte er ſich im Stillen geſagt, ſie entdeckt gewiß auch noch meine Ohren! Er wiederholte ſich dieſe Hoffnung mit Wohl⸗ gefallen, als ihn einer ſeiner Bedienten darauf auf⸗ merkſam machte, daß das Fräulein merkwürdig oft nach Excellenz ſich erkundigt hätten, als Ercellenz heute früh mit der Regiſtratur des Nachlaſſes der „ Fürſtin Amanda beſchäftigt geweſen wären.... 3 Nur eine Perſönlichkeit war ihm bei der ſchönen Hoffnung eines Erfolgs ein gefährlicher Nebenbuhler, jener Schwager des Commerzienraths von Reichmeyer, Eugen Laſally. Dieſer nicht mehr ganz junge Mann war ein öffentlicher Charakter der Reſidenz. Völlig abweichend von Dem, was chriſtliche Spottſucht über die Juden einmal feſtgeſtellt zu haben glaubt, war Eugen Laſally im Gegentheil eine höchſt chevalereske Erſcheinung. Nicht groß, von behendem Körperbau, leichten, zarten Gliedern, hatte er ſich früh eine große Fertigkeit in Leibesübungen erworben. Er ſchoß, focht, ritt auf eine Art wie der geübteſte junge Dandy der vornehmen Welt. Seine Aeltern gehörten den erſten jüdiſchen Familien an und hätten ihm gern die übliche artiſt Male für d keit, e wir Aelte taſch Selh Stut eine ſchi Syie ſun hur renn Reit ahr edles Ung heit term und doq D ge Müdche weiße Hand Profil ſeiner e et ſich in noch mein g nit Vohl darauf auß rwürdig of ls Crerllen chlaſſes del dar ſchöne Nebenbuhle Reichmehe junge Mun ez. Vi ottſucht üb gaubt,„ chevalete Köwerb h eine 9 ſchoß ſ e Dand! en der die 321 artiſtiſche Bildung dieſer Kreiſe gegeben, ihn zum Maler, zum Muſiker beſtimmt. Doch zeigte Eugen für dieſe Berufswege nicht die geringſte Empfänglich⸗ keit, ebenſo wenig wie zum mercantiliſchen Fache oder zu irgend einem wiſſenſchaftlichen Studium. Als ſeine Aeltern ſtarben, ging ſein ererbtes Vermögen ſehr raſch auf die Lebensweiſe hin, die er ſeit ſeiner erſten Selbſtändigkeit ergriffen hatte. Cavalerieoffiziere, junge Stutzer, Adelige waren ſein alleiniger Umgang. Durch eine Reihe muthig beſtandener Duelle hatte er gelernt, ſich in dieſer Sphäre zu behaupten, und als er durch Spiel und Vergnügungsſucht an den Rand des Ab⸗ grundes gebracht, von ſeinem Schwager Reichmeyer nur noch ſoviel erhielt, um aus einem der erſten Wett⸗ renner faſt in Verzweiflung erſt ein„Pferdekenner“, dahh ein Pferdehändler und zuletzt Errichter einer Reitſchule zu werden, blieben ihm ſeine alten Ge⸗ fährten getreu. Das Pferd iſt auch darin ein ſo cles Thier, daß es faſt Alles adelt, was mit ihm ungeht. Ein Bedienter mag ſich höher dünken als en Bereiter. Mehr Muth und männliche Entſchloſſen⸗ heit, mehr Charakterſtärke findet ſich gewiß bei Letz⸗ term. Eugen Laſally war als Beſitzer einer Reitbahn und was damit zuſammenhängt ſogar Pferdeverleiher, doch nur um ſo enger mit einer gewiſſen faſhionablen Die Ritter vom Geiſte. I. 21 322 Geſellſchaftsclaſſe im Zuſammenhang, und wäre nicht ſein ariſtokratiſcher Tic geweſen, ſeine Sucht in Allem und Jedem es mit ſeinen Freunden aufzunehmen, der alte Levi, den er ſich aus einem mecklenburgiſchen Pferdemäkler zum erſten Bereiter umgeſchaffen hatte, würde ihn gewiß durch ſeinen Fleiß und ſeine Um⸗ ſicht und kluge Geſchäftskenntniß oben erhalten haben. Er war aber im Sinken begriffen. Die Verzweiflung, daß ihm ſeine Plane nicht gelangen und er von Gläubigern unabläſſig gehetzt wurde, machte ihn oft zornig und gab ihm einen menſchenſcheuen finſtern Charakter, der zuweilen ins Brutale ausartete. Er war auch gefürchtet wie der ſchlimmſte Gaſt. Als auch ihn der Intendant der königlichen Schlöſſer und Gärten ſo mismuthig durch die Lorgnette betrach⸗ tete und dabei die höchſt vernünftige Vermuthung äu⸗ ßerte, daß ihn wol hauptſächlich die Speculation auf Melanie's großes Vermögen an dieſe„bunte klein⸗ Schlange“ feſſelte, ſagte eben Eugen zu einem ſeiner Jockeys, der die Pferde hinübergeführt hatte und nun heraufkam, um die Küche zu beſuchen: Kannſt du dich nicht entſinnen, Jack, was mit dem Einſpänner im Walde war? Der Einſpänner? wiederholte Jack, ängſtlich vor dem immer misgeſtimmten, zum Zorn gereizten Herrn.. d wäre nic cht in M nehmen, d lenburiſche hafen hut d ſeine lu naltn hib Verzweifun und er chte ihn en finſte öattete. Buft. un6ö ett bin muthun eculation „bnt! einem ſ ate un Kannſt nicht hören? ſagte auch Dieſer ſogleich aufbrauſend. Der Einſpänner im Walde— es ſprang Einer vom Bock herunter— ich hab's deutlich ge⸗ ſehen— haſt du die Augen zugehabt? Als der peitſchenſcheue Jack ſich noch nicht recht zu beſinnen vermochte, ſagte Eugen Laſally: Er iſt ein blinder Heſſ'! Scher' Er ſich! Jack wollte gehen.... Laſally rief ihn noch einmal zurück und ſchwang die Reitgerte. Jack blieb in einiger Entfernung. Führe die Laura, ſagte dieſer, in die Schmiede unten! Das Thier hat Etwas. Es quihnt. Die Rackerei mit ſchlechten Reitern ſchadet einem guten Pferd. Es wird ſelbſt ängſtlich, wenn Einer auf ihm Angſt hat. Der Schmied ſoll der Laura Rhabarber geben. Aber mit dem Alten ſprich— Mit dem Blinden? Mit Dem! Der Blinde iſt pfiffiger als der Junge, der taub iſt. Jack, zwar ärgerlich, daß er nicht in die Küche onnte, wo Melanie's Mädchen, Jeannette, die Ma⸗ rieren ihrer Herrin nachahmte und unter der Diener⸗ chaft ebenſo belebend und animirend wirkte, wie Me⸗ nnie in ihrem Kreiſe, wandte ſich jedoch gleich wieder 21* um, ſtlaviſch ergeben, ſtieg wieder den Schloßberg ab⸗ wärts und wollte die Laura in die Schmiede bringen. Läßſt die Laura keine Minute aus dem Auge! rief ihm Laſally noch nach. Wie Jack ging, wandte ſich Laſally an Bartuſch, der gerade vorüber wollte: Wiſſen Sie, wen ich im Wald geſehen habe, Bartuſch? Eine alte Herxe, hör' ich ja. Lieber den Teufel ſelbſt, ſagte Eugen— Hacker hab' ich geſehen. Ach! meinte Bartuſch mehr komiſch als ernſt ver⸗ wundert; was denken Sie? Ich gebe Ihnen mein Wort! Nehmen Sie's mit der Canaille nicht ſo leicht! Wie käme Hackert... Ich will beſchwören, daß auf einem kleinen Ein⸗ ſpänner Hackert ſaß und als er uns bemerkte, ins Dickicht ſprang.... Daß dich— Aber was wäre dabei zu fürchten! Zu fürchten? Seit dem Abend.. ſeit dem Vol⸗ fall hinterm Zaune... in der Königsvorſtadt... Es war auch arg genug, Herr Laſally! Arg? Ich begreife Euch nicht! Ihr ſchont dieſen Menſchen. ——+— h loßberg al ede bringe n Nuge! n an Battuſt eſehen hah — ls ernſt en Sies leinent benerit zu fin ſeit den orſtadt ally! ſten 325 Schonen, Herr Laſally?.. Es kommt mir vor, als hätte Schlurck Angſt vor ihm. Herr Laſally! Ihr werft den Schlingel aus dem Hauſe und habt eine Zärtlichkeit für Zärtlichkeit? Er muß Euch in Händen haben.... Uns? In Händen? Weil ihm Schlurck Vertrauen ſchenkte? So etwas. Alle denkt Ihr an den Burſchen, und Keiner ſpricht von ihm. Ihr haßt ihn und gebt ihm täglich Beweiſe von Liebe. Dahinter ſteckt ein Geheim⸗ niß.. ich bin nur zu ſtolz, auf Dienſtboten zu hören. Dienſtboten, Herr Laſally—2 Sagen Sie der Jeannette, ſie möchte, wenn ſie Abends Punſch macht, unter den Bedienten, Kut⸗ ſchern und Jockeys nicht ſoviel in Euren Familienge⸗ heimniſſen kramen.... Die Jeannette? Ich ſag' Ihnen ſoviel, Bartuſch, wenn mir Hackert hier in Hohenberg in den Weg kommt... ich kenne mich ſelbſt nicht. Es iſt mir, als wäre Das mein böſer Feind. Ich bin im Stande und ſchieß' einmal den Hund nieder. — Herr Stallmeiſter! Warum ſchonen Sie ihn? Warum dulden Sie, daß er zudringlich iſt? Was iſt er? Was kann er wollen? Was kann er für Anſprüche haben? Anſprüche? Sieh! Sieh! Hat die Jeannette etwas von Anſprüchen geſagt? Ich weiß nichts, was die Jeannette geſagt hat und habe meinen Leuten verboten, bis in die Nacht um die Punſchterrine des tollen Mädchens zu ſitzen und abſcheuliche Indiscretionen anzuhören. Wirklich die Jeannette? Laſally antwortete nicht und ließ den erſchrockenen grauen Actenwurm, Herrn Bartuſch, mit der Doſe in der Hand, die er ergriffen hatte, um ſich zu faſ⸗ ſen, ſtehen.. Laſally verfiel ſogleich wieder in die ihm eigene blaſirte Ruhe. Seine Mienen verzogen ſich nie, ſein blaſſer, etwas gelber Teint blieb bei der größten Auß⸗ regung faſt unverändert. Um elegantere Toilette zu machen, ging er auf das ihm angewieſene Zim⸗ mer, das von denen Melanie's und ihrer Mutter ent⸗ legener war, als er wünſchte. Melanie's Mutter ſaß ſchon oben vor dem Thes⸗ topf und erwartete ihre Gäſte. Man konnte die Frau Juſtizräthin Schlurck nicht ulden Sit as kannt en nette etwa agt hat un Nacht un ſiten Un ſchtocen t der Do ſich z ſi ihn ei ſch nieſ rßten. re Toi ieſen 3 Nutu k1 den ilnt 327 im geringſten ehrwürdig nennen, würde aber auch ſehr Unrecht thun, wollte man einen gewiſſen Werth an ihr unterſchätzen. Im Gegentheil beſaß die Frau des philoſophiſchen Epikuräers Franz Schlurck höchſt merkwürdige, höchſt anerkennenswerthe Eigenſchaften. Ohne eigentliche Bildung hatte ſich die gewandte kleine Frau einen ſeltenen Reichthum von Erfahrungen er⸗ worben und eine geſunde natürliche Anlage zur Len⸗ kerin aller ihrer oft treffenden Urtheile gemacht. Ohne ein beſonderes religiöſes Bedürfniß war ſie mitleidig, gab gern, unterſtützte Hülfloſe. Noch mehr, ſie er⸗ kundigte ſich nach den Urſachen der Leiden und half ihnen gern radikal ab. Wer Geld haben wollte, Dem gab ſie Lebensmittel, und wer Lebensmittel begehrte, dem gab ſie zugleich Arbeit. Eine Wöchnerin in elenden Umſtänden erregte ihre ganze Theilnahme; doch bediente ſie ſich dabei keiner Phraſe, ſondern griff zu, handelte, wirkte, riß die Fenſter auf, wo es dun⸗ ſtig war, ſchalt, ſtrafte, wo ſie eigene Vernachläſſi⸗ gung bemerkte. Kinder, die bettelten, ſchickte ſie in die Schule oder zeigte ſie ohne Weiteres der Polizei an. Halbes und„Quengeliges“, wie ſie's nannte, konnte ſie nicht leiden. Ueberwiegend ſetzte ſie bei den Menſchen, wie ſie ſagte,„leider“, das Schlechte vor⸗ nus. Gute und aufopfernde Thaten mußten ihr erſt bewieſen werden, bis ſie daran glaubte. In ihrem Hauſe herrſchte neben merkwürdiger Ordnung doch eine ſehr große Ueppigkeit, weniger weil ſie ſelbſt ihrer bedürftig war, als aus Rückſicht auf ihren Mann und Melanie, das beſonders von dieſem ver⸗ wöhnte, aber keineswegs„verquengelte“ einzige Schooß⸗ kind ihres Glückes. Denn glücklich ſchien Alles um ſie her zu ſein. Sie duldete wenigſtens keinen an⸗ dern Anſchein. Gute Laune ging ihr über Alles. Mürriſche und melancholiſche Menſchen nannte ſie im Geheimen eitel oder ſchlechterzogen. Sie duldete an ihrem Manne nie das träge ſchleichende Aufkom⸗ men einer griesgrämigen Stimmung, von der der alte Bonvivant keineswegs ganz frei war. Sie ließ allen ſeinen Neigungen und Leidenſchaften ohne Aus⸗ nahme die Zügel ſchießen, beförderte ſie ſogar oder ſchloß die Augen zu denen, die ſeinem Alter nicht ziemten. Das waren Erſcheinungen, die uns wol misfallen können, aber mit ihrer Wahrheitsliebe und ungeſchminkten Natürlichkeit nicht im geringſten im Widerſpruche lagen. Sie wollte eben nur das Na⸗ türliche. Sie war eine Frau, von der man ſagen mochte: Sie iſt eine Najade; ihr Element iſt das reine, friſche, klare Quellwaſſer. Sie badete auch täg⸗ lich. Und ſo war ihr auch zugleich geiſtig jedes In ihtn rdnung do il ſie ſel t auf ihre bieſen v uieSe n Alles un keinen über Al nannte Sie dulde nde Auftu von der! ar. Sie n ohne A ſogat e nAlter die uns! eitliebe! eringſten ur dus 3 nn ment it dete u geiſiz 329 „Muffige“, wie ſie's nannte, verhaßt. Ein langer Kampf mit Leidenſchaften ſchien ihr völlig nutzlos. Sie nahm ihren Mann, wie er war; ſie nahm Me⸗ lanie, wie ſie war. Nur reinlich, nur ſauber, nur friſche Wäſche und friſcher Muth! Das Uebrige war ihr, wie ſie's nannte, meiſtentheils„dummes Zeug“. Hannchen Schlurck, aus einer einfachen, aber bemit⸗ telten Bürgerfamilie, war dabei gar nicht unbeleſen, gar nicht ungebildet und vollkommen fähig, in der großen Welt zu repräſentiren. Schlurck's„Hannchen“ war ein Philoſoph wie ihr Gatte. Auf den Genuß hielt ſie ſelbſt für ſich gar nichts. Sie ſchenkte An⸗ dern Champagner in Strömen ein, trank aber ſelbſt nicht. Und Melanie hatte Aehnlichkeit mit ihr. Die Mutter, verſchweigen wir es nicht, die Mutter hätte von ihrer Tochter das Schlimmſte vernehmen können, ſie würde nur bedauert haben, wenn Melanie dabei „dumm“ gehandelt hätte. Ob ſie ſich dieſelbe Frei⸗ heit geſtattete? Ob ſie ſich in allen Beziehungen be⸗ herrſchte? Es iſt darüber ſchwer Etwas zu ſagen.... Nur behauptete man, daß Bartuſch, das Factotum ihres Mannes, einen größern Einfluß auf ſie hatte als Schlurck ſelbſt, der nach ihrem Sinne nicht im⸗ mer praktiſch war. Das hinderte aber nicht, daß der Juſtizrath mit vollem Rechte oft laut rühmen durfte: 330 Er beſäße in ſeinem ſaubern, klugen, runden, netten Hannchen die vernünftigſte und reſpectabelſte Ehefrau von der Welt! Frau Pfannenſtiel, die hier nur„geduldet“ wurde „aus Rückſichten“, die elegante Frau von Reichmeyer hatten ſich bereits eingefunden. Etwas ſpäter kam in ſehr gewählter Toilette auch Frau von Zeiſel, eine ſehr beſtimmt auftretende unruhige, anſpruchsvolle und doch gar kleinſtädtiſche Dame. Auch die beſcheidene Frau des Pfarrers Guido Stromer ſtellte ſich mit dieſem ſelbſt ein. Herr von Zeiſel, dem zuviel daran lag, die Gunſt des allgewaltigen Adminiſtrators zu behalten, ſchlenkerte neben ſeiner Gattin her; ſo lang und weitläufig er an Geſtalt war, hatte er doch et⸗ was Windſpielartiges. Auch Herr von Reichmeyer kam mit Briefen und Zeitungen, die man ihm natür⸗ lich ſehr gern für ſich zu leſen geſtattete, um nur ſeine üble Laune nach dem gewagten Ritte und dem nicht günſtigen Reſultat der Maſſa⸗Bilanz auf eine Zer⸗ ſtreuung abgeleitet zu ſehen, die vielleicht auch die Andern unterhalten konnte. Dem Pfarrer Guido Stromer hätte es eigentlich ſehr befremdlich vorkommen müſſen, in denſelben Räu⸗ men, wo er ſo oft mit der frommen Fürſtin Amanda und allen ihren Schutzbefohlenen gebetet und geſun⸗ nden, netten lſte Chefrau ldet“ wurde Reichmeher ſpäter kam Zeiſel, eine chsvolle und heſcheidene e ſich mit iel daran iſtrators il erz ſo lun er doch e⸗ Reichmehel ihn min n mit ſin dem nich eine Ze t auch. s igen ſelben ſi in An und h 331 gen hatte, jetzt einer ſehr weltlichen Geſellſchaft bei⸗ zuwohnen. Allein dieſer eigenthümliche Mann ſchien ſich ziemlich leicht in die veränderte Stimmung dieſer Atmosphäre zu finden. Es waren dieſelben hohen Zimmer, die von ſeinem Gebete ſonſt widerhallten, es waren dieſelben großen geöffneten Fenſter, durch die die balſamiſche Kühle des Sommerabends jetzt er⸗ quickend hereinſtrömte, wo ſonſt die Stickluft der vie⸗ len zuſammengedrängten Bauern und Bäuerinnen die Bruſt beengte. Aber ihm ſelbſt ſchien es ganz wohl zu ſein, von der Vergangenheit ſich erlöſt zu ſehen. Ob er freilich in ſeiner Unterwürfigkeit und Nachgie⸗ bigkeit gegen die veränderten Umſtände des Schloſſes Hohenberg nicht zu weit ging, mag ſein Gewiſſen entſcheiden. Die alte Brigitte z. B., die im Schloſſe hin⸗ und herwandelte und ſich an die Wände drückte, um von all den neuen Kammerzofen, Köchinnen, Jä⸗ gern, Jockeys, Bedienten nicht umgerannt zu werden, klagte den Pfarrer Guido Stromer laut genug an, daß er allerdings ſeinen Sinn geändert hätte. Oft ſtand er ſonſt bei ihr ſtill und hatte gefragt nach Die⸗ ſem und Jenem, von dem er wiſſen konnte, daß ſie der Fürſtin davon wiedererzählen würde; jetzt aber, in gewählterer Kleidung, mit bunten Tüchern und Weſten, rannte Guido Stromer gleich allen andern Weltkindern an ihr vorüber und that, als wenn er ſie nicht mehr kannte und ihm eine Minute verloren⸗ ginge, die er hoffen durfte, in der Nähe dieſer neuen Halbbeſitzer von Pleſſen und Hohenberg zu verwei⸗ len! Schon in den zwei Jahren, als der Fürſt al⸗ lein hier walten durfte(jedoch niemals ernſtliche An⸗ ſtalten dazu traf und nicht ſelbſt erſchien), hatte ſich Stromers frühere Geſinnung ſehr abgekühlt, wie die alte Brigitte oft genug der Frau Pfarrerin klagte. Dieſe, eine ſehr einfache und nur in ihrem nächſten Kreiſe wirkende, mit vielen Kindern geprüfte und, man kann wol ſagen, von ihnen völlig zerbröckelte und zermürbte Frau, ließ ſich nicht gern auf Dinge ein, die ihr in Allem ſtark und ſehr ſelbſtbewußt auf⸗ tretender Mann allein vertheidigen mochte. Stro⸗ mer gehörte zu einer gewiſſen Claſſe von Gelehrten, die man„ewige Studenten“ nennen möchte. Entwe⸗ der war er wirklich ein Genie oder, was für die Be⸗ urtheilung ſeiner Stimmung wol Daſſelbe ſagen will, er hielt ſich dafür. Pietismus iſt ſolchen Naturen der willkommenſte Ableiter eines überſtarken Selbſt⸗ gefühls. Der Pietismus lehrt die Welt verachten und ſetzt ſich über das Urtheil der unausgewählten Menſchen hinweg. Guido Stromer war Pietiſt, ſo⸗ lange die Fürſtin lebte. Jetzt aber, wo ſich die äußem s wenn e e verloren ieſer neuen zu verwei⸗ er Fünſt al nſiliche Wn hutte ſit t, wie d erin klagt m nůchſt rifte un zerbröcel uf Din benußt u te. Su Gelehr te. Ent für die ſagen w en Nat rlen Si t vh usgwi Pif 333 Anlehnungen dieſer gottſeligen Richtung nicht mehr in dem ſeiner Eitelkeit ſchmeichelnden Kreiſe vorfinden wollten, jetzt brach in dem Manne wirklich die alte Nichtbefriedigung eines ſich zu nichts Gewöhnlichem berufen dünkenden Gemüths hervor. Es war ihm oft, — ſeine arme Frau litt ſehr darunter— als müßte er beengende Feſſeln brechen, als wäre dieſe häusliche Umgebung eines Mannes ſeiner Art nicht würdig, als wären ihm dieſes Weib, dieſe fünf Kinder nur wie von einem böſen Traume angezaubert worden. Guido Stromer war gerade in dieſer vollſten Kriſis begriffen. Die Erinnerung alter Zeiten erwachte in dem unglücklichen, unruhigen Manne. Er ſah das Leben in neuen ihm bisher fern entrückt geweſenen Erſcheinungen wieder ſo ſonderbar lächeln, ſo eigen⸗ thümlich nicken und winken. Die nächſten Anſprüche ſeines Berufs kamen ihm ſo qualvoll, ſo geringfügig vor, und obgleich er daheim immer eine gewiſſe Tob⸗ ſucht, ſelbſt in ſeiner frühern demüthigen Periode ge⸗ zeigt hatte, ſo war er doch ſeit einiger Zeit, wie Alle wußten, förmlich aus Rand und Band, warf, die Mägde erzählten's, ſchon in der Frühe ſeine Kleider dahin und dorthin, perorirte laut, wenn ihm nicht Alles gleich nach Wunſch ſitzen und ſogar der Spie⸗ gel Beifall ſchenken wollte. Er war ſich unbewußt 334 ein Vierziger geworden. Er ſah, daß ihm die„Har⸗ monie der Seele“ zwiſchen ihm und einer fürſtlichen Durchlaucht die ſchöne, unerſetzliche Zeit von ſeinem achtundzwanzigſten bis vierzigſten Lebensjahre gekoſtet hatte. Er hatte nie zurück, nie vorwärts geblickt. Er hatte ſich die große Herrſchaft, die er auf die Fürſtin ausübte, mit all den intereſſanten damit ver⸗ knüpften Anregungen, den Correſpondenzen, den Be⸗ ziehungen zu vornehmen Menſchen genügen laſſen. Er hatte faſt mehr auf dem Schloſſe als unter ſei⸗ nem Pfarrdache gelebt. Und nun war die Fürſtin todt. Der ausgeſtreute Same brachte keine Früchte. Er ſah, daß er ſeine Jugend verſtreut, verzettelt hatte. Was beſaß er? Das Gefühl einer unſäglichen in⸗ nern Richtbefriedigung. Oft ſchlug er ſich verzwei⸗ felnd an die Stirn. Er rannte im Hauſe, im Felde, im Walde mit ſeinem langen gelbblonden, wirren Haar wie ein Beſeſſener umher. Er quälte ſeine ſeit Jahren tief verſchüchterte Frau, zankte ohne Grund die Kinder. Wie glücklich war anfangs die gequälte Mutter derſelben, als die Fremden auf's Schloß ka⸗ men! Da wurde ihm anfangs wohl, da ſchien ſein ganzes Weſen elektriſirt. Er bekämpfte wohl Schlurcks Neologie, tadelte wol Reichmeyer's Indifferentismus, aber es waren doch Damen da, die ihn ehrten, ah⸗ die„Hur t fürſtlichen von ſeinen ihre gekoſte ns gebb et auf di damit ver n, den Be gen lafen unter ſe die Fürfi ne Frücht ettelt hat igüchen i ich verw e im Fl en, wi ilte ſi ohne Grul ie genu Schl ſchien Schl ſmin ehrten 335 erkannten, die Gräfin Bensheim machte wieder ein⸗ mal einen flüchtigen Gegenbeſuch auf Hohenberg, Frau von Sengebuſch, die liebenswürdige Frau von Sänger, alles Das gab wieder eine Sammlung, eine Anregung, einen Reiz und die innere ſchlum⸗ mernde„Poeſie“ wachte auf; vollends, als Melanie zuweilen an ſeiner Seite rauſchte.... In der Art, wie manchmal Guido Stromer jetzt ſein hier und da etwas graues gelbblondes Haar mit Selbſtironie ent⸗ ſchuldigte, wie er noch die rüſtigſte Jugendlichkeit und eine gewiſſe alte akademiſche Genialität aus ſeinen Geſichtszügen und ſeinem Benehmen ſich ſelbſt hervor⸗ ſchmeichelte, glich er dem Geheimrath von Harder trotz des Unterſchiedes der Jahre. Auch ihm war Melanie gefährlich geworden und ſeine Gattin fing zu zittern an, was in ihm wol ſchlummern, in ihm gähren mochte.. Schon war auch Eugen Laſally eingetreten und hatte ſich ziemlich entfernt von der um einen runden Tiſch ſitzenden und Thee trinkenden Geſellſchaft an die offenen Fenſter poſtirt, wo er eine Cigarre rauchte, deren Dampf er in den Garten hinausblies, als end⸗ lich die Flügelthür aufging und Melanie eintrat. Der Moment machte den Eindruck des feenhafteſten Schwebens und Rauſchens. Sie hatte eine völlig 336 veränderte Toilette gemacht. Etwas blaß von dem Ritt, der nach einer momentanen Aufregung hinten⸗ nach doch immer den Ausdruck der Abſpannung und Erſchöpfung zurückläßt, hatte ſie, dieſer Erfahrung ſich wohl bewußt, ein Kleid von roſafarbenem Krepp gewählt, das in drei mächtigen mit Atlasbändern verzierten Volants wie eine Wellenwoge ſie umfloß. Hals und Arme von blendender Weiße waren unbe⸗ deckt und ließen nur an den Rändern ein geſticktes ſpitzenreiches Unterkleid in ſchmalen Streifen hervor⸗ ſchimmern. Dann und wann zog ſie in einer ſehr anmuthigen, graziöſen Bewegung eine Echarpe von weißem Chinakrepp über Schultern, die oft aus dem weiten Ausſchnitt des Kleides verführeriſch hervor⸗ glitten und den ſchönen gerundeten Nacken zeigten, den die Echarpe ebenſo raſch wieder verbarg. Ueber dem vollen zierlich zuſammengelegten ſchwarzen Haar lagen, zurückgekämmt mit goldenem Kamm, die Vor⸗ derlocken und ließen die Schläfe ſo frei erblicken, daß man das vollendete Bild griechiſcher Schönheit zu ſehen glaubte. Die Centifolie, die voll und ſchwer noch als letzter Schmuck im Haar befeſtigt war, ge⸗ bührte ihr mit ganzem Rechte, wie ihr jede Blume, jede Frucht gebührt hätte, wenn ſie ein anderer Paris der größten Schönheit hätte zuerkennen ſollen. 1 von den gung hinhn annung un r Erfahrun benem Krey Atlasbänden ſie umſlo waren unbe ein geſic ifen hervot n einer ſch Fchatpe v oſt us du riſch her acken zeigt barg Ue warzen hu un, di V blicen Schönhei und ſcht Y. nderer ſolen 337 Eugen Laſally warf ſogleich die Cigarre, Herr von Reichmeyer die Zeitungen von ſich. Der Juſtiz⸗ director und Guido Stromer ſtellten die Theetaſſen auf den Tiſch. Sie hatten ihr Erſtaunen über die raſche Metamorphoſe auszudrücken, deren einzelne Beſtandtheile zum Zeichen des hier herrſchenden ver⸗ traulichen Tones von den Frauen analyſirt wurden. Ich bitte, ſagte Melanie, ſchweigt nun! Löſt mir nicht Alles, was da jetzt fertig und angepaßt an mei⸗ ner irdiſchen Hülle ſitzt, gleich in Stoffe und in Ellenwaaren auf! Das iſt nun mit mir verſchmolzen und Eins. Wer mir jetzt von Volants und derglei⸗ chen fpricht, thut meinem Herzen weh, zu dem ſie j ſeht ſie Euch an!— ſie reichen faſt hinauf zu ihm. Nein! Ich ſage Euch keine Adreſſen. Kein Wort von Putzmacherinnen! Wollt Ihr ſtill ſein von Mademoiſelle Florentine, von Fränzchen Heuniſch und Luiſe Eiſold! Die Roſe dürft Ihr beſprechen. Von der ſag' ich Euch: von wo ſie kommt! Auch wiſſen ſollt Ihr, wohin ſie 6eh Ich trage ſie als Preis für Den, dem ich heute Abend die Gunſt meiner Seele ſchenke. Und was muß man thun, um dieſe Gunſt zu erobern? fragte der Pfarrer, der redegewandt nicht anſichhalten konnte und die Aufmerkſamkeit davon Die Ritter vom Geiſte. I. 22 338 abzulenken ſuchte, daß er aus ſeinem Garten Melanie mit Blumenzuſendungen überhäufte. Nichts thun, Herr Pfarrer, ſagte Melanie.. Nein! Nichts thun! Was muß man ſein? Was beſitzen? Danach ſoll gefragt werden und laſſen Sie mir nur Zeit, über das Seltenſte und Schönſte nach⸗ zudenken, wodurch ſich ein Mann auszeichnen kann. Aber wir ſind noch nicht vollzählig. Noch fehlt unſer alter brummender Hauskater Bartuſch und demüthigen Sie ſich, meine Herrſchaften, noch fehlt der Glanz von Hohenberg, Se. Exrcellenz, der wirkliche ge⸗ hein Mit dieſen künſtlich gezogenen Worten öffnete ſich, wie Melanie hinter ſich gehört hatte, die Thür und Herr von Harder trat ein. Alles erhob ſich. Es war wirklich ein unleugbarer Effect in ſeinem Auf⸗ treten, ein Effect, dem diesmal Niemand widerſtehen konnte. Lag die Wirkung nun in dem kleinen ſilber⸗ nen Sterne auf der Bruſt oder in der gebrannten Perrücke und der höchſt gewählten Toilette; oder lag ſie in dem Zuletzterſcheinen... genug die Wirkung war da und Excellenz ſetzten ſich, ſehr befriedigt von dem Eindruck, den ein Mann ſeiner Stellung in einem ſolchen doch nur mittlern Kreiſe hervorrief... Wir werden künftig ſehen, wie Herr von Harder in 339 ten Melant der großen Welt doch auch nur klein erſchien, hier aber gaben ihm Tournure und ſelbſtgeſpendete Sorg⸗ Melanie falt in der That einen Schimmer von Intereſſe, der ein Was nur bei längerer Dauer ſich dann nicht hielt, wenn d laſſen Sie er nicht künſtlich immer wieder angefacht wurde. hönſte nuch⸗ Melanie übernahm dies Amt. Ob aus neckender chnen lm. Spottſucht oder Coquetterie, iſt ſchwer zu ſagen. ſehlt unſe Soviel aber ſtand von ihr feſt, daß ſie ſonſt wirklich demithign nicht zu den guten lieben Frauennaturen gehörte, die, der Glan wie z. B. die edle Anna von Harder that, die liche g⸗ Schweſter Paulinens, in einer Geſellſchaft immer gerade den Beſcheidenſten hervorſuchen. Melanie hing fuen ſih ſich an Den, der der Löwe des Cirkels war. Geiſt ir mi beſaß ſie wol genug, um Das herauszufühlen, was 6 ihr geiſtig am meiſten hätte genügen müſſen; aber ihr ſ 5 Herz ſchlug nicht warm genug, um zu ertragen, daß 3 man durch die Beſchäftigung mit einem Beſcheidenen ſelbſt in den Hintergrund tritt. Hier war Herr von Harder der wichtigſte und effectvollſte und ihm wid⸗ gebran mete ſie ſich. Wäre ein berühmter Virtuoſe in die⸗ ſem Augenblicke eingetreten und hätte wieder den Ge⸗ heimrath verdunkelt, ſo würde ſie ſich mit Dieſem friedig vermittelt haben. Sie war ein Schmetterling, der die Stelun Sonne und die leuchtenden Blumen liebt. wonie Man ſprach Viel über Vieles. Die Menſchen ; odet l e Virun Hare ſind nie ſo mechaniſch und willenlos, wie da, wo ſie ſich in ſtarker Anzahl ohne einen Zweck vereinigen. Man glaubt dann in der That unter Weſen zu ſein, die urſprünglich niederer, halbthieriſcher Abſtammung, nur durch eine eingelernte und angewöhnte Ausbil⸗ dung ſich höher aufſchwingen. Man ſpricht um zu ſprechen. Ein Jeder klammert ſich an das Unbedeu⸗ tendſte, um daraus eine Art Friction, die man Ge⸗ ſelligkeit, Geſprächigkeit nennt, hervorzubringen. Man ergreift Strohhalme und raiſonnirt über ſie, wie über die Achſe der Erde. Iſt eine ſolche Geſellſchaft vor⸗ über, ſo kriecht Jeder wieder in das Schneckenhaus ſeines Intereſſes zurück, bleibt Dem Feind, den er ſcheinbar heute als Freund begrüßt hat, und ſpinnt die wahren geheimen Fäden ſeines Daſeins und Cha⸗ rakters ſo fort, wie er ſie einmal anlegte, um ſich durch das Labyrinth des Lebens führen zu laſſen. Man bedauerte die Mühe, die der Intendant mit dem Transport des fürſtlichen Mobiliars hätte. Für welches Schloß, fragte der Commerzienrath, iſt dieſe Einrichtung beſtimmt? Mein allergnädigſter König, antwortete der Be⸗ fragte, haben darüber noch nichts befohlen. Mit dieſer kurzen Erwiderung war eigentlich dies Thema abgeſchnitten. Allein Stromer, der ſich ſeit a, wo ſe ereinigen. zu ſein, ammung, e Ausbil⸗ ht un zu Unbedeu⸗ man Ge⸗ en. Man wie üher haft vor⸗ eckenhaus , den el nd ſyinn und bho⸗ „m ſi laſſen. ndant mit itte. mientith det B⸗ lich i ſich ſ 341 einigen Tagen wieder in jener feurigen, vulkaniſchen Stimmung befand, brach bei dieſer Veranlaſſung durch und ſprach folgendes Bedeutungsvolle: Wenn nur Alles zuſammenbleibt! Wenn nur Keins vom Andern getrennt wird! Das iſt ja ein Leben, ein ganzes Daſein, was in einem ſolchen durch Jahre hindurch geſammelten Hausrath liegt! Man würde ja hier einer Blume die Staubfäden entreißen und ſie für echt und vollkommen nicht mehr auszugeben wagen dürfen, wenn man dieſer Einrichtung irgend etwas entzöge oder ſie wol gar theilte! Ja, ich gehe ſo⸗ weit, daß ich das Verwehen des Staubes, des Duf⸗ tes beklage, den ſolche gewohnte Spuren eines be⸗ deutenden Lebens— und ein ſolches hat mit der Fürſtin ausgeathmet— zuletzt annehmen! Wie ſtand da nicht Eines neben dem Andern in gewohnter Symmetrie! Das Bild des Heilandes prangte in einem geöffneten Flügelſchrank von ausgelegter alt⸗ deutſcher Arbeit. Immer ſchmückten Blumen dieſe der Fürſtin heilige Stätte. Wie oft betrachtete ſie die Häupter der Blumen, die ſich hier ſo ſanft, ſo allmälig neigten, immer matter, immer matter, und zu den Füßen des Erlöſers allmälig welkten, ſowie er. Es ſind Das da Kronen, ſagte ſie mir einmal, Dia⸗ deme ſind's und Ritterhelme, die ſo vergänglich vor 342 dem Herrn und König der Welt verſinken. Und ſie duldete nicht immer täglich friſche Blumen, ſie wollte erſt die alten ſterben, vergehen ſehen, todt und geknickt, wie der Erlöſer. Sie war ſo ſinnig, die liebe Frau in ihrer ſtillen Schwärmerei! Und wenn wir auch durch ihren Tod hier Alle, die wir ſie umgaben, wie von einem ſchweren Traume befreit ſind, der unſere Sinne gefangen nahm und uns zu ſehr, zu ſehr von der üblichen Ordnung des Lebens abzog, ſo iſt ihr doch nur das Lob der edelſten Eigenſchaften nachzu⸗ ſagen, und wenn ich wagen könnte, durch Ew. Ex⸗ cellenz Mund zu unſerer zartfühlenden Landesmutter zu ſprechen, ſo würd' ich bitten: Laſſen Sie dieſe ſinnige Einrichtung beieinander! Stellen Sie dieſe Schränke, dieſe Tiſche, Stühle mit den vielen Anden⸗ ken der Liebe, den geſtickten, von frommwirkenden Vereinen ihr gewidmeten Kiſſen, den eingerahmten Blumenſtücken, den gußeiſernen, bronzenen, elfenbei⸗ nernen kleinen Nippſachen, die treffend gewählte Bibliothek und beſonders die werthvollen Bilder, die das Beſte in Stichen wiedergeben, was Overbeck, Wach, Veit geleiſtet haben, der Gemälde nicht zu ge⸗ denken, von denen einige Originale ſind und keinen vorübergehenden Werth anſprechen dürfen, ſtellen Sie alles Das in irgend einem Landſitze des erhabenen ſti Und ſie ſie wolle d geknick iebe Frau wir auch aben, wie er unſer ſeht von ſo iſ ihr nachzu⸗ Cw. Er desmutter Sie diſſ Sie dieſ en Anden⸗ wirkenden erahmien elfenbe gewähl ldet, d Oyerbli ht zu 9 nd keine len 5 erhabe 343 Königspaares auf! Man bewahrt auf dieſe Art ein Gemeinſchaftliches, das mir vorkommt wie ein wan⸗ delbarer, fernwirkender, geheimnißreicher, elektriſcher Leiter. Aus der Liebe geboren, weckt es Liebe. Ich bin gewiß, Niemand wird dieſe drei Zimmer der Für⸗ ſtin, ſelbſt wenn ſie, wie weiland die heilige Krippe von Bethlehem nach Loretto, anderswohin überſiedelt würden, ohne innerlichſte, tiefſte Anregung betreten und von dem Odem unergriffen bleiben, der früher in ihnen wehte. So ſprach Guido Stromer, den wir bei dieſer Gelegenheit ſchon vollſtändiger kennen lernen. Als er dieſe Worte, die faſt eine Rede waren, geendet hatte, blickten natürlich Aller Augen zum Intendan⸗ ten und erwarteten von ihm eine Erwiderung. Guido Stromer hatte einen Wunſch vom Herzen geſchüttet, der etwas Feierliches hatte. Der Geheimrath reprä⸗ ſentirte in dem Augenblicke. Die Einzige jedoch, die den gewaltigen Widerſpruch einer ſo beredt vorgetra⸗ genen geiſtvollen Bitte und eines ſo unglaublich be⸗ ſchränkten Kopfes, wie Henning von Harder, ſogleich ganz überſah und nachfühlte, war vielleicht nur Me⸗ lanie's Mutter. Melanie hatte für lange Peroratio⸗ nen überhaupt keinen Sinn. Hannchen Schlurck aber, die Mutter, überdachte in ihrer üblichen trockenen 344 Weiſe dieſe Situation ganz kurz und ſprach ihr Re⸗ ſultat leiſe zur Frau von Reichmeyer, die in ihrer Nähe ſaß, mit den Worten aus: Was nutzt der Kuh Muskate! Herr von Harder ſchwieg nämlich ganz und nickte nur, ſtatt aller Antwort. Er nannte ſonſt, von ſeiner Gattin unbelauſcht, Aeußerungen, wie ſie der Pfarrer hier vorgetragen hatte,„ſchwülſtig“ und verwies auch ihre Beantwortung meiſt an ſeine Frau, die ein Or⸗ gan dafür hatte. Er belächelte Alles, was ihm zu ſchwunghaft auftrat. Wußte er doch von ſeiner Gat⸗ tin, wie künſtlich oft die Schwingen erſt angebunden werden müſſen, mit denen die großen Geiſter vorge⸗ ben, natürlich zu fliegen.. Melanie übernahm es daher, das Geſpräch fort⸗ zuführen. Ich wäre gerade im Gegentheil dafür, ſagte ſie, daß eine ſo werthvolle Einrichtung ganz getheilt und überallhin zerſtreut würde. Gehet hin in alle Welt und lehrt und prediget! Das kann man auch dieſen kleinen Herrlichkeiten der frommen Fürſtin zurufen. Da kommt ein Briefbeſchwerer Dem wieder vor Au⸗ gen, deſſen Briefe oft darunterlagen, eine kleine Stickerei Dem, der dazu Subſcriptionen ſammelte, und wenn ſich dann in Allem, wie Sie verſichern, Hen ſoha den wie von füſt ihr Re in ihrer und nickte on ſeinet Pfarrer wies auch ein On⸗ ihm zu ner Gat⸗ gebunden er vorg⸗ räch fort⸗ ſagte ſi, heilt un le Vel ch dieſen zunſ vr A ne ke ſannil erſichen 345 Herr Pfarrer, jenes gewiſſe Parfüm, der ſchöne Duft der Liebe und Andacht wiederfindet, ſo wirkt Das ſogar noch Wunder. Es macht Proſelyten, bekehrt Hei⸗ den. Es gewinnt, ohne daß ein ſtarres Herz es ahnt, wie ich immer, wenn ich bei der unglücklichen Anna von Harder in Tempelheide die Windharfe im Parke flüſtern und klagen höre, von Gefühlen bewegt bin, die ich ſelbſt nicht habe, mir aber aus Andern herausdenke. Man fand auch dieſe Auffaſſung charmant. Der Geheimrath lächelte wieder und dachte bei ſich, wozu dieſe Reden alle! Ich halte mich an den Buchſtaben meiner Inſtruction! Was kann ich von meiner ſen⸗ timentalen Schwägerin Anna und ihrer Windharfe im Dienſte meines Monarchen brauchen? Stromer aber drohte der Sprecherin mit dem Fin⸗ ger und mit blitzenden eraltirten Augen. Zu weltlich! zu weltlich! ſagte er. Aber Sie mö⸗ gen in Ihrem Sinn Recht haben! Ich wollte nur in dem meiner verſtorbenen Gönnerin mich ausſprechen. Wenn man ſo viele Beweiſe der Huld empfing, wie die Fürſtin mir zutheilwerden ließ, ſo iſt man ver⸗ pflichtet, das Gedächtniß der Spenderin in ihrem Geiſte aufrechtzuerhalten. Ach! Ich fühle wohl, wie mit den Menſchen auch die Gedanken ſterben, die ſie zu verwirklichen ſchienen. Ich bin jetzt über zwölf 346 Jahre in dieſem Orte und habe zehn Jahre lang täg⸗ lich mindeſtens einige Stunden hier oben zugebracht. Die Fürſtin war von einer bewundernswürdigen Of⸗ fenheit und fand eigentlich eine Art von Genugthuung darin, ſich durch Aufrichtigkeit zu demüthigen. Sie geſtand jede Unwiſſenheit ein. Sie hatte, ich darf es ſo nennen, ein katholiſches Princip, das ich natürlich nicht ganz billigte. War ſie von irgend einem Ge⸗ genſtande lebhaft erfreut, ſo ſchenkte ſie ihn ſogleich weg. Sie wollte ihr Herz an nichts hängen, außer an die Betrachtung des Ewigen. So gern hätte ſie die allgemeine Beichte unſerer Kirche in eine Ohren⸗ beichte verwandelt und ſich über jeden Fehler um⸗ ſtändlich und unter Thränen ausgeſprochen. Denn erſt dadurch, ſagte ſie oft, kommt mir die Erleichte⸗ rung von dem Druck, daß ein Anderer ganz weiß, was ich that. Was ſind Sünden, die man nicht be⸗ kennt! Sie ſchrieb viel, zerriß es wieder, ließ aber auch Manches ſtehen. Ich warnte ſie oft vor der Gefahr, die mit dem Buchſtaben verbunden iſt, aber es erleichterte ſie, ſich ſchriftlich auszuſprechen. Einige ſolcher Betrachtungen hab' ich ja als Manuſcript für Freunde ſpäter drucken laſſen. Sie gefielen natürlich nur da, wo man die rechte Stimmung mitbrachte. Jetzt freilich würd' ich mich weniger ſo ganz darin re lang tü zugebrac iwigen D enugthuun higen. Si ich dufe ch natüri einen Ge ihn ſogleit gen, außt n hätte ſ in Ohr Fehler u hen De e Erleich ganz we An nicht ließ a ft vol n iſt, ſ. en. Ei nuſtript n na nitbral 347 verlieren, da die perſönliche Beziehung fehlt und nur für das Perſönliche ſprech' ich ja. Melanie's Mutter, um der drückenden und all. perſönlichen Vortragsweiſe Stromer's einen Damm zu ſetzen, ſagte mit angenehmem Lächeln offen und ehrlich: Ja, ja, Herr Pfarrer, tragen Sie nur jetzt den Kopf ein bischen mehr nach oben und laſſen Sie die alten Zeiten ruhen! Es ſind nun Leute in dies Schloß gekommen, böſe, böſe Leute, die ſich gern freuen, daß es in der Welt hübſch munter und luſtig hergeht. Wer nach uns einzieht, kann man freilich nicht wiſ⸗ ſen. Aber wer's auch ſei, Herr Pfarrer, bleiben Sie nur jetzt bei unſerm Glauben. Wollen Sie Das? Immer! Wiſſen Sie, es hält oben, und einmal lebt man nur. Das iſt zwar Alles recht dumm geredet, aber geſund iſt's, darauf verlaſſen Sie ſich, und Ihre liebe Frau blinkt mir ſchon zu und meint: Juſtizräthin, da treffen Sie, was ich ſeit zwölf Jahren dachte. Nicht wahr? Alles lachte über dieſes derbe, ehrliche Votum. Melanie ſprang auf, die Mutter zu umarmen. Du biſt köſtlich, Mama! ſagte ſie; ja baue du die Brücke, auf der der Herr Pfarrer wieder ins Leben zurückkehrt. Ein ſo junger liebenswürdiger Mann! Ich ſage Das, Frau Pfarrerin, Ihnen zum Trotz! Ich ſollte nur hier wohnen und eine Zeitlang die Für⸗ ſtin von Hohenberg ſpielen dürfen! Wie wollt' ich die Fenſter aufreißen und Luft hereinlaſſen! Wie wollt' ich in die Hütten gehen, wo früher für die Heiden geſponnen und genäht wurde, und die Leute lehren, auch noch an viel ſchlimmern Menſchen Geld zu ver⸗ dienen! Und dann käme Excellenz und zauberten uns hier einen ſeiner ſchönen Gärten wie in Buchau oder Solitude, wo die herrlichen Fontainen ſpringen, die Waſſerfälle rauſchen und die Schwäne auf den Tei⸗ chen ſchwimmen... Eines Inſpectors Mangold, der des Geheimraths rechte Hand war und nach engliſchen Studien alle dieſe Verſchönerungen angegeben und lenkte, wurde dabei natürlich nicht gedacht... Habe zwei neue Schwäne kommen laſſen— ſagte der Intendant— aus Island— diplomatiſche Ver⸗ mittelung mit Dänemark— ſeltene Race— ſehr ele⸗ gante Thiere— allerliebſt! Ich kenne ſie ja, ſagte Melanie. Im Atelier des Profeſſors Berg wurden ſie copirt zu einem reizenden Ledabilde, das Heinrichſon entwirft... Heinrichſon— ganz recht! fiel der Intendant ein. Meine Frau protegirt Heinrichſon und hat mich ver⸗ anlaß Ilan prech Nmk omiſ Hand tichſe nur k wurd 4 ſpot iech rüh lein die brg zum Tuoh ng die ßů wolit it Vie voll die Heide ute lehte eld zu ve berten un uchau od ingen, d den T ſheimtu tudien 0 fte, wi n— ſul iſce V ſehrt Ateliet“ n rien ndon“ anlaßt, ihm die beiden isländiſchen Schwäne aus Island kommen zu laſſen, wollt' ich ſagen, zu ver⸗ ſprechen, daß ſie.. ich meine, daß ſie ihm aus dem königlichen Ankauf geliehen wurden.. Das mehrfache Verſprechen war für Diejenigen komiſch, die da wußten, daß Frau Geheimräthin von Harder für den ſchönen und eleganten Maler Hein⸗ richſon wol noch größere Opfer gebracht hätte, als nur eine Veranlaſſung, daß zwei ſchöne wilde Schwäne vom König für ihre Privatintereſſen angekauft wurden... Laſally kannte dies Verhältniß und wollte ſich einige ſpottende Bemerkungen darüber erlauben. Doch un⸗ terbrach ihn Melanie: Heinrichſon war von dieſer Aufmerkſamkeit ſo ge⸗ rührt, daß er auch der Freundin der Geheimräthin, Frau von Trompetta, verſprochen hat, ein Blatt für ihr Gethſemane zu malen. Bitte, ſagte der Geheimrath ſcherzend, bitte Fräu⸗ lein Melanie, nicht der Frau von Trompetta, ſondern mir, mir direct hat er es verſprochen. Ich hab' ihm die beiden Schwäne, feſtgebunden natürlich, ſelbſt ge⸗ bracht, wie ſie vom Schiff kamen und war dabei, als er ſie zeichnete... Sie waren ſchrecklich wild.. Ganz Recht, fuhr Melanie lachend fort, aber Frau 350 von Trompetta ſtand doch während dem Acte hinter einer ſpaniſchen Wand— Ofenſchirm, verbeſſerte der Geheimrath. Gut, Ofenſchirm... und gedeckt von dieſem Sitt⸗ lichkeitsfächer unterhandelte Frau von Trompetta mit Heinrichſon über das Gethſemane und ſchrie entſetzlich über die böſen Schwäne und verwünſchte die frivole Malerkunſt und eine große hölzerne Puppe.... Melanie konnte vor Lachen nicht weiter. Ja, ſagte der Geheimrath, ganz Recht! Die große hölzerne Puppe ſollte nämlich den Moment bezeichnen, wo die Lady von den Schwänen beängſtigt wird. Die Puppe ſtellte die Lady vor— Die Leda, corrigirte Melanie— Leda, Excellenz! Ganz Recht! Die Puppe war die Lady und der Schwan, nicht wahr? Der Schwan war eine ver⸗ kleidete Gottheit.... Jupiter! rief Melanie, während alle Die, die ein wenig Mythologie verſtanden, ſich auf die Lippen biſſen und die Uebrigen geſpannt zuhorchten.... Ganz Recht, Jupiter... in einem Traveſtiſſe⸗ ment... es iſt nur eine Maskerade... und mein Franz hielt den einen isländiſchen Schwan ſo feſt an den Flügeln, daß das wilde grimmige Thier furcht⸗ bar tobte und mit den Flügeln ausſchlug.... Acte hin ieſen Sit mpetta m e entſezlit die frivo Die groß hezeichnen ſügt wild Eycellen eine vel ie, de ie Lpp Lraveſit und ſo fet jer furc 351 Und Frau von Trompetta hinter dem Ofenſchirme ſchrie— erzählte Melanie unter fortwährendem La⸗ chen— ſchrie, als ſtäke ſie am Spieß und rief: Ercellenz, er beißt! er beißt! Er biß auch, ſagte der Geheimrath. Bei Gott! Er hat Franzen gebiſſen.. ſchickte deshalb in die Thierarzneiſchule.. beinahe hätte ja das wilde Thier die ganze hölzerne Lady in Grund und Boden zer⸗ treten. Leda! Leda! Ercellenz; eine allerliebſte Nymphe ſus dem Alterthum— berichtigte Melanie. Enhn, ſchloß Baron von Harder, der ſehr ange⸗ nehm ins Feuer gerieth, enfin, Frau von Trompetta ſtel über dieſe antike Scenerie in Ohnmacht, und meine Frau, die ja dabeiſtand, wußte nicht, womit wir ſie anders tröſten ſollten, als... Ich zeichnete im Nebenzimmer, unterbrach Mela⸗ nie, und beobachtete den ganzen Vorfall. Die geiſt⸗ wiche Frau Geheimräthin ſchalt Frau von Trompetta it einem kaum unterdrückten Zornausbruch kindiſch und ſagte vor allen Malern: O, ſchämen Sie ſich, Trompetta. Sie fürchten ſich vor Schwänen und rden den ganzen Tag vom Schwanenorden! Das ſigte ſie und fügte hinzu: Das iſt nun da ein Schwan, en echter isländiſcher! Und nun machen Sie den 352 von Harder, ich hielt dieſe Vorwürfe fuͤr ungerecht. Ich glaube, Frau von Trompetta fiel in Ohnmacht nicht über das Beißen der Thiere, ſondern über das Sujet des Herrn Heinrichſon, über die Puppe, über die Idee des Ganzen. Heinrichſon zeichnete lachend und freute ſich, je wilder und toller ſich das abſcheu⸗ liche Thier gebehrdete.... Die Schwäne machten Aufſehen, fuhr Herr von Harder fort. Man wollte ſie ſehen, alle Freundinnen meiner Frau wohnten den Wiederholungen der Action bei, und Frau von Trompetta... denken Sie ſich, Frau von Trompetta gewöhnte ſich an das Schau⸗ ſpiel und hatte ſpäter ſelbſt darum gebeten, noch ein⸗ mal dabei ſein zu können, falls ſie von der Eſtrade in dem Atelier aus zuſehen dürfte. Aber wie geſagt, das erſte mal, aus Furcht, gebiſſen zu werden, fiel ſie in Ohnmacht, ſodaß meine Frau nichts Anderes wußte, ſie wieder ins Leben zurückzurufen, als daß Heinrichſon— ein berühmter Maler, ſehr ausgezeich⸗ neter Künſtler und Weltmann— verſprach, meiner Frau zu Gefallen und aus Dank für die königlichen Schwäne ihr nun auch ein ſchönes Blatt für das Gethſemane zu machen. 2h! ſagte man allgemein, von der Anekdote vor⸗ Lärm! Aber, bei aller Achtung vor der Geheimräthin Heheimrätht ir ungerch n Dhnmach m über das Puppe, übe hnete lachen das abſche hr Herr vo Freundinne der Actin en Eie ſit das Schu n, noch ei der Eſmn wie geſu werden, f hts Andel n, als d ausy ach, m e köng ait fin neho trefflich unterhalten. Alle lachten, ſelbſt Frau Pfan⸗ nenſtiel. Nur Einem ſchien dieſes Durcheinander von Lachen, Erzählen und Fragen im höchſten Grad un⸗ heimlich, dem Pfarrer Guido Stromer. Die Aus⸗ drücke: Maler, Schwan, Schwanenorden, Leda, So⸗ litude, Gethſemane— gingen ſo bunt an ſeinem Ohr übereinander weg, daß ihm ſchwindelte. Aber die heilige Entrüſtung, die er ſonſt bei einer Erzählung würde gefühlt haben, die ſo ganz und gar nicht in die alten Erinnerungen dieſer Räume paßte, überkam ihn zu ſeinem eigenen Staunen nicht mehr. Zu lachen vermochte er freilich nicht. Fehlten ihm doch die Ver⸗ bindungsfäden näherer Bekanntſchaft mit den Per⸗ ſonen und die genauern Details. Aber es war da Etwas in ihm von eigenthümlichen Jugenderinnerun⸗ gen, die ihn ergriffen und ihn wonnig überrieſelten. Er gedachte, ſo im Stillen grübelnd, der Zeiten, wo er noch in akademiſchen Jahren den Trieb hatte, bei einem berühmten Archäologen Kunſtgeſchichte zu hö⸗ ren, wo er noch mit aufmerkſamer, herzinniger Be⸗ trachtung durch die Säle einer Kunſtausſtellung ſchrei⸗ ten und marmorne Geſtalten mit Profeſſor Tholuck, den er in Halle ſpäter hörte, noch nicht Götzenbilder nannte! Er ſtrich ſich nachdenkend über die Augen, er, der außer Melanie der Einzige war, der was Die Ritter vom Geiſte. I. 23 354 Genaueres von der Mythe der Leda, die die Unwiſſen⸗ heit des Intendanten mit einer Lady verwechſelt hatte, verſtand und dieſe Mythe zu deuten wußte. Als nach dem Lachen eine Pauſe eingetreten war und Alles nun zu ihm, dem heiligen ſchweigenden Manne, mit einer gewiſſen Befangenheit hinblickte, ſagte er mit ſehr leiſer Stimme: Ich wollte mir nur die einfache Frage erlauben, was es mit dem vorhin mehrerwähnten Gethſemane der Frau von Trompetta für eine Bewandtniß hat? Melanie erklärte es ihm, indem ſie noch einige Entdeckungen über die Art, wie Frau von Trompetta ihr Album zu ſammeln und einer gewiſſen geräuſch⸗ vollen Wohlthätigkeit zu widmen verſtand, zu erzäh⸗ len wußte. So! ſo! war Stromer's ganze Antwort. Er ver⸗ ſank in ein ſtilles Nachdenken und ſpann Betrachtun⸗ gen für ſich aus, die ihn auch auf die große Aehn⸗ lichkeit führten, die zwiſchen einer von ihm einſt be⸗ wunderten Leda der dresdener Galerie und der rei⸗ zenden Melanie beſtand. Er blickte nieder, brütend, abweſend und nur unheimlich ſchoß ſein Auge zu⸗ weilen einen Blick empor, der forſchend über die Ver⸗ ſammlung glitt. Er überdachte einen andern Ent⸗ wickelungsweg, den er hätte zurücklegen können, wenn me ſte LU in Unwifſn hſelt hatte As nach Alles nun mit eine nit ſeht e erlauben ethſemane iniß hatt och einig Tromett in eii t. Er vel Betrachtun roße Nh neinſt b d der ¹ brite Auge et die 5 ndern 6 men, — die hohe Frau, die ihn an den Pietismus, an ſein einfaches Weib, an ſeine fünf Kinder und dieſe Dorf⸗ pfarre feſſelte, nicht eine Fürſtin geweſen wäre.... Nachdem ſich, wie immer, wenn ein Gegenſtand erſchöpft iſt, um den Theetiſch eine gewiſſe Stille ein⸗ geſtellt hatte und Henning von Harder noch in dem Gefühl, durch intereſſante Entdeckungen eine ganze, wenn auch ſeiner nicht würdige Geſellſchaft angeregt zu haben, ſich wiegte, verſuchte nun auch der Com⸗ merzienrath von Reichmeyer ſich geltendzumachen. Er ſtellte ſeine Theetaſſe auf den runden Tiſch, auf dem inzwiſchen ſchon die große Lampe aufgetragen wurde, räuſperte ſich und bemerkte: Soeben las ich in der Zeitung die Ankunft des Prinzen Egon von Paris. Wer kennt den Prinzen Egon? fragte Melanie mit einiger Lebhaftigkeit, ohne jedoch aufzuhören, ſich in einem Fauteuil lang auszuſtrecken und dabei ſorglos und faſt abgeſpannt mit einem Fächer von Marabout⸗ federn zu ſpielen. Als Alles ſchwieg, richtete ſie ihren Blick auf den Intendanten und ſagte: Sie vielleicht, Ercellenz? Ich habe nicht die Ehre, Se. Durchlaucht zu kennen, bemerkte Herr von Harder. 23* Commerzienrath von Reichmeyer theilte daher mit, was er wußte. Der Prinz, ſagte er, kann jetzt etwas über ſechs⸗ undzwanzig Jahre alt ſein. Er wurde von ſeinem zwölften Jahre in Genf erzogen, kam achtzehn Jahre alt nach Deutſchland zurück, um jedoch ſogleich die Univerſitäten von Bonn und Heidelberg zu beſuchen. Er verſuchte dann ein Jahr in der Nähe ſeiner Familie zu leben, war aber ſo wenig mit den Marimen ſeines Herrn Vaters in Einklang zu bringen, daß er Deutſch⸗ land wieder verließ, nach der Schweiz zurückkehrte und auf Reiſen theils in Frankreich, theils in Eng⸗ land zubrachte. Eben im Begriff nach Nordamerika ſich einzuſchiffen, traf ihn die Kunde vom Tode des Generalfeldmarſchalls. Mit der beſtimmten Erklä⸗ rung, ſich den Antritt ſeines überſchuldeten Vermö⸗ gens noch vorzubehalten, einer Erklärung, die er an die Curatoren der Maſſe vorausſchickte, iſt er nun zurückgekehrt; indeſſen hoffen wir Alle, daß er ſich von dieſem Entſchluſſe abbringen läßt und durch weiſe Sparſamkeit von den Beſitzungen, die einmal ſeinen Namen tragen, ſoviel rettet, als noch zu retten iſt. Melanie nannte Das geſchäftliche Aeußerlichkeiten. Sie wollte Anderes von dem Prinzen Egon hören. dahet mit übet ſechs⸗ von ſeinem tehn Juhre ſogleich die zu beſuchen. iner anili imen ſeines er Deutſch⸗ zurücktehrt ls in Eng⸗ ſordamerik n Tode des nten Gilli en Vem die er in it er m aß er ſi und dur die einn 3 noch! jelichi gon h 357 Wie ſein Aeußeres wäre, ſein Wuchs, die Farbe ſeiner Haare, ſein Weſen und Benehmen.... Nach Allem, was man hier und da von dem Prinzen erfahren hat, ſagte ſie mit trockenem ironi— ſchem Humor, muß man wol darauf rechnen, in ihm eine große Aehnlichkeit mit Sr. Excellenz zu finden. Dieſe Bemerkung fiel natürlich allgemein auf. Wie ſo? In der That? Mit Ercellenz? Da wir nicht hoffen können, fuhr der Schalt fort, daß der Prinz mit meinem guten Vater, den er zu haſſen ſcheint, weil er ſein Herz nicht kennt, verkehrt, ſo bleibt uns nichts übrig als uns an Diejenigen zu halten, die ihm ähnlich ſehen. Man rühmte mir ſchon oft den eleganten Fuß und die kleine weiße Hand des Fürſten.... Ueber dieſe Spitzbüberei brummte die Mutter etwas erſchrocken vor ſich hin und Alle fühlten, daß Melanie die Geſellſchaft auf Koſten eines Mannes, der den Spott nicht merkte, unterhalten wollte. Harder er⸗ röthete, er wurde unruhig. Er rückte mit dem Stuhl und ſchien plötzlich ſprachunfähig. Auch Eugen Laſally erſchrak. Er ſchien an Me⸗ lanie's Komödienſtreichen keinen Gefallen zu finden und drückte Dies genugſam durch die Schärfe des Tones aus, mit dem er das Wort ergriff und ſagte: 358 Prinz Egon gilt unter den Leuten, die ihn kennen, für einen halben Gelehrten. Manche ſeiner Univer⸗ ſitätsfreunde nennen ihn überſtudirt. Er ſoll erſt die Rechte getrieben haben, jetzt aber ein Narr ſein. Man ſagt, er hat drei Handwerke, Tiſchler, Schloſſer und noch eins gelernt, ich weiß nicht, Horndrechsler, Fri⸗ ſeur, Kammmacher oder welches andre ſolide Metier! Während jetzt beſonders Herr und Frau von Zeiſel über dieſe Aeußerung eines kecken jungen Fremdlings erſchraken, beſtand Melanie ſogleich darauf, dieſe dritte Profeſſion müßte die Kammacherei ſein.... Das Haar iſt die ſchönſte Zierde des Menſchen, rief ſie. Ob ein Haar ſich gefällig lockt oder ſchlicht am Scheitel fällt, ob es die Stirn bedeckt oder ihre Fläche frei erglänzen läßt, immer iſt es der lebendigſte Sprecher für den Charakter, der in dem Kopf unter ihm ſchlummert. Kammmacher, nicht wahr, Excellenz? Herrn von Harder war dieſe Bemerkung allein gewidmet. Sie galt ſeinem Haar. Aber, im Hauſe des Gehenkten iſt nicht gut von Stricken reden. Der Blick auf ſeine pariſer Bagno⸗Perrücke, die Franz, ſein Bedienter, wie das natürlichſte Haar zu kräuſeln verſtand, erſchreckte ihn doch. Es war ihm daher nur erwünſcht, daß man vom Scherz auf Ernſtes zurück⸗ lenkte... ihn kennen iner Univer ſoll erſt di ſein. Man chloſſer und echöler, Fr lide Metie m von Zei Frendlin ieſe drit 3 Menſche oder ſchit t oder it r lebendig Kopf un , Eteellen rkung ali in Ho reden. die F zu kräll ndahe nfts in 359 Wir lachen, ſagte der innerlich etwas entrüſtete Juſtizdirector von Zeiſel mit beklommener Stimme, wir lachen über die wunderlichen Sagen, die man ſich von Sr. Durchlaucht, meinem gnädigſten Prinzen Egon erzählt. Soviel ſteht allerdings feſt, daß Prinz Egon ein.. ein.. ein ſehr unglücklicher junger Mann iſt. Denn erlauben Sie die Bemerkung... denn denken Sie ſich eine Jugend, die allerdings nicht behaglicher, angenehmer ſein konnte, als noch die reichen Mittel des Vaters, ich ſage, als dieſe noch... noch beiſammen waren. Aber ſchon im genfer Pen⸗ ſionat muß er gefühlt haben, wieviel... ſozuſagen... wieviel Störungen in dem Hausweſen ſeiner Aeltern eintraten. Als er, es war gerade Winter und die Fürſtin in der Reſidenz, von Genf zurückkam.. ent⸗ deckte er ohne Zweifel die gewaltige, wie ſoll ich's nennen? allerdings.. die Zerrüttung des ſchon lange geſtörten... oder iſt Das zuviel geſagt? nein! allerdings— des geſtörten häuslichen Friedens zwi⸗ ſchen den beiden hohen Perſonen. Wir ſahen ihn hier gar nicht. Er bezog ſogleich im nächſten Früh⸗ jahr die Univerſität. Nach ſeinen akademiſchen Stu⸗ dien lebte er mit ſeiner Mutter einige Wochen auf den Gütern der Familie, über die ſie damals noch.. hm! hm! ja noch! im obern Gebirge frei.. 360 ja allerdings— frei zu ſchalten hatte. Dann iſt er, wie ganz richtig erzählt wurde, ſozuſagen verſchollen, und was man von ihm erfuhr, war in der That ein wunderbares Durcheinander der ſeltſamſten Dinge, die er, wie man erzählt— hml hm! treiben, wenn man dieſen Ausdruck brauchen darf— treiben ſoll und unter Anderm allerdings auch die Nachricht über ſeinen Entſchluß, ſich.. wie ſoll ich's nur nennen? ja allerdings... ſozuſagen, ſich mechaniſche Fertig⸗ keiten anzueignen. Und niemals war er in Hohenberg? fragte man, nach dieſer höchſt discreten Rede eines taktvollen und feinfühlenden Beamten, allgemein erſtaunt und ſah dabei auf Guido Stromer, der noch immer abweſend und wie in Träumen verloren ſchien. Herr Pfarrer! Herr Pfarrer! hieß es, wo wa⸗ ren Sie? Ei! ich wette, ſagte Melanie, Sie ſind noch immer bei der Scene mit dem Maler Heinrichſon. Ja! Jal Sie überlegten, wieviel Genuß Ihrer verſtorbenen Freun⸗ din, der Frau Fürſtin, die Bekanntſchaft mit dem Album der Frau von Trompetta verſchafft haben würde. Guido Stromer war allerdings noch bei jener Scene, aber im völlig andern Sinne. Dennoch ſam⸗ melte er ſich und ſagte: ann iſt er verſchollen et That ein ten Dinge, iben, wenn treiben ſoll chricht übe ur nennen! ſche Fertig tagte man, wollen un nt und ſch rabweſen wo wl roch inn Ja J nen Frein e Abn ürde. bei jn moch ſu 361 Ich leugne nicht, daß ich das Vertrauen der Fürſtin in ſeltenem Grade beſaß, und überlegte bei mir im Stillen, wie ſie wol eine ſo erpreßte Wohl⸗ thätigkeit, von der Fräulein Melanie erzählte, beur⸗ theilt haben würde. In ihrem Geiſte ſagte ich mir: Wenn der Künſtler ſoll mit Gewalt gezwungen wer⸗ den, in das Gethſemane einen Beitrag zu ſtiften, ſo iſt ja in der That dieſes Album recht ein Thränen⸗ garten, wie der Name bedeutet, und Judas der Ver⸗ räther lauert ja mit dem falſchen Kuß der Liebe an ſeinem Eingang. Frau von Trompetta gleicht da dem heiligen Crispinus, der den Reichen das Leder ſtahl, um den Armen daraus Schuhe zu machen. Nimmermehr würde die ſelige Fürſtin eine ſolche Un⸗ ternehmung, etwa durch Uebernahme von Looſen, unterſtützt haben. Denn es liegt doch wol kein Segen in Dem, was nicht aus reiner Quelle ſießi Nun, Herr Pfarrer, meinte Herr von Reichmeyer, der erſt ſeit ſeinem letzten Knaben Chriſt war, wenn das Album mit zweihundert Louisdors verkauft wird und der Betrag, ich will einmal ſagen, an das Wai⸗ ſenhaus käme, um den Kindern daraus warme Jacken nzuſchäffen; die Jacken halten ebenſo warm, ob nun das Album zuſammengebetet oder zuſammengebettelt wurde. Stromer horchte auf und betrachtete den witzigen Sprecher mit ernſter Miene. Und gleichſam als wür⸗ digte er ihn keiner Antwort, wich er der weitern De⸗ batte mit den leiſen Worten aus: Irr' ich nicht, ſo hört' ich vorhin den Namen des Prinzen Egon erwähnen? Melanie, die eine unbehagliche Stimmung in der Geſellſchaft nicht wollte aufkommen laſſen, beſtätigte dieſe Bemerkung. Allerdings! ſagte ſie. Er iſt ganz friſch von Paris angekommen. Kennen Sie ihn, Herr Pfarrer? Geiſtig ſehr wohl, ſagte Stromer. Geſehen hab' ich ihn niemals. Er war auch zu Ihrer Zeit nicht in Hohenberg? bemerkte Herr von Zeiſel und fügte bei: Seit meinem Amtswirken wenigſtens iſt er ab⸗ weſend. Doch! doch! lieber Herr Juſtizdirector, erzählte Stromer; Prinz Egon lebte bis in ſein vierzehntes Jahr größtentheils hier in Hohenberg. Mein Amts⸗ vorgänger war damals ſein Erzieher. Später ver⸗ brachte er, nach vollendeten Univerſitätsſtudien einmal acht Tage hier— acht Tage— wo Sie eine Ju⸗ ſpectionsreiſe machten und ich, entſinnſt du dich, Linchen, lag ja wol krank? den wihig am als win weitem Di Namen de mung ind en, beſtäth h von Par farter? Geſehen hi Hohenb s iſ en tor, eni vierſehl Mein N Spüter dien ie eine nſt du 363 Linchen, ſeine Frau, nickte. Sie war ſo ſchüch⸗ tern, kaum ein leiſes Ja! zu flüſtern. Als ich wieder vom Krankenlager erſtand, fuhr Stromer fort, erzählte mir die Fürſtin, wie wenig ſie ſich mit ihrem Sohne verſtändigen könne. Beide Ge⸗ müther, in ſo vielen Dingen nahe verwandt, trennten ſich gerade in den wichtigſten Lebensfragen. Sie liebte den Prinzen, ihr einziges Kind, mit einer Leidenſchaft, deren Ausbrüche mich oft in Angſt verſetzten. Nie konnte ſie ſeiner ohne Thränen gedenken. Wenn ſie einen Brief von ihm empfing, klopfte ihr das Herz mit hörbaren Schlägen. Sie ſchluchzte, indem ſie ihn las, und geſtand mir, daß ſie ſich durch dies Kind oft unglücklicher fühle, als ſelbſt ein Mutterherz tragen könne. Rudhart, mein Amtsvorgänger, hatte dem Prinzen die erſten Grundlagen ſeiner Bildung gege⸗ ben. Es war Dies ein ſtrenger, unfreundlicher Mann, der in der Religion nur eine gegenſeitige Uebereinkunft der Menſchen ſah, ſich nicht zu morden und zu be⸗ ſtehlen. Dieſe Uebereinkunft war ihm durch den Lauf der Zeiten ſo oder ſo verbrämt, bunt und willkürlich ausgeſchmückt, ſodaß er Chriſtenthum und Islam in⸗ einanderwarf, wenn nur der äußerſte Zweck einer ge⸗ wiſſen moraliſchen Haltung und Erziehung durch dieſe Religionsformen erzielt wurde Als dieſer Seelſorger, 364 ein ſonſt ſehr achtbarer Mann, unſerer Gemeinde ent⸗ ſagte und zu einer deutſch⸗-ruſſiſchen Familie in Lief⸗ land zog— er ſcheint jetzt verſchollen—, war mit der Fürſtin ſchon längere Zeit jene Veränderung vor⸗ ſichgegangen, die ſie beſtimmte, nicht nur einen Geiſt⸗ lichen der jüngern und neuern Richtung zu wählen, ſondern auch ihren Sohn vorzugsweiſe nach Genf zu ſchicken in die Anſtalt des Profeſſors Monnard, wo ſie gewiß ſein durfte, ihn nach ihren Principien er⸗ zogen zu ſehen. Solange Prinz Egon in dieſem In⸗ ſtitut verweilte, erhielt die Mutter von ihm zwar et⸗ was kalte, aber doch in religiöſer Hinſicht beruhigende Briefe. Man konnte oft zweifeln, ob dieſe Briefe der reine Erguß ſeines Innern oder nur Schulübungen waren. O Gott, rief ſie einſt aus, wenn dieſe Briefe von den Lehrern erſt deshalb geleſen würden, um auch ihren Geiſt ſo zu corrigiren wie die Sprachfehler! Wenn Egon nur aus Furcht, ſeinen Lehrern zu mis⸗ fallen, ſo ſchriebe, wie ich wünſchte, daß es ihm aus innerſter Seele käme! Als ich ſie dann, die treffliche Frau, damit zu beruhigen ſuchte, wie ja Allem, was dereinſt uns innerlich und ureigen werden ſolle, doch wol erſt etwas Aeußerliches und anderswoher Ent⸗ lehntes vorangehen müſſe, antwortete ſie: Wie aber, wenn dies ungern Aufgenommene in Egon's Seele dun emeinde en nilie in Lie —, war mi detung vor⸗ einen Geiſ vihlen, uch Genf h onnard, wo incipien er dieſem In m zwar ei berhigend e Briefe d chulübunge dieſe Brie n um aut prachſchl em zu ni ihm al ie trfli Mem, ſolle, wohet 6 Vie en 365 nicht haften bliebe, ſich nicht in ſein eigenſtes Blut verwandelte und von ſeinem eigenen Bedürfniß nach himmliſcher Stärke ergänzt würde! Leider trafen dieſe Befürchtungen ein. Als Prinz Egon, neunzehn Jahre alt, in der Reſidenz mit der Mutter zuſammentraf und die Univerſität beziehen wollte, ſchrieb ſie mir, wie kalt, ich wiederhole ihre Worte, wie kalt ſie ſein Herz gefunden hätte. Eis, ſagte ſie, gab er mir für die Glut meiner Liebe. Ich ſuchte ſie damals zu tröſten; ich verfiel, ich weiß nicht wie, auf die Wen⸗ dung, daß vielleicht einmal ein großes Unglück ihm heilſam werden könnte. Dieſen Gedanfen hielt ſie, als ſie nach Hohenberg zurückkam, mit auffallender Zähigkeit feſt. Immer wieder kam ſie darauf zurück, daß man nur durch Trübſale und Prüfungen zur Erkenntniß ſeines wahren Heils gelange. Und Wahr⸗ heit, Wahrheit, Wahrheit! rief ſie eines Tages ganz frampfhaft aus und ſank erſchöpft in ihren Seſſel urück. Die zerrütteten Finanzen des Vaters gaben viel Veranlaſſung, dem Prinzen fühlbar zu machen, wie abhängig er doch im Grunde von äußern Um⸗ ſänden und Bedrängniſſen war. Aber der Bruch llieb. Mit dem Vater und der Mutter zerfallen, lebte er auf der Univerſität, ich kann wol ſagen, wild in den Tag hinein, ſchrieb oft in einem halben Jahre — —— —— nur einmal nach Hauſe; dem Vater ohnehin nie. Zuletzt bezog er die Summen, deren er benöthigt war, vom Herrn Juſtizrath Schlurck, der ihm auch den Tod der Mutter, ſpäter den des Vaters anzeigte. In den letzten Wochen vor ihrem Tode hatte die Fürſtin die Freude, auf Anlaß ihrer immer mehr zunehmen⸗ den Krankheit noch einen hingebenden, recht zärtlichen Brief von ihrem Sohne zu erhalten. Sie küßte ihn unter Thränen, ſagte dann aber, ernſt ſich aufrich⸗ tend und auf ein Bild des Erlöſers blickend: Der iſt die Wahrheit und das Leben!— Sie hatte damals noch ihre letzten Kräfte zuſammengerafft, um ihr Teſta⸗ ment, ein längeres Vermächtniß, an ihren Sohn nie⸗ derzuſchreiben. Ob es in die Hände des Vaters ge⸗ kommen; ich weiß es nicht. Sie ſtarb, ich wieder⸗ hole Brigitten's Erzählung, mit dem ſonderbaren Aus⸗ rufe: Das Bild—! Mit dieſen, wahrſcheinlich auf ein Crucifir ſich beziehenden Worten lähmte ein Schlag die Zunge und wenige Augenblicke darauf war ſie verſchieden. Auf jenen letzten Ruf der Fürſtin hin, ergänzte der inzwiſchen leiſe ſchleichend eingetretene Bartuſch die eine feierliche Stille verbreitende Erzählung; auf dieſen Ruf hin hat der Fürſt beim Verkauf des Nach⸗ laſſes ſeiner Gemahlin auch angeordnet... ratl taſt doe Ge den 367 hnehin ni Bartuſch ſtockte, mit einem Blick auf den Geheim⸗ näthigt wan rath, der vom Tode nicht gern erzählen hörte. auch de Was angeordnet? fragte man allgemein. mnigt J Ich vermuthe wenigſtens, ſagte Bartuſch, den Ge⸗ die Firſi heimrath dreiſt firirend; ich vermuthe, daß die letzt⸗ r unehne willige Erklärung des verſtorbenen Fürſten, alle Fa⸗ t ulce nilienbilder auf Hohenberg ſollten dem Sohne über⸗ j ſiht t geben und von dem Verkauf an das königliche Haus ſch aufit uusgeſchloſſen bleiben, auf dieſen letzten Worten ſeiner ( e Dert Gemahlin beruht. atte damal Der Geheimrath machte eine unruhige Bewegung. * tr E Herr von Zeiſel glaubte ihn zu verſtehen und fiel un iht e Schn n raſch ein: 5 O, mein Herr Bartuſch, es iſt dieſe Anordnung 3 Valels vin doch wol nur die ſchuldige Rückſicht eines berühmten wich ich Geſchlechts auf ſeine eigene Ehre oder ſozuſagen.. nu den Glanz ſeines Hauſes. Richt wahr, Eugenie? ſteinich Eugenie, ſeine Gemahlin, beſtätigte dieſe Worte int mit einem kurzen vornehmen: lite dun Allerdings! Sie war eine geborene von Nutzholz⸗Dünkerke. in, eh Nun! Nur ſoviel weiß ich, vertheidigte ſich Bar⸗ ene Bun uſch mit vieler Trockenheit und wollte den ihm von ihun der Juſtizräthin zugeworfenen Wink nicht verſtehen; uf des“ ſoviel weiß ich, die Fürſtin war ohne alles Vermö⸗ — 368 gen. Prinz Egon konnte ein mütterliches Eigenthum nicht beanſpruchen. Die Familienbilder und eine aus der Verwaltung des Schuldenweſens für ihn ſich her⸗ auswerfende Apanage von jährlichen ſechstauſend Thalern bilden in dieſem Augenblick ſeinen ganzen Beſitz. Es wird ihm in Deutſchland nicht lange behagen, zumal wenn es wahr iſt, daß er Bier trinkt, in die Vereine der Handwerker geht, Colonieen ſtiften will und ähnliche Phantaſtereien treibt, mit denen man ſich bei uns höchſtens eine vorübergehende Po⸗ pularität erwirbt, aber die vielen Feinde, die ſich das Haus Hohenberg ſo ſchon zugezogen hat, in den obern Regionen leicht vermehren würde. Frau von Reichmeyer, die es fühlte, daß ſie zu lange geſchwiegen hatte, um nicht für beſchränkt zu gelten, ergriff dieſe Gelegenheit zu der Frage: Woher kommen nur dieſe Feinde? Liebe Schweſter, ſagte Eugen, wer kein Geld hat, hat keine Freunde, und keine Freunde haben iſt ſo⸗ viel, wie Feinde haben. Der Fürſt, erklärte Herr von Zeiſel, ſetzte leider ſeine Würde zu oft aufs Spiel und verdarb es mit denſelben Protectoren, denen er es mislich, ja ſchwer machte, das Wohlwollen, das ſie für ihn fühllen, immer auch öffentlich zu zeigen... es Eigenthun und eine aus t ihn ſch he⸗ ſechstauſend ſeinen ganz nicht lang er Biet nin lonieen ſift mit dene raehende Pr hat, in d , daß ſie beſchränt Frage: haben iſt „ſeze dorb“ ic jſ ihn füh 369 Nein, nein, ſeien Sie aufrichtig, ſiel Stromer ein. Verſchweigen Sie nicht, Herr Juſtizdirector, wovon wir bei unſern nähern Beziehungen zur Fürſtin ſo oſt Gelegenheit hatten, uns zu überzeugen; verſchwei⸗ gen Sie nicht, daß es wirklich eine geheim angelegte ſonderbare Mine der Intrigue gegen die Fürſtin ge⸗ geben hat! Sie wiſſen, wie oft ſie über die Bosheit und Heuchelei der Menſchen bei wirklich räthſelhaften Veranlaſſungen klagte. Sollte Ihnen entfallen ſein, welche Namen ſie nicht ſelten als die ihrer ärg⸗ ſten Feinde bezeichnete? Ich erinnere Sie an eine Dame— Stromer hielt abſichtlich inne. Herr von Zeiſel wurde unruhig, überroth, ſeine Gemahlin erblaßte, Beide blickten erſchrocken bald auf den heute ſehr ta⸗ pfern, angeregten Pfarrer, bald auf Herrn von Har⸗ der, dem ſeit Erwähnung der Bilder dies Geſpräch verdrießlich, ja unehrerbietig erſchien. Genug, ſagte Stromer. Die Feinde des fürſtli⸗ chen Hauſes mögen verſchuldete ſein, es ſind ihrer aber auch ſolche, die wol nur dadurch entſtanden, daß die Fürſtin Amanda in ihrer Jugend ſehr ſchön, ſehr liebenswürdig und von aller Welt angebetet war.... Bei dieſen Worten erhob ſich Herr von Harder. Er ahnte in ihnen eine Beziehung zu ſeiner Gemahlin. Die Ritter vom Geiſte. I. 24 War er auch wenig in die eigenen Lebensbezüge derſelben, die erſt ſeit zehn Jahren ſeine Gattin war, verwachſen, ſo wußte er doch, nach der ihm von der energiſchen Frau gegebenen Anweiſung, ſehr vollkom⸗ men, welche Farbe er in dieſer, überhaupt in jeder Geſellſchaft halten mußte. Sie ſagte ihm ja immer: Sei kalt oder warm gegen Dieſen oder Jenen! Und ohne daß er die Gründe dafür erfuhr, war er dann eiskalt gegen Den oder in ſeiner Weiſe glühend ge⸗ gen Jenen. Er wußte vollkommen, daß ſeine Gat⸗ tin in ältern Tagen, noch während ihrer erſten Verheira⸗ thung— mit ihm führte ſie die zweite Ehe— mit der Fürſtin verfeindet war; er hatte noch neuerdings, wo gerade auf ihre Veranlaffung der Ankauf der Hohenberg'ſchen Einrichtung betrieben wurde und ſie ſich vor Ablieferung an den Hof die genaueſte Un⸗ terſuchung derſelben in der Reſidenz bedingte, bei Aus⸗ einanderſetzung der Gründe, die ſie ſcheinbar dazu beſtimmt hätten, das lebendigſte Auftauchen der alten Erinnerungen Paulinens beobachten können, und ſo⸗ mit überſtieg das Geſpräch das Maaß Deſſen, was er als Gatte und überhaupt als Excellenz glaubte hier ſo ungeahndet mit anhören zu dürfen.... Melanie aber rief: Laßt die Todten ruhen! Was quälen wir uns ebensbezůge Hattin war, hn von der hr volliom⸗ pt in jedet ja immer enen! Und ar et dann lühend ge⸗ ſeine Gat⸗ nPechei⸗ Che— mit neuerings Ankauf de tde und ſi nueſe Un⸗ t, bei Aus⸗ inbar dal ndet alten n, und ſ uſtn w n guul nvir 371 damit, zu erforſchen, was die Verſtorbenen noch Al⸗ les gedacht oder gefühlt haben mögen! Zürnen Sie nicht, Herr Pfarrer, daß wir ſo oberflächlich und weltlich ſind! Unſere Religion iſt die Natur, die Kunſt, die Freude! Kommen Sie, wir wollen etwas Muſik machen, wenn dieſer Tonkaſten hier bei guter Laune iſt und die Gnade hat, noch einige Klänge herzugeben. Damit öffnete ſie den Flügel, der noch in dieſem Saale von den ehemals hier gehaltenen Betſtunden ſtehengeblieben war. Es war ein altes verbrauchtes Inſtrument, deſſen Klang ſchon vor Jahren nur ſo⸗ weit ausreichte, leidlich eine Melodie anzugeben oder durch kraftvolles Anſchlagen der Dominante einen Bauernchor zu verhindern, nicht immer taumelnd in den Octaven herumzuſpringen oder einen Vers um eine Terz höher zu ſchließen als man ihn angefangen hat. Melanie ſchlug eine Polka an. Manche Saite war ſchon geſprungen, manche ſprang jetzt erſt. Sie ließ ſich jedoch nicht irremachen, ſondern begleitete die leicht tändelnde Melodie, die ſie ſpielte, mit den entſprechenden Bewegungen ihres Körpers. Zuletzt gab es denn aber doch ein zu klägliches Durcheinan⸗ derſummen der ungeſtimmten Töne. Aergerlich brach 24* 372 ſie ab. Sie konnte aber vollkommen befriedigt ſein von dem heitern Erfolge ihrer Improviſation. Man war die feierliche Stimmung los, ſtand auf, nahm einige kalte Speiſen zu ſich, die Madame Schlurck nach dem Thee herumreichen ließ, und ſtellte ſich in Gruppen an die Fenſter, an den Flügel, an das Ka⸗ napee der freundlichen Wirthin. Gvido Stromer aber war nicht der Mann, der ſich ſo leicht entthronen ließ. Er warf ſich mit leich⸗ tem Geſchick auch auf dieſe neue Wendung des Abends, lobte Melanie's Spiel, rühmte die Speiſen, erörterte die kleinſten Dinge durch piquante Commentare und entwickelte dabei immer denſelben analytiſchen Geiſt, der ſich in jede Gedankenreihe mit dem Talente, ſie auszuſpinnen und ſinnig zu verknüpfen, finden konnte. Herr von Harder mied jedoch den vulkaniſchen Mann. Ohnehin neckte ihn Melanie und wußte ihn, gleich einem Magnet, der in einer Waſſerſchüſſel blecherne Enten und Fiſche nach allen Seiten zieht, bald in dieſe bald in jene Ecke zu locken, ſodaß er nahe daran war, von dem Nimbus ſeiner ihn umſtrahlenden Würde viel einzubüßen und ſich wie Einer der An⸗ dern unter den Andern zu verlieren. Als er anfing, doch auch zu freundlich zu zerſchmelzen, zu geziert, wie Malvolio in Shakſpeare's„Was Ihr wollt“ riedigt ſein ion. Man auf, nahm e Schli ellte ſich in an das Ke⸗ Nann, der hmit leich⸗ des Abends, en, erörterte nenture un iſchen Geiſ, Lunte, ſi nden konte ſchen Mann ihn, Jit ht, bald i nahe dun mſtrahlen ut der? u uf zu 9 hr wo 373 nach geſchnörkelten Phraſen wie nach Fliegen zu ha⸗ ſchen, entwand ſich ihm das litige Mädchen und ging gerade da, wo er ſchon zweideutig zu flüſtern begann, in einen lauten Ton über, den Alle hören ſollten. Man gruppirte ſich um ſie. Sie neckte Alle. Sie neckte den Commerzienrath mit ſeinen Staatspa⸗ pieren, den Juſtizdirector mit ſeinen Proceſſen, Eugen Laſally mit ſeinen Wettrennen, für die er Pferde und Jockeys hungern und mager werden laſſen müſſe.... So hatte ſie es dahin gebracht, daß Alles wieder ſaß und ſich gefallen ließ, Räthſel und Charaden zu lö⸗ ſen, die ſie in ſchnellſter Gewandheit, den anweſen⸗ den Perſonen angepaßt, zu erfinden verſtand. Die Ueberladung, die das eigenthümliche Kenn⸗ zeichen der Häuslichkeit Schlurck's war, brachte auch für dieſen Abend, wie für jeden noch eine Collation Champagner. Dieſer Wein war hei Schlurck ſo ein⸗ gebürgert, daß man wol ſagen konnte: er floß bei ihm in Strömen. Es mochte dieſer Lurus daher kommen, daß Viele ſeiner Committenten, Viele der Perſonen, denen er Häuſer, Güter, Geſchäfte verwal⸗ tete, ihn mit Naturalgeſchenken dieſer Art gern er⸗ freuten. Ein gewiſſes prahleriſches Wohlleben war leider die tägliche Ordnung im Schlurckſchen Hauſe und für ſo beſonnen und klug Melanie's Mutter auch — — — 374 im Praktiſchen gelten konnte, nach dieſer Richtung hin geſtattete ſie die vollſte Freiheit und liebte es, jeden Tag als einen Tag der Freude zu begrüßen und zu beſchließen, als ein Feſt, wo Abends die Becher blinkten und Morgens wieder Roſen ſie friſch um⸗ kränzten. Ja! ja! rief zuletzt der vom Champagner ange⸗ regte Stromer, der kein Auge für Linchen, ſeine be⸗ ſcheidene Frau, den ganzen Abend über gehabt hatte, jetzt aber doch einmal zu ihr, der Dulderin, hinüber⸗ ſchritt mit dem Champagnerglaſe in der Hand; ja, ja, Lina, wie iſt die Welt ſo ſchön, wenn man mit der Natur auf vertrautem Fuße ſteht! Da blitzt der Kryſtall, da lacht die Rebe, da funkeln Diamanten, auch wenn man Kryſtall und Diamanten nicht ſelbſt beſitzt! Im Auge liegt die Welt, im fröhlichen Auge der Liebe liegt ſie gewiß; Liebe verklärt, Liebe beſitz, Liebe verjüngt! O wer ſie nie geſehen hätte die ſchaurigen Schatten der Einſamkeit, wer nie erbebt wäre vor dem Anblicke des Todes! Da würden ſie fern geblieben ſein die düſtern Gedanken, mit denen der grübelnde Menſch ſich ſeinen Sonnenſchein ver⸗ hängt, ſeine Lauben in Grüfte verwandelt, ſeine la⸗ chenden Fernſichten in Abgründe! Ein Kind, ein Kind zu ſein unter Blumen und Früchten! Lina, ſichtung hin te es, jeden ßen und zu die Becher fiſch w⸗ gner ang⸗ n ſeine be⸗ ehabt hatte, n hinüber⸗ Hard; ju in man nit da bit e Diamanten hlichen Auh giebe beſt hüte di nie echeb vinden mit den nſchin t, ſin Kind,“ 9i hien 375 nichts ſchleppen als, jenen lieblichen dicken dresdener Jungen des Rubens ähnlich, Trauben, Trauben und Pfirſiche und kleine Kaninchen; o Seligkeit, es iſt vielleicht die des Himmels auf Erden. Und wenn wir einſt an die Pforte des Paradieſes klopfen und ſie im Jenſeit genießen wollen, ſagt uns Petrus: Ihr —oren, was ſucht Ihr hier oben? Die Seligkeit habt Ihr Euch auf Erden ja entgehen laſſen! Steigt nun hinunter in das Zwiſchenreich, wo nicht die Seligen, nicht die Verdammten wohnen. Ach, ich weiß, was da hauſet! Es iſt die Reue! Die bittere nagende Reue! Bravo! rief Melanie überlaut und ſtürzte ſich mit komiſchem Affect Stromer'n faſt zu Füßen. Bravo, Prieſter! ſagte ſie und ſprach damit die allgemeine den Pfarrer bewundernde Stimmung aus. Auf dieſen Glauben gib mir deinen Segen! Stromer'n, deſſen allerdings geiſtreicher, eigen⸗ thümlicher und für deutſche Zuſtände bezüglicher Na⸗ tur wir immer näher kommen werden, Stromer'n zit⸗ terte das Champagnerglas in der Hand. Einige Tropfen fielen auf Melanie's entblößte Schultern. Guido! ſchalt Linchen, ſeine Gattin. Mag' es fließen, rief Melanie, während Alle lachten; er taufte mich auf ſeinen neuen Glau⸗ 376 ben! Pfarrer! Sie müſſen ſich zu uns bekehren. Wollen Sie? Damit ſtand ſie auf und ſchüttete ihr Glas in das ſeinige. Wie eine Hebe ſo ſchön, hob ſie den gerundeten nackten Arm und ließ von oben herab in wohlberechneter Entfernung den Strahl niedergleiten, daß es in Stromer's Glaſe aufziſchte und wie mit tauſend Perlen ſchäumte, Geblendet ſaß der glühende Mann da und ſetzte taumelnd das Glas an die Lip⸗ pen!... Ahl rief Alles plötzlich erſchrocken. Noch nach⸗ träglich zu den vielen geſprungenen Saiten im alten Pianoforte der Fürſtin ſprang eben noch eine der letzten.... Dieſe Mahnung wie von Geiſterhand brachte Guido Stromer'n zur Beſinnung. Es über⸗ rieſelte ihn ein Schauer, als er der Tage gedachte, wo er hier betete und von der Sündhaftigkeit der Creatur ſprach.... Aber ſo wirkte noch die warme Berührung ſeiner Kniee durch die vor ihm faſt nie⸗ dergeſunkene Melanie in ſeinen zitternden Nerven nach, daß er nur noch in ihrem Anſchauen lebte und mit wonniger Spannung zuhorte, als ſie in ihr dunkles Haar greifend rief: Jetzt zum Abſchied für heute Abend: Wem laß' ich die Roſe hier zum Andenken? Ich wollte ſie ver⸗ ſchenken. Wehe! Sie iſt vom Stiel gebrochen! Ar⸗ s bekehren hr Glas in hob ſie den en herab in iedergleiten nd wie mi er glühend an die Ly⸗ Noch nach⸗ n im alten ch eine de Geſtchu Es übe ge geach ftigkeit die war n feſ n Nemen nu te und ihr dun Vn ulin ſi wchn! 377 mes hulfloſes Hundertblatt, wer ſoll nun deine Stütze, dein Stab und Stengel werden? Wer ſoll dich mit⸗ nehmen und an ſein Herz oder in ſein Stammbuch oder auch nur in eine einfache Cigarrentaſche legen und ſich dabei ſagen: Melanie gedenkt Deiner, gedenke du ihrer! Alles ſah geſpannt auf den Pfarrer und Dieſer, bebend, ſchlug die Augenwimpern nieder. Ich concurrire nicht, ſagte Eugen ſogleich mit einer ſpöttiſchen, ernſten Miene über Melanie's Ueber⸗ maß von Coquetterie.. Sie ziehen Ihren Einſatz zurück, Stallmeiſter, ant⸗ wortete ſie, und wiſſen nicht, wie Sie gewinnen, wenn Sie ſchweigen! Sie haben heute ſoviel ge⸗ ſchwiegen, Laſally; wüßten Sie nur, welchen Reſpect man vor Ihnen bekommt.... Melanie ſprach dieſe Worte ſo ſcharf, daß ſie un⸗ willkürlich belacht werden mußten, zum großen Aer⸗ ger der Commerzienräthin von Reichmeyer, die ihren Bruder liebte und Melanie's Gefallſucht umſomehr verabſcheute, als auch ihr Gatte von den Netzen der⸗ ſelben umſtrickt war. Eugen aber war eine viel harm⸗ loſere Natur. Mein Fräulein, ſagte er, Sie wiſſen, daß ich auf Geiſt keinen Anſpruch mache. In meinem Kreiſe 378 amüſirt man ſich, wenn man gut reitet, gut ſchießt, Glück bei den Damen hat und die beſten Cigarren haͤlt. Um mich gründlich zu bilden und bei einem großen Genie in die Lehre zu gehen, hab ich einmal angefangen, nicht nur Schiller, ſondern auch Goethe zu leſen. Ich las„Wilhelm Meiſter's Lehrjahre“ Nun, rief Stromer wild. Wie wurde Ihnen dak Ergriff Sie Achtung vor der Bildung? Beſter Herr Pfarrer, antwortete Laſally trocken, als ich las, daß dieſer Wilhelm Meiſter, dieſer junge Commis und Ladenſchwengel— Entſetzlich! rief Frau von Zeiſel, die Etwas auf Autoritäten hielt und auf Erziehung Anſprüche machte. Als ich ſah, ließ ſich Laſally nicht irremachen, daß dieſer Wilhelm Meiſter ſeine Liebhaberei für Puppenſpielereien einer hübſchen Schauſpielerin er⸗ zählt, die dabei einſchläft und immer noch von Pup⸗ penſpielen erzählt, während Marianne ſchon in ſeinen Armen ſchnarcht, habe ich das Buch weggeworſen und mir vorgenommen, bei Gelehrten nicht in die Lehre zu gehen... man wird da lächerlich, ohne e zu merken. Melanie ſtrafte ihn aber fuͤr dieſe böſe, gegen Stromer gerichtete Anmerkung. Ro ſer 6n wäß ſuu nuf miſ ter nief le ihh lhß un ie et, gut ſcheß beſten Cigann und bei einen hab ich einmal n auch Gueh E urde Ihnen Laſul twn er, dieſer jn die Etnas ung Anſpi iht iremnt Liebhabere auſielei noc von) ſchon in ſ wegen nicht i erlih, ch ſe liſ 379 Ein Goetheverächter, ſagte ſie, bekommt meine Roſe nicht. Es wuchs die Spannung, wem ſie ihre Gunſt zuerkennen würde. Dem Witzigſten! hieß es. Dem Artigſten!.. Dem beſten Reiter! ſagte man mit Spott auf den Commerzienrath. Melanie ging mit der Roſe im Kreiſe umher und wählte und wählte... Ich ſuche ſeltene Vorzüge, ſagte ſie, irgend etwas NReues, Bedeutendes Wer meine Gunſt verdient, muß... Ah Bartuſch! Mich laſſen Sie aus dem Spiele! rief Dieſer ko⸗ niſch erſchreckt und wehrte die Roſe ab zum Geläch⸗ ter der Uebrigen. Daß Sie heute nicht mit den Fingern rechneten, ref Melanie, nicht an den Nägeln kauten und Ihren alten böſen Huſten einmal bei ſich behielten, verdiente in der That eine Auszeichnung, und wenn ich bedenke, daß Sie heute ſogar noch ein hübſches, glattes, ſau⸗ ber raſirtes Kinn haben— Der graue Schleicher, verfolgt von Melanie'n, ſief kichernd: Gute Nacht! ergriff ſchnell einen Leuch⸗ er und lief unter allgemeinem Spotte davon. 380 Die doch etwas verletzten Damen wollten ſeinem Beiſpiel folgen und aufbrechen. Rein! ſagte Melanie, ihr misgünſtigen Schweſtern, wird Frauengunſt ſo verſchmäht? So wenig Werth gelegt auf eine Roſe, die ein Mädchen im Haar ge⸗ tragen? Zur Strafe für die ſtudirten Herren, deren Gattinnen am meiſten mit den Stühlen rücken, be⸗ kommt die Roſe der, der die größte äußere Schönheit beſitzt, den kleinſten Fuß und die weißeſte Hand.. Herr Juſtizdirector, ſtrecken Sie Ihren Fuß vor! Dieſer zog ſeinen furchtbaren Elefantenfuß raſch zurück. Henning von Harder aber merkte etwas Die Hand des Commerzienrathes wurde gerühmt. Sie war rundlich und wohlgepflegt, aber viel größer als Harder's. Und ſeine Gemahlin bedeckte ſie; ſie wollte der Poſſe ein Ende machen.. Harder war entzückt. er ie Ich hab's! rief Melanie. Meine Roſe iſt erobert. Excellenz.... Excellenz hat das Seltenſte, was ich je geſehen.. Was? fragte man erſtaunt. Die kleinſten, zierlichſten Ohren von der Welt! ſagte Melanie. Der Contraſt der Würde, die dieſer Mann be⸗ haupt dern fangen licher tellenz ven et die rühm er für da es von de Meln ſtiicker ſih hanthe hatte ihr de ines lnni nen h in en Sage eheich us. ten ſeinen chweſtern, ig Werth Haar ge⸗ ren, deren rücken, be⸗ Schörheit Hand. vor! nfuß mſt vus. e gerihn grißer ſie w iſ ewbi „was der D Vmn 381 hauptete, und die allgemeine lautloſe, ſtarre Bewun⸗ derung ſeiner Ohren, die er mit geſchmeichelter Be⸗ fangenheit wirklich nun zuließ, war im höchſten Grade lächerlich. Die Ohren fand man rings um die Er⸗ cellenz herumgehend, in der That ſo klein, daß Herr von Harder nicht ohne Schüchternheit geſtand, daß er dieſen Vorzug allerdings ſchon oft an ſich hätte rühmen hören. Mit einer Beſcheidenheit, als wenn er für eines der größten Geiſtestalente nichts könne, da es ihm die Natur einmal gegeben, nahm er dann von der in ſeinem Anſchauen wie ſelig ſchwelgenden Melanie die Roſe entgegen und richtete an die be⸗ ſtrickende Circe eine ſo verwirrte Anrede, daß man ſich an der Eitelkeit eines alten eingebildeten Ga⸗ lanthomme gründlichſt weiden konnte. Schwerlich hatte ſie bei dieſer Neckerei ein Intereſſe. Was war ihr der Geheimrath? Was war ihr die Huldigung eines vornehmen Mannes, ſie, die die zudringlichen Anträge junger Grafen und Fürſten täglich abzuleh⸗ nen hatte und deren ganzes Jugendleben eigentlich ein ewiges Sichbeherrſchen und conſequentes„Nein“⸗ Sagen ſein mußte.... Prinz Ottokar ſelbſt, des Königs Bruder ſogar, hatte ſie ſchon auf Bällen aus⸗ gezeichnet.. ſie floh nur immer, wich immer nur aus. Was war ihr alſo die grenzenloſe Verwirrung, 382 die ſie über den Geheimrath hervorbrachte, anders als eine Tändelei der„Lieb' im Muͤſſiggang“? Als ſich die ganze Geſellſchaft empfohlen und zer⸗ ſtreut hatte, brach Melanie, die Mutter umarmend, in die Worte aus: Zürne mir nicht, gute Mutter! Wir tanzen ſo⸗ lange über den Blumen des Lebens hin und blicken dabei unvorſichtig nach der Sonne empor, bis wir einmal zerſchmettert an einem Abgrunde liegen, den wir in unſerer Luſt doch überſahen! Welch ein Bild! Kind! Das wolle Gott ver⸗ hüten! antwortete die Mutter beſorgt. Was haſt du? Kopfweh für heute! ſagte ſie abgeſpannt. Und nun... gute Nacht! Damit küßte ſie die Mutter, der ſie für weitere Fragen, Mahnungen, Beſorgniſſe mit graziöſer Hand⸗ bewegung raſch den Mund zuhielt, und verſchwand in ihrem Zimmer, wo Jeannette, ihre hübſche Zofe, ſie ſchon ungeduldig mit einem Licht erwartete.. Das Mädchen kaute Kaffeebohnen, um an ihrem Athem zu verbergen, wie man unten im Erd⸗ geſchoß oben den Herrſchaften nachahmte und ſich würdig zeigte, in einem Hauſe zu dienen, wo nur der Materialismus herrſchte... Melanie, in Gedanken verſunken, merkte nichts von punſt mhi nan f durch weide pflegt „anders 9 und zer⸗ rmend, nzen ſo⸗ d blicen bis wir gen, den ott ve⸗ haſt dut t. Und r weitn hand⸗ rſchwen he 3lſ um 00 in bo um ſt nun en⸗ 383 von den Kaffeebohnen, nichts von dem glühenden, punſcherregten Geſicht des Mädchens. Sie ließ ſich ruhig entkleiden. Sie duldete ohnehin niemals, daß man ſie vor dem Schlafengehen aus ihren Träumen durch Plaudereien weckte, beſonders ſo indiscrete und zweideutige, wie ſie Jeannette meiſt zu verführen pflegte. Zwölttes Capitel. Eine ueberraſchung. Melanie's und ihrer Mutter Schlafzimmer wurden von einem großen Salon getrennt. In dieſem pfleg⸗ ten ſie ſich des Morgens zu begrüßen und gemein⸗ ſchaftlich zu frühſtücken, wenn ſie nicht vorzogen, die balſamiſche Friſche der Natur und den Kaffee in dem Garten einzuſchlürfen. Schon lange hatte am nächſten Morgen die Mut⸗ ter gewartet und ſich, als Melanie nicht endlich heiter wie ſonſt hereinhüpfen wollte, erlaubt, leiſe an die Thür des Schlafzimmers ihrer Tochter anzupochen. Als keine Antwort erfolgte und ſie es acht Uhr ſchla⸗ gen hörte, klopfte ſie um halb neun Uhr wieder ein wenig leiſe an.. Komm doch herein! rief drinnen Melanie mit leidender Stimme und die Mutter trat ein. Wie erſchrak ſie, als ſie ihr Kind noch im Bet ſa ein ein ten ſage Zuf iu di t wurden ſem pfleg d genein⸗ vgen, d er in den die Mu lich heil ſe un upoche Uhr ſch wieder loni 385 fand! Melanie erklärte ſich leidend. Sie hätte eine unruhige Nacht gehabt, und fühlte ſich unvermögend ſchon aufzuſtehen. Die Mutter gerieth in nicht geringe Beſtürzung. Nein, nein, ſagte Melanie, bekümmere dich nicht, Mutter! Ich konnte nicht einſchlafen. Wie ich ſo mit müden Augen lag, die ſich nicht ſchließen woll⸗ ten, glaubte ich, vielleicht wäre die Hitze des Zim⸗ mers an dieſer Aufregung der Nerven Schuld. Ich ſtand auf, zog die Vorhänge zurück, daß der helle, volle Mondenſchein hereinfiel... Da haſt du dich erkältet, ſagte die Mutter, als Melanie ſtockte.. Sie ſchüttelte den Kopf. Was iſt es denn? Sprich, mein Kind! Wie ich das Fenſter öffnete..„glaubt' ich unten eine Geſtalt zu ſehen, die entweder ein Geſpenſt oder ein Phantom meiner Einbildungskraft war. Hackert! ſagte die Mutter mit blinzelnd zugedrück⸗ ten Augen und ſich abwendend. Ja Hackert! wiederholte Melanie ſeufzend. Ob ich ſagen ſoll, daß er in ſeinem gewohnten nächtlichen Zuſtande war, weiß ich nicht. Er ſchien mir wach zu ſein. Das Weiße ſeiner Augen leuchtete mich in der hellen Nacht faſt geiſterhaft an. Ich ſchlug ent⸗ Die Ritter vom Geiſte. I. 25 ſetzt das Fenſter zu. Als ich dann noch einmal hin⸗ blickte, war Fritz verſchwunden. Ich ſchlief ein, ward aber ſo von Träumen geängſtigt, daß ich mich jetzt von einem ſolchen Schlafe mehr erſchöpft als geſtärkt fühle. Die Mutter konnte ihr leider Hackert's Nähe beſtä⸗ tigen. Laſally wollte ihn geſehen haben und Bartuſch hatte es ihr ſchon geſtern Abend am Theetiſch zu⸗ geflüſtert.... Du haſt keinen Geiſt geſehen! ſagte ſie ſeufzend. So ſind wir denn überall von ihm verfolgt! rief Melanie und warf ſich wie verzweifelnd auf eine an⸗ dere Seite ihres Lagers. Gutes Kind, begann bekümmert die Mutter, be⸗ ruhige dich! Ach, es iſt über dieſen Gegenſtand ſchon ſoviel von Deinen Aeltern gejammert worden, daß deine Klagen unſern Schmerz nicht erreichen! Der Va⸗ ter nahm Hackert aus dem Waiſenhauſe. Alles, was man von ſeiner Geburt erfahren hatte, war ſo dunkel und abenteuerlich, daß er unſer Mitleiden erregte. Der Vater brauchte einen Arbeiter, den er ſich von unten auf ſelbſt erziehen wollte. Er ließ ihn unter⸗ richten; er arbeitete unter ſeiner Aufſicht und hat ſich früh ſchon von einer ſolchen geſchickten Anſtelligkeit bewieſen, daß er mit des Vaters geheimſten Angele⸗ R kei di un ode Un Die un Un nu al hin⸗ „ward ich jetzt geſtärkt he beſt⸗ Baruſch tiſch i⸗ ufſend. gtl rief eine an⸗ ter, be⸗ d ſchon en, daß der Vu⸗ es, wos dunkel eregte ich vo nun hat ſi uli In 387 genheiten vertrauter wurde, als ſelbſt Bartuſch es iſt. Die Folge davon war die größte Vernachläſſigung ſeiner ſelbſt und eine Vertraulichkeit mit der Familie.. Schweige! Schweige! rief Melanie mit dem Aus⸗ druck des größten Schmerzes. Ich denke mit Entſetzen daran, fuhr die Mutter mit bedeutſamem Ernſte fort, daß wir ſo blind ſein konnten, in der Freude unſers glücklichen Aufſchwun⸗ ges, im Genuſſe der vielen Heiterkeit, die uns auf unſerm Lebenswege lachte, das Ernſteſte zu überſehen, das Gefährlichſte, was ſich neben uns entwickelte. Dieſer Knabe wuchs mit dir auf. Liſtig wie er war, gewann er bei aller Häßlichkeit, aller Widerwärtig⸗ keit ſeines Aeußern, an die wir uns gewöhnt hatten— die Mutter hob dieſe Worte beſonders ſcharf hervor— unſer Aller Vertrauen. Ob wir, um dich aus einer Kindergeſellſchaft abzuholen, den Bedienten ſchickten oder Fritz dieſen Dienſt verrichten ließen, ſchien uns unglücklichen Menſchen einerlei; ja wir zogen ſeine Dienſtwilligkeit vor, da er verläßlicher ſchien als Alle und faſt im Hauſe wie dein Bruder gehalten wurde. Unſelige Vertrautheit, die ihn ermuthigte, Hoffnungen in ihm nährte und ſeine Sicherheit bis zum Ueber⸗ muth ſteigerte! Melanie ſchwieg eine Weile, ſtemmte ihr ſchönes 25* — E — — — —— —— 388 Haupt auf eines ihrer Kiſſen und ſagie zu der ängſt⸗ lich ſie anblickenden Mutter: Und doch war die Strafe, die ihr über ihn nach jener ſchrecklichen Nacht verhängtet, zu hart! Sie iſt die Quelle unausgeſetzter Leiden für uns Alle ge⸗ worden! Aus dem Hauſe wie ein Dieb geworfen, vom Vater in einem Zorn, den ich nie an ihm kannte, faſt mit Füßen getreten, irrte er wie ein rachſuͤchtiges Thier umher und droht uns mit Allem, was er in unſerm Hauſe erlebte, erfuhr, entdeckt hat droht uns.. Entdeckt hat? unterbrach ſie die Mutter erſchreckend. Was kann er entdeckt haben als den regelmäßigen Gang eines großen ehrenvollen, vom Fleiß und dem Genie des Vaters geleiteten Geſchäfts? Das Einzige, was man fürchten konnte, war der loſe freche Mund des frühverdorbenen jungen Wüſtlings. Ich zitterte, wenn ich nur daran dachte, wie.. Die Mutter ſtockte. Was dachteſt du? ſagte Melanie. Ach, ich will nichts mehr ſagen! Laß es gehen! Mit euerm ewigen Gehenlaſſen! Dieſes ſtete Vertuſchen und Verſchweigen! Was nur dachteſt du? Melanie—! Fürchteſt du, daß er den Menſchen erzählt, wie wi ur be ſch he Ae dec N ängſt⸗ n nach Sie Mlle ge worfen, an ihn wie ein Allen, entdect reckend. nißigen nd den Eimige, Mund zitert, gehen uſ ul lt, w früh dieſer ſozuſagen Halbbruder, der mit mir auf⸗ wuchs, verſucht hat... Deine Phantaſie zu vergiften! Ja, Melanie, wenn die Welt die Bubenſtücke erführe— Mutter! rief Melanie haſtig auffahrend, als könnte ſie doch die zu gründliche Unterſuchung dieſer Wunde, die ſie ſelbſt veranlaßte, nicht länger ertragen. Schweige! Schweige! Vergiß nicht, daß dieſer Un⸗ ſelige vorgibt, mich zu lieben, mir treu ſein will mit unglaublicher Anhänglichkeit und niemals wagen wird.. Anhänglichkeit, die ich Wahnſinn, Frechheit nenne! unterbrach ſie die Mutter, vor Zorn ſich röthend. Laß es gut ſein! Die Mutter ſchwieg auf dieſe tonloſen Worte und beruhigte ſich allmälig. Erſt erwartete ſie, daß Melanie ihr zuſprechen ſollte. Da die Tochter aber in ihrer träumeri⸗ ſchen Lage verblieb und mit keinem tröſtenden Blicke ſich ihrer Pein erbarmte, ſtreichelte die Mutter die heiße Stirn des Kindes und küßte die zarten blauen Aederchen, die ſie in Melanie's Augenwinkeln ent⸗ deckte. Weg, weg mit dieſen Sorgen, rief ſie, ſei heiter, Melanie! Noch geſtern haſt Du alles bezaubert und Dir ja eine ganz neue Eroberung gewonnen. Die gefeierten Ohren des Herrn von Harder haben mehr Wirkung auf ihn gemacht, als wenn Du dem Lieu⸗ tenant von Aldenhoven geſagt hätteſt, er gliche dem Adonis. Was willſt du mit dieſer Eroberung? Melanie verzog ihre ernſten, ſchmachtenden und erſchöpften Mienen zu einem Lächeln, dem ein weh⸗ müthiger Zug beigemiſcht war. Ohne auf die Frage der Mutter zu antworten, lenkte ſie das Geſpräch wieder auf Hackert zurück. Gern wollt' ich beruhigt ſein, ſagte ſie, beruhigt über Alles, was uns Hackert Schlimmes etwa an⸗ thun könnte, wenn ich ihn nur überzeugen könnte.... Wovon? Wovon, Kind? fragte die Mutter er⸗ ſtaunend. Kehrſt Du wieder auf dieſen unheimlichen Gegenſtand zurück? Melanie gab anfangs keine Antwort, dann aber ſagte ſie: Ich thue Niemanden gern weh. Aber ich bitte Dich, Kind, Erklärungen! Erklä⸗ rungen gegen einen ſolchen Menſchen! Ein halbes Thier iſt dieſer Hackert.... Mutter! Ja Melanie!... Die Mutter ließ ſich in ihrer Auffaſſung nicht ſtören und hob abſichtlich das an be ſer ſehr men ken dae wer Di nmehr Lieu⸗ he dem en und in weh⸗ e Frage eſprich eruhigt Wo an⸗ nte. ttet et⸗ inlichen un aber Erkl⸗ halb in ihr⸗ 391 Hackert Ungefällige hervor— ja, Melanie, es iſt ein Menſch von einer Unreife, die mir ein Grauen ein⸗ flößt. Dies Haar, dieſer Gang, dieſe Magerkeit! Und dieſe Bosheit, dies verruchte Herz— Du übertreibſt.... Nein, Kind, Das iſt ein Weſen, wie ich mich ent⸗ ſinne, einſt in einer Geſellſchaft gehört zu haben, zu der mich Frau von Trompetta mitnahm. Wie hieß das Stück, das der berühmte Dichter vorlas, das Stück, wo ein ſo unfertiger Halbmenſch vorkommt, den ein Zauberer mit ſeinem Geiſte zwickt und zwackt und ſeiner Rohheit Daumenſchrauben anlegt? Der Sturm! Der Sturm, liebe Mutter! Der Sturm! Und der böſe Gaſt, den der Zau⸗ berer auf der wüſten Inſel findet— Caliban! Caliban! Das iſt's! Ein ſolcher Caliban iſt die⸗ ſer Fritz, fähig, ſeine eigenen Geſchwiſter.. zu ver⸗ zehren, wenn ihn grade Hunger triebe! Ein Halb⸗ menſch, ohne Gemüth, ohne Liebe, ohne einen Fun⸗ ken edler Hingebung! Nur ſinnlich, nur ein Weſen, das blindlings ſeinem Inſtincte folgt.... Er iſt krank... Durch ſich ſelbſt! Die Zerrüttung ſeiner Nerven, wer verſchuldet ſie? —— 392 Sein Nachtwandeln iſt erſt über ihn gekommen, als man ihn ſo grauſam verſtieß. Als man ihn vol⸗ lends mishandelte, als Laſally— Nein, die Wuth, der angeborene Zorn laſſen ihn nicht ſchlafen.... O Mutter! Ich weiß, was ihn nicht ſchlafen läßt! Ich laſſe mich nicht irremachen. Ich habe nachgedacht über Fritz. Ich habe über ihn geweint. Das iſt der Menſch, wie er friſch und roh aus der Hand der Natur kommt und ſinnlich ohne den Son⸗ nenſchein des Geiſtes aufwächſt— Ja! Ja! Sagte Das nicht der Probſt Gelbſattel, als der Sturm vorgeleſen und Caliban's Charakter erörtert wurde? Mit dieſen Betrachtungen, meinte Melanie, ſchwatzen wir unſer Unrecht nicht weg. Wenn ich ihm ſagen könnte: Fritz— Melanie, fiel die Mutter ein, Du wirſt doch keine Erörterungen mit ihm herbeiführen, ſeinem Wahnſinn keine neue Nahrung geben wollen? Der Schein, Laſally's empörendes Benehmen zu billigen, drückt mich.... Nimmermehr! Wie geht Das! entgegnete die Mut⸗ ter beſorgt. Die Mißhandlung, die ihm Laſally an⸗ gethan hat, war roh, aber ſie brachte gute Folgen. Re tade hin der beſ wäl ben leit viel kommen, ihn vol⸗ ſſen ihn ſchlafen h habe geweint aus der nSon⸗ ſattel, Sharafter ſchwaßen m ſagen och lint hnſinn hmen die Mu ſall) 0 Folho 393 Sind wir nicht ſeitdem vor ſeinen Nachſtellungen bis jetzt ſicher geblieben? Konnten wir ſonſt einen Schritt vorm Thore, im Park thun, ohne ihn aus den Bü⸗ ſchen heraustreten zu ſehen? Konnten wir das Thea⸗ ter beſuchen, ohne beim Nachhauſefahren ihn im Ge⸗ dränge der Menſchen an unſerer Seite zu finden? Seit einem Vierteljahre iſt es jetzt das erſte mal, daß er ſich wieder in unſere Nähe wagt. Er wird Laſally und ſeine Jockeys ſehen und ſich vor ihren Reitpeitſchen zum zweiten male in Acht nehmen.... Erinnere mich nicht, fuhr Melanie entſetzt auf, an dieſe brutale Scene! Sie hat mir Eugen, den ich ſeines ehrlichen und offenen Charakters wegen zu ſchätzen im Begriffe ſtand, aufs tiefſte entfremdet. Ich geſtehe, daß ich an Laſally Gefallen hatte. Gerade, daß er als geborener Iſraelit nicht eine einzige der Eigenſchaften zeigte, die man ſonſt an dieſem Volke tadelt oder lächerlich finden will, hatte mich zu ihm hingezogen. Sein trockener Witz iſt ganz anders als der Witz ſeiner Glaubensgenoſſen. Er gibt ſich für beſchränkter, ununterrichteter als er iſt. Er will, während alle ſeine Glaubensgenoſſen nach Geiſt ſtre⸗ ben, keinen Geiſt haben und hat ihn. Wie er mich reiten lehrte, that er es mit ſoviel Bonhommie, ſo— viel Humor, daß ich ihm wahrhaft gut war. Was 394 ſoll aus mir werden? Eine Königin? Eine Herzo⸗ gin? Eine Offiziersfrau? Eine Frau Aſſeſſorin? Ah... Bah! Ich konnte mir denken, der Vater ſtellt dem Eugen durch meine Mitgift ſeine Finanzen wie⸗ der her, wir bauen eine prächtige Arena, den Tum⸗ melplatz der ganzen eleganten Welt, wir verbinden ſie mit einer glänzenden Erleuchtung, mit Lauben, mit Treibhänſern für Die, welche nach dem Ritte ſich er⸗ holen wollen. Mich blendete bei meinem erſten Aus⸗ treten aus der einfachen bürgerlichen Sphäre, in der wir bisher gelebt hatten und in der ich erzogen war, der Gedanke, durch die Verbindung mit Laſally könnt' ich die Aufmerkſamkeit der ganzen Stadt feſſeln, mit den ſchönſten Damen, den eleganteſten Männern in Verbindung kommen und mich auf heitere Art durchs Leben tummeln, bis ich freilich durch die größere Be⸗ kanntſchaft in dieſer Sphäre Eugen's, der mich in ſie eingeführt hatte, ihrer überdrüſſig wurde und es bald bemerkte, wie ich denn doch dabei in der Geſellſchaft eine beſchattete und nur untergeordnete Stellung er⸗ halten würde. Es war eine Verirrung. Und doch währte es lange, bis ſich meine Phantaſie von La⸗ ſally, dem noch vor wenig Jahren angebeteten Anti⸗ nous aller Damen, dem galanten kühnen Reiter und geſuchten, bei allen Kunſtausſtellungen auf ein Dutzend Bl Er Ihe wan da das lich ſend Hec zwei Ri laſa det ſein Eri habe glau iehe lag, e Herzo⸗ ſefſorin? tet ſtellt en wie⸗ en T⸗ inden ſe en, nit e ſich er⸗ ſen Aus⸗ in der en wal, 1. lönnt ſeln, mit mem in tt durcht en Le ich in ſi es bah ſellſcha lung“ Und doh von b ien In eiter u 395 Bildern dargeſtellten öffentlichen Charakter, losſagte. Erſt als ich den Abend in unſerm Garten vorm Thore, wo Laſally mit mir ſcheinbar harmlos luſt⸗ wandelte und ich plötzlich erzürnt ausrufen muß: Gott, da iſt ſchon wieder Hackert über den Zaun geſtiegen! das Bellen der Hunde Eugen's und Hackert's kläg⸗ liches Geheul hörte, als Laſally ſelbſt, wie ein Ra⸗ ſender, ſeine ganze Kaltblütigkeit aufgebend, nach der Hecke lief und ich ihm nacheilend ſehen muß, wie zwei ſeiner Bereiter den Unglücklichen mit langen Peitſchen grauſenhaft mishandeln und Laſally, Eugen Laſally ſelbſt, ihn mit der Reitgerte wie ein Raſen⸗ der gerade über den Kopf hieb, während die Hunde ſeine Kleider zerriſſen— Rege Dich nicht auf! ſagte die Mutter. Laß die Erinnerung, Melanie! Es iſt ein Jahr her. Ich habe damals Noth genug um Dich gehabt, weil ich glaubte, Du würdeſt von dem Schreck ein hitziges Fieber bekommen. Ihr verſchwiegt mir, daß Hackert auf den Tod lag, ſagte Melanie. Der Vater ließ für ihn ſorgen.... Ich erfuhr ſpäter Alles, fuhr Melanie erregter fort. Von der Kopfwunde hat Fritz die ſchlimmſten Folgen davongetragen. Doctor Hammer, der ihn im Spital behandelte und mir zufällig in einer Geſell⸗ ſchaft begegnete, erzählte mir, daß er Anfälle von Raſerei hätte. Wie ein wüthendes Thier ſchlüge er dann um ſich, fluche allen Menſchen und verfalle zu⸗ letzt in eine Erſchöpfung, die vielleicht eine nie heil⸗ bare Nervenſchwäche zur Folge haben würde.... Es iſt traurig. Aber was läßt ſich thun? ſagte die Mutter beſtimmt, jedoch ohne Kälte. Und der Vater handelt edel an ihm.... Doctor Hammer erzählte zuerſt von ſeinem Nacht⸗ wandeln— in großer Geſellſchaft— vor aller Welt Meine Verzweiflung, Das anhören zu müſſen! Ich hätte in die Erde ſinken mögen— Schon bei uns hieß es, er wandle bei Nacht! Nie! ſagte Melanie beſtimmt. Woher kannſt Du Das ſo beſtimmt verſichern? Nie! ſag' ich! wiederholte ſie der ſtaunenden Mut⸗ ter. Sein damaliges Nachtwandeln war etwas An⸗ deres... Und nun genug davon! Melanie ſchwieg und warf ſich auf die Seite, den Kopf tiefer in das Kiſſen wühlend. Die Mutter, des Juſtizraths„gutes Hannchen“, gehörte zu den Weſen, denen nichts unbequemer war, als eine allzu tiefe Erforſchung von Dingen, die nur auf Unerfreuliches führen konnten. Sie war eine — er Geſel⸗ fälle von ſchläge er rfalle zu⸗ nie heil unk ſug Und der em Nacht⸗ ller Welt er u wüſſen Nucht! ſichem nden Nu twas h Seite, d 397 durchſichtige, verſtändige, ſcharfblickende Frau. Sie ahnte durch Inſpiration raſcher Etwas, als manche ſchwerfällige Unterſuchung langſam ergab. Aber ſie liebte es, ſich über Das, was ihr möglich, ja wahr⸗ ſcheinlich dünkte, dennoch keine Rechenſchaft abzulegen. Sie wollte das Geſchick immer nur en Profil, nie en face ſehen. So ließ ſie denn auch über dies ſonder⸗ bare„Nie“ getroſt den Schleier falleu. Sie wußte, daß in ihrer unverzeihlichen Sorgloſigkeit Melanie ne⸗ ben Hackert aufgewachſen und von deſſen zügelloſer Frühentwickelung in bedenkliche Gefahren gerathen war, von denen das aufgeregte, ebenſo über die Liebe früh nachgrübelnde Mädchen noch„zur rechten Zeit“ wie der Vater damals ſagte, befreit wurde.... Und ſo alles Unangenehme vertuſchend, verwiſchend, be⸗ ſchwichtigend ſprach ſie mit heiterm Ton: Laß Das nun gehen, Kind! Wir hätten einen ſolchen Caliban nie ins Haus nehmen ſollen! Es geſchah. Es ſollte ſo ſein. Wir hatten Mitleid mit dem ungewiſſen Schickſal eines vor dem Waiſenhauſe einſt ausgeſetzten Findlings, hielten ihn höher, als wir ihn hätten halten ſollen, und müſſen uns vor⸗ werfen, daß wir nicht ſtrenger wachten, als er anfing auf ſchlimmen Wegen zu gehen und ſich und Andere zu verderben. Geliebt kann er dich nie im Ernſte 398 haben; denn ſeine Aufführung bewies es nicht. Es kam ſpäter Alles zu Tage, was er war und wie er auf die Zerſtörung ſeiner Jugend wüthete! Jeannette hat viel gebeichtet. Er verwandelte Tag in Nacht und Nacht in Tag. Am Bureau neben dem Vater ſchlief er mit offenem Auge. Da mußte er in den Nächten wol mit geſchloſſenen Augen wachen. Die Lection, die ihm Laſally gab, war nicht nach unſerm Sinne, ſie war grauſam; aber ſie hat ihm gezeigt, daß wir ihn nicht fürchten, mag er auch noch ſoviel drohen, noch ſoviel mit ſeiner Kenntniß der Geheim⸗ niſſe des Vaters prahlen. Wir boten ihm, wenn er uns nicht mehr beläſtigen wollte, Geld an; er nahm nicht mehr, als wir ihm früher ſchon ausgeſetzt hat⸗ ten, bis er eine Stelle fand. Und doch, ſagt man, ſoll er ſo träge ſein, daß er nicht die geringſten An⸗ ſtalten trifft, ſeine Zukunft von der Abhängigkeit, die ihn an den Vater feſſelt, zu befreien. Ach! Kind, es war immer eine böſe Natur! Bald Verſchwender, bald geizig. Bald offen, bald hinterliſtig. Und welche maßloſe Eitelkeit! Ich will nicht davon ſprechen, daß er mit ſeiner abſchreckenden Figur, ſeinem rothen Haar, ſeinen abgeriſſenen Stiefeln und ſeiner unaus⸗ rottbaren Unreinlichkeit ſich einbilden kann, noch einen Eindruck auf Dich zn machen.... Iſt es nicht die ſin ter. ligt Fin gew lſſ 1 Sch der eich nehr icht. 66 nd wie et Jeannette in Nacht dem Vutet er in den hen. Die ch unſem m geheigt, och ſoviel Geheim⸗ wenn er nahn geſezt hat ſagt mal ngſen Kind, ſchwende ind welc ſpnch en wih net uno noch nich 399 tollſte Eitelkeit, daß er uns hat ſagen laſſen, er ſchone den Vater bis zu ſeinem fünfundzwanzigſten Jahre, wo ihm Dieſer verſprochen hätte, ihm das Geheimniß ſeiner Geburt zu entdecken? Der Vater weiß darum, ſagte Melanie. Nicht ein Wort weiß der Vater, ſagte ihre Mut⸗ ter. Er hat einzelne Anzeichen, einzelne kleine Zufäl⸗ ligkeiten entdeckt 6. B. einen zerbrochenen, bei dem Findelkinde gefundenen Ring), die auf ein nicht ganz gewöhnliches Herkommen dieſes Menſchen ſchließen laſſen; aber die wenigen Worte, die der Vater ein⸗ mal bei guter Laune darüber fallen ließ, haben ihm ſo den Kopf verwirrt, daß er ſich einbildet, ſicher ein Baron zu ſein. Genug von ihm! Steh' nun auf! Sei heiter! Genieße das himmliſche herrliche Wetter! Sieh! Sieh! Die goldene Sonne! Damit riß die Mutter die Vorhänge auf, der lichte Sonnenſchein fiel in das dunkle, plötzlich er⸗ hellte Zimmer. Auf! Auf! Tummle dich, Melanie! ermüdete die Mutter nicht zu rufen. Nimm an mir ein Beiſpiel! Schon war ich im Bade! Schon trank ich Waſſer an der friſchen Quelle im Garten. Waſſer, Sonne, Luft, Licht, Blumen! Mädchen, weißt du denn nicht mehr, was ſchön und jung macht, ſchön und jung— 400 Erhält! fiel Melanie ſchmeichelnd ein, wandte ſich . und reichte der friſch und roſig ſtrahlenden Mutter 1 die Hand. 4 6 Indem klopfte es. Wer klopft? Eine Stimme wisperte am Schlüſſelloch: Darf ich? Jeannette? Nein, ſagte die Juſtizräthin; es iſt Bartuſch. Stör' ich? rief Bartuſch durch das Schlüſſelloch. Kommen Sie heraus! Es ſind merkwürdige Briefe vom Juſtizrath da. Vom Vater? Die Mutter ging hinaus. Nach einigen Secunden kam ſie wieder und rief: Melanie! Denke dir, wer angekommen iſt? Erſchrecke mich nicht! Ich rathe nicht gern. Meine Nerven ſind angegriffen... Der Prinz Egon! So? Das wiſſen wir ja ſchon. Prinz Egon von Hohenberg! Angekommen? In der Reſidenz? Nein, hier! Hier auf dem Schloſſe. Sonderbar, wie dieſe Worte auf Melanie wirk⸗ ten! Sie kannte den Prinzen nicht und mußte eher ver wor und ben Um Fr wie ſun es vandte ſich en Muttet rtuſch. und rift iſt? m. Mein lunit u mt * 401 im Intereſſe ihrer Familie vor ihm auf der Hut ſein, als dabei intereſſirt, ihn gerade hier zu ſehen, wo ſie Alle von ſeinem Eigenthum faſt Beſitz genommen hat⸗ ten.... Dennoch ſprang ſie jetzt aus dem Bette, ließ Hackert Hackert ſein, kümmerte ſich nicht mehr um Laſally, nicht um den Intendanten, vergaß die Nacht, vergaß ihr Kopfweh, vergaß ihre Schlafloſigkeit und trieb nur die Mutter an, ihr zur nothdürftigſten Toi⸗ lette beizuſtehen. Wie ihre Füße in die ſeidenen Pan⸗ töffelchen ſchlüpften, die leichten Nachtgewänder abge⸗ worfen wurden, wie ſie an den Toilettentiſch eilte und ſich in flinkeſter Behendigkeit Angeſicht und Nacken benetzte, wie ſie dazwiſchen an dem Schellenzug riß, um den Bedienten das Zeichen zum Serviren des Frühſtücks zu geben. man hätte nicht glauben ſol⸗ len, daß Dies daſſelbe Weſen war, das noch eben wie leblos, ganz in Träumerei und Erinnerung ver⸗ ſunken, zwiſchen den grünſeidenen Couverten des Bet⸗ tes gelegen hatte. Das einzige Wort: Ein Prinz, der Prinz Egon, iſt hier auf Hohenberg! hatte ſie elektriſirt. Sie herzte die Mutter und tröſtete ſie mit den Worten: Laß es nun gut ſein, ſonſt muß ich über mich ſelbſt lachen Ja! Ja! Waſſer! Luft! Sonnenſchein! Die Mutter hat Recht. Die Ritter vom Geiſte. I. 26 ——— — Damit drängte ſie die kleine runde Mama, die ſchon ſo friſch, ſo ſauber ausſchaute, durch die Thür und hüpfte ihr mit den Worten nach: Nun guten Morgen, Bartuſch, was haben Sie? Was ſchreibt Papa? Wo iſt hier ein Prinz? Wer hat den Prinzen? Her mit ihm! Bartuſch war ſchon ganz in ſeiner gewohnten Toi⸗ lette. Einfach, aber ſauber. Weiße Halsbinde, wei⸗ ßes Vorhemd, ſchwarze Weſte, grauer Ueberrock, weite lichte Beinkleider, Schuhe mit grauen Kamaſchen. Er wiederholte die Zeichen, die Stillſchweigen bedeuten ſollten, mit um ſo größerm Nachdruck, als ein Die⸗ ner in Schlurck's geſchmackvoller Livree eintrat und das Frühſtück beim offenen Fenſter auf einem runden Tiſche auftragen wollte, an dem zwei Seſſel ſtanden. Bartuſch ließ ihn gewähren. Als er gegangen war und einige kleine Befehle, die Melanie's Ungeduld folterten, für die Wirthſchaft mitgenommen hatte, ſchloß Bartuſch wieder behutſam das Fenſter und zeigte einen Brief, der dieſen Morgen von der Reſidenz mit einem Eypreſſen angekommen war, viele geſchäftliche Anwei⸗ ſungen des Juſtizraths und unter Anderm auch fol⸗ gende Stelle enthielt: „Schließlich, liebſter Bartuſch, mach' ich Sie auf ein merkwürdiges Gerücht aufmerkſam, das hier zu hen jam uns Zu ſchr geb ih hr wn nehr Sei ierl er h erß inzu un ka pel de hen Nama, die die Thür aben Siet tinz! Wer ohnten Lo⸗ binde, wei rroch weit aſchen. Er bedeuten ein Die⸗ initat und em munden ſi funden engen nu Ungedb att, ſlo zin⸗ einen nit einen che Ann auch ſt E a6 hie meiner Kenntniß gelangte. Prinz Egon iſt vor eini⸗ gen Tagen hier angeköͤmmen und hat ſich, wie man für gewiß behauptet, in einer Verkleidung nach Ho⸗ henberg begeben. Zu welchem Zwecke iſt mir unbe⸗ kannt. Wenn er wirklich ſtreng incognito reiſt, um uns wahrſcheinlich zu belauſchen und ſich Hohenbergs Zuſtände anzuſehen, würde Ihnen eine genauere Be⸗ ſchreibung ſeiner Perſon, die ich nicht einmal ganz geben kann, wenig nützen. Doch dürfte es immer rathſam ſein, wenn Sie ſich merken wollten, daß Prinz Egon mir allgemein jetzt als ein ziemlich ſchlank⸗ gewachſener, doch nicht übergroßer junger Mann von mehr lichtbraunem als blondem Haar geſchildert wird. Seine Augen wären braun, ſeine Hände und Füße zierlich, was weiß ich von den Schönheiten allen, die er beſitzen ſoll und über die man am beſten thäte, erſt bei den ſchönen Frauen in Paris Erkundigungen einzuziehen.“ Ueberflüſſige Anmerkung, die wol von Ihnen kommt? unterbrach Melanie den ſchmunzelnden Vor⸗ ſeſer Dieſer fuhr fort: „Das Beſte an der Sache iſt, daß ich ohne Zwei⸗ fel den Prinzen Egon auf ſeiner Incognitvreiſe geſe⸗ hen habe. Im Heidekruge, bei dem ehrlichen Manne, 26* E 404 dem Volksfreunde Juſtus, der mich mit ſeiner Ver⸗ wendung für meine ſchönauer Wahl betrügen und ſich ſelbſt wählen laſſen wird, lernt' ich einen jungen Mann kennen, deſſen Aeußeres vollkommen den mir gemachten Schilderungen entſpricht. Er fiel mir im Geſpräch ſogleich durch geiſtvolle Wendungen ſehr auf, und da er liberale Anſichten ausſprach, bin ich über⸗ zeugt, daß es der Prinz war, den die diesſeitige Ge⸗ ſandtſchaft in Paris ſehr oft als einen Communiſten bezeichnet hat. Soviel ich aus Champagnernebeln her mich entſinne, hatte dieſer Fremde hellbraunes Haar, trug ſich mit einem der modernen Bärtchen, deren Namen ich nicht kenne, war ohne Stutzerei gutgeklei⸗ det und ſprach höchſt angenehm und fertig. Folgen Sie dieſem Signalement. Forſchen Sie Egon's Schrit⸗ ten nach. Begierig bin ich, was der Prinz in Ho⸗ henberg beabſichtigt. Möglich, daß ſeine geheime Be⸗ ſichtigung der Familienbeſitzungen ihn beſtimmen könnte, die Verwaltung derſelben noch einmal zu verſuchen und ſich mit den Gläubigern ſeines Vaters abzufin⸗ den. Sie fühlen, daß mir mit einem ſolchen Ent⸗ ſchluſſe wenig gedient ſein kann, denn er würde meine Adminiſtration aufheben, die doch, ſo Gott will, bei der jetzigen Lage der Dinge einige dreißig Jahre über mein kühles Grab noch hinausdauern könnte. Aſo ber hi ſche hen er feſſ letz lan ſeiner Ver⸗ trügen und inen jungen en den mir ſil mit im gen ſchr auf bin ich iber es eitige Ge Commmiſen ernebeln het unes Haar chen, deren ri gugle rig ol usehn Prin in He gehein 8 mmen löm zu verſuch ers obh ſolhen b würde no Fott wil ig Juhr fönne. 405 beoba ie i ſchlagen Sie in unſerm Ver⸗ en Weg ein, der Ihnen der nützli 3 er nützlichſt Entdect er ſich nicht, ſo wär' es harmlos von ſelbſt aufzuſuchen und 3 einem Vorwande im Schloſſe anſtändig 8 lett ilft i mei — ft dabei meine gute und kluge Me⸗ 6 2 ſagte Melanie faſt erröthend übri ie“, fuhr Bartuſch zögernd fort;„der i „der ich Die Mutter nahm * den Brief, den i 3 Einſehen hinreichte, Rernß ihr Bartuſch wollte geſpannt und ungeduldig wie ſie war goldenen und ſagte, indem ſie ti affeelöffel vom Munde abſetzte Taſe ſenkte: und in die Was ſoll es de i — nn mit der gu Was iſt ihr zu wünſchen? ter e hören, meinte die Mutter, die wei⸗ uhe Jch ſagte ihr ja ſchon, welche Le uns bevorſtehen, da ſich Hackert erlaubt ihm, folgen. Der Vater warnt uns vor vermuthen mü len Bebelnge geſcpen bet un ſe, er würde die Dreiſtigkeit haben, 406 ſich hierher zu begeben. Er bedauere, ſchreibt er, nicht gefragt zu haben, auf welche Veranlaſſung Hackert im Heidekrug wäre... Laſſen wir Das, ſagte Melanie, und bleiben wir beim Prinzen Egon ſtehen. Was weiß man von ihm? Iſt Jemand angekommen, der dem Signalement ähn⸗ lich ſieht? Schöne Kennzeichen ſind das! Wer findet ſich aus ſolchen Allgemeinheiten zurecht? Lichtbraunes Haar, zwiſchen blond und braun in der Mitte ſpie⸗ lend— ein unglaubliches Phänomen! Und die klei⸗ nen Hände und Füße, der namenloſe Bart und die Franzöſinnen, die Papa wol hätte auslaſſen können! Er meint die Gräfin d'Azimont, von der ich ſchon ge⸗ hört habe.... Bartuſch unterbrach ſie mit dem Bemerken, es fände ſich in dem wider Schlurck's Gewohnheit ſehr langen, aber durch die Wichtigkeit der Veranlaſſung begründeten Briefe noch ein intereſſantes Poſtſcriptum. Wie in einem Frauenzimmerbriefe? ſagte Melanie. Während ſie ihr feines von der alten Brigitte jeden Morgen friſch gebackenes Weißbrot zerkrümelte, las Bartuſch: „Nachträglich noch eine Notiz für die Erkennung des Prinzen. Soeben war Frau von Trompetta bei mir, um einmal wieder eine ihrer tauſend Unterſchrif⸗ ſelh leid ein ſ Mn hat tet ſein Am t er, nicht ackert in leiben wit von ihmn ment ihr⸗ Wer findet chtbraunes Mite ſie⸗ die klei⸗ t und die n fönnen! ſchon ge⸗ nerken, es hnheit ſch ranluſin ſſniytun Melane n Briit ettrümelt Erlenun npei Untnſt 407 ten zu ſammeln. Sie antwortete mir auf meine Frage, ob ſie nichts Genaueres über die Aeußerlichkeit des Prinzen Egon wiſſe, er ähnele, ſie ſagte es freilich mit ſonderbarer Neckerei, dem jungen ſchönen Maler Siegbert Wildungen....“ Siegbert? unterbrach Melanie erſtaunend.. „Siegbert Wildungen, den ich mich entſinne einige mal bei uns zum Thee geſehen zu haben. Und in der That. Sie erfinden da Etwas, Bartuſch, ſagte Melanie und riß den Brief an ſich. Sie konnte nun ſelbſt weiter leſen: „In der That entſinne ich mich, daß mein räth⸗ ſelhafter Fremder im Heidekrug, nach deſſen näherm Reiſezweck, Namen und etwaniger Geſellſchaft ich mich leider zu erkundigen vergeſſen habe, mir den Eindruck einer großen Aehnlichkeit mit Jemanden machte, den ich erſt kürzlich mußte geſehen haben. Möglich, daß ſich mir die Geſichtszüge des jungen Malers Wil⸗ dungen von den kleinen Theegeſellſchaften eingeprägt haben. Ich könnte Ihnen von Egon's hieſigem Auf⸗ treten mancherlei Wunderliches erzählen, beſonders von ſeinem Reiſebegleiter, einem Franzoſen, Namens Louis Armand; doch verſpar' ich Das auf Eure Rückkunft. Behandeln Sie den Prinzen mit Discretion und tragt Alle dazu bei, Kinder, daß der Haß, mit dem er den Namen Franz Schlurck verfolgt, ſich mildere und die ungemein wichtige Verſtändigung, die ich mit ihm durchführen muß, vernünftig abläuft.... In großer Ei Siegbert Wildungen! wiederholte Melanie noch einmal mit einem Ausdruck ihrer Geſichtszüge, der vielleicht ſagen ſollte: Wie miſcht ſich dieſer reine Name in meine Luſt und meinen Frohſinn? Dieſe Trompetta! ſagte ſie zur Mutter. Es iſt kein Wort wahr, daß Prinz Egon dem Maler Sieg⸗ bert Wildungen ähnlich ſieht; ſie wollte mir nur den Stich geben: Bedenke, wen du ſchonen ſollteſt! Be⸗ denke, wer dich zu lieben vorgiebt! Der ſanfte gute Siegbert! Die Mutter zog eine Miene und nannte faſt ver⸗ ächtlich den jungen Maler geradezu den Ritter Toggen⸗ burg aus dem Atelier. Ich wette, dieſe verſchmitzte Trompetta wollte mir ſagen laſſen: Melanie, verlieb dich nicht in den Prinzen, nicht in die Excellenz, den Gatten meiner guten Freundin Pauline von Harder, ſondern denk' an Siegbert!... Bei all ihrer Heiligkeit hat ſie nichts als Romane im Kopf. Und, Fräulein Melanie, ſagte Bartuſch, hier iſt m dit ib lette in vor Ar ſetz m er den dere und mit ihm I grofet anie noch züge, der eſer reine SEs iſt ler Sieg⸗ r mur den leſl Be anfte gute fuſt ve⸗ Togge⸗ volle nir in den en min em denl ſi nicht bhin 409 noch eine frühere Stelle des Briefes, die wir über⸗ ſehen hatten. Ich will nun nichts mehr wiſſen, antwortete das Mädchen träumeriſch, von der Erwähnung Siegberts erſchreckt. Vorher noch, fuhr Bartuſch fort, ohne ſich irre⸗ machen zu laſſen, vorher noch, ſagte der Juſtizrath— die Erwähnung des Fritz machte, daß wir die Stelle überſprangen.... Welche denn? Die Anweſenheit des Prinzen von Hohenberg hinge vielleicht auch mit der Entführung des Mobi⸗ liars ſeiner Mutter zuſammen. Die Trompetta hätte erzählt, er wäre darüber bis aufs äußerſte entrüſtet. Frau von Trompetta hätte bemerkt, man beabſichtige bei Hofe vielleicht die ſchönſten Andenken dieſer Ein⸗ richtung dem Fräulein Friederike Wilhelmine von Flott⸗ witz zu verehren, als Anerkennung für ihre landes⸗ rettende Hingebung an das Kriegsheer und die Stif⸗ tung des weiblichen Reubundes.. Der Vater ſchriebe Das? rief Melanie lachend; von dieſer blonden Magdalena? Das ſind ſatyriſche Arabesken! Sie nahm den Brief fand die Stelle wirllich und ſetzte mit nicht ganz ſcherzhaftem Zorne hinzu: 410 Soll die Flottwitz vielleicht in die Lage kommen, auch zu dem Prinzen Egon in Beziehungen zu treten? Gebt Acht, Das wird eintreffen! Ihm raubt ein lieb⸗ loſer Vater die theuerſten Andenken an ſeine Mutter. Der alte Fürſt, der Alles verſpielt und vergeudet hat, opfert auch noch die letzte Erinnerung an die Mutter ſeines Sohnes. Der Hof rettet ihn durch eine Summe auf jene Einrichtung, und ſtatt ſie dem Sohne zurück⸗ zugeben, ſchenkt man das Beſte davon meiner blonden Freundin Friederike Wilhelmine, die es darauf anlegt, eine geſchichtliche Perſon zu werden. Das ſeh' ich vor mir! Der Prinz bittet um die Erlaubniß, bei ihr dieſe Reliquien noch einmal betrachten zu dürfen. Er ſieht die Briefbeſchwerer und Crucifire und küßt die Stickereien, und vergißt ſich und küßt auch die Hand der Flottwitz, die ihn erobern wird mit Gott für den König, das Vaterland und für— ſich! Nein, nein, dieſe Verſchwörung iſt entdeckt, die Fäden ſind in un⸗ ſerer Hand und wir benutzen ſie ſo, daß der Prinz Egon nicht der Gräfin d'Azimont, nicht der Flottwitz gehört, ſondern zu unſerer Fahne ſchwört, und Das gleich. Fort Bartuſch, holen Sie ihn nur her! Wo iſt der Prinz? Die Mutter rief lachend: Gemach! Gemach! ei kommen, treten? ein lieb⸗ Muttet. det hat, e Muttet eSumme ne zrüc⸗ blonden f anlegt, ſch' ich ß, bi ihr rfen. Er tüßt die tie Hund tfür den in, nein, d in un et Prin ʒlotmiß un Do herl B 411 Es iſt mein Ernſt, ſagte Melanie, ſprang empor und ſtampfte mit komiſchem Zorn ſo auf, daß die alten verwitterten Dielen von den kleinen Pantöffelchen zitterten. Nur ruhig! Nur behutſam, bitt' ich, meinte Bar⸗ tuſch, der gewohnt war, ſich immer ſtreng an des Juſtizraths Befehle zu halten. Discretion! Vor allen Dingen weiß man ja noch gar nicht, bemerkte die Mutter, ob der Prinz Egon wirklich hier ſchon angekommen iſt. Darüber, ſagte Bartuſch pfifſig, darüber kann ich Bericht erſtatten.... Raſch! Bartuſch; Sie ſchleichen wieder wie ein Maulwurf! Muß ich nicht? Müſſen meine Morgenrapporte nicht von einer gewiſſen ſyſtematiſchen Gründlich⸗ ke Nichts von Gründlichkeit! Die Mutter erläßt Ihnen heute Ihre gewöhnliche Spionage! Alſo.2 Erſtens hätt' ich denn zu melden, fing Bartuſch behaglich an, daß die alte braune Kuh, die Frau Juſtizräthin ſo lieb haben... Was? ſagte Melanie und warf ſich in ein Ca⸗ napee. Fort doch mit der alten braunen Kuh! Laß ihn nur, meinte lächelnd die Mutter. Es iſt beſſer, in ſolchen Dingen nichts zu übereilen. Du weißt, wieviel dem Vater an der Adminiſtration liegen muß.... Aber die alte braune Kuh!... Die vorgeſtern vom grünen Abhang fiel, iſt wie⸗ derhergeſtellt; der blinde Schmied curirte ſie.. ſagte Bartuſch und erfreute dadurch die gutmüthige Juſtizräthin. Weiter! Zweitens, die kranke Frau Müllerin— Bartuſch! Ich ſterbe.. Laß doch Kind! Was iſt mit der Frau Müllerin? Sie will nicht aus de. Mühle.. Wirklich nicht? Sie will da ſterben, we ſie gelebt hat. In dem dumpfen, feuchten Gemäuer? Bei dem ewigen Klappern der Räder? Bei dem Schaume, der faſt auf ihre Betten ſpritzt? Wie kann da die Frau je geſund werden? Hannchen Schlurck war wirklich außer ſich über dieſe hartnäckigen Gewohnheitsmenſchen; aber Bar⸗ tuſch ſagte: Leben in der Mühle und ſterben in der Mühle. Doctor Reinick meinte auch: Dieſen Leuten iſt in ſolchen Sachen nicht beizukommen. ibereilen. iſtration „iſt wie⸗ ſe.. müthige Nüllein? Bei den ume, der die Frul bu Bu⸗ m niſ 413 Melanie konnte über die Spannung, in der ſie Bartuſch erhielt, nicht entrüſteter ſein als ihre Mutter über Menſchen, die an der Schwindſucht leiden und nicht das Geringſte für das Einathmen einer geſunden n Drittens, der Bauer Sandrart. Ach! Ach! ſchmachtete Melanie, faſt verzweifelnd. Der Bauer Sandrart iſt abſolut nicht zu bewegen, vor uns die Mütze abzunehmen, wenn wir in den Ullagrund fahren. Warum nicht? ſagte die Mutter aufwallend. Der Juſtizdirector meint, es wäre nun einmal der reichſte, freieſte und npertinenteſte Menſch im ganzen Fürſtenthum.... Jetzt, da ſein Sohn in der Garde ſogar Sergeant geworden wäre, käm' ihm Keiner gleich, es wäre denn der Fürſt von Hohen⸗ berg ſelbſt.... Egon, heißt der! Gott ſei Dank! Sie lenken ein! Bleiben Sie auf der Fährte! Oder der Feldwebel ſeines Sohnes, der in der dritten Compagnie des Leibregiments ſteht, unter dem Major von Werdeck Bartuſch! Gegen ſolchen Trotz und den Stolz der Dumm⸗ 414 heit vermag keine Drohung Etwas; ſagte Bartuſch immer ruhig. Berichten Sie's nur, beſchied die Mutter, Herrn von Reichmeyer! Er war über dieſen Sandrart am meiſten indignirt.... Was das Schloß anbetrifft, fuhr Bartuſch uner⸗ ſchütterlich fort, ſo ſcheinen Herr und Frau Commer⸗ zienrath von Reichmeyer ſehr angenehm geruht zu haben. Sie ſind ſchon früh im Felde ſpazieren ge⸗ gangen, haben mit Arbeitern herablaſſend geſprochen und ſich die Wirthſchaftsgebäude wiederholt ange⸗ ſehen. Man kann daraus ſchließen, daß von dieſer Seite der Gedanke, Hohenberg anzukaufen noch immer nicht ganz fallen gelaſſen wird. Die Mutter nickte.... Laſally— fuhr Bartuſch fort... Was Der gethan oder nicht gethan, können Sie überſchlagen! rief Melanie, aufs Aeußerſte gereizt. In der That weiß ich auch nichts Weiteres von Laſally, ſagte Bartuſch gemüthlich, als daß er noch ſchläft und ſich geſtern Abend über Ihre Coquetterie bitter beklagt hat. Ein Opfer derſelben— Mehr Thatſachen, weniger Betrachtungen! Ein Opfer derſelben, wiederholte Bartuſch ſehr nachdrücklich, der Pfarrer... Bartuſch t, Herm drart am uſch uner⸗ Commer⸗ gerht zu zieren ge⸗ eſprochen At ange⸗ on dieſer och inmer nnen Sie gereil. ieres von er noch oqueten 1 uſth ſh 415 Guido Stromer.. Guido Stromer ſoll geſtern Nacht noch Veran⸗ laſſung zu einer häuslichen Scene gegeben haben. Ob Eiferſucht der Gattin, Verzweiflung über ſeine ſeit dem Tode der Fürſtin nicht mehr beſonders geſicherte Lage oder ob die Wirkung des Cham⸗ pagners— Bei dieſen Vermuthungen klopfte es. Man wollte die Störung nicht, deshalb ſprang Melanie, ihr un⸗ geordnetes Haar zuſammenraffend und über die halb⸗ offene Bruſt zuſammenſchlagend, an die Thür des Zimmers, um zuzuriegeln. Doch war es nur ihr Mädchen Jeannette, die, ſchon zierlich geputzt, einen großen Blumenſtrauß in der Hand hielt. Das Ge⸗ ſchenk kam vom Pfarrer und war als Morgengruß für Fräulein Melanie Schlurck beſtimmt. Jeannette lächelte bei dieſer Meldung etwas maliciös. Da ſieht man die Urſache des geſtrigen Zanks, bemerkte Bartuſch, als Jeannette auf ſpäter beſchieden wurde und ſich mit feiner Miene entfernt hatte; im Entzücken über den erlebten Abend wurde von ihm beſchloſſen, heute früh wieder ein Blumenbouquet hierherzuſenden, und dieſer Plan gab ohne Zweifel die Veranlaſſung zu einem Ausbruch längſt verhalte⸗ ner Gefühle. Während die Mutter den großen friſchduftenden Strauß zertheilte, um ihn vorläufig in die kleinen Waſſergläſer, die mit dem Frühſtück gekommen waren, ſetzen zu können und kein weiteres Klingeln erſt nöthig zu haben, ſagte Melanie, die das Geſchenk mit auf⸗ richtiger Theilnahme entgegengenommen hatte: Und wer weiß, kluger Mann, ob dieſe Blumen nicht heute ganz früh in der Stille im Pfarrgarten gepflückt wurden, während die gute treue Gattin und die fünf Schreihälſe von Kindern noch ſchliefen! Laßt mir den Pfarrer! Und die geſtrige Scene? fragte die Mutter. Die ſtille Frau, die hier ſaß, als könnte ſie nicht Fünf zählen und zu Allem lächelte, ſagte Bartuſch, hat einen Anfall von Leidenſchaft gehabt und ſehr ge⸗ weint. Stromer aber ſchlug auf die Tiſche, drohte mit allen möglichen Entſchließungen und die Kinder, aufgeſchreckt aus den Betten, in denen ſie ſchon ſchlie⸗ fen, warfen ſich zwiſchen die beiden Streiter und ſuchten Frieden zu ſtiften, bis die Hunde der Mühle anfingen zu bellen und die Eheleute zur Beſinnung auf die geiſtliche Würde des Hauſes zurückriefen. Die Frau ſchwieg, aber, wie ſie geſagt haben ſoll, nur aus Schonung für die kranke Müllerin. Unglückliches Bild der Ehe! ſeufzte Melanies chduftenden die kleinen en waren, erſt nöthig n mit auf⸗ Atte: ſe Blumen Pfarrgarte Gatlin und jefen! Laßt Utter. nt ſi nich e Bartuſch und ſehr ge ſce, dröhl die Kinde ſchon ſchi imiter un der Mih Beſinn“ triefen. nſol, Mil 417 Mutter, die zwar aus ihrem eigenen Leben ſolche Scenen nur von ganz früh kannte, die Welt aber hinlänglich beobachtet hatte, um dergleichen Nachſpiele zu einem heitern geſellſchaftlichen Abende, wo der Mann mit der Frau, die Frau mit dem Manne nicht vollkommen zufrieden war, zu verſtehen. Melanie aber, aufgeregt, ſagte noch nachdrücklicher: Laßt mir nur den Pfarrer gehen! Guido Stro⸗ mer kommt mir vor, wie ein Apfelbaum, dem, nach⸗ dem er lange keine Früchte getragen hat, plötzlich ein⸗ fällt, im November zu blühen! Der Mama geſteh' ich's, er hat mir gar nicht misfallen. Er iſt nicht ſchön und ſchon über die Jahre hinweg, wo man noch eines angenehmen Eindrucks durch ſein Aeuße⸗ res gewiß iſt, und dennoch beſitzt er eine Friſche, die auf ein nur gehemmtes, nicht erſtorbenes Bedürfniß zur Lebensfreude ſchließen läßt. Ich denke der Zeit, wo die kleinen Linien, die ich da im Spiegel im Zorn über Bartuſch's mich quälende Grauſamkeit ſchon mit feinen Strichen auf der Stirn und den Schlä⸗ fen gezeichnet ſehe, einmal auch garſtige Furchen ſein werden, die weder Schminke noch ein Schönheits⸗ waſſer fortjagen kann! Da wär' es vielleicht nur der Verſtand, der ſie auslöſcht. Jung erhält nur der Geiſt. In dem Pfarrer ſchlummert viel. Die Ritter vom Geiſte. 1. 27 418 Das du doch nicht etwa wirſt wecken wollen? ſagte faſt erſchrocken die Mutter. Warum nicht ich? Jeder! antwortete Melanie. Guido Stromer hat große ſchöne Augen, die er oft ſo gewaltig luftet, als ſollte man in eine ganz helle Kryſtallwelt ſehen, auf der Alles anders ausſieht, wie auf der unſern. Wenn der Mann mich lange und prüfend betrachtet, fühl' ich Etwas von den Vampyren, die ſchon mit ihren Blicken Andern das Leben ausſaugen. Verpflanzt doch nur einmal einen ſolchen Mann, wie mir Siegbert Wildungen ja von einem lateiniſchen Schulmeiſter, dem großen Winkel⸗ mann, erzählt hat, verpflanzt ihn aus einem Städt⸗ chen in der Priegnitz oder Altmark von ſeinen Büchern und ſeinen häuslichen Jämmerlichkeiten hinweg nach Rom und zu den Göttern Griechenlands... Doch wohin verirr' ich mich? Was ſind Ihnen, Bartuſch, die Götter Griechenlands! Bellen Sie weiter, alter Cerberus! Das Gebell der Hunde, fuhr Bartuſch fort, indem er an den kleinen Backwerkreſten kaute, die ſich noch auf den Tellern fanden; das Gebell der Hunde kann indeſſen auch von mancherlei Abends und über Nacht angekommenen neuen Beſuchern und Durchreiſenden des Orts herrühren., 1wollen? Melanie. die et oft ganz hele ausſieht mich lange on den ndern das mal einen en ja von en Vinkel⸗ en Stidt⸗ en Büchem mng nt Doch Barnſt, eiter, al ſort inden eſch u unde jm ibn ſun nnſn 419 Endlich! Endlich! Da iſt zuvörderſt zu erwähnen, ſagte Bartuſch, daß mitten in der Nacht eine Depeſche an den Herrn Intendanten einlief, deren Inhalt ſich aus der großen Eile abnehmen läßt, mit der heute ſchon in aller Frühe das Geſchäft der Einpackung begonnen hat. Daher alſo das frühe Hämmern und Poltern, das mich nicht mehr einſchlafen ließ? ſagte Melanie und trat ans Fenſter. Himmel, rief ſie, was ſoll der geſchmackloſe Wagen? Man legte die Gardinen zurück und entdeckte im innern Hofe einen langen und breiten Transportwa⸗ gen der Art, wie man ſie in großen Städten bei Um⸗ zügen braucht. Die Pferde waren ausgeſpannt. Hin⸗ ten der weitläufige Raum halb geſchloſſen. Zu glei⸗ cher Zeit ſah man auf dem andern Flügel ſchon die Ercellenz mit ihren beiden Bedienten in voller Thä⸗ tigkeit, Befehle ertheilend, hier und da beim Embal⸗ lieren zur Behutſamkeit mahnend, ſonſt aber ſchon in gewählter Toilette und die Gelegenheit wahrnehmend, ob der geöffnete Zipfel des Vorhangs an dem ſchon lange von ihm firirten Fenſter nicht Etwas von ſei⸗ nen weiblichen Bewohnern zeigen würde. Als er eben grüßen wollte, ließ die Mutter raſch den Vorhang 2 . 420 fallen und Melanie rief lachend und mit komiſchem Pathos hinter dem ſchützenden Verſteck: Biſt Du es denn, Mann mit den himmliſchen kleinen Ohren? Alp meiner Seele, der mich eine Nacht gekoſtet hat, die ich auf dem Kalender unſerer jungen Liebe als eine verlorene ausſtreichen muß! Blinzle nicht ſo gefahrvoll herüber! Mäßige das Feuer Deiner Augen, vortrefflicher Don Quirote! Fürchteſt Du nicht, daß ich, angezogen von dem ſüßen Lächeln Deines mit ſo kunſtvollen pariſer Zähnen geſchmückten Mundes zu Dir hinüberfliege und da das prächtige Buch in dem grünen Sammeteinband mit dem goldenen Schnitte Dir aus der Hand reiße und rufe: Mein! Mein? Ja mein, weil Du es be⸗ rührteſt! Schlag es nur auf, Mann! Lächle nur! Es iſt die Bibel, das Buch aller Bücher, worin das Hohe Lied Salomonis ſteht, das ich ſingen werde zur Geige und Flöte, wenn ich komme, um Deine kleinen Ohren mit Roſen zu umkränzen! Da notirt er es in einem langen Buche, vielleicht gerade Num⸗ mer ſechzig, die eine ſchnöde Anſpielung auf Deine Lebensgeſchichte enthält! Aber Bartuſch, Mutter, ſeht nur, es iſt ein Staatsdiener, der das Vertrauen ſei⸗ nes Fürſten verdient, ſelbſt die verweſten Blumen, die da noch in der chineſiſchen Vaſe ſtehen, betrachtet er, komiſchem himmliſchen nich eine der unſerer ichen muß! läßige das Duirotel den ſüßen er Zähnen ge und da nmeteinband hund riß Du es be iche mr worin da ingen wi um Deine Da noli rade Num⸗ auf Den Mu ſi ertrauen ſi Blumen⸗ 3 benucht ob ſie dem Staate verfallen ſind oder nicht? Nimm ſie! Nimm ſie! Es ſind ja die vortrefflichſten Stroh⸗ fäden für das Haar unſerer neuen Ophelia, meiner Freundin Friederike Wilhelmine von Flottwitz, die aus Liebe zum Prinzen Egon, wollt' ich ſagen Ottokar, dem Oberbefehlshaber der bewaffneten Macht, bereits närriſch geworden iſt.... Kind! Kind! ſagte die Mutter, nimm Dich nur ſelber in Acht! Das Abentheuer mit dem Incognito bringt Dich um alle Vernunft. Es iſt nichts damit; denn Bartuſch ſcheint uns zu foppen und von einem Fremden mit lichtbraunem Haar nichts zu wiſſen. Doch! fuhr dieſer aus ſeiner Faſſung nicht zu bringende Mann fort; wir haben nunmehro die Wahl zwiſchen drei fremden Perſonen, die ſeit geſtern Abend angekommen ſind. Denn den Kurier, der wahrſchein⸗ lich wegen der hier vermutheten Anweſenheit des Prinzen Egon zur ſchleunigſten Beſchlagnahme der drei Zimmer der Fürſtin gerathen hat, rechne ich nicht.... Rechnen Sie ums Himmels willen nicht! rief Me⸗ lanie ungeduldig. Sagen Sie, wer von den Dreien dem Siegbert Wildungen ähnlich ſieht? Ich kenne den jungen Maler nicht, bemerkte Bar⸗ tuſch; aber eine gewiſſe Perſon, die man geſtern tief . 422 in der Nacht hier ums Schloß hat ſchleichen ſehen und die durch dieſelben Hunde, die ich ſchon aus zwei andern Urſachen bellen ließ, verſcheucht wurde, kann es nicht ſein. Sie hatte rothe Haare.... Das war Hackert, ſagte die Mutter unmuthig.... Melanie ſchwieg. Er muß ſich den Garten heraufgeſchlichen haben, verſchwand auch dorthin, als die Bedienten des In⸗ tendanten, die drüben in den Zimmern abwechſelnd wachen, ihn entdeckten, das Fenſter öffneten und an⸗ rufen wollten. Wo er Obdach gefunden, weiß man nicht; auch Niemand ſonſt hat ihn irgendwo im Dorfe unten geſehen. Mutter und Tochter ſchwiegen ernſt. Dann, fuhr Bartuſch, die Panſe benutzend, fort, dann iſt zu nennen ein älterer Mann, der in der Krone unten angekommen mit einem allerliebſten Knaben. Der Fremde nennt ſich Ackermann. Herr Ackermann ſoll ſich geäußert haben, er käme von ei⸗ ner weiten, weiten Reiſe und hat hier im Dorf Auf⸗ ſehen gemacht durch das viele Seltſame und Aben⸗ teuerliche, das er geſtern Abend den Leuten im Wirths⸗ hauſe von Amerika erzählte. Nun ja! Das fehlte uns noch, daß zu allen Calamitäten, die wir ſchon auf dieſer Herrſchaft zu überſtehen haben, ſich noch chen ſehen aus zwei urde, kann muthig.. hen haben, en des In⸗ abwechſlnd n und an⸗ weiß man gendw in tzend, ſor der in del gllerlebſen an. Hn ne von e⸗ D orf Auf⸗ und Aben in Vih Das ſchl wir ſcho „ſich nt 423 das Auswanderungsfieber geſellte und durch irgend einen gewandten Agenten, Das wird Herr Ackermann ſein, die Leute vollends zu ihrer Arbeit keine Luſt und Liebe mehr behielten! Ich ließ darum ſchon heute in aller Frühe genauer nach dieſem Herrn Ackermann forſchen und erſtaune, daß auch er, wie der Letzte und Beſte von Allen, über Die ich zu be⸗ richten habe— Endlich der Prinz? unterbrach ihn Melanie mit äußerſter Ungeduld. Nun wol, ſagte Bartuſch, der Prinz, glaub' ich, iſt da. Aber Sie würden mich außerordentlich ver⸗ binden, wenn ſie in dem äußern Antheil, den Sie an dieſem Abenteuer nehmen, mein Fräulein, nicht ver⸗ gäßen, wie ſtreng die Vorſchriften des Juſtizraths ſind und wieviel möglicherweiſe darauf ankommen kann, ob und wie wir hier mit dem Erben der fürſt⸗ lich Hohenberg'ſchen verwickelten Maſſe zuſammen⸗ treffen. Ja, Melanie, ſagte nun die Mutter, durch Hackert's Erwähnung ſtreng und ernſt geſtimmt; laß Bartuſch ſeine ganze Meinung ſagen, damit wir wiſſen, wie wir uns zu verhalten haben.... Des Vaters halbe Eriſtenz beruht auf dieſer Adminiſtration. Melanie, befriedigt ſchon von der Thatſache, daß 424 der vielbeſprochene und abenteuerliche Fürſt nun we⸗ nigſtens da war, nahm aus einem der Gläſer einige Blumen des Pfarrers und ſchwebte, ihren Duft ein⸗ athmend und in ſorgloſer Spannung ſich wiegend, im Zimmer leiſe auf und ab. Die Melodie, die ſie da⸗ bei trällerte, ſtörte nicht. Der dritte Fremde, berichtete Bartuſch, kam denn alſo geſtern Nachmittag in einem kleinen Einſpänner mit einem ſehr ermüdeten Pferde an. Geſtern Nachmittag? unterbrach Melanie. Mit dem kleinen Wägelchen, das wir im Walde trafen? Wir ritten pfeilſchnell vorüber. Aber es waren zwei Herren— Einer nur! ſagte Bartuſch. Es waren zwei, erklärte Melanie. Einer faßte nach den Zügeln des ſcheugewordenen Pferdes, die ihm entfallen waren. Der Andere, der Andere in einer blauen Blouſe, war gleichfalls im Wagen auf⸗ geſprungen und half ihm. Wir ritten zu ſchnell, um genauer zu beobachten. Mein Schleier flatterte zu ſehr im Winde, die Mienen konnt' ich nicht unter⸗ ſcheiden. Auch waren Beide jung und der Eine... der Eine ſchien mir viel eleganter, als für den ſchlech⸗ ten Wagen paßte.... Von Zweien weiß ich nich, ſagte Bartuſch. Der ſt nun we⸗ äſer einige Duft ein⸗ wiegend im die ſie da⸗ „kam denn Einſpänner anie. Nit lde tafen? waren zwei Einer faßte zdes, die Andere in Buhn uß ſchnell, Un ſatert h icht unn Ein den ſil 4 De uſc 2 —— 425 da unten in der Krone abgeſtiegen iſt, hat in der That lichtbraunes Haar, zarte Hände, modernen Bart und gleicht ganz dem Signalement, das uns der Ju⸗ ſtizrath vom Prinzen gegeben hat. Bald nach ihm kam auf der andern Straße von Randhartingen her der Amerikaner, der ſich Ackermann nennt, mit einem Knaben. Der wahrſcheinliche Prinz hat keinen Na⸗ men genannt. Die eingeſchlafenen Gewohnheiten des Nachtbuchs in den Gaſthäuſern haben ihn auch nicht aufgefodert, einen zu nennen. Beide, der Braun⸗ blonde und der Amerikaner, ſchienen ſich fremd und doch haben ſie gemein, daß ſie ſich mit auffallendem Eifer nach den kleinſten Details des Schloſſes und der Familie Hohenberg erkundigten. Und noch mehr, Beide fragten nach dem blinden Schmied im Dotſe Nach Dem frägt ein Jeder, der mit einem eige⸗ nen Wagen kommt und ſein Pferd beſchlagen laſ⸗ ſen will. O nein— Sei doch ruhig! ſagte die Mutter ernſt; und laß Bartuſch reden! O nein, nahm Dieſer wieder ſeine Ermittelung des Thatbeſtandes wie ein Juriſt auf; nicht wegen der Pferdehufe geſchah Das. Der Amerikaner fragte ——= ——.— — — ———. 3 426 nach dem Schmied Zeck und nach deſſen alter Schwe⸗ ſter, die im Walde beim Förſter Heuniſch wohnt. Der Prinz aber, wenn er es iſt, machte ſich mit dem⸗ ſelben alten Schmied Zeck zu ſchaffen, indem er be⸗ hauptete, ein Schrein der ihm gehöre, wäre kürzlich von einem Fuhrmann, der ihm das Frachtſtück aus der Stadt Angerode hätte überbringen ſollen, bei einer Reparatur ſeines Wagens hier entweder verlo⸗ rengegangen oder nach allen Anzeichen geſtohlen wor⸗ den. Den Lärm wegen jenes Schreins kennen Sie ja! Wie kommt der Prinz zur Kenntniß dieſes Vor⸗ falls? Welchen Antheil hat er daran? Ja noch mehr, wie konnte er zu dem alten Zeck ſagen: Der Schrein iſt gefunden worden, bemüht Euch nicht, mir den Jammer wieder auszumalen, an dem noch Pe⸗ ters krank darniederliegt! Ich reiſe morgen zurück und laſſe den Schrein mir von Dem zurückſtellen, der ihn gefunden hat, dem Juſtizrath Schlurck. Wie, Schlurck? rief Melanie's Mutter und auch Melanie, die von dem ganzen Vorfall nichts wußte, blickte ſtaunend.... Ich entſinne mich des Morgens, ſagte Hannchen Schlurck, wo das Geſchrei eines Fuhrmanns das ganze Schloß in Aufruhr brachte. Wir hatten un⸗ ſern verunglückten Ball gehabt, auf dem nur die wohnt. it dem⸗ er be⸗ türlich ück aus en, hei r verlo⸗ ſen wor⸗ ten Sie 6 Vor⸗ noch Der icht mir 427 Bürgerlichen aushielten. Schlurck war trotzdem von der heiterſten Laune. Nachdem wir kaum vom erſten Schlaf erwachten, wird es unter unſern Fenſtern laut. Ein Fuhrmann hat, um die Hitze zu vermeiden, in der Nacht ſtatt am Tage fahren wollen. Beim Her⸗ abfahren vom Berge, dicht an der Schmiede, bricht die Achſe und der Wagen ſchießt über ihn her. Erſt muß er eine Weile ſo gelegen haben, bis das Bellen ſeines Hundes die Leute weckt. Noch war hier oben Alles wach. Der Schmied wird aus dem Schlafe gerüttelt. Man packt den Wagen ab. Der Fuhrmann wird in die Schmiede getragen. Man ſeellt ſeinen Wagen wieder her. Der arme Menſch kommt zur Beſinnung, ladet wieder auf und vermißt einen Schrein, um deſſen Wiedererlangung der Mann faſt wahnſinnig wird. Er beſchwört Alles, was lebt, um ſein verlorengegangenes Frachtſtück, klagt den Schmied an, das Schloß, das ganze Dorf. Der Juſtizdirector wird geweckt, man nimmt ein Protokoll auf, der Fuhrmann reiſt unverrichteter Sache in Verzweiflung wieder ab, und nun ſagt Prinz Egon, wenn er es iſt, das geraubte Gut befände ſich in den Händen meines Mannes? Wie iſt das möglich? Der Fremde ſcheint darüber ſo beruhigt zu ſein, 428 fuhr Bartuſch ebenfalls erſtaunt fort, daß zuvörderſt dem alten Zeck ein Stein vom Herzen gefallen iſt.... Der alte Schmied, ſagte die Mutter, hat ein un⸗ heimliches Ausſehen und erinnerte mich, ich muß es wol ſagen, oft an Hackert. Doch achtet man ihn allgemein. Gehört er nicht zu den Frommen, wie auch ſeine Schweſter im Walde? Die Hexe? ergänzte Melanie. Als wir geſtern beim Förſter vorbeiritten, graute uns vor dem Gruße der Alten, die unter den Tannen am Wege ſaß, wie eine der alten ſchottländiſchen Nornen.... Wenn dieſe Leute den Schrein genommen hätten? meinte die Mutter. Der blinde alte Zeck? bezweifelte Melanie. Wie käme aber der Vater dazu? Habt Ihr auf ſeinen Wagen einen ſolchen großen Schrein, der au⸗ ßerdem noch ganz ſonderbar ausgeſehen haben ſoll, aufladen ſehen? Nein! war die Antwort. Und wenn ihn Schlurck auch gefunden und Ur⸗ ſache hätte, es zu verſchweigen, da er vielleicht einen irgendwo vermißten Gegenſtand entdeckte, wo hätte er ihn finden ſollen? Es war zwei Uhr, als ſich das Unglück mit dem Fuhrmann ereignete. Der Schrein ging um zwei Uhr verloren. Schlurck hatte vörderſt i in un⸗ wß es nan ihn en, wie geſtem nGmße , wie hätten? hr uf der au⸗ nd Urn einen hitt als ſich halte ſchon lange vor ein Uhr die jüngere forttanzende Ge⸗ ſellſchaft verlaſſen, die Juſtizdirectorin, die ſich mit den Adeligen entfernen zu müſſen glaubte, früh nach Hauſe begleitet und mußte längſt wieder zurück ſein, da man den Weg hin und her von der Zeiſelſchen Wohnung in einer halben Stunde macht. Mußte zurück ſein! ſagte Bartuſch mit einem Ernſte, dem ein boshaftes Lächeln folgte. Melanie's Mutter firirte ihn. Mußte? ſagte ſie erröthend.... Es trat ein peinlicher Augenblick ein. Offen lagen da plötzlich gewiſſe geheime Schäden dieſer frivolen Familie, die bisher vom abſichtlichen Nichtwiſſenwollen verdeckt waren.... Schlurck verehrte Frau von Zei⸗ ſel.... Frau von Zeiſel war ohne ihren Mann vom Balle gegangen.... man konnte Vermuthungen Raum geben.... man konnte Schlüſſe ziehen.... man fontnte Genug! rief Melanie; weg mit Eurer abſcheu⸗ lichen juriſtiſchen Unterſuchung! Iſt es nicht, als ſäße man hier auf dem Armenſünderſtuhl und müßte ſeine unſchuldigſten Erlebniſſe zu Protokoll geben! Schämen Sie ſich, Bartuſch, mit Ihrer grübelnden Weisheit, die doch nichts zu Tage fördern wird, als daß Sie unter Thoren der Thörichtſte ſind. Ein 430 Schrein— eine Juſtizdiretorin— zwei Uhr— was iſt das Alles? Gehen Sie hinunter in die Krone, richten Sie an den hellbraunen Lockenkopf, der uns hier Fallen legen, auf falſche Fährten bringen und dem Vater, den er haßt, ſchlimme, böſe Streiche ſpie⸗ len will, den Gruß meiner vortrefflichen Mutter, Jo⸗ hanna Schlurck, geborenen Arnemann, aus, und ſagen Sie ihm: Dieſe noch junge, ſchlanke, ſehr liebens⸗ würdige Johanna Schlurck hätte eine Tochter, die ver⸗ hältnißmäßig jünger, noch ſchlanker, aber nicht liebens⸗ würdiger wäre als die Mama, und ſich erkundigen müſſe, ob ihm geſtern im Walde mit ſeinem ſtörri⸗ ſchen Thiere keine Unannehmlichkeit widerfahren wäre? Verſtehen Sie? Und die Antwort darauf, fahren Sie fort, die Antwort, würden die Bewohner des Schloſ⸗ ſes lieber von ihm ſelber hören, falls er geneigt wäre, bei uns heute einen Löffel Suppe zu eſſen. Bürger⸗ lich um halb zwei Uhr. Biſt du's zufrieden, Mama? Die Mutter war noch erſchüttert davon, daß Bar⸗ tuſch auf die Artigkeit anſpielen konnte, die der Ju⸗ ſtizrath der Frau von Zeiſel erwies... Einen Korb nehmen wir nicht, fuhr Melanie den Unmuth verſcheuchend fort. Das ganze Getriebe von Intriguen zwiſchen den Häuſern Hohenberg und Schlurck, alle dieſe Feindſchaften laſſ' ich nicht auf⸗ — was Krone, er uns en und che ſie⸗ ter Jo⸗ id ſagen liebens⸗ die vel⸗ liebens⸗ undigen ſüöri⸗ nwire? hren Sie EE gt wär, Bürger⸗ Mana? aß Bar⸗ der Ju⸗ mie der iebe von n und ct u 431 kommen. Der Vater ſoll uns keine Vorſchriften ma⸗ chen, die wider die Natur der Frauen gehen. Hier lebe die Galanterie! Sie machen ſich ſogleich auf den Weg, Bartuſch, bei Strafe meiner Ungnade, und knüpfen die Verbindung auf feine diplomatiſche Art an! Lächeln Sie mir aber nicht etwa, wie's im Ham⸗ let heißt, als wollten Sie ſagen: Wir wiſſen recht gut, Sie ſind Prinz Egon, aber wir drücken die Au⸗ gen zu! Oder: Wir ſcheinen dumm und ſind klug! Wir wollen Sie nur nicht kennen! Verſtehen Sie? Nicht ſo! Will der Prinz ſich verborgen halten, ſo nehmen Sie ihn ernſt und heilig für Das, wofür er ſich ausgibt, und wär' es ein gewöhnlicher Kam⸗ merjäger, der hier oben auf dem Schloſſe nur die Ratten und Mäuſe verjagen will.... Wer weiß, ob Das nicht ſeine wahre Abſicht iſt! ſagte die Mutter, die ſich jetzt erſt ſammelte. Nein, ich ſtifte Frieden zwiſchen den Häuſern Friedland Piccolomini! ſagte Melanie und drängte Baktuſch zur Thür hinaus, indem ſie ihm noch nachrief: Halb zwei Uhr ſteht die Suppe auf dem Tiſch! Bartuſch zögerte. Melanie gab ihm kein Gehör mehr. Sie drückte gewaltſam hinter ihm die Thür zu. 432 Mutter! ſagte ſie, jetzt gilt es ſchön ſein! Sie klingelte und rief ihrem Mädchen. Bartuſch wollte draußen immer noch zweifeln, klopfte, begehrte Einlaß, erinnerte immer noch an das doch nur im Allgemeinen zutreffende Signale⸗ ment Melanie rief hinaus:* Wir werden bald wiſſen, woran wir ſind. Der Wink der Trompetta ſoll nicht verloren gehen. Leiſer und faſt für ſich ſetzte ſie hinzu: Wir werden ihn ſehen und uns bald überzengen, ob er einem jungen Manne ähnlich ſieht, den wir ja wol ſehr genau kennen, dem guten Siegbert Wil⸗ dungen. Damit denn ging Bartuſch. Melanie bedeckte die Mutter mit zärtlichen Küſſen, umarmte ſie, tanzte mit ihr und ſuchte ſie möglichſt aufzuheitern. Davon, daß der Geiſt der Wahrheit, des Ernſtes und der heiligen Pflichterfüllung beſtimmt ſchien, hier den von uns geſchilderten frivolen Lebensprincipien eine tiefe Demüthigung zu bereiten, konnte ſie keine Ahnung haben.. Nicht ohne einen Anflug von Rührung ließ die ernſtgeſtimmte Mutter die Liebkoſungen ihres Kindes geſchehen und folgte dann der Auffoderung, gemein⸗ ſchaft vor Kleid Ran uſch von weifeln, noch an Signale⸗ nd. Der n * 6*7 berzeugen den wir gbett Mil⸗ edecte die tanzte nit Davon, s und der den von eine tief Ahnunh 9 ließ die Kindes —— 433 ſchaftlich zu berathen, wie dieſer Mittag angeordnet, vor allen Dingen, welche Gäſte noch und welche Kleider gewählt werden ſollten. Indem Beide mit der inzwiſchen eingetretenen Jeannette in das Garderobezimmer traten, ſchritt Bar⸗ tuſch nachdenilip Anhöhe herab dem Wirthshauſe von Pleſſen zu, genannt: die Krone. Ende des erſten Buches. —₰ Die Ritter vom Geiſte. 1. S S = ₰ 8 8 65 — — — * — — — — — S — 8 8 — — 8 — S8 Inhalt des erſten Bandes. Seite Vorwort 1 Erstes PZuch. Erſtes Capitel. Das Kreuz und das Kleeblatt...... 13 Zweites Capitel. Dankmar Wi 35 Cübite 65 Viertes Capitel. Der Schrein im Tempelhauſe... 89 Fünftes Capitel. Der Heidekrug.............. 126 Sechstes Capitel. Die blaue Blouſe.............. 153 Siebentes Capitel. Der Reubund................ 176 Achtes Capitel. Der Spion................ 198 Neuntes Capitel. Die Viſitenkarte des Tiſchlers.. 231 Zehntes Capitel. Der Gläubiger vom Throne...... 277 Elftes Capitel. Melanie Schlurck............. 311 Zwölftes Capitel. Eine neberraſchung.......... 384 * SGrey Sorroſrert Sreen Nellow Bed Magenta Grey 4 K. ₰ 3 6 — 3 6