„ 5 18 5 7 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher franzöſiſcher Literatur Cduard Otlmunn in Gieſſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih- und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfahnchn⸗ und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei eiſ eines geliehenen Buches wird von j Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— auf Monat: 1 Mrk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. MW Pf. rtirt Ubonnenten haben für Hin⸗ und Zurickſendung der Burhen auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lotene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der L Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird nte daraäf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. † ————— ——— — C. Gutzkow: Geſammelte Werke. 13 Bde. „„ Aus der Knabenzeit Jean Paul: Der Papierdrache. 2 Bde. Petöfy: Gedichte. Aus dem Ungariſchen v. Platen: Polenlieder 3 Miller: Rheinfahrt. Ein Gedicht hie L. Kaliſch: Paris und London. 2 Bde. G. Jung: Geſchichte der Frauen F. W. Heſſemer: Juſſuf und Nafiſſe. Ein Gedicht Neithard: Geſchichten und Sagen aus der Schweiz. Otto Müller: Die Pi Roman 2 Bände. C. Vogt: Zoologiſche Briefe. 2 be Ocean und Mittelmeer 7/ In demſelben Verlag ſind erſchienen: 8 0 bo Die Diakoniſſin. Ein Lebensbild. Die Diakoniſſin. Ein Lebensbild. Von Karl Gutzkow. e Morat. 2 ee Frankfurt am Main ſ (J. Rütten) 1855. Druck von C. Krebs⸗Schmitt in Frankfurt a. M. Meinen lieben Schwägerinnen Fran Minna und Frau Eliſe gewidmet. In einem Augenblicke, wo vor einigen drei⸗ ßig Jahren vielleicht eine Geſellſchaft von Göttinger Studenten auf dem Brocken oder ein fröſtelnder, um die Nachtruhe betrogener Trupp von Schweizer⸗ reiſenden auf dem Rigi ſtand, um den Aufgang der Sonne zu beobachten, brach in den Gewäſſern des ſtillen Ozeans, auf der andern Hemiſphäre unſerer Erdkugel, eben die Nacht an. Gewaltig wirft ſich die Woge an die Spitze eines Vorgebirges auf der Inſel Java. Hochauf ſpritzt ihr Schaum zu einer einſamen Palme, dem vorgeſchobenen Wächter einer kleinen Niederlaſſung, die tiefer hinein in die zerriſſenen Thalſchluchten der gebirgreichen Inſel ihre Wohnhäuſer liegen hat, ihre Zeltdächer, ihre Veranden. Nur auf den höch⸗ ſten Bergkuppen liegt das Geſtein offen zu Tage, tiefer abwärts bedeckt es die Pracht der ſüdlichen Gutzkow, Diakoniſſin. 1 Flora und entſendet Zauberdüfte, die ſelbſt denjenigen immer noch berauſchen, der ſich an das Einathmen einer ewigen Blüthenatmoſphäre hier ſchon ge⸗ wöhnt hat. Die Nacht aber iſt die Feierſtunde dieſer ſchö⸗ nen ſüdlichen Welt. Sie bricht an, ſelbſt nur ver⸗ gleichbar dem ſich erſchließenden Kelche einer jener Wunderblumen, zu denen wir in unſern Treibhäu⸗ õ ſern emporblicken wie zu beſeelten Weſen, zu Sitzen feenhafter Geheimniſſe; ſie iſt ſelbſt ein Traum, den die ſchlummernde Natur zu träumen ſcheint. Gold⸗ gelb ſchwimmt der Mond, der Erde näher gerückt wie zur unmittelbarſten Zwieſprache, geiſterhaft in einem Meer lichtheller, wie Nebel zerfließender Wol⸗ ken. Ein Dämmerungsſchleier webt ſich über jede Fernſicht und deckt die ſchlummernden zur Ruhe geſchloſſenen Kelche der Mimoſen, während die Rie⸗ ſenfächer der Palmen nur von dem leiſen Winde des Meeres dann und wann feierlich bewegt ſind, Allem, was in dem ſtillen Raume lebt, ſanfte Kühlung zufächelnd. Die Düfte wechſeln in den ſich um⸗ werfenden Strömungen der Luft je nach neuen Blüthen, deren Geburtsſtunde die Pflanze gerade in der Nacht überraſcht. Leuchtkäfer blitzen auf wie 3 3 funkelnde Diamanten, mit denen das All ſich ſchmückt. Am äußerſten Rande des Horizontes zuckt es von Blitzen ferner, ſtiller, ungehörter Gewitter, die Lüfte entladen ſich in elektriſchen Pulsſchlägen, die Nie⸗ mand fühlt und die Niemanden erſchrecken. Dieſer Traum der Nacht wäre in ſeinem Stummſein be⸗ ängſtigend, wenn nicht aus dem Blüthenwalde der Bergſchluchten zuweilen die menſchenähnliche Stimme des wilden Maku oder ein Heulen der in den Reis⸗ feldern ſtreifenden Tiger und Schakale vernehmbar würde. Ein junger Offizier von der Garniſon der nahe⸗ gelegenen kleinen holländiſchen Veſte Samarang ver⸗ ſchlief auf weicher Matratze dieſe Zaubernacht. Er hatte von ſeiner Garniſon einen Ritt von einigen Meilen gemacht, unter mancherlei ſchmerzlichen Empfindungen auf dem einſam gelegenen Landhanſe den Abend zugebracht und war dann nur mit dem einzigen Gedanken zur Ruhe gegangen, die Netze, die ſein Lager ungaben, um es zu ſchützen vor dem Beſuche der Mosquito's, der Scor⸗ pionen oder Fledermäuſe, ſich ſo dicht wie möglich zuzuſchließen. Wie es bei heftigen Ermüdungen zu gehen pflegt, folgt auf den erſten bleiſchweren 8 Schlaf einiger Stunden oft ein Erwachen, wo die Sinne zwar betäubt ſind, die Augenlieder aber ſtundenlang ſich nicht wieder ſchließen wollen. Der junge Offizier, unbewußt klarer Vorſtellungen, legte ſich nach Mitternacht bald auf dieſe bald auf jene Seite, lüftete, um ſich der Hitze zu erwehren, die leichte, feine Baſtdecke, lauſchte dem Summen der Käfer, die Gelegenheit gefunden hatten durch die geſtreiften Vorhänge des offnen Fenſters einzu⸗ dringen und jetzt in das zarte Netzgatter ſeines Lagers Eingang ſuchten, doch brachte ihn nichts aus ſeinem traumwachen Zuſtande, nichts aus einer gebundenen Schwere ſeiner Sinne. Er hörte ſogar Fußtritte über ſich, er hörte das Knarren des Bodens der leichtgebauten Wohnung des Wirthes, er unterſchied deutlich, daß dieſer hinaustrat auf die Altane, die von einer Palme beſchattet den Blick auf den fer⸗ nen Spiegel des Meeres bot. Der junge Offizier war dieſe nächtliche Unruhe ſeines Wirthes ſchon gewohnt. Es war ein Kranker, den er von ſeiner Garniſon aus zuweilen beſuchte; der Oberſt ſeines eignen Regiments. Keine Woche verging, daß nicht der junge Lieutenant Gerhard Hartlaub, von Geburt ein Deut⸗ ſcher, hinausritt in die ſtille Einſiedelei ſeines auf unbeſtimmte Zeit beurlaubten Chefs. Van der Buſch, ein Holländer, hatte ſich durch Tapferkeit gegen die aufſätzigen Eingebornen und eine gegen die eigenen Untergebenen ſehr nothwendige ſtrenge Mannszucht früh zu den höheren Graden emporgeſchwungen. In einem Alter von fünf und vierzig Jahren ſchon trug er die Epaulettes des Oberſten. Sein Regi⸗ ment ſtand theils in Samarang, theils war es in einzelnen kleinen Forts und Baſtionen zerſtreut, die zur Obhut der Gebirgspäſſe in oft gefährlichſter Einſamkeit bis tief in die Sitze der Ureinwohner angelegt waren. Oberſt van der Buſch hatte auf ſeiner letzten Reiſe nach Europa im Haag dem Kriegsminiſter ſeinen Dank für die ihm gewordenen raſchen Beförderungen ausſprechen wollen und bei dieſer Gelegenheit Deutſchland beſucht. In einer großen norddeutſchen Hauptſtadt machte er die Be⸗ kanntſchaft eines jungen gebildeten Mädchens Namens Natalie Hartlaub. Tochter eines Beamten ſtand ſie mit ihrer Mutter und einem um Ein Jahr jüngern Bruder, der die Landwirthſchaft lernte, allein. Die Bewerbung des ſtattlichen, wohlhabenden, mit Orden geſchmückten fremden Kriegers hatte den gewünſchten Erfolg und ſo anhänglich und edel waren die Em⸗ pfindungen des Oberſten van der Buſch, daß er ſeiner jungen Braut nicht etwa zumuthete, die Müh⸗ ſeligkeiten einer ſo langen Reiſe zu ertragen und ſich von dem heimatlichen Boden trennen zu ſollen, er verſprach ſeinen Aufenthalt künftig in Deutſchland zu nehmen. Da die Penſion, die er zu beziehen hoffen durfte, nach der Länge ſeiner Dienſtzeit bemeſſen wurde, ſo wollte er, um ein gewiſſes, ſein ganzes zukünftiges Leben angenehm ſicherſtellendes Maaß zu erreichen, noch auf drei Jahre nach Java zurückkehren. Die Zartheit ſeiner Empfindungen ging ſoweit, daß er ſeiner Braut eine Sicherſtellung für ihre Zukunft in aller Förm⸗ lichkeit gab. Die Reiſe war mit Gefahren verknüpft, das Fieber richtete unter den Europäern auf Java furchtbare Verheerungen an; ſo ſchied van der Buſch von Deutſchland faſt ſchon wie der Gatte ſeiner Geliebten, er kaufte ſie für den Fall ſeines immer möglichen Todes in einer Londoner Lebens⸗ verſicherung ein. Und um die Beweiſe der liebe⸗ vollſten, ja faſt väterlichen Fürſorge für das Wohl der Familie, mit der ſich der Edle verbinden wollte, noch zu vermehren, machte er dem Bruder ſeiner Braut den Vorſchlag Soldat zu werden, in hollän⸗ er diſche Dienſte zu treten und mit ihm als ein immer ⸗ gegenwärtiges Pfand ſeiner zukünftigen Hoffnungen nach Java zu gehen. Der junge Oekonom willigte ein. Er folgte ſeinem künftigen Schwager mit der ganzen ſorgloſen Freudigkeit, mit der die Jugend einem ihre Zukunft neu und wunderbar beſtimmen⸗ r den Geſchick entgegengeht. Indeſſen ſchon auf der Reiſe nach Holland, von da nach Paris, nach London, wo van der Buſch den Einkauf in die alte berühmte Lebensverſicherung Equitable Society anordnete, und von dort nach Holland zurück, kam ein geheimer Zuſtand zur Sprache, der ſchwer und drückend auf van der Buſchs Gemüth laſtete. Der Oberſt war krank. Er conſultirte in Paris und London die berühm⸗ teſten Aerzte über ein Uebel, das er ſeinem jungen künftigen Schwager lange nicht nannte. Es iſt der Zweck dieſer Blätter, das Nachdenken und Mit⸗ gefühl mitten in die Stätten menſchlicher Leiden zu führen. Wir wollen jene künſtliche Welt des ewig⸗ gleichen Glückes, der immer jungen und friſchen Kraft des Leibes, um tauſend romantiſche von Dichtern geſchilderte Schickſale des Herzens be⸗ — fahren zu können, einmal umgehen und das Auge zwingen, den viel wahreren Bedingungen unſeres Daſeins, die in unſerer Maſchine ſelbſt liegen, Stand zu halten. Möge Der, den es ſtört von Leiden zu leſen, dieſe Blätter ſogleich aus der Hand legen. Wir beginnen damit, daß wir die wunder⸗ barſte Pracht der Erdenſchöpfung nicht zum Schau⸗ platz eines unſre Herzen mit Seligkeit durchſchauern⸗ den idylliſchen Glückes machen, ſondern zur Lagerſtatt eines Kranken, eines von Schmerz Gepeinigten, eines oft die Luft mit Weheſchrei und Klageſeufzern laut erfüllenden Märtyhrers. Dem Charakter unſerer Mittheilungen entſpricht es, daß auch nicht etwa geſagt werde, der Oberſt van der Buſch litt an Uebeln, deren nähere Bez zeichnung nur den Arzt intereſſiren könnte; wir haben dem Zweck dieſer Blätter gemäß das Leiden zu nennen, das ſich drei Jahre nach jenen geheimen Conſultationen in Paris und London bis zu jener Kataſtrophe ſteigern konnte, die der junge inzwiſchen zum Offizier beförderte Gerhard Hartlaub ahnte, als er in jener wunder⸗ baren blüthenduftdurchzogenen tropiſchen Nacht plötz- lich auf ſeinem ſchlafloſen Lager einen Piſtolenſchuß hörte. Die kleine halb aus Binſen und Rohr⸗ — geflecht gebaute Villa dröhnte mächtig und ſchwankte von der Wucht eines zuſammenbrechenden Gegen⸗ ſtandes. Hartlaub ſprang auf. Alle Bilder des wachen Traumes waren verſchwunden. Er riß das bergende Netz ſeines Lagers auseinander, warf ſeinen Mantel über, ergriff fieberhaft ſchnell die Lampe, die zum Verſcheuchen der Tiger und Schakale hinter dem Mouſſelin⸗Vorhange des offnen Fenſters bren⸗ nend ſtand, ſtürmte die ſchwankende Stiege zu den Zimmern des Oberſten hinauf, ſtieß die zur Altane führende Thür zurück und fand vom Monde und den Sternen beleuchtet den jammervollen Anblick einer in ihrem Blute ſchwimmenden Leiche. Krampfhaft noch hielt die rechte Hand des Oberſten van der Buſch die tödtliche Waffe. Ein Blutſtrom ſchoß aus dem Munde des nicht ganz zerſprengten Hauptes, das ſich rückwärts an die Brüſtung der Altane lehnte— die herüberlangenden breiten Fächer der Palme beſchatteten es. Der Unglückliche war im Nachtgewande. Offen lag die Bruſt, die noch keuchend das Leben langſam ver⸗ hauchte. Der Stern des Auges ſchon gebrochen. Hülfe war da, aber vergebens. Cogho und Zadock, zwei brave Neger mit ſtarraufgeriſſenen Angen, wie — Hartlaub auch aus dem Schlaf erſchreckt, ſtanden hinter ihm, unfähig ein Wort zu reden. Schon heulten, vielleicht die Witterung des Blutes ſpürend, die wilden Wächter der Niederlaſſung, gewaltige Hunde an der Kette raſſelnd. Das Entſetzliche war geſchehen und wenn etwas den Unſtehenden die Be⸗ ſinnung wieder geben konnte, ſo war es die Gewiß⸗ heit eines längſt ſo geahnten Endes, die Beſtätigung einer vorausgeſehenen Befürchtung durch die nun beendeten Leiden des Oberſten. Sie waren drei Jahre hindurch namenlos geweſen. Oberſt van der Biuſch litt(wir ſchildern Menſchendaſein, wie es iſt) an dem in Guinea, nicht ſelten aber auch in anderen tropiſchen Gegenden vor kommenden Goldwurm, einem im menſchlichen Kör per ſich einniſtenden und flechtenartig um ſich grei⸗ fenden Inſecte, deſſen Ei ſich vielleicht im Schlaf oder ſonſt zufällig in der menſchlichen Hautoberfläche ablagert, erſt unmerklich ſich entwickelt, dann polh⸗ penartig um ſich greift, die edelſten Theile umſchlingt, das innerſte Leben des Menſchen aufſaugt, ihn mit brennenden Schmerzen peinigt und erſt mit dem Tode ſeines Wohnſitzes ſtirbt..... Wenden wir uns von einer Schilderung dieſes Leidens ab. — Es iſt da: warum ſollte man es nicht nennen?.. Van der Buſch kannte ſein Uebel nicht, als er Europa wiederſah; es war noch im Beginn und ſchien ge⸗ fahrlos, eine Hautkrankheit. In London erſt erkannte ein berühmter Arzt den Goldwurm. Heilungsver⸗ ſuche ſchienen einen Erfolg zu verbürgen. Die See⸗ reiſe verlief ohne weitere Befürchtungen, doch die Sonne des Aequators fachte den nur halb erſtor⸗ benen Lebenskeim des Thieres wieder auf's Neue an und ein Menſch, das Ebenbild Gottes, der Beherrſcher der Natur, der glückliche Erbe der Schön⸗ heiten dieſer Erde, ein guter, edler, ſeinen Pflich⸗ ten ergebener Mann war beſtimmt zu leben für ein Thier, das in ihm ſeine Wohnung genommen hatte! Alle Bemühungen der Aerzte, von denen die geſchickteſten unter den Eingebornen ſelbſt lebten, waren vergebens. Van der Buſch zog ſich auf jene ſtille Einſiedelei zurück. Das oberſte Commando von Batavia ertheilte ihm einen unbeſtimmten Ur⸗ laub. Nur von Eingebornen, zu deren natürlichen Geiſtes⸗ und Herzensanlagen er immer die größte Zuneigung gehabt hatte, bedient, führte er auf ſei⸗ ner Villa ein dem Schmerze und der Philoſophie gewidmetes Leben. Seine untergebenen Offiziere, auch Prieſter und Häuptlinge befreundeter Stämme beſuchten ihn und hofften ihn durch Geſpräche und Geſchenke zu erheitern. Und unter ihnen war ſein treueſter Gefährte der junge Hartlaub, der Bruder der fernen Geliebten, der Bruder Nataliens, die den klagenden Ton der Briefe, die aus Java kamen, nur aus dem Schmerz über die weite Entfernung herleitete. Vor ſeinem künftigen Schwager hatte van der Buſch über ſeinen Zuſtand kein Geheimniß, doch waren beide darüber einig, daß Natalie von den Gefahren, die ſein Leben bedrohten, nichts erfuhr. Der junge Hartlaub verſprach ſich viel von der Rückreiſe nach Europa. Die berühmteſten Aerzte, an die er ohne Namennennung des Leidenden geſchrieben, gaben Hoffnung auf Heilung und ſchon länger hätte van der Buſch zu Schiffe gehen und zurückkehren kön⸗ nen, wenn ihn nicht Furcht und Schaam überkommen hätte bei dem Gedanken, in ſolchem Zuſtande ein geliebtes Weſen wiederzuſehen, das ihn voll Sehn⸗ ſucht erwartete. Oft ſchon hatte van der Biſch, von ſeinen brennenden Schmerzen gefoltert, vom Selbſtmord geſprochen, oft ſchon hatte ſein junger Freund alle Gründe erſchöpft, die die Religion gegen eine gewaltſame Endigung ſelbſt der äußerſten Pein des Lebens aufſtellt, immer aufs Neue kehrten die ſchwermüthigen Selbſtzerſtörungspläne des Oberſten wieder. Und als der Unglückliche, ein bejammerns⸗ werthes Opfer der Geheimniſſe unſerer Erxiſtenz, endlich entſeelt unter dem Palmendach auf den Matten der Altane vor dem jungen Krieger lag, mußte es dieſen ſelbſt befremden, wie gering ſein Erſtaunen war, wie gering ſein Schauder, ja wie erhöhend eine gewiſſe Troſtesſtimmung ihn überkam, daß da die tapfere Hand wie Ajax mit einem einzigen kühnen Streiche ſich unfähig gemacht hatte noch länger einer grauſamen Fügung unſeres Erdenſchickſals zum ohnmächtigen Spielball zu dienen. Noch im Mondenlichte, an dem verlaſſenen, mit Büchern und Scripturen bedeckten Arbeitstiſche las Gerhard Hartlaub den Anfang eines langen„letzten Willens“, den van der Buſch nur für ihn allein aufgeſetzt hatte. Die einſame Lage des Landhauſes machte die Erfüllung gewiſſer Wünſche des Dahin⸗ gegangenen nicht unmöglich. Van der Buſch hatte mit ruhiger Feſtigkeit vom Leben Abſchied genommen, er beſchäftigte ſich in ſeinem letzten Willen nur mit dem Glücke ſeiner fernen Geliebten. Er erzählte, daß ſein Vorhaben ſchon ſeit lange feſtgeſtanden. Er hatte die endliche Ausführung auf einen Tag ver legt, wo ihn ſein junger Freund beſuchte. Es war möglich, daß ihn dieſer und ſeine Neger, die er reichlich beſchenkt zu ihren Stämmen heimgeſchickt wünſchte, in aller Stille hier begruben und daß Niemand erfuhr, auf welche Art er aus dem Leben gegangen war. Er nahm ſeinem Freunde das heilige Verſprechen ab, die Art ſeines Todes vor aller Welt zu verbergen, ihn in aller Stille zu begraben, ihm die militäriſchen Ehren der Garniſon von Sama rang durch eine Deputation erſt dann erweiſen zu laſſen, wenn ſein Leib, wozu die Bedingungen des 6 Klimas ohnehin führten, bereits geborgen wäre in% einer kühlen Felſengrotte, die er für dieſen Fall ſchon lange als ſein künftiges Grab hatte erweitern und ausbauen laſſen. Seiner Geliebten ſollte die Urſache und die Art ſeines Todes auch ſchon deßhalb verſchwiegen bleiben, weil die ihr aus London zukommende Ver ſicherungsſumme beanſtandet werden mußte, wenn in London ſein Tod als ein gewaltſamer bekannt wurde. Man wird erſtannen, daß der brave und tapfere van der Buſch doch als— Betrüger aus der Welt gehen wollte! Die redlichſten Charaktere pflegen von ihrer ſonſt beobachteten oft ängſtlichen Gewiſſenhaftigkeit nicht ſelten abzuweichen, wenn ich um Be⸗ ziehungen zu öffentlichen Fn tit iten hanelt. Daß ein gewaltſamer Tod in Lordon bei einer Kaſſe, deren Beſtand auf mathematiſchen Berechnungen ge⸗ gründet war, Chancen verlieren ſollte, die ein anderer natürlicher Tod gefunden hätte, war vielleicht einem Krieger ſchwer einleuchtend, der ohnehin ſchon in der gezahlten Einlageſumme ſeinen ihm leichtzuſtoßenden Tod auf dem Felde der Ehre hatte in Anrechnung bringen dürfen. Hartlaub vollends war zu jung, um die Bedenken, die ſich der Erhebung eines be⸗ deutenden Capitals, das hinfort ſeiner Schweſter ge⸗ hören ſollte, entgegenſtellten, zum Anlaß einer Ab⸗ weichung von den Wünſchen ſeines Freundes zu machen. Er entließ bis auf einen Letzten die Diener, beſtattete mit dieſem ſeinen Freund und Gönner und ritt dann trauernd nach Samarang zurück, um ein⸗ fach von dem Hinſcheiden des Oberſten Anzeige zu machen. Der Unglückliche war ſo leidend geweſen, daß ſein als natürlich dargeſtellter Tod Niemanden überraſchte. Ein Commando aus allen Graden ſeines Regiments erſchien am Tage nach gemachter Anzeige an der Villa des Oberſten, die der Auditeur des Regiments verſiegelte, und ſchoß in das ſtille Felſen⸗ grab drei Ehrenſalven, daß die Berge weithin wider⸗ hallten. Hartlaub ſchrieb nach Europa an die Sei⸗ nigen. Die weiteren Vorgänge, die ſeine Schweſter zur Beſitzerin eines Vermögens von 50,000 Thalern machten, kümmerten ihn nicht, da ſie Ergebniſſe ſich von ſelbſt verſtehender gerichtlicher Proceduren waren. Die von jedem Andenken an das traurige Ende des Oberſten van der Buſch dann gereinigte Villa blieb lange Zeit leer, bis ſie von einem Offizier zum Aufenthalt ſeiner Gattin erſtanden wurde. Die Erben des übrigen Nachlaſſes des Oberſten waren ſeine in Holland lebenden Angehörigen, von denen Gerhard Hartlaub keine weitere Kenntniß hatte. —— 2 — Es iſt eine gewöhnliche Erfahrung, daß Men⸗ ſchen, die den heimiſchen Boden nur verlaſſen zu haben ſcheinen, um nach möglichſt raſchem Erproben abenteuerlichen Glückes wieder in die geöffneten Arme der Heimath zurückzukehren, die fremde Welt ſo liebgewinnen, daß ſie ſich dauernd von ihr feſſeln laſſen. Gerhard Hartlaub blieb nach dieſem Ereigniſſe fünf, zehn, fünfzehn, zwanzig Jahre in den hollän⸗ diſchen Beſitzungen. Bald in Batavia, bald in einem andern Theile der Inſel ſtationirt, ſtieg er von Stufe zu Stufe und war, wie ſein längſtvergeſſener Oberſt van der Buſch, einige vierzig Jahre alt, als er ſich endlich entſchloß, nun doch einen längern Ur⸗ laub und ſogleich auf einige Jahre zu nehmen, um in Europa ſeine Verwandte zu beſuchen. Seine Mutter war todt, ſeine Schweſter hatte einen reichen 2 Gutzkow, Diakoniſſin. Kaufmann geheirathet, hatte ſelbſt ſchon wieder Kin⸗ der, faſt von dem Alter in dem ſie ſelbſt einſt die Nei gung des holländiſchen Oberſten gewann. Hartlaub, Major eines Bataillons, das zu einem im weſtlichen Theile der Inſel im hartnäckigen Kampfe gegen ma⸗ lahiſche Völkerſchaften begriffen geweſenen Corps ge hörte, erhielt, da ein günſtiger Friedensabſchluß zu Stande gekommen war, vom Haag einen zweijährigen Urlaub und mit einer jetzt faſt fieberhaft geſteigerten Sehnſucht, mit reichen Geldmitteln, mit Geſchenken der ſeltſamſten und überraſchendſten Art, mit Samm lungen merkwürdiger botaniſcher und mineralogiſcher Schätze, machte er ſich um die Weihnachtszeit auf den Weg, um über Indien, Arabien, das Mittelmeer und Trieſt wieder die deutſche Heimath zu begrüßen. Er reiſte im Winter, um in Deutſchland mit dem Frühling ein⸗ zutreffen; er durfte annehmen, daß ſeine Conſtitution nicht mehr im Stande war, das euro päiſche Klima in ſeinen rauhen Abwechslungen ganz zu ertragen. Die holländiſchen Offiziere pflegen in Java Sitten anzunehmen, von denen ſie ſagen, daß die heiße Zone ſie mitſichbringe. Sie ſind die aus ſchließlichen Beherrſcher eines wunderbar üppigen Landes, haben keine andern Thatſachen, unter deren —,—z——— — Druck ſie ſtehen, als die Vorkommniſſe eines aller⸗ dings oft ſehr ernſten Dienſtes und ſo nehmen ſie in⸗ diſche und chineſiſche Genußſucht, einen muſelmänni⸗ ſchen Trieb nach Ruhe und Bequemlichkeit und alle Gewohnheiten eines Luxus an, den ſie ſo in Europa nicht fortſetzen können. Gerhard Hartlaub hatte die füdliche Sonne nicht ſo auf ſich irken laſſen. In ſeiner erſten Jugend von ſeinem Vater, einem anſehnlichen Beamten, zum Studium der Rechte beſtimmt, hatte er wiſſenſchaft⸗ liche Beſchäftigungen liebgewonnen. Er ergriff den ſpäteren praktiſchen Beruf zur Oekonomie nach dem Tode ſeines Vaters nur deßhalb, um ſo ſchnell wie möglich Mittel zu gewinnen, der Mutter und Schwe⸗ ſter ſein Daſein nützlich zu machen. Ungern trennte er ſich von ſeinen Büchern, von den Plänen für eine wiſſenſchaftliche Zukunft. Als er ſpäter den Ueber⸗ redungen van der Buſch's Gehör gab und die Uniform anzog, erfüllte er wie ein Mann von angeborner Entſchiedenheit des Willens und furchtloſer muthiger Regung die Pflichten dieſes neuen Berufes zu allge⸗ meinſter Anerkennung, was ſeine Beförderung zum Major beſtätigte. Allein es war ihm nicht gegeben, die Sitten ſeiner Kameraden anzunehmen. Er behielt, wie — 20— ſie oft ſpottend zu ſagen pflegten, etwas Lateiniſches. Er wohnte nicht wie ein Emir, er umgab ſich nicht mit einem Harem eingeborener Sclavinnen, er ver⸗ träumte nicht ſein halbes Leben in mehr oder minder gefährlichen Jagdabenteuern und darauf folgenden ſinnlichen Erholungen. Gerhard Hartlaub hatte die Blüthe ſeiner Mannesjahre erreicht ohne ſein Herz für die Regungen einer reinen Liebe abgeſtumpft zu haben und ohne erſchöpft zu ſein für den Genuß neuer und lebendiger Eindrücke. Eine Bewerbung, die er in jüngeren Jahren um die Hand der liebenswürdigen Tochter eines in Batavia etablirten Kaufmanns ange ſtellt hatte, war durch den Tod geſtört; das unerbittliche Klima hatte die zarte Blüthe hinweggerafft. Auch über dieſe Erinnerungen war die Zeit hinweggegangen und Hartlaub kam mit offnem Herzen und empfänglichem frohem Sinn auf den europäiſchen Boden zurück. Der ſtattliche Mann mit den blauen Augen, der hohen edlen Stirn, die das vorn verlorne lockige Haupt⸗ haar in ihrer Wirkung nur hob, nahm überall für ſich ein. Die militäriſche Welt mußte anerkennen, daß bei einem ſolchen Krieger die perſönliche Tapferkeit über die Bekanntſchaft mit den ſtrategiſchen Feinheiten civi⸗ liſirter europäiſcher Heere, die ihm vielleicht fehlte, 3. ———— — — — 21— ging, aber ewig in Waffen ſtehend verrieth das Blitzen ſeines Auges die Aufmerkſamkeit einer immer gerüſte— ten Schildwacht, die ſich bald eines Ueberfalles grau⸗ ſamer Menſchen, bald eines nahenden Tigers zu ver⸗ ſehen hatte. Hartlaub's Waffenſammlung, in welcher man Piſtolen von der vorzüglichſten arabiſchen Arbeit fand, vermittelte ihm ſchon in Wien manche Bekannt⸗ ſchaft unter dem Militär und in friedlicheren Kreiſen ſtaunte man einen Mann an, der das Wunderbarſte von fremden Sitten und eignen Abenteuern zu erzählen wußte. Ihm ſelbſt war Europa ſeit zwanzig Jahren faſt fremd geworden. Er fand ein dicht zuſammen⸗ geſchaartes, wimmelndes Leben, wo wie in einem Ameiſenhaufen Einer über den Andern hinwegkroch, die Einen bauend, die Andern einreißend, Alles ſich mühend an Endzwecken, die Hartlaub in Erkenntniß ſo ſchwieriger Lebensverhältniſſe, wie Europa ſie bie⸗ tet, Niemanden verdenken konnte, wenn ſie leider auch alle nur auf perſönlichen Vortheil ausliefen. Der Staat, die Induſtrie, der Handel, die Börſe, neue Erfindungen, die Wiſſenſchaft und Kunſt gewannen ihm ein mit gebundener Scheu gepaartes und gleich⸗ ſam beklommenes Erſtaunen ab. Nur die Kirche allein ſchien ihm vertrauter und verſtändlicher zu ſein; denn für Europa's wunderliches Gebahren auch in dieſer Sphäre war er durch die ſeltſamſten Erfahrungen auf einem Boden vorbereitet, wo ſich Islam, Buddhais mus, Fetiſchismus und allerlei ſonſtiger welthiſtoriſch gewordener närriſcher Glaube mit dem Chriſtenthum in— Verträglichkeit durchkreuzten. Die Reiſe mußte zuerſt direkt nach Holland füh ren. plu hatte ſich einiger Aufträge der javani ſchen Regierung und ſeines Obercommandos im Haag zu entledigen. Frei von ſeinen nächſten Aufgaben eilte er dann in die Vatepſtadt, nicht wenig erwartungsvoll ſeine Schweſter zu begrüßen, die inzwiſchen eine Mil lionärin geworden war und ſich gewiß einer hervor⸗ ragenden Stellung in der Geſellſchaft erfreute, denn ihr Gatte, Jacob Wisthaler, war ſchon lange vom Fürſten zum Commerzienrath ernannt. Hartlaub be trat ſeines Schwagers glänzendes Haus. Dieſer ſchien ihm anfangs ein kalter Geſchäftsmann, der nur ſeinen ausgebreiteten, großartigen Handelsverbin⸗ dungen lebte, bald erkannte er aber in ihm einen tie⸗ fern Kern und ganz die Kraft, d die ſich von unten her auf mit Hülfe des bedeutenden Vermögens ſeiner Braut ſo hoch emporzuſchwingen verſtanden hatte. Schützte und hüthete Jacob Wisthaler in dem untern . *— Stockwerke ſeines pallaſtähnlichen Hauſes gleichſam den Grund ſeines Gebäudes, ſo war es verzeihlich, wenn es oben etwas bunt durcheinander ging. In Natalien, ſeiner Schweſter, fand der ruhig prüfende Krieger die ganze unbeſtimmte Beweglichkeit, die all⸗ mälig Frauen beherrſcht, wenn ſie bei großem Reich⸗ thum und einer immer angeregten lebhaften Phantaſie von den hunderterlei Zumuthungen der Geſellſchaft hin und her getrieben werden. Jeder Tag hatte eine neue Aufgabe, jede Stunde verlangte etwas Voraus⸗ beſtimmtes und ſchon bald mußte Hartlaub lachen, wenn er ſah, wie es hier die gewaltigſten Stürme ge⸗ ben konnte gleichſam in einem Glaſe Waſſer. Neue Bekanntſchaften, Einladungen zu Geſellſchaften, irgend ein Arrangement zu Wohlthätigkeitszwecken konnte eine ganze Tagesordnung in Anſpruch nehmen, konnte die ernſteſten Vorſätze umwerfen, Berathungen veranlaſſen von einer unendlich komiſchen Feierlichkeit. Ein Troß, von Menſchen lief auf dieſem in ewigem Schwanken begriffenen Fahrzeuge emſig, unruhig, ſchreiend und doch nichts Rechtes vollbringend hin und her. Einer verhinderte die Bewährung des Andern und nur je bunter und umſtändlicher das Einfachſte ins Leben trat, deſto zufriedener war man mit ſich und pries an ——————————— ————— ——— ſich ſelbſt die Ausdauer und die Klugheit, mit der man ſich hier in den ſchwierigſten Lagen zu behaupten wiſſe. In dieſem Wirrwarr, der indeſſen keineswegs ohne Reiz und liebenswürdige Anziehungskraft ſein konnte, wuchſen des Majors Nichten auf, Ida und Laura. Beide reizende junge Weſen voll Anmuth und Schalk⸗ haftigkeit, die ſich dem Onkel aus Java um den Hals warfen und ihn mit Liebkoſungen erdrückten in dem ſelben Augenblicke, wo die jungen, im Ueberfluſſe er zogenen Mädchen plötzlich über irgend ein unbedeuten⸗ des Hinderniß ihrer Wünſche vor Verzweiflung außer ſich gerathen und allen Grazien abſchwören konnten. Dem Onkel wurde anfangs wie ſchwindlich in dieſem Hauſe. Mit welcher Sehnſucht war er erwartet wor⸗ den! Welche Vorbereitungen hatte man getroffen um ihn ſogleich mit allen Glanzſeiten der Exiſtenz ſeiner Schweſter bekannt zu machen! Eine Reihe von drei großen Zimmern, die glücklicherweiſe nach einem ſtillen Garten hinausgingen, wurde ihm zu Gebote geſtellt. Die Namen der Beziehungen, in die man ihn einfüh⸗ ren wollte, ſchienen endlos. Er begriff nicht, wie ſeine Schweſter und Ida und Laura es aushielten ſo gleich⸗ ſam der ganzen Welt anzugehören, bald für die Muſik, bald für die Wiſſenſchaften, für berühmte Namen, —— für die innern Vorgänge des hohen Adels, für die Familienverhältniſſe des Hofes und auf der andern Seite wieder für eine endloſe Reihe der unbedeuten⸗ ſten Privatbeziehungen leben zu können. Da er die Seinen dabei glücklich ſah, ſo lächelte er und dachte nur darüber nach, wie er dieſen Ueberfluß ſoviel wie möglich wenigſtens von ſich ſelbſt abwehren konnte. Eine ſtehende Redensart ſeiner Schweſter, die trotz einer umſtändlichen Toilette, die ſie täglich machte, gealtert war, lautete, daß ſie ſich recht nach einem ſtillen Angenblick ſehne, wo ſie ihm ganz allein gehören wollte. Ach, wir haben uns ſo unendlich viel zu er⸗ zählen! Wir müſſen Alles, Alles einmal gründlich durchſprechen! So lauteten die täglichen Vertröſtungen des lieben Bruders, die Vorſätze, die auch im beſten Willen gefaßt wurden, aber niemals zur Ausführung kamen. Die gute Commerzienräthin konnte einen ganz warmen und liebevollen Blick gen Himmel wer⸗ fen, wenn die Rede auf die alten Zeiten kam, ſie konnte des Bruders Hand ergreifen und ſeufzend ausrufen: Wie iſt das doch Alles ſo wunderbar gekommen! Der gute van der Buſch! Mußte er ſterben um mich glück⸗ lich zu machen! Und unſre gute Mutter! Sie ahnte gleich ſo etwas, als er für uns ſo liebevoll ſ Kam dann Hartlaub in den Zug, wirklich den Ton dieſer Saite feſtzuhalten und wenn auch nicht das wahre Ende van der Buſch's zu erzählen, doch von ſeiner Liebe, ſeiner Anhänglichkeit, ſeinen Leiden und wohl gar von ſeiner wahren Krankheit zu ſprechen, ſo war gewöhnlich wieder ein Wagen vors Haus gerollt, Beſuche wurden gemeldet, die Stunden, um den Manen der Abgeſchiedenen zu opfern, fanden ſich nicht. Nur ſoviel erfuhr Hartlaub, daß van der Buſch's Tod ganz eigenthümliche Berührungen zwiſchen ſeiner Familie und den holländiſchen Angehörigen van der Buſch's herbeigeführt hatte. Van der Buſch hatte eine bedeutende Summe anwenden müſſen, um in der Londoner Lebens⸗Ver⸗ ſicherung ſeiner Verlobten ein ſo großes Capital zu ſichern, als ſie erhielt. Er würde ſich in ſeiner zärt⸗ lichen Fürſorge vielleicht gemäßigt haben, hätte er noch erlebt, daß ſeine in Holland anſäſſige eigne Familie von glücklichen Lebensumſtänden, in welchen dieſe ſich früher befand, zurückkam. Der Vater van der Buſchs war ein Kaufmann, den man für reich hielt. Als er faſt gleichzeitig mit ſeinem Sohne ſtarb, hin⸗ terließ er ſeiner einzigen Tochter Hedwig ein zerrüttetes Geſchäft, deſſen wahren Beſtand er verborgen gehal⸗ DS — ten hatte, weil er glaubte ſeiner ihm erſt in ſpäteren Jahren geborenen Tochter den Beiſtand ihres leider kränklichen, aber immer herzlich ihr zugethan geweſe⸗ nen und vermögenden Bruders in Java zu hinterlaſ⸗ ſen. Nun traf ſich aber, daß Hedwig nicht nur die Stütze des Bruders durch deſſen Tod verlor, ſondern auch erleben mußte, daß ſein Vermögen einer Ver⸗ bindung zu Gute kam, die dieſer, als ſie noch ein Kind war, bei ſeiner letzten Anweſenheit in Europa geſchloſ⸗ ſen hatte. Hedwig van der Buſch ſtand nicht ganz allein, ein junger unternehmender Kaufmann, Namens Heinrich Artner, ein Deutſcher vom Niederrhein ge⸗ bürtig, hatte ſie in ihres Vaters Hauſe kennen gelernt, ſie geliebt und um ihre Hand geworben. Er glaubte das Herz einer vermögenden Erbin gewonnen zu ha⸗ ben und fand ſich plötzlich durch die raſch aufeinander folgenden Todesfälle des Vaters und des javaniſchen Bruders getäuſcht. Nicht Habſucht, ſondern ein na⸗ türliches Gefühl, mißlichen Erfahrungen offen ins Antlitz zu blicken und wenn irgend möglich ihre Her⸗ bigkeit zu mildern, beſtimmte ihn, ſich nach den nähe⸗ ren Veranlaſſungen zu erkundigen, wie ſeine Geliebte in ſo bedauernswerther Art um die Hoffnungen kom⸗ men konnte, die ſie auf die Beſitzthümer der Ihrigen — 28— ſetzen durfte. Er reiſte nach Deutſchland, machte die Bekanntſchaft der Schweſter Hartlaubs, in der er überraſchend genug ſchon die Verlobte eines andern jungen nicht unbemittelten Kaufmannes Namens Wis⸗ thaler antraf. Es war damals vor zwanzig Jahren dem jungen Hartlaub peinlich genug geweſen, daß ſeine Schweſter ſobald nach dem Tode van der Buſchs die Gattin eines Andern wurde. Der Hinblick auf die Unmöglichkeit einer Verbindung mit van der Buſch milderte damals ſeinen Unwillen. Jetzt wurde ihm erſt erklärlich, wie mehrere Jahre hindurch nach dem Tode ſeines Gönners bald von London, bald vom Haag, bald von dem Wohnorte ſeiner Schweſter her allerlei gerichtliche Anfrage kommen konnte bald über die näheren Umſtände, unter denen der Oberſt ſein Teſta⸗ ment aufſetzte, bald über den Charakter ſeiner Krank⸗ heit und ähnliche Umſtände, die man zu prüfen pflegt, wenn es ſich um Anzweiflung letztwilliger Anord⸗ nungen handelt. Eine ſolche Anzweiflung war von Heinrich Artner, dem Verlobten der jungen Hedwig van der Buſch, erhoben worden. Das Ergebniß war vielleicht nicht ganz ungünſtig, denn überraſchend ge⸗ nug, es eröffnete ſich in Folge vieler gehäſſigen Hetze⸗ reien und gerichtlichen Nachforſchungen plötzlich die Handelsfirma:„Wisthaler und Artner.“ Die beiden jungen Kaufleute, die ſich mit Proceſſen gegenſeitig verfolgten, wurden durch einen vernünftigen und bra⸗ ven Notar, einen gewiſſen von Emmen, veranlaßt, ihren durch die weiten Entfernungen höchſt ſchwierigen und umſtändlichen Hader aufzugeben und ſich lieber zu einem gemeinſchaftlichen Wirken zu vereinigen. Wis⸗ thaler hatte bereits ein En-gros⸗Geſchäft eröffnet. Er nahm Heinrich Artner, der ſich mit Hedwig van der Buſch verheirathete und nach Deutſchland überzog, in ſeine Firma auf und eine Reihe von Jahren hindurch war es Hartlaub in Java immer eine der erfreulich⸗ ſten und troſtreichſten Kunden geweſen, die ihm aus Europa nur zukommen konnten, daß ſich Alles, was darauf angewieſen ſein konnte, von dem unglück ichen Ende ſeines Freundes und Gönners den Schleier zu lüften und einem Geheimniß, ja Verbrechen nachzu⸗ forſchen, plötzlich verſöhnt und zu einem Wirken verbunden hatte, das von den glänzendſten Erfolgen begleitet ſchien. Die Firma Wisthaler und Artner war eine der geachtetſten in allen Branchen des größe⸗ ren Waarenverkehrs. Sie blühte, ſie dehnte ſich immer mehr aus, ſie konnte keiner Veranlaſſung zu Beſorgniſſen Raum geben, auch als ſie ſich ſpäter trennte und jeder Theil auf eigne Hand in der Ge⸗ ſchäftsform fortfuhr, die ie die liebere geworden war. In der Ferne konnte für Hartlaub dieſe Tren⸗ nung nichts Auffallendes haben. Artnern, hörte er, hätte es nach einem frühen Tode ſeiner Gattin zurückgezogen an den Rhein; er hätte ſich dort Be⸗ ſitzungen gekauft, hätte ſich mit ſeinen Mitteln in den Fabrikbetrieb geworfen, zu dem jene Gegenden durch den reichen Vorrath von Steinkohlen unmittelbar auf⸗ gefordert werden. Kurz, in der Erwägung ſpäterer Jahre, daß Hartlanb und van der Buſch die Londoner Lebensverſicherung getäuſcht hatten, hatte Jener immer mehr eine einſchläfernde Beruhigung ſeines Gewiſſens darin gefunden, daß er hörte, wie es beiden Theilen gut und glücklich ging. Auffallend war ihm wohl, daß ſeine Schweſter ihm über den frühern Compagnon ihres Mannes, Heinrich Artner, einſt nur die kurze Antwort gab, daß er nicht mehr lebe. Die Kinder waren grade zugegen geweſen und fügten die oberflächliche hinzu, ſie möchten wohl wiſſen, wo jetzt Conſtanze A iſt Conſtanze Artner? fragte Artner Tochter, hieß es. Hartlaub forſchte: Sie muß in Euren Jahren ſein? Die Antwort war einſylbig; rtner wäre... Wer — *8 31 2 weitere Erkundigung unterbrach wieder eine Strudel⸗ welle jenes Lebens, das in dem Wisthaler'ſchen Hauſe nicht aufhörte. Erſtaunen mußte daher eines Abends Hartlaub, als er auf einem der glänzenden Bälle, deren er ſeit ſechs Wochen hie und da wohl ein Dutzend„über⸗ ſtanden“ hatte, in einer Gruppe zufällig die Verhält⸗ niſſe erwähnen hörte, deren Kenntniß ihm ſeither unvollſtändig geblieben war. Es war ein Ball in dem Hauſe ſeines Schwagers ſelbſt. Wie man gleichſam in dem Hauſe des Gehenkten nicht gern von Stricken redet, ſo hörte Hartlaub auch, daß nur in einer flüſternden faſt ſcheuen Art Namen und Verhältniſſe ausgeſprochen wurden, unter welchen Artner, Conſtanze, Wisthaler und ſogar der Name van der Vuſchs nicht ſelten mit unterliefen. Hartlaub gehörte in einer ſolchen Geſellſchaft weder zu den Spielern, noch zu den Tänzern und gefiel ſich in der Muſterung und ſtill herumwandelnden Kritik des wun⸗ derlichen Durcheinanders, das er in dieſer Form erſt am Mittag ſeines Lebens kennen lernen ſollte. Es war eine ganz erlaubte Neugier, wenn er, von jenen Namen getroffen, hinter einer Wand von Zimmer⸗ pflanzen einige Augenblicke ſtehen blieb und den Mit⸗ 32 theilungen zuhörte, die ein junger, ihm ſchon mehrfach in den Geſellſchaften aufgefallener Mann von großer Entſchiedenheit des Auftretens, zugleich aber von an⸗ ſprechenden Umgangsformen, in großer Haſt zweien Damen machte, von denen die jüngere ihm als die hinterlaſſene Wittwe jenes Notars bezeichnet wurde, der einſt den vernünftigen Vergleich zwiſchen den bei⸗ den jungen prozeſſirenden Kaufleuten Wisthaler und Artner herbeigeführt hatte. Es war die Rede von Aufmerkſamkeiten, die man der entweder ſchon ange⸗ kommenen oder erwarteten Conſtanze Artner erweiſen ſollte. Frau von Emmen, die junge Wittwe des No⸗ tars, widerlegte einige Einwände, die eine ältere Dame gegen manche Vorſchläge erhob, die ihnen der Herr, den man Juſtizrath Freydank nannte, einleuchtend zu machen ſuchte. Die Entfernung, ein leiſeres Sprechen, ſeine eigene Befangenheit den Lauſcher zu ſpielen, be⸗ ſtimmten Hartlaub, ſich von der unbemerkt glaubenden Gruppe zurückzuziehen, aber der Reiz des Intereſſes, Gelegenheit zu finden die Nichte ſeines alten Freundes in dieſer Stadt zu begrüßen, verließ ihn nicht. War er doch zu lebhaft betheiligt an Allem was ſich ihm immer mehr als eine Folge jener geheimnißvollen Nacht auf der fernen Sunda⸗Inſel ankündigte. Lieber . — 33— Himmel, dachte er, du haſt da ſo ruhig auf das zer⸗ ſchmetterte Haupt des armen Dulders die ſchweren Felsgeſteine ſeines Grabes wälzen können, haſt den immer wieder auf's Neue an dir nagenden Scrupel, daß hier etwas geſchah, was nicht in der Ordnung war, niederzukämpfen geſucht und nun treten dir eine Menge von Folgerungen und Schickſalswendungen entgegen, die faſt wie Mahnungen an dein Herz klopfen und dich nach zwanzig Jahren über einen Vorgang, den du faſt vergeſſen haſt, viel ſchwerer aufathmen laſſen!.. Sein Intereſſe wuchs als derſelbe Mann, der vorhin mit der jungen Wittwe geſprochen, auf ihn ſelbſt zutrat und ſich mit ihm in ein Geſpräch ein⸗ ließ. Es war eine ſchlanke wohlgewachſene Geſtalt, dieſer Juſtizrath Freydank, das Haar auf dem bedeu⸗ tungsvollen Haupte ſchon etwas umſtändlich geordnet, die Naſe ſcharf und ſpitz, die Mundwinkel lächelnd, das Auge ſcharf zuſammengedrückt, mit emporgezoge⸗ nen Brauen, doch harmlos und ſogar gutmüthig. Wo dieſer eigenthümlich hervortretende Geſellſchafter hin kam, ſchien ihm ein Theil ebenſo auszuweichen, wie ein andrer ihn zu ſuchen, man liebte ihn eben ſo ſehr wie man ihn fürchtete, man reizte, man neckte ihn, und in der That oft nur, um von ihm eine ſcharfe re 2 Gutzkow, Diakoniſſin. * Replik zu erhalten. Er ſagte den Damen Artigkeiten, aber auch Bonmots, die ihm von ihnen ernſthafte Fä⸗ cherſchläge eintrugen, ein Beweis, daß er unter harm⸗ loſer Form ihnen eine pikante Anſpielung geſagt hatte. Alles was zur Geſchäftswelt gehörte und vorzugsweiſe der Wirth des Hauſes ſchienen ihm ganz beſonders zugethan. Ida und Laura behandelten ihn faſt brüder⸗ lich. Keinen dieſer Vorzüge ſchien Freydank zu miß⸗ brauchen. Er genoß das Uebergewicht, das ihm ſein eigener Geiſt und das Vertrauen der Andern gewährte, ohne darum den Eindruck zu machen, als wollte er irgend Etwas zu Gunſten dieſer Stellung ſich heraus⸗ nehmen. Nichts iſt am gebildeten Manne anziehender als eine harmoniſche Vermiſchung von herausforden— dem Muthe und beſonnen ſich beſcheidendem Takt. Es entſprach ganz der nun ſchon in mehreren Geſellſchaften von Hartlaub beobachteten Weiſe des Juſtizraths Freydank, daß dieſer ſich an ihn mit den Worten wandte: Nun, Herr Major, ich bin wirklich begierig, welche von den jungen dort tanzenden Damen von Ihnen noch das Handgeld zu einer Reiſe nach Java bekommen wird? Hartlaub erwiederte lächelnd: Glauben Sie, daß ich hier auf Werbung ausbin? Wenn man ſich einen ſolchen modernen Sclaven⸗ markt anſieht, fuhr Freydank ſich neben Hartlaub in einen Seſſel werfend fort, fühlt man Mitleid mit der zum Kauf ausgebotenen Waare und möchte wirklich das Seinige thun, um den Abſatz zu befördern. Hartlaub lächelte über dieſe Auffaſſung und ge⸗ ſtand ſo tief noch nicht wieder in die Geheimniſſe der europäiſchen Geſellſchaft eingedrungen zu ſein, um ſich ein ſo glänzendes heiteres Ergehen der Luſt, der Schönheit und Jugend hier unter dem trüben Bilde der ihm ſehr wohlbekannten Sclavenmärkte vorzuſtellen. Was iſt denn aber der geheimnißvolle Takt, er⸗ wiederte Freydank, nach dem dieſe Walzer und Polkas, dieſe Kleider und Volants dort ſo hinrauſchen, anders als das Klappern des Ehepantoffels? Sehen Sie jene unglücklichen Opfer ihrer Einkünfte, ihrer kleinen Gagen, ihrer langſamen Staatsbeförderung, die ſich dort in dem zweiten Saale mühen, noch jung zu ſcheinen und mit einem ſchon an Stirn und Schläfen bedeutend gelichteten Haarwuchs, mit Gliedern, die morgen früh ſich nicht rühren können und durch ein orientaliſches Bad ſich erſt wieder erholen müſſen, ſich den Schein der himmelsſtürmenden Titanenhaftigkeit zu geben, wie ſie tanzen, um ihre ſechsunddreißig Jahre zu verbergen, 3* ihren brummigen Haushumor, ihre pedantiſchen Ner⸗ geleien über den Kaffee, die Wäſche, die ſtörenden Beet⸗ hoven'ſchen Sonaten der Nachbarſchaft! Dieſe for⸗ cirten jugendlichen Adoniſſe, die nur nach Amors Pfeife tanzen, ſind nicht die Käufer etwa: dort mein alter Freund Baurath Maiduft könnte ſich wohl nicht ein⸗ fallen laſſen, unter den reichen, jungen Parthieen, die ihm nach einer guten Anzahl von ſyſtematiſchen Mißhandlungen endlich für den heutigen Abend einige Tänze zugeſagt haben, ſelbſt zu wählen. Er ſchmachtet nach links und nach rechts, er läßt ſich wählen. Ir gend eine Mutter giebt ihm einmal doch eine Ermuthi⸗ gung, irgend eine junge Dame, deren Familienver⸗ mögen zwar eine bedeutende Dividende, ihre Geſchwiſter aber ebenſo ein bedeutender Diviſor ſind, rächt ſich doch einmal an einer jüngern Schweſter, die ihr eigner angebeteter Freund erobert und heirathet meinen Baurath ihr vor der Naſe weg, um die Rechte und Ehren der Erſtgeburt ſich zu ſichern. So ſchmachten da die Männer in meinen Jahren hin und die, die einer jüngern Generation angehören, ſind geradezu bloße Statiſten eines ſolchen Balles. Beſitzen ſie nicht eine ſehr rangirte Lebensſtellung, ſo werden ſie an ſolchen Abenden nur wie die kleine Münze be⸗ — trachtet, die den Umſatz der größeren Werthe mög⸗ lich macht. Alſo die Männer, fiel Hartlaub lachend ein, ſind hier die Sclaven des Marktes? Ich glaubte, daß es die Frauen und die jungen Mädchen wären. Nein! Zu dieſer Auffaſſung, entgegnete Frehdank ſeine Lorgnette ziehend, tanzt dort zu viel Geld. Sehen Sie die Blondine dort, ſie iſt nicht ſchön, ſie iſt etwas ſchwer in ihren Bewegungen und wie kann ſie denn auch anders, da ſie die Nennwerthe dreier großer Häuſer in der Altſtadt vertritt? Dort die Brünette, die mit einem er tanzt, kommt einer halben Vor⸗ ſtadt gleich; ihr Vater hat die Wuth, unſre Stadt zu vergrößern und ſo lange kleine Straßen von drei bis vier Häuſern zu bauen, bis der König doch enblich die Gnade haben wird, eine davon nach ihm zu benennen, eine Ehre, die bis jetzt weder Schillern noch Goethen bei uns widerfahren iſt. Dort die Große vergegenwär⸗ tigt mir die Folioſeiten unſrer Hypothekenbücher! Sie iſt eine Erbin, die den Advokaten doppelt intereſſirt, da ſie einige Brüder beſitzt, die ein großes Talent zur Verſchwendung haben und dafür ſorgen, daß man ſie zeitig unter Curatel zu ſetzen hat. Kurz, dies iſt hier weit mehr ein tibetaniſcher Sclavenmarkt, wo auf — mehrere Männer nur Eine Frau kommt, alſo die Frau die Herrſchaft führt, als ein arabiſcher, wo nur Män ner die Initiative ergreifen. Die ſcherzende Muſterung, die Freydank die tan⸗ zenden Paare paſſiren ließ, kam auch bei den Töchtern des Hauſes an, die ſich durch beſondere Schönheit oder Geſchmack der an ſich koſtbaren Toiletten nicht eben auszeichneten, jedoch in heitrer und freundlich entgegenkommender Weiſe ſich nach allen Seiten hin als die harmloſeſten kleinen Evatöchter bewährten. Da ſie ſich zum Verwechſeln ähnlich ſahe Wuchs und gleicher Art des Benehmenswaren, nannte man ſie die Inſeparables. Der Gegenſchnd ihrer be⸗ ſondern Aufmerkſamkeit, nicht nur dieſen Abend, ſon⸗ dern ſchon in mehreren größeren Geſellſchaften, denen Hartlaub beizuwohnen Gelegenheit fand, war ein jun⸗ ger Mann, der auf Hartlaub einen ſehr angenehmen Eindruck gemacht hatte. Man nannte ihn Doctor Wolmar. Doctor Wolmar bewegte ſich in den Geſell⸗ ſchaften mit einer ruhigen und anmuthigen Sicherheit. Kleiner als Freydank, dem er nahe befreundet ſchien, war er doch ſchlank und männlich gebaut. Die ſchönen regelmäßigen Züge ſeines Antlitzes hatten etwas Mild⸗ 6 „von gleichem Ernſtes. Ja ſeine Art, ſich den Damen zu nähern, —— * 8 konnte man eher ſchüchtern nennen; er ſchien der Ge genſtand allgemeinſter Theilnahme; denn es giebt wohl für Frauen nichts Gefälligeres als einen Mann, der in den anmuthigen Formen der Geſellſchaft ſich ohne Zwang bewegen und ihrer eignen gewohnten zarteren Art das Leben zu nehmen entgegenkommend, doch da bei ſich den Rückhalt männlicher Ueberlegenheit zu wahren weiß, beim Scherze nicht in's Geckenhafte fällt und in allen Wirbeln heitrer geſelliger Luſt nicht die Vorſtellung auslöſcht, daß ein ſolcher Mann hier nur die eine Hälfte ſeines Weſens offenbart und in der andern noch eiſlen ihnen nur unbekannten, aber gewiß ſehr ernſt gemüthlichen Werth entwickeln würde. Daß dieſer kigenthümliche Zauber den jungen Doctor Wolmar umgab, hatte Hartlaub ſchon im Hauſe ſeiner Schweſter mannichfach zu beobachten Gelegenheit ge habt. Er war die Tagesordnung des Geſpräches, der immer anregende Gegenſtand neugieriger Erörterungen und ſchon hatte es Anlaß zu neckiſchen Fehden gege ben, wenn es ſich um die Entſcheidung handelte, wer von den beiden Inſeparables mehr Berechtigung hätte, an dem jungen Doctor Wolmar Intereſſe zu fin⸗ den, ob Ida, deren Zeichnentalent er gerühmt hatte, oder Laura, deren Geſang er bewundert zu haben— —— — — beſchuldigt wurde, wie Freydank ſagte. Und Freydank ſchien ſich dem Major jetzt nicht umſonſt genähert zu haben,— er legte ihm ganz offenherzig die Frage vor, ob er nicht wiſſe, wie viel wohl ſein Schwager, der ſteinreiche Jakob Wisthaler, ſeinen Töchtern zur erſten Ausſteuer mitgeben würde? Sind Sie ſelbſt der Bewerber, ſagte der Major, ſo ſtehen Sie ja meinem Schwager glücklicherweiſe als Notar ſo nahe, daß Ihnen dieſe Erörterung keine Schwierigkeiten verurſachen würde. Ich? entgegnete Freydank, ich denke nicht an die Ehe. Meine Praxis, die ich von dem ſeligen Notar von Emmen geerbt habe, iſt ſo groß, daß ich meine Frau vernachläſſigen müßte und wie jener öſterreichiſche Graf geſagt hat, daß der Menſch erſt vom Baron an⸗ finge, ſo möchte ich vom Manne ſagen, daß dieſer erſt vom Gargon anfängt. Ich habe die bequemſte Lage von der Welt, kann lieben wen ich will ohne mich durch die Ehe enttäuſchen zu laſſen, und wenn ich eine Taſſe Thee in einem vertrauten Cirkel trinken will, Luſt habe, andre Converſationen zu hören, als die vor den Gerichtsſchranken und im Caſino, ſo gehe ich zu jener niedlichen Frau von Emmen da, deren Vermögen ohne⸗ dieß unter meiner Curatel ſteht, mit der ich rechnen, überlegen, ſchmollen, zanken kann, gerade als wenn ich mit ihr verheirathet wäre. Nein, lieber Major, da, für meinen Freund Alfred Wolmar, einen tüchtigen Arzt vom Rheine, mit dem ich in Bonn und Göttingen ſtudirt habe, für dieſen möcht' ich das Terrain ſondiren! Es iſt ein Arzt leider noch ohne Praxis, aber ſeine Kenntniſſe ſind außerordentlich, ſeine Hingebung an die Wiſſenſchaft iſt höchſt verehrungswürdig. Ich gönne ihm von Herzen, daß er emporkömmt. Daß dies als Arzt nicht möglich iſt, ehe man nicht bereits vier Pferde im Stalle hat, werden Sie bei der eigenthümlichen Stellung, die die Heilkunde zur Geſellſchaft gewonnen hat, und bei näherem Studium aller unſrer ſozialen Zuſtände nicht in Abrede ſtellen können. Hartlaub erwiederte: Er ſoll ſich auf unſre Ma⸗ rine als Schiffsarzt engagiren laſſen oder mit mir nach Java gehen. Gegen das gelbe Fieber können wir nicht gerüſtet genug ſein. Dieſe Carriere bleibt uns immer noch offen, be⸗ merkte Freydank, dann nämlich, wenn die Zahl der Körbe, die ich für meinen Freund bekommen könnte, zu groß werden ſollte. Warum ſchon das Aeußerſte? Sehen Sie dieſe gefällige Adonisgeſtalt, hören Sie dies zum Herzen ſprechende Organ, beobachten Sie dieſe natürliche Heiterkeit, mit der ſich mein alter Göt⸗ tinger Stubenburſche auf dieſem glatten Parkett unter den liebenswürdigen mehr oder minder reſpectablen Erbinnen bewegt! Wie kann man ihm wünſchen, daß er aus der gewöhnlichen hier landesüblichen Bahn, erſt reich, dann Armenarzt um Gnade und Barmher⸗ zigkeit, dann einfach betitelter Sanitätsrath und zuletzt auf ſeine alten Tage doch noch mit Praxis begabter und wirklicher geheimer Medizinalrath zu werden, hin⸗ ausgetrieben werde vor die vergifteten Pfeile Ihrer malayiſchen Heimtücker! Aufrichtig, beſter Major, ſa⸗ gen Sie mir, haben Sie nicht bemerkt, daß Ihre Ver⸗ wandte von meinem Protégé mit Intereſſe ſprechen? Mit dem lebhafteſten! erwiederte Hartlaub. Aber ich fürchte, ſeine Bewerbung wird häusliche Scenen meiner beiden Nichten er den Vorzug giebt. Freydank zog die Mundwinkel zurück und ſagte halb ſcherzend halb im bittern Ernſt: Das zählt Ihr Schwager dann an ſeinen Rockknöpfen ab oder läßt die einfache Ordnung der Jahre eintreten. In ſolchen Fällen, ſagt' ich ſchon, daß ſich die Armuth der Be⸗ werber unterordnen muß. Und Ihr Freund könnte das? erwiederte Hart⸗ ſetzen, da man bis jetzt noch nicht weiß, welcher von laub Er könnte, um eine Exiſtenz zu gewinnen, die Eine wie die Andere wählen, könnte ſich vorſchreiben laſſen, wem ſein Herz gehören ſoll? Freydank zuckte die Achſeln. Nein, nein, wenn ich mir dieſe Möglichkeit nur vorſtelle, ſagte der Major, ſo löſchen mir ja alle dieſe Lichter aus, verwandeln ſich alle dieſe lachenden Ge⸗ ſichter in ſchmerzzerriſſene, verdüſtern ſich dieſe hellen Farben, verwelken mir dieſe Blumen, erblinden mir dieſe Steine. Halt! Halt! ſprach Freydank einfallend und legte die Hand auf die Schulter des Majors, der vor Schmerz ſich erheben wollte. Faſſen Sie das nicht ſo ſchwer, aber Recht haben Sie! Was Sie da Alles vor ſich ſehen, dies Gewirr und Geſchwirr, dieſe Bediente, die in Schuh und Strümpfen und Handſchuhen dort Erfriſchungen bieten, dieſe hinter einem Walde von tropiſchen Bluinen verſteckte Muſik, dieſe Converſa⸗ tionen, mit denen man die Zeit tödtet und voll Sehn⸗ ſucht nur auf den Schluß des Cotillons wartet, damit man ſich an Aspiks und Majonnaiſen den Magen ver⸗ dirbt, Alles das iſt Lüge, Alles das iſt Maske und das Beſte daran iſt dies: Seit einiger Zeit wiſſen wir ſogar, daß es Maske und Lüge iſt, geſtehen es uns ein und haben die tollſten Formen erfunden, um für dies Geſtändniß heilige und feierliche Zeugniſſe abzulegen... Man trägt ſeine Religioſität prahlender zur Schau als ſonſt? ſagte Hartlaub bitter. Dies und noch vieles Andere! entgegnete Freh⸗ dank. Wie das Alles jetzt da ſo tanzt, ſo lacht, ſo ſcherzt, trennt ſich um Mitternacht Jeder wieder von dem Chaos einer zuſammengewürfelten Geſellſchaft⸗ lichkeit und geht ſeinen eignen Verdrießlichkeiten, ſeinem eignen Aerger nach. Vor einigen Stunden bekam ich eine Nachricht, die mich ſehr erſchütterte. Sie werden wiſſen, daß früher die Firma dieſes Hauſes Wisthaler und Artner hieß. Der Notar von Emmen, bei dem ich als junger Rechtscandidat arbeitete und der in ſeinem Leben nur zwei dumme Streiche gemacht hat, den einen, —. und den andern, daß er bald darauf ſtarb— zwei dumme Streiche, die er vielleicht dadurch wieder gut machte, daß er mich zum Erben ſeiner Praxis einſetzte — ich ſage Notar von Emmen war die Veranlaſſung dieſer Aſſociation. Er führte über Dinge, die mir unbekannt ſind und ſich zu Hauſe in meinen Akten finden, einen Prozeß, den er vorzog durch eine Aus⸗ ſöhnung zu beendigen. Die beiden Compagnons frü⸗ daß er ein Sechziger ein blutjunges Mädchen heirathete — 45— her verfeindet, gingen eine ziemliche Reihe von Jahren miteinander. Die alte Mißſtimmung zwiſchen ihnen ſchien ſich jedoch nicht gelegt zu haben; kaum hatten Beide ſoviel erworben, daß ſie ſelbſtſtändig beſtehen konnten, ſo trennten ſie ſich. Artner zog an den Rhein, begründete Fabriken, ſpeculirte, ſpeculirte ſchlecht oder erlag ungünſtigen Conjuncturen, kurz, vor zwei Jahren überraſchte uns ſein Falliſſement. Wisthaler, der an ihn eine bedeutende Forderung hatte, war grade am Rheine anweſend, als über ſeinen ehemaligen Aſſocié die Kataſtrophe hereinbrach. Man ſagt, daß Ihr Schwager ihm hätte helfen können; ich verurtheile keinen Kauf⸗ mann, der ſich in ſolchen Fällen von einem bergab⸗ rollenden Rade fern hält. Artner hinterließ eine ein zige Tochter, ein junges Mädchen von großer Anmuth und gewählter Bildung. Nach der im Ganzen genom⸗ men ſehr ehrenvollen Liquidation, zu der ſich Artner durch die Umſtände gezwungen ſah, zog er ſich irgend⸗ wohin mit ſeinem Kinde in eine entlegene Gegend zu— rück. Vom Kummer über ſein Schickſal darniederge⸗ beugt, erkrankte er und ſtarb. Von ſeiner Tochter hörte man bisher nichts mehr, bis ich kürzlich einen Brief erhalte von einem früheren Geſchäftsführer der Art⸗ ner'ſchen Fabrik. Bei dem Erben der Praxis des — Notars von Emmen ſetzte man noch ein Intereſſe für die Artnerſche Familie voraus und erſuchte mich um eine Verwendung für die bedürftige Hinterlaſſene. Die Tochter eines Mannes, der einſt mit einem inzwiſchen als Millionär emporgeſtiegenen Kaufmann aſſociirt war, die Tochter eines begüterten Fabrikbeſitzers, ein Mädchen, gewiß mit dem vollſten Anſpruch dort heiter und lachend unter den walzenden Paaren mit dahinzu⸗ ſchweben, iſt ſchon ſeit einem Jahre Geſellſchafterin in einem fürſtlichen Hauſe geweſen, hat dieſe Stelle, die ihre Unbequemlichkeiten haben mag, verlaſſen und kommt jetzt hieher in dieſe Hauptſtadt mit dem eifrig⸗ ſten Verlangen, ſich einem wunderlichen neuen Berufe unſerer Tage zu widmen; ſie will eine Diaconiſſin werden. Ich habe einſtweilen Frau von Emmen gebe ten, ſie bei ſich aufzunehmen, kann aber das Bild nicht los werden, mitten unter dieſen Blumen in ſeidnen Gewändern, unter dieſem Lüſtreglanz und Edelſtein gefunkel mir ein junges und ſchönes Mädchen in blauem Kleide, mit weißer über die Schulter gehen den Schürze, mit einer ſchlichten Haube auf dem Kopfe zu denken, die am Bett eines armen ſterbenden Handwerksburſchen ſitzt, ſeinen Athem beobachtet und ihm zu einer beſtimmten Stunde einige Löffel voll — Gerſtenſchleim einträufelt! Voilà le monde comme il est. Freydank ſtand auf... Hartlaub konnte der Er⸗ ſchütternng, die dieſe Erzählung auch auf ihn hervor⸗ brachte, nicht ſo Herr werden, wie Frehdank, der ſich ihm hier als ein Mann von Gefühl offen⸗ barte; er fragte noch einmal nach dem Worte Diaco⸗ niſſin, das Freydank genannt hatte und das ihm unbekannt war. Eine Diaconiſſin, ſagte Freydank, iſt eine prote⸗ ſtantiſche barmherzige Schweſter. Wir haben den Ka⸗ tholiken in einer Sache nachahmen wollen, die keiner confeſſionellen Mißdeutung ausgeſetzt iſt. Hier haben Sie ein Beiſpiel jener Selbſterkenntniß, die über die Uebel unſrer Zeit gekommen ſein will. Was ſonſt dann und wann einmal ein welthiſtoriſcher Prophet, ein Meſſias, ſpäter einige Empörer oder Communiſten und jetzt die ganze Welt ausſpricht, daß es mit unſe⸗ rem irdiſchen Daſein im Ganzen genommen ziemlich erbärmlich ausſieht, dies Geſtändniß haben auch die Vornehmen und die Frommen abzulegen jetzt die Ge⸗ neigtheit gehabt und unter dem Namen der innern Miſſion ein außerordentlich künſtlich verzweigtes Sy⸗ ſtem von allerhand Heilungs und Beſſerungsverſuchen —— ——— der Geſellſchaftsſchäden angelegt. Oeffentliche Kran⸗ kenhäuſer ſind unter dem Namen von Diaconiſſenan⸗ ſtalten begründet worden. Eine Muſteranſtalt derſelben befindet ſich am Rheine im Düſſelthal. Dort ſind unter geiſtlicher und ärztlicher Anleitung Diaconiſſen oder Diaconiſſinnen vorgebildet worden, um wiederum an andern Orten neue weltliche Zöglinge für die traurige Kunſt zu gewinnen, am Krankenbette die Anordnungen der Aerzte zu überwachen. Warum die früheren Kran⸗ kenwärter dafür nicht mehr ausreichen ſollten, weiß ich nicht. Genug, dieſe Blüthe der innern Miſſion iſt im vollſten Triebe und ich geſtehe, daß meine Neugier ge⸗ ſpannt iſt, morgen die junge Dame kennen zu ler⸗ nen, die heute mit einem ſpäten Eiſenbahnzuge ange⸗ kommen und im Bahnhofe von den Lenten der Ba⸗ ronin erwartet ſein wird. Ich bin überzeugt, wenn dies Haus nicht grade das Wisthalerſche wäre und man holte die junge Dame in Begleitung einer Putzmacherin noch in dieſer Stunde in einem Wa⸗ gen zu dem Ball hier ab, ihr ganzer Plan, Fieberkranke und Ausſätzige zu heilen, ginge in die Brüche. Freydank wurde in der weiteren Ausführung die⸗ ſer Vermuthungen unterbrochen. Die Tanztour war beendigt, das Zimmer füllte ſich mit Paaren, die ſich ausruhen oder Erfriſchungen nehmen wollten; die Fortſetzung des Geſpräches war geſtört und Hartlaub hatte genug vernommen, um nicht tief ergriffen zu ſein. Wehmuth erfüllte ihn, wenn er zwanzig Jahre zurück⸗ dachte an die ſtille Mondnacht einſt auf der fernen Sundainſel. Niemals war die Erinnerung an den unglücklichen Oberſten van der Buſch ſo lebhaft wie⸗ der vor ſeine Seele getreten. Welche Verkettung von Umſtänden, daß die natürliche Erbin eines Mannes, der ſelbſt ſo furchtbar unter dem Druck der jammer⸗ vollen Erdenexiſtenz hatte leiden müſſen, ſich entſchloß, eine Pflegerin eben ſolcher Leiden zu werden! Dort die Verzweiflung, hier die Geduld, dort das mit eig⸗ ner Hand verſtrömte Herzblut des Ajax, hier aus ihm entſprießend die Blume der Liebe und Hingebung. Und Hartlaub mußte mehr empfinden; er mußte ſich ſagen, daß, wenn hier ein junges Mädchen ſicher aus Melancholie der Welt entſagte und das Kleid der De⸗ muth tragen wollte, Er es war, der die Verkettung dieſer ſchmerzlichen Umſtände verſchuldet hatte. Er hatte die wahre Todesart van der Buſchs verſchwie⸗ gen, er hatte eine Schweſter reich gemacht durch einen Gutkow, Diakoniſſin. 4 ————————— Gewinn, an welchem die natürlichen Erben des Selbſt⸗ mörders keinen Antheil haben durften. Er hatte ſeine Schweſter die Hand Wisthalers gewinnen laſſen, Heinrich Artnern zu deſſen Feinde und wahrſcheinlich dann nur zu einem ſcheinbaren Freunde gemacht; er hatte durch ſein Verſchweigen dieſe wohl immer fort⸗ rinnende Quelle gegenſeitiger Verſtimmungen genährt; er hatte Conſtanze Artner im Glücke geboren werden laſſen, er mußte ſich ſelbſt die Veranlaſſung nennen, daß ſie von der Höhe vielleicht der ſchönſten Lebens⸗ hoffnungen niederſtieg und einen Beruf wählte, über den er zunächſt nur den Spott eines Jronikers hörte. Es war Hartlaub als träte ihm das Bild des leiden⸗ den Oberſten vor Augen, wie er ihn ſo oft beſucht hatte, wenn er unter dem Palmendache ſeiner Altane ſaß und ſeine brennenden Schmerzen in Büchern und dem träumenden Hinblick auf die Spiegelfläche des Meeres zu vergeſſen ſuchte. Dämmerung ſenkte ſich hernieder auf ſeine Erinnerung und eine jugendliche Geſtalt, die heißerflehte Göttin der Geſundheit, Hy⸗ giea, trat aus ihr heraus und umſchwebte ihn, dem Leidenden die kryſtallene Schaale der Geneſung dar⸗ reichend!... Die Zerſtreuungen des Abends muthe⸗ ten den Major nicht mehr an. Er zog ſich früh auf ſeine Zimmer zurück und beſchloß am folgenden Mor⸗ gen einen früher bei Frau von Emmen gemachten Beſuch zu wiederholen und bei dieſer Gelegenheit vielleicht Conſtanze Artner, die Diakoniſſin, ſelbſt ken⸗ nen zu lernen. — —— ————————— ———— Eine Wittwe zu ſein und dabei jung, reich und ſchön, iſt wohl der angenehmſte Lebensſtand, falls der Verluſt, den man zu betrauern hat, nicht zu ſchmerz⸗ lich war. Ein ſolcher Verluſt hatte bei Ottilie von Emmen nicht ſtattgefunden. Sie wurde faſt noch Kind mit einem ſehr reichen und geachteten Manne verbunden, der aber ihr Vater ſein konnte. Der Juſtizrath von Emmen war ein Lebemann geweſen, der die ganze Zeit, die ihm die Beſorgung ſeiner umfangreichen Praxis übrig ließ, mit der Pflege ſeines äußeren Wohls und der Huldigung des ſchönen Geſchlechtes hinbrachte Er haßte das Spiel und die Freuden geräuſchvoller Geſelligkeit, liebte aber die kleinen Diners, die ſchönen Künſte und die Frauen. Der einzige Luxus, den er ſich geſtattete, war für Ge⸗ mälde, von denen er eine geſchmackvolle Gallerie an⸗ gelegt hatte. Schon oft kam es vor, daß ein ſolcher Freund der Schönheit unter der ſchützenden Decke einer beſonnen componirten Perrücke, die auf ein Alter nicht etwa von zwanzig, ſondern von vierzig Jahren berechnet war, ſeine ſechzig vergaß und nicht etwa eine Wittwe oder die älteſte ſitzengebliebene Tochter einer kinderreichen Familie, ſondern gradezu ein friſches, blühendes Mädchen von ſiebzehn Jahren heirathete. Acht Jahre hatte dieſe Ehe mit Ottilie Bergheim ge⸗ dauert, als der Juſtizrath von Emmen unter der ſchwe⸗ ren Aufgabe, mit den beſcheidenen und gutwilligen, aber doch immer jugendlichen Regungen ſeines Weibes gleichen Schritt zu halten, zuſammenbrach und ſtarb. Er hinterließ ſeiner Wittwe ein großes Vermögen und einem Schützling, den er ſehr liebgewonnen hatte, dem Referendar Otto Freydank, ſeine Praxis. Die böſe Welt fügte hinzu, er hätte dem Erben der Letzteren auch die Bedingung gemacht, die Erſtere mit zu übernehmen, zumal da er in den letzten Jahren be⸗ merkt haben konnte, daß die Gemahlin ſeinen jungen Freund vielleicht lieber hätte als ihn ſelbſt. Indeſſen iſt die Welt in ſolchen Fällen immer reicher an Erfindun⸗ gen als an Thatſachen und wo einmal der Ober⸗ und —————— der Unterſatz eines Witzes von den zufälligen Launen des Begebenheitenhumors gegeben iſt, kann man ſicher ſein, daß auch die Schlußfolgerung gemacht wird, ſie mag mit der Wahrheit ſtimmen oder nicht. Wie wahr dies iſt, beweiſt, daß wir oft genug irgend einen Ent⸗ ſchluß vermeiden oder irgend ein bereits Halbgeſchehe⸗ nes wieder rückgängig machen, nur um den gar zu wohlfeilen Witz, der dies oder das dann ſagen, jenes ſo oder ſo verbinden würde, gleich im Keime zu er⸗ ſticken. Ottilie von Emmen liebte vielleicht den Juſtizrath, nachdem er angefangen hatte ſie als Curaor ihres Vermögens zu quälen. Er controlirte ihre Ausgaben und verſtand dabei ihr ſo derb auf die allerliebſten runden Fingerchen zu klopfen, daß ſie vor dem einzigen Manne, der ihr nicht ſchmeichelte, Reſpekt bekam. Nur war es ein Unglück, daß Freydank den Werth des Mannes erſt vom Gargon datirte. Er trank alle drei Tage bei ihr den Thee, ließ jeden Einkauf derjenigen Bedürfniſſe, die denn doch auf treuere weibliche Augen angewieſen ſind, als die Augen einer alten wieder ihn regierenden Haushälterin, von Ottilien machen, cor⸗ rigirte zuweilen ein Fremdwort, das ſie unrichtig ge⸗ braucht hatte, und nahm ſich ſonſt vielerlei Tyranni⸗ ſches heraus, was Frauen erſt bis zum Haß und dann bis zur Liebe ärgern kann; allein vor der lächerlichen Rolle, ſich von Ottilien von Emmen einen Korb zu holen oder erſt durch ein langes Niederknieen oder ein Haltenmüſſen ihres Strickgarnes ihre Gunſt zu erobern, ſuchte er ſich ſoviel als möglich zu bewahren. „Er ſtreifte an einer Frau, die er unſtreitig doch liebte, mit einer gewiſſen kühlen Neutralität immer ſo vor⸗ über, daß ſich Ottilie oft verletzt ja beleidigt, aber immer aufs Lebendigſte von ihm angeregt fühlte. Wenn man ſchon acht Jahre verheirathet war, reich iſt, ſich ohne Sorge für irgend ein weſentliches Lebens⸗ bedürfniß fühlt und dabei umſchwärmt wird von tau⸗ ſend Huldigungen, läßt ſich ein ſolcher Herzenszuſtand, gewöhnlich„Unglück bis zur Verzweiflung“ genannt, ſchon ertragen. Die Sorge für das keineswegs einfache Haus⸗ weſen der Baronin führte eine ſchon bejahrte ältere Freundin, Frau Angelika Meher. Dieſe gehörte nicht zu den Gönnerinnen des Juſtizraths und ſchmählte auch an jenem Abend hinter den tropiſchen Gewächſen nicht wenig über die Zumuthung, eine ihnen unbekannte „wildfremde Perſon“ ins Haus zu nehmen, eine Per⸗ ſon, die einen Beruf wählen wollte, den Frau Ange⸗ —— lika Meher kaum dem Namen nach auszuſprechen ver⸗ ſtand und die vielleicht an der herzlichen und zuvor⸗ kommenden Aufnahme, die ſie fand, ſoviel Gefallen finden konnte, aller Sorge für das Wohl Andrer ihr eigenes vorzuziehen und im Hauſe der Baronin zu bleiben, in dem ſie wirklich während des Balles nach Ankunft des Eiſenbahnzuges verabredetermaßen abge⸗ ſtiegen war. Es war ſchon Morgens neun Uhr, als die Baronin aus ihrem Schlafzimmer trat und die Vorbereitungen zum Thee, den ſie des Morgens trank, nur für zwei Perſonen berechnet antraf, für ſie und Frau Angelika Meher, nicht für drei wie ſie doch be⸗ fohlen hatte. Sie wollte ja in der Art, wie ſie Con⸗ ſtanze Artner aufnahm, ſogleich zeigen, wie werth ihr der Name war, der ſie empfohlen hatte. Frau Ange⸗ lika Meyer rümpfte höchſt verächtlich die Naſe und brachte eine ihr perſönlich ausgerichtete Entſchuldigung der jungen Dame, die ſchon um ſechs Uhr aufgeſtan⸗ den wäre, keine Geduld gehabt, in ihrem Zimmer rumort und ſich endlich nach einem Glaſe Waſſer, das ſie von dem noch verſchlafenen Dienſtperſonal als Frühſtück zu ſich genommen, um acht Uhr empfohlen hätte. Es drängte ſie an die friſche Luft, hätte ſie ge⸗ ſagt, und nach einer Stunde würde ſie wiederkommen. Ottilie fragte nach dem äußern Eindruck, nach Wuchs und Geſtalt ihres„unruhigen“ Schützlings. Iſt ſie jung? Iſt ſie ſchön? Wie trägt ſie ſich? Wie hält ſie ſich? Männer ſind nicht im Stande, all die Kennzeichen anzugeben, mit welchen ſich Frauen über den gediege⸗ neren Werth ihrer Mitſchweſtern zu unterrichten wiſſen. Sie haben für die Ergründung der Solidität oder der Eitelkeit oder der fahrigen Unordnung ihrer Mit⸗ ſchweſtern ſo ganz beſondere Probirſteine, die wir Männer in keiner moraliſchen Mineralogie antreffen würden. Frau Angelika Meyer ſchien verdrießlich genug, daß ſie der Wahrheit die Ehre geben und Con⸗ ſtanzen keineswegs als ein phantaſtiſches und um ihren nächſten weiblichen Eindruck unbekümmertes Weſen hinſtellen ſollte. Sie gab wohl das Signalement einer Brünette von mittlerem Wuchs, von ernſten braunen Augen, von ſchlichtem Scheitel über der klaren offnen Stirn, von behendem Gange und ähnlichen Thatſa⸗ chen, die aber durch gewiſſe geringſchätzende Nebenbe⸗ zeichnungen, als da lauteten: Schmächtig, kränklich, blaß, im Widerſpruche mit ſich ſelbſt ſtanden. Ottilie war nicht Kennerin des menſchlichen Herzens genug, um den Grund dieſer Widerſprüche, die Eiferſucht der Dame Angelika, zu erforſchen, aber ſie beſaß Eitelkeit genug, um die Betrachtung nicht anzuſtellen: Con⸗ ſtanze Artner ſoll nur deßhalb nicht vollkommen ſein, weil die gute Angelika Meyer weiß, daß du wünſcheſt, es nur allein zu ſein. Ottilie hatte ihren zweiten Zwieback verzehrt und deren ein halbes Dutzend für einen kleinen Affen⸗ pinſcher, den ſie Frau Angelika Meyer zu Gefallen in ihrer Umgebung duldete, in Milch gebrockt, als ſie ſich bei Conſtanzens Eintritt von den Abweichungen unterrichten konnte, die ſich ihre Geſellſchaftsdame von der Wahrheit erlaubt hatte. Conſtanze war ein junges, liebliches Weſen von wenig über zwanzig Jahren. Es lag etwas Feierliches, ja beinahe Kaltes in ihrer erſten Erſcheinung. Ohne Zweifel war es das Unglück, das ihr dieſen Ausdruck der Zurückhaltung gegeben hatte. In den großen braunen Augen brannte ein Feuer wie von einer tiefen Gluth, die nur in einer edlen Seele angezündet ſein konnte. Ihre Stimme war melodiſch, doch leiſe und prüfend. Ein junges Mädchen, das einſt in Glanz gelebt hatte und auf alle Freuden des Lebens angewieſen ſchien, mußte viel gelitten haben, wenn es bis zu dieſer zurückhaltenden, ja tief verſchüch⸗ terten Art kommen konnte. Wuchs, Taille, Hand und Fuß waren von einer Zierlichkeit, die Frau Angelika „ Meher erſichtlich nur mit den Augen der Mißgunſt oder der Schmeichelei für Ottilien betrachtet hatte. Ottiliens etwas gerundete, und wie es Blondinen in älteren Tagen zu gehen pflegt faſt wohlgenährten Formen kamen denen ihrer Schutzbefohlenen nicht gleich. Das Uebergewicht der Bildung endlich, die Conſtanzens Weſen faſt königlich heraustreten ließ, hatte Frau Angelika Meyer wohl auch ſchon empfun⸗ den und demnach nur dem üblichen Zorn der weib⸗ lichen Mittelbildung gegen alles das, was ſich inner⸗ halb ihrer Sphäre auszuzeichnen den Muth hat, Worte geliehen. Conſtanze wurde von Ottilien gebeten, an dem Frühſtück Theil zu nehmen. Es war ein behagliches Zuſammenſein in dem traulichen Wohnzimmer, das trotz des draußen angebrochenen Frühlings doch noch die milde Wärme, die ein kleiner weißer Porzellanofen ausſtrömte, vertrug. Der Frühſtückstiſch ſtand in einer gewaltigen Epheulaube, die rings von den anmuthig⸗ ſten Blumen in zierlichen Töpfen umgeben war. Ge⸗ mälde, Vaſen, Pendülen und Statuetten hoben die ſilbergrauen von Goldleiſten unterbrochenen Tapeten⸗ wände. Ottilie, Frau Meyer und der kleine Affen⸗ pinſcher genoſſen ganz das Behagen dieſer Exiſtenz. — 60— Conſtanze jedoch ſchien dafür nicht das aufmerkſamſte Auge zu haben. Sie dankte Ottilien für die freund liche Aufnahme und ſetzte hinzu, daß ſie ihr hoffent⸗ lich nicht zu lange zur Laſt fallen würde. Schon vor der Reiſe, auf welcher ſie eine Fürſtin als Geſell ſchafterin begleitet hätte, wäre an die Gräfin Ampfing, die Vorſteherin der Diaconiſſenanſtalt Friedenthal, ein Brief abgegangen, in dem ſie um die Aufnahme unter die ihrer Obhut anvertrauten Schweſtern gebeten hätte. Sie hatte bei perſönlicher Vorſtellung, die ſie heute bezwecke, die Hoffnung, der Erfüllung ihrer Bitte gewiß zu ſein. Ottilien und Frau Angelika Meyer lag das Vor haben Conſtanzens ſo weit entfernt, wie wenn man beide nach Sanskrit oder den mathematiſchen Lehr ſätzen des Euclid befragt hätte. Conſtanze, darum angegangen, gab eine Schilderung ihrer künftigen Pflichten, die ihnen beiden befremdlich genug vor kam. Auf Frau Angelika Meher hatte die Schilderung, obgleich ſie für den religiöſen Inhalt derſelben nicht unempfänglich war, ſogar noch die beſondere Wir⸗ kung, daß ſie ihr den Genuß ihrer dritten Taſſe Pecco⸗ blüthen verleidete, ſo hoch ſie ſich auch die kleine mehr Vaſe als Taſſe ſchon mit eingeweichtem Zwieback an⸗ —————— — 61— gefüllt hatte. Einſt hatte ſie ja auch einen Gatten, einen Beamten mittlerer Klaſſe vom Steuerweſen, gleichfalls in ihren Armen ſterben ſehen; ſie hatte auch die Pflege des Inſtizraths von Emmen geleitet und ſich bei einem ſonſt angebornen gutmüthigen Cha⸗ rakter wohl überzengt, mit welchen traurigen Naturer⸗ ſcheinungen das Abſcheiden des Menſchen vom Leben verbunden zu ſein pflegt. Sich nun zu denken, daß ein ſo„gebildetes⸗ junges Mädchen, das da vor ihnen ſaß und Thee trank, ſich gewöhnen ſollte, dergleichen außerordentliche Erſcheinungen täglich zu ſehen und täglich mit zu erleben, erfüllte ſie weniger mit Mit leid, als mit einer Art von phyſiſcher Abneigung und plötzlich widerſtehendem Appetit. Sie mußte ſich er⸗ heben und unter irgend einem Vorwande das Zimmer verlaſſen. Ottilie aber, von geringerer Phantaſie, war mehr nach der moraliſchen Seite hin ergriffen; ſie fand, daß Conſtanze für die Ausübung ſolcher Pflich ten doch wohl zu„gut“ ſei und jener Beruf beſſer den Miethlingen aus den untern Ständen zu überlaſſen wäre. Conſtanze erwiederte nur die einfachen Worte: Sie werden ſich leichter in meinen Plan finden, gnä⸗ dige Frau, wenn Sie gleichſam annehmen wollten, ich wäre katholiſch, was ich nicht bin. Denken Sie ſich, — ich will in den Orden der barmherzigen Schweſtern treten, das ſagt Alles, was ich will und was ich fühle. Nun trat eine eigenthümliche Pauſe zwiſchen den beiden jungen Frauen ein. Sie gehörten Beide einer ganz andren Welt an. Die Eine lebte in dem beſtän⸗ digen Bedürfniß der Freude und einer immer gewähr⸗ ten Befriedigung derſelben, die Andere in Begriffen und Anſchauungen, die Ottilie bisher nur hatte nennen und ſchildern hören und von denen ſie nur ſoviel ganz klar wußte, daß ſie ein großes religiöſes und ſittliches Vorrecht für ſich hatten. Es war eine gewiſſe ſtaunende Andacht, die ſich ihrer plötzlich vor Conſtanzen bemäch⸗ tigte, eine Verehrung, die ſich mehrte, als ſie vor Con⸗ ſtanzens Art ſich zu geben, vor ihrem treffenden, wenn auch oft ſcharfen Urtheil, vor'ihrer Welterfahrung und Bildung die größte Hochachtung empfinden mußte. Durch die Worte: Kann es denn nicht Fälle geben, wo man die Neigung haben muß, auf ewig in ein Kloſter zu gehen? war Ottilien das Vorhaben Conſtan⸗ zens in diejenige Sprache überſetzt, die ihr geläufiger war. Sie ließ ein ſo ſeltſames Weſen jetzt in ihrer Art gelten und bat ſie nur noch, doch ja nichts zu übereilen und ſo lange, als ſie mit ihrem Vorhaben noch nicht ganz im Reinen wäre, ihr Haus für eine Zufluchtsſtätte anzuſehen, die ihr, wenn ſie wolle, auch für immer gehören könnte. Die Ahnung, daß ein Mädchen, wahrſcheinlich doch wohl nur um der Liebe willen und um irgend ein Geheimniß des Herzens, zu einem ſolchen Entſchluſſe kommen konnte, erweckte ſo⸗ gleich das Mitgefühl. Ottilie betrachtete Conſtanzen nun wie eine Mitleidende in dem großen Bunde weib⸗ licher vom Leide der Liebe gedrückter Herzen. Einen Beſuch bei der Gräfin Ampfing, hatte Conſtanze ſchon bei ihrem Frühausgange in Erfahrung gebracht, würde ſie am geeigneteſten in der Mittags⸗ zeit in der Diakoniſſenanſtalt zum Friedenthal ſelbſt machen, wo ſie wohne. Bis dahin widmete ihr Ottilie alle die Herzlichkeit, deren ihre harmloſe Natur voll⸗ kommen fähig war. Dann machten beide ihre Toilet⸗ ten, worauf Ottilie ſoviel Zeit verwandte, daß Con⸗ ſtanze noch einen halben Duodez⸗Band aus der wenn auch nicht beſtäubten, doch wie es ſchien wenig benutzten hängenden Zimmerbibliothek der Baronin durchleſen konnte. Gegen zwölf Uhr meldete man den Juſtizrath Freydank und den Major Gerhard Hartlaub. Beide hatten ſich verabredet, dieſen Beſuch zu gleicher Zeit zu machen. Beide kamen mit ungleicher Stimmung, aber in derſelben Abſicht. Sie wollten, — 64— was ſie konnten, verſuchen, Conſtanze Artner von einem Plane abzubringen, der ihnen excentriſch ſchien. Freydank nahm Conſtanzens Dank für ſeinen ihr durch den alten Geſchäftsführer ihres Vaters vermittelten Beiſtand in dieſer großen und geräuſchvollen Reſidenz und ſeine Empfehlung an die gütige Baronin mit jener ruhig prüfenden Halb⸗Malice entgegen, die dem über legenen Manne von Geiſt und Weltkenntniß eigen iſt, wenn er Menſchen, die er zum erſten Male ſieht, erſt Zeit läßt, ſich zu entwickeln. Hartlanb beobachtete die auffallende Familienähnlichkeit Conſtanzens mit ſeinem dahingegangenen Freunde, auf den als eine Jugend⸗ erinnerung des Majors ſich ſehr bald das Geſpräch lenkte. Die Beziehung des Majors zum Wisthaler' ſchen Hauſe bot Schwierigkeiten einer wärmeren Ver⸗ ſtändigung. Conſtanze vermied auf dieſe feindlichen Verhältniſſe einzugehen und bedauerte nur, daß die Traditionen über ihren Oheim van der Buſch in ihrer Familie nicht die lebhafteſten geweſen wären. Die Gründe lagen nahe. Nachdem ſich Freydank dann über die äußere Erſcheinung und die etwaige Herzens⸗ und Geiſtesart ſeines Schützlings hinlänglich glaubte orien⸗ tirt zu haben, begann er gegen den Plan Conſtanzens, Diakoniſſin werden zu wollen, das von ihm ſchon beabſichtigte Heck⸗ und Neckfeuer der Polemik mit fol⸗ genden Worten: Mein liebes Fräulein, Sie haben alſo die Ab⸗ ſicht, eine Jungfrau von Orleans der Lazarethe zu werden? Was, zum Aesculap! bringt Sie auf dieſe merkwürdige Idee? Conſtanze ſchien Einreden dieſer Art gewohnt zu ſein. Sie lächelte und entgegnete: Sollen wir Frauen uns denn nicht auch einen Beruf wählen dürfen, der unſern ſonſtigen üblichen Pflichten ſo nahe liegt? Und die Jungfrau von Orleans iſt doch wohl auch ſchwer⸗ lich die bloße Enthuſiaſtin geweſen, die wir im Theater beklatſchen. Ich las ihr Leben. Sie hat weit mehr bei den Verwundeten hinter dem Treffen gewirkt, als mit dem Schwerte vor der Fronte. Der Major horchte auf und nickte beiſtimmend. Gut! Sie war eine Marketenderin en gros, eine Art Regimentstochter des Mittelalters, fiel Freydank ein. Ich bin auch überzeugt, daß Jeanne d'Arc wenig Zeit hatte, die ſchöne Toilette zu machen, die wir auf der Statue der Herzogin Marie von Orleans bewun⸗ dern. Sie mag im Bivouac und auf dem Marſch ſoviel Beſchwerden erlebt haben, daß ſie es oft bitter genug an den Füßen empfunden haben mag, Frankreich retten Gutzkow, Diakoniſſin. 5 zu wollen. Aber auch Ihnen wird es ſo gehen, mein Fräulein! Sie, die Sie vielleicht eben in Herrn von Geibels Gedichten oder in Ihrer göttlichen Amaranth, dem Lieblingsbuch meiner verehrten Frau Angelika Meher, geblättert haben, Sie, die Sie vielleicht eben ein Lied von Felix Mendelsſohn⸗Bartholdy ſangen, F. Sie wollen den Muth beſitzen, den blutenden Verband eines Verwundeten zu löſen? Sie wollen aus der Pat⸗ ſchoulyluft der Geſelligkeit, die Sie bisher einathmeten, in Atmoſphären treten, gegen deren verpeſtenden Hauch den Arzt nichts ſchützen kann, kein Chlor, kein Alko⸗ hol, nichts als die moraliſche Kraft ſeines Willens und die Begeiſterung für ſeinen Beruf? Ottilie ſah befremdet, Hartlaub mit Staunen auf. Den rückſichtsloſen Sprecher hatte ein heftiger Un⸗ wille ergriffen. Sein Antlitz röthete ſich. Seine Finger zerrten mit Ungeduld an den ausgezogenen Handſchuhen....—. Conſtanze erwiederte einfach: Ich habe dieſen Muth. ℳ Freydank konnte ſich nun nicht mehr beherrſchen. Er hatte ſeine Abneigung gegen das, was er Mode⸗ ſchwärmerei nannte, ausgeſprochen; er wurde bitter und verſtimmt. Nein, nein! ſagte er; der alte Gun⸗ 6 tram, eine Clientel des Barons von Emmen, wie Ihr ſeliger Herr Vater, deſſen Geſchäftsführer Guntram war, hat mir als dem Nachfolger der Praxis dieſes Hauſes auf's Gewiſſen gebunden, Sie mit meinem Rath und Beiſtand zu unterſtützen. Ich bin dafür, Fräulein, daß Sie in dieſem Hauſe bleiben und mit Frau Angelika Meyher einen Vertrag über das Feld Ihrer künftigen Wirkſamkeit abſchließen. Das iſt ohne Zweifel vernünftiger. Sie helfen der Frau Baronin die poetiſchen, äſthetiſchen und muſikaliſchen Honneurs des Hauſes machen. Sie leſen die erſten Bände der Romane etwas früher, damit Sie Frau von Emmen ſagen können, ob die Geſchichte gleichfalls zu leſen die Aufmerkſamkeit dieſer vielbeſchäftigten Dame verlohnt. Sie beſuchen die Modemagazine, die Muſi⸗ kalienhandlungen, die Kunſtausſtellungen, Sie ſtudi⸗ rei die Chronik der Geſellſchaft, eröffnen kleine Cor⸗ reſpondenzen, die Sie des Morgens bis eilf Uhr am eleganten Schreibtiſch feſſeln, ich verſpreche Ihnen die Empfehlung einer Adreſſe der geſchmackvollſten Luxus⸗ paptere aus der Papeterie Marion in Paris, kurz ich verſichere Sie, wenn Sie unſere Geſellſchaft von der Seite apfaſſen, von der ſie allein genommen ſein will, „o haben Sie einen angebornen Beruf, bei welchem 5 — Sie manchmal wünſchen werden, ſich verdreifachen zu können. Die Geſellſchaft verlangt von den Frauen unſeres Jahrhunderts nichts als mehr oder weniger Verſchönerung des Daſeins. Ottilie, die einen ſtechenden Blick Angelika's nicht verſtand, verwies Freydank ſeine Unarten, er⸗ klärte ſich aber mit Freuden bereit, Conſtanzen als Freundin in ihr Haus aufzunehmen. Sie ſetzte, um den Spott des Juſtizraths zu pariren, hinzu: Es iſt allerdings für uns eine oft unerſchwingliche Aufgabe, blaſirte Hausfreunde unterhalten zu müſſen und den Thee mit Bekanntſchaften zu trinken, die uns an Einem Abend für Wochen verſtimmen können.„. Da ſehen Sie! fiel Freydank ein. Auch das kann Sie im reichſten Maaße in Anſpruch nehmen, mein Fräulein; Studium über irgend ein treffliches Schlag⸗* wort, mit dem man doch einmal einen läſtigen Freund auf Wochen ſtumm machen und entfernen will. Bla⸗ ſirte Hausfreunde! Ueber dieſen Treffer wird Frau von Emmen acht Tage Zeit brauchen, ſich, wenn wir fort ſind, auszulachen. Beruf der Frauen! Beruf der Frauen! Conſtanze war überhaucht von einer fliegenden Röthe. Sie wollte ſich auf ihr Zimmer zurückziehen⸗ Als Freydank in allem Ernſt um eine Antwort auf ſeine Vorſchläge bat, ſchüttelte das junge Mädchen ihr Haupt und lächelte ſogar mit einer Milde, die Freydank entwaffnen mußte. Es war erſichtlich, daß ihrem Entſchluß entweder eine religiöſe Schwärmerei zum Grunde lag oder ſonſt Etwas, dem nachzuforſchen nicht mehr geſtattet war. Ottilie, die ſich bereit erklärte, Conſtanzen nach dem Friedenthal zu begleiten, zog ſich zurück, um zum Ausgehen ihre Toilette zu vollenden. Sie war von dem feſten Willen, von der Ruhe, von der ſichern Haltung Conſtanzens ſo bezaubert, daß ſie gehoben von dem Siege, der ihr für das Geſchlecht ein gemein⸗ ſchaftlicher ſchien, im Gehen nicht umhin konnte, zu Freydank zu ſagen: Sie ſehen, daß es auch einmal Ueberzeugungen giebt, die zu feſt ſtehen, um von Ihren Sarkasmen erſchüttert zu werden. Als Freydank mit dem Major allein war— ſie blieben, um die Damen zu begleiten— polterte Jener: Nun, da ſehen Sie etwas von unſern gegenwärtigen Modethorheiten! Es iſt als wenn man mit poetiſchen Märchen, mit dem Becher der alten Könige von Thule einen Fluß ausſchöpfen wollte! Noth und Elend giebt es ſoviel, daß die Hülfe, die den einzelnen Theilen da⸗ Ich ließe auch das Meiſte davon immerhin als eine Ab⸗ von zu Gute kommt, kaum der Rede werth iſt. ſchlagszahlung für beſſere Zeiten, wo man die Uebel an der Wurzel erkennen und ausrotten muß, gelten, wenn nur nicht der unerträgliche Hochmuth damit ver bunden wäre, der demüthige Stolz, die geiſtliche Hof fahrt all dieſer Unternehmungen. Wäre die reine Hu⸗ manität, die Bürgertugend, die Liebe zum Volke, der Stolz des Vaterlandes die Quelle aller dieſer Hülf⸗ leiſtungen, wie theilweiſe in England, ſo könnte man ſeine Freude daran haben; aber die wahren Förderer aller dieſer Dinge ſind bei uns die Gegner der Aufklärung, die Freunde mittelalterlicher Dämme rung. In den Diakoniſſenanſtalten wird geſungen und gebetet. Die Kranken, kaum dem Bewußtſein zurück⸗ gegeben, werden mit geiſtlichen Anſprachen und Vör⸗ leſungen aus der Bibel wider Willen behelligt. Dieſe Krankenhäuſer ſind eigens dazu angelegt, daß ſie nicht nur leiblich, ſondern im Sinne der Orthodoxie auch geiſtlich geſund machen ſollen. Wie viel ſchöner iſt dieſe Einrichtung bei den Katholiken! Dort weiß man, daß barmherzige Schweſtern die Kranken behandeln um eines Ordensgelübdes willen. Man weiß, daß die barmherzigen Schweſtern Nonnen ſind, die nie wieder ihr Pflegeamt rerlaſſen. Von einem Kloſter wird Niemand, der ſeine Pflege in Anſpruch nimmt, er⸗ warten dürfen, daß es ſeine Art zu ſein um einen Laien einſtelle, man wird dieſe Feierlichkeit der Pflege gelten laſſen um Etwas, was ſchon ſeit faſt zwei Jahrtauſenden vorhanden iſt. Aber bei uns! Welche geiſttödtende Monotonie liegt nicht in religiöſen Pri⸗ vatkundgebungen, die ſich nicht an die überlieferte feſte Form der Gebetformeln, der Geſänge, der rituellen Ceremonien halten, ſondern den Kranken mit einem widerlichen Auskramen von Privatauffaſſungen der Heilslehre quälen! In einer katholiſchen Kirche werd' ich, wenn Alles kniet, gewiß nicht ſtehen bleiben, aber dem Weſen der proteſtantiſchen widerſpricht es, daß man in die religiöſen Privatkundgebungen Einzelner miteinfalle. Wir haben, um nicht dabei von perſön⸗ licher Beliebigkeit beläſtigt zu werden, dafür viel zu wenig Ritus. Von Allem, was uns dieſe Zeiten an Aehnlichem gebracht haben, ſind die Diakoniſſenan⸗ ſtalten glücklicherweiſe noch dasjenige, woran unſer Herz betheiligt iſt und im Namen der allgemeinen Menſchenliebe möchte ihr Wirken geſegnet ſein, wenn nur nicht um dieſe Anſtalten ein gewiſſer Nebel von unheimlichen Tendenzen läge, ſo daß ich jedesmal ein Grauen empfinde, wenn mich mein Weg draußen an dem entlegenen Friedenthal vorüberführt. Als Militair, bemerkte der Major, muß ich weibliche Krankenpflege ein Hinderniß der Geneſung nennen. Meine Soldaten wurden nie geſund, wenn ihnen Frauenhände die Wunden verbanden. Aber ſonſt wird hier vielleicht das Gute das Schlimme überwiegen. Nein! Nein! erwiederte Freydank. Ich wünſchte, irgend ein feuriger Romeo machte dieſer Julia einen andern und praktiſcheren Vorſchlag aus dem Gebiete der alten weltlichen und viel ſchöneren Romantik. Mir könnte es Freude gewähren, der Gräfin Ampfing draußen dieſe Eroberung abzujagen. Hartlaub verfiel in ernſtes Sinnen. Er hörte kaum das Eintreten eines neuen Beſuches, der von Frehdank mit Erſtaunen begrüßt wurde. Es war der junge Arzt vom geſtrigen Ball. Alfred Wolmar kam, um ſich nach dem Befinden der Herrin des Hauſes zu erkundigen. Faſt wallte es in dem aufgeregten Frey⸗ dank wie Eiferſucht auf, als er ſeinen Freund, deſſen Schritte und Tritte er zu ſeinem Beſten in der Reſi⸗ denz zu lenken ſich vorgenommen, auf einer Fährte überraſchte, deren Verfolgung er ihm natürlich nicht angerathen haben würde. Alfred Wolmar hatte ſich — in der That wie mit einer gewiſſen Feierlichkeit auf dieſen Beſuch vorbereitet. Sein ohnehin anſprechendes Aeußere trat gegen ſonſt noch entſchiedener hervor und da er ſeinen Beſuch dahin erklärte: Frau von Emmen hätte ihm verſprochen, ihm zu ſagen, wen ſie unter allen ihr bekannten weiblichen Parthieen für die⸗ jenige hielte, die das meiſte Geld mit der größten Her⸗ zensgüte verbände, ſo ſagte Freydank nicht ohne Ernſt: Lieber Freund, das iſt ſie ſelbſt, ſie ſelbſt! Und Der⸗ gleichen nähr' ich an meinem Buſen? Major, be⸗ ſtätigen Sie mir, für wen ich geſtern Abend um die Hand einer Ihrer Nichten geworben habe? Wolmar runzelte die Stirn. Der Schein des Leichtſinns, der gegen ihn ſprach, ſchien ſeinen Un⸗ muth zu wecken. Iſt das nach unſerer Verabredung? ſagte er mit düſtrem Blicke auf Freydank. Cine ernſtere Auseinanderſetzung ſchnitt die zurück⸗ kehrende Ottilie ab. Auch Conſtanze hatte die Thür ergriffen, hatte eintreten wollen, war ſchon mit einem Fuße wieder im Zimmer, als ſie über irgend einen Anblick plötzlich erſchrak und zurücktrat, um mit einer raſchen Hand⸗ bewegung den Schleier des Hutes über ihr erblaſſen⸗ des Antlitz zu werfen. Ottilie, die früher eingetreten, —— nahm die Aufmerkſamkeit der Herren ſo in An⸗ ſpruch, daß ſich Conſtanze hätte ſammeln können, wenn nicht Ottilie Wolmarn mit ſoviel Anmuth und Auszeichnung begrüßt hätte, daß ſich Conſtanze aufs Neue an der nur halb geöffneten Thüre halten mußte, um nicht zu ſinken. Gezwungen endlich näher zu treten und durch den Schleier, den ſie übergewor⸗ fen, an die Dringlichkeit ihrer Abſicht auszugehen er⸗ innernd, erwiederte ſie Ottiliens Frage, ob ſie in Doctor Wolmar nicht einen ihr bekannten Lands mann vom Rhein anträfe, mit den kaum hörbaren Worten: Vielleicht, daß ſich Herr Doctor Wolmar innert Wolmar hörte den Namen Conſtanze Artner... Schon ſtand Conſtanze an der Thüre, Hart⸗ laub und Freydank folgten, Frau Angelika berich⸗ tete, daß ſie der weiten Entfernung des Friedenthals wegen den Wagen beſtellt hätte. Der Schooßhund bellte, alles ging ſo laut, ſo übereilt durcheinander, daß es nicht auffiel, wie Wolmar zurückblieb, ſtarr, angewurzelt, den Hut in der Hand zuſammengepreßt, die Schwelle der Thür, um zu folgen, nicht zu über⸗ ſchreiten wagte, und ſich zu erholen ſuchte wie von einem furchtbaren Schlage getroffen. Vielleicht, daß ſich Herr Doktor Wolmar er⸗ iert Dieſe Worte.. wer ſprach ſie? Conſtanze Art⸗ ner. Wolmar wollte den Namen wiederhören, ſah ſich nach dem zuletzt gebliebenen Major um. Frau Angelika fuhr nicht mit. Sie kehrte zurück, da hörte er noch einmal den Namen, hörte Alles, was wir wiſ⸗ ſen, hörte die Abſicht, die Conſtanzen in die Reſi⸗ denz geführt, die Umſtände, die ſie zu Ottilien brach⸗ ten, den Zweck ihrer gegenwärtigen Ausfahrt. Be⸗ wußtlos ſtieg er die Treppe nieder, vom Hausthore fuhr der Wagen mit Ottilien, Freydank und der noch immer verſchleierten Conſtanze eben von dannen⸗ Me⸗ chaniſch zog er den Hut. Er wußte nicht, ob er noch lebte. Wolmar durcheilt die Stadt. Er ſucht die Thore, er begiebt ſich in einen großen Park, deſſen Alleen ſich mit dem erſten Grün des Frühlings ſchmückten. Der Gruß der gefiederten Sänger empfängt ihn. Die Sprache der Natur, das Blau des Himmels, die Tauſende von entfalteten jungen Keimen löſen ſeine Bruſt, daß er unter ſie tretend mit einem einzigen Ach! ſich wie an das Herz eines aus tiefſter Seele mitfühlenden Freundes werfen möchte. Aufſchreien mochte er vor Schmerz und er that es auch. Was war ihm geſchehen! Wo die Gruppen uralter Bäume einſamer ſtehen, rauſchend der Wind um die mächtigen, ihres vollen Schmuckes harrenden Kronen ſäuſelte, hielt er die Schritte inne und befreite ſich in lauten Schmerzens⸗ rufen von dem Jammer, der ihn zu erſticken drohte. Zu höhniſch hatte der Zufall die Rolle der Nemeſis übernommen, zu grauſam ihn vor Con⸗ ſtanzens Augen gedemüthigt! Er beſann ſich. Er hatte einen kleinen Veilchenſtrauß in der Hand ge⸗ habt. Er hatte zu Ottilien von Emmen einige jener Huldigungen eben ausgeſprochen, die die Männer immer bereit haben, wo ein freundliches Auge, ein geſchmei⸗ cheltes Lächeln ſie für Worte belohnt, die vorläufig nur erſt den oberflächlichen Schein der Empfindung annehmen. Jetzt war es ihm, als hätte die Erde ſich aufreißen müſſen, als Conſtanze, Conſtanze ſo mit verſchleiertem Antlitz neben ihm ſtand und ſein Lächeln ſehen, ſeine Schmeicheleien hören mußte. Auf Blumen glaubte er geſtanden zu haben und er ſah, es war ein Abgrund. Er konnte, als er jetzt da ſo an einem verwitterten alten Standbilde von Sandſtein lehnte, wo der Göttin Flora das Füllhorn, ihrem Arme die Hände, ihrem Fuße die Hülle des Gewandes fehlte, auf eine zur Ruhe einladende Bank ſinken und nichts um ſich her bemerkend, ſeine Thränen nicht mehr zurückhalten. Es hatte ja einſt Stunden gegeben, wo Alfred Wolmar an Conſtanzens Auge hing, wie der Metall— ſtaub am Magnete. Die Liebe, die innigſte Liebe — 78— mit allen ihren Schauern und ſüßen Zaubern ver— band ſie ja. Ein Wort von ihr, ein Wink ihrer Hand hätte einſt alle Entſchließungen ſeines Lebens beſtimmen können. Der Sohn eines Beamten, der ihm die Mittel hinterließ, ſein Lieblingsſtudium zu verfol gen, die Naturwiſſenſchaften, war er von der Univer ſität einſt heimgekommen in jene ſchöne Gegend am Rheine, deren Betriebſamkeit man ſchon oft mit den Kohlendiſtrikten Englands verglichen hat. Seine El tern waren inzwiſchen geſtorben, Verwandte lebten in ferner Gegend, aus der einſt ſein Vater in dieſe ver⸗ ſetzt war. Alfred liebte die neue Heimath, die Men ſchen ſprachen ihn an, die Natur, der große gewaltige Strom waren die Vertrauten ſeiner reifenden Jugend geweſen. Alfred ſiedelte ſich an ihm an, wurde Arzt und wartete nun, welches Kranken zitternde Hand an ſeine Thüre klopfen, welche bebende Stimme der Liebe ihn an irgend ein Siechbett rufen würde. O, das iſt ein wunderliches Leben, das Leben eines jungen Arztes. Er ſchlägt da ſo ein blank Metallſchild an ſein Haus, eine Nachtklingel von Meſſing mit hellgeputz⸗ tem Griffe ſtreckt ſich daneben und nun harre, jun⸗ ger Asklepiade, und lauſche, wer ſtehen bleibt und deine beſcheidene einfache Stiege hinaufklimmt! Wehl, —— —— es kommen ſo im Laufe der Woche, wenn Markt iſt, Leute vom Lande genug und wollen ein Mit⸗ tel, um dem alten Großvater zu helfen, von dem ſie nichts zu ſagen wiſſen, als er hätte ſo ein Stechen in der Seite und ſo einen trocknen Huſten auf der Bruſt, und ſie ziehen, lacht! jene ſymptomatiſchen Führer heraus, die auf manchen ärztlichen Bildern der niederländiſchen Schule die Mieris und Netſcher ſelbſt bei eleganten ſeidengekleideten Damen ihren Boerhaves in die Hand gaben zur Beſichtigung und Diagnoſe der Leiden. Die neue Schule lächelt nicht mehr über den alten Volksaberglauben: ſie hört, ſie wiegt, ſie ſiedet, ſie kocht. Der junge Arzt verſchreibt; er thut mehr, er hat Zeit dazu, er beſucht den alten Großvater und thut ſein Möglichſtes, was ſich eben thun läßt, um einem bereits im Sterben Begriffenen auf einige Wochen ſeinen Huſten zu erleichtern. Es findet ſich mit der Zeit auch ſo eine Art Praxis zu⸗ ſammen, die wie eine Beſchäftigung ausſieht, und beim Jahresſchluß reicht ihr Ertrag gerade für die Journale und Bücher aus, die ſich ein junger, noch nicht abſchließender, von ſeiner Wiſſenſchaft immer noch begeiſterter und nicht blaſirt denkender Arzt zuzu⸗ legen ſucht. Man wird auch in die Geſellſchaft gezo⸗ gen, aber nur als Hausfreund, als Tänzer, als Arrangeur von lebenden Bildern, man wird auch ein⸗ mal hinter dem Rücken des ſeit zwanzig Jahren in der Familie accreditirten Hausarztes um dieſen oder jenen Schmerz im Rücken oder an der Hüfte um Rath ge fragt, aber die Discretion des jungen Anfängers zwingt ihn, ſich zurückzuhalten und mit der größten Hochachtung von dem alten Dr. Iſegrimm zu ſpre⸗ chen, der bereits ſehr wüthende Blicke auf den jungen Anfänger, den Adepten der„neuen Schule“ wirft und im Bunde mit vier, fünf andern Aerzten, die die Gegend ſchon beſchreiten oder bereiten oder beein⸗ ſpännern oder bezweiſpännern, lauter Männern mit Kindern und Kindeskindern, aufgepaßt, nicht etwa in ihr Gehege zu kommen. Nun ſieht ein ſolcher junger Enthuſiaſt, der vielleicht wie Alfred Wol⸗ mar noch achthundert Thaler von ſeinem väterlichen Erbe und ſeinen koſtſpieligen Studien übrig hat und entſchloſſen iſt, ſie zuzuſetzen, wie Dr. Iſegrimm auf die Leber, die Lunge und den Magen kurirt, wo Leber, Lunge und Magen nicht im Mindeſten afficirt ſind, er ſieht, wie er den Nachbar und Gevatter Apo⸗ theker in Nahrung ſetzt, er fühlt den ganzen Abſcheu junger Wiſſenſchaftlichkeit und des erſten, vielleich noch einſeitigen Ueberzeugungseifers gegen ſolche Art, den menſchlichen Körper zur melkenden Kuh der Männer zu machen, die von ſeiner einmal in Gottes Rath beſchloſſenen Hinfälligkeit ſich aufrecht erhalten wollen. Was hilft es? Er kann nicht dazwiſchen treten, tann nicht zu den Patienten ſagen: Gare vos jours! Er lann für ſich lächeln höchſtens, ſtill für ſich im Zwiegeſpräche lächeln; ach es giebt ſo wenig, ſo wenig Menſchen in dieſer Welt, die ein leiſes, geiſt⸗ reiches Lächeln verſtehen! Ihr armen jungen Aerzte, hat euch dann noch die gütige Natur ein bald feuri⸗ ges bald ſanftes Auge, eine edle Stirn, eine klangvolle Stimme, Sinn für Haltung und wohl gar Eleganz gegeben, dann ſeid Ihr vollends verloren. Die Frauen werfen wohl ſtillbeobachtende Blicke auf Euch, aber die wenigſten haben den Muth oder dürfen ihn haben, grade Cuch von den Leiden zu erzählen, die ſie ewig plagen bald da, bald dort, wie Mephiſto ſagt. Was hilft es Euch nun gar, geſetzt und ſolid zu er⸗ ſcheinen, Euch vielleicht das Schnupfen angewöhnt 2 und ganz gegen Eure Natur gewiſſe kurze, faſt grobe Manieren affectirt zu haben? Die Ehemänner wollen, daß ihre Frauen bei dem alten in Gottes Zorn zum Arzt gewordenen Dr. Iſegrimm bleiben. In der Gutzkow, Diakoniſſin. 6 That, wenn es ein gen und ganz ſubtiles wiſſen⸗ ſchaftliches Proletariat in unſern Tagen giebt, ſo ge⸗ hört das Leben eines jungen Arztes in den erſten ſechs bis zehn Jahren ſeiner Praxis dazu. Daß ohne eignes Vermögen oder eine Anſtellung oder eine reiche Heirath ein ehrlicher junger Arzt ſich nicht weiter fördern kann, durfte Wolmar um ſo auf⸗ richtiger eingeſtehen, als er das Glück hatte, die nähere Bekanntſchaft eines Hauſes zu machen, das in jener Gegend für eines der reichſten galt, das angeſehenſte war es ohne Zweifel. Wolmar erhielt Glückwünſche von allen Seiten, ſeit man behauptete, daß Conſtanze, des reichen Fabrikanten Artner einzige Tochter, das Ziel ſeiner Bewerbungen wäre und wie die Zeichen ſich deuten ließen, dies Ziel auch erreichen müßte. Conſtanze ſchien zwar beſtimmt zu ſein, die Gemahlin irgend eines Kaufmanns in Cöln oder eines Fabrikan⸗ ten von Eupen oder Crefeld werden zu ſollen, allein ſie war zunächſt das Kind der väterlichen Liebe; wenn ſie Wolmar liebte, ſo konnte ein ſolcher Vater ihren Wün⸗ ſchen nicht im Wege ſtehen. Wolmar war ſchüchtern. Der Stolz iſt zaghaft, nur eine gewiſſe„Demuth“ wagt Alles. Er ſah, daß ihn Conſtanze auszeichnete, aber das Benehmen des Vaters war ablehnend, oft kalt. en⸗ Er wagte nicht, die Einladungen, die er zuweilen zu einem Diner, zu einem Ball erhielt, ſo zu benutzen, daß er ſich unmittelbar darauf zum täglichen Gaſte des Hauſes machte. Dr. Iſegrimm war ja auch der Arzt nicht nur des alten Herrn Artner, ſondern aller ſeiner Diener, ſeines Comptoirs, ſeiner ſämmtlichen Fabrik⸗ arbeiter. Er hätte dem Collegen, der zwei Söhne auf der Univerſität, zwei im Militär, zwei in der Hand⸗ lung hatte, die Hülfsquellen ſeiner Exiſtenz trüben können: er begnügte ſich, ſeiner Liebe zu Conſtanzen nur mit entfernter Sehnſucht zu leben. Dieſe wuchs, je öfter er Conſtanzen dann doch ſah. Welche edle weibliche Erſcheinung fand er in ihr! Welche An⸗ muth, welche Bildung! Wie liebevoll war ihr Ver⸗ kehr mit dem oft mürriſchen und vergrämelten Vater! Wie ſchalkhaft in Augenblicken erſichtlicher Freude des Vaters war ihre Laune und wie ſchwärmeriſch wieder ihr Aufblick, wenn die Heiterkeit des Geſprächs plötz⸗ lich an einem ernſten Gedanken anprallte. Wie ſtand ſie dieſem ernſten Gedanken dann Rede! Wie wenig wich ſie ihm aus! Wolmar beſaß keine von den entweder ſchroffen oder frivolen Eigenſchaften, die Studierte bei längerem und erdrückendem Umgang mit der Ge⸗ ſchäftswelt herauskehren. Er wurde nicht brutal wie 6* — die Advokaten, die von Kaufleuten leben müſſen, nicht kriechend, wie Beamte, die ihnen befehlen ſollten. Er bewahrte ſich dem Geldſtolze gegenüber den Adel lz 3rt ſeiner Bildung. Warum* te er nicht annehmen, daß Eonſtanze ſich in ſeiner Nähe gehobener und glück licher fühlte, als bei den Beſuchen der jungen Männer, die mit ſo vieler Virtuoſität verſtanden, die Engländer und die noch ungebundeneren Amerikaner zu ſpielen! Die Verachtung ſo vieler edlen und ſchönen Dinge und Begriffe, die die jungen Gentlemen mit um ſo größerer Kunſtfertigkeit zur Schau zu tragen wußten, je weniger ſie davon verſtanden, fand bei ihrem auf die Tiefe gehenden Sinne nicht das bewundernde Ge lächter, das junge gedankenleere Mädchen bei dieſen ² PTours de force der jungen Dandywelt aufzuſchlagen pflegen; und wenn auch Wolmar, wie eben junge Ge⸗ lehrte jetzt ſind, nichts von der perſönlichen Unſterb lichkeit der Seele wiſſen wollte und falls der alte Herr Artner nicht gut geſchlafen hatte, ſagte:„Mangel L 9 an Phosphorentwickelung zehrt die Geiſteskräfte ab“, blieb doch noch immer ein großes Feld übrig, wo Conſtanze und Wolmar ſich in gleichen des Zweifels, aber auch denen des Glaubens be gegneten. 85 Länger als ein Jahr bedurfte es, bis Wolmar nur ſo weit in die Nähe der jungen reichen Erbin kam, um ihrer Theilnahme für ihn gewiß zu werden. Wiederum ein Jahr währte es, bis er zu den Gäſten eines Hauſes gehörte, die es zu beſuchen wagten, ohne eingeladen zu ſein. Alles Umſtände, die auch ſeine Praris hinderten. Denn ein junger Arzt, der ſein Glück machen will, muß zu gefallen ſuchen. Hundert Mütter müſſen wünſchen können, daß der hoffnungs⸗ volle junge Mann ſich den Mathilden oder Schwanhil⸗ den, ihren holden Töchtern, in Liebe zuwenden könne. Nun wußte man Wolmars Wünſche. Jedermann ahnte, daß Conſtanze Artner ſie vielleicht erwiederte, wenn der Doctor ſich nur ein Herz faſſen wollte; wer küm⸗ merte ſich von denjenigen Kranken wenigſtens, die ewig nur an verſtimmten Nerven leiden, um einen Arzt, der halbverſprochen ſchien! Endlich im dritten Jahre mußte ſich Wolmar ein Herz faſſen. Der Vater hatte ihn ſchon zum Partner ſeiner abendlichen Schachpar⸗ tieen gemacht, er ſchlug Conſtanzen die Noten um, wenn ſie ſang, er las zuerſt, was ſie ihm nachleſen ſollte, er kannte ihre beſten Freundinnen und war der tägliche Gaſt des Hauſes und nur Eines noch fehlte— das Geſtändniß. Oft ſchon hatte dies auf ſeinen Lippen — S— geſchwebt, oft ſchon hatte er einen jener heiligen Augen⸗ blicke wie auf Engelsfittichen nahen hören, wo zwei Liebende den Druck von Rieſenhand, der das Herz krampfhaft umballt hält, nicht länger mehr auszuhal⸗ ten vermögen, wo ſie ohnmächtig einander in die Arme ſinken und nur noch ſtammeln mögen: Ach, ich kann's ja nicht länger mehr tragen, meine Kraft iſt hin und ohne dich mein ganzes Leben! Aber immer wieder war ein Zufall mistönig in dieſe Himmelsmo⸗ mente eingefallen. Da endlich eines Tages— grade zwei Jahre vor Wolmars Verzweiflung hier im Park der Reſidenz— da ſollte das entſcheidende Wort ge⸗ ſprochen werden. Der reiche Commerzienrath Wistha⸗ ler aus der Reſidenz war grade bei ſeinem ehemaligen Compagnon Artner auf Beſuch, er hatte einige Be⸗ gleiter mitgebracht, die mit Artnern rechneten und oft bei geſchloſſenen Thüren rechneten. Vielleicht war es Eiferſucht oder Furcht vor einer andern Beſtimmung Conſtanzens, daß er jetzt endlich wagen wollte, zu reden. An einem Mittagsmahle, das den Gäſten zu Ehren gegeben wurde, fiel ihm auf, daß der erſte Ge⸗ ſchäftsführer des Hauſes, Guntram, eine feſte und verſchloſſene Natur, den Hausherrn vom Mahle ab⸗ rief, dieſer kehrte verſtört zurück, die Geſellſchaft nahm — 8— den Kaffee, man ſcherzte noch, man lachte, man be⸗ ſprach hundert Dinge, die Conſtanzen in die heiterſte Laune verſetzten. Artner aber ſchien zerſtreut. Als die Gäſte ſich entfernt hatten, blieb Wolmar. Befremd⸗ lich genug war ihm, daß der Vater ihn mit Rührung faſt an ſich zog. Conſtanze ſah die Bewegung des Vaters. Sie auf ſich und ihre Liebe deutend trat ſie näher. Jetzt oder nie ſchien ihm der Augenblick der Erklärung gekommen. Schon begann er ſeine Empfin⸗ dungen zu ſammeln, ſchon hatte er Worte geſprochen, denen nur noch eine Bitte an den Vater, ihn als Sohn anzunehmen, fehlte, da plötzlich trat unangemeldet der alte Geſchäftsführer Guntram in's Zimmer und ſagte: „Herr Doctor! man ſchickt nach Ihnen; in der Fel⸗ ſenmühle, zwei Stunden von hier, iſt eine Magd er⸗ krankt! Sie liegt im Fieber! Sie müſſen eilen!“ Artner, faſt vorausſetzend, daß ſich Guntram dieſe Störung abſichtlich erlaubt hatte, glühte auf, er ſchien von Zorn ergriffen, Conſtanze ſtand leichenblaß. Gun⸗ tram aber, ein unerbittlicher Mahner, wiederholte ſeine Meldung. Wolmar, mit den wie ein Seufzer hinge⸗ gehauchten Worten:„Vergebung! der Beruf— eines Arztes!“— mußte ſich entfernen. Es war das letzte Wort, das er mit Conſtanzen geſprochen. In der —— Felſenmühle hatte ſich wirklich eine Kranke gefunden. Es war die Schweſter eines Artnerſchen Arbeiters. Daß man aber nach ihm verlangt hatte, war eine Erfindung Guntrams geweſen. Zurückgekehrt von dem weiten Weg wollte Wolmar den Störenfried nach dem Grunde fragen, der gerade ihn als in der Felfenmühle begehrt abrief. Er fand ihn in den dringendſten Ge⸗ ſchäften und nicht zu ſprechen. Von Artner hieß es, daß er unwohl wäre. Die Fremden waren abgereiſt, Wisthaler ſo plötzlich, daß es auffiel. Am folgenden Tage hatte Wolmar einen Krankenbeſuch in weiter Entfernung zu machen. Er kam zu ſpät zurück, um noch bei Artner vorzuſprechen. Den wieder nächſten Tag erſt begegnete er Guntram, der ihm auf ſeine ver— wunderte Frage die Antwort gab:„Vergeben Sie mir meine Unwahrheit, lieber Doctor! Es kommt eine Zeit, die mich rechtfertigen ſoll.. Mit dieſen räthſelhaften Worten alleinſtehend, redeten ihn Vorübergehende mit Bedauern an. Sie werden von dieſem Unfall wenig erfreut ſein? hieß es. Welch ein Unfall? fragte Wol mar. So wiſſen Sie nicht? Artner hat fallirt. Der Schlag kam nicht ſo ſchnell, wie Wolmar ſchon eilte, den Unglücklichen zu ſprechen. Artner aber war krank und Dr. Iſegrimm bewachte ihn. Conſtanze — 69— war gleichfalls beim Vater, zu dem er ſich nicht drän⸗ gen konnte. Er war ein— junger Wolmar ſchrieb einige Zeilen des innigſten Antheils. Man fand natürlich wohl keine Zeit und keine Stimmung ihm zu erwiedern. Die Gerichte waren ſchon im Hauſe. Wolmar ſtand rathlos. Sollte er zu den Unglücklichen eilen und von einer Hülfe ſprechen, die nichts ſein konnte, als ſeine Liebe zu Conſtanzen? Welches Loos konnte er ihr bieten? Welche Zukunft konnte er ihr an ſeiner Seite ausmalen, wenn die einſt reiche Con⸗ ſtanze in dieſer Gegend bleiben und hier das Weib eines armen Arztes werden ſollte? Es iſt unwahr, wenn man die Liebe immer nur darſtellt, wie eine Flamme, die da brennt, ohne äußern Stoff zu ihrer Nahrung. Wie konnte Wolmar von Liebe ſprechen in einem Augenblick, wo zwei Menſchen Entſchließungen für ihr Leben faſſen mußten! Daß Wolmar Conſtan⸗ zen anbetete, wußte die Welt. Sie wußte aber auch, daß noch kein Verhältniß beſtand. Man bemitleidete ihn, fand jedoch in der Ordnung, daß er ſeinen Schmerz überwand. In den Verhältniſſen lebte er nicht, um für reich, ja vornehm geltende Menſchen tröſten zu können, Menſchen, die aus ſolcher Höhe ſo tief niedergeſtürzt waren. Und ein Troſtwort würde ihn hingeriſſen haben, ſeine Gefühle zu offenbaren. Durfte er ſie jetzt noch ausſprechen? Nach einigen Wochen ſchon war Artner und ſeine Tochter aus der Gegend verſchwunden. Die Fabriken gingen in andre Hände über. Von ihrem früheren Beſitzer hörte man wenig. Erſt nach einem Jahre erfuhr man, daß er am Oberrhein, wohin er ſich zu rückgezogen, erkrankt und geſtorben war. Conſtanze, hieß es, hätte eine Fürſtin auf Reiſen begleitet, ſie wäre nach Italien. Guntram, noch einmal von Wol mar um die Gründe angegangen, warum er in jenem entſcheidenden Augenblicke ihn geſtört hätte, erwiederte nach einigem Zögern und offenbar nur wie zur Aus rede: Hab' ich Ihnen nicht Gutes erwieſen? Was hätten Sie, wenn Sie ein armes Mädchen zu Ihrem Weibe hätten nehmen müſſen? Sie würden Beide un— glücklich geweſen ſein; denn daß ein junger Arzt in Ihrer Lage nur die Hand einer Reichen ſuchen darf, weiß ja die Welt und nun machen Sie einen Strich darüber! Der Strich wurde mit zitternder Hand geführt und war ſchwarz genug. Wolmar fühlte ſich namen⸗ los unglücklich. Die Gegend, die Zeuge einer ſo bitter getäuſchten Hoffnung werden konnte, blieb ihm nicht — mehr heimathlich. Er verwünſchte ſein Geſchick und dachte oft daran, zur See zu gehen und etwa in Ame⸗ rika ſeine Kenntniſſe unter Umſtänden zu verwerthen, die ihn nicht mehr an die ſchmerzliche Vergangenheit erinnerten. Eine kleine unbedeutende Erbſchaft, die ihm von Verwandten zufiel, veranlaßte ihn zu einer Reiſe nach der Reſidenz. Er begrüßte hier ſeinen alten Univerſitätsfreund Freydank, der eine für ſeine Jahre glänzende Carriere gemacht hatte. Frehdank war Wol⸗ marn zu ſehr Jroniker, um ihn zu ermuthigen, ſich ihm ganz zu erſchließen. Aber das Leben von der natür⸗ lichen Seite, die Menſchen von der geſunden Vernunft und Logik zu faſſen, verſtand Freydank ſo meiſterhaft, daß es weniger Tage bedurfte, um Wolmar ganz von ihm abhängig zu machen.„Schiffsarzt? Prärieenarzt? ſagte Freydank. Lächerlich! Ein Menſch von Deiner Statur, ein Tänzer wie Du, ein Idealiſt, der noch die Naivetät beſitzt, ſich bei lebenden Bildern zu betheili⸗ gen und als Troubadour des Gemüths Alles nach ſeiner Laute tanzen zu laſſen, iſt nur beſtimmt, hier eine Eroberung zu machen. Wenn Du nicht zu wäh⸗ leriſch biſt und Dir einigs Capricen, einige Doſen Verſchrobenheit, ſchrecklich viel ſchlechte Muſik und einen Wuchs gefallen laſſen willſt, dem zwei Jahre 1 — Streckbett beſſer ſtänden als die complicirte Fagon eines nahtloſen Corſetts, das jedoch von den reizend ſten Erfindungen des Pariſer neueſten Modejournals bedeckt wird, ſo kannſt Du hier den Grund Deines Glückes legen.“ Und Wolmar wurde von dem älteren Freunde in die Geſellſchaft dirigirt, er wußte nicht wie. Die Freude iſt dem Menſchen ein phyſiſches Be dürfniß und das Glück der angeborne Gefährte ſeiner Natur, den er immer ſuchen wird. So lebte Wolmar den halben Winter in dem Strudel jener Geſelligkeit, die ſich erſt wie ein heiteres Wellenbad ſpielend an unſere Bruſt wirft, bald aber ein Strudel, ein Wir bel, eine fortreißende Stromſchnelle wird, ja zuletzt noch tyranniſchere Zwangsformen annehmen kann. Erſt bekam Wolmar in der Geſellſchaft Rechte zuge ſtanden und ſchon hatte er tauſend Pflichten. Sei nur Einer jung und gut, die Geſellſchaft wird ihn ſchon auszunutzen wiſſen! Wolmar wurde vergöttert, aber der Ueberfluß an Huldigungen brachte ihn oft zur Ver zweiflung. Er durfte nur wählen, ſo viel Erfolge hatte er unter den reichſten jungen Mädchen. Aber jetzt wollte er auch nurßas Beſſere vom Guten. Er ſtand auf dem Punkt zu prüfen, ob Laura oder Ida von den beiden Wisthalers ihm mehr 1 — 93— Garantieen des Glücks boten und wenn Freydank nicht geweſen wäre, ſo wäre ihm allerdings die gute, freundliche, immer gefällige Ottilie von Emmen, die bei allem Reichthum und aller Schönheit eine, wenn auch verwöhnte, doch im Uebrigen anſpruchsloſe junge Wittwe war,— ließ ſie ſich doch von einer alten Duenna und deren Schooßhund thranniſiren— die liebere geweſen. Solche Zuſtände hatte die gewaltigſte aller Zau⸗ berinnen, die Zeit, in Wolmars Herzen hervorgerufen, als er den Gegenſtand der einzigen wahren Liebe wie⸗ derſah, die er mit allen Organen ſeines Seelenlebens empfunden. Er hatte ſie wiedergeſehen in demſelben Augenblick, wo auch ſie ſogleich die ganze vollſtändige Kunde der Veränderungen haben konnte, die mit ihm vorgegangen waren. Die tiefſte Beſchämung warf ihn wie von ſchwindelnder Höhe zu Boden. Er verachtete ſich. Er ſah erſt jetzt, wie er Conſtanzen geliebt hatte und wie er ihr erſcheinen mußte: nur um ihren voraus geſetzten Reichthum konnte er einſt um ihre Hand ge⸗ worben haben! Und ſo groß, ſo ſtolz überſah ſie nun dies ſein Elend! So entſagend, wie eine Prieſterin ſchwebte ſie dahin! Was führte ſie auf den Entſchluß, 1 ſich einem Verufe zu widmen, der ausſah, wie ein Abſchied, den ſie von der Welt für immer nehmen wollte, anders, als die Verachtung der Welt ſelbſt? Wolmar gedachte der Möglichkeit, wie Conſtanze gerade zu dieſem Entſchluß kommen konnte. Diako⸗ niſſin! Der Name war oft zwiſchen ihnen ausgeſpro chen worden, das nahegelegene Kaiſerswerth am Rhein bot Gelegenheit dazu. Der dortige rühmlichſt bekannte Förderer der neuen Inſtitution war ihnen perſönlich bekannt, eine vortreffliche Pflegerin, Schwe⸗ ſter Eliſabeth, war als Fortpflanzerin des Inſtituts hieher gegangen. Oft hatte Conſtanze den in den Rheinlanden nicht ſeltenen Entſchluß junger Töchter aus den angeſehenſten katholiſchen Familien, den Schleier zu nehmen, beſprochen und wohl war ihm erinnerlich, daß ſie einſt äußerte: Warum ſoll ein Herz, dem das Leben keine Freude mehr bietet, nicht ein ſtilles Wirken hinter den Mauern eines Kloſters jeder andern Lebensweiſe vorziehen? Wohl trat ihm jetzt die Gedankenrichtung, deren Keime ſich ſchon früh in Conſtanze vorgefunden, in vollem Zuſammenhange entgegen. Es ſchien ſich in ihr ein Syſtem ausgebil det zu haben. Wolmar bezriff, daß, wenn es Frauen⸗ herzen gab, die wunderbar und groß ſich heben und ſchwellen laſſen wollen von dem Luftzug der Zeit, Conſtanze nicht die letzte ſein konnte, die ſelbſt dem Schmerze beſtritt, ſich in ohnmächtiger Beſchaulichkeit ergehen zu dürfen. Wie dem Manne die Erfahrung des Lebens zur Reglerin ſeiner Entſchließungen wird, ſo konnte auch Conſtanze damals nicht ganz zuſam⸗ menbrechen, als ſie einen zum Tod erkrankten Vater an eine ferne Ruheſtätte, wo er bald ſein Auge ſchlie⸗ ßen ſollte, geleitete, als ſie wohl oft noch mit zerriſſenem Herzen ſich umblicken mochte, ob der, dem ſie das Ziel ſeiner heißeſten Wünſche geweſen war, ihr nicht folgen, wirklich ihr fern bleiben und nicht wenigſtens noch der Wahrheit des Herzens die Ehre geben und ſein Be⸗ kenntniß ausſprechen würde? Sie hatte dann, wie oft, geſagt: Des Menſchen größter Stolz muß der ſein, irgendwo unentbehrlich zu werden. Sie wollte, da der Freund fern blieb, es bei den Leidenden werden. Es lebt in edlen Naturen ein Hervismus, der Opfer bringen kann, ſelbſt wenn man nur allein davon der Zeuge iſt. Büßen für eine Schuld ſoll ſonſt doch nur Die erfreuen, die durch jene Schuld gekränkt wor⸗ den ſind; aber ein ſtarker und gewiſſenhafter Charak⸗ ter büßt für ſich allein und um der Sache ſelbſt willen. Er erfährt ſeinen Schmerz in einem Augenblick, wo ihn eine Freude erwartet und er meidet die Freude — 96— und er meidet ſie für ſich allein; Niemand weiß, wa⸗ rum er unter den Fröhlichen fehlt. So Wolmar. Er tonnte nichts unternehmen, was Conſtanzen gezeigt hätte, wie er litt. Er hatte ſich ſchon damals bekämpft als er nicht wagte, eine Liebe zu geſtehen, die viel leicht nie ſich entzündet hätte, wäre ihm nicht auch das reiche Artner'ſche Haus ein Ziel ſeiner Wünſche er⸗ ſchienen. Die Romantik, daß er ſich geſagt hätte: Das Leben iſt mir nichts ohne Conſtanze! ziemte ſei nen Jahren und ſeinem Weſen nicht. Sein Bekenntniß, ſelbſt wenn er der Gegenliebe Conſtanzens gewiß ge weſen wäre, was er formell nicht war, hätte das Un glück damals gemehrt. Das bedenkend zog er ſich zurück, da er durfte. Und nun wieder Conſtanzen folgen, jetzt ſie beſchwören, von einem Entſchluſſe zurückzu⸗ treten, der mit großen Entbehrungen verbunden war? Auch das würde die Handlung eines Unbeſonnenen geweſen ſein. Er begnügte ſich ſeiner ſtillen Liebe auch nur ein ſtilles Opfer zu bringen. Für denſelben Abend hatte er zwei Einladungen. Schon wußte er es ſo einzurichten, daß er ſeine Zeit in ſolchen Fällen theilte. Er beſchloß, dieſen Schauplatz ſeiner Siege ganz zu verlaſſen. Jeder Schritt auf dem glatten Parkett der Bälle, jede Theilnahme an Vergnügungen, ge ten en, die bei ihm längſt nicht mehr eine bloß gedankenloſe war, hätte ihn beſchämen müſſen vor dem Hinblick auf den Beruf, dem in ihrem Unglück eine Geliebte ſich widmen wollte. So empfand er. Und das junge Grün ſtärkte ſein Auge und ſtärkte ſein Herz. Die Amſel ſang ſo lockend der Feier der Natur entgegen. Das junge Gras ſproßte ſo grün, ſo belebend, ſo nur Gutes und Schönes verſprechend. Er verließ den Park beruhigter. Er eilte zu Freydank, um ihm ſeine Abſicht anzuzei⸗ gen, erſt jene entlegene kleine Provinzſtadt zu beſuchen, wo er eine unbedeutende Erbſchaft zu erheben hatte, und dann wieder an den Rhein zu gehen und vielleicht mit der Zeit nach Amerika. Der Zufall wollte, daß Wolmar Freydank nicht daheim traf. Im Begriff, ihm ſeine Abſicht ſchriftlich mitzutheilen, lockte ihm die Feder und das ſonſt viel⸗ leicht zu inhaltsleer gebliebene Papier ſeinen wahren Zuſtand ab. Er ſchrieb dem Freunde, was ihm heute in den Zimmern Ottiliens von Emmen begegnet war. Es that ihm wohl, einige Menſchen zu wiſſen, die dieſe wunderbare Begegnung erfuhren und auch damit die Saite kennen lernten, die wie bei ihm ſo auch in Conſtanzen wohl tief nachklingen mußte. Er hinterließ 7 Gutzkow, Diakoniſſin. —— ſeinen Brief einer ſichern Gelegenheit, die ihn beſorgte, und reiſte ab. In acht Tagen hoffte er zurück zu ſein und dann die Abſchiedskarten überall da abzugeben, wo man ihn ſeither freundlich aufgenommen hatte. 5 Otto Freydank hätte mit ſeiner Scheu vor der Che nicht ſcherzen ſollen. Er war auf dem beſten Wege, ein Gargon zu werden, der ſich durch die Che nicht mehr verbeſſern ließ. Er liebte nicht die Gourmandiſe für ſich ſelbſt, aber er that Vieles, was den gaſtronomiſchen Neigun⸗ gen ſeiner Freunde entgegenkam. Er gab mit Leiden⸗ ſchaft kleine Diners und Soupers, wie ſie ihm die Ehe ſpäter nie geſtattet hätte. Wenn ihm Ottilie von Emmen Vorwürfe machte, daß er zum erſten Reſtau⸗ rant der Stadt ſchickte und für einen kleinen Kreis von Freunden für ſich ein Frühſtück, das Couvert einen Dukaten, beſtellte, ſo pflegte er zu erwiedern, daß er nicht wiſſe, wie er ſich anders revanchiren ſolle. Es wäre ihm zu peinlich, nur von den Menſchen zu empfangen und ihnen nichts dafür wieder zu geben. Im Grunde aber hatte er eine große Vorliebe für dieſe geheimnißvollbehaglichen Stunden. Zu den Früh⸗ — ſtücken konnte er freilich nur die Sonntage wählen, da ihn zuviel Geſchäfte drückten; zu den Diners wählte er jährlich die Buß⸗ und Bettage, von denen er behaup tete, ſie wären recht eigentlich zu den ſtillen Freuden der Tafel beſtimmt. Die Soupers waren an Ge ſchäftskalender⸗Vorſchriften weniger gebunden, nur daß ſie am wenigſten vor Ottilien konnten verborgen gehalten werden. Freydank war eitel auf ſeine Cigarren, ſeinen Wein und ſogar auf ſeine Möbel, ſeine Kupferſtiche, ſeine Vaſen, von denen er jeden Geburtstag ein Paar verehrt erhielt, auf ſeine Rückenkiſſen, ſeine Cigar⸗ renetuis, ſeine geſtickten Notizbücher, kurz alle die Gegenſtände, die ſich allmälig um einen Mann zu ver ſammeln pflegen, der in ſeinem Geſchäfte für daſſelbe Geld viel und wenig leiſten kann. Die Aerzte mögen ſich in ſolchen Aufmerkſamkeiten noch beſſer ſtehen, als die Advokaten. Aber auch dieſe finden Gelegenheiten genug, die bedrängte Menſchheit ſich noch durch etwas mehr als nur die ſchuldige Pflichterfüllung zu verbin den. Freydank leitete den Urſprung der zarteſten Auf⸗ merkſamkeiten, die offenbar von Frauenhand kamen, nicht etwa bloß auf die„lachenden« Mienen junger Wittwen zurück, deren Vermögen er geordnet hatte; er — behauptete ſie kämen von den jungen Frauen, die ihn zuweilen heimlich conſultirten, welches die eigentlich vor Gericht nothwendigen Erforderniſſe wären, um eine gute und richtige Scheidung zu Stande zu brin⸗ gen. Doch nannte er Niemanden. Der halbe Segen aller der Menſchen, die auf das öffentliche Vertrauen angewieſen ſind, quillt aus der Discretion. Für die außerordentlich behaglich eingerichteten Räume, die Freydank bewohnte, war ein Frühſtück heute nur für drei Couverts angeordnet. Bei einem Frühſtück mußte es alſo Sonntag ſein. Commerzien⸗ rath Wisthaler liebte gleichfalls die Börſe zu ſehr, um ſie der kochkünſtleriſchen Oſtentation ſeines Freundes zu opfern. Der Dritte war Major Gerhard Hartlaub, dem Frehdank zwar keine Revanche, aber doch eine Aufmerkſamkeit ſchuldig war, wie er zu Ottilien äußerte, die ihn aufgefordert hatte, ſie und Conſtanze, die gewiſſer Förmlichkeiten wegen in die Diakoniſſen⸗ anſtalt erſt binnen acht Tagen eintreten würde, auf eine Ausſtellung von Bildern zu begleiten, die zu ir⸗ gend einem der tauſend milden Zwecke des Tages ver⸗ looſt werden ſollten. Freydank hatte für dies Dejeuner mehr im Schilde, als nur eine Aufmerkſamkeit, die er einem Freunde zu geben ſchuldig war. Entſchuldigungen, die er machte, um das Vor⸗ handenſein von nur drei Converts zu motiviren, ſtan den ihm nicht natürlich. Er war bald ehrlich genug, zu ſagen: Commerzienrath, ich ſervire Ihnen heute etwas Claſſiſches; aber ich habe auch zum Deſſert einen romantiſchen Angriff auf Ihre Kaſſe im Werk. Ich will Ihnen Gelegenheit geben, einige von Ihren Geldſäcken aufzuknöpfen. Wenn es meine kleinen ſind, immerzu! erwiederte ler e He Als die erſten Ergebniſſe einer ſehr umſtändlichen erren ſetzten ſich in guter Laune. F die Freydank mit dem erſten Reſtaurant der Stadt angeſtellt hatte, vorüber waren, drängte Wisthaler nach dem Angriffe, den Freydank beim Deſſert auf ſeinen Geldbeutel zu machen verſprochen hatte. Worin wird er beſtehen? fragte er. Ziehen Sie nur die Subſcriptionsliſte hervor! Geduld! Geduld! ſagte Frehdank. Sie ſind mir noch nicht in dem Humor, der Sie über irdiſche Dinge mit hinlänglicher Begeiſterung hinwegſetzt. Ich habe c4 ie Abſicht, ſoviel von Ihnen zu verlangen, daß Sie heute hier von dem Stuhle nicht aufſtehen ſollen ohne nicht das Bewußtſein zu haben, ein höchſt ſeltner, ja eines öffentlichen Denkmals würdiger Charakter zu ſein. Dafür verlangen Sie noch Beweiſe? ſagte Wis⸗ thaler, der es bei vielen Gelegenheiten gewohnt war, ſein„bischen Armuth“ wie er zu ſagen pflegte, nicht zu ſchonen. Hartlaub wurde von Freydank veranlaßt, über Java zu erzählen. Der Major verſtand ſeine Dar⸗ ſtellungen ſo klar und feſſelnd zu geben, daß ein Ge⸗ richt nach dem andern vorüberging und die drei Män ner in eine immer angeregtere Stimmung geriethen. Freydank rühmte den Major, der durch ſeine Erzählungen dem Mahle erſt die rechte Würze gäbe. Wie erſtaunte er aber, als der Commerzienrath einfließen ließ: Sein Feuer iſt erklärlich. Haben Sie nicht bemerkt, Juſtizrath, welche Veränderung mit unſerm Holländer vorgegangen iſt? Er kam nach Europa, verſtimmt über alles und blöde wie ein Kind. Seit er Frau von Emmen kennen gelernt hat, iſt er wie umgewandelt. Ich hoffe, daß wir von dieſem trefflichen Dejeuner nicht aufſtehen, um die Zurüſtun gen zu einem Duell zu machen. — 104— Vergeben Sie, Juſtizrath! fiel Hartlaub lachend ein. Wenn ſich mein Schwager von ſeinen Anſtren— gungen, reich zu bleiben, der einzigen, die ſich jetzt lohne, denn das reich werden wäre nach ſeiner Mei— nung unmöglich geworden, einmal eine Erholung er laubt, ſo iſt es die, Heirathen zu ſtiften. Um ihn aber auf beſſere Fährte zu bringen, will ich die Gelegenheit benutzen, meinen wahren Magnet zu nennen. Es iſt die Tochter Deines ehemaligen Compagnons, des ver ſtorbenen Artner. Freydank war geſpannt auf die Wirkung dieſer Anzeige, die er ſchon geahnt hatte. Meine Frau hat mir gleichfalls auch davon er zählt, erwiederte Wisthaler ruhig. Willſt Du dieſe Schwärmerin lieber mit nach Java nehmen, ſo glaub' ich wohl, daß ſie Dir eher folgen würde als Frau von Emmen und Frau Angelika nebſt Familie... Wis thaler meinte den Schooßhund. Eine Vorbereitungsſtelle im Friedenthal, gab Hartlaub ſcherzend zu, wird erſt in acht Tagen offen ſein. Glauben Sie, Juſtizrath, daß man bis dahin ſich eine ſolche zarte Beute und Rückfracht für ſeine etwas entlegene Garniſon erobern könnte? Iſt das Ihr Ernſt? fragte Freydank. — —— G Ja! Ja!, fiel Wisthaler ein. Ich verſpreche ihm ein Theeſervice von Vermeille zur Ausſteuer, ein ſo ſchönes, daß ſich's vor dem benachbarten Kaiſer von China ſoll ſehen laſſen können. Wenn ich an den Oheim Conſtanzens zurückdenke, fiel Hartlaub ernſter ein, an van der Buſch, ſein Lei den, ſeinen Tod, wenn ich mir vergegenwärtige, wie meine Familie die Veranlaſſung des Kummers wurde, der Artnern und die Seinigen traf, ſo würde ich eine Genugthuung darin finden, Conſtanzen mein nennen zu können, ob als Gattin, ob als ob als Kind, wäre nach dem Bedürfniß der Verſöhnung, das ich habe, faſt gleich. Natürlich möchte ich ſie als Weib am liebſten heimführen. Dort würde ich mir die Ein⸗ ſiedelei ihres Oheims erſtehen und von meinem Her⸗ zen würde damit manche Laſt fallen. Es trat eine drückende Pauſe ein. Man muß mit einem Kaufmann nicht reden, wie mit Frauen, die nux in der Romanenwelt leben, ſagte Wisthaler, der ſeines Schwagers Vorwurf auf ſich bezog. Ich habe Artnern wie einen Bruder behandelt Auch damals, ſagte Freydank, als Sie vor zwei Jahren ihn fallen ließen? — 106— Ich handelte damals, ſagte Wisthaler ruhig, im Intereſſe meiner eignen Ehre. Ich las in den Akten Ihres Proceſſes! ließ Freydank mit einem gewiſſen Nachdruck, aber doch ruhig fallen und legte von einem Salmis von Rebhüh nern vor. Thaten Sie das, ſo werden Sie gefunden haben, fuhr Wisthaler fort, daß ich einſt die junge durch einen in der Ferne verſtorbenen Verlobten reichgewordene Erbin, Natalie Hartlaub kennen lernte, um ihre Hand warb, mir dieſe gewann. Natalie Hartlaub, einſt die Verlobte des Oberſten van der Buſch, ward mein Weib. War es ihre Schuld, daß die Familie des Oberſten plötzlich erlitt? Hedwig van der Buſch, die Schweſter des Oberſten, lernt in Hol— land den jungen Heinrich Artner kennen. Sie lieben ſich. Sie erfahren meine Verbindung mit der Braut ihres Onkels, kommen nach Deutſchland, hieher, beginnen das Teſtament ihres Verwandten an⸗ zuzweifeln. Eine Stimme des Innern ſagte mir und meinem Weibe: Die Armen werden verlieren, aber— zieht ſie an Guch Gewinnt ſie Euch durch Vertrauen! Hedwig van der Buſch iſt durch die nicht mehr zu än⸗ dernden Umſtände ein Opfer geworden, das unſre — 10— Theilnahme verdient. Wohlan! Ich biete ihrem Ver⸗ lobten eine Lebensſtellung. Ich nehme ihn in mein ſchon blühendes Geſchäft, nicht als einen nur mir helfenden untergeordneten Beiſtand, nein als Aſſocié, mit ungleichen Pflichten, aber gleichen Rechten. Das junge Paar willigt ein, die Firma Wisthaler und Art⸗ ner eröffnet ſich. Sie blüht, ſie gedeiht, ſie ſteht ge achtet, bis ſie nach einem aus Artners Mißtrauen flie⸗ ßenden ewigen Streit, nach mancher Verſöhnung, mancher wieder neuen Irrung und wieder mancher neuen Hoffnung auf Einigung, ſich zuletzt doch auf löſte, weil Artnern mein Handelsſchritt zu lang⸗ ſam ging und ich ihm ein Krämer ſchien! Wenn ich mir etwas vorzuwerfen habe, iſt es, daß ich ihm dies Wort, das er einſt vor Zeugen geſprochen, nicht vergeben mochte. Wie wir uns trennten, blieb eine Summe ſtreitig. Sie war nicht gering. Wir konnten uns Jahrelang nicht darüber einigen und da Artner inzwiſchen an den Rhein gezogen und Fabrikant ge worden war, ſo blieb die Summe unerledigt und wurde nur nach einer ungefähren Schätzung verzinſt. Meine Frau bekam Neigung am Rheine zu wohnen. Ich ſuche dort einen Landſitz. Artner erfährt davon und bietet mir den ſeinigen an. Er wollte ſich ſeiner Geſundheit — 108— wegen von den Geſchäften zurückziehen und in ein ſüdlicheres Klima ziehen, ſo hieß es. Ich gehe auf den Vorſchlag ein, beſteige die Eiſenbahn, ſehe mir die Verhältniſſe in Artners Umgebung an. Ich finde ſie nicht nach Wunſch. Sein Weſen war unheimlich. Ich ahnte eine Kataſtrophe. Ich würde Mitleiden empfun den und vielleicht geholfen haben, wäre mir nicht Art ner plötzlich mit Drohungen entgegengetreten. Aufs Neue wühlte er die Erinnerungen an unſern alten Prozeß auf.... Sie hatten ihn gereizt, fiel Freydank ein, der über Alles unterrichtet ſchien. Ich läugne es nicht, ſagte Wisthaler. Ja, ich gefiel mir eine Weile in dem Uebergewicht, das mir die Lage der Umſtände gab. Sie haben beide keinen Begriff von den Empfindungen eines Kaufmanns, wenn ein Compagnon ausſcheidet. Es iſt ein Eclat, der die unangenehmſten Erörterungen hervorruft. Oft hat man in ſolchen Fällen ſeine ganze Kraft zuſam menzunehmen um nicht zu wanken. Ich ließ es Art⸗ nern fühlen, wie ich ihn da jetzt ſo auf ſeinem kühneren Handelsſchritte antraf! Dennoch würde ich vielleicht durch einige Accepte ihm geholfen haben, wenn er nicht aufs Neue ſich mir mit den Erinnerungen an — 109— van der Buſch entgegengeſtellt hätte. Es iſt die em⸗ pfindlichſte Stelle meines Ehrgeizes, dieſe Erinnerung an den Urſprung meines Vermögens. Ich könnte Opfer bringen, welche es wären, wenn ich hier eines Unrechtes geziehen würde. Artner aber war nicht im Stande mir etwas Andres zu zeigen, als die Wuth ſeiner Ohnmacht. Ich verließ den überreizten Mann und ſpäter hörte ich, daß ſein Geſchäftsführer Gun⸗ tram eine bedeutende Summe vorſchoß, die ihm mög⸗ lich machte, anſtändig zu liquidiren. Telegraphiſch, noch ehe Sie damals zurück waren, fiel Freydank ein, war dieſe Summe, die beim Notar von Emmen geſtanden hatte, gekündigt. Es war ein Reſervecapital, ſagte Wisthaler bitter, das Artnern gehörte und nur auf jenen Gun⸗ tram geſchrieben war. Hartlaub und Freydank mußten ſchweigen, ſo ſicher ſprach Wisthaler dieſe Vermuthung aus. Er konnte nichts erwiedern, als man geltend machte, daß in dieſer Preisgabe eines kleinen Vermögens, von dem Artner und ſeine Tochter ſich ſehr gut noch hätten be⸗ haupten können, ein nicht eben oft vorkommender Zug von Eyrlichkeit in ſolchen Fällen lag. Ich geb' es zu, ſagte Wisthaler. Was ich für — den Vater nicht thun durfte, würd' ich gern für die Tochter thun. Geben Sie mir ein Mittel an, ihr meine Theilnahme zu zeigen. Man war aufgeſtanden und zog ſich in ein Zim mer zurück, wo Freydank ſeine Cigarrenſchätze entfal tete. Es lag ihm daran, ſeine Gäſte in guter Laune zu erhalten. Er hatte ſie zu ernſten Dingen beſchieden, wollte aber den Schein der Feierlichkeit vermeiden. Er überwand ſich, den Gegenſtand ſcheinbar zu ver⸗ laſſen. Eine Analyſe über ſeine Cigarren mußte dazu dienen, die Erörterung von allem Schein des Ueber⸗ raſchenwollens frei zu erhalten. Ich habe, lenkte er endlich wieder auf das ver⸗ laſſene Thema ein, ich habe lange nicht ſoviel Akten⸗ ſtaub verſchluckt, wie geſtern und vorgeſtern. Ihr Prozeß mit Artner iſt vor zwanzig Jahren mit großer Hartnäckigkeit geführt worden. Iſt es denn wahr, Major, daß Ihr alter Freund und Gönner wahnſin⸗ nig war? In dieſem Falle hätte Artner allerdings ſein Teſtament umſtoßen köonnen. Nein, entgegnete Hartlaub erblaſſend und ernſt. Er war unglücklich, er litt an dem ſchmerzlichſten Uebel, das Sie ſchon kennen, aber die Klarheit ſeiner „ * Sinne blieb ihm bis zum— To Freydank ließ den Major ruhig weiter erzählen von einer Krankheit, die zu den ſeltenſten gehört und die von jedem Herzen den Zoll des tiefſten Mitgefühls verlangen darf. Merkwürdig, ſagte er dann, daß die Londoner Lebensverſicherung den Einkauf des Oberſten bei einem ſolchen Leiden ſo ruhig entgegen genommen hat. Man war ſonſt viel ſtrenger, als jetzt. Die Geſell⸗ ſchaften ſind in zu lebhafte Concurrenz getreten. Man kann jetzt ſich einkaufen und ſich todtſchießen und die Hinterlaſſenen bekommen doch die Prämie. Der Selbſtmord iſt jetzt eine ganz zuläſſige und ſozial entſchuldigte Todesart geworden. Freydank ſprach dieſe Bemerkungen nur obenhin. Er hatte keinen Verdacht auf die Empfindungen, d die den Major drückten. Dieſer wandte ſich ab. Er kam ſich wie ein Verbrecher vor. Er ſah ſich wie auf der Bank der Angeklagten. Unſichtbare Richter ſaßen vor ihm, Zeugen traten auf, er begriff zum erſten Male in ganzer Vollſtändigkeit, daß ihn mehr als eine Schuld der Unterlaſſung, daß ihn ein Verbrechen drückte. Er ſchwankte und erwiederte nichts, als der Commerzienrath den heitern Ton zurückzukommen ſuchte und ſich in der Divanecke unter einer Zahl be⸗ — quemer Rückenkiſſen ſtreckend ſagte: Alſo, Juſtizrath! Was ſoll ich unterſchreiben? Wo ſind dieſe verdammten Subſcriptionsbogen, dies Papier ohne Ende? Oder handelt es ſich wirklich um einen romantiſchen Hei⸗ rathscontrakt meines Schwagers? Der Plan der jungen Dame, hier im Friedenthal Kranke zu warten, ſcheint mir ein Beweis, daß ſie vor Abenteuern nicht zurückſchreckt. Keinen unnöthigen Scherz, ſagte Hartlaub. Wüßt' ich ein Mittel, dieſem geiſtvollen und liebens⸗ würdigen Mädchen eine andre Zukunft zu ſichern, als die ihr entweder auf den Wegen der Schwärmerei, die ſie gewählt hat, oder im Hauſe der Frau von Emmen im Kampfe mit Frau Angelika bevorſteht, ich würde es gern fördern. Denken Sie darüber nach, Juſtiz⸗ rath! Es giebt ein Mittel, ſie glücklicher zu machen, als durch eine Heirath mit Ihnen, lieber Major, die Ihnen — auch wohl nicht reüſſiren würde— Ich weiß, ſagte Hartlaub und nicht ohne Schmerz erröthend. Ich weiß das Mittel! Es beſteht darin, daß ſie ein Vermögen beſitzt. Es braucht nicht groß zu ſein. Ich wünſchte, der Re⸗ ich weiß; aber nennen Sie ſervefond des alten Guntram wäre noch nicht ange⸗ griffen. Finden Sie nichts, Commerzienrath, was noch allenfalls aus alten Zeiten zwiſchen Ihnen und Artnern ſtreitig geblieben iſt? So ein 30,000 Thaler wäre etwa das Höchſte, was ich als einen damit be⸗ richtigten alten Rechnungsfehler von Ihnen erobern möchte. Das nenn' ich eine Frühſtückslaune! fiel Wis⸗ thaler lachend ein. Nein, Juſtizrath, ſo theuer bezahl' ich Ihnen mein Couvert nicht. Auch nicht, wenn ich Ihnen Frieden im Hauſe ſtifte? ſagte Freydank. Ihre Töchter zur Verſöhnung und Einigkeit zurückbringe? Ihnen ſelbſt die Unan⸗ nehmlichkeit erſpare, dem jungen Herrn von Specht, der um die Hand Idas, und dem Baurath Maithal, der um Laura wirbt, einen Korb geben zu müſſen? Wie ſo? fragte Wisthaler. Sie kennen den Doktor Alfred Wolmar? Schon vom Rhein her. Ich ſah ihn bei Artner. Ich hätte allerdings nicht gewünſcht, Juſtizrath, daß Sie mir dieſen Störenfried ins Haus brächten. Alſo entfernen Sie ihn! Mit Freuden! Aber wodurch? Er liebt Conſtanze Artner, liebt ſie ſchon ſeit Gutkow, Diakoniſſin. 8 —— fünf Jahren. Er durfte der Tochter eine Banke⸗ rottirers ſeine Liebe nicht geſtehen. Und Conſtanze? fragte der Major hocherſtaunend. Es ſchmerzt mich, Major, Conſtanze liebt ihn wieder, liebt ihn noch jetzt, weint wenigſtens Thränen des Andenkens. Und verachtet den Mann nicht, brauſte der Ma⸗ jor auf, der einer Armgewordenen die Empfindungen nicht ausſpricht, die er für die Reiche hatte? Oho, Major, Sie kommen unmittelbar aus den Armen der Natur! Bei uns ſteigen nur in den Mär⸗ chen noch kleine Zaubertiſche aus der Erde und ſind für Liebende mit all den Dingen gedeckt, die zur mo⸗ dernen Exiſtenz gehören. Meinen Freund lockten da⸗ mals tauſend Stimmen der Nacht, des Mondſcheins, der Verzweiflung auf ſchlafloſem Lager, Conſtanzen das Bekenntniß auszuſprechen, das längſt auf ſeinen Lippen gelegen hatte; er folgte ihnen nicht. Er konnte nicht. Er iſt ein Arzt! Ein junger Arzt! Major, zehn Jahre der erſten Lebensſtellung eines Arztes ſind in den meiſten Fällen bei uns ein ſociales Ge⸗ heimniß. Wer nicht Komödie ſpielen kann, wer nicht halb und halb ein Charlatan iſt, erringt ſobald keine Erfolge. Ehe ihn nicht zwei muthige Renner durch die d. 1 — 15— Straßen ziehen, ehe er nicht den Schein des Glückes hat, eher hat er das Glück ſelbſt nicht. Und Conſtanze? fuhr aufgeregter und ſchon über⸗ zeugt der Major fort— Conſtanze iſt vielleicht auch darin eine Schwär⸗ merin, daß ſie für die Vernunft ſchwärmt. Sie findet es ganz in der Ordnung, daß der Mann, den ſie voll Sehnſucht liebte, die Wiſſenſchaft und ſeinen Beruf ihr ſelber vorzog. Sie hatte ſo oft die Lieder ohne Worte von Mendelsſohn geſpielt. Warum ſollte es nicht Liebe geben ohne Geſtändniß? Warum nicht ein Glück, das die Himmliſchen für Jenſeits aufgeſpart wiſſen wollen? Sie wünſcht, daß ſich Wolmar nur die Liebe einer jungen Wisthaler gewinnt. Sie wünſcht, daß ihm alle Güter des Lebens, nicht blos die Reich⸗ thümer des Commerzienraths zufallen möchten. Und ſie ſelbſt wählt einen der Entſagung deßhalb, weil ſie täglich ſehen will, daß es größere e Leiden giebt, als die ihrigen, weil ſie 3 Schmerz nicht liebgewinnen, ihn nicht pflegen, nicht mit ihm licht ihn an ihrem Herzen großziehen will. e Welt iſt da, ſagte ſie, die Natur iſt da, die iſt da. Es ſind Flammen auf dem Altare der Liebe, dieſe muthigen Worte, ſie werden vergehen, wie alle Flammen. Aber —— ich gönne denen draußen vor dem Thore nicht, daß ſie ihnen lodern. Ich habe mich darauf capricirt, daß Conſtanze nicht Diakoniſſin wird; ich will es der Grä⸗ fin Ampfing zum Tort durchſetzen; aber unterſtützen Sie mich Beide, daß ich mein Ziel erreiche. Wie vertheidigen Sie Wolmar? fiel der Major vorwurfsvoll und doch ergriffen von Freydanks plötz⸗ licher Wärme ein. Wie ich ſchon ſagte, erwiederte Freydank. Der konnte in ſeiner Heimath ſo fortleben, konnte von dem Almoſen der geheilten Armuth, von manchem vertrau⸗ ensvolleren Reichen die nächſten Bedürfniſſe befrie⸗ digt erhalten. Aber eine Exiſtenz begründen? Eine Exiſtenz, die nicht ewig rechnet, ſummirt, bedenklich Ausgabe an hält? Solch ein Zuſtand wird ja elend. e Wiſſenſchaft, die man liebte, wie eine Göttin, wird eine Magd. Ein Geiſt, abhängig von kleinlichen Verhältniſſen, muß ja zuſammenſchrumpfen. Dazwiſchen läßt die Vorſehung mich treten. Ich über⸗ ſehe bald des Freundes Zuſtand. Ich gebe ihm einen Willen, ich ſchlage ihm zu Liebe die Hypothekenbücher auf, ich entflamme zwei junge Millionärinnen für ihn, von denen keine weiß, welche er mehr liebt und von No denen Eine gewiß einen Akt der Verzweiflung begeht, wenn das Loos des Papa vielleicht für die andere entſcheidet. Wisthaler beſtätigte Alles. Aber was iſt zu thun? ſagte er. Sie werden doch nicht verlangen, daß ich Conſtanze Artner dreißig tauſend Thaler Heiraths⸗ gut gebe? Warum nicht? ſagte Freydank. Denken Sie nur, es wäre jenes Accept geweſen, das Sie dem Vater abſchlugen. Wiosthaler ſah Freydank unwillig an, griff nach dem Hut und wollte gehen. Doch hielt ihn Hart⸗ laub zurück. Bleibe, Schwager! ſagte der Major. Es käme nur darauf an, daß jene Summe ſo ausgezahlt würde, daß Conſtanzen ein Recht darauf gehörte. Man darf ihr Ehrgefühl nicht verletzen. Seid Ihr toll? rief Wisthaler immer erzürnter und wollte fort. Freydank lehnte an einen Spiegelpfeiler und ver⸗ ſchränkte die Arme. Er ſah, daß jetzt Hartlaub ſtatt ſeiner handelte. Der Major überwand ſeine eigne keimende Neigung, bekämpfte die Zurückhaltung, die er Jahre lang über van der Buſchs Tod behauptet hatte, ergriff ſeines Schwagers Hand, führte ihn auf — den verlaſſenen Eckplatz im Kanapé zurück und ſagte, ihn jetzt mit Gewalt niederdrückend: Du biſt ehrgei zig auf den Urſprung Deines Vermögens? So ſag ich Dir in Gegenwart eines juriſtiſchen Zeugen, daß er auf keinem richtigen Grunde ſteht. Die Equitable Society erhielt einſt 2000 Pfund Sterling von Con⸗ ſtanzens Oheim als Einkaufsſumme meiner Schwe⸗ ſter. Sie zahlte, als van der Buſch ſtarb, 8,000. Dieſe Geſellſchaft iſt betrogen worden; van der Buſch hatte das Geſchäft mit jener Bank verſpielt; er endete ſein Leben durch Selbſtmord. Wisthaler war ſprachlos. Frehdank, eine ähnliche Löſung ahnend, umarmte den Major. Dieſer ſtand zitternd. Er hatte ſeine Worte nur wie geflüſtert. Es lag da ein ſchweres Geheimniß zwiſchen dieſen drei Männern, aber des Majors Bruſt athmete auf, als die Laſt endlich von ſeinem Herzen war. Düſter blickte der Kaufmann auf. Was iſt zu thun? fragte er nach des Majors dann vollſtändig gegebener Erklärung. Die engliſche Verſicherungsgeſellſchaft, ſagte Freydank, würde ſehr erſtaunen über die deutſche Ehr⸗ lichkeit, wenn man dieſen verjährten Gegenſtand etwa durch eine Rückzahlung der 8,000 Pfund, die Ihre — 119— Gattin erhielt, zum Gegenſtand einer Unterſuchung machen wollte, bei welcher noch einige von ihren An⸗ geſtellten wegen fahrläſſiger Geſchäftsführung um ihr Brot kommen könnten. Laſſen wir dieſen Piſtolenſchuß in jener Nacht am Meeresufer ſtill unter uns ver⸗ klingen! Wenden Sie Ihr Vermögen zu einigen mil⸗ den Stiftungen an, von denen die mildeſte die ſein wird, daß Sie Conſtanzen Artner nach den, wie wir ſagen werden, erſt jetzt ſich herausſtellenden Ergeb⸗ niſſen der frühern Geſchäftsverbindung ein Vermögen von 30,000 Thalern auszahlen. Artners Gläubiger haben liquidirt und die Zahlungen für voll genommen. Eine Maſſe iſt nicht mehr vorhanden. Conſtanze kann eine Summe wie dieſe für keinen Almoſen halten. Und daß ſie ein Recht auf ſie hat, würden wir beide ja jetzt mit gutem Gewiſſen beſchwören können, wenn auch unſre Gründe dafür nicht Jedermanns Sache ſind. Es trat eine drückende Pauſe ein. Wisthaler erbat ſich Bedenkzeit und ſchon in einigen Tagen ver⸗ ſprach er ſich darüber zu erklären. Es war ein ſar⸗ doniſches Lächeln, mit dem er beim Abſchied zu Freyh⸗ dank ſagte: Juſtizrath, ich nehme keine Einladung mehr von Ihnen an. Bei Ihnen bekommt man einen Vorgeſchmack, wie der Satan in der Hölle ſeine Gäſte — — traktirt. Sie ſind ſehr ſchlimm, Mann! Aber, daß Sie es nach des Majors Enthüllung nicht noch mehr werden, ſoll meine Sorge ſein. Und ich bin Ihnen verbunden, daß Sie mir den Frieden meines Hauſes wieder herſtellen. Es wird wirklich ohne eine Trauer von einigen Wochen nicht abgehen, wenn Ihr Freund ſich plötzlich zurückzieht. Meine Frau protegirt ihn faſt ebenſo, wie die Mädchen und es ſind die gefähr⸗ lichſten Bewerber, die erſt ein Mutterherz gewinnen. Laſſen Sie's nun übrigens gut ſein! Ich fühle, daß ich das, was ich jetzt thun muß, ſchon vor zwei Jahren zu thun hatte, als ich gegen meinen ehemaligen Com⸗ pagnon deßhalb hart war, weil er mich einen Krämer genannt hatte. Ich will mir's überlegen. Als Wisthaler ſich entfernt hatte, ſagte der Ma⸗ jor für die Entſchließungen ſeines Schwagers gut. Er kannte ihn im Punkte der Ehre für zu gewiſſenhaft. Den Ruhm, von dem Frehdanks Mund für ihn ſelbſt über⸗ ſtrömte, lehnte er ab. Er hatte ſein Herz erleichtert und ſah Andre glücklich, ohne daß er ſelbſt zu ſchmerz⸗ lich entbehrte. Seiner Gedanken auf Conſtanzen ſchämte er ſich jetzt faſt, wenn auch mit Wehmuth. Man ver⸗ abredete das Verfahren, das man gegen Conſtanzen beobachten wollte. Wolmar zu unterrichten übernahm Freydank allein. Er ließ ſich bei Ottilien für den Abend zum Thee ankündigen. Schon ſeit acht Tagen war ihm jeder Abend da⸗ ſelbſt in Conſtanzens Gegenwart wunderbar raſch ver⸗ gangen. Die Art, wie dieſe ſich gab, ihre Erinnerun⸗ gen durchſprach, ja ſelbſt über ihre Liebe zu Wolmar Rede ſtand, mußte jedes Herz gewinnen. Seine Sa⸗ thve gegen ſie war längſt entwaffnet. Das Glück ſei⸗ nes Freundes an der Seite dieſes jungen, der Liebe ſo würdigen Weſens ſchien ihm verbürgt zu ſein. VI Es iſt mit dem Glück eine eigne Sache. Man kann daran den Glauben und die Gewöhnung verlieren. Man kann das Glück beſitzen im reichſten, Maaße und kommt ſich bei dem feſteſten Boden, den es uns plötzlich gewährt, vor, als ſchwankte man ſchaukelnd in einem Fahrzeuge auf hoher See. Man muß das Glück ſich erſt tauſendmal wiederholen, um es zu glauben und bis es dann auch zu unwiderleglich vor uns ſteht und ſich in ganzer Wahrheit und Weſenheit ſchon dadurch an⸗ kündigt, daß es auch ſchon wieder ſeine neuen Sorgen mit ſich bringt. Vollkommen iſt auf Erden nichts. Conſtanze hatte im Friedenthal die Empfehlung der Fürſtin, die ſie auf Reiſen begleitet hatte, abgegeben. Man machte ihr Hoffnung, wenn auch nicht ſogleich, doch in kürzeſter Zeit eintreten zu dürfen. Vorläufig mußte ſie zu Ottilie zurückkehren. Der freundlichſte Schutz war ihr hier gewiß. Frau Angelika hüthete ſich wohl, einer Neigung zu widerſprechen, wo ihre Herrin ſich bewußt war, mit ihr auch Freydank gefällig zu ſein. Schon am zweiten Tage kam Conſtanzens Verhältniß zu dem inzwiſchen abgereiſten Wolmar zur Sprache. Freydank hatte bei ſeinem Frühſtück ganz recht berichtet, als er ſagte, Conſtanze faſſe dieſe Trennung mit der ihr eignen praktiſchen und grade für das Verſtändige begeiſterten Schwärmerei auf. Ihr Herz verläugnete ſich wohl nicht; ſie liebte Wol⸗ mar mit allen geheimnißvollen Regungen einer nur Einmal von allen Schauern der Liebe ganz durchzitter⸗ ten Mädchenſeele; ſie geſtand das volle Glück ein, das ſie einſt von ſeinem Beſitze gehofft hatte; allein ebenſo nothwendig fand ſie auch, daß ſich Wolmar damals zurückzog, damals als ſich die Unſtände, unter denen ſie bisher gelebt hatte, ſo gänzlich verändert hatten. Ihn ſich dann freilich hier zu denken auf der Werbung, ihn ſich zu denken mit künſtlichen, auf Berechnung einſtudirten Huldigungen, that ihr weh. Dennoch ver— dammte ſie ihn auch noch darum nicht. Sie bemitleidete ihn. Sie hatte ſchon längſt eine Auffaſſung von der Welt als einer ſolchen, wo die Fort tſchritte der Bild dung mit den ewigen Geboten der Natur in einem ſehr un⸗ gleichen Verhältniſſe ſtehen. Ottilie von Emmen hatte bald auch ihr eignes Leid verrathen und wenn es auch im Vergleich zu dem Conſtanzens mehr komiſch, als tragiſch war— Freh⸗ danks Sichnichterklärenwollen kannte alle Welt— ſo verband es die jungen weiblichen Herzen doch inniger. Conſtanze gab Schilderungen ihres Glückes und ihrer früheren Hoffnungen, Schilderungen, die Ottilien Em⸗ pfindungen vorführten wie ſie ſie nur aus Büchern kannte. Dieſer ſtille ſüßſchmerzliche Austauſch zweier „unglücklich Liebenden⸗(Ottilie nannte ſich auch ſo) dauerte bis zu jenem Sonntag Abend, wo Freydank plötzlich ins Zimmer trat, von ſeiner Reviſion des alten Artner'ſchen Proceſſes ſprach und von ſeinem Glück, eine noch nicht beſeitigte Differenz zwiſchen den beiden ehemaligen Geſchäftsgenoſſen gefunden zu ha⸗ ben. Conſtanze kannte Einiges von dieſen Verhält⸗ niſſen, mochte aber nicht glauben, daß irgend eine Thatſache, die ihr Vater ſelbſt nicht mehr unterſtützte, auf Wisthaler von Einfluß ſein konnte. Wie mußte ſie erſtaunen, als Freydank nicht nur von ſeiner feſte⸗ ſten Abſicht, gegen Wisthaler mit allem Nachdruck der ihm in den Akten vorgekommenen Hülfsmittel aufzu⸗ treten, ſprach, ſondern Conſtanzen auch allmällig da⸗ rauf vorbereitete, daß Wisthaler ſchon einen Vergleich vorziehe und ohne Zweifel bereit ſein würde, ſie in Beſitz eines nicht unanſehnlichen, ihr vor Gott und der Welt gebührenden Vermögens zu ſetzen. Schon am Tage darauf hatte ſich Freydanks Vermuthung, wie er ſagte, aufs Vollſtändigſte beſtätigt. Er war bereits von Wisthaler in den Stand geſetzt, Conſtanzen Zah⸗ lungen anzubieten. Es war dieſer natürlich wie ein Traum. Sie, die nichts beſaß, als ihre Jugend, als ihre Bildung, ihre Hingebung und Opferfreudigkeit, ſie hatte plötzlich wieder einen Zuſammenhang mit den künſtlichen Vorausſetzungen unſrer Geſellſchaft gewon⸗ nen, ſie beſaß wieder und ihre Gedanken konnten wieder die Sorgen des Beſitzes werden. Das ſchien ihr zwar ganz in Frehdanks Art, jetzt ſogleich von ihm hören zu müſſen: Nun geben Sie die Diakoniſſin auf, werden Wolmars Frau und helfen ihm mit Ihren mediziniſchen Neigungen in der beſſern Förderung ſeiner Haus⸗ praris— aber ſie konnte nicht in Abrede ſtellen, daß das, was ſie da eben erlebte, ſich in ihrem Innerſten ſogleich nur mit dem Namen Wolmar in Verbindung ſetzte. Sie empfing, um im Geiſte wirklich nur mit ihm zu theilen. Die Wendung kam zu überraſchend, zu gewaltſam, ſie koſtete ihr Thränen, die anfangs nicht ganz Thränen der Freude waren, es aber wur— den, da ſie und Andere ſie vernünftigerweiſe nur ſo deuten konnten. An alles Gute, was uns überraſcht, haben wir undankbaren oder vielleicht des Glückes allzubedürf⸗ tigen Menſchen uns ſehr bald gewöhnt. Conſtanze gewöhnte ſich auch in wenig Tagen ſchon an diejenige Auffaſſung Ottiliens und Freydanks, die von dieſen als ein Natürliches und ſich ſelbſt Verſtehendes aus⸗ geſprochen wurde. Wolmars Liebe zu Conſtanzen konnte bei einer ſolchen Erſchütterung ſeines Innern, wie ſie ſeine Abreiſe, ſein Brief, ſein Bruch mit allen Erfolgen für ſeine Zukunft bezeugten, nicht bezweifelt werden. Wie konnte über den kleinen Kreis, zu dem ſich bald auch der freundlich theilnehmende Major geſellte, jetzt eine andre Stimmung Herr werden, als die Vorausſicht, Conſtanzens Schickſal würde ſich nun nicht anders mehr zu erfüllen haben, als in Wolmars Nähe? An Wolmar war geſchrieben worden. Eine umgehende Antwort von ihm drückte ſein Erſtaunen aus und kündigte ſeine demnächſtige Rückkehr an. Inzwiſchen rückte der Tag näher, wo die Gräfin Ampfing die Vorbereitungen getroffen haben wollte, Conſtanzen vorläufig als Novize des Amtes der Kran⸗ kenpflege im Friedenthal aufzunehmen. Conſtanze ge⸗ rieth in eine ſchwierige Lage. Die Auffaſſungen Freydanks, Ottiliens, des Majors hatte ſie unbemerkt zu ihren eignen gemacht. Sie wußte ſchon nicht mehr, ob ſie ſich nun für frei erklären durfte, für vollkommen ſo ungebunden, um das Verhältniß, das ſie ſo heiß be⸗ gehrt hatte, noch wirklich eingehen zu dürfen. Sie hatte kein ewiges Gelübde abzulegen, aber ſie konnte nicht wollen, daß ſie heute etwas begann, was ſich morgen nicht mehr fortſetzen ließ. So ſtand ſie rath⸗ los und ſchämte ſich ihrer Unentſchloſſenheit. Die Umſtände hatten ihr den Willen genommen. Glück⸗ licherweiſe erleichterte ſich ihre Verlegenheit dadurch daß ihre Vorgängerin, deren Platz ſie einnehmen ſollte, noch einige Tage Aufſchub begehrt hatte. Den Eindruck ſelbſt, den ihr bereits Friedenthal hatte, giebt am beſten ein Brief wieder, den Conſtanze nach ihren erſten Beſuchen daſelbſt an den am Rhein weilenden Freund ihres Vaters, den mehr⸗ Guntram, geſchrieben hatte. Sie ſagte da⸗ rin:„Denken Sie ſich ein rieſiges Gebände, das in einer Gegend der Stadt ſ hrt worden iſt. Schon der Weg zu dieſem ſtillen Aſyl der Leiden weckt die ernſteſten Betrachtungen. Er führt nicht durch die Straßen, in welchen ſich die Prachtbauten — 123— der Regierung und Wohnungen der Reichen aneinan⸗ der reihen, ſondern durch die Wohnungen der Armen, durch Gärten und Felder, über denen ſchon die Lerche ſich in glücklichem Morgenjubel erhebt. Ein abgelenkter Arm des Fluſſes, an dem die Stadt gelegen iſt, zieht ſich traurig und melancholiſch an dem Gebäude vor⸗ über, das uns ſchon in den Verzierungen ſeiner Fronte als ein zur Sammlung des Gemüths auffordernder heiliger Ort erſcheinen will. Doch bemitleidete ich die Kranken, deren erſter Gruß ihnen hier nur von jenen Emblemen der Religion geboten wird, die uns mehr auf den Tod als auf die Wiedergeneſung vorbereiten.“ „Eine Vorhalle nimmt uns auf. Sie iſt einem griechiſchen Veſtibül nicht unähnlich. Ihr gegenüber liegt eine Kirche. Die iſt nur klein, aber freundlich genug, um von dem Kranken, den ein verdeckter Korb in die Anſtalt trägt, beim zufälligen Aufblick einen Raum erkennen zu laſſen, in dem ſich's in Gemeinſchaft mit Andern dem Himmel danken läßt, wenn dieſer Geneſung und Rückkehr zum Leben verhängt.“ „Die drei Flanken des Gebäudes ſind außeror⸗ dentlich groß und in ihren lichthellen Corridoren mit Luxus angelegt. Glücklich jeder Kranke, dem nicht das Loos zu Theil wurde, unter einem düſtern Dache — in einem engen Kämmercheu gewartet und gepflegt zu werden. Eine Anzahl junger Mädchen in der Ihnen bekannten Tracht kam bereits aus dem Eßſaale, wo man unter Gebet und Geſang ſich in früher Stunde ſchon zum ferneren Tagewerk durch das Mittagsmahl geſtärkt hatte. Der Gedanke, mit ihnen wirken zu ſollen, ihnen mich anſchließen zu dürfen als eine Schweſter im gleichen Berufe, erſchütterte mich. Ich bewunderte zwei junge Mädchen, die in die Apotheke gingen. Ihnen iſt die Bereitung der Medikamente anvertraut. Sie hatten etwas Sicheres und Ueber⸗ legenes. Ich empfand Hochachtung vor unſerem Ge⸗ ſchlecht, das im Stande ſein kann, auch in der Wiſſen⸗ ſchaft mit dem Manne um die Palme zu ringen. Ich kann nicht ſagen, wie mich die ruhige, faſt ſtolze Art dieſer beiden jungen Mädchen gehoben hat.“ „Die Vorſteherin hatte grade den Beſuch einer vornehmen Gönnerin der Anſtalt. Sie war nicht ſo⸗ gleich zu ſprechen. Ottilie von Emmen und ich, wir fanden dadurch Gelegenheit, für uns ſelbſt die Ein⸗ richtung des Hauſes näher kennen zu lernen. Die Zumuthung an die Kraft des ſchwachen Geſchlechts iſt hier nicht zu groß. Ich entdeckte Männer und Frauen der dienenden Klaſſe genug, die die ſchwerere Gutzkow, Diakoniſſin. 9 * — 430 Arbeit der Krankenzimmer ſowohl, wie der Küche und des Waſchhauſes verrichten. Sinnig und reich war jede mechaniſche Erleichterung des Dienſtes. Gewal⸗ tige Keſſel, Waſchmaſchienen, Kochpfannen und ähnliche Vorrichtungen zeigten ſich in eben ſo großer Anzahl, wie der Mechanismus, der das Reſultat derſelben mit den Bedürfniſſen des ganzen Hauſes in Verbindung ſette, bequem und praktiſch war. Bei ſo viel Liebe und Fürſorge gewinnt ſich ſelbſt dem Elend eine freund⸗ liche Seite ab und unſer Frauenſinn, der früh ſchon beim Kinde gewöhnt wird in Entzücken zu gerathen über alles, was zum Hausweſen von praktiſcher Nütz⸗ lichkeit iſt, wird ganz mit Recht, um auch im Schwer⸗ ſten eine Freude zu finden, hier gleichfalls mit in's Intereſſe gezogen.“ „Beklemmend genug war das Wandeln in jenen Gängen, wo Thür an Thür ſich die Eingänge zu den Krankenſälen befinden. In kleinen nahegelegenen Küchen können die nächſten Hülfsmittel der Pflege raſch bereitet und hergerichtet werden. Die Stationen der mittleren, der ſchwereren Kranken, der Frauen, der Kinder, der Kranken mit innern oder äußern Schä⸗ den, das ſind Steigerungen, die Jedem einenttiefbe⸗ klemmenden Eindruck machen müſſen. Eine gesöffnete * — 131— Thür läßt auf eine Anzahl Betten ſehen, auf welchen bleiche Geulien in ſchmerzlicher Ergebung ausgeſtreckt liegen. Wieviel Schmerzenslaute mögen unterdrückt werden durch die Nähe eines Schlummernden, den der Schlaf von noch größeren Leiden ablöſt! Der Menſch iſt ſo tapfer in Gemeinſchaft. Zaghaft für ſich, wird er Held auf dem Schlachtfelde. Wie viel Troſt hab' ich immer in dieſer Thatſache unſrer Seele gefunden, wenn ich die bluttriefenden Blätter der franzöſiſchen Revolution überſchlug! Mit Gleichge⸗ ſinnten zu ſterben ward eine Ermuthigung für den Schwächſten... Erſchütternder aber noch als das phyſiſche Leid iſt beim Anblick ſo vieler Kranken der Gedanke an das ſtille Weh des Gemüthes, das in ſolchen ruhig daliegenden Opfern der Zerbrechlichkeit unſeres Stoffes lautlos fortarbeitet! Dieſe Mienen ſo blaß, die Augen ſo weiß, das Haar ſo todt auf dem Kiſſen ſich abzeichnend und drinnen 6 gewiß bei Jedem eine Welt der Sehnſucht, der Erinnerung, der Hoff⸗ nung. Gütige Allmacht, wie unermeßlich ſind die An⸗ ſprüche auf Deine Liebe! Was legt ſich nicht an Dein Ohr und flüſtert ihm ſein Leben und ſein Schickſal als das Leben und das Schickſal des Einzigen, um den es ſich im Erdenraume handelt, zu! Und hat die Mut⸗ 9* — 132— ter, an die dieſer ſterbende Sohn mit Sehnſucht denkt, * nicht den gleichen Werth, wie jene Braut, die dort der kranke Jüngling daheim ohne Nachricht von ſich weiß und deren Sehnſucht ſein einziger Gedanke iſt! Oder geht es auch Euch, Ihr Armen, wie den kranken Kin⸗ dern in ihren Bettchen, die nur noch zu ihrem Spiel⸗ zeug aufblicken? Drückt die Ergebung auch das Wil⸗ deſte in Euch auf ein Maaß des Gleichmuths nieder, wo Ihr nur noch Sinn habt für die Stundenſchläge, da der Trank der Heilung Euch geboten werden ſoll? Ich liebe den religiöſen Ton des Hauſes, wenn er uns Diakoniſſinnen recht zu Prieſterinnen machte jener Re⸗ ligion, die tiefinnig an die Geheimniſſe des Menſchen⸗ lebens anknüpft. Den Menſchen lehrt das Chriſten⸗ thum, den Menſchen nach Innen und Außen als ein Ebenbild Gottes. Die Menſchwerdung Gottes will der gewöhnliche Kanzelglaube noch nicht genug ver⸗ ſtehen.“ „Endlich wurden wir der Gräfin Ampfing vorge⸗ ſtellt. Sie nahm uns freundlich auf. Der Brief der Fürſtin ſcheint mehr von mir geſagt zu haben, als ich vielleicht bewahrheiten kann. Die Gräfin rühmte meine Demuth. Ich hörte ihr faſt nur ſchweigend zu. Sie iſt ein wenig älter, als die überwiegend noch junge Mehrzahl der Bewohnerinnen des Hauſes. Groß und ſchlank iſt ihre Geſtalt, vornehm ihre Haltung. Sie iſt natürlich eine Jungfrau, wie hier alle. Ein Leben ſchon lag ſicher auch hinter ihr. Sie äußerte Grund⸗ ſätze, die nicht aus Büchern kamen, ſondern aus Er⸗ fahrungen und Auffaſſungen, aber mehr Auffaſſungen Zeit im Allgemeinen und der Geſellſchaftsſchichten, denen ſie angehörte. Der Rückhalt, den ſie zu haben ſchien, war beſonders bedeutungsvoll. Ich begriff nicht recht, ob dieſer Rückhalt Menſchen waren oder Gott. Sie wußte ſich im Zuſammenhang mit einem feſten Glauben, der mir ſtark, aber etwas weltlich ſchien, trotz ſeines religiöſen Zieles. Ihre Auseinan⸗ derſetzungen über die Anſtalt und die Pflichten ihrer Untergebenen waren vortrefflich. Sie verwies mich auf die Hoffnung, die Wohnung einer Diakoniſſin ein⸗ nehmen zu dürfen, die die Anſtalt verließ, jedoch den Ort ihres bisherigen Wirkens noch nicht geräumt hatte.“ „Beim Hinausgehen zeigte mir die Gräfin auch ſchon die Zelle, die Schweſter Amanda bewohnt hatte und die ich künftig mit einer Andern zu theilen haben würde. Es war ein ſchmales Zimmer nur von Einem Fenſter. Sehr hoch, von zwei Betten und wenigem Geräth. Der Eindruck war etwas kahl und im Hin⸗ — 134— blick auf das öde, rings die Anſtalt umgebende Feld dem Gemüth wenig entgegenkommend. Meine künf⸗ tige Mitbewohnerin nannte man nach der für Prote⸗ ſtanten etwas ſonderbaren, den Katholiken nachahmen⸗ den Weiſe Schweſter Juliane. Dieſe ſaß gerade, als wir ohne anzuklopfen eintraten, und ſchrieb. Es war eine kleine, nicht eben ſehr anmuthige Geſtalt mit einem auffallenden ſchwarzen Augenpaar, das uns etwas ſtarr begrüßte, wie wenn unſre Störung ihrer Arbeit ſie überraſcht und erſchreckt hätte. Auf einige Fra⸗ gen der Gräfin antwortete ſie kurz und beſtimmt. Ich kann nicht ſagen, daß ich mich in den Gedanken, mit dieſem jungen Mädchen künſtig zuſammenleben zu ſol⸗ len, ſogleich gefunden hätte. Vielleicht hat auch noch eine Veränderung ſtatt.“— So hatte Conſtanzens Bericht vom Friedenthal gelautet. Er gab ein Bild der Verhältniſſe, in die ſie den nächſten Sonnabend einzutreten von einem freund⸗ lichen Billet der Vorſteherin aufgefordert wurde. Das kirchliche Abendmahl des gleich darauffolgenden Sonn⸗ tags⸗Gottesdienſtes hatte die Gräfin mit Sinnigkeit gleich als eine durch dieſe Anordnung mögliche ſymbo⸗ liſche Begrüßung der jungen Novize bezeichnet. Es war Mittwoch. Auf Donnerſtag wurde 1 Wolmar erwartet. Auf Freitag hatte Ottilie eine Einladung zu einem Ball erhalten, auf den ſie gern Conſtanzen überredet hätte noch einmal mitzugehen. In ihrer von Stunde zu Stunde ſich ſteigernden Angſt und Unentſchloſſenheit war Conſtanze nur noch gegen ſolche äußerſte Widerſprüche gegen d das ernſte Vor⸗ haben, das ſie in dieſe Stadt geführt hatte, eines Widerſtandes fähig. Sie lehnte dieſe Zerſtreuung ab. Sonſt aber befand ſie ſich in dieſer bekannten ſo pein⸗ lichen Lage, wo zwei Möglichkeiten mit dem mächtig⸗ ſten Nachdruck gleich einſchmeichelnder Ueberredung unſern Willen anziehen und wir wie gefeſſelt und kraftlos in der Mitte Wolmar, wirklich nur er allein, konnte hier helfer Was man von Wolmar erfuhr, lag in den Um— ſtänden begründet. Er hatte an Freydank geichiten⸗ „Ich bitte Dich um Gotteswillen, ſorge dafür, daß ich Conſtanzen nur wie durch einen Zufall wiederſehe, einer Geſellſchaft, vor Zeugen; es iſt keine K was da der Zufall jetzt meinem El ygefühle zumuthet.“ Freydank fand dieſen Vorſchlag in der Ordnung und bat Ottilien alles aufzubieten, daß Conſtanze ſich an D dem Freitagsballe betheiligte. as Haus, in das ſie geladen waren, war groß, ſeine Räumlichkeiten waren umfaſſend, die Geſellſchaft zwanglos und nicht ober⸗ flächlich, Conſtanze hatte nicht nöthig zu tanzen; aber wenn irgendwo eine Wiederannäherung in der zu wünſchenden Harmloſigkeit möglich war, ſo mußte ſie dort geſchehen. Conſtanze, die ſich zwiſchen den beiden Gegen⸗ ſätzen der Entſagung und der Freude nun wie in den Lüften ſchwebend vorkam und Jedem, der die Ver⸗ hältniſſe kannte, Mitleid abgewinnen mußte, hatte keinen Willen mehr. Sie ließ ſich wirklich zu jenem Balle ſchmücken. Sie durchlebte mit Frau Angelika und Ottilien die ganze Aufregung, in die ſich Frauen, und nicht blos die jungen, durch die Vorbereitungen auf ein ſolches„Vergnügen“ verſetzen laſſen. Sie traute dem Spiegel nicht, der ihr Bild in glänzender Toilette wiedergab. Sie kam ſich vor, nicht wie zu einem Feſte, ſondern wie zum Tode geſchmückt. Jede Blume, die ihr angelegt wurde, erſchien ihr ein Ver⸗ brechen, jeder Edelſtein eine Anmaßung, jedes Lob eine Beſchämung, und als ſchon der Wagen vorrollte, um bie beiden reizenden Erſcheinungen an den Ort der Freude zu entführen, hielt ſie an der Thüre inne, rieß ſich die Blumen aus dem Haar, die Schleifen und Bänder vom Kleide und rief: Nein, nein, ich kann ja nicht! Laßt mich doch! Ich bin wahnſinnig! Was ſoll das? Ottilie ſprach ihr Muth zu. Frau Angelika rümpfte die Naſe und wurde ungeduldig, weil ſie alle drei ſich ohnehin ſchon verſpätet hätten. Sie ſelbſt zeigte ſich in einem rauſchenden Seidenſtoff. Lindor, mit der Steuermarke Nr. 714. am Halſe, war in ſeiner Nachtruhe geſtört und winſelte. Es war ein Zuſtand der Verwirrung und Unentſchloſſenheit, der über Conſtanzens Kräfte ging. Auch über Ottiliens; faſt ungeduldig ſagte dieſe: Wie kann man! Wie kann man! Conſtanze! Ermannen Sie ſich! Conſtanze ſaß ſtumm und blickte in die letzte der Kerzen, die noch ſo lange am Spiegel brannte, bis die Damen ſich ſollten entfernt haben. Ich gehe morgen ſelbſt zur Gräfin Ampfing und erzähle ihr Alles! tröſtete Ottilie. Conſtanze ſtützte ihr Haupt und ſah ſtarr vor ſich hin. Es war ihr als wandelte ſie auf einem ſchwindelnden Wege, der doch wieder kein Weg war. Vor ihren Augen lag immer Friedenthal, dehnten ſich immer die Corridore und Säle, wo auf Strohmatten leiſe hin im Dunkeln Geſtalten huſchten, um Sterben⸗ den die letzte Hülfe zu bringen. Es zog ſie und zog, —„ wie es den Wahn der Verzweiflung ziehen muß, wenn er ruhig in den Tod geht, ruhig von einem Thurme ſich ſtürzt, ruhig in die Wellen ſpringt. Der Major machte dieſem Zuſtand ein Ende. Er kam mit der ihm vom Juſtizrath aufgetragenen Meldung, Wolmar wäre vor einigen Stunden ange⸗ kommen und in Begriff mit Freydank auf den Ball zu kommen. Frehdank bäte die Damen, ſie möchten ſich nicht verſpäten. Die Wirkung dieſer Meldung elektriſirte Ottilien und Angelika. Auch Conſtanze ließ mit ſich geſchehen was geſchah. Sie folgte. Ein Ausweichen war nicht mehr möglich. Schon der Name des Geliebten hatte immer nur wie entwaffnend auf ſie gewirkt. Von je konnte ſie ihn nicht einmal nur nennen hören, ohne ſich nicht ſogleich wie willenlos zu fühlen. Wie konnte ſie jetzt, wo er vor ihr ſtehen, ſie anreden, ſie mit den Erinnerungen an die ſüßeſte Vergangenheit begrüßen ſollte, noch zögern? Conſtanze ging auf den Ball; aber es war ihr doch als wär es der letzte, den ſie je noch beſuchen könnte. VII. In Wolmars Herzen ſah es ähnlich aus, wie in Conſtanzens. Wenn Wolmar an Frehdank von ſeiner Ueber⸗ raſchung und ſeinem Erſtaunen geſchrieben hatte, ſo hatte Freydank noch keine Berechtigung, daraus Schlüſſe auf Wolmars erneute Hoffnungen zu ziehen. Er hatte nur einfach und in Eile geſchrieben, binnen einigen Tagen würde er in der Reſidenz ſein. Wolmar kam und fand ſich auf die neue Wen⸗ dung, die Freydank ſeinem Leben geben wollte, noch völlig unvorbereitet. Conſtanze, hatte es geheißen, erwarte ihn voll Sehnſucht, dieſelbe Conſtanze, der ſelbſt in der Entſagung oft noch all ſein Denken(ſein Träumen ohnehin) gehörte. Er prüfte dies Glück, er erſchrak vor ihm. Er mußte vorausſetzen, daß die kurze und verſtandesmäßige Art ſeines Freundes, mit Fragen des Gemüthes umzuſpringen, aus dieſer — 140— Verſicherung mehr ſpräche, als vielleicht der zarte Sinn ſeiner Freundin. Conſtanze war im Begriff, einen ſchweren Beruf anzutreten. Es war kein Klo⸗ ſtergelübde, das ſie ablegen wollte, allein ſoviel durfte er ſchon vorausſetzen, daß ohne ſeine einſtige Ent⸗ fernung von Conſtanzen dieſer Entſchluß nicht würde ſtattgefunden haben. Bedenklich war es ſchon, daß der Gedanke an alle mit dem von Conſtanzen gewählten Berufe verbundenen Mühſeligkeiten der einzige Regler ſeiner Entſchließungen zu werden ſchien. Er mußte ſich voll Befremden fragen: Das, das nur empfindeſt du? Wolmar empfand für Conſtanzen die alte Liebe, aber er bemerkte, daß er kaum den Muth haben würde, ihr dieſe noch zu geſtehen. Deßhalb weil Conſtanze jetzt plötzlich in eine Lage gekommen war, die ihn ſicher ſtellen konnte in einer Ehe, die unter ſeinen ſonſtigen Verhältniſſen unmöglich war, deßhalb ſollte er jetzt zu dem einſt verſchmähten Gegenſtande ſeiner Liebe zurückkehren? Er ſtand wie taumelnd, wenn er ſich prüfte, ob er die Kraft haben würde, ſo Con⸗ ſtanzen unter die Augen zu treten. Er ſchien ſich ſprachlos, wenn er das Wort ſuchte, mit dem er zuerſt wagen könnte, Conſtanzen anzureden. Auch nach Frehdanks Berechnung war dieſe ———„— — 11 Schwierigkeit vorauszuſehen. Aber in ſeiner Art hatte der auch ſchon ein Mittel gefunden, ihr abzuhelfen. Wom ar war kaum angekommen, als er von Freydank, dem Vielbeſchäftigten und zu einer Begrüßung gerade wegen Empfangnahme und Anlage des neuen Vermö⸗ gene ſeiner Clientin Conſtanze nicht Disponiblen, nur eine ſchriftliche Einladung fand, an dem bewußten Balle Theil zu nehmen. Dort würde er ſogleich Con⸗ ſtanzen finden. Unter dem Gewühl der Freude und Luſt, ſchrieb er, würde die Anknüpfung am aller erſten wieder den natürlichen Faden finden, um vom Con⸗ ventionellen zur Vertraulichkeit überzugehen. Wolmar fand darin wie in allen ſolchen und ähnlichen Vor⸗ ausſetzungen Freydanks Vernunft und Kenntniß der menſchlichen Schwächen bewährt genug. Er rüſtete ſich auch, Freydanks Einladung zu folgen. Er kam in den Nachmittagsſtunden an, ordnete die Zurüſtun gen ſeiner Toilette, ging um acht Uhr wirklich an das bezeichnete Haus, wo er längſt eingeführt war und wo auch er mit tauſend Freuden würde empfangen worden ſein. Allein ſchon ein Blick auf die erleuchteten Fenſter ſcheuchte ihn zurück. Er hatte den Muth nicht — die Treppe hinaufzuſteigen. Es hielt ihn etwas zu rück, etwas, was ſich durch keine innere Ermuthigung überwinden ließ. Wolmar ging in ein benachbartes Kaffeehaus und trank eine Taſſe Thee. Beim Muſtern der Zei⸗ tungen fielen ihm Nachrichten auf aus einer öſtlichen Provinz des Königreichs. In den höhergelegenen Theilen deſſelben war jene grauenhafte Epidemie aus⸗ gebrochen, die wir unter dem Namen des Hunger⸗ typhus kennen. Eine ſchon lange unter dem Druck der unglaublichſten Entbehrungen lebende Bevölkerung war die Beute einer Harpye geworden, die täglich Hunderte von Opfern forderte. Ganze Ortſchaften ent⸗ völkerten ſich. Kinder irrten obdachlos ohne die Ange⸗ hörigen, die dahingeſtorben waren halb freiwillig, um mit den Nahrungsmitteln, die ſie verſchmähten, noch einige Tage das Leben der Ihrigen zu friſten. Alle Schrecken einer Epidemie, die Schrecken der moraliſchen Verwilderung, der Verläugnung menſchlicher Regung, der Schrecken der Muthloſigkeit und einer thieriſchen Ergebung in ein nicht mehr abzuwendendes Schickſal hatten ſich über einen Landestheil verbreitet, der ſchon lange außerhalb einer dem ganzen Publikum erſicht⸗ lichen Controle lag. Wolmar las erſchüttert den Hül⸗ feruf der Localbehörden, die endlich eingeſtanden, was — 143— die Provinzialregierung ſelbſt in dem düſtern Lichte der Wirklichkeit lange nicht hatte ſehen wollen. Nun lag ein Zuſtand offen zu Tage, der jedes fühlende Herz in Aufregung verſetzen mußte. Im neunzehnten Jahrhundert, mitten in unſrer ſo hoch geprieſenen Civiliſation, mitten in den außerordentl ichen Anſprü⸗ chen, die der auf die ſpeciellſte Fürſorge für das Wohl ſeiner Angehörigen ſo eiferſüchtige Staat an ſeine eigne Würde und Erhaltung macht, erlebte man Er⸗ ſcheinungen, die an die hülfloſeſte Zeit des Mittelal⸗ ters erinnern. Die Behörden, die Hülfscomités, die Geiſtlichen forderten nicht nur auf, der bedrängten Bevölkerung Gaben der Liebe zu ſenden, Geld, Klei⸗ dungsſtücke, Nahrungsmittel, ſondern auch die ärzt⸗ liche Welt wurde dringend angefleht zu Hülfe zu kom men und den Verheerungen der Seuche mit der Kraft der Wiſſenſchaft und der Aufopferung des Berufes entgegerzutreten. Wolmar ſah nachdenklich auf das Blatt. Die Worte:„Junge Aerzte, die den Beruf fühlen, der leidenden Menſchheit die Hand zu reichen—“ ſchienen, elektriſch ihn berührend, wie auf ihn berechnet. Was konnte ihn zurückhalten, ihnen Folge zu leiſten? Eine Liebe, die ihm Lebensausſichten bot unter Bedingungen, — 144— die ihm jetzt verächtlich erſcheinen mußten? Du ſollſt, ſagte er ſich, jetzt zu einem Ange wieder aufblicken, deſſen milder Glanz über dich nur Mitleid ausſtrömen würde? Du ſollſt ein Bekenntniß, das du einſt beherrſchen konnteſt, jetzt ausſprechen mit den Lippen, die entweiht wurden durch die gedankenloſen und berechneten Hul⸗ digungen, die Du hier in dieſen Geſellſchaften Weſen brachteſt, die Du nicht liebteſt? Geld, Geld ſoll dich zurückführen an die Schwelle eines Heiligthums, das Du einſt entweihteſt, indem Du vor der Armgewor⸗ denen flohſt? Und wenn auch der magnetiſche Zug der Sehn⸗ ſucht und Hoffnung ihn noch einmal nach dem glän⸗ zend erleuchteten Hauſe zurückführte, wenn er auch unſchlüſſig ſchon auf der mit Blumen geſchmückten Treppe ſtand und ſein Ohr die heiteren Klänge der Tanzmuſik ſeinen Willen faſt ſchon verlockend auffing, die Kraft konnte er ſich nicht geben, wahr zu machen, was man von ihm vorausſetzte. Er kehrte wieder in jenes ſchon einſamer gewordene Kaffeehaus zurück, las beim ſchon matteren Lichte der Gasflammen noch ein⸗ mal die Aufforderung an den Hervismus junger Aerzte, ging in ſeine Wohnung und beſchloß, am näch⸗ ſten Morgen ſich von allen Verlockungen ſeines Ehr⸗ — 145— gefühls für immer loszureißen. Conſtanzen jetzt von Liebe zu ſprechen, ſchien ihm eine Entweihung des Glaubens an ihren Werth. Dies ſchrieb er kurz und beſtimmt an Frehdank, benutzte raſch ſeine noch von dem letzten Ausflug vorhandene Reiſerüſtung und ging mit dem nächſten Eiſenbahnzuge, ohne ſich durch Ab ſchied aufs Neue in eine Gefahr für die feſte Behaup⸗ tung ſeines ſittlichen Gefühls zu verſetzen, in jene un⸗ glückliche Provinz ab. Die Fahne meines Berufs winkt! ſchrieb er, wie aus Rieſenarmen ſich losreißend, an Freydank. Ich liebe Conſtanzen, aber verlangt von mir nicht, was jetzt unmöglich iſt!—— Es war Sonnabend gegen Mittag, als Conſtanze in vorſichtigſter Mittheilung dieſe Wendung erfuhr. Am Abend ſchon ſchlief ſie zum erſtenmale im Frieden thal unter Einem Dache mit den Kranken und Ster benden. — Gutzkow, Diakoniſſin. Aus Conſtanzens Tagebüchern. — Es war mir beim Eintritt ein gutes Zeichen, daß mir ein Geneſener entgegenkam, der eben die An⸗ ſtalt verließ. Wie glücklich war das Antlitz des Man⸗ nes! Er trug ein Bündelchen mit Wäſche unterm Arm und ein anderes trug ein Freund, der ihn abge⸗ holt hatte. Wie lächelten beide! Wie golden ſah ihnen die Abendſonne ins Antlitz! Der Geneſene konnte nur am Abend fortgehen, da ſein Freund ihn nur dann ab⸗ holen konnte, wenn ſein Tagewerk vorüber war. Es waren zwei Arbeiter, vielleicht Brüder. Der Eine ſtützte den Andern und geleitete ihn ins Leben zurück. Segnet das Geſchick und danket dem guten Geiſte, der Euch behütet hat. Dankt ihm mit Eurer Freude! Ich hatte eine erquickende Nacht. So gut ſchlief ich ſeit lange nicht. Schweſter Juliane, bei der ich doch wohne, war ſchon in ihren Functionen, als ich er⸗ wachte. Man hatte mich nicht wecken wollen. Einfach und eng iſt das Zimmer, kahl die Wand, hart das Lager; ganz ſo, wie es ſein muß, um ſich bei den In⸗ tereſſen ſeiner eignen Perſon nicht mehr aufzuhalten. In die Kirche ging ich, aber am Nachtmahl mocht' ich noch nicht Theil nehmen, obgleich die allge⸗ meine Beichte der Bewohnerinnen des Hauſes vor⸗ herging. Ich fühlte mich, ſagte ich, noch nicht in der Stimmung, Gott mit mir ausgeſöhnt und mich mit mir ſelbſt ganz einig zu denken. Man fand meine Weigerung nicht auffallend und ich denke, in einem Krankenhauſe wird bald die Gewöhnung kommen, etwa einen Zorn auf Gott, etwa einen tiefſten Auf⸗ ſchrei des Unglaubens an ſeine Führung für eitel Thorheit zu halten. 106 1458— Schweſter Juliane führte mich an die Betten, die ich gemeinſchaftlich mit ihr bedienen ſoll. Die Vorſteherin war nicht zugegen. Der Arzt ließ ſich, als ich in einen weiblichen Krankenſaal eintrat, nicht ſtören, ſondern ſchrieb ruhig an ſeinen Verordnungen weiter. Ein kurzer prüfender Blick auf mich genügte wohl dem Menſchenkenner, meinen guten Willen zu muſtern. Er hatte Eile, das große Haus zu durch⸗ wandeln und ſeine Aufmerkſamkeit gehörte ungetheilt den Leidenden, deren Zahl für einen noch auswärts beſchäftigten Arzt und zwei Nebenärzte faſt zu groß iſt. Die Verordnungen waren deutſch. Ich lernte dadurch Heilmittel kennen und ihre Beziehung zu den⸗ jenigen Krankheiten, deren Symptome ich beobachten mußte. Die beiden Schweſtern in der Apotheke er⸗ ſchienen mir, wie ſie die ihnen von mir zugetragenen Blätter überlaſen und ruhig an die Bereitung der Arzneien gingen, wie zwei Prieſterinnen. Nach der Sage war Aeskulap, wenn er zu den Kranken ging, begleitet von ſeinen Töchtern. ſch di Betten, . Die ieß ſich t, nicht nungen genügte illen zu u durch⸗ ngetheil uswärts guß h lernte zu den obachten theke er⸗ tragenel ung der ſach der len ginh⸗ Ich bin zwei Tage in der Anſtalt und lebe ſchon für nichts mehr, als meine Kranken. Ich ſehe, daß ſie ganz auf mich angewieſen ſind, daß ihr erſter Blick beim Erwachen auf mich fallen will, daß ich ihre Hand, ihr Mund, ihr Alles bin. Wie glücklich das macht! Sie leiden an äußern Schäden und ſind vor Kurzem erſt operirt worden. Sie plaudern gern und ich freue mich, ihnen meinen Antheil zu rerrathen. Jedes von ihnen hat ein Lebensſchickſal. Wie ſie ſo ruhig liegen, ſcheint Jeder von ihnen zu glauben, ſein Loos erfülle die Welt und ſein Herz bilde den Mittelpunkt des Ganzen. Erſt die Bildung giebt uns Verallgemeine⸗ rung und lehrt uns, in ſolchen äußerſten Fällen uns faſt ganz in den auch leidenden Andern zu vergeſſen. Der erſte Schmerz! Man wechſelt die Stationen. Ich habe ein armes altes Mütterchen verlaſſen müſ⸗ ſen, das in die Stadt kam, ſich von einer Geſchwulſt heilen zu laſſen. Wie gern hörte ich ſie von ihren Kindern daheim erzählen und von ihrem Sohne, der im Dienſt eines Gutsbeſitzers ſteht und ſoviel erſpart hat, ihre Heilung bezahlen zu können! Gutes Müt⸗ terchen, ich will nicht wünſchen, daß Schweſter Adel⸗ heid Dir nicht ſo gern zuhört. Adelheid iſt kalt und verdrießlich. tionen. n miſſ chwulſt nihren ne, der etſpart Nit⸗ Adel⸗ alt und Ich bin bei Kindern. Sie erfordern wohl die meiſte Geduld und können recht ermüden. Das ſchreit und weint und lacht und der Todesengel ſitzt ſo harm⸗ los unter ihnen und ſie ſpielen mit ſeiner Senſe, die ſo ſcharf iſt. Ich fürchte mich vor meinem erſten Todten. Unter dieſen Kindern ſind Einige, die bald ſterben müſſen. Sie ſind nur Flämmchen, die im Er⸗ löſchen ſcheinen, und doch ſpielen ſie mit ihren blau⸗ bleichen magern durchſichtigen Fingerchen noch auf der Bettdecke mit Reiterchen und Pferdchen und achten Erde oder Himmel gleichviel, wenn es nur zu ſpielen giebt, dort wie hier. Ich habe meinen erſten Todten und bin tief er⸗ ſchüttert. Ich ſah dabei auch meinen Vater wieder und meine Mutter. Die Mutter ſah ich als Kind nur krank, nicht ſterbend; man entfernte mich. Der Vater ging am Schlaganfall raſch und war mir genommen wie ein Traum. Meinen Pflegling aber fand ich ſchon in ſtillem Erlöſchen. Er ging langſam, ſehr langſam hinüber und hat mich faſt mit verzehrt. Schweſter Adelheid tadelt mein allzulebhaftes Mitgefühl. 6 tiff et⸗ wieder ind nur Vuter nommen ch ſchon angſam chweſter Ich bin nämlich zu Männern gekommen. Der Eindruck iſt beklemmend genug. Einen Einzelnen in einer Zelle würd' ich ohne Beklemmung pflegen können, aber Männer in Vereinigung überwältigen uns, auch wenn ſie ſterbend auf dem Lager liegen. Ich fühlte dabei den Stufengang der Heranbildung zum Pfleg⸗ amte. Dies Eintreten eines Weibes in einen Saal von zwölf leidenden Männern hat für ein Weib etwas furchtbar Erdrückendes und die Liebe allein reicht nicht aus, um ſich dabei aufrecht zu erhalten. Man muß viel abſtreifen von dem, was zu unſrer Natur gehört und ich erkenne recht, daß man wenn auch nicht ſo kalt und ſtreng werden kann wie Schweſter Adelheid, die mich in Allem unterrichtet und anleitet, doch in ſeiner Sorge ſo mechaniſch werden muß, wie— ich will Niemanden nennen. Ich glaube, ich ſehe und beurtheile noch Alles von einem Standpunkte, der nicht mehr hieher gehört. — 154— Mein erſter Todter bringt eigene Wirkungen auf mich hervor. Es war ein junger Arbeiter, deſſen Eltern in der Ferne leben; er ſtarb an der Zehrung. Sein Bewußtſein verließ ihn erſt in den letzten Käm⸗ pfen des Körpers. Die Agonie dauerte einige Tage. Verliefe jeder Tod ſo regelmäßig, wir hätten die Un⸗ ſterblichkeit bewieſen in der Hand. Denn für jeden Stoß der auskämpfenden Hülle des Geiſtes ſieht man, wie der Geiſt ſelbſt wächſt und nur nach Freiheit ringt. Ein ſolches Ende iſt Verklärung. Ich beob⸗ achtete ruhig und auch des Nachts. Am Tage ſollt' ich beten und aus der Bibel leſen. Ich that es. Des Nachts genügte ein Blick meiner Augen, der matte Schimmer der Lampe und das ſtille Schweigen. Ach, die Ruhe iſt ſo göttlich. Kein Wort und wär' es das heiligſte vermag die Heiligung zu geben, die im Schweigen liegt, im Schweigen zweier Menſchen, die ſich anblicken und ſich in treuem Bunde wiſſen. Hier freilich Gruß und Abſchied!.. Rings Mitleidende, die ſchlummerten. Mein armer Wendt, ſo hieß er, wachte, ſchwieg und athmete kurz, immer bis die Anfälle kamen. en auf deſſen ehrung, Käm⸗ eTage. die Un⸗ t jeden ht man, Friheit h beob⸗ ge ſollt matte n. Ach, es das die im en, die Hier nde, die wachte, kamel — 155— Dann war die Prüfung für mich hart. Aber ich hatte Muth. Ich überwand mich, auch wenn Ruhe über ihn kam, ſeine Hand zu halten. Er drückte ſie. Es war ſein ſtummer Dank. Seit ſie den armen Wendt aus dem Saale tru⸗ gen in die Todtenhalle, ſeh' ich mich eigentlich zum Erſtenmale in meinem Zimmerchen um. Ich habe das Bedürfniß, es traulicher zu finden, als es iſt. Auch im ganzen Hauſe vermiſſ' ich etwas, was vorhanden ſein ſollte und wär's an ihm gelegen ein Garten mit nur einem einzigen kleinen Schattenplatz, in dem man aus voller, voller Bruſt einmal wieder aufathmen könnte. Wie kahl das Alles ringsum! Caſernenartig, leer und ohne Poeſie! Die ſteinernen Kreuze und Cherubimköpfe an den Portalen geben die Wärme nicht, nach der das Herz ſich hier ſehnt. Auch die Gnade und die Wiedergeburt, die der Geiſtliche lehrt, will einen andern Eingang haben ins Gemüth als dieſe nur rein innerliche Betrachtung und ewige Re⸗ flexion über unſre Sünde. Ich erſchrecke hier das Wort Sünde ſo oft zu hören! Iſt es mir nicht ſchon vorgekommen, als wollte man die Krankheiten und Leiden, die hier die Unglücklichſten der Erde drücken, Folgen der Sünde nennen? Es iſt faſt, als müßten die Armen ſich ihrer Leiden ſchämen und als wäre ihr Leiden eine Strafe, ihre Heilung nur eine Mahnung ſich zu beſſern! Gott will es ohne Zweifel ſo ange⸗ ſehen haben, aber darf das ein Menſch dem andern ſagen, das ein geſunder Menſch dem Kranken! Mit meiner Zimmergenoſſin Juliane möcht' ich gern mich über Vieles verſtändigen. Sie iſt mir nicht i unheimlich mehr, aber auch nicht verwandt. wäre hnung ange⸗ ndern Wir erhalten eine theoretiſche Anleitung, die ganz vortrefflich iſt. Wir ſitzen in einem Auditorium hi ich wie die Studierenden. Schweſter Hedwig vom Rheine, nit die zu unſerm Berufe eine wiſſenſchaftliche Anlei⸗ tung empfangen hat, pflanzt ihr Wiſſen auf harm⸗ loſe Art fort und die Nebenärzte unterſtützen ſie Der Bau des menſchlichen Körpers wird erklärt und der Sinn für eine rationelle Behandlung der Krank⸗ heiten entwickelt. Der praktiſche Gewinn iſt groß. Wir ſehen von den Perſonen, die wir pflegen, ſchon ganz ab und denken, wie die Aerzte ſelbſt, mehr an das Uebel, das wir bekämpfen. Einige Hörerinnen ſcheinen mir ſtumpf, andere ſind ſehr aufmerkſam. Man kann immer gewiß ſein, daß unſer Geſchlecht nichts Geringes leiſtet, wenn man nur Vertrauen zu ihm fäßt und ihm das Werthvollere und Tüchtige zumuthet. Eine etwas ſalbungsvolle Phraſeologie der Schweſter Hedwig ſtört mich. Sie ſollte wirklich die Auffaſſung des Geiſtes, in dem wir wirken, uns ſelbſt überlaſſen. Auch ſie thut, als wenn die Krankheit — 158— eine Folge der Sünde wäre. Nun ja, wir mögen ein gefallenes Geſchlecht ſein, allein das Paradies, das wir verſcherzten, iſt ſo ururalt; was können die Enkel Adams darunter leiden, daß unſere Hinfälligkeit einſt eine Folge ſeines Leichtſinns war? Das iſt ſo ſchön an den Aerzten, auch an denen, die uns zuweilen einen Vortrag halten, daß ſie eine natürliche Anwalt⸗ ſchaft haben für den Menſchen als ein in der Voll⸗ kommenheit möglichſt zu erhaltendes ſchönes Kunſt⸗ werk der Natur. Sie ſtehen dem Menſchen bei gegen den Dämon der Krankheit, bekämpfen die Krankheit als eine Anomalie der Natur, die ſie allein haſſen. Ihr ganzer Aufwand an Vorwürfen, die ſie dem Kran⸗ ken machen, beſteht darin, ihm Liebe zu ſich ſelbſt ein⸗ zuflößen, Sorge für das beſſre Wohlergehen ſeines an ihn gebundenen großartiggeheimnißvollen Naturver⸗ laufes. Die ſo ſeltne Anweſenheit der Gräfin Ampfing bei allen unſren Verhandlungen, mit Ausnahme des Gottesdienſtes und der Mahlzeiten, erklärt ſich plötz⸗ lich. Wir glaubten ſie von den Beſuchen, die das Haus oft zu ſehr beſtürmen, von den Honneurs, die ſie den Fremden zu machen ſich nicht nehmen läßt, an⸗ gegriffen und leidend. Wir deuteten ihre längere Zu⸗ nic mügen radies, nen die lligkeit ſſt ſo weilen nwalt⸗ Voll⸗ Kunſt⸗ gegen ankheit haſſen. Kran⸗ ſt ein⸗ es an urber⸗ npfing ne des plöt⸗ ie das 6, die jt, an⸗ e Zl⸗ — 159— rückgezogenheit und die abendlichen Ausfahrten, die ſie machte, auf Rückſichten, die ſie zur Befeſtigung ihrer Geſundheit zu nehmen hat. Seit heute haben wir die Aufklärung... Ja, das war ein Rennen und Laufen um die eilfte Stunde Vormittags, ein Kopfzu⸗ ſammenſtecken, ein Erſtaunen... Unſre Vorſteherin iſt ja Braut. — 160— Braut!... Es macht doch einen eignen Ein⸗ druck, ſich eine Ablöſung von der ernſten Aufgabe die⸗ ſes Krankenhauſes durch ein weißes Spitzen⸗Kleid und einen Mhrtenkranz zu denken. Ich gehöre nicht zu jenen Proteſtanten, deren Gemüthsſchwäche und Abneigung gegen Nachdenken über religiöſe Dinge in einem geheimen Einverſtändniſſe mit dem Katholicis⸗ mus ſteht; aber ich finde, daß wenn man einmal wie hier die Krankenpflege zu einer Pflicht der Religion gemacht hat, die kirchliche Regel und das Ordensge⸗ lübde etwas unendlich Ehrwürdiges haben. Wie das gedankenlos und zerſtreut macht, zu wiſſen: Die Vor⸗ ſteherin verläßt uns, um den Grafen von M. zu hei⸗ rathen! Eine Braut kann ja ſchon lange, lange an nichts denken, als an den Mann, den ſie liebt. Ich wünſchte, die Gräfin verließe uns bald. Zum erſten Male hab' ich einen gewiſſen Zug verſtanden, der regelmäßig um die Lippen meiner nicht ſchönen Zimmergenoſſin Juliane liegt. Sie iſt ſpöt⸗ tiſch, ohne zu ſpotten. In ihrem Lächeln lag früher etwas, was mich verwundete. Meine Stimmung war ichi uf viſſ en Ein⸗ abe di⸗ n⸗Kleid öre nicht iche und Dinge in tholicis⸗ mal wie ange un bt. ch ſen Ziz ner nicht it ſit friher ung war — 161— noch nicht darnach ihr Lächeln zu verſtehen. Jetzt fand ich ihr Lächeln angenehm. Sie zog die Mundwinkel auf eine eigne bittre Weiſe, als ſie mir ſagte: Sie wiſſen es alſo auch ſchon? Ja, die Gräfin iſt Braut. Butzkow, Diakoniſſin. — Juliane fängt an, mich für ſich einzunehmen— Wenn ich früher nur flüchtig einen Blick aus ihren hellglänzenden ſchwarzen Augen erhaſchte, erſchien ſie mir wie ein Kobold. Ich fürchtete ſie. Jetzt find' ich ihre Art angenehm und ihre ewiggleiche Ruhe, die ſtille, mit einem ironiſchen Zuge verbundene Art, wie ſie ſich ihren Pflichten unterzieht, intereſſirt mich. Sie iſt herb ohne damit verwunden zu wollen. Und ihr Verſtand ſcheint noch lebhafter und freier zu den⸗ ken, als ſie ſichs merken läßt. Unſre Gedanken über den Brautſtand der Gräfin, der großes Aufſehen macht und in der ganzen Stadt beſprochen werden ſoll, ja ſogar als eine unerwartete Ueberraſchung ſelbſt den hohen Gönnern des Hauſes nicht genehm gekommen iſt, führten uns endlich näher. Ich bin vier Wochen ihr ſo nahe, ſo mit jedem Athem⸗ zuge, ſchlafend, mich ankleidend, nähend, ſchreibend, leſend, dicht neben ihr und ſie ebenſo, beide ſind wir voll Höflichkeit und einer Art ausweichenden Aufmerk⸗ ſamkeit geweſen, die mir die Stimmung ſchon höchſt peinlich und beklemmend machte, und erſt geſtern in mehmen. us ihren erſchien etzt find Ruhe, die Art, wie irt mich. en. Und r zu den⸗ rGrüfin, en Stodt erwartete Huuſes ch niher. nAhen⸗ reibend⸗ ſind vir dufner⸗ on hicht gſun in ſtiller Abendſtunde ſprach Schweſter Juliane in länge⸗ rer Rede eine Meinung gegen mich aus, die mich er⸗ regte. Sie ſagte: Sie glauben nicht, was ich die Comteſſe glücklich preiſe! Es muß ihr ſein, als wenn ihr ein Alp vom Herzen ſpränge! Die Strenge und Kälte, die ſie uns zeigte, war ja keine natürliche. Sie litt an den Vorurtheilen ihres Standes, aber ſie beſitzt ein gutes Herz, dem kindliche Freude über alles ge⸗ gangen wäre, wenn man ihr dazu die reichere Gele⸗ genheit geboten hätte. Ihr Eintritt in dies Haus war eine Modeſache. Gewöhnt zu repräſentiren fand ſie ſehr leicht die Formen, die ſich für dieſe Räume ge⸗ ziemten. Sie findet jetzt noch in ihren ſpäteren Jah⸗ ren einen Mann, der ſie verehrt und liebt. Sie wird, da ſie gutmüthig iſt, glauben, ſie trenne von dem Be⸗ ruf, den ſie hier übernommen, ſich mit ſchwerem Her⸗ zen; aber das Herz iſt ihr leicht. Glauben Sie mirs, ſie iſt glücklich, wieder der regelmäßigen Welt anzuge⸗ hören, wenn ſie's auch nicht Andern und nicht einmal ſich ſelbſt geſteht. Ich konnte mich aber dieſer leichten Auffaſſung doch nicht fügen. Ich achte Julianens Meinung, aber ich zürne der Gräfin und weiß nicht warum. Ich lerne den innern Bau des Menſchen kennen. Es iſt nur der Stamm, auf dem die Seele blüht. Dieſe Blüthe ſoll mir nicht verloren gehen unter den Aeſten und Zweigen, Wurzeln und Faſern, die uns, ich ſehe es, ſo kunſtvoll aufrecht erhalten. Inniger nur verge⸗ genwärtige ich mir, was in uns dennoch einer unend⸗ lich andern Welt angehört. Wie kommt in unſern Geiſt die Muſik der Er⸗ innerung? Ich will dieſe Töne nicht mehr hören, die von der ſchönſten Vergangenheit mir ſingen, und doch dämpft ſie kein Wille, keine Kraft. Immer weil ich wie in einer von goldnem Sonnenlicht verklärten Ferne, immer blitzt die grüne Woge des Rheines auf und wie von tauſend Harfen klingt es das Lob der ſüßeſten Stunden wieder. Unwiederbringliche, wart ihr denn einſt? Stand ich denn auf hohen Felſen und ruhte auf verfallenem Gemäuer, ſang mit dem Hirtenknaben um die Wette, der die Kraft ſeiner Stimme am Echo zeigen wollte und hörte und belauſchte nur Einen Ton, den der Sprache des Freundes, der eben noch mit dem Führer en kennen iht Dieſe den Aeſten s, ich ſehe nur verge⸗ er unend⸗ ik det Et⸗ hören, die und doch r weil ich verklärten eines auf Lob der Stand rfallenel S die en wollte den der ² n Fihrr — 165— unſrer Saumthiere unterhandelte und ſchon rief: Kommen Sie da! Von dieſem Punkt aus zeig ich Ihnen, was nur in Italien ſich wiederholen kann!.. Der Drachenfels! Immer ſteht mir das Bild vorm Auge, wie eine gemeinſchaftliche Reiſe von Bewohnern unſres Thales uns auf dieſe ſchöne Felſenwarte führte und wir nach einer glücklichen Umſchau über Fluß, Berg und ſonnige Ebene abwärts ſtiegen in das ſchöne bergumſchloſſene Thal, wo ſeine Hand mich ſtützen mußte, weil ich nur die ſteilſten Pfade aufſuchte, aufſuchte eben— um nur ſeine Hand zu fühlen! Es iſt eine wunderbare Welt, was ſo geiſtig in uns lebt. Als ich ein Kind war, trat ich an der Hand des Märchenerzählers am liebſten in die ſchönen Gär⸗ ten der Sage, wo von Springbrunnen zu Springbrun⸗ nen ſich neue Zauber offenbarten, Ruheplatz an Ruhe⸗ platz ſich reihte, wo Tempel mit offenſtehenden Hallen, in denen Edelſteine wie Sterne leuchteten, das ſtaunende und gläubige Auge begrüßten. So iſt mir das An⸗ denken an jene Zeit des Geheimniſſes und der gegen⸗ ſeitigen— Werbung, denn auch ich geizte nach dem Ruhme ihm zu gefallen. Ueberall blick ich heilige, ge⸗ weihte Plätze, an die ſich ein Wort, ein Blick knüpft, einfache Thatſachen, denen ja die Erinnerung der — 1— Liebe unſichtbar ebenſo große Monumente baut, wie nur immer Völker der Erinnerung ihrer Helden. Jede Stunde des Tags iſt im Kalender der Liebe eine geweihte. Der Morgen, der vom Abend zehrt; die Frühſtunde, die uns einen Gruß des Geliebten zum Fenſter hinauf ſchenkt wie eine emporgeworfene und erhaſchte Blume; der Mittag, der ihn ſo oft bei uns ſah; der Nachtiſch, bei dem er ſo anregend plau⸗ derte; der Nachmittag, wo ich ihn oft bei Freunden — ſuchte und es den Anſchein hatte, als dankte ich nur dem Zufalle die Begegnung; die Dämmerung, die wohl gar einen Spaziergang im Walde oder Felde ſchenkte, den ſeine Begleitung zu einem Wandeln wie in Lüften machte; der Abend, der ihm ganz gehörte, auch wenn er nicht kam, wenn er nicht aus dem Schatten trat, den der Lichtring der Lampe im Zimmer warf und ſein ſüßes: Guten Abend! wie eine Erlöſung klang von der Spannung und Pein eines ganzen Tages. Wem ſchreib' ich das? Den Kupferſtichen, die der Arzt auf unſerm Zimmer circuliren läßt, den auf⸗ geſchnittenen Profilen todter Menſchen, den Muskeln und Arterien, die uns darſtellen ſollen halb als eine Pflanze, halb als eine Maſchine. Ich ſuche vergebens den Schmerz in dieſen Bildern, die Verzweiflung, baut, wie elden. r der liebe dzehrt; die iebten zum orfene und oft bei uns gend pla⸗ i Freunden nkte ich un g, die wohl de ſchenkt, e in Liften auch wenn atten trat, warf ud ſung le en Tage ſiche, di t, den uf⸗ nMusleh b als üu vergebe tweifin — 167— den Jammer der Täuſchung und die letzte Hülfe der Entſagung, des Muthes und des Willens, der ver⸗ geſſen muß und es würdig thun will. Unermeßne Welt, die an Sichtbares nicht ge⸗ bannt iſt! Wie ſpielſt Du zitternd dem Lichte gleich im nächtlich ſchweigenden Raum! Wie füllſt Du das All mit Stimmen ſo laut, als wenn ſich am Felſen Sturmfluth bricht, und Alles bleibt doch ſtill— bleibt ſtill— ſtill— — 168— Dem unentdeckten Verbrecher, dem eine gnaden⸗ reiche Zeit zu Hülfe kam, ſeine Schuld zu vergeſſen, muß es oft beim fröhlichen Mahle, unter Lachen und Jubel im tiefſten Innern kommen, als ſtünde ſein Fuß plötzlich vor einem Abgrunde und als würde dies, wenn er vorſchritte, ſein Letztes ſein. So ſuch' ich das Vergeſſen. Aber mitten in der ſteigenden Gewöhnung an mein neues Leben zuckt ein plötzliches: Iſts aber möglich? ſo krampfhaft durch die Seele, daß mir ein eben angefangenes Wort im Munde ſtockt, ein Gedanke abbricht und der muthigſte Ent⸗ ſchluß die Hand der Ausführung wie erlahmt in den Schooß ſinken läßt. Jedem Schmerz geht es ſo, der ſich nicht ausge⸗ weint und ausgerungen hat. eine graden⸗ u vergeſſen, Lachen und ſtünde ſein würde dies, nitten in der en zuct ein ft durch die higſte Ent⸗ hmt in den ſicht ausge⸗ Gott, was iſt dies Leben! Wie viele im kräftig⸗ ſten Alter ſeh' ich wie Lichtlein erlöſchen, wie viele die ſchrecklichſten Leiden erdulden! Wie gleichgültig wird das Auge beim Anblick des Blutes und der vie⸗ len natürlichen Dinge, die uns die Möglichkeit zu exiſtiren geben! Es iſt ein Räthſel dies Leben! Ich ſah Italien — was ſoll dies Land? Ich ſah die Schönheit und Kunſt— wozu dienen ſie? Ich trug das ſehnſüchtige Verlangen nach Glück in mir— giebt es dazu Berech⸗ tigung in einer Welt, wo Menſchen mit Gebrechen ge⸗ boren werden, zu denen ſie nicht einmal durch die Schuld ihrer Eltern— denn dann könnte ſie noch die Liebe zu dieſen aufrichten— ſondern nur durch eine zu⸗ fällige Gedankenloſigkeit der ſchaffenden Natur kom⸗ men, gleich jenen im Ofen mißrathenen Gefäßen, die der Töpfer gleich zertrümmert oder zum Handel in die hintre Reihe ſtellt. Nichts ſcheint zwecklos in der Welt. Selbſt das Schöne hat einen Zweck und mir ſcheint, die Natur denkt nicht äſthetiſch; auch das, was der Gewöhnung unſres Auges ihr ſchönſter Schmuck dünkt, iſt nur praktiſch. Am Kranken- und Sterbebett fühlt man, daß wir einem großen Geheimniß dienen. Es rollt ein furchtbar erhabenes Schickſal über uns hinweg, wenn eben Einer geboren wird oder Einer ſtirbt. Das, was die Geburt lehren ſoll, heißt: Lerne gleich den Tod lieben, der iſt Deine Beſtimmung! Schweſter Adelheid glaubt an die Exiſtenz des Teufels. Faſt möcht' ich manchmal ihren Glauben theilen, aber eben das, was ſie Prüfungen Gottes nennt, möcht' ich für das Werk des Teufels halten. Die Erde gehört mir oft ſichtbar einem Teufel, der Bau des Menſchen gehört ihm, die Natur gehört ihm. Kämpfen wir denn hier im Friedenthal gegen eine gute Macht, die uns ſo darnieder wirft, ſo geſchehen läßt, daß, wie ich heute ſehen mußte, einem Arbeiter, den man ſeiner Schwäche wegen nicht chloroformirte, ein in Brand gerathenes Bein abgeſägt wurde? Sollen wir dieſen Herrſcher über unſere Hinfälligkeit lieben? Wehren wir ihn nicht ab wie etwas Böſes und ſtär⸗ ken uns im Hinblick auf einen in weiter Ferne hinter Allem, was geſchieht, thronenden guten Geiſt, als müßten wir durch das Elend der Hölle erſt hindurch zum Himmel? iſt ur lt man, Es rollt hinweg, t. Das, eich den enz des Hlauben Grttes halten. fel, der rt ihm. ine gute nläßt, r, den lieben? nd ſtär⸗ hintet ſt, als indurch — 171— Unſer ganzes Leben iſt Mühe und Pein. Unſer Geiſt ſpiegelt uns immer vor, als wenn wir Titanen wären und der kleinſte Unfall belehrt uns, daß wir thönerne Scherben ſind. Es wäre grauenvoll, wenn gegen ſolche Zweifel nur zuletzt der Troſt— der Gewöhnung hülfe. — Ein vor mehreren Jahren verſtorbener Monarch ſoll, als man auf ſeinen Wunſch, das Inſtitut der barmherzigen Schweſtern auch auf das proteſtantiſche Gebiet zu verpflanzen, erwiederte: Majeſtät, dazu gehört Religion! in ſeiner Art befehlend geantwortet haben: Dann Religion machen! Juliane erzählte mir's, als ich mich über das herrnhutheriſche Geſangbuch wunderte, aus dem wir in der Kirche, Morgens, Abends und vor dem Mahle ſingen. Ich fühle und denke nicht katholiſch, wenn ich mich in dem großen Bunde der Menſchheit weiß: aber ich fühle und denke katholiſch, wenn ich die proteſtan⸗ tiſche Kirche ſo ängſtlich um etwas ringen ſehe, was ſie eben nicht beſitzen kann und, wenn ſie ſich recht verſteht, auch nicht beſitzen ſoll. Wie komm' ich zu einem herrnhutheriſchen Ge⸗ ſangbuch! Ich möchte die Tröſtungen eines Franklin, die Lehren eines Herder in mich aufnehmen. Sallet führt mir das Bild des Erlöſers ſchon ſeit lange rüh⸗ unde nit im int Ni bo rMonarch nſtitut der teſtantiſche ſtät, dazu eantwortet über das em Mahl wenn ich eiß: aber proteſt⸗ ehe, was ſich recht chen Ge⸗ Franklin, Sllet nge rih⸗ render entgegen, als Zinzendorf— wie komm' ich mir vor, mir eine Religion machen zu laſſen, die mir nimmermehr natürlich ſtehen wird! Bei dieſer Gedan⸗ kenreihe tritt mir immer das St. Clemensſtift in Münſter vor Augen, das alte Kloſter mit ſeinen Bogenfenſtern, ſeinem ſtillen Garten, wo die barmher⸗ zigen Schweſtern in ihrer ſchwarzen Mütze mit weißer Krauſe, ihrem langen ſchwarzwollenen Kleide mit herabfallendem Pilgerkragen, Gemüſe ſammeln zum Mahl, und mancher der Geneſenden glücklich iſt, ſchon den Rechen führen zu dürfen und zwiſchen Blumen und Kräutern die Wege zu ſäubern, das St. Clemens⸗ ſtift, wo die barmherzigen Schweſtern ſich knieend vor dem mit brennenden Lichtern beſteckten Altar den Muth und die Ausdauer zu ihrem Werk von der Mutter Gottes und den Heiligen erflehen. Wo ich mich nur geiſtig mit Gott vermitteln ſoll, will ich es auch im Geiſt und in der Wahrheit thun. Und wäre denn ein Bund von Krankenpflegerinnen, die ſo recht nur um des Leides der Menſchheit Willen und um das Wohldes Vaterlandes dem Bruder und der Schweſter beiſtünden, eine Un⸗ möglichkeit, ein Traum? Religion ma chen! Schiller — 174— und Goethe hätten es gekonnt. Ich haſſe eigentlich an ihnen, daß dieſe großen Männer ſoviel Furcht vor den Mächtigen der Erde hatten und den wichtigſten Fragen der Menſchheit aus dem Wege gingen. tigentich urcht vor ichtigſten . Immer traulicher wird mein ſchmales, kahles Zimmerchen. In ihm und in den Krankenſälen iſt mir am wohlſten. Die Corridore, der Eßſaal, die Kirche, die Erbauungs⸗ und Lehrſtunden, alles das fängt an, mich entſetzlich zu drücken. Verbindung mit der Außenwelt mag ich nicht. Ich leſe keine Zeitungen. Die Beſuche Freydanks und Ottiliens können mich nicht erheben. Sie kommen auch nicht mehr. Einla⸗ dungen, die ich an freien Tagen, die gewährt werden, annehmen könnte, locken mich nicht. So ſiedl' ich mich feſter und feſter auf meinen Paar Quadratſchuhen Eigenthum an und ſuche Erhebung aus neugekauften oder entliehenen Büchern, die ich nicht jedem, der mit in dieſem Hauſe wohnt, zu zeigen wagen möchte. Julianens Stimmung iſt der meinigen jetzt ſo verwandt, daß ich ſtanne, nicht von ihr ſogleich aufs Angenehmſte berührt worden zu ſein. Aber es mag ſein, daß es dieſer beiden Monate erſt, die ich hier bin, bedurfte, um dahin zu gelangen, wo ſie ſich bereits ſeit zwei Jahren befindet. So lange iſt Juliane in dieſem Hauſe, das ſie aus Gründen aufgeſucht hat, — 16— die ſie mir einſt mitzutheilen gedenkt. Ich dränge nicht in ſie. Ich ſehe, ſie hat einen Schmerz zu verwinden, der wohl dem meinigen nicht unähnlich ſein mag. Von dem Diakoniſſenweſen ſagt ſie, es wäre verfehlt und würde nur eine vorübergehende kurze Blüthe des religiöſen Gemeingefühles bleiben. Wenn Fürſten oder Fürſtinnen in den hohen Regionen ihre Lieblingsneigungen ändern ſollten, ſich vielleicht mehr in der Pflege geſinnungskräftiger Poeſie, der gedanken⸗ volleren Kunſt und der ſtrengen Wiſſenſchaften gefielen, als bisher, wenn ſie ihre Furcht vor den Gefahren der Zeit nicht durch eine künſtliche Beförderung religiöſer Stimmungen verriethen, dann würde plötzlich dies Inſtitut in ſich zuſammenbrechen und die Kranken würden wieder auf die Pflege der Gutmüthigkeit und die Ausdauer der Dienenden angewieſen ſein, wie ſonſt. Nicht auch an Pflegerinnen hätte es bisher ge⸗ fehlt, ſondern an Pflegeanſtalten. Hat man dieſe ge⸗ ſchaffen um jener modiſchen Erfindung Willen, ſo wäre ein großer Vortheil errungen und die Aerzte, die jetzt natürlich den Mantel nach dem Winde der Phraſe, die ſie im Stillen belächelten, hängten, würden, zufriedengeſtellt durch die Mehrung und Beſſerung dränge hmerz zu mähnlich eliiüſer ſch dies ranken keit und in, wie sher g⸗ ieſe ge⸗ lei, ſe Aerzte, nde der vürden, ſſerung R der Heilanſtalten, die Pflege wieder ausſchließlich be⸗ aufſichtigen und an Perſonen, die in einer ſo überſetz⸗ ten Zeit wie die unſrige für den Lohn, den auch die Diakoniſſinnen bekämen, mit Aufmerkſamkeit den Athemzug der Leidenden belauſchten, würde es gewiß nicht fehlen. Zuliane ſprach Alles aus, was ich ſchon im Stillen ſelbſt beobachtete. Sie ſagte: Mit einigen wenigen Ausnahmen ſind wir in dieſem Hauſe alle mehr oder weniger in unſern Gedanken zerſtreut. Zwanzig bis dreißig Menſchen in einer ſolchen Func⸗ tion, wie die unſrige iſt, zu vereinigen, dazu gehört der ſtrengſte Ordenszwang, die ganze auch nach Innen umgeſtaltende äußere Regel eines feſten Gelübdes. In einer kleinen Anſtalt, wo vier, fünf Frauen und Mädchen die äußere Sorge für die Leidenden überneh⸗ men wollen, werden wir uns in dieſer überwiegend doch immer noch freien Form,(alles Unfreie an un⸗ ſerm Stande iſt und bleibt drückend) ganz gut behaup⸗ ten können. Allein in ſo großem Umfange, wie wir hier zu wirken haben und wie wir hier eine Genoſſen⸗ ſchaft bilden, entſprechen wir unſerem Zwecke nicht. Wo eine Vorſteherin uns plötzlich verlaſſen kann, weil ſie Braut wird, da ſind nach allen Seiten hin die Thü⸗ 12 Gutzkow, Diakoniſſin. ren geöffnet. Es liegt in der freien Gelegenheit, austreten zu dürfen, an für ſich kein Unglück. Im Gegentheil ſogar, es liegt darin eine Ermunterung zum heitern Erfaſſen unſrer Aufgabe. Geſchähe aber nur auf der andern Seite nicht wieder ſoviel, um uns den Schein zu geben, als verbände uns eine ewige Ent⸗ ſagung! Denn wie ſoll ich anders jene nachdrückliche Religionsübung nennen, die eine Demuth vorausſetzt, die nun einmal Wenige von uns haben und die das andre Mal unſern opfermuthigen Aufſchwung doch mehr hemmt als fördert? Ich entgegnete: Juliane, die Relgien, richtig erfaßt, iſt die einzige Ermuthigung für uns, ſchwere Pflichten zu üben. Trennt ſie uns nicht von dem Ge⸗ wöhnlichen? Führt ſie uns nicht auf ein ſtilles Bezirk einer beſondern Beziehung zum Erdenleben, die wir im Geräuſche der Welt nie fühlen können? Hat nicht das Vorbild des Heilands und der durch Spott und Gefahren hindurchgehenden Jünger einen mächtigen Reiz für die Nachahmung? Und thut es nicht wohl, ſich ſo ganz allein zu wiſſen mit Gott, mit ſeinen höch⸗ ſten Offenbarungen, mit dem Endzweck aller Schöp⸗ fung, unter den großen Zeugen der Geſchichte, den Märtyrern und Helden unſres Glaubens in irgend helegerheit, glic. Im terung zum e aber mr m uns den ewige Eut⸗ chdrickliche vorausſett, nd die das wung doch ion, richti s, ſchwere dem Ge⸗ les Bezirk n, die wir Hat nicht Spott und müchtigen icht wohl, inen höch⸗ er Ship⸗ ichte, den in irgend einem auch an uns gekommenen ſeltenen und ſchwieri⸗ gen Lebensberuf? Juliane erwiederte, auch Schweſter Eliſabeth wäre dieſes Glaubens geweſen, jene Diakoniſſin, die hier die erſten Einrichtungen gemacht hätte und die ich im Düſſelthal am Rheine vor ihrer Abreiſe hierher in meinen jungen Jahren gekannt habe. Schweſter Eli⸗ ſabeth iſt todt, ſag'e ſie mit Rührung und zeigte in der Ferne auf den Friedhof, wo ſie begraben liegt. Um ihretwillen trat ich in dieſe Anſtalt, ſagte ſie. Ihr hatt ich einſt Dank zu bringen für mein größtes Glück und von ihr wollt' ich mir einſt Troſt holen für mein größtes Unglück.. Juliane ſchwieg eine Weile und fuhr dann fort: Aber ſehen Sie nur um ſich, ob Sie übera ll die Demuth einer Eliſabeth wiederfinden! Die war ſanft und gütig, die hatte den ächten Frauenſinn, der nicht lei⸗ den ſehen kann, ohne gleich helfen zu wollen. Welche kalte, ich möchte ſagen, ſchulmäßige Begeiſterung iſt ihr gefolgt? Weil man wußte, daß das neue Inſtitut von Oben beſchützt wurde, drängten ſich die Töchter der Beamten herbei und ſchon mancher Aſſeſſor iſt befördert worden, weil er hier eine Schweſter hat. Der Geiſt, der bei uns im öffentlichen Leben der herr⸗ 12 — 180— ſchende iſt, iſt krank, ſo geſund er ſich glaubt. Man weiß nicht, was man alles noch erfinden und aufbrin⸗ gen ſoll, nur um dem ewigen Echorufe aller Unter⸗ nehmungen auszuweichen: Sie iſt auf Sand gebaut. Der Glockenſchlag Zehn rief uns zu den Pflichten der Nachtwache. ü hie bal t. Man ufbrin⸗ Unter⸗ n Ich habe einen Beſuch verſäumt der ſehr icte glücklich gemacht hätte. Der holländiſche Major war hier. Er will, ſagte er zu Julianen, die ihn empfing, bald nach Java zurückkehren. Ich hatte ſo ſchwere Kranke, daß ich nicht abgerufen werden konnte. Es ſcheint, der Major hat Julianen nach meinem Befin⸗ den mit beſonderem Intereſſe gefragt. Dieſe ſchien von ihm vernommen zu haben, daß mich Erfahrungen, die er kennt, in dieſe Räume führten. Er will wieder⸗ kommen— Der Major war wieder da und ich wieder nicht zugegen. Juliane rühmt ſeine Theilnahme, ſein war⸗ mes Herz. Er hat ihr von ſeinen reichen Nichten erzählt, Beide ſind verheirathet, die Eine an einen reichen jungen Erben, Doktor Specht, die geiſtreiche Fadheit ſelbſt, einen Schwätzer, der mit dem Aufwand ſeltener Kenntniſſe ewig nur nichts zu ſagen weiß und unſer Zeitalter im Großen und Ganzen als das der Epigonen verurtheilt. Ich mußte ſchon am Rhein über ihn lachen, als Wisthaler, ſein jetziger Schwie⸗ gervater, ihn mit ſich genommen hatte. Alles, was die Gegenwart hervorbringt, verwirft er und würde ſich doch ſelbſt jeden Augenblick anheiſchig machen, ein zweiter Leſſing(von dem er behauptet, daß ſeine Kritik allein dem Zeitalter Noth thäte) zu werden, wenn er nur, wie er hinzuzuſetzen nicht unterließ, mehr Zeit hätte. Der zweite Schwiegerſohn iſt ein Architekt, Baurath Maiduft. Ein junger Mann, der alle die Kirchen beſucht, wo die Geheimräthe Stühle mit ihren angeſchlagenen Namen beſitzen. Man wird ihm einige bedeutende Regierungsbauten anvertrauen, falls er er nicht in war⸗ Nichten iſtreiche ufwand n weiß — 18— nicht jetzt im Beſitz einer reichen Frau vorzieht, die Maske fallen zu laſſen und Italiens und Griechen⸗ lands epheuumwachſene Tempeltrümmer zu ſtudiren. Freydank hat auch endlich Ottilien heimgeführt. Ich ſollte der Hochzeit beiwohnen und konnte nicht gut. Die Erinnerungen würden zu ſchmerzlich geweſen ſein. Ottilie iſt immer freundlich, aber vom ewigen Nichts⸗ thun ſo in Anſpruch genommen, daß ſie flüchtiger er⸗ ſcheint, als ſie iſt. Sie wird ſich in ihrer Ehe vielleicht mehr langweilen, als einſt in ihrem Wittwenſtande, wo ſie ſich mit ihren Seufzern unterhielt, wenn ſie vom Vergnügen ermüdet war. Wie viel Frauen giebt es doch, die das Gähnen ihrer Magenner⸗ ven für das Gefühl der Leere unverſtandener Sehn⸗ ſucht halten! Ein ſogenanntes Unglück muß für ſie immer nur deßhalb da ſein, um die Erſchöpfungspau⸗ ſen ihres Glückes auszufüllen. — 184— Ich begreife Julianen nicht. Sie hat etwas vor, was ich nicht wiſſen ſoll. Sie erhielt einen Brief, den ich in Empfang nahm und bei deſſen Uebergabe ſie erröthete. Dennoch iſt ſie freundlicher und hingeben⸗ der denn je. Ich liebe ſie nun wie eine Schweſter. Sie iſt älter als ich und ſcheint doch jünger, das macht, weil ſie klein, lebhaft und ohne irgend etwas Auffallendes in ihren Geſichtszügen iſt, ihre ſchiãtzen Augen ausgenommen. Wie ich jemals vor ihr konnte Beſorgniß hegen, begreif' ich nur dann, wenn ſie die Schärfe ihres Verſtandes zeigt. Sie kann dann eine Bitterkeit verrathen, die ſich allerdings nicht mehr darum kümmert, ob ſie verwundet. Und doch vermag ſie wieder ſo lieb und ſanft zu ſein und ſo gütig. Schon vor Wochen flüſterte ſie mir halblachend, halb mit Thränen und mit unnachahmlicher Liebenswürdig⸗ keit zu: Mein garzer Haß und Trotz kommt nur da⸗ her, weil ich ein ganz unausſprechliches Bedürfniß habe zu lieben und geliebt zu ſein und ich mich ſo gern wie ein Lamm ſchmiegen und ergeben möchte. Was Juliane einſt gelitten und was ſie hieher zfi m ſbſ Dir ni ſich ſr ſih was vor, rief, den rgabe ſie hingeben⸗ chweſter. ger, das nd etwas ſ̃en hr konnte m ſie die ann eine ht mehr vermag gütig. d, halb würdig⸗ nur du⸗ würfniß nich ſo möchte e hirher geführt hat, weiß ich jetzt. Sie iſt die Tochter eines armen Schulrektors in einer kleinen Stadt, bildete ſich ſelbſt zur Lehrerin in dem kleinen Orte und in dem Wirkungskreiſe ihres Vaters. Ein junger Mann, mit dem ſie aufgewachſen war und der ſie liebte, be⸗ ſuchte die hieſige Univerſität. Er erkrankte und wurde zur Heilung in unſre Anſtalt gebracht. Schweſter Eli⸗ ſabeth lebte damals noch, die Gute, Fromme und Sanfte. Des jungen Mannes Zuſtand war gefahrvoll, noch ehe Juliane davon erfuhr. Als ſie ihres Freun⸗ des Schickſal in Erfahrung brachte, erhielt ſie auch von Schweſter Eliſabeth ſchon die Mittheilung, daß er auf dem Wege der Beſſerung wäre und ſie ſich nicht beunruhigen ſolle. Sie vertraute dem milden und entſchiedenen Worte der Pflegerin, die das Ver⸗ trauen ihres Freundes gewonnen hatte. Als dieſer ſelbſt geneſen war, konnte er in ſeinen Briefen nicht genug die treue Obhut Eliſabeths rühmen. Dieſe ſelbſt ſchrieb ihr noch öfter, auch als ihr Freund ſchon die Anſtalt verlaſſen hatte. Da ſtarb ihr Vater, ſie ver⸗ lor mit ihm den Freund, Berather, Lehrer und auch die Stelle, an der ſie ihn unterſtützt hatte. Juliane zeigte dem fernen Freunde an, ſie würde in die Haupt⸗ ſtadt ziehen, um ſich der geſetzlichen Prüfung der Lehrerinnen zu unterwerfen und in ihrem Fache eine andre Stelle zu ſuchen. Sie erhielt keine Antwort. Sie fürchtete eine neue Erkrankung und ſchrieb an Fliſabeth. Dieſe antwortete umgehend, ſie würde ſich nach dem Freunde erkundigen. Dann aber blieb auch von ihr die nähere Kunde aus. Juliane, in ſteigender Angſt, verläßt die Vaterſtadt und eilt noch in Trauer in die Reſidenz. Sie kam zu einem Feſte an, auf welchem ſich ihr Geliebter eben mit der Tochter eines Mannes, der ſeine Carriere fördern konnte, verlobte. Getäuſcht, betrogen, ja mit Kälte zurückgewieſen, wankte ſie hierher ins Friedenthal und fragte nach Schweſter Eliſabeth. Dieſe mit dem ihr eigenen ſanf⸗ ten Ton begrüßte ſie mit dem einfachen aber ſeelen⸗ vollen Worte, das ihre Nichtantwort entſchuldigen ſollte: Was ließ ſich da ſagen! Juliane glaubte keine Stätte zu finden, wo es ihr wohler ſein könnte als in Eliſabeths Nähe. Trotzdem, daß man ihr wegen eines eben ausgebrochenen anſteckenden Nervenfiebers an⸗ rieth, zu gehen, wollte ſie bleiben. Sie blieb wie ich als Novize. Das Nervenfieber raffte drei Schweſtern hinweg, auch Eliſabeth. Juliane drückte ihr die Augen zu, blieb und blieb und ſorgt immer noch für die Blumen auf Eliſabeths Grabe. Sie hat ſich ihre An⸗ ſhun i Fache eine Antwort. ſchrieb an würde ſich blieb auch ſteigender in Trauer e an, auf hter eines „verlobte. tgewieſen, agte nach nen ſanf⸗ er ſeelen⸗ chuldigen ubte keine tte als in gen eines hers ah⸗ h wie ich chweſtern ie Augen fir di ihre M⸗ — 187— ſicht über das Inſtitut gebildet, dem ſie angehört, will es aber nicht verlaſſen. Ihre Selbſtbeherr⸗ ſchung und die Miſchung von Wahrheit und Klugheit in ihr iſt wunderbar. Juliane weiß, wie ähnlich mein Loos dem ihri⸗ gen iſt. Ich konnte nicht widerſprechen, als ſie ſagte: Wie ganz anders, wie groß, wie edel ſteht Wolmar da! Es iſt eine andre Natur, als die meines bemit⸗ leidenswerthen— Sie nannte zu meinem Erſtaunen einen Namen, den wir ſeit einiger Zeit— täglich hörten, einen Mann, den wir jetzt— täglich ſehen. Zu den Prüfungen der Seelenſtärke Julianens gehört, daß ſie in Begegnungen mit einem Manne lebt, der einſt ihr Herz gebrochen. Wolmar! Darf ich Dich ihm vergleichen? Du biſt größer! Dein gedenken? Namenloſes Empfinden— und doch immer nur Deine Geſtalt, nur Du, nur Du! Dein Ich! in voller Weſenheit, während ich längſt nur noch mein vergangenes Leben für eine verhallende Melodie nehme! Wo weilſt Du? Wo breiteſt Du wohl jetzt die Schwinge Deiner edlen Seele? —— Ich bin überraſcht von einem Vorhaben Julia⸗ nens. Es findet zuweilen ſtatt, daß Schweſtern des Hauſes zum Krankendienſt in Privathäuſern erbeten werden. Juliane hat ſich eben dazu eine Erlaubniß erwirkt und ich muß annehmen, daß es ein Freund des Majors iſt, zu dem man ſie beſcheidet. Da ſie zu dem Ende ganz außer dem Hauſe wohnen wird, nahm ſie von mir auf einige Tage Abſchied. Sie war bewegter als mit der Möglichkeit übereinſtimmte, die ich doch behalte, ſie an dem Orte, wo ſie helfen will, zu beſu⸗ chen. Sie küßte mich voll Innigkeit und der Major, den ich endlich nun auch geſprochen, ſagte ſonderbar, gleichſam wie mit einem Troſt für mich: Es wird Alles gut werden. So allein zu ſein, wie jetzt, bin ich kaum noch gewohnt— ün en guli⸗ eſtern des n erbeten nahn ſie bewegter ich doch „ju beſt⸗ rMajor, onderbar, Es wird aum noch Der Tag rückt näher, wo ich mich zu entſcheiden habe, ob ich dauernd in dieſem Verhältniſſe bleiben will. Faſt glaub' ich, daß ich zuſagen werde, trotz meiner Abneigung, die für die äußern Formen dieſes Liebesdienſtes bei mir eine immer empfindlichere iſt. Ich bin nun ſechs Monate hier. Der Spätherbſt kündigt ſich ſchon in der Nähe unſres großen Palla⸗ ſtes durch Regen und Sturm an. Vom Blätterfall ſehen wir nichts, da wir mit unſern Kranken hier recht wie auf der Haide wohnen. Doch giebt es noch ſchöne Tage. Juliane iſt ſchon eine Woche fort. Es beküm⸗ mert mich, daß ich ſie bei einem Beſuch nicht ſprechen konnte. Der Kranke, den ſie zu pflegen hat, wohnt an einem entgegengeſetzten Thore. Eine Nummer war bezeichnet worden, die ich auch an dem ſchönen vergol⸗ veten Gitter einer reizenden Villa fand. Ich klingelte. Es währte lange bis Jemand mir zu öffnen kam. Als ich nach Juliauen fragte, hieß es, ſie wäre hier, aber für Niemanden zu ſprechen. Melden Sie mich nur! ſagt ich. Ich wartete. Eine Bank unter ſchon ſich — 190— entlaubenden Gebüſchen lud an der Pforte zur Ruhe ein. Die Villa lag hinterwärts wohl einige hundert Schritte entfernt. Die Dienerin kam nach einer län⸗ gern Weile zurück und meldete: Fräulein Juliane würde eheſtens ſelbſt nach dem Friedenthal kommen, ſie dürfe hier Niemanden, auch mich nicht empfangen. Ich fragte nach dem Bewohner der Villa und ſeinem Leiden? Man wich aus. Ich ſah wohl, daß es ſich um jenen Zuſtand handelt, den mitfühlender Antheil nicht gern auszuſprechen pflegt. Juliane hütet einen Geiſteskranken. Ich ließ ihr die innigſten Grüße ſa⸗ gen und ging. u Mer ſn ie er in nit n U zur Ruhe e hundert einer län⸗ Juliane fommen, pfangen. nd ſeinem es ſich rAntheil itet einen Vom Rheine hatt ich eine freudige Ueberraſchung. Guntram, der Freund meines Vaters, der Theilneh⸗ mer unſres Glückes und Troſt in unſrem Sturze, der jetige Verwalter meines neugewonnenen Vermö⸗ gens, deſſen Zinſen ich nicht verbrauchen kann, iſt hier. Wie hab' ich an ſeinem Anblick mich erquickt! Er kennt alles, was ich habe durchleben und durch⸗ tämpfen müſſen. Er kennt die Namen der Perſonen, mit denen ich hier in flüchtige und innigere Begegnung kam. Er kennt ſogar Julianen. Ich ſchrieb ihm wohl von ihr. Juliane hat aber nicht Wort gehalten. Ich er⸗ wartete ihren Beſuch und ſie kommt nicht. Wohl mag ihr Pflegling Sorge und Obhut verlangen. Wie man ſich doch gewöhnt, die Leiden der Menſchen ſchon nur noch wie ſtatiſtiſch zu vernehmen! Ein Geiſteskranker! Wer iſt es? frägt man ſchon nicht mehr. Saal III. Bett No. 7.... ob darin ein Vater liegt, der ſich nach ſeinen Kindern ſehnt, eine Mutter, ein Sohn, eine Tochter, ein Einheimiſcher, ein Fremder. Alles das tritt zurück; wir kennen nur, daß er leidet. Schwe⸗ — ſter Adelheid will, daß wir nur auf die Vorſchriften des Arztes hören ſollen und keine andere Neugier verrathen, als die nach dem geiſtlichen Zuſtand des Kranken. Schärfer denn je nimmt ſie das Gebet und das Vorleſen aus der Bibel. Man ſagt, ſie hoffe Vorſteherin zu werden. Aber im Vertrauen auch flüſtert man ſich zu, aus einer andern Anſtalt würde uns eine junge Dame von Adel vorgeſetzt werden. Iſt ſie ſanft und gut, ſo ſoll ſie uns willkommener ſein als Schweſter Adelheid, die Niemand liebt. Ich gönnte dieſen Ehrenplatz unſerm jungen Proviſor, der Schwe⸗ ſter Apothekerin. Die würde aus der Anſtalt nur ein Krankenhaus allein machen und die Begeiſterung für die Wiſſenſchaft allen andern Prinzipien des Diako⸗ niſſenweſens vorziehen. Wie kann ſich doch mein Ge⸗ ſchlecht bewähren, wenn man ihm Vertrauen ſchenkt! Schweſter Wilhelmine thut es einem Chemiker gleich. Sie arbeitet von Morgens bis in die Nacht, lieſt und experimentirt. Und brächte ſie auch nichts zu Stande als Gerſtenzucker und Huſtenleder(das ſie jedoch nur denen heimlich ſteckt, die ſie lieb hat), ſo hat es doch eine Art und erfreut jedesmal, wenn man ihr zuſieht. ni — 3 Andre wiſſen früher, wen Juliane pflegt, als ich. Cs ſoll ein Arzt ſein, der im Berufe ſeiner Wiſ⸗ ſenſchaft erkrankte und in Folge des Typhus— Ich werde unterbrochen. Zwei Herren wollen mich ſprechen. Ich frage um die Namen... Es ſind Freydank und der Major——— orſchriften e Nulgier uſtand des as Gebet ſie hoffe men alch talt würde erden. Iſt nener ſein Ich gömte er Schwe⸗ lt mur ein erung für es Diako⸗ mein Ge⸗ n ſchenkt! iker gleich lieſt un Stande als nur denen h eine Art Gutzkow, Diakoniſſin. VIII. Ruhig! Ruhig! ſprach eine männliche feſte Stimme zu einem jungen Mädchen, das in ſtürmiſcher Haſt aus einem Wagen ſtieg und einem Gefährten die Hand gereicht hatte, der ſchon vorher hinausge⸗ ſprungen war. Die Hand zitterte. Beide Männer unterſtützten ihre Begleiterin, die jedoch erklärte, volle Kraft zu beſitzen, nur möchte man eilen, eilen. Ihr Fuß ſchritt den Andern voraus, raſchelnd in dem wel⸗ ken Herbſtlaub, das auf einer Allee vor den Thoren der Stadt ſchon in Maſſen ſich aufgeſchichtet hatte. Der Wagen, ein elegantes geſchloſſenes Coupé, rollte langſam dem Thore zu. Er wartete offenbar auf die Wiederkehr der Ausgeſtiegenen. Was hilft es? ſagte der Jüng re der Männer, den ein heller Ueberwurf einhüllte, wir können ihn nicht ſehen, wir dürfen es nicht. Komm n Sie in den Wagen zurück! Wir fahren in die Stadt zu meiner Frau, die uns erwartet. liche feſte ſtürmiſcher Geführten hinausge⸗ de Männer lärte, volle eilen. Ihr ndem wel⸗ den Thoren et hatte nes Coupé, ete vffenbar er Männet, tönen ihn Sie in den u meiner zu me Und das Alles iſt mir verſchwiegen worden! Das durfte geſchehen ohne mein Wiſſen! Die Nächſten, die um mich lebten, konnten ſchweigen— rief die Auf⸗ geregte. Weil Sie, liebe Freundin, wurde ſie unterbrochen, die Früchte unſerer Bemühungen ernten und nicht zittern ſollten vor jeder Gefahr, die unſre Hoffnungen zu zerſtören drohte. Ihren Willen, das Haus nur einmal zu ſehen, wollen wir Ihnen thun. Lenken wir hier ein! Es war um die Mittagszeit und in der entblät⸗ terten Allee ziemlich einſam. Die Sonne, die ihren höchſten Stand nicht mehr erreichte, ſchien doch noch freundlich und entſandte milde, ſommerlich goldne Strahlen. Ein kleiner Seitenweg führte um den Gar⸗ ten herum, in deſſen Innern die Villa lag, die Con⸗ ſtanze ſchon einmal hatte beſuchen wollen. Sie war die von Freydank und Hartlaub begleitete junge Dame. Ihn nicht zu ſehen, wiederholte Conſtanze leiden⸗ ſchaftlich, ihm nicht helfen, nicht dienen können wie eine Magd! Juliane, warum darfſt Du, Du an der Stelle ſtehen, die nur mir gebührt! Weil Sie, ſagte der Major, dem Schmerze er⸗ 135 —— liegen würden, in ein Auge zu blicken, das Sie nicht erkennt! Weil jedes zu frühe Wiedereintreten in den Lebenskreis des Unglücklichen, der hier verweilt, den Zauber zerſtören könnte, den wir von dieſem Wieder⸗ ſehen hoffen dürfen! Wenn irgend eine Macht die Binde des Wahns von dieſen Augen löſen kann, ſo ſind Sie es! Aber der Augenblick muß günſtig ſein, die Gelegenheit vorbereitet, die Bemühungen Ihrer Freundin, die mit ausdauernder Hingebung ſchon zehn Tage ihn pflegt und hütet, müſſen den Weg zum Lichte ſchon gebahnt haben. Freydank wiederholte, indem ſie um den Garten herumſchritten und Conſtanze rathlos und nur mit ſtarren Augen das Gitter der ſchönen und weitläufti⸗ gen Beſitzung, die Ottilien von Emmen gehörte, die Büſche, die Bäume, das mit herabgelaſſenen Jalou⸗ ſieen verdunkelte Haus anblickte, ausführlicher die Mittheilungen, die er Conſtanzen ſchon im Frieden⸗ thal und unterwegs im Wagen gemacht hatte. Die erſten Nachrichten, ſprach er, die wir von Wolmar damals empfingen, als er plötzlich nach jener Provinz abreiſte, kamen uns durch die Zeitungen. Der wunderliche Menſch, der ſich aus den Armen des Glückes losriß, die ſich nach ihm ausſtreckten, weil er ie vicht in den ilt, den Wieder⸗ acht die unn, ſo tig ſein, hrer on zehn zeg zun Garten ur nit itläuft⸗ rte, die Jalol⸗ het die Frieden⸗ wir von h jenet en. Der en. V nen des weil er — 17— zu ſtolz war, dem Mädchen, das er liebte, gegenüber zu erröthen! Wolmar wurde oft unter den Aerzten genannt, denen die unglückliche Bevölkerung jener Ge⸗ birgsgegend nicht genug danken konnte. Allen Gefah⸗ ren war er voran, allen Schwierigkeiten ſetzte er einen Heroismus entgegen, der die Regierung auch zu einer öffentlichen Belobigung veranlaßte. Ich ſchrieb ihm, wie Sie denken können, nicht ohne Vorwürfe. Er antwortete umgehend, kurz, aber herzlich. Sein Beruf ſchien ihm jetzt üͤber Alles zu gehen. So verſtrichen Monde. Die Seuche iſt im Abnehmen, faſt ganz be⸗ ſiegt, Vorbaue gegen ihre Wiederkehr ſind getroffen, da kommt uns die Nachricht zu, Wolmar wäre er⸗ krankt, erkrankt an demſelben Uebel, das er ſo helden⸗ müthig bekämpft hatte. Freund Hartlaub kam grade von einer Reiſe nach dem Haag zurück und übernahm zu unſer Aller Dank(Ottilie und ich waren eben im Begriff, uns zu verheirathen) die Reiſe zu dem armen Freunde, dem wir uns zu widmen verpflichtet waren. Ich fand ihn, fuhr Hartlaub ſich ſelbſt das Wort nehmend, fort, in einem armſeligen Dorfe. Der Unglückliche lag ſo ſchwer darnieder, daß man nicht wagen konnte, ihn in die nächſte Stadt zu trans⸗ portiren. Die ärztlichen Vorſchriften aber wurden — aus der Stadt ertheilt. Ein armſeliges Wirthshaus, ein kleines Zimmer, Unbequemlichkeit überall war die Lage, in der ich Wolmar wieder fand. Er erkannte mich nicht. Der Typhus hatte ihn in ſeiner ganzen Wildheit erfaßt. Beſinnungslos lag Wolmar mit ge⸗ öffneten Augen in dumpfem Brüten, gefoltert von Vorſtellungen, die ſein Hirn beängſtigten. In lich⸗ teren Augenblicken ſprach er in abgeriſſenen, krampf⸗ haft hervorgeſtoßenen Worten Wünſche aus, die Nie⸗ mand erfüllen konnte. Meiſt glaubte er ſich auf dem Meere, gleichſam als wenn dennoch meine Gegenwart ein Leiter ſeiner Vorſtellungen war und dieſe ſich geltend machten ohne von ihm ſelbſt erſt gebildet zu werden. Wenn ich je nach Beweiſen hätte ſuchen mögen, daß ſich in der menſchlichen Seele gleichſam Vorräthe von Thatſachen und Vorſtellungen bilden, die ein ſelbſtſtändiges, nach eigner Geltendmachung ringendes Leben haben, unabhängig von dem ſie ans Tageslicht des Bewußtſeins hervorrufenden geiſtigkla⸗ ren Willen, ſo fand ich ihn hier. Und noch jetzt iſt Wolmars Zuſtand faſt derſelbe. D mein Gott, fahren Sie fort! unterbrach Con⸗ ſtanze. Sie zwang die Männer, ſich trotz der Jahres⸗ zeit auf eine Bank niederzulaſſen. Es war, obgleich thöhaus, war die erkunnte garzen mit ge⸗ tert von In lich⸗ krampf⸗ die Nie⸗ auf den genwart ieſe ſich hildet zu ſichen ſeichſam bilden, nachung ſie ans eiſigkl⸗ jetzt it ch Con⸗ Jahte⸗ obleich — 199— ſie wieder des Wagens anſichtig geworden waren, der ihrer harrte, Conſtanzen unmöglich, ſich ſchon von dem Orte zu trennen, wo ihr Freund ein ſo unglückliches Daſein ertragen ſollte. Die Krankheit wich von dem Armen, fuhr Hart⸗ laub fort. Die Kriſen traten regelmäßig ein, geſunder Schlaf, Appetit kehrten zurück und mit gebleichtem Haare, das zur Hälfte ſich gelichtet hatte, mit blaſſem Antlitz durfte Wolmar ſich zuletzt von ſeinem Lager erheben und kleine Ausgänge verſuchen. Ich beſorgte ſeine Ueberſiedelung in die Stadt, die ganz nach Wunſch erfolgte. Eine freundliche Gartenwohnung wurde gefunden, die jede Bequemlichkeit bot. Men⸗ ſchen, die ſchon in ſeine nächſte Bekanntſchaft und Freundſchaft vorher eingetreten waren, fanden ſich genug, um mein Gewiſſen zu erleichtern, als ich ihn jetzt ihrer Obhut überließ und eine Reiſe nach Wien antrat. Hat er Sie denn gar nicht wieder erkannt? fragte Conſtanze, die über den Heilverlauf des Typhus Erfahrungen zu haben ſchien. Zuweilen! ſagte der Major; wenn auch nicht mit allen Beziehungen, die ſich an mich knüpften. Die Vorſicht rieth natürlich an, ihn mit Erinnerungen an —— die Vergangenheit nicht zu beſtürmen. Ich reiſte ab mit dem wärmſten Danke, den er mir mit Klarheit ausſprach. Ich nahm ihm das Verſprechen ab, bald zu uns nach der Hauptſtadt zurückzukehren. Hier endlich vor wenig Wochen ſelbſt wieder angekommen, mußte ich von der Ferne her die Trauerbotſchaft ver⸗ nehmen, daß die Folgen des Typhus Wolmars Geiſt verdunkelt, die Klarheit ſeiner Vorſtellungen ſo ge⸗ trübt hätten, daß auf eine an Freydank hierher ge⸗ langte genauere Beſchreibung dieſes Zuſtandes dieſer einen Beauftragten abſandte, um Wolmar, wenn irgend möglich, hierher zu führen. Ich rechnete darauf, ergänzte Freydank, daß die Pflege und Obhut der Freunde mehr zu Stande brin⸗ gen würde, als der Dienſt gemietheter Wärter. Die Nachrichten, die man mir geſchrieben, beſtätigte der Augenſchein. Wolmar kam in einem bemitleidens⸗ werthen Zuſtande an. Er iſt weder in einem Wahne befangen noch in einem Zuſtande bedenklicher Aufre⸗ gung, nur die unternehmende Kraft des Geiſtes iſt gelähmt, der Wille muthlos, das Gedächtniß umflort. Meinem energiſchen Gruße ſtand er mit vollem Be⸗ wußtſein Rede. Ich glaubte vernünftig zu handeln, als ich ihn ſogleich mit hieher auf dieſe Villa nahm, reiſte ab t Klarheit . ab, hald ekommen, ars Geiſt en ſo ge⸗ ierher ge des dieſer r, wenn beſtätigte itleidens⸗ nWahne er Aufre⸗ eiſtes iſ unflort. llem Be⸗ handeln, n mhn, — — 201— wo Ottilie leider zufällig eine kleine Geſellſchaft ver⸗ ſammelt hatte. Er gab ſich dieſer gegenüber künſtlich eine gewiſſe Feſtigkeit, trotzte ſich eine Kraft ab, die er nicht beſaß; ich hielt dieſe Kraft für natürlich und glaubte, ein unbefangenes Einführen gleich unter Menſchen, von denen er den größeren Theil kannte, würde ſeinen Trübſinn am eheſten zerſtreuen. Alles begrüßte ihn voll Herzlichkeit, er erwiederte auch, Ottilien aber muſterte er ſchon befremdeter und als die Fragen zunahmen, die Eindrücke ſich zu bunt durch⸗ einander drängten, entſetzte uns Alle die plötzliche Ver⸗ kehrtheit ſeiner Antworten. Er ſchien ſein Verſehen ſelbſt zu bemerken, verwirrte ſich immer mehr, brach zuletzt in ein helles Lachen aus und als Alles entſetzt entfloh, hatt' ich ihn in meinen Armen weinend und mit dem ihm ſelbſt völlig klaren Ausrufe: Ich bin verloren. Selbſt weinend unterbrach Conſtanze: Sie hat⸗ ten unvorſichtig gehandelt. Auch die Aerzte ſagten's, fuhr Frehdank fort. Meine Methode war wieder einmal falſch. Einſame Pflege, ſtille Sammlung, Ruhe und allmälige Gewöh⸗ nung an ein Wiedererkennen der Menſchen und der Dinge war die Methode, die uns vorgeſchrieben wurde. Wolmar blieb auf dieſer Villa. Ich zwang ihn dazu. Es handelte ſich nun um ſeine Pflege. Wir dachten an Sie, Conſtanze. Doch dieſe Gefahr der Erregung ſchien zu groß. Inzwiſchen kam der Major und ent⸗ warf einen andern Heilungsplan. Ich hatte Sie im Friedenthal beſuchen wollen, ſagte der Major. Ich wollte Sie vorbereiten auf das unglückliche Schickſal Ihres Freundes. Ich traf Sie nicht. Ihre Freundin Juliane aber, die mich empfing, flößte mir Vertrauen ein. Ihre Menſchenkenntniß und Erfahrung, die Beſtimmtheit ihrer Antworten, die treffenden Anſichten, die ſie von ähnlichen Er⸗ ſcheinungen am Krankenlager ausſprach, ermuthigte mich, ſie zur Vertrauten meines Anliegens zu machen und ſie iſt es, liebe Conſtanze, die einen Weg der Hei⸗ lung einzuſchlagen gerathen hat, der nach näherer Kenntnißnahme der Umſtände von allen Aerzten ge⸗ billigt wird. Conſtanze ſprach leiſe: Welcher iſt das Wenn es neben dem innigſten Danke, neben der ſüße⸗ ſten Hoffnung noch möglich iſt, auf den, der hier das Gute vollenden wollte, einen leiſen Anflug der Eifer⸗ ſucht zu empfinden, ſo drückten Conſtanzens leuchtende und aufmerkſamgeſpannte Augen dies Gemiſch von n dazl. hten an rregung nd ent⸗ wollen, auf das ruf Sie mpfing, kenntniß tworten, hen Er⸗ muthigte machen — er Hei⸗ näheret zten ge⸗ a6 er ſiße⸗ hier du er Eiftr⸗ uchtende niſch von —— Gefühlen aus. Faſt tonlos wiederholte ſie: Welcher Weg iſt das? Hartlaub berichtete, daß Wolmars einziges Lei⸗ den die Schwäche ſeiner Erinnerung wäre. Seine Vergangenheit wäre ihm eine verſchüttete. Nur ein⸗ zelne Momente tauchten zuweilen in ihm auf und er⸗ füllten ihn ſo mit Wehmuth, daß er dem längern Ver⸗ weilen an den ſtillen Plätzen ſeines Gedächtniſſes nicht Stand hielte und raſch, um ſich nur zu ſammeln und aufzuraffen, an das Nächſte ginge, das ihn grade beſchäftigte, Lectüre, Studium, Zeichnungen, Ordnen von botaniſchen und mineralogiſchen Sammlungen, zu denen Hartlaub ſelbſt ſeine eigenen von Java mit⸗ gebrachten Schätze beigeſteuert hätte. Von Conſtanze wäre nie die Rede geweſen. Man hätte die ſchmerz⸗ lichſte Wunde nicht berühren mögen. Faſt hätte man annehmen müſſen, auch die Erinnerung an ſie wäre in ſeinem Geiſt verſchüttet. Wie würde aber da, hätte Juliane geſchloſſen, ſogleich der Anblick des Dia⸗ koniſſenkleides auf ihn wirken? Der Anblick einer Tracht, die ein Weſen trüge, das Conſtanze nicht wäre? Würde die Erinnerung da nicht müſſen ſuchen, ſtill für ſich Kraft zu gewinnen? Würde ſie ſich nicht anheften müſſen an das Kleine, um immer weiter und — weiter zum Großen zu gelangen? Und wenn dann zuletzt Einzelnes ihm vom alten Daſein entgegenträte, würden die Spuren ſich nicht erkräftigen und mehren und würde nicht zuletzt Conſtanze ſelbſt ihm erſcheinen dürfen als die Königin des wiedererrungenen Bewußt⸗ ſeins, als Mnemoſyne ſelbſt, die Göttin des Gedächt⸗ niſſes, die die Führerin der Muſen iſt? Sie, die ihm jetzt ſchon entgegentretend, allerdings ſeinen. Zuſtand nur beklagenswerther verwirren müßte? Darum, fiel Conſtanze freudig zuſtimmend ein, Guntrams Reiſe hierher? Guntram iſt es, der dem Theuren, Geliebten auf mich und alle verlornen Hoff⸗ nungen zurückhelfen ſoll? Die Antwort auf dieſe Vermuthung gab Gun⸗ tram ſelbſt. Alle drei waren aufgeſtanden und hatten den Garten umwandelnd eine Stelle erreicht, wo eine Thür konnte geöffnet werden. An dieſer harrte Gun⸗ tram, der des Wagens und bald auch der Freunde an⸗ ſichtig geworden war. Der kleine Mann mit weißem Haare um Haupt und Kinn, gerötheten Wangen, klu⸗ gen braunen Augen, behend trotz ſeines Alters, Ka⸗ maſchen an den Füßen und faſt Grau in Grau geklei⸗ det, grüßte voll Herzlichkeit, ſchloß auf und erwiederte die Umarmung Conſtanzens, die ihm an die Bruſt ſank, 205— wenn dann mit väterlicher Herzinnigkeit. Man forſchte nach gegenträte, 4. 3* Wolmars Befinden. Noch hab' ich ihn nicht geſehen, ſagte er, aber die Zeit wird nicht mehr fern ſein. Fragen Sie Er zeigte auf ein weibliches Weſen, das in den Gängen erſchien und ſchon in der Ferne 6 mit einer Handbewegung Schweigen bedeutete. i Es war Juliane. Nach den erſten Ausbrüchen 6 nZuſtnd des Schmerzes und des Dankes am Herzen der Freun⸗ din antwortete dieſe auf Conſtanzens drängende Fra⸗ P gen: Wie gern möcht' ich Euch Alle zu ihm führen! Doch läßt ſichs noch nicht wagen. Er iſt in ſeinem men Hoſe Zimmer, lieſt, arbeitet an einem gelehrten Werke, das er herausgeben will. Ich las, was er niederſchrieb. gb Gu⸗ Es iſt licht und klar. Nur der Gegenſtand betrübt hoen mich. Er ſchreibt über den Selbſtmord. Die Freunde erſchraken. Dennoch, fuhr Juliane fort, ſeh' ich darin keine Gefahr, wenn man dem Gedankengange, der ſich in ihm gebildet zu haben ſcheint, nur mit Aufmerkſamkeit folgt. Er kennt ſeinen Zuſtand und grübelt über ihn— Um Gotteswillen, warf Conſtanze ein, wenn ihn die Verzweiflung über ſich ſelbſt, Mitleid, Beſchämung über ſich ſelbſt zu einem Schritte verleitete— 1 Sei ohne Sorge, entgegnete Juliane, die ſchon t, wo eine rrte Gun⸗ reunde an⸗ it weißen angen kh⸗ rau gelli⸗ erwiedene Bnſt ſu, — ſeit einiger Zeit mit Conſtanze das ſchweſterliche Du tauſchte. Ich bin nicht allein hier. Freydank gab uns Diener genug. Wir hüten und beobachten ihn auf allen Wegen. Laß ihm dieſe innere Verſenkung! Er belauſcht ſich ſelbſt, er ſucht ſich ſelbſt und wenn er ſich gefunden hat, wird er nichts Andres mehr ſuchen; er wird Alles haben; es wird ihm dann ſein, als wenn nach einer Sonnenfinſterniß, die die Erde am hellen Tage wie in Mondlicht tauchte, die alte geliebte Mut⸗ ter des Univerſums wieder die Erde übergießt mit ihrem reinſten goldenen Lichte. Nach mancher Verabredung, mancher Verſtändi⸗ gung trennte man ſich. Conſtanze fuhr zunächſt zu Ot⸗ tilien, die Freunde und Guntram begleiteten ſie auch ſpäter noch nach dem Friedenthal zurück. Die Erwähnung des Selbſtmords veranlaßte den Major zu Freydank zu ſagen: Das ganze Leben geht doch wie im Zirkel! Immer wieder kommt das Ende in den Anfang zurück und was auch geſchieht, was auch neu zu kommen ſcheint, immer iſt es nur ein vergrößerter Schattenring von einem kleineren, der auch nur ein Schatten war. Vom Selbſtmord gingen alle dieſe Verwickelungen aus und wieder ſind ſie bei ihm angelangt. Behüte der Himmel, daß ſich erliche Du k gab uns nihn uf kung! Er wen er hr ſuchen; als wenn am hellen ebte Mut⸗ rieft mit Verſtändi⸗ chſt zu Ot⸗ n ſie auch veranlaßte ne Lben ommt das geſchieht ſſt es mr leineren, elbſtmord viedet ſind da ſih 2 6 kommen. Behüte der Himmel, daß ſich wiederholt, was ich ſchmerzlich genug ſchon einmal erlebte! Was fürchten Sie? fragte Freydank und ſchloß mit einem ſcharfbetonten Lobe Julianens. Der Ma⸗ jor erröthete. Der kluge Herzenskündiger im hellen Paletot hatte ſchon errathen, wie bewundernd und voll prüfenden Antheils das Herz des Majors ihm in die⸗ ſem Lobe zuſtimmte. M. Und Guntram war es, der ſchon am nächſten Tage dem Unglücklichen entgegentreten durfte. Frey⸗ dank bereitete das Wiederſehen vor. Er plauderte mit dem die Einſamkeit faſt zu ſehr liebgewinnenden Freunde, indem er neben ihm in dem dunklen Zimmer auf einem Fauteuil ſich ſtreckend ſeine Cigarre rauchte. Auf ſcherzende Art miſchte Freydank Gegenwärtiges in Vergangenes, ſprach von dem Doctor Specht, der unſer Epigonenzeitalter nun leider auch ſelbſt beweiſen müſſe, denn obgleich er vollkommen Zeit hätte, ein zweiter Leſſing zu werden, hätte er ſich doch auf dem Dache ſeines Hauſes ein Atelier für die Anfertigung von Daguerreotypen bauen laſſen, auf dem er von Morgens bis Abends in Hemdärmeln arbeite, um der Nachwelt die Phyſiognomieen ſeiner plötzlich nun doch ihm intereſſant gewordenen Zeitgenoſſen zu hinterlaſſen. Der Baurath Maiduft wende ſein Malertalent dazu an, die Photographieen des Schwagers zu retouchiren. 5 —— an rächſten urſte. Freh⸗ r plauderte gewinnenden klen Zimmer ane ruchte. egemwiriges Specht, det lbſt beweiſen t hitte, ein och auf den Anferigung dem er von beit, um der ſch mn dec tintelſin rtalent dahl nteuchtn Wolmar folgte allen dieſen Plaudereien, folgte den Seden an die Univerſitätszeit, die Freydank mit Laune ſchilderte, eine Zeit, wo man ſich über die Frage, ob Schiller oder Goethe mehr Jenaer Bier ge⸗ trunken hätten, noch duelliren konnte. Was trat da nicht alles lebensvoll ung' friſch vor die umdüſterte Seele des armen Leidenden, der lächelnd zuhorchte und auch mancher Thatſache zunickte, die ihm wieder⸗ kehrte, wenn auch noch ohne den vollſtändigen Zuſam⸗ menhang! Da wurde ihm ein Bekannter vom Rheine gemeldet, der ihn zu ſprechen wünſche; Guntram, hieß es. Freydank bepbachtete die Wirkung. Faſt zu me⸗ chaniſch gab Wolmar die Zuſage, faſt zu fremd war ſeine Wiederholüng des Namens. Guntram trat ein. Das matte Licht erſchwerte ihm die Orientirung. In einem ſonſt behaglichen kleinen Salon lagen Bücher und Schreibmaterialien wirr durcheinander und Wol⸗ mar ſelbſt bot einen Anblick, der erſchüttern mußte. Wie hatte ein Leiden des Körpers und der Seele den jungen blühenden Mann umgewandelt! Spärlich hingen an ſeinem Haupte die einſt ſo vollen Locken, die Wange war gehöhlt, das Auge tief; weiß und mager waren die Hände und die Stimme war eine faſt flüſternde vor Schwäche und Unbeſtimmtheit. Gutzkow, Diakoniſſin. 1 4 — 210— Freydank wußte nicht, ob er ein Geſpräch begünſtigen ſollte, das unter keinen guten Vorzeichen zu beginnen ſchien. Die Art, wie Wolmar den Angemeldeten auf⸗ nahm, ſchien eine völlig befremdete. Guntram brachte das Anliegen ſeiner Gegend, ob nicht Wolmar in ſie zurückkehren und dort ſich wieder anſäſſig machen wollte: der Dr. Iſegrimm wäre geſtorben. Auch die⸗ ſer Name ſchien wirkungslos an dem Leidenden vor⸗ überzugehen und Freydank zog vor, Guntram auf ein Andresmal zu verweiſen und für Wolmar zu antwor⸗ ten. Da erhob ſich endlich Wolmar, trat voll Bewe⸗ gung, eine Thräne im Auge, auf Guntram zu und ſprach die Worte: Laß doch, Freydank! Ich und Herr Guntram, wir kennen uns Beide— ſehr wohl! Der Ton dieſer Worte kam aus tiefſtem Herzen. Da Gun⸗ tram ſich nicht halten konnte, die dargereichte Hand des Leidenden ergriff, wagte Frehdank beide allein zu laſſen. Er empfahl ſich; Guntram kam erſt nach einer Stunde zurück, kam voll Freude, voll Jubel und Julianen, die draußen harrte, jede Hoffnung beſtäti⸗ gend. Was er mit Wolmar an Erinnerungen ausge⸗ tauſcht hatte, konnte er nicht einmal Alles wiederholen. Hatte ihn doch Wolmar ſelbſt erinnert an jenen ver⸗ hängnißvollen Augenblick, wo Guntram einſt ihn ab⸗ tigen nnen auf⸗ achte ſie ſchen fein wor⸗ ewe⸗ und Herr in zu nach und 2 ſtäti⸗ nöge⸗ olen. ber⸗ a⸗ gerufen in einem Momente, der über ſein Leben ent⸗ ſcheiden ſollte. Sie verſprachen mir einſt, hatte er zu Guntram geſagt, daß Sie mich über Ihre damalige Grauſamkeit aufklären würden.„Daß Sie mir danken würden! ſagte ich;“ hatte Guntram entgegnet und die Freude hatte ihn fortgeriſſen ein Geſtändniß zu machen über Dinge, die er zu verſchweigen dem Andenken ſei⸗ nes Freundes Artner faſt verpflichtet war. Guntram hatte geſagt: Doctor, ich wollte, daß Artner ein ehrlicher Mann blieb! Artner beſaß ein zurückgelegtes Capital, das hier in der Reſidenz beim Notar von Emmen ſtand, ein Capital, das der Sicher⸗ heit wegen auf meinen Namen hier eingeſchrieben ſtand. Dieſe Summe ſollte Conſtanzen verbleiben, als ein ſichres Heirathsgut ſelbſt im Zuſammenbruch der kaufmänniſchen Ehre ihres Vaters. Artner ahnte die hereinbrechende Kataſtrophe. Während eines Gaſt⸗ mahls, dem Sie damals in Anweſenheit Wisthalers beiwohnten, empfing er die untrüglichen Anzeigen ſeines bald entſchiedenen Schickſals. Zitternd, in fiebernder Aufregung, ſuchte er ſich zu beherrſchen und nur Eines noch kümmerte ihn, Ihr Geſtändniß zu beſchleunigen und das Glück ſeines Kindes zu ſichern. Das Capital, das er auf meinen Namen beſaß, 14* konnte ſeinen Bankerott noch mit Ehren ausſprechen laſſen. Das wollte er Ihnen und ſeiner Tochter ſichern. Darum, Doctor, meine Unterbrechung eines Ihnen ſchon auf der Lippe ſchwebenden Geſtändniſſes. Vor einem Verbrechen wollt' ich Artnern bewahren, vor einem Verbrechen, das er an ſeiner kaufmänniſchen Ehre beging. Conſtanze erfuhr die geheime Veran⸗ ſtaltung des Vaters, ihr ein Heirathsgut auf den Fall Ihrer Werbung zu ſichern. Sie ſchlug ſeine gütige Fürſorge mit herviſcher Kraft aus und unvergeßlich werden mir ihre Worte bleiben, die ſie damals ſprach: Wenn ich dem Manne, der mich liebt, ſeiner Liebe nicht würdig ſcheine auch ohne den vergänglichen Glanz des Beſitzes, dann ſoll meine Welt ein ſtiller Winkel der Erde ſein, wo ich nur weiß, daß mein Vater geehrt und glücklich iſt. Die Arme! Sie kannte die Lebensſtellung eines jungen Arztes nicht. Wie mächtig dieſe Aufklärung und Erinnerung Wolmarn ergriffen hatte, ſah Guntram nicht ſogleich im Augenblick. Wohl ſtand ein tiefes Denken auf Wolmars Stirne— das grauſame Neck- und Ver⸗ ſteckſpiel des Schickſals ſeines Herzens trat ihm in voller Weſenheit wieder entgegen— wohl ergriff er Guntrams Hand und erwiederte der wiederholten chter eines ſchen ran Fall ütige lich rach: Liebe ichen tiller mein annte erung gleich uf Ver⸗ m in if er holten Aufforderung, an den Rhein zu ziehen, die bebenden Worte: Ich bin krank, krank, Guntram!... Aber die Freunde mußten die glücklichſten Hoffnungen ſchöpfen, als Wolmar wenige Minuten nach Gun⸗ trams Fortgang klingelte, voll Unruhe auszugehen wünſchte, Julianen alle Entgegnungen abſchnitt und nur nach Luft, Licht und Leben rief. Man mußte ihn gewähren laſſen. Ein Diener folgte in einiger Ent⸗ fernung. Wolmar durchrannte faſt die Umgebungen der Stadt und kehrte geſtärkt am Geiſte, wenn auch ſchwerermüdet am Körper in ſeine Wohnung zurück, ſter Beſinnung in ihrer Lage die er wie mit glüc ganz von ſelbſt auffand. Tauſendmal ſchwebte es ihm nun im Verlauf des Tages auf den Lippen, nach Conſtanzen zu fragen. Er hatte den Muth nicht, wie er ihn während ſeiner ganzen Krankheit nicht hatte. Denn grade vor ihr floh ja ſein Geiſt; an ſie wollte ja ſchon der Geſunde die Erinnerung begraben und dem Kranken ſtand doch dieſe Erinnerung allein noch nahe! Sie, ſie war es, die das Bewußtſein alles Andern verdrängte. Erſt als das Andre wich, glaubte Wolmar auch an ſie nicht mehr. Jetzt wenigſtens wußte er ſchon aufs Deutlichſte wieder, daß ſie im Friedenthal wirkte mit Julianen. Dennoch — 214— konnte er ſich noch nicht überwinden, nach ihr zu fra⸗ gen.. nach ihr, die ihm wie eine verlorne Melodie der Jugend war, wie ein Lied der Mutter, deſſen ein⸗ zelne Strophen ſich immer deutlicher und deutlicher in uns an einander reihen, wenn wir den Schauplatz un⸗ ſerer Kindheit wiederſehen. Was aus den Nebeln ſei⸗ nes Gedächtniſſes heraustrat, war licht und wie Farben, die in der Sonne ſpielen. Die unendliche Ahnung, die unſer Aller Herz erfüllt, von einem verlorenen Para⸗ dieſe, von einem jenſeitigen Daſein, das wir vielleicht ſchon auf einem andern Planeten durchlebten— ihm war ſie kein Mährchen, keine plötzliche Offenbarung, wie ſie uns nur kommt, wenn wir mitten in der Nacht manchmal glauben, den geheimnißvollen Pendel der Zeitenuhr hin⸗ und hergehend zu vernehmen; ihm war dieſe vom Jenſeits rückkehrende Welt Wirklichkeit, Wahrheit, ſeinen verlangenden Händen Stand hal⸗ tende Wahrheit— ach, eine Vergangenheit, die in der ganzen Größe ja auch des Schmerzes, der ſie abſchloß, vor ſeinem geiſtigen Auge ſchon oft wieder geſtanden hatte. Und ſo ſitzt er denn eines Tages in der Morgen⸗ ſtunde an ſeinem Arbeitstiſch. Er hatte trotz innerer Aufregung eine erquickende Nacht gehabt. Sein Zimmer fn⸗ hatte er ſich heller gemacht, als ſonſt, die Unordnung, lodi die ſonſt darin herrſchen mußte, wenn man ihn nicht ein⸗ erzürnen wollte, hatte er ſelbſt beſeitigt: ein lichterer er in Geiſt ſchien über ihn gekommen. un⸗ Wolmar ſitzt, will ſchreiben und lieſt, lieſt, was ſei⸗ geſchrieben ſchon vor ihm liegt. Es ſind ſeine früheren ben, Ausarbeitungen über das Thema, das ihn beſchäftigte, den Selbſtmord. Er ſchüttelt den Kopf über den Satz: „die gra⸗„Die Juriſten verurtheilen den Selbſtmord nicht. eicht Die alten Römer ſtraften ihn nur, weil er vor der in Schlacht Feigheit verbergen konnte.“—„Feigheit?“ ung, ſpricht er vor ſich hin und gedenkt einer Vorſtellung, der die er früher hegte.„Iſt, ſagt er faſt laut, iſt es ne Muth, wirklicher Muth, mit dem Bewußtſein leben ihm zu können, daß man wahnſinnig iſt?“ Er blättert hleit, weiter. Alle dieſe Ausführungen kommen ihm jetzt ſo hu fremdartig vor. Er blickt voll Wehmuth. der Da geht die Thüre auf. Er ſieht nicht um ſich. lo, Er weiß ſchon, es iſt Juliane, ſeine treue Pflegerin. ndn Er kennt ja das Kleid, das ſie trägt. Er hat mit ihr ſchon ſo oft geſprochen von Schweſter Eliſabeth, die n auch er am Rhein gent hatte. Er gu⸗ un ten Morgen, der ihm leiſe geboten wird, und erfreut die Hörerin mit der Bemerkung, daß ſie ihm zu viel der Sorge widme, ſie wäre bei ſchwereren Kranken wich⸗ tiger, er fühle ſich beſſer, er hoffe mit der gewöhnlichen Umgebung, die ihm Freydank zu Gebote ſtelle, auszu⸗ kommen. Keine Antwort erfolgt. Er lieſt weiter. Er hört das Aufräumen um ihn her. Oeffnen Sie doch das Fenſter! ſpricht er. Die Luft iſt ſo erfriſchend. Octoberluft? war die leiſe Antwort. Sie dürfte Ihnen nicht wohlthun. Er ſchweigt und lieſt weiter. „Selbſtmord“ lautet ſein Geſchriebenes,„iſt Wahnſinn. Und was iſt Wahnſinn? Das ewige Drängen der Natur, conſequent zu bleiben. Selbſt die kranke Natur ſucht conſequent zu ſein; daher die Methode in ihrem Irren. Ein Geiſteskranker ward es oft erſt dadurch, daß er das halbe Bewußtſein, das ihm eine phyſiſche Krankheit zurückließ, zu ſchnell ſchon wieder mit dem Leben, das er noch nicht ertra⸗ gen, mit der Luft, die er noch nicht athmen konnte, mit den Zerſtreuungen der Bewegung, die er noch nicht zu unterſcheiden verſtand, vermitteln wollte. Sein Wahn iſt die Conſequenz ſeiner Vorſtellungen, die er mit Aengſtlichkeit und ohne Ueberlegung ſuchte.⸗ — Wolmar hält inne und überſieht, wie viel davon auf ihn ſelbſt paßt. Er will ſich zerſtreuen, ſteht auf, geht ans Fenſter, ſetzt ſich ans Piano und ſucht eine Melodie. Kennen Sie nicht die Melodie, Fräulein,„Mein Herz iſt am Rheine, am heimiſchen Strand“? fragt er. Er ſieht ſich nicht um. Er hört eine Stimme, die mit zitterndem Anſchlag den Anfang des Liedes intonirt. Die Stimme iſt ſo lieblich, ſo zum Herzen ſprechend. tert hört ſie mitten im Geſange auf. Wolmar ſchlägt die Taſten an und ſpielt die nach. iſt Ihnen? ſagt er, als die Sängerin ab⸗ 3 ſich umzuſehen. Sind Sie nicht wohl? Ich bin wohl— iſt die Erwiederung, die ihn befremden mußte; denn von Thränen ſchien das Wort erſtickt zu ſein. Wolmar blickt auf. Er ſieht die Geſtalt ſeiner Pflegerin abgewandt. Es iſt die Diakoniſſentracht, die ſie trägt— Indem fällt ihm auf, daß die Geſtalt ſeiner Pflegerin heute ſchlanker und größer ſcheint— Iſt das Schweſter Juliane? ſagt er ſich und ſpringt vom Piano auf. Die Pflegerin will gehen. Sie hat die Thür in der Hand. Eine Bewegung, die ſie zu machen hatte, zeigt jetzt ihr Antlitz. Wolmar ſtößt einen Ruf des Schreckens, der Freude aus. Es iſt ja Con⸗ ſtanze, die er ſieht, Conſtanze, und Sehen und Erkennen und Staunen und Bekennen ſeiner Liebe— was kann die in Eins ſtrömenden Empfindungen von einander trennen? Er ſtürzt auf ſie zu, er ergreift ihre Hand, er be⸗ deckt ſie mit ſeinen Küſſen, er ſpricht Betheuerungen der Liebe, die Jahrelang auf ſeinen Lippen geſchwebt hatten; er weiß im Augenblicke wahrlich nicht, was ihn einſt konnte gehindert haben, ſie auszuſprechen, er ſagt nur, was er fühlt, er ſagt nur, was er ſagen muß, und weinend vor Glück und Seligkeit liegt Wol⸗ mar faſt vor Conſtanzen auf den Knieen und Con⸗ ſtanze ſchon längſt an ſeinem Herzen. Die Freunde waren in der Nähe. Sie hatten mit pochendem Herzen den Folgen dieſes Wiederſehens ge⸗ lauſcht. Freydanks ſcherzender Einwurf: Vergiſſeſt Du, daß Conſtanze ein Vermögen hat? Hartlaubs Anzeige, daß die Regierung dem jungen Arzte, der ſich ſo heldenmüthig bewährte, ein Phyſikat am Rheine an⸗ trage, Ottiliens innigſte Glückwünſche, alles verlor ſich im Antheil am Glück der Liebenden und Worte, regel⸗ achen mäßige Verſtändigungen kamen erſt bei der Spannung Ruf der Frage, die Guntram an Conſtanzen richtete, ob ſie Con⸗ denn wirklich da ihr ſelbſtangehörend das Kleid der und Demuth in dem Augenblick angelegt hätte, wo ſie jetzt — nur die Farben des Stolzes, die rauſchenden Gewän⸗ von der des Glückes tragen ſollte? Conſtanze erwiederte: Wir haben im Frieden⸗ er be⸗ thal eine Hochzeit. Die Gräfin Ampfing ſtand im ungen weißen Kleide und dem Myrtenkranz in der Kirche des hwebt Krankenhauſes und empfing die Weihe des kirchlichen was Segens. Warum ſollt' ich da nicht ſagen: echen, O laßt mich ſcheinen, bis ich werde, Zieht mir das dunkle Kleid nicht aus— agen ich will es tragen bis ich ſeinen Zauber erprobt habe. Con⸗ Gewinn' ich den geliebten Freund zurück, ſo gönnt mir, dem Beiſpiele meiner Oberin zu folgen! Was nnit können wir dafür, daß wir in dieſem Berufe noch die g⸗ Fäden hinübernehmen dürfen, die uns ans Leben giſet binden? Ziehen die ſo mächtig zurück, wie das uls Wiederſehen eines Mannes, den wir lieben, wer kann ſi widerſtehen? Ich wollte Diakoniſſin werden, aber ni ich bleibe dann nur unter Euch, wenn ich die Reli⸗ nſi gion habe, daß ich unglücklich bin und bei den Leiden⸗ nx⸗ den die Kraft meiner Erhebung ſuche. Conſtanze war glücklich, war dem Freunde ver⸗ bunden, der alle Bedenken ſeiner früheren Werbung dem ſeligſten Augenblicke opfern mußte; ob arm, ob reich, das hatte er zu bedenken vergeſſen; nur Con⸗ ſtanzens Ange war im Augenblick ſeine Welt; zu. ihm blickte er auf, als er ſie an ſein Herz zog. Von ihm ſtrömte ihm auch Troſt und Geneſung zu; ſein Strahl wollte für ihn wachen, wollte ihm leuch⸗ ten, bis er ſelbſt die volle Kraft ſeiner Jugend wieder⸗ gewann. Er gewann ſie. Conſtanze verweilte nur noch einige Wochen in dem ihr unheimlich gewordenen Friedenthal, dem ſie aus tiefſter Seele einen andern Geiſt, den Geiſt der reinen Menſchenliebe und Huma⸗ nität, wünſchen mußte, bis Wolmars Angelegen⸗ heiten, ſeine Anſtellung, ſeine Ueberſiedelung in die zweite Heimath am Rheine geordnet war. Auch ihr war es, als wenn ſie genas von einer ſchweren Krankheit. Freydank hatte nur halb Recht, ſie die Krankheit der Schwärmerei zu nennen. Sie war mehr als nur einem Wahne der Zeit gefolgt und dem Frie denthal dankte ſie gern, daß ſie Julianen und mit ihr Wolmarn wiederfand. Sie ſchlug eben wie immer ihr Herz nicht an, das ſie dorthin geführt hatte, und *₰ e ver⸗ vbung m, ob Con⸗ t. zu g zu; leuch⸗ ndern uma legen⸗ in die ch ihr weren beſiegt und verſöhnt, ſchrieb Freydank ihr zum Ab⸗ ſchied in ihr Album: Dem reinen Sinne Wird ſelbſt ein Wahn noch zum Gewinne. Und gibt es ein ſchöneres Loos, als von einem glück⸗ lichen Leben zu ſagen: Du haſt es Dir ſelbſt errun⸗ gen! Hoffnung, Furcht, Entſagung, neue Freude, neue Täuſchung, alle Abwechslungen unſeres Erdenlooſes hatten zwei edle Herzen bald in lichte Höhen geführt, bald in dunkle Abgründe geſtürzt. Und nun hielt Eine Hand feſt die Andere, Ein Herz ſchlug hörbar dicht dem Andern, Eine Welt wurde das feſte Geäſt und das grüne Laub Eines und desſelben Stammes von Willenskraft und Ueberzeugung. Wie lieblich ein ſol⸗ cher junger Ehebund, wo zwei ſchon geprüfte Herzen ſich vereinigen! Jeder giebt, jeder nimmt. Der Mann ſenkt das gewaltige Schwert ſeiner Kraft zur Erde vor der wie in Märchen ihm entgegengehaltenen Zauber⸗ blume weiblicher Huld, deren Duft ihn oft berauſcht bis zum kindlich gebundenen Gewährenlaſſen und zur Unterwerfung unter die mildere Einſicht. Die Gattin aber wird umweht von den Winden, die durch die Welt des Mannes brauſen, wird zur Seherin in flatterndem Gewande, ja legt ſich den Harniſch männlicher Entſchließungen an und ſteht der Lüge des Lebens gegenüber, wie die gewappnete Tochter des Zeus. So ſich ergänzend, ſo Einer durch die Umarm⸗ ung des Andern rieſig emporwachſend ſtanden Wol⸗ mar und Conſtanze inmitten vieler Liebe und Vereh⸗ rung, die doch ſelbſt in einer auf das innere Leben der mit uns Athmenden ſo wenig achtenden Welt, wie die unſerige jetzt iſt, ſolchen Menſchen nicht fehlen können. Aber auch Juliane verließ das immer mehr und mehr dem modiſchen Religionston verfallende, an ſich ſo ehrenwerthe Friedenthal. Die Reiſe zu ihrem Glück ging weiter als nur bis zum Rheine. Sie ging über Länder und Meere bis zu jener Zauberinſel, wo einſt eine ſtille Tropennacht den erſten Anfang der hier ge⸗ ſchilderten Verwickelungen barg. Julianens muthiger, geprüfter, tiefverſtändiger Sinn wird Hartlaubs lan⸗ ges Harren auf das Glück der Ehe lohnen, und kehrt ſie einſt aus dem Land eines ewigen Frühlings, wo ihr tapfrer Gatte ſie in Liebe hütet, wieder zurück(ſie wollte nicht dem Beiſpiele der Schweſter ihres Gatten folgen, ſondern ſelbſt die wenigen Jahre noch mit aus⸗ harren, die zu ſeiner vollendeten Dienſtzeit fehlten), ſo wird ſie allein das Glück der Freunde vollenden, denn r des dieſe genießen keine Freude, geſtehen ſich nie das Ver⸗ arn⸗ dienſt zu, eine genießen zu dürfen, ohne nicht auch Wol⸗ dankerfüllt und voll Sehnſucht zu gedenken ihrer ete Lieben im Lande der Palmen. wie ehlen rund nſich Glück über einſt r ge⸗ iger, lan⸗ rt ſie Druck von C. Krebs⸗Schmitt in Frankfurt a. M. Oſour& SGrey Control Ghart Red Magenta Cyan Green Nellow * * * —