Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Oltmann in Gießen, ₰½/ Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und eſebedingungen. 1 Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt 2 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und deſecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene over defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Die Blume von Sumatra. Roman von Lucian Herbert. Zweiter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1873. Jünftes Buch. Im ſchleſiſchen Grenzſtädtchen. Es iſt nunmehr Zeit, daß der Autor dem geneigten Leſer einen Einblick gewähre in die Geheimniſſe, welche die Familie Eperies zerklüfteten und bald einen verhäng⸗ nißvollen Einfluß aufjene zarten Beziehungen geübt hätten, die ſich vor Jahren zwiſchen Iſtvan Eperies und der Schweſter des Aſſeſſors Linke angebahnt hatten und ſpäter trotz alledem einen guten Abſchluß fanden. Die Bilder, welche der Autor jetzt vor dem Leſer aufrollen will, um ihn in die Lebens⸗ und Herzensver⸗ hältniſſe des dreiblätterigen Familienkleeblattes einzu⸗ weihen, das ſich in Genf in der Penſion Beau⸗Rivage feſtgeſetzt hat und aus Iſtvan Eperies, deſſen Ge⸗ mahlin und Schwager, dem Aſſeſſor Emmerich Linke be⸗ ſteht, deſſen angegriffene Geſundheit eben Urſache war, zucian Herbert, die Blume von Sumatra 11. 1 2 daß ſich die drei in Genf für einige Zeit ſeßhaft ge⸗ macht, führen auf das ereignißreiche Jahr 1866 zurück, das gleichſam den Prolog zu dem noch wichtigeren Jahre 1870 bildet, in unſere eigentliche Geſchichte ſpielt. Zuerſt muß der Leſer dem Verfaſſer dieſer in ihren Hauptzügen wahrhaften Geſchichte in das Grenz⸗ ſtädchen R. in Preußiſch⸗Schleſien folgen. In einem nur mit dem einfachſten Hausrathe aus⸗ geſtatteten Zimmer eines Gaſthofs befinden ſich an einem Auguſttage des Jahres 1866 zwei Männer in lebhaftem Geſpräche. Der eine von ihnen, der in einem Lehnſtuhle Platz genommen hat, iſt ein Mann von achtundvierzig bis fünfzig Jahren, obwohl man geneigt wäre, ihn für älter zu halten, weil er ſehr verwittert ausſieht. Ein kahler Scheitel, eingeſunkene, bläulich umrän⸗ derte Augen, die nichts weniger als gutmüthig blicken, Backenknochen, die ſich von den eingefallenen Wangen ſcharf und kantig hervorheben und mit einer gelblichen, runzligen Haut bedeckt ſind, bilden ein wenig einneh⸗ mendes Enſemble. Viel ſympathiſcher ſieht der Jüngere aus, der zwei⸗ bis dreiundzwanzig Jahre alt ſein mag, obwohl ſein Geſicht im Ganzen doch nur die Züge des Aeltern — — 3 wiederſpiegelt, ſodaß man auf den erſten Blick erkennt, die beiden ſeien Vater und Sohn. Aber während die Miene des Vaters Verſchmitzt⸗ heit und Verſchlagenheit zur Schau trägt, prägt ſich in den Geſichtszügen des Sohnes eine gewinnende Of⸗ fenheit aus. Ein ſchwarzer Vollbart umrahmt ein feingeſchnit⸗ tenes, blaſſes Antlitz, auf welches der Kummer unver⸗ kennbar ſein Siegel gedrückt hat, wie denn überhaupt das ganze Ausſehen des jungen Mannes von Entbeh⸗ rungen und Strapazen erzählt, die er in der letzten Zeit ertragen haben mochte und die ihre Spuren ſelbſt den abenteuerlich genug ausſehenden Kleidungsſtücken aufgedrückt zu haben ſcheinen, die er auf dem Leibe trägt. Ein Schnürrock von abgeblaßtem karmoiſinrothem Stoff, eine enganliegende grüne Hoſe, die ſich in hohe, bis zum Knie reichende Stiefel verliert, ein Attila, von dem der Regen, der ſich auf ihm vielfach mit dem Staube vermiſcht haben mochte, alle Farbe weggewaſchen zu haben ſcheint, bilden ſein Coſtüm. Den Kalpak ſcheint er eben vom Kopfe gethan und den Säbel abgeſchnallt zu haben, denn beide Stücke lagen auf dem Tiſche, auf welchen der Aelter jetzt ſeinen Arm ſtützt, da der altväteriſche Fauteuil, in welchem er ſitzt, dicht neben dieſem Tiſche ſteht, an 1* 4 4 welchen ſich auch der Jüngere mit ſeiner hohen, ſchlanken Geſtalt lehnt, deren Formen ſich noch weit ebenmäßiger präſentiren würden, wenn ihnen nicht Magerkeit ein etwas ſchlotteriges Ausſehen verliehe. Aber ſelbſt in dieſer Verwahrloſung erſcheint der junge Mann wie ein Adonis neben der ausgemergelten Figur des Andern, der einen bürgerlichen Anzug trägt, wie er in Ungarn Mode iſt. „Dieſen faulen Frieden war uns der Teufel ſchuldig“, unterbricht der Aeltere plötzlich die Stille, die eine geraume Weile in dem Gemache geherrſcht hatte, indem er die Hand, die bis dahin auf dem Tiſche gelehnt, zur Fauſt ballt und mit dieſer auf den Tiſch auſſchlägt, daß derſelbe auf einen Augen⸗ blick ins Schwanken geräth. Der Jüngere begnügt ſich, mit den Achſeln zu zucken und zu bemerken: „Mir kommt dieſer Frieden ebenſo ungelegen wie Dir! Aber was läßt ſich thun? Wir waren wieder einmal der Mohr und können gehen, nachdem wir unſere Schübigkeit gethan haben!“ „Ich bewundere Deine gute Laune, die Dir er⸗ laubt, in dieſer gottverfluchten Stunde einen deutſchen Dichter zu citiren!“ murmelte der Alte, die Flanken ſeines grauen Schnurrbartes ſtreichend und das Geſicht — — —— 5 zu einer unheimlichen Grimaſſe verziehend.„Der Teufel hole die verdammten Schwaben, die uns wie⸗ der einmal ſitzen gelaſſen haben, nachdem ſie uns Gott weiß was vorgegaukelt!“ „Haben es denn die Franzoſen im Jahre 1859 beſſer gemacht?“ warf der Jüngere in bitterem Tone ein.„Napoleon und Bismarck ſind ganz gleich mit uns verfahren. Wir waren beider Spielzeug; als ſie uns brauchen zu können glaubten, zogen ſie uns aus dem Schmollwinkel, in welchem die unzufriedenen Völker ſtehen, hervor, blieſen uns an und gönnten uns ſo viel Athem, als wir zu der Action brauchten, die ihnen eben paßte. Sobald es ihnen aber paßte, Frieden zu machen, fegten ſie uns mit unſern An⸗ ſprüchen hinweg, als ob wir nie dageweſen wären, und ließen uns die traurige Rolle ausgequetſchter Citronen ſpielen. Wenn man ſieht, wie auf keinen ein Verlaß iſt, weder auf den Franzoſen, noch auf den Preußen, dann möchte man beinahe hingehen und mit denen in Wien Frieden machen um jeden Preis. Wer weiß, ob man dabei ſchlechter wegkäme als bei dieſem Pochen auf fremde Allianzen!“ „Du haſt leicht reden!“ ſagte der Alter finſter. „Du kannſt gehen, wohin Du willſt, nach Berlin oder nach Peſt, denn die Friedensclauſel ſichert Dir die Amneſtie.“ 6 „Das hätte noch gefehlt, daß uns der Preuße im Frieden ganz fallen gelaſſen hätte!“ grollte der Jüngere. „Aber ich— ich kann nicht zurückkehren!“ ſagte der Alter düſter.„Ich habe meine ganze Hoffnung auf den Krieg geſetzt und der Friede iſt mein Ruin!“ Der junge Mann ſah den Alten mit einem fra⸗ genden Blicke an und rief: „Was ſollte Dich hindern, in Deine frühern Verhältniſſe zurückzutreten, wenn Dich die Gewohnheit an die Heimat bindet und Dein Vortheil Dich an⸗ weiſt, die alten Bahnen weiter zu gehen! Die Amneſtie kommt ja Dir wie mir, wie allen Compromittirten zu ſtatten, und Du haſt Dich nicht einmal com⸗ promittirt, da Dich ja der ſo unerwartet abgeſchloſſene Frieden daran verhindert, die Rolle zu ſpielen, die Du hätteſt übernehnten ſollen, wenn wir weiter in Un⸗ garn vorgedrungen wären.“ „Dieſe Rolle war mein letzter Anker, an den ich mich wie ein Ertrinkender klammerte!“ ſagte der Andere, düſter vor ſich hinſtarrend.„Nun mir der Anker entſchlüpft iſt, gibt es keine Hülfe für mich und ich muß ertrinken!“ Wieder ſah der Sohn den Vater, der ſo ver⸗ zweifelt in die Zukunft ſah, unruhig an. —,—.— —,— 3 „Wenn Klapka ſeinen Vormarſch ungehindert hätte bewerkſtelligen können“, fuhr der Alte zögernd fort,„wenn ich unter dem Schutze der Inva⸗ ſion die politiſche Organiſirung der von der ungariſchen Legion beſetzten Diſtricte hätte in die Hand nehmen können, wie es verabredet war, ſo wäre ich auch über die Fatalitäten einer peinlichen Situation, in die ich. mich nach und nach verſtrickt hatte, hinweggekommen, oder ich hätte im ſchlimmſten Falle doch wenigſtens Zeit gewonnnen, während die Kriſe jetzt eine acute iſt.“ „Ich verſtehe Dich nicht!“ warf der Sohn ein. „Du weißt, daß ich in den letzten Jahren die Geſchäfte des Fürſten Glinkei beſorgte, ſeine Güter verwaltete, ſeine Fabriken leitete!“ Der Sohn nickte mit dem Kopfe und in ſeinen Zügen prägte ſich ſchon die peinliche Ahnung aus, die in ihm aufzuſteigen begann. „Da ſind nun einige Unregelmäßigkeiten vorge kommen, die ich nicht zu vertreten im Stande bin!“ ſchloß der Vater die Selbſtanklage.„Glinkei muß von der Sache durch Zwiſchenträger, die mir nicht wohlgeſinnt ſind, Wind bekommen haben und ſprach die Abſicht aus, ſein Vermögen in Zukunft ſelbſt verwalten zu wollen. Das war fut vor dem Kriege. Du wirſt nun begreifen, daß in dieſem Kriege 8 mein einziges Heil lag und der Frieden und die Rück⸗ kehr zu normalen Verhältniſſen, die er im Gefolge 1 hat, Alles an den Tag bringen muß, ſo fein ich es auch geſponnen. Meine Combinationen waren auf die allgemeine Verwirrung gegründet, welche die Invaſion mit ſich führen mußte. Nichts war leichter, als daß in Kriegszeiten Papiere, Rechnungen, Gelder verſchwanden, zumal wenn ich als politiſcher Commiſſar die Leitung der Comitatsverwaltung in die Hände bekam und beliebig disponiren konnte. Ich hätte dann für dieſes und jenes Summen in Anrechnung bringen können, für die ich jetzt ohne Enade und Barmher⸗ zigkeit aufkommen müßte, wenn ich mich nicht eben rechtzeitig aus dem Staube gemacht und mich der Legion angeſchloſſen hätte, als ſie ſich auf Grund des verteufelten Friedensſchluſſes ans Ungarn zurückziehen mußte.“ „Welche Eröffnungen machſt Du mir da!“ murmelte der Sohn mit unſicherer Stimme, in welcher der Schmerz nachzitterte, den er innerlichſt über das eben Vernommene empfand.„Was haſt Du aus unſerem guten Namen gemacht, Vater!“ Es war mehr ein Stammeln als ein Sprechen, in welchem ſich die peinliche Aufregung kund gab, die das innerſte Weſen des im Punkte der Chre feinfüh⸗ 8 ligen jungen Mannes aufwühlte, der ſich vergeblich dagegen ſträubte, das für wahr zu halten, was der Vater ſo eben in ſo nonchalent⸗chniſcher Weiſe ange⸗ deutet. Der Alte fertigte den Einwurf des Sohnes mit einem Achſelzucken ab und ſagte: „Du darfſt dergleichen Dinge nicht zu ernſt nehmen. Ungarn iſt glücklicher Weiſe ſo günſtig gelegen, daß man ſelten draußen etwas von den häuslichen Ange⸗ legenheiten erfährt, die darin ſich abwickeln. Glinkei wird kommen und finden, daß er um ein— oder zwei⸗ hunderttauſend Gulden ärmer geworden— was ſind hunderttauſend Gulden für einen Glinkei! Er wird ſchimpfen und fluchen und ſich am Ende darein er⸗ geben. Ich glaube nicht, daß er Skandal machen und die Affaire an die große Glocke hängen wird. So weit ſtünde die Sache nicht ſo ſchlimm, als ſie auf den erſten Blick ausſieht, wenn ich nur Geld in der Taſche hätte und die Dinge in Berlin oder Paris abwarten könnte. Aber das Unglück iſt, daß ich, weil ich doch nicht unbedingt dem Landfrieden traute, da⸗ vonging, ohne einen Heller Geld in der Taſche zu haben.“ „Ich zittere, wenn ich an die Schritte denke, die Glinkei gegen Dich, gegen uns einleiten kann!“ mur⸗ melte der junge Mann mit halberſtickter Stimme, während ſich die Ränder ſeiner Augen rötheten und zu⸗ gleich feuchteten, als ob ihm der Seelenſchmerz, den er empfand, die Thränen in die Augen triebe.„Ich habe, nachdem meine Hoffnungen auf die Wiederauf⸗ richtung des Vaterlandes in Nikolsburg Schiffbruch gelitten haben, nichts als meinen guten Namen, und nun iſt dieſer durch Dein Verſchulden gefährdet! Ich überlebe es nicht, wenn es aufkommt!“ „Dummer Junge!“ ſchrie der Alte, durch den Jammer und die Verzweiflung des Sohnes zum Zorn verleitet,„ich ſage Dir, es wird außerhalb Ungarn ebenſo wenig aufkommen, wie ſeiner Zeit der Handel aufkam, der ſich um Deine Mutter drehte. Weiß heute Jemand in Ungarn darum, daß ich mein Weib verkaufte?“ Es war ein Blick voll unbeſchreiblichen Entſetzens, den der Sohn auf den Vater richtete, während ſeine Angen aus ihren Höhlen hervorquellen zu wollen ſchienen. „Was ſagſt Du da?“ ſtammelte der junge Mann, der nun einmal bei dieſer unheimlichen Unterredung aus einer Aufregung in die andere gejagt werden ſollte. „Du haſt meine Mutter verkauft— meine Mutter, von der es hieß, daß ſie ſich von Dir getrennt habe, —— 1 von der man mir immer ſprach wie von einer Frem⸗ den, die ſich freiwillig von der Familie losgeſagt, ſo⸗ daß nie wieder eine Sit möglich ſei zwiſchen uns und ihr?“ Es lag eine unſagbare Spannung in den Blicken, mit welchen der junge Mann den Vater feſthielt, der, gegen einen Anflug von Verlegenheit ankämpfend, ſagte: „Einmal hätteſt Du doch die Wahrheit erfahren, erfahre ſie daher lieber in dieſer Stunde von mir. Ich brauche mich vor Dir nicht zu ſchämen, da Dir doch die Früchte meiner Handlung zu gute kamen. Du darfſt keinen Stein auf mich werfen— Du nicht! Du haſt dem, was ich that, die ausgezeichnete Erziehung zu verdanken, die Du in Paris genoſſen haſt und die in Berlin vervollſtändigt wurde, als dieſes für uns der Punkt wurde, auf welchen wir unſere Blicke richten mußten!“ „O daß Du mich wild auf einer Pußta hätteſt aufwachſen laſſen!“ rief der junge Mann unter ſtrö⸗ menden Thränen, während er ſein Antlitz mit den Händen bedeckte. „Das iſt eine augenblickliche Regung, die Du überwinden wirſt!“ ſagte der Alte kalt.„Dann wirſt Du es mir Dank wiſſen, daß ich das Geld nahm, wo ich es fand, um Dich zu dem wohlerzogenen Mann zu machen, der Du jetzt biſt und als welcher Du Dich immer und überall fortbringen kannſt. Wenn ich ſerupulbs geweſen wäre,»könnteſt Du jetzt irgendwo in einem Comptoir angeſchmiedet ſitzen, wenn wir nicht alle verdorben und geſtorben wären.“ „Mir wäre beſſer, ich wäre verdorben und ge⸗ ſtorben!“ ſtöhnte der junge Mann, deſſen Antlitz, als er ſeine zuckenden Hände davon erhob, eine wahre Todesbläſſe zeigte. „Das iſt Anſichtsſache!“ fertigte der Alte den verzweifelt vor ſich Hinſtarrenden in gleichgültigem Tone ab.„Ich dachte, als ich vor ſiebzehn Jahren den Hungertod vor Augen hatte, daß ich zum Ver⸗ derben und Sterben noch immer Zeit genug hätte. In Wiesbaden, wohin ich mich im Herbſt 1849, nach⸗ dem Ungarns Sache auf den Schlachtfeldern zu Boden geworfen worden, mit Deiner Mutter begab, lernte ich den Herzog von Gemmingen kennen. Deine Mutter war eine ſchöne Frau und ſie gefiel dem Herzog. Eines Tages, als ich eben mit meinem Geld⸗ reſte an der Spielbank fertig geworden war, machte er mir den Antrag, ihm meine Frau abzutreten.“ „Entſetzlich!“ murmelte der Andere tonlos. „Ich machte Deine Mutter mit dem Vorſchlage —— ————— ————— ——— des Herzogs bekannt“, fuhr der Alte ruhig fort,„und überließ ihr die Entſcheidung. Sie hatte die Alter⸗ native vor ſich, entweder in Armuth ein elendes Leben dahinzufriſten oder ein neues Leben voll Herrlichkeit anzutreten. Sie entſchloß ſich zu dem Zweiten. Wir trennten uns in Eintracht, ich ging mit der Ab⸗ findungsſumme, die mir der Herzog ausgezahlt, zu⸗ erſt nach Paris, dann nach Ungarn zurück, nachdem ich mich unter der Hand verſichert hatte, daß man mich nicht verfolgen würde. Wäre ich in Paris ge⸗ blieben, ſo wären die hunderttauſend Thaler, die ich von Wiesbaden mit fortgenommen, bald in alle Winde zerſtoben, denn ſobald ich Geld gezeigt hätte, würde die ganze Emigration an mir geſogen haben. Ich ſpeculirte mit dem Gelde, das ich heimgebracht, zuerſt glücklich, zuletzt aber unglücklich, ſodaß ich nach zehn Jahren mit meinem Vermögen fertig war. Es war mein Unglück, daß ich nie recht hauszuhalten verſtand; dann koſtete mich auch Deine Erziehung mehrere tauſend Franken jährlich. Dir aber wollte ich die Zukunft offen halten, darum behielt ich Dich nicht bei mir. Ich hatte mich, um bequem in der Heimat leben zu können, mit denen vertragen, die Ungarn von Wien aus regierten, Du aber ſollteſt, unbeeinflußt von mir, in größeren Anſchauungen auf⸗ 14 wachſen, Dir ſollte die Freiheit bleiben, Dich, ſobald Du zum Manne herangereift ſein würdeſt, auf welche Seite immer ſchlagen zu können. Um Deine Erzie⸗ hung nicht unterbrechen zu müſſen und— damit ich mich nicht beſſer mache, als ich bin— um mein altes be⸗ quemes und auf einem ziemlich großen Fuße einge⸗ richtetes Leben fortſetzen zu können, nahm ich die Stel⸗ lung bei dem Fürſten Glinkei an, der mit mir be⸗ freundet war und mir blind vertraute. Ich habe Dir vorhin geſagt, in was ich mich bei Glinkei eingelaſſen habe, als meine Bezüge für meine Bedürfniſſe nicht ausreichten. Du weißt, wie ich durch Deine Vermittlung, nachdem ich Dich von Paris nach Ber⸗ lin gebracht und erfahren hatte, daß Du auf die Seite jener getreten, die alles Heil für Ungarn von der wohlwollenden Intervention des Auslandes er⸗ warten, mit Deiner Partei in Verbindung trat und ihr in den Grenzcomitaten die Wege ebnete. Noch einige Tage, und ich war oben auf und konnte die Affaire Glinkei vertuſchen. Du arbeiteteſt mir in die Hände, brachteſt es dahin, daß ich bei Deiner Partei, die mich anderthalb Jahrzehnte hindurch als einen Abtrünnigen anzuſehen gewohnt war, rehabi⸗ litirt wurde, ſchon glaubte ich Dich an der Spitze Deiner Schwadron in meinem Comitate begrüßen —— 45 zu können, da kam dieſer gottverdammte Frieden da⸗ zwiſchen. Da ſtehen wir nun beide— Du, der ab⸗ gewirthſchaftete Soldat, ich, der Commiſſar einer pro⸗ viſoriſchen Nationalregierung, die nicht dazu kam, ſich zu etabliren. Was nun?“ „Ich bin mir darüber klar geworden, während Du mich in die Geſchichte Deiner Schmach einweihteſt“, ſagte der junge Mann mit feſter Stimme, die nur einigermaßen erregt klang. Dann fuhr er, indem er immer vermied, den Vater anzuſehen, fort:„Gott möge es Dir verzeihen, daß Du es thateſt, aber nach⸗ dem Du mich zum Mitwiſſer Deiner unheimlichen Ge⸗ heimniſſe gemacht haſt, bleibt mir nur ein Weg übrig. Ihn will ich gehen und in einer Richtung wenigſtens an Deiner Entſühnung arbeiten. Wehe mir, daß ich es nicht auch bezüglich des zweiten Abgrundes thun kann, in den Du mich blicken ließeſt! Aber was ver⸗ möchte den auszufüllen? Du kannſt mir doch die Mutter nicht wiedergeben, ſo wenig als ich die Schmach, die Du auf mich ludeſt, als Du ſie auf eine ſo ſchimpf⸗ liche Art dahingabſt, von Dir nehmen kann!“ „Worüber brüteſt Du?“ warf der Alte hin, in⸗ dem er den Sohn forſchend anblickte. „Laß mich die Sache erſt mit mir austragen 3 õ — 16 und zuſehen, wie ich's am beſten faſſe!“ ſagte der Jüngere abwehrend. „Ich habe keine Urſache, ſo geheimnißvoll zu thun wie Du“, ſagte der Alte, indem er ſich erhob und ein eigenthümliches Lächeln ſeine Lippen umſpielte.„Mir iſt in derſelben Stunde ebenſo wie Dir die Erleuchtung ge⸗ kommen. Siebzehn Jahre habe ich mich nicht um meine Frau gekümmert und ſie bleibt doch am Ende meine Frau. Ich will mich wieder einmal nach ihr umſehen. Leb' wohl!“ Und ohne eine Antwort abzuwarten, verließ der Alte das Gemach, während ihm der Sohn wie ver⸗ ſteinert nachblickte. ſaſ Zweites Kapitel. In Berlin. Aus dem ſchl eſiſchen Grenz zſtädtchen muß der Ver⸗ faſſer den Leſer nun mitten in das friſch pulſirende Leben von Berlin verſetzen. Es iſt die comfortable Wohnung des Stadtge⸗ richtsraths Linke, in der wir vorſprechen, um zunächſt die Bekanntſchaft des Land wehroffiziers Emmerich Linke, des Sohnes des Stadtgerichtsraths, zu erneuern, in deſſen Prager Tagebuch uns bereits ein Einblick ver⸗ gönnt war. Seit der Landwehrlieutenant Emmerich Linke in Prag die kleinen Er reigniſſe, die ſein Stillleben aus⸗ gefüllt hatten, mit photographiſcher Treue in ſein Tage⸗ buch eingezeichnet hat, ſind mehrere Wochen verfloſſen. Große Dinge haben ſich ſeither zugetragen; wie Luckan Herbert, Die Blume von Sumatre. II. einſt Friedrich und Maria Thereſia, des langen Ha⸗ ders müde, Frieden mit einander gemacht, ſo haben jetzt Wilhelm und Franz Joſeph den kurzen, aber darum nicht weniger blutigen Hader in Nikolsburg beendigt. Die ſiegreichen preußiſchen Heeresſäulen, die Oeſter⸗ reich überſchwemmt hatten, ſind in ihre Heimat zurück⸗ gekehrt und der Tag iſt vor der Thür, wo ſie ihren pompöſen Einzug in die preußiſche Hauptſtadt halten werden. Um an der Freude dieſes Tages Theil zu nehmen, iſt Emmerich von Magdeburg, wo er in den letzten Ta⸗ gen ſeine durch den Krieg unterbrochene Thätigkeit als Referendar beim Appellationsgerichte wieder aufgenom⸗ men, nach Berlin gekommen, wo wir ihn in der ele⸗ gant eingerichteten Wohnung ſeines Vaters in der Charlottenſtraße finden, wie er eben damit beſchäftigt iſt, ſeiner Schweſter Margarethe über das Leben, das er geführt, Aufſchlüſſe zu geben. 3— Es iſt wenig Angenehmes, was er ihr zu ſagen hat; denn in dem Augenblicke, wo er mit ſeinem Ba⸗ taillon hätte Prag verlaſſen ſollen, um gegen Wien vorzumarſchiren, war er von jener fürchterlichen Krank⸗ heit ergriffen worden, welche die Reihen ſeiner in Oe⸗ ſterreich kämpfenden Landsleute weit entſetzlicher als der blutigſte Schlachtentag decimirte. „ 19 „Anſtatt gegen Wien zu rücken“, ſagte Emmerich, „mußte ich in einer Sänfte den verhängnißvollen Weg nach dem Militärſpital antreten, wo ich kaum mehr im Stande war, dem öſterreichiſchen Spitalcommandan⸗ ten meinen Namen anzugeben und ihn zu bitten, meine Sachen aus der Wohnung, in der ich bequartiert ge⸗ weſen, abholen laſſen und ſelbe in Verwahrung neh⸗ men zu wollen. Der wackere Mann hat, wie ich als Reconvalescent erfuhr, meinen Wunſch gewiſſenhaft er⸗ füllt. Was während meiner Krankheit mit mir vor⸗ ging, weiß ich nicht. Meine Erinnerungen fangen bei dem Augenblicke wieder an, wo der öſterreichiſche Of⸗ fizier, der mich übernommen, an mein Bett trat und meine Hand ergreifend mit bewegter Stimme zu mir ſagte:„Sie können von Glück ſagen, Herr Lieutenant, Sie ſind außer Gefahr. Wenigen, die man hierher ge⸗ bracht hat, iſt es ſo gut ergangen.—„War es denn wirk⸗ lich ſo ſchlimm, Herr Hauptmann?“ ſtammelte ich.„Sie waren ein Blauer“, erwiderte er,„und bei den Blauen war zuweilen Hülfe möglich. Aber die Gelben und Schwarzen waren rettungslos verloren. Ich habe, ſeit ich hier die Spitalinſpection führe, alſo ſeit drei Wo⸗ chen, achtzehnhundert Ihrer Landsleute in Empfang genvmmen und von dieſer ganzen großen Anzahl ſind kaum hundert lebend von hier fortgegangen.“ 0½ 20 „Mein armer und dabei doch glücklicher Bruder!“ rief Margarethe, indem ſie ſich, in Thränen ausbre⸗ chend, Emmerich an den Hals warf. Emmerich küßte die Schweſter ſanft auf die Stirn und fuhr in der Erzählung ſeiner Erlebniſſe fort: „Jetzt iſt's überwunden, aber wochenlang führte mir meine Hinfälligkeit recht eindringlich die Thatſache zu Gemüth, daß der Oeſterreicher die Wahrheit geſagt und mein Leben nur an einem Faden gehangen hatte. Die Parze hat dieſen Faden nicht durchſchnitten und jetzt habe ich mich wieder erholt!“ „Aber Du ſiehſt noch immer ſehr bleich aus, Emme⸗ rich, bleich und mager!“ meinte die Schweſter, indem ſie den Bruder unter Thränen lächelnd anblickte und ihm die braunen Haare aus der Stirn ſtrich.„Es war doch recht leichtſinnig von Dir, uns zu verſchwei⸗ gen, wie ſchlimm es um Dich ſtand, und uns mit der Mittheilung abzufertigen, daß Dich ein rheumatiſches Leiden, das Du Dir bei den forcirten Märſchen zuge⸗ zogen, die Dein Corps hatte machen müſſen, zwinge, Dich einer Kur in dem böhmiſchen Grenzbade Peters⸗ bad zu unterziehen! Hätten wir die leiſ eſte Ahnung gehabt, wie die Sachen eigentlich lagen und in welcher Gefahr Du ſchwebteſt, wir wären ſicher herbeigeeilt, Dich zu pflegen!“ * — — eS e+„ S—— — — — — —— 2] „Das wußte ich, denn ich kannte Euch, Ihr Gu⸗ ten!“ ſagte Emmerich mit einem dankbaren Blick auf die Schweſter, deren Hand er zärtlich drückte.„Aber könnt Ihr mir deswegen zürnen, daß ich Euch nicht alarmirte, den guten Vater, die liebe Mutter und Dich, mein ſorgſames Schweſterchen, nicht in Angſt und Sorgen verſetzte? Die Zeit war ſchwer und ernſt genug und Jeder hatte mit ſich ſo viel zu tragen und zu ſchaffen, daß der wahrlich nicht gut berathen gewe⸗ ſen wäre, der auch noch ſeine Lieben daheim geängſtigt hätte. Zudem vermochte ich mir in dem Augenblick, wo ich Euch von dem Unglück, das mich betroffen, hätte Nachricht geben können, auch ſchon ſelbſt zu hel⸗ fen. Der Soldat lernt die Selbſthülfe, als ob er bei unſerm Schulze⸗Delitſch in die Schule gegangen wäre.“ „Ich kann es Dir doch nicht ganz verzeihen“, lä⸗ chelte die Schweſter,„daß Du in dieſem Falle nicht Laſſalleaner warſt und daß Du die Staats⸗ oder beſſer Familienhülfe verſchmähteſt!“ „Du biſt immer noch das alte luſtige Gretchen!“ rief Emmerich, die Schweſter an ſich drückend. „Ich habe Dir ſchon geſagt“, fuhr er dann fort, „daß es der öſterreichiſche Spitalcommandant in Prag gut mit mir meinte, und ſo rieth er mir denn auch, ſo ſel wie möglich Prag zu verlaſſen.„Die Stadt —. ——— 22 iſt verpeſtet und die Peſt wüthet ganz beſonders unter Ihren Landsleuten. Ich, dem täglich ſechzig, ſiebzig Cholerakranke zugeführt werden, von denen die meiſten kaum mehr lallen und ihren Namen angeben können, weiß das am beſten zu beurtheilen. Sie waren zwar nur ein Blauer“, ſetzte er mit einem Anfluge von Hu⸗ mor hinzu,„aber auch als ſolcher trugen Sie die Sig⸗ natur des Todes auf der Stirn und ich möchte Sie nicht gern als einen Gelben oder Schwarzen zurück⸗ tehren ſehen.“ Du mußt nämlich wiſſen, Gretchen, daß die meiſten Cholerakranken in Prag, ſobald die Krank⸗ heit einen gewiſſen Grad erreicht hatte— und ehe ſie dieſen Grad erreicht, meldeten ſich unſere Soldaten aus Furcht vor dem Spital ſelten krank— ſchwarz oder gelb im Geſicht wurden. Wer blau im Geſicht war, wie ich, dem war noch zuweilen zu helfen!“ „Entſetzlich!“ murmelte Gretchen, die Augen mit der Hand bedeckend. „Der Oeſterreicher legte mir nahe, nach Peters⸗ bad zu gehen!“ fuhr Emmerich fort.„„Das iſt eine Re⸗ convalescentenſtation“, ſagte er,„wie man ſie ſich nicht beſſer wünſchen kann. Die Luft ſchön und kräftig, die Lage maleriſch, die Geſellſchaft angenehm, beſonders für Sie, da viele Preußen dort ſind.“ Ich ließ mir das nicht zweimal ſagen, nahm meine Sacheſud —— —— 23 ging nach Petersbad, wo ich mich bald ſo erholte, daß f ich mich nach drei Wochen zu meinem Corps begeben konnte, als dieſes wenige Meilen von Petersbad auf dem Rückmarſche in die Heimat auftauchte. Jetzt weißt Du genau, wie mir's ergangen iſt, ſeit wir uns nicht geſehen haben. Ich wüßte nicht, daß ich Dir wiſſent⸗ lich etwas verſchwiegen hätte, es wäre denn die Ge⸗ ringfügigkeit, daß ich mich in Prag halb und halb ver⸗ liebt habe!“ „Sieh, ſieh!“ lachte Gretchen, dem Bruder ſcherz⸗ haft mit dem Finger drohend.„Wann war es, daß Dich die Liebe anfocht, vor oder nach Deiner Er⸗ krankung? Oder haſt Du Dich gar während der Krank⸗ heit in eine ſchöne und gefühlvolle Pflegerin verliebt?“ „Meine Pflege beſorgte ein gefangener öſterreichi⸗ ſcher Soldat“, gab Emmerich zurück;„da hatte es alſo keine Gefahr. In Petersbad freilich war es in dieſer Beziehung ſchon gefährlicher. Dort verwendete ſich eine hübſche Oeſterreicherin, die Tochter eines Oberſten, als freiwillige Johanniterin. Sie leiſtete Großes in der Pflege der Kranken und Verwundeten, in der Behand⸗ lung der Reconvalescenten. Sie würdigte auch mich ihrer Aufmerkſamkeit, als ich einmal mehrere Tage ſo hinfällig war, daß ich das Bett hüten mußte. Dabei ſchiepich keinen ungünſtigen Eindruck auf ſie zu ma⸗ 24 chen— es war ein Glück, daß mein Herz von Prag her ſo ziemlich gepanzert war.“ „Wie nennt ſich denn eigentlich Deine Göttin von Prag?“ forſchte Gretchen neckiſch. „Das weiß ich nicht ſo ganz genau!“ erwiderte Emmerich lächelnd, indem er ein Taſchenbuch hervorzog und aus demſelben eine Photographie herauslangte, um ſie der Schweſter zu reichen.„Ich vermuthe, daß dieſe Dame meine Prager Flamme iſt!“ ſetzte er hinzu. „Du vermutheſt es?“ dehnte Gretchen ungläubig, während ſie das Bild aufmerkſam betrachtete.„Du haſt ſie alſo nicht geſehen?“ „In persona nicht, nur in efügie, aber ich wohnte in ihrem Hauſe, in ihrem Boudoir ſogar. Ich habe in ihren Noten geblättert, an ihrem Schreibtiſche ge⸗ arbeitet, verhört und criminaliſtiſche Protokolle aufge⸗ nommen, denn, wie Du weißt, fungirte ich als Bataillons⸗ auditeur. Ich bin ſogar hinter ihre Liebescorreſpon⸗ denz gekommen und beſitze einen Handſchuh von ihrer Hand.“ „Du haſt ſie nie geſehen, vermutheſt nur, daß ſie die ſei, welche dieſes Bild darſtéllt, Du beitzeſt ihren Handſchuh und ſie unterhält eine Liebescorreſpon⸗ denz mit einem Andern— ja, das reime ſich zuſammen, wer es kann, ich kenne mich da nicht aus.“„ ———— —— — — 25 „Jo, ſiehſt Du, Schweſterchen, wenn es Krieg gibt, ereignen ſich mitunter wunderbare, unglaubliche Dinge!“ rief Emmerich.„Die Löſung des ſcheinbaren Räthſels, vor welchem Du jetzt ſtehſt, iſt aber eine ſehr einfache. Das Mädchen, deſſen Bild Du in der Hand hältſt und das die Seele mein halb und halb gefangen nahm, iſt eine Pragerin, die mit ihren Eltern vor uns Preußen flüchtete. Ich wurde in ihrer Wohnung bequartiert und Alles, was ich dort ſah, muthete mich ſo an, daß ich mich für die Abweſende zu intereſſiren anfing. Alles, was ich in ihrem Zimmer bemerkte, ihre Bücher, ihre Noten, ſchien anzudeuten, daß ſie kein ganz ge⸗ wöhnliches Weſen ſei. Ich entdeckte nur einen Fehler an ihr, den, daß ſie ſich hinter dem Rücken ihrer El⸗ tern in einen jungen Mann verliebt hatte!“ „Iſt das ein gar ſo großes Verbrechen?“ fragte Gretchen, während die Schalkhaftigkeit, die ſich bis da⸗ hin in ihrem Geſichte ausgeprägt hatte, einer ernſten Miene wich. „Du ſagſt das ſo, als ob Du auf einem ähnlichen Verbrechen ertappt worden wäreſt!“ rief Emmerich, einen forſchenden Blick auf die Schweſter richtend, die ihre Verwirrung und Verlegenheit vergeblich zu maskiren ſuchte.„Du errötheſt, Gretchen?“ fuhr er lächelnd fort.„Ich will nicht hoffen, daß Du Dich hinter 26 Mamas Rücken in ähnliche Winkelzüge eingelaſſen haſt wie dieſe junge Dame, deren Correſpondenz als Kriegs⸗ beute in meine Hände gefallen iſt!“ „Ich habe wohl hinter Mamas Rücken keine Liebes⸗ briefe geſchrieben“, murmelte Gretchen zögernd,„aber—“ „Aber Du liebſt hinter Mamas Rücken!“ fiel ihr der Bruder in die Rede, indem er ihre Hand treuherzig faßte und ihr mit einem Blicke, der Vertrauen er⸗ wecken mußte, in die Augen ſah. Gretchen ſenkte die Augen, während ſie als ein⸗ zige Antwort unmerklich mit dem Kopfe nickte. „Und wenn mich nicht Alles trügt, ſo iſt Deine ſtille Liebe ganz andersartig als die meine, die einen ſo humoriſtiſchen Beigeſchmack hat!“ ſagte Emmerich ernſt.„Du haſt ſicher den Mann, den Du im Herzen trägſt, von Angeſicht zu Angeſicht geſehen.“ Wieder nickte die Schweſter Bejahung zu. „Du weißt ihn genauer zu nennen als mit dem bloßen Vornamen, wie ich meine vermeintliche Made⸗ leine, Du haſt ihn geſprochen, haſt ſeine Erklärungen angehört, haſt ihm Hoffnung gegeben—“ „Ja, ja!“ rief Gretchen bewegt, indem ſie ſich dem Bruder in die Arme warf. „Was ich ſcherzhaft behandelt, iſt über Dich als tiefer Ernſt hereingebrochen, mein gutes Schweſterchen!“ ——— 27 ſagte Emmerich mit Gefühl.„Ich will nicht in Dich dringen, mich ganz in Dein Geheimniß einzuweihen, aber nachdem Du mir ſchon halb und halb Dein Ver⸗ trauen geſchenkt haſt, ſollteſt Du mir nichts mehr vor⸗ enthalten, und wäre es auch nur, um mich dafür zu belohnen, daß ich Dich ſo rückhaltslos in die Geſchichte meiner Liebe blicken ließ!“ Die ſcherzhafte Wendung, welche Emmerich ge⸗ brauchte, machte Gretchen lächeln und ſie ſagte: „Du haſt Recht, Vertrauen gegen Vertrauen. Wer weiß, wozu es gut iſt, daß Du der Mitwiſſer meines Herzensgeheimniſſes wurdeſt. Vielleicht kannſt Du mir rathen, mich vor einem falſchen Schritte bewahren, denn ſo harmlos mein Verhältniß zu dem jungen Manne auch iſt, der mich ſeiner Liebe verſichert hat und dem ich gut bin, ſo ſtehe ich doch eben vor einer Kriſe.“ „Ei, das hört ſich ja recht gefährlich an! Laß doch ſehen, ob ich nicht der Arzt ſein kann, der Dir über dieſe ſogenannte Kriſe glücklich hinweghilft! Und ſo ſag' mir denn vor allem, wer iſt der Mann, der Dein Herz gewonnen hat?“ „Ein Ungar, der bis vor kurzem noch ſo zu ſagen. Dein Waffengenoſſe geweſen iſt!“ 28 „Das klingt etwas abenteuerlich!“ meinte Emmerich bedenklich. „Vielleicht wirſt Du die Sache etwas weniger ſtreng anſehen, wenn ich Dir ſage, daß Iſtvan Epe⸗ ries aus gutem Hauſe, der Sohn eines vermöglichen ungariſchen Cavaliers iſt und eine ausgezeichnete Er⸗ ziehung im Auslande, zuerſt in Paris, in der letzten Zeit in Berlin erhalten hat. Berlin hat er nur ver⸗ laſſen, um ſich als Offizier der ungariſchen Legion an⸗ zuſchließen, die unter preußiſcher Aegide von Schleſien aus gegen Oeſterreich operiren ſollte.„ „Iſtvan Eperies gehört alſo zu der ungariſchen Partei, die alles Heil für das Vaterland von der An⸗ lehnung Ungarns an auswärtige Mächte, die Oeſter⸗ reich feindlich ſind, erwartet?“ fragte Emmerich unruhig. „Da ſtehen wir alſo wieder vor dem Abenteuerlichen. Weißt Du, Schweſterchen, daß dieſe Partei durch den plötzlichen Friedensſchluß eine Schlappe erlitten hat, von der ſie ſich nicht ſo leicht erholen dürfte, da es die zweite iſt, die ihr in kurzer Zeit beigebracht wurde? Es iſt nicht lange her, ſo ließ Frankreich die Ungarn genau ſo im Stiche, wie wir dies jetzt in Nikolsburg gethan haben!“ Gretchen nickte ſtatt aller Antwort traurig mit dem Kopfe. —— —— 29 „Wenn Eperies atſo ein enragirter Koſſuthianer iſt, ſo hat er menſchlicher Berechnung nach keine glän⸗ zende Zukunft vor ſich!“ fuhr Emmerich fort.„Von der Erlaubniß, ungefährdet nach Ungarn zurückzukehren, die ihm die Friedensacte gewährleiſtet, wird er keinen Gebrauch machen wollen, und ſo ſteht ihm nichts als ein trauriges Emigrantenleben mit ſeiner Unthätigkeit und innerlichen Verbitterung bevor— eine ſchlimme Perſpective!“ „Als er ſich mir näherte“, nahm ſich Gretchen ihres Geliebten warm an,„ſtanden ſeine Zukunfts⸗ chancen beſſer. Es war im verfloſſenen Winter, da lernte ich ihn in den Symphonie⸗Concerten kennen. Er wurde mir durch den Hauptmann Blüthner vom Ge⸗ neralſtabe vorgeſtellt, mit dem er viel verkehrte. Wahr⸗ ſcheinlich waren es die kriegeriſchen Eventualitäten, die beiden Männer in engeren Verkehr mit ein⸗ ander brachten.“ „Du kannſt Recht haben, denn Hauptmann Blüth⸗ ner intervenirte ſpäter dabei, als die ungariſche Legion aus den ungariſchen Gefangenen, die ſich freiwillig meldeten, formirt wurde.“ „Iſtvan war damals ſehr ſanguiniſch“, fuhr Gret⸗ chen fort,„und ſprach von ſeiner und ſeines Vaterlan⸗ des Sache ſo, daß er einem die Ueberzeugung bei⸗ — —— —— — brachte, dieſe Sache werde und müſſe ebenſo eine ſieg⸗ hafte ſein, wie ſie eine gerechte ſei. Ich hörte ihm gern zu und fühlte mich von ſeinen ſchwunghaften Aus⸗ einanderſetzungen ſo hingeriſſen, daß ich allmälig das Wohlwollen, das ich für ſein, wie er es nannte, un⸗ glückliches Vaterland empfand, auf ſeine Perſon über⸗ trug. Das Gefühl der Sympathie, das er mir auf dieſe Art einzuflößen verſtand, machte mich dann nach— ſichtig gegen ihn, als er mir eines Tages erklärte, daß ich einen lebhaften Eindruck auf ſein Herz gemacht habe und er ſich glücklich ſchätzen würde, wenn er vermögend wäre, ein ähnliches Gefühl für ihn in mir wachzurufen.“ „Alſo wirklich eine Liebeserklärung in beſter Form!“ fiel Emmerich der Schweſter in die Rede. „Ueberrumpelt wie ich war, hörte ich ſie ſchwei⸗ gend an“, bejahte Gretchen mit einem unmerklichen Kopfnicken,„und duldete, daß er mir von ſeinen Aus⸗ ſichten, von ſeiner Zukunft ſprach, die doppelt reizvolll ſein würde, wenn er ſie an mich anlehnen dürfte. Er ſchwärmte von ſeinem befreiten Vaterlande, von der glänzenden Rolle, die er in demſelben unfehlbar ſpie⸗ len werde, von der Carrière, die ihm der nahe Krieg und die politiſche Verjüngung Ungarns in ſichere Aus⸗ ſicht ſtellte. Er erzählte von dem reichen Vater, der ſich freuen würde, wenn er ihm eine liebe Schwieger⸗ 1. — 8 tochter aus dem Lande, das zur Wiederherſtellung Un⸗ garns beigetragen, an den heimatlichen Heerd brächte. Und ich— ich will es Dir offen ſagen, wenn Du mir verſprichſt, mich nicht auszulachen— der ſeine kühne Werbung, ſein ganzes Weſen und Reden, ſeine friſche, romantiſche Eigenart wohl gefiel, ſchmeichelte mir mit dem Gedanken, daß ſich Mama freuen würde, wenn ſeinerzeit ein Baron um meine Hand anhalten würde.“ „Ich verſtehe Dich, Du kleine Menſchenkennerin* ſagte Emmerich Kächend.„Du haſt längſt Mamas ein⸗ zige Schwäche durchſchaut und erkannt, daß zu ihrem vollſtändigen Glücke nichts fehlt, als wenn ſie die lei⸗ dige Thatſache aus ihrer Erinnerung tilgen könnte, daß ſie, die Gräfin, von ihrer Höhe herabgeſtiegen ſei, um einem bürgerlichen Stadtgerichtsrathe die Hand zum Bunde fürs Leben zu reichen. Du haſt nun ganz richtig calculirt, daß es ſie glücklich machen würde, nn ihre Tochter auf der ſocialen Rangleiter wieder um das in die Höhe ſtiege, um was ſie ſelbſt herab⸗ geklettert. Wäre das für Mama auch keine restitutio in integrum, wie wir Juriſten zu ſagen pflegen, ſo wäre es für ſie doch immerhin eine acceptable Genug⸗ thuung, ein annehmbarer Ausgleich.“ „Bis dahin“, ergänzte Gretchen,„wo es Eperies ſeine Verhältniſſe geſtatten würden, ſich Mama mit — dem offenen Werbungsworte zu nähern, wollte ich ſchwei⸗ gen; dieſer Vorſatz, den ich auch ausführte, enthält die einzige Schuld, deren ich mich anzuklagen habe. Ich ſah Iſtvan wiederholt und machte ihm Hoffnung auf Gegenliebe; als er Berlin verließ, ſchied er mit der Ueberzeugung, daß ich mich als ſeine Verlobte be⸗ trachte, komme, was da wolle.“ „Wo iſt aber die Kriſe, von der Du ſprachſt?“ fragte Emmerich mit komiſcher Ungepuld. „Ich bin bei ihr!“ ſagte Gretchen ernſt, indem ſie ein zuſammengefaltetes Billet aus ſyren Buſen her⸗ vorzog.„Iſtvan iſt in Verlin und bittet mich in die⸗ ſem Briefe, den er mir auf geheimniſvolle Weiſe in die Hände zu ſpielen verſtand, ihm ein Stelldichein zu bewilligen. Er hat die Kühnheit, eine beſtimmte Form für dieſes erbetene Rendezvous vorzuſchlagen. Er ſinnt mir an, mich an dem Tage, an welchem unſere Trupz pen ihren feierlichen Siegeseinzug in Berlin halt würden, unwohl zu ſtellen und zu Hauſe zu bleiben, wenn Papa und Mama fortgingen, um ſich das groß⸗ artige Einzugsſchauſpiel aus den Fenſtern der Tante Grünzow anzuſehen.“ „Er kennt genau unſere Familienbezie hungen!“ murmelte Emmerich, ſeine Augen in den Brief verſenkend, den ihm die Schweſter mittlerweile eingehändigt hatte. *———— ————————— „Als er ſich für mich zu intereſſiren begann, mochte er dieſes und jenes ausgeforſcht haben!“ meinte Gretchen.„Er will nun, wie Du aus dem Billet er⸗ ſiehſt, die Gelegenheit, die ihm der Einzug unſerer Truppen aller Wahrſch cheinlichkeit nach darbieten wird, benutzen und in unſere Wohnung zu mir kommen.“ „Er nennt ſich einen Unglücklichen, der Dir wich⸗ tige Mittheilungen zu machen habe, Mittheilungen, die von entſcheidendem Einfluſſe für ſeine wie für Deine Zukunft werden müßten!“ ergänzte Emmerich. „Hatte ich Unrecht, als ich von einer Kriſe ſprach?“ fragte Gretchen traurig.„Was er mir auch zu ſagen hat, die Angelegenheit iſt jedenfalls an einem bedenk⸗ lichen Wendepunkte angelangt, und es fragt ſich vor allem, ob ich auf ſein Anſinnen eingehen und ihm die Zuſammenkunft bewilligen ſoll. Die Heimlichkeit ſtraft 6. nun auf empfindliche Art und die Eon nſequenzen was ich hinter dem Rücken der Eltern ange⸗ ſnnen. treten auf eine Art auf, auf welche ich nicht gefaßt war. Ich weiß nicht, was ich gethan hätte, wenn Du nicht gekommen wärſt und mir nicht Ge⸗ legenheit gegeben hätteſt, Dich in die Sache einzu⸗ weihen, nun aber, wo Du Alles weißt, rathe mir, was ich thun ſoll!“ „Ich bin zwar auch nach Berlin gekommen, um Luciau Herbert, Die Blume von Sumatra. 1 3 den Einzug unſerer Armee zu ſehen“, ſagte Emmerich, „aber ich will auf dieſes Schauſpiel verzichten, in Deine Fußtapfen treten und gleichfalls unwohl wer⸗ den. Die Eltern werden dann allein zur Tante Grün⸗ zow nach den Linden gehen, Du aber wirſt Eperies hier empfangen können, ohne Dir etwas zu vergeben, denn ich werde im Hauſe ſein!“ „Wie ſoll ich Dir danken, Du Guter?“ flüſterte Gretchen, den Bruder küſſend. —,—z—z————— ————————————— Drittes Kapitel. Eine Unterredung und eine Miſſion. Während ſich in den Straßen Berlins Hundert⸗ tauſende drängen, um den Einzug der ſiegreich aus dem Kriege heimgekehrten Armee mit anzuſehen, ſind in der Charlottenſtraße in der Wohnung des Stadt⸗ gerichtsraths Linke drei Perſonen in einer Unterre⸗ 6 begriffen, die einen ſehr ernſten Charakter hat. Iſtvan Eperies hatte ſich bei Margarethe in der Stunde, da die pompöſe Einzugsfeierlichkeit vor ſich gehen ſollte, eingefunden und die Geliebte mit rück⸗ ſichtsloſer Offenheit in ſeine traurigen Familienverhält⸗ niſſe eingeweiht. Mit ſchwerem Herzen, mit zuckender Lippe war er von Eröffnung zu Eröffnung geſchritten und hatte es kaum beachtet, daß Margarethe immer bleicher und . 3* 36 trauriger wurde, daß ſie zuletzt die Hände faltete und krampfhaft an die Bruſt drückte, während Thränen. aus ihren Augen hervorquollen. „Das Alles, was ich Ihnen jetzt geſagt habe“, ſchloß Iſtvan faſt keuchend ſeine unheimlichen Ent— hüllungen,„mußten Sie erfahren, geliebtes Mädchen! Sie mußten es von mir hören, der ich mich in Ihr Herz eingeſchlichen! Als Sie mir den Himmel auf Erden erſchloſſen und mich hoffen ließen, daß ich einſt in Ihrem Beſitze der glücklichſte Menſch werden könnte, ſahen Sie in mir den Sohn eines ehrlichen Mannes. Wehe mir, daß ich zum Ankläger meines Vaters wer⸗ den, daß ich Ihnen das Geſtändniß ablegen mußte, daß ich mich in meinem Vater getäuſcht, daß er ein Unwürdiger und ich der unglücklichſte Sohn auf Erden bin! Wäre mein Vater ein armer Mann, ein Bettler geworden, was läge daran? Ich hätte einen reinen Namen, hätte die Erinnerung an einen braven Vatet! So aber hat mein Vater Schmach auf unſern Na⸗ men gehäuft und ich darf es kaum wagen, andern ehrlichen Leuten frei in die Augen zu ſehen! Wie kann ich unter ſolchen Umſtänden, angeſichts der wahrhaft entſetzlichen Lage, in welcher ich mich befinde, noch hoffen, daß Sie mir Ihre Liebe bewahren, daß Sie mich noch fernerhin als Ihren Verlobten anerkennen? —“ů— —— ——— 37 Ja, geliebte Margarethe, ich habe alle Hoffnung auf⸗ gegeben, je der Ihre werden zu können! Einen Augen⸗ blick, verzeihen Sie es mir, trug ich mich allerdings mit der leiſen Hoffnung, daß Sie vielleicht meine ge⸗ rechte Sache von der unglücklichen meines Vaters trennen, daß Sie an der Entſühnung, die ich ins Werk zu ſetzen gedenke, Ihr Gefallen haben könnten, daß vielleicht nicht Alles verloren ſei! Aber wie ich Sie ſo anſehe, Sie, die Reine, Unſchuldige, entſetze ich mich ſelbſt vor dem Gedanken auch nur an die Mög⸗ lichkeit, Sie an die dunklen Geſchicke unſeres Hauſes zu knüpfen.“ „Wie denken Sie ſich die Entſühnung, auf die Sie anſpielen?“ warf Gretchen mit tonloſer Stimme ein, indem ſie auf den Geliebten einen ſchüchternen Blick richtete, in welchem ebenſo viel Liebe als Mit⸗ leid lag. Dieſer Blick ſchien die tiefgeſunkenen Hoffnungen Iſtvan's wieder ein wenig zu beleben und er ſagte lebhaft: „Mein Vater hat den Fürſten Glinkei um einen Theil ſeines Vermögens gebracht. Ich will zu Glinkei hingehen, ihm Alles offenbaren und ihn bitten, meine Thätigkeit, meine Intelligenz und Arbeitskraft als Er⸗ ſatz für den Schaden anzunehmen, den ihm mein Va⸗ 38 ter zugefügt. Er mag mich verwenden, wie er will, ich werde ihm ein treuer Diener bis zu dem Tage ſein, wo er zu mir ſagen wird: Iſtvan, Dein Vater iſt mir nichts mehr ſchuldig, was ich durch ihn verloren, haſt Du mir wieder eingebracht!“ „Das iſt wacker gedacht!“ rief Gretchen wie neu⸗ belebt und ließ ihr Auge mit ſteigender Zärtlichkeit auf dem Geliebten haften.„Was Sie da thun wol⸗ len, muß Ihnen um ſo höher angerechnet werden, als es Ihnen ein ſchweres Opfer koſten muß, nach dem ganzen Jeenkreiſe, in welchem Sie aufgewachſen, in welchem Sie befangen ſind, nach Allem, was vorge⸗ fallen, nach den Enttäuſchungen, die Ihnen der Friede gebracht, in Ihr Vaterland, nach Ungarn, nach Oeſter⸗ reich zurückzukehren!“ „Woran mahnen Sie mich!“ murmelte Iſtvan mit ſchmerzlich bewegter Stimme, indem er ſeine Au⸗ gen mit der Hand bedeckte. Aber alsbald ſich aufraffend und die Augen frei⸗ machend, fuhr er mit männlichem Nachdruck fort: „Mir iſt kein perſönliches Opfer zu groß, wenn es gilt, die Schuld meines Vaters zu tilgen, ſie in der Erinnerung der Menſchen, denen er durch ſein Thun zu nahe getreten iſt, auszulöſchen. Ich will meine Antipathien gegen die Verhältniſſe in HOeſterreich be⸗ ————— ————— ——— ——— — ——— ——— 39 zwingen, ich will ein paſſiver Zuſchauer der unglück⸗ lichen Lage werden, in welcher ſich mein Vaterland beſindet, ich will meine ganze Aufmerkſamkeit auf die eine Sache lenken, meine Thätigkeit auf die eine An⸗ gelegenheit werfen, die mich und meinen Vater angeht, aber was erreiche ich ſelbſt damit? Selbſt wenn ſich Glinkei meine Art, die Schuld des Vaters zu tilgen, gefallen läßt, ſelbſt wenn es mir durch jahrelange Ar— beit gelingt, dieſe Schuld herabzumindern, bringt mich nicht die zweite, größere Schuld meines Vaters um alle Hoffnung, je zu einem erträglichen Abſchluſſe, zum Frieden zu kommen?“ Während Iſtvan Eperies in ſo leidenſchaftlicher Erregung ſeiner an Verzweiflung grenzenden Stim⸗ mung Luft machte, haftete ſein Blick mit geſpannter Unruhe auf dem Antlitz der Geliebten, aus deren Munde ihm, wie er fühlte, in dieſem Wi die letzte Entſcheidung kommen mußte. Er athmete auf, als Margarethe mit zitternder Stimme ſagte: „Sie haben leider Recht, Iſtvan, die Angelegen⸗ heit, in welcher Ihre Mutter eine Rolle ſpielt, iſt noch um Virles peinlicher und unglücklicher als jene, die zwiſchen Ihrem Vater und dem Fürſten Glinkei ſchwebt. Aber faſſen Sie Muth, vielleicht bietet ſich auch in ein ehrenvoller Ausweg. Es iſt das Veſte, wir laſſen da meinen Bruder entſcheiden.“ „Ihren Bruder?“ warf Iſtvan etwas beſtürzt ein. Weiß er—“ „Er weiß Alles!“ unterbrach Gretchen den Ge⸗ liebten.„Ich habe ihm geſtern mitgetheilt, daß Sie mich lieben, daß ich dieſe Liebe erwidere, daß heute kommen würden, um mir eine wichtige und, wie Sie ſelbſt andeuteten, verhängnißvolle Mittheilung zu machen. Mit ſeiner Zuſtimmung habe ich Ihnen die⸗ ſes Stelldichein hinter dem Rücken der Eltern bewil⸗ ligt. Wir werden ihn jetzt auch in die ſchmerzlichen Geheimniſſe einweihen, zu deren Mitwiſſerin Sie mich ſo eben gemacht haben. Wir werden ſeinen Rath in der Frage einholen, die Ihre Mutter betrifft, denn in der Affaire Glinkei haben Sie bereits ſelbſtſtändig, von einem richtigen Gefühle geleitet, den wahren Weg erwählt, den ich vollkommen billige. Mein Bruder iſt Offizier, dabei aber von milder, verſöhnlicher Denkungs⸗ art. Er wird auch in dieſer heiklen Sache einen mit der Chre verträglichen Ausweg finden, der uns vielleicht weniger unglücklich macht, als wir dies bei einem erſten, oberflächlichen Erfaſſen unſerer Lage zu ſein ſcheinen.“ „Sie geben mir das Leben, Sie geben mir die dieſer ſo ſchlimmen Sache für Sie, den Unſchuldigen, —— —. ——— ——— ſetzen zu denken vermögen, ſo muß ich Ihnen doch 4¹ verlorene Hoffnung wieder!“ rief Iſtvan feurig, die Hand der Geliebten an die Lippen drückend. „Folgen Sie mir zu Emmerich“, ſagte Margarethe zu Iſtvan und die beiden begaben ſich in Emmerich's Gemach. Hier blieben ſie wohl zwei Stunden beiſammen und ernſte Worte wurden geſprochen, welche die trau⸗ rige Lage, in die Iſtvan ohne jegliches Verſchulden gerathen war, von allen Seiten beleuchteten. Bezüglich der Sühnung des Vertrauensmiß⸗ brauchs, den ſich Iſtvan's Vater gegen den Fürſten Glinkei hatte zu Schulden kommen laſſen, war Emmerich mit Iſtvan und der Schweſter einerlei Meinung. Was jedoch den ſchlimmen Handel betraf, in wel⸗ chen Iſtvan's Mutter verwickelt war, ſo fällte Emmerich die Entſcheidung dahin, daß von einer Verbindung der Liebenden ſo lange keine Rede ſein könne, als Iſtvan's Vater lebe. „Wahr, wahr!“ mußte Iſtvan zuſtimmen und mit faſt ſchluchzender Stimme ſetzte er hinzu:„So traurig es iſt, daß mein Glück, wenn es je zu ſolchem kommt, ſich nur auf eine Eventualität gründen kann, an welche gute Kinder nur mit Kummer und Ent⸗ — vollkommen Recht geben. Mein Vater muß erſt die Augen zugedrückt haben, ehe ich weitere Hoffnungen an das Leben, an die Zukunft knüpfen kann.“ „Und hat der Tod Ihres Vaters den weſentlich⸗ ſten Stein des Anſtoßes hinweggeräumt“, nahm Emme— rich das Wort,„ſo kommt Alles darauf an, wie ſich der Herzog von Gemmingen zu Ihrer Mutter ſtellt. Er kann die Maitreſſe zu ſeiner Frau erheben— und wie ich den Herzog kenne, dürfte er es wohl auch thun— dann kann ſich Alles machen! Und wunderba⸗ res Zuſammentreffen der Umſtände! Ich bin an hoher Stelle zu einer confidentiellen Miſſion an den Herzog von Gemmingen auserſehen worden!“ „Du?“ warf Margarethe überraſcht ein. Emmerich nickte mit dem Kopfe und fuhr fort: „Als ich geſtern, kaum daß ich Dich, liebe Schwe⸗ ſter, verlaſſen, bei dem Prinzen Karl meine Aufwar⸗ tung machte, ſagte dieſer plötzlich zu mir:„Sie wurden ja einmal vor einigen Jahren zu einer vertraulichen Sendung an den Hof von Gemmingen gebraucht?“— WVor drei Jahren, Hoheit“, entgegnete ich,„als der Her⸗ zog von Gemmingen, etwas zu ſehr auf ſeine Minia⸗ turſouveränetät pochend, trotzig gegen den königlichen Hof aufzutreten Miene machte.“—„Richtig“, bemerkte der Prinz.„Sie wurden damals auserſehen, ein kö⸗ —— — — —— ————————— — — —— ——— — 43 nigliches Handſchreiben nach Gemmingen zu über⸗ bringen, weil Ihre Mutter, die Gräfin Kammerov, einem in Gemmingen begüterten Adelsgeſchlechte an⸗ gehört und Sie ſelbſt in Ihren früheren Lebensjahren oft mit Ihrer Mutter nach Gemmingen kamen, wo Sie das Wohlgefallen des Herzogs erregten, ſodaß er ſich ſtets für Sie intereſſirte. Indem man nun vor drei Jahren den Herzog ſchlug, wollte man ihm den Verweis dennoch durch eine ihm angenehme Per⸗ ſönlichkeit zukommen laſſen. So verfiel man bei Hofe auf Sie und wählte Sie als Boten. Wie wär's, wenn Sie heute wieder in vertraulicher Sendung zu dem Herzog gingen? Es ſollen Unterhandlungen mit ihm angeknüpft werden, damit er gegen eine hübſche Summe Geldes auf ſeine ſchattenhafte Souveränetät verzichte. Die Sache ſoll ſchnell und in kurzem Wege abgethan werden, damit man mit einem fait accompli vor die Kammern zu treten in der Lage ſei, ſobalb ſich dieſelben wieder verſammeln. Der Herzog hält ſich, ſeit er ſich vor unſerer gegen Gemmingen vorrückenden Armee proteſtirend zurückgezogen, in Tegernſee auf. Hätten Sie Luſt, ſich dahin in den nächſten Tagen mit einem Handſchreiben Seiner Majeſtät zu begeben? Wir wollen dem Herzog, wenn wir auch formell ſeine Feinde ſind, eine Aufmerkſamkeit erweiſen, indem wir ihm eine persona grata ſchicken!“ Ich habe mich natürlich bereit erklärt, nach Tegernſee zu gehen, und erwarte ſtündlich den Boten, der mich in dieſer Sache zum König ruft.“ Iſtvan trennte ſich von ſeiner Verlobten und deren Bruder, indem er erklärte, noch heute nach Ungarn zum Fürſten Glinkei abreiſen zu wollen, um ſich mit dem⸗ ſelben offen und ehrlich auseinander zu ſetzen. Er gelobte Emmerich auch, keine Annäherungsverſuche an Margarethe zu unternehmen, ohne den Bruder vor⸗ her ins Vertrauen zu ziehen. Unter dieſer Bedingung ſtimmte Emmerich zu, daß ſich der Scheidende nach wie vor als Margarethens Verlobter betrachten dürfe. Viertes Kapitel. Und noch eine Miſſion! Wie der Herzog von Gemmingen im Park von Gemmingen vierſpännig mit Jockeys und Rococo⸗ kutſchern gefahren war, während ſich die Freifrau, die ihm ſo nahe ſtand, mit einem Zweiſpänner, mit einem Vorreiter und einem einfachen galonirten Kutſcher begnügen mußte, ſo hielt er ſelbſt in Tegern⸗ ſee auf Etikette und bewohnte eine hochgelegene, ſtatt⸗ liche Villa, während die Baronin in einem kleineren Landhauſe dicht am See wohnte. Wir finden den Herzog in einer Unterredung mit dem preußiſchen Lieutenant und Auditor Linke be⸗ griffen, der ihm ſo eben ein in Berlin verfaßtes Hand⸗ ſchreiben überreicht hatte, das er gleichgültig beiſeite legte, um ſich mit einer wohlwollenden Miene zu dem Ueberbringer zu wenden. „Das hat Zeit!“ ſagte Hochderſelbe mit einem geringſchätzigen Blicke auf den großgeſiegelten Brief. „Mein Herr Vetter in Berlin hat mir von Zeit zu Zeit ein ähnliches Liebeszeichen zugeſchickt— nun, Sie wiſſen ja davon zu erzählen, Sie haben mir ſelbſt einmal eins zugetragen! Ich habe nie viel darauf gegeben! Jetzt denkt mein durchlauchtiger Herr Vetter wahr⸗ ſcheinlich, daß ich kein Geld habe und meine Souveräne⸗ tätsrechte für ein Linſengericht, für ein paar lumpige Millionen Thaler hergeben werde. Das wollen wir uns noch überlegen! Sie aber, mein lieber Linke, ſind mir darum doch willkommen und kommen mir ſogar gelegen.“ Der Lieutenant verneigte ſich ſtumm und der Herzog fuhr fort: „Gemmingen macht mir wenig Sorgen es geht mir doch nicht verloren. Der Frieden wird nicht lange dauern, Vetter Bonaparte wird eines Tages kommen und Ordnung machen. Dann bin ich wieder obenauf in Gemmingen. Aber es iſt da eine Sache, die dringend erledigt ſein will, und das iſt der Punkt, wo ich auf Sie rechne. Seien Sie ruhig, lieber Linke! Ich ſehe Ihnen den Einwand, den Sie innerlich gegen —— — ———— ——— ————————— ————L——— 47 mich erheben, am Geſichte an. Was ich Ihnen an⸗ ſinnen will, ſoll auch nicht im geringſten meinen Herrn Vetter in Berlin ſchädigen. Sie können mir einen großen, einen recht großen Dienſt erweiſen, ohne an Ihrem König treulos handeln zu müſſen.“ „Hoheit ſollen mich unter dieſer Vorausſetzung zu jeder Stunde bereit finden, mich für das gnädige Wohlwollen, deſſen mich Hochdieſelben von meinen Kinderjahren an gewürdigt haben, dankbar zu be⸗ zeigen.“* Der Herzog nickte zufrieden mit dem Kopfe und bemerkte lächelnd: „Ich wußte, daß ich auf Sie würde rechnen können, und darum iſt mir's auch gleich, als ich Sie ſo unerwartet bei mir auftauchen ſah, durch die Seele gegangen: Der iſt's, den Du benutzen kannſt, um einen Zudringlichen los zu werden, der es auf Deine Scha⸗ tulle abgeſehen hat. Sehen Sie, lieber Linke“, fuhr der Herzog nach einer kurzen Pauſe unbefangen fort, indem er auf einen Brief zeigte, der entſiegelt auf dem Tiſche lag,„in dieſem Briefe reclamirt ein Mann eine Frau, auf die er vor vielen Jahren unbedingt verzichtet hat. Ich brauche Ihnen das nicht des Nähern zu entwickeln, Sie wiſſen ſicherlich, was alle Welt weiß. Ich ſage Ihnen nur, der Mann, 48 der eines Tages für den vollſtändigen Verzicht auf ſeine Frau viel Geld von mir erhalten hat, iſt ein ungariſcher Edelmann und heißt Eperies. Seit vier⸗ undzwanzig Stunden iſt er in Tegernſee und wohnt drüben überm See in Egern in einem einſam ſtehenden Hauſe, das er ganz allein inne hat. Das Haus heißt der Kargenhof und iſt durch ſeine verborgene Lage ganz zum Aufenthaltsorte für Leute gemacht, die es wie gemeine Wegelagerer auf den vermeintlich vollen Beutel Anderer abgeſehen haben!“ Der Herzog hielt einen Augenblick inne. Linke ſtand ihm lautlos gegenüber und eine Welt von Gedanken ſtürmte auf ihn ein, ſeit der Herzog den Namen Eperies genannt hatte. Er kannte natürlich, wie auch der Herzog dies richtig vorausgeſetzt hatte, die geheime Geſchichte der Geneſis der herzoglichen Liaiſon mit der ungariſchen Maitreſſe. War dieſe Geſchichte doch erſt kürzlich wieder durch die verhängnißvolle Fügung, daß der Verlobte ſeiner Schweſter der Sohn jenes ungariſchen Edel⸗ mannes war, der ſeine Frau vor vielen Jahren an den Herzog abgetreten, in ſeiner Erinnerung aufge⸗ friſcht worden. Es mußte daher einen lebhaften Eindruck auf —— ——— ihn machen, als er hörte, daß Eperies ihm ſo nahe war und der Herzog es offenbar darauf anlegte, ihn in nahe Berührung mit dem ungariſchen Baron zu bringen, der durch ſeinen Sohn auch in die Geſchicke ſeiner Familie ſo verhängnißvoll eingegriffen. Halb abgeſtoßen, halb befriedigt fühlte er ſich von dem Gedanken, daß es ihm bevorſtehe, mit Eperies in einen nahen Contact zu kommen, deſſen Bedeutung, deſſen Tragweite und Folgen er vor der Hand auch annähernd noch nicht zu ermeſſen vermochte. „Eperies ſchreibt mir in kurzen Worten“, nahm der Herzog wieder ohne jegliche Spur von Verlegen⸗ heit das Wort,„daß er mit dem Gelde, das ich ihm einſt gegeben, unglücklich ſpeculirt habe und daß er ſeine Rechte auf ſeine Frau vor aller Welt geltend machen müſſe, wenn ich mich nicht von neuem mit ihm abfinde.“ „Der Elende!“ murmelte Linke unwillkürlich. „Ich muß Ihnen geſtehen, lieber Linke“, ſagte der Herzog gleichgültig,„daß ich darauf vorbereitet war, mich mit Cperies noch einmal. auseinander ſetzen zu müſſen. Leute ſeines Schlages begnügen ſich nicht damit, die Situation, die ſie zu beherrſchen glauben, nur einmal auszubeuten. Aber wer bürgt mir dafür, daß Eperies in einiger Zeit nicht wieder, Lucian Herbert, Die Blume von Sumatra. II. 4 50 zum dritten Male, vor mir erſcheint, um mir das Meſſer an die Kehle zu ſetzen? Es handelt ſich mir alſo darum, einerſeits von ihm Garantien zu erhalten, daß er ſeine Unverſchämtheit nicht con grazia ins Unendliche fortſetze, wie es ihm eben beliebt, andererſeits aber die Sache im Stillen zu arrangiren, damit die Baronin Eperies durch das Wiederauftauchen des Gatten nicht unnöthigerweiſe alarmirt werde, nach⸗ dem ſie eben erſt infolge der politiſchen Händel durch eine Reihe peinlicher Aufregungen gegangen iſt, die ſie, die hochgradig nervöſe Frau, ohnehin ſchon ge⸗ nugſam herabgeſtimmt haben. Ich bin zu alt, um dem Unverſchämten gegenüber perſönlich in Action treten zu können— wollen Sie ſtatt meiner handeln?“ Linke, der, ſeit ihm die Eröffnungen des Herzogs einen neuerlichen Beweis gegeben, welcher niedrigen Geſinnung, welcher erbärmlichen Handlungsweiſe Epe⸗ ries fähig war, vor Begierde brannte, dem ungariſchen Edelmanne Auge in Auge gegenübertreten und mit ihm abrechnen zu können, ſagte, ohne zu über⸗ legen, mit Lebhaftigkeit: „Ich kann nur wiederholen, was ich Eurer Ho⸗ heit bereits zu verſichern die Ehre hatte: gebieten Sie über mich, ich bin bereit, jeden Auftrag, den mir Ho⸗ heit zu ertheilen geruhen wollen, auszuführen!“ —ea ——— ———— ——— 54 „Ich danke Ihnen, Linke, ich hatte nichts Anderes von Ihnen erwartet!“ ſagte der Herzog gütig, indem er ſeine Rechte auf die Schulter des jungen Mannes legte und ihn lächelnd anblickte.„Sie werden alſo Eperies aufſuchen und ihm in meinem Namen erklären, daß er, wenn er augenblicklich Tegernſee und binnen vierzehn Tagen Europa verläßt, in Newhork bei einer Bank, die ihm näher bezeichnet werden wird, ſogkeich nach ſeiner Ankunft in Amerika zehntauſend Thaler und jährlich, ſolange er lebt, zweitauſend Thaler er⸗ heben kann. Doch muß er die Rente immer perſön⸗ lich erheben. Das iſt das einzige Mittel, mir den Unverſchämten für alle Zukunft vom Halſe zu ſchaffen. Wenn Eperies auf dieſe Bedingungen nicht eingehen ſollte—“ Der Herzog ſtockte einen Augenblick und ſah Linke wie prüfend an. Dieſer ſchien eine Ahnung davon zu haben, was der Herzog gleichſam auszuſprechen zögerte, und kam letzterem entgegen, indem er in entſchloſſenem Tone ſagte: „Wenn der Unverſchämte auf die Bedingungen nicht eingehen ſollte, ſo werde ich ihn dazu zwingen! Verlaſſen ſich Hoheit darauf! Wenn er noch eine Spur von Ehre im Leibe hat, ſo wird kein Zweifel bei ihm aufkommen können, wie er die Sache mit mir auszutragen hat. Mein Benehmen wird ihn dies unzweideutig lehren.“ „Ich ſehe, lieber Linke, Sie verſtehen mich!“ ſchloß der Herzog in wohlwollendem Tone die Unterredung und empfahl Linke nur noch, als er ihn gnädig entließ, die ganze Angelegenheit womöglich mit dem geringſten Aufwande von Eclat zu Ende zu bringen. —— —— Fünftes Kapitel. Im Kargenhofe. Wenige Stunden nach der Audienz beim Herzog ſtellte ſich der Lieutenant Linke auf dem Kargen⸗ hofe ein. Er eröffnete dem einzigen Bewohner des kleinen, auf einer mäßigen Anhöhe gelegenen Gehöftes in kur⸗ zen, gemeſſenen Worten, in weſſen Namen und mit welchem Auftrage er komme. Der Ungar muſterte ihn hochmüthig vom Kopf bis zu den Füßen. Linke ſah in ſeinem bürgerlichen Anzuge zart und ſchmächtig abs und ſchien dem robuſten Magharen nicht ſonderlich zu imponiren. „So wohlfeil ſoll mir der edle Herzog nicht davon⸗ kommen!“ ſagte der Ungar geringſchätzig, ſobald Linke 54 mit ſeinen Vorſchlägen zu Ende gekommen war.„Er⸗ ſtens habe ich keine Luſt, mich mit lumpigen zweitau⸗ ſend Thalern jährlich abſpeiſen zu laſſen, zweitens trage ich kein Verlangen, Amerika kennen zu ler⸗ nen—“ „Wenn noch ein Funke von Ehre in Ihnen lebte“, fiel Linke dem Ungar ungeſtüm ins Wort,„würden Sie ſo ſchnell wie möglich einem Welttheile den Rücken kehren, in welchem Sie einen Sohn zurücklaſſen, der durch Ihre Schuld einen gebrandmarkten Namen trägt!“ Eperies bäumte ſich in die Höhe und ſchleuderte dem Lieutenant einen flammenden Zornesblick zu. „Wer gibt Ihnen ein Recht, ſich in meine Fami⸗ lienangelegenheiten zu miſchen?“ ſchrie er. „Mein unzweifelhaftes Recht zu dieſer Einmiſchung beruht auf dem Verhältniſſe, in welches Ihr Sohn zu meiner Familie getreten iſt, als er noch glaubte, einen ehrlichen Namen zu tragen!“ ſagte Linke mit möglich⸗ ſter Ruhe.„Ihr Sohn hat ſich mit dem Fräulein Margarethe Linke, meiner Schweſter, verlobt, als er noch nicht wußte, daß ſein Vater den Fürſten Glinkei betrogen und beſtohlen, nachdem er ſeine Frau für ſchnödes Geld an einen Fürſten abgetreten!“ Eperies war bleich geworden und bebte am ganzen Körper. —— —— ————— 55 Einen Augenblick ſchien es, als ob er ſich auf ſein unerſchrockenes Gegenüber ſtürzen und daſſelbe zu Boden ſchmettern wollte, dann ließ er die bereits er⸗ hobenen Arme fallen und ſtand eine Weile ſprachlos und ſtarr da. „Sie gehen nach Amerika!“ ſagte Linke mit uner— ſchütterlicher Feſtigkeit und einem entſchloſſenen Blicke. „Wenn Sie ſich deſſen weigern, mag Gott zwiſchen uns entſcheiden. Haben Sie keine Waffen, bringe ich welche und nur einer von uns verläßt lebend dieſen einſamen Ort. Sie haben unſagliches Elend über Ihren Sohn, über meine Schweſter gebracht. Und als ob Sie an dem, was Sie ſchon gethan, noch nicht genug hätten, tauchen Sie hier auf und wollen neue Schande auf uns alle häufen. Ich ſehe eine wunderbare Fügung des Himmels darin, daß mich der Herzog mit der Führung ſeiner Sache betraut hat, ohne eine Ahnung davon zu haben, wie traurig Sie in meine Familien⸗ verhältniſſe eingegriffen haben.“ „Handeln Sie unter einer Decke mit meinem Sohn, indem Sie mich hier überfallen und mich zwingen wollen, Europa zu verlaſſen?“ murmelte Eperies ton⸗ los, als Linke inne hielt. „Ihr Sohn iſt bereits nach Ungarn aberiſt. um den Fürſten Glinkei zu bitten, ihn ſo lange in ſeinem Dienſte und zu ſeinem Beſten arbeiten zu laſſen, bis es ihm gelungen, die Schuld des Vaters, wenn auch nicht zu tilgen, ſo doch um etwas herabzumindern.“ Eperies war ſichtlich betroffen. „Wird Ihre Schweſter ihm nach Ungarn ſolgen?“ fragte er nach einer Pauſe. „Sie wird ihm dahin folgen, wenn Sie nicht mehr leben!“ entgegnete Linke mit eiſiger Entſchiedenheit. „Solange der Mann, der ſeine Frau verhandelt hat, unter den Lebenden weilt, kann Margarethe Linke nicht die Gattin des Freiherrn Iſtvan Eperies werden! Das müſſen Sie ſich wohl ſelbſt ſagen!“ „Was würde es alſo helfen, wenn ich nach Ame⸗ rika ginge?“ warf Eperies raſch ein. „„Uns nichts— der Herzog beſteht darauf“, ſagte Linke kalt. Eperies überlegte einen Augenblick. Was in ſeiner Seele vorging, wer kann es ſagen? Vielleicht, daß er an den Sohn dachte, auf den er einſt ſo viel gewendet, dem er die Wege zu einer ehren⸗ vollen Carriore zu ebnen geſucht. Plötzlich ſagte er: „Ich gehe nicht nach Amerika!“ 57 „Dann müſſen Sie ſich mit mir ſchlagen!“ erklärte Linke in ruhigem Tone. „Warum nicht? Ich habe mich ſchon oft geſchla⸗ gen, auf ein Duell mehr oder weniger kommt es nicht an! Aber ich duellire mich nur auf meine Art, und da Sie ein junger Mann ſind, ſo werden Sie mit dieſer Art, die Ihnen ſelbſt im ungünſtigſten Falle noch ein Jahr des Weiterlebens octroyirt, wohl zufrieden ſein!“ „Sie wollen ein amerikaniſches Duell?“ fragte Linke unſchlüſſig. „Warum amerikaniſch?“ warf Eperies hin, der ſeinen ganzen Gleichmuth wiedergefunden zu haben ſchien.„Es kann ebenſo gut ungariſch heißen! Das amerikaniſche Syſtem macht unnöthigen Lärm— ich habe eine geräuſchloſe, ungariſche Manier. Sehen Sie, hier iſt etwas, was ich immer bei mir trage. Die Chemiker nennen es Chankali. Wir machen zwei Zettel und ſtecken ſie in die Schublade dieſes Tiſches. Auf den einen ſchreiben wir: Leben, auf den andern: Tod. Wer den Zettel mit dem Worte Tod aus der Lade zieht, nimmt einige Tropfen von dieſem Waſſer.“ Eperies that etwas von dem Gifte in ein Glas 58 Waſſer, das auf dem Tiſche ſtand, und dieſes färbte ſich ſofort weingelb. „Das iſt für mich, wenn ich das verhängnißvolle Wort ziehe!“ ſagte er wie im Tone der Beruhigung, indem er Linke anſah.„Sie können es damit halten, wie Sie wollen, Sie haben ein Jahr Zeit!“ Linke dachte daran, daß ihm der Herzog ans Herz gelegt, im äußerſten Falle nach Möglichkeit Aufſehen zu vermeiden, und ſagte entſchloſſen: „Ich bin bereit!“ Eperies riß zwei Blättchen Papier aus einer Brief⸗ taſche, ſchrieb auf jedes ein Wort, zeigte die Zettel dem Lieutenant, der leicht mit dem Kopfe nickte, und ſteckte ſie zuſammengerollt in die Lade des einfachen Tiſches, der ihm als Schreibtiſch diente. Dann lud er den Lieutenant durch eine Handbe⸗ wegung ein, in die Lade zu greifen. Linke zog einen Zettel, Eperies den andern. „Leben!“ ſagte Eperies nach einem flüchtigen Blicke auf ſeinen Zettel mit vollſtändigem Gleichmuth. „Tod!“ murmelte Linke, ſeinen Zettel anſehend und ſich zur Faſſung zwingend. „Sie ſollen nun ſehen, wie der in Ihren Augen ehrloſe Mann den Zufall corrigirt, vielleicht werden Sie dann etwas milder von ihm denken!“ ſagte Epe⸗ ———————— ries, indem er nach dem Glaſe griff, in welchem die Cyankalilöſung ſich befand, und es auf einen Zug leerte. „Was thun Sie?“ rief Linke entſetzt. „Was meinem Sohne, wie Sie ſagen, das Glück wiedergibt!“ ſagte der Ungar feſt.„Bringen Sie ihm meinen letzten Gruß und meinen Segenswunſch. Er möge glücklich werden mit Ihrer Schweſter und dem Vater nicht fluchen. Sie aber ſind der Verpflichtung, ſich binnen Jahresfriſt zu tödten, entbunden. Gehen Sie und ſagen Sie dem Herzog, daß ihn fortan Nie⸗ mand mehr beunruhigen wird. Gehen Sie!“ Als Linke unſchlüſſig zögerte, rief Eperies in ge⸗ bieteriſchem Tone und mit einer brüsken Handbe⸗ wegung: „Gehen Sie, gönnen Sie mir ein einſames, ruhi⸗ ges Sterben!“ Linke gehorchte und verließ das Gemach. Er eilte zum Herzog, um demſelben über den Er⸗ folg ſeiner Sendung Bericht zu erſtatten. Der Herzog war nicht im mindeſten bewegt, als er die Kataſtrophe vernahm. „Er hat nichts Beſſeres thun können, als ſich auf gute Art aus der Welt zu ſchaffen!“ ſagte er trocken. „Ich danke Ihnen, lieber Linke, Sie haben ſich um ſo mehr um mich verdient gemacht, als die Sache unter Umſtänden für Sie eine ſchlechte Wendung hätte neh⸗ men können!“. „Es liege mir fern, mein Verdienſt um die Bei⸗ legung der Affaire zu vergrößern“, ſagte Linke.„Es traf ſich recht ſonderbar, daß auch ich eine perſönliche Angelegenheit mit dem Baron zu ordnen hatte. So arbeitete eins dem Andern in die Hände!“ Linke erzählte dem Herzog jetzt offen den Hergang der Sache, nachdem er ſich vorhin begnügt hatte anzu⸗ deuten, daß es Eperies auf ein amerikaniſches Duell habe ankommen laſſen und ſich vergiftet habe, als das Loos gegen ihn entſchieden. Der Herzog hörte die Erzählung, wie Eperies in die Familiengeſchichte des Hauſes Linke eingegriffen hatte, mit hohem Intereſſe an und ſagte, als der Lieu⸗ tenant geendet: „Jetzt haben Sie alſo nichts dagegen, daß Ihre Schweſter Baronin Eperies wird?“ „Das Haupthinderniß iſt beſeitigt!“ erwiderte Linke zögernd. „Wo ſehen Sie ſonſt noch ein Hinderniß?“ forſchte der Herzog. „Iſtvan Eperies trägt doch noch einen bemakelten Namen, ſolange ſeine Mutter—“ Der Muth, mit welchem Linke den Satz begonnen 61 hatte, hielt nicht nach, er brachte die angefangene Rede nicht zu Ende. Der Herzog aber hatte ihn offenbar verſtanden; er ſah ihn lange ernſt an und ſagte dann: „Wenn man in den nächſten Tagen wirklich eine Leiche im Kargenhofe findet, wird die Wittwe des Frei⸗ herrn von Eperies unter dem Namen einer Gräfin Wolfram meine Gemahlin. Sind Sie jetzt mit mir zufrieden?“ „Hoheit führen das Glück wieder in unſere ſchwer⸗ geprüfte Familie zurück!“ rief Linke mit lebhaftem Danke. „Und da Sie mir einen ſo wichtigen Dienſt ge⸗ leiſtet haben“, fuhr der Herzog lächelnd fort,„ſo will ich Ihre Schweſter mit einem kleinen Heirathsgute aus⸗ ſtatten und ihr das zuwenden, was der Mann von mir noch hätte erhalten ſollen, der ſich ſo eben ſelbſt gerichtet. Ihre Schweſter bekommt aus meiner Scha⸗ tulle eine Mitgift von zehntauſend Thalern und eine Jahresrente von zweitauſend Thalern. Sie aber“, ſetzte der Herzog raſch hinzu, den Dankesworten Linke's einen Riegel vorſchiebend,„Sie müſſen in meinem Intereſſe noch eine kleine Anſtrengung machen. Wenn Sie mit meiner Antwort auf die Vorſchläge, die mir mein königlicher Vetter gemacht, nach Berlin zurück⸗ 62 *kehren, werden Sie einen kleinen Umweg über Prag machen Dort lebt eine Perſon, die mir vor zwanzig Jahren ſo nahe ſtand wie heute die Baronin Eperies. Nur nahm damals die Sache einen ſehr idylliſchen Verlauf. Meine Geliebte von damals heirathete ein Kaufmann, der mit den hunderttauſend Thalern, die ich der Braut mitgab, ein kleines Mädchen mit in den Kauf nahm, um es fortan als ſein Töchterchen gelten zu laſſen. Vor einigen Tagen erhielt ich nun einen vertraulichen Brief aus Prag, in welchem mir die Mit⸗ theilung gemacht wird, daß mein Töchterchen— daß das Mädchen“, verbeſſerte ſich lächelnd der Herzog, „welches damals die Braut dem Prager Kaufmann zu⸗ gebracht, ſich zu verheirathen gedenke. Es iſt der Abſchluß einer Bekanntſchaft, welche die Preußenfurcht gezeitigt hat, wie mir die Mutter ſchreibt. Der Bräu⸗ tigam hat der Familie, als ſie vor den Preußen flüch⸗ tete, einige Dienſte geleiſtet und ſich ſo, der Braut von Station zu Station folgend, in ihr Herz und in das Vertrauen der Eltern eingeniſtet.“ Linke fühlte ſich durch die Mittheilung des Her⸗ zogs ſeltſam berührt, da ihm dieſelbe unwillkürlich ſein Prager Abenteuer ins Gedächtniß zurückführte. Er mußte an das Billet denken, das er im Pra⸗ —— 63 ger e im Piano unter dem Couvert eines zier⸗ lichen Handſchuhs gefunden. „Ich möchte der Prager Braut ein kleines Hoch⸗ zeitsgeſchenk machen!“ fuhr der Herzog in einem Tone fort, der einen weichen Beiklang annahm.„Geld brau⸗ chen die Leute nicht, ſie haben genug davon. Aber ich werde Ihnen, lieber Linke, eine Anweiſung auf ein Prager Bankhaus geben, und für die dreißigtauſend Thaler, die Ihnen der Banquier auszahlen wird, wer⸗ den Sie einen Brillantſchmuck kaufen und der Mutter der Braut einhändigen, damit ſie ihn der Tochter an ihrem Hochzeitstage gebe. Ich verlaſſe mich auf Ihren guten Geſchmack, lieber Linke, und auf Ihre Discretion. Morgen kommen Sie wieder zu mir, da will ich Ihnen die Antwort an meinen königlichen Vetter in Berlin und die Anweiſung für Prag nebſt der Adreſſe der Frau geben, die Sie in Prag aufzuſuchen haben.“ Linke verließ den Herzog und begab ſich nach dem Brauſtübchen. Dort hatte er wohl eine Stunde zugebracht und ſeine Gedanken waren vielfach nach dem Kargenhofe abgeſchweift, als ein Stammgaſt in großer Aufregung mit der Meldung hereinſtürzte, daß man im Kargen⸗ hofe einen Mann, der ſich daſelbſt vor drei Tagen ein— quartiert, ſo eben als Leiche gefunden habe. Die Magd aus dem Grottenhof, der dem Kargen⸗ hof zunächſt lag und nur zehn Minuten von ihm ent⸗ fernt war, hatte den Bewohner dieſes letztern, als ſie wie gewöhnlich gekommen war, ihn zu bedienen, kalt und ſtarr daſitzend gefunden, den Kopf auf die unter⸗ gelegten Hände geſtützt. Ein Zettel hatte auf dem Tiſche gelegen, auf wel⸗ chem mit Bleiſtift die Worte geſchrieben ſtanden: „Ich habe ſelbſt Hand an mich gelegt und wäre es vergeblich, nachzuforſchen, wer ich bin.“ Immer neue Leute ſtrömten dem Brauſtübchen zu, immer neue Details wurden erzählt, denn Jeder brachte etwas mit, was er erlauſcht. Es hieß, daß der Selbſtmörder ein ungariſcher Edelmann geweſen, denn er habe ſich als Szombat Gyury in den Fremdenzettel eingetragen, den ihm der Bauer vom Grottenhof, der den in eine Nachlaſſen⸗ ſchaft gehörigen Kargenhof verwaltete, zur Ausfüllung vorgelegt. Genaueres war über die Perſon des Selbſtmör⸗ ders jedoch ſelbſt am nächſten Tage nicht zu erfahren, denn die wenigen Effecten, die man bei ihm vorgefun⸗ den und durchgeſtöbert, gaben keine Aufſchlüſſe. Uebrigens gerieth die Sache bald nach der Be⸗ erdigung des Selbſtmörders in Vergeſſenheit; die Leute 65 hatten im ereignißreichen Sommer des Jahes 1866 eben über ſo Vielerlei zu ſprechen, daß ſie bei kleinen Lokalvorkommniſſen, mochten ſie momentan noch ſo ſenſationeller Natur ſein, nicht allzulange verweilen konnten. duciau Herbert, Die Blume von Sumatra. II. Hechstes Buch. Erſtes Kapitel. Ein Atelier unter freiem Himmel und ein Entſchluß. Wenn man von Nhon gegen Prangins geht, kommt man am Ausgangspunkt eines kleinen Ge⸗ hölzes zu einem rieſigen Felsblock, neben welchem ein Bächlein dahinrieſelt. Der Block hat eine mit Moos bewachſene, breite Fläche, zu welcher einige in den Stein gehauene Stufen hinanführen. Von der Höhe dieſes Steins hat man einen ſchönen Blick auf den Montblanc, der ſo nahe erſcheint, als ob man ihn mit Händen greifen könnte. Für einen Maler, der den Montblanc nach der Na⸗ tur aufnehmen will, kann es kein ſchöneres Obſerva⸗ torium geben als dieſen Steinkoloß, und der Maler e —— „—————— 67 Valentin hat ſich denſelben auch zu ſeig; Atelier auserwählt. Der große weiße Schirm, den wir von der Jonc⸗ tion her kennen, breitet ſich auf der moosbe⸗ wachſenen Felsfläche über einem faſt bis zur Vollen⸗ dung gediehenen Bilde aus, das den Montblanc bei Abendbeleuchtung darſtellt. Täglich wandert nun ſeit Wochen dieſer Schirm auf dem Rücken Valentin's, an den Requiſitnkaſten angeſchnallt, zwiſchen dem Felsblocke und dem Häus⸗ chen bei Prangins, in welchem ſich Valentin einge⸗ miethet, hin und her. An dem Tage, da wir Valentin hei der Arbeit belauſchen, iſt er damit beſchäftigt, die Staffage des Bildes in Ordnung zu bringen. Das Hauptmoment derſelben bildet eben der mooſige Fels, auf welchem Valentin arbeitet und den er ſo treu wie möglich im Vordergrunde des Bildes angebracht. Die richtige Zeit, an die letzte Ausfeilung des Montblanc ſelbſt zu gehen, wird heute auch noch kommen, denn alle Anzeichen deuten darauf hin, daß der Herbſtabend ein prächtiger, heiterer ſein und daß er das„Glühen“ bringen werde. Valentin arbeitet noch nicht lange, als auf dem Pfade, der durch das Gehölz von Nyon nach Pran⸗ gins füh eine weibliche Geſtalt auftaucht, die Ja⸗ lentin's n amteit ſofort feſſelt. Dieſe Elfengeſtalt, dieſer leichte, ſchwebende Schritt, ſie können beide Niemand anders angehören als Miß Eveline Stangrave! Jetzt erkennt Valentin auch das Antlitz Evelinens. Sie iſt es und ſie ſucht jedenfalls ihn. Wahrſcheinlich iſt ſie mit dem Zuge, der vor einer halben Stunde von Genf her durch Nyon gekommen, in letzterem Orte angelangt und geht nun auf das Häuschen zu, in welchem ſie Valentin wohnen weiß. Valentin geht ihr raſch entſchloſſen entgegen und begrüßt ſie mit Freude. „Welch ein Beſuch!“ ruft er.„Sie ſind meine Muſſe, Miß Eveline! Sie kommen immer gerade zu rechter Zeit, um meinen Bildern die Weihe zu geben! So war es vor vier Wochen, als Sie nach der Jonction kamen, ſo iſt es heute, wo Sie meinen Montblanc anzuſehen kommen!“ „Iſt er ſertig?“ erkundigte ſich Miß Stan⸗ grave. „Beinahe! Kommen Sie und ſehen Sie ihn an! Wenn ich ihn anſehe, wird mir ganz traurig zu Muthe. Es iſt mir, als ob er mein Schwanengeſang wäre, als ob mit dem letzten Sonnenſtrahle, der auf —— ——— ———— 69 dem Montblanc glüht, auch mein Lebenmperglühen ſollte!“ „Ich begreife Sie nicht, Herr Valentin!“ ſagte Eveline, dem Bilde zuſchreitend.„Wenn ich ſo traurige Gedanken hätte, wäre dies weit natürlicher. Aber ge⸗ rade ich befinde mich, ſeit ich einen wichtigen Ent⸗ ſchluß gefaßt, in einer gehobenen Stimmung. Dieſen Entſchluß Ihnen mitzutheilen, bin ich hierher gekommen. Aber laſſen Sie mich zuerſt Ihr Bild betrachten!“ Eveline blieb eine geraume Weile in das An⸗ ſchauen des Bildes verſunken ſtehen und ſagte dann: „Ich denke, daß dieſes wirkungsvolle, pvetiſche Bild viel eher der Anfangspunkt einer Ruhmesaera für Sie ſein wird als Ihr Schwanengeſang!“ „Sie haben mich immer ſo wohlwollend beurtheilt, Miß Stangrave!“ lächelte Valentin.„Aber eine Freude habe ich doch in der allerletzten Zeit erlebt — das Bild, bei dem Sie mich vor vier Wochen ge⸗ rade ſo überraſcht haben, wie heute bei dieſem, hat, in Wien kaum angekommen, auch ſchon einen Käufer gefunden! Ihr Kopf darauf hat mir Glück gebracht, Miß Stangrave!“ „Sie haben ihn alſo nicht weggelöſcht?“ „Wie können Sie glauben, daß ich hätte Hand anlegen können an die ſchönſte Zierde des Bildes?“ 1 1 70 „Es Kſt gut, daß es weit weg iſt!“ „Sobald ich mich von dieſem Montblanc erholt habe, male ich die Jonction nach der Skizze noch ein⸗ mal und zwar für Sie, Miß Stangrave!“ „Ich danke Ihnen, Herr Valentin! Aber Sie müſſen mir das Bild dann auch aufbewahren, bis ich wieder einen feſten Wohnſitz haben werde. In der nächſten Zeit werde ich vorausſichtlich ein Nomaden⸗ leben führen. Dies Ihnen mitzutheilen, von Ihnen Abſchied zu nehmen, bin ich eben gekommen. Ich habe vorgeſtern von Frau Valentin gehört, daß Sie bald nach Genf zurückzukehren beabſichtigten. Ich muß alſo Ihr Haus verlaſſen. Da kam es mir in den Sinn, es wäre das Beſte, ich ginge als Pflege⸗ ſchweſter in die Lazarethe. Da kann ich mein Daſein doch irgendwie nutzbar machen und meinem öden Leben einen Inhalt geben! Und wie ich vor vier Wochen meinen Glauben wechſelte, um Ihnen geiſtig näher zu treten, ſo will ich bei dem Entſchluſſe, den ich jetzt gefaßt habe, auf die Seite mich ſchlagen, auf welcher Sie ſtehen. Wenn ich meiner Sympathie folgte, ginge ich in deutſche Spitäler. Aber mein Herz treibt mich dorthin, wo Sie mit Ihrem Herzen ſtehen. Ich werde meine Dienſte einem franzöſiſchen 1 74 Lazareth anbieten und zu dieſem Zwecke morgen nach Lyon gehen!“ Valentin ſah Miß Stangrave mit einem weh⸗ müthigen Blicke an. „Ich kann Ihnen nicht abrathen, Miß Stan⸗ grave, denn es iſt ein gutes Werk, das Sie zu voll⸗ führen gedenken“, ſagte er.„Aber es erfüllt mich doch mit Trauer, daß ich die indirecte Veranlaſſung zu dem gewagten Schritte bin. Sie ſind ſchwach und zart, an keine Strapazen gewöhnt— Sie ſchlagen bei dem Berufe, dem Sie Ihre Eingebung entgegen⸗ führt, Geſundheit und Leben in die Schanze. Haben Sie das auch bedacht, Miß Stangrave?“ „Mein Leben ſoll ja ein Opfer ſein!“ hauchte Eveline. „Mein armes, armes Kind“, murmelte Valentin voll tiefen Mitleids.„Sie hätten ein beſſeres Lvos ver⸗ dient!“ „Ich bin nicht unglücklich, denn ich beſitze Ihre Sympathie. Aber jetzt habe ich Ihnen geſagt, was ich auf dem Herzen hatte, jetzt leben Sie wohl, Herr Valentin! Gott gebe Ihnen und Ihrer trefflichen Frau alles erdenkliche Glück und erhalte mir bei Ihnen ein wohlwollendes Andenken! Leben Sie wohl!“ „Erlauben Sie, daß ich Sie nach Nyon begleite, Miß Stangrave!“ ſagte Valentin mit gepreßter 72 Stimme.„Aber möchten Sie nicht vorher einen Blick in die Hütte werfen, in der ich wohne? Möchten Sie nicht bei den Leuten, bei denen ich hauſe, auf einen Augenblick eintreten und ſich durch ein Glas Milch erfriſchen? Es ſind einfache, aber gute Leute und wir haben keine zehn Minuten zu meiner ſchlichten Re⸗ ſidenz. Laſſen Sie mich meine Siebenſachen ſammenpacken und Sie begleiten!“ ——— ———— Zweites Kapitel. Ein unerwarteter Beſuch. Miß Stangrave hatte keine Urſache, Valentin's Vorſchlag abzulehnen, zumal ſie ſich erſchöpft und einer Erfriſchung ſehr bedürftig fühlte. Sie folgte Valentin in der Richtung gegen Pran⸗ gins, und bald ſtanden beide vor einem niedlichen Hauſe mit grünen Jalouſien, das inmitten eines Wein⸗ bergs friedlich dalag. „Hier iſt mein Schloß“, ſagte Valentin,„hierher ſchickt mir meine holde Fee alle Tage einen Liebes⸗ brief!“ Eveline horchte auf. „Die Briefe ſind ſehr ausführlich und mitunter etwas ſchwülſtig“, lachte Valentin,„aber ich betrachte ſie als Lectionen im Engliſchen. Es iſt ſo, wie wenn ich mit Hülfe der modernen Methode Touſſaint⸗Langen⸗ ſcheidt durch Correſpondenz Engliſch lernte! Ich muß Ihnen doch einen der drolligen Briefe zeigen, Miß Stangrave!“ „Die Briefe ſind in engliſcher Sprache geſchrie⸗ ben und anonym?“ forſchte Miß Stangrave. „Treten Sie bei meiner Hauswirthin ein, Miß Stangrave!“ ſagte Valentin.„Ich will Ihnen einige der Briefe vorlegen.“ Die Hausleute begrüßten Eveline freundlich und baten ſie, ſich niederzulaſſen und ein Glas Milch an⸗ zunehmen. Valentin kehrte mit einem Päckchen Briefe zurück. „Das iſt die Schrift der Miß Jemima Jobber!“ ſagte Eveline nach dem erſten flüchtigen Blicke auf die Briefe.„Ich kenne ſie zufällig. Miß Jemima liebt Sie alſo auch!“ 4 „Die Närrin!“ lachte Valentin. Eveline ſah ihn mit einem eigenthümlichen Blicke an. „Urtheilen Sie über alle, die das Unglück haben, Sie zu lieben, ſo wegwerfend wie über die arme Miß Jemima?“ fragte Eveline mit ſtockender Stimme. „Die Liebe einer unhübſchen alten Jungfer hat im⸗ mer einen komiſchen Beigeſchmack!“ entſchuldigte ſich Valentin etwas verlegen, raffte jetzt aber doch die Briefe zuſammen, da er fühlen mochte, daß er Mißtrauen er⸗ wecke, wenn er ſie indiscret fremdem Blicke preisgebe. Das etwas peinliche Geſpräch wurde unterbro⸗ chen, indem ein Bote erſchien, der ein ſo eben in Nhon für Herrn Valentin angelangtes Telegramm überbrachte. Eine freudige Aufregung bemächtigte ſich Valen— tin's, ſobald er das Telegramm geleſen hatte. Er reichte es Evelinen und ſagte: „Endlich hab' ich's erreicht! Endlich iſt es mir geſtattet, mein Leben für mein unglückliches Vaterland einzuſetzen!“ Eveline las die Mittheilung der Frau Valentin an den Gatten, daß ſo eben ein amtliches Schreiben der Regierung der nationalen Vertheidigung in Bor⸗ deaux angelangt ſei, in welchem dieſelbe Valentin's Anerbieten, als Offizier in die Mobilgarde einzutreten, annehme.* „Ich wünſche Ihnen von ganzer Seele Glück, Herr Valentin!“ rief Eveline, indem ihre Augen leuch⸗ teten.„So haben wir denn jetzt einen gleichen Weg, ein gleiches Ziel vor uns, nur ſind Sie der Glück⸗ lichere, weil Sie für Ihr Vaterland eintreten können. Ich aber bin wieder glücklich, weil ich Sie auf derſel⸗ ben Seite ſtreitend wiſſen werde, auf welcher ich ſtehe! Ich ſage Ihnen jetzt mit leichterem Herzen Lebewohl!“ „Sie gehen heute nach Genf zurück, ich morgen!“ ſagte Valentin, ſich anſchickend, Eveline zu begleiten. „Sie reiſen morgen nach Lhon, ich übermorgen über Lyon nach Bordeaux. Aber was ſehe ich“, unterbrach ſich Valentin, der zufällig einen Blick zum Fenſter hin⸗ aus geworfen hatte, das auf den Weg hinausging, der gegen Nyon führte.„Da kommt Miß Jemima Jobber; ſie ſcheint mit dem Dampfſchiffe angekommen zu ſein und mich zu ſuchen, denn ſie geht direct auf das Haus zu!“ „Welch böſer Zufall!“ ſtammelte Eveline verſtört. „Wenn ſie mich hier findet, ſo iſt ſie im Stande, aus Eiferſucht Frau Valentin durch die Mittheilung deſſen, was ſie hier entdeckt zu haben glaubt, zu beun⸗ ruhigen!“ „Treten Sie in mein Zimmer, Miß Stangrave, ich werde trachten, mit Miß Jobber auf gute Art fer⸗ tig zu werden!“ Miß Eveline folgte dem Rathe Valentin's.„ Es war die höchſte Zeit zum Verſchwinden gewe⸗ ſen, denn ſchon ſtand Miß Jemima Jobber in der Stube. „Ah, ſehr erfreut, Sie zu ſehen, Herr Valentin!“ ſagte ſie, als ſie den Maler erblickte.„Ich wollte Sie einmal in Ihrem Buen Retiro überraſchen und ſehen, — 77 was Sie machten, wie weit Ihr Bild vorgeſchrit⸗ ten ſei!“ „Es iſt beinahe fertig, Miß Jobber!“ „Kann man es nicht ſehen, Herr Valentin? Ich hoffe, Sie werden mit demſelben nicht ſo geheimnißvoll thun wie mit dem vorletzten. Bitte, gönnen Sie mir den Anblick deſſelben!“ Miß Jobber machte Anſtrengungen, zu der Thür zu gelangen, die in das benachbarte Zimmer führte, das ſie für Valentin's Atelier hielt. Dieſer vertrat ihr conſequent den Weg, was endlich ihr Mißtrauen erregte, ſodaß ſie ſagte: „Ei, Herr Valentin, man ſollte denken, Sie hiel⸗ ten in jenem Zimmer eine Dame verborgen, ſo ängſt⸗ lich hüten Sie den Zugang!“ Und Miß Jobber trat mit Entſchiedenheit auf die Thür zu und griff nach der Klinke. Valentin ging eben mit ſich zu Rathe, ob er ſie mit Gewalt daran verhindern ſollte, einzutreten, als ſich die gefährdete Thür von innen öffnete und auf der Schwelle derſelben zu ſeiner und Jemima's Ueber⸗ raſchung Miß Eveline Stangrave ſichtbar wurde. „Ich gratulire Ihnen zu dem ſchönen Werke, Herr Valentin!“ wandte ſich Miß Eveline zunächſt mit möglichſter Unbefangenheit an den Maler. Dann erſt ſchien ſie Miß Jobber zu bemerken und entwaffnete dieſelbe durch die in harmloſem Tone hingeworfene Anrede:„Ah, ſieh da, Miß Jobber! Welcher Zufall! Sie ſind gewiß in ähnlicher Abſicht gekommen wie ich, um unſern gemeinſchaftlichen Hausherrn und Nähr⸗ vater in ſeinem geheimen Wirken zu belauſchen. Mir iſt es erſt nach langem Bitten gelungen, ſein hartes Herz zu rühren und ihn zu vermögen, mir den Anblick ſeines neueſten Werkes zu vergönnen. Was Hert Va⸗ lentin mir zugeſtanden hat, kann er Ihnen nicht gut verweigern; treten Sie ein, Miß Jobber, und bewun⸗ dern Sie den Montblanc, ehe es zu ſpät geworden, ehe er ebenſo geheimnißvoll verſchwunden iſt wie Herrn Valentin's vorletztes Bild!“ Miß Eveline lud, alſo ohne jegliche Spur von Verlegenheit ſprechend, durch eine Handbewegung Miß Jobber ein, in das Atelier einzutreten. Miß Jobber wußte nicht, wie ihr geſchah. Sie zweifelte keinen Augenblick, daß Miß Evelinens Beſuch bei Valentin einen tiefern Grund habe und nicht mit dem Bilde zuſammenhänge, aber ſie mußte gute Miene zum böſen Spiele machen und ſich das Anſehen geben, als ob ſie glaube, was man ihr vorgaukelte. Sie trat in Valentin's Wohnzimmer. Valentin fiel in dieſem Augenblicke ein, daß die — Unwahrheit deſſen, was Eveline ſo eben geſagt, ſofort zu Tage treten mußte, weil ſein Bild nicht auf der Staffelei ſtand, ſondern an den Kaſten, den er eben erſt von ſeinem Atelier im Freien heimgebracht, ange⸗ ſchnallt war. Aber ein beredter Blick Evelinens beruhigte ihn und ſagte ihm, daß Miß Stangrave die fünf Minu⸗ ten, die ſie in ſeinem Zimmer zugebracht, mit ſeltener Geiſtesgegenwart benutzt hatte. Als Miß Jobber in das Zimmer Valentin's ein⸗ trat, fand ſie den Montblanc auf der Staffelei. Sie betrachtete das Bild mit erzwungenem Inter⸗ eſſe, während ihre Blicke oft auf Valentin und Miß Stangrave abſchweiften. Dann ſagte ſie mit einem boshaften Seitenblick auf letztere: „Ich weiß nicht, ob Frau Valentin zufrieden ſein wird, wenn ſie von mir hören wird, daß wir— Miß Stangrave und ich— das Glück hatten, das neueſte Bild ihres Gemahls früher zu ſehen als ſie!“ Miß Stangrave richtete einen ängſtlichen Blick auf Valentin. Dieſer trat auf Miß Jobber zu und ſagte zu ihr in entſchiedenem Tone: „Miß Jobber, Sie werden meiner Frau nicht 80 ſagen, daß Sie und Miß Stangrave mir einen Beſuch abgeſtattet haben!“ „Warum nicht?“ fragte Miß Jobber lächelnd. „Weil das meine gute Frau unnützer Weiſe be⸗ unruhigen könnte!“ „Frau Valentin wird doch nicht auf mich eifer⸗ ſüchtig ſein?“ warf Miß Jobber geziert hin. „Wer weiß?“ drohte Valentin mit einem geheim⸗ nißvollen Lächeln. „Viel eher könnte ſie auf Miß Stangrave eifer⸗ ſüchtig ſein!“ ſagte Miß Jobber langſam, zuerſt Va⸗ lentin, dann Eveline fixirend. „Wie dem auch ſei“, rief Valentin beſtimmt,„Sie werden auf jeden Fall ſchweigen, Miß Jobber!“ „Und wenn ich nicht ſchweige?“ ſagte Miß Jobber mit einem herausfordernden Lächeln. „Dann zeige ich meiner Frau und der ganzen Welt dieſe Briefe!“ ſagte Valentin ruhig, das Paquet der Liebesbriefe, die er in den letzten Wochen erhalten hatte, mit Blitzes ſchnelle aus der Taſche hervorholend und Miß Jemima vor Augen haltend. Dieſe erkannte augenſcheinlich ſofort die Briefe, die ihr ſo unerwartet vorgehalten wurden, gab ſich jedoch den Anſchein, als ob ſie die Anſpielung nicht verſtanden, und ſagte: — „Laſſen wir das und denken wir an die Heimkehr!“ „Ja, denken wir an die Heimkehr!“ ſagte Valen⸗ tin gelaſſen und zufrieden, daß ſein verzweifeltes Mittel gewirkt.„Die Damen werden wohl die Rück⸗ fahrt nach Genf zuſammen machen? Erlauben Sie mir, daß ich Sie zum Landungsplatze nach Nhon geleite — das Dampfſchiff wird in einer halben Stunde von Lauſanne kommen.“ Miß Jobber ließ ſich Valentin's Begleitung ge⸗ fallen und die drei gingen gemeinſchaftlich nach Nyon, von wo die beiden Frauen, ohne eben allzu viele Worte zu wechſeln, zuſammen nach Genf fuhren. Lucian Herbert, die Blume von Sumatra 1I. 5 Drittes Kapitel. Eine erneuerte Vewerbung und ein geheimnißvoller Ruf. Miß Jemima Jobber und Herr Alfred Niederge⸗ ſäß wickelten nach Tiſche im Speiſezimmer ihre ge⸗ wohnte Partie Dame in aller Gemächlichkeit ab, wäh⸗ rend Frau Valentin am Schreibtiſche über ihren No⸗ tizbüchern brütete. Der Herbſt machte ſich ſchon etwas empfindlich bemerkbar und man konnte nicht mehr gut im Freien ſitzen. „Wie gefällt es Ihnen jetzt in der Penſion Va⸗ lentin, Miß Jemima?“ fragte Niedergeſäß.„Ich für meinen Theil fühle mich hier lange nicht mehr ſo be⸗ haglich, ſeit die Deutſchen in eine ſo verſchwindende Minderheit gedrängt worden ſind und man nur Fran⸗ zoſen ſieht und nur franzöſiſch ſprechen hört!“ 83 „Ich bin wieder froh, daß ſo viel franzöſiſch ge⸗ ſprochen wird!“ widerſprach Miß Jemima.„Ich merke, daß ich im Franzöſiſchen dabei Fortſchritte mache. Allerdings vermiſſe ich Herrn Valentin ſehr empfind⸗ lich, denn ſo ſchön und langſam wie er, ſo verſtänd⸗ lich für mich ſpricht hier kein Anderer das Franzöſiſche.“ Miß Jemima ſeufzte und wandte ſich an Frau Valentin mit der Frage: „Haben Sie keine Nachrichten von Herrn Valen⸗ tin, Madame?“ „Keine, Miß Jobber, ſeit dem Briefe, in welchem er mir ſchrieb, daß er glücklich in Bordeaux angekom⸗. men ſei und wahrſcheinlich der Loirearmee zugetheilt 1 werden würde!“ 3 „Es wäre doch ſchade, wenn Herr Valentin ver⸗ wundet oder gar erſchoſſen würde!“ ſeufzte Miß Je⸗ mima.„Freilich hätte er, wenn ihm ja ein ungl fall im Felde zuſtieße, eine ſorgfältige Pflege zu er⸗ 1 warten. Miß Stangrave hat ſich ja, wie man ſagt, ⸗ auch zur Lvirearmee als barmherzige Schweſter be⸗ t geben!“ „Miß Stangrave iſt, wie ſie mir dieſer Tage aus e Lyon ſchrieb, einem Spital in Bourges zugetheilt und wohl ſchon dahin abgegangen!“ ſagte Frau Valentin. „Ich zittere für ſie faſt ebenſo wie für Valentin, denn 84 wie ich ſie kenne, wird ſie ſich ihrem ſchwierigen Be⸗ rufe mit leidenſchaftlicher Hingebung überlaſſen und kann ſich bei ihrer zarten Conſtitution leicht auf⸗ reiben!“ „Ich bedanre, daß Miß Stangrave fort iſt“, ſagte Miß Jobber,„ich kann jett mit Niemand engliſch ſprechen!“ „Ich will mich bemühen“, fiel Niedergeſäß ga⸗ lant ein. „Ich danke!“ lachte Miß Jemima abwehrend.„Sie ſprechen doch nicht engliſch, ſondern Niederge— wie heißt die ſeltſame Sprache, die Sie zehn Jahre in Bern docirten, Herr Alfred?“ „Niedergeſäßiſch, Miß Jobber!“ belehrte Niederge⸗ ſäß melancholiſch. „Dieſen Jargon kann ich nicht brauchen!“ meinte Miß Jobber.„Da bleiben wir lieber beim Franzö⸗ ſiſchen oder, da Sie ſich doch nicht angewöhnen kön⸗ nen, dieſes zu ſprechen, beim Deutſchen. Seit die bei⸗ den deutſchen Doctoren ſo plötzlich abgereiſt ſind, ha⸗ ben Sie ohnehin Niemand, mit dem Sie deutſch ſprechen könnten!“ „Winkt mir nicht endlich die Ausſicht, Miß Job⸗ ber, mit Ihnen das ganze Leben hindurch deutſch ſpre⸗ chen zu können, oder, wenn es Ihnen lieber iſt, ——— ——— . —— ——— — —— —— —————— franzöſiſch?“ flüſterte Niedergeſäß.„Sie ſchreiben ſeit einiger Zeit keine geheimnißvollen Briefe mehr, Miß Jobber— ſollten Sie vielleicht ſchon von dem Adreſſaten eine definitive Antwort erhalten haben und es entſchie⸗ den ſein, ob er Sie liebt?“ „Er liebt mich nicht!“ ſagte Miß Jobber ſeufzend. Niedergeſäß machte eine freudige Bewegung. „Dann hätte ich ja Hoffnung“, ſagte er, wurde jedoch von der praktiſchen Amerikanerin alsbald unter⸗ brochen, die neugierig fragte: „Wie laſſen ſich denn Ihre Geſchäfte mit den De⸗ poſſedirten an, Herr Alfred? Haben Sie ſchon an einen derſelben einen Herrſchaftskauf vermittelt?“ „Bisher nicht!“ mußte Niedergeſäß geſtehen.„Aber nicht nur, daß mir gegenwärtig die beſten Ausſichten winken, ſo habe ich in den letzten Tagen doch ein Ge⸗ ſchäft vermittelt, das mir dreitauſend Franken einge⸗ tragen hat!“ Ein Ah! der Zufriedenheit entſchlüpfte Miß Je⸗ mima. „Ich habe das Haus des Banquiers Servaz auf der Treille um dreihunderttauſend Franken für den ehe⸗ maligen Banquier Nathan, jetzt Felir Sanglier ge⸗ kauft. Servaz hat ſich von den Geſchäften zurückge⸗ zogen und Sanglier iſt auf wunderbare Weiſe wieder zu Geld gekommen und hat ſich, was faſt noch wun⸗ derbarer iſt, mit ſeiner Frau wieder ausgeſöhnt, in deren Vollmacht er eigentlich das Palais Servaz kaufte, das ihm ſelbſt vor zehn Jahren gehört hat. Ganz Genf beſchäftigt ſich mit der Geſchichte. Frau Verena Bonneville hat ihren zweiten Mann verlaſſen, ſich im Hotel des Bergues eingemiethet, eine Eheſcheidungs⸗ klage gegen ihren zweiten Mann, mit dem ſie ſechs Jahre verheirathet geweſen, eingebracht und ruft in derſelben ihren erſten Gemahl Sanglier, mit dem ſie bald wieder das ehemalige Palais Sanglier, ſpäter Palais Servaz, beziehen dürfte, als Belaſtungszeugen gegen Bonneville auf!“ „Das iſt in der That ſeltſam!“ murmelte Miß Jobber. „Und was das Beſte iſt, mir hat es ein Procent von der Verkaufsſumme des Palais Servaz, alſo nette dreitauſend Franken eingetragen!“ ſagte Niederge⸗ ſäß mit ſelbſtzufriedenem Lächeln.„Und wo Tanben ſind, fliegen Tauben zu— größere Geſchäfte winken mir jetzt. Ich habe heute früh ein Billet durch die Stadtpoſt erhalten, das jedenfalls von einem Depoſſe⸗ dirten herrührt!“ Niedergeſäß zog einen Brief aus der Taſche und reichte ihn Miß Jemima, welche las: ——— 87 „Geehrter Herr! Im Auftrage Seiner Hoheit lade ich Sie ein, ſich heute Nachmittag um fünf Uhr im Hotel des Bergues einzufinden und in Nummer ſieben⸗ undvierzig, eine Treppe hoch, einzutreten. Bringen Sie Ihr Album mit.“ „Die Unterſchrift iſt nicht lesbar“, ergänzte Nie⸗ dergeſäß.„Aber das Wort Secretär kann man wie⸗ der deutlich leſen. Ich bin neugierig, welche entthronte Hoheit im Hotel des Bergues logirt. Ich wollte den Portier nicht fragen, um kein Aufſehen zu machen. Jedenfalls weilt die Hoheit unter einem angenommenen Namen in Genf. Und der Wink des Secretärs, das Album mitzubringen, deutet darauf hin, daß Seine Hoheit einen Realbeſitz kaufen will!“ „Ich gratulire Ihnen, Herr Alfred!“ ſagte Miß Jemima.„Sie ſind im beſten Zuge, ein wohlhabender Mann zu werden!“ „Mir fehlt zu meinem Glucke nichts, Niß Job⸗ ber, als daß Sie die Hoffnung, die Sie mir im All⸗ gemeinen gegeben haben, jetzt, wo Sie keine Herzens⸗ neigung mehr nach einer andern Richtung zieht, ge⸗ nauer präciſiren!“ „Laſſen Sie mir Zeit, Herr Alfred!“ Viertes Kapitel. Eine verhängnißvolle Sendung und eine große Ueberraſchung. In dieſem Augenblick machte ſich das dreimalige Klopfen des Facteurs an die Hausthür hörbar. Frau Valentin ging ſelbſt hinaus und kehrte nach einer Weile mit einem Paquet zurück, das ſie an Miß Jobber gab. „Eine Sendung aus Bern!“ verwunderte ſich Miß Jobber.„Wer kann mir aus Bern ſreß Ich kenne dort Niemand!“ Niedergeſäß wurde unwillkürlich unruhig, ſo⸗ bald er das Wort Bern hörte, und ſah mit einer ge⸗ wiſſen Aengſtlichkeit, von der er ſich keine Rechen⸗ ſchaft zu geben wußte, zu, wie Miß Jemima das Paquet öffnete. „ 89 „Ein Album!“ rief die Miß erſtaunt.„Und welcher Zufall, es iſt genau ſo gebunden wie Ihr Album, Herr Alfred!“ Niedergeſäß, der dies gleichfalls ſofort bemerkt hatte, entfärbte ſich. „Und hier ein Brief!“ rief Miß Jobber.„Ich bin doch neugierig.“ Miß Jobber las: „Geehrtes Fräulein! Ich habe erfahren, daß ſich ein Herr Alfred Nie⸗ dergeſäß aus Bern viel mit Ihnen beſchäftigt und nach Ihrer Gunſt zu ſtreben ſcheint. Es fällt mir nicht ein, Sie vor ihm zu warnen, aber ich ſchide Ihnen ein Gegenſtück zu dem Album, das er mit ſich führt. Wie in ſeinem Album ſchöne Landhäuſer mit reizenden Herrenſitzen abwechſeln, ſo finden Sie in dein Album, das ich Ihnen hier vorlege, manches hübſche Frauenbild und manches reizende Kindergeſicht!“ „Ei, ei!“ unterbrach Miß Jobber die Lectüre des Briefes und ſah Niedergeſäß, der wie auf Kohlen daſaß, an. Dann öffnete ſie das Album und fand darin wirklich ſieben bis acht Frauenportraits, denen ſich drei, vier Kindergeſichter anreihten. „Kennen Sie vielleicht dieſe Portraits, Herr Alfred?“ fragte Miß Jobber den verlegenen Nachbar, —— 90 deſſen peinliche Lage ſich noch verſchlimmerte, als er die Bilder ins Auge faßte. „Es ſind Bilder von Damen, mit denen ich fläͤchtige Bekanntſchaften hatte!“ ſagte er mit einem erzwungenen Lächeln. „Und die Kinderphotographien? Niedergeſäß verſtummte. „Vielleicht gibt der Brief darüber Aufſchluß!“ ſagte Miß Jemima, wieder nach dem Blatte greifend. „Zeigen Sie die Portraits Herrn Alfred Niederge⸗ ſäß, liebe Miß!“ fuhr Miß Jobber in der Lectüre des Briefes fort.„Er kann Ihnen über die Frauen, die das Album enthält, geuauen Aufſchluß geben, wenn er aufrichtig ſein will. Einige von ihnen waren begütert und er machte ihnen den Hof, weil er ihr Vermögen zu erhaſchen glaubte; ſie erkannten ihn aber bald in ſeiner wahren Geſtalt und gaben ihm den Abſchied. Andere, die arm waren und an denen er ein flüchtiges Wohlgefallen fand, das er in ſeiner Niedergeſäßiſchen Sprache Liebe nannte, wurden von ihm verlaſſen, ſo⸗ bald ſie unklug genug waren, ihm Gegenliebe zu ſpenden. Mit der Schreiberin dieſer Zeilen endlich hatte er ein mehrjähriges ernſtes Verhältniß, das er ohne Umſtände löſte, als er Bern verließ. Sie wer⸗ den aus der Aehnlichkeit, die zwiſchen ihm und den 9⁴ Kindergeſichtern, die den Schluß dieſes Albums bilden, be⸗ ſteht, leicht entnehmen können, welche von den in das Al⸗ bum aufgenommenen Damen diejenige iſt, die HerrNieder⸗ geſäß zuletzt treulos verlaſſen hat. Die Schreiberin dieſes Briefes überläßt es Ihrer Delicateſſe, Miß Jobber, welche Haltung Sie nach dieſen wahrheitsgetreuen Andeu⸗ tungen den Bewerbungen des Herrn Niedergeſäß gegenüber einzunehmen gedenken.“ „Das ſind ſchöne Sachen, die da gegen Sie vorge⸗ bracht werden, Herr Alfred!“ ſagte Miß Jemima, den verhängnißvollen Brief vor ſich hinlegend.„Sie ſchei⸗ nen dieſer Anklage gegenüber allen Muth und alle Faſſung verloren zu haben und verſtummen lieber!“ „Man macht aus einer Mücke einen Elefanten und benutzt dieſen, gegen mich Sturm zu laufen!“ ſagte Niedergeſäß kleinlaut.„Es iſt natürlich, daß ein Mann in meinen Jahren nicht ohne Damenbekannt⸗ ſchaft durch das Leben gegangen iſt.“ Niedergeſäß wiſchte ſich den Schweiß von ſeiner Glatze. „Aber dieſe Babies?“ ſagte Miß Jobber, auf die Kinderportraits zeigend. Niedergeſäß machte ein bankrottes Geſicht. „Der Fall verdient jedenfalls eine nähere Unter⸗ ſuchung!“ ſagte Miß Jobber, ſich erhebend, das Album zuklappend und mit ſich nehmend.„Bis dahin, wo Sie aus dieſer Unterſuchung, wie ich jetzt noch hoffen will, gereinigt hervorgegangen ſein werden, wünſche ich Ihnen recht gute Geſchäfte mit den De⸗ poſſedirten; auf Wiederſehen, Herr Alfred!“ „Anf Wiederſehen, Miß Jobber!“ ſagte Nieder⸗ geſäß mechaniſch. „Das war mir der Teufel ſchuldig!“ murmelte er, die Fauſt in der Taſche ballend, als er ſich allein ſah.„Dieſer unerwartete Strich durch die Rechnung! Die war halb kirre und jetzt iſt ihr ganzes Miß⸗ trauen erwacht und ich habe ſie ſo gut wie verloren!“ Zum Glück war Niedergeſäß nicht in der Lage, ſich lange ſeinem Verdruſſe hingeben zu können. Die Stunde, in welcher ihn der Depoſſedirte im Hotel des Bergues erwartete, rückte heran. „Große Herren darf man nicht warten laſſen“, dachte Niedergeſäß, nahm ſein Album unter den Arm und machte ſich auf den Weg nach der Stadt. Vor dem Hotel angekommen, dachte er einen Augenblick daran, den Portier zu fragen, wer auf Nummer 47 in der erſten Etage wohne. Aber er verwarf den Gedanken ſofort wieder. „Was werde ich hören?“ dachte er;„den erſten beſten Phantaſienamen wahrſche inlich— ich will ih lieber überraſchen laſſen. 4 93 Im nächſten Augenblick ſtand Niedergeſäß, den Hut bereits devot unter dem Arme, vor Nummer 47 und klopfte. Auf das dem Anſcheine nach mit ſtarker Stimme hervorgeſtoßene„Herein!“ trat er beherzt ein. Er ſah ſich alsbald einer Dame gegenüber, die in dem halbdunklen Zimmer, deſſen Jalouſien halb geſchloſſen waren, auf einem Sopha ſaß. „Alſo eine Depoſſedirte“ ſagte er zu ſich ſelbſt. „Am Ende die Königin von Spanien.“ Jetzt hatte er die Dame erkannt und prallte er⸗ ſchrocken zurück. Er hatte eine der Frauen vor ſich, die in dem Album prangten, mit welchem Miß Jemima Jobber vor zwei Stunden überraſcht worden war, und zwar war es jene Frau, auf welche der Schluß des an die Miß gelangten Briefes angeſpielt hatte, denn ihre Aehnlichkeit mit den Kindergeſichtern, die das Album enthalten hatte, war eine augenfällige. „Ich komme Dir unerwartet, Treuloſer!“ redete die Frau Niedergeſäß an, der ein verlegenes Geſicht machte. „Du haſt Dich bereits durch das Album ange⸗ kündigt, das Du an die Amerikanerin in der Penſion Valentin adreſſirteſt“ ſagte Niedergeſäß kleinlaut. 9² „Ich ſehe, Du biſt gut orientirt!“ ſagte die Da⸗ me, die nicht unhübſch war, mit hoher Befriedigung. „Meine Rache hat Dich wohl im rechten Augenblick er⸗ eilt, wo ſie Dich am empfindlichſten traf, weil Du ſchon der Hahn im Korbe zu ſein wähnteſt! Aber ich habe Dich genau beobachtet!“ „Was ſollte die Vorſpiegelung, die auf einen Realitätenkauf hindeutete?“ rief Niedergeſäß miß⸗ muthig. „Ich wußte, daß ich Dich ſicher hätte, wenn ich Dir den Speck zeigte!“ lachte die Dame dem Entäuſchten höhniſch ins Geſicht.„Zudem hab' ich nicht einmal gelogen. Du glaubteſt, zu einem Depoſſedirten be⸗ rufen zu ſein, der ſich Deiner Vermittlung bedienen wolle, um ein Gut zu kaufen. Ich bin wohl kein Depoſſedirter, aber eine Depoſſedirte! Ich habe Dich verloren. Dn warſt meine Domäne, das Reich, in dem ich herrſchte.“ Niedergeſäß mußte trotz ſeiner üblen Laune un⸗ willkürlich lachen. „Willſt Du mich vielleicht in dieſes Reich wieder einſetzen?“ fragte ſie ſchelmiſch.„Ich bin zu einer allgemeinen Amneſtie bereit!“ Niedergeſäß fuhr mit der Hand über ſeine Glatze. 95 Er ſchien ſich in den Haaren kratzen zu wollen, die nicht da waren. Unſchlüſſig ſah er die Frau an, die vor Miß Jemima Jobber den unbeſtreitbaren Vorzug voraus hatte, daß ſie jünger und hübſcher war. „Die Amerikanerin mit ihren Dollars iſt doch für Dich verloren!“ haranguirte die Frau den Schwankenden. „Das Album iſt ſelbſt für eine amerikaniſche alte Jungfer eine zu ſtarke Doſis, die ſie nicht verwinden kann.“ Leider war Dein Mittel, mich zu kuriren, ein draſtiſches“, murmelte Niedergeſäß. „Verlaſſe den Venusberg und kehre zu Deiner Eliſabeth zurück, alter glatzköpfiger Tanhäuſer!“ lachte die Frau.„Du kannſt dabei in Genf bleiben und weiter auf Deine Depoſſedirten ſpeculiren. Ich nehme Dich als erſten Penſivnär in meine Penſion!“ „Du willſt in Genf eine Penſion errichten?“ fragte Niedergeſäß ungläubig, aber ſichtlich in beſſerer Stimmung. Die Frau bejahte und ſagte: „Genf iſt ein goldener Boden dafür. Was Andere können, getraue ich mich auch durchzuführen. Du weißt aus eigener Erfahrung, daß ich gut koche, und 96 Franzöſiſch kann ich auch. Mein Bruder gibt mir dreitauſend Franken, damit will ich anfangen!“ Niedergeſäß war gewonnen und dachte nicht mehr ans Fortgehen. Der Gedanke an eine Penſion Niedergeſäß ver⸗ ſöhnte ihn vollſtändig mit dem, was geſchehen war, und er dachte nicht mehr an Miß Jobber. Fünftes Kapitel. In Vevah. Frau Sterbohol hatte ihren Gatten, der Genf höchſt ungern verließ, glücklicher Weiſe nicht weit wegge⸗ ſchleppt. Sie hatte ſich entſchloſſen, in Vevah eine beobach⸗ tende Stellung einzunehmen, um, wenn der Herzog von Gemmingen vielleicht Genf bald wieder verlaſſen ſollte, in dieſe Stadt zurückkehren zu können, die ihrem Gatten ſo ſehr gefiel und für deren Annehmlichkeiten ſie ſelbſt auch ein offenes Auge hatte. Der Aſſeſſor Linke hatte die Spur der Familie Sterbohol in Genf bald gefunden. Aus dem Hotel de Ruſſie, wo ihm der Portier die Familie als vor vierundzwanzig Stunden abge⸗ gangen bezeichnet hatte, war er nach dem Hotel de la Lucian Herbert, Die Blume ven Sumatre II. 7 Paix und ſo immer weiter von Hotel zu Hotel ge⸗ wandert, bis er die Geſuchten auf der andern Ufer⸗ ſeite im Hotel Metropole fand. Fand? Nein, denn in der Metropole lautete die Auskunft, die ihm der Portier gab, ganz ähnlich derjenigen, die er im Hotel de Ruſſie erhalten.„Die Herrſchaft iſt abgegangen“, hieß es, nur mit der Variante, daß der Portier ſtatt„Vor vier und zwanzig Stunden“, wie es im Hotel de Ruſſie geheißen, hinzuſetzte:„Vor einer Stunde!“ Ueber das Reiſeziel der Verſchwundenen war nichts Beſtimmtes zu erſahren. Die Vermuthung ſprach für Vevay, da ſich die Familie Sterbohol nach der Ausſage des Hausknechts im Metropolehotel, der ſich mit dem Gepäck der Abgereiſten befaßt hatte, jenes Eildampfers bedient hatte, der den See auf der ſchweizer Uferſeite entlang⸗fährt. Linke war im beſten Zuge, ſeiner Schweſter und ſeinem Schwager eine Ueberſiedelung nach Vevah plauſibel zu machen, als ihm ein Brief Vollmer's aus Vevay zukam, der ihm die erfreuliche Gewißheit brachte, daß ſich die Familie Sterbohol in Vevay und zwar in derſelben Penſion angeſiedelt habe, in welcher ſich der Briefſchreiber ſeit mehreren Tagen befand. Jetzt ſtellte Linke ſeinen Verwandten die Alter⸗ —— 99 native, entweder mit ihm nach Vevay zu gehen oder für einige Zeit auf ſeine Geſellſchaft zu verzichten. Da Eperies mit ſeiner Frau die Reiſe in die Schweiz zumeiſt nur darum unternommen hatte, um Emmerich, dem als Reconvalescenten nach einer kürzlich über⸗ ſtandenen ſchweren Krankheit ein längerer Anfenthalt in einem mildern Klima Bedürfniß war, nicht allein reiſen zu laſſen, ſo entſchloſſen ſich beide ohne Mühe, Genf mit Vevay zu vertauſchen, und überredeten auch das Chepaar Tengen, den Ausflug nach Vevay mit⸗ zumachen. Iſtvan nahm Abſchied von ſeiner Mutter, die ſich mit ihrem Gemahl auf einer großen Reiſe nach Italien und dem Orient befand, auf welcher Genf nur eine Etappe war. Die Gräfin Wolfram erwirkte es bei ihrem Ge⸗ mahl, der längſt ſeinen Frieden mit dem königlichen Vetter in Berlin gemacht und dem dieſer finanzielle Ausgleich mit Berlin zu ſeinen übrigen immenſen Reichthümern noch ein Vermögen von. zehn Millionen Thalern hinzugefügt hatte, daß er ihrer Schwieger⸗ tochter eine nachträgliche Mitgift auswarf, wie ſie die Tochter eines Berliner Stadtgerichtsraths in ihren kühnſten Träumen uicht zu hoffen gewagt hätte. Da Iſtvan ſeine Mutter, die ihm mit vieler —— Herzlichkeit entgegenkam, nicht vor den Kopf ſtoßen mochte, ſo hinderte er ſeine Frau nicht, das fürſtliche Geſchenk anzunehmen. Und ſie konnte es um ſo leichter annehmen, als Iſtvan eine glänzende Stellung und das Geſchenk alſo nicht den Charakter eines Almoſens hatte. Iſtvan war ſeit Jahr und Tag das Factotum des Fürſten Glinkei, der den wackern jungen Mann liebgewonnen und zum Centraldirector ſeiner ausge⸗ dehnten Beſitzungen gemacht hatte, in welcher Eigen ſchaft Iſtvan Gelegenheit bekam, demFiürſten in einem Jahre ſo viel hereinzubringen, als ſein Vater dem⸗ elben in einer Reihe von Jahren veruntreut hatte. So befand ſich denn Linke bald der jungen Frau gegenüber, von welcher vor er einem Jahre in ſeinem Tagebuch geſchwärmt, für die er damals unwillkürlich ein tieferes Intereſſe gefaßt und der er ſpäter im Auftrag ſeines Gönners, des Herzogs von Gemmingen, einen koſtbaren Brillantſchmuck überbracht hatte. Denn was Linke damals gleich geahnt, als ihm der Herzog den Auftrag für Prag gegeben, das hatte ſich in Prag bewahrheitet: die Miſſion, die er in Tegernſee übernommen, hatte ihn in Prag in daſſelbe Haus, in dieſelbe Wohnung auf dem Roßmarkte ge⸗ „ Beſitze er ſich plötzlich ſah, die Sinne und er begann 101 führt, in welcher er im Juli 1866 mehrere Tage als „preußiſche Occupation“ zugebracht. Madeleine Sterbohol, welche damals eben im Begriffe war, Frau Bremer zu werden, hatte nicht wenig verwundert darein geſehen, als ihr Linke den Handſchuh mit dem Billet ihres Bräutigams, die er beide im Piano gefunden, überreichte und ſie, wie der Leſer bereits weiß, nur bat, die Photographie, die er damals dem Album entlehnt, als Souvenir de Prague behalten zu dürfen. Nicht weniger verwundert ſah Madeleine jetzt da⸗ tein, als ſich ihr Linke in Vevay plötzlich vorſtellte Aber dieſe Verwunderung war offenbar nicht peinlicher Natur, es hatte vielmehr den Anſchein, als ob die Zerſtreuung, die ihr Linke gewährte, der Trau⸗ ernden wohl thäte. Daß und worüber ſie trauerte, wurde Linke bald klar. Frau Sterbohol weihte ihn in das Unglück ihrer Tochter ein. Bremer, der ſich mit Sterbohol's Gelde als Banquier etablirt hatte, war bald nach ſeiner Verheira⸗ hung auf abſchüſſige Bahnen gerathen. Nicht nur, daß er ſich in gewagte Börſenoperativnen einließ, es verwirrte ihm auch das viele Geld, in deſſen — 102 dieſes Geld ganz nach Art eines Lebemanns in Curs zu bringen. Er warf ſich auf das Ballet und hatte nur kurze Zeit hindurch die Rückſicht, ſeine Paſſionen vor ſeiner jungen Frau zu maskiren. Bald ging er rückſichtslos ſeinen Weg, ſich weder um die Thränen ſeines armen, vernachläſſigten Weibes, noch um die Vorwürfe ſeiner Schwiegermutter, noch auch um die Vorſtellungen ſeines Schwiegervaters küm⸗ mernd. Sein flottes Leben währte ſo lange, bis Alles unter ihm zuſammenbrach. Eine Börſenkriſe warf ſeine ſämmtlichen Combi⸗ nationen über den Haufen, ſodaß er über Nacht um ſein ganzes Vermögen kam. Er raffte zuſammen, was er eben xtaſ konnte, und ſuchte damit das Weite. Die Balletdame, die zuletzt ſeine Herzenskönigin geweſen, begleitete ihn auf ſeiner Flucht. Die verlaſſene Frau ließ es geſchehen, daß ihre Eltern Schritte thaten, die gerichtliche Scheidung der ſo unglücklich ausgeſchlagenen Ehe zu veranlaſſen. Linke fühlte das tiefſte Mitleid mit der jungen Frau, die ſo herbe Erfahrungen gemacht und da, wo ſie blind vertraut, auf eine ſo grauſame Art getauſcht worden war. — 103 Er bemühte ſich, ſie auf die zarteſte Weiſe zu tröſten und ſie den erlittenen Kummer vergeſſen z machen. Seine Bemühungen fanden eine dankbare Auf⸗ nahme, und als er mit der Zeit kühner wurde und betonte, daß er das Intereſſe, das er von Anfang für Madeleine Sterbohol, noch ehe er dieſelbe perſön⸗ lich gekannt, empfunden habe, auch der geſchiedenen Frau Bremer ungeſchwächt entgegenbringe, wurde hm kein geradezu entmuthigender Beſcheid. Auch Frau Sterbohol ſchien es gern zu ſehen, daß Madeleine ihre Neigung, die ſie das erſte Mal an einen Unwürdigen verſchwendet, nach und nach dem Aſſeſſor zuzuwenden ſchien, deſſen feine Manieren ihr wohlgefielen. Daran, daß der Aſſeſſor mit dem Baron Eperies, dem Sohne der Frau, die ſie unter allen Menſchen auf Erden am meiſten haßte, verſchwägert war, nahm Frau Sterbohol keinen Anſtoß. Im Gegentheil fühlte ſie eine gewiſſe Sympathie für Iſtvan, weil ſie wußte, daß ſich ſeine Mutter nicht um ihn bekümmert habe, ſeit ſie ſich von ihrem Manne getrennt, um die glänzenden Bahnen einer fürſtlichen Maitreſſe zu wandeln. Sie verkehtte gern mit dem Sohne ihrer Neben⸗ S — — —— — 104 buhlerin in der fürſtlichen Gunſt, der natür lich keine Ahnung davon hatte, daß ſie diejenige Frau ſei, an deren Stelle ſeine Mutter getreten, als ſie ihre Familie So entwickelte ſich allmälig ein ganz hübſ ches Zu⸗ ſammenle ben zwiſchen den einzelnen Perſonen des Kreiſes, der ſich mehr oder weniger zufällig in der Penſion Lord Byron in Vevay zuſammengefunden hatte. Die Familien Sterbohol, Eperies und Tengen, Linke und Vollmer formirten dieſen Geſ ſelligkeitsclub, der noch einen intereſſanten Zuwachs durch einen Italiener erhielt, welcher ſich dem Kreiſe an⸗ ſchloß und freundliche, entgegenkommende Aufnahme fand, damit, wie Linke ſcherzend meinte, die Zahl zehn voll würde und in dem geſelligen Bunde die drei jugendfriſchen Nationen, denen noch eine große Zukunftsrolle im politiſchen Weltconcerte vorbehalten ſei, vertreten wären— Deutſche, als die Reigenführer, daneben die Italiener und die Un⸗ garn. Der Italiener, der ſich vom Tiſchnachbar Linke's zum Theilnehmer an dem bei allen Ausflügen gemein⸗ ſam auftretenden Geſelligkeitsbunde in der Penſion Lord Bhron aufgeſchwungen hatte, war kein junger 405 Mann mehr und hatte eine intereſſante Vergangen⸗ heit. Er war im Jahre 1848 nahe daran, demſelben Schickſal zu verfallen, das den erſten Gatten der nun⸗ mehrigen Majorin Tengen nach der Capitulativn Görgey's in Arad getroffen hatte. Was der Italiener, der ſich Andrea Padovani nannte, über die gefährliche Situation, in der er ſich in jenem verhängnißvollen Jahr befunden, den Freunden in der Penſion Lord Vhron erzählte, als die ganze Geſellſchaft eines Tages auf einem großen, von ſechs Ruderern bewegten Kahne von Vevay gegen Chillon fuhr, das ſoll der Leſer im nächſten Kapitel erfahren. Sechstes Kapitel. Padovani's Geſchichte. Im Herbſt des Jahres 1848 brachte die kaiſerlich⸗ königliche Wiener Zeitung täglich an der Spitze ihres officiellen Theils Bulletins von lakoniſcher Kürze und erſchreckendem Inhalt. Sie verſtändigten die zitternde Stadt in der Re⸗ gel davon, daß wieder ein kriegsrechtlich„Abgehandel⸗ ter“— ſo lautete der amtliche Ausdruck— zum Tode durch den Strang verurtheilt, von dem Höchſtcomman⸗ direnden jedoch zum Tode durch Pulver und Blei be⸗ gnadigt worden ſei. Ein unvorſichtiges Wort, im Wirthshauſe hinge⸗ worfen, eine Waffe, vielleicht von böswilliger Hand in den Schrank geſtellt, genügte, das Leben in Frage zu ſtellen. — 107 Jeden Tag knallten die verhängnißvollen Schüſſe im Stadtgraben. Meſſenhauſer, Blum, Becher, Jellinek und mit ihnen viele Namenloſe, Bürger, übergetretene Solda⸗ ten, Proletarier, Polen, Studenten hatten ihr Leben bereits ausgehaucht und Hunderte harrten noch im Eriminalgebäude auf dem Alſergrunde oder im Stabs⸗ ſtockhauſe des Richterſpruchs. Wie in den Zeiten der franzöſiſchen Revolution konnte ſich jener glücklich preiſen, den man vergaß. Zeit gewonnen hieß hier vielleicht das Leben gewonnen. Nach Hunderten auch fahndete man; Anſchlags⸗ zettel nannten die Namen derer, die man ſuchte. Da die Linien abgeſperrt waren und Niemand ohne einen Paſſirſchein die Stadt verlaſſen oder be⸗ treten konnte, ſo war es ein wahres Wunder, wenn Jemand entkam. Bem mußte ſich in einem Sarge aus Wien hin⸗ austragen laſſen, Manchen retteten die Frauen. Wohl dem, der in den wildbewegten Tagen der letztverfloſſenen Monate, welche ſo zu ſagen alle ſocia⸗ len Bande gelöſt hatten, die Bekanntſchaft der Frau, Tochter oder auch nur des Kammermädchens einer angeſehenen gutgeſinnten Familie gemacht hatte— die —— — —— 108 Wohnung der betreffenden Familie wurde ihm zum ſchützenden Aſhl. Das die Hausſuchungen im großartigſten Maß⸗ ſtabe betreibende Militär ſchonte die Häuſer der Schwarz⸗ gelben, und wenn ſich ein Hofrath herbeiließ, einen Compromittirten bei ſich gaſtlich aufzunehmen, ſo war der letztere ein geborgener Mann. So weit ging in jenen Tagen der Terrorismus, daß es faſt für ein Verbrechen angeſehen wurde, das Militär der Strapazen wegen, die es während der Belagerung der Stadt erduldet hatte, zu bedauern. Als ein paar den beſſeren Ständen angehörende Frauen die Kroaten, die auf dem Hofe ihres Hauſes campir⸗ ten, wegen ihres herabgekommenen Ausſehens beklag⸗ ten, ſchrie der Hauptmann trotzig:„Warum bemit⸗ leiden Sie uns? Weil unſere Stiefel ohne Sohlen und unſere Röcke zerriſſen ſind? Wir wollen kein Mitleid und verbitten es uns!“ In dieſen Tagen einer wahren Schreckensherrſchaft, wo der Robespierre in Generalsuniform einen Men⸗ ſchen erſchießen ließ, weil er im Wirthshauſe, von ihm ſprechend, ſich nicht ganz parlamentariſcher Ausdrücke bedient hatte, war es ein wahres Wunder, als eines Tages die kaiſerlich-königliche Wiener Zeitung den —— ——————— 109 Turnus ihrer Todesbulletins durch folgende Mitthei⸗ lung unterbrach: „Seine Excellenz der Civil⸗ und Militärgouver⸗ neur Freiherr von Welden haben kraft der ihm von dem Feldmarſchall Fürſten Windiſchgrätz ertheilten Voll⸗ machten dem Andrea Padovani die achtzehnjährige Kerkerſtrafe, zu welcher er kriegsgerichtlich verurtheilt worden, nachzuſehen befunden.“ Man traute in Wien ſeinen Augen kaum, als man dieſen Gnadenact las, und glaubte eine neue Aera der Verſöhnung im Anzuge. Leider wurde man bereits am nächſten Tage be⸗ lehrt, daß man es nur mit einer vorübergehenden Re⸗ gung der Milde zu thun habe. Die Erſchießungen nahmen ihren ungehinderten Fortgang und nur Wenige haben erfahren, welche Be⸗ wandtniß es mit dem überraſchenden Gnadenacte hatte. Eines Tages fuhr der General Welden, der da⸗ mals im Namen des Bezwingers Wiens über Tod und Leben in der Reichshauptſtadt gebot, wie von der Tarantel geſtochen im Bureau von ſeinem Sitze in die Höhe. Er hatte eben einen Rapport geleſen, den der Hauptmann, der in dem Criminalgebäude einquartiert war, durch eine Ordonnanz eingeſchickt hatte. 5 1410 Der Hauptmann hatte die Verpflichtung, von allen Vorkommniſſen innerhalb des Criminalgebäudes, ſobald ſie ihm irgendwie bedeutend ſchienen, den Militärgou⸗ verneur ſofort in kurzem Wege zu benachrichtigen, da dieſer auf die Civilbehörden ſchlecht zu ſprechen war und behauptete, ihr amtlicher Weg ſei ein ſchleppen⸗ der und er erfahre durch ſie Alles viel zu ſpät. „Himmeltauſendſakerment!“ ſchrie Welden, der auf⸗ brauſend und heftig war,„da ſoll ja die Hölle drein⸗ ſchlagen!“ Der Rapport lag bereits zerknittert auf der Erde und der General griff nach der Glocke, die auf dem Tiſche ſtand. Eine Ordonnanz trat ein. „Iſt denn ins Teufelsnamen kein Adjutant draußen?“ donnerte ihr Welden entgegen. „Excellenz haben alle Adjutanten in Dienſtſachen ausgeſchickt, es befindet ſich nur der Hauptmann Tensko von Trappgrenadieren im Vorzimmer!“ „Herein mit ihm!“ In der nächſten Minute ſtand der Hauptmann vor dem General. Er wollte dieſem die Angelegenheit, die ihn hierher geführt hatte, mittheilen, Welden aber herrſchte ihm zu: „Ein andermal von dem, was Sie mir zu ſagen ——— ———— 111 haben, jetzt liegt mir etwas ganz Anderes im Kopfe. Da ſehen Sie“— Welden trat auf den Rapport und ſchob ihn mit dem Fuße weiter—„da habe ich ſo eben einen Wiſch erhalten, der mir anzeigt, daß einer von den zwei Kerlen, die vorgeſtern verurtheilt worden ſind, in dem Augenblick ſeiner Einlieferung an das Criminal entwiſcht ſei. Wenn ich den Bericht des Criminalgerichts abwarten wollte, könnte ich lange im Finſtern tappen, ich will aber wiſſen, wie ſich die Sache zugetragen hat und wen die Schuld trifft. Ich habe keinen Adjutanten bei der Hand, gehen Sie ins Criminalgebäude und informiren Sie ſich über die Sache. In einer Stunde können Sie zurück ſein, wenn Sie einen Wagen nehmen!“ Der Hauptmann empfahl ſich und der Gouver⸗ neur vermochte bis zu ſeiner Wiederkehr kaum ſeine Ungeduld zu zügeln. Er empfing ihn mit den Worten: „Nun, welcher von den Teufelskerlen iſt ent⸗ ſprungen?“ „Der Filippo Bova, Excellenz!“ „Da ſoll ja das Donnerwetter dreinſchlagen!“ ſchrie Welden, mit der Fauſt auf den Tiſch aufſchla⸗ gend.„Das iſt gerade die ſchlimmere Canaille! Aber wie war es möglich, daß der Kerl entkam? Wer trägt die Schuld?“ —— —— ———— —— 142 „Der Subſtitut des Kerkermeiſters, Excellenz! Der Kerkermeiſter ſelbſt iſt krank und ein Gefangenwärter vertritt ſeine Stelle. Heute früh brachte vorſchrifts⸗ mäßig ein Offizier die beiden Verurtheilten in die Auf⸗ nahmekanzlei des Criminalgebäudes. Zwei Ulanen Jatten den Fiaker, in welchem der Lieutenant mit Bova und Padovani ſaß, escortirt und der die Expe⸗ dition commandirende Lieutenant verließ das Gebäude, nachdem er die Verurtheilten der Civilbehörde übergeben und die Beſcheinigung erhalten hatte.“ „Ihn trifft alſo gar keine Schuld?“ polterte Wel⸗ den. „Nicht die geringſte!“ „Dacht ich's doch gleich!“ knurrte der Gouver⸗ neur.„Wenn etwas Einfältiges geſchieht, ſind immer die Federfuchſer vom Civile daran ſchuld! Sie ver⸗ derben, was wir gut machen! Aber zur Sache, wie entkam dieſer gottverdammte Bova, den ich hängen laſſe, wenn ich ihn erwiſche?“ „Die beiden Gefangenen waren ungefeſſelt, da ſie den guten Ständen angehörten, und hatten auch noch ihre feine bürgerliche Kleidung an. Wie ſie nun der Subſtitut des Kerkermeiſters nach ihren Zellen geleitet, bleibt Bova plötzlich vor einer Thür, die zu einem Aborte führt, ſtehen und theilt dem Gefangenwärter 113 mit, daß er hier für einen Augenblick eintreten müſſe. Der Gefangenwärter läßt ihn, nichts Arges ahyend, gewähren. Er will vor der Thür warten, aber Pa— dovani ſchreitet weiter aus, und da er hinter einer Ecke verſchwindet, ſo folgt ihm der Gefangenwärter, um ihn aufzufordern, ſeinen Genoſſen zu erwarten. Die Minute, welche der Gefangenwärter brauchte, um aus der Biegung, welche der Gang an jener Stelle macht, wieder in jenen Corridor einzulenken, in welchem ſich die Aborte befanden, muß Bova benutzt haben, um aus ſeinem Verſtecke hervorzubrechen. Der Gefangen⸗ wärter wartet mit Padovani noch eine Weile, und als Bova noch immer nicht kommt, öffnet er die Thür, die zu den Aborten führt, aber er ſieht keinen Bova. Er macht Lärm und erfährt, daß ein eleganter Herr, deſſen Aeußeres der Beſchreibung nach jenem Bova's glich, vor einigen Minuten unangefochten das Crimi— nalgebäude verlaſſen habe Die Wachen, die ihn ruhig und harmlos die Stiege hatten herabkommen ſehen, hat⸗ ten ihn für einen Beamten gehalten und anſtandslos paſſiren laſſen. Seine Spur iſt verloren, Padovani jedoch in Si⸗ cherheit!“ „Man gebe Bova's Signalement ſofort an alle Stadtthore und Linien. Der leichtſinnige Gefangen⸗ Lucian Herbert, die Blume von Sumatra 1I. 8 114 wärter muß ſpringen. Es iſt ein Glück, daß nicht auch. Padovani entwiſcht iſt!“ „Padovani verdiente eigentlich eine außerordent⸗ liche Belohnung, daß er die Gelegenheit nicht benutzt und den Gefangenwärter an die Wand gedrückt hat!“ bemerkte der Offizier. „Seien Sie ſo gut und halten Sie dieſen Revo⸗ lutionären die Stange!“ ſchrie Welden. „Padovani iſt doch ebenſo wenig wie Bova ein gemeiner Verbrecher!“ wagte der Hauptmann ungeſcheut einzuwerfen.„Er hat weder geſtohlen noch geraubt, und dafür, daß er conſpirirt hat, iſt er mit achtzehn Jahren Kerker genug zugedeckt. Ich bleibe dabei, Ex⸗ cellenz, daß es ſchön von ihm war, daß er unſere Verlegenheit nicht noch vermehrte, ſondern blieb, wo er war!“ „Ich möchte ſelbſt wiſſen, warum der dumme Kerl nicht von der Gelegenheit Nutzen gezogen hat!“ ſagte Welden ruhiger.„Ich hätte Luſt, ihn zu ſprechen. Fahren Sie noch einmal ins Criminalgebäude und ſagen Sie, man möge mir den Padovani noch einmal aus⸗ liefern, ich wolle ihn ſelbſt des fatalen Vorgangs wegen vernehmen. Nehmen Sie zwei Ordonnanzen mit, aber daß er Ihnen nicht entwiſcht!“ „Mir entwiſcht Niemand, Excellenz!“ entgegnete 8 3 1¹5 der Hauptmann ſelbſtbewußt und verſchwand, um den erhaltenen Auftrag auszuführen. ⸗ Ehe eine Stunde vergangen war, ſtand Padovani vor dem Gouverneur, der ihn lange und aufmerkſam . muſterte, während Padovani gleichmüthig ſeinen glän⸗ zenden ſchwarzen Schnurrbart ſtrich. „Ihr ſauberer College Bova iſt entwiſcht!“ pol⸗ terte Welden endlich, die Stirn runzelnd.„Wenn ich n ihn bekomme, mache ich kurzen Proceß mit ihm und t laſſe ihn aufknüpfen. Es hätte noch gefehlt, Sie hät⸗ . ten ihm ſekundirt und gleichzeitig mit ihm Reißaus ge⸗ n nommen! Es ging wohl nicht, he? Denn wenn es ⸗ halbwegs gegangen wäre, wäre der Vogel ſicherlich . nicht hier!“ „Ich kann Ihnen verſichern, General, daß es nur an mir lag, es Bova nachzuthun!“ entgegnete Pado⸗ ani kalt. „Lächerlich!“ rief Welden.„Das machen Sie eeinen Andern glauben! Der Menſch, der, zu achtzehn Jahren Kerker verurtheilt, in die Lage kommt, ſich be⸗ freien zu können, und die günſtige Gelegenheit unbe⸗ 5 1 nutzt vorübergehen läßt, der Menſch müßte noch ge⸗ n boren werden! Sagen Sie lieber die Wahrheit: der Gefangenwärter, den ſich Ihr Spießgeſelle, ſchlauer als Sie, durch Liſt vom Halſe zu ſchaffen wußte, war 116 Oſ. Ihnen körperlich überlegen, Sie wagten es nicht, es mit ihm aufzunehmen!“ Padovani lächelte geringſchätzig. „Ich habe mir gar nicht die Frage geſtellt, ob ich ihn überwinden könnte!“ ſagte er trocken.„Aber ein Abmeſſen der gegenſeitigen Kräfte war gar nicht nöthig, General! Ich hätte nur auf Bova's Propoſition ein⸗ gehen dürfen, um jetzt ebenſo frei zu ſein wie er!“ „Was war das für eine Propoſition?“ fragte Welden neugierig. „Bova kennt das Criminalgebäude gründlich, da er ſchon einmal in demſelben zu thun hatte!“ „Hat er bereits einmal geſeſſen?“ polterte der Gouverneur.„Da ſoll ja den Auditor, der den Pro⸗ ceß geführt hat, der Teufel holen, daß er das nicht in der mit Bova geführten Unterſuchung an den Tag gebracht hat!“ „Beruhigen Sie ſich, Herr General, der Auditor iſt unſchuldig! Bova iſt nie verurtheilt geweſen, wohl aber war er als Aſſocié eines hieſigen Kaufmanns vor einigen Jahren in ſtrafgerichtlicher Vorunterſuchung, und zwar wurde dieſe einige Wochen mit Captur ge⸗ führt, bis das Obergericht auf ſeine Beſchwerde be⸗ ſchloß, Bova auf freiem Fuße zu belaſſen. Er wurde ſpäter frei geſprochen. Die drei Wochen, die te 17 Bova im Criminalgebäude zubrachte, genügten aber natürlich, ihn bezüglich der Lokalität zu orientiren. Auf dieſe Ortskenntniß baſirte er ſeinen Plan und fand Gelegenheit, mir während des Transports in das Criminalgebäude in italieniſcher Sprache Folgen⸗ deszuzuflüſtern:„Padovani, willſt Du fliehen?“—„Wa⸗ rum nicht, wenn es möglich iſt?“ entgegnete ich natür⸗ lich.„Dann höre, was ich Dir ſage“, fuhr Bova fort. „Man wird uns aus der Aufnahmekanzlei in unſere Zelle über einen Gang führen, auf welchen die Bu⸗ reaux hinausgehen. Ich kenne das, denn ich bin die— ſen Gang zehnmal entlang geſchritten, als man mich aus meiner Zelle in das Bureau des Verhörrichters führte. Da, wo dieſer Gang in einen Zweiggang mün⸗ det, befindet ſich ein Abort. Seine Thür ſah ich im⸗ mer angelehnt. Es wird uns ein Leichtes ſein, den Kerkermeiſter, der uns begleiten wird, durch dieſe Thür in den Abort zu ſchleudern, und die Thür entweder hinter ihm abzuſperren oder, wenn dies unmöglich ſein ſollte, den Kerkermeiſter durch ein paar Schläge zu be⸗ täuben.““ „Ein ſauberer Plan!“ rief Welden.„Sie ſtimm ten natürlich zu?““ „Wie Sie ſelbſt ſagen— natürlich! Wer zöge nicht die Freiheit achtzehnjährigem Kerker vor?“ 118 „Wie kam es nun, daß der ſchöne Plan nicht realiſirt wurde?“ „Er ſcheiterte an einer Kleinigkeit!“ erwiderte Padovani in einem etwas bewegteren Tone, als in dem er früher geſprochen hatte.„Der Gefangenwärter, der uns in der Aufnahmekanzlei übernahm, um uns in unſere Zellen zu führen, hat neben der Aufnahmekanz⸗ lei ſeine Wohnung, da er weder bei Tag noch bei Nacht das Amtsgebäude verlaſſen darf. Während der Be⸗ amte, der uns übernahm, dem Offizier, der uns escor⸗ tirt hatte, die Beſcheinigung ausſtellte, daß er uns richtig übergeben, ſah ich durch eine halb geöffnete Thür zwei blonde Kinderköpfe hereinlugen. Sie gehörten einem Knaben und einem Mädchen, die im Alter um ein Jahr auseinander ſein mochten. Der Knabe war etwa drei, das Mädchen vier Jahre. Beide Kinder hatten ſo treuherzige blaue Augen und dieſe großen Augen waren mit einem unſagbar liebevollen Ausdruck auf den Gefangenwärter gerichtet, der uns eben auf⸗ forderte, ihm zu folgen. Sehen Sie, Herr General, an dieſen Augen iſt der Plan geſcheitert!“ Padovani hatte mit einer gewiſſen Rührung ge⸗ ſprochen, die ſelbſt auf den harten Welden einen Ein⸗ druck machte, der ſich darin kundgab, daß er Pado⸗ 09 vani nicht mehr barſch aufforderte, weiter zu reden, ſondern ſchwieg. „Ich ſagte mir“, fuhr Padovani nach einer Pauſe halblaut, wie wenn er zu ſich ſelbſt ſpräche,„ich ſagte mir, daß das die Kinder des Gefangenwärters ſeien, und während ich dies dachte, kamen die Kinder aus ihrem Verſteck hervor und berührten den Fuß des Va⸗ ters mit ihren kleinen Fingern, als ob ſie den Vater auf ſich aufmerkſam machen wollten. Der kehrte ſich flchtig nach ihnen um, lächelte ihnen zu, winkte ihnen dann, ſich in ihre Stube zurückzuziehen, und ſagte:„Ich komme gleich zu Euch. Es war eine Idylle, Herr General, mehr kann ich nicht ſagen, eine Idylle, die mich rührte, denn ich habe ſelbſt zwei Kinder zu Hauſe.“ Padovani ſchwieg und es ſchien, als ob ſich ſeine Augen gefeuchtet hätten. Doch beſiegte er die weiche Regung und fuhr fort: „Da ſtand es feſt in mir: wenn Du nur auf Koſten dieſes Mannes fliehen kannſt, ſo fliehſt Du nicht. Du wirſt nichts dazu thun, ihn ins Unglück zu ſtürzen, ihn vielleicht an ſeinem Leben oder ſeiner Ge⸗ ſundheit zu ſchädigen oder beſten Falls ihn in ſeiner amtlichen Stellung, die ihn und ſeine Kinder nährt, zu erſchüttern. Als wir den verhängnißvollen Gang 120 betraten, ſagte ich daher zu Bova: Fliehe allein, ich bleibe. Infolge dieſer Mittheilung änderte Bova ſei— nen Fluchtplan. Ich errieth ihn ſofort, als er dem Gefangenwärter ſagte, daß er ſich in den Abort zu⸗ rückziehen müſſe. Ich wollte ihm, ſoweit es in meinen Kräften ſtand, behülflich ſein, ſeinen neuen Plan, den er mit Blitzesſchnelle erdacht, auszuführen, aber für meinen Theil mochte ich aus der Situation zum Nach⸗ theile des Gefangenwärters keinen Nutzen ziehen. Ich ging, ſcheinbar ohne Rückſicht darauf zu nehmen, daß Bova zurückgeblieben ſei, weiter und bog in den Zweig⸗ gang ein, weil ich vorausſetzte, daß mir der Gefangen⸗ wärter dahin folgen würde, um mich im Auge zu be⸗ halten und zum Warten aufzufordern. Es kam auch, wie ich es erwartet hatte, der Gefangenwärter war bald bei mir, ließ ſo den Gang, auf welchen der Abort mündete, aus dem Auge und dieſen Moment benutzte ohne Zweifel Bova auf gut Glück. Es gelang ihm, den Abort und den Gang ungeſehen zu verlaſſen und aus dem Hauſe zu kommen, denn wäre ihm dies nicht gelungen, ſo ſtände ich wohl nicht hier und Sie, Herr General, wären in einer beſſeren Stimmung!“ Welden ſagte nichts als das eine Wort:„Ab⸗ reten! Die zwei Ordonnanzen, die an der Thür ſtehen 124 geblieben waren, führten Padovani in das Vorzimmer und ſtellten ſich dort an der Thür auf, da ihnen der Gouverneur ein barſches:„Ordre abwarten!“ nachge⸗ rufen hatte. Welden ging einigemal mit über dem Rücken gekreuzten Armen im Zimmer umher, dann blieb er vor dem Hauptmann Tensko, der Padovani aus dem Criminalgebäude abgeholt hatte und Zeuge des Ver⸗ hörs geweſen war, ſtehen und ſagte: „Ein merkwürdiger Kerl, dieſer Padovani!“ „Ein guter Menſch, ein nobler Charakter!“ meinte Tensko offen. „Sie halten dieſem Revolutionär in conſequenter Weiſe die Stange!“ polterte Welden, die Stirn runzelnd. „Ich ſehe von dem Revolutionär ab und habe nur den Menſchen im Auge, Excellenz! Was ſoll mit Padovani geſchehen?“ Welden antwortete nichts. Wieder ging er eine Weile im Zimmer auf und ab, ohne daß ſich ſeine Züge aufhellten. Er ſchien über etwas nachzudenken, ſetzte ſich dann, gleichſam einer Eingebung folgend, an den Schreibtiſch, nahm ein Blatt Papier zur Hand und ſchrieb einige Zeilen, die er, ohne aufzuſtehen, Tensko reichte, ohne daß ſein mürriſches Geſicht ſich einen Augenblick aufgeklärt hätte. M 122 „Damit gleich in die Druckerei, die Wiener Zei⸗ tung ſoll es morgen bringen!“ „Und Padovani?“ fragte Tensko, der ſich natür⸗ lich nicht erlaubt hatte, das Blatt anzuſehen. „Kann zum Teufel gehen!“ ſagte Welden kurz. Jetzt ging dem Hauptmann ein Licht auf, er warf einen Blick auf die Zeilen und ſagte: „Excellenz ſind doch nicht ſo ſchlimm, als Sie aus⸗ ſehen!“ Welden lächelte unwillkürlich, winkte mit der Hand zum Abſchiede und ſagte:„Schon gut!“ So kam es, daß die Wiener Zeitung mitten unter Todesbulletins die überraſchende Nachricht von Pado⸗ vani's Begnadigung brachte. ———————— —————— Hiebentes Buch. Erſtes Kapitel. In Herrnhut. In einem der Häuſer jener langgedehnten Straße, die nicht weit vom Herrnhuter Bahnhofe be⸗ ginnt und in den Ringplatz von Herrnhut ein⸗ mündet, ſitzt am Fenſter einer ebenerdigen Werkſtätte eine alte Frau, die ſehr ernſt ausſieht und ſehr emſig arbeitet. Von Zeit zu Zeit greift ſie nach einer Lupe, um die Schnörkel, die ſie mit einem feinen Stifte in die Siegelplatte eingravirt hat, genauer ins Auge zu faſſen. Manchmal legt ſie die Arbeit auch beiſeite, um in einem Briefe nachzuleſen, der aufgeſchlagen auf dem Arbeitstiſche liegt. Dann feuchten ſich wohl unmerklich ihre Augen —— ——— ——— 124 und ihr Blick wird noch ernſter, noch ſinnender, als ob ein Schmerz, den ſie durch die Arbeit zu überwin⸗ den geſucht, von neuem aufgewühlt würde. Dann fährt ſie mit ihren feinen, hagern Fingern über die alten braunen Augen, in denen noch etwas vom alten Jugendfeuer blitzt, ſtreicht mit der, zuckenden Hand über die grauen Haare hin, die ſich in ſchlichten Flechten an die Schläfe anſchmiegen, und murmelt dabei:„Wie viel Schönheit und Liebreiz hat er leichtſinnig von ſich geſtoßen, der dumme Junge!“ Sie murmelt's nicht zornig, das„der dumme Innge“ klingt faſt zärtlich, Ton und Miene verrathen mehr Trauer und Kummer als unwillige Erre⸗ gung. In der Werkſtätte iſt es ſo ſtill, daß man die ſchwarzwälder Uhr, die über einem alten Lehnſtuhl hängt, picken und die ſchwarze Katze, die auf dem Seſſel ſchläft, ſchnurren hört. Der grüne Kachelofen, neben welchem die Katze ſchläft, verbreitet eine behagliche Wärme in der großen Stube, deren Thür ſich jetzt öffnet. Auf der Schwelle der Werkſtätte wird Ezechiel Frohmann ſichtbar, der mit einem ſalbungsvollen: „Gott zum Morgengruße, liebe Schweſter in Chriſto!“ eintritt. 12* 120 „Guten Morgen, lieber Vetter Ezechiel!“ begrüßt Frau Martha Vollmer den Eintretenden⸗ indem ſie die Arbeit aus der Hand legt.„Biſt wohl gekommen, uns abzuholen? Gönne dem Kinde nur noch eine Viertel⸗ ſtunde. Er iſt droben und hat ſich über die Rechnungen hergemacht. Bis zehn wollte es arbeiten— es iſt halb zehn vorbei!“ „Wir haben Zeit, Schweſter Martha, und den lieben Todten wird ſie auch nicht zu lang!“ ſagte Czechiel, indem er ſich einen Seſſel neben den Arbeits⸗ tiſch der Frau Vollmer rückte. Dann ſchob er die Brille, die ſein halbes Antlitz verhüllte, in die Höhe, ſodaß er die Augen frei bekam, während die in maſſives Horn gefaßten runden Gläſer nun auf ſeiner Stirn den Eindruck von Cyklopenaugen machten. Frau Vollmer mit einem forſchenden Blicke feſthaltend. fragte er beſorgt: „Hat das Kind in der letzten Nacht nicht ge⸗ huſtet?“ „Sehr wenig. Die Auflöſung von weißem Can⸗ diszucker in der Schwarzrübe hat ihr ſehr gut gethan. Solche Hausmittel ſind probat!“ Frohmann ſchöpfte wie aus erleichterter Bruſt tief Athem und ſagte: „Vielleicht iſt's doch nur ein vorübergehendes 126 Unwohlſein! Das Klima wird ihr zu rauh ſein; ich hätte ſie zum Frühling, nicht zum Herbſt hierher bringen ſollen. Ich zittere, daß ſie ernſtlich krank werden könnte! Wenn ich ſie, wie ihre Mutter vor zehn Jahren, auf dem Hutberge zurücklaſſen müßte, es wäre entſetzlich!“ Frohmann's Stimme bebte, als er ſo ſprach. Frau Vollmer ſagte theilnahmevoll: „Du gibſt Dich ganz grundlos ſo trüben Ge⸗ danken hin, Ezechiel! Der heutige Gedenktag wirkt auf Dich, ſei ruhig! Das Kind iſt von einer innern Fröhlichkeit, von einer Seelenheiterkeit, die Niemand beſitzen kann, mit dem es ſchlecht ſteht. Daß Eugen dieſe Perle verwerfen konnte!“ Die alte Frau ſeufzte, langte nach dem Briefe, der auf dem Arbeitstiſch lag, und ſagte: „Er hat geſchrieben. Es hat ihn in der be⸗ wegten Zeit in Vevah, wohin er ſich von Genf aus be⸗ geben, nicht lange geduldet, und er iſt als Aſſiſtenz⸗ arzt bei dem deutſchen Corps eingetreten, das Belfort belagert. Viele der im Elſaß angeſtellt geweſenen Aerzte ſind gegen Orleans befördert worden, wo es ſchon ſo heiß herging und demnächſt noch heißer her⸗ gehen dürfte und wo die Aerzte ein geſuchter Arti⸗ kel ſind. Wer bei Belfort in die Lücken eintrat, 127 welche die Abgehenden frei ließen, war willkommen. Eugen ſchreibt faſt in gehobener Stimmung; es freut und befriedigt ihn, daß er ſich nützlich machen kann. Er erwähnt in dem Brief auch ſeines Freundes, des pfälziſchen Doctors, der in ſo verhängnißvoller Weiſe Eindruck auf das Kind gemacht hat!“ „Leider!“ murmelte Frohmann unwillig. „Eugen ſtellt uns den Beſuch ſeines Freundes in Ausſicht!“ fuhr Frau Vollmer fort.„Deidesheimer, ſchreibt er, wäre längſt gekommen, wenn ihn nicht die plötzliche Erkrankung eines Bruders genöthigt hätte, die Heimat aufzuſuchen. Der Bruder ſtarb und jetzt halten ihn nur noch Erbſchaftsauseinanderſetzungen mit ſeinen übrigen Geſchwiſtern in der Pfalz feſt. Sobald er ſein Erbtheil und ſeine Habe überhaupt zu Geld gemacht hat, wird er kommen.“ „Was will er hier?“ warf Ezechiel barſch ein. „Thörichte Frage!“ murmelte Frau Vollmer mit einem melancholiſchen Lächeln.„Er iſt klüger als mein dummer Knabe, er kommt die Blume zu pflücken, an deren Duft ſich mein Junge ſein ganzes Leben lang hätte erquicken können. Ich glaube, Eugen bedauert ſeinen Leichtſinn ſchon, denn er ſpricht in dieſem Briefe von einem verfehlten Leben und es klingt faſt das Be⸗ dauern heraus, daß er auf die Wünſche der Mutter 128 nicht eingegangen, daß er meine Hoffnungen hat Schiff⸗ bruch leiden laſſen! Zu ſpät, zu ſpät!“ Die alte Frau grollte das„Zu ſpät, zu ſpät“ wiederholt vor ſich hin, raffte ſich dann aber mit einer eeſoluten Bewegung aus der klagenden Stimmung, in vie ſie ſich hineingeſprochen, auf und rief, indem ſie den Kopf trotzig in die Höhe warf: „Nun, hin iſt hin und der Bub hat's ſo gewollt! Nichts mehr davon! Aber nun der pfälziſche Doctor, der des Kindes Herz im Fluge gefangen genommen, kommen wird, kannſt Du mir wohl ſagen, wie Du Dich ihm gegenüber zu ſtellen gedenkſt?“ „Wie zu einem, der an einem Poſſenſpiel Theil genommen, bei welchem ich der Gefoppte geweſen!“ grollte der Alte. „Laß das, Ezechiel!“ mahnte die alte Frau mild. „Sei nicht unverſöhnlich. Mit mir iſt man auch nicht gut umgeſprungen und der, welcher mich zu foppen verſucht hat, war mein eigener Sohn. Von einem ſol⸗ chen thut's doppelt weh. Aber er hat ſich ſelbſt geſtraft und ich habe ihm verziehen. Verzeihe auch Du, was unbedachter jugendlicher Leichtſinn gefehlt hat. Sieh hinweg über die Täuſchung, die man ſich mit Dir er⸗ laubt hat!“ „Wenn ich's auch wollte“, murmelte Czechiel in 129 viel weniger herbem Tone als früher,„mein Kind kann ich doch des Beiſpiels wegen Niemand zum Weibe geben, der nicht zu unſerer Gemeinſchaft gehört!“ „Das iſt Alles, was ich wiſſen wollte!“ ſagte die alte Frau beruhigt.„Nun Du ſo weit biſt, wird ſich, wie ich denke und hoffe, Alles machen. Ich glaube, ſie zählt darauf, daß er kommt, um der Unſere zu werden.“ „Du meinſt, daß ſie mit ihm unter einer Decke ſpielt?“ brauſte Ezechiel auf. „Mißverſtehe mich nicht!“ verneinte die alte Frau ruhig.„Du haſt ſie meiner Obhut übergeben und bei mir wird nicht conſpirirt. Auch iſt Suſanne keine Natur, die zur Conſpiration neigte. Das weißt Du recht gut. Ihr Herz iſt durchſichtig wie ihr Auge. Sie hat mit dem pfälziſchen Doctor kein Wort, kein Schrift⸗ zeichen, kein Signal gewechſelt, ſeit er ſie in Genf bat, ihm zu vertrauen, darauf kannſt Du Dich verlaſſen. Aber ſie vertraut ihm. Sie erwartet ihn. Sie iſt feſt überzeugt, daß er alle Hinderniſſe überwinden, daß er es möglich machen werde, daß ſie die Seine wird. Und da ſie Dich kennt und ein geſcheidtes Kind iſt, ſo weiß ſie auch, daß eine Vereinigung mit ihm mit Deiner Zuſtimmung nur auf eine Art möglich iſt. Danach handelt ſie.“ Luciau Herbert, Die Blume von Sumatra. II. „Danach handelt ſie?“ fragte Ezechiel überraſcht. „Wie meinſt Du das?“ „Sie bahnt ſich eine Stellung an, die es ihr im Nothfalle ermöglicht, eine Familie zu erhalten. Sie hat ihre Dispoſitionen mit einem bewunderungs⸗ würdigen Scharfblick getroffen und verfolgt ſie mit einer Energie, die einem Manne alle Ehre machen würde.“ „Ja, ja, ſie hat etwas von Dir, Schweſter Mar⸗ tha!“ ſagte Ezechiel, dem das Lob, das die alte Frau Suſannen ſpendete, doch einigermaßen wohlthat.„Wie Du Dich des Geſchäftes Deines Mannes thatkräftig annahmſt und es erlernteſt, ſodaß Du ihm nicht blos in guten Tagen zur Seite ſtehen konnteſt im gemein⸗ ſchaftlichen Erwerbe, ſondern ſeine Arbeit auch jetzt fortführen kannſt, wo er in der Kaltwaſſerheilanſtalt nun ſchon in den dritten Monat hinein daran arbei⸗ tet, ſeinen Gelenkrheumatismus los zu werden, ſo glaube ich, hätte mein Mädchen auch den Stoff dazu, den Mann bei ſeinem Erwerbe und in ſeiner Berufs⸗ thätigkeit zu unterſtützen.“ Die alte Frau nickte zuſtimmend mit dem Kopfe und nahm wieder däs Wort: „Da wir einmal davon ſprechen, will ich Dir ge⸗ 134 nau ſagen, wie's zuging. Noch an dem Abend, da Du ſie mir übergeben— ich hatte ſie eben in das Zim⸗ mer droben geführt, in welchem vordem Eugen jahre⸗ lang gewohnt— fiel ſie mir um den Hals und bat mich ſchluchzend um Verzeihung, daß es nicht mein Sohn ſei, an dem ſie Gefallen gefunden. Sie ver— ſicherte mir treuherzig, ſie könne nicht dafür, daß es ſo gekommen, und ſie begreife es, daß die Wendung, die die Dinge ohne ihr Zuthun genommen hätten, mich betrüben müſſe. Ich aber möge es ſie nicht entgelten laſſen, daß mein Sohn ſie verworfen, ehe er ſie ge⸗ ſehen. Du kannſt Dir den Eindruck denken, Ezechiel, den ihre ſchlichte, herzliche Rede auf mich machte. Sie, die eigentlich ein Recht gehabt hätte, meinem Sohne zu zürnen, erbat ſich mit demüthiger Bitte meine Zunei⸗ gung. Sie hatte mein Herz in einem Handumdrehen gewonnen. Ich gab es ihr hin wie der pfälzer Doctor, den ſie mir nun ausführlich ſchilderte. Sie malte ihn ſo lebendig, ſein fröhliches Weſen und ſeine kräftige Geſtalt, ſein heiteres blaues Auge und ſein blondes Haar, ſeine gutmüthige, gewinnende Art und ſeine zum Herzen ſprechende Stimme— ich glaube, ich würde ihn nach ihrer Beſchreibung unter Tauſenden erkennen, wenn ich ihm auf der Straße begegnete. Dann ſagte ſie mir, er würde bald kommen und ſie müſſe ſich ————— 132 darauf vorbereiten. Was kann er beginnen, wenn ich ſein Weib bin? meinte ſie unbefangen. Am beſten, wir gehen zuſammen nach Batavia. Dort ſind wir dem Vater nahe, in zwei Tagen bringt uns das Dampf⸗ ſchiff nach Palembang, wo der Vater lebt, wo ich meine Jugendjahre verbracht habe. Batavia iſt eine große Stadt mit über hunderttauſend Einwohnern und hat eine mediciniſche Hochſchule. Ein an einer euro⸗ päiſchen Univerſität ausgebildeter Arzt kann an der mediciniſchen Akademie vielleicht eine Profeſſur erhal⸗ ten und ſich überdem in der von reichen niederlän⸗ diſchen Kaufmannsfamilien bewohnten Stadt eine Praxis gründen. Das Alles macht ſich, ich weiß es recht gut, nicht von heute auf morgen. Es werden vielleicht Jahre vergehen, ehe ſich mein Mann auf Java eine ehrenvolle Exiſtenz ſchafft. Aber wozu bin ich da, als um inzwiſchen in die Breſche zu treten? Hab' ich in Palembang nicht ſeit meinem vierzehnten Jahre die Correſpondenz und die Rechnungen unſerer Factorei geführt? Der Vater hatte mit ſeinen Seelen genug zu thun, hatte Mohammedaner, Chineſen, Bataks, Malahen und Sundaneſen zu bekehren, da mußte ich mich ſchon der Reis⸗ und Kaffeepflanzungen, der Zucker- und Mus⸗ katenplantagen, der Cochenille⸗ und Indigvanlagen, des Pfeffers, des Zimmts, des Thees und des Tabaks — 3 . annehmen. Habe ich aber die kleine Factorei von Palembang zur Zufriedenheit geleitet, ſo werde ich vielleicht mit einer großen Factorei auch fertig . werden.“ —ᷓ— —————— Zweites Kapitel. Frauenpläne. Frau Vollmer hielt inne und wieder war es ſo ſtill in der Werkſtätte, daß man die ſchwarzwälder Uhr picken und die Katze auf dem Lehnſeſſel ſchnurren hörte. Czechiel hatte die Kniee hinaufgezogen, die Hände, mit denen er ſeine Füße umſchlungen hielt, gefaltet und die Augen auf die alte Frau geheftet, deren Er⸗ zählung ihm nicht zu mißfallen und ſein Nachdenken vielfach anzuregen ſchien. „Es iſt wahr“, ſagte er, als ſeine alte Verwandte längere Zeit ſchwieg, halblaut vor ſich hin,„meine Factorei hat ſie gut verwaltet! Und ſorgſam hat ſie, ehe wir Palembang verließen, Alles zuſammengeſtellt, 135 was wir und die uns am nächſten gelegene Factorei Padang an europäiſchen Artikeln brauchen könnten, um dieſe ſeiner Zeit, wenn wir nach Ablauf meines* Urlaubes nach Sumatra zurückkehren würden, mitzu⸗ nehmen. Und wie ſie mir vor einigen Tagen ſagte, hat ſie auch ſchon Alles beſtellt, was wir auf Suma⸗ tra benöthigen, und wird in kurzem mit der betreffen⸗ den Correſpondenz und Abrechnung fertig ſein!“ „Ich glaube, ſie denkt heute die ganze Sache zum Abſchluſſe zu bringen!“ bekräftigte Frau Vollmer.„Und daneben hat ſie, wie geſagt, auch noch Zeit gefunden, für ſich zu denken, für ihre eigene Zukunft zu ſorgen. Sobald ſie, wie ich Dir vorhin angedeutet, ihr Auge auf Batavia als auf jene Station geworfen, die ihr die meiſten Chancen bot, ſobald der pfälzer Doctor ſich, wie ſie zuverſichtlich erwartet, einſtellen würde, disponirte ſie auch mit einer Sicherheit, als ob ſie jahrelang hier in dem Bureau geſeſſen hätte, von wel⸗ chem aus die auswärtigen Factoreien geleitet werden. Sie erfuhr kaum, daß der Factoreileiter auf Celebes in den Ruheſtand zu treten beabſichtige und daß der Factor von Batavia die auf Celebes vacant werdende Stelle anſtrebe, weil ſeine Frau den Eltern, die in Menado auf Celebes begütert ſind, nahe ſein wolle, als ſie der Direction der auswärtigen Factoreien den 136 Antrag ſtellte, man möge ihr die Factorei in Batavia uf drei Jahre verſuchsweiſe anvertrauen.“ 6 Ezechiel ſtarrte ſeine Verwandte verwundert an. „Wie kommt es, daß ich das erſt jetzt und durch Dich erfahre?“ fragte er überraſcht.„Ich habe doch vielfach mit den Directoren der auswärtigen Facto⸗ reien während meines Hierſeins conferirt und keiner hat etwas davon erwähnt!“ „Das kommt daher“, meinte Frau Vollmer lä⸗ chelnd,„weil es das Kind den Directoren genau ſo angethan hat wie dem pfälzer Doctor und mir. Sie hat nun einmal etwas in ihrem Weſen, das ihr alle Welt zu eigen macht. Gleichwie ſie offenherzig gegen mich geweſen und mir ihren ganzen Plan ſo dargelegt hat, wie ich ihn Dir vorhin entwickelt habe, ſo hatte ſie auch den Directoren reinen Wein eingeſchenkt, hatte ihnen von dem pfälzer Doctor geſprochen, der kommen würde, um Herrnhuter zu werden und ſie heimzufüh⸗ ren, hatte auf ihre muſterhafte Verwaltung Deiner Factorei hingewieſen, und ſiehe da, die Directoren ka⸗ men, prüften die Rechnungsbücher und die Correſpon⸗ denz und fanden Alles gut. Geſtern ging das Decret nach Java ab, welches den Factor von Batavia auf ſeinen Wunſch nach Menado auf Celebes verſetzt, und die Factorei Batavia iſt vacant. Drei Monate, ſagte 137 mir Suſanne mit einem fröhlichen Lächeln am heutigen Morgen, ſoll ſie unbeſetzt bleiben, drei Mo⸗ nate ſoll ſie der gegenwärtige Factor noch verſehen— in drei Monaten wird der pfälzer Doctor ſicher da ſein, hofft das Kind. Dann kann's kund werden, daß ihr die Direction der auswärtigen Factoreien die Sta⸗ tion Batavin auf drei Jahre verſuchsweiſe zugedacht hat; bis dahin wollen die Directoren, wie mir Su⸗ ſanne lachend mitgetheilt hat, reinen Mund halten, auch gegen Dich, für den es eine angenehme Ueber⸗ raſchung ſein ſollte, daß Dein Kind ſich durch ſeine Energie und Geſchichlichkeit eine ſelbſtſtändige Stellung errungen hat. So kam es, daß Du nichts von der Sache erfuhrſt, und wenn ich jetzt zur Verrätherin ge⸗ worden bin, ſo nehme ich an, daß Du in keiner Rich— tung die Pläne des Kindes durchkreuzen wirſt, die auf keinen unehrenhaften und unkindlichen Vorausſetzungen beruhen. Das Kind will nichts ohne oder gegen Dei⸗ nen Willen thun. Das hat es ausgeſprochen, danach handelt es. Daß Du Deine Zuſtimmung zur Heirath gibſt, wenn der pfälzer Doctor kommt und in unſere Gemeinſchaft eintritt, das war dem Kinde ein unum⸗ ſtößliches Axiom, wie es für daſſelbe unumſtößliches Axiom war, daß der pfälzer Doctor kommen und der Unſere werden würde. So war Alles in Ordnung 138 und ich konnte das Kind gewähren laſſen, da nichts Unrechtes vorging.“ Ezechiel ſagte kein Wort, als die alte Frau ſchwieg. Wieder hörte man das Picken der Uhr an der Wand, das Schnurren der Katze. Frau Vollmer, welche auf die Straße hinausge⸗ ſehen hatte, während Ezechiel gedankenvoll vor ſich hin⸗ ſtarrte, unterbrach plötzlich die in dem Gemache herr⸗ ſchende Stille durch einen Aufſchrei, der die Katze weckte, ſodaß ſie von ihrem erhöhten Platze in die Tiefe ſprang und ſich zu ſtrecken begann. „Was haſt Du, Schweſter Martha?“ erkundigte ſich Ezechiel verwundert. „Seltſam!“ ſagte dieſe.„Es ging eben Jemand an dem Fenſter vorüber, auf welchen die Beſchreibung, welche Suſanne von ihrem pfälzer Doctor entwarf, merkwürdig paßte. Groß, ſtark, blond, röthlicher Voll⸗ bart, leichter, von Sorgloſigkeit zeugender Gang— wenn r's wäre! Aber es wird wohl nur ein Spiel des Zu⸗ ſein, und doch, das war das Bild, das ich mir vom pfälzer Doctor machte!“ Frau Vollmer ſprach noch, als ſich die Thir öff⸗ nete und Suſanne auf der Schwelle ſichtbar wurde. Sie war zum Ausgehen angekleidet, einfach, aber ge⸗ ſchmackvoll. Blaſſer ſah ſie freilich aus als in Genf, aber lieblich war ſie wie damals. Hatte ſie in Genf etwas von einer Roſe an ſich gehabt, ſo glich ſie jetzt einer Lilie. Ezechiel ſah ſie prüfend und mit einem Anfluge zärtlicher Beſorgniß an, in welche ſich etwas Stolz zu miſchen ſchien. Man merkte es ihm an, daß ihm noch immer im Kopfe herumging, was ihm die Baſe Martha erzählt hatte, und daß ihm nicht ganz mißfiel, was er vernommen. Suſanne näherte ſich mit einem ſonnigen Lächeln dem Vater, umſchlang ſeinen Hals mit ihren Armen und küßte ihn auf Stirn und Wangen. „Gut geſchlafen, Väterchen?“ fragte ſie und ſetzte, als erriethe ſie des Alten Gedanken, alsbald hinzu: „Ich habe heute Nacht viel geringere Beſchwerden ge⸗ fühlt als in den letzten Nächten. Ich denke, ich werde mich in dieſem rauhen Klima noch acelimatiſiren. Noch einige ſchwarze Rüben mit Candiszucker und der Huſten wird weg ſein.“ Suſanne warf, indem ſie das Hausmittel Mar⸗ tha's halb anerkannte, halb perſiflirte, einen ſchalkhaf⸗ ten Blick auf die Tante und verſöhnte dieſelbe ſofort durch einen Kuß. „Deine ſelige Mutter fing auch mit einem Huſten 140 an und ich begrub ſie auf dem Hutberge!“ ſagte Ezechiel düſter. „Das war etwas Anderes!“ beeilte ſich Frau Vollmer zu bemerken.„Die Selige erkrankte auf Su⸗ matra und Du brachteſt ſie leidend herüber, als Du Urlaub nahmſt, um ihren Lieblingswunſch zu erfüllen, der ſie der Heimat entgegentrieb, die ſie, als ahnte ſie ihr nahes Ende, noch einmal ſehen wollte.“ „Soweit bei ihr von einer Heimat die Rede ſein konnte!“ fiel Ezechiel der Baſe in die Rede.„In Singapore geboren, hat ſie, da ihr Vater bald ſtarb, hier bei den Großeltern ihre Jugend zugebracht. Hier fühlte ſie ſich zu Hauſe, hier lernt ich ſie kennen, als ich von den Molukken, wo ich meine Laufbahn begon⸗ nen, mit dem erſten Urlaube nach Herrnhut kam. Das Klima auf den Molukken bekam ihr nicht gut, und als ich deswegen um meine Verſetzung nach dem geſün⸗ deren Sumatra anſuchte, war's wohl zu ſpät. Beim erſten Urlaub gewann ich ſie hier, beim zweiten verlor ich ſie, heute ſind's zehn Jahre!“ „Wollen wir nicht gehen, ſie zu beſuchen?“ flü⸗ ſterte Suſanne mit bebender Stimme. „Wenn mir nur nicht dieſer Urlaub wieder ver⸗ hängnißvoll wird“, murmelte Ezechiel, indem er auf⸗ ſtand. 4 141 „Der wird Dir wieder Gutes bringen wie der. erſte, der Dir die Mutter zuführte!“ ſagte Suſanne, unter Thränen lächelnd und den Alten liebevoll an⸗ i ſehend.„Das wechſeit ſo: gerade, ungerade, gut, böſe— jetzt iſt die Reihe wieder am Guten.“ „Gebe es der Himmel!“ ſagte Ezechiel.„Gehen 3 wir.“ „Ich werde nur mein Tuch umthun!“ ſagte Frau Vollmer, als es an die Thür pochte. Drittes Kapitel. Auf dem Hutberge. In dieſem Augenblicke trat der Hausknecht aus dem Gemeindegaſthofe mit einem Briefe ein. „Ein fremder Herr, der bei uns ſo eben ein Zim⸗ mer genommen, hat mir aufgetragen, dies ſogleich an Frau Martha Vollmer zu beſorgen!“ ſagte der Haus⸗ knecht, das Schreiben in die Hände der alten Frau legend. Dieſe erbrach daſſelbe mit ungewöhnlicher Haſt und entfärbte ſich, ſobald ſie die wenigen Zeilen, die es enthielt, geleſen hatte. Sie ſchien zu überlegen und ſagte dann entſchloſſen zu Ezechiel: „Du wirſt ſchon allein mit Suſannen auf den Hutberg gehen müſſen. Ich werde die ſelige Baſe ein 143 anderes Mal beſuchen! Das Geſchäft geht der Pie⸗ tät vor. Ein Fabrikant aus Görlitz, der ſich eben erſt etablirt hat, braucht eine ganze Serie von Siegeln. Er kann ſich nur bis zum nächſten Zuge in Herrn⸗ hut aufhalten und fragt an, ob er ſogleich mit mir ſprechen könne, um mir die nöthigen Anweiſungen zu geben. „Der Fabrikant hätte auch zu gelegenerer Zeit kommen können!“ murmelte Ezechiel unwirſch.„Wenn Du denn durchaus bleiben mußt, ſo wollen wir gehen und der Todten auch Deinen Gruß bringen. Komm, Suſanne!“ Suſanne reichte der alten Baſe die Hand. Dieſe ſah das Mädchen mit tiefer Rührung an und ſagte: „Grüße die Mutter und ſage ihr, daß ſie ſich, was Dich anlangt, nach wie vor auf mich verlaſſen könne und daß Du bei mir ſo gut aufgehoben biſt, als ob ſie Dich hütete.“ Suſannen fiel der eigenthümliche, bedeutungsvolle Ton in Martha's Rede auf und ſie ſah die Tante betreten an. „Ich werd's beſtellen bei der Mutter!“ ſagte ſie mit zitternder Stimme und folgte dann dem Vater. Eiſiger Windeszug und froſtiger Nebebelflug em⸗ pfing die beiden, als ſie auf die Straße traten und 144 von allen, die ihnen begegneten, gegrüßt, dem Hutberge zuſchritten, vhne ein Wort zu ſprechen. Jetzt hatten ſie die Allee hinter ſich, die zu dem gartenartigen Kirchhofe führt, von welchem man eine ſo prächtige Fernſicht auf das Gebirge hat. In einem lieblichen Panorama breiten ſich die böhmiſchen, ſchleſiſchen und ſächſiſchen Berge vor einem aus, mit blühenden Ortſchaften durchſprenkelt. Das niedliche Berthelsdorf, den Sitz der Unitäts⸗ älteſtenconferenz, welcher die Leitung aller Niederlaſſun⸗ gen und Heidenmiſſionen der Brüdergemeinde obliegt, glaubt man mit der Hand greifen zu können. Und faſt ebenſo nahe ſcheint drüben auf der an⸗ dern Seite der Wald, in weſchem ein Denkſtein die Stelle bezeichnet, wo vor genau hundertfünfzig Jahren der erſte Baum zum Anbau gefällt wurde, als die aus Mähren hierher geflüchteten Anhänger der alten böhmiſch⸗mäh⸗ riſchen Bruderkirche von dem Beſitzer der Domäne Ber⸗ thelsdorf, dem Grafen von Zinzendorf, die Erlaubniß erhalten hatten, ſich auf der Herrſchaft anzuſiedeln. An der Abtheilung, welche den Kindern gewidmet iſt, vorüber gingen Vater und Tochter in ernſtem Schweigen auf die acht oder neun in der Mitte des Gottesackers in ſtolzer Vereinſamung gelegenen Gräber der Familie Zinzendorf zu, da ſie an dieſen etwas 145 pompös gehaltenen Grüften vorbeikommen mußten, um von der den Männern vorbehaltenen Seite des Kirchhofs zu jener Partie des letztern zu gelangen, die den Frauen gehört. Und da ſtanden ſie nun vor der einfachen Granit— platte, auf welcher mit Gold in den Stein gravirt die Worte zu leſen waren: Suſanne Frohmann, ge⸗ boren 1830 zu Singapore, geſtorben 1860 zu Herrnhut. Der Winterhimmel— es war eben St.⸗Katha⸗ rinontag— ſandte dichte Schneeflocken nieder, als Eze⸗ chiel ſein Haupt entblößte und die Hände zum Gebete faltete. Die Spitzen der Landskrone und der Königshai⸗ ner Berge, der Ohbin, die Lauſche und der Hochwald prangten, ſoweit ſie durch den Nebel ſichtbar waren, im ſchönſten winterlichen Weiß; die rothen Dächer des ſo reizend in dem ſchönen Thal der Neiſſe bei Oſtritz gelegenen Eiſtercienſerinnenkloſters Marienthal, in wel— chem die böhmiſche Nachtigall Henriette Sontag die letzte Ruheſtätte gefunden hat, blickten freundlich her⸗ über, da der Wind den Schnee auf dieſer Seite von den niedrigeren Bergkämmen und Gebäuden weg in die Schluchten getrieben hatte. Ezechiel betete zu Häupten des Grabes, das die irdiſchen Ueberreſte ſeines Weibes ſeit zehn Jahren Lucian Herbert, die Blume von Sumatra 11. 10 146 barg, mit lauter Stimme ein Vaterunſer und Suſanne ſagte ihm mit thränenerſtickter Stimme Wort für Wort das Gebet nach. Als der alte Miſſionär zu der Stelle kam:„Ver⸗ gib uns unſere Schuld“, war Suſanne nicht mehr fähig, ihm die Worte nachzuſprechen. Sie faßte ihn krampfhaft beim Arm, beugte ſich über ihn, vergrub ihr Antlitz, während ihr heiße Thränen entſtürzten, an ſeiner Schulter und ſtammelte: „Vergib mir auch meine Schuld, Vater, wenn es eine Schuld iſt, den Mann zu lieben, den ich nicht durch Dich überkommen, den ich mir ſelbſt erwählt habe!“ Der Alte wurde weich, als er des zerknirſchten Kindes heißen Athem auf ſeiner Wange fühlte, und ſagte mit ſtockender Stimme: „Vergib uns unſere Schuld, wie ich hier dem Kinde vergebe.“ „Vater!“ jauchzte Suſanne aus überglücklicher Seele auf, indem ſie den alten Mann, deſſen Augen ſich unwillkürlich gefeuchtet hatten, krampfhaft mit den Armen umſchlang. Viertes Kapitel. Er iſt gekommen! Daheim in der Werkſtätte hatte die alte Frau Vollmer, kaum daß Suſanne mit dem Vater das Ge⸗ mach verlaſſen, zu dem Hausknecht aus dem Gemeinde⸗ logis geſagt: 6 „So der fremde Herr, der mich zu ſprechen wünſcht, mich jetzt aufſuchen will, ſo bin ich allein zu Hauſe und für ihn zu ſprechen, ſagt ihm vas, Bruder Jonas! — So hab' ich doch recht geſehen!“ ſagte Frau Voll⸗ mer vor ſich hin, als ſie auch der Hausknecht verlaſſen hatte.„Er war's und er geht den Weg. Das ſpricht für ihn!“ Es vergingen keine fünf Minuten, als es an die Thür pochte und auf der Graveurin reſolutes „Herein!“ Doctor Deidesheimer in die Werkſtätte trat. 10* 148 Die Katze ſchlich ihm eutgegen und begann ihr glänzendes Fell zutraulich an ſeinem Fuße zu reiben. „Das Thier wittert den guten Menſchen“, ſagte Frau Vollmer zu ſich ſelbſt und ſah forſchend in des Doctors blaue Augen. Der hatte ſie bei den Händen gefaßt und rief in treuherzigem Tone: „Grüß' Gott, Frau Vollmer! Sind Sie mir nicht böſe, daß es ſo gekommen? Ich meinerſeits muß ge⸗ ſtehen, daß ich nie den Muth gehabt hätte, mich Ihnen zu nähern, wenn mir Freund Eugen nicht geſagt hätte: Geh furchtlos zu meiner Mutter, ſag' ihr, ich ließe ſie bitten, ſich Deiner anzunehmen, wie ſie ſich Suſannens angenommen hat; ſag' ihr, ich vertraute ihr, daß ſie die von mir leichtſinnig verfahrene Sache wieder ein⸗ richten werde zu aller Heil; ſag' ihr, daß der verlorene Sohn mit reuevoller Liebe an ſie denkt, während ihn die Kugeln umſauſen und die Epidemie rings um ihn einen nach dem andern würgt.“ „Ich habe ihm Alles verziehen!“ ſagte die alte Frau, aufs tiefſte erſchüttert, aber mit feſter Stimme. „Und zu Ihnen, der Sie ſein Freund ſind, ſag' ich aus vollem Herzen: Geſegnet ſei Ihr Eintritt in dieſes Haus!“ ihn „Wohl ihm, der noch eine Mutter hat!“ ſtammelte Deidesheimer innerlich ergriffen, während er die Hand der alten Frau an ſeine Lippen führte. „Wenn Sie den Rath und die Hülfe einer Mutter brauchen, dann zählen Sie auf mich!“ ſagte Frau Vollmer. „Wirklich?“ rief Deidesheimer freudig.„Welches unverdiente Glück, unter ſolche Menſchen zu kommen! Statt mir zu zürnen—“ „Sprechen Sie nicht weiter!“ fiel ihm die alte Frau in die Rede.„Sind Sie verantwortlich für das Schlimme, das mein Sohn angerichtet hat? Er hat weggeworfen, was er nicht kannte, Sie haben das Weg⸗ geworfene aufgehoben. Es gibt nur eine Suſanne.“ „Nicht wahr, Mutter?“ jauchzte Deidesheimer mit ſtrahlender Miene dazwiſchen. „Es gibt nur eine Suſanne“, fuhr die alte Frau fort;„mein Sohn hat ſie verloren, das iſt abgethan, ſprechen wir nicht mehr davon. Vielleicht iſt's gut für das Mädchen, daß es Sie fand, Sie paſſen mehr zu Suſannen, als mein Eugen zu ihr gepaßt hätte. Sie ſind ein friſcher, fröhlicher Mann, ſie iſt ein fri⸗ ſches, fröhliches Kind, dem Eugen zu ſehr Grübler geweſen wäre. Was Gott hier zuſammengefügt hat, ſcheint mir, hat es mir auch im Anfang Herzeleid ein⸗ 150 getragen, wohl gefügt! Das kann ich Ihnen ſagen und darum fördere ich's auch mit gutem Gewiſſen.“ „Nochmals meinen Dank, verehrte Frau Vollmer!“ ſagte Deidesheimer.„Und nun ſagen Sie mir auch etwas von ihr, die unter Ihrem Dache lebt, die ich ſieben lange Wochen nicht geſehen habe. Iſt ſie auch wohl? Hat ihr die Aufregung, in welcher ich ſie in Genf verließ, nicht geſchadet? Denkt ſie meiner noch in Liebe? Hoffte ſie, daß ich kommen würde? „Zu viel der Fragen auf einmal!“ lächelte Frau Vollmer.„Laſſen Sie mich dieſelben der Reihe nach beantworten. Leider iſt Suſanne nicht ganz geſund; der Winter hat ſich in dieſem Jahre vorzeitig und mit ungewöhnlicher Härte eingeſtellt, das hat ſie, die aus warmen Gegenden kommt, ein wenig angegriffen. Der Vater iſt ſehr beſorgt, ich hätte nicht gedacht, daß er mit ſolcher Liebe an ihr hängt, wie es ſich mir hier geoffenbart hat. Er ſpricht wenig, aber zittert für ſie. Glaube ich auch, daß es mit ihrer Kränklichkeit nicht viel auf ſich hat, ſo bin doch auch ich der Anſicht, daß es für Suſanne gut wäre, ſobald als möglich wieder in ein milderes Klima zu kommen.“ „Sie haben Recht, Frau Vollmer, Eiswind, Froſt⸗ nebel und Schnee ſind keine günſtigen Lebensbedingungen für die Blume von Sumatra!“ ſagte Deidesheimer 151 gedankenvoll, indem er auf die Straße hinausſah, wo der Nordwind die Schneeflocken wild dahintrieb.„Aber was beginnen? Darüber mich mit Ihnen zu berathen, bin ich gekommen. Ich gehe dabei natürlich von der Vorausſetzung aus, daß mich Suſanne nicht vergeſſen hat, daß ſie in Liebe auf mein Erſcheinen wartet!“ „Wie ſie wartet!“ fiel ihm Frau Vollmer in die Rede.„Mit unerſchütterlicher Zuverſicht, mit glühender Ueberzeugung wartet ſie. Der Aſtronom kann den Eintritt einer im voraus genau berechneten Himmels⸗ erſcheinung nicht mit mehr Sicherheit erwarten wie Suſanne Ihr Erſcheinen. Ich kann mir gar nicht denken, was geſchehen würde, wenn Sie nicht kämen. Ich glaube, dann behielte mein Vetter Czechiel Recht mit ſeiner ſchlimmen Beſorgniß, die ich ihm immer auszureden ſuche, dann würde er Suſanne hier auf dem Hutberge zurücklaſſen, wie er die Baſe, ſeine Frau, vor zehn Jahren dort zurücklaſſen mußte. Aber damit hat's gute Wege. Sie ſind gekommen, Sie ſind da und werden Suſanne mit ſich nehmen, dahin, wo mildere Lüfte wehen als hier in den nor⸗ diſchen Wäldern!“ „Wird mir ſie der Vater auch geben?“ forſchte der Doctor beſorgt. „Ihh glaube, das wird von Ihnen abhängen! —— 152 Wenn Sie gekommen ſind mit dem Entſchluſſe, die Form nicht über die Sache zu ſtellen, dieſer vielmeh ein Opfer zu bringen, ſo wird ſich Alles günſtig ge⸗ ſtalten.“ „Wie meinen Sie das, Frau Vollmer?“ „Mein Vetter iſt in einem Punkte unbeugſam, ſo lieb er Suſanne anch haben mag. Er fühlt ſich, nachdem er als geiſtlicher Würdenträger ſein ganzes Leben im Dienſte der Brüdergemeinde zugebracht hat, in ſeinem Gewiſſen verpflichtet, ſein Kind Keinem zur Frau zu geben, der nicht zur Gemeinde gehört. Er hat ſeinerzeit nur zögernd darein gewilligt, daß Suſanne meinen Sohn heirathe, weil er dieſen für einen halb und halb Verlorenen hielt. Aber formell gehörte Eugen doch noch zur Gemeinde und mein Vetter glaubte ihn vielleicht um ſo eher bei uns feſt⸗ halten zu können, wenn er ihm das Kind geben würde.“ Deidesheimer ſah die alte Frau ernſt an und ſagte: „Seltſam! An dem Tage, da ich Suſanne zum erſten Male geſehen, traf ich auf dem Heimwege nach der Penſion, in welcher ich gemeinſchaftlich mit Eugen wohnte, mit dieſem zuſammen und ſagte in fröhlichem Uebermuth zu ihm: Ich heirathe Suſanne und wenn ich Herrnhuter werden müßte. Jetzt ſoll's Ernſt da⸗ mit werden! Glauben Sie, Frau Vollmer, daß Su⸗ ſanne von mir erwartet, daß ich mich in dieſer Be⸗ ziehung ihrem Vater füge?“ „Sie hat ihren ganzen Calcül darauf gebaut!“ „Ihren Calcül?“ warf Deidesheimer betreten ein. Frau Vollmer erzählte dem Doctor nun Alles, was ſie eine Stunde zuvor ihrem Vetter Ezechiel an⸗ vertraut hatte. Deidesheimer horchte geſpannt und ſagte dann: „Wunderbares Mädchen, das für mich gedacht, für mich gearbeitet hat! Ich lebte ſorglos in den Tag hinein und dachte den Zufall walten zu laſſen, und hier ſpann ſie wie eine Vorſehung planvoll und vorſorglich ihre Fäden und baute mir ein warmes Neſt, in das ich mich nur zu ſetzen brauche. Sie dachte, ich käme mit leeren Händen und mein bischen mediciniſches Wiſſen ſei mein ganzes Kapital. Ich habe mich aber in der Heimat mit meinen Geſchwiſtern auseinandergeſetzt, als wüßte ich, daß ich eine weite Reiſe vor mir habe und lange auf eigenen Füßen ſtehen müſſe. Ich komme mit einigen tauſend Gulden in der Taſche, die uns in Batavia für den Anfang gute Djenſte thun ſollen!“ 154 „Sie billigen alſo Suſannens Plan?“ fragte Frau Vollmer freudig. „Mag ſie mit mir machen, was ſie will!“ ent⸗ gegnete Deidesheimer.„Ich denke, es ſind gute Wege, die ſie mich führt. Was liegt daran, ob wir in Eu⸗ ropa oder zwiſchen Aſien und Auſtralien leben? Mit dieſem ſonnigen Weſen an der Seite wird ſich's überall ſchön leben! Am beſten, ich laſſe ſie walten als die praktiſche Kalobiotin, die mir mein Leben ins Schöne formt! Hätte ich's denn beſſer ausdenken können? Wie ſinnig hat ſie ihre Hütten dort aufgeſchlagen, wo ſie mich hat und daneben auch der Vater ihr nahe iſt! Ein Kind, das bei ſeinen Zukunftsplänen den Vater in ſo liebevoller Weiſe mit in die Rechnung zieht, wird auch ein gutes Weib werden! Und mit welcher Klug⸗ heit hat ſie ſich in Batavia das einzige Terrain zurecht gelegt, das uns beiden gleichzeitig frommt! Ein Leben gemeinſchaftlicher Thätigkeit, beiderſeitigen freudigen Schaffens ſteht uns drüben bevor, wie wir es in Europa nie gefunden hätten. Ich bin bereit, dahin zu gehen, Frau Vollmer, wohin mich dieſes liebliche We⸗ ſen führt, dem ich mich zu eigen gegeben in der Stunde, da ich es zum erſten Male ſah.“ Deidesheimer hatte ſich erhoben und machte in fröhlicher Stimmung einen Gang durch das Zimmer, 155 ² als ſich die Thür plötzlich öffnete und Suſanne auf der Schwelle ſichtbar wurde. Sie kam mit ihrem Vater vom Hutberge zurück . und blieb tief erregt ſtehen, als ſie Deidesheimer er⸗ blickte. Die bleiche Wange bekam wieder ihre Roſen, it das Auge den alten Glanz. Deidesheimer ging auf ſie zu und reichte ihr die ie Hand. ie Sie ſah ihn lange an, und als ſie Athem fand, 5 um zu ſprechen, ſagte ſie mit bebender Stimme und unter Thränen lächelnd: „Sie kommen früher, als ich gedacht habe.“ „Um Sie nie wieder zu verlaſſen, Suſanne!“ hauchte Deidesheimer, ihre Hand an ſeine Lippen preſſend. „Wirklich?“ jauchzte das Mädchen auf aus tief⸗ ſter Seele, faßte ſich aber gleich und ſagte lächelnd: „Ich hab' es nicht anders erwartet!“ „„Wir gehen zuſammen nach Batavia!“ rief Dei⸗ in desheimer fröhlich, Suſannens kleine Hand mit ſeinen u beiden kräftigen Händen feſthaltend, daß es ſich anſah⸗ e als hielte er einen kleinen Vogel gefangen. e,„Nach Batavia!“ jauchzte Suſanne. „Ich werde dociren und an den Kranken meine Kunſt und mein Wiſſen erproben, Du wirſt die Fae⸗ torei leiten.“ 156 „Du weißt, geliebter Mann?“ flüſterte Suſanne, über und über in Purpur getaucht. „Ich weiß, was Du ſannſt, liebes Mädchen, nimm meinen Dank dafür!“ ſagte Deidesheimer in zärtlichem Tone.„Nimm mich ſelbſt dafür und führe mich, wie⸗ nnd wohin Du willſt!“ „Iſt das Dein Ernſt?“ entſtürmte es dem Mädchen. „Du zweifelſt noch?“ „Nicht mehr, wenn ich in Dein offenes Auge blicke, das ſo hell und klar auf mich niederſchaut!“ Ezechiel war, während ſein Kind mit dem ge⸗ liebten Manne beide Theile beglückende Worte wechſelte, lautlos an der Thür ſtehen geblieben Jetzt trat Deidesheimer auf ihn zu und ſagte: „Laſſen Sie mich hoffen, Herr Frohmann, daß Sie mir nicht mehr zürnen.“ „Ich habe meinen Zorn droben auf dem Hutberge eingeſargt!“ ſagte Ezechiel ruhig. Suſanne warf ſich in überſtrömendem Dankgefühle dem Vater in die Arme. „Laß das, mein Kind!“ murmelte Ezechiel, gegen ſeine Bewegung ankämpfend. „Ich bin gekommen, Herr Frohmann—“ nahm Deidesheimer in tiefſter Ergriffenheit von neuem das Wort. e, e 55 „Sie ſind gekommen, mir mein Kind zu nehmen, ich weiß es!“ fiel Ezechiel dem Doctor in die Rede und ſeine Stimme klang ſeltſam weich.„Ich habe mir droben auf dem Hutberge beim Grabe meiner Frau vorgenommen, Ihnen das Kinb zu geben, wenn Sie kommen ſollten, es zu holen. Sie ſind gekommen— nehmen Sie mein Kind dahin!“ „Du gibſt ihm Suſanne bedingungslos?“ fragte Frau Vollmer erſchüttert. „Er ſoll ſie nehmen und dahin führen, wo ſie wieder gedeihen wird, denn hier geht ſie zu Grunde!“ ſagte Ezechiel.„Und will er dem Vater ſeines Weibes angenehm ſein, ſo weiß er wohl, wie er's werden kann. Ich zwinge ihn nicht dazu! Ich habe mir das droben auf dem Hutberge vorgenommen, das Glück meines Kindes ſoll an keine Bedingung geknüpft ſein!“ Frau Vollmer ſah den alten Mann mit tiefer Rüh⸗ rung an. Sie allein ermaß es ganz, was ihm das Opfer gekoſtet, das er Suſannen gebracht. „Nun gehen wir erſt recht nach Batavia, geliebtes Mädchen!“ rief Deidesheimer, Suſannen umſchlingend und den erſten Kuß auf ihre Lippen drückend.„Der Mann der Factoreileiterin kann doch nicht außerhalb der Brüdergemeinde ſtehen!“ — 158 „Ich verſtehe Dich, geliebter Mann, und danke Dir!“ flüſterte Suſanne. „Möge es Euch wohl gehen auf Erden, denn Ihr ehret Euren Vater!“ ſagte Czechiel bewegt, zuerſt Su⸗ ſanne, dann deren Bräutigam küſſend. 8 Achtes Buch. Erſtes Kapitel. Wieder in der Penſion Valentin. Seit dem St.⸗Katharinentage ſind ſechs Wochen verfloſſen. Suſanne Frohmann iſt Frau Doctor Deideshei⸗ mer geworden und das junge Ehepaar befindet ſich auf der Reiſe nach Batavia. Deidesheimer hatte vorgeſchlagen, über Genf zu gehen und dort, wo ſie ſich vor einem Vierteljahre ge⸗ funden, einige Tage in gemüthlichem Verkehr mit alten Bekannten zu verweilen. Es ſollte das gleichſam ihre Hochzeitsreiſe ſein und ſie wollten in der Penſion Va⸗ lentin vorſprechen. Sie hatten keine Eile, denn die drei Monate, während welcher der für Celebes deſig⸗ nirte Factoreileiter die Factorei von Batavia noch 160 proviſoriſch zu verſehen hatte, waren erſt zur Hälfte um. Mit eigenthümlichen Gefühlen durchwandelten die jungen Gatten, in Genf angelangt, die Räume, die vor drei Monaten der Schauplatz ihres erſten Zuſam⸗ nentreffens geweſen. Arm in Arm gingen ſie dahin und Deidesheimer drückte ſanft Suſannens Hand, als er ihr auf dem Perron die Stelle zeigte, wo er ſie zum erſten Male geſehen. Es war heute ſtiller in dieſen weiten Hallen als damals, wo alle Räume vom Geſchrei der franzöſiſchen Flüchtlinge widerhallten. „Ich denke, wir laſſen unſer Gepäck vorläufig hier zurück und gehen zu Fuße!“ ſchlug Deidesheimer vor und Suſanne nickte ihre Zuſtimmung. Er führte ſeine junge Frau denſelben Weg, den er vor drei mit ihr und ihrem Vater ge⸗ gangen war. Sie ſprachen nur ſelten ein Wort und i ſich doch wie die Kinder. Zuweilen, wenn ſie ſich gegenſeitig auf etwas auß⸗ merkſam machen wollten, was ſie von früher her in guter Erinnerung behalten hatten, ſahen ſie einander an mit leuchtenden Blicken, und mit leuchtenden Augen 161 auch ſuchten ſie den Montblanc, aber er war heute nicht zu ſehen. Der See warf, von der Biſe heftig aufgewühlt, jene ſchäumenden weißen Wellen, die man Moutons nennt. Kein Dampfer, keine Barke unterbrach die Mono⸗ tonie der bläulichweißen Waſſerfläche, die brauſend gegen die Ufer prallte. Kein Schwan durchfurchte die bewegliche Bahn. Auf dem Saléve und den Voiron⸗ bergen lag Schnee. Im Café du Nord hielten ſie kurze Raſt, um ſich zu wärmen und den Nacken, den die Biſe mit hundert ſcharfen Meſſern durchſchnitten hatte, wieder beweglich zu machen. Dann gingen ſie weiter, mit dem Sturmwinde kämpfend, über die Plaine gegen die rue du vieux bil- lard, auf die Penſion Valentin zu. Die Aufwärterin begrüßte den Doctor mit einem Freudenſchrei. „Wie wird ſich Madame freuen, Sie vor ihrer Abreiſe noch ſehen zu können!“ ſagte ſie. „Frau Valentin reiſt bei dieſer Jahreszeit?“ fragte Deidesheimer verwundert.„Wohin geht ſie?“ „Zu Herrn Valentin!“ „Er iſt doch nicht verwundet?“ Luctan Herbert, Die Blume von Sumatre. II. „Leider!“ Deidesheimer war während dieſer flüchtigen Un⸗ terhaltung, die ihn über das wichtigſte Vorkommniß im Hauſe vrientirt hatte, in den Speiſeſaal eingetreten, in welchem er Frau Valentin im Geſpräche mit einer jungen Frau vorfand, die er nicht kannte. „Erlauben Sie, daß ich Ihnen meine Frau vor⸗ ſtelle, Frau Valentin!“ ſagte er nach dem Austauſche der erſten Begrüßungen.„Ich will mich mit ihr einige Tage bei Ihnen anſiedeln und höre zu meinem Be⸗ dauern, daß Sie im Begriffe ſind abzureiſen, um Herrn Valentin aufzuſuchen, der verwundet iſt.“ „Schwer verwundet!“ ſagte Frau Valentin ernſt. „Vor drei Stunden erhielt ich den Brief der Miß Stangrave, der mich von dem Unglück in Kenntniß ſetzt, und ich habe bereits alle Dispoſitionen getroffen, um morgen mit dem erſten Zuge nach Lyon gehen zu können. Wie ich von Lyon aus weiter komme, weiß der Himmel, Miß Evelinens Brief war elf Tage unter⸗ wegs. Mein Mann iſt vielleicht längſt todt.“ „Wo iſt Herr Valentin verwundet worden?“ forſchte Deidesheimer theilnahmevoll. „Ich weiß es nicht, ich weiß nichts, als was mir Miß Stangrave ſchreibt. Leſen Sie ſelbſt!“ „Meine theure Frau Valentin!“ las Deidesheimer. 0⸗ ſche ige Be⸗ rin 163 „Nehmen Sie mit Faſſung eine ſchmerzliche Nachricht entgegen, die ich Ihnen nicht vorenthalten darf. Herr Valentin, der, als Offizier der Moblots der Loirearmee zugetheilt, mit dieſer die Kämpfe um Orleans mitge⸗ macht hat, war in der letzten Zeit mit Abtheilungen der Lvirearmee auf dem Marſche zur Oſtarmee begriffen. Seine Schaaren geriethen in Kämpfe mit den Deutſchen und Herr Valentin erhielt einen Schuß zwiſchen Bruſt und Achſel. Schwer darniederliegend fand ich ihn in Autun, ſüdlich von Dijon, als ich von Bourges aus mit einem Spitalconvoi zufällig dahinkam. Ich weiche nicht von ſeiner Seite und hoffe, daß ihn ſorgfältige Pflege retten wird. Sie können ſich in Allem auf mich verlaſſen, Frau Valentin; ſollte es wider Erwar⸗ ten ſchlechter werden, werde ich natürlich nicht ſäumen, Sie zu benachrichtigen. Gott tröſte Sie, Frau Valen⸗ tin! Ihre Freundin Eveline.“ „Ich weiß es“, ſagte Frau Valentin, ſobald Dei⸗ desheimer mit der Lectüre des Briefes fertig war, „wenn mein Mann davonkommt, hat. er es nur Miß Stangrave zu verdanken. Aber ich kann ſie nicht allein ſich mühen laſſen, und vor allem, wenn der Mann in Krankheit und Gefahr iſt, gehört die Frau an ſeine Seite. Ich müßte eine ſchlechte Frau ſein, wenn ich nicht Alles liegen und ſtehen ließe, wie's eben liegt 11* —————— —— und ſteht, und zu ihm eilte. Uebrigens liegt und ſteht Alles gut“ ſetzte Frau Valentin lächelnd hinzu.„Sie werden nicht Gefahr laufen, mit Ihrer liebenswürdigen jungen Frau zu verhungern, wenn Sie in die Pen⸗ ſion Valentin eintreten. Frau Niedergeſäß wird wäh⸗ rend meiner Abweſenheit das Regiment führen und es ſoll meinen Pfleglingen nach wie vor an nichts fehlen!“ „Frau Niedergeſäß?“ dehnte Deidesheimer über⸗ raſcht. „Steht hier vor Ihnen!“ ſtellte Frau Valentin die Frau, mit der ſie ſich unterhalten hatte, als Dei⸗ desheimer ſo unerwartet im Speiſeſaale aufgetaucht war, dieſem vor. „Herr Niedergeſäß, unſer ehemaliger Penſions⸗ genoſſe, hat alſo auch geheirathet?“ lachte Deides⸗ heimer. „Er hat ſich's lang genug überlegt!“ lächelte Frau Niedergeſäß.„Jetzt hab ich ihn aber und halte ihn feſt. Er wird Ihnen das ſelbſt erzählen. Wir wollten auch eine Penſion errichten, konnten aber bisher keine paſſende Lokalität dazu finden. Inzwiſchen wohnen wir beide hier, und als mir heute Frau Valentin die Mittheilung machte, daß ſie fort müſſe, und mich fragte, ob ich ſie nicht für die Zeit ihrer Abweſenheit, die ine en die 165 ſich leicht ins Unabſehbare verlängern könne, vertreten wolle, ſagte ich freudig ja!“ „Ich freue mich, Herrn Niedergeſäß als einem alten Bekannten und Penſionsgenoſſen die Hand drücken zu können!“ meinte Deidesheimer lachend.„Ich hätte nie gedacht, daß er mein Nährvater werden würde!“ „Da iſt er!“ rief Frau Niedergeſäß erfreut, als von außen zwei kräftige Schläge an die Hausthür er⸗ tönten. „Ich bitte Sie, Frau Niedergeſäß, meiner Frau, die von der Reiſe etwas ermüdet iſt und ſich nach einem Sophaplätzchen an einem warmen Kamin ſehnen wird, ein Zimmer anweiſen zu laſſen. Ich werde ein wenig mit Herrn Niedergeſäß plaudern, wenn er nichts Beſſeres zu thun hat!“ „Laſſen Sie es ſich bei mir gefallen!“ ſagte Frau Valentin in herzlichem Tone zu Suſannen, indem ſie ihr die Hand reichte. „Mögen Sie glücklich von Ihrer Reiſe zurückkeh⸗ ren und Herrn Valentin, von dem mir Theodor ſo viel Schönes erzählt hat, geheilt mitbringen!“ ſagte Suſanne bewegt, indem ſie den Händedruck der Frau Valentin erwiderte, die ſie einen Augenblick ernſt an⸗ 166 ſah und dann mit den leiſe hingehauchten Worten von ihr Abſchied nahm: „Sie ſtehen am Anfang des Räthſels, das ſich Ehe nennt— möge Ihnen, mein liebes Kind, die Löſung mehr Freude bringen als mir.“ Zweites Kapitel. Herr Kribbleton und Herr Hoſias Edfords. Niedergeſäß empfand aufrichtige Freude, als er Deidesheimer erblickte und von ihm vernahm, daß er ſich mit ſeiner jungen Frau einige Tage in der Pen⸗ ſion aufhalten wolle. „Es wird hier wieder eine gewiſſe Gemüthlichkeit einkehren!“ ſagte er.„Ich kann Ihnen die Verſicherung geben, Herr Doctor, daß es unter den gegenwärtigen Verhältniſſen für einen Zweidritteldeutſchen meiner Art keine beneidenswerthe Situation iſt, unter lauter Fran⸗ zoſen leben zu müſſen.“ „Das glaube ich gern!“ lachte Deidesheimer. „Es wird einem doch endlich langweilig, immer daſſelbe leere Stroh dreſchen zu hören; ſeit drei Mo⸗ naten iſt hier die bevorſtehende Vernichtung der deut⸗ 168 ſchen Armee ausſchließlicher Geſprächsſtoff beim Mit⸗ tags⸗ und beim Abendtiſch. Da gibt es kein Entrin⸗ nen. Zuerſt war es die Loirearmee, die den Deutſchen den Garaus machen ſollte, dann wurde dieſe glorreiche Aufgabe der Nordarmee zugedacht und jetzt fällt dieſe rühmliche Miſſion der Oſtarmee unter Bourbaki zu. Werden Sie es glauben, lieber Doctor, daß wir einen Penſionär unter uns haben, der geſtern bei Tiſch allen Ernſtes die Behauptung aufſtellte, die Preußen würden ſchließlich an ihren Stiefeln zu Grunde gehen? Sie hätten jetzt durch ihre Armeeverwaltung ſo ſchlechtes Schuhwerk bekommen, daß ſie die einmal angezogenen Stiefel nicht mehr von den Füßen zu bringen im Stande ſeien; die Füße ſchwöllen in den Stiefeln an, von denen ſie zuletzt ſchraubenſtockartig feſt gehalten würden, und eines Tages würde die ganze Armee nicht mehr zu marſchiren im Stande ſein!“ „Ich geſtehe, daß es eine ſchwere Aufgabe iſt, das anhören zu müſſen und nicht lachen zu dürfen!“ „Miß Jemima Jobber gab der Stiefelgeſchichte glücklicherweiſe eine humoriſtiſche Wendung, ſodaß ich lachen durfte, ohne unartig zu erſcheinen. Sie meinte, daß ſie für die Fußleiden der Preußen ein gewiſſes Verſtändniß beſitze, ſeit ihr bei einem Ausfluge auf den Salsve die Füße in den Stiefeletten ſo aufgequollen ——— 169 ſeien, daß ſie die letztern ſchließlich von den Füßen habe herunterſchneiden müſſen!“ „Miß Jobber befindet ſich alſo auch noch in der Penſion?“ „Sie wird in der Penſion bleiben, auch wenn ſie ſich verändern ſollte!“ entgegnete Niedergeſäß. „Miß Jobber wird ſich doch nicht verheirathen?“ „Warum nicht?“ lachte Niedergeſäß.„Hätte ich ſie doch bald geheirathet!“ „Sie?“ verwunderte ſich der Doctor. trägt ſich die Miß dann mit Ihrer Frau?“ „Ganz gut! Meine Frau iſt zufrieden mit der Thatſache, die Miß bei mir aus dem Sattel gehoben zu haben, und kennt im Uebrigen keine Eiferſucht.“ „Wen heirathet die Miß?“ fragte der Doctor neugierig. „Einen ihrer Landsleute, der ſeit acht Wochen in eigenthümlichen Geſchäften in Genf iſt und ſich in unſerer Penſion eingebürgert hat. Sie werden bei Tiſche einen unendlich langen und hagern Mann ſehen, „Wie ver der einen blaſirten, ſchläfrigen Blick hat und ſeine Zeit bei der Mahlzeit zwiſchen die zwei Thätigkeiten theilt, ſeinen Teller und von dieſem aus ſeinen Ma⸗ gen vollzuſtopfen und Miß Jobber anzuſehen. Das iſt Herr Kribbleton.“ 170 „Was iſt ſeine Beſchäftigung?“ „Er will die Stadt von Stoffen befreien, die jeder in ſeinem Hauſe gern los wird. Herr Kribbleton ver⸗ tritt eine Geſellſchaft, welche dieſe unheimlichen Stoffe ſammelt und verwerthet.“ „Und Miß Jobber nimmt an der Stellung ihres Bräutigams keinen Anſtoß?“ fragte der Doctor lachend. „Miß Jobber iſt eine praktiſche Amerikanerin!“ erwiderte Niedergeſäß.„Ihr liegt nichts daran, wel⸗ cher Beſchäftigung ihr zukünftiger Gatte nachgeht, wenn dieſelbe nur Geld einträgt.“ „Sie hat am Ende ſo Unrecht nicht; ſie ſteht eben auf dem Standpunkte jenes römiſchen Kaiſers, der ſchon vor faſt zwei Jahrtauſenden vom Gelde ſagte: non olet. Und Sie, lieber Niedergeſäß, was haben Sie für Geſchäfte gemacht, ſeit ich Sie nicht geſehen habe? Haben die Depoſſedirten brav Güter gekauft und ſind viele Proviſionen in Ihre Taſchen gefloſſen?“ „Ich habe das Realitätengeſchäft vorläufig an den Nagel gehängt“, ſagte Niedergeſäß.„Ein kleines Kauf⸗ geſchäft, das ich vor drei Monaten vermittelt habe, hat mir eine productive Bekanntſchaft eingetragen. Ich habe bei dem Kaufe eines Hauſes intervenirt, welches der ehemalige Banquier Nathan Sanglier vor Jahren beſeſſen, verloren und kürzlich wieder zurückgekauft hat. Die dreitauſend Franken, die ich bei dem Geſchäfte 7 der verdiente, waren mir ſehr angenehm, noch angenehmer er⸗ aber war mir, daß Sanglier an mir Gefallen gefun⸗ offe den und mich zu ſeinem Commiſſionär gemacht hat. Er hat ſich mit ſeiner Frau, von der er jahrelang ge⸗ re⸗ ſchieden gelebt, wieder ausgeſöhnt, die Frau hat eine nd. Eheſcheidungsklage gegen ihren zweiten Mann einge⸗ n“ bracht, den ſie geheirathet hatte, nachdem ſie ſich von vel⸗ Sanglier getrennt, das Gericht hat zu Gunſten der , Frau entſchieden, welche Beweiſe für die Untreue ihres zweiten Mannes beibrachte, und die wiedervereinigten ben Ehegatten gehen auf ein Jahr auf Reiſen, um dem der Gerede der Leute und dem Aufſehen aus dem Wege te: zu gehen, das die ganze Geſchichte natürlich aufge⸗ ben wühlt hat. Ich werde während dieſes Jahres die Rea⸗ en llitäten des Ehepaares Sanglier verwalten und die nd Beldgeſchäfte ausführen, die mir Herr Sanglier, der durch die Ausſöhnung mit ſeiner Frau über Nacht mn wieder ein reicher Mann geworden iſt, aus der Ferne u⸗ von ſeinem jeweiligen Aufenthaltsorte aus auftragen be, wird.“ „Ich gratulire Ihnen, da ſind Sie allerdings ein e gemachter Mann!“ 1.„Meine neue Stellung führt mich mit manchem originellen Kauz zuſammen!“ fuhr Niedergeſäß in guter 2 Laune fort.„Eine der gelungenſten Geſtalten, die mir je auf meinen Lebenswegen begegnet, kam mir auf dieſe Art geſtern in den Wurf. Ein anglikaniſcher Miſ— ſionär hatte es auf Sanglier abgeſehen, als dieſer jahre⸗ lang ein armer Mann war und nur von den Almoſen ſeiner Glaubensgenoſſen lebte, und es ſich einige tau⸗ ſend Franken koſten laſſen, um ihn zu bekehren. Nun, wo Sanglier wieder zu Wohlſtand gekommen, trug er mir auf, den Miſſionär Hoſias Edfords aufzuſuchen und demſelben das rückzuerſtatten, was er ſich ſeiner Zeit die Gewinnung und Feſthaltung der Seele Na⸗ than Sanglier's hatte koſten laſſen. Es entwickelte ſich anfänglich eine draſtiſche Scene zwiſchen mir und Herrn Hoſias Edfords, der mich die Treppe hinabwerfen wollte, als er vernahm, daß ich im Namen Sanglier's komme. Dieſer hatte dem Miſſionär eines Tages ein paar hun⸗ dert Franken abgepreßt und Edfords glaubte nun, daß es jetzt auf einen neuen Erpreſſungsverſuch abgeſehen ſei. Wie leuchteten aber ſeine Augen auf, als ich ihm die nöthigen Aufklärungen gab und ihm mittheilte daß ich ihm im Auftrage Sanglier's rund zehntauſend Franken auszuzahlen habe!“ „Das kann ich mir denken!“ ſchloß deideshe lachend die Unterhaltung und begab ſich dann in den erſten Stock, um Suſanne auf ihrer Stube aufzuſuchen en ———— Drittes Kapitel. Im Lazareth. Das Lazareth, in welchem Valentin Aufnahme gefunden, war von Autun, als dieſe kleine Stadt nach und nach mit Verwundeten überfüllt wurde, nach Di⸗ jon verlegt worden und hier den nach der Abdrängung Bourbaki's gegen die Schweiz mit unwiderſtehlicher Macht vorrückenden Deutſchen in die Hände ge⸗ fallen. Die franzöſiſchen Verwundeten hatten ſich, was die ärztliche Behandlung und auch die Verpflegung anlangte, über dieſe Veränderungen nicht zu be⸗ klagen. Die deutſchen Aerzte behandelten ſie mit einer Ge⸗ wiſſenhaftigkeit und Sorgfalt, welcher mancher Schwer⸗ verletzte ſein Leben, das auf der Kippe ſtand und bei —.——————— — 174 minder ſorgſamer Abwartung vielleicht verloren ge⸗ weſen wäre, zu danken hatte. Zu den vom Schickſal am meiſten begünſtigten Verwundeten gehörte Valentin, denn in ſeine Pflege theilten ſich zwei Frauen, die ihn beide liebten. Frau Valentin hatte nach mancher Irrfahrt den Aufenthaltsort ihres Gatten endlich glücklich erreicht, und das Unglück, das ihn getroffen, die hülfloſe Lage, in der er ſich befand, hatten ihre ganze Zärtlichkeit für ihn, die infolge ſeiner ihr gegenüber zur Schau getragenen Gleichgültigkeit ſchon dem Erlöſchen nahe geweſen, von neuem angefacht. Sie wetteiferte mit Evelinen, der ſie bei jeder Ge⸗ legenheit ihre Dankbarkeit zu erkennen gab, dem Kranken alle jene bis ins Kleinſte gehende Aufmerkſamkeit zu erweiſen, die ſein Zuſtand erheiſchte. Valentin's Wunde hatte ſich geſchloſſen und ſchien in beſter Heilung begriffen, als die deutſchen Aerzte das Spital übernahmen. Unter ihnen befand ſich zur freudigen Ueberraſchung Valentin's auch Doctor Voll⸗ mer, der, als der Hülfszug der ſchweizer Aerzte, den Profeſſor Roſer von Zürich führte, in Belfort ange⸗ langt war, daſelbſt halb und halb entbehrlich und nach Dijon verſetzt worden. war, wo große Noth an Aerzten herrſchte. u te 175 — Frau Valentin ward verlegen, als ſie Vollmer's anſichtig wurde, und auf das Antlitz des jungen Arztes ſenkte ſich eine tiefe Röthe, als ihn der Zufall in ſo unerwarteter Weiſe wieder mit der Frau in Berührung brachte, die er noch immer nicht vergeſſen hatte. Nachdem ſich Vollmer gefaßt hatte, zwang er ſich, ſeine ganze Aufmerkſamkeit Herrn Valentin zuzu⸗ wenden. Er unterzog ihn, den Zuſtand ſeiner Wunde und die Behandlung, die ihm bisher zu Theil geworden, einer ernſten kritiſchen Unterſuchung und kam zu einem peinlichen Schluſſe, der ihn ſelbſt in große Auſ⸗ regung verſetzte, welche ihm Frau Valentin ſofort an— merkte. „Was haben Sie, Herr Doctor?“ fragte ſie be⸗ ſorgt.„Sie blicken immer ernſter und ſcheinen ver⸗ ſtört! Flößt Ihnen der Zuſtand meines Mannes Be⸗ ſorgniſſe ein? Er ſcheint doch auf ſo gutem Wege, daß ich mich der Hoffnung hingab, alle Gefahr ſei be⸗ ſeitigt!“ „Im Gegentheil, Frau Valentin, es iſt die größte Gefahr vorhanden!“ ſagte Vollmer ernſt, die Frau des Malers unter eiuem Vorwande in eine Fenſterniſche führend.„Ja, es iſt vielleicht ſchon zu ſpät, um die —— — 176 Gefahr zu beſchwören, im beſten Falle aber iſt es die höchſte Zeit!“ „Sie ſehen mich ganz entſetzt!“ ſtammelte Frau Valentin, aus deren Wangen der letzte Reſt von Farbe gewichen war. „Ich will den Arzt, der Herrn Valentin bis zu dieſer Stunde behandelt hat, weder der Unwiſſenheit noch des Leichtſinns beſchuldigen, aber er hätte die Reſection bereits vornehmen müſſen!“ „Die Reſection!“ murmelte Frau Valentin ver⸗ ſtört.„Es war nie davon die Rede!“ „Wenn ſie nicht vorgenommen, nicht bald vorge⸗ nommen wird, iſt Herr Valentin in acht Tagen eine Leiche!“ erklärte Vollmer in beſtimmtem Tone. „Die Reſection wird ihn retten?“ fragte Frau Valentin lebhaft. „Sie kann ihn retten!“ entgegnete Vollmer.„Sie iſt die einzige Rettungsmöglichkeit. Ohne ſie iſt das Hinzutreten des Brandes ſicher!“ „Wer wird ſie vornehmen?“ rief Frau Valentin und ſah den Doctor forſchend an. Dieſer fühlte ſich von dem ſeltſamen Blicke eigen⸗ thümlich berührt und fragte ſchnell: „Sie mißtrauen mir?“ „Hat nicht der, welcher die Reſection vornimmt, ⸗ in ſ⸗ — —— — 5 das Leben des Krankén in der Hand?“ murmelte Frau Valentin. Vollmer ſtand einen Augenblick wie erſtarrt da. Er faßte ſich beim Kinn, er bedeckte ſich die Augen mit der flachen Hand, und als er die Hand wegthat, flüſterte er: „Bin ich denn ein Verbrecher?“ „O halten Sie etwas meiner Aufregung zu gute!“ flehte Frau Valentin. dem Arzte die gefalteten Hände angſtvoll entgegenſtreckend, der die faſt Zitternde mit tiefer Ergriffenheit anſah. „Ich habe Sie verſtanden, Frau Valentin!“ ſagte Vollmer ernſt.„Laſſen Sie mich zuerſt Ihre Frage beantworten. Wohl hat, wer im gegebenen Falle die Reſection vornimmt, das Leben des Kranken in der Hand. Er kann es nämlich, wenn er will, vernichten. Die Wunde Herrn Valentin's liegt ſo unglückſelig zwi⸗ ſchen Achſelhöhle und Bruſt, daß die geringſte Unvor⸗ ſichtigkeit bei der Reſection die Organe der Bruſt af⸗ ficiren und den Tod herbeiführen kann. Damit habe ich Ihre Frage offen beantwortet, Frau Valentin. Sie aber dachten einen Augenblick— vielleicht nur einen Augenblick, Frau Valentin— nicht an eine mögliche Unvorſichtigkeit meinerſeits, ſondern an eine mögliche Böswilligkeit.“ Luciau Herbert, Die Blume von Sumatra. II. 12 178 „Verzeihung, Herr Vollmer, Verzeihung!“ flehte Frau Valentin. „Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen, Frau Va⸗ lentin!“ wehrte Vollmer die Bitte ab.„Die Regung, der Sie ſich hingaben, war eine ganz natürliche. Ich muß mir ſagen, daß ich Ihren Argwohn verſchuldet habe. Ich habe Ihnen eines Tages zu geſtehen ge⸗ wagt, daß ich Sie liebe. Nun führt mich der Zufall auf einen Weg, der zu Ihrem Beſitze führen kann Sie hielten mich einen Augenblick für fähig, daß ich dieſen Weg wandeln könnte. Seien Sie ruhig, Frau Valentin, wenn ich die Reſection vornehme, wird meine Hand feſt ſein. Der Schrecken, den Sie bei dem Ge⸗ danken verriethen, daß meine Hand zittern und den günſtigen Erfolg zerſtören könnte, hat mir verrathen, daß Sie Herrn Valentin noch lieben!“ „Ja, ich liebe ihn!“ flüſterte Frau Valentin un⸗ willkürlich. „O hören Sie nie auf, ihn zu lieben!“ rief Voll⸗ mer aus tiefſter Seele.„Es gibt Kriſen, die wunder⸗ bar läutern. Ich habe in dieſem Augenblicke eine ſolche durchgemacht. Wie Sie mir eben geſtanden, daß Sie Valentin noch lieben, ſo ſage ich Ihnen, daß auch ich Sie noch liebe, daß es lange dauern wird, ehe die Zeit Ihr Bild in meiner Erinnerung abſchwächen wird, den hen, un⸗ oll⸗ der⸗ ſche 179 denn es iſt das Bild einer Frau, die in holder, kind⸗ licher Natürlichkeit ihren geraden Weg geht, ob ſie auch von dem Mann, dem ſie ſich zu eigen gegeben, nicht ſo gewürdigt wird, wie ſie verdiente. Solcher Frauen gibt es nicht viele. Wollte man ſich ihnen anders nähern als mit Ehrfurcht, wollte man ſich unterfangen, ſie auf Abwege zu drängen, müßte man ſich ſelbſt ver⸗ achten. Sie wären eine Frau für mich geweſen, Frau Valentin— ich fand Sie zu ſpät. Ich gebe Sie in dieſer Stunde auf, Frau Valentin— ich gebe Sie für immer auf. Ich erkläre Ihnen feierlich in dieſer Minute, daß, wenn ich das Unglück haben ſollte, Herrn Valentin durch die entſcheidende Operation, die ich mit ihm unverweilt vornehmen muß, nicht retten zu kön⸗ nen, ich nie eine Annäherung an die Wittwe Valen⸗ tin verſuchen würde, ſo wahr mir Gott helfe!“ Frau Valentin ſah ſchweigend vor ſich hin. „Glauben Sie mir, Frau Valentin? Vertrauen Sie mir jetzt?“ fragte Vollmer nach einer kurzen Pauſe. „Legen Sie nach dem feierlichen Gelöbniß, das ich eben abgelegt, das Schickſal Herrn Valentin's mit voller Beruhigung in meine Hände? Wenn Sie jetzt noch Mißtrauen gegen mich empfinden, ſo ſprechen Sie es offen aus, ich werde mich bemühen, einen Arzt zu fin⸗ den, der die Reſection vornehmen wird, obwohl ich * 1= mir einige Geſchicklichkeit gerade auf dieſem Gebiete zutraue. Ich war immer mit Vorliebe bei der Ana⸗ tomie und das kommt mir jetzt in ſolchen Fällen zu ſtatten. Und wenn Sie das beruhigt, Frau Valen⸗ tin, ich habe bei Reſectionen bisher immer eine glück⸗ liche Hand gehabt.“ „Ich vertraue Ihnen, Herr Vollmer!“ ſagte Frau Valentin, dem Arzte die Hand reichend.„Ergreifen Sie ohne Verzug die Maßregeln, die Sie für nothwen⸗ dig halten!“ „Wohlan denn, ſo will ich mich nach einem Aſſi⸗ ſtenzarzt umſehen!“ Viertes Kapitel. Eine bange Stunde. Eine Erklärung. Valentin hörte mit Faſſung von der Operation, die an ihm vorgenommen werden ſollte, und Miß Eveline Stangrave erbat ſich die Vergünſtigung, den Aerzten in der entſcheidenden Viertelſtunde helfend zur Seite ſtehen zu dürfen. „Es iſt beſſer, Sie ſind nicht dabei, Frau Valen⸗ tin!“ beantwortete Vollmer den fragenden Blick der Frau Valentin, die Miene machte, den gleichen An⸗ ſpruch wie Miß Stangrave zu erheben.„Meine Hand wird feſter ſein, wenn ich Sie nicht ſehe!“ Frau Valentin beſchied ſich. „Ich hoffe, Ihnen in einer halben Stunde gute Botſchaft bringen zu können, Frau Valentin“, drängte 182 ſie Vollmer im kritiſchen Augenblick aus dem Zimmer“ hinaus, in welchem er die Operation vornehmen ſollte. Frau Valentin ging auf ihre Stube, die ſie mit Evelinen theilte, und hier lehnte ſie in fieberhafter Auf⸗ regung, die heiße Stirn an die kalten Fenſterſchei⸗ ben preſſend, während ihr Denken zum Beten wurde. Dreiviertel Stunden vergingen, dreimal hörte ſie Uhr ſchlagen und immer ſtand ſie noch regungs⸗ los da. Was in dieſer Zeit Alles durch ihre Seele zog, wer kann es ſagen, wer denken außer ihr? Sie rechnete es ſich zu hoher Schuld an, daß ſie einen Augenblick in ihrer Treue gegen Valentin, wenn auch nur in Gedanken, gewankt, daß es eine Zeit gegeben, wo ſie Vergleiche angeſtellt zwiſchen dem kalten Benehmen ihres Gatten und dem zarten, entgegen⸗ kommenden Weſen Vollmer's; ſie nahm ſich vor, den Gedankenfehltritt, den ſie auf dem Gewiſſen zu haben glaubte, durch erhöhte Liebe, Zärtlichkeit und Aufmerk⸗ ſamkeit wett zu machen, wenn Valentin jetzt mit dem Leben davonkommen ſollte; ſie— da war es ihr, als ob ſich draußen Schritte näherten, als ob Jemand an die Thürklinke griffe. S 9 e 183 Sie hatte weder die Kraft noch den Muth, ſich zu bewegen. Sie hörte, wie eine Stimme ſagte:„Frau Va⸗ lentin, ſoweit ſich die Sache überſehen läßt, iſt die Operation geglückt. Aber es war, wie ich vorher ge⸗ ſagt, die höchſte Zeit; ich konnte mit der bloßen Hand das faule Fleiſch und die Knochenſplitter zuſammen⸗ ſcharren. Nur Faſern trennten meine Hand von der Lunge Herrn Voalentin's, aber es gelang mir, die Sache zu Ende zu führen, ohne ein edles Organ zu verletzen.“ Es ſchien ihr Vollmer's Stimme zu ſein, aber Alles kreiſte vor ihren Augen, ſie taumelte und wäre geſtürzt, wenn ſie Vollmer nicht mit ſeinen Armen auf⸗ gefangen hätte. Valentin ſchwebte noch vierzehn Tage in Lebens⸗ gefahr. Nach dieſer Zeit konnte Vollmer erklären, daß er für die Geneſung einſtehe. Und als noch einmal vierzehn Tage vergangen waren, ſetzte ſich eines Abends, als die Dämmerung in der Krankenſtube ſchon Alles in ihre Schatten hüllte, Vollmer neben das Bett des Geneſenden und ſagte zu ihm: „Herr Valentin, Sie werden in vier Wochen das 184 Lazareth verlaſſen und nach Genf zurückkehren können. Es gereicht mir zu ganz beſonderer Freude, Ihnen ſagen zu können, daß, wie die Sachen heute liegen, Sie Ausſicht haben, Ihre Hand mit der Zeit wieder gebrauchen zu können!“ „Das habe ich Ihnen zu verdanken, das und mehr noch, mein Leben!“ rief Valentin in überſtrömender Dankbarkeit. „Sie überſchätzen mein Verdienſt, Herr Valentin! Miß Stangrave und Ihrer Frau haben Sie ebenſo viel zu verdanken als mir!“ „Was hätte mir die aufopferndſte Pflege genützt, weun Sie nicht in zwölfter Stunde gekommen wären, mich dem ſichern Tode zu entreißen! Und nun ſtellen Sie mir gar in Ausſicht, daß ich meinen Arm würde wieder gebrauchen können! Ich kenne keinem Menſchen, dem ich zu größerem Danke verpflichtet wäre! Wie kann ich je vergelten, was Sie an mir gethan!“ „Indem Sie mit dem geſundeten Arm Ihre herr⸗ liche Frau umſchlingen in unvergänglicher Liebe!“ ſagte Vollmer in feierlichem Tone. Valentin ſah ihn betreten an. „Herr Valentin“, fuhr Vollmer erregt fort,„Sie glauben ſich mir zu einigem Danke verpflichtet; be⸗ thätigen Sie dieſen Dank, indem Sie ein richtigeres 185 Verhältniß zwiſchen Ihrer Frau und ſich herſtellen, als ich daſſelbe in Genf zu beobachten Gelegenheit hatte, und wir ſind quitt. Sie ſehen mich verwundert an und fragen mich, was mir ein Recht gibt, mich zum Anwalt Ihrer Frau aufzuwerfen? Wohlan denn, ich will Ihnen Alles ſagen. Habe ich doch dieſe Unterredung geſucht, um Ihnen Alles zu ſagen, und nur gewartet, bis Sie in der Geneſung ſo weit vor⸗ geſchritten waren, daß Ihnen eine Erregung nicht ſchaden konnte. Wie Sie mich da ſehen, Herr Valentin, habe ich die Frau meines Nächſten begehrt. Aber der Nächſte war ſchuld daran, daß ſolche Gedanken in mir aufſtiegen. Der Nächſte vernachläſſigte ſeine Frau, unterſchätzte ſeine Frau, weil ſie vom Morgen bis zum Abend in bürgerlicher, ſimpler Thätigkeit ſchaffte, um mehr Comfort in ſein Leben zu bringen. Ich erkannte die edle Seele, das harmloſe, kindliche Gemüth der von ihrem Mann nicht gewürdigten, nicht verſtandenen Frau und fing an, Mitleid und Sympathie für ſie zu em⸗ pfinden, ſie zu lieben. Wenn die Frau, die ihr Mann durch ein Benehmen ſo zu ſagen freigab, weniger tugendhaft, we⸗ niger davon durchdrungen geweſen wäre, was ſie dem Manne ſchuldete, deſſen Namen ſie führte, deſſen Liebe ſie einmal beſeſſen, dann, Herr Valentin, wären Sie heute entehrt! Sehen Sie mich nicht ſo ſtarr an, Herr Valentin, 186 ich gebe Ihnen die volle Wahrheit! An mirlag's nicht, daß Sie heute eine makelloſe Frau haben. Wenn Sie das Geſtändniß verletzt, ſo nehmen Sie in die Hand, die ich Ihnen zuſammengeflickt, die Piſtole und ſchießen Sie nach mir. Sie werden mich immer bereit finden, Ihnen in dieſer Weiſe Rede zu ſtehen. Wenn Sie aber ein Herz haben, Herr Valentin, und ich glaube, Sie haben es, dann machen Sie von dem wiedergewonnenen Arm einen beſſeren Gebrauch, dann drücken Sie mit ihm Ihre Frau, die ſich bewährt hat im Sturm des Lebens, die dem Verſucher die Thür gewieſen, die für Ihr Leben gezittert hat, als ſie hörte, daß es in meiner Hand ſei, dann drücken Sie mit Ihrem wiedergefundenen Arm dieſe treffliche Frau an Ihr Herz und laſſen nie wieder ein Mißverſtändniß aufkommen zwiſchen ihr und Ihnen!“ Eine tiefe Stille herrſchte in der dunkelnden Stube. Man hörte Valentin's tiefe Athemzüge. Da wurde dieſe faſt geſpenſterhafte Stille durch einen leiſen Schritt unterbrochen, der ſich dem Bette näherte. Eine zitternde Hand ſuchte nach der Hand Voll⸗ mer's, eine weiche, melodiſche, in tiefer Aufregung vibrirende Stimme ließ ſich vernehmen: „Herr Vollmer, ich danke Ihnen! Verzeihen Sie 187 mir, daß ich gehorcht, aber es geſchah unwillkürlich! Ich wollte aus dem Nebenzimmer, deſſen Thür nur angelehnt war, hier eintreten, da hörte ich, daß von ihr die Rede war, die für mich das Ideal liebenswür⸗ diger Weiblichkeit iſt, von Frau Valentin. Ich war nicht im Stande, mich zu regen, ich ſaugte nur be⸗ gierig Ihre Worte ein, Herr Vollmer! Und was Sie ſagten, hat mir den richtigen Weg gewieſen Ich danke Ihnen nochmals. Und Sie, Herr Valentin, leben Sie wohl für immer! Halten Sie die Herrliche, wie er, der Ihnen das Leben rettete, es Ihnen ſo eben ans Herz gelegt hat, wie ſie's verdient. Und ſagen Sie ihr, indem Sie ſie küſſen, daß ich ihrer ewig in zärtlicher Liebe gedenken werden! Leben Sie wohl!“ „Miß Stangrave!“ wollte Vollmer die Entfliehende zurückhalten, aber ſie ſchwebte dahin wie ein Schatten. Valentin bedeckte ſeine Augen mit der geſunden Hand. Dann ſtreckte er dieſelbe Vollmer entgegen und ſagte in einer Bewegung, wie ſie nie zuvor Jemand an dem leichtblütigen Lebemann wahrgenommen: „Ich danke Ihnen, Herr Vollmer, Sie ſollen mit mir zufrieden ſein! Und ſie ſoll es auch ſein!“ ſetzte er leiſer, faſt flüſternd hinzu. Reuntes Buch. Erſtes Kapitel. Eveline und Vollmer. Die kurze, leidenſchaftliche Einmiſchung Evelinens in die Unterredung Vollmer's mit Valentin hatte nicht verfehlt, auf erſtern einen tiefen Eindruck zu machen. Dieſe unerwartete Einmiſchung hatte ihm beſtä⸗ tigt, was er längſt geahnt, daß auf ſeiten Evelinens ein tieferes Empfinden für Valentin vorhanden ſei. Der erſte Gedanke an die Möglichkeit geheimniß⸗ voller Wechſelbeziehungen zwiſchen Valentin und Miß Stangrave war Vollmer in dem Augenblicke aufgedäm⸗ mert, wo er die letztere am Krankenlager des verwun⸗ deten Malers gefunden hatte. Die Wahrnehmung, daß es Miß Stangrave war, — 189 welche Frau Valentin herbeigerufen hatte, ſchien aller⸗ dings gegen die Annahme zu ſtreiten, daß das junge Mädchen ein tieferes Intereſſe für den Verwundeten empfinde; aber die Pflege, welche Eveline dem letztern angedeihen ließ, ſelbſt als ſich Frau Valentin be⸗ reits mit ihr in dieſelbe theilte, war eine ſo aufopfernde, daß Vollmer immer wieder zu der Muthmaßung zurückkehrte, es ſei nicht blos allgemeine Menſchenliebe und Theilnahme, was Eveline an Valentin feſſele, was ihrem Auge einen erhöhten Glanz verleihe, wenn ſie es auf den Maler richte, was ihre Stimme leiſe zittern mache, wenn ſie zu Valentin ſpreche. Das herzliche Einvernehmen, welches zwiſchen der Miß und der Frau des Malers zu beſtehen ſchien, wäre allerdings geeignet geweſen, jeden Verdacht aus dem Felde zu ſchlagen, als ob der letztern der Beſitz Valentin's von ſeiten des jungen Mädchens irgendwie mißgönnt würde; aber wenn man es recht erwog, ſo zeugte dieſes herzliche Einvernehmen zwiſchen den bei⸗ den Frauen höchſtens für die Argloſigkeit der Frau Valentin. Dem ſcharfen Beobachter— und Vollmer war ein ſolcher— entging es ſogar nicht, daß die freundſchaft⸗ liche Hingebung eigentlich nur auf ſeiten der Frau Va⸗ lentin eine ganz ſpontane und natürliche war, während 190 ſich bei Evelinen immer etwas wie Scheu vor Frau Valentin in den Verkehr miſchte. Evelinens Benehmen gegen dieſe letztere machte immer den Eindruck, als ob ſie ſich der Frau des Ma⸗ lers demüthig unterordne, weil ſie ihr innerlich etwas abzubitten habe. Die Muthmaßung, daß ſich bei Miß Stangrave ein tieferes Gefühl für Valentin feſtgeſetzt habe, er⸗ zeugte bei Vollmer eine Art ſympathiſcher Theilnahme für dieſelbe.. Er empfand Mitleid mit dem jungen Weſen, das ſich Valentin gegenüber vielleicht in derſelben Lage befand, in welche ihn ſeine Leidenſchaft für die Frau des letztern zu dieſer gebracht hatte. Denn aus dem Gleichmuthe, welchen Valentin beharrlich gegen ſeine ſchöne Pflegerin zur Schau trug, zog Vollmer den Schluß, daß ſie ihm gleichgültig ſei, daß ſie ſich dem geliebten Manne gegenüber alſo noch in einer unglücklicheren Lage befinde, als die war, in welche er zu Frau Valentin gerathen war, die in einer leidenſchaftlichen Aufwallung doch hatte durchblicken laſſen, daß es ihr einen Kampf koſte, der Verſuchung zu widerſtehen und dem Manne, den ſie vernachläſſigte, die Liebe und Treue zu be⸗ wahren. Das Mitleid führt oft zum Wohlwollen und Voll⸗ — 191 mer war auf dem beſten Wege, dieſes letztere für Miß Stangrave zu empfinden, als ihm ihre kurze, leiden— ſchaſtliche Einmiſchung in ſein ernſtes Geſpräch mit Valentin die Ueberzeugung beibrachte, daß er ſich mit allen ſeinen Vermuthungen auf der richtigen Fährte befinde. 3 Sein erſter Gedanke, als er Cveline blitzſchnell verſchwinden ſah, war: Was wird aus dem unglüc⸗ lichen Mädchen werden, das ſich in unerwiderter Liebe zu dem Manne verzehrt, auf deſſen Frau ich meine Augen verlangend gerichtet habe? Eveline hatte ſein Geſtändniß gehört, und nach den wenigen Worten zu ſchließen, die ſie vor ihrem Verſchwinden geſprochen, hatten die Eröffnungen, die er Valentin gemacht, einen mächtigen Eindruck auf ſie hervorgebracht und ihr den Weg vorgezeichnet, den ſie zu wandeln habe. Dieſer geheimnißvoll angedeutete Weg konnte nur in bedingungsloſer Entſagung, in dem Entſchluſſe be⸗ ſtehen, ſich ganz und für immer, innerlich und äußer— lich von dem geliebten Manne zu trennen und dadurch vielleicht das Hinderniß zu beſeitigen, das einer vollen Verſtändigung zwiſchen Valentin und ſeiner Frau im Wege ſtand. Vollmer mußte ſich ſagen, daß die Durchführnng 192 dieſes Entſchluſſes Eveline der troſtloſeſten Verein⸗ ſamung entgegenführen mußte, und das unter Umſtän⸗ den, die nicht ungünſtiger gedacht werden konnten. Sie befand ſich ohne innern Halt, ohne jeden Berather in einem fremden, von allen Kriegsplagen heimgeſuchten Lande, und er zweifelte nicht, daß ſie, um ſich zu betäuben und den Kummer, der ſie erfüllte, abzuſtumpfen, Anſtrengungen auf ſich nehmen würde, denen ihr zarter Körper unmöglich lange widerſtehen konnte Sie war ohnehin nur noch der Schatten jener Eveline, deren ätheriſche Schönheit ihm oft ins Auge geſtochen hatte, als er ihr in der Penſion Valentin gegenüber geſeſſen; wenn nun noch das zuſammenbrach, was ſie bis dahin aufrecht erhalten, wenn die Nähe des Geliebten wegfiel, ſo war es an den Fingern abzu⸗ zählen, daß ſie innerlich welkend ſicherem Verfalle ent⸗ gegenging. Der Gedanke, Eveline vielleicht zu retten, indem er ſie von den dunklen Pfaden, auf welchen ſie wan⸗ delte, hinwegleitete und ihr einen lichtvolleren Hori⸗ zont erſchlöſſe, übte einen eigenen, faſt unwiderſteh⸗ lichen Reiz auf Vollmer aus. Er ſelbſt hatte bei dem Wagniß, das zu Eveli⸗ nens Heile ausſchlagen konnte, nichts zu verlieren. Die Frau, die einem Andern gehörte und die er au 193 geliebt, hatte er in einer hochherzigen Anwandlung frei⸗ willig aufgegeben; die Frau, die er hätte lieben dürfen, die ihm Gehör geſchenkt haben würde, wenn er im Goiſte ſeiner Mutter um ſie geworben hätte, hatte er leichtſinnig verſcherzt— vielleicht, dachte er, war ihm, der nun ganz frei daſtand und deſſen Leben inmitten der Fährlichkeiten des Krieges und der Strapazen, die eine gewiſſenhafte Pflichterfüllung mit ſich brachte, gleichſam an einem Faden hing, wenigſtens das Lvos beſchieden, einem andern Leben eine günſtigere und erfreulichere Richtung geben zu können, als diejenige war, der dieſes Leben verfallen mußte, wenn er nicht, verfahrene Verhältniſſe entſchloſſen in Ordnung brin⸗ gend, daſſelbe eingriff.— Dazu kam, daß er, wenn er der unglücklichen Miß Stangrave ein Aſhl darbot, in welches ſie ſich flüchten konnte, bis ſie das verlorene innere Gleichgewicht wie⸗ dergefunden haben würde, ſich keine Ueberwindung auferlegte. In den Tagen, da er Valentin behandelt hatte und Zeuge der liebevollen, aufopfernden Thätigkeit ge⸗ weſen war, die Eveline freiwillig auf ſich genommen, war ihm oft der Gedanke gekommen, daß es ſchade ſei, wenn dieſes reizvolle, ſanfe, poetiſche Weſen hier elendiglich zu Grunde ginge, während ſie, in einen 3 Lucian Herbert, die Blume von Sumatra 11. 13 ——— 194 günſtigeren Boden verpflanzt, zur Freude eines Man⸗ nes, der ſie ſchätzte, blühen und gedeihen konnte. Vollmer brauchte keine Viertelſtunde, um mit ſich ns Reine zu kommen. Es war ihm, als würde er zu, der ſchleunigen Ausführung eines Gedankens getrieben der ihm unter dem Eindrucke des geheimnißvollen Da⸗ zwiſchentretens Evelinens in die Action, die er bis dahin ausſchließlich zwiſchen ſich und Valentin ſchwe⸗ bend geglaubt, blitzſchnell gekommen war. Sobald er ſich von Valentin beurlaubt hatte, ſuchte er Miß Stangrave auf. Er fand ſie auf ihrer Stube mit dem Einpacken ihrer Sachen beſchäftigt. Sie hielt in ihrer Beſchäſtigung inne, als ſie ihn erblickte, und ſah ihn fragend an. „Wohin wollen Sie, Miß Stangrave? Was wollen ie überhaupt beginnen?“ forſchte er mit weicher — — — — — — timme. „Sie fragen mich zu viel, ich weiß es nicht!“ hauchte ſie, die Augen ſenkend und die Hände über der Bruſt faltend. „Nehmen Sie Rath und Hülfe von Jemand an, der in Ihr Herz geſchaut hat?“ fragte Vollmer und ſtreckte ſeine Hand nach der Evelinens aus, die ihn ſcheu anblickte. ſ⸗ n en er 195 „Sie zögern mit der Antwort?“ fuhr Vollmer in mildem Tone fort.„Ich kann es Ihnen nicht ver⸗ argen! Sie waren Zeugin einer eigenthümlichen Scene zwiſchen mir und Herrn Valentin und müſſen ſich wundern, wie ich nach dem, was Sie gehört haben, dazu komme, mich Ihnen als Berather anzubieten, die Sie eben hinter ein Geheimniß gekommen ſind, 6s S „Mit dem meinigen viele Aehnlichkeit hat!“ er— gänzte Eveline tonlos Vollmer's Rede.„Haben Sie denn nicht gemerkt, Herr Vollmer“, ſetzte ſie nach einer kurzen Pauſe mit einem traurigen Lächeln hinzu,„daß ich Herrn Valentin liebe, wie Sie ſeine Frau lieben, nur mit dem Unterſchiede, daß Sie dieſe verbrecheriſche Liebe geſühnt haben, indem ſie vor den durch dieſe Liebe gekränkten Theil hintraten mit einem muthigen, offenen Geſtändniſſe und ihn zum Richter machten über ſich? Das, Herr Vollmer, kann ich nicht! Ich kann Ih⸗ nen nur ſo weit folgen, daß ich verſuchen will, dieſe unſelige Liebe aus meinem Herzen zu reißen, daß ich mich für immer von Herrn Valentin entferne. Aber ich beſitze nicht den Muth, vor Frau Valentin reuevoll hinzutreten und ihr zuzurufen: Ich habe Deinen Mann geliebt, verzeihe mir! Sie war ſo gut gegen mich, ſie iſt ſo arglos, ich kann den Brand der Eiſerſ 13* 196 in ihre Seele werfen! Und gibt es eine Sühne ohne Schuldbekenntniß? O, Herr Vollmer, beklagen Sie mich, ich bin ſehr unglücklich! Und ich verdiene, es zu ſein!“ Eveline brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus und bedeckte ihre zuckenden Augen mit den Händen. „Es gibt eine Sühne, Miß Stangrave, die wirk⸗ ſamer iſt als ein Schuldbekenntniß!“ ſagte Vollmer ſanft. Eveline richtete ihre in Thränen ſchwimmenden Augen fragend auf Vollmer. „Dieſe Sühne beſteht darin, daß man den gekränk⸗ ten Theil in ſeiner Argloſigkeit erhält“, fuhr Vollmer faſt feierlich fort,„daß man thut, was man nach ſeiner Kraft zu thun vermag, ein getrübtes, verfahrenes Verhältniß wieder in die richtige Bahn zu lenken! Ich habe in dieſer Richtung, in dieſer Abſicht das Meinige gethan, der Weg, der mir vorgezeichnet ſchien, war der des offenen, rückhaltsloſen Bekenntniſſes. Dieſes Bekenntniß zeigte Herrn Valentin die ganze Gefahr, in welcher er geſchwebt, dieſes Bekenntniß wird, ich weiß es, die gute Folge haben, daß Herr Valentin ſeine Frau fortan mit jener Aufmerkſamkeit behandeln, mit jener Liebe umgeben wird, die ſie verdient.“ „O, daß Sie die Wahrheit ſprächen!“ rief Eveline 5 aus tiefſter Seele und mit einem ſo innigen Aufſchlage ihrer ſchönen blauen Augen, daß ſie Vollmer einen Augenblick wie hingeriſſen betrachtete und der Gedanke, von dieſem Weſen geliebt zu werden, müſſe ein ſelte⸗ nes Glück ſein, unwillkürlich durch ſeine Seele zog. „Ich glaube mich in meiner Vorausſetzung nicht zu täuſchen!“ nahm er nach einer kurzen Pauſe wieder das Wort.„Wie ich Herrn Valentin zu kennen glaube, iſt er bei all ſeiner Leichtlebigkeit und Sorg⸗ loſigkeit doch ein Mann von Herz und Gemüth, und an einem Manne, der Beides beſitzt, können ſolche Kri⸗ ſen nicht ohne tiefe Wirkung vorübergehen. Ein An⸗ deres iſt es mit Frau Valentin. Sie fragten mich vor— hin, ob ich denn nicht gemerkt hätte, daß Sie für Herrn Valentin tiefer empfunden, als ſich dies mit den Rückſichten verträgt, die Sie Frau Valentin ſchulden. Wohlan denn, laſſen Sie mich Ihnen antworten, daß ich allerdings wahrgenommen habe, daß Herr Valen⸗ tin Ihr Herz gefangen genommen hat!“ Miß Stangrave machte eine Geberde des Schreckens und ſah Vollmer angſtvoll an. „Und was mir nicht entgangen iſt“, fuhr der letz⸗ tere ernſt fort,„das kann auch Frau Valentin bemerkt haben. Frauen haben in dieſer Beziehung einen be⸗ ſonders ſcharfen Blick. Da ſollte nun, denke ich, die 198 nächſte Aufgabe für Sie, Miß Stangrave, darin liegen, daß Sie Frau Valentin den Argwohn benehmen, der vielleicht in ihr aufgeſtiegen iſt.“ „Wie kann ich das?“ rief Eveline rathlos. „Da ſtehen wir vor der Sühne, die Ihr Theil wäre, Miß Stangrave!“ entgegnete Vollmer ernſt.„Sie beſtände nach meiner Anſicht darin, daß Sie einen Schritt thun, der geeignet iſt, Frau Valentin für im⸗ mer in ihrer Argloſigkeit zu erhalten, wenn ſie ſich dieſe Argloſigkeit bisher bewahrt haben ſollte, oder ihren Argwohn radical zu beſeitigen, wenn ſich, wie Sie es ſelbſt für möglich halten, ein Verdacht in ihr feſtge⸗ ſetzt haben ſollte!“ „Dieſer Schritt, den Sie da geheimnißvoll an⸗ deuten, worin ſollte er beſtehen?“ ſtammelte Cveline verſtört, indem ſie vor Aufregung den Athem an ſich hielt und Vollmer geſpannt anſah. „Sie müßten ſich verheirathen, Miß Stangrave!“ ſagte Vollmer mit anſcheinender Ruhe. Eveline ſah ihn ſtarr an. „Vor einer Stunde haben Sie im Krankenzim⸗ mer Herrn Valentin's erklärt, daß ich Ihnen den Weg gezeigt, den Sie zu gehen hätten!“ nahm Vollmer wie⸗ der das Wort.„Wie wär's, wenn ich Ihnen erſt in dieſem Augenblick die Richtung angedeutet hätte, die 1— Sie auf den rechten ſich verheirathen, 199 9 Weg führen könnte? Wenn Sie Miß Stangrave, dann haben Sie ſich für immer von Herrn Valentin entfernt und jede Regung des Argwohns zertretei, die ſich in das Herz der Frau Valentin eingeſchlichen haben könnte. Sie tönnen ſich dann wieder mit gutem Gewiſſen die Freun⸗ Sie haben das Un⸗ din der Frau Valentin nennen. recht geſühnt, das Sie an ihr begangen haben, und ein Verhältniß, das unheilbar verfahren ſchien, wieder in das richtige Gleis gebracht.“ „Wo iſt der Mann, der nach mir verlangen würde, Herr Vollmer!“ murmelte Miß Stangrave mit einem unſaglich traurigen Aufſchlag ihrer ſchönen Augen, der Vollmer im Innerſten erſchütterte, ſodaß ausrief: „Er ſteht vor Ihnen, Miß Stangrave, er iſt ſchuld⸗ aber wie er ſich durch ſeinen Frei— er jetzt auch Ihnen die beladen wie Sie, muth entſühnt hat, ſo will Hand zur Entſühnung bieten!“ Eine unbeſchreibliche Ueberraſchung malte ſich in Cvelinens Zügen. Mit hochwogendem Buſen, das Auge ſtarr auf Vollmer gerichtet, ſtand ſie lange da, bis ſich ihren zuckenden Lippen die Worte entrangen: „Was könnte ich Ihnen bieten, Herr Vollmer?“ „Heute vielleicht nicht mehr als ein zerriſſenes 200 Herz, ich weiß es, Miß Stangrave!“ rief Vollmer, Eveline mit gewinnender Herzlichkeit anſehend.„Aber⸗ wir ſchließen ja unſern Bund nicht auf heute und nicht auf morgen, heute habe ja auch ich Ihnen nicht viel mehr anzubieten als ein Aſyl, in welchem Sie ſich nach den Stürmen, die über Sie dahingegangen, ſammeln könnten. Das WVeitere ſtellen wir der Zu⸗ kunft anheim. Die Gegenwart iſt ja überhaupt ſo unſicher, daß ſich nicht weit hinausdenken läßt. Die Hauptſache iſt, daß ich Sie, wenn Sie meinen Vorſchlag an nehmen, aus dieſem Trubel hinweg in einen ſichern Hafen bringe, in welchem Sie geborgen ſind.“ „Und Sie?“ entſtürmte es Evelinen. „Für mich gibt es heute nur einen Weg, den, welchen mir Pflicht und Ehre vorzeichnen!“ entgegnete Vollmer mit feierlichem Ernſt.„Jetzt von meinem Poſten weichen, hieße ſchmachvolle Deſertion üben. Das Aeußerſte, was ich mir erlauben kann, iſt, daß ich nach Belfort gehe und mir von dem Chefarzt, dem ich un⸗ terſtehe, einen achttägigen Urlaub erwirke. Sie gehen dann auf kürzeſtem Wege über Döle und Pontarlier nach Neufchätel, wo wir uns ein Stelldichein geben. Ich reiſe von Belfort über Baſel nach Neufchätel und führe Sie nach Genf, wo wir uns trauen laſſen. Wir — 201 haben dort beide längere Zeit gelebt, ſind dort auf der Mairie gemeldet und man wird keinen Anſtand neh⸗ men, uns dort in die Eheregiſter einzutragen, wenn wir darum anſuchen!“ Eveline wußte kaum, wie ihr geſchah. Sie hatte nicht die Kraft, Vollmer's Vorſchläge zurückzuweiſen, und als er ſie liebevoll fragte, ob ſie mit ſeinen Dis⸗ poſitionen einverſtanden ſei, rief ſie, während ſie ſeine Hände ergriff und Thränen ihren Augen entſtürzten: „Werden Sie es nicht bereuen, ſo viel Güte und Mitleid an mich verſchwendet zu haben? Denn mögen Sie ſelbſt es nennen, wie Sie wollen, es iſt doch nur Mitleid, das Sie zu der That antreibt, die Sie voll⸗ bringen wollen. Sie können es nicht über das Herz bringen, mich der Verzweiflung anheimfallen zu ſehen, und bieten mir in großherziger Weiſe eine Zuflucht an Ihrer Seite. Und da frage ich mich: wird Ihnen nie die Reue kommen?“ „Ich werde zufrieden ſein, Miß Stangrave, wenn Sie nie bereuen werden, mir vertraut, ſich an mich angelehnt zu haben!“ ſchloß Vollmer die Unterredung, mit einem ſanften Lächeln Evelinens Hand drückend. Zweites Kapitel Seltſame Reiſepläne. Das Verhältniß, welches zwiſchen Nathan oder, wie er jetzt hieß, Felir Sanglier und Verena Bonne⸗ ville beſtand, war ganz eigenthümlicher Natur. Es war zu keinen weitern Erklärungen zwiſchen beiden gekom⸗ men und doch lebten ſie wie Mann und Frau, wenn auch nicht mit, ſo doch neben einander. Er ſchien ganz vergeſſen zu haben, daß er in der Stunde, in welcher er ſich ſeiner ehemaligen Frau wieder genaht hatte, den Gedanken ausgeſprochen, daß es ihm fern liege, ſie dauernd an ſich zu feſſeln. Er war überhaupt, ſeit er die Trennung zwiſchen Verena und Bonneville zu Wege gebracht hatte, ein ganz ſeltſamer Kauz geworden. Die Energie, die er in der Verfolgung und De⸗ 203 maskirung Bonneville's bewieſen, hielt wohl noch ſo lange nach, bis er ſein Hausweſen ganz auf denſelben Fuß gebracht, wie es bis zu der Zeit geweſen, da ihn Verena verlaſſen hatte. Von dem Augenblick aber, wo er das Ziel, das er ſich vorgeſetzt, bis in ſeine letzten Aeußerlichkeiten erreicht ſah, ging mit ihm eine ſonder⸗ bare Wandlung vor. Er erſchlaffte zuſehends in ſeinem Denken und Handeln, und wenn er ſich ja von Zeit zu Zeit zu einiger Lebhaftigkeit in beiden Richtungen aufraffte, ſo waren es ganz merkwürdige Schrullen, auf die er verfiel. Er hatte Verena vorgeſchlagen, eine längere Reiſe zu unternehmen, und Verena hatte den von ihm Gedanken begierig aufge⸗ griffen, da es ihr peinlich war, in der nächſten Zeit in Genf zu e wo ſie der Geſellſchaft, in der ſie ſich zu bewegen pflegte, ſo viel Stoff zum Reden ge⸗ geben hatte Aber kaum kam die Fortſetzung des Reiſeplans zur Sprache, ſo rückte Sanglier mit ganz barocken Vor⸗ ſätzen heraus. Er wollte eine Rundreiſe durch die Städte machen, welche kürzlich eine Belagerung zu beſtehen gehabt hatten; er wollte Straßburg, Metz, Belfort, Paris ſehen. Vergeblich bemühte ſich Verena, ihm die Sache aus⸗ 204 zureden und ihn einer Reiſe nach Italien geneigt zu machen. Sie erzielte durch ihre Vorſtellungen nichts als Ausbrüche von Heftigkeit, ſodaß ſie zuletzt allen Wi⸗ derſtand aufgab und ſich entſchloß, die Unbequemlich⸗ keiten und den Mangel an Comfort, die mit einer ſol⸗ chen Beſichtigung von Städten, die eben erſt von allen Plagen des Kriegs heimgeſucht worden waren, noth⸗ wendigerweiſe verbunden ſein mußten, in Geduld auf ſich zu nehmen und reſignirt abzuwarten, ob Sanglier nicht vielleicht unterwegs auf andere Gedanken kommen würde. Wenn ihr zuweilen die Idee kam, ſich von Sang⸗ lier frei zu machen, ſo erhob ſich in ihr ſchnell wieder eine Stimme des Mitleids, die für ihn plaidirte. Sie ſagte ſich, daß er, nachdem er ſo lange durch ſie unglücklich geweſen, es immerhin verdiene, daß ſie ſeinetwegen ein Opfer bringe. Er hatte gleichſam jahrelang mit rührender Be⸗ harrlichkeit von neuem um ſie geworben und es wider⸗ ſtand ihr, rauh und gebieteriſch gegen ihn aufzu⸗ treten. Er würde dann wahrſcheinlich wieder in die Ar⸗ muth, in welcher er jahrelang gelebt, zurückgetreten ſein, und arm und verlaſſen mochte ſie ihn nicht mehr ſehen, in, en, 18 200 nach den Beweiſen unerſchütterlicher Anhänglichkeit, die er ihr gegeben hatte. Dazu kam, daß es ihr einen geheimen Genuß ge⸗ währte, wenn ſie dachte, wie es Bonneville verdrießen mußte, Sanglier an ihrer Seite, in ihrem Beſitze zu wiſſen. Zuletzt war es noch Verena ſelbſt, die zu raſcher Abreiſe drängte. Bonneville hatte, als die Gerichte die Scheidungs⸗ klage Verena's ſcheinbar endgültig dahin erledigt hat⸗ ten, daß ſie der Klägerin die beanſpruchte perſönliche Freiheit zurückgaben, mit Hülfe geſchickter Advocaten eine neue Handhabe gefunden, den Proceß wieder in Gang zu bringen. Dieſer Zwiſchenfall hatte die guittert Sang⸗ lier's in einem ſo hohen Grade wachgerufen, daß das Aeußerſte zu beſorgen ſtand, wenn die beiden Männer irgendwo zufällig zuſammentreffen ſollten. Der Haß, den Sanglier vom erſten Augenblick an, wo Bonneville ſeine Wege gekreuzt, gegen letztern empfunden hatte, wurde nun zum Paroxysmus ge⸗ ſteigert. Sanglier konnte ſich, ſtundenlang in finſterem Brü⸗ ten daſitzend, in Gedanken mit ſeinem Todfeinde be⸗ ſchäftigen, wobei er der unheimlichen Richtung dieſer 206 Gedanken durch einzelne drohende Ausrufungen, durch ein krampfhaftes Ballen der Fauſt oder durch Zornesblicke Ausdruck gab, die er auf Unſchuldige richtete. Oft ſah man ihn jetzt, der bis dahin der ſchweig⸗ ſamſte Zecher in Marcel's Frühſtücksſtube geweſen, in dieſer letztern vor ſeiner Flaſche Burgunder in leiden⸗ ſchaftliche Selbſtgeſpräche ausbrechen, die Fauſt ballen, die Augen rollen und unverſtändliche Drohungen aus⸗ ſtoßen, bis er ſich plötzlich erhob und fortſtürzte. Verena verſprach ſich von dem Wechſel des Auf⸗ enthaltsortes eine wohlthätige Wirkung auf Sanglier's irritirte Nerven und that nun alles Mögliche, die Ab⸗ reiſe zu beſchleunigen. Die Fortführung des von Bonneville neuerlich aufgerührten Rechtsſtreites wurde in die Hände eines erprobten Vertreters gelegt, der zugleich die Vermögens⸗ verwaltung hatte, während Niedergeſäß mit der Admi⸗ niſtration der Ralitäten und den kleineren laufenden Geldgeſchäften betraut wurde. Nachdem Alles in beruhigender Weiſe geordnet war, traten die beiden ihre Reiſe an, um ſich nach Sanglier's unumſtößlichen Dispoſitionen zunächſt nach Belfort zu begeben, welches erſt vor vierzehn Tagen auf Befehl Jules Favre's vom Oberſten Denfert, der 207 es vier Monate tapfer behauptet hatte, an General Werder übergeben worden war. Keine vierzehn Tage waren es auch, daß die Ar— mee Bourbaki's, die letzte Hoffnung der Franzoſen, in beiſpielloſer Deroute über die ſchweizer Grenze gedrängt und beim Uebertritte über dieſe letztere entwaffnet wor⸗ den war. Man kann ſich denken, in welchem Zuſtande ſich Belfort in den erſten Tagen nach ſeiner Uebergabe be⸗ fand. Sanglier hätte in der That auf keinen groteskeren Gedanken kommen können, als Belfort zum vorläufigen Ziel oder wenigſtens zur Etappe einer Art Hochzeits⸗ reiſe zu machen. Denn eine ſolche konnte man füglich den Ausflug nennen, den er mit ſeiner wiedergewon⸗ nenen Frau zu unternehmen im Begriffe ſtand. Da die von Mülhauſen nach Belfort führende Bahn natürlich unpraktikabel war, miethete Sanglier im Hotel Roman in Mülhauſen für ſchweres Geld ein Fuhrwerk, das ihn und Verena in fünf Stunden nach Belfort brachte, da die Fahrt an einem ſchönen Februartage auf feſtgefrorener, guter Chauſſee ohne Hinderniß von ſtatten ging. Verena hatte anfänglich einen ſchüchternen Ver⸗ ſuch gemacht, Sanglier zu beſtimmen, ſie in Mül⸗ hauſen zurückzulaſſen und die Fahrt allein zu machen, ſie hatte aber bald vor einem Ausbruche von Heftig⸗ keit, wie ſolche jetzt bei Sanglier bei dem geringſten Widerſpruche, den man ihm entgegenſetzte, an der Tagesordnung waren, die Segel geſtrichen. Drittes Kapitel. In Belfort. Vor dem Hotel de France in Belfort, welches das Bombardement ziemlich gut überſtanden hatte, herrſchte⸗ ein reges Leben. Ein neuangekommenes deutſches Regiment hatte vor dem preußiſchen General, der ſich mit einem hal⸗ ben Hundert Offizieren in dem Hotel einquartiert und daſſelbe ganz mit Beſchlag belegt hatte, defilirt und war dann in das Innere der Stadt abmarſchirt, die unmittelbar hinter dem Hotel de France ihren Anfang nahm, das ſo recht in der Mitte zwiſchen dem Fau⸗ bourg de France und der eigentlichen Stadt lag. Wenige Schritte von dem Hotel begannen die in⸗ nern Feſtungswerke von Belfort, die ſich in einem erbärmlichen Zuſtande befanden, da die Wälle und Luckan Herbert, Die Blume von Sumatra. II. 14 — 210 die Feſtungsmauern klaftergroße zuſammengeſcheſſene Stellen zeigten. Es war überhaupt ein Bild greulicher Verwüſtung, das man von dem Hotel aus, das ſeine lange Fenſter⸗ flucht der Stadt zuwendete, überſchaute. Ueber die ruinöſen Wälle, Mauern und Thore ragten die Schornſteine halb niedergebrannter Häuſer und die derouten Thürme der zerſtörten Kirchen hervor. Wendete man den Blick nach rechts, ſo ſah man auf dem ſich gegen das flache Land wie in Gaerien abdachenden felſigen Höhenzuge die Trümmer der Ei⸗ tadelle, die kein Dach hatte und mehr einem Schutt⸗ haufen als einem Gebäude glich. Auch von den kleinen, zumeiſt einſtöckigen Häu⸗ ſern, welche ſich in langer, faſt viertelſtündiger Zeile von dein Hotel gegen den Bahnhof hinzogen und in ihrer Geſammtheit die Vorſtadt de France bildeten, hatten die meiſten gelitten, doch machten ſie noch am meiſten den Eindruck der Wohnlichkeit. Wohin ſich die Einwohner dieſer zum Theil ab⸗ gedeckten und zuſammengeſchoſſenen Vorſtadthäuſer zurückgezogen haben mochten, war ſchwer zu errathen, aber die ganze Straßenflucht hatten ſie an die Sieger abtreten müſſen, deren Uniformen an den Fenſtern der Parterreräume, der erſten Stockwerke und der Dach⸗ ſene ng, ſter⸗ ore iſer vol. nan rien 6i⸗ utt⸗ ⸗ eile in ten, am ab⸗ uſer hen, ger det ach⸗ 211 kammern ſichtbar waren. Die kleine Vorſtadt, die viel⸗ leicht zweihundert Häuſer zählte, war, nach einem ober⸗ flächlichen Blicke zu ſchließen, reichlich von zwei Ba⸗ taillonen beſetzt, und die zahlreichen Wirthshäuſer hat⸗ ten ihre großen Stuben, in welchen ſich in normalen Zeiten ein buntes Volksleben widerzuſpiegeln pflegte, da die Vorſtadt der Mittelpunkt vielbeſuchter Pferde⸗ und Getreidemärkte war, zu improviſirten Nothſpitälern hergeben müſſen. Aber wo die vor der Invaſion der deutſchen Solda⸗ ten zurückweichenden Einwohner auch immer hauſen mochten, heute waren ſie aus ihren Kellern und Dachbö⸗ den herausgekrochen, um ſich zahlreich vor dem Hotel de France zu verſammeln, vor welchem, ſobald das Defiliren der neueingerückten Truppen vorüber war, die Verthei⸗ lung der Lebensmittel und ſonſtiger Winterbedürfniſſe, die ein Wohlthätigkeitszug aus der benachbarten Schweiz herbeigebracht hatte, an die durch die langwierige Be⸗ lagerung in Noth und Elend gekommenen Einwohner vorgenommen wurde. Die Schweiz leiſtete in jenen Tagen in der Un⸗ terſtützung der Bedürftigen jeder Art und Nationalität geradezu Großartiges. Zuerſt nahm ſie die von den Franzoſen aus Pa⸗ ris, Lyon, Marſeille und andern großen Städten in 14* 212 brutaler Weiſe weggejagten Deutſchen gaſtlich auf, dann arrangirte ſie Humanitätszüge nach dem belager⸗ ten Straßburg, Hülfszüge nach dem belagerten Belfort; wieder einige Wochen ſpäter verbreitete ſie über die hunderttauſend halberfrorener, halbverhungerter und halbnackter Soldaten Bourbaki's, welche der ſiegreiche Vormarſch der Deutſchen auf ihr Gebiet gedrängt hatte, einen Comfort, von dem ſich dieſe armen Teufel unter ihren Fahnen nichts hatten träumen laſſen; zuletzt, als Belfort gefallen war, gingen von Zürich und Genf Unterſtützungszüge dahin ab, die den durch eine ſo ſo harte Schule gegangenen Bewohnern manche Er⸗ leichterung zuführten. Bei dem Genfer Hülfscomité war auch der reiche Bangquier Bonneville in hervorragender Weiſe betheiligt. Er hatte es übernommen, den letzten Hülfszug nach Belfort zu geleiten und dort bei der Vertheilung der Liebesgaben zu interveniren. Dieſer Vertheilung hatte auf dem großen Platze vor dem Hotel de France auch Sanglier mit Verena beigewohnt, ohne eine Ahnung davon zu haben, unter weſſen Vermittlung ſie ſtattfand. Sie hatten die Stadt und die Citadelle beſichtigt, und als ſie von der letztern zurückkamen, führte ſie ihr Weg zufällig nach dem Platze, auf welchem die V ſchweizer Liebesgaben an die Bedürftigſten vertheilt wurden. Da das Hotel de France ſo von deutſchen Gäſten occupirt war, daß ſich Sanglier dort keine Ausſicht darbot, ſeiner ermüdeten Frau zu einigen Erfriſchungen zu verhelfen, lenkte er mit Verena ſeine Schritte aus dem Gedränge jenem Stadttheile zu, in welchem ſein Kutſcher ſich und die Pferde untergebracht hatte, um dort in einer Schenke vielleicht zu einem Glas Wein und einem Biſſen Fleiſch zu gelangen. Vor einem kleinen Gaſthofe, der das Schild„Zum Schwan“ führte, machte er Halt, um daſelbſt ſein Glück zu verſuchen. In dem Augenblick, wo er mit Verena in den Flur des kleinen Hauſes einbog, kam ihnen aus dem letztern ein in einen koſtbaren Pelz gehüllter Mann entgegen. Sanglier hatte den Mann kaum erblickt, als er ſich auch ſchon von ſeiner Frau losriß und auf den⸗ ſelben zuſtürzte. In ein unheimliches, thieriſches Geheul ausbre⸗ chend, packte er den Fremden bei der Gurgel und ſchüt⸗ telte ihn mit einer Kraft, die man ſeinem ſchmächtigen und anſcheinend ſchwächlichen Körper nicht zugetraut hätte. 214 Dabei brüllte er mit wuthſchnaubender Stimme, während ſeine Augen aus ihren Höhlen traten: „Alſo bis hierher verfolgſt Du mich, Elender! Aber das iſt Deine letzte Stunde! Ich will Dir die Luſt vertreiben, Dich fürder an meine Ferſen zu heften!“ Verena, die in dem Manne, der ihnen hier ſo unvermuthet in den Weg getreten war und durch ſein plötzliches Auftauchen den in Sanglier längſt gegen ihn glimmenden Groll zur hellauflodernden Glut der Raſerei angefacht hatte, ihren zweiten Gatten erkannt, lehnte, keines Wortes mächtig und an allen Gliedern wie Espenlaub zitternd, halb ohnmächtig an der Wand. Sie wußte nicht, ſollte ſie um Hülſe rufen oder ſich zwiſchen die beiden Männer werfen, und ſagte ſich angſtvoll, daß Sanglier in ſeinem gegenwärtigen un⸗ berechenbaren und unzurechnungsfähigen Zuſtande ganz gut im Stande ſei, aus ſeiner entſetzlichen Drohung Ernſt und ſeinem Feinde auf der Stelle den Garaus zu machen. Während Sanglier den ſich verzweiflungsvoll weh⸗ renden Bonneville mit eiſerner Fauſt feſthielt und dem⸗ ſelben die Gurgel immer feſter zuſchnürte, wurde auf der unterſten Stufe der Treppe, die aus dem erſten Stockwerke gegen den Hausflur mündete, ein junger ne, 215 kann ſichtbar, der die Abſicht gehabt zu haben ſchien, harmlos das Haus zu verlaſſen, als ſich ſeinen Augen plötzlich das Schauſpiel des mörderiſchen Kampfes dar⸗ bot, der ſich vor wenigen Sekunden in dem Flur ent— ſponnen hatte. Der Anblick des fremden Mannes, der wie ein Retter in der Noth plötzlich in der Hauſesdurchfahrt auftauchte, gab Verena ihre ganze Beſinnung wieder, ſodaß ſie an den Kämpfenden vorüber auf ihn zu⸗ ſtürzte und ihm athemlos und in flehendem Tone die Worte zurief: „Ich beſchwöre Sie, mein Herr, trennen Sie dieſe beiden Männer, indem Sie dem Angegriffenen zu Hülfe kommen!“ Es bedurfte keiner weitern Mahnung für den fremden jungen Mann, ſich in den Handel zu miſchen; er erfaßte Sanglier, in welchem er ſofort den An⸗ greifer erkannte, von rückwärts, indem er ſeine beiden Arme um deſſen Leib ſchlang und ihn mit Gewalt zu⸗ rückzog. Der Angegriffene gewann durch dieſe unerwartete Unterſtützung Luft und Freiheit der Bewegung, ſodaß es ihm endlich möglich wurde, den Gegner, wenn auch immer noch mit harter Anſtrengung, von ſich abzu⸗ ſchütteln. 216 Sanglier, der die Beute, die er ſchon feſt in den Klauen zu halten geglaubt hatte, ſich ſo unerwartet durch die Dazwiſchenkunft eines Dritten entſchlüpfen ſah, hatte nicht übel Luſt, ſich mit voller Wuth gegen denjenigen zu wenden, der Bonneville von ihm be⸗ freit und demſelben ſo wahrſcheinlich das Leben ge⸗ rettet hatte. Aber der Flur hatte ſich mittlerweile bereits mit Menſchen gefüllt, welche der Lärm des Kampfes und das wilde Geſchrei, mit welchem Sanglier dieſen Kampf begleitete, herbeigelockt hatte und die ſich nun vereint gegen den Tobenden kehrten, um ihn unſchädlich zu machen. Während die Menge, die ſich nach und nach ein⸗ gefunden hatte, Sanglier feſthielt und Bonneville mit bleichem Geſichte ſeine Toilette in Ordnung brachte, wandte ſich Verena mit der haſtigen Bitte an den jun⸗ gen Mann, der durch ſein rechtzeitiges Dazwiſchentre⸗ ten hier wahrſcheinlich ein ſchweres Unglück verhütet hatte, ihr auch fernerhin zur Seite zu ſtehen. „Wer Sie auch ſein mögen, mein Herr“, flehte ſie athemlos,„verlaſſen Sie mich in dieſer peinlichen Lage nicht. Ich werde Ihnen ſpäter jede Aufklärung geben, aber helfen Sie mir jetzt, den Unglücklichen, den der plötzliche Anblick eines tiefgehaßten Feindes um Re mit und upf int zu in⸗ mit hte, un⸗ re⸗ itet den Verſtand gebracht zu haben ſcheint, in Sicherheit und Einſamkeit zu bringen!“ Die Anſicht, daß ſich der inmitten einer Schaar, die ihn feſthielt, noch immer tobende Sanglier in un⸗ zurechnungsfähigem Zuſtande befinde, fand eine un⸗ erwartete Unterſtützung in einer Aeußerung Bonne⸗ ville's, der das Peinliche der Situation, in welcher er ſich Verena gegenüber befand, fühlend, der unangeneh⸗ men Lage dadurch am ſchnellſten ein Ende zu machen ſuchte, daß er ſagte: „Es iſt ein Wahnſinniger, der mich da angefallen hat; es iſt am beſten, man übergibt ihn ein paar kräf⸗ tigen Wächtern und ſchickt nach einem Arzt.“ Mit dieſen Worten entſchlüpfte Bonneville, ohne Verena anzuſehen, dem Gedränge, das ihn umflutete. „Sie ſollen mich nicht umſonſt zu Ihrer weitern Unterſtützung aufgerufen haben, Madame!“ ſagte der junge Mann, der die beiden Feinde auseinander ge⸗ bracht hatte, zu Verena.„Und da ich zufällig Arzt bin, ſo kann ich Ihnen vielleicht wirkſamer dienen als mancher Andere, der hierzu blos guten Willen mitbrächte. Ich wohne in dieſem Gaſthofe und biete Ihnen mein Zimmer an, damit Sie ſich in daſſelbe zurückziehen und ſich dort ſammeln. Ich will inzwi⸗ ſchen zwei handfeſte Leute werben, die den Tobenden 218 unter ihre Obhut nehmen. Iſt dies geſchehen, ſuche ich Sie wieder auf, Madame!“ Verena dankte mit einem ſtummen Blick dem Ret⸗ ter und Helfer in der Noth. Viertes Kapitel. In Zürich. Wenn man in Zürich auf der linken Seeſeite am äußerſten Ende des ſogenannten Seefeldes, einer Vor⸗ ſtadt Zürichs, eine gute halbe Stunde hügelan ſteigt, kommt man zu einem großartig angelegten neuen Ge⸗ bäude, das ſich auch von der Stadt aus geſehen impo⸗ ſant ausnimmt und aus ſeinen zahlloſen Fenſtern in ſeiner Art eine ebenſo herrliche Fernſicht darbietet wie die auf dem entgegengeſetzten Ende der Stadt gleich⸗ falls auf einem Hügel erbaute Univerſität. Nur vermögen die Bewohner des auf den Bergen außerhalb des Seefeldes ſo maleriſch ſich präſentirenden Häuſercomplexes die Schönheiten der Natur rings⸗ umher, wie ſie der See mit den ihn umgebenden Vor⸗ bergen und den ſich hinter dieſen mächtig aufthürmen⸗ — — 2 220 den Hochgebirgsrieſen in ſo reichem Maße darbieten, nicht ſo zu würdigen wie das junge Völklein, welches die der Wiſſenſchaft gewidmete Stätte auf den die entgegengeſetzte Seite der Stadt dominirenden Höhen tagaus tagein bevölkert. Denn der Geiſt der Armen, die das große, caſtell— artige Haus oberhalb des Seefeldes bewohnen, iſt um⸗ wölkt und umdüſtert und nur ſelten gelingt es der ärztlichen Kunſt, den, welcher einmal in dieſem Hauſe eine gezwungene Unterkunft gefunden, der Welt und der Geſellſchaft als ein nützliches, klar denkendes und vernünftig handelndes Mitglied wiederzugeben. Das große, ſchloßartige Haus da oben auf dem Berge, das ſo iſolirt daſteht, iſt das Irrenhaus. Was die Schweiz an unvernünftigen und unzu⸗ rechnungsfähigen Individuen in ſich ſchließt, die der menſchlichen Geſellſchaft gefährlich werden könnten, wenn man dieſelben frei walten ließe, das gibt ſie an dieſes Haus ab, das ſich jetzt im Vorfrühlingsſonnenſcheine mit ſeinen allerdings noch kahlen Gärten gar nicht ſo unheimlich ausnimmt, wie man nach dem, was es birgt, denken ſollte. Jetzt, wo die Sonne ſo warm das Ganze beſcheint der Februar neigt ſich dem Ende zu, und das milde Klima Zürichs hat um dieſe Zeit ſchon Tage aufzu⸗ en, em z der tel, ine ——————— 221 weiſen, die ganz frühlingshaft ſind— ſcheint in dieſer Stätte des Jammers und der Aufregungen Alles Frieden, Ruhe, Zufriedenheit zu athmen. Sonnenhell glänzt das Gemäuer und das Schiefer dach, ſonnenhell auch glänzen die Mienen der Kranken, die ſich, heuer vielleicht zum erſten Mal, auf den kies⸗ beſtreuten Gartengängen in freier und warmer Luft ergehen. Es iſt eine Genoſſenſchaft recht merkwürdiger Leute hier beiſammen. Ein Jeder und eine Jede haben — 7 ihre Geſchichte und manche dieſer Geſchichten birgt einen ganzen Roman in ſich. Wer würde es zum Beiſpie jenem alternden Manne mit dem grauen Vollbarte, der ſo melancholiſch dareinſchaut, anſehen, daß er ſeiner Zeit, das heißt vor einem Menſchenalter, einer der gefürchtetſten Bri⸗ ganten Italiens vor und daß er überhaupt die merk⸗ würdigſten Schickſale hatte, die ein Menſch nur über⸗ haupt haben kann? Sonnino iſt ein Kind der italieniſchen Schweiz und in Bignasco geboren. Im Schleichhandel aufge⸗ wachſen und immer auf dem Wege zwiſchen der Schweiz und Italien, gefiel es ihm einmal ſo ſehr in letzterem Lande, daß er aus demſelben nicht mehr in ſeine bergige Heimat znrückkehrte. 122 Eines Tages ſtand der in ganz Mittelitalien ge⸗ fürchtete Brigante Giacomo Sonnino plötzlich während der Theaterzeit auf der Bühne von Immola, von einer Schaar gleichfalls bis an die Zähne bewaffneter Ge⸗ ſellen umgeben. Die zwanzig Männer, welche die Bühne ſo ziemlich füllten, ließen ihre Gewehre in einem Tempo ſchwer und wuchtig auf die Erde niederfallen, daß das Podium dröhnte, und Giacomo Sonnino begann eine Rede zu halten, während in dem Hauſe, das eine Fortſetzung des Roſſini'ſchen„Tell“ erwartet hatte und ſich ſo eigenthümlich überraſcht ſah, eine Stille herrſchte, daß man eine Stecknadel hätte können niederfallen hören. Er ſagte, daß er mit ſeinen Freunden gekommen ſei, der guten Stadt Immola eine kleine Brandſchatzung auf⸗ zuerlegen. Er ſei bei Nacht und Nebel in aller Stille gekommen und wolle ſich ebenſo geräuſchlos entfernen, wenn man ſeinen beſcheidenen Wünſchen entſpräche. Im entgegengeſetzten Falle würde er ſich in die unan⸗ genehme Nothwendigkeit verſetzt ſehen, Immola an allen vier Ecken anzuzünden. Vor allem aber möge Niemand glauben, entrinnen zu können; vor jedem Ausgange ſtänden Bewaffnete, die auf Jeden Feuer geben würden, der es wage, das Theater zu verlaſſen. Nach dieſem vielverheißenden Anfange entrollte Sonnino ein Blatt Papier und las eine Reihe von Namen vor, Re nd ſer Ge hne npo das ine ine und te, em uer ſen. in 0l, 223 deren Träger insgeſammt im Theater anweſend waren und zu den wohlhabendſten Familien von Immola gehörten. Von jeder der bezeichneten Perſonen ver— langte er eine gewiſſe Summe, die ſofort zu erlegen war. Jeder der Aufgerufenen erhielt einen Bewaffne⸗ ten als Sauvegarde, der ihn in ſeine Wohnung zu geleiten, dort die Summe von ihm entgegenzunehmen und ihn dann wieder ins Theater zurückzubefördern hatte. Etwa fünfzehn der Begleiter Sonnino's ver⸗ ließen nach dieſer Verleſung die Bühne und ſuchten ſich diejenigen aus, auf deren Plünderung es Sonnino abgeſehen hatte. Die mit der Zwangsſtener Belegten folgten ihren Geleitsmännern ohne Widerrede, Sonnino blieb mit einem halben Dutzend bewaffneter Genoſſen auf der Bühne, das Falkenauge auf das Publikum ge— richtet, das ſich nicht rührte, weil es die Pforten gleichfalls durch Bewaffnete abgeſchloſſen wußte. Nachdem die Contribution eingetrieben war, zog Sonnino mit ſeiner Bande aus dem Theater und aus Immola ab, ohne daß es Jemand beigekommen wäre, ſeinem Abzuge irgend ein Hinderniß in den Weg zu legen. Aber die Verfolgung konnte nicht ausbleiben, da die Herausforderung eine zu eclatante geweſen war. Die päpſtliche Regierung, in deren Machtbezirk Immola lag, bot ein Bataillon auf, um Sonnino todt oder 224 lebendig in die Hand zu bekommen. Der ſchlaue und kühne Ränber hielt die Truppen lange in Schach. Er ermüdete ſie in zweckloſen Märſchen und Gegenmärſchen, und als ſie, immer neue Verſtärkungen heranziehend, ihm endlich ſo hart auf den Leib rückten, daß er ſich ihnen ſtellen mußte, lieferte er ihnen eine Reihe förm⸗ licher Schlachten, in deren letzter er ſchließlich den Kürzern zog. Schwer verwundet gerieth er in Gefangen⸗ ſchaft. Man ſetzte Alles daran, ihn zu heilen, da Immola um Rache zum Himmel ſchrie und man dem Volke um jeden Preis das Schauſpiel einer pom⸗ pöſen Hinrichtung bieten wollte. Der Proceß endete natürlich mit der Verurtheilung Sonnino's, und der Papſt, dem das Todesurtheil zur Beſtätigung vorge⸗ legt wurde, fühlte ſich nicht berufen, zu ſprechen. Non ha parlato— er hat nicht geſprochen— ſagte der päpſtliche Kämmerling zum Juſtizminiſter, als er ihm das Todes⸗ urtheil zurückſtellte. Nach der geltenden Sitte war nämlich der zum Tode verurtheilte Verbrecher unrett⸗ bar verloren, wenn der Papſt ſchweigend das Urtheil und die Acten durchblickt hatte. Damals ſaß noch der ſechzehnte Gregor auf Petri Stuhle und Son⸗ nino's Glücksſtern wollte es, daß Gregor das Zeitliche ſegnete, während das Todesurtheil den langwierigen und mit vielen Formalitäten verbundenen Weg aus — 225 dem päpſtlichen Cabinet zu dem Gerichtshofe machte, der als zuſtändige Behörde mit der Vollziehung des Todesurtheils beauftragt war. Nun iſt es eine alt— hergebrachte Sitte, daß der Tod des Papſtes dem zum Tode verurtheilten Verbrecher zu gute kommt und den Lauf der peinlichen Procedur hemmt. Während der Sedisvacanz darf kein Todesurtheil vollzogen werden, und da auch der neugewählte Papſt ſich ſelten bewogen findet, ſeine Herrſchaft durch Beſtätigung von Todes⸗ urtheilen zu inauguriren, ſo iſt der Verurtheilte in der Regel gerettet. Einer der erſten Regierungsacte des neuen Papſtes iſt es, daß er ſich über die unter dem vorigen Régime zu Ende gebrachten Criminalpro⸗ ceſſe Bericht erſtatten läßt und Begnadigungen vor⸗ nimmt. So kam denn auch Sonnino's Fall in das Cabinet Pius' des Neunten, kaum daß man dieſem der Tiara aufgeſetzt. Dem Tode war Sonnino ent⸗ ronnen, denn Pius wollte keine Ausnahme von der Regel machen, obwohl der Held von Immola von den Behörden ſo ſchwarz als möglich hingeſtellt wurde. Ein Exempelmußte jedoch ſtatuirt werden, wenn mannicht förmlich die Strafloſigkeit eines Jeden proclamiren wollte, der es ſich beikommen ließe, ganze Ortſchaften mit⸗ ten im Frieden zu brandſchatzen. Die Begnadigung ſollte daher Sonnino nach der vorſorglichen Intention Luctan Herbert, die Blume von Sumatta 1I. 15 des Papſtes nicht viel nützen. Darum brachte er ihm gegenüber jenen alten Paragraphen des römiſchen Straſ⸗ coder in Anwendung, welcher mit den Regeln der ge⸗ ſunden Vernunft ſo grell collidirt, daß man ihn nur anſtaunen kann, wie es denn auch keinem zweiten Staate der Welt eingefallen iſt, dieſen monſtröſen Paragraphen ſeiner Straſproceßördnung einzuverleiben. Der merkwürdige Paragraph ſubſtituirt bei beſonders berückſichtigungswürdigen Umſtänden der Todesſtrafe eine zwei⸗ oder dreimal lebenslängliche Kerkerſtrafe Nach gewöhnlichen Begriffen ſollte man glauben, daß der Verbrecher hinlänglich beſtraft und für die menſch⸗ liche Geſellſchaft unſchädlich gemacht ſei, wenn er zu lebenslänglichem Kerker verurtheilt worden, die römiſche Juſtiz hat aber, ein Unicum ihrer Art, noch eine Ver⸗ ſchärfung der lebenslänglichen Kerkerhaft, indem ſie dieſelbe verdoppelt oder verdreifacht. In Wahrheit hat dieſe Verſchärfung die praktiſche Folge, daß ſie jede mögliche künftige Begnadigung des Verbrechers abſchnei⸗ det. Der zu zwei⸗ oder gar dreimal lebenslänglichem Kerker Verurtheilte iſt durch dieſe Verſchärfung ſo mar⸗ kirt für alle Zeiten, daß es keiner Behörde einfällt, je ſeine Begnadigung zu beantragen, wenn ſeine Beſſerung auch die gründlichſte wäre. Sonnino wurde zu dreimal lebenslänglichem Kerker — — 227 begnadigt. Er fand in ſeinem Gefängniſſe Wächter, die ihm geſtatteten, ſich die tödtlich lange Zeit durch eine ihm zuſagende Arbeit zu verkürzen. Er hatte in ſeiner früheſten Jugend bei einem Bildhauer in Arbeit geſtanden. Seine Wächter lieferten ihm jetzt Marmor und er meißelte ihnen Statuetten der heiligen Jung⸗ frau und anderer Heiligen, was ſie noch günſtiger für ihn ſtimmte. Eines Tages kam ſeine alte Mutter zu ihm. Sie hatte ſich durch einen Kniefall vor Pius die Erlaubniß erwirkt, ihren Sohn beſuchen zu dürfen. Als ſie die Statuen erblickte, die der letztere angefer⸗ tigt, kam es wie eine Eingebung von oben über ſie und ſie ſagte zu Sonnino mit leuchtendem Auge: „Wie wäre es, Giacomo, wenn Du es verſuchteſt, eine Büſte des heiligen Vaters anzufertigen? Wenn ich ſie ihm brächte, würde es ihn vielleicht rühren und er würde Dich begnadigen!“ Das leuchtete Sonnino ein. Von leicht erklärli⸗ chem Freiheitsdrange beſeelt, machte er ſich mit einem wahren Feuereifer an die Arbeit, und ehe ein halbes Jahr verging, war nach manchem mißlungenen Verſuche eine im Ganzen wohlgetroffene Büſte des heiligen Va ters fertig. Dieſer ſah ſo gütig aus, daß er gewiß auch gegen Sonnino Güte üben würde, wenn ihm die bald ſiebzigjährige Mutter Sonnino's, die ſich, um ihrem 15* 228 Kinde nahe zu ſein, in Immola vom Bettein nährte, die Statue überreichte. Sonnino fand Mittel, das Marmorbild an ſeine Mutter gelangen zu laſſen, und dieſe machte ſich ungeſäumt auf den Weg, um es dem Papſte zu überbringen. Der hob ſie auf, als ſie in Thränen zerfloſſen vor ihm auf den Knieen lag und um Gnade für den Sohn flehte, beſah die Statue, die ihn vorſtellte, und ſie ſchien ihm zu gefallen. „Ich ſchenke Eurem Sohn eine lebenslängliche Kerker⸗ haft!“ ſagte er gütig. Sonnino hatte alſo noch zweimal lebenslänglich zu ſitzen. Die alte Mutter wanderte, unterwegs bettelnd, zu Fuße nach Immola, da ihr der Papſt erlaubt hatte, dem Sohne die erfolgte theilweiſe Begnadigung mit⸗ zutheilen. Sonnino lächelte bitter, als er die Kunde erhielt, die Mutter aber ſagte zu ihm: Wie wär's, Giacomo, wenn Du weiter arbeiteteſt und den Muth nicht ſinken ließeſt? Auf einen Hieb fällt kein Baum und von Rom ſagt man, daß es nicht an einem Tage erbaut wurde. Der heilige Vater intereſſirt ſich lebhaft für die unbefleckte Empfängniß Maria's und will dieſelbe, wie es heißt, nächſtens als Dogma prymulgiren. Arbeitg eine Statue, welche die unbefleckte Empfängniß Maria's ſymboliſirt, viel⸗ leicht begnadigt Dich der heilige Vater dann vollſtändig!“ b t 229 Und wieder ging Sonnino an die Arbeit. Er meißelte ein Jahr lang und hoffnungsfreudig trug die Mutter das fertige Madonnenbild nach Rom. Sie wartete die mit einem Jubiläum verbundene Promul⸗ gation des Dogmas von der unbefleckten Empfängniß Maria's ab, um ſich Pius zu Füßen zu werfen. Der beſah die Statue aufmerkſam und ſie ſchien ihm Freude zu machen. Er erinnerte ſich noch der Affaire Sonnino's bis ins Detail und hörte die zitternde Matrone gütig an. Dann ſtrich er von Sonnino's Strafe wieder einen lebenslänglichen Kerker und die Mutter wallfahr⸗ tete abermals, wenn auch nicht befriedigt, ſo doch er⸗ leichtert nach Immola. Sonnino aber nahm die neue Begnadigung mit demſelben bittern Lächeln hin, mit welchem er die erſte angehört hatte. „Deine Sache ſteht nun doch ſchon bedeutend beſſer“. tröſtete die Mutter,„Du haſt nun ſchon nur einmal noch lebenslänglich zu ſitzen!“ „Ich glaube, das genügt vollkommen!“ meinte Sonninv. Jetzt wußte die Mutter keinen guten Rath weiter und ſagte, ſie würde nach Loreto pilgern, vielleicht, daß ihr dort etwas Segensvolles einfiele. Es verging eine geraume Zeit, während welcher Sonnino unermüdlich ſeine Kunſt übte, ſodaß er es in derſelben zu einer bedeutenden Vollkommenheit 230 brachte. Er lätte ſich, wenn ihm die Freiheit geſchenkt worden wäre, redlich als Bildhauer ernähren können, ohne die menſchliche Geſellſchaft irgendwie beunruhigen zu müſſen. Er verſenkte ſich auch zuweilen in Träume, in denen er es ſich recht lebhaft ausmalte, wie ſchön ein ſolches harmloſes und ruhiges Leben in Freiheit ſein müſſe. Aber er gab ſich keinen Augenblick der Täuſchung hin, daß ihm je ein ähnliches gemüthliches Leben beſchieden ſein könnte. Er hatte die vielgerühmte Güte des heiligen Vaters kennen gelernt und ſah kein Heil ab. Deſto inbrünſtiger hoffte ſeine Mutter, ihn doch endlich frei zu machen. Ihr ganzes Denken war ein Beten, Gott möge ihr den rettenden Gedanken ein⸗ flößen. Mit einem wahren Fanatismus brütete ſie über Plänen, die nur zu bald wieder wie Seifenblaſen zerfloſſen. Damals nahmen die Ereigniſſe in Italien eine Wendung, die ſo recht zeigte, auf welchen morſchen Unterlagen Petri Stuhl ruhte. Piemont rüſtete ſich, nachdem es eben erſt mit Oeſterreich und Neapel fertig geworden, gegen Rom und der Papſt bot ſeine Legi⸗ onen auf, um ſich gegen die Invaſion zu ſchützen. Er ſtützte ſich auf Lamorictère, den tapfern Degen, deſſen Unglück nur die Bigotterie war. In dieſen Tagen war es, wo die alte Mutter ſich wieder einmal zu Sonnino durchbettelte und zu ihm ſagte: — O „Ich kann nicht länger ohne Dich leben, mein Sohn. Ich muß Dich haben, um ruhig ſterben zu können. Und ich hoffe Dich zu bekommen. Sieh, Gia⸗ como, ich habe einen wunderbaren Traum gehabt. Die beilige Jungfrau iſt mir erſchienen und hat mir einen Weg zu Deiner Befreiung angegeben, der ſicherlich zum Ziele führt.“ „Soll ich wieder eine Statue meißeln?“ fragte Sonninv mit einem melancholiſchen Lächeln. „Spotte nicht, Giacomo, die Statuen haben doch ihre Früchte getragen, ohne ſie würdeſt Du noch immer hoffnungslos daſitzen; ſie haben Dir zwei lebenslange Kerkerſtrafen weggenommen, und wenn Du mir folgſt, belfen ſie Dir auch noch von der dritten und letzten!“ „Ich zweifle, liebe Mutter, das Herz des heiligen Vaters iſt ſo hart wie der Marmor, aus dem ich meine Ma donnen mache!“ „Es wird diesmal ſchmelzen!“ rief die alte Frau zuverſichtlich.„Höre meinen Traum! Ich ſah eine Statue, ähnlich jener, wo der Ritter Georg den Lind⸗ wurm erlegt. Der Lindwurm hatte aber einen Menſchen⸗ kopf und zeigte die Geſichtszüge des Erbfeindes der Kirche und des heiligen Vaters, das Bild des Könias Victor Emanuel, von dem ſie ſagen, daß ihn der hei⸗ lige Vater in den Kirchenbann thun wolle. Und der 232 heilige Georg hatte Züge, die mich an ein Bild erin⸗ nerten, das man jetzt auf allen Jahrmärkten verkauft; man ſagt, daß es den berühmten franzöſiſchen General darſtelle, der dem heiligen Vater zu Hülfe kommen wolle. Ich habe die Ueberzeugung in mir, daß, wenn Du die Gruppe ſo in Marmor meißelteſt, wie ich ſie geträumt und Dir geſchildert habe, das Kunſtwerk das Herz des heiligen Vaters ſo rühren würde, daß er Dir volle Freiheit ſchenkte!“ Sonnino leiſtete zum erſten Male kräftigen Wider⸗ ſtand. Er war für Victor Emanuel ſo eingenommen, daß er es nicht über ſich bringen konnte, ihn ſo zu pro⸗ faniren, daß er ihn als überwundenen Lindwurm darſtellte. Es ging nicht und wenn es wirklich zur Freiheit führte; aber da ſtand die vierundſiebzigjährige zitternde Matrone, die, wie ſie ſagte, weder ruhig leben, noch ſelig ſterben könne, wenn ſie ihren Sohn nicht bekäme. Sonnino ließ lange den Blick auf der alten Frau haften und ſagte dann: „Du weißt nicht, was Du mir anſinnſt, aber es ſei, weil ich die Mutter in Dir verehre! In meinem ganzen Leben hat mir nichts ſolche Ueberwindung ge— koſtet wie die Inangriffnahme der Arbeit, die Du mir zudenkſt und von der Du das Heil erwarteſt! Aber es ſei, ich habe nicht das Herz, nein zu ſagen!“ — 233 Und Sonnino ging ans Werk, und ehe zwei Mo⸗ nate um waren, hatte er die Lindwurmgruppe fertig gebracht. Der Ritter Georg trug Lamoricière's Züge, der Lindwurm Victor Emanuel's Antlitz zur Schau. Die Aehnlichkeit beider Figuren war eine unverkennbare, ſprechende Mit ſtillem Entzücken nahm Sonnino's Mutter die Statue in Empfang, um ſie nach Rom zu tragen. Sie kam dort zu guter Stunde an, denn in den Hofregionen war man hoffnungsſelig und ſchwur darauf, daß Lamoricidre die Piemonteſen in Bälde vom römiſchen Boden weggefegt haben würde. Dabei unterließ man aber doch nicht, die Gefangenen aus den zunächſt exponirten Städten zu entfernen und in die Nähe Roms in Sicherheit zu bringen. So kam auch Sonninv nach vierzehnjährigem gezwungenen Auf⸗ enthalte in Immola von dort fort und wurde nach dem kleinen Fort Olizza bei Rom gebracht. Die alte Frau erhielt Audienz beim Papſte und fand dieſelbe freundliche Aufnahme wie früher. Der heilige Vater hörte ſie an, beſah Sonnino's Werk mit Aufmerkſamkeit und die Idee, Lamoricière ſymboliſch als den Ueberwinder Victor Emanuel's hinzuſtellen, ſchien ihm zu gefallen. „Dieſer Sonnino hat Einfälle, die nicht übel ſind!“ ſagte er nach beendeter Beſichtigung.„Er ſorgt 234 dafür, daß wir ihn nicht vergeſſen. Ich beſinne mich ganz gut auf den Fall habe ich ihm nicht bereits zweimal eine lebenslängliche Kerkerhaft nachgeſehen? Ja, ja, ſo iſt's, und nun hat er noch einmal lebens⸗ länglich zu ſitzen. Er ſitzt ſo lange, als ich Papſt bin, das wären vierzehn Jahre, eine lange Zeit! Wohlan denn, ich will noch einmal Gnade üben, Sonnino ſoll noch zwei Jahre gefangen gehalten werden, von heute in zwei Jahren ſoll man ihn entlaſſen!“ Das war nun allerdings nicht ſo ganz das, was die Alte erwartet hatte, aber es war immerhin etwas, ja es war ſogar ſehr viel, denn was hatten, genau beſehen, zwei Jahre zu bedeuten, wenn man urſprüng⸗ lich zu dreimal lebenslänglicher Kerkerſtrafe verurtheilt geweſen iſt? Auch Sonnino war der Anſicht, daß zwei Jahre in dieſem Falle nichts ſeien. Er hatte ja auf gar keine Conceſſion gerechnet und mit ungeheucheltem Erſtaunen rief er aus, ſobald ihm die Mutter mit bebender Stimme die glückverheißende Mittheilung gemacht: „Der Mann in Rom hat alſo doch ein Herz, ich hätte es nach den Gnadentropfen, die er bisher über mich ausgoß, nicht geglaubt!“ Von dem Augenblick an, wo Sonnino erfahren hatte, daß ihm doch noch die Stunde der Freiheit ———— it —— ———— 235 ſchlagen würde, war er wie ausgewechſelt. Seine ganze Ruhe war dahin, er bewegte ſich mit fieberhafter Haſt und vermochte keine Arbeit mehr zu fördern. Er rührte den Meißel nicht mehr an, aß wenig und das Wenige haſtig und ſprach von nichts Anderem, als wie er ſich darauf freue, die freie Luft zu athmen. Er fertigte ſich einen Kalender an, in welchem die zwei Jahre Platz fanden, die er noch in der Gefangenſchaft zuzubringen hatte. Ueber jeden abgelaufenen Tag machte er einen Strich und zählte am Abend die Tage, die er noch vor ſich hatte. Er zerlegte dieſe Tage in Stunden, Minuten, Sekunden, multiplicirte und ſub⸗ trahirte und wälzte die Monſtreziffern unaufhörlich im Kopf herum. Darüber verging ihm der Schlaf und es bemächtigte ſich ſeiner eine nervöſe Reizbarkeit. Er ſprach oft mit ſich ſelbſt und malte dann wieder ſtunden⸗ lang Ziffern an die Wand. Zuletzt markirte er jede abgelaufene Viertelſtunde durch einen Strich, den er auf die Wand malte. Jetzt handelte es ſich nur noch um wenige Mo⸗ nate, aber Sonnino hatte über der Sehnſucht nach der Freiheit den Verſtand verloren. Als ſeine Mutter ihn abzuholen kam, fand ſie einen Wahnſinnigen. Sie führte ihn in die Heimat, aber er kannte dieſelbe nicht. Sie bat, daß man ihn in das Irrenhaus aufnähme, 236 das der Bund in Zürich errichtet, und die Behörden willfahrten ihrem Wunſche. Sobald ſie den Sohn in Sicherheit wußte, legte ſie ſich hin und ſtarb. Ihr letztes Wort war: „Vielleicht wird Giacomo doch wieder geſund, und wenn nicht, ſo wird er wenigſtens nicht verhungern!“ Das iſt die Geſchichte des armen Sonnino, des einſt ſo gefürchteten Briganten, der jetzt keinem Kinde etwas zu Leide thut. Und wie er ſich hier, den gutgehaltenen Kiesweg entlang ſchreitend, ſonnt, ſo beſcheint drüben auf der andern Seite des Gartens die warme Vorfrühlingsſonne ein anderes Weſen, das auch keine Ausſicht hat, je wieder zu klarem Denken zu kommen. Es iſt ein Mäd⸗ chen, das, obſchon über die Jugendlinie hinaus, doch noch immer ſchön zu nennen iſt, und die Vergangenheit des armen Geſchöpfes iſt in demſelben Grade rein und makellos, wie die Vergangenheit des Mannes, der drüben ſo düſter einherſchreitet, befleckt iſt. Vor zehn Jahren war das Mädchen, welches jetzt achtundzwanzig Jahre alt ſein mag, noch bei voller, blühender Geſundheit und Braut. Sie wohnte nicht weit von Bern, wo damals eben eine neue Bundes⸗ centralſtrafanſtalt gebaut wurde. Wie die ſämmtlichen Irren der Schweiz von Bundeswegen in Zürich, ſo 237 ſollten die verurtheilten Verbrecher insgeſammt in Bern internirt werden, damit eine jede der großen Städte ihre Specialität habe. Eines Tages kam das Mäd⸗ chen mit ihrem Vater nach Bern und begleitete ihn nach der im Bau begriffenen Strafanſtalt, wo er mit ſeinem zukünftigen Schwiegerſohne, der Ingenieur war, einige mechaniſche Vorrichtungen beſichtigen wollte. Es war an einem Sonntag, man begegnete auf dem Wege Freunden, die ſich anſchloſſen, und kam daher in größerer Geſellſchaft bei der Bauſtelle an. Da Sonn⸗ tag war, ruhte auf dieſer auch das rege Leben, welches die Handwerker aller Art an Werktagen in alle Räume zu verbreiten pflegten. Die Fenſter und Thüren ſtanden überall offen, um der Luft freien Zutritt zu geſtatten und den Proceß der Austrocknung zu beſchleunigen. Die Geſellſchaft durchſtöberte in heiterſter Stimmung alle Oertlichkeiten, wanderte aus den Arbeitsſälen in die Schlafzellen und von da in die Küche, wo der eben in der Aufſtellung begriffene Dampfwaſchapparat die allgemeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm. Während der Vater des jungen Mädchens mit deren Bräutigam über die Leiſtungsfähigkeit der Maſchine debattirte, ſchlich ſich das Mädchen, welches die ernſte Unterhal⸗ tung, von der ſie nichts verſtand, zu langweilen begann, ſachte beiſeite und auf den Gang hinaus, der ihrer 3 3 ——— 238 Neugierde mehr Stoff darbot. Sie ging, in alle Thüren eintretend, weiter und gerieth ſo unvermuthet in einen Corridor, der von demjenigen, in welchem ſie ſich bis⸗ her herumgetrieben, ſeitab lag. Sie wäre jetzt vielleicht umgekehrt, wenn nicht eine Reihe geheimnißvoller Zellen, die in dieſen Corridor mündeten, ihre Neugierde rege gemacht hätten. Es waren kleine, düſtere Räume ohne Fenſter, welche ihr Licht aus einer Oeffnung in der Thür zu erhalten ſchienen. Zuletzt kam ſie zu einer Zelle, bei welcher ſelbſt der Einſchnitt in die Thür fehlte. Sie erinnerte ſich von Dunkelzellen gehört zu haben, in welche man die Gefangenen auf kurze Zeit einzuſchließen pflegte, wenn ſie ſich gegen die in den Strafanſtalten eingeführte Hausordnung aufgelehnt hatten. Sie war überzeugt, daß ſie vor einer ſolchen Dunkelzelle ſtehe, welche ſich noch um Vieles unheim⸗ licher präſentirte als jene Zellen, die ihr Licht durch die Thür empfingen und beſtimmt waren, ſolche Sträflinge aufzunehmen, denen die Einzelhaft als Strafverſchär⸗ fung zudictirt war. Ein Gruſeln befiel ſie bei dem Anblicke dieſer Dunkelzelle und ſie dachte bei ſich, wie entſetzlich es ſein müſſe, in einem ſolchen finſtern Raume eine längere Zeit zuzubringen. Dabei fühlte ſie ſich von einer Anwandlung heftiger Begierde befallen, es zu erproben, welchen Eindruck ein kurzer Aufenthalt 239 in einer ſolchen Dunkelzelle auf das Gemüth hervor— bringe. Unfähig, dieſer Regung der Neugierde Wider⸗ ſtand zu leiſten, trat ſie in die Dunkelzelle, rührte an die Thür, verſuchte ſie anzulehnen und machte dabei eine etwas lebhaftere Bewegung, ſodaß die Thür ins Schloß fiel. Mit einem Schlage war alles Licht aus dem Raume verſchwunden und eine undurchdringliche Finſterniß umgab ſie. Angſtvoll taſtete ſie mit der Hand umher, um die Thürklinke zu erfaſſen, aber die Hand berührte nur kalte Steine und kaltes Eiſen, nir⸗ gends fühlte ſie eine anfaßbare Erhöhung Ein ent— ſetzicher Gedanke drängte ſich ihr auf, daß die Thür von innen gar nicht zu öffnen wäre! Während das Bewußtſein der ſchaurigen Lage, in welche ſie durch ihre Unbedachtſamkeit gerathen war, aus ihrer Stirn den Angſtſchweiß heraustrieb, mühte ſie ſich ab, den Thürgriff zu finden, und war nach einigen Sekunden rathloſen Umhertappens dahin gekommen, daß ſie nicht mehr wußte, wo ſich die Thür befund. Hatte ſie früher die Klinke geſucht, ſo ſuchte ſie jetzt unter zu⸗ nehmender Aufregung die Thür ſelbſt und ihre Finger ſchienen zuletzt ganz die Fühlung verloren zu haben, ſodaß ſie ſich nicht mehr Rechenſchaft darüber zu ge⸗ ben vermochte, ob es Stein oder Eiſen ſei, was ſie betaſte. Ihre Haare ſträubten ſich in die Höhe, als ————— —— 240 die Möglichkeit, in dieſer entſetzlichen Dunielheit eine längere Zeit, vielleicht eine ganze Nacht zubringen zu müſſen, vor ihre Seele trat. Ja, war es nicht ſogar denkbar, daß ſie gar nicht mehr lebend aus ihrer fürchter⸗ lichen Haft entkomme? Und ihre Angehörigen hatten keine Ahnung, wohin ſie gerathen ſei; wer weiß, ob ſie ſie in dieſem Corridor ſuchen würden, ob überhaupt Jemand vor morgen ihre Spur entdecken würde, da heute keine Arbeiter zur Stelle waren. Während ſie über die Möglichkeit nachdachte, in der Dunkelzelle zu Grunde gehen zu können, verwirrten ſich ihre Gedanken und ſie verlor das Bewußtſein. Die Ihrigen ſuchten ſie inzwiſchen angſtvoll, flogen von Raum zu Raum, von Gang zu Gang, ließen ihre rufenden Stimmen nach allen Richtungen ertönen, aber es vergingen viele Stunden, ehe ſie der Zufall in den Gang führte, in welchem die Dunkelzelle inmitten der Einzelhaftzellen lag. Hier nun fiel es dem Vater der Aermſten auf, daß eine Zelle geſchloſſen war, während alle andern offen ſtanden.„Wenn ſie in der Dunkelzelle wäre?“ ſchrie er entſetzt und legte ſein Ohr an die Thür, pochte an dieſelbe und ſeinem Pochen antwortete von innen ein Aufſchrei, der ihm durch Mark und Bein ging Es verging eine geraume Zeit, ehe der Kunſtſchloſſer aus Bern herbeikam und die Dunkelzelle öffnete. Man nee Fünftes Kapitel. Schluß. Der Leſer wird längſt errathen haben, daß der junge Mann, der in Belfort im rechten Augenblick da⸗ zwiſchen getreten war, als Bonneville's Anblick Sang⸗ lier zu einem Raſenden gemacht hatte, Niemand an⸗ ders als Eugen Vollmer war, der in Ausführung des zwiſchen ihm und Evelinen verabredeten Plans nach Belfort gekommen war, um ſich von ſeinem Chefarzt einen achttägigen Urlaub zu erbitten, der ihm auch bewilligt wurde. Anſtatt nun, wie er mit Cvelinen verabredet hatte, über Baſel ſofort nach Neufchätel zu eilen, mußte er den Umweg über Zürich machen, um Frau Sanglier in der verzweiflungsvollen Lage, in welcher ſie ſich be⸗ fand, nicht ſich ſelbſt zu überlaſſen. fand in derſelben eine Wahnſinnige; der ſiebenſtündige Anfenthalt in dem ſchauerlichen Raume, die Furcht, in demſelben vielleicht ſterben zu müſſen, hatten das arme Geſchöpf, dem ſeine Neugierde ſo verhängnißvoll wer⸗ 3 den ſollte, um den Verſtand gebracht. Es glaubte ſich von hölliſchen Mächten verfolgt und flehte dann, wenn ſich unheimliche Viſionen einſtellten, in herzzerreißender Weiſe die Mutter Gottes an, ſie vor den Anfechtungen der Hölle zu beſchützen. Jetzt aber geht ſie feierlich über den ſonnebeſchie⸗ nenen Kiesweg des Gartens, ganz ſo wie der einſame Mann drüben, der einmal Immola gebrandſchatzt und dafür ſechzehn Jahre gebüßt hatte. Und wie die beiden, ſo wandeln hier noch hundert ruhig im Sonnenſchein umher, als ob ſie wären wie die Andern, die drunten in der ſummenden Stadt ihren Geſchäften nachgehen. In den abgeſchloſſenen Kreis derer aber, die da im Sonnenſcheine luſtwandeln, tritt jetzt eine neue Er⸗ ſcheinung, und auch ſie hat ihre Geſchichte, wie die andern, die ſchon lange da ſind, und wir kennen dieſe Geſchichte, denn der Ankömmling heißt Felir Sanglier. Lucan Herbert, Die Blume von Sumatra, II. 243 Was hätte die bedauernswerthe Frau mit dem ſo plötzlich wahnſinnig gewordenen Gatten anfangen ſollen? Der junge Arzt, den ihr ein ſegensvoller Zufall im Moment der ſo unerwartet hereingebrochenen ver⸗ hängnißvollen Kriſe in den Weg geführt hatte, war für ſie in dieſer peinlichen Situation ein wahrer Schutzgeiſt. Sie ließ ihn für ſich walten und anordnen und gab ſofort ihre Zuſtimmung, als er vorſchlug, Sang⸗ lier der trefflichen und nahen Irrenanſtalt in Zürich zu übergeben. Von Baſel aus hatte Vollmer an Eveline, die ihn in Neufchätel im Hotel du Lac erwartete, telegra⸗ phirt, daß ſich ſeine Ankunft um zwei oder drei Tage verzögern dürfte, da außerordentliche Umſtände einge⸗ treten ſeien, die ihn aufhielten. In Zürich befreite Vollmer Madame Sanglier von der gefährlichen Geſellſchaft ihres Gatten. Sie hatte die Reiſe von Belfort bis Baſel in zwei Wagen zurückgelegt, die Vollmer in Belfort für ſchwe⸗ res Geld aufgetrieben hatte. In dem einen fuhr er mit Madame Sanglier, den andern nahm Sanglier mit den zwei handfeſten Männern ein, die ihn zu bewachen hatten und die Vollmer zu dieſem Zwecke gedungen hatte. 244 Von Baſel aus hätte man die Reiſe mit der Bahn fortſetzen können, Madame Sanglier, der es um Ver⸗ meidung jeglichen Aufſehens zu thun war, hatte Voll⸗ mer jedoch gebeten, ihr noch dies letzte Opfer an Zeit zu bringen und die Reiſe bis Zürich in ähnlicher Weiſe fortzuſetzen, wie ſie begonnen worden war. Da die Reiſenden ohne Pferdewechſel im Tage nicht leicht über ſieben deutſche Meilen zurücklegen konnten, hatte die Fahrt von Belfort bis Zürich drei Tage in Anſpruch genommen. Madame Sanglier, welche, ſobald ſie den Gatten in ſicherer Obhut wußte, an die Rückreiſe nach Genf dachte, wählte, um dahin zu gelangen, die Route über Neufchätel und erſchöpfte ſich in den herzlichſten Dank⸗ ſagungen gegen Vollmer, als ſich dieſer endlich in letz⸗ terer Stadt von ihr trennte. Vollmer ſetzte noch an demſelben Tage mit einem ſpätern Zuge an der Seite Evelinens, mit der er ſich in Neuſchätel vereinigt hatte, die Reiſe nach Genf fort und erſchien am Abend zur freudigen Ueberraſchung aller mit ſeiner Braut in der jetzt von Frau Nieder⸗ geſäß geleiteten Penſion Valentin. Deidesheimer und Suſanne waren nicht wenig überraſcht, als ihnen Vollmer Eveline als ſeine Braut vorſtellte. em ch ott n9 er⸗ ſig nt 245 Während Deidesheimer den Freund herzlich be⸗ glückwünſchte, umarmte und küßte Suſanne die Braut des Mannes, der ihr ſelbſt zugedacht geweſen. „Welches Glück, daß wir uns noch einmal ſehen, daß wir alle noch einmal gemüthlich zuſammenſitzen können hier im weichen, warmen Neſte, ehe die große Tour über das Weltmeer beginnt!“ ſagte Deideshei⸗ mer in einer zwiſchen Fröhlichkeit und Rührung mit⸗ ten inne ſchwebenden Stimmung. „Und welche Beruhigung, daß wir Sie in ſo lie⸗ ben, guten Händen zurücklaſſen!“ ſtimmte Suſanne ein. Und nun ging es allſeitig ans Erzählen. Deidesheimer und Suſanne ſprachen ſo warm von Herrnhut und wärmer noch von der alten Frau Voll⸗ mer, daß Vollmer die Thränen in die Augen traten. Vollmer erzählte dann wieder von Valentin, von deſſen Frau und den ſchweren, bangen Tagen, die beide durchgemacht, und Eveline zitterte während der lebendigen Schilderung deſſen, was ſie zum Theile ſelbſt miterlebt hatte, vor nervöſer Aufregung. Von der ergreifenden Schlußſcene, die ſich im Spital von Dijon zwiſchen Vollmer und Valentin ab⸗ geſpielt hatte, erzählte Vollmer natürlich nicht— über ſie und die Art, wie ſich Vollmer und Eveline gefun⸗ den, blieb ein geheimnißvoller Schleier gebreitet. 246 Einige Tage ſpäter wurden Doctor Eugen Voll⸗ mer und Miß Eveline Stangrave auf der Mairie von Plainepalais, in deren Rayon die Penſion Valentin lag, fürs Leben verbunden. Mit Rückſicht auf die Stellung Vollmer's, die ſeine Anweſenheit in den Lazarethen dringend erheiſchte, hatte der Maire von Plainepalais die Friſt, während welcher die Namen der Brautleute am Thor der Mai⸗ rie auszuhängen hatten, verkürzt. Deidesheimer und Niedergeſäß fungirten bei der Ceremonie als Zeugen. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. 2