5 S 5 Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Feſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mi S S—— mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt; für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mi 50 Pf. 2 Ml.— Pf. „3— 4 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer jum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — — —— ßis zum Rubicon. Roman 1 aus Julius Cäſar's Ingendleben. Von Luecian Herbert. Vierter Band. . Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1867. —— 1 . Erſtes Kapitel. Im Paare. Während Cäſar mit Eraſſus verhandelte, lenkte der wider ſein eigenes Erwarten dem Leben und der Frei⸗ heit wiedergegebene Kappadocier das kleine Fahrzeug, auf welchem ihn die Sklaven Cäſar's ohne ein aufklä⸗ rendes Wort dem Meere übergeben hatten, längs der Küſte hin. Der Kappadocier war kein Freund vielen Grü⸗ belns und ſo dachte er auch über die unerwartete gün⸗ ſtige Wendung ſeines Schickſals nicht viel nach. Er war auf den Tod gefaßt geweſen und nahm das wiedergewonnene Leben faſt mit Gleichgültigkeit entgegen; einen größern Werth legte er auf die volle Freiheit, die ihm in ganz unbegreiflicher Weiſe gewor⸗ den war, weil ihn dieſe Freiheit in die Lage verſetzte, Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. IV. 1 2 ſein Rachewerk gegen Cäſar weiter führen zu können, den er haßte wie keinen zweiten Menſchen auf der wei⸗ ten Welt. Er hatte mit unausſprechlicher Schadenfreude Cäſar nach Antium ziehen ſehen. Dieſe Schadenfreude ſteigerte ſich zu einem wahren Triumphgefühle, als man ihn herbeiholte und ihm ſagte, daß das Kreuz, das vor dem Landhauſe Cäſar's aufgerichtet würde, für ihn beſtimmt ſei. Die plötzliche Sinnesänderung Cäſar's, der ihn frü⸗ her begnadigen zu wollen geſchienen hatte und nun ohne ein äußerlich greifbares Motiv den Befehl zu ſeiner Hinrichtung gab, ſagte ihm deutlich, was im Innern des Landhauſes von Antium vorgegangen ſei und wie gut die Streiche, die er gleichſam mit unſicht⸗ barer Hand gegen Cäſar's Hausfrieden geführt, ver fangen haben mußten. Wenn der noch vor kurzem zur Milde geſtimmte Cäſar, kaum daß er das Landhaus von Antium betre⸗ ten, den Befehl zur Hinrichtung des Kappadociers an Ort und Stelle gegeben, ſo war es eine ausgemachte Sache, daß Cäſar durch ſeine Gemahlin Kenntniß da— von erhalten, daß dieſer ſeine beiden Geliebten in räthſelhafter Weiſe zugeführt worden, und daß er den Zuſammenhang der Dinge errathen und die —— 3 Hand des Kappadociers hinter dem Vorhange erkannt habe.. Der Kappadocier wäre angeſichts des Landhauſes von Antium mit wahrer Wonne geſtorben, ſodaß bei⸗ nahe ein Gefühl der Enttäuſchung in ihm Platz griff, als man ihm ſeine Begnadigung meldete. Aber kaum ſah er ſich in voller Freiheit auf das Meer hinausgeworfen, ſo beherrſchte auch ſchon wieder ſeine Seele der Gedanke, Cäſar auch fernerhin zu ver⸗ folgen. „Die Großmuth von Antium ſoll Dir nicht beſſere Zinſen tragen als jene von Nikomedia!“ murmelte er hämiſch in ſich hinein, während er überlegte, wohin er ſein kleines Fahrzeug ſteuern ſollte. Pompejus hatte zwar im Ganzen und Großen die Seeräuber aus dem italiſchen Meere hinweggefegt, aber es hätte mit wunderbaren Dingen zugehen müſſen, wenn er mit einem Schlage auch jenen merkwürdigen, wohl⸗ gegliederten Organismus, der dem Piratenweſen in ſchlau angelegter Weiſe allerorten auf dem feſten Lande Vor⸗ ſchub leiſtete, hätte lahmlegen können. Eingeſchüchtert zwar und zur Unthätigkeit verurtheilt lebten noch auf dem Feſtlande zerſtreut die Freunde der Piraten, welche die großartig angelegten Raubzüge dieſer letztern unterſtützt hatten, indem ſie ihnen auf 4 geheimnißvolle Weiſe Meldungen zugehen ließen, Sig⸗ nale gaben, Opfer ins Garn lockten. Der Kappadocier wußte beſtimmt, daß er, wenn er von Antium längs der Küſte nordwärts ſegelte, zu einer Uferſtelle gelangen mußte, wo den Piraten ein ſolcher treuer Freund aus alter Zeit lebte. Nördlich von Antium und kaum fünf, ſechs Weg⸗ ſtunden von demſelben entfernt, lag eine Trias von regen, lebhaften Handelsſtädten, die ſich Ardea, Lau⸗ rentium und Numica nannten und namentlich mit den dahinter liegenden Binnenſtädten Lavinium und Alba— longa den Seeverkehr vermittelten. Die Kaufleute dieſer Handelsplätze hatten am Ge⸗ ſtade zwiſchen Ardea und Laurentium eine kleine Nie— derlaſſung gegründet, die eine Art Waarendepot war, das ein herabgekommener römiſcher Bürger bewachte, der in ſeinen guten Tagen ſelbſt einen lebhaften Han⸗ del betrieben. Davon, daß Murgantius, der Depotwächter, mit den Piraten verbündet war, hatten die Kaufleute der Uferſtädte, denen er diente, natürlich keine Ahnung Es konnte auch nicht leicht ein Argwohn in ihnen auſſteigen, da die Seeräuber gegen die von Murgantius be⸗ wachten Waarenmagazine nie ein Attentat ausführten, ſo leicht ihnen dieſelben auch zugänglich geweſen wären. 5 Ja, es kam ſogar vor, daß Murgantius durch ſeine Wach⸗ ſamkeit einen nächtlichen Ueberfall der Magazine ver⸗ eitelte. Daß auch dies ein mit den Seeräubern abgekartetes Spiel geweſen, darauf berechnet, das Vertrauen der Kaufleute zu Murgantius unerſchütterlich zu machen, davon merkten die Brodgeber des Depotwächters eben⸗ ſo wenig etwas wie von den geheimen Signalen, die dieſer letztere mit den Piraten wechſelte und durch welche er ſeine geheimen Verbündeten auf die Fährte manches reichbeladenen Kauffahrteiſchiffes führte, das auf dem Meere ſchwamm. Der Kappadocier war bald mit ſich im Reinen darüber, daß er nicht fehlen könne, wenn er vor allem Murgantius aufſuchte, deſſen Wohnung er in wenigen Stunden erreichen konnte, ohne unterwegs irgendwo landen zu müſſen. Er wartete die Nacht ab, um ſein Fahrzeug in der Nähe der unter der Obhut des Murgantius ſtehenden Niederlaſſung mit dem Feſtlande in Berührung zu bringen. Murgantius hatte den Kappadocier nie geſehen, aber Manches von ihm gehört und betrachtete ihn daher mit hohem Intereſſe, als derſelbe ſich ihm zu erkennen gab, nachdem er zuvor die geheimnißvolle Parole aus⸗ 6 geſprochen hatte, durch welche die Piraten untereinan⸗ der und mit ihren Freunden zuſammenhingen. „Biſt Du noch der Alte?“ begann der Kappadocier den Depotwächter auszuforſchen. „Ich bin es nicht blos, ſondern hoffe es auch in allen Tagen zu bleiben!“ entgegnete dieſer ſtolz. „So bin ich bei Dir ſicher?“ „Sicher, wie Du es nur auf dem Meere ſein konnteſt in den Tagen, wo die Piraten daſſelbe noch beherrſchten!“ „Kann ich mich einige Zeit hindurch bei Dir ins⸗ geheim aufhalten?“ „Solange Du willſt, wenn Du es nicht vorziehen ſollteſt, diejenigen Deiner ehemaligen Gefährten auf⸗ zuſuchen, welche ſich jenſeits der Inſeln Corſica und Sardinien umhertummeln. Dein Erſcheinen würde den Verſprengten neuen Muth einflößen.“ Der Kappadocier horchte auf. „Es gibt wirklich noch Piratenſchiffe, welche die See halten?“ erkundigte er ſich überraſcht. Murgantius nickte mit dem Kopfe. „Als Pompejus die große Jagd nach den Schiffen der Seeräuber veranſtaltete“, ſagte er,„entſchlüpften ihm einige durch ein ſchlaues Manöver und wandten ſich, die Enge zwiſchen Piſa und dem heiligen Vorge⸗ — birge auf Corſica paſſirend, an der Inſel Ilva*) vor⸗ über, nach jener Seite der Inſeln Corſica und Sardi⸗ nien, welche Spanien zugewandt iſt.“ „Und Pompejus ließ dieſe Flüchtlinge gewähren?“ „Er ſchickte einige Fahrzeuge gegen ſie, als er ſich nach Aſien wandte, das Gros ſeiner Flotte mit ſich führend. Aber er unterſchätzte die Gegner, und die Be⸗ fehlshaber der Flotille, welche die verſprengten Piraten aufbringen ſollten, leiſteten das Mögliche in vornehmer Sorgloſigkeit. Um ſicher zu gehen, theilten ſie ihr klei⸗ nes Geſchwader in drei Abtheilungen, von denen die eine das heilige Vorgebirge auf der Nordſeite Corſicas umſchiffen, die zweite zwiſchen Corſica und Sardinien hindurchſegeln, die dritte aber um die Südſeite Sardi⸗ niens herum den Seeräubern auf den Leib rücken ſollte. Dieſe erhielten rechtzeitig Winke und manövrirten ſo ſchlau, daß ſie ſich mit voller Macht zuerſt auf das Geſchwa⸗ der, das zwiſchen Corſika und Sardinien hervorbrach, werfen, daſſelbe vernichten und dann den beiden an⸗ dern Abtheilungen eine Reihe von Gefechten liefern konnten, in denen ſie ſich rühmlich behaupteten.“ „Wie lange werden ſie's treiben können!“ murmelte der Kappadocier finſter. *) Das heutige Elba. 8 „Du haſt Recht, es ſind ihrer doch nur ein Häuf lein!“ ſtimmte Murgantius zu.„Freilich, wenn ſie einen tüchtigen Führer bekämen, könnte es ihnen leicht gelingen, den Schiffen, die Pompejus in nächſter Zeit gewiß gegen ſie abfertigen wird, zu entſchlüpfen und um die Säulen des Hercules*) herum auf die weſtliche Seite von Spanien zu gelangen, wo ſie an den Luſi⸗ taniern, die mit Rom Krieg führen, eine Stütze fänden. Man ſpricht davon, daß jener Prätor, dem nach der Theilung der Provinzen Spanien zur Verwaltung zu⸗ fallen wird, vom Senate den Auftrag erhalten ſoll, den Krieg gegen die Luſitanier im weſtlichen Spanien um jeden Preis zu Ende zu führen.“ Der Kappadocier ſchwieg, denn der Groll gegen die Piraten, der ſeit den Vorgängen in Süditalien, wo die letztern ſich hatten beſtechen laſſen und die Solda⸗ ten des Spartacus verrätheriſch preisgaben, noch immer in ſeiner Seele nachklang, ließ ihm den Gedanken, mit den alten Gefährten von neuem gemeinſchaftliche Sache zu machen, in keinem angenehmen Lichte erſcheinen. Auch beſchäftigte ihn in erſter Linie ein ganz an⸗ derer Plan, der den ihm ſo verhaßten Cäſar zum An⸗ gelpunkt hatte. *) Das heutige Gibraltar. 9 Er ſelbſt konnte ſich gegenwärtig nicht nach Rom wagen, er mußte ſich dort alſo, wenn er ſeinen Haupt⸗ feind im Auge behalten wollte, um ihn im rechten Augenblick ſchädigen zu können, nach einem Verbündeten umſehen. Und er kannte einen Mann in Rom, auf den er unbedingt ſich verlaſſen und von dem er auch voraus⸗ ſetzen konnte, daß er ihm in Allem zu Willen ſein würde. Dieſer Mann war Oropos, der Perſer, der Gehülfe der Wahrſagerin Sagane. Ein geheimnißvolles Band knüpfte Oropos an ihn, ein Band, das ſeinen Urſprung aus den erſten Jugend⸗ jahren beider herleitete und ſpäter durch einen Dienſt, den der Kappadocier dem Perſer geleiſtet, eine neue Verſtärkung erhalten hatte. Hropos war in ſeinen Kinderjahren aus Perſien, das mit den kleinaſiatiſchen Küſtenländern lebhaften Handelsverkehr unterhielt, nach Cilicien, dem Vorlande von Kappadocien, gekommen. Sein Vater hatte ihn auf Handelsreiſen mitgenom— men und einmal bei Verwandten in der ciliciſchen Hauptſtadt Tarſus zurückgelaſſen. Um dieſelbe Zeit war auch der Kappadocier nach Tarſus gebracht worden, um bei dem Bruder ſeines Vaters, der in jungen Jahren aus Kappadocien nach Tarſus über⸗ 10 geſiedelt war, um daſelbſt die Schiffsbaukunſt zu betrei⸗ ben, dieſe letztere zu erlernen. Der Kappadocier und der Perſer wohnten als Knaben in Tarſus geraume Zeit in derſelben Straße, ſahen einander täglich, wurden Spielgefährten und kamen zuletzt bei dem Feſte der Lockenbeſchneidung, das nach der in Kleinaſien und ſeinen Binnenhinterländern, zu welchen auch Perſien gehörte, herrſchenden Reli⸗ gionsſitte mit dem Frühlingsanfange zuſammenfiel, in ein Paar. Der Frühlingsanfang galt den Prieſtern in jenen Gegenden als eine willkommene Gelegenheit, die Götter auf eine abſonderliche Weiſe zu ehren. Dann bewegten ſie ſich in feierlichem Zuge, den zwei Hornbläſer eröffneten, dem Tempel zu. Der Oberprieſter, der den langen Zug ſchloß, hielt eine kleine Metallſtatue in der Hand, welche die Göttin des jugendlichen Lebens vorſtellte. Um das Haupt hatte dieſe Göttin ein Geflecht von friſchen Knospen geſchlungen, den Erſtlingsanſätzen eines Aſtes, die man von dem heiligen Baume abge⸗ ſchnitten, der den Tempel beſchattete, um die Göttin der Jugend und des Frühlings damit zu kränzen. Nachdem ſich der ganze Zug in der Vorhalle des Tempels, in welcher der Reichthum des Landes in — — 11 ſeinen bezeichnendſten Symbolen aufgeſpeichert lag, ent⸗ wickelt hatte, betrat der Operprieſter das eigentliche Heiligthum, die Jugendgöttin über ſeinem Haupte in die Höhe haltend, ſodaß ſie alle Verſammelten ſehen konnten. Das innerſte Heiligthum des Tempels bildete ein Säulenbau, in deſſen Mitte der Hauptgott koloſſal aus Holz geſchnitzt ſtand. Sein Haupt trug einen rieſenhaften Helm von Eiſen, und die rechte Hand hielt einen Schild. Rechts und links von dem oberſten Gotte dehnten ſich in langer Reihe auf hölzernen, mit Tüchern be⸗ hängten Geſtellen die Metallſtatuen der Nebengötter aus, niedrig, von der Höhe einer großen Spanne. Da thronte der gewaltige Kriegsgott und friedlich und verträglich ſtand neben ihm der Gott der Gewerbe und Induſtrie. Weiterhin, neben dem Gotte, der die Viehzucht und den Ackerbau beſchützte, ſtreckte der Dämon der Furcht ſeine häßliche, verzerrte Geſtalt. Während ſich zur Rechten des Hauptgottes die männlichen Untergottheiten abſtuften, mit dem Zeitgotte abſchließend, waren links die reizende Liebesgöttin und die üppige Beſchützerin der Früchte zu ſchauen. Neben der jungfräulichen Göttin, welche die Jagd 12 und den Forſt unter ihrer Aegide hielt, ſah die Todes göttin finſter und unheimlich darein. Weiterhin hoben ſich die neckiſchen Geſtalten der Waſſernymphen ſchlank in die Höhe und ſchienen ihre Kurzweil zu treiben mit ihren ernſtern Nachbarinnen, den Baumnymphen. Den Reigen ſchloſſen hier die verführeriſchen Sire⸗ nen, finſter angegrollt von den zänkiſchen Furien. Den übrigen Raum des Heiligthums füllten Opſer⸗ geräthe aus, an welche ſich die den Feinden abgenom menen Waffen und Geräthe anſchloſſen. Neben der rieſigen Streitaxt, auf deren Eiſen roſtige Blutflecke ſchimmerten, war ein künſtlich aus feinem Draht genetztes Panzerhemd zu ſchauen, das einmal die Bruſt eines ſeindlichen Anführers geſchützt. Das Geſchoß, das der Feind nur halb zerſplittert aus der zerſchmetterten Hand fallen gelaſſen, hing neben dem Helm, der Kunde gab von manchem wackern Hieb; Speer und Schild, Bogen und Schwert, ſie alle waren den Göttern geopfert und prangten da, ſtumme und doch ſo beredte Zeugen der heimiſchen Tapferkeit, von andern Kriegstrophäen und Feldzeichen über⸗ ragt. Während die niedern Prieſter in ehrerbietiger Ent⸗ fernung von dem Hauptgotte ſtehen blieben, näherte ————— 13 ſich der Oberprieſter dieſem letztern, ſich tief vor ihm neigend und den Athem an ſich haltend. Dann ging er auf die Stelle zu, wo die Göttin des Todes ſtand. Hier ſchlug er ſich dreimal auf die Stirn, ver⸗ neigte ſich zu dreien Malen, hob dann mit der linken Hand die Todesgöttin von ihrem Platze und ſtellte mit der rechten die Göttin der Jugend und des friſchen Lebens an ihre Stelle, damit ſie dieſelbe ausfülle bis zum Fallen der Blätter. Die Todesgöttin auf dem Arme zeigte er ſich dann wieder dem Volke. Nachdem er ſie beiſeite geſetzt hatte, rief er eine Reihe von Namen auf und alsbald traten kräftige Männergeſtalten in die Vorhalle. Jeder der Eintretenden führte zwei Jünglinge an der Hand, denen die Locken lang vom Haupte nieder⸗ floſſen. Der Oberprieſter ſchnitt den Jünglingen die Locken ab, um die muntern Knaben auf dieſe Art ſymboliſch dem ernſtern Jünglingsalter zu überantworten. Wie die bei jeder Körperbewegung luſtig im Winde flatternde Locke fiel, ſo ſollte der unbeſtändige, leichte, bewegliche und ſorgloſe Sinn des Knaben dem feſtern, ernſtern Trachten des Jünglings weichen. 14 Die Knaben, welche bei dieſem ſymboliſchen Ueber⸗ gange in das Jünglingsalter mit einander im Paare geweſen, waren einander zu unvergänglicher Freund⸗ ſchaft geweiht und verpflichtet, einander in jeder Lage des Lebens beizuſtehen. Wann auch der eine in Noth und Verlegenheit den andern zur Hülfe aufrief, der andere mußte dieſem Rufe Folge leiſten. So geartet war das geheimnißvolle Band, das den Kappadocier und den Magier Oropos unzertrennlich mit einander verband. Wohl kamen ſich die beiden Jugendgenoſſen bald, nachdem ſie im Tempel mit einander im Paare geweſen und ihre jugendlichen Locken der Gottheit geopfert hatten, aus dem Geſichte, denn der Kappadocier kehrte, nach⸗ dem er die Schiffsbaukunſt erlernt, in ſeine Heimat zurück um ſpäter ſelbſt zu Schiff zu gehen, während Oropos nach Perſien ging, um dort Mithrasprieſter zu werden. Ein Zwiſt mit ſeinen Vorgeſetzten, der ihn um eine einträgliche Prieſterſtellung in ſeiner Heimat brachte, trieb ihn zur Auswanderung. Von dem dunklen Gedanken geleitet, daß er in Rom am eheſten ſein Glück machen würde, beſtieg er in Ei⸗ licien, wohin er ſich durch Babylonien und Syrien auf den ihm von ſeiner Jugendzeit her wohlbekannten Wegen 15 begeben, ein Schiff, das jedoch den Seeräubern, die da⸗ mals eben anfingen, ihr Unweſen in größerem Maß⸗ ſtabe zu treiben, in die Hände fiel. Sein Glücksſtern wollte es, daß das Piratenſchiff, welches das Fahrzeug kaperte, in welchem er ſeine Ueberfahrt nach Rom bewerkſtelligen wollte, von dem Kappadocier befehligt wurde, der den Jugendgefährten ſogleich erkannte, auf das wärmſte begrüßte und ihm die Wahl ließ, bei ihm zu bleiben und es mit der ein⸗ träglichen Seeräuberei zu verſuchen, oder mit ſicherem Geleit nach Rom zu gehen. Der Mithrasprieſter wählte das Erſtere. Er durchſegelte geraume Zeit an der Seite des Kappadociers die Meere, und als er ſich einen ganz er⸗ klecklichen Beuteantheil erjagt, bat er den Kappadocier, ihn an der römiſchen Küſte auszuſetzen. Der Kappadocier willfahrte dem Verlangen, und Dropos betrat als ein nicht ganz unbemittelter Mann Rom, wo er bald in der Wahrſagerin Sagane die⸗ jenige Perſönlichkeit ausfindig machte, deren Allianz für ihn am vortheilhafteſten ſein konnte. Wenn er ſeinen Hokuspokus mit dem ihrigen verband, ſo konnte er ſich in kurzer Zeit von einem wohlhabenden zu einem reichen Manne aufſchwingen und ſich dann vom Geſchäfte zurückziehen. 16 Dropos war der Mann, auf welchen der Kappado⸗ cier im gegenwärtigen Augenblick verfiel, wo es ihm darum zu thun war, in Rom einen verlaßlichen, ſchlauen und entſchloſſenen Verbündeten zu gewinnen. Der Kappadocier ſtellte an Murgantius, nachdem er ſich die Ueberzeugung verſchafft, daß dieſer ſelbſt der Alte geblieben und er bei ihm gut und ſicher aufge⸗ hoben ſei, die Frage, ob er ihm Oropos von Rom, das nur anderthalb Tagereiſen von der Niederlaſſung entfernt war, die Murgantius bewohnte, zur Stelle ſchaffen könne. Murgantius bejahte die Frage und erbot ſich die Reiſe nach Rom in achtundvierzig Stunden anzutreten, ſobald er ſeine Geſchäfte in Ordnung gebracht, was nothwendig war, um keinen Argwohn zu erregen. Zweites Kapitel. Alter Haß— neue Pläne. Die Rückkehr des Murgantius verzögerte ſich, denn er hatte acht Tage gebraucht, um Oropos ausfindig zu machen, da ihm der Kappadocier über die Wohnung des Perſers in Rom keine genauern Anhaltspunkte zu geben vermocht hatte. Der Kappadocier wußte eben nur, daß Oropos, als er ſich vor Jahr und Tag von ihm getrennt, ent⸗ ſchloſſen geweſen, ſeinen bleibenden Aufenthalt in Rom zu nehmen. Von deſſen Verbindung mit Sagane hatte er natür⸗ lich keine Ahnung und mußte es dem Scharfſinn des Murgantius überlaſſen, die Spur des Perſers in dem großen, weiten Rom zu entdecken. Lucian Herbert, Bis zum Rubicvn. 1V. 2 1 1 — 18 Murgantius meldete dem Kappadocier, der ſeine Rückkehr mit Sehnſucht und ſteigender Ungeduld er⸗ wartet hatte, daß er nach achttägigem Suchen und nach Aufbietung aller ſeiner Verbindungen und Bekannt ſchaften in Rom Oropos endlich gefunden habe und daß ihm derſelbe wohl auf dem Fuße folgen dürfte, da er, kaum daß er vernommen, der Kappadocier ver⸗ lange nach ihm, mit freudiger Bereitwilligkeit erklärt habe, ſich dem alten Freunde unverzüglich zur Ver fügung ſtellen zu wollen. „In Rom geht es übrigens hoch her“ ſchloß Mur gantius die Schilderung ſeiner Irrfahrten nach der Spur des Perſers.„Craſſus iſt im Triumph daſelbſt eingezogen und gibt dem Volke großartige Feſte, wie ſie nie geſehen worden. Ich habe die Vorbereitungen zu denſelben geſehen und mich vor Verwunderung kaum zu faſſen vermocht. Zehntauſend Tiſche wurden auf dem Forum aufgeſtellt, an welchen halb Rom ge ſpeiſt werden ſoll. Das Volk jubelt dem Beſieger des Spartacus zu, denn es ruft ſich in allen Straßen zu, daß derſelbe bei ſeinem Einzug in Rom erklärt habe, ſein für den Fall des Siegs gegebenes Verſprechen halten und dem Volke den zehnten Theil ſeines Ver mögens ſchenken zu wollen.“ Der Kappadocier begnügte ſich, ſtatt jeder Be⸗ — w 19 merkung mit den Zähnen zu knirſchen und die Fauſt zu ballen. „Haſt Du nichts von Cäſar gehört?“ erkundigte er ſich mit ſtockender Stimme. „Dem bin ich begegnet, wie er, mit der weißen Toga bekleidet, von einem tauſendköpfigen Schwarm von Clienten gefolgt, von Straße zu Straße lief, um die Stimmen der Wähler für ſich zu gewinnen. Man ſagt, daß er Himmel und Erde in Bewegung ſetzt, um im nächſten Jahre Prätor zu werden.“ „Gehen die Prätoren nicht als Statthalter in die Provinzen?“ warf der Kappadocier ein. „So iſt es, und man will auch ſchon wiſſen, daß Cäſar für den Fall, daß er bei der Wahl durchdringt, woran übrigens kaum zu zweifeln iſt, da er in ſeiner Candidatur von Craſſus unterſtützt wird, Spanien ſich ausbitten werde, um dort im Lande der Luſitanier auf⸗ zuräumen, die noch immer, die einzige Völkerſchaft in Spanien, den römiſchen Waffen erfolgreichen Wider⸗ ſtand leiſten. Das Volk erzählt ſich, daß Cäſar geſagt haben ſoll, er müſſe ſich in Spanien einige ehrenvolle Wunden holen, dann wolle er, wenn er ſich um das Conſulat bewerben würde, in der bloßen Toga ohne Tunica Stimmen ſammeln gehen, damit das Volk ſeine Narben ſehe.“ 20 Der Kappadocier lauſchte mit ſteigendem Intereſſe der Erzählung des Murgantius. Von dem Augenblick, wo dieſer erwähnt hatte, daß Cäſar an die Erlangung des Obercommandos in Spanien denke, erhielt das verſprengte Piratengeſchwader, von dem ihm Murgantius vor ſeiner römiſchen Reiſe erzählt, eine erhöhte Bedeutung in ſeinen Augen und er dachte plötzlich nicht mehr ſo wegwerfend über die Andeutung des Murgantius, daß die Piraten, die noch in der Nähe der Balearen die See hielten, leicht um die Säulen des Hercules herum den Weg nach der ſpa⸗ niſchen Weſtküſte finden könnten, wenn ſich ein ent⸗ ſchloſſener und fähiger Führer an ihre Spitze ſtelle. Wenn Cäſar wirklich als Prätor in Spanien gegen die noch nicht unterworfenen Luſitanier auszog, konnten die Piraten, wenn es ihnen gelang, die Säulen des Hercules zu umſegeln, den Luſitaniern gegen die Römer leicht kräftigen Vorſchub leiſten. War er dann mit dabei, ſo konnte dieſe Unter⸗ ſtützung eine noch nachhaltigere und ausgiebigere werden, weil er in dem Sklavenkrieg die Kampfweiſe der Römer gründlich kennen gelernt hatte und die Luſitanier daher ſo ſchulen konnte, daß ſie in der Art zu fechten den Römern ihre eigenen Kunſtgriffe entgegenſetzten. Nachdem Gedanken ſo weittragender Art durch die — 21 Erzählung des Murgantius von dem, was in Rom vorging, in dem Kappadocier aufgewühlt worden waren, ſah er dem Erſcheinen des Perſers mit doppelter Un⸗ geduld entgegen. Dropos ließ nicht lange auf ſich warten. Er begrüßte den Kappadocier mit ungeheuchelter Freude und ſagte in herzlichem Tone, der keinen Zweifel darüber aufkommen ließ, ob er es auch auf⸗ richtig meine: „Der Ruf, den Du an mich erlaſſen, läßt mich hoffen, daß ich Dir in irgend einer Richtung werde dienen können. Ich habe nie vergeſſen, wie ſehr ich Dir zu Dank verpflichtet bin, und habe oft gewünſcht, Dir nützlich werden zu können. Du würdeſt mich er⸗ freuen, wenn Du mir ſagteſt, daß jetzt der Augenblick gekommen ſei, in welchem ich für Dich etwas thun kann.“ „Die Gelegenheit, mir zu dienen, ſoll Dir werden“, ſagte der Kappadocier ernſt.„Ich rufe Dich auf im Namen der Jugendgöttin, der unſere Locken zu der⸗ ſelben Stunde geweiht wurden. Ich brauche einen verlaßlichen Freund in Rom, da fielſt Du mir ein, der Du mit mir bei der Lockenbeſchneidung im Paare ge⸗ weſen und dem ich ſpäter ſelbſt den Weg nach Rom geöffnet habe. Kann ich auf Dich rechnen?“ 2 „Wie auf Dich ſelbſt!“ „Ich habe in Rom einen Feind, dem ich ſchaden will. Willſt Du mir dabei behülflich ſein?“ „Nenne mir Deinen Feind und von dem Augen⸗ blick, wo ſein Name über Deine Lippen gekommen, iſt er auch mein Feind, und wenn ich ihn zuvor auch nie geſehen hätte, ja wenn er mir ſelbſt Gutes gethan haben ſollte.“ „Mein Feind heißt Cäſar.“ Der Magier entfärbte ſich. „Du erſchrickſt vor dem Namen?“ fragte der Kappa⸗ docier raſch, da ihm der Eindruck aufgefallen war, welchen die Nennung des Namens auf den Andern gemacht hatte. „Der Name, den Du nannteſt, hat mich nicht er⸗ ſchreckt“ verſicherte der Magier.„Ich ſtutzte blos, weil Cäſar zu den Kunden der Wahrſagerin Sagane gehört, mit der ich verbündet bin. Aber weder meine Be⸗ * ziehungen zu Sagane, noch die Beziehungen Cäſar's zu Sagane ſind ein Hinderniß, Dir gegen Cäſar bei⸗ zuſtehen, ja vielleicht kann ich den Cäſar, der bei Sagane aus und ein geht und deſſen Schwächen ich kenne, leichter faſſen, als wenn ich ihn nie geſehen hätte. Ich gebe Dir die Verſicherung, daß ich dem Wunſche, Dir zu dienen, alle andern Rückſichten unter⸗ 23 ordne. Und da Du nun einmal an Cäſar Antheil nimmſt, ſo will ich Dir mittheilen, daß er in den letz⸗ ten Tagen zwei weibliche Weſen, die ihm theuer zu ſein ſcheinen, dem Schutze Sagane's anvertraut hat, welche dieſelbe in der Nähe ihrer Wohnung unter⸗ brachte.“ „Wie nennen ſich die Frauen, die Sagane hütet?“ warf der Kappadocier lebhaft dazwiſchen. „Die eine ſoll eine Königstochter ſein und heißt Myrſa, die andere, eine Königswittwe, nennt ſich Urbilia.“ „Ich kenne beide“, ſagte der Kappadocier befriedigt, indem ein höhniſches Lächeln ſein Antlitz verhäßlichte. „Beide waren Cäſar's Geliebte, beide habe ich der Ge⸗ mahlin Cäſar's zugeführt, die von ihnen nicht ſehr erbaut geweſen ſein mag. Nur eins iſt mir räthſelhaft, wie Cäſar wieder freie Gewalt über die beiden Frauen bekam, die ich ſeiner Gemahlin in die Hände geſpielt.“ „Cäſar hat in dieſem Augenblick keine Gemahlin“, wandte der Magier ein.„Cornelia iſt vor vierzehn Tagen geſtorben.“ Der Kappadocier ſchwieg einen Augenblick über⸗ raſcht. Dann murmelte er: „Vor vierzehn Tagen! Das wäre alſo ungefähr zu 24 der Zeit geweſen, wo ich Cäſar vor Antium begegnete; darauf kam der Befehl, mich hinzurichten, dem wieder meine Begnadigung folgte. Wie reime ich das? War Cornelia ſchon todt, als Cäſar nach Antium kam? Starb ſie dort in ſeinen Armen? Aber wozu grüble ich erſt lange! Ihr habe ich doch eins verſetzt, ſie wäre ſicherlich ruhiger geſtorben, wenn ihr der Anblick der Geliebten ihres treuloſen Gemahls erſpart worden wäre, und er weiß es, daß ſie unter dieſem Anblick gelitten. Was will ich mehr? Aber ich will mehr! Cäſar iſt nicht der Mann, lange Wittwer zu bleiben—“ „Du urtheilſt ganz richtig über Cäſar“, fiel der Magier dem Kappadocier lächelnd in die Rede.„Man erzählt ſich in Rom, daß er bereits wieder daran denke, ſich zu verloben. Er ſoll die Nichte des Pompejus heirathen wollen. Ich habe das erwartet, denn er ſchwärmte ſchon zu Lebzeiten Cornelia's für die ſchöne Pompeja, die ihm gleichfalls zugethan ſchien. Ich habe mit Sagane ſelbſt etwas dazu beigetragen, das Bündniß, das ſich vorbereitet, knüpfen zu helfen.“ Der Magier lächelte vor ſich hin, indem er an den Tag dachte, wo er auf Sagane's Geheiß den Spiegel geſtellt, damit Pompeja's Geſtalt dem der Zukunft auf den Zahn fühlenden Cäſar in geheimnißvoller, ſein Nachdenken anregender Weiſe erſcheine. 8 25 „Da Du, wie Du eben ſagteſt, das Zuſtandekom⸗ men der Verbindung Cäſar's mit Pompeja begünſtigteſt“, wandte der Kappadocier mit einem mißtrauiſchen Blick auf Oropos ein,„ſo wirſt Du wahrſcheinlich keine Neigung empfinden, auf die Untergrabung der Ehe Cäſar's mit Pompeja hinzuarbeiten.“ „Ich habe Dir bereits geſagt, daß ich Deinem In⸗ tereſſe alle andern Rückſichten unterordne“, beeilte ſich Oropos mit feſter Betonung zu verſichern.„Befiehl und ich will Alles thun, was in meinen Kräften ſteht, daß die Heirath Cäſar's mit der Nichte des Pompejus nicht zu Stande kommt.“ „Dieſe Ehe mag zu Stande kommen“, ſagte der Kappadocier.„Aber wenn die Beiden verbunden ſind, dann ſoll ihr Hausfriede untergraben werden. Du kennſt Pompeja, Du wirſt mir alſo auch ſagen können, wie ihr Charakter beſchaffen iſt.“ „Ich glaube nicht, daß ſie eiferſüchtiger Natur iſt“, meinte Oropos,„denn ſonſt würde ſie wohl Cäſar nicht erhört haben, deſſen mannichfache Liebesabenteuer, von denen noch einige, wie zum Beiſpiel jenes mit Servilia, bis in die Gegenwart hereinragen, ihr gewiß zu Ohren gekommen ſein müſſen. Aber man ſagt von ihr, daß ſie ſtolzen, entſchloſſenen Sinnes ſei.“ „Vortrefflich!“ jubelte der Kappadocier.„Naturen 2 6 von der Art, wie Du ſie ſchilderſt, vergeſſen Beleidi⸗ gungen nicht und fühlen ſich geneigt, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Pompeja muß eben nicht eifer⸗ ſüchtig ſein, um ſich, wenn ihr als der Gemahlin des Cäſar die Gewißheit würde, daß ſie dieſer täuſche und andere Frauen neben ihr liebe, zur Nachahmung des böſen Beiſpiels verleitet zu fühlen.“ Der Kappadocier dachte eine Weile nach und ſagte dann: „Cäſar wird die Frauen, die er Sagane zur Obhut übergeben hat, gewiß beſuchen. Es wird dann Deine Sache ſein, ſeine Gemahlin von dieſen geheimen Be⸗ ſuchen zu unterrichten und ihr die Gelegenheit zu ver⸗ ſchaffen, ſich von der Untreue Cäſar's überzeugen zu können.“ „Da Pompeja wohl auch als Cäſar's Gemahlin nicht aufhören wird, ſich von Zeit zu Zeit bei Sagane Rath zu holen“ meinte Oropos,„ſo wird es mir ge⸗ wiß möglich ſein, ihr Dinge ins Ohr zu flüſtern, die ihr Mißtrauen gegen ihren Gemahl wachrütteln ſollen.“ „Du mußt dann Jemand bereit halten, der Pom⸗ peja in den Wurf kommt, wenn ſie den Drang in ſich verſpüren ſollte, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, der Untreue wieder Untreue entgegenzuſetzen“ rief der Kappadocier lebhaft. ——— 27 „Am beſten würde ſich zu dieſem Zweck ein Mann eignen, der ſich früher um Pompeja's Liebe beworben hat, ohne Gehör zu finden“ warf Oropos nachdenk⸗ lich ein. „Gibt es einen ſolchen Mann?“ erkundigte ſich der Kappadocier raſch, indem er einen forſchenden und geſpannten Blick auf den Magier richtete. „Ich glaube einmal gehört zu haben“, ließ ſich dieſer vernehmen,„daß Publius Clodius ſein Herz der Nichte des Pompejus zu Füßen gelegt habe, ohne Er⸗ hörung zu finden. Es war kurze Zeit nach ihrem Erſcheinen in Rom.“ „Wer iſt dieſer Clodius?“ „Ein junger Mann von patriciſchem Geſchlecht, der ſehr wohlgeſtaltet iſt bis auf den Umſtand, daß ſein Geſicht, obwohl er bereits vierundzwanzig Jahre zählt, bartlos iſt. Man ſagt ihm nach, daß er fröhlich in ſeinem Umgang, witzig im Geſpräch, einſchmeichelnd in ſeinem ganzen Betragen ſei, den Aufwand liebe und keinem Wagniſſe aus dem Wege gehe.“ „Du ſchilderſt einen Mann, wie wir ihn nicht beſſer finden könnten“ rief der Kappadocier erfreut. „Ich habe bisher nur deſſen gedacht, was Leute ſagen, die dem Clodius gut ſind. Seine Feinde nennen ihn eitel, ſchamlos und tollkühn und ſagen 28 ihm nach, daß er weder die Götter noch die Menſchen fürchte, für keine Geſetzesſchranke Achtung hege und ſelbſt vor Verbrechen nicht zurückſcheue, wenn es die Befriedigung ſeiner Lüſte gelte. Ich habe ihn mit meinen eigenen Ohren als den ehebrecheriſchen Buhler ſeiner leiblichen Schweſter bezeichnen hören. Doch iſt das gewiß nur Verleumdung.“ „Ich würde mich freuen, wenn es Wahrheit wäre“, fiel der Kappadocier mit leuchtenden Augen ein.„Je ſchlimmer dieſer Clodius iſt, deſto beſſer taugt er für unſere Pläne. Du wirſt Dich ihm nähern und ſeine Aufmerkſamkeit von neuem auf Pompeja lenken. Du wirſt ihn ermuthigen, ſeine alten Abſichten auf ſie wieder aufzunehmen, unbeirrt dadurch, daß ſie mittler⸗ weile Cäſar's Gemahlin geworden. Du wirſt dafür ſorgen, daß ihm Gelegenheit wird, ſich Pompeja in dem Augenblick zu nähern, wo ſich dieſe von Cäſar's Untreue überzeugt haben wird. Glaubſt Du bewerk⸗ ſtelligen zu können, was ich Dir hiermit anſinne, Dropos?“ „An mir ſoll es nicht fehlen!“ verſicherte der Magier.„Ich will meinen ganzen Scharfſinn zu Hülfe nehmen, um in Deinem Geiſte zu handeln und die künftige Gemahlin Cäſar's zur Untreue zu verleiten.“ 29 „Ich verlaſſe mich auf Dich, Oropos“, ſchloß der Kappadocier in herzlichem Tone die Unterredung, ſeine wuchtige Hand zutraulich auf die Schultern des Perſers legend, der ſich mit ſeinem ſchmächtigen Körperbau wie ein Zwerg neben ihm ausnahm. Drittes Kapitel. Zwiſchen Himmel und Erde. HOropos war nach Rom zurückgekehrt und der Kappadocier machte ſich auf den Weg, um ſeine Ver⸗ einigung mit den Piraten zu bewerkſtelligen, welche auf der Weſtſeite der Inſeln Sardinien und Corſica noch die See hielten. Er war entſchloſſen, die Verſprengten um die Säulen des Hercules herum an die Geſtade von Luſi⸗ tanien zu bringen und dort in nahezu unangreifbarer Stellung die Geſtaltung der Dinge in Rom abzu— warten, wobei er im Stillen hoffte, daß Cäſar bei der Ausloſung der Provinzen Spanien zufallen möge. Aber der Kappadocier wollte nicht mit leeren Händen zu ſeinen ehemaligen Gefährten kommen. —— — 31 Er gedachte ihnen vielmehr einige römiſche Schiffe und eine Handvoll entſchloſſener Männer zuzuführen. Die Schiffe wollte er ſich in dem kleinen Hafen von Vetulonia holen, welcher nicht weit von der Inſel Ilva und der Nordſpitze von Corſica ſchräg gegen⸗ über lag. Er hatte durch Murgantius erfahren, der wieder ſeine Zuträger hatte, daß ſich drei römiſche Schiffe von jenem jetzt auseinander geſprengten Geſchwader, das Pompejus nach dem Norden des Mittelmeers entſandt hatte, um dort den letzten Reſten des Piratenweſens den Garaus zu machen, in den Hafen von Vetulonia geflüchtet hätten, nachdem ſie in einem Seetreffen mit den Piraten den Kürzern gezogen. Dieſer Schiffe glaubte er ſich mit Leichtigkeit be— mächtigen zu können, wenn es ihm nur erſt gelänge, eine Handvoll Leute um ſich zu ſammeln, die mit ihm gemeinſchaftliche Sache machten. Nun wimmelte Etrurien, welches er durchziehen mußte, um von der Niederlaſſung, die Murgantius bewachte, nach Vetulonia zu kommen, gerade jetzt, wo ſich Catilina mit ſeinem Anhang dahin zurückgezogen, von verwegenen Geſellen, und es hätte mit ſonderbaren Dingen zugehen müſſen, wenn ſich unter den Banden Catilina's nicht auch verſprengte Elemente aus den 32 ihm gründlich bekannten Lagern der Seeräuber und des Spartacus befunden hätten. Dadurch waren ihm aber Anknüpfungspunkte ge⸗ geben, an die er ſeine Verſuche, ſich ſeitwärts von der Aufſtellung der römiſchen Legionen, welche gegen Catilina marſchirten, einen Anhang zu bilden, anlehnen konnte. Den römiſchen Heeresſäulen mußte er natürlich aus dem Wege gehen, wenngleich nicht leicht anzu⸗ nehmen war, daß ihn Jemand von den Soldaten, die gegen Catilina ausgeſchickt worden waren, kannte, da der Stamm dieſer Truppen ein ganz anderer war als jener, der unter Craſſus gegen die aufrühreriſchen Sklaven gekämpft hatte. Uebrigens hatte Murgantius dem Kappadocier eine Verkleidung vermittelt, in welcher ihn ſelbſt ſeine ehe⸗ maligen Kameraden nur mit Mühe erkannt hätten, um wie viel weniger erſt Soldaten, die ihn vielleicht ein oder das andere Mal flüchtig im Kampfgewühl geſehen. Da die römiſchen Heeresſäulen, die ſich dem Norden zuwälzten, im Großen und Ganzen der Heerſtraße folgten, die von Rom über Sutrium, Vulſinium und Cluſium gegen die Aemilia führte, Etrurien der Mitte nach durchſchneidend, ſo brauchte er ſich von dieſer 33 Straße, Via Caſſia genannt, nur fern zu halten, um unangenehmen Begegnungen auszuweichen. Der Kappadocier hatte kaum acht bis zehn Tage⸗ reiſen gemacht, ſich immer vorſichtig in der Nähe des Meeres haltend und dabei doch den größern Küſten⸗ ſtädten, die ſich auf dieſer Seite häuften, aus dem Wege gehend, als er ſchon nicht mehr allein war. Söldner der etruriſchen Truppe des Catilina, die von ihren Abtheilungen abgeſchnitten waren oder die heimzogen, weil ſie keine Luſt hatten, ſich für eine hoffnungsloſe Sache abſchlachten zu laſſen, hatten ſich zu ihm geſellt und er gebot, kaum daß er über die Städte Fregellä und Pyrgi hinaus war und ſich Tarquinii und Vulci näherte, über ein anſehnliches Häuflein von Genoſſen, denen gegenüber er nach und nach mit ſeinen Abſichten herausrückte. Die verlorenen Exiſtenzen*) jubelten ſeinem Plane *) Heute würde man ſagen: catilinariſche Exiſtenzen. Es iſt bekannt, daß Catilina in neuerer Zeit ein Schlagwort in den Parlamenten und ſelbſt in militäriſchen Tagesbefehlen wurde. Bismarck ſprach im Berliner Parlament von catilinariſchen Exi⸗ ſtenzen. Der Ausdruck machte damals ungeheures Aufſehen und die Wenigſten wiſſen noch bis heute, daß er eigentlich ein Plagiat aus einem Tagesbefehl des franzöſiſchen Marſchalls Bugeaud iſt, der zwölf Jahre zuvor— im Jahre 1849, als er das Commando der Alpenarmee übernahm— Folgendes zu ſeinen Soldaten ſagte: Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. 1V. 3 34 zu, der ihnen eine abenteuerliche Zukunft erſchloß, und zögerten keinen Augenblick, mit ihm gemeinſchaftliche Sache zu machen. „Die Factionen haben ihre ſtrafbaren Abſichten nicht auf⸗ gegeben, ſie hoffen ſich der Herrſchaft zu bemächtigen und Frank⸗ reich ihre wahnſinnigen und ſtrafbaren Theorien aufzubürden. Aber wir werden Ordnung ſchaffen. Es iſt unmöglich, daß alle verſtändigen und rechtſchaffenen Bürger, welche den patriotiſchen Gedanken theilen, die Herrſchaft der Geſetze aufrecht zu erhalten, nicht am Ende über dieſe verkehrten Köpfe, welche Frankreich ins Unglück ſtürzen wollen, triumphiren ſollten. Was mich betrifft, ſo werde ich alle meine Kräfte, alle meine Fähigkeiten und den Reſt meines Lebens daran ſetzen, mit Euch die geſellſchaftliche Ordnung zu vertheidigen. Eine Anſicht hat ſich über ganz Frant reich verbreitet, der ich von ganzer Seele beiſtimme, nämlich daß in Zukunft die Departements ſich nicht mehr der Tyrannei der Factionen in Paris unterwerfen ſollen. Nein, wir dürfen künftig nicht mehr dulden, daß eine Handvoll Catilinas— und wenn ich Catilinas ſage, ſo iſt der Vergleich noch zu ehrenvoll— wir dürfen, ich wiederhole es, nicht dulden, daß einige tauſend ver⸗ ſchrobener oder irregeleiteter Menſchen ihren Willen der ungeheuren Majorität des Landes aufdrängen. Ich für meine Perſon bin feſt entſchloſſen, wenn, was kaum möglich iſt, die rothe Republik nur einen Tag in Paris triumphiren ſollte, und wenn es ihr gelänge, den Präſidenten der Republik zu ſtürzen, mich an die Spitze aller derer zu ſtellen, die mir folgen, um die Geſellſchaft zu retten. Ja, ich werde einer der erſten ſein, und ſollte ich nur einen Corporal und vier Mann mit mir haben(dusse je nemmener avec moi que quatre hommes et un caporal), und ich bin feſt überzeugt, daß von allen Punkten Frankreichs die guten und muthigen Bürger ſich uns anſchließen werden. Von hier aus werde ich meine Augen ſtets auf Paris richten, und ———— — 35 Die Anzahl derer, die ihm folgten und die bereit waren, ſich mit ihm in Vetulonia auf die daſelbſt ankernden römiſchen Fahrzeuge zu werfen, vergrößerte ſich von Tag zu Tag, und ſchon war es dem Kappa⸗ docier möglich, ſich an der Spitze ſeiner Parteigänger in kleine Scharmützel einzulaſſen, hier und da kleine Abtheilungen derſelben anzugreifen, Proviantzuzüge ab⸗ zufangen und Gefangene zu machen, denen die Waffen abgenommen wurden, wenn ſie ſich weigerten, ſich der Bande anzuſchließen. Eines Tages wanderte er mit ſeiner Schaar die Gebirgswege jenes Höhenrückens entlang, welcher an der Nordſeite des Vulſiniſchen Sees das an der Via Caſſia gelegene Cluſium von dem mehr dem Meere zu⸗ gewandten Ruſellä trennt. Da erſah er mit ſeinem Falkenauge in der Ferne wenn es nothwendig würde, daß ich an der Spitze des Alpen— heers und der Nationalgarden der Provinzen in Paris einziehen müßte, dann laßt uns hoffen, daß dieſes Mal mit Gottes Hülfe die Ordnung wiederhergeſtellt werden würde, nicht etwa für einige Augenblicke wie bisher, ſondern für immer.“ Dieſer Tagesbefehl Bugeaud's iſt darum hochintereſſant, weil in ihm zum erſten Mal die cäſariſche Miſſion Napoleon's den Catilinariern gegenüber proclamirt wird. Der Verfaſſer wird in dem Epilog dieſes Romans, in welchem er eine Parallele zwiſchen Cäſar und dem kaiſerlichen Cäſarbiographen ziehen wird, auf die Aehnlichkeit Cäſar's mit Napoleon eingehend zurückkommen. 3* 3 36 einen Mann, der den Gebirgspfad, auf welchem ſich der Kappadocier mit ſeinen Genoſſen bewegte, in ent⸗ gegengeſetzter Richtung verfolgte, ſodaß er ihnen be⸗ gegnen mußte, wenn er ſeinen Weg fortſetzte. Aber das Letztere ſchien eben von dem Augenblick an, wo der einſame Reiſende erſpäht, daß der Pfad nicht frei ſei, nicht ſeine Abſicht zu ſein; er machte vielmehr plötzlich Kehrt und ſuchte einen jener Thal— einſchnitte zu gewinnen, welche ſich von dem Kamme des Gebirgs ſchluchtenartig ſeitwärts zogen und mit Feigenhainen bepflanzt waren. Der Kappadocier, dem das Benehmen des Andern auffiel und der an deſſen Beſtreben, ihm auszuweichen, Anſtoß nahm, forderte ſeine Leute auf, Jagd auf den Wanderer zu machen. Als dieſer die Unmöglichkeit zu entkommen er⸗ kannte, fügte er ſich ins Unvermeidliche und gab ſich gefangen. Vor den Kappadocier gebracht, machte er An⸗ ſtrengungen, ſich dem beobachtenden Blicke deſſelben zu entziehen. Aber der Kappadocier ließ ihn nicht aus den Augen und ſagte nachdenkend: „Du kamſt mir gleich bekannt vor, guter Mann; wer biſt Du?“ 37 „Ein römiſcher Bürger!“ entgegnete der Sfn mit unſicherer Stimme. Der Kappadocier lachte wild auf. „Es iſt ein Glück für Dich“, ſagte er,„daß Du mir dieſe Antwort erſt heute und hier gibſt; hätteſt Du mir ſie vor Jahr und Tag auf einem der Schiffe gegeben, die ich befehligt, ſo würdeſt Du ſie wohl mit Deinem Leben haben büßen müſſen. Aber je mehr ich Deine Erſcheinung prüfe, deſto mehr kommt es mir vor, als ob ich Dich ſchon einmal unter meinen Händen gehabt hätte. Sag' an, Du ſtolzer römiſcher Bürger, erinnerſt Du Dich nicht, mir ſchon begegnet zu ſein?“ „Ich glaube Dich nie geſehen zu haben“, gab der Andere zaghaft zurück. „Du irrſt Dich, Du irrſt Dich, römiſcher Bürger“, dehnte der Kappadocier, indem er ſein Gegenüber lauernd anſah. Er war offenbar ſchon in ſeinen Gedanken dem Orte, dem Zeitpunkte und den Umſtänden, unter welchen er den Andern bereits geſehen, auf der Spur, denn er fuhr jetzt mit ſcharfer, allmälig in Hohn aus⸗ klingender Betonung fort: „Du irrſt Dich beſtimmt, römiſcher Bürger! Wir haben uns wirklich ſchon geſehen! Es war in der Nähe des Scylläiſchen Vorgebirges, wo ich Dich abfing, 38 aber damals ſpielteſt Du eine beſcheidenere Rolle als heute, damals bezeichnete Dich Dein ſtolzer Gefährte Cäſar als ſeinen Diener.“ Epidius— denn er war es, der hier dem Kappa⸗ docier in die Hände gefallen war— wagte nicht zu widerſprechen, als er ſah, daß der Mann, in deſſen Gewalt er ſich befand, ſeiner Sache vollkommen ſicher war. „Entweder Du haſt damals gelogen, als Du Dich für einen Diener Cäſar's ausgabſt, oder Du lügſt heute, wo Du Dich einen römiſchen Bürger nennſt“ nahm der Kappadocier nach kurzer Pauſe, während welcher er ſich an der Verlegenheit und Verſtörtheit ſeines Gefangenen geweidet, wieder das Wort.„Aber ob Du Cäſar's Diener oder römiſcher Bürger biſt, mich kümmert heute nur das Eine, ob Du noch in Verbindung mit Cäſar ſtehſt. Antworte daher auf meine Frage: Biſt Du auch heute noch für Cäſar thätig wie damals, wo er Dich bei Farmakuſa ausſandte, das Löſegeld aus Rom für ihn zu be⸗ ſchaffen?“ Der Frager hielt den Gefangenen mit einem for⸗ ſchenden Blicke feſt, unter deſſen Einfluß ſich der letztere ſehr unbehaglich fühlte. Welche Antwort ſollte er geben? 39 Der Kappadocier haßte Cäſar, darüber konnte kein Zweifel herrſchen. Sich zu Cäſar bekennen, hieß alſo ſo viel, als ſich ſelbſt gefährden. Und jeden Zuſammenhang mit Cäſar in Abrede ſtellen? Das hatte auch ſein Gefährliches und doch empfahl es ſich dem Anſcheine nach als das minder Bedenkliche. Epidius wählte daher von zwei Uebeln nach ſeiner Auffaſſung der Sachlage das kleinere und ſagte: „Zwiſchen Cäſar und mir beſteht kein Zuſammen⸗ hang mehr.“ „Wir wollen ſehen, ob Du wahr ſprichſt“, rief der Kappadocier und wandte ſich an ſeine Leute mit dem Befehl, den Gefangenen zu unterſuchen, ob er keine Briefſchaften bei ſich führe. Die Genoſſen des Kappadociers bemächtigten ſich des Gefangenen, riſſen ihm die Toga und die Tunica vom Leibe und durchſuchten beide Gewänder auf das genaueſte. Epidius ſah mit ſteigender Angſt der Manipulation zu und ſein Athem ſtockte förmlich, als der Kappadocier darauf drang, daß ſelbſt die Nähte der Kleidungsſtücke aufgeſchnitten würden. Plötzlich hielt einer von denen, die ſich über Epi⸗ dius hergemacht hatten, triumphirend ein Pergament —— —,— =S— 40 in die Höhe, das er aus einer Naht der Tunica zu Tage gefördert hatte. Faſt gleichzeitig neſtelte ein anderer aus eingenähten Taſchen der Toga Goldkügelchen heraus, wie ſolche Reiſende ſtatt des gemünzten Goldes oder ſtatt der unbequemen Goldſtangen bei ſich zu führen pflegen. Das Geſicht des Kappadociers hatte ſich aufgehellt, als er das Pergament erblickte, nach welchem er raſch die Hand ausſtreckte, indem er in befehlendem Tone ſagte: „Vergreift Euch nicht an dem Golde dieſes römi⸗ ſchen Bürgers, er ſoll durch uns nicht arm gemacht werden!“ Dann verſenkte er ſich in die Lectüre des Perga⸗ mentblattes, das eine Mittheilung Catilina's an Cäſar enthielt, die folgendermaßen lautete: „Wenn Du Dich wohlbefindeſt, Cäſar, ſo freut es mich. Ich befinde mich ſo, wie ſich ein Menſch befin⸗ den kann, der die Ausſicht hat, mit zehntauſend Mann gegen zwei römiſche Heere kämpfen zu müſſen. Epidius hat mir zweitauſend Freunde in Etrurien geworben und zugeführt; jetzt ſchicke ich Dir ihn, damit er Dich nicht weiter unnöthigerweiſe compromittire, wenn es irgendwie herauskäme, daß Du ihn ausgeſchickt, damit er in Etrurien für mich wirke. Ich ſage mit Abſicht — 41 für mich, denn ich ſehe recht wohl ein, Cäſar, daß meine Sache, die unglückliche, nicht mehr Deine Sache ſein kann, die Sache des Glücklichen. Mache Dir meinetwegen keine Sorgen, Cäſar. Ich nähere mich mit meinen Zehntauſend den Apenninenpäſſen, und wenn mir die Legionen, welche in Ravenna und Ariminum ſtehen, dieſe Päſſe nicht verlegen, ſo werden die Legionen, die man mir von Rom entgegengeworfen hat, wohl das Nachſehen haben. Aber ſelbſt das Aergſte ange⸗ nommen, ſo wird Catilina ſo luſtig zu ſterben wiſſen, wie er lebte!“ Der Brief machte einen getheilten Eindruck auf den Kappadocier. Der Geiſt, den derſelbe athmete, muthete ihn an und gefiel ihm, denn es lag etwas von jener rückſichts⸗ loſen Verwegenheit in den Zeilen, die er ſelbſt beſaß und daher auch an Andern achtete. Andererſeits ſagte er ſich, daß er da ein Document in der Hand hatte, das Cäſar ſehr compromittirte, in⸗ dem es durchblicken ließ, daß er mit Catilina unter einer Decke geſpielt. Der erſte Gedanke des Kappadociers war, den Brief an den Senat nach Rom zu ſchicken. Aber dieſer Gedanke wurde ebenſo ſchnell ver⸗ worfen, als er gefaßt worden war. —— 42 Wenn der Brief nach Rom kam, ſo entging Cäſar die Prätur, mit dem Commando in Spanien war es aus und der Kappadocier brachte ſich auf dieſe Art ſelbſt um die Gelegenheit, ſeinem Todfeinde noch ein⸗ mal unerwartet in Luſitanien Auge in Auge gegen⸗ über treten zu können. Dazu kam noch eine Erwägung. Der Brief legte vielleicht, in die Hände des Senats geſpielt, Fäden bloß, die man dann greifen und durch— ſchneiden konnte. Aber war er denn berufen, Rom in die Hände zu arbeiten? Nein, wenn ſich die Römer unter einander zer⸗ fleiſchten, ſo konnte ihn das nur freuen. Warum hätte er Rom nützen ſollen, indem er einen Theil des geheimen Getriebes, auf welches der Brief Catilina's an Cäſar ein grelles Licht warf, dem Se⸗ nate darlegte? Der Kappadocier beſchloß, den Brief zu behalten und in dieſem Augenblicke einfach ſein Müthchen an Epidius und Cäſar zu kühlen, ſoweit Rom ſelbſt dabei nicht ins Spiel kam. „Tritt näher heran, römiſcher Bürger!“ ſagte der Kappadocier, das Pergamentblatt einſteckend, zu dem zaghaften und auf das Schlimmſte gefaßten Epidius. — ——— 5 43 „Du haſt gelogen und wir wollen über Dich Gericht halten, und zwar nach meiner vaterländiſchen Sitte. Deiner Richter ſollen zwölf ſein, denn wir wollen den römiſchen Bürger in Dir ehren! Und gleichwie wir Dir zwölf Richter geben, ſo ſägen wir hier zwölf Feigenſtämme in der Thalſchlucht ab, auf daß jeder von uns einen Sitz und die Flamme, die wir anmachen wollen, von jedem Sitzenden ein Scheit erhalte!“ Auf den Wink des Kappadociers machten ſich ſeine Leute an die Arbeit. Einige von ihnen führten Beile im Gürtel, und ſo waren in einer halben Stunde die zwölf Feigen⸗ ſtämme gefällt; das Feuer loderte hoch auf, zwölf Holzſcheite flogen hinein und man wartete nun, bis die Flamme die Rinde weggeleckt hatte und den ſaf⸗ tigen Holzkern ergriff. Der Kappadocier hieß jetzt zwölf von ſeinen Leuten niederſitzen und ſagte zu ihnen: „Wir haben hier einen Mann, der ſich uns gegen⸗ über lügneriſch auf ſein römiſches Bürgerrecht berief. Nun kenne ich den Mann von früher her als den Diener Cäſar's, und der Brief, den wir ihm abgenom⸗ men haben, beweiſt, daß er noch immer in demſelben Verhältniß zu Cäſar ſteht wie damals, wo ich ihn kennen lernte. Er hat ſich alſo, indem er ſich für — 44 einen römiſchen Bürger ausgab, einen Titel angemaßt, der ihm nicht zuſteht, und wir wollen Rom, das er durch ſeine Anmaßung beleidigt hat, Genugthuung geben.“ Ein wilder Hohn klang aus den Worten des Kap⸗ padociers heraus, als er ſich zum Rächer des von ihm ſo ſehr gehaßten Rom aufwarf. Dieſer Hohn ſchien ſich jetzt noch zu verſchärfen, als ſich der Kappadocier mit ſeiner Rede an Epidius wandte und fortfuhr: „Du behaupteſt, römiſcher Bürger zu ſein. Der Spruch, den wir Deiner verwegenen Anmaßlichkeit gegenüber über Dich fällen, lautet: Beweiſe, was Du behaupteſt. Nicht ſo, Kameraden?“ Dieſe Frage galt den Strohmännern, welche das Gericht repräſentirten, während in Wahrheit der Kap⸗ padocier hier der Alleinrichter war. „Ja, beweiſe, daß Du römiſcher Bürger biſt!“ höhnten die Genoſſen des Kappadociers. „Wir wollen Dir Gelegenheit zu dieſer Beweis⸗ führung geben!“ nahm der Kappadocier wieder das Wort.„Wir legen die Entſcheidung aus unſern un⸗ ſichern Händen, indem wir ſie einer unfehlbaren Hand anvertrauen. Wir überlaſſen Dich, Dein Haupt, Deinen Leib und Deine Seele Deiner eigenen Größe. Vor —— 45 dem römiſchen Bürger beugt ſich die ganze Welt, alle Länder, Himmel und Erde ſind ihm unterthan und berufen, ihm zu helfen, ſobald er in Gefahr kommt. Wir wollen Dich nun an einen der nächſten Bäume binden, daß Du kein Glied ſollſt regen können. Dein Geſicht kehren wir dem Gebirgspfade zu, auf welchem wir Dir begegnet ſind, und auch den Mund laſſen wir Dir frei, damit Du in alle Welt hinausrufen kannſt: Ich bin ein römiſcher Bürger! Biſt Du wirklich ein ſolcher, ſo kann es Dir nicht fehlen; wenn Dir die Menſchen nicht helfen, ſo helfen Dir ſicher die Göt⸗ ter, und vielleicht hört der Deinen Hülferuf, dem Du dienſt; Cäſar iſt ja ſo mächtig, vielleicht rettet er Dich! Aber bald muß er zu Deiner Rettung herbei⸗ eilen, denn ehe wir Dich verlaſſen, zünden wir den Feigenhain am entgegengeſetzten Ende an. In wenigen Stunden wird die Flamme Dich umzüngeln. Geht ans Werk, Kameraden, und thut nach meinen Worten! Vor allem aber legt dieſem wackern römiſchen Bürger wieder ſeine Gewänder an und legt ihm auch die Goldklümpchen unter den Baum, an dem Ihr ihn feſt⸗ bindet, daß er weder Hand noch Fuß zu regen im Stande iſt!“ Der Kappadocier winkte ſeinen Leuten, die ſich er⸗ hoben und ſich, in ein übermüthiges Geheul aus⸗ 46 brechend, des allem Anſcheine nach dem Tode geweihten Epidius bemächtigten, der an gar keinen Widerſtand zu denken wagte und ſich in einer Art Stumpfſinn ſeinem Schickſal fügte. Ehe eine Viertelſtunde vergangen war, hing er feſtgeſchnürt an dem Baume und der Kappadocier höhnte den keiner Bewegung Fähigen mit den Worten: „Nun hilf Dir, römiſcher Bürger, ehe Dich die Flammen erreichen!“ Damit kehrte er dem Gefeſſelten den Rücken und ging hin, um den Feigenhain an dem entgegengeſetzten Ende anzuzünden. — Viertes Kapitel. Ein treuer Diener ſeines Herrn. Da ſchwebte Epidius zwiſchen Himmel und Erde, * vor ihm der menſchenleere Gebirgspfad, hinter ihm der brennende Wald. Er roch den Qualm und hörte das Kniſtern des Feuers, er konnte den Augenblick berechnen, wo es ihn erreichen mußte. Er machte einige verzweiflungsvolle Verſuche, Hand oder Fuß frei zu bekommen, ſah jedoch das Hoffnungs⸗ loſe dieſer Bemühungen bald ein, die ſeine Kräfte lediglich erſchöpften, ohne ihm den geringſten Vortheil 1 zu bringen. Er befreundete ſich nach und nach mit dem Gedan⸗ ken, ſein Leben an dieſer Stelle unter grauſamen Mar⸗ tern laſſen zu müſſen. 48 Seine Gedanken kehrten ſich auf Gegenſtände und Perſonen, die ihm nahe geſtanden hatten; er dachte an ſein verlorenes Kind und die Abenteuerlichkeit des Lebens, das demſelben beſchieden worden und mit welchem der abenteuerliche Abſchluß ſeines eigenen Lebens ſo eigenthümlich harmonirte; er dachte an Cäſar, und die Vorſtellung, daß er dem Neffen des Marius treu gedient, war ihm ein Labſal in ſeiner entſetzlichen Lage. Zuweilen ſtieg in ihm eine leiſe Hoffnung auf, daß man den Waldbrand gewahren und zur Löſchung deſſelben herbeieilen würde; wenn er ſich aber dann wieder die Lage der von Bergen muldenartig einge⸗ ſchloſſenen Thalſchlucht vergegenwärtigte, ſah er das Eitle und Vergebliche jeder Hoffnung ein. Ihm hätte nur geholfen werden können, wenn der Zufall Jemand auf den ſelten begangenen Gebirgs⸗ weg geführt hätte, und ein ſolcher Glücksfall ſtand um ſo weniger in Ausſicht, als der Abend nahte und die Umwohner ſicherlich wußten, daß ſich bewaffnete Aben⸗ teurer in dieſen Bergen umhertrieben, und daher die Gegend lieber mieden. Da— die Dämmerung war eben im Anbruch— ſchien es dem hülflos an dem Baume Hängenden, als ob in der Ferne eine menſchliche Geſtalt auftauchte. Sie ſchien 49 von der Seite herzukommen, die Rom zugewandt war und von der auch der Kappadocier mit ſeinen Spieß⸗ geſellen gekommen war. Epidius ſchlug das Herz höher, als er die erfreuliche Wahrnehmung machte, im nächſten Augenblicke zitterte er wieder, daß er ſich getäuſcht haben könnte. Aber nein, es war keine Täuſchung, es war wirklich ein Menſch, der in der Ferne ſichtbar wurde, deutlicher und immer deutlicher, ſodaß er ſich offenbar näherte. Epidius öffnete den Mund und be⸗ gann aus Leibeskräften zu ſchreien— er brüllte förmlich— und der ſich Nähernde ſchien ihn wirklich zu hören, denn er ſetzte ſich in ſchnellere Bewegung. Noch einige Minuten namenloſer Spannung und der Retter war in ſeiner Geſtalt dem überglücklichen Epidius erkenn⸗ bar, der zu ſeiner unbeſchreiblichen Freude die Ent⸗ deckung machte, daß der Menſch, den ihm die Götter zu ſeiner Errettung im rechten Augenblick geſchickt, kein Anderer als Narciſſus, der Freigelaſſene des Catilina war, den er von Etrurien her kannte. „Die Götter ſeien geprieſen!“ ſtammelte Epidius, vor freudiger Aufregung kaum der Sprache mächtig. 1„Wärſt Du um einige Stunden ſpäter gekommen, ſo hätteſt Du nur einen verkohlten Leichnam gefunden! Jetzt iſt's Epidius, der Dich anfleht, ihn von dem Baume loszulöſen, an welchen ihn der Kappadocier Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. IV. 4 50 hatte heften laſſen in der ſichern Ueberzeugung, daß er an demſelben ſeine Seele aushauchen werde!“ „Epidius, Du hier“, murmelte Narciſſus überraſcht; „und in einer ſolchen Lage, an einen Baum gefeſſelt, einen brennenden Wald, deſſen Hitzeausſtrahlung man ſchon hier verſpürt, im Rücken! Ich roch das Feuer ſchon von weitem. Aber laß mich keine Minute verlieren, laß mich Dir vor allem helfen!“ Fünf Minuten ſpäter war Epidius aus ſeiner un⸗ heimlichen Lage befreit und dehnte behaglich ſeine Glieder, die ihn ſchmerzten, da ſie mehrere Stunden lang eingeklemmt und eingeſchnürt geweſen. „Fort von hier!“ drängte Epidius, als er auf ſeinen Füßen ſtand.„Hier ſind wir nicht ſicher vor dem Kappadocier; er hat die Richtung gegen Ruſellä ein geſchlagen, alſo müſſen wir den entgegengeſetzten Weg nehmen und uns dahin wenden, woher Du eben kamſt!“ „Aber ich kann doch nicht wieder nach Rom zurück⸗ kehren, woher ich eben komme!“ warf Narciſſus ein. „Ich habe mich dort ohnehin ſchon zu lange aufge⸗ halten und habe nun die größte Eile, mich mit meinem ehemaligen Herrn zu vereinigen!“ „Du gehſt zu Catilina?“ forſchte Epidius. Der Freigelaſſene nickte mit dem Kopfe und ſagte: 5¹ „Mein ehemaliger Herr iſt durch mich ins Unglück gekommen, ich will jetzt wenigſtens ſein Schickſal theilen, falle es aus, wie es wolle!“ „Du biſt ein braver Mann, Narciſſus!“ ſagte Epidius.„Ich komme von Catilina. Er dauert mich, mag die Welt auch immerhin ſagen, er ſei der leicht⸗ ſinnigſte und verwegenſte Geſelle von Rom. Dem Neffen des Marius hat er ſich doch immer freundlich gezeigt und darum bin ich ihm gut.“ „Du haſt ihn geſehen und geſprochen?“ rief Nar⸗ ciſſus lebhaft.„Du wirſt mir auch alſo auch ſagen können, wo ich ihn finde.“ „Wenn Du Deinen Weg mit Beſchleunigung fort⸗ ſetzen könnteſt, würdeſt Du noch vor Piſtorium“), wo⸗ hin er eben im Aufbruche begriffen war, auf ihn ſtoßen. Aber Du mußt einen Umweg machen und vor allem mit mir umkehren; denn wenn Du auf dieſem Gebirgspfade rückſichtslos weiter wandern wollteſt, würdeſt Du unfehlbar dem Kappadocier in die Hände laufen, der auf unbegreifliche Art in dieſer Gegend aufgetaucht iſt, nachdem er doch erſt kürzlich von des Craſſus Soldaten gefangen worden ſein ſoll. Ich kann mir nicht erklären, wie er wieder die Freiheit erlangte.“ *) Das heutige Piſtoja. 52 „Plündert und brandſchatzt er die Gegend?“ er⸗ kundigte ſich Narciſſus. „Ich vermuthe es, wenn er auch mir, wie zum Hohne, das wenige Gold ließ, das ich bei mir führte. Mir wollte er nur ans Leben, weil er in mir einen Cäſar ergebenen Mann erkannte und weil ich in der Meinung, er würde mich nicht erkennen, die Unvorſich— tigkeit begangen hatte, mich einen römiſchen Bürger zu nennen. Er haßt aber die römiſchen Bürger, wie er Rom überhaupt und Cäſar von ſeiner Piratenlauf⸗ bahn her haßt, da ihn dieſer einmal überliſtete und in ſeine Gewalt bekam.“ „Ich glaube nach den Andeutungen, die Du mir eben gemacht, auch, daß es für mich zuträglicher ſein wird, dem Kappadocier aus dem Wege zu gehen“, bemerkte Narciſſus.„Ich führe in meine Tunica ein⸗ genäht koſtbare Edelſteine mit mir, gegen welche ich in Rom all mein Gold eintauſchte. Ich wollte nicht mit leeren Händen zu Catilina kommen, verkaufte meine Liegenſchaften und bringe nun meinem ehemaligen Herrn ſo viel, daß er in der Verbannung davon wird leben können, bis ſich ihm das Glück wieder zuwendet, vorausgeſetzt, daß es ihm gelingt, ſich nach Gallien durchzuſchlagen.“ „Dazu, glaube ich, hat er nur wenig Ausſicht 53 nach meinen Wahrnehmungen“ warf Epidius mit be⸗ denklicher Miene ein.„Er freilich ſcheint guten Muths zu ſein und in faſt heiterer Stimmung entließ er mich. Doch hat er nicht immer die Dinge leichtblütig ge⸗ nommen? Und wer weiß, wie er ſie auch jetzt in ſeinem Innern anſieht, denn nicht immer iſt die Miene entſcheidend. Sein Brief an Cäſar hätte uns darüber Aufklärung geben können, wie er in Wahrheit über die Lage denkt, in welcher er ſich befindet, aber der Kappadocier hat ſich des Briefes bemächtigt. Sag's Catilina, wenn Du ihn zu Geſicht bekommſt.“ „Ich glaubte in dieſen Bergen die beſten Pfade zu gehen“, wandte Narciſſus ein,„um mit dem, was ich Catilina bringe, ungefährdet zu ihm zu gelangen, und nun machſt Du mir Sorge und läßt mich dop pelt bedauern, daß ich zu lange gezögert, zu ihm zu ſtoßen. Aber ſelbſt wenn ich mit leeren Händen hätte kommen wollen, wie hätte ich ungerächt laſſen ſollen, was die Buhlerin, der ich mein Herz, mein Vertrauen und mein Gold geſchenkt, an mir verbrochen und an ihm, der ſie einmal durch ſeine Liebe ausgezeichnet? Nun iſt mir's geſtern erſt gelungen, mich insgeheim Fulvia zu nähern, die Alles, was ich Thor ihr in leichtſinnigem Vertrauen preisgegeben, dem Conſul Cicero hinterbracht hat.“ 54 Narciſſus hielt einen Augenblick inne und ſagte dann mit unheimlichem, ſchadenfrohem Lächeln: „Die Buhlerin wird kein Geheimniß mehr ver⸗ rathen, mein Dolch blieb feſt zwiſchen ihren Rippen ſitzen!“ „Du haſt ſie ermordet?“ rief Epidius entſetzt. „Es war nicht die ſchlechteſte That meines Lebens!“ bejahte der Freigelaſſene und ſchlug dann mit Epidius den Weg ein, den er vor kurzem gekommen. Er wollte Epidius, der nach Rom eilte, ſo weit begleiten, bis ſich ihm ein Seitenweg böte, den er in Sicherheit wandeln konnte, ohne fürchten zu müſſen, dem Kappadocier oder den gegen ſeinen ehemaligen Herrn ausgeſandten Soldaten in die Hände zu fallen. Hinter den ſich eilig Entfernenden glühte noch immer der Waldbrand. ———— — Fünftes Kapitel. Der ſilberne Adler des Marins. In ſeinem Zelte verabſchiedet Catilina den Boten, der ihm gemeldet hatte, daß Quintus Metellus, der in Ravenna commandirte, zwei Legionen aus Ariminum herangezogen habe, um die Apenninenpäſſe vollſtändig abzuſperren und einen Durchbruch der kleinen Armee Catilina's nach Gallien zu verhindern. „Wohlan, ſo haben wir den Krieg bis ans Meſſer!“ ſagte Catilina leichtblütig.„Wir wollen unſer Leben theuer verkaufen! Aber Niemand ſoll gezwungen ſein zu fechten; man verkünde im Lager, daß mich der Senat für einen Vaterlandsfeind erklärt und Jedem, der mich verläßt, vollſtändige Verzeihung und zweimalhundert⸗ tauſend Seſterzien verſprochen habe!“ Und wirklich ertönt bald darauf die Trompete im — 56 Lager und Ausrufer verkünden, daß der Feldherr Nie⸗ mand hindere, das Lager zu verlaſſen. Man meldet Catilina, daß Niemand von der Am⸗ neſtie Gebrauch machen wolle, daß ſich unter den Zehn tauſend auch nicht einer gefunden habe, der Luſt gezeigt die zweimalhunderttauſend Seſterzien zu verdienen. „So wünſchte ich, daß meine Feinde hier wären und ſähen, wie mir dieſe Tapfern abhängen!“ ruft der Feldherr mit vor Rührung zitternder Stimme.„Aber freilich, ſie würden ſagen, daß meine Genoſſen ein fürchterlicher Eidſchwur binde, und daß ſie mir unbe dingt folgen müßten, weil ich mit Menſchenblut und Wein gefüllte Trinkſchalen bei ihnen habe herumreichen laſſen, um ſie an mich zu feſſeln! Sagen ſie doch jetzt ſchon, daß ich den Zehntauſend die Plünderung Roms verſprochen habe!“ Ein Centurio tritt mit der Meldung ein, daß eine Deputation der Stadt Ferentinum da ſei, welche dem Feldherrn dreihundert waffenfähige Männer und Jüng⸗ linge anbiete. „Heiße ſie nach Hauſe gehen!“ fertigte Catilina den Offizier ab.„Erinnere ſie an das Schickſal des Aulus Fulvius, den man in dem Augenblicke feſtgenommen hat, wo er, auf Vorpoſten geſtellt, mit der kleinen Ab⸗ theilung, die er befehligte, zu mir übergehen wollte. —— 3 57 Sein eigener Vater hat ihm den Proceß gemacht und ſeinen Kopf als Warnungszeichen für alle jene, die es ferner gelüſten ſollte, zu mir zu ſtehen, auf einem Spieße zur Schau geſtellt. Ich mag die guten Ferentiner nicht unglücklich machen!“ Die Ferentiner ziehen unverrichteter Dinge ab, aber neue Boten kommen und einer von ihnen bringt das Teſtament des auf Anregung Cicero's und Cato's ſo gewaltſam und nahezu widerrechtlich hingerichteten Lentulus. „Ich habe mich an Lentulus auf ſeinem letzten Gange herangedrängt!“ berichtet der Bote, der ſich durch die feindlichen Linien hindurchgeſchlichen.„Er ſah mich ſtarr an, er kannte in mir einen der wärmſten Freunde der Sache, für die er eben in den Tod ging, und flüſterte mir zu: Freund, ich ſterbe, Du aber gehe hin, ſuche Catilina auf und hinterbringe ihm des Lentulus letzten Willen!“ „Wie lautete das Teſtament meines edlen Freundes?“ fiel Catilina voll Spannung mit bewegter Stimme dem Andern in die Rede. „Sage dem Catilina“, nahm dieſer wieder das Wort, „der ſterbende Lentulus laſſe ihm ſagen, er möge in des Sulla, Marius und Cinna Fußtapfen treten und die Sklaven freimachen!“ — —— 58 Catilina ſchüttelt mit dem Kopfe und ruft: „Meines verblichenen Freundes Lentulus Rath in Ehren, aber ich kämpfe mit Bürgern, nicht mit Skla⸗ ven! Wenn ich die Tage des Spartacus hätte wieder aufleben machen wollen, würde es mich nur ein Wort gekoſtet haben, und ich hätte ſtatt zehntauſend Streitern deren hunderttauſend haben können! Aber ich habe Alles zurückgewieſen, was ſich mir von den zer⸗ ſprengten Schaaren der vernichteten Sklavenheere ange⸗ boten hatte, und ich kann des Lentulus letzte Mahnung auch jetzt in meiner äußerſten Noth nicht zur Richt⸗ ſchnur meines Handelns machen!“ Catilina verſammelt, ſobald er den Mann ent— laſſen, der ihm des hingerichteten Lentulus letzte Worte hinterbracht, ſeine Offiziere um ſich zu einem Kriegs⸗ rathe, der darüber entſcheiden ſoll, ob man ſich auf die von Rom heranrückenden Legionen des Antonius werfen oder den von Ravenna heranziehenden Metellus angreifen ſolle. „Eingekeilt zwiſchen zwei Heere, deren jedes für ſich allein genommen uns zwei⸗ und dreifach überlegen iſt, bleibt uns nichts übrig, als der Welt zu zeigen, wie man fröhlich in den Tod geht!“ ſagte Catilina zu ſeinen Offizieren.„Es wäre lächerlich, auf einen Sieg zu hoffen. Denn gelänge uns auch das Unmögliche, ——— —— —„ 59 zermalmten wir in wüthendem Anprall des Antonius Legionen, ſo nimmt im Norden Metellus mit ſeinen friſchen Truppen den Kampf von neuem auf. Und werfen wir uns zunächſt auf Metellus, ſo ſind wir voll⸗ ends in ungünſtiger Lage, denn wir müſſen Päſſe ſtür⸗ men, die gut beſetzt ſind, und laufen Gefahr, mitten im Stürmen von des Antonius Legionen im Rücken ge⸗ faßt zu werden. Ich bin daher dafür, daß wir von zwei Uebeln das kleinere wählen, daß wir die Päſſe, denen wir bisher ſehnſüchtig zuſtrebten, liegen laſſen und Antonius angreifen. Wir werden dann Rom im Geſichte haben und das wird unſern Muth erhöhen. Wenn wir fallen, laſſen wir das Auge noch einmal nach der Gegend ſchweifen, wo Rom liegt, und wenn die Feinde unſere Leichname von der Wahlſtatt ent⸗ fernen werden, wird ſie der verklärte Ausdruck unſerer Geſichter in Erſtaunen ſetzen. Freunde und Waffen⸗ gefährten, ſtimmt Ihr mit mir überein, daß wir mit Todesverachtung auf das Heer losgehen, das zwiſchen uns und der Mutter Rom liegt?“ Catilina's Vorſchlag findet ungetheilten Beifall und der Feldherr erklärt, daß er ſofort das Schlacht⸗ roß beſteigen werde, um den Platz auszuſuchen, auf welchem er dem Feinde die Schlacht anbieten wolle. „Ich kenne in der Nähe eine Stelle, die ſich zu — 60 einem Kampfe trefflich eignet, bei welchem einer gegen drei ſteht,“ ſagte Catilina.„Es iſt ein enges, von felſigen Bergen eingeſchloſſenes Thal. Tapfere Männer können ſich keinen ſchönern Platz zu einem Ringkampfe wünſchen, und ein Ringkampf wird es werden zwiſchen uns und des Antonius Soldaten, denn wir werden Mann gegen Mann fechten und weder Pardon verlan— gen, noch Pardon*) geben!“ *) Der Verfaſſer legt hier Catilina einen modernen Ausdruck in den Mund. Aber er thut es mit vollem Bewußtſein. Denn was der ſtrenge Geſchichtſchreiber thun kann, das dürfte wohl auch dem Belletriſten erlaubt ſein. Mommſen aber gebraucht auch einen modernen, franzöſiſchen Ausdruck, als er die Vernichtungs ſchlacht bei Piſtorium ſchildert. Er ſagt wörtlich„Quartier ward weder gegeben noch genommen.“ Auch vom Armeetrain ſpricht er. Ueberhaupt hat Mommſen den feuilletoniſtiſchen, belle triſtiſchen Stil in die Geſchichtſchreibung eingeführt. Er läßt Urtheile„caſſiren“ und ſpricht von Syſtemalunterſuchungen; er gebraucht Redewendungen wie: der gefeierte General„fand ſeine Rechnung nicht“, nennt Pompejus einen etwas hölzernen Helden, Cäſar einen eleganten Schuldenmacher. Dramatiker, die römiſche Stoffe behandeln, treten in Mommſen's Fußtapfen und gebrauchen moderne Ausdrücke, die ſonſt einem ſich mit Stofſen ſolcher Art Beſchäftigenden ein Gruſeln verurſacht haben würden. So läßt Lindner, der mit zwei Preiſen ausgezeichnete Dichter von„Brutus und Collatinus“, in dieſem Stücke, Act 5, Scene 3, den Valerius bei⸗ ſpielsweiſe ſagen:„Du wagſt ein Spiel, zu dem Du Deine Partner nicht mehr auf Erden ſuchen mußt.“ Noch frappanter iſt es aber, wenn Lindner die Römer bald Jupiter, bald Zeus an rufen läßt. Wenn man eben Mommſen durchſtudirt hat, 61 Man führt dem Feldherrn ſein Pferd vor. „Zum letzten Male“ ſagte er mit Wehmuth im Tone,„beſteige ich dich, mein treues Thier. Am Tage des großen Mordens will ich ſtehenden Fußes fechten. Und ich erwarte von meinen Offizieren, daß ſie mein Beiſpiel nachahmen und vor der Schlacht ihre Pferde zu dem Armeetrain zurückſchicken, ſoweit wir, die wir ſchon ſo gut wie keine Lebensmittel und kaum die nöthigen Waffen haben, von einem Armee⸗ train reden können!“ Catilina iſt auf ſeinem Recognoscirungsritte noch nicht weit gekommen, als man ihm einen Mann bringt, dem es gelungen, die römiſche Aufſtellung zu umgehen und Catilina's Vorpoſten zu erreichen. Der Feldherr erkennt in dem ihm Vorgeführten mit Verwunderung ſeinen Freigelaſſenen. „Du hier, Narciſſus?“ ruft er mir bewegter Stimme. „Ich komme, Dein Schickſal zu theilen, Catilina!“ ſagt Narciſſus.„Ich weiche nicht mehr von Dir! Du haſt mich mit Wohlthaten überhäuft, als Du im Glücke und unmittelbar darauf Lindner's Tragödie lieſt, kommt einem des letztern Schreibweiſe doppelt ſchludrig vor. Dem Vers zu Liebe findet ſich die häßliche Abkürzung ne ſtatt eine, die der Poet nur im äußerſten Nothfalle gebrauchen ſollte, in den fünf Acten mindeſtens fünfzigmal. Wendungen wie: wie'n alt Götterbild, s'iſt ein Tyrann, bringt jede Seite. 62 warſt, Du haſt mich durch Dein Vertrauen geehrt— laß mich jetzt auch an Deinem Unglücke Theil neh⸗ men, das ich leichtſinnigerweiſe ſelbſt heraufbeſchwören half!“ Catilina's Augen feuchteten ſich, als er den Mann betrachtete, der den Weg zu ihm gefunden, um im treuen Ausharren an ſeiner Seite eine Leichtſinnsſchuld zu tilgen. „Leichtſinnig waren wir alle, Narciſſus!“ ſagt Ca⸗ t tilina und ſeine Stimme verräth im Anfange noch die innere Ergriffenheit, die ihn erfüllt.„Leichtſinn iſt kein Verbrechen. Ich heiße Dich willkommen ohne Groll, Narciſſus! Ja, noch mehr, Narciſſus! Ich geſtehe Dir, daß Du mir durch Dein Kommen eine Freude bereitet haſt, wie ich ſie ſo ſchön vor meinem nahen Tode nicht mehr erwartete. Denn daß Du, der verweich⸗ lichte Mann, Deinen Reichthum von Dir wirfſt, mich unter Gefahren aufſuchſt, um neben mir zu ſterben, das, Narciſſus, iſt etwas, was mich rührt, wie mich ſelten etwas gerührt hat!“ Catilina's Stimme ſtockte und er mußte ſich be⸗ gnügen, ſtatt jedes weitern Wortes den Freigelaſſenen dankbar anzublicken und ihm die Hand zu drücken. „Aber fort mit unzeitiger Weichheit!“ ruft Catilina plötzlich ſich ermannend und ſeine Züge kleiden ſich mit *— einem Male in ein heiteres Lächeln.„Laß Dir Waf⸗ fen geben, Narciſſus, Du ſollſt in der Schlacht an meiner Seite kämpfen. Ich ſtelle die verlaßlichſten Leute in das Centrum und im Kerne dieſes Centrums will ich mit den liebſten und tapferſten meiner Offi⸗ ziere allen voranleuchten. Ich kann Dich nicht mehr ehren, Narciſſus, als wenn ich Dir erlaube, Dich unter die tapferſten der Tapfern zu ſtellen und mein nächſter Nachbar zu ſein im Schlagen und im Sterben!“ „Ich danke Dir, Catilina!“ ruft der Freigelaſſene hingeriſſen, um nach einer kleinen Pauſe hinzuzufügen: „Aber die Götter könnten es doch ſo fügen, daß Du aus der Schlacht den Weg zur Freiheit fändeſt. Für dieſen Fall habe ich Dir die Mittel beſchafft, die Dich in den Stand ſetzen ſollen, in der Zurückgezogenheit eines ſichern Aſyls ruhig den Augenblick abzuwarten, der Dir die Thore Roms wieder öffnen wird. Deine Freunde werden in Rom nicht unthätig ſein, ſie werden, Cäſar voran, den ich noch kurz vor meiner Abreiſe von Rom geſprochen, Alles daran ſetzen, Dich nach Rom zurückzuführen, ſobald nur erſt Gras ge⸗ wachſen iſt über die Ereigniſſe der letzten Zeit.“ „Ich werde Cäſar bald keine Sorge mehr machen!“ bemerkte Catilina mit einem düſtern Lächeln.„Er wird aufathmen, wenn er hören wird, daß ich todt 64 bin. Ich habe in meinem Briefe von ihm Abſchied ge⸗ nommen. „In einem Briefe, den Cäſar nie erhalten wird!“ fiel Narciſſus ſeinem ehemaligen Herrn in die Rede. „Wegelagerer haben den Epidius, dem Du den Brief anvertrauteſt, unterwegs abgefangen und ihm den Brief entriſſen.“ „Es ſollte mir leid thun, wenn ſie von ihm einen Gebrauch machten, der Cäſar ſchädigen könnte“, warf Catilina lehaft dazwiſchen, und ſeine Worte bewieſen, daß er auch jetzt noch, wo er doch wahrlich mit ſich ſelbſt genug zu thun hatte, für ſeines Freundes Cäſar Wohl beſorgt ſei. „Laß mich in Dein Zelt führen, Catilina“, wollte Narciſſus die Unterredung ſchließen,„damit ich dort die Edelſteine und Perlen niederlege, die ich Dir als Erlös meiner Habe, deren ich mich in Rom in aller Eile entäußert, mitgebracht habe. Ich wäre früher gekommen, wenn mich die Abwicklung dieſer Verkaufs⸗ geſchäfte und die Umſetzung des erhaltenen Kaufſchil⸗ lings in leicht transportable Werthſachen nicht über Vermuthen lange in Rom feſtgehalten hätte.“ „Du erdrückſt mich mit Deinem Edelmuthe, Nar⸗ ciſſus!“ murmelte Catilina.„Hätteſt Du lieber Dein Vermögen unter Deine Verwandten vertheilt, ich ———— 65 werde doch keinen Vortheil mehr aus Deiner Hin⸗ gebung ziehen. Und eins kann ich Dir nicht verhehlen, Narciſſus“ fuhr Catilina mit noch bewegterer Stimme fort,„mehr als die Schätze, die Du mir ſo aufopferungs⸗ voll zugebracht, mehr als alle Schätze der Welt hätte mich ein Schatz gefreut, den ich in der Eile meiner Flucht in Rom zurückließ. Wenn Du mir den ſilber⸗ nen Adler des Marius gebracht hätteſt, der auf meinem Hausaltare ſtand, den ich als eine glorreiche Reliquie des cimbriſchen Kriegs, als ein Symbol der Sache des Volkes ſo hoch hielt, wie wollte ich Dir dankbar ſein, Narciſſus; zehnmal dankbarer wäre ich Dir dann noch für Dein Kommen geweſen, als ich es jetzt ſchon bin.“ „Ich bringe Dir auch den Adler des Marius!“ rief der Freigelaſſene triumphirend.„Ich trat in Dein verlaſſenes Haus in Rom, ſah dort auf Deinem Hausaltar den verwaiſten Adler des Marius, auf den Du ſtets ſo großen Werth legteſt, nahm ihn zu mir, zerbrach ihn in kleine Theile und nähte dieſe in meine Toga ein.“ Catilina hatte mit ſteigender Theilnahme und Freude zugehört und rief jetzt faſt jauchzend, indem er vom Pferde ſprang und Narciſſus umarmte: „Du bringſt mir den Adler des Marius? Dank Lucian Herbert, Bis zum Rubicon, IV. 5 66 Dir und den Göttern, die mir durch Dich ein Unter⸗ pfand ſchicken, daß ſie mich doch noch nicht vergeſſen haben, ein Unterpfand ihres Wohlwollens, auf das ich nicht mehr gerechnet habe und das ich daher doppelt ſchätze. Fürwahr, wenn ich nicht ganz verlernt hätte zu hoffen, jetzt könnte ich wieder hoffen! Geh, Nar⸗ ciſſus, bringe des Marius ſilbernen Adler in mein Zelt, ſchäle ihn aus den Nähten Deiner Toga und ſetze ihn zuſammen, ſo gut Du kannſt; am Tage der Schlacht ſoll er meinem kleinen Heere, das freudig überraſcht ſein wird, ihn zu ſehen, voranblinken. Ich will es als ein gutes Vorzeichen nehmen, daß ich dem Adler des Marius begegnete, als ich auszog, das Schlacht⸗ feld ausfindig zu machen und auf demſelben im Geiſte die Aufſtellung zu ordnen, die ich am Tage der Ent⸗ ſcheidung meinen Trupgen geben will.“ Catilina ſchwang ſich in heiterer Stimmung auf ſein Roß, das laut aufwieherte, als er ſeinen Weichen die Sporen zu koſten gab, und ihn im Fluge davon⸗ trug, während Narciſſus dem Lager zutrabte und das Zelt des Feldherrn aufſuchte. Sechstes Kapitel. Das iſt das Ende! Trompetengeſchmetter und Commandorufe erfüllen die Thalſchlucht, in welcher Catilina's Feldoberſte das kleine Heer nach der Anordnung des Feldherrn in Schlachtordnung aufſtellen. In ſeinem Zelte ſitzt inzwiſchen Catilina und ſchreibt in Form eines Briefes an einen Freund in Rom das Manifeſt, das er, eine Art Abſchiedswort, an daſſelbe Rom erlaſſen will, das ihn hier ſo blutig und erbar⸗ mungslos bekämpft. „Deine erprobte Freundſchaft“, ſchreibt Catilina, „gibt mir die Zuverſicht, daß Du mir glauben wirſt, wenn ich Dir in dem Augenblick, wo ich dem ſichern Tode entgegengehe, die Verſicherung gebe vor den Göttern und den Menſchen, daß ich weder gegen das 5* 0 68 Vaterland noch gegen die Sicherheit meiner Mitbürger die Waffen ergriffen habe. Ich verlange weder Macht noch Reichthum, dieſe großen und ewigen Urſachen von Krieg und Hader unter den Menſchen. Ich und alle, die bei mir ſind, wollen nur die Freiheit, auf die kein Ehrenmann anders als mit dem Leben verzichtet. Jene, die mir folgten, wollte ich lediglich vor der Unterdrückung ſichern; es ſind darunter viele Unglück⸗ liche, welche durch die Gewaltthätigkeit und Grauſam⸗ keit der Wucherer ohne Heimat und der Verachtung und Armuth preisgegeben ſind. Was insbeſondere mich ſelbſt anlangt, ſo macht mir mein Bewußtſein keine Vorwürfe und ich will mich beſchränken, Dir die Beweggründe auseinander zu ſetzen, die mich an die Spitze jener tapfern, ver⸗ zweifelten und in dieſem Augenblicke auf das Aeußerſte gefaßten Schaar geführt haben, die ſich in dieſem Augenblicke zur blutigen Entſcheidungsſchlacht vor⸗ bereitet. Durch die Beſchimpfungen und Ungerechtigkeiten meiner Feinde aufs Aeußerſte gebracht, des meinen Dienſten gebührenden Lohns beraubt, endlich daran verzweifelnd, jemals die Conſularwürde zu erlangen, 69 auf die ich Anſpruch hatte und die mir der magere Stellenjäger Cicero vorwegnahm, der jetzt den Ge⸗ rechten und Strengen gegen mich herauskehrt, habe ich nach meiner Gewohnheit mich der gemeinſamen Sache aller Unglücklichen angenommen. Man ſchildert mich zwar als durch Schulden zu dieſem kühnen Entſchluß hingeriſſen, doch das iſt eine Verleumdung. Mein perſönliches Vermögen genügt zur Abtra⸗ gung meiner perſönlichen Verpflichtungen, und genügte es nicht, ſo ſtände mir das Vermögen meiner Freunde und Freigelaſſenen zur Verfügung. Aber ich kann nicht kalten Blutes unwürdige Menſchen auf dem Gipfel der Ehren ſehen, während man mich durch eitle Beſchuldigungen von ihnen aus⸗ ſchließt. In dieſer äußerſten Noth, in die man mich ge⸗ drängt hat, ergreife ich den einzigen Ausweg, der einem Manne von Herz übrig bleibt, um ſeine poli⸗ tiſche Stellung zu vertheidigen. Mehr zu ſchreiben, verbietet mir die drängende Lage— die Schlachttrompete ruft!“ Die Schlachttrompete rief wirklich. Catilina hatte kaum Zeit, den Brief ſichern Hän⸗ den, die an dem ſich vorbereitenden Kampfe unbetheiligt 70 bleiben ſollten, anzuvertrauen, als ihm die Nachricht zu⸗ kam, daß Antonius den Angriff eingeleitet habe, aber nicht ſelbſt commandire, ſondern den Oberbefehl dem alten Oberſten Marcus Petrejus überlaſſen habe. „Ich ehre das Zartgefühl des guten Antonius“ ſagte Catilina lächelnd.„Wir waren ja einmal Freunde und er will einem Andern die zweifelhafte Ehre über⸗ laſſen, mich zu Tode zu hetzen.“ In dem Augenblick, wo Catilina an die Spitze ſeiner Leute trat und ſich den Platz auswählte, auf dem er ſtehen und fallen wollte, erhob ſich der ſilberne Adler des Marius hellblinkend auf einer Standarte in die Luft. Jubelnd wurde er begrüßt. Die Legionen des Antonius hörten im Vormarſche dieſen ungemeſſenen Jubel und ſtutzten. Jetzt ſtanden die römiſchen Soldaten vor der kühnen Schaar Catilina's, neben welchem Narciſſus todesmuthig ſtand. Wuchtig erfolgte der Anprall und lange ſtand das Gefecht zwiſchen den beiderſeitigen erſten Gliedern. Blutig war das Handgemenge und die Catilinarier entwickelten eine Bravour, daß des Antonius Soldaten in Verwirrung geriethen und an den zweiten Gliedern einen Halt ſuchen mußten. —P 71 Marcus Petrejus, ein gewiegter Veteran, erſah rechtzeitig das Schwanken ſeiner vordern Schlachtreihen, zog eilig, was von der erſten Linie noch übrig war, auf die Flügel zurück und ſchob neue Kerntruppen auf der ganzen Linie vor. Das war ein Manöver, das ihm Catilina nicht nachmachen konnte. Seine kampfmüden Streiter mußten den Anprall der friſchen Streitreihen aushalten. Sie hielten ihn aus und ungebrochen, mauerfeſt ſtand die Phalanx der Catilinarier. Da ſchickte Petrejus die Schützen, Schleuderer und Bogenwerfer vor, um dieſe eiſerne Phalanx zu brechen. Die Schützen und Schleuderer hatten eine dicht⸗ gedrängte Maſſe vor ſich und kein Geſchoß ging fehl. Ein Hagel von Pfeilen praſſelte nieder auf die Catilinarier und mancher dieſer letztern hauchte ſeine Heldenſeele aus, von dem feindlichen Geſchoſſe ins Herz getroffen. Noch einmal führte Catilina die Seinigen vor⸗ wärts. Mit ihren breiten Schlachtſchwertern hieben die Catilinarier in die feindlichen Reihen ein. 72 Der Feldherr ſelbſt zeigte ihnen den Weg. Seine ſchmächtige Geſtalt ſchien immer mehr in die Höhe zu ſtreben, glutübergoſſen glänzte ſein Antlitz. Hoch hob ſich ſeine Bruſt, heiß flog der Athem, immer heißer, je dichter die Schläge ſeines Schwerts auf die Schädel der Feinde niederpraſſelten. Von Zeit zu Zeit flog ein heiteres Lächeln über ſein Antlitz. Ihm war offenbar wohl im Kampfgewühl. Zuweilen ſchweifte ſein funkelndes Auge nach dem ſilbernen Adler des Marius ab. Noch leuchtete das glänzende Wahrzeichen. So oft ein Feind, niedergeworfen durch Catilina's Schwert, das plötzlich von einer Rieſenfauſt geſchwun⸗ gen zu werden ſchien, ſtürzte, ſtieß der erhitzte Kämpfer einen triumphirenden Laut aus und drein blitzte fun⸗ kelnd das Auge. Und ſchon zuckte die Fauſt wieder in die Höhe, ſchon arbeitete die Eiſenwaffe wieder, ſchon ſtürzte das Schwert von neuem nieder, einen Schädel ſpaltend, einen Arm vom Rumpfe trennend, die Bruſt eines neuen Feindes zermalmend. Aber immer wilder wurde der Andrang der Co⸗ horten des Petrejus, die es auf die Sprengung des Centrums der Feindesmacht abgeſehen hatten. — 73 Jetzt traf ein Pfeil Narciſſus, der neben Catilina mannhaft ausharrte. In demſelben Augenblick erhielt der Freigelaſſene auch einen Schwerthieb, daß er wankte. Die Catilinarier glaubten, daß der Feldherr be⸗ droht ſei, und drängten zu ſeinem Schutze etwas regel⸗ los vor. Die Blöße, die ſich der Feind gab, benutzte Petrejus geübten Blickes und ſchob ſeine Schwärme in die feindlichen Reihen. Catilina ſah ſeine Schlachtordnung aufgelöſt— er ſuchte den ſilbernen Adler des Marius— der Adler ragte nicht mehr hoch, denn der, welcher ihn trug, rang mit einem Feinde, der ſich des Wahrzeichens bemächti⸗ gen wollte. Da ſprang Catilina herzu und führte einen wüthen⸗ den Streich gegen den Soldaten, den es nach dem Adler gelüſtete. Dieſer fing den Hieb auf— ein zweiter folgte— Catilina wagte ſich zu weit vor im Gedränge, jetzt umgaben ihn zehn Feinde, Schwert auf Schwert fiel auf ihn nieder, mehr als ein Hieb traf ſeinen Scheitel, den Helm ſpaltend und den Schädel treffend— jetzt ſank der Feldherr tödtlich getroffen zu Boden— mit einem Jubelruf ſahen ihn die Gegner ſtürzen— da 74 griff noch eine Hand aus nach dem Wahrzeichen des Marius. Es war die Hand des Freigelaſſenen, der ſich tödtlich verwundet zu der Stelle geſchleppt hatte, wo er Catilina hatte ſtürzen ſehen; das verlö⸗ ſchende Leben erwachte in ihm gleichſam zu einer letzten verzweifelten Anſtrengung— galt es doch das heilige Wahrzeichen dem Feinde zu entreißen, der ſich deſſelben eben bemächtigt hatte und es triumphireud ſchwang. Des Freigelaſſenen Hände zuckten in krampf⸗ hafter Anſtrengung in die Höhe, während ihm ein letzter dankbarer Blick des aus zehn Todeswunden blutenden Catilina Billigung und Muth zuſprach; mit faſt übermenſchlicher Anſtrengung erfaßten die Hände des Freigelaſſenen den Kopf des Soldaten, der die erbeutete Standarte mit dem ſilbernen Adler feſt⸗ hielt; ſie klemmten dieſen Kopf mit eiſerner Gewalt ein und zogen ihn herab auf die Bruſt des Angreifers, ſie glitten dann nieder zum Halſe, packten dieſen mit unwiderſtehlicher Gewalt, daß ſich die Finger einkrall— ten in das Fleiſch und der alſo Gefaßte ein Schmerz⸗ gebrüll ausſtieß und, immer noch von dem eiſernen Griffe des Freigelaſſenen feſtgehalten, den Adler fallen ließ. Da lag das glänzende Wahrzeichen und färbte ſich mit dem Blute Catilina's, mit dem Blute des Frei⸗ —— 75 gelaſſenen, mit dem Blute deſſen, der es ſchon zu be⸗ ſitzen glaubte und nun, umſtrickt von den zuckenden und ſich in ſeinen Hals immer tiefer einbohrenden Fingern des Narciſſus, verröchelte, ſodaß zuletzt drei Leichen über einander lagen und der ſilberne Adler, kaum erkennbar, in einem Blutſee dazwiſchen ſchwamm. Die Schlacht war mit dem Tode Catilina's, mit dem Sinken des ſilbernen Adlers, mit der Sprengung des Centrums entſchieden— Petrejus war Sieger. Er faßte, nachdem er das Centrum vollſtändig durchbrochen hatte, die beiden Flügel von innen, rollte ſie auf und vernichtete ſie. Die Leichen der Catilinarier, dreitauſend an der Zahl, deckten gleichſam in Reihe und Glied den Boden, wo ſie gefochten hatten. Kein Catilinarier ergriff die Flucht, alle ließen ſich, dem Beiſpiel des Führers fol⸗ gend, mit den Waffen in der Hand tödten. Gruppen⸗ weiſe lagen die Tapfern da, um den in Blut getauchten Adler des Marius, der ihnen als Panier im Schlacht⸗ gewoge vorangeleuchtet. Das war das Ende!*) *) Es iſt höchſt intereſſant, die Auffaſſungen der drei mo dernen Autoren, die das Leben Cäſar's beſchrieben haben, über die catilinariſche Verſchwörung und Cäſar's Betheiligung an der ſelben zu vergleichen.) 76 Laſſen wir zuerſt Mommſen ſprechen. Für ihn iſt es eine ausgemachte Sache, daß Cäſar an Cati⸗ lina's Verſchwörung Theil genommen. „Es iſt wichtig“, ſagt Mommſen,„es im Auge zu behalten, daß der Schlag wirklich keineswegs blos die eigentlichen Anarchiſten traf, die zur Anzündung der Hauptſtadt ſich verſchworen und bei Piſtoria gefochten hatten, ſondern die ganze demokratiſche Partei. Daß dieſe, insbeſondere Cäſar und Craſſus, hier die Hand im Spiele hatten, darf als eine nicht juriſtiſch, aber hiſtoriſch aus gemachte Thatſache angeſehen werden. Wenn im Oſten Pompejus eine Stellung einnahm, ungefähr wie früher Sulla, ſo ſuchten Craſſus und Cäſar ihm gegenüber in Italien eine Gewalt auf⸗ zurichten, wie Marius und Cinna ſie beſeſſen hatten; der Weg dahin ging wieder durch Terrorismus und Anarchie, und dieſen zu bahnen war Catilina allerdings der rechte Mann. Natürlich hielten die reputirlichern Führer der Demokratie ſich möglichſt im Hintergrund und überließen den unſaubern Genoſſen die Aus⸗ führung der unſaubern Arbeit, deren politiſches Reſultat ſie ſich ſpäter zueignen wollten. Noch mehr wandten, als das Unter⸗ nehmen geſcheitert war, die höhergeſtellten Theilnehmer Alles an, um ihre Betheiligung daran zu verhüllen. Und auch in ſpäterer Zeit, als der ehemalige Conſpirator(Cäſar) ſelbſt die Zielſcheibe der politiſchen Complots geworden, zog eben darum über dieſe düſtern Jahre in dem Leben des großen Mannes der Schleier nur um ſo dichter ſich zuſammen und wurden in dieſem Sinne ſogar eigene Apologien für ihn geſchrieben, wie der Catilina des Salluſtius.“ Das Publikum(Mommſen gebraucht hier dieſen modernen Ausdruck hatte alſo nach Mommſen's Auffaſſung in dieſem Falle den richtigen Inſtinkt. „Die jungen Leute der geldhabenden Nobilität“, fährt Mommſen fort,„waren gegen Niemand ſo erbittert wie gegen Cäſar. Sie richteten am fünften December, als er die Curie verließ, die Schwerter gegen ſeine Bruſt und es fehlte nicht viel, daß er ſchon jetzt an derſelben Stelle ſein Leben gelaſſen hätte, wo ihn viele Jahre ſpäter der Todesſtreich traf. Die jungen Leute konnten ſich eben nicht des Argwohns erwehren, daß hinter Catilina mächtigere Männer ſtanden, welche, geſtützt auf den Mangel vollſtändiger Beweiſe und auf die Lauheit und Feigheit der nur halb eingeweihten Senatsmehrheit, es verſtanden, jedes ernſtere Eingreifen der Behörden gegen die Verſchwörung zu hemmen. Gern hätte die oligarchiſche Partei das, was gegen Cäſar vorlag, benutzt, um mit ihm abzurechnen, allein ſie war viel zu gründlich geſprengt, um ihm das Ende bereiten zu können, das ſie vor Zeiten den beiden Gracchen bereitet hatte. In dieſer Hinſicht blieb es bei dem guten Willen. Die hauptſtädtiſche Menge empörten namentlich die Brandſtiftungspläne der Ver⸗ ſchworenen. Die Kaufmannſchaft und die ganze Partei der ma⸗ teriellen Intereſſen erkannte in dieſem Krieg der Schuldner gegen die Gläubiger natürlich einen Kampf um ihre Exiſtenz, in ſtür⸗ miſcher Aufregung drängte ſich daher die reiche Jugend, die Schwerter in den Händen, gegen das Rathhaus und zückte die⸗ ſelben gegen den heimlichen Parteigenoſſen Catilina's.“ Zu ganz entgegengeſetzten Reſultaten gelangt Napoleon, der zweite Biograph Cäſar's. „Man kann ſich leicht davon überzeugen“, ſagt Napoleon, „daß Cäſar kein Verſchwörer war. Dieſe Anklage findet vielmehr in der Kleinmüthigkeit der Einen und dem Groll der Andern ihre Erklärung. Denn wer weiß es nicht, daß ſchwache Regie⸗ rungen in Augenblicken der Entſcheidung jede Theilnahme für die Angeklagten als Mitſchuld anſehen und ihre Gegner mit Ver⸗ leumdungen nicht ſchonen? Vatulus und Piſo waren von einem fo glühenden Haſſe gegen Cäſar beſeelt, daß ſie den Conſul Cicero beſtürmt hatten, auch ihn in die gegen die Mitſchuldigen Catilina's gerichteten Verfolgungen hineinzuziehen. Cicero hatte widerſtanden, aber das Gerücht von Cäſar's Betheiligung an dem Complot hatte ſich darum nichtsdeſtoweniger verbreitet und war von der Menge der Mißgünſtigen mit Befliſſenheit auf⸗ genommen worden. Cäſar gehörte nicht zu den Verſchworenen, denn ſonſt hätte ſein Einfluß genügt, ihre Freiſprechung im 78 Triumph zu erwirken. Er hatte ein zu hohes Selbſtgefühl und genoß zu große Achtung, um auf verſteckten Wegen und mit ver werflichen Mitteln zur Gewalt gelangen zu wollen. So ehrgeizig ein Mann auch ſei, er wird kein Verſchwörer, wenn er ſein Ziel mit geſetzlichen Mitteln erreichen kann. Cäſar war ſeines Stei gens ſicher und niemals verrieth Ungedulb ſeinen Ehrgeiz. Ueber dies hatte er beſtändig einen ausgeſprochenen Widerwillen gegen den Bürgerkrieg an den Tag gelegt, und wie würde er ſich in eine gemeine Verſchwörung mit verrufenen Leuten eingelaſſen haben, er, der es zurückwies, mit Lepidus, der damals an der Spitze eines Heeres ſtand, gemeinſchaftliche Sache zu machen? (Mommſen erklärt ausdrücklich, daß Cäſar auch beim Complot des Lepidus ſeine Hand im Spiele hatte.) Hätte Cicero den Cäſar für ſchuldig gehalten, würde er gezögert haben, ihn anzu klagen, wenn er ſich nicht geſcheut hatte, eine ſo gewichtige Per ſönlichkeit wie Eraſſus mit Hülfe eines falſchen Zeugen zu ver vächtigen? Wie hätte er wohl am Tage vor der Verurtheilung dem Cäſar die Bewachung eines der Verſchworenen anvertraut? Mommſen ſieht gerade hierin einen Veleg für Cäſar's Betheili gung an der Verſchwörung und ſagt;„Eine indirecte, aber ſehr verſtändliche Bezüchtigung Cäſar's liegt auch darin, daß von den am dritten December Verhafteten einer Cäſar zur Bewachung übergeben wurde; offenbar ſollte Cäſar, wenn er ihn entrinnen ließe, vor der öffentlichen Meinung als Mitſchuloiger oder, wenn er ihn in der That feſthielt, vor ſeinen Mitverſchworenen als Abtrünniger compromittirt werden.“) Wenn endlich“— ſchließt Napoleon IIl. ſein Plaidoyer für Cäſar in der catilinariſchen Streitfrage—„wie wir ſpäter von Plutarch hören werden, Cäſar lieber der Erſte in einem Dorfe der hispaniſchen Alpen als der Zweite in Rom ſein wollte, wie hätte er ſich dazu ver ſtanden, der Zweite neben Catilina zu ſein?“ Es hat ſeine guten Gründe, wenn Napolcon UI. ſo warm für Cäſar eintritt und ſo wegwerfend über Catilina ſpricht, den Mommſen mit einer gewiſſen Achtung und Sympathie behandelt. Napoleon ſchrieb ja in dem Leben Cäſar's eine Apologie 796 ſeines eigenen Regime, er identificirte ſich ſo zu ſagen mit Cäſar. Der Verfaſſer wird auf die Berührungspunkte, die ſich zwiſchen Cäſar und ſeinem kaiſerlichen Biographen ergeben, in dem Epilog ſeines Romans zurückkommen. Hier alſo ſei nur flüchtig betont, daß Napoleon, indem er für Cäſar eintrat, für ſich ſelbſt vas Wort führte. Wie Cäſar Rom von dem Treiben der Factionen befreite, ſo vindicirte ſich Napoleon den Ruhm, Frankreich von den republikaniſchen Factionen befreit zu haben. Er war wie Cäſar der Geſellſchaftsretter z6r' eSo(par excellence, wie man jetzt in freier Ueberſetzung des griechiſchen Schlagworts ins moderne Romaniſche zu ſagen pflegt.) Was Catilina für Rom geweſen, das war die rothe Republik für Frankreich. Meißner, der dritte Cäſarbiograph, der ſiebzig Jahre vor Mommſen und Napoleon geſchrieben, hält die Mitte: er läßt es unentſchieden, ob Cäſar mit Catilina operirt habe, aber er ver⸗ weilt ausführlicher bei gewiſſen Vorkommniſſen, die der catilina— riſchen Verſchwörung folgten, und erzählt: „Immer noch dauerten Angabe und Unterſuchung wegen Catilina's Verſchwörung fort. Die auf jeden Verrath geſetzten zwei Talente 750 Thaler oder 55,000 Seſterzien) waren eine mäch tige Lockung zur Anklage. Einer der erſten Angeber, Curio, der Cicero ſeiner Zeit das erſte Wort über die Verſchwörung zu geflüſtert, ein nichtswürdiger Menſch, trat nun aus dem Dunkel hervor, mit welchem er ſich bisher umhüllt hatte. Im öffentlichen Senate legte er nun Anzeige von allen denen ab, die er als Mitgenoſſen der Verſchwörung zu kennen glaubte, und nannte unter denſelben auch Cäſar. Aus Catilina's eigenem Munde wollte er dieſe Nachricht erhalten haben. Zu eben dieſer Zeit machte ein gewiſſer Vettius dieſelbe Anklage beim Quäſtor Niger anhängig und erbot ſich, ſogar einen handſchriftlichen Beweis durch Briefe, die Cäſar an Catilina geſchrieben, herbeizuſchaffen. Hart genug waren Beſchuldigungen dieſer Art; doch Cäſar ſetzte ihnen einen unerſchrockenen Muth und einen Eifer, der nicht 80 nachzugeben, wohl aber zu vergelten wußte, entgegen. Indem er ſich dreiſt genug auf das Zeugniß desjenigen Mannes, den er vielleicht am meiſten heimlich fürchten mochte, bezog, indem er Cicero's Bekräftigung aufrief, daß er ihm freiwillig einige wich⸗ tige Umſtände von der Verſchwörung angezeigt habe, brachte er Curio nicht nur um alle Glaubwürdigkeit, ſondern auch um alle Belohnung, die er durch die bisherigen Anzeigen verdient zu haben hoffte. Noch ſtrenger verfuhr er gegen den zweiten An⸗ kläger Vettius, der ſchließlich ausgepfändet, ſeiner Habe beraubt und mitſammt dem Quäſtor Niger ins Gefängniß geworfen wurde, da der letztere ſich unterfangen hatte, die Anklage gegen eine höhere obrigkeitliche Perſon, als er ſelbſt war Cäſar war Prätor), anzunehmen. Siebentes Kapitel. Myrſa und Urbilia. Cäſar hatte, von dem vielvermögenden Craſſus kräftig unterſtützt, bei den Wahlen den Sieg davon⸗ getragen und konnte nun wieder ſeine Aufmerkſamkeit ſeinen Privatangelegenheiten zuwenden, unter welchen die beabſichtigte Verbindung mit Pompeja den erſten Platz einnahm. Er ſtieß bei dem ſchönen Mädchen, das ihn im Stillen geliebt, als er noch der Gemahl Cornelia's geweſen, auf keinen Widerſtand, und als Pompejus ſiegreich aus dem Felde oder vielmehr aus den Meeren, denen er die lang vermißte Sicherheit wiedergegeben, heimkehrte, fand er ſeine Nichte als die Gemahlin Cäſar's und in Cäſar zu ſeiner nicht geringen Verwunderung auch den Verbündeten ſeines politiſchen Widerſachers Eraſſus. Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. IV, 6 —=eeec —— ꝛ. — ———— 82 Pompejus wies, wie Cäſar ganz richtig calculirt hatte, die ihm durch ſeinen nunmehrigen Verwandten angebotene Freundſchaft des Craſſus nicht zurück, da ihm einerſeits die Vortheile einer Allianz mit dem reichſten Manne Roms einleuchteten und er andererſeits die Nachtheile, welche die Feindſchaft mit Craſſus im Gefolge hatte, mitunter recht empfindlich wahrgenommen hatte. Dem Vermittler zu mißtrauen, hatte er keine Ver⸗ anlaſſung. Cäſar hatte, als es ſich um die Commandofrage im Piratenkriege handelte, ſo warm für ihn Partei genommen, daß er eine Heimtücke auf der Seite ſeines jungen Freundes nicht vorausſetzen konnte. Warum auch hätte ſich Cäſar in ſeine Familie ge⸗ drängt, wenn er etwas Hinterliſtiges im Schilde ge⸗ führt hätte? Daß Cäſar die Freundſchaft des Craſſus wie die ſeine nur als Leiter zu benutzen gedachte, auf der er ſelbſt aufwärts ſteigen konnte, und daß er ſich von einer Doppelleiter, deren feſte Sproſſen in einander griffen, mehr verſprach, als wenn er ſich einfach auf die Schulter des einen oder des andern ſtellte, das kam Pompejus, deſſen Gedanken nicht die gewundenen Pfade zu wandeln pflegten, auf welchen ſich, wo es 83 die Erreichung eines großen Zweckes galt, die Ge⸗ danken Cäſar's mitunter bewegten, nicht im entfernteſten in den Sinn. Während Cäſar die Verbindung mit Pompeja be⸗ trieb, beſtrebte er ſich auch, Ordnung zu machen in einer Sache, die durch das geheimnißvolle und aben⸗ teuerliche Eingreifen ſeines geſchworenen Feindes, des Kappadociers, ſehr verwirrt worden war. Als er nach erlangter Prätur Zeit gewann, ſich um das Schickſal der Frauen zu bekümmern, die viel⸗ fach in das ſeinige eingegriffen, die ihn geliebt hatten und auch von ihm geliebt worden waren, hatte er ſich bei der Wahrſagerin Sagane eingefunden und in deren Hauſe wiederholte Zuſammenkünfte mit Urbilia und Myrſa gehabt, welche ihn über alles Vorgefallene auf⸗ klärten. Er mußte ſich eingeſtehen, daß die Liebe beider Frauen zu ihm für dieſelben höchſt verhängnißvoll ge⸗ worden war, und er fühlte die Verpflichtung, den Ge⸗ ſchicken beider eine feſte Grundlage zu geben, die ſie wenigſtens gegen die Wiederkehr abenteuerlicher Zu⸗ fälle ſchützen konnte, wenn ſie ihnen auch nicht das friedliche Lebensglück wiederzugeben um das er ſie gebracht. Myrſa, die ihn nach wie vor liebte, hätte wieder 6* 84 in die Reihe der veſtaliſchen Jungfrauen eintreten können und Cäſar's ſteigender Einfluß war groß genug, ihr das Aſyl zu ſichern, das er für ſie ausfindig gemacht, als ſie ihm nach Rom gefolgt war. Ueberdem hatte ſie ſich durch ihr muthiges Anerbieten, mit Spartacus zu unterhandeln, die Achtung der Spitzen der Behörden erworben und auch die Läſterungen ihrer Colleginnen zum Schweigen gebracht. Daß ihr kühnes Unternehmen zu ihrem Unglück ausgeſchlagen, daß ſie von dem Unterbefehlshaber des Spartacus gefangen genommen und feſtgehalten worden war, bis ihr die Niederlage des Sklavenheeres wieder zur Freiheit verhalf, das konnte der Verdienſtlichkeit ihres Wagniſſes keinen Abbruch thun. Den wahren Zuſammenhang der Dinge hätte Nie⸗ mand zu erfahren gebraucht und es wäre ewig ein Geheimniß geblieben, welche verhängnißvollen Beziehun⸗ gen zwiſchen ihr und dem Untergeneral des Spartacus obgewaltet und zu welcher Kataſtrophe ſich dieſelben nach ihrer Feſthaltung im feindlichen Hauptquartier zugeſpitzt. Es hing von Myrſa ab, zu ſagen, daß ſie gegen alles Völkerrecht des Spartacus Gefangene geweſen, bis ihr der Sieg der römiſchen Waffen die Freiheit wiedergegeben. Selbſt dafür, daß ſie nicht ſogleich zu — —— S ———— en n, eit ————— — 85 ihren frommen Genoſſinnen zurückgekehrt ſei, hätte ſich leicht ein Entſchuldigungsgrund finden laſſen. Gab Myrſa vor, daß ſie die Mühſeligkeiten und Entbeh⸗ rungen der Gefangenſchaft auf das Krankenlager ge⸗ worfen, wo war derjenige, der ihre Behauptung widerlegen und ihr nachweiſen konnte, daß ſie ſich zuerſt in Antium und ſpäter bei Sagane aufgehalten? Myrſa ſchreckte aber vor dem Gedanken zurück, in das alte Verhältniß, das ihr die Mißgunſt der Amts⸗ genoſſinnen unerträglich gemacht, zurückzukehren. Es widerſtrebte ihr, das Leben einer Geduldeten in einer Umgebung, die ſich ihr von vornherein feind⸗ lich entgegengeſtellt, weiter zu führen. So ſehr ſie durch ihre ganze Vergangenheit an Glanz und Wohlleben gewöhnt war, ſo hätte ſie doch ohne Bedenken ſelbſt ein mit Entbehrung verbundenes Leben der öden und freudloſen Zukunft vorgezogen, die ihr bevorſtand, wenn ſie wieder in den Tempel der Veſta zurückkehrte. Cäſar beharrte auch nicht auf dieſer Rückkehr, welche das Unglück eines Weſens geweſen wäre, deſſen einzige Schuld darin beſtand, ihn geliebt zu haben. Er fand vielmehr in ſeiner Beredtſamkeit ein Mittel, Myrſa's Geſchicken eine freundlichere Wendung zu geben, die ihr nicht den unerträglichen Zwang eines ewigen Zu⸗ — 86 ſammenlebens mit Geſchöpfen auferlegte, denen ſie ein Dorn im Auge war und die nicht die Schonung kannten, ihr das Uebelwollen, das ſie für ſie empfan⸗ den, zu verbergen. Er hatte Rom das Königreich Bithynien zugebracht; wenn er im Senate jetzt ſeine Stimme für die Tochter des letzten Königs von Bithynien erhob und verlangte, daß der Königswaiſe die Mittel von Staatswegen be— willigt würden, die ſie zu ſtandesmäßigem Leben brauchte, ſo war kein Grund vorhanden, anzunehmen, daß er vergeblich an die Großmuth des Senats appelliren würde. Myrſa erklärte ſich damit einverſtanden, daß ſich Cäſar zu ihrem Anwalte im Senate aufwarf, da ſie von den zwei Uebeln, entweder von neuem in den Mund der Leute zu kommen oder in die ewige Ge⸗ fangenſchaft des Veſtatempels zurückzukehren, das erſtere als dasjenige vorzog, welches ihr noch immer kleiner erſchien, zumal Cäſar ein Auskunftsmittel erſann, wel⸗ ches geeignet war, den Gerüchten, die ſich an ſeine Intervention für die ſchöne Königstochter knüpfen konn⸗ ten, die Spitze abzubrechen. Wenn ein anderer Senator den Antrag auf Ver⸗ ſorgung der bithyniſchen Königswaiſe ſtellte und Cäſar blos in zweiter Linie auftrat, um den Antrag kräftig 87 zu unterſtützen und als einen ſolchen zu bezeichnen, der Rom Gelegenheit gebe, eine gerechte Schuld abzutragen, ſo war der Anſtand gewahrt. Jedermann mußte es dann natürlich finden, wenn er das ganze Gewicht ſeiner hinreißenden Beredtſamkeit für die hülfloſe Tochter des Mannes in die Wagſchale warf, den er vermocht hatte, ſein Reich den Römern zu hinterlaſſen. Hier war es, wo ſich zum erſten Mal die Freund⸗ ſchaft des Craſſus auf politiſchem Gebiete zu ſeinen Gunſten erprobte. Denn nicht blos, daß ſich ein Se⸗ nator von der Partei des Craſſus herbeiließ, den be⸗ treffenden Antrag zu ſtellen, wodurch derſelbe von vornherein, als von ganz objectiver Seite kommend, an Gewicht gewinnen mußte, ſo erhoben ſich auch, als es nach der glänzenden Rede, die Cäſar für die Königs⸗ waiſe gehalten, zur Abſtimmung kam, alle Senatoren, die Craſſus irgendwie verpflichtet waren oder ſonſt zu dem reichſten Manne Roms in freundſchaftlicher Be⸗ ziehung ſtanden, um mit Cäſar's Anhang dafür zu ſtimmen, daß Moyrſa eine Summe aus dem Staats⸗ ſeckel ausgeworfen werde, welche ſie in den Stand ſetzte, ihren Aufenthaltsort beliebig wählen und ihrer Abſtammung entſprechend leben zu können. Als Cäſar auf die eben beſchriebene Art für Myrſa zu wirken begann, war ihm keineswegs entgangen, daß 88 er das zu Gunſten der Königstochter unternahm, was er eigentlich in erſter Linie für die Königswittwe zu thun verpflichtet geweſen wäre, deren Mitwirkung er es zu danken gehabt, daß er den römiſchen Staat um das Königreich Bithynien vergrößern konnte. Urbilia hatte das Ihrige dazu beigetragen, ihren Gemahl Nikomedes zur Errichtung des den Römern ſo günſtigen Teſtaments zu beſtimmen, und Rom hatte daher zunächſt an ſie eine Dankesſchuld abzutragen. In Urbilia's Weſen war aber ſeit der Kataſtrophe in Galatien, die ſie dem Kappadocier in die Hände gegeben, eine Wandlung vorgegangen, welche ſie auf die bithyniſche Epiſode ihres Lebens wie auf etwas zurückblicken ließ, was ſie mit peinlichen Vorſtellungen erfüllte. Das letzte Abenteuer, das ſie zu ihrem Unheil be⸗ ſtanden, hatte ihr den Gedanken nahe gelegt, wie ſehr ein friedliches Leben unter einfachen, gefahrloſen Ver⸗ hältniſſen einem unſichern Glanze vorzuziehen ſei, der nur Gefahren in ſeinem Schoße birgt, ohne dem Menſchen eine innere Befriedigung zu gewähren. Sie dachte mit einer gewiſſen Sehnſucht an die Plautiniſche Straße, aus welcher ſie ihr Unſtern hinausgetrieben; ſie mußte ſich ſagen, daß alles Glück, innerer wie äußerer Friede von ihr gewichen, ſeit ſie 89 die düſtere Straße verlaſſen, in welcher ſie ihre Ju⸗ gend zugebracht. Das Leben in der ſchmalen, unruhigen Straße, das ſie früher ſo verabſcheut hatte, erſchien ihr, aus der Ferne geſehen und nach den herben Erfahrungen, die ſie in der Liebe wie im Leben gemacht, in nahezu reizendem Lichte. Das Verlangen, ihren Vater wiederzuſehen, ſich ſeinen beſcheidenen Verhältniſſen liebevoll anzuſchmiegen und ihn für den Kummer, den ſie ihm bereitet, zu ent⸗ ſchädigen, regte ſich immer mächtiger in ihr, und hätte ſie Sagane nicht mit Luchsaugen gehütet, ſo würde ſie ſicherlich das Aſyl, das ihr Cäſar am Fuße des teſta⸗ cäiſchen Bergs vermittelt, bereits verlaſſen und ihre Schritte der Plautiniſchen Straße zugelenkt haben, in welcher ſie ſich den alten Vater, ſeine Waaren hütend und mit Sorge an die verſchollene Tochter denkend vorſtellte, da ſie keine Ahnung davon hatte, daß der⸗ ſelbe mittlerweile im Dienſte und Intereſſe Cäſar's ge⸗ fahrvolle Abenteuer beſtanden. Als Cäſar, nachdem er aus Urbilia's Munde Kunde von den abenteuerlichen Vorgängen erhalten, welche ſeine ehemalige Geliebte nach Antium und zu Cornelia geführt, Urbilia über ihre Wünſche bezüglich ihrer Zu⸗ kunft auszuholen begann, gewahrte er zu ſeiner Ueber⸗ 90 raſchung die innere Läuterung, die ſich in ihrem Weſen vollzogen hatte. Sie, die früher die Reichen und Vornehmen be⸗ neidet und Glanz und Ueberfluß als dasjenige be⸗ trachtet hatte, was den Menſchen einzig zu befriedigen und glücklich zu machen vermöge, erſchien durch die Schule des Lebens, durch die Erfahrungen, die ſie im Vollgenuß glanzvoller Verhältniſſe gemacht, ſo um⸗ gewandelt, daß die Ruhe und Einförmigkeit jenes klein⸗ lichen Lebens, deſſen Schranken ſie früher mit ihren glühenden Wünſchen durchbrochen, jetzt dasjenige war, dem ihre Seele entgegenſchmachtete. Als Cäſar von Bithynien und von den Anſprüchen, die Urbilia auf die Dankbarkeit des römiſchen Volks und Senats hatte, zu reden begann, fiel ihm dieſe mit einer abwehrenden Geberde in die Rede, welche deutlich erkennen ließ, daß ſie ber dieſe Gegenſtände nichts hören wolle. „Wenn ſich Volk und Senat von Rom Bithyniens wegen Jemand verpflichtet glauben“, ſagte ſie,„ſo mögen ſie die ganze Dankesſchuld an Myrſa ab⸗ tragen. Mich laß in jene Verborgenheit zurück⸗ kehren, die ich nie hätte verlaſſen ſollen und aus deren kleinem, aber ruhigem Kreiſe mich nur Deine ſchönen Worte herausgelockt haben, denen freilich 91 meine Stimmung und Neigung mit Empfänglichkeit entgegenkam.“ Bedenke“ ließ ſich Cäſar vernehmen,„daß, wenn ich Dich nicht aus den kleinlichen Gleiſen, in welchen ſich Dein Leben bewegte, ehe Du mich kennen gelernt, an das glänzende Tageslicht gezogen hätte, ich heute vielleicht nicht mehr lebte. Deiner Aufopferung ver⸗ dankte ich, als ich hülflos und krank die ſabiner Berge durchirrte, mein Leben—“ Wieder deutete jene entſchiedene Handbewegung Urbilia's, mit welcher ſie ihm das Wort abgeſchnitten, als er von Bithynien hatte ſprechen wollen, an, daß ihr die Erinnerung an die Tage, deren er gedachte, Pein verurſache. „Genug davon, Cäſar!“ ſagte ſie in herbem Tone. „Du lebſt und biſt glücklich, laß Dir das genügen. Sieh Dich nicht nach denen um, die hier oder dort vielleicht etwas zu Deinem Glücke beigetragen haben. Und fühlſt Du ja ein unwiderſtehliches Gelüſte, auf eins jener Weſen zurückzublicken, die etwas zur Ver⸗ ſchönerung Deiner Lebenspfade beitrugen, ſo wende Deine ganze Aufmerkſamkeit der hülfloſen Myrſa zu.“ „Myrſa gegenüber“ fiel Cäſar Urbilia lebhaft in die Rede,„fühle ich mich nicht ſo gedrückt, wie wenn ich an Dich denke! Myrſa habe ich doch einen Dienſt —— 92 erwieſen, indem ich ſie aus der Gefangenſchaft der Pira⸗ ten befreite, Dir aber habe ich nichts Gutes gethan, Du haſt durch mich nur gelitten, Dir bin ich zu ewigem Danke ver⸗ pflichtet, weil Du mich durch Deine Liebe beglückt, über mich gewacht, mich gepflegt und geleitet haſt, als ich in Gefahr war. Warum willſt Du Dich allem Danke entziehen? Wenn es Dein Ernſt iſt, die ver⸗ gangene Herrlichkeit, die Dir, ich ſehe es wohl ein, wenig Glück gebracht hat, vergangen ſein zu laſſen, über Bithynien und was damit zuſammenhängt, den Schleier ewigen Vergeſſens zu breiten, wenn Du wirk⸗ lich von der Sehnſucht erfüllt biſt, in Deine alten Verhältniſſe, zu Deinem alten Vater zurückzukehren, ſo laß mich wenigſtens den Mittler ſein zwiſchen Dir und ihm!“ „Was braucht es da für einen Mittler, wo ein in der Schule des Lebens von ehrgeizigen Träumen ge⸗ heiltes Kind reuig in die Arme des Vaters zurückkehrt?“ warf Urbilia ein. „Nicht in die Plautiniſche Straße ſollſt Du zurück⸗ kehren“, beharrte Cäſar lebhaft.„Das kümmerliche Leben, das ſie Dir bieten kann, paßt nicht für Dich. Dein Vater iſt reich und kann Dir ein anderes, ſchö⸗ neres Leben bereiten, deſſen Frieden Dir angenehm ſein wird, ohne Dich etwas von dem Ueberfluß ver⸗ ————————————— S ——— 93 miſſen zu laſſen, an den Dich Dein Aufenthalt in Bithynien gewöhnt hat. Laß mich mit Deinem Vater verhandeln, ehe Du die Schwelle ſeines einſamen Hauſes überſchreiteſt. Dein Vater iſt mein Freund— Du weißt nicht, was er Alles für mich gethan hat— ich möchte ihm nicht gern als Dank dafür auf ſeine alten Tage einen unheilbaren Kummer bereiten. Dieſer würde ihm aber nicht erſpart werden, wenn er erführe, daß ich der Geliebte ſeiner Tochter geweſen, daß ich ihm dieſe Tochter entfremdet, während er ſich für mich opferte! Füge dem Vielen, was Du für Cäſar gethan haſt, edle Urbilia, noch den letzten großen Dienſt hinzu: bewahre Cäſar vor der peinlichen Nothwendigkeit, vor dem braven Epidius erröthen zu müſſen.“ Cäſar hatte mit Wärme geſprochen und ſeine Bitte machte Eindruck auf Urbilia und rührte ihr Herz. „Was ſoll ich thun?“ murmelte ſie mit unſicherer Stimme und fuhr dann, einen flüchtigen Blick auf Cäſar werfend und den Ton ihrer Stimme nun faſt ſelbſt zu einer Bitte zuſpitzend, fort:„Verſtricke mich nicht in neue Lügen meinem alten Vater gegen⸗ über!“ „Keine ruchloſe Lüge iſt es“, rief Cäſar lebhaft, „es iſt ein gutes Werk, das Du thuſt, wenn Du auf 94 meinen Vorſchlag eingehſt und durch, Dein zuſtimmen⸗ des Schweigen das beſtätigſt, was ich Deinem Vater ſagen will. Er wird meine Worte nicht auf die Gold⸗ wage legen, weil er froh ſein wird, Dich wieder zu beſitzen. Er wird auch jetzt glauben, wie er in Niko⸗ media geglaubt hat, als wir ihm ein wahrſcheinlich aufgeſtutztes Märchen zum Beſten gaben, um Dein Erſcheinen in Bithynien zu motiviren. Bleibe bei Sagane, bis Pompejus aus Kleinaſien zurückkommt. Er wird die ganze römiſche Flotte und viele hundert gekaperte Schiffe mitbringen— wie leicht wird es dann ſein, Deinen Vater an die Nachricht glauben zu laſſen, daß es Freunde der Piraten waren, die Dir in Ga⸗ latien aufgelauert und Dich in einem Hafenorte ſo lange gefangen gehalten haben, bis Dich die Leute des Pompejus auf ihrem Siegeszug befreiten. Es gehen jetzt ſo wunderbare Dinge vor, daß nichts mehr un⸗ wahrſcheinlich erſcheint. Ich werde Deinen Vater auf Deine Rückkehr vorſichtig vorbereiten und den Gedanken in ihm nähren, daß Dich die Schiffe des ſiegreich aus dem Piratenkrieg heimziehenden Pompejus mit⸗ bringen dürften. So wird ihm das, was Du ihm dann über Deine Erlebniſſe erzählen wirſt, vollends glaubwürdig erſcheinen. Und während ich ihn an den Gedanken der Möglichteit Deiner Rückkehr gewöhnen —— 95 will, werde ich zugleich in ihn dringen, Dich ja nicht wieder von ſich zu laſſen, wenn ihm das Glück erſt wieder zu Deinem Beſitze verholfen haben ſollte. Ich glaube einigen Einfluß auf ihn zu haben, und wenn ich ihm begreiflich machen werde, daß er alt genug ſei, um ſeinen Handel aufzugeben, ſich zur Ruhe zu ſetzen und Dir alle jene Annehmlichkeiten des Lebens zu bieten, welche geeignet ſind, Dich an ihn, an Rom zu feſſeln und die verlorene bithyniſche Herrlichkeit ver⸗ geſſen zu machen, ſo wird er ſich gewiß meinen Vor⸗ ſtellungen gegenüber nicht ſchroff und ablehnend ver⸗ halten. Er bat mich oft genug, ſein Vermögen an⸗ zunehmen, ich werde ihn jetzt zwingen, dieſes Vermögen anzuwenden, um ſich ſelbſt und Dir ein angenehmes Daſein zu bereiten.“ Cäſar's Beredtſamkeit ſiegte, wie im Großen im Senate, ſo auch hier im Kleinen einer Frau gegenüber, die, wenn ſie ihn auch nicht mehr zu lieben glaubte, ſich doch von dem ſüßen Wohllaut ſeiner Stimme und der überzeugenden Logik ſeiner Argumente gefangen nehmen ließ. Achtes Kapitel. Pompeja und Clodins. Die Verhandlungen Cäſar's mit den beiden Sa⸗ gane's Schutze anvertrauten Frauen machten eine Reihe von Beſuchen bei der Wahrſagerin nothwendig, welche wieder an dem Magier Oropos einen aufmerkſamen Beobachter fanden. Oropos lauerte nur auf den Augenblick, in welchem Pompeja bei Sagane erſcheinen würde, um ſein dem Kappadocier gegebenes Wort zu löſen. Oropos wartete nicht vergeblich. Eines Tages er⸗ ſchien die jugendliche Gemahlin Cäſar's in der Höhle des teſtacäiſchen Berges, um ſich wahrſagen zu laſſen, ob die Rückkehr ihres Oheims nahe bevorſtehe und ob denſelben keine Widerwärtigkeiten treffen würden. Dropos ſtürzte ſich mit der Gier des Geiers, der ſich auf ſeine Beute wirft, auf den willkommenen, ⸗ he m — 97 längſt mit Sehnſucht erwarteten Beſuch und wußte es ſo einzurichten, daß er Sagane im erſten Augenblicke von Pompeja fernhielt, um ſich dieſer ſelbſt ungeſtört nähern zu können. Er trat ihr mit wohlberechneter, verſtörter Miene entgegen, die ihr auffallen und ſie zu der Frage ver⸗ anlaſſen mußte, was ihm Beſonderes zugeſtoßen ſei, daß ſein Blick ſo befremdend unſicher, ſeine Haltung nicht die gewöhnliche ruhige ſei. „Verzeihe, Herrin“, lautete die Antwort des Ma⸗ giers auf Pompeja's neugierige Frage,„aber ich kann es nicht mit anſehen, wie Sagane Dein Vertrauen mißbraucht.“ „Sagane ſollte mich täuſchen?“ murmelte Pompeja betreten. „Ja, ſie heuchelt Dir Ergebenheit und ſpielt mit Deinem Gemahl, der ſie als Hehlerin für ſeine Liebes⸗ abenteuer benutzt, unter einer Decke.“ Während Oropos ſeine Anklage haſtig hinwarf, er⸗ bleichte Pompeja und rief mit zitternder Stimme, den Magier mit einem forſchenden Blicke feſthaltend: „Wäge Deine Worte, Oropos, und bedenke, was Du ſagſt. Sprichſt Du von Cäſar, von dem Cäſar, der ſeit vierzehn Tagen mein Gemahl iſt und täglich ſchwört, mich allein zu lieben?“ Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. IV. 7 iſt noch keine halbe Stunde verfloſſen, ſeit er hier war, ſeit ihm Sagane die Thür öffnete zu dem geheimniß⸗ vollen Hauſe, in welchem ſie früher allein wohnte, wäh⸗ rend ſie daſſelbe ſeit einigen Monaten mit zwei jungen und ſchönen Frauen theilt, die Cäſar häufig beſucht.“ „Wer ſind die Frauen?“ rief Pompeja haſtig. „Kannſt Du mir ihre Namen nennen?“ „Die eine kenne ich nicht“, lautete des Magiers raſche Antwort,„die andere habe ich zufällig einmal geſehen, als ſie noch ein Kind war. Meine Pilgerfahr⸗ ten als Mithrasprieſter führten mich, es mögen viel⸗ leicht zwölf Jahre her ſein, nach Bithynien; in Niko⸗ media ſah ich die Königstochter, und eine von den zwei Frauen, die Cäſar Sagane's Obhut übergeben hat, iſt dieſe Königstochter.“ Pompeja erinnerte ſich der warmen Vertheidigungs⸗ rede, die ihr Gemahl vor kurzem für die hinterlaſſene Tochter des letzten Königs von Bithynien im Senate gehalten, und auch die Bemerkung kam ihr in den Sinn, welche der Nomenclator ihres Oheims an dem Tage, an welchem ſie Cäſar zum erſten Male in dem Vorzimmer des letztern geſehen, über ihren jetzigen Gemahl gemacht:„Man ſagt, daß er, obwohl ver⸗ heirathet, in Kleinaſien ein Liebesverhältniß mit der „Ja, von ihm ſpreche ich!“ entgegnete Oropos.„Es 99 Tochter des Königs von Bithynien unterhalten haben ſoll.“ Waren das nicht die Worte geweſen, mit denen vor Jahr und Tag der Nomenclator ihre Frage, wer der junge und intereſſant ausſehende Mann ſei, der ihr im erſten Augenblicke aufgefallen und den er Cäſar genannt, beantwortet hatte? Wenn Cäſar Myrſa jetzt eine Unterkunft bei der Wahrſagerin vermittelt hatte und ſie in ihrem Aſyl insgeheim beſuchte, ſo ſprach Beides dafür, daß er das innige Verhältniß mit ihr, deſſen ihn der Volksglaube vor Jahr und Tag beſchuldigt, noch immer fort⸗ ſetzte. Und nicht Myrſa allein war es, welcher Cäſar huldigte, es war, wie Oropos ſagte, noch eine Frau da, mit der er ſich beſchäftigte, während er vorgab, daß ſein Herz ungetheilt ihr gehöre. Sie mußte Gewißheit haben, ſie mußte klar ſehen und ſich überzeugen, weſſen ſie ſich von Cäſar zu ver⸗ ſehen habe. „Kannſt Du mich nicht benachrichtigen, wenn Cäſar wieder zu den Frauen kommen ſollte, die er bei Sa⸗ gane verborgen hält?“ fragte ſie den Magier haſtig. „Wie kann ich etwas gegen meine Genoſſin Sa⸗ gane unternehmen?“ warf Oropos, Verlegenheit heu⸗ chelnd, ein.„Sagane thut Alles für Cäſar, weil ſie 5 100 hofft, daß er es ihr glänzend lohnen werde, wenn er erſt einmal noch höher geſtiegen. Dir dienen heißt Sagane verrathen—“ „Weißt Du nicht“, fiel Pompeja dem Magier in die Rede,„daß ich die Mittel beſitze, Dir den Schaden, welcher für Dich aus einem Bruche mit Sagane ent⸗ ſtehen kann, hundertfach zu erſetzen? Erhofft Sagane von Cäſar künftigen Nutzen, ſo will ich Dich gleich belohnen!“ „Sprich nicht von Belohnng, Herrin!“ wies Oropos das verlockende Anerbieten mit der Miene gutgeſpielter Entrüſtung zurück.„Nicht um Geld und Gewinn iſt mir's zu thun; halte mich nicht ſo gemeinen Eigen⸗ nutzes für fähig, wie er leider eine Charaktereigen⸗ ſchaft Sagane's bildet, die blos darum Alles that, was in ihrer Macht ſtand, Deine Verbindung mit Cäſar zu begünſtigen, weil ſie ſich Cäſar's und Deines Oheims Gunſt ſichern wollte; mich leiten keine ähnlichen Beweg⸗ gründe, mich empört es blos, wenn ich das grauſame Spiel ſehe, das man mit Dir, der Argloſen, Jungen und Unerfahrenen treibt; und weil Du mich dauerſt, Herrin, will ich die Ränke derer, die ſich verbunden haben, Dich zu täuſchen, und dabei auf Deine Blind⸗ heit zählen, durchkreuzen, will Dir dienen, ſelbſt gegen Sagane und auf die Gefahr hin, der letztern Zorn — v 101 auf mich zu laden. Du wirſt begreifen, daß es nicht meinetwegen geſchieht, wenn ich Dich dringend bitte, Sagane und Deinem Gemahl gegenüber die Unbe⸗ fangene zu ſpielen, denn Sagane iſt ſchlau, und würde ſie nur den Schimmer einer Ahnung haben, daß ich Dir einen Wink gegeben, ſo würde ſie einen unnah⸗ baren Wall um das Geheimniß errichten, zu deſſen Hüterin ſie Dein Gemahl gemacht.“ „Sei ruhig, Oropos“ verſicherte Pompeja in feſtem Tone,„Niemand ſoll mir anſehen, was ich weiß! Ich will Cäſar durch meine harmloſe Hingebung, Sagane durch erhöhte Freundlichkeit täuſchen!“ „Wohlan, dann laß Deinen verlaßlichſten Sklaven in der Via Scribonia, welche dreihundert Schritte von hier entfernt liegt, auf der Lauer liegen; ſobald Dein Gemahl kommt, gebe ich Deinem Sklaven einen Wink und er mag zu Dir fliegen. Wenn Du Dich in der Säulenhalle aufſtellſt, welche die Bäder des Catulus umgibt, kannſt Du mit Deinen Blicken bequem das Haus erfaſſen, in welchem die Geliebten Cäſar's ver⸗ borgen ſind, und dieſen ſelbſt beobachten, wie er den Zufluchtsort verläßt, den er mit ſchlauem Sinne für die Frauen ausfindig gemacht hat, deren Exiſtenz für Dich ein Geheimniß bleiben ſollte.“ Nachdem der Magier auf dieſe Art das Mißtrauen Pompeja's rege gemacht hatte, ſuchte er Clodius auf, welchem gegenüber er die Miene eines geldgierigen Menſchen annahm. „Du haſt Dich um die Liebe einer ſchönen Frau beworben, Clodius, und biſt nicht erhört worden“, ſagte er zu dem jungen Lebemann, der ſich bei Pom⸗ peja einen Korb geholt hatte.„Was würdeſt Du es Dir koſten laſſen, wenn ich Dir die Genugthuung verſchaffte, ſchließlich dennoch dort der Sieger geweſen zu ſein, wo Du bisher nur eine Niederlage zu ver⸗ zeichnen haſt, welche der ſtolze Cäſar belächelt?“ „Sprichſt Du von Pompeja?“ fragte Clodius, indem er die Stirn runzelte. Der Magier nickte mit dem Kopfe und ſagte: „Du kennſt mich, Clodius, denn Du warſt einige Male bei Sagane, der Wahrſagerin, deren Gehülfe und Verbündeter ich bisher geweſen. Mit dem Weibe iſt nicht länger auszukommen, ſie möchte mich nur aus⸗ nutzen und den ganzen Gewinn einſtreichen. Ich bin nicht geſonnen, länger ihre Habgier zu unterſtützen, und will mich von ihr trennen. Um das Gewerbe, das ich bis zur Stunde gemeinſchaftlich mit Sagane betreibe, ſelbſtſtändig führen zu können, brauche ich aber Geld. Da fielſt Du mir ein, Elodius. Du haſt Geld, Du kannſt mir helfen und ich will Dir dafür den Gegen⸗ —— ——— —— —— — — uf, en au 6 k † 6 — FᷣSSr dienſt leiſten, daß ich Dir zum Triumphe über Cäſar 103 verhelfe, der Dein glücklicher Nebenbuhler bei Pom⸗ peja geweſen.“ „Wenn mich Pompeja früher verſchmähte, wie wird ſie mir in den Tagen der jungen Liebe zu Cäſar das gewähren, was ſie mir verſagte, als ſie frei war?“ wandte Clodius ungläubig ein. „Mit der jungen Liebe zu Cäſar hat es gute Wege!“ rief der Magier höhniſch.„Dieſe Liebe iſt ausgeliebt— Cäſar hat ſeine Gemahlin beleidigt, indem er andere Göttinnen neben ihr hatte. Biſt Du klug, Clodius, bemächtigſt Du Dich des koſtbaren Fadens deſſen Ende ich Dir in die Hand liefere, verſtehſt Du Dich darauf, das Eiſen zu ſchmieden, ſolange es glühend iſt, ſo kann es Dir nicht fehlen. Pompeja iſt einer von den Charakteren, die nicht winſeln, wie Cäſar's erſte Gemahlin dies gethan, denen es nicht gegeben iſt, ſchweigend zu dulden und zu tragen; die beleidigte Pompeja iſt im Stande, dem Gatten, der ſie gekränkt hat, mit gleicher Münze zu bezahlen. Noch einmal, Clodius, die Sachen können nicht günſtiger für Dich liegen, und liebſt Du Pompeja noch und trägſt Du das Verlangen in Dir, Dich an Cäſar zu rächen, ſo ſchaffe ich Dir Gelegenheit, zu guter Stunde an Pompeja herantreten zu können.“ „Wohlan, ich will Dich machen laſſen!“ ſchlug Clodius leichtblütig ein.„Ich bin nicht der Mann der vor einem Wagniſſe zurückbebt und einer ſchönen Frau aus dem Wege geht, die ihm— dafür nehme ich Dein Wort als Bürgſchaft— halb und halb entgegen⸗ kommt.“ „Aber mein Lohn, Herr, mein Lohn!“ rief Oropos, wieder den unverſchämt Geldgierigen herauskehrend, da ihm dies das beſte Mittel ſchien, das tiefere Intereſſe, das er an der Sache nahm, zu maskiren.„Wenn ich mich von meiner bisherigen Genoſſin trenne und auf meine eigenen Füße ſtellen will, ſo brauche ich hundert⸗ tauſend Seſterzien; die Einrichtung einer Wahrſage⸗ höhle, die vornehme Kundſchaft anlocken ſoll, koſtet Geld!“ „Du ſollſt bekommen, was Du forderſt und brauchſt!“ ſtellte Clodius den Dränger zufrieden. „Dann ſoll auch Dir werden, worauf Deine Wünſche zielen!“ rief Oropos mit erkünſtelter freudiger Lebhaftigkeit.„Halte Dich in den nächſten Tagen, ſo⸗ viel es Dir nur immer Deine Zeit erlaubt, und ich glaube, Du haſt ſo viel Zeit, daß Dir der ganze Tag gehört, in der Säulenhalle auf, welche die Thermen des Catulus umgibt. Du wirſt dort eines Tages Pom⸗ peja finden; das Weitere iſt Deine Sache. Sprich ihr — 105 von Deiner unvergänglichen Liebe und von der zarten Sorgfalt, mit der Du ſie umſponnen hätteſt, wenn Dir das Glück beſchieden geweſen wäre, ſie als Gattin über Deine Schwelle heben zu dürfen; klage Niemand an, aber laß durchblicken, daß ganz Rom davon ſpreche, daß Cäſar ſeiner zweiten Gemahlin nicht jenes Glück bereite, deſſen ſie ſo ſehr würdig ſei, und erhört man Dich nicht gleich, ſo laß Dich nicht abſchrecken, ſuche mich auf und ich will Dir weiter Deine Wege bahnen. Deine hunderttauſend Seſterzien ſollen mir nicht ent⸗ gehen, ich ſehe mich ſchon im Geiſte als deren Beſitzer und Dich als den beglückten Liebhaber Pompeja's!“ Die Dinge verliefen zur Zufriedenheit des Magiers und die Saat, die er ausgeſtreut, um dem Kappadocier zu dienen, ging üppig in die Höhe. Pompeja überzeugte ſich, wenn auch nicht von der Untreue ihres Gemahls, ſo doch davon, daß er ins⸗ geheim wirklich die Wahrſagerin beſuchte. Da ſie aber keinen Grund hatte, die Mittheilung des Magiers anzuzweifeln, daß bei Sagane in nahezu unſichtbarer Zurückgezogenheit zwei Frauen lebten, denen dieſe geheimnißvollen Beſuche galten, ſo hielt ſie ſich überzeugt, daß ſie von ihrem Gemahl wie von Sagane verrathen ſei. Daß ſich jener aber mit einem Geſchöpfe von der 106 Art Sagane's gegen ſie verbunden, das war es, was ſie faſt noch mehr verletzte als die Untreue Cäſar's. Clodius, der nicht verſäumte, von den Rathſchlä⸗ gen des Magiers und von der ganzen Situation, die ſich für ihn wirklich günſtig geſtaltet hatte, Nutzen zu ziehen, fand bei der gekränkten Pompeja wohl flüch⸗ tiges Gehör, aber keine Erhörung.— Wenn er ihr in der Säulenhalle, welche die Ther⸗ men des Catulus einrahmte, deutlich von ſeiner Liebe und verblümt von der Unwürdigkeit Cäſar's ſprach, während ſie mit ſteigender Aufregung auf den Augen⸗ blick lauerte, wo ſich drüben unter dem teſtacäiſchen Berge die Thür des Hauſes öffnen würde, um Cäſar, den ſie dort verweilend wußte, herauszulaſſen, ſo ſtieg in ihrer Seele wohl flüchtig der Gedanke an Rache auf, aber ihre edlere Natur bäumte ſich doch gleich wieder gegen die niedrige Verſuchung auf und ſie gab ſich die Miene, als ob ſie weder die Liebesverſicherung des einſt von ihr abgewieſenen Liebhabers, noch ſeine Ausfälle gegen Cäſar's Lebenswandel verſtünde. In dieſer Beziehung hatte ſich denn doch Oropos in dem Charakter Pompeja's geirrt; ſo leicht, wie er gedacht und dem Clodius vorgeſpiegelt, war dieſe Frau nicht zu gewinnen. Aber ſelbſt da, wo er einem unerwarteten Wider⸗ ine 107 ſtande begegnete, ſchien ihn das Glück zu begünſtigen und ein unerwarteter Znfall kam ihm in dem Augen⸗ blick zu Hülfe, wo er bereits rathlos daſtand, da ihHm Clodius rundheraus erklärt hatte, daß ihn dies aus⸗ ſichtsloſe Girren, das ihm noch nicht einmal die Ein⸗ ladung zu einem Morgenbeſuche eingetragen, zu lang⸗ weilen anfange. Die Dinge in Spanien hatten eine Geſtaltung an⸗ genommen, die es wünſchenswerth erſcheinen ließ, daß in jenem entfernten Lande je eher deſto lieber ein ener⸗ giſcher, kräftiger Mann das Commando in die Hand nehme. Die Luſitanier beunruhigten lebhaft die den Römern unterworfenen Gebiete und es ging die Sage, daß ſie an einem kleinen, aber von einem geſchickten Führer geleiteten Piratengeſchwader, das ſich im Hafen von Vetulonia einiger römiſcher Fahrzeuge bemächtigt und die Balearen entlang den Weg um die Säulen des Hercules gefunden, ohne von der römiſchen Flotte, die ſich in einer ganz andern Richtung concentrirt hatte, behelligt zu werden, einen kräftigen Succurs fänden. Als nun Pompejus mit dem Gros der Flotte und den zahlloſen erbeuteten Piratenſchiffen von den Ge⸗ ſtaden Kleinaſiens, die er vollſtändig von den See⸗ räubern geſäubert, zurückkehrte und von Cäſar ver⸗ 108 nahm, daß ſich dieſer das Commando in Spanien wünſche, ſagte er: „Ich glaube ſelbſt, daß Du dem Staate in Spa⸗ nien in dieſem Augenblicke werthvollere Dienſte leiſten könnteſt als in Rom, wo die Dinge, Dank dem Bunde, den Du zwiſchen mir und Craſſus aufgerichtet haſt, einen glatten Verlauf nehmen werden. Laß mich daher im Senate beantragen, daß man das Jahr, das Du als Prätor in Rom zubringen ſollteſt, mit Rückſicht auf die außerordentlichen Umſtände kürze und Dich gleich in die Provinz entſende. Ich will es dann ſchon im Verein mit Craſſus ſo lenken, daß Dir jeden⸗ falls Spanien zufällt, das Loos mag entſcheiden, wie es will. Gibt es Dir eine andere Provinz, ſo tauſcheſt Du einfach; Du wirſt Wenige finden, die Spanien, wenn es ihnen der Zufall zuweiſen ſollte, nicht gern wieder loswürden und gegen eine Provinz eintauſchten, die ſich leichter und müheloſer verwalten läßt. Du kannſt alſo, wenn Du willſt, in acht Tagen auf dem Wege nach Spanien ſein. Eine andere Frage iſt es freilich, wie Deine junge Gemahlin die Botſchaft auf⸗ nehmen wird, daß Du ſie über Hals und Kopf ver⸗ laſſen willſt.“ „Pompeja müßte nicht Deine Nichte ſein“ ſagte Cäſar,„wenn ſie ſich nicht zu tröſten wüßte, ſobald S u⸗ ten de, aſt, her — Lu cht ſie hört, daß ihr Gatte geht, um ſich im Kriege gegen die Luſitanier Ruhm zu holen.“ Cäſar hatte ſich nicht geirrt; was er als leere Schmeichelei Pompejus zugeworfen, fand ſeine Beſtäti⸗ gung; Pompeja tröſtete ſich, als ſie vernahm, daß ſie ihr Gemahl einige Monate früher verlaſſen wolle, als ſie erwartet hatte. Verbittert, wie ſie durch die gemachten Erfahrungen war, kam ihr die Kunde, die ſie mit Leid erfüllt haben würde, wenn ihr Verhältniß zu Cäſar das alte, un⸗ getrübte geweſen wäre, faſt willkommen, weil ſie ſie der peinlichen Nothwendigkeit überhob, dem Gemahl gegenüber noch länger Harmloſigkeit heucheln zu müſſen. Die bevorſtehende Abreiſe veranlaßte Cäſar, einen letzten Beſuch bei der Wahrſagerin zu machen. Myrſa hatte ihr Aſyl bei Sagane bereits verlaſſen und ihren Aufenthalt in Bajä aufgeſchlagen, wo ihr die Dotation, die ihr der Senat ausgeworfen, einen Haushalt zu führen geſtattete, der, wenn er auch nicht ſo glänzend war wie jener, den ſie von ihrer Kindheit an im väterlichen Hauſe gewohnt geweſen, doch all ihren Wünſchen Befriedigung verlieh. Auch Urbilia war ſchon ſeit vierzehn Tagen zu ihrem Vater zurückgekehrt, der, durch Cäſar in klug an⸗ gebahnter Weiſe auf ihr mögliches Erſcheinen vor⸗ 110 bereitet, die verloren geglaubte Tochter mit offenen Armen empfing und Cäſar's Rath folgte, ſie mit allem Luxus, den ihm ſein großes Vermögen zugänglich machte, zu umgeben, damit er ſie ja an ſich feſſele und ihr die Herrlichkeiten Bithyniens vergeſſen mache. Der alte Mann wußte nicht, wie glücklich ſich ſein Kind ſchätzte, daß es wieder bei ihm ſein könne, und fürchtete daſſelbe zu verlieren, wenn er es nicht mit aller Aufmerkſamkeit behandelte. Was den Gemahl Pompeja's vor ſeiner Abreiſe nach Spanien noch einmal zu Sagane führte, ſtand aber auch außer aller Beziehung zu den Frauen, welchen ſeine Beſuche in den letzten Wochen gegolten. Seit Cäſar die Liebe der Schweſter ſeines Feindes Cato durch die koſtbare Perle erkauft hatte, zu deren Erwerbung er Epidius benutzt, war er öfter mit Ser⸗ vilia zuſammengekommen, die alle Rückſicht von ſich geſtreift, ſeit ſie ſich ihm zu eigen gegeben. Nicht einmal daran, daß er um Pompeja warb, nahm Servilia Anſtoß und fuhr fort, nach Art einer gewöhnlichen Buhlerin auch den Gemahl Pompeja's mit ihrer Liebe zu beglücken. Die Abweſenheit Cato's, der ſich wegen Kränklich⸗ keit monatelang auf ſeinem Landgute in Calabrien aufhielt, begünſtigte das Verhältniß. ——— Nun war aber Cato faſt in dem Augenblicke, wo Cäſar nach Spanien aufbrechen wollte, unerwartet von ſeiner entlegenen Beſitung nach Rom zurückgekehrt, wo dringende Geſchäfte ſeine Anweſenheit erheiſchten. Die Rückkehr des Mannes, der ihn haßte, ver⸗ ſchloß Cäſar mit einem Mal das Haus, dem er bis dahin ſo manchen geheimen Beſuch abgeſtattet hatte. Wenn Cäſar von Servilia Abſchied nehmen wollte, ſo mußte er mit ihr eine Zuſammenkunft an einem andern neutralen Ort verabreden, und als dieſer Ort empfahl ſich ihm wieder die Wohnung der Wahr⸗ ſagerin, die ihm bereits ſo treffliche Dienſte geleiſtet und in welcher er ſich von lauter verlaßlichen Menſchen umgeben glaubte. Insbeſondere traute er dem Magier unbedingt; ihn hatte er ſich auserſehen, eine geheime Botſchaft zu Servilia zu tragen, welche das ſchöne, üppige Mädchen zu einer letzten Zuſammenkunft bei Sagane einlud. ODropos flog mit dem Briefe zu Pompeja, ehe er ihn an Cato's Schweſter beſtellte. „Sieh, Herrin“ keuchte er athemlos, nachdem er Zutritt zu Pompeja gefunden,„ſieh einen neuen Beleg für die Verrätherei Sagane's! Dieſer Brief Cäſar's beruft Cato's ſchöne Schweſter in das Haus Sagane's! Zu ſolchen Dingen bietet Sagane die Hand! Ganz Rom weiß, um welchen Preis Cäſar Servilia's Liebe erkauft hat, und nun begünſtigt Sagane, Dir immer noch Ergebenheit heuchelnd, Zuſammenkünfte einer be⸗ rüchtigten Buhlerin mit Deinem treuloſen Gemahl.“ Pompeja konnte auch in dieſem Falle nicht zweifeln. Alſo nicht allein mit Myrſa und Urbilia hatte ſie Cäſar's Liebe theilen müſſen, es gab noch eine dritte Frau in Rom, die ſie insgeheim verlachte, die Cäſar's Lieb⸗ koſungen gelaſſen hinnahm, als ob es keine rechtmäßige Gemahlin Cäſar's gebe. Das war zu viel. Als ſich Clodius wenige Tage nach Cäſar's Abreiſe erkühnte, eine Lotosblume, in deren Kelche ein unum⸗ wundenes zärtliches Geſtändniß ruhte, in Pompeja's Hände gelangen zu laſſen, fand die zarte Gabe keine verletzende Zurückweiſung. Und als er es bald darauf wagte, in den Gärten, die Pompeja zu beſuchen pflegte, an dieſelbe heranzu⸗ treten und ihr ſeine Begleitung anzutragen, als ſie die Säulenhallen, welche die Gärten umgaben, entlang wandelte, wurde ihm ein aufmunterndes Lächeln zu Theil, das ihn entzückte und verwegenen Wünſchen Befriedigung in Ausſicht zu ſtellen ſchien. iſe un⸗ eine ten, zu⸗ die ng zu hen Neuntes Kapitel. Vor dem Feſte der guten Göttin. Im Hauſe des Pontifex Maximus ging es gar leb⸗ haft zu, obwohl der Hausherr abweſend und viele hundert Meilen von Rom entfernt war. Man ſchrieb den fünften December und das Feſt der guten Göttin war im Anzuge. Der Zeit nach fiel dieſes Feſt immer in den An⸗ fang des December, wenngleich es zu den beweglichen Feſten gehörte und der Tag deſſelben wechſelte. Seine Bedeutung war die eines Opfers und Ge⸗ bets für das römiſche Volk, daher es in dem Hauſe eines der höchſten Staatsbeamten, entweder des Con⸗ ſuls oder des Prätors, von deſſen Frau und zwar unter Mitwirkung der veſtaliſchen Jungfrauen dar⸗ gebracht wurde. Lucjan Herbert, Bis zum Rubjcon. IV, 8 114 Im letzten Jahre war der Schauplatz des Feſtes das Haus des Conſuls Cicero geweſen, deſſen ſtolze und vornehme Gemahlin einen guten Antheil daran hatte, daß Cicero auf die gleichſam ſtandrechtliche Ver⸗ urtheilung und Hinrichtung der Catilinarier Lentulus und Cethegus drang. In dieſem Augenblick erwartete man die Gemahlin Cicero's im Hauſe des Pontifex Maximus und Prätors Cäſar zu Beſuch, da es eine feſtſtehende Sitte war, daß die Frau, in deren Hauſe das Feſt der guten Göttin im letzten Jahre gefeiert worden, derjenigen, die diesmal auserſehen worden, die gute Göttin zu ehren, einen Beſuch abſtattete, um ihr die nöthigen Unter⸗ weiſungen zu geben, damit kein Verſtoß den Gang des Feſtes ſtöre, bei welchem nur ganz unbeſcholtene Frauen zugelaſſen wurden und Männer ſo wenig Zutritt fan⸗ den, daß, vollends bei dem nächtlichen Opfer, alles Männliche mit ſolcher Aengſtlichkeit entfernt wurde, daß ſelbſt ſolche Bilder, auf denen Männer oder Thiere männlichen Geſchlechts zu ſehen waren, verhängt wer⸗ den mußten. In dieſem Jahre hatte der Senat mehr die Frauen, die in Cäſar's Hauſe walteten, als Cäſar ſelbſt zu ehren gedacht, wenn er die Anordnung traf, daß das Feſt der guten Göttin in dem Hauſe ng ſe —— 115 des gerade in Spanien abweſenden Prätors gefeiert werde. Denn nicht blos, daß Cäſar's Mutter Aurelia bei dem Volk und Senat ihrer hohen Tugenden und ihres reinen Lebenswandels wegen in großem Anſehen ſtand, ſo erfreute ſich auch Cäſar's Schweſter Julia allgemei⸗ ner Achtung; endlich glaubte der Senat den aus dem Oſten ſiegreich heimkehrenden Pompejus zu ehren, wenn er befahl, daß das Opfer der guten Göttin in dieſem Jahre von ſeiner Nichte Pompeja dargebracht werde, die vor wenigen Monaten als jugendliche Hausfrau in Cäſar's Haus eingezogen war. Pompeja empfing die um Vieles ältere Gemahlin des Cicero, welche mit würdevoller Langſamkeit aus ihrer bedeckten Sänfte geſtiegen war, deren Vorhänge dicht zugezogen waren, an der Schwelle des Hau⸗ ſes, über welche ſie ſelbſt erſt kürzlich nach alter Sitte als Braut gehoben worden war, als ſie ihren erſten Eintritt in ihre neue Wohnung bewerkſtelligt hatte. Ueber der Hausthür hingen noch, wenn auch ſchon ganz welk, die Zweige, welche dieſe Thür in friſchgrü⸗ nem Zuſtande bei dem Einzug der Neuvermählten ge⸗ ſchmückt hatten. Dieſe welken Zweige bildeten einen ſcharfen Gegen⸗ 8* ſatz zu den grünen, mit welchen das Atrium heute zu Ehren der guten Göttin geſchmückt war. Die Schränke der Ahnenbilder, welche offen ſtanden, wie immer bei feierlichen Anläſſen, waren mit neuen glänzenden Teppichen ausgeſchlagen und Kränze waren hier und da ſichtbar. Indem Pompeja ihren Beſuch in ihr Gemach führte, folgten ihr keine Sklaven und Clienten in die innern Räume, wie dies ſonſt immer in dieſem auf großem Fuße lebenden Hauſe der Fall war, wo ein hundert⸗ köpfiger Schwarm dienſtbefliſſener Männer aller Lebens⸗ ſtellungen die Gebieterin zu umgeben pflegte. Heute waren eben alle Männer von dem Eintritt in das Haus ausgeſchloſſen, das ſich zu dem Feſte der guten Göttin ſchmückte. Das Auge Terentia's— ſo hieß die Gemahlin des Cicero— fiel nach dem Eintritt in Pompeja's Gemach zunächſt auf den Schrank, in welchem das viereckige feuerfarbene Kopftuch hing, das einen Haupt⸗ beſtandtheil des Brautſchmucks ausmachte und von den römiſchen Hausfrauen ſorgfältig aufbewahrt zu werden pflegte, da es neben dem eiſernen Ring, welchen der Bräu⸗ tigam ſeiner zukünftigen Gattin als Symbol der Treue ſchenkte, ein Erinnerungszeichen an die Vermählungsfeier bildete, das man ſich immer vor Augen zu halten ſuchte. en, len ren tte, ern en rt⸗ ns⸗ 117 „Ich wünſche Dir, meine holde Pompeja“, redete Cicero's Gemahlin die Hausfrau nach der erſten Be⸗ grüßung an,„daß Du das bevorſtehende Feſt unter freundlichern Umſtänden begehen mögeſt, als ich es im vorigen Jahre beging. Ich werde den vorjährigen fünften December nicht vergeſſen, und wenn ich noch ſo alt würde. Wir hatten eben der guten Göttin das übliche Sühnopfer in Geſtalt eines zarten Schweinchens dargebracht und das feierliche Gebet für das öffentliche Wohl, den Segen der Aecker und die Fruchtbarkeit der Matronen verrichtet und wollten uns nun jener aus⸗ gelaſſenen Fröhlichkeit hingeben, welche der guten Göttin ſo wohlgefällig iſt, als unſer Scherz plötzlich verſtummte, denn greller Fackelſchein erhellte, von der Straße kom⸗ mend, alle Räume. Draußen bewegte ſich der Zug, in deſſen Mitte die zum Tode verurtheilten Catilina⸗ rier einherſchritten, dem Gefängniß zu, in welchem die dem Tode geweihten Verbrecher aufbewahrt zu werden pflegen. Man hatte die Verurtheilten aus ihren bis⸗ herigen Wohnungen abgeholt und führte ſie über den Marktplatz jenem Gefängniſſe zu.“ „Ich kenne es, denn ich habe mich von meinem Oheim dahin führen laſſen“ warf Pompeja, wie von einem Schauer geſchüttelt, mit halblauter Stimme ein. „Es liegt am Fuße des Capitols und iſt zwölf Fuß tief in den Berg gebohrt. Man ſagt, daß das un⸗ heimliche Gewölbe vor Zeiten ein Brunnenhaus ge⸗ weſen ſei. Ich habe auch den unheimlichen Zug vom fünften December vor Augen, da auch mich in jener Nacht der plötzlich auflodernde Fackelſchein an das Fenſter lockte. Dein Gemahl führte den Lentulus, der Prätor den Cethegus, Wachen ſchritten ringsumher, da es hieß, daß man die Gefangenen befreien wolle. Nie⸗ mand wußte, ob man die letztern in einen andern Ge⸗ wahrſam oder zum Tode führe. Das Volk ſchrie wild durcheinander, begrüßte mit Jubel Deinen Gemahl, nannte ihn den Vater des Vaterlandes, den Mann, dem man verdanke, daß man in Rom wieder ruhig werde ſchlafen können.“ „Das Volk wußte nicht, daß ich es eigentlich ge⸗ weſen, die den Gemahl dahin gedrängt, ſeine Verdienſte um das Vaterland durch das rückſichtsloſe Vorgehen gegen die Catilinarier zu krönen“ ſagte Terentia mit Selbſtbewußtſein.„Aber laſſen wir die Todten ruhen und wählen wir einen heiterern Geſprächsſtoff, liebe Pompeja. In der nächſten Nacht haſt Du kein ähnliches Schauſpiel zu befahren, Rom iſt ruhig, es hat Muße, ſich mit dem Verſchwinden der Glyceria zu befaſſen.“ „Die Gemahlin des Senators Galbius iſt ver⸗ ſchwunden?“ warf Pompeja überraſcht ein. — 0 Terentia nickte mit dem Kopfe und ſagte: „Ihrem Manne geſchieht eigentlich Recht, denn er hat ſeine Frau durch unnöthige Eiferſucht gequält, ſo⸗ daß ſie, wenn ſie ausging, die Vorhänge ihrer Sänfte dicht verhängt haben mußte; ſelbſt aber griff er überall zu, wo Frauengunſt zu vergeben war.“ Terentia beachtete die Röthe nicht, die bei den letzten Worten auf Pompeja's Wangen aufflammte, und fuhr in ihrer Erzählung des neueſten Stadtklatſches fort: „Galbius hatte ein Liebesverhältniß über das andere, das letzte beſonders machte viel von ſich reden. Er lockte die Gemahlin des Senators Cocynthus, die als eine geborene Aegyptierin dem Cultus der Iſis anhing, in den Tempel dieſer Göttin, indem er den Prieſter der letztern beſtach, welcher der Frau, nach deren Beſitz es Galbius gelüſtete, einredete, der Gott Anubis wünſche eine nächtliche Zuſammenkunft mit ihr. Als die getäuſchte Frau zu nächtlicher Stunde in dem vorgeſchriebenen leinenen Gewande und mit auf⸗ gelöſtem Haare im Iſistempel erſchien, zeigte ſich ihr Galbius als Gott Anubis.“ Indem Terentia das Treiben des ſeiner Gemahlin ungetreuen Galbius ſchilderte, rang Pompeja mit ihrer Verlegenheit, für walche Terentia jedoch kein aufmerk⸗ ——— —,— —— 120 ſames Auge hatte, da ſie zu ſehr mit der Angelegen⸗ heit beſchäftigt war, die eben die vornehme Welt von Rom, Terentia obenan, in Athem hielt. „Und wie denn immer die ungetreuen Männer die größten Haustyrannen ſind“, fuhr die Gemahlin Cicero's eifrig fort,„und ihre Frauen nicht kurz genug halten können, ſo hat auch Galbius ſeine Frau wie eine Sklavin behandelt und ihr nur den Beſuch der Theater und Amphitheater geſtattet, weil in dieſen die Frauen getrennt von den Männern ſitzen. In den Circus durfte ſie nicht gehen, denn der eiferſüchtige Galbius wäre aus der Haut gefahren, wenn ſeine Gemahlin zufällig einen galanten Nachbar gehabt hätte, der ſich ein Vergnügen daraus gemacht hätte, ihr hier ein Kiſſen zurechtzulegen, dort ein Fußbänkchen herbeizu⸗ ſchaffen, oder ihr wohl gar Luft zuzufächeln. Aber wie eine Frau, die ihren Mann betrügen will, immer Mittel dazu findet, ſo kam auch die gute Glyceria in keine Verlegenheit, ihrem Manne die an ihr vielfach begangene Untreue heimzuzahlen. Den Circus hielt Galbius für gefährlich, weil dort Männer neben Frauen zu ſitzen kamen, von den Spaziergängen aber, die ſeine Frau in den Säulenhallen unternahm, während er im Senate war, hatte er keine Ahnung. Unter den Ar⸗ kaden aber geſellte ſich ein zierlicher Zitherſchläger zu 12¹ Glyceria, der kürzlich in einem Preiszitherſpielen im Theater den Kranz davongetragen hatte, und nun iſt die gute Glyceria zur unbeſchreiblichen Verzweiflung ihres Mannes mit dem leichtfüßigen Zitherſpieler über alle Berge.“ „Was wird Galbius machen?“ forſchte Pompeja mit ſtockender Stimme. „Was wird er machen!“ lachte Terentia.„Die Frau laufen laſſen und ſich auf ſeine Art tröſten. Ich wiederhole, es iſt ihm Recht geſchehen. Stirbt ſeine ungetreue Frau einmal, ſo kann er ihr auch auf den Grabſtein ſetzen laſſen, was ich kürzlich auf einer Reiſe nach Bajä auf einer Urne las: Am Tage ihres Todes habe ich Götter und Menſchen meinen Dank bezeigt. Aber, liebe Pompeja, laß mich doch jetzt Deine Vor⸗ bereitungen zum Feſte in Augenſchein nehmen; wir haben uns lange genug mit Nichtigkeiten beſchäftigt. Sage mir, hat Dir Dein Gemahl nie von den Feſten des Faunus erzählt, zu welchem Gotte die gute Göttin in ſo nahen Beziehungen ſteht, daß man ſie bald ſeine Tochter, bald ſeine Frau nennt?“ „Cäſar ſprach nie von dieſen Feſten.“ „Das wundert mich, da er als Flamen dialis an der Spitze des Collegiums der Luperci ſteht und dem Faun alljährlich einen Bock opfern muß im Lupercal. 122 Nach dem Bocksopfer werden zwei Jünglinge vorneh⸗ mer Abkunft herbeigeführt und von den Opferern mit blutigen Meſſern an der Stirn berührt, worauf Andere das Blut mit in Milch getränkter Wolle gleich wieder abwiſchen. Nach dem Mahle umgürten ſich die Lu⸗ perci mit den Fellen der geopferten Böcke, zerſchneiden andere Felle in Riemen und laufen dann den Palatin und die heilige Straße entlang, über das Forum und durch die ganze Stadt, bis auf dieſe Umgürtung ganz unbekleidet.“ „Ich dachte, Faunus würde nur im freien Felde verehrt“, wandte Pompeja ein,„in Höhlen oder in Hainen und durch heilige Bäume, wie zum Beiſpiel durch den wilden Oelbaum an der laurentiniſchen Küſte, an welchem die Schiffer nach glücklicher Rückkehr ihre Kleider dem guten Schutzgeiſt der Heimat zu weihen pflegen.“ „Dann laß Dir einmal von Deinem Gemahl von den Myſterien im Lupercal erzählen“, lachte Terentia. „Denn ſo nennt man die Faunus geweihte Höhle am palatiniſchen Hügel, die einſt, von mehr als einer Quelle tropfend, in einem dichten Gebüſch alter und heiliger Bäume lag und in welcher die Wölfin des Mars die Zwillinge Romulus und Remus geſtillt hat.“ neh⸗ nit dere eder Lu⸗ iden atin und gn 123 „Ich habe mir“ warf Pompeja ein,„lange ehe ich eine Ahnung davon gehabt, daß mein Gemahl als Flamen dialis im Lupercal Faun dienen und ich der guten Göttin, die man bald Faun's Gattin, bald ſeine Tochter nennt, in meinem Hauſe opfern würde, ganz andere Vorſtellungen von Faun gemacht. Ich hielt ihn für den guten Geiſt der Berge, Triften und Fluren, für den Befruchter des Ackers, des Viehs und der Menſchen, für den Stifter frommer und milder Sitte. Ich dachte mir ihn als Waldgeiſt, der im tiefen Walde hauſt, in verborgenen Höhlen oder an rauſchenden Quellen weiſſagt, Vögel fängt und Nymphen jagt, der dabei zuweilen mit gewaltiger Stimme aus dem Walde ruft, ſodaß er ſchon mehr als eine Schlacht dadurch entſchieden hat, daß er durch ſeiner Stimme Macht die Bruſt der Feinde mit paniſchem Schrecken erfüllt hat. Ich erinnere mich, daß mich meine Mutter, als ich noch ein Kind war, in einer Nacht mit aufs Feld nahm, wohin ſie die Wurzel der Waldpäonie zu ſuchen ging. Als ich ſie fragte, wozu ſie die Wurzel brauche, ſagte ſie: Gegen die Neckereien Faun's, der ſich zu⸗ weilen im Schlafe als Alp auf die Bruſt des Menſchen zu legen pflegt.— Und muß man die geheimnißvolle Wurzel in der Nacht ſuchen? fragte ich. Ja, entgegnete meine Mutter, denn wenn der Marsſpecht es bemerkte, 124 daß man nach der Wurzel gräbt, würde er dem nach ihr Grabenden die Augen aushacken.“ „Haſt Du nie den Hain von Albunea bei den Waſſerfällen von Tibur geſehen, in welchen ſich König Latinus, von böſen Geiſtern erſchreckt, begab?“ forſchte Terentia.„Dorthin ging früher der Prieſter, um Faun fromme Gaben darzubringen, Schafe zu ſchlachten und ſich auf ihren Fellen ein Lager zu bereiten, worauf er viele wunderbare Geſichte ſah und viele ſeltſame Stim⸗ men im Geſpräche mit den Göttern hörte. Als nun auch König Latinus in dieſem Haine that, wie alle zu thun pfleg⸗ ten, die dahin wallfahrteten, hörte er eine Stimme aus dem Gipfel der Bäume, die ihm befahl, ſeine Tochter nicht dem Turnus zu geben, ſondern ſie dem Fremd⸗ ling aus weiter Ferne aufzubewahren. Später pilgerte Numa, der Liebling der Egeria, in dieſen Hain von Albunea, wenn er den Geheimniſſen der Götterwelt auf die Spur kommen wollte. Eines Tags belehrte ihn Faunus dort, wie die Erde durch ein Opfer von zwei Kühen verſöhnt werden müſſe, damit die alte Fruchtbarkeit ſich wieder einfinde. Der König hatte, damit ſich ihm Faunus im Traume offenbare, zwei Schafe an Ort und Stelle geſchlachtet, eins dem Faunus, das andere dem Schlafe. Beide Felle hatte er auf der bloßen Erde ausgebreitet, dann ſein Haupt — 5 t 125 zweimal mit dem Waſſer der Quelle beſprengt, zwei Kränze von Buchenlaub geflochten, dieſelben ſich ums Haupt gewunden, gebetet, ſeinen Ring abgelegt und ſich endlich zum Schlafe auf die Felle ausgeſtreckt. In der Nacht kam Faunus, betrat die Felle und flüſterte Numa das Opfer ins Ohr, durch das er die Unfruchtbarkeit des Jahres in ihr Gegentheil verwan⸗ deln konnte.“ In dieſer Art weihte die Gemahlin Cicero's die unerfahrene Pompeja in die Geheimniſſe des Cultus jener Gottheit ein, deren Prieſterin die letztere in der nächſten Nacht ſein ſollte, und ließ ſich dann von Pompeja zu dem Altar geleiten, welcher im Hauſe an bevorzugter Stelle der guten Göttin errichtet worden war. Das Bild der guten Göttin hielt in der linken Hand ein Scepter, weil man ihr gleich der Juno eine königliche Gewalt zuſchrieb, wie ſie denn auch mit Juno die Eigenſchaft theilte, daß ſie weſentlich eine Göttin weiblicher Empfängniß war. Ueber dem Bilde der Göttin wölbte ſich eine zier⸗ lich geflochtene Weinlaube, und ein verdeckter Weinkrug, den eine aus Holz geſchnitzte Schlange umzüngelte, ſtand im Schatten dieſer Laube. Terentia überſchaute die ganze Einrichtung des — 126 Altars kundigen, prüfenden Blicks, äußerte ihr Wohl⸗ gefallen und ſagte: „Sorge nur dafür, gute Pompeja, daß ſich kein Myrtenzweig in die Nähe des Altars verirre. Du wirſt wiſſen, daß auch in dem Tempel der guten Göttin, der am Abhange des Aventin gegen die Piscina publica hin unter dem Felſen gelegen iſt, auf welchem Remus die Vögel beobachtete, kein Myrtenzweig zu ſehen iſt.“ „Ich war vor einigen Tagen in dieſem Tempel der guten Göttin, um mich auf die Feier in meinem Hauſe vorzubereiten“ nickte Pompeja mit dem Kopfe.„Die Prieſterin, welche dieſen Tempel hütet, erzählte mir, daß an der Stelle dieſes Heiligthums urſprünglich auch ein ſchattiger Hain mit einer reichlich fließenden Quelle geſtanden habe und daß die Sage geht, daß Hercules, deſſen Heiligthümer an der andern Seite des Aventin lagen, bei ſeinem Aufenthalte in Rom dürſtend einen Labetrunk aus der Quelle verlangt habe, aber als Mann von der Prieſterin der guten Göttin und den Frauen, die in deren Tempel eben Opfer darbrachten, mit Abſcheu zurückgewieſen worden ſei, weshalb nun auch ſeinerſeits Hercules befahl, daß keine Frauen bei ſeinem Gottesdienſte zugelaſſen werden ſollten.“ „Wenn Du in dem Tempel der guten Göttin warſt“, bemerkte Terentia,„ſo wirſt Du auch die zahmen ohl⸗ kein Du ttin, lica mus ſt“ der auſe Die mir, auch uelle ules, ntin inen als den hten nun hei nſt“ men 3 3 —— ————————— 127 Schlangen bemerkt haben, die man dort füttert und die auf dieſem Hausaltar durch die den Krug ſich hinanſchlängelnde hölzerne Schlange ſymboliſirt werden. Dieſe Schlange, der Weinkrug und der verpönte Myr⸗ tenzweig beziehen ſich insgeſammt auf die Sage, die man Dir wohl im Tempel der guten Göttin erzählt haben wird.“ Pompeja nickte wieder mit dem Kopfe und ſagte: „Die Veſtalin, welche den Tempel der guten Göttin hütet, ſprach mir von einer Doppelſage. Nach der einen, welche annimmt, daß die gute Göttin die Frau des Faun ſei, hat die gute Göttin heimlich einen ganzen Krug ſüßen Weins geſchlürft und ihr Gemahl hat ſie darauf zur Strafe mit einer Myrtenruthe ge⸗ ſtrichen. Darum durften die römiſchen Frauen in frü⸗ herer Zeit keinen Wein trinken. Nach der zweiten Sage, welche die gute Göttin zu einer Tochter Faun's macht, hat ſich der Vater in ſeine eigene Tochter ver⸗ liebt und ſie, als ſie ihm Widerſtand leiſtete, mit Myrtenruthen gezüchtigt, ſie dann berauſcht und, als auch dieſes nichts half, ſich ihr in Geſtalt einer Schlange genähert, das Beiſpiel Jupiter's nachahmend, der als Schwan zu Leda kam.“ „Hat Dir die Veſtalin nicht auch den Sinn ent⸗ hüllt, der in der zweiten Sage liegt?“ forſchte Terentia. 128 Pompeja ſchüttelte mit dem Kopfe. „Dann laß mich Dir die Sache erklären. Die Myrtenzweige, mit denen Faun die Fauna oder gute Göttin ſtreicht, ſind ein Bild der Befruchtung, welche im Frühling von dem ſchöpferiſchen und zaubernden Geiſte der Berge und Wälder ausgeht und in der jungfräulichen Erde einen neuen Trieb zu allem Wachs⸗ thum erweckt. Daſſelbe gilt von dem Genuſſe des Weins, mit welchem Faun die gute Göttin trunken macht, denn nun beginnen die Quellen wieder zu ſtrö⸗ men und die Blätter zu rauſchen, und die ganze Natur wird von dem trunkenen Taumel der Liebe ergriffen. Die Schlange aber iſt ein Bild des ſchaffenden Genius und der ewigen Verjüngung und Erneuerung des Jahres.“ Nachdem Terentia ſich überzeugt hatte, daß Alles, was ſich um die bevorſtehende Feier drehte, in Ordnung war, lenkte ſie, ehe ſie ſich aus dem Hauſe entfernte, das Geſpräch noch einmal auf den Stadtklatſch und ſuchte Pompeja für denſelben zu erwärmen, indem ſie ſagte: „Weißt Du, liebe Pompeja, wen ich vorgeſtern bei Deiner Tante traf? Du wirſt es nicht errathen— die Hiſtonia. Die Arme! Sie ſoll infolge ihres ver⸗ ſchwenderiſchen Lebenswandels ſchon ſo herabgekommen iffen. nius Ulles, nung rnte, und 1 hei vel⸗ nmen 129 ſein, daß ſie ſich, wenn ſie ins Theater geht— denn das Theater kann ſie noch immer nicht laſſen— Kleider, Gefolge, Tragſeſſel, Kopfkiſſen ja ſelbſt die Zofe miethet.“ „Du ſcherzeſt wohl?“ warf Pompeja ein. „Ich wiederhole nur, was die böſe Welt ſpricht“, ſagte Terentia, mit den Achſeln zuckend.„Ich erinnere mich noch recht lebhaft, wie Hiſtonia einen golddurch⸗ wirkten Mantel trug und unter ihrer Clientenſchaar einen Philoſophen hatte, der ihr bei ihren Spazier⸗ gängen unter den Säulenhallen den Sonnenſchirm nachtrug und, wenn ſie nach Bajä reiſte, mit dem Tänzer, Koch und Haarkräusler in den letzten Wagen gepackt wurde. Jetzt trägt die arme Hiſtonia das Schvoshündchen ſelbſt, das ſie in ihren glänzenden Tagen regelmäßig ihrem Hausphiloſophen zu hüten gab.“ So die Lauge des Spotts über Frauen ihrer Be⸗ kanntſchaft ausgießend, näherte ſich die Frau des Mannes, den das Volk, als er es von einer an⸗ geblich großen Gefahr befreit hatte, in momen⸗ taner Aufwallung den Vater des Vaterlandes ge⸗ nannt, langſam ihrer Sänfte, die ſie über das ſchwarze Baſaltpflaſter der Stadt einem andern Hauſe zuführte, wo ſie ihre Beſtrebungen, Roms Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. IV. 6 130 Frauen zu bereden, mit erneutem Eifer wieder auf⸗ nahm.*) *) Terentia, die Gemahlin Cicero's, eine Halbſchweſter der Veſtalin Fabia, verband ſich mit Cicero wahrſcheinlich in den Jahren 674—680 nach Erbauung der Stadt Rom. Genau ver mag ſelbſt der gelehrte Roskow in ſeinem Werke üher Cicero das Jahr nicht anzugeben. In der politiſchen Geſchichte wird ihr Name zuerſt aus Anlaß der catilinariſchen Verſchwörung genannt, gegen deren Theilnehmer ſie die Maßregeln der Strenge gefördert haben ſoll, was auch Mommſen ausdrücklich beſtätigt. Durch das Gerücht beſchuldigt, daß ſie aus Eiferſucht gegen eine Schweſter des Publius Clodius, deſſelben Elodius, den der Leſer in der von dem Magier Oropos geleiteten Intrigue gegen Pompeja kennen gelernt hat, ihren Gemahl zur Zeugenſchaft gegen Clodius in der Proceßſache, die der Leſer in der Anmerkung des nächſten Kapitels beleuchtet findet, angeſtiftet, hatte ſie jedenfalls die Folgen der Feindſchaft des Clodius mitzubüßen und ward nach dem Abgang ihres Gemahls in die Verbannung für die Auslieferung des baaren Vermögens in Anſpruch genommen und zu dieſem Ende aus dem Tempel der Veſta, wohin ſie ſich Gu ihrer Halbſchweſter Fabia) geflüchtet, zu der Valeriſchen Wechſel bank geführt. Die Entdeckung, die der heimgekehrte Conſular Cicero machte, daß es in ſeinem Hausweſen nicht beſſer ſtehe als im Staats⸗ weſen(Cic. ad Famil. XVI), wirkte für die Gemahlin nicht günſtig, und als ſich Cicero's finanzielle Verlegenheiten häuften, ſcheint ſich das Verhältniß der Gatten vollends ſchlimm geſtaltet zu haben. Cicero verlangte daß Terentia ihr Teſtament mache, und hatte die Abſicht, ſich von ihr zu trennen. Er nannte ſie unredlich u. ſ. w. Die Ehe wurde ſpäter wirklich getrennt. Die Geſchiedene heirathete zuerſt Salluſtius, den Feind Cicero's, und in dritter Ehe den Meſſala Corvinus. er der n den u ver ro das ſt aus deren en ſoll gegen en der geen tgegen ing de denfal ward füt di en und echſel machte — 6 Stut nicht 131 Nach Plinius wurde dieſes Weib 103 Jahre alt. Von hohem Intereſſe iſt, wenn es auch nicht ſtreng hierher gehört, was Roskow über die Eröffnung des Grabmals Tullia's, der Tochter Cicero's, erzählt, die im vierzehnten Jahrhundert der chriſtlichen Zeitrechnung ſtattfand. Man fand in dem Grabgewölbe eine brennende Lampe, die in dem Augenblick erloſch, als man eintrat, die alſo 1400 Jahre gebrannt hatte. Die Römer ſollen ein Harz gekannt haben, das ungemein langſam abtropfte und über alle Begriffe lang eine Flamme nährte. Wenn vas richtig iſt, dann kann man ſich nur von Staunen und Bewunderung über eine auch materielle Cultur erfaßt fühlen, die nicht ihres gleichen hat in der modernen Welt. Zehntes Kapitel. Das Harfenmädchen. Während ſich das Haus Cäſar's zu dem Feſte der guten Göttin ſchmückte, fand ſich der Magier Oropos bei Clodius ein. Er trug ein Päckchen unter dem Arme, das er ſchlau mit dem Auge zwinkernd, Clodius mit den, Worten überreichte: „Hier bringe ich Dir, Clodius, was Dich zum Ziele bringt! Die hunderttauſend Seſterzien ſind ſo gut wie gewonnen, morgen hole ich mir ſie!“ „Du biſt ein Narr, Oropos!“ lachte Clodius, das Päckchen betaſtend.„Was ſteckt in dem Umſchlage?“ „Ein Frauengewand!“ „Was ſoll ich damit?“ fragte Clodius verwundert. „Anlegen ſollſt Du es!“ lautete die lakoniſche Antwort. 133 „Es iſt kein Zweifel, Du biſt toll geworden!“ rief Clodius.„Was geht in Deinem verrückten Hirn vor?“ „Du willſt doch Pompeja's Liebe gewinnen?“ drängte Oropos.„Du haſt das Liebesgirren aber ſatt und ſtrebſt eine geheime Zuſammenkunft mit Pompeja an, das Haus Cäſar's bleibt Dir jedoch unter gewöhn⸗ lichen Umſtänden unzugänglich, weil Aurelia's ſcharfes Auge die Zugänge bewacht, weil Mutter und Schweſter des Hausherrn dafür ſorgen, daß die Hausehre dieſes letztern keinen Schaden leide. Bei Tage kannſt Du alſo nicht zu Pompeja dringen, ſelbſt wenn ſie Dich liebte, und daß ſie Dich zu lieben angefangen, dafür ſpricht, wie Du ſelbſt ſagſt, ihr verändertes Benehmen gegen Dich. Darf ſie Dir auch nicht ihr Haus öffnen, weil ſie ſich doppelt überwacht weiß, weil Mutter und Schweſter Cäſar's wie ein Doppel⸗Cerberus die Pforte hüten, ſo weiſt ſie doch nicht mehr Deine Huldigungen zurück. Es gilt alſo, den letzten, entſcheidenden Sturm zu wagen und dabei die Nacht zu Hülfe zu nehmen, da ſich der Tag Dir unfreundlich erweiſt. Von allen Nächten des ganzen langen Jahres eignet ſich aber keine zweite ſo zu dem kühnen Unternehmen wie diejenige, welche jetzt bald anbrechen wird. In Cäſar's Hauſe feiert man heute Nacht das Feſt der guten Göttin. Aurelia und Julia werden bei der Opferung 134 beſchäftigt ſein und mit den Heiligthümern vollauf zu thun haben, kein männliches Weſen wird ſich in dem weiten Hauſe befinden, Niemand wird Dir den Zutritt ſtreitig machen, wenn Du in klug gewählter Maske vor den Pforten erſcheinſt. Das Haus wird von fremden Gäſten, von Matronen, veſtaliſchen Jung frauen, Tänzerinnen und Harfnerinnen wimmeln, auf eine Perſon mehr oder weniger kommt es in dieſem Durcheinander von Frauen aller Sorten nicht an, wenn dieſe Perſon nur auch eine Frau iſt; Dir aber wird es mit Deinem zarten, bartloſen Geſichte und Deiner zierlichen Figur nicht ſchwer werden, die Rolle einer Frau zu ſpielen. Begreifſt Du nun, was dieſes Frauengewand bedeuten ſoll?“ „Ich fange in der That an zu begreifen und ſtaune, wie erfinderiſch die Ausſicht auf hunderttauſend Seſterzien den Menſchen machen kann!“ lachte Clodius, das Ge wand muſternd, das ihm der Magier gegeben hatte. „Und was ſeh' ich! Wie es ſcheint, ſoll ich die Rolle eines Harfenmädchens ſpielen? Nicht übel, bis auf den Umſtand, daß ichenie eine Harfe in der Hand gehabt habe, daß ich daher auch keine beſitze—“ „Ich beſorge eine!“ fiel der Magier dem Andern in die Rede. „Willſt Du ſie auch für mich ſchlagen, wenn man — ieſem an, abet und Rolle dieſes aune, etzien hatte⸗ Rolle f den ehabt ndern man — mich zwingen ſollte, ſie zu ſpielen?“ erkundigte ſich Clodius lachend. „Du ſtellſt Dir Alles viel zu ſchwierig vor“ meinte Hropos.„Die Harfe ſoll Dir nur den Zutritt in das Haus vermitteln. Im Atrium wird Dich eine Sklavin Pompeja's erwarten, die ich gewonnen habe; ſobald Du das Atrium betreten haſt, brauchſt Du nur den Namen Aura zu murmeln und Du wirſt alsbald ge⸗ wahr werden, daß Dir eine der daſelbſt anweſenden Stlavinnen einen Wink geben wird. Folge dieſem Winke, eile Aura nach, ſie wird Dich in ihr Gemach führen, Dich dort verſtecken und der Herrin gewiſſenhaft zu⸗ tragen, was Du ihr anvertrauſt. Wenn Du aber durch Aura der Gemahlin Cäſar's die Mittheilung zugehen läßt, daß Du es gewagt, in ihr Haus zu dringen, ſo zweifle ich nicht, daß Pompeja, wenn nicht die Liebe, ſo doch gewiß die Angſt, daß man Dich ent⸗ decken könnte, zu Dir treiben wird; dann aber liegt es nur an Dir, den günſtigen Augenblick auszunutzen.“ Der Magier ſchilderte das Unternehmen ſo leicht und hatte ſo für Alles, was das Gelingen deſſelben unterſtützen konnte, vorgeſorgt, daß Clodius nicht ein⸗ mal der verwegene Geſelle, der er in Wirklichkeit war, hätte ſein müſſen, um an dem Abenteuer Ge⸗ ſchmack zu finden. 136 Ohne viel zu überlegen, rief er: „Wohlan, ich will Deinen Rath befolgen! Er iſt nicht weiſe, das ſehe ich wohl, aber Clodius hat auch nie nach dem Ruhme geſtrebt, ein weiſer Mann zu heißen! Es kitzelt mich, zwei ſo vorſichtige Weiber wie die alte Aurelia und die junge Julia hinters Licht zu führen und an dem übermüthigen Cäſar, der mir Pompeja weggekapert hat, mein Müthchen zu kühlen. Schaffe die Harfe, Oropos, und hilf mir dann, mich in ein Harfenmädchen zu verwandeln!“ „Ich will Dein Geſicht anſtreichen, daß kein Menſch einen Mann in Dir erkennen ſoll!“ jubelte der Magier. „Ich fliege, die Harfe zu beſchaffen, Du aber wirſt gut daran thun, inzwiſchen die hunderttauſend Seſterzien zu zählen, die ich mir morgen holen will; das wird Dein Blut abkühlen und Dir vollends die Ruhe und Sicherheit geben, die Du brauchſt, um Deine Rolle geſchickt durchzuführen.“ Wenige Stunden ſpäter ſtand Clodius als Harfen⸗ mädchen verkleidet vor Cäſar's Hauſe, und im Atrium dieſes Hauſes, in das er Dank ſeiner Verkleidung un⸗ gehindert eintreten konnte, that das Schlagwort, das ihm der Magier gegeben, wirklich ſeine Schuldigkeit. Die Sklavin Aura war da, winkte ihm, kaum daß er ihren Namen geflüſtert, und führte ihn durch eine Reihe — r iſt auch nzu eiber nters rfen tiun un⸗ gleit ß el ſeihe 137 dunkler Gänge immer weiter ab von den Räumen, in welchen die vornehmſten Frauen Roms unter der An⸗ leitung der ehrwürdigen Matrone Aurelia und unter der Aſſiſtenz der veſtaliſchen Jungfrauen der guten Göttin durch Opfer, Geſänge, Tänze und Spiele ihre Huldigungen darbrachten. Clodius wollte in Aura's Gemach die Antwort Pompeja's auf die neue Liebeserklärung, die er ihr durch Aura zugehen ließ, abwarten und ſchmeichelte ſich mit der Hoffnung, daß Pompeja ihm dieſe Antwort ſelbſt bringen und ſo ſeine Sehnſucht nach ihrem Be⸗ ſitze nach langem Harren endlich Befriedigung werden würde. Aura, welche die Botſchaft, die ſie übernommen, lange nicht an ihre Adreſſe bringen konnte, weil die Ceremonien eben zu einem Punkte gediehen waren, wo die Anweſenheit und Betheiligung der Hausfrau un⸗ umgänglich nöthig war, kam lange nicht zurück, viel zu lange für die Ungeduld des Clodius, der ſich von peinlicher Langerweile erfaßt fühlte und den Raum, der ihm ein ſicheres Verſteck bot, verließ, um einen Ausflug in die nächſtgelegenen Theile des Hauſes zu unternehmen. Die Hoffnung, in den dunklen Gängen, durch die er in dieſen abgelegenen Theil des Gebäudes gekommen, — 138 Aura oder wohl gar deren Herrin zu begegnen, leitete ihn; ſeine ſteigende Ungeduld ließ ihn aber zuletzt alle Vorſicht, die an dieſem Orte und in ſeiner Lage ſo dringend geboten war, vergeſſen und führte ihn end⸗ lich ganz ab von den Wegen, auf denen er ſich mit Sicherheit bewegen konnte. Hellere Räume ſtrahlten ihm entgegen, er hörte Muſik und Geſang, welche beide ſich in mitunter bacchan⸗ tiſchen Rhythmen bewegten, und als er, nun doch ängſtlich geworden, wieder den Rückweg in die ent⸗ legenern, ſtillern Räume antreten wollte, wurde er zu ſeinem Schrecken inne, daß er ſich verirrt habe. Unſicher mit ſeinem Inſtrumente hin und her eilend und Aura's Gemach ſuchend, das er ſo leichtſinnig ver⸗ laſſen hatte, lief er einer Sklavin in die Arme, die ihn, angeſteckt von dem bacchantiſchen Uebermuthe, der ein Merkmal der nächtlichen Feſte der guten Göttin war, bei denen ſich die Frauen Roms unter ſich austobten, aufforderte, ihr etwas auf der Harfe vorzuſpielen. Clodius ſuchte ſich der Frau, die in der feſten Mei⸗ nung, eine Geſchlechtsgenoſſin vor ſich zu haben, ihren Arm um ſeine Taille geſchlungen hatte, zu entwinden. Sein Schweigen, ſein ängſtliches Bemühen, ſich los zu machen, das Eckige, Unweibliche ſeiner Bewegungen endlich, das Alles weckte den Argwohn der Sklavin, er zu eilend 9 vel⸗ dle e, der war, obten . Mei ihren indel⸗ 5 105 ungen lavin, 139 ſie ließ das Harfenmädchen fahren, verfolgte aber daſſelbe, als es ſich haſtigen Schrittes davonſchleichen wollte, um ſich wieder in den dunklern Partien des Hauſes zu verlieren, mit den Augen und ſchrie, als ſie die großen Schritte erblickte, mit denen ſich das Harfen⸗ mädchen entfernte, laut, daß es durch alle Räume des geräuſchvollen Hauſes gellte: „Ein Mann, ein Mann, ein als Harfenmädchen verkleideter Mann iſt da! Ich habe ihn geſehen, ich habe ſeine Hand in der meinigen gehalten. Schließt die Thore des Hauſes, hört mit den Opfern, Geſängen und Tänzen auf, ſtellt die Spiele ein; ein Mann iſt da, ein Mann iſt unter uns!“ Es entſtand ein Zuſammenlauf, da die Sklavin nicht aufhörte, ihren Verdacht in die Welt hinauszu⸗ rufen; Aurelia verhüllte die Heiligthümer, Pompeja, welche mittlerweile des Elodius Brief erhalten, lehnte, den Zuſammenhang der Dinge oberflächlich errathend, einer Ohnmacht nahe da, während Aura dahinflog, um das Pſeudo⸗Harfenmädchen womöglich aufzufinden und in Sicherheit zu bringen. Clodius durchirrte mittlerweile mit ſeiner Harfe rathlos das aufgeſtürmte Haus, das er bis in ſeine entlegenſten Winkel ſich plötzlich beleben und mit un⸗ heimlicher Helle erfüllen ſah. — —= 140 Er ſchien verloren, als ihm ſein guter Stern zu⸗ fällig Aura entgegenführte, die ihn mit ſich fortriß und in athemloſer Haſt auf Umwegen von neuem zu ihrem Gemache führte. Aber ſeine Sicherheit war von kurzer Dauer. Aurelia hatte Hunderte von Fackeln herbeiſchaffen laſſen und die zahlloſen Frauen, welche noch vor einer halben Stunde in ungebundener Harmloſigkeit der guten Göt⸗ tin geopfert hatten, durchſtöberten jetzt, die Nacht in Tages⸗ helle verwandelnd, alle Räume des weitläufigen Hauſes, deſſen Ausgänge ein Heer von Sklavinnen bewachte. Clodius wurde aus ſeinem Verſtecke hervorgezogen und, ſobald man ihn erkannt hatte, mit Flüchen und Verwünſchungen überſchüttet, mißhandelt und zur Thür hinausgeſtoßen. Das Feſt der guten Göttin hatte eine Unterbrechung und einen Abſchluß gefunden, von welchem hundert Frauen, das entweihte Haus eilig verlaſſend, die Kunde in alle Quartiere der großen Stadt trugen, hämiſch hinzufügend, daß die Verſtörtheit der jungen Hausfran keinem Zweifel Raum gebe, daß der ſtandalöſe männliche Beſuch ihr gegolten habe.*) *) Höchſt intereſſant iſt der Proceß, welchen der in dieſem Kapitel geſchilderte Vorgang in Cäſar's Hauſe zur Folge hatte. Wir wollen Meißner ſprechen laſſen, der in ſeinem Leben Cäſar's ſagt: nzu⸗ ortriß m zl Muer. laſſen alben Göt⸗ ages⸗ auſes, e. ogen und Thür chung ndert ſunde miſch sfral lich dieſen ſah ——— ————— 141 „Nochſichtig genug pflegte ſonſt das verfeinerte Rom die Liebeshändel junger Frauen und ſchwelgender Patricier zu be urtheilen. Jene Zeiten, wo jeder Fehltritt gegen eheliche Treue vor dem Richterſtuhl des Gemahls mit dem Tode der Verbrecherin oder wenigſtens im Eirkel ihrer Mitbürger durch lebenslängliche Verachtung beſtraft wurde, waren längſt unwiederbringlich dahin. Ein Scheidebrief war das Aeußerſte, was dem gekränkten Gatten übrig blieb, und der Buhler, wenn er zu ſeiner Sträflichkeit auch Langſamkeit gefügt hatte, wenn er nicht als Ertappter von des Ehemanns willkürlicher Rache gezüchtigt worden, konnte ſicher vor jeder geſetzlichen Ahndung ſchlafen. Doch weit, unendlich weit war der Fall des Clodius von einem gewöhnliche Muthwillen unterſchieden. Nicht als einen blos wollüſtigen Plan, ſondern als eine offenbare Ruchloſigkeit, nicht als eine Beleidigung, die Cäſar allein, ſondern nebſt ihm dem ganzen Staate widerfahren ſei, be trachtete Roms größere Menge die That des Clodius. Eine der erſten Gottheiten Roms hielt man für gekränkt; eine der ehr würdigſten, gleichſam zu des Staates Palladien gerechnete Hand lung war entweiht worden. Der abergläubiſche Pöbel bebte vor einer nahen Strafe der rächenden Gottheit, und ſelbſt die Ge ſcheidtern im Volke ärgerten ſich über eine Sittenloſigkeit, der nichts mehr unverletzlich ſei. Das Collegium der Pontifexe, vom Senat befragt, erklärte öffentlich das Unterfangen des Wüſtlings für eine den Zorn des Himmels weckende Entheiligung, und den Con ſuln ward aufgegeben, den Frevler vor ein Volksgericht zu ſtellen. Bei ſo ungünſtigen Vorbedeutungen enttfiel dem ſonſt trotzigen Jüngling beinahe der Muth. Vergebens ſuchte ein von ihm be ſtochener Volkstribun, G. Julius Catenus, den ganzen Handel zu unterdrücken. Vergebens bemühte ſich der Conſul Piſo, den Se nat zu Gunſten des Angeklagten zu lenken, vergeblich warf ſich Clodius ſelbſt endlich auf die erniedrigendſte Art einem jeden ein zelnen Senator zu Füßen. Zu allgemein war gegen ihn jetzt noch die Erbitterung. In der Rathsverſammlung ſtimmten nur fünfzehn für ſeine Verſchonung und nahe an vierhundert für ſtrenge Unter ſuchung. Gleichwohl hatte EClodius auch jetzt ſchon viel gewonnen 142 Aufſchub. Indeß man ſich ſtritt, wer ihn richten ſollte, das verſammelte Volk oder ein eigens dazu niedergeſetztes Gericht, wußte er ſchlau genug durch ungeheure Beſtechungen, durch ge⸗ heuchelte Anhänglichkeit an die Volkspartei, durch tauſend ebenſo ſchleichende als niedrige Wege ſich wieder einigen Anhang zu ver ſchaffen; und als nun auf des Hortenſius Vorſchlag der ganze Proceß einem Ritterausſchuß übergeben wurde, als dieſe Ritter, um die Sache ja recht ernſtlich und furchtlos betreiben zu können, eine Wache gefordert hatten, die ſie vor jeder Störung, vor jeder Gewaltthat beſchützen ſollte, als Zeugen aufgetreten waren, über jeden Verdacht des Irrthums und der Verfälſchung erhaben, als endlich die Schuld des Beklagten klarer als das Tageslicht daſtand, da fiel die Entſcheidung ſo aus, wie ſie vor einem erkauften Tribunal ausfallen mußte. Fünfundzwanzig Richter, redlicher und minder ſchamlos als die übrigen, verurtheilten den Verbrecher, einunddreißig ſprachen ihn los. Der gerechte Unwille aller Biedermänner traf die einunddreißig. Catulus fragte einen derſelben öffentlich, ob ſie ſich deshalb eine Wache erbeten hätten, damit ihnen das Gold, womit ſie erkauft worden, nicht geſtohlen würde. Aber ihr Ausſpruch galt.“ Das Gemälde, das Cicero von dieſen Richtern entwirft, iſt ſprechend genug. In einem Briefe an Atticus ſagt er: „Nie ſaß an einem Spieltiſche ein ſchändlicheres Häuflein Menſchen beiſammen; ſchmuzige Senatoren, nackte Ritter, ver⸗ ſchuldete Tribunen; nur einige Redliche, die Clodius nicht auszu ſchließen vermocht hatte, befanden ſich unter ihnen. Traurig ſaßen ſie unter ſo ungleichartigen Genoſſen, befürchtend, daß auch ſie die Seuche der Schmach ergreife.“ Cicero fungirte nämlich ſelbſt als Zeuge in dem Proceſſe. Da Clodius ſeine ganze Vertheidigung auf die Behauptung ein⸗ ſchränkte, er ſei damals von Rom weggeweſen, da er Zeugen erkauft hatte, die es beſchwören wollten, ihn an dieſem Tage zu Interamma, drei Tagereiſen von Rom, geſprochen zu haben, ſo beſchwor Cicero gegentheilig, daß Clodius an demſelben Morgen bei ihm in ſeinem Hauſe geweſen ſei. — das richt, h ge henſo ver ganze itter, Rnen, jeder über al Slicht inen chter, den wille einen ätten tohlen t, iſt uflein ver⸗ uszl aurig auch oeeſſe ein eugen Tuh aben ſelön E 143 „Aufmerkſam waren“— wir laſſen nun wieder Meißner ſprechen—„wie man leicht begreifen kann, auf Cäſar bei dieſem Rechtshandel aller Augen gerichtet und überraſchend war für den größten Theil ſein Verhalten geweſen. Er hatte ſich gleich, ſobald er von jenem entehrenden Vorfalle Kunde erhalten, von Pompeja geſchieden. Seine eigene Mutter Aurelia und ſeine Schweſter Julia hatten beim öffentlichen Verhör die beſtimmteſten eidlichen Zeugniſſe abgelegt. Dennoch, als er nun ſelbſt aufgefordert wurde, ſchriftliche Zeugenſchaft abzulegen, entſchuldigte er ſich damit, daß ihm, da er abweſend geweſen, von allem Vorangegan⸗ genen nichts Gewiſſes bekannt ſein könne. Auf die Frage, warum er ſich denn von ſeiner Gemahlin geſchieden habe, erwiderte er? Weil die mir Angehörigen nicht blos unſchuldig, ſondern auch ver⸗ dachtlos ſein ſollen. Elodius ſpielte bekanntlich ſpäter als Demagog noch eine große Rolle und zahlte es auch noch in empfindlicher Weiſe Cicero heim, daß er in dieſem Rechtshandel gegen ihn Zeugniß und Eid abgelegt hatte.“ Elftes Kapitel. Die Schlacht um die Inſel. Es war dem Kappadocier gelungen, ſich der drei römiſchen Fahrzeuge im Hafen von Vetulonia zu be⸗ mächtigen, mit ihnen die hohe See zu erreichen und um die Nordſpitze von Corſica herum bis zu den Balearen zu gelangen, wo er das kleine Piraten⸗ geſchwader fand, welches ab und zu die öſtlichen Ge⸗ ſtade Spaniens brandſchatzte und immer geſchickt den von Sagunt, Neukarthago und andern Küſtenſtädten zu ſeiner Verfolgung ausgeſchickten Kriegsſchiffen auszu⸗ weichen wußte, wenn es nicht vorzog, auf dieſelben loszugehen und ſie zu kapern. Der Kappadocier wurde von ſeinen ehemaligen Kameraden mit Jubel empfangen, denn unter den dem Pompejus entwiſchten Piraten, welche ſich in die ſpa⸗ ee. — 145 niſchen Gewäſſer geworfen hatten, gab es viele, die den Kappadocier von früher her kannten oder doch wenigſtens von ſeinen Thaten zur See und ſeiner ſpätern erfolgreichen Betheiligung am Sklavenkriege ge⸗ hört hatten. Froh, einen ſo tüchtigen, erprobten Führer zu er⸗ halten, ordneten ſich ihm alle willig unter und gaben ihm Recht, als er ihnen vorſtellte, daß ſie auf der öſtlichen, Italien zugewandten Seite Spaniens nur ge⸗ ringe Ausſicht hätten, lange die See halten zu können, da Rom gewiß in kürzeſter Zeit ein größeres Ge⸗ ſchwader gegen ſie entſenden würde, welches ſie mit Macht angreifen und unfehlbar vernichten würde, wo⸗ hingegen ſich ihnen weit glänzendere Chancen darböten, wenn ſie um die Säulen des Hercules herum nach der ſpaniſchen Weſtküſte ſegelten und dort eine Anlehnung an die tapfern Bewohner Luſitaniens bewerkſtelligten, welche ſich von neuem aufgemacht hatten, die Römer zu beunruhigen. Die wenigen Kriegsfahrzeuge, welche die Römer jenſeits der Säulen des Hercules bei Gades*) ſtehen hatten, waren für die Piraten kein Hinderniß. Ent⸗ ſchloſſen, mit denſelben den Strauß zu wagen, wenn *) Das heutige Cadix. Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. IV. 146 ſie von ihnen angegriffen werden ſollten, nahmen ſie doch vorſichtig ihren Lauf ſo, daß ſie ſie nicht muth⸗ willig herausforderten. Fürchtete der Kappadocier auch nicht die bei Gades ſtationirte Flottille, ſo lag es doch nicht in ſeinem Plane, die Römer überflüſſigerweiſe zu alarmiren. Je geheimnißvoller er im Gegentheil ſeine Verbindung mit den Luſitaniern einfädelte, je weniger Kenntniß die Römer von den Hülfsmitteln erhielten, über die er gebot, deſto furchtbarer konnte er im entſcheidenden Augenblick den Römern werden, deſto leichter konnte er ſie überraſchen und überrumpeln. Sobald er Gades im Rücken hatte, landete er hier und dort, knüpfte mit den Uferbewohnern Ver⸗ bindungen an, warb Seeleute, welche mit der Be⸗ ſchaffenheit der Küſten und des Meeres in dieſer Gegend überhaupt vertraut waren, und bot endlich, als er ſich durch ſein ganzes Vorgehen an verſchiedenen Orten Vertraute erworben hatte, den Führern der Luſitanier geradezu ſeine Hülfe gegen die Römer an. Die Luſitanier ſchlugen ein, da es ihnen einleuchtete, daß ſie den beabſichtigten Krieg gegen die Römer mit um ſo größerem Nachdruck würden führen können, wenn ſie an einer Flotte einen Rückhalt und einen Mann zum Führer hätten, der mit der Kampfweiſe der Römer vertraut war. onnte erden, neln⸗ 147 Die Energie des Kappadociers, der ſich auf das Feſtland begeben hatte, um den Krieg zu organiſiren, verzehnfachte ſich von dem Augenblicke an, wo er er⸗ fuhr, daß ſein Todfeind Cäſar wirklich das Commando in Spanien übernommen und es verſäumt habe, Kriegsſchiffe nach der Weſtküſte Spaniens zu dirigiren, die den Operationen, die er auf dem Feſtlande auszu⸗ führen beabſichtigte, hätten Nachdruck verleihen können. Cäſar glaubte den Stier bei den Hörnern faſſen zu müſſen und ging, nachdem er zu den zwanzig Co⸗ horten, die er ſchlagfertig in Spanien vorgefunden, zehn weitere ausgehoben hatte, mit drei Legionen auf die Herminier los, die, vom Gebirge niederſteigend, ſeine Armee zu beunruhigen angefangen hatten. Die Herminier ſtoben in den Ebenen, ſobald ſich in denſelben die geſchloſſenen römiſchen Schaaren zeig⸗ ten, auseinander und lockten Cäſar's Cohorten in die Gebirge, wo ſie Weg und Steg und alle Schlupfwinkel kannten und den verwegen vordringenden Feinden empfindliche Verluſte beibrachten. Nachdem die Herminier monatelang die Soldaten Cäſar's beſchäftigt hatten, räumten ſie wie auf Com⸗ mando nicht blos das Gebirge, ſondern auch alle Städte und Dörfer, ihre Weiber, Heerden und werth⸗ vollen Habſeligkeiten mit ſich führend und den Römern 10* 148 das leere Nachſehen, verwüſtete Felder und leere Häuſer zurücklaſſend. Sie zogen dem Meere zu, ſich unterwegs durch Alles, was ſtreitbar war, verſtärkend. Die Weiber, die Heerden und was ſie ſonſt an beweglichem Gute mit ſich führten, ſandten ſie nach dem Norden Luſita niens gegen den Duriusfluß hin und ließen an die Umwohner dieſes Fluſſes durch die Weiber die Auf⸗ forderung ergehen, ſich mit Allem, was bei ihnen wehr⸗ haft ſei und ein Schwert führen könne, längs der vettoniſchen BVerge gegen den Fluß Tagus hinabzu⸗ ziehen, um dort den Cohorten Cäſar's, wenn ſie ge⸗ ſchlagen heimziehen würden, den Weg zu verlegen und ſie womöglich vollends aufzureiben. Der Kappadocier, nach deſſen Plane dies Alles geſchah, lebte nämlich der frohen Hoffnung, Cäſar in der Nähe des Meeres, wo er an ſeinen Schiffen Suc⸗ curs finden würde, aufs Haupt ſchlagen zu können. Darum drängte er dem Meere zu und hatte ſich auch ſchon auf dieſem ſein Schlachtterrain auserſehen, welches nicht günſtiger ſein konnte. Ungefähr drei Tagereiſen über der Mündung des Tagus und genau in der Richtung, in welche man gelangte, wenn man von den herminiſchen Bergen, die ſich im Centrum Luſitaniens befanden, eine gerade geiber, Gute Auſita n die Auf⸗ wehr⸗ s der nabzl⸗ ſie ge⸗ n und 149 Linie nach dem Meere zog, lag eine Inſel, die während der Ebbe inſofern gewiſſermaßen mit dem feſten Lande zuſammenhing, als ſich dann eine Furt bildete, ſodaß man nahezu trockenen Fußes auf die Inſel gelangen konnte. In der Gegend dieſer Inſel hatte der Kappadocier ſeine Flottille concentrirt und hielt ſie daſelbſt ſo ver⸗ borgen, daß die Römer, wenn ſie vom Feſtlande an⸗ gerückt kamen, die Falle, die ſie erwartete, nicht merken konnten. Mit den Führern der Luſitanier aber hatte der Kappadocier verabredet, daß ſie ihre Leute in fort⸗ währenden Kämpfen und ſcheinbarem Rückzuge gegen die dieſer Inſel zugewandten Geſtade führen und die Zeit der Ebbe benutzen ſollten, um ſich auf die Inſel zurückzuziehen. Der Kappadocier ſchloß ganz richtig, daß Cäſar ſich veranlaßt ſehen würde, ſeinen Sieg auf eine ſcheinbar wohlfeile Weiſe zu vervollſtändigen und die vor ihm fliehenden Luſitanier bis auf die Inſel zu verfolgen, um ſie dort vollſtändig zu vernichten. Während Cäſar die Luſitanier gegen die Meeres⸗ küſte hin verfolgt, lauert der Kappadocier auf ſeinen Schiffen, welche in der ſanft in die Inſel eingeſchnit⸗ tenen Bucht verborgen liegen, auf die Signale, die ihm die Annäherung der beiden Heere anzeigen ſollen. 150 Wenn die Nacht Meer und Land in ihre undurch⸗ dringlichen Schatten einhüllt, ſieht man oft einen Mann von rieſigem Körperbau, dem ein breitſchneidiges Schwert an der Seite hängt, das Schiff verlaſſen, auf dem er ſich für gewöhnlich aufhält, auf einem Maus⸗ kahne nach der Inſel fahren und von derſelben oft ſtundenlang durch die Nacht nach dem Feſtlande aus⸗ lugen, ob er das Signal nicht erſpäht, das ihn zur Thätigkeit aufruft. Endlich wird es ſichtbar, und der Mann, der oft ſo ängſtlich nach ihm ausgeſchaut, jubelt. Jetzt erſcheinen auch die Luſitanier; kämpfend ſuchen ſie die ihnen nachrückenden Römer ſo lange hinzuhalten, bis die Ebbe eintritt. Sobald ſie da iſt, durchſchreiten die Luſitanier das Meer und gewinnen die Inſel. Die Römer verfolgen ſie, aber der Kampf wogt ſo lange unentſchieden hin und her, bis das Nahen der Flut die Römer zur Rückkehr auf das feſte Land zwingt. Das Meer wälzt ſeine Wogen zwiſchen den beiden Heeren, die ſich ins Auge ſehen können. Cäſar brennt vor Begierde, den Feinden, die ſich auf die Inſel zurückgezogen haben, beizukommen. Da er keine Schiffe bei der Hand hat, läßt er, während ein Theil ſeines Heeres an dem Lager baut, das er am Geſtade des Meeres errichtet, von einem andern — durch⸗ einen idiges auf Raus⸗ moft nzur er oft ſuchen alten, witen 3 . ogt ſ n der wingt. beiden Du hrend as e mem 151 Theile in den nahen Waldungen Bäume fällen und aus den gewonnenen Stämmen Flöße anfertigen, welche die Stelle einer Flotte erſetzen ſollen. Es iſt ja ſo nahe nach der Inſel, daß man ſie faſt mit der Hand greifen kann, die Entfernung be⸗ trägt kaum tauſend Schritte; auf eine ſo kleine Diſtanz werden es die Flöße wohl mit den Wogen aufnehmen können. Und als die Nothfahrzeuge fertig ſind, leitet Cäſar in eigener Perſon die Einſchiffung. Zwei Cohorten ſollen auf den Flößen nach der Inſel gebracht werden, um ſie mit ſtürmender Hand zu nehmen. Reichen ſie nicht hin, den feindlichen Widerſtand zu brechen, ſo hat Cäſar als Reſerve drei weitere Cohorten dicht am Ufer aufgeſtellt, welche nur den vollſtändigen Eintritt der Ebbe abzuwarten brauchen, um als Succurs für ihre Kameraden durch die dann trocken gelegte Furt gegen die Inſel vorzurücken. Die Meereswogen haben die leichtgezimmerten Flöße auf ihre Schultern genommen und wälzen ſie hin und her, ſodaß es nur der äußerſten Anſtrengung der hundert Ruderer gelingt, ſie der Inſel nahe zu bringen, wo die Luſitanier in Schlachtordnung die Erpedition erwarten, um ihr einen blutigen Empfang zu bereiten. 152 Da, während die Römer die Landung ſchon ſo gut wie bewertſtelligt glauben, belebt ſich mit einem Male das Meer; von allen Seiten, aus allen Buchten der Inſel ſchießen mit Windesſchnelle Schiffe aller Art und jeder Größe hervor, und alle tragen Bewaffnete, deren Schil⸗ der blitzen, deren Speere funkeln, deren breite Schlacht⸗ ſchwerter drohend durch die Luft ſchwirren. Kampfgeſchrei wilder Art ertönt, laute, ſchrille Rufe gehen von einem Schiffe zum andern. Die gewaltige Maſſe dieſer Schiffe richtet ihren wuch⸗ tigen Anprall gegen die Flöße der Römer. Starke Arme treiben ſie immer weiter, immer näher an die Flöße heran; hier fliegen lange, ſchlangenartig geformte Boote mit Sturmeseile dahin unter dem Schlage von zwanzig Ruderern, dort nähern ſich ſchwerere Schiffe mit doppel⸗ ten Ruderbänken; jetzt hat dieſe wilde Schiffsjagd des Kappadociers, der allen ſichtbar vom Admiralſchiffe, zu welchem er das größte der von ihm den Römern im Hafen von Vetulonia weggenommenen Fahrzeuge auserkoren, ſeine Befehle ertheilt, die Flöße der Römer erreicht, der Anprall iſt ein fürchterlicher, die Flöße vermögen den ſtarken Fahrzeugen keinen Widerſtand ent⸗ gegenzuſetzen, ſie berſten auseinander, löſen ſich in ihre Theile auf und was auf ihnen iſt, verſinkt in die Fluten. twie nſel jeder chil⸗ acht⸗ Rufe ————— 153 Das Meer iſt bedeckt mit Menſchen, die mit den Wogen um ihr Leben kämpfen. Vom Ufer des Feſt⸗ landes ſind die Soldaten Cäſar's zu weit entfernt, als daß ſie Ausſicht hätten, es in ihrer ſchweren Rüſtung ſchwimmend erreichen zu können. Es bleibt ihnen alſo nichts übrig, als der Inſel zuzuſteuern und dort Mann für Mann im ungleichen Kampfe mit den ſie mit wil⸗ dem Kriegsgeſchrei empfangenden Lufitaniern um ihr Leben zu ringen. Cäſar ſteht wuthſchäumend und bleichen Antlitzes am Ufer und muß es geſchehen laſſen, daß Hunderte ſeiner tapfern Soldaten ertrinken, während hundert andere von den Luſitaniern erſchlagen werden. Er kann nichts thun, er muß warten, bis die Ebbe eintritt. Dann erſt kann er neue Cohorten vorſchicken, welche den Untergang derer, die das Meer verſchlun⸗ gen, rächen ſollen. Und dieſe neuen Cohorten dringen, bis an die Kniee im Waſſer watend, muthig vorwärts, aber an die In⸗ ſel kommen ſie nicht heran. Die Luſitanier rücken ihnen entgegen und kämpfen, verſtärkt durch die Pira⸗ ten, die Alles, was ſie auf den Schiffen entbehren konnten, welche ſich bei Eintreten der Ebbe meerwärts zurückgezogen, zu den Luſitaniern hatten ſtoßen laſſen. Ein mörderiſcher Kampf entſpinnt ſich in der Furt 154 zwiſchen Feſtland und Inſel. Stundenlang währt er, denn Cäſar glaubt noch immer, daß es ihm gelingen werde, den Uebergang nach der letztern zu forciren. Darum läßt er immer neue Truppen vorrücken und die ermüdeten ablöſen. Mit brennender Ungeduld beobachtet er den unent⸗ ſchieden auf und nieder wogenden Kampf, bis ihn end⸗ lich das Herannahen der Flut zwingt, denſelben abzu⸗ brechen. Will er nicht dem Meere neue Opfer zuführen, muß er ſeine Cohorten unverrichteter Dinge zurückziehen. Der Kappadocier kann ſeinerſeits auch kaum das Eintreten der Flut erwarten, um mit ſeinen Schiffen wieder in Action zu treten. Als er aus den Bewe⸗ gungen der Römer den Schluß zieht, daß Cäſar den Befehl gegeben habe, den Kampf abzubrechen, verläßt er in einem Kahne ſein Schiff, um ſich dem Kampf⸗ platze zu nähern und die Luſitanier anzufeuern, ſo wenig Römer als möglich nach dem Feſtlande zurück⸗ kehren zu laſſen. Er miſcht ſich in die vorderſten Reihen der Kämpfenden. Cäſar erblickt und erkennt ihn; eine Ahnung, daß er in ihm die Seele des Widerſtandes vor ſich habe, den er ſo unerwartet an den luſitaniſchen Geſtaden gefunden, überkommt ihn und er gibt den miß n. dos hiffen ewe⸗ den rläßt myf⸗ ſo rick det eine ndes ſchen den 155 Befehl, ihm den gefährlichen Feind, den er nie hätte aus der Hand geben ſollen, todt oder lebendig zu ſchaffen. Cäſar's erbitterte Soldaten vollführen mit Freuden den Befehl, ſtürzen ſich nach der Stelle des Schlacht⸗ feldes, wo der Kappadocier zu Fuß im Meere watend kämpft, und trennen ihn und die kleine Abtheilung, an deren Spitze er ſich geſtellt, von dem Hauptcorps der Luſitanier, das bereits aus Furcht vor der heran⸗ nahenden Flut der Inſel ebenſo zudrängt, wie die Cohorten Cäſar's dem Feſtlande ſich zuwälzen. Der Kappadocier ſieht ſich umzingelt. Sehnſüchtig blickt er nach ſeinen Schiffen, aber ſie ſind zu weit, als daß ſie ihm Hülfe bringen könnten, ſelbſt wenn die Flut ſchon da wäre. Er kämpft wie ein Löwe, aber bald blutet er aus zehn Wunden, und als er endlich todt niederſinkt und die römiſchen Soldaten ſich ſeines Leichnams be⸗ mächtigen wollen, treibt ſie der vom Ufer ertönende Schrei der Kameraden:„Die Flut, die Flut!“ in wilder Flucht dem Lande zu und im nächſten Augen⸗ blicke hebt die Meereswoge den blutigen Leichnam des Kappadociers, um ihn den Römern zu entführen und ſeewärts zu treiben. Zwölftes Kapitel. Am Rubicon. Der Tod des Kappadociers bildete einen Wende⸗ punkt im luſitaniſchen Kriege. Die Luſitanier hatten einen eifrigen, im Haſſe gegen die Römer und gegen Cäſar unermüdlichen Parteigänger verloren und wurden die ganze Schwere des Verluſtes bald inne, als Cäſar Kriegsſchiffe in großer Anzahl aus Gades kommen ließ, welche Miene machten, die auf der Inſel verſchanzten Luſitanier und ihre Verbündeten, die Piraten, anzugreifen. Dieſe letztern witterten die Gefahr noch recht⸗ zeitig, nahmen von den Luſitaniern an Bord, was die Inſel verlaſſen wollte, und ſegelten, den römiſchen Fahrzeugen ausweichend, nordwärts, wo ſie jenſeits des Durius den luſitaniſchen Ballaſt ans Land ſetzten. nde⸗ ſſe chen were in iene und cht die chen eits ten⸗ 3 157 Was von den Luſitaniern auf der Inſel geblieben war, fiel in die Gewalt Cäſar's, der ſeine Schiffe dann nordwärts ſchickte, wo ſie auf die Piraten Jagd mach⸗ ten und die letzten Reſte derſelben in blutigen See⸗ gefechten vernichteten. Wohl richteten hier und da die Feinde in den Reihen der römiſchen Soldaten noch große Verwüſtungen an, aber ausſchlaggebend waren dieſe Kämpfe nicht, da es eben keine geſchlagene Armee war, gegen die ſich die Angriffe richteten. Cäſar erzwang ſich überall offene Bahn, und als er nach zwei Jahren Spanien verließ, war Luſitanien eine unterworfene Provinz und er ſelbſt hatte ſich zu⸗ meiſt durch den Verkauf der Gefangenen ſolche Reich⸗ thümer geſammelt, daß er bei ſeiner Rückkehr nach Rom alle ſeine Gläubiger, Craſſus obenan, befriedigen und ſich ungeſcheut um das Conſulat bewerben konnte. Geld und Macht hatte er, aber der Liebesglanz war ſeinem Leben verloren gegangen. Pompeja ſah er nie nieder. Er erfuhr nie, daß ihn die Intrigue des Magiers Hropos, der wieder nur dem Kappadocier gedient hatte, um die Gemahlin gebracht. Oropos verſchwand un⸗ mittelbar nach der ſo ſchmählich in die Brüche gegan⸗ genen Feier der guten Göttin aus Rom, ohne ſich bei Clodius um die hunderttauſend Seſterzien zu melden. 158 Die Untreue Pompeja's ſtörte übrigens die Eintracht zwiſchen Cäſar und Pompejus nicht im geringſten. Die beiden Männer brauchten einander eben zu ſehr, um einer Familienkataſtrophe allzu großen Ein⸗ fluß auf ihre gegenſeitigen Beziehungen zu geſtatten. Als Cäſar nach dem zurückgelegten Conſularjahre als Proconſul nach Gallien ging, wurde die ganze Bedeutung und Tragweite des von ihm eingefädelten Triumvirats aller Welt klar. Die drei theilten ſich eben ungehindert in das Reich: Cäſar nahm Gallien für ſich, Pompejus ſollte unumſchränkt in Rom herr⸗ ſchen, Craſſus Aſien als Domäne ausbeuten. Cäſar wußte recht gut, warum er ſich gerade Gallien ausbedang. Dort konnte er am beſten das Werk, das er in Spanien mit Erfolg begonnen, weiter führen. In Gallien waren Provinzen zu erobern, Sieges⸗ und Ruhmeskränze zu erwerben; Gallien war der rechte Boden, um unzertrennlich mit dem Heere zu verwachſen, um die Legionen an ſich zu gewöhnen und ſich ihnen unentbehrlich zu machen; in Gallien lag endlich auch das Geld ſo zu ſagen auf den Straßen, da ließen ſich Tauſende von Gefangenen machen und durch den Ver⸗ kauf derſelben nach Rom Reichthümer ſammeln, die man vortrefflich gebrauchen konnte, wenn dereinſt die ganze delten ſich allien hert⸗ erade rin eges⸗ echte hſen, hnen 159 entſcheidende Stunde ſchlagen würde, um über die beiden andern Triumvirn hinweg rückſichtslos zur Alleinherrſchaft zu ſchreiten. Und das Glück begünſtigte Cäſar wunderbar— der eine der Triumvirn räumte ſelbſt den Platz. Craſſus fiel in Aſien gegen die Parther. Cäſar hatte es alſo, als er nach den ſieben Jahren, die er in Gallien zugebracht, ſein Auge verlangend auf Rom richtete, nur mit Pompejus zu thun. Er nahm die Schwäche, welche Pompejus in Rom dem um ſich greifenden Bandenweſen des Clodius und Milo gegenüber entwickelte, zum Vorwande; er wollte Ordnung machen in Rom, der beängſtigten Hauptſtadt die Ruhe und Sicherheit wiedergeben, die bedrohte Ge⸗ ſellſchaft retten. Pompejus hatte keine Luft, die außerordentliche Gewalt, die er in ſeinen Händen hielt, zu Gunſten Cäſar's, den er nachgerade zu durchſchauen anfing, von ſich zu thun. Es widerſtrebte ihm, zu Gunſten deſſen zu abdiciren, zu deſſen Aufſchwung er in ſeiner Kurzſichtigkeit bei⸗ getragen. Cäſar machte mit ſeinen Legionen am Rubicon Halt, den er nicht überſchreiten durfte, wenn er nicht ſofort mit Pompejus in Conflict gerathen, wenn er nicht den Bürgerkrieg heraufbeſchwören wollte. 160 Es mußte ihm daran liegen, die Verantwortlichkeit für die Ereigniſſe, die er vorbereitete, von ſich zu wälzen und ſie Pompejus allein tragen zu laſſen. Dieſer ſollte als der Angreifer erſcheinen und in die Falle gehen, die ihm Cäſar legte, indem er mit dem in Gallien zuſammengeſcharrten Gelde den Volks⸗ tribun Curio beſtach und denſelben veranlaßte, beim Senate den Antrag zu ſtellen, daß Cäſar und Pompejus gleichzeitig ihre Aemter niederlegen ſollten. Cäſar wußte recht gut, daß ſich Pompejus dem Senatsbeſchluſſe nicht fügen würde. Die Weigerung des Pompejus gab Cäſar gleichſam das Recht, offenſiv gegen Pompejus vorzugehen, ihn zu zwingen, dem Senate zu gehorchen. Als Vollſtrecker des Volkswillens führte er ſeine ſ Legionen über den Rubicon gegen Rom, gegen ſeinen 3— ehemaligen Verbündeten Pompejus, hinter welchem 1 Cato als die eigentliche Seele der Action ſtand. Der Würfel war gefallen— der Bürgerkrieg ent brannte, und wie er mit der Niederlage und dem Tode des Pompejus endete, wie Cäſar die Alleinherrſchaft in Rom aufrichtete und bis zu ſeiner Ermordung führte, das weiß alle Welt. Ende. lichkeit ich zu n. nd in rmit beim pejus X chſam ihn ſeine — — S— —————— Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. IV Cäſar und Napoleon III. „Das Alterthum kommt in der gebildeten Welt mit jedem Tage mehr in die Mode“— leitete vor einiger Zeit Jules Janin, der Feuilletoniſt par excel- lence, ein Feuilleton im Journal des Debats ein. Aber nicht Paris allein intereſſirt ſich für das Alterthum; nicht ſeine Frauen allein greifen zur flie⸗ ßenden Gewandung des Alterthums, ſich mit Locken und Coiffüren nach griechiſchem und römiſchem Muſter ſchmückend und die antike Camee wieder zzu Ehren bringend; nicht ſeine Schriftſteller allein entnehmen in letzter Zeit mit Vorliebe ihre Stoffe jenen Tagen, in denen Rom und Karthago den Ton in der Weltge⸗ ſchichte angaben— auch in Deutſchland ſcheinen jene Tage zurückkehren zu wollen, wo Tieck mit ſeinem „Kaiſer Octavianus“ Meißner mit ſeinem„Julius Cäſar“ die Leſewelt beeinflußte. 11* ———— — 164 Wenn der Franzoſe mit„Salambo“ einen tiefen Ein⸗ druck auf das Publikum gemacht hat, das plötzlich ſeine Aufmerkſamkeit dem alten Karthago zuwandte, ſo zeigt in Deutſchland die Aufnahme, welche dramatiſche Werke wie Lindner's,Brutus und Collatinus“ Lingg's„Catilina“ u. ſ. w. fanden(der um einige Jahre zurückdatirenden Stücke wie„Brutus und ſein Haus“„Spartacus“„Die Fabier“ nicht zu gedenken), daß das Intereſſe für das Alterthum lebhaft aufgewühlt ſei.*) Namentlich richtete die ganze gebildete Welt ihr Auge auf das alte Rom, als der Kaiſer der Franzoſen im Wettſtreite mit dem deutſchen Gelehrten Mommſen daran ging, das Leben eines der berühmteſten Männer des alten Rom zu beleuchten. Der Wettſtreit Napoleon's mit Mommſen mußte die Gebildeten in Deutſchland um ſo mehr intereſſiren, als auch Napoleon im gewiſſen Sinne ein Stück von einem deutſchen Gelehrten iſt, da er den Grund zu ſeiner klaſſiſchen Bildung auf deutſchem Boden, in deutſchen Schulen legte. Nach den deutſch geſchriebenen Sprachlehren von Brö⸗ der und Buttmann lernte der Gymnaſiaſt Charles 6) Aus demſelben regen Intereſſe für das römiſche Alterthum ſind Stahr's„Tiberius“„Römiſche Kaiſerfrauen“,„Kleopatra“ hervorgewachſen. ——— — nEin⸗ ſeine zeigt Verke ilina“ enden Die t ihr noſen mnſen änner te die n, als einen ſeiner tſchen nBr⸗ harles erthun patre . 165 Louis Napoleon Bonaparte in Augsburg das Latei⸗ niſche und Griechiſche. Ebenda las er unter Anweiſung deutſcher Lehrer Cornelius Nepos, Ovid und Virgil, Homer, Plutarch und Phädrus und ſübte ſich gleichzeitig in der deutſchen Sprache, ſodaß er ſich bald in dieſer Sprache gut und fließend auszudrücken verſtand, wie mir einer ſſeiner Mitſchüler, der Pfarrer Dr. Nagel in Oberampfrach in Baiern, verſicherte. Die deutſchen Studien, zu welchen Augsburg den Grund gelegt, ſetzte der Prinz ſpäter in Arenenberg fort, wo er mit deutſchen Gelehrten, mit Zſchokke, Weſ⸗ ſenberg und Bonſtetten mit Vorliebe verkehrte und auch den Umgang mit manchen ſeiner Augsburger Mit⸗ ſchüler fortſetzte, wie z. B. mit Ludwig Wilhelm, dem Sohne eines Lindauer Fabrikanten, der ſpäter beim Mauthweſen eine Anſtellung fand. Ich bin in Arenenberg in Napoleon's Studirſtube geweſen und werde den Eindruck nie vergeſſen. Hier ſein Bett in einer Niſche, das Bild des erſten Napoleon über demſelben. Neben dem Bette ein Schlafſeſſel, deſſen Sitzpolſter und Lehne ſeine Mutter, die Königin Hortenſe, geſtickt. Es war ein Geburtstagsgeſchenk für Louis Napo⸗ leon und die Anfangsbuchſtaben ſeines Namens(L. N. B.) 166 ſind mit dunkler Wolle der grauen Sitzfläche einge⸗ ſtickt. Die Lehne zeigt in feiner Stickerei das bekannte Hütchen des erſten Napoleon. Die Möbel von lichtbraunem Holze, einfach polirt, im Winkel beim Ofen einige Rappiere. Weiter ein Bücherſchrank, ein Tiſch und ein Seſſel, der letztere angelehnt an eine Karte, welche in Form eines genealogiſchen Tableaus die Reihenfolge der fran⸗ zöſiſchen Machthaber von den Zeiten der Gallier bis auf Ludwig XVII. enthält. Wie oft mag der jetzige Kaiſer der Franzoſen, an den kleinen eiſernen Ofen gelehnt, dieſe Karte betrach⸗ tet und darüber nachgedacht haben, welche Namen wohl einſt die Geſchichtel an den des achtzehnten Ludwig knüpfen werde. Neben dem Tableau eine Karte, welche die vier Unterſchriften zeigt, deren ſich der erſte Napoleon nach einander bediente: Bonaparte, Napoleon Bonaparte, Napoleon, N. B. Aus dem Schranke nahm ich ein Schulbuch heraus, deſſen ſich Napoleon bedient hat. Der Titel deſſelben lautete: „De viris illustribus urbis Romae a Romulo us- que ad Caesarem Augustum. In usum prioris classis 167 5 grammaticae scripsit Honoad, in universitate Pari- siensi professor emeritus. Parisiis 1813.“ n Auf die Rückſeite des Deckels hatte der Prinz feinen Namen geſchrieben. lit In dem Buche waren viele Stellen unterſtrichen, auch einige Männchen belebten die Eintönigkeit der ver⸗ gilbten Ränder. 6 Es iſt bekannt, daß ſich der Prinz⸗Präſident während der Miniſterrathsſitzungen oft das Privatverguügen ic machte, Männchen und Caricaturen zu zeichnen. 3 Wenn der betreffende Miniſter mit ſeinem Vortrage zu Ende kam, fragte der Präſident nicht ſelten, von wum ſeinen Federzeichnungen aufblickend:„Was haben Sie mn geſagt? Sagen Sie es in Kürze noch einmal!! uch In dem Schulbuche, das ich in der Hand hatte, ₰ wih ſcheint der Caricaturenzeichner Louis Napoleon ſeine erſten Anläufe genommen zu haben. Man ſtößt in demſelben wiederholt auf die Umriſe n eines beleibten Männchens, das vielleicht ſeinen Mentor part⸗ vorſtellen ſollte. Der Culturproceß des Kaiſers der Franzoſen, der em mit deutſcher Bildung geſättigt worden, machte alſo einen halben deutſchen Gelehrten aus ihm. Wer weiß, ob er ohne dieſe deutſche Bildung unter den Schriftſtellern jenen glänzenden Rang einnehmen 168 würde, den ihm jetzt ſowohl ſeine ältern Sachen als ſein„Cäſar“ für immer ſichern.*) — *) Mit echt deutſcher Gründlichkeit ging Napoleon bei dieſem ſeinem Hauptwerke an die Arbeit. Er bildete ein förmli⸗ ches Cäſar⸗Bureau und dotirte es zumeiſt mit deutſchen Hülfs⸗ arbeitern, da er den franzöſiſchen Schriftſtellern im Punkte der Gründlichkeit nicht recht zu trauen ſchien. Er beauftragte den Akademiker Merimée, ihm zum Nachleſen im Quellenſtudium einen tüchtigen Romaniſten zu verſchaffen. Merimée ſtellte ihm fünf Ge⸗ lehrte von anerkanntem Ruf in der römiſchen Geſchichtsforſchung vor. Der Kaiſer unterhielt ſich mit ihnen, die über den eigent⸗ lichen Zweck der Audienz nicht unterrichtet waren, mehrere Stun den lang und fand an dem Akademiker Maury den meiſten Ge⸗ ſchmack. Maury arbeitete ſeither jahrelang mit dem Kaiſer zu feſtgeſetzten Stunden und es geſchah oft, daß der Kaiſer von den ſchriftſtelleriſchen Arbeiten weg in den benachbarten großen Saal ging, in welchem ihn die Miniſter ſchon erwarteten, und dabei zu ſeinem ſtillen Mitarbeiter ſagte:„Bleiben Sie hier in meinem Zimmer, lieber Maury; ſetzen Sie ſich auf meinen Platz und ſchrei⸗ ben Sie weiter, bis ich zurückkomme!“ Wie weit Napoleon's Cäſarſtudien zurückdatiren, beweiſt unter Anderm folgender Zug aus dem franzöſiſchen Hofleben, der dem Jahre 1860 angehört. In dieſem Jahre kam am Namenstage der Kaiſerin zu Com piogne ein kleines einactiges Luſtſpiel von Morny:„La corde sen- sible“ zur Aufführnng. Das Stückchen beſtand aus einer Reihe von Scherzen und Anſpielungen auf die Anweſenden ſelbſt. Ein reicher Landnotar Namens Bernard(Meriméc) klagt einem ſei— zi ner Freunde(Morny), daß die Gäſte, welche er in ſein Schloß einlud, ſich furchtbar langweilen und grauſenhaft gähnen. Was 13 thun? Der Freund antwortet, man müſſe verſuchen, bei den — Gäſten die ſchwache Seite zu errathen und dieſe empfindlichen Seiten zu berühren. Was z. B., meint Bernard, ſoll ich mit dem Ge zu den Saal i zu nem rei⸗ nter dem om el eihe ein ſei hloß as den chen deln —— 169 Wenn man Louis Napoleon lieſt, glaubt man mit⸗ unter einen deutſchen oder engliſchen Hiſtoriker zu hören. Fürſten Morny anfangen? Er macht mittelmäßige Luſtſpiele und läßt ſchlechte Pferde laufen.— Unterhalten Sie ſich mit ihm von ſeiner Marotte, lautet die Antwort des Fürſten ſelbſt. Aber, meint Bernard, unter meinen Gäſten iſt auch der Kaiſer, und meine politiſchen Geſpräche ſcheinen ihn gewaltig zu langweilen.— Nehmen Sie ſich in Acht, erwidert Morny, es ſind Mouchards hier!(Allgemeines Gelächter im kaiſerlichen Haustheater.. Ich will Ihnen etwas ſagen: ſuchen Sie irgend einen alten römiſchen Topf oder eine Medaille Cäſar's zu entdecken und ſogleich wird das gallorömiſche Intereſſe des Kaiſers rege werden. Napoleon legte auf ſein letztes Werk, von welchem der dritte und letzte Band im Frühling 1868 erſcheinen wird, ein ſolches Gewicht, daß man ſagt, Duruy verdanke einer zu guter Stunde an den Mann gebrachten Schmeichelei ſeine Ernennung zum Unter⸗ richtsminiſter. Er ſagte nämlich über den„Julius Cäſar“ des Kai⸗ ſers: „Ich hätte das nicht beſſer machen können; ich ſage das dem Schriftſteller, nicht dem Kaiſer!“ Es heißt ſogar, daß der Kaiſer die Ehre anſtrebt, unter die vierzig Unſterblichen aufgenommen zu werden.„Julius Cäſar“ ſoll ihm zu dem Fauteuil in der Akademie verhelfen. Als ſich ihm eines Tages die Akademiker gelegenheitlich der Präſentation eines neugewählten Collegen vorſtellten, ſagte der Kaiſer zu Octave Feuillet: „Ich arbeite unabläſſig, meine Herren, um mich Ihrer wür⸗ dig zu machen.“ Bekanntlich ſchenkte Napoleon 200 Wurfſpieße, die bei dem erſt durch ihn bekannt gewordenen Aleſia ausgegraben worden waren, dem römiſch⸗germaniſchen Muſeum in Mainz. Intereſſant iſt auch die ängſtliche, geheimnißvolle Art, in wel⸗ 170 Mommſen, der neben Macaulay den modernen feuilletoniſtiſchen Stil zum Aerger ſo manchen verzopf⸗ cher das Werk gedruckt wurde, da ein förmlicher Cordon gezogen war, um nichts von dem Texte voreilig ins Publikum dringen zu laſſen. Jede Form lag an einer dreifachen Kette und war mit einem dreifachen Schloſſe verſiegelt. Die Schlüſſel zu den Formen hatte der Director der Druckerei in der Hand. Die Ab⸗ züge kamen in das Kabinet des Kaiſers, der mit ſeinen Mitarbei⸗ tern gleich die Correcturen vornahm und oft ſo viel änderte, daß der ganze Satz umgeſtoßen werden mußte. In dieſen Aenderun⸗ gen war auch der Schlüſſel zu dem ganzen geheimnißvollen Ge⸗ baren zu ſuchen. Der Kaiſer wollte nicht, daß etwas, woran nicht die letzte Feile gelegt worden, in die Oeffentlichkeit dringe. Den ganzen zweiten Band arbeitete Napoleon auf Grund neuer Forſchungen, die ein intelligenter Hauptmann vom Genieweſen ge⸗ macht hatte, ganz um; trägt eine ſolche Unverdroſſenheit im Ar⸗ beiten nicht ein deutſches Gepräge? Von deutſcher Gründlichkeit zeugt mehr als eine Stelle; ſo im erſten Bande jene, wo Napoleon die Gegend eruirt, bei wel⸗ cher an den luſitaniſchen Geſtaden ſo viele Soldaten Cäſar's er⸗ trunken ſind. Die luſitaniſche(portugieſiſche) Küſte hat jetzt keine Inſeln und doch ertranken die Soldaten Cäſar's bei einer Inſel. Mit echt deutſchem Bienenfleiße bringt Napoleon endlich heraus, daß die Inſel, die Cäſar's Soldaten verhängnißvoll wurde, jetzt mit dem Feſtlande zuſammenhänge. Pikant iſt eine auf Cäſar Bezug nehmende Anekdote, die von Napoleon IV. circulirt. Das Kind von Frankreich hatte, als es im Jahre 1863 die römiſche Geſchichte zu ſtudiren begann, den jungen Grafen Walewsky zum Spielgenoſſen. Da die Knaben nicht immer Ball ſpielen konnten, ſo politiſirten ſie auch zuweilen. Im Verlaufe dieſes Kannegießerns fragte der kaiſerliche Prinz den etwas ältern Walewsky, was das ſei: die römiſche Frage, von der ſo viel geſprochen würde.„Das iſt ein Streit zwiſchen dem rnen uf⸗ zogen ingen war den arbei⸗ deß etun⸗ Ge⸗ oran inge. neuet n ge⸗ nAr⸗ e ſo wel⸗ 5 er⸗ keine Inſel eraus jitt ie von den naben veilen nz den von n den —— ten Hiſtorikers in die Geſchichtſchreibung eingeführt, kann ſeine Leute nicht anſchaulicher ſchildern, wenn er z. B. beginnt:„Pompejus war ein gewöhnlicher Wacht⸗ meiſter“, oder:„Cato war ein bockſteifener Principien⸗ mann“ als Louis Napoleon die Wirthſchaft der Orlea⸗ niſten in den vierziger Jahren zeichnet, wenn er in Ham ſchreibt: „Frankreich bezahlt eine ungeheure Armee und ge⸗ braucht ſie nicht, wenn der Augenblick kommt. Man läßt Italien knechten, wenn es ſich erhebt, und hilft Spanien niederwerfen; man bindet mit Algier an und hat nicht den Muth, das Angefangene in großem Maß⸗ ſtabe durchzuführen.*) O über die Thoren! Wenn ihre ungeſchickte Politik Feuer auf dem Erdballe ange⸗ zündet hat, bleibt nur ein Ding übrig, das da brennt: die Ehre Frankreichs, und von allen Unternehmungen, die mit einem ſo großen Aufwande unternommen und Papſte und Victor Emanuel“, ſagte Walewsky junior.„Nein“, rief der Prinz, der den Spielgefährten nur hatte ausholen wollen, „bei der römiſchen Frage handelt es ſich um den Cäſar und Cäſar muß Herr ſein in Rom!“ *) Wem fiele dabei nicht Mexico ein? Ueberhaupt wirft das, was der Kaiſer hier 1841 in Ham geſchrieben, auf ſeine ſpätere Haltung ein eigenthümliches Schlaglicht. Dieſe Stelle über die Orleans gewinnt noch an Intereſſe, wenn man bedenkt, daß Na⸗ poleon's„Cäſar“, wie ich noch weiterhin andeuten werde, zugleich eine Streitſchrift gegen die Orleans iſt. 172 ſo jämmerlich beendet werden, bleibt dem Lande nichts als Rauch und für die Unternehmer nichts als Aſche, die ſie nach dem Gewichte verkaufen, wie jener treuloſe Beamte meines Onkels, des Kaiſers, von dem mir meine theure Mutter erzählt hat. An einem ſchönen Sommertage, als der Kaiſer früher als gewöhnlich aufgeſtanden war, ging er durch einen der großen Empfangsſäle der Tuilerien und war bei ſeinem Ein⸗ tritte ſehr erſtaunt, ein ungeheures Feuer in einem Kamine zu finden, wo ein Kind beſchäftigt war, große Buchenklötze auf einem Herde aufzuhäufen Der Kaiſer ſtand ſtill und fragte das Kind nach dem Grunde, der es beſtimmte, ein ſo großes Feuer zu unterhalten, mitten im Sommer, in einem Saale, der nur an Em— pfangstagen benutzt wurde; das Kind, ohne den Kai⸗ ſer zu erkennen, antwortete mit Freimuth:„Mein Herr, ich mache Aſche für meinen Vater, deſſen Ge⸗ winn ſie iſt.“ Wohlan, das Betragen der Bourbons ſeit 1815, der Orleans ſeit 1830 gleicht in Allem dem Benehmen dieſes Schloßbeamten, welcher, um ſeinen Gewinn zu vergrößern, vergeblich das ſeiner Wachſam⸗ keit anvertraute Holz verbrannte; vergeuden ſie nicht ebenſo leichtſinnig bei all ihren Unternehmungen die Hülfsquellen Frankreichs? Beherrſcht nicht immer eine ſchmuzige Habſucht die allgemeinen Intereſſen, ſodaß ichts ſſche, oſe mir 173 von ihrer dreißigjährigen Politik nichts als Feuer und Rauch bleibt? Die Ruſſen und Türken führen einen großen Krieg; die Türkei iſt ſo übel daran, daß es nur an Rußland liegt, in Konſtantinopel einzuziehen und die orientaliſche Frage für immer zu ſeinem Vortheile zu erledigen, und Frankreich ſieht, Gewehr im Arm, unthätig zu. Die es regieren, bedenken nicht, daß nichts mehr dazu beiträgt, die Fragen zu vergällen, die Lage ſchwieriger zu machen, als eine Baſtardpolitik, die ohne Würde und ohne Folge iſt, die nicht weiß, was ſie will, weil ſie es nicht wagt, zu wollen. Es iſt ein Verbrechen, einen Krieg aus Laune zu führen, ohne einen großen Erfolg als Ziel, einen unermeßlichen Ge⸗ winn als Grund zu haben. Aber man tödtet auch ein Volk, indem man es in einen Todesſchlaf verſenkt, es mit ſeinem vergangenen Ruhme wie mit einem Todten⸗ tuche umhüllt und überdies dieſen Schlaf zu einem er⸗ künſtelten macht, daß alle mit Furcht, aber auch mit Gewißheit den Augenblick des Erwachens vorherſehen. Den Frieden feſt begründen heißt nicht, während einiger Jahre eine erkünſtelte Ruhe erhalten; nein, dahin ſtreben, den Haß zwiſchen den Völkern verſchwinden zu machen, indem man die Intereſſen und Beſtrebungen eines jeden begünſtigt; ein gerechtes Gleichgewicht zwiſchen den großen Mächten ſchaffen, mit einem Worte, der Politik — 174 Heinrich's IV. folgen, das heißt, einen geſunden Frie⸗ den anbahnen. Heinrich IV. ſah voraus, daß alle Völker hinſichtlich der Macht gleich ſtark ſein müſſen und keins durch ſein Uebergewicht das andere beherrſchen dürfe, wenn das europäiſche Gleichgewicht eine feſte Grundlage haben ſollte. Eben als er gemeuchelt wurde, war es ihm gelungen, den größten Theil Europas zu beſtimmen, ihn in ſeinen großen, wahrhaft menſchen⸗ freundlichen Abſichten zu unterſtützen. Er hatte ein un⸗ ermeßliches Heer aus europäiſchen Contingenten ge⸗ bildet, das ſich als letztes Ziel nicht eine fruchtloſe Eroberung, ſondern die Erringung des allgemeinen Friedens vorgeſetzt hatte. Er war im Begriffe, Spa⸗ nien zu zwingen, die Gleichheit und Unabhängigkeit der Völker anzuerkennen, und einen Areopag einzuſetzen, der berufen geweſen wäre, durch die Vernunft, nicht durch die rohe Gewalt die Zwiſtigkeiten von Volk zu Volk zu entſcheiden. Er wäre, wenn er länger gelebt hätte, ein wahrer Friedensheld geworden.“ Der Mann, der dies in Ham geſchrieben hat, läßt 25 Jahre ſpäter eine Geſchichte des Julius Cäſar er⸗ ſcheinen und macht ſo dieſen letztern zu einem popu⸗ lären Schlagwort der gebildeten Welt; Männer und Frauen ſuchen ſich über den Mann zu informiren, der dem unſcheinbaren Flüßchen Rubicon für alle Zeiten — i1 175 zur Berühmtheit verholfen hat, indem er mit ſeinen Legionen über daſſelbe hinwegſetzte, um in Rom die Dictatur aufzurichten. Es iſt ungemein intereſſant, den zahlreichen Berüh⸗ rungspunkten nachzugehen, die zwiſchen Julius Cäſar, deſſen bewegtes Jugend⸗ und Liebesleben ich in den vorſtehenden Blättern zu ſchildern und aus dem geheim⸗ nißvollen Dunkel, von welchem es umgeben iſt, heraus⸗ zuſchälen verſuchte, und ſeinem kaiſerlichen Biographen beſtehen. Cäſar's politiſches Leben und tragiſches Ende ſind jedem Gebildeten in den Hauptumriſſen geläufig, aber ſein Jugendleben iſt, ohne daß man viel hinzuzuthun brauchte, ganz ſo ein pikanter, abwechslungsvoller Ro⸗ man, wie das Jugendleben Napoleon's III. auf ein Haar einem Romane gleicht. Ich habe in meinen hiſtoriſchen Romanen„Louis Napoleon“*) und„Napoleon III.“ dieſes Jugendleben Napoleon's und ſein kühnes, berechnetes Aufſtreben zur Macht geſchildert und mich ſpäter durch das Jugend⸗ leben Cäſar's, das mit jenem Napoleon's ſo viele Be⸗ rührungspunkte bietet, ſo angezogen gefühlt, daß ich *) Ins Holländiſche, Ungariſche und Böhmiſche überſetzt und im Deutſchen urſprünglich zehnbändig, in zweiter Auflage(Volks⸗ ausgabe) aber fünfbändig erſchienen. —— — auch das Aufſtreben Cäſar's zur Macht zum Gegenſtande einer Romanſtudie zu machen beſchloß, die ich hier der Leſewelt vorlege. Auf den erſten Blick ſcheint Napoleon III. dem Kaiſer Octavianus Auguſtus ähnlicher zu ſein als dem Julius Cäſar.*) Die Aehnlichkeit zwiſchen dem Regime des Oeta⸗ vianus Auguſtus und jenem Napoleon's III. nament⸗ *) Die Aehnlichkeit der cäſariſch⸗auguſteiſchen Zeit überhaupt mit der napoleoniſchen Aera iſt vielfach aufgegriffen worden. Einer der pikanteſten Vergleiche liegt in folgender Improvi⸗ ſation Lamartine's. Lamartine hatte Nadaud, den Verfaſſer des in Frankreich weit verbreiteten Gedichts„Les deux gendarmes“ zu Tiſche gela⸗ den. Nadaud hatte die Einladung angenommen, ſpäter jedoch abſagen laſſen, weil ihm die Prinzeſſin Mathilde eine Einladung für denſelben Tag hatte zugehen laſſen. Dies veranlaßte Lamar⸗ tine zu folgenden Verſen: Ce soir le vaincu de Pharsale MW'offrit un diner d'un écu: Le vin est bleu, la nappe est sale, Je n'irai pas chez le vaincu. Mais que la cousine d'Auguste N'invite dans sa noble maison, Vaccours, j'arrive à Pheure juste: „Brigadier, vous avez raison!“ Wenig bekannt iſt auch folgender Ausſpruch Victor Hugo's, als ſich Napoleon zum Kaiſer machte: „Auguſtulus nach Auguſtus war ſchon einmal da!“ tande r der haupt rol nkreich gela jedoch adung amar 17 lich ſcheint eine ſo in die Augen ſpringende, daß man zu dem, was Rogeard in ſeinem„Labienus“ ſchrieb, keinen Commentar hinzuzufügen braucht. „Es ereignete ſich im Jahre 7 n. Chr, im dreißig⸗ ſten des Reiches von Auguſtus, ſieben Jahre vor ſeinem Tode, man war in vollem Principate und das Kriegsvolk hatte einen Herrn. Der Stern der Julier war langſam aus dem blutigen Dunſte, der ſeine Mor⸗ genröthe färbte, hervorgegangen, er erhob ſich und ſtreute ſein mildes Licht über dem ſchweigſamen Forum aus. Es war ein ſchöner Augenblick! Die Curie war ſtumm und die Geſetze ſchwiegen, keine Curial- oder Centurialverſammlungen mehr, keine lärmenden Ver⸗ handlungen, keine Parteiſpaltungen, keine Kämpfe, keine Volksbeſchlüſſe, keine Wahlen mehr, keine Unord⸗ nung, keine Armee der Republik mehr, überall der rö⸗ miſche Friede, den unterjochten Römern entrungen; ein einziger Tribun: Auguſtus; eine einzige Armee: die Armee des Auguſtus; ein einziger Wille: der ſeinige; ein einziger Conſul: er; ein einziger Cenſor: abermals er; ein einziger Prätor: er, immer er, nur er. Die verbannte Beredtſamkeit ſtarb im Dunkel der Schulen; die Literatur hauchte ihren Athem unter dem Schutze des Mäcenas aus; Titus Livius hörte auf zu ſchreiben und Labienus zu reden, Cicero's Schriften waren Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. 1V. 12 178 verboten, die Geſellſchaft war gerettet. Ruhm hatte man allerdings noch, wie es einem Kaiſerreiche geziemt, das ſich achtet; man hatte ſich überall ein wenig herum⸗ gebalgt; man hatte die Leute im Norden und Süden, rechts und links geſchlagen; man hatte Namen einzu⸗ ſchreiben an den Straßenecken, auf die Triumphbogen; man hatte beſiegte Völker gefeſſelt in Basreliefs darzuſtellen; man hatte die Dalmatier, die Cantabrer, die Aquitanier, die Pannonier, man hatte die Illyrier, die Rhätier, die Vindelicier, die Dacier, die Ubier, die Sicambrer, die Parther, der Traum Cäſar's, ohne die Bürgerkriege zu zählen, über welche gegen alle Sitte Auguſtus zu triumphiren den Muth hatte, aber nur zu Pferde, aus Beſcheidenheit. Es gab ſogar einen dieſer Kriege, in dem der Kaiſer in Perſon befehligte und verwundet wurde, was der höchſte Ruhm für eine große Nation iſt. Indeſſen regneten die Seſterzien auf den Plebs herunter, der Fürſt vervielfachte die Austheilungen; man würde geſagt haben, das koſte ihn nichts, er ver⸗ theilte, vertheilte, vertheilte; er war ſo gut, daß er ſelbſt den Kindern unter elf Jahren gab, obgleich es das Geſetz verbot. Es iſt ſo ſchön, das Geſetz zu über⸗ ſchreiten, wenn man beſſer iſt als das Geſetz⸗ Für die Schauſpiele begann die gute Zeit. Man hatte nur die Verlegenheit der Wahl: Theaterſpiele, Gladiatorenſpiele, hatte eziemt, herum⸗ Süden, einzu n man ſtellen; itanier, ier die er, die iege zu tus zu de als ge, in wundet Nation Plets — — lungeni er ver duß er leich 6 u über it di npil 0 die Spiele des Forums, des Amphitheaters, des Eircus, der Comitien, der Athletenjagden und Kämpfe, ohne Beeinträchtigung der Ausſtellungen von Nashörnern, Tigern und zwanzig Ellbogen langen Schlangen. Nie⸗ mals hatte das römiſche Volk ſich in ſolchem Maße unterhalten. Man füge noch hinzu, daß der Fürſt häufig Revue über die Ritter hielt und daß er es liebte, die Feierlichkeit des Defilirens häufig zu wieder⸗ holen; welch ein prachtvolles, wenngleich kein mannich⸗ faltiges Schauſpiel! Und wäre es nicht ungerecht, daſſelbe unter den Schauſpielen wegzulaſſen, welche er den Herren der Welt zum Beſten gab? Was ihn be⸗ trifft, ſo waren ſeine Vergnügungen einfach, und man konnte ihm höchſtens nachſagen, daß er zu oft den rechtmäßigen Platz von Scribonia oder Livia einer Druſilla, einer Tertulla, Terentilla oder auch der Rufilla, Salvia, Titiscenia oder noch Andern einge⸗ räumt; daß er den ſchlechten Geſchmack gehabt, in⸗ mitten einer Hungersnoth als Gott verkleidet in Ge⸗ meinſchaft von elf gleichfalls vergötterten Genoſſen, die er zärtlich liebte, fröhliche Bankette abzuhalten; daß er ſchöne Möbel und korinthiſche Vaſen zu ſehen geliebt, ſodaß er zuweilen den Eigenthümer tödtete, um in den Beſitz der Gefäße zu gelangen; daß er ein arger Spieler geweſen. Sonſt, ſo verſichert uns Suetonius, 12* 180 war ſein Leben ſehr geregelt und von jedem Vorwurf frei. Dieſe julianiſche Zeit war alſo eine ſehr glück liche, das Jahrhundert von Auguſtus ein großes Jahr hundert, und nicht ohne Grund ruft der zuerſt expro⸗ priirte, ſpäter aber entſchädigte Virgil aus: Das Zeitalter von Saturnus kehrt wieder. Doch fehlt es dem Bilde nicht an Schatten; es hatte ſieben Complots gegeben, man mußte maſſenhafte Metzeleien vornehmen, man hatte ihrer dreihunderttauſend getödtet, was wieder einige Unannehmlichkeiten für den großen Mann nach ſich zog. Im Senate mußte er einen Panzer tragen, was in heißen Ländern unbequem iſt; drei Cohorten zogen hinter ihm her in der Stadt, in welcher man ſechzig Jahre vorher mit keinem kleinen Meſſer bewaffnet einziehen durfte, und das mochte einige Zweifel an der Volks⸗ thümlichkeit des Vaters des Landes erwecken. Agrippa riß zu viel Häuſer ein, aber mußte man nicht ein Grab von Marmor anfertigen für dieſes große Volk, das ſterben wollte? Dann gab es noch eine gewiſſe Expedition in die Ferne, über die man eben nicht ſtolz zu ſein brauchte; der unglückliche Varus hatte ſich mit drei Legionen vernichten laſſen, dort unten weit hinter dem Rhein, in der Tiefe der hercyniſchen Wälder. Der Krieg iſt wie alle guten Dinge, man darf keinen Miß⸗ brauch damit treiben.“ wurf Jahr erpro Das hlt es nplots hmen wieder ch ſich as in hinter Juhre ziehen Volks grippo ht ein Volk, ewiſſe t ſtolz ch mit hinter Der Miß⸗ 181 So läßt Rogeard den Labienus über den Kaiſer Auguſtus ſich äußern und man weiß, wen Rogeard unter Octavianus Auguſtus und unter Rom gemeint hat. Und dennoch hat Napoleon III. mehr geiſtige Ver⸗ wandtſchaft, mehr Aehnlichkeit im Lebenslauf mit Cajus Julius Cäſar als mit Octavianus Auguſtus. Darum hat Napoleon auch die Geſchichte Cäſar's und nicht jene des Auguſtus geſchrieben. Indem er aber die Geſchichte Cäſar's ſchrieb, ſchwebte ihm die Abſicht vor, Cäſar zum geiſtigen Ahnherrn ſeines Oheims, Napoleon's I., und in zweiter Linie zu ſeinem eigenen geiſtigen Ahnherrn zu ſtempeln. In dieſem Sinne iſt dann Napoleon's„Cäſar“ wirklich eine Parteiſchrift, da man ſich unter den Pom⸗ pejanern, gegen welche Napoleon zu Gunſten Cäſar's Partei nimmt, die Orleaniſten des Alterthums denken kann. Der Sieg des Pompejus und der hinter ihm ſtehen⸗ den ariſtokratiſchen Partei hätte den Sieg der gemäßig⸗ ten Monarchie bedeutet, denn zur Monarchie drängte nun einmal in Rom Alles hin. Der Staat war zu groß geworden und brauchte eine einheitliche Führung. Die Frage lag alſo im entſcheidenden Moment 182 zwiſchen Cäſar und Pompejus ſo: Alleinherrſchaft hier, Alleinherrſchaft dort, aber bei Cäſar Alleinherrſchaft ohne jede Beimiſchung eines Freiheitsſchattens durch nackte Säbelgewalt, bei Pompejus Alleinherrſchaft mit etwas Freiheitsbeiwerk, Ordnung ohne das abſolute Säbelregiment. Die Römer fühlten dieſen feinen Unterſchied heraus und darum ſtellte ſich, was in Rom Bildung beſaß und nicht Alles dem Säbel unterordnen wollte, auf Seite des Pompejus. Selbſt Verwandte Cäſar's und Labienus, ſein Unterfeldherr in Gallien, der ihm die Armee hatte ab⸗ richten helfen, an deren Spitze er die Geſellſchaft in Rom retten wollte(ein Oheim jenes Labienus, der unter Auguſtus, wie wir eben geſehen haben, ein ſo loſes Maul führte), nahmen Partei für Pompejus. Indem Napoleon an die Schilderung des Lebens Cäſar's ging, ſchien ihm in Wirklichkeit die Idee vor⸗ geſchwebt zu haben, eine Art politiſchen Manifeſtes zu erlaſſen, in welchem er den Standpunkt präciſirte, den er den Orleans und der Republik gegenüber vertrat. Das Leben Cäſar's ſollte gleichſam die Rechtferti⸗ gungsſchrift ſeines eigenen Vorgehens ſein und inſo⸗ fern kann man es wohl das literariſch⸗politiſche Teſta⸗ ment Napoleon's nennen, der, wenn ſein„Cäſar“ erſt t hier, ſchaft durch ft mit ſolute heraus 183 mit dem dritten Bande vollendet ſein wird, auf ſeinen Lorbeeren ausruhen und kein weiteres Werk vom Stapel laufen laſſen dürfte. Der Volksglaube weiſt großen Männern mit Vor⸗ liebe mythiſche Teſtamente zu, an die ſie wohl nie gedacht haben. Peter der Große hat das Teſtament, das man ihm zuſchreibt, nie verfaßt, Friedrich II. das ſeinige viel⸗ leicht ebenſo wenig; aber da die apokryphen Teſtamente nun einmal das ausgeſprochen enthalten, was die be⸗ treffenden Männer zur Richtſchnur ihres politiſchen Lebens, Wirkens und Strebens gemacht haben, ſo ſchwört die Welt auf dieſe Teſtamente.*) In Napoleon's„Cäſar“ liegt im Gegenſatze zu dieſen mythiſchen Teſtamenten ein greifbares vor, das wohl nicht den Namen Teſtament führt, aber factiſch ein ſolches iſt, da Napoleon in dem Werke der Mit⸗ und Nachwelt den Leitfaden bietet, nach welchem er ſein e) Selbſt um Napoleon's I. Teſtament ſchwebt ein myſtiſcher Zug. Das wahrhafte Teſtament, der eigentliche letzte Gedanke des Kaiſers Napoleon ſoll ſich in den Händen Napoleon's III. be⸗ finden und für ſeine Politik maßgebend ſein. Dies Teſtament, welches von dem bekannten letzten Willen des Kaiſers weſentlich abweichen ſoll, ſoll dieſer auf Helena dem Abbé Vignale insgeheim eingehändigt haben. Vignale hat es zwanzig Jahre in ſeiner Su⸗ tane eingenäht getragen und vor aller Welt verborgen gehalten. ————— 184 politiſches Walten beurtheilt, das Maß, nach welchem er die Arbeit ſeines Lebens gewürdigt ſehen will. Daß es Napoleon mit dem„Cäſar“ wirklich um eine Art teſtamentariſchen Schlußmanifeſtes zu thun war, geht auch daraus hervor, daß er es von jeher liebte, ſolche Manifeſte zu erlaſſen. Die Wenigſten werden wiſſen, daß er ein ſolches Manifeſt ſchon vor nahezu dreißig Jahren gegen die Drleans ſchleuderte. Bei dem Turnier, welches Lord Eglinton im Som⸗ mer 1840 in Ayrſhire veranſtaltete, erſchien Louis Napoleon, der damals in England lebte und eben ſeine Vorbereitungen zu dem Boulogner Verſuche traf, mit großem Gefolge im Coſtüm Wilhelm's III., des Ora⸗ niers. Dieſe Maske war mit Hinblick auf das, was er in Boulogne ausführen wollte, abſichtlich gewählt. Vignale fiel in den Februartagen auf der Barrikade, wo er Ver⸗ wundeten Beiſtand leiſtete. Das Teſtament hatte er dem Corſen Peruzzi eingehändigt, einem fanatiſchen Anhänger der kaiſerlichen Familie. Dieſer übergab es dem alten Jéröme, durch welchen es an Napoleon III. kam. Die Hauptgrundzüge des apokryphen Teſtaments Peter's des Großen ſollen bekanntlich ſein: Zerſtörung Polens, Verdrängung der Türken aus Europa, Fußfaſſung Rußlands in Deutſchland durch Heirathen mit deutſchen Fürſtentöchtern. Dieſe drei Punkte bilden bis zum heutigen Tage den Leitfaden der ruſſiſchen Politik. elchem I. ich um thun jeher ſolches en die Som⸗ Louis nſeine f, nit Dre⸗ V vas et t. er Ver⸗ Corſen erlichen (hen e ers d ängung ſchland Punkt' politi. 185 Wie der Oranier von Holland herübergekommen, um das faule Regiment der Stuarts in England zu ſtürzen, ſo wollte Napoleon über den Kanal gehen, um die Orleans zu Falle zu bringen. Die Broſchüre über Wilhelm III., die er gleichzeitig in die Welt ſchleuderte und in welcher er ſich mit Wilhelm, die Orleans aber mit den Stuarts identi⸗ ficirte, iſt jenes erſte Manifeſt und daſſelbe iſt ſo zeit⸗ gemäß, ſo voll Seitenhiebe auf die Orleans, daß ich hier die markanteſte Stelle deſſelben hervorheben will, die zugleich beweiſt, daß Napoleon 1840 das, was er im„Cäſar“ fünfundzwanzig Jahre ſpäter verblümt ausführte, weit unverblümter ſagte: „Wilhelm III.“ ſagt Napoleon in jener Partei⸗ ſchrift, die ein Vorläufer der Parteiſchrift„Cäſar“ war, „ging nach England mit folgendem Motto: Die Re⸗ volution, die ich mit meiner Armee herbeiführen werde, wird den Vorzug haben, daß ſich der Wille des Volkes ohne Gefahr für das Land frei offenbaren kann. Ich werde eine Regierung ſtürzen, indem ich den Glauben an die Macht erhalte; ich werde die Freiheit ohne Störung feſt ſichern, wie die Macht ohne Zwang. Um mein perſönliches Dazwiſchentreten in einem ſchweren Kampf zu rechtfertigen, werde ich den Einen gegenüber mein Erbrecht, den Andern gegenüber meine Grundſätze — 3 3 186 geltend machen, doch werde ich nichts annehmen, was nicht aus dem freien Willen des Volkes hervorgeht, denn niemals drängt man einem großen Volke ſeinen Willen oder ſeine Perſönlichkeit auf.“ Was Wilhelm für das England von 1688, das wollte Louis Napoleon für das Frankreich von 1840 ſein, und er fährt in ſeiner Parallele der Stuarts und Oranier in folgender merkwürdiger Weiſe fort: „Das Oberhaupt eines Staats muß völlig auf die Nationalgefühle eingehen und, um ſich zu erhalten, den Intereſſen getreu bleiben, die ihm den Sieg verſchafft haben. Die Stuarts ſtellten ſich dem Nationalgefühl feindlich gegenüber. Sie hatten Muth, Geiſt, Beharr⸗ lichkeit, allein ſie benutzten eben dieſe Eigenſchaften, um ſich den Bedürfniſſen ihres Volkes zu widerſetzen. Sie widerſtanden, wo ſie nachgeben ſollten, und gaben nach, wo der Widerſtand eine Pflicht war. Sie be⸗ wieſen die Beharrlichkeit nur in ihrem Haſſe, niemals in ihrer Liebe, und einmal auf den abſchüſſigen Weg der Revolution gezogen, fehlte ihnen immer jene Tu⸗ gend, die lediglich aus den großen Gefahren retten kann, der Aufſchwung des Herzens. Man kann eine ruhige und geordnete Geſellſchaft mit Hülfe der einzi⸗ gen Gabe des Geiſtes regieren; wenn aber die Gewalt an die Stelle des Rechts getreten und der methodiſche 187 Gang der Civiliſation unterbrochen worden iſt, findet ein Fürſt den richtigen Weg nur durch jene großen und plötzlichen Entſchlüſſe, welche das Herz einflößt. Die Stuarts hatten auf den Lippen, was Wilhelm im Herzen trug. Sie beſaßen eine Artigkeit des Laſters, welche die Tugend nachahmt, die man nicht beſitz, während Wilhelm die Rohheit der Tugend beſaß, welche jede Schminke und jeden erborgten Glanz verſchmäht; die Stuarts vergaßen, daß es bei den freien Völkern niemals eine Regierung gegeben hat, die mächtig genug geweſen wäre, während einer längern Zeit die Freiheit im Innern zu unterdrücken, ohne als Aequivalent den Ruhm nach außen begründet zu haben. Wilhelm führte immer nur Krieg, um die Macht Englands zu ver⸗ mehren. Die Stuarts entſchloſſen ſich nur widerſtrebend zum Kriege, um ihre wankende Macht zu befeſtigen. Nach den Niederlagen forderten die Stuarts den Frie⸗ den, Wilhelm nahm denſelben nur nach dem Siege an. Alle Menſchen, ſie mögen groß oder klein ſein, ſetzen ihre Ehre in etwas. Die Stuarts ſetzten ſie als eine Reli— quie in die heilige Bundeslade der königlichen Vorrechte, Wilhelm ſetzte die ſeinige in den Nationalſtolz. Hienieden ſind alle Menſchen mehr oder weniger Schauſpieler“), *) Wem fielen hier nicht des Octavianus Auguſtus Worte ein, als er dem Sterben nahe war:„Freunde, habe ich gut geſpielt?“ 3 3 188 allein jeder wählt ſeine Bühne und ſein Publikum und ſetzt ſeine ganze Anſtrengung und ſeinen ganzen Ehrgeiz in die Zuſtimmung des Parterres ſeiner Wahl*), gleich dem Alexander, welcher an den Ufern des Indus an den Beifall der Athener, als den ſchönſten Lohn ſeiner Arbeiten, dachte. Die Stuarts ſuchten blos die Lobeserhebungen der Partei und eines fremden Fürſten, Wilhelm ſetzte dagegen ſeinen Ruhm *) Merkwürdig ſtimmt damit überein, was Napoleon als junger Mann auf einem Maskenballe zu Florenz zu dem berühm⸗ ten Romanſchriftſteller Cooper ſagte. Cooper erzählt in ſeinem„Italien“:„Der Herzog Charles Louis von St.⸗Leu(ſo nannte ſich der zweitgeborene Sohn der Hortenſe) ſagte im Verlaufe einer längern Unterhaltung zu mir:„Die Welt iſt wenig mehr als eine Maskerade. Schon als kleiner Knabe habe auch ich eine Maskerade geſpielt, und zwar das erſte Mal ohne Abſicht. Während der wenigen Tage zwiſchen der Thron⸗ entſagung meines Vaters und der Einverleibung Hollands in Frankreich war ich Titularkönig von Holland und wurde als ſol⸗ cher eines Morgens, als ich eben im Begriffe war, mich über ei— niges Zuckerwerk herzumachen, aufgefordert, eine Deputation zu empfangen. Während der Redner der Deputation Vieles von den Tugenden des nunmehr vom Schauplatz abgetretenen Königs, mei⸗ nes Vaters, ſprach, wirkte der Gedanke an die gezwungene Ent⸗ behrung des Zuckerbrodes ſo heftig auf mich, daß ich in lautes Weinen ausbrach. Die Herren der Deputation und ſämmtliche an⸗ weſende Höflinge überboten nun einander in Ausrufungen des Entzückens über mein vortreffliches weiches Gemüth, als ſei es von der Liebe zu meinem Vater ſo ſehr bewegt. Ich hatte aber meine erſte Maskerade geſpielt.““ den nei⸗ nt⸗ utes an⸗ des ber 189 in den Beifall der Nachwelt. Während die erſtern die Güter der Erde unter einem wolkenloſen Himmel nicht zu benutzen verſtanden, wußte der zweite während des Ungewitters zu ernten. Die Stuarts regierten durch die Verſtellung und die Intrigue, Wilhelm durch die Offenherzigkeit. Während die Stuarts zögerten, ſchritt Wilhelm vor, während die von der Volksmenge beherrſchten Stuarts nur Verwirrung um ſich her er⸗ blickten, hatte Wilhelm ſchon das Ziel erkannt, ſich in die Bahn geſtürzt und die Menge nach ſich gezogen. Das Beiſpiel der Stuarts beweiſt, daß, wenn eine Re⸗ gierung die Begriffe und Wünſche einer Nation bekämpft, ſie immer Erfolge herbeiführt, die ihrem Vorhaben ent⸗ gegen ſind. Es beweiſt, daß die fremde Unterſtützung immer unvermögend iſt, diejenigen Regierungen zu ret⸗ ten, welche die Nation nicht annimmt. Und die Geſchichte Englands ſagt mit lauter Stimme zu den Königen: Stellt Euch an die Spitze der Begriffe Eures Jahr⸗ hunderts, dieſe Begriffe folgen Euch und tragen Euch. Geht Ihr denſelben aber nur nach, ſo ziehen ſie Euch mit ſich fort. Stellt Ihr Euch denſelben entgegen, ſo ſtürzen ſie Euch!“ Entkleidet man dieſes Manifeſt ſeiner freiheit⸗ lichen Phraſen, ſo bleibt nur die Polemik gegen die Orleans zurück, deren Anfang wir alſo hier vor uns haben, wie wir im„Cäſar“ ihr Ausklingen, ihre Austiefung zu breitern Dimenſionen wahrnehmen können. In der Broſchüre ſind die Orleans unter den Stuarts, in dem großen Werke unter den Pom⸗ pejanern gemeint, und Broſchüre und Werk gleichen einem Gutachten, der Satzſchrift eines Advocaten, die von Allem Act nimmt, was zur eigenen Glori⸗ ficirung und zur Herabdrückung der Gegner dienen kann. Im Munde führte Cäſar ganz ſo wie Napoleon die Freiheit, als er ſich den Neffen des Marius nannte und ausrief, er wolle die demokratiſche Erbſchaft ſeines großen Oheims antreten. Aber es waren eben nur hohle Worte wie bei Napoleon, im Grunde des Her⸗ zens war Cäſar ganz ſo Ariſtokrat wie Sulla, wie Pompejus, wie— Napoleon. Ein ausgezeichneter deutſcher Schriftſteller— Alfred Königsberg— ſagt ganz richtig:„Der die erſten ſieben Jahrhunderte ausfüllende Kampf zwiſchen Ariſtokratie und Demokratie konnte weder nach Art des Marius durch Ausſchneidung des ariſtokratiſchen Geſchwürs, noch nach Art des Sulla durch periodiſche Abhackung der Demokratenhydraköpfe gelöſt werden. Gewiß war es vom Uebel, daß einige zwanzig Familien alle Würden red en tie och der den 8 ——— — 191 und Stellen inne hatten“) daß ſie dazu ſchon in den Windeln deſignirt waren, daß ſie als Steuerpächter die Provinzen ausbeuteten und die Kapitalien aller Welttheile an ſich riſſen, daß ſie den ganzen Boden Italiens eigenthümlich beſaßen und daraus den freien Bauernſtand austrieben, daß ſie die koloſſalſte Wahl⸗ beſtechung trieben und keinen Plebejer trotz der geſetz⸗ lichen Gleichſtellung aufkommen ließen; dieſe ſtereo⸗ typen Fehler mußte Cäſar, wenn er es ehrlich meinte, der Ariſtokratie eben benehmen, nicht aber ſich die Miene geben, ſie ganz aus dem Staatsleben ſtreichen zu wollen. Aber es war ihm eben darum zu thun, in die ge⸗ riſſene Lücke das Prätorianerthum einzuſchieben. Cäſar mußte, wenn er correct vorgehen wollte, ein verbeſſerter Sulla, nicht aber ein verbeſſerter Marius werden. Denn die Ariſtokratie gleicht den alten Forſten des Landes; mit ihrer Ausrottung ändert ſich das Klima und nicht zum Beſten der Gegend. Dieſe Ariſtokratie hatte ja doch das noch nie Dageweſene geleiſtet, den Mittelmeerſtaat gegründet, die Waffen der Republik an die Donau und den Euphrat getragen und das unter⸗ *) Hier fällt einem unwillkürlich Napoleon's I. Ausſpruch von den ſechzig Familien ein, die ſich in die Regierung Oeſter⸗ reichs theilen. — 192 ſcheidende Merkmal Europas gegenüber dem Sultanis⸗ mus und der Prieſterherrſchaft des Orients, die poli⸗ tiſche und religiöſe Freiheit, energiſch entwickelt. Da es in Rom damals einen Mittelſtand wie die heutige Bourgeviſie nicht gab, ſo fehlte auch Cäſar der wahre Träger des Freiheitsprincips, der Stand, mit dem er die Gewalt hätte theilen können, ſobald er die Ariſto⸗ kratie, der er durch Geburt angehörte, bekämpft und vernichtet hatte. Es blieb ihm eben nichts übrig, als der einzige Ariſtokrat zu ſein, alle Machtvollkommenheit und Autorität in ſich zu faſſen, ſoweit es der Sol⸗ dateska gefiel, die nicht umſonſt den Rubicon über⸗ ſchritten haben wollte.“ Selbſt in der oſtentativen Verleugnung des Ariſto⸗ kraten, der doch in beiden ſteckt, treffen Cäſar und Napoleon III. alſo zuſammen. Der eine nennt ſich mit Vorliebe den Neffen des Emporkömmlings Marius, der andere ſpielt unmittelbar nach dem Staatsſtreiche den Parvenu und vergißt, daß ſeine Wiege neben einem Throne ſtand, daß bei ſeiner Geburt die Ka⸗ nonen der Invaliden donnerten, daß, wenn in ſeiner Familie von einem Parvenu die Rede ſein kann, dieſer Parvenu ſein Onkel war, nicht er, der Königsſohn und Kaiſerneffe. Aber man kommt zu noch weit frappantern Re⸗ ———— is⸗ oli⸗ Da tige hre heit Sol⸗ bet⸗ iſto⸗ und ſich iche ben inel eſer und — 5 19² 0 ſultaten, wenn man die Parallele zwiſchen Cäſar und Napoleon weiter führt und beider Anlagen, Neigungen und Lebenslauf vergleicht. Faſſen wir zunächſt beider Jugendjahre ins Auge. Cäſar muß als Flüchtling umherirren und ſieht ſich bei jedem Schritte bedroht— Napoleon III. iſt ſchon Flüchtling, als er ſieben Jahre alt iſt. Hortenſe muß mit ihm aus Paris fliehen und ſein Leben ſchwebt mehrfach in Gefahr. Die königlichen Garden hatten in Dijon bereits das Zimmer, in welchem ſich Hortenſe mit ihrem Sohn befand, erſtürmt und ſchwangen ihre Säbel über Mutter und Sohn. Da trat zum Glück der öſterreichiſche Haupt⸗ mann Graf Woyna, der die Königin nach der Schweiz zu geleiten hatte, in die Stube. Er hatte die ſeinem Schutze Anvertrauten nur auf eine kurze Zeit verlaſſen, um ſich eine Brille zu kaufen, und kam gerade zur vechten Zeit, die Raſenden zu Paaren zu treiben. Ein halbes Jahr ſpäter ging eine förmlich organi⸗ ſirte Mordbrennerbande mit dem Plane um, alle Mit⸗ glieder der Familie Bonaparte zu ermorden. Der öſter⸗ reichiſche General Rochmann, der in Lyon die Truppen der Verbündeten befehligte, ſchickte einen Offizier an die ſich eben in Aix aufhaltende Hortenſe ab, auf deren Sohn es die Verſchworenen zunächſt abgeſehen hatten. Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. IV. 13 Cäſar wird von Sulla für einen gefährlichen Aben⸗ teurer gehalten— auch Napoleon III. galt als Jüngling der europäiſchen Diplomatie für einen Abenteurer, deſſen man ſich um jeden Preis entledigen wollte. In den Archiven Modenas fand ſich ein Steckbrief, in welchem Metternich vor Louis warnt, der ſich im Jahre 1831 in die italieniſchen Revolutionshändel ein⸗ gelaſſen hatte. Ein öſterreichiſcher Staatsmann ſchrieb 1831 einem Collegen: „Wenn dieſer junge Mann, welcher ſich noch für einen Prinzen hält, erſt gefangen genommen worden iſt, dann ſoll er durch die Weiſe, in welcher wir ihn behandeln werden, ſchon erfahren, was er eigent⸗ lich iſt!“ Die italieniſche Erhebung macht Fiasco und Napo⸗ leon ſchlägt ſich nun tagelang als Flüchtling in den⸗ ſelben ſabiner Bergen umher, in welchen Cäſar neun⸗ zehnthalbhundert Jahre früher rathlos, hülflos umher⸗ irrte. Cäſar übernachtete in den Weinbergen, Napoleon ſchlief in derſelben Gegend auf Steinhaufen, welche die Landſtraße beſäumten. Cäſar wird, als er hülflos umherirrt, von ſeiner Gemahlin geſucht, wie nur ein Kind von ſeiner wei⸗ nenden Mutter geſucht werden kann— hinter Napoleon apo⸗ den ſeun⸗ nhel oleon einer wei⸗ 1 oleo 8 ——— 195 iſt ſeine weinende, zitternde Mutter in Wirklichkeit hinterdrein, und als ſie ihn endlich ausfindig gemacht hat, erkrankt er in einem Hauſe, in welchem der öſter⸗ reichiſche Feldmarſchalllieutenant Geppert einquartiert iſt, der den Oberbefehl über die öſterreichiſchen Truppen führt, welche ſo eben die Revolution in Italien nieder⸗ getreten haben. Wenn Geppert Napoleon entdeckt, ſo läßt er ihn ebenſo gewiß erſchießen, wie Sulla Cäſar ſicher um einen Kopf kürzer gemacht haben würde, wenn er ihm in die Hände gefallen wäre, ehe die Veſtalinnen ein gutes, rettendes Wort für ihn einlegten. Aber Hortenſe weiß den Sohn den Blicken Geppert's zu entziehen, er entkommt als Bedienter verkleidet, in⸗ dem er ſich auf den Bock des Wagens ſetzt, der ſeine Mutter mit Geppert's Erlaubniß nach der Schweiz bringen ſoll. Und nun kommt das Liebesleben Napoleon's, wel⸗ ches nicht weniger bewegt iſt als jenes Cäſar's, deſ⸗ ſen poetiſche Liebſchaften wir dem Leſer vor Augen ge⸗ führt haben, Alles beiſeite laſſend, was auf Cäſar in dieſer Beziehung ein ſchiefes Licht werfen konnte und poetiſch keine Berechtigung hatte. Denn wenn zum Beiſpiel Cäſar ein Verhältniß mit Mucia, der Gemahlin ſeines Bundesgenoſſen Pompejus, anſpinnt, 13 196 ſodaß ſich dieſer von Mucia ſcheidet, ſo iſt das ein Verhältniß, das wohl auf die ſittliche Fäulniß, von der Rom damals ſchon angefreſſen war, ein grelles Licht wirft, das ſich aber natürlich einer poetiſchen Behandlung entzieht. Dieſe Liaiſon wie ſo manches Andere— ſagt doch Stahr in ſeiner„Kleopatra“, daß Cäfar mit dem Gedanken umging, ſich ein Senats⸗ privilegium zu erwirken, das ihm geſtatten ſollte, meh⸗ rere Frauen gleichzeitig heirathen zu dürfen(angeblich, damit er ſicherer männliche Leibeserben erhielte)— be⸗ weiſt nur, welch ein Don Juan Cäſar war. In dieſer Beziehung gibt ihm nun Napoleon, we⸗ nigſtens was ſein Jugendleben anlangt, wenig nach, wenn ihn auch das Alter geſetzter und ſolider gemacht hat, ſodaß der Frieden ſeines Ehelebens durch keine an die Sturm und Drangperiode der Jugend erinnernde Kleopatraperiode getrübt wird. Freilich iſt auch das Temperament Eugeniens von Montijo ein ganz anderes als das der ſanften Calpurnia, welche duldete und weinte, während die blendende Aegyptierin ihren Ge⸗ mahl umgarnte. Hätte Calpurnia nur etwas von dem Feuergeiſte Eugeniens gehabt, ſo wäre ſie ſicherlich, um gegen ihren Gemahl und Kleopatra zu demonſtriren, im Winter nach Schottland gegangen, wenn Schottland den Rö⸗ me her b ein von elles ſchen ſches doß nats⸗ meh⸗ blich be⸗ we⸗ nach nacht ne an ernde des deres und n G⸗ tgeiſe ihren Linter ————— 105 mern ſo leicht zugänglich geweſen wäre, wie es dies heute den Franzoſen iſt. Dieſer Winterausflug Eugeniens nach Schottland iſt aber doch ein Beweis geweſen, daß Napoleon mit⸗ unter ſelbſt als Ehemann Anwandlungen jener loſen Natur unterliegt, die ihm in Arenenberg eben zur zweiten Natur geworden war. In Arenenberg machte der Prinz Louis Napoleon einer verheiratheten Dame, die auf der Inſel Mainau wohnte, den Hof. Sobald der Gemahl der Dame hinter die Liebſchaft kam und unter Anderm erfuhr, daß ſeine Frau zuweilen auf einem Nachen zu nächtlicher Stunde nach Arenenberg hinüberfahre, ſperrte er die ungetreue Ehehälfte ein. Dieſe ſprang aus dem Fenſter und brach dabei die Füße. Die Tochter dieſer Dame heirathete nach Oeſter⸗ reich. Ihr Gemahl nimmt jetzt einen hohen militäriſchen Poſten ein, lebt aber ſeit Jahren von ſeiner Frau ge⸗ trennt, denn das Blut der Mutter machte ſich auch bei ihr geltend und ſie ging mit einem Adjutanten ihres Gemahls durch. Als der letztere das Täubchen ausgeflogen fand, begnügte er ſich auszurufen: „Armer Adjutant, wie unglücklich wirſt Du Dich bald fühlen!“ Ich hatte Gelegenheit, die Dame, als ſie noch mit ihrem Gemahl in Eintracht in Prag lebte, öfter zu ſehen. Sie war von ausgezeichneter Schönheit und beſon⸗ ders ihr Teint war wunderbar rein. Sie war ſo alt, daß ſie ganz gut die Tochter des erlauchten Abenteurers— ſo betitelte die Allgemeine Zeitung den Prinzen Louis Napoleon nach der Affaire von Straßburg— ſein konnte, den ihre Mutter durch ihre Liebe beglückt und den man im Anfang der dreißiger Jahre in der Gegend des Bodenſees nur unter dem Namen„der Don Juan vom See“ kannte. In Arenenberg ſagte man mir, daß ſie im Kahne beſonders an ſolchen Tagen zu kommen pflegte, wo Hortenſe ein großes Feſt in Arenenberg gab, das alle Bewohner des Schloſſes in Athem erhielt und es Louis Napoleon ermöglichte, ſich geräuſchlos aus dem Saale zu ſchleichen und der ſchönen Frau, die ihn be⸗ ſuchte, insgeheim die Honneurs zu machen. Wer einmal Napoleon's Liebesabenteuer ſchildern wird, der wird pikanten Romanſtoff in Hülle und Fülle finden. Da ich den Leſer in Cäſar's, des geiſtigen Ahnherrn eſon⸗ r des neine faire durch det nur mnte ahne „wo alle dem n be⸗ ildern Fül hem 199 Napoleon's, Liebesleben blicken ließ, dürfte eine blos andeutungsweiſe, oberflächliche Skizzirung des Liebes⸗ lebens Napoleon's von Intereſſe ſein. Die erſte Flamme des gegenwärtigen Kaiſers der Franzoſen war Eleonore Gordon, die Tochter eines franzöſiſchen Rittmeiſters, der in Spanien gefallen war. Eleonore Gordon war die Vertraute Napoleon's beim Attentat von Straßburg. Sie war Sängerin und machte dem Prätendenten im Sommer 1836 in Baden⸗Baden Avancen. Man ſagt, daß ſie geträumt habe, Kaiſerin der Franzoſen zu werden. Jedenfalls hat ſie ſich ſehr muthvoll und aufopferungsvoll be⸗ nommen und in ihrem Liebesheroismus erinnert ſie ein wenig an jene Urbilia, die der Leſer kennt und die hinging, die veſtaliſchen Jungfrauen für Cäſar zu intereſſiren. Während Louis Napoleon in der Finkmattkaſerne ohne Glück die Truppen haranguirte, pochten die Gensdarmen bereits an die Thür der Gordon, welcher Perſigny eben hinterbracht hatte, daß das Unternehmen des Prinzen zu ſcheitern drohe. Die Gordon ver⸗ brannte alle auf den Aufſtand bezüglichen Papiere, die Liſten der Verſchworenen, die Correſpondenzen mit denſelben, und als die Gensdarmen die Thür einzu⸗ ſchlagen drohten, ſtellte ſie einen Schrank vor dieſelbe, 200 um ihr Autodafé mit Muße zu Ende bringen zu können. Ihrer Geiſtesgegenwart war es alſo zu ver⸗ danken, daß in dem Proceſſe ſo wenig an den Tag kam. Louis Napoleon bewahrte der Gordon auch noch lange ein wohlwollendes Andenken. Er ſprach noch, als ihn Louis Blanc in Ham beſuchte, liebevoll von ihr. Faſt gleichzeitig hatte Louis Napoleon die damals fünfzehn Jahre alte Königin von Portugal ins Auge gefaßt. Das Portrait Maria da Gloria's hatte Ein⸗ druck auf ihn gemacht, und er wäre nicht abgeneigt geweſen, König von Portugal zu werden. Aber die Sache ging nicht recht zuſammen, ſo große Mühe ſich auch ſeine Verwandten gaben. Louis Napoleon ver⸗ zichtete am 14. December 1835 in einem officiöſen Briefe auf die portugieſiſche Candidatur, indem er ſchrieb: „Ueberzeugt, daß der große Name, den ich führe, für meine Mitbürger nicht immer eine Urſache zur Ausſchließung ſein wird, weil er ſie an fünfzehn ruhm⸗ reiche Jahre erinnert, warte ich mit Ruhe in einem freien gaſtlichen Lande die Zeit ab, wo das Volk die⸗ jenigen in ſeinen Schooß zurückrufen wird, welche im Jahre 1815 von den Fremden verbannt wurden. Die Hoffnung, einſt Frankreich als Soldat und Bürger dienen zu können, ſtärkt meine Seele und gilt in meinen Augen mehr als alle Throne der Welt.“ 201 Dieſer Brief athmet ganz jene Zuverſicht, die ihn beſeelte, daß er berufen ſei, die Miſſion ſeines Oheims weiter zu führen, und dieſe Zuverſicht, die ſich auch in ſeinem fataliſtiſchen Motto:„Je monte“ widerſpiegelte, iſt homogen mit Cäſar's Zuverſicht, daß er berufen ſei, die Erbſchaft ſeines Oheims Marius anzutreten. Ueberhaupt macht ſich bei Napoleon wie bei Cäſar ein gewiſſer fataliſtiſcher Zug geltend. Der erſtere erwartete ſein Heil von gewiſſen Tagen, wie vom zweiten December, weil ſein Oheim an dieſem Tage bei Auſterlitz ſiegte. Der zweite nimmt es beim Uebergang über den Rubicon für eine gute Vorbedeu⸗ tung, daß ihm im Traume ein Luftgebild erſchien, das ihm den Weg nach Rom zeigte. Beiden gemeinſam iſt das Hängen an gewiſſen Symbolen. Cäſar hält die Trophäen des Marius hoch, Napoleon erſcheint in Boulogne im Corſicanerhute und in den Stiefeln ſeines Oheims und läßt den abgerichteten Adler über ſeinem Haupte aufſteigen. Wem fiele dabei nicht der Cultus des ſilbernen Adlers des Marius ein?*) *) Ein Beurtheiler des napoleoniſchen„Cäſar“ warf dem kai⸗ ſerlichen Autor vor, daß er Catilina nur deshalb rehabilitirt habe, weil derſelbe den Adler des Marius hervorholte, ſodaß die Sol⸗ daten ihm zuliefen. Denn dadurch erinnerte er an jene Offiziere, die unter den Bourbonen bonapartiſtiſche Verſchwörungen anzettelten. Wie Cäſar die Tage des Marius zurückführen wollte, ſo ſagte Napoleon III.: „Nicht die Aſche Napoleon's allein, auch ſeine Ideen ſollen nach Frankreich zurückkehren. In Frankreich ſind nur zwei Parteien: die Sieger bei Waterloo und die bei Waterloo Beſiegten. Damit die letztern ans Ruder kommen, müſſen die erſtern vertilgt werden. Ich werde ſie vertilgen. Ein Funke jener Sonne, die auf St.⸗Helena unterging, iſt in meine Seele übergeflogen; ich werde ſeine Miſſion erfüllen oder ſterben!“ Aber kehren wir noch einmal zu dem Liebesleben Napoleon's zurück. Mit der Sängerin und Königin rivaliſirte damals noch eine dritte Frau. Es war Mathilde, König Jéröme's ſiebzehnjährige Tochter(geboren in Trieſt am 27. Mai 1820), eine große Schönheit, klein von Geſtalt, aber wohlgebildet, mit einem Kopfe von klaſſiſcher Form, großen, funkeln⸗ den Augen und ausdrucksvollen, regelmäßigen Zügen, die eine blühende Geſichtsfarbe und ein üppiges licht⸗ blondes Haar noch vortheilhafter erſcheinen ließen. Sie ſcheint Napoleon aufrichtig geliebt zu haben. Als er nach dem verunglückten Verſuche von Straß⸗ burg auf der Fregatte Andromeda nach Amerika trans⸗ portirt wurde, dachte er mit Wehmuth an ſeine Cou⸗ ſine und ſchrieb Folgendes in ſein Tagebuch: „Als ich vor einigen Monaten Mathilde nach Hauſe brachte, betraten wir gemeinſchaftlich den Park und ſahen dort einen ſo eben vom Sturme zerſchmetterten Baum, worauf ich zu mir ſelbſt ſagte, daß unſere Heirathspläne in gleicher Weiſe durch das Geſchick zer⸗ trümmert werden würden. Was damals mein Geiſt dunkel ahnte, iſt ſeither zur Wahrheit geworden. Habe ich denn während dieſes Jahres den ganzen Reichthum von Glückſeligkeit geleert, der mir in dieſer Welt be⸗ ſchieden iſt?*) Eins iſt richtig: Cäſar wußte ſich im bithyniſchen Eril die Zeit beſſer zu vertreiben als Napoleon in dem *) Der Stamm dieſes zerſchmetterten Baums exiſtirt noch. Ich ſah ihn ſelbſt vor kurzem in Arenenberg. Links von dem Gartenwege, der zum Schloſſe führt, fiel mir ein kleiner Epheu⸗ hügel in die Augen; ich machte eine Bemerkung zu dem Caſtellan, der mich umherführte, und dieſer erzählte mir Folgendes: Als Louis Napoleon einmal ſeine Couſine Mathilde, die in Arenenberg zu Beſuch geweſen war, nach Conſtanz begleitete, er⸗ hob ſich ein mächtiger Sturmwind, der einen ſtarken, mit Epheu umrankten Baum niederwarf, ſodaß er quer über den Weg fiel und ſich dem von Konſtanz zurückkehrenden Prinzen wie eine Bar⸗ rikade entgegenſtemmte. Der Stamm wurde entfernt, der Epheu wucherte jedoch um den Baumſtrunk luſtig fort und bildet nun ſchon einen ziemlich großen grünen Hügel. ſeinigen. Denn Napoleon ſtößt folgenden Stoßſeufzer aus: „O ihr, welche das Glück ſelbſtſüchtig gemacht hat, die niemals die Qualen der Verbannung gefühlt haben, haltet es für ein Geringes, einen Menſchen aus ſeinem Vaterlande zu verbannen. Ihr ſolltet wiſſen, daß Ver⸗ bannung eine beſtändige Marter, ein Tod iſt, nicht der ruhmvolle Tod derer, welche für ihr Vaterland ſterben, nicht der noch ſüßere Tod jener, welche ihren Geiſt in den Armen ihrer Lieben aufgeben, ſondern der allmälig auflöſende Tod, der in langſamer Weiſe Stunde für Stunde an dir nagt, bis er dich hinunter ins ein⸗ ſame Grab gebracht hat!“ Einmal iſt er ſogar ſo deprimirt, daß er ſeine Miſſion vergißt und ein ehrſamer Philiſter werden will. Denn er ſchreibt ſeiner Mutter: „Kommen Sie nicht zu mir, denn ich weiß nicht, wo ich meinen Aufenthalt nehmen werde, ob in den Vereinigten Staaten oder in Süden. Doch wo ich auch immer bin, muß ich arbeiten, mein Brod ver⸗ dienen, um darin einigermaßen Troſt zu ſuchen, da die Beſchäftigung meine Gedanken von peinlichen Erinne⸗ rungen fern halten wird, denen ich ſonſt nachhängen möchte.“ So weit verließ nun allerdings Cäſar nie der Muth, 205 daß er an das kleinbürgerliche Brodverdienen gedacht hätte! Intereſſant iſt es übrigens, in Napoleon's„Poli⸗ tiſchen Träumereien“— in demſelben Büchlein alſo, in welchem Napoleon den Stoßſeufzer über die Qualen der Verbannung ausſtößt— die Auffaſſung der Sulla⸗ niſchen Periode nachzuleſen, wie ſich Napoleon dieſelbe damals conſtruirt hatte. „Die Menſchen ſind oft ungerecht gegen diejenigen, die ihnen am meiſten Gutes thun“ läßt ſich der ſpä⸗ tere Biograph Cäſar's in der eben erwähnten Schrift vernehmen;„ſie begeiſtern ſich für Namen und vernach⸗ läſſigen die Thatſachen. Der leidenſchaftliche Sulla führt die Römer gewaltſam zur Freiheit; der liſtige Tyrann Auguſtus führt ſie ſanft und unmerklich zur Knechtſchaft. Während unter Sulla die Republik die Kräfte wiedergewonnen, ſchrie alle Welt über Tyran⸗ nei, und während unter Auguſtus ſich die Tyrannei befeſtigte, ſprach man von nichts als von Freiheit. Ohne Frage bedarf es heutzutage feſter Geſetze, welche für immer das Glück und die Freiheit Frankreichs ſichern. Doch vergeſſen wir nicht, daß es Augenblicke der Kriſis gibt, aus denen das Vaterland ſiegreich nur durch das Genie eines Napoleon oder den eiſernen Willen eines Convents hervorgehen kann.“ 206 Wenn es heute dem Kaiſer der Franzoſen einfallen würde, das zu durchblättern, was er in der Mitte der dreißiger Jahre geſchrieben, welche Gedanken würden ihn wohl bei der merkwürdigen Stelle:„der liſtige Tyrann Auguſtus führt die Römer ſanft und unmerk⸗ lich zur Knechtſchaft“, beſchleichen? Hat er es nicht gemacht wie Auguſtus? Hat er ſich nicht einmal ver⸗ lauten laſſen, Frankreich brauche am meiſten eine eiſerne Hand, die in einem Glacéhandſchuh ſteckt, und war das nicht ungefähr die Hand, die Auguſtus auf Rom legte? Noch einmal kehre ich zu den galanten Beziehungen des modernen Cäſar zurück, um die Reihe zum Ab⸗ ſchluß zu bringen. Im Jahre 1840 ſchwärmte Napoleon für die ſchöne Lady Seymour. Ihre Farbe trug er bei dem Turniere, welches Lord Eglinton in Ayrſhire veranſtaltete und von dem hinweg er nach Boulogne ging. Auf Boulogne folgte Ham— für ihn ebenſo eine Etappe nach den Tuilerien, wie Bithynien eine Etappe Cäſar's auf dem Wege nach dem Capitol war. In Ham verliebte ſich Napoleon in ein unſchein⸗ bares Mädchen, das Badinguet hieß. Dieſe Badinguet konnten ihm die Franzoſen lange nicht vergeſſen, wie, wenn man Kleines mit Gro⸗ ne re, nd ſo ine in ge 207 ßem vergleichen darf— si licet parva componere magnis— die Römer Cäſar Kleopatra nie verziehen. Daß dieſer ſich gerade an die üppige Aegyptierin gehängt hatte, galt als eine levis notae macula bei den Römern, welche die Aegyptier geringſchätzten. So auch tönte dem modernen Cäſar, lange nachdem er Präſident geworden, das Wort Badinguet höhniſch entgegen, wenn er ausritt. Ich habe die Arbeiter in Paris noch im Jahre 1850 mit ſpöttiſcher Miene Badinguet rufen hören, als der Präſident der Republik eines Tages die Bou⸗ levards entlang ritt. Gerade die Arbeiter verziehen ihm am ſchwerſten die Liaiſon mit dem niedrig geborenen Mädchen, deren Kinder ſpäter die Miß Howard gegen ein glänzendes Jahrgeld in Pflege nahm. Miß Howard war eine robuſte engliſche Schönheit, die Louis Napoleon viel Geld koſtete. Er machte ſie zur Gräfin von Beauregard und kaufte ihr eine glänzende Villa bei Paris. Sie war es, welche im Winter 1861 durch ihr unverſchämtes, herausforderndes Benehmen— ſie nahm eine Loge im Theater gerade der Loge Eugeniens gegen⸗ über und lorgnettirte dieſe in auffallender Weiſe— die Kaiſerin nach Schottland trieb. 208 Im Jahre 1848 war Louis Napoleon eine Zeit lang der Verehrer der Frau Kalergis, einer reizenden Blondine, der auch Cavaignac den Hof machte. Napoleon ſoll dem Republikaner Cavaignac auch bei Madame Kalergis, die von ihrem Manne geſchieden lebte, eine Schlappe beigebracht haben.*) Aber auch abgeſehen davon, daß beide viel liebten und in der Liebe der Abwechslung huldigten, gibt es noch eine ganze Reihe frappanter Berührungspunkte zwiſchen dem antiken und dem modernen Cäſar. *) Es iſt das dieſelbe Kalergis, auf welche ſich Heine's Ge⸗ dicht„Der weiße Elephant“ bezieht. Dem Elephanten iſt im Traume ein herrliches, rieſiges Weib erſchienen, und ſeitdem verzehrt ihn eine unſagbare Sehnſucht. Das ſchöne Weib aber ſchildert Heine in folgenden draſtiſchen Verſen: Mit ihr verglichen erſcheint er nur Ein weißes Mäuschen. Es mahnt die Statur An Bimha, die Rieſin, im Ramayana Und an der Epheſer große Diana. Wie ſich die Gliedermaſſen wölben Zum ſchönſten Bau! Es tragen dieſelben Anmuthig und ſtolz zwei hohe Pilaſter Von blendend weißem Alabaſter. Das iſt Gott Amor's koloſſale Domkirche, der Liebe Kathedrale; Als Lampe brennt im Tabernakel Ein Herz, das ohne Falſch und Makel. Die Dichter jagen vergebens nach Bildern, Um ihre weiße Haut zu ſchildern; tei pi ge Zeit enden auch ieden ebten 5 Ge raume rt ihn Heine Cäſar war bei zwei Verſchwörungen betheiligt, ehe er zur Gewalt kam; Mommſen conſtatirt, wie wir be⸗ reits wiſſen, ausdrücklich, daß er ſowohl an der Con⸗ ſpiration des Lepidus als an jener des Catilina Theil genommen habe. tapoleon war auch die Seele zweier Complots, ehe er an die Spitze der Geſchäfte trat. Straßburg und Boulogne ſind die Schlagworte für die Conſpirationen des neuen Cäſar. Und wie Cäſar nachgeſagt wurde, daß ihn ſeine Schulden zum Verſchwörer machten, ſo ſagten Napo⸗ leon's Feinde, daß ihn die Schulden zum Staatsſtreich zwängen.*) Selbſt Gautier iſt deſſen nicht capabel, Denn dieſe Weiße iſt implacable! Des Himalaya Gipfelſchnee Erſcheint aſchgrau in ihrer Näh, Die Lilie, die ihre Hand erfaßt Vergilbt durch Eiferſucht oder Contraſt. Gräfin Bianca iſt der Name Von dieſer großen weißen Dame, Sie wohnt zu Paris im Frankenland Und dieſe liebt der Elephant. *) Folgendes brachten ſeiner Zeit die„Grenzboten“ „Louis Napoleon brauchte anderthalb Millionen, um Präſident zu werden. Thiers borgte ihm die Summe und ließ ſich eine ein⸗ fache Obligation geben. Von Intereſſen war keine Rede. Aber als es ſich um die Bildung des Miniſteriums des neuen Präſi⸗ Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. IV. 14 210 Proudhon, der in ſeinem Weſen etwas von dem Volkstribun und Cenſor Cato hat, war der erbittertſte Feind Napoleon's, wie Cato der Feind Cäſar's, und Proudhon ſagt in ſeinem Journal„Le Peuple“ im Jahre 1849, daß Napoleon nur die Wahl zwiſchen dem Schuldgefängniß oder einem Staats ſtreich habe. denten handelte, kam Thiers und nannte die Namen Barrot, Fau cher und Falloux. Als Napoleon zauderte, den Jeſuiten Fallour zu ſeinem Miniſter zu machen, ſagte Thiers trocken:„Ein Dienſt erfordert den andern; mehrere Herren der Bank haben die andert⸗ halb Millionen vorgeſtreckt und nur ein Miniſterium Barrot⸗Fal loux bietet ihnen die Garantie, daß ſie ihr Geld nicht verlieren.“ Der Präſident acceptirte die ihm von Thiers vorgeſchlagenen Miniſter. Sie machten Louis Napoleon ſo unpopulär, daß er ſich ihrer bald entledigen wollte. Eine neue Miniſterliſte wurde ent⸗ worfen und curſirte unter den Hausfreunden des Präſidenten. Aber kaum iſt der Familienrath auseinander gegangen, ſo erſcheint Thiers mit allen Gläubigern des Präſidenten, die insgeſammt er— klären, daß die durch den projectirten Miniſterwechſel heraufbe ſchworenen Gefahren ſie nöthigten, alle Geldmittel zuſammenzu raffen, und daß ſie ſich daher zu ihrem Bedauern gezwungen ſä⸗ hen, das Darlehn von 1,500000 Francs, das ſie dem Präſidenten zur Verfügung geſtellt, zurückzuverlangen. Wolle dieſer ſein Miniſterium aber behalten, ſo ſähen ſie gern die Schuld noch länger in ſeinen Händen. Der Präſident gab wieder nach, die unpopulären Miniſter blieben.“ Die anderthalb Millionen, welche Thiers borgte, damit Na poleon ſteige— erinnern ſie nicht an die Millionen Seſterzien die Eraſſus hergab, damit Cäſar ſteige? Fau⸗ allout Dienſt ndert⸗ eren. agenen er ſich e ent⸗ denten⸗ ſcheint mt er⸗ raufbe nenzl en ſi⸗ denten r ſein d noch die it Na terzien 211 Cato ſagte Cäſar ins Geſicht, daß er mit der Re⸗ volution kokettire und das Wort:„Da, Trunkenbold“, mit welchem er dem gehaßten Manne in offener Se⸗ natsſitzung den Liebesbrief ſeiner Schweſter Servilia ins Geſicht warf, zeigt, wie geringſchätzig er von Cä⸗ ſar dachte, wie geringſchätzig er ihn öffentlich zu be⸗ handeln wagte. In ähnlicher Weiſe hat Proudhon Napoleon im Jahre 1849 das Herbſte zu hören gegeben und ich ci⸗ tire zum Beleg nur eine marquante Stelle aus Proud⸗ hon's Blatte, das ich, ſoweit es nicht confiscirt wurde, vor mir liegen habe. „Louis Bonaparte hat“ ſagt der moderne Cato, „wie Louis Philipp ſeine Politik, ſein Syſtem, ſeinen unveränderlichen Gevanken. Seit zwölf Jahren ver⸗ folgt er die Realiſirung dieſes Gedankens mit der Zä⸗ higkeit eines Monomanen. Dieſe Politik, dieſes Syſtem, dieſer unveränderliche Gedanke reſumirt ſich in dem ein⸗ zigen Worte: das Kaiſerreich. Im Jahre 1836 verſucht Louis Bonaparte die Sol⸗ daten der Straßburger Garniſon zu einer Revolte zu verleiten. Zu welchem Zwecke? Er hat ihn ſelbſt in einem ganz kurze Zeit vor dem Putſche geſchriebenen Buche eingeſtanden: er wollte ein ſtarkes Gouvernement, einen Pyramidenkoloß mit breiter Baſis und hoher 14* 212 Spitze etabliren, was ungefähr ſo viel bedeutet als; kaiſerliches Syſtem. Im Jahre 1840 betrat Louis Napoleon die Düne von Boulogne mit einigen betrunkenen Küchenjungen. Er ſelbſt trug den napoleoniſchen Ueberzieher. Was beabſichtigte er mit dieſer lächerlichen Maskerade? Das Kaiſerreich! Er wollte— das ſind ſeine eigenen Worte — einen Nationalcongreß einberufen und auf demſel⸗ ben Frankreich befragen, ob es das Königthum behalten oder kaiſerlich werden wolle. Der dritte Act jener Tragikomödie, die in Straß⸗ burg begonnen hat und in Boulogne fortgeſetzt wurde, wird nicht lange auf ſich warten laſſen. Das Ende aber wird Bicètre oder Charenton ſein — das Gefängniß oder das Narrenhaus! Louis Bonaparte, der auf das Kaiſerthum in den Jahren 1836 und 1840 losging, hat ſeinen Plänen nicht entſagt. Die beiden erſten Verſuche ſind der Lächerlichkeit verfallen, die Welt muß jeden Augenblick auf einen neuen gefaßt ſein.“ Eins iſt richtig— Napoleon hat ſich ſpäterhin großmüthiger gegen ſeinen Todfeind gezeigt*) als Cäſar gegen ſeine Feinde. *) Buchſtäblich Todfeind, denn Proudhon ſagte von Napoleon: „Le monstre nous devorera l'un après'autre.“ 213 War Proudhon auch als Gottesleugner— er iſt bekanntlich der Erfinder der zwei famoſen Schlagworte: „Das Eigenthum iſt Diebſtahl“ und:„Gott iſt das Ue⸗ bel“ die aber lange nicht ſo ſchlimm gemeint waren, als ſie auf den erſten Blick ausſehen— von der Am⸗ neſtie ausgeſchloſſen, die Napoleon im Jahre 1860 er⸗ ließ, ſo amneſtirte ihn letzterer doch ſpäter ſpeciell, und als er 1865 in Paris ſtarb, ſchickte er ſeinen Adjutanten zum Begräbniß. Cäſar war nicht immer ſo großmüthig, er war es überhaupt nur da, wo er ſich ſeinen Feinden über⸗ legen wußte; wo er aber das Gefühl moraliſchen Tie⸗ ferſtehens verbeißen mußte, konnte er recht rachſüchtig ſein. So ließ er ſeinen Vetter Lucius, der bei Cato Ad⸗ jutantendienſte that, tödten, weil es ihn verdroß, daß ſeine eigene Familie ſein Vorgehen, ſein gewaltthätiges Ueberſchreiten des Rubicon desavvuirte. Cato ſelbſt verfolgte er, wie das von ihm verfaßte oder doch inſpirirte Pamphlet„Anticato“ beweiſt. Den ritterlichen Vercingetorix, der ſich ihm, ein zweiter Codrus, auslieferte, damit er ſein Volk ver⸗ ſchone, hielt er fünf Jahre lang gefangen und ließ ihn dann beim galliſchen Triumphe am Fuße des Capitols hinrichten, weil er es nicht verwinden konnte, daß ihm 214 der galliſche Freiheitsheld bei Gergovia eine große Nie⸗ derlage beigebracht.“*) Wenn Proudhon, der Volksfreund und Republikaner, Napoleon im große Stile verfolgte, ſo verfolgten hun⸗ dert Andere eine niedrigere Fechtart und Niemand wurde in Pamphleten, von denen manche geradezu einen ſchmäh⸗ lichen Charakter haben, ſo herb angegriffen wie Napo⸗ leon, Cäſar eben ausgenommen.**) Auch hier alſo beſteht eine gewiſſe Wahlverwandt⸗ ſchaft zwiſchen beiden Männern. Bei Cäſar drehten ſich die Anklagen zumeiſt um ſein Verhältniß zu Nikomedes. Seine Anweſenheit am Hofe des Nikomedes gab *) Napoleon ließ Vercingetorir, dem Vertheidiger Galliens, auf dem Verge Alaiſe(Alesia) ein Denkmal ſetzen, auf das er die Stelle aus Cäſar's Commentar über den galliſchen Krieg ſchrei⸗ ben ließ: „Gallien, welches eine von gleichem Geiſte beſeelte Nation be⸗ wohnt, trotzt dem Univerſum.“ **) Selbſt das iſt charakteriſtiſch, daß man beiden daſſelbe Laſter— die Trunkſucht— zur Laſt legen wollte. Cato, ſelbſt ein Trinker in ſeinen ſpätern Tngen, beſchul⸗ digte Cäſar der Trunkſucht; die„Grenzboten“ ſchrieben 1849 über Napoleon:„Eine üble Gewohnheit hat er außerdem, die den gu⸗ ten Pariſern wahrhaft ein Greuel iſt. Er betrinkt ſich täglich re⸗ gelmäßig nach der Tafel, und zu der Zeit, wo in Paris gerade das Leben beginnt und die Diplomatie der Salons ihre Fahnen aufzieht, iſt gar nichts mehr mit ihm anzufangen.“ 2¹5 den Feinden häufigen Anlaß, ihn einer ſchmählichen Willfährigkeit gegen den König von Bithynien anzu⸗ klagen. Wie ſehr die Beweggründe ſeiner Handlungsweiſe bezüglich der Nikomedier entſtellt und zu beleidigenden Anſpielungen ſelbſt in Senatsverhandlungen und Sol⸗ datenliedern ausgenutzt wurden, darüber gibt folgende Stelle in Napoleon's„Cäſar“ intereſſanten Aufſchluß: „In Betreff der Sittlichkeit“, ſchreibt Napoleon nach Sueton,„beeinträchtigt nichts ſo ſehr Cäſar's Ruf wie ſein Aufenthalt bei Nikomedes; der Vorwurf, der von daher auf ihn fiel, war ſchwer und dauernd und ſetzte ihn dem allgemeinen Spotte aus. Ich will nichts von den Schmähverſen des Licinius Calvus erwähnen und von Dolabella's und Curio's Reden ſchweigen. Eben⸗ ſo wenig will ich mich bei den Erlaſſen aufhalten, durch welche Bibulus ſeinen Collegen dem öffentlichen Ge⸗ rede preisgab, indem er ihn als Königin von Bithy⸗ nien bezeichnete. M. Brutus berichtet, daß ein gewiſſer Octavius, deſſen Irrſinnigkeit ihm Alles zu ſagen er⸗ laubte, als er ſich eines Tages in einer zahlreichen Verſammlung befand, den Pompejus König anredete und dann den Cäſar mit dem Namen Königin begrüßte. Auch C. Memmius wirft ihm vor, ſich unter andere Wüſtlinge gemiſcht zu haben, um dem Nikomedes bei 216 der Tafel mit Darreichung von Gefäßen und Wein aufzuwarten, wofür er die Namen mehrerer römiſchen Kaufleute anführt, die mit unter den Gäſten waren. Eicero griff ihn ſelbſt einmal im verſammelten Senate an. Cäſar vertheidigte gerade die Sache der Tochter des Nikomedes und erinnerte dabei an die Verpflich⸗ tungen, die er gegen dieſen König habe.„Laſſen wir das ruhen, ich bitte Dich“, rief Cicero;„man weiß nur zu gut, was er Dir gegeben und was er von Dir em⸗ pfangen hat.“ Bei ſeinem Triumphe über die Gallier wiederholten die Soldaten unter den Spottverſen, die ſie nach herkömmlichem Brauche hinter dem Wagen des Feldherrn herziehend ſangen, auch folgende, auf den Triumphator ſelbſt gemünzte: Gallias Caesar subegit, Nicomedes Caesarem. Pcce Caesar nunc triumphat, qui subegit Gallias: Nicomedes non triumphat, qui subegit Caesarem. Wie bei Cäſar, ſo findet ſich auch bei Napoleon ein entwickelter Cultus ſeiner großen Ahnen und überhaupt eine rührende Pietät für ſeine Verwandten. Beide auch hatten das Glück, vortreffliche, zärtliche Mütter zu beſitzen, die auf ihre Erziehung und ihre geiſtige und gemüthliche Entwicklung den vortheilhaf⸗ teſten Einfluß übten. 217 Welch zärtliche, gebildete, feinfühlende Mutter Hor⸗ tenſe war, iſt bekannt; ſie iſt die poetiſchſte Erſchei⸗ nung im Cyklus der napoleoniſchen Frauen und ihr Sohn ſpricht in ſeinen Werken vielfach mit derſelben Rührung und Verehrung von ihr wie Cäſar von ſei⸗ ner ausgezeichneten Mutter Aurelia, von ſeiner vor⸗ trefflichen Tante Julia. Von Cäſar's Mutter ſpricht ſelbſt Tacitus anerken⸗ nend, indem er ſagt:„So hat, wie uns gemeldet wird, Cornelia, die Mutter der Gracchen, Aurelia, die Mutter Cäſar's, Atia, die Mutter des Auguſtus, der Erziehung ihrer Kinder vorgeſtanden, aus denen ſie große Männer herangebildet.“ Wenn auch Napoleon ein großer Mann geworden, ſo hat er dies gewiß der ausgezeichneten mütterlichen Erziehung mit zu verdanken. Was für Cäſar die Aufrichtung der Trophäen ſei⸗ nes Oheims Marius war, das war für Napoleon die Rückkehr der Aſche des Kaiſers, ſeines Oheims, und für die Pietät, von der ich früher ſprach, geben die rüh⸗ renden Worte Zeugniß, welche Napoleon von Ham aus, wo er eben gefangen ſaß, an den Schatten des Kaiſers richtete, deſſen irdiſche Ueberreſte im Triumph nach Paris geführt wurden. „Majeſtät!“ ſchrieb Napoleon hinter dem Gitterfen⸗ 218 fenſter von Ham am Tage des Einzugs der kaiſer⸗ lichen Leiche in Paris.„Majeſtät! Sie kehren in Ihre Hauptſtadt zurück und das zahlreich ver⸗ ſammelte Volk begrüßt Ihre Rückkehr; aber ich, aus der Tiefe meines Gefängniſſes, kann nur einen Strahl der Sonne bemerken, die Ihrem Be⸗ gräbniſſe leuchtet. 8 Zürnen Sie nicht Ihrer Familie, daß ſie nicht ge⸗ genwärtig iſt, Sie zu empfangen; Ihre Verbannung und Ihr Unglück haben mit dem Leben aufgehört, das unſerige dauert immer fort! Sie ſind auf einem Felſen geſtorben, fern von dem Vaterlande und den Ihrigen; die Hand eines Sohnes hat nicht Ihre Augen geſchloſſen. Heute noch wird kein Verwandter Ihren Leichenzug führen. Montholon, den Sie am meiſten unter Ihren er⸗ gebenen Gefährten liebten, hat Ihnen die Dienſte eines Sohnes erwieſen; er iſt Ihrem Gedanken, Ihrem letz⸗ ten Willen treu geblieben, er hat mir Ihre letzten Worte hinterbracht, er iſt mit mir im Gefängniſſe. Ein franzöſiſches Schiff, von einem edlen jungen Manne geführt, forderte Ihre Aſche. Vergebens ſuch⸗ ten Sie auf dem Verdeck den einen oder den andern der Ihrigen. Ihre Familie war nicht dabei. 219 Als das Schiff am franzöſiſchen Geſtade landete empfand man einen elektriſchen Schlag. Sie erhoben ſich in Ihrem Sarge. Einen Augenblick nur öffneten Sie Ihre Augen. Die dreifarbige Fahne wehte auf dem Ufer, aber Ihr Adler war nicht zu ſehen. Wie vordem, ſo drängt ſich das Volk auf Ihrem Durchzuge. Es begrüßt Sie mit ſeinem Zuruf, als ob Sie lebendig wären. Allein die großen Tageshelden, obgleich ſie ſich vor Ihnen beugen, ſagen leiſe: Gott, weckt ihn nicht auf! Sie ſahen endlich jene Franzoſen wieder, die Sie ſo ſehr liebten. Sie ſind in das Frankreich gekommen, das Sie ſo groß gemacht haben; allein der Fremdling hat in demſelben Spuren zurückgelaſſen, welche durch alle Prachtzüge bei Ihrer Rückkehr nicht ausgelöſcht werden können. Seht jene junge Armee! Es ſind die Söhne Ihrer Helden; ſie verehren Sie, denn Sie ſind der Ruhm. Jeder ſagt zu dieſen jungen Helden: Kreuzt die Arme! Majeſtät! Das Volk iſt der gute Stoff, welcher unſer ſchönes Land bedeckt; aber jene Männer, die Sie ſo hochſtellten und die ſo klein, ach, ſo niedrig waren, Majeſtät, ſehnen ſich nicht nach Ihnen! 220 Sie haben Ihr Evangelium verleugnet, Ihre Ge⸗ danken, Ihren Ruhm, Ihr Blut; als ich mit ihnen von Ihrer Angelegenheit ſprach, ſagten ſie zu mir: Wir begreifen Sie nicht! Laßt ſie reden, laßt ſie handeln, was liegt dem ſteigenden Wagen*) daran, welches die Sandkörner ſind, die unter die Räder fallen. Vergeblich ſagen dieſe Leute, daß Sie nur eine Lichterſcheinung geweſen, die keine Spur zurückläßt; vergeblich leugnen ſie Ihren bürgerlichen Ruhm, ſie werden uns unſer Erbtheil nicht rauben! Majeſtät! Der fünfzehnte December iſt für Frank⸗ reich und für mich ein großer Tag. Aus Ihrem pracht⸗ vollen Zuge haben Sie, gewiſſe Ehrenbezeigungen ver⸗ *) In dem ſteigenden Wagen liegt wieder eine Anſpielung auf Napoleon's Wahlſpruch„Je monte.“ In Arenenberg hatte er dieſes Motto wie eine Art Wappenſchild auf ſeinen Wagen malen laſſen. Der Czar Nikolaus, der Hortenſe gegen das Ende der zwanziger Jahre in Arenenberg beſuchte, ſah dort dies Motto auf Louis Napoleon's Wagen und nahm daran Anſtoß. Und kleine Urſachen, große Wirkungen— Nikolaus wurde fortan eine gewiſſe Gereiztheit und Antipathie gegen Napoleon nicht los, und wer weiß, was von der Verweigerung des mon frére beim Regierungsantritte Napoleon's und von der wachſenden Erbitte⸗ rung, die endlich im Krimkriege zu offener Exploſion führte, auf Rechnung jener Gereiztheit kam, die auf Arenenberg das flüchtig ins Auge gefaßte, prätentiös und herausfordernd ſich anſehende Motto hervorgerufen! elung hotte bagen du dies nſtoß ortan t lo, heim bitte⸗ auf ichtig hende 221 achtend, einen Augenblick Ihren Blick auf meine dunkle Wohnung zu richten geruht, und an die Liebkoſungen ſich erinnernd, womit ſie meine Kindheit überſchütteten, ſagten Sie mir: Du leideſt für mich, mein Freund, ich bin mit Dir zufrieden!“ Gemeinſchaftlich war beiden— Cäſar und Napo⸗ leon— die Vorliebe für zweideutige Freunde und Vertraute. Man blicke nur auf die Vergangenheit Perſigny's, welcher ſo recht der Mann des Vertrauens war, und auf jenen St.⸗Arnaud, der Komödiant und dann Marſchall von Frankreich war, während Fialin von Perſigny hinter einander Unteroffizier, Saint⸗Simoniſt, Parteigänger der Herzogin von Berry, Arrangeur der Complots von Straßburg und Boulogne und zuletzt Faiſeur des zweiten Kaiſerreichs war.*) Etwas Anrüchiges hatte dieſe nächſte Umgebung Napoleon's von jeher, aber Napoleon kann auch in *) Bekanntlich gab Perſigny beim Staatsſtreiche den Aus⸗ ſchlag, denn als Napoleon zögerte, haranguirte er ihn mit den Worten:„Sie wollen den Creaturen vertrauen, die Sie jetzt umgeben? Ich ſage Ihnen, daß keine von ihnen verlaßlich iſt! Wenn Sie unglück haben ſollten, wird Fould Sie ohne Bedenken verrathen, Baroche Sie verurtheilen, St.⸗Arnaud Sie hinrichten.“ 222 dieſem Falle zu ſeiner Entſchuldigung geltend machen, daß es ſein geiſtiger Ahnherr Cäſar, der Catilina zum Freunde und Vertrauten hatte, nicht beſſer machte. Daß Cäſar wie Napoleon glänzende Schriftſteller ſind, iſt eine in die Augen ſpringende Aehnlichkeit zwiſchen beiden, die ſo weit geht, daß, wenn Cäſar ſein Selbſtbiograph wurde, auch Napoleon im Leben Cäſar's gewiſſermaßen eine biographiſche Apologie ſeiner ſelbſt und eines Hauptmoments ſeiner politiſchen Laufbahn, des zweiten Decembers, ſchrieb.*) An dieſem zweiten December 1851 wurde Napoleon nach ſeiner Idee ſo zum Geſellſchafsretter, wie ſich Cäſar einbildete, am Rubicon die Geſellſchaft gerettet zu haben, während er in Wahrheit am Rubicon das Säbelthum ins Staatsleben einfügte und ſo die Knecht⸗ *) Von Cäſar ſagt man, daß er vier Briefe auf einmal dic⸗ tirt habe— Napoleon, der mit der einen Hand Staatsſchriften, mit der andern Geſchichtswerke verfaßt, leiſtet in dieſer Beziehung kaum weniger. Wenn man in Spielereien ſich ergehen wollte, könnte man noch zahlloſe Aehnlichkeiten zwiſchen den beiden Cä⸗ ſaren, dem antiken und dem des neunzehnten Jahrhunderts, auf⸗ finden. Cäſar war Pontifer Marimus— in Napoleon's Leben ſpielt auch der Pontifer Maximus eine nicht unweſentliche Rolle. Napoleon debütirte, indem er ſich an einer Inſurrection gegen den Pontifer Maximus Gregor XVI. betheiligte; und wie viel ihm der Pontifer Maximus Pius M. von der Expedition im Jahre 1849 bis zu jener von 1867 zu ſchaffen macht, das haben wir alle vor Augen. ften, hung ollte, auf⸗ Leben Roll⸗ nden nder 1840 e vor ſchaft des nach ihm benannten Cäſarismus inaugurirte, ganz wie Napoleon II. am zweiten December den modernen Cäſarismus auf dem europäiſchen Continente ins Leben rief, der noch in der Geſtalt des Säbelthums ſchwer auf ſo manchen Verhältniſſen laſtet und die erquickliche Geſtaltung des Staats⸗ und Völkerlebens erſchwert. Und als Napoleon auf den zweiten December los⸗ ſteuerte, ſtellte er ſich auch ſo an, als würde er von den republikaniſch geſinnten Feinden, welche auf die Zerſetzung des Staats hinarbeiteten, zur Action ge⸗ drängt, ganz ſo wie Cäſar ſich die Miene gab, als wäre es der Widerſtand Cato's geweſen, der ihn auf gewaltſame Bahnen drängte. Am Vorabend des zweiten Decembers aber, als Alles vorbereitet war und die Faiſeurs im Elyſée ver⸗ ſammelt waren, um die Lunte an das Pulverfaß zu legen, ſichtete Napoleon in ſeinem Schreibzimmer alle auf die bevorſtehende Action Bezug nehmenden Papiere und machte aus denſelben ein Bündel, das er mit einem Faden umſchnürte und auf das er, ehe er es unter Verſchluß brachte, die charakteriſtiſchen Worte ſchrieb: „Mein Rubicon.“ Ende. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. —————— ———————— Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Johann Georg l. von Hachſen. Hiſtoriſcher Roman von Franz Carion. 3 Bände. Geheftet. Preis 2 Thlr. Die Reiſen von Bambus 4 Comp. Komiſcher Roman von A. von Winterfeld. 3 Bände. Geheftet. Preis 2 Thlr. Gräfin und Marquiſe. Roman von Guſtav vom Ser. 4 Bände. Geheftet. Preis 3 Thlr. 24 Ngr. ————————————————— —— — z———————————— Olour& Grey Sorrofert Sreen Vellow Hed Magenta