———— ——————————— — 37 60— —— Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen.. 1. Oflensein der Pibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ijedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. S 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 M 5 Pf. 2 Wr.— Pf. „ 3 5„„ 5. Auswäptige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern 1c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer i Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden varf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —SS N ——— ßis zum Rubiton. Roman aus Julius Cäſar's Jugendleben. Luecian Herbert. Dritter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1867. Erſtes Kapitel. Im Circus. In dem von Cäſar mit außerordentlichem Aufwand erbauten Circus, der die Abhänge der beiden welt⸗ berühmten Hügel Palatin und Aventin krönte, flutete eine ungeheure Menſchenmaſſe, die man leicht auf hunderttauſend Köpfe veranſchlagen konnte. In die Spiele war eine Pauſe gekommen und das Volk hatte ſich von ſeinen Sitzen erhoben und wogte bunt durch einander. Senatoren, Ritter, Bürger und Plebejer, Männer und Frauen ergingen ſich in den durch drei Stockwerke über einander gebauten Arkaden, in den Hallen, welche den Circus umgaben, und auf den Treppen, welche von einer Etage zur andern führten. Die Marmorbänke der Senatoren und Ritter waren Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. II 1 2 im Augenblick ebenſo verödet wie die Holzbänke, auf denen das Volk ſaß. Dieſes letztere umſtand heute die Buden der Gar⸗ küchler, vor welchen Mädchen in abenteuerlicher Tracht die Caſtagnetten ſchlugen und tanzten, mit theilnahm⸗ loſer Miene, denn die improviſirten Küchen hatten ihm nichts zu bieten, nachdem Cäſar ſelbſt die Bewirthung der Circusgäſte übernommen hatte. Wer hätte ſich um den Bohnen- und Erbſenbrei kümmern ſollen, den die Garküchen feilboten, wenn die reichgeſchmückten Sklaven Cäſar's Speiſekörbe und Rieſenſchüſſeln umhertrugen, wenn immer neue Tiſche in den Hallen mit ſchneeweißen Tiſchtüchern bedeckt wurden, auf welche Weinflaſchen, Feigen, Datteln, Nüſſe, Pflaumen, Gebäckſachen, Käſe, Kuchen, numi⸗ diſche Hühner und gebratene Vögel in großartigen Quantitäten zur Aufſtellung kamen? Eine Gruppe beſonders war hurtig im Zugreifen und tauſchte ihre Betrachtungen in ziemlich lauter Weiſe aus. Sie beſtand aus Kleinbürgern und Freigelaſſenen, und einer der letztern, ein Sicambrer, der in ſeinen Kinderjahren als Sklave nach Rom gekommen war und noch immer nach ſeiner Väter Sitte die Haare auf dem Scheitel in einen Knoten gebunden trug, ſagte —— —————————— — 8 zu ſeinem Nachbar, einem Sarmaten, der ſich gleich⸗ falls in Rom bereits ſo acclimatiſirt hatte, daß er dem Faſan, den ihm eben ein junger Sklave präſentirte, mehr Geſchmack abgewann als der Pferdemilch, die ihn in ſeinen Kinderjahren daheim genährt hatte: „Ich habe ſchon viele Feſte und Spiele in Rom mitgemacht, aber bei keinem iſt es ſo hoch hergegangen wie bei dieſem. Das muß man ſagen, Cäſar über⸗ trifft den Milo, der drei Erbſchaften bei den Spielen zugeſetzt hat.“ „Nun, ich glaube, Cäſar wird auch bald fertig werden, wenn er's ſo forttreibt“, warf der Sarmate, an einer Faſanbruſt kauend, ein.„Man ſagt, daß er ſchon dreißig Millionen Seſterzien Schulden habe.“ „Wer ſpricht von Cäſar's Schulden?“ rief ein Bürger dazwiſchen.„Eine Revolution macht alle ſeine Gläubiger bezahlt und Cäſar zum rangirten Mann. Auf uns kann er vorkommenden Falls rechnen.“ „Unbedingt!“ warf ein anderer ein.„Wenn's zu etwas kommt, wird er die dreihundertzwanzig Fechter⸗ paare, die ihm der beſorgte Senat durch ein eigenes Geſetz als das Maximum zugemeſſen hat, gar nicht brauchen, denn das ganze Volk wird ſich um ihn ſchaaren. Seht nur, wie populär er jetzt ſchon iſt, wie ihn das Volk heute im Circus empfing! Es 1* 4 waren wunderbare Manifeſtationen der Volksgunſt ohne jede Beimiſchung der Hirtenflöte!“ „Aber daß er im Circus Briefe lieſt und ſchreibt, das ſieht das Volk doch nicht gern“, wandte der Si⸗ cambrer ein.„Und noch weniger verzeiht es ihm, daß er die verwundeten Gladiatoren in dem Augenblick, wo es deren Tod erwartet, aus der Arena wegtragen und pflegen läßt.“ „Zählt er nicht an andern Tagen wieder die Gold⸗ ſtücke, welche die Sieger als Lohn erhalten, zugleich mit dem Volke an den Fingern ab?“ nahm ſich ein Bürger eifrig Cäſar's an.„Kommt er nicht immer den Wünſchen der Menge entgegen? Hat er dieſer je irgend ein Verlangen, ſei es das Auftreten eines be⸗ rühmten Fechters oder die Freigebung eines kühnen Wagenlenkers, verſagt? Erlaubt er uns nicht im Som⸗ mer unbeſchuht ins Schauſpiel zu kommen, uns theſſa⸗ liſcher Hüte gegen die Sonne zu bedienen, die warme Toga abzuſtreifen, bei Regen einen Mantel über die Toga zu nehmen und bei einem Regenguß den Circus vor Beendigung der Schauſpiele zu verlaſſen?“ „Du haſt Recht, man kann nicht liberaler ſein als Cäſar“, ſtimmte ein zweiter Bürger zu.„Und wie ſtattet er ſeine Feſte aus! Bei dem Gladiatorenſpiel, das er veranſtaltete, als er Aedil wurde, und das ihm —.————— 5 auf eine halbe Million Seſterzien zu ſtehen kam, war der ganze Apparat von Silber, heute iſt wieder Alles aus koſtbarem Bernſtein. Das iſt beinahe ſchon zu viel der Verſchwendung.“ „Nicht ſo viel“, wandte der Sicambrer ein, ein Glas Zeres bei Lichte beſehend,„als wenn er ſeine prächtige, im nemorenſiſchen Gebiete liegende, von Grund aus neuerbaute Villa bis zum letzten Stein wieder einreißen läßt, weil ſie nach ſeiner Vollendung ſeiner Erwartung nicht ganz entſprach. „Wenigſtens haben die Leute, die bei Bauten be⸗ ſchäftigt ſind, Arbeit“ wandte der Sarmate ein, der end⸗ lich mit ſeinem Faſan fertig geworden war und ſchon wieder mit einer Bärenkeule liebäugelte, die ein Mohr auf dem Nachbartiſch präſentirte.„Wir können zufrieden ſein, wenn Cäſar aufgehen läßt, wenn er bei den Kämpfen der wilden Thiere das Amphitheater mit Silber belegen und die Streiter in ſilberner Rüſtung auftreten läßt, wenn er den Markt, den Wahlplatz, das Capitol und alle anſtoßenden öffentlichen Gebäude auf das prächtigſte ausſchmücken läßt, wenn er in den Bogengängen des Circus eine Menge der koſtbarſten Tapeten und Zierrathen ausſtellt.“ „Bibulus, der zweite Aedil, ſcheint weniger zufrie⸗ den mit dem Luxus zu ſein, den Cäſar treibt“, lachte 6 der Bürger.„Cäſar verdunkelt den Collegen durch den einfachen Kunſtgriff, daß er einige Spiele in Ver⸗ bindung mit ſeinem Amtsgenoſſen und andere allein gibt. Bibulus weiß zu gut, daß man die gemeinſchaft⸗ lichen Spiele jetzt auch auf die ausſchließliche Rechnung Cäſar's ſchreibt, daß das Volk Cäſar allein preiſt.“ „Bibulus hat ſich darüber auch jüngſt gegen einen ſeiner Freunde beſchwert“ meinte der zweite Bürger. „Er klagte, es gehe ihm, wie es dem Pollur gehe; beiden Zwillingsbrüdern ſei zwar auf dem Forum ein Tempel erbaut, doch nenne man ihn nur Caſtor's Tempel; ſo erwerbe auch ſeine und Cäſar's vereinte Freigebigkeit eigentlich nur Cäſar Dank.“ Die Pauſe, welche die beiden Abtheilungen des Schauſpiels auseinanderhielt, war vorüber und das Bolk ſtrömte wieder in den Circus und ſuchte ſich Plätze. Der Schauplatz hatte ſich wie durch einen Zauber⸗ ſchlag verändert. Der Circus war durch in die Erde gepflanzte und befeſtigte Bäume in einen Wald verwandelt worden, in welchem ſich Strauße, Hirſche, Schafe, Antilopen und Eber umhertrieben, auf welche Jagd gemacht wurde. Die Scenerie gefiel der Menge ſo, daß ſie den ein⸗ 7 tretenden Cäſar mit Klatſchen, Tücherſchwenken und Ehrentiteln empfing. Selbſt die Senatoren hatten ſich von ihren Sitzen er⸗ hoben und beglückwünſchten den Feſtgeber wegen ſeiner vriginellen Ideen und deren lurxuriöſer Inſceneſetzung. Cäſar muſterte die Menge durch einen feingeſchliffe⸗ nen Smaragd, deſſen er ſich zuweilen bediente, wenn er auf weitere Entfernungen hin ſchärfer ſehen wollte. Diesmal war es ihm darum zu thun, ſich an der Ueberraſchung des Volkes zu weiden, dem er die erſte Giraffe, die man je in Rom geſehen, vorführte. Und auch die Giraffe verſchwand nur, um einem neuen Schauſpiele Platz zu machen, das den Römern bisher fremd geblieben war. Stiere wurden in den Circus getrieben und durch rothe Tücher, die man ihnen vor die Augen hielt, durch Pfeile, die man auf ſie niederregnen ließ, ſo gereizt, daß ſie auf einander losgingen und ſich be⸗ kämpften. Es war das erſte Stiergefecht, welches die Römer ſahen. Sie wußten auch nicht, was ſie mehr bewundern ſollten, die herrlichen, ausgeſuchten Thiere oder die Geſchicklichkeit der Wandgänger, wie die Leute genannt wurden, welche die Thiere neckten, und von denſelben — —— —— ———— 8 verfolgt eine gerade Wand in die Höhe liefen, in welche der gereizte Stier ſein Horn einbohrte, in der Meinung, er wühle ſich in das Fleiſch des Ver⸗ folgers ein. Und nun brach langſam die Dämmerung an, für welche ſich Cäſar den letzten Trumpf aufgeſpart hatte. Ein Heer von Fackelträgern erſchien und ſäumte den Circus mit grellem Lichtſchein ein. Dann rückten unter dem Schalle von hundert Blas⸗ inſtrumenten von zwei verſchiedenen Seiten zwei kleine Heere in die Circusſchranken ein, deren jedes tauſend Mann Fußvolk, vierhundert Reiter und zwanzig Ele⸗ phanten zählte. Die zwei Armeen wurden handgemein, die mit Thürmen bedeckten Elephanten griffen Reiterei und Fußvolk an, und als das Hand⸗ und Fußgemenge am lebhafteſten war, verließen Menſchen und Pferde die Arena und es blieben in derſelben nur die Elephanten zurück, gegen welche nun hundert Löwen anſtürmten, die man freigelaſſen hatte. Der Jubel des Volkes erreichte ſeinen Höhepunkt und machte ſpäter einer behaglichen Stimmung Platz, als man die Wahrnehmung machte, daß die drei⸗ bis viertauſend Fackelträger, welche bisher den Circus um⸗ rahmt hatten, ſich nach beendetem Schauſpiel in kleinen — 9 Abtheilungen nach allen Richtungen zerſtreuten, um das abflutende Volk in die Mitte zu nehmen und ihm heimzuleuchten. Der Feſtgeber ſelbſt ließ ſich von Elephanten heim⸗ leuchten, welche Fackeln trugen, was abermals als ein noch nie geſehenes Schauſpiel allgemeines Staunen erregte. Zweites Kapitel. Antium. Daheim ſuchte Cäſar ſeine Gemahlin auf, um ihr über den glänzenden Erfolg der Spiele zu berichten. Sie war ſeit längerer Zeit leidend und Cäſar wollte ſie am folgenden Morgen auf ihre Villa bei Antium begleiten, wo ihr die Seeluft zu neuer Kraft verhelfen ſollte. Sie war blaß und ihre ſchönen Augen waren ein⸗ gefallen und leuchteten in unheimlichem Glanze, dem das tiefe, ſcharf abgegrenzte Roth der Wangen ein eigenthümliches Relief verlieh. Cäſar ſah die Gemahlin mit tiefer Theilnahme an und ſagte: „Schade, daß der Sklavenkrieg den Süden Italiens verwüſtet. Ich hätte Dich ſonſt nach Tarent gebracht, —— —— 11 wo ein ewiger Frühling herrſcht. Warum willſt Du Dich auch in die Einſamkeit Deines Landhauſes bei Antium begraben? Bajä mit ſeinem regen Leben und ſeinen tauſendfachen Zerſtreuungen würde Dir gewiß beſſer bekommen. Willſt Du nicht nach Bajä ſtatt nach Antium?“ „Nein, mein Geliebter“, entgegnete Cornelia mit leiſer Stimme, indem ſie Cäſar mit einem zärtlichen Blicke feſthielt.„Bajä iſt zu weit von Rom entfernt, in Antium wirſt Du mich doch zuweilen beſuchen kön⸗ nen. Ich weiß, Dein Ehrgeiz feſſelt Dich an Rom, aber zuweilen wirſt Du doch an Cornelia denken, wirſt den Ehrgeiz mit dem Staube der Stadt abſchütteln und ich werde Dich ſehen.“ „Ich wäre auch nach Bajä gekommen“, verſicherte Cäſar. „Das wollte ich gar nicht“ flüſterte Cornelia in ſcherzendem Tone.„Bajä iſt ein gar zu gefährlicher Ort. Ich aber will Dich für mich allein haben, will meinen Gemahl nicht mit den Courtiſanen Bajäs thei⸗ len. Wie mancher Ehemann trug in Bajä eine Herzens⸗ wunde davon, wie manches zärtliche Verhältniß, das unſerm glich, ſcheiterte in Bajä, weil der Mann in die Hände einer Helena fiel! Weißt Du, Cäſar, was der Dichter von Bajä ſingt? Einſt, ſagt er, war das 12 Waſſer in Bajä kalt, da ließ Venus den Amor darin ſchwimmen, es fiel ein Funke von ſeiner Fackel hinein und entzündete es. Seit dieſem Tage verfällt man in Bajä zu leicht in Liebe, und ich möchte nicht, daß Du mir untreu würdeſt, Cäſar. Laß mich in dem ſchönen Wahne ſterben, mein Gemahl, daß ich die einzige bin, die Du liebſt.“ „Sprich nicht vom Sterben, Theure, wo die Jugend Dich noch bekränzt“, wandte Cäſar in zärtlichem Tone ein und beugte ſich über die Stirn der Gemahlin, um ihr die Todesahnungen wegzuküſſen. Am folgenden Morgen bewegte ſich ein reicher Reiſezug die Appiſche Straße entlang, welche die Stadt mit dem Meere verband, Antium und Bajä ſtreifte und dann über Neapel und Venuſia nach Tarent ging. Die Straße war ungemein belebt, jetzt noch mehr als in gewöhnlichen Zeiten, weil ſich auch die Reichen, die ſonſt tiefer im Süden zu wohnen pflegten, hierher zurückgezogen hatten, um dem Kriegsgetümmel zu ent⸗ gehen. Cäſar hatte als Aedil viel für die Verſchönerung der Straße gethan, indem er zu beiden Seiten derſelben Bäume pflanzen ließ und die in Verfall gerathenen Gräber, welche die Straße zu beiden Seiten umſäum⸗ ten, reſtaurirte. 7 1 * 1 * 5 13 Der damaligen Sitte gemäß ließen ſich nämlich die Reichen, welche ihre Landhäuſer an der Appiſchen Straße hatten, vor ihren Thüren begraben. Dieſe reichen Grabmäler wurden dann mit Bäu⸗ men umpflanzt und mit Bänken umgeben, welche den Wanderern zu Erholungsſtätten dienten. Cäſar wußte recht gut, wie ſehr er ſeine Popula⸗ rität befeſtigte, wenn er die Appiſche Straße, den Stolz Roms, den Hauptſpaziergang der Römer, ver⸗ beſſerte. So oft er die Straße entlang reiſte, empfing man ihn auch ſtets mit ſchmeichelhaften Acclamationen. Man kannte ſchon von weitem ſeine in Purpur gekleideten Mohren, die numidiſchen Vorreiter, welche der Sänfte ſeiner Frau voranzuſprengen pflegten, ſeine gleichfarbigen, gut gefütterten, mit ſilbernen Hufeiſen beſchlagenen Maulthiere, deren Treiber blaue, mit Gold eingefaßte Röcke hatten, während die Läufer rothe Tuniken trugen. Alle Welt bewunderte die purpurnen und geſtickten Decken der kleinen und dicken galliſchen Pferde Cäſar's, welche goldene Gehänge und Gebiſſe trugen, den mit Silberfiguren beſchlagenen Reiſewagen mit daran be⸗ feſtigten Würfelbretern, damit man ſelbſt im Fahren ſpielen könne, und mit dem ſinnreichen Apparate, der 14 es erlaubte, die Sitze ſo zu drehen, daß einem die Sonne nie ins Geſicht ſchien. Diesmal wurden der Reiſecavalcade koſtbare Gefäße nachgetragen, da es ſich um einen längern Aufenthalt Cornelia's in Antium handelte. Es waren dies Geſchirre, die man nicht der Gefahr ausſetzen wollte, in Wagen Schaden zu leiden. Als das Volk, welches Cäſar grüßte, die Heerde Eſelinnen ſah, die den Zug ſchloſſen, ſagte es: „Cäſar's Gemahlin iſt gewiß krank und will ſich in der Eſelsmilch baden, wie es bruſtkranke und blut⸗ arme Frauen zu thun pflegen. Die Aermſte ſieht bleich genug aus, ihre Stirn iſt noch weißer als die weiße Seide auf den Vorhängen ihrer Sänfte.“ So bedauert zog Cäſar's jugendliche Gemahlin, die nicht viel über zwanzig Sommer geſehen, dahin. Sie war trotz aller Kränklichkeit, trotz der Schwind⸗ ſucht, die an ihrem Lebensmark zehrte und ſie trübe in die nächſte Zukunft ſchauen ließ, glücklich, denn ſie wähnte ſich von Cäſar geliebt. Aus dieſem ſeligen Bewußtſein, geliebt zu werden, ſog ſie neue Lebenskraft, in dem Gefühle, daß ihr der geliebte Mann ganz und ausſchließlich zu eigen gehöre, lag für ſie die einzige Geneſungshoffnung. Im Seelen⸗ frieden lag für ſie Geſundheit und ſie beſaß dieſen 15 Frieden noch in reichem Maße, als Cäſar in Antium von ihr Abſchied nahm. Da landete eines Tages eine Barke bei Antium und ſetzte einige Männer und eine junge Frau ans Land. Das Fahrzeug kam von Oſtia, wo es einige Tage an der Tibermündung gekreuzt hatte, während ein Bote von Rom den Beſcheid holte, wo ſich Cäſar's Gemahlin Cornelia augenblicklich aufhalte. Auf die Nachricht, daß ſie in Antium ſei, hatte das Schiff dahin ſeinen Lauf genommen. Cornelia erkannte in dem weiblichen Weſen, das man ihr vors Auge führte, auf den erſten Blick das Mäd⸗ chen, welches ſich in Eretum, wie ihr Narciſſus geſagt, erboten, Cäſar ungefährdet durch die ſabiner Berge zu geleiten. Von einer Aufwallung dankbaren Gefühls geleitet, rief Cornelia: „Die Götter mögen die Stunde ſegnen, in welcher Du meine Schwelle überſchritten haſt. Ich freue mich Dich zu ſehen und faſt wünſchte ich, Hülfsbedürftigkeit führte Dich zu mir, damit ich Dir vergelten könnte, was Du in den Tagen der Bedrängniß an meinem Gemahl Gutes gethan.“ „Du weißt nicht, was Du ſprichſt“, ſagte Urbilia 16 mit zitternder Stimme und niedergeſchlagenem Auge. „Du wirſt bald anders reden und mich und die Stunde verwünſchen, in der ich gekommen bin.“ „Was ſollen dieſe Worte?“ rief Cornelia erſchreckt und ſah Urbilia ſtarr an.„Biſt Du nicht dieſelbe, die meinem Gemahl in den Tagen der Gefahr einen großen Dienſt geleiſtet hat?“ „Lies und beurtheile mich dann mild“ ſagte Urbilia mit ſtockender Stimme, indem ſie auf das Schreiben deutete, welches einer der Männer, die mit ihr gekom⸗ men waren, Cornelia entgegenhielt. Dieſe nahm mit Haſt das für ſie beſtimmte Blatt, entſiegelte und las es, und indem ſie las, wurde ſie immer bleicher und ihre Hände begannen zu zittern. „Du kannſt nicht leugnen, was hier geſchrieben ſteht?“ ſagte ſie endlich in heftigem Tone, ihr Auge auf Urbilia heftend und dieſer das Schreiben entgegen⸗ haltend. „Was ſteht da?“ fragte Urbilia tonlos. „Daß Du ihn geliebt und daß auch er Dich ge⸗ liebt“ ſchrie Cornelia auf, näherte ſich Urbilia noch um einen Schritt, richtete einen Blick voll Verzweiflung auf ſie und rief:„Sage, iſt's wahr? Denn noch kann ich's nicht glauben. Sage, der Brief lügt, und ich uge⸗ unde reckt die en ilia iben om⸗ latt, urde ben uge gen⸗ 17 glaube Dir; ſprich, warſt Du ihm etwas in jenen Tagen, wo er in Eretum war?“ Ein Blick voll Spannung, ein Blick, in dem Hoff⸗ nung mit Verzweiflung und Muthloſigkeit um die Oberhand kämpfte, haftete auf Urbilia, von deren Lippen der Gemahlin Cäſar's im nächſten Augenblick Leben oder Tod kommen ſollte. Leider war es der Tod, den Urbilia der ſchönen, blaſſen, kranken Frau zu credenzen hatte. „Der Brief ſpricht die Wahrheit, ich kann's nicht leugnen“ ſtöhnte Urbilia geſenkten Haupts. Cornelia ſchien einen Augenblick lang die nieder⸗ ſchmetternden Worte nicht faſſen zu können. Als ſie aber zum vollen Bewußtſein ihrer Lage kam, ſchlug ſie die Hände über dem Haupte zuſammen, ſah Urbi⸗ lia mit einem ſchmerzvollen Blicke an und rief: „O daß Du barmherzig geweſen wärſt und gelogen hätteſt!“ Darauf entfaltete ſie nochmals den verhängnißvollen Brief und las deſſen kurzen Inhalt, während ein ſchmerzliches Lächeln um ihre Lippen zuckte: „Ein Freund Cäſar's ſchickt Cäſar's Gemahlin das Weib, welches Cäſar neben ihr liebt.“ So ſtand es da und regte die peinlichſten Vor⸗ ſtellungen bei Cornelia an, weil ſie inne wurde, welch Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. III. 2 18 ſchmähliches, abgekartetes Spiel mit ihr in Catilina's Villa in Eretum getrieben worden, als man ihr das Mädchen, das jetzt wieder mit einer Armenſünder⸗ miene vor ihr ſtand, als den Schutzengel Cäſar's be⸗ zeichnet hatte. Einen Augenblick ſchien es, als ob ſie weich werden wollte. Thränen wurden in ihren Augen ſichtbar und ſie richtete einen faſt mitleidigen Blick auf Urbilia. Aber ſofort quoll es wieder herbe und nachſichtslos aus dem ſchwer getäuſchten Herzen hervor; gebietend ſtreckte ſie die Hand gegen Urbilia aus und rief: „Aus meinen Augen! Ich will in der Einſamkeit verſuchen, mich in meine Lage zu finden! Führt ſie hinweg und ſorgt für ſie!“ Die letzten Worte waren an die Dienerſchaft ge⸗ richtet, welche Urbilia in Beſchlag nahm und ihr Ge⸗ mächer zum Aufenthalt anwies, die ſo prächtig ein⸗ gerichtet waren, daß ſie nichts vermißte als die Freiheit. Die Männer, welche Urbilia nach Antium und in Cornelia's Haus gebracht, waren längſt verſchwunden. Cornelia ſah ſich allein und brach förmlich zuſammen. Die Krankheit machte einen gewaltſamen Ruck vor⸗ wärts. inas das nder⸗ erden etend nkit t ſie tge ein⸗ die d in den⸗ mel vor 19 Ein Blutſturz ſtellte ſich ein und feſſelte die Leidende wochenlang an das Lager. Man wollte Cäſar von der Verſchlimmerung ihres Zuſtandes benachrichtigen, aber ſie verbot es auf das entſchiedenſter „Es wird wieder beſſer werden, dann will ich ihn ſprechen“, ſagte ſie. Bezüglich Urbilia's erkundigte ſie ſich nur, ob man ſie mit Allem verſorge, was ſie brauche, und ob man ſie nicht aus den Augen laſſe. Drittes Kapitel. Eine Unterredung. Wir finden Catilina und Cäſar in Rom im Hauſe des letztern in einer vertraulichen Unterredung. „Ich wünſche Dir, mir und Rom Glück!“ ſagte Catilina, mit dem Auge zwinkernd. „Wozu?“ warf Cäſar ein. „Daß Du endlich ſo wie ich mit Deinem Vermögen fertig geworden biſt und nichts als Schulden haſt.“ „Ich hoffe mein Geld gut angelegt zu haben“ be⸗ merkte Cäſar lächelnd. „Wenn Du raſch auf das Ziel losgehſt, gewiß! Wenn Du aber noch länger zuſiehſt und träge die Hände in den Schooß legſt, ſo kannſt Du leicht Kapital und Zinſen verlieren.“ „Was läßt ſich jetzt machen, wo Pompejus hier auſe ſagte ögen be⸗ die winl 2 ₰ 1 iſt, der dem Adel und Senat nöthigenfalls ſeinen Arm leihen würde“ entgegnete Cäſar achſelzuckend.„Meine Abneigung gegen Pompejus läßt mich ſeinen Einfluß nicht unterſchätzen. Noch ſchwankt das Volk zwiſchen mir und ihm, noch ſchwört es auf ſein ehrliches Ge— ſicht, und wenn es an meiner Freigebigkeit Geſchmack findet, ſo ſagt es doch wieder: Pompejus iſt ein ran⸗ girter Mann, der ſein Vermögen zuſammenhält und ſeine Nachbarn nicht drückt, ſein Gebiet nicht durch Zwangskäufe auf Koſten ſeiner kleinen Nachbarn un⸗ gerechterweiſe auszudehnen ſucht. Das Volk läßt ſich von mir bewirthen und meine Spiele gefallen ihm, aber die Siege des Pompejus gefallen ihm faſt noch mehr. Die Soldaten gehen für ihn durchs Feuer, weil er es nicht verſchmäht, mit ihnen um die Wette zu ſpringen, zu laufen, Laſten zu heben, weil er ein guter Reiter und Fechter iſt; die Bürger ſtehen für ihn ein, weil er ſeinen Stolz im gewöhnlichen Leben hinter Schüchternheit ſchlau verbirgt, weil ihm bei der ge⸗ ringſten Veranlaſſung das Blut in die Wangen ſteigt, weil er eckig, ſteif und ungelenk im Verkehr iſt wie ein echter Spießbürger oder wie ein Wachtmeiſter, wenn Du willſt.“ „Ich weiß“, ſtimmte Catilina zu,„daß er bei dem Volk einen Stein im Brete hat, ſeit er bei der letzten Rittermuſterung vor dem Cenſor als einfacher Soldat erſchien, ſein Pferd ſelbſt am Zügel führend und auf des Cenſors Frage, ob er alle vom Geſetz geforderten Feldzüge mitgemacht habe, die draſtiſche Antwort gebend: Ja, ich habe ſie alle gemacht, indem ich nie einen andern Feldherrn hatte als mich ſelbſt.“ „Der Heuchler!“ murmelte Cäſar verdrießlich.„Was mich am meiſten an ihm ärgert, iſt, daß er dem Alexander ſo ähnlich ſieht. Sein Anblick erinnert mich an Alexander von Macedonien und daran, daß ich noch nichts gethan habe in einem Alter, in welchem der Macedonier ſchon die halbe Welt unterworfen hatte.“ „Der Fehler iſt leicht gut zu machen“, ſpornte Catilina den Freund an.„Wenn Dir Pompejus im Wege ſteht, ſo ſchaffe ihn aus dem Wege.“ Cäſar ſah Catilina überraſcht an und furchte die Stirn. „Wie meinſt Du das?“ fragte er ernſt. „Gutmüthiger, als Du wohl zu glauben ſcheinſt“, lachte Catilina.„Ich wette hundert gegen eins, daß Pompejus nach einer Gelegenheit dürſtet hervorzutreten. Der ſpaniſche Lorbeer iſt verwelkt; wie wär's, wenn wir ihn gegen die Seeräuber ſchickten?“ „Daß ich ein Narr wäre und ſeinen Ruhm — 23 noch bedeutend vermehren hälfe!“ wandte Cäſar ärger⸗ lich ein.. „Bedenke, daß es vor allem gilt, Pompejus aus Rom zu entfernen“ ſtellte Catilina dem Freunde vor. „Iſt Pompejus nicht da, ſo iſt es leicht, Craſſus, der ihn tödtlich haßt, zu einer Action zu beſtimmen. Craſſus wird früher oder ſpäter den Spartacus ſchla⸗ gen und mit einem ſiegreichen Heer nach Rom zurück⸗ kehren. Wenn er auf unſere Pläne eingeht und uns ſein Heer zur Verfügung ſtellt, ſo ſind wir die Herren Roms und die oberſte Gewalt gehört uns. Pompejus muß mit uns pactiren, die Tage des Sulla — oder, wenn Dir das beſſer klingt, die Tage des Marius— kehren wieder, Cäſar und Catilina be⸗ herrſchen gemeinſchaftlich Rom und durch Rom die Welt, wie einſt Cinna und Marius, und dann findet ſich auch ein Mittel, ſich Craſſus und Pompejus vom Halſe zu ſchaffen.“ Cäſar ſchwankte. Er überlegte, daß er ſich in der Gunſt des Volkes noch feſter ſetzte, wenn er ſcheinbar für Pompejus arbeitete. „Etwas Außerordentliches müßte es ſein, was man Pompejus böte“, nahm Catilina wieder das Wort, da er von der Geneigtheit Cäſar's, auf ſeine Pläne ein⸗ 24 zugehen, raſch Nutzen ziehen wollte.„Gewöhnliches lockt ihn nicht von Rom fort; er iſt fähig, wenn ihm die Sache nicht paßt, heuchleriſch zu ſagen: Will man mir denn nie erlauben, entfernt vom Kriege und Reide, mit meinem Weibe auf meinem Landgute auszuruhen? Laßt mich doch glücklich ſein im Kreiſe der Meinen als ſimpler Bürger.“ „Du kennſt ihn“, lachte Cäſar. „Wir müſſen ihm alſo das Höchſte bieten, um ihn blind zu machen und zu ködern“ rief Catilina.„Wie wär's, wenn ich meinen Freund, den Volkstribun La⸗ bienus, beſtimmte, in der Volksoerſammlung den An⸗ trag zu ſtellen, Pompejus den Oberbefehl über die ganze römiſche Schiffsmacht zu übergeben, damit er die läſtigen Piraten vom Meere fege?“ „Bei dem geheiligten Jupiter, deſſen Prieſter ich bin, das iſt kein übler Gedanke“, ſagte Cäſar.„Der Antrag wäre populär, denn alle Welt fürchtet und haßt die Seeräuber, fürchtet die Theuerung und Ge⸗ ſchäftsſtockung, die ſie veranlaſſen. Und heißt Pom⸗ pejus die Meere überliefern nicht ſo viel, als ihn auf dem Lande unſchädlich machen?“ „Freilich“, ergänzte Catilina fröhlich.„Er mag auf dem Meere herrſchen von den Säulen des Hercules bis nach Aſien, auf allen Schiffen und Inſeln, und wir v S————— — 25 haben den Vortheil davon, daß wir das Volk mit der ungewöhnlichen, unbeſchränkten Macht eines Einzelnen bekannt machen und ſo uns ſelbſt in die Hände arbei⸗ ten. Laß Pompejus nur recht ſteigen und zum Gegen⸗ ſtand allgemeinſten Neides werden, ſo wird das Volk am ſchnellſten ſeiner müde und läßt ihn am eheſten fallen.“ „Wahr, wahr“ ſtimmte Cäſar zu, ſich innerlichſt vergnügt mit einem Finger im Haare kratzend, wie er dies häufig zu thun pflegte.„Und wie wird der Adel und Senat aufſchreien, wenn Labienus mit dem An⸗ trage herausruͤckt, der eine Ausnahmsgewalt ſchafft! Dieſe Leute fürchten die Ausnahmsgewalten ſeit den Tagen des Marius und Sulla; ſie ſind dem Pompejus zugethan, aber ſie möchten ihm beileibe nichts zugeſtehen, was ihn für ſie gefährlich macht. Wie freut es mich, ihnen einen Streich ſpielen zu können!“ „Ich will ihn noch empfindlicher zuſpitzen“, fuhr Catilina ſchadenfroh dazwiſchen.„Du ſollſt Pontifer Maximus werden.“ „Wo denkſt Du hin!“ wandte Cäſar ein. „Haſt Du nicht die volle Befähigung dazu?“ fragte Catilina eifrig.„Warſt Du nicht Augur?“ „Und welch ein eifriger“ lachte Cäſar.„Ich habe mir den erſten Augur Attius Navius, der dem Tarqui⸗ nius mit ſeinen Zeichen und Wundern ſo imponirend entgegentrat, daß der König von ſeinen Neuerungen ablaſſen mußte, zum Vorbild genommen. Niemand kam mir gleich, wenn es galt, den Willen der Götter zu verdolmetſchen, auf dem capitoliniſchen Berge den rechten Standpunkt einzunehmen, den Himmel bis zum Pomörium hin in Felder einzutheilen, über die gute oder ſchlimme, ein Unternehmen billigende oder miß⸗ billigende Bedeutung der göttlichen Zeichen zu entſchei⸗ den, Prieſter⸗, Aecker⸗ Tempel⸗ oder Gärtenweihen vor⸗ zunehmen, Tempel zu entſühnen und bei drohenden Erſcheinungen den Zorn der Götter zu verſöhnen. Ich glaube, ich habe ſelbſt Blitze beſchworen und Ver⸗ fluchungen vorgenommen. Es iſt Dein Glück, Catilina, daß Du nicht auch Augur warſt, ſonſt müßte ich Dir bei der Erinnerung an Alles, was ich als Augur vor⸗ nahm, ins Geſicht lachen.“ „Du erinnerſt Dich des Sprichworts, daß ſich zwei Augurn nicht anſehen dürfen, ohne zu lachen“ be⸗ merkte Catilina. Cäſar nickte mit dem Kopf und ſagte: „Es gab bei Opfern, Gebeten und Proceſſionen keinen pflichteifrigern Augur als mich. Das geringſte Verſehen, die unbedeutendſte Auslaſſung beim Vortrag ——— . 1 1 7 3 1 27 des Gebets, eine falſche Bewegung der Hand beim Gußopfer, eine plötzliche Stockung der Tanzbewegung oder der begleitenden Flöte oder der Proceſſion, indem etwa eins der Pferde, welche die Proceſſionswagen der Götter zogen, ſcheu wurde oder der Knabe, welcher den Wagen führte, die Zügel mit der linken Hand ergriff oder fallen ließ, war hinreichend, mich zu be⸗ ſtimmen, das Opfer ſo oft wiederholen zu laſſen, bis Alles klappte. Aber trotz der gewiſſenhaften Verwal⸗ tung des Augurnamts ſehe ich nicht ein, wie ich Pontifer Maximus werden könnte.“ „Biſt Du nicht auch noch bis zum heutigen Tage Flamen dialis und als ſolcher der Repräſentant des höchſten Gottes im lichten Himmel, deſſen Heiligkeit und Reinheit ſich in vielen und ſchwierigen Beobach⸗ tungen ausdrückt, die dem Prieſter Jupiter's für ſein perſönliches Verhalten vorgeſchrieben ſind?“ „Und denen ich— ich geſtehe es zu meiner Schande— lange nicht ſo gewiſſenhaft nachkam wie meinen Ver⸗ pflichtungen als Augur!“ fiel Cäſar dem Freunde lächelnd in die Rede.„Hat doch meine Gemahlin wenig für den Dienſt der Juno gethan, wie es ihr als Gattin des Flamen dialis obgelegen hätte. Aber ſelbſt die eifrigſte Pflichterfüllung vorausgeſetzt, ernennt nicht der Senat den Pontifex Maximus? Wie kann 28 ich, des Senats geſchworener Feind, hoffen, die durch den Tod des Metellus erledigte Oberprieſterſtelle zu erhalten?“ „Hier muß wieder mein Freund Labienus helfen“, erwiderte Catilina.„Er muß es bei dem Volke durch⸗ ſetzen, daß dieſes die Wahl des Oberprieſters wieder an ſich nimmt. Wählt aber das Volk, ſo kann Dir die wichtige Stelle nicht entgehen. Mit ihr aber fällt Dir unberechenbarer Einfluß in die Hände, den Du zu unſerm Vortheil nützen kannſt. Du haſt dann die veſtaliſchen Jungfrauen, alle Prieſter und Prieſterinnen Roms in Deiner Gewalt, alle ſind ſie Deiner Ober⸗ aufſicht untergeben und es liegt in ihrem Intereſſe, ſich Dir willfährig zu zeigen. Du biſt in allen Fra⸗ gen des Gottesdienſtes und des geiſtlichen Rechts, ſo— wohl was die öffentlichen Angelegenheiten als das Familienleben anlangt, die letzte Inſtanz, kannſt in das Staats⸗ und Beamtenweſen eingreifen und haſt ſo die natürliche Veranlaſſung in der Hand, Dich nicht allein um die geiſtlichen, ſondern auch um die welt⸗ lichen Angelegenheiten zu bekümmern, welch letztere bei dem Pontificat ohnehin längſt zur Hauptſache geworden ſind. Du haſt den Opferkönig, das Collegium der Fünfzehn in Religionsſachen unter Dir, verwalteſt die Urkunden, beſtimmſt die Feſt und Geſchäftstage, v 29 kurz, es iſt ein ungeheurer Wirkungskreis, der Dir mit der hohen Würde zufällt.“ „Du verſtehſt es, Catilina, meinen Ehrgeiz anzu⸗ ſpornen“, ſagte Cäſar.„Aber wenn auch Labienus dem Volke die Wahl des Oberprieſters zuſchanzte, wo⸗ her ſollte ich das Geld nehmen, um meine reichen und einflußreichen Rivalen aus dem Felde zu ſchlagen?“ „Mache neue Schulden! Auf einige Millionen Se⸗ ſterzien mehr oder weniger kommt es nicht mehr an. Alle, denen Du ſchuldig biſt, haben dann ein Intereſſe, für Dich zu arbeiten, denn nur wenn Du ſteigſt, haben ſie Ausſicht, bezahlt zu werden. Du wirſt unfehlbar ſiegen, wenn Du es verſtehſt, gleichzeitig die Armen, die Du bezahlſt, und die Reichen, von denen Du borgſt, für Dich zu intereſſiren. Laß mich machen und Du haſt Catulus, der ſich ſchon im Geiſte als Pontifer Maximus ſieht, nicht zu fürchten. Ich kenne den ganzen Mechanismus des Beſtechungsweſens, ich ſtehe mich mit den meiſten Diviſoren gut, welche ſich mit dem Kaufe der Stimmen befaſſen, ich kenne alle Interpre⸗ ten, welche bei den Beſtechungshändeln als Mittels⸗ perſonen fungiren, und die Sequeſter, bei denen man das Geld niederlegt, hören auf meinen Ruf.“ „Ich erkenne in Dir meinen Meiſter und gebe Dir freie Hand!“ ſchloß Cäſar lachend die Unterredung. 30 Catilina war nun für ſeinen Freund unermüdlich thätig und mit ihm arbeitete der Volkstribun Labienus. Als letzterer es durchſetzte, daß das Volk den Ober⸗ prieſter wählte, fühlte der reiche und hochmüthige Senator Catulus den Boden doch ein wenig unter ſich wanken. Er ſchickte Unterhändler an Cäſar, den er in ſeiner hochmüthigen Verblendung für einen gewöhnlichen Schuldenmacher hielt, und bot ihm eine Million, wenn er von der Bewerbung abſtände. „Sage dem, der Dich geſandt hat“, fertigte Cäſar ſtolz den Vermittler ab,„daß ich nicht wüßte, was ich mit einer Million anfinge. Ich brauche mehr als zehn Millionen, um meine Schulden zu bezahlen, und zwanzig Millionen will ich nöthigenfalls borgeèn, um Catulus die Wahl ſtreitig zu machen, die er ſo heiß erſtrebt!“ Um ſich an Catulus wegen des Beſtechungsverſuchs zu rächen, brachte Cäſar einen längſt vergeſſenen Charakterzug deſſelben unter das Volk, der ihn als maßlos ſtolz hinſtellte und ihm gerade jetzt, wo es galt, gegen den Stolz des Adels anzuſtürmen, die Sympathie der Wähler entfremden mußte. Catulus hatte einſt, als er über den Markt ging, geſehen, daß Zeugen gegen einen Beklagten angehört würden. Sogleich ſtellte er ſich ſelbſt, zu großer Verwun⸗ —— — 31 derung der Sachwalter und Kläger, unter dieſe Zeugen und ſprach:„Richter, von dieſem Beklagten weiß ich zwar nicht, wer er iſt, wie ſein Lebenswandel beſchaffen, ob er mit Recht oder Unrecht jetzt angeklagt iſt. Nur das weiß ich, daß, als er mir einſt auf der Laurenti⸗ niſchen Straße in einem engen Paſſe begegnete, er vor mir vom Roſſe abzuſteigen ſich weigerte. Ob dies Eurer Betrachtung würdig ſei, überlaſſe ich Eurem eigenen Ermeſſen. Ich habe es wenigſtens nicht ver⸗ ſchweigen wollen.“ Das Manöver verfing und das Geld wirkte. Cäſar wurde Pontifer Maximus und hatte als ſolcher darüber zu wachen, daß weder Senat noch Volk etwas den Göttern Mißfälliges beſchlöſſen, und jede öffentliche Einrichtung bedurfte ſeiner Zuſtimmung. Er hatte die Zügel, mit welchen der Staatswagen gelenkt wurde, in der Hand.*) *) Am Wahltage, als die Stunde der Entſcheidung ſich nahte, als Cäſar ſich anſchickte, auf das Marsfeld zu gehen, als die liebe⸗ volle Mutter ihn bis zur Hausthür begleitete und ihm mit Thrä⸗ nen im Auge guten Erfolg wünſchte, erſt da wandelte Cäſar ein Schauer der Ungewißheit an, und indem er in ſeinem Geiſte auf der einen Seite die ungeheure Größe der aufgehäuften Schulden, auf der andern die furchtbare Macht ſeiner Widerſacher erwog, ſagte er, ſeine Mutter Aurelia raſch umarmend:„Mutter, Du ſiehſt Deinen Sohn als Pontifex oder nie wieder!“ ſi 32 Napoleon III. citirt nach Macrobius den Speiſezettel der Ta⸗ fel, die Cäſar nach ſeiner Ernennung den Veſtalinnen gab. Als Entrée: Seeigel, friſche Auſtern, Spitzmuſcheln(eine Auſternart von ungewöhnlicher Größe), Stachelmuſcheln(eine Mu⸗ ſchel von der Gattung der Auſtern), Droſſeln, Spargel, gemäſtetes Huhn, Auſtern⸗ und Spitzmuſchelpaſteten, ſchwarze und weiße Meereicheln(eine Art Seemuſchel), Meerneſſeln, Feigenſchnepfen, Cotelette von Reh und Wildſchwein, gemäſtetes Geflügel mit Mehl beſtreut. Zweiter Gang: Schweinseuter, Wildſchweinskopf, Fiſchpaſtete, Schweinseuterpaſtete, Enten, geſottene Kriekenten, Haſen, gebra⸗ tenes Geflügel, Mehlſpeiſen(nämlich von dem Mehl, das man nach Art der Stärke ungemahlen erhält; man machte davon ver⸗ ſchiedene Sorten von Créme), Picentiniſche Brödchen. In dem Triclinien waren Elfenbeinlager aufgeſchlagen und das Haus war großartig geſchmückt. Viertes Kapitel. Jm e ſel der Veſtä. Wenn man bei der Halle vorbeiſchritt, welche die Götterbilder barg und am Fuße des palatiniſchen Hü⸗ gels, an der ſogenannten Via ſacra lag, wo dieſe in das Forum einmündete, kam man zu dem Heiligthume der Veſta, wo auf dem Gemeindeherde unter der un⸗ mittelbaren Aufſicht des Pontifex Maximus von den reinen Händen der veſtaliſchen Jungfrauen die heilige Flamme unterhalten wurde, in welcher ſich die unſicht⸗ bare Lebensflamme des Staates und der Gemeinſchaft ſeiner Bürger bildlich darſtellte, gerade ſo wie jede ein⸗ zelne Familie auf ihrem Herde ein ähnliches Feuer unterhielt und dabei der ſchützenden und erhaltenden Götter und Genien gedachte, von denen ſie ihren Ur⸗ ſprung, ihre Exiſtenz und ihr Gedeihen ableitete. Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. III. 3 1 5 6 34 Wie in jedem römiſchen Hauſe das Atrium mit ſeinem Herde und den auf dieſem verehrten Göttern die Mitte und das Herz des geſammten häuslichen Ver⸗ kehrs war, ſo war das Feuer der Veſta gleichſam wieder das Herz und der Mittelpunkt Roms.*) *) Das Atrium war nämlich eigentlich die Küche und die da⸗ mit unmittelbar zuſammenhängende Diele, die in der Mitte einen offenen Raum hatte, wo der Rauch abzog und der Himmel von oben hineinblickte. Eben dieſe Diele war der eigentliche Familien— ſaal, um welchen die einzelnen zur Wohnung erforderlichen Räume umherlagen; auf derſelben aber bildete wieder der Herd mit ſeinem Veſtafeuer und den Bildern der Laren und Penaten das alte Fa milienheiligthum, bei welchem täglich und bei allen feſtlichen Ge⸗ legenheiten die Familienandacht verrichtet wurde und an welchem alle theuerſten Erinnerungen hingen. Dort verſammelte ſich die Familie zum täglichen Mahle, dort ſtand auch das Ehebett, dem Eingange gegenüber, eine Stätte der ſchaffenden Genien des Hauſes, dort war das Matrimonium, in welches die junge Frau bei der Hochzeit feierlich eingeführt wurde, dort die Spinnſtube, wo die Hausfrau unter ihren Mäg⸗ den waltete, den Herd und die Arbeit zugleich beaufſichtigend, während der Hausherr in derſelben Halle als das Familienober⸗ haupt gebot, zur täglichen Arbeit ein und ausgehend. Den Eingang von der Straße her bildete das Veſtibulum, mit welchem das religiöſe Gebiet des Herdes der Veſta begann, während der offene Raum in der Mitte der Diele ſowohl zu den praktiſchen Zwecken eines innern Hofs und Gartens als zur Verwahrung anderer Hausgötter diente. Feuer und Waſſer waren die Elementarbedingungen jedes Hausſtandes, daher beide Elemente auch gleich weſentlich zu jedem Dienſte der Veſta gehörten, ſowohl dem öffentlichen als dem des Hausherrn und der Hausfrau, von denen dieſe deshalb, wenn ſie —t e da einen lvon ilien äume inem Ge lchem dort e der in führt Näg⸗ gend, ober⸗ lum, ann, den zur edes edem de ſie Dieſes ewige Feuer brannte in einem angeblich von Numa ſelbſt gegründeten runden Tempel, der eigentlich nur eine überbaute und überwölbte Feuerſtätte war. durch den Hochzeitszug in das Haus eingeführt wurde, mit Feuer und Waſſer kam, und jener, wenn die junge Frau ihm an der Schwelle entgegentrat, dieſelbe mit dem Feuer und Waſſer ſeines Herdes empfing. Dazu kam die Bedeutung des Herdes für die Zubereitung und den Vorrath der täglichen Nahrung, welcher letztere Penus ge⸗ nannt wurde, von welchem wieder die am Herde verehrten Pena⸗ ten ihren Namen haben, ein Beweis, daß dieſe urſprünglich als freundliche Hausgeiſter gedacht wurden, die für den Bedarf des Hauſes ſorgten. So beſtand auch der häusliche Dienſt der Penaten weſentlich darin, daß man ſie wie die Laren beim täglichen Mahle bethei⸗ ligte und auf eigenen Platten und Tiſchen nach altem Herkommen namentlich Salz und einige Speiſen vor ihren Bildern hinſtellte, zu welchem Behufe auch in den Zeiten der größten Einfachheit in jedem Hauſe ein Salzfaß und eine kleine Speiſeſchüſſel von Sil⸗ ber vorhanden ſein mußte, während Andere auch wohl nach jedem Mahle für dieſe freundlichen Hausgeiſter einige Speiſe auf dem Tiſche liegen und auch die Lampen brennen ließen. Bildete doch auch in dem deutſchen Bauerhauſe der Herd den Mittelpunkt, hinter dem die Frau vom Hauſe thronte und das Ehebett ſtand, ſodaß ſie Alles überſehen konnte und Tag und Nacht unter Augen hatte. Auf einem ſolchen Herde brannte das Feuer den ganzen Tag und glimmte ſelbſt die Nacht hindurch; nur wenn der Hausherr geſtorben war, wurde es ausgelöſcht. Namentlich in den reichern Bürgerhäuſern war die Küche eine ſtattliche, oft ſchön gewölbte Halle, und in geſelligen Stunden verſammelte ſich wohl auch die Familie in der Küche. 3* 36 Ein eigener, durch Matten umſpannter Raum in dieſem Tempel diente als Aufbewahrungsort für die zum Dienſte der Göttin gehörigen Vorräthe. In einem andern, nur den Veſtalinnen zugänglichen Raume befanden ſich die Heiligthümer der Veſta, denn der Tempel ſelbſt mit dem lodernden Herdfeuer war bei Tage Jedem zugänglich und nur in der Nacht war der Zutritt Männern unterſagt. Worin die Heiligthümer der Veſta, das geheimniß⸗ volle Palladium obenan, eigentlich beſtanden, das wußten in Rom nur Wenige, da ſie nur den Veſtalin⸗ nen und ihrem oberſten Meiſter, dem Pontifex Maxi⸗ mus, zugänglich waren und vor dem Volke ſtreng ver⸗ borgen gehalten wurden. Das Volk wußte nur, daß dieſe Heiligthümer, in kleine Fäßchen verpackt, von den Veſtalinnen gerettet worden waren, als die Gallier Rom zerſtörten, wes⸗ wegen ſie auch ſpäter in thönernen Fäſſern verwahrt blieben. Das heilige Palladium, Heroldſtäbe, alterthümliche Auch wies der Volksglaube immer dort den guten Geiſtern ihren Sitz an und in eigens am Herde angebrachten kleinen Ni⸗ ſchen legte man ihnen Speiſe hin, auch etwas Holz und ein Käppchen oder Röckchen zum Lohn für tteue Dienſte.(Preller, Römiſche Mythologie.) rn —— 37 Götterfiguren, Penatenbilder von Metall bildeten den Inhalt dieſer Fäſſer, der für ſo werthvoll gehalten. wurde, daß der Pontifer Maximus Metellus bei Ge⸗ legenheit einer Feuersbrunſt, die den Veſtatempel ein⸗ mal verwüſtete, dieſen nicht eher verließ, bis er die Schätze vergraben hatte, wobei er bei der in allen Räumen bereits herrſchenden Gluthitze das Augenlicht einbüßte. Neben dem Palladium war unter dieſen geheimniß⸗ vollen und dem profanen Auge des Laien entzogenen Schätzen das Symbol der zeugenden Kraft, welches zugleich für das ſicherſte Amulet gegen allen Schaden des Neides und des böſen Blicks galt, das heöchſt⸗ gehaltene. Die größte Einfachheit und die größte Reinheit, dieſe zugleich ein Symbol der innern Reinheit, zeich⸗ neten den Tempel der Veſta aus, von welchem alles Eiſen ausgeſchloſſen war, um die Aengſtlichkeit vor allem Blutigen zu charakteriſiren. Vor dem Bilde der Veſta ſtanden Opfertiſche von einfachem Holz, auf wel⸗ chen die frommen Gaben in Körben oder auf thönernen Platten dargebracht wurden. Das Herdfeuer ſelbſt war von einem natürlichen Raſen eingefaßt, der die Friſche der Naturkraft an⸗ deutete. 38 Alle Geräthe und heiligen Gefäße waren einfaches Thongeſchirr. Um das Feuer der Veſta waren drei der heiligen Jungfrauen verſammelt. Ihre Gewänder waren ſchneeweiß, und da ſie eben geopfert hatten, ſo waren ihre Häupter noch in die großen weißen Tücher eingehüllt, in welchen ſie bei Opferungen erſcheinen mußten und welche ihren ein⸗ zigen Schmuck bildeten, da ſie weder Silber noch Blu⸗ men in Anwendung bringen durften, ihren Körper zu zieren.“ Die drei waren damit beſchäftigt, das heilige Mehl für das bevorſtehende Feſt der Veſtalia zu bereiten, an welchem die Matronen Roms mit bloßen Füßen zum Tempel der Veſta zu wallfahrten pflegten, um an dem Gemeindeherde in einfachen Schüſſeln Speiſeopfer dar⸗ zubringen, wie ſie ſie ſonſt an ihrem eigenen Herde den Laren und Penaten des Hauſes darbrachten. Dies Feſt war zugleich in Erinnerung der alten Zeit, wo jeder Hausſtand noch ſelbſt ſein Gebäck be⸗ ſorgte und der Herd auch allgemein zur Bereitung des Brodes diente, ein allgemeines Feſt der Müller und Bäcker, bis hinab zu den Müllereſeln, welche die Mühle trieben und alſo auch in gemüthlicher Weiſe bei dem Feſte betheiligt waren. n * . — 39 Mühlen und Mühleſel wurden an dieſem Tage mit Kränzen geſchmückt, den Eſeln auch an Schnüren auf⸗ gezogene Brödchen um den Hals gehängt. Die Aehren zu dem heiligen Mehle, mit deſſen Bereitung wir die Veſtalinnen beſchäftigt finden, wurden von den drei älteſten Veſtalinnen ſtets im Mai und immer an einem Tage um den andern in Ernte⸗ körben geſammelt und darauf von allen Veſtalinnen gedörrt, geſchroten und gemahlen. Zu dieſem Mehl wurde dann das mit gleicher Sorgfalt bereitete Salz gethan, welches ungereinigt erſt in einem Mörſer geſtoßen, dann in einem thöner⸗ nen, bedeckten, mit Gyps überzogenen Topfe in einem Backofen ausgekocht, darauf mit einer Säge von Eiſen in Stücke geſchnitten wurde, um endlich in der Vor⸗ rathskammer der Veſta in einem Faſſe aufbewahrt zu werden, bis es dem heiligen Mehle von den reinen Händen der drei älteſten veſtaliſchen Jungfrauen bei⸗ gemengt wurde, um dann bei den heiligen Opfern für das Wohl des römiſchen Volkes der Göttin dargebracht zu werden. Während die drei Veſtalinnen das heilige Mehl bereiteten, unterhielten ſie ſich über die Ereigniſſe des Tages und Canopa, die älteſte von ihnen, bemerkte: „Wer hätte zu der Zeit, wo unſere Schweſtern von 40 Eutiliä bei Sulla für Cäſar intervenirten, gedacht, daß der letztere unſer Oberprieſter werden würde? Der Flüchtling von damals iſt zum einflußreichen Manne geworden und manche von den Abdligen, die ſich da⸗ mals für ihn verwendet haben, bedauern heute ſchon, daß ſie es thaten, und denken an Sulla's Weiſſagung, daß in dem Knaben Cäſar mehr als ein Marius ſtecke.“ „Es iſt wahr, er läßt den Adel nicht zu Athem kommen“ ſtimmte Sabina, die zweitälteſte Veſtalin, zu. „Und am meiſten hat er es auf den ſtolzen Catulus abgeſehen, welcher die Seele der Adelspartei iſt. Kaum hat er ihm die Oberprieſterſtelle, auf die ſich Catulus feſte Rechnung machte, vorweggenommen und im Wahl⸗ kampfe ſo glänzend geſiegt, daß Catulus weit hinter ihm zurückblieb und ſelbſt zwei Drittheile ſeiner Zunft für Cäſar ſtimmten, ſo brachte ek ihm durch den Volks⸗ tribun Labienus auch ſchon eine zweite empfindliche Niederlage bei, indem er bei dem Volke durchſetzte, daß Pompejus den unbeſchränkten Oberbefehl zur See er⸗ hielt, um die Piraten zu vernichten.“ „Iſt Labienus wirklich ein Werkzeug Cäſar's?“ forſchte Porphiria, die dritte der mit der Bereitung des heiligen Mehls beſchäftigten Veſtalinnen. „Gewiß, ſofern Cäſar und Catilina unter einer Decke ſpielen!“ entgegnete Canopa. ſhe vü Pe 9 9 9 ler 41 „Mir will es dünken, daß Rom von der Freund⸗ ſchaft dieſer beiden Männer nicht viel Gutes zu ge⸗ wärtigen hat“ ſagte Sabina kopfſchüttelnd. „Catulus war derſelben Anſicht“, bemerkte Canopa; „deshalb bekämpfte er auch in der Volksverſammlung den Antrag des Labienus ſo lebhaft, dem Pompejus die Dictatur zur See zu übertragen. Und man muß ſagen, daß er dem von Cäſar und Catilina inſpirirten Antrag des Tribuns ſchlau entgegentrat. Er ſuchte Pompejus weder zu verkleinern, noch zu verdächtigen, geſtand ihm vielmehr ſeine Verdienſte bereitwillig zu, machte aber geltend, daß es ſich gebühre, nicht immer einen einzelnen Mann zu allen Geſchäften heranzu⸗ ziehen, ſondern mit den Bürgern abzuwechſeln. Er fragte, zu wem man ſeine Zuflucht nehmen wolle, wenn dieſer Pompejus, den man ausſchließlich zur Be⸗ ſchwörung jeder Rom bedrohenden Calamität verwende und dem man ſo vor allen Bürgern Gelegenheit gebe, ſich zum Regenten und Feldherrn auszubilden, um⸗ kommen ſollte?“ „Und das Volk antwortete auf die ſchlaue Frage halb ernſt, halb ironiſch: Zu Dir, Catulus, zu Dir würden wir unſere Zuflucht nehmen!“ fiel Sabina ihrer ältern Collegin in die Rede.„Catulus wurde über⸗ timmt, Cäſar und Catilina triumphirten.“ 42 „Es liegt bei alledem etwas Räthſelhaftes in den Bemühungen Cäſar's, dem Pompejus zu nützen!“ be⸗ merkte Porphiria. „Die Zukunft wird das Räthſel löſen“ meinte Canopa ernſt.„Man glaubt, daß es Cäſar darum zu thun ſei, Pompejus von Rom zu entfernen, um daſelbſt freie Hand zu erhalten.“ „Gelingt Cäſar ſein Plan, dann mag der Adel auf ſeiner Hut ſein!“ ſagte Sabina.„Der Proceß Rabi⸗ rius mag ihm ein Wink ſein, was man von Cäſar zu gewärtigen hat.“ Vor nicht weniger als ſechsunddreißig Jahren war Appulejus Saturninus, ein eifriger Volkstribun, der drei Jahre hintereinander durch Gewalt und Liſt das Tribunat an ſich geriſſen und endlich öffentlich die Fahne des Aufruhrs aufgeſteckt und ſich des Capito⸗ liums bemächtigt hatte, vom Senate für einen Feind des Vaterlandes erklärt und umgebracht worden. Dieſe Tödtung ſchrieb ein allgemeines, obſchon un⸗ verbürgtes Gerücht dem Rabirius, einem angeſehenen Senator, zu. Lange Zeit hindurch hatte man ſie als eine ver⸗ dienſtliche, dem Staate heilſame Handlung betrachtet Plötzlich trat jedoch Labienus auf und klagte Re birius des Hochverraths an, weil er Hand an de h ihn hab die Us ſin al en he⸗ pa ſei, eie auf 43 geheiligte Perſon eines Tribuns gelegt und in ihm des römiſchen Volkes theuerſtes Vorrecht verletzt habe. Ungerechtigkeit und Grauſamkeit ſchienen ſich in dieſer Anklage zu vereinen, denn Saturninus war gewiß als Empörer umgekommen. Marius ſelbſt, dem Satur⸗ ninus doch früher oft in die Hände gearbeitet, hatte als damaliger Conſul, vom Senate bevollmächtigt, gegen ihn die Waffen ergreifen müſſen. Sechsunddreißig Jahre hatte Rabirius ſeither un⸗ beſcholten und unangefochten mitten in Rom und im Kreiſe des Senats gelebt. Die Strafe des Hochverraths, die Labienus jetzt gegen ihn beantragte, war der ſchmählichſte Tod, der Tod am Kreuze. Aber nicht um das Leben eines Greiſes handelte es ſich, es ſtand vielmehr die wichtige Frage auf dem Spiele: ob jemals der Senat einen Volkstribun ächten, ob er über das Leben eines noch ſo ſtrafbaren Bürgers ohne Beiſtimmung des Volkes aburtheilen, ja, ob er zur Zeit eines Aufſtandes überhaupt wirkſame Mittel zur Dämpfung deſſelben anwenden dürfe. Dieſe Frage wollte Cäſar, als er Labienus zur Anklage vorſchob, im eigenen Zukunftsintereſſe zur Löſung bringen. 44 So faßte es auch der Senat auf und erhob ſich wie ein Mann zum Beiſtande des Beklagten. Hortenſius und Cicero, des Rabirius Vertheidiger, bewieſen unwiderleglich, daß das Decret, durch welches die Tödtung des Saturninus bewirkt worden, ein recht⸗ mäßiges Geſetz geweſen ſei, daß alle Sicherheit der Republik, alles Anſehen des Senats ſchwinde, wenn ein Aufrührer unverletzbar bleibe. Sie ſchilderten mit den lebhafteſten Farben das Alter, die Hülfloſigkeit, den bemitleidenswerthen Zuſtand eines Mannes, der vor jeder Gewaltthat, ſelbſt vor jeder Ver⸗ leumdung bis ins Greiſenalter geſichert, nun ſeine Freunde, ſeine Zeugen, jeden Beweis ſeiner Unſchuld überlebt habe. Die Vertheidigung machte tiefen Eindruck, aber die Gerichtsordnung verlangte, daß die Klage des Hoch⸗ verraths in erſter Inſtanz durch zwei vom Prätor aus der Zahl der Geſchworenen freigewählte Männer ent⸗ ſchieden werde. Der Prätor aber ernannte Cäſar und einen Freund Cäſar's zu Richtern über Rabirius, dieſer wurde ver⸗ urtheilt und ergriff die Appellation an das Volk. An dem Tage, an welchem wir die drei Veſtalin⸗ nen mit der Bereitung des geheiligten Mehls beſchäf⸗ tigt finden, ſoll auch das Volk über Rabirius ab⸗ ſprechen, und es war natürlich, daß ſelbſt die Hüterinnen ſich er, hes cht⸗ der nn ter, nes er⸗ de, be⸗ die us nt⸗ * 4 ———— 45 des heiligen Feuers der Veſta ſich für die Streitſache intereſſirten. Am entſchiedenſten nahm Canopa für den Angeklagten Partei und ſagte: „Die Stellung, welche Cäſar ſeit kurzer Zeit zu uns einnimmt, ſollte mich zwar zu einer wohlwollenden Beurtheilung ſeiner Handlungen ſtimmen, aber ſein Vorgehen gegen Rabirius kann ich nichtsdeſtoweniger nur verdammen. Es zeigt ſich in dieſem Vorgehen derſelbe ſouveräne Geiſt, der ſich darin kundthat, daß er uns, kaum zum Pontifex Maximus ernannt, die junge Bithynierin Myrſa zur Collegin gab. Was iſt aus unſern Statuten geworden, denen zufolge die Prieſterinnen Veſta's nur aus den beſten und unbe⸗ ſcholtenſten Familien der Stadt und aus ſolchen Häu⸗ ſern, wo beide Aeltern am Leben ſind, genommen wer⸗ hen ſollen?“ „Ich ſollte doch denken, daß Myrſa als die Tochter eines Königs Anſprüche auf eine Ausnahme machen kann, zumal ſchon einmal Aehnliches geſchehen iſt“, warf Porphiria ein. „Was kümmern uns fremde Königstöchter?“ fer⸗ tigte Canopa die jüngere Collegin hart ab.„Der rö⸗ miſche Bürger geht jedem Barbarenkönig vor! Und ſteht nicht geſchrieben, daß die Veſtalinnen zwiſchen dem ſechsten und zehnten Lebensjahre eintreten und ſich zu 46 einem dreißigjährigen Dienſte verpflichten ſollen, wäh⸗ rend deſſen ſie die erſten zehn Jahre zu lernen, die zweiten zehn den Dienſt auszuüben und in den dritten zehn die Novizen einzuüben haben? Iſt die Bithy⸗ nierin, abgeſehen von ihrer Herkunft, nicht weit über das vorgeſchriebene Novizenalter hinaus?“ „Das wohl!“ mußte Porphiria zugeben! „Und wie iſt der Ruf Myrſa's beſchaffen?“ fuhr Canopa erregt fort.„Beſchuldigt man ſie nicht, ein Liebesverhältniß mit Cäſar unterhalten zu haben? Wie ſoll ſie, an der ein ſolcher Makel haftet, ein Vor— bild der Sittenreinheit ſein? Der verbotene Umgang iſt ihr nichts Unbekanntes, uns aber bringt ihre Ge⸗ meinſchaft wenig Ehre! Haben wir nicht ſchon genug an Anſehen im Verlaufe der Zeiten eingebüßt, daß man uns auch noch gewaltſam in den Augen des Volks herabſetzen will? Wo ſind die Zeiten, wo ſchon eine Abweichung von, der vorgeſchriebenen einfachen Tracht, ein freieres Betragen, eine ungewöhnliche Bil⸗ dung im Stande waren, den ſchlimmſten Verdacht zu erwecken? Wo ſind die Zeiten, wo ein ſolcher Ver⸗ dacht genügte, die Schuldige dem unheimlichen unter⸗ irdiſchen Gemache, den Verführer aber der Geißelung am Blocke zu überliefern? Damals wartete man mit der Züchtigung nicht erſt, bis die Götter durch ſchreck⸗ wl en ⸗ her hr ein 0r ng nug daß des hon hen Bil⸗ zu zer⸗ ter⸗ ung nit ————— liche Zeichen ihren Zorn an den Tag legten, wie dies vor einem halben Jahrhundert geſchah, wo drei Veſta⸗ linnen zugleich auf verbotenen Liebeswegen ertappt wurden. Ja, jetzt ſcheint die letzte Scheu vor der ſonſt ſo heiligen Veſta gewichen zu ſein! Seit vor einigen Jahren der Pontiferx Maximus Marius Scä⸗ vola, eine Zierde ſeines Namens und der römiſchen Nobilität, von den Marianern vor dem Bilde der Veſta, zu dem er ſich aus der Curie geflüchtet, niedergehauen wurde, ſeit ein andermal bei einem ähnlichen Blutver⸗ gießen ein wilder Haufen bis in unſern Hof drang, iſt es mit unſerm Anſehen dahin und Vorfälle, wie die Aufnahme der Bithynierin, ſind nicht geeignet, es wiederherzuſtellen. Die Heiligkeit unſerer Perſon wird immer mehr ſchwinden, die Ehrfurcht des Volks vor uns abnehmen, und ich ſehe Tage kommen, wo die höchſten Behörden nicht mehr vor uns ausweichen, wo unſere Begleitung nicht mehr vor Angriffen ſchützen, un⸗ ſere Fürbitte hochmüthig in den Wind geſchlagen werden wird. Es ſollte mich nicht wundern, wenn eines Tages die Götter ſelbſt in wohlberechtigtem Zorne das von uns ſorgſam gehütete Feuer verlöſchen machten! Und noth thäte es, daß Veſta wieder einmal ſelbſt zu Wun⸗ dern griffe, um Unwürdige von uns auszuſcheiden. Wie ganz anders ſtand es um unſer Anſehen, als die 48 Göttin noch durch ſolche Wunder ſich ihrer Prie⸗ ſterinnen annahm! Als ſie einſt das Kleid der Veſta⸗ lin Aemilia, die nach dreißigjähriger Dienſtleiſtung das Feuer nicht aus ſträflicher Leidenſchaft, ſondern aus bloßer Nachläſſigkeit hatte erlöſchen laſſen, in dem Augenblicke entzündete, wo dieſe den Tod leiden ſollte! Als ſie die Veſtalin Tuccia beſchützte und ihr erlaubte, die falſche Anklage verletzter Keuſchheit dadurch zu nichte zu machen, daß ſie ſtarken Muthes hinab zum Tiber ging, vor allem Volk aus ſeiner Flut Waſſer in ein Sieb ſchöpfte und das Waſſer in dieſem Siebe bis hinauf zum Forum trug, um es dort vor den Füßen des Pontifer Maximus auszuſchütten!“ en Fünftes Kapitel. W Canopa ſprach noch, als Myrſa, die jüngſte der Veſtalinnen, ſichtbar wurde. Sie trug ein eigenthümlich conſtruirtes Gefäß auf dem Kopfe, welches ſo eingerichtet war, daß man es nicht, ohne ſeinen Inhalt zu verſchütten, auf die Erde ſtellen konnte. Denn das Waſſer, welches die Veſtalinnen, ſei es zum Waſchen oder zum Reinigen der heiligen Räume, ſei es zur Bereitung ihrer Nahrung, brauchten, durfte mit der Erde in keine Berührung kommen. „Woher haſt Du das Waſſer genommen, daß Du ſo ſchnell mit demſelben zurück biſt?“ fragte Canopa mit Härte ihre jüngſte Collegin, welche zum erſten Male Dienſt that. Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. III. 50 Es hatte ſie gerade die Woche getroffen, in welcher mit Rückſicht auf die bevorſtehenden Feſte der ganze Tempel auf das ſorgfältigſte geſäubert und ausgekehrt werden mußte. Es war dies dieſelbe Woche, welche in religiöſer Beziehung für bedenklich galt, ſodaß man Hochzeiten vermied und die Gemahlin des Pontifer Maximus weder ihr Haar kämmen, noch ihre Nägel beſchneiden durfte. Erſt wenn die Reinigung des Tempels beendigt und aller Kehricht entweder in den Tiber geworfen oder am capitoliniſchen Steige in einem eigens dazu beſtimmten, durch die ſogenannte Miſtpforte verſchloſ⸗ ſenen Hofe untergebracht war, erſt dann durften die römiſchen Mädchen wieder unbedenklich freien. „Ich habe das Waſſer aus dem nächſten Aquäduct geholt“ beantwortete Myrſa unbefangen Canopa's Frage. Die Rede des Mädchens verſetzte die drei älteſten Veſtalinnen in eine gewaltige Aufregung und Canopa rief heftig: „Unglückſelige! Hat man Dir denn nicht geſagt, daß das Waſſer nur ein fließendes ſein darf, wie es der Tiber oder die Quellen der Stadt ſpenden? Fort mit dem unreinen Waſſer, welches durch eine Waſſer⸗ ut s ſten opa 51 leitung gefloſſen iſt! Da hätteſt Du bald ein ſchönes Unheil angerichtet!“ Willſt Du Dein unfreiwilliges Vergehen gut machen“ beruhigte Sabina in gütigerem Tone die ver⸗ legen daſtehende Myrſa,„ſo gehe in den Hain der Camenen und ſchöpfe das Waſſer aus der Quelle der Egeria!“ „Ich danke Dir für Deinen freundlichen Wink!“ flüſterte Myrſa mit einem dankbaren Aufblick zu der ſanftern Sabina, welche ſich bemüht hatte, Canopa's Härte einigermaßen gutzumachen. Myrſa fühlte es ohnehin bitter genug, daß man hier gegen ſie ſehr mißgeſtimmt war und ſie wie einen unwillkommenen, verhaßten Eindringling behandelte. „Und einem ſolchen leichtfertigen Geſchöpf ſoll man das heilige Feuer anvertrauen!“ rief Canopa erbar⸗ mungslos.„Wie, wenn es verlöſchte? Das unbedachte Geſchöpf wäre im Stande, um ſeine Unachtſamkeit zu bemänteln, das ausgegangene Feuer an einer ge⸗ wöhnlichen, durch das Leben und ſeine Bedürfniſſe entweihten Flamme zu entzünden, ſtatt es der Natur von neuem abzugewinnen.“ Myrſa waren, als ſie ſich in fortgeſetzter Weiſe ſo hart angefahren ſah, die Thränen in die Augen 4* 52 getreten und ſie wollte ſich lautlos fortſchleichen, als Canopa boshaft ausrief: „Freilich, was hätte der Liebling des Pontifer Maximus auch zu gewärtigen, wenn ihm das heilige Feuer erlöſchte? Man würde über dies Erlöſchen, obwohl es ſtets für ein Anzeichen galt, daß den Staat ſchweres Unglück treffen werde, wie über etwas Gewöhnliches hinweggehen, und ich zweifle, daß der Pontifex Maximus in dieſem Falle der Schuldigen gegenüber ſeine Pflicht thun und ſie mit blutigen Streichen auf den bloßen Rücken geißeln würde!“ Myrſa ſchwanden beinahe die Sinne, als ſie in ſolcher Weiſe von ſich und Cäſar ſprechen hörte, und ſie mußte ſich anlehnen, um nicht zu ſtraucheln. Während ſie überlegte, ob ſie die Schmach ruhig hinnehmen oder etwas erwidern ſollte, trat eine unerwartete Veränderung in der Scenerie ein, welche ihren Gedanken unwillkürlich eine andere Rich⸗ tung gab. Ein Senator kam herbeigeſtürzt und rief: „Wehe, es ſteht ſchlecht um Rabirius! Cicero, der ihn in der Volksverſammlung vertheidigt, kann ſich kaum vernehmbar machen. Das Volk verſchmäht ſeine Fürbitte, und ſo nachſichtig es ſonſt gegen +— 53 diejenigen zu ſein pflegt, die ſich in ſeinen Schutz flüchten, ſo iſt es doch auf das leidenſchaftlichſte gegen Rabirius eingenommen und heult: Es bleibt bei Cäſar's Todesurtheil— ans Kreuz mit dem Ariſtokraten, der ſich an einem Volkstribun zu vergreifen wagte! Ich bin hierher geeilt, um Euch, Ihr gottgefälligen Hüterinnen des ewigen Feuers, zu fragen, ob Ihr kein Mittel wißt, den greiſen Rabirius zu retten? Vielleicht könntet Ihr Cäſar ſelbſt beſtimmen, ſänftigend auf das durch ihn aufgewiegelte Volk zu wirken. Er hat doch ſeinen Zweck vollkommen erreicht und den Adel wieder ein⸗ mal des Volkes Allmacht fühlen laſſen— was kann ihm an dem Leben eines hinfälligen Greiſes liegen! Wollt Ihr nicht Eurem Pontifex Maximus ein gutes Wort geben?“ „Ich will Cäſar umzuſtimmen ſuchen!“ rief Myrſa lebhaft, die die Lebensgefahr, in der Rabirius ſchwebte, alle Rückſichten vergeſſen ließ. „Bleib!“ rief Canopa der jüngſten Gefährtin zu. „Ich zweifle nicht, daß Deine Fürbitte bei Cäſar ins Gewicht fallen würde, aber ich weiß doch noch ein zuverläſſigeres Auskunftsmittel, ohne daß wir den Pontifer Maximus zu behelligen brauchen. Folge mir, Senator, folgt mir, Schweſtern, alle! Auf, zum Jani⸗ culus!“ 54 Auf dem Janiculus war die Kriegsfahne aufge⸗ pflanzt. Eine uralte, durch die Länge der Zeit geheiligte, obgleich längſt zwecklos gewordene Sitte unterſagte jede Volksverſammlung, wenn dieſe Fahne nicht wehte, die aus den erſten Zeiten Roms herrührte, wo Rom allenthalben von Feinden umringt, ſein Gebiet kaum einige Meilen breit und die Stadt ſehr oft in Gefahr war, von den Gegnern unverſehens überfallen zu werden. Damit nun dieſe nicht vielleicht den Zeitpunkt nützen möchten, wenn das Volk auf dem Marsfelde ſich verſammelt hatte und die Mauern auf einer an⸗ dern Seite den Eindringenden offen ſtanden, ſo wurde auf dem Janiculus ſtets ein Poſten von Bewaffneten unterhalten. Solange hier die Fahne aufgeſteckt blieb, galt die Sicherheit für ungefährdet. Nahte ſich aber ein Feind, dann wurde ſie weg⸗ genommen, die Volksverſammlung hatte ein Ende und das Volk griff zu den Waffen. Mit der Zeit, wo eine ähnliche Gefahr auch nicht mehr im Traume denkbar war, verſchwand wohl der Poſten vom Janiculus, aber die Fahne blieb und ihr Anſehen war das alte, traditionelle. 55 Auf dieſe Fahne nun ſtürzte ſich die Veſtalin Canopa und riß ſie mit eigenen Händen aus der Erde. Die Nachricht, daß die Kriegsfahne verſchwunden ſei, verbreitete ſich mit Blitzesſchnelle durch die Stadt. Die Volksverſammlung ſtob in dem Augenblicke auseinander, wo zur Abſtimmung hätte geſchritten wer⸗ den ſollen und des Rabirius Leben keinen Deut mehr werth ſchien. Sechstes Kapitel. Cäſar und Pompejus. Auf einem Ruhebett, deſſen Fußgeſtell von Silber war, lag Pompejus nachläſſig hingeſtreckt und unter⸗ hielt ſich mit Cäſar, der gekommen war, ihm zu dem Oberbefehl über alle Meere, welchen ihm das Volk übertragen hatte, Glück zu wünſchen. „Ich weiß recht gut, Cäſar, wie ſehr Du Dich in dieſer Sache für mich bemüht haſt!“ ſagte Pompejus, die Hand des Gratulanten freundſchaftlich drückend. „Ich wünſche eine Gelegenheit herbei, Dir meinen Dank durch die That bezeigen zu können. Wann wird denn Deine Stunde ſchlagen? Regt ſich noch kein Ehrgeiz in Deiner Bruſt? Sind Deine Blicke nicht ſehnſuchtsvoll auf ein Commando gerichtet?“. „Mein ganzer Ehrgeiz beſteht vorläufig darin, mei⸗ nen Freunden zu dienen!“ entgegnete Cäſar.„Ich 57 habe es an mir ſelbſt erfahren, wie dieſe unverſchämten Piraten harmloſen Reiſenden läſtig werden können, ganz abgeſehen von dem großen Schaden, den ſie dem Staate zufügen. Du wirſt es alſo ganz natürlich finden, wenn ich für das radicalſte Mittel ſtimmte, ihre Macht zu brechen. Dieſes Mittel fand ich aber darin, daß man meinen Freund und Gönner Pompejus gegen ſie ausſchickt.“ „Du beurtheilſt mich zu gütig, Cäſar!“ bemerkte Pompejus mit einem abwehrenden Lächeln.„Nicht Jeder denkt ſo wohlwollend von mir. Catulus gönnt mir den Befehl zur See ſo wenig, daß er ſich nach der Abſtimmung, die er gegen mich zu wenden geſucht, grollend mit den Worten zurückzog: es ſei um die Frei⸗ heit geſchehen; um ihrer fürder theilhaftig zu werden, müſſe man ſich von jetzt an in die Wälder und Gebirge zurückziehen.“ „Es iſt bekannt, daß Catulus am liebſten jedes Commando dem Craſſus zuwenden möchte“, bemerkte Cäſar. Die blaſſe Wange des Pompejus belebte ſich, als der Name Craſſus genannt wurde, und er ſagte eifrig: „Als ob dem Craſſus die Sklaven nicht genug zu thun gäben! Er mag ſich ihnen gegenüber vorſehen. 58 Noch ein Sieg wie der letzte, und von ſeinem Ruhm bleibt nicht viel übrig.“ Pompejus ſpielte mit ſeiner Rede auf die letzte Schlacht in Unteritalien an. Dort hatte ſich des Spartacus Heer in zwei Haufen geſchieden, von denen der eine, auf die Worte des Kappa⸗ dociers ſchwörend, nur Rom im Auge hatte, während Spartacus auch jetzt noch raſch daran vorbei wollte, um Gallien zu erreichen. Eraſſus hatte von der Spaltung Nutzen ziehen wollen und ſein Heer gleichfalls in zwei Lager ge⸗ theilt. Mit dem einen hielt er Spartacus in Schach, mit dem andern wollte er gegen den Kappadocier los⸗ gehen. Dieſer ging jedoch nicht in die Falle, die man ihm gelegt, als man die römiſchen Krieger mit Helmen die mit Zweigen umwunden waren, gegen ihn vor⸗ rücken ließ, damit ſie der Feind in der Dämmerung. mit dem Walde verwechſele, aus welchem ſie auf⸗ ſtiegen. Des Spartacus Frau, welche ſich, der zögernden Kriegführung ihres Gatten müde, dem Kappadocier angeſchloſſen, hatte viel zu Vereitlung der römiſchen Kriegsliſt beigetragen. en 59 Sie war von Hauſe aus eine Wahrſagerin und ſtand mit den Göttern in ununterbrochenem Rapport. Sie war es geweſen, welche ihren Gatten zur Flucht aus der Fechterſchule bewogen hatte, weil ſie ſeinem Traume, daß ſich eine Schlange um ſein Ge⸗ ſicht geringelt habe, ohne ihn zu beißen, die Deutung gegeben, daß dies Glück und ekne große, ruhmvolle Zukunft bedeute. Als ſie ſich momentan von ihrem Gatten getrennt und dem Kappadocier angeſchloſſen hatte, in der ge⸗ heimen Hoffnung, auf dieſe Art den zaudernden, vor⸗ ſichtigen Gatten zu kühnerem Vorgehen fortzureißen, war ſie immer beſchäftigt, die Abſichten der Götter zu erlauſchen und dieſe durch Opfer für das Heer und die Sache ihrer Angehörigen günſtig zu ſtimmen. Bei einer ſolchen Opferung hatte ſie die Legionen des Craſſus aus dem Walde emporkommen ſehen und den Kappadocier ſofort davon benachrichtigt, der ſich mit Ungeſtüm auf die Römer warf und ſechs⸗ tauſend derſelben gefangen nahm, ehe Craſſus Zeit hatte, mit dem Hauptheer heranzukommen und das Treffen wiederherzuſtellen. Der Kappadocier mußte nun allerdings der Ueber⸗ macht weichen und mit Zurücklaſſung von zehntauſend Todten das Schlachtfeld räumen, aber die ſechstauſend 60 Gefangenen, die er bei dem erſten Anprall gemacht, vermochte ihm Craſſus doch nicht wieder abzunehmen. In Rom empfand man die neue Schlappe ſchmerz⸗ lich, denn man hatte keine Gefangenen, um ſie gegen die Römer auszutauſchen, unter welchen ſich Söhne aus den erſten Familien befanden, die nun Gefahr liefen, im Lager der Sklaven mit einander nach ge⸗ meiner Gladiatorenweiſe fechten zu müſſen, wie dies bereits einmal bei einem Siegesfeſte, das Spartacus veranſtaltet hatte, geſchehen war. Während Pompejus fortfuhr, an der Kriegführung des Craſſus ſeine Kritik zu üben, erſchien ein Diener, deſſen trübſelige Miene Pompejus zu dem Ausrufe veranlaßte: „Du kommſt wohl mit leeren Händen?“ „Ich muß Dir melden, Herr“ antwortete der Diener kleinlaut,„daß in gegenwärtigem Augenblick nur ein Mann in Rom Krammetsvögel hat und daß es zweifel⸗ haft iſt, ob er welche abgibt.“ „Und wer iſt dieſer einzige Mann?“ forſchte Pom⸗ pejus geſpannt. „Craſſus!“ Das Geſicht des Pompejus verdüſterte ſich. „Du ſuchſt Krammetsvögel?“ warf Cäſar ein. „Du ſiehſt, daß ich leidend bin“, entgegnete Pompejus. 61 „Mein Magen verträgt nichts als Krammetsvögel. Der Arzt hat mir ſie ordinirt, aber leider ſind die Krammets⸗ vögel Zugvögel, ihre Zeit iſt vorbei, meine Diener ſuchten ſie vergeblich auf allen Märkten, und nun hörſt Du's, Craſſus iſt der einzige Mann in Rom, der mir helfen könnte.“ „Ich weiß, Craſſus hat die Manie, Krammetsvögel zu mäſten“ bemerkte Cäſar.„Er liebt ſie außer⸗ ordentlich! Er wird es gewiß billigen, wenn Dir ſein Koch, den er in Rom zurückgelaſſen, einige Dutzend überläßt.“ „Wie kannſt Du glauben, daß ich mir von Craſſus eine Gefälligkeit erweiſen ließe!“ erwiderte Pompejus entrüſtet. „Laß mich nachdenken, Pompejus, ob ich Dir nicht helfen kann!“ rief Cäſar, ſich am Kopfe krauend. „Wenn es Dich gelüſtete, Pfaue aus Samos, Hühner aus Phrygien, Kraniche aus Melos, Böckchen aus Aeto⸗ lien, Thunfiſche aus Chalcedon, Muränen aus Tarteſſus Hechte aus Peſſinus, Auſtern von Tarent, Muſcheln von Chios, Nüſſe aus Jaſſus, Datteln aus Aegypten oder Eicheln aus Spanien haben zu wollen, mit Allem könnte ich Dich durch meinen Delicateſſen⸗ lieferanten verſehen— vielleicht ſchaffe ich Dir auch Krammetsvögel.“ 62 „Du verbindeſt mich immer mehr, lieber Freund!“ murmelte Pompejus mit einem dankbaren Blick. „Laß mich gleich die Jagd nach Krammetsvögeln an⸗ treten“ ſagte Cäſar lächelnd, indem er Miene machte, ſich zu entfernen.„Vorerſt aber will ich doch noch bei Deiner Nichte, der liebenswürdigen Pompeja, vor⸗ ſprechen und ſie fragen, wie ſie geſchlafen hat.“ „Wird Deine Frau ſchlafen können, wenn ſie von Deinen häufigen Beſuchen bei Pompeja hört?“ ſcherzte Pompejus. Siebentes Kapitel. Pompeja. Cäſar begab ſich nach den Gemächern der Pom⸗ peja, wo er im Atrium die Sklavinnen verſammelt fand, welche die Herrin anzukleiden hatten. Die meiſten waren bereits entlaſſen und plauderten nach gethanem kurzem Tagewerk mit einander. Schminktöpfe, Pinſel, Handſpiegel, Zahnbürſten lagen auf Tiſchen von Roſenholz bunt durcheinander. Eine Negerin war beſchäftigt, den Teig anzuferti⸗ gen, mit welchem Pompeja nach damaliger Sitte wäh⸗ rend der Nacht ihr Geſicht beklebte, um die Haut weiß und weich zu erhalten. Vor kaum einer halben Stunde hatten geſchäftige Hände der Herrin den Teig mit warmer Eſelsmilch vom Geſichte weggewaſchen und denſelben durch ein ——— —— 64 zartes Weißroth auf den Wangen erſetzt, während der in feingepulverten Bleiglanz getauchte Pinſel, den eine andere Dienerin ſchwang, den Augenbrauen einen er⸗ höhten Glanz verliehen hatte. Cäſar erfuhr auf ſeine Frage, daß auch die Zahn⸗ putzerin ihre Aufgabe vollendet habe und der Maſtir von Chios, der die Zähne ſo weiß und ſchön erhält, gekaut war und daß eben die Haarſchmückerinnen die letzte Hand an die Herrin legten, indem ſie deren ſchwarzes Haar wuſchen, färbten, beizten und zuletzt mit feinem Goldſtaub beſtreuten, um es nach der herrſchenden Mode goldblond zu geſtalten. Es dauerte nicht lange, ſo kam auch die Sklavin, welcher es oblag, das Haar Pompeja's mit wohlriechen⸗ den Eſſenzen einzuſpritzen, aus dem Ankleidezimmer. Sie hatte gleichſam den höchſten Rang unter ihren Colleginnen inne, denn von ihrer kunſtfertigen Hand und noch mehr von ihrem kunſtgeübten Munde, mit welchem ſie die duftenden Eſſenzen in die aufgelocker⸗ ten Haare der Herrin ſprühte, hing es ab, das Haar dieſer letztern ſo wohlriechend zu machen, daß Jeder glauben mußte, das ganze glückliche Arabien dufte ihm aus dieſem Haar entgegen. Jetzt war die Toilette der Herrin ſo gut wie voll⸗ endet und Cäſar brauchte ſich nur noch zu gedulden, der ine hn⸗ ſtir ält, die ren etzt der in, en⸗ nel⸗ ren nd nit aar 65 bis die Sklavin, welche Pompeja zu bekleiden hatte, ihr die blendendweiße Tunica von feinſter mileſiſcher Wolle übergeworfen und die Fingernägel mit kleinen ſilbernen Zangen und Meſſerchen geglättet hatte. Nachdem auch dieſes geſchehen war, ſtand ſeinem Eintritt in das Ankleidezimmer nichts mehr im Wege. Eine reichgekleidete Thürſteherin ſchlug den Vor⸗ hang von tyriſchem Purpur zurück, der das Ankleide⸗ zimmer Pompeja's von den Vorgemächern ſchied, und Cäſar befand ſich in einem koſtbar eingerichteten Ge⸗ mach, deſſen Wände mit Marmor bedeckt waren, dem man, um ſeine Einförmigkeit in gefälliger Weiſe zu unter⸗ brechen, ſtellenweiſe eine maſſive Vergoldung gegeben. Pompeja lehnte auf einem niedrigen Lager, deſſen Fußgeſtell von Silber war. Von demſelben Metall war der große Spiegel, der ſich ihr gegenüber befand und ihre ganze Geſtalt zurück⸗ ſtrahlte. Seine ſtarke, glänzend polirte Fläche hatte eine Unterlage von Goldblech und eine Einfaſſung von koſt⸗ baren Edelſteinen. Pompeja's Arm ruhte auf einem Toilettentiſche von afrikaniſchem Citronenholz, auf welchem ein paar Leuchter ſtanden, welche die weite Wanderung aus den Kunſtwerkſtätten Aeginas nach Rom gemacht hatten. Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. MI. 5 66 Der Fuß des ſchönen Mädchens fand einen Ruhe⸗ punkt auf einem Fußbänkchen von gediegenem Silber. Nachdem die Kosmeten— ſo nannte man die Schminkmädchen, die Roth⸗ und Weißauflegerinnen, Augenbrauenmalerinnen, Zahnputzerinnen und Spiegel⸗ halterinnen— ihre Miſſion vollendet hatten, war die Reihe an die Sklavinnen gekommen, welche das Früh⸗ ſtück zu ſerviren hatten. Eine derſelben ſtellte eine ſilberne Kochmaſchine, in welcher ſiedend heißes Waſſer brodelte und ziſchte, auf den Toilettentiſch, während eine andere einen zierlichen Steinkrug brachte, in welchem alter Chioswein funkelte. Eine dritte verſah den Frühſtückstiſch mit Feigen, Datteln und Weintrauben. Pompeja aß zuerſt einige Feigen und miſchte ſich dann den Wein mit Waſſer, während Cäſar jede ihrer Bewegungen mit Wohlgefallen betrachtete. Dieſes Wohlgefallen ſchien übrigens ein gegenſeiti⸗ ges, denn auch Pompeja's Miene drückte Zufriedenheit über den Morgenbeſuch aus. Seit dem Tage, wo Pompeja Cäſar zum erſten Male in dem Vorſaal, der zu den Gemächern ihres Oheims führte, erblickt, hatte das Intereſſe für den ſchönen jungen Mann, der ſo einſchmeichelnde Manieren hatte, eine ſtetige Steigerung erfahren und ſi Y bo 67 ſie hatte es durchaus nicht übel vermerkt, als Cäſar Miene machte, ſich ihr zu nähern. Cäſar ließ ſich bei dieſen Annäherungsverſuchen von einem doppelten Geſichtspunkt leiten. Zuerſt gefiel ihm die Nichte des Pompejus und dann lag ihm daran, dieſen letztern glauben zu machen, daß ihm nichts am Herzen liege als der Umgang mit ſchönen Frauen und das Beſtreben, ſein Vermögen durch Cultivirung alles erdenklichen Luxrus möglichſt ſchnell unter die Leute zu bringen. Da die wohlberechnete Verſchwendung Cäſar's viel zur Vermehrung ſeiner Popularität beitrug, ſo konnte es Pompejus nur erwünſcht ſein, wenn ſein Haus einen Magnet beſaß, der Cäſar anzog, weil er dann vorkommenden Falls auch auf den großen und täglich wachſenden Anhang Cäſar's rechnen zu dürfen glaubte. Es war keine ausgeſprochene Liebe, welche ſich zwiſchen Cäſar und der Nichte des Pompejus entwickelt hatte, denn die letztere ließ ſich bei allem Wohlgefallen, das ihr Cäſar einflößte, doch ſtets von der Rückſicht für deſſen Gemahlin leiten, und Cäſar war ſich wieder der Linie bewußt, über die er nicht hinwegvoltigiren durfte, wenn er ſich das Vertrauen des Pompejus erhalten wollte, auf deſſen Täuſchung es doch ab⸗ geſehen war. 68 Aber die Beziehungen zwiſchen den beiden jungen Perſonen waren doch ſo beſchaffen, daß nicht viel zu einem vertraulichen Verkehr fehlte. Schon manche indiſche Lotosblume, deren Kelch einen mit Huldigungsworten beſchriebenen Pergament⸗ ſtreifen barg, hatte den Weg in Pompeja's Hände ge⸗ funden und manche Roſe mit einer von Cäſar her⸗ rührenden zärtlichen Inſchrift ſchmückte ihren Toiletten⸗ tiſch. Selbſt angebiſſene Aepfelchen und verwelkte Kränze, die Cäſar bei irgend einer Feſtlichkeit getragen und ihr dann geſchenkt, waren auf dieſem Tiſche zu ſchauen. Das letzte Geſchenk, durch welches er Pompeja er⸗ freut, war ein zierlich geſchriebenes Heft jener mile⸗ ſiſchen Erzählungen, welche damals ihren Weg aus der Hauptſtadt Joniens durch die ganze gebildete Welt machten und die Frauen, ſoweit als nur die griechiſche Sprache reichte, entzückten. Neben dem aus maſſivem Silber verfertigten und mit Gold ausgeſchlagenen Bettgeſtelle der vornehmen Römerin lag in jenen Tagen ſicher auf dem Nachttiſch von Acajouholz neben der Nachtlampe ein Bändchen jener ſinnebeſtrickenden, zumeiſt von Frauen verfaßten und für Frauen beſtimmten mileſiſchen Erzählungen. „— nze, nd zu 69 Mit dem Pergamentheftchen, das die reizenden Sagen von Milet enthielt, in der Hand ſchlüpfte die Dame aus dem Schlafkabinet in das Ankleidezimmer, und wenn die bei der Toilette beſchäftigten Sklavinnen ihre kleinen Verſtöße an manchen Tagen ſeltener durch Nadelſtiche büßen mußten, die ihnen die erzürnte Herrin beibrachte, ſo hatten ſie dieſe Schonung gewiß nur dem Wohlgefallen zu danken, welches die Herrin an den Fabeln von Milet fand und das ſie in gute Laune verſetzte und unwillkürlich nachſichtiger machte. „Wie hat der ſchönen Pompeja die letzte Erzählung von Milet gefallen, die ich ihr brachte?“ erkundigte ſich Cäſar. „Nicht ſo gut wie eine andere Erzählung, deren Schauplatz Rom iſt“ entgegnete Pompeja ſcherzhaft. „Von welcher Erzählung ſpricht meine huldvolle Herrin?“ fragte Cäſar. „Man erzählt ſich in Rom von einem großmüthigen Herrn, der den Sklaven, der ihn vergiften wollte, ein⸗ fach mit dem Tode beſtrafte“ gab Pompeja zur Ant⸗ wort. „Meine angebetete Pompeja ſpielt auf einen kleinen Vorfall in meinem Hauſe an“, lächelte Cäſar.„Was hätte ich mit dem Giftmiſcher anfangen ſollen? Hätte ich ihn peitſchen, foltern oder ſtückweiſe meinen Mu⸗ 70 ränen als Futter vorwerfen laſſen ſollen? Man ſagt zwar, daß Muränen, mit Menſchenfleiſch gefüttert, be⸗ ſonders gut ſchmecken ſollen, aber Cäſar kann nun ein⸗ mal nicht grauſam ſein.“ „Es iſt wahr“ ſcherzte Pompeja,„man könnte ein mileſiſches Märchen von Cäſar's Großmuth ſchreiben. Cäſar reiſt mit einem Freunde über Land, überläßt ihm das einzige Bett im Wirthshauſe und ſchläft im Vorſaal.“ „Bei der Göttin, deren oberſten Prieſter ich mich nenne, das Opfer war nicht groß“, lachte Cäſar. „Pompeja vergißt, daß ich auf meinen Reiſen immer einen Moſaikfußboden mit mir führe, der eine gute Grundlage für ein improviſirtes Lager abgibt. Ich reiſe nicht wie Freund Cato, der kein anderes Gepäck als eine Matratze und zwei Regenmäntel mit ſich führt, von denen ihm der eine als Ueberzug, der andere als Decke dient.“ „Aber die Schreibtafel Cato's wäre bei Cäſar am Platze!“ meinte Pompeja. „Sollte ich in dieſelbe eintragen, wie oft ich an Pompeja denke?“ warf Cäſar feurig ein.„Dann käme der Griffel nie aus meiner Hand.“ Pompeja erröthete und ſagte abwehrend: „Ich dachte an die Großthaten Cäſar's, die der in n. ßt m an me 71 Aufzeichnung würdig wären. Rühmte man nicht erſt jüngſt Cäſar's hochherziges Benehmen gegen einen Wirth, der ihm ſchlechtes Oel vorſetzte und ohne Rüge davonkam? Ja, ſoll nicht Cäſar ſogar ſeinem Magen das Unheimliche zugemuthet und noch einmal von dem ſchlechten Hel genommen haben, blos damit der Wirth ſein Verſehen nicht gewahr werde?“ „Pompeja iſt heute in beſonders guter Laune“, be⸗ merkte Cäſar.„Sie foppt mich mit halbwahren Ge⸗ ſchichten, welche meine Schmeichler in Curs geſetzt haben. Ich hätte einen dankbarern Stoff für die ſchöne Pompeja, wenn es ſie gelüſtete, eine freie Uebertragung der Erzählungen von Milet ins Latei⸗ niſche zu verſuchen, was ihr bei ihrem Witze kaum miß⸗ glücken dürfte.“ „Was iſt das für ein Stoff?“ forſchte Pompeja neugierig. „Cäſar, der hingeht, Rom in Bewegung zu ſetzen, um einen Krammetsvogel ausfindig zu machen“ ent⸗ gegnete Cäſar mit fingirtem Ernſt. „Was iſt's mit dem Krammetsvogel?“ wollte Pom⸗ peja wiſſen. „Wenn ich Pompeja den Schlüſſel zu der kleinen geheimnißvollen Erzählung ſchon heute in die Hände geben wollte“, entſchuldigte ſich Cäſar, indem er ſich 72 zum Fortgehen anſchickte,„ſo hätte ſie nichts, worüber ſie ſich heute im Bade den Kopf zerbrechen könnte.“ „Böſer Schäker!“ rief Pompeja halb im Ernſt, halb im Scherz dem Enteilenden nach und winkte dann der Thürſteherin, damit ſie den Vorhang öffne, der zum Bade führte. Achtes Kapitel. Cäſar und Myrſa. Während Pompeja im Badezimmer verſchwand, das elenſo luxuriös ausgeſtattet war wie die übrigen Ge⸗ micher und über deſſen Thür die Worte angebracht weren:„Betritt ſorgenfrei dieſen Ort, damit Du von Krenkheit befreit ihn verlaſſeſt; Geneſung erwarte hier nich, wer mit Sorgen ſich quält“ begab ſich Cäſar nach ſeiner Wohnung im Tempel der Veſta, nach der ſogetannten Regia, in welcher der Pontifex Maximus und die Veſtalinnen wohnten und die mit ihrem die Abhäige des Palatin einnehmenden Hain einerſeits an des Forum, andererſeits an die Via ſacra ſtieß. Nht ungefährdet ſollte diesmal Cäſar ſeine Woh⸗ nung erreichen, denn der Philoſoph Philoſtratus lauerte ihm vor der Thür derſelben auf und über⸗ 74 reichte ihm ein ziemlich umfangreiches Heft von Perga⸗ mentblättern. Der Bart des Philoſophen war womöglich noch ſeit dem Tage, wo wir ihn bei Cäſar's Gaſtmahl ſich der Ode rühmen hörten, die er auf die ihm vom Feſtgeber geſchenkte Toga verfaßt, gewachſen und er bemühte ſich jetzt, dieſen ſtruppigen Bart glatt zu ſtreichen, indem er ſagte: „Ich überreiche Dir hier, erhabener Oberprieſter der Veſta, den von mir zu Ehren Deines Amtsantritts verfertigten Originalcoder ſämmtlicher in der Praxis des römiſchen Staatsgottesdienſtes bei dieſer oder jener Gelegenheit vorgetragenen Gebete, mit Hülfe deſſen es Dir ſehr leicht werden wird, als Oberaufſeher hes öffentlichen Cultus die religiöſe Praxis zu überwacen. Du findeſt in dieſem Buche alle Götternamen und alle Gebete verzeichnet, welche nach altherkömmlicher Veiſe bei den verſchiedenſten Veranlaſſungen des Lebene bei Geburten, Hochzeiten, Todesfällen und für die veſchie⸗ denſten Gegenſtände, für die Aecker, für das Vie) und ſo weiter an die Götter gerichtet zu werden pflgten.“ „Ich danke Dir, Philoſtratus“ ſagte Cäſar, n dem ihm gewidmeten Werke blätternd.„Du haſt Tich, in⸗ dem Du die Gebete zuſammenſtellteſt, einer großen Mühe unterzogen, die man nicht genug würdiger kann.“ 75 „Ich habe auch ganz ſpeciell auf Deine Stellung zu den edlen veſtaliſchen Jungfrauen Bezug genommen“, bemerkte der Philoſoph geſchmeichelt.„Du wirſt in dem Buche die Formel finden, durch welche die veſta⸗ liſchen Jungfrauen flüchtige Sklaven, welche noch nicht die Stadt verlaſſen haben, zurückzuhalten vermögen. Du wirſt auch bei der Lectüre des Werkes auf die herkömmlichen Beſchwörungsformeln ſtoßen. Denn glaube mir, nicht gleichgültig ſind die Worte, mit denen die höchſten Magiſtratsperſonen die Götter beſchwören, und wichtig iſt es, daß kein Wort ausgelaſſen oder in der unrechten Folge geſprochen wird. Denn was ſollte ſonſt die alte Sitte bedeuten, nach welcher eine Perſon die Formel nach dem geſchriebenen Texte vor⸗ lieſt, während eine andere zur Controle dabei ſteht, eine dritte aber wacht, um jedes ſtörende Wort zu verbieten, und eine vierte die Flöte bläſt, damit ja nichts Störendes gehört werde?“ „Du haſt Recht, Philoſtratus“, ſtimmte Cäſar lächelnd dem die Sache ſehr ernſt nehmenden Philo⸗ ſophen zu.„Liegen nicht berühmte Beiſpiele vor, daß entweder ein Fluch geſchadet hat oder das Gebet durch eine falſche Wendung ſein Ziel ver⸗ fehlte und daß in ſolchen Fällen die Merkmale der Eingeweide oder das Herz des daſtehenden Opfer⸗ 76 thieres entweder ganz verſchwanden oder ſich ver⸗ doppelten?“ „Sehr wahr“, nickte der Philoſoph, ſeinen Bart ſtreichend und ſich innerlich freuend, daß Cäſar ſeine Arbeit nicht unterſchätzte.„Und wenn Du je in die Lage kommen ſollteſt, im Namen des Staats ein Ge⸗ lübde auszuſprechen“ fuhr er ernſt fort,„oder Deine Seele für das Wohl des ganzen Volkes den Unter⸗ irdiſchen zu verſchwören, wie es zum Beiſpiel die Decier oder die in Würden ergrauten Senatoren nach der Niederlage an der Allia thaten, ſo ziehe nur ge⸗ troſt mein Buch zu Rathe, es bietet Dir Aufſchlüſſe für jegliche Lage und Antwort auf jeden Zweifel.“ „Die Götter mögen zwar verhüten, daß ich je in die Lage komme, meine arme Seele den Unterirdiſchen verſchreiben zu müſſen“ ſagte Cäſar mit einem leichten Anfluge von Ironie in Ton und Mienen,„aber ich unterſchätze darum Dein Buch nicht, weil es ſelbſt für dieſe unangenehmſte aller denkbaren Situationen einen Wegweiſer enthält. Willſt Du mir nicht den Gefallen erweiſen, Philoſtratus, Dir von meinem Schatzmeiſter zwanzigtauſend Seſterzien auszahlen zu laſſen? Nicht als ob ich damit glaubte Deine Mühe genügend zu belohnen, ſondern nur, weil ich glaube, daß Dich die kleine Gabe in die Lage verſetzen dürfte, ausruhen zu 77 können und nicht gleich wieder geiſtige Anſtrengungen aufſuchen zu müſſen.“ Der beglückte Philoſoph, der ſich vielleicht wieder nur auf eine neue Toga Rechnung gemacht hatte und ſich plötzlich ſo reich beſchenkt ſah, erſchöpfte ſich in Dankſagungen und entfernte ſich ſtrahlenden Geſichts. Cäſar aber ſah auf dem Wege zu ſeiner Wohnung noch einmal ſeine Schritte gehemmt. Es war Myrſa, die ihn anſprach. „Meine Lage iſt hier eine unerträgliche, Cäſar“, klagte die Bithynierin mit Thränen im Auge.„Meine Schweſtern behandeln mich mit ſtolzer Geringſchätzung und geben mir auf jede Art zu erkennen, daß ich unter ihnen nur eine Geduldete ſei. Ich aber möchte ihnen durch eine kühne That zeigen, daß ich ein Herz habe wie ſie, daß ich ihre Verachtung nicht verdiene und würdig ſei, ihrem Verbande anzugehören.“ „Von was für einer kühnen That träumſt Du?“ fragte Cäſar gütig das in rathloſer Niedergeſchlagen⸗ heit vor ihm ſtehende Mädchen. „Von einer That, wie ſie Canopa jüngſt ausführte, als ſie die Kriegsfahne vom Janiculus riß“, entgegnete Myrſa lebhaft. „Canopa hat die Fahne vom Janiculus geriſſen weil ſie mich haßte“ murmelte Cäſar. 78 „Und ich möchte etwas Großes thun, weil ich Dich liebe, was mir die Schweſtern nicht verzeihen können“, fiel Myrſa Cäſar faſt in die Rede. „Laß ſie Dich haſſen“ ſagte Cäſar.„Ihr Haß ſchadet weder Dir noch mir. Canopa hat mir, indem ſie mir einen Streich zu ſpielen glaubte, einen großen Dienſt erwieſen. Nicht um das Leben des alten Ra⸗ birius war es mir zu thun, ich hätte ihn ſo wie ſo ge⸗ rettet, auch wenn das Volk meinen Spruch beſtätigt hätte. Aber ſo iſt's beſſer, ich habe keine weitere Mühe und über dem Greiſe ſchwebt ewig das Schwert des Damokles, er muß ewig zittern und ſeine Partei mit ihm, ob ich den Proceß wider ihn nicht neu aufnehme, und ſo lebt er uns wie ein lebendiger Beleg für die ſouveräne Macht des Volkes und für des Adels Ohnmacht.“ „Ich habe an etwas gedacht, Cäſar, was die Schweſtern zwingen müßte, mir fürderhin mit Achtung zu begegnen und mich wie ihresgleichen zu behandeln“, ſagte Myrſa nach einer kurzen Pauſe, zu Cäſar auf⸗ ſchauend. „Worüber ſinnſt Du? Sprich“ munterte Cäſar die Zaghafte auf. „Die Römer haben in dem letzten Treffen ſechs⸗ tauſend Gefangene an den Fechter Spartacus ver⸗ — 1. aß en ie 79 loren“ ſagte Myrſa.„Es ſind an tauſend Söhne aus den erſten Familien darunter und in Rom herrſcht große Trauer darüber. Die Mütter und Frauen der Gefangenen wehklagen, denn ſie haben kaum gute Behandlung ihrer Angehörigen zu gewärtigen, nachdem die Römer mit ſchlimmem, grauſamem Beiſpiele voran⸗ gingen und jeden gefangenen Fechter ans Kreuz ſchlu⸗ gen. Ich möchte nun mit einer Sendung an Spar⸗ tacus gehen. Vielleicht gelingt es der veſtaliſchen Jungfrau, ihn zur Herausgabe der Gefangenen zu vermögen.“ „Wir haben dem Fechter keine Gefangenen im Aus⸗ tauſch zu bieten“ ſagte Cäſar düſter.„Die Fechter laſſen ſich tödten, nie fangen.“ „Vielleicht kann Rom die Rückgabe der ſechstauſend durch einen Vortheil ausgleichen, den es dem Fechter bietet“, bemerkte Myrſa.„Es heißt, daß er ſchnell an Rom vorüber will, um Gallien zu erreichen; man könnte ihm andeuten, daß ihm Craſſus nicht den Weg verlegen wird, wenn ihm daran liegt, aus Italien fort⸗ zukommen. Was ſchadet der Fechter mit ſeinem zu⸗ ſammengeſchmolzenen Heer auf galliſchem Boden den Römern? Er und ſeine Leute werden froh ſein, die Freiheit davongetragen zu haben, und ſie nicht wieder aufs Spiel ſetzen.“ 80 „Du haſt ſo Unrecht nicht, Myrſa“, ſagte Cäſar nachdenklich.„Es wäre nicht ſo übel, wenn wir die Gefangenen zurückerhielten und der blutige Krieg ein unblutiges Ende nähme. Laß mich mit den Conſuln darüber ſprechen.“ Cäſar, dem daran gelegen war, daß des Craſſus Heer ſobald als möglich verfügbar werde, begab ſich auf das Forum, um die Conſuln mit Myrſa's Antrag bekannt zu machen. äſar die Neuntes Kapitel. Vae victis! Die blutige Lehre, welche der auf ſeine eigene Fauſt operirende Kappadocier von Craſſus erhalten, hatte zur Wiedervereinigung der beiden Heerführer geführt. Sie bildeten wieder eine einzige Armee, deren Vor⸗ hut der Kappadocier befehligte. Die Allianz der Feldherrn hatte den Muth der Soldaten von neuem belebt und wieder regte ſich frohe Siegeszuverſicht in den Reihen der Fechter. Man hoffte in einer großen Schlacht, zu welcher alle Vorbereitungen im Stillen getroffen wurden, Craſſus zu werfen, zu umgehen und ſich durch ein kühnes Ma⸗ növer zwiſchen das geſchlagene römiſche Heer und das von Truppen entblößte Rom zu werfen. Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. III. 6 82 Die Dispoſitionen zur Schlacht waren getroffen, als man dem Kappadocier das Erſcheinen einer Veſtalin bei den Vorpoſten meldete. Der Kappadocier war nicht wenig erſtaunt, als er in der ihm vorgeführten veſtaliſchen Jungfrau die Tochter des Königs von Bithynien erkannte, die er einmal zu freien beabſichtigt und die es verſtanden hatte, ſich unkenntlich zu machen und ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit von ſich abzulenken. Dunkle Röthe bedeckte ſein Geſicht, als er Myrſa gewahrte und an die Liſt dachte, deren Opfer er ge⸗ worden, und an den Spott und Hohn, mit dem man ihn am Hofe des Bithyniers überhäuft. Auch Myrſa wechſelte die Farbe vor Beſtürzung, als ſie des Kappadociers anſichtig wurde. Mußte ſie ſich doch ſagen, daß ſie nach allem Vor⸗ gefallenen nichts Gutes von dem wilden Manne zu erwarten habe, an dem ihr Vater und Cäſar in Nikomedia ihr Müthchen gekühlt, indem ſie ihn wie ein wildes Thier behandelten und in einen Käfig ſperrten. Myrſa glaubte ſich zu retten, wenn ſie verlangte, vor Spartacus geführt zu werden, dem allein ſie eine Mittheilung zu machen habe. „Spartacus nimmt keine Römerbotſchaft entgegen“ s er die er den erk⸗ yrſ man ung Bo⸗ in wie äſig igte⸗ eine en“ 83 beantwortete der Kappadocier das ihm geſtellte An⸗ ſinnen.„Er wird, ehe drei Tage verfließen, dem Craſſus Auge gegen Auge gegenüberſtehen, dann mag ihm Craſſus ſagen, was er ihm zu ſagen hat. Ich erſpare Dir einen vergeblichen Weg, wenn ich Dich nicht weiter ziehen laſſe.“ „Wenn Du mich hinderſt, Deinen Feldherrn auf⸗ zuſuchen, dann gib mir ein frei Geleite zu den Rö⸗ mern“, ſagte Myrſa. „Das Geleite ſoll Dir werden“, entgegnete der Kappadocier mit einem tückiſchen Lächeln.„Vorher muß es aber blank und klar werden zwiſchen uns. Glaubſt Du, ich würde den wunderbaren Zufall, der Dich mir ſo unerwartet in die Hand gibt, nicht nützen? Glaubſt Du, der Kappadocier habe vergeſſen, daß er einmal, als er noch auf dem Meere ſchwamm, eine Königstochter freien wollte? Er iſt auf dem feſten Lande nicht weniger ehrgeizig geworden.“ „Ich hoffe“, fiel Myrſa mit bebender Stimme dem unheimlichen Manne in die Rede,„der Kappadocier wird ſich auch erinnern, daß eine veſtaliſche Jungfrau vor ihm ſteht und daß Rom, was dieſer Jungfrau Uebles geſchieht, ſchwer rächen würde.“ „Ich hab's vernommen“ nickte der Kappadocier mit einem ſpöttiſchen Lächeln.„Du biſt eine veſtaliſche 6* 84 Jungfrau von Cäſars Gnaden. Du errötheſt? Das zeigt mir, daß das Gerücht wahr geſprochen, daß wir in unſerm Lager ganz gut über das berichtet ſind, was in Rom vorgeht. Aber nenne mir das Recht, mit welchem Cäſar über die Braut des Kappadociers ver⸗ fügen konnte! Er wußte, daß ich Dich mir zur Ge⸗ mahlin auserſehen, als ich noch auf dem Meere herrſchte, und er hätte meine ältern Anſprüche auf Dich beſſer reſpectiren ſollen. Vor allem hätte er des Kappadociers Braut nicht zu ſeiner Geliebten erniedrigen ſollen. Das Mäntelchen, das er dem Liebeshandel umhing, indem er Dich zur veſtaliſchen Jungfrau machte, ſei ihm vergeben.“ Myrſa's Antlitz glühte und ſie vermochte den un⸗ verrückt auf ſie gerichteten Blick des Kappadociers nicht auszuhalten. „Aber wenn Du auch Cäſar's Geliebte warſt“, fuhr der Kappadocier fort,„ſo will ich Dich doch zu mir erheben. Ich habe es mir einmal vorgenommen, eine Königstochter zu freien. Myrſa, halte Dich bereit, mir angetraut zu werden.“. „Unſinniger!“ rief Myrſa und wandte ſich em⸗ pört ab. „Diesmal ſind keine Zofen bei der Hand, die Deine Rolle übernehmen“ lachte der Kappadocier. em⸗ die cier. 85 „Diesmal iſt Niemand da, der dem Kappadocier die Braut entführt.“ „Wage nicht, mich zu berühren!“ rief Myrſa. „Der Stolz ſteht der Königstochter und der veſta⸗ liſchen Jungfrau gut zu Geſicht“ bemerkte der Kappa⸗ docier.„Nichtsdeſtoweniger wirſt Du Dich in Dein Schickſal ergeben müſſen. Du wirſt noch heute mein Weib, Myrſa, dann werde ich des Weitern über Dich beſchließen.“ Und der Kappadocier machte aus ſeinen Worten Ernſt. Myrſa mochte ſich noch ſo ſehr ſträuben, der Prieſter weihte ſie zu des Kappadociers Weib. Zwei Tage zeigte ſich der Kappadocier nicht ſeinen Soldaten, am Morgen des dritten Tages wählte er aus ſeinen Leuten die verlaßlichſten aus und ſagte zu ihnen: „Ihr werdet mein Weib an das Meer bringen, dort eine Barke miethen und mit ihr nach Antium ſegeln. In Antium wohnt noch immer in ſtiller Vereinſamung Cornelia, Cäſar's Gemahlin. Dieſer übergebt Ihr mein Weib und das verſiegelte Pergamentblatt, das ich Euch hier einhändige.“ Als Alles zur Abreiſe bereit war, entließ der Kappadocier Myrſa, in deren Zügen ſich Verſtörtheit und Verzweiflung malte, mit den Worten: 86 „Du magſt gehen, Myrſa. Bei dem, was in den nächſten vierundzwanzig Stunden hier vorgehen wird, ſind die Weiber überflüſſig.„Ich ſorge für Dich, in⸗ dem ich Dich in Sicherheit bringe. Sollteſt Du aber dort, wohin ich Dich ſende, einem Weibe begegnen, welches Du kennſt und welches ſich wie Du der Ehre rühmen darf, des Kappadociers Weib geweſen zu ſein, dann ſage ihm, der Kappadocier laſſe ſeine verſtoßene Gemahlin durch das Weib grüßen, das er in dieſem Augenblick gleichfalls verſtößt.“ Der Kappadocier hatte ſich von der Frau, an der er ſich ſo grauſam gerächt hatte und die nun mit einem Haſſesblicke von ihm ſchied, um einer ihr un⸗ bekannten, geheimnißvollen Zukunft entgegenzugehen, kaum abgewandt, als ihn ein Sendbote des Spartacus begrüßte. Der Bote überbrachte den Befehl zum Angriff. Der Kappadocier warf ſich mit der Vorhut mit allem Ungeſtüm auf die Römer und trieb die Abthei⸗ lungen, welche der Quäſtor Tremelius Scrofa befehligte, vor ſich her, daß Scrofa, ſchwer verwundet, kaum zu entfliehen vermochte. Spartacus rückte ihm mit der ſchweren Maſſe nach, von dem Gefühl geleitet, daß von dem Schickſal dieſes Tages Alles abhänge. den wird in⸗ aber gnen, Ehre ſein, ene ieſem det nit un⸗ ehen acus nit thei⸗ ligte⸗ n zu nch ieſes 87 Darum tödtete er das Pferd, das er ſonſt zu reiten pflegte, und ſagte zu ſeinen Offizieren, die ſich über ſein Beginnen verwunderten:„Entweder wir ſiegen und dann werde ich heute noch manches ſchönere Pferd erbeuten, oder wir werden beſiegt und dann brauche ich kein Pferd mehr.“ Entweder— oder: das war die Loſung an dieſem blutigen Tage. Spartacus kämpfte wie ein Löwe unter den Vor⸗ derſten, that Wunder der Tapferkeit und ſtieß mit eigener Hand zwei Centurios nieder, da traf ihn ein Wurf⸗ ſpieß in die Hüfte, ſodaß er ſich auf ein Knie nieder⸗ laſſen mußte. Knieend focht er weiter, bis ihn ein Hagel von Pfeilen traf und todt zu Boden ſtreckte. Als die Fechter ihren Anführer fallen ſahen, ge⸗ riethen ſie in Unordnung und begannen die Waffen wegzuwerfen und zu fliehen. Der Kappadocier, der den Oberbefehl übernahm, ſuchte das Treffen noch länger zu halten, aber ſeine verzweifelten Anſtrengungen ſcheiterten an der Ent⸗ muthigung der Truppen. Die Legionen des Craſſus nützten die Verwirrung und rückten mit Ungeſtüm vor. Der Kappadocier und achttauſend Sklaven geriethen in ihre Hände, —— 88 während zehntauſend Leichen das Schlachtfeld be⸗ deckten und ebenſo viele Flüchtlinge das Weite ſuchten. Craſſus hatte den Sklavenkrieg ſiegreich beendet. Zehntes Kapitel. Die Perle. „In drei Tagen alſo, ſagſt Du?“ „In drei Tagen ſteht Craſſus mit dem Heere vor Rom!“ beantwortete Epidius die Frage Cäſar's, der ihn nachdenklich anſah. Epidius, der ſeine Geſchäfte im Orient längſt be⸗ endigt hatte und bereichert zurückgekehrt war, hatte ſich und ſein Vermögen in Rom Cäſar von neuem zur Verfügung geſtellt, da ſeine Anhänglichkeit für den Neffen des Marius keine Schwächung erfahren. Cäſar hatte den verlaßlichen Mann in geheimer Sendung an Craſſus geſchickt, bei dem er Doppeltes auszuführen hatte. Zuerſt ſollte er Craſſus ausholen und ſich über⸗ zeugen, ob ſich jener noch der alten Verabredungen 90 erinnere und bereit ſei, ſich der Bewegung anzuſchließen, die Cäſar und Catilina hervorrufen wollten, um die Tage des Marius in erneuter Auflage zurückzuführen. Dann ſollte er Craſſus vermögen, Cäſar einige Millionen Seſterzien zu borgen, damit dieſer einige ſeiner unverſchämteſten Gläubiger befriedigen könne. Denn nur wenn es ihm gelang, den ungeſtümen Mahnern den Mund zu ſtopfen, war ſeine Stellung in Rom haltbar; im entgegengeſetzten Falle hätte er ſich genöthigt geſehen, gerade im entſcheidenden Augenblicke die Stadt zu meiden. Epidius hatte wohl Cäſar gebeten, ſein Vermögen als ſein Eigenthum betrachten und darüber nach Gut⸗ dünken ſchalten zu wollen, dieſer hatte aber den groß⸗ müthigen Antrag mit den Worten zurückgewieſen: „Behalte, was Du Dir erworben haſt. Deiner Tochter kann es nützen, mich würde es nicht retten. Meine Schulden ſind ſo groß, daß ich, wenn ich Dir auch Alles nähme, noch immer nichts hätte. Meine Gläubiger habe ich aber viel zu wenig lieb, als daß ich ihnen Deine Erſparniſſe gönnte. Mißlingt das Unter⸗ nehmen, welches uns die Reichthümer Roms dienſtbar machen ſoll, ſo mag mir Dein Geld behülflich ſein, mir das Exil erträglich zu machen.“ Epidius hatte Cäſar neben der Nachricht, daß Craſſus eßen, die hren. inige inige . men in iih lice ögen Gut⸗ roß⸗ inet tten. Dit ſeine duß nter⸗ ſbar ſein ſus 9¹ in drei Tagen vor Rom ſtehen werde und gemein⸗ ſchaftlich mit Cäſar von der Abweſenheit des Pompejus Nutzen ziehen zu können hoffe, auch wirklich die tröſt⸗ liche Kunde gebracht, daß ſich Eraſſus die finanziellen Verlegenheiten ſeines geheimen Verbündeten zu Gemüth geführt und beſchloſſen habe, ihm mit fünf Millionen Seſterzien unter die Arme zu greifen.* „Nun iſt Alles gut!“ ſagte Cäſar zufrieden.„Wir haben wieder Geld. Und wir wollen damit eine That ausführen, von der Rom die drei Tage hindurch, die zwiſchen heute und dem Tage der Ankunft des Craſſus mitten inne liegen, ſprechen ſoll!“ „Ich dachte, Du wollteſt das Geld, das Dir Craſ⸗ ſus geborgt hat, Deinen Gläubigern zuwenden?“ fragte Epidius beſorgt. „Meine Gläubiger ſollen in der That auch nicht ganz leer ausgehen“, entgegnete Cäſar heiter.„Ich mache aus dem Gelde des Craſſus zwei Hälften. Die eine werfe ich meinen Gläubigern in den Rachen, die andere verwende ich zum Ankaufe einer Perle.“ „Einer Perle?“ wiederholte Epidius erſtaunt. Cäſar nickte lächelnd mit dem Kopfe und ſagte: „Willſt Du mir den Ankauf beſorgen, Epidius? Wenn das der Fall iſt, ſo mache es geſchickt, damit die Sache noch heute in aller Müßiggänger Munde iſt.“ 92 „Was kann Dir jetzt, wo Du an ernſte Sachen zu denken haſt, eine Perle frommen?“ warf Epidius hin, da er ſeine Verwunderung noch immer nicht verwinden konnte. „Eine Nerle, mein Freund, iſt nicht wie die an⸗ dere!“ gab Cäſar gelaſſen zurück.„Eine ſolche Perle wie die, welche ich heute durch Dich kaufen laſſen will, hat Rom noch nicht geſehen. Sie koſtet aber auch drei Millionen Seſterzien—“ „Drei Millionen!“ fuhr Epidius entſetzt dazwiſchen. „Und vor allem gefällt ſie Servilia!“ fuhr Cäſar unerſchüttert fort. „Cato's Schweſter?“ forſchte Epidius. Cäſar bejahte und ſagte halblaut: „Wenn ich Servilia die Perle zu Füßen lege, er⸗ weicht ſich vielleicht ihr Herz und ſie würdigt mich ihrer Liebe. Welcher Triumph wäre es dann für mich, wenn Servilia den Mann liebte, den ihr Bruder tödt⸗ lich haßt! Und ich ſage Dir, Epidius, Servilia iſt ſchön und die Perle wäre an ſie nicht verſchwendet!“ „Aber iſt es nicht leichtſinnig, ſolche Geſchenke zu machen, während Dich, wie Du ſelbſt ſagſt, zahlloſe Gläubiger bedrohen und Dir den Aufenthalt in Rom verleiden?“ „Du vergißt eins, Epidius!“ erwiderte Cäſar nzu hin, nden r⸗ nich nich ödt⸗ niſt et loſe Rom 93 zuverſichtlich, indem er ſein Gegenüber mit einem ſieg⸗ haften Blicke feſthielt.„Wenn ich die Perle kaufe und baar bezahle, ſo iſt mein Credit wieder glänzend her⸗ geſtellt. Die Gläubiger werden warten, denn was haben ſie von einem Manne zu befahren, der die hr⸗ rühmte Perle, die ſchon ſeit Wochen die Herzen aller Römerinnen, die ſich gern ſchmücken, höher ſchlagen macht, kaufen, bezahlen und verſchenken kann?“ Epidius leuchtete das Richtige dieſer Schluß⸗ folgerung ſo ſehr ein, daß er ſich begnügte, zu be⸗ merken: „Was wird Deine Gemahlin ſagen, wenn ſie er⸗ fährt, für wen Du die Perle gekauft haſt?“ „Du haſt mit Deiner Frage mein Gewiſſen in Auf⸗ regung gebracht, wenn auch in einer andern Richtung, als Du wohl meinſt“, entgegnete Cäſar ernſter.„Ich ſage mir in dieſem Augenblicke, daß ich mich ſchon viel zu lange von Cornelia fern gehalten und mich nicht einmal nach ihrem Befinden erkundigt habe. Ich muß nach Antium hinaus, ſobald nur erſt hier in Rom das Dringendſte beſorgt iſt und die Dinge im Fluſſe ſind.“ „Und Pompeja? Wird auch die an der Perle keinen Anſtoß nehmen?“ warf Epidius lächelnd hin. „Pompeja iſt mir viel zu werth, als daß ich nur 54 einen Augenblick daran denken könnte, ihre Liebe durch Perlen erkaufen zu wollen!“ entgegnete Cäſar ernſt. „Und dann hat Pompeja keinen hochmüthigen Bruder, dem es einen Dolchſtoß verſetzte, wenn er wüßte, daß mich ſeine Schweſter liebt!“ „Du beſtehſt alſo auf der Perle?“ forſchte Epidius. „Geh hin in die Via Lata zu Roms erſtem Ju⸗ welier, zu Marcenarius“, beſchied Cäſar den Frager; „das koſtbare, einzige Stück wird Dir aus ſeinem Laden ſogleich entgegenglänzen. Und haſt Du die Perle Servilia gebracht und mit dem Reſte des Geldes, das mir Craſſus bewilligt, die ärgſten Schreier unter mei⸗ nen Gläubigern, die Du auf dieſem Pergamente ver⸗ zeichnet findeſt, zum Schweigen gebracht, ſo eile nach Etrurien. Du kennſt dort Land und Leute aus des Marius Tagen, wenn mir recht iſt.“ „Das Land genau, genauer noch, bis ins Herz hinein, die Leute!“ entgegnete Epidius.„Sie ſchwär⸗ men noch heute für Marius—“ „Dann wird es Dir um ſo leichter ſein, ſie auch für den Neffen des Marius zu erwärmen!“ fiel Cäſar Epidius in die Rede.„Sieh zu, daß Du mir in Etrurien eine Schaar Bewaffneter wirbſt, die ich im rechten Augenblicke zu dem Heere des Craſſus ſtoßen laſſen kann. Ich mächte zu Craſſus nicht gern mit durch ernſt. uder, daß 95 leeren Händen kommen. Was Dir die Werbung koſtet, magſt Du Cäſar zur Laſt ſchreiben. Der glückliche Cäſar wird Dir's mit Zinſen zurückzahlen; ſollte er aber Unglück haben, ſo wird er dadurch nur noch mehr zu Deinem Schuldner.“ Cäſar drückte, indem er ſo in herzlichem Tone zu Epidius ſprach, dieſem die Hand und hielt den Kauf⸗ mann, als er ſich bereits entfernen wollte, noch mit den Worten zurück: „Iſt Dir noch keine Kunde geworden von Urbilia, ſeit ſie auf ihrer Reiſe nach Galatien auf ſo geheimniß⸗ volle Art verſchwand?“ Epidius, den die Erinnerung an die zum zweiten Male verſchollene Tochter trübe ſtimmte, zuckte mit den Achſeln und entgegnete: „Ich warte noch immer auf den Tag, der mich auf die Spur meines verlorenen Kindes bringt. Es ſcheint, daß der Ueberfall, bei dem ſie in feindliche Hände fiel, ein weitſichtig angelegter war, und daß er von Leuten ausging, die in Galatien nicht zu Hauſe ſind, da alle Nachforſchungen, die in dieſem Lande nach der Geraubten angeſtellt wurden, bisher fruchtlos geblieben ſind. Es ſcheint, als ob mir das Kind nur zum Kummer geboren worden wäre; ſeit jenem Tage, wo ſie bei Gelegenheit des Triumphs des Pom⸗ 96 pejus verſchwand, trägt ſie ein räthſelhaftes Schickſal durch die Welt.“ „Hoffe das Beſte von der Zukunft!“ tröſtete Cäſar, den die Erinnerung an das erſte Verſchwinden Ur⸗ bilia's nicht angenehm berührte, den bekümmerten Vater und entließ ihn dann. Elftes Kapitel. Das Complot. Cäſar blieb nicht lange allein. Catilina ſtörte ihn aus ſeiner kurzen Ruhe auf, indem er ihm zu melden kam, daß alle Vorbereitungen getroffen ſeien, um den Conſul Cicero in ſeinem eigenen Hauſe gengen zu nehmen, in das man an dem Tage, wo das Unternehmen reif ſein würde, unter dem Scheine eines ehrerbietigen Beſuchs ein⸗ dringen wollte. „Wer wird den Angriff auf den Conſul leiten?“ forſchte Cäſar. „Narciſſus hat Cicero auf ſich genommen.“ Cäſar ſchüttelte den Kopf zu der Antwort und ſagte: „Du ſetzeſt ein großes Vertrauen in Deinen Frei⸗ Lucian Herbert, Bis zum Rubicon, UI. 7 98 gelaſſenen, ein zu großes, will mir faſt ſcheinen. Ich hätte an Deiner Stelle den ſchlauen Mann, der ſich auf Deine Koſten bereichert hat, nicht ſo tief in das Geheimniß blicken laſſen. Ich will hoffen, daß er nicht zu viel von meiner Betheiligung an dem Unter⸗ nehmen weiß.“ „Sei ohne Sorge“ entgegnete Catilina leichtblütig „Selbſt wenn er der Verräther wäre, der er nicht iſt, könnten ſeine Ausſagen doch nur mich belaſten. Ich habe Dich überall geſchont, und geht es heute wieder alles Vermuthen ſchief, ſo bin ich der einzige, der ver⸗ loren iſt; Du kannſt Alles ſo wenden, daß Dir Nie⸗ mand etwas anhaben kann.“ Cäſar athmete wieder leichter. „Ich will Dir ſagen, was mir bei Narciſſus befremd⸗ lich vorkam“, ſagte er.„Er ſteht, wie mir meine Freunde berichten, in zärtlichen Beziehungen zu Fulvia!“ „Was hat das auf ſich?“ lachte Catilina.„Warum ſollte der Freigelaſſene die Geliebte nicht aufheben, die ſein ehemaliger Herr fallen gelaſſen hat?“ „Frauen verzeihen ſelten denen, die ſie fallen ließen“, meinte Cäſar. „Du glaubft, daß mich Fulvia haſſe?“ „Man will in der letzten Zeit Cicero in ihrem Hauſe geſehen haben!“ bemerkte Cäſar ausweichend. — heinen. l, der ief in daß er Unter⸗ blütig ht iſ. wieder ver Nie rend⸗ reunde un die fallen ihren ſd —— 99 „Es geſchähe dem Knauſer Narciſſus Recht, wenn ihm der Conſul bei Fulvia ins Gehege ginge“, lachte Catilina.„Dieſe reichgewordenen Emporkömmlinge ſind geizig genug, ſelbſt ihre Geliebten hungern zu laſſen!“ „Du mußt Fulvia und Narciſſus beſſer kennen als ich“, brach Cäſar das Thema ab und lenkte das Ge⸗ ſpräch auf die Geſandten der Allobroger, welche in Rom verweilten. Das Volk der Allobroger gehörte zu den kriegeriſch⸗ ſten Nationen Galliens. Hatte es auch in der letzten Zeit Roms Herrſchaft anerkannt und ſich einen römiſchen Bürger zum Patron gewählt, ſo trug es ſeine Ketten doch nur mit Mur⸗ ren und war jeden Augenblick bereit, ſie abzuſchütteln. Jetzt eben fühlte es ſich durch die Zölle und Steuern, die man ihm auferlegt, beſchwert und hatte deshalb an den Senat recurrirt, welcher die Beſchwerde in ſchroffer und ablehnender Weiſe erledigte. Die Geſandten hatten eben in der unfreundlichſten Stimmung Rom verlaſſen wollen, als Catilina ſeinen Vortheil erſah und ihnen durch ſeine Freunde Lentulus und Cethegus Anerbietungen machen ließ, die darauf hinausliefen, die Allobroger zur Stellung eines Reitercorps zu vermögen, das ſich bei dem Verſuche 7 3 100 betheiligen ſollte, in Rom eine Umwälzung hervorzu⸗ bringen, die den Allobrogern Vortheile bringen ſollte. „Wie weit biſt Du mit den Allobrogern?“ erkun⸗ digte ſich Cäſar. „Sie reiſen heute ab. Cethegus und Lentulus haben in überraſchend ſchneller Weiſe mit ihnen Alles in Ordnung gebracht.“ „Sie ſtellen uns die zehntauſend Reiter?“ „Sie werden ſie zu dem Heere ſtoßen laſſen, das wir in Etrurien bilden werden“, entgegnete Catilina. „Durch unſere Fechter und Clienten können wir dieſes Heer leicht in acht Tagen auf fünfzigtauſend Mann bringen, wenn die Allobroger es verſtärken.“ „Haben die Allobroger keinerlei Garantien von Dir verlangt?“ forſchte Cäſar. „Sie begnügten ſich mit Briefen, die ihren Lands⸗ leuten die Sache, um die es ſich handelte, klar machen ſollten“, warf Catilina leichtfertig hin. Cäſar erſchrak. „Ich hoffe, Du ſelbſt gabſt nichts Schriftliches von Dir?“ fragte er haſtig. „Ich nicht; Lentulus und Cethegus aber gaben ihnen die gewünſchten Briefe!“ „Eigenhändig geſchriebene Briefe? Und geſiegelt?“ drängte Cäſar beſtürzt und ſah Catilina erſtaunt 18 rworzu⸗ ſollte erkun⸗ entulus Alles n, das tilina. dieſes Mann n von Lunds⸗ nachen e5 von gaben 101 an. Welche Thorheit! Welche Unvorſichtigkeit!“ mur⸗ melte er, mit dem Fuße ſtampfend, als der Andere bejahte. „Welche Gefahr iſt dabei?“ verwunderte ſich Cati⸗ lina.„Zum Ueberfluſſe begleiten Lentulus und Ce⸗ thegus die Abgeordneten, die jetzt eben von Rom ab⸗ ziehen, bis nach Etrurien.“ „Es bleibt doch höchſt unvorſichtig von Euch, ihnen etwas Schriftliches in die Hände gegeben zu haben“, beharrte Cäſar. In dieſem Augenblicke wurde der Vorhang von tyriſchem Purpur, der zu dem Kabinet Cäſar's führte, zurückgeſchlagen und der Nomenclator meldete den Senatsboten, der eine Sitzung anzuſagen kam. „Eine Senatsſitzung? Zu dieſer vorgerückten Stunde?“ fragte Cäſar überraſcht.„Und an welchem Orte?“ „Im Tempel des ſchützenden Jupiter!“ entgegnete der Bote, indem er ſich zurückzog. Cäſar und Catalina ſahen einander ſtarr an. Im Tempel des ſchützenden Jupiter tagte der Senat nur, wenn Rom in großer Bedrängniß war. Dazu die ſo unerwartete Berufung. Alles rechtfertigte die Beſtürzung der beiden Männer. Cäſar winkte den Nomenclator ins Gemach. 102 „Haſt Du in den Straßen etwas Außergewöhnliches wahrgenommen?“ fragte er ihn geſpannt. „Man wollte eine große Anzahl junger Ritter mit gezückten Schwertern dem Tempel des ſchützenden Ju⸗ piter zueilen geſehen haben“, lautete die Antwort. „Es iſt kein Zweifel— etwas geht vor!“ ſagte Cäſar gefaßt.„Rufe alle meine Freunde und Clienten zuſammen, ſie ſollen ſich vor dem Tempel des ſchützen⸗ den Jupiter einfinden.“ Der Ausrufer verließ das Gemach. „Du gehſt zur Sitzung?“ fragte Catilina lebhaft. Cäſar bejahte raſch. „Du nicht?“ rief er. Catilina zögerte mit der Antwort. „Wird es nicht Aufſehen erregen, wenn Du fehlſt?“ drängte Cäſar. „Du haſt Recht! Wenn aber Cicero etwas gegen mich, gegen uns im Schilde führt?“ „Dann zeigen wir ihm eine eherne Stirn!“ be⸗ ſchied Cäſar in entſchloſſenem Tone den Frager. „Wohlan denn, laß uns gehen!“ rief dieſer ent⸗ ſchloſſen. „Nicht vereint“, meinte Cäſar.„Man würde auf Verabredungen rathen, wenn man uns zuſammen in die Curie eintreten ſähe.“ liches r nit u⸗ ſagte enten itzen⸗ n“ egen he⸗ 103 „So will ich denn meinen Freunden und Clienten ein Zeichen geben und mich allein nach dem Tempel des ſchützenden Jupiter begeben!“ ſtimmte Catilina bei. „Ich folge Dir dahin!“ ſchloß Cäſar die Unter⸗ redung. Zwölftes Kapitel. Quousque tandem, Catilina? Als ſich Cäſar langſamen Schritts dem Tempel des ſchützenden Jupiter näherte, wich ihm die Menge zwar wie gewöhnlich ehrerbietig aus, aber die Ritter, welche mit gezückten Schwertern die Tempelthür hüteten und dem Andrang des Volkes wehrten, richteten drohende Blicke auf ihn, welche nichts Gutes verkündeten und gleichſam die Dolmetſcher der unfreundlichen Stimmung waren, die der Adel gegen ihn hegte. Dieſe ungewöhnliche Leibwache, mit der ſich der Senat umgeben hatte, deutete wie der Verſammlungs⸗ ort darauf hin, daß er ſich bedroht glaubte. Als Cäſar in die Verſammlung eintrat, richteten ſich aller Augen auf ihn und ein bedeutungsvolles Murmeln ging von Mund zu Mund. 1des zwar elche und hende und nung der teten olles 105 Catilina ſaß einſam und, wie es ſchien, von allen gemieden auf einer Bank, während ſich die übrigen Senatoren dicht um den Conſul ſchaarten, der eben dabei war, Catilina eine fürchterliche Anklage ins Geſicht zu ſchleudern. Und je eindringlicher der geſpenſterhaft magere Mann auf der Tribüne dieſe Anklage entwickelte, je rückſichtsloſer er auf den von allen Verlaſſenen los⸗ hämmerte, deſto bleicher wurde dieſer, deſto rathloſer ſchweiften ſeine Blicke in dem weiten Raum umher, ohne irgendwo haften zu bleiben. Als ihm jetzt Eicero mit Donnerſtimme die Frage zuwarf:„Wie lange wirſt Du noch unſere Geduld miß⸗ brauchen, Catilina?“*) erhob er ſich und rief nach Beweiſen. „Beweiſe verlangſt Du, Catilina?“ fertigte ihn Cicero ab.„Sie ſollen Dir werden! Denke zunächſt an Fulvia, die Buhlerin, die Du verſtoßen haſt!“ Catilina zuckte zuſammen, während ſein Ankläger fortfuhr: „Denke an Narciſſus, Deinen Freigelaſſenen, der *) Das„Quousque tandem abutere, Catilina, patientia nostra?“ der Rede Cicero's gegen Catilina hat Berühmtheit erlangt. 106 Dein Nachfolger bei Fulvia wurde und den Du un⸗ vorſichtigerweiſe in das Geheimniß der Verſchwörung einweihteſt!“ Ein Blick Cäſar's traf Catilina, ein Blick, in wel⸗ chem eine Mahnung an die leider zu ſpät gekommene Warnung lag Narciſſus nicht zu viel zu trauen, eben weil er ſich mit Fulvia eingelaſſen. Die Entdeckung, daß ihn der ſo liebevoll behandelte Freigelaſſene hintergangen, färbte auf Sekundendauer Catilina's Wange röther und er rief: „Seit wann verdient ein verrätheriſcher Freigelaſſener mehr Glauben als ein Senator?“ „Eben weil Narciſſus kein Verräther mit Wiſſen und Willen iſt, wird ſeine Ausſage glaubwürdig!“ ant⸗ wortete Cicero auf den leidenſchaftlichen Einwurf. „Nicht Narciſſus, Deine ehemalige Geliebte Fulvia hat Dich verrathen. Mit ihr magſt Du rechten, nicht mit Deinem Freigelaſſenen, der blos ſchwach war und ſich von dem ſchlauen Weibe, das Dich haßte, die Geheim⸗ niſſe ablocken ließ, um die er wußte. Fulvia verdanke ich es, wenn ich nicht Dein Gefangener werde, denn wiſſe, Catilina, daß Narciſſus ſeiner Geliebten ſelbſt den letzten Trumpf anvertraut hat, den Du gegen mich und durch mich gegen die Republik ausſpielen wollteſt!“ —— du un⸗ wörung in wel⸗ mmene eben andelte ndauer aſſenet Viſen ant⸗ wurf. ig hat t nit d ſich chein⸗ danke denn ſelbſt gegen pielen — ½ —— 107 Catilina fand diesmal keine Worte, um zu wider⸗ ſprechen. Cato erhob ſich und ſchleuderte dem Verſtörten die Aufforderung zu, ſich eheſtens mit ſeinem Anhang aus Rom zu entfernen. Dabei warf er einen bedeutungs⸗ vollen Blick auf Cäſar, als ob er Catilina's Anhang wenigſtens mit dem Auge näher bezeichnen wollte. Cäſar fing den Blick mit einem Lächeln auf und ſagte zu Cato gewendet: „Erlaube mir, Cato, daß ich Deinem beredten Blick dieſelbe Ruhe entgegenſetze, mit der Du als Knabe das Andringen der Abgeordneten der Bundesſtädte beantworteteſt, die Dich ſcherzweiſe zwingen wollten, für ſie bei ihrem Patron vorzuſprechen!“*) *) Als Cato fünf Jahre alt war, ſtrebten die römiſchen Bundesgenoſſen das Bürgerrecht an. Ihre Abgeordneten wohnten bei Catos' Oheim und Erzieher Druſus und thaten mit dem Knaben Cato ſehr freundlich, weil ſie durch ihn dem einflußreichen Oheim ſich angenehm zu machen glaubten. Einmal baten ſie ihn direct, bei dem Oheim für ſie für⸗ zuſprechen. Cato ſchlug die Bitte trotzig ab und beharrte bei der Wei⸗ gerung, als ihn einer der Abgeordneten zum Fenſter hinauszu⸗ werfen drohte und wirklich zum Fenſter hinausſchwang. Da rief der Abgeordnete, den Knaben wieder niederſetzend: „Dem Himmel ſei Dank, daß dieſes Kind noch nicht erwachſen iſt; wir bekämen dann unter dem ganzen Volke keine einzige Stimme.“ 108 Cato war eben daran, Cäſar mit ſtummer Ver⸗ achtung den Rücken zu kehren, als man letzterem einen Als Cato dreizehn Jahre alt war, wurde er einſt von ſeinem Hofmeiſter Sarpedo zu Sulla, der ſeines Vaters Freund war, geführt. Es war zur Zeit der blutigen Proſcriptionsauftritte. Der Knabe ſah beim Weggehen, wie man einige Häupter der Ermordeten brachte und viele Anweſende unwillkürlich ſeufzten. Haſtig wandte er ſich zu Sarpedo und fragte: „Warum tödtet Niemand dieſen Mann?“ „Weil man ihn noch mehr fürchtet als haßt“, lautete Sar⸗ pedo's Antwort. „Hätte ich das doch früher gewußt“, ſagte der Knabe,„und hätteſt Du mir meinen Dolch mitgegeben, um mein Vaterland von der Knechtſchaft zu befreien!“ Cato war ein Sonderling in jeder Beziehuug. Er ging ohne Schuhe und Tunica aus, nahm keine Zinſen, memorirte bei Wahlen die Namen aller Wähler, um jeden Wähler, den er um ſeinen Namen anging, beim Namen nennen zu können, und wenn er reiſte, ſo nahm er faſt kein Gepäck mit und behalf ſich ohne Dienerſchaft und mit einem Wagen. Sollte geruht werden, ſo legte man ihm eine Matratze auf die bloße Erde; von zwei Regenmänteln diente der eine als Ueberzug, der andere als Decke. Die Mahlzeit konnte nicht einfacher ſein. Sie war in nicht mehr als einer Stunde bereitet; niemals fehlten dabei trockene Feigen und die Schreibtafel zu Aufzeich⸗ nungen von Bemerkungen und Gedanken. Sein Wagen war ein Bauerwagen, der Fuhrmann barfuß, der Schritt der Maulthiere gerade hinreichend, um für ein Lebenszeichen zu gelten. Oft reiſte er auch zu Fuß, und es machte ihm dann mitunter Spaß, wenn ihm die Beamten, an die er ſich wegen eines Nacht⸗ r Ver⸗ neinen n ſeinem ind war, tritte. Häupter illtürlich e Sar⸗ e,„und aterland Gr ging rirte bei er um nd wenn ſic ohne den, ſo on zwei dere a niemals Aufzeih⸗ hurfuß, fir ein mitunter 3Nacht 109 Brief brachte, den er haſtig erbrach, las und dann verſteckte. Cato, der an Cäſar eine gewiſſe Verlegenheit wahr⸗ zunehmen glaubte, verließ ſeinen Platz, ſtürzte auf jenen zu und rief: „Was ſind das für Briefe, die Dir in die Senats⸗ ſitung gebracht werden? Heult draußen bereits der lagers wandte, nicht glauben mochten, daß er der berühmte Cato ſei. Oft geſchah es, daß er ſo im Freien übernachtete, wenn er auf beſonders ungläubige Leute ſtieß und das Wirthshaus über⸗ füllt war. Je reicher er wurde, deſto geiziger wurde er auch. In ſeinen jungen Jahren hatte er wenigſtens ſeinen Bruder geliebt und ſeine Antwort auf die Frage, wen er am meiſten liebe, erinnert an die Montecuculi's:„Zum Kriegführen braucht man Geld, wieder Geld und noch einmal Geld.“ Cato erwiderte nämlich auf die Frage:„Wen liebſt Du am meiſten?“—„Meinen Bruder.“—„Und nach dieſem?“—„Wieder meinen Bruder.“—„Und danach?“—„Meinen Bruder.“ Aber der geizige Mann wurde plötzlich ein Trinker und zechte oft die ganze Nacht. Als er daher einmal Cäſar, der ſehr mäßig im Trinken war, einen Trunkenbold nannteh konnte ihm Cäſar mit größerem Recht den Vorwurf zurückgeben. Cato war ungemein ſchroff und rückſichtslos gegen ſeine Freunde. Als ſich eines Tages Catulus für einen verurtheilten Fälſcher bei ihm verwendete, drohte er ihm, ihn durch den Lictor hinaus⸗ führen zu laſſen. Zwiſchen Cäſar und Cato beſtand Todfeindſchaft. 110 Aufruhr und wenden ſich die Rädelsführer mit ge⸗ heimen Botſchaften an Dich? Denn mache uns nicht glauben, daß Du mit Deinem Freunde Catilina nicht unter einer Decke ſpielſt!“ „Wie kannſt Du Dich ſo von Deinem Haſſe gegen mich fortreißen laſſen, Cato?“ rief Cäſar.„Was küm⸗ mern Dich die Briefe, die ich erhalte?“ „Es ſind verrätheriſche Briefe!“ beharrte Cato. „Es ſteht bei Dir, Cäſar, Cato zu entwaffnen und uns allen einen Argwohn zu benehmen, von dem wir, ich geſtehe es offen, uns nicht zu befreien vermögen“, ſagte Cicero mit ernſter Stimme.„Wir klagen Dich nicht an, Cäſar, aber man flüſtert ſich in Rom zu, daß Du um die verruchten Pläne Deines Freundes Catilina wußteſt und nichts thateſt, ſie zu hintertreiben. Iſt der Brief, den Du eben empfangen und mit ängſt⸗ licher Sorgfalt unſern Blicken entzogen haſt, unſchul⸗ diger Natur, ſo zeige ihn uns, zeige ihn Cato wenigſtens.“ „Ihr wollt es?“ ſagte Cäſar mit einem ſpöttiſchen Lächeln.„Es ſei! Ich ſage Euch, wenn Cato den Brief erſt geleſen hat, wird er ſeine Neugierde be⸗ dauern.“ Cäſar langte den Brief heraus und reichte ih Cato, der ihn haſtig aufrollte. nit ge⸗ s nicht a nicht gegen s küm to. en und n wir, ögen“ n Dich om zl eundes reiben. ängſt⸗ nſchul Cato tiſchen den he⸗ eihn Aber kaum hatte er die Schriftzüge erblickt, ſo ent⸗ färbte er ſich. Er las auch nicht laut, wie er es urſprünglich beabſichtigt hatte, ſondern ganz für ſich Folgendes: „Geliebter Cäſar! Der Kaufmann Epidius hat mir vor einer halben Stunde in Deinem Auftrag die koſtbare Perle übergeben, nach deren Beſitz mein Herz ſo ſehr verlangte. So viel zarte Aufmerkſamkeit muß auch die entſchloſſenſte Sprödigkeit überwinden! Eile zu Deiner Servilia, damit ſie Dir danken kann!“ Cato erhob das Auge von dem Briefe und ſtarrte Cäſar unverwandt an, während Zorn, Haß und Ver⸗ achtung in ſeinen arbeitenden Zügen um die Oberhand ſtritten. Cäſar ſah ihn unbefangen an, während ein Schim⸗ mer von Schadenfreude aus ſeinen Augen blitzte. „Du wollteſt es nicht beſſer, Cato!“ ſagte er kalt. Cato keuchte mehr, als er athmete, ſchleuderte ſei⸗ nem Gegenüber noch einen giftigen Blick zu, warf ihm dann den zuſammengeknitterten Brief ins Geſicht und ſagte, ihm den Rücken kehrend: „Da haſt Du den Brief wieder, Verführer!“*) *) Der Vorfall hat ſich wirklich in offener Senatsſitzung zu⸗ getragen, nur ſollen die Worte, mit denen Cato den Liebesbrief 112 Cäſar zuckte mit den Achſeln und wandte ſich an die Verſammlung mit den Worten: „Wenn Cato aufrichtig ſein will, muß er mir das Zeugniß geben, daß der Brief nichts Verrätheriſches gegen das Vaterland enthält!“ „Ich habe mich geirrt“ ſagte Cato, nach Faſſung ringend. „Es freut mich, daß Cato ſelbſt Dir, entwaffnet durch Deine Offenheit, ein ehrendes Zeugniß geben und von ſeinem Verdachte laſſen muß“, bemerkte Cicero. Während ſich dieſer Auftritt zwiſchen Cäſar und Cato abſpielte, hatte Catilina ſeinen Platz und den Tempel verlaſſen. Wuth im Herzen, Schaum auf den Lippen, Flüche und Verwünſchungen murmelnd, war er fortgeſtürzt. Cicero, der ſein Beginnen beobachtet hatte, rief jetzt triumphirend: „Er, den wir für die Seele der Verſchwörung halten, iſt fort. Wir mußten ihn ziehen laſſen, denn gegen ihn ſpricht nur das Zeugniß einer Buhlerin und eines Freigelaſſenen Ausſage. Es ſind aber noch Männer ſeiner durch die Perle bezwungenen Schweſter Cäſar ins Geſicht warf, nach einer andern Verſion gelautet haben:„Da, Trunken⸗ bold!“. ſich an nit das eriſches Faſung waffnet geben emerkte n und nd den Flich türzt. ief jebt wörung denn in und Nännel Geſiht rrunken 113 unter uns, gegen welche ſich weit gewichtigere Zeugniſſe erheben. Sie klage ich hier an. Lentulus, Dich und Dich auch, Cethegus, zeihe ich des Verraths gegen das Vaterland!“ Die beiden Aufgerufenen waren bleich geworden, erhoben aber jetzt ihre Stimmen faſt gleichzeitig zur Abwehr. „Wo ſind die, welche uns beſchuldigen?“ fragte Lentulus. „Mich ſoll man nicht ſo ſchnell in die Flucht jagen wie Catilina!“ ließ ſich Cethegus vernehmen. „Gegen Euch ſpricht Eure Handſchrift und Euer Siegel“ ſagte Cicero, den beiden Angeklagten die Briefe hinhaltend, die ſie den allobrogiſchen Geſandten eingehändigt hatten.„Könnt Ihr leugnen, daß das Eure Schrift, Euer Siegel iſt? Daß Ihr dieſe Briefe den Geſandten der Allobroger gabt, damit ſie ſich zu Hauſe damit ausweiſen?“ Die Angeklagten wußten kein Wort zu erwidern. „Ihr mögt erfahren, Senatoren“, wandte ſich Cicero an die Verſammlung,„daß ich, aufmerkſam gemacht durch den geheimnißvollen Verkehr, der ſich zwiſchen den allobrogiſchen Geſandten und einigen Senatoren, die ich für verdächtig zu halten vollen Grund hatte, entſponnen hatte, die Geſandten an der Milviſchen Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. III. 8 114 ½ Brücke aufheben ließ, als ſie vor wenigen Stunden Rom verlaſſen wollten. Dieſe Briefe, in welchen Lentulus und Cethegus die Allobroger auffordern, ein Reitercorps gegen Rom aufzuſtellen, das unter den Mauern der Stadt eine Rom feindliche Armee bereit zum Losſchlagen finden ſolle, nahm man den Ge⸗ ſandten ab.“ Ein Schrei der Entrüſtung ging durch die Ver⸗ ſammlung. „Wo ſind die Allobroger?“ riefen zehn Senatoren auf einmal.„Sie ſollen es beſtätigen, daß ſie die Briefe aus den Händen römiſcher Senatoren erhalten haben.“ „Und wenn ſie es beſtätigt haben, dann richte man die Verräther!“ rief Cato unter allſeitiger Zuſtimmung. Der Conſul ließ die Allobroger in den Tempel bringen, und das mit ihnen vorgenommene Verhör be⸗ laſtete die zwei Senatoren ſo, daß ſie es für das Beſte hielten, es nun doch Catilina nachzumachen und das Weite zu ſuchen. Cicero aber rief ihnen gebieteriſch ein Halt zu und ſagte: „Die Anklage, die Euch trifft, iſt eine ſo ſchwere, daß ich es nicht vor dem Volke verantworten kann, Euch frei von dannen ziehen zu laſſen. Ich erkläre tunden welchen m, ein er den bereit Ge⸗ e Vr⸗ tatoren ſie die te mun nung. Tenpel hör be⸗ s Beſte nd das u m ſcwer⸗ kläre 115 Euch für gefangen und übergebe Euch dem Pontifer Marimus Cajus Julius Cäſar zur Aufbewahrung.“ Die feine Wendung, mit welcher der Conſul gerade Cäſar zum Wächter der Gefangenen beſtellte, fand allgemeine Zuſtimmung. War Cäſar, wie Viele vermutheten, in die Ver⸗ ſchwörung eingeweiht, ſo war es eine bittere Strafe für ſeine Betheiligung, wenn er ſeine Freunde und Geſinnungsgenoſſen hüten mußte. Es war ihm ſo zugleich Gelegenheit gegeben, ſeine wahre Geſinnung zu zeigen. Ließ er die Gefangenen entfliehen, ſo lag es auf der Hand, daß er mit ihnen ſympathiſirte. Während Cäſar nachdachte, wie er ſich am beſten aus der Schlinge ziehen könnte, rief Cato: „Wozu erſt lange Vorbereitungen? Wozu eine lange Gefangenſchaft? Iſt die Schuld nicht erwieſen? Sind die Richter nicht verſammelt? Wer hindert uns, über die Verräther augenblicklich zu Gericht zu ſitzen und durch ein großartiges Beiſpiel zu zeigen, wie raſch der Senat das Richtſchwert zu ſchwingen weiß gegen pflichtvergeſſene, auf der That betretene Genoſſen? Ich fordere Euch auf, Senatoren, augenblicklich über die Männer zu richten, welche die Drangſale und Grau⸗ ſamkeiten des Bürgerkriegs von neuem über Rom „ 6 116 heraufbeſchwören wollten! Sind in den letzten Bürger⸗ kriegen nicht genug tapfere Männer gefallen, nicht ge⸗ nug Kinder aus der älterlichen Umarmung geriſſen worden? Sind nicht genug Knaben und Jungfrauen geraubt worden, nicht genug Jungfrauen des Siegers Lüſten anheimgefallen, nicht genug Häuſer und Tempel geplündert worden? Den Tod über die, welche neuer⸗ lich Mord und Brand hervorrufen, ungerührt durch die Vergangenheit neuerlich Alles mit Leichnamen, Waffen, Blut und Trauer überdecken wollten! Bei den unſterblichen Göttern! Nicht ſchnell genug kann die Todesſtrafe die Schuldigen treffen! Wer mit mir dafür ſtimmt, daß ſchnelle Rache die Verräther trifft, daß ſie noch heute ſterben, der trete auf meine Seite!“ Cato ſah ſich im Handumdrehen von hundert Senatoren umgeben. „Halte Umfrage, Conſul, halte Umfrage!“ forderte Cäſar Cicero auf.„Ueber das geheiligte Leben von Senatoren darf nicht eine ungewiſſe Majorität ent⸗ ſcheiden!“ „Laß mich meines Amtes walten, Du aber bürgſt uns für Lentulus und Cethegus!“ fertigte der Conſul den Pontifer Maximus ab, der ſich mit den ihm an⸗ vertrauten Angeklagten auf jene Bank zurückzog, vordem Catilina eingenommen hatte— ——— Bürget⸗ icht ge⸗ geriſen frauen Siegers Tenpel neuet⸗ duch namen, Bei den mn die it nir trift, 1910 Seite! hundert orderte ät ent⸗ bürg Conſl hn al welche 117 Es gab damals noch keine Kerker in Rom, in welchen man Verhaftete eine längere Zeit hindurch hätte verwahren können. Gewöhnlich kamen in die öffentlichen, ſchon von Ancus Martius erbauten Kerker Gefangene, zumal wenn ſie den höhern Ständen angehörten, nicht eher, als bis ihnen ſchon das Todesurtheil geſprochen war und die Hinrichtung bevorſtand. Feindliche Könige und Feldherrn wurden oft, nachdem ſie hinter dem Triumph⸗ wagen ihrer Ueberwinder einhergezogen, in dieſe Kerker geworfen, um dort den Hungertod zu ſterben. Der verhaftete Senator wurde einem Standes⸗ genoſſen zur Aufbewahrung übergeben, der dafür ein⸗ ſtehen mußte, daß ſich der Gefangene nicht durch die Flucht dem Gange der Juſtiz entzog. „Wohl liegt mir blos ob, Umfrage zu halten und durch Einſammlung Eurer Stimmen, verſammelte Väter, das Schickſal der Angeklagten feſtzuſtellen“, wandte ſich Cicero an die Verſammlung,„aber erlaubt wird es doch dem Conſul ſein, zu bemerken, daß er ſtrenge Maßregeln ſchon des abſchreckenden Beiſpiels wegen für nothwendig hält. Noch iſt Rom nicht unbedingt gerettet, noch hat es von Catilina, der grollend und racheſchnaubend von dannen ging, das Aeußerſte zu gewärtigen.“ — 118 „Laßt mich zu Gunſten derjenigen, die hier bange Eurer Entſcheidung harren und für die ich bis zu dieſer Entſcheidung verantwortlich bin, mein Wort in die Wagſchale werfen“, rief Cäſar.„Wenn über ſchwierige Gegenſtände Männer berathſchlagen, dann ſoll billig ihre Seele frei ſein von Haß und Freund⸗ ſchaft, von Zorn und Mitleid. Wo dieſe ſich ent⸗ gegenſtemmen, erkennt der Geiſt die Wahrheit nicht, und noch Niemand iſt ſeiner Leidenſchaft und ſeinem wahren Vortheil zugleich gefolgt. Mächtig iſt der Verſtand, wenn er gehört wird, wo aber die Begierde Raum gewinnt, herrſcht ſie und der Geiſt erliegt. Manches Beiſpiel könnte ich Euch anführen, wie Kö⸗ nige und Völker, vom Zorn getrieben, ſich übel be⸗ riethen. So auch, verſammelte Väter, ſeht Euch jetzt vor, daß Euch die Frevelthat der Angeklagten nicht mehr gelte als Eure Hoheit, daß Ihr auf Euren Zorn nicht mehr als auf Eure Ehre achtet.“ So ſtill war es im Tempel geworden, während Cäſar ſprach, daß man, als er jetzt eine Pauſe machte, deutlich hören konnte, was draußen vorging. Es ſchien, als ob Cäſar's Anhänger und Clienten bereits vor dem Tempel verſammelt und in Unruhe über ſein Schickſal wären, denn die Rufe:„Wo iſt Cäſar? Warum läßt man das Volk nicht bis an die * bange bis zu Vort über dann reund⸗ h ent⸗ nicht ſeinen ſt der gierde liegt. ie Kö⸗ el be⸗ i nicht om ährend lienten unhe Po iſ an di — 6 119 Thür des Tempels, damit es ſieht, was in der Sitzung vorgeht?“ hallten vernehmbar herein. Dazwiſchen ertönte Schwertergeklirr, als ob die Ritter ihre Säbel kreuzten, um das gegen die Zu⸗ gänge anſtürmende Volk abzuhalten. Cäſar ſchien kein Gewicht darauf zu legen, daß das ihm ergebene Volk draußen ſtürmiſch ſeinen Namen in die Luft ſchrie, ſondern fuhr in ſeiner Rede fort: „Wenn Männer, die im Dunkeln leben, aus Jäh⸗ zorn einen Fehler begehen, erfahren ihn nur Wenige, denn Stand und Ruf gleichen ſich bei ihnen. Aber die Handlungen derjenigen, die auf erhabenem Schau⸗ platz ſtehen, denen Macht und Würde zu Theil ward, dringen zum Ohr ſämmtlicher Mitmenſchen. Je höheres Glück, deſto geringere Freiheit. Vorliebe und Haß, noch mehr jeder Zorn muß hier verbannt ſein. Denn was Jähzorn bei Andern heißt, wird hier für Grauſamkeit gehalten. Zwar ſcheint auch mir bei jenen Frevlern jede Strafe eine gemilderte Behandlung, doch nur aufs Ende ſehen gewöhnlich die Menſchen, vergeſſen bei Böſe⸗ wichtern das Verbrechen und ſprechen nur von der ſchweren Strafe. Ich will nicht bezweifeln, daß Cato bei Abgabe ſeiner Stimme nur Eifer für den Staat und nicht perſön⸗ liche Feindſchaft leitete, aber verbieten nicht Geſetze die Hinrichtung verurtheilter Bürger?“ 120 „Nur die Geißelung verbieten ſie, nicht die Hin⸗ richtung!“ fiel Cato dem Redner ins Wort. „Wenn ſchon die Geißelung als das Kleinere, um wie viel mehr die Hinrichtung als das ungleich Größere!“ hielt Cäſar ſeine Behauptung aufrecht.„Freilich, wer wird je einen Rathſchluß tadeln, der gegen Vaterlands⸗ verräther gefällt war? Aber, verſammelte Väter, be⸗ denkt, was Ihr zugleich über Andere ausſprecht! Alle böſen Beiſpiele entſprangen aus guter Quelle. Doch wenn die Regierung auf Unwiſſende oder minder Red⸗ liche übergeht, dann wird jedes neue Beiſpiel von billi⸗ gen, paſſenden Fällen auf unbillige, unpaſſende an⸗ gewandt. Die Spartaner beſtellten nach Athens Er⸗ oberung dreißig Männer zur Verwaltung des Staats. Anfangs ließen dieſe nur offenbar böſe und durch⸗ gängig verhaßte Perſonen ergreifen und ohne Verhör hinrichten. Das Volk jubelte und nannte es wohl⸗ gethan. Doch allmälig befeſtigte ſich ihre Macht; nun ließen ſie Biedermänner und Böſewichter gleichfalls nach Belieben tödten und erſchreckten alle Uebrigen. Dann büßte die unterdrückte Stadt hart für ihre thörichte Freude.“ „Bleibe in Rom, ſchweife nicht nach Athen!“ rief Cato. „Ja, bleiben wir in Rom!“ griff Cäſar, mit dem um ete“ wer nds⸗ he⸗ Ale Doch Red⸗ billi⸗ un⸗ ats. urch⸗ rhör ohl⸗ nun igen ihre rief den 121 Kopfe nickend, den Einwurf auf.„Erinnert Euch ſelbſt, als der ſiegende Sulla den Damaſippus, der in Rom ein gräßliches Blutbad über alle jene Senatoren ver⸗ hängt hatte, die auch nur im entfernteſten Verdacht ſtanden, dem Sulla gewogen zu ſein, niedermetzeln ließ, wer rühmte nicht dieſe That? Hieß es nicht, es geſchehe den Männern Recht, die durch das Un⸗ glück des Staats groß geworden ſeien? Wer nannte die Hinrichtung laſterhafter, parteiſüchtiger Bürger und Staatsempörer nicht eine verdienſtliche Handlung? Und doch war ſie eines großen Blutbades Anfang! Denn Jeder, den es nach eines Andern Haus oder Villa, end⸗ lich gar nach ſeinen Gefäßen oder Gewändern gelüſtete, ſtrebte, deren Beſitzer auf die Aechtungsrolle zu bringen. So wurden diejenigen, die über Damaſippus' Tod ſich gefreut hatten, bald ſelbſt zum Tode geſchleift, und das Metzeln endete nicht früher, bis Sulla alle ſeine An⸗ hänger mit Schätzen überhäuft hatte.“ „Aus Dir ſpricht der Neffe des Marius und der Todfeind Sulla's!“ ſchrie Cato dem Redner zu. „Wohl bin ich der Neffe des Marius, und daß ich es bin, das iſt mein Stolz“ ſagte Cäſar, und indem er auf die Thür zeigte, in welcher die Ritter ſichtbar wurden, die ſich vor dem ungeſtüm hereinbrechenden Menſchenſchwall ſchrittweiſe zurückzogen, da ſie doch 122 nicht im Ernſt von der Waffe Gebrauch machen wollten, fuhr er fort:„Und wie Ihr ſeht, verſammelte Väter, gibt es in Rom Viele, welche weniger Anſtoß daran nehmen, daß ich des Marius Neffe bin, als Cato!“ Das den Tempel ſtürmende Volk rief, als ob es ſeines Lieblings ſtolze Rede beſtätigen wolle: „Wir grüßen Dich, Cäſar, und freuen uns, Dich ungefährdet zu ſehen, denn es gingen ſchlimme Ge⸗ rüchte, daß man Dir hier ein Leid anthun wolle!“ „Wo wäre ich ſicherer als im Senat, meine Freunde?“ ſagte Cäſar, nicht ohne einen Anflug von Jronie im Tone.„Stehe ich hier nicht unter dem Schutze des Conſuls und unter dem Schutze Cato's, der keinem Gerechten ein Haar krümmen läßt, ſo ſtreng er auch gegen die Ungerechten iſt? Haltet Euch ruhig, meine Freunde, und ſtört die Berathung nicht!“ Die Ritter drängten das Volk, das nun einmal da war und nicht weichen wollte, auf einen kleinen Raum zuſammen und Cato fragte Cäſar ungeduldig: „Haſt Du noch etwas zu Gunſten der Angeklagten zu ſagen?“ „Verſammelte Väter“, wandte ſich Cäſar noch ein⸗ mal an die Richter,„weder an Klugheit noch an Muth gebrach es unſern Vorfahren. Auch hinderte ſie kein Stolz, fremde Sitten nachzuahmen, ſobald ſie ſolche Uten, ätet, aran b es Dich Ge⸗ de?“ im des inen auch teine mal inen ig: gten ein⸗ Nuth kein olhe 123 löblich fanden. Waffen und Kriegsgeräthe entlehnten ſie größtentheils von den Samnitern, die Zeichen obrig⸗ keitlicher Würden von den Tusciern; immer, wenn ſie bei Bundesgenoſſen oder Feinden etwas Erſprießliches ſahen, trugen ſie es auf ihre Heimat über und wollten das Gute lieber nachahmen als beneiden. Eben da⸗ mals verfuhren ſie nach griechiſcher Sitte mit Geißelung gegen Bürger, mit der Todesſtrafe gegen Verurtheilte. Doch als der Freiſtaat wuchs und bei der großen Bürgermenge Parteien mächtig wurden, als man Un⸗ ſchuldige zu beſtricken und andere ähnliche Ungerechtig⸗ keiten zu begehen anfing, da wurden Bürger blos ver⸗ bannt. Ein mir wichtig ſcheinender Grund für uns, verſammelte Väter, auch jetzt keine Neuerung zu be⸗ ginnen.“ Cäſar's Rede hatte einen ſo mächtigen Eindruck auf die Verſammlung gemacht, daß, als der Conſul jetzt die Namen der Senatoren aufrief, viele für Ver⸗ bannung ſtimmten. Das Volk, das anfing zu begreifen, um was es ſich handle, jubelte den Begnadigungsrufen zu und brach in ein wildes, bedrohliches Geſchrei aus, als Cato, zur Stimmabgabe aufgerufen, ausrief: „Wenn Cäſar wirklich Beſorgniß vor dem hegt, was die Angeklagten angezettelt haben, ſo war ſein Rath, dieſe zu begnadigen, ein böſer, ich will nicht ſagen, ein verrätheriſcher.“ „Er klagt Cäſar an!“ ſchrie ein Mann aus dem Volke. „Laß den Neffen des Marius aus dem Spiele!“ drohte ein anderer. „Wir ſchützen Dich, Cäſar, wenn ſie es doch auf Dich abgeſehen haben ſollten!“ ließen ſich drei, vier zugleich vernehmen und alle drängten in der Rich⸗ tung vor, wo Cäſar ſaß, ſodaß die zurückweichenden Ritter dieſen bald wie in einem Kreiſe umgaben und man nicht wußte, ob ſie mit ihren entblößten Schwertern ihn oder das Volk bedrohten. Cäſar erhob ſeine Toga wie zum Schutze gegen die Ritter, unter welchen er die vorzüglichſten Partei⸗ gänger des Adels gewahrte, von denen er ſich keiner guten That zu verſehen hatte. „Cato hat das Wort!“ rief Cicero und ſein Ruf ſchaffte Ruhe. „Ich klage Cäſar nicht an“ vertheidigte ſich Cato; „es iſt auch möglich, daß er in guter Abſicht handelt und unter uns und in dieſer allgemeinen Furcht, die uns beherrſcht, der einzige Unerſchrockene iſt. Dann ziemt es mir um ſo mehr, für mich und Euch beſorgt zu ſein. Der ruchloſe Anſchlag frevelhafter Bürger nicht dem iele!“ auf vier Rich⸗ nden aben ößten gegen artei⸗ keiner Juf Cato; mdelt t die dm ſorg ürgel 125 hat den Staat in die größte Gefahr geſtürzt. Da die Angeklagten überwieſen ſind, gegen Mitbürger und Vaterland ſich gerüſtet zu haben, ſo iſt ihr Leben ver⸗ wirkt und man muß nach der Vorfahren Sitte mit der Todesſtrafe gegen ſie verfahren.“ Und„Tod!— Tod!— Tod!“ lauteten die nächſten Stimmen. Der Conſul zählte die Stimmen für und wider, die Mehrheit war für augenblicklichen Tod. „Cäſar“, wandte ſich Cicero zu dem Pontifer Maxi⸗ mus,„Du haſt den Spruch gehört, Du haſt auch ge⸗ hört, daß er noch heute vollzogen werden ſoll. Du biſt daher der Nothwendigkeit überhoben, die Ver⸗ urtheilten ferner zu bewachen. Lictoren, nehmt ſie in Eure Mitte, man hole den Henker!“ Indem ſich die Lictoren den Verurtheilten näherten, die blaß und verſtört neben Cäſar ſtanden und ſich an denſelben in wahrer Todesangſt anzuklammern ſchienen, riefen Männer aus dem Volke, ſich ihnen in den Weg werfend: „Willſt Du, Cäſar, daß wir die Verurtheilten ſchützen?“ Cäſar hatte nicht Zeit zum Antworten, die Ritter zückten förmlich ihre Schwerter gegen ſeine Bruſt, um ihn ſofort niederzuſtoßen, wenn er das Volk zum Schutz der Verurtheilten auffordern ſollte. ——— Cäſar machte eine abwehrende Bewegung gegen die Menge und warf einen vorwurfsvollen und Hülfe heiſchenden Blick auf den Conſul. Der erſah die Gefahr, in der Cäſar ſchwebte, und winkte den Rittern, indem er ſagte: „Platz für den Pontifer Maximus!“ Faſt widerwillig wichen die Ritter zurück und Cäſar erhielt freie Bahn, während die Lictoren die Verurtheilten zu ſich herüberriſſen. Erſt als ſich Cäſar in der Mitte der ihm ergebenen Volksſchaar ſah, fühlte er ſich ſicher und ging nach Hauſe.*) *) Suetonius ſagt:„Als Cäſar allzu hartnäckig auf ſeiner Meinung verharrte, da bedrohten ihn die zur Bedeckung des Se⸗ nats umherſtehenden Ritter mit dem Tode und kamen ihm mit ihren gezogenen Schwertern ſchon ſo nahe, daß den Sitzenden alle Nachbarn plötzlich verließen.“ Salluſt und Plutarch laſſen dies beim Hinausgehen aus dem Tempel geſchehen und Plutarch ſagt, daß Curio Cäſar mit ſeiner Toga präterta bedeckte. Plutarch ſagt auch ausdrücklich, daß Cicero bei dieſer Gelegenheit, indem er den Rittern winkte, zur Lebensrettung Cäſar's das Seinige bei⸗ getragen habe, obwohl ſich Cicero ſelbſt deſſen nirgends rühmt. Lüſar ilten enen nuch ſeiner 3 St nmit nalle dies ſagt utarch en er bei⸗ mt. Dreizehntes Kapitel. Der Magier Oropos. Wenn man vom Aventin ſich in der Richtung des Janiculus dem Fluſſe näherte, kam man zu dem Teſtacäiſchen Berge, an welchen ſich ein Haus an⸗ lehnte, das auf einer Seite tief in den Felſen hinein⸗ gebaut war, ſodaß es in ſeiner Fortſetzung eine Art gemauerter Höhle bildete. Das Haus bewohnte die Wahrſagerin Sagane, die in Rom jedes Kind kannte. Die Höhle diente ihrem Gehülfen, dem Perſer Dropos, zum Aufenthaltsorte. Dropos war, als er noch in ſeiner Heimat geweilt, ein Mithrasprieſter geweſen und glaubte auch jetzt noch an Mithras, den Gott des Lichts, den allſehen⸗ den, allgegenwärtigen, Alles durchdringenden Geiſt, der zugleich dem Perſer für die perſonificirte Wahrheit und Treue, für den Hüter alles Verkehrs unter den Men⸗ ſchen, für den Beſchützer aller Armen und Unter⸗ drückten galt. Die Perſer verehrten Mithras nur in Höhlen. Rom lernte den Mithrascultus zuerſt durch die Seeräuber kennen, welche ihn aus Cilicien nach Italien ver⸗ pflanzten, das ſie ſo ſehr brandſchatzten. Dropos, der auf einem Piratenſchiffe nach Rom gekommen, hatte Mithras die erſte Höhle in Rom er⸗ baut und in derſelben den geheimnißvollen Gott als einen Krieger auf gewaltigem Schlachtwagen mit gol⸗ denem Helm und ſilbernem Panzer aufgeſtellt, da Mithras zugleich auch für einen ſtreitenden Helden und Gegner aller Dämonen galt, der auch König über alle Geiſter war, die er durch Nacht und Tod zur Unſterb⸗ lichkeit führte. Die Höhle bewohnte Mithras ſymboliſch, um durch dieſen Aufenthaltsort das Dunkel anzudeuten, aus welchem er immer von neuem hervortritt, um der Welt zu leuchten und ſie zu beherrſchen. Oropos war, ehe er nach Rom verſchlagen worden, durch alle achtzig Weihen gegangen, denen ſich der Mithrasprieſter zur Zeit des neuen Jahres oder während der Frühlings⸗Tag⸗ und Nachtgleiche, wo t und Men⸗ nter⸗ Rom uber ver⸗ Rom ner⸗ tals gol⸗ „da und r alle ſterb⸗ durh aus ndet h del oder wo 129 das Licht den Sieg über die Finſterniß gewinnt, unterziehen mußte. Er war von leichtern zu immer ſchwerern Uebun⸗ gen aufwärts geſtiegen, in denen der Einzuweihende Muth und Seelenſtärke an den Tag legen mußte. Er war durch Feuer gegangen, hatte ſtarken Froſt und Hunger ausgehalten, war mehrere Tage gewan⸗ dert und bis zur äußerſten Ermüdung geſchwommen und hatte ſchließlich drei Tage und drei Nächte in der Wüſte gefaſtet, worauf er zuerſt den Rang der„Raben“ und ſpäter den höhern der„Geheimen“ erlangt hatte, als welchem ihm gewiſſe Bilder geheimer Gottheiten gezeigt wurden. Vom Geheimen zum„Streiter“ vorgerückt, hatte er in der Mithrashöhle zu Tarſos, dem Mittelpunkte des Mithrasdienſtes, ein Schwert und mit dieſem auch einen Kranz bekommen, den er erſt aufs Haupt ſetzen und dann wieder von demſelben herunterſtoßen mußte, dabei ausrufend: Mithras ſei ſein einziger Kranz. Zuletzt war er„Löwe“ und„Sonnenläufer“ ge⸗ worden, als welchem ihm höhere Aufſchlüſſe über dieſes und das künftige Leben, über die Seelenwanderung und über den ganzen Weltzuſammenhang wurden. Dieſe Erkenntniß des Zuſammenhangs zwiſchen Leben und Tod ſetzte ihn in die Lage, in Rom den Lucian Herbert, Bis zum Rubicon, IMI. 8 Magier zu ſpielen und gewöhnlichen Sterblichen den Schleier der Zukunft zu lüften. Waren auch die Magier durch Senatsbeſchlüſſe aus Rom ausgewieſen, ſo drückte man ihnen gegenüber im⸗ mer wieder ein Auge zu, zumal gerade die vornehmſten und gebildetſten Leute dem Aberglauben huldigten und es liebten, ſich von den Magiern Nativitätsſtellungen machen zu laſſen. Seit Oropos der Stadt Rom das Horoſkop geſtellt hatte, war er vollends in die Mode gekommen, und die von Patriciern vielfach aufgeſuchte Wahrſagerin Sagane hatte ſich mit ihm verbunden, weil ſie in ihm den Mann erkannt hatte, der ihr noth that, um die Ge⸗ müther aller Abergläubiſchen in Rom unbedingt zu beherrſchen. Die Magie, welche Oropos und Sagane im Vereine trieben, war eine harmloſe. Keine Menſchenopfer fielen der Magie am Fuße des teſtacäiſchen Berges; Hekate, welche als Gebieterin über Himmel und Erde, Meer und Unterwelt, über das Schickſal der Lebendigen und der Todten Sagane's Laboratorium ganz ſo ſchmückte, wie Mithras die Höhle des Oropos zierte, mußte ſich begnügen, wenn ihr in unblutiger Weiſe gehuldigt wurde. Die Zeit mit ihren politiſchen Kämpfen und Leiden⸗ n den e aus er im⸗ mſten n und ungen geſtellt nd die agane n den ie Ge⸗ gt zu zereine Fuße ieterin über gan Höhl iht in ide⸗ 131 ſchaften war aber ganz danach angethan, eine wahre Völkerwanderung dem teſtacäiſchen Berge zuzuleiten, da der Vornehme wie der Geringe Fragen an das Schickſal zu ſtellen hatte. Lag dem erſtern daran, zu erfahren, ob er nicht fallen würde, ſo war der zweite neugierig zu hören, ob und wie hoch er ſteigen würde. Es war natürlich, daß in ſolchen Zeitläufen die Geiſter der Verſtorbenen keine Ruhe im Grabe hatten, ſondern immer bereit ſein mußten, auf Sagane's Wink und Oropos' Ruf den um die Zukunft fragenden Nach⸗ kommen zu erſcheinen. In dem Augenblicke, wo wir Oropos in ſeiner Höhle aufſuchen, brütet er beim matten Scheine eines Lämpchens über einem Buche, in welchem der Etrusker Aulus Cäcina die geheimnißvolle Lehre von den Blitzen zuſammengeſtellt hatte, welche für Rom um ſo wich⸗ tiger war, weil Stadt und Land ſo häufig von Gewit⸗ tern heimgeſucht wurden. Schreckten doch von jeher ſo heftige Blitze Stadt und Land, daß ſchon Numa den Jupiter im Blitze vom Himmel beſchwor, um von ihm ſelber ein ſicheres Mittel der Blitzſühne zu er⸗ fahren, und daß er dem auf die Beſchwörung erſchei⸗ nenden Gotte ſtatt der geforderten Menſchenſeele einen Fiſch, eine Zwiebel und einen Büſchel Menſchenhaare 9* —— —— — 132 anbot, was Jupiter auch unter der Bedingung annahm, daß dieſes wunderliche Triasſurrogat einer Menſchen⸗ ſeele in einem eigens auf dem Aventin zu erbauenden Blitztempel niedergelegt würde. Diesmal lag Oropos ein eigener, ſchwieriger Fall zur Beurtheilung vor. Pompejus, der eben daran war, die Piraten mit Stumpf und Stiel auszurotten, war auf dem Admiral⸗ ſchiffe von einem Blitze berührt worden, ohne Schaden zu leiden. Abergläubiſch, wie er war, hatte er ſich an ſeine in Rom zurückgebliebene Nichte Pompeja mit dem Auftrage gewandt, den ſeltſamen Fall Sagane, die er in Rom häufig zu beſuchen pflegte, vorzutragen, damit ſie ihn durch Oropos entſcheiden laſſe. Hropos blätterte vergeblich in dem Buche des Etruskers. Ueber den Blitzcaſus, der dem Pompejus zugeſtoßen, war in den Blättern, welche ſonſt, von dem oberſten Grundſatze ausgehend, daß die Blitze eine Offenbarung des Willens der Götter ſeien, alle Arten von Blitzen behandelten, kein Aufſchluß enthalten. Unzufrieden griff er nach einem andern Manu⸗ ſcripte, welches eine Abſchrift eines auf Eingebungen einer etruskiſchen Nymphe Begon beruhenden Werkes war, das im Original in dem Jupiter dem Blitzenden mahn nſchen⸗ Uenden t Full n mit miral⸗ chaden ſeine t den e, die rage, e des npeju von z eine Arten . Mant unge 133 geweihten Tempel auf dem Aventin aufbewahrt wurde und eine Anweiſung der vom Blitz getroffenen Stätten und Gegenſtände enthielt, welche für heilig galten, weil Jupiter ſelbſt davon Beſitz genommen zu haben ſchien. Hropos Auge ſchweifte zuerſt über die Stellen des Manuſcripts hin, wo davon die Rede war, wenn der Blitz in die Erde gefahren. In dieſem Falle wurde, wie das Buch belehrte die von dem himmliſchen Feuer berührte Erde zuerſt ſorgfältig geſammelt und eingeſcharrt, dann die Stätte durch das Opfer eines zarten Lamms geweiht und endlich in Form einer Brunnenmündung bedeckt und ummauert. Indem Oropos weiter blätterte, kam er zu den Verhaltungsregeln, welche Anwendung fanden, wenn der Blitz die Bäume eines Hains getroffen, die dann nach ſorgfältigen Sühnungen entfernt und durch andere erſetzt wurden. Weiter behandelte das Buch den Fall, wenn der Blitz einen Menſchen erſchlug, der dann an Ort und Stelle liegen gelaſſen und eingeſcharrt werden mußte Plötzlich leuchtete des Perſers Auge auf, denn er ſtieß auf folgende Worte: „Wenn der Blitz Perſonen hohen Standes nur be⸗ 134 rührt, ohne ſie zu tödten, ſo dürfen ſie dieſes für ein ſicheres Zeichen der höchſten Ehren nehmen, die ihrer harren.“ „Ich habe es gefunden!“ murmelte der Perſer zu⸗ frieden, indem er das Buch zumachte.„Und ich hoffe, Pompejus wird, wenn er die Auslegung hört, nicht weniger zufrieden ſein, als ich es war, da ich ſie fand.“ Der Perſer ſah auf, denn ein leiſes Kniſtern des Fußbodens ſagte ihm, daß er nicht mehr allein ſei. für ein ie ihret ſer zu⸗ hoffe, nicht ich ſie rn des ſei. Vierzehntes Kapitel. Die Wahrſagerin Sagane. Es war Sagane, die er auf ſich zuſchreiten ſah⸗ „Pompeja iſt da!“ ſagte Sagane.„Was ſoll ich ihr melden?“ „Ich werde ihr ein verſiegeltes Schreiben für ihren Oheim geben, das ihn über das ſeltene Ereigniß, welches ihn ſo ſehr beſchäftigt, aufklären ſoll“ ent⸗ gegnete Oropos. „Es paßt in meinen Plan, daß ich das Mädchen aufhalten kann“, bemerkte Sagane.„Ich erwarte ohnehin Cäſar jeden Augenblick.“ „Hat er Dir ſagen laſſen, daß er kommt?“ forſchte der Perſer. „Nein, aber ich weiß es!“ rief Sagane beſtimmt. „Es iſt ihm in der Senatsſitzung etwas Ungewöhn⸗ ———— —— ———— — liches begegnet und er wird uns über die Zukunft ausholen wollen.“ „Was hat ſich im Senat zugetragen?“ fragte Oropos lebhaft. „Cäſar wurde von dem jungen Adel am Leben be⸗ droht, als er die Theilnehmer der Verſchwörung, in die er ſelbſt zu tief geblickt, um ſeine Hände in Un⸗ ſchuld waſchen zu können, ſchützen wollte.“ „Das Ereigniß paßt nicht zu der Deutung, die ich dem Traume Cäſar's geben will, den er mir kürzlich vortrug“ murmelte Oropos. „Was träumte Cäſar?“ erkundigte ſich Sagane. „Daß er ſeine Mutter zur Geliebten gehabt habe“ gab Oropos trocken zurück. „Und wie deuteſt Du den Traum?“ warf Sagane geſpannt hin. „Ich wollte dem Pontifex Maximus die Freude machen, ihm zu ſagen, daß ihm einſt die Herrſchaft der Erde zufallen werde; er iſt ehrgeizig und wird es gern hören, wenn ich ihn belehre, daß die Mutter, der er Gewalt angethan und die er ſich alſo unterworfen hat, die Erde ſei, unſer aller Mutter, über die einmal zu herrſchen ſeine Beſtimmung ſei.“ Sagane dachte nach und ſagte dann: „Bleibe bei dieſer Deutung des Traums, aber laß kunft fragte gane reude ſchaft des der orfen nnal laß 137 einfließen, daß Dir bei allen Herrlichkeiten, die der Traum unfehlbar für eine ſpätere Zeit in Ausſicht ſtelle, doch für die nächſte Zeit in ihm eine Gefahr zu liegen ſcheine, der Cäſar am beſten aus dem Wege gehen könne, wenn er Rom verlaſſe.“ „Du willſt ihn aus Rom entfernen?“ „Er iſt einer meiner beſten Kunden, warum ſoll er jung ſterben?“ antwortete Sagane mit einem Lächeln. „Es iſt beſſer, er geht dem erbitterten Adel eine Zeit lang aus dem Wege. Er mag zu ſeiner Gemahlin gehen. Ich gebe Dir mit dieſen Andeutungen die Handhabe, ihn zu faſſen. Sage ihm, des Traums nächſte Deutung ſei darin zu ſuchen, daß Cornelia zürne, weil er ſich ihr gar ſo ſern halte und ſie gänzlich über den Staatsgeſchäften vergeſſe.“ „Ueber den Staatsgeſchäften!“ bemerkte der Perſer mit einem ironiſchen Lächeln.„Ich glaube, mehr als die Staatsgeſchäfte ſind Servilia und Pompeja daran ſchuld, wenn Cäſar ſeine Gemahlin vernachläſſigt.“ „Er wird bald zwiſchen den Beiden, die Du eben genannt haſt, zu wählen haben!“ ſagte Sagane ernſt. „Steht es ſo ſchlecht um Cornelia?“ warf der Perſer nicht ohne Theilnahme hin. „Sie ſiecht an einer unheilbaren Auszehrung da⸗ hin!“ entgegnete Sagane.„Wir müſſen dafür ſorgen, ———— 138 daß ſich Cäſar zu Pompeja neigt, wenn der Fall ein⸗ tritt, daß er eine zweite Gemahlin wählen kann.“ „Wünſcht Pompejus den Pontifer Maximus an ſich zu feſſeln?“ fragte Oropos neugierig. Sagane bejahte raſch. „Als er das letzte Mal bei mir war“, ſagte ſie, „und das Geſpräch darauf kam, daß es mit Cornelia nicht mehr lange dauern werde, ſagte Pompejus wie in Gedanken verſunken: Ich glaube, meine Nichte Pompeja iſt Cäſar nicht gleichgültig; ich wollte, ich könnte den ehrgeizigen Neffen des Marius durch die Nichte an mich feſſeln.“ „Das iſt deutlich geſprochen“, meinte Oropos. „Wir können auf den Dank des Pompejus zuver⸗ ſichtlich rechnen, wenn wir ihm Cäſar ins Netz liefern!“ rief Sagane.„Vielleicht fangen wir ihn heute. Wenn er, durch Deine Deutung ſeines Traums angeregt, weitere Fragen nach der Zukunft ſtellt, ſo laſſen wir ihm dieſe unverhüllt erſcheinen.“ „Welchen Verſtorbenen ſoll ich citiren, damit er Cäſar in glaublicher Weiſe die Zukunft genauer deute?“ fragte der Perſer. „Bemühen wir die Geiſter ſo lange nicht, als uns Lebendige zur Verfügung ſtehen!“ lautete Sagane's Antwort.„Ich werde Pompeja ſo lange zurückhalten, — 139 bis Cäſar kommt, denn ich bin überzeugt, daß er kommt, weil er noch immer kam, ſo oft ihm etwas Unerwartetes begegnete. Um wie viel mehr wird es ihn heute hertreiben, wo ſein Freund Catilina ſo eben aus Rom geflohen iſt und er ſchwanken wird, wie er ſich fernerhin zu dem Entflohenen ſtellen ſoll.“ „Was aber ſoll uns Pompeja nützen?“ forſchte Dropos. „Sie vor Cäſar zu verbergen, daß er ihre An⸗ weſenheit in meinem Hauſe nicht ahnt, wird meine Sorge ſein“, antwortete Sagane.„Du aber gehe hin in das Gemach, in welchem wir die Geiſter der Ver⸗ ſtorbenen zu beſchwören pflegen, und ſtelle Deine Sil⸗ berſpiegel ſo, daß ſie ſtatt eines Geiſtes das Bild Pompeja's wiederſpiegeln, wenn ich Dir dieſe in die Lage bringe, in welche ich Dir jene Perſonen herzu⸗ richten pflege, die wir als Geiſter Verſtorbener er⸗ ſcheinen laſſen.“ „Ich fange an zu begreifen“ murmelte der Perſer. „Wenn Cäſar einen genauern Blick in ſeine Zukunft wird thun wollen, ſo zeigſt Du ihm Pompeja, damit ſie ihm durch ihr Bild die Wege andeute, die er zu wandeln habe?“ Sagane nickte mit dem Kopfe und ſagte: „Pompeja hat in dieſem Augenblicke eine doppelte Bedeutung für Cäſar. Sie ſoll ihm die zweite Ge⸗ mahlin und das Hand in Hand Gehen mit Pompejus bezeichnen. Sieht er heute Pompeja im Zukunfts⸗ ſpiegel, ſo fällt ſie ihm gewiß ein, wenn er in kurzer Zeit neben Cornelia's Leiche ſteht und darüber nach⸗ denkt, wen er nun freien ſoll.“ „Du heißt nicht umſonſt Sagane, die Schlaue!“ ſagte der Perſer, indem er ſich erhob, im Tone unwill⸗ kürlicher Bewunderung. In dieſem Augenblicke wurde an die Thür des Hauſes geklopft. „Das iſt ſicherlich Cäſar!“ meinte Sagane.„Ich will ihm öffnen.“ „Und ich will die Spiegel ſtellen“ ſagte der Per⸗ ſer.„Wenn Du mich brauchſt, ſo rufe mich.“ Hropos ging aus ſeiner Höhle nach dem Hauſe, und als er den Gang betrat, der beide Räume ver⸗ band, hörte er wüſtes Geſchrei, das von dem nahen Forum herübertönte. Greller Fackelſchein, der gleichfalls vom Forum herzuleuchten ſchien, brachte etwas Licht in die ziemlich weit vorgerückte Nacht. „Was mag die Meute wieder treiben?“ fragte der Perſer. Eine ähnliche Frage ſtellte ſich Sagane, als ſie te Ge⸗ npejus unfts⸗ kurzer nach⸗ laue!“ nwill⸗ des Per⸗ aulſe, ver⸗ nahen orum mli e der — S —S 141 den Lärm vernahm und den Lichtſchein gewahrte, während ſie zuerſt ging, Pompeja aus dem Bereich der Neugierde Cäſar's zu bringen, und dann der Pforte zuſchritt, um dem Manne, der ſich mittlerweile durch ein neuerliches Klopfen bemerkbar gemacht hatte, Einlaß zu gewähren. Fünfzehntes Kapitel. Siehabenelebht Sagane hatte Cäſar richtig beurtheilt. Die Lebensgefahr, in welcher er während der Sitzung geſchwebt, hatte ihn zwar nicht furchtſam gemacht, aber doch ein wenig eingeſchüchtert, ſodaß er ſich nicht mehr die rechte Fühlung über das, was im gegenwärtigen kritiſchen Augenblick zu thun oder zu laſſen, zutraute und ſeine Zuflucht zu der Wahrſagerin zu nehmen beſchloß, die ihm ſchon oft mit ihrem Rathe und ihrer Erfahrung an die Hand gegangen war. Sagane ſollte ihm auch diesmal behülflich ſein, ſich in der verwickelten Situation, in die er plötzlich durch die Energie des Conſuls gerathen war, zu orientiren. 143 Anſtatt daß die Verſchworenen Cicero überrumpelt hätten, war es der Mann mit dem geſpenſterhaften Ausſehen, der ihnen durch ſeine Entſchloſſenheit den Vorſprung abgewonnen und ſie ſo zu ſagen an die Wand gedrückt hatte, daß ihnen nichts übrig blieb als ihre Pläne entweder aufzugeben oder wenigſtens zu vertagen, oder Alles auf eine letzte Karte zu ſetzen. Für Cäſar, der ſich noch nicht ſo tief eingelaſſen hatte, um nicht jeden Augenblick ſtillſtehen zu können, handelte es ſich zunächſt darum, ob er auch fernerhin ſeinen Freund Catilina wenigſtens moraliſch unter⸗ ſtützen oder ſich durch eine augenblickliche Entfernung aus Rom von jeder weitern Action zurückziehen ſollte. Indem er ſich anſchickte, Sagane aufzuſuchen, hörte er, wie vom Forum her Jubelgeſchrei ertönte, ſah er, wie die an das Forum grenzenden Straßen plötzlich in blendendes Licht getaucht erſchienen. Er hatte ſeine Freunde und Clienten bereits ent⸗ laſſen und ſchlug ohne jede Begleitung von ſeiner Wohnung den Weg nach dem Forum ein, da ihn einerſeits Neugierde dahin trieb, anderſeits aber auch der kürzeſte Weg von ſeinem Hauſe nach dem teſtacäi⸗ ſchen Berge über das Forum führte. Auf dieſem angekommen, ſah er den Conſul, von Freunden, Bürgern und Wachen umgeben, den Platz quer durchſchreiten, während ihm das Volk zujauchzte und ihn den Vater des Vaterlandes nannte. Dem Conſul folgten, ebenfalls von Wachen um⸗ geben, die peinlichen Richter, die Triumviri capitales, unter welchen die Stadtdiener, Gefängnißhüter und Nachrichter ſtanden. Da, wo der Menſchenknäul, der den Zug begleitete, am dichteſten war, wo ſich die Wachen auf das engſte an einander ſchloſſen, erblickte man des Lentulus und Cethegus blaſſe Geſichter. Die beiden Patricier, welche noch vor wenigen Stunden als freie Männer in die Senatsſitung ge⸗ kommen waren, wankten jetzt als Gefangene, mit der rechten Hand an die linke eines Wächters angeſchmie⸗ det, dem Gefängniſſe zu. Denn dieſem unheimlichen Orte bewegte ſich der Zug zu, und kaum war er bei demſelben angelangt, als ſich eine tiefe Stille über den ungeheuern Platz lagerte, der in grellem Lichte glänzte. Einige Minuten dauerte dieſe Stille; aller Augen waren auf die Pforte gerichtet, die zu dem öffentlichen Kerker führte, in welchen Cicero zugleich mit den Verurtheilten eingetreten war, während ſein Gefolge draußen ſeine Rückkehr erwartete. Jetzt öffnete ſich dieſe Pforte, die ſich früher hinter pitiles et nd gleitete engſe us und venigen ng e⸗ nit det ſchmie⸗ ich der Plo Augen tlichen it den gefolge 145 dem Conſul geſchloſſen hatte, ein Murmeln der Er⸗ wartung ging durch die Menge, tauſend Hälſe ſtreckten ſich, um den Augen zu freierer Ueberſchau zu ver⸗ helfen, die Spannung theilte ſich ſo zu ſagen den Zehen⸗ ſpitzen mit, auf welche ſich die Neugierigen ſtellten, um den Conſul zu ſehen, der nun mit durchdringender Stimme ausrief: „Sie haben gelebt!“ Cäſar hörte, als er tief erſchüttert durch das, was er ſo eben vernommen, das Forum verließ, die fana⸗ tiſchen Zuſtimmungsrufe der Anhänger Cicero's, die ſich geberdeten, als ob der Conſul Rom vom Ver⸗ derben gerettet hätte, indem er gegen Geſetz und Recht römiſche Bürger ohne Proceß hinrichten ließ. Kaum minder aufgeregt, als er es betreten hatte, verließ Cäſar nach einer Stunde das Haus am teſta⸗ lant äiſchen Berge. Eine große Zukunft, allerdings durch eine augen⸗ blickliche Gefahr getrübt und in Frage geſtellt, war ihm daſelbſt geweiſſagt worden, und auf ſeine dringende Bitte, ihm nähere Andeutungen über die Geſtaltung dieſer Zukunft zu geben, hatte man ihm Pompeja's Bild gezeigt. Doch nein, das war nicht Pompeja's Bild, das war Pompeja ſelbſt! Pompeja, wie ſie lebte, wie er Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. III. 10 146 ſie oft auf dem Ruhebette hingegoſſen geſehen, ein Buch in der Hand, und ſie hatte das ſchöne, feurige Auge auf ihn gerichtet, als ob ſie ihm das Geſtändniß ſeiner Liebe aus dem Herzen ziehen wollte. Cäſar hatte erwartet, daß ihm eines Verſtorbenen Mund die Zukunft künden würde, und das Leben hatte ihm unerwartet einen lieblichen Dolmetſcher ge⸗ ſchickt, der ihm die Zukunft deuten ſollte. Aber wie war die herrliche Erſcheinung zu deuten, die ihm die Kunſt Sagane's flüchtig vor das Auge gezaubert, um ſie in der nächſten Sekunde wie ein Nebelbild zerrinnen zu laſſen? Lag in der Erſcheinung eine Aufforderung, ſich an Pompejus anzulehnen und im Vereine mit dieſem, an deſſen Entfernung von Rom er früher gearbeitet, um dieſelbe als Stufe zur eigenen Erhöhung zu benutzen, die große Zukunft anzuſtreben, die ihm Oropos in Ausſicht geſtellt? Was konnte ſonſt darin liegen? Wenn er ein freier Mann geweſen wäre, ſo hätte er gedacht, das Schickſal wolle ihm, indem es ihm das Luftbild Pompeja's vorgeſpiegelt, den Wink 1 geben, in einer innigen Verbindung mit Pompeja den Schlüſſel zu ſuchen, der ihm die Pforte des Glücks ſehen, ein ſe, feurige eſtändriß rſtorbenen Leben etſcher ge⸗ Abet wie ie ihn die ubert, um zerrinnen , ſich n ieſem, an ritet, un benuben ſo hitt e ihn en Vint 1 pomej e luts 147 So aber war er an Cornelia gebunden, an Cornelia, um die er ſich wochenlang nicht gekümmert hatte. Seit er die Kränkelnde nach Antium gebracht, hatte er nichts von ihr gehört, und faſt beſchlichen ihn jetzt Selbſtvorwürfe darüber, als er vom teſtacäiſchen Berge nach ſeinem Palaſte ging. Ein Brief Cornelia's erwartete ihn daheim, ein Eilbote hatte ihn vor einer Stunde gebracht. Zögernd erbrach ihn Cäſar. Er fürchtete die Vorwürfe, die er ſich ſelbſt im Stillen machte, zu leidenſchaftlichen Anklagen formulirt zu ſehen. Er fühlte ſich daher auf das angenehmſte ent⸗ täuſcht, als er Folgendes las: „Komme nach Antium, Cäſar, wenn und ſobald es Dir Deine Geſchäfte erlauben. Aber zögere nicht zu lange. Cornelia.“ Der Brief kam in ſeiner milden Faſſung Cäſar ſehr gelegen. Er hatte doch nun eine äußere Veranlaſſung, Rom zu verlaſſen. Seine Gemahlin rief ihn und der Ruf war in eine Form gekleidet, die es ihm erlaubte, den Brief unſer ſeinen Freunden circuliren zu laſſen. 10* Der Zufall, der ihm gerade im rechten Augenblicke einen plauſiblen Vorwand, aus Rom zu verſchwinden, an die Hand gegeben, verſetzte ihn in heitere Laune und er trat gutgeſtimmt am frühen Morgen die Reiſe nach Antium an. enblicke winden, Laune ie Reiſe Sechzehntes Kapitel. Auf der Appiſchen Straße. Cäſar war noch nicht weit gekommen, als ſich das aus dem Sklavenkrieg ſiegreich zurückkehrende Heer des Craſſus allerorten längs der Appiſchen Straße wahrnehmbar machte. Nicht nur, daß die zumeiſt von Freigelaſſenen ge⸗ haltenen Schenken und Herbergen von Soldaten ſtrotzten, ſo lagerten dieſe auch unter Zelten zu beiden Seiten der Straße und ihre Führer unterhandelten, mitunter auf ihrem Gepäck oder auf improviſirten Feldbetten unter freiem Himmel ſitzend, mit den Behörden der nächſtgelegenen Stadt wegen eines ihrem Stande an⸗ gemeſſenen Unterkommens. In den Schenkzimmern trieben ſich Pferdeknechte und Maulthiertreiber mitunter in benebeltem Zuſtande 3¹1 1 150 umher und verſcheuchten die gewöhnlichen Reiſenden durch den wüſten Lärm, den ſie machten, von den mit Büſcheln der Rohrblüte ſtatt mit Federn geſtopften Polſtern der Ruhebetten. Seufzend gaben die Wirthsleute her, was man im barſchen Commandoton von ihnen verlangte, und dachten an die ſchönen Zeiten, wo ſie es ſtatt mit ungeſchlach⸗ ten Kriegsleuten mit vornehmen Vergnügungsreiſenden zu thun gehabt, welche ſich auf dem Wege nach dem Bade Bajä durch das lockende Wirthshausſchild, auf welchem geſchrieben ſtand:„Wer einkehrt, wird ſpäter beſſer daran ſein; Fremder, ſiehe zu, wo Du bleibſt“, zu flüchtiger Einkehr hatten verleiten laſſen. Auch die Zöllner ſahen mißmuthig darein; ihr Privilegium, das Gepäck der Reiſenden zu durchwüh⸗ len, litt auf die Habe der Soldaten keine Anwendung und dieſe lachten ihnen ins Geſicht, wenn ſie mit ihren beutegefüllten Bündeln die Zollſchranken paſſirten. In einer Hinſicht aber war der harmloſe Reiſende, der in den Soldatentrubel unverſehens hineingerieth, beſſer als ſonſt daran: er war ſicher, daß ihn keine Räuber anfielen. Freilich pfuſchten die Soldaten ſelbſt den Räubern ins Handwerk, indem ſie den Landleuten ungeſcheut eiſenden den nit ſtopften nan im dachten eſchlch⸗ eiſenden ſch den ild, auf nird zu, wo erleiten in; iht rchwüh⸗ vendung it ihren en. eiſende⸗ gerieth keine ſiuben geſheu — 151 die Viehheerden wegtrieben, um ſich an dem erbeuteten Fleiſch gütlich zu thun. Den Reiſenden aber ließen ſie ungeſchoren, und ſo⸗ lange die Armee längs der Straße campirte, kam es nicht vor, daß Räuber des abſchreckenden Beiſpiels wegen längs derſelben aufgehangen werden mußten. Aber darum kamen die Galgen und Kreuze längs der Appiſchen Straße nicht außer Uebung. Im Gegentheil, dieſe Straße hatte ſolcher unheim⸗ lichen Werkzeuge ſeit zehn Jahren nicht ſo viel ge⸗ ſehen wie gerade in den letzten Tagen. Das Würgen und Morden war auf der Appiſchen Straße an der Tagesordnung. Kreuz reihte ſich an Kreuz, denn die Soldaten machten kurzen Proceß und hingen alle Gefangenen. Wenn ſie nicht alle Sklaven, die ſie mit den Waffen in der Hand gefangen genommen hatten, an einem Tage ans Kreuz nagelten, ſo war nicht menſchliches Erbarmen daran ſchuld, ſondern der Mangel an Kreuzen. Craſſus hatte nämlich geſchworen, daß er die Appiſche Straße bis Rom hinauf mit Kreuzen ein⸗ ſäumen wolle, und darum durfte keiner der an das Marterholz Genagelten von demſelben herabgenommen werden. 152 Die Hinrichtungen häuften ſich in dem Maße, als Kreuze disponibel wurden, die man von nah und fern herbeibrachte, hunderte unmittelbar an Ort und Stelle aus ungehobeltem Holze improviſirend. Je mehr ſich Cäſar Antium näherte, deſto mehr ſah er ſich von Würgern und Leuten, die unter den Händen dieſer Würger den letzten Seufzer aushauchten, umgeben. Die Meilenzeiger wurden durch Dutzende von Kreuzen auseinander gehalten, die gleichſam ebenſo viele Minuten⸗ zeiger zwiſchen den Stundenzeigern waren. Plötzlich ſah er ſich von Soldaten umgeben, die ihm zujubelten; er erkannte in den bärtigen Männern, die ihn anhielten, um ihm zuzujauchzen, Kriegsgefährten aus alten Tagen. Als er als vierzehnjähriger Knabe ſeinen erſten Feldzug gemacht, hatte er der Legion angehört, auf die er hier ſtieß. Mit ihr hatte er Mytilene erobert, vor deſſen Thoren er aus den Händen des Kriegstribuns Thernus die Bürgerkrone entgegengenommen hatte. „Wir freuen uns, Dich zu ſehen, Cäſar!“ ſagte ein alter Soldat, der den Dolmetſcher ſeiner Kameraden machte.„Wir haben erſt vor wenigen Stunden Deiner lebhaft gedacht!“ ße, als d fern Stelle mehr er den uchten, treuzen inuten⸗ n, die innern ührten erſten uf die deſen emus ſe ein eraden Deinel ——TÜ̃Ü 153 „Bei welcher Gelegenheit?“ erkundigte ſich Cäſar neugierig. „Als wir eben einen der Gefangenen aufknüpfen wollten.“ „Das iſt ſpaßhaft“ lachte Cäſar.„Wollt Ihr mir nicht den Zuſammenhang näher erklären, der zwiſchen mir und dem Aufzuhängenden beſtand?“ „O, der Aufzuknüpfende war kein gewöhnlicher Fechter“ lautete die Antwort.„Er war einer der Unterbefehlshaber des Spartacus und hat uns als ſolcher viel zu ſchaffen gemacht. Man hieß ihn nur den Kappadocier.“ „Den Kappadocier?“ wiederholte Cäſar lebhaft. „Ihr habt den Kappadocier ans Kreuz genagelt?“ „Wir hätten ihn bald daran genagelt, wenn er nicht einen Ring am Finger gehabt hätte, den wir als den Deinen kannten.“ „Der Kappadocier trägt meinen Ring?“ verwunderte ſich Cäſar. „Den Ring mit dem Bilde der bewaffneten Venus“, entgegneten mehrere Soldaten gleichzeitig.„Wir haben ihn oft genug bei Dir geſehen, um ihn auf den erſten Blick wiederzuerkennen.“ Cäſar konnte nicht begreifen, wie der Ring, den er dem Cilicier gegeben, welchem er auf dem Schiffe ————————— 154 des Kappadociers Myrſa abgekauft hatte, in den Beſitz des Kappadociers gekommen ſei. „Der Kappadocier lebt alſo noch?“ fragte er leb⸗ haft. „Als wir den Ring bei ihm erblickten, ließen wir ihn für den Augenblick leben; wir wollten Dich über ſein Schickſal entſcheiden laſſen, da wir dachten, daß Du an ihm ein Intereſſe haben mußt, wenn Du ihm Deinen Ring geſchenkt haſt.“ „Ich danke Euch, meine Freunde!“ ſagte Cäſar in herzlichem Ton und reichte den Nächſtſtehenden die Hand.„Bringt mir den Kappadocier!“ In wenigen Minuten war dieſer zur Stelle, und als er ſah, um was es ſich handle, blitzte es wie hämiſche Schadenfreude in ſeinen Augen. Er hatte Cäſar auf den erſten Blick erkannt und anſtatt, wie er dies ſonſt wohl in den Tagen ſeiner Gefangenſchaft bei Cäſar's Anblick gethan, vor Wuth mit den Zähnen zu knirſchen, hielt er ihn mit einem eigenthümlichen Blick, der ſich faſt wie ein ſelbſtgefälli⸗ ges Lächeln anſah, feſt. „Ich habe oft bedauert, den Bitten Urbilia's nach⸗ gegeben und Dich begnadigt zu haben“, ſprach Cäſar den Kappadocier gelaſſen an.„Du haſt den Römern großen Schaden zugefügt.“ en Beſit er leb⸗ ßen wir ich übet en, doß Du ihn Füſat in den die lle, und es wie nnt und n ſeiner Pith it einen ſgefll⸗ nch 6 iſar Rönen 155 „Es freut mich, wenn Du das einſiehſt“, ſagte der Kappadocier trotzig. „Selbſt der Ring, den Du am Finger trägſt, pre⸗ digt Deinen Römerhaß“ fuhr Cäſar fort und ſtellte ſich an, als ob er den Ring zufällig bemerkt hätte. „Es iſt ein römiſcher Ring, ich erkenne ihn; welchem Gefangenen oder Gefallenen haſt Du ihn abgenommen? Sprich, kannteſt Du den Mann, dem Du den Ring vom Finger zogſt?“ Der Kappadocier ſchwieg einen Augenblick, als dächte er über die Antwort nach, die er dem verhaßten Feind geben wollte. Plötzlich mochte ihm einleuchten, daß die Wahrheit in dieſem Fall für Cäſar die bitterſte Antwort ſein dürfte, und er ſagte, den letztern mit einem höhniſchen Blick feſthaltend: „Den Ring trug kein Römer. Den Ring trug der Eilicier, der auf meinem Schiffe gedient und Dir ge⸗ holfen hat, mich wehrlos zu machen und zu über⸗ rumpeln.“ „Der Cilicier, der Myrſa freien wollte, ohne zu ahnen, daß ſie die Tochter des Königs von Bythinien ſei?“ fragte Cäſar, den Unbefangenen ſpielend. „Derſelbe“ entgegnete der Kappadocier finſter ſetzte aber alsbald mit jenem hämiſchen Lächeln hinzu, das 156 während der gegenwärtigen Unterredung nur auf Augenblicke von ſeinem Antlitze wich, wenn die Er⸗ innerung an den Streich, den ihm einſt Cäſar geſpielt, bei ihm die Oberhand gewann:„Haſt Du ihm viel⸗ leicht den Ring geſchenkt, um ihn dafür zu belohnen, daß er die Königstochter und mich Dir in die Hände geſpielt? Dann wiſſe, daß ihm das Geſchenk nur ge⸗ ringen Segen gebracht und daß er ſich des Ringes nicht lange gefreut hat. Ich ſchlug ihn mit eigener Hand nieder.“ „Bei welcher Gelegenheit?“ warf Cäſar lebhaft ein. „Als er die Wittwe des Königs von Bithynien auf ihrem Zuge nach Galatien als Offizier der Leib⸗ wache begleitete“ ſagte der Kappadocier, ſich an Cäſar's Ueberraſchung weidend. „Weißt Du vielleicht, wohin die Königswittwe von Bithynien verſchwunden iſt?“ fragte Cäſar raſch, den Kappadocier, der ihn triumphirend anſah, forſchend anſtarrend. Der Kappadocier begnügte ſich mit dem Kopfe zu nicken. „Wo iſt Urbilia?“ entſtürmte es Cäſar. „Dort, wohin ich ſie gebracht habe!“ lautete die trotzige Antwort. „Du hatteſt ſie in Deiner Gewalt?“ ſtieß Cäſar, ur auf die Er⸗ geſpielt m viel⸗ elohnen, Hände nur ge⸗ Ringes eigenet haft ein ithynien er Leib⸗ Ciſurs swittwe r raſch orſcend opfe zu tete di Güſon 157 deſſen Verwunderung mit jeder Gegenrede des Kappa⸗ dociers zunahm, haſtig heraus. „Nicht blos das, ſie war eine kurze Zeit hindurch neine Gemahlin“, entgegnete der Kappadocier ſtolz; ann verſtieß ich ſie.“ „Wo iſt ſie?“ drängte Cäſar. „Das iſt mein Geheimniß! Noch ſollſt Du es nicht— erfahren.“ „Auch nicht, wenn ich Dich ans Kreuz nageln laſſe?“ „Dann erſt recht nicht!“ 1 „Kameraden“ wandte ſich Cäſar an die Soldaten, wollt Ihr mir Euren Gefangenen überlaſſen? Ich gebe . Euch eine Goldſtange für ihn! „Nimm ihn hin, auch ohne die Goldſtange, wenn Dir etwas an ihm liegt“ riefen die Soldaten. Cäſar winkte ſeine Sklaven herbei und übergab ihnen den Kappadocier. „Bewacht ihn gut“ ſagte er;„ich nehme ihn nach Antium mit.“ — „ Ein wildes Lachen verzerrte des Kappadociers Ge⸗ ſicht, als er ausrief: „Gut, Cäſar, gut! Gehen wir nach Antium!“ Siebzehntes Kapitel. In Antium. In der glänzenden Villa, welche Cornelia in An⸗ ttium bewohnt, iſt es ſtill wie in einem Grabe. In einem mit allem erdenklichen Luxus ausgeſtatte⸗ ten Gemache, deſſen auf das Meer gehende Fenſter geöffnet ſind, liegt bleich und zu einem Schatten ab⸗ gezehrt Cornelia auf einem golddurchwirkten Ruhebett. Sechs Wochen und während dieſer ſechs Wochen namenloſes Herzeleid haben Cornelia's Kränklichkeit zur Krankheit geſteigert und ſeit zwei, drei Tagen iſt Cornelia kaum mehr eine Kranke zu nennen, viel eher eine Sterbende. Und ſie weiß es, daß ſie ſterben wird, ob es ihr auch kein Arzt geſagt hat. Sie weiß es ſeit dem Tage, wo ihr Myrſa mit in An⸗ geſtatte⸗ Fenſter tten ab⸗ uhebett Wochen lichkeit agen iſ iel eher ——— 159 einem Brief ins Haus jgeſchneit kam, der wie jener, der mit Urbilia in ihre Hände gekommen war, nichts als die geheimnißvollen Worte enthielt: „Ein Freund Cäſar's ſchickt Cäſar's Gemahlin das Weib, welches Cäſar neben ihr liebt.“ Von Myrſa's Exiſtens hatte Cornelia bis dahin nichts gewußt, Urbilia hatte ſie wenigſtens gekannt. Einen ſchmerzlichen Blick nur hatte Cornelia auf den neuen, ſchönen Ankömmling geworfen, dann hatte ſie ihn mit der Hand hinausgewinkt, um wieder ihrem dumpfen, ſchmerzlichen Sinnen zu verfallen. Sie zweifelte keinen Augenblick, daß ſie zwei Ge⸗ liebte ihres Gemahls bei ſich beherberge, und ſo viel Untreue auf Seite dieſes letztern brach ihr das Herz⸗ Sie hatte jedoch keine Vorwürfe, keine Klagen für ihn, ihr Tod ſollte des Flatterhaften einzige Strafe ſein. Zuerſt wollte ſie ſterben, ohne ihn noch einmal ge⸗ ſehen zu haben. Dann, als die Todesſtunde fühlbar herannahte, kam es wie eine unnennbare Sehnſucht über ſie, ſie mußte ihn noch einmal ſehen, ſie liebte ihn ja noch immer trotz Allem, was er ihr angethan, ja vielleicht liebte ſie ihn nur um ſo mehr, weil er ihr das Herz gebrochen. Als ſie ſich klar bewußt wurde, daß es mit ihr zu Ende gehe, ſchrieb ſie ihm, daß er ſie beſuchen möge. Und als der Brief fort war, zitterte ſie, daß er den Ruf in den Wind ſchlagen oder daß ihn Geſchäfte abhalten könnten, ſofort nach Antium zu eilen. Jedes Geräuſch ließ ſie aufblicken, ließ ſie hoff⸗ nungsvoll aufathmen— vielleicht, daß er es war. Jetzt war er es wirklich. Das war ſein leichter Schritt, das war ſeine liebe Stimme; ſo hatte er das Wort Cornelia aus⸗ geſprochen in den Tagen der jungen Liebe, ſo feurig, ſo innig hatte es geklungen wie jetzt, als er es im Atrium rief. Ihr Name, mit ſeiner melodiſchen Stimme geſpro⸗ chen, wirkte ſo mächtig auf ſie, daß ſie ſich erheben wollte, um ihm entgegenzueilen, aber die Kräfte ver⸗ ſagten ihr. Und als ſie wenigſtens ſeinen Namen ſtammeln wollte, brachte ſie vor Aufregung auch nicht mehr über die Lippen als einige Tropfen Blut. Da ſickerte es nieder auf die golddurchwirkten Polſter, er aber hatte kein Auge dafür, als er eintrat. Er tänzelte leichtfüßig daher, in beſter Stimmung, wie es ſchien, und näherte ſich ihr mit den Worten: „Da bin ich, Cornelia, da bin ich! Wie freut es mich, Dich wiederzuſehen! Warum haſt Du mich nicht früher gerufen? Du weißt es, der Mann duß er eſchüfte ie hof⸗ at. t ſeine i aus⸗ feurig es in geſpto⸗ erheben te vel⸗ mneln mehr wirkten eintrat. mung, rten: reut nich Mann 161 braucht immer Lockrufe von außen, wenn er es über ſich bringen ſoll, die Laſt der Geſchäfte abzuſchütteln.“ Sie heftete ihr großes, ſchönes und noch immer glanzvolles Auge auf ihn, reichte ihm ihre kleine, weiße, magere, durchſichtige Hand und hauchte: „Ich danke Dir, mein geliebter Mann, daß Du gekommen biſt— daß Du Dich ſo ſehr beeilt haſt, zu kommen!“ „Ich wäre noch früher gekommen, wenn ich unter⸗ wegs nicht aufgehalten worden wäre!“ ſagte Cäſar. „Ich ſtieß auf den Kappadocier. Du wirſt von ihm gehört haben, und wenn ich nicht irre, erzählte ich Dir ſelbſt von dem wilden Manne, der einmal die Piraten geführt hat, dann, in meine Gefangenſchaft gerathen, in Bthynien von mir begnadigt worden iſt und der zuletzt des Spartacus Unterfeldherr war. Die Sol⸗ daten wollten ihn ans Kreuz ſchlagen, als ich zufällig dazukam und mich ſeiner bemächtigte.“ „Was gedenkſt Du mit ihm anzufangen?“ fragte Cornelia, gefällig genug, ſelbſt in dieſem Augenblick auf das einzugehen, was Cäſar ſo lebhaft zu inter⸗ eſſiren ſchien. „Ich will ihn in meine Fechterſchule bringen! Er ſoll meinen Freunden in Rom zur Kurzweil dienen! Du ſelbſt ſollſt beurtheilen, was er im Circus und im Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. III. 11 162 Amphitheater zu leiſten im Stande iſt. Und nicht zu Lande ſoll er kämpfen, ich ſpare ihn für die Seeſchlacht auf, die ich den Römern zum Beſten geben will. Ich bin neugierig, Cornelia, wie Dir das neue Schauſpiel gefallen wird! Du wirſt das Marsfeld kaum wieder erkennen, denn ich habe in der Mitte deſſelben einen See graben laſſen, auf welchem ich eine tyriſche und eine ägyptiſche Flotte gegen einander kämpfen laſſen will. Auf beiden Seiten ſollen Zwei⸗, Drei⸗ und Vierruderer gegen einander anprallen; tauſend Seeſoldaten, die ich dem Pompejus abborgen will, wenn er erſt die Pira⸗ ten beſiegt hat, ſollen die von zweitauſend Ruderern in Bewegung geſetzten Schiffe beſetzen. Fiſche und große Seethiere will ich zum Staunen des Volkes in dem künſtlichen See umherſchwimmen laſſen. Ein ſil⸗ berner Triton wird, aus dem Waſſer auftauchend, mit der Trompete das Zeichen zum Anfang des Seegefechts geben. Nach Beendigung des letztern werden Brücken über den See geſchlagen, auf welchen meine Gladiatoren fechten ſollen.“ Cornelia, welche geduldig die Schilderung der von ihrem Gemahl projectirten Feſte angehört hatte, ſagte jetzt mit einem wehmüthigen Lächeln: „Du gaukelſt mir Herrlichkeiten vor, an denen ich keinen Antheil mehr nehmen werde. Siehſt Du denn —— nicht zu eeſchlacht vil. Ih iupi n wieder einen Se und eine ſen wil. ertuderer n, die ich die Pira⸗ Ruderem ſ m bolles in kin ſil end nit eegeſecht Brücken nditoren ———— der vo denen i Du denl ———— 163 nicht, geliebter Mann, wie krank ich bin und daß ich mich kaum mehr regen kann?“ Cäfar erſchrak, ergriff Cornelia's Hand, beugte ſich über ſeine Gemahlin und rief, jetzt erſt die Zerſtörung gewahrend, die ihrem ſonſt ſo lieblichen Antlitz und ihren ehemals ſo weichen und üppigen Formen auf⸗ geprägt war: „Biſt Du wirklich ernſtlich krank, Cornelia?“ „So ernſtlich“, hauchte Cornelia, ihm ſanft die Hand drückend,„aß ich eilen mußte, Dich noch ein⸗ mal zu ſehen.“ „Du ſiehſt zu ſchwarz, geliebte Cornelia!“ rief Cäſar.„Du wirſt wieder geneſen—“ „Nie mehr!“ fiel ihm Cornelia, traurig den Kopf ſchüttelnd, in die Rede.„Füge Dich in das Unver⸗ meidliche, wie ich mich darein ergeben habe. Die gütigen Götter meinen es immer freundlich mit uns, was ſie auch über uns beſchließen mögen. Wer weiß auch, wozu es gut iſt, daß ſie uns trennen.“ „Sprich von keiner Trennung!“ verſuchte Cäſar noch immer die düſtere Wirklichkeit, die in den Worten Cornelia's unerwartet auf ihn einſtürmte, abzuwehren. „Die Einſamkeit hat Dich traurig und tiefſinnig gemacht. Das wird anders werden, nun ich wieder da bin. Ich klage mich an, daß ich nicht früher gekommen bin.“ 11* „Ich mache Dir deswegen keine Vorwürfe“ flüſterte Cornelia, den Gemahl mit einem zärtlichen Blicke feſt⸗ haltend.„Ich vergebe Dir, daß Du mich in der letzten Zeit ein wenig vernachläſſigt haſt. Du haſt ja früher ſo viel Liebe an mich verſchwendet, daß es nicht immer ſo bleiben konnte. Ich danke Dir, Cäſar, für alle Liebe, mit der Du mich beglückt haſt—“ Cornelia war nicht im Stande, weiter zu ſprechen. Thränen erſtickten ihre Stimme, ein Bruſtkrampf benahm ihr den Athem, ihr Antlitz wurde weiß wie Kreide und auf der Hand Cäſar's, die ſie den Lippen genähert, wurde Blut ſichtbar. „Du leideſt wirklich!“ rief Cäſar verſtört.„O ich Thor, der ich Dich in Antium wohl aufgehoben glaubte! Was iſt das für ein Arzt, der mir Deinen Zuſtand verheimlichte—“ „Klage Niemand an!“ fiel Cornelia dem Auf⸗ geregten ſanft ins Wort.„Mir hilft kein Arzt, ich habe auch keinen in das Geheimniß eingeweiht. Etwas vielleicht hätte mir helfen können— Deine liebe Nähe hätte mir das Leben vielleicht verlängert. Aber wie konnteſt Du von Deinen Geſchäften laſſen! Darum kein Wort mehr darüber!“ „Es ſoll anders werden!“ betheuerte Cäſar.„Ich weiche nicht mehr von Deiner Seite, ich werde bei flüſterte licke feſt⸗ et letzten ja frühet ht immer für ale ſprechen uſttranyf weiß wie n Lippen i Zuſtund em Auf⸗ Lu, ic t Etwes ebe Nähe Abet wie Darun dl. erde hel —,.— 1 165 Dir bleiben, mit dieſen meinen Händen werde ich Dich bei warmem Sonnenſchein an das Ufer des Meeres tragen, damit Du die wohlthuende Seeluft, in der Geneſung liegt, mit vollen Zügen ſchlürfen kannſt; dann reiſen wir nach Aegypten.“ „Für mich gibt es nur noch eine Reiſe, geliebter Mann“,„murmelte Cornelia.„Deine Worte gefallen mir, ſie ſcheinen mir ein liebliches Flötenſpiel, das auf Augenblicke die Sinne beſtrickt, aber der nächſte Augen⸗ blick ſchon bringt Klarheit und tödtet alle Poeſie, alle Hoffnung. Glaube mir, daß ich Dich nicht von Rom hierher beſchieden hätte, wenn ich nicht den Tod im Herzen trüge. Ich fühle ſeines Athems Wehen und bin auf ſeine Umarmung vorbereitet. Wenn ich aber erſt dahin bin, dann wirſt Du ſehen, wie ſehr ich Dich geliebt habe.“ „Habe ich je an Deiner Liebe gezweifelt?“ fragte Cäſar. „Du hätteſt mich bald an der Deinen zweifeln laſſen“, entgegnete Cornelia.„Aber wie Du ſiehſt, habe ich die Eiferſucht, die mich bald umſtrickt hätte, überwunden und zeige Dir im Sterben ein freund⸗ liches Geſicht. Ja, auch Deine Untreue vergebe ich Dir, geliebter Mann; ich will glauben, daß, wenn Deinen Augen auch zuweilen andere Frauen gefielen, Du mich doch immer im Herzen trugſt.“ 166 Die letzten Worte waren mit einer rührenden Weichheit geſprochen worden, die tiefen Eindruck auf Cäſar machte. „Meine geliebte Cornelia könnte wirklich im Ernſt glauben, daß ich ihr untreu geweſen?“ Cornelia zuckte auf ihrem Lager in die Höhe; in⸗ dem ſie ſich gewaltſam aufrichtete, auf ihren Arm ſtützte und Cäſar ſtarr anſah, wich der ſanfte Ausdruck von ihrem Geſichte und ihre Züge kleideten ſich in Herbheit. Cäſar's heuchleriſche Rede ſchien ſie verletzt zu haben; mit einer heftigen Geberde griff ſie unter ihr Kopfpolſter, nahm die dort verborgen gehaltene Pa⸗ pyrusrolle hervor, die zerknittert war und das Aus⸗ ſehen eines Briefes hatte, und reichte dieſelbe Cäſar, ohne ein Wort zu ſprechen. Sie ſah ihn unverwandt an, während er die wenigen Worte, die der Brief enthielt, las, ohne eine Miene zu verziehen. „Wo iſt das Weib, von dem der Brief ſpricht?“ fragte Cäſar, von dem Papiere mit möglichſter Unbe⸗ fangenheit aufſchauend. „Hier!“ rief Cornelia aus gepreßter Bruſt. „Wie heißt ſie?“ rief Cäſar raſch. „Urbilia!“ ührenden ruck auf im Ernſt öhe in⸗ en Am Asdruc ſich in rlett ju unter ihr tene P⸗ as Aus⸗ e Cüſur, 6 die hne eine puct et Unbe⸗ 1 1 167 Cäſar entfärbte ſich. Darauf war er nicht gefaßt geweſen. „Deine plötzliche Bläſſe iſt zum Ankläger wider Dich geworden!“ murmelte Cornelia.„Leugne noch, wenn Du kannſt.“ Cäſar hatte ſich raſch gefaßt und durchſchaute ſo⸗ fort den Zuſammenhang. Den Streich hatte ihm kein Anderer als der Kap⸗ padocier geſpielt. Deſſen Weigerung, ihm den Aufemhaltsort Urbilia's bekannt zu geben, wurde ihm mit einem Male klar. Es war kein Zweifel, der Rachſüchtige hatte die von ihm entführte Urbilia, nachdem er ſie gezwungen, ſich mit ihm zu vermählen, an Cornelia geſchickt, um dieſe zum Haſſe gegen ihren Gemahl anzuregen. Ohne ein Wort zu ſagen, verließ Cäſar das Gemach. Als er nach einigen Augenblicken zurückkam, fragte ihn Cornelia: „Wo warſt Du?“ „Ich habe meinen Sklaven der für Dich kein Intereſſe hat. Cornelia?“ Cornelia ſah den Frager lange an, und je länger ihre Augen auf ſeinen Zügen weilten, deſto mehr büßten die ihrigen an Herbheit ein, und ſie rief einen Auftrag gegeben, Zürnſt Du mir noch, 2 — — J 3 S 3 3 endlich in weichem Tone, Cäſar ihre Hand entgegen⸗ ſtreckend: „Geſtehſt Du, geliebter Mann, daß Du doch treulos an mir gehandelt?“ „Herz und Seele waren immer Dein, Cornelia!“ flüſterte Cäſar ausweichend, indem er ihr zulächelte. „Ich habe Dir ja ſchon geſagt, daß ich Dir ſterbend Alles verzeihe!“ rief Cornelia mit ausbrechendem Ge⸗ fühle, den Geliebten an ſich ziehend und mit beiden Armen umſpannend. Cäſar beugte ſich gerührt über ſeine Gemahlin, bei welcher der leidenſchaftlichen Erregung mittlerweile wieder eine ſolche Ermattung gefolgt war, daß ſie die Arme, die Cäſar einige Augenblicke hindurch feſtgehal⸗ ten hatten, erſchöpft auf das Lager niedergleiten ließ. In dieſem Augenblick wurde an der Thür ein Ge⸗ räuſch hörbar. Cäſar wandte ſich mit einer raſchen Geberde dem Eingange zu, wo der Vorhang von außen zurück⸗ geſchoben und in der hierdurch entſtandenen Oeffnung Urbilia's Antlitz ſichtbar geworden war. Auch Cornelia hatte ihr Auge auf die Thür ge⸗ heftet und der Unmuth über die unerwartete Störung wich einem ſanften Lächeln, als ſie Urbilia erkannte. Sie griff nach der Hand des Gemahls, in deſſen entgegen⸗ h eulos ornelia!“ chelte. ſterbend den Ge⸗ it beiden hlin, bei tlerweile ß ſie die eſgeh ten ließ ein Ge⸗ de dem ffnung hir g⸗ Störun annte⸗ n deſſel — ů¼— — 169 Zügen ſich eine lebhafte Verlegenheit ausdrückte, und ſagte, ihm in die Augen ſehend, die er eben erſt von der ihm ſo unerwartet erſchienenen Urbilia ab⸗ gewendet hatte und unſicher im Gemache umherſchwei⸗ fen ließ: „Das iſt ein eigenthümlicher Zufall, Cäſar; Urbilia kommt wie gerufen. Was mag ſie wollen? Frage ſie, Du wirſt Dich ja ohnehin bald eingehender mit ihr und ihrer Zukunft beſchäftigen müſſen. Ich wollte ſie eben Deinem Schutz empfehlen, denn mit mir, die ich ihr meinen Schutz bis heute angedeihen ließ, geht es raſch zu Ende. Du aber wirſt nicht vergeſſen, daß ſie Dir einmal, als Du arm und hülflos die ſabiner Berge durchzogſt, diente. Auch ich habe die Dienſte, die ſie Dir erwies, im Gedächtniß behalten, geliebter Mann, und ſie hätte mir noch weher thun können, als ſie mir ohnehin ſchon that, oder beſſer, als Du mir durch ſie wehe thateſt, ich hätte ſie doch nicht fallen laſſen. Du aber wirſt ſicherlich nicht weniger mild gegen ſie ſein, denn ſie liebte Dich ja.“ Urbilia ſchnitten die Worte, welche Cäſar's ſterbende Gemahlin mehr hinhauchte als ſprach, ins Herz und ſie ſtürzte ſchluchzend zu Cornelia's Lager, um ſich vor demſelben niederzuwerfen und ihr Antlitz in den Kiſſen zu verbergen, die Cornelia's zartem und jetzt 170 leider zur Hinfälligkeit verurtheiltem Körper zur Stütze dienten. „Steh auf, Urbilia“, flüſterte Cornelia,„ſteh auf, ich zürne Dir nicht. Ich habe ihm verziehen, wie ſollte ich Dir grollen, die Du doch nur ſein Opfer warſt! Was konnteſt Du dafür, daß er ſo liebenswerth war! Ich hätte ihn weniger lieben müſſen, als ich ihn in Wirklichkeit liebte, wenn ich diejenigen verurtheilen wollte, die ihn auch ſchön und verführeriſch fanden! Steh auf, Urbilia, und ſage mir, was Dich ungerufen zu mir geführt hat. Wußteſt Du, daß er da war? Kamſt Du, von der Liebe getrieben, ihn zu ſehen?“ „Nein, nein!“ rief Urbilia.„Denke nicht ſo ſchlimm von mir, edle Cornelia! Wie kannſt Du glauben, daß ich ihn noch lieben könnte, nachdem ich geſehen, welches Elend er über Dich gebracht hat! Was mich zu Dir trieb, Cornelia, iſt etwas Entſetzliches. Wenn Du Dich von Deinem Lager erheben und zum Fenſter hinaus⸗ ſehen könnteſt, würdeſt Du die Entdeckung machen, daß man angeſichts Deines Landhauſes Vorbereitungen zu einer Hinrichtung trifft; man richtet ein Kreuz auf und hat einen Mann herbeigeſchleppt, den man ohne Zweifel an dies Kreuz nageln will, einen Mann, den ich nicht ohne Bewegung anſehen kann, weil er ver⸗ hängnißvoll auch in mein Schickſal eingriff. Aber ſo r Stütze ſeh auf ie ſollte warſt! th war! ihn in urtheilen funden! ngerufen a wat? en ſchlimm ben daß welches zu Dir du Dich hinaus⸗ hen, daß ngen ſu z auf n ohn nn, den er vel⸗ ber ſo —— ————— — 171 gewaltthätig er auch gegen mich handelte, ſo mag ich ihn doch nicht ſterben ſehen, nicht durch Cäſar ſterben ſehen, der nach Allem, was zwiſchen ihm und dem Kappadocier vorgegangen, am wenigſten berufen iſt, ſein Richter zu ſein.“ „Geſchieht es auf Deinen Befehl, Cäſar, daß in dieſer Stunde Jemand ſtirbt?“ fragte Cornelia raſch. „Urbilia ſpricht von einem Kappadocier; ich erinnere mich, daß auch Du mir kurz nach Deinem Erſcheinen bei mir von einem Kappadocier erzählteſt, den die Soldaten ans Kreuz ſchlagen wollten. Sind die Beiden eine Perſon?“ Cäſar bejahte ſtumm. „Sagteſt Du vorhin nicht, daß Du den Kappadocier in eine Fechterſchule thun wollteſt? Warum wilſſt Du ihn jetzt kreuzigen laſſen? Geſtehe, Du haſt mich vorhin, kurz zuvor, ehe Urbilia eintrat, nur darum ver⸗ laſſen, um draußen den Befehl zu geben, daß man den Kappadocier, deſſen Leben Du urſprünglich ſchonen wollteſt, hinrichte.“ „Du haſt das Richtige errathen“ ſagte Cäſar.„Ich habe befohlen, den Kappadocier ans Kreuz zu ſchlagen. Er ſoll es büßen, daß er die Frechheit hatte, ſein Müthchen an Cäſar kühlen zu wollen, indem er Dir Urbilia in die Hände ſpielte.“ 172 „Du hältſt ihn alſo für den Schreiber des Briefes, der mit Urbilia kam?“ warf Cornelia lebhaft dazwiſchen. „Er wollte ſich an mir rächen, indem er den Frieden meiner Ehe ſtörte“, bejahte Cäſar in herbem Ton. „Urtheile ſelbſt, geliebter Mann, ob ihm das ge⸗ lungen iſt“ flüſterte Cornelia, indem ſie einen ſchmelzenden Blick auf Cäſar richtete und deſſen Hand ſanft drückte. „Er konnte nicht ahnen, daß in Deinem Herzen ſo namenloſe Güte wohne“, erwiderte Cäſar unwillkürlich gerührt mit bewegter Stimme und ſpendete ſeiner Ge⸗ mahlin einen ſo liebevollen Blick, daß ſie entzückt ausrief: „Mit dieſem Blick haſt Du alle Deine Fehler aus⸗ gelöſcht, geliebter Mann. O daß Du mich öfter ſo liebevoll angeſehen hätteſt! Aber nein, löſche meine letzten Worte, die wie ein Vorwurf klingen könnten, aus Deinem Gedächtniß! Wenn Du dereinſt an meine Todesſtunde denkſt, ſoll Dir auch nicht ein Schatten die Erinnerung trüben. Darum ſage ich Dir noch einmal, geliebter Cäſar, daß Du mir mit allen Deinen Fehlern lieber warſt als all die tugendhaften Männer, die makellos durch das Leben ſchreiten und in ihrer Treue der Stolz ihrer Frauen ſind. Wenn ich Um⸗ ſchau halte über dieſe fleckenloſen Männer, die das Glück meiner verheiratheten Freundinnen ausmachen, ſo komme ich zu dem Schluſſe, daß ich Dich mit allen 173 Deinen kleinen Mängeln für keinen derſelben hingegeben Hrirfes, wiſhen. hätte“ den„Du beſchämſt, Du erdrückſt mich, edle Cornelia, en Ton. mit Deiner Großherzigkeit“, murmelte Cäſar in ver⸗ ds g⸗ geblichem Bemühen, ſeine Rührung niederzukämpfen. chende„Du wirſt mich auch in meiner Sterbeſtunde keine ricte Fehlbitte thun laſſen, Cäſar“ hauchte Cornelia nach 1 een ſt einer kurzen Pauſe der Erholung.„Du wirſt meine iltiri Todesſtunde nicht dadurch entheiligen, daß Du in der⸗ ₰ ner Ge⸗ ſelben eine Handlung der Rache ausführſt und einen. nf Unglücklichen, den Du in Deiner Gewalt haſt, dem ler aus⸗ Tode weihſt! Du wirſt den Kappadocier nicht hin⸗ zur ſ richten laſſen, Cäſar, ich bitte für ſein Leben.“ min Urbilia richtete einen Blick voll Dankbarkeit auf n Cäſar's Gemahlin, die in dieſem Augenblick ebenſo nneine ernſt für den Kappadocier einſchritt, wie ſie ſelbſt ſich einmal ſeiner in Nikomedia angenommen hatte. it gllen Was der Kappadocier auch gegen ſie gethan, ſie 66 konnte ihn doch nicht haſſen, denn ſie ſah in ihm den bis aufs Aeußerſte gereizten und herausgeforderten Lime Mann, der in einer ſeinem wilden Sinne entſprechen⸗ den Art Rache an dem genommen, von welchem er ſich nach i 3 ſeiner Auffaſſung beleidigt und gekränkt geſehen hatte. tie d Cäſar befand ſich in einer gewiſſen Verlegenheit. mt Er hätte mit Wolluſt zuſehen mögen, wie man den 174 Kappadocier an das Kreuz nagelte, und es widerſtand ihm doch, ſeiner Gemahlin die letzte Bitte abzuſchlagen, zu⸗ mal er eine ähnliche Bitte dereinſt Urbilia bewilligt hatte. Nachdem er eine kurze Weile mit ſich gekämpft hatte, ſagte er zögernd: „Dem Kappadocier ſei das Leben geſchenkt!“ Cornelia winkte Urbilia, welche die ſtumme Auf⸗ forderung verſtand und hinauseilte, um in Cäſar's Namen den Sklaven zu befehlen, mit der Hinrichtung des Kappadociers innezuhalten. „Das Leben und die Freiheit“, hatte mittlerweile Cornelia die Aeußerung ihres Gemahls ergänzt, indem ſie denſelben bittend anſah, ſodaß er nicht umhin konnte, in ihrem Sinne ſchrankenloſe Gnade walten zu laſſen, und ausrief: „Meinetwegen auch die Freiheit, wenn Du es wünſcheſt.“ „Ich danke Dir, geliebter Mann“, flüſterte Cornelia, indem ſie nachdachte, wie ſie den Kappadocier auch über die Zeit hinaus, wo ſie noch die Augen offen hatte, vor Cäſar's Rache ſichern könnte. Sie mußte ſich ſagen, daß ihm nichts Gutes bevorſtehe, wenn er über ihren Tod hinaus in Cäſar's Machtſphäre bliebe. Darum bemerkte ſie: „Wenn es Dir Ernſt damit iſt, dem Kappadocier derſtund agen ſl⸗ gt htte ekimyf 1 me Auf⸗ richtung lerweile t indem unhin alten zu Du es ornelin er auch moffen mußte venn e bliebe padoc 175 Leben und Freiheit zu ſchenken, ſo mußt Du ihm auch die Mittel gewähren, Italien verlaſſen zu können. Denn ihn mit dem nackten Leben beſchenkt einfach auf der Heerſtraße ausſetzen, die von Soldaten wimmelt, heißt ſo viel, als ihn mit Willen tauſend Fährlichkeiten preisgeben. Du ſagteſt vorhin, er ſei des Spartacus Unterfeldherr geweſen, die Soldaten werden ihn alſo gewiß erkennen, wo er ſich immer zeigen mag, und er wird dem Kreuz nicht entgehen. Sollen ihm Leben und Freiheit, die Du ihm großmüthig geſchenkt, von Nutzen ſein, ſo mußt Du noch ein Uebriges thun und ihm ein Fahrzeug ſchenken, damit er den Soldaten aus dem Wege gehen und ſich ohne Gefahr dahin be⸗ geben kann, wohin er will.“ „Ich habe ihm ſchon einmal das Meer geöffnet und wie hat er mir's gelohnt!“ murmelte Cäſar unmuthig. „Was kann er Dir jetzt noch ſchaden?“ entkräftete Cornelia den Einwurf.„Gib ihm eine Deiner Barken und laß ihn ſegeln, wohin er will.“ „Was bin ich Dir gegenüber doch für ein ſchwacher Mann!“ fügte ſich Cäſar mit erzwungenem Lächeln. Eine halbe Stunde ſpäter ſchwankte die Barke, in welche die Sklaven Cäſar's auf das Geheiß dieſes letztern den Kappadocier gebracht hatten, über die Meereswogen hin. Cäſar aber blieb bei ſeiner Gemahlin, bis ſich deren Auge für immer ſchloß. Als Cornelia ihre Kräfte vollends ſchwinden fühlte, erfaßte ſie noch einmal die Hand ihres Gemahls und ſagte: „Wenn ich todt bin, wirſt Du noch ein Weſen in Antium entdecken, an dem ich Gaſtfreundſchaft geübt habe. Dieſelbe geheimnißvolle Hand, welche mir Urbilia zugeführt, legte auch dieſes zweite Geſchöpf in meine Hände, mir andeutend, daß Dir daſſelbe dereinſt nahe geſtanden, ſo nahe wie Urbilia. Du wirſt auch die unglückliche Myrſa nicht fallen laſſen, Cäſar, nicht wahr?“ Cäſar hatte keine Zeit zu weitern Fragen, denn Cornelia haſtete nun dem Tode zu, aber ein tiefes Bedauern beſchlich ihn, daß er den Bitten Cornelia's nachgegeben und ſich aller Gewalt über den Kappa⸗ docier entſchlagen habe, deſſen Hand er auch hier in räthſelhafter Weiſe im Spiele ſah. bis ſich n fühlte, hls und Peſen in ft geübt Urbili Achtzehntes Kapitel. n n Gine Allianz. nſt nche auch die , nicht Vom Sterbelager ſeiner Gemahlin hinweg eilte Cäſar zu Craſſus, der ihn in einem Landhauſe auf halbem n, demn Wege zwiſchen Antium und Rom erwartete. in tieſs Die beiden Männer, zwiſchen welchen eine Art vlus Cooperation beſtanden, die bei Craſſus mehr als bei gayyr Cäſar ihren letzten Grund in einem Eiferſuchtsgefühle hi in gpgegen die ſich täglich ſteigernde Bedeutung des Pom⸗ pejus hatte, von deſſen Abweſenheit ſie gar zu gern beide Nutzen gezogen hätten, hatten es dringend nöthig, ſich zu beſprechen, da die Dinge in Rom durch das energiſche Eingreifen Cicero's in die Ereigniſſe, das allen ſo unerwartet gekommen, und durch die Flucht des Catilina eine ganz andere Wendung genommen hatten, als welche ſie in dem Augenblicke im Auge Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. III. 12 178 gehabt, wo ſie eine Art unbeſtimmten Uebereinkommens getroffen hatten, Catilina bei ſeiner projectirten Action zu unterſtützen. Nun galt es natürlich, der blitzſchnell veränderten Situation gegenüber die vortheilhafteſte Stellung ein⸗ zunehmen. Catilina war verloren, und ſeine beiden Freunde hatten mit ſich ſelbſt genug zu thun und mußten den günſtigen Wind abfangen, wenn ſie für ihren Theil ungefährdet von den hochgehenden Wogen einer Be⸗ wegung, an deren Entfeſſelung ſie ſelbſt mitgearbeitet, in den Hafen gelangen wollten. Während Cäſar zu Craſſus eilte, der ihm den Ort, an dem er mit ihm zuſammentreffen wollte, durch einen vertrauten Sendboten bekannt gegeben hatte, legte er ſich die Haltung zurecht, die er ſeinem halben Alliirten gegenüber beobachten wollte. Craſſus hatte ihm kürzlich eine Rieſenſumme ge⸗ borgt, deren Rückzahlung jetzt, wo eben die Verſchwö⸗ rung, auf deren Gelingen er wie Craſſus mit halber Zuverſicht gerechnet hatten, geſcheitert war, in weitem Felde ſtand. Cäſar's Stellung Craſſus gegenüber war alſo keine günſtige, wenn er mit leeren Händen kam, wenn er dem Verbündeten nichts zu bieten hatte. kommens n Aection ränderten ung ein⸗ Freunde ßten den en Theil iner Be⸗ arbeitet den Ort⸗ uch einen legte e Mrten unme e Vorſchö it halber in weiten keine alſo wenn e 179 Aber verſetzte ihn der Tod ſeiner Gemahlin nicht plötzlich in die glückliche Lage, Craſſus etwas bieten zu können? Cornelia war todt, wer hinderte ihn, Pompeja an ihre Stelle zu ſetzen? Freilich, Pompeja an ſich bedeutete noch nicht viel, denn waren auch Pompejus und Cäſar als gute Freunde geſchieden, ſo war es doch ungewiß, wie ſich Pompejus, war er erſt einmal zurückgekehrt, gegen den Gemahl ſeiner Nichte ſtellen würde, aber Craſſus gegen⸗ über ließ ſich aus der Verbindung mit Pompeja doch Kapital ſchlagen, wenn man es nur verſtand, mit im⸗ ponirender Zuverſicht und Sicherheit aufzutreten. Während Cäſar mit ſich zu Rathe ging, ob er mit einem feſten Entſchluß bezüglich Pompeja's an Craſſus herantreten ſollte, kam ihm der Spuk bei Sagane in den Sinn. Als ihm die Wahrſagerin das Bild des ſchönen Mädchens, für das er eine lebhafte Zuneigung empfand, vor Augen gezaubert, hatte ſeine Gemahlin noch gelebt, und es mußte ihm räthſelhaft erſcheinen, was Pom⸗ peja mit ſeiner nächſten Zukunft zu thun habe und wie ſie dazu komme, bei Cornelia's Lebzeiten in dieſe Zukunft einzugreifen. Jetzt war des Räthſels Sinn gelöſt. Das Schickſal 180 hatte ihm die nächſte Zukunft andeuten wollen, indem es Cornelia's bevorſtehenden Tod anticipirte und ſeine Augen auf jenes Weſen lenkte, das auserſehen ſei, die leere Stelle an ſeiner Seite einzunehmen, die durch den Hingang Cornelia's entſtanden. Obwohl es Cäſar liebte, über Abergläubiſche die Lauge ſeines Spottes auszugießen, ſo war er ſelbſt doch von Regungen des Aberglaubens in der Richtung nicht vollſtändig frei, daß er ſich von der dunklen An⸗ ſchauung nicht ganz losmachen konnte, daß das Schick⸗ ſal, wenn es dem Menſchen wohlwolle, ihm zuweilen in geheimnißvoller Weiſe Andeutungen über die Wege mache, die er zu wandeln habe, um den Dingen und Ereigniſſen eine für ihn vortheilhafte Geſtaltung zu geben. Cäſar glaubte aber aus ſeiner ganzen Vergangen⸗ heit die Ueberzeugung ſchöpfen zu können, daß er zu jenen Lieblingen des Schickſals gehöre, mit welchen dieſes letztere mitunter in geheimnißvoller Weiſe corre⸗ ſpondire. An die Erwägung, ob er die Lücke, die das Schickſal durch Cornelia's Tod, welcher ihm wenigſtens, der ſich ſo wenig mit ſeiner Gemahlin beſchäftigt hatte, unerwartet gekommen war, in ſeine nächſte Umgebung geriſſen, ebenſo ſchnell ausfüllen ſolle, wie er ſeiner Zeit n inden und ſeine n ſei, die durch den iſche di et ſelbſt Richtung nllen An⸗ s Schic⸗ zuweilen die Wege ngen und lung ſ ergangen⸗ uf er j t welchen eiſe crr⸗ Schicſel der ſch ſo nerrt geiſen iner 5 181 Cornelia mit nicht zu ſeinem Unglück ausgeſchlagener Haſt an Coſſutia's Stelle geſetzt, knüpfte ſich eine andere von ungleich größerer Tragweite. Craſſus und Pompejus waren ſeit Jahren Tod⸗ feinde. Die Ehe mit Pompeja gab ihm gleichſam ein natür⸗ liches Recht darauf, als Vermittler zwiſchen den beiden Feinden aufzutreten. Mit Pompejus verwandt, mit Craſſus befreundet, konnte er die Beiden zu verſöhnen trachten und in der Anlehnung an dieſelben ſich ſelbſt einen Rückhalt und eine Bedeutung ſchaffen, die ihm unberechenbare Vor⸗ theile bringen konnten. Craſſus zog Alles mit ſich, was in Rom ver⸗ mögend war, und neben dem Einfluß, den ihm ſein rieſiges Vermögen gewährte, konnte er auf die kräftige Unterſtützung aller rechnen, die etwas beſaßen, etwas zu verlieren hatten. Pompejus hatte den Nimbus eines großen, populären Namens und zudem ſtand die Adelspartei hinter ihm. Gelang es Cäſar, zwiſchen Pompejus und Craſſus einen Ausgleich herbeizuführen und ſich beide zu ver⸗ binden, ſo war des Craſſus Geld auch ſein Geld und des Pompejus Anſehen und ariſtokratiſcher Anhang kamen auch ihm zu ſtatten. 182 Seine Laufbahn war dann gemacht und er ſtieg auf den Schultern ſeiner zwei Bundesgenoſſen in die Höhe, deren Popularität der ſeinigen kräftigen Vorſchub leiſtete, ſie gleichſam ins Unendliche, Ungeahnte verſtärkte. Das Reſultat dieſer innerlichen Umſchau, die Cäſar auf dem Wege zu Craſſus vornahm, war, daß er gleich⸗ ſam mit einem feſten Programm vor dem letztern er⸗ ſchien, der ihn nicht ohne eine gewiſſe Verlegenheit empfing, aus dem Bewußtſein hervorgehend, zu weit auf einer Bahn vorgeſchritten zu ſein, die durch Catilina's Fiasco eine entſchieden abſchüſſige geworden war. Cäſar zerſtreute jedoch alsbald ſeine Beſorgniſſe, indem er ſagte: „Ich hoffe, Craſſus, Du wirſt es mir hoch an⸗ rechnen, daß ich Deiner Einladung ſchleunige Folge leiſtete, denn Du ſiehſt in mir einen Leidtragenden. Ich komme vom Todtenbette meiner Gemahlin Cor⸗ nelia, der ich vor wenigen Stunden die Augen zu⸗ gedrückt habe.“ Craſſus fühlte ſich durch dieſe Mittheilung inſofern erleichtert, als ſie ihm die Ueberzeugung beibrachte, daß Cäſar, wenn er am Sterbelager ſeiner Gemahlin ver⸗ weilt, nicht ſo viel Muße geblieben ſein konnte, um ſich mit ſeinem Freunde Catilina tiefer zu compromit⸗ tiren, ſeit dieſer aus Rom gewichen war. ſtieg auf die Höhe, h leiſtte, rkte. die Cäſar er gleich⸗ tztern er⸗ rlegenheit zu weit utilinas war. ſorgniſe⸗ hoch an⸗ ge Folge tugenden lin Col⸗ ugen jl⸗ inſofen chte⸗ daß hlin vel⸗ te, Un nownit — —— 183 Craſſus hatte kaum ſeinem Bedauern über die Fami⸗ lienkataſtrophe, die ſeinen Gaſt betroffen, in mehr höflicher und förmlicher als herzlicher Weiſe Ausdruck gegeben, als ihm ſchon eine zweite Ueberraſchung beſchieden war. Denn Cäſar ſagte: „Es iſt wahr, ich habe an Cornelia ein treffliches Weib verloren, aber der herbe Schlag traf mich we⸗ nigſtens nicht unvorbereitet. Die wankende Geſundheit Cornelia's ließ mich ſchon lange das Aeußerſte fürchten. War doch Cornelia ſelbſt ſeit langem ſo auf ihr Hin⸗ ſcheiden gefaßt, daß ſie mir ſogar ſchon eine zweite Gemahlin ausgeſucht hatte.“ „Du ſcherzeſt!“ warf Craſſus ein. „Der Augenblick wäre ſchlecht dazu gewählt“ ſagte Cäſar mit einem Seufzer.„Wohl ſuchte ich Cornelia, ſo oft ſie auf die Frau, die ich nach ihrem Tode nehmen müſſe, zu ſprechen kam, mit der Bemerkung abzuweiſen, daß ſie ſcherze. Aber ſie beharrte mit ſolcher Zähigkeit auf ihrer Anſicht, daß ich, wenn ſie der Tod dahin⸗ gerafft, keine Andere heimführen könne als Pom⸗ peja, daß ich ſie zuletzt gewähren ließ.“ „Sie hatte alſo offenbar errathen, daß Du der Nichte des Pompejus gewogen warſt, wie dieſe Dir gewiß gewogen geweſen wäre, wenn Du über eine freie Hand hätteſt verfügen können.“ —— —— 184 „Du irrſt, Craſſus“, wies Cäſar des Andern Ver⸗ muthung zurück.„Cornelia ließ ſich, indem ſie mir Pompeja zur zweiten Gemahlin empfahl, nur von dem Gedanken an meine Zukunft, von der Sorge um das, was ſie meine Laufbahn nannte, und von der An⸗ ſchauung leiten, daß es mein Intereſſe erfordere, mich enger mit Pompejus zu verbinden.“ Craſſus ſah den Sprecher mißtrauiſch an; ſich mit Pompejus verbinden hieß Fronte gegen ihn machen, und daß Cäſar ihm die Abſicht einer intimen Allianz mit Pompejus, wenn auch vorerſt in verblümter Weiſe, andeutete, das mußte ihn natürlich höchlich überraſchen. „Ich bin neugierig, zu vernehmen, ob Du Cornelia's Willen bezüglich der Nichte des Pompejus zur Richt⸗ ſchnur Deines Handelns machen wirſt“, dehnte Craſſus, indem er Cäſar mit Spannung anſah. „Das verſteht ſich doch wohl nahezu von ſelbſt“, ſagte dieſer unbefangen.„Ich betrachte mich bereits als Pompeja's Verlobten. Es iſt mir eine heilige Pflicht, den Willen meiner verſtorbenen Gemahlin in Ausführung zu bringen, zumal das, was ſie wollte, meiner eigenen Neigung nicht widerſtreitet.“ „Ich wünſche Dir Glück zu Deiner verwandtſchaft⸗ lichen Annäherung an Pompejus“, bemerkte Craſſus trocken. ern Ver⸗ ſie mir von dem um das, der An⸗ te, nich ſih mit nachen, Mlianz ruſchen. omelias Ficht Craſſus ſelbſt“ beteits pilg ahlin in wollte diſchft Cuufus 185 „Glaube mir, Craſſus“ rief Cäſar mit erkünſtelter Wärme,„mein Glückwunſch würde nicht ſo froſtig klingen wie der Deine, wenn ich Pompejus Glück wünſchen könnte zu Deiner Annäherung an ihn.“ „Du nimmſt unmögliche Dinge als möglich an“, warf Craſſus mit einem erzwungenen Lächeln ein. „Pompejus liegt herzlich wenig daran, ob ich mich ihm nähere. Gönnt er mir doch die geringen Erfolge nicht, welche ich meinem friedlichen patriotiſchen Streben und den Mitteln verdanke, die ich mir durch glückliche Unternehmungen erworben. Er, deſſen Glück viel eher dazu angethan wäre, Neid zu erregen, neidet mir meine kleinen, beſcheidenen Errungenſchaften, ja, ich bin über⸗ zeugt, er, der eben die Seeräuber niedergeworfen hat und jetzt, mit einer Machtvollkommenheit wie Niemand vor ihm ausgeſtattet, auf den Meeren und in Aſien Sieg auf Sieg häuft, er neidet mir auch meinen Sieg über Spartacus und gönnt mir den kriegeriſchen Lor⸗ beer nicht, den ich mir— ſelbſt meine Feinde werden mir das bezeugen— halb widerwillig errang, weil die friedlichen Beſchäftigungen von jeher meinen Neigungen mehr entſprochen haben als der Waffenlärm des Lagers.“ „Du denkſt zu niedrig von Pompejus“, verſuchte Cäſar einzuwenden. 186 „Und Du biſt vielleicht ſchon geneigt“, bemerkte Craſſus mit einer ironiſchen Zuſpitzung der Rede,„bei der Beurtheilung des Pompejus den Maßſtab verwandt⸗ ſchaftlichen Wohlwollens in Anwendung zu bringen.“ „Laß uns nicht gegen einander eifern, Craſſus“, ſagte Cäſar lächelnd.„Wie, wenn Dir Pompejus, ſo⸗ bald er erſt heimgekehrt iſt, durch ſein Entgegenkommen bewieſe, daß er Dich lieber zum Freunde als zum Feinde hätte? Sieh, Craſſus, wie ſich der mißgünſtige Senat über den dumpfen, ſchlecht verhehlten Groll freut, der zwei ſo bedeutende Männer trennt! Die Schwachköpfe ſehen es gern, wenn Ihr zwei Euch gegenſeitig ſchwächt und untergrabt; thun Sie denn nicht alles Mögliche, um die Kluft zwiſchen Euch zu erweitern und Eure gegenſeitige Eiferſucht zu ſchüren? Glaube mir, Eraſſus, dieſe Flachköpfe arbeiten Eurem Zwieſpalt nur darum in die Hände, weil ſie Eure Vereinigung fürchten, weil ſie vor der Möglichkeit zittern, daß Ihr Euch einigen, geeinigt Rom beherrſchen und dieſer Tretmühle von Republik, die ſie auszumachen und aufrecht zu erhalten glauben, einen Tritt verſetzen könntet, der ſie wackeln machte.“ Cäſar hielt einen Augenblick inne und Craſſus hatte diesmal kein Wort des Einwurfs für ihn. Dieſes Schweigen ermuthigte Cäſar und er fuhr, des bemerkte lede,„hei erwandt⸗ ringen“ Craſſus“ ejus ſo— nkommen als zum ßgünſtige en Groll nt! Die wei Euch Sie denn Euch ju ſchiren? n Euren ſie Gure tglichkei cherſchen umuhen verſeben Craſſus fuhr de 187 Andern Hand ergreifend, noch lebhafter und eindring⸗ licher fort: „Siehſt Du nicht ein, Craſſus, daß dieſe Hohlköpfe, die den Senat ausmachen, nur ſo lange etwas gelten, nur ſo lange eine gewiſſe Rolle ſpielen, als Ihr zwei Euch befehdet, und daß ſie, um ihre unbedeutende Geltung zu verlängern, womöglich zu verewigen, die Fehde unterſtützen, die Euch auseinander hält? Wirf dieſen kleinlichen Zwiſt über Bord und ein Bleigewicht fällt von Deinen Sohlen! Laß mich dem Pompejus die Botſchaft bringen, daß Du bereit ſeieſt, ſeine dar⸗ gebotene Hand zu ergreifen, und Du wirſt ſehen, wie freudig er Dir ſeine Hand über die Meere herüber⸗ reichen wird, die ihn jetzt von Dir wie von Rom trennen. Du hatteſt eben den Muth, mit Deinen Le⸗ gionen auf Rom marſchiren und daſelbſt die Bewegung unterſtützen zu wollen, die Catilina anbahnte— ein viel geringerer Muth, als ihn dieſes Wagniß erfordert hätte, von welchem Dich die Flucht Catilina's befreit hat, gehört dazu, Pompejus die Hand zu reichen, die er ſucht, Pompejus zuzurufen: Komme nach Rom zu⸗ rück, damit wir die Gewalt theilen, die uns Niemand ſtreitig machen kann, ſobald wir einig ſind! Haſt Du Dir denn nicht längſt geſagt, daß Euer Zwiſt am Ende doch nur dazu dient, Eure Gegner, Eure Neider, Eure 188 heimlichen Feinde zu vergnügen, daß Ihr ſelbſt die größten Feinde Eurer großen Pläne und Ziele ſeid, daß Ihr Euch ſelbſt an der Erreichung Eurer Wünſche hindert? Seid einig und Eure Gewalt wird unwider⸗ ſtehlich ſein! Rom iſt groß genug, um den Ehrgeiz mehr als eines Menſchen zu befriedigen. Vergeßt Euren bisherigen Groll, ſchließt einen Freundſchafts⸗ bund und, damit er feſt daure, laßt mich den Friedens⸗ ſtifter zwiſchen Euch, den Dritten in dieſem Bunde ſein. Von unſern Winken wird dann der Senat, von der verein⸗ ten Schaar unſerer Clienten und Söldner jeder Beſchluß in den Volksverſammlungen abhängen. Halte mich nicht für anmaßend, Craſſus, wenn ich, der junge und, gegen Euch gehalten, unbedeutende Mann, die Abſicht aus⸗ ſpreche, mich Euch anſchließen zu wollen. Ich bringe Euch meine Jugend und die Partei des Marius mit. Ich kann Euch nützlich werden, wenn ich erſt durch Euch feſten Fuß in Rom faſſe. Gebt mir ein Heer und Ihr werdet ſehen, daß ich es in kurzem für Euch gebrauchen werde. Von Dir aber, Craſſus, hängt es zumeiſt ab, mir zu einem großen Commando zu ver⸗ helfen.“ Die Beredtſamkeit Cäſar's verfehlte ihre Wirkung auf Craſſus nicht. Er hatte mit Bangen einer Unterredung entgegen⸗ ei e iele ſid, Viünſhe unwider⸗ Ehrgeiz Vergeßt nſchafts⸗ Friedens⸗ unde ſein. et verein⸗ Leſchluß nich nicht nd gegen ſcht aus⸗ ch bringe tius nit nſt duh ein Heer fir buch hingt e o zu ver⸗ Virkung ntege⸗ 189 geſehen, die ihm Gewißheit über den heiklen Punkt verſchaffen ſollte, ob ſich Cäſar nicht zu tief mit Cati⸗ lina eingelaſſen, um noch umkehren zu können, und ob er ſelbſt bezüglich ſeiner Betheiligung an Catilina's ehrgeizigen Entwürfen auf die unbedingte Discretion des in das ganze Getriebe der verunglückten Ver⸗ ſchwörung eingeweihten Cäſar rechnen könne. Und nun hatte er aus der Unterredung mit Cäſar nicht nur die Ueberzeugung geſchöpft, daß Cäſar trotz ſeiner Jugend und ſeines Feuers ein beſonnener Mann ſei, der die Geiſtesgegenwart und Entſchloſſenheit habe, ſich von einem Unternehmen in dem Augenblick gänz⸗ lich loszuſagen, wo er es für verfehlt halten muß, ſondern es hatte ihm dieſe Unterredung auch, indem ſie ihn über Cäſar's Discretion vollſtändig beruhigte, eine ungeahnte Fernſicht eröffnet, die immerhin ihr Verlockendes hatte. Was Cäſar vorſchlug, war nicht danach angethan, ganz von der Hand gewieſen zu werden. Wenn Pompejus einem Bündniß nicht abhold war, ſo war das, was Cäſar angedeutet hatte, immerhin mehr als einer flüchtigen Ueberlegung werth. Und dadurch, daß Cäſar durchblicken ließ, er ſei der Zuſtimmung des Pompejus zu dem von ihm an⸗ geregten Bündniſſe von vornherein ſicher, konnte er 190 ſelbſt nur in den Augen des Craſſus gewinnen, da es immerhin möglich war, daß Cäſar das Vertrauen des Pompejus bereits in ſo hohem Grade beſaß, daß dieſer ihn ſelbſt zum Vermittler auserſehen und ihm die Hand ſeiner Nichte für den Fall des Abſterbens der kränklichen Cornelia zugedacht habe. Indem ſich alſo Craſſus die Möglichkeit offen hielt, die ihm nahegelegte Verbindung mit Pompejus in weitere Erwägung zu ziehen, wollte er ſich doch ſchon im erſten Augenblick die Freundſchaft und das Bündniß Cäſar's ſichern, von dem ihm die letzte Stunde eine weit höhere Meinung beigebracht hatte, als er bis dahin von dem um ſo viel jüngeren Mann gehabt. Von der Abſicht geleitet, ſich Cäſar zu verbinden, fragte er: „Wie könnte ich Dir zu einem Commando ver⸗ helfen, Cäſar?“ „Indem Du meiner Candidatur um die Prätur kräftigen Vorſchub leiſteſt“, entgegnete Cäſar lebhaft. „Dank dem Gelde, das Du mir geborgt haſt, kann ich mich wieder in Rom ſehen laſſen, ohne von meinen Gläubigern an die Wand gedrückt zu werden! Cicero wollte mich verdächtigen, ich will von Cicero an das Volk appelliren und Roms Bürger befragen, ob ſie mich eines Attentats gegen die Republik, nda es auen des aß dieſet ihm die bens der fen hielt nweitere im erſten Cijars it höhere hin von erbinden ndo ver⸗ Prätur lebhuft kann ih meine icer icero an bjuhn ſpulli —— ——— 191 wie mich Cicero deſſen indirect beſchuldigte, für fähig halten.“ Ueber das Antlitz des Craſſus glitt ein Lächeln, als Cäſar ſo ſprach, und auch dieſer konnte eine An⸗ wandlung von Heiterkeit nur mit Mühe überwinden, als er des Craſſus Blick auf ſich geheftet ſah⸗ Den Beiden ging es wie den Augurn, die das Lachen nicht unterdrücken konnten, wenn ſie ſich an⸗ ſahen. In Catilina's Complot gegen die Republik ver⸗ wickelt, hüllten ſie ſich beide in die Maske der Un ſchuld, die ſie ſelbſt gegen einander nur auf Augen⸗ blicke lüfteten, um ſich gegenſeitig ins Geſicht zu lachen. „Die bevorſtehende Prätorwahl iſt die beſte Gelegen⸗ heit, an das Volk zu appelliren, damit es zwiſchen mir und Cicero richte“, nahm Cäſar den Faden des Ge ſprächs wieder auf.„Wenn Du mir verſprichſt, Craſſus, Deine Freunde und Deine Seſterzien, welche beide ſo zahllos ſind wie die Sterne am Himmel und wie die Fiſche im Meere, für mich ſtimmen, beziehungs⸗ weiſe rollen zu laſſen, ſo nehme ich meine weiße Toga aus dem Kaſten, um als Candidat für die erledigte Prätur von Thür zu Thür zu wallfahrten. Bin ich aber erſt Prätor, ſo kann mir ein Commando nicht fehlen und meine Sorge wird es ſein, die Sache ſo 192 zu wenden, daß ich eine Provinz zur Verwaltung be⸗ komme, in der ich mich auszeichnen, mir ein ergebenes Heer ſchulen und ſo viel Reichthümer ſammeln kann, daß ich alle meine Schulden mit einem Schlage los werde.“ Die Anſpielung auf die Schulden hatte vielleicht ihr gutes Theil daran, wenn Craſſus jetzt ſagte „Ich will nach Kräften dazu beitragen, Dir die Prätur zu verſchaffen!“ „Dank, beſter Craſſus!“ rief Cäſar erfreut.„Laſſe uns daher nicht zögern, Rom zu betreten. Du entläßt Deine Legionen und ſtrafſt ſo diejenigen Lügen, welche in Dir den geheimen Verbündeten Catilina's gewittert haben. Ich hoffe, daß auch Epidius, der in meinem Namen mit Dir unterhandelt hat und den Du als einen klugen Mann kennſt, in ſeinen Bemühungen, der Bewegung in Etrurien, wohin ich ihn von Rom aus geſchickt, Freunde und Streiter zu werben, ſofort inne⸗ halten wird, ſobald er die Wahrnehmung gemacht hat, daß nichts mehr zu erreichen und Catilina nichts weiter iſt als ein Verzweifelter, der um ſein Leben kämpft! Ich will auch hoffen, daß es Catilina ge⸗ lingt, ſich mit ſeinen Anhängern durch Etrurien nach dem ciscalpiniſchen Gallien durchzuſchlagen. Werden doch ſelbſt manche von denen, die ihn verfolgen ſollen, altung be⸗ ergebenes neln kann, chlage los vielleicht ſagte: Dir die ut.„Luſſe du entläßt en, welche geritert in meinen Du als ungen, der Rom als fort im⸗ nacht ho un nicht ſein Loben tilin ⸗ rien nch Perden gn ſollen, 193 ein Auge zudrücken, ſo wohlgeſinnt ſind ſie ihm, ſo bereit wären ſie geweſen, mit ihm gemeinſchaftliche Sache zu machen, wenn ſich die Conſtellation nicht mit einem Schlage ſeinen Entwürfen ſo ungünſtig geſtaltet hätte!“ Cäſar und Craſſus ſchieden in vollkommener Ueber⸗ einſtimmung, nachdem ſte ſich noch gegenſeitig das Wort gegeben hatten, über den Gegenſtand ihrer Unter⸗ redung das tiefſte Geheimniß zu bewahren. Selbſt wenn Pompejus dem Bündniſſe zuſtimmte, ſollte die Welt von demſelben vorläufig noch nichts erfahren. Die drei Alliirten wollten in ſtiller Uebereinſtim mung handeln, mit ihrem Zuſammengehen im Großen aber Rom erſt im geeigneten Momente, wenn es ſich um eine bedeutende Action handeln würde, überraſchen und verblüffen. Cäſar empfand keine Sorge darüber, wie Pom⸗ pejus das aufnehmen würde, was er bei Craſſus an gebahnt. Er zweifelte nicht, daß Pompejus, wenn er ihm als Gemahl ſeiner Nichte gegenübertreten und ein ſo koſtbares Angebot wie die Freundſchaft des Craſſus nahelegen würde, zugreifen werde. Er, der vor wenigen Tagen Rom in gedrückter Lucian Herbert, Bis zum Rubicon. IM. 13 194 Stimmung verlaſſen hatte, betrat es nun in der ge⸗ hobenſten wieder. Wohl ſtörten ihn die Vorbereitungen, die der Senat traf, um Catilina zu verfolgen und vollends unſchäd⸗ lich zu machen, wohl kränkte es ihn innerlich, daß er ſeinen Freund ſich ſelbſt überlaſſen mußte in der Stunde der Noth und Gefahr, aber die Selbſterhal⸗ tung verlangte es, ſich von einer verlorenen Sache zurückzuziehen und ſich von einem verlorenen Manne loszuſagen. Hatte er ſich erſt eine hervorragende Stellung in der Magiſtratur errungen, ſo konnte er leicht das Gewicht ſeiner Fürſprache für den geächteten Freund einlegen, der es, wie er noch immer hoffte, nicht auf das Aeußerſte kommen laſſen, ſondern es verſtehen würde, dem auf ſeine Verfolgung berechneten Apparate aus dem Wege zu gehen. Während die Legionen, denen die Aufgabe beſchie⸗ den war, den von Catilina vor den Thoren Roms organiſirten Aufſtand niederzuwerfen, Rom verließen, ſetzte Cäſar alle Hebel in Bewegung, Prätor zu werden. Er hatte jetzt keine Zeit, ſich um die Frauen zu kümmern, die er einſt geliebt und die er in Antium wiedergefunden. Doch mußte er ſie aus ſeinem Landhauſe entfernen, et g Senat nſchäd⸗ daß er n der terhal⸗ Sache Manne in der ewicht legen, f das würde, te aus Rons ließen, verden⸗ ten zu Untiun fernen 195 wenn er nicht ſeinen Feinden eine Handhabe geben wollte, bei der ſie ihn faſſen und ſchädigen konnten. Solange Cornelia gelebt, konnte es Niemand küm⸗ mern, wen ſie in Antium beherbergte und beſchützte. Wenn es aber jetzt ruchbar geworden wäre, daß er in ſeinem Landhauſe zwei Frauen verborgen halte, ſo konnten ſeine Feinde dieſer Thatſache leicht eine Be⸗ deutung geben, die den Erfolg ſeiner Candidatur zu beeinträchtigen vermochte. Dann mußte er auch ſchon Pompeja's wegen Alles vermeiden, was ihn in üblem Sinne in den Mund der Leute bringen konnte. Wenn er ſich um Pompeja's Hand bewarb, mußte er Alles aus dem Wege räumen, was ihn bei dieſer in ein ungünſtiges Licht hätte ſtellen können. Pompeja mochte noch ſo Nachtheiliges über ihn gehört haben, er traute ſich die Redegewalt zu, es ſie vergeſſen zu machen, ſobald er den Schein aufrecht er⸗ hielt und dafür ſorgte, daß ſie durch nichts beunruhigt würde, was in die Gegenwart hinüberſpielte. Bezüglich Urbilia's fiel noch ein Umſtand ins Gewicht. Epidius konnte in jedem Augenblicke aus Etrurien zurückkehren, und da war es nicht nothwendig, daß ihm ſein Kind unvorbereitet entgegentrat. 13* 196 Wäre aber Urbilia in Antium geblieben, ſo hätte Epidius ebenſo leicht wie Pompeja von ihrem Daſein Kunde erhalten können. Indem Cäſar überlegte, wo die beiden Frauen am beſten aufgehoben wären, bis er Muße fände, ſich mit ihrer Zukunft zu beſchäftigen und ihnen eine angenehme, ſorgenloſe Exiſtenz zu bereiten, ohne daß man dabei ſeine Hand betheiligt ſähe, fiel ihm ein, daß Sagane diejenige Perſon in Rom wäre, welche am zweckmäßigſten für ihre Unterbringung ſorgen könnte. In der Nähe ihrer Wohnung am Fuße des teſta⸗ cäiſchen Berges gab es gewiß Verſtecke, wo Niemand diejenigen ſuchen würde, die man dort in Zurück⸗ gezogenheit und Einſamkeit begrub, wobei nicht aus⸗ geſchloſſen war, daß man die Gefangenen mit allem Comfort umgab. Cäſar fand die Wahrſagerin nicht abgeneigt, ſeinen Wünſchen entgegenzukommen, und ſo wanderten eines Tages die beiden Frauen in wohlverſchloſſenen Sänften von Antium nach Rom und hier in der Richtung des Janiculus nach dem teſtacäiſchen Berge, wo ihnen Sagane ein Afyl bereit hielt. Cäſar hatte es vermieden, ſich ihnen perſönlich zu nähern, da ihm zu Auseinanderſetzungen delicater Art hätte aſein rauen ände, eine daß ein, velche orgen teſta⸗ mand üc⸗ aus⸗ allem einen eines ften 9 des ihnen 197 in einem Augenblicke, wo ihn die politiſchen Angelegen— heiten in vollſtem Maße in Anſpruch nahmen, Zeit und Stimmung fehlten. Er hatte ſich begnügt, ihnen ſchriftlich anzudeuten, daß ihn dringende Geſchäfte unmittelbar nach Cor nelia's Tode nach Rom gerufen hätten, wo er ihnen eine ſichere und angenehme Zufluchtsſtätte vermittelt habe und wo ſich Zeit und Gelegenheit finden würden, ihre Zukunft in einer Weiſe zu ordnen, mit der ſie ſicherlich zufrieden ſein würden.*) *) A. G. Meißner, der Großvater meines langjährigen Freundes Alfred Meißner, ſchilbert in ſeinem vor ſiebzig Jahren in Prag in einem Landhauſe auf dem die Stadt beherrſchenden Laurentius berge geſchriebenen vierbändigen Leben Cäſar's(as Vorwort zu dieſem Werke Meißner's trägt das Datum: Prag im Monate April 1798) die Entſtehung dieſer Tripelallianz zwiſchen Cäſar, Pompejus und Eraſſus in folgender Weiſe: „Cäſar ging an einen Plan, den er wahrſcheinlich ſchon lange zuvor entworfen hatte und den man den Meiſterſtreich ſeines ganzen Lebens nennen kann. Dieſer Plan war einfach auf den erſten Anblick, aber unüberſehbar in ſeinen Folgen, ſtärker als zehn auswärtige, ja ſelbſt mehr als alle bisherigen innern Un ruhen ins Räderwerk des innern Staatskörpers eingreifend und zuletzt ſelbſt die Form der ganzen römiſchen Republit umwandelnd. Er ſöhnte den großen Pompejus mit dem vielvermögenden Eraſſus aus. Dieſe beiden Staatshäupter hatte ein langer, bit terer und mühſam unter dem Anſtriche äußerer Mäßigung ver hehlter Zwieſpalt getrennt. Unter je glattern Verkehrswegen ſich der Unwille fortpflanzte, deſto unheilbarer erſchien er Der 198 Senat begünſtigte den Zwieſpalt, denn jeder von beiden ſchien zu groß für ſein Vaterland und nur ſo lange unſchädlich, ſolange ein Schwert das andere in der Scheide hielt. Cäſar wandte ſich mit ſeinem Verführungsverſuche wahrſcheinlich zuerſt an Craſſus. Auch Pompejus, der zäher ſchien, ſchlug endlich ein. Dieſe Ver bindung, die man in ſpätern Zeiten das Triumvirat zu benennen pflegte, ſollte dem übrigen Rom noch ein Geheimniß bleiben, doch bald kam ſie zu aller Kenntniß und Staunen ergriff den Senat, ungewiſſe Beſorgniß die Volkspartei. Die Freunde der Neuverbun⸗ denen und ihre Clienten prieſen im Tone der Begeiſterung einen Schritt, der allen bürgerlichen Zwiſten ein Ende mache. Cato allein ſchmähte laut und ohne Rückhalt dagegen. Viele ſeiner Worte glichen jenen berühmten Reden der Kaſſandra, ſie waren wichtige Vorherſagungen, die man nicht glaubte. Auch ſah Cato nicht ein oder wollte es nicht einſehen, daß er ſelbſt durch ſeine ſtörriſche, oft in Unbeugſamkeit und gewaltthätigen Trotz über gehende Tugend ein Hauptbeförderer dieſes Bundes geweſen. Cäſar ſah von dem Tage an, wo er die zwei mächtigſten Römer mit und neben ſich vereinigt hatte, eine Laufbahn vor ſich liegen, wie ſie noch vor keinem ſeiner Mitbürger ſich eröffnet hatte. Ihm war nun das Uebergewicht in jeder Senatsſitzung, ihm die Stimmenmehrheit in jeder Volksverſammlung geſichert. Alle ehemaligen Krieger und Anhänger ſeines großen, alle Schuldner und Söldner ſeines reichen Freundes waren gewiſſermaßen nun, ſo wenig ſie es im Anfange ahnten, ſeine Clienten geworden. Und derjenige, der ſo mißhellige Kräfte vereint, der ſich zwiſchen den beiden Neuverbündeten im vollſten Genuſſe und Bewußtſein eines noch jugendlichern Alters, einer noch fließendern Beredt ſamkeit und einer raſchern Geiſtesgegenwart befand, durfte dieſer ſchlaue Mittler nicht billig hoffen, mit der Zeit auch der Lenker ſeiner beiden Freunde zu werden?“ Ueber den eigentlichen Zeitpunkt, wann dieſe Tripelallianz geſchloſſen worden, ſind ſelbſt die ältern Schriftſteller nicht einig. Plutarch, Dio Caſſius und Varro, der eine Geſchichte dieſer Allianz unter dem Titel„Tricaranon“ geſchrieben, verlegen ihren ien zu olange te ſich rafſus. e Ver nennen n doch Senat, erbun⸗ einen C6at ſeiner waren 5 Cato h ſeine über eweſen. Römer liegen, hatte ihm die Ale huldner n nun, worden⸗ zwiſchen mßtſtin Beredt durfte auch der allin t einig e dieſer en ihrin 100 * eine weit frühere Zeit als z. B. Sueton. Um wie mehr darf ſich nicht ein moderne Wor in r Autor, der einen R nicht eine ſtrenge Geſchichte ſchreib 2 ge C hte ſchreibt, erlauben, die A Idee dieſes Triumvirats in ei ei eine Zeit zu verl ie i ür den Aufbau ſeiner Handlung paßt Ende des dritten Bandes. Druck von Bär K Hermann in Leipzig. Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Sleanor's Hieg. Roman von M. E. Braddon, Verfaſſerin von„Lady Audley's Geheimniß“,„Aurora Floyd“ ꝛc. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Der Schatten von Alhlydyat. Roman von Frau Henry Wood, Verfaſſerin von„Eaſt Lynne“,„Die Channings“ ꝛc. Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. Autoriſirte Ausgabe. 6 Bände. 8. Geheftet. Preis 4 Thlr. Srey 3